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        <title>Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zweiter Teil. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen.</title>
        <author>
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            <forname>Heinrich von</forname>
            <surname>Treitschke</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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        Staatengeschichte

der  neuesten  Zeit.

 

Fünfundzwanzigster  Band.

HB.  v.  Creitschke
Deutsche  Geschichte  im  neunzehnten  Jahrhundert

Zweiter  Teil.

Sechste  Auflage.

Neunzehntes  bis  einundzwanzigstes  Tausend.

 

 

—
Leipzig
Verlag  von  S.  Hirzel
1906.
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        Deutsche  Geschichte

im

Neunzehnten  Jahrhundert

von

Heinrich  von  Treitschke.

Zweiter  Teil.
Bis  zu  den  Karlsbader  Beschlüssen.

Sechste  Auflage.

Neunzehntes  bis  einundzwanzigstes  Tausend.

—

 

Leipzig
Verlag  von  S.  Hirzel
1906.
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        Das  Recht  der  übersetzung  ist  vorbehalten.
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        Vorwort.

Den  Fachgenossen  bietet  dieser  Band  mehr  Ergebnisse  neuer  Forschung
  als  der  erste.  Ungelehrte  Leser  werden  leider  einiger  Selbstüberwindung
  bedürfen  um  sich  in  den  spröden  Stoff  zu  finden.

In  einer  Epoche  weltbewegender  Ereignisse,  wie  sie  der  erste  Band
zu  schildern  hatte,  läßt  sich  die  bunte  Mannigfaltigkeit  der  deutschen  Geschichte
  noch  einigermaßen  übersichtlich  zusammenfassen.  Sobald  es  aber
gilt,  in  einer  stillen  Friedenszeit  die  unscheinbaren  Keime  neuer  Entwicklungen
  aufzuweisen,  dann  empfindet  der  Historiker  am  eigenen  Leibe  den
Fluch  eines  zersplitterten  nationalen  Lebens.  Streng  nach  der  Zeitfolge
zu  berichten,  was  sich  auf  zwanzig  und  mehr  kleinen  Bühnen  zugleich
ereignete,  ist  schlechthin  unmöglich.  Ich  habe  also  die  gesamtdeutschen
und  die  preußischen  Zustände  wieder  in  den  Mittelpunkt  der  Erzählung
gestellt  und  die  Geschichte  der  kleinen  Bundesstaaten  überall  da  angereiht,
wo  sie  für  die  Schicksale  des  gesamten  Vaterlandes  bedeutsam  wird.
Daher  sind  in  diesem  Bande  die  süddeutschen  Verfassungskämpfe  und  die
literarisch-politische  Bewegung  in  Thüringen  ausführlich  behandelt.  Für
die  Betrachtung  der  kleinen  norddeutschen  Staaten  wird  sich  im  dritten
Buche  die  rechte  Stelle  finden,  wenn  die  Frage  zu  beantworten  ist:
warum  der  Süden  früher  als  der  Norden  in  die  preußische  Zollgemeinschaft
  eintrat?  Daß  ich  die  ersten  Verhandlungen  des  Bundestags,
trotz  ihrer  Nichtigkeit,  gründlich  besprochen  habe,  bedarf  kaum  der  Rechtfertigung.
  Ohne  ein  lebendiges  Bild  von  dem  Charakter  der  neuen
Bundesgewalt  bliebe  der  weitere  Verlauf  der  Ereignisse  unverständlich.

In  den  Anmerkungen  sind  zumeist  nur  ungedruckte  Aktenstücke  angegeben,
  da  literarische  Nachweisungen  den  Umfang  des  Buches  allzusehr
angeschwellt  hätten.  Er  ist  ohnehin  stärker  geworden  als  ich  wünschte.
Eine  so  verworrene,  durch  Parteimärchen  entstellte  Geschichte  kann  nur
in  einer  eingehenden  Darstellung  bewältigt  werden,  und  ich  habe  mich
entschließen  müssen,  die  Ereignisse  bis  zum  Jahre  1830  auf  zwei  Bände
zu  verteilen.
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        VI  Vorwort.

Diese  Blätter  enthalten  der  schmerzlichen  Erinnerungen  viel.  Wollte
ich  den  Stimmungen  des  Augenblicks  nachgeben  und  als  ein  Parteimann
Geschichte  schreiben,  so  würde  ich  über  manche  alte  Sünden  Osterreichs
und  der  deutschen  Kronen  gern  einen  Schleier  werfen;  denn  in  der
heutigen  Ordnung  der  deutschen  Dinge  zeigt  sich  unser  hoher  Adel  einsichtiger,
  opferwilliger  als  ein  großer  Teil  des  Bürgertums,  und  an
der  Freundschaft,  welche  unseren  Staat  mit  Osterreich  verbindet,  wird
nur  ein  Tor  rütteln  wollen.  Meine  Aufgabe  war  das  Geschehene
getren  zu  erzählen.  Es  kann  dem  Bestande  der  Monarchie  in  unserem
Vaterlande  nur  förderlich  sein,  wenn  Deutschlands  Fürsten  der  trüben
Tage  nicht  vergessen,  da  ihre  Ahnen  nahe  daran  waren  sich  dem  Leben
der  Nation  ganz  zu  entfremden;  unser  freier  Bund  mit  Osterreich  aber
wird  um  so  fester  stehen,  je  unbefangener  man  hüben  und  drüben  anerkennt,
  daß  Deutschland  berechtigt  war  die  Herrschaft  des  Wiener  Hofes
nicht  länger  mehr  zu  ertragen.

Mit  allen  ihren  Irrtümern  und  Enttäuschungen  war  die  verrufene
Zeit,  welche  dieser  Band  schildert,  nicht  bloß  reich  an  wissenschaftlichem
Ruhm,  sondern  auch  fruchtbar  für  unser  politisches  Leben.  Habe  ich  den
Ton  nicht  ganz  verfehlt,  so  wird  den  Lesern  der  Eindruck  bleiben,  daß
sie  die  Geschichte  eines  aufsteigenden  Volkes  vor  sich  sehen.

Rom,  20.  Oktober  1882.
Heinrich  von  Treitschke.

Vorwort  zur  vierten  Auflage.

An  dieser  neuen  Ausgabe  ist  wenig  verändert.  Nur  den  beiden
letzten  Abschnitten  des  Bandes  habe  ich  einige  Ergänzungen  hinzugefügt,
die  ich  den  Akten  des  Geh.  Staatsarchivs  in  Weimar  verdanke.

Berlin,  30.  Mai  1892.
        <pb n="7" />
        Inhalt.

Zweites  Buch.

Die  Anfänge  des  Deutschen  Bundes.  1814—1819.

(Schluß.)

Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre
Literarischer  Charakter  des  Zeitalters  .

Dichtung  und  bildende  Künste

Die  Wissenschaft

Die  Eröffnung  des  Deutschen  Vundesicget
Europäische  Lage  .  ..
Die  Frankfurter  Verhandlungen.  .

.DteW1edetherstellungdespreußtfchen  Staates
Personen  und  Parteien  am  Hofe  .

Die  Reorganisation  der  Verwaltung

Die  Provinen

Der  Beginn  des  Verfassungsstreites

Süddeutsche  Verfassungskämpfe

Das  gute  alte  Recht  in  Schwaben
Bayern  .
Baden...
Nassau  und  Darmstadt

Die  Burschenschaft

Jahn  und  die  Turner
Thüringen.  Weimar  und  Jena
Das  Wartburgfest

Der  Aachener  Kongres  .
Wachsende  Macht  des  österreichischen  Hofes  .  ..
Räumung  Frankreichs.  Erneuerung  des  Vierbundes
Deutsche  Angelegenheiten  auf  dem  Kongresse

Die  Karlsbader  Beschlüsse

Schwankungen  in  Berlin.  Erste  konstitutionelle  E  Ersahrungen  im  Süden

Kotzebues  Ermordung.  Demagogenverfolgung
Teplitz  und  Karlsbad  .

Seite

16
58

118
118
131

181
181
192

244

278

295
297
323
354
375

383
383
395
424

444
444
467
479

491
491

519
551
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        VIII  Inhalt.

10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe
Die  Karlsbader  Beschlüsse  und  das  Ausland

Der  Verfassungsplan  Hardenbergs.  Humboldts  Entlasung  v

Der  erste  preußische  Zollvertrag.

Beilagen.

E.  M.  Arndt  und  Wiedde

Blücher  über  die  Lütticher  Meuterei

Die  Teplitzer  Punktation

Hardenbergs  Verfassungsplin

Hardenberg  über  die  Ministerkrisis  vom  Jahre  1819

235

 

Seite
557
575
591
609

631
634
634
637
639
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        Zweites  Buch.

Die  Anfänge  des  Deutschen  Bundes.

1814—1819.

(Schluß.)

 

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.
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        Dritter  Abschnitt.

Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Nicht  jede  Zeit  erkennt  ihr  eigenes  Wesen.  Namentlich  in  jenen  müden
Epochen,  welche  den  Entscheidungsstunden  des  Völkerlebens  zu  folgen  pfle—
gen,  täuschen  sich  die  Mutigen  und  Hochherzigen  oft  vollständig  über  die
treibenden  Kräfte  des  Zeitalters.  Vor  dem  Kriege  hatte  niemand  geahnt,
wie  viel  Tapferkeit  und  Bürgersinn,  wie  viel  Opfermut  und  edle  Leiden—
schaft  in  dem  Volke  des  deutschen  Nordens  schlummerte;  jetzt,  da  alle
diese  verborgenen  Tugenden  sich  so  herrlich  bewährt  hatten,  wollten  die
erregten  Wortführer  der  Patrioten  schlechterdings  nicht  glauben,  daß  die
hohe  Begeisterung  der  Befreiungskriege,  nachdem  ihr  Ziel  erreicht  war,
wieder  verrauchen  könnte.  Die  Bundesakte  und  der  Friedensschluß  —  wer
hätte  das  bestritten?  —  waren  ja  doch  nur  darum  mißraten,  weil  das
Volk  an  den  Verhandlungen  der  Diplomaten  nicht  teilnehmen  durfte;
um  so  gewisser  mußte  die  Nation,  sobald  sie  nur  die  verheißenen  landständischen
  Verfassungen  erhalten  hatte,  sich  mit  Eifer  und  Verständnis
ihrer  Angelegenheiten  selbst  bemächtigen  und  die  irrenden  Kabinette  in  die
Bahnen  nationaler  Staatskunst  zurückführen.  In  solchem  Sinne  schrieb
Arndt  beim  Anbruch  des  ersten  Friedensjahres:  „noch  in  diesem  Jahre
1816  soll  zwischen  den  Herrschern  und  den  Völkern  das  Band  der  Liebe
und  des  Gehorsams  unauflöslich  gebunden  werden.“  Er  sah  die  Tore
eines  neuen  Zeitalters  weit  geöffnet:  wenn  erst  die  schöne  Neugeborene
dieses  Jahres,  die  verfassungsmäßige  Freiheit,  in  allen  deutschen  Staaten
einzieht,  „dann  jauchzen  die  Gefallenen,  dann  weinen  die  einsamen  Bräute
und  Witwen  süßere  Tränen!“

Der  Hoffnungsvolle  sollte  nur  zu  bald  erfahren,  wie  gründlich  er
Charakter  und  Gesinnung  seines  Volkes  verkannt  hatte.  Die  Nation  stand
erst  auf  der  Schwelle  einer  langen,  an  Irrtum  und  Enttäuschung  reichen
politischen  Lehrzeit;  die  öffentliche  Meinung,  welche  Arndt  als  „die  gewaltigste
  Königin  des  Lebens"  pries,  zeigte  für  die  Fragen  des  Verfassungswesens
  nur  geringes  Verständnis,  kaum  noch  ernstliche  Teilnahme.  Den

einsamen  Witwen  und  Bräuten,  den  heimgekehrten  Kriegern,  die  jetzt
1
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        4  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

das  Schwert  mit  dem  Pfluge  und  dem  Hobel  vertauschten,  brannte  die
Not  auf  den  Nägeln;  sie  sorgten,  wie  sie  sich  nur  das  arme  Leben  fristen,
wie  sie  nur  wieder  Hütten  bauen  sollten  auf  dem  ausgeplünderten  Schlacht—
felde  des  Völkerkrieges.  Deutschland  war  wieder  das  ärmste  von  allen
Ländern  Westeuropas;  in  manchen  Strichen  der  Mark  Brandenburg  be—
gann  zum  fünften  Male  das  schwere  Ringen  um  die  ersten  Anfänge  bür—
gerlichen  Wohlstandes.  Mit  ruhigem  Gottvertrauen  gingen  die  kleinen
Leute  wieder  an  ihr  schweres  Tagewerk  und  trugen  geduldig  das  Los  der
Entbehrung,  das  ihnen  als  Lohn  so  vieler  Siege  zufiel.  Jener  Geist  der
Unruhe  und  Verwilderung,  der  gemeinhin  nach  großen  Kämpfen  noch  eine
Zeitlang  im  Gemüte  der  Massen  nachzuzittern  pflegt,  zeigte  sich  nirgends
unter  den  frommen  und  genügsamen  Menschen,  die  diesen  heiligen  Krieg
geschlagen  hatten.  Aber  in  dem  Gedränge  der  wirtschaftlichen  Sorgen
blieb  auch  kein  Raum  für  die  politische  Leidenschaft.  Sogar  die  Erinne—
rung  an  alle  die  Wunder  der  jüngsten  drei  Jahre  fand  selten  lauten  Aus—
druck,  obwohl  sie  in  den  treuen  Herzen  still  fortlebte.  Zwei-,  dreimal  noch
flammten  am  Abend  des  achtzehnten  Oktobers  die  Freudenfeuer  auf  den
Bergen;  dann  verstummte  die  Feier  an  den  meisten  Orten,  hier  vor  den
Verboten  der  Polizei,  dort  vor  der  Gleichgiltigkeit  der  Menge.  Auffällig
gering  blieb  in  diesem  schreiblustigen  Geschlechte  die  Zahl  der  Volksbücher
und  Holzschnitte,  welche  der  Nation  von  der  schönsten  Zeit  ihrer  neuen
Geschichte  erzählten.  Ein  gespreiztes  Bild,  „die  Rückkehr  des  jungen  Helden“,
sah  man  zuweilen  an  den  Wänden  guter  Bürgerhäuser,  die  ihre  Söhne
unter  die  freiwilligen  Jäger  geschickt  hatten;  auf  den  Jahrmärkten  und
in  den  Dorfschenken  war  selbst  das  Bildnis  Blüchers,  des  volkstümlichen
  Helden,  fast  nirgends  zu  finden.

Auch  unter  den  Gebildeten  waren  es  im  Grunde  nur  drei  scharf
getrennte  Kreise,  welche  sich  die  gehobene  Stimmung,  die  stolzen  vaterländischen
  Hoffnungen  der  Kriegsjahre  noch  im  Frieden  lange  bewahrten:
das  preußische  Offizierskorps,  die  akademische  Jugend,  endlich  eine  mäßige
Anzahl  von  patriotischen  Schriftstellern  und  Gelehrten,  die  man  jetzt  mit
dem  neuen  spanischen  Parteinamen  der  Liberalen  zu  bezeichnen  anfing.
Die  preußischen  Offiziere  lebten  und  webten  in  den  Erinnerungen  der
Feldzüge;  sie  blickten  mit  starkem  Selbstgefühl  auf  den  wiederhergestellten
Glanz  ihrer  Fahnen,  mit  Unmut  auf  den  gebrechlichen  Bau  des  Deutschen
  Bundes  und  das  traurige  Ergebnis  der  Friedensverhandlungen.
Während  des  Kampfes  hatten  sie  die  kriegerische  Kraft  des  Bürgertums
achten  gelernt,  manchen  tapferen  Kameraden  aus  den  Reihen  der  Freiwilligen
  in  ihren  Kreis  aufgenommen.  Nun  wurde  ihnen  durch  das  neue
Wehrgesetz  die  Erziehung  der  gesamten  wehrhaften  Jugend  anvertraut,
sie  traten  mit  allen  Klassen  des  Volkes  in  Verkehr  und  bewahrten  sich
auch  den  freien,  einst  durch  Scharnhorst  geweckten  wissenschaftlichen  Sinn;
der  Kastenhochmut  der  alten  Zeit  kehrte  nur  in  vereinzelten  Rückfällen
        <pb n="13" />
        Politische  Ermüdung.  5

wieder.  Aber  obschon  die  fremden  Mächte  und  die  kleinen  deutschen  Höfe
allesamt  den  nationalen  Stolz  und  das  frische  geistige  Leben  dieses  Volksheeres
  voll  Argwohns  beobachteten,  so  blieb  die  streng  monarchische  Gesinnung
  der  Offiziere  doch  allen  Parteibestrebungen  völlig  unzugänglich.  Ihre
Kameraden  von  der  russischen  Garde  hatten  in  Frankreich  zum  ersten  Male
die  Ideen  der  Revolution  kennen  gelernt  und  von  dort  radikale  Anschauungen
  mit  heim  genommen,  welche  nachher  in  törichten  Verschwörungen
ihre  Früchte  trugen.  Auf  die  preußischen  Offiziere  dagegen  wirkte  der
Anblick  des  allgemeinen  Eidbruchs  und  der  wilden  Parteikämpfe  der  Franzosen
  nur  abschreckend;  sie  fühlten  sich  wieder,  wie  in  den  neunziger  Jahren,
  stolz  als  Gegner  der  Revolution,  sie  rühmten  sich  der  alten  preußischen
  Königstreue  und  schätzten  die  neue  konstitutionelle  Doktrin  schon
darum  gering,  weil  sie  aus  Frankreich  stammte.  Selbst  Gneisenau,  der
noch  vorm  Jahre  die  schleunige  Vollendung  der  preußischen  Verfassung
gefordert  hatte,  kehrte  mit  veränderter  Gesinnung  heim  und  riet  dringend,
  die  Ausführung  solcher  Entwürfe  nur  langsam  reifen  zu  lassen.“)
Der  einzige  politische  Gedanke,  der  in  den  Briefen  und  Gesprächen  dieses
Heeres  mit  Leidenschaft  erörtert  wurde,  war  die  Hoffnung  auf  einen
dritten  punischen  Krieg,  der  den  Deutschen  endlich  ihre  alte  Westgrenze
und  eine  angesehene  Stellung  unter  den  Völkern  zurückbringen  sollte.

Ungleich  erregter  zeigte  sich  die  Stimmung  der  jungen  Freiwilligen,
die  jetzt  von  den  Regimentern  zu  den  Hörsälen  der  Hochschulen  zurückkehrten.
  Vaterländische  Begeisterung  und  religiöse  Schwärmerei,  Groll
über  den  faulen  Frieden  und  unklare  Vorstellungen  von  Freiheit  und
Gleichheit,  die  man  unbewußt  zumeist  von  den  verachteten  Franzosen  entlehnt
  hatte,  das  Alles  brodelte  in  den  Köpfen  dieser  teutonischen  Jugend
wirr  durcheinander  und  erzeugte  eine  edle  Barbarei,  die  nur  noch  die
Tugenden  des  Bürgers  gelten  ließ  und  sich  zu  dem  Ausspruch  Fichtes
bekannte:  besser  ein  Leben  ohne  Wissenschaft,  als  eine  Wissenschaft  ohne
Leben.  Indes  der  überspannte  Nationalstolz  des  Teutonentums  widersprach
  allzusehr  der  freien  Weitherzigkeit  unseres  weltbürgerlichen  Volkes,
das  gar  nicht  vermag,  auf  die  Dauer  gegen  fremdes  Wesen  ungerecht  zu
sein;  die  zur  Schau  getragene  Verachtung  aller  Anmut  und  feinen  Bildung
  war  allzu  undeutsch,  das  ganze  halb  kindlich  rührende,  halb  lächerliche
  Gebaren  dieses  anmaßlichen  Studentenstaates  trug  allzusehr  den
Charakter  des  Sektenwesens,  als  daß  sein  politischer  Fanatismus  hätte
auf  weite  Kreise  wirken  können.  Es  blieb  bei  der  alten  Regel,  daß  die
Fünfzig=  und  Sechzigjährigen  die  Welt  regieren.  Unter  den  älteren  Männern
  aber  fanden  die  politischen  Wächterrufe  der  patriotischen  Schriftsteller
  zwar  vereinzelte  Zustimmung;  die  starke  Leidenschaft,  welche  die
Tat  gebiert,  erweckten  sie  nicht.

 

*)  Gneisenau  an  Müffling,  25.  März  1816.
        <pb n="14" />
        6  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Sicherer  als  Arndt  durchschaute  Hegel  den  Geist  der  Zeit,  da  er
sagte:  die  Nation  hat  sich  aus  dem  Gröbsten  herausgehauen,  sie  kann  sich
nun  wieder  nach  Innen,  zum  Reiche  Gottes  wenden.  Die  mächtigen
Akkorde,  welche  das  Zeitalter  unserer  klassischen  Dichtung  angeschlagen,
hallten  noch  fort;  noch  waren  die  reichen  Schachte,  die  sich  seit  zwei  Men—
schenaltern  der  geistigen  Arbeit  der  Nation  erschlossen  hatten,  keineswegs
erschöpft.  Der  Ehrgeiz  dieses  durchaus  unpolitischen  Geschlechts  trachtete
noch  immer,  unbekümmert  um  alle  Prosa  des  äußeren  Lebens,  fast  allein
nach  den  Kränzen  des  Reiches  der  Geister.  Seinen  besten  Männern  er—
schien  die  Zeit  der  napoleonischen  Kriege  bald  nur  wie  eine  Episode,  wie
ein  Hagelschauer,  der  über  den  blühenden  Garten  deutscher  Kunst  und
Wissenschaft  dahingebraust  war.  Wie  die  kleinen  Leute  wieder  zur  Pflug—
schar  griffen,  so  nahmen  die  Gebildeten  die  Feder  wieder  auf,  doch  nicht
wie  jene  mit  stiller  Entsagung,  sondern  mit  dem  frohen  Bewußtsein,  sich
selber  und  ihrem  eigensten  Leben  wieder  anzugehören.  Wunderbar  grell
trat  jener  innere  Widerspruch  hervor,  der  sich  seit  dem  Aufblühen  der
neuen  Literatur  in  dem  Charakter  unseres  Volkes  herausgebildet  hatte:
diese  tapferen  Germanen,  die  schon  in  den  Sagen  ihrer  heidnischen  Urzeit
beständig  von  Krieg  und  Sieg  geträumt  und  seitdem  in  jedem  Jahrhundert
  die  Welt  mit  dem  Schalle  ihrer  Schwerter  erfüllt  hatten,  schätzten
den  kriegerischen  Ruhm  niedriger  als  irgend  ein  anderes  Volk;  sie  lebten
des  Glaubens,  Deutschlands  schärfste  Waffen  seien  seine  Gedanken.

Das  Jahrzehnt  nach  Napoleons  Sturz  wurde  für  den  ganzen  Weltteil
  eine  Blütezeit  der  Wissenschaften  und  Künste.  Die  Völker,  die
soeben  noch  mit  den  Waffen  aufeinander  geschlagen,  tauschten  in  schönem
Wetteifer  die  Früchte  ihres  geistigen  Schaffens  aus;  nie  zuvor  war  Europa
dem  Ideale  einer  freien  Weltliteratur,  wovon  Goethe  träumte,  so  nahe
gekommen.  Und  in  diesem  friedlichen  Wettkampfe  stand  Deutschland  allen
voran.  Welch  eine  Wandlung  der  Zeiten  seit  jenen  Tagen  Ludwigs  XIV.,
da  die  Kultur  unseres  Volkes  bei  allen  anderen  Nationen  des  Abendlandes
demütig  in  die  Schule  gehen  mußte!  Jetzt  huldigte  die  weite  Welt  dem
Namen  Goethes.  Die  winkligen  Gastzimmer  im  Erbprinzen  und  im  Adler
zu  Weimar  wurden  nicht  leer  von  vornehmen  Engländern,  die  den  Fürsten
der  neuen  Dichtung  besuchen  wollten.  In  Paris  genoß  Alexander  Humboldt
  eines  Ansehens,  wie  kaum  ein  einheimischer  Gelehrter;  wenn  ein
Fremder  in  den  Mietwagen  stieg  und  die  Hausnummer  des  großen  Reisenden
  nannte,  dann  griff  der  Kutscher  achtungsvoll  an  den  Hut  und
sagte:  ah  che:  Mr.  de  Humboldt!  Und  da  Niebuhr  als  preußischer
Gesandter  nach  Rom  kam,  wagte  ihm  niemand  in  der  Weltstadt  den
Ruhm  des  ersten  Gelehrten  zu  bestreiten.

Von  unserem  Staate,  von  seinen  Waffentaten  sprach  das  Ausland
wenig.  Allen  fremden  Mächten  kam  das  plötzliche  Wiedererstarken  der
Mitte  des  Weltteils  ungelegen,  sie  alle  bemühten  sich  wetteifernd  den
        <pb n="15" />
        Literarischer  Charakter  des  Zeitalters.  7

Anteil  Preußens  an  der  Befreiung  Europas  der  Vergessenheit  zu  über—
geben.  Keiner  der  ausländischen  Kriegsschriftsteller,  welche  in  diesen  Jahren
die  Geschichte  der  jüngsten  Feldzüge  darstellten,  ward  den  Verdiensten  des
Blücherschen  Hauptquartiers  irgend  gerecht.  Das  alte  Ansehen  der  preu—
ßischen  Armee,  die  in  Friedrichs  Tagen  jedermann  als  die  erste  der  Welt
gefürchtet  hatte,  war  durch  die  Siege  von  Dennewitz  und  Belle  Alliance
keineswegs  wiederhergestellt.  Da  der  wirkliche  Verlauf  eines  Koalitions—
krieges  sich  nur  schwer  übersehen  läßt,  so  beruhigte  sich  die  öffentliche  Mei—
nung  Europas  gern  bei  dem  einfachen  Schlusse:  als  die  Preußen  bei  Jena
allein  fochten,  wurden  sie  geschlagen,  nur  fremde  Hilfe  hatte  sie  gerettet.
Daher  kümmerte  sich  auch  niemand  im  Auslande  um  die  politischen  In—
stitutionen,  denen  Preußen  seine  Freiheit  verdankte.  Preußen  blieb  nach
wie  vor  der  am  wenigsten  bekannte  und  am  gründlichsten  verkannte
Staat  Europas.  Vollends  der  neue  Regensburger  Reichstag,  der  jetzt
in  Frankfurt  zusammentrat,  erregte  durch  sein  unfruchtbares  Gezänk  den
Spott  des  Auslandes;  und  bald  nach  der  wunderbaren  Erhebung  unseres
Volkes  stand  bei  allen  Nachbarn  wieder  die  alte  bequeme  Meinung  fest:
die  deutsche  Nation  sei  durch  den  weisen  Ratschluß  der  Natur  zu  ewiger
Ohnmacht  und  Zwietracht  bestimmt.  Um  so  bereitwilliger  erkannte  man
nunmehr  die  geistige  Größe  dieses  machtlosen  Volkes  an;  allein  ihren
Künstlern  und  Gelehrten  verdankten  die  Deutschen,  daß  sie  von  den  alten
Kulturvölkern  des  Westens  wieder  zu  den  großen  Nationen  gerechnet
wurden.  Sie  hießen  jetzt  im  Auslande  das  Volk  der  Dichter  und  der
Denker;  nur  sollten  sie  auch  bei  der  Teilung  der  Erde  zufrieden  sein
mit  dem  Poetenlose,  das  ihnen  Schiller  geschildert,  und  sich  begnügen,
berauscht  vom  göttlichen  Lichte  das  Irdische  zu  verlieren.

Zum  ersten  Male  seit  den  Zeiten  Martin  Luthers  machten  Deutschlands
  Gedanken  wieder  die  Runde  durch  die  Welt,  und  sie  fanden  willigere
  Aufnahme,  als  vormals  die  Ideen  der  Reformation.  Deutschland
allein  hatte  die  Weltanschauung  des  achtzehnten  Jahrhunderts  schon  gänzlich
  überwunden.  Der  Sensualismus  der  Aufklärung  war  längst  verdrängt
  durch  eine  idealistische  Philosophie,  die  Herrschaft  des  Verstandes
durch  ein  tiefes  religiöses  Gefühl,  das  Weltbürgertum  durch  die  Freude
an  nationaler  Eigenart,  das  Naturrecht  durch  die  Erkenntnis  des  lebendigen
  Werdens  der  Völker,  die  Regeln  der  korrekten  Kunst  durch  eine
freie,  naturwüchsige,  aus  den  Tiefen  des  Herzens  aufschäumende  Peesie,
das  Übergewicht  der  exakten  Wissenschaften  durch  die  neue  bistorisch-  östhetische
  Bildung.  Diese  Welt  von  neuen  Gedanken  war  in  Deutschland
durch  die  Arbeit  dreier  Generationen,  der  klassischen  und  der  romantischen
  Dichter,  langsam  herangereift,  sie  hatte  unter  den  Nachbarvölkern
bisher  nur  vereinzelte  Jünger  gefunden  und  drang  jetzt  endlich  siegreich
über  alle  Lande.

Mit  wunderbarer  Spannkraft  nahm  Frankreich  nach  dem  langen
        <pb n="16" />
        8  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

dumpfen  Schlummer  der  Keiserzeit  seine  geistige  Arbeit  wieder  auf.  Das
Buch  der  Frau  von  Staöl  über  Deutschland,  das  die  napoleonischen
Zensoren  als  eine  Beleidigung  des  nationalen  Stolzes  zurückgewiesen
hatten,  kam  jetzt  in  jedermanns  Hände,  warb  überall  Anhänger  für  die
deutschen  Ideen,  die  man  hier  in  Bausch  und  Bogen  als  Romantik  bezeichnete.
  Die  Herrschaft  der  sensualistischen  Philosophie  brach  zusammen
vor  der  Kritik  der  Doktrinäre;  ein  dichter  Kreis  bedeutender  Talente,
Mignet,  Guizot,  die  Thierrys  eröffneten  den  Franzosen  das  Verständnis
  der  historischen  Welt.  Das  Zeitalter  Ludwigs  XIV.,  das  selbst
den  radikalen  Denkern  des  achtzehnten  Jahrhunderts  noch  als  die  Epoche
klassischer  Formenschönheit  gegolten  hatte,  begann  sein  Ansehen  zu  verlieren,
  und  bald  erhob  sich  eine  neue  Dichterschule,  welche  Frankreich
von  dem  Banne  der  akademischen  Regeln  befreite,  also  daß  Victor  Hugo
von  seinem  Volke  mit  einiger  Wahrheit  sagen  konnte:  die  Romantik  ist
in  der  Literatur,  was  der  Liberalismus  in  der  Politik.  Noch  stärker  und
unmittelbarer  war  der  Gedankenaustausch  zwischen  Deutschland  und  England;
  die  Deutschen  zahlten  jetzt  den  Briten  heim,  was  sie  einst  von
Shakespeare  und  Sterne  empfangen.  Walter  Scott,  der  fruchtbarste  und
beliebteste  Dichter  des  Zeitalters,  ging  bei  Bürger  und  Goethe  in  die
Schule  und  schöpfte  aus  dem  tiefen  Borne  der  Sagen  und  Volkslieder,
welchen  die  Deutschen  der  Welt  erschlossen  hatten;  durch  seine  historischen
Romane  wurden  die  breiten  Massen  der  europäischen  Lesewelt  erst  für
die  romantischen  Ideale  gewonnen.  Auch  einige  Italiener,  Manzoni  vor
allen,  lenkten  in  die  Bahn  der  neuen  Dichtung  ein;  zur  unbestrittenen
Herrschaft  freilich  konnte  die  romantische  Poesie  in  diesem  halbantiken
Volke  ebensowenig  gelangen,  wie  einst  die  nordische  Kunstform  der  Gotik.

Uberall  erwachten  die  Geister.  In  Deutschland  selbst  erschien  der
Reichtum  dieser  fruchtbaren  Epoche  minder  auffällig,  als  in  den  Nachbarlanden;
  denn  die  klassische  Zeit  unserer  Dichtung  war  kaum  erst  vorüber,
die  große  Mehrzahl  der  jungen  Poeten  nahm  sich  neben  den  Herven  jener
großen  Tage  wie  ein  Geschlecht  von  Epigonen  aus.  Um  so  mächtiger  und
fruchtbarer  entfaltete  sich  die  schöpferische  Kraft  des  deutschen  Genius  auf
dem  Gebiete  der  Wissenschaft.  Fast  gleichzeitig  ließen  Savigny,  die  Grimms,
Boeckh,  Lachmann,  Bopp,  Diez,  Ritter  ihre  grundlegenden  Schriften  erscheinen,
  während  Niebuhr,  die  Humboldts,  Eichhorn,  Creuzer,  Gottfried
Hermann  auf  ihren  eingeschlagenen  Wegen  rüstig  weiterschritten.  Unaufhaltsam
  flutete  der  Strom  neuer  Gedanken  dahin.  Es  war  ein  Gedränge
von  reichen  Talenten  wie  einst,  da  Klopstock  den  jungen  Tag  der  deutschen
Dichtung  heraufführte.  Und  wie  vormals  die  Bahnbrecher  unserer  Poesie,
so  erschien  auch  dies  neue  Gelehrtengeschlecht  ganz  durchglüht  von  unschuldiger,
  jugendlicher  Begeisterung,  von  einem  lauteren  Ehrgeiz,  der  auf
der  Welt  nichts  suchte  als  die  Seligkeit  der  Erkenntnis  und  die  Mehrung
deutschen  Ruhmes  durch  die  Taten  der  freien  Forschung.
        <pb n="17" />
        Verbindung  von  Kunst  und  Wissenschaft.  9

Der  trockene  Staub,  der  so  lange  auf  den  Werken  der  deutschen  Ge—
lehrsamkeit  gelegen,  war  wie  weggeweht;  die  neue  Wissenschaft  fühlte  sich
als  die  Schwester  der  Kunst.  Ihre  Jünger  hatten  allesamt  aus  dem
Becher  der  Schönheit  getrunken,  manche  sogar  in  den  Kreisen  der  Poeten
die  bestimmenden  Eindrücke  ihres  Lebens  empfangen.  Diez  bewahrte  noch
nach  vielen  Jahren  das  Blatt,  worauf  ihm  einst  Goethe  den  Titel  von
Reynouards  provenzalischen  Forschungen  aufgeschrieben  und  also  dem
jungen  Manne  den  Weg  gewiesen  hatte  für  die  Arbeit  seines  Lebens.
Boeckh  und  Creuzer  hatten  so  manche  Nacht  auf  dem  Faulen  Pelz  mit  den
Schwarmgeistern  der  Heidelberger  Romantik  durchzecht  und  durchjubelt,
J.  Bekker  mit  Uhland  gemeinsam  in  den  Schätzen  der  Pariser  Bibliothek
geforscht;  in  den  Studierstuben  Savignys  und  der  Brüder  Grimm  trieb
der  Kobold  Bettina  Arnim  zu  Zeiten  sein  neckisches  Wesen.  Sie  schauten
alle  voll  Ehrfurcht  zu  dem  alten  Goethe  empor  und  scharten  sich  wie  eine
unsichtbare  Kirche  um  diesen  zentralen  Geist,  der  aus  der  Hand  der  Wahrheit
  den  Schleier  der  Dichtung  empfangen  hatte  und  das  Ideal  der  Zeit,
die  lebendige  Einheit  von  Kunst  und  Wissenschaft,  in  seinem  Leben  wie  in
seinen  Werken  verkörperte.  Sie  alle  bemühten  sich,  die  Ergebnisse  ihrer
Forschung  in  edler  würdiger  Form  auszusprechen;  die  keusche  Einfachheit
der  Schriften  Savignys,  die  mächtige  Empfindung  und  die  Fülle  ungesuchter,
  lebendig  angeschauter  Bilder  in  Jacob  Grimms  markigem  Stile
beschämten  die  süßliche  Künstelei  mancher  der  neueren  Poeten.  An  allen
Werken  dieser  Forscher  hatten  das  warme  Herz  und  die  schöpferische,  das
historische  Leben  nachdichtende  Phantasie  ebenso  großen  Anteil,  wie  der
Sammlerfleiß  und  der  kritische  Scharfsinn.

Und  wie  die  Dichtung,  so  war  auch  die  spekulative  Arbeit  des  vorangegangenen
  Geschlechts  der  neuen  Wissenschaft  in  Fleisch  und  Blut  gedrungen.
  Nur  weil  der  deutsche  Geist  sich  so  lange  vertieft  hatte  in  das
Problem  der  Einheit  von  Sein  und  Denken,  konnte  er  jetzt  sich  ausbreiten
über  die  historische  Welt  ohne  zu  verflachen  oder  in  der  Masse  der  Einzelheiten
  unterzugehen.  Nicht  umsonst  hatten  alle  diese  jungen  Juristen,
Philologen  und  Historiker  zu  den  Füßen  der  Philosophen  gesessen.  Sie
wollten  durch  die  Geschichte  in  das  Geheimnis  des  menschlichen  Geistes
selber  eindringen;  sie  strebten,  wie  W.  Humboldt  von  sich  gestand,  eine
Anschauung  von  dem  Werden  der  Menschheit  und  dadurch  eine  Ahnung
dessen,  was  sie  sein  kann  und  soll,  zu  gewinnen,  den  letzten  Fragen  alles
Seins  näher  zu  treten.  Daher  der  weite  Gesichtskreis,  die  großartige
Vielseitigkeit  dieses  Gelehrtengeschlechts.  Noch  hatte  man  die  weite  Feldflur
  der  historischen  Welt  kaum  erst  in  Besitz  genommen;  wer  durch
diesen  jungfräulichen  Boden  seine  Pflugschar  trieb,  streute  mit  freigebigem
Wurfe  seine  Samenkörner  auch  über  den  Acker  des  Nachbars  aus.  Fast
alle  bedeutenden  Gelehrten  gehörten  mehreren  Fächern  zugleich  an,  und
jeder  hielt,  indem  er  sich  in  das  Einzelne  versenkte,  den  Blick  immer  fest
        <pb n="18" />
        10  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

auf  den  großen  Zusammenhang  der  Wissenschaften  gerichtet.  Es  war  der
Stolz  dieses  fruchtbaren  Geschlechts,  durch  die  Aufstellung  genialer  Hypothesen
  und  großer  Gesichtspunkte  die  Wege  zu  weisen,  welche  nachher  die
gewissenhafte  Einzelforschung  zweier  Generationen  für  alle  Welt  gangbar
gemacht  hat.

Durch  das  Aufblühen  der  Wissenschaft  traten  die  Universitäten  in
den  Vordergrund  des  geistigen  Lebens  der  Nation.  Zu  allen  Zeiten  hatten
sie  an  den  Kämpfen  und  Wandlungen  der  deutschen  Gedankenarbeit  ihren
reichen  Anteil  genommen;  jetzt  aber  übernahmen  sie  wieder  die  führende
Stellung  im  Reiche  des  Geistes,  wie  einst  zur  Zeit  des  Humanismus
und  der  Anfänge  der  Reformation.  Das  Professorentum  erlangte  nach
und  nach  einen  bestimmenden  Einfluß  auf  die  Sitten  und  Anschauungen
unseres  Volkes,  wie  in  keinem  anderen  Lande;  unter  den  hervorragenden
Schriftstellern  der  folgenden  Jahrzehnte  fanden  sich  nur  wenige,  die  nicht
auf  längere  oder  kürzere  Zeit  ein  akademisches  Lehramt  bekleideten.  Die
Berliner  Universität  überflügelte  bald  alle  anderen;  an  ihr  wirkten  in
diesen  Jahren  die  meisten  reformatorischen  Köpfe  deutscher  Wissenschaft;
doch  war  sie  nie  mehr  als  die  erste  unter  Gleichen,  für  eine  Zentralisation
  der  Bildung  bot  dies  Land  keinen  Boden.  Niemals  sind  unsere
Hochschulen  so  wahrhaft  frei,  so  tief  innerlich  glücklich  gewesen  wie  in
jenen  stillen  Friedensjahren.  Die  streitbare  Jugend  brachte  neben  ihren
teutonischen  Unarten,  ihren  anmaßlichen  politischen  Träumen  doch  auch
einen  schönen  Enthusiasmus,  eine  warme  Empfänglichkeit  für  die  Ideale
mit  von  den  Schlachtfeldern  heim;  die  wüste  Roheit  und  Völlerei  der
alten  Zeiten  kehrte  so  nicht  wieder.  Der  Unterricht  blieb  von  zünftigem
Zwange  und  zünftiger  Abrichtung  frei;  denn  jeder  fühlte,  daß  in  der
Wissenschaft  selber  alles  noch  in  jugendlichem  Werden  war.  Niemand
verwunderte  sich,  wenn  ein  Gelehrter  noch  in  reifen  Jahren  von  einem
Fache  zum  andern  übersprang  oder  wenn  ein  Philolog,  wie  Dahlmann,
der  nie  eine  historische  Vorlesung  gehört,  auf  den  Lehrstuhl  der  Geschichte
berufen  wurde.  Wer  das  Zeug  hatte,  selber  ein  Meister  zu  werden,  den
fragte  niemand:  wessen  Schüler  er  sei?  Die  meisten  Dozenten  betrieben
ihr  Lehramt  mit  liebevollem  Eifer;  aber  wenn  ein  heller  Frühlingstag
ins  nahe  Gebirge  hinauslockte,  dann  schrieb  auch  der  Fleißige  ohne  Umstände
  sein  hodie  non  legitur  an  die  Tür  des  Hörsaals.

Um  bedeutende  Lehrer  der  Philosophie,  der  Geschichte,  der  Philologie
drängten  sich  die  Studenten  aus  allen  Fakultäten,  und  mancher  lebte
Jahre  lang  in  solchen  Studien  bevor  er  an  sein  Berufsfach  dachte.  Denn
noch  verstanden  die  Gymnasien,  weil  sie  die  geisttötende  Vielwisserei  vermieden,
  die  dauernde  Freude  am  klassischen  Altertume  und  den  Drang
nach  freier  menschlicher  Bildung  in  ihren  Schülern  zu  erwecken.  Und
noch  war  die  Krankheit  der  heutigen  Universitäten,  die  Examen-Angst  fast
gänzlich  unbekannt.  Die  altberühmten  Heimstätten  der  klassischen  Ge-
        <pb n="19" />
        Die  Universitäten.  11

lehrsamkeit,  die  sächsischen  Fürstenschulen  und  die  württembergischen  Klosterschulen,
  entließen  ihre  Primaner  zur  Universität  sobald  die  Lehrer  die
Zeit  gekommen  glaubten,  und  der  Staat  meisterte  sie  nicht.  Auch  zum
Eintritt  in  den  Staats=  und  Kirchendienst  der  Kleinstaaten  wurden  die
jungen  Männer,  wenn  sie  von  der  Hochschule  heimkehrten,  meist  noch
nach  der  alten  patriarchalischen  Weise,  durch  Gunst  und  Empfehlung  zugelassen.
  Nur  in  Preußen  hatte  sich  schon  seit  der  Verwaltungsorganisation
  Friedrich  Wilhelms  I.  ein  System  geregelter  Staatsprüfungen  ausgebildet,
  und  von  hier  drang  diese  mechanische  Ordnung,  die  allerdings
gerechter  und  durch  die  mannigfaltigen  Verhältnisse  eines  Großstaates
geboten  war,  allmählich  in  die  kleineren  Staaten  hinüber.  Doch  wurden
auch  hier  noch  mäßige  Anforderungen  gestellt,  da  der  Staat  für  seine
neuen  Provinzen  viele  junge  Beamte  brauchte.  Der  idealistische  Zug  der
Zeit  ließ  das  ängstliche  Brotstudium  nicht  aufkommen.  Die  Jugend
genoß  noch  der  ungetrübten  akademischen  Freiheit;  jeder  hörte  und  lernte
wozu  der  Geist  ihn  trieb,  wenn  er  nicht  vorzog  die  goldenen  Burschentage
  ganz  und  gar  in  unbändigem  Genusse  zu  durchschwelgen.

So  lebten  die  kleinen  gelehrten  Republiken  dahin,  glückliche  Freistätten
  der  vollkommenen  geselligen  Gleichheit  und  Ungebundenheit,  wie
emporgehoben  über  die  gemeine  Bedürftigkeit  des  Lebens.  Große  Talente,
die  in  jedem  anderen  Lande  eine  weite  Bühne  für  ihr  Wirken  verlangt
hätten,  fühlten  sich  glücklich  in  der  Armut  und  Enge  dieser  kleinen  Universitätsstädte
  mit  ihren  alten  Schlössern  und  winkligen  Gassen,  wo  jedes
Haus  an  einen  lustigen  Burschenwitz  oder  an  einen  berühmten  Gelehrten
erinnerte.  Hier  war  die  Wissenschaft  alles;  umgeben  von  der  Verehrung
dankbarer  Zuhörer  blickte  der  Gelehrte  mit  naivem  Selbstgefühl  um  sich.
Oft  platzten  die  Geister  rechthaberisch,  nach  deutscher  Weise,  aufeinander;
der  wissenschaftliche  Gegner  ward  leicht  wie  ein  Tempelschänder  angesehen,
da  jeder  mit  ganzem  Herzen  an  seiner  Forschung  hing.  Jedoch  der  gemeine
  Ehrgeiz  ergriff  diese  schlichten,  genügsamen  Menschen  wenig.  Sie
rechneten  sich's  zur  Ehre  den  Glanz  und  das  Behagen  des  äußeren  Daseins
  zu  verachten;  sie  glaubten  noch  alle  an  den  stolzen  Ausspruch  Schillers:
  „und  am  Ende  sind  wir  ja  Idealisten  und  würden  uns  schämen
uns  nachsagen  zu  lassen,  daß  uns  die  Dinge  formten  und  nicht  wir  die
Dinge.“

Noch  nach  Jahrzehnten  erzählte  man  in  Tübingen  von  dem  reichen
Buchhändler  Cotta,  der  zuerst  den  unerhörten  Luxus  eines  Sofas  in
die  anspruchslose  Musenstadt  eingeführt  hatte.  Die  jugendliche  Unfertigkeit
  unserer  Kultur,  die  von  vielseitiger  großstädtischer  Geselligkeit  noch
nichts  wußte,  kam  der  Andacht,  der  friedlichen  Sammlung  des  wissenschaftlichen
  Arbeitens  zu  gute.  Wie  einst  die  klassische  Dichtung  so  blieb
auch  die  neue  Forschung  in  stolzer  Freiheit,  fast  unberührt  von  Hofgunst
und  amtlichem  Einfluß;  selbst  die  hereinbrechende  Demagogenverfolgung
        <pb n="20" />
        12  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

vermochte  das  innere  Leben  der  Wissenschaft  nicht  zu  stören.  Obgleich  jetzt
fast  alle  deutschen  Staaten  in  rühmlichem  Wetteifer  tüchtige  Lehrkräfte  an
ihre  Landesuniversitäten  zu  berufen  suchten,  so  war  doch  in  den  Augen
der  Höfe  und  der  Bureaukratie  selbst  ein  Gelehrter  von  europäischem
Rufe  nichts  weiter  als  ein  Professor  ohne  Hofrang.  Die  Männer  der
Wissenschaft  dagegen  sahen  mit  dem  ganzen  Stolze  des  Idealismus  auf
die  endlichen  Zwecke  des  handelnden  Lebens  hernieder.  Jeder  Lehrer  riet
den  guten  Köpfen  unter  seinen  Schülern,  sich  ganz  der  Wissenschaft  zu
widmen;  für  die  Handwerksarbeit  des  Soldaten  und  des  Beamten,  nun
gar  für  die  gründlich  verachtete  bürgerliche  Geschäftswelt  schien  der  Mittel—
schlag  gut  genug.  Ein  unverhältnismäßig  großer  Teil  der  geistigen  Kräfte
der  Nation  wendete  sich  der  gelehrten  Tätigkeit  zu,  und  es  bleibt  ein
schönes  Zeugnis  für  die  Fruchtbarkeit  dieses  Geschlechts,  daß  gleichwohl
das  Beamtentum  eben  jetzt  eine  überraschende  Fülle  von  Talenten  in
seinen  Reihen  zählte.

Es  stand  noch  immer  wie  vor  siebzig  Jahren:  das  politische  Leben
der  Nation  floß  in  unzähligen  Strömen  und  Bächen  zerteilt  dahin;
allein  die  Schriftsteller  und  Gelehrten  redeten  unmittelbar  zu  der  gesamten
  Nation.  Darum  fühlten  sie  sich  auch  als  die  berufenen  Vertreter
des  Volkes  und  seiner  höchsten  Güter;  nur  sehr  langsam  gelangten  neben
ihnen  einzelne  politische  Männer  zu  allgemeinem  Ansehen.  Das  ganze
Zeitalter  trug  noch  in  Art  und  Unart  den  Charakter  einer  literarischen
Epoche.  Auch  jetzt  noch  erregte  ein  Gedicht  von  Goethe,  eine  scharfe  Rezension
  oder  eine  gelehrte  Fehde,  wie  sie  zwischen  den  Symbolikern  und  den
kritischen  Philologen  ausbrach,  weit  tiefere  Teilnahme  bei  den  führenden
Geistern  der  Nation  als  irgend  ein  politisches  Ereignis.  Recht  aus  dem
Herzen  der  romantischen  Zeit  heraus  gestand  Karl  Immermann:  er  vermöge
  nicht  einer  parlamentarischen  Debatte  aufmerksam  zu  folgen,  weil
er  sich  von  solchen  Abstraktionen  kein  Bild  machen  könne.  Die  völlige
Hingebung  der  freien  Persönlichkeit  in  den  Dienst  des  Staates  blieb
diesem  Geschlechte  ebenso  widerwärtig  wie  das  politische  Parteileben  mit
seiner  freiwilligen  Beschränktheit,  seinem  grundsätzlich  ungerechten  Hasse.
Als  höchster  Lebenszweck  galt  dem  Deutschen  noch  immer:  sich  selber  auszuleben,
  sein  Ich  nach  allen  Seiten  hin  in  freier  Eigenart  zu  entfalten
und,  wie  W.  Humboldt  sagte,  mehr  auf  das  Tun  als  auf  die  Tat
zu  sehen.

Obschon  die  herrschende  Strömung  der  Zeit  dem  aufgeklärten  Weltbürgertume
  der  Jahre  vor  der  Revolution  geradeswegs  zuwiderlief,  so
hatte  sich  doch  dies  romantische  Geschlecht  viele  der  menschlich  liebenswürdigen
  Tugenden  des  philosophischen  Jahrhunderts  noch  bewahrt.  Mochten
die  jungen  Teutonen  prahlerisch  wider  den  wälschen  Tand  eifern:  die
Häupter  der  Wissenschaft  und  Kunst  begrüßten  noch,  nach  der  echten  alten
deutschen  Art,  dankbar  und  empfänglich  jedes  schöne  Werk  der  Dichtung
        <pb n="21" />
        Die  literarische  Geselligkeit.  13

und  der  Forschung,  und  wenn  es  auch  aus  dem  gescholtenen  Frankreich
kam.  Trotz  der  mystischen  Schwärmerei  der  Zeit  bewahrte  man  sich  die
alte  weitherzige  Duldsamkeit.  Die  Gegensätze  des  religiösen  Lebens  hatten
sich  noch  nicht  verhärtet;  sie  griffen  noch  nicht,  wie  heutzutage,  verfälschend
und  verbitternd  in  die  politische  Parteiung  ein.  Niemand  verwunderte
sich,  wenn  ein  Liberaler  zugleich  ein  streng  kirchlicher  Christ  war.  Jeder—
mann  fand  es  in  der  Ordnung,  daß  die  katholische  Geistlichkeit  der  Ein—
weihung  einer  evangelischen  Kirche  mit  beiwohnte;  selbst  eifrige  Konvertiten
wie  F.  Schlegel,  Stolberg,  Klinckowström  blieben  mit  einem  Teile  ihrer
alten  protestantischen  Freunde  in  herzlichem  Verkehr.  Der  Kampf  der
literarischen  Parteien  schloß  die  Anerkennung  des  menschlichen  Wertes
der  Gegner,  die  herzliche  Freude  über  jeden  glücklichen  Fund  nicht  aus.
Die  lärmende  Jugend  brüstete  sich  mit  ihrer  germanischen  Sittenstrenge;
die  reiferen  Männer  zeigten  in  ihrem  sittlichen  Urteile  eine  vornehme,  freisinnige
  Milde,  die  in  Wahrheit  weit  deutscher  war.  Nachsichtig  gegen
die  menschliche  Schwäche,  legten  sie  geringen  Wert  auf  den  korrekten
Lebenswandel,  der  dem  prüden  Sinne  der  Gegenwart  als  das  einzige
Kennzeichen  der  Sittlichkeit  gilt,  und  ließen  einen  heißblütigen  Freund
gern  gewähren,  wenn  er  nur  mithalf  bei  der  Arbeit  freier  Menschenbildung
  und  den  Glauben  an  die  göttliche  Bestimmung  unseres  Geschlechts
nicht  verlor.

Nicht  ohne  Grund  sahen  die  Poeten  und  Gelehrten  mit  Ironie  auf
die  Prosa  des  Philistertums  hernieder;  sie  lebten  in  der  Tat  inmitten
einer  freien  geistvollen  Geselligkeit,  welche  das  Leben  durch  das  heitere
Spiel  der  Kunst  zu  adeln  wußte  und  das  Schillersche  Ideal  der  ästhetischen
  Menschen-Erziehung  annähernd  verwirklichte.  Briefwechsel  und  Gespräch,
  die  natürlichen  Vermittler  der  Tageseindrücke,  waren  noch  nicht
durch  die  Zeitungen  verdrängt.  Noch  bestand  die  Grundlage  aller  geselligen
  Anmut,  der  zwanglose  und  häufige  Verkehr  zwischen  den  beiden
Geschlechtern,  da  die  Frau  den  Gedanken  des  Mannes  noch  ganz  zu  folgen
vermochte.  Keine  Stadt  im  Reiche,  die  nicht  ihre  Kunstkenner,  Sammler
und  Kritiker,  ihre  Liebhabertheater  und  ästhetischen  Kränzchen  besaß.
Wenn  das  muntere  kleinstädtische  Völkchen  sich  beim  trüben  Schimmer
der  Talglichter  zum  einfachen  Mahle  versammelte,  dann  steuerten
Alle  bei  was  sie  vermochten  an  Rätseln  und  guten  Einfällen,  an  Liedern
und  gereimten  Trinksprüchen  —  denn  für  den  poetischen  Hausbedarf  wußte
jeder  gebildete  Deutsche  längst  selber  zu  sorgen.  Eine  heitere  Sinnlichkeit
erwärmte  das  gesellige  Leben;  beim  Pfänderspiele  war  noch  ein  Kuß  in
Ehren  erlaubt;  die  frei  und  doch  gut  häuslich  erzogenen  jungen  Mädchen
gestanden  noch  arglos  ein,  daß  ihnen  das  Käthchen  von  Heilbronn  so  recht
im  Herzen  wohlgefiel.  Und  wie  viel  Geist  und  Witz,  wie  viel  übermütige
Laune  und  schwärmerische  Begeisterung  regte  sich  in  den  engeren  Kreisen
der  Eingeweihten:  wenn  Ludwig  Devrient  und  Callot-Hoffmann  in  der
        <pb n="22" />
        14  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Weinstube  von  Lutter  und  Wegner  die  ganze  Nacht  hindurch  ihre  tollen
Bacchanale  feierten,  oder  wenn  Lobeck  und  die  Königsberger  Philologen
mit  Rosenkränzen  im  Haar  beim  Griechenweine  zusammenlagen  und  in
hellenischer  Sprache  von  den  Helden  Homers,  von  dem  glücklichen  Eiland
der  Phäaken  redeten.  Der  gesellige  Verkehr  bot,  bei  aller  Ziererei  und
Überschwänglichkeit,  die  mit  unterlief,  doch  eine  Fülle  edler  geistiger  Genüsse,
  von  denen  in  der  Langeweile  und  dem  öden  Prunk  der  heutigen
Gesellschaft  fast  allein  die  Musik  übrig  geblieben  ist.  Die  Frauen,  die
in  jenen  Jahren  jung  gewesen,  erschienen  noch  im  hohen  Alter  dem  nachwachsenden
  nüchterneren  Geschlechte  wie  verklärt  durch  einen  poetischen
Zauber,  sie  gewannen  alle  Herzen  mit  ihrer  unverwüstlichen  Liebenswürdigkeit,
  ihrem  feinsinnigen  Verständnis  für  alles  menschliche.

Freilich  verrieten  sich  auch  schon  die  Spuren  des  beginnenden  Verfalls.
  Die  Literatur  war  längst  ins  Kraut  geschossen;  sie  bot  sich  den
Lesern  an,  während  einst  die  klassischen  Dichter  immer  nur  herausgesagt
hatten,  was  der  Nation  schon  halb  bewußt  in  der  Seele  lag.  Eine  Masse
trivialer  Unterhaltungsschriften  suchte  die  Neugier  und  die  Sinnlichkeit
der  Lesewelt  auszubeuten;  tiefere  Naturen  verfielen,  da  sich  in  keinem
Zweige  der  Dichtung  ein  nationaler  Stil  ausgebildet  hatte,  leicht  auf  willkürliche,
  gewaltsame  Experimente,  so  daß  Goethe  diese  Jahre  als  die  Epoche
der  forcierten  Talente  bezeichnete.  Die  modische  Vermischung  von  Poesie
und  Kritik  erleichterte  dem  unfruchtbaren  Dilettantismus  sich  anmaßlich
vorzudrängen.  Wer  in  den  Kreisen  der  Romantik  verkehrte,  die  Schlagwörter
  der  Schule  nachsprach  und  zuweilen  an  dem  Plane  eines  Dramas
oder  eines  Epos  grübelte,  der  hielt  sich  für  einen  Dichter  und  vergaß
das  Bewußtsein  seines  Unvermögens  über  dem  beliebten  Troste:  „das
Dichten  und  Trachten“  mache  den  Künstler,  und  Rafael  wäre,  auch  ohne
Hände  geboren,  der  größte  aller  Maler  gewesen.  Das  frevelhaft  mißbrauchte
  Wort  Genie  ward  ein  Freibrief  für  jede  Narrheit,  jeden  Ubermut.
  Bei  dem  geistreichen  Spielen  mit  neuen  Ideen  und  überraschenden
Gesichtspunkten  ging  der  schlichte  Menschenverstand  leicht  zugrunde.  Der
Glaube  an  das  schrankenlose  Recht  der  souveränen  Persönlichkeit,  der  allgemeine
  Drang  nur  ja  den  anderen  Menschen  nicht  zu  gleichen,  verführte
die  Einen  zu  sittlicher  Willkür,  Andere  zur  eitlen  Selbstbespiegelung.  Man
belauschte  mit  nervöser  Empfindsamkeit  jeden  Atemzug  der  eigenen  schönen
Seele.  In  den  Briefen  von  Gentz  und  den  Aufzeichnungen  der  Rahel
Varnhagen  spielt  das  Barometer  die  Rolle  des  geheimnisvollen  Dämons,
der  dem  Genie  die  finsteren  und  die  lichten  Stunden  schenkt.

Die  Literatur  beherrschte  die  Gedanken  der  Nation  noch  so  vollständig,
daß  sogar  die  großen  Gegensätze  des  politischen  und  des  kirchlichen  Lebens
oft  in  gelehrten  Streitigkeiten  ihren  Ausdruck  fanden.  So  in  den  Kämpfen
von  Savigny  und  Thibaut,  Voß  und  Stolberg.  Wenn  Gottfried  Hermann
  gegen  Creuzer  und  die  Symboliker  zu  Felde  zog,  so  fühlte  er  sich
        <pb n="23" />
        Literatur  und  Politik.  15

als  einen  Vorkämpfer  der  Freiheit  gegen  die  tenebriones,  die  Dunkelmänner
  in  Staat  und  Kirche.  Auch  die  rein  politischen  Parteien,  deren
schwache  Anfänge  sich  endlich  bildeten,  gingen  geradeswegs  aus  dem  literarischen
  Leben  hervor.  Das  unmittelbare  Eingreifen  der  politischen  Theorie
in  die  Geschicke  der  Staaten,  das  die  moderne  Geschichte  so  auffällig  von
den  naiveren  Zeiten  des  Altertums  und  des  Mittelalters  unterscheidet,
zeigte  sich  nirgends  stärker  als  hier  in  dem  Lande  der  Gelehrsamkeit.  Nicht
aus  den  Klasseninteressen  eines  reichen  und  selbstbewußten  Bürgertums
entsprang  der  deutsche  Liberalismus,  sondern  aus  den  Schulbegriffen  der
Gelehrten.  Mit  jener  unbestimmten  historischen  Sehnsucht  nach  den  großen
  Tagen  des  alten  Kaisertums,  die  zur  Zeit  der  Fremdherrschaft  zuerst
  in  den  literarischen  Kreisen  entstanden  war,  vermischten  sich  allmählich
die  Lehren  der  neuen  Philosophie  über  das  natürliche  Recht  der  freien
Persönlichkeit,  sodann  einige  Sätze  aus  Montesquien  und  Rousseau,  endlich
  auch  ein  gutes  Teil  unbewußter  gelehrter  Standesvorurteile.  So
entstand  ein  System  von  vernunftrechtlichen  Begriffen,  welche  unser  Volk
durch  die  Freiheit  zu  seiner  alten  Macht  emporführen  sollten.  Die  Doktrin
trat  sogleich,  in  Rottecks  Schriften,  fertig  ausgearbeitet  hervor  wie  das
Lehrgebäude  eines  Philosophen  und  erhob  auch  wie  ein  philosophisches
System  den  Anspruch,  sich  in  der  Welt  durchzusetzen  durch  die  Macht  der
Gründe,  der  theoretischen  Unwiderleglichkeit.  Der  Sturz  des  napoleonischen
  Weltreichs  —  daran  bestand  unter  den  literarischen  Politikern  kein
Zweifel  —  war  allein  gelungen  durch  die  Macht  der  Ideen,  die,  in  den
Kreisen  der  Wissenden  geboren,  dann  das  Volk  ergriffen  und  endlich  selbst
die  widerstrebenden  Kronen  mit  fortgerissen  hatten  zum  heiligen  Kampfe.
So  schien  auch  Deutschlands  innere  Befreiung  wohlgesichert,  wenn  sich
nur  alle  Patrioten  die  Heilswahrheiten  der  neuen  konstitutionellen  Doktrin
ganz  zu  eigen  machten  und  an  diesem  Bekenntnis  mit  der  Überzeugungstreue
  des  Gelehrten  oder  des  kirchlichen  Märtyrers  unerschütterlich  festhielten.
  Daß  der  Staat  Macht  ist  und  der  Welt  des  Willens  angehört,
blieb  diesem  Geschlechte  wohlmeinender  Gelehrter  noch  ganz  verborgen.
Erst  nach  Jahrzehnten  voll  schwerer  Verirrungen  und  Enttäuschungen  sollte
das  deutsche  Parteileben  der  Wiege  der  Doktrin  entwachsen  und  von  der
Politik  des  Bekenntnisses  sich  erheben  zu  der  Politik  der  Tat.

In  den  romanischen  Ländern  hatte  die  Poesie  überall,  wenn  sie  sich
einmal  zu  klassischer  Vollendung  erhob,  dem  Geiste  der  Nation  auf  lange
hinaus  Form  und  Richtung  gegeben.  Der  unbändige  Trotz  der  Deutschen
  wollte  sich  selbst  während  der  goldenen  Tage  von  Weimar  niemals
der  Herrschaft  einer  Regel  beugen;  noch  als  Schiller  und  Goethe  auf  der
Höhe  ihres  Schaffens  standen,  begann  die  Romantik  bereits  den  Sturmlauf
  gegen  das  klassische  Ideal.  Während  der  Befreiungskriege  verstummte
der  literarische  Kampf;  die  Sorge  um  das  Vaterland  drängte  alle  anderen
Gedanken  zurück;  die  wenigen  Schriften,  die  sich  in  der  wilden  Zeit  heraus-
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        16  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

wagten,  schienen  alle  einig  in  christlich-vaterländischer  Begeisterung.  Doch
kaum  war  der  Friede  geschlossen,  so  brachen  all  die  schroffen  Gegensätze,
welche  das  vielgestaltige  deutsche  Leben  umschloß,  mit  einem  Male  wieder
hervor.  Selbst  halbverschollene  Gedanken  aus  den  ersten  Jahren  der
Revolution,  Ideen  die  man  längst  überwunden  glaubte,  traten  wieder  an
das  Tageslicht;  denn  es  ist  das  Los  jeder  Literatur,  die  nicht  mehr  in
der  ersten  Jugend  steht,  daß  die  Vergangenheit  zuweilen  wieder  lebendig
wird  und  die  Schatten  der  Toten  sich  in  den  Kampf  der  Lebendigen
mischen.  Rationalismus  und  religiöses  Gefühl,  Kritik  und  Mystik,  Na—
turrecht  und  historische  Staatslehre,  nazarenische  und  hellenische  Ideale,
Volkstum  und  Weltbürgertum,  liberale  und  feudale  Bestrebungen  be—
kämpften  und  durchkreuzten  sich  in  ewigem  Wechsel.

Nicht  bloß  der  ängstliche  Gentz  klagte  erschrocken,  die  ersehnte  Friedenszeit
  habe  den  Deutschen  den  Krieg  Aller  gegen  Alle  gebracht.  Auch
Arndt,  der  allezeit  hoffnungsvolle,  konnte  sein  Entsetzen  nicht  verbergen,
wenn  er  etwa  an  dem  Hofe  des  jungen  preußischen  Kronprinzen  Alexander
  Humboldt,  den  Vertreter  der  rein  wissenschaftlichen  Weltanschauung,
und  daneben  die  Gebrüder  Gerlach,  die  Heißsporne  der  christlich  -germanischen
  Glaubensinbrunst  verkehren  sah;  er  fragte  besorgt,  wie  dies  Volk
bei  so  unermeßlichem  Abstande  der  Gesinnungen  zum  inneren  Frieden,  zur
festen  Entschließung  gelangen  solle.  Auf  die  Dauer  fand  der  gesunde  Sinn
der  Nation  freilich  heraus  was  in  diesem  anarchischen  Durcheinander  echt
und  lebensfähig  war.  Doch  manches  empfängliche  Talent  ging  in  dem
Gewirr  der  Meinungen  ratlos  unter,  und  wer  den  Mut  fand  an  den
Kämpfen  des  deutschen  Geistes  teilzunehmen,  mußte  auf  ein  entsagungsvolles
  Los  gefaßt  sein.  Denn  jeder  bedeutende  Kopf  ward,  auch  wenn
er  hoch  über  dem  Sektengeiste  stand,  willig  oder  nicht,  in  den  Streit  der
literarischen  Parteien  hineingerissen,  von  den  einen  auf  den  Schild  gehoben,
  von  den  anderen  mit  der  ganzen  Zügellosigkeit  deutscher  Tadelsucht
  mißhandelt;  und  nur  wenn  ihm  ein  hohes  Alter  beschieden  war,
konnte  er  hoffen,  wie  Savigny  und  Uhland,  auch  bei  den  Gegnern  verspätete
  Anerkennung  zu  finden.

 

Schon  in  den  heiteren  Jugendtagen  der  klassischen  Literatur  hatte
die  Ubermacht  der  Kritik  den  freien  Naturwuchs  der  Dichtung  oft  gehemmt.
  Vollends  jetzt,  nachdem  Deutschland  siebzig  Jahre  lang  fast  alle
erdenklichen  Kunststile  und  noch  mannigfachere  ästhetische  Theorien  versucht
  hatte,  zeigte  sich  das  künstlerische  Schaffen  von  gelehrter  Überbildung
  angekränkelt.  Kein  Zweig  der  Dichtung  litt  darunter  schwerer  als
das  Drama,  das  der  Volksgunst  bedarf  wie  die  Blume  der  Sonne.
Goethe  wußte  wohl,  warum  er  die  anmaßenden  Wortführer  der  Romantik
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        Dramatische  Dichtung.  17

„sehnsuchtsvolle  Hungerleider  nach  dem  Unerreichlichen“  nannte;  ihnen
fehlte,  trotz  ihrer  geistreichen  Einfälle  und  großen  Absichten,  gänzlich  die
Gabe  der  Architektonik,  die  aufbauende  und  überzeugende  Kraft  des  schöpfe—
rischen  Genius.  Obgleich  sie  sich  vermaßen  das  klassische  Ideal  durch  eine
volkstümliche  Dichtung  zu  verdrängen,  so  blieben  ihre  Werke  doch  dem
Volke  fremd,  das  Eigentum  eines  kleinen  Kreises  bewundernder  Kenner.
Die  Kunst  galt  ihnen  als  ein  Zaubertrank,  der,  dem  Philister  ungenieß—
bar,  allein  den  Gottbegnadeten  berauschte,  so  daß  der  Trunkene  der  Wirklichkeit
  vergaß  und  das  Leben  wie  ein  tolles  Maskenspiel  belächelte.  Diese
souveräne  Ironie,  die  sich  rühmte  „den  Scherz  als  Ernst  zu  treiben,  Ernst
als  Spaß  nur  zu  behandeln,“  widerte  den  gesunden  Sinn  der  Menge
an;  denn  das  Volk  will  im  Gewissen  gepackt  sein  und  läßt  mit  seinen
Gefühlen  nicht  spielen.

«  Unter  den  älteren  deutschen  Dramatikern  ließen  die  romantischen
Kunstrichter  eigentlich  nur  Goethe  gelten,  und  er  hatte  bei  seinen  reifsten
Werken  an  die  Bühne  kaum  gedacht;  die  stille,  sinnige  Schönheit  der
Iphigenie  und  des  Tasso  war  nur  der  Andacht  des  Lesers  völlig  faßbar,
sie  konnte  durch  die  Aufführung  wenig  gewinnen.  Lessing  wurde  gar  nicht
mehr  zu  den  Dichtern  gerechnet,  Schillers  tragische  Leidenschaft  als  hohle
Rhetorik  verspottet;  auch  der  einzige  geniale  Dramatiker,  der  den  roman—
tischen  Anschauungen  nahe  stand,  Heinrich  von  Kleist,  blieb  von  der  Kritik
der  Schule  lange  unbeachtet.  Nun  gar  die  beiden  wirksamsten  Bühnen—
schriftsteller  der  Zeit,  die  noch  ein  Jahrzehnt  nach  ihrem  Tode  das  Theater
beherrschten,  Iffland  und  Kotzebue,  überschüttete  der  romantische  Hochmut
  mit  einer  ungerechten  Geringschätzung,  welche  die  jungen  Talente
von  der  Bühne  zurückschrecken  mußte.  Man  wollte  an  jenem  nur  die
ehrbare  spießbürgerliche  Empfindsamkeit,  an  diesem  nur  die  Plattheit  und
die  gemeine  Gesinnung  bemerken,  doch  weder  ihr  ungemeines  technisches
Talent,  noch  die  glückliche  Gabe  der  leichten  Erfindung,  wodurch  sie  Beide
ihre  dünkelhaften  Tadler  beschämten.  Von  den  dramatischen  Versuchen
der  eigentlichen  Romantiker  traten  nur  wenige  vor  die  Lampen  und  sie
bestanden  allesamt  die  Probe  auf  den  Brettern  schlecht.  Die  Führer
der  Schule  kehrten  bald  der  Bühne  den  Rücken,  sprachen  mit  Hohn  von
der  gemeinen  Prosa  des  theatralischen  Erfolgs.  Ganz  unbekümmert  um
die  Lebensbedingungen  des  modernen  Theaters,  das  an  fünf  oder  sieben
Abenden  der  Woche  eine  von  des  Lebens  Plagen  ermüdete  Hörerschaft
befriedigen  sollte,  baute  sich  die  dramaturgische  Theorie  ihre  stolzen  Wolkengebilde
  und  stellte  überspannte  Anforderungen,  denen  sogar  die  festliche
Bühne  der  Hellenen  nicht  hätte  genügen  können.

So  vertraulich  wie  einst  Shakespeare  oder  Moliere  hatten  selbst  die
Heroen  unserer  klassischen  Dichtung  niemals  zu  der  Bühne  gestanden.
Jetzt  aber  ward  der  persönliche  Verkehr  zwischen  Dichtern  und  Schauspielern
  immer  seltener.  Die  dramatische  Kunst  vergaß,  daß  sie  vor  allen

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  2
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        18  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

anderen  den  schönen  Beruf  hat  ein  Band  der  Einheit  zu  bilden  zwischen
den  Höhen  und  den  Niederungen  der  Gesellschaft.  In  unserem  Volke
entstand  nach  und  nach  eine  verhängnisvolle  Spaltung,  die  bis  zum  heu—
tigen  Tage  ein  arges  Gebrechen  der  deutschen  Gesittung  geblieben  ist:  von
dem  schauenden  und  hörenden  sonderte  sich  das  lesende  Publikum  vor—
nehm  ab.  Das  Theater  mußte  sich  einen  guten  Teil  seines  täglichen
Bedarfs  durch  literarische  Handwerker  liefern  lassen:  Schauerdramen  und
schlechte  Übersetzungen  aus  dem  Französischen  lockten  die  Schaulust  der
Menge.  Wer  sich  zu  dem  auserwählten  Kreise  der  wahren  Dichter  zählte,
trug  meist  allzu  schwer  an  dem  Gepäck  der  ästhetischen  Doktrin,  um  noch
so  dreist  zugreifen,  so  herzlich  lachen  zu  können  wie  es  die  Bühne  von
ihren  Beherrschern  fordert,  und  legte  seine  dramatischen  Gedanken  in
Bücherdramen  nieder.  Diese  Zwittergattung  der  Poesie,  deren  die  über—
reiche  moderne  Bildung  allerdings  nicht  gänzlich  entbehren  kann,  gedieh
in  Deutschland  üppiger  als  in  irgend  einem  anderen  Volke.  Hier,  auf
dem  geduldigen  Papiere  fanden  alle  die  verzwickten  Theoreme  und  phan—
tastischen  Einfälle  der  eigensinnigen  deutschen  Köpfe  freien  Raum:  Tragi—
komödien  und  Märchendramen,  in  denen  alle  erdenklichen  Versmaße  und
Arienmelodien  wirr  durcheinander  klangen;  geheimnisvolle  Anspielungen,
die  nur  der  Dichter  selbst  mit  seinen  Vertrauten  verstand;  literarische
Satiren,  welche  die  Kunst  selber  zum  Gegenstande  der  Kunst  machten;
endlich  exotische  Dichtungen  aller  Art,  die  sich  wie  Ubersetzungen  lesen
sollten.

Unter  den  ausländischen  Vorbildern  stand  Calderon  nach  dem  Urteil
  der  Eingeweihten  obenan.  Die  deutschen  Weltbürger  wollten  nicht
sehen,  daß  dieser  rein  nationale  Dichter  eben  darum  zu  den  Klassikern
zählt,  weil  er  die  Ideale  seiner  Zeit  und  seines  Volkes  künstlerisch  gestaltet
  hat;  sie  ahmten  sklavisch  seine  südländischen  Formen  nach,  die  in
unserer  nordischen  Sprache  einen  opernhaften,  schlechthin  undramatischen
Klang  annahmen,  und  trugen  die  konventionellen  Ehrbegriffe  des  katholischen
  Rittertums  in  die  freie  protestantische  Welt  hinüber.  Viel  Geist
und  Kraft  ward  an  solche  Künsteleien  vergeudet;  am  letzten  Ende  bewirkte
das  anspruchsvolle  Treiben  nichts  als  die  Zerstörung  aller  überlieferten
dramatischen  Kunstformen.  Die  Poeten  aber  gewöhnten  sich  mit  stolzer
Bitterkeit  in  die  undankbare  Welt  zu  blicken.  Deutschland  wurde  das
klassische  Land  der  verkannten  Talente.  Die  Überzahl  der  unbefriedigten
Schriftsteller  bildete  eine  Macht  des  Unfriedens  in  der  Gesellschaft,  sie
nährte  den  nationalen  Fehler  der  tadelsüchtigen,  hoffnungslosen  Verdrossenheit
  und  hat  späterhin,  als  die  politischen  Leidenschaften  erwachten,  viel
zur  Verbitterung  des  Parteikampfes  beigetragen.

Bis  zum  Fratzenhaften  gesteigert  erschienen  die  sittlichen  und  ästhetischen
  Schwächen  der  romantischen  Epigonen  in  dem  zerfahrenen  Leben
Zacharias  Werners;  sein  dramatisches  Talent  ging  ruhmlos  unter,  weil
        <pb n="27" />
        Die  Schicksalstragödie.  19

die  männliche  Kunst  der  Dramatik  einen  ganzen  Mann  verlangt.  Sein
Leben  lang  schwankte  er  friedlos  hin  und  her  zwischen  wüsten  Begierden
und  überschwänglicher  Verzückung,  zwischen  cynischer  Gemeinheit  und  einer
weinerlichen  Gefühlsschwelgerei,  die  sich's  nicht  versagen  konnte  am  Grabe
eines  Hundes  für  den  Seelenfrieden  des  Entschlafenen  zu  beten.  Da
sein  zerrissenes  Gemüt  „bei  Gott  und  dem  heiligen  Rousseau“  keinen
Trost  fand,  so  flüchtete  er  sich  endlich  zu  Rom  in  den  Schoß  der  alten
Kirche  und  klammerte  sich  in  krampfhafter  Angst  an  den  Felsen  Petri  an.
Wenn  der  kritische  Verstand  des  Ostpreußen  zuweilen  erwachte,  wenn  ihm
das  Blutfest  des  heiligen  Januarius  wie  ein  peruanischer  Götzendienst
vorkam,  so  betäubte  er  die  Zweifel  durch  das  Getöse  ekstatischer  Ausrufungen.
  Dann  kam  er  nach  Wien,  in  den  Tagen  da  der  rührige  Pater
Hoffbauer  in  der  lebenslustigen  Stadt  zum  ersten  Male  wieder  eine  streng
kirchliche  Partei  begründet  und  eine  Schar  von  Konvertiten  um  sich  gesammelt
  hatte;  er  ging  auf  alle  Anschauungen  dieser  klerikalen  Kreise
freudig  ein  und  trat  den  Freiheitsgesängen  der  norddeutschen  Jugend  entgegen
  mit  dem  Liede:  „das  Feldgeschrei  sei:  alte  Zeit  wird  neul“  Zur
Zeit  des  Kongresses  ward  er  der  Modeprediger  der  vornehmen  Welt.  Halb
zerknirscht,  halb  ergötzt  lauschte  das  elegante  Wien,  wenn  der  lange  hagere
Priester  mit  den  unheimlichen  dunklen  Augen  seine  gewaltige  Baßstimme
erschallen  ließ  und  bald  in  glühenden  Farben  den  Schwefelpfuhl  der
ewigen  Verdammnis,  bald  mit  gründlicher  Sachkenntnis  und  schlecht  verhehltem
  Behagen  die  Verirrungen  der  Sinnlichkeit  schilderte.  Wie  seinem
Leben  so  fehlte  auch  seinem  dichterischem  Schaffen  die  Entwicklung  und
Läuterung.  Seine  Jugenddramen  bekundeten  ein  starkes  realistisches
Talent  und  lebendigen  Sinn  für  historische  Größe;  in  einzelnen  Szenen
der  „Weihe  der  Kraft“"  trat  die  mächtige  Gestalt  Martin  Luthers,  das  hochgemute,
  farbenreiche  Leben  unseres  sechzehnten  Jahrhunderts  markig  und
anschaulich  heraus.  Dicht  daneben  lag  freilich  eine  krankhafte  Lust  am
Spukhaften,  Scheußlichen  und  Wilden;  jene  rätselhafte  Verbindung  von
Glaubenswut,  Wollust  und  Blutdurst,  die  uns  in  den  Naturreligionen
unreifer  Völker  anwidert,  schien  in  dem  unseligen  Menschen  wieder  lebendig
zu  werden.  Nach  seinem  Ubertritte  nahm  er  mit  bußfertigem  Eifer  sein
bestes  Werk  zurück  und  schrieb  eine  klägliche  „Weihe  der  Unkraft“.  In
seinem  letzten  Drama  „die  Mutter  der  Makkabäer“"  verriet  sich  schon  die
Gewissenlosigkeit  eines  halb  umnachteten  Geistes,  der  hinter  schwülstigen
Hymnen  und  grell  gemalten  Märtyrerbildern  die  Armut  seines  religiösen
Gefühles  zu  verbergen  suchte.

Wirksamer  als  Werners  historische  Trauerspiele  wurde  seine  im  Jahre
1815  veröffentlichte  Schicksalstragödie  „der  vierundzwanzigste  Februar",
ein  auf  die  Erregung  körperlichen  Schauders  berechnetes  Virtuosenstück.
Das  tragische  Schicksal  ergab  sich  hier  nicht  mit  innerer  Notwendigkeit

aus  dem  Charakter  der  Handelnden,  sondern  aus  dem  rätselhaften  Zauber
27
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        20  I.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

eines  verhängnisvollen  Jahrestags,  und  der  verwunderte  Leser  trug,  statt
der  erhebenden  Einsicht  in  die  Vernunft  der  sittlichen  Welt,  nur  ein  Ge—
fühl  ratlosen  Entsetzens  davon.  Da  die  Neuheit  dieses  tollen  Einfalls
Aufsehen  erregte  und  die  romantische  Welt  ohnehin  geneigt  war,  im  Aberwitze
  den  tiefsten  Sinn  zu  suchen,  so  fand  sich  bald  ein  geschickter  Macher,
der  die  Schrulle  nach  deutscher  Unart  in  ein  System  brachte.  Der  Weißenfelser
  Advokat  Adolf  Müllner  verfaßte  ein  Drama  „die  Schuld“  und
entwickelte  dann  in  ungezählten  Kritiken  die  Theorie  der  neuen  Schicksalstragödie:
  eine  höhere  Weltordnung,  rätselhafter  noch  als  das  blinde
Schicksal  der  Alten,  sollte  in  das  irdische  Leben  hineinragen  und  durch
den  albernen  Zufall,  durch  eine  zerspringende  Saite,  einen  unheilvollen
Ort  oder  Tag,  die  nichts  ahnenden  Sterblichen  in  das  Verderben  stürzen.
So  ward  denn  alles,  was  die  protestantische  Welt  je  über  tragische  Schuld
und  Zurechnung  gedacht,  durch  die  zügellose  Neuerungssucht  der  romantischen
  Doktrin  wieder  in  Frage  gestellt,  und  es  schien,  als  sollte  unsere
tragische  Kunst  geradezu  in  Selbstvernichtung  enden.  Müllner  richtete
sich  in  drei  literarischen  Zeitschriften  zugleich  häuslich  ein,  pries  mit  lautem
Marktgeschrei  die  lange  Reihe  seiner  eigenen  Werke  und  erschreckte  die
Gegner  durch  unflätige  Grobheit,  so  daß  Goethe  zürnte:  „Der  Edle
mault  nur  um  das  Maul  den  andern  zu  verbieten.“  Einige  Jahre  lang
behauptete  der  grundprosaische  Mensch  den  angemaßten  Thron;  und  so
fest  stand  noch  das  Ansehen  der  deutschen  Dichtung  in  der  Welt,  daß
selbst  ausländische  Blätter  gläubig  von  der  neuen  dramatischen  Offenbarung
  sprachen.  Dann  verfiel  auch  die  Schicksalstragödie  dem  unabwendbaren
  Lose  der  gespreizten  Nichtigkeit:  das  Publikum  begann  sich  zu
langweilen  und  wendete  sich  anderen  Moden  zu.

Unter  dem  Verfalle  der  dramatischen  Dichtung  litt  auch  die  Schauspielkunst.
  Wie  viele  geistvolle  Abhandlungen  über  das  Theater  als  nationale
  Erziehungsanstalt  waren  nun  schon  erschienen,  und  doch  hatte  bisher
unter  allen  deutschen  Staatsmännern  nur  Stein  sich  diesen  Gedanken
angeeignet  und  daraus  den  Schluß  gezogen,  daß  der  Staat  zur  Pflege  der
Bühne  verpflichtet  sei.  Er  stellte,  als  er  bei  seinem  Abgange  die  veränderte
Organisation  der  preußischen  Behörden  vorzeichnete,  die  Theater  gleich  der
Akademie  der  Künste  unter  das  Departement  des  Kultus  und  des  Unterrichts;
  doch  kaum  zwei  Jahre  später  wurden  sie  durch  Hardenberg  wieder
in  die  Reihe  der  öffentlichen  Vergnügungsanstalten  verwiesen  und,  mit
Ausnahme  der  Hoftheater,  der  Aufsicht  der  Polizei  unterworfen.  Die
Unterstützung  der  großen  Bühnen  in  den  Residenzstädten  galt  allgemein
als  persönliche  Ehrenpflicht  der  Landesherren,  und  es  zeigte  sich  bald,
daß  diese  Theater  von  der  Freigebigkeit  kunstfreundlicher  Fürsten  immerhin
noch  mehr  zu  erwarten  hatten,  als  von  der  sparsamen  Kleinbürgergesinnung
  der  neuen  Landtage.  Kaum  war  die  Stuttgarter  Bühne  im  Jahre
1816  zum  Nationaltheater  erhoben  und  dem  Staatshaushalt  überwiesen
        <pb n="29" />
        Die  Schauspielkunst.  21

worden,  so  begannen  die  Landstände  bereits  über  Verschwendung  zu  klagen
und  willigten  schon  nach  drei  Jahren  freudig  ein,  als  der  König  sich  be—
reit  erklärte  die  Unterhaltung  des  Hoftheaters  wieder  aus  der  Ziodilliste
zu  bestreiten.  Die  Monarchen  sorgten  meist  mit  rühmlichem  Eifer  für
die  äußere  Ausstattung  ihrer  Theater  sowie  für  die  Berufung  einzelner
bedeutender  Kräfte;  die  alten  sozialen  Vorurteile  gegen  den  Schauspielerstand
  begannen  sich  zu  mildern  seit  man  die  Bühne  in  so  nahem  Verkehre
  mit  den  Höfen  sah.

Gleichwohl  hat  die  Schauspielkunst  durch  die  Hoftheater  wenig  gewonnen.
  Nach  Ifflands  Tode  betraute  König  Friedrich  Wilhelm  den
Grafen  Brühl  mit  der  Leitung  der  Berliner  Hofbühnen,  einen  liebenswürdigen,
  feingebildeten  Mann,  der  aber  weder  dramatischer  Dichter  noch
Schauspieler  war  und  sich  nur  mit  dem  Eifer  des  geistreichen  Kenners
die  strengen  klassischen  Grundsätze  der  Weimarischen  Theaterschule  angeeignet
  hatte.  Das  gefährliche  Beispiel  fand  rasche  Nachfolge;  bald  wurde
an  allen  Höfen  das  Amt  des  Theater-Intendanten  zu  den  hohen  Hofwürden
  gezählt,  die  Leitung  der  größten  deutschen  Theater  ging  den
geschulten  Fachmännern  verloren  und  fiel  in  die  Hände  hochgeborener
Dilettanten.

Wohl  hielten  die  guten  Uberlieferungen  aus  der  alten  Zeit  noch
eine  Weile  vor.  Der  Mangel  an  schönen  neuen  Stücken  ward  noch  nicht
allzu  fühlbar,  da  die  Dramen  der  klassischen  Epoche  noch  auf  allgemeine
Teilnahme  rechnen  konnten  und  Shakespeares  Werke  jetzt  erst  auf  der
deutschen  Bühne  sich  völlig  einbürgerten.  Die  Hoftheater  von  Berlin,
München,  Karlsruhe,  Braunschweig  zeichneten  sich  durch  manche  tüchtige
Leistungen  aus,  ebenso  das  altberühmte  Hamburger  und  das  neue  Leipziger
Stadttheater.  In  Berlin  fand  die  realistische  Richtung,  die  hier  einst
durch  Fleck  die  Herrschaft  erlangt  hatte,  an  Ludwig  Devrient  einen  genialen
  Vertreter.  Welche  grauenhafte,  diabolische  Kraft  lag  in  seinem
Richard  III.,  welcher  Ubermut  naturwüchsigen  Humors  in  seinem  Falstafff
  Fast  erstaunlicher  noch,  wie  er  selbst  kleine  Nebenrollen  zu  heben
wußte;  als  Knecht  Gottschalk  im  Käthchen  von  Heilbronn  traf  er  den  Ton
der  einfältigen  Treue  und  Wahrhaftigkeit  so  wunderbar  glücklich,  daß  den
Hörern  die  ganze  unverstümmelte  Kraft  und  Größe  des  alten  deutschen
Lebens  mit  einem  Male  vor  die  Seele  trat.  Jedoch  die  feste  künstlerische
Zucht  der  Bühne  lockerte  sich  nach  und  nach.  Die  neue  romantische
Sittenlehre  ermutigte  jedes  Talent  sich  rücksichtslos  vorzudrängen  und
seine  Eigenart  durchzusetzen;  die  vornehmen  Intendanten  aber  besaßen  weder
die  Sachkenntnis  um  durch  das  eigene  Beispiel  die  Einheit  des  Stiles  in
der  Truppe  aufrechtzuhalten,  noch  das  Ansehen  um  die  Mitglieder  in  ihre
Schranken  zurückzuweisen.  Ein  so  gleichmäßig  durchgebildetes  und  abgerundetes
  Zusammenspiel,  wie  es  einst  die  Hamburger  zu  Ekhofs,  die
Berliner  zu  Ifflands  Zeiten  entzückt  hatte,  brachten  die  glänzenden  neuen
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        22  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Hoftheater  nicht  mehr  zustande.  Zudem  hatte  sich  die  Theaterkritik
schon  längst  wie  ein  schädlicher  Schwamm  an  den  gesunden  Baum  der
dramatischen  Kunst  angesetzt.  Schon  ward  es  zur  Regel,  daß  der  streb—
same  Gymnasiast  oder  Student  sich  durche  Theaterbesprechungen  seine  lite—
rarischen  Sporen  verdiente;  fast  jeder  gebildete  Mann  übte  sich  gelegentlich
in  dem  traurigen  Handwerke  des  kritischen  Spielverderbers.  Weitaus  die
meisten  dieser  Rezensenten  verfolgten  lediglich  den  Zweck,  durch  hoch—
mütigen  Tadel  sich  selber  ein  Ansehen  zu  geben  oder  auch  auf  dem
Theater  Parteikämpfe  anzuzetteln,  an  denen  das  kleinstädtische  Publikum
mit  leidenschaftlichem  Eifer  teilnahm.  Das  Unwesen  wuchs  noch  als  die
politischen  Verfolgungen  hereinbrachen.  Seitdem  blieb  die  Theaterkritik
fast  das  einzige  Gebiet,  auf  dem  sich  die  Federn  der  Tagesschriftsteller
frei  ergehen  durften;  denn,  sagte  der  Minister  Graf  Bernstorff,  einen
Knochen  muß  man  den  bissigen  Hunden  doch  lassen!

Nur  zwei  Dichtern  dieses  Zeitraumes  ist  es  gelungen,  das  Theater
durch  bühnengerechte  Werke  von  bleibendem  Kunstwerte  zu  bereichern.
Es  waren  die  beiden  ersten  Osterreicher  seit  dem  dreißigjährigen  Kriege,
die  sich  in  der  Geschichte  der  deutschen  Poesie  einen  ehrenvollen  Platz  er—
warben.  Wie  einst  im  dreizehnten  Jahrhundert  diese  entlegenen  Donau—
lande  zu  unserem  Heile  das  alte  deutsche  Volksepos  bewahrten,  während
das  übrige  Deutschland  sich  längst  schon  der  ritterlichen  Dichtung  zuge—
wendet  hatte,  so  waren  sie  jetzt  wieder  fast  unberührt  geblieben  von  dem
Gedankenreichtum,  aber  auch  von  den  Irrtümern  und  der  doktrinären
Überbildung  unserer  literarischen  Revolution.  Als  nun  endlich  einzelne
gute  Köpfe  in  Osterreich  auf  die  Welt  von  neuen  Ideen,  welche  den
Deutschen  aufgegangen  war,  aufmerksam  wurden,  da  standen  sie  den
Schlagworten  unserer  literarischen  Parteien  in  glücklicher  Freiheit  gegen—
über.  Sie  konnten  in  der  Ferne,  unbefangener  als  die  Deutschen  im
Reiche,  das  Echte  und  Große  aus  der  gewaltigen  Bewegung  herausfinden.
Sie  hatten  vor  sich  ein  schaulustiges,  dankbar  empfängliches  Publikum,
dessen  naive,  kräftige  Sinnlichkeit  noch  nicht  durch  gelehrte  Kritik  ver—
dorben  war,  und  dazu  das  schöne  Beispiel  der  großen  Musiker  Oster—
reichs,  die  ja  allesamt  den  goldenen  Boden  des  Handwerks  in  Ehren
hielten  und  sich  nicht  zu  gut  dünkten  schlicht  und  recht  für  die  Bühne
zu  arbeiten.

Eben  jetzt  begann  das  Burgtheater  unter  Schreyvogels  kundiger  Lei—
tung  alle  deutschen  Bühnen  zu  überflügeln.  Hier  lernten  die  Wiener,
in  künstlerisch  durchgebildeter  und  doch  einfacher  Darstellung,  die  schön—
sten  Dramen  Deutschlands  kennen;  selbst  ausländische  Werke  wußte  der
treffliche  Dramaturg  durch  geschickte  Bearbeitung  dem  deutschen  Gefühle
so  nahe  zu  bringen,  daß  Moretos  Donna  Diana  den  Zuschauern  bei—
nahe  so  vertraut  erschien  wie  ein  heimisches  Lustspiel.  Hier  war  kein
Boden  für  grübelnde  Künstelei.  So  ist  denn  auch  Franz  Grillparzer  von
        <pb n="31" />
        Grillparzer.  Raimund.  23

der  theoretischen  Uberklugheit  der  deutschen  Romantik  nur  einmal  angesteckt
  worden.  Sein  Erstlingswerk,  die  Ahnfrau,  war  eine  Schicksalstragödie;
  nicht  die  freie  Tat  des  Helden  sondern  „tief  verhüllte  finstre
Mächte"  führten  das  tragische  Verhängnis  herauf.  Jedoch  die  Pracht  der
Sprache  und  die  Glut  der  Leidenschaft,  das  stürmische  Fortschreiten  der
Handlung  und  die  merkwürdig  frühreife  Sicherheit  der  Technik  ließen  den
verschrobenen  Grundgedanken  fast  vergessen.  Und  alsbald  riß  sich  der
gesunde  Sinn  des  Dichters  aus  den  Fesseln  der  Müllnerschen  Kunsttheorien
  völlig  los.  In  seinen  Trauerspielen  „Sappho“  und  „das  goldene
Vließ“"  zeigten  sich  reine  Form  und  scharfe  Charakterzeichnung,  deutscher
Ernst  und  die  schöne,  wahre  Sinnlichkeit  des  Altösterreichers,  klassische
und  romantische  Ideale  glücklich  verschmolzen.  Goethe  blieb  ihm  fortan
der  mit  kindlicher  Andacht  geliebte  Meister,  Weimar  der  geweihte  Herd
des  deutschen  Lebens.  Größeres  als  den  dämonischen  Charakter  der  Medea
hat  Grillparzer  in  den  historischen  Dramen  seiner  späteren  Zeit  nicht  mehr
geschaffen;  eine  stetige  Entwicklung  blieb  ihm  trotz  des  höchsten  Künstlerfleißes
  versagt.  Er  war  nicht  einer  jener  mächtigen  Geister,  die  in  unaufhaltsamem
  Aufsteigen  nach  und  nach  immer  weitere  Kreise  der  Welt
mit  dem  Lichte  ihrer  Ideen  bestrahlen,  aber  eine  gemütvolle,  schamhafte
Künstlernatur,  ein  echter  Dichter,  der  auch  in  den  Zeiten  des  Verfalls
die  bewährten  alten  Grundsätze  des  dramatischen  Idealismus  mit  unbeirrter
  Treue  bewahrte,  der  würdige  Herold  der  neuen  deutschen  Poesie  in
Osterreich.

Bald  nachher  eroberte  ein  anderer  Osterreicher,  Ferdinand  Raimund
der  deutschen  dramatischen  Kunst  ein  neues  Gebiet.  Der  hatte  seit  Jahren
als  Komiker  aufs  dem  Leopoldstädter  Theater  sein  harmloses  Publikum
durch  meisterhaftes  Spiel  entzückt,  und  als  er  nun  in  aller  Bescheidenheit
  sich  anschickte  seine  kleine  Bühne  selber  mit  neuen  Stoffen  zu  versorgen,
  da  schuf  er  nicht,  wie  die  meisten  dichtenden  Schauspieler,  klug
berechnete  Zugstücke  mit  dankbaren  Rollen,  sondern  volkstümliche  Kunstwerke.
  Er  wurde  der  Schöpfer  der  neuen  Zauberposse,  seit  Hans  Sachsens
  Zeiten  der  erste  deutsche  Poet,  der  in  Wahrheit  das  ganze  Volk  an
die  Bühne  zu  fesseln  verstand  und  die  Massen  ergötzte  durch  Dichtungen,
an  denen  auch  der  gebildete  Sinn  sich  eine  Weile  erfreuen  und  erwärmen
konnte.  Die  Lust  am  Fabulieren  war  diesem  Wiener  Kinde  angeboren;
geradeswegs  aus  dem  Getümmel  des  Volkslebens  griff  er  seine  lustigen
Gestalten  heraus,  unerschöpflich  in  jenen  gutmütigen  Schwänken  und
dämischen  Späßen,  die  der  Osterreicher  und  der  Obersachse  mit  dem
glückseligen  Ausrufe:  nein,  das  ist  zu  dumm!  zu  begrüßen  pflegt.  Aber
hinter  dem  ausgelassenen,  ckischen  Treiben  verriet  sich  der  unter  Tränen
lächelnde  Humor  eines  tiefen  Gemütes.  Und  wie  fest  stand  noch  der
alte  deutsche  sittliche  Idealismus  in  jenen  unschuldigen  Tagen  des  sozialen
Friedens!  Immer  wieder  kam  Raimund  auf  die  Frage  nach  dem  wahren
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        24  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Glücke  des  Lebens  zurück,  die  dem  beladenen  kleinen  Manne  die  höchste
aller  sittlichen  Fragen  bleibt;  und  immer  wieder,  mochte  er  nun  den  Ver—
schwender,  den  Menschenfeind  oder  den  Bauer  als  Millionär  vorführen,
ließ  er  seine  Hörer  empfinden,  daß  alles  Glück  in  dem  Frieden  der  Seele
liegt.  Und  die  Masse  glaubte  ihm;  die  alten  deutschen  Volkslieder  zum
Preise  der  fröhlichen  Armut  waren  noch  nicht  vergessen.  Unter  den
zahlreichen  Nachahmern  des  anspruchslosen  Volksdichters  kam  keiner  dem
Meister  gleich.  Das  Volkslustspiel  verwilderte  schnell;  die  saftige  Derb—
heit  sank  zur  Liederlichkeit,  der  gemütliche  Scherz  zum  öden  Wortwitze,
die  kindliche  Einfalt  zur  Plattheit  herab.  Weit  später  erst,  in  einer  Zeit
erbitterter  politischer  und  sozialer  Kämpfe,  ist  in  Norddeutschland  eine
neue  Form  der  Posse  entstanden,  die  an  Witz  und  Schärfe  jene  unschul—
digen  Zaubermärchen  ebensoweit  übertraf,  wie  sie  an  Humor  und  poeti—
schem  Gehalt  hinter  ihnen  zurückblieb.  —

Für  die  erzählende  Dichtung  wurde  die  unersättliche  Schreib=  und
Lesesucht  des  Zeitalters  zu  einer  Quelle  schwerer  Versuchungen.  Niemals
früher  hatte  sich  eine  solche  Unzahl  betriebsamer  Federn  auf  allen  Gebieten
  der  Literatur  zugleich  getummelt.  Der  Meßkatalog  der  Leipziger
Buchhändler  schwoll  zu  einem  unförmlichen  Bande  an.  In  jedem  Städtchen
  sorgte  eine  Leihbibliothek  für  die  Unterhaltung  der  Lesewelt.  Die
Anstandsgewohnheiten  des  altbegründeten  Wohlstandes  konnten  sich  in
dem  verarmten  Lande  noch  nicht  ausbilden;  die  Deutschen  fanden  kein
Arg  daran,  daß  sie  mehr  lasen  und  weniger  Bücher  kauften  als  irgend
ein  anderes  Volk.  Indes  erzielten  einzelne  Werke  bereits  einen  starken,
nach  den  Begriffen  der  alten  Zeit  unerhörten  Absatz:  so  Rottecks  Weltgeschichte,
  Zschokkes  Stunden  der  Andacht  und  die  Übersetzung  von  Walter
Scotts  Romanen.  Im  Jahre  1817  kehrte  Friedrich  König,  der  Erfinder
der  Schnellpresse,  in  die  Heimat  zurück  und  begründete  dann  in  Oberzell
bei  Würzburg  seine  große  Fabrik,  welche  dem  Buchhandel  ermöglichte  für
das  Massenbedürfnis  zu  arbeiten.  Und  da  man  sich  allgemach  gewöhnte,
alles  Neue  aus  dem  ganzen  Bereiche  der  Wissenschaft  und  Kunst  gierig
herunterzuschlingen,  so  ward  man  bald  unzufrieden  mit  dem  einfachen
klassischen  Unterrichte,  auf  dessen  fruchtbarem  Boden  die  neue  deutsche
Kultur  emporgeblüht  war.  Es  genügte  nicht  mehr,  dem  Geiste  eine  strenge
formale  Bildung  zu  geben,  so  daß  er  fähig  ward  aus  einem  engen  Kreise
wohlgesicherter  Kenntnisse  nach  und  nach  frei  und  stetig  hinauszuwachsen,
neues  Wissen  sich  durch  selbständige  Arbeit  anzueignen.  Man  forderte
unter  dem  wohllautenden  Namen  der  realistischen  Bildung  das  Ansammeln
  einer  bunten  Fülle  unzusammenhängender  Notizen,  so  daß  jeder
über  jedes  mitreden  konnte.  Das  einfache  Bekenntnis  der  Unwissenheit
galt  für  beschämend;  niemand  wollte  zurückstehen,  wenn  das  Gespräch  in
raschem  Wechsel  von  der  Schicksalstragödie  auf  die  spanische  Verfassung,  von
der  Phrenologie  auf  die  neuen  englischen  Dampfmaschinen  hinübersprang.
        <pb n="33" />
        Schreib=  und  Lesesucht.  25

Mit  dem  sicheren  Blicke  des  erfahrenen  Buchhändlers  erspähte  der
rührige  F.  A.  Brockhaus  diesen  mächtigen  Zug  der  Zeit  und  ließ  seit
dem  Jahre  1818  ein  älteres,  bisher  wenig  beachtetes  Sammelwerk  zu
einem  großen  Konversationslexikon  umarbeiten,  das  in  angenehmer  alphabetischer
  Reihenfolge  dem  gebildeten  Deutschen  „alles  Wissenswerte“  handlich
  vorlegte.  Es  war  der  Anfang  jener  massenhaften  Eselsbrücken-Literatur,
  welche  das  neunzehnte  Jahrhundert  nicht  zu  seinem  Vorteil  auszeichnet.
  Das  Unternehmen,  so  undeutsch  wie  sein  Name,  fand  doch
Anklang  in  weiten  Kreisen  und  bald  zahlreiche  Nachahmer;  ganz  ohne
solche  Krücken  konnte  sich  dies  mit  der  Erbschaft  so  vieler  Jahrhunderte
belastete  Geschlecht  nicht  mehr  behelfen.  Niebuhr  aber  beobachtete  mit
unverhohlenem  Entsetzen  die  Wandlung,  die  sich  in  der  Gesittung  der
Nation  allmählich  vorbereitete;  er  sah  voraus,  wie  friedlos,  leer  und  zerfahren,
  wie  unselbständig  in  ihrem  Denken  die  moderne  Welt  werden
mußte,  wenn  der  hohle  Dünkel  des  Halb=  und  Vielwissens,  das  Verlangen
nach  immer  wechselnden  Eindrücken  überhandnahm.  Auch  Goethe  wußte,
daß  hier  die  schlimmste  Gefahr  für  die  Kultur  des  neuen  Jahrhunderts
lag,  und  schrieb  die  ernste  Warnung:

Daß  nur  immer  in  Erneuung
Jeder  täglich  Neues  höre,

Und  zugleich  auch  die  Zerstreuung
Jeden  in  sich  selbst  zerstöre.

In  einer  so  leselustigen  Welt  stumpfte  sich  der  feine  Formensinn  schnell
ab.  Man  trachtete  vor  allem  nach  stofflichem  Reiz,  und  da  jede  Zeit
die  Schriftsteller  hat,  welche  sie  verlangt  und  verdient,  so  fand  sich  auch
ein  Heer  von  rührigen  Romanschreibern,  die  sich  begnügten  für  den  Zeitvertreib
  zu  sorgen  und  einige  Jahre  lang  in  den  kritischen  Blättern  genannt
  zu  werden.  Es  blieb  fortan  ein  unterscheidender  Charakterzug  des
neuen  Jahrhunderts,  daß  die  Werke  der  Poesie  wie  vereinzelte  Goldkörner
in  einem  ungeheueren  Schutthaufen  wertloser  Unterhaltungsschriften  versteckt
  lagen  und  immer  erst  nach  längerer  Zeit  aus  der  Masse  des  tauben
Gesteins  herausgefunden  wurden.  Nur  war  es  in  jenen  anspruchslosen
Tagen  nicht  wie  heute  die  industrielle  Betriebsamkeit,  was  so  viele  Unberufene
  auf  den  deutschen  Parnaß  führte,  sondern  in  der  Regel  die
Eitelkeit  und  die  literarische  Mode.  Wie  in  der  dramatischen  so  zeigten
auch  in  der  Roman=  und  Novellendichtung  die  poetischen  Naturen  selten
das  Talent  der  Komposition,  während  die  Virtuosen  der  spannenden  und
fesselnden  Erzählungen  ebenso  selten  die  gestaltende  Kraft  des  Dichters
bewährten.

Durch  die  strenge  Wahrhaftigkeit  des  Krieges  war  jene  weinerliche
Gefühlsseligkeit,  die  sich  einst  vornehmlich  an  Jean  Pauls  Schriften  genährt
  hatte,  auf  kurze  Zeit  zurückgedrängt  worden.  Jetzt  gewann  sie
wieder  Raum;  in  vielen  Häusern  Norddeutschlands  herrschte  ein  abge-
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        26  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

schmackt  süßlicher  Ton.  Manche  kräftige  Männer  des  heutigen  Geschlechts,
welche  einst  in  dieser  sentimentalen  Luft  aufwuchsen,  wurden  dadurch  mit
einem  solchen  Ekel  erfüllt,  daß  sie  ihr  Leben  lang  jeden  Ausdruck  erregter
Empfindung  vermieden.  Der  weichliche  Vielschreiber  H.  Clauren  sagte
dem  Geschmacke  der  großen  Lesewelt  am  besten  zu.  Die  eleganten  Damen
erfreuten  sich  an  den  verhimmelten  Stahlstichen  und  den  rührenden  No—
vellen  der  modischen  T  Taschenbücher;  Urania,  Aurora,  Alpenrosen,  Ver—
gißmeinnicht  oder  Immergrün  stand  auf  den  Titelblättern  der  zierlichen
goldgeränderten  Bändchen  zu  lesen.  Obersachsen,  das  vormals  so  oft
durch  starke  reformatorische  Geister  entscheidend  in  den  Gedankengang  der
Nation  eingegriffen  hatte,  wurde  für  einige  Jahrzehnte  der  Hauptsitz  dieser
Unterhaltungsliteratur;  es  war,  als  ob  die  einst  von  dem  jungen  Goethe
verspottete  „Gottsched-  Weiße  Gellertsche  Wasserflut“  wieder  über  das
schöne  Land  hereinbreche.  In  Dresden  kamen  Friedrich  Kind  und  Theodor
Hell  mit  einigen  anderen  ebenso  sanftmütigen  Poeten  allwöchentlich  zum
„Dichtertee“  zusammen  und  bewunderten  mit  unwandelbarer  Höflichkeit
wechselseitig  ihre  faden,  des  chinesischen  Getränkes  würdigen  Novellen,  die
sodann  in  der  vielgelesenen  „Abendzeitung“  veröffentlicht  wurden.  Karl
Böttiger  aber,  der  unaufhaltsamste  der  Rezensenten,  beeilte  sich,  wie  Goethe
sagte,  den  Lumpenbrei  der  Pfuscher  und  der  Schmierer  zum  Meisterwerk
zu  stempeln.

Ludwig  Tieck,  der  ebenfalls  in  die  liebliche  Elbestadt  übergesiedelt
war,  zog  sich  von  diesem  leeren  Treiben  vornehm  zurück.  An  ihm  ward
offenbar,  daß  die  geheimnisvolle  „Poesie  der  Poesie“,  deren  die  Romantiker
  sich  rühmten,  im  Grunde  nur  geistreiche  Kennerschaft  war.  Er
zählte,  obwohl  ihn  seine  Bewunderer  dicht  hinter  Goethe  stellten,  doch
zu  den  Naturen,  die  mehr  sind  als  sie  leisten.  Da  er  von  dem  übermächtigen
  schöpferischen  Drange  des  Dichters  jetzt  nur  noch  selten  ergriffen
ward,  so  warf  er  sich  mit  schönem  Eifer,  mit  seiner  gepriesenen  „schnellen
Fühlbarkeit“  auf  die  Erforschung  der  Shakespearischen  Dramatik.  Was
er  in  Wort  und  Schrift  für  die  Erklärung  und  Nachbildung  des  großen
Briten  tat,  ward  in  Wahrheit  fruchtbarer  für  das  deutsche  Leben  als  die
formlosen  Romane  und  die  literarisch  -satirischen  Märchendramen  seiner
Jugend,  die  eben  darum  nicht  als  naive  Kinder  der  Phantasie  erschienen,
weil  sie  mit  bewußter  Absichtlichkeit  selber  sagten,  daß  ihnen  „der  Verstand
  so  gänzlich  fehle“.  Wie  vielen  jungen  Poeten  und  Schauspielern
ist  in  dem  alten  Hause  am  Altmarkte  die  erste  Ahnung  von  dem  eigentlichen
  Wesen  der  Kunst  aufgegangen,  wenn  der  Dichter  an  seinen  vielgerühmten
  Leseabenden  mit  wahrhaft  kongenialer  Kraft  die  ganze  Welt  der
Shakespearischen  Gestalten  in  der  Fülle  ihres  Lebens  den  Hörern  vor  die
Seele  führte.  Der  junge  Graf  Wolf  Baudissin  fand  es  bald  unbegreiflich,
  wie  er  nur  hätte  leben  können  bevor  er  diesen  Mann  gekannt.  Tieck
war  früh  berühmt  geworden  und  erschien  schon  im  Mannesalter  wie  ein
        <pb n="35" />
        C.  Brentano.  27

Patriarch  der  deutschen  Poesie.  Gütig,  mit  teilnehmendem  Verständnis
nahm  der  gichtbrüchige  Mann  mit  den  hellen  Dichteraugen  die  Jungen
auf,  die  zu  ihm  wallfahrteten,  und  wenngleich  in  seinen  geistvollen  Worten
mancher  seltsame  Einfall  mit  unterlief,  so  blieb  sein  Blick  doch  auf  die
Höhen  der  Menschheit  gerichtet;  immer  wieder  verwies  er  die  Jugend  an
„die  heiligen  Vier,  die  Meister  der  neuen  Kunst,“  Dante,  Cervantes,
Shakespeare  und  Goethe.  Erst  nach  Jahren  kehrte  er  wieder  selbst  zur
Dichtung  zurück.  Noch  mehr  als  Tieck  hatten  sich  die  Brüder  Schlegel
dem  poetischen  Schaffen  entfremdet.  Friedrich  versank  ganz  in  dem  Getriebe
  der  ultramontanen  Politik.  August  Wilhelm  lebte  in  Bonn  seinen
literarhistorischen  und  philologischen  Studien,  eine  Zierde  der  neuen  rheinischen
  Hochschule;  den  Studenten  blieb  der  kleine  stutzerhafte  alte  Herr
doch  immer  ehrwürdig  als  der  Vertreter  einer  reichen  Epoche,  auf  deren
Schultern  die  neue  Wissenschaft  stand.

Nur  jenen  jüngeren  Poeten,  die  sich  einst  in  Heidelberg  zusammengefunden
  hatten,  versiegte  die  dichterische  Ader  nicht.  Tiefer  als  Clemens
Brentano  war  niemand  in  die  Irrgärten  des  romantischen  Spiel=  und
Traumlebens  hineingeraten.  Halb  Schalk  halb  Schwärmer,  heute  übermütig
  bis  zur  Tollheit,  morgen  zerknirscht  und  bußfertig,  sich  selber  und
der  Welt  ein  Rätsel,  trieb  sich  der  Ruhelose  bald  in  den  katholischen
Städten  des  Südens  umher,  bald  tauchte  er  in  Berlin  auf,  um  den  Gebrüdern
  Gerlach  und  den  anderen  christlich-germanischen  Genossen  der
Maikäfer-Gesellschaft  seine  Abhandlung  über  die  Philister,  die  kecke  Kriegserklärung
  der  Romantik  wider  die  Welt  der  Wirklichkeit,  vorzulesen.  Den
Befreiungskrieg  begrüßte  er  mit  lautem  Jubel,  doch  konnte  er  so  wenig
wie  Z.  Werner  sich  in  den  norddeutsch-protestantischen  Ton  der  Bewegung
recht  finden;  wie  seltsam  gezwungen  und  gemacht  erschienen  seine  zumeist
zur  Verherrlichung  Osterreichs  gedichteten  Kriegslieder:  „durch  Gott  und
Dich  ward  wahr,  o  Franz:  was  Ostreich  will  das  kann's!“  Nachher
führte  ihn  sein  mystischer  Hang  bis  zum  gemeinen  Aberglauben  herab;
er  verbrachte  mehrere  Jahre  am  Krankenlager  der  stigmatisierten  Nonne
von  Dülmen  und  legte  seine  Betrachtungen  über  das  Wunderweib  in
verzückten  Schriften  nieder.  Und  doch  drang  das  lautere  Himmelslicht
der  Poesie  immer  wieder  durch  die  Nebel,  welche  diesen  kranken  Geist
umnachteten.  Kaum  hatte  er  in  dem  tollen  Hexenspuk  der  „Gründung
Prags",  einer  verunglückten  Nachahmung  von  Kleists  Penthesilea,  allen
seinen  verschrobenen  Launen  die  Zügel  schießen  lassen,  so  sammelte  er
sich  wieder,  und  ihm  gelang  wirklich  was  die  Gelehrten  der  Romantik
immer  nur  gefordert  hatten:  einen  volkstümlichen  Stoff  in  volkstümliche
  Form  zu  gießen.  Er  schuf  sein  Meisterstück,  die  Erzählung  vom
braven  Kasperl  und  vom  schönen  Annerl,  das  Vorbild  der  deutschen  Dorfgeschichten.
  Mit  vollem  Rechte  rühmte  späterhin  Freiligrath  ihm  nach:
der  wußt'  es  wohl,  wie  nied're  Herzen  schlagen;  denn  so  naiv  und  tren
        <pb n="36" />
        28  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

hat  keiner  wieder  geschildert  was  dem  Seelenleben  der  kleinen  Leute  seine
einfältige  Größe  gibt:  die  verhaltene  Kraft  der  naturwüchsigen  Leiden—
schaft,  die  vergeblich  nach  einem  Ausdruck  ringt  und  dann  plötzlich  in  ver—
zehrenden  Flammen  durchbricht.  Ebenso  ungleich  blieb  sein  Schaffen  noch
in  späteren  Jahren.  Die  romantischen  Feinschmecker  bewunderten  seine
Hühnergeschichte  Gockel,  Hinkel  und  Gackeleia;  sie  konnten  nicht  genug
preisen,  wie  hier  ein  gesuchter  Einfall  zu  Tode  gehetzt,  Hühnerleben  und
Menschenleben  in  kindischem  Spiele  durcheinander  geworfen  wurde.  Unter—
dessen  schrieb  er  in  allen  guten  Stunden  seine  „Märchen“  still  für  sich
hin,  köstliche  Erzählungen  vom  Vater  Rhein,  von  den  Nixen  und  dem
kristallenen  Schlosse  drunten  in  den  grünen  Wellen,  Bilder  von  schalk—
hafter  Anmut,  traumhaft  lieblich  wie  die  rheinischen  Sommernächte.

Der  ungleich  stärkere  und  klarere  Geist  seines  Freundes  Achim  v.  Ar—
nim  fand  in  der  Märchenwelt  kein  Genügen.  Der  hatte  schon  früher  in
der  „Gräfin  Dolores“  ein  großes  realistisches  Talent  bekundet;  nun  wagte
er  sich  mit  dem  Romane  „die  Kronenwächter“  auf  die  hohe  See  des  histo—
rischen  Lebens  hinaus  und  rückte  mit  seiner  kräftigen,  unumwundenen
Wahrhaftigkeit  den  Gestalten  unserer  Vorzeit  herzhaft  auf  den  Leib,  bis
sie  ihm  Rede  standen  und  der  markige  Freimut,  die  derbe  Sinnlichkeit
des  alten  Deutschlands,  die  wüste  Roheit  seiner  Lagersitten,  der  recht—
haberische  Trotz  seines  reichsstädtischen  Bürgertums  den  Lesern  hart  und
grell,  wie  die  Gestalten  Dürerischer  Holzschnitte,  vor  die  Augen  traten.
Der  ordnende,  die  Fülle  des  Stoffes  beherrschende  Künstlersinn  bleibt
freilich  selbst  diesem  liebenswürdigsten  Jünger  der  romantischen  Schule
versagt.  Unvermittelt  wie  im  Leben  liegt  das  Einfache  und  das  Seltsame
in  dem  Romane  nebeneinander;  ein  dichtes  Gestrüpp  von  krausen  Epi—
soden  umwuchert  die  Erzählung;  zuweilen  verliert  der  Dichter  die  Lust
und  läßt  sich  wie  ein  unmutiger  Schachspieler  die  Figuren  vom  Brette
herunterschlagen.  Der  großgedachten,  tiefsinnigen  Dichtung  fehlt  der  Ab—
schluß,  die  Einheit  des  Kunstwerkes.

Weit  größeren  Anklang  fand  Amadeus  Hoffmann  bei  der  Masse  der
Lesewelt,  der  einzige  Novellendichter,  der  es  durch  Fruchtbarkeit  und  Ge—
schick  mit  dem  betriebsamen  Völkchen  der  Taschenbuchgsschriftsteller  auf—
nehmen  konnte.  In  seinem  wunderlichen  Doppelleben  verkörperte  sich  die
widerspruchsvolle  romantische  Moral,  die  mutwillig  jede  Brücke  zwischen
dem  Ideale  und  der  Wirklichkeit  abbrach  und  grundsätzlich  verschmähte  das
Leben  durch  die  Kunst  zu  verklären.  Wenn  er  den  Tag  über  die  gefangenen
  Demagogen  verhört  und  in  den  Kriminalakten  des  Kammergerichts
gewissenhaft  und  gründlich  gearbeitet  hatte,  dann  ging  ihm  erst  die  Sonne
seiner  Traumwelt  auf.  Dann  durfte  ihn  kein  Wort  mehr  an  das  Schattenspiel
  des  Lebens  erinnern,  dann  zechte  er  mit  ausgelassenen  Freunden
oder  phantasierte  in  Liebhaberkonzerten;  und  also  begeistert  schrieb  er  die
Phantasiestücke  in  Callots  Manier,  die  Elixiere  des  Teufels,  die  Nacht-
        <pb n="37" />
        A.  v.  Arnim.  Callot-Hoffmann.  29

stücke:  phantastische  Geschichten  von  Dämonen  und  Gespenstern,  von  Träumen
  und  Wundern,  von  Wahnsinn  und  Verbrechen,  das  Ungeheuerlichste
was  je  ein  überreiztes  Hirn  ersann.  Es  war  als  ob  die  Teufelsfratzen
von  den  Dachtraufen  unserer  alten  Dome  herunterstiegen.  Der  wüste
Spuk  drängte  sich  so  nahe,  so  sinnlich  greifbar  auf,  daß  der  Leser,  wie
vom  Alpdruck  gelähmt,  still  halten  mußte  und  dem  kecken  Humor,  der
diabolischen  Grazie  des  meisterhaften  Erzählers  alles  glaubte.  Zuletzt  blieb
von  dem  tollen  Spiele  freilich  nichts  zurück  als  die  dumpfe  Betäubung
des  physischen  Schreckens.  —

Derweil  in  Drama  und  Roman  so  viele  Irrwische  ihr  unstetes  Wesen
trieben,  erreichte  die  lyrische  Dichtung  der  Romantik  durch  Ludwig  Uhland
ihre  Vollendung.  Die  Kritiker  der  Schule  sahen  den  prosaischen  Menschen
über  die  Achseln  an,  als  seine  Gedichte  im  Jahre  1814  zuerst  herauskamen.
  Recht  als  das  Gegenbild  romantischer  Geniesucht  erschien  dieser
ehrenfeste  Kleinbürger:  wie  er  in  Paris  den  Tag  hindurch  treufleißig  in
den  Manuskripten  der  altfranzösischen  Dichtung  forschte  und  abends
schweigsam  in  Gesellschaft  des  ebenso  schweigsamen  Immanuel  Bekker  die
Boulevards  entlang  ging,  mit  offenem  Munde  und  geschlossenen  Augen,
ganz  unberührt  von  dem  lockenden  Glanz  und  den  Versuchungen  ringsum;
  wie  er  dann  in  dem  heimatlichen  Neckarstädtchen  seinen  behäbigen
wohlgeordneten  Haushalt  führte  und  sich  nicht  zu  gut  dünkte  an  den
prosaischen  Verfassungskämpfen  Württembergs  mit  Wort  und  Tat  teilzunehmen.
  Und  doch  war  es  gerade  diese  gesunde  Natürlichkeit  und  bürgerliche
  Tüchtigkeit,  was  den  schwäbischen  Dichter  befähigte  die  Schranken
der  Kunstformen  weise  einzuhalten  und  den  romantischen  Idealen  eine
lebendige,  dem  Bewußtsein  der  Zeit  entsprechende  Gestaltung  zu  geben.
Ein  denkender  Künstler,  blieb  er  doch  völlig  gleichgiltig  gegen  das  literarische
  Gezänk  und  die  ästhetischen  Doktrinen  der  Schule  und  harrte
geduldig  bis  die  Zeit  der  Dichterwonne  kam,  die  ihm  des  Liedes  Segen
brachte.  Dann  wendete  er  die  kritische  Schärfe,  welche  andere  Poeten  in
den  Literaturzeitungen  vergeudeten,  unerbittlich  gegen  seine  eigenen  Werke;
kein  anderer  deutscher  Dichter  hat  mit  so  sprödem  Künstlerstolze  alles
Halbfertige  und  Halbgelungene  im  Pulte  zurückbehalten.  Die  Heldengestalten
  unserer  alten  Dichtung,  des  Waltherliedes  und  der  Nibelungen,
erweckten  zuerst  seine  poetische  Kraft;  an  den  Gedichten  des  Altertums
vermißte  er  den  tiefen,  die  Phantasie  in  die  Weite  lockenden  Hintergrund;
doch  ein  angeborener,  streng  geschulter  Formensinn  bewahrte  ihn  vor  der
unklaren  Uberschwänglichkeit  der  mittelalterlichen  Poesie.  In  festen,
sicheren  Umrissen  traten  diesem  Klassiker  der  Romantik  seine  Gestalten
vor  die  Seele.

Während  die  älteren  Romantiker  meist  durch  den  phantastischen  Reiz
des  Fremdartigen  und  Altertümlichen  in  die  deutsche  Vorzeit  hinübergezogen
  wurden,  suchte  Uhland  in  der  Vergangenheit  das  rein  Mensch-
        <pb n="38" />
        30  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

liche,  das  zu  jeder  Zeit  Lebendige  und  vor  allem  das  Heimatliche,  die
einfältige  Kraft  und  Herzenswärme  des  unverbildeten  germanischen  Wesens;
  das  Forschen  in  den  Sagen  und  Liedern  unseres  Altertums  galt
ihm  als  „ein  rechtes  Einwandern  in  die  tiefere  Natur  des  deutschen
Volkslebens“.  Er  fühlte,  daß  der  Dichter,  auch  wenn  er  entlegene  Stoffe
behandelt,  nur  solche  Empfindungen  aussprechen  darf,  die  in  der  Seele
der  Lebenden  widerklingen,  und  blieb  sich  des  weiten  Abstandes  der  Zeiten
klar  bewußt.  Niemals  hat  ihn  die  Freude  an  der  Farbenpracht  des  Mittelalters
  den  protestantischen  und  demokratischen  Gedanken  des  neuen  Jahrhunderts
  entfremdet.  Derselbe  Dichter,  der  so  rührend  von  den  Gottesstreitern
  der  Kreuzzüge  sang,  pries  auch  den  Baum  von  Wittenberg,  der
mit  Riesenästen,  dem  Strahle  des  Lichtes  entgegen,  zum  Klausendach  hinauswuchs,
  und  gesellte  sich  freudig  zu  den  streitbaren  Sängern  des  Befreiungskrieges
  und  beugte  sich  demütig  vor  der  Heldengröße  des  neuerstandenen
Vaterlandes:

Nach  solchen  Opfern  heilig  großen

Was  gälten  diese  Lieder  dir?

Mit  kräftigem  Spotte  kehrte  er  der  Aftermuse  der  romantisch  süßen
Herren,  der  Assonanzen=  und  Sonettenschmiede  den  Rücken  zu  und  hielt
sich  an  den  Wahlspruch  der  Altvorderen:  „schlicht  Wort  und  gut  Gemüt
sind  das  echte  deutsche  Lied.“  Die  anschaulichen,  volkstümlichen  Ausdrücke
  strömten  dem  Sprachgewaltigen  von  selber  zu.  So  leicht  erklangen
seine  ungekünstelten  Verse,  so  frisch  und  heiter  schwebten  seine  Gestalten
dahin,  daß  die  Leser  gar  nicht  bemerkten,  wie  viel  Künstlerfleiß  sich  hinter
der  tadellosen  Reinheit  dieser  einfachen  Formen  verbarg,  wie  tief  der
Dichter  in  die  Schachte  der  Wissenschaft  hatte  hinabsteigen  müssen  bis
ihm  Klein  Roland  und  Taillefer,  Eberhard  der  Rauschebart  und  der  Schenk
von  Limburg  so  vertraut  und  lebendig  wurden.  Für  seine  Erzählungen
wählte  er  mit  Vorliebe  die  dem  leidenschaftlichen  germanischen  Wesen
zusagende  Form  der  dramatisch  bewegten  Ballade,  nur  selten,  wo  es  die
Natur  des  Stoffes  gebot,  die  ruhig  berichtende,  ausführlich  schildernde
südländische  Romanze.  Nicht  die  Begebenheit  war  ihm  das  Wesentliche,
sondern  ihr  Widerschein  in  dem  erregten  Menschenherzen.  Jede  Falte
des  deutschen  Gemüts  lag  ihm  offen,  und  wunderbar  glücklich  wußte  er
zuweilen  mit  wenigen  anspruchslosen  Worten  ein  Herzensgeheimnis  unseres
  Volkes  zu  offenbaren.  Einfacher  als  in  dem  Gedichte  von  dem
treuen  Kameraden  ist  nie  gesagt  worden,  wie  den  streitbaren  Germanen
seit  der  Cimbernschlacht  bis  zu  den  Franzosenkriegen  im  Schlachtgetümmel
immer  zu  Mute  war:  so  kampflustig  und  fromm  ergeben,  so  liebevoll
und  so  treu.

Die  Kraft  der  Empfindung  drängte  sich  auch  in  seinen  erzählenden
Dichtungen  so  stark  hervor,  daß  manche  Gedichte,  die  er  selber  Balladen
nannte,  bald  als  Lieder  in  den  Volksmund  übergingen.  Denn  seinen
        <pb n="39" />
        Uhland.  31

Liedern  vornehmlich  verdankte  er  die  Liebe  des  Volkes,  die  ihm  zuerst  in
der  schwäbischen  Heimat,  dann  auch  im  übrigen  Deutschland  frohlockend
entgegenkam  bis  er  endlich  der  volkstümlichste  aller  unserer  großen  Dichter
wurde.  In  den  schlichten,  tief  empfundenen  Worten  von  Liebes  Leid  und
Freude,  von  Wanderglück  und  Abschiedsschmerz,  von  der  Lust  des  Weines
und  der  Waffen  fanden  alle,  Vornehm  und  Gering,  die  Erinnerungen
ihres  eigenen  Lebens  wieder.  Zumal  die  Oberdeutschen  fühlten  sich  angeheimelt,
  wenn  ihnen  zwischen  den  Zeilen  des  Dichters  stets  die  schwäbische
  Landschaft  mit  ihren  Rebenhügeln  und  sonnigen  Flüssen,  mit  ihrem
heiteren  sangeslustigen  Völkchen  entgegenwinkte.  Die  einfachen,  dem  Volksliede
  nachgebildeten  Weisen  forderten  unwillkürlich  zum  Singen  auf;  bald
wetteiferten  die  Tonsetzer  sich  ihrer  zu  bemächtigen.  Die  ganze  Jugend
stimmte  mit  ein.  Uhlands  Lieder  erklangen  wo  immer  deutsche  Soldaten
über  Land  marschierten,  wo  Studenten,  Sänger  und  Turner  sich  zum
fröhlichen  Feste  zusammenfanden;  sie  wurden  eine  Macht  des  Segens  für
das  frisch  aufblühende  kräftige  Volksleben  des  neuen  Jahrhunderts.  Das
junge  im  Kriege  gestählte  Geschlecht  drängte  überall  aus  der  Stubenluft
der  guten  alten  Zeit  hinaus  ins  Freie,  die  deutsche  Wanderlust  forderte
ihr  Recht,  alte  halbvergessene  Volksfeste  gelangten  wieder  zu  Ehren.  Der
neue  Volksgesang  schlug  eine  Brücke  über  die  tiefe  Kluft,  welche  die  Gebildeten
  von  den  Ungebildeten  trennte,  führte  die  Massen,  die  nichts
lasen,  zuerst  in  die  Kunstdichtung  der  Gegenwart  ein;  und  wenngleich
jene  köstliche  ungebrochene  Einheit  der  nationalen  Gesittung,  wie  sie  einst
in  den  Tagen  der  Staufer  bestanden,  für  die  gelehrte  Bildung  der  modernen
  Welt  immer  unerreichbar  blieb,  so  war  es  doch  eine  heilsame  Rückkehr
zur  Natur,  daß  allmählich  mindestens  ein  Teil  der  schönsten  deutschen
Gedichte  der  ganzen  Nation  lieb  und  verständlich  wurde.  Wie  schlug  dem
schwäbischen  Dichter  das  Herz,  als  er  die  neu  erwachende  Liederfreude
seines  Volkes  sah;  voll  Zuversicht  rief  er  den  Genossen  die  nur  allzu  treulich
  beherzigte  Mahnung  zu:
Singe,  wem  Gesang  gegeben
In  dem  deutschen  Dichterwald!

Das  ist  Freude,  das  ist  Leben,
Wenn's  von  allen  Zweigen  schallt!

Der  schlichte  Mann  konnte  sich  nicht  satt  sehen  an  dem  lärmenden
Gewimmel  der  Volksfeste,  und  das  waren  ihm  die  Augenblicke  des  höchsten
  Dichterlohnes,  wenn  er  einmal  auf  einer  Rheinreise  irgendwo  im
Walde  junges  Volk  mit  frischen  Stimmen  seine  eigenen  Lieder  singen
hörte,  oder  wenn  ein  Tübinger  bemoostes  Haupt  in  festlichem  Komitat
über  die  Neckarbrücke  hinauszog  und  das  Abschiedslied  „es  ziehet  der
Bursch  in  die  Weite“  bis  in  den  Rebgarten  des  Dichterhauses  am  Osterberge
  hinüberklang.

Wohl  umspannten  seine  Gedichte  nur  einen  ziemlich  engen  Kreis  von
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        32  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Gedanken;  er  sang,  wie  einst  die  ritterlichen  Dichter  mit  den  Goldharfen,
fast  allein  „von  Gottesminne,  von  kühner  Helden  Mut,  von  lindem
Liebessinne,  von  süßer  Maienblut".  Auch  in  seinen  Tragödien  verherrlichte
  er  mit  Vorliebe  die  zähe  Treue  altdeutscher  Freundschaft;  ihnen
fehlt  die  fortreißende  Macht  der  dramatischen  Leidenschaft.  An  das  mächtige
  politische  Pathos  seines  Lieblings  Walther  von  der  Vogelweide  reichten
seine  vaterländischen  Gedichte  nicht  heran;  der  prometheische  Drang,  die
höchsten  Rätsel  des  Daseins,  das  Woher  und  Wohin  der  Menschheit  zu
ergründen,  berührte  sein  ruhiges  Gemüt  selten.  Darum  wollte  Goethe
von  den  Rosen  und  Gelbveigelein,  den  blonden  Mädchen  und  trauernden
Rittern  des  schwäbischen  Sängers  nichts  hören;  er  verkannte,  daß  ihm
selber  in  der  Lieder=  und  Balladendichtung  niemand  sonst  so  nahe  gekommen
  war  wie  Uhland,  und  meinte  herbe,  in  alledem  liege  nichts  das
Menschengeschick  Bezwingendes.  Die  Deutschen  aber  hatten  sich  längst
im  Stillen  verschworen,  den  Altmeister  zu  behandeln  nach  seinem  eigenen
Worte:  wenn  ich  Dich  liebe,  was  geht's  Dich  an?  Der  treue  Schwabe
wußte,  wie  unmöglich  es  ist  einen  Meister  seines  Irrtums  zu  überführen.
Er  ließ  sich  durch  die  Ungerechtigkeit  des  Alten  in  seiner  Liebe  nicht  beirren;
  er  ward  nicht  müde,  dem  Greise  seine  Sängergrüße  zu  senden  und
der  Nation  zu  erzählen,  wie  dieser  Königssohn  einst  in  goldner  Frühe
das  schlummernde  Dornröschen,  die  deutsche  Poesie  erweckte,  und  wie  das
steinerne  Laub  am  Straßburger  Münster  rauschte,  als  der  Dichterjüngling
  die  Turmschnecken  hinaufstieg,  „dem  nun  ein  halb  Jahrhundert  die
Welt  des  Schönen  tönt".

Obwohl  der  Schweigsame  nach  seinem  dreißigsten  Jahre  nur  noch
einzelne  Gedichte  veröffentlichte  und  sich  begnügte  als  geistvoller  Forscher
und  Sammler  an  der  großen  Arbeit  der  Wiederentdeckung  unserer  Vorzeit
  teilzunehmen,  so  wuchs  sein  Dichterruhm  doch  von  Jahr  zu  Jahr.
Die  Lieder  seiner  Jugend  konnten  nicht  veralten.  Hochgebildet  und  doch
bürgerlich  unscheinbar;  begeistert  für  die  alte  Herrlichkeit  des  Reichs  und
das  österreichische  Kaisergeschlecht,  und  doch  ein  Demokrat,  dem  die  „Fürstenrätt
  und  Hofmarschälle  mit  trübem  Stern  auf  kalter  Brust“  immer
verdächtig  blieben;  im  politischen  Kampfe  furchtlos  und  treu,  wie  es  der
Wappenspruch  des  Landes  fordert,  bis  zum  trotzigen  Eigensinne  —  so
erschien  er  den  Schwaben  als  der  rechte  Vertreter  der  Landesart,  als  der
beste  der  Stammgenossen.  Sie  hoben  ihn  auf  den  Schild  und  rühmten:
„jedes  Wort,  das  der  Uhland  gesprochen,  ist  uns  gerecht  gewesen."

Eine  Schar  von  jungen  Poeten  folgte  dem  Meister  nach  und  nannte
sich  bald  selbst  die  schwäbische  Dichterschule.  Hier  zuerst  in  der  Geschichte
der  neuen  deutschen  Dichtung  ward  der  Versuch  einer  landschaftlichen
Sonderbildung  gewagt,  doch  es  war  ein  durchaus  harmloser  Partikularismus.
  Nichts  lag  diesen  Dichtern  ferner  als  die  Absicht  sich  loszureißen
von  der  gemeinsamen  Arbeit  der  Nation;  sie  fühlten  sich  nur  recht  von
        <pb n="41" />
        Die  schwäbische  Dichterschule.  33

Herzen  froh  und  stolz,  diesem  heiteren  Lande  des  Weines  und  der  Lieder
anzugehören,  diesem  Stamme,  der  einst  des  heiligen  Reiches  Sturmfahne
getragen  hatte  und  fest  wie  kein  anderer  mit  den  großen  Erinnerungen
unseres  Mittelalters  verwachsen  war.  Liebenswürdige  Heiterkeit  und  natür—
liche  Frische  war  allen  den  ungezählten  Balladen  und  Liedern  dieser  Poeten
eigen;  sie  blieben  deutsch  und  züchtig  und  bewahrten  die  reinen  Formen
der  lyrischen  Dichtung  auch  in  späteren  Tagen,  als  der  neue  weltbür—
gerliche  Radikalismus,  den  Adel  der  Kunstform  und  die  Unschuld  des
Herzens  zerstörend,  über  die  deutsche  Poesie  hereinbrach.  Aber  die  wun—
derbare  poetische  Stimmung  der  Lieder  Uhlands  ließ  sich  ebensowenig
nachahmen  wie  seine  schalkhafte  Laune,  die  den  reckenhaften  Trotz  der
deutschen  Heldenzeit  so  glücklich  zu  verklären  wußte.  Manche  der  schwä—
bischen  Balladensänger  verfielen  allmählich  in  die  gereimte  Prosa  des  Mei—
stersanges;  ihre  platte  Gemütlichkeit  wußte  dem  neuen  Jahrhundert  keine
Gedanken  zu  bieten.

Weitaus  der  eigentümlichste  Geist  aus  diesem  Kreise  war  Justinus
Kerner,  eine  durch  und  durch  poetische  Natur  voll  drolligen  Humors  und
tiefen  Gefühles.  Sein  gastfreies  Haus  in  den  Rebgärten  dicht  neben  der
alten  sagenberühmten  Burg  Weibertreu  bei  Weinsberg  blieb  viele  Jahre
hindurch  die  Herberge  für  alle  guten  Köpfe  aus  dem  Oberlande.  Wer
dort  von  dem  Dichter  und  seinem  Rickele  herzlich  aufgenommen  ward
und  ihn  dann  beim  Neckarwein  tolle  Schnurren  erzählen  oder  seine  geist—
vollen  warm  empfundenen  Lieder  vortragen  hörte,  der  fand  es  kaum  an—
stößig,  daß  auch  dieser  im  Grunde  der  Seele  protestantische  und  moderne
Mensch  von  dem  mystischen  Hange  der  Romantik  nicht  unberührt  geblieben
  war.  Wie  Brentano  die  wundertätige  Katharina  Emmerich,  so
feierte  Kerner  die  Seherin  von  Prevorst,  eine  kranke  Bäuerin  aus  der
Nachbarschaft,  und  meinte  durch  sie  den  Einklang  zweier  Welten  zu  be—
lauschen;  was  ihn  in  diese  nächtigen  Regionen  trieb  war  nicht  die  Ge—
wissensangst  einer  unfreien,  haltlosen  Seele,  sondern  die  poetische  Schwär—
merei  eines  kindlichen  Gemütes,  das  in  der  Verstandesdürre  der  Auf—
klärung  seinen  Frieden  nicht  finden  konnte.  Dankbar  rief  ein  Genosse  der
Tafelrunde  dem  glücklichen  Dichterhause  zu:

Es  weicht  die  Geisterschwüle
Vor  jener  Abendkühle,
Die  von  des  Genius  Schwingen  taut!

Unterdessen  begann  die  Nation  erst  ganz  zu  verstehen  was  sie  an
ihrem  größten  Dichter  besaß.  Immer  mächtiger  und  gebieterischer  hob
sich  die  Gestalt  Goethes  vor  ihren  Augen,  als  die  Aufregung  der  Kriegszeit
  sich  legte  und  die  während  der  Jahre  1811—14  erschienenen  drei
ersten  Teile  von  Dichtung  und  Wahrheit  allmählich  in  größere  Kreise
drangen.  Das  Buch  stand  in  der  langen  Reihe  der  Bekenntnisse  bedeutender
  Männer  ebenso  einzig  da  wie  der  Faust  in  der  Dichtung.  Seit

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  U.  3
        <pb n="42" />
        34  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

den  Konfessionen  des  Augustinus  hatte  niemand  mehr  das  allerschönste
Geheimnis  des  Menschenlebens,  das  Werden  des  Genius,  so  tief,  wahr
und  mächtig  geschildert.  Jenem  strengen  Heiligen  verschwanden  die  Gestalten
  des  Diesseits  gänzlich  neben  dem  zermalmenden  Gedanken  der
Sündhaftigkeit  aller  Kreatur  und  der  Sehnsucht  nach  dem  lebendigen
Gotte;  hier  aber  redete  ein  weltfreudiger  Dichtergeist,  der  in  der  Lebensfülle
  der  Schöpfung  die  ewige  Liebe  anzuschauen  suchte  und  von  den  höchsten
  Flügen  des  Gedankens  immer  wieder  zurückkehrte  zu  dem  einfältigen
Künstlerglauben:  „wozu  dient  all  der  Aufwand  von  Sonnen  und  Planeten
  und  Monden,  von  Sternen  und  Milchstraßen,  von  Kometen  und
Nebelflecken,  von  gewordenen  und  werdenden  Welten,  wenn  sich  nicht  zuletzt
  ein  glücklicher  Mensch  unbewußt  seines  Daseins  erfreut?“  Ebenso
ehrlich  wie  einst  Rousseau  bekannte  Goethe  die  Fehler  und  Irrgänge  seiner
Jugend;  doch  bewahrte  ihn  sein  sicheres  Stilgefühl  vor  jener  gewaltsamen,
gesuchten  Offenheit,  die  zur  Schamlosigkeit  führt.  Er  legte  nicht  wie  der
Genfer  auch  jene  halb  unbewußten  widerspruchsvollen  Aufwallungen  des
Gefühles  bloß,  welche  allein  durch  ihre  Flüchtigkeit  erträglich  werden  und
in  der  ausführlichen  Darstellung  fratzenhaft  erscheinen,  sondern  gab  nur
das  Wesentliche  seines  Lebens:  er  erzählte,  wie  er  zum  Dichter  geworden  war.

Wenn  aus  Rousseaus  Geständnissen  zuletzt  doch  nichts  übrig  blieb
als  die  wehmütige  Erkenntnis  der  Gebrechlichkeit  des  Menschen,  der
zwischen  seinem  Urbild  und  seinem  Zerrbild,  zwischen  dem  Gott  und  dem
Tiere  haltlos  dahinschwankt,  so  überkam  die  Leser  von  Dichtung  und
Wahrheit  das  frohe  Gefühl,  daß  dem  deutschen  Dichter  in  zweifachem
Sinne  gelungen  war  was  Milton  einst  von  dem  Poeten  verlangte:  sein
Leben  selbst  zu  einem  wahren  Kunstwerke  zu  gestalten.  Wie  er  das  Talent
  von  der  Mutter,  den  Charakter  von  dem  Vater  ererbt  hatte  und
nun  nach  und  nach  mit  ungeheuerer  Beharrlichkeit  sich  ausbreitete  über
den  ganzen  Bereich  menschlichen  Schauens,  Dichtens  und  Erkennens  —
auf  jeder  Stufe  seiner  Entwickelung  erschien  dieser  Geist  gesund,  vorbildlich,
  der  Natur  gemäß  und  darum  so  einfach  in  allen  seinen  wunderbaren
Wandlungen.  Die  geistreiche  Fanny  Mendelssohn  sprach  nur  die  Empfindungen
  aller  Leser  aus,  als  sie  weissagte:  diesen  Mann  werde  Gott
nicht  vor  der  Zeit  heimrufen;  der  müsse  auf  Erden  bleiben  bis  zum  höchsten
  Alter  und  seinem  Volke  zeigen  was  es  heiße  zu  leben.  Die  Verehrung
  für  Goethe  ward  ein  Band  der  Einheit  zwischen  den  besten  Männern
  dieses  zerrissenen  Volkes;  je  höher  ein  Deutscher  in  seiner  Bildung
stand,  um  so  tiefer  beugte  er  sich  vor  dem  Dichter.  Wohl  hörte  man
aus  dem  Tone  des  Buches  heraus,  daß  Goethe  einst  selber  von  seinen
Jugendtagen  gesagt  hatte:  man  hätte  mir  eine  Krone  auf  das  Haupt  setzen
können,  und  ich  würde  mich  nicht  gewundert  haben.  Und  doch  stand  er
viel  zu  hoch,  um  auch  nur  berührt  zu  werden  von  jenen  unwillkürlichen
Regungen  der  Selbstgefälligkeit,  die  sich  fast  in  allen  Konfessionen  zeigen.
        <pb n="43" />
        Dichtung  und  Wahrheit.  35

Das  mächtige  Selbstbewußtsein,  das  sich  in  diesen  Blättern  aussprach,
war  die  heitere  Ruhe  eines  ganz  mit  sich  einigen  Geistes,  die  glückliche
Unbefangenheit  eines  Dichters,  der  sein  Leben  lang  nur  Bekenntnisse  geschrieben
  hatte  und  längst  gewohnt  war  den  Tadlern  und  den  Neidern
gelassen  zu  antworten:  ich  habe  mich  nicht  selbst  gemacht.

Immer  wenn  er  in  das  deutsche  Leben  hineingriff  hatte  er  sein  Höchstes
  geleistet;)  so  waren  denn  auch  die  Gestalten,  die  er  jetzt  aus  der  Erinnerung
  heraufbeschwor,  von  einer  Seelenwärme  durchleuchtet  wie  nur
die  schönsten  seiner  freien  Dichtergebilde.  Aus  dem  Pfarrhause  von  Sesenheim
  drang  ein  Strahl  der  Liebe  in  die  Jugendträume  jedes  deutschen
Herzens,  und  wenn  ein  Deutscher  an  die  seligen  Tage  seiner  eigenen
Kindheit  zurückdachte,  so  stand  mit  einem  Male  das  winklige  alte  Haus
am  Hirschgraben  und  der  fließende  Brunnen  im  Hofe  vor  ihm  und  er
schaute  der  glücklichen  Frau  Rat  in  die  tiefen  lachenden  Augen.  Der
Dichter  sagte  mit  seinen  Alten:  in  der  Gestalt  wie  der  Mensch  die  Erde
verläßt,  wandelt  er  unter  den  Schatten.  Ihm  selber  fiel  ein  anderes
Los;  denn  so  mächtig  war  der  Zauber  dieses  Buches,  daß  noch  heute,
wenn  Goethes  Namen  genannt  wird,  fast  jedermann  zuerst  an  den  königlichen
  Jüngling  denkt;  seine  Mannesjahre,  die  er  selbst  nicht  mehr  geschildert
  hat,  scheinen  neben  dem  sonnigen  Glanze  dieser  Jugendgeschichte
wie  im  Schatten  zu  liegen.

Wie  Rousseau  die  Zeitgeschichte  mit  der  Erzählung  seines  Lebens
verwoben  hatte,  so  gab  auch  Goethe,  nur  ungleich  tiefsinniger  und  gründlicher,
  ein  umfassendes  Geschichtsbild  von  dem  geistigen  Leben  der  fridericianischen
  Zeit.  Noch  einmal  aufflammend  in  jugendlichem  Feuer  schilderte
  der  Greis  jene  hoffnungsfrohen  Frühlingstage  der  deutschen  Kunst:
wie  alles  keimte  und  drängte,  wie  der  frische  Duft  des  Erdreichs  aus
den  neu  umgebrochenen  Ackern  die  Luft  erfüllte,  wie  der  eine  Baum
noch  kahl  stand  und  andere  schon  Blätter  trugen.  Wie  oft  hatten  Niebuhr
  und  andere  Zeitgenossen  dem  Dichter  den  historischen  Sinn  abgesprochen,
  weil  er  sich  so  gern  in  die  Natur  versenkte.  Er  aber  löste  jetzt
die  beiden  höchsten  Aufgaben  des  Geschichtschreibers,  die  künstlerische  und
die  wissenschaftliche,  und  zeigte  durch  die  Tat,  daß  beide  in  Eines  zusammenfallen:
  indem  er  die  Vergangenheit  den  Lesern  so  lebendig  vergegenwärtigte,
  daß  sie  alles  mitzuerleben  glaubten,  ließ  er  sie  zugleich
das  Geschehene  verstehen,  die  Notwendigkeit  der  Tatsachen  erkennen.
Das  Werk  war  entstanden  in  den  Tagen  der  napoleonischen  Weltherrschaft,
  da  der  Dichter  selbst  an  der  politischen  Auferstehung  seines  Vaterlandes
  zu  verzweifeln  schien,  und  gleichwohl  sprach  aus  jedem  Satze  die
zuversichtliche,  hoffnungsfrohe  Stimmung  des  fridericianischen  Zeitalters.
Kein  Wort  ließ  erraten,  daß  der  Dichter  nach  den  jüngsten  Niederlagen
den  Glauben  an  Deutschlands  große  Zukunft  aufgegeben  hätte.  Eben

jetzt,  da  alle  Welt  den  preußischen  Staat  verloren  gab  und  selbst  die
3*
        <pb n="44" />
        36  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

teutonischen  Schwarmgeister  sich  gleichgiltig  von  dem  Bilde  Friedrichs  ab—
wendeten,  zeigte  Goethe  zuerst  in  ergreifenden  Worten,  wie  fest  die  neue
Kunst  mit  dem  preußischen  Heldenruhme  verwachsen  war:  an  Talenten
war  in  Deutschland  niemals  Mangel,  doch  der  nationale  Gehalt,  der
eigentliche  Lebensinhalt  kam  unserer  Dichtung  erst  durch  Friedrichs  Taten.
So  wenig  war  der  Dichter  seinem  Volke  innerlich  untreu  geworden.  Heute
gibt  es  nur  noch  eine  heilige  Sache:  —  so  äußerte  er  einst  in  jenen
schweren  Tagen  —  im  Geiste  zusammenzuhalten  und  in  dem  allgemeinen
Ruin  das  Palladium  unserer  Literatur  zu  bewahren!

Ein  qualvoller,  ungesunder  Zustand  blieb  es  doch,  daß  er  zu  dem
erwachenden  politischen  Leben  seines  Volkes  so  gar  kein  Vertrauen  fassen
konnte.  Schmerzlich  genug  erprobte  er  die  Wahrheit  seines  eigenen  Ausspruchs:
  der  Dichter  sei  seiner  Natur  nach  unparteiisch  und  könne  in
Zeiten  politischer  Leidenschaft  einem  tragischen  Schicksal  kaum  entgehen.
Auf  Augenblicke  überkam  ihn  wohl  die  Ahnung  einer  glücklicheren  Zukunft.
Als  die  große  Armee  nach  Rußland  zog  und  die  Verzagten  meinten,  nunmehr
  sei  das  Weltreich  vollendet,  da  erwiderte  er:  wartet  ab,  wie  viele
wiederkommen  werden!  Aber  als  nun  wirklich  nur  armselige  Trümmer
jener  endlosen  Züge  zurückkehrten  und  das  preußische  Volk  sich  wie  ein
Mann  erhob,  da  graute  dem  Dichter  doch  vor  dem  aufgeregten  Wesen
der  „unartigen  Freiwilligen“.  Er  vergaß  es  nie,  wie  wenig  die  Deutschen
  einst  den  hohen  patriotischen  Sinn  von  Hermann  und  Dorotheaverstanden
  hatten,  und  traute  seinem  Volke  die  nachhaltige  Kraft  des
politischen  Willens  nicht  zu;  er  hatte  von  jeher  mit  der  alten  Kultur  des
Westens  seine  Gedanken  ausgetauscht  und  sah  jetzt  mit  unheimlichen
Ahnungen,  wie  die  Völker  des  Ostens  „Kosaken,  Kroaten,  Kassuben  und
Samländer,  braune  und  andere  Husaren“  über  das  friedliche  Mitteldeutschland
  dahinfegten.  Seinem  Sohne  verbot  er  streng,  in  das  Heer  der  Verbündeten
  einzutreten  und  mußte  dann  noch  erleben,  wie  der  leidenschaftliche
  Jüngling,  beschämt  und  verzweifelt,  plötzlich  umschlug  und  im  Hause
des  Vaters  eine  abgöttische  Verehrung  für  Napoleon  zur  Schau  trug.

Erst  die  Friedensbotschaft  erlöste  den  Dichter  aus  seiner  dumpfen  Verstimmung;
  er  atmete  erleichtert  auf  und  schrieb  zur  Friedensfeier  das  Festspiel
  „des  Epimenides  Erwachen",  um  nach  seiner  Weise  durch  ein  poetisches
Bekenntnis  seine  Brust  vollends  zu  befreien.  Die  Masse,  die  mit  Recht
bei  solchem  Anlaß  ein  volkstümliches,  gemeinverständliches  Werk  erwartete,
wußte  mit  den  symbolischen  Gestalten  nichts  anzufangen;  wer  aber  den
Sinn  der  Fabel  zu  enträtseln  vermochte,  hörte  tief  erschüttert  mit  an,
wie  der  träumerische  Weise,  „der  diese  Nacht  des  Jammers  überschlief",
den  siegreichen  Kämpfern  bekannte:  er  schäme  sich  seiner  Ruhestunden,
„denn  für  den  Schmerz,  den  ihr  empfunden,  seid  ihr  auch  größer  als
ich  bin!"  Es  war  ein  Geständnis,  das  jeden  Tadel  beschämte;  doch  keineswegs
  eine  Demütigung,  denn  zugleich  dankte  Epimenides  den  Göttern,
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        Des  Epimenides  Erwachen.  37

die  ihm  in  diesen  stürmischen  Jahren  die  Reinheit  der  Empfindung  bewahrt
hatten.  Freier,  heiterer  blickte  Goethe  fortan  auf  den  Befreiungskrieg
zurück,  und  für  das  Standbild,  das  die  Stände  Mecklenburgs  in  Rostock
ihrem  Blücher  errichteten,  schrieb  er  die  Zeilen:

In  Harren  und  Krieg,

In  Sturz  und  Sieg

Bewußt  und  groß,

So  riß  er  uns
Vom  Feinde  los!

Sobald  die  Waffen  schwiegen  machte  er  sich  auf  „zu  des  Rheins
gestreckten  Hügeln,  hochgesegneten  Gebreiten“.  Zwei  glückliche  Sommer,
1814  und  1815  verbrachte  er  in  den  befreiten  rheinischen  Landen,  die
ihn  mit  ihrem  sonnenhellen  Leben  immer  vor  allen  anderen  deutschen
Gauen  anheimelten.  Das  Herz  ging  ihm  auf,  da  er  überall  den  alten
rheinländischen  Frohsinn,  den  freundnachbarlichen  Verkehr  zwischen  den
beiden  Ufern  wiedererwachen  sah,  und  droben  auf  dem  Rochusberge  bei
Bingen,  wo  die  französischen  Vorposten  so  lange  ihren  Lugaus  gehalten,
das  Volk  wieder  zum  heiteren  Kirchenfeste  zusammenströmte.  In  den  Blättern,
  die  er  zum  Gedächtnis  dieser  frohen  Tage  schrieb,  erschien  der  Greis
wieder  ganz  so  lebensfroh  und  weinselig  wie  einst  der  Straßburger  Student.
  Auch  die  Forschungen  jener  Straßburger  Zeit  nahm  er  jetzt  im
freundlichen  Verkehre  mit  Bertram  und  den  Gebrüdern  Beisseree  wieder
auf.  Er  freute  sich  an  dem  Kölner  Dome,  besuchte  alle  die  alten  Bauwerke
  am  Main  und  Rhein  und  verweilte  lange  in  Heidelberg:  dort  stand
jetzt  die  altdeutsche  Gemäldesammlung  der  Gebrüder  Boisseree  mit  dem
Bartholomäus-Altar  und  dem  gewaltigen  Bilde  des  heiligen  Christophorus,
ein  Wanderziel  für  alle  jungen  Teutonen,  die  Wiege  unserer  neuen  Kunstforschung.
  Die  Gestalten  Dürers,  „ihr  festes  Leben  und  Männlichkeit,  ihre
innere  Kraft  und  Ständigkeit“  hatten  den  Dichter  schon  in  seiner  Jugend
mächtig  angezogen;  wie  tat  es  ihm  wohl,  jetzt  auch  an  den  Werken  der
altniederländischen  und  der  kölnischen  Malerschule  den  Fleiß,  die  Bedeutsamkeit,
  die  Einfalt  der  deutschen  Altvordern  zu  bewundern.  Ach  Kinder,
rief  er  aus,  was  sind  wir  dumm:  wir  bilden  uns  ein,  unsere  Großmütter
seien  nicht  auch  schön  gewesen!  Auch  der  Nibelungen  nahm  er  sich  nachdrücklich
  an,  gegen  Kotzebue  und  die  anderen  platten  Gesellen,  die  über
die  reckenhafte  Großheit  des  germanischen  Altertums  ihre  Witze  rissen.
Den  Drillingsfreunden  in  Köln,  den  Boisserees  und  ihrem  Genossen  Bertram,
  „die  zum  Vergangenen  mutig  sich  kehren“,  sendete  er  zum  Andenken
  sein  Bild  mit  freundlichen  Versen.  Die  christlich-germanischen
Schwarmgeister  frohlockten,  nun  sei  dieser  Berg  zu  Tal  gekommen,  nun
habe  der  alte  Heidenkönig  dem  deutschen  Festkinde,  dem  Kölner  Dome
huldigen  müssen;  sie  rechneten  den  Dichter  bereits  zu  den  Ihren  und
hofften  demnächst  eine  christliche  Iphigenie  erscheinen  zu  sehen.
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        38  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Wie  wenig  kannten  sie  diesen  allseitigen  Geist,  der  eben  damals  mit
ruhigem  Selbstgefühle  sagte:  Wer  nicht  von  dreitausend  Jahren  sich  weiß
Rechenschaft  zu  geben,  bleib'  im  Dunkeln  unerfahren,  mag  von  Tag  zu
Tage  leben!  Wenn  Goethe  den  berechtigten  Kern  der  deutschen  Romantik
unbefangen  anerkannte,  so  war  er  doch  mit  nichten  gemeint,  im  hohen
Alter  zu  dem  Gedankenkreise  seines  Götz  von  Berlichingen  zurückzukehren.
Er  blieb  der  Klassiker,  der  den  Benvenuto  Cellini  übersetzt  und  in  seiner
Schrift  über  Winckelmann  das  Evangelium  der  deutschen  Renaissance  ver—
kündet  hatte;  war  ihm  doch  Dürer  nur  darum  so  lieb,  weil  dieser  heitere
Genius  gleich  ihm  selber  germanischen  Gedankenreichtum  mit  südländischer
  Formenschönheit  verband.  Der  Welterfahrene,  der  sich  selbst  oftmals
  demütig  „ein  borniertes  Individuum“  nannte,  wußte  nur  zu  wohl,
wie  leicht  die  Anforderungen  des  Lebens  den  Handelnden  zur  unwillkürlichen
  Einseitigkeit  verführen,  und  sah  daher  mit  Entrüstung,  wie  die  bewußte
und  gewollte  Einseitigkeit  des  Teutonentums  den  Deutschen  ihr  bestes
Gut,  die  freie  Weltansicht,  die  unbefangene  Empfänglichkeit  zu  verkümmern
  drohte.  Wenn  das  junge  Volk  sich  gar  unterstand,  ihm  seine  geliebte
  Sprache  durch  anmaßliche  Reinigung  zu  verderben,  sie  des  befruchtenden
  Verkehrs  mit  fremder  Kultur  zu  berauben,  dann  brauste  er  auf
in  hellem  Titanenzorne.  Die  „malkontente,  determinierte,  zuschreitende"
Art  des  neuen  Geschlechts  widerte  ihn  an,  dies  plumpe,  ungekämmte  Wesen,
diese  aus  natürlicher  Germanenderbheit  und  gemachtem  Jakobinertrotz  so
seltsam  gemischte  Formlosigkeit.  Namentlich  an  den  jungen  Malern,  die
in  dem  Kloster  auf  dem  Quirinal  ihre  Werkstatt  aufgeschlagen  hatten,
bemerkte  Goethe  bald  jene  Dürftigkeit,  die  allem  Fanatismus  eigen  ist.
Die  fruchtbaren  ersten  Jahre  der  mittelalterlichen  Schwärmerei  waren
vorüber.  Jetzt  hieß  die  Losung  „Frömmigkeit  und  Geniel!“;  der  Fleiß
ward  mißachtet,  und  manche  Werke  der  Nazarener  erschienen  so  leer  und
kahl  wie  die  Klosterzellen  von  S.  Isidoro  selber.  Scharf  abwehrend  trat
der  Dichter  dieser  Richtung  entgegen;  sogar  die  Widmung  der  Corneliusschen
  Zeichnungen  zum  Faust  würdigte  er  keiner  Antwort;  denn  er  fühlte,
daß  der  große  Maler  nur  die  eine  Seite  des  Gedichtes  verstanden,  die
klassischen  Ideen  aber,  die  nachher  im  zweiten  Teile  ihre  Entfaltung
finden  sollten,  noch  kaum  bemerkt  hatte.

Vor  allem  entsetzte  den  freien  Geist  des  alten  Klassikers  „die  Kinderpäpstelei“,
  das  erkünstelte  neukatholische  Wesen  der  verfallenden  Romantik.
  Es  wurde  verhängnisvoll  für  den  ganzen  Verlauf  der  deutschen
Gesittung  bis  zum  heutigen  Tage,  daß  Goethe  eine  freie,  geistvolle  Form
des  positiven  christlichen  Glaubens  eigentlich  niemals  kennen  lernte.  In
seiner  Jugend  verkehrte  er  eine  Zeitlang  mit  den  schönen  Seelen  des
Pietismus,  jedoch  der  enge  Gesichtskreis  dieser  Stillen  im  Lande  vermochte
  den  Genius  nicht  zu  fesseln.  Im  Alter  trat  er  mit  den  Bekennern
  jenes  tiefsinnigen,  weitherzigen  und  hochgebildeten  Christentums,
        <pb n="47" />
        Goethe  und  die  neue  Generation.  39

das  während  der  schweren  Jahre  des  Leidens  und  des  Kampfes  allmählich
  herangereift  war,  niemals  in  nahe  Berührung;  sonst  wäre  seinem
scharfen  Blicke  schwerlich  entgangen,  daß  Männer  wie  Stein  und  Arndt  ihre
unerschütterliche  Hoffnungsfreudigkeit,  ihre  sittliche  Uberlegenheit,  einem
Hardenberg  oder  Gentz  gegenüber,  zu  allermeist  der  Kraft  des  lebendigen
Glaubens  verdankten.  So  geschah  es,  daß  auch  der  letzte  und  größte
Vertreter  unserer  klassischen  Epoche  von  dem  wieder  erwachenden  religiösen
Leben  der  Nation  wenig  bemerkte,  und  noch  auf  Jahrzehnte  hinaus  die
Geringschätzung  kirchlicher  Dinge  in  den  Kreisen  der  reichsten  Bildung  fast
als  ein  notwendiges  Zeichen  freier  Gesinnung  erschien.  Die  spindeldürren
  Gestalten  der  Nazarener  mit  ihrer  gesuchten  Einfalt,  die  bald
süßlichen,  bald  überschwänglichen  Reden  der  romantischen  Apostaten  mußten
Goethes  großen  Sinn  empören;  und  als  er  gar  die  Frau  von  Krüdener
auf  ihre  alten  Tage  die  Erweckte,  die  gottbegeisterte  Seherin  spielen  sah,
da  wallte  sein  protestantisches  Blut  hoch  auf  und  er  schrieb  kurzab:  „Hurenpack,
  zuletzt  Propheten!“  Auch  die  Verfälschung  der  Wissenschaft  durch
religiöse  Gefühle  und  mystische  Ahnungen  blieb  ihm  immerdar  ein  Greuel,
und  mit  hellem  Jubel  begrüßte  er  Gottfried  Hermanns  „kritisch-hellenischpatriotische“"
  Feldzüge  wider  Creuzers  Symbolik.  Er  fühlte  lebhaft,  daß
alles  deutsche  Wesen  zugrunde  gehen  mußte,  wenn  wir  jemals  unseren
Weltbürgersinn  völlig  aufgäben;  er  ward  nicht  müde  von  der  Notwendigkeit
  einer  Weltliteratur  zu  sprechen,  das  Echte  und  Gute  aus  den  Werken
der  Nachbarvölker  zu  empfehlen,  und  fand  sogar  Worte  des  Beifalls  als
der  geistreiche  Russe  Uwarow  vorschlug,  jede  Wissenschaft  nur  in  einer  kongenialen
  Sprache  darzustellen,  also  die  Altertumskunde  nur  in  der  deutschen.

Ebensowenig  wie  das  überspannte  Teutonentum  konnten  dem  Dichter
die  neuen  konstitutionellen  Doktrinen  zusagen.  In  den  einfachen  gemütlichen
  Verhältnissen  des  Lebens  bewährte  er  stets  eine  rührende  Güte  und
Nachsicht  gegen  den  geringen  Mann,  tiefe  Ehrfurcht  vor  den  starken  und
sicheren  Instinkten  des  Volksgefühls.  Oft  wiederholte  er:  die  wir  die
niederste  Klasse  nennen  sind  vor  Gott  gewiß  die  höchste  Menschenklasse.
Selbst  während  er  an  der  Iphigenie  schrieb,  vermochte  sein  menschenfreundliches
  Herz  den  Gedanken  an  die  hungernden  Apoldaer  Strumpfwirker
  nicht  los  zu  werden.  Doch  im  Staate,  in  Kunst  und  Wissenschaft
zeigte  er  die  aristokratische  Gesinnung,  die  jedem  bedeutenden  Kopfe  natürlich
  ist,  und  wahrte  streng  abweisend  das  natürliche  Vorrecht  der  Bildung.
  Schon  in  den  Volksszenen  seines  Egmont  hatte  er  sein  Urteil  über
die  politische  Befähigung  der  Masse  unverblümt  ausgesprochen.  „Verwirrend
  ist'  wenn  man  die  Menge  höret“  —  so  lautete  seine  Antwort,  wenn
die  Wortführer  des  Liberalismus  zuversichtlich  beteuerten,  die  untrügliche
Weisheit  des  Volks  werde  alle  Schäden  des  deutschen  Staatslebens  zu
heilen  wissen.  Das  undeutsche  Wesen  der  liberalen  Tagesschriftsteller,
ihre  Abhängigkeit  von  den  Doktrinen  der  Franzosen  war  seiner  deutschen
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        40  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Gesinnung  verächtlich;  ihre  verständige  Wasserklarheit  erinnerte  ihn  an
den  alten  Nicolai  und  erfüllte  ihn  zugleich  mit  Besorgnis,  denn  er  lebte
des  Glaubens,  die  reine  Verstandesbildung  führe  zur  Anarchie,  da  dem
Verstande  keine  Autorität  innewohne.  Bald  bemerkte  er  auch  mit  Ekel,
wie  der  junge  Liberalismus  in  denselben  unduldsam  gehässigen  Ton  verfiel
  wie  einst  der  Ketzerrichter  der  Berliner  Aufklärung  und  alle  Andersdenkende
  als  Fürsten-  oder  Pfaffenknechte  verfolgte.  Diesen  Sklaven  der
Parteimeinung  hielt  er  entgegen:  es  gehe  nur  einen  wahren  Liberalismus,
die  Liberalität  der  Gesinnungen,  des  lebendigen  Gemüts.

Mit  unüberwindlichem  Abscheu  erfüllte  ihn  das  aufblühende  Zeitungswesen;
  ihm  entging  nicht,  wie  verflachend  und  versandend  dies  Haschen  nach
den  Tagesneuigkeiten,  diese  ungesunde  Vermischung  von  ödem  Klatsch  und
politischer  Belehrung  auf  die  allgemeine  Bildung  wirken,  welche  Frechheit
und  Nichtigkeit  unter  allen  diesen  unverantwortlichen  Namenlosen,  die
hier  über  Menschen  und  Dinge  zu  Gericht  saßen,  aufwuchern  mußte.
„Tiefe  Verachtung  öffentlicher  Meinung“  schien  ihm  der  einzige  Gewinn
aus  der  belobten  Preßfreiheit.  Achselzuckend  wendete  er  sich  ab  von  den
Götzen  des  Tages:  „wer  in  der  Weltgeschichte  lebt,  dem  Augenblick  sollt'  er
sich  richten?"  —  Wie  war  es  doch  so  still  geworden  um  den  Alten!  Auch
Herder  und  Wieland  waren  dahingegangen,  und  das  schöne  Verhältnis
zu  seinem  fürstlichen  Freunde  wurde  durch  eine  unwürdige  Kränkung  getrübt.
  Der  Dichter  wollte  nicht  dulden,  daß  ein  abgerichteter  Hund  dort
seine  Künste  zeigte,  „wo  der  bekränzte  Liebling  der  Kamönen  der  inm'ren
Welt  geweihte  Glut  ergoß".  Der  Großherzog  aber  bestand  auf  seiner
Laune;  Goethe  mußte  vor  dem  Hunde  des  Aubry  weichen  und  zog  sich
von  der  Leitung  der  Weimarischen  Bühne  zurück.

Die  freie  Heiterkeit  seines  Wesens  blieb  von  alledem  unberührt.  Mit
jugendlichem  Eifer  verteidigte  er  in  seiner  neuen  Zeitschrift  „Kunst  und
Altertum",  wie  vormals  in  den  Propyläen,  die  klassischen  Ideale.  Der
Kunst-Meyer  und  die  anderen  unter  dem  gefürchteten  Zeichen  W.  K.  F.
versteckten  Weimarischen  Kunstfreunde  unterstützten  ihn  im  Kampfe  wider
„die  neue  frömmelnde  Unkunst“.  Freilich  stand  der  Dichter  an  der  Schwelle
zweier  Zeitalter,  und  hinter  dem  stolzen,  zuversichtlichen  Tone  seiner
Polemik  verbarg  sich  zuweilen  ein  Gefühl  der  Unsicherheit.  Wie  vormals
Winckelmann  zugleich  für  die  antiken  Bildwerke  der  Villa  Albani  und  für
die  frostige  Eleganz  eines  Raphael  Mengs  sich  begeisterte,  so  kam  auch
Goethe  von  seinem  alten  Genossen  Tischbein  nicht  ganz  los  und  schmückte
ein  steifes  Bild  des  Freundes,  das  von  natürlicher  Wahrheit  wenig  oder
nichts  enthielt,  mit  den  Versen:  „heute  noch  im  Paradiese  wandern
Lämmer  auf  der  Wiese,  und  Natur  ist's  nach  wie  vor!“  Dabei  behielt
er  doch  Fühlung  mit  allen  frei  aufstrebenden  Talenten  der  deutschen  Kunst

und  begrüßte  mit  warmem  Lobe  die  ersten  kühnen  Schritte  Christian
Rauchs.
        <pb n="49" />
        Italienische  Reise.  41

Wirksamer  als  diese  kritische  Tätigkeit  ward  das  Erscheinen  der  Ita—
lienischen  Reise  im  Jahre  1817.  Seit  langem  waren  diese  Erinnerungs—
blätter  in  den  Kreisen  der  Freunde  verbreitet;  nun  gab  sie  der  Dichter
gesammelt  heraus  in  einer  neuen  Bearbeitung,  welche  absichtlich  alles
Licht  auf  Rom,  auf  die  Werke  des  Altertums  und  der  Renaissance  fallen
ließ.  Die  Deutschen  sollten  ihm  nachfühlen,  wie  ihn  einst  die  übermächtige
Sehnsucht  unaufhaltsam  nach  der  ewigen  Stadt  drängte,  wie  selbst  in
Florenz  seines  Bleibens  nicht  war,  wie  er  in  Assisi  nur  Augen  hatte  für
die  schlanken  Säulen  des  Minerventempels  und  „den  tristen  Dom“  des
heiligen  Franciscus,  die  geweihte  Stätte,  wo  einst  Giottos  Kunst  erwachte,
keines  Blickes  würdigen  wollte,  bis  er  schließlich  unter  der  Porta  del
Popolo  sich  gewiß  war  Rom  zu  haben.  Und  nun  mußten  die  Leser  ihm
folgen  durch  alle  jene  reichen  Tage,  die  schönsten  und  fruchtbarsten  seines
Lebens  hindurch:  wenn  morgens  die  Sonne  über  den  zackigen  Gipfeln
des  Sabinergebirges  emporstieg  und  der  Dichter  den  einsamen  Weg  am
Tiber  entlang  hinauszog  zu  dem  Brunnen  in  der  Campagna;  wenn  er
unter  den  Trümmern  des  Forums  als  ein  Mitgenosse  der  Ratschläge
des  Schicksals  die  Geschichte  von  innen  heraus  lesen  lernte,  wenn  ihn
im  einsamen  kühlen  Saale  die  ganze  Seligkeit  des  Schaffens  überkam,
die  Gestalten  der  Iphigenie,  des  Egmont,  des  Tasso,  des  Meister  mächtig
auf  ihn  eindrängten;  wenn  er  endlich  unter  den  Orangenbäumen  am
sonnigen  Strande  von  Taormina  die  Nausikaa  und  den  Dulder  Odysseus
leibhaftig  vor  sich  wandeln  sah.  Und  dann  immer  wieder  das  demütige
Geständnis  des  Mannes,  der  längst  schon  den  Götz  und  den  Werther
gedichtet  hatte:  hier  sei  er  wiedergeboren  worden,  hier  sei  ihm  erst  die
Klarheit  und  die  Ruhe  des  Künstlers  aufgegangen,  hier  habe  er  erst  ge—
lernt  aus  ganzem  Holze  zu  schneiden.  Die  alte  Germanensehnsucht  nach
dem  Süden,  die  Dankbarkeit  der  Nordländer  gegen  die  schönen  Heimat—
lande  aller  Gesittung  hatte  niemals  wärmere  Worte  gefunden.  Der  Ein—
druck  war  tief  und  nachhaltig.  Dem  Dichter  wurde  die  Freude,  daß
mehrere  der  begabtesten  jungen  Künstler  sich  bald  nachher  wieder  dem
Altertum  zuwendeten.  Aber  nicht  bloß  die  Nazarener  grollten  dem  heid—
nischen  Buche,  auch  Niebuhr  und  manche  andere  weltlich  freie  Köpfe
fühlten  sich  befremdet.  Diese  rein  ästhetische,  dem  politischen  Leben  grund—
sätzlich  abgewendete  Weltanschauung  entsprach  den  Gesinnungen  der  acht—
ziger  Jahre;  dem  Geschlechte,  das  bei  Leipzig  und  Belle  Alliance  geschlagen
hatte,  konnte  sie  nicht  mehr  ganz  genügen,  wie  mächtig  auch  die  litera—
rischen  Neigungen  wieder  überhandnahmen.

Vor  wenigen  Jahren  erst  hatte  Goethe  einige  seiner  jugendlichsten
geselligen  Lieder  geschrieben,  so  das  ausgelassene  Burschenlied  Ergo  bibamus.
  Nach  und  nach,  da  er  hoch  in  die  Sechzig  hinaufkam,  regten  sich
ihm  doch  die  Gefühle  des  Alters,  die  milde  Beschaulichkeit,  die  gefaßte
Ergebung,  die  Neigung  zum  Lehrhaften,  Symbolischen  und  Geheimnis-
        <pb n="50" />
        42  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

vollen;  und  nach  seiner  Gewohnheit  ließ  er  die  Natur  frei  gewähren.
In  solcher  Stimmung  las  er  die  Übersetzung  des  Hafis  von  Hammer.
Jener  Drang  in  die  Ferne,  den  die  Weltfahrten  der  Romantik  unter  den
Deutschen  erweckt  hatten,  ergriff  auch  ihn;  er  fühlte,  wie  die  ruhige,  heitere
Lebensweisheit  des  Orients  seinen  Jahren,  die  persische  Naturreligion  seiner
eigenen  Erdfreundschaft  zusagte.  Doch  „etwas  Unmittelbares  in  seine
Arbeiten  aufzunehmen“  war  ihm  unmöglich;  er  wollte  und  konnte  nicht,
wie  Schiller,  sich  eines  fremden  Stoffs  gewaltsam  bemächtigen  um  ihn
zu  gestalten.  Gemächlich  lebte  er  sich  nach  und  nach  ein  in  die  Formen
und  Bilder  der  persischen  Poesie,  bis  seine  eigenen  Gedanken  unwillkürlich
  etwas  von  dem  Dufte  des  Morgenlandes  annahmen.

Da  führte  ihn  ein  freundliches  Geschick,  auf  jener  Reise  in  die  rheinische
  Heimat,  mit  Marianne  von  Willemer  zusammen;  es  war,  als
sollte  ihm  allein  das  ernste  Wort  nicht  gelten,  das  er  zwei  Jahre  zuvor
geschrieben:  der  Mensch  erfährt,  er  sei  auch  wer  er  mag,  ein  letztes  Glück
und  einen  letzten  Tag.  Wie  ward  ihm  wieder  so  jugendlich  zumute
in  jenen  sonnigen  Herbsttagen,  da  er  mit  der  schönen  jungen  Frau  in
den  Baumgängen  der  Heidelberger  Schloßterrasse  lustwandelte  und  den
arabischen  Namenszug  seiner  Suleika  in  den  Rand  der  Brunnenschale
einritzte:  „und  noch  einmal  fühlet  Goethe  Frühlingshauch  und  Sonnenbrand.“
  Was  ihn  dort  beglückte  war  nicht  eine  übermächtige  Leidenschaft,
wie  er  sie  einst  für  Frau  von  Stein  empfunden,  sondern  eine  warme  und
tiefe  Herzensneigung  für  ein  holdes  Weib,  das  durch  die  Liebe  des  Dichters
selber  zur  Künstlerin  wurde.  Gelehrig  ging  sie  auf  das  orientalische  Formenspiel
  des  Freundes  ein;  im  Wechselgesange  mit  Hatem  dichtete  Suleika
jene  melodischen  Lieder  voll  süßer  Sehnsucht  und  hingebender  Demut,
die  während  eines  halben  Jahrhunderts  zu  Goethes  schönsten  Gedichten
gerechnet  worden  sind.  Er  aber  erwiderte  bald  geistreich  spielend,  bald
leidenschaftlich  erregt;  in  glutvollen,  mystischen  Versen  besang  er  den
liebsten  von  allen  Gottesgedanken,  die  Macht  der  zwischen  zweien  Welten
schwebenden  Liebe,  die  zusammenführt  was  sich  angehört:  „Allah  braucht
nicht  mehr  zu  schaffen,  wir  erschaffen  seine  Welt!“

Dergestalt  entstand  nach  und  nach  das  letzte  große  lyrische  Werk  des
Dichters,  der  Westöstliche  Divan,  ein  bunter,  nur  durch  das  Band  der
morgenländischen  Form  zusammengehaltener  Strauß  von  Liebes=  und
Schenkenliedern,  von  Sprüchen  und  Betrachtungen,  von  alten  und  neuen
Bekenntnissen.  Es  fehlte  nicht  an  streitbaren  Worten;  nicht  umsonst  gestand
der  alte  Meister:  denn  ich  bin  ein  Mensch  gewesen,  und  das  heißt  ein
Kämpfer  sein.  Mit  schonungslosen  Worten  schilderte  er  die  Macht  des
Niederträchtigen  unter  den  Menschen,  und  im  scharfen  Gegensatze  zu  der
Liederseligkeit  der  schwäbischen  Dichter  sah  er  schon  voraus,  wie  das  Übermaß
  der  Sangeslust  das  deutsche  Leben  zuletzt  ernüchtern  werde:  „wer
treibt  die  Dichtkunst  aus  der  Welt?  die  Poeten!“  Den  Grundton  der
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        Westöstlicher  Divan.  43

Sammlung  bildete  doch  eine  stille,  das  irdische  Treiben  frei  überschauende
Heiterkeit:  „mir  bleibt  genug,  es  bleibt  Idee  und  Liebe.“  Die  kunstvolle,
in  bisher  unerhörten  Freiheiten  sich  ergehende  Prosodie  des  Divans  diente
den  gedankenreicheren  Lyrikern  des  folgenden  Geschlechts  zum  Vorbilde.
Wohl  fehlte  dann  und  wann  jener  Zauber  der  unmittelbaren  Eingebung,
der  allen  Jugendwerken  Goethes  ihre  hinreißende  Macht  gab;  einzelne
steife  und  gesuchte  Wendungen  erschienen  mehr  gedichtet  und  gedacht  als
empfunden,  manche  künstliche  Arabesken  nur  eingefügt  um  den  fremdartigen
  Reiz  des  Gesamtbildes  zu  erhöhen.  Dafür  erschloß  der  Greis
im  Divan,  in  den  Orphischen  Urworten,  in  den  unzähligen  Sprüchen
seiner  letzten  Jahre  einen  Schatz  der  Weisheit,  der  fast  für  jede  Lebensfrage
  des  Gemüts  und  der  Bildung  das  rechte  Wort  bot  und  erst  von
dem  heutigen  Geschlechte  allmählich  verstanden  wird.  Viele  Dichtungen
seines  Alters  gemahnten  an  jene  rätselhaften  Runen  unseres  Altertums,
  vor  denen  der  germanische  Held  sinnen  und  träumen  konnte  bis
an  seinen  Tod.  Zuweilen  wagte  er  sich  bis  in  die  letzten  geheimnisvollen
Tiefen  des  Daseins,  bis  dicht  an  die  Grenzen  des  Sagbaren,  wo  das
Wort  verstummt  und  die  Musik  einsetzt:  so  in  jenem  wunderbaren  Liede,
das  immer  leise  in  der  Seele  widerklingt  so  oft  ein  Strahl  himmlischer
Glückseligkeit  in  unser  armes  Leben  fällt:
Und  so  lang  Du  das  nicht  hast,
Dieses:  Stirb  und  werde!

Bist  Du  nur  ein  trüber  Gast
Auf  der  dunklen  Erde.

So  lebte  er  dahin  in  seiner  einsamen  Größe,  unablässig  schauend,
sammelnd,  forschend,  dichtend,  ins  Endliche  nach  allen  Seiten  schreitend
um  das  Unendliche  ahnungsvoll  zu  ermessen,  beglückt  durch  jeden  Sonnentag
  des  Frühlings  und  jede  Gabe  des  reichlichen  Herbstes,  wie  durch
jedes  gelungene  Werk  der  Kunst  und  jeden  neuen  Fund  im  weiten  Bereiche
  menschlichen  Wissens.  Schillers  zarter  Körper  hatte  sich  vor  der
Zeit  aufgerieben  im  harten  Dienste  der  Kantischen  Pflichtenlehre;  bei  diesem
Glücklichen  und  Kerngesunden  erschien  die  ungeheure,  allseitige  Tätigkeit
nur  wie  die  natürliche,  mühelose  Entfaltung  angeborener  Kräfte.  Die
ihm  ferne  standen  ahnten  kaum,  wie  ernst  er  es  selber  nahm  mit  seinem
strengen  Worte:  nur  wer  immer  wirkt  vermag  zu  wirken;  bald  kommt
die  Nacht,  wo  niemand  wirken  kann!  Sie  ahnten  noch  weniger,  welch  ein
festes  Gottvertrauen  den  verrufenen  Heiden  durch  sein  reiches  Alter  geleitete:
  wie  er  sich  in  frommer  Scheu  hütete  der  Vorsehung  vorzugreifen
und  in  jeder  zufälligen  Fügung  des  Tages  das  unmittelbare  Eingreifen
Gottes  erkannte  —  denn  nur  so  erschien  dem  Künstler  die  göttliche  Weltregierung
  denkbar.  Und  da  er  selber  noch  mit  jedem  Tage  wuchs  als
ob  dies  Leben  nie  ein  Ende  finden  könnte,  so  blieb  auch  die  Jugend  immer
sein  Liebling.  Mochte  ihn  die  anmaßende  Derbheit  des  jungen  Geschlechts
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        44  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

zuweilen  belästigen:  zuletzt  konnte  er  den  strahlenden  Augen  der  begeisterten
Brauseköpfe  doch  nicht  zürnen  und  meinte  gütig:  es  wäre  töricht  zu  verlangen:
  komm,  ältle  du  mit  mir!  Jungen  Dichtern  aber  wußte  er  nur
zu  raten  was  ihn  selber  die  Natur  gelehrt  hatte:  sie  sollten  sich  vorerst
bemühen  Männer  zu  werden,  reich  im  Herzen  wie  im  Kopfe,  und  ihre
Seele  offen  halten  jedem  Hauche  der  Zeit:  „poetischer  Gehalt  ist  Gehalt
des  eigenen  Lebens;  man  halte  sich  ans  fortschreitende  Leben  und  prüfe
sich  von  Zeit  zu  Zeit,  ob  man  lebendig  ist!“

Einzelne  eifrige  Renegaten,  wie  Friedrich  Schlegel,  unterstanden  sich
wohl,  von  dem  abgetakelten  alten  Herrgott  zu  reden;  die  Edleren  wußten,
daß  man  diesen  Mann  nicht  antasten  konnte,  ohne  die  Nation  selber  zu
beschimpfen.  Wenn  der  Freiherr  vom  Stein  die  Zurückhaltung  Goethes
in  den  napoleonischen  Tagen  beklagte,  so  fügte  er  bescheiden  hinzu:  Aber
er  ist  doch  zu  groß!  Nirgends  fand  der  Dichter  wärmere  Bewunderer
als  in  den  Kennerkreisen  Berlins.  Hier  wurde  die  Goethe-Verehrung
wie  ein  Geheimdienst  getrieben;  die  ewig  schwärmende  Hohepriesterin  Rahel
Varnhagen  verkündete  von  ihrem  Dreifuß  herunter  unermüdlich  in  orakelhaften
  Reden  den  Ruhm  des  Vergötterten.  Der  alte  Herr  sah  sich  die
Weihrauchswolken,  die  vor  seinem  Altar  an  der  Spree  emporstiegen,  aus
der  Ferne  gelassen  an  und  gab  gelegentlich  in  seinem  umständlichen  Geheimrats-Stile
  eine  höfliche  Antwort.  Doch  näher  auf  den  Leib  durften
ihm  diese  Huldigenden  nicht  heranrücken;  er  fühlte,  daß  bei  ihnen  zur
anspruchsvollen  Doktrin  wurde  was  ihm  selber  die  Natur  in  die  Wiege
gelegt  hatte.  Der  nixenhaften  kleinen  Rahel  schlug  ein  dankbares,  frommes,
menschenfreundliches  Herz  im  Busen;  mitten  in  der  gemachten  Ekstase
dieser  tief  eingeweihten  Dilettanten  und  Halbkünstler  bewahrte  sie  sich
das  sichere  Gefühl  des  Weibes  für  das  Große  und  Starke;  war  doch  Fichte
einst  viele  Jahre  lang  neben  Goethe  ihr  Abgott  gewesen.  Aber  dicht
neben  solchen  liebenswürdigen  Zügen  lag  eine  halb  unbewußte  und  eben
darum  unermeßliche  Eitelkeit,  die  in  der  Bewunderung  des  ersten  deutschen
  Dichters  die  Größe  des  eigenen  Ichs  genoß  und  sich  über  das  stille
Gefühl  der  Unfruchtbarkeit  tröstete  mit  dem  erhabenen  Gedanken:  der  im
Unendlichen  schwebende  Geist  verschmähe  sich  einzubannen  in  die  Kreise
der  Sprachkunst!  „Warum  sollte  ich  nicht  natürlich  sein?“  —  sagte  sie
arglos  —  „ich  wüßte  doch  nichts  Besseres  und  Mannigfaltigeres  zu  affektieren!“
  Und  wie  wenig  Inhalt  lag  doch  in  allen  den  gebildeten  Redensarten
  dieser  ästhetischen  Teezirkel.  Vieles  was  man  dort  Geist  nannte
lief  im  Grunde  hinaus  auf  die  Mißhandlung  der  deutschen  Sprache,  auf
das  verblüffende  Zusammenstellen  ungehöriger  Wörter.  Wenn  Rahel  ein
edel  und  feurig  vorgetragenes  Musikstück  „einen  gebildeten  Sturmwind"
nannte,  dann  jauchzte  die  Priesterschar  der  höheren  Bildung,  und  der
eunuchenhafte  Gatte  trug  die  Albernheit  mit  seinen  zierlichsten  Schriftzügen
  in  seine  Tagebücher  ein.  Der  alte  Heros  in  Weimar  aber  kannte
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        Die  Gotik.  45

den  weiten  Abstand  zwischen  dem  Kennen  und  dem  Können.  Wo  ihm
unter  seinen  Verehrern  schöpferische  Begabung  begegnete,  da  taute  er
auf;  wie  väterlich  kam  er  dem  Wunderkinde  Felix  Mendelssohn-Bartholdy
entgegen  und  freute  sich  mit  den  glücklichen  Eltern  des  schönen  Vereines
von  feiner  Bildung  und  echtem  Talent.  —

Als  die  Dichtung  schon  in  den  Herbst  eintrat,  begann  für  die  bildenden
  Künste  erst  die  Zeit  der  Blüte.  So  lange  die  Begeisterung  der
Kriegsjahre  anhielt  wurde  die  gotische  Kunst  allgemein  als  die  wahrhaft
deutsche  gepriesen.  Die  Jugend  schien  sich  für  immer  von  den  antiken
Idealen  abzuwenden,  und  Schenkendorf  rief  gebieterisch:  „man  soll  an
keiner  deutschen  Wand  mehr  Heidenbilder  sehn!“  Viele  der  Freiwilligen
aus  dem  Osten  lernten  auf  den  Märschen  am  Rhein  zuerst  den  Formenreichtum
  unserer  Vorzeit  kennen;  sie  meinten  in  diesen  alten  Domen  die
allein  gültigen  Musterbilder  für  die  vaterländische  Kunst  zu  finden  und
bemerkten  kaum,  daß  ihnen  in  den  Kirchen  des  verhaßten  Frankreichs
überall  der  nämliche  „altdeutsche“  Stil  begegnete.  Wenn  sie  zu  dem  alten
Kran  droben  auf  dem  unvollendeten  Turme  des  Kölner  Domes  emporschauten,
  dann  dachten  sie  mit  ihrem  ritterlichen  Sänger:  „daß  das  Werk
verschoben  bis  die  rechten  Meister  nah'n!“  Der  Kronprinz  fühlte  sich
ganz  überwältigt  von  dem  Anblick  der  majestätischen  Ruine;  auf  seinen
Betrieb  wurde  Schinkel  nach  Köln  gesendet  und  erklärte  in  seinem  Gutachten:
  einen  solchen  Bau  erhalten,  das  heiße  ihn  vollenden.

Von  dieser  Stimmung  der  Zeit  ward  auch  König  Friedrich  Wilhelm
berührt,  als  er  nach  dem  ersten  Pariser  Frieden  beschloß,  das  Gedächtnis
der  deutschen  Siege  durch  die  Erbauung  eines  prächtigen  altdeutschen  Domes
  in  Berlin  zu  verherrlichen.  In  Altpreußen  erklang  bald  nachher  von
allen  Seiten  der  Ruf:  das  herrliche  Hochmeisterschloß,  die  von  der  Roheit
der  Polen  und  dem  prosaischen  Kaltsinn  des  fridericianischen  Beamtentums
  so  schändlich  verstümmelte  Marienburg  müsse  in  ihrer  alten  Pracht
wieder  aufgerichtet  werden,  ein  Siegesdenkmal  für  das  alte  Ordensland,
das  sich  so  gern  rühmte  die  anderen  Deutschen  zum  heiligen  Kampfe  erweckt
  zu  haben.  Schön,  der  eifrige  Wortführer  des  altpreußischen  Provinzialstolzes,
  trat  an  die  Spitze  des  Unternehmens;  er  dachte  dies  schönste
weltliche  Bauwerk  unseres  Mittelalters  zu  einem  preußischen  Westminster
zu  erheben,  woran  jeder  aus  dem  Volke  seinen  Anteil  nähme.  Der
König  übernahm  den  Wiederaufbau;  die  dünnen  Zwischenwände,  die  ein
philisterhaftes  Geschlecht  mitten  durch  die  ungeheuren  Säle  gezogen  hatte,
fielen  zusammen;  über  den  schlanken  Pfeilern  der  Remter  erhoben  sich
wieder  leicht  und  frei  gleich  den  Fächern  der  Palmen  die  alten  gotischen
Gewölbe.  Die  Ausschmückung  des  Ordensschlosses  überließ  man  der  Nation.
Geld  wurde  nicht  angenommen:  wer  mithelfen  wollte  mußte  selber  einen
Teil  des  Bauwerks  künstlerisch  ausstatten.  Der  Adel,  die  Städte,  die
Korporationen  der  verarmten  Provinz  wetteiferten  in  Geschenken,  Patrioten
        <pb n="54" />
        46  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

aus  allen  Landesteilen  des  Staates  schlossen  sich  an;  York  stiftete  die
schweren  Zinnen  über  Meisters  Morgenhellem  Gemach,  Stein  hing  sein
Wappenschild  an  einem  Pfeiler  des  oberen  Burggangs  auf.  Bald  prang—
ten  an  den  bunten  Fenstern  die  Bilder  aus  Preußens  alter  und  neuer
Geschichte;  denn  gerade  in  diesen  Jahren  erwachte  die  alte  Kunst  der  Glasmalerei,
  die  mit  so  vielen  anderen  Segnungen  der  Kultur  in  den  Stür—
men  des  dreißigjährigen  Krieges  untergegangen  war,  wieder  zu  frischem
Leben.  Da  standen  unter  dem  schwarzundweißen  Banner  der  Ritter  vom
deutschen  Hause  und  der  Landwehrmann  des  Befreiungskrieges,  die  Gym—
nasien  des  tapferen  Grenzlandes  schenkten  ein  Fenster  mit  Davids  Schwert
und  Harfe  und  der  Inschrift:  wer  kein  Krieger  ist  soll  auch  kein  Hirte
sein!  Alle  Herzensgeheimnisse  des  romantischen  Geschlechts  traten  bei
diesen  Spenden  an  den  Tag;  wie  fühlten  die  Deutschen  sich  glücklich,  daß
sie  wieder  ein  Recht  hatten  den  Helden  ihrer  großen  Vorzeit  frei  ins  Ge—
sicht  zu  sehen.  Alles  jubelte,  als  der  junge  Kronprinz  in  den  mächtigen
Hallen  der  alten  Burg  ein  Festmahl  hielt  und  nach  seiner  enthusiastischen
Weise  den  Trinkspruch  ausbrachte:  „Alles  Große  und  Würdige  erstehe
wie  dieser  Bau!“

Gleichwohl  vermochte  die  gotische  Richtung  in  der  Kunst  ebensowenig
die  Oberhand  zu  erlangen  wie  die  schwäbischen  Dichter  in  der  Poesie.
Die  Ideen  Winckelmanns  und  Goethes  behaupteten  noch  ihre  Macht,
nirgends  kräftiger  als  in  Berlin.  Hier  standen  noch  die  besten  Werke
der  deutschen  Spätrenaissance,  das  Schloß,  das  Zeughaus  und  Schlüters
Kurfürstenstandbild,  die  Denkmäler  einer  klassisch  gebildeten  und  doch  natio—
nalen  Kunstweise,  verständlicher  für  das  moderne  Gefühl  als  die  Bauten
des  Mittelalters.  Hier  in  dem  Mittelpunkte  einer  großen,  aber  jungen
Geschichte  mußte  die  Rückkehr  zu  den  Bauformen  des  vierzehnten  Jahr—
hunderts  als  willkürliche  Künstelei  erscheinen.  Und  jetzt  erst  begann  man
mit  den  echten  Werken  der  Hellenen  vertraut  zu  werden.  Winckelmann
hatte  einst  fast  nur  die  römischen  Nachbildungen  der  griechischen  Kunst
kennen  gelernt  und  noch  gar  nicht  bemerkt,  welchen  weiten  Weg  das  Altertum
  von  den  dorischen  Zeiten  und  den  goldenen  Tagen  des  Perikles
bis  herab  zu  der  Epoche  der  hadrianischen  Nachblüte  durchlaufen  hatte.
Seit  dem  Anfang  des  neuen  Jahrhunderts  wurde  der  Boden  Griechenlands
  selbst  durchforscht;  die  Elginschen  Marmorwerke  wanderten  nach
London,  die  Aegineten  im  Jahre  1816  nach  München.  Mit  der  Erkenntnis
  wuchs  die  Bewunderung  für  die  Antike.  Zugleich  trat  in  Rom  jener
nachgeborene  Hellene  auf,  der  wie  kein  anderer  moderner  Mensch  in  der
klassischen  Formenwelt  lebte  und  nur  durch  ein  rätselhaftes  Spiel  des
Schicksals  in  diese  neuen  Jahrhunderte  verschlagen  schien.  Eine  starke
germanische  Ader  lag  doch  in  Thorwaldsens  mächtiger  Natur.  Den  Deutschen
  sprach  seine  Kunst  unmittelbar  zum  Herzen,  sie  zählten  den  Isländer
  halb  zu  den  Ihren;  hatte  er  doch  an  dem  Nachlaß  des  Deutschen
        <pb n="55" />
        Rauch.  47

Asmus  Carstens,  des  kühnen  Rebellen  gegen  die  akademische  Kunst,  sich
zuerst  gebildet  und  von  ihm  gelernt,  was  in  den  Werken  des  Altertums
wahrhaftig  lebendig  und  für  alle  Zeiten  gültig  sei.

Derweil  also  die  altdeutsche  und  die  klassische  Richtung  noch  in  un—
entschiedenem  Kampfe  lagen,  geschah  in  Berlin  eine  folgenreiche  Wendung.
Während  der  harten  Jahre,  da  der  preußische  Staat  am  Rande  des
Bankerotts  stand,  verbot  sich  die  Errichtung  monumentaler  Kunstwerke
von  selbst.  Nur  einen  künstlerischen  Plan  mochte  der  unglückliche  König
nicht  aufgeben:  er  wollte  seiner  Gemahlin  ein  würdiges  Grabmal  errich—
ten,  und  sein  gesundes  natürliches  Gefühl  führte  ihn  auch  hier  auf  den
rechten  Weg,  obwohl  er  sich  selber  bescheiden  nur  einen  Laien  in  Kunst—
sachen  nannte.  Sein  Herz  sehnte  sich  nach  einem  verklärten  Bilde  der
Geliebten;  und  da  er  dunkel  empfand,  daß  die  Gotik,  die  seinem  nüch—
ternen  Wesen  ohnehin  zu  phantastisch  vorkam,  den  Adel  der  menschlichen
Gestalt  nicht  zur  vollen  Geltung  gelangen  läßt,  so  wollte  er  von  einer
altdeutschen  Grabkapelle  nichts  hören.  Umsonst  beteuerte  ihm  Schinkel,
der  während  jener  Kriegsjahre  noch  ganz  in  teutonischen  Anschauungen
befangen  war:  die  Architektur  des  Heidentums  sei  für  uns  kalt,  die  harte
Schicksalsreligion  der  Alten  könne  den  Gedanken  des  Todes  nicht  mit  der
liebevollen,  tröstenden  Heiterkeit  des  Christentums  darstellen.  Friedrich
Wilhelm  ließ  inmitten  der  düsteren  Fichten  des  Charlottenburger  Parkes
einen  kleinen  dorischen  Tempel  erbauen,  der  nur  die  einfach  ernste  Hülle
für  das  Grab  der  Königin  bilden  sollte;  mit  der  Ausführung  des  Denk—
mals  selbst  wurde  Christian  Rauch  beauftragt,  der,  einst  im  Dienste  der
Verstorbenen  aufgewachsen,  durch  sie  in  die  Kunst  eingeführt,  jetzt  mit
der  ganzen  Wärme  künstlerischer  Begeisterung  und  persönlicher  Verehrung
sein  Werk  begann.  Tausende  strömten  herbei,  als  dies  Mausoleum  im
Frühjahr  1815  eröffnet  wurde,  die  Meisten  zuerst  nur  um  das  Angesicht
der  geliebten  Fürstin  noch  einmal  zu  sehen.  Aber  wie  sie  so  dalag,  die
liebliche  Gestalt  in  ihrer  stillen  Hoheit,  lebensvoll  als  ob  sie  atme,  schön
wie  ein  hellenisches  Weib,  fromm  und  friedlich  wie  eine  Christin,  jede
Ader  der  Hände  und  jede  Falte  des  weißen  Marmorgewandes  mit  der
höchsten  technischen  Sicherheit  und  Sorgfalt  behandelt,  da  verspürten  selbst
diese  nordischen  Massen,  denen  die  Skulptur  unter  allen  Künsten  am
fernsten  liegt,  einen  Hauch  vom  Geiste  der  Antike.  Der  Zug  der  Wall—
fahrer  währte  fort,  jahraus,  jahrein;  jedermann  fühlte,  die  deutsche  Kunst
hatte  einen  ihrer  großen  Schritte  getan.  Rauchs  klassisch  geschulter,  for—
menstrenger  Realismus  errang  einen  durchschlagenden  Erfolg.  Die  gotische
Kunstschwärmerei  verschwand  bald  aus  der  Berliner  Gesellschaft,  selbst  der
romantische  Kronprinz  wendete  sich  allmählich  den  klassischen  Idealen  zu.

Mittlerweile  waren  die  Staatsmänner  aus  Paris  heimgekehrt,  Har—
denberg  noch  ganz  erfüllt  von  den  mächtigen  Eindrücken  der  Louvre—
Gallerie;  Altenstein  und  Eichhorn  hatten  unterwegs  auch  die  Sammlung
        <pb n="56" />
        48  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

der  Boisserees  in  Heidelberg  besucht.  Sie  alle  verhehlten  nicht,  wie  dürftig
ihnen  das  Berliner  Kunstleben  neben  dem  Reichtum  des  Westens  er—
schien,  und  waren  mit  dem  König  einig  in  dem  Entschlusse,  daß  der
Staat  nimmermehr  in  das  banausische  Wesen  des  alten  Jahrhunderts
zurücksinken  dürfe.  Als  Altenstein  bald  darauf  an  die  Spitze  des  Unterrichtswesens
  trat,  nahm  er  sich  vor,  das  mit  der  Berliner  Universität  begonnene
  Werk  Wilhelm  Humboldts  fortzuführen  und  die  preußische  Hauptstadt
  auch  zu  einer  Heimstätte  deutscher  Kunst  zu  erheben.  Das  Mäcenatentum
  König  Friedrichs  I.  hatte  immer  zunächst  an  den  Glanz  des
Hofes  gedacht;  jetzt  da  die  preußische  Krone  sich  zum  zweitenmale  der
bildenden  Künste  mit  Eifer  annahm  war  sie  sich  der  großen  Kulturaufgaben
  des  Staates  endlich  bewußt  geworden.  Die  Pflege  der  Kunst  erschien
  ihr  nunmehr  als  eine  Pflicht  der  sittlichen  Volkserziehung,  damit
„aus  dem  Publikum  etwas  werde“,  wie  Schinkel  zu  sagen  pflegte;  sie  dachte
groß  von  der  Freiheit  des  Künstlers  und  begnügte  sich,  den  schöpferischen
Köpfen  würdige  Aufgaben  zu  stellen  ohne  sie  in  ihrer  Eigenart  zu  meistern.
Aber  dieser  vornehmen  Gesinnung  des  Königs  entsprachen  die  Kräfte  des
erschöpften  Staatshaushalts  keineswegs.  Preußen  mußte  wieder  einmal,
wie  schon  so  oft,  versuchen  mit  armseligen  Mitteln  Großes  zu  schaffen,
und  zur  rechten  Zeit  erschien  der  rechte  Mann.

Ein  universaler  Geist,  wie  die  deutsche  Kunst  seit  Dürers  Tagen
keinen  mehr  gesehen,  zugleich  Baumeister,  Bildhauer,  Maler,  Musiker
und,  wenn  er  schrieb,  immer  des  edelsten,  wirksamsten  Wortes  sicher,
hielt  Karl  Friedrich  Schinkel  seine  Augen  unverwandt  auf  die  höchsten
Ziele  der  Kunst  gerichtet:  das  Kunstwerk  war  ihm  „ein  Bild  der  sittlichen
Ideale  der  Zeit“.  Tätig,  schöpferisch  in  jedem  Augenblicke,  ein  Verächter
der  Trägheit,  nannte  er  das  Phlegma  einen  sündhaften  Zustand  in  Zeiten
der  Bildung,  einen  tierischen  in  den  Zeiten  der  Barbarei.  Mit  ganzem
Herzen  hing  er  an  seiner  märkischen  Heimat.  Nun  er  diesen  Staat
im  Glanze  siegreicher  Waffen  strahlen  und  den  Kampf  des  Lichtes  gegen
die  Finsternis,  der  ihn  selbst  so  oft  in  seinen  Künstlerträumen  beschäftigte,
glorreich  beendigt  sah,  schien  ihm  die  Zeit  gekommen  auch  die  Anmut
und  die  Fülle  einer  gereiften  Kultur  in  das  preußische  Leben  einzuführen
und  Berlin  in  einen  heiteren  Sitz  der  Musen  zu  verwandeln.  Wie  einst
Palladio  seinem  Vicenza  so  dachte  er  der  preußischen  Hauptstadt  den
Stempel  seines  Geistes  aufzuprägen;  in  der  Mitte  das  Schloß,  die  Universität,
  die  Theater  und  Museen,  rings  umher  statt  der  eintönigen  Zeilen
niederer  Häuser  stattliche  Palazzi  und  freundliche  Villen  mit  fließenden
Brunnen,  alles  im  frischen  Grün  der  Gebüsche  versteckt,  an  der  Stadtmauer
  prächtige  Tore  und  draußen  vor  dem  Leipziger  Platze  ein  hoher
gotischer  Dom,  das  Siegesdenkmal  des  Befreiungskrieges.  Aber  während
  jenem  glücklichen  Vicentiner  ein  Geschlecht  reicher  Signoren  unerschöpfliche
  Mittel  darbot  und  ihm  die  Vaterstadt  wie  einen  Haufen  weichen
        <pb n="57" />
        Schinkel.  49

Tones  zu  beliebiger  Formung  in  die  Hand  gab,  hatte  der  preußische
Künstler  sein  Leben  lang  mit  der  notgedrungenen  Sparsamkeit  des  Mon—
archen  und  seiner  Beamten  zu  kämpfen.  Dem  muß  man  einen  Zaum
anlegen!  —  sagte  der  König  lächelnd,  so  oft  der  Unerschöpfliche  wieder
mit  einem  neuen  Vorschlage  herantrat.  Kaum  der  zwanzigste  Teil  seiner
kühnen  Pläne  gelangte  zur  Ausführung.  Wie  viel  Mühe  hat  es  ihn  ge—
kostet,  auch  nur  die  baufälligen  Statuen  auf  dem  Dache  des  Schlosses,
die  das  Beamtentum  abbrechen  wollte,  vor  der  Vernichtung  zu  retten.
Statt  des  edlen  Hausteins,  der  ihn  in  Italien  entzückt  hatte,  mußte  er
sich  zumeist  mit  verputztem  Backstein,  statt  des  Erzes  mit  Zinkguß  be—
helfen.  Gleichwohl  genügte  dieser  armselige  Bruchteil  seiner  Entwürfe,
neben  den  Werken  der  Schlüterschen  Epoche,  um  der  Baukunst  Berlins
für  immer  ihren  Charakter  aufzuprägen.

Schinkel  befreite  sich  bald  von  dem  teutonischen  Rausche  der  Kriegs—
jahre.  Er  erkannte,  daß  die  vielgestaltige  moderne  Bildung  sich  nicht  auf
Einen  Baustil  beschränken  darf,  und  ließ  die  Kunstformen  des  Mittel—
alters  gelten,  wo  sie  durch  Lage  und  Bedeutung  des  Bauwerks  bedingt
schienen.  Für  seine  eigensten  Ideale  aber  fand  er  jetzt  den  rechten  Aus—
druck  in  einer  neuen  Form  der  Renaissance,  die  sich  enger  als  die  Kunst
des  sechzehnten  und  siebzehnten  Jahrhunderts  an  die  Werke  der  Alten,
vornehmlich  der  Hellenen,  anschloß  und  doch  immer  verstand  dem  Sinn
und  Zweck  moderner  Bauten  gerecht  zu  werden.  Gleich  an  seinem  ersten
größeren  Werke,  der  neuen  Hauptwache,  sprach  die  kriegerische  Bestimmung
des  Gebäudes  so  mächtig  und  trutzig  aus  den  strengen,  gedrungenen  dorischen
  Formen,  daß  der  Beschauer  den  überaus  bescheidenen  Umfang  fast
vergaß  und  sich  an  Sanmichelis  majestätische  Festungswerke  gemahnt  fühlte.
Als  bald  darauf,  im  Jahre  1817,  das  Schauspielhaus  abbrannte  und
das  kargende  Beamtentum  die  Benutzung  der  alten  Brandmauern  für
den  Neubau  forderte,  da  wußte  er  wieder  aus  der  Not  eine  Tugend  zu
machen;  und  bald  erhob  sich  zwischen  den  beiden  prächtigen  Kuppeln  der
Gendarmenkirchen  über  einer  hohen  Freitreppe  ein  festlich  heiterer  ionischer
  Tempel,  die  Giebel  und  Treppenwangen  mit  reichem  Bildnerwerk
geschmückt  —  denn  auf  das  Zusammenwirken  aller  Künste  ging  jeder
seiner  Pläne  aus  —  der  ganze  Bau  ein  getreues  Bild  dieser  geistig  so
reichen,  wirtschaftlich  so  armen  Epoche,  genial  im  Entwurfe,  aber  in  der
Ausführung  vielfach  eng  und  dürftig.

Seitdem  stand  Schinkel  fest  in  der  Gunst  des  Königs  und  übernahm
die  Leitung  alles  künstlerischen  Schaffens  in  Preußen,  nur  daß  ihm  die
leidige  Geldnot  immer  wieder  die  Fittiche  seines  Genius  beschnitt.  In
ganz  Norddeutschland  und  bis  nach  Skandinavien  hinüber  gelangte  seine
klassische  Richtung  zur  Herrschaft.  Die  Pläne  für  den  Berliner  Dom
wurden  aufgegeben,  weil  die  Mittel  fehlten.  Statt  dessen  entstand  das

schöne  Siegesdenkmal  auf  dem  Krenzberge.  Das  Denkmal  selbst  hatte
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  4
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        50  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Schinkel  in  den  gotischen  Formen,  die  noch  immer  als  die  nationalen
galten,  entworfen;  nur  in  den  Skulpturwerken,  womit  Rauch  und  Tieck
die  Säule  schmückten,  entfaltete  sich  die  Freiheit  des  neuen  klassischen
Stiles.  Auf  allen  den  Schlachtfeldern  aber,  wo  Preußens  Heere  ge—
schlagen  hatten,  auf  dem  Windmühlenberge  von  Großbeeren  wie  auf  dem
hohen  Totenhügel  bei  Plancenoit  in  der  brabantischen  Ebene  errichtete
der  verarmte  Staat  überall  die  nämliche  kümmerliche  gotische  Spitzsäule
mit  der  Inschrift:  „Die  gefallenen  Helden  ehrt  dankbar  König  und  Vater—
land.  Sie  ruhen  in  Frieden.“  Schinkel  wußte,  daß  die  monumentale
Kunst  ein  Treibhausleben  führt  so  lange  das  Alltagstreiben  des  Volkes
schmucklos  und  häßlich  bleibt.  Er  sah  mit  Schmerz  den  nüchternen  Ka—
sernenstil  der  Bürgerhäuser,  den  armseligen  Hausrat  der  engen  Zimmer.
Wie  kläglich  lag  das  deutsche  Kunstgewerbe  darnieder,  das  einst  so  rühm—
lich  mit  den  Italienern  gewetteifert  hatte;  zu  jeder  größeren  künstlerischen
Unternehmung  mußte  man  Arbeiter  aus  der  Fremde  herbeirufen,  Stein—
metzen  aus  Carrara,  Kupferstecher  aus  Mailand,  Erzgießer  aus  Frank—
reich.  Er  aber  fühlte  sich  stolz  als  der  Apostel  der  Schönheit  unter  den
nordischen  Völkern  und  gab  daher,  nachdem  im  Jahre  1821  das  Berliner
Gewerbe-Institut  gegründet  war,  im  Verein  mit  dem  genialen  Techniker
Beuth  die  Vorbilder  für  Fabrikanten  und  Handwerker  heraus,  eine  Samm—
lung  von  Musterblättern  für  häusliches  Gerät,  die  in  unzähligen  Nach—
bildungen  allmählich  bis  in  jede  Werkstatt  drangen  und  zuerst  den  For—
mensinn  im  deutschen  Handwerk  wieder  erweckten,  mochten  immerhin  ein—
zelne  Muster  dem  malerisch  gestimmten  modernen  Auge  allzu  kahl  und
einfach  erscheinen.

Unterdessen  hatte  Rauch  in  dem  alten  Markgrafenschlosse,  dem  Lager—
hause,  seine  Werkstatt  aufgeschlagen  und  erzog  dort,  ein  gestrenger  Lehrer,
einen  Stamm  von  treuen  Schülern  und  geübten  Kunsthandwerkern,  also
daß  die  deutsche  Kunst  allmählich  der  fremden  Hilfe  entraten  lernte.
Wie  er  selber  ohne  wissenschaftliche  Vorbildung  erst  durch  das  künstlerische
Schaffen  selbst  in  die  Welt  der  Ideen  hineingewachsen  war,  so  sah  er
auch  bei  seinen  Schülern  allein  auf  das  Können;  tüchtige  Klempner,  Steinmetzen,
  Holzschneider  von  sicherem  Blick  und  geschickter  Hand  waren  ihm
willkommener  als  junge  Gelehrte.  Vor  jener  Uberbildung,  die  unsere
Dichter  nicht  selten  auf  Abwege  führte,  blieb  die  Bildnerkunst  bewahrt.

Fest  und  sicher  schritt  Rauch  in  dem  angehobenen  Gange  fort;  die  teutonischen
  Träume  beirrten  ihn  nie.  Er  fühlte  sich  eins  mit  dem  preußischen
Staate  und  seinem  Herrscherhause,  und  ihm  wurde  das  seltene  Glück,  in
seinen  Kunstwerken  zugleich  seine  politischen  Ideale,  alles  was  seinem  Herzen
teuer  war  zu  verkörpern.  Welch  ein  Segen  doch,  daß  die  ganze  Nation
sich  endlich  wieder  gemeinsam  eines  großen  Erfolges  freuen  durfte.  Während
  früherhin  nur  die  Landesherren  zuweilen  ein  Denkmal  errichtet  hatten,
erwachte  jetzt  im  Volke  selber  der  Wunsch  seine  Helden  zu  ehren.  Zuerst
        <pb n="59" />
        Kunstpflege  in  Preußen.  51

traten  die  Mecklenburger  zusammen  und  ließen  durch  Gottfried  Schadow
ihrem  Landsmanne  Blücher  ein  Standbild  errichten,  das  erste  größere
Werk  der  neu  erstandenen  deutschen  Erzgießerei.  Nachher  wurde  in  Schle—
sien  gesammelt  und  Rauch  aufgefordert,  dem  Feldherrn  des  schlesischen
Heeres  dort  neben  dem  Breslauer  Ringe,  wo  sich  einst  die  Freiwilligen
zusammengeschart  hatten,  ein  Denkmal  zu  setzen.  Dann  verlangte  auch  der
König  Monumente  für  seine  Generale,  zunächst  für  die  früh  Verstorbenen,
Scharnhorst  und  Bülow.  Ein  weites  Gebiet  großer,  lohnender  Aufgaben
erschloß  sich  dem  Künstler,  der  zugleich  für  den  bildnerischen  Schmuck  der
Schinkelschen  Bauten  mit  zu  sorgen  hatte  und  das  Erz  wie  den  Marmor
gleich  glücklich  zu  bewältigen  verstand.  Ernst,  mannhaft  und  edel,  natur—
getreu  und  doch  in  hohem  Stile  gehalten,  so  erschienen  die  Bilder  seiner
Helden;  und  selbst  jenen  leisen  Zug  der  Steifheit,  der  ihnen  anhaftete,
durfte  man  nicht  schelten,  weil  er  dem  Charakter  des  preußischen  Heeres
entsprach.  In  seinen  mächtigsten  Werken,  den  Reliefs  für  die  Denkmäler
Scharnhorsts  und  Bülows  erhob  sich  Rauch  zu  einem  heroischen  Schwunge,
den  unsere  Bildnerkunst  nicht  wieder  überboten  hat,  und  schilderte  mit
den  einfachsten  Mitteln,  in  wenigen  majestätischen  Gestalten  den  ganzen
Verlauf  des  Kampfes  von  den  Tagen  an,  da  Preußens  Jünglinge  sich
aus  Fichtenstämmen  ihre  Lanzen  schnitzten  bis  zu  dem  stolzen  Siegesfluge
ihres  Adlers  hoch  über  den  Festungen  Niederlands  und  Frankreichs  dahin.
  Rauch  wurde  der  Historiker  des  deutschen  Befreiungskrieges  gleichwie
  einst  Rembrandt  und  Bol,  van  der  Helst  und  Flinck  den  Geist  und
Sinn  des  achtzigjährigen  Krieges  der  Niederländer  der  Nachwelt  überliefert
  hatten.

Zugleich  geschahen  die  ersten  Schritte  um  den  Plan  eines  großen
Museums  in  der  Hauptstadt  zu  verwirklichen.  Der  Gedanke  war  schon  in
den  ersten  Regierungsjahren  Friedrich  Wilhelms  aufgetaucht  und  nachher,
als  W.  Humboldt  das  Unterrichtswesen  leitete,  ernstlicher  erwogen  worden.
  Nunmehr  erwarb  der  König,  um  die  Staatskassen  zu  schonen,  die
beiden  großen  Gemäldesammlungen  von  Giustiniani  und  Solly  aus  den
Mitteln  seiner  Schatulle  und  überließ  sie  dem  Staate.  Er  befahl  den
Beamten  über  die  Verhandlungen  mit  Solly  streng  zu  schweigen;  denn
die  kunstfreundlichen  Absichten  seiner  Regierung  fanden  vorerst  nur  in
einem  kleinen  Kennerkreise  verständige  Würdigung;  man  fürchtete,  daß
die  verstimmte  öffentliche  Meinung,  die  mit  pessimistischen  Behagen  den
Zustand  des  Staates  in  den  finstersten  Farben  darzustellen  liebte,  den
Monarchen  der  Verschwendung  anklagen  würde  statt  ihm  für  seine  Hochherzigkeit
  zu  danken.  Der  ebenfalls  beabsichtigte  Ankauf  der  Beissereeschen
  Galerie  mußte  freilich  unterbleiben,  da  der  Brand  des  Schauspielhauses
  alle  noch  verfügbaren  Mittel  verschlang.  Doch  wurden  die
besten  Stücke  der  Sammlung  durch  die  neue,  kürzlich  von  Senefelder

erfundene  Kunst  des  Steindrucks  nachgebildet  und  weithin  verbreitet,  sie
4
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        52  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

bildeten  den  ersten  künstlerischen  Zimmerschmuck  des  verarmten  deutschen
Hauses.

Die  deutschen  Maler  in  Rom  hatten  indessen  an  Bartholdy,  einem
Verwandten  des  kunstsinnigen  Mendelssohnschen  Hauses,  einen  unter—
nehmenden  Gönner  gefunden.  Der  stellte  ihnen  die  breiten  Wände  seines
Palastes  in  der  Via  Sistina  zur  Verfügung,  damit  sie  sich  in  der  Kunst
des  Fresco,  die  seit  Raphael  Mengs  völlig  eingeschlafen  war,  wieder  ver—
suchen  könnten.  In  fröhlichem  Wetteifer  malten  nun  Cornelius,  Over—
beck,  Veit  und  Wilhelm  Schadow,  durch  Niebuhrs  Beifall  ermutigt,
die  großgedachten  Bilder  aus  der  Geschichte  Josephs.  Cornelius  begrüßte
jubelnd  die  Fresco-Malerei  als  ein  „Flammenzeichen  auf  den  Bergen  zu
einem  neuen  edlen  Aufruhr  in  der  Kunst“,  weil  sie  den  Malern  endlich
wieder  ein  Feld  für  monumentale  Werke  eröffne  und  in  ihrer  herben
Strenge  die  Gedankenarmut  wie  die  Pfuscherei  unnachsichtlich  ausschließe.
Die  Kunst  —  so  rief  er  in  dem  eigentümlichen  terroristischen  Tone  der
jungen  Teutonen  —  die  Kunst  soll  endlich  aufhören  eine  feile  Dienerin
üppiger  Großen,  eine  Krämerin  und  niedere  Modezofe  zu  sein.  Gleich
Schinkel  sah  er  die  Zeit  kommen,  da  die  Kunst  an  den  Mauern  unserer
Städte  von  innen  und  außen  wiederglänzend  das  ganze  Dasein  des  Volks
umgestalten  und  heiligen  werde.  Mit  dem  sicheren  Stolze  eines  Refor—
mators  der  nationalen  Gesittung  kehrte  er  über  die  Alpen  zurück,  als  ihn
nunmehr  der  junge  Kronprinz  Ludwig  von  Bayern  nach  München  berief.

Der  Erbe  der  reichen  und  allezeit  baulustigen  Wittelsbacher  meinte
sich  berufen,  in  dem  bayrischen  Lande,  das  soeben  erst  in  das  geistige
Leben  der  Nation  wieder  eingetreten  war,  einen  glänzenden  Musenhof  zu
gründen.  Eine  lautere  Begeisterung  für  die  Kunst  wie  für  den  Ruhm
seines  vergötterten  deutschen  Vaterlandes  beseelte  den  geistreichen,  phan—
tastischen  Fürsten.  Die  diplomatische  Welt  erzählte  sich  kopfschüttelnd,  wie
er  zu  Rom  in  altdeutschem  Rocke,  Arm  in  Arm  mit  dem  verdächtigen
demagogischen  Dichter  Friedrich  Rückert,  die  Museen  und  Kirchen  durch—
wandert,  wie  er  die  deutschen  Maler  zutraulich  mit  seinen  holprigen  Versen
begrüßt,  bei  ihren  Künstlerfesten  auf  die  Vernichtung  der  Philisterei  und
die  Einheit  Teutschlands  lärmend  mit  angestoßen  hatte.  Bei  allen  seinen
künstlerischen  Plänen  wirkte  zugleich  ein  unsteter  dynastischer  Ehrgeiz  mit:
er  hoffte  die  gründlich  verachteten  preußischen  Hungerleider  und  Empor—
kömmlinge  zu  überbieten,  dem  bayrischen  Hause  durch  ein  großartiges
Mäcenatentum  die  führende  Stellung  in  Deutschland  zu  verschaffen.
Welch  ein  Gegensatz  zu  der  Kunsttätigkeit  in  Berlin!  Dort  geschah  nur
was  sich  aus  der  Geschichte  und  den  Lebensbedürfnissen  eines  mächtigen,
an  geistigen  Kräften  reichen  Staates  unabweisbar  ergab,  die  von  großen
Künstlern  in  ungestörter  Freiheit  geschaffenen  Werke  trugen  das  Gepräge  des
Notwendigen.  In  München  baute  man  um  zu  bauen,  auf  einem  Boden,
der  von  großen  Erinnerungen  wenig  darbot;  die  von  auswärts  berufenen
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        Kronprinz  Ludwig.  Cornelius.  53

Künstler  genossen  einer  königlichen  Freigebigkeit,  welche  von  der  preußischen
Sparsamkeit  glänzend  abstach,  doch  sie  fühlten  sich  in  der  Fremde  und
hatten  noch  lange  unter  dem  Mißtrauen  der  einheimischen  Bevölkerung
zu  leiden;  über  allem  schaltete  der  launische,  unberechenbare  Wille  Eines
Mannes,  der  in  ungeduldiger  Hast  von  Entwurf  zu  Entwurf  hinüber—
sprang  und  was  er  bezahlte  ganz  unbefangen  als  sein  eigenes  Werk  be—
trachtete.  Der  friedliche  Wettkampf  der  beiden  Städte  beförderte  die  viel—
seitige  Entwicklung  unserer  Kunst.  Er  führte  zuletzt  zu  dem  natürlichen
Ergebnis,  daß  die  wesentlich  monumentalen  Künste  der  Architektur  und
Bildhauerei  auf  dem  historischen  Boden  Berlins  ihre  größten  Erfolge  er—
rangen,  während  die  freiere,  von  der  Gunst  der  Umgebung  minder  ab—
hängige  Malerei  in  München  ihre  Heimat  fand.

Kronprinz  Ludwig  hatte  schon  seit  Jahren  Ausgrabungen  in  Grie—
chenland  veranstaltet,  dann  in  Italien  zusammengebracht  was  von  den
besten  Werken  der  antiken  Bildhauerkunst  nur  irgend  aufzukaufen  war,  und
ließ  nun  für  diese  Skulpturensammlung,  die  schönste  diesseits  der  Alpen,
draußen  vor  den  Toren  des  alten  Münchens  durch  Klenze  einen  würdigen
Tempel  errichten,  die  Glyptothek,  ganz  aus  edlem  Marmor,  mit  der  ge—
diegenen  Pracht  südländischer  Bauten.  Das  Gebäude  selbst  reichte  an  die
geniale  Eigentümlichkeit  der  Werke  Schinkels  nicht  heran,  jedoch  an  den
Wänden  und  Decken  der  prächtigen  Säle  offenbarte  Cornelius  zum  ersten
Male  den  ganzen  Umfang  seiner  Begabung.  Hier  schuf  er,  als  ein  Epiker
in  Farben,  den  ersten  jener  großen  Gemälde-Zyklen,  in  denen  der  Ideen—
reichtum  seines  rastlos  erfindenden  Geistes  allein  den  angemessenen  Raum
fand:  die  grandiosen  Bilder  aus  der  hellenischen  Sagenwelt.  Die  Masse
der  Münchener  spottete  über  das  verrückte  Kronprinzenhaus,  sie  wußte
nichts  anzufangen  mit  der  tiefsinnigen  Symbolik  dieser  Gedankenmalerei,
die  ihre  Werke  meist  schon  im  Karton  vollendete  und  auf  den  Reiz  der
Farbe  fast  gänzlich  verzichtete.  Ernstere  Naturen  bewunderten,  wie  der
verwegene  Idealist  die  keusche  Hoheit  der  Antike  so  getreu  wiedergab
und  doch  zugleich  eine  den  Alten  unfaßbare  Macht  der  Leidenschaft  aus
seinen  Gemälden  sprach;  denn  niemals  hatte  ein  Künstler  des  Altertums
eine  so  ganz  von  Seelenschmerz  zerwühlte  Gestalt  geschaffen  wie  diese
trauernde  Hecuba.  Die  christlich-germanischen  Heißsporne  des  römischen
Künstlerkreises  bemerkten  mit  Entsetzen,  daß  ihr  erster  Mann  sich  den  ge—
haßten  Heiden  Winckelmann  und  Goethe  wieder  näherte  und  die  von  Berlin
ausgehende  neuklassische  Richtung  überall  den  Sieg  davontrug.  Die  einst
so  fruchtbare  Schule  von  S.  Isidoro  ging  allmählich  auseinander;  ihre
Genossen  kehrten  heim,  die  meisten  widmeten  sich  einer  streng  kirchlichen
Kunst,  die  nur  in  Anachronismen  lebte.  Von  den  Namhaften  hielt  nur
Overbeck  am  Tiber  aus,  ein  treuer  Bekenner  der  alten  nazarenischen
Grundsätze.  Er  aber  wußte  die  enge  Welt  von  christlichen  Gestalten,  die
ihm  die  einzige  war,  durch  den  Tiefsinn  und  die  Wärme  seines  gläubigen
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        54  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Gemüts  also  zu  verklären,  daß  selbst  die  Italiener  ihn  endlich  wie  einen
neuen  Fra  Angelico  ehrten  und  dem  frommen  Konvertiten  noch  die  Freude
ward  das  Bethaus  des  heiligen  Franciskus  in  der  Portiuncula-Kirche  zu
Assisi  mit  seinen  ernsten  Bildern  zu  schmücken.  —  Wie  Berlin  so  sollte
auch  München  seine  große  Gemäldegalerie  erhalten.  Die  Beissereesche
Sammlung,  die  den  Preußen  zu  teuer  gewesen,  wurde  nach  Jahren
endlich  für  Bayern  erworben.  Ihre  Hauptwerke  bildeten  mit  denen  der
Düsseldorfer  Galerie,  die  man  während  der  Revolutionskriege  widerrechtlich
  dem  bergischen  Lande  entfremdet  hatte,  den  Stamm  für  die  Münchener
  Pinakothek.

Dergestalt  war  binnen  weniger  Jahre  ein  vielgestaltiges  neues  Leben
in  der  bildenden  Kunst  erwacht,  und  nach  und  nach  begannen  fast  alle
deutschen  Höfe  diese  jungen  Kräfte  sorgsam  zu  pflegen;  man  fühlte  sich
verpflichtet  die  Nation  für  ihre  so  bitterlich  getäuschten  politischen  Hoffnungen
  irgendwie  zu  entschädigen.  Auch  die  ehrwürdigen  Uberreste  altheimischer
  Kunst,  die  unter  dem  Aufklärungswahne  des  vergangenen  Jahrhunderts
  so  schwer  hatten  leiden  müssen,  fanden  jetzt  allenthalben  treue
Beschützer,  und  es  galt  schon  als  ein  unerhörtes  Zeichen  vandalischer
Roheit,  daß  die  Stadt  Goslar  ihren  Dom,  den  erinnerungsreichsten  der
Sachsenlande,  noch  im  Jahre  1820  abtragen  ließ.  —

Keine  andere  Kunst  aber  hatte  in  der  Epoche  der  deutschen  Romantik
so  reife  und  durchweg  gesunde  Früchte  gezeitigt  wie  die  Musik.  Sie  stand
dem  deutschen  Genius  von  jeher  am  nächsten;  in  ihr  betätigte  sich  der
Formensinn  der  Germanen  immer  mit  naiver  Ursprünglichkeit,  ganz  ungetrübt
  durch  jene  leidige  Kritik,  die  ihn  sonst  so  oft  im  freien  Schaffen
störte.  Sie  blieb  den  Deutschen  treu  auch  als  unser  geistiges  Leben  fast
erstorben  schien;  selbst  das  öde  Jahrhundert,  das  dem  Westfälischen
Frieden  voranging,  erhob  sich  das  Herz  an  den  seelenvollen  Klängen  des
lutherischen  Kirchenliedes.  Nachher,  in  einer  Zeit  da  die  neue  Bildung
der  Nation  kaum  im  Entstehen  war,  schufen  Händel  und  Bach  ihre  klassischen
  Werke,  bis  endlich  während  der  Blütezeit  unserer  Dichtung  die
deutsche  Musik  durch  Gluck,  Haydn,  Mozart  zu  einer  Höhe  emporgehoben
  wurde,  die  kein  anderes  Volk  je  erreicht  hat.  Dem  vielseitigsten
der  Dichter  trat  der  vielseitigste  aller  Tonsetzer  an  die  Seite.  Beide
dankten  der  geheimnisvollen  Kraft  der  unmittelbaren  Eingebung  eine  wunderbare
  Leichtigkeit  des  Schaffens;  aber  wie  viel  einfacher  und  natürlicher
war  Mozarts  Los!  Er  schuf  für  eine  Hörerschaft,  die  ihm  mit  dankbarer
Empfänglichkeit  folgte,  und  lebte  in  traulichem  Verkehre  mit  den  Sängern
und  Musikern,  denen  er  seine  Rollen  auf  den  Leib  schrieb.  So  ward
jedes  seiner  Werke  ein  abgerundetes  Ganzes;  alle  die  fragmentarischen
Versuche  und  halben  Anläufe,  welche  Goethe  in  seiner  Einsamkeit  nicht
vermeiden  konnte,  blieben  ihm  erspart.  Die  Musik  vereinigte,  mehr  noch
als  die  Literatur,  alles  was  deutschen  Blutes  war  zu  gemeinsamer  Freude.
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        K.  M.  v.  Weber.  55

die  Mehrzahl  der  großen  Tonsetzer  gehörte  durch  die  Geburt  oder  durch
langen  Aufenthalt  den  österreichischen  Landen  an,  die  an  der  Arbeit
unserer  Dichtung  so  wenig  Anteil  nahmen,  und  fand  gerade  dort  das
freudigste  Verständnis.

Noch  bei  Mozarts  Lebzeiten  trat  jener  Gegensatz  des  Naiven  und  des
Sentimentalen  hervor,  der,  im  Wesen  aller  Künste  begründet,  in  den
Zeiten  ihrer  reichsten  Entfaltung  sich  unfehlbar  offenbaren  muß.  Wie
einst  Michel  Angelo  neben  Rafael,  Schiller  neben  Goethe,  so  erschien
Beethoven  neben  Mozart,  ein  pathetischer  Genius,  der  mit  dämonischer
Kraft  fast  über  die  Schranken  seiner  Kunst  hinaus  ins  Unendliche  strebte,
ein  Sänger  der  Freiheit,  des  männlichen  Stolzes,  ganz  erfüllt  von  den
Ideen  der  Menschenrechte.  Die  Widmung  seiner  Eroica,  die  er  dem
Erben  der  Revolution,  Bonaparte  zugedacht  hatte,  zerriß  er  und  trat  sie
mit  Füßen  als  er  von  den  Gewalttaten  des  Despoten  erfuhr.  Nie  schuf
er  Größeres  als  wenn  er  den  uralten  Lieblingsgedanken  der  freien  Germanen,
  den  Sieg  des  hellen  Geistes  über  das  dumpfe  Verhängnis  schilderte,
  wie  in  der  C  moll-Symphonie.  War  er  doch  selber,  der  taube
Beherrscher  der  Töne,  ein  lebendiger  Zeuge  für  die  Wunderkraft  des
gottbegeisterten  Willens.  Selbst  die  blasierte  Gesellschaft  des  Wiener  Kongresses
  riß  er  hin  durch  das  hohe  Lied  der  Treue,  den  Fidelio;  dem  verwegenen
  Fluge  seiner  symphonischen  Tondichtungen  aber  vermochte  erst
ein  späteres  Geschlecht  ganz  zu  folgen.

Die  Entwicklung  unserer  Musik  trug  von  Haus  aus  einen  rein
nationalen  Charakter,  sie  konnte  daher  auch  von  den  romantischen  Stimmungen
  und  den  großen  Ereignissen  der  Zeit  nicht  unberührt  bleiben.
Gleich  nach  dem  Kriege  gab  Karl  Maria  von  Weber  dem  Schwertliede,
dem  Liede  von  Lützows  wilder  Jagd  und  anderen  Gesängen  Körners  die
musikalische  Gestaltung,  die  ihnen  erst  die  Unvergänglichkeit  sicherte  und
in  tausenden  junger  Herzen  die  Begeisterung  des  Befreiungskrieges  wach
hielt.  Ein  bewußter  Vorkämpfer  vaterländischer  Gesinnung  und  Bildung,
übernahm  er  sodann  die  Leitung  der  neugegründeten  deutschen  Operngesellschaft
  in  Dresden,  und  ihm  gelang,  die  italienische  Opernbühne,  die
der  Hof  nach  der  Gewohnheit  des  alten  Jahrhunderts  noch  als  die  vornehmere
  begünstigte,  gänzlich  in  den  Schatten  zu  stellen;  selbst  die  Presse
rief  er  zu  Hilse  um  seine  Landsleute  in  das  Verständnis  der  heimischen
Kunst  einzuweihen.  In  Holstein  geboren,  aber  durch  Abstammung  und
Gemüt  ein  echter  Osterreicher,  war  er  auf  weiten  Wanderfahrten  fast
in  jedem  Winkel  deutscher  Erde  mit  Land  und  Leuten  wohl  vertraut  geworden;
  und  recht  aus  dem  Herzen  seines  Volkes  heraus  schuf  er  die
erste  deutsche  romantische  Oper,  den  Freischütz,  ein  Werk  voll  jugendlicher
Frische,  das  alle  Lust  und  allen  Spuk  des  deutschen  Waldes  so  naiv  und
treu  schilderte,  daß  die  Nachwelt  sich  heute  kaum  vorstellen  kann,  es  hätte
jemals  eine  Zeit  gegeben,  da  der  deutsche  Waidmann  noch  nicht  zu  den
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        56  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Klängen  des  Waldhorns  sang:  was  gleicht  wohl  auf  Erden  dem  Jägervergnügen?
  Zur  selben  Zeit  erhielt  das  deutsche  Lied  durch  einen  fromm
bescheidenen  Wiener  Künstler,  Franz  Schubert,  seine  höchste  Ausbildung;
die  ganze  Tonleiter  der  geheimsten  Seelenstimmungen  stand  ihm  zu  Gebote,
  namentlich  die  milde  Schönheit  der  Goetheschen  Dichtung  zog  ihn
an.  Bald  nachher  fanden  Uhlands  Lieder  an  dem  Schwaben  Konradin
Kreutzer  einen  kongenialen  Komponisten.

Von  jenem  katholisierenden  Wesen,  das  so  viele  Poeten  der  Romantik
ankränkelte,  hielt  sich  die  romantische  Musik  völlig  frei,  obgleich  die  meisten
  unserer  namhaften  Tonsetzer  der  katholischen  Kirche  angehörten.  Sie
sprach  schlicht  und  recht  das  Allen  Gemeinsame  aus,  sie  verwirklichte
durch  die  Tat  das  von  den  romantischen  Dichtern  so  oft  gepriesene,  aber
nur  von  Uhland  wirklich  erreichte  Ideal  der  volkstümlichen  Kunst;  und
da  der  Dilettantismus  in  keiner  Kunst  ein  so  gutes  Recht  hat  wie  in  der
Musik,  so  zog  sie  auch  bald  das  Volk  selber  zu  freier  Mitwirkung  heran.
Schon  in  den  neunziger  Jahren  waren  Berliner  Musikfreunde  zu  der
Singakademie  zusammengetreten  um  bei  der  Aufführung  Händelscher  Oratorien
  und  ähnlicher  Werke  den  Chorgesang  zu  übernehmen.  Zelter,  der
derbe,  warmherzige  Freund  Goethes  stiftete  dann  im  Jahre  1808  zu
Berlin  die  erste  deutsche  Liedertafel,  einen  kleinen  Kreis  von  Dichtern,
Sängern  und  Komponisten  zur  Pflege  des  Gesanges.  Mehrere  andere
norddeutsche  Städte  folgten  nach.  In  dem  preußischen  Volksheere  nahm
während  der  Kriege  das  fröhliche  Singen  kein  Ende;  die  Lützowsche  Freischar
  besaß  bereits  einen  geschulten  Sängerchor,  und  ihr  Beispiel  fand
nach  dem  Frieden  in  vielen  preußischen  Regimentern  Nachahmung.

Da  gab  zur  rechten  Stunde  (1817)  der  Schweizer  Nägeli  die  Gesangbildungslehre
  für  Männerchor  heraus;  er  nannte  den  Chorgesang  „das
eine,  allgemein  mögliche  Volksleben  im  Reiche  der  höheren  Kunst“  und  forderte
  die  ganze  Nation  zur  Teilnahme  auf.  Sieben  Jahre  später  entstand
dann  der  Stuttgarter  Liederkranz,  das  Vorbild  für  die  zahlreichen  Liederkränze
  Süd=  und  Mitteldeutschlands,  die  nach  der  zwanglosen,  demokratischen
  Weise  des  Oberlandes  von  vornherein  auf  eine  größere  Mitgliederzahl
  berechnet  waren,  als  die  mehr  häuslich  eingerichteten  Liedertafeln  des
Nordens,  und  sich  nicht  scheuten  mit  öffentlichen  Aufführungen  und  Sängerfesten
  vor  das  Volk  hinauszutreten.  Die  Musik  wurde  die  gesellige
Kunst  des  neuen  Jahrhunderts,  wie  die  Beredsamkeit  im  Zeitalter  des
Cinquecento,  ein  unentbehrlicher  Schmuck  für  jedes  deutsche  Fest,  recht
eigentlich  ein  Stolz  der  Nation.  In  allen  Gauen  erwachte  die  Sangeslust,
  wie  nie  mehr  seit  den  Tagen  der  Meistersinger.  Man  empfand
lebhaft,  wie  mit  dieser  neuen  edleren  Geselligkeit  ein  freierer  Luftzug  in
das  Volksleben  kam,  und  rühmte  gern,  daß  „vor  des  Gesanges  Macht  der
Stände  lächerliche  Schranken  fielen“.  Unzählige  kleine  Leute  empfingen
allein  durch  den  Gesang  die  Ahnung  einer  reinen,  über  dem  Staub  und
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        Der  Männergesang.  57

Schweiß  des  Alltagslebens  erhabenen  Welt;  und  neben  diesem  reichen
Segen  kam  kaum  in  Betracht,  daß  der  unbestimmte  Enthusiasmus,  wel—
chen  die  gestaltlose  Musik  erweckt,  manchen  deutschen  Träumer  in  der
verschwommenen  Schwärmerei  seiner  Gemütspolitik  bestärkte.

Das  neue  Geschlecht  hatte  doch  nicht  umsonst  seine  Kraft  in  einem
Volkskriege  gestählt,  und  nicht  umsonst  war  während  zweier  Menschen—
alter,  auf  jeder  Entwicklungsstufe  der  neuen  Dichtung  die  Rückkehr  zur
Natur,  zum  einfach  Menschlichen  gepredigt  worden.  Allenthalben  began—
nen  die  Sitten  der  Nation  wieder  mannhafter,  kräftiger,  natürlicher  und,
ohne  daß  sie  es  selber  noch  recht  bemerkte,  demokratischer  zu  werden;  die
Zeit  des  Stubenhockens,  der  ängstlich  abgeschlossenen  Kasinos  und  Kränzchens
  neigte  sich  zum  Ende.  Seit  dem  Frieden  ward  auch  das  lang  entbehrte
  Reisen  wieder  möglich.  Während  die  reichen  Ausländer  die  große
Tour  durch  Europa  einschlugen,  deren  romantische  Hauptstationen  Lord
Byron  im  Childe  Harold  vorgezeichnet  hatte,  suchten  die  genügsamen
Deutschen  mit  Vorliebe  die  bescheidene  Anmut  ihrer  heimischen  Mittelgebirge
  auf.  Die  Felsen  des  Meißner  Hochlands,  die  der  Pfarrer  Götzinger
  vor  kurzem  zugänglich  gemacht,  wurden  unter  dem  Namen  der
Sächsischen  Schweiz  gepriesen;  Gottschalcks  Führer  durch  den  Harz  gab
zuerst  Ratschläge  für  Gebirgswanderungen,  und  seit  Reichard  seinen
„Passagier“  veröffentlichte,  nahm  die  Zahl  der  Reisehandbücher  allmählich
zu.  Die  Reisenden  der  beiden  letzten  Jahrhunderte  hatten  das  Menschenwerk
  aufgesucht,  all  das  Seltsame  und  Absonderliche,  was  im  Curieusen
Antiquarius  verzeichnet  stand;  die  neue  Zeit  bevorzugte  die  romantischen
Reize  der  malerischen  Landschaften  und  die  sagenreichen  Erinnerungsstätten
der  vaterländischen  Geschichte.  Das  früherhin  so  beliebte  Reisen  zu  Pferde
kam  allmählich  ab,  infolge  der  allgemeinen  Verarmung.  Als  Arndt  in
seinen  jungen  Jahren  die  deutschen  Lande  zu  Fuß  durchstreifte,  fand  er
fast  überall  nur  Handwerksburschen  als  Reisegefährten;  jetzt  kam  die  Poesie
des  Fußwanderns  auch  bei  der  gebildeten  Jugend  zu  Ehren,  und  wer  ein
rechter  Turner  war  mußte  sich  auf  den  Dauerlauf  verstehen.  Eine  neue
Welt  unschuldiger  Freuden  ging  der  deutschen  Jugend  auf,  seit  überall  in
Thüringen,  Franken  und  am  Rhein  zur  Sommerzeit  fröhliche  Scharen
von  Studenten  oder  Künstlern  singend  ihres  Weges  zogen.  Jede  verfallene
Burg  und  jeder  aussichtsreiche  Berggipfel  ward  erklettert;  nachts  nahmen
die  munteren  Gesellen  gern  mit  der  Streu  im  Bauernwirtshause  vorlieb
oder  sie  onkelten  bei  einem  gastfreien  Pfarrherrn.  Mit  der  Guttarre  über
die  Schulter  wanderte  August  von  Binzer,  der  Stolz  der  Jenenser  Burschenschaft,
  glückselig  durch  ganz  Deutschland,  und  in  allen  Dörfern  strömte
das  junge  Volk  zusammen  um  dem  Spiel  und  Sang  des  neuen  Troubadours
  zu  lauschen.

Auch  die  politische  Gesinnung  des  heranwachsenden  Geschlechts  ward
durch  dies  frohe  Wanderleben  nach  und  nach  umgebildet.  Die  Jugend
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        58  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

erlebte  sich  den  Gedanken  der  nationalen  Einheit,  sie  fühlte  sich  überall
auf  deutschem  Boden  heimisch;  sie  lernte,  daß  der  Kern  unseres  Volks—
tums  trotz  der  Mannigfaltigkeit  der  Lebensformen  in  allen  deutschen
Gauen  derselbe  ist  und  sah  mit  wachsendem  Unwillen  auf  die  künstlichen
trennenden  Schranken,  welche  die  Politik  mitten  durch  dies  einige  Volk
gezogen  hatte.  Leider  wurden  fast  nur  die  Norddeutschen  dieser  Erkennt—
nis  teilhaftig.  Da  Niederdeutschland  von  den  romantischen  Herrlichkeiten,
welche  diesem  Geschlechte  allein  als  sehenswert  galten,  nur  wenig  bot,
so  kamen  die  Süddeutschen  selten  aus  ihren  schönen  heimischen  Bergen  her—
aus.  Während  im  Norden  bald  kaum  ein  gebildeter  Mann  mehr  lebte,
der  nicht  etwas  von  Land  und  Leuten  des  Südens  gesehen,  blühte  im
Oberlande  die  partikularistische  Selbstgefälligkeit,  das  Kind  der  Unkennt—
nis.  Süddeutschland  blieb  noch  auf  lange  hinaus  die  Hochburg  der  ge—
hässigen  Stammesvorurteile.  Im  Norden  fanden  sich,  außerhalb  Ber—
lins,  immer  nur  einzelne  Toren,  die  den  Süddeutschen  Verstand  und
Bildung  absprachen.  Weit  häufiger  hörte  man  im  Süden  die  Lästerrede,
den  Norddeutschen  fehle  das  Gemüt;  mancher  wackere  Oberländer  stellte
sich  die  Landschaften  nördlich  des  Mains  wie  eine  endlose  traurige  Ebene
vor  und  meinte,  unter  diesem  winterlichen  Himmel  gedeihe  nur  noch  Sand
und  ästhetischer  Tee,  Kritik  und  Junkertum.

 

Der  mächtige  Umschwung  der  gesamten  Weltanschauung,  der  sich
innerhalb  der  deutschen  Wissenschaft,  seit  ihrer  Einkehr  in  das  historische
Leben,  zu  vollziehen  begann,  der  ganze  Gegensatz  des  alten  und  neuen
Jahrhunderts  fand  schon  zur  Zeit  des  Wiener  Kongresses  einen  denkwürdigen
  Ausdruck  in  einem  gelehrten  Streite,  dessen  tiefer  Sinn  im
Ausland  noch  gar  nicht,  in  Deutschland  selbst  nur  von  Wenigen  ganz
begriffen  wurde.  Die  ersehnte  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Reichs
war  durch  den  raschen  Verlauf  des  Krieges  vereitelt  worden.  Um  so  leidenschaftlicher
  hielten  die  enttäuschten  Patrioten  an  den  Hoffnungen  fest,
deren  Erfüllung  man  auch  unter  dem  Deutschen  Bunde  noch  als  möglich
ansah;  und  von  diesen  erschien  keine  so  billig,  so  bescheiden  wie  das  Verlangen
  nach  Einheit  des  nationalen  Rechts.  Uber  die  notwendige  Beseitigung
  des  aufgedrungenen  Code  Napoleon  waren  Regierungen  und
Regierte  in  jenem  Augenblicke  einig.  Sollte  man  nun  statt  der  französischen
  Gesetzbücher  das  alte  gemeine  Recht  wieder  einführen,  jenes  Recht
der  römischen  Juristen,  das  die  teutonischen  Eiferer  als  den  Todfeind
germanischer  Gemeinfreiheit  betrachteten?  und  dazu  jenen  Wust  von  Lokalrechten,
  dessen  buntscheckige  Mannigfaltigkeit  den  Patrioten  wie  den  Philosophen
  gleich  anstößig  war?  Die  Stunde  schien  gekommen,  durch  ein
nationales  Gesetzbuch  das  fremdländische  Wesen  und  den  Partikularismus
  zugleich  zu  überwinden.  Waren  doch  die  großen  Grundgedanken  des
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        Thibaut.  Hugo.  59

Naturrechts  durch  die  Rechtsphilosophen  des  alten  Jahrhunderts  längst
festgestelltt  wenn  sich  nur  ein  weiser,  tatkräftiger  Gesetzgeber  fand  so
konnte  es  nicht  schwer  halten  diese  Ideen  auf  Deutschland  anzuwenden.
Von  solchen  Anschauungen  war  die  öffentliche  Meinung  beherrscht,  als
Thibaut,  der  berühmte  Lehrer  der  Pandekten  zu  Heidelberg,  in  einer
kleinen  Schrift  voll  patriotischer  Wärme  die  heillosen  Folgen  der  bestehenden
  Zersplitterung  und  „die  Notwendigkeit  eines  allgemeinen  bürgerlichen
Rechts  für  Deutschland“  darlegte;  das  Gesetzbuch  des  künftigen  deutschen
Rechts  dachte  der  geistreiche  Mann  wie  einen  Staatsvertrag  unter  die  Gesamtbürgschaft
  der  verbündeten  Mächte  zu  stellen.  Fast  die  gesamte
patriotische  Presse  erklärte  sich  einverstanden.

Da  erschien  im  Herbst  1814  die  Gegenschrift  Karl  Friedrich  von  Savignys
  „über  den  Beruf  unserer  Zeit  zur  Gesetzgebung“,  das  wissenschaftliche
  Programm  der  historischen  Rechtsschule.  Sie  wirkte  um  so  mächtiger,
da  auch  die  Gegner  insgeheim  fühlten,  daß  hier  nicht  bloß  die  Meinung
eines  Mannes  zu  Tage  kam,  sondern  das  wohlgesicherte  Ergebnis  jener
tieferen  und  freieren  Auffassung  des  Staatslebens,  welche  einst  in  Herders
  und  Mösers  genialen  Ahnungen,  in  Gentzs  und  Wilhelm  Humboldts
  antirevolutionären  Jugendschriften  sich  zuerst  angekündigt,  nachher
durch  Niebuhr  und  Eichhorn  ihre  wissenschaftliche  Durchbildung,  in  den
Gesetzen  Steins  und  Scharnhorsts  ihre  praktische  Bewährung  gefunden
hatte.  Unter  den  Lehrern  des  Zivilrechts  war  zuerst  der  Göttinger  Gustav
Hugo  den  Doktrinen  des  alten  Jahrhunderts  entschlossen  entgegengetreten.
Sein  scharfer  Verstand  konnte  sich  bei  dem  unlösbaren  Dualismus  der
Naturrechtslehre  nicht  beruhigen,  er  erkannte  als  undenkbar,  daß  ein  unwandelbares
  natürliches  Recht  dem  beweglichen  positiven  Rechte  gegenüberstehen
  sollte.  Daher  wies  er  Recht  und  Staat  als  Erscheinungen  der
historischen  Welt  kurzerhand  aus  dem  Gebiete  der  Spekulation  hinaus
und  stellte  der  Rechtslehre  die  Aufgabe,  das  positive  Recht  in  seinem
Werdegange  bis  zu  seinen  letzten  Wurzeln  hinauf  zu  verfolgen  und  also
historisch  zu  verstehen.  Gestützt  auf  eine  gründliche  Quellenforschung,
welche  der  erstarrten  deutschen  Rechtswissenschaft  längst  abhanden  gekommen
  war,  begann  er  zunächst  die  Entwicklung  der  römischen  Rechtsgeschichte
  darzulegen  und  gelangte  bereits  zu  der  Einsicht,  daß  die  vielbeklagte
  Aufnahme  des  römischen  Rechts  in  Deutschland  nicht  als  Zufall
oder  Verwirrung,  sondern  als  eine  nationale  Tat  des  deutschen  Geistes,
als  ein  natürliches  Ergebnis  der  Kultur  der  deutschen  Renaissance  betrachtet
  werden  müsse.  Die  tiefere  Frage:  warum  die  Gestaltung  des
positiven  Rechts  so  mannigfaltig  und  doch  so  beweglich  sei?  wurde  von  dem
Kantianer  Hugo  noch  nicht  aufgeworfen.

Hier  setzte  Savigny  ein,  der  den  weiteren  Gesichtskreis  der  romantischen
  Geschichtsphilosophie  beherrschte,  und  bewies  mit  seiner  überlegenen
Ruhe,  die  das  Dunkelste  durchsichtig  erscheinen  ließ:  die  Entwicklung  des
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        60  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Rechts  werde  nicht  durch  subjektive  Ideen  bestimmt,  sondern  durch  den
Geist  der  Völker,  der  in  der  Weltgeschichte  sich  offenbare;  das  Recht  führe
kein  Dasein  für  sich,  sondern  es  werde  und  wachse,  gleich  der  Sprache,
mit  den  Völkern,  mit  ihrem  Glauben,  ihren  Sitten,  ihrem  ganzen  gei—
stigen  Vermögen.  Darum  erfolge  auch  die  Rechtsbildung  nicht,  wie  die
beiden  letzten  Jahrhunderte  glaubten,  allein  oder  überwiegend  durch  die
Gesetzgebung,  sondern  unter  beständiger  Mitwirkung  des  Volkes  selber,
die  sich  in  dem  Gewohnheitsrechte  und,  bei  reiferer  Bildung,  in  der  be—
wußten  Arbeit  der  Rechtswissenschaft  betätige;  gerade  in  jugendlichen  Völ—
kern  erscheine  die  rechtsbildende  Kraft  am  stärksten,  die  beschränkte  aber
lebensvolle  Individualität  des  Rechts  noch  nicht  verkümmert  durch  jene  un—
bestimmte  Allgemeinheit,  die  dem  Rechte  alternder  Nationen  eigentümlich
scheine.  Dann  wird  an  dem  Beispiele  der  Kunstgeschichte  erwiesen,  daß
nicht  jede  Zeit  zu  jedem  Werk  berufen  sei,  und  darauf  der  völlig  unreife
Zustand  der  deutschen  Rechtswissenschaft  dargetan;  wie  weit  war  sie  doch,
in  ihrem  Ideengehalte  wie  in  der  Ausbildung  ihrer  Sprache,  zurückge—
blieben  hinter  dem  Aufschwung  der  allgemeinen  Literatur,  und  wie  stüm—
perhaft  mußte  ein  mit  so  mangelhaften  Kräften  unternommenes  Gesetzbuch
  ausfallen!  Was  wir  brauchen  —  so  lautete  der  Schluß  —  ist  eine
der  ganzen  Nation  gemeinsame,  organisch  fortschreitende  Rechtswissenschaft,
die  das  vorhandene  Recht  bis  in  seine  ersten  Quellen  ergründet  um  dergestalt
  zu  zeigen,  was  in  ihm  noch  heute  lebendig  ist  und  was  einer
überwundenen  Vergangenheit  angehört;  in  ihr  ist  die  vorläufig  erreichbare
Einheit  des  deutschen  Rechts  gegeben;  hat  sie  sich  erst  so  selbständig  entwickelt,
  daß  sie  das  gegebene  Recht  geistig  beherrscht,  dann  wird  das  Verlangen
  nach  einer  Kodifikation,  das  bei  den  Römern  erst  in  den  Tagen
des  Verfalles  sich  äußerte,  von  selber  verschwinden.

Dieser  Schrift  verdankte  die  Wissenschaft  des  positiven  Rechts,  daß
sie  sich  den  anderen  Geisteswissenschaften  wieder  ebenbürtig  an  die  Seite
stellen  durfte.  Das  alte  Jahrhundert  hatte  nur  die  Gedanken  der  Philosophen
  über  das  Recht  geachtet,  die  Erforschung  des  wirklichen  Rechts
geringschätzig  dem  formalen  Scharfsinn  juristischer  Handwerker  überlassen.
Jetzt  erkannte  die  positive  Rechtswissenschaft,  daß  ihr  selber  eine  philosophische
  Aufgabe  obliege,  daß  sie  berufen  sei  zu  lehren  wie  sich  die  Vernunft
  der  Geschichte  in  dem  Entwicklungsgange  der  Rechtsbildung  offenbart
  und  entfaltet,  und  also  teilzunehmen  an  der  besten  Gedankenarbeit
des  Zeitalters,  das  seinen  Ruhm  darin  suchte  der  Menschheit  das  Bewußtsein
  ihres  Werdens  und  also  ihres  Wesens  zu  erwecken.  In  weiter
Ferne  zeigte  sich  endlich  eine  noch  höhere  Aufgabe,  welche  Savigny  nur
andeutete  und  kommenden  Geschlechtern  zur  Lösung  überließ:  wenn  es
gelang  die  innere  Notwendigkeit  der  Gestaltung  des  Rechts,  seine  Verkettung
  mit  der  Volkswirtschaft  und  der  gesamten  Kultur  der  Völker
in  jedem  einzelnen  Falle  nachzuweisen,  dann  mußten  zuletzt  auch  die  Ge-
        <pb n="69" />
        Savigny,  Beruf  unserer  Zeit.  61

setze  der  Rechtsbildung  selber  aufgefunden  werden.  Auf  viele  der  schwie—
rigsten  Probleme  der  historischen  Wissenschaft,  die  dem  philosophischen
Jahrhundert  noch  ganz  unfaßbar  gewesen,  warf  die  kleine  Schrift  ein
überraschendes  Licht.  Noch  niemand  hatte  so  anschaulich  gezeigt,  wie  die
Vergangenheit  fortwirkt  in  der  Gegenwart  selbst  wider  Wissen  und  Willen
der  Lebenden,  wie  Kraft  und  Wille  des  Einzelnen  gebunden  sind  an  das
Maß  der  Begabung  seines  Zeitalters,  wie  jedes  Anwachsen  der  Kultur
notwendig  einen  Verlust  in  sich  schließt,  und  darum  die  stolze,  dem  Zeit—
alter  der  Revolution  so  geläufige  Lehre  von  dem  ewigen  Fortschritt  der
Menschheit  nur  den  Wert  einer  unerwiesenen  Behauptung  besitzt.  Noch
niemand  hatte  den  Lieblingswahn  der  Zeit,  der  die  Freiheit  in  der  Staatsform
  suchte,  so  siegreich  widerlegt:  Freiheit  und  Despotismus,  so  führte
Savigny  aus,  sind  in  jeder  Staatsverfassung  möglich;  jene  besteht  überall
wo  die  Staatsgewalt  die  Natur  und  Geschichte  in  den  lebendigen  Kräften
des  Volkes  achtet,  dieser  überall  wo  die  Regierung  nach  subjektiver  Willkür
  verfährt.

Schon  elf  Jahre  früher  hatte  Savigny  in  seiner  Erstlingsschrift  über
das  Recht  des  Besitzes  ein  Werk  geschaffen,  das  den  besten  Leistungen
der  großen  französischen  Zivilisten  des  sechzehnten  Jahrhunderts  gleichkam.
Nunmehr  betrat  er  mit  seiner  „Geschichte  des  römischen  Rechts  im  Mittelalter"
  ein  noch  völlig  unbebautes  Gebiet  und  deckte  den  inneren  Zusammenhang
  des  antiken  und  des  modernen  Rechts  zum  ersten  Male  auf.
Eine  rätselhafte  Gunst  des  Schicksals,  die  sich  nicht  mehr  Zufall  nennen
läßt,  pflegt  immer,  sobald  die  sichere  Ahnung  einer  großen  neuen  Erkenntnis
  in  der  Wissenschaft  erwacht  ist,  den  Suchenden  zu  Hilfe  zu  kommen.
So  fand  jetzt  Niebuhr  im  Jahre  1816  zu  Verona  die  Handschrift  des
Gaius;  das  klassische  Zeitalter  der  römischen  Rechtswissenschaft,  das  man
bisher  fast  allein  aus  den  dürftigen  Fragmenten  der  Pandekten  kannte,
trat  mit  einem  Male  den  Überraschten  leibhaftig  vor  die  Augen.  Die
römische  Rechtsgeschichte  ward  durch  eine  lange  Reihe  gründlicher  Einzelforschungen
  völlig  neu  gestaltet,  während  gleichzeitig  Eichhorn  seine  deutsche
Rechtsgeschichte  weiter  führte,  Jacob  Grimm  und  viele  andere  jüngere
Talente  sich  in  die  Quellen  des  germanischen  Rechts  vertieften.  Die  von
Savigny  und  Eichhorn  herausgegebene  Zeitschrift  für  geschichtliche  Rechtswissenschaft
  bildete  den  Sprechsaal  für  die  stetig  wachsende  historische  Rechtsschule;
  Savigny  aber  blieb  ihr  anerkanntes  Haupt  und  ihr  wirksamster
Lehrer.  Die  eindringliche  Kraft  der  akademischen  Beredsamkeit  und  das
schöpferische  Genie,  die  so  selten  zusammen  gehen,  fanden  sich  in  ihm
glücklich  vereinigt.  Mochte  seine  vornehme  Haltung  zuerst  manche  zurückschrecken,
  wer  ihm  näher  trat  fühlte  sich  bald  ermutigt  durch  die  liebevolle
  Milde  seines  Urteils  und  lernte,  daß  in  der  Wissenschaft  auch  die
bescheidene  Begabung  ihr  gutes  Recht  hat  wenn  sie  gewissenhaft  in  ihren
Schranken  bleibt.  Auf  Savignys  Wegen  weiter  schreitend  ward  die
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        62  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

deutsche  Rechtswissenschaft  allmählich  wieder  heimisch  in  dem  wirklichen
Rechte,  und  nach  zwei  Menschenaltern  fühlte  sie  sich  stark  genug  den
Meister  selbst  zu  widerlegen,  den  Beruf  der  Zeit  zur  Gesetzgebung  durch
die  Tat  zu  erweisen.

Den  vorherrschenden  Meinungen  des  Tages  lief  die  historische  Rechts—
lehre  schnurstracks  zuwider.  Die  Patrioten  grollten  weil  ihnen  ein  Lieb—
lingstraum  zerstört  war;  auch  das  Selbstgefühl  der  Philosophen  fühlte  sich
tief  beleidigt.  Hegel  nannte  Savignys  Schrift  eine  dem  Zeitalter  ange—
tane  Schmach,  und  Schön,  der  liberale  Kantianer  wollte  in  der  mächtigen
Gedankenarbeit  der  geschichtlichen  Rechtswissenschaft  sein  Lebelang  nichts
weiter  sehen  als  „Notizen  aus  Chroniken“.  Aber  auch  die  Bureaukratie
des  Rheinbundes  hörte  mit  Abscheu  von  der  rechtsbildenden  Kraft  des
Volksgeistes,  die  der  Weisheit  des  grünen  Tisches  so  wenig  Raum  ließ;  der
bayrische  Staatsrat  Gönner  beschuldigte  in  einer  gehässigen  Schmähschrift
die  Anhänger  der  historischen  Schule  geradezu  der  demagogischen  Gesinnung.
In  Wahrheit  standen  die  Grundgedanken  der  neuen  Lehre  hoch  über  dem
Streite  der  Parteien.  Blieb  sie  sich  selber  treu,  so  mußte  sie  das  starre
Festhalten  an  der  bestehenden  Ordnung  ebenso  entschieden  verurteilen  wie
den  Leichtsinn  revolutionärer  Gesetzgebungskunst;  vollends  mit  den  mysti—
schen  Träumen  der  neukatholischen  Romantiker  hatte  ihre  kritische  Strenge
und  Nüchternheit  nichts  gemein.  Trotzdem  konnte  Savigny  den  Gesin—
nungsgenossen  der  Romantik  nicht  verleugnen.  Wie  die  gesamte  Wissen—
schaft  jener  Tage  die  Epochen  der  hellen,  bewußten  Bildung  geringschätzte
neben  dem  dunkelklaren  Jugendleben  der  Völker,  wie  die  Brüder  Grimm
das  Volkslied  vor  der  Kunstdichtung  bevorzugten  und  Arnim  ihnen  prei—
send  zurief:  „ihr  achtet  was  keinem  eigen,  was  sich  selbst  erfunden,“  so
verweilte  auch  der  Meister  der  historischen  Rechtslehre  mit  Vorliebe  bei
den  Zeiten  der  halb  bewußtlosen  Rechtsbildung,  da  Gesetz  und  Sitte  noch
ungeschieden  beisammen  liegen  und  das  Recht  gleich  der  Sprache  sich  selber
zu  erfinden  scheint.  Wie  die  ganze  Zeit  noch  von  der  ästhetischen  Welt—
anschauung  beherrscht  ward,  so  legte  auch  Savigny  unwillkürlich  den  Maßstab
  der  Kunst  an  das  Recht  und  verlangte  von  dem  Gesetzgeber,  was  die
Dichter  der  Aenien  einst  mit  Recht  von  dem  Künstler  gefordert  hatten:
daß  er  schweige  wenn  er  nicht  vermöge  das  Ideal  zu  verwirklichen.  Er
übersah,  daß  im  politischen  Leben  das  harte  Gebot  der  Not  entscheidet,
daß  der  Staatsmann  nicht  das  Vollkommene  zu  schaffen  hat,  sondern
das  Unentbehrliche;  mit  gutem  Grunde  hielt  ihm  Dahlmann  entgegen:
„bricht  das  Dach  über  meinem  Haupte  zusammen,  so  ist  mein  Beruf  zum
Neubau  dargetan.“

Wie  alle  Romantiker  hatte  sich  auch  Savigny  im  Kampfe  mit  den
Ideen  der  Revolution  seine  Bildung  erworben;  und  obschon  er  als  Staatsmann
  niemals  einer  extremen  Richtung  angehörte,  so  vermochte  er  gleichwohl
  nicht  dieser  neuesten  Zeit,  die  doch  auch  Geschichte  war,  ihr  histo-
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        Vernunftrecht  und  historisches  Recht.  63

risches  Recht  zu  geben  und  urteilte  offenbar  ungerecht  über  den  Code
Napoleon.  Voll  Abscheus  gegen  die  seichte  Neuerungslust  der  modernen
Welt,  verkannte  er,  daß  das  Recht  am  letzten  Ende  nicht  durch  den
Volksgeist,  sondern  durch  den  Volkswillen  bestimmt  wird,  der  in  Zeiten
höherer  Gesittung  nur  durch  den  Mund  des  Staates  sich  aussprechen
kann.  Er  bemerkte  nicht  immer,  daß  die  großen  Wandlungen  des  Völ—
kerlebens,  die  dem  rückschauenden  Geschichtsforscher  als  unabwendbare
Notwendigkeiten  erscheinen,  doch  nur  durch  das  Wollen  der  Handelnden,
durch  die  Wahl  und  Qual  des  freien  Entschlusses  möglich  werden.  Wer
ihm  blindlings  folgte,  konnte  leicht  einem  dumpfen  Fatalismus  verfallen
und  sich  versucht  fühlen,  die  köstlichste  Kraft  der  historischen  Welt,  die
Macht  des  Willens  ganz  aus  der  Geschichte  zu  streichen.  Der  Ausspruch
„eine  Verfassung  kann  nicht  gemacht  werden,  sie  muß  werden“,  das  viel—
deutige  Lob  der  „organischen  Entwicklung“  und  ähnliche  Lieblingssätze  der
historischen  Schule  dienten  der  gedankenlosen  Ruheseligkeit  zum  willkom—
menen  Lotterbette.  So  geschah  es,  daß  eine  Tat  der  deutschen  Wissen—
schaft,  welche  die  gesamte  Nation  mit  Stolz  hätte  erfüllen  sollen,  alsbald
  in  den  kleinen  Zank  des  Tages  herabgerissen  wurde.  Die  Masse
der  Liberalen  hielt  noch  lange  an  den  überwundenen  Lehren  des  Naturrechts
  fest  und  zeigte  trotzdem  in  einzelnen  Fällen  mehr  historischen  Sinn,
mehr  Verständnis  für  die  Zeichen  der  Zeit  als  die  Gegner.  Die  konservativen
  Parteien  eigneten  sich  mehr  oder  minder  ehrlich  die  Ideen  der
historischen  Schule  an  und  schauten  mit  dem  Bewußtsein  wissenschaftlicher
Uberlegenheit  auf  die  Flachheit  der  liberalen  Doktrinen  hernieder.  Vernunftrecht
  und  historisches  Recht!  —  so  lauteten  die  Losungsworte  eines
im  Grunde  sinnlosen  Streites,  der  durch  Jahrzehnte  hinausgezogen  die
Verbitterung  unseres  öffentlichen  Lebens  steigerte  und  zuweilen  zu  völliger
Sprachverwirrung  führte.  Es  bedurfte  erst  der  herben  Erfahrungen  des
Jahres  1848,  bis  die  Einen  die  Geschichte  als  ein  ewiges  Werden  begreifen
lernten  und  die  Anderen  erkannten,  daß  im  Staatsleben  nur  das  historisch
  Begründete  vernünftig  ist.  Seitdem  erst  verlor  der  Name  der  historischen
  Schule  den  gehässigen  Sinn  einer  Parteibezeichnung,  und  der  unzerstörbare
  Kern  ihrer  Lehren  ward  allmählich  ein  Gemeingut  aller  gemäßigten
  Politiker.

Unter  den  Bahnbrechern  der  neuen  historischen  Bildung  beherrschte
doch  keiner  einen  so  weiten  Gesichtskreis  wie  Barthold  Niebuhr.  Niemand
trat  dem  literarischen  Dünkel  der  alten,  dem  Leben  entfremdeten  Buchgelehrsamkeit
  so  scharf,  so  verächtlich  entgegen,  wie  dieser  Mann  des  universalen
  Wissens,  der  jeder  Bewegung  der  Politik,  der  Wissenschaft  und
der  Kunst  im  Weltteil  mit  hellem  Verständnis  folgte.  Das  unpolitische
Geschlecht  der  letzten  Jahrzehnte  hatte  Schillers  ästhetische  Geschichtserzählungen
  und  die  geschichtsphilosophischen  Versuche  Herders  und  Schlegels
  höher  geschätzt  als  Spittlers  sachlich  politische  Darstellung;  Niebuhr
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        64  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

wurde  nicht  nur  der  Begründer  der  neuen  kritischen  Geschichtschreibung
durch  die  geniale  Selbständigkeit  seiner  Forschung,  die  überall  bis  zu  den
letzten  Quellen  der  Überlieferung  vordrang,  er  stellte  auch  den  Staat
wieder,  wie  ihm  gebührt,  breit  in  die  Mitte  der  historischen  Bühne  und
bewährte  durch  die  Tat  die  Ansicht  der  Griechen,  daß  der  Historiker  vor
allem  ein  politischer  Kopf  sein  soll.  Er  wußte,  wie  rasch  die  Kultur  und
die  sittliche  Kraft  der  Völker  dahinwelkt,  wenn  ihnen  die  Macht  fehlt  sich
die  Achtung  der  Welt  zu  erzwingen,  und  schilderte  mit  schonungsloser  Härte
die  Verkümmerung  des  deutschen  Charakters  durch  das  leere  Scheinleben
der  Kleinstaaterei:  wie  kleinlich,  afterrednerisch,  verunglimpfend  sei  dies
Geschlecht  geworden,  „Ehren  ist  ihm  ein  entsetzlich  drückendes  Gefühl.“
In  der  engen  Welt  des  Altertums  und  des  Mittelalters  konnten  kleine
Staaten  sich  als  Träger  der  Gesittung  behaupten;  heutzutage  „ist  nur
noch  in  großen  Staaten,  die  das  Gleichartige  zusammenfassen,  volles
Leben  möglich".  Seine  Ansicht  vom  Staate  hatte  er  sich  durch  das  Leben
gebildet,  durch  das  Anschauen  der  uralten  Bauernfreiheit  seiner  Heimat
Ditmarschen,  durch  Reisen  in  England  und  Holland,  durch  lange  Tätigkeit
  als  Bankdirektor  und  Verwaltungsbeamter.  So  ward  er  wie  Stein
ein  abgesagter  Feind  aller  politischen  Systemsucht  und  fand  wie  Jener
den  Eckstein  der  Freiheit  in  der  Selbstverwaltung,  die  den  Bürger  gewöhne
  mannhaft  auf  eigenen  Füßen  zu  stehen  und  das  Regieren,  nach
der  Weise  der  Alten,  handanlegend  zu  lernen.  Es  kommt,  so  schloß  er,
mehr  darauf  an,  ob  die  Untertanen  in  den  einzelnen  Gemeinden  sich
unmündig  befinden,  als  darauf,  ob  die  Grenzen  zwischen  der  Gewalt  der
Regierung  und  der  Repräsentation  etwas  weiter  vorwärts  oder  zurück  gezogen
  sind.  Daher  erkannte  er  sogleich,  daß  Frankreich  trotz  der  Charte
der  Bourbonen  noch  immer  ein  Land  des  Despotismus  war,  da  die
napoleonische  Verwaltungsordnung  unverändert  fortbestand.  Um  seine
Landsleute  vor  der  einseitigen  Uberschätzung  der  konstitutionellen  Staatsformen
  zu  warnen  und  sie  wieder  an  die  gesunden  Grundgedanken  des
Steinschen  Reformwerks  zu  erinnern,  gab  er  gleich  nach  dem  Frieden
jene  Abhandlung  Vinckes  über  die  englische  Verwaltung,  die  einst  unter
Steins  Augen  entstanden  war,')  heraus  und  sagte  in  seinem  Vorwort,
zum  Entsetzen  der  liberalen  Welt,  rundweg:  „die  Freiheit  beruht  ungleich
mehr  auf  der  Verwaltung  als  auf  der  Verfassung.“

Auch  seine  Römische  Geschichte  war  ebensosehr  ein  erlebtes  Werk
als  ein  Erzeugnis  der  gelehrten  Forschung;  darum  zählten  sie  schon  die
Zeitgenossen  zu  jenen  klassischen  Büchern,  welche  niemals  überwunden
werden  auch  wenn  sie  in  jedem  einzelnen  Satze  widerlegt  sind.  Indem
er  das  Verschwundene  ins  Dasein  zurückrief  genoß  er  die  Seligkeit  des
Schaffens;  und  wie  er  niemals  nur  mit  einer  Kraft  seiner  Seele  tätig
sein  konnte,  so  legte  er  auch  die  ganze  Innigkeit  seiner  leidenschaftlichen

*)  I.  274.
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        Niebuhr.  65

Empfindung,  den  ganzen  Ernst  seines  sittlichen  Urteils  in  die  Darstellung
  jener  Römerkämpfe,  die  den  meisten  seiner  Vorgänger  nur  trockner
Wissensstoff  gewesen  waren;  jede  Wendung  des  oftmals  harten,  immer
edlen  und  ursprünglichen  Stiles  spiegelte  die  tiefe  Bewegung  einer  großen
Seele  wieder.  Den  ersten  Band,  so  gestand  er  selbst,  hätte  er  niemals
schreiben  können  ohne  eine  lebendige  Anschauung  vom  englischen  Staate;
seitdem  hatte  er,  im  Innersten  erschüttert,  die  Stürme  einer  ungeheueren
Zeit  über  den  Staat  seiner  Wahl  dahinbrausen  sehen;  er  fühlte,  wie
ihm  durch  solche  Erlebnisse  das  Verständnis  wuchs  für  die  Geschichte  Roms,
welche  einst,  wie  die  See  die  Ströme,  die  Geschichte  aller  Völker  in  sich  aufgenommen.
  Dann  führte  ihn  sein  diplomatischer  Beruf  nach  Rom  selbst.
Jahrelang  wohnte  er  dort  in  dem  Palaste,  der  auf  hohem  Schuttberge
mitten  aus  den  grandiosen  Trümmern  des  Mareellustheaters  emporsteigt,
  und  obwohl  er  die  Sehnsucht  nach  der  Heimat  niemals  überwand,
so  fand  sich  doch  seine  historische  Phantasie,  die  das  Ferne  und  Fremde
aus  dem  Nahen  und  Vertrauten  zu  erklären  liebte,  auf  Schritt  und  Tritt
mächtig  angeregt.  Die  alte  Welt  trat  ihm  sinnlich  nahe;  in  der  Gestalt
der  Äcker  und  der  Feldflur  erkannte  er  noch  die  Kunstfertigkeit  der  alten
Agrimensoren,  in  dem  Elend  der  modernen  Halbpächter  sah  er  den  Fluch  des
römischen  Latifundienwesens  fortwirken;  und  wenn  er  im  Vatikan  den  alten
Sarkophag  mit  dem  rührenden  Bilde  des  treuen  Ehepaares  beschaute,  dann
war  ihm  zu  Mute,  als  sähe  er  sich  selber  und  seine  verklärte  erste  Frau.

So  erhielt  die  langsam  gereifte  Umarbeitung  und  Fortsetzung  des
Werkes  jenen  eigentümlich  warmen  Ton,  der  selbst  trockenen  Zahlenreihen
und  umständlichen  kritischen  Exkursen  den  Reiz  des  Lebens  gab.  Das
Altertum  hatte  bisher  als  eine  von  der  unseren  völlig  abgetrennte  Welt
gegolten;  hier  aber  erschien  alles  vertraut  und  verständlich,  der  Historiker
schilderte  das  Schicksal  des  C.  Pontius  und  des  Pyrrhus  ebenso  einfach
menschlich  wie  er  vor  kurzem,  in  einer  meisterhaften  Skizze,  das  Leben  seines
Vaters,  des  großen  Reisenden  Carsten  Niebuhr  erzählt  hatte.  Den  recht—
gläubigen  Philologen  der  alten  Schule  war  der  kühne  Kritiker,  der  die  Über—
lieferungen  der  römischen  Königsgeschichte  zerstört  hatte,  längst  ein  Dorn  im
Auge.  Welches  Entsetzen  vollends,  da  er  nunmehr  mit  staatsmännischer
Einsicht  die  Notwendigkeit  jener  langsamen  Revolution,  welche  die  Plebes
zur  Herrschaft  führte,  und  sogar  die  Berechtigung  der  verrufenen  Acker—
gesetze  darlegte;  ja  er  scheute  sich  nicht,  die  neue  Lehre  der  Romantiker,
daß  nur  die  nationale  Dichtung  wahrhaft  lebe,  selbst  auf  die  Klassiker
Roms  anzuwenden  und  sagte  rundheraus:  „wenn  Form  überhaupt  tötet,
so  noch  mehr  die  fremde;  daher  war  die  römische  Literatur  in  einem  ge—
wissen  Sinne  totgeboren!“

Und  doch  lag  selbst  in  diesem  freien  Geiste  ein  Zug  krankhafter,
schwarzsichtiger  Ängstlichkeit,  der  ihn  zuweilen  die  lebendigen  Kräfte  der
Zeit  völlig  verkennen  ließ.  In  finsteren  Augenblicken  beklagte  der  Leiden—

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  5
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        66  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

schaftliche  sogar,  daß  der  epikuräische  Zeitgeist  dieser  genügsamen  Tage  jede
wissenschaftliche  Arbeit  untergrabe!  Sein  zartbesaitetes  Gemüt  empfand
ein  Grauen  vor  den  bildungsfeindlichen  Mächten  der  Revolution;  schon  als
Student  hatte  er  beim  Durchlesen  von  Fichtes  Verteidigung  der  Revo—
lution  ausgerufen:  was  bleibe  noch  übrig  als  der  Tod  wenn  solche  Grund—
sätze  zur  Herrschaft  gelangten!  Der  Sohn  eines  berühmten  Vaters,  und
zudem  eines  jener  seltenen  Wunderkinder,  die  als  Männer  halten  was
ihre  Frühreife  zu  verheißen  schien,  ward  er  von  Kindesbeinen  an  ver—
wöhnt  durch  die  Bewunderung  seiner  Umgebungen  und  selber  schon  be—
rühmt  bevor  er  noch  etwas  geschrieben  hatte;  dann  stand  der  Liebevolle
sein  Lebelang  in  vertrauter  zärtlicher  Freundschaft  mit  geistvollen  Män—
nern  wie  Graf  Moltke,  Dahlmann,  Graf  Deserre;  das  Platte  und  Niedrige
ließ  er  nicht  an  sich  heran.  Was  Wunder,  daß  diesem  Aristokraten  des
Geistes  nichts  entsetzlicher  vorkam  als  jene  Macht  der  breiten  Mittelmäßigkeit,
  die  in  demokratischen  Epochen  immer  das  große  Wort  führt.

Wenn  er  die  politische  Unreife  seines  Volkes  und  die  Trivialität  der
landläufigen  konstitutionellen  Doktrinen  betrachtete,  dann  schien  ihm  mit
Steins  Verwaltungsreformen  vorläufig  genug  geschehen,  und  er  mußte
von  dem  beherzteren  Dahlmann  den  Einwurf  hören:  „Verfassung  und
Verwaltung  bilden  keine  Parallelen,  es  kommt  der  Punkt,  auf  welchem
sie  unfehlbar  zusammenlaufen  um  nicht  wieder  auseinander  zu  weichen.“
Obgleich  er  die  Nichtswürdigkeit  der  italienischen  Regierungen  durchschaute
und  offen  aussprach,  Rom  sei  unter  Napoleon  weit  glücklicher  gewesen
als  unter  dem  wiederhergestellten  Papsttum,  so  übermannte  ihn  doch  der
Todhaß  wider  die  Revolution  sobald  der  erste  Aufstand  von  dem  mißhandelten
  Volke  gewagt  ward,  und  zornig  rief  er,  nur  ein  Narr  oder  ein
Bösewicht  könne  in  diesem  Lande  von  Freiheit  reden!  Der  weitblickende
Denker,  der  schon  damals  mit  wunderbarer  Sicherheit  den  Krieg  zwischen
dem  Süden  und  dem  Norden  der  amerikanischen  Union  voraussah,  bewies
  doch  durch  seinen  niederländischen  Verfassungsplan,  daß  die  gründlichste
  Kenntnis  der  Vergangenheit  das  gänzliche  Mißverstehen  der  Gegenwart
  keineswegs  ausschließt.  Er  kannte  das  wunderliche  Staatsgebäude
der  Republik  der  sieben  Provinzen  bis  in  seine  letzten  Ecken  und  Winkel
und  wußte,  warum  es  morsch  zusammengebrochen  war.  Als  ihn  aber  im
November  1813  der  Prinz  von  Organien  aufforderte  seine  Vorschläge  für
den  Neubau  niederzuschreiben,  da  konnte  sich  der  Feind  der  Revolution
doch  nicht  entschließen,  den  gewaltigen  Umsturz,  der  seit  dem  Jahre  1794
über  das  Land  gekommen  war,  mindestens  als  eine  Tatsache  anzuerkennen.
  Der  durch  Frankreichs  Waffen  geschaffene,  aber  durch  die  Geschichte
des  Landes  längst  vorbereitete  Einheitsstaat  galt  ihm  als  revolutionäre
Einerleiheit;  alles  Ernstes  dachte  er  den  gänzlich  vernichteten  Föderalismus
wieder  zu  beleben  und  forderte  die  Wiederherstellung  des  alten  Staatenbundes.
  Die  historische  Pietät  verführte  ihn  also  zu  einem  Entwurfe,
        <pb n="75" />
        Mittelalterliche  Forschungen.  67

der  trotz  seiner  staunenswerten  Gelehrsamkeit  ebenso  unmöglich  und  im
Grunde  ebenso  unhistorisch  war  wie  die  leichtfertigsten  Verfassungsgebilde
jakobinischer  Volksbeglücker.

Durch  Niebuhrs  Forschungen  verlor  die  urteilslose,  unbedingte  Verehrung
  des  Altertums  den  Boden  unter  den  Füßen;  die  antike  Welt
ward  wieder  in  den  Fluß  der  Zeit  gestellt.  Gleichzeitig  begann  auch  eine
neue  Auffassung  der  mittelalterlichen  Geschichte  durchzudringen.  Die  Kultur
des  Mittelalters  war  von  dem  philosophischen  Jahrhundert  leidenschaftlich
bekämpft,  von  der  jugendlichen  Romantik  blindlings  bewundert  worden;
jetzt  versuchte  man  sie  zu  verstehen.  Der  öffentlichen  Meinung  freilich
lag  der  alte  Rationalismus  noch  tief  im  Blute;  sie  bedurfte  noch  einer
guten  Weile  bis  sie  ein  wissenschaftliches  Urteil  über  das  verhaßte  finstere
Mittelalter  ertragen  lernte.  Als  der  junge  Johannes  Voigt  seine  Geschichte
Gregors  VII.  herausgab,  ward  er  von  der  Presse  hart  angelassen;  der
treue  Protestant  mußte  den  Vorwurf  katholischer  Gesinnung  hören,  weil
er  die  persönliche  Größe  Hildebrands  ehrlich  anerkannt  hatte.  Indessen
betrieb  Friedrich  von  Raumer  die  Vorarbeiten  für  seine  Geschichte  der  Hohenstaufen;
  und  wie  Schön  für  den  Wiederaufbau  der  Marienburg  sorgte,
so  setzte  Stein  die  beste  Kraft  seiner  alten  Tage  an  die  Sammlung  der
Geschichtsquellen  unserer  Vorzeit.  Zu  Neujahr  1819  stiftete  er  die  Gesellschaft
  zur  Herausgabe  der  Monumenta  Germaniae.  Sanctus  amor  patriae
  dat  animum  —  so  lautete  der  bezeichnende  Wahlspruch  des  großen
Unternehmens,  das  nach  und  nach  einen  Stamm  historischer  Forscher
heranbilden  und  für  die  Kenntnis  des  deutschen  Mittelalters  erst  den
sicheren  Grund  legen  sollte.  Das  alles  war  noch  im  Werden;  die  politische
  Geschichtschreibung  fand  während  der  ersten  Friedensjahre  allein  in
Niebuhr  einen  klassischen  Vertreter.

Um  so  reichere  Erfolge  errangen  die  Philologen,  die  sich  jetzt  erst
ihrer  historischen  Aufgabe  klar  bewußt  wurden.  Der  Ausspruch  Boeckhs
„es  gibt  keine  Philologie,  die  nicht  Geschichte  ist“  war  in  aller  Munde.
Die  Sprachforscher  erfüllten  was  die  Poeten  der  Romantik  versprochen
hatten.  Nun  kam  sie  wirklich,  die  Zeit,  die  einst  Novalis  geweissagt,

wo  man  in  Märchen  und  Gedichten
erkennt  die  ew’9gen  Weltgeschichten.

Und  auch  jenes  stolze  Wort  Friedrich  Schlegels,  das  den  Historiker  einen
rückwärts  gewandten  Propheten  nannte,  fand  jetzt  seine  Bewährung,  da
plötzlich  die  ferne,  bisher  aller  Untersuchung  unzugängliche  Jugendzeit
der  indogermanischen  Völker  durch  die  Strahlen  der  Forschung  erhellt
ward  und  von  ihr  wieder  ein  erklärendes  Licht  auf  die  Grundlagen  der
heutigen  europäischen  Kultur  zurückfiel.  Derselbe  Zug  der  Zeit,  der  die
Ideen  der  historischen  Staats=  und  Rechtslehre  beherrschte,  trieb  auch  die
Philologen  die  Sprache  als  ein  ewig  Werdendes  zu  begreifen.  Auch  sie

führten,  wie  Niebuhr  und  Savigny,  den  Kampf  gegen  die  Abstraktionen
57
        <pb n="76" />
        68  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

des  alten  Jahrhunderts;  auch  sie  ebneten  die  Bahn  für  eine  bescheidenere
und  eben  darum  freiere  Weltanschauung.  Jener  hochmütige  Wahn,  der
die  großen  objektiven  Ordnungen  des  historischen  Lebens  aus  dem  freien
Belieben  der  einzelnen  Menschen  herleitete,  der  Glaube  an  das  Naturrecht
  und  die  allgemein  gültige  Vernunftreligion  brach  unrettbar  zusammen,
  sobald  die  Philologie  darlegte,  was  an  der  Geschichte  der  Sprache
am  handgreiflichsten  erwiesen  werden  kann:  daß  der  Mensch  nur  in  und
mit  seinem  Volke  lebt.  Schon  Wilhelm  Humboldt  hatte  in  einer  seiner
geistvollen  kleinen  Abhandlungen  den  fruchtbaren  Gedanken  ausgesprochen:
die  Sprachbildung  wie  die  Volksdichtung  vollziehe  sich  durch  die  Einzelnen
und  gehe  gleichwohl  stets  vom  Ganzen  aus.  Auf  diese  Wahrheit,  die  in
ihren  letzten  Tiefen  allerdings  ein  ewig  unlösbares  Rätsel  einschloß,  kam
Jacob  Grimm  immer  von  neuem  zurück.  Er  zeigte,  wie  die  Kunstdichtung
  hervorgeht  aus  dem  Volksliede,  „das  sich  selber  dichtet",  und  fand
in  dem  alten  Volksepos  weder  rein  mythischen  noch  rein  historischen  Gehalt,
  sondern  göttliche  und  menschliche  Geschichte  in  eines  verwachsen.

Da  trat  ihm,  seltsam  genug,  A.  W.  Schlegel  entgegen.  Der  alte
Romantiker  konnte  sich  doch  nicht  ganz  losreißen  von  dem  Rationalismus
des  vergangenen  Jahrhunderts,  das  überall  in  der  Geschichte  Berechnung
und  Absicht  suchte.  Wie  er  Niebuhrs  kritische  Kühnheit  bekämpfte,  so  behauptete
  er  wider  Grimm:  das  Volksepos  sei  das  bewußte  Werk  von
Dichtern,  die  im  künstlerischen  Wettkampfe  einander  durch  wunderbare
Erfindungen  zu  überbieten  suchten.  In  der  Tat  lief  die  junge  germanistische
  Wissenschaft  Gefahr,  jenem  mystischen  Hange,  der  die  jüngere
Romantik  beherrschte,  zu  verfallen.  Beglückt  durch  die  große  Entdeckung
der  schöpferischen  Kraft  des  Volksgeistes,  verfolgte  Grimm  mit  solcher
Freude  das  Walten  des  Unbewußten,  des  Naturwüchsigen  in  der  Dichtung,
daß  er  die  freie  Tat  des  künstlerischen  Genius  fast  aus  den  Augen  verlor.
  Schwächere  Köpfe  versanken  bereits  tief  in  phantastische  Torheit;
v.  d.  Hagen  meinte  in  den  Nibelungen  die  Mythen  von  der  Schöpfung
und  dem  Sündenfalle  wiederzufinden.

Jedoch  der  klare,  im  innersten  Kerne  protestantische  Geist  Jacob  Grimms
verweilte  nicht  lange  in  den  traumhaften  Grenzgebieten  der  Wissenschaft,
sondern  wendete  sich  bald  einem  Bereiche  der  Forschung  zu,  das  ungleich
festere  Ergebnisse  verhieß.  Im  Jahre  1819  begründete  er  durch  seine  Deutsche
Grammatik  die  Wissenschaft  der  historischen  Grammatik.  Andere  hatten
über  die  Sprache  philosophiert  oder  ihr  Gesetze  aufzuerlegen  versucht;  er
beschied  sich  ihrem  Werden  und  Wachsen  schrittweis  nachzugehen,  und  da
er  die  ursprüngliche  Einheit  der  germanischen  Sprachen  schon  erkannt
hatte,  so  zog  er  alle  Zweige  dieses  Sprachstammes  zur  Vergleichung  heran.
Auch  diesmal  angeregt  durch  eine  geniale  Ahnung  Wilhelm  Humboldts,
erwies  er  sodann  den  wichtigen  Unterschied  zwischen  den  betonten  Wurzelsilben,
  die  den  Sinn  der  Wörter  enthalten,  und  den  bloß  formalen  Be-
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        Die  Gebrüder  Grimm.  69

standteilen  des  Wortschatzes.  So  kam  alsbald  Gesetz  und  Leben  in  den
Werdegang  unserer  Sprache,  der  bisher  so  rätselhaft  und  zufällig  schien.
In  dem  unschuldigen,  poetischen,  leiblich  frischen  Jugendleben  der  Völker
—  so  führte  Grimm  mit  künstlerischer  Lebendigkeit  aus  —  zeigt  auch  die
Sprache  sinnliche  Kraft  und  Anschaulichkeit,  sie  liebt  die  Form  um  der
Form  willen,  schwelgt  in  dem  Wohlklang  volltönender  Flexionen;  bei  reifender
  Kultur  wird  auch  sie  geistiger,  abstrakter,  auf  Klarheit  und  Kürze
bedacht,  das  stumpfere  Ohr  verliert  die  Freude  an  der  Form,  der  nüchterne
  Verstand  kümmert  sich  nicht  mehr  um  die  sinnlichen  Bilder,  welche
den  Wörtern  zugrunde  liegen,  und  nach  und  nach  wird  alles  ausgestoßen
  oder  abgeschliffen  was  nicht  unmittelbar  zur  Verdeutlichung  des
Sinnes  dient.  Begreiflich  genug,  daß  Grimms  poetisches  Gemüt  der
formreichen  alten  Sprache  durchaus  den  Vorzug  gab,  wie  auch  seine
eigene  Redeweise  mit  den  Jahren  immer  sinnlicher  und  bilderreicher  wurde.
Doch  er  verkannte  nicht,  daß  die  vollzogene  Entwicklung  nicht  wieder
rückgängig  werden  durfte,  und  verwarf  darum  strenge  jene  vorwitzigen
Sprachreinigungsversuche,  die  bei  den  teutonischen  Eiferern  für  patriotisch
galten:  das  heiße  unsere  alte  Sprache  wie  ein  zufälliges  Gebilde  von
heute  behandeln.

Ein  Jahr  nach  dem  Erscheinen  des  ersten  Bandes  seiner  Grammatik
entdeckte  Grimm  das  Gesetz  der  Lautverschiebung  und  gab  damit  der  Etymologie,
  die  sich  bisher  unsicher  tastend  an  die  Ahnlichkeit  des  Klanges
der  Wörter  gehalten  hatte,  endlich  einen  festen  wissenschaftlichen  Boden.
Unterdessen  hatte  sein  rastlos  kombinierender  Kopf  auch  schon  die  uranfängliche
  Verwandtschaft  aller  indogermanischen  Sprachen  erkannt;  entzückt
  verweilte  er  vor  der  unendlichen  Fernsicht,  die  sich  auf  dieser  Höhe
auftat.  Ließ  sich  das  nämliche  Wort  im  Sanskrit  und  in  allen  den
jüngeren  Sprachen  der  verwandten  Völker  auffinden,  dann  war  bereits
bewiesen,  daß  auch  die  Sache,  die  durch  jenes  Wort  bezeichnet  ward,  dem
rätselhaften  Urvolke  der  Indogermanen  schon  bekannt  gewesen  sein  mußte.
Und  so  konnte  nach  und  nach  die  geheimnisvolle  Völkerwiege  Indiens
aus  ihrem  Dunkel  heraustreten;  es  konnte  erforscht  werden,  welche  Stufe
der  Gesittung  die  Völker  Europas  schon  erreicht  hatten  bevor  sie  sich
trennten  und  die  Wanderung  gen  Westen  antraten,  was  ihnen  gemein
war  von  Anbeginn  und  was  sie  sich  erst  erwarben  ein  jedes  auf  seinem
eigenen  Wege.  Die  historischen  Wissenschaften  standen  mit  einem  Male
vor  einer  unübersehbaren  Reihe  neuer  Aufgaben,  die  das  innerste  Seelenleben
  aller  Völker  und  Zeiten  berührten  und  in  den  zwei  Menschenaltern
seitdem  erst  zum  kleinsten  Teile  ihre  Lösung  gefunden  haben.

Während  Jacob  Grimm  also,  ein  glücklicher  Finder,  von  Entdeckung
zu  Entdeckung  fortschritt,  gefiel  sich  sein  Bruder  Wilhelm  im  ruhigen  Gestalten.
  Seine  Freude  war,  die  Werke  unserer  alten  Dichtung  in  sauberen
Ausgaben,  mit  sinniger  Erklärung  dem  nenen  Geschlechte  darzubieten;  er
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        70  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

liebte  nach  Dichterart  sich  zuweilen  sehnsuchtsvoll  in  selige  Träume  zu  ver—
lieren;  durch  seine  weichere  Feder  erhielten  auch  die  Hausmärchen  ihre
liebliche  Form.  Zwei  gleichberechtigte  Richtungen  der  Wissenschaft  ver—
körperten  sich  in  den  beiden  Brüdern.  Des  Älteren  Spruch  hieß:  „besser
gelernt  als  gelehrt,“  er  achtete  nur  das  Lernen  und  Forschen  als  schöpfe—
rische  Tätigkeit;  der  Jüngere  verschmähte  nicht,  als  Lehrer  für  das  nähere
Bedürfnis  der  Wissensdurstigen  zu  sorgen.  Die  Beiden  verdankten  ihrer
Märchensammlung  die  Liebe  des  Volks,  die  dem  strengen  Forscher  fast
niemals  zu  teil  wird.  Überall  im  Lande  wußte  man  gemütliche  kleine
Geschichten  von  dem  Brüderpaare,  das  nur  mit  der  Wünschelrute  in  den
Boden  zu  schlagen  brauchte  um  den  reichen  Hort  der  alten  Sagen  an
den  Tag  zu  bringen.  Man  erzählte  von  der  tiefen  stillen  Herzenstreue
ihrer  Lebensgemeinschaft:  wie  sie  selbander  so  fromm  und  heiter  durchs
Leben  schritten  und  trotz  der  glühenden  Liebe  zum  großen  Vaterlande  doch
von  der  traulichen  hessischen  Heimat,  von  den  roten  Bergen  des  Fulda—
tales  sich  nimmermehr  trennen  wollten;  beide  so  kindlich  anspruchslos
und  doch  so  streng  gegen  die  Modegötzen  des  Tages,  so  sicher  im  Urteil
über  alles  Hohle,  Gemachte,  Unwahre;  wie  ihre  Arbeitstische  im  näm—
lichen  Zimmer  standen,  und  wie  sie  jeden  neuen  Fund  mit  harmloser
Freude  einander  mitteilten.  Kein  Kinderrätsel,  kein  Basengeschwätz  und
kein  Ammenlied  war  ihnen  zu  gering,  alles  gewann  Leben  vor  ihren  Augen
was  aus  dem  Heiligtum  der  deutschen  Sprache  stammte,  beim  Anblick
eines  alten  Bruchstücks  konnte  Jacob  das  Mitleid  nicht  verwinden.  Und
neben  der  schweren  Arbeit  brach  auch  der  herzliche  Verkehr  mit  guten
Menschen  niemals  ab;  nie  beirrte  ein  Gegensatz  der  Meinungen  die  Beiden
in  der  Treue  ihrer  Freundschaft;  wie  anmutig  wußte  Wilhelm  in  seinen
Briefen  an  die  strengkatholischen  Haxthausens  zu  plaudern,  und  zuweilen
fiel  auch  Jacob  mit  seinen  tieferen  Tönen  ein.  Es  war  ein  rührendes
Bild  einfältiger  Größe,  das  auch  den  Rohen  etwas  ahnen  ließ  von  der
sittlichen  Macht  der  lebendigen  Wissenschaft.

Jacob  Grimm  schätzte  die  Worte  nur  um  der  Sachen  willen;  sein
Wirken  fand  eine  glückliche  Ergänzung  in  den  Arbeiten  des  Braunschweigers
  Karl  Lachmann,  des  klassisch  geschulten,  gestrengen  Vertreters  der
formalen  Philologie,  der  die  Sachen  um  der  Worte  willen  trieb  und  die
noch  unstet  schweifende  junge  Wissenschaft  in  die  harte  Zucht  der  Methode
nahm.  Gleich  heimisch  in  den  alten  wie  in  den  germanischen  Sprachen
wurde  er  der  Begründer  der  altdeutschen  Textkritik  und  Metrik,  ein  Herausgeber
  von  unübertroffener  Schärfe  und  Sicherheit.  Was  einst  F.  A.  Wolf
über  die  Entstehung  der  homerischen  Gedichte  gelehrt,  wendete  Lachmann
auf  das  deutsche  Epos  an  und  versuchte,  nicht  ohne  Gewaltsamkeit,  das
Nibelungenlied  in  eine  Reihenfolge  selbständiger  Lieder  aufzulösen.  Seit
August  Zeune  den  Freiwilligen  von  1815  seine  „Zelt=  und  Feldausgabe
der  Nibelungen“  mitgegeben  hatte,  begann  die  spielende  Beschäftigung  mit
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        Lachmann.  Bopp.  71

der  altdeutschen  Dichtung  zu  einer  Liebhaberei  der  teutonischen  Jugend  zu
werden.  Ein  Glück  für  die  Wissenschaft,  daß  Lachmann  durch  den  Ernst
seines  unnachsichtigen  Tadels  die  Unreifen  zurückschreckte  und  den  Dilet—
tantismus  bald  gänzlich  aus  dem  Berichte  der  deutschen  Sprachkunde  hinausfegte.
  Währenddem  unternahm  Benecke  seine  lexikographischen  Arbeiten,
und  der  anspruchslose  Friedrich  Diez  trug  in  aller  Stille  die  ersten  Werkstücke
  zusammen  für  das  mächtige  Gebäude  seiner  romanischen  Grammatik.
Auch  er  war  wie  Lachmann  als  Freiwilliger  mit  dem  deutschen  Heere  in
Frankreich  eingezogen,  er  hatte  in  Gießen  mit  Follen  und  den  wildesten
Hitzköpfen  des  Teutonentums  an  lauter  Tafelrunde  gesessen  und  blieb
doch  im  Geiste  so  frei,  daß  er  wie  ein  geborener  Provenzale  der  schönen
Sprache  der  Troubadours  bis  in  die  Tiefe  des  Herzens  blicken  konnte.

Die  ungleiche  Begabung  der  Generationen  wird  durch  die  ungleiche
Gunst  der  äußeren  Umstände  allein  nicht  erklärt;  die  Zeit  erzieht  nur  den
Genius,  sie  schafft  ihn  nicht.  Immer  sobald  eine  große  Wandlung  des
geistigen  Lebens  sich  in  der  Stille  vorbereitet  hat,  läßt  eine  geheimnisvolle
Waltung,  deren  Ratschluß  kein  menschlicher  Blick  durchdringt,  ein  reichbegabtes
  Geschlecht  entstehen.  Zur  rechten  Zeit  erscheinen  die  rechten
Männer,  Fund  folgt  auf  Fund,  ein  heller  Kopf  arbeitet  dem  andern  in
die  Hände,  ohne  von  ihm  zu  wissen.  So  jetzt,  da  eine  große  Stunde  für
die  philosophisch-historischen  Wissenschaften  geschlagen  hatte.

Derweil  die  Brüder  Grimm  noch  in  unbestimmten  Vermutungen  über
die  gemeinsame  Abstammung  der  Sprachen  Europas  sich  ergingen,  hatte
der  Mainzer  Franz  Bopp,  ganz  unabhängig  von  ihnen,  bereits  den  Grundstein
  gelegt  für  die  neue  Wissenschaft  der  Sprachvergleichung.  Seit  vielen
Jahren  schon  lebte  Wilhelm  Humboldt  des  Glaubens,  daß  Sprachphilosophie
  und  Geschichtsphilosophie  in  den  letzten  Tiefen  der  Menschheit  sich
begegnen  müßten.  Wie  oft  hatte  er  in  seinen  Briefen  an  Schiller  ausgeführt,
  die  Sprache  sei  ein  lebendiger  Organismus,  mit  der  Persönlichkeit
  des  Sprechenden  eng  verwachsen.  Er  wußte  längst,  daß  der  eigentümliche
  Charakter  der  einzelnen  Sprachen  sich  vornehmlich  an  ihrem
grammatischen  Bau  erkennen  lasse;  nur  die  Geschäftslast  seines  diplomatischen
  Berufs  verhinderte  ihn  noch  diese  Ideen  weiter  auszuspinnen.  Von
ähnlichen  Ahnungen  erfüllt  hatte  der  junge  Bopp  sich  schon  früh  die
Kenntnis  der  klassischen  und  der  meisten  neu-europäischen  Sprachen  angeeignet;
  er  hoffte  die  in  dem  Sprachenreichtum  unseres  Geschlechts  verborgene
  Harmonie  zu  entdecken.  Es  galt  zunächst  den  genealogischen  Zusammenhang
  mehrerer  Sprachen  unzweifelhaft  sicherzustellen,  und  dies
ließ  sich  nur  nachweisen  durch  genaue  Prüfung  einer  sehr  alten  Sprache,
welche  den  Charakter  der  verlorenen  Ursprache  ziemlich  rein  bewahrt  hatte,
also  zur  Not  statt  der  Ursprache  selbst  gelten  konnte.

Bopp  beschloß  daher  von  dem  Sanskrit  auszugehen;  denn  das
hohe  Alter  der  indischen  Literatur  stand  außer  Zweifel,  und  seit  Friedrich
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        72  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Schlegels  geistreicher  Dilettantenarbeit  über  „die  Weisheit  der  Inder“
wurde  auch  die  Verwandtschaft  des  Sanskrit  mit  dem  Persischen,  den
klassischen  und  den  germanischen  Sprachen  fast  allgemein  als  sicher  an—
genommen,  wenngleich  der  Beweis  noch  fehlte.  Schon  im  Jahre  1816
erschien  Bopps  kleine  Schrift  über  das  Konjugationssystem  des  Sanskrit;
sie  betrachtete  den  grammatischen  Bau  dieser  ältesten  Sprache  im  Einzelnen,
  sie  zeigte,  wie  das  Futurum  durch  die  Zusammensetzung  eines
Hilfszeitworts  mit  einer  Wurzelsilbe  gebildet  werde  u.  s.  f.,  und  erwies
sodann  unanfechtbar  die  wesentliche  Gleichheit  der  Formen  und  Wurzeln
des  Zeitworts  Sein  im  Sanskrit  und  in  den  alten  germanischen  Sprachen.
Der  glückliche  Entdecker  erkannte  die  gotische  Sprache  als  das  Mittelglied
  zwischen  dem  Altindischen  und  dem  Deutschen:  „wenn  ich  den  ehrwürdigen
  Ulfilas  las,  so  glaubte  ich  Sanskrit  vor  mir  zu  haben.“  Damit
  kam  die  Kugel  ins  Rollen,  denn  bei  Fragen  solcher  Art  entscheidet
der  erste  Schlag.  Nunmehr  war  ein  fester  Anhalt  gewonnen  um  die
Grenzen  der  indogermanischen  Sprachengruppe  abzustecken,  jeder  einzelnen
dieser  Sprachen  ihren  Platz  näher  oder  ferner  neben  der  ältesten  Schwester
anzuweisen  und  dergestalt  den  historischen  Stammbaum  der  Völker  selbst
festzustellen.  So  durfte  sich  die  vergleichende  Sprachforschung  in  dem
Kreise  der  historischen  Wissenschaften  allmählich  eine  ähnliche  Stellung
erobern  wie  die  vergleichende  Anatomie  unter  den  Naturwissenschaften;
fuhr  sie  dann  fort  noch  andere  Sprachenfamilien  zur  Vergleichung  herbeizuziehen
  und  die  Wörter  überall  in  ihre  einfachsten  Elemente  zu  zerlegen,
so  mochte  sie  dereinst  auf  einem  unabsehbaren  Wege,  mit  Hilfe  der  Naturforschung,
  noch  höher  aufsteigen  bis  zu  dem  großen  Probleme  der  Entstehung
  der  menschlichen  Sprache  überhaupt,  bis  dicht  an  jene  Schranken,
welche  die  Weisheit  der  Natur  allem  menschlichen  Forschen  gesetzt  hat.

In  der  klassischen  Philologie  war  schon  seit  dem  Jahre  1795  ein
freieres  Leben  erwacht.  Damals  erwies  Friedrich  August  Wolf  durch  die
Prolegomena  zum  Homer,  daß  die  homerischen  Gedichte  aus  Rhapsodien
entstanden  seien,  aus  Werken  der  Volksdichtung,  die  der  Volksmund  durch
die  Jahrhunderte  fortgetragen  und  fortgebildet  habe;  und  Goethe  jubelte:
das  homerische  Licht  geht  uns  neu  wieder  auf.  Wolfs  bleibende  Bedeutung
  lag  aber  nicht  sowohl  in  dieser  Hypothese  selbst  —  denn  sie  ließ  noch
vieles  im  Dunkeln  und  veranlaßte  späterhin  manche  geschmacklose  Verirrungen
  des  überfeinen  gelehrten  Scharfsinns  —  sondern  in  seinen  völlig
neuen  Ansichten  über  Wesen  und  Ziele  der  Philologie.  Er  entriß  die
klassische  Literatur  den  Händen  der  Asthetiker  und  überwies  sie  der  historischen
  Kritik;  er  forderte  von  der  Philologie,  daß  sie  sich  zur  Altertumswissenschaft
  erweitere,  daß  sie  das  gesamte  antike  Leben  nach  allen  Seiten
hin  zu  vergegenwärtigen  suche,  Sprache  und  Literatur  nur  als  einzelne
Erscheinungen  dieses  Gesamtlebens  auffasse,  und  zeigte  durch  seine  meisterhaften
  Vorträge  in  Halle,  wie  die  Aufgabe  zu  lösen  sei.
        <pb n="81" />
        Boeckh.  G.  Hermann.  73

Unter  den  Jüngeren,  welche  sich  diese  historische  Auffassung  aneigneten,
stand  der  Karlsruher  August  Boeckh  obenan,  der  allbeliebte  freimütige
Lehrer  der  Berliner  Studenten;  der  hatte  in  den  Bacchanalien  der  Hei—
delberger  Romantiker  seinen  gründlichen  Fleiß  nicht  eingebüßt,  nur  seinen
Gesichtskreis  erweitert,  sein  Verständnis  für  alles  Menschliche  freier  aus—
gebildet.  Viele  Jahre  hindurch  trug  er  sich  mit  dem  Plane,  in  einem
umfassenden  Werke  „Hellen“  die  Einheit  des  griechischen  Lebens  in  allen
seinen  Erscheinungen  darzustellen.  Der  großgedachte  Bau  kam  leider  nie—
mals  unter  Dach.  Nur  ein  Bruchstück  erschien  im  Jahre  1817:  „die
Staatshaushaltung  der  Athener“  —  ein  erster  gelungener  Versuch,  auch
die  griechische  Geschichte,  nach  Niebuhrs  Vorbild,  als  ein  wirklich  Ge—
schehenes  und  Erlebtes  zu  verstehen.  Die  Historiker  frohlockten,  da  ihnen
hier  aus  vergessenen  und  übersehenen  Quellen  das  verschlungene  Getriebe
der  attischen  Volks-  und  Staatswirtschaft  in  seinem  inneren  Zusammen—
hange  gezeigt  wurde;  die  Nationalökonomen  dagegen  verstanden  noch  nicht,
von  der  induktiven  Methode  des  geistvollen  Philologen  Vorteil  zu  ziehen.
Denn  unter  allen  historischen  Wissenschaften  war  die  Volkswirtschaftslehre
  am  weitesten  zurückgeblieben;  sie  ruhte  noch  aus  auf  der  mißverstandenen
  Doktrin  Adam  Smiths  und  wähnte  noch  nach  der  Weise  des
Naturrechts  das  historische  Leben  der  Völker  in  das  Joch  ewig  gültiger
abstrakter  Regeln  spannen  zu  können.

Wie  Lachmann  neben  Jacob  Grimm  so  stand  neben  Beoeckhs  sachlich
historischer  Richtung  die  Schule  der  formalen  klassischen  Philologie,  die
in  Gottfried  Hermanns  Griechischer  Gesellschaft  zu  Leipzig  fast  ein  halbes
Jahrhundert  hindurch  ihre  fruchtbare  Pflanzstätte  behielt.  Hier  blühten
Grammatik,  Metrik,  streng  methodische  Textkritik.  In  ihrem  gefeierten
Lehrer  vereinigte  sich  alles,  was  die  alte  obersächsische  Gelehrsamkeit  auszeichnete:
  gründliches  Wissen  und  tief  eindringender  Scharfsinn,  eiserner
Fleiß  und  urbane  Duldsamkeit,  aber  auch  ein  nüchterner  Rationalismus,
der  von  der  geheimnisvollen  Nachtseite  des  historischen  Lebens  grundsätzlich
nichts  sehen  wollte.  Beide  Schulen  hatten  von  Wolf  gelernt  und  vieles
blieb  ihnen  gemeinsam;  war  doch  auch  der  Berliner  Immanuel  Bekker
unter  Wolfs  Augen  groß  geworden,  der  wortkarge  Meister  der  Kritik,
der  mit  sicherer  Hand  so  viele  griechische  Texte  auf  diplomatischer  Grundlage
  herstellte,  ohne  sich  je  zu  einer  Erläuterung  herabzulassen.

Selbständig  neben  beiden  ging  die  hochromantische  Schule  der  Symboliker,
  von  Friedrich  Creuzer  geführt,  ihre  wunderlichen  Wege.  Creuzers
rege  Phantasie  fühlte  sich  von  frühauf  mächtig  hingezogen  zu  der  Welt
des  Ubersinnlichen  und  Geheimnisvollen.  Schon  zu  Anfang  der  achtziger
Jahre,  lange  bevor  die  Romantik  erwachte,  begeisterte  sich  dieser  geborne
Romantiker  daheim  in  Marburg  an  dem  Anblick  der  himmelanstrebenden
gotischen  Pfeiler  der  Elisabethkirche;  dann  schloß  er  Freundschaft  mit
Novalis,  mit  Görres,  mit  dem  Heidelberger  Dichterkreise,  aber  auch  mit
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        74  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Savigny  und  Boeckh,  und  drang  in  die  Traumwelt  der  Naturphilosophie
tiefer  ein  als  irgend  einer  der  Fachgelehrten.  Wie  Schelling  trotzte  er
auf  die  angeborene  Wundergabe  der  unmittelbaren  Anschauung,  die  man
weder  lehren  noch  ersitzen  könne;  durch  sie  dachte  er  jene  Natursprache  zu
enträtseln,  welche  sich  bei  allen  Völkern  in  geheimnisvollen  religiösen  Sym—
bolen  äußere,  und  also  ein  Band  der  Einheit  zwischen  den  Mythen  aller
Zeiten  zu  finden.  Seine  Symbolik  bot  eine  Fülle  geistreicher  Winke  für  künftige
  Forschungen;  selbst  die  Theologen  mußten  ihm  danken,  weil  er  sie  auf
die  Bedeutung  der  vergessenen  Neuplatoniker  hinwies.  Er  erriet  zuerst,
welch  eine  Welt  des  Elends  und  des  Grauens  hinter  den  schönen  Mythen
des  Altertums  verborgen  liegt,  und  versenkte  sich  mit  solchem  Eifer  in
diese  unheimlichen  Mysterien,  daß  ihm  von  der  hellen  Weltfreudigkeit,  dem
vorherrschenden  Charakterzuge  des  griechischen  Volksglaubens,  wenig  mehr
übrig  blieb.  Auch  bemerkte  er  zuerst  die  Spuren  altorientalischer  Priesterweisheit
  in  den  Anfängen  der  hellenischen  Kultur;  doch  die  luftige  Brücke
zwischen  dem  Morgenlande  und  dem  Abendlande  ward  aufgerichtet  bevor
noch  der  Boden  auf  beiden  Ufern  untersucht  und  befestigt  war.  Trotz
seiner  reichen  Gelehrsamkeit  gelangte  der  geistvolle  Enthusiast  nirgends  zu
gesicherten  Ergebnissen,  weil  er  mit  vorgefaßter  Meinung  an  die  historischen
  Tatsachen  herantrat;  am  liebsten  verweilte  er  bei  den  Pelasgern
und  anderen  unbekannten  Urvölkern,  hier  fand  die  genialische  Willkür
der  unmittelbaren  Anschauung  offenes  Feld.

Durch  den  Mystizismus  seiner  Lehre  erregte  er  den  Unwillen  der
aufgeklärten  Welt.  Zunächst  bekämpfte  Gottfried  Hermann  die  Symbolik
mit  seiner  gewohnten  würdigen  Ruhe;  nachher  erhob  sich  der  greise  Johann
  Heinrich  Voß,  und  sein  grimmiger  Schlachtruf  klang  wie  eine
Stimme  aus  dem  Grabe.  Wie  wunderbar  schnell  hatte  dieses  Geschlecht
gelebt,  wie  fern  lag  schon  die  Zeit,  da  einst  die  Vossische  Homer-Übersetzung
  mit  vollem  Recht  als  eine  bahnbrechende  Tat  gefeiert  ward!  Alle
die  neuen  Ideen,  welche  seitdem  dem  deutschen  Genius  entstiegen,  waren
an  dem  eingefleischten  alten  Rationalisten  spurlos  vorübergerauscht.  Seine
Bildung  wurzelte  noch  in  der  Wolffischen  Philosophie,  die  mit  dem  Satze
vom  zureichenden  Grunde  das  All  zu  begreifen  dachte.  Schon  gegen
Herder  und  Wolf  hatte  er  sich  ereifert;  ja  selbst  bei  Kant  ward  ihm  nicht
ganz  geheuer,  da  der  Königsberger  Weise  doch  dem  ahnenden  Glauben
sein  gutes  Recht  ließ  und  gelassen  zugab,  daß  die  wissenschaftliche  Welterklärung
  am  letzten  Ende  nichts  erklärt.  Nun  gar  in  Heidelberg,  inmitten
  der  romantischen  Schwärmer  fühlte  sich  dieser  hausbackene  Verstand
  wie  verraten  und  verkauft.  All  das  Gerede  von  den  unbewußt
schaffenden  Kräften  des  Volksgeistes  war  ihm  eitel  Phantasterei;  und  wer
durfte  ihm  von  Dogmen  und  Symbolen  sprechen,  da  doch  erwiesenermaßen
die  Moral  allein  den  Kern  aller  Religion  enthielt?  Er  ließ  sich's  nicht
nehmen,  daß  Deutschland  durch  eine  große  Verschwörung  von  Pfaffen
        <pb n="83" />
        Die  Symboliker.  75

und  Junkern  bedroht  war,  die  beiden  rothaarigen  Schurken  Görres  und
Creuzer  das  Volk  Luthers  nach  Rom  zurückführen  wollten.  Alles,  was
sich  aufgeklärt  und  liberal  nannte,  jubelte  dem  Zornmutigen  zu,  als  er
seine  groben  Streitschriften  wider  die  Symboliker  hinaussandte;  Voß  ge—
wöhnte  die  Liberalen  zuerst  an  den  gehässigen  Ton  eines  Gesinnungsterrorismus,
  der  hinter  abweichenden  Meinungen  stets  verworfene  Absichten
suchte.  Recht  und  Unrecht  erschienen  in  diesem  Streite  ebenso  seltsam  ge—
mischt,  wie  in  den  gleichzeitigen  Kämpfen  der  politischen  Parteien.  Wenn
Voß  und  Hermann  sich  der  Klarheit  und  Bestimmtheit  rühmen  durften,
so  zeigte  Creuzer  unzweifelhaft  mehr  Geist;  wenn  jene  sich  als  die  schär—
feren  Kritiker  erwiesen,  so  bewährte  dieser  ein  ungleich  tieferes  Verständ—
nis  für  die  Religion,  für  das  verborgene  Gemütsleben  der  Völker.  Auf
manchem  der  Wege,  welche  der  Symboliker  zuerst  in  phantastischen  Sprüngen
durcheilte,  wandelt  heute  die  besser  ausgerüstete  Wissenschaft  mit  sicherem
Schritt.

So  haderten  die  Philologen  untereinander  und  bemerkten  noch  kaum,
wie  ihnen  allen  ein  gemeinsamer  Feind  heranwuchs,  die  banausische
Gesinnung  der  Geschäftswelt.  Da  der  ausschließlich  klassische  Unterricht
der  Gymnasien  den  wachsenden  Ansprüchen  des  wirtschaftlichen  Lebens
allerdings  nicht  mehr  genügen  konnte,  so  erhob  sich  schon  bald  nach  den
Kriegen  der  Ruf  nach  Reformen.  Den  Fanatikern  der  Nützlichkeit  erschien
nur  lernenswert,  was  sich  in  Geschäft  und  Unterhaltung  unmittelbar
gebrauchen  ließ;  die  moderne  Vorliebe  für  oberflächliche  Vielwisserei  und
der  Haß  der  Aufklärung  gegen  alles  Altüberlieferte  taten  das  Ihre  hinzu.
In  Baden  wurde  das  Verlangen  nach  Beschränkung  des  klassischen  Unterrichts
  bald  unter  die  Hauptsätze  des  liberalen  Parteiprogramms  aufgenommen;
  in  Preußen  war  Schön  der  eifrige  Gönner  dieser  Bestrebungen,
welche  den  tiefsten  Grund  der  deutschen  Bildung  bedrohten  und  erst  nach
langen  Jahren  sich  etwas  abklären  sollten.

Die  Fruchtbarkeit  der  neuen  Gelehrtengeneration  schien  unerschöpflich;
fast  im  nämlichen  Augenblicke,  da  die  historische  Rechtslehre,  die  historische
Grammatik  und  die  vergleichende  Sprachforschung  entstanden,  schuf  Karl
Ritter  die  neue  Wissenschaft  der  vergleichenden  Erdkunde.  Trotz  der  großen
Entdeckungen  des  sechzehnten  und  des  achtzehnten  Jahrhunderts  war  die
Geographie  bisher  doch  nur  eine  reichhaltige  Sammlung  von  statistischen,
historischen,  physikalischen  Notizen  ohne  innere  Einheit  geblieben.  Niemand
fragte  mehr,  was  wohl  einst  Strabo  gemeint  haben  mochte  als  er  für  die
Geographie  eine  philosophische  Behandlung  forderte  und  das  „vielgestaltige“
Europa  glücklich  pries  neben  Asiens  einförmiger  Küstenbildung.  Erst  in
diesen  Tagen  des  erstarkenden  historischen  Sinnes  erwachte  auch  die  Einsicht,
  daß  die  Erde  das  Erziehungshaus  der  Menschheit  und  der  Schauplatz
  ihrer  Taten  ist,  und  die  Erdkunde  mithin  zunächst  zu  erforschen
hat,  wie  die  Gestaltung  der  Erde  bedingend  und  bestimmend  auf  die
        <pb n="84" />
        76  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Geschichte  des  Menschengeschlechts  einwirkt.  Als  Ritter  im  Jahre  1817
diesen  neuen  Gedanken  in  dem  ersten  Bande  seiner  vergleichenden  Erd—
kunde  zuerst  aussprach,  erhob  er  die  Geographie  zu  einer  selbständigen
Wissenschaft.  In  ihm  arbeitete  der  nämliche  Drang  nach  Erkenntnis  der
gesetzmäßigen  Notwendigkeit  des  historischen  Lebens,  der  aus  Savignys
und  Bopps  Werken  sprach,  und  wie  diese  Beiden  erinnerte  er  sich  bei
seinen  Unternehmungen  oft  an  das  Vorbild  der  vergleichenden  Anatomie.
Die  Formen  der  Erde  beseelten  sich  vor  seinen  Augen  wie  die  Wortformen
vor  Jacob  Grimms  Forscherblick.  Er  sah  in  den  Weltteilen  die  großen
Individuen  der  Erde  und  lehrte,  jedes  Land  vertrete  eine  sittliche  Kraft,
übernehme  die  Erziehung  seiner  Bewohner,  erlebe  seine  notwendige  Ge—
schichte.  Mit  ungeheurem  Fleiße  trug  er  alles  zusammen  was  jemals
Naturforscher,  Reisende,  Historiker  über  Land  und  Leute  berichtet  hatten,
um  zunächst  an  Asien  die  ewige  Wechselwirkung  von  Natur  und  Geschichte
zu  erweisen.  Kam  sein  Werk  zum  Ziele  —  und  er  selber  nannte  noch
im  hohen  Alter  die  Geographie  bescheiden  eine  erst  werdende  Wissenschaft
—  so  war  der  ganze  Entwicklungsgang  der  Menschheit  als  eine  örtlich
bedingte  Naturerscheinung  dargetan.  Schwächere  Köpfe  konnten  auf  so
schwierigem  Wege  leicht  in  eine  materialistische  Geschichtsanschauung  hineingeraten;
  für  Ritter  war  diese  Versuchung  nicht  vorhanden.  Denn  er
blieb  noch  als  Mann  in  seinem  Herzen  ein  einfältiges,  frommes  Kind,
wie  vormals  da  er  in  Schnepfenthal  zu  den  Füßen  des  guten  Salzmann
saß.  Nicht  blinde  Naturgesetze,  sondern  den  Willen  des  lebendigen  Gottes
hoffte  er  durch  sein  Forschen  zu  erkennen;  heilige  Andacht  durchschauerte
ihn  so  oft  ihm  eine  Ahnung  von  dem  tiefen  Sinne  der  unbegreiflich
hohen  Werke  aufging,  und  oft  nannte  er  sein  Buch  „mein  Lobgesang
des  Herrn“.

Wenige  Wissenschaften  hängen  mit  der  Macht  und  dem  Reichtum
der  Völker  so  innig  zusammen,  wie  die  Erdkunde;  sie  folgt  in  den  Anfängen
  der  Geschichte  immer  den  Spuren  des  Eroberers  und  des  wagenden
Kaufmanns,  auch  in  gesitteten  Zeiten  bedarf  sie  königlicher  Mittel  um
Neues  zu  finden.  Nur  den  Deutschen  ist  es  gelungen,  sich  zweimal  allein
durch  die  Kraft  ihres  Geistes  eine  führende  Stellung  in  der  geographischen
  Wissenschaft  zu  erzwingen.  Als  die  Spanier  und  Portugiesen  sich
in  die  Herrschaft  beider  Indien  teilten  und  Deutschlands  alte  Handelsgröße
  zusammenbrach,  da  trat  Copernicus  dem  Columbus  ebenbürtig  an
die  Seite.  Wie  viele  Weltumsegler  und  Entdecker  hatten  seitdem  bei  den
Staatsgewalten  Englands,  Frankreichs,  ja  selbst  Rußlands  freigebige
Unterstützung  gefunden.  In  Deutschland,  dem  Lande  ohne  Kolonien  und
fast  ohne  Welthandel,  geschah  nichts  dergleichen;  die  Nation  und  ihre  Regierungen
  blickten  noch  kaum  hinaus  über  die  armselige  Beschränktheit
ihres  binnenländischen  Stilllebens.  Auf  eigene  Kosten  mußten  Alexander
von  Humboldt  und  Leopold  von  Buch  ihre  kühnen  Reisen  unternehmen.  Als
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        Karl  Ritter.  77

Adalbert  von  Chamisso  in  jenen  Tagen  von  seiner  Weltumseglung  heim—
kehrte  und  beim  Anblick  des  Swinemünder  Leuchtturms  im  tiefsten  Herzen
erschüttert  fühlte,  er  sei  ein  Deutscher  geworden  und  hier  grüße  ihn  die
liebe  Heimat,  da  wehte  die  russische,  nicht  die  preußische  Flagge  über
seinem  Haupte.  Und  doch  war  es  ein  Sohn  dieses  Binnenvolkes,  der
jetzt  die  Erdkunde  in  ihren  Grundlagen  neu  gestaltete;  einen  erstaun—
licheren  Erfolg  hat  der  deutsche  Idealismus  selten  errungen.  —

So  weit  Deutschlands  historische  Wissenschaften  den  Nachbarvölkern
vorauseilten,  ebenso  tief  blieb  der  allgemeine  Stand  unserer  Naturforschung
  hinter  den  Leistungen  der  Franzosen  und  Engländer  zurück.  Paris
galt  noch  lange  mit  Recht  als  die  Heimat  der  exakten  Wissenschaften.
Einzelne  große  Köpfe  wurden  freilich  durch  die  reiche  poetisch-philosophische
Bildung  der  letzten  Generation  in  den  Stand  gesetzt,  geradeswegs  die
höchsten  Ziele  der  Naturforschung  ins  Auge  zu  fassen,  die  Natur  als
Einheit,  als  Kosmos  zu  begreifen;  hatte  doch  Goethe  in  seiner  Metamorphose
  der  Pflanzen  durch  die  Tat  bewiesen,  daß  die  Idee  die  Erscheinungen
  der  Natur  ganz  und  gar  durchdringen  und  verklären  kann  ohne
sie  willkürlich  zu  entstellen.  Alexander  Humboldt  gestand  immer  dankbar,
durch  Goethe  sei  er  erst  mit  neuen  Organen  für  das  Verständnis  der
Natur  ausgestattet  worden;  nur  weil  er  einst  aus  dem  Quell,  der  in
Jena  und  Weimar  floß,  mit  vollen  Zügen  getrunken  hatte,  konnte  er  sich
die  staunenswerte  Vielseitigkeit  seiner  Naturkenntnis  erwerben.  Auch
Ritter  wäre  ohne  die  Naturphilosophie  niemals  auf  den  Gedanken  geraten,
  in  seiner  Erdkunde  alle  Zweige  der  historischen  und  der  exakten
Forschung  zu  gemeinsamem  Schaffen  zu  vereinigen.  Der  Masse  der  Minderbegabten
  aber  gereichte  die  Kühnheit  der  Philosophie  zum  Verderben.

Nicht  umsonst  hatte  Schelling  den  übermütigen  Ausspruch  getan:
seit  man  die  Idee  des  Lichtes  kenne,  sei  Newtons  bloß  empirische  Farbenlehre
  überwunden.  Nicht  umsonst  hatte  der  fahrige  Hendrik  Steffens,
noch  dreister,  gefordert,  die  Naturforschung  müsse  sich  steigern  zur  Spekulation
  und  in  allem  Sinnlichen  schlechterdings  nur  noch  das  Geistige
erkennen.  Jeder  junge  Fant,  dem  eine  neue  Idee  im  Kopfe  gährte,  meinte
sich  nun  berechtigt,  die  Welt  der  Erscheinungen  nach  einem  vorgefaßten
Plane  zurechtzurücken;  Lorenz  Oken  stand  im  vierten  Semester  des  medizinischen
  Studiums,  als  er  schon  den  Grundriß  seines  Systems  der  Naturphilosophie
  veröffentlichte.  Man  verlor  die  Ehrfurcht  vor  dem  Wirklichen,
  der  Chemiker  mochte  sich  die  Hände  nicht  beschmutzen,  der  Physiker
verschmähte  die  Ergebnisse  seiner  „Apperception“  durch  Experimente  zu
prüfen.  Verworrene  Bilder  verdrängten  die  klaren  Begriffe.  Im  Tone
des  Propheten  sprach  Schelling  von  den  beiden  Prinzipien  der  Finsternis
und  des  Lichtes,  deren  Angel  das  Feuer  sei.  Der  Diamant  war  der
zum  Bewußtsein  gekommene  Kiesel,  die  Wälder  die  Haare  des  Erdtiers,
und  am  Acuator  zeigte  sich  die  angeschwollene  Bauchseite  der  Natur.
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        78  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Zwar  der  ehrliche  Oken  bewahrte  sich  inmitten  dieser  Saturnalien  immer
noch  die  Freude  am  Beobachten  und  Vergleichen  und  bereicherte  die  Wis—
senschaft  durch  gründliche  Untersuchungen  über  die  Entwicklungsgeschichte
der  Säugetiere;  doch  manches  schöne  Talent  ging  in  dem  phantastischen
Spiele  völlig  unter.  Wie  viele  junge  Kraft  mußte  der  junge  Justus  Liebig
verschwenden,  bis  er  des  romantischen  Hochmuts  endlich  Herr  ward  und
sich  entschloß,  schlichtweg  als  ein  Unwissender  an  die  wirkliche  Welt  heran—
zutreten.

Die  Naturphilosophie  sah  in  der  Natur  den  unbewußten  Geist,  in
den  Naturkräften  die  Organe  dunkler  Willensmächte  und  suchte  daher
überall  nachzuweisen,  wie  bewußtes  und  unbewußtes  Leben  ineinander
spielen.  Hier,  auf  dem  rätselreichen  Grenzgebiete  der  Naturwissenschaft,
berührte  sie  sich  mit  der  religiösen  Schwärmerei  der  Zeit  und  mit  den  Ge—
heimlehren  jener  Zauberer  und  Schwindler,  die  seit  Swedenborgs  Tagen
das  ganze  alte  Jahrhundert  hindurch  an  den  Höfen  ihr  Wesen  getrieben
hatten.  Bis  zum  Jahre  1815  lebte  noch  in  der  Schweiz  der  alte  Mesmer,
  der  Wundermann,  dessen  Lehren  einst  Lavater  in  den  Kreisen  der
Erweckten  verbreitet  hatte;  der  kannte  die  geheime  Naturkraft  der  magnetischen
  Allflut,  das  eigentliche  Lebensprinzip,  das  alle  Krankheiten  heilen,
ja  selbst  verhüten  sollte.  Dies  halbverschollene  „Evangelium  der  Natur“
brachte  der  Berliner  Wohlfart  jetzt  wieder  in  Umlauf.  Uberall  tauchten
schlafwandelnde  Frauen  und  magnetische  Heilkünstler  auf;  überall  in  den
eleganten  Salons  bildeten  verzückte  Herren  und  Damen  die  magnetische
Kette.  Hufeland  und  mehrere  andere  bedeutende  Arzte  befreundeten  sich
mit  der  neuen  Offenbarung;  jedoch  die  Mode  des  Tages  stürmte  blindlings
  über  diese  Gemäßigten  hinweg.

Das  Körnlein  Wahrheit,  das  in  den  Doktrinen  des  Magnetismus
lag,  verschwand  bald  in  dem  trüben  Schlamme  des  gemeinen  Aberglaubens.
  Ein  krankhafter  Drang  nach  dem  Unerforschlichen  betörte  die
Wissenschaft  bevor  sie  noch  in  der  erforschbaren  Welt  recht  heimisch  geworden;
  phantastische  Bücher  erzählten  von  dem  Geheimnis  der  „Lebenskraft“",
  die  man  sich  als  eine  besondere  Substanz  vorstellte.  Auch  Galls
Schädellehre  gewann  wieder  zahlreiche  Gläubige,  zumal  seit  der  höfische
Naturphilosoph  Carus  sie  der  vornehmen  Welt  mundgerecht  zu  machen
wußte.  General  Müffling  ließ  den  jungen  Offizieren,  wenn  sie  in  die
Berliner  Kriegsschule  eintraten,  regelmäßig  durch  einen  Phrenologen  die
Köpfe  betasten,  um  die  Talente  herauszufinden;  und  stand  ein  Porträtmaler
  auf  der  Höhe  der  Zeit,  so  schmückte  er  seine  Gestalten  mit  unnatürlich
  hohen  Stirnen,  den  Kennzeichen  der  Genialität.  Dem  alten  Goethe
sendete  einst  ein  englischer  Verehrer  eine  Büste,  die  einem  Wasserkopfe  sehr
ähnlich  sah;  sie  stellte  den  Dichter  selber  vor,  der  Bildhauer  hatte  nach
den  Grundsätzen  der  Schädellehre  a  priori  erkannt,  wie  der  Fürst  der
Dichtung  unfehlbar  aussehen  mußte.  Männer  aller  Parteien  versanken
        <pb n="87" />
        Naturphilosophische  Träume.  79

in  dies  Traumleben.  Den  alternden  preußischen  Staatskanzler  lockte  der
gewandte  jüdische  Arzt  Koreff  in  die  Netze  des  Mesmerismus,  aber  auch
Wangenheim,  der  Führer  der  Liberalen  am  Bundestage,  stand  unter  den
Hohenpriestern  der  Naturphilosophie.  Doch  überwog  der  Rationalismus
in  der  liberalen  Welt;  die  Mehrzahl  seiner  Jünger  fand  der  Wunderglaube
  in  den  Reihen  der  konservativen  Parteien.  Auch  in  Frankreich
zählten  die  beiden  eifrigsten  Apostel  des  Somnambulismus,  Bergasse  und
Puysegur  zu  den  Heißspornen  der  Legitimität.  Die  akademischen  Lehrkörper
  konnten  das  Mißtrauen  gegen  die  phantastische  Willkür  der  Naturphilosophen
  niemals  ganz  überwinden;  die  Berliner  Universität  weigerte
sich  hartnäckig  den  geistreichen  Schwärmer  Steffens  zu  berufen,  und  zum
ersten  Male  entbrannte  ein  ernster  Streit  zwischen  der  Staatsgewalt  und
der  jungen  Hochschule,  als  Hardenberg  durch  ein  Machtgebot  seine  Günstlinge
  Koreff  und  Wohlfart  zu  ordentlichen  Professoren  ernannte.  Ganz
unbekümmert  um  den  Beifall  der  großen  Welt  ging  indessen  Heinrich
Schubert  seinen  bescheidenen  Gang,  der  liebenswürdigste  und  harmloseste
der  philosophischen  Naturforscher,  altväterisch  fromm  wie  es  daheim  im
Pfarrhause  des  Erzgebirges  der  Brauch  war,  ein  ehrwürdiges  Vorbild
christlicher  Liebe  und  Duldsamkeit;  wenn  er  in  seiner  sinnigen  gemütvollen
  Weise  von  der  Symbolik  des  Traumes  und  den  Nachtseiten  der
Naturwissenschaft  sprach,  dann  erbauten  sich  die  Stillen  im  Lande.

Wie  ein  Berggipfel  ragte  aus  dem  Nebelmeere  der  romantischen
Naturwissenschaft  Alexander  von  Humboldt  empor;  ihn  bestrahlte  schon  die
Sonne  eines  neuen  Tages.  Bereits  in  seinen  Jugendjahren  war  er,  der
Zeit  weit  vorauseilend,  ganz  aus  eigner  Kraft  von  der  ästhetischen  zur
wissenschaftlichen  Weltanschauung  vorgeschritten.  Die  treue  Sorgfalt  der
induktiven  Forschung,  die  der  Naturwissenschaft  ganz  abhanden  gekommen
war  und  den  Historikern  erst  durch  Savigny  und  Niebuhr  wieder  gewonnen
  wurde,  lag  diesem  Manne  im  Blute.  Sein  Drang  nach  objektiver
  Erkenntnis  ließ  von  jeher  schlechterdings  nur  die  Tatsachen  gelten,
schied  das  Erwiesene  streng  von  dem  Vermuteten  ab,  und  nichts  verletzte
ihn  tiefer  als  jener  Dünkel  der  Spekulation,  der  niemals  seine  Unkenntnis
eingestehen,  niemals  bescheiden  eine  Erscheinung  unerklärt  lassen  wollte.
Darum  erschien  er  in  den  Kreisen  der  ästhetischen  Idealisten,  wo  man  die
Wirklichkeit  als  eine  lästige  Schranke  des  freien  Geistes  verachtete,  zuerst
wie  ein  Fremdling  aus  einer  anderen  Welt.  Schiller  hielt  den  Bruder
seines  geliebten  Wilhelm  für  einen  ideenlosen  Sammler  und  klagte:  dieser
nackte,  schneidende,  von  der  Einbildungskraft  ganz  verlassene  Verstand  wolle
die  Natur  schamlos  ausgemessen  haben.  Seitdem  hatten  die  Deutschen
längst  erfahren,  welche  Macht  der  Phantasie  in  diesem  Genius  des  empirischen
  Wissens  lebte;  sie  vermaß  sich  freilich  nicht,  den  Gang  der  Forschung
meisternd  vorherzubestimmen,  aber  sie  verband  die  tausend  und  tausend
sorgsam  erforschten  Einzelheiten  zur  lebendigen  Einheit,  und  mit  brüderlichem
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        80  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Stolze  rief  Wilhelm  dem  Jüngeren  zu:  Du  wobst  aus  dem  was  geistvoll
Du  erspähet  ein  reiches,  Weltenall  umschlingend  Band!  Auch  dem  Idea—
lismus  des  Bruders  stand  Alexander  weit  näher  als  Schiller  glaubte;  denn
wie  jener  fand  er  den  einzigen  wirklichen  Inhalt  der  Weltgeschichte  in
der  Entwicklung  des  Menschengeistes,  nur  daß  nach  seiner  Schätzung  das
Schauen,  Bilden  und  Dichten  hinter  dem  Forschen  zurückstand.  Und  wie
jener  durfte  er  sich  des  „freien,  von  der  Gegenwart  nie  beschränkten  Sin—
nes“  rühmen,  der  alles  groß  behandelte  und  in  der  peinlichen  Einzelfor—
schung  immer  den  Blick  auf  das  All  gerichtet  hat.  „Er  sucht“  —  so  sagte
sein  Bruder  —  „wirklich  nur  alles  zu  umfassen,  um  eines  zu  erforschen,
dem  man  nur  von  allen  Seiten  zugleich  beikommen  kann.“  Die  Erkenntnis
galt  ihm  als  das  höchste  der  Güter;  alle  Kräfte  seiner  Seele  erschienen
beherrscht,  fast  aufgesogen  von  dem  einen  allumfassenden  Wissensdrange.
Niemals  störte  ihm  die  Liebe  oder  irgend  eine  andere  starke  persönliche
Leidenschaft  die  Bahnen  seiner  Forschung;  keinen  wählte  er  zum  Freunde,
der  nicht  mitbauen  half  an  dem  großen  Werke  seines  Lebens.

So  blieb  auch  das  schöne,  innige  Verhältnis  zwischen  den  beiden
Brüdern  mehr  eine  Gemeinschaft  der  Geister  als  ein  Herzensbündnis;  ihre
Vertraulichkeit  wuchs  mit  den  Jahren,  je  mehr  Wilhelm  von  seinen  ästhe—
tischen  Arbeiten  zu  der  vergleichenden  Sprachforschung  hinüberging  und
also  dem  Gedankenkreise  des  Bruders  sich  näherte.  In  dem  Freundes—
bunde  dieses  Bruderpaares  gewann  die  Idee  der  universitas  literarum
Fleisch  und  Blut;  er  bewies  der  Welt  die  unzerstörbare  Einheit  der  exakten
und  der  historischen  Wissenschaften,  von  deren  Feindschaft  kleine  Geister
fabeln.  Alexander  vermochte  weder  so  tief  wie  Wilhelms  schwerer  und
stärker  angelegter  Genius  in  die  verborgenen  Abgründe  des  Seelenlebens
hinabzublicken,  noch  so  kühn  wie  jener  zu  den  Höhen  der  Spekulation
emporzusteigen,  auch  die  reine  Mathematik  lag  der  Richtung  seines  Denkens
  fern.  Dafür  überbot  er  den  Bruder  wie  alle  anderen  Zeitgenossen
durch  die  wunderbare  Beweglichkeit  und  Empfänglichkeit  eines  rastlosen
Kopfes,  der  alles,  was  Menschen  je  geforscht  und  gedacht  in  sich  aufzunehmen
  und  mit  sich  zu  verschmelzen  wußte.

In  ihm  fand  der  weltbürgerliche  Zug  des  deutschen  Geistes  einen
so  vollkommenen  Ausdruck  wie  vordem  nur  in  Leibniz.  Er  hielt  sich  berufen,
  die  ganze  geistige  Habe  des  Zeitalters  aufzuspeichern  und  zu  beherrschen,
  allen  Völkern  als  ein  Vermittler  der  modernen  Bildung,  als
ein  Lehrer  der  Humanität  zu  dienen.  Niemand  verstand  wie  er,  Talente
aufzufinden  und  zu  ermutigen;  mit  unermüdlich  liebenswürdigem  Eifer
teilte  er  allen  mit  aus  der  Fülle  seines  immer  lebendigen  und  immer
bereiten  Wissens.  Goethe  verglich  ihn  einem  Brunnen  mit  vielen  Röhren,
wo  man  überall  nur  Gefäße  unterzuhalten  braucht  und  wo  es  uns  immer
erquicklich  und  unerschöpflich  entgegenströmt.  Selbst  die  Schwächen  des
Charakters,  die  er  mit  Leibniz  teilte,  kamen  seinem  Vermittlerberufe  zu
        <pb n="89" />
        A.  v.  Humboldt.  81

statten.  Wenn  er  als  ein  schmiegsamer  Hofmann  jedem  nach  dem  Munde
redete  und  jeden  ohne  Unterschied  mit  einem  Schwalle  schmeichlerischen
Lobes  überschüttete,  so  warb  er  dadurch  immer  neue  Gönner  und  Ge—
hilfen  für  die  Sache  der  universalen  Bildung,  welche  doch  nur  durch  die
Arbeit  aller  gedeihen  konnte;  wenn  er  seinen  eigenen  Weltruhm  mit  un—
verhohlener  Eitelkeit  genoß  und  förderte,  so  diente  ihm  sein  glänzender
Name  zugleich  als  ein  Mittel  um  die  Großen  der  Erde  auf  den  Wert
der  unzähligen  wissenschaftlichen  Unternehmungen,  die  er  mit  warmem
Fürwort  unterstützte,  ausdrücklich  hinzuweisen.  Wo  es  not  tat  trat  er
für  die  bedrohte  Freiheit  der  Forschung  weit  mutiger  ein  als  vormals
Leibniz,  und  während  die  weite  Welt  ihm  ihre  Huldigungen  darbrachte,
blieb  er  in  seinem  Herzen  doch  ein  Deutscher:  er  kannte  wie  niemand
sonst  die  Gebrechen  unserer  jungen  Gesittung,  unserer  Armut  und  Klein—
meisterei  und  beobachtete  mit  stiller  Freude,  wie  die  Deutschen  Schritt  für
Schritt  an  die  alte  Kultur  der  Nachbarvölker  näher  heranrückten.

Gleich  allen  großen  Reisenden  hatte  er  schon  im  Kindesalter  sich
hinausgesehnt  in  die  ungemessene  Ferne;  wenn  er  im  Palmenhause  der
Potsdamer  Pfaueninsel  zu  den  zierlichen  Blätterfächern  emporschaute,  dann
stieg  die  Wunderwelt  der  Tropen  lockend  und  glänzend  vor  seinem  Geiste
auf.  Was  der  Knabe  geträumt,  ging  dem  Manne  herrlich  in  Erfüllung.
Während  fünf  reicher  Jahre  durchwanderte  er  mit  seinem  treuen  Bonpland
  das  Innere  Süd=  und  Mittelamerikas;  die  Freunde  bestiegen  den
Chimborazo,  weilten  viele  Monate,  von  der  Welt  abgeschieden,  in  den  nie
betretenen  Urwäldern  am  Orinoco.  Als  Humboldt  zurückkehrte,  war  er
der  einzige  deutsche  Mann,  der  sich  in  jenen  napoleonischen  Tagen  die
ungeteilte  Bewunderung  des  Auslandes  errang.  Sein  Ruhm  hielt  die
Ehre  des  deutschen  Namens  selbst  unter  den  französischen  Siegern  aufrecht;
  für  Bonpland  wußten  seine  Landsleute  kein  höheres  Lob,  als  daß
er  der  Mitarbeiter  des  deutschen  Forschers  gewesen.  Humboldt  siedelte
sich  nun  in  Paris  an;  hier  bot  ihm  der  Umgang  mit  Laplace,  Arago,
Cuvier,  Gay-Lussac  einen  fruchtbaren  Gedankenaustausch,  wie  ihn  ein
Naturforscher  in  Deutschland  noch  nirgends  finden  konnte.  Alles  drängte
sich  um  den  bezaubernden  Causeur,  sobald  er  nach  arbeitsreichem  Tage
abends  in  den  Salons  erschien  und  durch  geistvolle  Bemerkungen,  Reiseerinnerungen,
  Tagesneuigkeiten  und  boshafte  Scherze  bis  in  die  tiefe
Nacht  hinein  die  Gesellschaft  in  Atem  hielt.

Sein  Ansehen  stieg  noch,  als  der  Verkehr  zwischen  den  beiden  Nachbarvölkern
  nach  dem  Kriege  wieder  lebendiger  wurde;  seitdem  galt  er  bei  den
Parisern  als  der  natürliche  Vertreter  der  deutschen  Wissenschaft,  alle  Landsleute
  an  der  Seine  suchten  seinen  Schutz,  und  sein  Wort  wog  oft  schwerer
als  die  Fürsprache  der  Diplomaten.  In  neunundzwanzig  großen  Bänden
teilte  er  der  Welt  nach  und  nach  die  Ergebnisse  seiner  amerikanischen
Fahrten  mit.  Sein  Reisebericht  war  das  unübertroffene  Muster  streng

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  6
        <pb n="90" />
        82  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

wissenschaftlicher  Länderbeschreibung.  Hier  zeigte  er  zuerst  den  geognostischen
Unterschied  der  beiden  Erdhälften,  lehrte  zuerst  Länderprofile  zu  zeichnen
und  die  mittlere  Höhe  der  Kontinente  zu  bestimmen  und  bewies  den
überraschten  Lesern,  wie  niedrig  die  Gebirge  sind  im  Vergleich  mit  der
Gesamterhebung  des  festen  Landes.  Er  schuf  die  Lehre  der  Pflanzen—
geographie  und  öffnete  durch  die  Auffindung  der  Isothermen  (1817)  den
Weg  für  die  neue  Wissenschaft  der  Meteorologie.  Im  Entdecken  und
Erfinden  kamen  ihm  einzelne  seiner  Pariser  Freunde  gleich;  doch  keiner
beherrschte  einen  so  weiten  Gesichtskreis.  Derselbe  Mann,  der  die  Fach—
genossen  durch  die  peinliche  Genauigkeit  seiner  barometrischen  Höhenmes—
sungen  in  Erstaunen  setzte,  gab  den  Historikern  zuerst  eine  Vorstellung
von  der  Kultur  der  Urvölker  Amerikas,  ein  klares  Bild  von  der  spanischen
Kolonialpolitik,  und  beschämte,  gleichwie  Boeckh,  die  Nationalökonomen  durch
ein  Meisterstück  der  vergleichenden  Statistik,  die  Untersuchungen  über  den
vorhandenen  Vorrat  an  edlen  Metallen.  Durch  Humboldts  Vorbild
und  persönliche  Belehrung  empfing  auch  Ritter  die  ersten  Aufschlüsse  über
die  eigentliche  Aufgabe  der  Geographie.

Gleich  Humboldt  hatte  sich  sein  Landsmann  Leopold  von  Buch  in  dem
philosophischen  Rausche  der  Zeit  die  Lust  und  Kraft  zum  Beobachten
des  Wirklichen  gerettet:  auch  er  ein  Aristokrat,  durch  reichen  Besitz
vor  der  Kleinlichkeit  des  deutschen  Gelehrtenlebens  bewahrt,  und  doch
so  ganz  anders  geartet  als  jener  glänzende  Redekünstler  der  Pariser
Salons:  ein  naturwüchsiges  Genie,  offenherzig,  derb,  geradezu,  ein  freimütiger
  märkischer  Landjunker.  In  allen  Bergwinkeln  Europas,  von
Lappland  bis  zu  den  Abruzzen  war  der  rüstige  Fußwanderer  zu  Hause;
die  feinen  Verästelungen  des  Hochgebirges  am  buchtenreichen  Fjord  von
Christiania  standen  so  klar  vor  seinen  Augen,  wie  die  bescheidenen  Sandhügel
  seines  heimischen  Flämings.  Durch  ihn  und  Humboldt  wurde  die
Geologie  von  Grund  aus  umgestaltet:  sie  widerlegten  die  neptunistische
Doktrin  ihres  gemeinsamen  Lehrers  Werner  und  erwiesen  die  vulkanische
Entstehung  der  höchsten  Gebirge.  Mit  Kummer  sah  Geoethe,  wie  sein
geliebtes  „poseidaonisches  Reich“  also  durch  die  „tollen  Strudeleien“  des
Plutonismus  zerstört  wurde.  Die  Erdfreundschaft  des  Dichters  wurzelte
im  Gemüte.  So  hoch  er  auch  über  der  Phantasterei  des  großen  Haufens
der  Naturphilosophen  stand:  es  war  doch  seine  poetische  Weltanschauung,
die  ihn  zur  Erforschung  der  Natur  trieb.  Ganz  voraussetzungslos  ging
er  weder  an  die  Farbenlehre  noch  an  die  Geologie  heran;  und  wie  treu
er  auch  jede  Erscheinung  der  Natur  beobachtete,  schließlich  nahm  er  doch
nichts  als  erwiesen  an,  was  den  Grundanschauungen  seiner  gelassenen
Lebensweisheit  widersprach.  Die  Lehre  des  Plutonismus  blieb  ihm  unheimlich;
  denn  sein  Gefühl  verlangte,  daß  die  Veste  der  Erde  sich  langsam,
  ohne  plötzliche  Erschütterungen,  aus  der  Lebensfeuchte  herausgebildet
haben  mußte.
        <pb n="91" />
        Schelling.  83

Wenn  der  deutschen  Naturforschung  gelang,  die  Philosophie  in  ihre
Schranken  zurückzuweisen,  dann  durfte  sie  wohl  hoffen  die  Nachbarvölker
dereinst  noch  einzuholen.  An  Talenten  gebrach  es  ihr  schon  jetzt  nicht.
Der  Hallenser  Meckel  war  in  der  vergleichenden  Anatomie  schon  weit  über
Cuvier  hinausgegangen;  Soemmering  in  München  hatte  bereits  im  Jahre
1810  die  Möglichkeit  des  elektrischen  Telegraphen  behauptet;  und  in  Göt—
tingen  lebte  schon,  das  Lehren  verachtend,  ganz  in  die  letzten  Probleme
der  reinen  Theorie  versunken,  der  Mathematiker  Gauß,  zu  dessen  Größe
selbst  Humboldt  mit  scheuer  Ehrfurcht  aufblickte  —  einer  jener  zeitlosen
Denker,  deren  Wirksamkeit  erst  in  dem  Leben  der  kommenden  Geschlechter
ganz  empfunden  wird.  Er  wußte,  die  Mathematik  sei  die  Königin  der
Wissenschaften,  und  seine  Zahlentheorie  die  Königin  der  Mathematik.

Wenn  Hegel  in  jenen  Tagen  den  Ausspruch  tat:  die  Philosophie
ist  ihre  Zeit  in  Gedanken  gefaßt,  so  hatte  er  mindestens  den  Charakter
seines  Zeitalters  recht  verstanden.  Fast  in  der  gesamten  geistigen  Arbeit
der  Epoche,  in  den  phantastischen  Verirrungen  der  Naturwissenschaft  wie
in  den  fruchtbaren  Entdeckungen  der  Historiker  verriet  sich  der  mächtige
Einfluß  der  Ideen  Schellings.  Seine  philosophische  Lehre  beherrschte
noch  die  deutschen  Gedanken,  bis  sie  erst  in  den  zwanziger  Jahren  durch
Hegels  System  vom  Throne  gestoßen  wurdez  selbst  die  eigentümlich  vornehme
  Haltung  dieser  Gelehrtengeneration  erinnert  überall  an  das  Vorbild
  des  stolzen  Philosophen,  der  alle  unheiligen  Sohlen  so  herrisch  von  der
Schwelle  seines  Tempels  abwies.  In  der  Tat  konnte  dem  Denkerstolze
der  Deutschen  kaum  eine  größere  Genugtuung  bereitet  werden  als  durch
die  Lehre  dieses  unendlich  empfänglichen  Geistes,  der  die  Einheit  des  Realen
und  Idealen  behauptete,  die  Natur  als  den  sichtbaren  Geist,  den  Geist
als  die  unsichtbare  Natur  erklärte.  Das  große  Problem  der  deutschen
Philosophie  schien  gelöst,  die  Identität  von  Sein  und  Denken  endlich  erwiesen.
  Fichte  hatte  in  der  Natur  nur  die  Bühne  für  das  Ich  gesehen,
ohne  ihr  selbständiges  Leben  zu  erklären;  Schelling  unternahm  zu  zeigen,
wie  sich  Gott  zweifach  offenbare  in  den  gleichlaufenden  Sphären  der  Natur
  und  der  Geschichte.  So  ward  ihm  alles  was  da  war  und  ist  und
sein  wird  zu  einer  lebendigen  Einheit;  in  der  unendlichen  Stufenfolge
der  Erscheinungen  entfaltete  sich  das  eine  göttliche  Selbstbewußtsein:  „vom
ersten  Ringen  dunkler  Kräfte  bis  zum  Erguß  der  höchsten  Lebenssäfte  ist
eine  Kraft,  ein  Wechselspiel  und  Weben,  ein  Trieb  und  Drang  nach  immer
höh'rem  Leben.“  Neben  Fichtes  einseitigem  Idealismus  erschien  dies  allumfassende
  System  ebenso  großartig  und  überlegen,  wie  Goethe  neben
Schiller  —  so  lange  man  noch  nicht  bemerkte,  daß  der  mächtige  Gedankenbau
  nicht  auf  sicheren  Beweisen,  sondern  nur  auf  den  kühnen  Behauptungen
  eines  genialen  Kopfes  ruhte.  »

Mit  Schelling  begann  jene  krankhafte  Uberhebung  der  Spekulation,
die  nachher  durch  Hegel  auf  die  Spitze  getrieben  und  der  Strenge  unserer

67
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        84  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Wissenschaft,  ja  selbst  der  Redlichkeit  unseres  Volkes  noch  hochgefährlich
werden  sollte.  Froh  ihrer  blendenden  Erfolge  überschritt  die  Philosophie
bald  die  festen  Grenzen,  welche  ihr  Kants  Kritik  gezogen  hatte;  sie  verschmähte
  sich  suchend  und  prüfend  als  Liebe  zur  Weisheit  zu  betätigen,
wie  die  Alten  von  ihr  verlangten,  sondern  behauptete  schlechthin  eines  zu
sein  mit  ihrem  Gegenstande,  dem  Urwissen  selbst,  eines  auch  mit  der  Sittlichkeit,
  eines  sogar  mit  der  Poesie,  von  der  sie  einst  ausgegangen  und
zu  der  sie  einst  wieder  zurückkehren  werde.  Wer  sich  zu  der  Idee  des
Universums  erhoben  hatte,  bedurfte  nicht  mehr  jener  Beweise,  welche  der
atomistische  Gelehrte  mühsam  aus  den  Schachten  der  empirischen  Welt
emporgrub;  er  gewann  aus  der  Anschauung  jener  Idee  selbst  unmittelbar
die  Kraft,  die  Natur  zu  schaffen,  ihren  Mechanismus  mit  Freiheit  zu  beleben.

Während  seines  Aufenthalts  in  Jena  hatte  sich  Schelling  lange  allein
dem  Ausbau  seines  naturphilosophischen  Systems  gewidmet.  Erst  in  den
geistvollen  Vorlesungen  über  das  akademische  Studium  (1803)  wandte  er
sich  jener  zweiten  Offenbarung  Gottes,  der  Welt  der  Geschichte  zu.  Ein
glücklicher  Instinkt  hielt  ihn  im  Einklang  mit  der  allgemeinen  Bewegung
der  Zeit.  Er  erkannte  jetzt,  „daß  die  Religion,  der  öffentliche  Glaube,
das  Leben  im  Staate  der  Punkt  sei,  um  welchen  sich  alles  bewegt“,  und
arbeitete  dann  in  Würzburg,  Erlangen,  München  an  der  Begründung
seiner  „geschichtlichen  Philosophie".  Die  Naturphilosophie  blieb  fortan
seinen  Schülern  überlassen  und  verfiel  bald  gänzlich  in  mystische  und
magische  Spielerei;  der  Wundermann  Ennemoser  sah  schon  die  Zeit  kommen,
  da  die  Priester,  im  glücklichen  Alleinbesitze  der  magnetischen  Heilkunde,
  wieder  Leib  und  Seele  der  Völker  beherrschen  würden.  Der  Meister
selbst  aber  gelangte,  da  er  in  die  historische  Welt  einkehrte,  zu  den  fruchtbarsten
  und  gesündesten  Gedanken  seines  Lebens;  seinem  Künstlergeiste
kamen  wirklich  Augenblicke  der  Erleuchtung,  die  ihm  das  Wesen  der  Dinge
unmittelbar  vor  die  Augen  führten.

Aus  der  Anschauung  der  ewigen  Entwicklung  des  historischen  Lebens
ergab  sich  ihm  mit  Bestimmtheit,  was  Herder  doch  nur  geahnt  hatte:  die
Erkenntnis,  daß  Recht  und  Religion  als  Offenbarungen  der  weltbauenden
Vernunft  und  darum  als  notwendig  werdend  zu  verstehen  seien.  Die  vollendete
  Welt  der  Geschichte  fand  er  in  dem  Staate,  dem  großen  Kunstwerke,
das,  hoch  erhaben  über  dem  Willen  der  einzelnen  Menschen,  sich  selber
Zweck  sei  und  die  Harmonie  von  Notwendigkeit  und  Freiheit  in  dem
äußeren  Leben  der  Menschheit  verwirkliche.  Manche  köstliche  Aussprüche
ließen  erkennen,  wie  tief  er  in  das  innerste  Leben  der  Geschichte  eingedrungen
  war;  seinem  bildungsstolzen  Jahrhundert  rief  er  die  Warnung  zu:
„ein  aufgeklärtes  Volk,  das  alles  in  Gedanken  auflöst,  verliert  mit  dem
Dunkel  auch  die  Stärke  und  jenes  barbarische  Prinzip,  das  die  Grundlage
aller  Größe  und  Schönheit  ist.“  Jedoch  zum  Abschluß  gelangte  seine  Geschichtsphilosophie
  niemals.  Der  früh  erworbene  Ruhm  hatte  den  Jüng-
        <pb n="93" />
        F.  Baader.  85

ling  einstmals  oft  zu  übereiltem  Schaffen  verführt  und  stimmte  jetzt  den
Mann  schweigsam.  Nur  durch  ein  vollkommenes  Werk  meinte  der  Hochmütige
  noch  sich  selber  und  der  staunenden  Welt  genügen  zu  können.
Immer  wieder  verhieß  er  unter  dem  Hohngeschrei  seiner  liberalen  Gegner:
„wie  ich  jetzt  reden  werde,  wird  man  sehen;“  immer  wieder  ward  sein
großes  Werk  über  die  Weltalter  angekündigt,  nie  vollendet.  Denn  seiner
unruhigen  Phantasie  wurden  die  harten  Tatsachen  der  Geschichte  auf
die  Dauer  doch  unbequem.  Von  seinen  Weltaltern  zog  ihn  die  „künftige
Welt“,  die  so  viel  zu  ahnen  und  zu  weissagen  gab,  ungleich  stärker  an
als  die  Welt  der  wirklichen  Geschichte.  Am  liebsten  aber  verweilte  er  bei
der  Betrachtung  der  „Urzeit“  und  schilderte,  im  scharfen  Gegensatze  zu
dem  unbedingten  Fortschrittsglauben  der  Aufklärung,  wie  die  glückliche
Menschheit  in  jenem  Zeitalter  ursprünglicher  Unschuld  durch  den  Unter—
richt  höherer  Geister  die  Geheimnisse  der  Religion  empfangen  habe.  Bald
kehrte  der  Vielbewegliche  auch  der  Historie  wieder  den  Rücken  und  verlor
sich  in  die  theosophischen  Probleme  der  Offenbarungsphilosophie;  seine  ge—
schichtsphilosophischen  Ideen  aber  lebten  fort  in  den  Werken  von  Savigny,
Ritter  und  Creuzer.

Schelling  konnte,  selbst  wenn  seine  Phantasie  ins  Ungemessene  schweifte,
den  protestantischen  Schwaben  niemals  ganz  verleugnen.  In  der  „christlichen
  Philosophie“  des  Bayern  Franz  Baader  hingegen  lebte  die  ganze
Unfreiheit  der  mittelalterlichen  Scholastik  wieder  auf.  Der  geistreiche  Sonderling
  nahm  die  katholische  Dogmatik  zur  Voraussetzung  wie  zum  Ziele
seines  Denkens,  und  bekämpfte  gleichwohl  das  Papsttum  und  die  Jesuiten
ebenso  leidenschaftlich  wie  den  Liberalismus,  die  Aufklärung  und  die  Staatsallmacht;
  in  der  Vereinigung  der  römischen,  der  griechischen  und  der  evangelischen
  Kirche  meinte  er  das  mystische  Dreieck,  den  wahren  Katholizismus
gefunden  zu  haben.  Statt  der  angeblich  mechanischen  Systeme  seiner
Vorgänger  dachte  er  eine  dynamische  Philosophie,  statt  der  heilandlosen
und  darum  heillosen  Moral  Kants  eine  neue,  auf  Physik  und  Religion
begründete  Ethik  zu  schaffen  und  geriet  dabei,  obwohl  er  manche  Verirrungen
  liberaler  Verstandesflachheit  mit  treffenden  Worten  widerlegte,
selber  in  ein  so  krauses  Gewirr  magischer  Vorstellungen,  daß  sogar  der
ewig  aufgeregte  romantische  Enthusiast  Steffens  das  fratzenhafte  Treiben
des  Münchener  Mystagogen  nicht  mehr  mit  ansehen  mochte.  Wie  er  einst
den  Zaren  Alexander  zur  Stiftung  der  heiligen  Allianz  angeregt  hatte,
so  suchte  er  sein  Leben  lang  das  Heil  der  Völker  in  einer  unklaren  Vermischung
  religiöser  und  politischer  Ideen;  sein  Staatsideal  blieb  die  „wahre
Theokratie“.  —  Von  Kant,  dem  deutschesten  der  Philosophen,  wendete  sich
die  romantische  überschwänglichreit  erschreckt  ab.  Statt  seiner  ward  jetzt
Jakob  Böhme  wieder  als  der  philosophus  teutonicus  gefeiert,  der  tiefsinnige
  schwärmerische  Theosoph,  der  einst  dem  wüsten  Geschlechte  des
dreißigjährigen  Krieges  sein  geheimnisvolles  „Überall  siehest  Du  Gott!“
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        86  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

gepredigt  hatte.  Als  Fouqués  Regiment  im  Frühjahrsfeldzuge  1813
nahe  der  Landskrone  ein  Gefecht  bestand,  da  rief  der  romantische  Poet
in  seiner  Verzückung:  hier  sei  es  schön  zu  sterben,  im  Angesichte  des  hei—
ligen  Berges,  auf  dessen  Gipfel  der  Herrgott  zuerst  dem  Schuster  von
Görlitz  erschienen!  —

Wo  waren  sie  hin,  jene  Tage  der  allmächtigen  Aufklärung,  da  der
Gegensatz  der  Glaubensbekenntnisse  ganz  verbleicht,  alles  kirchliche  Leben
durch  die  weltliche  Bildung  überwuchert  schien  und  der  mögliche  Unter—
gang  des  Christentums  von  Freund  und  Feind  schon  mit  philosophischer
Gelassenheit  besprochen  wurde!  Die  erschütternden  Erfahrungen  des  Zeit—
alters  der  Revolution  hatten  in  allen  Völkern  das  schlummernde  religiöse
Gefühl  mächtig  aufgeregt;  aber  mit  dem  lebendigen  Glauben  erwachten
auch  hierarchische  Bestrebungen,  die  man  längst  erstorben  wähnte,  und
die  finsteren  Leidenschaften  des  Glaubenshasses,  des  Fanatismus,  des
Aberglaubens.  Das  neue  Jahrhundert  erwies  sich  mit  jedem  Jahre  mehr,
im  scharfen  Gegensatze  zu  seinem  Vorgänger,  als  ein  Zeitalter  endlosen
kirchlichen  Unfriedens,  so  zerklüftet  und  verworren  wie  kaum  ein  zweites
Jahrhundert  der  Kirchengeschichte:  reich  an  gesundem  religiösem  Leben,  doch
ebenso  reich  an  Unglauben,  Weltsinn,  Gleichgültigkeit,  Verzweiflung;  voll
stiller  Sehnsucht  nach  einer  reineren  Form  des  Christentums  und  doch
unfähig  zur  Versöhnung  der  erbitterten  kirchlichen  und  kirchenfeindlichen
Parteien,  die  immer  nur  durch  das  Gefühl  der  eigenen  Schwäche  und
durch  das  gebieterische  Ruhebedürfnis  des  bürgerlichen  Lebens  in  Schran—
ken  gehalten  wurden.  Nirgends  erscheint  das  Gewirr  dieser  kirchlichen
Gegensätze  so  bunt  und  vielgestaltig  wie  in  dem  Heimatlande  der  Re—
formation,  das  von  jeher  gewohnt,  war,  die  Fragen  des  Glaubens  mit
schwerem  Ernst  zu  behandeln,  die  überzeugung  des  Gewissens  freimütig
auszusprechen.  Die  deutsche  Nation  zerfiel  in  ehrliche  Gläubige  und  ehrliche
  Freidenker;  die  Zahl  der  Heuchler  blieb  hier  immer  gering.

Da  die  Durchschnittsbildung  stets  um  einige  Schritte  hinter  dem
Stande  der  Wissenschaft  zurückbleibt,  so  herrschte  in  der  Masse  der  evangelischen
  Geistlichkeit  und  in  der  gebildeten  Laienwelt  noch  immer  jener
bequeme,  menschenfreundliche  Rationalismus,  der  mit  seinem  harten  Verstande
  kurzerhand  alles  „Unvernünftige“  von  den  Dogmen  losschälte  und
in  seiner  Selbstzufriedenheit  gar  nicht  bemerkte,  daß  er  mit  der  Schale
auch  den  Kern  des  christlichen  Glaubens  verloren  hatte:  auch  die  tiefsinnigen
  Lehren  von  der  Sünde  und  der  Erlösung,  welche  dem  germanischen
Gemüte  allezeit  die  teuersten  waren.  Durch  diese  Heilslehre  hatte  einst
das  Christentum  zuerst  den  Weg  gefunden  zu  den  Herzen  der  Germanen,
die  allein  unter  allen  Heidenvölkern  schon  an  die  dereinstige  Wiedergeburt
der  sündigen  Welt  glaubten;  von  dem  zerknirschenden  Bewußtsein  der
eigenen  Sünde  war  Luther  ausgegangen,  als  er  die  Reinigung  der  verweltlichten
  Kirche  unternahm;  und  wie  nachdrücklich  hatte  noch  Kant  von
        <pb n="95" />
        Der  Rationalismus.  87

der  radikalen  Sündhaftigkeit  des  Menschengeschlechts  gesprochen.  Der
gemeine  Rationalismus  bewahrte  kaum  noch  eine  schwache  Erinnerung
an  diese  christlichen  Grundgedanken,  sondern  glaubte  harmlos  an  die
Güte  der  menschlichen  Natur  und  beruhigte  sich  bei  einer  weltlichen  Werk—
heiligkeitslehre:  die  bürgerliche  Rechtschaffenheit  des  Wandels  genügte  ihm
zur  Seligkeit.  Gleichwohl  besaß  er  weder  den  Mut  noch  die  wissenschaft—
liche  Kraft  um  den  steilen  Weg,  welchen  einst  Lessing  und  der  Wolfen—
bütteler  Fragmentist  gewiesen,  weiter  zu  verfolgen  und  sich  die  kritische
Methode  der  neuen  philologischen  Sagenforschung  anzueignen;  er  wagte
nicht  den  historischen  Ursprung  des  Neuen  Testaments  ernsthaft  zu  unter—
suchen,  sondern  nahm  die  Bibel  als  ein  Gegebenes  hin  und  begnügte  sich
ihre  Aussprüche  so  lange  umzudeuteln,  bis  sie  mit  den  Naturgesetzen  im
Einklang  zu  stehen  schienen.

Der  lauteste  und  unduldsamste  Vorkämpfer  dieser  Richtung  war  Paulus
in  Heidelberg,  einige  Jahre  vor  Schelling  in  dem  nämlichen  Pfarrhause
zu  Leonberg  in  Schwaben  geboren,  der  Todfeind  dieses  seines  Lands—
mannes  und  aller  Lehren,  welche  irgend  über  den  platten  Verstand  hinausreichten.
  Wie  fühlte  er  sich  glücklich  in  seinem  Freisinn,  wenn  er  die  Auferstehung
  für  ein  Erwachen  vom  Scheintode,  das  Wunder  von  Kana  für
den  gelungenen  Spaß  eines  vergnügten  Hochzeitsgastes  erklärte.  Mancher
rationalistische  Lehrer  rief  sogar  die  Geheimlehren  der  Naturphilosophen  zu
Hilfe  und  schilderte  den  Heiland  als  einen  magnetischen  Arzt;  das  natürliche
  Wunder  erschien  diesen  Köpfen  immerhin  noch  erträglicher  als  das
übernatürliche.  Die  glaubensfreudigen  alten  Kirchenlieder  erschreckten  die
nüchterne  Mattherzigkeit;  sie  wurden  durch  läppische  Anderungen  verdünnt
oder  gänzlich  aus  den  Gesangbüchern  entfernt.  Wie  viel  sittsamer  als  das
gewaltige  „O  Ewigkeit,  du  Donnerwort"“  klang  doch  das  neue  wohlerzogene
Rationalistenlied:  „ich  sterb'’  im  Tode  nicht,  mich  überzeugen  Gründel!“  Von
jeher  hatte  die  evangelische  Kirche  den  Kultus  neben  der  Lehre  vernachlässigt.
Unter  der  Herrschaft  des  Rationalismus  verschwand  aus  dem  Gottesdienste
  vollends  alles  was  das  Gemüt  erquickte  und  die  Phantasie  erregte;
  die  geistliche  Lehre  aber  sank  zur  weltlichen  Belehrung  herab.  Die
Kanzelredner  verstanden  nicht  mehr  die  beladenen  Gewissen  zu  erbauen
und  zu  erheben,  ihnen  Trost  zu  spenden  aus  der  Fülle  der  Verheißung;
sie  ergingen  sich  in  breiten  moralischen  Betrachtungen,  sie  erläuterten  was
sich  der  vernünftige  Christ  bei  den  einzelnen  Dogmen  zu  denken  habe,
und  verschmähten  sogar  nicht  an  geweihter  Stätte  wohlgemeinte  Anweisungen
  für  den  Kartoffelbau  und  die  Schafzucht  zu  geben.  Ihre  Gotteshäuser
  verödeten,  die  guten  Köpfe  vermochten  in  dieser  dünnen  Luft  nicht
mehr  zu  atmen.  Die  Pflichten  der  Seelsorge  wurden  vernachlässigt;  jeder
nichtige  Vorwand  reichte  aus  um  die  Erlaubnis  zur  Ehescheidung  bei  den
aufgeklärten  Pfarrern  und  Konsistorien  zu  erlangen.  Auch  der  alte  offenbarungsgläubige
  Supranaturalismus,  der  namentlich  in  Württemberg  unter
        <pb n="96" />
        88  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

der  Leitung  des  Prälaten  Bengel  blühte,  war  von  der  trocknen  Verstän—
digung  der  Rationalisten  angekränkelt.  Beide  Schulen  lebten  in  einem
unwahren  Scheinfrieden  mit  der  Wissenschaft,  sie  setzten  die  notwendige
Übereinstimmung  von  Glauben  und  Wissen  stillschweigend  voraus.  Beide
bewegten  sich  noch  in  einem  Gedankenkreise,  welchen  die  lebendigen  Kräfte
der  Literatur  längst  verlassen  hatten.  Der  unfruchtbare  Streit  über  die
Vernünftigkeit  der  einzelnen  Dogmen  berührte  nur  das  Außere  der  Reli—
gion,  nicht  ihr  Wesen.

Unterdessen  erzog  Schleiermacher  eine  neue  Theologenschule,  die  von
dem  Meister  lernte  mit  dem  jungen  wissenschaftlichen  Leben  der  Nation
wieder  Schritt  zu  halten.  Er  hatte  einst  das  weckende  Wort  gesprochen,
das  die  gebildeten  Verächter  der  Religion  wieder  zum  Glauben  zurückrief
und  das  Gottesbewußtsein  über  das  Gebiet  des  Wissens  und  des  Han—
delns  hinaus  in  die  Welt  des  Gefühles  emporhob.  Indem  er  jetzt  diesen
fruchtbaren  Grundgedanken  in  zahlreichen  Schriften  sowie  in  seinen  meisterhaften
  Berliner  Kathedervorträgen  wissenschaftlich  ausgestaltete,  wurde  er
der  Erneuerer  unserer  Theologie,  der  größte  aller  unserer  Theologen  seit
dem  Jahrhundert  der  Reformation;  und  noch  heute  gelangt  kein  deutscher
Theolog  zur  inneren  Freiheit,  wenn  er  nicht  zuvor  mit  Schleiermachers
Ideen  abgerechnet  hat.

Das  Geheimnis  langanhaltender  geistiger  Wirksamkeit  liegt  zumeist
in  der  harmonischen  Verbindung  scheinbar  entgegengesetzter  Gaben;  und
selten  war  ein  schöpferischer  Kopf  zugleich  so  vielgestaltig  und  so  harmonisch
wie  dieser  Proteus,  der  in  drei  grundverschiedenen  Zeiten,  in  der  ästhetischen,
der  patriotischen  und  der  wissenschaftlichen  Epoche  alle  Wandlungen  des
Berliner  Lebens  treu  wie  ein  Spiegel  wiedergab  und  doch  nie  sich  selbst
verlor.  Unter  den  beschaulichen  Schwärmern  der  Herrnhuter  Brüdergemeinde
hatte  er  seine  ersten  bestimmenden  Eindrücke  empfangen,  und  bis  zum  Ende
beseligte  ihn  das  Bewußtsein  persönlicher  Gemeinschaft  mit  seinem  Erlöser;
aber  die  Innigkeit  seines  religiösen  Gefühls  ward  in  Schranken  gehalten
durch  einen  schneidigen  Verstand,  der  aller  dialektischen  Künste  Meister
war  und  sich  gern  in  beißendem  Witz  erging.  Er  hatte  einst,  als  er  die
Briefe  über  Schlegels  Lucinde  schrieb,  sich  sehr  weit  in  die  unwahre
Gefühlsschwelgerei  der  Romantik  verirrt  und  trotzdem  eine  Reinheit  des
Herzens  bewahrt,  die  mit  den  Jahren  allmählich  sein  ganzes  Wesen  verklärte
  und  den  unscheinbaren  kleinen  Mann  wie  einen  Patriarchen  erscheinen
  ließ.  Der  Ubersetzer  Platons  war  heimisch  in  allen  Tiefen  der
Spekulation  und  darum  imstande  die  Philosophie  mit  ihren  eigenen  Waffen
zu  bekämpfen,  sobald  sie  sich  erdreistete,  das  Abgeleitete  an  die  Stelle  des
Ursprünglichen  zu  setzen  und  die  Welt  der  Empfindung  aus  dem  Begriffe
zu  erklären.  Er  suchte  alles  Menschliche  religiös  zu  behandeln  und  das
ganze  gelehrte  Wissen  der  Zeit  für  die  Theologie  nutzbar  zu  machen;  und
doch  konnte  er  nicht  leben  ohne  die  volkstümliche  Tätigkeit  des  Predigers.
        <pb n="97" />
        Schleiermacher.  89

Um  seine  Kanzel  versammelte  sich  noch  immer  die  beste  Gesellschaft  Ber—
lins,  aber  auch  die  Armen  im  Geist  erbaute  seine  herzliche  Rede;  wie  unver—
geßlich  ehrwürdig  erschien  er  allen,  da  er  vor  dem  Sarge  seines  Söhn—
leins  Nathanael  selber  die  Leichenrede  hielt,  so  ganz  in  Schmerz  verloren
um  das  Stück  eigenen  Lebens,  das  vor  ihm  lag,  und  doch  so  stark  in
dem  Troste,  der  allein  tröstet.  Wer  seine  tiefgemütlichen  Briefe  an  den
wackeren  Breslauer  Theologen  Gaß  las  oder  ihn  im  persönlichen  Verkehre
mit  den  zahlreichen  Freunden  so  liebevoll  auf  die  Eigenart  eines  jeden
eingehen  sah,  der  mochte  leicht  glauben,  diese  empfängliche  Natur  verlange
nur  sich  hinzugeben  in  innigem  Gedankenaustausch;  und  doch  konnte
Schleiermacher  nur  im  öffentlichen  Leben  sich  ganz  genug  tun,  seine
Staatsgesinnung  blieb  in  den  Tagen  der  politischen  Ermattung  ebenso
lebendig  wie  einst  in  den  Zeiten  des  patriotischen  Zornes.  Die  Unkundigen
und  die  Gegner  schalten,  er  schillere  in  allen  Farben,  und  doch  stand  er
mit  einem  besonnenen  Freimut  immer  ruhig  auf  dem  Plane,  sobald
er  ein  heiliges  Gut  seines  Volkes  bedroht  sah,  ein  stahlharter,  ganz  mit
sich  einiger  Charakter.

Jener  Grundgedanke  der  Reden  über  die  Religion  berührte  sich  nahe
mit  den  Ideen  der  neuen  historischen  Wissenschaft.  War  die  Wurzel  der
Religion  im  Gemüte  zu  suchen,  so  ergab  sich  von  selbst  der  Schluß,
daß  die  Außerungen  des  Gottesbewußtseins  verschieden  sein  müssen.  Die
Dogmen  erschienen  demnach  als  subjektive  Gemütswahrheiten,  als  Aus—
sagen  des  frommen  Gefühls  über  seine  Vorstellungen  von  Gott.  Der
Theologie  aber  erwuchs  die  neue  Aufgabe,  diese  Gestaltungen  des  christ—
lichen  Gefühls  in  ihrer  geschichtlichen  Notwendigkeit  zu  begreifen.  Sie
sollte  nicht  mehr  in  gehässiger  Polemik  die  einzelnen  Bekenntnisse  des
Christentums  bekämpfen  und  verdammen,  sondern  sie  alle  als  höhere
oder  niedere  Formen  des  christlichen  Selbstbewußtseins  zu  verstehen  suchen;
denn  auch  Schleiermacher  hatte  sich  in  seiner  Weise,  unabhängig  von
Schelling  und  Savigny,  die  Erkenntnis  der  historischen  Entwicklung  er—
worben  und  unterschied  scharf  zwischen  dem  was  durch  die  menschliche
Natur  werde  und  dem  was  der  Mensch  mache.

Damit  vollführte  er  auf  dem  theologischen  Gebiete  eine  ähnliche  Grenzberichtigung,
  wie  einst  Kant  im  Bereiche  der  Philosophie;  er  sicherte  der
Theologie  einen  Boden,  auf  dem  sie  ebenso  unzweifelhafte  wissenschaftliche
Ergebnisse  gewinnen  konnte  wie  alle  anderen  historischen  Fächer.  Die  Frei—
heit  des  Christenmenschen  faßte  er  ganz  so  weitherzig  auf  wie  einst  Luther
in  seinen  ersten  Schriften:  das  lebendige  Gottesbewußtsein  hatte  von  der
freien  historischen  und  philosophischen  Forschung  nichts  zu  fürchten.  Die
christliche  Gesinnung  war  ihm  nichts  anderes  als  die  Menschlichkeit  in
ihrer  Vollendung  und  konnte  daher  mit  keinem  berechtigten  Streben  des
Menschen  in  Streit  geraten.  Doch  ebenso  nachdrücklich  hob  er  die  Wahr—
heit  hervor,  daß  alle  Religion  positiv  ist,  und  das  fromme  Abhängigkeits-
        <pb n="98" />
        90  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

gefühl  nur  in  der  Gemeinschaft  der  Gläubigen  wach  erhalten  werden  kann.
In  der  Moral  ließ  er,  freier  als  Kant,  die  Persönlichkeit  zu  ihrem  vollen
Rechte  gelangen:  nicht  die  Unterdrückung  der  Natur,  sondern  ihre  Ver—
klärung  durch  den  lebendigen  Geist  hieß  ihm  sittlich;  auch  verhehlte  er
nicht,  daß  die  Tugenden  der  christlichen  Selbstverneinung  an  den  antiken
Tugenden  der  Selbstbehauptung  ihre  Ergänzung  finden  müssen.  Die
Schwächen  seiner  Lehre  verrieten  sich  freilich  sobald  er  versuchte  nachzu—
weisen,  welche  Tatsachen  der  heiligen  Geschichte  notwendig  im  christlichen
Bewußtsein  enthalten  seien;  dann  geriet  er  ins  Künsteln  und  mußte
erfahren,  wie  unmöglich  es  ist,  die  positiven  Dogmen  unmittelbar  aus
der  Idee  abzuleiten.  Aber  wie  wenig  bedeuteten  ihm  die  Dogmen  und
die  Formen  des  Kultus  neben  dem  Segen  der  religiösen  Gemeinschaft!
Als  die  Kämpfe  um  die  evangelische  Union  entbrannten,  ward  er  der
tapferste  Verteidiger  der  freien  Kirchenverfassung  und  der  Vereinigung
der  protestantischen  Bekenntnisse.

Auch  unter  den  Laien  bekundeten  sich  überall  die  Anzeichen  eines
regeren  christlichen  Lebens,  das  der  Herrschaft  des  Rationalismus  entwuchs.
  Es  ließ  sich  doch  nicht  vergessen,  wie  andächtig  einst  in  den  Tagen
der  großen  Siegesbotschaften  das  deutsche  Heer  den  Worten  des  Dichters
gelauscht  hatte:  „kannst  fassen  Du  den  reichen  Segen  von  nah  und  fern?
bist  Du  nicht  fast  davor  erlegen,  Du  Volk  des  Herrn?“  Selbst  die
Weltkinder  hatten  damals  die  alte,  einfältige  Wahrheit,  daß  nur  fromme
Völker  frei  und  tapfer  sind,  in  tiefster  Seele  empfunden.  Aus  den
schwungvollen  Liedern  vom  „alten,  deutschen  Gott“  sprach  zwar  nirgends
eine  bestimmte  konfessionelle  Parteigesinnung,  aber  eine  innige  Freudigkeit
des  Gottesbewußtseins,  die  mit  der  Gemütsarmut  des  Rationalismus
nichts  gemein  hatte.  Den  meisten  der  Männer,  welche  jene  Zeit  des
Gottesgerichts  mit  klarem  Bewußtsein  durchlebt,  blieb  allezeit  eine  gehobene
  religiöse  Stimmung,  mochten  sie  nun  wie  Stein,  Arndt,  Savigny,
Aster,  in  dem  Glauben  ihrer  Väter  den  Frieden  finden  oder,  wie  Niebuhr,
sehnsüchtig  nach  dem  Glauben  suchen.  Die  streitbare  Jugend  vollends  trug
Silberkreuze  auf  den  teutonischen  Mützen  und  erging  sich  in  christlicher
Begeisterung;  seit  dem  Zeitalter  der  Reformation  hatten  die  deutschen
Universitäten  nicht  mehr  ein  Studentengeschlecht  gesehen,  das  die  religiösen
Fragen  so  ernst  nahm.  Wohl  hielt  sich  die  Christlichkeit  der  feurigen
Teutonen  nicht  frei  von  widerwärtiger  Prahlerei  noch  von  puritanischer
Geschmacklosigkeit:  das  Gebet  bei  der  Eröffnung  des  Kneipabends  hinderte
nicht  immer,  daß  die  weihevoll  begonnene  Versammlung  zuletzt  in  ein
wildes  Zechgelage  ausartete;  und  mit  vollem  Rechte  schritt  das  Berliner
Publikum  handgreiflich  gegen  die  jungen  Barbaren  ein,  als  die  Studenten,
  bei  der  Aufführung  von  Zacharias  Werners  Weihe  der  Kraft,  den
auftretenden  Martin  Luther  mit  dem  Drohrufe  „der  Reformator  von  der
Bühne!“  begrüßten.  Manchem  der  lärmenden  Christo-Germanen  diente
        <pb n="99" />
        Erwachen  des  religiösen  Gefühls.  91

die  Religion  nur  als  ein  politisches  Schlagwort,  da  nun  einmal  Deutschtum
  und  Christentum  für  gleichbedeutend  galten,  einzelnen  gar  nur
als  ein  Deckmantel  für  den  Judenhaß,  der  zum  guten  Tone  gehörte.

Gleichwohl  lag  ein  gesunder  Kern  in  der  religiösen  Schwärmerei  des
jungen  Geschlechts.  Die  Deutschen  erkannten  endlich  wieder,  wie  fest  ihre
ganze  Gesittung  mit  dem  Christentum  verwachsen  war,  und  diese  Erkenntnis
  griff  so  unaufhaltsam  um  sich,  daß  eine  unbefangen  heidnische
Gesinnung,  wie  sie  einst  Winckelmann  hegte,  für  die  Söhne  des  neuen
Zeitalters  bald  zur  Unmöglichkeit  wurde.  Die  Jugend  drängte  sich  mit
Vorliebe  zu  den  Lehrern,  welche  für  die  Sehnsucht  des  gläubigen  Gemüts
  ein  Verständnis  zeigten.  In  Heidelberg  fand  der  mit  Creuzer  eng
befreundete  ehrwürdige  Daub,  ein  frommer  geistvoller  Mystiker,  der  das
Dogma  durch  die  Spekulation  wiederherzustellen  suchte,  bei  den  Studenten
ungleich  mehr  Anhang,  als  die  Rationalisten.  Seine  Anhänger  verglichen
ihn  mit  Hamann,  nannten  ihn  den  Magus  des  Südens.  In  Jena  gewann
  Fries,  ein  Philosoph  ohne  Schärfe  und  Tiefsinn,  trotzdem  die  Herzen
der  Jugend,  weil  er  mit  ehrlichem  Patriotismus  und  wissenschaftlichem
Ernst  eine  ebenso  aufrichtige  Frömmigkeit  verband.  Seine  Dialoge  „Julius
und  Euagoras"“  blieben  einige  Jahre  lang  das  beliebte  Erbauungsbuch  der
teutonischen  Studenten,  denn  hier  lag  die  Kantische  Philosophie  ganz  ebenso
harmlos  und  unvermittelt  neben  der  herrnhutischen  Glaubensinbrunst  wie
in  den  Köpfen  der  jungen  Leser  selber.

Fast  in  jeder  deutschen  Landschaft  bestanden  noch  einzelne  streng  altgläubige
  Gemeinden,  die  mit  zäher  Treue  an  ihrem  bibelfesten  Geistlichen
hingen  und  der  Mißgunst  der  rationalistischen  Konsistorien  einen  stillen
unüberwindlichen  Widerstand  entgegenstemmten.  So  namentlich  im  Wuppertale
  und  unter  den  grüblerischen  Schwaben,  aber  auch  in  Sachsen,
in  Pommern,  in  Altpreußen.  In  Breslau  sammelten  sich  die  Strenggläubigen
  um  Hendrik  Steffens,  den  ehrlichen  unstäten  Schwärmer,  der
das  harte  Luthertum  seiner  norwegischen  Heimat  mit  den  Phantasiegebilden
  der  deutschen  romantischen  Philosophie  zu  verschmelzen  wußte.
In  der  Berliner  vornehmen  Gesellschaft  bildeten  einige  begabte  junge
Männer,  die  einst  als  Offiziere  „im  Kriege  zum  Herrn  geführt  wurden“,
einen  gläubigen  Freundeskreis:  die  Gebrüder  Gerlach,  Lancizolle,  Le  Coq,
Thadden,  Senfft-Pilsach,  Goetze,  Karl  von  Röder  u.  a.  Hier  verlebte  der
Kronprinz  erbauliche  Stunden,  die  für  seine  kirchliche  und  politische  Gesinnung
  verhängnisvoll  werden  sollten;  hier  empfing  er  Hilfe  für  seine  unermüdliche
  Wohltätigkeit,  hier  ward  auch  der  Plan  für  die  Begründung
des  Berliner  Missionsvereins  zuerst  besprochen.  In  allen  Werken  christlicher
  Barmherzigkeit  zeigte  sich  die  streng  kirchliche  Richtung  dem  erschlafften
  Rationalismus  weit  überlegen;  zu  ihr  gehörte  der  Elsasser  Oberlin,
der  unvergeßliche  Wohltäter  des  Steintals,  zu  ihr  Falk  in  Weimar,  der
zuerst  eine  Rettungsanstalt  für  verwahrloste  Kinder  eröffnete.  Auch  an
        <pb n="100" />
        92  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

hochbegabten  Kanzelrednern  gebrach  es  ihr  nicht;  in  Holstein  blieb  es  noch
nach  Jahrzehnten  unvergessen,  mit  welcher  gewaltigen  Beredsamkeit  Claus
Harms,  der  feurige  lutherische  Eiferer,  im  volkstümlichen  Platt  zu  seinen
Bauern  sprach.  Im  Norden  galt  der  Wandsbecker  Bote,  der  gemütvolle
alte  Claudius,  am  Oberrhein  der  fromme  Jung  Stilling  als  der  Führer
der  Stillen  im  Lande.  Beide  starben  schon  zu  Anfang  der  Friedensjahre,
doch  ihr  Wort  und  Vorbild  wirkte  mächtig  fort.  Der  Pietismus  und  die
streng  konfessionellen  Parteien  gewannen  mehr  und  mehr  Boden,  zumal
auf  dem  flachen  Lande,  bis  sich  endlich  das  Kirchenregiment  selber  genötigt
sah  mit  diesen  neuen  Mächten  zu  rechnen.

Der  natürliche  Rückschlag  gegen  die  rationalistische  Flachheit  war  eingetreten;
  aber  schon  in  diesen  ersten  Anfängen  eines  kräftigen  kirchlichen
Lebens  verrieten  sich  krankhafte  Bestrebungen,  die  dem  konfessionellen
Frieden  unseres  paritätischen  Volkes  verderblich  werden  mußten.  Während
manche  der  Rechtgläubigen  den  freieren  Richtungen  des  Protestantismus
mit  unchristlicher  Härte  begegneten  und  die  evangelische  Union  leidenschaftlich
  bekämpften,  fühlten  sie  sich,  bewußt  oder  unbewußt,  zur  römischen
Kirche  hingezogen.  Einer  der  namhaftesten  lutherischen  Pietisten,  der  bernburgische
  Prinzenerzieher  Beckedorff  veröffentlichte  im  Jahre  1818  Briefe
über  die  Wiedervereinigung  der  christlichen  Kirche  und  fand,  obgleich  die
römische  Gesinnung  aus  jeder  Zeile  sprach,  den  warmen  Beifall  seiner
Glaubensgenossen  —  bis  er  einige  Jahre  später  selber  zur  römischen  Kirche
übertrat.  Die  christliche  Religionsgeschichte  des  Konvertiten  Friedrich  Stolberg,
  ein  durch  und  durch  katholisches  Buch,  ward  in  den  Konventikeln
der  evangelischen  Pietisten  laut  gepriesen,  und  der  Schwiegersohn  des
Wandsbecker  Boten,  der  wackere  Buchhändler  Perthes,  ein  treuer  Protestant,
  verbreitete  die  Schrift  mit  heiligem  Eifer.  Ein  Herzensfreund  Jung
Stillings,  Max  von  Schenkendorf,  der  tapfere  Sänger  des  Befreiungskrieges,
  feierte  sogar  in  schwärmerischen  Liedern  den  fanatischen  Führer
der  katholischen  Liga:  „fester  treuer  Max  von  Bayern“.  Und  dazu  der
Zauberspuk,  die  Geisterseherei,  die  weissagende  Verzückung  aller  der  Schwarmgeister,
  welche  bald  hier  bald  dort  das  Volk  beunruhigten.  Die  meisten
von  ihnen  standen  mit  den  böhmischen  Brüdern  irgendwie  in  Verbindung;
ihr  Weizen  blühte  da  am  üppigsten,  wo  der  Boden  durch  den  Rationalismus
  am  tiefsten  umgepflügt  war.  Jene  unbestimmte  Aufregung,  die
sich  immer  in  Zeiten  großen  Schicksalswechsels  der  Volksmassen  bemächtigt,
wirkte  zusammen  mit  den  Torheiten  der  Naturphilosophen.  Wie  einst
nach  Luthers  Auftreten  die  Bauern  von  dem  tausendjährigen  Reiche
träumten,  so  sprachen  die  Erweckten  nach  Napoleons  Sturz  von  dem
Falle  des  schwarzen  Engels  und  des  Tieres  mit  den  sieben  Hörnern.  In
allen  Ländern  deutscher  Zunge,  vom  Oberrhein  bis  nach  Livland,  tauchten
einzelne  geheimnisvolle  Teufelsbanner  und  fromme  Schlafwandler  auf;
die  Schwärmerei  steigerte  sich  oft  bis  zum  Wahnsinn.  Frau  von  Krüdener
        <pb n="101" />
        Schwarmgeisterei.  93

durchzog  die  Schweiz,  das  Elsaß  und  das  badische  Land  um  überall  zur
Buße  zu  mahnen  und  die  Armen  zu  speisen.  Obwohl  ihre  Predigten
ebenso  hohl  und  weinerlich  ausfielen  wie  einst  ihr  Roman  Valerie,  so
fand  sie  doch  Anklang  bei  den  Massen;  Metternich  verklagte  sie  wegen
Ruhestörung  bei  ihrem  Freunde,  dem  Zaren  Alexander,“)  und  die  badische
Polizei  mußte  schließlich  die  Demagogin  ausweisen.  Die  Lust  am  Wunder—
baren  lag  in  der  Luft;  die  sinnigsten  Naturen  widerstanden  ihr  am
wenigsten.  Selbst  Schleiermachers  treffliche  Frau  mochte  den  erbaulichen
Verkehr  mit  einer  gesegneten  Somnambule  nicht  entbehren,  und  ihr  Gatte
verhielt  sich  nicht  schlechthin  ablehnend.

Ebenso  reich  an  Gegensätzen  erschien  das  Leben  der  katholischen  Kirche.
Die  meisten  Protestanten  wähnten  die  Macht  des  Papsttums  schon  völlig
gebrochen.  Wie  sollte  auch  dieser  römische  Stuhl  jemals  seine  Weltherr—
schaftspläne  wieder  aufnehmen?  war  doch  erst  vor  wenigen  Jahren  die
katholische  Kirche  in  Frankreich  allein  durch  ein  Machtgebot  der  Staats—
gewalt  wiederhergestellt,  und  soeben  erst  der  Pontifex  durch  die  Gnade  der
Verbündeten  in  das  Stammgut  Petri  zurückgeführt  worden!  Den  viel—
geprüften  Papst  Pius  betrachtete  man  mit  einem  gemütlichen  Mitleid,
das  von  Geringschätzung  nicht  frei  war;  die  konservativen  Parteien  be—
grüßten  ihn  als  einen  brauchbaren  Bundesgenossen  im  Kampfe  wider  die
Revolution.  Selbst  der  Protest  der  Kurie  gegen  die  Beschlüsse  des  Wiener
Kongresses  störte  die  Regierungen  nicht  in  ihrer  arglosen  Sicherheit.  In
vollem  Ernst  erörterte  man  schon  die  Frage,  ob  wohl  nach  dem  Tode
Pius'  VII.  noch  ein  neuer  Papst  gewählt  werden  würde.

In  der  Tat  lebte  die  weltmännische  Milde  der  vornehmen  Prälaten
des  alten  Jahrhunderts  noch  in  einem  Teile  des  Klerus  fort;  wer  in
solchen  Kreisen  verkehrte,  mochte  leicht  zu  dem  Wahne  gelangen,  der  Hader
der  Bekenntnisse  werde  sich  nach  und  nach  von  selbst  verlieren.  Die  Bibel—
gesellschaften  zu  Kreuznach  und  Neuwied  wurden  von  vielen  katholischen
Geistlichen  des  Bistums  Trier  lebhaft  unterstützt.  )  In  Breslau  pflegten
die  beiden  theologischen  Fakultäten  wechselseitig  den  Disputationen  der
„Schwesterkirche“  beizuwohnen,  und  in  Tübingen  geschah  es  noch  im  Jahre
1828,  daß  eine  Preisaufgabe  der  katholischen  Fakultät  von  dem  evangelischen
  Theologen  David  Friedrich  Strauß  gelöst  wurde.  Unter  Geistlichen
und  Laien  fand  der  Febronianische  Traum  von  der  deutschen  Nationalkirche
  noch  immer  zahlreiche  Anhänger;  sehr  häufig  vernahm  man  das
Verlangen  nach  Einführung  einer  deutschen  Liturgie  und  Abschaffung  des
Zölibats.  Manche  Verteidiger  der  Staatsallmacht  wollten  das  Territorialsystem
  des  Thomasius  auf  die  katholische  Kirche  übertragen  und  die
Geistlichen  nur  noch  als  „höchst  ehrwürdige  Staatsdiener“  behandeln.  Der

*)  Krusemarks  Bericht,  Wien,  4.  Okt.  1817.
**)  Bericht  des  Oberpräsidenten  v.  Ingersleben  über  die  Zustände  im  Großherzogtum
  Niederrhein,  26.  Juli  1817.
        <pb n="102" />
        94  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Wortführer  der  nationalkirchlichen  Bestrebungen  Heinrich  Wessenberg  hatte
bereits  deutschen  Kirchengesang  in  seiner  Konstanzer  Diözese  eingebürgert;
die  Protestanten  betrachtete  er  duldsam  „als  die  Kirche  linker  Seite“.  Be—
hutsamer  trat  Sailer  dem  römischen  Stuhle  gegenüber,  der  ehrwürdige
Prälat,  der  durch  Beispiel  und  Lehre  die  lebendige  Frömmigkeit  in  der
katholischen  Kirche  Bayerns  wieder  wach  rief.  Aber  auch  er  trug  kein  Be—
denken,  sich  öffentlich  auf  die  Schriften  protestantischer  Theologen  zu  be—
rufen;  er  lebte  in  herzlicher  Freundschaft  mit  vielen  gläubigen  Protestanten
und  teilte  mit  ihnen  die  Verehrung  für  Thomas  a  Kempis,  der  erst  durch
Sailers  Ubersetzung  den  katholischen  Gemeinden  wieder  bekannt  wurde.
Auch  Overberg,  der  streng  katholische  Erzieher  des  Lehrerstandes  im  Münsterlande
  gewann  sich  durch  seine  apostolische  Milde  die  Verehrung  Steins;
und  die  nicht  minder  kirchlich  gesinnten  Boisserees,  denen  die  Kunst  nur
als  die  Tochter  der  Religion  erschien,  behielten  doch  immer  Fühlung  mit
den  Arbeiten  der  protestantischen  Wissenschaft.  Wie  diese  Männer  den
Anschauungen  der  evangelischen  Pietisten  nahe  standen,  so  hatte  andererseits
  der  Bonner  Theolog  Hermes  sich  die  Methode  des  protestantischen
Rationalismus  angeeignet  und  unternahm  den  unmöglichen  Versuch,  das
katholische  Dogma  auf  die  Vernunftbeweise  der  Kantischen  Philosophie  zu
stützen.  Seine  Anhänger  beherrschten  die  Unterrichtsanstalten  am  Rhein
und  bemühten  sich  redlich  den  konfessionellen  Frieden  zu  wahren.

Welch  ein  Abstand  zwischen  den  Gedanken  dieser  Friedfertigen  und
den  herrschsüchtigen  Plänen  des  römischen  Stuhls.  Kaum  war  Pius  VII.
in  die  ewige  Stadt  zurückgekehrt,  so  stellte  er  am  7.  August  1814  durch
die  Bulle  Sollicitudo  omnium  ecelesiarum  den  Jesuitenorden  wieder  her
und  las  selber  die  Messe  im  Gesü,  vor  dem  Altar  des  heiligen  Ignatius,
dort  wo  der  Meißel  Le  Gros'  den  Triumph  der  Kirche  über  die  Ketzerei
in  prahlerischen  Bildwerken  verherrlicht  hat.  Als  ihn  Zar  Alexander  nachträglich
  einlud  der  heiligen  Allianz  beizutreten,  wies  der  Papst  die  schwerlich
  ernsthaft  gemeinte  Zumutung  mit  dem  ganzen  Stolze  des  rechtmäßigen
  Weltherrschers  zurück.  Bald  nachher  wurde  auch  die  Inquisition
und  der  Index  der  verbotenen  Bücher  wieder  eingeführt,  die  Bibelgesellschaften
  für  Teufelswerk  erklärt.  Die  alte  Kirche  hatte  in  den  Tagen  der
revolutionären  Bedrängnis  bewunderungswürdigen  sittlichen  Mut  bewährt
und  abermals  erfahren,  daß  ihr  aus  dem  Leiden  die  größte  Kraft  erwuchs.
Jetzt  stand  sie  strahlend  in  der  Glorie  des  Martyriums;  die  romantische
Sehnsucht  der  öffentlichen  Meinung  und  die  Furcht  der  Höfe  vor  der
Revolution  kamen  ihr  zu  statten.  Selbst  in  dem  antipapistischen  England
durfte,  zum  ersten  Male  seit  Jakob  II.,  wieder  ein  Kardinal  in  seiner  geistlichen
  Tracht  erscheinen.  Der  selbstgefällige  Wahn  jener  aufgeklärten  Leute,
welche  das  neue  Jahrhundert  den  Leidenschaften  der  Religionskriege  entwachsen
  glaubten,  war  soeben  erst  durch  den  Freiheitskampf  der  Spanier
handgreiflich  widerlegt  worden;  und  nun  brach,  noch  während  die  Monarchen
        <pb n="103" />
        Die  ultramontane  Partei.  95

in  Paris  weilten,  über  Südfrankreich  die  Raserei  des  weißen  Schreckens
herein:  der  katholische  Pöbel  stürmte  die  Häuser  der  Protestanten  und
mordete  die  Ketzer  unter  dem  Rufe:  laßt  uns  Würste  machen  aus  Cal—
vins  Blute!

Bei  so  günstigem  Winde  fuhr  das  Schifflein  Petri  wieder  mit  vollen
Segeln  daher.  Die  Natur  der  Dinge  zwang  den  römischen  Stuhl,  trotz
der  Sanftmut  des  Papstes  und  trotz  der  Klugheit  seines  Staatssekretärs
Consalvi,  Schritt  für  Schritt  zu  den  Gedanken  des  Zeitalters  der  Gegen—
reformation  zurückzukehren.  In  Deutschland  nisteten  sich  in  aller  Stille
die  ersten  Jesuiten  wieder  ein  und  bald  war  auch  die  zweischneidige  Wir—
kung  der  Sekularisationen  fühlbar.  Der  heranwachsende  plebejische  Klerus
war  besitz-  und  heimatlos,  nicht  mehr,  wie  die  reichen  adeligen  Domkapitel
der  alten  Zeit,  durch  politische  Interessen  mit  dem  Vaterlande  verbunden.
Als  Helfferich  und  die  beiden  anderen  Oratoren  der  katholischen  Kirche
auf  dem  Wiener  Kongresse  ihre  ultramontanen  Ansichten  aussprachen,
fanden  sie  noch  wenig  Anklang  beim  deutschen  Klerus;  doch  seitdem  wuchs
die  klerikale  Partei  von  Jahr  zu  Jahr  unmerklich  an.  Sie  trat  noch  sehr
behutsam  auf,  da  das  Beamtentum  in  allen  deutschen  Staaten  sie  mit
Mißtrauen  betrachtete;  selbst  Kaiser  Franz  und  Metternich  schätzten  zwar
den  streitbaren  Katholizismus  als  den  natürlichen  Bundesgenossen  der
österreichischen  Partei  draußen  im  Reiche,  jedoch  von  der  Selbständigkeit  der
Kirche  wollten  sie  als  strenge  Absolutisten  nichts  wissen.  Um  sich  bei  den
Höfen  einzuschmeicheln,  frischte  der  Jesuitismus  zunächst  jene  jakobitischen
Lehren  wieder  auf,  welche  einst  das  Haus  Stuart  ins  Verderben  gestürzt
hatten:  die  Reformation  sei  der  letzte  Quell  aller  Revolutionen,  die  Kirche
der  Hort  und  Halt  des  Königtums,  denn  sie  predige  den  leidenden  Gehorsam,
  sie  entbinde  durch  ihre  mystische  Weihe  den  König  von  Gottes
Gnaden  aller  Pflichten  gegen  seine  Untertanen.

Die  eifrigsten  Anhänger  der  ultramontanen  Partei  waren  die  zahlreichen
  Proselyten,  welche  die  Romantik  in  das  römische  Lager  hinübergeführt
  hatte:  so  die  geistreichen  Gebrüder  Schlosser  in  Frankfurt,  so  die
Grafen  Stolberg  in  Holstein,  die  mit  den  Klerikalen  des  Münsterlandes
in  enger  Verbindung  standen,  so  vor  allen  jene  mächtige  Konvertitenschar,
die  von  Wien  ihre  rührigen  Sendboten  ins  Reich  ausschickte.  Welch  ein
klägliches  Bild  geistigen  Verfalls  bot  jetzt  Friedrich  Schlegel!  In  seinem
ästhetischen  Hochmut  hatte  er  sich  einst  vermessen:  „ich  denke  eine  neue
Religion  zu  stiften,  es  ist  an  der  Zeit!“  Derselbe  ästhetische  Rausch  hatte
ihn  sodann,  als  die  neue  Religion  sich  nicht  finden  wollte,  mitsamt  seiner
geistreichen  Frau  Dorothea  Mendelssohn  und  ihrem  Sohne,  dem  nazarenischen
  Maler  Veit,  in  die  Arme  der  römischen  Kirche  getrieben;  nun
war  er  längst  schon  eingerostet  in  den  Angeln  eines  fertigen  Systems,  das
auf  jede  Frage  eine  Antwort  bereit  hielt.  Wilhelm  Humboldt  sah  mit
Entsetzen,  wie  in  diesem  einst  so  beweglichen  Geiste  jetzt  alles  abgeschlossen
        <pb n="104" />
        96  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

war,  wie  er  nur  noch  Ketzer  oder  Jünger  kannte  und  nicht  mehr  ver—
mochte,  ein  freies,  bescheiden  nach  der  Wahrheit  suchendes  Gespräch  zu
führen.  Dank  seiner  zunehmenden  Bequemlichkeit  nützte  Schlegel  der  ultramontanen
  Propaganda  nur  wenig.  Weit  fruchtbarer  wirkte  der  Pommer
Klinckowström,  ein  liebenswürdiger  romantischer  Schwärmer;  seine  Erziehungsanstalt
  in  Wien  wurde  die  Pflanzschule  des  klerikalen  österreichischen
  Adels.  Sein  Schwager,  der  Augsburger  Pilat,  geborner  Katholik
und  Gatte  einer  Proselytin,  leitete  den  Osterreichischen  Beobachter,  das
amtliche  Blatt  Metternichs.  Alle  anderen  aber  übertraf  Adam  Müller
an  Talent,  Rührigkeit,  Fanatismus;  es  war,  als  wollte  der  geistreiche,  von
Grund  aus  verlogene  Sophist  durch  wütenden  Ketzerhaß  den  Makel  seiner
Berliner  Abstammung  auslöschen;  überall  wo  im  deutschen  Norden  Umtriebe
  der  Jesuiten  sich  zeigten,  hatte  er  die  Hände  mit  im  Spiele.  Die
meisten  der  Federn,  welche  die  deutsche  Politik  der  Hofburg  verteidigten,
gehörten  diesem  Konvertitenkreise  an.  Nur  Gentz  selber  konnte  sich  zum
Übertritte  nicht  entschließen,  obschon  sein  Abschen  gegen  den  Erzrevolutionär
  Luther  immer  heftiger  wurde;  der  Kern  seiner  Bildung  war  doch
zu  fest  mit  der  Kantischen  Philosophie  verwachsen.

Die  aufgeklärten  Protestanten  hatten  sich  längst  an  die  zahlreichen
Konversionen  gewöhnt;  sie  wurden  erst  aus  ihrer  gedankenlosen  Gleichgültigkeit
  aufgeschreckt,  als  man  von  der  Bekehrung  des  Berners  K.  L.  von  Haller
vernahm.  Wer  durfte  dem  streitbaren  Publizisten,  dem  leidenschaftlichen
Feinde  der  Revolution  verargen,  daß  er  durch  die  Konsequenz  seiner  politischen
  Gesinnung  zum  Glaubenswechsel  gezwungen  wurde?  Aber  Haller
hielt  seinen  Übertritt  geheim,  mit  Genehmigung  des  Bischofs  von  Freiburg;
  nachher  leistete  er  noch  als  Mitglied  des  Berner  Rates  den  Amtseid,
  der  ihn  zur  Beschützung  der  reformierten  Kirche  verpflichtete,  und  da
das  unsaubere  Geheimnis  endlich  durch  andere  enthüllt  wurde,  gestand
er  in  einem  offenen  „Briefe  an  seine  Familie“  (1821)  ganz  unbefangen:
er  habe  aus  guten  Gründen  geschwiegen,  damit  seine  neue  Schrift  über
die  geistlichen  Staaten,  „weil  sie  scheinbar  aus  der  Feder  eines  Protestanten
  hervorgegangen",  um  so  stärker  auf  die  Leser  wirke!  Frecher  waren
die  sittlichen  Grundsätze  des  Jesuitismus  selten  verkündigt  worden.  Und
welche  Aussichten  eröffneten  sich  dem  Frieden  der  Konfessionen,  da  der
Apostat,  unter  dem  lauten  Beifall  der  legitimistischen  Presse  Frankreichs,
triumphierend  erklärte:  die  Welt  sei  heute  nur  noch  zwischen  Katholiken
und  Gottlosen  geteilt,  diesem  einen  Ubertritte  würden  tausende  folgen,
bis  die  Menschheit  gänzlich  den  Mächten  der  kirchlichen  und  der  politischen
Revolution  entrissen  sei.  Eine  Flut  von  Streitschriften  erschien.  Der
milde  Leipziger  Kanzelredner  Tzschirner,  der  rationalistische  Philosoph  Krug
und  andere  Protestanten  sprachen  in  treuherzigen  Worten  ihre  naive  Verwunderung
  aus.  Man  begann  zu  fühlen,  auf  wie  schwachen  Füßen  doch
die  Herrschaft  des  belobten  „vernünftigen  Christentums“  stand.
        <pb n="105" />
        Voß  und  Stolberg.  97

Gleich  der  evangelischen  ward  auch  die  katholische  Kirche  durch  die
Ausschweifungen  rohen  Aberglaubens  heimgesucht.  In  München  stand  die
Hochburg  der  katholischen  Magier.  Dort  in  Bayern  waren  die  Teufel—
austreibungen  des  verstorbenen  Gaßner  noch  unvergessen;  jetzt  rühmte
sich  Baader  einer  vom  Teufel  besessenen  Tochter.  In  Franken  zog  ein
Bauernkardinal  mit  einer  Dirne,  die  den  Heiland  unter  dem  Herzen  trug,
durch  die  Dörfer;  droben  im  Schwarzwälder  Alpgau  unter  den  groben
Hotzen  wurde  die  Schwarmgeisterei  der  alten  Salpeterer  wieder  rege;  aus
Osterreich  kam  die  fanatische  Sekte  der  Pöschelianer  nach  Bayern  hinüber,
ein  wüstes  Gesindel,  das  selbst  vor  dem  religiösen  Morde  nicht  zurückschrak
und  nur  durch  harte  Strafen  gebändigt  werden  konnte.  Unter  den  zahllosen
  frommen  Zauberern  tat  sich  ein  vornehmer  Priester,  Fürst  Alexander
  Hohenlohe,  durch  kecke  Zuversicht  hervor.  Papst  Pius,  der  seinen
Mann  kannte,  meinte  achselzuckend:  questo  far'’'  dei  miracoli!  —  als  er
vernahm,  wie  der  Fürst  durch  die  Kraft  des  Gebetes  sogar  aus  der  Ferne
Todkranke  heilte,  und  das  fränkische  Landvolk  ihm  in  Scharen  zuströmte.
  In  einem  stolzen  Aufrufe  redete  der  Wundertäter  die  Fürsten
des  heiligen  Bundes  an:  nicht  mehr  durch  Waffen  würde  die  Revolution
besiegt,  die  Erziehung  müsse  verwandelt,  die  Jugend  zurückgeführt  werden
in  den  Schoß  der  Kirche.  Der  fromme  Wahn  wirkte  hier  ebenso  unwiderstehlich
  ansteckend,  wie  unter  den  Protestanten:  sogar  Sailer  betete  einmal
gläubig  am  Bette  der  Wunder-Nonne  von  Dülmen.

Die  unversöhnliche  Härte  der  kirchlichen  Gegensätze,  die  ganze  Friedlosigkeit
  unseres  religiösen  Lebens  trat  mit  erschreckender  Klarheit  zu  Tage,
als  auf  dem  heißen  Boden  Heidelbergs  wieder  einmal  ein  literarischer  Zank
ausbrach.  In  der  kleinen  Stadt  hausten  so  viele  namhafte  Vertreter  grundverschiedener
  Richtungen  eng  bei  einander;  der  Kampf  der  Meinungen
ward  dort  stets  mit  gehässiger  Bitterkeit  geführt.  Um  seinen  Gegnern  Daub
und  Creuzer  die  Wage  zu  halten,  hatte  Paulus  die  Zeitschrift  Sophronizon
  gegründet;  geschickt  redigiert  gewann  sie  bald  Ansehen  durch  freimütigen
  Tadel  mancher  Mißstände  in  Staat  und  Kirche.  Der  kleinstaatliche
Liberalismus,  der  von  den  Bedingungen  der  Macht  des  Staates  nichts
ahnte,  und  der  Rationalismus,  der  von  dem  religiösen  Gefühle  des  gläubigen
  Gemüts  nichts  wissen  wollte,  fanden  da  selbander  ihren  Sprechsaal.
Als  nun  Graf  Friedrich  Stolberg  in  Adam  Müllers  hochkonservativem
Staatsanzeiger  einen  scharfen  Aufsatz  über  die  Verirrungen  des  Zeitgeistes
veröffentlicht  hatte,  brach  Voß  im  Sophronizon  (1819)  gegen  den  Jugendgenossen
  los.  „Wie  ward  Fritz  Stolberg  ein  Unfreier?"“  fragte  er  grimmig.
Ein  Greis  gegen  den  Greis  wollte  er  Zeugnis  ablegen,  weil  er  bald  jenseits,
  „wo  kein  Ritter  noch  Pfaff  schaltet“,  sich  verantworten  müsse.  Darum
meinte  er  sich  jeder  Treue,  jeder  Anstandspflicht  gegen  den  alten  Freund
entbunden,  dem  er  vor  vierzig  Jahren  seine  Odyssee  gewidmet  hatte,  und
schilderte  mit  herzloser  Roheit,  selbst  das  häusliche  Leben  schamlos  aufv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  7
        <pb n="106" />
        98  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

deckend:  wie  der  Graf  schon,  als  sie  im  Göttinger  Hainbunde  zusammen
jugendlich  schwärmten,  im  Stillen  sich  der  „hierarchischen  und  aristokratischen
Zwangsherrschaft“  zugeneigt  habe,  bis  ihn  dann  Adelsstolz  und  Phantasterei
in  die  Nacht  hildebrandinischer  Verunreinigung  getrieben  hätten;  „denn
wütender  als  jemals  der  Türk  droht  jetzt  der  Junker  den  erleuchteten
Völkern  finstere  Barbarei“.  Einige  treffende  Bemerkungen  über  die  Hohlheit
  des  Konvertitentums  und  die  fromme  Selbstbespiegelung  des  Stolbergischen
  Kreises  verschwanden  in  einem  Meere  unwahrer  Beschuldigungen.
Denn  unzweifelhaft  war  Stolberg  nicht  wie  Haller  durch  seine  politische
Gesinnung  zur  römischen  Kirche  geführt  worden,  sondern  durch  den  religiösen
Drang  eines  schwachen  Gemüts,  das  sich  nie  auf  sich  selber  stützen  konnte;
Goethes  scharfer  Blick  hatte  den  Weichmütigen  von  jeher  als  einen  unbewußten
  Katholiken  betrachtet.

Gleich  den  meisten  seiner  Altersgenossen  hatte  Voß  sich  einst  für  die
Menschenrechte  der  Revolution  begeistert;  jetzt  nach  dem  Sturze  der  Fremdherrschaft
  flammte  die  radikale  Gesinnung  des  alten  Herrn,  der  sich  während
  des  Befreiungskrieges  nicht  recht  herausgewagt,  wieder  in  wilder
Heftigkeit  auf.  Höhnend  nannte  er  Napoleon  den  Würgengel  der  Hochgeborenen
  und  rief  dem  alten  Jugendfreunde  zu:

Edlere  nennst  Du  die  Söhne  Gewapppneter,  die  in  der  Vorzeit
Tugend  des  Doggen  vielleicht  adelte  oder  des  Wolfs?

Zu  diesem  fanatischen  Adelshasse  gesellte  sich  das  Mißtrauen  des  Rationalisten
  gegen  jede  nicht  ganz  wasserklare  Form  des  kirchlichen  Lebens.
Der  Großinquisitor  des  Rationalismus  konnte  sich  das  Wiedererwachen
des  religiösen  Sinnes  nur  aus  der  ruchlosen  Wühlerei  eines  pfäffischritterlichen
  Geheimbundes  erklären;  selbst  der  Tod  des  Jugendfreundes,
der  den  Angriff  nicht  lange  überlebte,  besänftigte  ihn  nicht.  Heftige  Erwiderungen
  der  Freunde  des  Angegriffenen  und  neue  polternde  Streitschriften
von  Voß,  Paulus-Schott,  Varnhagen  bewiesen  nur,  wie  unmöglich  jede
Versöhnung  in  diesem  wüsten  Gezänke  war.  Goethe  traf  wieder  das  rechte
Wort,  da  er  sagte:

Mir  wird  unfrei,  mir  wird  unfroh,

Wie  zwischen  Glut  und  Welle,

Als  läs'  ich  ein  Kapitolo

Aus  Dantes  grauser  Hölle.

Die  widerwärtige  Fehde  wirkte  auf  die  Stimmung  des  deutschen  Liberalismus
  tief  und  verderblich  ein.  Voß  und  die  Gelehrten  des  Sophronizon
stellten  zuerst  die  Behauptung  auf:  der  Glaube  an  eine  religiöse  Überlieferung
  hänge  mit  dem  Glauben  an  das  erbliche  Verdienst  des  Adels
im  Innersten  zusammen,  der  freie  Mann  achte  nur  „die  selbstanerkannte
Geisteswahrheit  und  die  selbsterworbene  Verdienstlichkeit.“  Obwohl  die
Torheit  dieser  Sätze  Jedem  einleuchten  mußte,  der  die  konfessionelle  Hartgläubigkeit
  der  nordamerikanischen  Demokratie  kannte,  so  fanden  sie  doch
Anklang  bei  der  Systemsucht  der  Deutschen,  und  allmählich  entstand  eine
        <pb n="107" />
        K.  v.  Rotteck.  99

krankhafte  Sprachverwirrung,  die  bis  zum  heutigen  Tage  das  deutsche  Par—
teileben  verfälscht.  Man  begann  zu  glauben,  was  unmittelbar  nach  dem
heiligen  Kriege  noch  niemand  zu  behaupten  gewagt  hatte:  daß  rationalistische
oder  gar  kirchenfeindliche  Gesinnung  das  untrügliche  Kennzeichen  des  poli—
tischen  Liberalismus  sei;  man  bezeichnete  beides  mit  dem  wohllautenden
Namen  der  Freisinnigkeit  und  zwang  also  die  konservativen  Regierungen
sich  den  streng  kirchlichen  Parteien  zu  nähern.  Noch  verderblicher  wirkte  das
arge  Beispiel  eines  aufgeklärten  Gesinnungsterrorismus,  der  überall  nur
Pfaffenherrschsucht,  Adelsstolz  oder  Liebedienerei  suchte  und  nachher  in  der
Gehässigkeit  der  Demagogenverfolgungen  die  natürliche  Erwiderung  fand.  —

Dieselbe  engherzige  Unduldsamkeit  beseelte  auch  den  einflußreichsten
Publizisten  jener  Tage.  Karl  von  Rotteck  blieb  zwei  Jahrzehnte  hindurch
der  hochangesehene  politische  Lehrer  des  süddeutschen  Bürgertums,  weil
er  weder  die  Kraft  noch  die  Neigung  besaß  sich  irgendwie  über  die  Durch—
schnittsansicht  der  Mittelklassen  zu  erheben.  Obgleich  der  Rechtschaffene
niemals  um  Volksgunst  buhlte,  so  standen  seine  Anschauungen  doch  immer
von  selbst  im  Einklang  mit  dem  „gebietenden  Zeitgeist“.  Er  nahm  den
wohlhabenden  Kleinstädtern  und  Bauern  des  Südens  das  Wort  von  den
Lippen  und  verkündete  was  alle  dunkel  empfanden  mit  unerschütterlichem
Mute,  mit  der  warmen  Beredsamkeit  eines  ehrlichen  Herzens.  Dem  fran—
zösischen  Blute  seiner  Mutter  verdankte  er  eine  unter  den  deutschen  Ge—
lehrten  damals  noch  seltene  Leichtigkeit  des  Ausdrucks;  unermüdlich  wen—
dete  er  den  überaus  bescheidenen  Vorrat  seiner  Gedanken  hin  und  her,
bis  den  Lesern  alles  wasserklar  und  unanfechtbar  erschien.  Die  demokra—
tischen  Ideen,  welche  einst  zur  Zeit  des  Bastillesturmes  in  Oberdeutsch—
land  eingedrungen,  hatten  sich  unterdessen  in  der  Stille  verstärkt  und  weit—
hin  verbreitet;  durch  die  Fürstenrevolution  der  napoleonischen  Zeit  war
die  gesamte  altgeschichtliche  Staatsordnung  völlig  zerstört,  in  den  Mittel—
klassen  aber  wuchs  von  Jahr  zu  Jahr  der  Groll  gegen  die  Willkür  des
rheinbündischen  Beamtentums.  Aus  solchen  Gedanken  und  Wünschen
formte  Rotteck,  merkwürdig  früh,  schon  unmittelbar  nach  dem  Friedens—
schlusse,  das  fertige  Idealbild  seines  konstitutionellen  Musterstaates.  Er
rühmte  sich  ganz  auf  der  Höhe  der  Zeit  zu  stehen  und  ahnte  nicht,  wie
stark  die  altständischen  Vorstellungen,  die  in  der  Nation  mit  wunderbarer
Zähigkeit  fortlebten,  auch  auf  seine  Doktrin  einwirkten;  ganz  wie  die  Herren
Stände  der  guten  alten  Zeit  betrachtete  er  die  Staatsgewalt  als  den  natür—
lichen  Feind  der  Freiheit.  Wer  ihm  nicht  glaubte,  dem  „war  ein  Lächeln
vom  Ministertische,  ein  Kreuz  und  ein  Band  oder  eine  Anstellung  lieber
als  das  Gemeinwohl“.  Neben  Savigny  und  Niebuhr  erschien  Rotteck  als
ein  wissenschaftlicher  Reaktionär,  da  die  Grundgedanken  seiner  Theorie  durch—
aus  dem  achtzehnten  Jahrhundert  angehörten;  nur  zog  er  mit  großer  Ge—
wandtheit  aus  diesen  veralteten  Sätzen  einige  Folgerungen,  welche  dem

praktischen  Bedürfnis  der  Gegenwart  in  der  Tat  entsprachen.  Ein  Partei—
7*
        <pb n="108" />
        100  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

mann  vom  Wirbel  bis  zur  Zehe,  von  jeher  gewohnt,  die  Menschen  und
die  Dinge  lediglich  mit  dem  Zollstock  der  politischen  Doktrin  zu  messen,  hatte
er  die  große  Zeit  unserer  Literatur  ohne  jedes  tiefere  Verständnis  durchlebt;
die  Freiheitsbegeisterung  des  Marquis  Posa  blieb  ihm  die  Krone  der  deutschen
  Dichtung,  was  konnte  der  Fürstendiener  Goethe  daneben  aufweisen?

Gleichwohl  vermochte  selbst  dieser  politische  Eiferer  den  literarischen
Ursprung  des  deutschen  Liberalismus  nicht  zu  verleugnen;  denn  auch  er
fühlte  sich  unwiderstehlich  hingezogen  zu  jenem  Franzosen,  der  unter  den
Vorläufern  der  Revolution  der  schwächste  politische  Kopf,  aber  auch  der
gemütvollste  Künstler  und  deshalb  der  deutschen  Bildung  am  vertrautesten
war.  Von  Rousseau  lernte  er  die  Lehren  der  Volkssouveränität  und  der
allgemeinen  Gleichheit,  sowie  den  kindlichen  Glauben  an  die  natürliche
Unschuld  des  Menschen.  Diese  Ideen  versuchte  er  dann  mit  Hilfe  des
Kantischen  Naturrechts,  das  ja  selbst  den  Anschauungen  des  Genfer  Philosophen
  nahe  stand,  in  ein  System  zu  bringen,  obgleich  er  die  Philosophie
nur  als  die  Auslegerin  des  gesunden  Menschenverstandes  schätzte.  Die  dritte
Quelle  seiner  Doktrin  war  das  Buch  des  Hontheim-Febronius  über  die
gesetzliche  Gewalt  des  Papstes.  Hier  fand  Rotteck  ein  eigentümliches
Gemisch  von  Aufklärungseifer  und  katholischer  Glaubenstreue,  das  seiner
eigenen  Gesinnung  entsprach;  hier  auch  das  Vorbild  für  die  Methode  seiner
künstlichen  politischen  Beweisführung.  Wie  jener  wohlmeinende  Vorkämpfer
des  nationalkirchlichen  Gedankens  die  letzten  Jahrhunderte  der  Kirchengeschichte
  kurzerhand  ausstrich,  dem  Papste  nur  einige  bescheidene  Ehrenrechte
  zuwies  und  dabei  doch  keineswegs  gemeint  war  das  Papsttum  selber
anzugreifen,  so  entkleidete  Rotteck  das  Königtum  aller  seiner  wesentlichen
Befugnisse  und  glaubte  doch  nicht  antimonarchisch  gesinnt  zu  sein.  In
aller  Unschuld,  ohne  jeden  revolutionären  Hintergedanken  predigte  er  eine
radikale  Theorie,  welche  mit  dem  Bestande  des  deutschen  Staatswesens
sich  schlechterdings  nicht  vereinigen  ließ.

Der  Sohn  eines  ehrenfesten  Altösterreichers  war  er  im  schönen  Breisgau
  aufgewachsen,  zu  der  Zeit,  da  die  Reformen  Josephs  II.  die  Begeisterung
  der  aufgeklärten  Vorderösterreicher  erweckten.  Jenes  System  gewaltsamer
  Völkerbeglückung  galt  ihm  immer  als  wahrhaft  liberale  Politik.
Dann  hatte  er  voll  Schmerz  mit  angesehen,  wie  sein  Heimatland  mit
Baden  vereinigt  wurde,  und  lebte  nun  unter  einer  Regierung,  die  er  noch
lange  mißtrauisch  als  eine  halbfremde  betrachtete,  in  einem  Staate  ohne
Geschichte,  dessen  Institutionen  allerdings  wie  Werke  des  Zufalls  oder  der
bewußten  Willkür  erschienen.  Seine  ehrliche  Liebe  zum  deutschen  Vaterlande
  sprach  er  selbst  unter  dem  Drucke  der  napoleonischen  Zensur  mannhaft
  aus;  als  die  Befreier  in  Baden  einzogen,  übernahm  er  sofort  die
Leitung  der  Teutschen  Blätter  und  stellte  sie  dem  Hauptquartiere  der  Verbündeten
  zur  Verfügung.  Ganz  wohl  ward  ihm  dennoch  nur  inmitten
seiner  alemannischen  Landsleute;  ihnen  zuerst  galt  all  sein  Tun  und
        <pb n="109" />
        Rottecks  Weltgeschichte.  101

Reden,  mit  rechter  Herzensfreude  schrieb  er  auf  eines  seiner  Bücher  die
Widmung:  „allen  edlen  Bürgern  Freiburgs  anspruchslos  und  liebend  der
Verfasser.“  Wenn  der  kleine  schlichte  Mann  des  Nachmittags  nach  den
Kollegien  rüstig  auf  die  Vorhöhen  des  Schwarzwaldes  zu  seinem  kleinen
Rebgute,  dem  Schönehof  hinaufstieg  und  von  droben  die  liebliche  Tal—
bucht  mit  dem  stolzen  Münsterturme  überblickte,  dann  meinte  er  die  Perle
Deutschlands  zu  schauen;  und  als  dies  herrliche  Land  nun  gar  noch  mit
der  ersehnten  vernunftgemäßen  Verfassung  gesegnet  wurde,  da  konnte  er
nur  noch  mit  Geringschätzung  an  den  fernen  Norden  denken,  den  er  nach
Landesart  natürlich  nie  betreten  hatte,  und  fragte  stolz:  ob  sich  wohl  das
lichte  Rheinland  bei  politischen  Rechten  beruhigen  könne,  die  allenfalls  für
das  finstere  Pommern  genügten?  Wie  die  Schwaben  in  Uhland,  so  erkannten
  die  badischen  Alemannen  in  ihrem  Rotteck  alle  Züge  ihres  eigenen
Wesens  wieder:  ihren  tapferen  Freimut,  ihren  demokratischen  Trotz,  ihre
josephinische  Aufklärung,  aber  auch  ihre  kleinstädtische  Beschränktheit,  ihre
naive  Unkenntnis  aller  politischen  Machtverhältnisse  und  die  Selbstgefälligkeit
  ihres  harmlosen  Partikularismus.  „Dann  gehen  wir  eben  zum
Rotteck“  —  hieß  es  unter  den  Schwarzwälder  Bauern,  wenn  die  Beschwerden
  bei  den  Beamten  nichts  halfen.

Rottecks  Ansehen  bei  den  Mittelklassen  war  zuerst  durch  seine  Weltgeschichte
  begründet.  Das  Buch  erschien  seit  dem  Jahre  1812,  und  mit
jedem  neuen  Bande  stieg  der  Absatz;  in  manchem  kleinstädtischen  Bürgerhause
  des  Südens  bestand  der  ganze  Bücherschatz  aus  der  Bibel,  dem
Gebetbuch  und  dem  Rotteck.  Was  konnte  auch  dem  tief  verstimmten  und
doch  politisch  völlig  ratlosen  Völkchen  der  Kleinstaaten  willkommener  klingen
als  die  selbstgefällige  Trivialität  dieser  Geschichtsweisheit,  die  von  dem
notwendigen  Werden  des  historischen  Lebens  gar  nichts  ahnte,  sondern
alles  Mißgeschick  der  Völker  einfach  aus  der  Bosheit  und  der  Verblendung
  der  Regierenden  ableitete  und  geradezu  aussprach,  ihr  höchstes  Ziel
sei  „der  jetzt  mit  Macht  sich  erhebenden  und  durch  solche  Erhebung  Heil
verheißenden  öffentlichen  Meinung  zu  entsprechen"“.  Der  dürre  Rationalismus
  der  Geschichtschreibung  des  alten  Jahrhunderts  verschmolz  sich
mit  den  Parteileidenschaften  des  neuen  Zeitalters.  Rotteck  betrachtete  den
Staat  —  er  wußte  es  nicht  anders  —  grundsätzlich  nur  von  unten,  mit
den  Augen  der  Regierten;  niemals  verfiel  er  auf  die  Frage,  wie  sich  die
menschlichen  Dinge  von  oben  her  ausnehmen,  welche  Gedanken  die  Tätigkeit
  der  Regierenden  bestimmten  und  welche  Hemmnisse  sie  zu  überwinden
  hatte.  Jeder  Fürst,  jeder  Machthaber  schien  ihm  verdächtig.  Selbst
im  persönlichen  Verkehr  mochte  der  eingefleischte  Bürgersmann  die  vornehmen
  Leute  nicht  leiden,  der  Anblick  einer  Uniform  oder  eines  Ordenskreuzes
  war  ihm  unbehaglich;  sogar  Blücher  —  so  gesteht  er  selbst  in
seinen  Briefen  —  gefiel  ihm  nicht  mehr  recht  seit  der  alte  Held  den  Fürstentitel
  führte.
        <pb n="110" />
        102  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Noch  niemals  hatte  ein  deutsches  Buch  die  schlimmste  Schwäche  der
modernen  Demokratie,  den  neidischen  Abscheu  gegen  alles  was  über  die  gemeine
  Mittelmäßigkeit  emporragt,  so  unverblümt  ausgesprochen.  Sehr
nachdrücklich  wies  der  volkstümliche  Historiker  Alexander  den  Großen  zurecht,
  weil  dieser  „Mensch  von  Staub  und  Erde  zerschmetterte  Völker  zum
Fußgestell  seines  Ruhmes  machte“;  den  Helden  der  Kreuzzüge  hielt  er  die
zornige  Frage  entgegen:  „mit  welchem  Rechte  wurde  Palästina  erobert?"
Der  ganze  Verlauf  der  Weltgeschichte  zeigte  ihm  in  entsetzlicher  Eintönigkeit
  stets  das  nämliche  traurige  Schauspiel:  wie  die  allezeit  unschuldigen
Völker  die  Jahrtausende  hindurch  immer  wieder  durch  blutige  Tyrannen
mißhandelt  und  zu  gemeinschädlichen  Kriegen  verleitet  wurden,  wie  dann
gar  mit  dem  Mittelalter  „zehn  Jahrhunderte  der  Barbarei,  der  Wildheit
und  der  Finsternis  —  ein  weder  erfreuliches  noch  sehr  interessantes  Zeitalter“"
  —  über  die  unglückliche  Menschheit  hereinbrachen,  bis  darauf  endlich
  durch  die  Volksmänner  der  amerikanischen  und  der  französischen  Revolution
  das  Dunkel  gelichtet  ward  und  der  gebietende  Zeitgeist  zu  seinem
Rechte  kam.

Die  naive  Selbstverliebtheit  des  philosophischen  Jahrhunderts  lebte
hier  wieder  auf,  nur  daß  sie  jetzt  ein  politisches  Gewand  anlegte.  Durch
Rottecks  Weltgeschichte  wurde  das  republikanische  Staatsideal  zum  ersten
Male  den  deutschen  Mittelklassen  gepredigt.  Die  Begeisterung  für  die  junge
Republik  des  Westens  hatte  sich  zur  Zeit  des  amerikanischen  Unabhängigkeitskrieges
  doch  nur  auf  die  engen  Kreise  der  gebildeten  Jugend  beschränkt
und  war  dann  während  der  Stürme  der  napoleonischen  Tage  ganz  in
Vergessenheit  geraten.  Jetzt  lenkte  Rotteck  die  Blicke  der  Verstimmten
wieder  abendwärts.  „Im  Westen“,  rief  er  aus,  „in  der  jugendlichen  neuen
Welt  erbaut  sich  das  natürliche,  das  vernünftige  Recht  sein  erlesenes  Reich."
Zwar  fügte  er  als  ein  gesetzliebender  Staatsbürger  beschwichtigend  hinzu:
„nicht  eben  die  republikanische  Form  ist's,  die  wir  die  Sonne  dieses  Tages
nennen,  nein,  nur  der  republikanische  Geist“;  er  behauptete  sogar,  in  vernünftigen
  Monarchien  könne  sich  der  republikanische  Geist  am  kräftigsten
betätigen.  Da  indes  sein  Musterstaat  auf  der  republikanischen  Idee  der
Volkssouveränität  ruhte,  so  blieb  den  Lesern  doch  der  Eindruck,  daß  die
Republik  der  allein  vernünftige  Staat,  „der  Freistaat"  schlechthin  sei:
beide  Ausdrücke  brauchte  man  bereits  als  gleichbedeutend.  Diese  Lehre
fand  um  so  leichter  Anklang,  da  jedermann  schon  auf  der  Schulbank  die
Philologenfabel  von  der  wunderbaren  Freiheit  der  Republiken  des  Altertums
  gelernt  hatte.

Ebenso  verführerisch  erschien  den  Lesern  die  parteiisch  gefärbte  Darstellung
  der  jüngsten  Vergangenheit.  Wie  wunderbar  mächtig  waltete  doch
die  sagenbildende  Kraft  des  Volksgeistes  noch  in  diesem  bildungsstolzen
Jahrhundert!  Das  Bild  der  selbsterlebten  allerneuesten  Ereignisse  verschob
und  verwirrte  sich  in  dem  Gedächtnis  der  Völker,  sofort  nach  dem  Friedens-
        <pb n="111" />
        Der  Liberalismus  und  das  Heerwesen.  103

schlusse.  Wie  die  Franzosen  allesamt  glaubten,  sie  seien  nur  der  zehn—
fachen  Übermacht  erlegen,  so  entstand  auch  unter  den  deutschen  Unzu—
friedenen  alsbald  eine  ganze  Welt  wunderlicher  Parteimärchen.  Rotteck
sprach  allen  Liberalen  des  Südens  aus  der  Seele,  wenn  er  zuversichtlich
behauptete,  von  sämtlichen  europäischen  Mächten  hätten  allein  die  beiden
Verfassungsstaaten  England  und  Spanien,  wunderbar  gestärkt  durch  die
Kraft  der  konstitutionellen  Freiheit,  dem  napoleonischen  Weltreiche  wider—
standen.  Daß  auch  Rußland  die  nämliche  Widerstandskraft  gezeigt  hatte,
überging  man  mit  Stillschweigen;  denn  dieser  vor  kurzem  noch  so  laut
gefeierte  Staat  verfiel  nach  der  Stiftung  der  heiligen  Allianz  dem  leiden—
schaftlichen  Hasse  des  Liberalismus,  und  mahnend  wies  Rotteck  dem  preu—
ßischen  Staate  die  Aufgabe  zu,  der  Freiheit  Europas  als  eine  Vormauer
gegen  die  moskowitische  Knechtschaft  zu  dienen.  Um  so  überschwänglicher
ward  die  Cortesverfassung  von  1812  gepriesen,  welche  das  spanische  Volk  zu
seinem  Heldenkampfe  begeistert  haben  sollte;  sie  blieb  während  eines  Jahrzehntes
  das  Schoßkind  der  Liberalen,  da  sie,  in  Abwesenheit  des  Monarchen
  entstanden,  die  Macht  der  Krone  aufs  Außerste  beschränkte  und
mithin  dem  höchsten  Ideale,  der  Freiheit  Amerikas  nahe  zu  kommen  schien.

Über  den  deutschen  Befreiungskrieg  kam  bald  eine  noch  wundersamere
  Erzählung  in  Umlauf:  die  verbündeten  Fürsten  hatten  das  deutsche
Volk  durch  den  Kalischer  Aufruf  und  die  Verheißung  einer  preußischen
Verfassung  mit  trügerischen  Hoffnungen  erfüllt;  „gelockt  durch  so  schmeichelnde
  Töne“  —  so  erzählte  Rotteck  von  der  Kalischer  Proklamation  —
waren  dann  die  Hunderttausende  zu  den  Waffen  geeilt!  Die  Unwahrheit
solcher  Behauptungen  ließ  sich  freilich  schon  aus  dem  Kalender  nachweisen.
Die  Verordnung  über  die  künftige  Verfassung  Preußens  war  am  22.  Mai
1815  unterzeichnet  und  erst  am  8.  Juli  veröffentlicht,  als  der  letzte  Krieg
gegen  Napoleon  bereits  zu  Ende  ging;  von  dem  Kalischer  Aufruf  aber
hatte  die  Masse  der  preußischen  Landwehrmänner  wenig  oder  nichts  erfahren.
  Und  doch  fand  das  Parteimärchen  Glauben,  zuerst  im  Süden,
nachher,  als  die  Stimmung  sich  immer  mehr  verbitterte,  auch  in  Preußen
selbst.  Man  fühlte  sich  wie  verraten  und  verkauft,  man  konnte  sich  den
kläglichen  Zustand  Deutschlands  nach  so  ungeheuren  Opfern  nicht  anders
erklären,  als  aus  einem  großen  Betruge;  und  bald  ward  jeder  als  ein
Reaktionär  angesehen,  der  noch  der  Wahrheit  gemäß  bekannte,  daß  die
Preußen  sich  schlicht  und  recht  auf  den  Ruf  ihres  Königs  erhoben  hatten
um  den  heimischen  Boden  vom  Landesfeinde  zu  säubern  und  die  Ehre
ihrer  alten  königlichen  Fahnen  wiederherzustellen.  Die  Verblendeten  bemerkten
  nicht  mehr,  welche  Beleidigung  sie  dem  preußischen  Volke  durch
ihre  Erfindungen  zufügten.

Die  Leistungen  der  Landwehr  wurden  selbst  in  Preußen  überschätzt;  die
Liberalen  des  Oberlandes  vollends  erzählten  sich  bald  Wunderdinge  von
den  Lützowern  und  den  anderen  Freischaren,  die  doch  zu  den  Siegen  der
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        104  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Verbündeten  nur  sehr  wenig  beigetragen  hatten.  Wer  den  schweren  Ernst
des  Waffenhandwerks  kannte,  urteilte  freilich  anders.  Speckbacher,  der
tapfere  Tyroler  Bandenführer  von  1809,  gestand  dem  Adjutanten  Yorks
Karl  von  Roeder:  bei  uns  Bauern  war  frisches  Herz,  aber  keine  Ordnung,
bei  unseren  kaiserlichen  Soldaten  stand  es  umgekehrt,  bei  dem  Blücher
und  dem  York  aber  war  Beides,  die  Ordnung  und  das  frische  Herz;  das
hätt'  ich  wohl  sehen  mögen!  Für  diese  Sprache  des  geraden  Menschen—
verstandes  hatte  die  verbissene  Parteigesinnung  der  Liberalen  kein  Ohr;
der  Name  Freischar  klang  ihnen  so  unwiderstehlich  wie  das  Wort  Freistaat.
  Man  dachte  sich  jene  unbedeutenden  preußischen  Freikorps  den  spanischen
  Guerillas  ähnlich  und  betrachtete  die  „heiligen  Scharen“  als  die
eigentlichen  Besieger  Napoleons.  Die  feurigen  Verse  von  Lützows  wilder
Jagd,  welche  der  junge  Dichter  einst  arglos  aus  der  Fülle  seines  begeisterten
  Herzens  heraus  geschaffen  hatte,  erhielten  allmählich  den  Sinn
eines  Parteigesanges.  Man  wiederholte  das  Lied  herausfordernd  wie  um
die  Linientruppen  zu  verhöhnen,  und  König  Friedrich  Wilhelm  mochte  bald
die  frischen  Klänge  nicht  mehr  hören,  weil  sie  ihm  wie  eine  Kränkung  seines
tapferen  Heeres  erschienen.  Dies  verstimmte  Geschlecht  schien  gar  nicht
mehr  imstande,  sich  der  Großtaten  der  vaterländischen  Geschichte  unschuldig
  zu  erfreuen.

Die  ganze  Verbitterung  des  Liberalismus  entlud  sich  in  Rottecks
Schrift  „über  stehende  Heere  und  Nationalmiliz“  (1816).  Welch  ein  Gegensatz
  zu  jenem  patriotischen  Buche  Rühle  von  Liliensterns  „vom  Kriege“!
Der  preußische  Offizier  dachte  mit  staatsmännischer  Mäßigung  die  Heere
zu  nationalisieren  und  die  Völker  zu  militarisieren;  der  Parteimann  Rotteck
stellte  sogleich  sein  radikales  Entweder  —  oder:  „wollen  wir  die  Nation
selbst  zum  Heere  oder  die  Soldaten  zu  Bürgern  machen?“  Das  sei  die
große  Frage  dieses  verhängnisschweren  Augenblicks.  Mit  fanatischem
Grimme  wendete  er  sich  gegen  das  preußische  Wehrgesetz  und  erklärte,
kaum  ein  Jahr  nachdem  Linie  und  Landwehr  bei  Belle  Alliance  so  ruhmvoll
  zusammengewirkt,  voll  dreister  Zuversicht:  „welcher  Staat  durch  ein
stehendes  Heer  stark  sein  will,  derselbe  tut  Verzicht  auf  eine  kräftige  Landwehr.“
  Er  schilderte  das  stehende  Heer  als  die  Stütze  des  Despotismus;
er  behauptete:  „wenn  alle  Jünglinge  zum  Heere  berufen  werden,  so  wird
die  ganze  Nation  von  den  Gesinnungen  des  Mietlings  durchdrungen  sein;"
er  forderte  endlich  kurzweg  Abschaffung  der  stehenden  Heere,  dergestalt  daß
im  Frieden  nur  eine  kleine  geworbene  Truppe  unterhalten,  die  Landwehr
aber  einige  Wochen  lang  notdürftig  ausgebildet  würde.  Während  er  also
in  radikalen  Schlagworten  schwelgte,  verlangte  er  zugleich  mit  naiver  Standesselbstsucht
  die  Einführung  der  Stellvertretung  bei  seiner  Landwehr:;
ganze  Klassen,  namentlich  die  Studenten  sollten  befreit  sein.  Den  Schluß
bildete  die  stolze  Weissagung:  welcher  Fürst  das  vollbringt,  der  wird  in
ganz  eigener  Glorie  glänzen  und,  wäre  er  ein  Deutscher,  der  erste  sein!
        <pb n="113" />
        Der  Liberalismus  und  der  Adel.  105

Mit  solcher  Verblendung  äußerte  sich  die  Selbstüberhebung  des  klein—
staatlichen  Liberalismus  schon  in  seinen  ersten  Anfängen:  Deutschlands
Fürsten  sollten  sich,  wetteifernd  in  liberalen  Taten,  bei  den  alleinigen
Vertretern  des  gebietenden  Zeitgeistes  demütig  um  die  Krone  des  künf—
tigen  Reiches  bewerben.  Als  fast  zur  selben  Zeit  Herzog  Karl  August
das  weimarische  Kriegsheer  auflöste  und  sich  mit  einigen  Wachmannschaften
begnügte,  ward  er  mit  Lobsprüchen  überhäuft  und  die  Allgemeine  Zeitung
schrieb  entzückt:  „auf  die  schönste  Weise  entstand  hier  die  Tat,  dort  der
Lobpreis  derselben,  eines  unbewußt  dem  andern.“  Wohl  trat  ein  anderer
Führer  des  badischen  Liberalismus,  der  Freiherr  von  Liebenstein,  in  einer
verständigen  Schrift  seinem  Freiburger  Genossen  entgegen;  jedoch  der  großen
Mehrheit  der  Partei  hatte  Rotteck  wie  immer  aus  der  Seele  gesprochen.
Das  Friedensbedürfnis  und  die  wirtschaftliche  Not,  die  kleinstädtische
Unkenntnis  der  europäischen  Machtverhältnisse,  das  Mißtrauen  gegen  die
Höfe  und  nicht  zuletzt  der  stille  Zweifel  an  der  Kriegstüchtigkeit  der  ver—
einzelten  kleinen  Kontingente  —  das  alles  vereinigte  sich  um  den  Libera—
lismus  der  kleinen  Staaten  tief  und  tiefer  gegen  die  Armee  zu  verstimmen.
Rottecks  Zornreden  wider  den  Mietlingsgeist  der  Soldaten  weckten  lauten
Widerhall,  obgleich  jedermann  wissen  mußte,  daß  der  deutsche  Soldat  nur
durch  die  gesetzliche  Zwangsaushebung  auf  kurze  Zeit  dem  bürgerlichen
Leben  entrissen  wurde  und  sich  ungern  genug  mit  seinen  armen  zwei
Groschen  Sold  begnügte.  Das  Eifern  und  Schelten  wider  die  Söldlinge
galt  ein  Menschenalter  hindurch  als  ein  sicheres  Kennzeichen  liberaler
Gesinnungstüchtigkeit  und  bewirkte  nur,  daß  die  Offizierkorps  sich  mehr
und  mehr  den  streng  konservativen  Anschauungen  zuwendeten.

Dies  Mißtrauen  des  Liberalismus  gegen  das  Heer  hing  eng  zusammen
mit  dem  ingrimmigen  Adelshasse,  der  sich  in  allen  Zeitungen  und  Flug—
schriften  der  Oppositionsparteien  aussprach.  Der  Sondergeist  der  Land—
schaften  und  Stände  war  Deutschlands  alter  Fluch;  alle  Klassen,  und
keineswegs  der  Adel  allein,  hatten  an  diesen  alten  nationalen  Sünden
ihren  reichen  Anteil.  Wie  einst  der  Trotz  der  großen  Kommunen  am
Ausgang  des  Mittelalters  das  Ansehen  der  Reichsgewalt  mit  zerstören,
die  Reichsreformversuche  des  sechzehnten  Jahrhunderts  mit  vereiteln  half,
so  trug  auch  jetzt  das  Bürgertum  an  dem  neu  erwachenden  widerwär—
tigen  Klassengezänk  mindestens  ebensoviel  Schuld  wie  der  Adel.  Auch
hier  rächte  sich  der  literarische  Ursprung  unseres  Liberalismus.  Da  bei
dem  Aufschwunge  der  neuen  Kunst  und  Wissenschaft  nur  wenige  Edel—
leute  mitgewirkt  hatten,  so  entstand  in  den  gebildeten  Mittelklassen  neben
einem  wohlberechtigten  Selbstgefühle  zugleich  eine  gehässige  Verachtung  gegen
den  Adel:  man  redete,  als  sei  der  Verstand  dem  Edelmanne  von  Natur
versagt.  Viele  der  literarischen  Führer  der  Nation  hatten  in  dem  demü—
tigenden  Verhältnissen  ihrer  entbehrungsreichen  Jugend,  manche  als  Hof—
meister  adliger  Häuser,  den  Kastenhochmut  kennen  und  hassen  gelernt.
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        106  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Vornehmlich  sprach  der  Groll  gegen  die  Hochgeborenen  aus  vielen  Werken
der  neuen  Dichtung,  so  aus  Emilia  Galotti,  aus  Kabale  und  Liebe.  Nament—
lich  unter  den  Genossen  des  Hainbundes  war  diese  Gesinnung  tief  ein—
gewurzelt.  Wer  des  Pfarrers  Tochter  von  Taubenheim  und  ähnliche  Ge—
dichte  Bürgers  las,  der  mochte  glauben,  daß  die  Verführung  armer  Mäd—
chen  die  Hauptbeschäftigung  des  deutschen  Edelmannes  bilde;  Voß  aber,
der  Nachkomme  mecklenburgischer  Leibeigener,  hegte  von  Kindesbeinen  an
unauslöschlichen  Haß  gegen  die  Junker  und  ließ  mit  unverhohlenem  Be—
hagen  seinen  Bauer  Michel  über  die  Adligen  sagen:  „Schelme  sind  sie
und  wert  am  höchsten  Galgen  zu  bummeln!“

Mit  Frohlocken  wurde  die  Nacht  des  vierten  August  und  alle  die
anderen  Schläge,  welche  die  Revolution  gegen  den  Adel  führte,  in  unseren
literarischen  Kreisen  begrüßt.  Seitdem  war  auch  die  Macht  des  deutschen
Adels  tief  erschüttert  worden;  er  hatte  durch  den  Reichsdeputationshaupt—
schluß  seinen  Anteil  an  der  Reichsregierung  vollständig,  durch  die  Stein—
Hardenbergischen  Reformen  und  die  Gesetze  des  Rheinbundes  seine  Herren—
stellung  auf  dem  flachen  Lande  größtenteils  eingebüßt.  Noch  blieben  ihm
manche  Vorrechte,  welche  das  Selbstgefühl  des  Bürgertums  verletzten.  In
den  altständischen  Kleinstaaten  des  Nordens,  Sachsen,  Hannover,  Meck—
lenburg  beherrschte  er  noch  Regierung  und  Landtag;  hier  bestanden  zumeist
noch  die  adligen  Bänke  der  obersten  Gerichtshöfe;  auch  in  den  alten  preu—
ßischen  Provinzen  kamen  die  Patrimonialgerichte  und  die  gutsherrliche  Polizei
wesentlich  der  Macht  des  Adels  zugute,  da  die  bürgerlichen  Ritterguts—
besitzer  noch  die  Minderheit  bildeten.  Im  Heere  und  im  Zivildienst  wurde
der  Adel  noch  überall  tatsächlich  bevorzugt;  die  persönliche  Umgebung  der
Fürsten  bildete  er  allein,  und  höhnend  rief  Voß:  „der  Edelmann  ist  ja
geborener  Kurator  des  Marstalls,  der  Jagd,  des  Schenktischs,  der  Ver—
gnügungen.“  Nach  dem  Sturze  des  gekrönten  Plebejers  trat  der  Adels—
hochmut  oft  sehr  herausfordernd  auf;  sogar  Niebuhr  klagte,  noch  nie  seit
vierzig  Jahren  habe  der  Edelmann  den  Bürgerlichen  so  abgünstig  behandelt.
Hartnäckig  hielt  der  amtliche  Sprachgebrauch  den  abgeschmackten  Titel
Demoiselle  für  die  bürgerlichen  Mädchen  fest.  Auch  aus  den  Hofrang—
ordnungen  der  kleinen  Höfe  sprach  ein  lächerlicher  Kastenhochmut.  Selbst
der  höchste  Staatsbeamte  durfte  seine  bürgerliche  Frau  nicht  zu  Hofe  führen;
in  Hessen  konnten  die  Minister  nur  durch  die  Verwendung  des  adligen
Flügeladjutanten  Gehör  beim  Landesherrn  erlangen.  Das  Theater  in
Weimar  hatte  seine  adligen  Logen,  und  im  Speisesaale  des  Pillnitzer
Schlosses  sahen  die  Adligen  und  die  Bürgerlichen  von  zwei  gesonderten
Tribünen  den  Gastmählern  des  Königs  zu.  In  den  Augen  der  Voll—
blut-Junker  galten  nur  die  Berufe  des  Offiziers,  des  Kammerherrn,  des
Stallmeisters,  des  Forstmanns  und  allenfalls  noch  der  Verwaltungsdienst
für  standesgemäß.  Die  Wissenschaften  und  Künste  durfte  der  Edelmann
nur  als  Liebhaberei  treiben;  ganz  Breslau  geriet  in  Aufregung,  als  ein
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        Adel  und  Bürgertum.  107

„gnädiger  Herr“  unter  die  Komödianten  ging  und  auf  dem  Stadttheater
auftrat.  Heiraten  zwischen  Edelleuten  und  wohlhabenden  bürgerlichen
Mädchen  kamen  häufig  vor;  doch  nur  selten,  und  niemals  ohne  lebhaften
Widerspruch  der  Standesgenossen,  entschloß  sich  ein  adliges  Mädchen  sich
an  einen  bürgerlichen  Mann  wegzuwerfen.

Diese  Uberreste  einer  überwundenen  Gesellschaftsordnung  mußten
das  Bürgertum  erbittern;  aber  nur  der  Undank  konnte  vergessen,  wie
glänzend  das  Talent,  die  Treue,  die  Tapferkeit  des  preußischen  Adels
während  der  letzten  schweren  Jahre  sich  wieder  bewährt  hatten.  Die  große
Mehrzahl  der  Feldherren  und  Staatsmänner,  denen  Deutschland  seine
Befreiung  verdankte,  gehörte  ja  dem  Adel  an.  Während  die  französischen
Edelleute,  erbost  über  den  Verlust  ihrer  Standesvorrechte,  mit  dem  Landesfeinde
  vereint  gegen  ihr  Vaterland  in  den  Krieg  gezogen  waren,  hatte  der
preußische  Adel  zwar  den  Gesetzen  Hardenbergs  lebhaft  widersprochen,
aber  sobald  der  Ruf  des  Königs  erklang,  sofort  seinen  Groll  hochherzig
vergessen  und  sein  Alles  geopfert  für  die  Rettung  des  Landes;  ohne  die
Hingebung  des  Landadels  wäre  die  Besetzung  der  Landwehr-Offiziersstellen,
die  Verwendung  der  Landwehr  im  freien  Felde  schlechthin  unmöglich  gewesen.
  Und  gleichwohl  wurden  diese  patriotischen  Soldatengeschlechter  von
der  liberalen  Presse  mit  den  Emigranten  verglichen;  Berangers  hämische
Verse  je  suis  vilain  et  três-vilain  fanden  ein  Echo  diesseits  des  Rheins
als  gälten  sie  auch  für  Deutschland.  Der  preußische  Staat  von  1806
erschien  in  den  Reden  und  Schriften  der  Liberalen  stets  als  das  Urbild
aller  politischen  Sünden,  und  bald  erzählte  man  allerorten:  durch  die  Junker
sei  Preußen  ins  Verderben  gestürzt,  durch  „das  Volk“  sieben  Jahre  später
gerettet  worden.  Nach  dem  Kriege  versuchte  der  Adel  überall  einen  Teil
seiner  alten  Macht  zurückzugewinnen.  Die  Mediatisierten  bestürmten  den
Bundestag  und  die  Höfe  mit  ihren  Beschwerden;  in  Preußen  scharte  sich
die  altständische  Partei  geschlossen  zusammen.  Allerhand  Vorschläge  für
die  Neugestaltung  des  Standes  tauchten  auf.  Während  des  Wiener  Kongresses
  wurde  der  Plan  einer  „Adelskette“  viel  besprochen,  einer  großen
Genossenschaft,  welche  überall  in  Deutschland  die  Standesinteressen  wahren
und  den  Sinn  ritterlicher  Ehre  wach  halten  sollte;  jedoch  der  Entwurf
blieb  liegen,  wie  späterhin  ein  ähnlicher  Plan  ostpreußischer  Edelleute.
Auch  viele  der  romantischen  Schriftsteller  ergingen  sich  in  überschwänglichen
Lobpreisungen  des  Adels.  Friedrich  Schlegel  feierte  ihn  als  die  Grundkraft
  der  bürgerlichen  Gesellschaft:  an  ihm  hätten  sich  alle  anderen  Stände
erst  gebildet.  Ein  trutziges  Verslein  Schlegels  mahnte  den  Edelmann,  bei
dem  Schwerte  und  dem  Pfluge  zu  bleiben  und  das  Geschwätz  der  Städte
zu  fliehen:  „das  ist  Adels  alte  Sitt'  und  Recht!“

Solche  Bestrebungen  und  dazu  das  törichte  Treiben  der  heimgekehrten
Emigranten  Frankreichs  steigerten  den  Groll  der  Mittelklassen.  Man  siel
wieder  zurück  in  jene  Anschauungen  des  platten  Standesneides,  welche  zur
        <pb n="116" />
        108  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Zeit  des  Tilsiter  Friedens  der  Bonapartist  Friedrich  Buchholz  in  seinen
„Untersuchungen  über  den  Geburtsadel“  verkündigt  hatte.  Wie  klang  es
doch  so  unwiderleglich,  wenn  dieser  politische  Nicolai  erwies:  die  Tugend
vererbe  sich  nicht,  ein  Verdienstadel  gleich  der  französischen  Ehrenlegion  bleibe
die  allein  vernünftige  Form  des  Adels:  „man  kann  nicht  zugleich  Patriot
und  Feudalaristokrat  sein.“  Ein  alter  fridericianischer  General  von  Diericke
nahm  sich  in  aller  Bescheidenheit  seiner  Standesgenossen  an  und  zeigte  in
seinem  „Wort  über  den  preußischen  Adel“  (1818),  wie  viele  Söhne  des
geschmähten  Junkertums  im  Lager  und  im  Rat  die  Größe  Preußens
mitbegründet  hatten.  Allgemeine  Entrüstung  empfing  ihn,  weil  man  ihn
nicht  widerlegen  konnte.  In  manchen  gelehrten  Kreisen  trat  der  kindische
Adelshaß  so  auffällig  hervor,  daß  die  Schüler  selbst  darauf  rechneten:  als
der  junge  Karl  von  Holtei  in  Breslau  seine  Prüfungsarbeit  zu  schreiben
hatte  und  sich  nicht  ganz  sattelfest  fühlte,  ließ  er  weislich  das  „von“  aus
der  Unterschrift  hinweg  und  beobachtete  dann  ergötzt,  wie  die  Lehrer  die
Köpfe  zusammensteckten  und  einander  dies  köstliche  Probstück  jugendlichen
Bürgermutes  mit  befriedigtem  Lächeln  vorwiesen.  Die  besonnenen  Worte,
welche  Perthes  in  seinen  Briefen  „über  den  Adel“  dem  ritterlichen
Schwärmer  Fouqué  entgegenhielt,  genügten  der  verstimmten  öffentlichen
Meinung  jetzt  ebensowenig,  wie  früher  schon  die  Schriften  des  bürgerfreundlichen,
  aber  konservativen  Rehberg.

Es  steht  nicht  anders,  das  deutsche  Bürgertum  wurde  durch  seine
großen  literarischen  Erfolge  zu  einer  ähnlichen  Selbstüberhebung  verleitet
wie  einst  der  französische  Dritte  Stand,  nur  daß  sich  bei  uns  der  bürgerliche
Dünkel  noch  ganz  auf  den  Boden  der  Doktrin  beschränkte.  Leichten  Herzens
stellten  liberale  Zeitungen  die  Frage:  wo  sei  denn  das  Unglück,  wenn  etwa
der  gesamte  Adel  durch  einen  allgemeinen  Bankrott  seinen  Grundbesitz
verlöre  und  durch  neue  Eigentümer  verdrängt  würde?  Für  die  sittliche
Kraft  einer  unabhängigen,  mit  der  Landesgeschichte  fest  verwachsenen  Aristokratie
  hatte  der  Rationalismus  kein  Verständnis.  Voß  und  Rotteck  sprachen
diese  radikalen  Gesinnungen  am  aufrichtigsten  aus.  Bewußt  oder  unbewußt
  verbarg  sich  dahinter  der  partikularistische  Groll  gegen  Preußen;
denn  kaum  hatte  dieser  Staat  durch  sein  Volksheer  das  Vaterland  befreit.
so  ward  er  in  Süddeutschland  schon  wieder  als  das  klassische  Land  des
„Junkertums  und  des  Korporalstocks“  verrufen.

Von  solchen  Anschauungen  erfüllt  schrieb  Rotteck  im  Jahre  1819  zur
Eröffnung  des  badischen  Landtags  seine  „Ideen  über  Landstände",  das
wissenschaftliche  Programm  des  neuen  Liberalismus.  Aus  der  Natur  und
Geschichte  des  gegebenen  Staates  die  Forderungen  für  die  Zukunft  abzuleiten
  lag  den  Liberalen  um  so  ferner,  da  ihre  Bildung  noch  vollständig
von  der  Philosophie  beherrscht  war  und  jeder  Publizist  sich  stolz  als  ein
Volkstribun  des  gesamten  Deutschlands  fühlte.  Von  dem  gemeinen
deutschen  Staatsrechte  war  in  der  Anarchie  des  Deutschen  Bundes  wenig
        <pb n="117" />
        Der  konstitutionelle  Musterstaat.  109

mehr  übrig,  mit  der  Betrachtung  eines  der  neununddreißig  souveränen
Einzelstaaten  mochte  sich  niemand  begnügen,  also  verfielen  alle  politischen
Schriftsteller  unwillkürlich  in  die  Abstraktionen  des  sogenannten  allge—
meinen  konstitutionellen  Staatsrechts.  So  dreist  wie  Rotteck  trat  doch
keiner  die  historische  Welt  mit  Füßen.  Der  aufgeklärte  Mann  unter—
schied  ein  dreifaches  Recht:  das  vergangene,  das  heute  geltende  und  „das
Recht,  das  gelten  sollte“;  das  letztere  ward  ohne  Federlesen  als  „das
edelste,  ja  im  Grunde  das  alleinige  Recht“  gepriesen,  das  historische  Recht
als  historisches  Unrecht  abgefertigt.  Als  einzige  Regel  für  den  Staat  galt
mithin  das  Vernunftrecht,  das  will  sagen:  das  persönliche  Belieben  des
Freiburger  Professors  und  seiner  französischen  Lehrer;  allerdings,  fügte  er
bescheiden  hinzu,  könne  die  Wirklichkeit  der  philosophischen  Theorie  immer
nur  annähernd  entsprechen.

Wie  einst  Sieyes  das  Feuer  der  Rousseauschen  Volkssouveränität  mit
dem  Wasser  der  Montesquieuschen  Gewaltenteilung  verschmolzen  hatte,
so  suchte  Rotteck  die  Doktrin  des  Contrat  social  durch  einige  Begriffe  des
monarchischen  Staatsrechts  zu  verdünnen;  nur  stand  er  noch  weit  mehr
als  jener  französische  Verfassungskünstler  unter  dem  Einfluß  des  Genfer
Philosophen.  Kurz  und  gut,  ganz  in  Rousseaus  Weise,  erklärte  er  das
Volk  für  den  natürlichen  Inhaber  der  Staatsgewalt,  die  Regierung  für
das  künstliche  Organ  des  Gesamtwillens,  das  alle  seine  Rechte  allein
der  Übertragung  verdanke.  Darum  gebührt  dem  Volke  unter  allen  Um—
ständen  die  gesetzgebende  Gewalt,  sonst  geht  seine  Persönlichkeit  verloren;
die  Landstände  aber  können  alle  die  Rechte  ausüben,  welche  sich  das  Volk
bei  der  Übertragung  der  Regierungsgewalt,  nach  vernünftiger  Mut—
maßung,  stillschweigend  vorbehalten  hat.  Darum  ist  auch  das  Zweikammer—
system  ein  Unrecht,  es  sei  denn,  daß  die  erste  Kammer  ebenso  viele  Staats—
aktien,  an  Kapital  und  Grundvermögen,  vertritt  wie  die  zweite.  Das
Volk,  natürlich,  weiß  immer  was  es  will  und  will  stets  das  Beste;  „wo
der  Volkswille  herrscht,  da  können  Verhältnisse,  die  gegen  das  natürliche
Recht  streiten,  gar  nicht  aufkommen.“  Mit  diesen  republikanischen  Ideen
verbanden  sich  dann  einige  altständische  Vorstellungen:  so  soll  der  Abge—
ordnete  nur  seinen  eigenen  Wahlbezirk  vertreten,  da  er  ja  von  den  anderen
keinen  Auftrag  empfangen  hat.  Alle  solche  Widersprüche  erklären  sich  aus
dem  einen  beherrschenden  Gedanken:  aus  der  Absicht,  den  Schwerpunkt
des  Staatslebens  überall  nach  unten  zu  verlegen.  Einen  Unterschied  zwi—
schen  Sassen  und  Hintersassen  wollte  Rotteck,  getreu  der  Weltanschauung
seiner  Breisgauer  Bauern,  zur  Not  zugeben;  doch  führte  seine  Lehre
folgerecht  unzweifelhaft  zum  allgemeinen  Stimmrecht.  Und  in  der  Tat
hatte  der  Berliner  Historiker  Woltmann  schon  im  Jahre  1810  in  seinem
„Geist  der  neuen  preußischen  Staatsorganisation“  diese  letzte  Forderung
ausgesprochen.

So  mächtig  wirkte  die  abstrakte  Doktrin  auf  dieses  treu  gehorsame,
        <pb n="118" />
        110  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

von  revolutionären  Begierden  noch  völlig  unberührte  Volk:  kaum  der  Wiege
entwachsen,  verfocht  der  süddeutsche  Liberalismus  schon  dieselben  Gedanken,
welche  einst  in  Frankreich  die  Eintagsverfassung  von  1791  geschaffen  und
bald  darauf  das  Königtum  selbst  zerstört  hatten!  Eigentümlich  war  dem
gutmütigen  Freiburger,  im  Gegensatze  zu  seinen  französischen  Vorgängern,
nur  jene  philisterhafte  Harmlosigkeit,  die  von  den  Folgen  ihrer  Lehren  gar
nichts  ahnte,  und  ein  helleres  Verständnis  für  den  kommunalen  Unterbau
der  Staatsverfassung.  Aus  den  Tiefen  des  germanischen  Geistes  empor—
gestiegen,  hatten  die  Gedanken  der  preußischen  Städteordnung  in  der  Stille
schon  längst  die  Runde  durch  Deutschland  gemacht;  selbst  Rotteck  konnte
sich  seine  konstitutionelle  Herrlichkeit  nur  auf  dem  Boden  der  Selbstver—
waltung  denken.  Gleichwohl  ließ  sich  der  französische  Ursprung  seiner
Doktrin  nirgends  verkennen.  Auch  ihm  ging  das  ganze  Leben  des  Staates
allein  in  den  Verfassungsformen  auf;  auch  er  betrachtete  die  Gleichheit,
nicht  die  Freiheit  als  das  höchste  der  politischen  Güter  und  urteilte  daher
über  die  Scheinverfassung  des  Königreichs  Westfalen  weit  milder  als
über  das  alte  deutsche  Ständewesen.

Darum  fand  seine  Lehre  auch  die  Zustimmung  der  harten  Bonapar—
tisten  in  München.  Dort  predigte  die  Alemannia  von  Aretin  und  Hörmann
noch  immer  den  schamlosen  Partikularismus.  Sie  beteuerte:  „eher  werden
Löwen  und  Adler  mit  einander  Hochzeit  machen  als  Süd=  und  Nordländer
  sich  vereinigen;“  sie  brachte  Gespräche  zwischen  einem  kernhaften
„Bayermanne“  und  einem  geckenhaften  pommerschen  Landwehrmanne,  der
nicht  einmal  der  deutschen  Sprache  mächtig  war;  sie  verhöhnte  und  verleumdete
  alles  norddeutsche  Wesen  und  erklärte  kurzab,  bei  dem  Namen
„deutsch“  lasse  sich  gar  nichts  denken.  Aber  der  alte  bajuvarische  Sondergeist
  schmückte  sich  jetzt  mit  neuen  Federn.  Wahres  und  Falsches  geschickt
vermischend,  schilderte  Aretin  die  Alemannen  —  so  nannte  er  alle  Süddeutschen
  —  als  die  alleinigen  Vertreter  der  konstitutionellen  Freiheit,
den  Norden  als  das  Land  des  Feudalismus,  und  dies  schon  im  Jahre
1816,  lange  bevor  die  neuen  süddeutschen  Verfassungen  erschienen  waren.
Nachher  schrieb  er  selbst  ein  Lehrbuch  des  konstitutionellen  Staatsrechts,
das  die  Grundsätze  des  neuen  Vernunftrechts  mit  den  Anschauungen  der
rheinbündischen  Bureaukratie  zu  verschmelzen  suchte;  und  als  Aretin  darüber
  starb,  führte  Rotteck  das  Buch  des  alten  Bonapartisten  zu  Ende.

In  einer  ganz  anderen  Gedankenwelt  bewegten  sich  die  Anfänge  des
norddeutschen  Liberalismus.  Hier  war  die  Kette  der  Zeiten  nicht  ganz
zerrissen,  von  den  alten  ständischen  Institutionen  noch  vieles  erhalten,
ein  warmes  Gefühl  historischer  Pietät  fast  überall  im  Volke  lebendig.  Die
Ideen  der  Revolution  hatten  hier  niemals  so  tiefe  Wurzeln  geschlagen;  die
Liberalen  vermaßen  sich  nicht  den  Staat  nach  den  Abstraktionen  des  Vernunftrechts
  völlig  neu  zu  gestalten,  sondern  verlangten  nur  die  Wiederbelebung
  und  Fortbildung  des  alten  Ständewesens.  Das  Organ  dieser
        <pb n="119" />
        Dahlmann.  Haller.  111

gemäßigten  Richtung  bildeten  die  Kieler  Blätter.  Wohl  nirgends  zeigte
sich  die  innere  Verwandtschaft  zwischen  dem  neuen  Liberalismus  und  der
idealistischen  Begeisterung  unserer  klassischen  Literatur  so  schön  und  rein
wie  in  dem  Kreise  feingebildeter  und  liebenswürdiger  Menschen,  der  sich
um  diese  gediegenste  Zeitschrift  des  deutschen  Nordens  scharte.  An  dem
gastlichen  Tische  der  Gräfin  Rantzau  auf  der  Seeburg  und  der  Frau
Schleiden  am  Ascheberger  See  fanden  sich  die  besten  Männer  der  Kieler
Universität,  Dahlmann,  Falck,  Twesten,  C.  T.  Welcker,  mit  dem  Arzte  Franz
Hegewisch,  dem  geistsprühenden  Heißsporn,  und  den  Führern  des  schleswigholsteinischen
  Adels,  den  Reventlow,  Rumohr,  Baudissin,  Moltke  in  heiterer
  Geselligkeit  zusammen.  Sie  Alle  schwärmten  für  Goethe,  sie  Alle
fühlten  sich  stolz,  das  deutsche  Wesen  hier  in  der  äußersten  Nordmark  gegen
den  wachsenden  Übermut  der  dänischen  Krone  zu  verteidigen,  und  wenn
sie  für  konstitutionelle  Rechte  sich  begeisterten,  so  meinten  sie  damit  nur
das  Ideal  freier  Menschenbildung,  das  einst  in  Weimar  verkündet  ward,
zu  verwirklichen.

Aus  dieser  kleinen  Welt  voll  Geist  und  Anmut  gingen  Dahlmanns
Aufsätze  „ein  Wort  über  Verfassung“  (1815)  hervor,  in  Form  und  Inhalt
  das  genaue  Gegenteil  der  Schriften  Rottecks.  Der  Kieler  Gelehrte
schrieb  ebenso  gedankenreich,  kurz  und  markig  wie  der  Freiburger  dünn
und  breit.  Wenn  dieser  das  historische  Recht  bekämpfte,  so  mahnte  Dahlmann
  die  Deutschen,  sich  das  vollständige  Dasein  ihrer  Väter  zu  vergegenwärtigen,
  um  also  sittlich  zu  genesen.  Wollte  Rotteck  das  Königtum
nur  vorläufig  dulden,  so  bekannte  Dahlmann  unumwunden  seine  streng
monarchische  Gesinnung  und  sagte  zum  Entsetzen  der  Philologen:  die
Griechen  und  Römer  mißkannten  den  Zeitpunkt,  wo  es  nützlich  war  zur
Monarchie  überzugehen.  Nicht  in  Frankreich,  sondern  in  England  suchte
er  sein  Staatsideal:  „hier  sind  die  Grundlagen  der  Verfassung,  zu  welcher
alle  neu-europäischen  Völker  streben,  am  reinsten  ausgebildet  und  aufbewahrt.“
  Seit  Montesquieus  Geist  der  Gesetze  in  Deutschland  Eingang
gefunden,  hatte  es  zwar  an  unbestimmten  Lobpreisungen  der  englischen
Freiheit  nie  gefehlt;  eben  jetzt  ließ  Rückert  die  rückkehrende  Freiheit  sagen:

Obaut  mir  einen  Tempel

Nach  Albions  Exempel.
Doch  unter  den  Publizisten  war  Dahlmann  der  erste,  der  mit  gründlicher
  Sachkenntnis  und  frei  von  blinder  Nachahmungssucht  das  englische
Parlament  als  ein  Muster  für  Deutschland  hinstellte,  wie  Vincke  kurz
zuvor  die  britische  Selbstverwaltung.  Männer  wie  Niebuhr,  Schleiermacher
  und  Thibaut  sprachen  dem  Kieler  Historiker  ihre  freudige  Zustimmung
  aus;  aber  erst  nach  vielen  Jahren  fanden  seine  Gedanken  in  weiteren
Kreisen  Anklang.  Die  Kieler  Blätter  drangen  nicht  weit  über  Schleswig-Holstein
  hinaus;  denn  die  Masse  des  Volkes  im  Norden  ging  in  wirtschaftlichen
  Sorgen  unter,  und  wer  in  Süddeutschland  für  die  konstitutionellen
        <pb n="120" />
        112  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Ideen  empfänglich  war,  hielt  sich  lieber  an  den  bequemeren  Katechismus
des  Rotteckschen  Vernunftrechts.

Beiden  Richtungen  des  Liberalismus  stand,  durch  eines  Himmels  Weite
getrennt,  der  gefürchtete  Restaurator  der  Staatswissenschaft  Karl  Ludwig
von  Haller  gegenüber.  Der  Berner  Aristokrat  hatte  die  Macht  seiner  Stan—
desgenossen  vor  den  Gewaltstreichen  der  Revolution  zusammenbrechen  sehen
und  dann  in  der  Verbannung,  im  österreichischen  Dienste,  sich  das  poli—
tische  System  gebildet,  das  „die  Monarchie  wieder  auf  ihrem  wahren  Grunde
erbauen,  die  anmaßende  revolutionäre  Wissenschaft  des  gottlosen  achtzehnten
Jahrhunderts  zu  Schanden  machen  und  die  katholische  Kirche  mit  einem
neuen  Glanze“  erleuchten  sollte.  Mit  dem  stolzen  Bewußtsein  eines  welt—
historischen  Berufs  verkündete  er  seine  Lehre,  erst  in  der  Allgemeinen  Staatskunde
  (1808),  dann,  seit  1816,  in  der  Restauration  der  Staatswissenschaft;
es  schien  ihm  wie  eine  übernatürliche  Fügung,  daß  gerade  ihm,  dem  geborenen
  Republikaner  und  Protestanten,  die  antirevolutionäre  Heilswahrheit
aufgegangen  sei.  Und  allerdings  mit  zermalmender  Wucht  fielen  die  dialektischen
  Keulenschläge  seines  harten  Menschenverstandes  auf  die  Phantasiegebilde
  der  Naturrechtslehre.  Erst  die  handfesten  Beweisgründe  dieses  polternden
  Naturalisten  erschütterten  den  Glauben  an  den  Naturzustand,  an  den
Staatsvertrag  und  die  ursprüngliche  Volkssouveränität  auch  in  den  Kreisen
jener  Ungelehrten,  welche  den  feinen  Gedanken  der  historischen  Rechtsschule
nicht  folgen  konnten.  Was  er  freilich  selber  an  die  Stelle  dieser  überwundenen
  Doktrin  setzte  war  nur  eine  grobe  Verallgemeinerung  der  patrimonialen
  Rechtsgrundsätze  der  alten  Berner  Aristokratie.  Wie  einst  die  Herren
von  Bern  ihre  eroberten  Untertanenlande  im  Aargau  und  im  Waadtland
kurzweg  als  das  Eigentum  ihrer  siegreichen  Republik  behandelt  hatten,  so
begründete  Haller  den  Staat  schlechthin  auf  das  Recht  des  Stärkeren.  Das
Land  gehört  einem  Fürsten,  einer  Korporation  oder  einer  Kirche;  auf  diesem
Eigentum  des  Landesherrn  und  unter  seinem  Schutze  siedelt  sich  das  Volk
an;  verschwände  das  Volk,  so  wäre  der  Staat  immer  noch  vorhanden  in  der
Person  des  Fürsten,  der  leicht  neue  Untertanen  finden  kann.  Der  Staat
erscheint  mithin  als  eine  privatrechtliche  Genossenschaft  wie  andere  auch,  nur
mächtiger,  selbständiger  als  sie  alle,  der  Fürst  als  „ein  begüterter,  vollkommen
  unabhängiger  Mensch“;  er  beherrscht  das  Volk  durch  seine  persönlichen
  Diener,  ist  berechtigt  wie  verpflichtet  sich  selber  und  sein  Haus  als  den
Hauptzweck  des  Staates  zu  betrachten,  muß  aber  auch  den  Aufwand  aus
seinem  eigenen  Vermögen  bestreiten  und  die  Untertanen  durch  seine  eigenen
Soldaten  beschützen.  Ein  Zerrbild  des  alten  ständischen  Staates,  wie  es  in
solcher  Roheit  selbst  im  vierzehnten  Jahrhundert  nirgends  bestanden  hatte,
ward  also  mit  der  gleichen  Unfehlbarkeit,  wie  einst  die  Musterverfassungen
der  Revolution,  als  das  allgemeingültige  Staatsideal  hingestellt;  die  staatsrechtliche
  Unterordnung  des  Bürgers  sank  zur  privatrechtlichen  Dienstbarkeit
  herab.  Der  Restaurator  hob  in  Wahrheit  den  Staat  selber  auf.
        <pb n="121" />
        Adam  Müller.  113

Nirgends  erschien  seine  Doktrin  so  bodenlos,  so  allen  Tatsachen  widersprechend
  wie  in  Preußen;  denn  kein  anderer  Staat  hatte  die  Majestät  des
Staatsgedankens  so  hoch  gehalten  wie  dieser,  dessen  Fürsten  immer  die
ersten  Diener  des  Staates  waren.  Daher  auch  Hallers  wilder  Haß  gegen
Friedrich  den  Großen,  gegen  den  aufgeklärten  preußischen  Absolutismus,
der  die  hassenswürdige  Konskription  erfunden  habe,  und  gegen  das  Allgemeine
  Landrecht:  „außer  auf  dem  Titelblatte  sieht  man  nirgends,  ob  es
eher  für  Japan  und  China  als  für  den  preußischen  Staat  gegeben  sei.“
Gleichwohl  fand  Haller  gerade  in  Preußen  zahlreiche  und  mächtige  Anhänger.
  Der  Kronprinz  und  seine  romantischen  Freunde  meinten  in  dem
grundherrlichen  Staate  die  Farbenpracht  des  Mittelalters  wiederzuerkennen;
Marwitz  und  die  Feudalen  von  der  märkischen  Ritterschaft  begrüßten  mit
Jubel  den  entschlossenen  Denker,  der  den  Monarchen  wieder  in  die  Reihe
der  Grundbesitzer  hinabstieß,  die  Gesellschaft  wieder  in  Lehr-,  Wehr=  und
Nährstand  teilte  und  „den  Freieren  des  Landes“  so  wertvolle  Privilegien
  zugestand;  den  Absolutisten  behagte,  daß  im  Hallerschen  Staate  der
Fürst  vor  dem  Volke  war;  die  Ultramontanen  freuten  sich  des  Lobes  der
Theokratie,  welche  dem  Konvertiten  als  die  freieste  und  wohltätigste  aller
Staatsformen  erschien;  die  ängstlichen  Gemüter  fanden  ihre  eigenen
bangen  Befürchtungen  bestätigt  durch  die  Anklagen  des  Berner  Fanatikers,
der  die  ganze  Welt  von  der  großen  Verschwörung  der  Freimaurer,  der
Illuminaten,  der  Revolutionäre  bedroht  wähnte.  Alle  Gegner  der  Revolution
  hießen  die  siegreiche  Polemik  gegen  das  Naturrecht  willkommen.  Während
in  den  einfacheren  und  größeren  Verhältnissen  des  französischen  Staatslebens
  die  Partei  der  Feudalen  und  Klerikalen  schon  offen  als  die  Feindin
des  bureaukratischen  Absolutismus  auftrat,  wogten  in  Deutschland  alle
diese  Richtungen  der  Gegenrevolution  noch  ungeschieden  durcheinander.

Ungleich  geringeren  Anklang  fand  die  rein  ultramontane  Staatslehre
des  vielgewandten  Sophisten  Adam  Müller.  Das  römische  Wesen  wollte
in  dem  Heimatlande  der  Ketzerei  nicht  recht  gedeihen;  keiner  unserer
klerikalen  Schriftsteller  konnte  sich  dem  Grafen  de  Maistre  vergleichen,  dem
ritterlichen  Savoyarden,  der  mit  der  ganzen  Glut  romanischen  Glaubenseifers,
  bald  witzig  spottend,  bald  pathetisch  zürnend,  die  Unterwerfung  der
sündigen  Welt  unter  das  Papsttum  forderte  und  die  „vertierende“  Wissenschaft
  des  „Jahrhunderts  der  Narrheit“  bekämpfte.  Solcher  Schwung  der
Seele,  solche  Glut  begeisterter  Kreuzfahrergesinnung  war  dem  geistreichen
deutschen  Konvertiten  nicht  gegeben.  Adam  Müller  erkannte  zwar  scharfsinnig
  manche  Schwächen  des  Liberalismus,  namentlich  seiner  wirtschaftlichen
  Doktrinen;  er  zeigte  schlagend,  wie  wenig  das  System  des  Gehenlassens
  in  dem  Kampfe  der  sozialen  Interessen  genüge,  wie  unmöglich  die
vollständige  internationale  Arbeitsteilung  zwischen  unabhängigen  Völkern
sei,  und  sagte  warnend  vorher,  aus  der  modernen  Volkswirtschaft  werde
ein  neuer  Geldadel  hervorgehen,  schnöder,  gefährlicher  als  der  alte  Gev.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.
        <pb n="122" />
        114  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

burtsadel.  Aber  in  seiner  „Theologischen  Grundlegung  der  Staatswissen—
schaft“  wurde  doch  nur  die  Hallersche  Doktrin  wiederholt  und  mit  einigen
theologischen  und  naturphilosophischen  Flittern  neu  ausgeschmückt.  Noch
willkürlicher  als  Haller  erkünstelte  er  sich  eine  natürliche  Gliederung  der
Gesellschaft  und  unterschied  bald  den  Lehr-,  Wehr=  und  Nährstand  als
die  Vertreter  von  Glaube,  Liebe,  Hoffnung,  bald  nach  der  Formel  „Trau,
schau,  wem“  den  Adel,  die  Bürger,  die  Regierenden.  Wie  Haller  leugnete
er  den  Unterschied  von  Staats=  und  Privatrecht  und  versicherte,  jeder  Staat
setze  sich  ins  Unendliche  aus  Staaten  zusammen.  Sein  Ideal  war  der
vernünftige  Feudalismus;  den  Widerspruch  zwischen  Politik  und  Recht  dachte
er  zu  lösen  durch  die  Macht  des  Glaubens,  der  zugleich  Gesetz  sei.

So  ward  denn  alles  wieder  in  Frage  gestellt,  was  die  deutsche  Staatswissenschaft
  seit  anderthalb  Jahrhunderten  gedacht  hatte,  seit  Pufendorf  sie
von  dem  Joche  der  Theologen  erlöste;  die  politische  Doktrin  sank  zurück  in
die  theokratischen  Vorstellungen  des  Mittelalters.  Friedrich  Schlegel  feierte
die  Kirche  als  die  erste  aller  Innungen,  nach  ihrem  Vorbilde  sollten  sich
alle  anderen  Korporationen  der  bürgerlichen  Gesellschaft  neu  gestalten.
Baader  nannte  den  Lehr-,  Wehr=  und  Nährstand  die  drei  Staaten  jeder
Nation  und  verwarf  den  Ausdruck  „der  Staat“  als  eine  sündliche  moderne
Erfindung.  „Korporation,  nicht  Association“  —  so  lautete  das  Schlagwort
der  politischen  Romantiker;  die  meisten  verbanden  damit  nur  die  unbestimmte
Vorstellung  einer  schwachen  Staatsgewalt,  welche  durch  Zünfte,  ritterliche
Landtage,  autonome  Gemeinden  eingeschränkt,  durch  die  Kirche  geistig  beherrscht
  werden  sollte.  Der  nüchterne  Gentz  fühlte  sich  wildfremd  und  unheimlich
  in  dieser  Traumwelt  der  theologisierenden  Politik  und  gestand  seinem
Freunde  Müller:  hier  vermisse  er  alles,  was  die  Wissenschaft  ausmache,
Klarheit,  Methode,  Zusammenhang.  Sein  weltlicher  Sinn  empörte  sich,
wenn  ihm  der  Freund  beteuerte,  der  Weltfriede  hänge  von  der  Erkenntnis  der
Menschwerdung  Gottes  ab.  Erst  als  er  die  Vorboten  der  nahenden  Revolution
zu  erkennen  glaubte,  da  schrieb  er  in  einem  Anfall  nervöser  Angst:  „Sie  haben
vollkommen  Recht,  alles  ist  verloren,  wenn  nicht  die  Religion  pas  seulement
comme  foi  mais  comme  loi  hergestellt  wird.“  Aber  die  Zerknirschung  hielt
nicht  vor;  der  erste  der  deutschen  Publizisten  stand  doch  zu  hoch,  um  die
Erkenntnis  der  weltlichen  Natur  des  Staates  auf  die  Dauer  aufzugeben.

Eine  Kluft  von  Jahrhunderten  schien  zwischen  den  romantischen  Staatslehren
  und  den  liberalen  Doktrinen  zu  liegen.  Auf  Seite  der  Konservativen
stand  noch  die  große  Mehrzahl  der  literarischen  Talente,  die  Überlegenheit
wissenschaftlicher  Bildung;  der  Liberalismus  zeigte  trotz  seiner  jugendlichen
Unreife  doch  mehr  Sinn  für  die  Bedürfnisse  der  Gegenwart,  für  die  berechtigten
  Ansprüche  der  erstarkenden  Mittelklassen.  Wer  zwischen  diesen
schroffen  Gegensätzen  zu  vermitteln  suchte,  erregte  nur  Verdacht.  Selbst
der  ehrliche  Steffens  kam  in  den  Ruf  reaktionärer  Gesinnung,  weil  er  in
seinen  geistreich  verschwommenen  politischen  Schriften  zwar  landständische
        <pb n="123" />
        F.  Schlegel.  Steffens.  Ancillon.  115

Verfassungen  forderte,  aber  nach  seiner  phantastischen  Art  „die  Gemeinschaft
  der  Heiligen“  für  die  Idee  des  Staates  erklärte  und  den  Vorzug
des  Adels  in  der  „mystischen  Tiefe  aller  irdischen  Geburt“  begründet  fand.
Den  Patrioten  klang  es  wie  Hohn,  wenn  der  vertrauensvolle  Mann  die
charakterlose  Buntheit  des  zerrissenen  deutschen  Staatslebens  geradezu  als
einen  Vorzug  pries:  jede  Verfassung  sei  mangelhaft,  erst  die  Vielheit  der
Verfassungen  gebe  eine  höhere  geistige  Einheit!  Noch  weniger  vermochte
Ancillon  die  erbitterten  Gemüter  zu  beschwichtigen.  Seine  zahlreichen
staatswissenschaftlichen  Bücher  blickten  mit  vornehmer  Geringschätzung  auf
die  seichten  Vergötterer  des  Zeitgeistes  hernieder  und  offenbarten  doch
eine  Gedankenarmut,  woneben  Rottecks  Wasserklarheit  wie  sprudelnde
Genialität  erschien,  dazu  eine  schillernde  Unbestimmtheit  des  Ausdrucks  und
der  Ideen,  die  sich  überall  eine  Hintertür  offen  hielt.  Wenn  er  in  tiefer
Untertänigkeit  die  Heilige  Allianz  als  die  Versöhnung  von  Politik  und
Moral  feierte  oder  mit  salbungsvoller  Breite  bewies,  zwischen  beratenden
und  beschließenden  Landständen  bestehe  eigentlich  kein  Unterschied,  dann
zürnten  die  Liberalen  um  so  heftiger,  da  sie  wußten,  daß  der  behutsam
vermittelnde  Schriftsteller  am  preußischen  Hofe  stets  die  Bestrebungen  der
streng  reaktionären  Partei  unterstützte.  —

Noch  bevor  die  siegreichen  Heere  heimkehrten,  hatte  ein  an  sich  geringfügiger
  häßlicher  Vorfall  den  Gegensatz  der  politischen  Meinungen
krankhaft  verschärft,  das  kaum  erwachende  Parteileben  auf  lange  hinaus
vergiftet.  Seit  Jahren  waren  die  napoleonischen  Märchen  von  dem  Tugendbunde
  und  den  jakobinischen  Umtrieben  der  preußischen  Patrioten  in  der
Hofburg  wie  in  den  rheinbündischen  Kabinetten  geschäftig  umhergetragen
worden;  auch  die  wohlmeinenden  kleinen  Höfe  erschraken  über  die  lärmende
terroristische  Sprache  der  teutonischen  Wortführer;  alle  Regierungen  fühlten
sich  unsicher,  sie  empfanden  selber,  wie  wenig  der  Friedensschluß  und  die
Bundesakte  den  Wünschen  der  Nation  genügen  konnten.  Auch  in  Preußen
begannen  die  alten  Gegner  Steins  und  des  schlesischen  Hauptquartiers
sich  wieder  zu  rühren.  Schon  während  des  Wiener  Kongresses  verdächtigte
ein  Hofrat  Janke  „das  wilde  Freiheitsgeschrei“"  von  Arndt  und  Görres
bei  dem  Staatskanzler.  Als  die  Monarchen  zum  zweiten  Male  in  Paris
versammelt  waren,  veröffentlichte  der  Berliner  Professor  Schmalz  eine
Flugschrift:  „Berichtigung  einer  Stelle  in  der  Bredow-Venturinischen
Chronik  vom  Jahre  1808.“  Jene  Stelle  war  schon  vor  Jahren  auf  Schmalzs
Verlangen  von  dem  Herausgeber  selbst  berichtigt  worden;  Schmalz  benutzte
nur  den  Vorwand  um,  anknüpfend  an  die  Geschichte  des  alten  Tugendbundes,
  von  dem  unterirdischen  Treiben  der  geheimen  Vereine,  welche
„vielleicht"  aus  jenem  Bunde  hervorgegangen  seien,  ein  unheimliches
Schreckensbild  zu  entwerfen.  Er  war  ein  Schwager  Scharnhorsts,  hatte
mit  dem  General  stets  in  gutem  Einvernehmen  gelebt,  in  der  Zeit  der

französischen  Herrschaft  seinen  patriotischen  Mut  bewährt,  auch  an  der
8*
        <pb n="124" />
        116  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

Begründung  der  Berliner  Universität  rührig  mitgearbeitet.  In  der  Un—
zahl  seiner  staatswissenschaftlichen  Schriften  zeigte  sich  ein  beschränkter,  harter
Kopf,  der  die  Ideen  der  Revolution  haßte,  ohne  doch  ihre  Grundlage,  die  Lehre
des  Naturrechts,  wissenschaftlich  überwinden  zu  können;  an  seinem  Rufe  haftete
bisher  kein  Makel.  Welch  ein  Ärgernis  nun,  als  dieser  geachtete  Patriot
plötzlich  eine  lange  Reihe  wütender  Anklagen  gegen  das  neue  Deutschtum
erhob:  wie  die  Jakobiner  einst  die  Menschheit,  so  spiegeln  diese  verschworenen
Volksverführer  die  Teutschheit  vor  um  uns  der  Eide  vergessen  zu  machen  und
den  tollen  Gedanken  Einer  deutschen  Regierung  zu  verwirklichen!  Gerade  gegen
den  bescheidensten  und  maßvollsten  der  teutonischen  Redner,  gegen  Arndt  richtete
  Schmalz  seine  gehässigen  Schmähungen.  Arndt  hatte  in  dem  köstlichen
Katechismus  für  den  deutschen  Landwehrmann  die  biblische  Redewendung
gebraucht:  schonet  der  Wehrlosen  und  der  Weiber  und  Kinder  brauchet  christlich
  und  menschlich.  Daraus  schloß  Schmalz,  diese  Ruchlosen  hätten  „Mord,
Plünderung,  Notzucht,  letztere  gar  klärlich  gepredigt".  Ohne  Zweifel,  selbst
seine  Gegner  gaben  das  zu,  handelte  der  unselige  Mann  in  gutem  Glauben.

Zum  ersten  Male  seit  drei  Jahrhunderten  war  über  das  stille  Norddeutschland
  eine  wirkliche  Volksbewegung  dahingebraust;  der  Anblick  aller
der  elementarischen  Kräfte,  die  in  solchen  Zeiten  des  Sturmes  sich  entfesseln,
  hatte  manches  schwache  Gemüt  betäubt  und  verwirrt.  Wie  in
England  zur  Zeit  Karls  II.  tausende  ehrlicher  Leute  von  dem  Dasein  der
eingebildeten  Papistenverschwörung  überzeugt  waren,  so  griff  jetzt  in  Deutschland
  ein  finsterer  Wahn  gleich  einer  verheerenden  Seuche  um  sich;  nicht
bloß  schlechte  Gesellen  glaubten  an  die  geheime  Wühlerei  demagogischer
Bünde.  Noch  verletzender  als  der  offenbare  Unsinn  berührten  die  boshaften
  Halbwahrheiten  der  Schmalzischen  Schrift.  Dem  literarischen  Selbstgefühle
  hielt  er  entgegen:  die  Masse  des  Volkes  habe  von  den  Schriften
der  Publizisten  nie  ein  Wort  erfahren.  Aus  jener  schönen  Anspruchslosigkeit
  des  preußischen  Volks,  die  das  Ungeheure  tat  als  verstände  sich's  von
selber,  zog  der  Denunziant  den  Schluß,  eine  ungewöhnliche  Begeisterung
habe  sich  nirgends  gezeigt,  die  Preußen  seien  zu  den  Fahnen  geeilt  wie  beim
Brande  die  Nachbarn  zum  Löschen.  Wenn  Arndts  Schrift  über  „Preußens
rheinische  Mark“  sagte:  „Preußen  muß  allenthalben  sein  und  Preußens
Deutschland  allenthalben“,  und  den  Staat  der  Hohenzollern  das  einzige
deutsche  Land  nannte,  das  Deutschlands  Nichtigkeit  zur  Herrlichkeit  erheben
  könne  —  so  genügten  dem  Ankläger  solche  unbestimmte  Weissagungen,
um  die  beabsichtigte  Entthronung  aller  deutschen  Kleinfürsten  zu  erweisen.

Die  besten  Männer  der  Nation  fühlten  sich  in  den  Tiefen  der  Seele
empört,  da  sie  das  Andenken  der  schönsten  Zeit  der  neuen  deutschen  Geschichte
  so  schmählich  besudelt  sahen.  Eine  Flut  von  Gegenschriften  überschwemmte
  den  Büchermarkt,  der  ärgerliche  Handel  hielt  während  der  letzten
Monate  des  Jahres  1815  fast  die  gesamte  gebildete  deutsche  Welt  in  Atem.
Auch  das  Ausland  mischte  sich  ein;  die  Times  unterstand  sich,  den  unruhigen
        <pb n="125" />
        Schmalz  der  Denunziant.  117

Preußen  das  gehorsame  Hannover  als  ein  Musterbild  vorzuhalten.  Niebuhr
und  Schleiermacher  wiesen  den  armseligen  Ankläger  zurück,  jener  mit
tiefem  Ernst,  dieser  mit  schonungslosem  Spott.  In  anderen  Gegenschriften
zeigte  sich  freilich  die  verblendete  Selbstüberhebung  des  jungen  Liberalismus.
Ludwig  Wieland,  der  Sohn  des  Dichters,  erwiderte  dem  Verteidiger  des
absoluten  Königtums  kurzab:  „das  Repräsentativsystem  ist  das  wahre  und
auch  das  einzige,  wozu  rechtliche  und  vaterländische  Menschen  sich  öffentlich
bekennen  dürfen!“  Rat  Koppe  in  Aachen,  ein  ausgezeichneter  preußischer
Beamter,  behauptete  zuversichtlich:  durch  das  talismanartige  Wort  „Ver—
fassung“  wird  die  deutsche  Einheit  gesichert;  denn  „überall  strebt  der  Natio—
nalwille  nach  dieser  Einheit;  alle  Abweichungen  davon  hatten  ihren  Grund
in  dem  Ubergewichte  der  Regierungsgewalt  über  den  Volkswillen!“

Dem  Könige  kamen  diese  Händel  sehr  ungelegen.  Er  hatte  soeben  bei
der  Besitzergreifung  der  neuen  Provinzen  wiederholt  ausgesprochen,  daß  er,
ausschließlich  mit  der  Zukunft  des  Staates  beschäftigt,  alles  Vergangene
als  abgetan  betrachte;  er  empfand  lebhaft,  was  er  der  Liebe  und  Hingebung
  seiner  Preußen  verdankte,  und  hielt  es,  wie  er  dem  Zaren  vertraulich
  gestand,  für  eine  heilige  Schuld,  das  Glück  dieses  treuen  Volkes
zu  sichern.  Jedoch  der  Anblick  der  Pariser  Parteikämpfe  beunruhigte  ihn
schwer,  und  als  er  erfuhr,  daß  seine  Berliner  Stadtverordneten  den  ungehörigen
  Antrag  gestellt  hatten,  die  Bürger=  und  Schützenkompagnien  allein
der  Aufsicht  des  Magistrats  unterzuordnen,  befahl  er  dem  Staatskanzler,
streng  darüber  zu  wachen,  daß  dieser  dem  preußischen  Volke  fremde  Parteigeist
  nicht  überhandnehme.)  Um  Neujahr  1816  machte  er  durch  eine
würdig  und  freundlich  gehaltene  Verordnung  dem  literarischen  Zanke  ein
Ende.  Der  Monarch  erkannte  offen  an:  dieselben  Gesinnungen,  welche  die
Stiftung  des  alten  Tugendbundes  veranlaßt,  hätten  im  Jahre  1813  die
Mehrheit  des  preußischen  Volkes  beseelt  und  die  Rettung  des  Vaterlandes
herbeigeführt,  jetzt  aber,  im  Frieden,  könnten  geheime  Verbindungen  nur
schädlich  werden.  Das  alte  Verbot  der  geheimen  Gesellschaften  ward  erneuert,
  die  Fortsetzung  des  Streites  untersagt,  eine  Untersuchung,  welche
Niebuhr  und  seine  Freunde  zu  ihrer  eigenen  Rechtfertigung  beantragt
hatten,  als  überflüssig  abgelehnt.  Nun  verstummte  der  Lärm,  aber  jedermann
  fühlte,  daß  die  arge  Saat  des  Anklägers,  der  eben  jetzt  durch  einen
preußischen  und  einen  württembergischen  Orden  ausgezeichnet  wurde,  doch
nicht  auf  ganz  undankbaren  Boden  gefallen  war.  —  Mit  solchen  Gesinnungen
  schritten  Deutschlands  Fürsten  und  Stämme  in  die  ersehnte
Friedenszeit  hinein.  Dort  ein  stiller,  gegenstandsloser  Argwohn;  hier  ein
blinder  Glaube  an  die  zauberische  Wirkung  der  konstitutionellen  Staatsformen,
  ein  kindliches  Vertrauen  zu  der  untrüglichen  Weisheit  des  Volks;
in  den  Massen  endlich  tiefe  Sehnsucht  nach  Ruhe  und  friedlicher  Arbeit.

*)  K.  Friedrich  Wilhelm  an  K.  Alexander,  März  1816.  Kab.-Ordre  an  Hardenberg,
1.  Sept.  1815.  Näheres  in  Beilage  6.
        <pb n="126" />
        Vierter  Abschnitt.

—

Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Das  Weltreich  war  gefallen,  über  seinen  Trümmern  erhob  sich  wieder
eine  friedliche  Staatengesellschaft.  Aber  jenes  alte  System  der  europäischen
Politik,  das  durch  wechselnde  Bündnisse  und  Gegenbündnisse  die  fünf  Großmächte
  im  Gleichgewicht  zu  erhalten  suchte,  kehrte  vorerst  nicht  wieder.
Alle  Staaten  des  Weltteils  bildeten  jetzt,  wie  Gentz  sagte,  eine  große
Union  unter  der  Aufsicht  der  vier  Mächte,  welche  den  Krieg  gegen  Napoleon
  geführt  und  ihren  Bund  soeben  in  Paris  erneuert  hatten.  So
viele  Jahre  hindurch,  in  der  argen  Zeit  des  Harrens  und  des  Leidens,
war  an  diesem  rettenden  Bunde  gearbeitet  worden;  nun  hatte  er  in  drei
schweren  Kriegsjahren  seine  Probe  bestanden.  Während  ihres  langen  Zusammenlebens
  hatten  sich  die  Monarchen  und  die  leitenden  Staatsmänner
an  einen  vertrauten  persönlichen  Verkehr  gewöhnt,  wie  er  vordem  unter
gekrönten  Häuptern  unerhört  gewesen;  sie  beschlossen,  auch  in  Zukunft  alle
großen  Fragen  der  europäischen  Politik  in  persönlichen  Zusammenkünften
zu  besprechen.  Der  Bund  der  vier  Mächte  betrachtete  sich  als  den  obersten
Gerichtshof  Europas;  er  hielt  für  seine  nächste  Pflicht,  die  neue  Ordnung
der  Staatengesellschaft  vor  einem  Friedensbruche  zu  bewahren  und  darum
das  unberechenbare  Frankreich,  den  Herd  der  Revolution  und  der  Kriege,
gemeinsam  zu  überwachen.  Während  das  europäische  Okkupationsheer  unter
Wellingtons  Oberbefehl  die  Ruhe  in  Frankreich  aufrecht  zu  erhalten  hatte,
sollten  die  vier  Gesandten  zu  Paris  in  regelmäßigen  Konferenzen  die  laufenden
  Geschäfte  der  großen  Allianz  erledigen  und  den  Tuilerienhof  mit
ihren  Ratschlägen  unterstützen;  in  einzelnen  Fällen  luden  die  Vier  auch
den  Herzog  von  Richelien  selbst  zur  Beratung  ein.  Alle  Streitfragen,
die  sich  aus  den  Wiener  und  Pariser  Verträgen  ergaben,  wurden  dieser
Gesandtenkonferenz  zugewiesen;  nur  die  Abwicklung  der  verworrenen  deut-2
  Gebietsfragen  blieb  einer  besonderen  Verhandlung  in  Frankfurt  vor—

ehalten.

Noch  niemals  hatte  das  Staatensystem  eine  so  festgeordnete  bündische
Gemeinschaft  gebildet.  Das  Protektorat  der  vier  Mächte  beherrschte  den
        <pb n="127" />
        Die  Pariser  Gesandtenkonferenz.  119

Weltteil  minder  gewaltsam,  aber  ebenso  unumschränkt  wie  einst  der  Wille
Napoleons.  Die  Staaten  zweiten  Ranges  —  les  Sous-Alliés  nannte
man  sie  spöttisch  in  den  diplomatischen  Kreisen  des  Vierbundes  —  sahen
sich  von  allen  Geschäften  der  großen  Politik  völlig  ausgeschlossen;  als  der
hochmütige  spanische  Hof,  der  die  Zeiten  Philipps  II.  nicht  vergessen  konnte,
Zutritt  zu  der  Pariser  Gesandtenkonferenz  verlangte,  ward  er  scharf  zurück—
gewiesen,  am  schärfsten  von  Preußen.  Nirgends  aber  ward  das  Übergewicht
  der  vier  Mächte  schwerer  empfunden,  als  in  Frankreich.  Obwohl
die  Franzosen  von  den  außerordentlichen  Machtbefugnissen  der  Gesandten—
konferenz  nichts  Sicheres  wußten,  so  pflegt  doch  in  Fragen  der  nationalen
Ehre  der  Instinkt  der  Massen  selten  ganz  zu  irren.  Die  Nation  ahnte
dunkel,  daß  ihre  Regierung  durch  das  Ausland  beaufsichtigt  wurde,  und
verfolgte  mit  überströmendem  Hasse  den  „Lord  Prokonsul“  Wellington.  Die
Herrschaft  des  alten  Königtums  konnte  schon  darum  nicht  wieder  feste
Wurzeln  schlagen,  weil  sie  dem  Volke  als  eine  Fremdherrschaft  erschien.
Nur  zu  bald  bewährte  sich  die  Warnung,  welche  Humboldt  dem  Pariser
Friedenskongresse  zugerufen  hatte:  die  Revolution  werde  niemals  endigen,
wenn  Europa  die  Franzosen  unter  seine  Vormundschaft  nehme.

Die  vier  Mächte  betrachteten  sämtlich  den  Bestand  der  legitimen
Dynastie  als  einen  Grundpfeiler  der  neugeordneten  Staatengesellschaft  und
behandelten  dabei  den  französischen  Hof  mit  aufrichtigem,  besorgtem  Wohlwollen.
  Kaum  hatte  der  Pariser  Kongreß  die  Frage  der  Landabtretung
ins  Reine  gebracht,  so  begann  Gneisenau  sofort,  noch  im  Oktober  1815,
eine  tief  geheime  Verhandlung  mit  den  Tuilerien.  Rücksichtslos  wie  auf
dem  Schlachtfelde  pflegte  der  kühne  Mann  auch  in  der  Politik  seine  Mittel
zu  wählen;  hatte  er  doch  zur  Zeit  der  sächsischen  Händel  allen  Ernstes  erwogen,
  ob  Preußen  nicht  mit  Hilfe  des  zurückgekehrten  Napoleon  seine  Ansprüche
  durchsetzen  solle.  So  schien  ihm  jetzt  selbst  ein  abenteuerlicher  Weg
erlaubt,  wenn  nur  das  Ziel,  die  Befestigung  des  neuen  Staatensystems,
erreicht  wurde.  Sein  Unterhändler,  Major  v.  Royer,  ein  Legitimist  in
preußischen  Diensten,  bot  dem  Herzog  von  Richelien,  mit  Hardenbergs  Genehmigung,
  geradezu  ein  geheimes  Bündnis  an:  Preußen  als  der  nächste
Nachbar  sollte  sich  verpflichten,  den  Bourbonen  im  Falle  einer  Revolution
mit  seiner  gesamten  Kriegsmacht  Beistand  zu  leisten.  Die  Verhandlung
führte  zu  keinem  Ergebnis,  offenbar  weil  König  Friedrich  Wilhelm  schließlich
  Bedenken  trug  so  weitaussehende,  gefährliche  Verpflichtungen  zu  übernehmen;
  doch  sie  bewies  genugsam,  daß  Preußens  Regierung  entschlossen
war,  die  Ränke  Talleyrands  sowie  alle  die  anderen  Proben  bourbonischer
Undankbarkeit  gänzlich  zu  vergessen  und  mit  dem  westlichen  Nachbarn  in
guter  Freundschaft  zu  leben.)

 

*)  Nach  den  Briefen  Royers  an  Gneisenau  v.  3.  Oktbr.  1815  ff.,  die  mir  Herr
Dr.  H.  Delbrück  freundlich  mitgeteilt  hat.  Der  Grund  des  Scheiterns  der  Verhandlung
        <pb n="128" />
        120  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Der  wilde  Kampf  der  französischen  Parteien  erregte  in  der  Gesandtenkonferenz
  um  so  schwerere  Besorgnis,  da  das  reiche  Land  sich  von  seinen
wirtschaftlichen  Leiden  wunderbar  schnell  erholte  und  bald  wieder  zu
einem  neuen  Kriege  fähig  schien.  Frankreich  zerfiel,  so  sagte  die  unversöhnliche
  Opposition,  in  zwei  Völker,  die  Sieger  und  die  Besiegten  von
Waterloo.  Wo  war  noch  ein  gemeinsamer  Boden  für  die  demokratischen
Massen,  denen  die  Glorie  der  weltbeherrschenden  Trikolore  das  Hirn  berauschte,
  und  für  die  Emigranten,  diese  „Pilger  des  Grabes“,  die  von
der  Oriflamme  und  dem  heiligen  Ludwig  träumten?  Höhnend  hielt
Beranger  dem  alten  Adel  das  Bild  des  Marquis  von  Carabas  entgegen;
sein  Spottlied  c’est  le  roi,  le  roi,  1e  roi  gab  das  Königtum  der  Verachtung
  preis.  Das  ganze  Land  war  von  einem  Netze  geheimer  Gesellschaften
  überspannt;  jeder  Veteran  der  großen  Armee,  der  in  sein  heimatliches
  Dorf  zurückkehrte,  predigte  die  napoleonische  Legende.  Auch  die
geistreichen  Doktrinäre,  die  in  der  Minerva  ihre  liberalen  Anschauungen
aussprachen,  untergruben  das  Ansehen  der  Krone  durch  gehässiges  Mißtrauen.
  Gefährlicher  als  die  Leidenschaften  der  Opposition  erschien  jedoch
vorerst  die  fanatische  Verblendung  der  royalistischen  Ultras,  welche  die
Kammer  der  Abgeordneten  beherrschten.  Die  Heißsporne  der  Chambre
introuvable  strebten  geradeswegs  zurück  zu  der  alten  feudalen  Gesellschaftsordnung,
  sie  verlangten  blutige  Rache  an  den  Königsmördern  und  den
Gottesmördern.  Als  König  Ludwig  den  wilden  Eifer  der  Emigranten  zu
mäßigen  versuchte,  wendeten  sie  sich  gegen  das  Ansehen  der  Krone  selber,  ganz
so  trotzig  wie  jene  polnischen  Magnaten,  die  einst  ihrem  König  Sigismund
zuriefen:  rege  sed  non  impera!  Die  altständischen  Ideen  der  zügellosen
Adelslibertät  tauchten  wieder  auf  und  schmückten  sich  mit  den  Schlagwörtern
der  neuen  parlamentarischen  Doktrin.  Im  Namen  der  konstitutionellen  Freiheit
  forderte  Chateaubriand  die  Unterwerfung  der  Krone  unter  den  Willen
der  Kammern  und  verfocht  in  seinen  Schriften  bereits  jene  radikale  Theorie
des  Parlamentarismus,  welche  späterhin  die  Liberalen  sich  aneigneten  und
zu  dem  Satze  le  roi  régne  mais  il  ne  gouverne  pas  zuspitzten.

Sämtliche  Mitglieder  der  Gesandtenkonferenz,  Pozzo  di  Borgo  voran,
unterstützten  den  König  in  seinem  Widerstande  gegen  die  Ultras.  Sogar
die  hochkonservativen  englischen  Staatsmänner  mißbilligten  die  Parteiwut
der  Emigranten,  obgleich  ihnen  der  liberale  Eifer  des  „jakobinischen“  Zaren
und  seines  vordringlichen  Gesandten  immer  verdächtig  blieb.  Wenn  Wellington
  das  törichte  Treiben  der  Ultras  betrachtete,  die  sich  im  Pavillon
Marsan  bei  dem  Grafen  von  Artois  ihre  Weisungen  holten,  dann  meinte

 

wird  in  den  Briefen  nicht  ausdrücklich  angegeben;  er  kann  aber  kaum  ein  anderer  sein
als  der  im  Text  angeführte.  Denn  am  9.  Novbr.  berichtet  Royer:  nunmehr  müsse  König
Friedrich  Wilhelm  in  das  Geheimnis  eingeweiht  werden,  von  dessen  Entscheidung  hänge

jetzt  Alles  ab;  und  wenige  Tage  später  verschwindet  die  ganze  Angelegenheit  aus  dem
Briefwechsel
        <pb n="129" />
        Frankreich  und  die  vier  Mächte.  121

er  besorgt:  die  Nachkommen  Ludwigs  XV.  werden  Frankreich  nicht  regieren,
und  Artois  trägt  die  Schuld!  Metternich  schrieb  warnend:  „die  Rückkehr  zu
einer  vergangenen  Ordnung  der  Dinge  bildet  eine  der  größten  Gefahren
für  einen  Staat,  der  aus  einer  Revolution  hervorgeht“;  nachher  entfuhr
ihm  sogar  der  schmerzliche  Ausruf:  „die  Legitimisten  legitimieren  die  Re—
volution.“  Der  preußische  Gesandte,  General  Graf  v.  d.  Goltz,  ein  alter
Genosse  des  Blücherschen  Hauptquartiers,  bewährte  sich  als  ein  Diplomat
von  würdiger  Haltung  und  gesundem  Urteil;  er  ward  nicht  müde  seinen
Hof  vor  der  selbstmörderischen  Parteiwut  der  Royalisten  zu  warnen.  So
geschah  es,  daß  Hardenberg  schon  im  März  1816  aussprach:  die  gesetzliche
Ordnung  in  Frankreich  sei  nur  noch  durch  die  Auflösung  der  unfindbaren
Kammer  zu  retten.  Die  drei  anderen  Mächte  trugen  vorerst  noch  Bedenken,
den  Tuilerien  ein  so  kühnes  Mittel  zu  empfehlen.  Aber  als  die  Verblendung
der  Ultras  unheilbar  blieb,  faßte  König  Ludwig  endlich  einen  mutigen  Entschluß.
  Am  5.  Septbr.  erfolgte  die  Auflösung  unter  dem  Jubel  des  Landes;
die  Wahlen  brachten  den  gemäßigten  Parteien  die  Mehrheit,  und  das
Ministerium  Richelien  -Decazes  vermochte  mit  der  neuen  Kammer  leidlich
auszukommen.  Seitdem  erst  begannen  die  vier  Mächte  mit  etwas  besserer
Zuversicht  in  die  Zukunft  Frankreichs  zu  schauen.  In  einer  Note  vom
10.  Febr.  1817  eröffneten  sie  dem  Herzog  von  Richelien:  seine  oft  wiederholte
  Bitte  um  Verminderung  der  Besatzungslast  sei  nunmehr  erhört,  das
Heer  Wellingtons  solle  um  ein  Fünftel,  30,000  Mann,  vermindert  werden;
doch  versäumten  sie  nicht  hinzuzufügen,  daß  die  löblichen  Grundsätze  des
Herzogs  und  seiner  Amtsgenossen  viel  zu  diesem  Entschlusse  beigetragen
hätten.  So  tief  war  das  stolze  Frankreich  gedemütigt:  sein  erster  Minister
mußte  eine  förmliche  Belobung  von  dem  hohen  Rate  Europas  hinnehmen.

Indessen  zeigte  sich  bald,  daß  die  Selbständigkeit  der  modernen  Staaten
eine  so  innige  Gemeinschaft,  wie  sie  der  Vierbund  begründet  hatte,  auf
die  Dauer  nicht  ertragen  konnte.  Der  alte  Gegensatz  der  russischen  und
Her  österreichisch-englischen  Politik  trat  immer  wieder  zu  Tage,  und  Zar
Alexander  tat  das  Seine  um  den  Argwohn  des  Wiener  und  des  Londoner
  Hofes  zu  verschärfen.  Ohne  seine  Verbündeten  zu  befragen,  ließ
er  im  Februar  1816  die  Urkunde  der  Heiligen  Allianz  veröffentlichen:  die
Welt  sollte  ihn,  ihn  allein  als  den  Heiland  und  den  Führer  des  verbündeten
  Europas  bewundern.  Während  die  anderen  Mächte  abrüsteten,  wurde
das  russische  Heer  verstärkt  und  in  dichten  Massen  nahe  der  Grenze  zusammengezogen.
  Der  Zar  gefiel  sich  in  übertreibenden  Schilderungen  der
russischen  Kriegsmacht,  und  sie  wurde  in  der  Tat,  trotz  der  Erfahrungen
der  letzten  Feldzüge,  von  aller  Welt  unbegreiflich  überschätzt;  selbst  Gneisenan
glaubte,  daß  Rußland  über  eine  Million  Soldaten  gebiete  und  sogleich  mit
500,000  Mann  einen  Angriffskrieg  beginnen  könne.  Metternich  erklärte
besorgt,  die  Wucht  dieser  Rüstungen  und  die  orthodoxe  Schwärmerei  könnten
den  Zaren  leicht  zu  kriegerischen  Abenteuern  verleiten;  überall,  in  Frank-
        <pb n="130" />
        122  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

reich  und  Spanien,  in  Italien  und  der  Türkei  meinte  er  den  geheimen
Umtrieben  russischer  Agenten  auf  der  Spur  zu  sein.)  Und  diese  ruhelos
ehrgeizige  Politik  segelte  unter  der  liberalen  Flagge  dahin!  Die  russischen
  Gesandten  sprachen  sich  an  allen  Höfen  für  ein  System  „weiser
Freiheit“  aus,  während  die  englischen  ebenso  eifrig  vor  dem  „gefährlichen
Unsinn“  liberaler  Verfassungsversuche  warnten.  In  seinem  Polen  ließ
Alexander  schon  zu  Weihnachten  1815  eine  Verfassung  verkündigen.  Obgleich
  dies  Grundgesetz  an  dem  Krebsschaden  der  polnischen  Zustände,  an
der  Unfreiheit  des  Landvolks  nichts  Wesentliches  änderte  und  alle  politische
Macht  in  die  Hände  des  Adels  legte,  so  übte  doch  der  Name  Konstitution
seinen  mächtigen  Zauber;  triumphierend  begrüßte  der  urteilslose  Liberalismus
  das  Gnadengeschenk  des  Kaisers  und  fragte  ungeduldig:  wann
endlich  würden  Deutschlands  Fürsten  dem  Beispiele  des  aufgeklärten  Selbstherrschers
  folgen,  der  insgeheim  schon  eine  Charte  für  Rußland  selbst  vorbereitete?
  Von  den  beiden  Staatsmännern,  welche  der  Zar  in  den  auswärtigen
  Geschäften  zu  Rate  zog,  blieb  der  unbedeutende  Nesselrode  seinem
Freunde  Metternich  treu  ergeben;  um  so  verdächtiger  erschien  dem  Wiener
Hofe  der  liberale  Philhellene  Kapodistrias.  Der  österreichische  General
Steigentesch  befand  sich  zu  Petersburg  bald  in  ebenso  peinlicher  Lage  wie
der  russische  Gesandte  Stackelberg  zu  Wien.  Caveat  consul!  hieß  es  beständig
  in  Stackelbergs  Berichten;  in  erregten  Worten  warnte  er  seinen
kaiserlichen  Herrn  vor  der  Tücke  „dieses  Wiener  Dalai-Lamas“.  Der  geheime
  Vertrag  vom  3.  Januar  1815  blieb  in  Petersburg  unvergessen,  und
alle  russischen  Staatsmänner  schrieben  dem  Fürsten  Metternich  die  Hauptschuld
  daran  zu.

Das  tiefe  Mißtrauen  des  Tory-Kabinetts  gegen  den  Zaren  verriet
sich  deutlich  in  einem  Vorschlage,  welchen  Lord  Cathcart  im  August  1816
dem  Petersburger  Hofe  überreichte:  eine  Konferenz  von  Offizieren  sollte
zusammentreten  um  über  die  gleichzeitige  Abrüstung  aller  Mächte  zu  beraten
  und  jedem  Staate  die  Stärke  seines  Friedensheeres  vorzuschreiben.
Unverkennbar  richtete  dieser  friedfertige  Antrag  seine  Spitze  gegen  die  russischen
  Rüstungen.  Darum  ging  Metternich  mit  Eifer  auf  den  Gedanken
ein  und  erwiderte  —  mit  freundlichem  Seitenblick  auf  die  preußische  Armee:
die  Verminderung  der  Heere  sei  besonders  wünschenswert  in  einer  Zeit,
„wo  die  Revolutionäre  selbst  sich  mit  der  militärischen  Maske  bedecken“.
Kaiser  Alexander  gab  eine  freundliche  aber  unklare  Antwort.  Der  englische
  Vorschlag  blieb  liegen,  da  man  bald  fühlte,  daß  eine  so  unnatürliche
  Beschränkung  des  wichtigsten  Hoheitsrechtes  selbständiger  Staaten  sich
im  Ernst  nicht  durchsetzen  ließ;  zumal  Preußen  konnte  den  Bestand  seines
volkstümlichen  Heerwesens  nimmermehr  dem  Belieben  übermächtiger  Nach- 



*)  Krusemarks  Berichte  v.  24.  Febr.  1816,  1.  Febr.  und  23.  März  1817,  7.  März
und  9.  April  1818.
        <pb n="131" />
        Rußland  und  England.  123

barn  preisgeben.“)  Inzwischen  wuchsen  die  Besorgnisse  des  österreichischen
Hofes  von  Monat  zu  Monat,  und  um  Neujahr  1818  stellte  Metternich
dem  Vertrauten  Hardenbergs,  Geh.  Rat  von  Jordan,  der  wegen  der  deutschen
  Bundesangelegenheiten  in  Wien  verweilte,  geradezu  den  Antrag:
Preußen  möge  mit  Osterreich  ein  geheimes  Verteidigungsbündnis  für  den
Fall  eines  russischen  Angriffs  abschließen.  Hardenberg  fand  sich  sofort
dazu  bereit,  da  ihm  die  Freundschaft  Osterreichs  über  allen  anderen  Rücksichten
  stand.  Der  König  aber  widersprach:  warum  sollte  Preußen,  den
unbestimmten  Befürchtungen  der  Hofburg  zulieb,  seinen  alten  Bundesgenossen
  verlassen,  der  überdies  die  geheimen  Pläne  Metternichs  bereits
durchschaut  hatte?  Mit  bitterem  Unmut  nahm  der  Staatskanzler  diese
abschlägige  Antwort  entgegen;  er  meinte  nach  seiner  eigenrichtigen  Art,
Friedrich  Wilhelm  spiele  wieder  eine  ähnliche  Rolle  wie  in  der  traurigen
Epoche  von  1805.  Umsonst  rief  er  den  Fürsten  Wittgenstein,  den  unbedingten
  Anhänger  Osterreichs,  zu  Hilfe;  umsonst  beschwerte  er  sich,  daß
ihm  sein  königlicher  Herr  so  wenig  Vertrauen  zeige.  Der  Monarch  blieb
fest,  und  am  2.  Mai  mußte  Hardenberg  das  österreichische  Anerbieten  ablehnen.)


Dem  englischen  Hofe  blieb  namentlich  das  vielgeschäftige  Treiben  der
russischen  Diplomatie  in  Spanien  hochbedenklich.  Hier  wie  in  Frankreich
bemühten  sich  die  vier  Mächte  ernstlich,  das  wiederhergestellte  alte  Königtum
  in  den  Schranken  der  Mäßigung  zu  halten,  soweit  die  Scheu  vor  dem
reizbaren  spanischen  Nationalstolze  dies  gestattete.  Sie  fühlten  alle,  wie
schwer  die  gemeinsame  Sache  der  europäischen  Restauration  durch  die  Sünden
  König  Ferdinands  geschädigt  wurde.  Die  ganze  liberale  Welt  geriet
in  Aufruhr  und  Lord  Byron  sang  flammende  Verse  wider  den  katholischen
Moloch,  als  der  verworfenste  der  europäischen  Fürsten  sogleich  nach  seiner
Rückkehr  die  Inquisition  wiederherstellte,  als  er  die  Helden  jenes  Volkskrieges,
  der  den  Bourbonen  ihren  Thron  zurückgegeben,  mit  grausamen
Strafen  verfolgte,  als  aus  den  Reihen  seiner  mönchischen  Anhänger  der
wahnwitzige  Ruf  erklang:  es  leben  die  Ketten,  es  lebe  der  Druck,  es  lebe
König  Ferdinand,  es  sterbe  die  Nation!  Aber  während  alle  Mächte  in  der
Verurteilung  dieser  Regierung  einig  waren,  versuchte  Rußland  zugleich  die
Machtstellung  zu  untergraben,  welche  England  während  des  Unabhängigkeitskrieges
  auf  der  Halbinsel  errungen  hatte.  Der  Gesandte  des  Zaren
Tatischtschew  gewann  in  Madrid  allmählich  noch  größeren  Einfluß  als  Pozzo
di  Borgo  in  Paris.  Man  bemerkte  bald,  daß  Rußland  die  Erneuerung  des
alten  bourbonischen  Familienvertrages  wünschte,  um  dereinst  die  Seemacht
der  beiden  Kronen  gegen  England  verwenden  zu  können.  Der  unermüdliche

 

*)  Denkschrift  der  englischen  Regierung  über  die  Lage  Europas;  Metternichs
Aperçeu  sur  le  mémoire  anglais  (im  August  und  Oktober  1816  von  Krusemark  an
Hardenberg  gesendet).

*“)  Hardenbergs  Tagebuch,  14.  Jan.,  12.  März,  2.  Mai  1818.
        <pb n="132" />
        124  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

russische  Gönner  verkaufte  endlich  sogar  einen  Teil  seiner  eigenen  Flotte
an  Spanien  und  verlangte,  daß  Europa  durch  gemeinsame  Intervention
die  aufständischen  Kolonien  Südamerikas  mit  dem  spanischen  Mutterlande
versöhnen  solle.  Alle  Mächte  widersprachen  diesem  abenteuerlichen  Vor—
schlage;  England  und  Osterreich  verfolgten  die  mediterranische  Politik  des
Zaren  mit  um  so  lebhafterer  Besorgnis,  da  inzwischen  die  Zustände  der
Balkanhalbinsel  ersichtlich  einer  neuen  Erschütterung  entgegenreiften.

Wie  oft  beklagte  Metternich,  daß  sein  „bester  und  sicherster  Bundesgenosse",
  die  Türkei,  der  einzige  Staat  Europas  blieb,  der  sich  nicht  auf
die  Anerkennung  der  großen  Mächte  berufen  konnte.  Die  Pforte  hatte
aus  trägem  Hochmut  versäumt,  die  Bürgschaft  Europas  für  ihren  Länderbestand
  in  Anspruch  zu  nehmen;  nun  sah  sie  sich  durch  den  Abschluß  der
Heiligen  Allianz  aus  der  Gemeinschaft  der  europäischen  Staaten  förmlich
ausgeschlossen.  Der  Haß  der  Muhamedaner  gegen  die  Giaurs  flammte
mächtig  wieder  auf;  Sultan  Machmud  ließ  absichtlich  einige  Bestimmungen
des  Bukarester  Friedens  unausgeführt  und  erwartete  mit  Zuversicht  den
Wiederausbruch  des  russischen  Krieges.)  Unterdessen  hatte  die  unaupfhaltsame
  Erhebung  der  unglücklichen  Rajah-Völker  bereits  begonnen.  Die
Serben  legten  die  Waffen  nicht  mehr  aus  der  Hand  und  errichteten  unter
der  Leitung  ihres  Milosch  ein  halb-unabhängiges  christlich-nationales  Gemeinwesen,
  dessen  Dasein  schon  den  Grundgedanken  des  ottomanischen
Reichs  widersprach;  Sendboten  der  unzufriedenen  Griechen  verkehrten  in
Petersburg  und  fanden  bei  Kapodistrias  freundliche  Aufnahme.  Für  die
Notwendigkeit  der  Befreiungskämpfe,  die  sich  hier  vorbereiteten,  fehlte  in
London  wie  in  Wien  jedes  Verständnis.  In  den  Kreisen  der  Hochtorys
galt  die  Erhaltung  der  Türkei  kurzweg  als  ein  politischer  Glaubenssatz,
zumal  seit  das  englische  Interesse  im  Osten  durch  die  Erwerbung  der
ionischen  Inseln  gewahrt  schien;  statt  aller  Gründe  berief  man  sich  auf
den  Ausspruch  Pitts:  mit  einem  Menschen,  der  den  Bestand  der  Pforte
nicht  für  nötig  hält,  spreche  ich  kein  Wort  mehr  über  Politik.  Metternich
aber  wendete  seine  Doktrin  von  dem  unantastbaren  Rechte  jeder  legitimen
Obrigkeit  unbedenklich  auf  die  Fremdherrschaft  der  Türken  an  und  verabscheute
  die  verzweifelnden  christlichen  Völker  der  Halbinsel  nicht  bloß  als
Schützlinge  Rußlands,  sondern  auch  als  frevelhafte  Rebellen.  In  seiner
Angst  bemerkte  er  nicht,  daß  der  unstete  Ehrgeiz  des  liberalen  Selbstherrschers
  wohl  zuweilen  mit  hochfliegenden  Entwürfen  spielte,  doch  den  Mut
des  Vollbringens  nicht  besaß.  Der  Zar  erwiderte  auf  die  besorgten  Fragen
des  Generals  Steigentesch  verächtlich:  es  sei  eine  Gewissenssache,  das  Blut
eines  einzigen  Soldaten  zu  vergießen  im  Kampfe  gegen  diese  türkischen
Schweine.*)  Und  seinem  Gesandten  in  Wien  ließ  er  schreiben:  die  euro-*)

  Rrusemarks  Bericht,  8.  Jan.  1817.
**)  Krusemarks  Bericht,  17.  April,  13.  Mai  1816.
        <pb n="133" />
        Isterreich  und  Rußland.  125

päischen  Minister  hätten  sich  noch  nicht  genugsam  von  ihren  veralteten,
kleinmütigen  Ideen  befreit,  weil  die  gereinigte  Moral  des  Evangeliums
nicht  zu  ihrem  Herzen  spräche.  Daher  ihr  Mißtrauen  gegen  Rußland;
heute  aber  bestehe,  nach  dem  Ratschluß  der  göttlichen  Vorsehung,  die  Herrschaft
  der  öffentlichen  Meinung,  begründet  auf  Wahrheit  und  Gerechtigkeit.

Derweil  die  Hofburg  also  vor  den  geheimen  Plänen  des  Zaren
zitterte,  war  sie  selber  von  aufrichtiger  Friedensliebe  beseelt.  Wie  wunderbar
  war  doch  dies  alte  Osterreich  nach  so  vielen  Niederlagen  und  Verlusten
  wieder  zu  einer  Machtfülle  aufgestiegen,  die  an  die  Tage  Wallensteins
  erinnerte;  selten  hatte  ein  Staat  beim  Ausgange  eines  Weltkrieges
sich  so  ganz  am  Ziele  aller  seiner  Wünsche  befunden.  Metternich  durfte
sich  rühmen,  wie  viel  er  selbst  durch  kluges  Aufsparen  und  rechtzeitiges
Einsetzen  der  Kräfte  des  Reichs  zu  diesem  glänzenden  Erfolge  beigetragen;
und  da  er  schon  in  seinen  jungen  Jahren  stets  alles  vorausgesehen  und
vorausgesagt  haben  wollte,  so  steigerte  sich  jetzt  sein  Selbstgefühl  zu  unermeßlichem
  Dünkel.  Die  ganze  neue  Ordnung  der  europäischen  Dinge
erschien  ihm  als  sein  persönliches  Werk,  die  Erhaltung  dieser  Ordnung
als  die  einzige  Aufgabe  seines  Lebens,  da  er  selbst  wie  sein  Staat  bei  jeder
Anderung  nur  verlieren  konnte.  Die  tiefe  Unwahrhaftigkeit  seines  Geistes
erleichterte  ihm,  sich  die  Tatsachen  zurecht  zu  legen;  die  Bilder  der  Vergangenheit
  verschoben  sich  vor  seinen  Blicken,  und  bald  sah  er  in  der  Geschichte
  des  letzten  Menschenalters  ein  ungeheures  Gewirr  von  Torheit
und  Verbrechen:  nur  er,  er  allein  war  inmitten  der  allgemeinen  Betörung
  immerdar  frei  geblieben  von  Leidenschaft,  frei  von  Irrtum  und  vor
allem,  wie  er  gern  hervorhob,  ganz  frei  von  Eigenliebe.  Voll  Verachtung
sprach  er  über  „die  Politiker  von  dem  Schlage  eines  Richelieu  und  Mazarin“.

Die  fremden  Diplomaten  bemerkten  jetzt  schon,  wie  schwer  es  hielt  ein
geschäftliches  Gespräch  mit  ihm  zu  führen;  in  langen  lehrhaften  Vorträgen
pflegte  er  den  andächtig  Lauschenden  seine  untrügliche  Meinung  zu  entwickeln.
  Eintönig,  salbungsvoll,  breit  und  hochtrabend  verkündeten  seine
Briefe  und  Depeschen  in  unzähligen  Umschreibungen  immer  nur  den  einen
Gedanken  der  Erhaltung  des  Bestehenden.  Und  doch  verbarg  sich  hinter
der  stolzen  Zuversicht  die  stille  Angst:  Metternich  fürchtete  den  Krieg,  weil
er  die  Schwäche  des  vernachlässigten  österreichischen  Heerwesens  kannte,  er
fürchtete  mehr  noch  die  Revolution.  Nicht  als  ob  er  jemals  die  Vortrefflichkeit
  des  Systemes,  das  den  beiden  großen  Völkern  Mitteleuropas  die
Adern  unterband,  irgend  bezweifelt  hätte;  aber  er  sah  die  Partei  des  Umsturzes,
  die  ihn  sein  Lebelang  geängstigt,  noch  immer  im  Dunkeln  schleichen,
er  sah  sie  bereit  den  Feuerbrand  in  sein  kunstvolles  Gebäude  zu  schleudern;
und  wie  er  immer  des  Glaubens  blieb,  daß  der  Tugendbund  das  preußische
Heer  von  langer  Hand  her  aufgewiegelt  habe,  so  beobachtete  er  schwer  besorgt
  die  Parteikämpfe  in  Frankreich,  die  krampfhaften  Regungen  des  Nationalgefühls
  in  Deutschland  und  Italien;  er  vernahm  mit  Entsetzen,  wie
        <pb n="134" />
        126  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

selbst  in  England,  der  festen  Burg  der  Gegenrevolution,  der  Gedanke  der
Parlamentsreform  wieder  erwachte,  wie  der  feurige  Demagog  Cobbet  seine
Zweipfennig-Register  unter  die  Massen  warf  und  die  lange  verwahrlosten
niederen  Klassen  an  ihre  Menschenrechte  erinnerte.  Um  die  Fragen  der
Verfassung  und  Verwaltung  hatte  sich  der  Meister  der  Diplomatie  bisher
ebenso  wenig  gekümmert  wie  um  die  großen  Kulturzwecke  des  Völkerlebens,
deren  Förderung  der  echte  Staatsmann  als  seine  höchste  Aufgabe  betrachtet;
selbst  dem  inneren  Leben  seines  Osterreichs  stand  er  so  fern,  daß  er  sein
Urteil  über  den  Charakter  dieser  Monarchie  in  der  Phrase  zusammenfaßte:
sie  trage,  ohne  ein  Föderativstaat  zu  sein,  doch  die  Vorteile  wie  die  Nachteile
  der  Föderativgestaltungen.  Jeden  schöpferischen  Gedankens  bar
lebte  seine  Politik  aus  der  Hand  in  den  Mundzj  sie  meinte  genug  zu  tun,
wenn  sie  sich  bereit  hielt  jederzeit  mit  dem  Löscheimer  herbeizueilen  sobald
irgendwo  die  Flammen  der  Revolution  aus  dem  Boden  aufschlugen;  sie
schwor  auf  den  Gedanken  der  Stabilität  so  unbedingt  wie  der  junge  Liberalismus
  auf  die  Abstraktionen  seines  Vernunftrechts,  und  der  Feind  der
Doktrinäre  verfiel  schließlich  selbst  in  einen  Doktrinarismus,  der  noch  um
vieles  unfruchtbarer  war  als  die  Lehren  Rottecks.  Je  klarer  jedes  neue
Jahr  bewies,  daß  die  lebendigen  Kräfte  der  Geschichte  vor  den  Schranken
der  Wiener  Verträge  nicht  stillstehen  konnten,  um  so  krampfhafter  ward
die  Furcht  des  Ruheseligen  vor  der  Revolution,  bis  endlich  fast  in  allen
seinen  Sendschreiben  das  sorgfältig  ausgemalte  Schreckbild  des  drohenden
allgemeinen  Weltbrandes  wie  die  fixe  Idee  eines  Geisteskranken  wiederkehrte.


Nur  an  einer  Stelle  seines  Machtgebietes  hatte  Osterreich  nicht  alle
seine  Absichten  erreicht:  der  Plan  des  italienischen  Bundes  war  in  Wien
an  dem  Widerspruche  Piemonts  gescheitert.  Um  den  Turiner  Hof  doch
noch  für  diesen  Gedanken  zu  gewinnen,  erhob  die  Hofburg  jetzt  Ansprüche
auf  das  westliche  Ufer  des  Langensees  und  die  wichtige  Simplonstraße;  doch
da  Rußland  und  Preußen  sich  der  bedrängten  Piemontesen  annahmen,
so  ließ  Metternich  seine  Absicht  vorläufig  fallen  und  begnügte  sich  mit  der
tatsächlichen  Beherrschung  Italiens,  die  einstweilen  leidlich  gesichert  schien.
Wohl  war  der  Jubel,  welchen  einst  die  einziehenden  Osterreicher  in  der
Lombardei  begrüßt  hatte,  längst  verrauscht;  das  Volk  murrte  über  die  rücksichtslose
  Absetzung  so  vieler  alter  Beamten,  über  die  harte,  der  Landesart
völlig  unkundige  Verwaltung,  über  die  schlechten  Künste  der  geheimen  Polizei
und  die  Roheit  des  bastone  tedesco.  Als  Kaiser  Franz  im  Februar  1816
seine  Huldigungsreise  durch  das  neue  lombardisch-venetianische  Königreich
antrat,  wurde  er  überall  mit  unverhohlener  Kälte  empfangen;  selbst  der
preußische  Gesandte,  General  von  Krusemark,  ein  warmer  Freund  Osterreichs,
  mußte  seinem  Könige  berichten:  die  k.  k.  Beamten  und  Offiziere  seien

 

*)  Krusemarks  Bericht,  10.  April  1816.
        <pb n="135" />
        Metternichs  deutsche  Politik.  127

samt  und  sonders  verhaßt,  alle  Italiener,  „denen  der  Gedanke  einer
selbständigen  Nation  anzugehören  lieb  war“,  grollten  der  neuen  Regierung.
Aber  die  Ruhe  war  noch  nirgends  gestört,  und  Metternich  erwiderte  zu—
versichtlich,  als  Hardenberg  ihm  die  Namen  einiger  verdächtigen  italienischen
Patrioten  mitteilen  ließ:  den  Italienern  fehle,  trotz  ihrer  schlechten  Ge—
sinnung,  der  Mut  zu  Verschwörungen.“)  Was  schien  auch  zu  befürchten?
An  allen  Höfen  der  Halbinsel  herrschte  ein  hart  absolutistischer  Geist,  der
den  Grundsätzen  der  Hofburg  entsprach;  die  Bourbonen  von  Neapel  hatten
sich  überdies  am  12.  Juni  1815  durch  einen  geheimen  Vertrag  verpflichtet,
die  alten  monarchischen  Institutionen  aufrecht  zu  halten  und  dem  Wiener
Hofe  alles  mitzuteilen,  was  der  Ruhe  Italiens  bedrohlich  scheine.

Den  deutschen  Angelegenheiten  stand  die  Hofburg  zunächst  noch  ganz
planlos  und  gedankenlos  gegenüber:  genug  wenn  der  Deutsche  Bund  not—
dürftig  zusammenhielt  und  im  Kriegsfalle  dem  Hause  Osterreich  Heeresfolge
  leistete;  dann  mochten  die  Beratungen  des  Frankfurter  Bundestages
wieder  ebenso  leer  und  nichtig  verlaufen,  wie  einst  die  des  Regensburger
Reichstags.  Metternich  verachtete  die  kleinen  deutschen  Höfe  aus  Herzensgrunde
  und  rief  stets  unbedenklich  den  Zaren  zu  Hilfe,  wenn  „einige
deutsche  Fürsten,  die  einen  Seelenhandel  zu  machen  haben",  sich  über  die
Abwicklung  ihrer  Gebietsstreitigkeiten  nicht  einigen  konnten.  Aber  er  wußte
auch,  daß  diese  kleinen  Herren  sich  nur  darum  zur  österreichischen  Partei
hielten,  weil  sie  die  Hofburg  als  den  wohlwollenden  Beschützer  ihrer
Souveränität  verehrten.  Daher  dachte  er  sie  möglichst  frei  gewähren  zu
lassen;  selbst  der  unbequeme  Artikel  13  der  Bundesakte,  das  Versprechen
der  Landstände,  schien  vorerst  nicht  allzu  gefährlich,  da  die  Mehrzahl  der
deutschen  Höfe  über  jeden  Verdacht  liberaler  Gesinnung  erhaben  war.  Die
Nüchternheit  des  österreichischen  Staatsmannes  hatte  sich  nie  darüber  getäuscht,
  daß  sein  Kaiserhaus  an  dem  politischen  Leben  der  deutschen  Nation
nicht  teilnehmen,  für  die  Förderung  deutschen  Rechts  und  deutscher  Wohlfahrt
  nichts  leisten  konnte.  Noch  in  seinen  Denkwürdigkeiten  schrieb  er
unbefangen:  „inbezug  auf  Osterreich  hatte  der  Ausdruck:  deutscher  Sinn
—  insbesondere  in  der  Bedeutung,  wie  sich  derselbe  seit  der  Katastrophe
Preußens  und  der  nördlichen  Gebiete  Deutschlands  in  den  höheren  Schichten
  der  dortigen  Bevölkerung  manifestierte  —  lediglich  den  Wert  einer
Mythe.  *"  Jede  Regung  nationaler  Gedanken  in  Deutschland  war  ihm  also
eine  Gefahr  für  Osterreichs  Herrschaft.  Kaiser  Franz  vollends  beargwöhnte
  den  Patriotismus  schlechthin  als  eine  gefährliche  revolutionäre  Leidenschaft
  und  wollte  nicht  einmal  von  einem  österreichischen  Vaterlande
hören,  da  doch  alle  staatliche  Ordnung  lediglich  in  dem  Gehorsam  der  Untertanen
  gegen  die  Person  des  Herrschers  bestand;  als  man  ihm  den  Entwurf
  eines  Dankschreibens  an  Schwarzenberg  und  das  Heer  vorlegte,  strich

 

*)  Krusemarks  Bericht  aus  Mailand,  28.  Febr.,  8.  März  1816;  aus  Wien,  4.  Jan.  1817.
        <pb n="136" />
        128  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

er  sorgfältig  das  Wort  „Vaterland“  aus  und  schrieb  dafür  „Meine  Völker“
und  „Mein  Staat“.

Sollten  die  Deutschen  dergestalt  in  einem  lockeren  Verteidigungs—
bündnis  beisammen  bleiben,  ohne  jemals  zu  einem  starken  nationalen  Leben
zu  erwachen,  so  war  ein  gutes  Einvernehmen  mit  Preußen  unerläßlich.
Metternich  verkannte  dies  nicht,  doch  wie  anders  als  Hardenberg  verstand
er  den  Gedanken  des  friedlichen  Dualismus!  Er  hatte  sich  einst  seine  An—
sicht  über  den  preußischen  Staat  nach  den  geringschätzigen  und  feindseligen
Urteilen,  die  in  den  Kreisen  des  katholischen  Reichsadels  umliefen,  ge—
bildet  und  nachher  als  Gesandter  zu  Berlin,  in  den  Jahren  vor  1805,
die  schwächsten  Zeiten  der  fridericianischen  Monarchie  aus  der  Nähe  be—
obachtet.  Niemals  konnte  er  die  widerwärtigen  Eindrücke  jener  Tage  ver—
winden;  der  preußische  Staat  blieb  ihm  immer  nur  ein  zusammengewür—
felter  Haufe  „verschiedener  Nationen“,  ein  Gebilde  des  Zufalls:  „Alles
scheint  Widerspruch  in  der  Geschichte  Preußens,  und  diese  Jahrbücher  um—
fassen  kaum  ein  Jahrhundert!“  Darum  glaubte  er  sein  Lebelang,  das
Weltreich  Napoleons  würde  gedauert  haben,  wenn  der  Imperator  nur  den
Staat  Friedrichs  etwas  glimpflicher  behandelt  und  als  einen  bescheidenen
Mittelstaat  in  die  Reihen  des  Rheinbundes  aufgenommen  hätte.  Im  Jahre
1811  rechnete  er  bestimmt  auf  Preußens  Untergang  und  hoffte  mit  Na—
poleons  Hilfe  Schlesien  für  das  Haus  Osterreich  zurückzugewinnen.

Auch  als  diese  Rechnung  trog  und  Preußen  sich  glorreich  wiedererhob,
ahnte  Metternich  noch  immer  nichts  von  den  sittlichen  Kräften,  welche  den
gedemütigten  Staat  zu  dem  ungleichen  Kampfe  befähigten;  er  gefiel  sich
darin,  die  preußischen  Dinge  im  trübsten  Lichte  zu  sehen,  sprach  wegwerfend
von  dem  beschränkten,  unentschlossenen  Könige  wie  von  Hardenbergs  leicht—
gläubiger  Schwäche;  er  redete  sich  ein,  die  preußische  Armee  habe  zur  Zeit
des  Waffenstillstandes  „nur  dem  Namen  nach  existiert“;  selbst  den  Ruhm
Blüchers,  Gneisenaus,  Yorks  meinte  er  durch  einige  fade  Späße  über  die
grammatischen  Schnitzer  des  Marschalls  Vorwärts  abzutun.  Daran  be—
stand  in  der  Hofburg  gar  kein  Zweifel,  daß  Preußen  nur  durch  SÖsterreich
  vor  der  Vernichtung  gerettet  worden  war;  mehr  als  drei  Großmächte
auf  dem  Festlande  hatte  Metternich  niemals  anerkannt.  Das  wiederher—
gestellte  Preußen  sollte  immerdar  die  erste  Hilfsmacht  des  Hauses  Osterreich
  bleiben;  nach  der  Anschauung  des  Wiener  Hofes  bedeutete  der  deutsche
Dualismus  —  die  Herrschaft  Osterreichs  unter  Preußens  freiwilliger  Mit—
wirkung.  Metternich  verstand  jedoch  meisterhaft,  den  preußischen  Staatskanzler
  über  seine  Herzensmeinung  zu  täuschen;  er  wahrte  die  Formen  so
sorgfältig,  daß  die  Berliner  Staatsmänner  fest  überzeugt  blieben,  Preußen
werde  in  Wien  als  eine  durchaus  gleichberechtigte  befreundete  Großmacht
angesehen.  In  zwanzig  Jahren  geschah  es  nur  ein  einziges  Mal,  und  bei
einem  ziemlich  geringfügigen  Anlaß,  daß  Metternich  dem  preußischen  Gesandten
  gegenüber  sich  eine  Bemerkung  über  eine  innere  Angelegenheit  des
        <pb n="137" />
        Preußens  Verhältnis  zum  Deutschen  Bunde.  129

verbündeten  Staates  erlaubte.  Solche  Fragen  wurden  stets  nur  in  ver—
traulichen  Briefen  an  den  zuverlässigsten  der  Berliner  Freunde,  den  Fürsten
Wittgenstein,  oder  auch  bei  den  persönlichen  Zusammenkünften  der  Monarchen
  in  freundschaftlichen  Gesprächen  behutsam  berührt.

Diese  wohlberechnete  Zurückhaltung  fiel  dem  klugen  Manne  nicht  leicht;
denn  im  Grunde  des  Herzens  beunruhigten  ihn  die  inneren  Zustände
Preußens  noch  weit  mehr  als  die  Lage  Frankreichs.  Er  konnte  sich  nicht
verhehlen,  daß  Preußen  mit  der  bitteren  Erinnerung  an  eine  unverdiente
diplomatische  Niederlage  die  Waffen  niederlegte,  und  sich  mit  der  lächerlichen
  Zerrissenheit  seines  Gebietes  auf  die  Dauer  nicht  begnügen  durfte.
Er  glaubte  fest,  daß  die  Zentralverwaltung  seines  Todfeindes  Stein  die
preußische  Jugend  mit  gefährlichen  Gedanken  revolutionärer  Eroberungslust
erfüllt  habe,  und  fand  seinen  Verdacht  durch  die  Schriften  Arndts  und
Görres“  bestätigt.  Am  unheimlichsten  blieb  ihm  doch  die  unerhörte  Erscheinung
  des  preußischen  Volksheeres;  keiner  der  Staatsmänner  der  alten
Schule  wollte  glauben,  daß  so  viel  rücksichtsloser  Freimut,  so  viel  lärmende
  vaterländische  Begeisterung  mit  unverbrüchlicher  Königstreue  Hand
in  Hand  gehen  könne.  Und  allerdings  verbargen  die  preußischen  Offiziere
ihr  abschätziges  Urteil  über  Osterreichs  Heer  und  Heeresführung  keineswegs,
  und  mancher  dachte  schon  wie  der  tapfere  General  Steinmetz  vom
Vorkschen  Korps,  der  zur  Zeit  des  zweiten  Pariser  Friedens  rundweg  schrieb:

Osterreich  sei  kein  deutsches  Haus  mehr,  die  Oberherrschaft  in  Deutschland
gebühre  den  Preußen.  Während  der  ersten  zwei  Jahre  nach  dem  Friedensschlusse
  quälte  alle  Höfe  des  Vierbundes  beständig  die  Sorge,  Preußen
könne  durch  sein  fanatisiertes  Heer  zu  revolutionären  Abenteuern  fortgerissen
  werden.  Wellington  äußerte,  dieser  Staat  sei  schlimmer  daran  als
Frankreich,  hier  bestehe  gar  keine  Autorität  mehr.  Zar  Alexander  entschuldigte
  seine  Rüstungen  mit  der  Notwendigkeit,  Deutschland  gegen  die
Revolution  zu  beschützen;  „Preußen  insbesondere  ist  krank,“  sagte  er  zu
Steigentesch,  „und  der  König  von  Preußen  wird  der  erste  sein,  dem  ich
Beistand  werde  leisten  müssen.“)

In  Wahrheit  lag  dem  Berliner  Hofe  nichts  ferner  als  der  Ehrgeiz
revolutionärer  Kriegspolitik.  Jedermann  im  Lande  wußte,  daß  der  König
fest  entschlossen  war,  wenn  irgend  möglich  nie  wieder  das  Schwert  zu
ziehen.  Wohl  fehlte  es  unter  den  jüngeren  Beamten  und  Offizieren  nicht
an  einzelnen  weitschauenden  Köpfen,  welche  die  Unhaltbarkeit  der  Gestaltung
  des  Staatsgebietes  erkannten  und  schleunige  Abhilfe  forderten.  Der
Präsident  von  Motz  in  Erfurt  führte  in  einer  geistvollen  Denkschrift  aus:
die  von  Hardenberg  erstrebte  Führerstellung  im  Norden  könne  nur  dann
gesichert  werden,  wenn  Preußen  für  einige  Striche  seiner  rheinisch-westfälischen
  Provinzen  Oberhessen  und  Fulda  eintausche  und  also  am  Unter- 



*7)  Krusemarks  Bericht,  17.  April  1816.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  9
        <pb n="138" />
        130  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

main  wiedergewinne,  was  am  Obermain,  in  Ansbach-Bayreuth  verloren
worden;  dann  erst  sei  ganz  Norddeutschland  durch  preußisches  Gebiet  um—
klammert  und  die  wichtige  militärische  Position  der  Kinzig-Pässe  nebst  der
Haupthandelsstraße  Deutschlands,  der  Frankfurt-Leipziger,  komme  in  preu—
ßischen  Besitz.  Warnend  verwies  er  auf  die  feindselige  Gesinnung  der  rheinbündischen
  Staaten  des  Südens:  „scheint  sie  doch  in  Absicht  Deutschlands
mit  Frankreich  fast  einerlei  Interesse  zu  beseelen,  nämlich  Zersplitterung  und
Isolierung  der  deutschen  Volkskraft,  Verhinderung  aller  Einheit;"  darum
beschwor  er  den  Staatskanzler,  ein  Stück  preußischen  Gebiets  als  trennenden
  Keil  zwischen  Hessen  und  Bayern  einzuschieben,  damit  die  norddeutschen
Mittelstaaten  nicht  „dem  Drucke  aus  Süden“  bloßgestellt  würden.)  Aber
wie  sollten  so  kühne  Pläne  ohne  einen  Krieg  verwirklicht  werden?  Die
Regierung  lehnte  den  Vorschlag  ab:  sie  war  ehrlich  entschlossen  sich  mit
dem  neuen  Besitzstande  zu  begnügen,  zumal  da  der  König  jeden  Gebietsaustausch
  als  eine  Verletzung  seiner  Regentenpflicht  verschmähte.  Hardenbergs
  deutsche  Politik  begnügte  sich  mit  der  bescheideneren  Aufgabe,  den
zu  Wien  verheißenen  Ausbau  der  Bundesverfassung  zu  fördern  und  vor
allem  das  Bundesheerwesen  fest  zu  begründen.

Zur  Durchführung  dieser  friedlichen  Pläne  schien  die  Freundschaft  der
Ostmächte  dem  Könige  wie  dem  Staatskanzler  unentbehrlich;  nur  betrachtete
Friedrich  Wilhelm  nach  wie  vor  den  Zaren  als  seinen  vertrautesten  Bundesgenossen,
  während  Hardenberg  sich  zunächst  an  Osterreich  anschloß.  Die
Verbindung  des  königlichen  Hauses  mit  dem  russischen  Hofe  gestaltete  sich
noch  inniger,  als  Alexanders  Bruder  Großfürst  Nikolaus  um  die  Hand
der  liebenswürdigen  Prinzessin  Charlotte  anhielt.  Zwei  Jahre  darauf,  im
Juni  1817  ward  die  Heirat  vollzogen,  und  die  Preußen  vernahmen  mit
gerechtem  Befremden,  daß  die  Prinzessin  zur  griechischen  Kirche  übergetreten
  war.  Das  weiche  Gemüt  des  Königs  vermochte  der  tiefen  Herzensneigung
  seiner  schönen  Lieblingstochter  nicht  zu  widersprechen;  aus  väterlicher
  Zärtlichkeit  brachte  der  gläubige  Protestant  dem  russischen  Hochmute
ein  Opfer,  das  freilich  an  den  kleinen  protestantischen  Höfen  längst  für
unbedenklich  galt,  aber  im  Hause  der  Hohenzollern  ohne  Beispiel  war  und
dem  Stolze  einer  Großmacht  übel  anstand.  Trotz  der  Freundschaft  der
Höfe  standen  die  beiden  Völker  bald  nach  dem  Kriege  wieder  fremd,  fast
feindselig  einander  gegenüber.  Die  Kosakenschwärmerei  des  Frühjahres
1813  war  längst  verflogen,  auch  die  lange  Waffenbrüderschaft  der  beiden
Heere  blieb  ohne  dauernde  Folgen.  Die  preußischen  Liberalen  schenkten  den
pathetischen  Außerungen  des  freisinnigen  Selbstherrschers  wenig  Glauben
und  verabscheuten  das  Moskowitertum  als  eine  Macht  der  Finsternis;  in
den  Grenzprovinzen  aber  verwünschte  jedermann  die  kleinliche  und  unredliche
  Gehässigkeit  der  russischen  Zollbeamten.  —

5)  Motz,  Denkschrift,  „Über  die  geographische  Verbindung  der  Ost=  mit  der  Westhälfte
  des  preußischen  Staates-  1817.  Humboldts  Antwort  18.  März  1819.

—  —  —  —  —  —  —
        <pb n="139" />
        Der  Streit  um  Salzburg.  131

So  lagen  die  Verhältnisse  zwischen  den  großen  Mächten,  als  die  ersten
Bundestagsgesandten  in  der  alten  Krönungsstadt  anlangten.  Aber  jener
Fluch  der  Lächerlichkeit,  welcher  die  Bundesversammlung  durch  ihr  gesamtes
Wirken  begleiten  sollte,  verfolgte  sie  schon  bei  ihrer  Geburt.  Die  auf  den
1.  September  1815  angekündigte  Eröffnung  wurde  zunächst,  infolge  des
Pariser  Kongresses,  um  ein  Vierteljahr  verschoben.  Darauf  mußten  die
Gesandten,  die  sich  im  Laufe  des  Novembers  einfanden,  noch  ein  Jahr  lang,
unter  dem  Spotte  der  Frankfurter,  auf  den  Beginn  der  Verhandlungen
warten;  denn  die  beiden  Großmächte  wünschten  vorher  erst  die  noch  schwe—
benden  deutschen  Gebietsstreitigkeiten  zu  beseitigen,  vor  allen  den  hoffnungslos
  verfahrenen  bayrisch-österreichischen  Länderhandel.

Der  Münchener  Hof  hatte  auf  dem  Wiener  Kongresse  den  verheißenen
ununterbrochenen  Gebietszusammenhang  nicht  erlangt  und  behielt  daher
Salzburg  nebst  den  Landstrichen  am  Inn,  die  an  Osterreich  ausgeliefert
werden  sollten,  vorläufig  noch  in  seinem  Besitz.  Um  sich  eine  günstige
Ausgleichung  des  Streites  zu  sichern,  schloß  er  sich  seitdem  eng  an  die
Politik  der  Hofburg  an;  sein  Minister  Rechberg  unterstützte  in  Paris  die
Forderungen  Preußens  und  der  kleinen  deutschen  Staaten  nur  lau,  da
Osterreich  die  Verkleinerung  Frankreichs  nicht  wünschte.  Zum  Danke  ließ
sich  Metternich,  in  der  Sitzung  des  Pariser  Kongresses  vom  3.  Novbr.,  von
den  großen  Mächten  den  dereinstigen  „Heimfall“  des  Breisgaus  und  der
badischen  Jungpfalz  zusichern.  Ohne  das  Karlsruher  Kabinett  einer  Mitteilung
  zu  würdigen,  verfügten  die  vier  Mächte  also  völlig  willkürlich  über
die  Zukunft  badischer  Landschaften.  Der  Rückfall  der  badischen  Pfalz  war
schlechthin  rechtswidrig,  und  für  den  Heimfall  des  Breisgaus  sprach  auch
nur  ein  künstlicher  Scheingrund.  Der  Großherzog  von  Baden  besaß  den
Breisgau  kraft  des  Preßburger  Friedens  „in  derselben  Weise  und  mit  denselben
  Rechten“  wie  vordem  der  Herzog  von  Modena;  da  nun  das  Kaiserhaus
  der  nächste  Erbe  seiner  modenesischen  Vettern  war,  so  stellte  der
Wiener  Hof  die  ungeheuerliche  Behauptung  auf,  er  könne  nicht  nur  nach
dem  Aussterben  des  Hauses  Modena  dessen  italienische  Besitzungen,  sondern
  auch  nach  dem  Ableben  der  Zähringer  Hauptlinie  den  Heimfall  des
Breisgaus  fordern.  Die  großen  Mächte  erkannten  diesen  bodenlosen  Anspruch
  an,  weil  den  Staatsmännern  Englands  und  Rußlands  jede  Kenntnis
  der  deutschen  Verhältnisse  fehlte,  Hardenberg  aber  noch  immer  hoffte,
OÖsterreich  werde  das  Wächteramt  am  Oberrhein  übernehmen.

Mit  diesem  Unterhandlungsmittel  in  den  Händen,  forderte  Metternich
nunmehr  den  sofortigen  Austausch  von  Salzburg  gegen  die  linksrheinische
Pfalz.  Als  Bayern  abermals  zögerte,  verlor  er  endlich  die  Geduld  und
sendete  im  Dezember  den  General  Vacquant  nach  München  um  die  Herausgabe
  unter  allen  Umständen  zu  erzwingen;  gleichzeitig  rückte  General
Bianchi  mit  einem  österreichischen  Heere  dicht  an  die  bayrische  Grenze.  Zu
spät  erkannte  jetzt  der  Münchener  Hof,  welche  Torheit  Wrede  begangen

9#
        <pb n="140" />
        132  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

hatte,  als  er  durch  sein  gehässiges  Auftreten  in  den  sächsischen  Händeln
den  so  oft  erprobten  Beistand  Preußens  verscherzte.  König  Max  Joseph
und  Montgelas  beschworen  den  preußischen  Gesandten  Küster,  der  Wiener
Streitigkeiten  zu  vergessen.  Der  Staatskanzler  erwiderte  kühl:  „die  Zeit
wird  darüber  entscheiden;“  zeigt  der  bayrische  Hof  in  Zukunft  freund—
schaftliche  Gesinnungen,  so  wird  der  König  unser  Herr  nicht  unversöhn—
lich  sein.  Dann  befahl  er  dem  Gesandten,  im  Verein  mit  England  und
Rußland  den  österreichischen  Unterhändler  zu  unterstützen.)

In  Altbayern  erregte  die  Nachricht  von  Osterreichs  Forderungen  leidenschaftlichen
  Zorn.  Das  Innviertel  war  seit  Jahrhunderten,  bis  auf  eine
kurze  Unterbrechung,  immer  wittelsbachisch  gewesen,  Salzburg  hatte  stets
zum  bayrischen  Reichskreise  gehört  und  mit  den  Nachbarn  im  Kurfürstentume
  freundlichen  Verkehr  unterhalten.  Und  diese  beiden  Landschaften
mit  ihrer  reinbayrischen  Bevölkerung  sollte  man  dahingeben  für  die  entlegene
  überrheinische  Pfalz,  deren  bewegliches,  leichtlebiges  Volk  dem  schweren
altbayrischen  Wesen  von  altersher  widerwärtig  war!  Der  alte  Stammeshaß
  gegen  die  Osterreicher  regte  sich  wieder,  die  Erinnerungen  an  die
Kämpfe  von  1705  und  den  sagenhaften  Schmied  von  Kochel  waren  in
jedermanns  Munde.  Den  Salzburgern  ward  bei  schwerer  Strafe  verboten,
  von  der  Abtretung  des  Landes  auch  nur  zu  reden.  Marschall  Wrede
polterte  und  drohte,  und  in  den  Kreisen  der  Offiziere  vernahm  man  die
bittere  Klage:  „uns  fehlt  der  Schutz  Napoleons.“  Am  lautesten  zürnte
Kronprinz  Ludwig;  der  empfand  es  als  eine  Entehrung  der  neuen  Königskrone,
  daß  der  Tausch  seinem  Hause  nicht  durch  freien  Vertrag,  sondern
durch  den  Befehl  der  vier  Mächte  aufgezwungen  werden  sollte.  Auch  die
literarischen  Mordbrenner  der  Wittelsbacher  rückten  wieder  ins  Feuer.
Eine  grimmige  Flugschrift  „Entweder  —  oder",  von  Aretin  verfaßt  und
durch  den  Prinzen  Karl  massenhaft  verbreitet,  forderte  alle  treuen  Bayern
brüllend  auf,  „jede  Pflugschar  in  ein  Schwert  zu  verwandeln,  die  Zweiherrschaft
  Osterreichs  und  Preußens  zu  bekämpfen.“  Im  Salzburgischen
wurde  durch  die  bayrischen  Beamten  eine  Petition  umhergetragen,  welche
dem  Hofe  „hunderttausende  von  Bajonetten“  freiwilliger  Salzburger  zur
Verfügung  stellte:  „das  Volk  ist  es,  das  durch  keine  Überbildung  entnervt,
  mit  üppiger  Fülle  des  Jugendalters  gerüstet  ist;  und  das  Fürstenhaus
  ist  es,  das  älter  als  alle  anderen!  Sollten  wir  dieses  von  Osterreich
zu  befürchten  haben,  welches  noch  kürzlich,  als  es  sich  den  Absichten  Preußens
  auf  Sachsen  widersetzte,  die  edelsten  und  gerechtesten  Grundsätze  anerkannte?"
  Während  das  Bajuvarentum  dergestalt  den  alten  Groll  gegen
die  norddeutsche  Großmacht  von  neuem  ausschüttete,  sagte  König  Max
Joseph  zu  Küster:  er  hoffe  auf  einen  nahen  Krieg  zwischen  Osterreich
und  Preußen,  dann  werde  Bayern  treu  auf  Preußens  Seite  stehen!)

*)  Küsters  Bericht,  2.  Sept.  Weisungen  Hardenbergs  vom  5.  Okt.  u.  1.  Dez.  1815.
**)  Küsters  Bericht,  25.  Januar  1816.
        <pb n="141" />
        Gebietsverhandlungen  zwischen  Österreich  und  Bayern.  133

Fast  schien  es,  als  sollte  die  Geschichte  des  Deutschen  Bundes  mit
einem  Bürgerkriege  beginnen.  Aber  das  bayrische  Heer  befand  sich  in  einem
kläglichen  Zustande,  und  Metternich  hielt  seine  Forderungen  unerschütterlich
fest.  Er  erklärte  trocken,  die  verheißene  „Kontiguität“  des  bayrischen  Gebiets
  sei  durch  den  Widerspruch  der  süddeutschen  Nachbarstaaten  unmöglich
geworden,  und  gestand  also  mit  gewohnter  Gewissensruhe  ein,  daß  er  zu
Ried  und  Paris  seine  bayrischen  Freunde  durch  unerfüllbare  Versprechungen
betrogen  hatte.  Die  Wittelsbacher  wagten  noch  einen  letzten  Versuch.  Der
König  schrieb  an  Kaiser  Alexander,  der  ihn  „aus  Rücksicht  auf  die  Ruhe
des  Deutschen  Bundes“  dringend  zur  Nachgiebigkeit  ermahnt  hatte,  und
schämte  sich  nicht,  den  Zaren  zu  preisen,  weil  er  das  Elsaß  den  Franzosen
  bewahrt  hatte:  „Den  großmütigen,  beständigen  und  anhaltenden  Bemühungen
  Eurer  Moajestät  verdankt  Europa  vornehmlich  seine  Befreiung;

Ihre  Voraussicht  vor  allem  hat  Frankreich  dem  politischen  Systeme  Europas
  erhalten,  gegen  die  Sophismen  des  Ehrgeizes  und  gegen  das  Geschrei
der  Übertreibung.  Sie  werden  nicht  einem  Bundesgenossen,  der  nur
seine  Erhaltung  verlangt,  den  gleichen  Schutz  versagen  wollen.““!)  Bald
darauf,  im  Februar  1816,  ging  Kronprinz  Ludwig  nach  Mailand,  um  den
Kaiser  Franz  persönlich  zu  gewinnen.  Doch  zur  selben  Zeit  traf  auch  der
Freiherr  v.  Berckheim  im  Auftrage  des  badischen  Hofes  dort  ein,  da  man
in  Karlsruhe  unterdessen  erfahren  hatte,  was  in  Paris  über  die  Zukunft
des  Breisgaus  und  der  Jungpfalz  beschlossen  war;  und  nunmehr  geriet
der  österreichische  Hof  zwischen  zwei  Feuer.  Der  badische  Minister  verwahrte
  sich  feierlich  gegen  jede  Verletzung  der  Rechte  seines  Fürsten;  der
bayrische  Kronprinz  mahnte  den  Kaiser  Franz  in  seiner  aufgeregten  Weise
an  das  gegebene  Wort  und  forderte  stürmisch  das  verheißene  zusammenhängende
  Gebiet;  der  treuherzige  Kaiser  aber  erwiderte  den  Streitenden
achselzuckend:  „ich  bin  ein  Körper  und  eine  Seele  mit  meinen  Alliierten
und  kann  nichts  ohne  sie.“  Auch  Metternich  berief  sich  gelassen  auf  die
Entscheidung  der  großen  Mächte,  und  wenngleich  er  dem  badischen  Staatsmanne
  den  gereizten  Ton  seines  Protestes  scharf  verwies,  so  bemerkte  Berckheim
  doch  bald,  daß  Osterreich  nur  die  Auslieferung  Salzburgs  erzwingen
wollte  und  keineswegs  ernstlich  beabsichtigte,  den  Breisgau  und  die  Jungpfalz
  in  Bayerns  Hände  zu  bringen.)

Unverrichteter  Dinge  kehrte  Kronprinz  Ludwig  heim.  Da  alle  vier
Mächte  dringend  die  endliche  Beilegung  dieser  schmutzigen  Händel  forderten,
bei  denen  die  Zweizüngigkeit  der  Hofburg  eine  kaum  weniger  häßliche  Rolle
spielte,  als  Bayerns  gierige  Anmaßung,  so  wich  der  Münchener  Hof  einen

 

*7)  Kaiser  Alexander  an  Max  Joseph,  24.  Dezember  1815.  Antwort  des  Königs,
6.  Januar  1816.

**)  Berckheims  Bericht  an  das  badische  Ministerium,  Mailand  14.  Febr.  Berckheims
  Protest,  10.  Febr.  Metternichs  Antwort,  22.  Febr.  1816.
        <pb n="142" />
        134  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Schritt  zurück  und  gab  durch  den  Vertrag  vom  14.  April  1816  Salzburg
  nebst  dem  Inrviertel  dahin  gegen  die  linksrheinische  Pfalz  und  einige
noch  herrenlose  Gebiete  im  Odenwalde.  Die  salzburgischen  Bayern  traten
sehr  ungern  unter  das  Szepter  Osterreichs.  Aber  ein  großer  Teil  des
Landes  war  Kammergut,  Wohl  und  Wehe  der  Bevölkerung  hing  gänzlich
von  der  neuen  Landesherrschaft  ab,  die  ihre  Macht  ohne  Härte  gebrauchte;
so  geschah  es,  daß  die  Aufregung  sich  nach  und  nach  legte,  und  die  unnatürliche
  Teennung  von  den  Stammgenossen  dem  Völkchen  bald  selbstverständlich
  erschien.

Da  der  bayrische  Staat  durch  den  Tauschvertrag  einen  Zuwachs  von
85,000  Einwohnern  gewonnen  hatte,  so  lag  ein  Anlaß  zu  berechtigten
Beschwerden  nicht  mehr  vor.  Gleichwohl  vermochte  der  Münchener  Hof
nicht  den  ununterbrochenen  Gebietszusammenhang  zu  verschmerzen;  er
forderte,  daß  ihm  in  den  geheimen  Artikeln  des  Vertrags  noch  weitere  Entschädigungen
  zugestanden  würden.  Metternich  aber  trug  kein  Bedenken,
sich  auf  Kosten  Badens  freigebig  zu  erweisen,  weil  er  voraussah,  welchem
unüberwindlichen  Widerstande  seine  Versprechungen  begegnen  würden.  In
den  geheimen  Artikeln  ward  ausbedungen:  die  badische  Pfalz  solle  nach
dem  Aussterben  der  Zähringer  Hauptlinie  an  Bayern  zurückfallen;  Bayern
solle  ferner,  zum  Ersatz  für  die  verlorene  Kontiguität,  so  bald  als  möglich
den  badischen  Main-Tauberkreis  und,  bis  diese  Abtretung  bewirkt  sei,  von
Seite  Osterreichs  eine  jährliche  Rente  von  100,000  fl.  erhalten.  Also
abermals  ein  Schritt  frivoler  Willkür;  und  Bayern  säumte  nicht,  seine
angeblichen  Ansprüche  mit  jedem  Mittel  zu  verfechten.  Während  sein  Gesandter
  bei  den  Frankfurter  Gebietsverhandlungen  die  Auslieferung  des
Main-Tauberkreises  als  ein  unbestreitbares  Recht  forderte,  warb  Graf
Bray  um  die  Gnade  des  Zaren.  Der  geängstete  badische  Hof  wehrte  sich
mit  den  nämlichen  Waffen.  Minister  Berstett  eilte  hilfesuchend  nach  London;
nach  Petersburg  war  schon  früher  ein  Prinz  der  neuen  Nebenlinie,  Graf
Wilhelm  von  Hochberg  gesendet  worden.  Nachher  verdiente  sich  der  brauchbarste
  Mann  des  badischen  Kabinetts,  der  junge  Freiherr  v.  Blittersdorff
an  der  Newa  seine  diplomatischen  Sporen  und  suchte  mit  Hilfe  der  Kaiserin
Elisabeth  den  bayrischen  Gesandten  aus  der  Gunst  Alexanders  zu  verdrängen.
  So  währte  der  schimpfliche  Wettkampf  der  beiden  deutschen  Höfe
um  den  Schutz  des  Auslandes  viele  Monate  hindurch,  und  Kapodistrias
rief  dem  badischen  Gesandten  verächtlich  zu:  „Ihr  liegt  immer  vor  der
Tür  der  großen  Mächtel"“)  Unterdessen  hatte  die  bayrische  Regierung
ihre  Forderungen  noch  höher  gespannt,  auf  Betrieb  des  Kronprinzen,  der
den  Einzug  in  das  Heidelberger  Pfalzgrafenschloß  gar  nicht  erwarten  konnte;

im  Februar  1817  verlangte  sie  von  den  großen  Mächten  geradezu  die
Übergabe  der  badischen  Pfalz.

.  ——  ———
——  —  —  —

*)  Blittersdorffs  Berichte  aus  Petersburg,  5.  Juni  ff.,  4.  September  1818.
        <pb n="143" />
        Der  Streit  zwischen  Bayern  und  Baden.  135

Diese  neue  Anmaßung  Bayerns  trieb  den  preußischen  Staatskanzler
endlich  aus  seiner  Zurückhaltung  heraus.  Hardenberg  war  bisher  sehr  behutsam
  verfahren,  da  er  Osterreich  nicht  verletzen  wollte  und  sich  selbst
durch  die  Vereinbarungen  von  Ried  und  Paris  etwas  gebunden  fühlte.
Ein  solcher  Anspruch  rechtswidriger  Ländergier  aber  schien  ihm  „dem  Zwecke
des  Deutschen  Bundes  geradeswegs  zuwiderzulaufen“;  niemals  wollte  er
zugeben,  daß  Bayern  die  süddeutschen  Kleinstaaten  von  dem  Norden  abtrenne.
  Er  änderte  daher  sofort  den  Ton,  ließ  in  Wien  und  München
entschieden  erklären,  Preußen  werde  schlechterdings  keine  Gewaltmaßregeln
gegen  Baden  dulden,  und  blieb  fortan  ein  treuer  Beschützer  des  Karlsruher
  Hofes.  Der  König  von  Württemberg  erkannte  die  veränderte  Haltung
  des  Berliner  Kabinetts  dankbar  an,  und  auch  die  Hofburg  war  insgeheim
  über  Preußens  Auftreten  erfreut,  denn  Metternich  verkannte  nicht,  daß
die  Ubermacht  Bayerns  im  deutschen  Süden  dem  österreichischen  Interesse
zuwiderlief;  er  konnte  nur  von  seinen  eigenen  unredlichen  Versprechungen
sich  nicht  förmlich  lossagen.)  Indes  die  letzte  Entscheidung  aller  Gebietsfragen
  lag  bei  der  Gesamtheit  der  vier  Mächte,  und  da  Kaiser  Alexander
noch  keinen  klaren  Entschluß  gefaßt  hatte,  ja  eine  Zeitlang  sich  sogar  den
bayrischen  Ansprüchen  günstig  zeigte,  so  blieben  die  widerwärtigen  Händel
noch  immer  in  der  Schwebez  sie  verbitterten  sich  von  Monat  zu  Monat
und  wirkten  auf  das  nachbarliche  Verhältnis  der  süddeutschen  Staaten  wie
auf  den  Gang  ihres  Verfassungslebens  tief  und  nachhaltig  ein.  Die  beiden
deutschen  Großmächte  aber  hatten  schon  im  September  1816  eingesehen,
daß  der  Bundestag  nun  doch  eröffnet  werden  mußte  bevor  die  Gebietsstreitigkeiten
  ihren  Austrag  gefunden  hatten.  —

Zum  allgemeinen  Erstaunen  der  diplomatischen  Welt  ließ  der  Wiener
Hof  dem  Freiherrn  vom  Stein  zweimal  die  Stelle  des  österreichischen  Bundesgesandten
  antragen.  Wie  niedrig  mußte  Metternich  noch  von  der  Bedeutung
  des  Bundestags  denken,  wenn  er  dem  Manne,  den  er  als  das
Haupt  der  deutschen  Jakobiner  verabscheute  und  zudem  wegen  seiner  überspannten
  Ideen  verachtete,  die  Leitung  dieser  Versammlung  anbieten  konntel
Stein  lehnte  ab,  schwerlich  zur  Überraschung  der  Hofburg;  er  wußte,  daß
er  als  Metternichs  Untergebener  eine  seiner  würdige  Wirksamkeit  nicht
finden  würde.  Dann  fiel  die  Wahl  des  Wiener  Kabinetts  auf  den  greisen
Minister  Albini,  den  letzten  kurmainzischen  Direktorialgesandten  am  alten
Reichstage.  Das  Regensburger  Treiben  sollte  in  Frankfurt  gemächlich  fortgesetzt
  werden;  der  das  alte  Reich  zum  Grabe  geleitet  hatte,  war  der  rechte
Mann  um  den  neuen  Bund  aus  der  Taufe  zu  heben.  Aber  der  altersschwache
  Herr  starb  schon  im  Januar  1816  noch  bevor  er  sein  Amt  angetreten
  hatte;  und  nunmehr  wurde  der  österreichische  Gesandte  in  Kassel,

 

*)  Krusemarks  Bericht  vom  5.  März.  Küsters  Bericht  vom  14.  März.  Hardenbergs
  Weisungen  vom  28.  Febr.,  4.  März,  12.  April  1817.
        <pb n="144" />
        136  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Graf  Buol  auf  die  erledigte  Stelle  berufen,  ein  mittelmäßiger  Kopf  ohne
Urteil  und  Haltung,  doch  immerhin  schlau  genug  um  in  aller  Gemüt—
lichkeit  ein  kleines  Ränkespiel  anzuspinnen  oder  die  untertänigen  Diplo—
maten  der  Kleinstaaten  durch  überströmende  Schmeichelei  und  gelegentliche
Lügen  zu  gewinnen.

Auch  Hardenberg  dachte  für  den  preußischen  Gesandtschaftsposten  zu—
nächst  an  Stein.  An  dieser  Stelle  schien  der  gefürchtete  Nebenbuhler  unge—
fährlich;  sein  großer  Name  sollte  der  Nation  für  die  deutsche  Gesinnung
der  preußischen  Regierung  bürgen.  Der  Freiherr  zeigte  sich  anfangs  be—
reitwillig,  aber  nach  dem  zweiten  Pariser  Frieden  lehnte  er  verstimmt  den
Antrag  ab:  sein  altes  Mißtrauen  gegen  den  Staatskanzler  hatte  sich  in
den  letzten  Monaten  bis  zu  ungerechter  Verachtung  gesteigert,  und  von  dem
Bundestage  erwartete  er  jetzt  kein  Heil  mehr.  Nach  längerem  Schwanken
wendete  sich  Hardenberg  endlich  an  den  Gesandten  in  Kassel,  von  Hänlein,
einen  älteren  Diplomaten  aus  der  fränkischen  Beamtenschule,  der  sich  wie
Albini  seine  Kenntnis  der  deutschen  Dinge  am  Regensburger  Reichstage
erworben  hatte.  Die  unglückliche  Wahl  rächte  sich  schnell.  Der  neue  Ge—
sandte  bereitete  seinem  Staate  noch  vor  der  Eröffnung  des  Bundestags
eine  empfindliche  Niederlage,  welche  die  ohnehin  schwierige  Stellung  Preu—
ßens  am  Bunde  auf  lange  hinaus  verdarb  —  ein  würdiges  Vorspiel  und
Vorbild  für  den  gesamten  Verlauf  der  Bundesgeschichte.

Am  23.  Januar  1816  erklärte  sich  Hänlein  bereit  die  Stelle  anzunehmen.
  Obgleich  er  an  den  Bestand  und  die  segensreiche  Wirksamkeit
des  Bundestags  noch  keineswegs  glauben  wollte,  so  verließ  er  sich  doch
auf  seine  reichen  Regensburger  Erfahrungen,  sowie  auf  die  Freundschaft
des  Grafen  Buol,  seines  allezeit  verbindlichen  und  vertrauensvollen  Kasseler
  Amtsgenossen,  und  übersandte  dem  Staatskanzler  sogleich  eine  Denkschrift:
  „Was  ist  von  dem  Deutschen  Bundestage  zu  Frankfurt  zu  erwarten?“"
Dem  Kenner  der  alten  Reichsverfassung  entging  nicht,  daß  Osterreich,
das  doch  „nur  ein  halbes  Interesse  an  Deutschland  nehmen  könne“,  eine
für  Preußen  ganz  unerträgliche  Führerstellung  gewonnen  hatte:  die  neue
Präsidialmacht  mußte,  da  sie  die  Geschäfte  allein  leitete,  am  Bundestage
bald  ungleich  mächtiger  werden  als  vordem  der  Kaiser  auf  dem  Reichstage.
  Er  hob  sodann  hervor,  wie  durch  die  Bedingung  der  Einstimmigkeit
bei  allen  organischen  Einrichtungen  jede  friedliche  Fortbildung  des  Bundes
verhindert  werde,  „als  ob  man  dessen  Leben  und  tätiges  Wirken  in  der
Geburt  ersticken  wollte."“  Angesichts  solcher  Zustände  könne  das  verzweifelnde
  norddeutsche  Volk  leicht  zu  dem  Entschlusse  gelangen,  dem  preußischen
  Staate  durch  eine  Revolution  die  Oberherrschaft  in  Deutschland
zu  erringen.  Um  diese  Gefahr  abzuwenden,  bleibe  nur  noch  ein  Mittel:
die  Teilung  der  Herrschaft  zwischen  den  beiden  Großmächten.  Osterreich
nimmt  die  Kaiserwürde  wieder  an,  Preußen  erhält  den  Titel  des  deutschen
Königs;  dann  übernehmen  beide  Staaten  fest  verbunden  und  völlig  gleich-
        <pb n="145" />
        Hänleins  dualistischer  Plan.  137

berechtigt,  mit  der  Macht  und  dem  Ansehen  eines  wirklichen  „Oberhauptes“
die  gemeinsame  Leitung  des  Bundes.“)

Als  Hänlein  im  März  auf  kurze  Zeit  nach  Frankfurt  kam,  ward  er
von  Buol  mit  offenen  Armen  aufgenommen  und  legte  seine  Denkschrift
sofort  dem  treuen  Freunde,  nachher  auch  dem  älteren  Wessenberg  vor,  der
als  Mitglied  der  Territorialkommission  in  Frankfurt  weilte.  Buol  erklärte
  mündlich  mit  gewohnter  Überschwänglichkeit  sein  herzliches  Einverständnis;
  Wessenberg  dankte  in  einem  verbindlichen  Billet  für  das  vortreffliche
  Memoire  und  schloß:  „Kommen  Ew.  Ex.  bald  mit  Instruktionen
zurück,  die  Ihren  Ansichten  entsprechen,  und  es  wird  schon  viel  gewonnen
sein!“  Solcher  Erfolge  froh  eilte  Hänlein  jetzt  nach  Berlin,  entwickelte
seinen  großen  Plan  nochmals  in  einer  ausführlicheren  Denkschrift,“)  beteuerte
  heilig,  der  Zustimmung  des  Wiener  Hofes  gewiß  zu  sein.  Hardenberg
  aber  nahm  die  unwahrscheinliche  Versicherung  für  bare  Münze;  den
österreichischen  Freunden  gegenüber  blieb  der  Vielerfahrene  immer  kindlich
arglos,  er  wollte  nicht  glauben,  daß  Metternichs  so  oft  wiederholte  vertrauliche
  Außerungen  über  die  Notwendigkeit  der  deutschen  Zweiherrschaft
nur  leere  Worte  waren.  Er  ließ  also  durch  Hänlein  einen  förmlichen
Staatsvertrag  ausarbeiten,  der  zwischen  den  beiden  Großmächten  sofort
vereinbart  und  dann  den  vertrauten  kleinen  Höfen  als  vollendete  Tatsache
  vorgelegt  werden  sollte.  Da  der  Staatskanzler,  seiner  alten  Ansicht
getreu,  die  Bestimmungen  über  den  deutschen  Kaiser=  und  Königstitel  strich,
so  beschränkte  sich  der  Entwurf  auf  zwei  Hauptforderungen:  Gleichstellung
der  beiden  Großmächte  am  Bundestage,  dergestalt,  daß  Osterreich  den
Vorsitz  übernimmt,  Preußen  aber,  wie  vormals  Kurmainz,  das  Protokoll
führt  und  die  Beschlüsse  ausfertigt;  sodann  Unterordnung  der  ganz  kleinen
norddeutschen  Kontingente  unter  Preußens,  der  süddeutschen  unter  Osterreichs
  Oberbefehl.  Den  letzteren  Vorschlag  führte  eine  Denkschrift  des
Kriegsministers  Boyen  näher  aus.  Sie  vermied  sorgsam  jede  Kränkung
des  Selbstgefühls  der  Mittelstaaten  und  verlangte  nur  was  schlechthin
unerläßlich  war  um  das  deutsche  Bundesheer  vor  der  baren  Anarchie  zu
bewahren:  Mecklenburg,  Kurhessen,  Anhalt,  Nassau  und  ein  Teil  der
thüringischen  Staaten  sollten  sich  an  Preußen  anschließen,  Baden,  Darmstadt,
  Liechtenstein  an  das  österreichische  Heer;  die  übrigen  winzigen  Kontingente
  wurden  teils  den  vier  kleinen  Königreichen,  teils  einem  besonderen
  niederdeutschen  Korps  zugewiesen.*)  Mit  diesen  Aufträgen  kehrte
Hänlein  gegen  Ende  Juni  nach  Frankfurt  zurück;  so  lange  währte  es  bis
Hardenberg  inmitten  der  massenhaften  Verwaltungsgeschäfte  dieser  Übergangszeit
  einen  freien  Augenblick  für  die  Bundesangelegenheiten  fand.

 

*)  Hänleins  Bericht  und  Denkschrift  an  den  Staatskanzler,  23.  Januar  1816.
*“)  Wessenberg  an  Hänlein,  11.  März.  Hänleins  Bericht  und  Denkschrift  an  Hardenberg,
  24.  März  1816.
*““)  Boyen,  Gedanken  über  die  Militär-Verfassung  von  Deutschland.
        <pb n="146" />
        138  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Mittlerweile  hatte  Graf  Buol  die  Abwesenheit  seines  preußischen
Amtsgenossen  geschickt  benutzt  und  den  Samen  der  k.  k.  Bundesgesinnung
auf  dem  dankbaren  Frankfurter  Boden  reichlich  ausgestreut.  Die  kleinen
Gesandten  berichteten  mit  Entzücken,  wie  herablassend  der  Osterreicher  auftrat:
  nicht  einmal  ein  primus  inter  pares  wollte  er  heißen,  nur  ein  ser-Vvus
  servorum!  Noch  erfreulicher  war  die  beglückende  Gewißheit,  daß
Osterreich  an  eine  Umgestaltung  und  Erweiterung  des  übereilten  Verfassungswerkes
  nicht  im  entferntesten  dachte.  Die  Bundesakte  ist  wie  die
Bibel,  meinte  Buol,  man  darf  sie  nur  auslegen,  nie  verändern.  Der
badische  Gesandte  Berstett,  ein  behäbiger  Herr,  der  sich  aus  dem  Frankfurter
Frondienste  oftmals  nach  Paris  und  dem  üppigen  Tische  der  Frères  Provencaux
  zurücksehnte,  schrieb  befriedigt  nach  Hause:  Niemand  wagt  mehr
an  dies  Meisterwerk  zu  rühren;  die  Bundesakte  wird  als  ein  Heiligtum
betrachtet,  namentlich  von  den  kleineren  Staaten.)  Mehrere  der  Mittelstaaten
  zeigten  sich  von  Haus  aus  entschlossen,  dem  Bundestage  niemals
eine  ernsthafte  Wirksamkeit  zu  gestatten.  Der  König  von  Württemberg  erklärte
  jetzt  nachträglich  seinen  Beitritt  zum  Bunde  mit  der  ausdrücklichen
Bemerkung,  die  letzte  Hälfte  der  Bundesakte  scheine  für  den  Zweck  des
Bundes  nicht  erforderlich.  Ahnliche  Gesinnungen  hegte  der  hessische  Kurfürst;
  ihn  vertrat  in  Frankfurt  sein  Günstling  Buderus  von  Carlshausen,
ein  anrüchiger  Geizhals,  der  sich  das  Vertrauen  seines  Herrn  durch  kunstvolle
  Ausnutzung  der  Heller-Brüche  in  den  Rechnungen  der  kurfürstlichen
Kriegskasse  erworben  hatte.  Auch  von  den  meisten  anderen  Gesandten  konnte
Berstett  mit  Genugtuung  melden,  sie  seien  allesamt  darin  einig,  nicht
einmal  den  Schein  eines  gefährlichen  Einflusses  zu  dulden;  wenn  Osterreich
  und  Preußen  mit  Plänen  für  das  Bundesheerwesen  hervorträten,
so  solle  man  nur  sogleich  irgend  ein  Gegenprojekt  aufstellen,  denn  „dessen
Unausführbarkeit  muß  erst  bewiesen  werden,  bevor  man  es  verwerfen
kann.“““)  Niemand  aber  verstand  die  Gedanken  des  verstockten  Partikularismus
  so  urkräftig  auszusprechen  wie  der  nassauische  Gesandte  Freiherr
von  Marschall;  der  schaltete  daheim  als  allmächtiger  Minister  mit  rheinbündischer
  Beamtenwillkür  und  kam  gelegentlich  auf  seinen  Frankfurter
Posten  herüber  um  die  schwachen  Gemüter  durch  sein  despotisches  Gebaren
  und  plumpes  Schelten  wider  die  deutschtümelnden  Demagogen
aufzurichten.

Die  Hintergedanken  dieser  Höfe  verrieten  sich  sogleich,  als  man  erfuhr,
  daß  England  und  Rußland  beabsichtigten,  ihre  bei  der  Territorialkommission
  beschäftigten  Diplomaten  als  Gesandte  beim  Bundestage  zu
beglaubigen.  Alle  Welt  wußte,  daß  dieser  Bund  ohne  Haupt  keine  auswärtige
  Politik  treiben,  höchstens  in  Notfällen  einmal  einen  Gesandten  in

—.  —

*)  Berstetts  Berichte,  16.,  18.  Dezember  1815.
*)  Berstetts  Bericht,  12.  November  1816.
        <pb n="147" />
        Die  Partikularisten  am  Bundestage.  139

das  Ausland  senden  konnte;  sollte  er  gleichwohl  die  regelmäßige  Anwesenheit
  fremder  Diplomaten  ertragen?  Unterdessen  war  bereits  Graf  Rein—
hard  als  französischer  Gesandter  bei  dem  noch  uneröffneten  Bundestage
eingetroffen.  Der  geistreiche  Deutsch-Franzose  zählte  zu  jenen  seltsamen,
aus  Idealismus  und  halb  unbewußter  Verlogenheit  gemischten  Charakteren,
wie  sie  das  heimatlose  Leben  der  alten  deutschen  Kleinstaaterei  so  häufig
erzog.  Im  Grunde  des  Herzens  blieb  er  immer  der  gelehrte  schwäbische
Theolog  und  folgte  mit  freudigem  Verständnis  den  kühnen  Flügen  des
deutschen  Genius;  er  glaubte  wirklich  als  ein  guter  Deutscher  zu  handeln,
da  er  einst  im  Dienste  Napoleons  die  Rheinbundsstaaten  überwachte,  und
trug  jetzt  wieder  kein  Bedenken,  im  Namen  des  Allerchristlichsten  Königs
gegen  das  siegreiche  Deutschland  eine  Sprache  zu  führen,  die  an  die  Zeiten
Ludwigs  XIV.  erinnerte.  In  einer  an  die  Bundestagsgesandten  ver—
teilten  Denkschrift  fragte  er  höhnisch:  ob  der  Deutsche  Bund  etwa  auf
alle  auswärtigen  Beziehungen  verzichten  wolle,  wie  einst  die  Türkei  oder
der  Konvent  unter  Robespierre?  Welch  ein  unbilliges  Vorrecht  für  die
fremden  Mächte  OÖsterreich,  Preußen,  England,  Niederland,  Dänemark,
wenn  sie  am  Bundestage  vertreten  sein  sollten  und  die  übrigen  Mächte
nicht!  Ein  Deutscher  Bund  ohne  regelmäßigen  Verkehr  mit  dem  Auslande
  wäre  nichts  anders  als  ein  neuer  Rheinbund,  da  dann  Deutschlands
auswärtige  Politik  allein  in  Wien  und  Berlin  entschieden  werden  müßte.
„Die  Anwesenheit  der  fremden  Gesandten  in  Frankfurt  wird  dazu  beitragen,
  daß  der  Bund  in  dem  wahren  Geiste  der  Bundesakte  gehandhabt
wird.“  Zuletzt  forderte  Reinhard  seine  Zulassung  kurzweg  als  ein  Recht;
denn  sollte  man  in  Frankfurt  dereinst  beschließen,  die  Bundesakte  „durch
eine  bessere  Ordnung  der  Dinge  zu  ersetzen",  so  wären  alle  europäischen
Mächte  befugt  bei  dieser  Anderung  der  Wiener  Verträge  mitzuwirken!

Der  Franzose  wußte  wohl,  was  er  sich  gegen  die  kleinen  deutschen
Fürsten  erlauben  durfte;  sie  alle  fanden  die  Forderung  des  Tuilerienhofes
selbstverständlich.  Der  badische  Minister  v.  Hacke  schrieb  sofort  an  Berstett:
die  Gesandten  von  Frankreich,  Rußland  und  England  müssen  durchaus
in  Frankfurt  bleiben,  „da  diese  Mächte  immer  ein  Schutz  und  eine  Stütze
für  die  deutschen  Souveräne  gegen  Osterreich  und  Preußen  sind“.')  Was
der  badische  Hof  in  einer  geheimen  Instruktion  verbarg,  das  sprach  Aretin
in  seiner  Alemannia  offen  aus.  Auch  der  Gießener  Statistiker  Crome,
ein  alter  Bonapartist,  der  jetzt  den  Mantel  des  deutschen  Patrioten  umhing,
  erwies  in  seiner  Schrift  „Deutschlands  und  Europas  Staats=  und
Nationalinteresse“:  die  Einheit  Europas  und  Deutschlands  erscheine  dann
erst  gesichert,  wenn  jede  europäische  Macht  von  Rechtswegen  bei  dem  Deutschen
  Bundestage  mitreden  könne!

 

)  Reinhard,  mémoire  sur  les  légations  à  Francfort.  Hacke,  Weisung  an  Berstett,
  C.  März  1816.
        <pb n="148" />
        140  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Nur  der  Berliner  Hof  trat  den  Ansprüchen  des  Auslandes  entschieden
entgegen  und  stellte  jetzt  schon  eine,  leider  keineswegs  unanfechtbare,  Rechtsansicht
  auf,  welcher  Preußen  seitdem  immer  treu  geblieben  ist:  die  Behauptung
  nämlich,  daß  die  europäischen  Mächte,  als  sie  die  ersten  Artikel
der  Bundesakte  in  die  Wiener  Schlußakte  aufnahmen,  zwar  den  Bestand
des  Deutschen  Bundes  anerkannt,  doch  mit  nichten  eine  Bürgschaft  für
seine  Verfassung  übernommen  hätten.  Schon  im  Februar  erinnerte  eine
preußische  Denkschrift  an  die  trostlosen  letzten  Regensburger  Erfahrungen:
der  Deutsche  Bund  sei  nun  einmal  nur  ein  Staatenbund  ohne  wirkliche
Zentralgewalt;  „das  Leben  dieses  Bundes  als  solchen  muß  gegen  das  Ausland
  in  dem  Begriff  von  Ruhe  liegen.“  Dem  Wiener  Hofe  stellte  Hardenberg
  dringend  vor:  stehende  auswärtige  Gesandtschaften  könnten  bei  einer
solchen  Bundesversammlung  nur  gefährliche  Einmischungsversuche  hervorrufen.)
  Aber  Zar  Alexander  stand  auf  Frankreichs  Seite  und  ließ,  um
die  Besorgnisse  des  preußischen  Hofes  zu  beschwichtigen,  die  ostensible  Weisung,
  welche  dem  Gesandten  Anstett  nach  Frankfurt  geschickt  wurde,  in
Berlin  vorlegen.  Sie  lautete  kindlich  unschuldig:  „Als  Minister  des  Kaisers
haben  Sie  keine  Meinung  über  die  inneren  Angelegenheiten  des  Deutschen
  Bundes.  Es  ist  nützlich,  es  ist  notwendig,  daß  Sie  auch  persönlich
keine  Meinung  darüber  haben.  Der  Kaiser  wünscht  es.“““)  Damit  war
die  vollkommene  Harmlosigkeit  der  auswärtigen  Gesandtschaften  für  die
Patrioten  des  Bundestags  erwiesen.  Es  ließ  sich  schon  jetzt  vorhersehen,
daß  Preußens  Widerspruch  erfolglos  bleiben  und  der  Bundestag  auch  in
der  auswärtigen  Politik  der  würdige  Erbe  des  Regensburger  Reichstages
werden  sollte:  selber  unvertreten  im  Auslande  und  dem  geheimen  Ränkespiele
  der  fremden  Mächte  wehrlos  ausgesetzt.

Neben  jenen  Vertretern  des  ungeschminkten  Partikularismus  hatte  sich
auch  eine  lange  Reihe  wohlmeinender,  patriotischer  Staatsmänner  aus  den
kleinen  Staaten  eingefunden:  so  die  Hanseaten  Smidt  und  Hach,  der
Mecklenburger  Plessen,  der  schon  von  Wien  her  als  ein  sachkundiger  und
redlicher  Geschäftsmann  bekannt  war,  der  Holsteiner  Eyben  und,  nicht  zuletzt,
  der  unvermeidliche  Gagern.  Wie  glücklich  fühlte  sich  der  Rastlose
in  diesen  ersten  Monaten,  da  noch  keine  Geschäfte  vorlagen  und  jeder
noch  nach  Belieben  dem  ungebornen  Bundestage  den  Weg  zur  Hölle  mit
guten  Vorsätzen  pflastern  konnte!  Mit  gewohnter  Selbstgefälligkeit  legte  er,
ungeschreckt  durch  die  kühlen  Erwiderungen,  den  Wiener  und  den  Berliner
  Staatsmännern  die  endlose  Liste  seiner  Wünsche  vor.  „Pest,  Sklaverei,
  Judentum,  Fanatismus,  Handelssperre,  Kolonisation,  Literatur,
Künste  und  Handwerke,  Lob  unserer  großen  Männer“  —  alle  diese  und

*)  Hardenberg,  Denkschrift  über  die  fremden  Gesandtschaften,  Februar  1816.  Weisung
  an  Krusemark,  11.  Mai  1816.
**)  Ministerialschreiben  an  Anstett,  Petersburg  9.  August  1816.
        <pb n="149" />
        Die  ehrlichen  Föderalisten.  141

unzählige  andere  Angelegenheiten  sollten  den  Bundestag  beschäftigen,  auf
dessen  Tische  der  entzückte  Luxemburger  schon  Krone  und  Szepter  liegen
sah.“)  Aber  auch  die  Ruhigen  in  diesem  kleinstaatlichen  Kreise  erfüllte
ein  unermeßlicher  Dünkel.  Der  alte  Wahn  der  deutschen  Libertät  schmückte
sich  mit  neuen  Federn.  Durch  die  schrankenlose  Souveränität  waren  Lippe,
Lübeck  und  Preußen  einander  völlig  gleichgestellt;  kein  Zweifel  also,  daß
dies  Nebeneinander  von  neununddreißig  vollkommen  gleichen  und  vollkommen
selbständigen  Staaten  ganz  von  selbst,  allein  durch  die  Wunderkraft  der
Einigkeit,  eine  großartige  politische  Wirksamkeit  entfalten  mußte,  wenn  man
nur  jedem  einzelnen  Bundesgliede  sorgsam  verbot  einen  gefährlichen  über—
mächtigen  Einfluß  auszuüben!

Selbst  der  nüchterne  Republikaner  Smidt,  der  in  allen  Angelegen—
heiten  seines  geliebten  Bremens  stets  den  sicheren  und  weiten  Blick  des
echten  Staatsmannes  bewährte,  selbst  dieser  bedeutendste  Kopf  der  Frank—
furter  Versammlung  lebte  sich  bald  ein  in  die  Traumwelt  des  Föderalismus
und  setzte  den  redlichen  patriotischen  Eifer,  der  ihn  selber  beseelte,  arglos
auch  bei  seinen  Genossen  voraus.  Wie  herrlich,  daß  nunmehr  ganz  Deutsch—
land  eine  große  Staatenrepublik  bildete  und  die  Souveränität  von  den
Einzelnen  ausging!  Nur  sollten  diese  souveränen  Einzelnen  auch  nach  re—
publikanischer  Art  durchaus  als  Gleiche  behandelt  werden;  denn  warum
konnte  nicht  auch  in  Deutschland  „das  Heil  so  gut  von  Nazareth  wie  von
Jerusalem  kommen“?  Die  souveränen  Hansestädte  mußten  endlich  „aus
der  Roture  heraus“,  sie  durften  sich  nicht  mehr  mit  so  bescheidenen  Um—
gangsformen  begnügen,  wie  einst  da  sie  noch  den  kaiserlichen  Adler  auf
ihren  Münzen  führten;  das  ging  doch  nimmermehr  an,  daß  der  olden—
burgische  Nachbar  einen  Hohen  Bremer  Senat  auch  fürderhin  in  Reskrip—
tenstile  mit  seinem  unehrerbietigen  „Wir  Peter“  anredete!  Der  Hoffnungsvolle
  sah  in  diesem  Bunde  der  Gleichen  das  Mittel  die  deutschen  Großmächte
  zur  Gerechtigkeit  zu  erziehen  und  behauptete:  „große  Staaten  bringen
Kraft  und  Stärke  in  den  Bund,  die  kleineren  Liebe  zur  Gerechtigkeit  und
Konstitutionsfähigkeit.“  Doch  hütete  er  sich  wohl,  näher  anzugeben,  warum
Mecklenburg  konstitutionsfähiger  war  als  Preußen?  und  welche  Art  von
Gerechtigkeit  der  König  von  Preußen  bei  dem  hessischen  Kurfürsten,  dem
hannoverschen  Prinzregenten  oder  dem  württembergischen  Könige  lernen
sollte?

Ihren  literarischen  Widerhall  fanden  die  Meinungen  dieser  wohlgesinnten
  Föderalisten  in  der  Schrift  von  Heeren  „Der  Deutsche  Bund  in
seinem  Verhältnis  zu  dem  europäischen  Staatensysteme.“  Der  Göttinger
Historiker,  ein  achtungswerter  Vertreter  der  alten,  dem  Leben  entfremdeten
  Stubengelehrsamkeit,  hatte  sich  kürzlich  eine  Weile  in  Frankfurt  aufgehalten,
  mit  Smidt  und  den  anderen  Bundesgesandten  viel  verkehrt  und

 

*)  Gagern  an  Metternich  und  Hardenberg,  3.  Mai.  Hardenbergs  Antwort,  18.  Juni  1816.
        <pb n="150" />
        142  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

entwarf  nun  ein  bezauberndes  Bild  von  der  großen  Zukunft  des  Deutschen
Bundes,  das  freilich  in  der  verstimmten  Nation  nur  noch  wenige  Gläu—
bige  fand.  Soeben  erst  war  ein  Menschenalter  voll  Blut  und  Greueln
über  die  Welt  dahingegangen,  weil  Deutschland  in  seiner  Zersplitterung
sich  nicht  verteidigen  konnte.  Und  angesichts  solcher  Erfahrungen  erklärte
Heeren  wieder,  fast  mit  den  nämlichen  Worten  wie  einst  Johannes  Müller
zur  Zeit  des  Fürstenbundes:  die  Freiheit  Europas  beruht  auf  der  lockeren
Ordnung  Deutschlands,  denn  welche  fremde  Macht  könnte  sich  ihres  Be—
sitzes  ruhig  freuen,  wenn  Deutschland  zu  einer  großen  Monarchie  ver—
einigt  wäre?  Auch  die  Buntheit  unserer  inneren  Zustände  fand  er  sehr
heilsam;  wenn  der  Deutsche  auch  „Proben“  einer  anderen  Staatsordnung
stets  vor  Augen  habe,  so  bleibe  er  vor  einseitiger  Beschränktheit  bewahrt.
Diese  reichhaltige,  für  die  Professoren  des  Staatsrechts  allerdings  unschätzbare,
  politische  Naturaliensammlung  mußte  aber  —  dies  schien  dem  Göttinger
  gar  keines  Beweises  zu  bedürfen  —  von  allen  großen  Mächten  als
die  gebietende  Zentralmacht  des  Weltteils,  als  „der  Friedensstaat  von
Europa“  anerkannt  werden;  noch  eine  kurze  Frist,  und  Frankfurt  ward,
wie  einst  der  Haag,  „der  Mittelpunkt  des  Staatensystems“",  der  Bundestag
  erweiterte  sich  zu  einem  europäischen  Senatel

In  der  Tat  hatte  sich  schon  jetzt  an  den  großen  Höfen  eine  bestimmte
  Meinung  über  die  Frankfurter  Versammlung  ausgebildet;  nur
lautete  sie  minder  schmeichelhaft  als  Heeren  wähnte.  Der  Bundestag  galt
bereits,  wie  seitdem  immer  bis  zu  seiner  Auflösung,  als  die  große  Börse  für
den  subalternen  diplomatischen  Klatsch  Europas.  Seit  vielen  Monaten  trieb
sich  dieser  Schwarm  von  kleinen  Diplomaten  beschäftigungslos  in  Frankfurt
umher.  Was  blieb  den  Armen  zu  tun  als  kleine  Kabalen  zu  schmieden,
Geschichten  herumzutragen  und  die  Bevollmächtigten  des  Vierbundes,  die
in  der  großen  Territorialkommission  beschäftigt  waren,  Wessenberg,  Humboldt,
  Clancarty  und  Anstett,  wetteifernd  auszuhorchen?  Wer  in  diesem  geschäftigen
  Müßiggange  obenauf  bleiben  wollte,  mußte  sich  durch  pikante
Neuigkeiten  oder  durch  ausgesuchte  Tafelgenüsse  unentbehrlich  machen;  wie
oft  hat  der  Bremer  Senat  dem  getreuen  Smidt  eine  Spende  aus  seinem
weltberühmten  Ratskeller  gesendet,  damit  Graf  Buol  die  Schildkröten,
die  Neunaugen  und  die  anderen  Herrlichkeiten  des  hanseatischen  Tisches
um  so  schmackhafter  fände.  Von  den  Geheimnissen  der  großen  Höfe  erfuhren
  die  Kleinen  freilich  so  wenig,  daß  ihnen  selbst  der  wirkliche  Sachverhalt
  der  unglücklichen  Unternehmung  Hänleins  immer  verborgen  blieb.

Um  so  üppiger  blühte  die  Mythenbildung,  und  sie  richtete  unausbleiblich
  ihre  Spitze  gegen  den  Staat,  der  mit  seinem  Volksheere  und  seinem
leuchtenden  kriegerischen  Ruhme  Allen  als  der  geborene  Todfeind  der  neu
hergestellten  Regensburger  Herrlichkeit  erschien.  Zudem  verstand  Humboldt
unter  allen  den  Gesandten  der  vier  Mächte  am  wenigsten,  die  Eitelkeit
der  kleinen  Diplomaten  zu  schonen;  nur  zu  oft  ließ  er  sie  seine  Über-
        <pb n="151" />
        Hänleins  Sturz.  143

legenheit  durch  schneidende  Sarkasmen  und  abweisende  Kälte  empfinden.
Die  meisten  standen  vor  ihm  mit  ähnlichen  Gefühlen  wie  der  Hund  vor
einem  Glase  Wein.  Man  wußte,  daß  Humboldt  das  Ministerium  des
Auswärtigen  zu  übernehmen  hoffte,  aber  bei  Hardenbergs  unversöhnlichem
Mißtrauen  seinen  Wunsch  nicht  durchsetzen  konnte.  Natürlich,  daß  die  rein
persönliche  Gegnerschaft  der  beiden  Staatsmänner  sofort  als  politische  Feindschaft
  gedeutet  und  Humboldt  als  der  geheime  Führer  der  preußischen  Umsturzpartei
  verrufen  wurde.  Keine  radikale  Tollheit,  die  man  ihm  nicht
zutraute.  Die  Diplomaten  in  Wessenbergs  Hause  wußten  ganz  sicher,
daß  Preußen  einen  Krieg  auf  Leben  und  Tod  gegen  die  Mittelstaaten
vorbereitete;  schon  habe  Humboldt  einen  Verfassungsplan  „von  beispielloser
  Liberalität“  ausgearbeitet;  sobald  Blücher  nach  Berlin  zurückkomme,
wolle  „diese  exaltierte  Armee“  dem  Könige  eine  Bittschrift  überreichen  und
fordern,  daß  das  Heer,  wie  einst  Cromwells  Dragoner,  durch  Armeedeputierte
  in  dem  preußischen  Reichstage  vertreten  werde.)  Mit  Begierde
verschlangen  die  Bundesgesandten  einen  Brief,  welchen  der  liberale  württembergische
  Minister  Wangenheim  zur  Empfehlung  seines  Verfassungsentwurfs
  an  seinen  König  gerichtet  und  sofort  veröffentlicht  hatte.  Darin  ward
Preußen  als  ein  durch  Geheimbünde  völlig  zerrütteter  Staat  geschildert  und
dann  dem  Stuttgarter  Despoten  die  Lockung  vorgehalten:  wenn  in  Preußen
eine  Revolution  ausbräche  und  zugleich  im  Süden  ein  deutscher  Staat  mit
einer  freien  Verfassung  bestände,  so  wäre  ein  Umschwung  der  Dinge  möglich,
  wie  ihn  die  kühnste  Phantasie  kaum  ersinnen  könntel!

So  war  die  Stimmung  am  Bundestage,  als  Hänlein  mit  seinen
vertraulichen  Aufträgen  zurückkehrte.  Graf  Buol  besaß  ein  unfehlbares
Mittel  um  die  preußischen  Vorschläge  sofort  zu  beseitigen;  er  brauchte  sie
nur  den  kleinen  Genossen  mitzuteilen  und  er  stand  nicht  an  diese  Waffe
zu  gebrauchen.  Der  zärtliche  Freund,  der  im  Winter  der  ersten  Anfrage
so  freundlich  entgegengekommen  war,  nahm  jetzt,  wie  Hänlein  klagte,  die
neue  Eröffnung  sehr  tragisch  auf  (30.  Juni)g;  er  hielt  sich  verpflichtet  sogleich
  mit  den  andern  Gesandten  Rücksprache  zu  nehmen  und  zwang  dadurch
  den  Preußen,  auch  seinerseits  das  Geheimnis  zu  brechen.  Der  Erfolg
  war  augenblicklich  und  vollkommen.  Ein  Aufschrei  der  Entrüstung
ging  durch  den  gesamten  Bundestag.  Wie,  dieser  revolutionäre  Staat
unterstand  sich,  die  kaum  erst  abgeschlossene  Bundesakte,  die  Bibel  Buols,
anzutasten  und  forderte  sogar  den  Oberbefehl  über  die  Kriegsmacht  einiger
Souveräne!  Jedermann  überhäufte  den  ungeschicktesten  aller  preußischen
Diplomaten  mit  Vorwürfen;  selbst  der  ruhige  Plessen  sagte  ihm  ins  Gesicht:
  „der  Bund  kann  auch  ohne  Preußen  bestehen.“  Der  Staatskanzler
war  auf  das  Peinlichste  überrascht,  als  er  in  Karlsbad  von  diesen  Frankfurter
  Auftritten  hörte  und  gleichzeitig  unmittelbar  aus  Wien  erfuhr,  daß

 

*)  Berstetts  Berichte,  16.  Dezember  1815,  6.  März  1816.
        <pb n="152" />
        144  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Metternich  die  preußischen  Vorschläge  nicht  annehmen  wollte.  Was  blieb
übrig  als  den  begangenen  Fehler,  an  dem  Hardenbergs  Leichtgläubigkeit
kaum  weniger  Schuld  trug,  als  Hänleins  Ungeschick,  sogleich  zurückzu—
nehmen?  Am  9.  August  wurde  Hänlein  abberufen.  Sein  erzürnter  Chef
warf  ihm  vor,  daß  er  durch  irrige  Berichte  seinen  Hof  zu  falschen  Schritten
verleitet  und  dann  durch  öffentliche  Behandlung  der  Sache  ein  höchst  nach—
teiliges  Aufsehen  erregt  habe:  „der  gute  Erfolg  des  Bundes  hängt  von  dem
vollkommensten  Einverständnis  zwischen  Preußen  und  Osterreich  ab;  niemand
  darf  eine  Divergenz  von  Meinungen  zwischen  beiden  für  das  Wohl
Europas  und  Deutschlands  eng  verbündeten  Höfen  auch  nur  ahnen.“)
Gleichzeitig  ward  Humboldt  mit  der  vorläufigen  Vertretung  der  Bundesgesandtschaft
  beauftragt,  und  ihm  gelang  durch  entschlossene  Haltung  das
erschütterte  Ansehen  Preußens  so  weit  wieder  herzustellen,  daß  Graf  Buol
in  den  vorbereitenden  Sitzungen  des  Bundestages  keinen  Schritt  ohne
seine  Zustimmung  wagte.  Aber  die  bösen  Folgen  der  erlittenen  Niederlage
  wirkten  lange  nach.  Preußen  und  das  ländergierige  Bayern  wurden
noch  drei  Jahre  lang  allgemein  als  die  ehrgeizigen  Störenfriede  des  Bundes
  beargwöhnt;  von  einer  preußischen  Partei,  die  doch  in  Regensburg
niemals  ganz  gefehlt  hatte,  war  in  Frankfurt  vorderhand  keine  Spur  zu
finden,  und  der  Einfluß  der  norddeutschen  Großmacht  auf  die  Bundesverhandlungen
  blieb  so  bescheiden,  daß  die  süddeutschen  Staatsmänner  späterhin
  diese  ersten  Jahre  als  die  goldene  Zeit  des  Bundestages  zu  bezeichnen
  pflegten.

Humboldt  aber  bildete  sich  schon  aus  den  Erfahrungen  dieser  ersten
Wochen  eine  hoffnungslose,  und  leider  vollkommen  richtige  Ansicht  von
dem  Deutschen  Bunde  und  entwickelte  sie  in  einer  großen  Denkschrift  vom
30.  September  1816,  welche  nachher  der  Instruktion  der  preußischen  Bundesgesandten
  zugrunde  gelegt  wurde*)  Hier  ward  das  „höchst  unförmliche,
  auf  Nichts  mit  einiger  Sicherheit  ruhende  Gebäude“  der  Bundesverfassung
  drastisch  geschildert,  „dazu  die  ungeheure  Erschwerung“  aller
Beschlüsse,  also  daß  „man  kaum  begreift,  wie  über  einige  Punkte  ein  Beschluß
  möglich  sei.“  Daraus  folgt,  daß  Preußen  zwar  mit  Osterreich  ein
gutes  Verständnis  bewahren,  aber  sich  begnügen  muß,  am  Bundestage  nur
„eine  allgemeine  Sprache“  zu  führen.  Die  wirkliche  Ausführung  gemeinnütziger
  Institutionen  läßt  sich  nur  erreichen  „in  dem  einzelnen  Verkehre
mit  den  deutschen  Staaten  selbst.  Es  muß  in  der  Politik  Preußens  liegen,
diese  Nachbarstaaten  in  sein  politisches  und  selbst  administratives  System
bis  zu  einem  gewissen  Punkt  zu  verweben.“  Das  ganze  Programm  der
preußischen  Bundespolitik  lag  in  diesen  Worten.  Noch  bevor  der  Bundestag

 

*)  Hänleins  Bericht,  2.  Juli.  Hardenbergs  Antwort,  9.  August.  Berstetts  Bericht,
1.  Juli  1816.

)  So  Blittersdorff  in  seiner  Denkschrift  über  die  Bundespolitik  v.  18.  Febr.  1822.
*““)  Veröffentlicht  v.  C.  Rößler,  Zeitschrift  für  preußische  Geschichte  1872.
        <pb n="153" />
        Humboldts  Denkschrift  über  den  Deutschen  Bund.  145

ins  Leben  getreten  war  sprach  Humboldt  aus,  was  die  Erfahrung  eines
halben  Jahrhunderts  bestätigen  sollte:  daß  in  Frankfurt  nur  die  Phrase
der  deutschen  Politik  gedeihen  konnte,  alle  Geschäfte  der  nationalen  Staatskunst
  von  Berlin  aus  durch  Verhandlungen  mit  den  Einzelstaaten  betrieben
werden  mußten.

Am  5.  Novbr.  1816  wurde  die  Bundesversammlung  endlich  eröffnet.
Nach  Hänleins  Niederlage  hatte  Buol  schon  in  den  vorbereitenden  Sitzungen
die  gesamte  formelle  Leitung  ohne  Widerspruch  an  sich  genommen.  Die
Führung  des  Protokolls  ward,  auf  Humboldts  Verlangen,  nicht  dem  eitlen
Friedrich  Schlegel  anvertraut,  der  schon  auf  dem  Wiener  Kongresse  durch
seinen  klerikalen  Eifer  und  durch  seine  Knittelverse  wider  die  „Nord=  und
Morddeutschen“  den  Zorn  der  Preußen  erregt  hatte,  sondern  einem  harmlosen
  k.  k.  Hofrat  von  Handel,  dessen  entsetzliches  Deutsch  den  dürftigen
Inhalt  der  Verhandlungen  noch  lächerlicher  erscheinen  ließ.  Der  hohe  Rat
der  deutschen  Nation  versammelte  sich  in  dem  Thurn=  und  Texisschen
Palaste  auf  der  Eschenheimer  Gasse,  wo  die  k.  k.  Gesandtschaft  zur  Miete
wohnte,  und  blieb  fortan  durch  ein  halbes  Jahrhundert  der  bescheidene
Mieter  des  Taxisschen  Fürstenhauses.  Da  die  Mittelstaaten  von  dem
Wiederaufleben  des  alten  Reichsadlers  nichts  hören  wollten,  so  trugen
die  veröffentlichten  Protokolle  auf  ihrem  Titelblatte  das  österreichische  Wappen
mit  der  Umschrift:  „Kaiserlich  Osterreichische  Bundeskanzley“.  Es  schien,
als  tage  hier  wirklich  nur  eine  k.  k.  Provinzialbehörde.  Die  Präsidialmacht
verschuldete  auch,  daß  beim  Anbruch  dieser  neuen  Epoche  deutscher  Geschichte
nicht  einmal  der  Segen  Gottes  angerufen  wurde.  Buol  weigerte  sich  an
einem  evangelischen  Gottesdienste  teilzunehmen,  er  verlangte  ein  Hochamt
in  dem  alten  Kaiserdome,  obgleich  fünf  Sechstel  der  Souveräne  des  neuen
Deutschlands  protestantisch  waren,  und  wollte  dann  statt  der  unterbliebenen
kirchlichen  Feier  eine  Festvorstellung  im  Theater  veranstalten,  was  Humboldts
  guter  Takt  noch  glücklich  vereitelte.

Als  die  Mitglieder  des  Bundestages  allesamt,  von  der  Wache  mit
präsentiertem  Gewehr  und  geschwenkter  Fahne  begrüßt,  vor  dem  k.  k.  Gesandtschaftshotel
  vorgefahren  waren,  las  Graf  Buol  eine  Rede  ab,  deren
sinnloser  Wortschwall  gebildeten  Hörern  geradezu  als  eine  Beleidigung
erscheinen  mußte:  sie  zeigte  anschaulich,  welcher  Barbarei  herz=  und  ideenlose
  Politiker  verfallen,  sobald  sie  versuchen  pathetisch  zu  werden.  Der
Vortrag  war  dem  Gesandten  von  Metternich  selbst  zugeschickt  worden,  der
es  nicht  der  Mühe  wert  gehalten  hatte,  die  klassische  Feder  seines  Gentz
zu  benutzen;  Buol  selbst  fand  ihn  unpassend  und  verlas  aus  Schonung
nur  einen  Teil.')  Hohlere  Phrasen  hatten  doch  selbst  die  unreifsten  teutonischen
  Studenten  noch  nie  gebraucht,  als  hier  der  Wiener  Hof,  da  er
anhub:  „Im  Deutschen  als  Menschen,  auch  ohne  alle  willkürlichen  Staats- 



*)  Humboldts  Berichte,  1.  und  8.  November  1816.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  10
        <pb n="154" />
        146  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

formen,  liegt  schon  das  Gepräge  und  der  Grundcharakter  desselben  als
Volk.  Das  Nationalbedürfnis  sei  die  Schöpferin  und  der  Leitstern  bei
allen  nationellen  Formen,  und  alsdann  geht  man  verbürgt  zum  wahren,
zum  höchsten  Ziel!“  Die  Rede  schilderte  sodann  den  Verfall  Deutschlands
während  der  letzten  Jahrhunderte:  „ich  fahre  fort  den  Weg  zu  verfolgen,
wohin  mich  der  berührte  neigende  Gipfel  geschwächter  Nationalität  führt.“
Sie  rühmte  darauf,  dank  dem  Deutschen  Bunde  erscheine  Deutschland
jetzt  wieder  als  „Macht  in  der  Reihe  der  Völker.  In  dieser  Art  halten
wir  uns  fest  auf  dem  Gipfel,  wo  ein  großes  Volk  in  der  Mannigfaltigkeit
seiner  bürgerlichen  Formen  der  großen  Bestimmung  der  Menschheit  und
seiner  Entwicklung  frei  entgegengeht,  zugleich  aber  ein  einziges  Ganzes
in  nationeller  Beziehung  ausmacht!“  Zum  Schluß  beteuerte  der  Ge—
sandte  inbrünstig  „die  Deutschheit  seiner  Gesinnungen“;  er  versicherte  noch—
mals,  sein  Kaiser  betrachte  sich  „als  vollkommen  gleiches  Bundesglied“,
und  erinnerte  —  mit  einem  freundschaftlichen  Seitenhiebe  gegen  Preußen,
der  sogleich  von  allen  Seiten  verstanden  wurde  —  an  „jene  glückliche,  zum
gegenseitigen  Vertrauen  berechtigende  Lage,  daß  Osterreich  auf  deutschem
Boden  ebensowenig  eine  Eroberung  als  eine  eigenmächtige  Erweiterung
seines  Standpunktes  im  Deutschen  Bunde  beabsichtigen  will  oder  auch  nur
beabsichtigen  kann!“

Hierauf  erwiderte  Humboldt  kurz  und  würdig.  Die  meisten  anderen
Gesandten  empfahlen  sich  lediglich  der  Gewogenheit  der  Anwesenden  oder
sie  sprachen  die  kühne  Hoffnung  aus,  „daß  der  heutige  Tag  schon  übers
Jahr  und  bis  in  späte  Zeiten  den  für  das  Gesamtvaterland  erfreulichsten
möge  beigezählt  werden.“  Nur  Gagern  konnte  sich  nicht  enthalten,  in
längerer  Rede  die  deutsche  Gesinnung  des  oranischen  Hauses  zu  feiern  und
zu  versprechen,  daß  Luxemburg  immerdar  der  natürliche  Vermittler  in
Deutschland  sein  werde.  Auch  hielt  er  für  angemessen,  „in  diesem  erlauchten
  deutschen  Senate,  fast  nach  Art  jenes  merkwürdigen  alten  Volkes,
ein  Totengericht  zu  halten“;  so  sprach  er  denn  in  schwungvollen  Worten,
von  dem  Fürsten  von  Nassau-Weilburg,  von  den  für  Deutschland  gefallenen
Welfen  und  „damit  man  mir  nicht  vorwerfe,  daß  ich  der  Fürstlichkeit  allein
huldige“,  auch  von  Andreas  Hofer  und  Palm.  Zum  Schlusse  rief  er  begeistert
  sein  unvermeidliches:  Je  maintiendray!  —  Es  war  eine  unbeschreiblich
  abgeschmackte  Feier,  die  würdige  Eröffnung  eines  politischen  Possenspiels,
  von  dem  sich  bald  die  gesamte  Nation  mit  Abscheu  abwenden  sollte.

Sechs  Tage  nachher  hielt  Graf  Buol  seinen  ersten  Präsidialvortrag
und  zählte  pathetisch  alle  die  Wohltaten  auf,  welche  den  Deutschen  aus
der  Verwirklichung  der  unbestimmten  Zusagen  der  Bundesakte  erwachsen
könnten.  Von  dem  Artikel  19,  der  die  Regelung  der  nationalen  Verkehrsverhältnisse
  versprach,  rühmte  der  Osterreicher  in  seinem  wunderbaren
Deutsch:  dieser  Artikel  „bezweckt,  die  deutschen  Bundesstaaten  selbst  in  Hinsicht
  des  Handels  und  Verkehrs  sowie  der  Schiffahrt  einander  zu  ent-
        <pb n="155" />
        Erste  Sitzungen  des  Bundestages.  147

fremden“  —  ein  unfreiwilliger  Seherspruch,  der  sich  vollständig  verwirk—
lichen  sollte.  Politisch  bedeutsam  war  an  den  leeren  Worten  nur  die  be—
stimmte  Erklärung:  der  Deutsche  Bund  sei  kein  Bundesstaat,  sondern  ein
Staatenbund;  denn  ersteres  würde  „dem  unaufhaltbar  nach  höheren  Rich—
tungen  rollenden  Laufe  der  Zeit  widerstreiten“!  Die  Schlagwörter:  Staatenbund
  und  Bundesstaat  begannen  eben  jetzt  in  der  Presse  aufzutauchen,
ohne  daß  man  noch  einen  bestimmten  staatsrechtlichen  Sinn  damit  verbunden
  hätte.  Wie  weit  war  doch  die  politische  Bildung  der  Nation  hinter
dem  Aufschwung  der  anderen  Wissenschaften  zurückgeblieben!  Über  die
Grundlagen  des  öffentlichen  Rechts  der  Föderativstaaten  hatte  fast  noch  niemand
  ernstlich  nachgedacht;  das  klassische  Buch  der  Amerikaner,  das  schon  vor
einem  Menschenalter  diese  Fragen  geistvoll  und  sachkundig  beleuchtet  hatte,  der
Föderalist  von  Hamilton,  Madison  und  Jay,  blieb  in  dem  gelehrten  Deutschland
  so  gut  wie  unbekannt.  Selbst  der  wackere  freimütige  J.  L.  Klüber,
der  alsbald  nach  dem  Zusammentritt  des  Bundestages  sein  „Offentliches
Recht  des  Deutschen  Bundes“  erscheinen  ließ,  wußte  über  den  politischen
Charakter  der  verschiedenen  Formen  des  bündischen  Lebens  wenig  zu  sagen.
Man  dachte  sich  unter  dem  „Bundesstaate"  irgend  eine  starke,  hochangesehene
  Bundesgewalt,  die  dem  deutschen  Namen  zur  Ehre  gereichen  sollte;
die  jungen  Teutonen  stimmten  ihrem  Lehrer  Fries  begeistert  zu,  als  er
in  seiner  Schrift  „Vom  Deutschen  Bunde  und  deutscher  Staatsverfassung“"
mit  der  Dreistigkeit  des  wohlmeinenden  Dilettanten  kurzerhand  aussprach:
„wir  wünschen  keinen  schlaffen  Staatenbund,  sondern  einen  fest  vereinigten
Bundesstaat.“  Allen  solchen  unbestimmten  Wünschen  trat  der  österreichische
Gesandte  jetzt  offen  entgegen,  und  er  hatte  Sinn  und  Wortlaut  der  Bundesakte
  auf  seiner  Seite.  Da  für  jede  Abänderung  der  Bundesakte  Einstimmigkeit
  erfordert  wurde,  so  war  die  Weiterbildung  der  Bundesverfassung
von  Haus  aus  unmöglich,  und  bereits  vor  der  Eröffnung  des  Bundestages
  begannen  die  Gesandten,  die  guten  wie  die  schlechten,  im  stillen
einzusehen,  daß  sogar  die  Abfassung  der  Grundgesetze  des  Bundes,  welche
nach  Art.  10  der  Bundesakte  das  erste  Geschäft  des  Bundestages  sein
sollte,  an  dieser  Klippe  notwendig  scheitern  mußte.

Schon  nach  der  ersten  Sitzung  verließ  Humboldt  den  Bundestag
und  begab  sich  tief  verstimmt  erst  nach  Berlin  zu  den  Sitzungen  des
Staatsrats,  dann  als  Gesandter  nach  London;  der  Pariser  Posten,  den
er  sich  gewünscht,  mußte  ihm  versagt  werden,  da  der  scharfe  Preuße  seit
dem  letzten  Kongresse  bei  den  Bourbonen  in  üblem  Rufe  stand.  An
seine  Stelle  trat  in  Frankfurt  der  Minister  Graf  v.  d.  Goltz,  derselbe,  der
im  Frühjahr  1813  an  der  Spitze  jener  unglücklichen  Berliner  Regierungskommission
  gestanden  hatte,  ein  pflichtgetreuer  Beamter,  freundlich
und  gutmütig,  aber  aller  selbständigen  Gedanken  bar.  Die  Wahl  bewies,
  wie  wenig  Hardenberg  von  der  Scheintätigkeit  der  Frankfurter  Versammlung

  erwartete.  Der  persönliche  Verkehr  zwischen  den  Gesandten
10“
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        148  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

der  beiden  Großmächte  bewegte  sich  stets  in  den  verbindlichsten  Formen,
sie  teilten  sich  sogar  wechselseitig  ihre  Instruktionen  mit.)  Dabei  zeigte
sich  freilich,  wie  weit  die  Absichten  der  beiden  Höfe  in  zwei  wesentlichen
Fragen  auseinandergingen.  In  der  österreichischen  Instruktion  wurde  die
Bundesakte  kurzab  für  heilig  und  unverletzlich  erklärt;  Hardenberg  dagegen
bedauerte  lebhaft,  daß  es  in  Wien  nicht  gelungen  sei  dem  Bunde  „mehr
die  Natur  eines  Bundesstaates  zuzueignen",  und  erbot  sich  zu  jeder  noch
möglichen  Reform.  Und  während  Graf  Buol  den  kleinen  Gesandten,  auf
Metternichs  Befehl,  beteuerte,  sein  Hof  werde  sich  in  Bundesangelegenheiten
  niemals  auf  Sonderverhandlungen  einlassen,  wiederholte  der  preu-Kische
  Staatskanzler  seinem  Wiener  Freunde  unablässig:  nur  durch  unmittelbare
  Verständigung  zwischen  OÖsterreich  und  Preußen  könne  der  „Bund
zur  Konsistenz  gelangen  und  der  Parteigeist  vernichtet  werden“.“)

Diese  geheime  Meinungsverschiedenheit  zwischen  den  beiden  führenden
Höfen  ward  zunächst  noch  wenig  bemerkbar,  da  die  Tätigkeit  der  Bundesversammlung
  lange  Zeit  fast  gänzlich  in  der  Erledigung  von  Pensionsan-=sprüchen
  und  anderen  Privat-Angelegenheiten  ausging.  Eine  Flut  von
Bitten  und  Beschwerden  überschwemmte  den  Bundestag,  alle  die  Unglücklichen,
  welche  die  wilde  Kriegszeit  in  ihren  Rechten  gekränkt  hatte,  suchten
Hilfe  in  Frankfurt.  Da  kamen  die  Bischöfe  und  Geistlichen  vom  linken
Rheinufer  und  forderten  ihre  Pensionen  auf  Grund  des  Reichsdeputationshauptschlusses;
  desgleichen  die  Herren  vom  Deutschen  Orden  und  die  Mitglieder
  der  aufgelösten  Domkapitel;  alsdann  die  Advokaten  und  Prokuratoren
  des  Reichskammergerichts;  dann  Joseph  Fahrenkopf  in  Mainz,  der
im  Jahre  1796  für  die  Reichsfestung  Mainz  unbezahlte  Bauarbeiten  geliefert
  hatte  und  mit  ihm  eine  ganze  Schar  von  Gläubigern  der  letzten
Reichsoperationskasse,  jener  bösen  Zahlerin,  die  während  des  Revolutionskrieges
  niemals  aus  der  Geldnot  herausgekommen  war;  dann  die  Besitzer
  der  kurpfälzischen  Obligationen  Lit.  D,  eines  berüchtigten  Staatspapiers,
  über  dessen  Verzinsung  Bayern  und  Baden,  die  Rechtsnachfolger
von  Kurpfalz,  sich  ein  Menschenalter  hindurch  in  grimmigen  Noten  stritten;
und  so  weiter  eine  unendliche  Reihe  von  Bittstellern,  bis  herab  zu  kleinen
Handwerkern,  denen  ihre  durchlauchtigen  Landesherren  die  Bezahlung  ihrer
Schusterrechnungen  hartnäckig  vorenthielten.

Mit  löblichem  Eifer  nahm  sich  der  Bundestag  dieses  Jammers  an.
Aber  wie  konnte  eine  Diplomatenversammlung  alle  die  verwickelten  Rechtsfragen,
  die  sich  hier  ergaben,  mit  Sicherheit  entscheiden?  Ein  Glück  nur,
daß  sich  mindestens  einige  tüchtige  Juristen  in  ihren  Reihen  fanden,  so
namentlich  der  hannoversche  Gesandte  Martens,  der  bekannte  Völkerrechtslehrer.
  Dazu  die  immer  wieder  auftauchenden  Zweifel  an  der  Zuständigkeit
der  Bundesversammlung;  sie  hörten  auch  dann  nicht  auf,  als  die  Ver-))

  Osterreichische  Instruktion  v.  24.  Oktober,  Preußische  v.  30.  November  1816.
"*)  Metternich  an  Buol,  2.  August.  Hardenberg  an  Metternich,  30.  Novbr.  1816.
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        Privat-Eingaben  an  den  Bundestag.  149

sammlung  endlich  im  Juni  1817  einige  provisorische  Bestimmungen  über
ihre  Kompetenz  angenommen  hatte.  Und  woher  sollte  der  Bundestag  in
schwierigen  Fällen  die  nötigen  tatsächlichen  Mitteilungen  erlangen?  Da
er  keine  Exekutivgewalt  besaß,  so  blieb  er  immer  nur  auf  den  guten  Willen
der  beteiligten  Regierungen  angewiesen.  Zu  alledem  endlich  die  lächerlich
schwerfällige  Geschäftsordnung.  In  seiner  Instruktion  hatte  Hardenberg  noch
den  Vorschlag  gemacht:  nach  Ablauf  einer  billigen  Frist  solle  die  Versammlung
  kurzweg  ihre  Beschlüsse  fassen,  ohne  Rücksicht  auf  abwesende  oder  nicht
instruierte  Mitglieder.  Goltz  mußte  aber  bald  einsehen,  wie  unannehmbar
dieser  Gedanke  dem  Souveränitätsdünkel  der  kleinen  Höfe  schien;  der  württembergische
  Gesandte  von  Linden  erklärte  sogar  rund  heraus,  ein  einstimmiger
Beschluß  sei  unmöglich,  sobald  auch  nur  ein  einziger  Gesandter  fehle.  Die
nachlässige  Geschäftsführung  der  Wiener  Behörden  und  Metternichs  Gleichgültigkeit
  gegen  den  Bund  bewirkten,  daß  der  österreichische  Gesandte  fast
regelmäßig  am  längsten  auf  seine  Instruktionen  warten  mußte.  Da  der  Präsidialhof
  also  mit  schlechtem  Beispiele  voranging,  so  gewöhnte  man  sich  bald
die  Abstimmungen  zu  verschieben  und  wieder  zu  verschieben,  bis  auch  die  letzte
Instruktion  eingetroffen  war,  und  das  Schicksal  der  Bundesbeschlüsse  lag
am  letzten  Ende  in  der  Hand  der  trägsten  und  böswilligsten  Souveräne.

So  geschah  es,  daß  selbst  diese  Privat-Eingaben,  denen  die  Mehrzahl
der  Bundesgesandten  ein  ehrliches  Wohlwollen  entgegenbrachte,  mit  schimpflicher
  Langsamkeit  erledigt  wurden.  Die  überrheinischen  Kleriker,  deren
Ansprüche  nach  der  Bundesakte  binnen  Jahresfrist  befriedigt  werden  sollten,
erhielten  erst  im  Jahre  1824  ihren  Bescheid;  die  Prokuratoren  des  Kammergerichts
  mußten  bis  1831  warten;  die  glücklichen  Enkel  der  Gläubiger  der
Reichsoperationskasse  empfingen  im  Jahre  1843  die  Entschädigung  für  die
Arbeiten  ihrer  Großväter  aus  den  Jahren  1793—96;  das  kur=  und  oberrheinische
  Schuldenwesen  endlich  ward  erst  im  Jahre  1844  geordnet,  durch
Vermittlung  der  Krone  Preußen,  welche  für  diese  schleunige  Hilfsleistung
den  warmen  Dank  des  Bundestages  empfing.  Viele  der  Gesandten  lebten
sich  gemütlich  in  dies  subalterne  Treiben  ein,  und  bald  entwickelte  sich  im
Schoße  der  Bundesversammlung  die  eigentümliche  Menschenklasse  der
Bundesbureaukraten  —  treufleißige,  gewiegte  Geschäftsmänner,  deren  Geist
niemals  durch  einen  politischen  Gedanken  beunruhigt  wurde,  aber  dafür
in  Sachen  des  Joseph  Fahrenkopf  und  der  Lit.  D  um  so  genauer  Bescheid
  wußte.  Das  Musterbild  dieser  Bundestagsphilister  war  der  Vertreter
  der  sechzehnten  Stimme,  von  Leonhardi.  Auch  der  gute  Goltz  schrieb
nach  Schluß  der  ersten  Session  hoch  befriedigt  heim:  die  verheißene  Feststellung
  der  Grundgesetze  des  Bundes  sei  freilich  unmöglich  gewesen;  dafür
habe  die  Bundesversammlung  ihr  Dosein  und  ihre  Wirksamkeit  in  den
inneren  Verhältnissen  gezeigt  und  so  auf  die  innere  Beruhigung  eingewirkt.)

 

*)  Goltz,  Rückblick  auf  die  erste  Session  der  Bundesversammlung,  5.  August  1817.
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        150  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Angesichts  dieser  stillvergnügten  Nichtigkeit  fielen  manche  politische  Be—
sorgnisse,  welche  Hardenberg  anfangs  gehegt  hatte,  von  selbst  hinweg.  Der
Staatskanzler  gab  seinen  Widerspruch  gegen  die  Anwesenheit  auswärtiger
Diplomaten  bald  auf,  als  er  den  Charakter  des  Bundestages  kennen  ge—
lernt  hatte;  denn  was  stand  von  den  Agenten  des  Auslandes  bei  einer
so  ohnmächtigen  Versammlung  zu  befürchten?  und  was  sollte  man  den
großen  Mächten  antworten,  als  sie  zur  Abwendung  möglicher  Kriegsge—
fahren  die  Zulassung  ihrer  Gesandten  forderten,  da  die  Bundesakte  denn
doch  dem  Bundestage  das  Recht  der  Kriegserklärung  gewährt  hatte?  In
der  Tat  fanden  die  Gesandten  der  Großmächte  in  Frankfurt  vorderhand
gar  nichts  zu  tun.  Was  verschlug  es,  wenn  die  kleinen  Diplomaten  in
dem  Roten  Hause,  dem  Malepartus  des  schlauen  Russen  Anstett,  viel—
geschäftig  aus-  und  eingingen?  Ernsthafte  Fragen,  bei  denen  der  Einfluß
des  Auslandes  schädlich  wirken  konnte,  traten  in  diesen  stillen  ersten  zwei
Jahren  noch  nicht  an  den  Bundestag  heran.  Auch  die  anfangs  allgemein
verbreitete  Furcht  vor  einem  geheimen  Sonderbunde  der  alten  rheinbün—
dischen  Kernlande  erwies  sich  noch  als  verfrüht.  Wohl  war  König  Friedrich
von  Württemberg,  auf  die  Nachricht  von  Hänleins  Auftreten,  alsbald  nach
Karlsruhe  hinübergereist,  um  den  Großherzog  von  Baden  und  den  König
von  Bayern,  der  in  Baden  weilte,  für  eine  gemeinsame  süddeutsche  Politik,
zum  Schutze  der  ungeschmälerten  Souveränität,  zu  gewinnen;  aber  Bayern
und  Baden  lebten  in  bitterer  Feindschaft,  und  beide  mißtrauten  dem  würt—
tembergischen  Nachbarn.  Der  Versuch  mißlang  vollständig,“)  und  als
König  Friedrich  bald  nachher  starb,  war  von  diesen  rheinbündischen  Plänen
eine  Zeitlang  nicht  mehr  die  Rede.  Auch  der  sächsische  Bundestagsgesandte,
der  steife  alte  Graf  Görtz  bewährte  durchweg  eine  untadelhafte  Harmlosigkeit,
da  sein  König  dem  Hause  Osterreich  nie  zu  widersprechen  wagte.

Der  Bundestag  konnte  indessen  selbst  jene  unschuldigen  Reklamations-Angelegenheiten
  nicht  erledigen,  ohne  mit  dem  Dünkel  der  kleinfürstlichen
Souveränität  heftig  zusammenzustoßen.  Schon  beim  Beginn  der  Verhandlungen
  sprach  Bayern  das  Bedenken  aus,  ob  die  Bundesversammlung
überhaupt  befugt  sei,  Beschwerden  deutscher  Untertanen  gegen  ihre  Landesherren
  anzunehmen;  doch  wurde  das  bayrische  Votum  vorläufig  in  einem
geheimen  Protokolle  vergraben.  Als  aber  der  Bundestag  sich  bald  nachher
  unterstand,  eine  Beschwerde  solcher  Art  vor  sein  Forum  zu  ziehen,
ward  ihm  ungestraft  eine  schnöde  Beleidigung  geboten.  Aus  keinem  Lande
waren  so  viele  Klagen  und  Bitten  eingelaufen,  wie  aus  dem  unglücklichen
Kurhessen,  das  unter  seinem  heiß  ersehnten  alten  Kurfürsten  ein  Regiment
schamloser  Willkür  und  Habsucht  ertragen  mußte.  Unter  den  Unzähligen,
denen  der  Kurfürst  ihr  gutes  Recht  vorenthielt,  befand  sich  auch  ein  Gutsbesitzer
  Hofmann.  Der  Mann  hatte  von  der  Kronkasse  einige  sekularisierte

 

*)  Jouffroys  Bericht,  Stuttgart,  20.  Juli.  Küsters  Bericht,  Baden,  25.  Juli  1816.
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        Streit  mit  dem  Kurfürsten  von  Hessen.  151

Deutsch-Ordensgüter  gekauft;  der  Kauf  wurde  im  August  1815,  zwei  Jahre
nach  der  Rückkehr  des  alten  Landesherrn,  durch  die  kurfürstlichen  Behörden
in  die  Katasterrolle  eingetragen.  Gleichwohl  erhielt  der  Käufer  ein  halbes
Jahr  später  den  Befehl  zur  Wiederauslieferung  der  Güter,  die  er  unter—
dessen  zerschlagen  und  an  zwanzig  andere  veräußert  hatte;  der  Kurfürst,
so  hieß  es  kurzab,  wolle  nicht  dulden,  daß  Staatsgüter  in  den  Händen
von  Privaten  blieben.  Die  Bundesversammlung  faßte  den  mildesten  Be—
schluß,  der  in  einem  solchen  Falle  möglich  war:  sie  verwies  den  Kläger
an  den  Kurfürsten  und  forderte  ihn  auf,  „wenn  er  dort,  gegen  alle  bessere
Erwartung  der  Bundesversammlung,  nicht  erhört  werden  sollte“,  seine  Be—
schwerde  nochmals  beim  Bunde  einzureichen.  Der  Kurfürst  aber  tobte,  als
er  von  dieser  frevelhaften  Verletzung  seiner  Kronrechte  erfuhr,  und  ließ  in
Frankfurt  eine  Erwiderung  verlesen,  welche  sofort  in  dem  öffentlichen  Pro—
tokolle  abgedruckt  werden  mußte  (17.  März  1817):  er  nannte  darin  den
letzten  Beschluß  „sehr  auffallend“,  gab  den  Gesandten  seine  „Verwunderung
über  ein  Benehmen  zu  erkennen,  welches  die  Billigung  ihrer  Kommittenten
unmöglich  erhalten  könne“,  und  schloß  drohend:  er  verbitte  sich  jede  Ein—
mischung  in  seine  inneren  Landesangelegenheiten.

Eine  solche  Sprache  schien  doch  selbst  der  Geduld  des  Bundestages
unerträglich.  Alle  Gesandten  brachen  den  geselligen  Verkehr  mit  dem  Ver—
treter  des  Kurfürsten  ab;  man  erwartete  bestimmt,  die  beiden  Großmächte
würden  ihre  Gesandtschaften  aus  Kassel  abberufen  und  dem  Bunde  eine
glänzende  Genugtuung  für  die  erlittene  Beleidigung  verschaffen.“)  Graf
Buol  erwiderte  in  geharnischter  Rede:  die  Stellung  des  Bundestages  würde
auf  die  gemeinschädlichste  Weise  verändert  werden,  wenn  er  sich  gefallen
lassen  müßte,  daß  ein  unzufriedenes  Bundesglied  in  verweisendem  Tone  zu
ihm  spräche:  „die  Bundesversammlung  ist  nie  und  nirgends  unter  einem
Gliede  des  Bundes.“  Zuletzt  versicherte  er  sogar  mit  einer  in  diesem  Kreise
unerhörten  Begeisterung:  der  Bundestag  werde  „den  bedrängten  Untertanen
  die  Uberzeugung  verschaffen,  daß  Deutschland  nur  darum  mit  dem
Blute  der  Völker  von  fremdem  Joche  befreit  wurde,  damit  überall  ein
rechtlicher  Zustand  an  die  Stelle  der  Willkür  treten  möge“.  Graf  Goltz
erklärte  die  unbedingte  Zustimmung  seines  Königs  zu  dem  gefaßten  Beschlussec;
  auch  Gagern  versicherte  in  einer  hochpathetischen,  verworrenen
Rede:  das  von  dem  Kurfürsten  angetastete  Eigentumsrecht  „enthalte  ein
beinahe  jungfräuliches  noli  me  tangere“.  Mit  Ausnahme  der  beiden
hessischen  Bevollmächtigten  schien  der  gesamte  Bundestag  einig.

Doch  leider  hatte  Graf  Buol  auf  eigene  Faust  gehandelt;  seine  Instruktionen
  waren,  nach  der  Gewohnheit  der  Hofburg,  wieder  einmal  ausgeblieben.
  Er  reiste  daher  zu  Anfang  April  selbst  nach  Hause  um  dem
Bundestag  den  Beistand  des  Wiener  Hofes  zu  sichern.  Aber  welch  ein

 

*)  Berstetts  Bericht,  16.  März  1817.
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        152  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Empfang  ward  dem  Unglücklichen!  Der  Kurfürst  hatte  sich  sogleich  bei
Kaiser  Franz  beschwert,  und  Metternich  überhäufte  den  Präsidialgesandten
mit  Vorwürfen:  wie  er  sich  habe  unterstehen  können,  die  Würde  eines
Souveräns  in  solcher  Weise  anzutasten!  Er  drohte  ihm  mit  Abberufung,
mit  förmlicher  Mißbilligung  des  Bundesbeschlusses.  Dies  Außerste  wurde
freilich  durch  Hardenbergs  Vermittlung  abgewendet.  Der  Staatskanzler
hielt  seinem  Wiener  Freunde  eindringlich  vor,  der  Bundestag  sei  im  Rechte
und  dürfe  nicht  öffentlich  bloßgestellt  werden.)  Metternich  begnügte  sich
daher  mit  einer  strengen  Verwarnung,  und  tief  niedergeschlagen  kehrte
Buol  auf  seinen  Posten  zurück.  Darauf  bestätigte  der  Bundestag  seine
frühere  Entschließung  durch  einen  neuen,  überaus  behutsam  gehaltenen
Beschluß,  und  die  Hofmannsche  Beschwerde  wurde  durch  den  Kurfürsten
in  der  Stille  beigelegt.  Aber  von  einer  Sühne  für  die  erlittene  Beschimpfung
war  keine  Rede;  die  deutschen  Souveräne  wußten  jetzt,  was  sie  sich  gegen
den  Bund  herausnehmen  durften.  Die  Gesandten  fühlten  sich  allesamt
beschämt  und  eingeschüchtert,  sie  gewöhnten  sich  fortan,  bei  jeder  noch  so  geringfügigen
  Frage  besondere  Instruktionen  einzuholen,  so  daß  alle  Entscheidungen
  sich  ins  Unabsehbare  hinauszogen.

Der  Hofmannsche  Fall  bildete  nur  ein  Glied  in  einer  langen  Kette
von  Rechtsverletzungen,  welche  den  Bundestag  noch  durch  viele  Jahre  in
Atem  hielten  und  dem  deutschen  Namen  im  Auslande,  namentlich  in
Frankreich,  einen  üblen  Ruf  verschafften.  Es  rächte  sich  schwer,  daß  die  große
Allianz  nach  der  Auflösung  des  Königreichs  Westfalen  die  alten  Landesherren
  vertrauensvoll  ohne  jede  Bedingung  zurückgeführt  hatte.  Die
Krone  Preußen  freilich  verfuhr  in  ihren  vormals  westfälischen  Provinzen
streng  nach  dem  Rechte;  sie  hatte  das  Königreich  Westfalen  im  Tilsiter
Frieden  anerkannt  und  betrachtete  mithin  alle  verfassungsmäßigen  Handlungen
  der  westfälischen  Regierung  als  rechtsgültig.  Die  Fürsten  von
Hannover,  Braunschweig  und  Kurhessen  hingegen  waren  nur  tatsächlich,
ohne  Friedensschluß,  ihrer  Länder  verlustig  gegangen  und  sahen  in  König
Jerome  nur  einen  Usurpator.  Vergeblich  stellte  ihnen  der  Berliner  Hof
vor,  daß  sie  doch  nicht  durch  eigene  Kraft,  sondern  durch  die  Waffen  der
Verbündeten  wiederhergestellt  worden  seien  und  demnach  jenes  napoleonische
Königreich,  das  einst  die  Anerkennung  aller  großen  Mächte  gefunden  hatte,
nicht  kurzweg  als  eine  widerrechtliche  Ordnung  behandeln  dürften.  Preußen
  wünschte,  durch  freundschaftliche  Verhandlungen  zwischen  den  beteiligten
  vier  Staaten  gemeinsame  Rechtsgrundsätze  über  die  Anerkennung
der  westfälischen  Gesetze  und  Verordnungen  zu  vereinbaren.  .  Aber  keiner
der  drei  anderen  Höfe  ging  auf  den  billigen  Vorschlag  ein.  In  Hannover

 

*)  Hardenberg  an  Metternich,  12.  April  1817.

**)  Goltzs  Bericht,  19.  Juli;  Denkschrift  des  Staatskanzlers  über  das  Königreich
Westfalen,  18.  Nov.  1817.
        <pb n="161" />
        Die  westfälischen  Domänenkäufer.  153

und  Braunschweig  wurden  die  westfälischen  Gesetze  allesamt  für  nichtig
erklärt,  nur  die  wohlerworbenen  Rechte  der  Untertanen  behandelte  man
mit  Schonung.

Um  so  dreister  griff  der  hessische  Kurfürst  zu.  Alles  und  jedes  in
seinem  Lande  sollte  auf  den  Stand  vom  Herbste  1806  zurückgebracht  werden,
  und  der  geizige  Herr  verfuhr  bei  diesem  ungeheuerlichen  Unternehmen
nicht,  wie  gleichzeitig  der  König  von  Sardinien,  mit  der  naiven  Ehrlichkeit
  des  legitimistischen  Fanatikers,  sondern  mit  offenbarer  Gaunerei.  Was
sein  „Verwalter  Jerome“  für  die  Kronkasse  erworben  hatte,  ward  als  rechtmäßige
  Kriegsbeute  behalten,  was  er  veräußert  als  Raub  zurückgefordert;
die  Handwerker,  die  dem  lustigen  Napoleoniden  seine  Gemächer  ausgeschmückt,
  empfingen  keine  Bezahlung,  aber  die  gelieferten  Möbel  verblieben
den  kurfürstlichen  Schlössern.  Selbst  in  den  Zeiten  der  polnischen  Auguste
hatte  das  geduldige  Deutschland  so  freche  Willkür  kaum  gesehen.  Am
schwersten  litten  die  Käufer  der  zahlreichen  durch  König  Jerome  veräußerten
  Domänen;  sie  wurden  aus  ihrem  Eigentum  vertrieben  und  bestürmten
  den  Bund  mit  Klagen.  Als  diese  Beschwerden  in  Frankfurt  zur
Verhandlung  kamen,  stimmte  der  kurhessische  Gesandte  wieder  den  gewohnten
Ton  an  und  warf  mit  „frechsten  Lügen“  um  sich.  Martens,  der  Vertreter
  Braunschweigs,  hatte  die  Stirn,  dem  treuen  Volke  dieser  welfischhessischen
  Lande,  das  so  unsäglich  viel  für  seine  angestammten  Fürsten
geopfert  und  gelitten  hatte,  drohend  zuzurufen:  man  müsse  durch  Aufstellung
  streng  legitimistischer  Grundsätze  „zum  Voraus  den  deutschen  Untertanen
  die  Lust  benehmen,  dem  eindringenden  Feinde  behilflich  zu  sein!“
Die  Mehrheit  des  Bundestages,  gewitzigt  durch  die  bitteren  Erfahrungen
in  der  Hofmannschen  Sache  begnügte  sich  diesmal,  die  Klagenden  dem
Wohlwollen  des  Kurfürsten  zu  empfehlen  (17.  Juli  1817).  Damit  ward
die  Entscheidung  der  unsauberen  Händel  nur  vertagt;  denn  alsbald  meldeten
  sich  andere  Opfer  der  kurfürstlichen  Tyrannei.  —

Derweil  der  Bundestag  also  seine  Zeit  verdarb,  bemühte  sich  Hardenberg
  redlich,  den  einzigen  politisch  bedeutsamen  Artikel  der  Bundesakte,  der
bei  gutem  Willen  noch  der  Verwirklichung  fähig  schien,  auszuführen:  jenen
Art.  11,  welcher  den  Bundesstaaten  gemeinsamen  Schutz  gegen  feindlichen
Angriff  versprach.  Die  Hoffnungen  Preußens  für  das  deutsche  Bundesheerwesen
  blieben  vom  Wiener  Kongresse  bis  zur  Auflösung  des  Bundes
immer  die  gleichen:  der  Berliner  Hof  wünschte  die  Zweiteilung  des  Bundesheeres,
  und  nur  wenn  sich  der  Widerstand  der  deutschen  Höfe  nicht
anders  besiegen  ließ  war  er  bereit  den  Mittelstaaten  die  Bildung  selbständiger
  Armeekorps  zuzugestehen.  Ungeschreckt  durch  Hänleins  Erfahrungen
  begann  der  Staatskanzler  sogleich  mit  dem  Wiener  Hofe  vertraulich  zu
unterhandeln,  obgleich  er  doch  aus  den  Instruktionen  des  Präsidialgesandten
  wissen  mußte,  daß  die  Hofburg  keineswegs  geneigt  war,  durch  Sonderverhandlungen
  das  Wohlwollen  der  kleinen  Souveräne  zu  verscherzen.
        <pb n="162" />
        154  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Gleich  zu  Anfang  dieser  Beratungen  erhob  sich  eine  Vorfrage,  welche  die
ganze  heillose  Unwahrheit  der  Bundesverfassung  an  den  Tag  brachte.  Be—
vor  man  die  militärischen  Leistungen  der  Bundesglieder  festsetzte,  mußte
man  doch  wissen,  wo  die  Grenzen  des  Bundesgebietes  lagen.  Die  Bun—
desakte  hatte  sich  begnügt  mit  der  unklaren  Bestimmung,  daß  die  Herrscher
von  Osterreich  und  Preußen  „für  ihre  gesamten,  vormals  zum  Deutschen
  Reiche  gehörigen  Besitzungen“  dem  Bunde  beiträten.  Da  Metternich
von  Haus  aus  entschlossen  war  dem  Bundestage  niemals  eine  Einwirkung
auf  die  inneren  Verhältnisse  der  Kronlande  zu  erlauben,  so  hatte  für  ihn  die
Angelegenheit  keinen  Wert;  er  erklärte  unbedenklich,  sein  Kaiser  beabsichtige
ein  Gebiet  von  etwa  8  Mill.  Einwohnern  —  die  Lande  der  Krone  Böhmen,
das  Erzherzogtum,  Tyrol  und  Salzburg,  die  Steyermark,  Kärnten  und
Krain  —  dem  Bunde  zu  überweisen.  Hardenberg  hielt  sich  an  seinen
Lieblingsgedanken,  die  vollkommene  Gleichheit  der  beiden  Großmächte,  und
beantragte  darum  bei  seinem  Monarchen  die  Aufnahme  eines  preußischen
Gebietes  von  etwa  gleicher  Bevölkerung:  außer  den  unzweifelhaften  alten
Reichslanden  der  hohenzollernschen  Krone  sollten  auch  Geldern,  das  zweihundert
  Jahre  lang  dem  Reiche  entfremdet  gewesen,  und  das  souveräne
Herzogtum  Schlesien  nebst  der  Lausitz  für  Bundesland  erklärt  werden.

König  Friedrich  Wilhelm  aber  nahm  die  Frage  sehr  ernst  und  überraschte
  den  Staatskanzler  durch  die  bestimmte  Erwiderung,  daß  er  mit
seinem  gesamten  Staatsgebiete  dem  Deutschen  Bunde  beizutreten  denke.
Er  kannte  die  unberechenbaren  Wechselfälle  der  europäischen  Politik  und
behielt  trotz  seiner  Freundschaft  für  den  Zaren,  auch  die  Möglichkeit  eines
Krieges  gegen  Rußland  wachsam  im  Auge.  Da  er  sich  aber  schlechtweg
als  deutscher  Fürst  fühlte  und  ehrlich  entschlossen  war  jede  Verletzung  des
Bundesgebietes  mit  der  gesamten  Kraft  seiner  Monarchie  zurückzuweisen,
so  schien  es  ihm  nur  billig,  daß  auch  der  Bund  sich  verpflichtete  den
preußischen  Staat  gegen  jeden  Angriff  zu  verteidigen;  er  dachte  dabei  zunächst
  an  Posen  und  die  unverhohlene  Begehrlichkeit  der  Polen  in  Warschau.
  Für  den  Fall,  daß  die  förmliche  Aufnahme  des  ganzen  Staatsgebietes
  in  den  Bund  sich  nicht  durchsetzen  ließ,  verlangte  der  König  mindestens
  den  Abschluß  eines  dauernden  Verteidigungsbündnisses  zwischen
Preußen  und  dem  Bunde.  Schon  im  Herbst  1816  wurde  diese  Absicht
des  Monarchen  in  der  Instruktion  für  die  Bundesgesandtschaft  ausgesprochen
  und  seitdem  zu  Hardenbergs  Verzweiflung  anderthalb  Jahre  lang
hartnäckig  festgehalten.  Die  deutschen  Dinge  lagen  indes  noch  so  verschroben,
daß  gerade  die  einfachsten,  die  bestgemeinten  politischen  Gedanken  verfrüht,
ja  gefährlich  erschienen.  So  gewiß  die  europäischen  Interessen  Preußens
mit  denen  des  übrigen  Deutschlands  zusammenfielen,  ebenso  gewiß  durfte
die  preußische  Krone  nicht  zugunsten  dieses  Bundestages  auf  die  Selbständigkeit
  ihrer  auswärtigen  Politik  verzichten.  Und  so  unzweifelhaft  das
treue  deutsche  Ordensland  durch  Stammesart  und  Geschichte  dem  großen
        <pb n="163" />
        Verhandlungen  über  den  Eintritt  des  preußischen  Gesamtstaates.  155

Vaterlande  angehörte,  ebenso  sicher  ließ  sich  doch  voraussehen,  daß  weder
sterreich  noch  die  Mittelstaaten  diese  Ostmark  jemals  freiwillig  in  den
Deutschen  Bund  aufnehmen  würden,  da  sie  ja  samt  und  sonders  die  Be—
schränkung  der  preußischen  Macht  als  den  Hauptzweck  der  Bundespolitik
betrachteten.

Der  Staatskanzler  beschwor  daher  seinen  königlichen  Herrn,  nicht
durch  einen  solchen  Antrag  allgemeines,  peinliches  Aufsehen  zu  erregen
und  „aus  der  Reihe  der  europäischen  Mächte  gleichsam  herauszutreten“;
er  verschmähte  sogar  nicht  die  perfide  Frage:  „würde  man  dadurch  nicht
der  Idee  von  Deutschheit  noch  mehr  Nahrung  geben,  die  in  den  Schwin—
delköpfen  der  Zeit  liegt?““)  Humboldt  schloß  sich  dem  Staatskanzler  an
und  erinnerte  nachdrücklich  an  die  schwer  errungene  Stellung  Preußens
innerhalb  der  europäischen  Pentarchie.  Auch  Goltz  berichtete  aus  Frankfurt:
  alle  Kleinstaaten  wünschten,  daß  der  Bund  nur  eine  passive  Rolle
in  der  europäischen  Politik  spiele,  und  würden  mithin  nimmermehr  den
Eintritt  des  preußischen  Gesamtstaates  genehmigen.  Nochmals  stellte
Hardenberg  dem  Könige  vor,  welches  Mißtrauen  der  Plan  in  Petersburg
und  an  den  kleinen  Höfen  erwecken  müsse.)  Die  Möglichkeit  aber,  daß
Preußen  dereinst  durch  eine  österreichisch  gesinnte  Bundestagsmehrheit  wider
Willen  in  einen  italienischen  Krieg  der  Habsburger  hineingerissen  werden
könnte,  fand  noch  in  keiner  dieser  Denkschriften  Erwähnung;  ein  solcher
Fall  lag  noch  weit  außerhalb  des  Gesichtskreises  der  Zeit.  Wurde  Osterreich
  in  der  Lombardei  angegriffen,  so  war  Preußen  nach  der  einstimmigen
Ansicht  der  Berliner  Staatsmänner,  unzweifelhaft  verpflichtet,  den  Bundes—
genossen  zu  unterstützen;  denn  wer  anders  als  Frankreich  konnte  den  An—
griff  unternehmen?  an  eine  Schilderhebung  der  Piemontesen  wagte  noch
niemand  zu  denken.

Der  König  blieb  unerschütterlich:  „Ich  kann“,  erwiderte  er  dem  Staatskanzler
  (1.  Dezbr.  1817),  „in  dieser  so  überaus  wichtigen  Sache  durchaus
keine  anderen  Beschlüsse  fassen,  indem  ich  zu  sehr  von  der  Gefahr  durchdrungen
  bin,  in  die  der  Staat  kommen  kann.““““)  Hardenberg  mußte  also
schweren  Herzens  den  Plan  des  Monarchen,  nebst  einer  ausführlichen  Denkschrift
  Ancillons,  durch  Geh.  Rat  Jordan  der  Hofburg  mitteilen  lassen.
Metternich  aber  war  über  seine  Antwort  nicht  im  Zweifel.  Nichts  lag  ihm
ferner  als  der  Gedanke,  den  preußischen  Antrag  etwa  durch  das  Anerbieten
des  Eintritts  von  Gesamt-Osterreich  zu  überbieten;  so  verwegene  Entschlüsse
  galten  damals  noch  allgemein  als  unausführbar,  sie  widersprachen
den  Grundanschauungen  der  Stabilitätspolitik  und  erschienen  dem  Wiener
Hofe  um  so  törichter,  da  man  ja  den  Plan  der  Bildung  eines  italieni- 



*)  Hardenberg  an  den  König,  23.  Februar  1817.
*7*')  Humboldts  Votum,  12.  Juli,  Hardenbergs  Denkschrift,  1.  Dezbr.,  Goltzs
Denkschrift  30.  Dezbr.  1817.
*“'  '#)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Hardenberg,  1.  Dezbr.  1817.
        <pb n="164" />
        156  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

schen  Bundes  noch  nicht  aufgegeben  hatte.  Der  österreichische  Staatsmann
sendete  seinem  preußischen  Freunde  einen  zärtlichen,  hochpathetischen  Brief
(9.  Jan.  1818),  der  für  jedermann  —  allein  den  König  und  den  Staatskanzler
  ausgenommen  —  ein  ewiges  Geheimnis  bleiben  sollte.  Er  schil—
derte  beweglich,  wie  die  glückliche  Eintracht  der  beiden  Mächte  allein  auf
der  vollkommenen  Gleichheit  ihrer  Stellung  beruhe.  „Diese  Gleichheit  be—
seitigen  hieße  das  ganze  Gebäude  umstoßen.  Hüten  wir  uns,  mein  Fürst,
an  dieser  glücklichen  Lage  irgend  etwas  zu  verändern!“  Eine  beigefügte
Denkschrift  behauptete  mit  stolzer  Zuversicht:  Würde  einer  der  Bundesstaaten
  in  seinem  nicht-deutschen  Gebiete  unrechtmäßig  angegriffen,  „so
würde  es  kaum  einmal  einer  Defensiv-Allianz  bedürfen  um  den  Bund  in
Tätigkeit  zu  versetzen;  sein  eigenes  Interesse  würde  ihn  dazu  bewegen.
Der  Fall,  daß  Osterreich  oder  Preußen  getrennt  von  Rußland  angegriffen
würde,  ohne  daß  die  eine  oder  andere  Macht  für  ihren  Bundesgenossen
Partei  nähme,  liegt  so  sehr  außer  aller  Möglichkeit,  daß  es  überflüssig
wäre  dabei  zu  verweilen.“  Der  König  jedoch  ward  weder  durch  die  Mahnungen
  Osterreichs  noch  durch  eine  neue  Denkschrift  seines  Staatskanzlers
überzeugt  und  verlangte,  obgleich  Hardenberg  dringend  abriet,  ein  Gutachten
  der  auswärtigen  Abteilung  seines  Staatsrats.)  Hier  stimmten
nach  lebhaften  Verhandlungen  schließlich  alle  darin  überein,  daß  der  Vorschlag
  des  Königs  angesichts  der  Gesinnung  der  deutschen  Bundesstaaten
vorläufig  unausführbar  sei.  Selbst  der  Vertraute  des  Monarchen,  der
wackere  Oberst  Witzleben,  der  anfangs  für  die  Ansicht  seines  königlichen
Freundes  aufgetreten,  ward  durch  die  überlegenen  Gründe  der  Gegner  gewonnen.
  Nun  endlich  gab  der  König  nach  und  genehmigte  (24.  April),
daß  außer  den  alten  Reichslanden  nur  noch  Geldern,  Schlesien  und  die
Lausitz  dem  Bunde  beitraten.  Unmutig  fügte  er  hinzu,  dies  geschehe
gegen  seine  Uberzeugung.“)  Also  wurde  die  Absicht  König  Friedrich  Wilhelms,
  das  alte  Pflanzungsland  des  deutschen  Mittelalters  wieder  in  den
Staatsverband  der  Nation  zurückzuführen,  für  diesmal  vereitelt.  Erst  ein
Menschenalter  darauf,  unter  den  Stürmen  der  Revolution,  sollte  der  Plan
wieder  aufleben,  und  erst  nach  abermals  achtzehn  Jahren,  als  die  Herrschaft
  Osterreichs  zusammenbrach,  ward  er  für  die  Dauer  verwirklicht.

Ebenso  unglücklich  verliefen  die  Verhandlungen  über  das  Bundesheer.
König  Friedrich  Wilhelm  betrieb  sie  mit  unermüdlichem  Eifer,  denn  da
Preußen  selbst  fünf  Prozent  der  Bevölkerung  zum  Heer  stellte,  so  hielt  er
sich  berechtigt  von  den  Bundesgenossen  mindestens  annähernd  gleiche  Leistungen
  zu  fordern.  Metternich  dagegen  legte  auf  die  Organisation  der

 

*)  Ancillons  Denkschrift  für  den  Wiener  Hof,  5.  Dezbr.  1817.  Metternichs  Brief
und  Denkschrift  an  Hardenberg,  9.  Januar  1818.  Hardenbergs  Denkschrift,  Engers
22.  Februar  1818.  Kabinettsordre  an  den  Staatsrat,  8.  März  1818.

**)  Die  zwei  Gutachten  Witzlebens  bei  Dorow,  J.  v.  Witzleben  S.  115  ff.  Hardenbergs
  Tagebuch,  24.  April  1818.
        <pb n="165" />
        Die  Bundeskriegsverfassung.  157

kleinen  deutschen  Armeen  wenig  Gewicht,  weil  er  des  preußischen  Bündnisses
sicher  war.  Die  Frage  schien  nicht  erheblich  genug,  um  deshalb  den  Argwohn
  der  Mittelstaaten  zu  erregen;  brach  ein  Krieg  aus,  so  mußten  sich
die  kleinen  Kontingente  doch,  wie  in  den  letzten  Feldzügen,  irgendwie  an  die
größeren  Massen  anschließen.  Ohnehin  fehlte  dem  Wiener  Hofe  gänzlich
der  militärische  Sinn,  das  Verständnis  für  die  sittliche  Bedeutung  der
Heeresverfassung.  Obgleich  die  Mängel  des  schwerfälligen  österreichischen
Heerwesens  während  der  jüngsten  Kriege  grell  genug  hervorgetreten  waren,
so  unterblieb  doch  im  Frieden  jede  Verbesserung;  der  mißtrauische  Kaiser
sprach  als  Grundsatz  aus,  daß  man  niemals  einem  Offizier,  der  sich  im
Kriege  hervorgetan,  im  Frieden  eine  einflußreiche  Stellung  anvertrauen
dürfe,  und  ließ  den  fähigsten  seiner  Generale,  Radetzky,  zehn  Jahre  lang
auf  dem  Festungskommando  zu  Olmütz.  Die  Maschine  verrostete  mehr  und
mehr.  Die  jungen  Offiziere  spotteten  laut  über  das  militärische  Philistertum
  und  ergötzten  sich  an  einer  boshaften  Satire,  die  im  Jahre  1816
erschien,  dem  „Standhaften  Kriegs-Dienst=  und  Exerzierreglement  der  Reichsstadt
  Riblingen“  —  denn  wie  oft  hatte  nicht  das  tapfere  kaiserliche  Heer,
gleich  der  Riblinger  Armada,  einen  Feldherrn  aus  dem  Geschlechte  derer
von  Kraftlos  ertragen  müssen!  Zu  alledem  kam  noch  der  dringende  Wunsch
des  Kaisers,  alle  erregten  Verhandlungen  in  Frankfurt  zu  vermeiden.
Als  ihm  der  Bundestag  zum  ersten  Male  zum  Geburtstage  Glück  wünschte,
ließ  er  durch  Metternich  (2.  März  1817)  seinen  Dank  aussprechen,  und  die
Auguren  der  Eschenheimer  Gasse  vernahmen  mit  befriedigtem  Lächeln,  wie
der  gute  Kaiser  sie  ermahnte:  sie  sollten  nicht  vergessen,  daß  sie  als  eine
permanente  Versammlung  keinen  Grund  zu  übereilter  Arbeit  hätten;  nimmermehr
  dürfe  durch  „übertriebenes  Drängen  der  Geschäfte  ein  nachteiliger
Ausbruch“  am  Bundestage  herbeigeführt  werden.

Während  Kaiser  Franz  also  seine  Besorgnis  vor  dem  heißblütigen
Ungestüm  des  jugendlichen  Bundestages  aussprach,  zeigten  sich  die  Mittelstaaten
  sämtlich  entschlossen,  alles  zu  verwerfen,  was  der  Einheit  eines
wirklichen  Heeres  auch  nur  nahe  kam.  In  keiner  anderen  Frage  wagte
sich  die  noch  ungebrochene  rheinbündische  Gesinnung  dieser  Höfe  so  schamlos
hervor.  Nicht  die  Verteidigung  des  Vaterlandes  gegen  den  auswärtigen
Feind,  sondern  die  Sicherung  der  kleinköniglichen  Souveränität  gegen  die
Übermacht  der  großen  Bundesgenossen  wurde  ungescheut  als  der  Zweck
der  Bundeskriegsverfassung  bezeichnet.  Alle  Mittel=  und  Kleinstaaten,  so
berichtete  Berstett  zufrieden  seinem  Hofe,  wünschten  die  Bildung  eines
reinen  Bundesheeres  von  mehreren  Korps  aus  den  kleinen  Kontingenten
unter  einem  gewählten  Bundesfeldherrn;  daneben  mochten  noch  ein  österreichisches
  und  ein  preußisches  Korps  als  selbständige  Hilfstruppen  geduldet
werden.“)  Das  deutsche  Heer  sollte  absichtlich  geschwächt  werden,  damit

 

")  Berstetts  Bericht,  29.  Januar  1817.
        <pb n="166" />
        158  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

die  Überzahl  der  Osterreicher  und  der  Preußen  die  Kleinen  nicht  erdrückte.
Ließ  sich  dies  höchste  Ziel  nicht  erreichen,  so  mußten  die  Kleinstaaten  mindestens
  vor  jeder  Unterordnung  unter  die  Großmächte  bewahrt  bleiben.  Dieselben
  Höfe,  welche  soeben,  als  die  Zulassung  der  fremden  Gesandten  in
Frage  stand,  die  europäische  Macht  des  Deutschen  Bundes  verherrlicht
hatten,  sagten  jetzt  demütig:  die  Aufgabe  sei  nicht  eine  gebietende  Stellung
im  europäischen  Staatensysteme  einzunehmen,  sondern  nur  eine  verteidigende
  mit  Würde  zu  behaupten  —  so  lautete  der  erste  Kommissionsbericht
des  Bundestages  in  Sachen  des  Heerwesens.  Baden  und  Darmstadt
gingen  noch  weiter  und  erklärten  geradezu,  gegen  Sinn  und  Wortlaut
der  Bundesakte:  Neutralität  sei  das  einzige  Prinzip  des  Bundes.  Da  die
kleinen  Höfe  allesamt  fest  auf  eine  lange  Zeit  ungestörten  Friedens  hofften,
so  wollten  sie  ihren  ermüdeten  Völkern,  ihren  zerrütteten  Finanzen  nur
geringe  Kriegsleistungen  zumuten.  Die  Landwehr,  welche  die  meisten
Kleinstaaten  während  des  Krieges  nach  preußischem  Muster  gebildet  hatten,
wurde  von  dem  Zunftstolze  der  rheinbündischen  Offiziere  mit  Verachtung
angesehen,  zumal  da  sie,  mit  Ausnahme  der  hannöverschen,  nur  selten  ins
Gefecht  gekommen  war.  Auch  an  Verdächtigungen  fehlte  es  nicht;  hatte
doch  Steins  verhaßte  Zentralverwaltung  die  Volksbewaffnung  geleitet!
Nach  dem  Frieden  hob  man  überall  in  den  Kleinstaaten  die  Landwehr
auf  oder  man  ließ  sie  verfallen,  so  daß  sie  nur  zuweilen,  wie  die  vielbelachten
  bayrischen  „Fronleichnamssoldaten“,  an  Festtagen  auf  einige  Stunden
  zum  Vorschein  kam;  und  bald  war  Preußen  der  einzige  deutsche  Staat,
der  noch  eine  kriegstüchtige  Landwehr  besaß.

In  dem  Verlangen  nach  Abrüstung  vereinigten  sich  die  gedankenlose
Selbstsucht  der  kleinen  Höfe  und  der  Soldatenhaß  des  Liberalismus.  Auch
darin  stimmten  alle  Mittelstaaten  überein,  daß  man  allenfalls  für  Kriegszeiten
  eine  mäßige  Leistung  versprechen,  doch  nimmermehr  im  Frieden  eine
Aufsicht  von  Bundeswegen  ertragen  dürfe.  An  den  Höfen  von  Darmstadt
  und  Karlsruhe  fragte  man  unverhohlen:  warum  Opfer  bringen  für
ein  Bundesheer,  das  dem  engeren  Vaterlande  doch  nichts  nützen  könne?  bevor
  die  Osterreicher  und  Preußen  dem  Südwesten  zu  Hilfe  kämen,  würden
  die  französischen  Heere  längst  die  deutschen  Grenzlande  überschwemmt
haben.  So  schnell  waren  die  strahlenden  Siege  der  jüngsten  Jahre  wieder
vergessen;  so  lähmend  wirkte  die  Nachbarschaft  jener  elsassischen  Festungen,
welche  der  faule  Friede  in  Frankreichs  Hand  gelassen,  auf  den  deutschen
Stolz!  Der  Kurfürst  von  Hessen  bewährte  auch  diesmal  seine  Anhänglichkeit
  an  die  gute  alte  Zeit  und  schärfte  seinem  Gesandten  ein,  Hessen
habe  zu  dem  Reichsheere  niemals  mehr  als  800  Mann  gestellt;  doch  wollte
er  aus  besonderer  Hingebung  dem  Deutschen  Bunde  äußersten  Falles
2500  Mann  gewähren,  nur  möge  man  ihn  mit  den  „Hauskriegen“  Osterreichs
  und  Preußens  nicht  behelligen.  Diese  Absichten  der  kleinen  Höfe
wurden  schon  bei  den  einleitenden  Verhandlungen  über  das  Heerwesen
        <pb n="167" />
        Verhandlungen  über  das  Bundesheer.  159

mit  zynischer  Offenheit  ausgesprochen.  Bayern  fragte  kurzab:  wozu  über—
haupt  eine  Vorschrift  über  die  Friedensstärke  der  Kontingente?  genug,  wenn
der  Bund  für  den  Kriegsfall  das  Verhältnis  zwischen  den  Leistungen  der
Bundesglieder  feststellt;  sind  diese  Simpla  vereinbart,  so  kann  alles  Weitere
den  Umständen  und  der  freien  Übereinkunft  der  Staaten  überlassen  werden.
In  der  Tat  gelangte  der  Bundestag  am  29.  Mai  1817  nur  zu  dem  Be—
schlusse,  einen  Ausschuß  mit  der  Aufstellung  einer  provisorischen  Matrikel
zu  beauftragen.  Aber  sollte  die  Bevölkerung  allein  den  Maßstab  für  die
Matrikel  bilden?  Oder  auch  der  Gebietsumfang  und  die  Höhe  der  Staatseinkünfte?
  Selbst  hierüber  war  man  noch  nicht  einig.  Die  reichen  Hansestädte
  empfahlen  lebhaft  den  Bevölkerungsmaßstab,  der  ihnen  ein  gutes  Geschäft
  verhieß;  das  dichtbevölkerte  Württemberg  sprach  ebenso  eifrig  dawider.

Angesichts  solcher  Erfahrungen  setzte  Hardenberg  seine  letzte  Hoffnung
auf  die  Verständigung  mit  Osterreich.  Schon  um  Mitte  Mai  1817  ließ
er  den  Wiener  Hof  zu  Sonderverhandlungen  auffordern,“)  aber  erst  im
Juli  beauftragte  Metternich,  sichtlich  ungern,  den  General  Steigentesch,
in  Karlsbad  mit  Boyen  und  dem  General  Wolzogen  zusammenzutreffen.
Dort  gerieten  die  beiden  alten  Freunde  Steigentesch  und  Wolzogen  hart
an  einander  und  nur  Boyens  ruhige  überlegenheit  setzte  endlich  eine
halbe  Verständigung  durch.  Sobald  man  den  Dingen  näher  trat,  kam
sofort  zutage,  wie  vollständig  Hardenberg  sich  über  die  Absichten  der  Hofburg
  getäuscht  hatte.  Der  preußische  Vorschlag  zur  Zweiteilung  des  Bundesheeres
  erschien  den  Wiener  Staatsmännern  schlechthin  unannehmbar.  Er
bot  zwar  dem  preußischen  Staate  die  Aussicht  auf  die  militärische  Beherrschung
  der  dichten  Wolke  der  norddeutschen  Kleinstaaten;  aber  was  hatte
Osterreich  dabei  zu  gewinnen,  da  doch  die  Unterwerfung  der  bayrischen  und
der  württembergischen  Königskrone  unter  den  kaiserlichen  Oberbefehl  ganz
undenkbar  war?  Der  Plan  entsprang  der  Politik  des  friedlichen  Dualismus;
doch  er  konnte,  wie  die  Dinge  lagen,  nur  die  Machtstellung  Preußens  zum
Nachteil  Osterreichs  verstärken.  Darum  ward  er  auch  von  dem  einzigen
namhaften  preußischen  Staatsmanne,  welcher  damals  schon  die  Trennung
von  Osterreich  erstrebte,  warm  befürwortet.  Präsident  von  Motz  sendete  um
die  nämliche  Zeit  dem  Staatskanzler  eine  Denkschrift,  die  mit  genialer
Kühnheit  die  große  Lüge  des  deutschen  Bundesrechts  beleuchtete.  Hier
war  der  Bund  kurzerhand  als  „ein  politischer  Notbehelf“  bezeichnet.
den  die  Eifersucht  der  deutschen  Fürsten  im  Verein  mit  Osterreich,  Rußland
  und  Frankreich  geschaffen  habe,  „um  Deutschland  in  ewiger  Kraftzersplitterung
  zu  erhalten.“  Preußen  aber  müsse  schon  jetzt  den  Zeitpunkt
ins  Auge  fassen,  „wo  das  unhaltbare  Bundeswerk  wieder  in  sich  selbst  zerfallen
  werde“,  und  daher  vorläufig,  so  lange  ein  einiges  deutsches  Heer
noch  nicht  möglich  sei,  die  norddeutschen  Kontingente  durch  Militärkon- 



*)  Hardenbergs  Instruktion  an  Krusemark,  13.  Mai  1817.
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        160  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

ventionen  mit  seiner  Armee  zu  verbinden  suchen.)  Wie  durfte  Osterreich
  auf  einen  Vorschlag  eingehen,  der  zu  solchen  Hoffnungen  Anlaß  gab?

Nach  lebhaftem  Widerstreben  unterzeichnete  der  österreichische  Bevollmächtigte
  zu  Karlsbad  endlich  (10.  August)  eine  Konvention  über  die  Bundesfestung
  Mainz:  die  beiden  Großmächte  sollten  je  die  Hälfte  der  Garnison
  stellen  und  aller  fünf  Jahre  abwechselnd  den  Gouverneur  oder  den
Kommandanten  ernennen.  Mit  dieser  rechtlichen  Gleichheit  ward  freilich
die  Eintracht  in  der  deutschen  Hauptfestung  nicht  hergestellt;  denn  da  Osterreich
  von  vornherein,  dem  Geiste  der  Bundesakte  zuwider,  nichtdeutsche
Regimenter  in  den  rheinischen  Platz  sendete,  so  brachen  bald  Händel  aus
zwischen  den  deutschen  und  den  fremden  Truppen,  und  solange  der  Deutsche
Bund  bestand,  bildeten  die  unablässigen  Raufereien  der  Mainzer  Garnison
das  erfreuliche  Gegenstück  zu  dem  unblutigen  Gezänk  in  Frankfurt.  Schon
vorher  (12.  März)  war  mit  den  Niederlanden  ein  Vertrag  zustande  gekommen,
  kraft  dessen  König  Friedrich  Wilhelm  sich  verpflichtete,  für  die  zweite
Bundesfestung  Luxemburg  drei  Viertel  der  Garnison,  den  Gouverneur  und
den  Kommandanten  zu  stellen.  Zugleich  begann  Preußen,  unter  Asters
genialer  Leitung,  den  Ausbau  seiner  rheinischen  Festungen  Koblenz,  Köln,
Wesel,  Jülich,  Saarlouis  und  verwendete  dazu  nach  und  nach,  außer  den
20  Mill.  Fr.,  welche  der  Pariser  Vertrag  angewiesen,  noch  eine  beträchtliche
Summe  aus  seinen  eigenen  Mitteln.  Der  Ehrenbreitstein  ward  wieder  hergestellt,
  und  bald  krönte  die  lieblichen  Höhen  an  der  Moselmündung  jener
mächtige  Kranz  von  vorgeschobenen  Werken,  der  die  Bewunderung  des  alten
Festungsstürmers  Wellington  erregte  und  die  zurückgebliebene,  noch  in  Vaubans
  Ideen  befangene  Befestigungskunst  der  Franzosen  beschämte.  Während
Preußen  dergestalt,  weit  über  seine  Bundespflichten  hinaus,  für  die  Sicherheit
  des  Niederrheins  sorgte,  lag  der  Südwesten  noch  völlig  schutzlos  vor  den
Ausfallstoren  der  elsassischen  Festungen.  Zu  Paris  hatte  man  verabredet,
  Landau  als  dritte  Bundesfestung  dem  Bunde  zu  überweisen,  doch
das  Versprechen  blieb  noch  immer  unausgeführt.  Für  eine  vierte  Bundesfestung
  am  Oberrhein  waren  20  Millionen  aus  der  französischen  Kontribution
  bestimmt;  aber  die  süddeutschen  Höfe  stritten  sich  über  den  Platz.
Baden  und  Württemberg  verlangten  zum  Schutze  ihres  eigenen  Gebietes
eine  Festung  dicht  am  Rhein,  etwa  in  Rastatt;  Osterreich  dagegen  wünschte
durch  die  Befestigung  von  Ulm  die  Donaustraße  zu  sperren  und  die  Wiederkehr
  des  Austerlitzer  Feldzugs  zu  verhindern.  Da  sich  die  Lage  von  Ulm
zur  Errichtung  eines  großen  oberdeutschen  Waffenplatzes  eignete  und  Osterreich
  um  keinen  anderen  Preis  die  Gleichberechtigung  der  beiden  Großmächte
  in  der  Mainzer  Festung  zugeben  wollte,  so  versprach  Boyen,  Preußen
werde  am  Bundestage  für  Ulm  stimmen.

 

*)  Motz,  Gedanken  über  die  Militärverfassung  des  Deutschen  Bundes,  insbesondere
über  Verträge  mit  den  kleinen  norddeutschen  Staaten,  24.  Sept.  1817.
        <pb n="169" />
        Die  Karlsbader  Konvention.  161

Über  die  Einteilung  des  Bundesheeres  vermochten  die  Unterhändler
in  Karlsbad  sich  nicht  zu  einigen.  Nur  eine  ganz  allgemein  gehaltene
Übereinkunft,  nur  der  Entwurf  eines  Entwurfs  kam  zustande:  die  Bundesstaaten
  verpflichten  sich,  in  Kriegszeiten  zwei  Prozent  der  Bevölkerung
zum  Bundesheere,  und  außerdem  ein  Prozent  Ersatztruppen  zu  stellen;
wird  der  Bundeskrieg  erklärt,  so  legen  die  Kontingente  der  Bundesstaaten
ein  gemeinsames  Abzeichen  an  und  der  Bundestag  wählt  einen  Staat,  der
seinerseits  den  Bundesfeldherrn  ernennt.  Dieser  Staat  konnte  nur  Osterreich
  sein.  Boyen  gewährte  das  Zugeständnis,  weil  er  voraussah,  daß  die
Natur  der  Dinge  trotzdem  wieder,  wie  im  letzten  Kriege,  die  Teilung  des
Kriegstheaters  erzwingen  würde.  Um  das  kümmerliche  Ergebnis  der  Karlsbader
  Konferenz  durch  einige  bestimmtere  Abreden  zu  ergänzen  und  überhaupt
  ein  gemeinsames  Vorgehen  der  beiden  Großmächte  am  Bundestage
zu  vereinbaren,  wurde  im  Dezember  noch  Geh.  Rat  Jordan  nach  Wien
gesendet;  aber  auch  er  erlangte  nur  unsichere  Zusagen.

Unterdessen  hatten  die  österreichischen  Diplomaten  das  Geheimnis  der
Karlsbader  Übereinkunft  schon  längst  den  kleinen  Höfen  verraten.  Schon
vierzehn  Tage  nach  dem  Abschluß,  lange  bevor  der  preußische  Bundesgesandte
  selbst  von  den  Karlsbader  Verhandlungen  etwas  ahnte,  waren  die
süddeutschen  Kabinette  bereits  unterrichtet.  Ein  jäher  Schrecken  ergriff
die  Souveräne,  das  Gespenst  der  deutschen  Zweiherrschaft  stand  drohend
vor  den  Toren.  Der  Kurfürst  von  Hessen  eilte  sofort  nach  Darmstadt,
der  Großherzog  von  Baden  nach  Homburg  zum  Könige  von  Württemberg;
die  vier  Fürsten  verschworen  sich,  jedem  Übergriffe  der  Großmächte  vereint
entgegenzutreten.  Als  der  Bundestag  im  Herbste  nach  seinen  ersten  Ferien
wieder  zusammentrat,  fand  Graf  Goltz,  der  erst  im  November  amtlich  unterrichtet
  wurde,  die  Stimmung  der  Versammlung  wunderbar  aufgeregt  und
verbittert.')  Erst  am  15.  Januar  1818  wagte  Buol  die  Karlsbader  Konvention
  als  einen  Präsidialantrag  dem  Bundestage  vorzulegen.  Um  die
entrüsteten  Hörer  zu  beschwichtigen,  beteuerte  er,  daß  er  damit  nur  das
Feld  für  die  freie  Beratung  eröffnen  wolle;  zwei  Gesichtspunkte  müßten
bei  der  Verhandlung  festgehalten  werden:  „die  vollkommene  Würdigung
der  Souveränität  der  deutschen  Staaten  und  die  Rücksicht  auf  ein  wirksames
  Verteidigungssystem.“  Dann  überreichte  er  noch  einen  ungeheuerlichen
  Entwurf  für  die  Einteilung  des  Bundesheeres,  der  eine  Friedensstärke
  von  nur  120,000  Mann  verlangte  und  den  beiden  Großmächten  je
ein  Armeekorps  von  41,500  Mann  zuwies;  die  übrigen  37,000  Mann
sollten  in  neun  Korps  zerfallen,  also  daß  jeder  Mittelstaat  von  Bayern  bis
auf  Luxemburg  herab  sich  den  Hochgenuß  eines  kommandierenden  Generals
gönnen  konnte.  Die  Perle  dieser  elf  Korps  war  das  elfte,  das  2606  Luxem- 



*)  Goltzs  Berichte,  8.  Oktobr.,  25.  Novbr.  1817;  dessen  Übersicht  über  die  Bundesverhandlungen
  v.  13.  April  1819.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  11
        <pb n="170" />
        162  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

burger,  Nassauer  und  Hanseaten  unter  der  Führung  eines  niederländischen
  Generals  umfassen  sollte.  Preußen  gab  dem  wundersamen  Vorschlage
nur  darum  vorläufig  seine  Zustimmung,  weil  diese  winzigen  Korps  im
Kriegsfalle  unmöglich  neben  den  Heeren  der  beiden  Großmächte  ihre  Selbständigkeit
  behaupten  konnten,  und  man  doch  nicht  wagen  durfte  die  Zweiteilung
  des  Heeres  geradeswegs  zu  beantragen.

Aber  wie  sorgsam  ÖOsterreich  auch  die  Souveränität  der  Kleinen  geschont
  hatte,  wie  bescheiden  auch  seine  Anträge  klangen,  den  Erben  des
Rheinbundes  schien  selbst  dies  Nichts  unerträglich  drückend.  Umsonst
sendete  Hardenberg  im  Januar  den  General  Wolzogen  nach  Stuttgart
um  dem  neuen  Könige  auseinanderzusetzen,  daß  nur  ein  Heer  von  mindestens
  zwei  Prozent  der  Bevölkerung  einem  Angriffe  Frankreichs  gewachsen
sei;  die  Selbstsucht  König  Wilhelms  war  stärker  als  sein  Soldatenverstand.
Als  am  16.  Februar  die  Abstimmung  begann,  standen  Bayern,  Sachsen,
Württemberg,  Baden  und  die  beiden  Hessen  einhellig  gegen  die  Großmächte.
Sie  forderten  ziemlich  übereinstimmend:  Herabsetzung  der  Kriegsstärke  auf
die  Hälfte;  mehr  als  1%  für  das  Heer  und  ½0%  für  den  Ersatz  sei  unerschwinglich.
  Ferner  Erwählung  des  Bundesfeldherrn  durch  den  Bundestag
selbst;  dann  blieb  die  Aussicht,  den  Marschall  Wrede  oder  einen  kleinköniglichen
  Prinzen  an  die  Spitze  des  deutschen  Heeres  zu  stellen.  Selbstverständlich
  durfte  dieser  deutsche  Feldmarschall  auch  im  Kriege  die  Einteilung
  der  Korps  nicht  verändern,  auch  sollte  er  sich  eines  parlamentarischen
Hauptquartiers  erfreuen,  einer  Versammlung  von  Offizieren  aus  allen
Kontingenten,  welche  das  Interesse  ihrer  Souveräne  bei  dem  Feldherrn
zu  vertreten  hätten.  Schlechterdings  keine  Inspektion  von  Bundeswegen
in  Friedenszeiten,  auch  keine  Vorschriften  über  die  Landwehr;  überhaupt
sollte  die  Ausführung  des  künftigen  Bundesgesetzes  ausschließlich  den  Einzelstaaten
  überlassen  bleiben.  Diese  Aussicht  war  um  so  erfreulicher,  da
der  Kurfürst  von  Hessen  ausdrücklich  hinzufügte,  man  dürfe  ihm  nicht  zumuten,
  die  Stämme  und  die  Ausrüstung  für  die  Kriegsstärke  schon  im
Frieden  bereit  zu  halten.  Ein  gemeinsames  Abzeichen  wollte  man  im
Kriege  allenfalls  ertragen,  nur  durfte  es  bloß  ein  Erkennungszeichen  sein  wie
die  weiße  Armbinde,  welche  die  Kriegsvölker  des  verbündeten  Europas  in
Frankreich,  unbeschadet  ihrer  nationalen  Selbständigkeit,  einst  geführt  hatten.
Für  die  Einteilung  des  Bundesheeres  ward  als  unverbrüchliche  Regel
gefordert,  daß  kein  Staat,  der  ein  vollständiges  Armeekorps  stelle,  andere
Truppen  mit  den  seinen  vereinigen  dürfe;  die  gemischten  Korps  sollten
„nach  den  geographischen  und  verwandtschaftlichen  Verhältnissen“  gebildet
werden.  Der  Kurfürst  von  Hessen  zeigte  zugleich  an,  er  habe  mit  dem
Vetter  in  Darmstadt  verabredet  „eine  Division  gemeinsam  den  Feinden
des  gemeinschaftlichen  und  des  besonderen  Vaterlandes  entgegenzustellen“;
und  jedermann  wußte,  daß  mit  den  Feinden  des  besonderen  Vaterlandes
nur  Preußen  gemeint  war.
        <pb n="171" />
        Die  Hauptpunkte  der  Bundeskriegsverfassung.  163

Hardenberg  wollte  im  ersten  Zorne  Genugtuung  von  dem  Hessen
fordern;*)  der  Wohlmeinende  stand  völlig  ratlos  vor  den  Kraftleistungen
eines  Partikularismus,  der  so  unbefangen  eingestand,  daß  er  ohne  jede
ernsthafte  Gegenleistung  nur  den  Schutz  der  beiden  Großmächte  bean—
spruchte  und  im  Notfalle  auch  den  Übergang  zum  Landesfeinde  nicht
scheute.  Und  dazu  die  häßliche  Verlogenheit  der  ganzen  Beratung:  keiner
der  Bundesgenossen  konnte  sich  darüber  täuschen,  daß  weder  Österreich
noch  Preußen  jemals  sein  Heer  in  zwei  Stücke  zerreißen  würde,  und  mithin
  alles  Streiten  über  die  Bundeskontingente  der  beiden  Großmächte  sinnlos
  war.  Metternich  aber  fand  das  Auftreten  der  Mittelstaaten  keineswegs
  anstößig,  sondern  verhandelte  in  der  Stille  mit  den  süddeutschen  Höfen
und  versprach  dem  Könige  von  Württemberg:  neben  den  geschlossenen
Massen  der  österreichischen,  preußischen  und  bayrischen  Armee  sollten  noch
zwei  oder  drei  gemischte  Korps  gebildet  werden,  so  daß  Württemberg,  Hannover
  und  vielleicht  auch  Sachsen  ein  Korpskommando  zu  besetzen  hätten.
Währenddem  ward  auch  Buol  von  den  süddeutschen  Gesandten  bearbeitet;
der  Badener  Berckheim  fragte  ihn  vorwurfsvoll,  warum  Osterreich  in
Preußens  Schlepptau  gehe.“*')  In  der  Sitzung  vom  9.  April  1818  trat
der  Präsidialgesandte  endlich  offen  zu  den  Mittelstaaten  über  und  legte  dem
Bundestage  einige  „Hauptpunkte“  für  die  Bundeskriegsverfassung  vor,
welche  in  allem  wesentlichen  den  Anträgen  der  süddeutschen  Höfe  entsprachen.
  Die  Versammlung  ging  freudig  darauf  ein;  Preußen  fand  sich
gänzlich  vereinsamt  und  genehmigte  was  nicht  mehr  zu  ändern  war.

Der  Staatskanzler  ward  aber  selbst  durch  diese  Erfahrung  nicht  über
die  Zuverlässigkeit  der  österreichischen  Freundschaft  aufgeklärt,  obwohl  ihn
Boyen,  Wolzogen  und  sogar  der  harmlose  Goltz  wiederholt  auf  die  offenbare
  Zweizüngigkeit  der  Wiener  Politik  aufmerksam  machten.  Noch  immer
hielt  er  Metternich  für  einen  treuen,  nur  allzu  nachgiebigen  Freund,
während  dieser  in  Wahrheit  zäh  und  verschlagen,  wie  die  Mittelstaaten,
nur  das  eine  Ziel  verfolgte:  jede  militärische  Verstärkung  Preußens  zu
verhindern.  Zur  Durchführung  jener  „Hauptpunkte“  ward  ein  Ausschuß
des  Bundestages  eingesetzt  und  außerdem  noch  eine  aus  Offizieren  der
größeren  Staaten  gebildete  Militär-Kommission,  so  daß  die  militärischen
Angelegenheiten  stets  drei  Instanzen  zu  durchlaufen  hatten.  Ein  neuer
Zank  begann,  als  Preußen  sich  bereit  erklärte,  ebensoviel  Truppen  zum
Bundesheere  zu  stellen  wie  Osterreich,  obwohl  die  Volkszahl  seiner  Bundeslande
  etwas  schwächer  war.  Der  König  hatte  in  seiner  arglosen  Ehrlichkeit
  gehofft,  der  Bund  würde  ihm  für  dies  patriotische  Opfer  danken,
und  fühlte  sich  schwer  enttäuscht,  als  Metternich  dem  preußischen  Gesandten
mit  freundschaftlichem  Bedauern  antwortete:  die  Annahme  „dieses  groß- 



*)  Hardenberg  an  Goltz,  21.  Februar  1818.
*“)  Berckheims  Bericht,  8.  April.  Boyen  an  Hardenberg,  31.  März  1818.
117
        <pb n="172" />
        164  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

mütigen  Anerbietens“  sei  am  Bundestage  leider  wenig  wahrscheinlich,  am
wenigsten,  wenn  das  gefürchtete  Osterreich  sich  dafür  ausspräche.  In  der
Tat  erklärten  die  Bundesgesandten,  der  Hannoveraner  Martens  voran,
ihr  gerechtes  Befremden  über  die  unerhörte  Zumutung  sobald  Goltz  sich
im  Sommer  mit  dem  Antrage  hervorwagte.“)

Noch  länger  währte  der  Streit  über  die  Einteilung  des  Bundesheeres.
  Die  „Hauptpunkte“  hatten  nur  bestimmt,  daß  die  kleinen  Kontingente
  vor  jeder  Berührung  mit  den  Heeren  der  drei  größten  Staaten
gesichert  bleiben  müßten.  Preußen  forderte  nun,  Kurhessen  solle,  seiner
geographischen  Lage  gemäß,  einem  norddeutschen  Korps  beitreten;  der  Kurfürst
  dagegen  hielt  die  „verwandtschaftlichen  Verhältnisse“  für  wichtiger
und  wollte  mitsamt  dem  Darmstädter  Vetter  sich  an  Württemberg  anschließen.
  Die  Zänkerei  ward  völlig  unerträglich,  seit  der  neue  Vertreter
Osterreichs  in  der  Militärkommission,  General  Langenau  insgeheim  das
Feuer  schürte;  der  gewandte  Sachse  hatte  schon  in  Schwarzenbergs  Hauptquartier
  und  auf  dem  Wiener  Kongresse  seinen  Haß  gegen  Preußen  bewährt
  und  zeigte  sich  in  allen  den  kleinen  Künsten,  welche  am  Bundestage
  entschieden,  dem  gelehrten  Preußen  Wolzogen  weitaus  überlegen.  Im
August  ward  man  endlich  noch  darüber  einig,  daß  die  Bevölkerung  den
Maßstab  für  die  provisorische  Bundesmatrikel  bilden  sollte;  denn  zu  einer
definitiven  Matrikel  ist  der  Deutsche  Bund  in  einem  halben  Jahrhundert
niemals  gelangt.  Aber  nun  begann  wieder  das  Feilschen  der  Kleinen:
Hildburghausen  berechnete  seine  Bevölkerung  nach  einer  Zählung  vom
Jahre  1807,  Gotha  und  Altenburg  wurden  überführt,  ihre  Reiche  um
12,000  Seelen  zu  niedrig  geschätzt  zu  haben  —  und  was  des  Schmutzes
mehr  war.“)

Als  der  Deutsche  Bund  sein  drittes  Jahr  begann,  war  weder  die
Kriegsverfassung  beschlossen,  noch  die  Karlsbader  Konvention  über  die
Festung  Mainz  vom  Bundestage  genehmigt,  noch  Luxemburg  und  Landau
dem  Bunde  überwiesen,  noch  über  die  vierte  Bundesfestung  irgend  etwas
vereinbart.  Mittlerweile  lagen  die  mit  dem  Blute  der  Waterloo-Kämpfer
erkauften  französischen  Millionen  gegen  mäßigen  Zins  bei  Rothschild  und
bereicherten  dies  Haus,  das  zuerst  durch  die  Blutgelder  des  hessischen  Kurfürsten
  seine  Größe  begründet,  dann  seit  dem  Jahre  1813  sich  rasch  zu
der  Stellung  einer  Weltmacht  aufgeschwungen  und  in  wenigen  Jahren
mehr  denn  1200  Mill.  Gulden  an  Subsidienzahlungen  und  Anleihen  für
die  tief  verschuldeten  Höfe  Europas  übernommen  hatte.  Die  deutsche  Volkswirtschaft
  zog  aus  den  Schätzen  der  Rothschilds  wenig  Gewinn;  denn  die
Firma  war  nicht  deutsch,  wie  einst  die  Fugger  und  die  Welser,  sondern  zeigte

 

*)  Weisung  an  Krusemark,  20.  Mai.  Krusemarks  Bericht  v.  10.  Juni.  Goltzs
Bericht  v.  21.  August  1818.
*“)  Goltzs  Bericht,  28.  April  1818.
        <pb n="173" />
        Verhandlungen  über  die  Landstände.  165

von  vornherein  den  weltbürgerlichen  Charakter  des  modernen  Judentums.
Die  fünf,  durch  den  dankbaren  Kaiser  Franz  baronisierten  Söhne  des  alten
Amschel  siedelten  sich  in  allen  Hauptplätzen  Westeuropas  an  und  befolgten
allesamt  jenen  einfachen  Grundsatz,  welchen  einst  ihr  Vater  gegen  den
Kurfürsten  von  Hessen  ausgesprochen  hatte:  „wer  mir  mein  Geld  nimmt,
nimmt  mir  meine  Ehre,  und  meine  Ehre  ist  mein  Leben.“  Der  Frank—
furter  Zweig  des  Hauses  blieb  der  Hofburg  ein  treuer  Helfer  in  ihrer
ewigen  Finanznot  und  ein  mächtiger  Bundesgenosse  ihrer  deutschen  Politik;
in  Berlin  war  wenig  zu  gewinnen,  da  der  preußische  Staatshaushalt  zehn
Jahre  nach  dem  Frieden  bereits  wieder  in  Ordnung  kam.  Friedrich  Gentz
aber  schrieb  voll  uneigennütziger  Begeisterung  einen  langen  Aussatz  für
das  Konversationslexikon,  der  die  unvergleichliche  Weisheit  und  Tugend  der
Gebrüder  Rothschild  in  vollendetem  Bedientenstile  feierte.  —

Wenn  der  Bundestag  die  nächste  und  wichtigste  seiner  Pflichten  so
schimpflich  verabsäumte,  um  wie  viel  weniger  konnte  er  den  zahlreichen
anderen  Aufgaben  gerecht  werden,  welche  ihm  die  vieldeutigen  Worte  der
Bundesakte  zuwiesen.  Schleunige  Erfüllung  des  Art.  13,  der  die  Einführung
  von  Landständen  verhieß  —  so  lautete  der  einstimmige  Ruf  aller
Parteien  der  Opposition,  und  nichts  wollte  man  dem  Bundestage  weniger
verzeihen,  als  daß  er  sich  um  jene  Zusage  so  wenig  kümmerte.  Und  doch
war  die  Bundesversammlung  keineswegs  berechtigt,  sich  auf  Grund  jener
unbestimmten  Weissagung  in  die  Verfassungskämpfe  der  Einzelstaaten  einzumischen.
  Obschon  Hardenberg  dem  Grafen  Goltz  in  seiner  Instruktion
einschärfte,  das  Ausbleiben  der  verheißenen  Verfassungen  könne  nach  allen
den  Drangsalen  der  Kriegsjahre  hochgefährlich  werden,  so  fanden  sich  doch
die  Bundesgesandten  bald  zusammen  in  dem  stillschweigenden  Entschlusse
diese  heikliche  Frage  nicht  zu  berühren.  Alle  Kabinette  erfuhren  bald,  daß
die  Verwirklichung  jenes  Versprechens  doch  weit  schwieriger  war  als  die
liberale  Ungeduld  wähnte,  alle  bewachten  eifersüchtig  ihre  Souveränität
gegen  den  Bund,  manche  dachten  auch  schon  im  Stillen  sich  der  unbequemen
  Verpflichtung  ganz  zu  entziehen,  zumal  seit  in  Württemberg  ein
leidenschaftlicher  Kampf  zwischen  der  Krone  und  den  Landständen  ausgebrochen
  war,  der  die  Höfe  mit  Schrecken  erfüllte.

Gleichwohl  ward  der  Bundestag  gezwungen  sich  mit  der  Angelegenheit
zu  befassen.  Karl  August  von  Weimar  hatte  schon  im  Mai  1816,  der  erste
unter  seinen  Genossen,  eine  Verfassung  für  sein  Ländchen  verkündigt  und
verlangte  im  Dezember  die  Bürgschaft  des  Bundes  für  dies  Grundgesetz.
Der  gradsinnige  Fürst  sprach  offen  aus,  er  sei  gewillt,  die  für  Deutschland
aufgegangenen  Hoffnungen  in  seinem  Lande  zu  verwirklichen,  und  mit  brausendem
  Jubel  feierte  die  liberale  Presse  „den  einzigen  deutschen  Fürsten,  der
sein  Wort  gehalten".  Die  Mehrzahl  des  Bundestages  empfing  den  weimarischen
  Antrag  mit  unverhohlenem  Arger;  warum  mußte  dieser  kleine
Herr  sich  so  anmaßlich  vordrängen  und,  um  die  Volksgunst  buhlend,  die
        <pb n="174" />
        166  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

anderen  Souveräne  in  den  Schatten  stellen?  Es  kam  zu  heftigen  Auf—
tritten.  Als  Bayern  die  Kompetenz  des  Bundestages  bezweifelte,  erwiderte
der  Gesandte  der  ernestinischen  Höfe  scharf:  durch  solche  Behauptungen  be—
stätige  man  nur  den  weitverbreiteten  grundlosen  Vorwurf,  als  ob  der  Bund
lediglich  die  neuen  Souveränitätsrechte  wahren,  den  Untertanen  aber  ihre
vormals  durch  die  Reichsverfassung  gesicherten  Rechte  vorenthalten  wolle.
Der  arglose  Gagern  vermehrte  noch  die  Verstimmung,  da  er  dem  Groß—
herzog  treuherzig  seinen  Dank  aussprach  für  diesen  Vorgang,  der  eine  Triebfeder
  mehr  für  andere  Fürsten  sein  würde.  In  Wien  war  man  peinlich
überrascht,  da  man  weder  dem  fürstlichen  Demagogen  in  Weimar  eine  Anerkennung
  gönnte  noch  dem  Bundestage  eine  schiedsrichterliche  Gewalt  einräumen
  wollte.  Hardenberg  dagegen,  der  noch  zuversichtlich  an  das  Gelingen
  seiner  eigenen  Verfassungspläne  glaubte,  nahm  sich  des  Großherzogs
an,  lobte  die  patriotische  Gesinnung,  die  sich  in  dem  weimarischen  Antrage
bekundete,  und  beschwichtigte  durch  einen  vertraulichen  Brief  vorläufig  die
Bedenken  Metternichs.  Mit  der  üblichen  feierlichen  Langsamkeit  tat  der
Bundestag  endlich  was  er  nicht  lassen  durfte  und  bewilligte,  nach  reichlich
vier  Monaten,  in  den  trockensten  Worten  die  erbetene  Bürgschaft;  doch
fügte  der  österreichische  Gesandte  nachdrücklich  hinzu:  in  solchen  Fragen  müsse
grundsätzlich  alles  der  freien  Vereinigung  der  Fürsten  und  der  Stände
überlassen  bleiben.

Um  die  nämliche  Zeit  hatte  ein  Löwensteinscher  Justizrat  Beck  im
Odenwald  eine  unschuldige  Petition  angefertigt,  die  den  Bundestag  um
schleunige  Ausführung  des  geliebten  Art.  13  bat;  einige  Heißsporne  aus
der  Jenenser  und  Heidelberger  Studentenschaft  trugen  das  Schriftstück  auf
weiten  Fußwanderungen  von  Ort  zu  Ort.  Der  Mann  kam  selbst  nach
Frankfurt,  besuchte  einige  der  Gesandten  und  führte,  wie  die  Erschreckten
heim  berichteten,  eine  höchst  revolutionäre  Sprache.  Trotz  des  Eifers  der
Studenten  und  des  Beifalls  der  liberalen  Presse  fand  die  Bittschrift  in  ganz
Deutschland  kaum  tausend  Unterzeichner;  aber  es  war  seit  unvordenklichen
Zeiten  das  erste  Beispiel  einer  über  mehrere  deutsche  Staaten  verzweigten
politischen  Agitation,  und  der  Beamtenstaat  hing  noch  überall  an  der  alten
unverbrüchlichen  Regel:  jede  Bitte  ist  erlaubt,  nur  nicht  das  Sammeln
von  Unterschriften.  Daher  erregte  dies  schüchterne  Erwachen  des  Parteilebens
  allgemeine  Bestürzung  an  den  Höfen;  selbst  Hardenberg  befahl  dem
Gesandten  in  Frankfurt  lebhaft  erregt,  dies  gefährliche  demagogische  Treiben
scharf  im  Auge  zu  behalten.“)

Nach  wie  vor  blieb  Metternich  entschlossen  den  Bundestag  von  diesen
schwierigen  Fragen  fern  zu  halten.  Er  sah  mit  Befriedigung,  daß  in  den
österreichischen  Kronländern  die  Verheißung  der  Bundesakte  längst  herrlich
erfüllt  war;  hier  bestanden  ja  noch  jene  mumienhaften  Postulatenlandtage,

 

*)  Weisung  an  Goltz,  8.  Dezember  1818.
        <pb n="175" />
        Metternichs  Manifest  über  den  Art.  13.  167

deren  beschaulicher  Lebenslauf  sich  gemeinhin  in  drei  Akten  abspielte:  Auffahrt
  der  Herren  Stände  in  ihren  Staatskarossen,  Vorlesung  und  einstimmige
  Annahme  der  landesherrlichen  Postulate,  endlich  Wiederabfahrt
der  Herren  Stände  in  den  nämlichen  Staatskarossen.  Nur  einmal,  im
Herbst  1817,  verfiel  Metternich  auf  den  Plan,  einige  Abgeordnete  dieser
Landtage  nebst  den  Spitzen  des  Beamtentums  zu  einem  Reichsrate  zu
versammeln;  doch  da  Kaiser  Franz  den  verwegenen  Neuerungsvorschlag
achtzehn  Jahre  lang,  bis  zu  seinem  Tode,  in  seinem  Pulte  liegen  ließ,  so
verfolgte  der  Minister  den  Gedanken  nicht  weiter  und  verharrte  bei  dem
bewährten  Grundsatze  der  Stabilität.  Wie  hätte  er  also  den  Argwohn  der
deutschen  Souveräne  erwecken  mögen  wegen  dieses  Art.  13,  der  doch  nur
durch  die  Ideologen  Hardenberg  und  Humboldt  in  die  Bundesakte  gelangt
war?  Sobald  ihm  der  bayrische  Minister  Rechberg,  erschreckt  durch  jene  Abstimmung
  über  den  weimarischen  Antrag,  lebhafte  Besorgnisse  vor  möglichen
  Ubergriffen  der  Bundesversammlung  aussprach,  benutzte  Metternich
gern  die  Gelegenheit,  um  die  kleinen  Höfe  über  die  Unschädlichkeit  des  Bundestages
  zu  beruhigen  und  sendete  an  den  Gesandten  Hruby  in  München
eine  lange  Denkschrift  (11.  Dezbr.  1817),  die  unter  dem  Titel  eines  „Mani-=festes“
  auch  den  anderen  Kabinetten  mitgeteilt  wurde.  Sie  erwies  —
nach  einer  pathetischen  Schilderung  der  unvergleichlichen  Vorzüge  des  deutschen
  „Föderativstaates":  —  der  Bundestag  könnte  nur  dann  eine  selbständige
  Gewalt  ausüben,  wenn  alle  Fürsten  persönlich  daran  teilnähmen;
gegenwärtig  genüge  „die  Zurückberufung  eines  einzigen  aufwiegelnden,  daher
untreuen  Gesandten",  um  allen  Ubeln  vorzubeugen.  „Der  Kaeiser  ist
überzeugt,  daß  der  kleine  weimarische  Staat  bis  zur  Stunde  mehr  Unheil
über  Deutschland  zu  verbreiten  berufen  ist,  als  die  Bundesversammlung
in  ihrer  gesetzlichen  Lage,  selbst  in  kaum  denkbaren  Fällen  zu  tun  vermöchte.“
  Am  wenigsten  dürfe  sich  der  Bund  um  die  Ausführung  des
Art.  13  kümmern.  „Die  natürliche  und  höchst  einfache  Berücksichtigung  der
Umtriebe,  welche  sich  heute  Ruhestörer  jeder  Art,  in  der  Absicht  den  Zeitgeist
  aufzuregen,  erlauben,  fordert  unbedingt,  daß  die  Bundesversammlung
sich  der  Initiative  enthält.  Das  Gesetz  besteht;  dieses  muß  für  den  Augenblick
  genügen;  die  Anwendung  des  Gesetzes  muß  der  Weisheit  jeder  einzelnen
  Regierung  überlassen  bleiben.“)

So  fern  lag  dem  Wiener  Hofe  noch  der  Plan,  durch  Bundesbeschlüsse
die  konstitutionelle  Bewegung  zu  hemmen.  Die  erste  Anregung  zu  einer  reaktionären
  Bundespolitik  kam  vielmehr  von  dem  Monarchen,  welcher  damals
neben  Karl  August  in  der  Volksgunst  am  höchsten  stand.  Der  ehrgeizige
junge  König  Wilhelm  von  Württemberg  hatte  sich  seit  seiner  Thronbesteigung
redlich  bemüht,  den  ärgerlichen  Verfassungsstreit,  den  er  von  seinem  bösen
Vater  überkommen,  abzuschließen  und  seinen  Ständen  schon  zweimal  ver- 



*)  Metternich  an  Hruby,  11.  Dezember  1817.
        <pb n="176" />
        168  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

geblich  liberale  Verfassungsentwürfe  vorgelegt.  Da  überfiel  ihn  im  Herbst
1817  die  Reue,  und  er  beschloß  beim  Bunde  Hilfe  zu  suchen  gegen  seinen
eigenen  Liberalismus.  Seine  Gesandten  Wangenheim  in  Frankfurt  und
Wintzingerode  in  Wien  erhielten  den  Auftrag,  um  authentische  Interpre—
tation  des  Art.  13  von  Bundeswegen  zu  bitten,  „damit  allen  übertriebenen
Anforderungen  eine  feste  und  unerschütterliche  Schranke  gesetzt  werde.“
Natürlich  durften  die  beiden  den  wahren  Grund  der  Bitte  nicht  verraten.
Der  König,  so  versicherten  sie,  sei  durch  sein  Wort  gebunden,  jedoch  die
unruhige  Stimmung  in  Preußen  und  den  Nachbarlanden  Württembergs
bedürfe  eines  Zügels,  und  —  fügte  der  plauderhafte  Wangenheim  harm—
los  hinzu  —  die  württembergischen  Verfassungspläne  drohten  für  ganz
Deutschland  ein  verhängnisvolles  Beispiel  zu  werden.“)  Der  Vorschlag
fand  aber  bei  den  Bundesgesandten  eine  so  kühle  Aufnahme,  daß  Wangen—
heim  sich  dazu  verstehen  mußte,  seinen  Antrag,  den  er  in  einer  vertrau—
lichen  Sitzung  (18.  Dez.)  gestellt,  nicht  zu  Protokoll  zu  geben.  In  Wien
war  Wintzingerode  nicht  glücklicher.  Metternich  äußerte  zwar  in  vertraulicher
  Unterredung,  die  landständischen  Verfassungen  des  Art.  13  hätten
nichts  gemein  mit  der  revolutionären  Idee  einer  allgemeinen  Volksvertretung,
  und  verriet  also  schon  jetzt  einen  Lieblingsgedanken  seiner  Politik,
der  in  der  deutschen  Politik  noch  argen  Unfrieden  stiften  sollte;  aber  eine
Einwirkung  des  Bundes  auf  die  ständischen  Angelegenheiten  schien  ihm
unmöglich,  schon  aus  Rücksicht  auf  Preußen  und  Bayern.  Der  Anschlag
König  Wilhelms  war  mißlungen,  doch  er  blieb  in  Wien  unvergessen.  Metternich
  hatte  erfahren,  wie  wenig  nachhaltiger  Widerstand  von  den  kleinen
Kronen  zu  erwarten  war,  falls  man  sich  einmal  entschlösse,  die  Macht  des
Bundes  gegen  die  Landtage  zu  wenden.  Der  konstitutionelle  König,  den
die  unschuldige  Presse  als  den  Helden  des  Liberalismus  feierte,  wies  der
Hofburg  selber  zuerst  den  Weg  zur  Unterdrückung  deutscher  Freiheit.
Inzwischen  kam  der  leidige  Art.  13  in  Frankfurt  doch  noch  einmal
zur  Sprache,  da  auch  die  mecklenburgischen  Herzöge  die  Bürgschaft  des
Bundes  verlangten  für  ein  Verfassungsgesetz,  das  zur  Ergänzung  ihres
altehrwürdigen  Erbvergleichs  dienen  sollte.  Bei  dieser  Verhandlung  berichtete
  Graf  Goltz,  auf  Hardenbergs  Befehl,  ausführlich,  was  in  Preußen
bisher  geschehen  war,  um  das  Verfassungsversprechen  zu  erfüllen;  er  widerriet
  die  Regelung  der  ständischen  Angelegenheiten  durch  die  Bundesversammlung,
  welche  doch  „nur  allgemeine  Sätze  aufstellen“  könne,  beantragte
jedoch,  daß  die  Einzelstaaten  dem  Bundestag  über  den  Stand  ihrer  Verfassungsarbeiten
  binnen  Jahresfrist  wieder  Bericht  erstatten  sollten.  König
Friedrich  Wilhelm  war  über  dies  Vorgehen  seines  Staatskanzlers  anfangs

 

*)  Berckheims  Berichte  vom  18.,  23.,  30.  Novbr.,  13.,  29.  Dezbr.  1817,  vollständig
  übereinstimmend  mit  den  Mitteilungen,  welche  Graf  W.  Wintzingerode  (Graf
E.  L.  Wintzingerode,  ein  württembergischer  Staatsmann,  Gotha  1866,  S.  31  ff.)  aus
württembergischen  Aktenstücken  gibt.
        <pb n="177" />
        Verhandlungen  über  die  Preßfreiheit.  169

sehr  ungehalten,  weil  er  voraussah,  daß  die  preußische  Verfassung  übers
Jahr  unmöglich  vollendet  sein  konnte;  und  welches  Recht  habe  der  Bund
über  diese  Dinge  Rechenschaft  zu  fordern?  Indes  beruhigte  sich  der  König,
da  Hardenberg  ihm  vorstellte,  die  Einführung  neuer  ständischer  Institutionen,
  an  der  Stelle  der  verlebten  alten  Provinziallandtage  sei  doch  beschlossene
  Sache:  „Heute  kann  nicht  Gestern  werden.““)  Der  Bundestag
erteilte  nunmehr  den  Mecklenburgern  die  gewünschte  Garantie  und  nahm
den  preußischen  Antrag  an.  Die  Krone  Württemberg  aber  versagte  sich's
nicht,  vor  der  Nation  nochmals  das  Licht  ihres  unvergleichlichen  Liberalismus
leuchten  zu  lassen.  Derselbe  Wangenheim,  der  soeben  insgeheim  eine  beschränkende
  Interpretation  des  Art.  13  gefordert  hatte,  beteuerte  in  dem
veröffentlichten  Protokoll  vom  6.  April:  „die  regeste  Sorgfalt  Sr.  Majestät
sei  auf  eine  den  liberalsten  Grundsätzen  entsprechende  Repräsentativverfassung
  gerichtet.“  Es  war  das  erste  Probstück  jener  heuchlerischen,  treulos
  zwischen  dem  Bundestage  und  den  heimischen  Landständen  hin  und
her  schwankenden  Politik,  welche  fortan  ein  Menschenalter  hindurch  von
den  konstitutionellen  Mittelstaaten  befolgt  wurde.

Nächst  der  landständischen  Verfassung  war  die  Preßfreiheit  der  Lieblingswunsch
  der  Liberalen;  sie  hofften  um  so  sicherer  auf  die  Erfüllung
dieses  Verlangens,  da  der  Art.  18  der  Bundesakte  dem  Bundestage  vorschrieb,
  bei  seiner  ersten  Zusammenkunft  gleichförmige  Verfügungen  über
Preßfreiheit  und  Nachdruck  abzufassen.  Aber  auch  diese  Hoffnung  sollte
trügen.  Die  wenig  beschränkte  Freiheit,  deren  sich  die  deutsche  Literatur
in  ihren  klassischen  Tagen  erfreute,  beruhte  auf  der  Voraussetzung,  daß
die  Schriftsteller  der  Politik  immer  fern  bleiben  müßten.  Als  dann  seit
dem  Jahre  1813  plötzlich  eine  politische  Presse  aufschoß,  ehrlich  und  warmherzig,
  aber  auch  unklar,  lärmend,  jugendlich  ungezogen,  da  stand  der  alte
Beamtenstaat  dem  ungewohnten  Treiben  noch  eine  Weile  erschrocken  und
ratlos  gegenüber;  kein  Diplomat,  der  nicht  in  seinen  vertrauten  Briefen
über  die  zügellose  Frechheit  der  „politischen  Skribler“  jammerte.  Zu  den
wenigen,  die  in  der  allgemeinen  Bestürzung  ihren  Gleichmut  nicht  ganz
verloren,  gehörte  Hardenberg.  Schon  von  Paris  aus  schrieb  er  dem  Justizminister:
  er  wünsche  die  Bewilligung  einer  geregelten  Preßfreiheit,  aber
auch  Beschränkung  der  überhandnehmenden  Zügellosigkeit;  die  Revision  der
zahlreichen  veralteten  Zensurgesetze,  welche  in  den  verschiedenen  Landesteilen
  Preußens  noch  galten,  scheine  dringend  geboten.  Leider  fand  er  inmitten
  der  massenhaften  Verwaltungsgeschäfte  jener  Übergangszeit  nicht  die
Muße  den  Plan  weiter  zu  verfolgen.  Indessen  wurde  die  Zensur  in  Preußen
ohne  Härte  gehandhabt  und  der  Nachdruck,  der  auf  dem  linken  Rheinufer
sein  Unwesen  trieb,  streng  unterdrückt,  obgleich  die  kleinen  Nachbarn  dem

 

*)  Kabinettsordre  vom  18.  Februar.  Antwort  Hardenbergs,  10.  März.  Erwiderung
des  Königs,  21.  März  1818.
        <pb n="178" />
        170  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

guten  Beispiele  nicht  folgten  und  namentlich  in  Reutlingen,  unter  dem
Schutze  der  württembergischen  Krone,  eine  schamlose  literarische  Freibeuterei
blühte.  Nur  einmal  ließ  sich  der  Staatskanzler,  sehr  ungern,  zu  einer
Ungerechtigkeit  bestimmen,  die  dem  Rufe  Preußens  eine  schwere  Wunde
schlug.  Der  Rheinische  Merkur  war  seit  dem  Kriege  rasch  von  seiner
Höhe  herabgesunken;  für  die  nüchternen  Arbeiten  der  Friedenszeit  reichte
das  feurige  patriotische  Pathos  nicht  mehr  aus.  Da  Görres  über  die
Geschäftsfragen  der  Verfassung  und  Verwaltung  nichts  zu  sagen  wußte,
so  verfiel  er  bald  in  ein  zielloses,  terroristisches  Poltern.  Von  allen  Höfen,
den  deutschen  wie  den  fremden,  kamen  Klagen  wider  den  unverbesserlichen
gazettier  de  Coblence.  Wenn  er  höhnend  schrieb,  die  Furcht  der  Re—
gierungen  vor  der  Preßfreiheit  sei  nichts  anderes  als  der  Haß  der  öffentlichen
  Dirnen  gegen  die  Straßenbeleuchtung;  wenn  er  nach  dem  Erscheinen
der  Schmalzischen  Schrift  mit  ungeheuerlicher  Übertreibung,  in  ekelhaften
Bildern  ausführte:  jetzt  hätten  sich  die  sieben  Gestänke  des  preußischen
Staates  zu  dem  einen  Schmalz-Gestank  vereinigt,  und  die  allgemeine  Reaktion
  breche  herein  —  so  war  dieser  Ton  dem  reizbaren  Gehör  der  Zeit
zu  stark.  Nach  wiederholten  vertraulichen  Warnungen  entschloß  sich  Hardenberg
  im  Januar  1816  den  Rheinischen  Merkur  zu  unterdrücken,  wenige
Tage  nachdem  Görres  den  Neujahrstag  mit  der  zuversichtlichen  Weissagung
begrüßt  hatte:  der  Merkur  werde  das  herrschende  Gestirn  dieses  Jahres
sein.  Das  Verbot  erregte  allenthalben  peinliches  Aufsehen.  Welch  ein  Dank
für  das  Blatt,  das  in  großer  Zeit  die  deutsche  Sache  so  mutig  vertreten
hatte;  und  welche  Torheit,  den  unberechenbaren,  leidenschaftlichen  Publizisten,
  der  noch  treu  zu  der  preußischen  Fahne  hielt  aber  nach  seiner  phantastischen
  Art  jederzeit  umschlagen  konnte,  also  zu  kränken!  Im  Ubrigen
blieb  die  preußische  Presse  ziemlich  unbelästigt.

Erst  im  Frühjahr  1817  erinnerte  sich  der  Bundestag  der  Verheißung
des  Art.  18  und  beauftragte  zunächst  den  oldenburgischen  Gesandten  von  Berg
mit  einer  statistischen  Zusammenstellung  der  deutschen  Preßgesetze.  Der
schwergelehrte  Herr  ging  mit  der  ganzen  Umständlichkeit  eines  alten  Göttinger
  Professors  an  seine  mühsame  Arbeit.  Hardenberg  aber  sah  ein,  daß
man  auf  diesem  Wege  nie  zum  Ziele  gelangen  konnte,  und  da  die  Klagen
wider  die  zügellose  Presse,  namentlich  wider  den  burschikosen  Ton  der  Jenenser
Zeitungen  sich  täglich  mehrten,  so  beschloß  er  im  Sommer  1817,  durch  gemeinsame
  Vorschläge  der  beiden  Großmächte  ein  Bundes-Preßgesetz  zustande
  zu  bringen.  Er  ließ  also  durch  Geh.  Rat  von  Raumer  eine  Denkschrift
  über  die  Preffreiheit  ausarbeiten  und  befahl  seinem  Vertrauten
Jordan,  als  dieser  im  Winter  nach  Wien  ging,  sich  darüber  mit  Metternich
zu  verständigen.  Die  Denkschrift  verriet  bereits  einige  Angstlichkeit,  doch
überschritt  sie  auch  noch  nicht  das  Maß  des  Zwanges,  das  den  meisten
Regierungen  jener  Zeit  unentbehrlich  schien:  sie  forderte  gänzliche  Freiheit
für  alle  größeren  wissenschaftlichen  Werke,  strenge  Zensur  für  die  Zei-
        <pb n="179" />
        Die  Hungersnot  von  1816  17.  171

tungen.5)  Aber  auch  hier  zeigte  sich,  wie  weit  die  Ansichten  der  beiden  Großmächte
  auseinandergingen.  Obgleich  Metternich  seinen  Gentz  eine  Denkschrift
  über  die  Presse  ausarbeiten  ließ  und  lebhaft  verlangte,  Deutschland
müsse  von  „der  Diktatur  der  Jahn,  der  Arndt,  der  Oken,  der  Fries“  befreit
  werden,  so  trug  er  doch  wieder  Bedenken  in  die  Souveränität  der
Einzelstaaten  so  tief  einzugreifen,  und  Jordan  brachte  nichts  heim  als  einige
unverbindliche  Zusagen.““)  Dann  versuchte  Großherzog  Karl  August  (April
1818)  die  Tätigkeit  des  Bundestages  zu  beschleunigen  und  bat  dringend
um  die  Aufstellung  gleichförmiger  Grundsätze  für  die  deutsche  Presse,  weil
er  oft  mit  Schmerz  erfahren  habe,  daß  die  verfassungsmäßige  Preßffreiheit
seines  Landes  von  den  Nachbarn  mit  Unwillen  betrachtet  würde.  Vergebliche
  Mahnung.  Erst  im  Oktober  1818,  nach  reichlich  anderthalb  Jahren,
brachte  Berg  seine  Ubersicht  zustande,  und  nun  ermannte  sich  der  Bundestag
  zu  dem  Beschlusse,  eine  Kommission  zur  Vorbereitung  weiterer  Beratungen
  einzusetzen.  So  ging  die  Zeit,  da  ein  leidlich  verständiges  deutsches
  Preßgesetz  noch  möglich  war,  durch  schimpfliche  Saumseligkeit  verloren.—

Den  Massen  des  Volkes  ward  die  hilflose  Nichtigkeit  des  Bundestages
erst  fühlbar,  als  er  an  den  Art.  19  der  Bundesakte,  der  die  Regelung
der  Verkehrsverhältnisse  verhieß,  endlich  herantrat.  Eine  so  anarchische
Verwirrung,  wie  sie  dieses  verarmte,  ausgesogene  Volk  jetzt  in  seinem  Handel
und  Wandel  ertragen  mußte,  hatte  selbst  die  jammerreiche  deutsche  Geschichte
  noch  nie  gesehen.  Die  verhaßten  Douanen  und  droits  réunis  der
Franzosen  waren  sofort  nach  dem  Sturze  der  Fremdherrschaft  überall  beseitigt
  worden  und  noch  nicht  durch  ein  neues  System  indirekter  Steuern
ersetzt.  So  lag  denn  ein  großer  Teil  Deutschlands  der  übermächtigen
Mitwerbung  des  reicheren  Auslandes  schutzlos  offen.  Die  Fabriken  des
Rheinlandes,  kaum  erst  aufgeblüht  unter  dem  napoleonischen  Merkantilsystem,
  verloren  plötzlich  ihren  Markt  in  Frankreich,  Holland,  Italien  und
sahen  sich  von  ihren  Landsleuten  abgesperrt  durch  die  zahlreichen  Staatsund
  Provinzial-Zolllinien,  welche  das  deutsche  Land  durchschnitten.  Es
war  ein  Stück  verkehrter  Welt.  Sobald  die  Kontinentalsperre  fiel,  wurden
die  seit  Jahren  aufgespeicherten  englischen  Waren  in  Massen  auf  das  Festland
  geworfen;  Scharen  englischer  Musterreiter  durchzogen  die  deutschen
Städte.  Die  englische  Industrie  sendete  in  einem  Jahre  für  388  Mill.
Gulden  Fabrikwaren  nach  dem  Kontinente,  nach  Deutschland  allein  für
129  Mill.  Gulden.  Dann  schritt  das  Parlament  zur  Wiederherstellung
des  Bargeld-Umlaufs.  Die  gesamten  Silbermünzen  des  Reiches  wurden
umgeprägt,  Massen  neuer  Goldmünzen  ausgegeben,  die  Bank  zur  allmählichen
  Wiederaufnahme  der  Barzahlungen  verpflichtet.  England  bedurfte
um  jeden  Preis  der  edlen  Metalle  und  suchte  den  Bedarf  durch  gehäufte

*)  Hardenberg  an  Krusemark,  12.  Juni;  Raumers  Denkschrift  über  den  Art.  18,
mit  Anmerkungen  des  Staatskanzlers  vom  18.  November  1817.
*)  Jordan  an  Hardenberg,  13.  Jan.;  Metternich  an  Hardenberg,  5.  Jan.  1818.
        <pb n="180" />
        172  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Warenausfuhr  zu  decken,  also  daß  die  britischen  Baumwollenzeuge  auf
dem  deutschen  Markte  oft  zu  30  bis  40  Prozent  unter  den  Erzeugungskosten
  angeboten  wurden.  Zudem  hinderten  die  hohen  Kornzölle  Englands
die  Ausfuhr  deutschen  Getreides,  und  in  den  Hungerjahren  von  1816  und  17
ging  dem  deutschen  Fabrikanten  auch  der  einzige  Vorteil  verloren,  den
er  vor  dem  englischen  Konkurrenten  voraus  hatte,  der  niedrige  Arbeitslohn.

Erbittert  durch  so  heillose  Zustände  warf  sich  die  öffentliche  Meinung
in  unreife  extreme  Ansichten.  Besorgte  Fabrikanten  verlangten  ein  hartes
Prohibitivsystem  zum  Schutze  der  deutschen  Arbeit,  und  das  überspannte
Teutonentum  stimmte  mit  ein.  In  Berlin  verschworen  sich  die  Stadtverordneten
  mit  einer  großen  Zahl  angesehener  Bürger,  nur  noch  deutsche
Kleider  und  Geräte  zu  kaufen;  ähnliche  Vereine  entstanden  in  Schlesien
und  Sachsen.  Auf  der  anderen  Seite  lärmten  die  radikalen  Freihändler,
welche  wie  der  Bayer  Brunner  alle  Zölle  als  einen  Eingriff  in  die  natürliche
Freiheit  verdammten;  eine  wissenschaftlich  durchgebildete  freihändlerische
Uberzeugung  bestand  erst  in  einem  kleinen  Kreise  von  Gelehrten  und
unter  den  besten  Köpfen  des  preußischen  Beamtentums.  Beseitigung  oder
doch  Beschränkung  der  Binnenmauten  war  der  allgemeine  Wunsch;  schon
im  Jahre  1816  berief  E.  Weber  auf  der  Leipziger  Messe  eine  Versammlung
  von  Fabrikanten  und  Kaufleuten,  um  dem  Bundestage  diese  Bitte
vorzutragen.  Aber  wenige  verbanden  einen  klaren  Begriff  mit  den  großen
Worten;  wenige  ahnten,  welche  ungeheueren  Schwierigkeiten  die  Natur
selbst  der  wirtschaftlichen  Einheit  Deutschlands  entgegenstellte.  Kein  anderes
Kulturvolk  war  in  Gemüt  und  Charakter  so  gleichartig,  aber  auch  keines
umschloß  in  seinen  Grenzen  eine  solche  Verschiedenheit  der  klimatischen
Verhältnisse,  der  Verzehrungs=  und  Arbeitsgewohnheiten.  Welch  ein  Abstand
  von  der  Großindustrie  des  Niederrheins  bis  hinüber  zu  den  halbpolnischen
  Provinzen,  wo  mit  den  steigenden  Getreidepreisen  der  Arbeitslohn
  zu  sinken  pflegte,  weil  nur  der  Hunger  das  träge  Volk  zur  Arbeit
zwang;  und  wieder  von  dem  nordischen  Klima  Ostpreußens,  wo  das  Elentier
  in  den  Forsten  hauste,  bis  zu  den  gesegneten  Weingeländen  des
Rheines.  Noch  war  der  schöpferische  Kopf  nicht  aufgetreten,  der  es  vermochte
  so  grundverschiedenen  Interessen  gerecht  zu  werden.

Am  wenigsten  der  Bundestag  durfte  sich  zu  einer  solchen  Arbeit  erdreisten.
  Aber  mindestens  einen,  schlechthin  empörenden  Ubelstand  der
deutschen  Verkehrsverhältnisse  konnte  und  mußte  die  Bundesversammlung
beseitigen,  als  im  Sommer  1816  eine  Hungersnot  über  das  verarmte  Land
hereinbrach,  deren  gleichen  man  seit  dem  bösen  Jahre  1772  nicht  mehr
erlebt  hatte.  Monatelang  strömte  der  Landregen  vom  Himmel,  alle  Flüsse
traten  aus  ihren  Betten,  in  Mittel=  und  Westdeutschland  ging  fast  die
gesamte  Ernte  zugrunde;  noch  im  Frühjahr  1817  sah  man  am  Rhein
blasse,  jammernde  Menschen  die  Felder  durchstreifen  und  die  verfaulten
Kartoffeln  vom  vorigen  Jahre  ausgraben.  Die  wenigen  Landstraßen  hatte
        <pb n="181" />
        Die  Getreidesperre.  173

der  Krieg  so  gänzlich  verwüstet,  daß  die  Getreidezufuhr  zu  Lande  auf  weitere
Entfernungen  unmöglich  war;  konnten  doch  selbst  die  Postwagen  im  Winter
mit  sechzehn,  zwanzig  Pferden  Vorspann  oft  kaum  durchkommen.  Daher
stand  im  Jahre  1818  der  Preis  des  Scheffels  Weizen  am  Rhein  um
2  Tlr.  9  Sgr.  6  Pfg.  höher  als  in  Posen,  während  in  den  fünfziger
Jahren  der  höchste  Preisunterschied  innerhalb  der  preußischen  Monarchie
nur  10  Sgr.  7  Pfg.  betrug.  Und  dieser  ohnehin  kümmerliche  Verkehr
ward  jetzt  vollends  zerstört  durch  die  törichte  Bosheit  des  Partikularismus.
Osterreich  verbot,  seinen  altväterischen  volkswirtschaftlichen  Grundsätzen
gemäß,  sofort  nach  Eintritt  der  Teuerung  die  Ausfuhr  des  Getreides  und
gab  damit  das  Signal  zu  einem  allgemeinen  Zollkriege  in  Süddeutschland.
Auch  Bayern,  Württemberg,  Baden,  Darmstadt  sperrten  ihre  Grenzen;  der
Getreidehandel  im  Oberlande  stockte  gänzlich.  In  Frankfurt  ging  das  Futter
aus,  die  Bundesgesandten  zitterten  für  ihre  Wagenpferde,  und  Graf  Buol
mußte  im  Namen  seiner  Genossen  eine  Bittschrift  an  die  Krone  Bayern
schicken,  damit  eine  Hafersendung,  die  bei  Wertheim  auf  dem  Maine  lag,
von  der  bayrischen  Maut  endlich  durchgelassen  wurde.)  Auch  im  Norden
geschahen  manche  arge  Mißgriffe.  Minister  Bülow  verwendete  die  zwei
Millionen  Tlr.,  welche  der  König  zum  Ankauf  baltischen  Getreides  bewilligt
  hatte,  so  leichtsinnig,  daß  den  schwer  heimgesuchten  Rheinlanden
wenig  davon  zu  gute  kam.  Immerhin  zeigte  sich  die  Mehrzahl  der  norddeutschen
  Regierungen  ehrlich  bemüht,  durch  Erleichterung  des  Verkehrs
den  Notstand  zu  bekämpfen.  Nachdem  die  süddeutschen  Höfe  einander
mehrere  Monate  hindurch  mit  widerwärtigen  Vorwürfen  überschüttet  und
ihre  Länder  wechselseitig  ausgehungert  hatten,  wendete  sich  Württemberg
endlich  an  den  Bund  und  beantragte  schleunige  Aufhebung  der  Sperre
durch  Bundesbeschluß  (19.  Mai  1817).  Offenbar  in  der  Absicht  alles  zu
vereiteln  stellte  Bayern  darauf  den  Gegenantrag:  die  Maßregel  müsse  auch
auf  die  nichtdeutschen  Provinzen  Osterreichs,  Preußens  und  der  Niederlande
  ausgedehnt  werden.  Preußen  und  die  Mehrheit  der  übrigen  Staaten
stimmten  dem  Vorschlage  Württembergs  zu;  die  Hofburg  aber  ließ,  nach  ihrer
Gewohnheit,  den  Präsidialgesandten  acht  Wochen  lang  ohne  Instruktion.

Da  kam  die  Güte  der  Natur  dem  Bundestage  zu  Hilfe;  die  Felder
prangten  in  reichem  Ahrenschmucke,  die  Preise  fielen,  und  befriedigt  konnte
Buol  am  14.  Juli  in  seinem  klassischen  Deutsch  der  Versammlung  verkünden:
  er  kenne  zwar  noch  immer  nicht  die  Absichten  seines  Hofes,  dies
schade  aber  wenig,  „da  die  Aussicht  zu  einer  so  gesegneten  reichen  Ernte
die  Sperre  von  selbst  aufhebt".  Im  folgenden  Jahre  beriet  man  nochmals
  über  gemeinsame  Maßregeln  für  die  Zukunft,  und  nochmals  zeigte
Bayern  seinen  bösen  Willen,  bis  endlich  der  Präsidialgesandte  (9.  Juli  1818)
dies  Schauspiel  bundesgenössischer  Eintracht  mit  den  Worten  schloß:  die

*)  Berstetts  Bericht,  20.  Mai  1817.
        <pb n="182" />
        174  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

Verhandlungen  hätten  allerdings  zu  keinem  Ergebnis  geführt;  er  „nähre
jedoch  die  Hoffnung,  daß  demnächst  dieser  Gegenstand  wieder  in  erneuerte
Anregung  gebracht  würde.“  So  glänzend  bestätigte  sich  jene  Weissagung
LÖsterreichs:  der  Art.  19  solle  die  Bundesstaaten  einander  entfremden!
Auch  ein  Nachspiel  fehlte  nicht,  das  nur  auf  deutschem  Boden  möglich
war;  denn  es  gibt  eine  Naivität  der  Dummheit  und  der  Nichtswürdigkeit,
welche  allein  in  der  Enge  der  Kleinstaaterei  gedeihen  kann.  Der  Kurfürst
von  Hessen  hatte  während  der  Hungersnot  durch  den  getreuen  Rothschild
baltisches  Getreide  bestellt;  die  Sendung  langte  aber  zu  spät  an,  als  die
Preise  schon  wieder  gefallen  waren.  Damit  seine  Kammerkasse  keinen
Schaden  litte,  zwang  nun  der  reiche  Fürst  die  Kasseler  Bäcker,  ihm  das
Ostseegetreide  zu  12  Tlr.  2  Groschen  für  das  Kasseler  Viertel  abzunehmen,
während  der  Marktpreis  im  Lande  nur  auf  7  Tlr.  stand.  Also  ward
das  Notjahr  den  Bürgern  der  hessischen  Hauptstadt  durch  den  liebevollen
Landesvater  noch  um  einige  Monate  künstlich  verlängert.

Was  konnte  vollends  der  auswärtige  Handel  der  Nation  von  dem
Bundestage  erwarten  in  einer  peinlichen  Angelegenheit,  welche  selbst  von
den  Seemächten  sehr  schlaff  behandelt  wurde?  Wie  die  Türkei  selber,  so
verdankten  auch  ihre  Schutzstaaten,  die  Barbaresken,  ihren  Bestand  zumeist
  der  Uneinigkeit  der  europäischen  Mächte;  die  Uberfülle  von  Gegensätzen,
  welche  die  vielgestaltige  Kultur  des  Abendlandes  umschloß,  kam  der
Barbarei  des  Islam  zu  statten.  Da  keine  europäische  Macht  der  anderen
ein  rücksichtsloses  Vorgehen  gegen  die  Pforte  gestatten  wollte,  so  hatte  man
sich  längst  gewöhnt  die  Raubfahrten  der  Barbaresken  im  Mittelmeere  als
rechtmäßige  Kriegszüge  zu  betrachten;  jede  Seemacht  schützte  sich  dawider
durch  die  Waffen  oder  auch  durch  Tributzahlungen.  Als  der  Seehandel
nach  dem  Frieden  wieder  aufzublühen  begann,  wagten  sich  die  Piraten
auch  in  andere  Meere  hinaus;  selbst  in  der  Ostsee,  im  Angesicht  der  deutschen
  Küste  wurden  deutsche  Schiffe  ausgeplündert  und  die  Mannschaft
in  die  Sklaverei  hinweggeführt,  und  zu  alledem  drohte  die  Gefahr  der
Ansteckung  aus  den  verpesteten  Landen  Nordafrikas.  Die  Schiffe  aus  Hannover
  und  Schleswig-Holstein  genossen  noch  einiger  Sicherheit  unter  dem
Schutze  der  englischen  und  der  dänischen  Flagge,  da  eine  britische  Flotte
soeben  den  Dey  von  Algier  in  seiner  Hauptstadt  bedroht  und  zur  Auslieferung
  der  christlichen  Sklaven  gezwungen  hatte.  Um  so  schwerer  litten
die  Hansestädte  und  die  preußischen  Häfen;  ein  großer  Teil  ihrer  Schiffe
mußte  unter  fremder  Flagge  segeln.  Da  verlangte  endlich  Zar  Alexander
in  London  die  Bildung  eines  europäischen  Seebundes  zur  gemeinsamen
Bekämpfung  der  Seeräuber  (Sept.  1816);  die  englische  Regierung  aber
witterte  wieder  arge  Hintergedanken  und  wollte  das  Erscheinen  russischer
Kriegsschiffe  im  Mittelmeer  nicht  dulden.  Die  langwierigen  Verhandlungen
  führten  zu  keinem  Ergebnis,  obschon  Preußen  die  russischen  Vorschläge
  unterstützte  und  sich  bereit  erklärte  einige  Fregatten  für  die  euro-
        <pb n="183" />
        Die  Barbaresken.  175

päische  Flotte  zu  stellen.  Osterreich  zeigte,  wie  in  allen  Fragen  der
Handelspolitik,  eine  unerschütterliche  Gleichgültigkeit;  als  die  Korsaren  des
Sultans  von  Marokko  wieder  einmal  ein  preußisches  Schiff  genommen
hatten,  schrieb  Gentz  höhnend:  „sollte  denn  dieser  gute  Mann  nicht  wie
andere  Souveräne  das  Recht  haben,  Feindseligkeiten  auszuüben  wenn  er
beleidigt  wird?“

Währenddem  riefen  die  Hansestädte  die  Hilfe  des  Bundes  an  (16.  Juni
1817),  und  der  Bundestag  erkühnte  sich  zur  Einsetzung  einer  Kommission.
Graf  Goltz  hielt  für  nötig  diese  unerhörte  Verwegenheit  zu  entschuldigen
und  beteuerte  seinem  Könige,  „daß  es  die  Absicht  der  Versammlung  weder
jetzt  noch  künftig  sein  kann  und  wird,  sich  unberufen  in  Beziehungen  der
europäischen  Politik  zu  mischen;  sie  handelt  nicht  aus  Anmaßung,  sondern
in  der  Überzeugung,  daß  Ew.  K.  Maj.  und  die  Großmächte  Europas  dies
durch  den  Zweck  ihrer  Bestimmung  und  ihren  guten  Willen,  demselben
treu  zu  entsprechen,  zu  entschuldigen  geneigt  sein  werden.“)  und  wahrlich,
demütig  wie  diese  Entschuldigung  lautete  auch  der  Antrag  der  Kommission:
der  Bundestag  möge  Osterreich  und  Preußen  ersuchen,  daß  sie  ihrerseits
mit  Hilfe  Frankreichs,  Rußlands  und  der  anderen  Seemächte  den  englischen
  Hof  bewegen,  gemeinsamen  Maßregeln  gegen  die  Barbaresken  beizutreten.
  Unter  allen  deutschen  Höfen  fand  sich  nur  einer,  der  die  ganze
Schmach  eines  solchen  Antrags  empfand.  Vermutlich  war  dem  Württemberger
  Mandelsloh,  der  die  Stimme  Badens  führte,  von  Nebenius  oder
einem  andern  der  zahlreichen  fähigen  jungen  Beamten  in  Karlsruhe  ein
Gutachten  zugesendet  worden;  genug,  im  Namen  Badens  regte  Mandelsloh
zuerst  den  Gedanken  einer  deutschen  Flotte  an,  freilich  noch  in  sehr  unbestimmten
  Umrissen.  Er  fragte:  ob  man  den  Seemächten  mit  Anstand
zumuten  könne,  den  deutschen  Handel  auf  ihre  Kosten  zu  beschützen?
ob  das  Volk,  das  einst  den  gewaltigen  Seeräuberbund  der  Vitalienbrüder
vernichtete,  nicht  imstande  sei  einige  Fregatten  in  See  zu  stellen  und
„ein  paar  elende  Raubschiffe“  aus  den  deutschen  Meeren  zu  vertreiben?
Verstand  doch  selbst  das  kleine  Portugal  sich  seiner  Haut  zu  wehren  gegen
die  Barbaresken!  Der  binnenländische  Stumpfsinn  der  deutschen  Bundespolitik
  fand  auf  solche  Fragen  keine  Antwort.  Nach  einem  halben  Jahre
(22.  Dezember)  ersuchte  der  Bundestag  seine  Kommission  in  ihren  Bemühungen
  fortzufahren,  und  damit  war  die  Sache  für  den  Bund  erledigt,
obgleich  Preußen  sich  bereit  erklärt  hatte,  einige  Kriegsschiffe  in  das  Mittelmeer
  zu  senden.*)  Die  Barbaresken  raubten  fröhlich  weiter.  Umsonst
bestürmte  der  antipiratische  Verein,  der  in  den  Seeplätzen  zusammengetreten
  war,  noch  drei  Jahre  später  die  Wiener  Ministerkonferenzen  mit
seinen  Bitten.  Nach  wiederholten  schweren  Verlusten  schrieben  die  Hansestädte
  endlich  im  Jahre  1829  untertänigst  an  „den  erhabenen  und  ruhm-*)

  Goltzs  Bericht  an  den  König,  17.  Juni  1817.
*)  Raumers  Denkschrift  über  die  Barbaresken,  Dezember  1817.
        <pb n="184" />
        176  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

würdigen  Monarchen,  den  mächtigen  und  sehr  edlen  Fürsten,  Seine  Kaiser—
liche  Majestät  Sultan  Abderrhaman“  von  Marokko  und  erboten  sich,  unter
Englands  Vermittlung  wegen  einer  Tributzahlung  zu  verhandeln.  Be—
vor  diese  Unterhandlung  zum  Ziele  gelangt  war,  zogen  jedoch  die  fran—
zösischen  Eroberer  in  Algier  ein,  erzwangen  den  Frieden  an  den  Küsten
Nordafrikas  und  beendigten  die  häßlichste  Episode  aus  der  häßlichen  Ge—
schichte  der  orientalischen  Frage.

Auch  den  zahlreichen  Beschwerden  und  Bitten  der  mediatisierten  Reichs—
stände  begegnete  der  Bundestag  mit  unverwüstlicher  Trägheit.  Schon  auf
dem  Wiener  Kongresse  hatte  Preußen  vorgeschlagen,  den  Mediatisierten
einige  Kuriatstimmen  am  Bundestage  zu  gewähren,  damit  der  schwer  miß—
handelte  hohe  Adel  sich  mit  der  neuen  Ordnung  der  deutschen  Dinge  ver—
söhnen  und  aus  seiner  unnatürlichen  Sonderstellung  wieder  heraustreten
könne.  Aber  der  Antrag  scheiterte  an  der  Eifersucht  der  rheinbündischen
Höfe.  Die  Bundesakte  verhieß  den  Mediatisierten  (Art.  14)  eine  lange
Reihe  von  Vorrechten  in  Sachen  der  Besteuerung,  des  Gerichtsstandes
usw.  —  Privilegien,  die  den  modernen  Vorstellungen  von  Staatseinheit
und  Rechtsgleichheit  widersprachen  und  also  die  öffentliche  Meinung  auch
gegen  die  gerechten  Ansprüche  der  alten  Reichsstände  verstimmten.  Uber
die  Kuriatstimmen  sagte  der  Art.  6  der  Bundesakte  nur,  die  Bundesver—
sammlung  solle  diese  Frage  bei  Beratung  der  organischen  Gesetze  in  Er—
wägung  nehmen.  Die  Verheißungen  des  Art.  14  wurden  in  den  größeren
Staaten,  begreiflich  genug,  weit  bereitwilliger  ausgeführt  als  von  den  kleinen
Fürsten,  denen  die  Mediatisierten  als  gefährliche  Nebenbuhler  erschienen.
In  Osterreich,  dem  klassischen  Lande  der  Adelsprivilegien,  stand  der  hohe
Reichsadel  von  jeher  in  Gnaden,  schon  weil  er  vor  alters  immer  zur  kaiser—
lichen  Partei  gehört  hatte.  Auch  der  König  von  Preußen  betrachtete  es  als
fürstliche  Ehrenpflicht,  das  den  Entthronten  widerfahrene  Unrecht  zu  sühnen
und  erließ  schon  am  21.  Juli  1815  eine  Verordnung,  welche  weit  über
die  Verheißungen  der  Bundesakte  hinausging  und  den  Mediatisierten,  fast
allzu  großmütig,  sehr  bedeutende  Vorrechte,  sogar  die  Befreiung  von  allen
direkten  Steuern  gewährte.  Peinlicher  war  ihre  Lage  in  Bayern.  Mont—
gelas  und  seine  Bureaukratie  konnten  sich's  nicht  versagen,  diese  erlauchten
Geschlechter  zuweilen  das  Halsband  der  Untertänigkeit  fühlen  zu  lassen;
man  zwang  sie  ihre  Adelsbriefe  gegen  hohe  Gebühren  bei  dem  Heroldsamte
eintragen  zu  lassen  und  sprach  amtlich  nur  noch  von  Herrn  Waldburg,  als
der  Fürst  von  Waldburg-Zeil  die  Zahlung  verweigerte.  Immerhin  besaßen
die  bayrischen  Standesherren  noch  einen  leidlich  festen  Rechtsboden  an
einer  königlichen  Verordnung  v.  J.  1807,  die  den  Vorschriften  der  Bundesakte
  zum  Muster  gedient  hatte.

In  Württemberg  dagegen,  in  Baden,  Nassau  und  beiden  Hessen  nahm
der  Hader  kein  Ende;  alle  diese  Höfe  ahnten,  daß  die  Fürstenberg,  Leiningen,
  Löwenstein  und  Hohenlohe  sich  niemals  schlichtweg  als  badische  oder
        <pb n="185" />
        Die  Mediatisierten.  177

württembergische  Untertanen  fühlen  konnten.  Mit  brutaler  Grobheit  ver—
wies  König  Friedrich  von  Württemberg  die  Fürsten  und  Grafen  von  Wald—
burg,  Königsegg  u.  a.  zur  Ruhe,  da  sie  sich  unterstanden,  ihn  in  einer  Adresse
an  „den  glorreichen  Vorgang“  des  Königs  von  Preußen  zu  erinnern.
Darauf  schlossen  „die  als  schuldlose  Staatsopfer  niedergebeugten  Reichs—
stände“  des  württembergischen  Landes  unter  der  Führung  des  Fürsten
Waldburg-Zeil  einen  Verein  zur  gemeinsamen  Wahrung  der  Standesrechte;
  sie  wendeten  sich  an  ihr  „vormaliges  allgemein  beglückendes  Reichsoberhaupt“,
  den  Kaiser  Franz,  auch  an  viele  andere  Souveräne,  und  verlangten,
  daß  der  Bund  ihnen  die  Kuriatstimmen  gewähre  und  Vorschriften
für  die  Ausführung  des  Art.  14  erlasse.  Einzelne  ihrer  Wünsche  überschritten
  unleugbar  das  Maß  der  Rechte,  welche  ein  geordneter  Staat
seinen  Untertanen  gewähren  konnte.  Aber  der  schwäbische  Despot  hatte
seine  Ohren  überall;  er  erfuhr  die  Umtriebe  seines  hohen  Adels  durch
seinen  Bundestagsbevollmächtigten  von  Linden,  einen  berüchtigten  Kundschafter
  der  napoleonischen  Polizei,  der  vor  kurzem  in  Berlin  als  Gesandter
  erschienen  und  von  Hardenberg  ohne  weiteres  zurückgeschickt  worden
  war.  Sofort  griff  der  König  mit  einem  Dehortatorium  ein,  ließ  den
Fürsten  Waldburg  in  den  rohesten  Formen  verhören  und  verbot  dann
den  Verein  der  Mediatisierten  als  „null  und  verräterisch.“  Zugleich  schlug
er  Lärm  an  den  Nachbarhöfen,  und  der  badische  Minister  Hacke  erklärte
ihm  mit  Freuden  seine  Bereitwilligkeit  zu  gemeinsamen  Maßregeln  „gegen
den  Geist  des  Aufruhrs  und  der  Widersetzlichkeit,  der  bei  einem  großen
Teile  des  Adels  an  die  Tagesordnung  tritt“.  Hatte  doch  Fürst  Waldburg
  sich  sogar  erdreistet  den  souveränen  Fürsten  von  Bückeburg  mit  „Hochzuverehrender
  Herr  Vetter!“  anzureden!“)

Als  der  Bundestag  eröffnet  wurde,  zeigte  sich  die  große  Mehrzahl
der  Bundesstaaten  so  argwöhnisch  gegen  die  Rebellen  vom  hohen  Adel,
daß  Hardenberg  seinem  Gesandten  befahl,  den  Antrag  auf  Gewährung  der
Kuriatstimmen  als  völlig  aussichtslos  vorläufig  ruhen  zu  lassen.  Die  Eingaben
  der  Mediatisierten  wurden  zu  den  Akten  gelegt.  Erst  im  Januar
1818  begannen  die  Gesandten  dem  Bundestage  über  die  Ausführung  des
Art.  14  in  ihren  Heimatlanden  Bericht  zu  erstatten,  und  darauf  wurde
am  2.  Oktober  zur  Aufstellung  gemeinsamer  Grundsätze  wieder  die  unvermeidliche
  Kommission  eingesetzt.  Von  den  Kuriatstimmen  war  nicht  mehr
die  Rede,  und  da  auch  jene  gemeinsamen  Grundsätze  nie  zustande  kamen,
so  blieb  das  Recht  der  Mediatisierten  den  Gesetzen  der  Einzelstaaten  anheimgegeben,
  obgleich  die  meisten  der  alten  reichsständischen  Häuser  in
mehreren  Bundesstaaten  zugleich  angesessen  waren.  Der  Partikularismus,
der  so  viele  köstliche  Kräfte  unserer  Nation  zerstörte,  wußte  auch  nichts  an-*)

  Eingaben  des  Fürsten  von  Waldburg-Zeil  an  den  König  von  Württemberg,
29.  Sept.  1815;  an  Kaiser  Franz,  2.  April  1816;  an  den  Fürsten  von  Bückeburg,  23.  März;
Minister  v.  Hacke  an  Graf  Wintzingerode,  8.  April  1816.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  12
        <pb n="186" />
        178  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

zufangen  mit  einer  Aristokratie,  welche  nur  dem  ganzen  Deutschland  ange—
hören  konnte  und  für  die  Armseligkeit  der  Kleinstaaterei  zu  hoch  stand.  Er
zwang  sie,  von  dem  politischen  Leben  sich  schmollend  zurückzuziehen,  so  daß
sie  nur  zuweilen  noch,  durch  Klagen  über  verletzte  Privilegien,  das  deutsche
Volk  unliebsam  an  ihr  vergessenes  Dasein  erinnerte.

In  den  zwei  ersten  Jahren  seines  Bestandes  brachte  der  Bundestag
überhaupt  nur  ein  einziges  einigermaßen  brauchbares  Gesetz  zu  stande:
die  Austrägalordnung  vom  16.  Juni  1817.  Auch  dieser  Beschluß  trug
allerdings  das  Gepräge  des  lockersten  Föderalismus;  auf  den  Gedanken
eines  stehenden  Bundesgerichts,  welchen  Preußen  in  Wien  so  hartnäckig
verteidigt  hatte,  wagte  niemand  mehr  zurückzukommen.  Immerhin  war  es
schon  ein  Gewinn,  daß  die  Bundesglieder  sich  verpflichteten,  ihre  gegen—
seitigen  Streitigkeiten  zunächst  der  Vermittlung  des  Bundestages  zu  übergeben;
  schlug  diese  Vermittlung  fehl,  so  sollte  der  oberste  Gerichtshof  eines
von  den  beiden  Parteien  gewählten  Bundesstaates  die  Entscheidung  fällen.
Auf  solche  Weise  sind  in  der  Tat  manche  kleine  Händel  zwischen  den
Bundesstaaten  friedlich,  und  schneller  als  weiland  durch  die  Reichsgerichte,
beigelegt  worden.  Aber  freilich  nur  Streitfragen  von  geringer  Bedeutung.
Denn  Preußen  stellte  schon  bei  den  ersten  Beratungen  den  Grundsatz
auf,  der  seitdem  in  Berlin  immer  festgehalten  wurde:  die  Austrägalinstanz
dürfe  nur  über  eigentliche  Rechtsfragen,  nicht  über  politische  Interessenfragen
  entscheiden.  Dieser  von  den  Kleinstaaten  mit  lebhaftem  Widerspruche
aufgenommene  Vorbehalt  war  rechtlich  anfechtbar,  aber  politisch  notwendig;
denn  nimmermehr  konnte  eine  europäische  Macht  gestatten,  daß  die  großen
Machtfragen  ihrer  Politik  etwa  von  dem  Zerbster  oder  dem  Jenaer  Appellationsgerichte
  nach  den  Grundsätzen  des  Zivilprozesses  erledigt  würden.

Wenn  eine  Gesandtenkonferenz  ernste  Zwecke  verfolgt,  so  wird  die
Parteistellung  der  Mitglieder  auf  die  Dauer  stets  durch  die  Gesinnungen
ihrer  Auftraggeber  bestimmt;  am  Bundestage  aber  fand  die  Persönlichkeit
der  einzelnen  Gesandten  freieren  Spielraum,  da  die  Höfe  sich  um  die
Frankfurter  Nichtigkeiten  wenig  bekümmerten.  So  entstand  nach  und  nach
eine  höchst  unnatürliche  Parteibildung,  die  allein  auf  den  persönlichen  Ansichten
  der  Gesandten  beruhte.  Smidt  und  Berg  wurden  in  Wien  als
die  beiden  „ganz  schlechten  Kerls“  bezeichnet,  obschon  weder  der  Bremer
Senat,  noch  der  Großherzog  von  Oldenburg  den  Vorwurf  liberaler  Gesinnung
  verdiente.  Zu  ihnen  gesellten  sich  Plessen,  Eyben,  Martens,
Wangenheim;  auch  der  neue  bayrische  Gesandte  Aretin  stand  den  Anschauungen
  des  Liberalismus  nahe.  Am  meisten  Kummer  bereitete  dem
Präsidialgesandten  doch  die  unerschöpfliche  Beredsamkeit  des  wackeren  Gagern.
Dieser  wunderliche  Legitimist  des  alten  Reichsrechts  wollte  „nur  eine  kaiserliche
  Abdikation,  nicht  die  des  Reiches“  kennen,  forderte  harmlos  für  den
Deutschen  Bund  die  ganze  Machtvollkommenheit  der  kaiserlichen  Majestät.
„Alles  was  deutsch  ist“  sollte  der  Befugnis  der  Bundesversammlung  an-
        <pb n="187" />
        Gagerns  Abberufung.  179

heimfallen;  sogar  die  Auswanderung  dachte  er  der  Aufsicht  des  Bundes—
tages  zu  unterwerfen  und  sendete  pflichteifrig  „im  Dienste  der  menschlichen
Gattung“  einen  Agenten  nach  Amerika  zur  Beobachtung  dieser  neuen  sozialen
  Erscheinung,  deren  Bedeutung  der  geistreiche  Mann  früher  durchschaut
  hatte,  als  die  meisten  der  Zeitgenossen.  Oft  konnten  die  Hörer
nur  mühsam  ihren  Ernst  behaupten,  wenn  er  in  seinen  gelehrten,  von
Zitaten  und  Anspielungen  strotzenden  Reden  alle  die  reichspatriotischen
Phrasen  der  Regensburger  Tage  wieder  ausspielte,  alle  die  Schnirkel  und
Schnörkel  des  heiligen  Reichsrechts,  bis  herab  zu  dem  großen  gebratenen
Ochsen  des  Krönungsfestes,  zur  Schau  stellte.  Kein  Mißerfolg  störte  den
Gutmütigen  in  der  Zuversicht  seiner  patriotischen  Hoffnungen.  Als  der
Bundestag  im  Sommer  1817  zum  ersten  Male  seine  Ferien  begann,  hielt
der  luxemburgische  Gesandte  eine  hochpathetische  Schlußrede  zum  Preise
der  Bundesverfassung  und  rief  begeistert:  „Dieser  Bund  ist  minder  fürchtend
  als  furchtbar!“  Den  unzufriedenen  Liberalen  hielt  er  die  Frage  entgegen:
  „Was  wir  gewonnen  haben?  Daß  die  Mutter  das  Kind  heiterer
unter  ihrem  Herzen  trägt,  der  Sorge  und  Angst  enthoben  einen  Sklaven
zu  erziehen,  sondern  im  Vorgefühle,  daß  sie  einen  freien  Mann  dem  Vaterlande
  darbringen  wird!“  Ludens  Nemesis  aber  antwortete  mit  der  bitteren
Gegenfrage:  „Was  wir  verloren  haben?  Den  Glauben  an  die  Redlichkeit
  aller  Häupter  und  Führer!"

Es  konnte  nicht  fehlen,  daß  die  nebelhafte  Begeisterung  des  Reichspatrioten
  zuweilen  mit  der  handfesten  Wirklichkeit  des  deutschen  Partikularismus
  hart  zusammenstieß.  So  bei  der  Besprechung  des  Art.  18  der
Bundesakte.  Der  Artikel  verhieß  den  deutschen  Untertanen  die  Freizügigkeit,
  vorausgesetzt,  daß  „ein  anderer  Bundesstaat  sie  erweislich  zu
Untertanen  annehmen  wolle“.  Von  dieser  leeren  Phrase,  die  in  der  Tat
wie  Hohn  klang,  behauptete  Gagern,  sie  begründe  ein  allgemeines  deutsches
Bürgerrecht;  dies  Bürgerrecht  sei  aber  nur  dann  gesichert,  wenn  alle
Deutschen  ihrer  Wehrpflicht  in  diesem  oder  jenem  Bundesstaate  genügen
dürften:  „das  Vaterland  wird  hier  wie  dort  verteidigt!““  Welch  eine
Zumutung  an  Preußen,  so  lange  hier  allgemeine  Wehrpflicht,  dort  Stellvertretung
  oder  Werbung,  hier  neunzehnjährige,  dort  sechsjährige  Dienstzeit
  galt!  Da  Goltz  diese  Bedenken  hervorhob,  erwiderte  Gagern  harmlos:
warum  solle  der  Bund  nicht  bestimmen,  daß  etwa  mit  dem  vollendeten
siebenundzwanzigsten  Jahre  die  Hauptkriegspflicht  jedes  Deutschen  als  erfüllt
  zu  betrachten  sei?  —  und  fügte  dann  mit  dem  ganzen  Stolze  eines
Luxemburgers  hinzu:  „die  Abänderung  dieser  oder  jener  Spezial-Musterrolle
  steht  fürwahr  in  keiner  Vergleichung  mit  den  wesentlichsten  Nationalberechtigungen!“
  Natürlich  blieb  Goltz  standhaft,  und  der  in  kindlicher
Unschuld  unternommene  Angriff  auf  die  Grundfesten  der  preußischen  Heeresverfassung
  ward  abgeschlagen.  Trotz  alledem  betrachtete  Hardenberg  seinen

alten  Wiener  Genossen  noch  immer  mit  behaglicher  Ironie  und  befahl
12·
        <pb n="188" />
        180  II.  4.  Die  Eröffnung  des  Deutschen  Bundestages.

dem  Grafen  Goltz  mehrmals,  den  ehrlichen  Patrioten  schonend  zu  be—
handeln,  da  er  doch  keinen  ernsten  Schaden  stifte.)

Die  anderen  Höfe  dachten  weniger  vornehm.  Als  Gagern  wiederholt
an  die  verheißenen  landständischen  Verfassungen  erinnerte,  als  er  den
empfindlichen  neuen  König  von  Württemberg  durch  scharfe  Bemerkungen
über  den  schwäbischen  Verfassungskampf  reizte  und  sich  ihm  unberufen  zum
Vermittler  anbot,)  als  er  gar  von  der  kindlichen  Unwissenheit  der  liberalen
  Presse  wie  ein  Volkstribun  verherrlicht  wurde,  da  kam  der  treue
Vorkämpfer  des  Föderalismus,  der  Lebensretter  des  Kleinfürstenstandes
bald  in  den  Geruch  eines  Jakobiners,  und  Metternich  beschloß  den  gefährlichen
  Demagogen  zu  beseitigen.  Ein  Wink  am  niederländischen  Hofe
genügte.  Der  König  der  Niederlande  befand  sich  seit  kurzem  in  argem
Gedränge;  denn  soeben  war  an  den  Tag  gekommen,  daß  der  ehrgeizige  Prinz
von  Oranien,  schwerlich  ganz  ohne  Vorwissen  seines  königlichen  Vaters,
mit  den  französischen  Flüchtlingen  zu  Brüssel  eine  revolutionäre  Verschwörung
  gegen  den  Thron  der  Bourbonen  angezettelt  hatte.  Um  so  bereitwilliger
  ergriff  der  Monarch  die  Gelegenheit  den  großen  Mächten  seine  konservative
  Gesinnung  zu  beweisen;  unbedenklich  ließ  er  den  Staatsmann  fallen,
der  so  viel  zur  Bildung  des  neuen  niederländischen  Gesamtstaates  beigetragen
  hatte.  Was  frug  er  auch  nach  dem  Bundestage  und  den  Träumen
deutscher  Reichspatrioten?  Im  April  1818  ward  Gagern  abberufen  und
verabschiedete  sich  mit  dem  naiven  Geständnis:  der  Grund  meiner  Entlassung
  „ist  mehr  eine  zu  hohe  Würdigung  von  meiner  Seite  als  ein  Verschmähen
  meines  Amtes“.  An  seiner  Statt  erschien  Graf  Grünne,  ein
Holländer,  der  die  deutschen  Dinge  so  gründlich  kannte,  daß  er  alles  Ernstes
vorschlug,  Frankreich  für  das  Elsaß  mit  in  den  Deutschen  Bund  aufzunehmen.
  An  dem  fand  die  Hofburg  nichts  auszusetzen.  Also  war  jene
Drohung  Metternichs  vom  Dezember  1817  zum  ersten  Male  in  Erfüllung
gegangen.  Der  Bundestag  wußte  nunmehr,  daß  jedem  „aufwiegelnden“
Worte  „die  Abberufung  des  ungetreuen  Gesandten“  auf  dem  Fufße  folgte.

Alsbald  nach  seinem  Ausscheiden  veröffentlichte  Gagern  in  seiner  unwandelbaren
  Gutmütigkeit  eine  Schrift  „Uber  Deutschlands  Zustand  und
Bundesverfassung“  —  um  die  Deutschen  mit  ihrem  Bundestage  zu  versöhnen.
  Als  Motto  stand  darauf:  Ut  ameris  amabilis  estol!  Die  Nation
aber  nahm  den  vertrauensvollen  Zuruf  mit  grimmigem  Spotte  auf.  Selbst
die  Gemäßigten  hatten  sich  längst  voll  Ekels  von  dem  Gespensterspuk  der
Eschenheimer  Gasse  abgewendet;  und  schon  kam  die  Zeit,  da  diesem  treuen,
gesetzliebenden  Volke  kein  Hohn  zu  frech,  kein  Schimpfwort  zu  roh  schien
für  die  einzige  Behörde,  deren  Name  noch  an  Deutschlands  Einheit  erinnerte.
  —

 

*)  Weisungen  an  Goltz,  21.  April,  12.  Juli  1817.
*“)  Hatzfeldts  Bericht,  Haag  29.  Nov.  1817.
        <pb n="189" />
        Fünfter  Abschnitt.

Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Nach  dem  Friedensschlusse  begann  für  Preußen  wieder,  wie  einst  in  den
Tagen  Friedrich  Wilhelms  I.,  ein  Zeitalter  stiller  Sammlung,  reizlos  und
nüchtern,  arm  an  großen  Ereignissen,  reich  an  Arbeit  und  stillem  Gedeihen,
eine  Zeit,  da  das  gesamte  politische  Leben  in  der  Tätigkeit  der  Verwaltung
  aufging  und  das  königliche  Beamtentum  noch  einmal  seine  alte
staatsbildende  Kraft  bewährte.  Trotz  seiner  diplomatischen  Niederlagen  war
der  preußische  Staat  jetzt  enger  als  jemals  mit  dem  Leben  der  gesamten
Nation  verbunden.  Er  beherrschte  nur  noch  etwa  zwei  Millionen  Slaven;
er  sah,  mit  Ausnahme  der  Bayern  und  der  Schwaben,  bereits  alle  deutschen
Stämme  in  seinen  Grenzen  vertreten  und  ward  auch  von  den  Gegensätzen
  des  religiösen  Lebens  der  Nation  stärker  als  sonst  berührt,  da  nunmehr
  zwei  Fünftel  seiner  Bevölkerung  der  katholischen  Kirche  angehörten;  er
empfing  endlich  in  den  großen  Kommunen  der  Ostseegestade  und  des  Rheinlandes
  ein  neues  Kulturelement,  das  ihn  den  deutschen  Nachbarlanden  näher
brachte  und  gewaltig  anwachsend  nach  und  nach  auf  den  gesamten  Charakter
  des  Staatslebens  umbildend  einwirken  sollte.  Aber  welch  eine  Arbeit,
diese  neuen  Gebiete,  die  fast  allesamt  nur  widerwillig  unter  die  neue
Herrschaft  traten,  mit  den  alten  Provinzen  zu  verschmelzen.  Niemals  in
der  neuen  Geschichte  hatte  eine  Großmacht  so  schwierige  Aufgaben  der
Verwaltung  zu  lösen;  selbst  die  Lage  des  Königreichs  Italien  nach  den
Annexionen  von  1860  war  unvergleichlich  leichter.

Zu  den  fünf  Millionen  Einwohnern,  die  der  Monarchie  um  das  Jahr
1814  übrig  geblieben,  trat  plötzlich  eine  Bevölkerung  von  5½  Millionen
hinzu  —  ein  Gewirr  von  Ländertrümmern,  zerstreut  von  der  Prosna  bis
zur  Maas,  vor  kurzem  noch  zu  mehr  als  hundert  Territorien  gehörig,
seitdem  regiert  durch  die  Gesetze  von  Frankreich,  Schweden,  Sachsen,  Westfalen,
  Berg,  Danzig,  Darmstadt,  Nassau.  Dazu  noch  eine  Unzahl  kleinerer
Landstriche,  die  man  zur  Abrundung  von  den  Nachbarn  eingetauscht  hatte;
der  kleinste  der  neuen  Regierungsbezirke,  der  Erfurter,  umfaßte  allein  die
Bruchstücke  von  acht  verschiedenen  Staaten.  Auch  die  altpreußischen  Provinzen,
  welche  jetzt  zu  dem  Staate  zurückkehrten,  hatten  unter  der  napo-
        <pb n="190" />
        182  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

leonischen  Herrschaft  ihre  alten  Institutionen  fast  bis  auf  die  letzte  Spur
verloren.  Schon  bei  der  Besitznahme  der  neuen  Provinzen  entspann  sich
überall  Streit  mit  mißgünstigen  Nachbarn.  Das  russische  Gouvernement
in  Warschau  befahl  noch  im  Frühjahr  1815  umfassende  Domänenverkäufe
in  Posen;  ebenso  Darmstadt  im  Herzogtum  Westfalen;  auch  die  österreichisch-bayrische
  Verwaltung  in  den  Ländern  an  der  Mosel  und  Nahe  erhob
zum  Abschied  Renten  und  Steuern  im  voraus  und  ließ  die  Wälder  bei
Boppard  niederhauen.  Nassau  weigerte  sich,  den  Verträgen  zuwider,  das
Siegensche  zu  räumen,  bis  Hardenberg  drohte  das  Land  ohne  Übergabe
besetzen  zu  lassen.  Die  Russen  hatten  selbst  Danzig  nur  ungern  ausgeliefert;
  in  Thorn  blieb  ihre  Garnison,  trotz  dringender  Mahnungen,  bis
zum  19.  September  1815  stehen.  Dann  vergingen  noch  Jahre,  bis  der
neue  Besitzstand  durch  Verträge  mit  den  grollenden  Nachbarstaaten  rechtlich
  gesichert  wurde.  Erst  im  Jahre  1816  wurde  mit  den  Niederlanden,
1817  mit  Rußland  ein  Grenzvertrag  geschlossen;  mit  dem  tief  gekränkten
Dresdner  Hofe  mußten  bis  in  das  Jahr  1819  hinein  kleinliche  und  peinliche
  Verhandlungen  wegen  der  neuen  Grenze  geführt  werden,  und  erst
im  Jahre  1825  war  die  Auseinandersetzung  über  alle  zwischen  den  beiden
Nachbarn  streitigen  Vermögensobjekte  vollendet.

Nun  erhob  sich  die  Aufgabe,  das  also  dem  Neide  Europas  mühsam
entrungene  Gebiet  einer  gleichmäßigen  Verwaltung  zu  unterwerfen;  es
galt,  die  Ausländerei  im  Inlande,  die  Kleinstaaterei  im  Großstaate  zu  überwinden,
  alle  diese  Trümmerstücke  der  deutschen  Nation,  die  mit  einander
noch  nicht  viel  mehr  als  die  Sprache  gemein  hatten,  mit  einer  lebendigen
Staatsgesinnung  zu  erfüllen.  Gelang  das  Werk  der  politischen  Verschmelzung
  in  dieser  Hälfte  Deutschlands,  so  war  die  Nichtigkeit  des  Partikularismus
  durch  die  Tat  erwiesen  und  der  Boden  bereitet  für  den  Neubau  des
deutschen  Gesamtstaates;  die  Vollendung  des  preußischen  Einheitsstaates
gab  dieser  Epoche  unserer  politischen  Geschichte  ihren  eigentlichen  Inhalt.
Die  Aufgabe  war  um  so  schwieriger,  da  die  Monarchie,  als  sie  die  neuen
Provinzen  erwarb,  sich  schon  mitten  in  einem  gefährlichen  Übergangszustande
  befand:  fast  auf  allen  Gebieten  der  Gesetzgebung  waren  umfassende
Reformen  erst  halb  vollendet,  und  doch  fehlte  die  in  Wahrheit  leitende
Hand,  stark  genug,  jene  überfülle  von  Talenten,  die  dem  Staate  diente,
unter  einen  Willen  zu  beugen.  Kein  anderer  Staat  jener  Tage  zählte
in  den  Reihen  seiner  Beamten  eine  solche  Schar  ungewöhnlicher  Menschen:
Verwaltungstalente  wie  Vincke,  Schön,  Merckel,  Sack,  Hippel,  Bassewitz;
Finanzmänner  wie  Maassen  und  Hoffmann;  Techniker  wie  Beuth  und
Hartig;  Juristen  wie  Daniels  und  Sethe;  unter  den  Diplomaten  Humboldt,
  Eichhorn,  Niebuhr;  dazu  die  Generale  des  Befreiungskrieges  und
die  Größen  der  Kunst  und  Wissenschaft.  Sie  alle  waren  gewohnt  an  den
Taten  der  Staatsregierung  eine  rücksichtslos  freimütige  Kritik  zu  üben,
die  als  ein  Vorrecht  des  hohen  Beamtentums,  als  ein  Ersatz  gleichsam
        <pb n="191" />
        Der  König  und  die  Parteien.  183

für  Volksvertretung  und  Preßfreiheit  betrachtet  wurde,  und  nahmen  jetzt
den  alten  Parteistreit,  der  während  des  Krieges  nie  ganz  geruht  hatte,  eine
Masse  persönlichen  Hasses  und  sachlicher  Gegensätze  als  eine  böse  Erbschaft
in  die  Tage  des  Friedens  hinüber.  Aus  diesen  Kreisen  drang  Tadelsucht
und  Klatscherei  in  alle  Klassen  der  Gesellschaft;  der  Staat,  der  bei  allen
Gebrechen  seiner  Unfertigkeit  doch  die  beste  und  sparsamste  Verwaltung
Europas  besaß,  ward  in  den  Briefen  und  Gesprächen  seiner  eigenen  treuen
Diener  so  maßlos  gescholten,  als  eilte  er,  geleitet  durch  eine  Rotte  von
Betrügern  und  Toren,  rettungslos  dem  Verderben  entgegen.

Vier  keineswegs  klar  geschiedene  Parteien  bekämpften  einander  innerhalb
der  Regierung.  Die  alte  Schule  der  absolutistischen  Hofleute  und  Be—
amten  zählte  nur  noch  wenige  Anhänger,  doch  sie  gewann  jetzt  mächtige
Bundesgenossen  an  Hardenbergs  alten  Gegnern,  den  Feudalen,  die  in  dem
Adel  der  Kurmark  ihre  Stütze,  in  Marwitz  und  dem  vormaligen  Minister
Voß-Buch  ihre  Führer  fanden.  Die  jungen  Beamten  dagegen  und  fast
alle  geheimen  Räte  der  Ministerien  bekannten  sich  zu  dem  bureaukratischen
Liberalismus  Hardenbergs,  was  freilich  nicht  ausschloß,  daß  ihrer  viele  den
Staatskanzler  persönlich  heftig  bekämpften.  Wieder  eines  anderen  Wegs
ging  die  kleine  Schar  der  aristokratischen  Reformer,  die  noch  an  Steins
Gedanken  festhielten.  Die  Schwarmgeisterei  der  teutonischen  Jugend  fand
unter  den  gewiegten  Geschäftsmännern  des  hohen  Beamtentums  zwar
manchen  nachsichtigen  Richter,  doch  keinen  einzigen  Anhänger.  Gleichwohl
wirkte  jener  finstere  Argwohn,  welchen  alle  Höfe  des  In=  und  Auslandes
gegen  Preußens  Volk  und  Heer  hegten,  unausbleiblich  auf  Preußen  selbst
zurück.  Seit  Schmalz  seinen  Unheilsruf  erhoben  hatte,  nahmen  die  Verleumdungen
  und  giftigen  Flüsterreden  kein  Ende.  Nicht  bloß  Stein,  der
erklärte  Gönner  Arndts,  sondern  auch  der  Staatskanzler  selbst  ward  des
geheimen  Einverständnisses  mit  den  Deutschtümlern  beschuldigt,  obgleich
Hardenberg  die  jugendlichen  Einheitsschwärmer  als  unbequeme  Störer
seiner  dualistischen  Politik  ansah  und  sie  selbst  in  seinem  verschwiegenen
Tagebuche  immer  nur  mit  ärgerlichem  Tadel  behandelte.

So  scharfe  Gegensätze  in  fester  Zucht  zu  halten,  war  der  schonenden
Gutherzigkeit  König  Friedrich  Wilhelms  nicht  gegeben.  Allzu  rücksichtsvoll
gegen  seine  Räte  ließ  er  den  Parteikampf  am  Hofe  lange  gewähren  und
fuhr  nur  zuweilen  mit  einer  Mahnung  dazwischen.  Wurde  eine  neue  Kraft
in  die  Regierung  berufen,  so  pflegte  man  ein  Ministerialdepartement  in
zwei  Teile  zu  zerlegen,  nur  um  den  alten  Minister  nicht  zu  kränken,  der
oft  ein  Gegner  des  neuen  war.  Vollständige  Ubereinstimmung  unter  den
Ministern  galt  noch  für  entbehrlich,  da  der  Monarch  am  letzten  Ende  stets
nach  seinem  freien  Ermessen  entschied.  Wie  viele  Stürme  waren  über
das  Land  dahingebraust  in  den  kurzen  zwei  Jahrzehnten  seit  Friedrich
Wilhelm  die  Krone  trug;  den  Rückschauenden  war,  als  ob  die  Anfänge
seiner  Regierung  um  mehrere  Menschenalter  zurücklägen.  Das  treue  Volk
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        184  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

der  alten  Provinzen  nannte  den  König  jetzt  schon,  da  er  noch  in  der  Kraft
der  Mannesjahre  stand,  kurzweg  den  alten  Herrn  und  wußte  tausend  Ge—
schichten  von  seiner  verlegenen  und  doch  so  herzlich  wohltuenden  Leut—
seligkeit.  Seine  Berliner  lebten  mit  ihm  und  erwarteten  als  ihr  gutes
Recht,  daß  er  häufig  in  seinem  einfachen  Soldatenüberrocke  durch  den
Tiergarten  ging,  daß  er  mittags,  wenn  die  Wachtparade  aufzog,  an  dem
allbekannten  Eckfenster  seines  unscheinbaren  Palastes  sich  zeigte  und  abends
halb  versteckt  in  seiner  Loge  einem  Lustspiel,  einer  Oper  oder  einem  Ballet
zusah  —  denn  die  Tragödie  liebte  er  wenig,  weil  das  Leben  selbst  des
Traurigen  genug  biete.

Die  Erfahrungen  einer  großen  Zeit  hatten  sein  Selbstgefühl  etwas  ge—
kräftigt;  er  erschien  fester  und  sicherer,  aber  auch  noch  ernster  und  schweig—
samer  als  vor  Jahren.  Eine  stille  Trauer  lag  auf  seinen  freundlichen
Zügen  und  schwand  nur  selten,  wenn  er  etwa  seinen  lebensfrohen  Kindern
und  dem  Großfürsten  Nikolaus  auf  der  Pfaueninsel  ein  ländliches  Fest
gab.  Der  bequeme  Rationalismus  seiner  Jugendbildung  genügte  ihm
längst  nicht  mehr;  schon  während  der  schweren  Tage  in  Königsberg  hatte
er  in  einem  festen  Bibelglauben  seinen  Trost  gefunden  und  sich  mit  dem
ehrwürdigen  Bischof  Borowsky  befreundet.  Jetzt  wuchs  in  ihm  von  Jahr
zu  Jahr  die  Sehnsucht  nach  dem  Ewigen,  fromme  Betrachtungen  und
theologische  Studien  füllten  einen  guten  Teil  seiner  freien  Stunden  aus.
Obschon  er  den  Gram  um  seine  verlorene  Gattin  nie  verwinden  konnte,
so  widerfuhr  ihm  doch  was  gerade  den  tief  gebeugten  Witwern  häufig  geschieht:
  die  Einsamkeit  des  ehelosen  Lebens  ward  ihm  unerträglich.  Er
faßte  eine  lebhafte  Neigung  für  eine  liebenswürdige  junge  Französin,  die
Gräfin  Dillon,  die  seine  Liebe  leidenschaftlich  erwiderte,  und  dachte  eine  Zeit
lang  ernstlich  an  eine  Ehe  zur  linken  Hand  —  denn  für  sein  Volk  sollte
Königin  Luise  immer  die  Königin  bleiben.  Aber  er  wollte  nicht,  daß  seine
Preußen  an  ihrem  Könige  irr  würden,  und  da  er  in  Gewissensfragen  dem
Rate  seines  leichtlebigen  Staatskanzlers  nicht  traute,  so  ließ  er  zwei
Männer,  von  denen  er  eine  rückhaltslos  freimütige  Antwort  erwartete,
Gneisenau  und  Schön  vertraulich  befragen,  wie  man  im  Heere  und  im
Volke  die  Heirat  mit  der  katholischen  Französin  aufnehmen  würde.  Als
beide  übereinstimmend  abrieten,  gab  der  König  tief  erschüttert  seine  Pläne
auf.  Trüb  und  eintönig  verflossen  ihm  die  Tage.  Er  erledigte  jede  Eingabe
  mit  der  alten  Pünktlichkeit,  nach  gewissenhafter  Prüfung,  und  behielt
  das  Ruder  immer  in  der  Hand,  jedoch  der  persönliche  Verkehr  mit
seinen  höchsten  Beamten  blieb  dem  Schüchternen  unbequem;  den  Staatskanzler
  sah  er  selten,  noch  seltener  die  Minister.

Weit  näher  stand  dem  Könige  sein  täglicher  Begleiter,  der  Oberst  Job
von  Witzleben,  der  im  Jahre  1816  kaum  dreiunddreißig  Jahre  alt  die  Leitung
  des  Militärkabinetts  erhielt,  zwei  Jahre  darauf  zum  Generalmajor
und  Generaladjutanten  ernannt  wurde.  Welch  ein  Abstand  zwischen  der
        <pb n="193" />
        General  Witzleben.  185

gediegenen  Tüchtigkeit  dieses  Mannes  und  jenem  schläfrigen  Pedanten
Köckeritz,  der  vor  1806  das  Vertrauen  des  Monarchen  genossen  hatte;
schon  an  der  Wahl  seiner  Freunde  ließ  sich  erkennen,  wie  Friedrich  Wilhelm
gewachsen  war  mit  der  wachsenden  Zeit.  Der  König  war  zuerst  auf  Witzlebens
  militärische  Begabung  aufmerksam  geworden  und  erfuhr  erst  allmählich,
  welche  vielseitige  Bildung  der  junge  Gardeoffizier  besaß,  wie  er
mit  Wilhelm  Humboldt  und  anderen  Größen  der  Wissenschaft  freundschaftlich
  verkehrte,  als  Musiker  ein  ungewöhnliches  Talent  bewährte,  auch
in  der  Theologie,  die  dem  Herzen  des  Königs  so  nahe  stand,  wohlbewandert
war  und  bei  alledem  so  anspruchslos  blieb,  ganz  frei  von  Selbstsucht,
romm  ohne  Wortprunk,  ein  glücklicher  Familienvater.  Der  neue  Generalfadjutant
  erwarb  sich  bald  das  unverbrüchliche  Vertrauen  Friedrich  Wilhelms;
er  durfte  dem  Monarchen  alles  sagen,  weil  er  die  natürliche  Lebhaftigkeit,
die  aus  seinen  dunklen  Augen  blitzte,  immer  zu  beherrschen  verstand  und
bei  seinem  ehrlichen  Freimut  niemals  die  herzliche  Verehrung  für  seinen
königlichen  Freund  vergaß.  Er  diente  als  Vermittler  zwischen  dem  Könige
und  den  Ministern,  ward  bei  allen  großen  Staatsgeschäften  zu  Rate  gezogen
  und  bewältigte  Tag  für  Tag  im  Tabaksrauche  seines  einfachen  Zimmers
  ungeheuere  Arbeitslasten  mit  einem  rastlosen  Fleiße,  der  seinen  Körper
schon  nach  zwei  Jahrzehnten  vor  der  Zeit  aufrieb.  Im  Drange  der  Geschäfte
  hatte  er  nur  selten  die  Muße  gefunden,  die  Erlebnisse  des  Tages
aufzuzeichnen;  seine  Tagebücher  enthalten  oft  viele  Monate  lang  nur  weiße
Blätter,  oft  nur  kurze  Reisenotizen;  wo  sie  aber  über  Politik  reden,  da
zeigt  sich  stets  ein  gerader  Soldatenverstand,  gründliche  Sachkenntnis  und
unbedingte  Aufrichtigkeit.  Obwohl  er  sich  selber  nicht  zu  den  staatsmännischen
  Köpfen  rechnete  und  den  Parteien  des  Hofes  behutsam  fern  blieb,
so  hielt  er  doch  mit  seinen  gesunden  politischen  Urteilen  nicht  hinter  dem
Berge:  er  betrachtete  die  neue  Heeresverfassung  als  das  feste  Band  der
Staatseinheit,  hielt  die  Vollendung  der  Stein-Hardenbergischen  Reformen
für  unerläßlich  und  —  was  in  diesen  Tagen  der  geheimen  Einflüsterungen
am  schwersten  wog  —  er  kannte  und  liebte  das  preußische  Volk.  Nichts
schien  ihm  verächtlicher  als  der  Versuch  „in  des  Königs  reiner  Seele  einen
Argwohn  zu  erwecken“;  nichts  brachte  ihn  ab  von  dem  zuversichtlichen
Glauben:  „es  gibt  keine  gediegenere  Treue,  als  die  bei  uns  wohnt.“
Das  stille  Wirken  dieses  treuen  Vermittlers  war  um  so  heilsamer,
da  der  König  seit  den  Mißerfolgen  des  Wiener  Kongresses  den  Staatskanzler
  nicht  mehr  mit  dem  alten  Vertrauen  behandelte  und  den  Unersetzlichen
  doch  nicht  entlassen  konnte.  Als  Hardenberg  seinen  siebzigsten
Geburtstag  feierte,  rief  Goethe  dem  alten  Universitätsgenossen  zu:

Auch  vergehn  uns  die  Gedanken
Wenn  wir  in  dein  Leben  schauen,
Freien  Geist  in  Erdenschranken,
Festes  Handeln  und  Vertrauen.
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        186  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Und  der  freie  Geist  allerdings  blieb  dem  Greise  bis  zum  Ende.  Wie
er  einst  unter  dem  Drucke  der  Fremdherrschaft  den  Gedanken  der  Be—
freiung  des  Vaterlandes  unwandelbar  festgehalten  hatte,  so  verfolgte  er
nunmehr  unausgesetzt  den  Plan,  das  Werk  der  inneren  Reform  durch  die
verheißene  reichsständische  Verfassung  zu  krönen;  dies  sollte  sein  politisches
Vermächtnis,  der  Abschluß  seiner  langen  Laufbahn  werden.  Im  perfönlichen
  Verkehre  bewährte  er  noch  immer  seine  bestrickende  Liebenswürdigkeit
und  zeigte  eine  so  jugendliche  Begeisterung  für  alles  Schöne  und  Große,
ging  so  geistreich  und  liebevoll  auf  jeden  neuen  Gedanken  ein,  daß  selbst
strenge  Richter,  wie  Gneisenau  und  Clausewitz  trotz  mancher  Mißbelligkeiten
  dem  hochverdienten  Manne  nicht  gram  werden  konnten.  Das  feste
Handeln  aber  war  ihm  schon  in  rüstigeren  Tagen  nicht  immer  gelungen;
jetzt  da  er  alternd  sich  festklammerte  an  sein  hohes  Amt,  fand  er  nur  noch
selten  den  Mut  seinen  Feinden  die  freie  Stirn  zu  zeigen  und  glaubte
oft  selber  zu  leiten  wenn  die  Gegner  ihn  mißbrauchten.  Die  diktatorische
Macht  des  Staatskanzlers  hatte  wohltätig  gewirkt,  so  lange  er  selbst  noch
alle  Ministerien  bis  auf  zwei  in  seiner  Hand  vereinigte;  seit  er  nur  noch
die  auswärtigen  Angelegenheiten  unmittelbar  leitete  und  fünf  Fachminister
unter  ihm  standen,  geriet  er  allmählich  in  eine  ebenso  unhaltbare  Mittelstellung
  wie  einst  die  vortragenden  Kabinettsräte.  Streitigkeiten  mit  den
Ministern,  Klagen  über  die  Verschleppung  der  Geschäfte  konnten  nicht  ausbleiben,
  da  —  außer  Boyen,  Witzleben  und  dem  Kabinettsrat  Albrecht  —
der  Staatskanzler  allein  dem  Monarchen  regelmäßig  Vortrag  hielt  und
gleichwohl  von  den  Ministern  forderte,  daß  sie  die  volle  Verantwortlichkeit
für  ihre  Verwaltung  übernähmen.

Nur  Unkenntnis  und  Tadelsucht  beschuldigten  den  greisen  Staatsmann
  der  Trägheit;  alle  Eingeweihten  wußten,  welche  Unzahl  von  Denkschriften
  und  Randbemerkungen,  Verfügungen  und  Berichten  diese  rasche
Feder,  immer  geistreich  und  gewandt,  auf  das  Papier  warf.  Aber  auf
pünktliche  Ordnung  hatte  er  sich  nie  verstanden,  und  die  Last  dieser  das
gesamte  Staatsleben  umfassenden  Tätigkeit  ward  nach  der  Vergrößerung
  des  Staatsgebietes  auch  seinen  Schultern  zu  schwer.  Dringende
Arbeiten  blieben  oft  monatelang  liegen,  wenn  der  Fürst  sich  in  seinem
Schlosse  zu  Glienicke  vergrub  und  dann  ruckweise,  nach  Zufall  und  Laune,
dies  oder  jenes  Stück  von  seinen  Aktenbergen  abhob.  Wer  dort  am  träumerischen
  Havelsee  den  schönen  Park  durchwanderte  oder  auf  dem  Dotationsgute
  Neuhardenberg  in  der  Neumark  die  gewählte  Kunstsammlung
und  die  neue  von  Schinkel  erbaute  Kirche  betrachtete,  der  fühlte  wohl,  daß
ein  edler,  hochgebildeter  Geist  hier  waltete.  Aber  welch  ein  Argernis,
wenn  man  die  freche  Gesellschaft  musterte,  die  sich  in  diesen  vornehmen
Räumen  umhertrieb  und  den  großmütigen  Hausherrn  an  seinem  eigenen
reichen  Tische  verhöhnte:  die  klatschsüchtigen  Literaten  Schöll  und  Dorow,
die  magnetischen  Arzte  Koreff  und  Wohlfart,  die  Somnambüle  Friederike
        <pb n="195" />
        Hardenberg  und  die  Minister.  187

Hähnel,  späterhin  Frau  von  Kimsky  genannt.  Die  abgefeimte  Gaunerin
war  dem  Fürsten  zuerst  auf  einem  Zauberabend  bei  Wohlfahrt  begegnet  und
hatte  durch  ihre  krampfhaften  Verzückungen  sein  weiches  Herz  im  Sturme
erobert.’')  Seitdem  ließ  sie  ihn  nicht  mehr  los;  sie  wurde  der  Fluch  seiner
alten  Tage.  Unerschöpflich  in  geheimnisvollen  Krankheitserscheinungen  und
in  den  Künsten  sanfter  Plünderung  begleitete  sie  ihn  überall,  selbst  zu  den
Kongressen  der  Monarchen,  und  ruhte  nicht  bis  auch  seine  dritte  Ehe,
gleich  den  beiden  ersten,  tatsächlich  getrennt  wurde.  Um  dieselbe  Zeit
vermählte  sich  des  Staatskanzlers  einzige  Tochter,  die  geschiedene  Gräfin
Pappenheim  in  überreifem  Alter  mit  dem  Virtuosen  der  eleganten  Liederlichkeit,
  dem  jungen  Fürsten  Pückler-Muskau.  Der  schlechte  Ruf  des  Hardenbergischen
  Hauses  bot  den  zahlreichen  Spähern,  welche  Metternich  in
Berlin  unterhielt,  reichen  Stoff,  allen  Feinden  des  Staatskanzlers  eine
gefährliche  Waffe.  Sie  bemerkten  schadenfroh,  wie  der  König  dem  Staatsmanne,
  der  seine  weißen  Haare  so  wenig  achtete,  kälter  und  fremder  begegnete;
  und  da  der  betriebsame  Koreff  zuweilen  auch  als  liberaler  Schriftsteller
  auftrat,  so  bildete  sich  am  Hofe  nach  und  nach  das  Parteimärchen,
Hardenbergs  Verfassungspläne  seien  das  Werk  seiner  anrüchigen  plebejischen
  Umgebung.  Wenn  ein  Freund  den  Fürsten  vor  diesem  Gesindel
warnte,  dann  erwiderte  er  lächelnd:  „und  wenn  ich  auch  oft  betrogen  worden
bin,  es  ist  ein  so  herrliches  Gefühl  Vertrauen  zu  erweisen."

Unter  den  Ministern  besaß  Hardenberg  nur  einen  erklärten  Gesinnungsgenossen,
  Boyen,  und  auch  dieser  dachte  zu  selbständig  um  der  Führung
des  Fürsten  unbedingt  zu  folgen.  Kircheisen  bewährte  sich  bei  der  Organisation
  der  Gerichte  in  den  neuen  Provinzen  als  trefflicher  Fachmann
und  blieb  der  großen  Politik  fern.  Schuckmann  dagegen,  der  Minister
des  Innern,  ein  straffer  Bureaukrat,  tätig,  sachkundig,  herrschsüchtig,  der
Philister  der  alten  Zeit,  wie  W.  Humboldt  ihn  nannte,  stand  allen  Reformplänen
  ebenso  argwöhnisch  gegenüber  wie  der  Polizeiminister  Fürst
Wittgenstein,  der  Vertraute  Metternichs.  Wie  viele  Jahre  hat  der  arglose
Hardenberg  gebraucht,  bis  er  die  biedere  Derbheit  dieses  schlauen  Hofmanns
  endlich  durchschaute,  der  einst,  durch  den  Sturz  des  Ministeriums
Dohna,  ihm  selber  den  Weg  zur  Macht  geöffnet  hatte  und  darum  schon
der  treuesten  Freundschaft  würdig  schien.  Dem  Monarchen  war  Wittgenstein
  als  geschickter  Verwalter  des  königlichen  Hausvermögens  unentbehrlich;
  auch  an  den  anderen  deutschen  Höfen  stand  er  in  hohem  Ansehen,
bei  allen  fürstlichen  Familienangelegenheiten  zog  man  ihn  zu  Rate,  und
sogar  der  eigenwillige  Kurfürst  von  Hessen  hörte  zuweilen  auf  seine  Ratschläge.
  Arglosen  Beobachtern  erschien  der  muntere  alte  Herr  mit  seinen
trivialen  Späßchen  sehr  unschädlich,  selbst  ein  so  gewiegter  Menschenkenner
  wie  der  alte  Heim,  der  volksbeliebte  erste  Arzt  Berlins,  ließ  sich
durch  die  gemütlichen  Formen  des  Fürsten  völlig  täuschen  und  liebte  ihn

*)  Hardenbergs  Tagebuch,  Februar  1816.
        <pb n="196" />
        188  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

zärtlich.  Aber  nichts  entging  den  lauernden  Blicken  dieser  falschen  blauen
Augen;  mit  unversöhnlichem  stillem  Hasse  verfolgte  Wittgenstein  alles
was  an  Stein  und  die  stürmische  nationale  Bewegung  der  Kriegsjahre
erinnerte,  und  nicht  lange  so  fand  er  auch  den  Staatskanzler  selbst  des
teutonischen  Jakobinertums  verdächtig  und  begann  ihn  unmerklich  Schritt
für  Schritt  zur  Seite  zu  drängen.  Die  verrufene  „höhere“  Polizei,  welche
einst  Justus  Gruner  zur  Notwehr  gegen  die  napoleonischen  Späher  ein—
gerichtet  hatte,  wurde  zwar  nach  dem  Frieden  aufgehoben;  doch  blieben
mehrere  ihrer  geheimen  Agenten  noch  in  Tätigkeit,  und  nach  ihren  Be—
richten  bildete  Wittgenstein  sein  Urteil  über  die  Gesinnung  der  Nation.

Ganz  einsam  stand  der  junge  Finanzminister  Graf  Bülow  unter  den
Genossen,  der  Vetter  Hardenbergs,  ein  schöner  blonder  Mann,  der  mit
seiner  vornehmen,  weltmännischen  Anmut,  seiner  leichten,  oft  leichtfertigen
Geschäftsgewandtheit  den  Staatskanzler  an  seine  eigene  Jugend  erinnerte
und  von  ihm  wie  ein  Sohn  geliebt  wurde.  Er  war  nach  dem  Tilsiter
Frieden,  gleich  vielen  anderen  wackeren  Beamten  des  Magdeburger  Landes,
widerwillig  in  den  Dienst  des  Königs  Jerome  getreten,  da  die  alte  Heimat
ihn  nicht  unterbringen  konnte,  und  hatte  dann  als  westfälischer  Minister
für  die  Entfesselung  des  inneren  Verkehrs,  für  die  Durchführung  ver—
ständiger  handelspolitischer  Grundsätze  viel  getan,  bis  er  endlich  wegen
seiner  deutschen  Gesinnung  und  seines  unabhängigen  Auftretens  entlassen
wurde.  Trotzdem  ward  er  von  den  altpreußischen  Beamten  wie  ein  Ver—
räter  angesehen;  der  Stolz  der  Preußen  vergab  es  nicht,  daß  Hardenberg
noch  während  des  Krieges  gegen  Napoleon  einen  Diener  Jeromes  in  das
Ministerium  einführte.  In  der  Tat  war  Bülow  von  den  Anschauungen
der  französischen  Bureaukratie  nicht  unberührt  geblieben;  er  bewunderte
das  napoleonische  Steuersystem  und  hatte  sich  unter  den  westfälischen
Präfekten  an  einen  herrischen  Ton  und  eine  durchfahrende  Eigenmächtigkeit
gewöhnt,  die  dem  preußischen  Beamtentum  unerträglich  schienen.  Als—
bald  überwarf  er  sich  mit  mehreren  Oberpräsidenten;  auch  mit  seinem
Vetter  und  Gönner  geriet  er  in  Streit,  da  ein  geordneter  Staatshaushalt
  allerdings  unmöglich  war,  so  lange  der  Staatskanzler  ohne  den  Finanzminister
  zu  befragen  über  beliebige  Summen  frei  verfügen  durfte.  Die
ewigen  Händel  verbitterten  den  Heftigen,  und  bald  erkannte  man  in  seinem
reizbaren,  zänkischen  Wesen  die  alte  Liebenswürdigkeit  kaum  noch  wieder.

Die  reaktionäre  Partei  des  Ministeriums  fand  bei  Hofe  eine  mächtige
Stütze  an  dem  Kommandeur  der  Garde,  dem  Herzog  Karl  von  Mecklen—
burg.  Der  Bruder  der  Königin  Luise  hatte  sich  auf  dem  Schlachtfelde
und  dem  Exerzierplatz  stets  als  tüchtiger  Offizier  bewährt,  aber  für  die  refor—
matorischen  Ideen  der  Freunde  seiner  Schwester  hegte  er  kein  Verständnis.
Eine  schöne  ritterliche  Erscheinung,  ein  angenehmer  unterrichteter  Gesell—
schafter,  auf  den  Hoffesten  als  begabter  Poet  und  Schauspieler  viel  bewundert,
sehr  tätig  im  Staatsrate  wie  in  seinem  militärischen  Berufe,  war  er  doch
        <pb n="197" />
        Wittgenstein.  Karl  von  Mecklenburg.  Ancillon.  189

bei  der  Mehrzahl  der  Offiziere  nicht  beliebt,  in  der  gebildeten  Gesellschaft
der  Hauptstadt  gründlich  verhaßt.  Denn  er  nährte  in  seinem  Gardekorps
ein  dünkelhaftes  Wesen,  daß  dem  Zivil  wie  den  Linientruppen  gleich  anstößig
ward,  und  blieb  trotz  seiner  Jugend  ein  Berufssoldat  der  alten  Schule,
ein  entschiedener  Gegner  der  neuen  Heeresverfassung.  In  der  Politik  schloß
er  sich  eng  an  Wittgenstein  an  und  bekämpfte  wie  dieser  jede  Neuerung,
die  dem  Wiener  Hofe  mißfallen  konnte.  Und  einmal  doch  in  diesen  Über—
gangsjahren  erlangte  die  reaktionäre  Partei  einen  großen  Erfolg:  durch  die
Deklaration  vom  29.  Mai  1816  wurde  die  Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten
auf  die  Ackernahrungen,  die  spannfähigen  Bauerngüter  beschränkt.  Die
Neuerung  ließ  sich  zur  Not  entschuldigen,  weil  die  großen  Grundbesitzer
des  Ostens  der  Tagelöhner  in  ihrer  Wirtschaft  nicht  entbehren  konnten;
doch  sie  beeinträchtigte  die  Ausführungen  der  Hardenbergischen  Agrargesetze.

Noch  mächtiger  war  der  stille  Einfluß  Ancillons.  Der  in  alle  Sättel
gerechte  Theolog  wurde  im  Jahre  1814  als  Geheimer  Rat  im  Auswärtigen
Amte  angestellt  und  schwamm  jetzt  wieder  selbstgefällig  obenauf,  obgleich  der
Erfolg  des  Krieges  alle  seine  kleinmütigen  Warnungen  Lügen  gestraft  hatte.
Hardenberg  glaubte  durch  diese  Ernennung  eine  Brücke  zwischen  der  Wissenschaft
  und  der  Politik  zu  schlagen;  denn  Ancillon  verdankte  seiner  seichten,
aber  vielseitigen  und  immer  für  die  Unterhaltung  des  Salons  bereiten  Gelehrsamkeit
  ein  hohes  Ansehen,  das  auch  reichere  Geister  bestach.  Die  Diplomaten
  rühmten  die  sokratische  Gelassenheit,  die  urbane  Milde  seiner  Umgangsformen;
  selbst  Schön,  der  alles  tadelte,  ließ  ihn  gelten,  und  noch  in
späteren  Jahren  schaute  der  junge  Leopold  Ranke  bewundernd  zu  ihm  auf.
Er  hatte  am  Ausgang  des  alten  Jahrhunderts  als  eleganter  Prediger  an
der  französischen  Gemeinde  den  weichlichen  Geschmack  der  Zeit  glücklich  getroffen
  und  dann  als  Lehrer  der  Staatswissenschaft  an  der  Kriegsschule  seine
Gemeinplätze  mit  so  feierlicher  Gespreiztheit,  mit  einem  so  überlegenen  staatsmännischen
  Lächeln  vorgetragen,  daß  sein  Zuhörer,  der  junge  Nesselrode  sich
ganz  bezaubert  fühlte.  Bei  Hofe  verstand  er  durch  untertänige  Beflissenheit
  seinen  Platz  unter  den  vornehmen  Herren  zu  behaupten.  Es  ward
verhängnisvoll  für  eine  späte  Zukunft,  daß  auch  Königin  Luise  und  der
Freiherr  vom  Stein  sich  durch  den  erschlichenen  Ruhm  des  glatten  Halbfranzosen
  blenden  ließen  und  ihm  die  Erziehung  des  jungen  Thronfolgers
anvertrauten.  So  geriet  der  verschwenderisch  begabte,  aber  phantastische
und  eigenwillige  Geist  des  Prinzen,  der  vor  allem  einer  strengen  Zucht
und  der  Belehrung  über  die  harte  Wirklichkeit  des  Lebens  bedurfte,  unter
die  Leitung  eines  charakterlosen  Schönredners,  der  selber  kaum  fühlte,  wie
viel  von  seinem  Tun  der  angeborenen  Furchtsamkeit,  wie  viel  der  weltklugen
  Berechnung  entsprang.  Seitdem  wurde  Ancillon  auch  zu  den  politischen
  Beratungen  öfters  zugezogen  und  schrieb  nun  unermüdlich  mit
seiner  schwunglosen,  verkniffenen  kleinen  Gelehrtenhand  eine  Masse  von
Denkschriften  —  breite  Betrachtungen  ohne  Kraft  und  Schneide,  die  alle-
        <pb n="198" />
        190  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

samt  ebenso  leer  wie  seine  Bücher  doch  immer  den  Eindruck  erregten,
als  ob  sich  ein  tiefer  Sinn  hinter  dem  Wortschwall  verbärge.  Durch  ihn
ward  die  Kunst,  hohle  Worte  zu  einem  glitzernden  Gewebe  zu  verknüpfen,
zuerst  in  die  preußische  Politik  eingeführt  —  eine  Kunst,  die  unter  dem  ge—
strengen  alten  Absolutismus  ganz  unbekannt  gewesen  war  und  erst  später—
hin,  in  der  parlamentarischen  Epoche,  ihre  üppigsten  Blüten  entfalten  sollte.
Von  Haus  aus  ein  Freund  der  Ruhe  und  der  überlieferten  Ordnung  hatte
er  im  Juni  1789  zu  Versailles  selber  mit  angesehen,  wie  die  Vertreter
des  Dritten  Standes  sich  die  Rechte  einer  Nationalversammlung  anmaßten
und  also  den  Sturz  des  Königtums  vorbereiteten.  Seit  jenem  Tage  lag
ihm  die  Angst  vor  der  Revolution  in  allen  Gliedern,  und  als  das  revo—
lutionäre  Weltreich  endlich  gefallen  war,  wahrlich  ohne  Ancillons  Zutun,
da  wendete  sich  der  Zaghafte  den  Ansichten  Metternichs  zu  und  folgte  ge—
lehrig  jedem  Winke  der  Hofburg.  Geschäftig  trug  er  die  Anschuldigungen
der  Schmalzischen  Schrift  in  der  Hofgesellschaft  umher,  und  obwohl  er  sich
noch  hütete  den  Staatskanzler  offen  zu  bekämpfen,  so  sprach  er  doch  jetzt
schon  mit  verdächtigem  Eifer  von  den  unermeßlichen  Schwierigkeiten,  welche
dem  Verfassungsplane  entgegenständen,  und  wer  den  Mann  kannte  mußte
erraten,  daß  er  insgeheim  zu  Wittgensteins  Partei  gehörte.

Das  Volk  begann  den  geheimen  Parteikampf  am  Hofe  zuerst  zu  be—
merken,  als  bald  nach  dem  Frieden  einige  unerwartete  Veränderungen  in
den  rheinischen  Provinzen  erfolgten.  Dort  am  Rhein  war  die  festliche  Stim—
mung  der  Kriegsjahre  so  schnell  nicht  verflogen.  Die  preußischen  Offiziere
und  Beamten,  die  das  teuer  erkaufte  Grenzland  jetzt  dem  deutschen  Staats—
leben  einfügen  sollten,  schauten  mit  dem  Hochgefühle  des  Siegers  um  sich;
sie  schwelgten  in  den  Reizen  der  schönen  Landschaft  und  in  der  hellen
Lebenslust  der  rheinischen  Geselligkeit.  Ihnen  war,  als  ob  die  Heldenkraft
des  Nordens  hier  mit  der  Anmut  des  reichen  Südens  fröhlich  Hochzeit
hielte.  Um  Gneisenau,  der  in  Koblenz  befehligte,  sammelte  sich  ein  froher
Kreis  von  bedeutenden  Männern  und  schönen  Frauen,  der  selbst  die  leicht—
lebigen  Bewohner  der  alten  Bischofsstadt  zu  dem  Geständnis  zwang,  daß
ihre  neue  Landesherrschaft  doch  über  ganz  andere  geistige  Kräfte  gebot  als
weiland  der  kurtriersche  Hof  und  der  Präfekt  Napoleons.  Da  waren
Clausewitz  und  Bärsch,  einer  von  Schills  Gefährten;  der  tollkühne  Husar
Hellwig  und  der  hünenhafte  Karl  v.  d.  Gröben,  der  einst  als  Gnei—
senaus  Vertrauter,  fast  so  abenteuerlich  wie  sein  Ahn,  der  afrikanische
Held  des  großen  Kurfürsten,  von  Land  zu  Land  gezogen  war  um  den
heiligen  Krieg  vorzubereiten;  dann  die  romantischen  Schwärmer  Max
von  Schenkendorf,  Werner  von  Haxthausen,  Sixt  von  Armin,  der  Pädagog
Johannes  Schulze  und  der  gelehrte  Sammler  Menusebach.  Wenn  Gneisenau
abends  die  Damen  in  dem  Wagen  Napoleons,  dem  Beutestücke  von  Belle
Alliance,  zu  einem  Feste  abholen  ließ  und  nun  in  seiner  heiteren  Hoheit,
gebieterisch  und  doch  bescheiden,  errötend  vor  dem  eigenen  Ruhm,  inmitten
        <pb n="199" />
        Gneisenau.  Sack.  Gruner.  191

der  lauten  Tafelrunde  saß,  wenn  die  Lieder  Arndts  und  Körners  erklangen,
die  Kriegsmänner  von  ihren  Fahrten  erzählten  und  Meusebach  durch  den
urkräftigen  Humor  seiner  geistreichen  Verse  alles  zu  stürmischem  Gelächter
hinriß,  dann  meinte  Schenkendorf  glückselig:

So  hab'  ich  wohl  im  Knabentraume

Die  alte  Ritterschaft  gesehn.
Auch  im  Lande  hatte  sich  der  freimütige  Held  bald  alle  Herzen  gewonnen;
als  er  die  Mosel  hinauf  fuhr,  kamen  aus  jedem  Dorfe  singende  Land—
leute  herangerudert  und  reichten  ihm  den  Ehrenwein.

Das  fröhliche  Nachspiel  der  großen  Kriegszeit  sollte  nicht  lange  währen.
Gneisenau  hatte  schon  als  die  Schmalzische  Schrift  erschien  den  Staatskanzler
  gewarnt,  diesem  ersten  Schlage  würden  schwerere  folgen,  und  mußte
nun  erfahren,  daß  man  bei  Hofe  ihn  selber  als  das  Haupt  des  Tugend—
bundes  anschwärzte,  seine  heitere  Tafelrunde  „Wallensteins  Lager“  nannte.
Die  Verleumdung  verstimmte  ihn  um  so  tiefer,  da  er  eben  jetzt  von  jener
krankhaften  Abspannung  befallen  wurde,  welche  die  Männer  der  Tat
beim  Eintritt  ruhiger  Zeiten  so  häufig  heimsucht;  er  fühlte  sich  im  Friedensdienste
  wie  der  Fisch  auf  dem  Sande  und  legte  schon  im  Sommer  1816
sein  rheinisches  Kommando  nieder,  teils  seiner  Gesundheit  wegen,  teils
um  den  Gegnern  zu  beweisen,  daß  er  keine  ehrgeizigen  Absichten  hege.)
Auch  dann  noch  hörten  die  Afterreden  am  Hofe  nicht  auf;  der  König  aber
blieb  den  Einflüsterungen  unzugänglich,  und  kaum  zwei  Jahre  später  übernahm
  Gneisenau,  nachdem  sein  Körper  sich  in  den  schlesischen  Bergen
wieder  erholt  hatte,  die  Stelle  des  Gouverneurs  von  Berlin.

In  denselben  Tagen  wurde  der  Oberpräsident  Sack  vom  Rheine  nach
Stettin  versetzt.  Anderthalb  Jahre  lang  hatte  er  die  provisorische  Verwaltung
  in  seiner  rheinischen  Heimat  mit  Geschick  und  Umsicht  geleitet;
aber  wie  er  einst  als  brandenburgischer  Oberpräsident  mit  dem  feudalen
Adel  zusammengeraten  war,  so  konnte  es  dem  derben,  durchgreifenden
Beamten  auch  jetzt  nicht  an  Feinden  fehlen.  Die  Minister  Wittgenstein,
Schuckmann,  Bülow  beschwerten  sich  über  seine  Unbotmäßigkeit;  mit  dem
Militärgouverneur  General  Dobschütz  lebte  er  in  offener  Fehde.  Freiherr
von  Mirbach  und  andere  aus  dem  stolzen  niederrheinischen  Adel  verklagten
ihn  wegen  bureaukratischer  Härte  und  Zurücksetzung  der  Edelleute;  selbst
seine  Freunde  konnten  nicht  leugnen,  daß  er  sich  in  den  Zeitungen  mehr
als  für  einen  preußischen  Beamten  schicklich  war  loben  ließ  und  seine
zahlreiche  Vetterschaft,  „die  Säcke",  doch  gar  zu  sorgsam  in  der  rheinischen
Verwaltung  untergebracht  hatte.  Nach  so  zahlreichen  Klagen  fand  es  Hardenberg
  geraten,  dem  verdienten  Manne  einen  anderen  Wirkungskreis  anzuweisen;
  er  blieb  bei  seinem  Entschlusse,  obgleich  Sack  sich  schwer  beleidigt
fühlte,  die  große  Mehrzahl  der  Rheinländer  ihren  Landsmann  ungern

 

"*)  Gneisenau  an  Hardenberg,  26.  März  und  21.  April  1816,  6.  Febr.  1821.
        <pb n="200" />
        192  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

ziehen  sah,  und  zahlreiche  Gemeinden  der  Provinz  dringend  um  Zurück—
nahme  der  Versetzung  baten.)

Auch  der  feurige  Patriot  Justus  Gruner,  der  bisher  im  Namen  der
verbündeten  Mächte  das  bergische  Land  verwaltet  hatte,  fand  eine  laue
Aufnahme,  als  er  jetzt,  durch  Gneisenau  lebhaft  empfohlen,  wieder  in
den  preußischen  Staatsdienst  einzutreten  verlangte.  Sonderbares  Schicksal,
  daß  gerade  der  Begründer  der  preußischen  geheimen  Polizei  unter  den
Berichten  der  geheimen  Agenten  am  schwersten  leiden  mußte.  In  der
Hofburg  galt  er,  neben  Stein  und  Görres,  als  das  Haupt  der  deutschen
Jakobiner.  Im  Sommer  1812  war  er  auf  Metternichs  Befehl  nach  Peterwardein
  auf  die  Festung  gebracht  worden,  weil  er  von  Prag  aus  eine  Schilderhebung
  gegen  Napoleon  vorbereitete  und  mit  Jahns  „Deutschem  Bunde“
insgeheim  verkehrte.“)  Erst  im  Oktober  1813  freigelassen,  hatte  er  dann
als  Gouverneur  von  Berg  die  Osterreicher  und  die  Rheinbündner  durch
die  leidenschaftliche  Sprache  seiner  Reden  und  Manifeste  aufs  neue  erschreckt
  und  bei  dem  Ausbruche  des  Krieges  von  1815  gar  einen  geheimen
Bund  gestiftet,  der  zwar  niemals  zu  einer  Tätigkeit  gelangte  und  alsbald
nach  dem  Frieden  wieder  einging,  aber  schon  durch  seinen  Wahlspruch
„Deutschlands  Einheit  unter  Preußen!“  alle  ängstlichen  Gemüter  mit
Entsetzen  erfüllte.  Nach  alledem  hielt  es  der  Staatskanzler  für  unmöglich,
dem  Vielverleumdeten  ein  einflußreiches  Verwaltungsamt  anzuvertrauen,
und  Gruner  wurde  mit  dem  bescheidenen  Gesandtschaftsposten  in  Bern
abgefunden.  Alle  diese  Vorfälle  berührten  die  öffentliche  Meinung  sehr
peinlich,  zumal  da  sie  fast  gleichzeitig  mit  der  Unterdrückung  des  Rheinischen
  Merkurs  und  bald  nach  dem  Erscheinen  der  Schmalzischen  Schrift
erfolgten.  Die  argwöhnische  Welt  suchte  nach  einem  geheimen  Zusammenhange,
  obgleich  Gneisenau  das  Verbot  des  Görresschen  Blattes  ganz  in
der  Ordnung  fand  und  Sack  ein  erklärter  Gegner  Gruners  war.  Die
Luft  ward  täglich  schwüler.  Derweil  man  bei  Hofe  von  den  geheimen
Umtrieben  der  Demagogen  erzählte,  klagten  die  Liberalen  über  den  Anbruch
  der  Reaktion.  —

 

Trotz  dieser  Reibungen  innerhalb  der  Regierung  ging  die  unscheinbare
  und  doch  so  folgenreiche  Arbeit  der  Neuordnung  der  Verwaltung
stetig  und  sicher  vorwärts.  Sobald  sich  der  Umfang  der  neugewonnenen
Landschaften  einigermaßen  übersehen  ließ,  genehmigte  der  König,  noch  in
Wien,  am  30.  April  1815  die  Verordnung  über  die  verbesserte  Einrichtung
der  Provinzialbehörden,  welche  das  Staatsgebiet  in  zehn  Provinzen  und  achtundzwanzig
  Regierungsbezirke  einteilte.  Zwei  dieser  Provinzen,  Niederrhein

 

*)  Kircheisen  an  Hardenberg,  5.  Juni;  Kabinettsordres  an  Sack,  15.  Januar  und
13.  März;  Sack  an  den  König,  24.  März,  an  Hardenberg,  24.  März  und  16.  Mai  1816.
Mirbach  an  Hardenberg,  29.  Novbr.  1815.

**)  Gruner  an  Hardenberg,  27.  Novbr.  1819.
        <pb n="201" />
        Die  neuen  Provinzialbehörden.  193

und  Westpreußen,  wurden  später  mit  den  Nachbarprovinzen  Jülich-Cleve—
Berg  und  Ostpreußen  vereinigt:  die  sechs  anderen,  Brandenburg,  Pommern,
Schlesien,  Posen,  Sachsen,  Westfalen,  bestehen  noch  heute  unverändert.
Es  war  das  Werk  des  Königs,  daß  die  im  Jahre  1810  durch  Hardenberg
aufgehobenen  Ämter  der  Oberpräsidenten  wiederhergestellt  wurden.  Friedrich
Wilhelm  wünschte,  in  großen,  lebensfähigen  Provinzen  die  Eigenart  der
Stämme  und  Landschaften  sich  frei  entfalten  zu  lassen;  er  wollte,  daß  die
bedachtsame  Unparteilichkeit  der  kollegialischen  Regierungen  an  der  Tat—
kraft  und  dem  persönlichen  Ansehen  der  vorgesetzten  Einzelbeamten  ihre
Ergänzung  fände  und  die  Verwaltung  dergestalt  die  Vorzüge  des  kollegia—
lischen  und  des  bureaukratischen  Systems  vereinigte.  Zugleich  hegte  er  jetzt
schon  die  Absicht,  neben  jeden  Oberpräsidenten  einen  kommandierenden
General  zu  stellen  und  also,  nach  dem  Vorbilde  Osterreichs  und  Rußlands,
  die  militärische  Einteilung  des  Landes  der  Zivilverwaltung  anzupassen.
  Den  Vorschlag  Bülows,  die  Regierungskollegien  durch  Präfekten
  zu  ersetzen,  lehnte  der  König  rundweg  ab  und  verwarf  auch  den
Plan,  ihnen  selbständige  Finanzkollegien  an  die  Seite  zu  stellen..))  Sie
behielten  ihre  kollegialische  Form;  zerfielen  aber  fortan  in  zwei  Abteilungen,
  deren  eine  unter  der  Aufsicht  des  Ministers  des  Innern  die
Hoheitssachen,  die  Polizei  und  das  Gemeindewesen  bearbeitete,  während
die  zweite,  dem  Finanzminister  untergeordnet,  das  Finanzwesen  und  die
Gewerbeangelegenheiten  übernahm,  so  daß  jeder  Minister  so  weit  möglich
seine  eigenen,  von  ihm  allein  abhängigen  Organe  erhielt.

Bei  der  Abgrenzung  der  neuen  Verwaltungsbezirke  verfuhr  die  Regierung
  mit  höchster  Schonung,  mit  jener  Pietät  für  das  historisch  Gegebene,
  die  von  altersher  im  Charakter  der  preußischen  Staatskunst  lag.
Sobald  ein  Dorf  aus  seinem  alten  Kreisverbande  ausgeschieden  werden
sollte,  mußten  zwei  Ministerien  ihr  Gutachten  abgeben;  der  König  selbst
entschied  und,  wo  irgend  möglich,  rücksichtsvoll  nach  dem  Wunsche  der
Einwohner.  Gleichwohl  ließ  sich  die  Störung  mancher  altgewohnten  Verhältnisse
  nicht  vermeiden,  da  die  neuerworbenen  Länderfetzen  unter  einander
  und  mit  den  alten  Gebietsteilen  in  krausem  Gemenge  lagen.  Keine
von  den  alten  Provinzen  konnte  ihre  alten  Grenzen  unverändert  behalten.
Sofort  begann  denn  ein  allgemeines  Sturmlaufen  gegen  die  Regierung.
Die  ungeheure  Macht  des  Partikularismus,  in  Preußen  um  nichts  schwächer
als  in  den  kleinen  deutschen  Staaten,  erhob  sich  aufgescheucht;  die  tausend
und  tausend  zähen  Interessen  des  örtlichen  Kleinlebens,  an  denen  der  Sturm
einer  ungeheuren  Zeit  unbemerkt  vorübergerauscht  war,  riefen  um  Hilfe.
Aus  unzähligen  Eingaben  erklang  überall  dieselbe  starr  konservative  Gesinnung,
  überall  derselbe  Jammerruf:  „wir  wollen  uns  nicht  trennen  von
unseren  Brüdern,  die  mit  uns  Freud'  und  Leid  in  schwerer  Zeit  geteilt."

*)  Entwurf  einer  „Verordnung  wegen  Einrichtung  der  Provinzialregierungen  und
Finanzkollegien“,  Frühjahr  1815.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  U.  13
        <pb n="202" />
        194  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Als  man  den  Sitz  der  Kreisbehörde  des  Freystädter  Kreises  nach  Neusalz
verlegen  wollte,  da  häuften  sich  die  Petitionen,  eine  Gesandtschaft  drang
bis  zum  Könige;  der  alte  Kalckreuth  schrieb  an  Hardenberg,  er  müsse  zu—
grunde  gehen,  wenn  die  Behörde  nicht  mehr  in  der  Nachbarschaft  seines
Gutes  hause,  die  Strolche  würden  ihm  den  Kohl  und  die  Kartoffeln  von  den
Feldern  stehlen;  der  passive  Widerstand  war  unüberwindlich.  Die  Monarchie
erfuhr  in  hundert  Fällen,  was  sie  späterhin  bei  allen  Reformen  der  Kommunalverwaltung
  abermals  erfahren  sollte,  daß  es  in  Deutschland  ungleich
leichter  ist,  zwei  Staaten  zu  verschmelzen  als  zwei  Kreise  oder  Gemeinden.

Überall,  im  Volke  wie  auf  den  Thronen,  überschätzte  man  noch  unendlich
  den  Gegensatz  der  Landschaften  und  Stämme.  Wenn  sogar  die
königlichen  Beamten  in  Pommern  sich  nur  bis  zu  der  bescheidenen  Hoffnung
  verstiegen,  es  werde  im  Verlaufe  langer  Jahre  die  allmähliche  „Annäherung
  zwischen  den  beiden  Nationen“  der  schwedischen  Pommern  und
der  Altpommern  möglich  werden;  wenn  selbst  Sack  in  seinen  Verwaltungsberichten
  versicherte,  der  Jülicher,  der  Aachener,  der  Kölner  und  der  Moselländer
  wichen  in  ihrem  Charakter  dermaßen  von  einander  ab  „als  ob  es
ganz  verschiedene  Nationen  wären“:  so  zeigte  sich  vollends  im  Volke  die
nachbarliche  Abneigung  oft  bis  zur  leidenschaftlichen  Gehässigkeit  gesteigert.

Alle  altpreußischen  Landesteile  betrachteten  es  als  eine  Schande,
wenn  man  sie  den  neuen  Provinzen  einfügen  wollte.  Als  die  Regierung  den
Plan  faßte,  die  Niederlausitz  samt  der  altbrandenburgischen  Herrschaft
Beeskow  der  Provinz  Sachsen  zuzuteilen,  da  wendeten  sich  die  Stände
des  Beeskow-Storkower  Kreises  an  den  König  und  klagten,  ganz  so  laut
und  stürmisch,  wie  sie  einst  unter  Marwitzs  Führung  gegen  Hardenbergs
Agrargesetze  geeifert  hatten:  „Wir  fangen  mit  demjenigen  an,  was  uns  das
Heiligste  und  Wichtigste  sein  muß,  von  Ew.  Majestät  Beamten  aber  ganz
unbeachtet  gelassen,  vielleicht  als  ein  leeres  Vorurteil  angesehen  wird,
weil  sie  nicht  gewohnt  sind  die  Gesinnungen  der  Völker  zu  beachten:  wir
sollen  aufhören  Brandenburger  und  Preußen  zu  sein!  Sollen  wir  Brandenburger
  bleiben  und  unsere  Volkstümlichkeit  erhalten?  Dann  wird
es  uns  auf  eine  ähnliche  Weise  ergehen,  wie  es  einst  erging  und  noch  ergeht
  dem  Ucberrest  des  wendischen  Volks  in  unserer  Nachbarschaft,  das  in
einem  beständigen  Mißtrauen,  in  einer  beständigen  Absonderung  von  seinen
Nachbarn  und  in  einer  beständigen  Anfeindung  seitens  letzterer  seine  Existenz
noch  jetzt  fortschleppt.  Sollen  wir  aber  den  sächsischen  Volkscharakter  annehmen?
  Das  werden  wir  nicht  können,  nicht  weil  wir  ihn  für  unwürdig
anerkennen,  sondern  weil  wir  einmal  Brandenburger  sind!““)  Da  auch
die  Stände  des  wieder  gewonnenen  Kottbuser  Landes  sich  ebenso  ungestüm
gegen  jede  Gemeinschaft  mit  den  Sachsen  verwahrten,  so  gab  der  Staatskanzler
  nach  und  ließ  die  Grenze  der  Provinz  Brandenburg  weiter  nach
Süden  verlegen.  Minder  glücklich  fuhren  die  Altmärker.  Auch  sie  ver-*)

  Eingabe  der  Kreisstände  von  Beeskow-Storkow  an  den  König,  31.  Okt.  1815.
        <pb n="203" />
        Abgrenzung  der  Verwaltungsbezirke.  195

langten  ihre  Wiedervereinigung  mit  der  Kurmark  als  ein  unbestreitbares
Recht.  Die  Regierung  aber  beharrte  bei  dem  Entschlusse,  die  Wiege  des
brandenburgischen  Staates  der  Provinz  Sachsen  einzuverleiben;  denn  die
Landschaft  war  durch  ihre  Lage  auf  Magdeburg  angewiesen  und  hatte  seit
der  westfälischen  Herrschaft  nichts  mehr  gemein  mit  der  für  die  Kurmark
so  wichtigen  Schuldenverwaltung,  auch  ihr  Kommunalwesen  stimmte  nicht
mehr  zu  dem  brandenburgischen  Brauche.

Im  Herzogtum  Preußen  war  noch  unvergessen,  daß  einst  die  Städte
des  Weichseltals  zuerst  das  Banner  des  Aufruhrs  gegen  den  Deutschen
Orden  erhoben  und  den  Polen  ins  Land  gerufen  hatten;  das  tapfere  Volk
war  gewohnt  auf  die  westpreußischen  Nachbarn  wie  auf  Verräter  herab—
zusehen  und  fühlte  sich  schwer  gekränkt,  als  einige  Striche  Ostpreußens
der  Weichselprovinz  zugewiesen  wurden.  Durch  flehentliche  Bitten  beim
Könige  erlangten  mindestens  die  Kreise  Mohrungen  und  Neidenburg,  daß
sie  bei  Ostpreußen  verblieben.  Dagegen  verlangte  eine  Petition  des  pol—
nischen  Adels  in  Michelau  und  dem  Kulmerlande,  daß  dies  alte  Stamm—
land  der  deutschen  Ordensmacht  zum  Großherzogtum  Posen  geschlagen
würde.  Die  treuen  deutschen  Städte  aber  widersprachen  lebhaft,  und  die
Regierung  wies  den  verdächtigen  Vorschlag  ab.)  Die  Neuvorpommern
steiften  sich  auf  ihre  „Rechte,  Privilegien  und  Freiheiten“,  welche  der  König
in  den  Verträgen  mit  Schweden  und  Dänemark  aufrecht  zu  halten  ver—
sprochen  hatte;  sie  verstanden  darunter,  nach  deutscher  Weise,  kurzweg  alle
bestehenden  Institutionen,  das  schwedische  Zollwesen  und  die  alte  Münze
so  gut  wie  das  alte  Beamtentum,  und  verteidigten  ihre  Unabhängigkeit
so  hartnäckig,  daß  der  Staatskanzler  erst  im  Jahre  1818  wagte  den  kleinen
Regierungsbezirk  Stralsund  mit  der  Provinz  Pommern  zu  vereinigen.
Darauf  beschwerten  sich  die  Deputierten  der  Kreise  und  Städte  bei  dem
Könige  bitter  über  die  Verletzung  ihrer  Privilegien;  sie  erklärten  die  schwe—
dische  Gouvernements-Kanzleiordnung  von  1669  für  unantastbar  und  ver—
stummten  erst,  als  der  König  ihnen  nachdrücklich  erwidern  ließ,  keine  Pro—
vinz  dürfe  unter  dem  Vorwand  besonderer  Gerechtsame  eine  Ausnahme
von  der  allgemeinen  Verwaltungsordnung  des  Staates  für  sich  verlangen.“)
In  den  westlichen  Provinzen  stieß  die  Einführung  der  neuen  Verwaltungsbezirke
  auf  geringeren  Widerstand,  da  der  Sondergeist  der  Städte  und  der
Landschaften  hier  schon  längst  durch  die  harte  Faust  des  napoleonischen
Beamtentums  gebeugt  war;  doch  ward  auch  hier  um  die  Sitze  der  Behörden
  leidenschaftlich  gekämpft,  zuweilen  auch  versucht,  längst  vergessene
altständische  Ansprüche  aus  dem  Staube  der  Jahrhunderte  hervorzuholen.
Die  Grafschaft  Werden  wollte  nicht  von  der  Grafschaft  Mark  getrennt

*)  Bericht  des  Regierungspräsidenten  v.  Hippel  an  den  Staatskanzler,  Marienwerder,
  21.  Juni  1815.

**)  Eingabe  der  Kreise  und  Städte  an  den  König,  9.  Januar  1819.  Kabinettsordre
vom  24.  Mai  1819.

 

137
        <pb n="204" />
        196  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

werden;  die  Stadt  Herford  erklärte  dem  Staatskanzler  in  einer  pomphaften
  Zuschrift:  sie  könne  und  werde  keinem  Kreise  beitreten,  sie  besitze
ein  Recht  auf  „fernere  Selbständigkeit  und  Immedialität“;  nur  unter
diesem  Vorbehalte  habe  Herford  einst  dem  großen  Kurfürsten  gehuldigt.

Die  weitaus  größten  Schwierigkeiten  bot  doch  die  Neuordnung  der  vormals
  sächsischen  Gebiete,  welche  ohnehin  der  neuen  Landesherrschaft  anfangs
fast  ebenso  feindselig  wie  die  Polen  gegenüberstanden.  Alles  wehklagte  über
den  Untergang  der  sächsischen  Nation;  in  Naumburg  riß  der  Pöbel  die
schwarzen  Adler  in  den  Kot,  selbst  die  Ruhigen  bezeichneten  sich  wehmütig
  als  Mußpreußen  —  ein  Ausdruck,  der  in  manchen  Landstrichen
noch  viele  Jahre  im  Schwange  blieb.  So  lange  die  Erwerbung  des  gesamten
  Königreichs  Sachsen  in  Aussicht  stand,  hatte  Hardenberg  nur  an
eine  Personal-Union  zu  denken  gewagt.  Jetzt,  da  man  sich  mit  der  Hälfte
des  Landes  begnügen  mußte,  ergab  sich  sofort,  daß  diese  Trümmer  nicht
einmal  in  einer  Provinz  zusammenbleiben  konnten.  Kaum  die  Anfänge
der  Staatseinheit,  gleichmäßiger  moderner  Staatsordnung  waren  durch
das  schläfrige  altständische  Regiment  Kursachsens  geschaffen;  die  Lande,  die
man  das  Herzogtum  Sachsen  nannte,  bestanden  in  Wahrheit  aus  sieben
lose  verbundenen  Territorien:  aus  den  Markgrafschaften  Ober=  und  Niederlausitz,
  den  beiden  Stiftern  Merseburg  und  Naumburg,  dem  Fürstentum
Querfurt,  der  Grasschaft  Henneberg  und  einem  Stücke  der  sächsischen  Erblande.
  Trotzdem  baten  die  Vertreter  des  Adels,  als  im  Herbst  1815  eine
sächsische  Deputation  in  Berlin  erschien,  „um  Erhaltung  der  Integrität
und  Nationalität  des  Herzogtums  Sachsen“;  andere,  darunter  die  Bürgermeister,
  verwahrten  sich  dawider  und  erklärten,  sie  hegten  volles  Zutrauen
zu  der  bürgerfreundlichen  Regierung  Preußens.“)  Zur  selben  Zeit  sprachen
die  Niederlausitzer  Stände  für  die  Erhaltung  ihrer  Privilegien;  die  Stände
der  Oberlausitz  aber  verlangten,  „daß  die  Provinz  Lausitz  mit  keinem  anderen
Teile  der  Monarchie  verbunden  werde“:  die  beiden  Lausitzen  sollten  ein
selbständiges  Gesamtreich  bilden  mit  der  Hauptstadt  Görlitz-)

Wie  war  es  möglich,  allen  solchen  partikularistischen  Begehren,  die  einander
  ins  Gesicht  schlugen,  gerecht  zu  werden?  Zudem  lagen  diese  Landschaften
  weithin  zerstreut  von  Görlitz  bis  Langensalza,  abgetrennt  von  ihrem
natürlichen  Mittelpunkte,  dem  Meißnerlande,  das  bei  Sachsen  geblieben
war.  Die  Regierung  beschloß  daher  nach  längerem  Schwanken,  die  weit
nach  Osten  abgelegene  Niederlausitz  mit  Brandenburg,  die  Oberlausitz  mit
Schlesien  zu  verbinden  und  vereinigte  die  übrigen  Stücke  des  Herzogtums
Sachsen  mit  der  Altmark,  dem  Herzogtum  Magdeburg  und  dem  kurmainzischen
  Eichsfelde  zu  einer  neuen  Provinz.  So  kamen  die  vormals  sächsischen
Landesteile  an  drei  Provinzen  und  sechs  Regierungsbezirke.  Was  Wunder,

—–.-  —  ——

*)  Eingabe  der  Stadt  Herford  an  Hardenberg,  6.  Novbr.  1816.
**)  Schuckmanns  Bericht  an  Hardenberg,  15.  Nov.  1815.
*“*)  Eingabe  der  Oberlausitzer  Stände  an  den  Staatskanzler,  28.  Juni  1815.
        <pb n="205" />
        Der  Staatsrat.  197

daß  sie  laut  klagten  und  den  ganzen  Schmerz  der  Teilung  ihres  Heimat—
landes  noch  einmal  zu  erleben  glaubten.  Die  Bitten  und  Beschwerden
währten  noch  lange  fort.  Der  dicht  bei  Potsdam  gelegene  sächsische  Amts—
bezirk  Belzig  verlangte  stürmisch,  beim  Wittenberger  Kreise  zu  bleiben;
sämtliche  Grundbesitzer  des  Eichsfeldes  forderten  als  ein  verbrieftes  Recht,
daß  ein  eichsfeldisches  Oberlandesgericht  in  Heiligenstadt  gegründet  werde.
Noch  drei  Jahre  später  sprach  einer  der  ersten  Grundbesitzer  des  Landes,
Graf  Schulenburg,  gegen  den  Minister  Klewitz  die  Erwartung  aus,  daß
die  altsächsischen  Gebiete  sämtlich  zu  einer  Provinz  vereinigt  würden,
sonst  werde  „diese  Wunde  ewig  bluten“;  und  bis  zum  heutigen  Tage  fühlt
sich  die  Stadt  Görlitz  als  eine  oberlausitzische,  nicht  als  eine  schlesische
Stadt.  In  der  Tat  war  die  Provinz  Sachsen  der  einzige  völlig  künst—
liche  unter  den  neuen  großen  Verwaltungsbezirken.  Während  bei  der
Bildung  aller  anderen  Provinzen  umsichtige  Schonung  der  Interessen  und
Erinnerungen  waltete  und  jede  von  ihnen  einen  ausgeprägten  Stammes—
charakter  zeigte,  wurde  hier,  dank  der  unglücklichen  Halbheit  der  Wiener
Kongreßbeschlüsse,  manches  althistorische  Band  gewaltsam  zerrissen,  thürin—
gische,  ober-  und  niedersächsische  Stammesart  willkürlich  zusammengezwängt.
Und  doch  ward  auch  hier  durch  die  ausdauernde  Geduld,  die  Pflichttreue
und  Gerechtigkeit  des  Beamtentums  die  Wildnis  allmählich  gerodet,  die
feindselige  Bevölkerung  zu  einem  gesunden  Gemeingeist  erzogen.  Es  war  die
Idee  der  praktischen  deutschen  Einheit,  die  in  einem  täglich  und  stündlich  er—
neuerten  Kampfe  sich  durchsetzte  gegen  die  Trümmer  des  Partikularismus.  —

Sobald  die  Verwaltung  der  Provinzen  sich  etwas  befestigt  hatte  nahm
Hardenberg  die  so  lange  unterbrochene  Arbeit  der  Gesetzgebung  wieder  auf.
Durch  die  Verordnung  vom  20.  März  1817  wurde  die  seit  dem  Jahre  1808
wiederholt  verheißene  höchste  beratende  Behörde  der  Monarchie,  der  Staatsrat,
  endlich  eingerichtet,  allerdings  mit  geringeren  Befugnissen,  als  Stein
ihr  einst  zugedacht  hatte.  Der  Beratung  des  Staatsrats  unterlagen
alle  Gesetzentwürfe,  sowie  die  allgemeinen  Verwaltungsgrundsätze,  desgleichen
die  Streitigkeiten  über  den  Wirkungskreis  der  Ministerien,  die  Entsetzung
der  Beamten,  und  alle  die  Beschwerden  der  Untertanen,  welche  der  König
ihm  zuwies,  so  daß  die  leicht  zu  mißbrauchende  Macht  der  neuen  Fachminister
  jetzt  eine  wirksame  Schranke  fand.  Den  Vorsitz  übernahm  der
König  selbst  oder  der  Staatskanzler,  die  formelle  Leitung  der  Geschäfte  der
neue  Minister-Staatssekretär  von  Klewitz.  Mitglieder  waren:  die  königlichen
Prinzen,  die  Minister  und  die  Chefs  der  anderen  selbständigen  Zentralbehörden,
  die  Feldmarschälle,  die  kommandierenden  Generale  und  die  Oberpräsidenten,
  endlich  vierunddreißig  durch  das  Vertrauen  des  Königs  berufene
  Männer  aus  allen  Zweigen  des  öffentlichen  Dienstes  —  die  besten
Kräfte  des  Beamtentums,  sehr  wenige  darunter,  die  nicht  irgendwie  über
die  Mittelmäßigkeit  hinausragten.  Von  den  namhaften  Staatsmännern
hatte  man  nur  zwei  übergangen,  deren  Schroffheit  dem  Staatskanzler
        <pb n="206" />
        198  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

bedrohlich  schien:  Stein  und  den  hochkonservativen  alten  Minister  Voß-Buch.
  Die  beiden  Kirchen  waren  durch  die  Bischöfe  Sack  und  Spiegel,
die  Wissenschaft  durch  Savigny  vertreten.  So  lebte  der  alte  Geheime
Staatsrat,  der  seit  dem  Kurfürsten  Joachim  Friedrich  bis  zu  den  Tagen
Steins,  zuletzt  nur  noch  als  ein  Schatten  bestanden  hatte,  jetzt  wieder
auf,  in  neuen  Formen,  welche  den  gesetzlichen  Gang  der  Verwaltung  sicherten,
ohne  ihre  rasche  Schlagkraft  zu  lähmen.  Dem  neuen  Staatsrate  verdankte
  Preußen,  daß  die  Gesetze  der  letzten  Jahre  Friedrich  Wilhelms  III.
gründlicher,  brauchbarer,  gediegener  ausfielen,  als  die  zuweilen  überhasteten
Arbeiten  der  großen  Reformperiode  und  doch,  trotz  der  reiflichen  Beratung,
nicht  wie  späterhin  die  Gesetze  der  parlamentarischen  Zeit  den  widerspruchsvollen
  Charakter  mühseliger  Partei-Kompromisse  trugen.  Es  war  die  letzte
glänzende  Vertretung  der  alten  absoluten  Monarchie,  eine  Vereinigung
von  Talent,  Sachkenntnis  und  unerschrockenem  Freimut,  wie  sie  außer
England  kein  anderer  Staat  jener  Tage  aufweisen  konnte,  eine  Körperschaft,
  deren  Wirksamkeit  allein  schon  genügte,  alle  die  gehässigen  Urteile
über  den  preußischen  Staat,  die  jetzt  wieder  in  den  deutschen  Kleinstaaten
umhergetragen  wurden,  zu  widerlegen.  Aber  sie  tagte  geheim,  in  Preußen
selbst  wußte  das  Volk  kaum  etwas  von  ihrem  Dasein.

Am  30.  März  1817  eröffnete  Hardenberg  die  Sitzungen  des  Staatsrats
  mit  einer  Rede,  die  noch  einmal  den  zuversichtlichen  Ton  früherer
Jahre  anschlug.  Er  sagte:  die  Aufgabe  sei,  „das  Bestandene  in  die  gegenwärtigen
  Verhältnisse  des  Staats,  in  die  Bildung  des  Volks  und  in  die
Forderungen  der  Zeit  verständig  einzufügen.  Der  preußische  Staat  —  so
schloß  er  —  muß  der  Welt  beweisen,  daß  wahre  Freiheit  und  gesetzliche
Ordnung,  daß  Gleichheit  vor  dem  Gesetze  und  persönliche  Sicherheit,
der  Wohlstand  des  Einzelnen  sowie  des  Ganzen,  daß  Wissenschaft  und
Kunst,  daß  endlich,  wenn's  unvermeidlich  ist,  Tapferkeit  und  Ausdauer  im
Kampfe  fürs  Vaterland  am  besten  und  sichersten  gedeihen  unter  einem
gerechten  Monarchen.““)  Darauf  wurden  die  neuen  Steuergesetz-Entwürfe
des  Finanzministers  einer  Kommission  übergeben.

Währenddem  besprachen  sich  die  im  Staatsrate  versammelten  Oberpräsidenten
  vertraulich  über  die  Ergebnisse  der  neuen  Verwaltungsordnung.
Das  Werk  Steins,  die  Einheit  der  obersten  Verwaltung  galt  noch  keineswegs
  allgemein  als  eine  unwiderrufliche  Tatsache;  die  rechte  Grenze  zwischen
  den  unveräußerlichen  Rechten  der  Staatsgewalt  und  dem  Übermaße
der  zentrifugalen  Kräfte  war  so  schwer  zu  finden,  daß  im  Schoße  der
Regierung  selber  noch  lebhaft  darüber  gestritten  wurde.  Vor  kurzem
erst  hatte  der  Staatssekretär  Klewitz,  ein  wohlmeinender,  in  der  Provinzialverwaltung
  seiner  magdeburgischen  Heimat  gründlich  erfahrener  Beamter
der  alten  Schule,  dem  Staatskanzler  im  besten  Glauben  einen  ungeheuren
Rückschritt,  die  Wiederherstellung  der  Provinzialminister  vorgeschlagen:  eine

7)  Protokolle  des  Staatsrats,  erste  Sitzung.
        <pb n="207" />
        Schön  und  die  Oberpräsidenten.  199

straffere  Zentralisation  ertrage  der  so  bunt  zusammengesetzte  Staat  nicht,
und  wie  leicht  könne  die  Macht  der  neuen  Fachminister  in  einen  gefähr—
lichen  Despotismus  ausarten!)  Der  Ruf  nach  Herstellung  der  Pro—
vinzialministerien  ward  bald  ein  Losungswort  für  den  Partikularismus
der  altständischen  Adelspartei  und  fand  auch  Anklang  bei  einem  Teile
der  Oberpräsidenten.  Diese  hohen  Beamten  fühlten  sich  allesamt  unbehaglich
  in  ihrer  schwierigen,  noch  nirgends  klar  begrenzten  Mittelstellung
zwischen  den  Ministerien  und  den  Bezirksregierungen;  stolz  auf  ihre  bewährte
  Kraft  standen  sie  ihren  Vorgesetzten  mit  jener  trotzigen  Amtseifersucht
  gegenüber,  die  dem  preußischen  Beamtentum  von  jeher  eigen  war,
und  da  sie  in  ihren  Provinzen  fast  nur  Klagen  über  die  ungewohnten
neuen  Verhältnisse  vernommen  hatten,  so  überboten  sie  einander  in  düsteren
Berichten,  sie  bestärkten  sich  wechselseitig  in  ihrem  Mißmut  und  gerieten
allmählich  unter  die  Leitung  Schöns,  des  Mannes,  in  dem  sich  die  ganze
unfruchtbare  Verdrießlichkeit  dieser  Ubergangslehre  verkörperte.

In  den  ersten  Zeiten  der  Hardenbergischen  Verwaltung  hatte  Schön,
gleich  Sack  und  vielen  anderen  tüchtigen  Beamten,  zur  Einführung  des  Präfektensystems
  geraten;  seit  er  selbst  Oberpräsident  von  Westpreußen  geworden,
empfahl  er  ebenso  lebhaft  eine  fast  unbeschränkte  Selbständigkeit  der  Provinzialbehörden.
  Welche  Lebensstellung  hätte  auch  dem  ewig  Unbefriedigten
je  genügen  können?  Die  Abhängigkeit  von  den  Ministern  siel  seinem  überspannten
  Selbstgefühle  um  so  lästiger,  da  er  sich  bereits  ein  Idealbild  von
der  Geschichte  der  letzten  Jahre  zurechtgelegt  hatte,  in  dessen  Vordergrunde  er
selber  inmitten  seiner  altpreußischen  Freunde  glänzte.  Eine  unruhige  Einbildungskraft
  verband  sich  in  seinem  Geiste  seltsam  mit  dialektischem  Scharfsinn.
Wenn  er  erzählte  —  oft  viele  Stunden  lang  mit  unaufhaltsamer  Lebendigkeit
  und  starker  Leidenschaft  —  dann  überkam  die  Zuhörer  schnell  das  Gefühl,
  daß  die  Phantasie  mit  ihm  durchging:  durch  ihn  waren  dem  ideenlosen
  Stein  die  leitenden  Gedanken  des  gesamten  Reformwerks  geschenkt
worden,  während  er  in  Wahrheit  nur  an  einem  einzigen  jener  grundlegenden
Gesetze,  an  dem  Edikte  über  die  Aufhebung  der  Erbuntertänigkeit,  wirksam
teilgenommen  hatte;  er  allein  hatte  im  Frühjahr  1813  die  Provinz  Preußen
vor  Steins  moskowitischen  Eroberungsplänen  gerettet;  durch  seine  Freunde,
die  Führer  des  Königsberger  Landtags,  war  der  große  Liniensoldat  Scharnhorst
  wider  Willen  zur  Bildung  der  Landwehr  genötigt  worden.  Solche
Märchen  wiederholte  er  beharrlich  in  Wort  und  Schrift,  bis  er  endlich
selbst  daran  glaubte;  er  fühlte  kaum  noch  wie  schwer  er  sich  an  dem  Ruhm
größerer  Männer  verfündigte,  und  bekannte  sich,  derweil  er  in  eitlem  Selbstlob
  schwelgte,  ganz  unbefangen  zu  dem  Wahlspruch:  „tue  das  Gute  und
wirf  es  ins  Meer;  sieht  es  der  Fisch  nicht,  sieht  es  der  Herr!“  Geistreich,
beredt,  vielseitig  gebildet,  ein  Schüler  Kants  und  Freund  von  Fichte  und
Niebuhr,  unterhielt  er  mit  der  gelehrten  Welt  einen  regen  Verkehr,  so  daß

*)  Klewitzs  Denkschriften  an  Hardenberg  vom  24.  Sept.  1816  und  20.  Febr.  1817.
        <pb n="208" />
        200  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

sein  Name  auch  draußen  in  den  Kleinstaaten,  wo  man  sich  sonst  um  Preu—
ßens  Männer  und  Dinge  wenig  kümmerte,  überall  mit  Achtung  genannt
wurde,  und  blieb  dabei  doch  ein  Mann  der  Geschäfte,  ein  gründlicher  Kenner
des  Landbaus  und  der  Gewerbe,  ein  tatkräftiger  Beamter,  der  die  gute
Schule  des  trefflichen  alten  Provinzialministers  von  Schrötter  nicht  verleugnete
und,  wenn  es  galt,  rücksichtslos,  ja  despotisch  durchgriff.  Fast  seine  gesamte
Dienstzeit  hatte  er  in  der  Verwaltung  seiner  altpreußischen  Heimat  zuge—
bracht,  kein  Bauernhof  der  Salzburger  Exulanten  in  Litauen  und  keine
Fischerhütte  auf  den  Dünen  der  kurischen  Nehrung  war  ihm  unbekannt.
So,  mit  dem  zweifachen  Stolze  des  Kantianers  und  des  gewiegten  Prak—
tikers  schaute  er  verächtlich  auf  die  staubige  Weisheit  des  grünen  Tisches
nieder,  und  da  er  die  preußischen  Staatsmänner  sämtlich,  Stein  so  gut
wie  Wittgenstein,  auf  der  Wage  seines  kategorischen  Imperativs  allzu  leicht
befand,  so  überschüttete  er  sie  alle,  sehr  wenige  ausgenommen,  mit  der
ätzenden  Lauge  eines  grausamen  Tadels,  der  zu  Kants  menschenfreund—
licher  Weisheit  wenig  stimmte.  Männer  tuen  uns  not,  so  wiederholte
er  beständig,  die  von  der  Macht  der  Ideen  ergriffen  sind,  Männer,  die
vor  dem  Volke  stehen  und  mit  ihm  leben!  Die  religiöse  Erregung  der
Kriegsjahre  ließ  seinen  durchaus  kritischen  Geist  ebenso  kalt  wie  die  vater—
ländische  Schwärmerei  der  Teutonen,  denn  in  der  „Nationalität“  wollte
er  niemals  mehr  sehen  als  eine  blinde  Naturgewalt,  die  von  der  „Idee“
des  Staates  gebändigt  werden  müsse.

Sein  Programm  hatte  er  schon  vor  Jahren  in  dem  sogenannten  Poli—
tischen  Testamente  Steins  niedergelegt.  Diese  bisher  nur  einigen  hohen  Be—
amten  bekannte  Denkschrift  wurde  eben  jetzt  (1817)  von  unbekannter  Hand,
schwerlich  ohne  Vorwissen  des  Verfassers,  im  Weimarischen  Oppositions—
blatte  veröffentlicht  und  fand  den  lauten  Beifall  der  süddeutschen  Liberalen.
Ein  abgesagter  Feind  aller  Adelsvorrechte,  hielt  Schön  für  unzweifelhaft,  daß
die  Verheißungen  jenes  Testaments  —  Volksvertretung  für  alle  aktiven
Staatsbürger,  Aufhebung  der  gutsherrlichen  Polizei  und  der  Patrimonialgerichte
  —  den  Wünschen  der  gesamten  Nation  entsprächen,  und  schloß
seine  heftigen  Ausfälle  gegen  die  Menschen,  „die  das  Volk  in  den  Maschinendienst
  vor  dem  Jahre  1806  zurückzwingen  wollen“,  gern  mit  dem  Ausruf:
VoX  populi  vox  Dei.  Auch  sein  fanatischer  Haß  gegen  Rußland  kam
seinem  Rufe  in  der  liberalen  Welt  zu  statten.  Wie  oft  wünschte  er  sich,  in
seinen  Briefen  an  Hardenberg,  einen  fröhlichen  Krieg  wider  diese  Barbaren,
„die  auf  der  untersten  Stufe  der  Entwicklung,  nur  bei  den  Prolegomenen
stehen“;  als  er  dem  Staatskanzler  einst  das  Gerücht  von  einem  Mordanschlag
  gegen  den  Zaren  meldete,  sprach  er  triumphierend  seine  Freude
aus,  „daß  dieses  Volk  sich  selbst  so  tief  lästert  und  von  sich  Dinge  verbreitet,
  die  die  höchste  Schande  jedes  Volks  ausdrücken.  Gott  sei  gelobt!“)
Bei  seinen  altpreußischen  Landsleuten  stand  er  in  hohem  Ansehen,  obwohl

*)  Schön  an  Hardenberg,  14.  Febr.  1816,  26.  Sept.  1818,  1.  Nov.  1819.
        <pb n="209" />
        Verhandlungen  über  den  Wirkungskreis  der  Provinzialbehörden.  201

Feine  Schroffheit  nirgends  Liebe  erweckte;  der  rationalistische  Zug  seines
Geistes  entsprach  der  Gesinnung,  die  in  der  Stadt  der  reinen  Vernunft
seit  langem  vorherrschte,  und  alle  wußten,  wie  glühend  er  seine  Heimat
liebte,  wie  einsichtig  und  unerschrocken  er  sich  aller  ihrer  Interessen  vor
dem  Throne  annahm.  Das  Beispiel  seiner  absprechenden  Tadelsucht  wirkte
verderblich  auf  das  ohnehin  zu  scharfem  Urteil  geneigte  Volk;  durch  Schöns
langjährige  Verwaltung  wurde  die  übermacht  der  egtremen  Partei  in
unserer  Ostmark  zuerst  begründet.  In  Berlin  spottete  man  insgeheim  über
seinen  unermeßlichen  Dünkel  und  erzählte  sich  lächelnd,  wie  er  einmal,
unmittelbar  vor  der  Heimreise,  eine  Einladung  Hardenbergs  mit  den
Worten  ausgeschlagen  hatte:  „meine  Provinz  kann  meiner  nicht  eine  Stunde
länger  entbehren;“  doch  mochte  niemand  gern  dem  streitbaren  Manne
mit  den  strengen,  strafenden  Augen  offen  entgegentreten.  Witzleben,  Klewitz,
Vincke  schätzten  ihn  hoch;  auch  der  König  nahm  von  ihm  manches  herbe
Wort  hin,  da  er  seine  Ergebenheit  kannte.

Als  Schön  aus  den  Verhandlungen  des  Staatsrats  die  Uneinigkeit
der  Minister  kennen  lernte,  hielt  er  die  Lage  des  Staates  alsbald  für
ebenso  verzweifelt  wie  sie  vor  der  Schlacht  von  Jena  gewesen,  und  riet
dem  Staatskanzler  dringend  zur  Bildung  eines  neuen  Ministeriums,  das
nur  aus  Gesinnungsgenossen  bestände  und,  gleich  dem  englischen  Kabinett,
durch  „die  Achtung  des  Volks“  getragen  würde:  dies  England  blieb  ihm  nun
einmal  der  liberale  Musterstaat,  obgleich  dem  Hochtory-Kabinett  jener  Tage
wahrlich  nichts  gleichgültiger  war  als  die  Achtung  des  Volks.  Um  seinen
Vorschlägen  Nachdruck  zu  geben,  überreichte  Schön  sodann  den  versammelten
Oberpräsidenten  den  Entwurf  einer  gemeinsamen  Beschwerdeschrift,  die  den
Monarchen  über  „den  verkümmerten  Zustand  der  Verwaltung“  aufklären
sollte.  Dies  sonderbare,  an  drastischen  Wendungen  überreiche  Schriftstück
schilderte  mit  grellen  Farben,  wahres  und  falsches  willkürlich  vermischend:
wie  der  so  bunt  zusammengesetzte  Staat  allein  durch  den  Geist  zusammengehalten
  werden  könne,  und  dieser  Geist  jetzt  unterdrückt  werde;  die  Polizei
bekunde  sich  als  Druck,  die  allgemeine  Wehrpflicht  arte  in  eine  Last  des
Landes  aus,  die  Justiz  sei  nur  noch  eine  leidende  Maschine  in  der  Hand
des  Ministers,  für  Kirche  und  Schule  geschehe  gar  nichts.  Daran  schlossen
sich  scharfe  Anklagen  wider  die  eigenmächtige  und  nachlässige  Amtsführung
des  Finanzministers  und  wohlberechtigte  Beschwerden  über  „das  ungebundene
  Ziehen  aller  Geschäfte  der  Provinzialverwaltung,  in  französischer
Art,  nach  der  Mitte"“".  So  mächtig  war  die  grämliche  Verstimmung  der
Zeit,  daß  sieben  von  den  zehn  Oberpräsidenten  sich  entschlossen,  dies  lange
Register  unbestimmter  und  zum  Teil  grundloser  Klagen  zu  unterzeichnen
(30.  Juni).  Nur  Zerboni,  ein  persönlicher  Freund  Hardenbergs,  und  der
hochkonservative  Heydebreck  verweigerten  die  Unterschrift;  der  Oberpräsident
von  Sachsen  war  als  Bruder  des  Finanzministers  von  vornherein  aus
dem  Spiel  geblieben.
        <pb n="210" />
        202  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Der  Staatskanzler  nahm  die  Opposition  der  höchsten  Provinzialbe—
amten  zuerst  sehr  unwillig  auf  und  nannte  im  vertrauten  Kreise  ihr  Unter—
fangen  geradezu  eine  Verschwörung.  Doch  überwand  er  sich  bald,  erkannte
einige  der  Beschwerden  als  berechtigt  an  und  forderte  für  andere  genaueren
Beweis,  worauf  die  Klagenden  selber  mehrere  ihrer  Vorwürfe  zurücknehmen
mußten.  Auch  der  König  begnügte  sich  mit  einem  milden  Tadel  gegen  die
Übertreibungen  der  Denkschrift,  dankte  den  Unterzeichnern  für  diesen  neuen
Beweis  ihres  Diensteifers  und  kündigte  ihnen  an,  daß  er  den  Klagen  über
die  allzu  straffe  Zentralisation  soeben  abgeholfen  habe.)  In  der  Tat
erließ  der  Monarch,  um  den  Wirkungskreis  der  Provinzialbehörden  endlich
klar  abzugrenzen,  am  23.  Oktober  1817  die  Instruktionen  für  die  Oberpräsidenten
  und  die  Regierungen,  zwei  seit  langem  vorbereitete  treffliche
Gesetze,  welche  den  Neubau  der  oberen  Verwaltung  zum  Abschluß  brachten
und  die  Grundsätze  des  Verwaltungsrechts  auf  ein  halbes  Jahrhundert
hinaus  feststellten.  Geheilt  von  seiner  Vorliebe  für  die  napoleonische  Verwaltung
  kehrte  Hardenberg  jetzt  zu  den  Gedanken  Steins  zurück.  Das
neue  Verwaltungsrecht  schloß  sich  eng,  oft  wörtlich  an  die  Gesetzgebung
des  Jahres  1808  an.  Die  Oberpräsidenten  sollten  mindestens  einmal  jährlich
  die  ganze  Provinz  bereisen,  überall  aus  eigener  Anschauung  den  Mängeln
und  Beschwerden  abhelfen;  sie  erhielten  ein  so  weites  Gebiet  selbständiger
Tätigkeit  angewiesen,  daß  Vincke  in  Westfalen,  Merckel  in  Schlesien,
Sack  in  Pommern  bald  fast  wie  Landesväter  verehrt  wurden  und  in  dem
gesamten  öffentlichen  Leben  ihrer  Provinzen  die  dauernden  Spuren  ihres
Wirkens  hinterlassen  konnten.  Als  Hardenberg  aber  im  Juni  1818  die  hohen
Verwaltungsbeamten  der  Provinzen  zu  freimütigen  Gutachten  über  die
Wirkung  der  neuen  Instruktionen  aufforderte,  da  gingen  die  Erwiderungen
noch  nach  allen  Richtungen  der  Windrose  auseinander.  Schön  schalt  nach
seiner  Weise  über  die  bureaukratische  Mißgeburt;  er  und  Vincke  sahen  nur
noch  Rettung  in  der  Wiederherstellung  der  Provinzialminister.  Motz  dagegen
  empfahl  den  Ubergang  zu  einem  gemäßigten  Präfektursystem;  die
kollegialische  Verwaltung  passe  nur  für  rein  monarchische  Staaten,  Preußen
aber  stehe  im  Begriff  sich  in  einen  konstitutionellen  Staat  zu  verwandeln.)
Die  Aufgabe,  den  künstlichen  Staat  durch  eine  Verwaltung,  die  doch  nicht
unfrei  sein  durfte,  zusammenzuhalten,  erschien  dieser  Generation  bis  zur
Unlösbarkeit  schwierig.  Lange  Jahre  sollten  noch  vergehen,  bis  das  Beamtentum
  selber  anerkannte,  daß  der  greise  Staatskanzler  noch  einmal
seinen  sicheren  politischen  Blick  bewährt  und  die  feine  Mittellinie  zwischen
dem  bureaukratischen  und  dem  Kollegial-System  glücklich  getroffen  hatte.  —

Unterdessen  ward  in  dem  Ausschuß  und  im  Plenum  des  Staatsrats

 

*)  Denkschrift  der  Oberpräsidenten  vom  30.  Juni  1817,  mit  Randbemerkungen  des
Staatskanzlers.  Rechtfertigungsschreiben  von  Ingersleben,  14.  Sept.,  von  Auerswald,
15.  Oktbr.  1818  usw.  Kabinettsordre  an  die  Oberpräsidenten,  3.  Nov.  1817.

*“)  Motz,  Denkschrift  über  die  Regierungen  (an  den  Staatskanzler),  Nov.  1818.
        <pb n="211" />
        Das  Defizit.  203

ein  Kampf  durchgefochten,  ernster,  folgenreicher  als  manche  vielbewunderte
Parlamentsverhandlung  jener  Tage.  Auch  die  Leidenschaft  und  der  redne—
rische  Reiz  parlamentarischer  Debatten  fehlten  ihm  nicht;  wie  erstaunte
Gneisenau,  als  er  die  kunstvolle  und  doch  streng  sachliche  Beredsamkeit
Humboldts,  Maassens,  Eichhorns,  Ferbers  kennen  lernte  und  das  allge—
meine  Vorurteil  der  Zeit,  das  den  schüchternen  Deutschen  die  Gabe  der
freien  Rede  absprach,  so  schlagend  widerlegt  sah.  Gleich  nach  dem  Frieden
hatte  der  König  den  Finanzminister  aufgefordert,  einen  umfassenden  Steuer—
reformplan  vorzulegen;  die  neuen  Untertanen,  so  schrieb  er,  sollen  es
fühlen,  daß  sie  mir  angehören.  Sobald  man  der  Aufgabe  näher  trat,
zeigte  sich  schnell,  daß  nur  eine  billigere  Verteilung,  nicht  eine  Erleichterung
der  Steuerlast  möglich  war.  Der  außerordentliche  Aufwand  des  Staates
für  Kriegszwecke  betrug,  wie  sich  später  herausstellte,  206  Mill.  Tlr.
für  die  Jahre  1806—1815,  in  den  nächsten  vier  Jahren  kamen  noch  weitere
81  Mill.  hinzu.  Die  Staatsschuld  war  schon  im  Jahre  1812  auf  132  Mill.
gestiegen  und  seitdem  durch  den  Befreiungskrieg  und  die  45  Mill.  fremder
Schulden,  die  man  mit  den  neuen  Provinzen  übernehmen  mußte,  bis  auf
217  Mill.  (1818)  angewachsen.  Der  Kredit  lag  so  tief  darnieder,  daß
Hardenberg  sich  im  Jahre  1817  glücklich  schätzen  mußte,  eine  fünfprozentige
Anleihe  in  England  zum  Kurse  von  kaum  72  abzuschließen;  zur  selben
Zeit  standen  die  vierprozentigen  Staatsschuldscheine  an  der  Berliner  Börse
auf  71—73,  ein  Jahr  darauf  noch  niedriger,  bis  auf  65.  Und  welch  ein
Wagnis,  diesem  erschöpften  Volke,  das  nach  deutscher  Art  fiskalischen  Druck
stets  ungeduldiger  trug  als  polizeilichen  Zwang,  jetzt  inmitten  der  allgemeinen
  Verarmung  neue  Lasten  aufzulegen.  Der  Kaufwert  der  großen
Landgüter  stand  in  den  alten  Provinzen  kaum  mehr  halb  so  hoch  als  vor
dem  Jahre  1806,  in  einzelnen  Landesteilen  war  er  auf  ein  Viertel  herabgesunken.
  Als  der  König  im  Juni  1816  den  für  die  Kriegsjahre  gewährten
Indult  endlich  aufhob,  mußte  er  gleichwohl  den  verschuldeten  Grundbesitzern
in  den  östlichen  Provinzen  noch  bis  zum  Jahre  1819,  in  Altpreußen  sogar
bis  1822,  einige  außerordentliche  Zahlungserleichterungen  bewilligen.
Das  Argste  blieb  doch,  daß  niemand  die  Lage  des  Staatshaushaltes
übersah.  Die  Massen  der  Rückstände,  der  Kriegsleistungen,  der  mannigfachen
  mit  den  neuen  Provinzen  übernommenen  Verpflichtungen  entzogen
sich  noch  jeder  Berechnung;  noch  drei  Jahre  später  lagen  allein  bei  der
Regierung  des  kleinen  Bezirks  Erfurt  2141  unbezahlte  Rechnungen  aus
der  Kriegszeit.)  Graf  Bülow  erklärte  sich  daher  außer  Stande,  dem
Staatsrate  eine  in's  einzelne  gehende  Veranschlagung  zu  übergeben  und
schätzte  ohne  nähere  Berechnung,  das  Defizit  für  das  Jahr  1817  auf
1,  Mill.  Tlr.  Die  an  das  peinlich  genaue  altpreußische  Rechnungswesen
gewöhnten  Kommissionsmitglieder  wollten  der  unwillkommenen  Mitteilung

 

*)  Motz,  Denkschrift  über  die  Vereinfachung  der  Verwaltung.  Erfurt,  29.  Juni  1820.
        <pb n="212" />
        204  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

keinen  Glauben  schenken;  sie  suchten  den  Grund  des  Defizits  allein  in
Bülows  Nachlässigkeit  und  stellten  eine  Gegenrechnung  auf,  welche  einen
lberschuß  von  reichlich  4  Mill.  an  ordentlichen  und  2  Mill.  an  außerordentlichen
  Einnahmen  ergab.  Bei  einem  Budget  von  etwa  50  Mill.
wichen  also  die  Schätzungen  der  tüchtigsten  Finanzmänner  um  volle  8  Mill.
von  einander  ab..)  Der  in  der  Polemik  immer  maßlose  Schön  wollte  sogar
einen  Uberschuß  von  21  Mill.  nachweisen.  Die  Folge  lehrte,  daß  Bülow,
der  nur  von  Schuckmann  unterstützt  wurde,  die  Lage  richtiger  beurteilt
hatte  als  seine  zuversichtlichen  Gegner.  Aber  er  vermochte  seine  Behauptungen
  nicht  zu  beweisen,  und  als  nun  der  Referent  der  Kommission,  Staatsrat
  Friese,  den  Staatshaushalt  im  einzelnen  mit  eindringender  Sachkenntnis
  prüfte,  da  stellte  sich  in  allen  Zweigen  der  Finanzverwaltung  eine
arge  Unordnung  heraus,  die  mit  den  Wirren  der  Kriegsjahre  allein  nicht
mehr  entschuldigt  werden  konnte.  Von  Humboldt  geführt  nahm  die  gesamte
  Kommission  wie  ein  Mann  gegen  den  Finanzminister  Partei  und
überhäufte  ihn  mit  Vorwürfen.  Der  wies  die  Anklagen  in  leidenschaftlicher
Rede  zurück,  warf  alle  Schuld  auf  die  unerschwinglichen  Kosten  des  neuen
Heerwesens  und  ließ  in  seinem  Zorne  auch  einige  scharfe  Worte  wider  die
verschwenderische  Sorglosigkeit  seines  Vetters  fallen.  Seltsame  Verschiebung
der  Parteien!  Mit  einem  Male  sah  sich  Hardenberg  von  seinem  Liebling
Bülow  angegriffen,  von  seinem  Nebenbuhler  Humboldt  verteidigt.

Der  Kriegsminister  nahm  sofort  den  Handschuh  auf.  Er  bemerkte
mit  Besorgnis,  daß  jener  geheime  Kampf  des  Zivilbeamtentums  gegen  die
Armee,  der  in  dem  Jahrzehnt  vor  1806  so  viel  Unheil  angerichtet,  jetzt  da
die  Waffen  ruhten  von  neuem  zu  entbrennen  drohte;  er  wußte  auch,  daß
sich  Bülow  bereits  bei  dem  General  Lingelsheim  ein  Gutachten  über  die
Wiederherstellung  der  fridericianischen  Heeresverfassung  bestellt  hatte.  Um
solchen  Bestrebungen  einen  Riegel  vorzuschieben  und  den  Staatsrat  ein
für  allemal  über  die  staatswirtschaftlichen  Vorzüge  des  neuen  Heerwesens
aufzuklären,  verfaßte  Boyen  eine  geistvolle  Denkschrift  „Darstellung  der
Grundsätze  der  alten  und  der  gegenwärtigen  preußischen  Kriegsverfassung“
(Mai  1817),  die  mit  überzeugender  Klarheit  erwies,  daß  Preußen  noch  nie  ein
so  starkes  und  zugleich  so  wohlfeiles  Heer  besessen  hatte.  Der  Staat  war  doch
allmählich  ausgewachsen;  mit  jeder  Vermehrung  seines  Gebietes  verringerte
sich  die  krampfhafte  Uberspannung  seiner  physischen  Kräfte.  Das  Heer
hatte  unter  Friedrich  Wilhelm  I.  fünfmal,  unter  Friedrich  dem  Großen  fast
dreimal  mehr  gekostet  als  die  gesamte  übrige  Verwaltung;  jetzt  zum  ersten
Male  nahm  der  Zivildienst,  allerdings  mit  Einschluß  der  kostspieligen  Staatsschuldenverwaltung,
  die  größere  Hälfte  der  Staatseinnahmen  in  Anspruch.
Boyen  berechnete  die  Kosten  des  Heerwesens,  etwas  zu  niedrig,  auf  21  Mill.
und  zeigte,  daß  der  Staat  jetzt  238,000  Mann  mehr  ins  Feld  stellen  könne

*)  Schuckmanns  Bericht  an  Hardenberg,  11.  Juli  1817.
        <pb n="213" />
        Bülows  Steuerreformplan.  205

als  im  Jahre  1806  und  trotzdem  in  Friedenszeiten,  wenn  man  die  zahl—
reichen  Naturalleistungen  der  alten  Zeit  zu  Geld  veranschlage,  2  Mill.  Tlr.
weniger  für  die  Armee  aufwende.  Er  schloß  mit  der  energischen  Erklärung:
die  Stärke  des  Heeres  könne  nicht  allein  durch  finanzielle  Rücksichten  bestimmt
  werden,  sie  ergebe  sich  aus  der  Weltstellung  des  Staates,  aus  der
Macht  und  der  Gesinnung  seiner  Nachbarn.

Auch  der  Staatskanzler  fühlte  sich  durch  Bülows  Vorwürfe  „gekränkt
als  Chef,  Freund  und  naher  Verwandter“  und  stellte  den  Ankläger  ernstlich
  zur  Rede.  Da  der  erschreckte  Finanzminister  also  seine  letzte  Stütze
wanken  sah,  so  lenkte  er  behutsam  ein  und  weigerte  sich,  seine  keineswegs
grundlosen  Klagen  über  Hardenbergs  Nachlässigkeit  bis  vor  den  Thron
zu  bringen:  „eher  möge  der  König  seine  Ungnade  auf  mich  werfen,  eher
will  ich  Alles  in  dieser  Welt  verlieren,  als  meine  Seele  mit  Undank  beladen
  und  mit  Ew.  Durchlaucht  in  einen  öffentlichen  Streit  gehen.“)
Aber  das  freundliche  Verhältnis  zwischen  den  beiden  Vettern  blieb  gestört,
Bülows  Stellung  ward  täglich  unhaltbarer.

Gleichzeitig  führte  der  Staatsrat  eine  nicht  minder  stürmische  Verhandlung
  über  die  Steuerreform.  Von  den  zwei  Gesetzentwürfen,  welche
der  Finanzminister  vorlegte,  fand  der  eine,  das  Zollgesetz,  fast  auf  allen
Seiten  Anerkennung,  während  der  zweite,  das  Gesetz  über  die  Besteuerung
im  Inneren  des  Staates,  sofort  mit  Unwillen  aufgenommen  wurde.  Bülow
dachte  außer  der  Gewerbe=  und  Stempelsteuer  auch  die  bestehenden  Grundsteuern
  vorläufig,  bis  zur  Einberufung  der  Provinzialstände,  aufrecht  zu
halten;  die  drückende  alte  Akzise  hingegen,  die  sich  nach  Einführung  der
Gewerbefreiheit  und  des  Zollgesetzes  ohnehin  nicht  mehr  halten  ließ,  wollte
er  beseitigen  und  an  ihrer  Stelle  eine  Mahl=  und  Fleischsteuer  für  Stadt
und  Land,  ferner  Steuern  auf  Tabak,  Bier  und  Branntwein  einführen.
Seine  Vorschläge  entfernten  sich  nicht  weit  von  dem  fridericianischen  Steuersysteme,
  das  70  Prozent  des  gesamten  Abgabenertrags  durch  indirekte
Steuern  aufgebracht  hatte.  Sie  verrieten  die  Hand  eines  gewandten
Praktikers,  der  ohne  eigene  reformatorische  Gedanken  lediglich  die  Staatskassen
  in  der  gewohnten  Weise  zu  füllen  trachtete,  und  erschienen  der
Opposition,  deren  Führung  wieder  Humboldt  übernahm,  um  so  verdächtiger,
  da  sie  von  einem  napoleonischen  Minister  herrührten  und  fast  wörtlich
  mit  den  Ansichten  übereinstimmten,  welche  Bülows  früherer  Amtsgenosse
  Malchus  soeben  in  seiner  Schrift  über  die  westfälische  Finanzverwaltung
  ausgesprochen  hatte.

Unter  den  preußischen  Beamten,  die  fast  allesamt  bei  A.  Smith  und
Kraus  in  die  Schule  gegangen  waren,  standen  die  indirekten  Steuern  des
Bonapartismus  in  üblem  Rufe:  hatte  doch  Smith  die  Mahlsteuer  kurzweg

*)  Bülow  an  Hardenberg,  10.,  13.,  14.,  16.  Juli;  Hardenberg  an  Bülow,  12.,
17.  Juli  1817.
        <pb n="214" />
        206  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

für  die  verderblichste  aller  Abgaben  erklärt.  Die  Kommission  griff  daher
die  Konsumtionssteuern  nachdrücklich  an  und  tadelte  vornehmlich,  daß  der
Finanzminister  nicht  auch  ein  Gesetz  über  die  direkten  Abgaben  vorgelegt
habe;  denn  um  eine  gerechte  Verteilung  der  Steuerlast  zu  finden,  müsse
zunächst  die  Ungleichheit  der  Grundsteuern  beseitigt  oder  doch  den  einzelnen
Provinzen  angerechnet  werden.  Sie  sprach  damit  nur  aus,  was  die  große
Mehrzahl  des  Bürgertums  wünschte.  Die  bunte  Mannigfaltigkeit  der
Grundsteuern  war  eine  alte  Klage  im  Lande.  An  ihr  zeigte  sich  auf  das
Grellste,  wie  mühsam  dieser  Staat  aus  einem  Gewirr  selbständiger  Terri—
torien  emporgewachsen  war;  je  strenger  seine  Könige  den  Gedanken  der
Staatseinheit  in  der  oberen  Verwaltung  durchgeführt  hatten,  umso  nachsichtiger
  war  auf  dem  flachen  Lande  das  altständische  Wesen  geduldet  worden.
In  der  Monarchie  bestanden  33  verschiedene,  meist  uralte  Grundsteuerverfassungen,
  in  der  Provinz  Sachsen  allein  acht,  deren  jede  wieder  mannigfache
  örtliche  Verschiedenheiten  und  Privilegien  aufwies.  Ost=  und  Westpreußen
  zahlten  auf  der  Geviertmeile  639  Tlr.  Grundsteuer,  die  Rheinlande,
  allerdings  auf  weit  wertvollerem  Boden,  4969  Tlr.  Kein  Wunder,
daß  die  Rheinländer  über  die  Steuerfreiheit  des  Ostens  laut  murrten  und
auch  Schlesien,  das  durch  Friedrich  II.  ein  Kataster  erhalten  hatte,  sich
gegen  die  anderen,  nicht  katastrierten,  alten  Provinzen  benachteiligt  glaubte.
Und  doch  blieb  eine  Reform  für  jetzt  noch  unmöglich.  Da  die  alte  Grundsteuer
  im  Verlaufe  der  Jahrhunderte  den  Charakter  einer  Rente  angenommen
  hatte,  so  ließ  sich  die  Ausgleichung  nur  nach  Entschädigung  der
Befreiten  durchführen.  Und  woher  jetzt  die  Mittel  dazu  nehmen?  woher
die  technischen  Kräfte  zur  Katastrierung  des  gesamten  Landes?  Und  war
es  billig,  den  Landadel,  der  in  den  östlichen  Provinzen  noch  fast  allein
die  Kosten  der  gutsherrlichen  Polizei,  der  Patrimonialgerichte  und  des
Kirchenpatronats  trug,  mit  neuen  Lasten  zu  beschweren  in  einem  Augenblicke,
  da  er,  durch  harte  patriotische  Opfer  erschöpft,  sich  kaum  noch  im
Besitz  seiner  Güter  zu  behaupten  vermochte?  Von  allen  diesen  ernsten  Bedenken
  wollte  Humboldt  nichts  hören;  er  begnügte  sich  mit  einer  schonungslosen
  Kritik  und  schilderte  die  Ungleichheit  der  bestehenden  Grundsteuern,
die  Gebrechen  aller  indirekten  Abgaben  nicht  ohne  doktrinäre  Übertreibung.

Auch  von  partikularistischen  Hintergedanken  war  die  Opposition  nicht
frei.  In  Sachsen,  Posen  und  am  Rhein  hoffte  das  Volk  auf  eine  Quotisierung
  der  Steuern,  dergestalt,  daß  die  Stände  jeder  Provinz  ihren  Anteil
  an  dem  Staatsbedarfe  nach  eigenem  Ermessen  aufbringen  und  verteilen
  sollten.  Dieser  ungeheuerliche  Vorschlag,  der  die  Monarchie  in  einen
lockeren  Staatenbund  zu  verwandeln  drohte,  ward  von  mehreren  Oberpräsidenten
  befürwortet,  am  eifrigsten  von  dem  wackeren  Grafen  Solms-Laubach
  in  Juülich—  Cleve-Berg.))  Indes  erlangte  er  im  Staatsrate  nicht

—  —  —.  —  —  —  —  —  —

*)  Solms-Laubach,  Denkschrift  über  das  Abgabenwesen  am  Rhein,  Januar  1817.
        <pb n="215" />
        Die  Notabeln-Versammlungen.  207

die  Mehrheit,  da  Bülow  lebhaft  für  die  gefährdete  Staatseinheit  eintrat,
und  Schuckmann  in  einer  langen  Denkschrift  ausführte:  wenn  der  preu—
ßische  Staat  diese  Lebensfrage  dem  Gutdünken  von  zehn  Provinzialland—
tagen  anheimgebe,  so  werde  er  bald  in  eine  ähnliche  Lage  geraten  wie
Frankreich  in  den  Tagen  Calonnes.“)  Die  Kommission  wagte  auch  nicht,
wie  Humboldt  vorschlug,  geradezu  die  Mitwirkung  der  Landstände  bei
der  Feststellung  des  neuen  Steuersystems  zu  fordern.  Sie  fühlte,  daß  die
Krone  noch  immer  hoch  über  der  politischen  Einsicht  des  Volkes  stand,  und
eine  durchgreifende  Steuerreform  nur  durch  ein  königliches  Machtgebot
gelingen  konnte;  zudem  bestanden  die  verheißenen  neuen  Landtage  noch  gar
nicht,  und  mit  den  alten  Ständen  von  Neuvorpommern  und  Sachsen,  die
sich  trotzig  auf  ihre  verbriefte  Steuerfreiheit  beriefen,  war  jede  Verhand—
lung  aussichtslos.  Daher  wurde  dem  Kommissionsberichte  nur  die  viel—
deutige  Schlußwendung  hinzugefügt:  zur  Beruhigung  des  Volkes  scheine
es  notwendig,  „den  neuen  Steuerplan  mit  den  Maßregeln  wegen  der
Stände  in  Zusammenhang  zu  setzen“.  Am  20.  Juni  ging  der  Bericht  an
den  Monarchen  ab;  er  beantragte  Annahme  des  Zollgesetzes  und  Vorlegung
eines  umfassenden  neuen  Planes  für  die  gesamte  innere  Besteuerung.
Der  König  verhehlte  der  Kommission  nicht,  daß  er  nicht  bloß  scharfe
Kritik,  sondern  bestimmte  Gegenvorschläge  erwartet  habe;  doch  genehmigte
er  ihre  Anträge  und  befahl  den  Oberpräsidenten,  zunächst  angesehene  Ein—
wohner  aus  ihren  Provinzen  zu  berufen,  damit  die  öffentliche  Meinung
sich  über  den  Steuerplan  äußern  könne.  Im  August  und  September
wurden  die  Notabelnversammlungen  in  allen  zehn  Provinzen  abgehalten,
und  sie  sprachen  sich  allesamt  gegen  die  Mahl-  und  Fleischsteuer  aus.
Es  fehlte  nicht  an  stürmischen  Auftritten.  Die  Notabeln  des  Großher—
zogtums  Posen,  neun  polnische  Edelleute  und  drei  bürgerliche  Deutsche,
behaupteten  mit  sarmatischer  Überschwänglichkeit:  diese  Steuer  vernichte
„die  gänzliche  Zivil-  oder  Menschenfreiheit;  der  Angriff  auf  solches  Heilig—
tum  löset  alle  Bande  der  menschlichen  Gesellschaft  auf.“  Darauf  ver—
sicherten  sie  dreist  die  grobe  Unwahrheit,  daß  der  Steuerertrag  Posens  zur
Bereicherung  der  alten  Provinzen  verwendet  werde:  „das  Gewehr  ist  niedergelegt,
  die  Hand  gedrückt;  soll  denn  das  Herzogtum  keinen  Anteil  an
den  Vorteilen  des  Friedens  haben?"  Die  schlesischen  Notabeln  fügten
ihrem  Gutachten  sogar  eine  bedeutsame  Rechtsverwahrung  hinzu.  Sie
erklärten,  auf  den  Antrag  des  Grafen  Dyhrn,  daß  sie  nur  ihre  perfönliche
  Meinung  abgäben;  die  Mitwirkung  bei  dem  neuen  Steuergesetze  müsse
den  künftigen  Ständen  vorbehalten  bleiben.““)  Es  war  ein  Schatten  kommender
  Ereignisse,  ein  erstes  böses  Anzeichen  der  staatsrechtlichen  Ver- 



*)  Schuckmann,  Denkschrift  an  das  Staatsministerium,  4.  Juni  1817.
**)  Eingabe  der  Posener  Notabeln  an  den  Staatskanzler,  17.  August  1817.  —  Die
Verhandlungen  der  schlesischen  Notabeln  bei  Wuttke,  Die  schlesischen  Stände.  S.  219  f.
        <pb n="216" />
        208  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

wirrung,  welche  durch  das  übereilte  Verfassungsversprechen  hervorgerufen
wurde.

Bei  alledem  zeigte  sich  viel  gesunder  Menschenverstand  und  schließlich,
obgleich  jede  Provinz  ihre  besonderen  Beschwerden  vorbrachte,  doch  eine
überraschende  Ubereinstimmung.  Die  Notabeln  fanden  zuerst  eine  Antwort
  auf  die  schwierige  Frage,  was  an  die  Stelle  der  verworfenen  indirekten
  Steuern  treten  solle.  Während  der  letzten  Jahre  hatte  der  Gedanke
  einer  allgemeinen,  in  wenige  große  Klassen  abgestuften  Personensteuer
  in  der  Stille  seinen  Weg  gemacht,  ein  Gedanke,  der  bereits  in  der  ersten
Zeit  der  Hardenbergischen  Verwaltung  von  dem  Finanzrat  von  Prittwitz-Quilitz,
  einem  landeskundigen,  angesehenen  Landwirt  aufgebracht  worden
war.  Er  entsprach  der  herrschenden  volkswirtschaftlichen  Theorie  wie  dem
allgemeinen  Abscheu  gegen  das  indirekte  Steuersystem  der  Franzosen  und
schien  leicht  durchführbar,  da  die  Masse  des  Volks  noch  seßhaft,  unbeweglich
  in  patriarchalischen  Lebensverhältnissen  verharrte.  An  eine  Einkommensteuer
  wagte  man  noch  nicht  zu  denken;  sie  war  schon  durch  den  vergötterten
A.  Smith,  neuerdings  auch  durch  F.  von  Raumer  als  tyrannisch  gebrandmarkt
  und  vollends  in  Verruf  gekommen,  seit  der  Versuch  ihrer  Einführung
  in  der  bitteren  Not  des  Jahres  1812  mit  einem  Mißerfolge  geendet
  hatte.  Im  Staatsrate  trat  der  gelehrte  Statistiker  J.  G.  Hoffmann
zuerst  nachdrücklich  für  die  Klassensteuer  ein  und  fand  Anklang  bei  der
Mehrzahl  der  Oberpräsidenten.  Als  nun  die  Notabeln  ratlos  nach  einem
Ersatze  für  die  Mahl=  und  Fleischsteuer  suchten,  wurden  sie  von  ihren
Vorsitzenden  auf  diesen  Ausweg  hingewiesen.  So  geschah  es,  daß  die
Mehrheit  der  Notabelnversammlungen  die  Einführung  einer  abgestuften
Personensteuer  —  einer  „fixierten  Konsumtionssteuer“,  wie  die  Schlesier
sich  ausdrückten  —  bei  dem  Staatskanzler  befürwortete.  Auf  diese  Gutachten
  gestützt  entwarf  dann  Hoffmann  (27.  Okt.)  eine  große  Denkschrift
über  die  Klassensteuer  und  wies  damit  der  preußischen  Steuerpolitik  einen
neuen  Weg,  der  freilich  erst  nach  abermals  zwei  Jahren  schwieriger  Verhandlungen
  zögernd  betreten  wurde.  Während  alle  anderen  Großmächte
in  verschiedenen  Formen  das  System  der  überwiegenden  indirekten  Abgaben
  beibehielten,  wendete  sich  Preußen  mehr  und  mehr  der  Ausbildung
seiner  direkten  Steuern  zu.  Die  neue  Steuerpolitik,  welche  sich  hier  ankündigte,
  war  die  Politik  eines  tief  verarmten  Staates,  der  das  Geld
nehmen  mußte  wo  er  es  fand,  eines  wohlwollenden  Absolutismus,  der
zwar  die  Anfänge  der  Selbstverwaltung  bereits  geschaffen  hatte,  aber  von
den  Geldbedürfnissen  großer  Städte  noch  keine  klare  Vorstellung  besaß,
einer  friedfertigen  Regierung,  die  auf  lange  Jahre  ungestörter  Ruhe
rechnete  und  darum  sich  nicht  scheute,  den  Notpfennig  der  Kriegszeiten,
die  direkten  Steuern,  schon  im  Frieden  scharf  anzugreifen.

Der  lange  Kampf  im  Staatsrate  war,  zu  Schuckmanns  Kummer,
„den  Horchern  an  der  Tür  mit  den  Schreiberklauen“  nicht  unbekannt
        <pb n="217" />
        Bülows  Entwurf  vor  dem  Staatsrate.  209

geblieben.  Die  Berliner  höhnten  laut  über  den  unglücklichen  Finanz—
minister,  der  die  Hälfte  seiner  Steuerpläne  beseitigt,  seine  gesamte  Amts—
führung  unbarmherzig  bloßgestellt  sah  und  durch  die  Schroffheit  seines  Auf—
tretens,  durch  seine  Ausfälle  auf  die  neue  Heeresverfassung  den  Unwillen  der
Opposition  bis  zum  Hasse  gesteigert  hatte.  Die  Partei  Humboldts  verhehlte
längst  nicht  mehr,  daß  nur  die  Entlassung  Bülows  ihr  noch  genügen  konnte.
In  solchem  Sinne  schrieben  Schön  und  Klewitz  mehrmals  an  den  Staats—
kanzler,  Sack  forderte  mindestens  die  Beschränkung  der  Willkür  des  Finanz—
ministers  durch  eine  beigeordnete  Kommission.  Auch  Schuckmann,  der
während  des  ganzen  Streites  auf  Bülows  Seite  gestanden,  ward  in  die
Niederlage  seines  Genossen  mit  hineingerissen.  Und  da  sich  nun  plötzlich  die
Aussicht  auf  einen  vollständigen  Ministerwechsel  zu  öffnen  schien,  so  richtete
Schön,  der  Heißsporn  der  Opposition,  einen  leidenschaftlichen  Angriff  auch
gegen  Wittgenstein,  der  an  den  Verhandlungen  des  Staatsrates  kaum
teilgenommen  hatte.  Abermals  maßlos  übertreibend  warf  er  dem  Fürsten
nicht  bloß  die  schlechten  Künste  der  geheimen  Polizei  vor,  sondern  auch  den
Fortbestand  der  im  Jahre  1812  errichteten  Gendarmerie,  die  sich  überall
gut  bewährte:  sie  sei  eine  Waffe  zur  Bekriegung  des  Volks  und  gänzlich
überflüssig  neben  der  zahlreichen  Armee.

Sobald  Hardenberg  einsah,  daß  ein  Zugeständnis  an  den  allgemeinen
Unmut  des  hohen  Beamtentums  unvermeidlich  war,  suchte  er  zunächst
seinen  alten  Gegner  Humboldt  zum  Eintritt  in  die  Regierung  zu  bewegen.
Der  aber  erwiderte  scharf  (14.  Juli):  mit  Bülow  und  Schuckmann  könne
er  niemals  übereinstimmen,  ja  sich  nicht  einmal  verständigen,  „durch  den
einen  würden  die  materiellen,  durch  den  anderen  die  moralischen  Kräfte
des  Staates  gefährdet;"  nur  Hardenberg  selbst  und  Boyen  besäßen  noch
das  Vertrauen  des  Volks,  nur  in  der  Kriegsverwaltung  zeige  sich  noch
Ernst,  Ordnung,  vaterländische  Gesinnung;  dem  Ministerium  fehle  die
innere  Einheit  wie  die  Selbständigkeit  dem  Staatskanzler  gegenüber.  Noch
dringender  mahnte  Boyen:  „der  Zeitgeist  fordert  in  den  höheren  Posten
Männer  des  Vertrauens;"  man  darf  nicht  warten  bis  die  Nation  selber
die  Entlassung  Bülows  verlangt;  „eine  solche  Verwaltung,  ein  solcher  Mann
kann  bei  längerer  Fortdauer  nur  dem  Vaterlande  namenloses  Verderben
bereiten.“)

Hardenberg  aber  wollte  weder  auf  die  Rechte  seines  Staatskanzleramts
verzichten,  noch  seinen  Vetter  und  den  bei  Hofe  unentbehrlichen  Wittgenstein,
  dem  er  noch  immer  volles  Vertrauen  schenkte,  kurzerhand  preisgeben.
Noch  weniger  wünschte  der  König  eine  durchgreifende  Umgestaltung;  „bei
Veränderungen  von  Personen“,  so  äußerte  er  sich,  „ist  große  Vorsicht  nötig,
man  läuft  Gefahr  ungerecht  zu  sein.“  Im  September  erhielt  Humboldt

 

*)  Humboldt  an  Hardenberg,  14.  Juli.  Boyens  Gutachten  über  die  Finanzverwaltung,
  10.  August  1817.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  U.  14
        <pb n="218" />
        210  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

zu  seiner  Überraschung  den  Befehl,  sich  auf  seinen  Londoner  Gesandt—
schaftsposten  zu  begeben.  Am  3.  November  und  2.  Dezember  erfolgte  so—
dann  eine  Neubildung  des  Ministeriums,  welche  allein  die  Departements
des  Krieges  und  der  Polizei  unberührt  ließ  und  gleichwohl  den  Wünschen
der  Opposition  nur  halb  entsprach.  Bülow  trat  das  Finanzwesen  an
Klewitz  ab  und  behielt  unter  dem  Titel  eines  Handelsministers  nur  noch  die
Leitung  der  Handelspolitik  —  eine  Aufgabe,  die  seinem  Talent  und  seinem
Bildungsgange  besser  entsprach.  Das  unter  Schuckmanns  Verwaltung
gänzlich  vernachlässigte  Unterrichtsdepartement  wurde  als  Ministerium  der
geistlichen  und  Unterrichts-Angelegenheiten  von  dem  Ministerium  des
Innern  abgezweigt  und  unter  Altensteins  Leitung  gestellt.  Ebenso  wurde
von  dem  Justizministerium  ein  Ministerium  für  die  Revision  der  Gesetze
und  die  Justizorganisation  der  neuen  Provinzen  abgetrennt;  an  seine  Spitze
trat  der  Kanzler  Beyme,  der  noch  von  den  alten  Zeiten  her,  da  er  Kabinettsrat
  gewesen,  das  Vertrauen  des  Königs  besaß  und  jetzt  allgemein  für
einen  entschiedenen  Liberalen  galt.  Um  die  Einheit  des  Willens  bei  der
Reform  des  Staatshaushalts  zu  sichern,  errichtete  Hardenberg  endlich  noch
eine  Generalkontrolle  zur  Prüfung  sämtlicher  Staatsausgaben  sowie  ein
Schatzministerium  für  den  Schatz,  die  Schuld,  die  außerordentlichen  Ausgaben
  und  behielt  sich  die  oberste  Leitung  beider  Departements  selber  vor.

So  war  denn  keiner  der  Minister  gänzlich  beseitigt.  Die  Männer,
die  einander  mit  den  härtesten  Vorwürfen  überhäuft,  verstanden  sich  allesamt
  zum  Bleiben,  weil  der  Staatskanzler  doch  ohne  Rücksicht  auf  die
Stimmenmehrheit  selbständig  zu  entscheiden  hatte.  In  der  Staatsratskommission,
  welche  die  Reform  des  Steuersystems  vollenden  sollte,  führten
die  beiden  Gegner  Bülow  und  Klewitz  gemeinsam  den  Vorsitz.  Der  Zwiespalt
  in  der  Regierung  ward  eher  verschärft  als  gemildert;  namentlich  die
Zersplitterung  des  Finanzministeriums  in  drei  gleichberechtigte  Departements
  erwies  sich  sogleich  als  ein  schwerer  Mißgriff.  Da  die  Kräfte  des
Staatskanzlers  für  dies  Ubermaß  der  Arbeit  nicht  ausreichten,  so  überließ
  er  die  Staatsschuldenverwaltung  gänzlich  seinem  Vertrauten  Rother,
einem  sehr  tüchtigen  Finanzmanne,  der  sich  durch  sein  rühriges  Talent
vom  gelben  Reiter  zu  den  höchsten  Staatsämtern  emporgearbeitet  hatte.
In  der  Generalkontrolle  aber  herrschte  bald  unumschränkt  der  Direktor
Geh.  Rat  von  Ladenberg,  ein  Beamter  der  alten  Schule  von  eisernem
Fleiß  und  steifem  Selbstgefühle,  der  die  Steuerreform  hartnäckig  bekämpfte
und  zu  dem  alten  Akzisesystem  zurückstrebte.  Deutscher  Eigensinn  und
deutscher  Pflichteifer  hatten  jederzeit  heftige  Reibungen  zwischen  den  preu-Hischen
  Behörden  hervorgerufen.  Jetzt  vollends,  da  der  natürliche  Zusammenhang
  des  Staatshaushaltes  willkürlich  zerrissen  war,  konnten  erbitterte
Händel  nicht  ausbleiben.  Der  Finanzminister  Klewitz  entbehrte  des  notwendigen
  Ansehens  bei  den  anderen  Ministern,  weil  sie  nicht  von  ihm  die
Bewilligung  ihrer  Ausgaben  zu  erwarten  hatten,  und  sah  sich  darum  außer
        <pb n="219" />
        Der  Ministerwechsel  vom  November  1817.  211

stande,  auch  nur  einen  genauen  Voranschlag  für  das  gesamte  Budget
zu  entwerfen.  Ubellaunig  und  mißtrauisch  wie  die  Zeit  war,  schenkte
die  öffentliche  Meinung  jedem  gehässigen  Märchen  Glauben,  das  über  die
geheimnisvolle  Lage  der  Finanzen  ausgesprengt  wurde.  —

Gleichwohl  gelang  unter  dieser  wunderlich  zersplitterten  Verwaltung
der  große  Umschwung  der  preußischen  Handelspolitik,  die  folgenreichste
politische  Tat  der  Epoche.  Das  Verdienst  des  neuen  Finanzministers
wurde  nur  in  dem  Kreise  seiner  vertrauten  Räte  ganz  gewürdigt;  der
häßliche  kleine  Mann  mit  dem  gutmütigen  Philistergesichte  wußte  sich
nicht  recht  zur  Geltung  zu  bringen,  diente  dem  jungen  Kronprinzen  oft
zur  Zielscheibe  für  seine  ausgelassenen  Witze.  Eine  konservative  Natur,
langsam  im  Urteil,  nicht  reich  an  eigenen  Gedanken,  verstand  Klewitz  doch
die  reformatorischen  Ideen  anderer  besonnen  und  gründlich  zu  verarbeiten,
und  was  er  sich  einmal  angeeignet,  das  hielt  er  fest  mit  zäher  Geduld
und  unerschütterlichem  Gleichmut.  Wie  er  einst  in  Königsberg  bei  der
Aufhebung  der  Erbuntertänigkeit  freudig  mitgewirkt  hatte,  so  rettete  er
jetzt  aus  dem  Schiffbruch  der  Bülowschen  Entwürfe  den  wertvollsten
Teil,  das  Zollgesetz,  und  führte  die  radikale  Neuerung  gelassen  durch
unter  dem  leidenschaftlichen  Widerstande  des  In=  und  Auslandes.)

In  dem  Sturm  und  Drang  der  großen  Reformperiode  war  für  die
Umgestaltung  des  alten  Akzisewesens  wenig  geschehen;  man  hatte  sich  begnügt,
  dem  flachen  Lande  mehrere  städtische  Steuern  aufzulegen  und  in
Altpreußen  die  Einfuhr  fremder  Fabrikwaren  gegen  eine  Akzise  von  8⅛
Prozent  des  Wertes  zu  gestatten.  Daneben  bestanden  in  den  alten  Provinzen
  noch  siebenundsechzig  verschiedene  Tarife,  nahezu  3000  Warenklassen
  umfassend;  außerdem  die  kursächsische  Generalakzise  im  Herzogtum
Sachsen,  das  schwedische  Zollwesen  in  Neuvorpommern,  in  den  Rheinlanden
  endlich  seit  Aufhebung  der  napoleonischen  Douanen  ein  schlechterdings
  anarchischer  Zustand.  Und  diese  unerträgliche  Belästigung  des  Verkehrs
  gewährte  doch,  da  eine  geordnete  Grenzbewachung  noch  fehlte,  keinen
Schutz  gegen  das  Ausland.  Auch  in  dem  chaotischen  Geldwesen  zeigte  sich
die  Abhängigkeit  des  verarmten  Staates  von  den  Fremden:  in  Posen  und
Pommern  mußten  48,  in  den  Provinzen  links  der  Elbe  71  fremde  Geldsorten
  amtlich  anerkannt  und  tarifiert  werden.  Schon  längst  bemerkte  der
König  mit  Besorgnis,  wie  schwer  der  gesetzliche  Sinn  des  Volkes  durch
die  Fortdauer  des  überlebten  Prohibitivsystems  geschädigt  wurde.  Seit  die
bürgerlichen  Gewerbe  auf  dem  platten  Lande  sich  ansiedelten,  nahm  der
Schmuggel  einen  ungeheuren  Aufschwung.  Im  Jahre  1815  versteuerte
jeder  Materialwarenladen  der  alten  Provinzen  täglich  nur  zwei  Pfund
Kaffee.

 

*)  Ich  benutze  hier  u.  a.  einen  handschriftlichen  Aufsatz  von  L.  Kühne,  Wer  ist  der
Stifter  des  Zollvereins?  (1841.)  Aus  den  Papieren  des  Herrn  von  Motz.
14•
        <pb n="220" />
        II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

1.
—
u#

Auch  die  unhaltbaren  Verhältnisse  an  der  Ostgrenze  mahnten  zu
rascher  Tat.  Sobald  Preußen,  Polen  und  Rußland  im  März  1816  zu
Warschau  wegen  der  Ausführung  des  Wiener  Vertrags  vom  3.  Mai  1815
zu  verhandeln  begannen,  stellte  sich  bald  heraus,  daß  Hardenberg  in  Wien
von  dem  Fürsten  Czartoryski  überlistet  worden  war.  Die  scheinbar  so  harmlosen
  Bestimmungen  des  Vertrages  über  die  freie  Durchfuhr  und  den  freien
Verkehr  mit  den  Landeserzeugnissen  aller  vormals  polnischen  Landschaften
legten  dem  preußischen  Staate  fast  nur  Pflichten  auf,  da  sein  Gebiet  das
Durchfuhrland  bildete.  Um  der  Abrede  buchstäblich  zu  genügen  hätte
Preußen  seine  polnischen  Provinzen  von  dem  übrigen  Staatsgebiete  durch
eine  Zollinie  trennen  müssen,  während  Rußland,  dem  Vertrage  zuwider,
seine  alte  Zollgrenze,  die  das  polnische  Litauen  von  Warschau  abschied,
unverändert  ließ  und  auch  Osterreich  sich  keineswegs  geneigt  zeigte,  seinen
polnischen  Kronlanden  handelspolitische  Selbständigkeit  zuzugestehen.  Die
polnischen  Unterhändler  sahen  in  dem  Vertrage  ein  willkommenes  Mittel,
um  durch  die  Ansiedelung  von  Handelsagenten  und  Kommissionären  ihre
nationale  Propaganda  in  Preußens  polnische  Gebiete  hineinzutragen.  Sie
erdreisteten  sich  der  Krone  Preußen  geradezu  die  unbeschränkte  Souveränität
über  Danzig  zu  bestreiten  und  stellten  so  übermütige  Forderungen,  daß
der  König  mit  einer  entschiedenen  Ablehnung  antwortete,  als  Zar  Alexander
  nach  seiner  Gewohnheit  versuchte  die  Ansprüche  der  Polen  durch  einen
zärtlichen  Freundesbrief  zu  unterstützen.  Der  unerquickliche  Verlauf  dieser
Verhandlungen  zwang  zu  dem  Entschlusse,  die  polnischen  Landschaften  den
übrigen  Provinzen  des  Ostens  völlig  gleichzustellen.  Auf  der  anderen
Seite  lehrten  die  Frankfurter  Erfahrungen,  daß  ein  Bundesgzollgesetz  ganz
unmöglich  war  und  Preußen  mithin  zunächst  im  eigenen  Hause  Ordnung
schaffen  mußte.

Im  Jahre  1816  erfolgten  die  ersten  vorbereitenden  Schritte.  Das
Verbot  der  Geldausfuhr  ward  aufgehoben,  das  Salzregal  in  allen  Provinzen
  gleichmäßig  eingeführt;  dann  sprach  die  Verordnung  vom  11.  Juni
die  Aufhebung  der  Wasser-,  Binnen=  und  Provinzialzölle  als  Grundsatz
aus  und  verhieß  die  Einführung  eines  allgemeinen  und  einfachen  Grenzzollsystems.
  Zu  Anfang  des  folgenden  Jahres  war  der  Entwurf  für  das
neue  Zollgesetz  beendigt.  Sobald  aber  von  den  reformatorischen  Absichten
des  Entwurfes  einiges  ruchbar  ward,  erscholl  der  Notschrei  der  geängsteten
Produzenten  weithin  durch  das  Land.  Leidenschaftliche  Eingaben  der  Baumwoll=
  und  Kattunfabrikanten  aus  Schlesien  und  Berlin,  die  doch  allesamt
  unter  der  bestehenden  Unordnung  schwer  litten,  bestätigten  die  alte
Wahrheit,  daß  die  Selbstsucht  der  Menschen  der  schlimmste  Feind  ihres
eigenen  Interesses  ist.  Der  Lärm  ward  so  bedrohlich,  daß  der  König  für
nötig  hielt,  zunächst  eine  Spezialkommission  mit  der  Prüfung  dieser  Vorstellungen
  zu  beauftragen.  Hier  errang  die  alte  fridericianische  Schule
noch  einmal  die  Oberhand.  Der  Vorsitzende,  Oberpräsident  von  Heydebreck.
        <pb n="221" />
        Maassen.  213

betrachtete  als  höchste  Aufgabe  der  Landespolitik  „das  Numeraire  dem
Lande  zu  konservieren“;  die  Mehrheit  beschloß,  der  Krone  die  Wiederher—
stellung  des  Verbotsystems,  wie  es  bis  zum  Jahre  1806  bestanden,  anzu—
raten.  Aber  zugleich  mit  diesem  Berichte  ging  auch  ein  geharnischtes
Minderheitsgutachten  ein,  verfaßt  von  Staatsrat  Kunth,  dem  Erzieher
der  Gebrüder  Humboldt,  einem  selbstbewußten  Vertreter  des  altpreußischen
Beamtenstolzes,  der  das  gute  Recht  der  Bureaukratie  oftmals  gegen  die
aristokratische  Geringschätzung  seines  Freundes  Stein  verteidigte.  Mit
den  Zuständen  des  Fabrikwesens  aus  eigener  Anschauung  gründlich  ver—
traut,  lebte  und  webte  er  in  den  Gedanken  der  neuen  Volkswirtschaftslehre.
„Eigentum  und  Freiheit,  darin  liegt  alles;  es  gibt  nichts  anderes“  —
so  lautete  sein  Kernspruch.  Als  das  ärgste  Gebrechen  der  preußischen
Industrie  erschien  ihm  die  erstaunlich  mangelhafte  Bildung  der  meisten
Fabrikanten,  eine  schlimme  Frucht  des  Ubergewichts  der  gelehrten  Klassen,
welche  nur  durch  den  Einfluß  des  auswärtigen  Wettbewerbs  allmählich  beseitigt
  werden  konnte;  waren  doch  selbst  unter  den  ersten  Fabrikherren
Berlins  viele,  die  kaum  notdürftig  ihren  Namen  zu  schreiben  vermochten.

Kunths  Gutachten  fand  im  Staatsrate  fast  ungeteilte  Zustimmung;
es  ließ  sich  nicht  mehr  verkennen,  daß  die  Aufhebung  der  Handelsverbote  nur
die  notwendige  Ergänzung  der  Reformen  von  1808  bildete.  Als  das
Plenum  des  Staatsrats  am  3.  Juli  über  das  Zollgesetz  beriet,  sprachen  die
politischen  Gegner  Gneisenau  und  Schuckmann  einmütig  für  die  Befreiung
des  Verkehrs.  Oberpräsident  Merckel  und  Geh.  Rat  Ferber,  ein  aus  dem
sächsischen  Dienste  herübergekommener  trefflicher  Nationalökonom,  führten
aus,  daß  dem  Notstande  des  Gewerbefleißes  in  Schlesien  und  Sachsen
nur  durch  die  Freiheit  zu  begegnen  sei;  und  zuletzt  stimmten  von  56  Anwesenden
  nur  drei  gegen  das  Gesetz:  Heydebreck,  Ladenberg  und  Geh.  Rat
Beguelin..)  Am  1.  August  genehmigte  der  König  von  Karlsbad  aus  „das
Prinzip  der  freien  Einfuhr  für  alle  Zukunft“.  Nun  folgten  neue  peinliche
Verhandlungen,  da  es  anfangs  unmöglich  schien  die  neue  Ordnung  gleichzeitig
  in  den  beiden  Hälften  des  Staatsgebietes  einzuführen.  Endlich  am
26.  Mai  1818  kam  das  Zollgesetz  für  die  gesamte  Monarchie  zustande.

Sein  Verfasser  war  der  Generaldirektor  Karl  Georg  Maassen,  ein
Beamter  von  umfassenden  Kenntnissen,  mit  Leib  und  Seele  in  den  Geschäften
  lebend,  ein  Mann,  der  hinter  kindlich  anspruchslosen  Umgangsformen
  den  kühnen  Mut  des  Reformers,  eine  tiefe  und  freie  Auffassung
des  sozialen  Lebens  verbarg.  Aus  Cleve  gebürtig,  hatte  er  zuerst  als  preuhischer
  Beamter  in  seiner  Heimat,  dann  eine  Zeitlang  im  bergischen
Staatsdienste  die  Großindustrie  des  Niederrheines,  nachher  bei  der  Potsdamer
  Regierung  die  Volkswirtschaft  des  Nordostens  kennen  und  also  die
Theorien  Adam  Smiths,  denen  er  von  früh  auf  huldigte,  durch  viel- 



*)  Protokolle  des  Staatsrats.  4.  Sitzung  vom  3.  Juli  1817.
        <pb n="222" />
        214  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

seitige  praktische  Erfahrung  zu  ergänzen  gelernt.  So  ging  er  auch  beim
Entwerfen  des  Zollgesetzes  nicht  von  einer  fertigen  Doktrin  aus,  sondern
von  drei  Gesichtspunkten  der  praktischen  Staatskunst.  Die  Aufgabe  war:
zunächst  in  der  gesamten  Monarchie  durch  Befreiung  des  inneren  Ver—
kehrs  eine  lebendige  Gemeinschaft  der  Interessen  zu  begründen,  sodann
dem  Staate  neue  Einnahmequellen  zu  eröffnen,  endlich  dem  heimischen  Ge—
werbfleiß  einen  mächtigen  Schutz  gegen  die  englische  Ubermacht  zu  gewähren
  und  ihm  doch  den  heilsamen  Stachel  des  ausländischen  Wettbe—
werbs  nicht  gänzlich  zu  nehmen.  Wo  die  Wünsche  der  Industrie  den  Ansprüchen
  der  Staatskassen  widersprachen,  da  mußte  das  Interesse  der
Finanzen  vorgehen;  dies  gebot  die  Bedrängnis  des  Staatshaushalts.
Die  beiden  ersten  Paragraphen  des  Gesetzes  verkündigten  die  Freiheit
der  Ein-,  Aus=  und  Durchfuhr  für  den  ganzen  Umfang  des  Staates.
Damit  wurde  die  volle  Hälfte  des  nicht-österreichischen  Deutschlands  zu
einem  freien  Marktgebiete  vereinigt,  zu  einer  wirtschaftlichen  Gemeinschaft,
welche,  wenn  sie  die  Probe  bestand,  sich  auch  über  die  andere  Hälfte  der
Nation  erweitern  konnte.  Denn  die  schroffsten  Gegensätze  unseres  vielgestaltigen
  sozialen  Lebens  lagen  innerhalb  der  preußischen  Grenzen.  War
es  möglich,  Posen  und  das  Rheinland  ohne  Schädigung  ihrer  wirtschaftlichen
  Eigenart  derselben  wirtschaftlichen  Gesetzgebung  zu  unterwerfen,  so
war  schon  erwiesen,  daß  diese  Gesetze  mit  einigen  Anderungen  auch  für
Baden  und  Hannover  genügen  mußten.  Preußen  hatte  sich  —  so  sagte
Maassen  oftmals  —  genau  die  nämlichen  Fragen  vorzulegen  wie  alle  die
anderen  deutschen  Staaten,  welche  ernstlich  nach  Zolleinheit  verlangten,
und  konnte,  wegen  der  Mannigfaltigkeit  seiner  wirtschaftlichen  Interessen,
leichter  als  jene  die  richtige  Antwort  finden.  Aber  die  Ausführung  des
Gedankens,  die  Verlegung  der  Zölle  an  die  Grenzen  des  Staats  war  in
Preußen  schwieriger,  als  in  irgend  einem  anderen  Reiche;  sie  erschien
zuerst  vielen  ganz  unausführbar.  Man  sollte  eine  Zollinie  von  1073
Meilen  bewachen,  je  eine  Grenzmeile  auf  kaum  fünf  Geviertmeilen  des
Staatsgebietes,  und  zwar  unter  den  denkbar  ungünstigsten  Verhältnissen,
da  die  kleinen  deutschen  Staaten,  die  mit  dem  preußischen  Gebiete  im  Gemenge
  lagen,  zumeist  noch  kein  geordnetes  Zollwesen  besaßen,  ja  sogar  den
Schmuggel  grundsätzlich  begünstigten.  Solche  Bedrängnis  veranlaßte  die
preußischen  Finanzmänner  zur  Aufstellung  eines  einfachen  übersichtlichen
Tarifs,  der  die  Waren  in  wenige  große  Klassen  einordnete.  Eine  umfängliche,
  verwickelte  Zollrolle,  wie  sie  in  England  oder  Frankreich  bestand,
erforderte  ein  zahlreiches  Beamtenpersonal,  das  in  Preußen  den  Ertrag
der  Zölle  verschlungen  hätte.  Durch  denselben  Grund  wurde  Maassen  bewogen,
  die  Erhebung  der  Zölle  nach  dem  Gewichte  der  Waren  vorzuschlagen,
  während  in  allen  anderen  Staaten  das  von  der  herrschenden
Theorie  allein  gebilligte  System  der  Wertzölle  galt.  Die  Abstufung  der
Zölle  nach  dem  Werte  würde  die  Kosten  der  Zollverwaltung  unverhält-
        <pb n="223" />
        Das  Zollgesetz.  215

nismäßig  erhöht  haben;  zudem  lag  in  der  hohen  Besteuerung  kostbarer
Waren  eine  starke  Versuchung  zum  Schmuggelhandel,  welche  ein  Staat
von  so  schwer  zu  bewachenden  Grenzen  nicht  ertragen  konnte.

Auch  in  der  großen  Prinzipienfrage  der  Handelspolitik  gab  die  Rück—
sicht  auf  die  Finanzen  den  Ausschlag.  Der  Staat  hatte  die  Wahl  zwischen
zwei  Wegen.“)  Man  konnte  entweder  nach  Englands  und  Frankreichs  Bei—
spiel  Prohibitivzölle  einführen,  um  diese  sodann  als  Unterhandlungsmittel
gegen  die  Westmächte  zu  benutzen  und  also  Zug  um  Zug  durch  Differential—
zölle  zur  Erleichterung  des  Verkehrs  zu  gelangen;  oder  man  wagte  sogleich  in
Preußen  ein  System  mäßiger  Zölle  zu  gründen,  in  der  Hoffnung,  daß
die  Natur  der  Dinge  die  großen  Nachbarreiche  dereinst  in  dieselbe  Bahn
drängen  werde.  Maassen  fand  den  Mut  den  letzteren  Weg  zu  wählen,
vornehmlich  weil  der  zweifelhafte  Ertrag  aus  hohen  Schutzzöllen  dem  Bedürfnis
  der  Staatskassen  nicht  genügen  konnte.  Verboten  wurden  allein
die  Einfuhr  von  Salz  und  Spielkarten;  die  Rohstoffe  blieben  in  der  Regel
abgabenfrei  oder  einem  ganz  niedrigen  Zolle  unterworfen.  Von  den  Mamufakturwaren
  sollte  ein  mäßiger  Schutzzoll  erhoben  werden,  nicht  über
10  Proz.,  ungefähr  der  üblichen  Schmuggelprämie  entsprechend.  Die  Kolonialwaren
  dagegen  unterlagen  einem  ergiebigen  Finanzzolle,  bis  zu  20
Proz.,  da  Preußen  an  seiner  leicht  zu  bewachenden  Seegrenze  die  Mittel
besaß,  diese  Produkte  wirksam  zu  besteuern.

Dies  freieste  und  reifste  staatswirtschaftliche  Gesetz  des  Zeitraums
wich  von  den  herrschenden  Vorurteilen  so  weit  ab,  daß  man  im  Auslande
  anfangs  über  die  gutmütige  Schwäche  der  preußischen  Doktrinäre
spottete.  Den  Staatsmännern  der  absoluten  Monarchie  fällt  ein  undankbares
  entsagungsvolles  Los.  Wie  laut  preist  England  heute  seinen  William
Huskisson,  one  of  the  world's  great  Spirits;  alle  gesitteten  Völker  bewundern
  die  Freihandelsreden  des  großen  Briten.  Der  Name  Maassens
aber  ist  bis  zur  Stunde  in  seinem  eigenen  Vaterlande  nur  einem  engen
Gelehrtenkreise  vertraut.  Und  doch  hat  die  große  Freihandelsbewegung
unseres  Jahrhunderts  nicht  in  England,  sondern  in  Preußen  ihren  ersten
bahnbrechenden  Erfolg  errungen.  Das  wiederhergestellte  französische  Königtum
  hielt  in  dem  Tarife  von  1816  die  strengen  napoleonischen  Prohibitivzölle
  gegen  fremde  Fabrikwaren  hartnäckig  fest.  Die  Selbstsucht  der
Emigranten  fügte  noch  schwere  Zölle  auf  die  Erzeugnisse  des  Landbaus,
namentlich  auf  Schlachtvieh  und  Wolle,  hinzu.  Auch  in  England  war
nur  ein  Teil  des  Handelsstandes  für  die  Lehren  der  Verkehrsfreiheit  gewonnen.
  Noch  stand  der  Grundherr  treu  zu  den  hohen  Kornzöllen,  der  Rheder
  zu  Cromwells  Navigationsakte,  der  Fabrikant  zu  dem  harten  Prohibitivsysteme;
  noch  urteilte  die  Mehrzahl  der  Gebildeten  wie  einst  Burke  über

 

*)  Soschilderte  Eichhorn  späterhin  rückblickend  die  Lage  in  einem  Ministerialschreiben
vom  7.  Febr.  1834.
        <pb n="224" />
        216  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Adam  Smith:  solche  abstrakte  Theorien  sind  gut  genug  für  das  stille  Katheder
  von  Glasgow.  Erst  das  kühne  Vorgehen  der  Berliner  Staatsmänner
  ermutigte  die  englischen  Freihändler  mit  ihrer  Meinung  herauszurücken.
  Auf  das  „glänzende  Beispiel,  welches  Preußen  der  Welt  gegeben“,
berief  sich  die  freihändlerische  Petition  der  Londoner  City,  welche  Baring
im  Mai  1820  dem  Parlamente  übergab.  An  Preußen  dachte  Huskisson,
als  er  seinen  berühmten  Satz  aufstellte:  „der  Handel  ist  nicht  Zweck,  er
ist  das  Mittel,  Wohlstand  und  Behagen  unter  den  Völkern  zu  verbreiten“
und  seinem  Volke  zurief:  „dies  Land  kann  nicht  still  stehen,  während  andere
Länder  vorschreiten  in  Bildung  und  Gewerbefleiß."

Den  freihändlerischen  Ansichten  der  preußischen  Staatsmänner  genügte
das  neue  Gesetz  nicht  völlig.  Man  ahnte  im  Finanzministerium  wohl  —
J.  G.  Hoffmann  hat  es  oft  gestanden  —  daß  der  weitaus  größte  Teil
des  Zollertrags  allein  von  den  gangbarsten  Kolonialwaren  aufgebracht
werden  und  die  Staatskasse  von  anderen  Zöllen  nur  geringen  Vorteil
ziehen  würde.  Aber  man  sah  auch,  daß  jedem  Steuersysteme  durch  die
Gesinnung  der  Steuerpflichtigen  feste  Schranken  gezogen  sind;  die  öffentliche
  Meinung  jener  Tage  würde  der  Regierung  nie  verziehen  haben,  wenn
sie  den  Kaffee  besteuert,  den  Tee  frei  gelassen  hätte.  Maassen  verwarf
jede  einseitige  Begünstigung  eines  Zweiges  der  Produktion,  er  rechnete  auf
das  Ineinandergreifen  von  Ackerbau,  Gewerbe  und  Handel  und  betrachtete
die  Schutzzölle  nur  als  einen  Notbehelf  um  die  deutsche  Industrie  allmählich
  zu  Kräften  kommen  zu  lassen.  Schon  bei  der  ersten  Revision  des
Tarifs  im  Jahre  1821  tat  man  einen  Schritt  weiter  im  Sinne  des
Freihandels,  vereinfachte  den  Tarif  und  setzte  mehrere  Zölle  herab.  Während
  das  Gesetz  von  1818  für  die  westlichen  Provinzen  einen  eigenen
Tarif  mit  etwas  niedrigeren  Sätzen  aufgestellt  hatte,  fiel  jetzt  jeder  Unterschied
zwischen  den  Provinzen  hinweg;  die  Zollrolle  von  1821  bildete  in  Form
und  Einrichtung  die  Grundlage  für  alle  späteren  Tarife  des  Zollvereins.

Derweil  der  Staatsrat  diese  Reform  zum  Abschluß  brachte,  erging
sich  die  unreife  nationalökonomische  Bildung  der  Zeit  in  widersprechenden
Klagen.  Die  Massen  meinten  die  Verteuerung  des  Lebensunterhalts
nicht  ertragen  zu  können,  die  Fabrikanten  sahen  „dem  englischen  Handelsdespotismus“
  Tür  und  Tor  geöffnet  und  bestürmten  den  Thron  abermals
  mit  so  verzweifelten  Bittschriften,  daß  der  König,  obwohl  selbst  mit
Maassens  Plänen  ganz  einverstanden,  doch  eine  nochmalige  Prüfung  des
schon  unterschriebenen  Gesetzes  befahl.  Erst  am  1.  Sept.  1818  wurde  das
Bollgesetz  veröffentlicht,  erst  zu  Neujahr  1819  traten  die  neuen  Grenzzollämter
  in  Tätigkeit.  Am  8.  Febr.  1819  erschien  das  ergänzende  Gesetz
über  die  Besteuerung  des  Konsums  inländischer  Erzeugnisse,  wonach  nur
Wein,  Bier,  Branntwein  und  Tabaksblätter  einer  Steuer  unterlagen,  die

ohne  unmittelbare  Belästigung  der  Verzehrer  von  den  Produzenten  zu  erheben
  war.
        <pb n="225" />
        Grundgedanken  des  Zollgesetzes.  217

Die  neue  Gesetzgebung  hielt  im  ganzen  sehr  glücklich  die  Mitte  zwi—
schen  Handelsfreiheit  und  Zollschutz.  Nur  nach  einer  Richtung  hin  wich
sie  auffällig  ab  von  den  Grundsätzen  des  gemäßigten  Freihandels:  sie  be—
lastete  den  Durchfuhrhandel  unverhältnismäßig  schwer.  Der  Zentner
Transitgut  zahlte  im  Durchschnitt  einen  halben  Taler  Zoll,  auf  einzelnen
wichtigen  Handelsstraßen  noch  weit  mehr  —  sicherlich  eine  sehr  drückende
Last  für  ordinäre  Güter,  zumal  wenn  sie  das  preußische  Gebiet  mehrmals
berührten.  Die  nächste  Veranlassung  zu  dieser  Härte  lag  in  dem  Be—
dürfnis  der  Finanzen.  Preußen  beherrschte  einige  der  wichtigsten  Handels—
straßen  Mitteleuropas:  die  Verbindung  Hollands  mit  dem  Oberlande,  die
alten  Absatzwege  des  polnischen  Getreides,  den  Verkehr  Leipzigs  mit  der
See,  mit  Polen,  mit  Frankfurt.  Man  berechnete,  daß  die  volle  Hälfte
der  in  Preußen  eingehenden  Waren  dem  Durchfuhrhandel  angehörte.
Die  erschöpfte  Staatskasse  war  nicht  in  der  Lage,  diesen  einzigen  Vorteil,
den  ihr  die  unglückliche  langgestreckte  Gestalt  des  Gebietes  gewährte,  aus
der  Hand  zu  geben.  Uberdies  stimmten  alle  Kenner  des  Mautwesens
überein  in  der  für  jene  Zeit  wohlbegründeten  Meinung,  daß  nur  durch
Besteuerung  der  Durchfuhr  der  finanzielle  Ertrag  des  Grenzzollsystems  gesichert
  werden  könne.  Gab  man  den  Transit  völlig  frei,  so  wurde  dem
Unterschleif  Tür  und  Tor  geöffnet,  ein  ungeheurer  Schmuggelhandel  von
Hamburg,  Frankfurt,  Leipzig  her  geradezu  herausgefordert,  das  ganze
Gelingen  der  Reform  in  Frage  gestellt.  Die  unbillige  Höhe  der  Durchfuhrzölle
  aber  und  das  zähe  Festhalten  der  Regierung  an  diesen  für  die
deutschen  Nachbarlande  unleidlichen  Sätzen  erklärt  sich  nur  aus  politischen
Gründen.  Der  Transitzoll  diente  dem  Berliner  Kabinett  als  ein  wirksames
Unterhandlungsmittel,  um  die  deutschen  Kleinstaaten  zum  Anschluß  an
die  preußische  Handelspolitik  zu  bewegen.

Von  jenem  Traumbilde  einer  gesamtdeutschen  Handelspolitik,  das
während  des  Wiener  Kongresses  den  preußischen  Bevollmächtigten  vorgeschwebt
  hatte,  war  man  in  Berlin  längst  zurückgekommen.  Die  Unmöglichkeit
  solcher  Pläne  ergab  sich  nicht  bloß  aus  der  Nichtigkeit  der  Bundesverfassung,
  sondern  auch  aus  den  inneren  Verhältnissen  der  Bundesstaaten.
  Hardenberg  wußte,  daß  der  Wiener  Hof  an  seinem  altväterischen
Provinzialzollsystem  nichts  ändern  wollte  und  seine  nichtdeutschen  Kronländer
  einem  Bundeszollwesen  schlechterdings  nicht  unterordnen  konnte.
Aber  auch  das  übrige  Deutschland  bewahrte  noch  viele  Trümmer  aus  der
schmählichen  kosmopolitischen  Epoche  unserer  Vergangenheit.  Noch  war
Hannover  von  England,  Schleswigholstein  von  Dänemark  abhängig,  noch
stand  Luxemburg  in  unmittelbarer  geographischer  Verbindung  mit  dem
niederländischen  Gesamtstaate.  Wie  war  ein  gesamtdeutsches  Zollwesen
denkbar,  so  lange  diese  Fremdherrschaft  währte?  Auch  die  Verfassung
mehrerer  Bundesstaaten  bot  unübersteigliche  Hindernisse.  Die  preußische
Zollreform  ruhte  auf  dem  Gedanken  des  gemeinen  Rechts.  Wer  durfte
        <pb n="226" />
        218  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

erwarten,  daß  der  mecklenburgische  Adel  auf  seine  Zollfreiheit,  der  sächsische
auf  die  mit  den  ständischen  Privilegien  fest  verkettete  Generalakzise  ver—
zichten  würde,  so  lange  die  ständische  Oligarchie  in  diesen  Landen  unge—
stört  herrschte?  Wie  war  es  möglich,  die  preußischen  Zölle,  welche  die  Ein—
heit  des  Staatshaushaltes  voraussetzten,  in  Hannover  einzuführen,  wo
noch  die  königliche  Domänenkasse  und  die  ständische  Steuerkasse  selbständig
neben  einander  standen?  Das  Zollwesen  hing  überdies  eng  zusammen  mit
der  Besteuerung  des  inländischen  Konsums;  nur  wenn  die  Kleinstaaten
sich  entschlossen  das  System  ihrer  indirekten  Steuern  auf  preußischen
Fuß  zu  setzen  oder  doch  dem  preußischen  Muster  anzunähern,  war  eine
ehrliche  Gegenseitigkeit,  eine  dauernde  Zollgemeinschaft  zwischen  ihnen  mög—
lich.  Und  ließ  sich  solche  Opferwilligkeit  erwarten  in  jenem  Augenblicke,
da  der  Rheinbund  und  das  Ränkespiel  des  Wiener  Kongresses  den  selbst—
süchtigen  Dünkel  der  Dynastien  krankhaft  aufgeregt  und  jeder  Scham
entwöhnt  hatten?  Selbst  jene  Staaten,  denen  redlicher  Wille  nicht  fehlte,
konnten  gar  nicht  sofort  auf  die  harten  Zumutungen  eingehen,  welche
Preußen  ihnen  stellen  mußte,  um  sich  den  Ertrag  seiner  Zölle  zu  sichern.
Man  mußte,  so  gestand  Eichhorn  späterhin,  sich  erst  orientieren  in  der  ver—
änderten  Lage,  die  nationalökonomischen  Bedürfnisse  des  eigenen  Landes  und
die  zur  Deckung  der  Staatsausgaben  notwendigen  Opfer  überschlagen;
„bevor  man  hierüber  ins  Klare  gekommen,  konnte  man  sich  von  einer  gemeinsamen
  Beratung  keinen  Erfolg  versprechen,  am  wenigsten  von  einer
Beratung  für  ganz  Deutschland  am  Bundestage.“)

Wie  die  Dinge  lagen  mußte  Preußen  selbständig  vorgehen  ohne  jede
schonende  Rücksicht  für  die  deutschen  Nachbarn.  Unter  den  gemütlichen
Leuten  herrschte  die  Ansicht  vor,  Preußen  solle  die  Binnengrenzen  gegen
Deutschland  offen  halten  und  allein  an  den  Grenzen  gegen  das  Ausland
Zölle  erheben.  Der  kindische  Vorschlag  hätte,  ausgeführt,  jede  Grenzbewachung
  unmöglich  gemacht,  die  finanziellen  wie  die  volkswirtschaftlichen
Zwecke  der  Zollreform  völlig  vereitelt.  Selbst  eine  mildere  Besteuerung
deutscher  Produkte  war  unausführbar.  Gerade  die  deutschen  Kleinstaaten
mit  ihren  verzwickten,  mangelhaft  oder  gar  nicht  bewachten  Grenzen  mußten
der  preußischen  Staatskasse  als  die  gefährlichsten  Gegner  erscheinen.  Ursprungszeugnisse,
  von  solchen  Behörden  ausgestellt,  boten  den  genauen
Rechnern  der  Berliner  Bureaus  keine  genügende  Sicherheit.  Jede  Erleichterung,
  die  an  diesen  Grenzen  eintrat,  ermutigte  den  Unterschleif,  so
lange  nicht  eine  geordnete  Zollverwaltung  in  den  kleinen  Nachbarstaaten
bestand.  Noch  mehr:  gewährte  Preußen  den  kleinen  Staaten  Begünstigungen,
  so  griff  das  Ausland  unfehlbar  zu  Retorsionen,  und  der  Staat
wurde  allmählich  in  ein  Differentialzollsystem  hineingetrieben,  das  den  Absichten
  seiner  Staatsmänner  schnurstracks  zuwiderlief.  Differentialzölle  er- 



*)  Eichhorn,  Instruktion  für  die  Gesandten  an  den  deutschen  Höfen,  25.  März  1828.
        <pb n="227" />
        Beabsichtigte  Erweiterung  des  Zollgebiets.  219

schienen  dem  Finanzministerium  noch  weit  bedenklicher  als  Schutzzölle,  da
diese  den  Verkehr  belasteten  zu  Gunsten  der  einheimischen,  jene  zum  Vor—
teil  der  ausländischen  Produzenten.

Es  war  nicht  anders,  sollte  das  neue  Zollsystem  überhaupt  ins  Leben
treten,  so  mußten  alle  nicht-preußischen  Waren  zuvörderst  auf  gleichem
Fuß  behandelt  werden.  Allerdings  wurden  dadurch  die  deutschen  Nachbarn
sehr  hart  getroffen.  Sie  waren  gewohnt  einen  schwunghaften  Schmuggel—
handel  nach  Preußen  hinüber  zu  führen;  jetzt  trat  die  strenge  Grenzbe—
wachung  dazwischen.  Die  Zollinien  an  den  Grenzen  der  neuen  Pro—
vinzen  störten  vielfach  altgewohnten  Verkehr.  Das  Königreich  Sachsen
litt  schwer,  als  die  preußischen  Zollschranken  dicht  vor  den  Toren  Leip—
zigs  aufgerichtet  wurden.  Die  kleinen  rheinischen  Lande  sahen  nahe  vor
Augen  das  beginnende  Erstarken  der  preußischen  Volkswirtschaft;  was
drüben  ein  Segen,  ward  hüben  zur  Last.  Begreiflich  genug,  daß  gerade
in  der  unmittelbaren  Nachbarschaft  Preußens  die  Mißstimmung  überhand—
nahm.  Auch  die  Einrichtung  der  Gewichtszölle  war  für  die  deutschen  Nach—
barstaaten  unverhältnismäßig  lästig,  da  das  Ausland  zumeist  feinere,
Deutschland  gröbere  Waren  in  Preußen  einzuführen  pflegte.

Indes  wenn  es  nicht  anging,  den  Kleinstaaten  sofort  Begünstigungen
zu  gewähren,  so  war  doch  die  Zollreform  von  Haus  aus  darauf  berechnet
die  deutschen  Nachbarn  nach  und  nach  in  den  preußischen  Zollverband
hineinzuziehen.  „Die  Unmöglichkeit  einer  Vereinigung  für  den  ganzen
Bund  erkennend,  suchte  Preußen  durch  Separatverträge  sich  diesem  Ziele
zu  nähern“  —  mit  diesen  kurzen  und  erschöpfenden  Worten  hat  Eichhorn
zehn  Jahre  später  den  Grundgedanken  der  preußischen  Handelspolitik  bezeichnet.
  Die  Zerstückelung  seines  Gebietes  zwang  den  Staat,  deutsche
Politik  zu  treiben,  machte  ihm  auf  die  Dauer  unmöglich,  sich  selbstgenügsam
  abzuschließen,  seine  Verwaltung  zu  ordnen  ohne  Verständigung  mit
den  deutschen  Nachbarlanden.  Ein  großer  Teil  der  thüringischen  Besitzungen
  Preußens,  41  Geviertmeilen  mußten  vorderhand  aus  der  Zolllinie
  ausgeschlossen  bleiben.  Es  war  eine  unabweisbare  Notwendigkeit,
die  Zollschranken  mindestens  so  weit  hinauszuschieben,  daß  das  gesamte
Staatsgebiet  gleichmäßig  besteuert  werden  konnte.  In  dem  Zollgesetze
selber  (§  5)  war  die  Absicht  erklärt,  durch  Handelsverträge  den  wechselseitigen
  Verkehr  zu  befördern.  Die  harte  Besteuerung  der  Durchfuhr  gab
diesem  Winke  fühlbaren  Nachdruck.  Noch  bestimmter  sprach  sich  Hardenberg
  über  die  Absicht  des  Gesetzes  aus,  schon  ehe  es  in  Kraft  trat.  Als
die  Fabrikanten  von  Rheydt  und  anderen  rheinischen  Plätzen  den  Staatskanzler
  um  Beseitigung  der  deutschen  Binnenzölle  baten,  gab  er  die  Antwort
  (3.  Juni  1818):  die  Vorteile,  welche  aus  der  Vereinigung  mehrerer
deutscher  Staaten  zu  einem  gemeinschaftlichen  Fabrik=  und  Handelssystem
hervorgehen  können,  seien  der  Regierung  nicht  unbekannt;  mit  steter  Rücksicht
  hierauf  sei  der  Plan  des  Königs  zur  Reife  gediehen.  „Es  liegt  ganz
        <pb n="228" />
        220  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

im  Geiste  dieses  Planes,  ebensowohl  auswärtige  Beschränkungen  des  Han—
dels  zu  erwidern  als  Willfährigkeit  zu  vergelten  und  nachbarliches  An—
schließen  an  ein  gemeinsames  Interesse  zu  fördern.“  Ebenso  erklärte  er
den  Elberfeldern:  die  preußischen  Zollinien  sollten  dazu  dienen  „eine  allge—
meine  Ausdehnung  oder  sonstige  Vereinigung  vorzubereiten.“

Damit  wurde  deutlich  angekündigt,  daß  der  Staat,  der  seit  Langem
das  Schwert  des  alten  Kaisertums  führte,  jetzt  auch  die  handelspolitischen
Reformgedanken  der  Reichspolitik  des  sechzehnten  Jahrhunderts  wieder  auf—
nahm  und  bereit  war,  der  Nation  nach  und  nach  die  Einheit  des  wirt—
schaftlichen  Lebens  zu  schaffen,  welche  ihr  im  ganzen  Verlaufe  ihrer  Geschichte
immer  gefehlt  hatte.  Er  dachte  dies  Ziel,  das  sich  nicht  mit  einem  Sprunge
erjagen  ließ,  schrittweis,  in  bedachtsamer  Annäherung,  durch  Verträge
von  Staat  zu  Staat  zu  erreichen.  Mars  und  Merkur  sind  die  Gestirne,
welche  in  diesem  Jahrhundert  der  Arbeit  das  Geschick  der  Staaten  vornehmlich
  bestimmen.  Das  Heerwesen  und  die  Handelspolitik  der  Hohenzollern
  bildeten  fortan  die  beiden  Rechtstitel,  auf  denen  Preußens  Führerstellung
  in  Deutschland  ruhte.  Und  diese  Handelspolitik  war  ausschließlich
das  Werk  der  Krone  und  ihres  Beamtentums.  Sie  begegnete,  auch  als
ihre  letzten  Ziele  sich  späterhin  völlig  enthüllten,  regelmäßig  dem  verblendeten
Widerstande  der  Nation.  Im  Zeitalter  der  Reformation  war  die  wirtschaftliche
  Einigung  unseres  Vaterlandes  an  dem  Widerstande  der  Reichsstädte
gescheitert;  im  neunzehnten  Jahrhundert  ward  sie  recht  eigentlich  gegen  den
Willen  der  Mehrzahl  der  Deutschen  von  neuem  begonnen  und  vollendet.

Im  Kampfe  gegen  das  preußische  Zollgesetz  hielten  alle  deutschen  Parteien
  zusammen,  Kotzebues  Wochenblatt  so  gut  wie  Ludens  Nemesis.  Vergeblich
  widerlegte  J.  G.  Hoffmann  in  der  Preußischen  Staatszeitung  mit
überlegener  Sachkenntnis  das  fast  durchweg  wertlose  nationalökonomische
Gerede  der  Presse.  Dieselben  Schutzzöllner,  die  um  Hilfe  riefen  für  die
deutsche  Industrie,  schalten  zugleich  über  die  unerschwinglichen  Sätze  des
preußischen  Tarifs,  der  doch  jenen  Schutz  gewährte.  Dieselben  Liberalen,
die  den  Bundestag  als  einen  völlig  unbrauchbaren  Körper  verspotteten,
forderten  von  dieser  Behörde  eine  schöpferische  handelspolitische  Tat.  Wenn
Hoffmann  nachwies,  daß  das  neue  Gesetz  eine  Wohltat  für  Deutschland
sei,  so  erwiderten  Pölitz,  Krug  und  andere  sächsische  Publizisten,  kein  Staat
habe  das  Recht,  seinen  Nachbarn  Wohltaten  aufzudrängen.  Alberne
Jagdgeschichten  wurden  mit  der  höchsten  Bestimmtheit  wiederholt  und  von
der  Unwissenheit  der  Leser  begierig  geglaubt.  Da  hatte  ein  armer  Höker
aus  dem  Reußischen,  als  er  seinen  Schubkarren  voll  Gemüse  zum  Leipziger
  Wochenmarkt  fuhr,  einen  Taler  Durchfuhrzoll  an  die  preußische
Maut  zahlen  müssen  —  nur  schade,  daß  Preußen  von  solchen  Waren
gar  keinen  Zoll  erhob.  Auch  die  Sentimentalität  ward  gegen  Preußen
ins  Feld  geführt;  sie  findet  sich  ja  bei  den  Deutschen  immer  ein,  wenn
ihnen  die  Gedanken  ausgehen.  Da  war  gleich  am  ersten  Tage,  als  das
        <pb n="229" />
        Rechtspflege.  Beymc.  221

unselige  Gesetz  in  Kraft  trat,  ein  Zollbeamter  zu  Langensalza  von  einem
gothaischen  Patrioten  im  Rausche  heiligen  Zornes  erstochen  worden;  der
Mann  hatte  sich  aber  selbst  entleibt.  Da  hieß  es  wehmütig,  König  Friedrich
Wilhelm  hege  wohl  menschenfreundliche  Absichten,  aber  „finanzielle  Rücksichten
  vergiften  die  besten  Maßregeln;“"  für  die  harte  Notwendigkeit  dieser
finanziellen  Rücksichten  hatte  man  kein  Auge.  Die  ersehnte  Einheit  des
deutschen  Marktes  —  darüber  bestand  unter  den  liberalen  Patrioten  kein
Streit  —  konnte  nur  gelingen,  wenn  die  bereits  vollzogene  Einigung  der
Hälfte  Deutschlands  wieder  zerstört  wurde.

Unbekümmert  um  die  allgemeine  Entrüstung  hielt  Klewitz  die  Zollreform
  aufrecht.  In  der  Gewerbepolitik  dagegen  zeigte  die  Regierung  geringere
  Festigkeit  gegen  die  hochkonservativen  Vorurteile  der  Zeit.  Immer
wieder  mußten  kundige  Beamte  in  der  Staatszeitung  die  Vorzüge  des
freien  Gewerbes  ungläubigen  Lesern  schildern.  Dennoch  wagte  man  nicht,
das  Gewerbegesetz  von  1811  in  den  neuen  Provinzen  einzuführen,  sondern
ließ  einen  widerspruchsvollen  Zustand,  der  sich  mit  der  Einheit  des  Marktgebietes
  kaum  vertrug,  während  eines  vollen  Menschenalters  unangetastet;
in  Sachsen  blieb  das  alte  Zunftwesen  bestehen,  in  den  rheinisch-westfälischen
  Landen  und  in  den  alten  Provinzen  herrschte  die  Gewerbefreiheit,
hier  nach  preußischem,  dort  nach  französischem  Gesetze.  —

Die  letzte  Epoche  König  Friedrich  Wilhelms  III.  zeigte  sich  der  Regierung
  des  ersten  Friedrich  Wilhelm  auch  darin  ähnlich,  daß  die  Rechtspflege
  von  der  reformatorischen  Tätigkeit  der  Staatsgewalt  am  wenigsten
berührt  wurde.  Es  blieb  bei  der  alten  Regel,  daß  dieser  Staat  niemals
imstande  war,  auf  allen  Gebieten  des  Lebens  zugleich  rüstig  fortzuschreiten.
  Savigny  hatte  doch  recht  gesehen  als  er  seiner  Zeit  den  Beruf
zur  Gesetzgebung  für  das  bürgerliche  Recht  absprach.  Die  große  Kodifikation
  des  Allgemeinen  Landrechts  lag  erst  um  ein  Menschenalter  zurück
und  wurde  von  der  Mehrzahl  des  altpreußischen  Richterstandes  noch  mit
begreiflichem  Stolze  als  ein  Meisterwerk  geschätzt,  während  die  Wissenschaft
zwar  den  Anschauungen  Suarez's  längst  entwachsen  aber  noch  nicht  zu
sicheren  neuen  Ergebnissen  gelangt  war.  Der  gesunde  Sinn  des  Königs
verkannte  nicht,  daß  die  alte  Gliederung  der  Stände,  welche  dem  Landrechte
zugrunde  lag,  durch  die  Reformen  von  1807  längst  beseitigt  war;  und
da  auch  der  Zivilprozeß  sowie  das  Strafrecht  dringend  der  Neugestaltung
bedurfte,  so  wurde  Beyme  mit  der  Revision  der  fridericianischen  Gesetzbücher
  beauftragt.  Der  aber  erwies  sich,  trotz  seines  liberalen  Rufs,  abermals
  ebenso  unfruchtbar,  wie  einst  im  Ministerium  Dohna-Altenstein,  da
ihn  der  König  so  oft  vergeblich  an  die  Aufhebung  der  Patrimonialgerichte
gemahnt  hatte,  und  brachte  in  den  zwei  Jahren  seiner  Amtsführung  nichts
Wesentliches  zustande.  Für  eine  durchgreifende  Umgestaltung  der  fridericianischen
  Gesetzbücher  war  die  Zeit  noch  nicht  gekommen,  und  doch  ging
es  auch  nicht  an,  diese  halb  veraltete  Gesetzgebung,  deren  Mängel  die
        <pb n="230" />
        222  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Krone  selber  nicht  leugnete,  dem  gesamten  Staatsgebiete  aufzuerlegen.
Daher  wurde  zwar  in  den  zurückgewonnenen  alten  Provinzen  das  Land—
recht  nebst  der  altländischen  Gerichtsverfassung  sogleich  wieder  eingeführt,
doch  nicht  ohne  mannigfache  Ausnahmen.  In  Westfalen  sollten  die  Patri—
monialgerichte  nur  da  wiederhergestellt  werden,  wo  die  Berechtigten  aus—
drücklich  darauf  antrugen,  und  dies  geschah  nur  in  vier  Fällen.  In
Posen  verzichtete  man  gänzlich  auf  die  Herstellung  dieser  Gerichte  wegen
der  Unzuverlässigkeit  des  polnischen  Adels,  und  gestattete  außerdem  noch  das
mündliche  Verfahren  für  einfache  Rechtsstreitigkeiten.  In  Sachsen  dagegen,
dem  gelobten  Lande  der  endlosen  Prozesse,  war  jedermann  zufrieden,  als
die  Rechtspflege  schlechthin  auf  altpreußischen  Fuß  gebracht  wurde;  nur  die
zahlreichen  Advokaten  klagten  laut  über  den  Untergang  ihres  Gewerbes.
Neuvorpommern  endlich  behielt  sein  gemeines  Recht  und  das  altberühmte
Greifswalder  Appellationsgericht,  weil  das  Volk  diese  Institutionen  zu
seinen  alten,  im  Kieler  Frieden  bestätigten  Landesfreiheiten  rechnete.

Große  und  unerwartete  Schwierigkeiten  ergaben  sich  bei  der  Neuge—
staltung  der  Rechtspflege  am  Rhein.  Mit  der  vorläufigen  Organisation
der  rheinischen  Gerichte  wurde  der  Präsident  Sethe  beauftragt,  ein  treuer
preußischer  Patriot  aus  dem  clevischen  Lande,  der  einst  schweren  Herzens
in  den  bergischen  Staatsdienst  übergetreten  war  und  dort  das  französische
Recht  gründlich  kennen  gelernt  hatte.  Er  entledigte  sich  seiner  Aufgabe
mit  Einsicht  und  Unparteilichkeit,  unbesorgt  um  den  Zorn  der  feudalen
Partei,  die  ihn  des  Bonapartismus  beschuldigte,  wie  um  die  endlosen
Klagen  des  rheinischen  Volks,  das  noch  von  den  Zeiten  des  Kölnischen
Klüngels  her  gewohnt  war  überall  vetterschaftliche  Durchstecherei  zu  arg—
wöhnen.“)  Bald  nachher,  im  Juni  1816,  trat  in  Köln  unter  Sethes
Vorsitz  eine  Immediatkommission  zusammen,  der  auch  ein  altländischer
Richter,  Simon,  angehörte.  Sie  sollte  prüfen,  ob  es  möglich  sei,  das  rhei—
nische  Recht  mit  dem  preußischen  in  Einklang  zu  bringen,  und  erhielt  von
dem  Könige  die  ausdrückliche  Weisung,  „das  Gute  überall  wo  es  sich  finde
zu  benutzen“.

In  den  ersten  Zeiten  des  Siegesrausches  war  die  Abschaffung  des
Code  Napoleon  von  allen  Patrioten,  auch  von  den  deutschgesinnten  Rhein—
ländern  selbst  als  ein  unabweisbares  Gebot  der  nationalen  Ehre  betrachtet
worden;  alle  Welt  hatte  Savigny  zugestimmt,  als  er  die  fünf  Codes  eine
überstandene  politische  Krankheit  nannte.  Selbst  das  altgermanische  öffent—
lich-mündliche  Verfahren,  das  in  der  französischen  Gesetzgebung  wieder
aufgelebt  war,  galt  den  eifrigen  Teutonen  als  eine  willkürliche  revolutionäre
  Neuerung;  so  vollständig  war  die  vaterländische  Rechtsgeschichte  in
Vergessenheit  geraten.  Mittlerweile  schlug  die  Stimmung  im  Lande  gänzlich
um.  Der  Provinzialgeist  erwachte  und  begann  alles  Bestehende  als  be- 



)Kircheisen  an  Hardenberg,  7.  Dezember  1815,  an  Sethe,  5.  Januar  1816.
        <pb n="231" />
        Das  rheinische  Recht.  223

rechtigte  Eigentümlichkeit  der  Heimat  zu  verherrlichen;  der  Code  war
das  rheinische  Recht,  und  darum  schon  vortrefflich,  wenn  er  nur  nicht  die
Prozeßkosten  gar  zu  hoch  berechnet  hätte.  Sprach  einer  vom  preußischen
Rechte,  so  dachte  das  Volk  sogleich  an  jene  ungeheuerliche  Gerichtsverfassung,
  welche  einst  in  Kurköln  und  Kurtrier  bestanden  hatte;  nimmermehr
durfte  das  Rheinland  in  dies  Chaos  zurücksinken.  Vor  allem  die  Offentlichkeit
  des  Verfahrens  erschien  als  ein  Bollwerk  der  Landesfreiheit;  denn
in  dem  rastlosen  Wechsel  seiner  politischen  Schicksale  hatte  dies  Volk  längst
gelernt,  jeder  Regierung,  weil  sie  regierte,  zu  mißtrauen.  Als  nun  die
Krone,  wie  einst  vor  der  Veröffentlichung  des  Allgemeinen  Landrechts,  alle
Sachverständigen  zur  Einreichung  von  Gutachten  auffordern  ließ,  da  sprach
sich  die  große  Mehrheit  für  die  Erhaltung  der  Codes  aus.  Die  Stadträte
von  Köln,  Trier,  Koblenz,  Cleve  wendeten  sich  unmittelbar  an  den  König,
und  auch  der  Oberpräsident  Solms-Laubach,  ein  Gegner  der  französischen
Gesetzgebung,  erklärte  nachdrücklich,  bei  solcher  Stimmung  der  Provinz  sei,
zum  Mindesten  die  Beseitigung  des  öffentlichen  Verfahrens  unmöglich.“)
Sethe  selbst  wünschte  zwar  lebhaft  die  Rechtseinheit  für  den  gesamten
Staat;  doch  er  sah  auch,  wie  fern  das  Ziel  noch  lag,  und  erkannte  die
großen  Vorzüge  des  neufranzösischen  Rechts  willig  an.  Hervorgegangen
aus  der  Verschmelzung  des  römischen  Rechts  mit  den  großenteils  germanischen
  Coutumes  konnte  der  Code  Napoleon  auf  deutschem  Boden
nicht  schlechthin  als  fremdes  Recht  betrachtet  werden,  da  das  römische  Recht
auch  bei  uns  längst  heimisch  war;  seine  Bestimmtheit  und  Kürze,  seine
Schärfe  und  folgerichtige  Klarheit  hielten  den  Vergleich  mit  der  kasuistischen
Weitschweifigkeit  des  Preußischen  Landrechts  wahrlich  aus,  und  wo  war  in
diesen  ganz  bürgerlichen  rheinischen  Landen  noch  ein  Boden  für  die  Patrimonialgerichte
  oder  für  das  strenge  Ständerecht  der  fridericianischen  Gesetzgebung?


Nach  zweijähriger  Beratung  legte  die  Kommission  dem  Monarchen
die  „Resultate“  ihrer  Verhandlungen  vor:  sie  empfahl,  das  rheinische  Recht
vorläufig,  bis  zur  Revision  der  preußischen  Gesetzbücher,  aufrechtzuerhalten
und  schilderte  in  einem  ausführlichen  Gutachten,  wie  das  Schwurgericht
die  Rechtsidee  im  Volke  lebendig  erhalte,  das  Gesetz  beliebt  mache,  die
Beamtenwillkür  beschränke,  die  Einseitigkeit  der  juristischen  Fachbildung  durch
die  freie  Welt=  und  Menschenkenntnis  der  Laien  ergänze.  Minister  Kircheisen,
  der  in  den  Gedanken  des  altländischen  Richterstandes  lebte  und  webte,
ward  durch  diese  Denkschrift  lebhaft  beunruhigt.  Er  befürchtete  vornehmlich,
daß  in  den  alten  Provinzen  das  Vertrauen  des  Volks  zu  den  Gerichten
sinken  würde  wenn  die  Schwurgerichte  am  Rhein  fortbestünden,  und  wies  in
einer  Entgegnungsschrift  die  „gehässige“  Unterscheidung  von  öffentlichem  und
geheimem  Verfahren  entrüstet  zurück:  auch  in  den  alten  Provinzen  blieben

 

*)  Solms-Laubach,  Darstellung  der  Zustände  in  Jülich-Cleve-Berg,  18.  Aug.  1819.
        <pb n="232" />
        224  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

die  Erkenntnisse  nicht  geheim;  dem  alten  deutschen  Satze  „und  wo  Gerichte
  ist  da  sollen  di  bestin  sin“  werde  in  Preußen,  wo  man  die  Richter  so
sorgfältig  wähle,  vollständiger  genügt  als  in  Frankreich;  in  jeder  Tatfrage
sei  zugleich  eine  Rechtsfrage  enthalten,  die  nur  der  Rechtsgelehrte  ganz
verstehe;  nimmermehr  dürfe  dem  Richter  gestattet  werden,  die  Gesetze  willkürlich
  abzuschwächen  falls  sie  der  Meinung  des  Volks  zu  widersprechen
schienen;  und  wie  könne  der  Staat  auf  das  Recht  verzichten,  einen  Angeklagten
  bei  unvollständigem  Beweise  mit  außerordentlichen  Strafen  zu  belegen?")
  Alle  die  berechtigten  und  unberechtigten  technischen  Bedenken
gegen  das  Schwurgericht,  welche  in  der  alten,  an  bestimmte  Beweisregeln
gewöhnten  Juristenschule  vorherrschten,  stellte  der  Minister  sorgfältig  zusammen.
  Politische  Besorgnisse  hegte  er  nicht;  denn  noch  war  die  Jury
nicht  in  das  Programm  der  liberalen  Parteien  ausgenommen.

Beyme  aber  trat  auf  die  Seite  der  Kommission  und  gewann  die  Zustimmung
  des  Königs.  Das  französische  Recht  blieb  auf  dem  linken  Rheinfer
  und  in  Berg  vorläufig  bestehen,  und  am  21.  Juni  1819  ward  in
Berlin  ein  Kassationshof  für  die  rheinischen  Lande  unter  Sethes  Vorsitz
gebildet.  An  die  Spitze  des  Appellhofes  zu  Köln  trat  der  als  Richter  wie
als  Gelehrter  gleich  ausgezeichnete  Daniels.  Jedermann  am  Rhein  wußte
von  dem  geistreichen  Manne  mit  dem  Sokrateskopfe,  von  seinem  ungeheuren
  Gedächtnis  und  seinem  ulpianischen  Scharfsinn  zu  erzählen.  In
ihm  verkörperte  sich  jene  eigentümliche  Vermittlerrolle  zwischen  deutscher
und  französischer  Bildung,  welche  die  Rheinländer  damals  noch  für  sich
in  Anspruch  nahmen.  Die  Franzosen  selbst  bewunderten  ihn  als  den  gründlichsten
  Kenner  ihrer  Gesetzbücher,  und  doch  blieb  er  ein  deutscher  Jurist,
denn  wer  sich  in  dem  Labyrinthe  des  alten  kurkölnischen  Rechts  zurechtfinden
wollte,  griff  zu  Daniels  vergilbten  Kollegienheften.  Unter  seiner  Leitung
wuchs  allmählich  der  moderne  rheinische  Juristenstand  heran,  reich  an  Talenten,
  stolz  auf  sein  heimisches  Recht  und  auf  die  Kunst  der  forensischen  Beredsamkeit,
  die  hier  allein  eine  Bühne  fand,  aber  auch  sehr  empfänglich  für
die  formale  Staatsweisheit  der  Franzosen,  ohne  Sinn  für  die  berechtigte
Eigenart  des  deutschen  Nordostens  —  eine  ganz  neue  Kraft  im  preußischen
Staatsleben,  deren  Macht  mit  den  Jahren  stieg  seit  der  Liberalismus  anfing
  die  Schwurgerichte  als  ein  Palladium  der  Volksfreiheit  zu  feiern.  —

Uber  allen  den  anderen  drängenden  Sorgen  der  preußischen  Politik
stand  die  Frage,  ob  das  vermessene  Wagnis  einer  hochbegeisterten  kriegerischen
  Zeit,  das  Wehrgesetz  von  1814,  jetzt  in  den  Tagen  der  Abspannung
und  der  Armut  die  Probe  bestehen  würde.  Die  große  Mehrzahl  der  Generale
  hielt  an  den  Gedanken  Scharnhorsts  und  Boyens  unerschütterlich  fest.
Gneisenau  vornehmlich  ward  nicht  müde  die  Landwehr  als  die  „Heil-Anstalt"

 

*)  Kircheisen,  Votum  betr.  die  Organisation  der  Justiz  in  den  Rheinprovinzen,
Juli  1818.
        <pb n="233" />
        Heerwesen.  225

zu  rühmen,  die  allein  den  Staat  inmitten  überlegener  Nachbarn  aufrecht
halten  könne;  keine  andere  Macht  vermöge  sich  diesen  Vorzug  Preußens
anzueignen,  weil  keine  ein  so  treues,  so  opferwilliges  und  gebildetes  Volk
besitze.  Die  fremden  Gesandten  dagegen  äußerten  allesamt  ihre  Be—
denken  gegen  die  neue  Wehrverfassung  —  die  einen,  weil  sie  den  demo—
kratischen  Gedanken  der  allgemeinen  Wehrpflicht  und  die  unberechenbare
Kraft  dieses  Volksheeres  insgeheim  fürchteten,  die  anderen,  weil  sie  die
kühne  Neuerung  wirklich  für  einen  idealistischen  Traum  hielten.  Denn
noch  hatten  Scharnhorsts  Ideen  nirgends  im  Auslande  Anklang  gefunden.
Die  alten  Berufssoldaten  Frankreichs  sahen,  uneingedenk  der  empfangenen
Schläge,  das  preußische  „Kinderheer“  über  die  Achsel  an;  und  Zar  Alexander
sprach  in  gutem  Glauben,  wenn  er  immer  wieder  die  preußischen  Generale
warnte:  mit  solchen  Halbsoldaten  lasse  sich  weder  ein  Krieg  führen  noch
ein  Aufstand  niederschlagen.

Sogar  die  hohen  Beamten  waren  durch  jene  beredte  Denkschrift  Boyens
noch  keineswegs  ganz  gewonnen.  Während  Bülow  und  Beyme  offen  die
Rückkehr  zu  dem  alten  Heerwesen  verlangten,  ergingen  sich  andere,  ohne
Unterschied  der  Partei,  in  naiven  Vorschlägen  zur  Erleichterung  der  höheren
Stände.  Schuckmann  hielt  für  unzweifelhaft,  daß  ein  gebildeter  junger
Mann  in  höchstens  sechs  Wochen  zum  brauchbaren  Infanteristen  erzogen
werden  könne,  Solms-Laubach  riet,  die  akademische  Jugend  von  Bonn  und
Düsseldorf  nur  zu  einigen  Sonntagsübungen  einzuberufen.  Schön  blickte
mit  philosophischem  Hochmut  auf  die  Paradekünste  der  Kriegshandwerker
nieder;  er  wollte  alle  Offiziere  der  Landwehr  bis  zum  Obersten  hinauf  durch
die  Kreisstände  wählen  lassen  und  meinte,  drei  Tage  Ubungen  im  Jahre
genügten  vollauf  zur  Schulung  eines  Freiwilligen.)  So  tief  war  jene  Geringschätzung
  der  streng  militärischen  Ausbildung,  die  aus  Rottecks  Schriften
sprach,  bis  in  die  Kreise  der  Staatsmänner  hineingedrungen.  Unter  den
namhaften  Publizisten  Preußens  fand  sich  kaum  einer,  der  ein  Verständnis
zeigte  für  die  Voraussetzungen  eines  kriegstüchtigen  Heerwesens.  Selbst
der  verständige  rheinische  Patriot  Benzenberg  schrieb  seinem  Gönner
Gneisenau  kurzab,  bei  Belle  Alliance  habe  das  Volk  gelernt,  wie  unnötig
die  Quälerei  des  Drillplatzes  sei.  Arndt  wollte  sich  in  Friedenszeiten  womöglich
  mit  einem  stehenden  Generalstabe  begnügen;  das  übrige  werde  die
Landwehr  tun.  Der  nicht  minder  patriotische  Verfasser  der  vielgelesenen
Schrift  „Preußen  über  Alles  wenn  es  will“  (1817)  hielt  ebenfalls  das
stehende  Heer  für  überflüssig  und  dachte  mit  einer  von  den  Gemeinden
unterhaltenen  Landwehr  auszukommen.  Auch  die  Partikularisten,  die  für
die  Quotisierung  der  Steuern  schwärmten,  suchten  das  Volksheer  für  ihre
Zwecke  auszubeuten  und  empfahlen  die  Bildung  von  zehn  selbständigen

 

*)  Eingaben  an  Hardenberg:  von  Schuckmann,  11.  Juli  1817,  von  Schön,  21.  Juni,
von  Solms-Laubach,  21.  Sept.  1818.  Schön  an  General  Borstell,  29.  Juni  1818.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  U.  15
        <pb n="234" />
        226  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Provinzial-Landwehrkorps  unter  der  Aufsicht  der  Provinzialstände.  Mit
verdächtigem  Eifer  griff  namentlich  der  polnische  Adel  diesen  Gedanken  auf.
„Ohne  Nationalität  ist  die  Landwehr  unausführbar“  —  so  hieß  es  in
wiederholten  Eingaben  des  Herrn  von  Bojanowsky  und  anderer  Grundherren
Posens;  gewähre  der  König  dem  Großherzogtum  eine  selbständige  Land—
wehr,  so  würden  die  polnischen  Edelleute  freudig  zu  den  Fahnen  eilen.“)

Als  man  mit  der  Ausführung  des  Wehrgesetzes  begann,  zeigte  sich
wider  Erwarten  am  Rhein  der  geringste  Widerstand:  die  kleinen  Leute
dort  begrüßten  die  kurze  Dienstzeit  als  eine  Erleichterung  nach  der  harten
napoleonischen  Konskription,  auch  die  höheren  Stände  ertrugen  die  Wehr—
pflicht  ohne  Murren,  weil  sie  der  Idee  der  allgemeinen  Rechtsgleichheit
entsprach.  Um  so  lauter  lärmten  die  vormals  bevorrechteten  Klassen  im
Osten:  die  kantonfreien  großen  Städte,  der  stolze  Adel  von  Neuvorpommern
und  Sachsen.  Dreimal  baten  die  Stadtverordneten  von  Berlin  trotzig  um
Wiederherstellung  der  alten  Militärfreiheit  ihrer  Kommune,  bis  der  König
drohte  die  Namen  der  Unterzeichner  in  den  Zeitungen  zu  veröffentlichen;
und  als  im  Sommer  1817  die  Breslauer  Landwehr  den  Fahneneid  schwören
sollte,  da  brachen  gar  Straßenunruhen  aus,  an  denen  freilich  das  Ungeschick
einzelner  Beamten  und  die  altberüchtigte  Rauflust  des  Breslauer  Pöbels
mehr  Anteil  hatten  als  die  Widersetzlichkeit  der  Wehrmänner.  Nur  die
Macht  der  absoluten  Krone  konnte  sich  durch  dies  Gestrüpp  des  Widerspruchs
  einen  Weg  bahnen  und  die  Grundlagen  der  neuen  Heeresverfassung
  für  Deutschland  retten;  ein  allgemeiner  preußischer  Landtag,  in
solchem  Augenblicke  berufen,  hätte  ohne  Zweifel  sofort  den  Kampf  gegen  die
allgemeine  Wehrpflicht  begonnen.

Beim  Fortschreiten  des  Werkes  ergaben  sich  indes  ernste  technische
Schwierigkeiten,  welche  alle  Zweifel  und  Bedenken  des  Auslandes  zu  bestätigen
  schienen.  Schon  die  Anschaffung  der  Waffenvorräte  für  die  Landwehr
  konnte  bei  dem  trostlosen  Zustande  der  Finanzen  nur  langsam  gelingen.
  Für  das  erste  Aufgebot  hatte  Boyen  in  beständigem  Kampfe  mit
dem  Finanzminister  endlich  die  nötigen  Mittel  gewonnen,  so  daß  im
Dezember  1819  an  dem  vorgeschriebenen  Waffenbestande  nur  noch  8415
Gewehre  fehlten;  viele  Kreise  statteten  ihre  Wehrmänner  freiwillig  mit
Seitengewehren  und  Ulanen-Tschapkas  aus.  Aber  für  das  zweite  Aufgebot
  war  noch  fast  gar  nichts  geschehen,  ihm  fehlten  von  174,080  Gewehren
noch  135,559.757)

Dieselbe  Not  verschuldete  auch,  daß  die  Stärke  des  stehenden  Heeres
von  vornherein  zu  niedrig  bemessen  wurde.  Das  Wehrgesetz  hatte  versprochen,
  die  Zahl  der  Linientruppen  werde  sich  nach  den  jedesmaligen
Staatsverhältnissen  richten.  Die  ergänzende  neue  Landwehrordnung  vom

 

)  Klewitz,  Bericht  aus  Posen,  24.  Sept.  1817.
*)  Waffenrapport  der  Landwehr  vom  Dezember  1819.
        <pb n="235" />
        Die  Landwehr-Ordnung.  227

21.  Novbr.  1815  sagte  noch  bescheidener:  „an  den  mäßigen  Umfang  des
stehenden  Heeres  schließt  sich  künftig  die  Landwehr.“  Die  Friedensstärke
des  Heeres  ward  demnach  vorläufig  auf  kaum  ein  Prozent  der  Bevölkerung
festgestellt;  sie  betrug,  mit  Einschluß  des  Armeekorps  in  Frankreich,  115,000
Mann,  nicht  mehr  als  im  Jahre  1806.  Allerdings  erhielt  die  eingestellte
Mannschaft  jetzt  in  dreijährigem  ununterbrochenem  Dienste  eine  weit  sorgfältigere
  Schulung  als  einst  in  den  letzten  Zeiten  der  alten  Heeresverfassung,
  wo  die  Beurlaubungen  so  sehr  überhand  nahmen,  daß  die  Mehrzahl
  der  Soldaten  trotz  der  zwanzigjährigen  Dienstpflicht  nur  etwa  22  Monate
unter  den  Fahnen  blieb.  Auch  die  Vereinigung  des  Heeres  in  den  Festungen
und  größeren  Städten  kam  der  Ausbildung  der  Truppen  zu  statten  und
blieb  aufrecht,  obwohl  die  verlassenen  kleinen  Garnisonen  den  Thron  mit
Bitten  bestürmten.  Aber  für  die  militärische  Erziehung  der  gesamten
wehrfähigen  Jugend  reichte  diese  schwache  Friedensarmee  mit  ihren  38
(später  44)  Infanterie-Regimentern  nicht  entfernt  aus.  Sie  konnte  ihrer
Aufgabe  um  so  weniger  genügen,  da  die  Bevölkerung  sehr  schnell  zunahm,
wie  dies  bei  kräftigen  Nationen  nach  dem  Abschluß  verheerender  Kriege
regelmäßig  geschieht.  UÜberdies  bestand  noch  ein  volles  Drittel  des  stehenden
Heeres  aus  Kapitulanten,  die  freiwillig  über  drei  Jahre  hinaus  dienten;
die  alten  Gewohnheiten  des  Berufssoldatentums  wirkten  noch  nach,  und
in  der  erwerblosen  Zeit  erschien  der  Militärdienst  vielen  als  eine  leidliche
Versorgung.  Ein  sehr  großer  Teil  der  Wehrfähigen  mußte  also  zurückgestellt
  werden,  wobei  denn  anfangs  manche  erbitternde  Willkür  mit  unterlief:
  hier  wurden  die  Überzähligen  durch  eine  gutmütige  Ersatzkommission
ganz  von  der  Dienstpflicht  entbunden,  dort  wählte  ein  Offizier,  dem  die
altpreußische  Vorliebe  für  die  langen  Kerle  noch  in  den  Gliedern  lag,  die
Mannschaften  nach  der  Größe  aus.  Endlich  führte  man  das  Losen  ein
und  ließ  die  Freigelosten  als  Landwehrrekruten  drei  Monate  lang  durch
abkommandierte  Offiziere  der  Linie  notdürftig  einüben,  um  sie  dann  der
Landwehr  zuzuweisen.

Die  Landwehr  bestand  mithin  zum  Teil  aus  alten  Soldaten,  zum
Teil  aus  wenig  geübten  Krümpern,  und  ihr  Offizierskorps,  das  noch  ganz
selbständig  neben  der  Linie  stand,  verschlechterte  sich  von  Jahr  zu  Jahr:
die  Kriegskundigen  schieden  allmählich  aus,  die  jungen  Freiwilligen  aber,
welche  nunmehr  nach  einjährigem  Dienste  und  einigen  kurzen  Ubungen
in  die  Offiziersstellen  einrückten,  zeigten  sich  zuweilen  noch  unerfahrener
als  die  Mannschaft  selbst.  Das  einzige  verbindende  Glied  zwischen  der  Linie
und  der  Landwehr  bildeten  die  den  kommandierenden  Generalen  der  Linie
untergeordneten  Landwehrinspekteure,  je  einer  in  jedem  Regierungsbezirk.
Der  König  tat  das  Seine  um  das  militärische  Selbstgefühl  der  Landwehr
  zu  heben;  er  verlieh  ihr  Fahnen,  bildete  eine  Gardelandwehr,  ernannte
  die  königlichen  Prinzen  zu  Chefs  der  Gardelandwehr-Schwadronen.
Die  Generale  gewöhnten  sich  die  Landwehr  nach  den  Ubungen  mit  reichen

15“
        <pb n="236" />
        228  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Lobsprüchen  zu  überhäufen,  die  von  der  strengen  Zucht  der  Linie  seltsam
abstachen.  Im  Volke  hatten  sich  die  alten  Märchen  von  den  Landwehrschlachten
  des  Befreiungskrieges  allmählich  fest  eingenistet;  die  Landwehr
galt  als  das  eigentliche  Volksheer,  als  die  feste  Säule  der  preußischen
Macht;  alle  Welt  strömte  in  festlichem  Jubel  zusammen  wenn  sie  ihre
Ubungen  hielt,  und  die  Bureaukratie  teilte  diese  Vorliebe,  da  ein  großer
Teil  der  Landwehroffiziere  aus  dem  Beamtentum  hervorging.

Dem  sicheren  Soldatenblicke  des  Königs  entging  gleichwohl  nicht,  wie
viel  dieser  volkstümlichen  Truppe  noch  zur  vollen  Kriegstüchtigkeit  fehlte;
selbst  General  Kleist  und  andere  Freunde  der  Landwehr  konnten  dem  Kriegsherrn
  nicht  verhehlen,  daß  die  Reiterei  wenig  genügte  und  auch  das  Fußvolk
  bei  größeren  Ubungen  nur  unter  der  Leitung  abkommandierter  Linienoffiziere
  Tüchtiges  leistete.)  Und  doch  mußte  die  Reservearmee,  wegen
der  Kleinheit  des  Linienheers,  beim  Ausbruch  eines  Krieges  sofort  gegen
den  Feind  geführt  werden.  Was  im  Sommer  1813  nur  die  äußerste
Not  erzwungen  hatte,  sollte  jetzt  die  Regel  bilden.  Trat  die  Mobilmachung
ein,  so  ward  die  Feldarmee  sofort  auf  298,000  Mann  verstärkt,  wovon
die  größere  Hälfte  (sieben  Jahrgänge  unter  zwölf)  aus  Landwehren  ersten
Aufgebotes  bestand;  selbst  wenn  nur  eine  diplomatisch-militärische  Drohung
beabsichtigt  war,  sah  sich  der  Staat  gezwungen  sogleich  alle  Wehrpflichtigen
bis  zum  zweiunddreißigsten  Lebensjahre  hinauf  unter  die  Fahnen  zu  rufen,
tausende  von  Familien  ihrer  Ernährer  zu  berauben,  das  gesamte  bürgerliche
  Leben  schwer  zu  schädigen.  Zwar  mußte,  bei  dem  schwerfälligen
Verkehre  jener  Zeit,  der  größte  Teil  des  Heeres  volle  fünf  Wochen  auf
dem  Marsche  verbringen  bevor  er  den  Feind  erreichen  konnte;  aber  genügte
diese  kurze  Frist  um  die  mangelhafte  Ausbildung  der  Landwehrrekruten
zu  ergänzen?  Und  wie  viel  ungünstiger  hatte  sich  doch  die  militärische
Lage  des  Staatsgebietes  gestaltet;  der  Staat  war  nicht  mehr  durch  seine
alten  Vorlande,  Polen  und  das  Rheingebiet,  gegen  den  ersten  Ansturm
der  Feinde  gedeckt,  er  grenzte  jetzt  unmittelbar  an  drei  Großmächte.  Grundes
genug  zu  schweren  Bedenken.  Unablässig,  in  tiefer  Besorgnis,  suchte  der
König  nach  der  rechten  Antwort  auf  alle  die  militärischen,  politischen  und
volkswirtschaftlichen  Fragen,  welche  das  große  Problem  der  allgemeinen
Wehrpflicht  umfaßte,  und  besprach  sich  darüber  mit  dem  getreuen  Witzleben.
  An  dem  häßlichsten  Mangel  des  neuen  Systems,  an  der  Unmöglichkeit,
  die  gesamte  Jugend  durch  die  Schule  des  Heeres  gehen  zu  lassen,
ließ  sich  leider  für  jetzt  nichts  ändern;  eine  so  beträchtliche  Vermehrung
der  Linie  konnte  weder  der  Staatshaushalt  noch  der  Volkswohlstand  ertragen.
  Aber  gab  es  kein  Mittel  um  die  Landwehr  schon  im  Frieden  so
fest  mit  der  Linie  zu  verbinden,  daß  die  Feldarmee  nicht  mehr  in  zwei
ganz  ungleichartige  Hälften  zerfiel?  Die  Organisatoren  des  preußischen

 

*)  Kleists  Bericht  an  den  König  über  die  Landwehrübungen  in  Sachsen,  24.  Nov.  1817.
        <pb n="237" />
        Linie  und  Landwehr.  229

Heeres  standen  wieder  vor  der  nämlichen  Aufgabe,  welche  einst  Carnot  in
seiner  Weise  gelöst  hatte  als  er  aus  den  weißen  Linienregimentern  der
Bourbonen  und  den  blauen  Nationalgarden  der  Republik  seine  neuen
Halbbrigaden  zusammenschmolz.

Bei  diesen  Beratungen  ergab  sich  bald  eine  Meinungsverschieden—
heit  zwischen  dem  König  und  dem  Kriegsminister.  Boyen  überschätzte  doch
die  Kriegstüchtigkeit  seiner  Landwehr,  obschon  er  natürlich  die  volkstüm—
lichen  Fabeln  nicht  glaubte.  Er  urteilte  nach  seinen  Erfahrungen  beim
Bülowschen  Korps;  hier  war  die  Landwehr  immer  gut  beisammen  ge—
blieben,  da  sie  erst  unter  Bernadottes  schlaffer  Führung,  dann  auf  dem
bequemen  holländischen  Feldzuge  nur  selten  zu  Gewaltmärschen  und  außer—
ordentlichen  Strapazen  gezwungen  wurde.  Dem  Könige  dagegen  stand
noch  in  frischer  Erinnerung,  wie  haltlos  die  Landwehr  des  Kleistschen
Korps  während  der  furchtbaren  Regentage  nach  der  Dresdner  Schlacht
sich  gezeigt;  er  wußte  auch,  daß  im  Feldzuge  von  1815  drei  Viertel  der
Versprengten  der  Landwehr  angehört  hatten.  Um  die  Wiederkehr  solchen
Unheils  zu  verhüten,  wollte  der  König  die  Landwehr  stets  mit  der  Linie
vereinigt  ihre  Übungen  abhalten  lassen,  je  eine  Brigade  der  Linie  und
der  Landwehr  zu  einer  Division  verbinden,  zahlreiche  Offiziere  der  Linie
zur  Landwehr  abkommandieren  und  die  höheren  Stellen  regelmäßig  nur
Linienoffizieren  anvertrauen,  während  Boyen  die  vollständige  Trennung
der  beiden  Offizierskorps  beizubehalten  riet,  damit  Reibungen  zwischen
Militär  und  Zivil  verhütet  wurden  und  der  eigentümliche  Geist  der  Landwehr
  ungestört  bliebe.

Mittlerweile  wagte  Herzog  Karl  von  Mecklenburg  den  ersten  offenen
Angriff  gegen  die  Grundlagen  des  neuen  Heerwesens.  Er  überreichte  um
Neujahr  1818  seinem  königlichen  Schwager  eine  lange  Denkschrift,  welche
ohne  eigene  Vorschläge  aufzustellen  mit  düsteren  Farben  die  schweren  den
Thron  bedrohenden  Gefahren  schilderte,  die  Zügellosigkeit  der  Presse,  den
Übermut  der  Studenten  und  vor  allem  die  Boyensche  Heeresverfassung:
sie  drücke  den  Aufrührern  die  Waffen  in  die  Hände;  selbst  der  Landwehrzeughäuser
  war  nicht  vergessen,  die  so  leicht  einem  meuternden  Haufen
zur  Beute  fallen  könnten.))  Die  reaktionäre  Partei  wagte  sich  endlich
mit  ihren  Herzenswünschen  heraus.  Auch  Knresebeck  stimmte  dem  Herzog
bei,  und  sogar  dem  tapferen  Prinzen  August,  der  einst  unter  den  ersten
den  Gedanken  der  allgemeinen  Wehrpflicht  verteidigt  hatte,  erschienen
jetzt  die  unleugbaren  Mängel  der  Landwehrordnung  so  bedenklich,  daß  er
die  Umkehr  zu  dem  alten  Beurlaubungssysteme  empfahl.  Mit  dem  ganzen
Unwillen  seines  ehrlichen  Herzens  wendete  sich  Witzleben  gegen  die  Männer,
„welche  den  Regenten  vom  Volke,  das  Haupt  vom  Rumpfe  zu  trennen

 

*)  Der  wesentliche  Inhalt  dieser  Denkschrift  erhellt  aus  Witzlebens  Entgegnungsschrift
  vom  25.  Januar  1818  (bei  Dorow,  Witzleben,  S.  93).  Die  Person  ihres  Verfassers
  ergibt  sich  aus  einer  Bemerkung  in  Witzlebens  Tagebuch,  Mai  1819.
        <pb n="238" />
        230  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

beabsichtigen“.  Die  allgemeine  Dienstpflicht  —  so  schrieb  er  in  einer  beredten
Entgegnung  —  ist  „ein  Band,  welches  das  ganze  Volk  umschließt,  und
dessen  Enden  sich  in  den  Händen  des  Monarchen  befinden“.  Der  König
ließ  sich  durch  die  Warnungen  seines  Schwagers  nicht  beirren,  obwohl  er  in
Augenblicken  der  Verstimmung  allerdings  gestand,  ganz  unbedenklich  sei  es
nicht,  Alle  zu  Soldaten  zu  machen.  Die  Verantwortlichkeit  für  den  schwierigen
  Versuch,  der  ihm  als  die  weitaus  wichtigste  Aufgabe  der  preußischen
Politik  erschien,  lastete  drückend  auf  seinem  Gewissen.  Kein  anderer  Staat,
sagte  er  zu  Witzleben,  legt  seinem  Volke  so  harte  Lasten  auf,  und  dabei
dennoch  keine  Möglichkeit,  ganz  gerecht  zu  verfahren,  alle  Wehrfähigen  einzustellen!?)
  Am  Ende  gab  er  doch  zu,  daß  die  neue  Ordnung  mit  allen
ihren  Mängeln  eine  leidliche  Mittelstellung  einnehme  zwischen  dem  alten
Systeme  und  den  Volksbewaffnungsträumen  der  Dilettanten.  Niemals
ward  er  den  Gedanken  Scharnhorsts  untreu.  Nur  eine  engere  Verbindung
  zwischen  Landwehr  und  Linie  hielt  er  für  unerläßlich;  und  da  Boyen
diesem  wohlberechtigten  Plane  hartnäckig  widerstrebte,  so  entstand  allmählich
  eine  Entfremdung  zwischen  dem  Könige  und  dem  Kriegsminister,  welche
schließlich  zu  Boyens  Sturz  führen  sollte.

Uberraschend  schnell,  nach  wenigen  Jahren  schon  söhnte  sich  das
Volk  mit  der  zuerst  so  widerwillig  ausgenommenen  neuen  Heeresverfassung
völlig  aus.  Die  Gerechtigkeit  des  Grundsatzes  der  allgemeinen  Wehrpflicht
sprang  in  die  Augen;  die  mannhafte  Ansicht,  daß  der  Waffendienst  eine
Ehre  sei,  entsprach  dem  natürlichen  Gefühle  einer  tapferen  Nation;  und
so  schwer  die  Last  drückte,  zerstörend  wirkte  sie  nicht,  da  die  Preußen  bei  der
Eheschließung  und  Niederlassung,  im  Handel  und  Gewerbe  sich  einer  Freiheit
  erfreuten,  die  den  deutschen  Kleinstaaten  noch  fast  unbekannt  war.  Wie
verwundert  hatten  die  alten  Berliner  Bürger  anfangs  den  Kopf  geschüttelt,
wenn  sie  einen  gemeinen  Soldaten  im  eleganten  Wagen  daherfahren  sahen;
bald  ward  der  Einjährige  eine  gewohnte  Erscheinung,  und  ganz  von  selber
stellte  sich  die  Regel  her,  daß  die  Freiwilligen  nicht,  wie  der  Gesetzgeber
erwartete,  bei  den  Jägern  und  Schützen,  sondern  bei  dem  nächstgelegenen
Truppenteile  eintraten  und  also  die  gebildete  Jugend  sich  über  das  ganze
Heer  verteilte.  Die  allgemeine  Wehrpflicht  bewährte  sich  als  das  wirksamste
  Werkzeug  zur  Verschmelzung  der  alten  und  der  neuen  Provinzen.
Die  zahlreichen  sächsischen,  westfälischen,  französischen,  polnischen,  schwedischen
  Offiziere,  welche  namentlich  den  Reiterregimentern  zuströmten,  verwuchsen
  in  gemeinsamer  ernster  Arbeit  rasch  mit  dem  alten  preußischen
Stamme;  denn  seit  alljährlich  fast  ein  Drittel  der  Mannschaft  neu  eintrat,
war  der  Friedensdienst  der  Offiziere  nicht  mehr  wie  einst  ein  beschäftigter
Müßiggang.  In  der  Schule  des  Heeres  wurden  die  verwahrlosten  Söhne
der  polnischen  Landesteile  zur  Ordnung,  Sauberkeit,  Haltung  erzogen,

 

*Witzlebens  Tagebuch,  9.  Mai  1819.
        <pb n="239" />
        Wirkungen  der  allgemeinen  Wehrpflicht.  231

ihrer  viele  auch  erst  in  die  deutsche  Sprache  eingeführt.  Mochte  der
rheinische  Bauer  immerhin  von  seinem  im  Heere  dienenden  Sohne  bedauernd
  sagen:  „er  ist  bei  de  Prüß",  und  mancher  Soldat  aus  der  Provinz
  Sachsen  wehmütig  über  den  „fremden  Dienst“  klagen  —  die  militärische
  Manneszucht  schlug  den  Jungen  doch  gut  an.  Arndts  völkerkundiger
  Blick  bemerkte  bald,  wie  auffällig  sich  die  Jugend  dieser  Provinzen
von  den  Stammgenossen  in  den  Kleinstaaten  zu  unterscheiden  begann.
Hier  noch  ein  gemütliches  bequemes  Philistertum,  dort  das  bei  den  Nachbarn
  übel  berufene,  stramme  „preußische  Wesen“,  eine  kurz  angebundene,
dreiste  Entschlossenheit,  die  zuweilen  sehr  unliebenswürdig  werden  konnte,
aber  dem  Charakter  eines  edlen  Volkes  besser  anstand  als  die  gedrückte
Schüchternheit  der  alten  Zeit  des  ungestörten  häuslichen  Lebens.  Durch
ihr  Heer  gewannen  die  Preußen  wieder,  was  keine  große  Nation  auf  die
Dauer  entbehren  kann,  den  nationalen  Stil,  die  stolze  Sicherheit  des  Auftretens.
  Und  der  Stolz  dieses  Volkes  in  Waffen  war  deutsch  von  Grund
aus;  er  wurzelte  in  dem  Bewußtsein,  daß  am  letzten  Ende  Deutschlands
Schicksal  an  den  schwarzundweißen  Fahnen  hing.  —

Der  Gedanke  der  allgemeinen  Wehrpflicht  entsprang  einem  politischen
Idealismus,  der  an  die  Energie  des  antiken  Staatsbegriffs  erinnerte.  Dieselbe
  freie  und  weitherzige  Auffassung  der  Pflichten  des  Staates  bekundete
sich  auch  in  der  Unterrichtsverwaltung.  Bei  allen,  welche  diese  letzten  Jahre
mit  Bewußtsein  durchlebt  hatten,  stand  die  Uberzeugung  fest,  daß  die  endlich
vollzogene  Versöhnung  des  preußischen  Staates  mit  der  neuen  Bildung  der
Nation  für  immer  dauern  müsse.  Es  galt,  das  mit  der  Stiftung  der
Berliner  Hochschule  begonnene  Werk  weiter  zu  führen,  die  altpreußische
Idee  der  allgemeinen  Schulpflicht  vollständig  zu  verwirklichen,  auch  die
niederen  und  mittleren  Lehranstalten  mit  dem  Geiste  der  neuen  Wissenschaft
  zu  erfüllen  und  also  dem  Staate  Friedrichs  in  dem  geistigen  Leben
der  Nation  eine  seines  Waffenruhms  würdige  Stellung  zu  gewinnen.
In  den  dreiundzwanzig  Jahren  der  Verwaltung  des  Freiherrn  von  Altenstein
  ist  diese  Aufgabe  im  wesentlichen  gelöst  worden.  Der  Staat,  der
so  lange  in  seinen  harten  Daseinskämpfen  die  Wissenschaft  hatte  darben
lassen,  gelangte  allmählich  dahin,  daß  er  nach  Verhältnis  seiner  Mittel  für
die  Volksbildung  mehr  als  irgend  eine  andere  Großmacht  aufwendete  und
seine  Unterrichtsanstalten  den  besten  Europas  vergleichen  durfte;  er  widerlegte
  durch  die  Tat  das  wunderliche,  aus  den  krankhaften  Erfahrungen
der  heimischen  Geschichte  entsprossene  deutsche  Vorurteil,  als  ob  der  Reichtum
  des  geistigen  Lebens  nur  in  der  Enge  kleiner  Staaten  gedeihe.  Ein
geborner  Franke  und  von  Haus  aus  den  liberalen  Ansichten  der  Hardenbergischen
  Beamtenschule  zugetan,  verstand  Altenstein  doch  immer  sich  den
Ideen  überlegener  Köpfe  anzuschmiegen,  so  daß  selbst  Stein,  der  mit  den
fränkischen  Anschauungen  so  wenig  gemein  hatte,  den  geistreichen  Beamten
gern  zum  Entwerfen  seiner  Gesetze  benützte  und  stets  sicher  war  seine
        <pb n="240" />
        232  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

eigenen  Gedanken  in  den  Arbeiten  dieser  gewandten  Feder  treu  wie  in  einem
Spiegel  wiederzufinden.  Als  er  freilich  nach  Steins  Sturz  selber  an  das
Ruder  des  Staates  trat,  da  litt  er  kläglich  Schiffbruch;  sein  feiner  Kopf
täuschte  sich  niemals  über  die  Gefahren  der  Lage,  aber  die  Spannkraft
des  Entschlusses  blieb  dem  Angstlichen  versagt.  Wenn  er  stundenlang
seine  Bedenken  und  Gegenbedenken  vortrug,  ohne  je  ein  Ende  zu  finden,  so
erstaunten  die  Hörer  zugleich  über  die  Hellsichtigkeit  und  die  Unfruchtbarkeit
seines  Geistes.  Späterhin,  beim  zweiten  Pariser  Frieden  leitete  er  die  Zurücknahme
  der  geraubten  Bücher-  und  Kunstschätze  mit  gründlicher  Sach—
kenntnis  und  erregte  durch  seine  reiche  gelehrte  Bildung  zuerst  wieder  die
Aufmerksamkeit  des  Königs,  der  ihm  den  kleinmütigen  Vorschlag  der
Abtretung  Schlesiens  lange  nachgetragen  hatte.  So  geschah  es,  daß  er
bei  dem  Ministerwechsel  von  1817  endlich  den  rechten  Wirkungskreis  für
seine  Begabung  angewiesen  erhielt;  ein  freundliches  Geschick  vergönnte  ihm,
durch  die  Tätigkeit  seines  Alters  das  Andenken  an  die  traurige  Politik
von  1809  schon  bei  der  Mitwelt  fast  zu  verwischen.

In  allen  Fächern  der  Wissenschaft  war  er  zu  Hause,  und  nie  fühlte
er  sich  glücklicher  als  wenn  er  draußen  in  Werder  unter  den  blühenden
Bäumen  seines  Weinbergs  am  Havelufer  beschaulich  seinen  Gedanken  nachgehen
  durfte.  Die  Philosophie  erschien  ihm  als  die  Königin  der  Wissenschaften,
  aber  selbst  in  diesem  seinem  Lieblingsfache  zeigte  er  mehr  weiche
Empfänglichkeit  als  selbständige  Gedanken;  unwillkürlich  folgte  er  den  Strömungen
  der  Zeit  und  wendete  sich  von  Fichtes  Lehren  bald  dem  aufsteigenden
  Gestirne  Hegels  zu.  Er  dachte  groß  von  seinem  neuen  Amte,
dem  „das  Höchste  der  Menschheit“  anvertraut  sei,  und  stellte  sich  die  Aufgabe,
  diesen  Staat  im  Sinne  Hegels  zum  Staate  der  Intelligenz  auszugestalten.
  Jahraus  jahrein  kämpfte  er  unverdrossen  mit  dem  sparsamen
Ladenberg  um  die  Geldmittel;  blieb  die  königliche  Generalkontrolle  unerbittlich,
  dann  half  er  wohl  aus  eigenen  Mitteln  nach  und  zahlte  aus
seiner  Tasche  Pensionen  an  Predigerwitwen,  Reisestipendien  an  junge
Gelehrte  und  Künstler.  Auch  die  Freiheit  der  Forschung  fand  an  dem
milden  Gelehrten  einen  treuen  Beschützer;  wenn  ihn  die  Eiferer  der  Reaktion
  mit  ihren  Klagen  und  Anzeigen  bestürmten,  so  beschwichtigte  er
sie  gelassen  durch  seinen  Lieblingsspruch:  „viele  Übel  der  Zeit  heilt  die
Zeit  selbst."

Für  das  neu  erwachende  religiöse  Leben  zeigte  Altensteins  weltliche
Gesinnung  wenig  Verständnis,  das  Verlangen  nach  einer  freien  evangelischen
  Gemeindeverfassung  schien  ihm  kaum  minder  staatsgefährlich  als  die
Herrschsucht  der  Ultramontanen:  hatte  doch  sein  Hegel  so  klar  erwiesen,  daß
die  Kirche,  das  Reich  der  Vorstellungen,  sich  dem  Reiche  des  Begriffs,  dem
Staate  schlechthin  unterordnen  müsse.  Darum  hielt  er  sich  in  der  Kirchenpolitik
  an  das  gemäßigte  Territorialsystem  des  Landrechts:  das  Staatsoberhaupt
  sollte  die  evangelische  Kirche  nach  evangelischen,  die  katholische  nach
        <pb n="241" />
        Altenstein.  233

katholischen  Grundsätzen  auch  in  ihrem  inneren  Leben  unmittelbar  leiten
und  beide  dem  Charakter  des  Staates  „anzupassen“  suchen.  Jedoch  er
handhabte  sein  System  mit  kluger  Schonung,  in  der  ehrlichen  Absicht,  daß
die  Kirche  selbst  unter  der  wohlwollenden  Vormundschaft  des  Staates  sich
befriedigt  fühlen  sollte,  und  erreichte  in  der  Tat,  daß  der  kirchliche  Frieden
unter  schwierigen  Verhältnissen  zwei  Jahrzehnte  hindurch  fast  ungestört
blieb.  Im  Staatsrate  führte  Altenstein  als  Stellvertreter  des  Staats—
kanzlers  den  Vorsitz,  und  die  heftigen  Parteikämpfe  brachten  den  behut—
samen  Mann  oft  in  Verlegenheit;  mußte  er  sich  entscheiden,  dann  nahm
er  immer  Partei  für  Hardenberg,  dem  er  noch  von  Franken  her  eine  fast
untertänige  Ergebenheit  bewahrte.  Zudem  bedurfte  er  einer  mächtigen
Stütze,  da  Schuckmann  die  Zerteilung  seines  Departements  nicht  ver—
schmerzen  konnte  und  sich  alsbald  mit  den  geheimen  Räten  Kamptz  und
Schultz  zur  Bekämpfung  des  demagogenfreundlichen  neuen  Kultusministers
verschwor.

Als  dieser  in  seinem  Amte  sich  etwas  umgesehen  hatte,  schrieb  er  dem
Staatskanzler:  „mein  ganzes  Departement  ist  beinahe  verholzt  und  eingeschrumpft,
  es  muß  wieder  belebt  und  in  Bewegung  gesetzt  werden.“)
Und  allerdings  hatte  Schuckmann  selbst  sich  um  die  Fragen  des  höheren
Unterrichts,  die  so  weit  über  seinen  Gesichtskreis  hinauslagen,  wenig  bekümmert.
  Unter  den  Räten  dagegen  war  der  Geist  Humboldts  noch
nicht  ausgestorben.  In  der  Unterrichtsabteilung  wirkte  Humboldts  Vertrauter,
  der  geistvolle  Süvern  aus  dem  Teutoburger  Walde,  ein  klassisch
gebildeter  Philolog,  der  einst  mit  Schiller  in  Briefwechsel  gestanden  und
sich  den  Idcalismus  der  großen  Tage  von  Weimar  treu  bewahrt  hatte.
An  der  Spitze  der  geistlichen  Abteilung  stand  der  Schüler  und  Landsmann
  Hamanns,  Nicolovius,  ein  bibelgläubiger  kindlich  frommer  Protestant.
Er  lebte  in  dem  Gedanken  der  Einheit  des  Christentums  und  verstand,
dank  seinem  freundschaftlichen  Verkehre  mit  dem  Kreise  der  Fürstin  Galitzin,
auch  die  sittlichen  Kräfte  der  katholischen  Kirche  gerecht  zu  würdigen.  Viele
Jahre  lang  mit  Goethe  befreundet  folgte  er  dem  literarischen  Schaffen
der  Zeit  mit  freudiger  Empfänglichkeit;  für  die  politische  Reform  war  er
selbst  in  Königsberg  unter  Steins  Leitung  tätig  gewesen.  Allen  Geistlichen
  im  Lande  blieben  die  schönen  Worte  in  guter  Erinnerung,  mit  denen
er  beim  Beginne  des  Befreiungskrieges  die  christlichen  Seelsorger  an  ihre
vaterländische  Pflicht  gemahnt  hatte.

Bei  seinem  Eintritt  fand  Altenstein  eine  schwere  Arbeit  bereits  dem  Abschluß
  nahe,  die  Neugründung  zweier  Hochschulen.  Die  Friedrichs-Universität
in  dem  treuen  Halle  war  während  der  Fremdherrschaft  zweimal  geschlossen
und  sofort  nach  dem  Einzuge  der  Preußen  wieder  eröffnet  worden;  sie
bedurfte  nach  den  Verwüstungen  der  Kriegsjahre  einer  gründlichen  Um- 



*)  Altenstein  an  Hardenberg,  26.  Dezember  1817.
        <pb n="242" />
        234  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

gestaltung,  zumal  da  sie  jetzt  auch  den  thüringischen  Landesteilen  einen
Ersatz  für  die  längst  aufgehobene  Erfurter  Hochschule  bieten  sollte.  Mit
dieser  Aufgabe  verkettete  sich  die  peinliche  Frage,  ob  neben  der  Heimstätte
des  reformatorischen  Pietismus  noch  ihre  alte  Feindin,  die  kursächsische
Fridericiana  im  nahen  Wittenberg  fortbestehen  könne.  Der  Pietät  des
Königs  lag  nichts  ferner  als  die  Absicht  die  Kultur  der  Provinzen  zum
Vorteil  Berlins  zu  verkümmern;  er  hoffte  womöglich  in  jeder  Provinz
eine  blühende  Hochschule  als  den  geistigen  Mittelpunkt  des  landschaftlichen
Sonderlebens  erstehen  zu  sehen,  und  am  wenigsten  die  Wiege  der  Reformation
  wollte  der  treue  Protestant  ohne  dringende  Not  antasten.  Aber
in  dem  unglücklichen  Wittenberg  war  nichts  mehr  zu  zerstören.  Zweihundert
  Jahre  lang  war  die  weiland  glorreichste  aller  deutschen  Universitäten
  nur  ein  Zerrbild  alter  Größe  gewesen,  die  Hochburg  eines  geistlosen
Buchstabenglaubens,  der  ex  cathedra  Lutheri  seine  Bannstrahlen  schleuderte
  und  die  Religion  durch  die  Theologie  ertötete.  Als  gegen  Ausgang
des  achtzehnten  Jahrhunderts  endlich  ein  freierer  Geist  in  den  entweihten
Hörsaal  des  Reformators  einzog,  war  der  Verfall  der  Hochschule  nicht
mehr  aufzuhalten.  Die  Belagerung  von  1813  gab  der  Universität  den
Todesstoß:  die  Studenten  stoben  auseinander,  die  Bibliothek  ward  geflüchtet,
die  akademischen  Gebäude  gingen  in  Flammen  auf,  und  das  kleine  Häuflein
der  Professoren,  das  sich  nach  Schmiedeberg  gerettet  hatte,  legte  dem  sächsischen
  Hofe  selber  die  Frage  vor,  ob  nicht  die  Vereinigung  mit  Leipzig
geboten  sei.

Sollte  Preußen  jetzt  auf  dieser  Trümmerstätte  einen  Neubau  aufführen,
in  einer  zur  Grenzfestung  bestimmten  Stadt,  so  nahe  bei  den  drei  anderen
sächsischen  Universitäten,  die  einander  ohnehin  schon  oft  das  Licht  vertraten?
  Die  lebendige  Gegenwart  forderte  ihr  Recht  vor  der  ruhmvollen
Vergangenheit;  Halle  besaß,  trotz  schwerer  Verluste,  doch  noch  einen  leidlich
  vollständigen  Lehrkörper,  zahlreiche  Institute  und  eine  rasch  wieder
anwachsende  Studentenschaft.  Schweren  Herzens  befahl  der  König  noch
von  Wien  aus,  im  April  1815,  die  Vereinigung  der  beiden  Friedrichs-Universitäten
  in  Halle.  Die  Wittenberger  Professoren  selbst  versuchten
keinen  Widerspruch,  ihrer  sieben  traten  im  Frühjahre  1817  in  die  neue
Universität  Halle-Wittenberg  ein:  das  war  alles  was  von  der  glänzenden
Stiftung  Friedrichs  des  Weisen  noch  übrig  blieb.  Das  Volk  aber  im
Herzogtum  Sachsen  klagte  laut,  als  gerade  im  Jubeljahre  der  Reformation
  die  Hochschule  der  alten  Lutherstadt  in  das  Magdeburgische  übersiedeln
  mußte:  jetzt  haben  die  Preußen  dem  Sachsenlande  das  Herz  ausgebrochen,
  sagte  man  zornig.  Erst  nach  Jahren,  als  die  neue  Doppel-Universität
  unter  Altensteins  sorglicher  Pflege  kräftig  aufgeblüht  war,
begann  man  einzusehen,  daß  der  König  das  Notwendigste  getan  und  die
Provinz  durch  den  Untergang  von  zwei  verlebten  Universitäten  an  geistigen
Kräften  nichts  verloren  hatte.  Nur  die  Stadt  Wittenberg  ließ  sich  durch
        <pb n="243" />
        Halle-Wittenberg.  Bonn.  235

das  Predigerseminar,  das  ihr  zur  Entschädigung  dienen  sollte,  nicht  trösten
und  forderte  noch  ein  Menschenalter  später,  im  Jahre  1848,  von  der  Berliner
  Nationalversammlung  die  Wiederherstellung  der  alten  akademischen
Herrlichkeit.

Den  westlichen  Provinzen  hatte  der  König  schon  bei  der  Besitzergreifung
eine  Universität  versprochen.  Sie  sollte  paritätisch  sein  und  sowohl  das
gänzlich  verfallene  reformierte  Duisburg  wie  die  aufgehobenen  katholischen
Hochschulen  Köln,  Bonn,  Trier  ersetzen,  während  dem  Münsterlande  seine
katholische  Akademie  als  theologische  Fachschule  erhalten  blieb.  Um  den
Sitz  der  rheinischen  Universität  entspann  sich  nun  ein  hitziger  Streit,  der
die  geheimen  Wünsche  der  klerikalen  Partei  des  Westens  zum  ersten  Male
an  den  Tag  brachte.  Köln  war  so  lange  im  Besitze  der  größten  Universität
am  Rheine  gewesen  und  überstrahlte  alle  anderen  Städte  des  Landes  so
weit  durch  seinen  historischen  Ruhm  und  durch  die  Fülle  seiner  Kunstdenkmäler,
  daß  auch  Unbefangene,  wie  Niebuhr,  Schenkendorf  und  der
wackere  kölnische  Sammler  Wallraf  meinten,  nur  hier  könne  das  geistige
Leben  der  Rheinlande  seinen  Brennpunkt  finden.  Friedrich  Schlegel  aber
und  seine  ultramontanen  Freunde  benutzten  den  romantischen  Zauber,
welcher  die  ehrwürdige  Stadt  umschwebte,  als  willkommenen  Vorwand  für
tiefere  Pläne.  Das  heilige  Köln  war  von  alters  her  das  Bollwerk  der
römischen  Partei  im  Reiche,  seine  Bevölkerung,  die  noch  zu  einem  vollen
Drittel  aus  Bettlern  bestand,  durch  dumpfe  Unduldsamkeit  übel  berüchtigt.
Hier  hatten  die  obscuri  viri  des  sechzehnten  Jahrhunderts,  nachher  die
päpstlichen  Legaten  und  die  Jesuiten  ihr  Wesen  getrieben;  hier  im  Schatten
der  erzbischöflichen  Kurie  konnte  eine  evangelische  Fakultät  so  wenig  gedeihen
  wie  die  weltlich  freie  Wissenschaft;  hier  war  nur  Raum  für  eine
rheinische  Provinzialuniversität,  die  den  tiefen  Schlummer  der  Geister  in
der  alten  Pfaffengasse  des  Reichs  nicht  gestört,  die  Versöhmnung  der  Westmark
  mit  dem  protestantischen  Norden  nicht  gefördert  hätte.  „Diejenigen“
—  schrieb  ein  einsichtiger  Rheinländer  an  Hardenberg  —  „welche  so  entschieden
  für  Köln  reden,  verhehlen  es  gar  nicht  in  vertraulicher  Mitteilung,
  daß  sie  dadurch  den  Mittelpunkt  einer  Opposition  bilden  möchten.
Und  welcher  Opposition?  Des  katholischen  Prinzips  gegen  das  protestantische.
  Je  näher  die  Regierung  die  Rheingegenden  kennen  lernen  wird,
desto  weiter  wird  sie  sich  von  dem  Gedanken  entfernen,  nach  Köln  die
rheinische  Universität  zu  verlegen.““!)  Auch  Arndt,  der  an  seinem  deutschen
  Strome  rasch  heimisch  geworden  war,  und  Süvern,  der  soeben  die
neuen  Unterrichtsanstalten  am  Rhein  einrichtete,  warnten  den  Staatskanzler
  vor  dem  pfäffischen  Geiste  der  Bischofsstadt  und  empfahlen  dafür
das  liebliche  Bonn  mit  seinen  verödeten  prächtigen  Schlössern.

*)  Denkschrift  über  die  rheinische  Universität,  dem  Staatskanzler  überreicht  durch
Minister  Klewitz,  20.  Febr.  1817.  Andere  Aktenstücke  bei  H.  v.  Sybel,  Die  Gründung
der  Universität  Bonn  (Kleine  histor.  Schriften  II.  433).
        <pb n="244" />
        II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

1.
□
S.

Dort  in  der  reichen  Talbucht,  dicht  vor  dem  Eingangstore  des  rheinischen
  Wunderlandes  konnte  vielleicht  ein  anderes  Heidelberg  entstehen,
eine  Stätte  freier  Forschung  und  froher  Burschenlust,  ein  Sammelplatz
für  die  deutsche  Jugend  aus  allen  Gauen.  Selbst  der  trockene  Schuckmann
  fühlte  sich  von  einem  Hauche  der  Jugend  angeweht,  als  er  einst  auf
der  Höhe  des  Koblenzer  Tores  zu  dem  Standbilde  des  heiligen  Michael
hinaustrat  und  über  dem  grünen  Strome  und  der  üppigen  Ebene  die  steilen
Gipfel  der  Sieben  Berge  erblickte:  „hier  ist  unser  Ortl“"  rief  er  entzückt.
In  der  kleinen  Stadt  war  die  Universität  die  Herrin  und  einer  ungestörten
  Freiheit  sicher;  hatte  doch  schon  in  den  letzten  kurfürstlichen  Zeiten
zehn  Jahre  lang  in  Bonn  eine  rührige  Hochschule  bestanden,  die  den  freieren
Geist  der  josephinischen  Aufklärung  gegen  den  kölnischen  Klerus  vertrat.
Diese  Erwägungen  schlugen  durch,  und  am  26.  Mai  1818,  an  demselben
Tage,  da  das  neue  Zollgesetz  unterzeichnet  wurde,  bestimmte  der  König
die  Stadt  Bonn  zum  Sitze  der  rheinischen  Hochschule.

Es  war  bereits  die  vierte  Universität,  die  unter  der  Regierung  dieses
Fürsten  gegründet  oder  gänzlich  neu  gestaltet  wurde  —  von  allen  Wohltaten,
welche  das  Rheinland  der  Krone  Preußen  verdankte,  vielleicht  die  größte.
Hier  wieder  bewährte  sich  die  alte  Wahrheit,  daß  die  Bildung  des  Volks
am  letzten  Ende  durch  den  Zustand  der  höchsten  Unterrichtsanstalten  bestimmt
wird.  Bonn  erhielt  in  dem  geistreichen  Schwaben  Rehfues  einen  tätigen,
geschäfts=  und  menschenkundigen  Kurator;  Hüllmann,  Sack,  Nöggerath,
Harleß  und  die  beiden  Welcker  traten  gleich  zu  Anfang  ein,  auch  Arndt
wurde  durch  einen  herzlichen  Brief  Hardenbergs  berufen  „der  Jugend  den
Grundton  für  die  Gesinnung  des  Lebens  zu  geben,“  und  wenige  Jahre
später,  als  Niebuhr  den  Lehrstuhl  bestieg,  stand  die  neue  Universität  bereits
  in  voller  Blüte.  So  wunderbar  hatten  sich  Deutschlands  Geschicke
verschlungen:  erst  der  preußische  Staat,  der  in  dem  jungen  Kolonialboden
des  Nordostens  wurzelte,  führte  diese  Heimatlande  der  ältesten  deutschen
Kultur  zu  der  modernen  Bildung  der  Nation  zurück.  In  Bonn  und  in
den  anderen  Lehranstalten,  die  sich  der  Hochschule  anschlossen,  entstand
zuerst  wieder  ein  freies  Nebeneinanderleben  der  Glaubensbekenntnisse;  die
Mehrzahl  der  Rheinländer  empfing  jetzt  erst  Kunde  von  den  Werken  unserer
klassischen  Literatur,  und  das  reichbegabte  Volk  lebte  sich  in  diese  neue
Welt  so  schnell  ein,  daß  der  Spott  der  Nachbarn  über  die  Unwissenheit  der
alten  Krummstabslande  bald  ganz  verstummte.

Die  rheinische  Hochschule  erforderte  während  der  ersten  Jahre  mehr
Aufwand  als  alle  anderen  Universitäten  insgesamt.  Für  die  mittleren
Lehranstalten  blieben  nur  sehr  bescheidene  Geldmittel  übrig.  Aber  der
unermüdliche  Johannes  Schulze,  den  sich  Altenstein  vom  Rheine  herbeigerufen
  hatte,  wußte  immer  wieder  Rat  zu  schaffen.  Dem  lachte  die
Freude  aus  den  Augen,  so  oft  ein  tüchtiger  Lehrer  für  Preußen  gewonnen
war,  und  wer  ihn  so  mit  heiligem  Eifer  für  die  Wissenschaft  sorgen  sah,
        <pb n="245" />
        Unterrichtswesen.  237

verzieh  dem  feurigen  Manne  gern  seine  blinde  Vorliebe  für  die  neue
Hegelsche  Lehre.  Eine  ganze  Reihe  neuer  Gymnasien  ward  gegründet,
vornehmlich  in  Posen  und  am  Rhein,  im  Jahre  1825  bestanden  ihrer
bereits  133,  und  während  man  anfangs  die  Philologen  von  auswärts
hatte  herbeirufen  müssen,  gewann  der  Name  der  preußischen  Lehramtskandidaten
  bald  überall  ein  gutes  Ansehen  und  Preußen  konnte  den  Nachbarn
  von  seinem  eigenen  Uberfluß  abgeben.  Auch  für  den  Elementarunterricht
  sorgte  Altenstein  zunächst  durch  die  Erziehung  tüchtiger  Schullehrer.
  In  den  zahlreichen  neuen  Seminarien  wuchs  ein  Schulmeisterstand
heran,  der  die  abgedankten  Unteroffiziere  der  fridericianischen  Zeit  an
Kenntnissen  weit  übertraf,  aber  auch  schon  zuweilen  die  Unarten  der  vorlauten
  Halbbildung  zeigte.  Namentlich  die  ostpreußischen  Lehrer,  welche  der
frische,  heitere,  volkstümlich  derbe  Obersachse  Dinter  heranzog,  zeichneten
sich  durch  flachen  Rationalismus  aus.  Ebenso  rührig,  doch  minder  einseitig
  wirkte  Diesterweg  am  Niederrhein.  Nach  einigen  Jahren  schon  konnte
Altenstein  nachweisen,  daß  in  Preußen  mehr  Kinder  die  Schule  besuchten
als  in  irgend  einem  anderen  Großstaate;  gleichwohl  blieben  die  Elementarschulen
  noch  weit  hinter  seinen  Wünschen  zurück.  Im  Westen  setzte  die
niedere  Geistlichkeit  den  Schulbehörden  einen  zähen  stillen  Widerstand  entgegen,
  der  sich  kaum  leichter  überwinden  ließ  als  der  Stumpfsinn  der  Eltern
in  den  polnischen  Landesteilen.  In  den  deutschen  Provinzen  des  Ostens
erschwerte  die  Armut  der  vielen  kleinen  Landgemeinden  jede  Verbesserung.

Dem  hochfliegenden  Idealismus  Süverns  genügte  die  reiche  Tätigkeit
der  Unterrichtsverwaltung  nicht.  Der  treffliche  Mann  überschätzte,  gleich
der  Mehrzahl  der  Zeitgenossen,  den  Wert  jener  allgemeinen  politischen
Programme,  welche  Hardenberg  während  der  ersten  Jahre  seiner  Staatskanzlerschaft
  in  die  preußische  Gesetzgebung  eingeführt  hatte.  Er  hielt  für
nötig,  daß  die  leitenden  Grundsätze  des  Unterrichtswesens  in  ihrem  inneren
Zusammenhange  dem  Volke  dargelegt  würden,  und  beantragte  im  August
1817  die  Abfassung  eines  Schulgesetzes,  das  dem  gesamten  Deutschland
zum  Muster  dienen  sollte.  Hochbegeistert,  mit  einer  Staatsgesinnung,
die  den  Einfluß  platonischer  Ideen  nicht  verkennen  ließ,  trat  er  an  die
Arbeit  heran.  Der  Staat,  so  führte  seine  Denkschrift  aus,  erscheint
selber  als  eine  Erziehungsanstalt  im  großen,  gibt  seinen  Genossen  ein
eigentümliches  Gepräge  des  Geistes  wie  der  Gesinnung;  nicht  auf  die
toten  Kräfte  der  Natur  ist  der  preußische  Staat  gegründet,  sondern  auf  die
lebendigen,  unendlicher  Erhöhung  und  Entwicklung  fähigen  des  Menschengeistes.
  Auch  Altenstein  verlangte  als  methodischer  Philosoph  vor  allem
„einen  großen,  allgemeinen  Plan,“  damit  Preußen  „durch  einen  eigentümlichen
  Charakter  von  Ernst  und  Reife  mit  den  gebildetsten  Völkern
Europas  um  den  Vorrang  buhlen“  könne.  Dem  Könige  entging  nicht,  daß
die  Unterrichtsfrage,  in  so  hohem  Sinne  aufgefaßt,  die  Grundlagen  des
gesamten  Staatslebens  berührte;  darum  wurde  die  Kommission,  welche  das
        <pb n="246" />
        238  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Schulgesetz  entwerfen  sollte,  aus  Mitgliedern  aller  Ministerien  zusam—
mengesetzt;  auch  das  Kriegsministerium  war  durch  General  Wolzogen
vertreten.

Nach  zwanzig  Monaten,  am  27.  Juni  1819  kam  ein  reiflich  durchdachter
  Entwurf  zustande  —  das  erste  jener  zahlreichen  Unterrichtsgesetze,
  an  denen  der  preußische  Staat  sich  bis  zum  heutigen  Tage  vergeblich
  abgemüht  hat.  Aber  als  der  Minister  nunmehr  die  Gutachten
der  Oberpräsidenten  und  der  Bischöfe  einforderte,  da  mußte  er  erfahren,
daß  auf  dem  streitigen  Grenzgebiete  zwischen  Staat  und  Kirche  eine  wohlwollende
  Praxis  leichter  zum  Ziele  gelangt  als  die  unanfechtbare  Doktrin.
Die  vielen  allgemeinen  Sätze  des  Entwurfs  erregten  einen  Sturm  widersprechender
  Ansichten.  Über  die  Teilnahme  der  Kirche  am  Schulwesen
konnte  man  sich  theoretisch  nicht  verständigen,  da  die  Bischöfe  den  Volksunterricht
  als  causa  ecclesiastica  betrachteten,  die  Oberpräsidenten  über
unbillige  Begünstigung  der  Kirche  klagten.  Und  zudem  die  heiklige  Frage,
wie  die  winzigen  Dörfer  des  Ostens  die  schwere  Schullast  aufbringen
sollten.  So  blieb  der  Entwurf  liegen,  und  Altenstein  erklärte  dem  Monarchen,
er  werde  vorläufig  „die  Schulordnung  gewissermaßen  vorbereitend  ins
Leben  setzen“.  Und  diese  tatsächliche  Ausführung  entsprach  im  wesentlichen
  den  Bedürfnissen  der  Zeit.  Der  Minister  behandelte  die  Schulen
gemäß  der  Vorschrift  des  Allgemeinen  Landrechts  (T.  II  Tit.  12)  durchaus
  als  Veranstaltungen  des  Staates  und  hielt  unverbrüchlich  die  drei
Grundgedanken  der  fridericianischen  Unterrichtspolitik  fest:  den  allgemeinen
Schulzwang,  die  Parität  der  Bekenntnisse,  die  Verteilung  der  Schullasten
  auf  alle  Hausväter  des  Schulverbandes.  Der  Religionsunterricht
blieb  nach  wie  vor  die  erste  Pflicht  der  Elementarschule,  und  er  sollte  sich
streng  an  das  kirchliche  Bekenntnis  der  Mehrheit  der  Schulgemeinde  anschließen;
  der  Ortsgeistliche  gehörte  regelmäßig  dem  Schulvorstande  an
und  war  befugt  die  Mängel  zu  rügen,  aber  die  Entscheidung  stand  dem
Staate  allein  zu.  Die  Simultanschulen  begünstigte  der  philosophische
Minister  nicht;  er  wußte,  wie  oft  sie  den  kirchlichen  Frieden  stören,  die
Klarheit  und  Einheit  des  Unterrichts  schädigen,  und  gestattete  sie  nur
wenn  eine  gemischte  Gemeinde  nicht  imstunde  war  für  jedes  Bekenntnis
eine  besondere  Schule  zu  errichten.  Auch  die  Lehrer  der  höheren  Schulen
gehörten  in  der  Regel  einem  Bekenntnis  an;  doch  band  sich  Altenstein
nicht  die  Hände  und  berief,  so  lange  noch  an  katholischen  Lehrern  Mangel
war,  manche  Protestanten  an  die  katholischen  Gymnasien  des  Rheinlands.
Die  Juden  blieben  von  den  Lehrstellen  der  christlichen  Unterrichtsanstalten
gesetzlich  ausgeschlossen.  Also  gelang  es  die  Souveränität  des  Staates  zu
wahren  ohne  das  gute  Recht  der  Kirche  zu  verletzen.  Reibungen  mit  den
kirchlichen  Behörden  kamen  selten  vor,  da  die  Folgen  der  Freizügigkeit  sich
erst  allmählich  zeigten  und  die  Zahl  der  gemischten  Schulgemeinden  noch
nicht  sehr  groß  war.  —
        <pb n="247" />
        Lutheraner  und  Reformierte.  239

Auch  für  das  innere  Leben  der  deutschen  protestantischen  Kirche  wurden
diese  Friedensjahre  eine  Zeit  der  Verjüngung  und  Erneuerung,  wesent—
lich  durch  das  Verdienst  der  preußischen  Krone.  Der  König  erkannte,
gleich  seinem  russischen  Freunde,  in  den  Siegen  der  letzten  Jahre  die
Hand  des  lebendigen  Gottes,  ihm  wollte  er  sich  beugen;  aber  während
Zar  Alexanders  phantastischer  Sinn  durch  die  andächtige  Stimmung  der
Kriegszeit  zu  dem  anspruchsvollen  und  doch  leeren  Plane  der  Heiligen
Allianz  begeistert  wurde,  ging  der  nüchterne  Friedrich  Wilhelm  an  ein
unscheinbares  und  doch  weit  fruchtbareres  Werk:  er  entschloß  sich,  die  reife
Frucht  einer  zweihundertjährigen  friedlichen  Gedankenarbeit  endlich  zu
brechen,  den  frommen  Lieblingsgedanken  seiner  Ahnen,  die  Union  der  evan—
gelischen  Kirchen  Deutschlands  zu  verwirklichen.  Der  alte  unselige  Haß
der  beiden  Schwesternkirchen  des  Protestantismus,  der  einst  die  Siege  der
Gegenreformation,  die  große  Verwüstung  des  dreißigjährigen  Krieges  so
mächtig  gefördert  hatte,  erschien  dem  neuen  Geschlechte  schon  längst  fremd,
fast  unbegreiflich.  Im  bürgerlichen  Leben  ward  der  Gegensatz  kaum  noch
bemerkt;  die  Mischehen  zwischen  Lutheranern  und  Reformierten,  die  noch
in  den  Tagen  des  Thomasius  so  viele  Stürme  theologischer  Entrüstung
hervorgerufen,  galten  jetzt  selbst  in  den  Pfarrerfamilien  für  unbedenklich.
Die  Rationalisten  meinten  allem  Dogmenstreite  entwachsen  zu  sein;  die
Ausläufer  des  Pietismus  betrachteten  die  ewige  Liebe  als  den  großen
Mittelpunkt  des  christlichen  Glaubens,  wie  es  einst  der  junge  Goethe  in
dem  rührenden  „Briefe  eines  Landgeistlichen“  ausgesprochen  hatte;  auch
in  den  Kreisen  der  strengen  Bibelgläubigen  ward  oft  die  Frage  laut,  ob
der  Protestantismus  nicht  wieder  zurückkehren  könne  zu  jener  ungebroche—
nen  Einheit,  die  in  den  Jugendtagen  der  Reformation  sein  Glück  und
sein  Stolz  gewesen  war.  Neuerdings,  schon  seit  dem  Jahre  1802,  war
Schleiermacher  als  der  wissenschaftliche  Wortführer  der  Union  aufgetreten.
Was  den  freiesten  Köpfen  des  siebzehnten  Jahrhunderts,  Calixt  und  Pufen—
dorf,  Spener  und  Leibniz  noch  halb  verhüllt  geblieben,  war  dem  Jünger
der  neuen  Philosophie  geläufig;  er  wußte,  daß  alles  Wissen  von  der  über—
sinnlichen  Welt  nur  annäherndes  Erkennen  ist  und  mithin  verschiedene
Annäherungsversuche  im  Frieden  neben  einander  bestehen  können  falls  sie
nur  den  Boden  der  evangelischen  Freiheit  nicht  verlassen.  Die  reformierte
Kirche,  der  er  angehörte,  suchte  das  Wesen  des  Christentums  in  der  sitt—
lichen  Gestaltung  des  Lebens  und  war  darum  dem  Gedanken  der  „Ein—
heit  des  evangelischen  Namens“  von  jeher  zugänglicher  gewesen  als  der
gemütvolle  dogmatische  Tiefsinn  des  Luthertums.

In  Preußen  hatte  die  Kirchenpolitik  des  Herrscherhauses  seit  langem
bedachtsam  die  Wiedervereinigung  vorbereitet.  Die  Hohenzollern  rechneten
sich  auch  nach  Johann  Sigismunds  Ubertritt  immer  zu  den  Augsburgischen
  Konfessionsverwandten  und  gaben  das  Kirchenregiment  über  die
lutherische  Landeskirche  nicht  aus  der  Hand;  blieb  doch  auch  das  Corpus
        <pb n="248" />
        240  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Evangelicorum  des  Reichstages  beiden  protestantischen  Kirchen  gemeinsam.
Sie  unterdrückten  das  Lästern  und  Schelten  der  lutherischen  Kanzelredner
durch  strenge  Strafen  und  durch  das  Beispiel  ihrer  eigenen  Duldsamkeit;
sie  suchten  aus  der  Dogmatik  der  beiden  Kirchen  alles  zu  entfernen  was  der
Schwesterkirche  Anstoß  geben  konnte,  und  wie  sie  die  harte  Lehre  von  der
Gnadenwahl  in  das  Bekenntnis  ihrer  reformierten  Landeskirche  niemals  auf—
nahmen,  so  setzten  sie  auch  nach  schweren  Kämpfen  durch,  daß  die  Lutheraner
auf  die  Austreibung  des  Teufels  verzichteten.  Schon  Friedrich  Wilhelm  J.
wollte  einen  Unterschied  zwischen  Lutheranern  und  Reformierten  überhaupt
nicht  mehr  anerkennen;  das  seien  dumme  Possen,  meinte  er  kurzab.  Das
Landrecht  verpflichtete  beide  Kirchen,  ihre  Genossen  im  Notfall  wechsel—
seitig  zum  Sakramente  zuzulassen.  Bei  der  Neuordnung  der  Verwaltungsbehörden
  im  Jahre  1808  wurden  sodann  die  sämtlichen  lutherischen
Konsistorien  sowie  das  Kreformierte  irchendirektorium  aufgehoben  und  die
Kirchenangelegenheiten  aller  drei  Konfessionen  einer  besonderen  Abteilung
der  Bezirksregierungen  überwiesen.  Rücksichten  der  Sparsamkeit  gaben
damals  den  Ausschlag.  Indes  erkannte  der  König  bald,  daß  das  Kirchenregiment
  selbständiger  Organe  nicht  entbehren  konnte,  und  stellte  daher
durch  die  Kabinettsordre  vom  30.  April  1815  die  Provinzialkonsistorien
wieder  her,  aber  als  gemeinsame  Behörden  für  beide  evangelische  Kirchen.
Auch  die  am  2.  Januar  1817  neu  gebildeten  Synoden  bestanden  aus
Geistlichen  beider  Bekenntnisse.  Schritt  für  Schritt  näherte  man  sich  also
der  Bildung  einer  großen  evangelischen  Landeskirche.

Von  Jugend  auf,  dank  seinem  Lehrer  Sack,  hatte  Friedrich  Wilhelm
den  Gedanken  der  Union  mit  Liebe  ergriffen.  Tief  gemütlich  wie  er  sein
Verhältnis  zu  seinen  Untertanen  auffaßte,  empfand  er  es  als  ein  schweres
Unglück,  daß  er  trotz  dem  gemeinsamen  evangelischen  Glauben  doch  nicht
der  Kirche  der  Mehrheit  seines  Volkes  angehörte,  daß  die  Kirche  Luthers,
den  er  unter  allen  Reformatoren  am  höchsten  stellte,  nicht  die  seine  war.
Und  dies  Gefühl  ward  nur  mächtiger,  seit  er  in  Königsberg  sich  dem
Rationalismus  abgewendet  hatte.  Die  evangelische  Weissagung  „auf  daß
sie  Alle  eins  seien  gleich  wie  Du,  Vater  in  mir“  erschütterte  ihn  bis  in
die  Tiefen  des  Herzens.  „Nach  meiner  einfältigen  Meinung“,  so  sagte  er
oft  im  Gespräch  mit  geistlichen  Herren,  „ist  der  Abendmahlsstreit  nur  eine
unfruchtbare  theologische  Spitzfindigkeit  neben  dem  schlichten  Bibelglauben
des  ursprünglichen  Christentums.“  Er  betrachtete  die  Union  als  die  Rückkehr
  zu  dem  Geiste  des  Evangeliums  und  erfuhr  mit  Freude,  daß  sein
geliebter  Bischof  Borowsky,  der  fromme,  glaubensstarke  Lutheraner,  dieser
Ansicht  ebenso  günstig  war  wie  sein  reformierter  Lehrer  Sack.  Der  bibelfeste
  Greis,  dessen  freudiger  Zuruf  „dem  Menschen  geschieht  wie  er  glaubt"
den  gebeugten  Fürsten  so  oft  in  kummervollen  Stunden  getröstet  hatte,  war
auch  Kants  Freund  gewesen  und  stand  der  modernen  Wissenschaft  nahe  genug
um  zu  erkennen,  daß  die  Unterscheidungslehren  der  beiden  protestantischen
        <pb n="249" />
        Die  evangelische  Union.  241

Kirchen  für  das  christliche  Bewußtsein  der  Gegenwart  nicht  mehr  die  alte
Bedeutung  besaßen.  An  seinem  Berufe  zur  Begründung  der  Union  zweifelte
der  König  niemals.  Denn  er  dachte  hoch  von  den  Pflichten  des  landes—
herrlichen  Kirchenregiments,  er  wußte,  daß  die  protestantische  Kirche  Deutsch—
lands  manche  der  Tugenden,  die  sie  vor  dem  harten  Sektengeiste  der  Nach—
barlande  voraus  hatte,  ihre  weitherzige  Duldsamkeit  und  ihren  freieren
Weltsinn  zum  guten  Teile  ihrer  Verbindung  mit  der  Staatsgewalt  ver—
dankte;  die  unabhängige  Gemeindeverfassung  des  Calvinismus  kannte  und
liebte  er  wenig.

Schon  nach  dem  ersten  Pariser  Frieden  wurde  eine  theologische  Kom—
mission  beauftragt,  eine  gemeinsame  Liturgie  für  die  Protestanten  Preußens
festzustellen;  nicht  würdiger  als  durch  die  Versöhnung  des  alten  Bruder—
zwistes  glaubte  der  fromme  Fürst  seinen  Dank  für  die  Wunder  dieses
Krieges  erweisen  zu  können.  Nun  kam  das  dritte  Jubeljahr  der  Refor—
mation.  Marheinekes  Reformationsgeschichte  und  zahlreiche  andre  Schriften
erinnerten  die  freudig  erregte  protestantische  Welt  wieder  an  die  ersten,
beiden  Kirchen  gleich  teuren  Taten  Martin  Luthers;  in  Nassau,  wo  die
großen  Uberlieferungen  des  duldsamen  oranischen  Heldengeschlechts  noch
fortlebten,  traten  die  Gemeinden  beider  Bekenntnisse  zu  einer  Landeskirche
zusammen.  Jetzt  schien  auch  dem  Könige  die  Stunde  der  Entscheidung  gekommen.
  Er  selber  wollte  als  vornehmstes  Glied  der  Kirche  zu  seinem
Volke  sprechen  —  denn  er  wisse,  daß  der  Bürger,  der  Bauer  und  die
Armee  auf  das  Wort  ihres  Königs  noch  etwas  gäben  —  und  begnügte
sich  mit  den  einfachen  praktischen  Vorschlägen,  welche  Bischof  Sack  schon
vor  fünf  Jahren  in  seiner  Schrift  über  die  Vereinigung  der  protestantischen
  Kirchenparteien  empfohlen  hatte.  Genug,  wenn  das  Abendmahl  in
sämtlichen  evangelischen  Kirchen  gleichmäßig  nach  dem  alten  biblischen
Ritus  allen  Protestanten  gespendet  und  die  Geistlichen  beider  Bekenntnisse
ohne  Unterschied  zu  allen  Predigerstellen  zugelassen  wurden;  aus  dieser
äußeren  Vereinigung,  die  den  Gewissen  keine  Gewalt  antat,  konnte
dann  im  Laufe  der  Jahre  die  lebendige  Gemeinschaft  der  Gemüter  erwachsen.


Bei  den  Vorarbeiten  ging  dem  Monarchen  sein  Hofbischof  Eylert
an  die  Hand,  eine  jener  schmiegsamen  Prälatennaturen,  welche  der  Kirche
freilich  nicht  durch  den  Mut  des  Bekenners  voranleuchten,  doch  zuweilen,
wie  Thomas  Cranmer,  bei  einem  Werke  der  Vermittlung  ihr  unentbehrlich
  werden.  Der  gewandte  Hofmann  hatte  schon  daheim  in  der  Grafschaft
  Mark,  wo  die  beiden  Konfessionen  bunt  durcheinander  wohnten,
den  Boden  für  die  Union  wohl  vorbereitet  gefunden  und  stand  den  Gedanken
  der  Presbyterialverfassung  näher  als  der  König;  in  seinen  dogmatischen
  Anschauungen  kam  er  niemals  weit  über  den  alten  Rationalismus
hinaus.  Er  entwarf  nunmehr  eine  Ansprache  des  Monarchen  an  die
Konsistorien,  die  den  ersten  Theologen  Berlins  zur  Prüfung  vorgelegt  und

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  1I.  16
        <pb n="250" />
        242  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

darauf  am  27.  Sept.  1817  veröffentlicht  wurde.  In  schlichten  Worten
verkündigte  der  König  seinen  Entschluß,  am  Reformationsfeste  gemeinsam
mit  den  Lutheranern  zum  Abendmahl  zu  gehen;  er  denke  damit  im  Geiste
des  Protestantismus,  nach  den  Absichten  seiner  Vorfahren  und  der  Reformatoren
  selbst  zu  handeln.  Nicht  der  Übergang  der  einen  Kirche  zu
der  andern  sei  beabsichtigt,  sondern  beide  sollten  eine  neu  belebte  evangelischchristliche
  Kirche  werden;  aus  der  Freiheit  eigener  Überzeugung,  nicht  aus
Überredung  oder  Indifferentismus  müsse  die  Wiedervereinigung  hervorgehn.
  Sein  Beispiel,  so  hoffe  er,  werde  wohltuend  auf  alle  protestantischen
  Gemeinden  im  Lande  wirken  und  eine  allgemeine  Nachfolge  im  Geiste
und  in  der  Wahrheit  finden.  Der  Eindruck  der  herzlichen  Ansprache  war
tief  und  nachhaltig.  Die  unter  Schleiermachers  Vorsitze  versammelte  brandenburgische
  Synode  erklärte  sofort  ihre  Zustimmung,  und  der  ehrwürdige
Sack,  der  während  dieser  bewegten  Tage  starb,  schied  von  der  Erde  mit
der  frohen  Ahnung,  daß  die  Saat  seines  Lebens  jetzt  aufging.

Am  31.  Oktober  strömte  überall  im  Lande  das  protestantische  Volk
zu  den  festlich  geschmückten  Kirchen.  In  Berlin  reichte  Schleiermacher
nach  dem  gemeinsamen  Abendmahle  dem  Lutheraner  Marheineke  vor  dem
Altar  die  Hand.  In  der  Potsdamer  Garnisonkirche  empfing  der  König
mit  seinem  Hause  und  unzähligen  Genossen  beider  Bekenntnisse  das  Sakrament;
  tags  darauf  legte  er  in  Wittenberg  den  Grundstein  für  das  Standbild
  des  Reformators.  Welch  ein  Gegensatz  zu  den  beiden  ersten  Jubelfesten
  der  Reformation!  Vor  zweihundert  Jahren  stand  das  Unwetter  des
großen  Krieges  drohend  am  Himmel,  hundert  Jahre  darauf  war  die  Kirche
völlig  verarmt  an  geistiger  Kraft,  und  jetzt  gelang  ihr  wieder  eine  schöpferische
Tat,  eine  Tat  der  Versöhnung.  Das  Erwachen  des  historischen  Sinnes
hatte  auch  auf  das  kirchliche  Leben  segensreich  zurückgewirkt.  Luther  erschien
  seinem  Volke  nicht  mehr,  wie  in  den  Tagen  des  alten  Rationalismus,
bloß  als  der  Bekämpfer  Roms;  das  neue  Geschlecht  begann  auch  die  aufbauende
  Tätigkeit  der  Reformation  wieder  dankbar  zu  würdigen.  Ein
frommer  Sinn  beseelte  unverkennbar  die  meisten  der  Festschriften  des  Tages.
Das  katholische  Volk  nahm  an  der  friedlichen  Feier  wenig  Argernis,  obgleich
  es  an  Hader  nicht  ganz  fehlte  und  die  Streitschrift  des  katholischen
Pfarrers  van  Eß  eine  Reihe  gereizter  Erwiderungen  hervorrief.  Der  Gedanke
  der  Union  ergab  sich  so  notwendig  aus  der  Geschichte  des  deutschen
Protestantismus,  daß  Friedrich  Wilhelms  Beispiel  bald  fast  in  sämtlichen
Gemeinden  seines  Landes  und  dann  auch  in  anderen  deutschen  Staaten
freiwillige  Nachfolge  fand.  Schon  im  August  1818  wurde  in  der  Stiftskirche
  zu  Kaiserslautern  feierlich  verkündigt,  daß  die  Union  für  die  bayrische
Pfalz  durch  Abstimmung  aller  Gemeinden  angenommen  sei,  und  hier  allerdings
  hatte  die  kirchliche  Gleichgültigkeit  einigen  Anteil  an  dem  Gelingen;
viele  der  aufgeklärten  Pfälzer  fragten  einfach,  ob  die  Union  die  Kirchensteuern
  erhöhen  werde,  und  stimmten  zu  sobald  man  sie  darüber  be-
        <pb n="251" />
        Das  Jubelfest  der  Reformation.  243

ruhigte.“)  Dann  folgten  Baden  und  einige  hessische  Provinzen,  kurz  alle
die  deutschen  Landschaften,  in  denen  die  beiden  Kirchen  zahlreich  vertreten
waren.

Dem  glücklichen  Beginne  entsprach  der  Fortgang  des  großen  Unter—
nehmens  nicht  ganz.  Die  Ehrlichkeit  des  Königs  hatte  verschmäht,  den
Streit  der  Bekenntnisse  durch  eine  künstliche  Eintrachtsformel  scheinbar
zu  schlichten;  die  Union  beruhte  auf  der  Hoffnung,  daß  der  Geist  christ—
licher  Liebe  über  die  alten  Unterscheidungslehren  hinwegsehen  und  sie  nicht
mehr  als  ein  Hindernis  der  kirchlichen  Gemeinschaft  betrachten  werde.  Aber
diese  Erwartung  erwies  sich  überall  dort  als  irrig,  wo  die  Lutheraner  noch
fast  ungemischt  zusammen  hausten,  wo  der  Name  der  reformierten  Saker—
menter  noch  als  ein  Schimpfwort  galt  und  die  Union  nicht  als  ein  prak—
tisches  Bedürfnis  empfunden  wurde:  so  in  Sachsen,  in  Mecklenburg,
in  Holstein.  Den  strengen  Lutheranern  erschien  das  fromme  Werk  des
Königs  wie  eine  Empörung  der  Vernunft  gegen  die  Offenbarung;  denn
das  religiöse  Gefühl  verlangt,  gleich  dem  künstlerischen,  überall  nach  der
allerbestimmtesten  Gestaltung  seiner  Ideale  und  fürchtet  leicht  die  Heils—
wahrheit  selber  zu  verlieren  wenn  auch  nur  ein  Buchstabe  der  Schrift
als  unwesentlich  betrachtet  wird.  Mit  leidenschaftlichem  Ungestüm  vertrat
Klaus  Harns  diese  Ansicht  in  den  95  neuen  Thesen,  die  er  zum  Refor—
mationsfeste  hinaussandte.  Dem  glaubenseifrigen  Holsten  stand  das  Bild
Luthers  vor  der  Seele,  wie  er  bei  dem  Marburger  Religionsgespräche  sich
die  Worte  „das  ist  mein  Leib“  groß  auf  den  Tisch  geschrieben  hatte  und
auf  alle  Einwände  starr  erwiderte:  ich  kann  nicht  wider  die  Schrift.  War
damals  —  so  erklärte  Harms  —  Christi  Leib  und  Blut  im  Brot  und
Wein,  so  ist  es  auch  noch  heute  so.  Triumphierend  empfahl  der  sächsische
Oberhofprediger  Ammon  die  neuen  Thesen  als  eine  bittere  Arznei  für
die  Glaubensschwäche  der  Zeit.  Der  Dresdner  Rationalist,  der  nur  welt—
klug  das  Interesse  der  größten  lutherischen  Landeskirche  zu  wahren  suchte,
wurde  freilich  durch  eine  geharnischte  Entgegnung  Schleiermachers  rasch
abgetan;  doch  der  tiefe  Glaubensernst  des  Kieler  Predigers  war  durch
wissenschaftliche  Überlegenheit  nicht  zu  besiegen.  Auch  der  wackere  Super—
intendent  Heubner  in  Wittenberg  versagte  sich  der  Union,  und  bald  er—
wachte  dort  in  den  Lutherlanden  ein  zäher,  stiller  Widerstand,  der,  ent—
sprungen  aus  den  geheimnisvollen  Tiefen  des  Gemütslebens,  mit  schonender
Zartheit  behandelt  werden  mußte.

Von  solcher  Milde  besaß  das  preußische  Kirchenregiment  nur  wenig.
Nimmermehr  freilich  wollte  der  König  die  Gewissen  bedrücken;  doch  je
fester  er  von  seiner  eigenen  Glaubenstreue  überzeugt  war,  um  so  weniger
konnte  er  die  ehrliche  Gesinnung  der  Widerstrebenden  verstehn.  Er  durfte

 

*)  Nach  den  schon  im  1.  Bande  erwähnten  Aufzeichnungen  des  bayrischen  Ober—
konsistorialrats  v.  Schmitt.
16“
        <pb n="252" />
        244  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

sich  sagen,  daß  nur  sein  persönliches  Eingreifen  die  Union  ermöglicht  hatte,
und  war  schmerzlich  überrascht,  als  jetzt  auch  die  alten  Heimatlande  der
deutschen  Synodalverfassung,  die  reformierten  Gemeinden  am  Niederrhein
sich  zu  regen  begannen.  Sie  hießen  die  Union  willkommen,  nur  die  oberst—
bischöfliche  Gewalt  des  Königs  wollten  sie  nicht  anerkennen  —  zum  Entsetzen
  der  Beamten,  die  allesamt  noch  an  den  Lehren  des  Territorialsystems
  festhielten;  selbst  der  wohlmeinende  Solms-Laubach  schrieb  warnend:
diese  Synodalen  von  Jülich-Cleve-Berg  seien  nicht  minder  gefährlich  als
die  Ultramontanen,  „Beide  greifen  dem  Könige  an  Kron'  und  Zepter.“)
Die  ungeahnte  Stärke  dieser  zweifachen  Opposition  ward  erst  offenbar,
als  der  König  nunmehr  unternahm  seiner  Landeskirche  eine  gemeinsame
Agende  zu  geben.  Die  junge  Union  sollte  noch  schwere  Jahre  voll  bitterer
Kämpfe  und  häßlicher  Verirrungen  überstehen  bis  sie  sich  wirklich,  nach
dem  Sinne  ihres  Stifters,  als  ein  Friedenswerk  bewährte.

 

So  schaltete  fast  auf  allen  Gebieten  des  Staatslebens  eine  reiche,  heilsame
  Tätigkeit.  An  dem  mächtigen  Aufsteigen  des  Wohlstandes  und  der
Bildung  während  dieser  langen  Friedenszeit  hatte  das  einsichtige  Schaffen
des  Beamtentums  in  Preußen  wie  im  übrigen  Deutschland  ein  großes,
vielleicht  das  größte  Verdienst,  und  nichts  bekundet  so  deutlich  die  kindliche
politische  Unreisfe  der  Opposition  jener  Tage,  als  der  Vorwurf  der  Unfruchtbarkeit,
  welchen  die  liberale  Presse  gegen  Hardenberg  zu  erheben  pflegte.
Während  der  Staatsrat  über  die  Steuerreform  verhandelte,  begann  in
den  Provinzen,  überall  unter  der  unmittelbaren  Aufsicht  des  Staatskanzlers,
  die  neue  Verwaltung  ihr  Werk  —  eine  Arbeit  der  Wiederherstellung,
schwerer  und  mannigfaltiger  als  die  Aufgaben,  welche  einst  König  Friedrich
nach  dem  siebenjährigen  Kriege  gelöst  hatte.

Nirgends  mußte  die  Pflichttreue  des  Beamtentums  so  harte  Proben
bestehen  wie  in  der  Provinz  Posen.  So  lange  man  noch  auf  die  Erwerbung
  von  Warschau  hoffte,  war  Hardenberg  gewillt  den  polnischen
Provinzen  eine  gewisse  nationale  Selbständigkeit  zu  gewähren.  Diese  gefährlichen
  Pläne  fielen  von  selbst  hinweg,  als  lediglich  der  schmale  Landstrich
  bis  zur  Prosna,  ein  schon  fast  zu  zwei  Fünfteln  von  Deutschen  bewohntes
  Gebiet,  an  Preußen  zurückkam.  Da  die  Wiener  Verträge  die
Krone  nur  ganz  im  allgemeinen  zur  Schonung  des  polnischen  Volkstums
verpflichteten,  so  wurden  die  von  Warschau  abgetretenen  Landschaften  durchaus
  in  derselben  Weise  wie  die  anderen  Erwerbungen  dem  preußischen  Staate
eingefügt  und  leisteten  denselben  Huldigungseid.  Man  erkannte  dies  Gebiet
  nicht  als  unteilbar  an,  sondern  vereinigte  die  Landstriche  um  Thorn

*)  Solms-Laubach,  Bericht  über  die  Zustände  in  Jülich-Cleve-Berg,  August  1819.
        <pb n="253" />
        Provinz  Posen.  245

wieder  mit  ihrer  alten  Heimat,  dem  Ordenslande,  und  bildete  aus  der
Hauptmasse,  nebst  einigen  westpreußischen  Gebietsteilen,  eine  neue  Pro—
vinz;  sie  erhielt  den  Namen  des  Großherzogtums  Posen,  der  staatsrechtlich
ebenso  bedeutungslos  war  wie  die  neuen  Titel  des  Großherzogtums  Nie—
derrhein  und  des  Herzogtums  Sachsen.  Noch  von  Wien  aus  erließ  der
König  eine  Proklamation  an  die  Einwohner,  worin  es  hieß:  „Auch  Ihr
habt  ein  Vaterland  und  mit  ihm  einen  Beweis  meiner  Achtung  für  Eure
Anhänglichkeit  an  dasselbe  erhalten.  Ihr  werdet  meiner  Monarchie  ein—
verleibt  ohne  Eure  Nationalität  verleugnen  zu  dürfen.“  Auch  diese  Worte
erhielten,  wie  in  der  Vorberatung  beim  Staatskanzler  ausdrücklich  zu
Protokoll  erklärt  wurde,  in  keiner  Weise  die  Anerkennung  einer  Sonder—
stellung  der  Provinz.  Um  die  besiegte  Nation  zu  ehren  gewährte  der  König
dem  Großherzogtum  —  als  einzige  Auszeichnung  vor  den  andern  Pro—
vinzen  —  ein  besonderes  Wappen,  den  weißen  Adler  im  Herzschilde  des
preußischen,  und  einen  Statthalter  aus  jagellonischem  Blute,  den  Fürsten
Anton  Radziwill.  Die  Leitung  der  Verwaltung  blieb  jedoch  wie  in  den
übrigen  Provinzen  ausschließlich  dem  Oberpräsidenten  vorbehalten;  der
Statthalter  war  nur  befugt  über  den  Gang  der  Geschäfte  Auskunft  zu
verlangen,  die  Wünsche  der  Einwohner  entgegenzunehmen  und  sie  über
die  Absichten  des  Monarchen  aufzuklären.  Bei  der  Huldigung  am  3.  Aug.
1815  warnte  Fürst  Radziwill  seine  Landsleute  nachdrücklich  vor  gefährlichen
Täuschungen  und  versprach  ihnen  vollen  Anteil  an  der  bürgerlichen  Freiheit,
  welche  Preußen  allen  seinen  Untertanen  gewähre,  auch  Schonung
ihrer  „Eigentümlichkeiten“  in  Sprache,  Sitte  und  Gewohnheit,  aber
keinerlei  Sonderrechte.

Die  neue  Provinz  umfaßte  die  Kernlande  des  alten  Großpolens.  Hier
in  der  vielbesungenen  Siebenhügelstadt  Gnesen  hatte  einst  der  weiße  Adler
gehorstet,  hier  lagen  mehrere  der  teuersten  Heiligtümer  der  polnischen
Geschichte,  das  Adelbertsgrab  in  Gnesen  und  die  Wallfahrtskirche  von
Tremessen,  und  von  jeher  war  der  Adel  Großpolens  durch  die  Wärme
seines  Nationalstolzes  berühmt.  Die  Polen  hatten  unter  allen  Vasallen
Frankreichs  am  längsten,  bis  zu  der  Schlacht  auf  dem  Montmartre  bei
Napoleon  ausgehalten.  Während  der  hundert  Tage  eilten  die  Deutschen
der  Provinz  mit  hellem  Jubel  zu  den  Fahnen,  der  Posener  Adel  aber
trat  sofort  in  geheimen  Verkehr  mit  den  Tuilerien,  und  die  Behörden
mußten  daran  erinnern,  daß  das  Gesetz  den  Landesverrat  mit  dem  Tode
bedrohe.)  Nach  dem  zweiten  Sturze  des  Imperators  richteten  die  Unzufriedenen
  ihre  hoffenden  Blicke  auf  das  nahe  Königreich  Polen  und  seine
neue  Verfassung;  die  geheimen  Sendboten  der  Warschauer  Patrioten
schürten  die  Flamme  der  nationalen  Propaganda  um  so  eifriger,  da  sie
die  Überlegenheit  der  preußischen  Verwaltung  kannten  und  ernstlich  be- 



*)  Zerbonis  Bericht  an  den  Staatskanzler,  21.  Juni  1815.
        <pb n="254" />
        246  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

fürchteten,  die  Provinz  könne  durch  ihren  aufblühenden  Wohlstand  dem
Mutterlande  entfremdet  werden.  Nach  Jahren  noch  tauchte  immer  wieder
das  Gerücht  auf,  der  König  denke  die  Provinz  freiwillig  an  Polen  zurückzu—
geben;  immer  wieder  schwebte  ein  glückverheißender  Glorienschein  um  das
Haupt  der  Mutter  Polens,  der  heiligen  Jungfrau  in  der  Posener  Karme—
literkirche.  Die  Treue  der  polnischen  Beamten  erschien,  nach  dem  großen
Abfall  von  1806,  überaus  zweifelhaft,  und  der  Oberpräsident  Zerboni  riet
dem  Staatskanzler  alles  Ernstes,  ihnen  einen  Revers  abzufordern,  kraft
dessen  sie  sich  selber  für  Verräter  an  ihrer  Nation  erklären  sollten  falls
sie  ihren  Diensteid  brächen.  Hardenberg  aber  lehnte  den  Vorschlag  ab,  weil
die  zweifache  Verpflichtung  den  Gewissenlosen  doch  nicht  zurückhalten  würde.

Nach  kurzer  Zeit  schon  fühlte  sich  der  Statthalter  sehr  unglücklich  in
seinem  glänzenden  und  doch  wenig  einflußreichen  Amte.  Ein  schöner  Mann,
geistreich,  hochherzig,  ritterlich,  vereinigte  er  mit  jener  leichten  geselligen
Anmut,  die  den  polnischen  Edelmann  auszeichnet,  die  gediegene  deutsche
Bildung:  sein  gastfreies  Haus  war  fast  das  einzige  des  hohen  Adels  in
Berlin,  wo  sich  die  vornehme  Welt  mit  den  Künstlern  und  Gelehrten  zu—
sammenfand,  die  Musiker  bewunderten  sein  seelenvolles  Spiel  und  die
sinnige  Romantik  seiner  Kompositionen.  Die  Radziwills  waren  seit  zwei
Jahrhunderten  mit  den  Hohenzollern  mehrfach  verschwägert,  Fürst  Anton
selbst  hatte  sich  mit  der  liebenswürdigen  Prinzessin  Luise  von  Preußen  ver—
mählt  und  stand  dem  Könige  persönlich  nahe.  Doch  er  blieb  Pole  und
setzte  die  Treue,  die  ihn  selbst  erfüllte,  arglos  bei  seinem  Volke  voraus.
„Ich  stehe  Ihnen  dafür“  —  schrieb  er  nach  der  Huldigung  an  Harden—
berg  —  „daß  diese  Provinz  mit  denen,  welche  seit  Jahrhunderten  dem  Zepter
Sr.  Majestät  unterworfen  sind,  in  Liebe  wetteifern  wird.“  Hatte  doch
der  Kanonikus  Kawiecki  in  seiner  Festpredigt  so  rührsam  von  dem  Jagel—
lonenblute  der  Hohenzollern  gesprochen  und  der  Adel  so  brünstig  ver—
sichert:  „schwere  Erfahrungen  haben  uns  gereift!“  Durch  ein  „System
der  Nationalität“,  durch  liebevolles  Eingehen  auf  alle  Wünsche  der  Polen
hoffte  der  Fürst  die  Provinz  am  sichersten  für  Preußen  zu  gewinnen;  indes
ward  er  bald  irr  an  diesen  Plänen,  als  Gneisenau  ihn  warnte  und  er
allmählich  selbst  bemerkte,  wie  mißtrauisch  und  hinterhaltig  seine  eigenen
Landsleute  ihm  begegneten.))  Auch  der  Oberpräsident  Zerboni  di  Sposetti
gelangte  niemals  zu  einer  festen  Haltung  den  Polen  gegenüber.  Der
geistreiche,  leicht  erregte  Feuerkopf  hatte  in  seinen  jungen  Tagen  mit  Hans
von  Held  und  Knesebeck  für  die  Ideale  der  Revolution  geschwärmt;  er  war
noch  immer  ein  erklärter  Liberaler,  dem  Staatskanzler  unbedingt  ergeben,
und  meinte  sich  verpflichtet  die  von  der  liberalen  Welt  gebrandmarkte
Teilung  Polens  durch  nachsichtige  Milde  zu  sühnen.  Im  russischen  Polen
begütert  hatte  er  auch  persönlich  manche  Rücksichten  zu  nehmen.  Zuweilen

 

*.  Radziwill  an  Hardenberg,  9.  Aug.  1815.  Royer  an  Gneisenau,  10.  Mai  1817.
        <pb n="255" />
        Fürst  A.  Radziwill.  Zerboni.  247

ward  er  freilich,  gleich  dem  Statthalter,  selber  besorgt  über  die  Folgen
seines  Systems,  da  er  den  Charakter  der  Polen  schon  vor  Jahren  bei  der
Verwaltung  Südpreußens  gründlich  kennen  gelernt  hatte.

Unbefangene  konnten  über  die  Hintergedanken  des  polnischen  Adels
nicht  im  Zweifel  sein.  Mit  unerhörter  Dreistigkeit  erklärten  seine  Führer
der  Regierung  ins  Gesicht,  daß  ihr  Land  einen  Staat  im  Staate  bilden
solle  bis  zur  dereinstigen  Wiedervereinigung  mit  Warschau.  Selbst  einer
der  Gemäßigten,  General  von  Kosinsky,  der  jetzt  preußische  Uniform  trug
und  mit  dem  Statthalter  viel  verkehrte,  forderte  von  seinem  fürstlichen
Freunde  die  Bildung  einer  rein  „nationalen“  Armee  mit  ausschließlich
polnischen  Offizieren,  da  die  deutschen  von  den  Polen  doch  nur  als
Agenten  der  geheimen  Polizei  betrachtet  würden.  Ein  anderer  Gemäßigter,
Morawsky  sendete  der  Staatskanzlei  eine  lange  Denkschrift  über  die  polnische
  Nation.  Er  hob  an  mit  der  Versicherung:  „wer  die  jetzigen  Polen
mit  denen  von  1806  vergleicht,  irrt  um  ein  ganzes  Jahrhundert.“  Zur
Bestätigung  dieses  Ausspruchs  führte  er  sodann  aus:  die  polnische  Kultur
sei  älter  als  die  deutsche,  wenngleich  neuerdings  die  Tat  das  Wort  verdrängt
  und  die  Fruchtbarkeit  der  polnischen  Literatur  sich  vermindert  habe.
Darauf  warf  er  der  Krone  Preußen  „das  System  des  Verdeutschens  und
Vernationalisierens“  vor  und  beklagte  namentlich,  daß  die  polnische  Geschichte
  in  den  Schulen  nicht  mehr  als  besonderer  Lehrstoff  behandelt
würde:  „seitdem  fangen  die  Mütter  an,  ihren  Säuglingen  die  Nationalgeschichte
  einzuprägen.“  Zum  Schluß  verlangte  er  Bürgschaften  für  den
Bestand  der  polnischen  Nationalität,  vornehmlich  folgende  vier  Punkte:
einen  Statthalter  aus  dem  königlichen  Hause  oder  aus  polnischem  Geschlecht;
  einen  Provinziallandtag,  der  durch  einen  stehenden  Ausschuß  die
Rechte  der  Polen  verteidigen  und  eine  Kommission  zur  Leitung  des  Schulwesens
  wählen  sollte;  alle  Amter,  auch  die  geistlichen  und  Schulstellen,
ausnahmslos  durch  Eingeborene,  auf  Vorschlag  der  Provinzialstände  besetzt;
  endlich  zwei  polnische  Räte,  einen  Zivilbeamten  und  einen  katholischen
  Geistlichen,  die  dem  Könige,  dem  Staatsrate  und  dem  Staatskanzler
  über  die  Posener  Angelegenheiten  Vortrag  halten  müßten.  Ein
dritter  polnischer  Edelmann  übergab  dem  Vertrauten  des  Statthalters,
Major  von  Royer  eine  Denkschrift,  worin  kurzweg  erklärt  ward:  diese  Landschaft
  werde  nicht  eher  eine  preußische  Provinz  als  bis  sie  von  Polen
förmlich  abgetrennt  sei;  bis  dahin  müsse  sie  als  polnisches  Land  behandelt
werden.  Also  dürfe  man  von  den  Polen  keinen  Eid  fordern  —  denn
„diesen  verbrecherischen  Eid  zu  halten  wäre  ein  zweites  Verbrechen“  —
auch  keinen  von  ihnen  irgend  auszeichnen,  da  die  Dekorierten  sich  im
Kampfe  gegen  die  Fremdherrschaft  immer  besonders  hervorgetan  hätten.)

 

*)  Joseph  v.  Marowsky,  Denkschrift  über  die  polnische  Nation,  29.  Dezember  1817.
Mémoire  sur  les  affaires  polonaises,  von  Royer  an  Gneisenau  übersendet,  6.  April  1817.
        <pb n="256" />
        248  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Nicht  lange,  und  den  frechen  Worten  folgte  die  verräterische  Tat.
Im  Jahre  1818  entwarf  General  Dombrowsky  den  Plan  zu  einer  geheimen
  polnischen  Verbrüderung,  die  ein  Jahr  darauf  unter  dem  Namen
der  nationalen  Freimaurerei  ins  Leben  trat.  Die  Behörden  sahen  dem
gesetzwidrigen  Treiben  gelassen  zu  und  schritten  erst  ein,  als  die  Verschworenen,
  aus  dem  Dunkel  ihrer  Logen  heraustretend,  unter  den  Bauern
Freischaren  zu  bilden  versuchten,  welche  den  unzweideutigen  Namen  Sensenmänner
  (Kosiniery)  erhielten.

Die  Absicht  der  Vernichtung  des  Deutschtums,  die  sich  in  jenen
Denkschriften  des  polnischen  Adels  unverhohlen  bekundete,  fand  bei  dem
Statthalter  allerdings  kein  Gehör,  aber  auch  für  die  Forderung  deutscher
Kultur  tat  die  Verwaltung  unmittelbar  nichts.  Mit  peinlicher  Gewissenhaftigkeit
  erfüllte  die  Regierung  ihre  den  Polen  gegebenen  Verheißungen.
Die  alten  Erinnerungen  und  Hoheitszeichen  des  Landes  blieben,  nach  der
großmütigen  preußischen  Art,  unberührt;  noch  heute  prangt  am  Ringe
zu  Posen  das  große  polnische  Wappen  mit  dem  Herzschilde  der  Poniatowskys
dicht  über  dem  Schilderhause  der  preußischen  Wache.  Die  polnischen  Offiziere
  wurden  pensioniert  oder  in  das  preußische  Heer  eingereiht;  auch  von
den  Warschauer  Beamten  nahm  man  eine  große  Zahl  in  den  preußischen
Dienst  auf,  obgleich  viele  des  Schreibens,  die  meisten  des  Deutschen  unkundig
  waren  und  fast  alle  sich  unzuverlässig  zeigten.  Die  Kreisverwaltung
  lag  in  den  Händen  gewählter  Landräte,  die  zumeist  dem  polnischen
Adel  angehörten;  nur  die  gutsherrliche  Polizei  wurde,  zur  großen  Freude
der  Bauern,  vorerst  noch  nicht  wiederhergestellt.  Die  Geschäftssprache  der
Behörden  war  deutsch,  aber  alle  für  das  Publikum  bestimmten  Verhandlungen
  und  Bekanntmachungen  erfolgten  in  der  Sprache,  die  den  Beteiligten
  verständlich  war;  so  ward  auch  in  den  Volksschulen  der  polnischen
  Ortschaften  nur  polnischer  Unterricht  erteilt.

Gleichwohl  schritt  das  Deutschtum  selbst  unter  dieser  bis  zur  Schwäche
langmütigen  Verwaltung  unaufhaltsam  vor.  Sobald  die  bürgerliche  Ordnung
  wiederhergestellt  war,  öffneten  sich  von  selber  die  Schleusen  dem
Strome  der  deutschen  Einwanderung,  der  schon  im  Mittelalter  dies  verwahrloste
  Land  befruchtet  hatte.  Die  Uberlegenheit  deutschen  Fleißes  und
Kapitals  zeigte  sich  überall,  vornehmlich  im  Landbau.  Der  Morgen  mittleren
  Bodens  wurde  zur  Zeit  der  Besitzergreifung  für  1½  Tlr.  verkauft
—  etwa  ebenso  hoch  wie  die  Urwaldländereien  im  fernen  Westen  Nordamerikas.
  Welch  eine  Wandlung  in  diesen  barbarischen  Zuständen,  als
die  Regierung  sich  jetzt  anschickte  die  Agrargesetze  vom  Jahre  1811  einzuführen.
  Umsonst  sendete  der  Adel,  auf  die  „Schreckenskunde  von  dieser
Güterkonfiskation",  eine  klagende  Adresse  an  den  König,  welche  in  naiven
Worten  den  wahren  Charakter  der  gerühmten  sarmatischen  Junkerfreiheit
enthüllte:  „in  den  zügellosen  Ausschweifungen  des  finstern  rohen  Landvolks“
—  hieß  es  da  —  „werden  sich  die  Keime  eines  praktischen  Jakobinismus
        <pb n="257" />
        Das  Deutschtum  in  Posen.  249

entwickeln.““)  Die  Regulierung  der  bäuerlichen  Lasten  wurde,  sehr  langsam
  freilich,  durchgeführt,  zum  Vorteil  des  Adels  selber,  der  sich  jetzt
genötigt  sah  aus  seiner  rohen  Naturalwirtschaft  zur  Geldwirtschaft
überzugehen  und  dabei  durch  die  neue  landwirtschaftliche  Kreditanstalt
(1817)  eine  wirksame  Hilfe  erhielt.

Von  einem  kräftigen  Bürgertum  fanden  sich  kaum  Spuren  in  dieser
städtereichsten  Provinz  der  Monarchie;  selbst  die  Stadt  Posen  war  ein  öder
ungepflasterter  Ort,  ein  Gewirr  von  niederen  schindelgedeckten  Häuschen,
wie  sie  heute  nur  noch  die  Wallischei-Vorstadt  zieren,  mitten  darunter  verfallene
  Kirchen  und  unsaubere  Adelspaläste.  Auch  dies  begann  sich  zu
ändern,  seit  die  deutschen  Bürger  sich  von  Jahr  zu  Jahr  vermehrten  und
in  den  zahlreichen  neugegründeten  Unterrichtsanstalten  eine  Stütze  ihres
Volkstums  fanden.  Das  polnische  Gnesen  wurde  nach  einem  furchtbaren
Brande  großenteils  auf  Kosten  des  Staates  stattlicher  wieder  aufgebaut
und  ehrte  seinen  königlichen  Restaurator  durch  eine  Denkmünze;  noch
schneller  hob  sich  das  deutsche  Bromberg  seit  der  Verkehr  auf  dem  Netze-Kanal
  wieder  frei  ward.  Während  die  Deutschen  andern  Nachbarvölkern
gegenüber  nur  zu  oft  eine  haltlose  Empfänglichkeit  zeigten,  fühlten  sie  sich
hier  im  Slavenlande  allesamt  stolz  als  Herrscher  und  Lehrer,  als  Träger
einer  überlegenen  Gesittung;  kein  Deutscher  lernte  polnisch  wenn  er  nicht
mußte,  denn  was  hatte  diese  arme  Literatur  ihm  zu  bieten?  Auch  der
verblendete  Trotz  der  Polen  arbeitete  den  Deutschen  in  die  Hände.  Der
Statthalter  hatte  versprochen,  daß  den  Eingebornen  bei  gleicher  Befähigung
der  nächste  Anspruch  auf  die  Amter  der  Provinz  zustehen  solle.  Statt
diese  unbedachte  Zusage  auszunutzen  und  sich  in  Breslau,  der  Landesuniversität
  der  neuen  Provinz,  für  den  Staatsdienst  vorzubereiten,  vergeudete
  die  polnische  Jugend  ihre  Kraft  in  den  schlechten  Künsten  der  Geheimbünde.
  So  geschah  es,  daß  der  Nachwuchs  der  Behörden  fast  allein
aus  Deutschen  bestand  und  die  unfähigen  Warschauer  Beamten  allmählich
zur  Seite  geschoben  wurden.

Die  Masse  des  Volks  nahm  an  den  Umtrieben  des  Adels  geringen
Anteil.  Der  polnische  Bauer  wußte  wohl,  daß  sein  Stand  noch  niemals
seit  es  ein  Polen  gab  glücklichere  Tage  gesehen  hatte;  dem  adligen  Pan
traute  er  nicht,  der  grausame  Vogt  der  alten  Zeit  und  die  Karbatsche  mit
dem  eingeknoteten  Blei  blieben  ihm  unvergessen.  Nur  der  konfessionelle
Haß  entfremdete  das  gutmütig  harmlose  Volk  den  preußischen  Beamten.
Denn  der  Klerus  begegnete  der  ketzerischen  Regierung  von  Haus  aus  mit
stillem  Groll;  er  verzieh  ihr  nicht,  daß  sie  die  Klöster  den  strengen  Vorschriften
  des  Landrechts  unterwarf,  daß  sie  überall  Volksschulen  anlegte,  die
in  den  katholischen  Dörfern  bisher  fast  unbekannt  gewesen,  und  für  die
Bildung  der  jungen  Priester  durch  neue  Lehranstalten  sorgte.  Die  Ein-*7)

  Adresse  des  Adels  im  Großherzogtum  Posen  an  den  König,  dem  Minister
von  Klewitz  übergeben,  Sept.  1817.
        <pb n="258" />
        250  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

flüsterungen  der  Kapläne  ließen  die  Dankbarkeit  für  die  Wohltaten  der
preußischen  Herrschaft  nicht  aufkommen,  und  bald  galten  bei  den  Bauern
die  Namen:  katholisch  und  polnisch,  evangelisch  und  deutsch  als  gleichbedeutend.
  Das  Feuer  des  Aufruhrs  glimmte  unter  der  Asche,  aber  erst
nach  wiederholtem  Verrat  der  Polen  entschloß  sich  die  Krone  zu  der  einzigen
  Politik,  welche  dies  bedrohte  Grenzland  dem  Staate  sichern  konnte,
zur  unverhohlenen  Begünstigung  der  deutschen  Kultur.  —

Einfacher  lagen  die  Dinge  in  Preußen.  Wohl  bestand  auch  in  Westpreußen
  eine  Adelspartei,  welche  sehnsüchtig  nach  dem  Restitutor  Polonige
hinüberblickte.  Die  polnischen  Edelleute  in  den  zurückgewonnenen  Gebieten
Michelau  und  Kulmerland  verhielten  sich  so  zweideutig,  daß  der  geistreiche
Präsident  Hippel  kurz  vor  der  Huldigung  in  Thorn  dem  Staatskanzler  schreiben
  mußte:  „leider  kann  ich  eigentlich  Keinen  als  würdig  nennen,  wenn  nicht
durch  Gnadenbezeigungen  Verirrte  bekehrt  und  gewonnen  werden  sollen.“)
Auch  Danzig,  furchtbar  heimgesucht  von  den  Nöten  des  Krieges,  stand
noch  lange  störrisch  dem  Staate  gegenüber,  der  ihm  Frieden  und  Wohlstand
  wiederbrachte.  Wie  hatte  sich  doch  die  schönste  unserer  alten  Städte,
fast  den  Holländern  gleich,  so  ganz  hinausgelebt  aus  der  Gemeinschaft  ihres
Volkes.  Der  dreißigjährige  Krieg,  für  uns  die  Zeit  des  tiefsten  Verfalls,
war  für  Danzig  wie  für  Holland  das  Zeitalter  der  Blüte.  Trotzig  wie
nirgends  auf  deutschem  Boden  war  hier,  im  beständigen  Kampfe  mit
dem  polnischen  Adel,  der  reichsstädtische  Geist  aufgeblüht;  an  dem  Artushofe
  und  den  hochgiebligen  Patrizierhäusern  prangten  überall  die  Bilder
der  republikanischen  Helden  Maccabäus,  Camillus,  Scipio.  Obwohl  von
den  alten  kriegerischen  Stadtjunkergeschlechtern  des  nordischen  Venedig  nur
wenige  die  Stürme  der  napoleonischen  Kriege  überstanden  hatten,  so  gewöhnte
  sich  die  rührige  Handelsstadt  doch  schwer  an  die  Formen  des  modernen
  Beamtenstaates,  und  nach  einem  Menschenalter  rechnete  sich  der
Danziger  von  altem  Schrot  und  Korn  noch  nicht  zu  „den  Preußen“.  Die
Hauptmasse  der  Provinz  dagegen  gehörte  nun  schon  seit  vierzig  Jahren
dem  deutschen  Staate  an  und  hatte  —  das  polnische  Landvolk  nicht  ausgeschlossen
  —  in  schwerer  Zeit  eine  musterhafte  Treue  bewährt.  Vollends
in  Ostpreußen  gedachten  Deutsche,  Litauer  und  Masuren  alle  mit  gleichem
Stolze  des  Königsberger  Landtags  und  ihrer  tapfern  Heurichs.

Beide  Provinzen  hatten  unsäglich  gelitten.  Der  König  bewilligte  den
Grundbesitzern  bedeutende  Mittel  zur  Wiederherstellung  ihrer  Güter,  für
Ostpreußen  allein  3,7  Mill.  Tlr.,  und  ließ  den  Oberpräsidenten  mit  den
Provinzialständen  über  die  Verteilung  verhandeln.  Aber  was  wollten  diese
Summen  bedeuten,  da  der  Gesamtverlust  der  beiden  Provinzen  an
Kriegsschäden  und  Leistungen  seit  1806  von  den  Landständen  auf  152  Mill.
Tlr.  geschätzt  wurde?  Manche  Irrtümer  und  Mißgriffe  liefen  dabei  mit

 

 

*Hippel,  Bericht  an  den  Staatskanzler,  19.  Juli  1815.
        <pb n="259" />
        Ost-  und  Westpreußen.  251

unter,  zumal  in  Westpreußen,  wo  Schön  nach  seiner  despotischen  Art
rücksichtslos  seinem  eigenen  Kopfe  folgte.  Die  großen  Grundherren  zer—
spalteten  sich  in  zwei  Lager;  die  einen  beschuldigten  den  liberalen  Ober—
präsidenten,  daß  er  aus  Haß  gegen  den  Adel  die  alten  Familien  zu  Grunde
gerichtet  habe,  während  die  andern  ihn  ebenso  leidenschaftlich  als  den
Erretter  des  Adels  feierten  und  unbedingt  auf  die  Worte  des  „großen  alt—
preußischen  Staatsmannes“  schwuren.  Da  der  verarmte  Staat  schlechterdings
  nicht  allen  Provinzen  gleichmäßig  gerecht  werden  konnte,  so  gebot  ihm
die  Pflicht  der  Selbsterhaltung,  seine  Hilfe  zumeist  den  noch  ungesicherten
neuen  Gebieten  zuzuwenden  und  die  alten  getreuen  darben  zu  lassen.
Den  grollenden  Danzigern  ward  daher  ein  großer  Teil  ihrer  Kriegsschulden
  vom  Staate  abgenommen,  das  seiner  Schuldenlast  fast  erliegende
Königsberg  rief  vergeblich  um  Hilfe.  In  Ostpreußen  stand  bereits  seit
Anfang  des  Jahrhunderts  der  Landhofmeister  von  Auerswald  an  der  Spitze
der  Verwaltung,  ein  warmer  Freund  der  Bauern,  der  schon  vor  dem  Gesetze
  von  1807  auf  seinen  Gütern  die  Erbuntertänigkeit  aufgehoben  hatte
und  unbefangen  aussprach:  der  große  Grundbesitz  habe  nicht  das  Vertrauen
  der  Nation,  er  sei  ärmer  an  Bildung  als  der  Mittelstand.  Unter
seiner  Leitung  wurde  die  Auseinandersetzung  zwischen  den  Grundherren  und
den  Bauern  während  der  nächsten  Jahre  durchgeführt.  Schön  dagegen
beförderte  in  Westpreußen  vornehmlich  das  Schulwesen  und  den  Wegebau;
darin  erkannte  er  die  beiden  wirksamsten  Mittel  zur  Hebung  des  Deutschtums.
  Vierhundert  Volksschulen  wurden  unter  seiner  Verwaltung  von
den  Gemeinden  und  den  Grundherren  gestiftet.  Den  polnischen  Adel
wußte  er  in  Zucht  zu  halten;  dem  Klerus  gegenüber  vertrat  er  streng,
nicht  ohne  Härte  die  Grundsätze  des  Landrechts  und  wahrte  den  öffentlichen
  Frieden  um  so  erfolgreicher,  da  auch  der  Bischof  Prinz  von  Hohenzollern,
  der  noch  heute  unter  dem  Namen  des  guten  Prinzen  im  Gedächtnis
  des  strenggläubigen  ermeländischen  Volkes  fortlebt,  den  nationalen
Träumen  der  polnischen  Kapläne  nicht  hold  war.  Trotz  der  umsichtigen
Verwaltung  vernarbten  die  Wunden  des  Krieges  hier  in  der  Ostmark  nur
sehr  allmählich;  abgetrennt  von  ihrem  Hinterlande  konnten  die  entlegenen
Küstenstriche  schwer  gesunden.  Wenn  der  deutsche  Grundherr  in  Litauen
von  den  Höhen  des  Memeltals  die  wenigen  armseligen  Flöße  der  polnischen
  Szimken  drunten  auf  dem  mächtigen  Strome  erblickte,  dann  klagte
er,  dies  schöne  Land  gelte  den  Berliner  Bureaus  nur  als  der  große
Remontemarkt  für  die  Reiterregimenter.  Mit  bitteren  Gefühlen  dachten
die  Altpreußen  an  die  bevorzugten  westlichen  Provinzen  und  fragten,  ob
sie  denn  wieder,  wie  in  König  Friedrichs  Tagen,  die  Stiefkinder  der
preußischen  Krone  seien.  —

In  Pommern  gewann  der  neue  Oberpräsident  Sack  das  Vertrauen
der  Bevölkerung  bald  noch  vollständiger  als  vordem  am  Rhein;  selbst  das
unzufriedene  Neuvorpommern  versöhnte  sich  nach  und  nach  mit  dem  deut-
        <pb n="260" />
        252  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

schen  Staate.  Als  die  Preußen  in  Greifswald  einzogen,  sang  der  Poet
des  Landes,  Kosegarten  wehmütig:
Ja,  unter  den  drei  Kronen
Ließ  es  sich  ruhig  wohnen  —

und  allerdings,  die  Strenge  der  monarchischen  Gerechtigkeit  war  dieser
Kornkammer  des  armen  Schwedenreichs,  die  nur  60,296  Taler  Gold  an
direkten  Steuern  zahlte,  bisher  ganz  unbekannt  gewesen.  Während  im
preußischen  Pommern  der  Bauer  durch  die  starke  Hand  des  Königtums
geschützt  wurde,  hatten  hier  die  Krone,  der  Adel,  die  Universität  und  die
Patriziate  der  reichen  Städte  fast  die  gesamte  Bauerschaft  ausgekauft
und,  ähnlich  wie  im  nahen  Mecklenburg,  ein  bequemes  oligarchisches  Re—
giment  eingerichtet.  Als  im  Westfälischen  Frieden  die  Mündungen  der
Weser,  Elbe  und  Oder  an  die  Krone  Schweden  kamen,  errichtete  sie  in  Pom—
mern  die  höchsten  Amter  für  ihre  sämtlichen  deutschen  Provinzen,  und
die  fetten  Pfründen  dieser  für  eine  Million  Untertanen  bestimmten  Be—
hörden,  ein  willkommener  Unterschlupf  für  die  Söhne  der  guten  Familien,
bestanden  nach  anderthalb  Jahrhunderten  unverändert  fort,  als  nur  noch
die  hunderttausend  Deutschen  zwischen  der  Peene  und  der  Ostsee  zu  Schwe—
den  gehörten.  Geringschätzig  blickte  der  Adel  auf  seine  preußischen  Stan—
desgenossen  herab;  hingen  doch  seine  Wappen  im  Ritterhause  zu  Stock—
holm  neben  den  Schildern  der  Torstenson  und  Oxenstierna.  Breit  und
behäbig  lebte  die  Universität  Greifswald  der  Verwaltung  ihrer  großen  Güter,
nur  alle  zwanzig  Jahre  einmal  durch  eine  königliche  Visitation  gestört;
von  den  akademischen  Instituten  der  reichsten  deutschen  Hochschule  stand
freilich  nur  eines,  die  Reitbahn,  in  gutem  Rufe.  Das  stolze  Stralsund
hatte  sich  mit  der  Pracht  seiner  Kirchen,  Rathäuser  und  Beginenhöfe
auch  die  alte  hansische  Freiheit  treu  bewahrt  und  beherrschte  unumschränkt
ein  Gebiet  von  mehr  als  hundert  Ortschaften.  Behutsam  traten  die  preu-Hischen
  Behörden  an  dies  zähe  Sonderleben  heran.  Die  meisten  der  alten
Amter  wurden  trotz  der  Proteste  des  Adels  beseitigt,  nur  das  Greifswalder
  Hohe  Tribunal  blieb  als  bescheidenes  Appellationsgericht  bestehen;
Stralsund  und  die  anderen  größeren  Städte  behielten  ihre  alte  Verfassung,
  doch  mußten  sie,  nach  wiederholter  Verwahrung,  dem  preußischen
Kreisverbande  sich  einfügen.  Nach  zweijährigem  Zögern  wagte  man  auch
das  neue  Zollgesetz  einzuführen.  Sicher  und  stetig  vollzog  sich  die  Verschmelzung.
  Die  Mehrzahl  der  Pächter  und  Gutsuntertanen,  namentlich
  auf  Rügen,  hatte  von  Haus  aus  das  Mißtrauen  der  privilegierten
Klassen  nicht  geteilt  und  freute  sich  bei  den  neuen  Behörden  einigen
Schutz  gegen  die  Willkür  der  Grundherren  zu  finden.)

 

*)  Promemoria  über  die  Reorganisation  von  Neuvorpommern,  von  Karl  Schneider
in  Bergen,  3.  Dez.  1815.  Eingabe  der  Abgeordneten  des  Bauernstandes,  Pächter  Arndt
und  Schulze  Lüders,  an  den  König,  20.  Juli  1816.  —  Bittschrift  von  Bürgermeister
und  Rat  von  Stralsund  an  den  Staatskanzler,  12.  September  1816.
        <pb n="261" />
        Pommern.  253

Weit  härter  als  dies  schwedische  Land  war  das  preußische  Pommern
durch  den  Krieg  heimgesucht.  Die  Ruinen  der  Häfen  von  Leba,  Stolp—
münde,  Rügenwalde,  Colberg  erinnerten  noch  an  die  behaglichen  Zeiten
des  Baseler  Friedens.  Stettin,  das  damals  schon  mit  Hamburg  gewetteifert,
  mußte  sich  jetzt  seinen  Platz  auf  dem  Weltmarkte  von  neuem
erobern;  aber  viele  der  reichen  alten  Firmen  bestanden  nicht  mehr,  der
Hafen  von  Swinemünde  wurde  erst  wieder  neu  gebaut,  und  zudem  lähmte
der  Sundzoll  den  Aufschwung  der  pommerschen  Plätze.  Auf  dem  platten
Lande  erregten  die  junge  Kultur  und  die  patriarchalischen  Lebensverhältnisse
  das  Erstaunen  des  Oberpräsidenten:  hier  im  Kreise  Neu-Stettin
nur  710  Einwohner  auf  die  Geviertmeile,  und  daheim  im  Regierungsbezirk
  Düsseldorf  ihrer  8537;  und  gleichwohl  „sucht  der  gute  Pommer
noch  immer  seinen  Reichtum  im  vielen  Landbesitz.“  Sack  bat  den  Staatskanzler
  dringend,  ihm  die  Ansiedlung  von  tüchtigen  Neubauern  zu  gestatten,
  die  dem  guten  Pommern  das  Beispiel  intensiver  Wirtschaft  geben
und  ihm  den  Segen  der  neuen  wirtschaftlichen  Freiheit  zum  Bewußtsein
bringen  sollten.)  Aber  wo  waren  die  Mittel  für  eine  Kolonisation  im
fridericianischen  Stile?  Die  Provinz  erholte  sich  von  den  Leiden  der
Kriegsjahre  fast  ebenso  schwer  wie  die  anderen  baltischen  Lande,  nur  daß
die  ruhigen  Pommern  die  harte  freudlose  Zeit  gleichmütiger  ertrugen  als
die  leidenschaftlichen  Preußen.  —

Der  Oberpräsident  von  Schlesien,  Merckel,  war  schon  während  des
Krieges  als  Zivilgouverneur  seinen  Landsleuten  teuer  geworden.  Sie  vergaßen
  ihm  nicht,  daß  er  einst  in  einem  verhängnisschweren  Augenblicke  durch
sein  festes  Vertrauen  auf  ihre  Opferwilligkeit  die  Fortsetzung  des  Rückzugs
  verhindert  hatte;  denn  als  die  Monarchen  zur  Zeit  des  Waffenstillstandes
  über  die  Räumung  des  ausgesogenen  Landes  beratschlagten,
da  hatte  er  sein  Wort  dafür  verpfändet,  daß  Schlesien  die  verbündeten
Heere  ein  ganzes  Jahr  hindurch  unterhalten  werde.  Und  wie  glücklich
war  nachher  durch  die  kräftige  Hilfe  des  Zivilgouverneurs  das  Werk
Gneisenaus,  die  Bildung  der  schlesischen  Landwehr  gelungen.  Der  Sohn
eines  angesehenen  Breslauer  Kaufmannshauses,  von  Kindesbeinen  an
heimisch  in  allen  Schichten  der  vielgestaltigen  schlesischen  Gesellschaft,  erschien
  Merckel  seinem  Lande  als  der  natürliche  Führer.  Seine  ruhige,
ernsthafte,  streng  sachliche  Weise  die  Geschäfte  zu  behandeln  flößte  jedem
Zutrauen  ein,  und  wer  mit  einem  dringenden  Anliegen  kam,  konnte  noch
in  später  Nachtstunde  den  rüstigen  kleinen  Mann,  dem  der  Schlaf  entbehrlich
  schien,  an  seinem  Schreibtisch  finden.  Er  gehörte  von  jeher  zu
den  eifrigen  Förderern  der  Hardenbergischen  Reformen,  war  ein  Schüler
der  Kantischen  Philosophie,  reich  gebildet,  fast  gelehrt  und  von  dem  Segen

*)  Sack,  kurzer  Bericht  über  die  Verwaltung  Pommerns,  Schlawe,  28.  Juli  1818.
        <pb n="262" />
        254  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

der  freien  Forschung  tief  überzeugt.  Dem  kirchlichen  Leben  stand  der
strenge  Rationalist  nicht  ohne  bureaukratisches  Mißtrauen  gegenüber,  ein
wachsamer  Vertreter  der  Souveränität  des  Staates.  Bei  Hofe  galt  er
neben  Schön  für  den  radikalsten  der  Oberpräsidenten,“)  obwohl  er  die
bissige  Kritik  des  Ostpreußen  verschmähte  und  in  Wahrheit  niemals  weit
über  die  Gedanken  des  aufgeklärten  Absolutismus  hinausging.

Die  Schlesier  hatten  in  großer  Zeit  bewiesen,  wie  fest  sie  an  ihrem
Staate  hingen;  auch  die  verwahrlosten  Wasserpolen  Oberschlesiens  zeigten
sich  der  Krone  tief  ergeben,  wenngleich  die  Begeisterung  des  Befreiungskrieges
  sie  nur  wenig  berührte,  und  blieben  völlig  unempfänglich  für  die  nationale
  Propaganda  der  Polen.  Hier  allein  ward  der  König  Friedrich  wahrhaft  geliebt;
  von  der  „vorpreußischen  Zeit“  sprach  das  Volk  selten  und  ohne  Freude,
selbst  der  Adel  dachte  nicht  mehr  an  seine  altständische  Herrlichkeit.  Gleichwohl
  lebte  hier  noch  ein  zäher  Partikularismus,  der  in  der  „Schlesischen
Gesellschaft  für  vaterländische  Kultur“  zu  Breslau  eifrige  Pflege  fand.  Die
Provinz  nannte  sich  gern  das  Kleinod  in  Preußens  Krone,  sie  war  bis
zum  Jahre  1808  immer  durch  eigene  Provinzialminister,  unabhängig  von
dem  alten  Generaldirektorium,  verwaltet  worden  und  fand  sich  schwer
darein,  daß  man  sie  jetzt  mit  allen  anderen  Provinzen  auf  einen  Fuß  stellte.
Die  alte  Hauptstadt,  die  nunmehr,  der  Festungsmauern  entledigt,  das  malerische
  Gewirr  ihrer  finsteren  Gassen  mit  einem  Kranze  lieblicher  Baumgänge
zu  umgürten  begann,  bildete  den  bewegten  Sammelplatz  eines  reichen  und
mannigfaltigen  landschaftlichen  Sonderlebens.  Sie  war  Kopf  und  Herz
der  Provinz,  wie  keine  der  anderen  Provinzialhauptstädte,  selbst  Königsberg
  nicht  ausgenommen.  Hier  lag  die  aufblühende  Hochschule  neben  der
Residenz  des  einzigen  Fürstbischofs  der  Monarchie,  der  Schmutz  der  Judengassen
  neben  den  Palästen  des  lebenslustigen  Adels;  deutsches  und  polnisches
  Volkstum,  protestantische  und  katholische  Bildung,  Beamtentum
und  Bürgertum,  Großindustrie  und  Landbau  stießen  hier  auf  einander.
Über  dies  bunte  Treiben  blickten  die  Schlesier  noch  wenig  hinaus:  selten
verließ  einer  die  geliebte  Heimat,  wo  alles  so  traulich  verschwägert  und
vervettert  war,  jede  Hochzeit  und  jeder  Geburtstag  unfehlbar  von  sanglustigen
  Oder=  und  Boberschwänen  in  behaglichen  Reimen  gefeiert  wurde.
Der  stolze  katholische  Adel,  der  noch  bis  zum  Jahre  1811  seine  jüngeren
Söhne  in  den  Domherrenpfründen  des  reichen  Bistums  untergebracht
hatte,  war  in  der  Armee  wie  im  Beamtentum  nur  spärlich  vertreten;
er  sonderte  sich  von  den  kleinen  Soldatengeschlechtern  der  pommerschen
und  märkischen  Ritterschaft  vornehm  ab  und  verkehrte  fast  häufiger  in
Wien  als  in  Berlin.  Die  Städteordnung,  die  Gewerbefreiheit  und  die
neuen  agrarischen  Gesetze  hatten  hier  bisher  mit  einem  starken  Widerwillen
  lämpfen  müssen,  und  Merckel  bedurfte  seiner  ganzen  Klugheit  und

.v

*  Hardenbergs  Aufzeichnungen,  Weihnachten  1819.
        <pb n="263" />
        Schlesien.  255

Landeskenntnis  um  die  Einführung  der  Reformen  nach  und  nach,  unter
behutsamer  Schonung  der  eigenartigen  Verhältnisse  durchzusetzen.

Und  wie  kläglich  lag  der  Wohlstand  des  Landes,  der  sich  einst  nach
dem  Einzuge  der  Preußen  so  erstaunlich  rasch  gehoben,  jetzt  darnieder.  Wo
waren  sie  hin,  die  glücklichen  Zeiten,  da  John  Quincy  Adams  das  Land
bereiste  um  die  Wunder  der  fridericianischen  Verwaltung  kennen  zu  lernen,
da  die  Fürsten  und  Grafen  in  den  Bädern  von  Warmbrunn  und  Salzbrunn
  ihr  schwelgerisches  Sommerleben  führten,  fast  in  jedem  Landhause
des  Waldenburger  Tales  ein  reicher  Fabrikant  wohnte  und  droben  auf
dem  rauhen  Kamme  des  Gebirges,  in  Landeshut,  bei  den  „Amerikanern“,
den  großen  nach  Amerika  und  Spanien  handelnden  Kaupherren,  der  Ungarwein
  in  Strömen  floß?  Die  Leinwandausfuhr  erreichte  nie  mehr  ihre
alte  Höhe,  in  den  Weberdörfern  des  Gebirges  herrschte  ein  Notstand,  der
endlich  selbst  der  heitern  Genügsamkeit  dieses  leichtlebigen  Völkchens  unerträglich
  schien;  auch  der  Handel  mit  Polen,  die  Nahrungsquelle  Breslaus,
ward  durch  die  neuen  russischen  Schlagbäume  vielfach  geschädigt.  Indes
hob  sich  die  Baumwollmanufaktur,  und  die  Wollmärkte  gewannen  an  Bedeutung
  seit  Thaer  seine  Stammschäferei  in  Panten  einrichtete.  Die  unter
Friedrich  II.  gegründeten  Fürstentums-Landschaften  nahmen  im  Jahre  1814
sofort  ihre  Zinszahlungen  wieder  auf  und  retteten  den  Kredit  des  großen
Grundbesitzes,  so  weit  dies  bei  der  Entwertung  der  Güter  möglich  war.
Die  Königshütte  in  Oberschlesien  stellte  ihren  großartigen  Betrieb  bald
wieder  her,  und  allmählich  entstand  dort,  trotz  der  bedrohlichen  Nähe  der  Zollgrenzen
  Osterreichs  und  Rußlands,  eine  stattliche  Zahl  neuer  Berg=  und
Hüttenwerke.  Das  alles  vollzog  sich  sehr  langsam.  Die  kühne  Unternehmungslust
  aufstrebender  Zeiten  war  diesem  ermüdeten  Volke  nicht  gegeben;
in  bedächtiger  Arbeit  und  stiller  Entsagung  ging  ihm  das  Leben  auf.  —

Daß  die  neuen  Formen  der  Provinzialverwaltung  so  schnell  feste  Wurzeln
  schlugen,  war  vor  allem  das  persönliche  Verdienst  der  Oberpräsidenten.
Mit  glücklicher  Hand  hatte  Hardenberg  fast  durchweg  bedeutende,  und  zumeist
  ziemlich  junge  Männer  für  diesen  schwierigen  Posten  ausgewählt.  Am
wenigsten  vielleicht  genügte  ihm  der  brandenburgische  Oberpräsident  von  Heydebreck.
  Der  war  als  tüchtiger  Beamter  der  alten  Schule  in  den  kollegialischen
Beratungen  der  Kriegs=  und  Domänenkammern  aufgewachsen  und  wollte
zuerst  „die  sogenannte  Oberpräsidentenstelle“  nicht  annehmen,  bis  ihn  der
Staatskanzler  belehrte,  wie  wichtig  und  ehrenvoll  das  Amt  sei.  )  Aber  unter
ihm  wirkte  einer  der  fähigsten  Beamten,  der  Potsdamer  Regierungspräsident
  von  Bassewitz,  ein  Mann  von  erstaunlichem  praktischem  Wissen,  der
jede  Flurkarte  der  Kurmark  im  Kopfe  trug,  über  jeden  Taler  der  Kriegskontributionen
  Bescheid  wußte  und  eine  ganze  Schule  tüchtiger  Verwaltungsbeamten
  heranzog,  so  daß  die  Potsdamer  Regierung  ihren  einst  unter

 

*)  Hardenberg  an  Heydebreck,  29.  Juni  1815.
        <pb n="264" />
        256  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Sacks  Führung  erworbenen  guten  Ruf  behauptete.  Bassewitz  hielt  die
Grundsätze  der  neuen  Gesetzgebung  unverbrüchlich  fest,  verstand  jedoch  mit
jedermann  so  schonend  und  freundlich  umzugehen,  daß  selbst  die  feudalen
Edelleute  dem  Reformer  nicht  ernstlich  gram  wurden.

Auf  dem  flachen  Lande  blieb  die  Ritterschaft  hier  noch  so  mächtig  wie
in  Pommern,  obgleich  die  Rittergüter  der  Kurmark  nur  einen  Wert  von
27  Mill.  Tlr.  darstellten  und  mit  21  Mill.  Hypothekenschulden  belastet
waren,  während  der  Bauernstand  bereits  einen  Bodenwert  von  31  Mill.
mit  einer  Schuldenlast  von  61/,  Mill.  besaß.  Gewaltig  war  noch  das  An—
sehen  des  Landrats,  zumal  wenn  er  sein  Amt  so  tüchtig  verwaltete,  wie
der  Sohn  des  alten  Zieten,  der  berühmte  Musterlandrat  in  der  Grasschaft
Ruppin.  Altväterlich  einfach  blieben  die  Sitten  des  Landvolks  selbst  dicht
vor  den  Toren  Berlins,  die  alte  kunstlose  Dreifelderwirtschaft  herrschte
noch  überall  vor.  Doch  begann  jetzt  allmählich  die  Tätigkeit  Albrecht
Thaers  ihre  reichen  Früchte  zu  tragen.  Seine  Schule  zu  Möglin  im
Oderbruch,  soeben  zur  königlichen  landwirtschaftlichen  Lehranstalt  erhoben,
lockte  eine  stetig  wachsende  Zahl  von  alten  und  jungen  Landwirten  an,
die  hier  unter  den  alten  Erlen  am  Teiche  die  freundlichen  Ratschläge
des  gelehrten  und  doch  so  schlicht  praktischen  Mannes  empfingen  und
draußen  auf  den  Feldern  lernten,  wie  die  Brache  durch  geregelten  Fruchtwechsel
  entbehrlich  werden  könne.  Seit  die  weißen  Vließe  des  Mögliner
Wollmarktskönigs  alle  andere  Wolle  aus  dem  Felde  schlugen,  war  der  Ruf
der  veredelten  Schafzucht  fest  begründet,  die  großen  Grundbesitzer  begannen
nach  und  nach  ihren  Betrieb  nach  den  Grundsätzen  der  neuen  „rationellen
Landwirtschaft"  umzugestalten,  und  Goethe  rief  dem  Reformator  des
deutschen  Landbaues  ermunternd  zu:  „nicht  ruhen  soll  der  Erdenkloß,  am
wenigsten  der  Mann!“

Wie  eine  Insel  lag  die  so  rasch  aufgestiegene  Hauptstadt  inmitten
dieser  ackerbauenden  Provinz,  ganz  abgetrennt  von  den  Interessen  des
platten  Landes.  Der  Charakter  des  Berliner  Lebens  war  trotz  seiner
188,000  Einwohner  noch  wesentlich  durch  den  Hof  und  die  Garnison,  die
Beamten  und  die  Universität  bestimmt.  Nirgends  in  Deutschland  konnte
man  feinere  Urteile  über  Theater  und  Musik,  Philosophie  und  Geschichte
hören  als  in  den  einfachen  Teegesellschaften  der  Berliner  literarischen
Kreise.  Wie  viele  geistvolle  Männer  dachten  noch  nach  Jahren  sehnsüchtig
des  gastfreien  Mendelssohnschen  Hauses  in  der  Leipziger  Straße;  dort  in
dem  stillen  Parke  nahe  dem  Potsdamer  Tore,  wo  für  den  Berliner  die
Welt  aufhörte,  fanden  sich  die  Künstler,  die  Gelehrten  und  Kritiker  fröhlich
zusammen.  Aber  die  Gesellschaft  sonderte  sich  noch  streng  nach  den  Berufsständen.
  Selbst  Gneisenau,  der  neue  Gouverneur,  verkehrte  fast  ausschließlich
  mit  Offizieren,  und  alle  Welt  verwunderte  sich  über  die  unerhörte
  Neuerung,  als  der  König  im  Jahre  1817  im  Konzertsaale  des  Opernhauses
  einige  Subskriptionsbälle  für  jedermann  veranstalten  ließ  und
        <pb n="265" />
        Brandenburg.  Berlin.  257

selber  mit  dem  Hofe  einen  Rundgang  durch  die  bunte  Gesellschaft  hielt;
der  Eintrittspreis,  1  Tlr.  16  Gr.,  war  allerdings  der  großen  Mehrzahl
ganz  unerschwinglich.  Von  Politik  ward  außerhalb  der  Kreise  der  Stu—
denten  und  Turner  selten  gesprochen.  Die  wenigen  politischen  Schriften,
welche  nach  dem  Verstummen  der  Schmalzischen  Fehde  noch  in  Berlin
erschienen,  bekundeten  nur  zu  deutlich,  daß  weder  die  Begeisterung  des
Krieges  noch  die  schöpferische  Wissenschaft  der  neuen  Universität  den  Geist
Nicolais  von  diesem  seinem  Heimatboden  ganz  hatte  verdrängen  können.
Buchholz  tummelte  sich  noch  mit  gewohnter  Selbstgefälligkeit  auf  den  Ge—
meinplätzen  der  liberalen  Aufklärung,  und  J.  von  Voß  erregte  die  gerechte
Erbitterung  der  neuen  Provinzen  durch  das  „Sendschreiben  eines  Branden—
burgers  an  die  Rheinländer“.  Hier  sprach  es  wieder,  das  vorlaute,  an—
maßende  Berlinertum  von  1806.  Von  oben  herab  erteilte  der  „im
Herzen  des  Landes  Geborene“  den  Rheinländern  seine  Ratschläge  und
kündigte  ihnen  an,  das  gebildete  Berlin  werde  mit  ihrem  „ungemeinen
Aberglauben“  schon  fertig  werden  —  bis  Rehfues  in  Bonn  seine  schon  oft
im  Kampf  gegen  den  Bonapartismus  bewährte  Feder  einsetzte  und  unter
dem  Jubel  der  Rheinländer  der  Berliner  Weisheit  heimleuchtete.

Erst  seit  Giovanoli  im  Jahre  1818  seine  Konditorei  eröffnete,  Spargnapani
  und  andere  Engadiner  dem  Beispiele  folgten,  gewöhnte  sich  die  gebildete
  Welt  an  die  Zeitungen.  Dort  in  den  dunklen  Lesezimmern  entspannen
  sich  zuweilen  politische  Debatten,  freilich  erschienen  die  aufgeregten
auswärtigen  Blätter  noch  weit  anziehender  als  die  zahme  Langeweile
der  preußischen.  Großstädtisches  Gedränge  zeigte  sich  fast  allein  in  den
engen  Gassen  der  inneren  Stadt;  die  grünen  Gendarmen  behielten  vollauf
  Zeit,  jeden  Frevler,  der  auf  der  Straße  rauchte,  unerbittlich  einzufangen,
  und  wenn  der  heiße  Sommermittag  auf  die  stillen  geraden  Häuserzeilen
  der  Friedrichsstadt  herniederbrannte,  dann  meinte  man  sie  schnarchen
zu  hören  —  so  hieß  es  draußen  im  Reiche,  wo  der  Spott  über  Berlin
immer  willige  Hörer  fand.  Nach  dem  zweiten  Frieden  stellte  ein  verwegener
  Unternehmer  32  echte  Warschauer  Droschken  auf  den  öffentlichen
Plätzen  auf,  und  die  Gelehrten  von  Voß  und  Spener  stritten  sich  lebhaft
  über  die  Frage,  woher  die  vielen  Menschen  zur  Benutzung  dieses
Wagenparks  kommen  sollten;  vor  kurzem  war  erst  ein  ähnliches  Unternehmen
  gescheitert,  diesmal  aber  gelang  das  Wagnis.  Den  Briefverkehr
in  der  Stadt  vermittelte  die  „löbliche  Kaufmannsgilde  von  der  Materialhandlung“;
  in  ihren  Kramläden  wurden  die  Stadtbriefe  gesammelt,  mit
mächtigen  Klingeln  in  der  Hand  zogen  ihre  Boten  durch  die  Straßen.
Die  Masse  der  Bürgerschaft  nahm  an  dem  regen  geistigen  Leben  der
höheren  Gesellschaft  wenig  Anteil,  sie  blickte  mit  Mißtrauen  auf  die
Neuerungen  der  Gesetzgebung  und  verharrte  zähe  bei  ihren  schlichten  kleinstädtischen
  Sitten.  Sehr  langsam,  erst  nach  dem  Kriege,  verwischte  sich  der

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  17
        <pb n="266" />
        258  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Unterschied  zwischen  den  derben  Niederdeutschen  und  den  feiner  gesitteten
Familien  der  französischen  Kolonie.

Im  Hochsommer  strömte  Alt  und  Jung  hinaus  um  sich  beim  Stra—
lauer  Fischzuge  an  den  Nationalgerichten,  Aal,  Gurken  und  Weißbier  zu
erlaben.  Das  Königsschießen  der  Schützengilde  stand  noch  in  hohen  Ehren,
und  das  neue  Reglement  von  1813  hielt  für  nötig  ausdrücklich  zu  bemerken:
  auf  Steuerfreiheit  würden  der  Schützenkönig  und  seine  beiden
Ritter  als  gutgesinnte  Bürger  wohl  selber  keinen  Anspruch  erheben.  Die
Kaufleute  zerfielen  in  die  zwei  scharf  getrennten  Gilden  der  Materialund
  der  Tuch=  und  Seidenhändler.  Zweimal  wöchentlich  veröffentlichten
die  Makler  einen  Kurszettel,  der  nur  wenige  fremde  Papiere  aufzählte;
der  kleine  Bürger  aber  rechnete  nur  nach  Dreiern.  Alle  Massengüter  langten
zu  Wasser  an,  da  selbst  mit  Hamburg  noch  keine  ununterbrochene  Chausseeverbindung
  bestand;  im  Winter  stockte  das  Geschäft,  im  Frühjahr  und
Herbst  drängten  sich  die  Kähne  auf  der  Spree,  doch  genügte  selbst  dann
der  eine  Krahn  im  königlichen  Packhofe  um  die  Waren  der  sämtlichen
Fuhrleute  und  Schiffer  abzuladen.  Inmitten  dieser  beschränkten  Verhältnisse
  verrieten  sich  doch  schon  die  Anfänge  eines  reicheren  Verkehrs.  Die
Gastwirte  der  großen  Höfe,  wo  die  Fuhrleute  einkehrten  und  auf  Ladung
warteten,  begannen  selber  die  Vermittlung  des  Frachtverkehrs  zu  übernehmen;
  aus  diesen  Fuhrmannsherbergen  entstanden  seit  1816  die  großen
Speditionsgeschäfte,  welche,  begünstigt  durch  die  glückliche  Lage  der  Stadt,
nach  kurzer  Zeit  den  besten  Teil  des  nordostdeutschen  Handels  an  sich
zogen.  Welch  ein  Aufsehen,  als  Cockerill  im  Jahre  des  Friedensschlusses
auf  der  neuen  Friedrichsstraße  eine  Fabrik  erbaute,  die  der  Wollmanufaktur
  alle  Werkzeuge  und  Maschinen  liefern  sollte;  dort  arbeitete  eine
Dampfmaschine  von  beinahe  dreißig  Pferdekräften,  und  nicht  lange,  so
erleuchtete  man  die  Werkräume  gar  mit  Kohlengas.  Ein  Jahr  später
ward  der  erste  Jacquardsche  Webstuhl  in  der  Berliner  Seidenwirkerei  eingeführt.
  Zwar  die  Wollindustrie,  die  im  Jahre  1803  schon  1465  Stühle
beschäftigt  hatte,  war  jetzt  auf  420  Stühle  herabgekommen;  auch  die  Garnspinner
  konnten  nach  der  Aufhebung  der  Kontinentalsperre  kaum  noch  bestehen,
  da  die  Engländer  das  Geheimnis  ihrer  Spinnmaschine  wohl  bewahrten.
  Aber  die  Baumwoll-Weber  und  -Drucker,  die  Tuchwalker  und
viele  andere  Gewerbe  schritten  rüstig  vorwärts.  So  ward  durch  die  harte
Arbeit  eines  genügsamen,  sorgenvollen  Geschlechts  langsam  der  Grund  gelegt
  für  die  Macht  der  ersten  deutschen  Fabrikstadt.  —

In  allen  diesen  Provinzen  waren  nur  kleine  Stücke  neuerworbenen
Landes  einem  festen  Kern  altpreußischen  Gebiets  anzuschließen;  hingegen
das  wunderliche  Gewirr  von  zweiunddreißig  großen  und  ungezählten  kleinen
Herrschaften,  das  man  jetzt  die  Provinz  Sachsen  nannte,  bedurfte  eines
vollständigen  Neubaus.  Mittel=  und  niederdeutsches,  altgermanisches  und
wendisches  Land  stießen  hier  aufeinander;  die  alte  Grenze  zwischen  dem
        <pb n="267" />
        Provinz  Sachsen.  259

mainzischen  und  dem  magdeburgischen  Kirchensprengel,  die  so  lange  den
Westen  und  den  Osten  Deutschlands  geschieden  hatte,  lief  mitten  durch
dies  Gebiet.  Dazu  die  schärfsten  Gegensätze  des  wirtschaftlichen  und
des  kirchlichen  Lebens.  Hier  die  üppigen  Niederungen  der  Goldenen  Aue
und  des  Magdeburger  Landes,  dort  auf  den  rauhen  Hochebenen  und  in
den  feuchten  Talgründen  des  Eichsfeldes  die  armen,  unter  der  schlaffen
Herrschaft  des  Krummstabs  ganz  verwahrlosten  Weberdörfer  mit  ihren
zahllosen  winzigen  Feldstreifen.  In  dem  neuen  Regierungsbezirke  Merse—
burg  bestand  nur  eine  einzige  katholische  Kirche;  das  Geburtsland  von
Luther,  Paul  Gerhard,  Rinckart,  die  Heimat  der  Reformation  lebte  und
webte  in  protestantischen  Erinnerungen.  Auf  dem  Eichsfelde  war  den
Jesuiten  des  Mainzer  Kurfürsten  die  Arbeit  der  Gegenreformation,  bis
auf  wenige  Dörfer,  vollständig  gelungen,  erst  die  Preußen  hatten  im
Jahre  1804  in  Heiligenstadt  evangelischen  Gottesdienst  wieder  eingeführt.
Und  bei  alledem  nicht  einmal  ein  wohlabgerundetes  Gebiet.  Die  Elbe
bildete  nur  für  einen  kleinen  Teil  der  Provinz,  und  bei  weitem  nicht
in  gleichem  Maße  wie  der  Rhein  und  die  Oder,  die  gemeinsame  Verkehrs—
ader.  Die  neue  Hauptstadt  Magdeburg  war  herabgekommen  wie  ihr  halb
verfallener  Dom,  sie  zählte  mitsamt  den  Vororten  nur  31,000  Ein—
wohner,  sie  lebte  dem  Handel  und  konnte  niemals  den  Mittelpunkt  für
das  gesamte  Kulturleben  der  Provinz  bilden,  denn  die  Zeit  war  längst
vorüber,  da  hier  einst  die  freie  Presse  der  Protestanten  ihre  letzte  Zuflucht
gefunden  hatte.

Die  treuen  Magdeburger  und  Altmärker  verhehlten  kaum,  wie  wenig
ihnen  an  der  Gemeinschaft  mit  den  kursächsischen  Rheinbündnern  lag,
und  diese  leisteten  die  Huldigung  mit  schwerem  Herzen,  obwohl  manche  be—
flissene  Polizeibeamte  dem  Staatskanzler  von  lautem  Volksjubel  berichteten.
In  jedem  Schlosse  und  jeder  Kirche  des  Kurkreises  erinnerte  das  Wappen—
schild  mit  dem  Rautenkranze  an  die  alte  Geschichte  eines  Staates,  der  einst
die  stolze  Vormacht  des  deutschen  Protestantismus  gewesen.  Hier  war
man  gewohnt  aus  dem  Behagen  einer  älteren  Kultur  und  höheren  Wohl—
stands  auf  die  brandenburgischen  Emporkömmlinge  herabzuschauen;  nun
mußte  man  die  Teilung  des  Königreichs  und  darauf  noch  die  Abtrennung
der  Lausitzen  erleben;  dann  wurden  die  Universität  und  die  obersten  Be—
hörden  der  Provinz  in  das  Magdeburgische  verlegt,  obgleich  die  Merseburger
  ihre  Stadt  doch  so  dringend  dem  Könige  als  die  einzig  geeignete
Hauptstadt  empfohlen  hatten;)  und  dazu  noch  die  neue  königlich  preußhische
  Religion,  die  das  alte  Luthertum  zu  verdrängen  drohte.  Der  Groll
äußerte  sich  anfangs  so  lebhaft,  daß  selbst  in  den  Schulen  die  Söhne  der
preußischen  Beamten  beständig  mit  den  Eingeborenen  zu  raufen  hatten.  Am
heftigsten  zürnte  der  Adel;  denn  obwohl  die  neue  Herrschaft  seine  Interessen

 

*)  Eingabe  der  Stadt  Merseburg  an  den  König,  3.  Okt.  1815.
17“
        <pb n="268" />
        260  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

behutsam  schonte  und  ihm  auch  die  Pfründen  der  reichen  Domstifter  Naum—
burg  und  Merseburg  beließ,  so  fühlte  er  doch,  daß  er  in  Sachsen  der
Herr  gewesen  und  jetzt  lernen  mußte  in  den  Kreis  der  Untertanen  hinab—
zusteigen.  Er  gewöhnte  sich  so  schwer  an  das  monarchische  Regiment,  daß
der  Oberpräsident  Bülow  im  Staatsrate  dringend  riet  die  neuen  Steuer—
gesetze  nicht  ohne  Genehmigung  der  sächsischen  Stände  zu  erlassen:  „sonst
würde  vielleicht  auf  immer  das  leider  noch  wenig  begründete  Vertrauen
der  Bewohner  verscherzt.“  Auch  die  Beamten  klagten  bitterlich  über  den
strengen  preußischen  Dienst,  zumal  die  Richter,  die  bisher  in  allen  schwie—
rigen  Fällen  die  bequeme  Hintertür  der  Aktenversendung  benutzt  hatten
und  jetzt  gezwungen  wurden  selber  Recht  zu  sprechen;  manche,  die  sich  be—
einträchtigt  glaubten,  kehrten  wieder  in  die  behagliche  alte  Heimat  zurück.)
Selbst  die  Einsichtigen  zeigten  überall  jene  gemütliche  Vorliebe  für  das
Althergebrachte,  welche  trotz  allem  Lärm  der  liberalen  Schriftsteller  die
eigentliche  Gesinnung  der  Deutschen  blieb.  Wie  viele  Kämpfe  mußte  Johannes
Schulze  mit  dem  Rektor  von  Schulpforta,  dem  trefflichen  Ilgen  bestehen
bis  er  endlich  durchsetzte,  daß  die  alte  Fürstenschule  sich  der  preußischen
Prüfungsordnung  fügte  und  die  städtischen  Freistellen  nicht  mehr  nach
Gunst  und  Laune  der  berechtigten  Stadträte  besetzt  wurden.

Der  Oberpräsident  Friedrich  von  Bülow  war  für  dies  Land  der  Adelsherrlichkeit
  ausersehen  worden,  weil  er  ähnliche  Verhältnisse  noch  von  seiner
hannöverschen  Dienstzeit  her  kannte  und  schon  vor  Jahren  in  einer  scharfen
Schrift  wider  seinen  Landsmann  Rehberg  bewiesen  hatte,  wie  richtig  er
die  Überlegenheit  der  monarchischen  Verwaltung  gegenüber  der  altständischen
  zu  schätzen  wußte.  In  seiner  neuen  Heimat  hatte  er  sich  die  Anschauungen
  des  fridericianischen  Beamtentums  so  gänzlich  angeeignet,  daß
er  beim  Beginn  der  Unionsbewegung  für  nötig  hielt  nochmals  als  Schriftsteller
  aufzutreten  und  die  Krone  vor  den  Gefahren  einer  unabhängigen
Synodalkirche  zu  warnen.  Doch  verfuhr  er  stets  wohlwollend  und  bedachtsam
  und  kam  selbst  mit  dem  sächsischen  Adel  leidlich  aus.  Rücksichtsloser
  trat  der  Merseburger  Regierungspräsident  Schönberg  auf,  ein  sächsischer
  Edelmann,  der  seit  Jahren  voll  Unmuts  die  Mißbräuche  der
adligen  Vetternherrschaft  beobachtet  hatte  und  jetzt  mit  Freuden  daran
ging,  die  Grundsätze  moderner  Rechtsgleichheit  in  dies  Chaos  einzuführen.
Eine  liebenswürdige  Natur  von  sprudelnder  Laune  und  derber  Lebenslust
genoß  er  im  Volke  allgemeiner  Gunst;  seine  Standesgenossen  haßten  ihn
als  den  Vertreter  des  „demokratischen  Beamtengeistes“.  Weitaus  der
tüchtigste  unter  den  Organisatoren  der  neuen  Provinz  war  doch  der  Vizepräsident
  Motz,  der,  wenig  belästigt  von  seinem  Vorgesetzten,  einem  alten
Diplomaten  Grafen  Keller,  den  neuen  Regierungsbezirk  Erfurt  verwaltete.

 

*)  Bülows  Votum  über  die  Steuervorlagen  im  Staatsrate,  23.  Mai  1817.  Bülow
an  Hardenberg,  9.  März,  Kircheisen  an  Hardenberg,  2.  Juni  1816.
        <pb n="269" />
        Beruhigung  der  Kursachsen.  261

Zu  diesem  Bezirke  gehörten  jene  ausgesogenen  Striche  Thüringens,  welche
einst  unmittelbar  unter  Napoleons  Verwaltung  gestanden  und,  als  ein
unsicheres  Besitztum,  die  härteste  Mißhandlung  erfahren  hatten.  Hier
ward  denn  rücksichtslos  aufgeräumt  was  „der  Schlendrianismus“  der
sächsischen,  die  Gewalttätigkeit  der  französischen  Behörden  gesündigt  hatte,
der  Unterricht  der  Gymnasien  wie  der  Volksschulen  durch  den  wackeren
Schulrat  Hahn  neu  gestaltet,  die  Tätigkeit  gemeinnütziger  Vereine,  auch
der  Turnplätze,  erweckt  und  gepflegt,  das  arme  Volk  des  Eichsfeldes  in
soweit  unterstützt,  daß  die  Hungerjahre  von  1816  und  17  erträglich  vorübergingen
  und  Staatsrat  Kunth  auf  seiner  Dienstreise  die  einst  so  vernachlässigten
  Feldfluren  kaum  mehr  wiedererkannte.

Uberall  freilich  hemmte  der  unfertige  Zustand  der  altpreußischen
Gesetzgebung.  Da  die  dringend  nötige  Revision  der  Steinschen  Städteordnung
  noch  immer  ausblieb,  so  half  man  sich  mit  vorläufigen  Maßregeln,
  führte  die  Stadtverordnetenwahlen  nach  preußischem  Muster  und
die  genaue  Prüfung  der  städtischen  Rechnungen  ein,  bewog  die  Stadt
Naumburg,  sich  endlich  mit  ihrem  Domhose  und  ihren  vier  Vorstädten
über  eine  gemeinsame  Polizeiverwaltung  zu  verständigen,  und  als  der
kleine  Jammer  dieser  mühseligen  Verhandlungen  überstanden  war,  begann
das  Volk  allmählich  zu  fühlen,  daß  eine  bessere  Zeit  in  das  Land  ein—
zog.  Die  Provinz  holte  mit  einem  Sprunge  nach  was  das  kursächsische
Adelsregiment  zwei  Jahrhunderte  hindurch  versäumt  hatte.  Zuerst  die
Bürger  und  die  Bauern,  dann  auch  die  Edelleute  gewöhnten  sich  an  die
neuen  Zustände  und  übertrugen  die  patriarchalische  Verehrung,  die  sie  bis—
her  für  König  Friedrich  August  gehegt,  auf  den  neuen  Fürsten.  Und
wie  viel  einfacher  und  zugänglicher  als  der  alte  erschien  der  neue  Herr,
der  den  grollenden  Merseburgern  beim  ersten  Einzuge  mahnend  zurief:
„wir  sind  ja  doch  Alle  Deutsche.“  Das  Mißtrauen  der  vormaligen  Kur—
sachsen  gegen  ihre  altmärkischen  und  magdeburgischen  Mitbürger  verschwand
nach  und  nach;  aber  da  der  Deutsche  nicht  ohne  nachbarlichen  Haß  leben
konnte,  so  begannen  jetzt  die  Sachsen  im  Königreiche  die  zufriedenen
Torgauer  und  Eilenburger  des  Verrates  zu  bezichtigen  und  die  preußischen
Sachsen  als  den  Auswurf  des  „preußischen  Stammes“  zu  verwünschen.
Wenige  Jahre  nach  der  so  schmerzlich  beweinten  Teilung  sah  man  schon
in  manchen  Grenzdörfern  einen  Sächsischen  Hof  und  einen  Preußischen
Hof,  beide  in  ihren  Landesfarben  prunkend,  trutzig  neben  einander  liegen.
Die  gewaltige  Anziehungskraft  des  preußischen  Staates  fand,  wie  die
Kenner  des  Landes  schon  auf  dem  Wiener  Kongresse  vorausgesagt,  nirgends
leichteres  Spiel  als  bei  dem  bildsamen  obersächsischen  Stamme.  —

Ebenso  mannigfaltige  und  doch  einfachere  Verhältnisse  traten  der
neuen  Verwaltung  in  der  Provinz  Westfalen  entgegen.  Trotz  der  Ver—
schiedenheit  ihrer  politischen  Schicksale  hatten  sich  die  Heimatlande  des
weißen  Sachsenrosses  zu  allen  Zeiten  einen  starken  gemeinsamen  Stammes-
        <pb n="270" />
        262  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

stolz  erhalten.  Die  uralte  Völkerscheide  auf  den  Höhen  über  Barmen,
welche  einst  die  Sachsen  von  den  Franken  trennte,  blieb  nachher  Jahr—
hunderte  lang  die  Grenze  zwischen  der  Grafschaft  Mark  und  dem  Herzog—
tum  Berg;  mit  einer  Abneigung,  die  von  drüben  ebenso  herzlich  erwidert
ward,  blickte  der  ernste,  verschlossene  Niedersachse  auf  die  leichtlebigen,  red—
seligen  Rheinfranken  und  spottete  über  den  „bergischen  Wind“.  Auf  den
Hochschulen  standen  die  Westfälinger  stets  unter  dem  grün-weiß-schwarzen
Banner  ihrer  Landsmannschaft  zusammen,  hochberühmt  als  unersättliche
Zecher  und  Schläger,  und  alle  kehrten  regelmäßig  in  die  Heimat  zurück.
Auch  die  mächtigen  Geschlechter  der  Droste,  Spiegel,  Galen,  Fürstenberg
hielten  sich  dem  abenteuerlichen  Reislaufen  des  deutschen  Adels  fern  und
blieben  zumeist  seßhaft  daheim;  nur  jene  Nebenzweige  der  alten  Familien,
die  einst  mit  dem  Deutschen  Orden  an  die  Düna  gezogen  waren,  die  Ketteler,
die  Plettenberg,  erwarben  sich  außerhalb  der  Landesgrenzen  Macht  und
Ruhm.  Als  nunmehr  fast  die  gesamte  rote  Erde  unter  die  preußische
Krone  kam,  da  ward  die  Wiedervereinigung  der  Lande  Wittekinds  doch
selbst  in  den  Krummstabsgebieten,  die  dem  protestantischen  Königtum
mißtrauten,  mit  Freude  begrüßt,  und  man  beklagte  nur,  daß  Osnabrück,
die  Heimat  des  vaterländischen  Klassikers  Justus  Möser  nebst  einigen
Strichen  des  Münsterlandes  bei  Hannover  und  Oldenburg  verblieb.

Niemand  empfand  diese  Freude  lebhafter  als  der  Oberpräsident  Frei—
herr  Ludwig  von  Vincke,  der  schon  während  des  Krieges  die  provisorische
Verwaltung  geführt  hatte  und  von  allen  Seiten  als  das  einzig  mögliche
Oberhaupt  der  Provinz  angesehen  wurde.  Ein  Verwaltungstalent  großen
Stiles,  durch  Reisen  und  Studien  mit  dem  Staatsleben  und  der  Volkswirtschaft
  des  Auslandes  gründlich  vertraut,  war  er  doch  vor  allem  ein
westfälischer  Edelmann  geblieben,  derb,  formlos,  geradezu,  so  fest  verwachsen
  mit  dem  Boden  der  Heimat,  wie  jener  alte  Soester  Maler,  der
sich  selbst  das  Abendmahl  des  Heilands  nicht  ohne  einen  saftigen  westfälischen
  Schinken  denken  konnte.  Wohin  ihn  auch  der  Staatsdienst
führte,  in  Aurich  wie  in  Potsdam  hatte  er  stets  das  Ziel  im  Auge  behalten,
  das  ihm  schon  in  jungen  Jahren  als  höchster  Lebenszweck  erschienen
war:  „mein  Vaterland  Westfalen  soll  dereinst  das  Bild  der  vollkommensten
  Einrichtungen  abgeben.“"

Welch  ein  Glück,  als  er  nun  mit  der  Verwaltung  des  wiedervereinigten
Landes  betraut  wurde;  nur  „die  unerträgliche  Briefträgerei“,  die  Abhängigkeit
  von  den  Ministern  in  Berlin  fiel  seinem  trotzigen  Sinne  schwer.
Von  Jugend  auf  hatte  er  fast  mit  allen  den  ungewöhnlichen  Männern,
welche  dies  klassische  Zeitalter  des  preußischen  Beamtentums  zierten,  in
enger  Freundschaft  gelebt  und  zwischen  den  beiden  Reformparteien  immer
eine  Mittelstellung  eingenommen.  Da  er  wie  Stein  die  politische  Freiheit
  vornehmlich  in  der  Selbstverwaltung  eines  kräftigen,  selbständigen
Bürger=  und  Bauernstandes  suchte,  so  bekämpfte  er  wie  jener  die  unbe-
        <pb n="271" />
        L.  v.  Vincke.  263

schränkte  Teilbarkeit  der  Landgüter  und  die  radikale  Aufhebung  der  Zünfte.
Aber  seinen  aristokratischen  Neigungen  hielt  die  streng  monarchische  Ge—
sinnung  des  Beamten  stets  die  Wage;  von  altständischen  Rechten,  welche
die  Einheit  des  Staatswillens  gefährden  könnten,  wollte  er  nichts  hören.
Die  Patrimonialgerichte  verwarf  er  als  ein,  großes  Argernis",  die  geplagten
  Untertanen  der  Mediatisierten  fanden  bei  ihm  und  seinem  Regierungsdirektor
  Keßler,  einem  erklärten  Liberalen,  jederzeit  treuen  Schutz,
und  obgleich  er  in  Berlin  oft  zu  schonender  Behandlung  der  Katholiken
mahnte,  so  trat  er  doch  jeder  Überhebung  der  Hierarchie  mit  rücksichtsloser
  Strenge  entgegen.  Wenn  der  König  mit  jungen  Referendaren  sprach,
so  pflegte  er  ihnen  den  Westfälischen  Oberpräsidenten  als  das  Muster
der  Pflichttreue  vorzuhalten;  denn  unter  allen  den  unermüdlichen  Arbeitern
dieses  Beamtentums  war  Vincke  der  fleißigste.  Wie  oft  sahen  ihn  die
Münsterer  um  Mittag  im  Sturmschritt  nach  Hause  eilen,  wo  er  dann
rasch  sein  einfaches  Mahl  verzehrte  und  sogleich  wieder  in  die  geliebten
Akten  versank.  Und  doch  verachtete  dieser  gefürchtete  Nummerntöter  aus
Herzensgrunde  die  Weisheit  des  grünen  Tisches.  All  sein  Wissen  war
erwandert  und  erlebt;  überall  im  Lande  war  er  zu  Haus,  in  den  Haubergen
  und  Wiesengründen  des  Siegener  Landes,  in  den  Eisenwerken  der
Grasschaft  Mark  und  den  einsamen  Bauernhöfen  der  münsterschen  Heiden.
Im  blauen  Kittel,  die  Pfeise  im  Munde,  den  Knotenstock  in  der  Hand,
zog  der  ungestüme  kleine  Mann  mit  dem  klugen  Kindergesichte  oft  meilenweit
  über  Land  um  bei  seinen  lieben  Bauern  nach  dem  Rechten  zu  sehen.
In  der  ersten  Zeit  widerfuhr  es  ihm  einmal,  daß  eine  Bauerfrau,  die
er  am  Butterfasse  traf,  „dat  Jüngesken“  derweilen  weiter  buttern  hieß,
bis  sie  den  Schulzen  draußen  zwischen  den  Wallhecken  auf  dem  Felde  aufgefunden
  hätte;  in  späteren  Jahren  kannte  jedes  Kind  den  Vater  Westfalens.


Das  Rheinland  ausgenommen  ist  keine  andere  deutsche  Landschaft
durch  die  Volkswirtschaft  des  neuen  Jahrhunderts  so  von  Grund  aus
neu  gestaltet  worden,  wie  dies  Westfalen,  das  beim  Beginne  der  Friedensjahre
  noch  übel  berüchtigt  war  als  ein  ödes,  unwirtliches  Land  von  großen
Erinnerungen  und  armseliger  Gegenwart.  In  dem  mächtigen  Soest,  das
einst  seine  herrischen  Aldermänner  bis  nach  Gotland  gesendet  und  den
meisten  Städten  Niederdeutschlands  sein  Stadtrecht  geschenkt  hatte,  hauste
jetzt  ein  armes  Völkchen  kleiner  Ackerbürger  zwischen  den  Trümmern  der
alten  Prachtbauten.  Stadtberge,  die  ehrwürdige  Sachsenfeste  Eresburg,  war
fast  verschwunden,  nur  die  Rolandssäule,  der  Pranger  und  zwei  verfallene
Kirchen  schauten  noch  vom  hohen  Bergkegel  auf  das  Diemeltal  herab;  und
dicht  vor  dem  Tore  der  stolzen  Hansestadt  Dortmund  lag  der  Freistuhl
des  Vehmgerichts  unter  den  alten  Linden  so  einsam  und  weltverlassen,  daß
der  Freigraf  jetzt  am  hellen  Tage  das  nackte  Schwert  und  die  Weidenschlinge
  auf  den  Steintisch  hätte  legen  können.  Nur  in  den  altpreußischen
        <pb n="272" />
        264  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Landstrichen  der  Provinz,  in  den  überwiegend  protestantischen  Grafschaften
Ravensberg  und  Mark  regte  sich  schon  ein  schwunghafter  Verkehr.  Die
Bielefelder  hatten  ihre  altberühmte  Leinenweberei  selbst  durch  die  Kon—
tinentalsperre  nicht  ganz  zerstören  lassen  und  eroberten  sich  gleich  nach  dem
Frieden  den  amerikanischen  Markt  für  ihre  Segeltuche.  Den  Kohlen—
werken  und  Eisenhämmern  des  märkischen  Sauerlandes  war  ein  wichtiger
neuer  Absatzweg  eröffnet  seit  Stein  die  Ruhr  schiffbar  gemacht,  und  be—
reits  gingen  jährlich  an  2  ½  Mill.  Ztr.  Steinkohlen  talwärts.  Vincke
aber  sah  in  alledem  nur  die  vielverheißenden  Anfänge  einer  neuen  Entwickelung;
  er  wußte,  welcher  Reichtum  in  den  Bodenschätzen  seiner  Heimat,
  in  der  zähen  Kraft  ihrer  Bewohner  verborgen  lag,  und  wiederholte
seinen  Landsleuten  gern  den  alten  Lobspruch  des  Erasmus:  kein  Volk  der
Welt  ist  ausdauernder  in  der  Arbeit.  Er  fühlte  sich  als  Steins  Erbe
und  wollte  für  ganz  Westfalen  vollenden,  was  dieser  in  der  Grasschaft
Mark  begonnen  hatte.  Als  das  untere  Ruhrtal  mit  der  benachbarten
rheinischen  Provinz  vereinigt  wurde,  erbat  er  sich  von  dem  Könige  die
Gnade,  daß  ihm  die  Aufsicht  über  den  gesamten  Stromlauf  verblieb,
und  ruhte  nicht,  bis  er  die  Mittel  erhielt  zum  Bau  des  Ruhrorter  Hafens,
des  großen  Ausgangstores  der  westfälischen  Bergwerke.  Zugleich  traf
er  die  ersten  Anstalten  um  auch  die  Lippe  bis  nach  Lippstadt  hinauf  der
Schiffahrt  zu  erschließen.

Schwerere  Aufgaben  erwarteten  den  Unermüdlichen  in  den  neuen
Gebieten.  Das  Herzogtum  Westfalen  hatte  Jahrhunderte  lang  unter
dem  trägen  Regimente  des  kölnischen  Bistums  dahingeträumt,  dann
als  darmstädtische  Provinz  die  Willkür  von  fünf  koordinierten  Oberbehörden
  und  zahllosen  Unterbeamten  ertragen;  hier  galt  es  „den  Stall  des
Augias  zu  säubern".  Unbekümmert  um  die  Klagen  der  Grafschaft  Mark
setzte  Vincke  durch,  daß  die  Hauptstadt  des  westlichen  Regierungsbezirks
nicht  in  das  rührige  Hamm,  sondern  mitten  in  das  rauhe  Bergland
des  Oberruhrtals  auf  den  abgelegenen  Felsriegel  von  Arnsberg  verlegt
wurde:  Ihr  Markaner,  meinte  er,  helft  Euch  selbst,  hier  im  Herzogtum
müssen  wir  erst  das  Leben  erwecken.)  Um  die  neue  Beamtenstadt  mit
der  Welt  zu  verbinden,  wurde  das  Straßennetz,  dessen  Anfänge  Stein  in
der  Grasschaft  Mark  begründet  hatte,  rüstig  ausgebaut,  und  schon  im
Jahre  1817  konnte  Vincke  nach  Berlin  berichten,  daß  der  Arnsberger  Regierungsbezirk
  50  Meilen  Chausseen  und  Kohlenwege  zähle,  während  der
gesamte  Staat  erst  523  Meilen  Chaussee,  die  Provinz  Pommern  noch
keine  einzige  Steinstraße  besaß.  Freilich  pflegten  die  Straßen  dieser  Zeit
noch  grundsätzlich  die  gerade  Linie  zu  vermeiden,  dicht  neben  dem  bequemen
  Tale  in  weiten  Windungen  bergauf  bergab  zu  klimmen,  damit

 

*)  Vincke,  allgemeine  Darstellung  des  Zustandes  vom  Herzogtum  Westfalen,
9.  Mai  1817.  Vincke  an  Hardenberg,  17.  Juli  1815,  15.  Juli,  14.  August  1816.
        <pb n="273" />
        Westfalen.  265

die  Dörfer  droben  doch  auch  ihren  Verdienst  hätten  von  Fuhrmanns—
zehrung  und  Vorspann.  Da  der  Oberpräsident  die  Dürftigkeit  des  Staatshaushalts
  genugsam  kannte,  so  versuchte  er  auch  das  Kapital  aus  dem
Lande  selbst  für  den  Straßenbau  zu  gewinnen  und  belehrte  seine  Westfalen
  in  einer  Provinzialzeitung:  wie  die  Engländer,  wenn  ein  neuer
Verkehrsweg,  eine  Brücke,  ein  Kanal  notwendig  scheine,  zuerst  alle  Beteiligten
  zu  einer  Versammlung  einlüden,  dann  einen  Ausschuß  wählten
und  Gelder  zeichneten.  Aber  der  kühne  Aufruf  erschien  zu  früh.  Für
solche  Wagnisse  war  dies  gedrückte  Geschlecht  verarmter  Kleinbürger  noch
nicht  zu  gewinnen;  es  galt  schon  als  ein  großer  Erfolg,  daß  doch  eine
Brücke,  auf  der  Altenaer  Straße,  durch  Aktienzeichnung  zustande  kam.
Noch  ärger  als  die  kölnischen  Kurfürsten  hatten  die  letzten  Bischöfe  von
Paderborn  ihr  Land  vernachlässigt.  Mit  Entsetzen  lernte  Vincke  dies  Irland
Westfalens  kennen:  überall  kümmerliche  Zwergwirtschaft  und  baufällige
Hütten,  wunderbar  verschieden  von  den  stattlichen  Bauernhöfen  am  Hellweg:
  das  Volk  gutartig,  aber  trunksüchtig,  verwildert,  im  ewigen  Kriege
mit  dem  Gesetze,  so  daß  oft  große  Banden  mit  langen  Wagenzügen  in
die  Forsten  einbrachen,  ganze  Waldstrecken  in  einer  Nacht  entblößten;  und  zu
alledem  „die  Pest  des  Landes",  die  Wucherjuden  in  jedem  Dorfe.)  Auch
hier  erwarb  sich  der  Oberpräsident  nach  einiger  Zeit  stillen  Kampfes  das  allgemeine
  Vertrauen,  als  er  mit  fester  Hand  die  bürgerliche  Ordnung  wiederherstellte,
  neue  Schulen  anlegte,  den  alten  Lehrern,  die  oft  nur  30  Tlr.
Gehalt  bezogen,  Zuschüsse  verschaffte,  die  Ansiedlung  der  Juden  erschwerte
und  der  Hausindustrie  neue  Absatzwege  eröffnete.  Seit  im  Jahre  1817
die  große  Irrenanstalt  zu  Nieder-Marsberg  für  die  Provinz  erworben
ward,  entstanden  in  langer  Reihe  jene  stattlichen  Pflegehäuser  für  Arme,
Kranke,  Taubstumme,  Blinde,  die  den  Neid  der  Nachbarländer  erregten.
Nur  der  Adel  des  Münsterlandes  wollte  die  stolze  Geschichte  seines
reichsunmittelbaren  Hochstifts  nicht  vergessen  und  bewahrte  unversöhnt  den
alten  Groll  gegen  die  preußische  Herrschaft.  Man  gab  wohl  zu,  daß  Westfalen
  geringere  Steuerlasten  trug  als  der  Osten,  und  die  einzige  drückende
Angabe,  die  von  den  napoleonischen  Beamten  sehr  ungerecht  verteilte
Grundsteuer,  erst  nach  einer  langwierigen  Katastrierungsarbeit  umgestaltet
werden  konnte;  auch  über  den  protestantischen  Hochmut  der  Beamten  und
Offiziere,  der  in  der  bösen  Zeit  vor  1806  zuweilen  verletzend  hervorgetreten
war,  konnte  man  jetzt  nicht  mehr  klagen.  Gleichwohl  blieb  der  Charakter
dieses  paritätischen  Staates  den  klerikalen  Edelleuten  des  Münsterlandes
ebenso  widerwärtig  wie  dem  polnischen  Adel.  In  dem  munteren  schaulustigen
  und  schönheitsfrohen  Volke  der  rheinischen  und  süddeutschen  Lande
hat  sich  die  katholische  Bildung  stets  einen  gemütlichen  Zug  naiver,  harmloser
  Heiterkeit  bewahrt;  unter  den  schweren,  grüblerischen  Nordländern

 

*)  Vincke,  Übersicht  über  die  Verwaltung  Westfalens,  August  1817.
        <pb n="274" />
        266  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

erschien  sie  oft  hart,  verbissen,  fanatisch,  und  zu  allermeist  hier  in  Münster,
wo  die  eisernen  Käfige  mit  den  Gebeinen  der  Wiedertäufer  noch  am  Lam—
bertiturme  hingen  und  das  bekehrte  Volk  täglich  an  die  gräulichsten
Sünden  der  Ketzerei  erinnerten.  Grollend  rechnete  man  nach:  unter  den
Ministern  sei  kein  einziger  Katholik,  unter  den  Oberpräsidenten  nur  einer,
Zerboni,  unter  den  Generalen  höchstens  zwei  oder  drei,  wo  bleibe  da  die
Parität?  Das  Mißtverhältnis  erklärte  sich  leicht,  da  von  den  höheren
Beamten,  welche  der  Eroberer  in  den  neuen  Provinzen  vorgefunden,  nur
sehr  wenige  in  den  preußischen  Dienst  übergetreten  waren.  Aber  auch
späterhin  blieb  die  Zahl  der  Katholiken  im  Zivildienst  und  vornehmlich
im  Offizierskorps  unverhältnismäßig  gering;  denn  die  Polen  hielten  sich
dem  Beamtenstande  fern,  das  gebildete  Bürgertum  der  gewerbfleißigen
Westprovinzen  erzog  seine  Kinder  häufiger  als  im  Osten  üblich  war  für
die  wirtschaftlichen  Berufe,  auch  der  katholische  Adel  des  Westens  ging
selten  in  den  Staatsdienst.  Am  seltensten  sicherlich  die  alten  Geschlechter
des  Münsterlandes,  denen  der  österreichische  Kriegsdienst  noch  immer  vornehmer
  schien  als  der  heimische;  sie  saßen  schmollend  auf  ihren  Gütern,
nur  unter  sich  und  mit  dem  Klerus  verkehrend,  und  auch  wenn  sie  zur
Winterszeit  in  die  Provinzialhauptstadt  Münster  zogen,  blieben  ihre  Paläste
den  Offizieren  und  den  Beamten  fast  unzugänglich.

Große  Schwierigkeiten  bot  auch  das  anspruchsvolle  Wesen  der  zahlreichen
  mediatisierten  Fürsten,  die  allein  im  Regierungsbezirk  Münster  die
volle  Hälfte  des  Bodens  besaßen.  Manche  von  ihnen,  die  Arenberg,  die
Looz,  die  Croy,  waren  Belgier  und  erwiesen  dem  deutschen  Staate  eine
gesuchte  Mißachtung;  aber  auch  die  deutschen  zeigten  sich  oft  als  harte
Herren.  Jahrelang  stritt  sich  die  Arnsberger  Regierung  mit  den  Fürsten
des  Hauses  Sayn  um  dem  armen  Wittgensteiner  Völkchen  die  Lasten  seiner
zweifachen  Untertanenschaft  etwas  zu  erleichtern;  denn  die  Regierungen
fühlten  sich  alle  stolz  als  Beschützer  der  kleinen  Leute,  sie  rühmten,  wie
der  wackere  Keßler  einst  gegen  Beyme  aussprach,  daß  ihnen  durch  die  freie
kollegialische  Beratung  „eine  Art  von  volkstümlichem  Charakter  gegeben“
sei.)  Diesem  Beamtentum  war  es  auch  zu  verdanken,  daß  einige  heilsame
Neuerungen  der  Fremdherrschaft,  die  mit  dem  preußischen  Landrecht  nicht
im  Einklang  standen,  dem  Lande  zum  Teil  erhalten  blieben.  Die  gutsherrliche
  Polizei  wurde  bloß  in  den  Gebieten  der  Mediatisierten  und  des
reichsunmittelbaren  Adels  wieder  eingeführt,  und  die  Grundherren  vermißten
  sie  nicht.  So  gründlich  war  die  feudale  Gesellschaftsordnung  hier
im  Westen  schon  zerstört.  —

Unter  allen  Arbeiten  der  preußischen  Verwaltung  ward  keine  für  die
Nation  so  fruchtbar  wie  die  stille  mühevolle  Tätigkeit,  welche  die  beiden
rheinischen  Provinzen  dem  deutschen  Leben  zurückgewann.  Wie  zuversichtlich

*)  Keßler,  Denkschrift  die  Einführung  einer  ständischen  Verfassung  betreffend,  Münster
12.  April  1818.
        <pb n="275" />
        Berg.  Cleve.  267

hatten  noch  auf  dem  Wiener  Kongresse  alle  Gegner  Preußens  die  Hoff—
nung  ausgesprochen:  an  diesem  deutsch-französischen  Sonderleben  müsse  sich
der  norddeutsche  Staat  die  Stirn  einrennen.  Der  König  verbarg  sich
die  gefahrvolle  Lage  der  entlegenen  Westmark  nicht  und  erklärte  bei  der
Besitzergreifung  offen:  „die  höhere  Rücksicht  auf  das  gesamte  deutsche
Vaterland  entschied  meinen  Entschluß;  diese  deutschen  Urländer  müssen
mit  Deutschland  vereinigt  bleiben,  sie  sind  die  Vormauer  der  Freiheit  und
Unabhängigkeit  Deutschlands.“  Das  Rheinland  wurde  für  ein  Menschen—
alter  das  Schoßkind  der  preußischen  Krone,  aus  dem  nämlichen  Grunde
wie  einst  Schlesien  unter  Friedrich  II.  Auch  die  Mehrzahl  der  in  den
Westen  berufenen  altländischen  Beamten  ging  voll  Besorgnis  ans  Werk
und  erkannte  erst  allmählich,  wie  dünn  der  gallische  Firnis  war,  der  über
diesen  kernhaften  deutschen  Stämmen  lag.

Am  sprödesten  hatten  die  niederrheinischen  Landschaften  abwärts  von
Köln  ihre  deutsche  Eigenart  behauptet.  Auf  dem  rechten  Ufer  in  dem
freien  Lande  der  Berge  erschienen  die  Preußen  nicht  als  Fremde;  hatte
doch  seine  protestantische  Kirche  mehr  denn  hundert  Jahre  lang  unter
dem  Schutze  der  preußischen  Krone,  sein  Landtag  mit  dem  benachbarten
märkischen  in  ständischer  Union  gelebt.  Der  vaterländische  Geist,  den
die  bergischen  Landstürmer  im  Jahre  1814  bewährt,  stammte  nicht  von
gestern.  Noch  erzählte  man  sich  gern,  wie  der  „bergische  Held“  Stücker
und  seine  tapferen  Bauern  einst  beim  ersten  Einfall  der  Ohnehosen,  gegen
den  Willen  des  bayrischen  Landesherrn,  den  kleinen  Krieg  geführt  hatten;
noch  kannte  jedes  Kind  im  Lande  das  Schelmen-Vaterunser,  das  schon
während  der  fridericianischen  Kriege  den  französischen  Plünderern  zum
Schimpf  entstanden  war.  Der  rührige,  schon  längst  an  die  überseeische
Ausfuhr  gewöhnte  Gewerbfleiß  und  die  bunte  Mannigfaltigkeit  der  kirchlichen
  Gegensätze  gaben  hier  dem  Leben  einen  freien,  großstädtischen  Zug.
Die  Fabrikanten  des  Wuppertales  nannten  ihre  Doppelstadt  Elberfeld-Barmen
  bereits  das  deutsche  Manchester,  die  Solinger  sprachen  mit
Selbstgefühl  von  dem  Weltruhm  ihrer  Klingen,  alle  fühlten  sich  stolz
ihren  Wohlstand  allein  sich  selber  zu  verdanken  und  traten  gutes  Muts
in  die  großen  Verhältnisse  des  preußischen  Staates  hinüber,  der  ihrer
rüstigen  Kraft  ein  weites  Arbeitsfeld  eröffnete.  Wohl  keine  andere  Landschaft
  des  Nordens  besaß  so  viele  volkstümliche  Männer,  die  auf  eigene
Faust  für  das  gemeine  Wohl,  für  die  Erweckung  deutschen  Geistes
arbeiteten.  Da  war  der  allbekannte  Eremit  von  Gauting,  Freiherr  von  Hallberg,
  ein  wütender  Franzosenfeind,  während  des  Krieges  Feldhauptmann
  des  Landsturms  an  der  Sieg  und  jetzt  stets  bei  der  Hand,  wenn
es  galt  die  französische  Partei  zu  bekämpfen;  dann  der  Herr  Rat  zu
Opladen,  Deycks,  der  allgemeine  Rechtsbeistand  für  die  Wupperlande,  der
Pfleger  des  Gartenbaus  und  der  Ackerbauschulen;  dann  Zruccalmaglio,
der  Doktor  zu  Schlebusch:  der  hatte  noch  unter  der  Fremdherrschaft  die
        <pb n="276" />
        268  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

ersten  Musikvereine  gestiftet,  immer  in  der  stillen  Hoffnung  dereinst  den
Franzosen  zum  Tanz  aufzuspielen;  dann  der  Burscheider  Pastor  Löh,  der,
bei  allen  Religionsparteien  gleich  angesehen,  allen  Duldung  und  Frieden
predigte;  dann  der  Prediger  Ascheberg,  Herausgeber  der  auch  in  West—
falen  weit  verbreiteten  und  durch  Vincke  eifrig  unterstützten  Zeitschrift
Hermann.  über  die  Grenzen  der  Landschaft  hinaus  reichte  die  Wirk—
samkeit  des  schlagfertigen  Polyhistors  Benzenberg.  Der  wackere  Patriot
hatte  sich  in  seiner  gewerbfleißigen  Heimat  eine  volkswirtschaftliche  Bildung
  erworben,  die  den  übrigen  deutschen  Publizisten  noch  fehlte,  und
dann  im  Verkehr  mit  Hardenberg  und  Gneisenau  gelernt,  wie  sich  die
politischen  Dinge  von  oben  betrachtet  ausnehmen;  er  lieh  dem  Staatskanzler
  freiwillig  seine  unabhängige  Feder  und  bekämpfte  unverdrossen  mit
fröhlichem  bergischem  Freimut  die  Vorurteile  der  Rheinländer  wider  den
preußischen  Staat.

Noch  williger  als  Berg  fanden  sich  die  altpreußischen  Lande  Cleve,
Mörs  und  Geldern  in  die  neue  Ordnung:  nicht  bloß  Wesel  und  Duisburg,
  die  alten  Burgen  des  streitbaren  Calvinismus,  sondern  auch  die
strengkatholischen  Landleute  des  linken  Ufers,  die  bei  der  gnadenreichen
Mutter  Gottes  von  Kevelaer  ihren  Trost  suchten.  Das  Volk  dachte  mit
Stolz  an  die  lange  Reihe  glänzender  Talente,  welche  der  Staat  der  Hohenzollern
  diesem  entlegenen  Winkel  verdankte;  eben  jetzt  hatte  die  kleine  Stadt
Cleve  dem  preußischen  Beamtentum  wieder  vier  seiner  besten  Männer
geschenkt:  Maassen,  Beuth,  Sack  und  Sethe.  In  dem  treuen  Krefeld  trat
die  preußische  Gesinnung  so  trotzig  auf,  daß  die  heimkehrenden  französischen
  Gefangenen  auf  dem  Durchmarsch  kaum  ihres  Lebens  sicher  waren;
die  Seidenfabriken  der  rührigen  Stadt  erlitten  durch  die  Trennung  von
Frankreich  zunächst  schwere  Verluste,  aber  so  große  Firmen  wie  das  Haus
v.  d.  Leyen,  so  tätige,  königliche  Kaufleute  wie  de  Greiff  trauten  sich's
schon  zu,  daß  sie  die  unvermeidlichen  Leiden  der  Übergangsjahre  überstehen
  würden.

Weiter  aufwärts  am  linken  Ufer  ward  den  preußischen  Beamten  der
alte  Gegensatz  der  weltlichen  und  der  geistlichen  Landschaften  bald  fühlbar.
Die  Grafschafter  in  dem  Saarbrückener  Kohlenbecken  gedachten  noch  immer
mit  Liebe  des  nassauischen  Hauses,  das  so  lange  unter  ihnen  geherrscht
und  in  der  alten  Kirche  von  St.  Arnual  seine  Ruhestatt  gefunden  hatte;
die  Pfälzer  auf  dem  Hunsrücken  und  im  Nahetal  vergaßen  der  glänzenden
  Tage  nicht,  da  das  kleine  Simmern  der  Stammsitz  des  mächtigsten
rheinischen  Fürstengeschlechts  gewesen;  sie  alle,  Katholiken  wie  Protestanten,
kannten  die  Wohltaten  deutschen  Fürstenregiments  und  begrüßten  mit
Freuden  die  preußische  Herrschaft,  da  die  Rückkehr  zu  den  alten  Dhnastien
doch  unmöglich  war.  In  den  alten  Krummstabslanden  dagegen,  auch  in
Nachen  und  in  Jilich  regte  sich  überall  eine  mißtrauische  störrische  Unzufriedenheit.
  Hier  fehlten  gänzlich  die  monarchischen  Uberlieferungen,  in
        <pb n="277" />
        Das  linke  Rheinufer.  269

denen  die  Staatsgesinnung  der  Deutschen  wurzelte;  denn  auch  Jülich,  das
der  Düsseldorfer  Hof  immer  als  ein  Nebenland  behandelt  hatte,  kannte  die
dynastische  Treue  kaum.  Bereits  verstimmt  durch  die  lange  wirrenreiche
provisorische  Verwaltung,  traten  diese  staatlosen  Menschen  jetzt  unter  ein
völlig  fremdes  Herrscherhaus,  das  hier  noch  von  den  Zeiten  des  Krumm—
stabs  her  als  der  arge  Störenfried  im  Reiche  galt  und  neuerdings  durch
das  Gespött  der  Franzosen  in  den  übelsten  Ruf  gekommen  war.  So  viele
politische  Stürme  waren  in  kurzen  Jahren  über  den  Rhein  dahingebraust;
warum  sollte  nicht  auch  dies  so  plötzlich  ins  Land  geschneite  Preußen—
tum  wieder  verschwinden?  Das  Volk  glaubte  noch  nicht  an  die  Dauer
der  neuen  Herrschaft,  lauschte  begierig  auf  das  immer  wieder  auftauchende
Gerücht,  daß  die  Provinz  gegen  das  Königreich  Sachsen  ausgetauscht  wer—
den  solle,  und  betrachtete  das  rücksichtsvolle  Vorgehen  der  preußischen
Regierung,  das  von  dem  herrischen  Gebaren  der  napoleonischen  Präfekten
so  seltsam  abstach,  als  ein  Zeichen  der  Schwäche.

Was  hier  von  nationalen  Erinnerungen  noch  lebte,  wies  auf  die  Habs—
burger  und  das  heilige  Reich  zurück.  Wie  dürftig  erschien  den  Bürgern  von
Aachen  das  Huldigungsfest  der  beiden  rheinischen  Provinzen,  nach  allen  den
Kaiserkrönungen,  welche  die  stolze  Stadt  einst  gesehen.  Im  Kölner  Lande
meinte  man  die  Preußen  zu  kränken  durch  den  alten  Spruch:  „halt  fest  am
Reich  du  kölnischer  Bauer,  mag  es  fallen  süß  oder  sauer;“  wie  lange  noch,
bis  man  erkannte,  daß  Preußen  der  Erbe  des  alten  Reiches  war!  Obgleich
das  geistlose  Regiment  des  Bonapartismus  auch  das  kirchliche  Leben  ver—
flacht  hatte  und  der  Klerus  des  Rheinlands  zu  Anfang  der  Friedens—
jahre  an  Bildung  weit  ärmer  war  als  die  Geistlichkeit  Westfalens  oder
Bayerns,  so  behauptete  die  Kirche  noch  immer  ihr  altes  Ansehen.  Es
war  doch  nicht  bloß  das  sinnliche  Behagen  der  Krummstabsherrschaft  und
die  reiche  Pracht  ihrer  Hof-  und  Kirchenfeste,  was  die  Kurkölner  und
Kurtrierer  an  ihre  alte  Kirche  kettete.  Der  katholische  Glaube  wurzelte  fest
in  den  Gemütern,  er  galt  hier  wie  bei  den  Romanen  als  die  einzig
mögliche  Form  des  Christentums;  der  Geistliche  war  und  blieb  der  ver—
ehrte  Ratgeber  des  Volkes  in  allen  Fragen  des  Lebens.  Das  hatten
schon  die  Jakobiner  erfahren  da  sie  einst,  unter  dem  drohenden  Murren
der  Rheinländer,  die  Göttin  der  Vernunft  auf  den  Altar  setzten  und  das
Marienbild  vom  Bonner  Schlosse  herabzureißen  versuchten.  Als  nun  die
neuen  protestantischen  Lehrer  und  Beamten  ins  Land  kamen,  als  die  pari—
tätische  Hochschule  eröffnet  wurde,  als  in  dem  heiligen  Trier  am  Jubeltage
  der  Reformation  wieder  die  evangelische  Predigt  erklang,  zum  ersten
Male  seit  den  Tagen  des  Erzketzers  Olevianus,  da  begann  das  katholische
Volk  zu  klagen  —  nicht  eigentlich  aus  Unduldsamkeit,  sondern  weil  dies
neue  Wesen  dem  heimischen  Brauche  widersprach.  Der  Provinzialgeist
hüllte  sich  in  kirchliche  Gewänder:  „wir  sind  Rheinländer“,  hieß  es  jetzt,
„und  darum  gut  katholisch."
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        270  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Mit  gewandten  Händen  schürte  die  kleine,  aber  im  Stillen  wachsende
ultramontane  Partei  das  Feuer  des  rheinischen  Partikularismus;  sie  hatte
die  Hoffnung  noch  nicht  aufgegeben,  diese  Kernlande  der  Priesterherrschaft
dereinst  der  weltlichen  Gewalt  wieder  zu  entreißen.  Wenn  der  Bischof
von  Trier  jetzt  zur  Firmung  seinen  Sprengel  bereiste,  dann  gaben  ihm
berittene  Bauerburschen,  mit  kurtrierischen  Fahnen  in  der  Hand,  das
Geleite,  was  sie  unter  französischer  Herrschaft  nie  gewagt  hatten.  Nicht
minder  laut  als  die  Polen  klagten  die  Rheinländer  in  den  Bischofslanden
  über  die  Unmasse  der  fremden  Eindringlinge,  die  ihre  Heimat
überschwemmten.  Die  Beschwerde  ward  so  hartnäckig  wiederholt,  daß
sie  endlich  auch  in  den  freundlich  gesinnten  niederrheinischen  Landschaften
Anklang  fand  und  sogar  Benzenberg  pathetisch  versicherte:  das  „Indigenat"
sei  das  natürliche  Recht  jedes  Volkes,  schon  der  große  Kurfürst  habe
den  clevischen  Landständen  versprochen,  nur  Landeskinder  bei  ihnen  anzustellen.
  In  der  Tat  war  eine  gründliche  Säuberung  des  rheinischen
Beamtentums  erfolgt.  Die  Präfekten,  allesamt  Franzosen,  hatten  das
Land  verlassen,  desgleichen  die  Unterpräfekten,  mit  Ausnahme  der  drei
oder  vier  deutschen;  die  Gemeindeverwaltung  war  völlig  verwahrlost,  da
die  Maires  zumeist  kein  Französisch  verstanden  und  ihre  Geschäfte  unwissenden
  Schreibern  überließen.  Dennoch  verfuhr  der  König  bei  der
unvermeidlichen  Neugestaltung  sehr  schonend;  er  sprach  es  als  seinen  „unabänderlichen
  Willen“  aus,  daß  niemand  am  Rhein  seine  Stelle  verlieren
  dürfe,  außer  im  Falle  erwiesener  Unfähigkeit.  Vielen  der  kaiserlichen
Beamten  hielt  man  noch  jahrelang  ihre  Stellen  offen  bis  sie  sich  in  Bonn
die  wissenschaftliche  Bildung  erworben  hatten,  welche  das  Gesetz  von  den
preußischen  Staatsdienern  verlangte.  Im  Jahre  1816  waren  an  den
sechs  rheinischen  Regierungen  angestellt:  207  Rheinländer,  23  Nichtpreußen,
150  aus  den  anderen  Provinzen,  die  Letzteren  zumeist  in  den  subalternen
Amtern,  welche  den  ausgedienten  Soldaten  vorbehalten  blieben:  sicherlich
ein  billiges  Verhältnis,  zumal  da  die  große  Mehrzahl  der  rheinischen
Juristen  sich  dem  Justizfache  zugewendet  hatte  und  die  Gerichte  auch
fernerhin  fast  ausschließlich  aus  Landeskindern  bestanden.)

Aber  die  einmal  erregte  Erbitterung  wider  „das  kalte,  starre  Preußentum“
  fragte  nichts  nach  Zahlen.  Froh  ihres  gesegneten  Landes,  ihrer  um
tausend  Jahre  älteren  Kultur,  noch  gänzlich  unbekannt  mit  der  deutschen
Welt,  die  ihnen  bei  Frankfurt  aufhörte,  meinten  die  Rheinländer  den  Altpreußen
  in  allem  überlegen  zu  sein;  „Litauer  seid  Ihr“  —  rief  einmal
Görres  seinen  altländischen  Freunden  zu,  und  alle  Koblenzer  dachten  wie  er.
Besonders  anstößig  erschien  diesem  ganz  bürgerlichen  Volke,  daß  sich  unter
den  altländischen  Beamten  auch  einige  Edelleute  befanden.  Eine  Denk- 



*)  Kabinettsordre  vom  8.  November  1816.  Ubersicht  des  Personals  der  rheinischen
Regierungen,  20.  Februar  1817.
        <pb n="279" />
        Klagen  der  Rheinländer.  271

schrift  des  liberalen  Publizisten  J.  Weitzel  erklärte  dem  Staatskanzler  mit
naivem  Selbstgefühl:  die  Gerechtigkeit  fordert,  daß  jeder  von  Seines—
gleichen  gerichtet  werde;  am  Rhein  ist  diese  Wahrheit  bereits  allgemein
anerkannt,  „weil  es  hier  eine  öffentliche  Meinung  unter  aufgeklärten  Men—
schen  gibt“,  daher  dürfen  im  Rheinlande  nur  bürgerliche  Beamte  wirken.
Gleichwohl  kamen  Fälle  der  Widersetzlichkeit  gegen  die  Obrigkeit  jetzt  ungleich
  seltener  vor  als  unter  der  französischen  Regierung,  die  doch  den
Ungehorsam  weit  strenger  bestrafte  als  das  preußische  Gesetz.  Mochte
man  beim  Schoppen  über  die  steifen  Preußen  klagen,  denen  die  liebenswürdige
  rheinische  Kunst  des  Lebens  und  Lebenlassens  noch  so  fremd  war:
die  Natur  forderte  doch  ihr  Recht,  im  Stillen  tat  es  diesen  deutschen
Menschen  doch  wohl,  daß  sie  mit  ihren  Beamten  wieder  in  der  Muttersprache
  reden  konnten.  Unter  dem  Krummstabe  wie  unter  den  Präfekten
glaubte  alle  Welt,  jedes  Gesetz  könne  durch  List  oder  Gunst  umgangen
werden.  Bequem  war  es  nicht,  daß  die  Rheinländer  diese  Meinung  jetzt
aufgeben  und  der  Majestät  des  Rechts  sich  beugen  mußten;  aber  die
makellose  Rechtschaffenheit  des  Beamtentums  und  seine  trotz  vereinzelter
Mißgriffe  unbestreitbare  Einsicht  erzwangen  sich  endlich  die  Achtung  des
Volks.  Unter  vier  Augen  hörte  man  schon  zuweilen  das  halb  widerwillige
Geständnis:  „herb  ist  der  Preuß,  aber  gerecht.“  Offentlich  durfte  der
Preuße  freilich  nicht  gelobt  werden.

Die  Unzufriedenheit  galt  gleichsam  als  das  Stammesvorrecht  des
echten  Rheinländers,  und  sie  ward  beständig  genährt  durch  die  Klagen  über
den  unerhörten  Steuerdruck.  Die  Kirchenzehnten  hatte  das  gläubige  Volk
der  Krummstabslande  willig  entrichtet,  weil  jeder  dadurch  mit  dem  Himmel
abrechnete;  die  französischen  Steuern  galten  als  Kriegslasten,  man  zahlte
schweigend  weil  man  mußte.  Dem  protestantischen  Könige  aber  zählte  man
jeden  Bissen  am  Munde  nach,  und  den  meisten  erschien  es  noch  wie  eine
Uberhebung,  daß  der  weltliche  Arm  in  Friedenszeiten  Abgaben  forderte.  Als
nun  gar  unbestimmte  Gerüchte  von  der  Grundsteuerfreiheit  der  altländischen
Rittergüter  an  den  Rhein  drangen,  da  wuchs  der  Groll,  und  ein  Menschenalter
  hindurch  glaubten  fast  alle  Rheinländer  unerschütterlich,  ihr  Land
werde  zum  Vorteil  des  Ostens  ausgebeutet.  In  Wahrheit  befolgte  Hardenberg
  den  Grundsatz,  die  schwierige  Provinz  durch  Milde  zu  gewinnen.  In
scharfen  Worten  befahl  der  König  den  Behörden,  bei  der  Eintreibung  rückständiger
  Zahlungen  Nachsicht  zu  zeigen,  damit  nicht  um  eines  Geldgewinnes
  willen  „die  vertrauende  Anhänglichkeit“  des  Volks  verscherzt  werde.)
Während  der  ersten  Jahre  erfreuten  sich  die  Rheinländer  im  Steuerwesen
offenbarer  Begünstigung;  denn  stand  die  Grundsteuer  hier  etwas  höher
als  im  Osten,  so  blieb  man  dafür,  nach  Aufhebung  der  droits  réunis,
von  indirekten  Abgaben  fast  ganz  befreit.  Auch  als  die  neuen  Zoll=  und

 

*)  Kabinettsordre  an  Sack,  14.  Septbr.  1815.
        <pb n="280" />
        272  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Steuergesetze  erschienen,  wurden  sie  im  Westen  so  mild  gehandhabt,  daß
Benzenberg  zu  dem  Schlusse  kam:  außer  Posen  und  Westfalen  sei  keine
andere  Provinz  der  Monarchie  niedriger  besteuert.  Mochten  die  Zahlen—
reihen  des  beredten  Publizisten  immerhin  der  Kritik  manche  Blößen  bieten:
unbestreitbar  blieb  doch,  daß  die  Steuerlast  seit  der  napoleonischen  Herr—
schaft  sich  erheblich  gemindert  hatte.  Der  Regierungsbezirk  Aachen  zahlte
im  Jahre  1813  an  Steuern  5  Tlr.  2  Sgr.  8  Pf.  auf  den  Kopf,  neun
Jahre  darauf  nur  4  Tlr.  8  Sgr.  6  Pf.  worunter  14  Sgr.  Kommunalabgaben.
  An  der  bescheidenen  Höhe  der  Gemeindeabgaben  hatte  die  neue
Regierung  auch  ein  Verdienst;  denn  sie  half  den  rheinischen  Städten  bei
der  Neuordnung  ihres  verwickelten  Schuldenwesens  und  erließ  ihnen  die
bis  zum  Jahre  1815  rückständigen  Zinsen,  so  daß  die  Mehrzahl  der  Kommunen
  am  Rhein  sich  ungleich  besser  befand  als  die  Städte  des  Ostens
mit  ihrer  drückenden  Kriegsschuldenmasse.  Trotz  alledem  kamen  die  Klagen
über  die  Steuerlast  nie  zur  Ruhe;  man  redete,  als  sei  Preußen  verpflichtet
die  Rheinländer  für  die  Befreiung  vom  fremden  Joche  besonders  zu  belohnen.

Schon  bei  ihrem  Einzuge  waren  die  Verbündeten  in  den  alten  Krummstabslanden
  nicht  mit  so  ungeteilter  Freude  aufgenommen  worden  wie  in
Berg;  die  Abgeordneten  des  linken  Ufers  verblieben  damals  allesamt  in
dem  Pariser  Gesetzgebenden  Körper  —  um  den  Tyrannen  desto  sicherer  zu
stürzen,  wie  sie  nachher  behaupteten.  Vollends  jetzt,  da  man  über  die  Preußen
murrte,  geriet  der  furchtbare  Druck  der  napoleonischen  Herrschaft  bald  in
Vergessenheit;  man  dachte  nur  noch  an  ihre  Wohltaten,  man  schwärmte
wieder  für  die  glorreichen  Jdeen  von  89,  man  las  mit  Vorliebe  französische
oder  belgische  Zeitungen  —  denn  die  heimische  Presse  bot  noch  wenig,  selbst
die  Kölnische  Zeitung  war  noch  ein  kleines  Blatt  mit  kaum  2000  Abonnenten
—  und  schwor  auf  die  neue  Lehre,  daß  die  Sonne  über  Europa  im  Westen
aufgehe.  Und  doch  bewies  dies  neu  erwachende  Franzosentum  der  Rheinländer
  nur,  wie  kerndeutsch  das  Volk  empfand;  der  rheinische  Liberalismus
entsprang  derselben  konservativ-partikularistischen  Gesinnung,  welche  sich  in
allen  anderen  preußischen  Provinzen  jeder  Veränderung  des  alten  Landesbrauchs
  entgegenstemmte.  Das  Volk  liebte  das  Bestehende  weil  es  bestand,
und  die  Regierung  kam  diesen  Wünschen  so  weit  als  möglich  entgegen.  Die
gesamte  wirtschaftliche  Gesetzgebung  der  Revolution,  die  ja  im  wesentlichen
  den  Gedanken  der  Stein-Hardenbergischen  Gesetze  entsprach,  blieb  unverändert;
  desgleichen  vorläufig  die  französische  Gemeindeverfassung.  Nur
die  Präfekten  und  Unterpräfekten  mußten  den  Regierungen  und  den  Landräten
  weichen;  und  selbst  diese  heilsame  Neuerung  erregte  lauten  Tadel.
Da  sehe  man  doch,  hieß  es  bitter,  daß  Preußen  nur  darauf  ausgehe,  das  Beamtenheer
  ins  Unendliche  zu  vermehren;  so  Großes  wie  der  eine  Lezay-Marnesia,
  der  unvergeßliche  Präfekt  des  Rhein-Mosel-Departements,  werde
das  gesamte  neue  Koblenzer  Regierungskollegium  nicht  ausrichten.  Immer
wieder  erzählte  man  sich  von  finsteren  Anschlägen  der  Preußen  gegen  die
        <pb n="281" />
        Der  rheinische  Adel.  273

rheinische  Freiheit,  und  wer  nur  auf  die  losen  Worte  der  Schoppenstecher
hörte  mochte  leicht  an  dem  Lande  verzweifeln.  Als  der  treffliche  Land—
wirt  Schwerz  im  Auftrage  der  Regierung  die  rheinischen  Landgüter  be—
reiste,  vernahm  er  in  seiner  Vaterstadt  Koblenz  eine  solche  Fülle  von
Zornreden,  daß  er  dem  Staatskanzler  gestand:  „kein  Mensch  ist  mehr
hier,  der  nicht  Gott  auf  den  Knieen  danken  würde,  wenn  das  Land  wieder
unter  französischer  Botmäßigkeit  stünde.“  Andere  wohlmeinende  Beobachter
verglichen  die  Provinz  einem  Vulkane,  der  jederzeit  ausbrechen  könne.)

Erschreckt  durch  so  düstere  Berichte  glaubte  Hardenberg  eine  Zeitlang
ernstlich  an  einen  möglichen  Abfall.  In  Wahrheit  wurde  die  Wiedervereinigung
  mit  Frankreich  nur  von  einer  kleinen  Minderheit  am  Rhein  aufrichtig
  gewünscht.  Die  Rheinländer  wußten  wohl  wie  kräftig  ihr  Wohlstand
  jetzt  wieder  aufwuchs,  und  dies  Band  der  wirtschaftlichen  Interessen
erwies  sich  stärker  als  die  französischen  Sympathien.  Von  geheimen  Verschwörungen
  stand  hier  ohnehin  nichts  zu  fürchten;  dafür  bürgte  die  beste
Tugend  des  rheinfränkischen  Volks,  sein  offenherziger  Gradsinn.  Das
Tadeln  und  Schelten  freilich  über  „die  Revolution“,  wie  man  den  neuen
Herrschaftswechsel  nannte,  nahm  in  den  nächsten  Jahren  stets  zu.  Denn
das  ältere  Geschlecht  kannte  noch  aus  Erfahrung  die  Plünderungen  der
republikanischen  Löffelgarde;  die  Jungen  aber,  die  jetzt  heranwuchsen,  hatten
einst  im  Lyzeum  am  Napoleonstage  und  am  Austerlitztage  die  Festreden
auf  die  Glorie  der  weltbeherrschenden  Trikolore  mit  angehört,  sie  hatten
in  den  Jahren,  welche  der  Mehrzahl  der  Menschen  das  Leben  bestimmen,
den  großen  Kaiser  gesehen,  wie  er  in  der  Poppelsdorfer  Allee  seine  prächtigen
  Kürassiere  musterte.  Und  da  nun  der  Liberalismus  überall  die  französische
  Freiheit  wieder  zu  bewundern  begann,  so  prunkte  gerade  dies  Geschlecht,
  das  in  den  zwanziger  und  dreißiger  Jahren  die  Stimmung  am
Rhein  beherrschte,  gern  mit  seiner  französischen  Bildung;  der  welsche
Befehl  „Dutzwitt“  klang  ihm  vornehmer  als  das  deutsche  „rasch“,  die
Landsmannschaften  der  Rhenanen  auf  den  westdeutschen  Universitäten
trugen  allesamt  die  französischen  Farben  und  die  alten  landläufigen  Geschichten
  von  den  Schandtaten  der  Sansculotten  wurden  jetzt  den  Kosaken
  nachgesagt.

Das  Mißtrauen  der  Provinz  gegen  die  Regierung  fand  stets  neue
Nahrung  an  den  Sonderbestrebungen  der  rheinischen  Ritterschaft.  Nirgends
  im  Reiche  hatte  der  Adel  schwerere  Einbußen  erlitten.  Vor  einem
Menschenalter  beherrschte  er  noch  das  Land  durch  seine  Domkapitel,  fast
zwei  Drittel  des  Bodens  gehörten  der  Ritterschaft  und  der  Kirche.  Jetzt  war
der  Großgrundbesitz  so  vollständig  vernichtet,  daß  ein  Gut  von  50  Morgen
schon  zu  den  großen  Gütern  gerechnet  wurde.  Im  trierschen  Regierungs- 



*)  Regierungsrat  Schwerz  an  Hardenberg,  Koblenz  August  1816.  Bericht  eines
kölnischen  Grundbesitzers  an  Klewitz,  Januar  1817.  Oberstlint.  v.  Romberg  an  den
Staatskanzler,  24.  August  1817  usw.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  18
        <pb n="282" />
        274  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

bezirke  zählte  man  nur  102  Grundeigentümer  mit  mehr  als  300  Morgen
Besitz,  im  Aachener  nur  80,  im  Düsseldorfer  nur  einen  einzigen.  Von
den  alten  landtagsfähigen  Geschlechtern  waren  in  Berg  noch  24,  in  Cleve
gar  nur  fünf,  darunter  bloß  zwei  begüterte,  übrig.  Ein  scharfer  Unter—
schied  von  Stadt  und  Land,  von  Grundherren,  Bürgern  und  Bauern  be—
stand  nicht  mehr,  und  diese  radikale  Zerstörung  der  alten  ständischen  Glie—
derung  war  eine  unwiderrufliche  Tatsache,  denn  hier  an  Deutschlands
belebtester  Handelsstraße  war  städtisches  Wesen  schon  im  Mittelalter  auf
das  flache  Land  hinausgedrungen,  die  Revolution  vollendete  hier  nur  mit
einem  Gewaltstreiche,  was  durch  die  intensive  Wirtschaft  der  dichten
Bevölkerung  längst  vorbereitet  war.  Die  wenigen  Ritterbürtigen,  welche
den  Untergang  der  rheinischen  Adelsmacht  überlebt  hatten,  die  Wylich,
Mirbach,  Spee,  Nesselrode  konnten  sich  in  den  Umschwung  der  Dinge  nicht
finden;  sie  erwarteten  von  den  Befreiern  die  Wiederkehr  der  guten  alten
Zeit  und  verlangten  sofort  im  Namen  deutschen  Rechts  und  deutscher
Ehre  die  Herstellung  der  Zehnten,  der  Jagdrechte,  der  Fideikommisse.  Die
Beamten  aber,  die  eingebornen  wie  die  altländischen,  warnten  den  Staatskanzler;
  denn  sie  wußten,  daß  der  Gedanke  der  sozialen  Gleichheit  den
Rheinländern  der  teuerste  aller  politischen  Grundsätze  war;  und  während
  Vincke  auf  Grund  seiner  westfälischen  Erfahrungen  die  gebundene
Erbfolge  verteidigte,  erklärten  die  rheinischen  Präsidenten  und  Landräte
wie  aus  einem  Munde:  auf  der  freien  Teilbarkeit  des  Bodens  beruhe
die  wirtschaftliche  Blüte  des  Rheinlandes.)  Daher  wurden  die  Ritterbürtigen
  höflich  abgewiesen,  und  seit  dieser  Enttäuschung  begannen  sie  dem
preußischen  Staate  zu  grollen;  nur  die  von  altersher  durch  Bildung  und
freien  Sinn  ausgezeichneten  Fürstenhäuser  von  Wied  und  Solms  traten
zu  der  Krone  in  ein  würdiges  Verhältnis.  Das  Volk  aber  ließ  sich's  nicht
ausreden,  daß  der  Preuße  mit  dem  Adel  unter  einer  Decke  liege.  Vier
Jahre  nach  der  Huldigung  schilderte  Solms-Laubach  die  Gesinnungen  der
Provinz  also:  So  lange  nicht  das  Unmögliche  geschieht  kann  eine  vollkommen
  gute  Stimmung  nicht  bewirkt  werden:  wenn  nicht  der  Adel  seine
Zehnten  zurückerhält,  der  Bauer  aber  nicht  mehr  zehntet.)

Trotz  alledem  verwuchs  dies  bunte,  aus  altgeistlichem  und  neufranzösischem
  Wesen  so  eigentümlich  gemischte  landschaftliche  Sonderleben  unmerklich
  und  sicher  mit  dem  neuen  Staate.  Von  den  beiden  Oberpräsidenten
  hatte  der  eine,  Minister  von  Ingersleben  in  Koblenz,  während  des
Krieges  an  der  Spitze  der  pommerschen  Verwaltung  gestanden  und  die
Rüstung  der  Landwehr  mit  Umsicht  geleitet;  den  Rheinländern  gefiel  der
alte  Herr  durch  Wohlwollen  und  gastfreundliche  Heiterkeit.  Der  andere,

*)  Freiherr  v.  Wylich  an  Hardenberg,  16.  Febr.,  an  Schuckmann,  15.  Mai  1816.
Berichte  vom  Reg.-Präsidenten  v.  Schmitz-Grollenburg,  Koblenz  9.  Okt.,  Reg.-Präsidenten
v.  Erdmannsdorff,  Cleve  31.  Okt.  1817,  Landrat  Bitter,  Hartung  u.  a.

*)  Solms-Laubach,  Bericht  an  Prinz  Wilhelm,  18.  August  1819.
        <pb n="283" />
        Ingersleben.  Solms-Laubach.  275

Graf  Solms-Laubach  in  Köln,  Steins  Freund  und  Gehilfe  bei  der  deutschen
  Zentralverwaltung,  übernahm  sein  Amt  aus  patriotischem  Pflichtgefühl,
  arbeitete  sich  mit  großem  Fleiß  in  die  Verwaltungsgeschäfte  ein  und
vergaß  den  mediatisierten  Herrn  so  völlig  über  dem  monarchischen  Beamten,
daß  die  begehrlichen  Ritterbürtigen  ihn  bald  als  einen  Abtrünnigen  betrachteten;
  er  kannte  seine  rheinischen  Landsleute  und  verbot  seinen  Untergebenen
  den  herrischen  altpreußischen  Ton,  den  das  Selbstgefühl  der  Rheinfranken
  nicht  erträgt.  Keiner  von  beiden  besaß  die  Selbständigkeit  Vinckes;
aber  sie  fanden  kräftige  Hilfe  bei  der  Gesamtheit  des  Beamtentums,
das  fast  durchweg  aus  tüchtigen  Männern  bestand  und,  von  dem  geistreichen
  trierschen  Regierungspräsidenten  Delius  an  bis  herab  zum  letzten
Gendarmen,  inmitten  der  argwöhnischen  Bevölkerung  fest  zusammenhielt.

Wer  nur  offenen  Auges  um  sich  schaute,  konnte  überall  auf  Märkten  und
Gassen  bemerken,  wie  diesem  Lande  mit  der  Befreiung  vom  fremden  Joche
auch  die  bürgerliche  Freiheit  und  die  alten  vaterländischen  Bräuche  zurückkehrten.
  Die  Schmuggler  und  die  Deserteure,  die  Landplage  der  napoleonischen
  Zeit,  verschwanden  sofort,  mit  ihnen  das  unselige  Häscher=  und
Späherwesen.  Die  Städte  schmückten  sich  wieder  mit  ihren  stolzen  Wappen,
die  bisher  als  Symbole  des  Föderalismus  verfehmt  waren;  auch  die
alten,  von  den  Franzosen  abgeschafften  Kirmessen  und  Schützenfeste  lebten
wieder  auf,  freilich  sah  man  in  dem  Fahnenschmucke  der  Festplätze  fast  niemals
  die  Adlerfahne,  der  das  Volk  doch  das  Wiedererwachen  der  rheinischen
  Lustigkeit  verdankte.  Der  Kölner  Karneval  hatte  sich  unter  Napoleon
schüchtern  in  die  Häuser  zurückgezogen;  jetzt  klangen  die  fröhlichen  Rufe:
Alaaf  Köln!  und  Geck  loß  Geck  elans!  wieder  auf  den  Gassen,  die  kölnischen
  Funken  hielten  ihre  närrische  Parade,  und  damit  den  Preußen  doch
der  Dank  nicht  fehle  wurde  wohl  einmal  ein  großer,  mit  einem  Lorbeerkranz
  geschmückter  Stockfisch  auf  hoher  Stange  plötzlich  über  die  Volksmenge
  emporgehoben  und  mit  einem  stürmischen  „Heil  Dir  im  Siegerkranz“
  begrüßt;  der  schweigsame  König  mißfiel  den  Rheinländern  gründlich,
wie  viel  besser  lebte  sich's  doch  mit  der  ausgelassenen  Munterkeit  des  witzigen
Kronprinzen.  Im  Jahre  1822  trat  dann  ein  Verein  zusammen,  der  die
Leitung  des  schönen  Volksfestes  in  die  Hand  nahm  und  in  seinen  glänzenden
  Maskenzügen  den  Reichtum  und  das  Behagen  der  neu  aufblühenden
  rheinischen  Hauptstadt  mit  jedem  Jahre  deutlicher  bekundete.
Um  dem  Rheinlande  ihre  Duldsamkeit  zu  zeigen,  gestattete  die  Regierung
auch,  gegen  das  napoleonische  Gesetz,  den  öffentlichen  Umzug  kirchlicher
Prozessionen;  seit  dem  Jahre  1818  wurde  das  Fronleichnamsfest  in  Köln
wieder  mit  dem  alten  Pomp  unter  freiem  Himmel  gefeiert.  Wunderbar,
wie  die  romantischen  Ideen,  die  bisher  nur  in  dem  engen  Kreise  der
Boisserees  gelebt  hatten,  jetzt  mit  einem  Male  ins  Volk  drangen,  wie  die
Rheinländer  anfingen  sich  ihrer  großen  Geschichte  wieder  zu  erinnern.  Als
die  Franzosen  die  Kunstwerke  aus  Köln  und  Aachen  entführten,  hatte  nie-187
        <pb n="284" />
        276  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

mand  viel  danach  gefragt;  jetzt  da  die  Preußen  den  Raub  zurückbrachten,
veranstalteten  beide  Städte  Freudenfeste.  Drei  Jahre  später  legte  Kano—
nikus  Wallraf  durch  eine  großartige  Schenkung  den  Grund  für  die  Kunst—
sammlungen  Kölns.  Mit  Eifer  nahm  sich  die  Regierung  der  alten  Bau—
werke  des  Landes  an;  als  der  König  und  der  Kronprinz  zum  ersten  Male
nach  Trier  kamen,  hielten  sie  ihren  Einzug  durch  die  Porta  Nigra,  die
soeben  wieder  frei  gelegte  Torburg  der  Cäsaren.  Ihr  Beispiel  wirkte
heilsam  auf  die  Geistlichkeit,  und  endlich  kam  die  Zeit,  da  der  bisher  so
übel  berufene  rheinische  Klerus  sich  durch  Kunstsinn  und  historische  Bil—
dung  vor  allen  seinen  deutschen  Standesgenossen  auszeichnete.

Im  Rheintal  begannen  sofort  mächtige  Strombauten;  der  Leinpfad
war  unter  französischer  Herrschaft  fast  zerstört,  das  Strombett  arg  vernachlässigt,
  und  es  währte  noch  sechzehn  Jahre  bis  die  Rheinschiffer  bei  Bingerbrück
  dem  Könige  ein  Denkmal  errichteten,  weil  er  die  berüchtigte  Durchfahrt
durch  das  Bingerloch  auf  das  Zehnfache  hatte  erweitern  lassen.  Etwas  besser
hatten  die  Präfekten  für  den  Wegebau  gesorgt;  doch  ist  selbst  die  wichtigste
Landstraße  der  Provinz,  die  Köln-Koblenzer  erst  durch  Preußen  vollendet
worden.  Von  Jahr  zu  Jahr  ward  es  lebendiger  auf  dem  Hafendamme
am  Baienturm  zu  Köln,  wo  vor  kurzem  noch  Gras  wuchs.  Das  verarmte
  Köln  schickte  sich  schon  an  das  reiche  Straßburg  zu  überflügeln,  in
dem  einst  so  schmutzigen  Koblenz  sahen  die  Rheinschiffer  jetzt  eine  lange
Zeile  stattlicher  Häuser  über  die  neue  Festungsmauer  aufragen;  alle  preuhischen
  Städte  in  den  Rheinlanden  nahmen  rascher  zu  als  die  französischen
und  die  kleinfürstlichen.  Der  niederrheinische  Gewerbefleiß  erholte  sich  so
schnell,  daß  die  Wuppertaler  schon  im  Jahre  1821  ihre  rheinisch-westindische
  Kompagnie  gründen  konnten,  und  zu  diesen  altberühmten  Industrieplätzen
  trat  jetzt  ein  neuer  hinzu:  das  Kohlenbecken  von  Saarbrücken.
Die  Staatsbergwerke  dort  förderten  im  Jahre  1815  mit  500  Arbeitern
1  Mill.  Ztr.  Kohlen  und  steigerten  ihren  Ertrag  in  kurzer  Zeit  auf  das
Zweifache  —  zur  großen  Befriedigung  des  wackeren  Bergmeisters  Bleibtren,
der  einst  zuerst  dem  Staatskanzler  erklärt  hatte,  wie  unentbehrlich  dies  zukunftsreiche
  Gebiet  für  Preußen  sei.  Dem  rheinischen  Weinbau  war  die  Verbindung
  mit  dem  rebenreichen  Frankreich  nicht  günstig  gewesen;  jetzt  erschloß
sich  ihm  der  große  norddeutsche  Markt,  und  sobald  die  beiden  fröhlichen
Weinjahre  18  und  19  den  Winzern  nach  schweren  Mißernten  wieder  Mittel
und  Mut  verschafft  hatten,  schritt  man  überall,  vornehmlich  an  der  Mosel,
zum  Anbau  neuer  Reben,  so  daß  das  Weinland  in  manchen  Gemeinden
sich  verdoppelte  und  Trevir  metropolis  jetzt  mit  besserem  Rechte  denn
je  seinen  geistlichen  Ehrennamen  Baccho  gratissima  führte.

Eine  nahezu  hoffnungslose  Aufgabe  erwuchs  der  neuen  Regierung
aus  jener  greulichen  Waldverwüstung,  welche  der  waldesfrohe  Germane
den  Welschen  unter  allen  ihren  Sünden  am  wenigsten  verzieh.  Der
bergische  Bauer  ballte  die  Faust,  wenn  ihm  Einer  von  dem  alten  Stolze
        <pb n="285" />
        Fortschritte  des  Deutschtums  am  Rhein.  277

des  Landes,  dem  Königsforst  und  dem  Frankenforst  sprach.  Von  allen
den  hundertjährigen  Eichen  und  Buchen  stand  keine  einzige  mehr;  und
was  die  Entwaldung  der  rauhen  Höhen  des  Hunsrücks  und  der  Eifel  für
das  Klima  und  den  Bodenbau  bedeutete,  das  lernte  man  erst  jetzt  mit
Schrecken  kennen,  wenn  plötzlich  nach  einem  Gewitter  die  Gießbäche  vom
Gebirg  ins  Moseltal  herunterstürzten  und  in  wenigen  Augenblicken  die
Fruchterde  hinwegschwemmten,  welche  der  arme  Winzer  in  monatelanger
Arbeit  die  steilen  Schieferfelsen  hinauf  getragen.  Und  welche  Massen
von  Raubzeug  hatte  die  lässige  Jägerei  der  Welschen  aufwachsen  lassen.
Dicht  hinter  Bonn,  im  Kottenforst  schoß  man  noch  Wölfe;  noch  1817
wurden  ihrer  159  im  Regierungsbezirk  Trier  erlegt.  Der  erste  deutsche
Forstmann  jener  Tage,  Landforstmeister  Hartig,  kam  selber  von  Berlin
herüber;  er  hatte  sich  einst,  in  den  Zeiten  der  großen  Domänenverkäufe,
ein  bleibendes  Verdienst  um  die  alten  Provinzen  erworben,  als  er  durchsetzte,
  daß  die  Wälder  nicht  mit  veräußert  wurden.  Hier  im  Westen  versuchte
  er  zu  retten  was  noch  zu  retten  war;  manche  Aufforstung  ward  begonnen,
  eine  strenge  Forstpolizei  eingeführt,  die  unter  den  Bauern  viel
Groll  erregte;  aber  wer  konnte  den  Winden  wehren,  die  über  das  kahle
Schiffelland  der  Eifel  strichen?  Die  ungeheure  Verwüstung  war  nie  wieder
ganz  zu  heilen.

Bessere  Früchte  trug  die  Umgestaltung  des  Unterrichtswesens.  Als
die  Preußen  einzogen,  fand  Joh.  Schulze  die  Schule  „"ruchlos  vernachlässigt“.)
  Da  der  französische  Staat  den  Volksschulen  niemals  eine  Unterstützung
  gewährte,  so  besaß  mehr  als  ein  Drittel  der  Gemeinden  gar  keine
Schule,  viele  Bauernschaften  meinten  genug  zu  tun,  wenn  sie  einem  Wanderlehrer
  im  Winter  vier  Monate  lang  einen  Platz  auf  einer  Tenne  einräumten.
  Drei  Fünftel  der  Kinder  wuchsen  ohne  jeden  Unterricht  auf.
Auch  die  niederen  Lehranstalten  der  Städte  erhoben  sich  selten  über  die
Leistungen  jener  berufenen  altbischöflichen  Schulen,  welche  den  bezeichnenden
Namen  Silentium  führten;  nur  da  und  dort  hatte  ein  tapferer  Pädagog,
wie  der  Kreuznacher  Rektor  Weinmann,  in  schwerem  Kampfe  mit  den
französischen  Behörden,  deutschen  Geist  unter  seinen  Schülern  wach  erhalten.
  Welch  eine  Arbeit,  bis  hier  der  preußische  Grundsatz  der  allgemeinen
  Schulpflicht  zur  Wahrheit  wurde.  Die  Wohltat  kam  vor  allen
den  Katholiken  zugute,  deren  Schulen  am  tiefsten  darniederlagen;  aber
die  neuen  Lehrer  aus  dem  Seminar  zu  Trier  hatten  oft  einen  harten
Stand,  da  viele  der  rheinischen  Pfarrer  einst  Mönche  gewesen  und  den
Anschauungen  des  Klosters  nicht  entwachsen  waren.

Unhemmbar  flutete  der  Strom  deutscher  Bildung  wieder  über  das  befreite
  Grenzland  herein.  Bis  vor  kurzem  war  das  gesamte  Rheinland,
selbst  das  rechte  Ufer,  für  den  deutschen  Buchhandel  noch  ein  totes  Gebiet,

 

*)  J.  Schulze,  Denkschrift  über  die  Kirche  und  Schule  am  Rhein,  31.  Dez.  1816.
        <pb n="286" />
        278  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

sogar  das  reiche  Wuppertal  besaß  zu  Anfang  des  Jahrhunderts  keine
einzige  Buchhandlung;  jetzt  bildete  sich  in  Bonn  ein  neuer  Mittelpunkt
für  den  literarischen  Verkehr,  und  der  rührige  Perthes  knüpfte  sogleich
seine  Geschäftsfreundschaften  an.  Die  alten  Kölner  Patrizier  sprachen,
wie  die  Straßburger  heute,  in  Gesellschaft  französisch,  unter  sich  im  Dialekt;
die  jungen  mußten  nun  doch  ein  verständliches  Hochdeutsch  lernen.  Manches
Jahr  ernsten  Kampfes  und  gehässiger  gegenseitiger  Verkennung  sollte  noch
dahingehen,  bis  die  neue  Provinz  ihres  Staates  froh  wurde.  Wer  aber
die  geistreichen,  erregbaren,  bildsamen,  für  alles  Fremde  empfänglichen
Rheinfranken  so  gründlich  kannte  wie  der  treue  Arndt,  der  bezweifelte  schon
jetzt  nicht,  daß  diesem  Volke  die  Berührung  mit  dem  scharfen  altpreußischen
Wesen  zum  Heile  gereichen  mußte.  Nur  die  Fäulnis  seines  Staates,  nur
die  Unnatur  der  Theokratie  und  der  Fremdherrschaft  hatte  diesen  hochbegabten
  Stamm  so  tief  herabgebracht;  nur  ein  starker  Staat  konnte  ihn
emporheben,  und  das  schönste  und  älteste  aller  deutschen  Lande  wieder
mit  der  rüstigen  Kraft  des  neuen  nationalen  Lebens  befruchten.  —

 

Dergestalt  befand  sich  das  halbe,  oder  im  Grunde  das  gesamte
Staatsgebiet  in  einem  Zustande  der  Umbildung.  Der  Staat  bedurfte  für
einige  Jahre  der  monarchischen  Diktatur.  Gewiß  konnte  das  Werk  der
Verwaltungsreform  seinen  Abschluß  nur  in  der  Reichsverfassung  finden,
deren  Notwendigkeit  der  König  selbst  in  so  vielen  Kabinettsordres  anerkannt
  hatte;  gewiß  konnten  die  unzähligen  widerstrebenden  Elemente  des
Staates  nur  durch  die  anhaltende  Gemeinschaft  politischer  Arbeit  und
Parteiung  zu  lebendiger  Staatsgesinnung  erzogen  werden;  aber  die  Grundlagen
  der  Verwaltung  mußten  doch  erst  feststehen,  ehe  man  die  Krone  mit
parlamentarischen  Formen  umgab.  Diese  Millionen  schwedischer  und  polnischer,
  sächsischer  und  französischer  Herzen  bedurften  der  Zeit,  um  ihren
Kummer  auszuweinen,  in  die  neuen  Verhältnisse  sich  zu  finden.  Wer
durfte  es  verantworten,  die  partikularistischen  Vorurteile,  die  tausend  verletzten
  örtlichen  Interessen  eines  politisch  noch  gänzlich  ungeschulten  Volkes
sogleich  im  parlamentarischen  Kampfe  auf  einander  platzen  zu  lassen?  die
allgemeine  Wehrpflicht,  die  Steuergesetze,  die  Einteilung  der  Provinzen
jetzt  schon  den  Angriffen  einer  Opposition  auszusetzen,  die  von  den  Lebensbedingungen
  eines  großen  Staates  nichts  ahnte  und  zum  Teil  offenbar
landesverräterische  Absichten  hegte?

Zu  Preußens  Unheil  war  der  König  nicht  mehr  in  der  Lage,  den
Zeitpunkt  für  die  Begründung  der  Verfassung  frei  zu  wählen.  Er  selber
hatte  sich  der  Freiheit  beraubt,  als  er  jene  unselige  Verordnung  vom
22.  Mai  1815  unterschrieb,  welche  die  Berufung  einer  aus  den  Provinzialständen
  gewählten  Repräsentation  des  Volkes  verhieß.  Im  selben  Sinne
        <pb n="287" />
        Das  Verfassungs-Versprechen.  279

versprachen  sodann  die  Besitzergreifungspatente  den  Schwedisch-Pommern
und,  im  wesentlichen  gleichlautend,  den  Sachsen:  „die  ständische  Verfassung
werden  Wir  erhalten  und  sie  der  allgemeinen  Verfassung  anschließen,
welche  Wir  Unserem  gesamten  Staate  zu  gewähren  beabsichtigen.“  Auch
den  übrigen  neuen  Provinzen  wurden  Provinzialstände  und  Teilnahme
an  den  Reichsständen  zugesagt.  Das  königliche  Wort  war  verpfändet,
und  stürmisch  forderte  die  patriotische  Presse,  deren  Gedanken  sich  allein
um  das  konstitutionelle  Ideal  bewegten,  die  Einlösung  des  Versprechens.
Rasches  Handeln  schien  den  Ungeduldigen  um  so  mehr  geboten,  da  die
interimistische  Nationalrepräsentation,  welche  den  alten  Provinzen  die  letzten
Jahre  über  als  gemeinsames  ständisches  Organ  gedient,  im  Sommer  1815
endlich  aufgelöst  wurde.  Diese  Versammlung  selbst  hatte  noch  kurz  vor
ihrem  Ende,  am  7.  April,  auf  den  Antrag  des  oberschlesischen  Deputierten
Elsner  von  Gronow  beschlossen,  den  König  um  schleunige  Einführung  einer
definitiven  Landesrepräsentation  und  Wiederbelebung  der  Provinzialstände
zu  bitten.“)

Als  Hardenberg  den  König  in  Wien  zur  Gewährung  jener  verhängnisvollen
  Zusage  bewog,  stellte  man  sich  die  Erfüllung  noch  sehr  leicht
vor;  der  erste  Vorschlag  ging  dahin,  daß  schon  am  1.  Juni  unter  dem
Vorsitz  des  Staatskanzlers  eine  aus  Beamten  und  aus  Eingesessenen  der
Provinzen  gebildete  Kommission  zusammentreten  und  bis  zum  1.  Sept.
die  preußische  Verfassung  zustande  bringen  sollte.  Dies  Außerste  des
Leichtsinns  wurde  noch  glücklich  abgewendet,  da  der  Krieg  vor  der  Tür
stand;  die  Verordnung  schob  den  Zusammentritt  der  Verfassungskommission
auf  den  1.  September  hinaus.  Aber  auch  dieser  Zeitpunkt  konnte  nicht
eingehalten  werden,  weil  der  König  und  seine  Räte  den  Pariser  Kongreß
nicht  verlassen  durften.  Als  sie  endlich  heimkehrten,  da  mußten  sie  nicht
nur  die  Verfassungsarbeit  abermals  vertagen  wegen  der  unaufschieblichen
Verwaltungsorganisation;  es  zeigte  sich  auch  bald,  daß  jene  von  den  Liberalen
  so  hoch  gepriesene  Verordnung  nichts  anders  war  als  eine  unverantwortliche
  Leichtfertigkeit  Hardenbergs,  der  schwerste  von  allen  seinen  politischen
  Fehlern.  Im  Jahre  1808  hatten  allerdings  auf  Steins  Veranlassung
  Vincke,  Schön  und  Staatsrat  Rhediger  einige  Entwürfe  und
Vorschläge  für  die  künftige  Verfassung  niedergeschrieben;  doch  von  alledem
war  wenig  mehr  zu  gebrauchen  seit  das  Staatsgebiet  sich  verdoppelt  hatte.
Die  neue  Verordnung  selber  bot  auch  keinen  festen  Anhalt,  ja  sie  erwies  sich,
sobald  man  schärfer  zusah,  als  eine  Kette  von  Rätseln  und  Widersprüchen.
Die  Provinzialstände,  so  befahl  sie,  sollten  hergestellt  und  aus  ihnen  der
allgemeine  Landtag  gewählt  werden  Aber  bestanden  denn  wirklich  noch
Stände,  welche  als  eine  Vertretung  der  soeben  erst  neugebildeten  Provinzen
  gelten  konnten?  Besaßen  sie  noch  unbestrittene  Rechte?  Wie  sollte

 

*)  Protokolle  der  Interimistischen  Landesrepräsentation,  7.  April  1815.
        <pb n="288" />
        280  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

man  die  ständische  Verfassung  der  neuen  Provinzen  erhalten  und  sie  der
allgemeinen  Verfassung  anschließen?  Hieß  das  nicht,  diese  Provinzen  als
unabhängige  Staaten  anerkennen  und  sie  zugleich  einem  neuen  Staate
einfügen?  Und  erhielt  man  ihre  Verfassung,  durften  sie  dann  nicht  for—
dern,  daß  die  allgemeine  Verfassung  nur  mit  Zustimmung  ihrer  Stände
geschaffen  werde?  Ein  Gewirr  verwickelter,  unlösbarer  Rechtsfragen  erhob
sich  hier;  der  Staat  selber  forderte  den  ständischen  Partikularismus  seiner
Landschaften  heraus,  die  unbedachte  Zusage  der  Krone  gab  das  Signal
zu  einem  Verfassungskampfe,  der  die  Grundfesten  der  schwer  errungenen
Staatseinheit  bedrohte.

So  unglücklich  die  Form  der  Verordnung  vom  22.  Mai,  ebenso  um—
fassend  war  der  Plan,  der  ihr  zugrunde  lag.  Hardenberg  nahm  die
weitgreifenden  Reformgedanken  aus  Steins  kräftigsten  Tagen  wieder  auf;
er  beabsichtigte  eine  neue  Kreis-  und  Gemeindeordnung  für  den  gesamten
Staat,  aus  den  Kreisständen  sollten  dann  die  Provinzialstände,  aus  diesen
die  Reichsstände  hervorgehen.  Nichts  lag  seinen  Ansichten  ferner  als  eine
geistlose  Nachahmung  der  französischen  Charte  von  1814;  vielmehr  versuchte
  er  die  Formen  der  alten  deutschen  Landstände  umzubilden  für  die
Zwecke  des  modernen  Repräsentativsystems.  Die  königliche  Verordnung  gebrauchte
  die  Worte  „Repräsentation  des  Volks“  und  „Stände“  abwechselnd
als  gleichbedeutende  Ausdrücke;  die  Absicht  war,  einen  in  drei  Stände  gegliederten
  Reichstag  zu  bilden,  der  aber  gänzlich  auf  dem  Boden  des  Staatsrechtes
  stehen,  nicht  die  wohlerworbenen  Rechte  einzelner  privilegierter  Klassen,
sondern  die  Interessen  des  gesamten  Volks  vertreten  sollte.  Der  Plan
stimmte  zu  den  Anschauungen  der  Zeit;  denn  obwohl  die  Einteilung  der
Nation  in  Ritterschaft,  Bürger  und  Bauern  den  Zuständen  der  modernen
Gesellschaft,  namentlich  im  Westen,  längst  nicht  mehr  entsprach,  so  war
doch  die  öffentliche  Meinung  noch  daran  gewöhnt.  Auch  die  neuen  süddeutschen
  Verfassungen  gingen  von  ähnlichen  Grundsätzen  aus:  die  erste
Kammer  war  überall  eine  altständische  Körperschaft,  im  wesentlichen  eine
Adelsvertretung,  die  zweite  Kammer  in  der  Regel  in  mehrere  ständische
Gruppen  gegliedert.  In  Preußen  bestanden  die  neuen  Kreisversammlungen,
  wie  die  Nationalrepräsentation  von  1811,  aus  den  Vertretern  der
drei  Stände;  und  obgleich  der  Staatskanzler  für  soziale  Unterschiede  keine
Vorliebe  hegte,  so  erkannte  er  doch  die  Notwendigkeit,  die  Neuerungen  an
das  Gewohnte  und  Hergebrachte  anzuschließen.

Aber  selbst  eine  solche  zwischen  dem  Alten  und  dem  Neuen  vermittelnde
Verfassung  begegnete  in  Preußen  einem  Widerstande,  den  die  Staaten  des
Südens  nicht  zu  überwinden  hatten;  er  entsprang  den  großen,  mannigfaltigen
  Verhältnissen  dieses  Staates  und  jener  klugen  Schonung,  welche
die  Hohenzollern  in  dem  langen  Kampfe  gegen  die  ständische  Libertät
immer  bewiesen.  In  den  Staaten  des  Rheinbundes  waren  die  alten  Landtage
  durch  die  rohen  Fäuste  eines  despotischen  Beamtentums  längst  be-
        <pb n="289" />
        Die  Verordnung  vom  22.  Mai  1815.  281

seitigt,  der  Bau  der  neuen  Verfassungen  erhob  sich  hier  auf  einer  kahlen
Fläche;  nur  in  Württemberg  versuchten  die  aufgehobenen  Stände  ihre
Rechte  wiederzuerlangen.  In  Preußen  aber  hatten  sich  fast  überall  noch
schwache  Reste  der  alten  Territoriallandtage  erhalten.  Da  rief  plötzlich
die  vieldeutige  königliche  Verheißung  uralte  längstvergessene  Ansprüche  in
den  kraftlosen  Körpern  wach;  der  Schutt  und  Moder  der  Jahrhunderte
stäubte  durch  die  Luft.  Der  Kampf  der  Staatseinheit  gegen  die  Kleinstaaterei,
  nahezu  ausgefochten  auf  dem  Gebiete  der  Verwaltung,  erneuerte
sich  in  der  Verfassungsfrage.  Während  die  Masse  des  Volkes  in  tiefer
Abspannung  verharrte,  fanden  allein  die  altständischen  Ansprüche  rührige,
tatkräftige  Verteidiger,  und  da  den  Völkern  nur  geschenkt  wird,  was  sie
sich  selbst  verdienen,  so  erschienen  die  alten  Landstände  mächtiger  als  sie
waren  und  errangen  schließlich  noch  einen  halben  Erfolg.

Welch  ein  Abstand,  wenn  man  hinüberblickte  von  der  monarchischen  Verwaltung
  Preußens  zu  seinen  Landständen!  Dort  alles  Einheit,  Ordnung,
Klarheit,  hier  ein  unübersehbares  Durcheinander,  fast  jedes  Recht  bestritten.
Die  ständischen  Landschaften  deckten  sich  nirgends  mit  den  Verwaltungsbezirken
  des  Staats;  ihre  Verfassung  ruhte  durchgängig  auf  den  privatrechtlichen
  Gedanken  des  Patrimonialstaats,  war  von  den  Rechtsbegriffen
des  modernen  Staats  durch  eine  weite  Kluft  getrennt;  nirgends  bestand
eine  Vertretung  aller  Klassen.  Die  Befugnisse  der  Stände  beschränkten
sich  zumeist  auf  die  Verwaltung  der  ritterschaftlichen  Kreditanstalten  und
Feuersozietäten,  auf  die  Repartition  einiger  Steuern  u.  dgl.  Weitaus  am
kräftigsten  hatte  sich  das  alte  Ständewesen  in  Ostpreußen  behauptet,  weil
hier  doch  ein  Teil  der  Bauern,  die  Kölmer,  im  Landtage  vertreten  war.
Noch  im  Frühjahr  1813  hatte  der  Königsberger  Landtag  seine  Tüchtigkeit
erprobt,  und  recht  aus  dem  Herzen  ihrer  Landsleute  erklärten  die  Stände
des  Mohrunger  Kreises  dem  Staatskanzler:  diese  alte  von  den  Vorfahren
ererbte  Verfassung  sei  allein  dem  deutschen  Nationalgeist  angemessen.)
In  Westpreußen  dagegen  waren  alle  ständischen  Befugnisse  zweifelhaft.
Nachdem  Friedrich  der  Große  die  alten  polnischen  Stände  aufgehoben,  hatte
sein  Nachfolger  in  seinem  Gnadenjahre  eine  Verordnung  über  die  ständischen
  Rechte  erlassen.  Sie  blieb  unausgeführt.  Während  der  Kriegsjahre
  berief  die  Regierung  mehrmals  ständische  Versammlungen,  deren
Zusammensetzung  sie  selber  bestimmte.  Was  in  Wahrheit  zu  Recht  bestehe,
  wußte  niemand  zu  sagen,  noch  weniger,  ob  Danzig  und  die  Warschauer
  Landesteile,  die  jetzt  zu  der  Provinz  hinzutraten,  einen  Anteil
an  den  ständischen  Rechten  beanspruchen  durften.

In  Pommern  bestanden  noch  dem  Namen  nach  die  hinterpommersche
und  die  vorpommersche  Landstube,  eine  Vertretung  der  Prälaten,  der  Ritterschaft
  und  der  Immediatstädte,  ohne  jede  Teilnahme  der  Bauern  und

 

*)  Eingabe  der  Mohrunger  Kreisstände,  4.  Sept.  1816.
        <pb n="290" />
        282  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

der  kleinen  Städte.  Aber  der  vormals  übermächtige  Landtag  war  seit
1810  nicht  mehr  versammelt  worden;  seit  der  Bauernstand  mit  Eifer  die
neuen  Kreisversammlungen  beschickte,  geriet  die  alte  Oligarchie  dermaßen
in  Vergessenheit,  daß  die  Stargarder  Regierung  in  Berlin  anfragte,  ob
die  Landstuben  noch  bestünden.  Der  Bescheid  lautete,  das  werde  sich  erst
entscheiden,  wenn  über  die  Herstellung  der  Provinzialstände  beschlossen
sei.)  In  Schlesien  hatte  Friedrich  der  Große  die  Fürstentage  der  kaiserlichen
  Zeit  bis  auf  die  letzte  Spur  beseitigt.

Um  so  lauter  redeten  Hardenbergs  alte  Gegner,  die  kurmärkischen
Stände.  Eigentümlich  war  diesem  Landtage,  der  wie  in  Pommern  nur
die  Prälaten,  die  Ritterschaft  und  die  Immediatstädte  vertrat,  eine  alte
überaus  verwickelte  Schuldenverwaltung,  „die  kurmärkische  Landschaft".
Die  Stände  hatten  im  sechzehnten  Jahrhundert  bedeutende  landesherrliche
Schulden  übernommen  und  verwalteten  seitdem  zu  deren  Verzinsung  den
Ertrag  einiger  Auflagen,  welche  aber  nicht  von  ihnen  selbst,  sondern  von
dem  vielgeplagten  „kontribnablen  Stande“  bezahlt  wurden.  Es  war  das
Musterbild  einer  feudalen  Verwaltung,  die  ja  überall,  gleich  dem  feudalen
Heerwesen,  durch  unerreichte  Kostspieligkeit  sich  auszeichnete.  Eine  Einnahme
  von  300,000  Tlr.  jährlich  wurde  erhoben  mit  einem  Aufwande
von  50,000  Tlr.  an  Gehalten  und  Diäten..)  Nachdem  die  Krone  schon
in  den  ersten  Jahren  der  Hardenbergischen  Verwaltung  die  Marsch=  und
Molestienkasse  nebst  einigen  anderen  Eigentümlichkeiten  des  ständischen  Ausschusses
  aufgehoben  hatte,  stand  jetzt  ein  neuer  Schlag  unausbleiblich  bevor.
  Da  der  Staat  sein  Schuldenwesen  ordnete,  so  mußte  er  auch  jene
märkische  Schuld  wieder  auf  seine  eigenen  Schultern  nehmen;  die  Tage
der  kurmärkischen  Landschaft  waren  gezählt.  Also  begann  die  kräftigste
Stütze  der  altständischen  Macht  zu  versinken,  und  schwer  besorgt  baten  einige
Deputierte  der  Ritterschaft  den  König  um  Wiederherstellung  der  alten  Verfassung
  und  Anhörung  der  Stände  wegen  etwa  nötiger  Anderungen.)
Auch  die  Neumark  besaß  ihren  „Ober=  und  Unterstand“,  die  Altmark  und
das  Kottbuser  Land  verlangten  wieder  einzutreten  in  die  Stände  Brandenburgs.
  Die  unglückliche  Verordnung  vom  22.  Mai  gab  allen  diesen  Bestrebungen
  neue  Kraft  und  einen  Schein  des  Rechts.  Und  —  so  zauberisch
wirkte  das  Wort  Verfassung  auf  dies  unerfahrene  Geschlecht  —  der  Vertreter
  des  wohlweisen  Berlinertums,  der  Bonapartist  Fr.  Buchholz  nahm
eifrig  Partei  für  den  feudalen  Adel;  er  wurde  der  literarische  Wortführer
der  Altständischen,  pries  in  seinem  „Journal  für  Deutschland“  die  alte
kurmärkische  Verfassung  und  schloß  zufrieden:  „so  war  eine  Konstitution
wirklich  vorhanden.“

 

*“)  Eingabe  der  Regierung  zu  Stargard,  29.  April  1814.
**)  Bericht  der  Potsdamer  Regierung,  6.  Dezbr.  1809.
FEingabe  der  kurmärkischen  ritterschaftlichen  Deputierten,  13.  August  1814.
        <pb n="291" />
        Die  alten  Provinzialstände.  283

Das  Ständewesen  der  alten  Provinzen  erschien  immerhin  noch  wohl
geordnet  neben  den  chaotischen  Zuständen  der  neu  erworbenen  Landes—
teile.  Wie  war  Schwedisch-Pommern  stolz  auf  „unsere  alte  Verfassung“;
nur  schade,  daß  niemand  wußte,  was  darunter  zu  verstehen  sei.  Die  alte
Landschaft  „der  Kreise  und  Städte“  Vorpommerns  war  schon  1806  durch
König  Gustav  IV.  Adolf  aufgehoben  und  an  ihrer  Statt  die  schwedische
Verfassung  mit  ihren  vier  Ständen  eingeführt  worden  —  unter  dem
Jubel  der  Bauern,  die  jetzt  endlich  eine  Vertretung  fanden.  Vier  Jahre
darauf  brachte  ein  abermaliger  Gewaltstreich  der  Krone  Schweden  eine
neue  Verfassung,  die  aber  niemals  ins  Leben  trat.  Der  vorpommersche
Patriot  konnte  also  nach  Belieben  für  drei  verschiedene  vaterländische  Ver—
fassungen  sich  begeistern.  In  der  Tat  gebärdeten  sich  „Kreise  und  Städte“,
als  sei  gar  nichts  vorgefallen  in  diesen  neun  Jahren,  sie  traten  als  die
rechtmäßige  Vertretung  des  Landes  auf  und  bestürmten  den  König  mit
ihren  Beschwerden.  Die  Bauern  und  Pächter  aber  —  an  ihrer  Spitze
die  beiden  unermüdlichen  Ludwig  Arndt  und  Christ.  Lüders  —  verwahrten
sich  dawider:  sie  hätten  die  Verfassung  von  1806  beschworen,  könnten  nur
diese  als  zu  Recht  bestehend  ansehen.)

In  Posen  bestand  noch  ein  Deputiertenrat,  das  will  sagen:  ein  Generalrat
  im  napoleonischen  Stile.  Da  diese  Versammlung  von  der  Warschauer
  Regierung  ernannt  war  und  überdies  nur  einen  Bestandteil  des
aufgehobenen  Präfektursystems  bildete,  so  wurde  sie  von  Preußen,  mit
vollem  Rechte,  nicht  als  ein  ständischer  Körper  angesehen  und  am  26.  Aug.
1818  aufgehoben.

Eine  unglaubliche  Verwilderung  ständischer  Anarchie  stellte  sich  in
Sachsen  heraus  —  ein  Zustand,  wovon  Hardenberg  offenbar  gar  nichts
ahnte,  als  er  die  Verordnung  vom  22.  Mai  entwarf.  Jeder  der  sieben
Teile  des  Herzogtums  Sachsen  besaß  seine  eigene  Ständeversammlung,
und  da  das  Stilleben  des  Junkertums  hier  niemals  durch  die  strenge
Hand  eines  starken  Königtums  gestört  wurde,  so  schloß  sich  die  ständische
Oligarchie  durch  peinliche  Ahnenproben  von  dem  Pöbel  ab;  noch  unlängst
hatte  König  Friedrich  August  einen  Grafen  von  jungem  Adel  zurückgewiesen
  von  der  heiligen  Schwelle  der  Lausitzer  Stände.  Man  hielt  in
diesen  Kreisen  für  selbstverständlich,  daß  den  an  Preußen  gekommenen
Stücken  der  sächsischen  Erblande  noch  alle  die  Rechte  zuständen,  welche  der
Landtag  des  Königreichs  Sachsen  besessen,  und  verlangte  sogar  ein  abgesondertes
  Staatsschuldenwesen  zu  behalten.  Als  der  Staatskanzler  in  der
Niederlausitz,  die  jetzt  nur  noch  einen  Bruchteil  der  neuen  Provinz  Brandenburg
  bildete,  den  alten  Landtag  vorderhand  nicht  einberufen  wollte,
da  erwiderten  die  Stände  der  Landschaft:  „Der  Inhalt  dieser  Verordnung,
  die  mit  wenigen  inhaltsschweren  Worten  uns  alles  nimmt,  was

 

*)  Eingabe  vom  20.  Juli  1816.
        <pb n="292" />
        284  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

uns  bisher  das  Teuerste  gewesen:  unsere  wohlbegründete  Gerechtsame,
unsere  verfassungsmäßige  Wirksamkeit,  unsere  gerechten  Hoffnungen  und
unseren  kindlichen  Glauben  —  hat  uns  tief  erschüttert.“  Sie  forderten
sodann,  „als  Repräsentanten  des  Volks,  als  bisherige  Teilhaber  an  der
Verwaltung  und  Gesetzgebung“,  gehört  zu  werden  bei  der  Beratung  der
neuen  Verfassung.  Die  Stände  des  Fürstentums  Querfurt  versuchten
zweimal  eigenmächtig  sich  als  Kreisstände  zu  konstituieren,  was  verboten
wurde.  Als  die  preußischen  Stempelgesetze  in  Sachsen  eingeführt  wurden,
richteten  die  Stände  des  thüringischen  Kreises  eine  leidenschaftliche  Beschwerdeschrift
  an  den  König,  worin  sie  drohend  erklärten,  dieser  Schritt
habe  „alte  Erinnerungen  geweckt“".  Die  Bürger  und  Bauern  hingegen  erhoben
  hier  wie  in  Vorpommern  laute  Einsprache  wider  das  Gebaren  der
adligen  „Repräsentanten  des  Volks“.  Bürgerliche  Gutsbesitzer  der  Görlitzer
  Gegend  verlangten,  indem  sie  den  gerechten  Sinn  der  neuen  Regierung
  dankend  anerkannten,  gänzliche  Umgestaltung  der  Landstände,  da  „der
gegenwärtige  Zustand  nur  auf  den  doch  wohl  schwachen  Anker  der  Antiquität
  zu  stützen  sei“.  Die  gleiche  Bitte  stellten  die  Stadtverordneten  von
Naumburg,  denn  „die  alten  Stände  vertraten  nur  ihr  eigenes  Interesse,
die  ständische  Verfassung  verbarg  unter  dem  Scheine  der  Gesetzmäßigkeit
die  ärgste  Tücke“.  Präsident  von  Schönberg  aber  sendete  dies  Schriftstück
nach  Berlin  mit  der  Versicherung,  darin  sei  das  Urteil  aller  Gebildeten
der  Provinz  ausgesprochen.)

Da  die  Verordnung  vom  22.  Mai  die  Wiederherstellung  der  Provinzialstände,
  „wo  sie  mit  mehr  oder  minder  Wirksamkeit  noch  vorhanden
sind“,  anbefahl,  so  gedachten  auch  die  alten  Stände  in  den  Provinzen
westlich  der  Elbe  von  dem  vieldeutigen  königlichen  Worte  Vorteil  zu  ziehen.
Sie  waren  zwar  allesamt  durch  Frankreich,  Westfalen,  Berg  und  Darmstadt
  aufgehoben.  Doch  irgend  ein  verwittertes  Trümmerstück  aus  den
altständischen  Institutionen  war  fast  überall  noch  stehen  geblieben;  überdies
  berief  man  sich  auf  den  Artikel  24  des  Tilsiter  Friedens,  kraft  dessen
die  neuen  Landesherren  alle  die  Verpflichtungen  zu  erfüllen  hatten,  welche
bisher  dem  König  von  Preußen  obgelegen,  und  schloß  daraus,  die  von  den
Rheinbundsregierungen  beseitigten  ständischen  Rechte  träten  jetzt  ohne  weiteres
  wieder  in  Kraft.  Am  frühesten  regte  sich  der  Adel  der  Grasschaft
Mark,  der  schon  während  des  Krieges  um  Herstellung  der  „alten  guten
Verfassung“  gebeten  hatte.  Bei  der  Huldigung  erneuerten  die  Stände
ihre  Forderung:  „wir  sind  Markaner  und  lieben  als  solche  unser  besonderes
  Vaterland.“  Seitdem  wurde  dies  Verlangen  von  dem  Wortführer
der  Stände,  Freiherrn  von  Bodelschwingh-Plettenberg,  in  unzähligen  Ein- 



Eingabe  der  Stände  der  Niederlausitz,  4.  Dezbr.  1816.  Berichte  der  Merseburger
Regierung,  8.  August  1817,  24.  Oktbr.  1819.  Eingabe  von  bürgerlichen  Gutsbesitzern  der
Oberlausitz,  1.  März  1818.  Eingabe  der  Naumburger  Stadtverordneten,  31.  Dez.  1816.
        <pb n="293" />
        Beginn  der  altständischen  Bewegung.  285

gaben  wiederholt:  „Unsere  Verfassung  hat  wohltätig  bestanden,  ehe  der
preußische  Staat  eine  Verfassung  hatte.  Daß  der  Entwurf  dieser  noch
nicht  vollendet  ist,  kann  daher  kein  Hindernis  sein  die  unserige  in  ihren
Grenzen  zu  lassen.“  Nach  wiederholten  Beschwichtigungsversuchen  verbot
endlich  Hardenberg  dem  unermüdlichen  Kläger,  den  ständischen  Titel  zu
führen  und  stellte  später  (10.  Mai  1820)  den  allgemeinen  Grundsatz  auf:
wo  die  alten  Stände  durch  die  von  Preußen  im  Tilsiter  Frieden  aner—
kannte  Fremdherrschaft  aufgehoben  sind,  da  bleiben  sie  aufgehoben  bis  zur
Einführung  der  neuen  Provinzialstände.“)  Der  Grundsatz  war  rechtlich
unanfechtbar,  da  die  preußische  Regierung  für  die  Gewaltstreiche  der  Fremd—
herrschaft  nicht  einzustehen  hatte,  und  eine  politische  Notwendigkeit,  denn
in  dem  Augenblicke,  da  man  das  Alte  neugestalten  wollte,  konnte  der  alte
Zustand  doch  nicht  einfach  wieder  hergestellt  werden.

Jene  Bestrebungen  der  markanischen  Stände  bildeten  nur  ein  Glied
in  der  Kette  einer  weitverzweigten  Adelsbewegung,  welche  die  gesamten
westfälisch-niederrheinischen  Lande  durchzog  und  zunächst  darauf  ausging,
die  alte  ständische  Union  von  Jülich,  Cleve,  Berg  und  Mark  wiederher—
zustellen.  Leider  schloß  sich  auch  Stein  diesem  Adel  an.  Der  große  Staatsmann
  erkannte  zwar,  daß  die  neue  Verfassung  unmöglich  mit  den  alten
Ständen  vereinbart  werden  konnte;  er  wollte  freie  Hand  für  den  König
„mit  Beratung  derer,  die  er  zum  Beraten  beruft,“  und  warnte  seine
Landsleute  vor  den  ausschweifenden  Forderungen  des  kurmärkischen  Adelshochmuts.
  Aber  voll  leidenschaftlichen  Hasses  gegen  Hardenberg,  erbittert
über  den  zögernden  Gang  der  Regierung,  begünstigte  er  doch  die  künstlichen
  und  rechtswidrigen  Wiederbelebungsversuche  der  rheinisch-westfälischen
  Stände;  er  sah  darin  einen  heilsamen  Stachel  für  die  Regierung,
während  sie  in  Wahrheit  ein  Hemmschuh  waren  für  jede  durchgreifende
Reform.  Sein  aristokratischer  Sinn  ward  härter  und  schroffer,  da  er
alterte;  sein  Eigentümerparlament  verstand  er  jetzt  als  eine  Vertretung
des  Grundeigentums  allein;  nicht  der  große  Grundbesitz,  sondern  der
Adel  sollte  den  ersten  Stand  bilden.  Und  mit  welcher  seltsamen  Gesellschaft
  trat  der  Freiherr  jetzt  in  Verbindung.  Da  war  im  Jülichschen  jener
Mirbach,  der  die  Ahnenprobe  für  die  adligen  Landstände  wünschte.  Und
im  Münsterlande  Graf  Merveldt,  der  für  jedes  der  alten  Territorien
Westfalens  eine  besondere  Ständeversammlung  forderte;  aus  ihnen  sollten
dann  die  Abgeordneten  zum  Provinziallandtage  gewählt  werden:  „Diese
Monarchie  bildet  sich  aus  Ländern  und  Staaten,  welche  Verfassungen
hatten,  die,  dem  Himmel  sei  Dank,  durch  keine  Revolution  aufgelöst  sind.“
Nun  wandten  sich  auch  die  Stände  des  Fürstentums  Paderborn  an  den

 

*)  Vorstellung  der  Huldigungsdeputierten  der  Grafschaft  Mark  an  Minister  v.  d.  Reck,
20.  Oktbr.  1815.  Eingaben  der  Stände  an  den  Staatskanzler,  20.  März,  2.  Juni  1817
usw.  Erwiderungen  Hardenbergs,  18.  Mai  1817,  10.  Mai  1820.
        <pb n="294" />
        286  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

König,  baten  um  ihre  Wiederherstellung.  Noch  weiter  gingen  die  Land—
räte  v.  d.  Horst  und  von  Borries  als  Deputierte  der  Mindener  Stände;
sie  verlangten  Wiederaufrichtung  der  alten  Verfassung,  mindestens  insoweit,
daß  die  Mindener  Nation  ihre  Steuern  selbst  bewillige  und  die  Landesbewaffnung
  von  ihren  Ständen  geleitet  werde.)  Die  altständische  Bewegung
  griff  täglich  weiter  um  sich.  Selbst  im  Herzogtum  Magdeburg,
dessen  Stände  schon  lange  vor  den  Tagen  des  Königs  Jerome  gar  nichts
mehr  gegolten  hatten,  auch  in  der  Grasschaft  Hohenstein  und  im  Eichsfelde
  wurden  Stimmen  laut,  welche  die  alten  Landtage  zurückverlangten.

Solchen  Ansprüchen  gegenüber  konnte  die  Staatseinheit  nur  dann
gewahrt  werden,  wenn  das  Verfassungswerk  allein  von  der  Krone  ausging.
Die  Nachrichten  aus  Württemberg,  wo  der  König  soeben  mit  einer  altständischen
  Versammlung  sich  vergeblich  über  eine  neue  Verfassung  zu  verständigen
  versuchte,  hinterließen  in  Berlin  tiefen  Eindruck.  Wer  durfte
nach  diesen  Erfahrungen  auch  nur  daran  denken,  die  preußische  Verfassung
mit  zwanzig  oder  mehr  altständischen  Landtagen  zu  vereinbaren?  Man
bedurfte  eines  Neubaues.  Die  neuen  Provinzialstände  mußten  sich  anschließen
  an  die  modernen  Provinzen,  nicht  an  die  alten  Territorien,  und
neben  dem  Adel  auch  den  Städten  und  dem  kleinen  Grundbesitze  eine  angemessene
  Vertretung  bieten.  Zugleich  lehrte  das  Wiedererwachen  des  ständischen
  Partikularismus,  wie  stark  die  zentrifugalen  Kräfte  noch  waren;
darum  schien  unerläßlich,  den  Provinzialständen  den  Reichstag  auf  dem
Fuße  folgen  zu  lassen.

Dies  Alles  hatte  Hardenberg  klar  erkannt.  Unter  den  Ministern  aber
herrschte  vollständige  Ratlosigkeit.  Sie  standen  einem  durchaus  neuen
Probleme  gegenüber  und  betrachteten  den  zähen  Widerstand  der  neuen
Provinzen,  den  Lärm  der  alten  Stände  mit  schwerer  Besorgnis.  Während
Ancillon  in  vertraulichen  Gesprächen  sich  schon  der  Wünsche  der  Altständischen
  annahm,  war  Klewitz  der  erste,  der  ihnen  offen  entgegenkam.
Ein  ehrlicher  Gegner  der  feudalen  Partei,  hatte  der  wackere  Mann  doch
von  jeher  die  Berechtigung  der  partikularistischen  Kräfte  des  Staats  überschätzt
  und  daher  schon  in  jener  Denkschrift,  welche  die  Wiederherstellung
der  Provinzialminister  empfahl,  dem  Staatskanzler  vorgeschlagen:  man
möge  vorläufig  nur  Provinzialstände  bilden,  dann  werde  die  Nation  die
Reichsverfassung  ruhig  abwarten.  Ein  halbes  Jahr  darauf,  im  Frühjahr
1817,  tat  er  noch  einen  Schritt  weiter  nach  der  altständischen  Seite  hinüber.
Er  schrieb  eine  neue  Denkschrift  „Was  erwarten  die  preußischen  Länder
von  ihrem  König  und  was  kann  der  König  ihnen  gewähren?"  und  beantwortete
  seine  Frage  dahin:  „Mehr  nicht  erwarten  diese  Länder,  alte

 

*)  Graf  Merveldt,  Eingabe  an  Minister  Altenstein,  20.  August  1817.  Bittschrift
der  Paderborner  Stände  an  den  König,  31.  August  1816.  Eingabe  der  Stände  des
Fürstentums  Minden  an  Hardenberg,  10.  April  1815.
        <pb n="295" />
        Die  erste  Verfassungskommission.  287

sowohl  wie  neue,  als  woran  sie  gewöhnt  sind  und  was  jemals  sie  hatten,
so  weit  es  mit  der  Gegenwart  noch  verträglich  ist.““)  Er  verlangt  also
Herstellung  der  Provinzialstände  und  erhebliche  Erweiterung  ihrer  Rechte,
„nicht  etwa,  weil  der  Zeitgeist  es  gebietet,  sondern  weil  der  König  will,
daß  die  Wohlfahrt  seines  Staates  und  nach  dessen  Beispiel  Deutschland
und  Europa  vorschreite.  Durch  dieses  Mehr  wird  zugleich  eine  Ausgleichung
oder  allgemeine  Verfassung  für  die  verschiedenen  Länder  oder  Provinzen
sich  bilden  lassen.“  Dergestalt  bleibe  die  Selbständigkeit  des  Landesherrn
gesichert,  die  durch  einen  allgemeinen  Landtag  leicht  geschädigt  werden
könne.  —  So  war  denn  zum  ersten  Male  in  einem  amtlichen  Aktenstücke
die  Ansicht  ausgesprochen,  daß  eine  Verfassung  für  den  Gesamtstaat  überflüssig,
  ja  gefährlich  sei;  die  reaktionäre  Partei  am  Hofe  wie  die  Altständischen
  säumten  nicht,  die  Außerungen  des  ängstlichen  Ministers  für  sich
zu  benutzen.  Hardenberg  aber  widersprach  lebhaft;  auch  der  König  war
noch  nicht  gewonnen.

Klewitz  schlug  ferner  vor:  „Zuerst  müßte  das  Jemals-Bestandene
einzeln  ausgemittelt  werden;"  Abgesandte  des  Staatsrats  sollten  die  einzelnen
  Provinzen  bereisen,  um  die  altständischen  Verhältnisse  kennen  zu
lernen  und  an  Ort  und  Stelle  mit  den  Eingesessenen  über  die  Verfassungswünsche
  der  Provinzen  sich  zu  besprechen;  die  Einberufung  von  Notabeln
in  die  Verfassungskommission  selbst,  wie  sie  in  der  Verordnung  vom  22.  Mai
befohlen  war,  erscheine  hochbedenklich  angesichts  der  württembergischen  Ereignisse.
  Der  Ratschlag  war  wohlgemeint;  denn  allerdings  konnte  bei  der
zerfahrenen  Unsicherheit  der  öffentlichen  Meinung  eine  Notabelnversammlung
  in  Berlin  leicht  zum  Tummelplatze  sozialer  Leidenschaften  und  partikularistischer
  Gelüste  werden.  Da  aber  das  Ministerium  sich  noch  nicht
einmal  über  die  Grundzüge  der  Verfassung  verständigt  hatte,  so  erwuchs
aus  der  vorgeschlagenen  Bereisung  der  Provinzen  eine  andere  kaum  geringere
Gefahr.  Aus  den  Debatten  einer  Notabelnversammlung  mußte  doch  irgend
eine  Durchschnittsmeinung  hervorgehen;  befragte  man  dagegen  einige  hundert
  Notabeln  einzeln  in  ihrer  Heimat,  so  ergab  sich  notwendig  ein
Durcheinander  grundverschiedener  subjektiver  Ansichten,  das  den  schwankenden
  Entschluß  der  Krone  zu  verwirren  und  zu  lähmen  drohte.  Diese
Gefahr  wurde  nicht  erkannt,  es  überwog  die  Sorge  vor  den  Wirren  einer
konstituierenden  Versammlung.  Der  König  genehmigte  die  Bereisung  der
Provinzen.  —

Unter  solchen  Umständen  wurde  am  7.  Juli  1817  die  Verfassungskommission
  zum  ersten  und  einzigen  Male  versammelt.  Sie  bildete,  wie  sich
von  selbst  verstand,  eine  Abteilung  des  Staatsrats  und  bestand  aus  zweiundzwanzig
  Mitgliedern  desselben.  Hardenberg  teilte  ihr  mit,  der  König
halte  für  einfacher  und  sicherer,  statt  die  Eingesessenen  nach  Berlin  zu

 

*)  Klewitzs  Denkschrift  vom  28.  April  1817,  dem  Staatskanzler  eingereicht  am  1.  Juni.
        <pb n="296" />
        288  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

berufen,  vielmehr  drei  Kommissäre  in  die  Provinzen  zu  senden.  Alten—
stein  war  für  die  westlichen  Provinzen  bestimmt,  Beyme  für  Pommern
und  Preußen,  Klewitz  für  Brandenburg,  Sachsen,  Schlesien,  Posen.  Erst
wenn  die  Berichte  der  drei  Abgesandten  vorlägen,  sollte  die  Kommission
ihr  Gutachten  abgeben.  Der  Staatskanzler  erklärte  zugleich  in  einer  län—
geren  Ansprache:  die  älteren  Landstände  seien  wahre  Hemmräder  in  der
Staatsmaschine  gewesen;  seine  Verbesserungen  und  seinen  Flor  verdanke
der  Staat  dem  Genie  seiner  Regenten;  aber  da  der  jetzige  Zustand  nicht
ohne  großen  Nachteil  fortdauern  könne,  da  die  Nation  reif  und  würdig
sei,  eine  dauernde  Verfassung  und  Repräsentation  zu  erhalten,  da  sie
durch  die  tapfere  Verteidigung  des  Vaterlandes  und  die  Erkämpfung  der
Selbständigkeit  desselben  ein  seltenes  Beispiel  staatsbürgerlicher  Tugend
und  Treue  gegen  den  König  gegeben  habe,  so  sei  der  König  zu  dem  frei—
willigen  Entschlusse  gekommen,  eine  repräsentative  Verfassung  zu  geben.
Daran  schloß  sich  die  bestimmte  Angabe  der  Schranken,  welche  der  Monarch
seiner  Gewährung  gesetzt  habe:  „S.  Maj.  wollen  die  künftigen  Stände
gern  über  die  zu  gebenden  Gesetze  hören,  aber  Höchst  Ihr  bestimmter  Wille
ist,  ihnen  nur  eine  beratende  Stimme  einzuräumen,  mit  ausdrücklicher
Ausschließung  von  aller  Einmischung  in  die  Verwaltung.“

Im  Spätsommer  und  Herbst  vollzogen  die  drei  Minister  ihre  Rund—
reise.  Sie  waren  beauftragt  sich  über  alle  ständischen  Institutionen,  die
jemals  in  den  Territorien  bestanden,  genau  zu  unterrichten  und  für  die
Zukunft  vornehmlich  zwei  Fragen  zu  stellen:  ob  eine  Vertretung  des  Bauernstandes
  neben  Adel  und  Städten  möglich  und  nützlich  sei?  und  ob  man
Reichsstände  wünsche  oder  bloß  Provinzialstände?  Im  ganzen  wurden
gegen  300  Personen  um  ihre  Ansicht  befragt  (in  Schlesien  57  Notable).
Die  weitaus  größere  Hälfte  gehörte  dem  Landadel  an,  was  sich  aus  den  bisherigen
  ständischen  Verhältnissen  notwendig  ergab;  doch  gaben  auch  Kaufleute
  und  Gewerbtreibende,  Bürgermeister  und  Geistliche  in  großer  Zahl
ihre  Meinung  ab,  in  den  Küstenprovinzen  wendete  sich  Beyme  mit  Vorliebe
  an  die  bürgerlichen  Klassen.  Dagegen  wurden  aus  dem  Bauernstande
  nur  wenige  gehört,  die  meisten  in  Schlesien  und  Magdeburg,
kein  einziger  in  den  vormals  sächsischen  Landesteilen,  wo  der  Bauer
kaum  erst  begann  sich  von  dem  Drucke  der  Adelsherrschaft  zu  erholen.

Zieht  man  die  Summe  aus  dem  Gewirr  der  zumeist  treuherzig,  mit
deutschem  Freimut  vorgetragenen  Ansichten,  so  erhellt  unwidersprechlich:
eine  durchgebildete  öffentliche  Meinung  oder  gar  ein  leidenschaftlicher  Volkswille,
  der  auf  die  Krone  hätte  drücken  können,  bestand  noch  nicht,  die  altständische
  Bewegung  fand  nicht  nur  kein  Gegengewicht  im  Volke,  sondern
eine  starke  Unterstützung  an  dem  naiven  Partikularismus  der  Provinzen.
Provinzialstände  wünschte  man  fast  überall;  sehr  vereinzelt  stand  der  Präsident
  von  Motz,  der  um  der  Staatseinheit  willen  lediglich  einen  Reichstag
verlangte.  Dagegen  erklärten  sich  zahlreiche  Stimmen  für  Provinzialstände
        <pb n="297" />
        Die  Bereisung  der  Provinzen.  289

ohne  Reichsstände,  die  einen  aus  Partikularismus,  andere  aus  Furcht
vor  der  Erschütterung  des  Thrones.  Daß  die  Provinzialstände  an  die
neugebildeten  Provinzen  sich  anschließen  müssen,  leuchtet  den  meisten  ein;
jedoch  werden  mehrfach  Landtage  für  die  Regierungsbezirke,  öfter  noch
Stände  für  die  althistorischen  Territorien  gefordert.  Desgleichen  von  der
Form  der  Reichsstände  hegt  man  grundverschiedene  Vorstellungen.  Manche
denken  an  ein  Parlament,  andere  an  eine  kleine  Körperschaft  von  40  Köpfen,
die  zu  den  Sitzungen  des  Staatsrats  hinzugezogen  werden  soll.  Die
Frage:  ob  Ein-  oder  Zweikammersystem?  wird  selten  aufgeworfen.  Auch
über  die  Vertretung  des  Bauernstandes  ist  man  nicht  einig.  Die  Mehr—
zahl  spricht  dafür,  aber  viele  Edelleute  und  Bürger  bezweifeln,  ob  sich
eine  genügende  Anzahl  „tauglicher  Subjekte“  (so  lautet  der  stehende  Aus—
druck)  in  dem  jungen  Stande  finden  lasse.  Dem  Landadel  graut  besonders
vor  Bauernadvokaten;  er  verlangt  durchaus,  daß  die  Bauerschaft  nur
durch  Bauern  vertreten  werde.  Eine  keineswegs  unbeträchtliche  Minder—
heit,  Männer  aus  allen  Ständen  erklären  kurzab,  das  Volk  sei  noch  nicht
reif  für  ständische  Vertretung,  eine  geordnete  Verwaltung  genüge.  Sehr
häufig  wird  als  einziger  Grund  für  die  Verfassung  mit  kindlicher  Harm—
losigkeit  angegeben:  der  König  hat  sein  Wort  verpfändet,  er  muß  es  ein—
lösen,  im  übrigen  erwarten  wir  alles  von  seiner  Gnade.  Am  erfreu—
lichsten  erscheint  in  diesem  Chaos  unreifer  Ansichten  das  instinktive  Ver—
ständnis  für  den  Zusammenhang  von  Verfassung  und  Verwaltung,  das
die  Preußen  vor  den  Süddeutschen  jener  Tage  auszeichnete.  Dank  den
alten  Traditionen  des  Staats  und  vornehmlich  den  Stein-Hardenbergischen
Reformen  verstand  hier  fast  jedermann  die  Bedeutung  der  Verwaltungsfragen
  zu  schätzen;  man  sah  in  der  Verfassung  nicht  den  Beginn  eines
neuen  Staatslebens,  sondern  die  Ergänzung,  den  Abschluß  der  in  der
Gemeinde=  und  Kreisverwaltung  begonnenen  Reformen.  Der  Einfluß
französischer  Theorien  zeigte  sich  noch  fast  nirgends,  ständische  Gliederung
galt  als  selbstverständlich.

Nur  die  Posener  Notabeln  standen  schon  auf  der  Höhe  neufranzösischer
Bildung.  Wie  nach  einer  stillen  Verschwörung  stimmten  die  polnischen
Edelleute,  welche  Klewitz  befragte,  fast  allesamt  überein  in  dem  Verlangen
nach  einem  unabhängigen  Provinziallandtage,  der  das  Schulwesen  leiten,
die  Beamten  vorschlagen  und  ein  gesondertes  Budget  unter  der  Kontrolle
einer  Provinzial-Rechenkammer  verwalten  sollte.  Der  unvermeidliche  General
  von  Kosinsky  überreicht  den  Entwurf  einer  auf  dem  Gleichgewicht
der  Gewalten  beruhenden  preußischen  „Föderativverfassung“:  C'est  la
Prusse  qui  doit  faire  I’époque  dans  le  siècle  constitutionnel.  Preußen
hat  bisher  zu  seinen  Völkern  gesagt:  „Ihr  sollt  Heloten  sein,  zusammengehalten
  durch  Soldaten  und  eine  herrschende  Beamtenkaste;“  jetzt  muß
der  Staat  seine  Pflicht  erkennen,  „eine  um  so  zärtlichere  Mutter  zu  sein,
da  er  das  Unrecht  Europas  gegen  die  unter  seinem  Adler  vereinigten

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  19
        <pb n="298" />
        290  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

Völker  anerkennen  muß.“  Also  —  Umwandlung  Preußens  in  eine  Föde—
ration  unabhängiger  Provinzen  mit  Provinzialständen  und  Provinzial—
truppen!  Herr  von  Bojanowsky  verlangt  eine  „Erklärung  der  Menschenrechte“
  Herr  von  Morawsky  findet  die  Menschenwürde  nur  da  vollkommen
gewahrt,  wo  „ein  Obermensch“  regiert,  beschränkt  durch  einen  Sénat
conservateur  und  eine  Deputiertenkammer.  Auch  einzelne  Deutsche  zeigen
sich  angesteckt  von  der  diese  Landschaft  beherrschenden  französischen  Bildung.
  Der  Regierungsdirektor  von  Leipziger  bringt  einen  vollständigen
„Konstitutionsentwurf“  nach  der  wohlbekannten  Pariser  Schablone  (§  1.
Das  Haus  Hohenzollern  regiert  in  ununterbrochener  Linie  nach  den  bestehenden
  Hausgesetzen.  §  16.  Die  christliche  Religion  ist  die  Religion  der
Nation  usw.).  Offenbar  waren  solche  Ansichten  des  polnischen  Adels,
mit  ihren  kaum  versteckten  Hintergedanken,  wenig  geeignet,  die  Krone  für
die  Nachahmung  französischer  Institutionen  zu  gewinnen;  doch  sie  lehrten
noch  eindringlicher,  wie  gefährlich  es  sei,  sich  mit  Provinzialständen  zu  begnügen.
  Auf  diesen  letzteren  Punkt  legte  der  Oberpräsident  Zerboni  großes
Gewicht;  er  fragte  warnend:  „wollen  wir  eine  Kantonalverfassung  wie  in
der  Schweiz  einführen?"  „Noch  sind  wir  keine  Nation“  —  sagt  sein  Votum.
„Wir  existieren  nur  in  der  Idee  und  erlöschen  mit  ihr.  Es  liegen  große
Ereignisse  im  Schoße  der  Zukunft.  Sie  wird  sie  an  Preußen  anknüpfen.
Wir  haben  keinen  Nebenbuhler,  wenn  wir  die  Rolle  begreifen,  die  uns
zugefallen  ist.“  Darum  Reichsstände  für  den  Gesamtstaat,  beschließend,
nicht  bloß  beratend.)

Im  Rheinland  standen  sich  die  Ansichten  sehr  schroff  gegenüber.  Auf
der  einen  Seite  die  altständische  Agitation  der  niederrheinischen  Adeligen;
zu  ihnen  gesellte  sich  jetzt  der  Freiherr  von  Nagel  mit  einem  unerlaubt  gründlichen
  Werke  über  die  jülich-cleve-bergischen  Stände,  und  der  alte  kurtriersche
  Syndikus  Hommer,  der  den  trierschen  Landtag  mitsamt  seiner
geistlichen  Kurie  wiederherstellen  wollte.  Dem  gegenüber  die  demokratischen
Anschauungen  einer  ganz  modernen  bürgerlichen  Gesellschaft  und,  namentlich
  unter  den  eingebornen  Beamten,  vereinzelte  konstitutionelle  Ideen,  die
an  Frankreichs  Nachbarschaft  gemahnten.  Zwar  die  Stadträte  von  Köln
und  Trier  erinnerten  nur  in  allgemeinen  Sätzen  an  die  verheißene  Verfassung,
  als  der  König  in  jenem  Sommer  die  Provinz  bereiste,  und  auch
Benzenberg,  der  sich  mit  den  Gutsbesitzern  des  Krefelder  Kreises  an  den
Monarchen  wendete,  bat  nur  um  beratende  Stände.  Präsident  Sethe
dagegen  überreichte  dem  Minister  Altenstein  eine  Denkschrift,  welche  den
Reichstag  allein  aus  Wahlen  hervorgehen  ließ,  allen  selbständigen  Staatsbürgern
  das  Wahlrecht  gab,  nur  die  Mediatisierten,  als  nicht  steuerpflichtig,
ausschloß.  Uber  die  altständische  Verfassung  sagte  er  kurzab:  „sie  war

 

*)  Klewitz,  Bericht  über  die  Bereisung  von  Posen  usw.  Zerboni,  Votum  vom
28.  Nov.  1817.
        <pb n="299" />
        Äußeruͤngen  der  Notabeln.  291

nur  ein  Schattenbild  und  Blendwerk  von  Repräsentation.“  Gleichen
Sinnes  forderte  ein  Düsseldorfer  Richter  eine  Interessenvertretung  für  die
sozialen  Klassen,  mit  Ausschluß  des  Adels.  Eine  andere  rheinische  Denk—
schrift  verlangt  eine  erste  Kammer  von  lebenslänglich  Berufenen  aus  den
Reihen  des  Grundbesitzes,  des  Großkapitals,  der  Intelligenz,  und  eine
zweite  Kammer,  die  von  allen  selbständigen  Staatsbürgern  in  indirekten
Wahlen  gewählt  wird  und  das  gesamte  Volk  vertritt.  Das  sei  die  not—
wendige  Ergänzung  der  allgemeinen  Wehrpflicht.  Also  kündigten  sich  hier
bereits  Gedanken  an,  welche  erst  das  Jahr  1848  zur  Reife  bringen  sollte.
Mächtig  waren  sie  noch  nicht;  denn  die  Masse  der  Rheinländer  lebte  allein
den  Sorgen  des  Handels  und  Wandels,  weder  die  konstitutionelle  Bewegung
noch  die  teutonische  Schwärmerei  der  Jugend  fand  bei  ihnen  starken  Widerhall.
  In  Westfalen  scheint  Altenstein  vornehmlich  mit  dem  Adel  gesprochen
  zu  haben;  von  einer  Unterredung  mit  Stein  schieden  beide  Teile
gleich  befriedigt.“)

In  den  östlichen  Provinzen  stritt  man  sich  vornehmlich  über  die  Frage,
ob  der  kaum  erst  befreite  Bauernstand  schon  fähig  sei  zur  landständischen
Wirksamkeit.  Den  Adel  Vorpommerns  fand  Beyme  noch  ganz  und  gar
erfüllt  von  altständischen  Anschauungen;  nur  wenige  Edelleute  wünschten
Reformen,  vor  Allen  Fürst  Putbus,  „ein  wahrer  Bauernfreund“.  Mit
geringem  Erfolge  versuchte  der  Greifswalder  Professor  Schildener  in  einer
Flugschrift  den  privilegierten  Klassen  zu  erweisen,  daß  kein  anderer  Stand
den  pommerschen  Geist  so  treu  bewahre  wie  die  mißachteten  Bauern.  Unter
den  Notabeln  von  Hinterpommern  überwog  ebenfalls  der  Wunsch  nach  Herstellung
  der  alten  Verfassung;  indes  hielt  man  die  Aufnahme  der  Bauern
für  unvermeidlich.  „Der  gute  und  rührige  Geist“,  den  das  Jahr  1813
in  Ostpreußen  erweckt  hatte,  berührte  den  Minister  wohltuend.  Hier  galt
die  Vertretung  des  Bauernstandes  überall  als  notwendig.  In  Westpreußen
  wurde  Beyme  überrascht  durch  die  allgemeine  politische  Gleichgültigkeit:
  die  Städte  klagten  lebhaft  über  die  ungewohnten  Lasten  der
Städteordnung,  der  Adel  sprach  zumeist  gegen  die  Landstandschaft  der
bürgerlichen  Rittergutsbesitzer)

Die  Mehrzahl  der  schlesischen  Notabeln  war  für  die  Vertretung  aller
drei  Stände  in  Niederschlesien;  doch  wurde  fast  allgemein  bezweifelt,  ob
der  oberschlesische  Bauer  für  politische  Tätigkeit  reif  sei.  Selbst  der  hochkonservative
  Feldmarschall  York  erklärte  —  so  stark  war  der  Eindruck  des
königlichen  Worts  gewesen:  —  „Die  monarchische  Verfassung  und  Verwaltung,
  wie  sie  unter  Friedrich  dem  Großen  war,  ist  mir  die  liebste
und  beste.  Indes  ist  dem  Lande  Konstitution  und  Repräsentation  versprochen,
  und  das  Wort  muß  gelöst  werden.  Auch  so  bald  als  mög- 



*)  Kommissionsakten,  die  Bereisung  der  westlichen  Provinzen  betreffend.
**)  Beymes  Bericht  über  die  Bereisung  von  Pommern  und  Preußen.
197
        <pb n="300" />
        292  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

lich,  weil  die  Fortdauer  großer  Lasten  doch  Unzufriedenheit  nährt  und
bei  den  Waffen  in  der  Hand  des  Volks  gar  zu  leicht  gefährlich  werden
kann.““)

In  den  Marken  viel  Klagen,  weil  „die  alte  Verfassung  unter  die
Füße  getreten  sei“,  viel  Angst  vor  der  drohenden  Ubermacht  der  Bürger
und  Bauern.  Am  freisinnigsten  zeigte  sich  der  Adel  der  Altmark;  er  hatte
unter  der  westfälischen  Herrschaft  manches  alte  Vorurteil  verlernt  und
sprach  zumeist  für  die  Vertretung  des  Bauernstandes.  Die  Bauern  der
Kurmark  aber,  stolz  auf  die  neuen  Kreisversammlungen,  bezweifelten  gar
nicht,  daß  sie  auch  in  den  Ständen  ihren  Mann  stehen  würden.  Der
Führer  der  Feudalen,  Minister  von  Voß-Buch,  hielt  sich  noch  behutsam
zurück;  eine  Konstitution  nach  dem  Geiste  der  Zeit  sei  fast  unvermeidlich,
man  könne  aber  vorerst  nur  mit  einer  ständischen  Verfassung  beginnen;
also  Provinzialstände  nach  Anhörung  der  alten  Stände.  —  Nirgends  erschien
  der  alte  Klassenhaß  so  schroff  wie  in  Sachsen.  Hier  wurde  die  „Reife“
der  Bauern  von  den  meisten  bezweifelt,  von  allen  aber  das  Steuerbewilligungsrecht
  für  die  Provinz  verlangt.  Man  erinnerte  wehmütig  an
die  Verschwendung  der  polnischen  Auguste;  ein  tüchtiger  Mann,  von  Berlepsch,
erklärte,  diese  Geldsorge  sei  in  Sachsen  der  einzige  politische  Gedanke.  Wie
schwierig  das  Verfassungswerk  auch  weltkundigen  Männern  erschien,  das
lehrt  ein  Votum  des  Grafen  Wintzingerode-Bodenstein.  Der  hatte  einst
mitgeholfen,  als  Friedrich  von  Württemberg  die  schwäbischen  Territorien
zu  einem  „Reiche“  zusammenschlug;  doch  in  einem  Großstaate  sei  ein
solches  Verfahren  nicht  anwendbar,  hier  müßten  die  alten  Landschaften  hergestellt,
  die  kurmainzische  Landtagsordnung  für  das  Eichsfeld  mit  einigen
Verbesserungen  wieder  aufgerichtet  werden.

Nur  einer  der  drei  Minister,  Beyme,  fügte  den  Reiseberichten  eine
Darlegung  seiner  eigenen  Ansicht  hinzu.  Er  spricht  in  Hardenbergs  Sinne,
bekämpft  die  alten  Stände  als  „eine  Geburt  der  finsteren  Zeiten  des
Mittelalters,  welche  das  helle  Tageslicht  nicht  vertragen  könnte.“  Er  sieht
in  Amerika  „das  Ideal  einer  Verfassung“,  fordert  für  Preußen  eine  Vertretung
  der  drei  Stände,  vorläufig  in  einer  Kammer,  bis  sich  dereinst  ein
lebensfähiger  Adel  bilde,  rühmt  die  Bauern  als  den  jugendlichsten  und
gesündesten  der  Stände,  das  Rheinland  als  die  aufgeklärteste  Provinz.
Volle  Offentlichkeit  für  Reichstag,  Provinzialstände  und  Kreistage.  Dazu
Grundrechte,  den  heute  bestehenden  fast  gleich,  auch  Schwurgerichte  für
Preßvergehen.  —  Gewissenhaft  wurde  von  allen  drei  Abgesandten  die  Aufgabe
  gelöst,  „das  Jemals-Bestandene"  zu  erforschen.  Altenstein  ließ  sich's
nicht  verdrießen,  in  den  zahlreichen  Territorien,  welche  die  neuen  westlichen
Provinzen  bildeten,  die  Syndici  und  andere  Würdenträger  der  alten  Landtage
  aufzusuchen.  Es  waren  zumeist  ehrwürdige  Herren,  hoch  in  den

 

*)  Vorks  Votum,  Klein-Oels  12.  Sept.  1817.
        <pb n="301" />
        Ergebnis  der  Rundreise.  293

Siebzig,  „mit  gutem  Gedächtnis“,  wie  der  Minister  versicherte;  jeden  Knopf
und  jeden  Schnörkel  von  dem  altfränkischen  Hausrat  verschollener  Tage
hatten  sie  doch  nicht  in  der  Erinnerung  behalten.  So  kam  denn  mit  red—
lichem  Bemühen  eine  lange  Reihe  historischer  Übersichten  zustande.  Da
standen  sorgsam  verzeichnet  das  liberum  veto  der  Polen  und  die  precariae
annuge  der  kurtrierschen  Stände,  die  schlesischen  Fürstentage  und  die
Unterherrentage  von  Jülich,  der  advocatus  patriae  des  Herzogtums
Westfalen  und  die  Bleicheroder  Steuerstube  der  Grasschaft  Hohenstein,
„das  Vest  Recklingshausen“  und  der  Landtag  des  Fürstentums  Corvey
mit  seinen  fünf  Köpfen  und  drei  Ständen  —  und  am  Ende  war  aus
dem  ganzen  Wust  nur  das  eine  zu  lernen,  daß  sich  nichts  daraus  lernen
ließ  für  die  lebendige  Gegenwart.

Die  Bereisung  der  Provinzen  brachte  ein  dürftiges  Ergebnis:  ein
unfruchtbares  Gewirr  von  alten  Erinnerungen  und  unsicheren  Wünschen.
Auch  die  wenigen  Publizisten,  welche  sich  mit  der  Verfassungsfrage  beschäftigten,
  wußten  keinen  Rat.  Der  liberale  Gräbvell  stellte  in  seiner
Schrift:  „Bedarf  Preußen  einer  Konstitution?“  die  unschuldige  Forderung,
daß  die  gesamte  Gesetzgebung  seit  1806  den  Reichsständen  zur  Prüfung
vorgelegt  werden  solle;  er  bedachte  nicht,  wie  leicht  dieser  freisinnige  Wunsch
zur  Zerstörung  der  Stein-Hardenbergischen  Reformen  führen  konnte.
Benzenbergs  Buch  „über  Verfassung“,  das  König  Friedrich  Wilhelm  freundlich
  aufnahm,  immerhin  eine  der  reifsten  politischen  Schriften  der  Epoche,
hebt  also  an:  „In  einer  Entfernung  von  21  Millionen  Meilen  fliegt  eine
kleine  Kugel  um  die  Sonne,  deren  Durchmesser  1718  Meilen  ist"  —  und
also  vom  Ei  des  Ei's  beginnend  wälzt  die  Darstellung  sich  weiter,  bis  der
aufstöhnende  Leser  endlich  auf  Seite  504  bei  Deutschland  anlangt  und
über  Preußen  nahezu  nichts  erfährt!

Die  ernste  Frage:  ob  diese  stolze  absolute  Krone,  die  soeben  wieder  durch
die  Neugestaltung  des  Heeres,  der  Verwaltung,  der  Steuern  ihre  ungebrochene
  Lebenskraft  bewährte,  ihre  Vollgewalt  ohne  Gefahr  mit  einer
Ständeversammlung  teilen  dürfe  —  dies  große  Rätsel  erschien  nach
Vernehmung  der  Stimmen  aus  dem  Volke  fast  noch  dunkler  denn  zuvor.
Die  scheltenden  liberalen  Schriftsteller  draußen  im  Reiche,  welche  über  dem
einen,  was  Hardenberg  nicht  zu  stande  brachte,  das  größere  vergaßen
was  er  leistete,  sie  ahnten  nicht,  welche  Sorgen  den  Staatskanzler  bestürmten.
  Denn  trauriger  als  alle  die  anderen  Beweise  kindlicher  politischer
  Unreife,  welche  die  Rundreise  an  den  Tag  brachte,  war  doch  die
Erfahrung,  daß  mindestens  die  Hälfte  des  preußischen  Volks  noch  gar
nicht  über  die  Grenzen  der  heimischen  Provinz  hinausblickte.  Durchaus
richtig  schilderte  Graf  Edmund  Kesselstadt,  einer  der  einsichtigsten  Patrioten
am  Rhein,  die  Stimmung  der  neuen  Provinzen  also:  „der  Gedanke  einem
großen  Staate  anzugehören  ist  einem  großen  Teile  der  preußischen  Untertanen
  fremd,  da  der  Gedanke  Deutsche  zu  sein  ihnen  gewissermaßen  immer
        <pb n="302" />
        294  II.  5.  Die  Wiederherstellung  des  preußischen  Staates.

fremd  war.““)  Wenn  einem  Geschlechte  von  solcher  Bildung  das  Repräsentativsystem
  gegeben  wurde,  so  stand  freilich  zu  hoffen,  daß  die  Pflichttreue
  des  gewissenhaften,  verständigen  Volks  sich  mit  der  Zeit  einleben
würde  in  die  neue  Staatsform.  Doch  eine  Verfassung,  jetzt  verliehen,
wäre  nicht  das  Werk  der  Nation  gewesen,  sondern,  wie  einst  die  Städteordnung,
  ein  freies  Geschenk  des  dem  Volke  voranschreitenden  königlichen
Willens.

Der  König  aber  begann  eben  jetzt,  beunruhigt  durch  die  Nachrichten
aus  dem  Süden,  sich  den  konstitutionellen  Plänen  seines  Staatskanzlers
zu  entfremden.

 

*  Kesselstadts  Votum  in  Altensteins  Reise-Akten.
        <pb n="303" />
        Sechster  Abschnitt.

Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Die  mühselige  Arbeit  der  Wiederherstellung,  welche  in  Preußen  alle
Kräfte  der  Staatsmänner  auf  Jahre  hinaus  in  Anspruch  nahm,  blieb
den  süddeutschen  Mittelstaaten  fast  ganz  erspart.  Diese  Kronen  hatten
sich  in  allen  Kriegen  des  letzten  Jahrzehnts  immer  rechtzeitig  auf  die
Seite  des  Siegers  geschlagen  und  darum  bei  der  großen  Abrechnung  ihren
Besitzstand  mit  geringfügigen  Anderungen  behauptet.  Ihre  Länder  waren
durch  die  Nöte  der  Feldzüge  weit  weniger  heimgesucht  als  der  Norden,
und  nichts  hinderte  hier  sogleich  an  das  Verfassungswerk  heranzutreten.
Mit  dem  Sturze  des  Protektors  brach  auch  die  harte  Diktatur,  welche
zehn  Jahre  lang  diese  jungen  Staatsgebilde  gewaltsam  aufrecht  erhalten
hatte,  unrettbar  zusammen.  Die  Höfe  selber  fühlten,  daß  die  künstliche
Einheit  ihrer  Staaten  jetzt  neuer  Stützen  bedurfte.  Sie  hofften,  durch
die  Gewährung  einiger  unschädlichen  landständischen  Rechte  ihre  grollenden
Untertanen  mit  dem  Heimatstaate  zu  versöhnen  und  den  Sinn  des
Volks  dem  furchtbaren  Gedanken  der  deutschen  Einheit  zu  entfremden;  sie
dachten  zugleich  durch  schleunige  Erfüllung  des  Art.  13  der  Bundesakte
ihre  Souveränität  gegen  jeden  Eingriff  des  Bundestages  zu  sichern.

Also  geschah  es,  daß  die  Kernlande  des  Rheinbunds  um  ein  Menschenalter
  früher  als  Preußen  die  schweren  ersten  Lebensjahre  des  konstitutionellen
  Lebens  durchmaßen;  und  wie  dürftig  auch  das  politische  Ergebnis
  dieser  Lehrzeit  blieb,  so  hat  sie  doch  die  schlummernden  Kräfte  des
Südens  geweckt  und  der  Welt  nach  langer  Zeit  zum  ersten  Male  wieder
gezeigt,  welchen  Schatz  Deutschland  an  der  alten  Kultur,  an  der  schlicht
bürgerlichen  Bildung  und  dem  warmherzigen  Gemeinsinn  seines  Oberlandes
  besaß.  Diese  oberdeutschen  Stämme,  die  an  den  politischen  Kämpfen
des  achtzehnten  Jahrhunderts  fast  nur  leidend  teilgenommen  hatten,
traten  mit  einem  Male  in  den  Vordergrund  der  deutschen  Geschichte,  und
wer  die  deutschen  Dinge  nur  nach  den  Zeitungen  oder  den  Schlagwörtern
der  Parteien  beurteilte,  mochte  leicht  zu  dem  Irrtum  gelangen,  als  ob
die  Führung  der  Nation  von  dem  Staate  Friedrichs  nunmehr  auf  die
Bayern,  Schwaben  und  Franken  übergegangen  sei.
        <pb n="304" />
        296  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Wie  einst  das  Zeitalter  unserer  klassischen  Dichtung  seine  Bühne
außerhalb  Preußens  aufgeschlagen  hatte,  so  fanden  jetzt  die  neuen  politischen
Ideale,  welche  die  Wortführer  der  öffentlichen  Meinung  als  den  eigentlichen
Inhalt  der  Epoche  priesen,  in  Preußen  keinen  Boden,  und  der  Staat,  dessen
gutes  Schwert  den  Deutschen  soeben  erst  die  Tore  einer  neuen  Zeit  geöffnet
hatte,  erschien  der  liberalen  Welt  wie  eine  erstarrte  Masse,  wie  ein  Blei—
gewicht,  das  die  freien  Glieder  der  Nation  in  ihrer  Bewegung  hemmte.
Befangen  in  dem  Glauben,  daß  alles  Heil  der  Völker  in  den  konstitutio—
nellen  Formen  enthalten  sei,  hatte  man  kein  Auge  mehr  für  Preußens
Heerwesen  und  Handelspolitik,  für  die  stille  Arbeit,  welche  dort  den  Neu—
bau  des  deutschen  Staates  vorbereitete,  und  während  jede  Verhandlung
der  schwäbischen  Kammern  in  der  Presse  mit  leidenschaftlicher  Teilnahme
erörtert  wurde,  blieben  die  Zustände  Preußens  draußen  im  Reiche  so  un—
bekannt,  daß  jedes  lächerliche  Märchen  auf  gläubige  Hörer  rechnen  konnte.
Die  süddeutschen  Verfassungen  wurden  wirklich,  wie  die  Höfe  von  München
und  Stuttgart  von  vornherein  gehofft,  eine  Stütze  des  Partikularismus.
Die  Redner  der  kleinen  Landtage  führten  zwar  die  deutsche  Einheit  im
Munde,  aber  der  Ernst  ihrer  politischen  Arbeit  blieb  auf  die  heimischen
Grenzpfähle  beschränkt,  und  da  am  Bundestage  die  Politik  des  Absolutis—
mus  die  Oberhand  behielt,  so  begannen  sie  bald  die  Heimat  als  den
konstitutionellen  Musterstaat,  als  die  Hochburg  deutscher  Freiheit  und  Auf—
klärung  zu  preisen  und  gelangten  schließlich  zu  der  naiven  Ansicht,  ihre
Landesverfassung  stehe  über  den  Bundesgesetzen.

Welch  ein  Unglück  für  unsere  politische  Bildung,  daß  diese  so  lang—
sam  der  Vereinzelung  entwachsende  Nation  ihre  ersten  konstitutionellen
Erfahrungen  in  dem  Scheinleben  ohnmächtiger,  unselbständiger  Staaten
sammelte.  In  dieser  Enge  erhielt  der  deutsche  Parlamentarismus  von
Haus  aus  das  Gepräge  kleinstädtischer  und  kleinmeisterlicher  Beschränktheit.
Die  schwere  Schicksalsfrage  des  festländischen  konstitutionellen  Staatslebens
—  die  Frage,  wie  sich  die  parlamentarischen  Formen  mit  der  Macht  eines
streitbaren  Heeres  und  dem  stetigen  Gange  einer  großen  europäischen
Politik  vereinigen  lassen  —  konnte  in  so  abhängigen  Gemeinwesen  gar
nicht  aufgeworfen  werden.  Jeder  politische  Streit  ward  hier  zum  per—
sönlichen  Zanke,  und  da  der  Bestand  des  Königtums  von  Napoleons
Gnaden  weder  Ehrfurcht  noch  Schonung  gebot,  so  entstand  aus  dem  Un—
segen  der  Kleinstaaterei  eine  krankhafte  Gehässigkeit  des  Parteikampfes,
der  weder  dem  gutherzigen  Charakter  noch  den  leidlich  gesunden  sozialen
Zuständen  unseres  Volkes  entsprach.  Am  letzten  Ende  ward  die  Haltung
der  kleinen  Höfe  durch  den  Willen  Osterreichs  und  Preußens  bestimmt;
so  lange  diese  führenden  Mächte  sich  dem  konstitutionellen  Systeme  ver—
sagten,  blieben  die  Oppositionsparteien  der  neuen  Ständeversammlungen
ohne  jede  Aussicht  jemals  selber  an  das  Ruder  zu  gelangen.  In  solcher
Stellung  ohne  ernste  Verantwortlichkeit  gewöhnten  sie  sich  an  alle  Sünden
        <pb n="305" />
        Alt-Württemberg.  297

des  politischen  Dilettantismus;  sie  meinten  ihrem  staatsmännischen  Be—
rufe  zu  genügen,  wenn  sie  nur  die  Kernsätze  der  konstitutionellen  Doktrin
mit  gesinnungstüchtiger  Entrüstung  beharrlich  wiederholten,  und  suchten  was
ihnen  an  Macht  fehlte  durch  prahlende  Selbstüberhebung  zu  ersetzen.  An
die  Namen:  Verfassung,  Volksvertretung,  Volksmann  heftete  sich  eine
fast  abgöttische  Verehrung;  wer  zu  den  Kronen  hielt  ward  als  feiler
Stellenjäger  verdächtigt.  Die  schlechten  Künste  der  polizeilichen  Verfolgung
steigerten  dann  mit  der  Erbitterung  auch  den  Hochmut  der  Opposition
und  warben  immer  neue  Anhänger  für  jene  Rottecksche  Lehre,  welche  das
Mißgeschick  der  unschuldigen  Völker  allein  aus  der  Bosheit  der  Regierenden
  herleitete.  In  der  schlimmen  Schule  der  bündischen  Anarchie  und
des  konstitutionellen  Kleinlebens  wurden  die  Deutschen  allmählich  das  unzufriedenste
  und  zugleich  das  gehorsamste  aller  europäischen  Völker.  —

Gleich  der  erste  Landtag  dieser  Friedensjahre,  der  württembergische,
wirkte  verwirrend  und  verbitternd  auf  die  öffentliche  Meinung.  Denn
hier  entlud  sich  der  lang  verhaltene  berechtigte  Groll  wider  den  rheinbündischen
  Despotismus  mit  einer  ungestümen  Heftigkeit,  die  alle  Höfe
mit  Angst  erfüllte;  die  demokratischen  Ideen  des  neuen  Jahrhunderts  verbündeten
  sich  mit  dem  Trotze  der  altständischen  Libertät;  Recht  und  Unrecht
  lagen  auf  beiden  Seiten  unzertrennlich  vermischt.  Der  Kampf  um
die  Neubildung  der  Verfassungsformen  erschien  hier  zugleich  als  ein  Rechtsstreit
  um  wohlerworbene  vertragsmäßige  Freiheiten,  die  Machtfragen  des
konstitutionellen  Lebens  wurden  nach  den  Regeln  des  Zivilprozesses  beurteilt,
  und  die  formalistische  Staatsanschauung  der  am  Privatrechte  geschulten
  Juristen  erlangte  schon  in  diesem  ersten  Verfassungskampfe  des
neuen  Deutschlands  ein  Ansehen,  das  der  freien  Entwicklung  des  deutschen
Parlamentarismus  verderblich  wurde.

Unter  allen  weltlichen  Territorien  des  Reichs  hatten  Württemberg
und  Mecklenburg  sich  das  altständische  Staatswesen  am  längsten  und
treuesten  bewahrt;  noch  um  die  Mitte  des  achtzehnten  Jahrhunderts,  in
der  Blütezeit  des  Absolutismus,  wurde  in  beiden  Ländern  die  ständische
Verfassung  durch  einen  Erbvergleich  feierlich  bestätigt.  Während  die  Massen
überall  sonst  die  Vielherrschaft  der  Herren  Stände  haßten  und  die  aufstrebende
  Fürstenmacht  als  den  Schirmherrn  der  Schwachen  verehrten,  war
in  Württemberg  das  alte  gute  Recht  dem  gesamten  Volke  ein  Heiligtum.
  Jeder  Altwürttemberger  wiederholte  mit  Selbstgefühl  den  Ausspruch
  von  Fox:  es  gibt  in  Europa  nur  zwei  Verfassungen,  die  den
Namen  verdienen,  die  englische  und  die  württembergische.  In  der  Verteidigung
  des  Landesrechts  ging  dreihundert  Jahre  lang  alle  politische
Willenskraft  dieses  Volkes  auf,  an  ihr  schulte  sich  jener  trotzige  schwäbische
Rechtssinn,  der  in  dem  Wahlspruche  „parta  tueri“  seinen  Ausdruck  fand.
Männer,  Weiber  und  Kinder  eilten  dem  alten  J.  J.  Moser,  dem  Märtyrer
  des  guten  alten  Rechts,  festlich  entgegen,  als  er  auf  die  Verwendung
        <pb n="306" />
        298  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Friedrichs  des  Großen  vom  Hohentwiel  wieder  in  die  Freiheit  zurückkehrte;
selbst  dem  groß  angelegten  politischen  Kopfe  Spittlers  waren  die  Gedanken
des  heimischen  Staatsrechts  dermaßen  in  Fleisch  und  Blut  gedrungen,
daß  er  alle  Verfassungen  der  Geschichte  unwillkürlich  nach  dem  Maße  der
schwäbischen  Freiheit  beurteilte.  Diese  Liebe  des  Volks  verdankte  der  alt—
württembergische  Staat  vornehmlich  seinem  strengbürgerlichen  Charakter.

Hier  in  dem  Lande  der  Städtebünde  und  der  Bauernkriege,  auf  dem
üppigsten  Boden  des  deutschen  Sondergeistes  ging  auch  der  Adel  von
jeher  seines  eigenen  Weges.  Er  erwarb  sich  die  reichsunmittelbare  Freiheit
und  verschmähte  die  Teilnahme,  als  das  Land  Württemberg  im  Jahre
1514  mit  Herzog  Ulrich  sein  ständisches  Grundgesetz,  den  Tübinger  Vertrag,
vereinbarte;  nur  in  dem  Hof-  und  Staatsdienste  des  Hauses  Württem—
berg  erschienen  die  schwäbischen  Reichsritter  häufig  als  bevorzugte  Gäste.
Den  Landtag  des  Herzogtums  bildeten  allein  die  Prälaten  der  lutheri—
schen  Landeskirche  und  die  von  den  Stadträten  erwählten  Vertreter  der
Städte  und  Amter  —  eine  bürgerliche  Oligarchie,  im  kleinen  ebenso
mächtig  wie  die  Generalstaaten  der  niederländischen  Republik  und  wie
diese  beständig  im  Kampfe  mit  einer  unfertigen  monarchischen  Gewalt.
Der  Herzog  schaltete  als  absoluter  Herr  über  seinem  großen  Kammergute,
dessen  reicher  Ertrag  in  ruhiger  Zeit  die  Ausgaben  des  Hofes  und  der
Regierung  vollauf  deckte.  Geriet  er  durch  Verschwendung  oder  Kriegsnöte
  in  Schulden,  so  erbat  er  von  dem  Landtage  die  Bewilligung  von
Steuern  und  erlangte  sie  nur  wenn  die  ständischen  Freiheiten  in  einem
vertragsmäßigen  Landtagsschlusse  abermals  bestätigt  und  erweitert  wurden.
In  den  meisten  anderen  altständischen  Territorien  benutzte  die  aufstrebende
monarchische  Gewalt  die  Ausschüsse  der  Landstände  um  die  Macht  des
Landtags  von  innen  heraus  zu  zerstören.  Auch  der  württembergische  Landtag
  wurde  im  achtzehnten  Jahrhundert  nur  noch  selten  berufen;  aber  seine
Macht  ging  nicht  auf  den  Herzog  über,  sondern  auf  die  beiden  Ausschüsse
der  Stände.  Der  kleine  Ausschuß  in  Stuttgart  war  in  Wahrheit  der
Landesherr.  Er  tagte  beständig  und  ergänzte  sich  selbst,  er  erhob  und
verwendete  die  Einnahmen  der  landschaftlichen  Steuerkasse  nach  freiem
Ermessen,  versorgte  die  Kinder  und  Vettern  des  bürgerlichen  „Herrenstandes“,
  die  Stockmaier,  Pfaff  und  Commerell  in  den  ständischen  und
städtischen  Amtern.  Erschienen  dann  die  dem  Herzog  und  der  Landschaft
zugleich  verpflichteten  Geheimen  Räte  um  die  Rechnungen  der  Steuerkasse
  abzuhören,  so  wurde  der  rote  Eilfinger  Wein  nicht  gespart;  im  Notfalle
  tat  man  auch  einen  Griff  in  die  berüchtigte  geheime  Truhe  des
Ausschusses.  Sie  diente  zu  allen  den  Künsten  der  Korruption,  deren  die
Oligarchie  nie  entbehren  kann,  zur  „wohlmeinenden  Entfernung  eines
ungebärdigen,  alle  Mißbräuche  rügenden“  Beamten  oder  auch  zum  Kampfe
wider  den  Landesfürsten.  Unerschütterlich  verteidigte  der  Ausschuß  die  verbriefte
  Landesfreiheit  gegen  jede  Regung  monarchischen  Eigenwillens  und
        <pb n="307" />
        Die  Landstände  und  der  Kirchenkasten.  299

fand  Hilfe  bald  beim  Reichshofrat,  bald  bei  dem  Hause  Osterreich,  das
sich  seinen  Erbanspruch  auf  Württemberg  nicht  verscherzen  wollte,  bis
endlich  England,  Preußen  und  Dänemark  die  förmliche  Bürgschaft  für
den  letzten  großen  Freiheitsbrief  des  Landes,  den  Erbvergleich  von  1770
übernahmen.

Auch  die  Kirche  besaß  noch  ihren  Kirchenkasten,  der  über  die  Einkünfte
  zahlreicher  Landgüter  und  Waldungen  gebot;  sie  allein  unter  allen
den  lutherischen  Landeskirchen  Deutschlands  hatte  sich  das  gesamte  Besitztum
  der  alten  Kirche  ungeschmälert  erhalten.  Und  nicht  bloß  darum
hieß  Württemberg  unter  den  lutherischen  Theologen  der  Augapfel  Gottes.
Das  kleine  Land  war  der  lebendige  Mittelpunkt  des  Protestantismus  in
Oberdeutschland.  Mit  der  ganzen  Innigkeit  seines  tiefen  Gemüts  hatte
das  Volk  sich  einst  freiwillig  dem  evangelischen  Glauben  zugewendet  und
ihn  dann  unter  schweren  Prüfungen  standhaft  behauptet,  während  die
Heere  der  Habsburger  dreimal  das  Land  überschwemmten  und  seine  Selbständigkeit
  zu  vernichten  drohten.  Die  also  in  Kampf  und  Leiden  bewährte
  Kirche  bestimmte  die  gesamte  Bildung  des  Volks,  sie  schenkte  dem
Lande  früh  ein  trefflich  geordnetes  Volksschulwesen  und  hielt  unter  den
Erwachsenen  durch  die  gefürchteten  Vermahnungen  „ab  der  Kanzel“  eine
puritanische  Sittenzucht  aufrecht.  Die  drei  hochberühmten  Klosterschulen
in  den  stillen  Waldtälern  von  Bebenhausen,  Blaubeuren,  Maulbronn,
wo  die  Söhne  des  Herrenstandes  ihre  Bildung  empfingen,  trugen  noch
ganz  das  Gepräge  geistlicher  Lehranstalten.  Auch  an  der  Tübinger  Universität
  gab  das  theologische  Stift  den  Ton  an;  der  Stiftler,  so  hieß  es,
war  zu  jedem  Amte  zu  gebrauchen.  Die  Prälatengeschlechter  der  Andreä,
Osiander,  Bidenbach  teilten  sich  mit  den  Bürgermeisterfamilien  in  die
Beherrschung  des  Landtags.

Die  großen  Tage  dieser  bürgerlich  theologischen  Oligarchie  fielen  in
die  stille  Zeit  nach  dem  Augsburger  Frieden,  da  das  gesamte  deutsche
Leben  von  der  Theologie  beherrscht  wurde.  Damals,  unter  dem  guten
Herzog  Christoph  und  dem  frommen  Ludwig,  der  seine  Zeit  so  stillvergnügt
  zwischen  dem  Bierkrug  und  den  symbolischen  Büchern  teilte,  galt
Württemberg  als  das  Musterbild  eines  lutherischen  Territoriums.  Aber
sobald  die  aufkommenden  stehenden  Heere  der  modernen  Politik  neue
Aufgaben  stellten,  offenbarte  sich  auch  hier  wie  überall  die  Unfruchtbarkeit
  des  altständischen  Staates.  Der  kunstvolle  Bau  dieser  wohlgesicherten
Ständeherrschaft  war  auf  den  ewigen  Stillstand  der  menschlichen  Dinge
berechnet,  die  Macht  des  Landesherrn  so  unnatürlich  eingeengt,  daß  Altwürttemberg
  nur  die  Sünden,  niemals  die  schöpferische  Kraft  der  Monarchie
kennen  lernte.  Dem  Volke  erschien  der  Herzog  nur  als  ein  lästiger  Dränger
und  Heischer,  da  er  von  dem  murrenden  Ausschuß  beständig  neue  Steuern
und  Rekruten  forderte.  Das  überspannte  fürstliche  Selbstgefühl,  das  im
achtzehnten  Jahrhundert  auch  diese  Dynastie  ergriff,  konnte  sich  hier  nicht
        <pb n="308" />
        300  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

in  der  Stiftung  gemeinnütziger  Anstalten,  in  der  Pflege  des  Wohlstandes
und  der  Bildung  betätigen,  sondern  allein  in  höfischem  Prunk  und  gelegentlichen
  Gewaltstreichen.  Die  üppigen  Schlösser  des  kleinen  Hauses
Württemberg  wetteiferten  mit  den  Prachtbauten  der  polnischen  Auguste,
wie  der  Hohentwiel  und  der  Hohenasperg  mit  den  Kerkern  des  Königsteins;
  die  alte  Landeshauptstadt  verarmte,  weil  es  der  Dirne  Eberhard
Ludwigs,  der  Gräfin  Grävenitz  beliebt  hatte,  drei  Stunden  von  dem  lieblichen
  Talkessel  des  Nesenbachs  ein  Trutz-Stuttgart  zu  erbauen,  das
öde  Ludwigsburg,  die  pomphafteste  und  häßlichste  unter  den  zahlreichen
künstlichen  Residenzstädten  Süddeutschlands.  Unwürdige  Günstlinge,  der
Jude  Süß,  Wittleder  und  Montmartin  trieben  ihr  gieriges  Unwesen  am
Hofe.  Der  ungeheure  Wildstand  der  herzoglichen  Forsten  verwüstete  die
Felder  des  dichtbevölkerten,  gesegneten  Gaues;  denn  der  Herzog  war  nur
der  Grundherr  seines  Kammergutes,  was  kümmerten  ihn  Wohl  und  Wehe
des  „Landes“,  dessen  Abgaben  in  die  Truhe  des  ständischen  Ausschusses
flossen?

Unter  solchen  Erfahrungen  entstand  im  württembergischen  Volke
jene  eigentümliche,  aus  dynastischer  Anhänglichkeit  und  grollendem  Mißtrauen
  gemischte  Staatsgesinnung,  deren  Spuren  noch  heute  nicht  verschwunden
  sind.  Wie  oft  hatte  dies  Land  in  schwerer  Kriegsnot  dem
flüchtigen  Herzog  unerschütterliche  Treue  bewährt;  zahllose  Gesänge  verherrlichten
  den  Ruhm  des  alten  Fürstenhauses  und  das  Wappenschild  mit
den  Hirschhörnern,  von  jenen  Volksliedern  an,  welche  einst  dem  verbannten
  wilden  Ulrich  zuriefen:  „du  bist  der  recht  natürlich  Herr  übers
württembergische  Land“,  bis  herab  zu  dem  echt  schwäbischen  Gedichte  des
jungen  Schiller,  das  „Euch  dort  außen  in  der  Welt“  drohend  aufforderte,
vor  dem  Ruhme  Eberhard  des  Greiners  die  Nasen  einzuspannen.  Dabei
hallte  das  Land  doch  beständig  wider  von  berechtigten  und  unberechtigten
Klagen  gegen  den  Hof,  und  allgemein  herrschte  die  Ansicht,  daß  die  schwäbische
  Freiheit  nur  dann  bestehen  könne,  wenn  der  Herzog  wie  ein  gefährliches
  Raubtier  sorgsam  im  Käfig  bewacht  würde.  Auf  dem  festen  Grunde
der  Wehrpflicht  und  der  Steuerpflicht  erhob  sich  in  Preußen  der  moderne
deutsche  Staat.  In  Württemberg  aber  bestand  noch  ungebrochen  die
Staatsgesinnung  des  Mittelalters;  alle  Abgaben  wurden  nur  als  außerordentliche
  Lasten  für  Zeiten  der  Not  betrachtet  und  die  Befreiung  vom
Waffendienste  galt  als  das  kostbarste  aller  Landesprivilegien.  Der  unkriegerische
  Sinn,  der  dem  Stilleben  des  altständischen  deutschen  Staates
überall  eigen  war,  trat  kaum  irgendwo  unbefangener  auf  als  unter  den
friedlichen  Prälaten  und  Bürgermeistern  des  Stuttgarter  Landtags.  Mit
zäher  Beharrlichkeit  verhinderten  die  Stände  die  Bildung  einer  stehenden
Truppenmacht,  so  daß  schon  der  geduldige  Herzog  Christoph  klagte:  „soll
ei  Land  ein  Fürstentum  sein,  so  gehört  dazu  wie  einen  Fürsten  mich
zu  halten.“
        <pb n="309" />
        Schwäche  der  landesfürstlichen  Gewalt.  301

Der  Einzige  des  Hauses,  der  einigen  Sinn  für  monarchische  Größe
zeigte,  Herzog  Friedrich  J.,  erzwang  sich  durch  einen  Verfassungsbruch
das  Recht  der  Truppenwerbung,  weil  er  mit  scharfem  Blick  die  Wirren
des  dreißigjährigen  Krieges  voraussah;  aber  er  starb  bevor  der  Erfolg
gesichert  war,  und  sofort  entlud  sich  die  Rache  des  Herrenstandes  auf
das  Haupt  seines  klugen  Ratgebers  Enslin.  Der  Hochverräter,  der
auf  dem  Uracher  Markte  unter  Henkershänden  fiel,  blieb  fortan  das
Schreckbild,  das  die  Herzöge  vor  kriegerischem  Ehrgeiz  warnte.  Hatte
die  Not  der  Zeit  die  Aufstellung  eines  kleinen  Heeres  erzwungen,  so
konnte  es  den  Ständen  niemals  schnell  genug  entlassen  werden,  sie
ließen  sich's  nicht  verdrießen,  dem  Herzog  Eberhard  III.  noch  1500  Fl.
mehr  zu  bewilligen,  damit  er  nur  außer  dem  entlassenen  Fußvolk  auch
seine  170  Reiter  abdankte;  wenige  Jahre  darauf  brach  dann  ein  gräß—
licher  Raubzug  der  Franzosen  über  das  ungerüstete  Land  herein.  So
ward  Altwürttemberg  wehrlos.  Bei  jedem  feindlichen  Einfall  floh  der
Hof  aus  dem  Lande,  um  von  fremder  Hilfe  seine  Herstellung  zu  er—
warten.  Auch  im  achtzehnten  Jahrhundert  blieb  das  Heerwesen  kläglich;
die  kräftigen  Söhne  des  herzoglichen  Hauses  zogen  in  auswärtige  Dienste,
und  der  erste  Kriegsheld  unter  ihnen,  Friedrich  Eugen  kämpfte  unter  den
Fahnen  Friedrichs  des  Großen  gegen  seine  schwäbischen  Landsleute.  Der
tapfere  Stamm,  der  im  Mittelalter  allen  Deutschen  durch  kriegerischen
Ruhm  voranleuchtete,  verschwand  aus  den  Annalen  unserer  neuen  Kriegsgeschichte;
  die  einzige  leidlich  befestigte  Territorialmacht,  welche  seit  dem
Untergange  der  Staufer  aus  dem  schwäbischen  Ländergewirr  emporgestiegen
  war,  blieb  zweihundert  Jahre  lang  ohne  jeden  Einfluß  auf  Deutschlands
  Geschicke.

Gleich  dem  Heerwesen  verkümmerte  auch  das  Beamtentum  unter
der  ständischen  Herrschaft.  Ein  großer  Teil  der  Verwaltung  lag  in  der
Hand  der  übelberüchtigten  Schreiber,  die  ohne  akademische  Vorbildung  als
Inzipienten  bei  einem  Stadt=  oder  Amtssschreiber  eintraten  und  von  da
durch  die  Gunst  der  Vetterschaft  zu  den  Stellen  der  Stadtschultheißen
und  Amtleute  emporstiegen.  Für  staatsmännische  Köpfe,  für  neue  politische
Gedanken  bot  dies  in  Formen  erstarrte  Gemeinwesen  nirgends  Raum;
durch  lange  Jahrzehnte  hat  die  Geschichte  Altwürttembergs  nur  zwei  diplomatische
  Talente  aufzuweisen:  jene  wackeren  Unterhändler  Burkhardt  und
Varnbüler,  die  im  Westfälischen  Frieden  die  Wiederherstellung  des  Herzogtums
  durchsetzten.

Auf  die  Dauer  litt  auch  das  geistige  Leben  des  Landes  unter  der
Unbeweglichkeit  seines  Staates.  Mit  gerechter  Freude  zählten  die  Schwaben
die  stolze  Reihe  ihrer  Dichter  und  Denker  und  fragten,  welcher  andere
Stamm  außer  den  Obersachsen  der  Nation  so  viele  Helden  des  Geistes
geschenkt  habe?  Feurige  Phantasie  und  forschender  Tiefsinn  verbanden  sich
glücklich  in  der  schwäbischen  Natur,  und  grade  die  eigensten  Züge  des
        <pb n="310" />
        302  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

germanischen  Genius  waren  ihr  gegeben:  die  oft  ins  Grenzenlose  schwei—
fende  Vielseitigkeit  und  jene  schöpferische,  ursprüngliche  Macht  des  Denkens,
die  sich  wohl  in  Unklarheit  und  Grübelei  verlieren,  aber  niemals  platt
und  leer  werden  kann.  Dem  Lande  selbst  kam  von  dieser  Fülle  geistiger
Kräfte  nur  wenig  zu  gute.  Da  ein  gelehrtes  Beamtentum  fast  gänzlich
  fehlte,  so  blieben  die  Prälaten  und  die  Helfer  nahezu  die  einzigen
amtlichen  Vertreter  der  höheren  Bildung.  Ihnen  genügte  es,  daß  der
schwäbische  Kandidat,  neben  dem  kursächsischen,  noch  überall  in  der  Welt
als  der  beste  Hauslehrer  gesucht  wurde.  Die  Zeit  war  dahin,  da  die
Prinzen  aller  lutherischen  Fürstenhäuser  nach  Tübingen  in  das  Collegium
illustre  zogen;  jetzt  klagte  die  Universität  bitterlich,  daß  sie  in  einem  Winkel
Deutschlands  verkümmern  müsse.  Die  freien  Gedanken  des  neuen  Jahrhunderts
  fanden  bei  den  geistlichen  Leitern  des  württembergischen  Schulwesens
  so  wenig  Verständnis,  daß  sich  endlich  Herzog  Karl  Eugen  entschloß,
  der  starren  Theologie  des  Tübinger  Stifts  ein  Gegengewicht  zu
schaffen  und  in  seiner  Karlsschule  der  verweltlichten  Wissenschaft  eine
Freistätte  eröffnete,  die  in  der  kurzen  Zeit  ihres  Bestandes  den  Ruhm  der
alten  Hochschule  ganz  verdunkelte.  Alle  die  großen  Schwaben,  welche  an
der  Arbeit  der  neuen  Literatur  teilnahmen,  von  Schiller  bis  auf  Schelling
  und  Hegel,  mußten  sich  ihren  Wirkungskreis  außerhalb  des  Landes
suchen,  manche  erst  nach  schwerem  Kampfe  mit  den  kleinlichen  Vorurteilen
  der  Heimat.  Jener  tragische  Gegensatz  geistigen  Reichtums  und
politischer  Armseligkeit,  die  Krankheit  unseres  achtzehnten  Jahrhunderts,
zeigte  sich  nirgends  häßlicher  als  hier.

Die  Abgelegenheit  des  Landes,  das  seine  alten  Welthandelstraßen
längst  verloren  hatte;  die  Mannigfaltigkeit  der  Bodengestaltung  mit
ihrem  bunten  Wechsel  von  rauhen  Hochebenen,  waldreichen  Alptälern,
und  lachenden  Rebengeländen;  das  Elend  der  staatlichen  Vielherrschaft
und  die  angeborene  unzähmbare  Eigenart  des  Volkes,  dem  nichts  unleidlicher
  schien  als  die  politische  Mannszucht  —  dies  alles  im  Verein  rief
in  Schwaben  eine  kleinlebige  Zersplitterung  und  Vereinzelung  hervor,  wie
sie  selbst  in  Deutschland  ohnegleichen  dastand.  Die  kleinen  Städte  des
Herzogtums  lebten  unter  ihren  freund-vetterlichen  Stadtschultheißen
ganz  ebenso  still  und  abgeschlossen  für  sich  hin  wie  die  benachbarten
Reichsstädte;  das  unwandelbare  gute  alte  Recht  ließ  den  Gedanken  der
Staatseinheit,  das  Bewußtsein  gemeinsamer  politischer  Aufgaben  nicht
aufkommen.  Ganz  Schwaben  —  Wurttemberg  so  gut  wie  die  wunderbaren
Staatsgebilde  der  Reichsstädte,  der  gefürsteten  Propsteien  und  der  reichsritterlichen
  Kondominate  —  galt  in  Deutschland  als  das  Paradies  kleinbürgerlicher
  Wunderlichkeit:  nahe  dem  Hohenstaufen  lag  Krähwinkel,  und
in  Biberach  sammelte  Wieland  den  Stoff  für  seine  Abderiten.  Was
Wunder,  daß  inmitten  dieser  engen  Welt  die  reiche  vielgeschäftige  Phantasie
  der  Schwaben  oft  auf  seltsame  Schrullen  geriet;  nirgends  in
        <pb n="311" />
        Die  Revolution  in  Schwaben.  303

Deutschland  waren  die  schwachen  Köpfe  seltener,  nirgends  die  Querköpfe
häufiger.  Kein  schwäbisches  Städtchen,  wo  nicht  irgend  ein  verkanntes
Genie  abends  im  Herrenstüble  des  Löwen  oder  des  Ochsen  seine  wunder—
baren  Hirngespinste  über  Welt  und  Zeit  den  eifrig  disputierenden  Genossen
  vortrug.  Selbst  das  unermeßlich  starke  Selbstgefühl  des  schwäbischen
  Stammes  trug  ein  absonderliches  Gepräge.  Der  Partikularismus
äußerte  sich  nicht,  wie  bei  den  Bayern,  den  Sachsen,  den  Hannoveranern,
in  politischem  Stolz  und  Ehrgeiz  —  denn  wer  hätte  hier  von  politischer
Macht  träumen  sollen?  —  sondern  in  sozialen  Untugenden:  mit  gemütlicher
  Selbstgefälligkeit  wurden  unermüdlich  alle  Herrlichkeiten  der  Heimat,
von  Friedrich  Rothbart  und  Kepler  an  bis  herab  zu  den  trefflichen
Knöpfle  und  Kratzete  der  schwäbischen  Küche,  preisend  aufgezählt,  mit
dünkelhaftem  Mißtrauen  alles  Ausheimische  abgewiesen.  Im  Bewußtsein
  seines  reichen  inneren  Lebens  betrachtete  der  blöde,  unbeholfene
Schwabe  die  anderen  Deutschen,  die  ihn  durch  redefertige  Gewandtheit
so  leicht  in  Schatten  stellen  konnten,  halb  mit  Argwohn,  halb  mit  Verachtung,
  und  niemals  zeigte  sich  Altwürttemberg  ungebärdiger,  als  wenn
der  Herzog  „wieder  so  einen  Ausländer"“,  der  den  Landeskindern  das
Brot  wegnahm,  an  seinen  Hof  berufen  hatte.  ,

Sobald  die  Revolutionskriege  über  dies  verrottete  Gemeinwesen  her—
einbrachen,  geriet  sofort  alles  in  Gärung.  In  einem  Lande,  das  so
lange  mit  seinen  Fürsten  gehadert  hatte,  mußten  die  neuen  Freiheits—
lehren  einen  wohlvorbereiteten  Boden  finden.  Zum  ersten  Male  nach
Jahrzehnten  ward  der  Landtag  selber  wieder  versammelt.  Mehr  denn
anderthalb  hundert  Flugschriften  erschienen  und  forderten  Beseitigung
der  alten  Mißbräuche,  Erweiterung  des  Wahlrechts,  regelmäßige  Land—
tage;  freilich  wußte  keiner  dieser  Publizisten,  auch  Spittler  nicht,  das
Rätsel  zu  lösen,  wie  aus  dem  Dualismus  des  altständischen  Vertrags—
rechts  ohne  einen  Gewaltstreich  die  moderne  Staatseinheit  hervorgehen
solle.  Inmitten  dieser  Wirren  bestieg  Herzog  Friedrich  II.  den  Thron,
der  böseste  und  begabteste  Sohn  des  Hauses  Württemberg,  der  Neugründer
des  kleinen  Staates,  ein  durchaus  unschwäbischer  Charakter,  dem  Volke
gleich  widerwärtig  durch  seine  Vorzüge  wie  durch  seine  Sünden,  hart,  ge—
walttätig,  gewissenlos,  aber  auch  staatsklug,  rasch  entschlossen  und  frei
von  Kleinlichkeit.  Wie  abgeschmackt  erschien  die  schwäbische  Kleinmeisterei
dem  Erbprinzen,  als  er  nach  weiten  Reisen,  nach  einem  bewegten  Dienst—
leben  in  Preußen  und  Rußland  endlich  wie  ein  Fremdling  in  die  Hei—
mat  zurückkehrte,  reich  an  Erfahrung,  vertraut  mit  allem  Glanze  und
allen  Lastern  der  großen  Welt.  Die  Vollgewalt  der  absoluten  Herrschermacht,
  wie  er  sie  einst  an  Friedrich  II.  und  Katharina  bewundert  hatte,
blieb  sein  Ideal,  und  seit  er  gar  eine  englische  Prinzessin  heimgeführt,
wuchs  seine  Selbstüberhebung  über  alles  Maß.  Mit  brennendem  Ehrgeiz
zählte  er  die  Stunden,  bis  seine  greisen  Oheime  und  endlich  auch  sein
        <pb n="312" />
        304  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Vater  die  Augen  schlossen.  Als  er  zur  Regierung  gelangte,  stand  er  schon
im  dreiundvierzigsten  Jahre,  da  war  keine  Zeit  zu  verlieren.

Es  galt  zunächst,  dem  Hause  Württemberg  eine  ansehnliche  Beute  zu
sichern  bei  dem  Raubzuge  des  deutschen  Fürstenstandes  gegen  seine  kleinen
Genossen.  Aber  auf  Schritt  und  Tritt  fand  sich  der  Herzog  durch  seinen
Landtag  gehemmt.  Während  er  selbst,  als  ein  geschworener  Feind  der
Revolution,  auf  Osterreichs  Seite  trat,  verlangten  die  Stände  Neutralität
oder  Anschluß  an  das  freie  Frankreich  und  schickten  ihre  eigenen  Ge—
sandten  nach  Rastatt,  Wien,  Paris  um  die  Politik  des  Landesherrn  zu
durchkreuzen.  Wiederholte  Vermahnungen  des  Reichshofrats  an  die  Aus—
schüsse,  harte  Gewalttaten  des  Herzogs  gegen  die  Führer  der  Stände
steigerten  die  gegenseitige  Erbitterung.  Als  in  den  letzten  Zeiten  des
Direktoriums  die  Heere  Moreaus  den  Südwesten  überschwemmten  und  die
Agenten  Frankreichs  an  dem  Plane  einer  süddeutschen  Republik  arbeiteten,
da  entstanden  in  Schwaben  wie  in  Bayern  geheime  jakobinische  Vereine.
Eine  Flugschrift  warf  bereits  die  Frage  auf:  „was  gewonnen  wird,  wenn
Schwaben  eine  Republik  wird?“  Inzwischen  erkannte  der  Herzog,  daß  er
die  ersehnte  Gebietsvergrößerung  nicht  ohne  Frankreichs  Gunst  erlangen
konnte.  Er  näherte  sich  den  Franzosen  und  brachte  durch  den  Reichs—
deputationshauptschluß  seine  Beute  in  Sicherheit,  bis  er  dann  endlich,
überwältigt  durch  Napoleons  dämonische  Beredsamkeit  offen  unter  Frank—
reichs  Fahnen  trat,  das  heilige  Reich  vernichten  half,  die  souveräne  Königs—
krone  errang  und  den  ehrwürdigen  Bau  der  alten  Landesverfassung  mit
einem  Fußtritt  über  den  Haufen  warf.  Der  Schlag  fiel  so  plötzlich  und
wirkte  so  betäubend,  daß  im  ganzen  Lande  nur  zwei  Beamte,  Georgii  und
Sartorius,  dem  neuen  Selbstherrscher  den  Schwur  verweigerten;  einige
andere  erklärten,  daß  sie  nur  der  Gewalt  gewichen  seien;  alle  übrigen
sagten  sich  ohne  Widerstand  von  ihrem  alten  Verfassungseide  los.  Bei
der  gewaltsamen  Abrundung  seines  Staatsgebiets  verfuhr  König  Friedrich
mit  der  ganzen  Unbefangenheit  eines  Wegelagerers  und  gab  den  Okku—
pationskommissären,  die  er  mit  seinen  gefürchteten  schwarzen  Jägern  und
Chevauxlegers  den  kleinen  Nachbarn  über  den  Hals  schickte,  kurzab  die
Weisung:  „wer  unter  Ihnen  am  häufigsten  von  fremden  Regierungen
bei  mir  verklagt  wird,  der  soll  mir  am  willkommensten  sein.“  Und  wie
der  Herr  so  die  Diener.  Welch  ein  Genuß  für  den  groben,  ungebildeten,
altwürttembergischen  Schreiber,  wenn  er  als  „königlich  württembergischer
sonveräner  Stabsschultheiß"  in  ein  erobertes  Gebiet  einziehen  oder  den
stolzen  Reutlinger  Bürgern  durch  brutale  Willkür  den  „sakermentschen
reichsstädtischen  Hochmut  austreiben“  konnte.

Fast  auf  das  Dreifache  vergrößert  blieb  das  Reich  des  neuen  Schwabenkönigs
  noch  immer  ein  sehr  bescheidener  Mittelstaat,  das  winzigste  unter
den  Kleinkönigreichen  des  Rheinbunds.  Es  umfaßte  nicht  einmal  das  gesamte
  Gebiet  des  ostschwäbischen  Stammes  und  ragte  im  Norden  nur
        <pb n="313" />
        Das  neue  Königreich  Württemberg.  305

wenige  Meilen  weit  in  das  fränkische  Land  hinein;  das  ganze  schwäbische
Alpenland,  der  schöne  Allgau,  kam  an  Bayern,  desgleichen  Augsburg,  die
größte  und  ruhmreichste  aller  schwäbischen  Städte.  Aber  auf  diesem  engen
Raume  begegneten  sich  die  schärfsten  politischen,  kirchlichen,  wirtschaft—
lichen  Gegensätze.  Zu  dem  harten  asketischen  Luthertum  Altwürttem—
bergs  trat  der  weltlich  heitere  Katholizismus  Oberschwabens  mit  seiner
josephinischen  Aufklärung  hinzu;  zu  der  Kleinwirtschaft  der  Neckar-  und
Remslande  die  großen  adligen  Güter  und  die  geschlossenen  Bauernhöfe
des  Schussentals;  zu  dem  bürgerlichen  Herrenstande  des  Herzogtums  eine
dichte  Schar  von  Fürsten,  Grafen  und  Reichsrittern  —  und  mindestens
im  Hohenlohischen  bewahrte  das  Volk  seinem  wohlwollenden  alten  Fürsten—
geschlechte  ein  starkes  Gefühl  dynastischer  Treue.  Die  Vorderösterreicher
betrachteten  den  Eintritt  in  den  Kleinstaat  von  Haus  aus  als  eine  Demü—
tigung,  auch  die  geistlichen  Gebiete  hielten  fest  zu  dem  Kaiserhause,  dem
alten  Gegner  der  württembergischen  Protestanten.  Unter  den  Reichs—
städten  besaß  nur  noch  Heilbronn  ein  kräftiges  bürgerliches  Leben,  selbst
das  reiche  Ulm  war  verarmt  und  verdumpft;  aber  alle  bis  auf  Bop—
fingen  und  Aalen  herab,  empfanden  bitter  den  Verlust  der  alten  Frei—
heit,  am  bittersten  wohl  die  demokratischen  Reutlinger,  die  noch  auf  ihrem
Rathause  die  alten  Siegeszeichen  aus  den  Fehden  gegen  die  Württem—
berger  Grafen  bewahrten.

Ein  Verkehr  zwischen  den  alten  und  den  neuen  Landesteilen  hatte
bisher  kaum  bestanden;  man  kannte  einander  fast  nur  aus  dem  land—
läufigen  freundnachbarlichen  Spottgerede.  Offene  Widersetzlichkeit  wagte
sich  nicht  mehr  heraus  seit  die  unglückseligen  Mergentheimer  ihren  Auf—
standsversuch  blutig  gebüßt  hatten.  Aber  grollend  mieden  die  Unterworfenen
den  Umgang  mit  den  königlichen  Beamten,  selbst  auf  der  Universität  lebten
die  neuen  Landsmannschaften  der  Ulmer  und  der  Hohenloher  in  ewigen
Raufhändeln  mit  den  Altwürttembergern.  Diese  bunte  kleine  Welt  in
die  bürgerlich-protestantische  Verfassung  des  alten  Herzogtums  aufzu—
nehmen  war  eine  offenbare  politische  Unmöglichkeit  und  auch  rechtlich  nicht
geboten;  denn  ein  großer  Teil  der  neuen  Erwerbungen  galt  als  Ersatz
für  Mömpelgard,  das  im  Stuttgarter  Landtage  niemals  vertreten  war.
Einige  Jahre  lang  begnügte  man  sich  mit  einem  Notbehelf  und  behandelte
das  neue  Gebiet,  das  mit  dem  alten  überall  im  Gemenge  lag,  als  einen
selbständigen  Staat;  das  stille  Pfaffenstädtchen  Ellwangen  wurde  die  Haupt—
stadt  dieses  wunderbaren  Reiches  Neu-Württemberg,  weil  die  Behörden
dort  in  den  stattlichen  Palästen  der  alten  Pröpste  ein  bequemes  Unter—
kommen  fanden.  Auf  die  Dauer  ließ  sich  die  unnatürliche  Trennung  der
beiden  Landeshälften  nicht  halten,  ihre  Vereinigung  aber  blieb  undurch—
führbar  so  lange  die  Verfassung  Altwürttembergs  bestand.

Jener  Staatsstreich  vom  30.  Dez.  1805,  der  das  gute  alte  Recht  beseitigte,

  entsprang  nicht  bloß  der  Herrschsucht  eines  übermütigen  Tyrannen,
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  20
        <pb n="314" />
        306  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

sondern  auch  einem  unleugbaren  politischen  Notstande.  Über  das  vereinigte
  Alt=  und  Neu-Württemberg  stürzten  nun  alle  Schrecken  des  Despotismus
  herein;  aber  die  Selbstherrschaft  schenkte  dem  Lande  neben  unzähligen
  Taten  empörender  Willkür  doch  auch  die  unentbehrlichen  Institutionen
  des  modernen  Staates.  Das  Religionsedikt,  König  Friedrichs
bestes  Werk,  zerstörte  die  Herrschaft  der  lutherischen  Kirche,  gab  beiden  Bekenntnissen
  gleiche  Rechte.  Durch  die  Sekularisation  des  Kirchenkastens
und  die  Aufhebung  der  ständischen  Kasse  wurde  die  Einheit  des  Staatshaushalts
  gegründet  und  die  regelmäßige  Steuerpflicht  durchgeführt,  freilich
mit  solcher  Härte,  daß  der  Grundbesitz  fast  vier  Fünftel  seines  Reinertrags
an  Abgaben  zu  zahlen  hatte.  Das  waffenlose  Land  erhielt  endlich  wieder
ein  kriegstüchtiges  kleines  Heer,  das,  wie  der  König  prahlte,  mit  den
Truppen  anderer  Monarchen  in  gleicher  Linie  stand;  und  wenngleich  der
alte  Unfug  des  Schreiberwesens  nicht  gänzlich  beseitigt  wurde,  so  entstanden
  doch  durch  die  neuen  Gerichte  und  Verwaltungsstellen  die  ersten
Anfänge  eines  monarchischen,  akademisch  gebildeten  Beamtentums,  und
jede  Begünstigung  des  alten  Herrenstandes  fiel  hinweg.  Selbst  das  Unterrichtswesen,
  das  der  König  mit  roher  Geringschätzung  behandelte,  gewann
mindestens  die  Möglichkeit  einer  freieren  Entwicklung  seit  die  Leitung  in
die  Hände  weltlicher  Behörden  kam.

Der  ganze  Umschwung  vollzog  sich  gewaltsam,  stoßweise  und  darum
unvollständig:  die  Patrimonialgerichte  fielen,  die  drückenden  Grundlasten
und  Frohnden,  das  Jagdrecht  und  das  gänzlich  verrottete  Zunftwesen
blieben  bestehen.  Immerhin  brachte  dies  Schreckensregiment  einige  Ordnung
  in  ein  Chaos  verlebter  Territorien  und  ebnete  den  Boden,  auf  dem
sich  vielleicht  dereinst  ein  gesünderes  Staatsleben  erheben  konnte.  Der
Feind  der  Revolution  begründete  selber  in  seinem  Staate  mit  revolutionärem
  Ungestüm  die  moderne  Rechtsgleichheit,  nur  daß  sie  hier,  wie  im
napoleonischen  Frankreich,  zunächst  als  die  gleiche  Knechtschaft  aller  erschien.
Merkwürdig  doch,  wie  viel  Lebens=  und  Arbeitskraft  der  böse  dicke  König
mitten  im  Schmutze  seiner  Ausschweifungen  sich  bewahrte.  Er  selber  war
die  Seele  seines  Reichs  und  zeigte  sich  unerschöpflich  in  neuen  Entwürfen:
die  Hafenstadt  Friedrichshafen  am  Bodensee,  das  Eisenwerk  Friedrichsthal,
die  Saline  Friedrichshall  sollten  den  Cäsarenruhm  des  ersten  Schwabenkönigs
  der  Nachwelt  überliefern.  Alle  seine  Räte,  die  er  mit  Vorliebe  dem
deutschen  Auslande  entnahm,  dienten  ihm  als  willenlose  Werkzeuge,  wohl
nur  Graf  Wintzingerode  verstieg  sich  zuweilen  zu  einem  eigenen  Gedanken.
Auch  dem  Protektor  gegenüber  wußte  König  Friedrich,  bei  aller  Ergebenheit,
  den  fürstlichen  Stolz  besser  zu  wahren  als  die  anderen  Könige  des
Rheinbunds;  er  weigerte  sich  seine  Truppen  nach  Spanien  zu  senden,
und  Napoleon  rief  einst  erbost:  wenn  dieser  Mann  hunderttausend  Soldaten
  hätte,  so  würde  ich  ihm  den  Krieg  erklären.

Die  Masse  des  Volks  konnte  für  die  berechtigten  politischen  Gedanken,
        <pb n="315" />
        König  Friedrich  J.  307

welche  bei  dem  Umsturz  der  alten  Ordnung  mitwirkten,  unmöglich  ein
Verständnis  haben.  Sie  sahen  ringsum  nur  die  Zerstörung  verbriefter
Rechte,  Beamtenwillkür  und  Steuerdruck,  Unterschleif  und  Angeberei.  Da—
zu  die  alte  Plage  der  landesfürstlichen  Jagden  bis  zum  Frevelhaften  ge—
steigert;  dazu  das  widerwärtige  Schauspiel  eines  Hofes,  der  durch  geschmacklose
  Verschwendung,  durch  die  prunkenden  Titel  seiner  Reichsbannerherren,
  Reichsmarschälle  und  Reichsherolde  mit  dem  Glanze  des
Weltherrschers  zu  wetteifern  strebte.  Dem  ehrenfesten  Stuttgarter  Bürger
stieg  das  Blut  in  die  Wangen,  wenn  er  von  der  voltairianischen  Religionsspötterei
  seines  Landesvaters  hörte;  nun  gar  die  Frechheit  der  verworfenen
  königlichen  Lieblinge  erinnerte  an  die  Mignons  Heinrichs  III.  von
Valois.  Soeben  wieder  erregte  ein  widerwärtiges  Familiendrama  im
königlichen  Hause  die  Entrüstung  der  ganzen  Welt.  Der  König  hatte  einst
seine  Tochter  Katharina  zur  Ehe  mit  Jerome  Napoleon  gezwungen  und
verlangte  jetzt  nach  dem  Sturze  des  Kaiserreichs,  daß  sie  sich  von  ihrem
Gatten  trennen  solle.  Die  edle  Frau  erwiderte  stolz:  „ich  habe  sein  Glück
mit  ihm  geteilt,  er  gehört  mir  an  in  seinem  Unglück.“  Darauf  ließ  der
Vater  die  Tochter  halb  gewaltsam  aus  Osterreich  nach  Württemberg  entführen
  und  hielt  dann  die  beiden  Gatten  ein  Jahr  lang  im  Schlosse  von
Ellwangen  fest,  um  sie  durch  Drohungen  und  Mißhandlungen  zur  Herausgabe
  ihres  Vermögens  zu  zwingen.  Im  Lande  stieg  die  Not  und  die
Erbitterung  von  Jahr  zu  Jahr;  mancher  Verzweifelnde  ward  nur  durch
das  strenge  Verbot  der  Auswanderung  daheim  zurückgehalten.  Sobald
nach  dem  Tode  des  Despoten  dies  Verbot  aufgehoben  wurde,  verließen
viele  die  Heimat.  Die  ersten  Wellenschläge  des  großen  Stromes  der  amerikanischen
  Auswanderung  zeigten  sich  schon  1817  in  Württemberg;  die  abziehenden
  armen  Leute  aus  dem  Heilbronner  Lande  erklärten  laut,  daß
allein  die  Härte  der  Beamten  und  die  Last  der  Abgaben  sie  vertreibe.
Nach  siebzehnjähriger  Regierung  war  der  König  seinem  Volke  noch
immer  völlig  fremd.  Wie  hätte  er  sonst  glauben  können,  daß  diese  treuen
steiflnackigen  Schwaben  den  Untergang  ihres  guten  alten  Rechts  so  schnell
verschmerzen  würden?  Voll  Zuversicht  rechnete  er  auf  den  untertänigen
Dank  seines  Volkes,  als  er  aus  Wien  heimgekehrt  sich  entschloß,  durch  die
Verleihung  einer  Verfassung  den  Beschlüssen  des  Kongresses  zuvorzukommen.
  Er  sollte  bald  erfahren,  daß  der  gefährlichste  Augenblick  für  eine
verderbte  Regierung  immer  dann  eintritt,  wenn  sie  selber  zu  Reformen
schreitet.  Ein  königliches  Manifest  berief  einen  ungeteilten  Landtag  für
das  neue  Reich:  fünfzig  Vertreter  des  Adels,  vier  Geistliche,  je  einen  Abgeordneten
  aus  den  64  Oberämtern  und  den  sieben  Städten,  welche  den
napoleonischen  Titel  der  guten  Städte  führten.  Noch  bevor  diese  Versammlung
  zusammentrat,  wußte  jedermann  in  Stuttgart,  selbst  das
diplomatische  Korps,  daß  ein  großer  Schlag  gegen  den  König  im  Werke
sei.  Das  unglückliche  Volk  gewann  das  so  lange  unterdrückte  Recht  der
20“
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        308  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

freien  Rede  endlich  wieder,  und  alsbald  regten  sich  alle,  welche  die  Nacken—
schläge  des  Despotismus  erfahren  hatten:  die  altwürttembergischen  Land—
stände  und  ihr  mächtiger  Familienanhang,  die  unvergeßlich  beleidigten
Fürsten  und  Reichsritter,  die  Reichsstädte  und  Prälaten.  Der  Haß
gegen  den  König  erweckte  in  den  alten  und  den  neuen  Landesteilen  zum
ersten  Male  ein  Gefühl  der  Gemeinschaft.  Die  Alt-Württemberger  zeigten
sich  sofort  entschlossen,  ihre  geliebte  Verfassung  zurückzufordern,  die  doch
in  den  neuen  Gebieten  niemals  zu  Recht  bestanden  hatte.  Die  Neu-Württemberger
  gingen  auf  den  Vorschlag  ein,  weil  die  umständlichen
Formen  des  guten  alten  Rechts  ein  ganzes  Arsenal  voll  scharfer  Waffen
zur  Abwehr  fürstlicher  Ubergriffe  darboten  und  die  Bändigung  der  monarchischen
  Eigenmacht,  diesem  Könige  gegenüber,  allen  als  die  wichtigste  Aufgabe
  erschien;  man  dachte  sich's  nicht  allzu  schwer,  durch  einige  Zusätze
über  die  Gleichberechtigung  der  Katholiken  und  die  ständische  Vertretung
des  Adels  das  unförmliche  Verfassungsgebäude  auch  für  die  Neu-Württemberger
  wohnlich  einzurichten.

Nur  König  Friedrich  ahnte  nichts  von  diesen  Plänen.  Am  15.  März
1815  eröffnete  er  selbst  den  Landtag  und  verkündete,  daß  er  heute  den
Schlußstein  zu  dem  Gebäude  des  Staates  legen  wolle.  Darauf  ward
die  neue  Verfassung  verlesen,  der  König  gelobte  feierlich  sie  zu  halten
und  erklärte,  daß  sie  hiermit  sofort  für  alle  seine  Untertanen  verbindlich
werde.  Jeder  Satz  dieses  Grundgesetzes  schien  darauf  angelegt,  dem
Könige  für  seine  Lebenszeit  die  ungestörte  Fortdauer  der  Selbstherrschaft
zu  sichern.  Ein  Landtag,  nach  denselben  Grundsätzen  gebildet  wie  der
gegenwärtige,  sollte  in  Zukunft  aller  drei  Jahre  zusammentreten  um  auf
den  Vorschlag  der  Krone  über  neue  Steuern  und  neue  Gesetze  zu  beratschlagen;
  er  durfte  also  weder  die  gegenwärtige  unerträgliche  Steuerlast
vermindern,  noch  jene  tausende  königlicher  Reskripte,  welche  in  den
letzten  Jahren  das  Land  zur  Verzweiflung  gebracht  hatten,  seiner  Durchsicht
  unterwerfen.  Um  ganz  sicher  zu  gehen,  hatte  der  König  überdies
erst  in  den  jüngsten  Tagen  einige  neue  harte  Gesetze  über  die  Militärpflicht
  und  die  Landesmiliz  erlassen.  Damit  schwand  jede  Aussicht  auf
friedliche  Besserung  der  Landesnot.  Der  preußische  Gesandte  von  Küster,
ein  verständiger  Mann,  der  den  Aufenthalt  an  diesem  Hofe  kaum  zu  ertragen
  vermochte,  schrieb  tief  entrüstet  seinem  Monarchen:  „Ew.  Majestät
werden  selbst  leicht  beurteilen,  ob  eine  solche  Verfassung  den  Wünschen
der  Mächte  entspricht.““)  Der  König  übergab  die  Urkunde  in  goldener
Kapsel  den  Präsidenten  des  Landtags.  Aber  kaum  hatte  er  das  Haus
verlassen,  so  erhob  sich  der  Heißsporn  der  Mediatisierten,  Graf  Georg  von
Waldeck  und  verlas  eine  längst  vorbereitete  Adresse,  die  in  untertänigen
Worten  das  königliche  Geschenk  zurückwies  und  rundweg  erklärte:  das

 

*)  Küsters  Bericht,  Stuttgart,  16.  März  1815.
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        Eröffnung  des  Landtags.  309

Volk  habe  seine  Vertreter  nur  in  der  Voraussetzung  gewählt,  daß  keine
andere  Basis  als  die  von  den  Voreltern  ererbte  und  von  allen  Regenten
beschworene  Konstitution  Württembergs  den  Verhandlungen  zugrunde  ge—
legt  würde.  Einstimmig,  in  leidenschaftlicher  Erregung  genehmigte  der  Land—
tag  die  Adresse.  Die  neue  Verfassung  blieb  unbeachtet  auf  dem  Tisch  des
Hauses  liegen,  sie  ward  in  wenigen  Augenblicken  ein  wertloses  Stück  Papier.

Das  schroffe  Auftreten  der  Stände  gab  das  Signal  für  den  Losbruch
der  Volksleidenschaften.  Der  ständische  Trotz  der  guten  alten  Zeit,  die
radikalen  Stimmungen  der  neunziger  Jahre,  der  verhaltene  Ingrimm  der
rheinbündischen  Tage  und  die  neuen  Freiheitswünsche,  welche  der  Kampf
gegen  Napoleon  erregt  hatte,  brausten  durcheinander.  Wie  viel  näher  als  die
nebelhaften  Fragen  der  deutschen  Politik  lagen  doch  diesem  Geschlechte  die
handgreiflichen  Nöte  der  Heimat!  Die  Petition  an  den  Bundestag  um
Erfüllung  des  Art.  13  fand  in  Schwaben  kaum  vereinzelte  Unterzeichner;
der  Stuttgarter  Landtag  aber  ward  mit  Bittschriften,  Beschwerden  und  Zu—
stimmungserklärungen  überschüttet.  Eine  Unzahl  streitbarer  Flugschriften
trat  für  die  Stände  in  die  Schranken,  manche  mit  jakobinischer  Wildbeit.
Eine  „Appellation  an  die  hohen  Befreier  Deutschlands“  trug  auf  dem
Titel  die  drohende  Bemerkung  „Imprimatur  kraft  der  Zensurfreiheit  der
württembergischen  Landschaft“  und  stellte  die  Frage:  „Was  kostet  diese
Krone?“  Die  Antwort  lautete:  „Einen  himmelschreienden  Eidbruch,  viele
tausende  erzwungener  Meineide,  Gewalttaten  ohne  Zahl,  Erpressungen
der  Willkür  und  des  Ubermuts,  und  dazu  in  den  Kauf  das  Menschenblut
  von  30—40,000  aus  der  hoffnungsvollen  Jugend  der  Landeskinder!
Das  Blut  so  vieler  tausend  Geopferter  walle,  sprudle,  glühe  um  den
Stuhl  des  Despoten!“  Eine  zweite  „Appellation“  verlangte  „eine  Eidverbrüderung
  aller  rechtlichen  Männer  für  Recht  und  nichts  als  Recht  aber
auch  für  altes  gutes  Recht,  mit  der  Losung:  Gott  und  unsere  Rechtel!
Rechtlich  frei,  so  rechtlich  treu!“  Also  flog  der  heilige,  deutschen  Herzen
so  unwiderstehliche  Name  des  Rechtes  in  hundertfachem  Widerhall  hin
und  her;  mit  einigen  sophistischen  Scheingründen  halfen  sich  die  Aufgeregten
  hinweg  über  die  unbestreitbare  Tatsache,  daß  jenes  alte  Recht  in
der  größeren  Hälfte  des  Landes  niemals  bestanden  hatte.  Begeistert  nahm
die  gesamte  deutsche  Presse  Partei  für  den  Landtag,  weil  er  die  beiden  heiligsten
  Empfindungen  der  Zeit,  die  treue  Liebe  zum  heimatlichen  Brauche
und  die  unbestimmte  Freiheitssehnsucht  zugleich  vertrat.  Nur  die  Münchener
  Alemannia  verfocht  wie  immer  die  Sache  des  rheinbündischen
Absolutismus.

Auf  die  Adresse  der  Stände  folgten  scharfe  Rechtsverwahrungen
der  Mediatisierten,  der  katholischen  und  lutherischen  Prälaten.  Sogar
die  Agnaten  des  königlichen  Hauses  protestierten  gegen  das  neue  harte
Hausgesetz,  an  ihrer  Spitze  Herzog  Paul,  ein  wüster  Mensch  von  ungezügeltem
  Ehrgeiz,  der  gern  die  Rolle  eines  schwäbischen  Philipp  Egalité
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        310  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

gespielt  hätte.  Der  König  fühlte  sich  dem  ungeheuren  Hasse,  der  von
allen  Seiten  her  über  ihn  hereinstürzte,  nicht  gewachsen,  und  da  auch
sein  Kronprinz  ihm  vorstellte,  wie  wenig  auf  eine  Sinnesänderung  der
Stände  zu  rechnen  sei,  so  tat  er  klüglich  einen  Schritt  zurück  und  erklärte
sich  am  16.  April  bereit,  durch  seine  Kommissäre  mit  vier  ständischen
Bevollmächtigten  zu  verhandeln:  diese  sollten  dann  angeben,  welche  Bestimmungen
  des  alten  Landesrechts  der  Landtag  noch  in  das  neue  Grundgesetz
  auzunehmen  wünsche.  Damit  war  die  soeben  erst  feierlich  verkündigte
  Verbindlichkeit  der  neuen  Verfassung  beseitigt.  Jetzt  aber  zeigte  sich,
daß  der  Landtag  nichts  Geringeres  erstrebte  als  die  Wiederherstellung  des
alten  Zustandes  mit  einigen  unwesentlichen  Anderungen.

Die  Wahlen  der  Städte  und  Oberämter  waren,  mit  Ausnahme  von
neun  Kaufleuten,  durchweg  auf  Juristen,  Bürgermeister,  Schultheißen  und
Schreiber  gefallen.  Begreiflich,  daß  in  einer  solchen  Versammlung  die  gewiegten
  Kenner  des  historischen  Rechts  die  Oberhand  behaupteten:  so  Weishaar,
  Bolley  und  Georgii,  tüchtige,  von  den  Ideen  des  neuen  Liberalismus
lebhaft  ergriffene  Rechtsgelehrte,  denen  die  oligarchische  alte  Verfassung  als
das  sicherste  Bollwerk  der  Volksrechte  erschien,  dann  der  wackere  Bürgermeister
  Klüpfel  von  Stuttgart,  endlich  Zahn  und  Feuerlein,  zwei  Virtuosen
  der  altwürttembergischen  Schreibstube,  unvergleichlich  in  allen
Künsten  kleinlicher  Wortspalterei.  Im  Namen  der  Mediatisierten  führte
Graf  Waldeck  das  große  Wort,  ein  unruhiger  Kopf,  immer  bei  der  Hand
wenn  der  süddeutsche  Adel  sich  zur  Wahrung  seiner  Standesrechte  versammelte.
  Er  brachte  es  über  sich,  in  einem  Atem  für  unbeschränkte
Volksfreiheit  zu  schwärmen  und  die  Privilegien  seines  Hauses  zu  verteidigen:
  das  hochgräfliche  Haus  Limburg,  so  ließ  er  sich  vernehmen,
habe  bisher  weder  den  Deutschen  Bund,  noch  das  Königreich  Württemberg
  anerkannt  und  könne  sich  dazu  nur  herbeilassen,  wenn  ihm  ein  freier
Vertrag  angeboten  würde.  Unter  dem  niederen  Adel  tat  sich  Freiherr
von  Varnbüler  hervor,  ein  echter  Reichsritter,  tapfer,  freimütig,  überaus
hartnäckig.  Späterhin  trat  auch  Oberst  Massenbach  in  die  Reihen  der
Ritterschaft  ein,  derselbe,  an  dessen  Namen  der  Fluch  von  Jena  und
Prenzlau  haftete;  der  hatte  bereits  durch  die  Herausgabe  unsauberer
Denkwürdigkeiten  sich  gerächt  für  die  wohlverdiente  Entlassung  aus  dem
preußischen  Heere  und  entfaltete  jetzt  in  der  Politik  die  nämliche  phantastische
  Vielgeschäftigkeit  wie  einst  als  Soldat.  In  wüsten,  schreienden
demagogischen  Schriften  forderte  er  den  Adel  auf  sich  bürgerlich  taufen
zu  lassen,  und  verkündete:  „jetzt  haben  alle  Fürsten  mit  ihren  Völkern
neue  Verträge  zu  schließen;  soweit  muß  es  kommen,  daß  jeder  Staatsbürger
  seinen  Beitrag  zur  Staatshaushaltung  selbst  berechnen  kann."

Vorläufig  hielt  die  aus  so  grundverschiedenen  Elementen  gemischte
Opposition  noch  fest  zusammen;  nur  fünf  vom  Adel  zogen  nachträglich
ihre  Zustimmung  zu  der  Mdresse  zurück,  und  ein  Teil  der  Mediatisierten
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        Die  Stände  für  das  alte  gute  Recht.  311

trat  aus,  um  zunächst  die  Entscheidung  des  Wiener  Kongresses  über  die
Rechte  der  vormaligen  Reichsstände  abzuwarten.  Die  Form  der  Bera—
tungen  entsprach  noch  ganz  dem  altväterischen  Brauche:  die  Abgeordneten
verlasen  zumeist  lange  schriftliche  Vota  und  verstiegen  sich  nur  selten,  beim
Austausch  persönlicher  Gehässigkeiten,  zur  freien  Rede.  Seinen  vier  Bevoll—
mächtigten  stellte  der  Landtag  einen  Ausschuß  von  25  Mitgliedern  an  die
Seite,  der  die  Stelle  des  alten  großen  Ausschusses  vertreten  sollte  und  auf
jeden  Vorschlag  der  Regierung  ein  umständliches  Gegenbedenken  folgen  ließ.
Und  doch  konnte  selbst  die  langweilige  Förmlichkeit  des  schriftlichen  Ver—
fahrens  nicht  verhindern,  daß  die  furchtbare  Erbitterung  gegen  den  König
sich  oft  in  stürmischen  Auftritten  entlud.  Die  Stände  beantworteten  das
Entgegenkommen  des  Monarchen  durch  eine  Zusammenstellung  der  Lan—
desbeschwerden.  Welch  ein  Eindruck,  als  dies  endlose  Schriftstück  verlesen
wurde  und  die  unglaubliche  Willkür  der  Landvögte,  die  frevelhafte  Ver—
schwendung  des  Königs  selbst  an  den  Tag  kam:  fünf  Millionen  Gulden,
ein  volles  Drittel  der  Landeseinkünfte,  hatte  der  Hofhalt  jährlich  ver—
schlungen.  Alles  schwieg  erschüttert,  manchem  stürzten  die  Tränen  aus
den  Augen;  es  war,  als  ob  das  tief  beleidigte  Gewissen  des  Volks  zu
Gericht  säße  über  die  Sünden  dieser  neun  Jahre.  Unterdessen  rückte  das
Verfassungswerk  nicht  von  der  Stelle.  In  den  schärfsten  Worten  erinnerten
die  Stände  den  König  an  seinen  gebrochenen  Eid;  sie  wiederholten  un—
ablässig,  daß  all  das  „namenlose  Elend“  der  letzten  Jahre  allein  von  der
„Verachtung  des  geprüften  Alten“  komme,  und  erklärten  für  den  wert—
vollsten  Bestandteil  der  alten  Verfassung  gerade  jene  beiden  Institutionen,
welche  sich  mit  der  Einheit  der  modernen  Monarchie  am  wenigsten  ver—
trugen:  den  stehenden  Ausschuß  und  die  landständische  Kasse.  Getreu  der
altständischen  Überlieferung  betrachteten  sie  das  Verhältnis  zwischen  Fürst
und  Volk  als  einen  natürlichen  Kriegszustand  und  scheuten  sich  nicht  dem
Könige  ins  Gesicht  zu  sagen:  für  den  Fall  eines  neuen  Streites  müsse
der  Landtag  eigene  Geldmittel  besitzen  um  verfolgte  Beamte  zu  unterstützen.

Nach  einem  halben  Jahre  unfruchtbaren  Streites  riß  dem  Könige
endlich  die  Geduld.  Er  beschloß  die  Versammlung  zu  vertagen,  forderte
sie  auf,  einige  Bevollmächtigte  zur  Fortsetzung  der  Verhandlungen  über
das  Grundgesetz  zurückzulassen  und  versprach  in  der  Zwischenzeit  die  Landesbeschwerden
  streng  zu  untersuchen.  Die  Mehrheit  des  Landtags  aber  kam
von  den  Formeln  des  altwürttembergischen  Staatsrechts  nicht  los;  sie  bestand
  darauf,  daß  ein  großer  Ausschuß  als  Vertreter  der  Rechte  des
Landes  zurückbleiben  müsse,  und  als  der  Monarch  diese  ständische  Nebenregierung
  zurückwies,  gingen  die  Stände  trotzig  auseinander  ohne  Bevollmächtigte
  für  die  Verfassungsarbeit  zu  ernennen.  Bevor  der  Landtag  sich
trennte  spielte  er  noch  seinen  höchsten  Trumpf  aus  und  wendete  sich
(26.  Juli)  an  die  Bürgen  des  alten  Erbvergleichs,  Dänemark,  England
und  Preußen  mit  der  Bitte  um  Vermittlung,  denn  die  Annahme  des
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        312  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

königlichen  Entwurfs  würde  dem  Volke  als  ein  „Verrat“  erscheinen.  So
stand  es  noch  um  den  Nationalstolz  des  Südens:  der  vielgefeierte  erste
Landtag  dieser  Friedensjahre  schloß  mit  dem  Versuche,  im  Namen  der
Volksrechte  zwei  fremde  Mächte  zur  Einmischung  in  Deutschlands  innere
Händel  zu  bewegen.

Mit  wachsender  Spannung  war  das  Land  diesen  Kämpfen  gefolgt.
Der  Landtag  konnte  sich  während  der  letzten  entscheidenden  Sitzungen  nur
mit  Mühe  der  Ständchen  und  Hochrufe  des  Stuttgarter  Volks  erwehren.
Nach  der  Vertagung  strömte  das  Landvolk  in  dichten  Scharen  gen  Ludwigsburg,
  und  der  König  ließ  seine  Reiter  vor  den  Toren  streifen  um
die  einsame  Residenz  vor  dem  Getöse  der  Sturmpetitionen  zu  sichern.
Die  rückkehrenden  Männer  des  Volkes  aber  empfing  daheim  ein  Sturm
überschwänglicher  Huldigungen,  der  den  Eigensinn  und  das  starre  Selbstgefühl
  der  „Altrechtler“  bedenklich  steigerte.  Und  wie  hätte  inmitten  dieser
brausenden  Volksbewegung  der  edle  Dichter  schweigen  sollen,  der  für  die
Herzensgeheimnisse  des  schwäbischen  Volks  allezeit  das  rechte  Wort  fand
und  überdies  durch  seinen  demokratischen  Bürgertrotz,  durch  seine  juristische
Bildung,  durch  die  Uberlieferungen  seiner  Familie  zu  der  altwürttembergischen
  Rechtspartei  geführt  wurde?  Ludwig  Uhland  begleitete  jeden
Auftritt  des  wirrenreichen  Kampfes  mit  den  schlichten,  volkstümlichen
Klängen  seiner  vaterländischen  Gedichte  und  wendete  —  nach  dem  Rechte
der  Wiederholung,  das  dem  politischen  Dichter  wie  dem  Publizisten  zusteht

  —  in  mannigfachen  Weisen  immer  nur  den  einen  Gedanken  hin
und  her:

Du  Land  des  Korns  und  Weines,

Du  segenreich  Geschlecht,

Was  fehlt  Dir?  All'  und  Eines:

Das  alte  gute  Recht!

Die  kräftigen  Lieder  schollen  weit  über  Schwabens  Grenzen  hinaus  und
schürten  mächtig  die  unklare  Aufregung  der  Zeit.  So  würdig  und  maßvoll
  die  Form  war,  aus  allen  sprach  doch  die  radikale  Lehre  „Alles  oder
Nichts“,  aus  allen  der  scharfe  Vorwurf,  daß  die  Bosheit  ruchloser  Gewalthaber
  die  Völker  um  ihre  verbrieften  Rechte  betrüge.  Befangen  in
dem  Gesichtskreise  der  Heimat  übertrug  der  schwäbische  Dichter  den  Groll,
der  in  der  dumpfen  Luft  des  württembergischen  Despotismus  nicht  unberechtigt
  war,  auch  auf  die  Zustände  des  gesamten  Vaterlandes  und  schilderte
  schon  am  dritten  Jahrestage  der  Leipziger  Schlacht  in  dem  schönsten
und  radikalsten  seiner  politischen  Gedichte  die  Lage  Deutschlands  als  völlig
hoffnungslos.  In  einem  Augenblicke,  da  Preußens  Staatsmänner,  kaum
erst  aus  Paris  heimgekehrt,  mit  der  Einrichtung  der  neuen  Verwaltung
noch  alle  Hände  voll  zu  tun  hatten,  beschwor  Uhland  schon  den  Geist
Theodor  Körners  herauf  und  ließ  ihn  zürnend  sagen:  „untröstlich  ist's
noch  allerwärts!“  Der  ungerechte  Ausspruch  drang  der  teutonischen  Jugend
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        Wangenheim.  313

bis  ins  Mark  und  wurde  von  den  Parteien  der  Opposition  in  Vers  und
Prosa  so  lange  nachgesprochen,  bis  nach  abermals  drei  Jahren  die  Un—
tröstlichkeit  wirklich  hereinbrach.

Die  Anrufung  der  drei  Garanten  hatte,  wie  jeder  Unbefangene  vor—
aussehen  konnte,  nur  die  eine  Folge  den  König  von  neuem  zu  reizen.
Keiner  der  drei  Höfe  glaubte  sich  berechtigt,  für  eine  längst  aufgehobene
Verfassung,  deren  Bestand  nur  auf  dem  Boden  des  alten  Reichsrechts
möglich  gewesen  war,  jetzt  noch  nachträglich  einzutreten.  Preußen  insbe—
sondere  hielt  sich  behutsam  zurück,  obgleich  Hardenberg  die  Versöhnung
zwischen  Fürst  und  Volk  aufrichtig  wünschte;  denn  König  Friedrich,  der
sich  in  der  jüngsten  Zeit  eng  an  Rußland  angeschlossen  hatte,  bekundete
seinen  alten  Groll  gegen  die  norddeutsche  Großmacht  so  gehässig  und  heraus—
fordernd,  daß  der  Gesandte  Küster  mehrmals  daran  dachte  sofort  abzu—
reisen.  Unter  solchen  Umständen  konnte  ein  Einmischungsversuch  des  Ber—
liner  Kabinetts  nur  schaden.  Aber  auch  König  Friedrich  fand  auswärts
keine  Hilfe.  Bei  allen  Höfen  stand  er  im  übelsten  Rufe;  alle  ohne  Aus—
nahme  verlangten,  daß  der  europäische  Skandal  des  schwäbischen  Willkür—
regiments  ein  Ende  nehmen  müsse.  Fürst  Metternich  sprach  sich  sogar  offen
für  die  Sache  des  Landtags  aus,  da  sein  eigenes  Geschlecht  zu  den  württem—
bergischen  Mediatisierten  gehörte  und  in  den  letzten  Jahren  schwere  Unbill
erfahren  hatte.“)

Der  einst  allmächtige  kleine  Herr  war  völlig  vereinsamt;  unaufhaltsam
wuchs  die  Aufregung  im  Lande,  aus  mehreren  Oberämtern  kamen  schon
Proteste  gegen  die  neue  Steuerausschreibung.  Nach  seiner  entschlossenen
Art  fand  sich  der  König  rasch  in  die  veränderte  Lage  und  berief  in  seiner
Not  den  Freiherrn  K.  A.  von  Wangenheim  in  das  Kabinett,  einen  Thüringer,
dessen  Name  schon  für  einen  ehrlichen  Systemwechsel  bürgte.  Wangen—
heim  war  bereits  in  jungen  Jahren  als  koburgischer  Beamter  dem  unred—
lichen  Regimente  des  Ministers  Kretschmann  mit  unerschrockenem  Freimut
entgegengetreten  und  zur  Strafe  des  Landes  verwiesen  worden.  Er  hatte
dann  in  Franken  eine  Zuflucht  gefunden  bei  dem  ritterlichen  Freiherrn
von  Truchseß,  den  die  romantische  Welt  als  einen  zweiten  Sickingen  feierte,
und  dort  auf  der  Bettenburg,  in  der  neuen  Herberge  der  Gerechtigkeit
mit  dem  jungen  Dichter  Friedrich  Rückert  Freundschaft  fürs  Leben  ge—
schlossen.  Als  er  einige  Jahre  nachher  im  Auftrage  eines  kleinen  thüringi—
schen  Hofes  nach  Stuttgart  kam,  da  gewannen  ihm  seine  geistvollen,  von
übermütigen  Einfällen  sprudelnden  Gespräche,  seine  glänzende  Erscheinung
und  seine  unverwüstliche  Ausdauer  beim  Zechgelage  das  Wohlgefallen  des
Königs,  der  ihn  sofort  in  seine  Dienste  nahm.  Die  Gnade  währte  nicht
lange;  „mein  Student“,  wie  der  König  ihn  nannte,  erregte  bald  Anstoß
durch  das  offenherzige  Aussprechen  seiner  deutschen  Gesinnung,  und  man

 

*)  Küsters  Berichte,  1.  Nov.  1815  ff.
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        314  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

war  endlich  froh  ihn  als  Kurator  der  Universität  nach  Tübingen  zu  entfernen.
  Hier  verkehrte  er,  ein  treuer,  einsichtiger  Förderer  der  Wissenschaft,
  freundlich  mit  allen  namhaften  Gelehrten  der  Hochschule,  am  liebsten
doch  mit  dem  Mystiker  Eschenmaier,  der  den  erregbaren,  für  alle  Spiele
der  Phantasie  empfänglichen  Dilettanten  in  die  kabbalistischen  Formeln
seiner  naturphilosophischen  Staatslehre  einweihte.  Als  der  Verfassungskampf
  sich  verschärfte,  trat  Wangenheim  plötzlich  mit  einer  Schrift  „die
Idee  der  Staatsverfassung“  hervor.  Das  wunderliche  Buch  zeigte  schlagend,
wie  unvereinbar  das  alte  gute  Recht  mit  dem  modernen  Staatsbegriffe
sei,  und  entwickelte  sodann  mit  feierlichem  Pathos  das  Programm  einer
unfehlbaren,  allen  Ansprüchen  der  Idee  genügenden  Musterverfassung.  Es
war  die  alte  Montesquieusche  Doktrin  in  phantastischem  Aufputz:  die
heilige  Dreizahl  der  Naturphilosophie  sollte  sich  in  dem  Gleichgewicht  der
drei  Gewalten  offenbaren;  die  Volksmasse  erschien  als  die  Vorstellungskraft,
  die  Gemeinde  als  die  Einbildungskraft,  der  Landtag  als  das  Begehrungsvermögen
  des  Staates.  Immerhin  verbargen  sich  hinter  der
doktrinären  Hülle  einige  gute,  ausführbare  Vorschläge,  und  da  dem  Könige
sich  nirgends  sonst  ein  Helfer  darbot,  so  beauftragte  er  diesen  literarischen
Vermittler  mit  der  Beilegung  des  Verfassungsstreites.

Voll  stolzer  Zuversicht  folgte  Wangenheim  dem  Rufe.  Er  krankte
bereits  an  jener  maßlosen  Selbstüberschätzung,  welcher  begabte  Köpfe  in
engen  Verhältnissen  so  leicht  verfallen,  und  meinte  sich  berufen,  dem  ganzen
Deutschland  durch  eine  Verfassung  ohne  Gleichen  ein  glänzendes  Vorbild  zu
bieten.  Obgleich  er  den  Rheinbund  aufrichtig  haßte,  so  konnte  er  sich  doch
nicht  enthalten,  seine  geliebte  mystische  Dreizahl  auch  auf  die  gesamtdeutsche
  Politik  zu  übertragen  und  hatte  sich  schon  längst  das  System  einer
deutschen  Trias  ausgeklügelt,  das  der  schmachvollen  Dreiteilung  der  napoleonischen
  Tage  leider  sehr  ähnlich  sah.  Osterreich  und  Preußen  erschienen
ihm  beide  als  halbfremde  Mächte,  Preußen  insbesondere  als  der  unersättlich
habgierige  Feind  der  angestammten  Fürstenhäuser;  die  Gesamtheit  der
Kleinstaaten,  „das  reine  Deutschland“  solle  diese  Mächte  in  Schranken
halten,  das  Gleichgewicht  zwischen  beiden  herstellen,  ihnen  in  Freiheit  und
Gesittung  immerdar  voranleuchten,  der  Kernstamm  aber  unter  den  reindeutschen
  Kernstämmen  blieben  die  Schwaben.  Wangenheim  liebte  seine
neue  Heimat  bis  zur  Vergötterung  und  hing  an  dem  königlichen  Hause
mit  einer  ritterlichen  Treue,  die  sich  selbst  in  Augenblicken  gerechten  Unmuts
  nie  verleugnete.“)  Aber  er  kannte  die  Landesverhältnisse  nur  oberflächlich
  und  verstand  die  eigenrichtigen  Köpfe  nicht  zu  behandeln.  Schlimm
genug  schon,  daß  er  „ein  Ausländer"“  war  und  durch  sein  reines  Hoch- 



*)  Ich  benutze  hier  u.  a.  eine  Sammlung  von  Briefen  Wangenheims  an  seinen
Freund  Geh.  Rat  von  Hartmann,  die  mir  Herr  Prof.  Hartmann  in  Stuttgart  mitgeteilt
  hat.
        <pb n="323" />
        Nachgiebigkeit  des  Königs.  315

deutsch  die  schwäbischen  Ohren  beleidigte;  doch  als  er  sich  gar  in  burschikosen
Witzen  über  die  „Bocksbeuteleien“  der  alten  Verfassung  erging  und  über
die  altwürttembergischen  Schreiber  sagte:  solche  Subjekte  wüßten  von
Himmel  und  Erde  nichts  als  Rechnungen  zu  machen,  die  niemand  ver—
stehe  als  wieder  ein  Schreiber  —  da  erschien  er  dem  Lande  wie  ein  Heilig—
tumsschänder.  Eine  Flut  von  Spottreden  ergoß  sich  über  das  Staatsbegehrungsvermögen
  und  die  anderen  naturphilosophischen  Schrullen  des
„württembergischen  Solon“.

Im  Oktober  1815  wieder  einberufen  hatte  der  Landtag  abermals  in
einer  zwanzig  Bogen  langen  Adresse  die  alte  Verfassung  für  das  ganze
Land  gefordert  und  drohend  hinzugefügt:  „das  Volk  fängt  an,  an  der  Zukunft
  zu  verzweifeln.“  Da  endlich,  in  einem  Ministerrate  am  11.  Novbr.,
gewann  Wangenheim  den  König  für  den  Vorschlag,  daß  man  den  Altrechtlern
  ihr  teures  Prinzip  zugeben  müsse.".)  Zwei  Tage  darauf  überraschte
  der  Monarch  die  Stände  durch  eine  Botschaft,  welche  den  auswärtigen
  Diplomaten  „fast  wie  ein  Wunder"“  erschien.  Er  erklärte  darin,
daß  er  die  innere  Gültigkeit  der  alten  Landesverträge  nicht  bestreite,  sondern
  nur  ihre  Anwendbarkeit,  und  bot  sodann  in  vierzehn  Artikeln  das
unbeschränkte  Steuerbewilligungsrecht,  die  Verantwortlichkeit  aller  Staatsdiener,
  endlich  und  vor  allem  die  gemeinsame  Revision  aller  seit  1806
erlassenen  Gesetze.  Die  Artikel  enthielten  in  der  Tat  alles  was  von
den  altständischen  Einrichtungen  noch  irgend  lebensfähig  erschien  und  außerdem
  noch  eine  lange  Reihe  neuer,  wertvoller  Rechte.  Der  König  schloß
mit  der  Versicherung:  würden  auch  diese  Vorschläge  verworfen,  dann  bleibe
ihm  nichts  übrig  als  in  Altwürttemberg  das  alte  Recht  wiederherzustellen
und  den  neuen  Gebieten  eine  selbständige  neue  Verfassung  zu  geben.

Nach  diesen  großen  Zugeständnissen  der  Krone  begann  die  öffentliche
  Meinung  außerhalb  des  Ländchens  umzuschlagen;  Stein,  Gagern
und  viele  andere  Wohlmeinende,  die  bisher  auf  der  Seite  der  Stände
gestanden,  rieten  jetzt  dringend,  die  Hand  der  Versöhnung  zu  ergreifen.
Der  Landtag  dagegen  hatte  sich  bereits  zu  tief  in  den  Kampf  verbissen,
der  Streit  war  längst  persönlich  geworden,  die  erbitterten  Gemüter
spotteten  aller  Vernunftgründe.  Die  Stände  ließen  sich  zwar  herbei,
abermals  durch  einen  Ausschuß  mit  der  Krone  zu  verhandeln;  der  Ausschuß
  aber  schritt  sogleich,  unbekümmert  um  die  vierzehn  Artikel,  an  die
Ausarbeitung  eines  unförmlichen  Verfassungsentwurfs,  der  in  25  Kapiteln
und  vielen  hunderten  von  Paragraphen  alle  die  staubigen  Kleinodien  des
alten  Rechts,  vornehmlich  den  stehenden  Ausschuß  und  die  Stenerkasse,
wieder  aufzählte.

Monatelang  ward  darüber  hin=  und  hergestritten,  und  um  die  Verwirrung
  zu  vollenden,  griff  Wangenheims  doktrinärer  Eifer  auch  noch

 

*)  Küsters  Bericht,  11.  Nov.  1815.
        <pb n="324" />
        316  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

das  Einzige  an,  worüber  bisher  beide  Teile  einig  waren:  das  im  bürger—
lichen  Württemberg  althergebrachte  Einkammersystem.  Ohne  zwei  Kammern
konnte  die  Idee  der  heiligen  Dreizahl  sich  doch  nimmermehr  verwirklichen;
das  aristokratische  Element  mußte  durchaus  „das  Hypomochlion“  bilden,
das  zwischen  der  Demokratie  und  der  Autokratie  „ein  oszillierendes  Gleich—
gewicht  herstellt“!  Der  König  ging  auf  diese  theoretischen  Grillen,  welche
Wangenheim  in  einer  neuen  Druckschrift  ausführlich  entwickelte,  um  so
williger  ein,  weil  sie  mit  den  Berechnungen  seiner  nüchternen  Realpolitik
übereinstimmten.  Gleich  den  meisten  Rheinbundsfürsten  beargwöhnte  er
den  Adel  als  den  gefährlichsten  Feind  der  Krone  und  hielt  für  nötig,  die
vornehmen  Demagogen  in  einer  ersten  Kammer  abzusperren,  damit  sie
den  Bürger  und  Bauer  nicht  verführten.  Aus  so  wunderlichen  Beweggründen
  entstand  der  Plan,  in  einem  Kleinstaate,  der  für  eine  kräftige
Pairie  offenbar  keinen  Raum  bot,  gleichwohl  eine  Adelskammer  zu  bilden.
Die  Altrechtler  widersprachen  lebhaft;  sie  trauten  ihren  aristokratischen
Genossen  wenig,  aber  sie  glaubten  sich  der  adligen  Sonderbestrebungen
am  sichersten,  wie  bisher,  in  einer  ungeteilten  Ständeversammlung  erwehren
  zu  können.  Leichter  verständigte  man  sich  über  eine  andere  deutsche
Eigentümlichkeit,  welche  die  Macht  unserer  kleinen  Landtage  noch  schwer
schädigen  sollte,  über  die  Diäten.  Daß  der  Volksvertreter  für  sein  Ehrenamt
  bezahlt  werden  müsse,  schien  allen  selbstverständlich.  Die  Rücksicht
auf  die  bittere  Armut  der  gebildeten  Klassen  wirkte  zusammen  mit  der
Standesanschauung  der  Beamten;  ohne  Tagegelder  konnte  sich  der  Bureaukrat
  der  alten  Schule  eine  außerordentliche  Mühewaltung  nicht  vorstellen.
Währenddem  brach  die  despotische  Natur  des  Königs  immer  von  neuem
durch;  bald  wurden  die  Unterzeichner  einer  Adresse  an  den  Landtag,  bald
ein  hitzköpfiger  Abgeordneter  vor  das  Strafgericht  geladen.  Aber  auch  die
Stände  erlaubten  sich  gewaltsame  Übergriffe.  Sie  behaupteten  alle  die
Befugnisse,  welche  ihnen  die  künftige  Verfassung  erst  zugestehen  sollte,
schon  jetzt  zu  besitzen  und  verwahrten  feierlich  ihre  Rechte,  als  der  König
abermals  Steuern  ausschreiben  ließ,  ja  sie  drohten  im  Falle  der  Wiederholung
  die  Untertanen  zur  Steuerverweigerung  aufzufordern.

So  zog  sich  der  Streit,  mit  jedem  neuen  Tage  langweiliger  und
unfruchtbarer,  abermals  durch  ein  volles  Jahr.  Im  August  1816  richtete
Graf  Waldeck  auf  eigene  Faust  eine  zweite  Zuschrift  an  die  drei  Garanten
und  an  Kaiser  Franz  als  das  vormalige  Reichsoberhaupt  —  ein  Aktenstück,
  das  in  klassischen  Worten  den  unbelehrbaren  Trotz  der  Götzendiener
des  alten  Rechts  aussprach.  „Die  altwürttembergische  Verfassung“,  hieß
es  da,  „ist  durch  den  Ausspruch  des  deutschen  Kaiserhofs  und  der  hohen
Garanten,  durch  die  einhellige  Stimme  Deutschlands  und  die  Segnungen
dreier  Jahrhunderte  so  bündig  als  ein  Werk  menschlicher  Vollkommenheit
  bewährt,  daß  die  Vernichtung  auch  nur  eines  ihrer  Bestandteile
eben  ihrer  künstlerisch  zarten  Zusammenfügung  wegen  ihr  Ganzes  uon
        <pb n="325" />
        Verhandlungen  über  Wangenheims  Vorschläge.  317

somit  das  Wohl  des  Volks  gefährden  würde.“*)  Das  ganze  Land  hallte
wider  von  jenem  ungeheueren  Geschrei,  das  seitdem  fast  alle  Kämpfe  des
deutschen  Parlamentarismus  begleitete  und  keineswegs  dazu  beitrug,  die
Achtung  des  Auslandes  für  diese  Stürme  im  Wasserglase  zu  erhöhen.  Ein
wildes  Pamphlet  bedrohte  den  König  bereits  mit  dem  Schicksal  seines
Ahnherrn,  des  landflüchtigen  Herzogs  Ulrich,  und  als  ein  anonymer
Schriftsteller  für  die  Vorschläge  der  Krone  aufzutreten  wagte,  ward  seine
Schrift  in  Stuttgart  an  den  Schnappgalgen  genagelt.

Jedermann  mußte  Partei  ergreifen.  Auch  die  vielen  berühmten
Schwaben  außerhalb  des  Landes  sendeten  in  Briefen  oder  Druckschriften
ihr  Urteil  in  die  Heimat,  und  es  bezeichnet  die  heillose  Verworrenheit  des
Streites,  daß  die  Todfeinde  Schelling  und  Paulus  sich  beide  für  die  alte
Verfassung  aussprachen,  jener  weil  ihm  das  historische  Recht  ehrwürdig
war,  dieser  weil  er  in  der  altständischen  Libertät  die  konstitutionelle  Freiheit
  zu  erkennen  glaubte.  Hegel  dagegen  kämpfte  mit  sophistischer  Gewandtheit
  für  Wangenheim  als  den  Vertreter  der  modernen  Staatsidee
und  erwies,  ganz  im  Geiste  der  rheinbündischen  Bureaukratie,  daß  erst
durch  den  Untergang  des  verlebten  deutschen  Reichs  wirkliche  „deutsche
Reiche",  die  neuen  Königreiche,  entstanden  seien.  Mit  rührenden  Worten
beschwor  der  treuherzige  Justinus  Kerner  seinen  Herzensbruder  Uhland,
abzulassen  von  dem  „Kassen=  und  Kastenwesen  der  Schreiber  und  Rechtsherren"“.
  Es  war  vergeblich.  Als  Wangenheims  Freund  Rückert  sodann
den  Poeten  der  Altrechtler  zu  einem  Dichterwettstreit  herausforderte,  da
war  der  Schwabe  in  der  vorteilhaften  Lage,  die  warmen  Gefühle  der
Gemütspolitik  gegen  die  nüchternen  Erwägungen  der  Staatsklugheit  zu
verteidigen  und  bereitete  dem  Franken  eine  poetische  Niederlage,  die  in
Württemberg  als  ein  politischer  Triumph  gefeiert  wurde.  Was  half  es,
daß  die  beiden  besten  politischen  Köpfe  aus  der  Jugend  des  Landes,
Friedrich  List  und  Schlayer,  den  Minister  eifrig  unterstützten?  Im  Landtage
  zählte  Wangenheim  nur  zwei  Anhänger,  den  Juristen  Griesinger
und  den  Buchhändler  Cotta,  der  seinen  kleinstädtischen  Landsleuten  bald
verdächtig  ward,  weil  er  als  ein  Geschäftsmann  großen  Stils  über  ihren
engen  Gesichtskreis  hinausblickte.  Das  schwerste  Hindernis  der  Verständigung
  blieb  doch  der  König  selber.  Kein  Zweifel,  daß  er  jetzt  ehrlich  den
Frieden  suchte;  aber  wer  wollte  ihm  trauen?

Da  räumte  ein  freundliches  Geschick  dies  Hemmnis  plötzlich  aus
dem  Wege.  Am  30.  Oktober  1816  starb  der  König,  von  niemand  beweint.
  Den  Nachfolger  König  Wilhelm  empfing  das  Frohlocken  des  ganzen
Landes.  Schon  seit  Jahren  pflegte  ihn  das  treue  Volk  mit  dem  guten
Herzog  Christoph  zu  vergleichen,  weil  er  gleich  diesem  unter  einem  tyrannischen
  Vater  eine  freudlose  Jugend  verleben  mußte.  Von  der  Gut-*)

  Graf  Waldeck,  Vorstellung  an  die  Höfe  von  Österreich,  Preußen,  Dänemark  und
England,  31.  August  1816.
        <pb n="326" />
        318  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

mütigkeit  jenes  alten  Herzogs  lag  freilich  gar  nichts  in  der  herzlosen,
kalt  verständigen  Natur  des  neuen  Königs.  Zu  Lüben  in  der  preußischen
Garnison  geboren,  war  der  Prinz  in  seiner  Jugend  so  gut  preußisch  ge—
sinnt  wie  sein  Großvater  Friedrich  Eugen;  damals  schrieb  er  sich  noch
Friedrich  Wilhelm.  Als  er  nach  der  Jenaer  Schlacht  die  Preußen  miß—
achten  lernte,  blieb  er  doch  noch  immer  ein  stolzer  deutscher  Offizier  und
widersetzte  sich  entschieden  der  französischen  Politik  seines  Vaters;  der  hef—
tige  Zwist  im  königlichen  Hause  wurde  bald  landkundig  und  warb  dem
Kronprinzen  viele  geheime  Verehrer,  obschon  der  Trotz  des  lieblosen  Sohnes
an  diesen  Händeln  ebenso  viel  Schuld  trug  als  die  bonapartistische  Ge—
sinnung  des  harten  Vaters.  Auf  Befehl  des  Königs  schloß  der  Prinz
widerwillig  mit  der  bayrischen  Prinzessin  Karoline  Auguste  eine  Ehe,  welche
niemals  vollzogen  und  für  beide  Teile  unselig  wurde.“)  Die  Lorbeeren
der  napoleonischen  Siegeszüge  reizten  ihn  nicht;  erst  als  Württemberg  zu
den  Verbündeten  übergegangen  war,  nahm  er  am  Kampfe  teil  und  be—
währte  sich  in  dem  französischen  Winterfeldzuge,  namentlich  in  dem  blutigen
Treffen  von  Montereau,  als  ein  tüchtiger  Korpsführer,  so  daß  der  schwä—
bische  Dichter  Wilhelm  Hauff  den  Heimkehrenden  als  „Prinz  Wilhelm,
den  edlen  Ritter“  feierte.  Auf  seinen  Charakter  wirkten  diese  militärischen
Erfolge  nicht  günstig;  sie  verschärften  den  Zug  menschenverachtender  Uberhebung,
  den  er  mit  seinem  Vater  teilte,  und  da  er  die  kleinstädtischen
Vorurteile  seiner  Landsleute  weit  übersah,  so  ward  er  auch  durch  die  Erfahrungen
  des  heimischen  Verfassungskampfes  nur  bestärkt  in  dem  Wahne,
daß  er  selber  alles  am  besten  verstehe.

Ein  unbändiger  Ehrgeiz  nagte  rastlos  an  seiner  Seele;  allen  deutschen
  Fürsten  glaubte  er  überlegen  zu  sein.  Längst  war  das  Schwabenland
  seinen  Plänen  zu  klein;  schon  auf  dem  Wiener  und  dem  Pariser
Kongresse  wurde  die  diplomatische  Welt  mehrmals  durch  wundersame  Entwürfe
  überrascht,  welche  dem  Helden  von  Montereau  eine  glänzende  Ehrenstellung,
  das  Feldherrnamt  des  Deutschen  Bundes  in  Mainz  oder  die
Landesherrschaft  im  Elsaß  zudachten.  Die  Träume  des  Prinzen  nahmen
einen  noch  höheren  Flug,  als  er,  nach  Auflösung  der  Ehe  mit  der  Bayerin,
die  Schwester  des  Zaren,  Großfürstin  Katharina  heimführte,  eine  geistreiche,
lebhafte,  unternehmende  Frau,  die  einst  während  des  russischen  Krieges
gleich  den  tapfersten  Männern  an  der  Rüstung  des  Heeres  gearbeitet
hatte  und  sich  ungern  in  die  kleinen  Verhältnisse  der  neuen  Heimat
fand.  „Wie  sollen“,  schrieb  damals  Küster,  „drei  so  bedeutende,  energische
und  lebhafte  Menschen  wie  Friedrich,  Wilhelm  und  Katharina  sich  ver- 



*)  Eine  in  Württemberg  weit  verbreitete  und  auch  in  die  ersten  Auflagen  dieses
Buchs  übergegangene  Legende  behauptet,  daß  Kronprinz  Wilhelm  die  Ehe  geschlossen  habe
um  der  Verheiratung  mit  Stephanie  Beauharnais  zu  entgehen.  Die  Erzählung  ist
falsch;  denn  Stephanie  wurde  bereits  am  8.  April  1806  mit  dem  Kurprinzen  Karl  von
Baden  vermählt,  die  Hochzeit  des  Kronprinzen  Wilhelm  fand  erst  am  8.  Juni  1808  statt.
        <pb n="327" />
        König  Wilhelm.  319

tragen?“  Seitdem  entspann  sich  zwischen  dem  schwäbischen  Thronfolger
und  dem  Prinzen  von  Oranien  ein  geheimer  Verkehr,  zur  lebhaften  Be—
unruhigung  der  konservativen  Höfe;  man  wußte,  daß  beide  Prinzen  in
radikalen  Plänen  schwelgten  und  der  Württemberger  sich  lebhaft  geschmeichelt
fühlte  wenn  ihn  da  und  dort  ein  Politiker  der  Bierbank  als  den  künftigen
deutschen  Kaiser  feierte.  Obwohl  der  eine  wie  der  andere  im  Grunde
der  Seele  die  neuen  liberalen  Ideen  geringschätzte,  so  erhofften  doch  beide
als  machiavellistische  Politiker  von  einem  großen  Umsturz  ein  unbestimmtes
Glück  für  sich  selber.  Wo  der  Ehrgeiz  ins  Spiel  kam,  da  hielt  die
Nüchternheit  des  Prinzen  Wilhelm  nicht  mehr  Stand,  und  die  luftigsten
Phantasiegebilde  erschienen  ihm  möglich.  Jahrelang  brütete  er  über  dem
Gedanken  eines  deutschen  Südbundes,  und  doch  hatte  er  selber  alles  ge—
tan,  um  diesen  Triasplänen  jeden  Boden  zu  entziehen.  Denn  hochmütig
  gegen  den  badischen  Hof,  war  er  mit  dem  bayrischen  tief  verfeindet.
Der  Haß  des  gestrengen  Friedrich  gegen  den  gutmütigen  Max  Joseph
vererbte  sich  auf  die  Söhne.  Die  phantastische  Uberschwänglichkeit  des
bayrischen  Kronprinzen  Ludwig  war  dem  trockenen,  verschlossenen  Wesen
des  Prinzen  Wilhelm  unausstehlich;  die  Freundschaft  ward  auch  nicht
inniger  als  beide  zugleich  um  die  Hand  Katharinas  warben  und  der
Wittelsbacher  den  Kürzeren  zog.

Die  lautere  patriotische  Begeisterung  der  Befreiungskriege  ließ  diesen
engherzigen  Charakter  kalt.  Dynastischer  Dünkel  und  persönliche  Herrschsucht
  bestimmten  seine  deutsche  Politik;  wie  er  Napoleon  haßte,  weil  ihm
die  Herrschaft  des  Fremdlings  über  das  Haus  Württemberg  schimpflich
schien,  so  wollte  er  auch  sein  souveränes  Haus  keiner  mächtigen  deutschen
Zentralgewalt  unterordnen,  es  sei  denn,  daß  ihm  selber  die  Leitung
Deutschlands  zufiele,  und  selbst  der  gutmütige  Küster  erriet,  daß  der
Kronprinz  im  Herzen  ganz  ebenso  partikularistisch  denke  wie  sein  Vater.“)
Mit  den  beiden  führenden  Mächten  des  Deutschen  Bundes  stand  er  von
Haus  aus  auf  schlechtem  Fuße.  Die  Politik  des  Dualismus  lief  seinen
Triasplänen  schnurstracks  zuwider;  auch  konnte  er  nach  seiner  kleinlich
reizbaren  Art  ein  Gefühl  persönlicher  Empfindlichkeit  gegen  die  beiden
Monarchen  nicht  unterdrücken.  Bald  nach  seiner  Thronbesteigung  ließ
er  dem  König  von  Preußen  die  Hand  einer  württembergischen  Prinzessin
für  den  jungen  Kronprinzen  anbieten  und  empfing  die  gelassene  Antwort,
Friedrich  Wilhelm  wolle  den  Neigungen  seiner  Kinder  keinen  Zwang  antun.)
  Das  verzieh  er  nie.  Kaiser  Franz  aber  erwählte  sich  um  die
nämliche  Zeit  die  geschiedene  Gemahlin  des  Württembergers  für  seine
vierte  Ehe;  seitdem  wuchs  sein  altes  Mißtrauen  gegen  den  unberechenbaren
  Pläneschmied  in  Stuttgart  und  ward  von  drüben  herzlich  erwidert.

*)  Küsters  Berichte,  24.  Okt.,  11.  Nov.  1815.
**)  Küster  an  Hardenberg,  Stuttgart  18.  Januar;  Weisung  des  Staatskanzlers,
24.  Februar  1817.
        <pb n="328" />
        320  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Überaus  eifrig  als  Soldat,  ein  Verwaltungsmann  von  sicherem
Blick  und  großer  Arbeitsamkeit,  ein  trefflicher  Landwirt  und  ausgezeichneter
  Pferdezüchter,  in  seinen  Lebensgewohnheiten  einfach,  geregelt  und,
obwohl  keineswegs  sittenstreng,  doch  frei  von  der  Schamlosigkeit  des  Vaters
—  so  war  der  neue  König  allen  den  praktischen  Geschäften  des  Lebens,
welche  durch  Klugheit  und  Energie  bewältigt  werden  können,  vollauf  gewachsen.
  Was  darüber  hinaus  liegt  war  seinem  Geiste  verschlossen.  Die
Kirche  betrachtete  er  gleich  seinem  Vater  mit  dem  Spotte  des  Voltairianers,
nur  daß  ihm  die  Religion  unentbehrlich  schien  um  den  dummen  Haufen
in  Zucht  zu  halten;  die  „Ideologie“  der  freien  Wissenschaft  blieb  ihm  ein
unbequemes  Rätsel,  halb  lächerlich,  halb  furchtbar,  wie  er  denn  auch  als
ein  echter  rheinbündischer  Berufssoldat  den  freien  Geist  des  preußischen
Heeres  nie  verstehen  lernte;  seine  Kunstliebe  endlich  erhob  sich,  gleich  dem
Mäcenatentum  vieler  anderer  Kleinfürsten,  niemals  über  jene  Bildungsstufe,
  welche  das  Ideal  allein  in  nackten  Weibergestalten  findet.  Ein  solcher
Mann,  zu  unruhig  für  das  Stilleben  eines  Kleinstaats  und  doch  zu
selbstisch  um  die  Hohlheit  einer  Souveränität  ohne  Macht  einzusehen,
konnte  in  die  verschlungenen  Fäden  der  deutschen  Bundespolitik  nur  einige
hemmende  Knoten  mehr  einknüpfen;  dem  gemütvollen  Tiefsinn  der  schwäbischen
  Volksnatur  blieb  er  innerlich  ebenso  fremd  wie  einst  König  Friedrich.
Der  herkömmliche  Jubel  der  ersten  Wochen  verrauschte  schnell.  In  einer
langen  Regierung  wurde  der  König,  trotz  seiner  unbestreitbaren  Verdienste
um  den  Wohlstand  des  Landes,  nie  wieder  wahrhaft  volksbeliebt;  man
konnte  sich  kein  Herz  zu  ihm  fassen  und  lernte  auch  bald  den  häßlichsten
Zug  seines  Charakters  fürchten,  die  nachtragende  Unversöhnlichkeit.

Das  neue  Regiment  begann  sofort  mit  dankenswerten  Reformen:
der  tolle  Prunk  und  der  Jagdunfug  des  Hofes  wurden  beseitigt,  mehrere
Steuern  herabgesetzt,  zahlreiche  Gefangene  begnadigt,  einige  Günstlinge
des  verstorbenen  Fürsten  in  der  Stille  entfernt.  Während  der  Hungersnot
  der  nächsten  Monate  bewährte  die  Königin  ihre  männliche  Willenskraft
  im  weiblichsten  Berufe;  treu  ihrem  Ausspruch:  „helfen  ist  der  hohe
Beruf  des  Weibes  in  der  Gesellschaft“  überspannte  sie  das  ganze  Land
mit  einem  Netze  von  Frauenvereinen,  Sparkassen,  gemeinnützigen  Stiftungen
  aller  Art  und  zeigte  sich  bei  diesem  Liebeswerke  so  menschlich  groß,
daß  bald  nachher  ihr  früher  Tod  in  jedem  Dorfe  Schwabens  wie  ein
Landesunglück  beweint  wurde.  Selbst  Uhland,  der  Verächter  der  Höfe,  legte
der  Volksmutter  einen  duftigen  Kranz  auf  den  Sarg,  und  Kerner  klagte:

Wie  sie  früh  von  Gott  erlesen,

Eine  Heil'ge,  uns  verschwand.
Auf  der  Höhe,  wo  einst  die  Stammburg  des  Fürstenhauses  gestanden
hatte,  fand  die  hochherzige  Fürstin  ihr  Grab,  und  die  Württemberger  wallfahrteten
  zu  der  Kapelle  des  Rothenbergs  mit  ähnlichen  Empfindungen
wie  die  Preußen  zu  dem  Charlottenburger  Tempel.
        <pb n="329" />
        König  Wilhelms  Verfassungspläne.  321

Seinem  Landtage  trat  der  König  mit  ungeheuchelter  Versöhnlichkeit
entgegen.  Alle  geheimen  Pläne  seines  Ehrgeizes  beruhten  ja  zunächst
auf  der  Hoffnung,  daß  die  Nation  ihn  als  den  liberalsten  aller  deutschen
Fürsten  feiern  sollte.  Mochten  die  landständischen  Formen  immerhin
lästig  sein,  er  fühlte  sich  stark  genug  mit  diesen  Schreibern  fertig  zu
werden  und  auch  als  konstitutioneller  Fürst  am  letzten  Ende  seinen  Willen
durchzusetzen.  Darum  beließ  er  auch  Wangenheim  an  der  Spitze  der
Geschäfte,  obwohl  diese  beiden  grundverschiedenen  Naturen  eigentlich  nur
Eins  gemein  hatten,  die  Träume  der  Triaspolitik,  und  der  Minister
bald  bemerkte,  daß  der  König  ihn  mit  stillem  Groll,  nicht  immer  ganz
ehrlich  behandelte.')  Sofort  wurde  mit  Benutzung  des  ständischen  Ent—
wurfs  ein  neuer  Verfassungsplan  ausgearbeitet  —  es  war  bereits  der
dritte  in  diesem  endlosen  Streite  —  und  dem  Landtage  am  3.  März  1817
übergeben.  Die  Erbietungen  des  Sohnes  gingen  noch  weit  über  die  letzten
Vorschläge  des  Vaters  hinaus.  Gleichwohl  entbrannte  von  neuem  der
hartnäckige  Kampf  um  die  alten  Streitfragen:  Einkammersystem,  Steuer—
kasse,  stehende  Ausschüsse;  und  nochmals  bekundete  der  Stuttgarter  Pöbel
in  lärmenden  Aufläufen  seine  Teilnahme  für  die  Altrechtler.

Als  dies  Treiben  wieder  ein  Vierteljahr  gewährt  hatte,  konnte  der
König  seine  soldatische  Barschheit  nicht  mehr  bemeistern.  Er  beriet  sich  hinter
dem  Rücken  der  Minister  mit  seinem  Freunde,  dem  Freiherrn  von  Maucler,
dem  Führer  der  einheimischen  Bureaukratie,  und  legte  den  Ständen  ein
binnen  acht  Tagen  anzunehmendes  und  in  der  Tat  annehmbares  Ultimatum
  vor.  Neue  stürmische  Entrüstung  über  dies  kurz  angebundene
Verfahren.  Am  2.  Juni  verwarf  der  Landtag  auch  dies  letzte  Anerbieten;
  die  Altwürttemberger,  der  größte  Teil  des  Adels  und  eine  kleine
klerikale  Partei  bildeten  die  Mehrheit.  Während  fast  alle  besonnenen
Politiker  außerhalb  des  Landes  jetzt  auf  die  Seite  des  Königs  traten,
war  die  Erbitterung  der  Landtagsmehrheit  von  Tag  zu  Tag  gestiegen.
Die  Altwürttemberger  beanspruchten  geradezu  die  itio  in  partes,  so  daß
sie  sich  ihre  alten  Sonderrechte  selbst  gegen  den  Willen  der  neuen  Landesteile
  vorbehalten  dürften.  Freiherr  von  Varnbüler  versicherte  bei  der
Schlußabstimmung  kurzab:  er  wolle  das  Volk  unter  der  gegenwärtigen
Regierung  lieber  ohne  Verfassung  sehen,  als  ihm  für  die  Zukunft  den
Anspruch  auf  seine  alte  Verfassung  vergeben.  Mit  dem  konnte  der  Hof
nicht  fertig  werden;  als  man  ihm  den  Kammerherruschlüssel  abforderte,
sendete  er  das  Kleinod  durch  die  Post  zurück  und  schrieb  auf  den  Umschlag:
  „Sachen  ohne  Wert.“  Unter  allen  Zeichen  königlicher  Ungnade
wurde  der  Landtag  aufgelöst  und  den  auswärtigen  Mitgliedern  sogar  der
Aufenthalt  in  der  Hauptstadt  verboten.  Ein  Versuch,  den  königlichen  Entwurf
  durch  eine  Volksabstimmung  durchzusetzen,  mißlang  gänzlich,  und

 

*)  Wangenheim  an  Hartmann,  3.  Februar  1832.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  21
        <pb n="330" />
        322  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

hierauf  erklärte  der  Monarch,  daß  er  zunächst  die  Beschlüsse  des  Bundestags
  über  die  Rechte  der  deutschen  Landstände  abwarten  und  inzwischen
alle  die  übrigen  Verheißungen  seines  Entwurfs  in  Kraft  setzen  werde.

Zwei  Jahre  lang  schaltete  der  König  nun  wieder  als  unumschränkter
Herr  und  gab  dem  Lande  in  rascher  Folge  eine  Reihe  wohltätiger  Gesetze,
  welche  die  beiden  „Reformminister“  Wangenheim  und  Kerner,  der
Bruder  des  Dichters,  seit  langem  vorbereitet  hatten.  Die  Leibeigenschaft
  fiel  endlich  hinweg,  auch  ein  Teil  —  freilich  nur  ein  Teil  —  der
grundherrlichen  Abgaben  ward  für  ablösbar  erklärt,  die  Auswanderung
wurde  frei  gegeben,  die  bisher  völlig  unselbständigen  Kommunen  erhielten
das  alte  Institut  der  Gemeindedeputierten  in  verbesserter  Gestalt  wieder,
und  an  die  Stelle  der  Landvögte  traten  vier  Kreisregierungen.  Die
katholisch-theologische  Fakultät  in  Ellwangen  wurde  nach  Tübingen  verlegt,
  so  daß  die  hartlutherische  alte  Landesuniversität  jetzt  in  die  Reihe
der  paritätischen  Hochschulen  eintrat;  um  für  einen  Teil  der  bisher  mit
Schreibern  besetzten  Verwaltungsstellen  brauchbare  Beamte  auszubilden
unternahm  man  auch  die  wenig  glückliche  Einrichtung  einer  besonderen
Fakultät  für  die  Staatswirtschaft.  Da  sich  während  der  Notjahre  fast
überall  in  dem  fruchtbaren  Lande  ein  sehr  mangelhafter  Zustand  des
Landbaus  herausstellte  und  die  ganz  ohne  Kapital  wirtschaftenden  kleinen
Bauern  scharenweise  den  Wucherjuden  verfielen,  so  griff  der  König  mit
seinem  scharfen  Geschäftsverstande  kräftig  ein.  Er  bildete  einen  großen
landwirtschaftlichen  Verein,  zur  Belehrung  und  Unterstützung  der  Grundbesitzer,
  gründete  Gestüte  und  Musterwirtschaften  auf  seinen  Kammergütern,
  errichtete  in  Hohenstein  eine  landwirtschaftliche  Lehranstalt,  die
unter  der  Leitung  des  rüstigen  Rheinländers  Schwerz  bald  mit  Möglin
wetteiferte.  Es  war  sein  persönliches  Verdienst,  daß  unter  den  schwäbischen
  Landwirten  wieder  ein  frischer  Unternehmungsgeist  erwachte;  alljährlich
  drängten  sich  die  Bauern  zu  dem  lustigen  landwirtschaftlichen
Feste,  das  seit  1818  in  Cannstatt  abgehalten  wurde,  und  warben  mit
ihren  Rossen  und  Stieren  um  die  königlichen  Preise.

Währenddem  blieb  die  politische  Stimmung  des  Landes  noch  lange
so  gereizt,  daß  selbst  Wangenheim  noch  im  Frühjahr  1818  vor  der  Berufung
  eines  neuen  Landtags  dringend  warnte.)  Nach  und  nach  kehrte
doch  die  ruhige  Besinnung  zurück.  Namentlich  die  Neuwürttemberger  begannen
  den  Eigensinn  der  Stände  zu  bereuen,  und  der  „Volksfreund“
Friedrich  Lists,  der  die  neuen  Ideale  der  allgemeinen  Volksvertretung,
der  Selbstverwaltung,  der  öffentlichen  Rechtspflege  mit  Geist  und  Leidenschaft
  verherrlichte,  fand  unter  der  Jugend  wachsenden  Anhang.  Aber
auch  der  König  bereute  seine  vergeblichen  Anerbietungen;  er  hatte  erfahren,
  daß  der  Ruhm  des  liberalsten  deutschen  Fürsten  doch  nicht  so

 

*)  Wangenheim  an  Hartmann,  1.  April  1818.
        <pb n="331" />
        Diktatur  des  Königs.  323

leicht  zu  erwerben  sei,  und  kehrte  nun  verstimmt  zu  den  Gedanken  des
bureaukratischen  Absolutismus  zurück,  die  seiner  natürlichen  Neigung
entsprachen.  Wieder  hinter  dem  Rücken  seiner  Räte  berief  der  Monarch
den  Finanzminister  König  Jeromes,  Malchus  in  sein  Kabinett;  Wangenheim
  und  Kerner  erkannten  bald,  daß  sie  mit  diesem  Vertreter  des  Präfektensystems
  sich  nicht  verständigen  konnten,  und  nahmen  noch  im  November
  1817  ihre  Entlassung.

Seitdem  begann  der  Stuttgarter  Hof  durch  ein  häßliches  Doppelspiel
die  öffentliche  Meinung  zu  täuschen  und  zu  verwirren.  Während  Wangenheims
  Ernennung  zum  Bundesgesandten  für  die  unveränderte  liberale
Gesinnung  des  Königs  zu  bürgen  schien,  arbeiteten  die  württembergischen
Diplomaten  insgeheim  für  den  Erlaß  eines  Bundesgesetzes,  das  die  Rechte
der  deutschen  Landtage  scharf  begrenzen  und  der  Krone  die  Zurücknahme
ihrer  eigenen  Zusagen  erleichtern  sollte.)  Noch  verderblicher  wirkte  der
unfruchtbare  schwäbische  Verfassungskampf  auf  die  Stimmung  der  übrigen
Höfe.  Frohlockend  wiesen  alle  Reaktionäre  auf  das  Ubermaß  stürmischer
Leidenschaft  in  diesen  Verhandlungen:  nun  sei  es  doch  erwiesen,  daß  man
in  Deutschland  mit  einem  Landtage  nicht  regieren  könne;  war  doch  sogar
eine  Adresse  an  die  Armee  einmal  von  den  Altrechtlern  geplant  worden!
Die  schwäbischen  Stände  blieben  auf  lange  hinaus  eine  Warnung  für
jeden  deutschen  Fürsten,  der  an  den  Art.  13  der  Bundesakte  erinnert
wurde,  und  Metternich  schrieb  an  Steigentesch  nach  Petersburg:  „Württemberg
  durch  seine  unklugen  Diskussionen  mit  dem  Landtage  nützt  der
Sache  der  Revolution  mehr  als  der  Tugendbund  selbst.“  —

 

Schneller  als  Württemberg,  aber  auch  nicht  ohne  ernste  Kämpfe,  gelangte
  Bayern  zum  Abschluß  seiner  Verfassung;  wie  dort  die  Krone  sich
durch  den  Trotz  der  alten  Landstände  gehemmt  sah,  so  hier  durch  die  Ansprüche
  des  römischen  Stuhls.  Ein  gütiges  Geschick  hat  es  gefügt,  daß
die  schroffsten  Gegensätze  unseres  Volkslebens  sich  immer  bei  den  nahe  benachbarten
  Stämmen  zeigen;  nur  darum  blieb  der  Sondergeist  der  deutschen
  Stämme  außer  stande  das  Band  der  nationalen  Einheit  gänzlich  zu
zersprengen,  weil  die  zentrifugalen  Kräfte  stets  durch  die  nachbarliche  Eifersucht
  aufgewogen  wurden.  Wie  im  Norden  Westfalen  und  Rheinländer,
Pommern  und  Altpreußen,  Märker  und  Obersachsen  durch  Stammesart
und  Geschichte  scharf  geschieden  dicht  neben  einander  hausten,  so  im  Süden
die  Bayern  und  die  Schwaben.  Während  Schwaben,  längst  aller  politischen
Größe  verlustig,  allein  durch  die  Fülle  seiner  Talente  seinen  Platz  im
Leben  der  Nation  behauptete,  war  Bayern  der  älteste  aller  deutschen
Staaten,  der  einzige,  der  sich  mit  den  Kernlanden  seiner  alten  Macht  noch

*)  S.  o.  S.  167f.

 

217
        <pb n="332" />
        324  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

den  ehrwürdigen  Stammesnamen  bewahrte,  und  darum  die  Heimat  eines
zugleich  politischen  und  sozialen  Partikularismus,  dessen  naturwüchsige
Kraft  noch  heute  beweist,  daß  die  Zertrümmerung  der  vier  großen  Stammesherzogtümer
  eine  rettende  Tat  unseres  alten  Königtums  war.  Der
bayrische  Stamm  schenkte  der  Nation  einst  einen  Wolfram  von  Eschenbach
  und  Aventinus,  erst  die  Gegenreformation  drückte  ihn  in  geistige
Dumpfheit  hinab;  doch  war  er  niemals  sehr  reich  an  glänzenden  Persönlichkeiten,
  sondern  verdankte  seine  historische  Bedeutung  wesentlich  der
politischen  Macht  seines  leidlich  abgerundeten  Gebietes  und  der  kriegerischen
Tüchtigkeit  eines  rüstigen  Menschenschlags,  der  seine  nahe  Verwandtschaft
mit  den  alten  ostgermanischen  Welteroberern  nicht  verleugnen  konnte.
Von  Bayern  aus  beherrschten  Ludwig  der  Deutsche  und  seine  karolingischen
Nachfolger  das  deutsche  Reich;  auch  unter  den  Sachsen,  den  Saliern,  den
Staufern  behauptete  Bayern  mehrmals  eine  bevorzugte  Stellung  im
Reiche,  bis  endlich  Kaiser  Ludwig  der  Bayer  sein  Stammland  zur  stärksten
aller  deutschen  Territorialmächte  erhob.

Aber  jenes  finstere  Verhängnis,  das  überall  den  Versuchen  deutscher
Staatenbildung  auf  halbem  Wege  Stillstand  gebot,  waltete  auch  über
der  bayrischen  Geschichte.  Seit  Tyrol  an  die  Habsburger  verloren  ging
(1363),  trat  Bayern  in  die  Stellung  einer  Binnenmacht  zurück.  Die  junge
einst  von  Bayern  aus  besiedelte  Mark  Osterreich  übernahm  fortan  den
Vorkampf  gegen  die  südöstlichen  Nachbarvölker,  welchen  einst  Bayern  geführt,
  und  überflügelte  das  Mutterland  also,  daß  die  beiden  stammverwandten
  Lande  bald  in  demselben  Verhältnis  zu  einander  standen  wie
Kursachsen  und  Brandenburg:  hier  die  ältere,  vornehmere  aber  zurückgebliebene
  Macht,  dort  der  ehrgeizige,  glückliche  Emporkömmling.  Die  Wittelsbachische
  Erbsünde  des  häuslichen  Zwistes  und  wiederholte  Teilungen
schwächten  die  Macht  des  Fürstengeschlechts.  Abgetrennt  von  den  Landen  der
pfälzischen  Vettern  gebot  Bayern  nicht  mehr  über  ausreichende  wirtschaftliche
  Kräfte,  denn  der  Reichtum  der  niederbayrischen  Ebene  ward  durch
die  Armut  des  Gebirgs  und  des  steinigen  Alpenvorlands  aufgewogen.

Gleichwohl  gab  das  Haus  Bayern  noch  einmal  den  deutschen  Geschicken
  eine  entscheidende  Wendung.  Die  Wittelsbacher  versagten  sich  zuerst
der  gemeinsamen  Sache  der  Nation  und  vertrieben,  den  Beschlüssen  des
Reichs  zuwider,  die  evangelische  Lehre  aus  dem  bayrischen  Lande  schon  in
jenen  hoffnungsvollen  ersten  Jahren  des  Reformationszeitalters,  da  die
friedliche  Ausbreitung  der  neuen  Lehre  über  das  ganze  Deutschland  noch
möglich  war;  sie  verschuldeten,  neben  den  Habsburgern,  die  halbe  Niederlage
  der  Reformation  in  Deutschland.  Der  Falkenturm  in  München,  wo
die  ersten  evangelischen  Märtyrer  schmachteten,  war  die  Wiege  der  deutschen
Gegenreformation;  und  noch  im  Jahre  1800  pries  der  Papst  „den  alten
Ruhm"  des  Landes,  das  sich,  wie  kein  anderes  auf  der  Welt,  von  der  Ketzerei
immerdar  freigehalten  habe.  Nachher  verwendete  der  größte  Sohn  des
        <pb n="333" />
        Altbayern.  325

bayrischen  Hauses,  der  gewaltige  Maximilian  I.  eine  seltene  staatsmännische
Begabung  um  den  Jammer  des  Glaubenskrieges  über  sein  Vaterland
heraufzubeschwören;  er  stiftete  die  katholische  Liga,  er  verfolgte,  noch  unversöhnlicher
  als  der  Kaiser  selbst,  die  protestantischen  pfälzischen  Vettern
und  führte  noch  nach  dem  Westfälischen  Frieden,  wider  das  Gesetz  des
Reichs,  seine  Siegesbeute,  die  Oberpfalz  gewaltsam  zur  katholischen  Kirche
zurück.  Kein  Ketzer  durfte  dies  Land  der  Glaubenseinheit  bewohnen;  allen
bayrischen  Untertanen  war  der  Aufenthalt  in  protestantischen  Gebieten
untersagt.  Der  Bund  des  Fürstenhauses  mit  dem  römischen  Stuhle  stand
um  so  fester,  da  das  Herzogtum  keinen  eigenen  Bischof  besaß  und  die
Landesherren  der  Hilfe  des  Papstes  bedurften  um  sich  der  herrischen  Ansprüche
  von  sieben  benachbarten  reichsunmittelbaren  Bischöfen  zu  erwehren.
Dem  Glanze  des  Hofes  kam  diese  hart  katholische  Politik  zu  gute;  sie  erwarb
  ihm  die  Kurfürstenwürde  und  verschaffte  seinen  nachgeborenen  Prinzen
reiche  Versorgung  in  den  großen  Stiftern  des  Reichs,  so  daß  Kurköln  fast
zweihundert  Jahre  lang  von  bayrischen  Fürsten  regiert  wurde  und  drei,
zuweilen  vier  Kurstimmen  dem  Hause  Wittelsbach  angehörten.  Aber  zu
der  selbstbewußten  Haltung  einer  unabhängigen  Macht  vermochte  die
Dynastie  seit  dem  Tode  des  großen  Max  nicht  mehr  zu  gelangen;  bedroht
durch  die  Eroberungslust  des  österreichischen  Nachbarn  schloß  sie  immer
wieder  den  verhängnisvollen  Bund  mit  dem  Versailler  Hofe,  in  München
wie  in  Köln  gab  der  französische  Gesandte  den  Ausschlag.

Unterdessen  versank  das  altbayrische  Volk  in  den  Seelenschlaf  eines
behäbigen  Sonderlebens.  Während  Franken  und  Alemannen  sich  überall
leicht  zusammenfanden,  stand  der  konservativste  aller  oberdeutschen  Stämme
dem  schweren  niedersächsischen  Volkstum  innerlich  näher  als  den  oberländischen
  Nachbarn.  Nur  die  nördlichsten  Ausläufer  des  bayrischen
Stammes  hatten  sich  etwas  mit  den  Franken  vermischt;  von  dem  stammverwandten
  Osterreicher  war  der  Bayer  durch  alten  politischen  Haß  getrennt,
  und  gegen  Schwaben  hin  bildete  der  Lech  von  altersher  eine
starke  natürliche  Grenze,  die  den  nachbarlichen  Verkehr  fast  gänzlich  abschnitt.
  Neben  der  unübersehbaren  Mannigfaltigkeit  des  schwäbischen
Lebens  erschien  Altbayern  als  eine  geschlossene  Masse;  kaum  daß  sich  in
der  Oberpfalz  ein  leiser  Unterschied  des  Dialekts  zeigte.  Wohl  trug  der
reiche  niederbayrische  Waizengraf  seinen  Bauernstolz,  seine  urwüchsige
Kraft  weit  ungeschlachter  zur  Schau  als  der  beweglichere,  sangeslustige
Jäger  der  Alpen  oder  der  schlichte  Wäldler  aus  dem  armen  Bayrischen
Walde;  im  Grunde  waren  doch  alle  Bayern  wie  aus  einem  Holze  geschnitzt.
  Überall  dieselben  Charakterzüge  rüstiger  Tapferkeit,  unverwüstlicher
  Lebenslust  und  gemütlicher  Schlauheit;  überall  der  gleiche  naive
Stammesstolz,  der  „das  Deutschland“  zur  Not  noch  als  ein  Nebenland
Bayerns  gelten  ließ,  und  dieselbe  unverbrüchliche  dynastische  Treue.  Während
  Schwaben  eine  lange  Reihe  glorreicher  Fürstengeschlechter,  die  Zäh-
        <pb n="334" />
        326  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

ringer,  die  Staufer,  die  Hohenzollern  in  die  weite  Welt  hinaussendete,
kam  in  Bayern  frühe  schon  ein  einziges  Geschlecht  über  alle  anderen
Dynastien  empor.  Das  uralte  Haus  der  Schyren  hatte  bereits  in  den
Tagen  der  Karolinger  mehrmals  den  Herzogshut  getragen  und  behauptete
jetzt  seit  mehr  denn  siebenhundert  Jahren  ununterbrochen  die  Landesherrschaft.
  In  Strömen  war  bayrisches  Blut  für  das  alte  blauweiße
Rautenschild  geflossen;  am  Festtag  flatterte  die  Landesfahne  selbst  auf
dem  Einbaum,  der,  noch  ganz  so  plump  wie  zur  Zeit  der  Pfahlbauer,
die  stillen  Alpengewässer  des  Chiemsees  und  des  Walchensees  durchfurchte.

Das  städtische  Leben  war  nie  mehr  zu  kräftiger  Entwicklung  gelangt,
seit  die  alte  Hauptstadt  Regensburg  sich  dem  Lande  entfremdet  hatte.
Selbst  München  mit  seinen  prächtigen  Kirchen  und  Schlössern,  mit  seinen
siebzehn  Klöstern  und  siebzehn  wundertätigen  Bildern  besaß  um  die  Mitte
des  achtzehnten  Jahrhunderts  an  bürgerlicher  Bildung  und  Gewerbtätigkeit
  nicht  viel  mehr  als  die  Mirakelstadt  Deggendorf  und  die  anderen  Landstädte,
  die  den  Bauern  als  Schrannenplätze  und  Wallfahrtsstätten  dienten.
Die  Kraft  des  Landes  lag  in  den  Bauern  und  einigen  angesehenen  Adelsgeschlechtern;
  für  das  Landvolk  aber  blieb  die  Kirche  der  Mittelpunkt  des
Lebens  und  die  selber  aus  dem  Bauernstande  hervorgegangene  Pfarrgeistlichkeit
  der  allmächtige  Berater  in  allen  zeitlichen  und  weltlichen  Nöten.
Das  Kirchenjahr  mit  der  endlosen  Reihe  seiner  Feiertage  bestimmte  jeden
Brauch  des  bäuerlichen  Hauses;  an  dem  Schmucke  der  Gotteshäuser  und
dem  Glanze  der  Prozessionen  zeigte  sich,  wie  viel  frischen  Farben=  und
Formensinn  dies  Volk  hinter  rauher  Hülle  verbarg.  Mit  atemloser  Spannung
  harrte  die  Gemeinde  zur  Pfingstzeit,  bis  der  heilige  Geist  aus
dem  Loche  in  der  Kirchendecke  herniederschwebte,  mit  eiserner  Ausdauer
hielt  sie  am  Schauerfreitag  viele  Stunden  lang  ihren  Gebetsumgang,  um
die  Felder  vor  Hagelschlag  zu  schützen;  an  jedes  Fest  der  Kirche  schloß  sich
die  landesübliche  unersättliche  Schmauserei.  Nirgends  in  der  Welt,  so
sagte  das  bayrische  Sprichwort,  war  die  Religion  so  bequem  und  die  Andacht
  so  lustig.

Unter  dem  letzten  der  bayrischen  Wittelsbacher,  Max  III.  drang  zum
ersten  Male  ein  Lichtstrahl  in  diese  dicke  Finsternis.  Der  Rheinländer
Ickstatt  und  einige  andere  mutige  Schüler  der  neuen  Aufklärung  begannen
  eine  Reform  des  Unterrichtswesens  und  setzten  durch,  daß  akatholiche
  Bücher  bei  den  weltlichen  Fakultäten  der  Jesuitenhochschule  Ingolstadt
zugelassen  wurden.  Auf  dem  Boden  dieser  freieren  weltlichen  Bildung
  sind  dann  viele  der  Männer  aufgewachsen,  welche  ein  Menschenalter
  später  die  Neugestaltung  des  erstarrten  Staates  vollführten:  so  auch
der  geistvolle  Humorist  Anton  Bucher,  der,  selbst  ein  Geistlicher,  mit
derber,  volkstümlicher  Laune  den  rohen  Aberglauben  seiner  Landsleute
geißelte.  Aber  wie  die  Jesuitenherrschaft  in  den  romanischen  Ländern
überall  durch  einen  natürlichen  Rückschlag  den  frivolen  Unglauben  förderte,
        <pb n="335" />
        Das  Haus  Pfalz-Zweibrücken.  327

so  erwachte  auch  in  Bayern,  sobald  das  geistliche  Regiment  ins  Wanken
kam,  der  fanatische  Kirchenhaß  einer  unreifen  Freigeisterei.  Der  neue,  nach
dem  Muster  der  Gesellschaft  Jesu  gestiftete  Geheimbund  der  Illuminaten
kämpfte  wider  die  „Obskuranten“  des  Kirchenglaubens  ebenso  unduldsam
und  ebenso  gewissenlos  wie  die  Jesuiten  wider  die  Ketzerei  und  fand  trotz
strenger  Verbote  zahlreiche  Anhänger  unter  den  höheren  Ständen.  Die
Reformen  Maximilians  III.  gerieten  sogleich  ins  Stocken,  als  Karl
Theodor  von  der  Pfalz  den  Thron  bestieg.  Der  Klerus  nahm  von  neuem
die  Herrschaft  an  sich,  und  in  der  Verwaltung  riß  ein  schamloser  Nepotismus
  ein;  das  pfalzbayrische  Beamtentum  zählte  sogar  eine  Mademeiselle
Grenzhauptmautnerin  und  eine  Frau  Oberforstmeisterin  unter  seinen  Mitgliedern.
  Als  die  Leiche  Karl  Theodors  durch  die  Straßen  geführt  wurde,
warf  das  Volk  mit  Steinen  nach  dem  Sarge,  weil  der  Pfälzer,  der  den
Bayern  immer  ein  Fremdling  blieb,  das  Land  an  Osterreich  hatte  verkaufen
  wollen.  Der  Groll  wider  diese  elende  Regierung  und  das  geheime
Fortwirken  der  Illuminaten  ebneten  den  Boden  für  die  Lehren  der  Revolution.
  Nach  dem  Einrücken  Moreaus  schoß  in  München  eine  Schmutzliteratur
  auf,  deren  jakobinische  Roheit  die  gleichzeitigen  Schriften  der
unzufriedenen  Schwaben  noch  überbot;  wütende  Gedichte  verkündeten
„Krieg  und  ewige  Bataille  jeder  heuchelnden  Kanaille".

In  solcher  Lage,  während  die  Massen  in  dumpfem  Schlummer  verharrten,
  ein  Teil  der  Gebildeten  mit  revolutionären  Gedanken  kindisch
spielte,  hielt  Max  Joseph  von  Zweibrücken  seinen  Einzug  und  mit  ihm
die  neue  Zeit.  Die  neue  Dynastie  vereinigte  endlich  wieder  die  so  lange
getrennten  Lande  des  Hauses  der  Schyren  und  hegte  den  Ehrgeiz,  auch
die  Traditionen  der  bayrischen  und  der  pfälzischen  Wittelsbacher  zugleich
in  ihre  Staatskunst  aufzunehmen.  Eine  berechtigte  Politik,  aber  sehr
schwierig  durchzuführen;  denn  die  bayrischen  Erinnerungen  wiesen  auf
Max  und  die  Liga,  die  pfälzischen  auf  den  Reformator  Otto  Heinrich
und  den  Schwedenkönig  Karl  Gustav!l

Durch  die  Länderschenkungen  Napoleons  ward  eine  ganz  neue  soziale
Kraft  in  das  bayrische  Staatsleben  eingeführt:  ein  strahlender  Kranz  von
schönen  hochberühmten  Städten  gesellte  sich  zu  den  altbayrischen  Bauernlanden.
  Die  meisten  dieser  stolzen  Kommunen  erschienen  freilich  nur  als
malerische  Trümmerstätten  alter  Herrlichkeit.  Die  Veränderung  der  Welthandelsstraßen
  hatte  die  Stapelplätze  Lindau  und  Passau  verödet;  auch
dem  alten  Regensburg  konnten  einzelne  große  Geschäfte,  wie  die  Waffenfabrik
  von  Kuchenreuter,  den  verlorenen  Verkehr  nicht  wiederschaffen.
Die  gewaltigen  Mauertürme  von  Nördlingen  umschlossen  nur  noch  eine
stille  Landstadt,  wohin  der  Bauer  aus  dem  Ries  zur  Schranne  fuhr;  der
städtische  Gewerbfleiß  von  Bamberg  bedeutete  nichts  mehr  neben  der  Betriebsamkeit
  der  kleinen  Gärtner  vor  den  Toren.  Rothenburg  mit  seinen
prangenden  Kirchen  und  Rathäusern  lag  wie  eine  Totenstadt  auf  der  Höhe
        <pb n="336" />
        328  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

über  dem  vereinsamten  Taubergrunde.  Selbst  Nürnberg  war  mit  Schulden
überlastet  und  unter  der  Vetternherrschaft  der  neunzehn  „genießenden“
Familien  vom  Kleinen  Rate  ganz  verknöchert.  In  Augsburg  allein  hatte
sich,  dank  den  unerschöpflichen  Wasserkräften  des  Lechfeldes,  die  alt—
berühmte  Weberei  seit  der  Mitte  des  achtzehnten  Jahrhunderts  wieder
etwas  gehoben.  Die  bayrische  Regierung  verstand  es  nicht,  dies  schlum—
mernde  Bürgertum  durch  Befreiung  des  Gewerbes  neu  zu  beleben.
Während  München,  mit  königlicher  Gunst  überhäuft,  beständig  wuchs,
verharrten  fast  alle  anderen  bayrischen  Städte  noch  bis  zur  Mitte  der
dreißiger  Jahre  in  Stillstand  und  Siechtum,  so  daß  die  Rührigkeit  der
norddeutschen  Kommunen  einen  weiten  Vorsprung  gewann.

Eben  so  langsam  verlor  sich  die  alte  Abneigung  zwischen  den  Bayern,
Schwaben  und  Franken.  Keiner  der  drei  oberdeutschen  Stämme  war  in
dem  neuen  Königreiche  stark  genug  vertreten  um  die  anderen  zu  beherrschen,
  ein  politisches  Gemeingefühl  aber  konnte  in  dem  künstlichen  Staate
nicht  leicht  entstehen.  Seit  der  Abtretung  von  Salzburg  und  Tyrol
bestand  nur  noch  die  Hälfte  der  Bevölkerung  aus  Bayern.  Ganz  fremd
stand  neben  dieser  glaubenseinigen  bayrischen  Masse  das  östliche  Schwaben,
eine  der  klassischen  Stätten  deutschen  Glaubenszwistes.  Hier  konnte  der
Wanderer  schon  aus  den  Hauben  der  Mädchen  und  aus  den  Bräuchen
der  Ackerbestellung  die  Konfession  jeder  Ortschaft  erkennen.  Hier  wohnten
die  Bauern  der  Fuggerschen  Herrschaften  und  der  Stiftslande  Kempten
und  Kaufbeuern,  ein  strengkatholisches  Volk,  das  noch  im  Jahre  1809
nahe  daran  gewesen  war  mit  den  Tyroler  Glaubenskämpfern  gemeinsame
Sache  zu  machen.  Nahebei  lag  Memmingen,  eine  der  Bekennerstädte
des  Protestantismus,  und  das  seit  Jahrhunderten  von  kirchlichem  Streite
heimgesuchte  paritätische  Augsburg,  wo  man  selbst  die  Stadtleutnantsstellen
und  Kaffeehaus-Gerechtigkeiten  gewissenhaft  zwischen  beiden  Bekenntnissen
verteilte.  Der  Ruf  der  Duldsamkeit  des  Hauses  Zweibrücken  stand
freilich  so  fest,  daß  in  Augsburg  die  Protestanten  williger  als  die  Katholiken
  unter  das  Wittelsbachische  Zepter  traten;  doch  währte  es  lange,
bis  die  feingebildeten  Patrizier  der  stolzen  Schwabenstadt  sich  an  das
bayrische  Wesen  gewöhnten.

Noch  zäher  widerstand  das  protestantische  Franken,  die  wertvollste
Erwerbung  des  jungen  Königreichs.  Zwar  auf  die  Herstellung  ihrer
alten  Freiheit  hofften  die  Nürnberger  längst  nicht  mehr;  die  politische
Lebenskraft  des  ehrwürdigen  Gemeinwesens  war  erloschen,  schon  im
Jahre  1796  hatte  die  Bürgerschaft  einmal  mit  großer  Mehrheit  die
Unterwerfung  unter  die  Krone  Preußen  beschlossen.  Die  Bayern  aber
galten  hier  noch  von  den  Zeiten  Gustav  Adolfs  her  als  Feinde;  wie
oft  hatte  die  schalkhafte  Laune  der  Reichsstädter,  die  eben  jetzt  wieder  in
den  Dialektdichtungen  Konrad  Grübels  hell  auflachte,  an  diesen  bösen
Nachbarn  ihren  Ubermut  ausgelassen.  Argwöhnisch  behütete  die  Stadt
        <pb n="337" />
        Schwaben  und  Franken.  329

ihre  alten  protestantischen  Traditionen;  da  ihre  Universität  Altdorf  durch
den  neuen  Landesherrn  geschlossen  wurde,  so  sollte  mindestens  das  Nürn—
berger  Gymnasium  den  Geist  seines  Stifters  Melanchthon  treu  bewahren
und  gleich  der  nahen  brandenburgischen  Hochschule  Erlangen  eine  Pflanz—
stätte  evangelischer  Bildung  in  dem  neuen  paritätischen  Staate  bleiben.
Diese  rührige  kleine  Universität  hatte  mit  der  literarischen  Bewegung  des
Nordens  immer  rüstig  Schritt  gehalten  und  ihre  treue  deutsche  Gesin—
nung  auch  unter  dem  Lärm  der  französischen  Waffen  nie  verleugnet.
Das  gesamte  brandenburgische  Frankenland  dachte  noch  immer  mit
Sehnsucht  an  das  kurze  Glück  der  preußischen  Herrschaft.  In  Ansbach
konnte  sich  das  bayrische  Regiment  erst  dann  befestigen,  als  auch  Bayreuth
mit  Bayern  vereinigt  war;  und  auch  dann  noch  wollte  das  treue  Volk
die  Hoffnung  auf  die  Wiedervereinigung  nicht  aufgeben.  Als  König
Friedrich  Wilhelm  seine  Preußen  endlich  zu  den  Fahnen  rief,  standen
auch  die  Franken  des  Fichtelgebirges  bereit  zum  Kampfe,  und  nur  die
Ungunst  des  Kriegsglücks  verhinderte  den  Aufstand.

Die  katholischen  Nachbarn  in  den  reichen  fränkischen  Bischofslanden
hatten  so  teuere  Erinnerungen  nicht  zu  überwinden;  die  Würzburger  be—
grüßten  sogar  mit  Freude  die  Abreise  ihres  Großherzogs  Ferdinand  von
Toskana,  der  sein  deutsches  Land  als  ein  unsicheres  Besitztum  immer  ver—
nachlässigt  hatte.  Aber  die  bayrische  Herrschaft  ward  auch  hier  ungern  auf—
genommen.  Froh  seiner  Weinknochen  sah  der  aufgeweckte,  witzige  Main—
franke  aus  der  heiteren  Anmut  seines  halbrheinischen  Lebens  verächtlich
auf  das  derbe  Bajuvarentum  herab;  die  Reichsritterschaft  fühlte  sich
entwürdigt,  sie  wollte  höchstens  einem  Habsburger  gehorchen.  Indes  gelang
es  der  klugen  Milde  des  Generalkommissärs  Lerchenfeld  die  Murrenden
zu  beschwichtigen.  Die  Krone  wußte,  daß  sie  das  unschätzbare  Tyrol,  dies
altbayrische,  mit  seinem  gesamten  Verkehr  auf  Bayern  angewiesene  Land,
allein  durch  die  zufahrende  Roheit  ihrer  Beamten  verloren  hatte,  und
verfuhr  daher  jetzt  bei  der  Besitznahme  neuer  Gebiete  sehr  behutsam.

Am  behutsamsten  in  ihrer  jüngsten  Provinz,  der  überrheinischen
Pfalz;  denn  hier  begegnete  ihr  ein  tiefer  Widerwille,  der  noch  länger
anhielt  als  die  Abneigung  der  Rheinländer  gegen  die  Altpreußen.  Seit
den  fernen  Zeiten,  da  die  Salier  und  die  Staufer  auf  der  Limburg
und  dem  Trifels  Hof  hielten,  war  in  dieser  gefährdeten  Mark  niemals
wieder  eine  kräftige  Staatsgewalt  erstanden.  Speyer  und  Worms,  Sickingen
und  Leiningen,  Nassau,  Baden,  Hessen  und  Wittelsbach  hausten  hier  neben
einander,  allesamt  beseelt  von  jener  freundnachbarlichen  Gesinnung,  die
sich  in  den  Namen  der  Grenztürme  „Murr'  mir  nicht  viel“  und  „Kehr'
dich  nicht  dran“  bekundete.  Der  Spielball  zweier  feindlicher  Nationen
hatte  das  anstellige,  unermüdlich  betriebsame  Volk  den  Unsegen  kleinfürst—
licher  Willkür,  wiederholter  Religionsverfolgungen,  gräßlicher  Verwüstungen
mit  erstaunlicher  Lebenskraft  überstanden  und  erst  unter  den  Präfekten
        <pb n="338" />
        330  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

des  Kaiserreichs  wieder  eine  gesicherte  bürgerliche  Ordnung  erlangt.  Nir—
gends  auf  deutschem  Boden  zog  die  Revolution  tiefere  Furchen.  Was
über  die  Tage  der  Franzosenherrschaft  hinauslag  galt  den  Pfälzern  als
finsteres  Mittelalter,  selbst  die  vormals  Wittelsbachischen  Landesteile
dachten  kaum  noch  ihres  alten  Fürstenhauses.  Der  Adel  war  verschwun—
den,  die  alte  Gliederung  der  Stände  völlig  vernichtet;  auch  die  neuen
Reichen,  die  Flaschenbarone,  die  beim  Verkaufe  der  Nationalgüter  in  den
Besitz  der  gesegneten  Weingelände  der  Hardt  gelangt  waren,  mußten  sich
dem  bürgerlichen  Brauche  dieses  durch  und  durch  modernen  Landes  fügen.

Die  französischen  Grundsätze  der  sozialen  Gleichheit  und  des  freien
wirtschaftlichen  Wettbewerbs  waren  den  Pfälzern  in  Fleisch  und  Blut
gedrungen.  In  den  städtischen  Dörfern  an  der  Hardt  gedieh  eine  speku—
lative  Kleinwirtschaft,  die  jeden  Winkel  Landes  verwertete  und  der
freien  Teilbarkeit  des  Bodens  nicht  entbehren  konnte;  der  gewitzte
pfälzische  Bauer  trug  das  städtische  Kamisol  und  rühmte  sich,  daß  ihm
selbst  der  Ochs  kalben  müsse.  Alle  Konfessionen  wohnten  bunt  durch
einander,  und  über  allen  lag  ein  Hauch  von  kalvinischer  Nüchternheit
und  nachsichtiger  Aufklärung;  nach  so  vielen  Glaubenswechseln  hatte
man  endlich  gelernt  einander  zu  ertragen.  Nachdem  die  Stürme  der
neunziger  Jahre  verrauscht  waren,  erfuhr  die  Pfalz  wenig  mehr  von  den
Schrecken  des  kriegerischen  Zeitalters.  Das  fleißige  Völkchen  verstand
von  dem  großen  französischen  Markte  seinen  Vorteil  zu  ziehen;  die
Gastwirte  und  Posthalter  sahen  nie  wieder  so  fette  Zeiten  wie  damals,
da  alle  Potentaten  der  Welt  jahraus,  jahrein  auf  der  Reise  nach  Paris
dies  Durchgangsland  besuchten.  Der  Münchener  Hof  wußte  wohl,  wie
ungern  die  Pfalz  sich  von  Frankreich  trennte,  und  da  er  selbst  noch  lange
hoffte,  diese  entlegene  Provinz  gegen  die  rechtsrheinische  Pfalz  zu  vertauschen,
  so  ließ  der  neue  Gouverneur  Zwackh  fast  alle  Institutionen  des
Landes  vorläufig  unberührt.  Auch  als  jene  Hoffnung  endlich  aufgegeben
werden  mußte,  zeigte  sich  die  Regierung  zu  furchtsam  und  zu  arm  an
schöpferischer  Kraft,  um  noch  etwas  Wesentliches  zu  ändern.  Nicht  bloß
der  Code  Napoleon  blieb  der  Provinz  erhalten,  sondern  auch  das  gesamte
  System  der  französischen  Verwaltung;  jede  Warnungstafel  auf
der  Landstraße  erinnerte  den  Fuhrmann  an  das  Gesetz  über  die  voieries
bubliques.  Was  hatte  auch  Altbayern  diesem  Lande  zu  bieten?  Neben
der  rein  bureaukratischen  und  doch  schwerfälligen  Verwaltung  der  alten
Provinzen  erschien  die  schlagfertige  Ordnung  des  Präfektursystems  immerhin
  als  ein  Glück.

So  blühte  denn  ein  deutsch-französisches  Sonderleben  ungestört  in
einem  Lande,  wo  jede  Burgruine  an  die  Untaten  der  Franzosen  erinnerte.
  Noch  lebhafter  als  in  den  preußischen  Rheinlanden  begeisterte
sich  der  Partikularismus  hier  für  die  fremden  Gesetze.  Alles  Französische
  galt  für  unantastbar,  weil  es  pfälzisch  war  und  als  ein  Kleinod
        <pb n="339" />
        Die  Pfalz.  331

heimatlicher  Eigenart  verehrt  wurde.  Man  nahm  es  hin  wie  eine
Schickung  der  Natur,  daß  die  welsche  Wut  von  allen  den  alten  Kirchen
und  Kaiserpfalzen  des  Landes  keine  einzige  unzerstört  gelassen  hatte;
aber  die  rote  Jakobinermütze  wagte  niemand  von  dem  Landauer  Kirchturme
  zu  entfernen,  und  an  den  Mauern  der  Grenzfestung  prangten
noch  immer  die  Bilder,  welche  die  Franzosen  einst  zur  Verhöhnung
Deutschlands  dort  angebracht:  über  dem  Französischen  Tore  die  lächelnde,
über  dem  Deutschen  Tore  die  stirnrunzelnde  Sonne  des  großen  Ludwig.
Den  Altbayern  wußte  das  Volk  für  ihre  nachsichtige  Schonung  wenig
Dank.  Anlage,  Geschichte  und  Bildung  der  beiden  Stämme  gingen  allzu
weit  auseinander.  Mit  grenzenloser  Verachtung  sprach  der  aufgeklärte
Pfälzer  von  der  Finsternis  dieser  bayrischen  Köpfe,  obgleich  doch  sein  eigenes
Land  an  dem  literarischen  Schaffen  der  Nation  auch  nur  geringen  Anteil
  nahm;  seit  der  Abtrennung  von  Heidelberg  und  Mannheim  war  das
geistige  Leben  der  überrheinischen  Pfalz  unverkennbar  gesunken,  und  die
reiche  Begabung  des  geistreichen  Völkchens  zeigte  sich  fast  allein  im  Geschäftsleben.
  Wenn  zwei  pfälzische  Krischer  nach  der  landesüblichen  forschen
Art  einander  die  Wahrheit  sagten,  dann  schloß  der  Gedankenaustausch
unfehlbar  mit  dem  höchsten  Schimpfwort:  Du  Altbayer!  Mit  verschwindenden
  Ausnahmen  verschmähten  alle  Pfälzer  den  Staatsdienst  in  den
alten  Provinzen;  grollend  sah  das  durchaus  unmilitärische  Volk  seine
Söhne  zur  Erfüllung  der  Wehrpflicht  „unter  die  Bayern  gehen“.  In  so
unnatürlicher  Lage,  beständig  aufgeregt  durch  die  Parteikämpfe  im  nahen
Frankreich,  halb  selbständig  und  doch  angekettet  an  eine  unbeliebte,  wenig
leistende  deutsche  Regierung  verfiel  das  Land  nach  und  nach  einem  zungenfertigen
  vaterlandslosen  Radikalismus,  der  überall  in  Deutschland  die
historischen  Uberlieferungen  ebenso  „worzweg“  auszurotten  dachte,  wie
dies  in  der  fröhlichen  Pfalz  durch  die  glorreiche  Revolution  bereits  geschehen
  war.

Ein  Glück  nur,  daß  keine  dieser  zahlreichen  zentrifugalen  Kräfte
für  sich  allein  stark  genug  war  den  bayrischen  Staat  zu  zersprengen  und
keine  sich  mit  den  andern  verbinden  wollte.  Ein  Glück  auch,  daß  der
gutherzige  König  sich  die  persönliche  Anhänglichkeit  seiner  Untertanen
so  rasch  zu  erwerben  verstand.  Max  Joseph  hatte  die  glücklichsten  Tage
seiner  Jugend  als  französischer  Oberst  zu  Straßburg  verlebt,  in  einer
Stellung,  welcher  seine  Fähigkeiten  genügten,  und  die  Vorliebe  für  Frankreich
  blieb  ihm  für  sein  ganzes  Leben,  obgleich  ihn  die  Revolution  aus
dem  Elsaß  vertrieb.  Bald  nach  seiner  Thronbesteigung  in  Bayern  bat
er  den  französischen  Geschäftsträger  Alquier  rundweg,  er  möge  ihn  „als
einen  Franzosen  betrachten:  so  oft  ich  von  den  Erfolgen  der  Heere  der
Republik  hörte,  fühlte  ich  an  meiner  Freude,  daß  ich  ein  Franzose  bin.“)

*)  Alquiers  Bericht  an  Talleyrand,  München  6.  Ventose  VII,  mir  mitgeteilt  durch
Herrn  Dr.  P.  Bailleu.
        <pb n="340" />
        332  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Die  rheinbündische  Politik  entsprach  nicht  bloß  seinem  dynastischen  Interesse,
  sondern  auch  seiner  persönlichen  Neigung,  und  nur  ungern  gab  er
sie  wieder  auf,  obschon  ihm  längst  das  Herz  blutete  über  alle  die  Opfer,
welche  der  Protektor  dem  bayrischen  Lande  abforderte.  Die  Frage,  ob  er
nicht  auch  politische  Pflichten  gegen  Deutschland  habe,  kam  ihm  niemals
in  den  Sinn;  die  Erhebung  von  1813  war  ihm  ein  Rätsel,  und  willig
lieh  er  den  Anklägern  der  preußischen  Jakobiner  sein  Ohr.  Dabei  blieb
er  doch,  gleich  vielen  andern  Rheinbundsfürsten,  auf  seine  Weise  ein
deutscher  Landesvater,  ehrlich  gewillt  sein  Volk  zu  beglücken  und  mit  ihm
in  Frieden  zu  leben.  Uberall  wo  er  erschien,  gewann  er  durch  seine  zutuliche
  Gutmütigkeit  die  Herzen  der  Menge;  selbst  in  Berg,  das  ihm
nur  wenige  Jahre  angehörte,  blieb  sein  Andenken  gesegnet.  In  Altbayern
ward  er  als  Retter  des  Landes  sofort  mit  überströmender  Freude  empfangen
  und  fühlte  sich  bald  von  Herzen  glücklich.  Er  lebte  sich  ein  in
den  gemütlichen  Landesbrauch,  der  seiner  eigenen  derben  Natürlichkeit
zusagte,  trug  große  Ohrringe  gleich  einem  echten  Bajuvaren  und  liebte
die  rüstigen  Mannen  des  Hochgebirgs,  auch  die  Tyroler  Rebellen,  wie
seine  Kinder:  das  konnte  er  den  Franzosen  lange  nicht  vergeben,  daß  sie
ihm  seinen  Andree  Hofer  erschossen  hatten.  In  seinen  letzten  Jahren
pflegte  er  sein  Sommerlager  in  Tegernsee  aufzuschlagen,  in  der  alten
Abtei  am  stillen  Waldsee,  wo  alles  was  altbayrische  Herzen  liebten  unter
einem  Dache  vereinigt  lag:  ein  Königsschloß,  eine  Kirche  und  ein  Bräu;
da  war  weitum,  bis  hinauf  zu  dem  einsamen  Wildbade  Kreuth,  kein
Bauernhof,  wo  Vater  Max  nicht  einmal  mit  seinen  anmutigen  Töchtern
zum  Besuche  erschien  oder  Gevatter  stand  oder  überreichliche  Wohltaten
spendete.

Wäre  nur  dies  unerschöpfliche  Wohlwollen  nicht  mit  so  viel  gedankenloser
  Schwäche  gepaart  gewesen!  Der  Hof  ward  nicht  leer  von
Gaunern  und  Bettlern,  ganz  München  kannte  die  Vorliebe  des  Königs
für  liebenswürdige  Schuldenmacher;  ein  Heer  von  Schmarotzern,  darunter
sogar  ein  königlicher  Hofnarr,  empfing  stattliche  Pensionen.  Die  Geldverlegenheiten
  der  Krone  nahmen  kein  Ende,  und  der  Hofbankier  Seligmann-Eichthal
  ward  immer  reicher,  obwohl  der  König  für  sich  selbst
kaum  mehr  brauchte  als  vor  Jahren,  da  er  aus  Straßburg  geflüchtet
zu  Rohrbach  an  der  Bergstraße  seinen  bürgerlichen  Haushalt  führte.
Wenn  die  Furcht  diesen  weichen  Gemütsmenschen  überkam,  dann  verleugnete
  er  Mannesstolz  und  Fürstenwürde  und  scheute  sich  nicht  zu
kriechen  und  zu  lügen.  Alle  die  Unwürdigkeiten  der  jüngsten  Jahre,  alle
die  Erniedrigungen  des  Hauses  Wittelsbach,  die  von  dem  prahlerischen
Dünkel  des  neuen  Königtums  so  häßlich  abstachen,  gingen  von  dem
Monarchen  unmittelbar  aus.  Bayerns  zweizüngige  Politik  beim  Ausbruch
des  Krieges  von  1805  ließ  sich  durch  die  Not  entschuldigen;  verächtlich
ward  sie  erst  als  König  Max  dem  Kaiser  Franz  sein  Ehrenwort  für  eine
        <pb n="341" />
        König  Max  Joseph.  333

bewußte  Unwahrheit  verpfändete.“)  Der  rege  Verkehr  mit  dem  Protektor
des  Rheinbundes  war  durch  die  Umstände  geboten;  schimpflich  ward  er  erst
durch  die  Liebedienerei  des  Königs,  der,  oftmals  ohne  einer  Antwort  ge—
würdigt  zu  werden,  den  Imperator  mit  untertänigen  Briefen  überschüttete,
ihm  weit  öfter  als  nötig  war  persönlich  aufwartete,  ihn  sogar  bei  den
Heiratsangelegenheiten  der  königlichen  Prinzen  um  seine  Befehle  bat  und
den  Werkzeugen  Napoleons,  den  Herzögen  von  Bassano  und  Cadore  jedes
geforderte  Trinkgeld  unweigerlich  gewährte.  Dieselbe  unkönigliche  Haltung
zeigte  der  furchtsame  Fürst  späterhin,  als  der  Streit  um  die  badische
Pfalz  begann,  gegenüber  dem  Zaren  Alexander.

Den  Regierungsgeschäften  widmete  er  sich  mit  achtungswertem  Fleiße;
man  hielt  ihn  für  müssiger  als  er  war,  weil  er  seine  freien  Stunden  so
gern  auf  der  Straße  verbrachte.  Aber  alle  Ordnung  war  ihm  lästig,
und  da  er  nur  die  oberflächliche  Bildung  eines  altfranzösischen  Offiziers
besaß,  so  ward  er  bald  abhängig  von  der  überlegenen  Sachkenntnis  der
Minister  und  des  gewandten  Kabinettssekretärs  Ringel.  Selbst  vom  Heer—
wesen  verstand  er  wenig,  am  Abend  seines  Lebens  erschien  er  nur  noch
selten  unter  seinen  Truppen  und  ließ  die  Kriegstüchtigkeit  des  Heeres,  das
sich  unter  Napoleons  Führung  so  trefflich  bewährt  hatte,  im  Frieden  rasch
verfallen.  Dieser  unmilitärische  Sinn  blieb  seitdem  ein  Erbteil  aller
bayrischen  Könige  und  sollte  dem  Staate  dereinst  noch  verhängnisvoll  werden.
Leicht  bestimmbar,  abhängig  von  den  Eindrücken  des  Augenblicks  hielt
Max  Joseph  doch  zwei  politische  Grundsätze  unverbrüchlich  fest:  er  war
als  geborner  Pfälzer  so  tief  überzeugt  von  der  Unhaltbarkeit  der  altbayrischen
  Zustände,  daß  er  im  Notfall  auch  vor  radikalen  Reformen
nicht  zurückschrak,  und  er  haßte  aus  Herzensgrund  die  Herrschsucht  des
Pfaffentums.  Hier  lag  seine  Stärke:  wenn  er  die  norddeutschen  Gelehrten
  in  München  gegen  den  bigotten  Pöbelwahn  beschützte,  dann  zeigte
er  eine  ganz  ungewohnte  Festigkeit.  Er  wußte,  was  es  bedeutete,  daß  sein
Haus  jetzt  1,200,000  protestantische  Untertanen  beherrschte;  sie  sollten
fühlen,  daß  sie  einem  gerechten  Staate  angehörten.  Er  freute  sich  in  gemischter
  Ehe  zu  leben,  und  es  bleibt  sein  historischer  Ruhm,  daß  er
diesen  Geist  duldsamer  Milde  seinen  Kindern  und  Enkeln  vermachte.  In
drei  Generationen  hat  das  Land  seitdem  nur  protestantische  Königinnen
gesehen,  und  trotz  wiederholter  Kämpfe  und  Rückschläge  ist  der  deutsche
Gedanke  der  kirchlichen  Parität,  den  der  gute  König  Max  seinem  widerstrebenden
  Volke  auferlegte,  dem  bayrischen  Staate  nicht  wieder  verloren
gegangen.

Seit  dem  Rieder  Vertrage  war  die  Stellung  des  allmächtigen  Ministers
  Montgelas  etwas  erschüttert.  Die  verbündeten  Monarchen  betrachteten
  den  ersten  Staatsmann  des  Rheinbundes  mit  begreiflichem  Miß- 



*)  S.  I.  221.
        <pb n="342" />
        334  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

trauen  und  empfingen  ihn,  als  er  nach  der  Hanauer  Schlacht  in  Frank—
furt  erschien,  so  unfreundlich,  daß  er  nachher  selber  Bedenken  trug  per—
sönlich  auf  dem  Wiener  Kongresse  zu  erscheinen.  Aber  er  verwaltete  noch
immer  die  drei  wichtigsten  Ministerien,  das  Auswärtige,  das  Innere,  die
Finanzen,  und  durfte  wohl  auf  seine  Unentbehrlichkeit  trotzen;  denn  nicht
umsonst  führte  er  die  Königskrone  in  seinem  Grafenwappen.  Er  war
der  Schöpfer  des  neuen  bayrischen  Staates;  seit  dem  Kurfürsten  Moritz
von  Sachsen  hatte  die  Politik  des  nackten  folgerechten  Partikularismus
auf  deutschem  Boden  nicht  mehr  einen  so  klugen  und  glücklichen  Vertreter
gefunden.  Obwohl  er  dem  altbayrischen  Lande  durch  die  Geburt  ange—
hörte,  zählte  Montgelas  doch  zu  jenen  diplomatischen  Landsknechten,  die
in  der  Geschichte  der  deutschen  Mittelstaaten  so  häufig  auftauchen,  zu  jenen
Heimatlosen,  die  aller  politischen  Traditionen  ledig  die  Stätte  ihres
Schaffens  überall  suchen  wo  sich  dem  Ehrgeiz  ein  freies  Feld  bietet.  Die
Freundschaft  für  den  König,  dem  er  schon  in  der  Pfalz  nahe  getreten
war,  bildete  das  einzige  gemütliche  Band,  das  ihn  an  seine  Heimat
kettete;  Land  und  Leute  blieben  ihm  verächtlich.  Er  verzieh  es  nie,  daß
er  in  seiner  Jugend  als  Mitglied  des  Illuminatenordens  das  gläubige
Bayernland  hatte  verlassen  müssen,  und  urteilte  noch  im  Alter  über  cette
nation  bornée  mit  der  schneidenden  Lieblosigkeit  des  Fremdlings.  Aber
die  Laune  des  Glücks  hatte  ihn  in  das  ungeliebte  Land  zurückgeführt,  ein
reicher  Wirkungskreis  tat  sich  ihm  auf;  im  Bewußtsein  seiner  Kraft  hielt
er  sich  berufen  diesen  Staat  zu  der  Stellung  einer  selbständigen  europäischen
  Macht  emporzuheben.  Die  Macht  war  ihm  Selbstzweck,  und  nichts
lag  ihm  ferner  als  die  Frage,  wie  sie  zum  Heile  Deutschlands  zu  verwerten
  sei;  was  irgend  an  die  Gemeinschaft  des  großen  Vaterlandes  erinnerte,
  erschien  ihm  nur  als  eine  lästige  Fessel  für  die  Selbständigkeit
Bayerns.  Ein  kaltblütiger  Spieler,  durch  sittliche  Bedenken  niemals,  durch
Haß  und  Liebe  selten  beirrt,  rechnete  er  unbefangen  mit  der  Gunst  des
Augenblicks  und  nahm  die  Freunde  wo  er  sie  fand.  Sein  getreuer  Ritter
Lang  schilderte,  als  er  im  Jahre  1814  den  Minister  wider  die  leidenschaftlichen
  Angriffe  der  Freunde  Steins  verteidigen  mußte,  die  Herzensgeheimnisse
  dieser  ideenlosen  Schlauheit  also:  „die  einzige  echte  Maxime
der  bayrischen  Politik  ist  die  Selbsterhaltung  des  Staats;  diejenige  äußere
Macht,  welche  dieses  Prinzip  anerkennt  und  mit  ihrer  eigenen  Macht
verstärkt,  ist  als  die  wahrhaft  befreundete  zu  halten."“

Darum  stand  Montgelas,  trotz  seines  halbfranzösischen  Blutes  und
trotz  seiner  durchaus  französischen  Bildung  dem  Protektor  des  Rheinbunds
  freier,  fester  gegenüber  als  der  König.  Nicht  aus  Vorliebe  für
Frankreich  hatte  er  einst  das  alte  Bündnis  mit  Preußen  aufgegeben,  sondern
  weil  er  einsah,  daß  die  bayrische  Vergrößerungslust  vorläufig  von
Preußens  Schwäche  nichts,  von  Bonapartes  Tatkraft  alles  erwarten
konnte.  An  den  Kriegen  Napoleons  gegen  Osterreich  und  Preußen  nahm
        <pb n="343" />
        Montgelas.  335

er  mit  beflissenem  Eifer  teil,  weil  die  Stärke  Bayerns,  wie  er  sie  verstand,
  durch  die  Schwäche  der  deutschen  Großmächte  bedingt  war;  aber
die  Vernichtung  der  beiden  Staaten  wünschte  er  nie,  denn  auch  die  Allmacht
  Frankreichs  konnte  der  bayrischen  Selbständigkeit  bedrohlich  werden.
Zweimal  verhinderte  er  —  und  er  rühmte  sich  dessen  —  den  Ausbau  der
Verfassung  des  Rheinbundes;  immer  wieder  beschwor  er  seinen  königlichen
Freund,  nicht  durch  würdelose  Untertänigkeit  gegen  den  Protektor  die
Freiheit  des  Staates  zu  gefährden.

Die  Erhebung  Deutschlands  war  dem  nüchternen  Rechner  unwillkommen,
  da  sie  ihm  jede  Hoffnung  auf  weitere  Gebietserwerbungen  abschnitt,
  und  nur  zögernd  entschloß  er  sich  das  sinkende  Schiff  des  Bonapartismus
  zu  verlassen.  Eine  Zeitlang  schmeichelte  er  sich  dann  noch
mit  der  Hoffnung,  daß  Bayern  innerhalb  der  großen  Allianz  den  Kern
einer  süddeutschen  Liga  bilden  und  Wrede  die  Rolle  eines  andern  Tilly
spielen  werde.)  Als  diese  Hoffnung  trog,  suchte  er  zunächst  die  Souveränität
  der  Wittelsbacher  gegen  Hardenbergs  dualistische  Pläne  sicherzustellen
und  schürte  insgeheim  den  Unfrieden  zwischen  den  beiden  Großmächten.
Daher  Bayerns  Eifer  für  die  Wiederherstellung  der  Krone  Sachsen.  Zur
Zeit  des  zweiten  Pariser  Friedenskongresses  konnte  Montgelas  sogar  vor
dem  preußischen  Gesandten  Küster  seine  Schadenfreude  kaum  verbergen;
welch  ein  Glück,  wenn  der  Streit  um  Elsaß-Lothringen  ein  dauerndes
Zerwürfnis  zwischen  Preußen  und  Osterreich  herbeiführtel""“)  Auch  diese
Erwartung  erwies  sich  als  irrig,  und  nunmehr  blieb  ihm  vorderhand
nur  übrig,  die  Tätigkeit  des  Deutschen  Bundes  zu  lähmen  und  das  bayrische
  Volk  vor  den  gefährlichen  Lehren  der  norddeutschen  Jakobiner  sorglich
  zu  bewahren.  Mit  Genugtuung  bemerkte  er  bald,  wie  wenig  von
der  Ohnmacht  des  Bundestages  zu  fürchten  war,  die  Handvoll  Patrioten
im  Lande  aber  hielt  er  mit  rücksichtsloser  Strenge  nieder.  Selbst  ein
Liebling  des  Königs,  Anselm  Feuerbach,  ward  als  preußischer  Emissär
angeschwärzt  und  in  die  Provinz  versetzt,  weil  er  in  seiner  Schrift  „über
teutsche  Freiheit“  den  Sturz  der  Fremdherrschaft  verherrlicht  und  die  Forderung
  aufgestellt  hatte:  durch  die  Freiheit  des  Repräsentativsystems  müsse
das  Blut  so  vieler  Edlen  bezahlt  werden.  Über  die  Unhaltbarkeit  der
neuen  deutschen  Zustände  täuschte  sich  der  weltkundige  Minister  nicht;  bei
der  nächsten  europäischen  Krisis  —  dies  blieb  noch  im  späten  Alter  seine
Hoffnung  —  konnten  vielleicht  mit  Hilfe  einer  auswärtigen  Macht  die
kleinsten  deutschen  Fürsten  mediatisiert,  Baden  und  Württemberg  in  Italien
abgefunden  und  der  ganze  Südwesten  dem  Hause  Wittelsbach  unterworfen
  werden;  mochte  dann  Preußen  immerhin  sich  im  Norden  vergrößern,
  wenn  nur  das  Eine  verhindert  ward  was  dem  bayrischen  Staats- 



*)  Montgelas  an  Wrede,  21.  Okt.  1813,  bei  Heilmann,  Fürst  Wrede,  S.  268.
**)  Küsters  Bericht,  München  28.  August  1815.
        <pb n="344" />
        336  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

manne  immer  als  das  Schrecklichste  erschien:  die  Einheit  Deutschlands.
Bis  dahin  galt  es  zu  lauern  und  zu  lavieren.  Die  phantastischen  Einfälle
bajuvarischer  Selbstüberschätzung  betörten  seinen  kühlen  Kopf  nur  auf
Augenblicke.  Nichts  schien  ihm  kindischer  als  der  Wahn,  daß  ein  Verein
von  Ohnmächtigen  jemals  eine  Macht  bilden  könne;  darum  wies  er  alle
die  Entwürfe  für  einen  Sonderbund  der  deutschen  oder  der  europäischen
Mittelstaaten,  wie  sie  in  Stuttgart  ausgebrütet  wurden,  lächelnd  zurück.
Auch  die  pfälzischen  Pläne  des  Kronprinzen  bekämpfte  er  von  vornherein
als  aussichtslos.

Ein  seltsames  Freundespaar:  der  behäbige,  aufgeknöpfte,  volkstümlich
  schlichte  König,  und  neben  ihm  die  höfische  Gestalt  des  klugen  Ministers
—  eine  ganz  altfranzösische  Erscheinung,  mit  gepudertem  Haar,  in  gesticktem
  rotem  Galakleid  und  langen  seidenen  Strümpfen;  scharfe  und
doch  unstete  braune  Augen,  eine  überhängende  mächtige  Nase  über  dem
großen,  faunischen  Munde,  in  allen  Zügen  der  Ausdruck  durchdringenden
Verstandes.  An  dem  frivolen  Tone,  der  die  Münchener  vornehme  Welt
beherrschte,  trugen  Montgelas  und  seine  Gemahlin  reichliche  Mitschuld;
sein  kleines  Schloß  in  Bogenhausen  am  Englischen  Garten  bot  den
Skandalsüchtigen  unerschöpflichen  Stoff.  Für  die  Taten  der  neuen  deutschen
  Literatur  und  Kunst  konnte  sich  der  alte  Illuminat  niemals  recht
erwärmen;  jedoch  er  wußte,  daß  die  Wissenschaft  für  die  Reform  des
Staates  unentbehrlich  war,  und  mochte  auch  bei  seinen  Tafelfreuden  das
belebende  Gespräch  geistreicher  Gelehrten  nicht  missen.  Wohl  ward  er
herrschsüchtig  durch  den  langen  Genuß  der  Macht,  aber  kleinliche  Eitelkeit
lag  ihm  fern;  neben  dem  verlogenen  Selbstlobe  der  Aufzeichnungen  Metternichs
  hinterläßt  das  gehaltene  Selbstgefühl,  das  aus  Montgelas'  Denkwürdigkeiten
  spricht,  einen  wohltuenden  Eindruck.

Auf  allen  Gebieten  des  öffentlichen  Lebens  hatte  der  despotische
Volksbeglücker  einen  radikalen  Umsturz  vollzogen;  aber  die  neue  Ordnung
  zeigte  noch  überall  Lücken  und  Widersprüche,  überall  die  Spuren
überhasteter  Arbeit.  Noch  am  glücklichsten  war  die  Reform  des  Unterrichtswesens
  gelungen.  Die  Volksschule  war  der  Herrschaft  der  römischen
Kirche  entrissen,  die  seit  1802  eingeführte  allgemeine  Schulpflicht  begann
sich  langsam  einzubürgern.  Die  mittleren  Unterrichtsanstalten  standen
unter  der  Leitung  Niethammers,  eines  wackeren  Vorkämpfers  der  strengklassischen
  Bildung;  auf  dem  Münchener  philologischen  Seminar  erzog
der  Thüringer  Friedrich  Thiersch  in  vieljähriger  treuer  Arbeit  einen  Stamm
von  tüchtigen  Lehrern,  so  daß  ein  Hauch  von  dem  idealistischen  Geiste
dieses  praeceptor  Bawariae  allmählich  in  die  meisten  Gymnasien  des
Landes  drang.  Zu  den  Universitäten  Landshut  und  Erlangen  trat  jetzt  noch
Würzburg  mit  dem  reichen  fürstbischöflichen  Juliushospital  hinzu,  eine  wichtige
  Pflanzstätte  der  medizinischen  Wissenschaft.  Der  dumpfe  Schlummer
der  alten  Zeiten  der  Glaubenseinheit  war  für  immer  überwunden.
        <pb n="345" />
        Montgelas'  Reformen.  337

Weit  unfertiger  erschien  die  Neugestaltung  der  Rechtspflege  und  der
Verwaltung.  Allerdings  ward  das  Gewirr  der  alten  Territorien  zu  napo—
leonischen  Departements  zusammengeballt,  und  die  Beamten  erhielten
durch  eine  verständige  Dienstpragmatik  eine  ebenso  gesicherte  Stellung
wie  die  preußischen;  doch  in  der  untersten  Instanz  blieben  Justiz  und
Verwaltung  vereinigt,  und  der  Schrecken  der  Bauern,  „Gnaden  Herr
Landrichter"  hauste  auf  dem  flachen  Lande  mit  schrankenloser  Gewalt.
Auf  den  großen  Landgütern  bestanden  noch  die  Patrimonialgerichte,  und
nicht  selten  geschah  es,  daß  der  Staat  seine  eigenen  Grundholden  an
begünstigte  Edelleute  abtrat  um  diesen  die  Bildung  selbständiger  Gerichtsbezirke
  zu  ermöglichen.  Das  Evangelium  der  Bureaukratie,  das  Strafgesetzbuch
  von  1813,  gereichte  dem  juristischen  Scharfsinn  seines  Verfassers
Feuerbach  zur  Ehre;  aber  das  heimliche  Verfahren  und  die  überstrengen
Strafen  nährten  den  Geist  herrschsüchtiger  Härte,  der  dies  Beantentum
auszeichnete;  vornehmlich  die  barbarischen  Zwangsmittel  gegen  hartnäckig
leugnende  Angeklagte  wurden  von  den  Landrichtern  oft  mit  empörender
Roheit  gehandhabt.  Dazu  die  Späherkünste  und  die  Brieferbrechungen
der  ganz  nach  napoleonischem  Muster  geschulten  geheimen  Polizei.  Der
Druck  der  Beamten  lastete  um  so  schwerer,  da  Montgelas  die  Selbständigkeit
  der  Gemeinden  noch  vollständiger  vernichtet  hatte  als  der  erste
Konsul.  Welch  ein  Abstand  zwischen  der  Städteordnung  Steins  und
dem  fast  gleichzeitig  verkündigten  bayrischen  Gemeindegesetze:  hier  war
den  Munizipalitäten  sogar  die  Verwaltung  ihres  Vermögens  genommen,
schlechterdings  nichts  durften  sie  beschließen  ohne  Genehmigung  des  königlichen
  Polizeibeamten.  Obgleich  die  neuen  Steuergesetze  sich  gut  bewährten,
  so  herrschten  doch  in  der  Finanzverwaltung  Verwirrung  und  Unterschleif,
  der  Minister  selbst  arbeitete  viel  aber  mit  der  Unregelmäßigkeit  des
großen  Herrn.  Für  die  Jahre  1812—17  ergab  sich  ein  Defizit  von
8,t  Mill.  Fl.,  und  den  wirklichen  Betrag  der  hohen  Staatsschuld  kannte
niemand.

Dies  Alles  war  für  die  Massen  des  Volks  noch  erträglicher  als  die
völlig  verunglückten  wirtschaftlichen  Reformversuche  des  Ministers.  Hier
zeigte  sich  erst,  wie  weit  die  Begabung  Montgelas“  hinter  der  staatsmännischen
  Kraft  Steins  und  Hardenbergs  zurückstand.  Die  soziale
Freiheit  hatte  durch  alle  die  gewaltsamen  Neuerungen  und  pomphaften
Verheißungen  dieser  fünfzehn  Jahre  nahezu  nichts  gewonnen.  Nur  die
Leibeigenschaft  war  beseitigt,  aber  die  lückenhaften  Gesetze  über  die  Ablösung
  der  Zinsen  und  Zehnten  gelangten  nicht  zur  Ausführung,  neun
Zehntel  der  Bauern  blieben  noch  zinspflichtige  Grundholden.  Das  alte
Zunftwesen,  das  nirgendwo  ärger  entartet  war,  als  in  Altbayern,  sollte
durch  die  Einführung  polizeilicher  Gewerbscheine  verdrängt  werden,  und
mit  der  landesüblichen  Ruhmredigkeit  verkündete  der  Gesetzgeber,  daß  er

den  alten  deutschen  Grundsatz  „Kunst  erbt  nicht“  wieder  zu  Ehren  bringen
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  22
        <pb n="346" />
        338  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

wolle.  Trotzdem  wurden  die  teuer  erkauften  realen  Gewerbegerechtigkeiten
nicht  aufgehoben;  jede  Zunft  verfolgte  nach  wie  vor  die  Arbeit  der  Pfuscher,
die  Bortenmacher  und  die  Posamentierer  lebten  noch  immer  in  ewigem
Grenzstreite,  und  wer  das  Glück  hatte  in  den  streng  geschlossenen  kleinen
Kreis  der  bürgerlichen  Essenkehrermeister  Münchens  hineinzuheiraten,  war
aller  irdischen  Sorgen  ledig.  Die  Reform  blieb  Stückwerk  und  erregte  nur
den  Groll  der  Handwerker.  Von  der  Erlaubnis  zu  selbständigem  Ge—
werbebetriebe  hing  aber  in  den  Städten  das  Recht  der  Eheschließung  ab;
da  nun  überdies  auf  dem  Lande  die  Grundherren  befugt  waren  jede
Heirat  zu  untersagen  und  die  Unteilbarkeit  der  Bauernhöfe  die  Ver—
sorgung  der  jüngeren  Söhne  erschwerte,  so  geschah  es,  daß  dies  derb—
sinnliche,  doch  keineswegs  unsittliche  Volk  sich  durch  die  Masse  seiner  un—
ehelichen  Kinder  vor  allen  Völkern  Europas  traurig  auszeichnete.  In
Niederbayern  kam  fast  ein  Viertel  aller  Kinder  außer  der  Ehe  zur  Welt.
In  der  Pfalz  dagegen  blieb  die  Zahl  der  unehelichen  Geburten  fast  dreimal
geringer,  denn  hier  bestand  die  soziale  Freiheit  der  französischen  Gesetz—
gebung  und  das  harte,  aber  heilsame  Verbot  der  Vaterschaftsklage.

Für  die  Lebenszeit  des  Königs  glaubte  Montgelas  der  Herrschaft
sicher  zu  sein.  Die  große  Mehrzahl  des  Beamtentums  war  von  dem
Geiste  des  napoleonischen  Despotismus  durchdrungen,  und  in  der  Haupt—
stadt  bestanden  nur  zwei  starke  Parteien,  beide  gleich  undeutsch,  beide
gleich  partikularistisch:  hier  die  Klerikalen,  die  unter  Max  Joseph  nie—
mals  ans  Ruder  gelangen  konnten,  dort  die  Anhänger  des  aufgeklärten
Ministers.  Die  kleine  Kolonie  von  norddeutschen  und  schwäbischen  Ge—
lehrten,  welche  in  München  noch  fast  allein  die  politischen  Ideale  des  Be—
freiungskrieges  festhielt,  besaß  keinen  Einfluß  und  durfte  den  Minister
nicht  offen  bekämpfen,  da  er  ihr  doch  einen  Rückhalt  bot  gegen  den
Fremdenhaß  der  fanatischen  Altbayern;  einer  der  Besten  aus  diesem  Kreise,
der  Philolog  Jacobs  war  schon  wieder  nach  Thüringen  heimgezogen,  der
feinfühlende  Mann  konnte  es  nicht  ertragen  beständig  geschmäht  zu  werden
als  ein  nordischer,  im  bayrischen  Kanaan  gemästeter  Bettler.  Stärker  war
die  Unzufriedenheit  in  Franken;  hier  zitterte  die  Begeisterung  der  Kriegsjahre
  noch  lange  nach,  die  Gemeinden  grollten  über  den  Verlust  ihrer
selbständigen  Verwaltung,  und  eine  pathetische  Schrift  des  Bambergers
Hornthal,  die  an  den  Art.  13  der  Bundesakte  erinnerte,  fand  lebhaften
Anklang.  Doch  auch  diese  Opposition  schien  ungefährlich.  Voll  Zuversicht
  sangen  die  unbekehrten  Rheinbündler  in  Aretins  Alemannia  noch
immer  das  Lob  des  großen  Ministers  unter  wütenden  Schimpfreden
gegen  die  Deutsch-Michelei,  den  Borussismus  und  die  Anglomanie.  Als
in  Franken  der  Jahrestag  der  Leipziger  Schlacht  gefeiert  wurde,  erzählten
diese  Alemannen  in  einem  Festberichte:  die  schöne  Feier  habe  mit  einer
Tierschau  geendet  und  der  beste  Ochse  sei  mit  dem  Orden  des  eisernen
Kreuzes  geschmückt  worden.
        <pb n="347" />
        Eugen  Beauharnais.  Kronprinz  Ludwig.  339

In  der  Hofgesellschaft,  die  noch  mit  Vorliebe  französisch  sprach,  ge—
wann  der  Bonapartismus  neuen  Anhang,  seit  der  Schwiegersohn  Max
Josephs,  Eugen  Beauharnais  als  königlicher  Prinz  und  Herzog  von
Leuchtenberg  in  München  Hof  hielt  und  eine  Schar  unzufriedener  Franzosen
  um  sich  versammelte.  Der  Liebenswürdigste  der  Napoleoniden  gewann
  sich  bald  die  Herzen  der  Bürgerschaft  und  arbeitete  in  emsiger
geheimer  Tätigkeit  für  die  Herstellung  des  Kaiserreichs.  Sein  Adjutant
General  Bataille  unterhielt  den  Verkehr  mit  den  Bonapartisten  in  Mailand.")
  Der  Polizeidirektor  aber  drückte  beide  Augen  zu,  auch  viele  Postbeamte
  zählten  zu  den  Vertrauten  des  Leuchtenbergischen  Palastes.  Nachher
  fand  auch  Eugens  Schwester  Hortense,  die  vormalige  Königin  von
Holland,  mit  ihren  beiden  Söhnen  in  Augsburg  eine  Zuflucht,  spielte  mit
bezaubernder  Anmut  die  Rolle  der  bürgerfreundlichen  Fürstin  und  wob
noch  eifriger  als  der  Bruder  an  den  Fäden  der  napoleonischen  Verschwörung.
  Unbekümmert  um  die  dringenden  Warnungen  der  beiden  deutschen
Großmächte  ließ  der  König  seinen  Liebling  Eugen  gewähren.  Bayern  blieb
noch  jahrelang  das  Nest  des  deutschen  Bonapartismus.

Niemand  litt  unter  diesen  unwahren  Verhältnissen  schwerer  als  die
hochherzige  Königin  Karoline  und  ihr  Stiefsohn  der  Thronfolger.  Beide
hatten  im  Jahre  1813  bei  der  glücklichen  Wendung  der  Münchener  Politik
  redlich  mitgeholfen  und  sahen  nun  mit  Besorgnis,  daß  ein  ehrliches
Verhältnis  zu  dem  neuen  Deutschen  Bunde  unmöglich  blieb,  so  lange
dieser  Unberechenbare  am  Steuer  stand.  In  dem  erregbaren  Gemüte
des  Kronprinzen  lag  eine  grundehrliche  Schwärmerei  für  Deutschlands
Größe  unvermittelt  neben  einem  ebenso  phantastischen  großbayrischen  Machtdünkel.
  Zu  Straßburg  geboren  hatte  der  Prinz  nachher  im  Exil  viel
mit  elsassischen  Emigranten  verkehrt,  die  Franzosen  und  ihre  Revolution
schon  in  jungen  Jahren  hassen  gelernt.  Sein  ganzes  Leben  seitdem
war  ein  beständiger  Kampf  gegen  die  französische  Politik  des  Vaters.
Nach  der  Austerlitzer  Schlacht  mußte  er  in  seiner  Geburtsstadt  die  Siegesfeste
  der  Kaiserin  Josephine  mit  ansehen  und  sagte  mit  seiner  gewohnten
ehrlichen  Rücksichtslosigkeit:  „das  sollte  mir  die  liebste  Siegesfeier  sein,
wenn  meine  Heimat  wieder  eine  deutsche  Stadt  würde.“  Als  er  ein  Jahr
darauf  an  der  Weichsel  gegen  die  Preußen  und  Russen  focht,  faßte  er
schon  den  Plan,  den  großen  Männern  seines  Vaterlandes  eine  prächtige
Walhalla  zu  errichten  und  forderte  die  Teutschen  in  stolpernden  Versen
auf,  die  Ketten  des  Korsen  zu  sprengen.  Nur  sehr  selten  hatte  er  vor
dem  gewaltigen  Imperator  seinen  deutschen  Stolz  verleugnet.  In  Montgelas
sah  er  nur  den  Frohnvogt  des  fremden  Zwingherrn;  er  hatte  seines
Widerwillens  kein  Hehl,  behandelte  seinen  Schwager  Eugen  Beauharnais
öffentlich  mit  der  äußersten  Geringschätzung  und  ersehnte  den  Sturz  des

 

*)  Küsters  Berichte,  München  17.  Mai,  20.  August  1815  ff.
227
        <pb n="348" />
        340  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Ministers  um  so  ungeduldiger,  da  sein  eigener  Lieblingsplan,  der  Anschlag
auf  die  badische  Pfalz,  ohne  das  Wohlwollen  der  deutschen  Großmächte
nie  gelingen  konnte.

Für  diese  Bestrebungen  fand  er  einen  mächtigen  Bundesgenossen  an
dem  gefeierten  neuen  Feldmarschall  des  bayrischen  Reichs.  Wrede  haßte  die
norddeutschen  Patrioten  noch  ingrimmiger  als  der  Minister  selbst;  diesen
Narren,  diesen  Teufel  von  Stein  wollte  er  im  Feldzuge  von  1814  —
so  schrieb  er  an  Montgelas  —  am  liebsten  in  eine  Haubitze  laden  um
ihn  als  Geschenk  an  Napoleon  hinüberzusenden.  Vornehmlich  aus  gekränkter
  Eitelkeit  war  der  tapfere  Landsknecht  im  Jahre  1812  aus  einem
ergebenen  Diener  ein  Feind  Bonapartes  geworden,  weil  ihm  der  Imperator
  den  großen  Adler  der  Ehrenlegion  versagte.  Aber  er  durfte  sich
rühmen,  daß  er  rascher  als  Montgelas  den  rechten  Zeitpunkt  für  den
Abfall  erkannt  und  den  Rieder  Vertrag  halb  gegen  den  Willen  des  zaudernden
  Ministers  zu  stande  gebracht  hatte.  Seitdem  hielt  er  sich  nicht
nur  für  den  Feldherrn,  sondern  auch  für  den  diplomatischen  Retter  der
bayrischen  Nation.  Sein  Prätorianertrotz  sprach  allem  Anstande,  ja  selbst
den  Staatsgesetzen  Hohn.  Völlig  eigenmächtig  verhieß  er  im  Feldzuge
von  1815  den  Offizieren  der  vier  Reiterregimenter  und  achtzehn  Legionen,
die  nur  für  den  Krieg  gebildet  waren,  sie  sollten  im  Frieden  nicht  entlassen
  werden;  als  Montgelas  nachher  wegen  der  verzweifelten  Finanzlage
die  dringend  gebotene  Verminderung  des  Heeres  verlangte,  trat  der  Feldmarschall
  im  Ministerrate  als  „Repräsentant  der  Armee“  auf  und  setzte
bei  dem  Monarchen  seinen  herrischen  Einspruch  durch.  Was  Wunder,
daß  ihn  Montgelas  den  bayrischen  Friedländer  nannte  und  den  neuen
Fürstentitel  dieses  Schoßkindes  der  Fortuna  mit  scheelen  Augen  betrachtete.
Seit  dem  Wiener  Kongresse  war  Wrede  ganz  für  Osterreich  gewonnen,
dasselbe  Osterreich,  das  er  noch  kürzlich  so  oft  in  seinen  donnernden
Proklamationen  als  „unseren  ewigen  Feind“  gebrandmarkt  hatte;  auch
er  hielt,  als  geborener  Pfälzer,  seine  begehrlichen  Blicke  auf  Heidelberg
und  Mannheim  gerichtet  und  wußte,  daß  dies  Ziel  nur  durch  die  Gunst
der  Hofburg  erreicht  werden  konnte.

Der  Haß  dieser  beiden  mächtigen  Gegner  verschärfte  sich  noch  durch
das  Verhalten  des  Ministers  in  der  Verfassungssache.  Obwohl  der  Kronprinz
  wie  der  Feldmarschall  mit  ihrem  starken  despotischen  Eigenwillen
sich  beide  gleich  wenig  für  das  konstitutionelle  Staatsleben  eigneten,  so
verkannten  sie  doch  nicht,  daß  nach  so  vielen  feierlichen  Verheißungen
die  Verfassung  endlich  zu  stande  kommen  müsse.  Montgelas  dagegen
ward  mit  den  Jahren  immer  starrer  in  seiner  bureaukratischen  Gesinnung.
Er  ließ  die  traurige  Konstitution  von  1808  unausgeführt,  und  der  Mann,
der  durch  ein  System  unerbittlicher  Zentralisation  jedes  selbständige  Leben
in  den  Provinzen  vernichtet  hatte,  gelangte  allmählich  zu  derselben  Ansicht,
  wie  die  feudale  Partei  in  Preußen:  er  meinte,  zunächst  müßte  durch
        <pb n="349" />
        Der  Verfassungsplan  von  1815.  341

Provinzialstände  die  politische  Bildung  erweckt  werden,  da  der  Deutsche
das  Repräsentativsystem  nicht  verstehe.  Der  Minister  konnte  nicht  hindern,
daß  der  König,  um  den  Beschlüssen  des  Wiener  Kongresses  zuvorzukommen,
eine  Kommission  zur  Durchsicht  jenes  papiernen  Grundgesetzes  einberief;  er
gab  jedoch  den  Einberufenen  unzweideutig  zu  verstehen,  daß  die  bayrischen
Landstände  nicht  mehr  bedeuten  dürften  als  die  parlamentarischen  Institutionen
  Napoleons.  Wagte  sich  einmal  eine  freiere  Meinung  in  der  Kommission
  heraus,  dann  hieß  es  kurzab:  der  König  und  seine  Beamten  seien
als  die  eigentlichen  Repräsentanten  der  Nation  zu  betrachten;  unbegreiflich,
wie  man  von  der  Erweiterung  der  ständischen  Rechte  auch  nur  reden
könne,  da  doch  der  König  nur  aus  besonderer  Gnade  auf  einige  seiner
Souveränitätsrechte  verzichtet  habe.

Die  Kommission,  die  zum  größten  Teile  aus  ergebenen  Dienern
des  Ministers  sowie  aus  einigen  hochkonservativen  altbayrischen  Edelleuten
bestand,  nahm  sich  diese  Winke  zu  Herzen  und  brachte  einen  wunderbaren
  Entwurf  zustande,  der  allen  Wünschen  der  Bureaukratie  und
des  Junkertums  gleichmäßig  entsprach.  Ein  Oberhaus,  mit  dem  bescheidenen
  Namen  „Kammer  der  Reichsräte"“  geschmückt,  und  eine  Deputiertenkammer
  bilden  zusammen  die  bayrische  „Nationalrepräsentation“.
Für  die  Deputiertenstellen  werden  durch  indirekte  Wahl  je  drei  Kandidaten
  vorgeschlagen,  aus  denen  der  König,  nach  dem  bewährten  napoleonischen
  Brauche,  einen  ernennt;  die  Grundholden  aber,  die  Masse  der
Bauernschaft,  bleiben  von  der  Repräsentation  gänzlich  ausgeschlossen,  weil
sie  schon  durch  ihre  Grundherren  vertreten  sind.  Der  Zusammensetzung
dieser  Volksvertretung  entspricht  auch  das  Maß  ihrer  Rechte:  unter
dringenden  Umständen  darf  die  Krone  sogar  direkte  Steuern  einseitig
ausschreiben,  die  Staatsgüter  kann  sie  jederzeit  veräußern  ohne  die
Kammer  auch  nur  zu  benachrichtigen.  Eine  solche  Verfassung  erschien
wie  Spott.  Der  Kronprinz  fühlte  es  und  bewog  den  König  seine  Zustimmung
  zu  versagen  als  der  unglückliche  Entwurf  im  Februar  1815
in  Wien  anlangte.  Die  Kommission  ward  aufgelöst.  Montgelas  aber
sah  dem  Schiffbruch  mit  stiller  Schadenfreude  zu  und  ließ  fortan  zwei
Jahre  hindurch  die  leidige  Sache  gänzlich  ruhen.  Daß  der  verhaßte
preußische  Nebenbuhler  sein  Verfassungswerk  früher  beendigen  würde,
stand  ja  nicht  mehr  zu  befürchten;  auch  der  Bundestag  drängte  nicht,
und  von  einer  altständischen  Bewegung  zeigte  sich  in  Bayern  keine  Spur.
Die  stolze  Macht  der  altbayrischen  Landtage,  die  einst  in  den  stürmischen
Tagen  des  Löwlerbundes  so  oft  das  Recht  des  bewaffneten  Widerstandes
geübt  hatten,  war  schon  seit  dem  sechzehnten  Jahrhundert  gebrochen;  bei
seiner  Thronbesteigung  hatte  Max  Joseph  nur  noch  einen  leblosen  Landtagsausschuß,
  die  Verordnung,  vorgefunden  und  dies  letzte  Trümmerstück
fast  ohne  Kampf  beseitigt.  Vergeblich  versuchte  jetzt  der  Würzburger  Professor
  Rudhart,  durch  seine  gelehrte  Geschichte  der  bayrischen  Landstände
        <pb n="350" />
        342  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

das  Andenken  der  alten  ständischen  Freiheit  wieder  zu  beleben;  er  erwarb
sich  nur  den  Dank  der  Wissenschaft,  auf  die  politische  Stimmung  des
Landes  wirkte  sein  Buch  nicht  ein.  —

Unterdessen  richtete  Montgelas  seine  Aufmerksamkeit  vornehmlich  auf
die  Verhandlungen  mit  dem  römischen  Stuhle,  eine  Unterhandlung,  die  für
das  gesamte  Deutschland  folgenreich  werden  und  auch  auf  die  bayrische
Verfassungsarbeit  ganz  unerwartet  zurückwirken  sollte.  Trotz  ihrer  streng
römischen  Gesinnung  hatten  die  alten  Wittelsbacher  doch  jederzeit,  gleich
den  Allerchristlichsten  Königen  Frankreichs,  die  Kirchenhoheit  ihres  Staates
kräftig  behauptet.  Die  Bildung  einer  bayrischen  Landeskirche  —  so  weit
dies  unbeschadet  der  katholischen  Glaubenseinheit  möglich  war  —  blieb
durch  Jahrhunderte  das  Ziel  der  wittelsbachischen  Kirchenpolitik;  zu  der—
selben  Zeit,  da  Bayern  die  Protestanten  austrieb,  ward  in  München  der
Geistliche  Rat  eingesetzt,  eine  vom  Landesherrn  ernannte  oberste  Kirchen—
behörde,  ähnlich  den  Konsistorien  der  Lutheraner.  Sobald  der  Reichsdeputationshauptschluß
  die  benachbarten  reichsunmittelbaren  Bischöfe,  die
alten  Gegner  des  landesfürstlichen  Kirchenregiments,  der  bayrischen  Landeshoheit
  unterworfen  hatte,  nahm  der  Münchener  Hof  jene  altwittelsbachischen
  Pläne  mit  neuem  Eifer  auf.  Er  traute  sich's  zu,  mit  dem  Papst
ein  ebenso  vorteilhaftes  Konkordat  abzuschließen,  wie  kurz  zuvor  der  erste
Konsul,  und  hoffte  auf  die  Errichtung  von  Landesbistümern,  deren
Grenzen  mit  denen  des  Staatsgebiets  zusammenfallen  sollten.  Bald  genug
mußte  er  erfahren,  wie  unerschütterlich  der  heilige  Stuhl  selbst  in  jenen
Tagen  seiner  Demütigung  die  alten  herrischen  Grundsätze  festhielt.  Der
päpstliche  Unterhändler  Kardinal  della  Genga,  derselbe,  der  späterhin  als
Leo  XII.  den  Thron  bestieg,  forderte  nichts  Geringeres  als  die  Rückkehr
zu  dem  alten  Systeme  der  Glaubenseinheit:  die  Gleichberechtigung  der
Protestanten,  die  Anerkennung  der  gemischten  Ehen,  die  Aufsicht  des  Staates
über  die  Schulen,  alle  die  segensreichen  Reformen,  auf  denen  die  Rechtsordnung
  des  paritätischen  neuen  Königreichs  ruhte,  sollten  wieder  verschwinden.
  Im  Jahre  1809  wurden  die  Verhandlungen  abgebrochen.
Gleichwohl  gab  man  in  München  die  Hoffnung  nicht  auf:  wie  konnte  die
Kurie  einem  Hofe  widerstehen,  der  sich  so  gern  rühmte  nach  Osterreich
die  erste  katholische  Macht  in  Deutschland  zu  sein?  Als  der  Fürstprimas
Dalberg  in  jenen  rheinbündischen  Tagen  unermüdlich  luftige  Pläne  für  eine
deutsche  oder  rheinbündische  Nationalkirche  entwarf,  fand  er  an  Montgelas
seinen  entschiedensten  Gegner.  Auch  auf  dem  Wiener  Kongresse  bewährte
Bayern  seine  stolze  Selbstgenügsamkeit  und  erlangte,  daß  die  kirchlichen
Angelegenheiten  der  Kompetenz  des  Deutschen  Bundes  entzogen  wurden.

Eine  Anderung  dieses  entscheidenden  Beschlusses  war,  bei  der
Schwäche  der  neuen  Bundesgewalt,  weder  erreichbar  noch  wünschenswertdenn
  wer  mochte  die  schwierigen  Unterhandlungen  mit  der  Kurie  diesem
Bundestage  anvertrauen?  Der  Partikularismus  hatte  auch  in  dieser  Frage,
        <pb n="351" />
        Landeskirchliche  Bestrebungen.  343

wie  überall,  einen  vollständigen  Sieg  davon  getragen.  Alle  deutschen
Staaten  sahen  sich  nunmehr  auf  denselben  Weg  gedrängt,  welchen  Bayern
und  Württemberg  schon  unter  dem  Rheinbunde  eingeschlagen  hatten:  sie
mußten,  einzeln  oder  in  Gruppen,  mit  dem  römischen  Hofe  verhandeln
um  die  Errichtung  neuer  Landesbistümer  durchzusetzen.  In  diesem  wohl—
berechtigten  Wunsche  waren  die  Höfe  allesamt  einig.  Denn  nach  den
zahllosen  Grenzverschiebungen  der  letzten  Jahre  konnten  die  Diözesen  des
heiligen  Reichs  schlechterdings  nicht  mehr  unverändert  bleiben;  die  alten
Bistümer  waren  überdies  sämtlich,  bis  auf  fünf,  verwaist  und  befanden
sich,  da  die  Sekularisationen  der  katholischen  Kirche  Deutschlands  ein  jähr—
liches  Einkommen  von  mindestens  21  Mill.  Fl.  entrissen  hatten,  durchweg
in  einer  wirtschaftlichen  Not,  welche  allein  durch  die  Hilfe  der  Staats—
gewalt  geheilt  werden  konnte.

Auch  die  preußischen  Staatsmänner,  die  auf  dem  Wiener  Kongresse
so  lebhaft  für  die  gemeinsame  deutsche  Kirchenpolitik  eingetreten  waren,
mußten  jetzt  diesen  Gedanken,  gleich  den  Bundeszollplänen  und  so  manchen
anderen  patriotischen  Entwürfen  jener  hoffnungsvollen  Tage,  als  unausführbar
  fallen  lassen.  Die  preußische  Bundesgesandtschaft  wurde  angewiesen,
  keine  Einmischung  des  Bundes  in  kirchliche  Dinge  zu  dulden,  schon
weil  Preußen  nimmermehr  die  Anwesenheit  eines  Nuntius  in  Frankfurt
gestatten  dürfe;  der  König  denke  vielmehr  selbständig  vorzugehen  und  durch
freisinnige  Gewährungen  den  anderen  deutschen  Staaten  ein  Muster
zu  geben.“)  Humboldt  schlug  dann  noch  vor,  der  preußische  Staat  solle  die
Rechte,  welche  er  der  römischen  Kirche  zu  gewähren  gedenke,  förmlich  unter
den  Schutz  des  Bundes  stellen  und  dafür  fordern,  daß  auch  die  Rechte
der  Protestanten  in  den  katholischen  Staaten  durch  die  Bürgschaft  des
Bundes  gesichert  würden.  Der  Staatskanzler  aber  lehnte  den  Vorschlag
ab;  er  sah  voraus,  daß  weder  Osterreich  noch  Bayern  jemals  auf  einen
Plan  eingehen  konnten,  welcher  der  Krone  Preußen  die  Stellung  des
Protektors  der  deutschen  Protestanten  verschafft  hätte.  Da  Bayern  nun
doch  seines  eigenen  Weges  zog  und  Osterreich  von  vornherein  aus  dem
Spiele  blieb,  so  konnte  Hardenberg  auch  von  einer  gemeinsamen  Verhandlung
  mit  den  Kleinstaaten  sich  keinen  Erfolg  versprechen;  die  Absichten
  der  verschiedenen  Höfe  gingen  allzu  weit  auseinander.  Der  preu-Whische
  Staat  beherrschte  allein  mehr  katholische  Untertanen  als  Bayern
und  die  kleinen  Staaten  zusammen;  er  allein  hatte  schon  unter  dem  alten
Reiche  Landesbischöfe  gehabt  und  sich  in  der  Schule  einer  reichen  Erfahrung
  feste  kirchenpolitische  Grundsätze  gebildet,  die  mit  einigen  Anderungen
  auch  dem  Bedürfnis  der  Gegenwart  genügen  konnten.  Die  kleinen
protestantischen  Dynastien  des  Westens  dagegen,  Württemberg,  Baden,
Hessen,  Nassau  waren  mit  einem  Male  in  den  Besitz  ausgedehnter  katho- 



*)  Instruktion  für  die  Bundesgesandtschaft,  30.  Nov.  1816,  §  31.
        <pb n="352" />
        344  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

lischer  Gebiete  gelangt  und  standen  den  neuen  Aufgaben,  die  sich  hier
ergaben,  noch  ziemlich  ratlos  gegenüber.  Sie  wußten  wohl,  daß  die
altprotestantische  Kirchengewalt  der  Landesherren  unter  den  neuen  Verhältnissen
  sich  nicht  mehr  halten  ließ,  und  waren  ehrlich  gewillt  der  römischen
  Kirche  etwas  größere  Freiheit  als  bisher  zu  gewähren;  jedoch  sie
hegten  noch  immer  sehr  überspannte  Begriffe  von  den  Rechten  der  Staatsgewalt,
  eine  Selbsttäuschung,  welche  Hardenberg  nicht  teilte.  Daher  erhielt
  Niebuhr  schon  von  Paris  aus  die  Weisung,  daß  er  bestimmt  sei  für
Preußen  allein  mit  Rom  zu  verhandeln  und  vor  allem  die  Wiederherstellung
  der  unentbehrlichen  Landesbistümer  herbeizuführen.

Nur  Heinrich  von  Wessenberg  gab  den  Gedanken  einer  deutschen
Nationalkirche,  den  er  auf  dem  Wiener  Kongreß  so  nachdrücklich  vertreten
hatte,  auch  jetzt  noch  nicht  auf.  Bei  den  Höfen  galt  der  vielgeschäftige
Konstanzer  Generalvikar  zugleich  als  ein  willkommener  Bundesgenosse
und  als  ein  lästiger  Störenfried;  denn  sie  wünschten  gleich  ihm  die  Macht
des  Papstes  über  die  deutschen  Prälaten  möglichst  zu  beschränken,  aber
der  Kern  seiner  Pläne  konnte  nüchternen  Staatsmännern  nur  als  ein
unmöglicher  Anachronismus  erscheinen.  Wessenberg  verkannte,  wie  gründlich
der  politische  Charakter  der  katholischen  Kirche  Deutschlands  durch  die
Sekularisationen  und  die  Beseitigung  der  adligen  Pfründen  sich  verändert
hatte.  Er  träumte  von  einem  deutschen  Kirchenstaate,  der  unter  dem
Schutze  des  Bundes,  geleitet  von  einem  Fürsten-Primas,  wohlausgerüstet
mit  adligen  Prälaten,  National=  und  Diözesan-Synoden,  dem  Papsttum
  wie  den  Landesherren  gleich  unabhängig  gegenüberstehen  sollte.  Und
diese  aristokratische  Kirchenverfassung  nannte  er  mit  naiver  Anmaßung
„die  deutsche  Kirche",  obgleich  die  große  Mehrheit  der  Deutschen  außerhalb
  Osterreichs  dem  Protestantismus  angehörte.  Von  Landesbistümern,
deren  die  moderne  Staatseinheit  doch  nicht  entraten  konnte,  wollte  er
nichts  hören;  seine  vornehmen  Bischöfe  sollten  in  mehreren  Staatsgebieten
zugleich  ihre  geistliche  Gewalt  ausüben.  Welch  eine  Aussicht  auf  ewigen
Streit  zwischen  dem  Papste,  dem  Primas,  dem  Bundestage,  den  Einzelstaaten
  und  diesen  halbsouveränen,  keiner  Landeshoheit  ausschließlich  unterworfenen
  Bischöfen!

Und  woher  sollte  ein  deutscher  Primas  jetzt  noch  die  seiner  Würde
unentbehrliche  landesfürstliche  Selbständigkeit  gewinnen?  Dalberg  selbst,
der  Fürstprimas  des  Rheinbunds,  hatte  den  patriotischen  Entwürfen
seines  Freundes  Wessenberg  bereits  den  Boden  unter  den  Füßen  hinweggezogen,
  als  er  im  Oktober  1813  zu  gunsten  Eugen  Beauharnais“  auf
das  Großherzogtum  Frankfurt  verzichtete.  Der  Unwille  der  Verbündeten
  wider  den  bonapartistischen  Kirchenfürsten  ward  durch  diesen  schimpflichen
  politischen  Selbstmord  nur  verstärkt  und  milderte  sich  auch  nicht
als  der  wetterwendische  Enthusiast  schon  im  nächsten  Jahre  wieder  umschlug
  und  dem  rächenden  Erzengel  Europas,  dem  Zaren  Alexander
        <pb n="353" />
        Dalberg  und  Wessenberg.  345

seine  Huldigung  darbrachte.  Der  Entthronte  zog  sich  sodann  in  sein
Bistum  Regensburg  zurück  und  verbrachte  dort  noch  die  zwei  Jahre
bis  zu  seinem  Tode  (Febr.  1817)  in  apostolischer  Einfachheit,  ganz  den
Pflichten  des  geistlichen  Amts  und  der  christlichen  Barmherzigkeit  dahin—
gegeben.  Manchen  politischen  Gegner  versöhnte  der  heitere  Gleichmut
des  freundlichen  Alten;  die  eigentümliche  Anmut  dieses  aus  Begeisterung,
Eitelkeit  und  Zagheit  so  seltsam  gemischten  Geistes  erschien  am  Abend  seines
Lebens  fast  noch  unwiderstehlicher  als  vor  Jahren,  da  Schiller  und
W.  Humboldt  sich  seines  Umgangs  gefreut  hatten.  Aber  mit  seiner
Landeshoheit  war  auch  sein  Primat  unrettbar  verloren;  einem  bayrischen
Untertan  und  Landesbischof  wollte  kein  deutscher  Staat  die  Rechte  eines
deutschen  Oberhirten  zugestehen,  am  wenigsten  Preußen,  das  den  rheinbündischen
  Primas-Titel  ohnehin  nicht  für  rechtsgültig  ansah.  Daher
fand  Wessenberg  fast  überall  kühle  Aufnahme,  als  er  im  Jahre  1815
einige  Höfe  bereiste  und  die  Diplomaten  in  Frankfurt  für  seine  nationalkirchlichen
  Pläne  zu  gewinnen  suchte.  Noch  nicht  entmutigt  forderte  er
im  Dezember  die  deutschen  Regierungen  auf,  sich  vor  Beginn  der  römischen
  Verhandlungen  mindestens  über  gemeinsame  Grundsätze  zu  vereinigen
  und  den  Bundestag  als  obersten  Richter  in  allen  Streitfragen
zwischen  Staat  und  Kirche  anzuerkennen.  Dem  Vetter  Metternichs  und
Bruder  des  k.  k.  Geheimen  Rates  Wessenberg  mochte  es  wohl  unbedenklich
  erscheinen,  wenn  die  Angelegenheiten  preußischer  Bischöfe  der  Mitentscheidung
  des  Kaisers  von  Osterreich  anheimgegeben  würden.  In
Berlin  dachte  man  anders.

Am  unfreundlichsten  aber  wurde  Wessenberg  in  München  aufgenommen:
  Bayern  sei  sich  selbst  genug,  hieß  es  hier  kurzab,  und  werde
keinen  weiteren  Eingriff  in  seine  Souveränität  dulden.  Montgelas  war
bei  seinen  kirchenpolitischen  Neuerungen  in  dem  bigotten  altbayrischen
Volke  nur  schwachem  Widerstande  begegnet  und  schloß  daraus  mit  dem
Hochmute  des  glaubenlosen  Weltkindes,  daß  auch  die  römische  Kirche
wenig  Lebenskraft  mehr  besitze.  Die  Hoffart  der  Aufklärung  verleitete
den  klugen  Mann  zu  einem  Irrtum,  der  allerdings  von  den  meisten
Staatsmännern  jener  Zeit  geteilt  wurde,  aber  diesem  geharnischten
Vertreter  der  Staatsallmacht  am  übelsten  anstand.  Er  hoffte  von  dem
Papste  nicht  bloß  eine  Zirkumskriptionsbulle  zu  erlangen,  welche  die
Grenzen  der  neuen  bayrischen  Landesbistümer  feststellen  sollte.  Er  hielt
es  auch  für  unbedenklich,  das  Rechtsverhältnis  zwischen  Staat  und  Kirche
durch  ein  Konkordat  vertragsmäßig  zu  ordnen  und  erkannte  nicht,  wie  schwer
die  Souveränität  des  Staates  schon  durch  den  Abschluß  eines  Konkordats
gefährdet  wird;  denn  jeder  Staat  ist  befugt  den  Umfang  seiner  eigenen
Hoheitsrechte  selbst  zu  bestimmen  und  kann  sich  dies  unveränßerliche
Recht  nicht  durch  Verträge  mit  auswärtigen  Mächten  schmälern  lassen,
am  wenigsten  durch  einen  Vertrag  mit  der  Kurie,  die  von  jeher  alle  Zu-
        <pb n="354" />
        346  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

geständnisse  an  die  weltliche  Gewalt  nur  als  Indulgenzen,  als  wider—
rufliche  Gnaden  betrachtet  hat.  Aber  die  Hoffnung,  das  napoleonische
Konkordat  noch  zu  überbieten  schmeichelte  dem  bayrischen  Stolze,  und
schlimmsten  Falls  blieb  ja  die  Krone  der  Wittelsbacher  stark  genug  das
Konkordat  eigenmächtig  abzuändern,  sich  über  die  Beschwerden  des  Papstes
hinwegzusetzen.  Verfehlt  wie  der  Grundgedanke  des  ganzen  Unterneh—
mens  war  auch  die  Wahl  des  Unterhändlers.  Das  schwierige  Geschäft
wurde  in  die  Hände  des  achtzigjährigen  Bischofs  Häffelin  gelegt.  Mont—
gelas  wähnte  an  dem  weichmütigen  Prälaten  ein  ganz  abhängiges
Werkzeug  zu  besitzen  und  übersah,  daß  der  schwache  Greis  mit  seiner
Eitelkeit  und  seinen  vierzehn  unehelichen  Kindern  auch  den  Lockungen
wie  den  Drohungen  des  Vatikans  gleich  zugänglich  war.

Unter  solchen  Umständen  schöpfte  die  ultramontane  Partei  frischen
Mut;  sie  hatte  sich  schon  seit  dem  Jahre  1812  in  ganz  Süddeutschland
fester  zusammengeschlossen  und,  ungeschreckt  durch  Montgelas'  harte  Ver—
bote,  rührende  Bilder  und  Erzählungen  von  der  Gefangenschaft  des
Papstes  unter  dem  gläubigen  Volke  verbreitet.  Ihr  Herd  war  die
Kurie  des  Bischofs  von  Eichstädt,  Grafen  Stubenberg;  von  hier  empfingen
  während  des  Wiener  Kongresses  die  Oratoren  der  katholischen
Kirche  ihre  Weisungen.  Ihr  literarischer  Wortführer,  der  Würzburger
Weihbischof  Zirkel  zog  gegen  Wessenberg  zu  Felde  und  forderte  als  ein
begeisterter  Romantiker  unter  dem  hochtönenden  Namen  der  Kirchenfreiheit
  die  unbeschränkte  Herrschaft  des  Papstes  über  die  deutsche  Kirche.
Bei  Hofe  besaßen  die  Klerikalen  noch  immer  mächtige  Freunde;  auch  auf
den  Thronfolger  glaubten  sie  rechnen  zu  können,  da  der  Prinz  durch
den  Hofpfarrer  Sambuga  streng  kirchlich  erzogen  und  ein  schwärmerischer
Jünger  der  romantischen  Schule  war.

Der  Ubermut  des  Ministers  bestrafte  sich  schnell.  Bischof  Häffelin
spielte  im  Vatikan  eine  klägliche  Rolle  und  übersendete  endlich  im  Herbst
1816  einen  römischen  Konkordats-Entwurf,  worin  der  katholischen  Kirche
„alle  die  Rechte,  die  ihr  nach  den  kanonischen  Vorschriften  gebühren,"
vorbehalten  wurden.  Das  hieß,  wenn  man  die  Worte  ehrlich  verstand,
Zurücknahme  der  Gleichberechtigung  der  Protestanten,  Aufhebung  der
sämtlichen  kirchenpolitischen  Gesetze  des  letzten  Jahrzehnts.  Für  diese
unerhörte  Forderung  gewährte  die  Kurie  nur  ein  wichtiges  Zugeständnis,
dessen  Folgen  sie  glücklicher  Weise  selber  nicht  ganz  übersah:  sie  wollte  gestatten,
  daß  das  Konkordat  als  bayrisches  Staatsgesetz  verkündet  würde.
Die  klugen  Monsignoren  hofften  offenbar,  dem  Vertrage  durch  eine  solche
Verkündigung  größere  Sicherheit  zu  geben  und  bedachten  nicht,  daß  der
König  ein  Staatsgesetz  jederzeit  einseitig  ändern  durfte.  In  Montgelas“
rücksichtslosen  Händen  konnte  diese  unvorsichtige  Gewährung  zu  einer
scharfen  Waffe  werden;  so  lange  er  am  Ruder  blieb,  stand  eine  Demütigung
  der  Krone  vor  dem  Papste  nicht  zu  befürchten.
        <pb n="355" />
        Montgelas'  Sturz.  347

Da  erfolgte  plötzlich,  zur  allgemeinen  Uberraschung  des  Landes,
der  Sturz  des  Ministers.  Im  November  1816  war  der  König  nach
Wien  gereist  um  seine  soeben  mit  dem  Kaiser  Franz  vermählte  Tochter
Karoline  Auguste  zu  besuchen  und  auch  die  politische  Freundschaft,  die
seit  den  Salzburger  Händeln  arg  gestört  war,  wiederherzustellen.  Er
blieb  dort  fast  ein  Vierteljahr  und  ward  mit  Ehren  überhäuft;  aber
sobald  er  politische  Fragen  berührte,  stieß  er  auf  eine  wohlberechnete  Zu—
rückhaltung  und  mußte  endlich  einsehen,  daß  der  Groll  der  Hofburg  gegen
seinen  Montgelas  unversöhnlich  blieb.  Dieser  Haß  ward  eben  jetzt  aufs
neue  entfacht,  da  eine  Depesche  des  französischen  Gesandten  Merch,  die
über  Montgelas'  Verhalten  im  Herbst  1813  unerfreuliche  Aufschlüsse  bot,
in  die  Hände  des  Wiener  Hofs  geraten  war.  Vor  dem  preußischen  Gesandten
  gab  sich  Metternich  freilich  den  Anschein,  als  ob  er  sich  um  diese
bayrischen  Dinge  nie  bekümmert  hätte.  Als  der  König  seine  Anschläge  gegen
Baden  enthüllte,  empfing  er  von  dem  Kaiser  wie  von  Metternich  nur
die  trockene  Zusage,  sie  würden  seinen  Absichten  nicht  entgegen  sein.  Und
selbst  diese  Verheißung  war  nicht  ehrlich  gemeint;  denn  gleichzeitig  ließ
Metternich  den  preußischen  Staatskanzler  wissen,  das  Versprechen  sei  nur
als  eine  Abfindung  (par  manière  d'acquit)  gegeben  und  in  der  Uberzeugung,
  daß  die  bayrischen  Pläne  bald  auf  allen  Seiten  mächtigen  Widerspruch
  finden  würden.)  Unterdessen  erging  sich  die  neue  Kaiserin,  eine
erklärte  Freundin  der  Jesuiten,  in  lebhaften  Anklagen  wider  den  kirchenfeindlichen
  Minister,  der  allein  noch  der  guten  Freundschaft  der  beiden
Höfe  im  Wege  stand;  die  Diplomaten  der  Kurie  halfen  getreulich  nach,
auch  aus  München  liefen  wiederholte  Beschwerden  von  Seiten  des  Kronprinzen
  und  des  Feldmarschalls  Wrede  ein.

Verstimmt,  aber  noch  keineswegs  entschlossen  kehrte  der  König  am
1.  Februar  1817  nach  München  zurück  und  ließ  dem  Minister  auf  den
nächsten  Vormittag  seinen  Besuch  ankündigen.  Der  Wagen  war  bereits
bestellt,  die  Unterredung  konnte,  nach  früheren  Erfahrungen,  nur  mit
einer  neuen  Versöhnung  der  beiden  Freunde  endigen.  Da  setzte  der  Kronprinz
  im  letzten  Augenblicke  alle  Hebel  ein.  Er  war  nach  einer  schweren
Krankheit  noch  an  das  Zimmer  gefesselt  und  durfte  gerade  jetzt  auf  freundliches
  Gehör  bei  dem  zärtlichen  Vater  rechnen.  In  einem  beweglichen
Briefe  stellte  er  noch  einmal  alle  seine  Klagen  gegen  den  Hochmut  und
die  nachlässige  Amtsführung  des  Ministers  zusammen  und  erbat  sich  als
einen  Beweis  königlicher  Gnade  die  Entlassung  des  unheilvollen  Mannes.
Mit  diesem  Schreiben  erschien  Wrede  am  Vormittag  des  2.  Februar  bei
dem  Monarchen.  Zitternd,  in  höchster  Angst,  genehmigte  der  König  endlich
die  Bitte  des  Thronfolgers.  Der  gutmütige  Schwächling  verfällt  fast
immer  in  Härte  wenn  er  sich  stark  zeigen  will;  so  entließ  auch  Max  Joseph

 

*)  Krusemarks  Bericht,  Wien  8.  Febr.,  Hardenbergs  Weisung  an  Küster,  25.  März  1817.
        <pb n="356" />
        348  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

den  Staatsmann,  der  ihm  die  Königskrone  errungen  hatte,  in  den  schnö—
desten  Formen,  ganz  nach  dem  Brauche  jener  launischen  altwürttember—
gischen  Despoten,  die  ihre  Günstlinge  mit  einem  theatralischen  Fußtritt
zu  beseitigen  pflegten.  Um  Mittag  empfing  der  Minister  statt  des  erwarteten
  königlichen  Besuchs  ein  Handschreiben,  das  ihm  mit  dürren
Worten  den  Abschied  gab.  Der  Schlag  fiel  so  unvermutet,  daß  die
Münchener  anfangs  meinten,  der  allmächtige  Minister  müsse  ein  Staatsverbrechen
  begangen  haben.  Der  Kronprinz  aber  triumphierte  laut  und
sagte  zu  dem  preußischen  Gesandten:  „so  ist  meine  Krankheit  doch  zu
etwas  gut  gewesen.“  Das  ganze  Land  atmete  auf  bei  dem  Sturze  des
verhaßten  Bureaukraten.  Auch  die  beiden  Großmächte  verbargen  ihre
Freude  nicht;  auf  Befehl  Hardenbergs  mußte  Küster  die  lebhafte  Befriedigung
  seines  Hofes  aussprechen.)

Der  Erfolg  der  Katastrophe  war  zweischneidig:  sie  beseitigte  das
schwerste  Hindernis  des  Verfassungswerks,  aber  auch  die  einzige  Kraft,
welche  den  unseligen  Konkordatsverhandlungen  noch  eine  leidliche  Wendung
  geben  konnte.  Die  Klerikalen  sahen  sich  eines  furchtbaren  Feindes
entledigt,  jedoch  zur  Herrschaft  gelangten  sie  nicht.  Noch  am  nächsten
stand  ihnen  der  neue  Minister  des  Auswärtigen,  Graf  Aloys  Rechberg;  für
das  Finanzwesen  dagegen  ward  Frhr.  von  Lerchenfeld  berufen,  ein  offener
Gegner  der  römischen  Ansprüche  und  eifriger  Förderer  der  Verfassungsarbeit;
  der  Minister  des  Innern  Graf  Thürheim,  ein  bekehrter  Illuminat,
  zeigte  sich  schwach  und  unfähig.  Zudem  erhielten  die  Generaldirektoren
  der  Ministerien  jetzt  erweiterte  Befugnisse,  so  daß  sie  fast  wie
Mitglieder  des  Kabinetts  erschienen;  auch  Wrede  und  der  Generalsekretär
Kobell  mischten  sich  beständig  ein.  Kein  Wunder,  daß  der  alte  Häffelin
in  Rom  unter  dieser  steuerlosen  Regierung  sich  nicht  mehr  zu  helfen
wußte.  Wohl  erhielt  er  von  Thürheim  eine  scharfe,  noch  unter  Montgelas
  verfaßte  Instruktion,  welche  das  Recht  des  Staates  die  äußeren
Rechtsverhältnisse  der  Kirche  selbständig  zu  ordnen  nachdrücklich  verwahrte;
aber  er  meinte  an  diese  Weisung  nicht  ernstlich  gebunden  zu  sein  seit
der  Wind  in  München  umgeschlagen  war.  Schritt  für  Schritt  ließ  er
sich  in  die  Enge  treiben;  der  Günstling  der  Bourbonen,  Graf  Blacas,
der  ebenfalls  in  Rom  wegen  eines  Konkordats  unterhandelte,  ermahnte
den  Bayern  zur  Nachgiebigkeit.  Am  5.  Juni  unterzeichnete  Höäffelin,
seinen  Instruktionen  zuwider,  ein  Konkordat,  das  allen  Hoffnungen  der
Ultramontanen  genügte;  gleich  im  Eingang  war  die  übermütigste  Forderung
  des  Vatikans  zugestanden:  die  römische  Kirche  sollte  aller  der
Rechte  teilhaftig  werden,  welche  ihr  nach  Gottes  Ordnung  und  den  kanonischen
  Vorschriften  gebühren.

Als  die  unbegreifliche  Nachricht  in  München  eintraf,  wollten  die

*)  Küsters  Berichte,  12.  16.  Febr.;  Hardenbergs  Weisung,  4.  März  1817.
        <pb n="357" />
        Das  Konkordat.  349

Minister  anfangs  kaum  daran  glauben;  der  König  polterte  wider  den
hundsföttischen  Vertrag.  Aber  die  einzige  Antwort,  die  in  solcher  Lage
einer  stolzen  Krone  geziemte,  unterblieb:  der  pflichtvergessene  Unterhänd—
ler  wurde  nicht  abberufen.  Vergeblich  forderte  Lerchenfeld,  daß  ohne
ausdrücklichen  Vorbehalt  der  Rechte  des  Staates  kein  Abkommen  ge—
schlossen  werden  dürfe.  Graf  Rechberg  war  bei  früheren  Verhandlungen
mit  dem  Kardinal  della  Genga  zu  der  entgegengesetzten  Überzeugung
gelangt;  er  meinte,  ein  stillschweigender  Vorbehalt  genüge  auch,  da  die
Kurie  es  mit  der  Ausführung  der  Verträge  so  genau  nicht  nehme.  Man
beschloß  endlich,  den  in  Eichstädt  wohlbeliebten  Bruder  des  Ministers,
Aaver  Rechberg  nach  Rom  zu  senden,  und  dieser  brachte  mit  Blacas'
Beihilfe  ein  Konkordat  zu  stande,  das  bis  auf  wenige  unwesentliche
Punkte  mit  dem  Vertrage  vom  5.  Juni  vollständig  übereinstimmte.  Der
neue  Vertrag  ward  am  24.  Oktbr.  vom  Könige  genehmigt.  Er  enthielt
außer  jener  grundsätzlichen  Anerkennung  des  kanonischen  Rechts  noch  die
Zusage,  daß  alle  nicht  im  Konkordate  selbst  erwähnten  kirchlichen  Angelegenheiten
  nach  der  vigens  ecclesiae  disciplina  behandelt  werden  und  in
zweifelhaften  Fällen  stets  eine  neue  Vereinbarung  zwischen  dem  Papste  und
dem  Könige  erfolgen  solle.  Im  Art.  17  war  sogar  die  Aufhebung  aller
dem  Konkordate  widersprechenden  Gesetze  und  Verordnungen  angekündigt.
Die  Bischöfe  sollten  über  die  Reinheit  des  Glaubens  und  der  Sitten  in
den  öffentlichen  Schulen  wachen  und  durften  von  der  Staatsgewalt  die
Unterdrückung  gefährlicher  Bücher  verlangen.  Auch  die  Einrichtung  neuer
Klöster  und  die  unbeschränkte  Befugnis  zum  Gütererwerb  ward  der  Kirche
zugesichert.  Um  solchen  Preis  bewilligte  der  Papst  die  Gründung  der  so
lange  erstrebten  bayrischen  Landeskirche  mit  zwei  Erzbischöfen  und  sechs
Bischöfen;  die  beantragte  Bildung  eines  einzigen  Erzbistums  für  das
ganze  Königreich  wurde  in  Rom  abgelehnt,  denn  wie  leicht  konnte  nicht
ein  solcher  Metropolitan  die  Rolle  eines  Primas  spielen!  Als  katholischer
Souverän  erhielt  der  König  das  Recht,  drei  seiner  Landesbischöfe  unbedingt,
  die  fünf  anderen  auf  Grund  einer  Kandidatenliste  zu  ernennen.
Hierin  und  in  der  stillschweigenden  Anerkennung  des  landesherrlichen
Patronats  über  die  Pfarrstellen  lag  die  einzige  Sicherung  der  Rechte  der
Staatsgewalt.  Wollte  man  unredlich  verfahren,  so  blieb  als  letzte  Waffe
freilich  noch  der  Art.  18,  der  in  einem  Atem  versprach,  das  Konkordat
solle  unverbrüchlich  gehalten  und  —  als  Staatsgesetz  verkündigt  werden.

So  der  Inhalt  dieses  ersten  Probstücks  der  Münchener  europäischen
Politik.  Es  war  die  schimpflichste  Demütigung,  welche  jemals  ein  moderner
  Staat  von  dem  heiligen  Stuhle  dahin  genommen,  die  wohlverdiente
  Strafe  für  den  partikularistischen  Dünkel,  der  sich  zuerst  von  den
übrigen  deutschen  Staaten  abgesondert  hatte  und  nun  ihnen  um  jeden
Preis  zuvorkommen  wollte.  Selbst  Küsters  Nachfolger,  der  hochkonservative
  alte  General  Zastrow  erschrak  über  „den  vollständigen  Sieg  Roms“
        <pb n="358" />
        350  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

und  schrieb  dem  Staatskanzler,  der  alle  kirchlichen  Händel  mit  gespannter
  Aufmerksamkeit  verfolgte:  „der  Klerus  wird  die  diesem  Boden  erst
seit  ganz  neuer  Zeit  zuteil  gewordene  Aufklärung  wieder  in  das  Dunkel
und  Verderben  des  Aberglaubens  herunterstürzen.““)  Die  Kurie  frohlockte
  und  sprach  dem  Könige  „gebührendes  Lob“  aus.  Max  Joseph  aber
vergaß  seiner  Würde  so  gänzlich,  daß  er  brieflich  beim  Papste  den  Kardinalshut
  für  den  ungetreuen  Gesandten  Häffelin  erbat.  Die  Bitte  ward
erfüllt,  unter  dem  Unwillen  aller  guten  Bayern;  selbst  die  Kardinäle
klagten,  auf  solchen  Schultern  werde  der  Purpur  entweiht.

Einen  so  glänzenden  Triumph  konnte  der  Vatikan  der  Welt  nicht
lange  vorenthalten.  Schon  im  Dezember  wurde  das  Konkordat  durch
die  Kurie  einseitig  veröffentlicht,  und  sofort  veranlaßte  der  Eichstädter
Bund  die  höchsten  geistlichen  Behörden,  der  Krone  ihren  Dank  auszusprechen.
  Das  Generalvikariat  in  Bamberg  verlangte  das  Einschreiten
der  Behörden  gegen  eine  fränkische  Zeitung,  die  sich  der  Sache  Wessenbergs
  annahm;  unter  den  Heißspornen  der  klerikalen  Partei  vernahm
man  bereits  die  Forderung:  alle  Kinder  gemischter  Ehen  und  alle  Findlinge
  sollten  der  römischen  Kirche  überwiesen  und  der  Ubertritt  zum
Katholizismus  jedem  ohne  Unterschied  des  Alters  freigestellt  werden.
Unerhörte  Ansprüche,  die  sich  doch  mit  gutem  Grunde  auf  die  Eingangsworte
  des  Konkordats  berufen  konnten!  Die  Protestanten  sahen  das  Dasein
ihrer  Kirche  selbst  bedroht;  welches  Recht  der  Evangelischen  stand  denn
noch  fest,  wenn  wirklich  die  kanonischen  Vorschriften  allen  bayrischen  Staatsgesetzen
  vorgingen?  Die  Konsistorien  und  viele  protestantische  Städte  beschworen
  den  König  in  beweglichen  Bittschriften  um  Aufrechterhaltung  der
paritätischen  Grundsätze  des  Religionsedikts  von  1809;  auch  der  Hofprediger
  der  Königin  Schmitt  erhob  seine  mächtige  Stimme,  niemand  aber
schürte  die  Bewegung  eifriger  als  Anselm  Feuerbach,  der  seinem  Beinamen
Vesuvius  wieder  einmal  Ehre  machte.  Unter  den  Katholiken  trat  Ignaz
Rudhart  mit  gewohntem  Freimut  für  die  bedrohte  Parität  aufj;  selbst
viele  Geistliche  verhehlten  ihre  Besorgnisse  nicht.

Die  Aufregung  hielt  an  und  wuchs,  da  gleichzeitig  in  Frankreich  ein
Sturm  gegen  das  neue  von  Blacas  abgeschlossene  Konkordat  losbrach,  und
die  Süddeutschen  bereits  anfingen  jedem  Wellenschlage  der  öffentlichen
Meinung  im  Nachbarlande  gelehrig  zu  folgen.  Auch  der  Kronprinz  begann,
trotz  seiner  romantischen  Phantasien,  doch  bedenklich  zu  werden  und  erinnerte
  den  Vater  an  das  Vorbild  seines  Ahnherrn  Ludwigs  des  Bayern.
Max  Joseph  selbst  schämte  sich  seiner  Schwäche;  er  konnte  es  nicht  leugnen,
dies  Konkordat  war  ein  Abfall  nicht  bloß  von  den  Grundsätzen  seiner
eigenen  Kirchenpolitik,  sondern  auch  von  allen  guten  Traditionen  der
alten  Wittelsbacher.  Aber  nachdem  er  sein  königliches  Wort  feierlich  ver- 



*)  Zastrows  Bericht,  10.  Dezbr.  1817.
        <pb n="359" />
        Wiederaufnahme  der  Verfassungsarbeit.  351

pfändet  hatte,  blieb  ihm  nur  noch  eine  Hintertür  offen:  jener  Art.  18
nämlich,  kraft  dessen  das  Konkordat  als  Staatsgesetz  verkündigt  werden
sollte.  Die  Regierung  beschloß  —  so  gestand  der  Minister  Rechberg  dem
preußischen  Gesandten  im  tiefsten  Vertrauen  —  „den  Vertrag  nach  Mög—
lichkeit  zu  interpretieren“;  sie  dachte  das  Konkordat  als  Gesetz  für  das
Königreich  zu  veröffentlichen,  aber  gleichzeitig  auch  ein  zweites  Gesetz,  das
den  Gewährungen  des  Konkordats  die  Spitze  abbrechen  und  die  Protestanten
beruhigen  sollte.“)  Ein  kläglicher  Ausweg  aus  einer  selbstverschuldeten
kläglichen  Lage,  aber  nach  allem  was  geschehen  immerhin  noch  das  einzige
Mittel  um  die  preisgegebenen  Rechte  der  Staatsgewalt  zurückzuerlangen.

Den  bequemsten  Anlaß  zur  Ausführung  dieses  Vorhabens  bot  die
Einlösung  des  Verfassungsversprechens.  Am  11.  Februar  1818  beschloß
dad  Staatsministerium  auf  den  Antrag  des  Generaldirektors  von  Zentner,
der  Verfassung  ein  Edikt  über  die  Rechtsverhältnisse  der  christlichen  Religionsgemeinschaften
  beizulegen.  So  hatte  die  Nachgiebigkeit  gegen  den
römischen  Stuhl  doch  die  eine  günstige  Folge,  daß  die  stockende  Verfassungsarbeit
  wieder  in  Fluß  geriet.  Auch  die  Finanznot  kam  den
Wünschen  der  Verfassungsfreunde  zu  statten;  sie  war  unter  diesem  vielköpfigen
  Regimente  so  hoch  gestiegen,  daß  der  Kronprinz  kurzweg  erklärte
nur  die  Berufung  der  Landstände  könne  den  zerrütteten  Staatskredit
wiederherstellen.*)  Stärker  als  alle  diese  Rücksichten  wirkte  der  dynastische
Ehrgeiz.  Die  Erwerbung  der  badischen  Pfalz  blieb  nach  wie  vor  der  leitende
  Gedanke  der  bayrischen  Staatskunst,  und  da  der  Schiedsspruch  der
großen  Mächte  noch  ausstand,  so  begannen  im  Frühjahr  1818  die  beiden
Höfe  von  München  und  Karlsruhe  einen  wunderlichen  Wettlauf  um  die
Gunst  der  öffentlichen  Meinung,  die  doch  sehr  wenig  bedeutete.  Beide
Gegner  betrieben  mit  fieberischem  Eifer  ihre  Verfassungsberatungen,  um
den  Beistand  der  Tagespresse  für  die  Entscheidung  der  Gebietsfrage  zu
gewinnen.  Darum  vornehmlich  hielten  der  Kronprinz  und  der  Feldmarschall
  standhaft  zu  der  konstitutionellen  Partei.

Seit  dem  Februar  1818  wurde  die  Durchsicht  der  Konstitutions-Entwürfe
  von  1808  und  1814  wieder  aufgenommen.  Im  Verlaufe  dieser
Beratungen  gewann  Zentner  täglich  an  Ansehen,  neben  Lerchenfeld  der
beste  Kopf  des  Münchener  Kabinetts,  vormals  Professor  in  Erlangen,
aber  frei  von  jenem  doktrinären  Eigensinn,  welcher  die  deutschen  Gelehrten
in  der  praktischen  Politik  fast  immer  Schiffbruch  leiden  läßt;  Bureaukrat
  durch  und  durch,  beredt,  klug,  sachkundig,  ganz  erfüllt  von  dem  Gedanken
  der  Allmacht  des  Staates,  im  persönlichen  Verkehre  geistreich  und
liebenswürdig,  wenngleich  das  geckenhafte  Wesen  des  alten  Junggesellen
zuweilen  ein  Lächeln  erregte.  Als  Generaldirektor  im  Ministerium  des

 

*)  Zastrows  Berichte,  15.  Febr.,  15.  April  1818.
**)  Zastrows  Bericht,  15.  März  1818.
        <pb n="360" />
        352  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Innern  nahm  er  dem  Grafen  Thürheim  bald  alle  Arbeitslast  und  damit
die  Herrschaft  aus  den  Händen.  Er  wurde  der  Neuordner  des  bayrischen
Beamtentums,  brachte  zuerst  wieder  einige  Zucht  und  Pünktlichkeit  in
den  verwahrlosten  Dienst  und  erwies  allen,  die  den  hellblauen  Amts—
frack  trugen,  nachdrücklich,  daß  sie  Gunst  und  Ehre  allein  von  ihm  zu
erwarten  hatten.  Einem  solchen  Manne  konnte  das  parlamentarische  Leben
nicht  verlockend  erscheinen;  doch  er  begriff,  daß  die  junge  Krone  der  Volks—
gunst,  die  unfertige  Staatseinheit  einer  neuen  Klammer  bedurfte,  und
traute  sich  die  Kraft  zu,  den  Geist  des  Absolutismus  auch  unter  den
konstitutionellen  Formen  aufrecht  zu  erhalten.  Durch  ihn  ward  die  Ver—
fassungsarbeit  überraschend  schnell  gefördert,  so  daß  man  den  badischen
Mitbewerber  um  mehrere  Monate  überholte.

Am  26.  Mai  ritt  der  blauweiße  Reichsherold  durch  die  Straßen
Münchens  um  siebenmal  ein  königliches  Manifest  zu  verlesen,  das  die
Verleihung  des  neuen  Grundgesetzes  verkündigte  und  „die  dankbare  Anerkennung
  dieser  landesväterlichen  Handlung  von  den  Herzen  aller  Bayern“
beanspruchte.  So  war  denn  Bayern  der  erste  größere  Bundesstaat,  der
die  Verheißung  der  Bundesakte  im  Geiste  der  herrschenden  konstitutionellen
Doktrin  erfüllte.  Mit  kindlicher  Freude  nahm  das  Land  die  Gabe  seines
Königs  auf;  selbst  das  brandenburgische  Franken  zeigte  jetzt  zum  ersten
Male  eine  Anwandlung  wittelsbachischer  Gesinnung.  Ein  allegorisches
Bild,  das  die  Vertreter  des  Wehr-,  Lehr=  und  Nährstandes  in  zärtlichem
Reigen  die  Königskrone  umtanzend  darstellte,  gab  den  Gefühlen  des  Volkes
einen  angemessenen  Ausdruck.  Wenn  sich  nur  mit  dieser  erklärlichen  Befriedigung
  nicht  ein  so  widerwärtiger  partikularistischer  Hochmut  vermischt
hättel  Bei  jedem  Erfolge  der  konstitutionellen  Bewegung  im  Süden  ergoß
sich  eine  Flut  des  Hohnes  auf  das  zurückgebliebene  Preußen,  und  die
alten  Rheinbundsgedanken  tauchten  in  liberalem  Gewande  wieder  auf.
Kaum  waren  nach  Montgelas'  Fall  die  Hoffnungen  der  bayrischen  Verfassungsfreunde
  wieder  erwacht,  so  übergab  Feuerbach  dem  Minister  Rechberg
  schon  eine  Denkschrift  über  einen  Fürstenbund  aller  Kleinstaaten,  der,
auf  England,  Dänemark,  Holland  gestützt,  seinen  natürlichen  Feind  Preußen
in  der  Mitte  zerspalten  und  „das  freundlich  große  Bild  freier  Verfassungen“
  den  Völkern  der  beiden  Großmächte  als  Gegenstand  der  Sehnsucht,
  ihren  Regierungen  als  Medusenhaupt  vor  die  Augen  halten  sollte.

Das  freundlich  große  Bild  der  bayrischen  Verfassung  entsprach  in
der  Tat  billigen  Erwartungen.  Sie  gewährte  die  Gleichheit  vor  dem
Gesetze  und  eine  nicht  allzu  ängstlich  beschränkte  Preßfreiheit.  Bei  der  Zusammensetzung
  der  beiden  Kammern  war  die  altgewohnte  ständische  Gliederung
  schonend  berücksichtigt:  die  Kammer  der  Reichsräte  sollte  aus  den
Großwürdenträgern  des  Reichs,  aus  erbberechtigten  adligen  Grundherren
und  einer  Minderzahl  von  der  Krone  ernannter  Mitglieder  bestehen,  die
Abgeordnetenkammer  zu  einem  Viertel  von  dem  kleinen  Grundadel  und
        <pb n="361" />
        Die  Verfassung  und  das  Religions-Edikt.  353

der  niederen  Geistlichkeit,  zu  einem  Viertel  von  den  Städten,  zur  Hälfte
von  den  Bauern  erwählt  werden;  die  also  Gewählten  vertraten  aber  nicht
die  Rechte  ihres  Standes,  sondern  die  Interessen  des  gesamten  Landes.
Die  beste  Gewähr  für  ein  leidliches  Gedeihen  dieser  konstitutionellen  Formen
bot  das  neue,  der  Städteordnung  Steins  nachgebildete  Gemeinde-Edikt,
das  einige  Tage  vor  der  Verfassung  veröffentlicht  wurde.  Wohl  stand
dies  Gesetz  weit  hinter  seinem  preußischen  Vorbilde  zurück;  ein  großer
Teil  der  städtischen  Geschäfte  ward  noch  immer  nicht  von  der  Bürgerschaft
sondern  von  bezahlten  Gemeindeschreibern  besorgt,  die  Landgemeinden
blieben  auch  fernerhin  sehr  abhängig  von  den  Schreibern  der  Landgerichte,
und  viele  der  tüchtigsten  Bauern  weigerten  sich  darum  das  Amt  des  Ge—
meindevorstehers  zu  übernehmen.  Aber  mindestens  der  Grundsatz  der  kom—
munalen  Selbstverwaltung  wurde  anerkannt,  die  Gemeinden  erhielten  die
Verfügung  über  ihr  Vermögen,  die  freie  Wahl  der  Magistrate  und  Ge—
meindebevollmächtigten.  Ein  Boden  praktischer  Volksfreiheit  war  doch
endlich  gewonnen,  ein  Boden,  in  dem  die  neue  Verfassung  vielleicht  feste
Wurzeln  schlagen  konnte.

Als  Anhang  der  Verfassung  erschien  neben  neun  anderen  organischen
Gesetzen  ein  Religionsedikt,  das  dem  Konkordate  die  ersehnte  „Interpre—
tation“  gab.  Darin  wurden  die  bewährten  Grundsätze  der  neuen  bay—
rischen  Kirchenpolitik  noch  einmal  zusammengestellt,  die  Parität  der  Be—
kenntnisse  unumwunden  anerkannt,  bei  gemischten  Ehen  die  Trennung  der
Kinder  nach  dem  Geschlechte  vorgeschrieben  und  der  Krone  das  altbayrische
Recht  des  Placet  gewahrt.  Kein  Satz  darin,  der  nicht  den  leitenden
Gedanken  des  Konkordats  geradezu  widersprach.  Der  Kurie  erschien  es
wie  Hohn,  daß  nunmehr  auch  das  Konkordat,  selbstverständlich  unter
Vorbehalt  der  Rechtsgrundsätze  des  Religionsedikts,  als  Staatsgesetz  ver—
kündigt  wurde.  Sie  klagte  heftig  über  den  offenkundigen  Vertragsbruch
und  ließ  sich  auch  nicht  beschwichtigen,  als  der  König  den  Kanonikus
Helfferich,  einen  der  ultramontanen  Oratoren  des  Wiener  Kongresses,
mit  beruhigenden  Versicherungen  nach  Rom  sendete.  Da  wagte  der  alte
Häffelin,  der  jetzt  im  glücklichen  Genusse  des  Kardinalspurpurs  alle  Scham
verlor,  eine  neue  grobe  Pflichtverletzung.  Er  versicherte,  wieder  eigenmächtig
  und  ohne  Helfferichs  Vorwissen:  das  Religionsedikt  gelte  nur  für  die
Akatholiken;  und  der  Papst  säumte  nicht,  diese  schimpfliche  Erklärung  in
einer  triumphierenden  Allokution  der  Welt  zu  verkündigen.

Zum  zweiten  Male  war  die  Ehre  der  bayrischen  Krone  durch  den  ungetreuen
  Gesandten  öffentlich  bloßgestellt;  einige  der  Minister  forderten
dringend  die  Bestrafung  des  „Staatsverbrechers“.  Aber  auch  diesmal  war
Max  Josephs  gutmütige  Schlaffheit  unbezwinglich.  Er  begnügte  sich,  seinen
Kreisregierungen  durch  ein  Reskript  einzuschärfen,  daß  das  Religionsedikt
für  jedermann  im  Königreiche  gelte,  und  mußte  nunmehr  neuen  beschämenden
  Händeln  mit  dem  erbitterten  Papste  entgegensehen.  Solche  Winkelzüge

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  23
        <pb n="362" />
        354  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

konnten  das  Ansehen  des  bayrischen  Hofs  bei  den  großen  Mächten,  das
ohnehin  seit  dem  Hervortreten  der  pfälzischen  Eroberungspläne  tief  gesunken
  war,  nicht  erhöhen;  jedoch  dem  Papste  gegenüber  stand  Bayern  im
Vorteil.  Die  Kurie  war  in  ihren  eigenen  Netzen  gefangen;  sie  hatte
selber  gehofft,  die  Veröffentlichung  des  Konkordats  als  eines  Staatsgesetzes
  könne  ihr  zum  Nutzen  gereichen,  und  sah  sich  nun  fast  wehrlos,
als  dies  Staatsgesetz  durch  ein  anderes  Gesetz  von  Rechtswegen  eingeschränkt
  wurde.  Das  große  Publikum  blieb  ohne  nähere  Kenntnis  von
allen  den  häßlichen  Wendungen  dieser  verworrenen  Händel  und  freute
sich  unbefangen  des  Sieges  der  weltlichen  Gewalt.  Einige  Monate  lang
genoß  Bayern  die  wohlfeile  Freude,  von  der  gesamten  deutschen  Presse
als  der  liberalste  aller  deutschen  Staaten  verherrlicht  zu  werden.

 

In  Bayern  befreite  die  Erfüllung  des  Art.  13  den  weltlichen  Arm
von  der  Last  des  Konkordats,  in  Baden  rettete  sie  den  Bestand  des
Staates  selber.  Schon  seit  einigen  Jahren  befand  sich  das  junge  Großherzogtum
  in  einem  gefährlichen  Zustande  arger  Zerrüttung,  und  fast
schien  es  als  sollte  dies  künstliche  Staatsgebilde  ebenso  schnell  wie  es
entstanden  war  wieder  verschwinden.  Das  alte  Haus  der  Zähringer
hatte  einst  weithin  am  Oberrhein  bis  in  das  schweizerische  Uchtland
hinauf  geherrscht  und  mit  den  Staufern  um  die  schwäbische  Herzogswürde
  gerungen;  seine  Städtegründungen  Bern  und  die  beiden  Freiburg
  erzählten  von  seinem  Ruhme.  Aber  schon  im  dreizehnten  Jahrhundert
  begann  der  Verfall,  die  Zähringer  sanken  zurück  in  die  Reihe
der  kleinen  Dynasten.  Als  Markgraf  Karl  Friedrich  von  Baden--Durlach
um  die  Mitte  des  achtzehnten  Jahrhunderts  die  Herrschaft  antrat,  gebot
er  über  ein  Ländchen  von  kaum  dreißig  Geviertmeilen,  das  von  der
Schweizer  Grenze  bis  über  Karlsruhe  hinab  in  mehreren  Stücken  zerstreut
  lag  und  zum  Reichsheere  ein  Simplum  von  95  Mann  stellte.
Als  seine  zweiundsechzigjährige  Regierung  im  Jahre  1811  zu  Ende  ging,
hatte  sich  das  Gebiet  fast  verzehnfacht.  Zuerst  wurde  das  katholische
Baden-Baden  mit  dem  lutherischen  Durlach  vereinigt;  dann  schüttete
Napoleon  das  buntscheckige  rechtsrheinische  Ufergelände  von  Konstanz  bis
Mannheim  zu  einem  seltsamen  Staate  zusammen,  der  sechzig  Meilen
lang  am  Rheine  hingedehnt,  an  seiner  schmalsten  Stelle  nur  zwei  Meilen
breit,  fast  allein  aus  Grenzbezirken  bestand.  Die  vorderösterreichischen
Landschaften  Nellenburg,  Breisgau,  Ortenau,  die  rechtsrheinische  Pfalz
und  Bruchstücke  der  Bistümer  Konstanz,  Straßburg,  Speier  wurden
mit  zahllosen  kleineren  Gebieten  von  Fürsten,  Grafen,  Reichsrittern  und
Reichsstädten  zusammengeworfen.  Zwei  Drittel  der  Untertanen  der  protestantischen
  Dynastie  waren  katholisch,  fast  ein  Drittel  des  Landes  gehörte
        <pb n="363" />
        Das  oberrheinische  Land.  355

den  unzufriedenen  mediatisierten  Häusern  der  Fürstenberg,  Leiningen,
Löwenstein.  Von  lebendigen  historischen  Erinnerungen  war  diesem  Ländergewirr
  nahezu  nichts  gemeinsam;  auch  im  Breisgau,  wo  der  Stamnstitz
des  Fürstenhauses  lag,  dachte  niemand  mehr  an  die  alten  zähringischen
Zeiten.

Und  doch  war  diese  ganz  moderne  Territorialbildung  gar  so  unnatürlich
  nicht.  Auf  dem  Kamme  des  Schwarzwalds,  fast  auf  den  nämlichen
  Stellen,  wo  jetzt  badisches  und  württembergisches  Land  aneinander
stieß,  standen  einst  in  den  Anfängen  der  christlichen  Zeitrechnung  die
Grenzzeichen  der  Kelten  und  der  Germanen,  und  auch  als  nachher  die
Alemannen  westwärts  bis  zu  den  Vogesen  vordrangen,  blieb  der  Schwarz--wald
  noch  immer  eine  natürliche  Grenze.  Auf  der  Ostseite  erhielt  sich
das  schwäbische  Volkstum,  abgeschieden  von  der  Welt,  in  seiner  ursprünglichen
  Kraft  und  Schwere.  Die  westlichen  Täler  des  Schwarzwaldes
  und  die  reiche  Ebene  davor  wurden  früh  in  die  Regsamkeit  des
rheinischen  Lebens  hineingezogen;  durch  das  oberrheinische  Land  ging  die
große  Heerstraße  zwischen  dem  Süden  und  dem  Norden,  während  nach
Schwaben  nur  wenige  stille  Gebirgswege  hinüberführten  und  auch  der
Verkehr  mit  dem  Elsaß  durch  das  ungebändigte  Wildwasser  des  Rheins
erschwert  wurde.  Von  alters  her,  seit  die  Römer  im  Tale  von  Baden
und  auf  der  Höhe  von  Badenweiler  ihre  üppigen  Bäder  errichteten,  war
der  sorglose  Genuß  in  diesem  gesegneten  Lande  zu  Haus;  nirgends  in
Deutschland  lebte  man  besser,  und  der  schwerfällige  Schwabe  verlästerte
seine  alemannischen  Stammgenossen  am  Oberrhein,  in  deren  Adern  allerdings
  viel  keltisches  und  römisches  Blut  floß,  als  windige  Franzosen.
Ungleich  empfänglicher  und  beweglicher  als  die  schwäbischen  Nachbarn,
aber  auch  ärmer  an  schöpferischen  Köpfen  hatte  sich  das  oberrheinische
Volk  zu  allen  Zeiten  den  neuen  Ideen,  welche  die  Welt  entzündeten,
mit  lärmender  Begeisterung  zugewendet.  So  lange  die  Kirche  durch  die
demagogischen  Mittel  der  Kreuzpredigten  und  der  Bettelorden  die  Massen
zu  erregen  verstand,  war  kein  deutsches  Land  kirchlicher  gesinnt  als  der
Oberrhein.  Mit  dem  gleichen  Ungestüm  stürzte  sich  das  Volk  nachher  in
die  Kämpfe  der  Reformationszeit,  aber  nur  die  Minderheit  besaß  die
Kraft,  in  den  Tagen  der  Prüfung  beim  evangelischen  Glauben  auszuhalten.
  Und  wieder  als  die  alamodische  Bildung  der  Franzosen  eindrang,
fand  sie  nirgends  in  Deutschland  eifrigere  Schüler.

Die  Verstandesweisheit  der  neuen  Aufklärung,  die  alles  historisch
gewordene  nur  als  Willkür  betrachtete,  mußte  unwiderstehlich  auf  dies
erregbare  Völkchen  wirken,  das  drei  Glaubensbekenntnisse  und  eine  Unzahl
  kraftloser,  zufälliger  Territorialgebilde  auf  engem  Raume  durcheinander
  gewürfelt  sah.  Sie  blieb  hier  obenauf,  auch  nachdem  die  klassische
und  die  romantische  Dichtung  im  übrigen  Deutschland  längst  schon  den

historischen  Sinn  geweckt  hatten;  und  als  nun  fremde  Willkür  alle  diese
·  23“
        <pb n="364" />
        356  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

alten  Zufallsstaaten  zu  einem  neuen,  der  aus  dem  Nichts  entstand,  zu—
sammenballte,  da  ward  dies  Land  die  natürliche  Heimat  eines  staat—
und  geschichtslosen  Liberalismus,  der  sich  das  politische  wie  das  kirchliche
Leben  schnellfertig  nach  den  untrüglichen  Grundsätzen  des  sogenannten
Vernunftrechts  zurecht  legte  und  durch  die  aufregende  Nachbarschaft  Frank—
reichs  und  der  Schweiz  zu  immer  kühneren  Forderungen  ermutigt  wurde.

Wohl  hatten  sich  auf  den  geschlossenen  großen  Bauernhöfen  des
Schwarzwalds  noch  manche  altväterische  Sitten  und  Trachten  erhalten;
weniger  freilich  als  nahebei  im  Elsaß,  wo  die  Fremdherrschaft  das  Volk
von  der  neuen  deutschen  Bildung  absperrte.  Auch  die  streng  kirchliche
Gesinnung  behauptete  sich  noch  in  einigen  Schlupfwinkeln.  Einzelne  alt—
lutherische  Gemeinden  saßen  da  und  dort  zerstreut,  vornehmlich  bei  Pforz—
heim;  ein  Teil  der  Seeschwaben  blieb  immer  klerikal;  die  Franken  aus
den  entlegenen  Tälern  des  hinteren  Odenwaldes  wallfahrteten  fleißig
zum  heiligen  Blut  nach  Walldürn  und  standen  in  ihrem  katholischen
Glaubenseifer  kaum  hinter  den  Münsterländern  zurück,  denn  wie  in
Westfalen  die  Wiedertäufer,  so  hatten  hier  im  malerischen  Taubergrunde
die  Mordbanden  des  Bauernkrieges  ihre  blutige  Spur  zurückgelassen,  das
Bauernschlachtfeld  von  Königshofen  und  die  schändlich  verstümmelte  Herrgottskirche
  von  Creglingen  erzählten  noch  von  den  Saturnalien  der  lutherischen
  Gecken.  Aber  die  vorherrschende  Gesinnung  des  Landes  war
durchaus  modern,  städtisch,  weltlich  aufgeklärt.  Im  Breisgau  und  den
anderen  vorderösterreichischen  Gebieten  schlugen  die  kirchlichen  und  politischen
  Grundsätze  Josephs  II.  weit  tiefere  Wurzeln  als  in  den  östlichen
Kronlanden  des  Hauses  Lothringen;  der  philosophische  Kaiser  ward  hier
allgemein  als  das  Fürstenideal  gefeiert.  Die  Pfälzer  andererseits  wollten
nach  allen  den  gräßlichen  Glaubenskriegen,  die  ihre  schöne  Heimat  verwüstet,
  nun  endlich  des  konfessionellen  Friedens  genießen,  und  er  war
nirgends  unentbehrlicher  als  hier  wo  fast  in  jedem  Städtchen  eine  Simultankirche
  stand;  sie  rühmten  sich  ihres  Karl  Ludwig,  des  duldsamen  Kurfürsten,
  der  in  Mannheim  die  Friedenskirche  für  alle  drei  Bekenntnisse  errichtet
  hatte.  In  Heidelberg  gaben  Paulus  und  Voß,  in  Freiburg  Rotteck  den
Ton  an.  Der  protestantische  Rationalismus  des  Unterlandes  reichte  dem
josephinischen  Katholizismus  des  Oberlandes  die  Hand,  und  was  die  Köpfe
der  gebildeten  Klassen  erfüllte  drang  tief  in  die  Masse  des  Volkes  hinab;
denn  die  ungebundene  oberrheinische  Lebenslust  ließ  eine  so  scharfe  Trennung
  der  Stände,  wie  sie  im  Norden  noch  bestand,  nicht  aufkommen;
in  den  zahllosen  kleinen  Städten  fand  sich  überall  ein  behagliches  Wirtshaus,
  wo  der  Bauer  am  Markttag  mit  den  studierten  Leuten  verkehrte.

Es  war  kein  Zufall,  daß  gerade  in  diesem  Lande  der  demokratischen
  Sitten  die  ersten  wirklichen  Volksbücher  unserer  neuen  Literatur  erschienen.
  Seit  dem  Verfasser  des  Simplizissimus,  Grimmelshausen,  hatte
der  Oberrhein  keinen  bedeutenden  Dichter  mehr  gesehen;  jetzt  freute  sich
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        Alemannen  und  Pfälzer.  357

hoch  und  niedrig  an  den  köstlichen  Kalendergeschichten  des  Rheinischen
Hausfreundes  und  an  den  alemannischen  Gedichten  Hebels,  die  in  der
treuherzigen  Volkssprache  von  dem  Glücke  des  gemütlichen  Oberlandes
erzählten,  von  seinen  dunklen  Wäldern  und  plaudernden  Bächen,  von
den  Kästenbäumen  und  dem  Markgräflerweine,  von  dem  Frohsinn,  der
Schelmerei,  dem  kräftigen  Verstande  seiner  aufrechten  Mannen  und
schönen  Dirnen.  Sonne  und  Mond,  Tages=  und  Jahreszeiten,  alle
Schicksalsmächte,  die  das  Leben  des  Landvolks  bestimmen,  nahmen  in
diesen  lieblichen  Idyllen  die  Gestalt  und  Sprache  alemannischer  Bauern
an,  so  daß  Goethe  rühmte,  der  oberländische  Poet  verbauere  auf  die  naivste,
anmutigste  Weise  durchaus  das  Universum.  Und  auch  darum  erschien
Hebel  als  ein  echter  Volksdichter,  weil  er  ganz  erfüllt  war  von  dem
Geiste  der  Aufklärung,  der  hier  zu  Lande  in  der  Luft  lag.  Ein  kindlich
  frommer  Rationalist  sah  er  über  den  Streit  der  Bekenntnisse  mit
einer  Milde  hinweg,  die  den  kirchlichen  Eiferern  fast  bedenklich  vorkam,
und  versäumte  selten  den  lustigen  Geschichten  seines  Hausfreundes  eine
hausbackene  moralische  Nutzanwendung,  die  doch  immer  in  den  Schranken
der  Kunst  blieb,  anzuhängen.

Der  Schwerpunkt  des  neuen  Staates  lag  in  dem  überwiegend  katholischen
  Oberlande.  Wohl  währte  es  lange,  bis  die  Breisgauer  sich  über
die  Trennung  von  dem  geliebten  Kaiserhause  trösteten.  Der  Adel  vergaß
die  Schließung  seines  Freiburger  Ständehauses  nicht  und  unterhielt  erst
mit  den  französischen  Emigranten,  dann  mit  dem  Wiener  Hofe  einen  verdächtigen
  Verkehr;  die  Bürger  beklagten,  daß  die  Altbadener  im  Staatsdienste
  bevorzugt  würden,  die  alten  Markgrafenlande  immer  die  tüchtigsten
Amtleute  erhielten.  Am  Ende  mußten  die  vorderösterreichischen  Alemannen
die  Verbindung  mit  den  badischen  Stammgenossen  doch  natürlich  finden.

Weit  langsamer  gewöhnten  sich  die  pfälzischen  Franken  des  Unterlandes
an  den  neuen  Landesherrn.  Was  konnte  Badens  bescheidene  Geschichte
aufweisen  gegen  die  stolzen  Erinnerungen  des  ältesten  rheinischen  Kurfürstentums,
  das  so  lange  den  Reichsapfel  des  Kaisers  getragen  und,  ein
gefürchteter  Störenfried  der  geistlichen  Nachbarn  ringsum,  der  streitbaren
reformierten  Kirche  dort  am  Unterlaufe  des  Neckars  eine  feste  Burg  errichtet
  hatte?  Trotz  allem  Jammer  der  letzten  kurfürstlichen  Zeiten  blieb
das  Volk  noch  bei  dem  alten  Spruche:  fröhlich  Pfalz,  Gott  erhalt's.
Man  sprach  noch  gern  von  den  alten  Tagen,  da  es  so  hoch  herging  am
großen  Faß  zu  Heidelberg;  und  die  glückliche  Mutter  sagte  stolz  von  ihrer
schönen  Tochter:  sie  schaut  aus  wie  eine  Pfalzgräfin.  Die  freieren  Köpfe
wendeten  sich,  als  sie  ihr  geliebtes  altes  Gemeinwesen  zusammenbrechen
sahen,  den  nationalen  Ideen  zu.  Keine  Landschaft  im  Süden  war  so  gut
deutsch  gesinnt.  Die  rechtsrheinischen  Pfälzer  hatten  sich  vor  ihren  überrheinischen
  Mitbürgern  immer  durch  ein  regeres  geistiges  Leben  ausgezeichnet
und  auch  als  das  linke  Rheinufer  der  Fremdherrschaft  verfiel,  die  Fühlung
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        358  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

mit  der  norddeutschen  Bildung  nie  verloren;  wie  sollte  das  Franzosentum
des  Überrheins  hier  Wurzeln  schlagen,  wo  man  die  Hunde  mit  den  Namen
der  gallischen  Mordbrenner  Duras  und  Melac  rief?  Von  badischer  Staatsgesinnung
  aber  zeigte  sich  noch  keine  Spur;  auch  die  alte  Hochschule  wollte
immer  nur  dem  ganzen  Vaterlande  angehören,  obgleich  sie  ihre  neue
Blüte  dem  badischen  Fürstenhause  verdankte.  In  Mannheim,  der  Residenz
  der  letzten  Kurfürsten,  bestand  noch  eine  starke  Wittelsbachische  Partei,
die  den  begehrlichen  Plänen  des  Münchener  Hofes  willig  entgegenkam.
Die  alten  pfalzbayrischen  Beamten  und  der  sittenlose  Adel  sehnten  sich  zurück
nach  dem  frivolen  Hofe  Karl  Theodors;  auch  die  Bürgerschaft  hatte  in
jenen  lustigen  Tagen  viel  verdient  und  beklagte  überdies  den  Verfall
ihres  Theaters,  das  einst  unter  Dalbergs  und  Ifflands  Leitung  mit  den
besten  Bühnen  Deutschlands  gewetteifert  und  Schillers  Räuber  zuerst
aufgeführt  hatte.  Die  neue  Landeshauptstadt  Karlsruhe  wollte  in  der
Pfalz  niemand  gelten  lassen.  Der  langweilige  Ort,  hundert  Jahre  zuvor
durch  die  Laune  des  Markgrafen  Karl  Wilhelm  gerade  an  der  häßlichsten
Stelle  des  schönen  Landes  gegründet,  wuchs  noch  immer  sehr  langsam
aus  den  Alleen  des  Hardtwaldes  heraus;  die  eintönigen  Häuserzeilen
des  regelrechten  Straßenfächers  erschienen  nur  noch  öder,  seit  Weinbrenner
sie  mit  seinen  Tempelbauten  schmückte  und  den  Beweis  führte,  daß  unter
allen  Formen  des  Zopfstils  keine  so  geistlos  ist  wie  der  klassische  Zopf.

So  starke  widerstrebende  Kräfte  im  Frieden  einem  neuen  Gemeinwesen
  einzufügen  konnte  nur  dem  persönlichen  Ansehen  des  ehrwürdigen
alten  Karl  Friedrich  gelingen.  Der  greise  Herr  galt  seit  langem  als  das
Muster  eines  kleinen  Landesvaters.  Durchaus  aufgeklärt  und  duldsam,  ein
Freund  Karl  Augusts  von  Weimar,  hielt  er  doch  seinen  altväterischen
Christenglauben  fest  und  begünstigte  unter  den  Talenten  der  neuen  Literatur
  vornehmlich  jene,  die  ein  warmes  religiöses  Gefühl  zeigten,  Klopstock,
Herder,  Lavater,  Jung  Stilling;  empfänglich  für  die  Ideen  des  neuen
Frankreichs,  ein  Bewunderer  der  physiokratischen  Wirtschaftslehre,  blieb
er  doch  ein  kerndeutscher  Mann,  immer  darauf  bedacht,  wie  durch  einen
Fürstenbund  dem  wankenden  alten  Reiche  neues  Leben  gebracht,  durch
eine  deutsche  Akademie  „der  Allgemeingeist“  der  Nation  geweckt  werden
könne,  und  es  war  wahrlich  ein  unverdientes,  grausames  Schicksal,  daß
dieser  treue  Patriot  am  Abend  seines  Lebens  den  Fluch  der  Kleinstaaterei
erfahren  und  schweren  Herzens  die  Fesseln  des  Fremdlings  tragen  mußte.
Er  förderte  die  Bildung  und  den  Wohlstand  seines  Landes  durch  eine
umsichtige  Gesetzgebung,  die  in  Süddeutschland  ohnegleichen  dastand,  und
verstand  sich  auch  auf  die  Sprache  des  Herzens,  welche  dem  patriarchalischen
  Völkchen  unserer  Kleinstaaten  von  jeher  noch  wertvoller  war
als  das  politische  Verdienst.  In  jedem  altbadischen  Wirtshause  hing
die  „Badische  Landestafel“:  das  Bild  des  Fürsten  und  darunter  seine
väterliche  Antwort  auf  die  Danksagungen,  welche  ihm  sein  Land  nach  der
        <pb n="367" />
        Karl  Friedrich  und  Karl  von  Baden.  359

Aufhebung  der  Leibeigenschaft  gesendet.  Und  welch  ein  Jubel  vollends,  als
Karl  Friedrich  dem  wackeren  Holzhändler  Anton  Rindeschwender,  dem
Wohltäter  des  Murgtals,  der  Landesherr  dem  Untertan,  ein  Denkmal
errichtete.  Herder  meinte,  das  sei  der  erste  Fürst  ganz  ohne  Fürstenmiene.

Daher  fand  die  Propaganda  der  Franzosen,  als  sie  von  Basel  aus  die
Verfassungsurkunde  der  Deutschen  Republik  im  Oberlande  verbreiteten,  in
den  zufriedenen  Markgrafenlanden  nur  vereinzelte  Anhänger,  ungleich
weniger  als  in  Württemberg  und  Bayern.  Auch  in  den  neuen  Landesteilen
  verfuhr  der  Organisator  der  badischen  Verwaltung  Geh.  Rat
Brauer  weit  schonender  als  die  harten  Bureaukraten  der  Nachbarstaaten;
nur  der  Klerus  beklagte,  daß  selbst  dieser  fromme  Christ  das  Mißtrauen
gegen  die  katholische  Kirche,  das  allen  altbadischen  Beamten  eigen  war,
nicht  überwinden  konnte.  Da  der  Adel  in  der  Pfalz  und  im  Breisgau
den  neuen  Staat  mit  stillem  Grolle  ansah,  so  bewahrte  sich  das  Beamtentum
  seinen  überwiegend  bürgerlichen  Charakter;  auch  die  törichte
rheinbündische  Erfindung  des  Personaladels  für  Ordensritter,  die  in
Bayern  und  Württemberg  manchen  eitlen  Kopf  verdrehte,  blieb  hier  unbekannt.
  Die  neue  Ordnung  fand  ihren  Abschluß  durch  die  Einführung
des  badischen  Landrechts,  einer  geschickten  Bearbeitung  des  Code  Napoleon.
Alles  in  diesem  Staate  war  modern.

Erst  nach  Karl  Friedrichs  Ableben  traten  die  Mächte  des  Zerfalls,
welche  der  neue  Staat  umschloß,  drohend  hervor.  Sein  Enkel,  der  junge
Großherzog  Karl  war  durch  eine  herrschsüchtige  Mutter  aller  ernsten
Arbeit  entfremdet  worden  und  hatte  sich  früh  in  Ausschweifungen  gestürzt,
  in  der  Blüte  der  Jahre  die  Lebenskraft  verloren.  Begabt  und
liebenswürdig  von  Natur  versank  er  bald  in  ein  dumpfes,  träges  Brüten;
ganze  Zimmer  seines  Schlosses  lagen  angefüllt  mit  Akten,  Briefen,  Zusendungen
  aller  Art,  die  er  weder  selbst  erledigen  noch  irgend  einem
Menschen  anvertrauen  wollte.  So  lebte  der  arme  Kranke  dahin,  freundlos,
  verschlossen,  unergründlich,  immer  mit  seinen  schönen,  schlauen  Augen
um  sich  spähend,  wer  ihn  wohl  betrügen  wolle;  nur  seine  Gemahlin
Stephanie  Beauharnais,  die  er  einst  auf  Napoleons  Befehl  widerwillig
geheiratet  hatte,  trat  ihm  jetzt  näher,  da  er  einem  frühen  Tode  entgegenwelkte,
  und  beglückte  ihn  durch  den  Reichtum  ihres  fröhlichen  Herzens.

Unter  einem  solchen  Fürsten  ward  alles  unberechenbar.  Unterstützt
  durch  den  französischen  Gesandten  Bignon  gelangte  eine  bonapartistische
  Partei  ans  Ruder,  und  unternahm,  den  kleinen  Staat  sofort  nach
dem  Pariser  Muster  umzugestalten;  durch  Härte  und  Willkür  ging  alles
Vertrauen,  das  sich  die  neue  Landesherrschaft  mühsam  erworben  hatte,
wieder  verloren.  Die  Beamten  verwilderten  erstaunlich  schnell;  sie  hatten
sich  schon  in  der  guten  alten  Zeit  durch  ihren  bureaukratischen  Bevormundungseifer
  ausgezeichnet,  jetzt  wurde  Baden  neben  Darmstadt  und
Nassau  das  klassische  Land  des  unnützen  Vielregierens.  Auf  mancher
        <pb n="368" />
        360  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Landstraße  konnte  der  Wanderer  die  numerierten  Obstbäume  bewundern,
und  am  Eingange  eines  breiten  Feldwegs  begrüßte  ihn  zuweilen  die  In—
schrift:  „Dieser  Weg  ist  erlaubt.“  An  bestimmten  Terminen  hielt  der  Amt—
mann  den  berüchtigten  „Unzuchtstag“  zur  Abstrafung  aller  der  Schwanger—
schaft  verdächtigen  Mädchen,  und  für  die  abgeschaffte  Tortur  wußte  er  sich
genügenden  Ersatz  zu  schaffen,  indem  er  jeden  Angeklagten,  der  im  Verhör
eine  Unwahrheit  sagte,  von  Rechtswegen  ausprügeln  ließ.  Und  bei  all
ihrer  Vielgeschäftigkeit  zeigten  sich  diese  kleinen  Despoten  gewissenlos,
saumselig  im  Dienst,  seit  sie  das  Auge  „des  Herrn“  —  so  hieß  der  Großherzog
  schlechtweg  —  nicht  mehr  zu  fürchten  hatten.  Die  Finanzen  gerieten
  bald  in  arge  Bedrängnis,  durch  die  Kriegsnöte  und  durch  die
Schuld  der  leichtfertigen  Verwaltung;  für  das  Jahr  1816  berechnete  man
ein  Defizit  von  1,1  Mill.  Fl.  In  den  letzten  Jahren  des  napoleonischen
Zeitalters  wurde  durch  zwei  treffliche  junge  Finanzmänner,  Böckh  und
Nebenius,  ein  gleichmäßiges  Steuersystem  eingeführt,  das  sich  späterhin
gut  bewährte  und  im  wesentlichen  noch  heute  besteht;  doch  Jahre  vergingen,
  bis  sich  das  Volk  an  die  neuen  Lasten  gewöhnte.  Die  Mißstimmung
  stieg  unaufhaltsam;  überall  erklang  der  Ruf:  nur  ein  Landtag
könne  den  Sultanismus  dieses  Beamtentums  noch  in  Schranken  halten.
Den  Mediatisierten  und  den  Reichsrittern  war  sogar  die  grundherrliche
Gerichtsbarkeit,  den  Verheißungen  der  Rheinbundsakte  zuwider,  genommen
  worden;  sie  äußerten  ihren  Groll  mit  der  höchsten  Erbitterung  und
verhehlten  nicht,  daß  sie  an  die  Zukunft  dieses  Staates  von  gestern  nicht
mehr  glaubten.  Das  Werk  Karl  Friedrichs  krachte  in  allen  Fugen,  und
zu  den  inneren  Nöten  gesellte  sich  noch  die  Bedrängnis  von  außen:
die  Begehrlichkeit  der  Wittelsbacher.  Sie  mußte  den  Großherzog  um  so
tiefer  verletzen,  da  König  Max  Joseph  seine  pfälzischen  Pläne  immer  nur
den  großen  Mächten  vortrug  und  den  Schwager  in  Karlsruhe  nicht  einmal
  einer  Nachricht  würdigte.

Der  Münchener  Hof  stützte  seine  vorgeblichen  Ansprüche  nicht  bloß
auf  die  Versprechungen  des  Rieder  Vertrags,  sondern  auch  auf  die  Behauptung,
  daß  die  Dynastie  der  Zähringer  dem  Erlöschen  nahe  sei.  Markgraf
  Karl  Friedrich  hatte  nämlich  im  hohen  Alter  eine  zweite  Heirat
mit  der  Freiin  von  Geyersberg,  die  er  zur  Gräfin  von  Hochberg  erhob,
geschlossen  und  gleich  bei  der  Hochzeit  den  Sprößlingen  dieser  Ehe  das
Thronfolgerecht  ausdrücklich  vorbehalten  für  den  Fall  des  Aussterbens
seiner  übrigen  Nachkommen.  Da  die  sämtlichen  Agnaten  diesen  Vorbehalt
  anerkannten  und  andere  Anwärter  nicht  vorhanden  waren,  so
ließ  sich  der  Anspruch  der  Grafen  von  Hochberg  auf  die  Thronfolge
nicht  bestreiten;  überdies  war  das  Haus  Baden  seit  dem  Untergange
des  Reichs  souverän  und  mithin  befugt  seine  Hausgesetze  selbständig  zu
ordnen.  Aber  das  Kapitel  von  der  Ebenbürtigkeit  gehört  bekanntlich  zu  den
jedem  menschlichen  Scharfsinne  unlösbaren  Kontroversen,  woran  das
        <pb n="369" />
        Bayerns  Erbansprüche.  361

deutsche  Fürstenrecht  so  reich  ist;  die  Thronbesteigung  des  Sohnes  einer
unebenbürtigen  Mutter  war  in  den  größeren  deutschen  Fürstenhäusern
immer  nur  als  ein  seltener  Ausnahmefall  vorgekommen,  und  obgleich
sowohl  die  Zähringer  als  die  Wittelsbacher  selbst  Frauen  vom  niederen
Adel  zu  ihren  Stammüttern  zählten,  so  ergriff  doch  das  bayrische  Kabinett
begierig  den  willkommenen  Vorwand  und  ließ  an  allen  Höfen  versichern,
von  einem  Erbfolgerechte  der  Hochberge  könne  nicht  die  Rede  sein.  Die
Hofburg  schenkte  der  dreisten  Beteuerung  willig  Glauben;  alle  die  geheimen
  Verträge  über  den  Rückfall  der  Pfalz  beruhten  auf  der  Voraussetzung
  des  bevorstehenden  Aussterbens  der  Zähringer.

Für  diesen  Fall  hielten  die  bayrischen  Kronjuristen  noch  einen  zweiten,
ebenso  erstaunlichen  Rechtsanspruch  bereit.  Die  Grasschaft  Sponheim  an
der  Nahe  hatte  einst  durch  vier  Jahrhunderte  den  Häusern  Pfalz  und
Baden  gemeinsam  gehört,  und  nach  dem  Beinheimer  Entscheide  vom  Jahre
1425  sollte  beim  Erlöschen  des  einen  Hauses  die  gesamte  Grasschaft  an
das  überlebende  Geschlecht  fallen.  Unzweifelhaft  war  der  alte  Erbvertrag
längst  erloschen,  da  beide  Besitzer  die  Grafschaft  im  Luneviller  Frieden  an
Frankreich  abgetreten  und  für  ihren  Verlust  fünffache  Entschädigung  erhalten
  hatten.  Gleichwohl  verlangte  Bayern  jetzt  nochmals  Entschädigung
für  den  Fall,  daß  der  letzte  Nachkomme  aus  der  ersten  Ehe  Karl  Friedrichs
stürbe.  Der  erloschene  Erbanspruch  auf  Sponheim  sollte  dem  bayrischen
Kronprinzen  die  ersehnte  „Wiege"  seiner  VBäter,  das  Heidelberger  Schloß
nebst  Mannheim  und  dem  herrlichen  Lobdengau  zurückbringen:  welch  ein
Ersatz  für  das  arme  Ländchen  auf  dem  Hunsrücken,  für  ein  Gebiet  von
23,000  Einwohnern!  Es  war  ein  Gewebe  schlechter  Advokatenkünste,  das
noch  einmal  zeigte,  wie  gründlich  die  rheinbündische  Politik  alle  Scham
und  alles  Rechtsgefühl  an  den  kleinen  Höfen  verwüstet  hatte.

Die  Lage  des  Karlsruher  Hofs  ward  mit  jedem  Tage  unheimlicher.
Noch  schwächer  als  zuvor  war  der  Großherzog  vom  Wiener  Kongresse
heimgekehrt.  Er  betrachtete  seinen  Neffen,  den  Kronprinzen  von  Bayern
als  seinen  geschworenen  Feind  und  scherzte  bitter:  das  sei  doch  unerhört,
daß  ein  erwachsener  Mann  sich  so  lebhaft  nach  seiner  Wiege  sehne.  In
Augenblicken  krankhafter  Erregung  argwöhnte  er  sogar,  daß  ihm  die
Bayern  in  Wien  Gift  unter  die  Speisen  gemischt  hätten.  Im  Jahre
1812  hatte  er  seinen  Erbprinzen  bald  nach  der  Geburt  verloren;  da  ward
ihm  im  Mai  1816  wieder  ein  Erbe  geboren,  aber  auch  dieser  Sohn
starb  nach  Jahresfrist  plötzlich  dahin.  Finstere  Gerüchte  durchschwirrten
  die  Stadt:  warum  mußte  der  Tod  gerade  die  beiden  Söhne  des  Fürsten
treffen,  während  die  Prinzessinnen  sämtlich  am  Leben  blieben?  konnten
die  rastlosen  Wittelsbachischen  Erbschleicher  nicht  auch  hier  die  Hand  im
Spiele  haben?  Der  bayrische  Gesandte  beförderte  selber  den  törichten
Verdacht,  da  er  mit  schadenfrohem  Behagen  das  Unglück  überall  besprach
  und  bedeutsam  hinzufügte,  an  solchen  Heimsuchungen  erkenne  man
        <pb n="370" />
        362  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

das  Verhängnis  eines  untergehenden  Staats.“)  Nunmehr  war  aus  der
älteren  Linie  der  Zähringer  nur  noch  ein  Erbe  am  Leben,  der  unverhei—
ratete  Oheim  des  Großherzogs,  Markgraf  Ludwig;  starb  auch  dieser,  so
kam  die  Krone  an  den  Grafen  Leopold  von  Hochberg,  dem  der  Münchener
Hof  die  Thronfolge  bestritt.

Nur  der  Schutz  der  großen  Mächte  vermochte  die  Dynastie  vor  dem
Untergange  zu  bewahren;  gleichwohl  konnte  der  Großherzog  sich  nicht  zur
Entlassung  des  elenden  Ministers  entschließen,  der  an  der  verzweifelten
Lage  des  Landes  die  Hauptschuld  trug  und  bei  allen  Höfen  im  schlechtesten
  Rufe  stand.  Freiherr  von  Hacke,  ein  roher,  frivoler  Schlemmer
aus  der  Schule  des  alten  Mannheimer  Hofs,  war  dem  Imperator  ein
williger  Scherge  gewesen  und  trieb  auch  jetzt  noch,  soweit  seine  unverbesserliche
  Trägheit  dies  vermochte,  rheinbündische  Politik:  schon  auf  dem
Pariser  Friedenskongresse  hatte  er  versucht  einen  Sonderbund  der  Mittelstaaten
  zu  stiften,  dem  Bundestage  gegenüber  verfuhr  er  als  verstockter
Partikularist.  Die  bayrischen  Ansprüche  behandelte  er  mit  unverantwortlichem
  Leichtsinn,  selbst  die  Abtretung  der  Pfalz  gegen  ein  Stück  Geldes
schien  ihm  nicht  unannehmbar,  und  der  preußische  Geschäftsträger  Varnhagen
  schrieb  dem  Staatskanzler:  „soll  das  Großherzogtum  Baden  bestehen,
  so  muß  es  gleichsam  dazu  gezwungen  werden.““)

Auch  die  Verfassungsangelegenheit  rückte  nicht  von  der  Stelle.  Auf
die  dringenden  Vorstellungen  Steins  und  des  Zaren  Alexander  hatte
der  Großherzog  noch  von  Wien  aus  eine  Kommission  zur  Beratung  des
neuen  Grundgesetzes  einberufen,  und  diese  brachte  im  Frühjahr  1815
eine  Verfassung  zustande,  auf  Grund  eines  Entwurfes,  den  ihr  der
Freiherr  von  Marschall,  ein  wackerer  Patriot  aus  Karl  Friedrichs  guter
Zeit,  vorgelegt.  Aber  der  Kriegslärm  des  folgenden  Sommers  warf  alles
wieder  über  den  Haufen.  Darauf  regte  sich  der  Adel  des  Unterlandes
und  forderte  in  wiederholten  drohenden  Eingaben  die  Erfüllung  des  Art.  13,
ganz  so  trutzig  wie  einst  die  Landschaden  von  Steinach  und  die  anderen
ritterlichen  Genossen  des  Sickingers  zu  ihren  Nachbarfürsten  geredet
hatten;  Massenbach  und  Graf  Waldeck,  die  ständischen  Demagogen  aus
Württemberg,  halfen  eifrig  mit;  auch  aus  bürgerlichen  Kreisen  liefen
mahnende  Bittschriften  ein.  Die  Regierung  aber  suchte,  nach  altem  Rheinbundsbrauche,
  die  klagenden  Ritter  mit  harten  Strafen  heim,  und  der
Heidelberger  Strafrechtslehrer  Martin  mußte  seinen  Lehrstuhl  verlassen.
Indes  kam  die  Verfassungsarbeit  doch  wieder  in  Gang;  im  März  1816
verhieß  der  Großherzog  seinem  Volke  feierlich  die  Einberufung  einer
Ständeversammlung  auf  den  1.  August,  und  im  Laufe  des  Sommers
wurde  in  der  Tat  ein  dritter  und  ein  vierter  Entwurf  ausgearbeitet.

*)  Varnhagens  Bericht,  Karlsruhe  11.  Mai  1817.
**)  Varnhagens  Bericht,  4.  Januar  1817.
        <pb n="371" />
        Vertagung  der  Verfassung.  363

Aber  auch  diesmal  gelangte  man  zu  keiner  Entscheidung.  Während  der
ehrlich  konstitutionelle  Marschall  dringend  riet,  die  unzufriedene  Ritter—
schaft  durch  die  Bildung  einer  ersten  Kammer  zu  versöhnen,  sprachen  sich
die  bonapartistischen  Beamten,  die  geheimen  Gegner  der  Verfassung,  ent—
schieden  für  das  Einkammersystem  aus,  weil  sie  den  Adel  als  den  ge—
borenen  Feind  des  grünen  Tisches  beargwöhnten,  und  der  doktrinäre
Adelshaß  des  preußischen  Geschäftsträgers  arbeitete  ihnen  vielgeschäftig  in
die  Hände.  Gänzlich  unberufen,  ohne  in  Berlin  auch  nur  anzufragen,
erteilte  Varnhagen  dem  Karlsruher  Hofe  seine  Ratschläge,  die  allesamt
mit  dem  unfehlbaren  Vernunftrechte  seines  Freundes  Rotteck  merkwürdig
übereinstimmten.  „Eine  Adelskammer  wird  nur  allzu  leicht  dem  Throne
auf  Kosten  des  Volks  gefährlich.  Wer  führte  in  Württemberg  zuerst
eine  wahrhaft  aufrührerische  Sprache?“  Will  man  durchaus  eine  erste
Kammer,  so  berufe  man  Menner,  die  durch  ihr  Alter  oder  ihr  Amt  ausgezeichnet
  sind.  Diese  Sätze,  so  schloß  er  mit  der  ganzen  Selbstgefälligkeit
  des  jungen  Liberalismus,  sind  „triviale  Wahrheiten,  von  denen  die
Nachwelt  nicht  wird  begreifen  können,  wie  so  nicht  alles  darin  übereinstimmte.““)


Uber  diesen  und  anderen  Streitigkeiten  verging  wieder  eine  geraume
Zeit,  bis  es  den  Gegnern  der  Reform  endlich  gelang  den  unentschlossenen
Fürsten  zu  einem  neuen  Aufschube  zu  bereden.  Am  29.  Juli,  gerade  in
dem  Augenblicke  da  jedermann  die  versprochene  Einberufung  des  Landtags
  erwartete,  wurde  das  Land  durch  ein  Reskript  überrascht,  das  die
Verkündigung  der  Konstitution  für  jetzt  vertagte;  erst  müsse  der  Bundestag
  die  leitenden  Grundsätze  für  die  deutschen  Landesverfassungen  aufstellen.
Und  dies  aus  dem  Munde  desselben  Fürsten,  der  sich  mit  den  Verfassungsplänen
  nur  darum  befaßt  hatte,  weil  er  seine  Souveränität  gegen  die
Eingriffe  des  Bundes  sichern  wollte!  Allgemein  war  die  Enttäuschung,
die  Entrüstung.  Die  Torheit  der  unbedachten  Versprechungen  bestrafte
sich  hier,  wo  so  viel  Grund  zum  Klagen  vorlag,  noch  härter  als  in
Preußen.  Eine  giftige  Schmähschrift  „Gemälde  des  Großherzogtums
Baden“  verhöhnte  den  schlemmenden  Minister  Hacke,  der  das  ganze  Land
in  Spanferkel  und  Spargel  verwandeln  wolle.  Dazu  die  Not  des  Hungerjahres,
  der  wachsende  Steuerdruck,  und  im  Oberlande  lauter  Unwille,  als
plötzlich  bekannt  wurde,  daß  die  Regierung  aus  Rücksichten  der  Sparsamkeit
  die  Freiburger  Universität  mit  der  Heidelberger  zu  vereinigen  gedenke.
Alle  Breisgauer  verwünschten  diesen  Plan  als  einen  Eingriff  in  ihr  altes
Landesrecht;  Rotteck  nahm  sich  seiner  Landsleute  kräftig  an,  er  wußte
wohl,  daß  seine  josephinische  Gesinnung  in  der  protestantischen  Luft  der
Pfalz  auf  die  Dauer  nicht  gedeihen  konnte.  Diesem  erbitterten  Widerspruche
  fühlte  sich  die  Regierung  nicht  gewachsen;  sie  gab  den  unglücklichen

 

*)  Varnhagen  an  Berstett,  8.  Mai  1816.
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        364  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Gedanken  auf,  und  die  ehrwürdige  Albertina  blieb  erhalten,  eine  be—
scheidene  aber  fruchtbare  Bildungsstätte  für  das  Oberland,  noch  immer
ein  Brunnen  des  Lebens,  wie  es  ihr  Stifter  Erzherzog  Albert  ihr  einst
gewünscht  hatte.  —

Mittlerweile  ward  das  geplagte  Land  auch  durch  kirchliche  Wirren
heimgesucht:  durch  einen  Streit  mit  der  Kurie,  der  für  die  deutsche  Kirchen—
politik  fast  ebenso  folgenreich  werden  sollte  wie  der  Kampf  um  das  bayrische
Konkordat,  denn  er  vollendete  die  Niederlage  der  nationalkirchlichen  Bestre—
bungen.  Seit  Jahren  verwaltete  Heinrich  von  Wessenberg  als  Generalvikar
das  Bistum  Konstanz.  Geistliche  und  Laien  rühmten  seine  Milde,  seine  ge—
wissenhafte  Tätigkeit,  die  apostolische  Reinheit  seines  Wandels  und  nahmen
aus  der  Hand  des  allbeliebten  Oberhirten  willig  eine  Neuerung  hin,
welche  der  josephinischen  Aufklärung  des  Oberlandes  entsprachen  aber  mit
der  strengen  Einheit  der  römischen  Kirche  sich  kaum  noch  vertrugen-  Wessenberg
  führte  deutsche  Andachtsbücher  in  den  Gemeinden  ein,  ließ  die  Bibel,
die  er  gern  das  Buch  der  befreiten  Menschheit  nannte,  in  deutscher  übersetzung
  unter  seiner  Herde  verbreiten;  er  verminderte  die  Uberzahl  der
Feiertage  und  gestattete  die  Einsegnung  gemischter  Ehen,  wenn  nur  die
Kinder  nach  dem  Geschlechte  zwischen  beiden  Bekenntnissen  geteilt  würden.
Beim  Gottesdienst  suchte  er  die  Formenschönheit  des  katholischen  Kultus
mit  der  eindringlichen  Lehre  der  Protestanten  zu  verbinden;  noch  heute
erzählen  die  alten  Leute  am  Bodensee  gern,  wie  erbaulich  es  damals  in
der  Kirche  gewesen,  da  die  Predigt  noch  neben  dem  Meßopfer  zur  vollen
Geltung  kam.  Sein  Meersburger  Priesterseminar  gab  den  jungen  Geistlichen
  tüchtigen  wissenschaftlichen  Unterricht  und  erzog  sie  in  den  Grundsätzen
  einer  friedfertigen,  weitherzigen  Duldung,  welche  freilich  zuweilen
zu  unkirchlicher  Verschwommenheit  führte.  Nicht  lang,  so  begann  die
kleine  klerikale  Partei  des  Bistums  sich  über  den  ketzerischen  Neuerer  in
Rom  zu  beschweren;  die  Kurie  sprach  ihm  mehrmals  ihr  Mißfallen  aus,
der  Nuntius  in  Luzern  lebte  mit  ihm  in  offener  Fehde.

Er  aber  ahnte  nicht,  daß  die  grandiose  Konsequenz  der  römischen
Kirche  dem  Christen  nur  die  Wahl  läßt  zwischen  der  Unterwerfung  und
dem  Abfall;  er  wähnte  den  Mahnungen  des  Papstes  widerstehen  und  doch
ein  katholischer  Kirchenfürst  bleiben  zu  können.  Dieser  frommen,  liebreichen
Natur  war  es  nicht  gegeben,  die  großen  Gegensätze  des  kirchlichen  Lebens
in  ihrer  unerbittlichen  Schärfe  zu  erkennen.  Durch  eifriges  Lesen  und
im  Verkehre  mit  den  gelehrten  Prälaten  der  alten  Zeit  erwarb  er  sich
eine  Fülle  mannigfaltiger  Kenntnisse  und  gelangte  doch  nicht  über  den
wissenschaftlichen  Dilettantismus  hinaus.  Die  zahlreichen  poetischen,  philosophischen,
  politischen  und  kirchengeschichtlichen  Schriften,  die  er  zur  Erbauung
  „christlich  gesinnter  Menschenfreunde“  herausgab,  verliefen  zuletzt
allesamt  in  wohlgemeinten  moralischen  Betrachtungen;  ganz  flach  wurden
sie  niemals,  aber  auch  niemals  tief,  mächtig,  eigentümlich;  keines  seiner
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        Wessenberg  und  das  Bistum  Konstanz.  365

Bücher  errang  sich  einen  Platz  in  der  Literatur.  Von  Kindesbeinen  an
aufgewachsen  in  der  Verehrung  Josephs  II.,  hatte  er  sich  einst  an  Sailers
mildem  Katholizismus  begeistert,  ohne  doch  in  die  geistvolle  Mystik  des
bayrischen  Prälaten  einzudringen,  und  lebte  nun  in  dem  ehrlichen  Glauben,
daß  es  möglich  sei  das  Rad  der  Zeit  zurückzuschrauben,  die  fest  zentralisierte
Kirche  der  Gegenreformation  kurzerhand  zu  den  Reformgedanken  des  fünfzehnten
  Jahrhunderts  zurückzuführen.

Gleichwohl  blieb  er  ein  tief  überzeugter  Katholik  und  verwarf,  bei
aller  Duldsamkeit,  „die  maßlose  Subjektivität“  des  Protestantismus.  Wenn
er  die  Evangelischen,  Zzum  Entsetzen  der  Klerikalen,  als  eine  Partei  innerhalb
  der  Kirche  ansah,  so  bewies  er  auch  damit  nur,  wie  fest  er  an
die  Einheit  der  sichtbaren  Kirche,  an  die  dereinstige  Rückkehr  ihrer  abgefallenen
  Kinder  glaubte.  Seine  Geistlichen,  die  er  häufig  in  Pfarrerversammlungen
  um  sich  zu  vereinigen  pflegte,  verehrten  ihn  wie  einen
Heiligen;  dem  plebejischen  neuen  Klerus,  der  jetzt  heranwuchs,  fühlte  er
sich  überlegen  als  weltkundiger  vornehmer  Herr,  seinen  adligen  Standesgenossen
  galt  er  als  ein  Wunder  von  Gelehrsamkeit.  So  gelangte  er
doch  allmählich  zu  starker  Selbstüberschätzung,  obgleich  der  Hochmut  seiner
weichen  Seele  ursprünglich  fremd  war.  Er  sah  die  Jesuiten  im  Begriff
„ein  Gemisch  von  gesetzlichem  Judentum  und  neuem  selbstgeschaffenem
Heidentum  an  die  Stelle  der  Religion  des  Geistes,  der  Liebe,  der  Wahrheit
  zu  setzen“  und  hielt  sich  berufen  diesen  Schlag  von  der  Kirche  abzuwehren.
  Als  die  Gesellschaft  Jesu  wiederhergestellt  wurde,  erkannte  er  sogleich
  den  Ernst  dieser  folgenschweren  Tat  und  schrieb  warnend  an  seinen
Vetter  Metternich:  auf  das  Andringen  der  katholischen  Höfe  sei  dieser
Orden  einst  beseitigt  worden;  jetzt  erdreiste  sich  die  Kurie  ihn  ohne  jede
Rücksprache  mit  den  Mächten  zu  erneuern;  welch  eine  Aussicht  für  die
Zukunft!  Metternich  aber  erwiderte  gleichmütig,  sein  Kaiser  habe  nichts
zu  fürchten,  in  Osterreich  würden  die  Jesuiten  niemals  Aufnahme  finden.

Um  dieselbe  Zeit  ernannte  Dalberg  als  Bischof  von  Konstanz  eigenmächtig
  seinen  Generalvikar  zum  Koadjutor  mit  dem  Rechte  der  Nachfolge.
  Sofort  empfing  er  aus  Rom  einen  scharfen  Verweis  und  zugleich
den  Befehl,  diesen  berüchtigten  Wessenberg  auch  seines  Generalvikariats
zu  entsetzen  (2.  Nov.  1814).  Der  ängstliche  Primas  hielt  die  Bulle  sorgfältig
  geheim,  wagte  aber  auch  nicht  die  Ernennung  durchzuführen.  In
diesem  sonderbaren  Zustande  verblieb  die  Diözese  bis  Dalberg  starb  und
das  Domkapitel  nunmehr  einstimmig  den  Generalvikar  zum  Bistumsverweser
  erwählte.  Abermals  erklärte  der  Vatikan  die  Wahl  für  nichtig.
In  einem  Breve  vom  21.  Mai  1817  setzte  der  Papst  sodann  dem  Großherzog
  auseinander,  warum  er  sich  bewogen  finde,  diesen  Mann,  „den  alle
Guten  verabscheuen,  der  Unseren  Beifall  ganz  und  gar  nicht  hat,“  zurückzuweisen.
  Der  Großherzog,  der  die  Wahl  bereits  genehmigt  hatte,  wollte
seinem  Prälaten  wohl,  dessen  allezeit  verständigen  Rat  er  auch  in  poli-
        <pb n="374" />
        366  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

tischen  Angelegenheiten  öfters  einzuholen  pflegte,  und  fühlte  sich  zudem  in
seiner  fürstlichen  Ehre  gekränkt;  denn  nach  der  josephinischen  Doktrin  des
badischen  Beamtentums  gehörte  die  Ernennung  der  Bischöfe  zu  den  un—
veräußerlichen  Hoheitsrechten  des  Landesherrn.  Obwohl  der  träge  Hacke
von  dem  Streite  abriet,  so  entschloß  sich  der  Fürst  doch  auf  Marschalls
Rat,“)  in  einem  scharfen  Antwortschreiben  seine  vermeintlichen  Rechte
zu  verwahren  und  den  Angeschuldigten  zu  verteidigen  (16.  Juni).

Wessenberg  aber  meinte  jetzt  den  Augenblick  einer  großen  Ent—
scheidung  gekommen.  Ausgerüstet  mit  einem  Empfehlungsbriefe  seines
Hofes  ging  er  selbst  nach  Rom;  er  hoffte,  wie  er  offen  aussprach,  ent—
weder  den  Papst  durch  die  Macht  seiner  persönlichen  Erscheinung  umzu—
stimmen  oder  durch  seinen  Mißerfolg  die  öffentliche  Meinung  der  Nation  zu
einem  tapferen  Entschlusse  aufzurütteln.  Seine  ungeschickten  Lobredner,
deren  er  in  der  Presse  nur  allzu  viele  besaß,  versäumten  auch  nicht,
diese  Romfahrt  mit  der  Wormser  Reise  Martin  Luthers  zu  vergleichen,
obgleich  dieser  neue  Luther  unter  dem  mächtigen  Schutze  der  österreichischen
  Gesandtschaft  stand  und  im  Palazzo  di  Venezia  jederzeit  ein  sicheres
Obdach  finden  konnte.  Im  Vatikan  empfing  man  den  deutschen  Idealisten
  mit  der  geringschätzigen  Ruhe  einer  alten  Weltmacht,  die  längst  daran
gewöhnt  ist,  immer  einige  ihrer  zahllosen  Diözesen  in  Unordnung  zu
sehen.  Bei  dem  Papste  ward  er  nicht  vorgelassen.  Kardinal  Consalvi
führte  die  Verhandlung,  kühl  und  klug  wie  immer,  und  legte  dem  Prälaten
  einen  Widerruf  vor,  der  nach  römischer  Anschauung  sehr  mild  gehalten
  war:  Wessenberg  sollte  einfach  mißbilligen,  was  Se.  Heiligkeit  mißbilligt
  habe.  Einige  Monate  hindurch  wurden  dann  noch  Anklagen  und
Verteidigungsschriften  zwischen  den  beiden  gewechselt.  Consalvi  blieb
unerschütterlich.  Wessenberg  hatte  sein  Spiel  verloren,  denn  er  wollte
weder  dem  Beispiele  seines  geliebten  Fenelon  folgen  und  einen  Widerruf
leisten,  „der  ihn  zur  Knechtschaft  gegen  die  römische  Kurie  verpflichtet  hätte,“
noch  sich  lossagen  von  seiner  heiligen  Kirche.  Am  16.  Dez.  teilte  er  dem
Kardinal  mit,  er  gehe  jetzt  nach  Baden  zurück  und  überlasse  das  Weitere
seinem  Landesherrn.

Daheim  empfingen  ihn  manche  Zeichen  warmer  Zustimmung.  Fast
sein  gesamter  Klerus  blieb  ihm  treu  ergeben;  die  Beamten,  denen  die
Kirchenpolitik  der  süddeutschen  Kleinstaaten  anvertraut  war,  standen  alle
auf  seiner  Seite,  so  Werkmeister  in  Württemberg,  Koch  in  Nassau,  desgleichen
  Klübers  streitbare  Feder  und  die  große  Mehrzahl  der  Zeitungsartikel
  und  Flugschriften,  die  sich  des  Falles  bemächtigten.  Aber  von
einer  stürmischen  Volksbewegung  zeigte  sich  keine  Spur;  wie  sollte  die
weichmütige  Halbheit  starke  Leidenschaften  erwecken?  Die  badische  Regierung
  ließ  den  Verfolgten  die  Verwaltung  seiner  Diözese  unangefochten

 

*)  Varnhagens  Bericht,  1.  Juli  1817.
        <pb n="375" />
        Wessenbergs  Romfahrt.  367

weiter  führen,  und  die  Kurie  war  klug  genug  vorläufig  zu  schweigen.  Rom
konnte  warten,  denn  der  Großherzog  wünschte  dringend  die  Errichtung
eines  badischen  Landesbistums,  und  diese  war  unmöglich  ohne  den  Papst.
Noch  blieb  eine  Hoffnung:  —  der  Bundestag.  In  einer  ausführlichen
Denkschrift  (vom  17.  Mai  1818)  legte  der  Karlsruher  Hof  dem  Deutschen
Bunde  den  Hergang  dar  und  erklärte  schließlich,  er  halte  den  Konstanzer
Streit  „nunmehr  für  eine  allgemeine  Kirchenangelegenheit  der  deutschen
Nation“.  Aber  da  die  Kirchensachen  unzweifelhaft  nicht  zu  dem  Geschäfts—
kreise  des  Bundes  gehörten,  so  wagte  Baden  nicht  einmal  einen  Antrag
in  Frankfurt  zu  stellen,  und  der  Bundestag  vermied  jede  Besprechung.
Die  Denkschrift  wurde  fast  in  alle  Sprachen  Europas  übersetzt,  an  den
Höfen  und  unter  dem  Klerus  weit  verbreitet;  Rotteck  und  seine  Freunde
redeten  noch  eine  Weile  in  den  Zeitungen  hochpathetisch  von  dem  großen
„deutschen  Kirchenstreite“.  Dann  erlosch  die  Bewegung,  die  niemals  tief
in  die  Massen  des  Volks  gedrungen  war.  Nur  an  den  kleinen  Höfen
des  Südwestens  behauptete  Wessenberg  noch  einigen  Einfluß.  Sie  hatten
einst  aus  partikularistischer  Angst  seine  nationalkirchlichen  Pläne  bekämpft;
jetzt  aber  erschien  er  ihnen  als  ein  brauchbarer  Kampfgenosse  gegen  den
römischen  Stuhl.  Auch  er  selber  begann  nunmehr  die  Unausführbarkeit
seiner  früheren  Träume  einzusehen  und  veröffentlichte  bald  nach  seiner
Heimkehr  eine  anonyme  Schrift  „Betrachtungen  über  die  Verhältnisse  der
katholischen  Kirche  Deutschlands“,  worin  er  die  Errichtung  von  Landesbistümern
  empfahl,  aber  zugleich  verlangte,  daß  die  deutschen  Regierungen,
so  viele  sich  freiwillig  dazu  bereit  fänden,  zusammentreten  sollten  um
gemeinsam  mit  der  Kurie  zu  verhandeln  und  ihre  Landesbischöfe  einem
gemeinsamen  Erzbischof  unterzuordnen.  So  schrumpfte  die  deutsche  Nationalkirche
  zu  einem  kirchenpolitischen  Sonderbunde  deutscher  Einzelstaaten
  zusammen.

Eben  diesen  Gedanken  hatten  die  Höfe  von  Karlsruhe  und  Stuttgart
  schon  seit  einiger  Zeit  ergriffen.  Nachdem  Bayern  in  Rom  eine  so
schimpfliche  Niederlage  erlitten,  trauten  sie  sich  doch  nicht  mehr  die  Kraft
zu,  einzeln  bei  der  Kurie  etwas  auszurichten;  wenn  aber  Mächte  wie
Baden,  Württemberg  und  Nassau  sich  zusammentaten,  dann  mußte  der
Papst  unfehlbar  nachgeben.  Mit  Feuereifer  betrieb  Wangenheim  in
Frankfurt  diese  Pläne.  Hier  bot  sich  ihm  endlich  die  Gelegenheit,  den  ersehnten
  Bund  im  Bunde,  die  deutsche  Trias  zu  begründen  und  durch  die
Demütigung  Roms  die  Macht  des  „reinen  Deutschlands“  vor  aller  Welt
zu  erweisen.  Wunderliche  Widersprüche  vertrugen  sich  friedlich  in  diesem
vielseitigen  Kopfe;  wie  er  trotz  seiner  naturphilosophischen  Schwärmerei
ein  doktrinärer  Liberaler  blieb,  so  auch  ein  Vorkämpfer  der  josephinischen
Staatsallmacht.  Von  der  Lebenskraft  des  römischen  Stuhls  dachte  er
sehr  niedrig;  er  wähnte  schon  die  Anzeichen  eines  Schismas  in  Deutschland
  zu  bemerken,  obgleich  die  ungeheure  Mehrheit  der  deutschen  Katho-
        <pb n="376" />
        368  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

liken  in  unverbrüchlicher  Treue  an  ihrer  alten  Kirche  hing,  und  hoffte
zuversichtlich,  die  Kurie  werde  schon  aus  Furcht  alles  was  man  ihr  vorlege
annehmen.  Im  Dezember  1817  wendete  sich  Wangenheim  an  die  Bundesgesandten
  von  Baden,  Nassau,  beiden  Hessen,  Hannover,  Oldenburg,
Luxemburg  und  lud  diese  Höfe  ein,  durch  Bevollmächtigte  in  Frankfurt
die  Grundsätze  eines  gemeinsamen  Konkordats  zu  vereinbaren.  Der  beigelegte
  Vertragsentwurf  stimmte  mit  den  Gedanken  Wessenbergs  nahezu
überein:  er  verlangte  als  unerläßlich  das  Placet  und  die  Ernennung  der
Bischöfe  durch  die  Landesherren,  desgleichen  die  Erziehung  der  Geistlichen
durch  den  Staat.  Dies  alles  dachte  der  phantasiereiche  Staatsmann
durch  ein  Ultimatum  bei  dem  heiligen  Stuhle  alsbald  durchzusetzen,  obschon
jedermann  wußte,  daß  der  Papst  die  Ernennung  der  Bischöfe  noch  niemals
  einem  akatholischen  Fürsten  förmlich  zugestanden  hatte.  Baden,
Nassau  und  die  beiden  Hessen  entsprachen  der  Einladung,  und  im  März
1818  begannen  unter  Wangenheims  Vorsitz  die  Frankfurter  Konferenzen.
Einige  norddeutsche  Kleinstaaten,  die  sich  anfangs  angeschlossen,  traten
bald  zurück.  Das  so  ruhmredig  angekündigte  Unternehmen  beschränkte
sich  schließlich  auf  den  Plan  der  Errichtung  einer  kleinen  gemeinsamen
Erzdiözese  für  die  Landesbistümer  der  oberrheinischen  Kleinstaaten.

Auch  den  preußischen  Bundesgesandten  hatte  Wangenheim  einer
Einladung  gewürdigt.  Unterwarf  sich  der  Berliner  Hof  der  kirchenpolitischen
  Führung  Württembergs,  so  mochte  er  teilnehmen;  wo  nicht,  so
war  das  reine  Deutschland  sich  selbst  genug.  Selbst  der  gutmütige
Goltz  fand  es  doch  befremdlich,  daß  Preußen  so  beiläufig  als  ein  Nebenland
  der  zukünftigen  oberrheinischen  Kirchenprovinz  behandelt  wurde,  und
konnte  nicht  begreifen  —  so  schrieb  er  dem  Staatskanzler  —  warum  gerade
Württemberg  immer  und  überall  sich  vordrängen  müsse.)  Hardenberg
aber  verschmähte  einen  Notenwechsel  und  begnügte  sich  seinen  deutschen
Gesandtschaften  mitzuteilen:  Preußen  bleibe  den  „Konventikeln  der  kleinen
Höfe“  fern,  da  die  eigentümlichen  kirchlichen  Interessen  der  Monarchie
„keine  Vermischung  vertrügen“",  und  der  herrische  Ton  der  Kleinstaaten  bei
dem  römischen  Stuhle  gar  nichts  erreichen  würde.  Auch  Metternich  hielt
die  Unternehmung  der  Frankfurter  Verbündeten  für  aussichtslos.)  Beide
Großmächte  wußten,  daß  man  nicht  mehr  der  gefügigen  Kurie  des  achtzehnten
  Jahrhunderts  gegenüberstand;  sie  wußten  auch,  daß  Consalvi
die  Frankfurter  Konferenzen  als  ein  Werk  Wessenbergs  und  darum  von
vornherein  mit  Argwohn  betrachtete.  Wohl  war  es  ein  Unheil,  fortwirkend
  bis  zum  heutigen  Tage,  daß  auch  diese  große  gemeinsame  Angelegenheit
  dem  Partikularismus  anheimfiel.  Aber  so  lange  Deutschland
des  nationalen  Staates  entbehrte,  blieb  die  deutsche  Nationalkirche  ein
unmögliches  Traumbild.  —

*)  Wangenheim  an  Goltz,  13.  Dezbr.  Goltz's  Bericht,  18.  Dezbr.  1817.

**)  Krusemarks  Bericht,  Wien  22.  April.  Weisung  an  Krusemark,  20.  Mai  1818.
        <pb n="377" />
        Ministerium  Reizenstein-Berstett.  369

Inzwischen  war  am  Karlsruher  Hofe  ein  glücklicher  Umschwung  er—
folgt.  Hacke  wurde  entlassen,  die  Freiherren  von  Reizenstein  und  Berstett
traten  in  das  Ministerium  ein:  Dieser  ein  unbedeutender  Mann,  nicht
besser  unterrichtet  als  der  Durchschnitt  seiner  alten  Kameraden  von  der
österreichischen  Reiterei,  aber  pflichteifrig,  pünktlich,  dem  fürstlichen  Hause
unbedingt  ergeben  und  trotz  seiner  hochkonservativen  Gesinnung  doch  nicht
so  ängstlich,  daß  er  sich  vor  einem  Karlsruher  Landtage  gefürchtet  hätte;
jener  dagegen  ein  staatsmännischer  Kopf,  wohl  würdig  eines  größeren
Wirkungskreises,  der  vertraute  Ratgeber  Karl  Friedrichs  in  dessen  letzten
Jahren.  Den  Franzosen  als  deutscher  Patriot  verdächtig  hatte  Reizenstein
  bei  allen  Reformen  jener  schweren  Zeit  mitgewirkt.  Die  Wieder—
belebung  der  Heidelberger  Universität  war  vornehmlich  ihm  zu  verdanken;
selbst  der  Zunftstolz  der  Professoren  ließ  den  geistreichen,  gelehrten,  durch—
aus  freisinnigen  Kurator  als  einen  Ebenbürtigen  gelten.  Er  erkannte
sogleich,  daß  nach  dem  Tode  des  Erbprinzen  vor  allem  eine  endgültige
Entscheidung  der  Erbfolgefrage  geboten  war,  und  bewog  den  Großherzog,
am  4.  Oktober  1817  ein  Hausgesetz  zu  veröffentlichen,  das  die  Unteil—
barkeit  des  Landes  festsetzte  und  das  Thronfolgerecht  der  Grafen  von  Hochberg
  nochmals  anerkannte.  Der  bayrische  Hof  war  entrüstet,  der  diplomatische
  Verkehr  wurde  stillschweigend  abgebrochen.  Auch  Metternich,  der
die  Bayern  noch  immer  mit  halben  Worten  hinhielt,  zeigte  sich  verletzt.
Ein  so  eigenmächtiger  Schritt,  sagte  er  zu  Krusemark,  sei  nur  aus  dem
Schwindelgeiste,  der  die  kleinen  Fürsten  jetzt  beherrsche,  zu  erklären;  das
Hausgesetz  gemahne  doch  stark  an  die  eine  und  unteilbare  Republik  der
Franzosen.

Der  unerschrockene  Minister  in  Karlsruhe  ließ  sich  nicht  beirren.
Auf  Reizensteins  Rat  entschloß  sich  der  Großherzog,  den  Stier  bei  den
Hörnern  zu  packen,  dem  Gegner,  der  das  kleine  Land  seit  Jahren  aus
dem  Dunkeln  heraus  bedrohte,  offen  entgegenzutreten.  In  einem  Briefe
an  König  Max  Joseph  (12.  März  1818)  verwahrte  sich  der  bedrängte
Fürst  dawider,  daß  Osterreich  seine  Schulden  „mit  Provinzen,  die  mir
gehören“",  abzutragen  suche.  „In  so  ernster  Lage“,  fuhr  er  fort,  „ist  es
mir  unmöglich,  die  bayrische  Regierung  von  ihrem  Monarchen  zu  trennen,
in  diesem  noch  meinen  Schwager  und  Freund  zu  sehen,  während  jene
sich  als  mein  blutigster  Feind  zeigt.“  Will  Bayern  Gewalt  brauchen,
„dann  werde  ich  die  öffentliche  Meinung  zu  Hilfe  rufen,  und  Ew.  Maj.
wird  schwer  einen  mächtigeren  Bundesgenossen  finden.“  Sichtlich  verlegen
wußte  Max  Joseph  der  scharfen  Anklage  nach  seiner  Gewohnheit  wieder
nur  eine  furchtsame  Unwahrheit  entgegenzustellen:  niemals,  so  beteuerte
er,  habe  die  bayrische  Regierung  feindfelige  Pläne  gegen  Baden  gehegt;  sie
begnüge  sich  „schweigend“  die  Entscheidung  der  großen  Mächte  abzuwarten.

 

*)  Krusemarks  Bericht,  18.  Oktober  1817.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  U.  24
        <pb n="378" />
        370  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Diese  beiden  Briefe  wurden  einigen  befreundeten  Höfen  im  tiefsten  Ver—
trauen  mitgeteilt;  bald  darauf  erschienen  sie  gedruckt  in  einer  Hamburger
liberalen  Zeitung,  zur  Freude  aller  Lästerzungen,  der  Radikalen  daheim
und  der  Feinde  Deutschlands  im  Auslande.

Der  Verräter  war  Varnhagen  von  Ense,  der  eitelste  und  unzuver—
lässigste  aller  Diplomaten  Preußens.  Der  jugendliche  Gatte  der  gefeierten
Rahel  brannte  vor  Begier,  durch  staatsmännische  Taten  sich  des  Ruhmes
seiner  Frau  würdig  zu  zeigen.  Er  hatte  während  des  Wiener  Kongresses
der  Sache  Preußens  seine  Feder  gewidmet  und  dann  von  dem  dankbaren
Staatskanzler,  der  sich  durch  geistreiches  Gespräch  und  vielseitige  Bildung
leicht  blenden  ließ,  den  schwierigen  Karlsruher  Posten  angewiesen  erhalten.
Mit  der  ganzen  Unbefangenheit  des  literarischen  Schöngeists  begann  er
hier  sogleich  Politik  auf  eigene  Faust  zu  treiben,  überschüttete  den  badi—
schen  Hof  mit  unerbetenen  Ratschlägen,  verteidigte  radikale  Doktrinen,
welche  der  Meinung  Hardenbergs  geradeswegs  zuwider  liefen,  und  trat
mit  der  liberalen  Partei  in  einen  vertrauten  Verkehr,  der  sich  mit  seiner
Amtspflicht  nicht  vertrug.  Dieser  kühne  Freisinn  hinderte  ihn  jedoch  keines—
wegs,  vor  dem  Staatskanzler  in  byzantinischer  Ergebenheit  untertänigst
zu  ersterben,  beständig  um  eine  Rangerhöhung  zu  bitten  und  mit  umständ—
lichem  Behagen  zu  erzählen,  wie  lange  Großherzog  und  Großherzogin
sich  mit  ihm  zu  unterhalten  geruht  hätten.  Nichts  süßlicher  als  seine
Briefe  an  den  Minister  Berstett,  den  er  haßte  und  nachher  in  seinen
Denkwürdigkeiten  verleumdete;  eine  wohlgedrechselte  Riesenperiode  von
zwanzig  Zeilen  genügt  ihm  kaum,  um  auszudrücken,  wie  inbrünstig  er
„den  erwünschten  und,  ich  darf  sagen,  mit  steigendem  Anteil  in  mir  zum
voraus  belebten  Zeitpunkt“  der  Rückkehr  aus  dem  Urlaube  und  des  er—
neuten  Verkehrs  mit  dem  hochverehrten  Manne  „erwarten  und  beschleu—
nigen  mag“.“)  In  endlosen  Berichten  teilte  er  dem  Staatskanzler  seine
Urteile  über  die  große  Politik  und  seine  tiefgeheimen  Nachrichten  mit,
fast  durchweg  wertlose  Klatschereien,  ganz  im  Stile  seiner  späteren  Tagebücher.
  Zuverlässige  Nachrichten  über  die  geheimen  Vorgänge  am  Karlsruher
  Hofe  erhielt  er  nur  selten,  da  niemand  der  Katzenfreundlichkeit  des
glatten  Mannes  recht  traute;  als  die  Konstitution  endlich  zustande  kam,
wußte  Varnhagen  nicht  einmal  wer  ihr  Verfasser  war  und  nannte  dem
Staatskanzler  zuversichtlich  zwei  falsche  Namen.“)

Sein  Verhalten  in  den  bayrisch-badischen  Händeln  war  ihm  von
Berlin  aus  genau  vorgeschrieben:  er  sollte  dem  Großherzog  versichern,  daß
Preußen  keine  Gewalttat  gegen  Baden  dulden  werde,  doch  im  übrigen
sich  zurückhalten  und  vor  allem  verhindern,  daß  der  häßliche  Streit  in
einen  offenbaren  Skandal  ausarte.  Demgemäß  berichtete  er  zuerst  über

 

*)  Varnhagen  an  Berstett,  8.  Okt.  1817.
**)  Varnhagens  Bericht,  26.  August  1816.
        <pb n="379" />
        Varnhagen  v.  Ense.  371

den  Brief  des  Großherzogs:  das  Schreiben  werde  allgemein  getadelt  „als
ein  unangemessenes,  im  besten  Falle  überflüssiges  Vortreten,  bei  welchem
man  nichts  anders  als  eine  Zurückweisung  erwarten  kann.“  Gleich  nach—
her  brach  er  das  Amtsgeheimnis  und  sendete  den  tadelnswerten  Brief
an  jene  Hamburger  Zeitung.  Der  Schlag  gelang;  fast  die  gesamte  Presse
sprach  sich  für  das  gute  Recht  Badens  aus,  selbst  die  Augsburger  Allge—
meine  Zeitung  nahm  Partei  gegen  Bayern,  da  der  kluge  Cotta  die  Gunst
des  Königs  von  Württemberg  nicht  verlieren  wollte.  Und  nun  schrieb
Varnhagen  unschuldsvoll:  die  unbefugte  Veröffentlichung  errege  großes  Auf—
sehen,  der  Erfolg  scheine  aber  dem  badischen  Hofe  günstig;  „die  Beru—
fung  auf  die  öffentliche  Meinung  in  dem  Schreiben  des  Großherzogs  neigt
deren  Gunst  mit  Macht  auf  die  Seite,  wo  sie  sich  geschmeichelt  fühlt.““)

Sollte  diese  Gunst  der  öffentlichen  Meinung  der  badischen  Sache
erhalten  bleiben,  so  mußte  man  entschlossen  in  das  Fahrwasser  der  kon—
stitutionellen  Politik  einlenken.  Reizenstein  täuschte  sich  nicht  darüber;
er  sah  auch  ein,  daß  die  Verkündigung  der  Verfassung  das  einzige  Mittel
war  um  dem  murrenden  Volke  wieder  Vertrauen  auf  die  Zukunft  des
Staates  einzuflößen  und  zugleich  dem  Hause  Zähringen  die  Gnade  des
Kaisers  Alexander  wiederzugewinnen.  Der  Zar  zeigte  sich  sehr  kühl
gegen  das  Recht  seiner  badischen  Vettern;  er  war  es  sogar  der  auf  dem
Wiener  Kongresse  den  unglücklichen  Gedanken  des  Rückfalls  der  Pfalz
zuerst  angeregt  hatte  —  so  versicherte  wenigstens  Wrede  dem  General
Zastrow.“')  Von  München  aus  ward  nichts  versäumt  um  den  russischen
Gönner  bei  guter  Stimmung  zu  halten;  der  Gesandte  Graf  Bray  legte
alle  die  neuen  Verfassungsgesetze,  die  für  Bayern  geplant  wurden,  dem
Zaren  zur  Genehmigung  vor,  und  diesem  war  niemals  ein  Vorschlag
freisinnig  genug.  *)  Die  christlich-liberale  Begeisterung  des  Selbstherrschers
erreichte  eben  in  diesen  Tagen  ihren  Siedepunkt.  Für  die  besorgten  Briefe
Metternichs,  der  seinem  Freunde  Nesselrode  beständig  „die  schwere  Krankheit
  Europas“  schilderte,  hatte  Alexander  nur  ein  überlegenes  Lächeln;
wie  viel  stolzer  klang  es  doch,  wenn  der  bewegliche  Kapodistrias,  jetzt  sein
nächster  Vertrauter,  in  feuriger  Rede  den  Kernsatz  ausführte:  „Institutionen
  sind  die  große  Forderung  des  Jahrhunderts!“  Am  27.  März  1818
eröffnete  der  Kaiser  den  ersten  Reichstag  des  neuen  Königreichs  Polen
mit  einer  schwungvollen  Thronrede,  die  in  ganz  Europa  mächtig  widerhallte.
  Sie  forderte  die  Polen  auf,  den  Zeitgenossen  zu  beweisen,  daß
die  liberalen  Institutionen  mit  der  Ordnung  vereint  das  wahre  Glück  der
Völker  begründen,  und  versprach  den  Russen,  auch  sie  sollten  in  einiger
Zeit  des  gleichen  Glückes  teilhaftig  werden.

 

*)  Varnhagens  Berichte,  18.  März,  6.  Mai  1818.
*)  Zastrows  Bericht,  München  2.  Nov.  1818.
*“*)  Blittersdorffs  Bericht,  Petersburg  17.  August  1818.
24*
        <pb n="380" />
        372  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Zwei  Tage  darauf  unternahm  Kapodistrias  den  kühnen  Versuch,  in
einer  Denkschrift  „über  die  Akte  vom  26.  Sept.  1815“  den  europäischen
Höfen  darzulegen,  daß  die  neue  konstitutionelle  Herrlichkeit  nichts  anderes
sei  als  das  notwendige  Ergebnis  der  Ideen  der  Heiligen  Allianz.  Die
von  dem  Heiligen  Bunde  anerkannten  Grundsätze  der  christlichen  Sittenlehre
  —  so  beteuerte  er  salbungsvoll  —  hätten  jetzt  in  Polen  ihre  Anwendung
  gefunden;  möge  nun  die  hohe  Weisheit  der  Verbündeten  Sr.
Majestät  den  Wert  dieses  Beispiels  würdigen.  „Dies  Beispiel  wird  den
Staaten,  welche  sich  bereits  liberaler  Institutionen  erfreuen,  zeigen,  daß
allein  die  väterliche  Gewalt  der  Fürsten  berechtigt  ist  Verfassungen  zu
verleihen,  und  daß  diese  Institutionen,  also  zum  Zwecke  des  allgemeinen
Wohles  angewendet,  nicht  nur  mit  der  Ordnung  sich  vertragen,  sondern
sogar  deren  stärkste  Bürgschaft  werden.  Polens  Beispiel  wird  endlich  den
Völkern  beweisen,  daß  die  Laufbahn  der  bürgerlichen  Freiheit  fortan  allen
Nationen  eröffnet  ist.  Vielleicht",  hieß  es  zum  Schluß,  „wird  man  diese
Betrachtungen  auch  jetzt  noch  in  das  Reich  der  Träume  verweisen  wollen.
Gleichviel.  Seien  wir  nur  selber  versichert,  daß  sie  keine  Träume  sind,
und  suchen  wir  denen,  die  uns  Ergebenheit  beweisen,  dieselbe  Überzeugung
beizubringen.“)  So  stellte  sich  Rußland  feierlich  an  die  Spitze  der  liberalen
  Bewegung  Europas.  Die  deutschen  Kabinette  aber  wußten  wohl,
warum  sie  das  wundersame  Programm  des  christlichen  Liberalismus  tief
geheim  hielten.  Schon  die  Thronrede  des  Zaren  hatte  die  ungeduldigen
Konstitutionellen  lebhaft  erregt;  die  gesamte  liberale  Presse  erging  sich  in
Vergleichungen  zwischen  der  polnischen  Freiheit  und  der  deutschen  Knechtschaft.
  Metternich,  Wellington,  Richelien  verhehlten  ihre  Besorgnisse  nicht.
Gentz  beklagte  bitter  die  Rücksichtslosigkeit  des  Zaren  gegen  seine  Nachbarn;
  auch  mutigere  Männer  fragten  verwundert:  warum  man  also  mit
dem  Feuer  spiele  inmitten  der  Polen,  die  sich  bereits  wieder  in  Geheimbünden
  gegen  das  russische  Joch  verschworen?

Dem  badischen  Hofe  blieb  jetzt  keine  Wahl  mehr.  Immer  wieder
meldete  Blittersdorff,  wie  dringend  ihn  Kapodistrias  an  die  verheißenen
„Institutionen“  erinnere.  Auch  Hardenberg  ließ  wiederholt  dieselbe  Mahnung
  aussprechen  und  empfahl  zugleich  den  gerechten  Wünschen  der  Mediatisierten
  entgegenzukommen;  dann  würde  man  Bayerns  „Bemühungen  ganz
neutralisieren“.  ))  Bereits  im  April  war  die  Verfassungskommission  wieder
zusammengetreten;  der  wackere  Finanzrat  Nebenius,  der  gelehrteste  Kenner
der  Volkswirtschaft  in  Deutschland,  arbeitete  mit  treuem  Fleiße  einen
fünften  Entwurf  aus  und  nahm  sich  dabei  das  Meisterwerk  des  russischen
Gönners,  die  glorreiche  polnische  Verfassung  zum  Muster.  Da  kam  die
Schreckensnachricht  aus  München:  Bayern  hatte  seine  Konstitution  voll- 



*)  Kapodistrias,  Mémoire  sur  I'Acte  du  26  Septembre.  Warschau  29.  März  1818.
**)  Weisung  an  Varnhagen,  11.  Juli  1818.
        <pb n="381" />
        Zar  Alexander  als  Führer  des  Liberalismus.  373

endet,  den  Nebenbuhler  in  dem  großen  Wettlaufe  um  eine  Kopflänge  über—
holt!  Angstlichen  Gemütern  klang  der  dröhnende  Beifallsruf  der  libe—
ralen  Welt  schon  wie  das  Grabgeläute  des  Hauses  Zähringen.  Max
Joseph  aber  hielt  es  nicht  für  unköniglich,  eben  jetzt  zur  Kur  nach  Baden—
Baden  zu  reisen,  wo  er  dann  nach  seiner  lustigen  Art  gegen  jedermann
äußerte:  wie  schön,  daß  Bayern  mit  seiner  Verfassung  früher  fertig  ge—
worden!  Großherzog  Karl  verließ,  als  ihm  der  freundnachbarliche  Besuch
angekündigt  wurde,  sofort  sein  Schloß  in  Baden  und  ging  in  das  stille
Schwarzwaldbad  Griesbach;  auch  die  gesamte  Hofgesellschaft  zog  sich  aus
Baden  zurück.  Nur  Einer  blieb  —  natürlich  Varnhagen.  Der  konnte
sich's  nicht  versagen,  sein  politisches  Licht  auch  vor  dem  bayrischen  Könige,
bei  dem  er  gar  nicht  beglaubigt  war,  leuchten  zu  lassen;  er  drängte  sich
an  Max  Joseph  heran  und  gab  ihm,  abermals  eigenmächtig,  so  taktlose
und  unrichtige  Erklärungen  über  die  Absichten  des  preußischen  Hofes,  daß
ein  großer  diplomatischer  Streit  entstand;  ein  scharfer  Verweis  aus  Berlin
brachte  die  böse  Zunge  endlich  zur  Ruhe.)

Mittlerweile  hatte  der  Großherzog  am  Abend  seines  traurigen  Lebens
noch  einen  persönlichen  Freund  gefunden,  den  kecken  russischen  Reiterführer
aus  dem  Befreiungskriege,  General  Tettenborn,  ein  badisches  Landeskind.
Der  lebenslustige  Landsknecht  wurde  der  tägliche  Begleiter  des  Kranken
und  verwendete  seinen  Einfluß  zum  Heile  des  Landes;  durchaus  kein  Freund
der  Liberalen  besaß  er  doch  den  sicheren  Soldatenblick  für  das  Notwendige.
Ihm  und  dem  treuen  Reizenstein  war  es  zu  verdanken,  daß  der  Fürst  den
Nebeniusschen  Entwurf  ernstlich  prüfte  und  ihn  schließlich,  bis  auf  einen
einzigen  Paragraphen,  gänzlich  unverändert  annahm."“*)  Noch  in  den
letzten  Wochen  fehlte  es  nicht  an  peinlichen  Zwischenfällen.  Das  neue
Wahlgesetz  mußte  der  geplagte  Nebenius  zweimal  ausarbeiten,  weil  der
Großherzog  das  Aktenstück  verschlossen  hatte  und  sich  nicht  entschließen
konnte  die  Kiste  öffnen  zu  lassen.

Genug,  am  22.  August  1818  wurde  die  Verfassung  unterzeichnet,  und
die  Wirkung  dieses  Entschlusses  war  hier  fast  noch  stärker  als  kurz  zuvor
in  Bayern.  Die  Unzufriedenen  in  den  neuen  Landesteilen  verstummten
augenblicklich;  an  das  Krankenlager  des  sterbenden  Fürsten  drangen  noch
die  Freudenrufe  eines  dankbaren  Völkchens,  das  sich  von  der  neuen  Freiheit
  ein  unbestimmtes,  wunderbares  Glück  versprach.  Die  untrügliche
Richterin  aber,  die  öffentliche  Meinung  Deutschlands,  das  will  sagen  die
liberale  Presse,  gab  ihren  Wahrspruch  über  den  beendeten  Wettkampf  dahin
ab:  Bayern  habe  sich  zwar  flinker  gezeigt  in  der  Erfüllung  der  Volkswünsche,
  doch  der  Preis  gebühre  dem  freisinnigen  Baden.  Allerdings  trug
das  badische  Grundgesetz,  dem  Charakter  des  Landes  gemäß,  einen  modernen

 

*)  Weisungen  an  Varnhagen,  22.  Juli,  22.  August  1818.
**)  F.  v.  Weech,  Geschichte  der  badischen  Verfassung.  S.  p3f.
        <pb n="382" />
        374  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Anstrich.  Während  der  bayrische  Landtag  überwiegend  aus  Grundbesitzern
bestand,  ging  Nebenius,  als  echter  Sohn  eines  literarischen  Geschlechts,
von  der  Ansicht  aus,  daß  vornehmlich  die  Bildung  vertreten  werden  müsse,
und  da  er  wie  alle  Liberalen  die  Bildung  in  den  Städten  suchte,  so  gab
das  badische  Wahlgesetz  vierzehn  Städten  22  Abgeordnete,  den  weit  stärker
bevölkerten  ländlichen  Wahlbezirken  nur  41  Vertreter.  Im  übrigen  ge—
reichte  das  Werk  dem  praktischen  Sinne  des  gelehrten  Verfassers  zur  Ehre.
Das  Grundgesetz  war  nicht  mit  Einzelbestimmungen  überladen,  so  daß
noch  Raum  blieb  für  die  Lehren  der  konstitutionellen  Erfahrung,  und
lehnte  sich  nur  äußerlich,  in  der  formellen  Anordnung,  an  das  traurige
polnische  Vorbild  an.  Der  Adel  wurde  durch  die  Errichtung  einer  ersten
Kammer  zufriedengestellt;  der  Landtag  erhielt  ein  wirksames  Recht  der
Kontrolle,  da  ihm  aller  zwei  Jahre  das  gesamte  Budget  vorgelegt  werden
sollte.  Selbst  Haller,  der  Restaurator,  mußte  das  deutsche  Rechtsgefühl,
das  aus  dieser  Verfassung  sprach,  anerkennen,  „obschon  sie  den  Haupt—
fehler  hat  eine  Konstitution  zu  sein.“

Mit  alledem  war  die  Pfalz  noch  immer  nicht  gesichert.  Die  vier
Mächte,  denen  die  Entscheidung  zustand,  hatten  sich  verabredet,  auf  dem
Kongresse,  der  noch  in  diesem  Herbst  stattfinden  sollte,  den  Handel  endlich
aus  der  Welt  zu  schaffen.  Die  Ungeduld  des  Münchener  Hofs  war  jedoch
kaum  mehr  zu  bändigen,  seit  der  Zustand  des  kranken  Großherzogs  sich
täglich  verschlimmerte.  Max  Joseph  und  sein  Minister  Rechberg  erklärten
beide  dem  preußischen  Gesandten:  sie  seien  bereit  zu  einem  Vergleiche;
sollte  aber  der  Großherzog  vor  abgemachter  Sache  sterben,  dann  werde
Bayern  die  Pfalz  als  heimgefallen  betrachten  und  seine  Rechte  geltend
machen.“)  Bald  nachher  liefen  in  Karlsruhe  von  allen  Seiten  Warnungen
ein:  Bayern  rüste  und  ziehe  seine  Truppen  an  der  pfälzischen  Grenze  zu—
sammen.  Der  Großherzog  befahl  nunmehr  die  Beurlaubten  einzuberufen.
Auch  der  König  von  Württemberg  fühlte  sich  schwer  bedroht;  sein  Lieb—
lingsplan,  die  rein  deutsche  Trias  zerschmolz  ihm  unter  den  Händen.
Sein  Gesandter  Gremp  mußte  den  bayrischen  Minister  (25.  September)
schriftlich  befragen:  ob  es  denn  wirklich  wahr  sei,  daß  der  König  beim
Ableben  seines  Schwagers  einen  Handstreich  auszuführen  denke;  ein  solcher
Schritt  müsse  „den  faktischen  Austritt  Bayerns  aus  dem  Deutschen  Bunde
zur  gewissen  Folge  haben“;  eine  bestimmte  Widerlegung  des  Gerüchts
scheine  dringend  geboten  „grade  im  gegenwärtigen  Augenblicke,  wo  ein
aufrichtiges  Verständnis  der  rein-deutschen  Bundesstaaten  so  wichtig  ist."
In  einer  schnöden  und  herrischen  Erwiderung  sprach  darauf  Rechberg
sein  äußerstes  Befremden  aus:  „S.  Maj.  haben  bisher  den  Gedanken
an  ein  in  belobter  Note  vorhergesehenes  Ereignis,  welches  Allerhöchstdieselben
  mit  dem  tiefsten  Kummer  erfüllen  müßte,  noch  keinen  Augenblick

*)  Zastrows  Berichte,  5.  30.  August  1818.
        <pb n="383" />
        Badische  Verfassung.  Nassau.  375

Raum  gegeben.““)  Die  grobe  Unredlichkeit  dieser  Beteuerung  erwies
genugsam,  daß  der  Verdacht  des  Karlsruher  Hofes  nicht  grundlos  war.
Zum  zweiten  Male  binnen  zwei  Jahren  drohte  der  Ehrgeiz  der  Wittelsbacher
  einen  Bürgerkrieg  über  Deutschland  heraufzuführen.  Die  Presse
des  Auslandes  bemächtigte  sich  bereits  der  neuen  querelle  Allemande;
Badens  gute  Sache  fand  einen  zweifelhaften  Anwalt  an  dem  napoleonischen
  Diplomaten  Bignon,  der  fortan  bei  allen  deutschen  Händeln  regelmäßig
  seine  gewandte  Feder  für  die  Rechte  bedrängter  Kleinfürsten  einsetzte.
  Indes  das  schwache  Lebenslicht  des  Großherzogs  erlosch  so  schnell
noch  nicht;  die  vier  Mächte  behielten  Zeit  den  bayrischen  Ubermut  in
seine  Schranken  zurückzuweisen.  —

 

Auch  in  Nassau  verliefen  die  Anfänge  des  konstitutionellen  Lebens
nicht  ohne  Stürme.  Dort  war  schon  vor  dem  Wiener  Kongresse,  am
1.  Sept.  1814  eine  Verfassung  verkündigt  worden,  und  der  allmächtige
Minister  Marschall  rühmte  sich  dem  gesamten  Deutschland  vorangeschritten
  zu  sein.  Aber  die  liberale  Welt  ließ  ihrem  Liebling  Karl  August
von  Weimar  den  Ruhm  des  ersten  konstitutionellen  Fürsten  nicht  abstreiten,
  und  sie  war  im  Rechte.  Denn  obwohl  alle  Beamten  bereits  auf
die  Verfassung  beeidigt  waren,  so  währte  es  doch  noch  viertehalb  Jahre  bis
man  den  Landtag  einberief,  und  Marschall  benutzte  diese  Frist  um  ein  Füllhorn
  organischer  Gesetze  über  das  Ländchen  auszuschütten  und  eine  neue
Größe  in  die  deutsche  Geschichte  einzuführen:  den  zentralisierten  nassauischen
Einheitsstaat.  Während  die  gewaltigen  Nassau-Oranier  in  den  Niederlanden
  die  Welt  mit  ihrem  Kriegsruhm  füllten,  wußte  die  Geschichte  der
letzten  Jahrhunderte  von  den  deutschen  Nassauern  kaum  mehr  zu  erzählen,
als  daß  sie  sich  beharrlich  und  immer  von  neuem  in  Linien  teilten.  Sie
betrieben  diese  dem  deutschen  Kleinfürstenstande  eingeborene  Liebhaberei
mit  einer  Ausdauer,  die  selbst  von  den  Wettinern  nicht  überboten  wurde;
eine  Zeitlang  hausten  sogar  in  der  kleinen  Stadt  Siegen  zwei  Linien
Nassau-Siegen,  die  eine  katholisch,  die  andere  reformiert,  jede  in  ihrem
eigenen  Schlosse,  die  beiden  Hälften  der  Stadt  durch  eine  hohe  Mauer
und  wütenden  Nationalhaß  getrennt.  Aber  das  Glück  war  dem  treufleißigen
  Bemühen  nicht  hold;  die  mit  so  großer  Sorgfalt  angepflanzten
neuen  Linien  starben  immer  wieder  aus.  Im  Jahre  1816  starb  auch
der  letzte  Usinger,  und  nunmehr  trat  die  Linie  Weilburg  in  den  alleinigen
Besitz  jener  Länderbrocken,  welche  einst  Gagerns  plastische  Hand  —  wie
Stein  spottete  —  in  Paris  und  Wien  für  das  Gesamthaus  Nassau  zusammengebracht
  hatte.  So  prahlerisch  wie  Marschall  verstand  kein  anderer

 

*)  Note  des  Gesandten  v.  Gremp,  25.  Sept.,  Antwort  Rechbergs,  29.  Sept.  1818.
        <pb n="384" />
        376  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

deutscher  Minister  die  Legitimität  des  angestammten  Fürstenhauses  zu
preisen,  und  doch  klang  dies  Selbstlob  nirgends  lächerlicher  als  hier,  in
einem  Ländchen  von  85  Geviertmeilen,  das  vor  wenigen  Jahren  noch
unter  siebenundzwanzig  verschiedenen  Landesherren  verteilt  gewesen.

Nach  der  Abtretung  von  Saarbrücken,  Lahr,  Siegen  blieb  von  dem
alten  nassauischen  Hausbesitze  wenig  übrig.  Auch  die  altoranischen  Land—
schaften  hatten  mit  dem  deutschen  Herzogshause  nicht  viel  mehr  als  den
Namen  gemein.  Was  konnte  ein  Kleinstaat  diesem  tapferen  Volke  bieten,
über  dem  einst  der  Sonnenschein  weltgeschichtlichen  Ruhmes  geleuchtet
hatte?  Dort  auf  den  rauhen  Bergen  des  Westerwaldes  und  in  dem  ab—
gelegenen  Winkel  des  Dilltals  erzählte  sich  jedes  Haus  von  den  Hollandsfahrten
  der  Väter;  dort  stand  noch  die  Linde,  unter  deren  Schatten  Wilhelm
  der  Schweiger  die  Gesandten  der  niederländischen  Rebellen  empfangen
hatte;  dort  lag  Herborn,  vor  Zeiten  die  kampflustige  Hochschule  des  Kalvinismus,
  jetzt  zogen  statt  streitbarer  Theologen  friedliche  Ackerbürger  durch
die  Chaldäergasse  des  stillen  Landstädtchens.  Noch  gleichgültiger  standen  die
pfälzischen,  trierschen,  hessischen  Amter  des  Rheintals  dem  neuen  Fürstenhause
  gegenüber.  Den  bigotten  Kurtrierern  kam  es  hart  an,  daß  sie  mit
den  protestantischen  Katzenellenbogenern  unter  einen  Hut  gerieten  und  die
trutzigen  Grenzfesten  der  beiden  feindlichen  Nachbarvölker,  die  Katz  und
die  Maus  nun  in  Trümmern  lagen;  aber  noch  härter,  daß  die  wunderreiche
  Wallfahrtskirche  zur  schmerzhaften  Mutter  Gottes  von  Bornhofen
durch  den  nassauischen  Amtmann  sofort  geschlossen  wurde.  Am  allerwenigsten
  wollte  sich  der  kurmainzische  Rheingau  mit  dem  neuen  Regimente
befreunden,  das  Paradies  der  rheinischen  Lebenslust,  das  wonnige  Land,
wo  die  Poesie  des  Weines  selbst  die  Armut  froh  erhält.  Hier  in  den
verkehrsreichen  Flecken  und  städtischen  Dörfern,  die  sich  dichtgedrängt  wie
eine  einzige  Stadt  im  Strome  wiederspiegeln,  lag  der  radikale  Übermut
in  der  Luft,  und  der  Minister  tat  das  Seine  um  dem  Gespött  des  lustigen
Völkchens  täglich  neuen  Stoff  zu  bieten.

Da  ein  Staatsministerium  und  daneben  noch  ein  Staatsrat,  ein
Armee-Kommando  und  eine  Rechenkammer  für  die  Glückseligkeit  von  300,000
Seelen  offenbar  nicht  ausreichten,  so  setzte  der  nassauische  Organisator  noch
eine  Landesregierung  darunter,  die  mit  dem  Ministerium  unter  einem
Dache  wohnte  aber  nur  schriftlich  mit  der  vorgesetzten  Behörde  verkehren
durfte;  darunter  wieder  25  Amter,  unter  diesen  die  Gemeinden,  deren
Schultheißen  die  Regierung  ernannte.  Dazu  außer  den  Untergerichten
zwei  Appellationsgerichte  und  ein  Oberappellationsgericht.  Dies  mächtige
uniformierte  Beamtenheer  war  für  sich  und  seine  Kinder  von  der  Militärpflicht
  befreit,  genoß  eines  privilegierten  Gerichtsstandes  und  wetteiferte
mit  dem  Minister  in  despotischer  Grobheit.  Der  wackere  Präsident  Ibell,
ein  strenger,  aber  wohlmeinender  und  gescheiter  Beamter,  der  an  der  neuen
Gesetzgebung  das  Beste  getan,  kam  gegen  Marschalls  übles  Beispiel
        <pb n="385" />
        Nassauischer  Domänenstreit.  377

nicht  auf.  Die  preußischen  Behörden  hatten  beständig  über  die  händel—
süchtige  Anmaßung  dieser  Nachbarn  zu  klagen;  den  bereits  vereinbarten
Vertrag  über  eine  preußische  Etappenstraße  wollte  Marschall  nachträglich
noch  abändern,  und  erst  als  ihn  General  Wolzogen  mit  einer  Pistolen—
forderung  bedrohte,  gab  er  die  versprochene  Unterschrift.  Zwecklos  erging
sich  der  bureaukratische  Aktenfleiß  im  reinen  Genusse  seines  Daseins.  Als
das  neue  Herzogtum  nach  einem  halben  Jahrhundert  wieder  verschwand,
war  noch  nicht  einmal  die  Landstraße  durch  das  dichtbevölkerte  Rheintal
vollendet;  wer  fahren  wollte,  mochte  drüben  auf  dem  linken  Ufer  die  preu—
ßische  Chaussee  benutzen.

Also  wurde  die  neue  Organisation  der  Behörden  und  der  Gemeinden
ohne  den  Landtag  begründet,  obgleich  die  Verfassung  den  Landständen  die
Mitwirkung  bei  neuen  Gesetzen  versprach.  Daran  schloß  sich  die  Trennung
der  Domänen=  und  der  Steuerkasse,  eine  scheinbar  harmlose  Maßregel,  die
einen  argen  Gewaltstreich  vorbereiten  sollte.  Die  Kassentrennung  war  kaum
vollzogen,  so  überraschte  Marschall  das  Land  durch  die  Behauptung,  daß
die  gesamten  Domänen  dem  Landesherrn  allein  gehörten,  und  eröffnete
damit  die  endlose  Reihe  jener  Kämpfe  um  das  Kammergut,  welche  seitdem
durch  viele  Jahrzehnte  eine  ekelhafte  Eigentümlichkeit  der  deutschen  Kleinstaaterei
  blieben  und  den  monarchischen  Sinn  dieser  gutmütigen  Bevölkerung
  zu  untergraben  halfen.  Die  Frage,  ob  das  Kammergut  dem  Staate
oder  dem  fürstlichen  Hause  gehöre,  war  allerdings  nicht  leicht  und  nicht
überall  auf  die  gleiche  Weise  zu  beantworten,  da  die  meisten  der  kleinen
Territorien  noch  bis  zum  Anfang  des  neuen  Jahrhunderts  nach  den
Grundsätzen  des  Patrimonialstaates  regiert  wurden  und  mithin  den  Unterschied
  von  Staats=  und  Privatrecht  kaum  kannten.  Das  politische  Königtum
  der  Hohenzollern  hatte  schon  hundert  Jahre  zuvor  die  Domänen
für  Staatsgut  erklärt;  Bayern  und  einige  andere  größere  Fürstenhäuser
folgten  jetzt  diesem  Beispiele.  Den  kleinen  Fürsten  dagegen  lag  die  Versuchung
  nahe,  das  Land  nur  als  ein  Rittergut,  die  Herrschaft  nur  als
ein  nutzbares  Recht  zu  betrachten;  sie  fühlten,  daß  ihre  Macht  wesentlich
auf  ihrem  Reichtum  ruhte,  und  beeilten  sich  ihr  Haus  gegen  die  Wechselfälle
  der  Zukunft  zu  sichern,  da  ihnen  das  Schicksal  der  Mediatisierten
vor  den  Augen  stand.  So  fand  der  Großherzog  von  Baden  an  dem
Nebeniusschen  Verfassungsentwurfe  nur  einen  Punkt  bedenklich:  er  bestand
darauf,  daß  die  Domänen  seinem  Hause  als  Patrimonialgut  zugewiesen
würden.  In  Nassau  war  mindestens  ein  Teil  der  Ansprüche  des  Landesherrn
  durchaus  unberechtigt;  denn  die  kurmainzischen  Kammergüter,  jene
herrlichen  Rebgärten  des  Rheingaues,  deren  Weine  in  dem  berühmten  Eberbacher
  Klosterkeller  lagerten,  hatten  unzweifelhaft  dem  Erzstifte,  dem  Staate
gehört.

Eine  neue,  noch  erstaunlichere  Forderung  des  Herzogs  Wilhelm
brachte  endlich  das  ganze  Land  in  Harnisch.  Im  Jahre  1808  waren  die
        <pb n="386" />
        378  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Leibeigenschaftsgefälle  aufgehoben  und  die  Grundherren  dafür  entschädigt
worden,  eine  Denkmünze  erinnerte  noch  an  diese  befreiende  Tat  des
Hauses  Nassau;  und  jetzt  trat  der  Herzog,  der  willenlos  seinem  herrischen
Minister  folgte,  plötzlich  mit  dem  Verlangen  hervor:  die  Landeskasse  solle
ihm  140,000  Fl.  jährlich  bezahlen  für  die  längst  aufgehobenen  Leibeigen—
schaftsgefälle  des  Kammerguts,  das  er  sich  soeben  erst  durch  einen  Macht—
spruch  angeeignet  hatte!  Der  Freiherr  vom  Stein,  der  von  seinem  Schlosse
Nassau  an  der  Lahn  dies  Treiben  aus  der  Nähe  betrachten  konnte,  fand
kaum  Worte  genug  um  seine  Verachtung  auszudrücken:  „die  Zeit  wird
kommen,  wo  dieser  Frevel  bestraft  wird  und  die  Vorsehung  ein  strenges  Ge—
richt  über  die  Frevler  hält;  ich  habe  daran  nicht  den  mindesten  Zweifel.“

Im  März  1818  wurde  der  Landtag  endlich  einberufen,  und  er  be—
gann  sogleich  mit  einem  Auftritt,  der  die  ganze  Armseligkeit  dieses  Be—
amtentums  an  den  Tag  brachte:  mit  der  Ausschließung  Steins.  Als
preußischer  Untertan  konnte  der  Freiherr  den  Eid,  welcher  den  Mit—
gliedern  der  ersten  Kammer  abverlangt  wurde,  nicht  ohne  Vorbehalt
leisten;  die  Regierung  aber  rührte  keine  Hand  um  durch  ein  geringfügiges
Zugeständnis  dies  Formbedenken  zu  beseitigen,  sie  ließ  es  geschehen,  daß
der  erste  Mann  des  Landes  aus  der  Kammer  ausschied.  Was  hätte  er
auch  hier  leisten  können,  in  dem  widerlichen  Gezänk  um  die  Domänen
und  den  unersättlichen  Geldbeutel  des  Landesvaters?  Die  Stände  folgten
bald  dem  Beispiel  der  Altwürttemberger  und  verbissen  sich  in  einen  un—
fruchtbaren  Rechtsstreit;  wie  jene  setzten  sie  Unrecht  gegen  Unrecht,  indem
sie  alle  Domänen  für  Staatsgut  erklären  wollten.  So  währte  es  noch
fast  zwanzig  Jahre,  bis  der  Landtag  dem  Herzog  einen  Teil  seiner  Geld—
forderung  bewilligte;  die  Rechtsfrage  aber  ist  niemals,  so  lange  dies  Herzogtum
  bestand,  vollständig  erledigt  worden.  Inzwischen  regierte  Marschall
nach  seiner  alten  Weise  wohlgemut  weiter  und  entschied  alles  was  ihm
beliebte  durch  Verordnungen;  bis  zum  Jahre  1848  wurden  dem  Landtage
nur  sechs  einigermaßen  wichtige  Gesetze  vorgelegt.  Gleichwohl  blickte  der
Nassauer  im  Hochgefühle  seiner  konstitutionellen  Freiheit  mitleidig  auf  die
preußische  Knechtschaft  hernieder.  —

Später  als  die  übrigen  süddeutschen  Territorien  gelangte  Hessen—
Darmstadt  zum  Abschluß  seiner  Verfassung,  das  künstlichste  unter  den
Staatsgebilden  des  Rheinbundes.  Das  buntgemischte  Nassauer  Land  bildete
immerhin  ein  zusammenhängendes  Gebiet;  die  Landschaften  aber,  welche
jetzt  den  Namen  des  Großherzogtums  Hessen  und  bei  Rhein  empfingen,
lagen  in  zwei  größeren  und  einer  nur  wenigen  Eingeweihten  bekannten
Anzahl  kleiner  Stücke  zerstreut  vom  württembergischen  Neckartale  bis
hinein  ins  westfälische  Gebirge.  Zumal  in  der  Frankfurter  Gegend,
wo  das  Großherzogtum  mit  vier  anderen  Staaten  zusammenstieß,  ent—
faltete  sich  eine  reiche  Mannigfaltigkeit  abenteuerlicher  Grenzlinien,  welche
der  Bundesstadt  die  Gunst  aller  Strolche  Mitteldeutschlands  verschaffte;
        <pb n="387" />
        Hessen-Darmstadt.  379

wer  über  die  Darmstädter  Grenze  zur  Stadt  hinausgeschoben  wurde,
zog  nach  einem  kurzen  Spaziergang  durch  Homburg  oder  Nassau  fröhlich
zu  einem  anderen  Tore  wieder  ein.  Im  Odenwald  lag  gar  ein  badischhessisches
  Kondominat,  dessen  Grenzen  sich  immer  von  neuem  veränderten
sobald  ein  Bauer  eine  Parzelle  verkaufte.  Und  diese  Zierden  der  deutschen
Landkarte  waren  nicht  wie  die  ebenso  zerhackten  Gebietstrümmer  Thüringens
  ein  Vermächtnis  des  heiligen  Reichs,  sondern  ein  Werk  der  allerneuesten
  deutschen  Politik.

In  den  zwei  Jahrhunderten  seit  ihrer  Trennung  von  dem  Hauptzweige
hatte  die  jüngere  Linie  des  hessischen  Hauses  ihren  Besitzstand  sehr  häufig
verändert.  Die  Darmstädter  Landgrafen  geboten  anfangs  nur  über  die
obere  Grafschaft  Katzenellenbogen  am  Odenwalde  und  einige  Striche  der
Wetterau.  Nach  deutschem  Fürstenbrauche  bewiesen  sie  ihre  Selbständigkeit
durch  beständige  Händel  mit  den  Stammesvettern  und  hielten  als  glaubensstarke
  Lutheraner  immer  zu  Osterreich,  während  Kassel  sich  dem
reformierten  Bekenntnis  näherte  und  mit  Schweden,  nachher  mit  Preußen
verbündet  war;  der  reformierten  Marburger  Hochschule  trat  das  lutherische
Gießen  entgegen.  Nachher  wurde  die  Grafschaft  Hanau-Lichtenberg  erworben,
  und  bereits  begann  sich  der  Schwerpunkt  des  Territoriums  nach
dem  linken  Rheinufer  hinüberzuschieben:  der  Hof  wohnte  mit  Vorliebe
in  dem  schönen  Schlosse  von  Buchsweiler  und  schuf  sich  in  Pirmasens
ein  süddeutsches  Potsdam  für  seine  weltberühmte  Riesengarde.  Selbst
die  Freundin  Friedrichs  des  Großen,  „die  große  Landgräfin“  Karoline
Henriette,  vermochte  die  geistlose  Langeweile  aus  diesem  Lande  der  Soldatenspielerei
  nicht  zu  verbannen;  auch  der  Minister  Karl  Friedrich  von
Moser  mußte  aus  seiner  schimpflichen  Entlassung  lernen,  daß  hier  kein
Raum  war  für  einen  Feuergeist,  der  „den  Deutschen  die  Hundedemut  abgewöhnen
  wollte“.  Nur  durch  Merck  und  seinen  Freundeskreis  unterhielt
das  stille  Darmstadt  einigen  Verkehr  mit  der  neuen  deutschen  Bildung.
Während  der  Revolutionskriege  gingen  die  überrheinischen  Besitzungen
wieder  verloren,  und  die  Dynastie  empfing  zur  Entschädigung  unter  anderem
  das  weit  entlegene  Herzogtum  Westfalen.  Nach  Napoleons
Sturz  wurde  auch  diese  unnatürliche  Erwerbung  wieder  aufgegeben  und
dafür  der  schmale  linksrheinische  Ufersaum  von  Worms  bis  Bingen  eingetauscht.
  So  erhielt  das  neue  Großherzogtum  erst  durch  die  Wiener
Verträge,  später  als  die  anderen  oberdeutschen  Staaten,  seinen  politischen
Charakter;  die  Kämpfe  zwischen  dem  linken  und  dem  rechten  Ufer  machten
fortan  seine  Geschichte  aus.

Bis  auf  einige  westfälische  Gebietsteile  war  das  ganze  Land  süddeutsch,
  fränkisch;  die  Grenze  zwischen  nord=  und  süddeutscher  Sitte  lief
seit  alten  Zeiten  quer  durch  das  obere  Lahntal  zwischen  Gießen  und
Marburg.  Aber  welche  Gegensätze  innerhalb  dieser  Bruchstücke  des  fränkischen
  Stammes.  Von  den  beiden  rechtsrheinischen  Provinzen  war  Ober-
        <pb n="388" />
        380  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

hessen  ganz  auf  den  Verkehr  mit  dem  Norden  angewiesen,  Starkenburg
mehr  auf  den  Süden.  In  beiden  Landschaften  hatte  sich  das  städtische
Leben  wenig  entwickelt;  weder  die  Reichsstädte  Friedberg  und  Wimpfen,
noch  die  lieblichen  Städtchen  an  den  Rebenhängen  der  Bergstraße  besaßen
  ein  starkes  Bürgertum,  das  dem  Beamtenheere  des  Großherzogs
mit  Selbstgefühl  begegnen  konnte.  In  den  einsamen  Waldtälern  des
Odenwaldes  und  auf  den  unwirtlichen  Höhen  des  Vogelsbergs,  ja  selbst
in  der  reichen  Ebene  der  Wetterau  bewahrten  sich  die  Bauern  noch  manchen
ehrenfesten  altväterischen  Brauch.  Die  Untertanen  der  zahlreichen  Mediatisierten,
  der  Erbach,  Isenburg,  Solms,  Leiningen  hielten  noch  in  alter
Treue  zu  den  angestammten  kleinen  Dynasten.  Namentlich  die  Grafschaft
  Erbach  blieb  noch  eine  kleine  Welt  für  sich.  Wenn  die  Odenwälder
alljährlich  zu  dem  beliebten  Volksfeste,  dem  Eulbacher  Markte,  zusammenströmten,
  dann  sprachen  sie  nur  von  dem  Stifter  des  Festes,  dem  kunstsinnigen
  Grafen  Franz,  dessen  Sammlungen  im  Erbacher  Schlosse  das
Darmstädter  Museum  weit  überboten;  die  hessische  Herrschaft  verwünschte
jedermann,  weil  sie  zunächst  nur  doppelte  Steuerlast  gebracht  hatte.

Wie  sollte  sich  der  neugewonnene  überrheinische  Landstrich,  der  nun
den  abgeschmackten  Namen  Rheinhessen  erhielt,  an  diese  patriarchalischen
Zustände  gewöhnen?  Dort  war  der  Bauer  fast  noch  städtischer  als  in
der  bayrischen  Pfalz,  fast  noch  eifriger  auf  das  „Profitieren“  bedacht,  der
Bürger  durch  den  Weltverkehr  seines  Stromes  an  große  Verhältnisse
gewöhnt.  Verächtlich  blickte  der  Mainzer  auf  die  traurige  neue  Hauptstadt
  in  der  Sandebene  am  Darmfluß  und  spottete  über  ihre  bedientenhafte
  Bevölkerung,  über  den  einen  Referendar,  der  mittags  in  ihrer
Rheinstraße  wimmelte.  Von  den  großen  Tagen  der  Vorzeit,  von  der
Macht  der  alten  Reichserzkanzler,  von  der  Bürgergröße  der  Walpoden
und  der  Gensfleisch  war  freilich  im  goldenen  Mainz  kaum  noch  die  Rede.
Die  Bischofsstadt  des  heiligen  Bonifazius,  die  sich  einst  so  gern  die  eigentliche
  Tochter  der  römischen  Kirche  genannt,  blieb  ein  Menschenalter  hindurch
  die  radikalste  und  die  am  eifrigsten  französisch  gesinnte  Stadt  des
Rheinlands.  Das  Illuminatentum  und  die  Sittenlosigkeit  der  letzten
kurfürstlichen  Zeiten  hatten  hier  einen  leichtsinnigen,  zungenfertigen  Ubermut
  groß  gezogen,  der  in  dem  wüsten  Treiben  der  republikanischen
Klubisten  seinen  Fasching  feierte  und  erst  während  der  gestrengen  napoleonischen
  Herrschaft  verstummte.  Jetzt  aber,  unter  einer  zugleich  schwachen
und  verhaßten  Regierung  trat  er  wieder  keck  hervor.  Vor  kurzem  erst
hatte  die  Bürgerschaft  die  deutschen  Eroberer  als  Befreier  begrüßt  und
die  abziehenden  Franzosen  verwünscht,  die  in  dem  geschändeten  Dome  und
fast  auf  jeder  Gasse  die  Spuren  ihrer  Roheit  zurückließen.  Bald  war  das
alles  vergessen.  Man  dachte  nur  noch  an  die  Verdienste  des  trefflichen
Präfekten  Jean  Bon  St.  André,  an  die  mannigfache  Gunst,  welche  der
Imperator  seiner  deutschen  Lieblingsstadt  erwiesen,  und  betrachtete  den
        <pb n="389" />
        Rheinhessen.  381

Code  Napoleon  als  das  Bollwerk  rheinhessischer  Freiheit.  Der  neue  Landesherr
  verbürgte  der  Provinz  in  der  Tat  den  ungestörten  Genuß  ihrer
französischen  Institutionen,  aber  die  Mainzer  wußten  wohl,  wie  unwillig
das  althessische  Beamtentum  diese  Zusage  aufnahm,  und  witterten  hinter
jedem  Erlaß  des  Ministeriums  einen  Angriff  auf  ihre  Landesfreiheit.
Die  widerwärtigen  Händel  zwischen  den  Truppen  der  Bundesgarnison
konnten  das  Ansehen  der  deutschen  Herrschaft  nicht  verstärken;  der  Bundestag
  vollends  ward  schon  darum  verspottet,  weil  er  in  Frankfurt  tagte  und
jedes  Mainzer  Kind  den  Haß  gegen  die  Nachbarstadt  mit  der  Muttermilch
einsog.  Von  den  Segnungen  des  Friedens  bekam  das  hessische  Rheinland
auch  nur  wenig  zu  spüren.  Vor  Zeiten,  so  lange  die  Talfahrt  überwog,
  hatte  Mainz  den  vornehmsten  Platz  unter  den  Rheinstädten  behauptet.
Seit  der  Kolonialhandel  emporwuchs  und  die  Bergfahrt  in  den  Vordergrund
  trat,  mußte  der  Schwerpunkt  des  rheinischen  Verkehrs  notwendig
der  Mündung  näher  rücken.  Die  unfreie  Gesetzgebung  der  kurfürstlichen
und  der  napoleonischen  Tage  griff  noch  eine  Zeitlang  hemmend  ein,  ließ
die  holländischen  Häfen  auf  Kosten  Kölns  gedeihen;  erst  unter  dem  Schutze
der  preußischen  Gesetze  trat  die  Natur  der  Dinge  in  ihr  Recht,  und  Köln
wurde  der  erste  Handelsplatz  am  Rheine.  Die  Mainzer  aber  schrieben
dies  natürliche  Wachstum  ihrer  alten  Nebenbuhlerin  zumeist  den  Unterlassungssünden
  der  Darmstädter  Regierung  zu.

Der  französische  Partikularismus  der  Rheinländer  wurde  für  Hessen
ungleich  gefährlicher  als  für  Preußen  oder  Bayern,  da  Rheinhessen  fast
ein  Drittel  der  Bevölkerung  des  Großherzogtums  umfaßte  und  in  seiner
wirtschaftlichen  Entwicklung  den  rechtsrheinischen  Landesteilen  weit  voranstand.
  In  solcher  Bedrängnis  wußte  sich  Großherzog  Ludwig  J.  vorerst
nur  durch  ein  scharfes  bureaukratisches  Regiment  zu  helfen,  eine  Politik,
welche  ohnehin  seinen  Neigungen  und  Gewohnheiten  entsprach.  Er  war
der  Neugründer  dieses  Staates,  blieb  seit  1790  vierzig  Jahre  lang  am
Ruder  und  wurde  von  untertänigen  Darmstädtern  gern  mit  Karl  Friedrich
von  Baden  verglichen.  An  den  Geist  und  die  Hochherzigkeit  des  Zähringers
reichte  er  freilich  nicht  heran,  aber  seinen  ehrlichen  Willen  bewährte  er
schon  bei  Antritt  seiner  Regierung,  als  er  dem  mißhandelten  K.  F.  von  Moser
die  gebührende  Genugtuung  gab.  Dem  Imperator  gegenüber  zeigte  er
sich  nicht  knechtischer  als  die  Mehrzahl  der  Rheinbundsfürsten;  größeren
Eifer  für  die  französische  Sache  betätigte  Prinz  Emil,  der  sich  die  besondere
  Gnade  Napoleons  erwarb  und  nach  dem  Frieden  noch  lange  die
bonapartistische  Gesinnung  in  der  tüchtigen  kleinen  Armee  wach  hielt.  Dem
Lande  brachten  die  schweren  Zeiten  des  Rheinbunds  ein  napoleonisches
Präfektensystem,  die  Vernichtung  aller  Gemeindefreiheit  und  die  unvermeidliche
  Aufhebung  der  alten  ständischen  Verfassungen,  aber  auch  manche
heilsame  Reformen,  so  die  Beseitigung  der  Leibeigenschaft  und  die  Anfänge
jener  verständigen  agrarischen  Gesetzgebung,  welche  fortan  der  Stolz  des
        <pb n="390" />
        382  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

darmstädtischen  Beamtentums  blieb.  Die  Hauptstadt  verdankte  dem  kunst—
sinnigen  Fürsten  das  Theater,  die  Bibliothek,  das  Museum,  das  Erwachen
eines  regeren  geistigen  Lebens;  auf  dem  anmutigen  Lustschloß  ihres
patriarchalischen  Herrn,  auf  dem  Fürstenlager  im  Odenwalde,  hielten  die
guten  Familien  Darmstadts  alljährlich  ihre  Sommerfrische.

Gleich  den  anderen  süddeutschen  Fürsten  hatte  der  Großherzog  auf
dem  Wiener  Kongresse  eingesehen,  daß  eine  ständische  Verfassung  unvermeidlich
  war.  Aber  als  er  nun  heimkehrte  und  mit  der  schwierigen  Einverleibung
  Rheinhessens  vollauf  zu  tun  fand,  da  verschob  er  den  entscheidenden
  Beschluß  von  Jahr  zu  Jahr.  Unterdessen  begann  das  von  den  Hungerjahren
  schwer  heimgesuchte  Land  unruhig  zu  werden;  der  Steuerdruck  und
die  Willkür  des  Beamtentums  war  nicht  mehr  zu  ertragen.  Unehrerbietige,
drohende  Bittschriften  mahnten  den  Großherzog  an  sein  Versprechen,  radikale
  Flugblätter  vertrösteten  das  Landvolk  auf  die  nahende  Revolution.
Auf  der  Gießener  Hochschule  stießen  die  Parteien  hart  aneinander;  der
geistvolle  Philolog  F.  G.  Welcker  mußte  seinen  Lehrstuhl  verlassen,  weil  er
sich  mit  dem  berüchtigten  Bonapartisten  Crome  nicht  vertragen  konnte.
Endlich  wagte  man  gar  große  Landesversammlungen  abzuhalten,  die  den
Fürsten  um  die  ersehnte  Konstitution,  das  sichere  Heilmittel  aller  irdischen
Nöte  baten.  Noch  immer  vergeblich.

So  war  die  Lage  des  Südens  im  Herbst  1818.  In  Württemberg
und  Hessen  bedenkliche  Gärung;  in  Bayern  und  Baden  lautes  Frohlocken
über  die  glücklich  errungene  neue  Verfassung  und  kindliche  Träume  von
der  wunderbaren  Freiheit,  die  da  kommen  sollte.  Und  dazu  in  der  akademischen
  Jugend  eine  brausende  Bewegung,  die  den  geängsteten  Regierungen
das  Nahen  eines  allgemeinen  Umsturzes  zu  verkünden  schien.
        <pb n="391" />
        Siebenter  Abschnitt.

Die  Burschenschaft.

Zu  allen  Zeiten  hat  die  Jugend  radikaler  gedacht  als  das  Alter,
weil  sie  mehr  in  der  Zukunft  als  in  der  Gegenwart  lebt  und  die  Mächte
des  Beharrens  in  der  historischen  Welt  noch  wenig  zu  würdigen  weiß.
Es  bleibt  aber  immer  ein  Zeichen  krankhafter  Zustände,  wenn  die  Kluft
zwischen  den  Gedanken  der  Alten  und  der  Jungen  sich  allzusehr  erweitert
  und  die  schwärmende  Begeisterung  der  Jünglinge  mit  der  nüchternen
  Tätigkeit  der  Männer  gar  nichts  mehr  gemein  hat.  Ein  solcher
innerer  Zwiespalt  begann  sich  nach  dem  Frieden  in  Norddeutschland  zu
zeigen.  Die  jungen  Männer,  die  im  Waffenschmucke  den  Anbruch  ihres
eigenen  bewußten  Lebens  und  den  Anbruch  ihres  Vaterlandes  zugleich  genossen
  oder  auf  der  Schulbank  klopfenden  Herzens  die  Kunde  von  den
Wundern  des  heiligen  Krieges  vernommen  hatten,  waren  noch  trunken
von  den  Erinnerungen  jener  einzigen  Tage;  sie  führten  den  Kampf  gegen
das  Welschtum  und  die  Zwingherrschaft  im  Geiste  weiter  und  fühlten
sich  wie  verraten  und  verkauft,  da  nun  die  Prosa  der  stillen  Friedensarbeit
  von  neuem  begann.  Wie  sollten  sie  verstehen,  welche  quälenden
wirtschaftlichen  Sorgen  den  älteren  die  Seele  belasteten?  In  alten
Zeiten  —  so  etwa  lautete  die  summarische  Geschichtsphilosophie  des  jungen
Volks  —  in  den  Tagen  der  Völkerwanderung  und  des  Kaisertums  war
Deutschland  das  Herrenland  der  Erde  gewesen;  dann  waren  die  langen
Jahrhunderte  der  Ohnmacht  und  der  Knechtschaft,  der  Verbildung  und
Verwelschung  hereingebrochen,  bis  endlich  Lützows  wilde  verwegene  Jagd
durch  die  germanischen  Wälder  brauste  und  die  heiligen  Scharen  der  streitbaren
  Jugend  das  deutsche  Volk  sich  selber  zurückgaben.  Und  was  war
der  Dank?  Statt  der  Einheit  des  Vaterlandes  entstand  „das  deutsche
Bunt",  wie  Vater  Jahn  zu  sagen  pflegte;  die  Alten  aber,  denen  der  Heldenmut
  der  Jungen  das  fremde  Joch  vom  Nacken  genommen,  versanken
wieder  in  das  Philistertum,  saßen  am  Schreibtisch  und  in  der  Werkstatt
als  sei  nichts  geschehen.
        <pb n="392" />
        384  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Hatte  Fichte  nicht  recht  gesehen,  als  er  einst  weissagte:  dies  in  Selbst—
sucht  verkommene  alte  Geschlecht  müsse  erst  verschwinden  bis  auf  den  letzten
Mann,  ehe  die  Zeit  der  Freiheit  und  der  Klarheit  den  Deutschen  tagen
könne?  Und  war  es  nicht  an  der  Jugend,  den  erschlafften  Alten  ein
Vorbild  wahrer  Deutschheit  und  damit  aller  echten  menschlichen  Tugend
zu  geben?  Sie  allein  besaß  ja  schon  „das  durchaus  neue  Selbst“,  das
der  Philosoph  seinem  Volke  erwecken  wollte,  und  verstand  den  Sinn  seines
stolzen  Ausspruchs:  „Charakter  haben  und  deutsch  sein  ist  ohne  Zweifel
gleichbedeutend.“  Nicht  umsonst  hatte  der  Redner  an  die  deutsche  Nation
gelehrt:  „die  Jugend  soll  nicht  lachen  und  scherzen,  sie  soll  ernsthaft  und
erhaben  sein.“  Stolz  wie  er  selber,  mit  erhobenem  Nacken  und  trotzig
gekräuselten  Lippen  schritt  dies  kriegerische  junge  Geschlecht  einher,  durch—
glüht  von  dem  Bewußtsein  einer  großen  Bestimmung,  gleich  dem  Meister
entschlossen,  nicht  sich  der  Welt  anzupassen,  sondern  die  anderen  für  sich
zurechtzulegen.  Seine  Sehnsucht  war  die  Tat,  die  aus  freier  Selbst—
bestimmung  entsprießende  Tat,  wie  sie  Fichte  gepriesen,  und  jeder  Blick
der  strafenden  Augen  schien  zu  sagen:  „was  kommen  soll  muß  von  uns
kommen!“  Niemals  vielleicht  ist  ein  so  warmes  religiöses  Gefühl,  so  viel
sittlicher  Ernst  und  vaterländische  Begeisterung  in  der  deutschen  Jugend
lebendig  gewesen;  aber  mit  diesem  lauteren  Idealismus  verband  sich  von
Haus  aus  eine  grenzenlose  Überhebung,  ein  unjugendlicher  altkluger
Tugendstolz,  der  alle  Stille,  alle  Schönheit  und  Anmut  aus  dem  deut—
schen  Leben  zu  verdrängen  drohte.  Die  rauhen  Sitten  des  jungen  Ge—
schlechts  erinnerten  nur  zu  lebhaft  an  den  Ausspruch  des  Meisters:  „eine
Liebenswürdigkeitslehre  ist  vom  Teufel.“  Wenn  diese  Spartaner  auf  Ab—
wege  gerieten,  dann  konnten  die  Verirrungen  des  überspannten  sitt—
lichen  Selbstgefühls  leicht  verderblicher  wirken  als  die  holde  Torheit  des
gedankenlosen  jugendlichen  Leichtsinns.

Wer  darf  sagen,  ob  Fichte  bei  längerem  Leben  versucht  haben  würde
diese  tatendurstige  Jugend  in  den  Schranken  der  Bescheidenheit  zu  halten
oder  ob  die  Enttäuschungen  der  Friedenszeit  den  radikalen  Idealisten
selber  verbittert  hätten?  Er  starb  schon  im  Januar  1814,  vom  Lazaret—
fieber  dahingerafft,  ein  Opfer  des  Krieges,  dessen  Sinn  und  Ziele  er  so
groß  und  rein  verstanden  hatte;  und  nun  geriet  die  Jugend,  die  immer
nach  einer  Führung  verlangt,  unter  den  Einfluß  anderer  Lehrer,  von  denen
keiner  hoch  genug  stand  um  den  übermut  des  jungen  Geschlechts  zu
mäßigen.  Unter  den  Lützowschen  Jägern  hatte  der  Turnvater  Jahn  wenig
gegolten,  der  unbändige  Polterer  paßte  nicht  in  die  strenge  Ordnung  des
militärischen  Dienstes.  Erst  während  der  Friedensverhandlungen  machte
er  wieder  von  sich  reden,  als  er  zum  Entzücken  der  Gassenbuben  in  den
Straßen  von  Paris  umherzog,  den  Knotenstock  in  der  Hand,  beständig
scheltend  und  wetternd  gegen  die  geilen  Welschen.  Das  lange  Haar,  das
dem  treuen  Manne  einst  nach  der  Jenaer  Schlacht  in  einem  Tage  er—
        <pb n="393" />
        Fichte  und  Jahn.  385

graut  war,  hing  ungekämmt  auf  die  Schultern  hernieder;  der  Hals  war
entblößt  —  denn  das  krechtische  Halstuch  ziemte  dem  freien  Deutschen
so  wenig  wie  die  weichliche  Weste;  ein  breiter  Hemdkragen  überdeckte  den
niedrigen  Stehkragen  des  schmutzigen  Rockes.  Und  diesen  fragwürdigen
Anzug  pries  er  wohlgefällig  als  die  wahre  altdeutsche  Tracht.  Welch  ein
Fest,  als  die  Osterreicher  eines  Tages  die  ehernen  Rosse  des  Lysippos
von  dem  Triumphbogen  des  Karussellplatzes  herabnahmen  um  sie  nach
Venedig  zurückzuführen;  mit  einem  Male  stand  der  riesige  Recke  neben
dem  Erzbilde  der  Viktoria  droben  auf  dem  Bogen,  hielt  den  deutschen
Soldaten  eine  donnernde  Rede  und  schlug  der  Siegesgöttin  mit  wuchtigen
  Fäusten  auf  ihren  verlogenen  Mund  und  ihre  prahlerische  Trompete.
Seitdem  kannte  ihn  die  ganze  Stadt;  das  Herz  lachte  ihm  im  Leibe,  so
oft  ihn  die  Pariser  mit  feindseligen  Blicken  maßen  und  einander  zuflüsterten:
  Le  voilädl  Celui-ci!

Nach  der  Heimkehr  eröffnete  er  wieder  seine  Turnschule:  „Frisch,  frei,
fröhlich,  fromm  ist  der  Turngemein  Willkomm!“  In  hellen  Haufen  eilte
die  Berliner  Jugend  auf  den  Turnplatz  in  der  Hasenhaide  und  zu  der
Schwimmschule  des  Obersten  Pfuel  am  Oberbaum.  Von  den  Studenten
kam  freilich  nur  ein  Teil,  den  meisten  ging  es  wider  die  Ehre,  daß
unter  den  Turnern  vollkommene  Gleichheit  herrschen  und  man  sich  mit
den  Gnoten  duzen  sollte;  auch  bei  den  niederen  Klassen  fand  die  neue
Kunst  zunächst  nur  wenig  Anklang,  denn  wer  beständig  mit  dem  Körper
arbeitet,  glaubt  der  Schulung  des  Leibes  nicht  erst  zu  bedürfen.  Um  so
eifriger  beteiligte  sich  das  kleine  Volk  aus  der  Plamannschen  Lehranstalt,
wo  Jahn  einst  Lehrer  gewesen,  aus  den  Gymnasien  und  den  anderen
Schulen  der  höheren  Stände.  Diese  jungen  Teutonen  hatten  dem  heiligen
  Kriege  fern  bleiben  müssen  und  brannten  vor  Begier,  jetzt  das  Versäumte
  nachzuholen,  durch  trutzigen  Mut  und  rüstige  Fäuste  ihre  Deutschheit
  zu  erweisen;  ihre  Augen  leuchteten,  wenn  ihnen  Jahn  in  seinen
wunderlichen  Stabreimen  das  Bild  des  echten  Turners  schilderte:  „Tugendsam
  und  tüchtig,  keusch  und  kühn,  rein  und  ringfertig,  wehrhaft  und
wahrhaft!“  Sie  ließen  sich's  nicht  zweimal  sagen,  daß  sie  nicht  „als
müßige  Eckner  mit  dem  Bahgesichte“  dastehen  dürften,  wie  die  gründlich  verachteten
  „Kuchenbäcker“  dort,  die  Bürger,  die  vom  Grenzgraben  der  Hasenhaide
  den  Kraftproben  der  Jugend  verwundert  zuschauten.  „Nicht  Quaas
und  Fraß“",  meinte  Jahn,  „Leben  und  Weben  soll  beim  Volksfeste  vorwalten;"
  und  wie  lebte  und  webte  es  auf  dem  Turnplatze,  wenn  die
Jungen,  allesamt  in  grauen  Jacken  von  ungebleichter  Leinwand,  mit
nacktem  Halse  und  langem  Haar  gleich  dem  Meister,  ihre  unerhörten
Künste  übten:  den  Kiebitzlauf  und  den  Bratenwender,  das  Kippen  und
das  Wippen,  das  Nest  und  den  Schwebehang,  die  Affen-,  Frosch-  und
Karpfensprünge,  die  Bein-,  Bauch=  und  Rückenwellen  und  die  Krone  von
allem,  die  Riesenwelle.  Entzückt  rühmte  das  Turnlied:

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  25
        <pb n="394" />
        386  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Als  der  Turnermeister  der  alte  Jahn
Für  des  Volks  urheilige  Rechte
Vortrat  zu  der  Freiheit  Rennlaufbahn,
Da  folgt'  ihm  ein  wehrlich  Geschlechte.
Hei  wie  schwungen  sich  die  Jungen
Frisch,  froh,  fromm,  frei!

Hei  wie  sungen  da  die  Jungen:
Juchhei!

Wenn  die  Ferienzeit  nahte,  dann  nahm  Jahn  gern  seine  Axt  auf
die  Schulter  und  brach  mit  einer  kleinen  Schar  von  Getreuen  zu  einer
weiten  Turnfahrt  auf;  über  Stock  und  Stein  ging  es  dann  vorwärts  bei
Wind  und  Wetter,  in  gewaltigen  Märschen,  bis  nach  Rügen  oder  ins
schlesische  Gebirge.  Nachts  lagerten  sich  die  Graujacken  gern  beim  Wach—
feuer  unter  freiem  Himmel,  alles  zur  Mehrung  der  frommen  Deutsch—
heit,  und  stolz  erklang  das  Turnwanderlied  des  biderben  Maßmann:

Stubenwacht,  Ofenpacht,
Hat  die  Herzen  weich  gemacht.

Wanderfahrt,  Turnerart
Macht  sie  frank  und  hart.

Zur  Nahrung  diente  oft  nur  trockenes  Brot,  und  selten  ward  etwas
anderes  als  Milch  oder  Wasser  getrunken;  denn  auch  die  Mäßigkeit
rechnete  der  Turnvater  zu  den  eigentümlichen  Tugenden  der  Deutschen,
was  vor  ihm  noch  nie  ein  Sterblicher  behauptet  hatte.  Langsame  Köpfe
durften  nicht  murren,  wenn  ihnen  der  jähzornige  Meister  durch  Verabreichung
  einer  „Dachtel“  die  Gedankenarbeit  beschleunigte;  das  war  keine
gemeine  Ohrfeige,  sondern  hing,  nach  Jahns  Etymologie,  mit  „Denken“
zusammen.  Verging  sich  aber  einer  gar  zu  gröblich  gegen  die  Grundsätze
  des  Deutschtums  oder  begegnete  der  waidlichen  Schar  sonst  etwas
anstößiges,  etwa  eine  französische  Inschrift  oder  ein  geputzter  Modegeck,
ein  „Schnürling“",  dann  wurde  „Entsatz  gemacht“,  dann  kauerten  sich  die
jungen  Unholde  im  Kreise  um  den  Gegenstand  des  Entsetzens,  reckten  die
Zeigefinger  vor  und  brüllten:  äh  ähl

In  tapferen  Völkern  müssen  alle  schulmäßigen  Leibesübungen  kriegerischen
  Zwecken  dienen,  wenn  sie  nicht  zu  läppischer  Spielerei  ausarten
sollen.  Eingefügt  in  den  regelmäßigen  Schulunterricht  konnte  das  Turnen
der  überfeinerten  Bildung  der  Zeit  ein  heilsames  Gegengewicht  bieten  und
die  Durchführung  der  allgemeinen  Wehrpflicht  erleichtern.  In  diesem
Sinne  hatte  Gneisenau  schon  vor  Jahren  die  kriegerische  Ausbildung  der
gesamten  Jugend  empfohlen;  ähnlich,  wenngleich  etwas  überschwänglich
äußerte  sich  noch  jetzt  ein  Breslauer  Turnfreund,  Hauptmann  von  Schmeling
  in  seiner  Schrift  „Turnen  und  Landwehr“".  Jener  wunderliche  Heilige
aber,  der  sich  schon  bei  Lebzeiten  durch  seine  Eulenspiegeleien  zu  einer
sagenhaften  Person  erhoben  sah,  konnte  auch  das  Vernünftige  nur  auf
närrische  Weise  betreiben.  Er  war  aufgewachsen  im  Hasse  gegen  den
        <pb n="395" />
        Turnplätze  und  Turnfahrten.  387

Kamaschendienst  des  alten  Heeres  und  besaß  weder  die  Bildung  noch  die
Beweglichkeit  des  Geistes  um  die  Bedeutung  des  neuen  Wehrgesetzes  zu
verstehen.  Da  nach  dem  Frieden  manche  unnütze  Paradekünste  wieder
aufkamen  und  die  eleganten  Gardeoffiziere  Berlins  die  langhaarigen
Rüpel  der  Hasenhaide  ersichtlich  nur  mit  mäßigem  Wohlgefallen  betrach—
teten,  so  meinte  Jahn,  die  Armee  sei  wieder  in  den  Zustand  von  1806
zurückgesunken,  und  polterte  nach  seiner  alten  Weise  wider  „die  gewor—
benen  Söldnerscharen,  die  auf  dem  Prahlplatze  gedrillt  werden“.  Die
gedankenlose  Jugend  verfiel  natürlich  nicht  auf  die  einfache  Frage:  wo
denn  in  Preußen  die  geworbenen  Söldnerscharen  sein  sollten?  —  son—
dern  ging  gelehrig  auf  den  Hohn  ein  und  sang  jubelnd:
Es  hat  der  Held-  und  Kraft-Uhlan
Sich  einen  Schnürleib  angetan,
Damit  das  Herz  dem  braven  Mann
Nicht  in  die  Hosen  fallen  kann.
Die  Turnplätze  wurden  die  fruchtbaren  Heimatstätten  jener  Partei—
legenden,  welche  dem  Volke  die  Geschichte  seines  Befreiungskrieges  ver—
fälschten:  nicht  die  Künste  der  Männer  des  Korporalstockes,  sondern  die  Begei—
sterung  der  Landwehr,  des  Landsturmes  und  vornehmlich  die  Freischaren
hatten  den  Sieg  errungen.  Alle  die  Großtaten,  welche  Jahn  mit  seinen
Lützowern  vorgehabt  aber  leider  nicht  zustande  gebracht  hatte,  vollendeten
sich  jetzt  nachträglich  in  den  prahlerischen  Gesprächen  seiner  Turngenossen.
Wer  diesen  Kraftmenschen  glaubte,  mußte  die  Uberzeugung  gewinnen,
daß  beim  nächsten  Einfall  der  Franzosen  die  deutsche  Turnerschaft  nur
eine  einzige  ungeheuere  Bauchwelle  zu  schlagen  brauchte  um  den  Feind  zu
zermalmen.  „Wir  Sturmerprobten“,  versicherte  das  Turnlied,  „wir  zittern
vor  Söldnerschlachten  nicht"  —  und  wieder:
Sold  mag  hinaus  senden  zum  Strauß
Buntes  Gewürme:
Türme  und  Stürme
Sind  wir,  die  Zügel  und  Flügel  im  Strauß!

Wie  mit  dem  Heere,  so  wollte  Jahn  auch  mit  den  Schulen  nichts
gemein  haben:  seine  Turnplätze  sollten  eine  Welt  für  sich  bleiben,  die
Pflegestätten  der  Deutschheit,  durchaus  von  seinem  Geiste  erfüllt.  So
fromm  und  ehrlich  er  war,  die  unmäßige  Bewunderung,  die  ihm  von  so
vielen  begabteren  Männern  gespendet  ward,  brachte  ihn  doch  aus  dem  Gleichgewichte.
  Mußte  er  sich  nicht  endlich  selber  für  den  Schutzheiligen  der
deutschen  Jugend  halten,  seit  Schenkendorf  über  das  schöne  Lied:  „Wenn
Alle  untreu  werden,  so  bleiben  wir  doch  treu“  die  Aufschrift  gesetzt  hatte:
„Erneuter  Schwur  an  den  Jahn!“  Da  stand  es  ja  klärlich  zu  lesen,
daß  wenn  alle  falschen  Götzen  trauen,  der  Jahn  allein  und  seine  Getreuen
  noch  „predigen  und  sprechen  vom  heiligen  deutschen  Reich".  Zwei
Universitäten,  Jena  und  Kiel,  sendeten  ihm  fast  gleichzeitig  ihr  Doktordiplom
  und  feierten  mit  dem  ganzen  Pompe  akademischer  Amtsberedsamkeit

25*
        <pb n="396" />
        388  II.  7.  Die  Burschenschaft.

den  Begründer  der  ars  tornaria,  den  Erwecker  der  Jugend,  den  Retter  deutscher
  Sprache,  den  anderen  Martin  Luther.  Friedrich  Thiersch  widmete  ihm
seine  Ausgabe  des  Pindar  und  schilderte  in  einem  schwungvollen  Vorwort,
wie  die  Gymnastik  bei  den  Hellenen  und  den  Deutschen  mit  allen  idealen
Bestrebungen  der  Menschheit  verschwistert  sei;  und  doch  erinnerten  leider
die  stämmigen  Gestalten  der  Vorturner  von  der  Hasenhaide  weit  öfter  an
die  Gladiatorenbilder  aus  den  Thermen  des  Caracalla  als  an  die  lorbeergeschmückten
  Sieger  von  Olympia.

Wenn  geistreiche  Gelehrte  den  handfesten  Priegnitzer  Bauer  so  seltsam
überschätzten,  wie  hätten  die  Jünglinge  ihn  nicht  vergöttern  sollen?  Alles
ahmten  sie  ihm  nach,  am  gelehrigsten  seine  Untugenden:  die  barbarische
Sprache,  die  Grobheit  und  Unfläterei.  Seine  Lust  an  kräftigen,  volkstümlichen
  Redewendungen  wurde  bald  zur  Manier,  da  ihm  jede  Selbstkritik
  fehlte;  die  jungen  Turner  und  die  wütenden  Franzosenfeinde  der
Berliner  „Gesellschaft  für  deutsche  Sprache“  überboten  noch  die  Torheiten
  des  Meisters,  veranstalteten  unter  dem  Vorwande  der  Sprachreinigung
  eine  gewerbmäßige  Jagd  auf  alle  Fremdwörter,  nannten  die
Universitäten  Vernunftturnplätze,  sprachen  im  Konzertsaal  vom  Einklangswettstreite
  des  Klangwerks,  von  den  Tiefknüppeln  und  Tiefgeigen  und  gelangten
  also  zu  einem  schwülstigen  Kauderwelsch,  das  ebenso  undeutsch
und  um  vieles  geistloser  war  als  die  mit  ausländischen  Brocken  gespickte
Sprache  des  siebzehnten  Jahrhunderts.  Jahns  Sitten  aber  blieben  noch
immer  ebenso  ungeschlacht  wie  einst  in  den  Tagen  seiner  akademischen
Heldentaten,  da  er  seinen  Gegner  Kuhfladen  ins  Gesicht  warf  und  sich
am  Abhange  des  Giebichensteins  in  einer  Höhle  verschanzte  um  auf  die
anstürmenden  Hallenser  Landsmannschafter  Felsblöcke  herabzuschleudern.

Die  Jugend  verwilderte  unter  der  Führung  eines  Banausen,  dem  die
Kunst  und  das  Altertum,  die  ganze  Welt  des  Schönen  verschlossen  blieb.
Mit  Mut  und  Rüstigkeit  war  das  neue  Deutschtum  überreich  gesegnet;
aber  andere  nicht  minder  deutsche  Tugenden,  die  Bescheidenheit,  der  wissenschaftliche
  Sinn,  der  entsagende  Fleiß,  die  Ehrfurcht  vor  dem  Alter
und  dem  Gesetze  gerieten  in  Mißachtung.  Der  sittenpredigende  Eifer
steht  keinem  wohl  an,  im  Munde  unreifer  Burschen  klang  er  ebenso  abgeschmackt
  wie  das  Prahlen  mit  der  Keuschheit,  die  doch  nur  Wert  hat,
wenn  sie  schamhaft  und  verschwiegen  bleibt.  Alle  verständigen  Lehrer  begannen
  zu  klagen,  wie  patzig  und  unlenksam  ihre  Schüler  würden  und
wie  das  Küchlein  stets  klüger  sein  wollte  als  die  Henne.  Wie  oft  hatten
die  Ausländer  schon  gelächelt  über  den  seltsamen  Widerspruch,  daß  die
Deutschen  von  der  Würde  der  Frauen  vielleicht  höher  dachten  als  irgend
ein  anderes  Volk  und  doch  in  ihren  Umgangsformen  dies  Gefühl  so
wenig  zeigten;  erst  durch  die  Anmut  der  neuen  Literatur  war  dies  männische
  Wesen  etwas  gebändigt  und  die  Frau  in  der  deutschen  Gesellschaft
wieder  zu  ihrem  guten  Rechte  gelangt;  und  nun  reckte  sich  der  ungeleckte
        <pb n="397" />
        Turnstaat  und  Turnlieder.  389

germanische  Bär  wieder  brummend  aus,  die  jungen  Männer  setzten  ihren
Stolz  darein,  den  Weibern  unausstehlich  zu  erscheinen.  Auch  hinter  der
gerühmten  teutonischen  Wahrhaftigkeit  verbarg  sich  viel  Selbstbetrug;  der
biderbe  Ton  war  eine  Mode  wie  andere  auch,  die  Roheit  oft  ebenso  er—
künstelt  wie  bei  anderen  Nationen  die  Höflichkeit.  Unter  dem  Terroris—
mus  deutschtümelnder  Kraftworte  und  Kraftsitten  verkümmerte,  was  den
Kern  alles  deutschen  Wesens  bildet,  die  stolze  Freiheit  der  persönlichen
Eigenart.  Die  gespreizte  Unnatur  dieses  bewußten  und  gewollten  Ber—
serkertums  bewies  nur,  daß  die  menschlich  heitere  Tugend  der  Athener
dem  deutschen  Geiste  näher  steht  als  die  gemütlose  Sittenstrenge  der
Spartaner.

Das  Wunderlichste  blieb  doch,  daß  diese  neue,  das  ganze  Vaterland
mit  ihren  Träumen  umfassende  Deutschheit  sofort  in  den  unausrottbaren
alten  kleinstädtischen  Zunftgeist  zurückfiel  und  gleich  damit  begann  eine
streng  geschlossene  Sekte  mit  eigenem  Brauch  und  eigener  Sprache  zu  bil—
den.  Hier  war  der  Turnstaat,  das  Turnleben,  das  Turnbekenntnis,  hier
allein  blühte  die  wahre  Freiheit  und  Gleichheit:

So  hegen  wir  ein  freies  Reich,

An  Rang  und  Stand  sind  alle  gleich.

Freies  Reich!  Alles  gleich!  Heisa  juchhe!
In  den  Turnliedern  erklingen  nur  selten  die  hellen  Töne  unbefangener
jugendlicher  Fröhlichkeit;  die  meisten  der  jungen  Poeten  werfen  sich  in
Fechterstellung,  fahren  herausfordernd,  drohend,  scheltend  auf  die  Feinde  der
löblichen  Turnkunst  los:  „rührt's  auch  den  Aar,  wenn  ihn  verlacht  ein  Sper—
ling  auf  dem  Mist?“  Und  wie  töricht  nährte  Jahn  selber  diesen  Sekten—
geist.  Wer  dem  geweihten  Kreise  fern  blieb  war  ein  Meindeutscher,  ein  Sie—
männlein,  ein  Zwingherrnknecht  und  wurde  von  den  Zunftgenossen  ganz
wie  ein  Bönhase  mit  der  gröbsten  Unduldsamkeit  behandelt.  In  seinem
siebenten  Turngesetze  befahl  Jahn  geradezu:  jeder  Turner  solle  ihm  sogleich
eine  Anzeige  machen,  wenn  er  etwas  erführe,  „was  für  und  wider  die
Turnkunst  derselben  Freund  und  Feind  sprechen,  schreiben  oder  wirken,
damit  zu  seiner  Zeit  und  an  seinem  Orte  aller  solcher  Kunden  mit  Glimpf
oder  Schimpf  könne  gedacht  werden!“  So  wuchs  allmählich  in  aller  Un—
schuld  ein  kleiner  Staat  im  Staate  empor;  die  harmlose  Turnerei  nahm
vieles  von  den  Unarten  des  politischen  Parteifanatismus  an,  und  manches
ängstliche  Gemüt  fühlte  sich  durch  das  Puritanertum  der  deutschen  Lang—
haare  an  die  englischen  Rundköpfe  erinnert  oder  verglich  die  teutonischen
Sanskravatten  gar  mit  den  Sansculotten  der  Revolution.

An  den  Torheiten  der  Jugend  sind  die  Erwachsenen  immer  mit—
schuldig.  Die  Anmaßung  des  jungen  Volks  wäre  nie  so  hoch  gestiegen,
wenn  nicht  die  Alten  das  kindische  Spiel  in  Lob  und  Tadel  mit  einer
Überschätzung  behandelt  hätten,  die  uns  heute  im  Gedränge  unserer  ernsten
Parteikämpfe  schon  unbegreiflich  vorkommt.  Das  öffentliche  Leben  in  Preußen
        <pb n="398" />
        390  II.  7.  Die  Burschenschaft.

schien  ganz  erstorben,  die  große  Arbeit  der  Wiederherstellung  des  Staates
spielte  sich  in  der  Stille  der  Amtsstuben  ab.  Die  Zeitungen  wiesen  dem
Vaterlande  nur  ein  bescheidenes  Plätzchen  am  Ende  des  Blattes,  hinter
den  ausländischen  Nachrichten  an  und  wußten  oft  wochenlang  aus  der
Heimat  von  nichts  zu  berichten,  als  von  fürstlichen  Besuchen  und  Ma—
növern  oder  von  dem  „gewiß  seltenen“  Feste  eines  Amts-Jubiläums,  wo—
bei  der  Jubelgreis  den  roten  Adlerorden  empfangen  und  über  „diesen
gewiß  seltenen  Beweis  Allerhöchster  Gnade“  Tränen  der  Rührung  ver—
gossen  hatte.  Nur  die  Turnplätze  gaben  noch  Stoff  zum  Erzählen:  die
Blätter  wurden  nicht  müde  zu  schildern,  „wie  tief  gemütlich  und  kindlich
fromm,  wie  starkmütig  und  voll  sinniger  Tiefe“  diese  streitbare  Jugend
sei,  obgleich  die  Mehrzahl  ihrer  ruheseligen  Leser  im  Stillen  „die  unge—
bleichten  Racker“  verwünschte.  Der  prahlerische  Lärm  der  Turnfahrten
erinnerte  stark  an  das  aufgeregte  Treiben  der  Geißlerscharen  des  Mittel—
alters;  in  manchem  kleinen  Orte  empfing  der  gesamte  Stadtrat  die
Turnerschar  wie  ein  siegreiches  Heer  am  Tore,  und  als  Jahn  seine  Getreuen
  zum  ersten  Male  nach  Breslau  hinüberführte,  war  ihm  die  halbe
Stadt  auf  der  Landstraße  entgegengezogen,  stundenweit  schritten  die  schweißtriefenden,
  durch  den  langen  Dauerlauf  keineswegs  verschönerten  jungen
Helden  zwischen  dem  Spalier  der  gaffenden  Bürger  dahin.

Neben  solchen  Philistern  mußten  sie  sich  wohl  selber  als  auserwählte
Vorkämpfer  „der  guten  Sache"  fühlen.  Wohl  gab  es  auch  unter  den  Alteren
noch  einzelne,  „die  nicht  Geisteskrüppel  waren“  und  den  Turnern  gleich
das  welsche  Wesen,  die  französische  „Schmutz=  und  Giftsprache"  tapfer
bekämpften.  So  der  Philolog  Gottlieb  Welcker  in  seiner  Schrift:  „Warum
muß  das  Französische  weichen?“"  So  Willemer  in  Frankfurt,  der  Gatte
von  Goethes  Suleika;  der  schrieb  ein  „Wort  an  Deutschlands  Frauen“,
um  die  Pariser  Tracht  zu  verdrängen.  Denselben  Gedanken  führte  dann
Hofrat  Becker  in  Gotha  weiter  aus,  unter  heftigen  Ausfällen  wider  „die
Putzpüppchen  und  die  läppische  Gesetzgeberin  Mode“;  das  sauber  gemalte
Musterbild  des  „deutschen  Feyerkleides“,  das  er  seinem  Buche  beigab,  war
nur  leider  nichts  anderes  als  eine  Nachbildung  der  schwarzen  spanischen
Tracht  des  siebzehnten  Jahrhunderts.  Die  deutschen  Frauen  aber  wollten
die  bunten  Farben  nicht  aufgeben,  die  Männer  den  Gedankenaustausch
mit  der  französischen  Kultur  nicht  missen.  Da  die  Alten  also  sich  im
Welschtum  verstockten,  so  blieb  die  Deutschheit  allein  auf  die  Jugend
angewiesen,  und  hier  ward  sie  täglich  hochmütiger.  Mancher  Vater  sendete
seine  Söhne  nur  darum  auf  den  Turnplatz,  weil  er  sie  vor  dem  Hohne
der  Genossen  bewahren  wollte.  Wo  immer  ein  junger  Mann  einen  andern
traf,  der  gleich  ihm  selber  einen  Dolch  an  stählerner  Kette  über  dem  schäbigen
  altdeutschen  Rocke  trug,  da  fanden  sich  die  Beiden  rasch  zusammen
wie  die  Mitglieder  einer  unsichtbaren  Kirche  und  schwärmten  selbander  für
ihre  „Überzeugung“.  Dieser  Ausdruck  hatte  sonst  nur  die  von  außenher,
        <pb n="399" />
        Jahn  als  Politiker.  391

durch  das  Zeugnis  anderer  gewonnene  Erkenntnis  bezeichnet,  jetzt  erhielt
er  einen  neuen  pathetischen  Sinn,  der  ihm  bis  heute  geblieben  ist.  Uber—
zeugung  war  die  Stimme  des  Gewissens,  das  wahre,  Ich  des  Deutschen,
Überzeugungstreue  die  höchste  aller  Tugenden,  seine  Überzeugung  ändern
hieß  sich  selber  und  die  Deutschheit  verraten.  Im  Hochgenusse  der  gemeinsamen
  Überzeugung  fühlte  sich  das  junge  Volk  der  Zukunft  sicher,
und  der  Gießener  Sartorius,  genannt  der  Bauer,  sang  in  seinem  „Turnleben“:


lber  jede  Schicksalsbeugung
Schwingt  uns  unsre  Überzeugung.
Diese  macht  uns  alle  gleich,
Stiftet  unser  neues  Reich.

Worin  diese  heilige  Überzeugung  eigentlich  bestehe?  —  das  wußte
freilich  von  den  jungen  Schwärmern  niemand  zu  sagen.  Am  wenigsten
vielleicht  der  Turnvater  selber.  Nichts  lächerlicher  als  der  Vorwurf  geheimer
  Verschwörungskünste  gegen  ihn,  der  sich  nur  wohl  fühlte  wo  geschrien
  und  gepoltert  ward.  Jahns  Königstreue  stand  außer  jedem  Zweifel;
wie  oft  hat  er  noch  in  späteren  Jahren  seine  jungen  Freunde  belehrt,  daß
alles  Heil  Deutschlands  nur  von  Preußen  kommen  könne.  Sein  Traum
blieb  die  Einheit  des  Vaterlandes.  Er  fühlte,  und  sprach  es  oft  in  kräftigen
Worten  aus,  daß  ein  Koalitionskrieg  mit  verkümmertem  Erfolge  nicht  genügte
  um  den  schlummernden  Nationalstolz  zu  wecken:  „Deutschland
braucht  einen  Krieg  auf  eigene  Faust  um  sich  in  ganzer  Fülle  seiner
Volkstümlichkeit  zu  entfalten.“  In  seinen  Runenblättern  (1814)  schilderte
  er,  noch  nachdrücklicher  aber  auch  noch  wunderlicher  als  einst  in
seinem  Deutschen  Volkstum,  wie  die  Seele  des  Volkes  in  der  Kleinstaaterei
verkümmert:  „Das  Vaterland  muß  Hochgefühle  wecken,  Hochgedanken  erzeugen,
  ein  Heiligtum  sein  und  Heldentum  werden.  Erbärmlichkeit  ist
das  Grab  alles  Großen  und  Guten.  Rhein  und  Rinnstein,  Berlin  und
Berlinchen,  Wien  und  Winzig,  Leipzig  und  Lausig.“  Er  hoffte  wie  Fichte
auf  einen  Zwingherrn  zur  Deutschheit:  „den  Waltschöpfer  und  Einheitsschaffer
  verehrt  jedes  Volk  als  Heiland  und  hat  Vergebung  für  alle  seine
Sünden.“  Doch  über  die  Formen  und  die  Mittel  der  deutschen  Einheit
hatte  er  niemals  irgend  nachgedacht;  ihm  galt  es  gleich,  ob  das  Kaisertum
  einem  Hause  erblich  übertragen  würde  oder  zwischen  den  deutschen
Fürsten  reihum  ginge  „wie  die  Braugerechtigkeit  in  manchen  Städten“.

Vor  der  Masse  seiner  Turner  sprach  er  selten  über  Politik,  und
manche  strengkonservative  junge  Männer,  wie  die  Gebrüder  Ranke  nahmen
an  den  Ubungen  teil  ohne  irgend  ein  Argernis  zu  bemerken.  Um  so
schwerer  versündigte  sich  Jahn  durch  unnütze  Reden  im  Kreise  seiner  vertrauten
  Genossen:  da  schimpfte  er  unbändig  auf  Menschen  und  Dinge,
welche  weit  über  seinen  Gesichtskreis  hinausragten,  da  prunkte  er  mit
nahenden  Kämpfen  gegen  unbekannte  Feinde.  Was  sollte  sich  der  junge
        <pb n="400" />
        392  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Heißsporn  Heinrich  Leo  dabei  denken,  wenn  ihn  der  Turnvater  ausführ—
lich  belehrte:  mit  dem  Dolche  müsse  man  zuerst  nach  den  Augen  zielen
und  dann,  wenn  das  Opfer  die  Arme  vor  den  Kopf  halte,  nach  der  unge—
deckten  Brust  stoßen  —?  Franz  Lieber  aber,  der  geistvollste  und  aufge—
regteste  unter  den  jungen  Schwarmgeistern,  trug  alle  „Goldsprüchlein  aus
Vater  Jahns  Munde“  gewissenhaft  in  sein  Taschenbuch  ein  und  ver—
schönerte  sie  zuweilen  noch  durch  die  Weisheit  seines  eigenen  achtzehnjäh—
rigen  Kopfes;  wenn  der  Meister  die  gewichtigen  Worte  sprach:  „Wort
gegen  Wort,  Feder  gegen  Feder,  Dolch  gegen  Dolch“  so  fügte  der  Schüler
auf  eigne  Faust  den  Schluß  hinzu:  „nehmen  sie  mich  fest,  wohlan!“  —
und  das  sinnlose  Bramarbasieren  klang  wie  das  Losungswort  einer  Ver—
schwörung.  Mit  der  Vertreibung  der  Franzosen  war  Jahns  politischer
Gedankenvorrat  erschöpft;  die  öffentlichen  Vorlesungen  über  das  Deutschtum,
  die  er  im  Jahre  1817  hielt,  brachten  außer  einzelnen  guten  Einfällen
  nur  noch  hohle  Schlagworte.  Am  liebsten  wollte  er  zwischen  Deutschland
  und  Frankreich  eine  große  „Hamme"  einrichten,  eine  von  Bären  und
Auerochsen  bewohnte  Wildnis;  da  dies  leider  nicht  mehr  anging,  so  mußte
mindestens  jeder  Verkehr  mit  den  Welschen  aufhören:  „wer  seine  Tochter
französisch  lernen  läßt  tut  nichts  Besseres  als  wer  sie  die  Hurerei  lehrt.“
Dazwischenhinein  heftige  Angriffe  auf  die  geheime  Rechtspflege  der  „Schmiergerichte
  mit  ihrem  Förschlerverfahren“",  und  ein  ganzes  Wörterbuch  von
Schimpfreden  wider  die  Hofleute  und  Staatsmänner,  diese  Vorgemachshasen,
  Steigemänner,  Schürzenkrebse,  Kuppelpelze,  Wettergänse.  Zum
Schluß  rief  er:  „Gott  segne  den  König,  mehre  die  Deutschheit  und  verleihe
  gnädig  und  bald  das  Eine  was  not  tut,  eine  weise  Verfassung."“

Was  er  sich  unter  der  weisen  Verfassung  dachte,  blieb  ihm  selber
dunkel.  Das  junge  Volk  aber  säumte  nicht,  im  törichten  Absprechen  über
unverstandene  Fragen  den  Meister  noch  zu  überbieten.  Der  Zynismus
der  Turnerei,  ihr  Haß  gegen  allen  Glanz  und  allen  Adel  wurzelte  freilich
in  unausrottbaren  Eigenheiten  des  deutschen  Charakters;  die  Sehnsucht
nach  der  formlosen  Einfachheit  ursprünglichen  Menschenlebens  war  unserem
Volke  immer  geblieben  und  hatte  sich  schon  oft,  sobald  das  germanische
Blut  in  Wallung  geriet,  in  ungestümer  Roheit  Luft  gemacht,  so  in  den
grobianischen  Schriften  des  sechzehnten  Jahrhunderts  und  neuerdings  wieder
in  der  Zeit  der  poetischen  Stürmer  und  Dränger.  Doch  auch  der  politische
Gleichheitsfanatismus  der  verabscheuten  Jakobiner  wirkte  unbewußt  auf
die  Gedanken  der  Turner  ein.  Wenn  Buris  „Turnruf“  die  Eitlen  vom
Ringplatze  hinwegwies  mit  den  Worten:  „fort  aus  der  Gleichheit  Heiligtum,
  das  Knecht'  und  Herren  haßt,“  so  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß
junge  Hitzköpfe  dies  Evangelium  der  Gleichheit  kurzerhand  auf  das  politische
Leben  übertrugen.  Waidliche  Scheltworte  wider  die  „Schmarotzer,  Komödianten,
  Huren,  Pferde  und  Hunde“  der  prassenden  Höfe  gehörten  zum
Turnerbrauche,  und  in  den  Schulstuben  vergnügte  man  sich  an  einer
        <pb n="401" />
        Der  Breslauer  Turnstreit.  393

Rechenaufgabe,  die  ein  gesinnungstüchtiger  teutonischer  Lehrer  aufgebracht
hatte:  wenn  ein  fürstlicher  Hof  zwei  Millionen  Taler  kostet,  wie  viel  kosten
dreiunddreißig?  Manche  der  schönen  Lieder  des  Befreiungskrieges  erhielten
jetzt  im  Frieden  einen  anderen  Sinn;  der  Volkszorn,  den  sie  aufriefen,
wendete  sich,  nun  der  fremde  Zwingherr  gestürzt  war,  unwillkürlich  wider
die  heimischen  Feinde;  und  bald  tauchten  neue  Gesänge  auf,  welche  offen
den  Kampf  der  freien  Turnerschaft  gegen  die  Kronen  verherrlichten:

Noch  ficht  mit  der  Wahrheit  gekrönter  Wahn,

Noch  kämpft  mit  dem  Teufel  die  Tugend

Der  Freiheit  Wiege,  dein  Sarg,  Drängerei,

Wird  gezimmert  aus  dem  Baume  der  Turnerei!
So  ward  der  lautere  Enthusiasmus  der  Jugend  für  die  Einheit  des
Vaterlandes  nach  und  nach  durch  radikale  Phrasen  getrübt.  Für  die
bürgerliche  Ordnung  stand  von  solchem  Wortschwall  wenig  zu  fürchten;
aber  die  Rechtschaffenheit  des  heranwachsenden  Geschlechts  ward  gefährdet,
wenn  das  junge  Volk  also  in  hochmütigen  Drohungen  zu  schwelgen  begann
  und  ganz  verlernte,  daß  Worte  einen  Sinn  haben.

Den  streng  militärischen  Anschauungen  des  Königs  war  die  Roheit
der  Turner  von  Haus  aus  verhaßt.  Hardenberg  dagegen,  dankbar  und
wohlwollend  wie  er  war,  vergaß  der  Verdienste  nicht,  die  sich  Jahn  in
der  Zeit  der  geheimen  Rüstungen  erworben  hatte,  und  behandelte  seine
Schrullen  mit  großer  Nachsicht.  Eine  freundliche  Verwarnung  konnte  er
ihm  freilich  nicht  ersparen,  als  ein  Hausvater,  der  seine  Tochter  französisch
  lernen  ließ,  sich  über  Jahns  Schmähungen  beschwerte.  Die  Wiederholung
  jener  öffentlichen  Vorlesungen  wurde  untersagt;  im  übrigen
blieb  Jahn  unbelästigt  und  bezog  Gehalt  aus  der  Staatskasse.  Auch
Altenstein  erkannte  den  Nutzen  der  Turnübungen  unbefangen  an  und  beschäftigte
  sich  mit  dem  Plane  ihrer  Einführung  in  die  Schulen.  Beide
Staatsmänner  waren  bereit,  dem  Turnvater  eine  Versorgung,  etwa  als
Landwirt,  zu  verschaffen;  nur  für  das  akademische  Amt  eines  Lektors
der  deutschen  Sprache,  das  er  sich  wünschte,  fanden  sie  ihn  nicht  befähigt.)

Der  erste  ernste  Angriff  auf  die  Turnerschaft  ging  von  literarischen
Kreisen  aus.  Nach  dem  Berliner  Vorbilde  wurden  zuerst  in  Breslau,  dann
in  vielen  anderen  Städten  Turnplätze  eingerichtet;  Jahns  Buch  über  die
deutsche  Turnkunst,  das  er  mit  seinem  Schüler  Eiselen  herausgab,  diente
beim  Unterricht  überall  als  Leitfaden.  Da  erhob  Steffens  seine  warnende
Stimme  gegen  die  Ausartung  der  Turnerei,  zuerst  1817  in  dem  Buche:
„Die  gegenwärtige  Zeit  und  wie  sie  geworden“,  nachher  in  den  „Karikaturen
des  Heiligsten“  und  anderen  Schriften,  und  nun  begann  unter  allgemeiner
Teilnahme  der  große  Breslauer  Turnstreit,  einer  jener  mehr  literarischen
  als  politischen  Kämpfe,  in  denen  sich  die  patriotische  Leidenschaft

 

*)  Hardenberg  an  Altenstein,  8.  Dez.  1817.  Altensteins  Antwort,  19.  Jan.  1818.
        <pb n="402" />
        394  II.  7.  Die  Burschenschaft.

dieser  Übergangszeit  zu  entladen  pflegte.  Steffens  urteilte  über  die
fratzenhaften  Unarten  der  Turner  allzu  hart;  seine  feine  ästhetische  Natur
verkannte,  wie  selten  ein  echter  Germane  ohne  ein  vollgerütteltes  Maß
jugendlicher  Roheit  zu  männlicher  Kraft  und  Haltung  gelangt;  auch  fehlte
ihm  der  behagliche  Humor,  der  doch  nötig  war  um  den  ehrenwerten
Kern  hinter  Jahns  Wunderlichkeit  herauszufinden.  Aber  das  schwere
sittliche  Gebrechen  der  Turnplätze,  den  heillosen  Hochmut  des  jungen
Geschlechts  erkannte  er  richtig,  und  die  ehrliche  Gesinnung  des  feurigen
Redners,  der  im  Frühjahr  1813  die  Breslauer  Jugend  durch  Wort  und
Beispiel  begeistert  hatte,  ließ  sich  nicht  in  Abrede  stellen.  Wackere  Männer
standen  hüben  und  drüben,  Freunde  und  Brüder  gingen  im  Zorne  aus—
einander.  Karl  von  Raumer  trennte  sich  von  seinem  Schwager  und  Waffen—
gefährten  Steffens;  sein  Bruder  Friedrich  und  dessen  Fachgenosse  der
Historiker  Karl  Adolf  Menzel  hielten  die  Partei  des  Anklägers.  Unter
den  Verteidigern  der  Turnplätze  tat  sich  außer  dem  Pädagogen  Harnisch
namentlich  Passow  hervor,  der  gelehrte  Lexikograph.  Seine  freimütige
aber  auch  sehr  leidenschaftliche  Schrift  „Turnziel“  stellte  der  Turnkunst
geradewegs  die  Aufgabe  „der  allmählichen  Entwicklung  zu  den  höchsten
Zielen  der  Menschheit“;  dies  sei  ein  edlerer  Zweck  als  die  Ausbildung
von  „Söldnern  und  Mietlingen  für  die  Blutbank  der  Willkür“.  Wenn
die  Alten  mit  so  feierlichem  Ernst  von  der  kulturfördernden  Macht  des
Recks  und  des  Barrens  redeten,  dann  konnte  die  Jugend  allerdings  nicht
mehr  bezweifeln,  daß  sich  die  Welt  um  sie  drehe.

Durch  Steffens  Auftreten  wurden  einige  ängstliche  Leute  in  Berlin,
welche  schon  längst  unheimliche  demagogische  Zwecke  hinter  der  Turnerei
gewittert  hatten,  zu  neuen  Angriffen  ermutigt:  der  um  die  Armenpflege
hochverdiente  Oberlehrer  Wadzeck,  der  Schriftsteller  Scheerer  und  nicht
zuletzt  der  berüchtigte  Cölln,  dessen  Schmähschrift  „die  Feuerbrände“  noch
von  den  Zeiten  des  Tilsiter  Friedens  her  in  üblem  Andenken  stand.  Die
Gehässigkeit  solcher  Denunziationen  vergiftete  nun  vollends  den  unbe—
fangenen  Sinn  der  Jugend.  Jahn  polterte  wider  „diese  vielköpfige  Otter,
dies  Gezücht,  das  sich  mit  Recht  Schriftsteller  nennt,  weil  es  wirklich  an—
derer  Schriften  nachstellt".  Seine  Jungen  sangen  ein  Trutzlied  mit  dem
eleganten  Wortspiele  „nicht  zecken  und  nicht  scheeren  soll  uns  ein  fauler
Bauch“  und  nannten  die  Holzköpfe,  die  sie  auf  der  Hasenhaide  mit  dem
Ger  herunterschossen,  Wadzecks.  Eine  krankhafte,  völlig  ziellose  politische
Aufregung  nahm  auf  den  Turnplätzen  mehr  und  mehr  überhand.  Mit
Bedauern  sah  Altenstein  diese  Wendung.  Er  wußte,  daß  der  Unwille  des
Königs  täglich  zunahm,  und  schrieb  dem  Staatskanzler  besorgt:  „wenn  schon
das  Turnen  so  mißbraucht  und  so  falsch  aufgefaßt  wird,  so  verliert  man
die  Hoffnung  auf  Größeres,  auf  die  Verfassung  u.  a.““)  So  lange  als

 

*)  Jahn  an  Schuckmann,  Sept.  1819.  Altenstein  an  Hardenberg,  15.  Sept.  1818.
        <pb n="403" />
        Thüringen.  395

möglich  bewahrte  er  seine  wohlwollende  Haltung;  erst  als  das  lärmende
Treiben  der  akademischen  Jugend  die  Reaktion  entfesselt  hatte,  brach  die
Verfolgung  auch  über  die  Turnplätze  herein.  —

 

Die  Turnerei  ging  von  Berlin  aus,  die  Wiege  der  Burschenschaft
stand  in  Thüringen.  Und  wo  hätte  auch  dieser  romantische  Studentenstaat
  so  zuversichtlich,  so  selbstgefällig,  so  ganz  unbekümmert  um  die  harten
Tatsachen  der  Wirklichkeit  sein  naives  Traumleben  führen  können,  wie
hier  inmitten  der  gemütlichen  Anarchie  eines  patriarchalischen  Völkchens,
das  den  Ernst  des  Staates  nie  gekannt  hatte?  Unter  allen  den  Unheilsmächten,
  welche  unserem  Volke  den  Weg  zur  staatlichen  Größe  erschwerten,
steht  die  durchaus  unpolitische  Geschichte  dieser  Mitte  Deutschlands  vielleicht
  obenan.  Fast  alle  anderen  deutschen  Stämme  nahmen  doch  irgend
einmal  einen  Anlauf  nach  dem  Ziele  politischer  Macht,  die  Thüringer
niemals.  Unsere  Kultur  verdankt  ihnen  unsäglich  viel,  unser  Staat  gar
nichts.  Schon  in  den  ältesten  Zeiten  vermochten  sie  nicht  sich  ein  eigenes
Stammesherzogtum  zu  erhalten.  Späterhin  unter  der  Herrschaft  seiner
Landgrafen  errang  sich  Thüringen  zum  ersten  Male  einen  glänzenden
Platz  in  dem  geistigen  Leben  der  Nation,  nicht  durch  die  Fülle  seiner
eigenen  Talente,  sondern  durch  eine  weitherzige,  verständnisvolle  Gastfreundschaft,
  wie  sie  der  zentralen  Lage  des  Landes  entsprach.  Frau
Aventiure  hielt  auf  der  Wartburg  ihren  heiteren  Hof,  und  die  ritterlichen
Sänger  aus  allen  Gauen  des  Reichs  warben  mit  dem  Wohllaut  ihrer
Reime  um  die  Gunst  Hermanns  des  Milden.  Aber  an  den  großen
Machtkämpfen  jener  staufischen  Zeiten  nahm  das  liederfrohe  Land  nur
geringen  Anteil.  Auch  als  nachher  die  Wettiner  die  Herrschaft  antraten,
blieb  Thüringen  immer  ein  Nebenland;  der  sächsische  Rautenkranz  verdrängte
  den  alten  gestreiften  Landgrafenlöwen.  Der  politische  Schwerpunkt
der  wettinischen  Hausmacht  lag  in  der  Mark  Meißen,  im  Kurkreise  und  im
Osterlande,  und  nicht  lange,  so  ward  der  aufblühende  mitteldeutsche  Staat
wieder  zerstört  durch  jene  verhängnisvolle  Teilung,  welcher  die  selbstmörderischen
  Bruderkämpfe  der  Ernestiner  und  der  Albertiner  entsprangen.

Zum  zweiten  Male  stieg  ein  lichter  Tag  geistigen  Ruhmes  über
Thüringens  Bergen  empor,  als  der  größte  Sohn  des  Landes  unter  dem
Schutze  seiner  frommen  Fürsten  den  Kampf  für  das  Evangelium  begann
und  die  Burg  des  ritterlichen  Minnesanges  die  Geburtsstätte  der  deutschen
  Bibel  wurde.  Doch  eben  diese  reiche  Zeit  entschied  auch  den  politischen
  Verfall  des  Landes.  Die  deutsche  Geschichte  kennt  nur  wenige  so
tragische  Schicksalswechsel  wie  den  jähen  Zusammenbruch  der  Ernestinischen
  Macht;  kein  anderes  unserer  fürstlichen  Geschlechter  hat  die  Versäumnis
  großer  Stunden  so  bitter,  und  die  alte  Wahrheit,  daß  die  politische  Welt
dem  kühnen  Wollen  gehört,  so  schmerzlich  empfinden  müssen.  Als  Kaiser
        <pb n="404" />
        396  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Max  die  Augen  schloß,  war  Kurfürst  Friedrich  der  Weise  das  Haupt
unseres  Fürstenstandes,  der  Führer  der  Reformpartei  im  Reiche,  und  es
lag  in  seiner  Hand,  der  Nation  ein  deutsches,  ein  evangelisches  Kaiser—
tum  zu  schaffen;  er  aber  wies  die  Krone  zurück,  denn  „die  Raben  wollen
einen  Geier  haben“.  Seinen  beiden  Nachfolgern  bot  eine  seltene  Gunst
des  Glücks  wieder  und  wieder  die  Gelegenheit  das  Versäumte  nachzu—
holen.  Auf  jedem  Reichstage  blickte  das  Volk  erwartungsvoll  nach  dem
Pfauenfederhelmbusch  der  Ernestiner.  Bei  dem  Protest  von  Speyer,  bei
der  Übergabe  der  Augsburger  Konfession,  überall  wo  es  nur  gilt  ein
Zeugnis  abzulegen  für  das  Wort  Gottes,  da  stehen  sie  „wohl  auf  dem
Plan“  und  bewähren  ihren  ehrenfesten  Wahlspruch:  „gradaus  gibt  einen
guten  Renner.“  In  ihrem  Lande  bildet  sich  die  erste  evangelische  Landes—
kirche,  unzertrennlich  verwächst  ihr  Name  mit  allen  großen  Erinnerungen
des  Protestantismus.  Doch  über  die  passiven  Tugenden  der  Standhaf—
tigkeit  und  Treue  reicht  ihre  Begabung  nicht  hinaus.  Der  einzige  Ent—
schluß,  der  retten  kann,  der  Entschluß  zum  offenen  Kampfe  wider  die
spanische  Fremdherrschaft  wird  in  gewissenhafter  Bedachtsamkeit  und  träger
Tatenscheu  verschoben  und  verschoben,  bis  endlich  die  beispiellose  poli—
tische  Unfähigkeit  des  phlegmatischen  Zauderers  Johann  Friedrich  der  überlegenen
  Staatskunst  der  Habsburger  und  der  Albertinischen  Vettern  kläglich
  erliegt.

Kaum  ein  Menschenalter  nach  jener  kleinmütigen  Entsagung  Kurfürst
  Friedrichs  bekommen  seine  Enkel  selber  die  scharfen  Fänge  des  hispanischen
  Geiers  zu  spüren;  der  Kurhut  mitsamt  den  alten  wettinischen
Stammlanden  geht  an  die  Albertiner  verloren,  und  die  Vormacht  der  deutschen
  Protestanten  trägt  aus  dem  schmalkaldischen  Kriege  statt  der  Lorbeeren
des  Helden  nur  die  Märtyrerkrone  des  Bekenners  davon.  Ein  unheimlicher
  Anblick,  wie  die  gedemütigte  glorreiche  Dynastie  nunmehr,  nach
einem  schwächlichen  Versuche  der  Wiedererhebung,  sich  so  gelassen  in  die
neuen  kümmerlichen  Verhältnisse  findet  und,  jedes  politischen  Gedankens
bar,  ganz  befangen  in  kleinbürgerlichen  Hausvatersorgen,  die  geretteten
Trümmer  ihrer  alten  Macht  durch  eine  endlose  Reihe  von  Teilungen  und
Mutschierungen  so  lange  zerstückelt  bis  sie  schließlich  auf  die  unterste  Stufe
des  deutschen  Fürstenstandes  herabsinkt.  Auch  die  in  Thüringen  abgefundenen
  Nebenlinien  der  Albertiner  verfallen  der  gleichen  Verblendung.
Immer  neue  Linien  entstehen  und  verschwinden  wieder,  die  thüringischen
Lande  sind  in  ewiger  Bewegung  wie  die  walzenden  Grundstücke  einer
Dorfflur;  in  anderthalb  Jahrhunderten  wechselt  die  Herrschaft  Römhild
fünfmal  ihren  Herrn,  mit  jener  neuen  Teilung  verwirren  und  verfitzen
sich  die  Grenzen,  in  Ruhla  scheidet  ein  Bach  mitten  in  der  Dorfstraße
weimarisches  und  gothaisches  Gebiet,  und  der  Jenenser  Student  kann  auf
einer  kurzen  Nachmittagswanderung  leicht  mit  der  Polizei  von  drei  oder
vier  Landesherren  in  Händel  geraten.
        <pb n="405" />
        Die  Ernestiner.  397

So  ward  Thüringen  neben  Schwaben  das  gelobte  Land  des  deut—
schen  Kleinlebens.  Als  der  moderne  Staatsgedanke  endlich  auch  in  diesen
Hausherrschaften  erwachte,  als  Ernst  August  von  Weimar  die  Primo—
genitur-Ordnung  einführte  und  die  ernestinischen  Vettern  allmählich,  Meiningen
  erst  im  Jahre  1801,  dem  guten  Beispiele  folgten,  da  war  die
Zertrümmerung  schon  vollendet,  und  die  Kleinstaaterei  zeigte  sich  hier
lebenskräftiger  als  im  Südwesten,  weil  sie  ausschließlich  in  den  Formen
weltlicher  Fürstenherrschaft  erschien.  Zur  Zeit  des  Friedensschlusses  verteilten
  sich  die  700,000  Menschen,  welche  das  kleinfürstliche  Thüringen  —
mit  Ausschluß  der  preußischen  und  hessischen  Gebiete  —  bewohnten,  unter
fünf  sächsische  Häuser,  zwei  Schwarzburg  und  drei  Linien  Reuß,  von
denen  die  Bundesakte  leider  nur  zwei  anerkannte.  Und  diese  neun  oder
zehn  Staaten  standen  einander  als  souveräne  Mächte,  völlig  selbständig
gegenüber;  an  gemeinsamen  Institutionen  besaßen  sie  nichts  als  die  Universität,
  die  von  den  fünf  sächsischen  durchlauchtigsten  Nutritoren  unterhalten
  wurde,  und  das  neue  Jenenser  Oberappellationsgericht.  Dem  Volke
kam  wohl  zuweilen  eine  Ahnung  von  der  Jämmerlichkeit  dieser  Zustände.
In  der  Gegend  von  Roth,  zwei  Stunden  von  Hildburghausen,  sang  man

das  Lied:
Hildburghäuser  Gebot
Langt  bis  Roth;
Da  hat's  a  Krümm
Und  kehrt  wieder  üm.

Im  Grunde  fühlte  man  sich  doch  glücklich  in  dieser  traulichen  Enge,
wo  Fürstengnade  und  Vetterngunst  jedem  halbwegs  brauchbaren  Menschen
den  Lebensweg  so  behaglich  ebneten;  die  häusliche  Tugend  der  wackeren
Ernestinischen  Betefürsten  stand  dem  Volke  näher  als  die  dämonische  Gestalt
  jenes  Bernhard  von  Weimar,  der  einmal  doch  mit  dem  Schmettern
seines  Schwertes  die  eintönige  Idylle  dieser  Landesgeschichte  unterbrach.
Niemals,  auch  nicht  in  der  Fieberhitze  des  Jahres  1848,  haben  die  Thüringer
  ernstlich  an  die  Mediatisierung  ihrer  kleinen  Herren  gedacht.

Wie  überall  in  Mitteldeutschland  drängte  sich  auch  hier  eine  bunte
Mannigfaltigkeit  volkstümlicher  Sitten  und  Bräuche  auf  engem  Raume
zusammen.  Der  einsame  Rennsteg  auf  dem  Kamme  des  Thüringer
Waldes,  vor  Zeiten  der  Grenzweg  zwischen  Thüringen  und  Franken,
bildete  noch  immer  eine  scharfe  Stammesscheide:  südwärts  der  stark
fränkisch  gefärbte  hennebergische  Dialekt  und  das  rein  süddeutsche  Volk
im  Coburgischen,  nördlich  das  eigentliche  Thüringen  zwischen  Saale  und
Werra,  und  von  diesem  wieder  verschieden  das  mit  slavischen  Elementen
gemischte  Volkstum  östlich  der  Saale.  Auch  in  den  neuen,  so  spät
und  zufällig  entstandenen  dynastischen  Gebieten  bildete  sich  bald  ein
zäher  Partikularismus  aus,  harmlos  und  philisterhaft,  doch  immerhin
stark  genug  um  jede  Anderung  zu  erschweren.  Alle  guten  Meininger
        <pb n="406" />
        398  II.  7.  Die  Burschenschaft.

fühlten  sich  beglückt,  als  ihr  händelsüchtiger  Herzog  Anton  Ulrich,  um
den  Vettern  in  Weimar  und  Gotha  das  erhoffte  Erbe  zu  entziehen,  noch
in  seinen  sechziger  Jahren  eine  zweite  Ehe  schloß  und  dann  aus  eitel
Bosheit  noch  acht  Kinder  erzeugte.  Gotha  und  Altenburg,  lange  unter
einem  Herzogshute  vereinigt,  behaupteten  sich  unerschütterlich  als  zwei
selbständige  Staaten,  erkannten  nicht  einmal  gegenseitig  ihre  Münzen  an;
und  nur  der  Willenskraft  Karl  Augusts  gelang  es  nach  schweren  Kämpfen
die  drei  Fürstentümer  Weimar,  Jena  und  Eisenach  zu  einem  Gesamtstaate
  zu  vereinigen.  Die  natürliche  Hauptstadt  des  Landes,  Erfurt,
hatte  unter  der  Herrschaft  des  Mainzer  Krummstabs  immer  eine  Sonderstellung
  in  ihrer  protestantischen  Umgebung  eingenommen  und  führte
nachher,  seit  dem  Untergange  ihrer  Universität  das  stille  Dasein  einer
Festungs=  und  Beamtenstadt.

So  rieselte  das  politische  und  geistige  Leben  in  dünnen  Bächlein
zerteilt  dahin.  Unter  den  größeren  Städten  fand  sich  fast  keine,  die
nicht  einmal  einem  fürstlichen  Hause  zum  Wohnsitz  gedient  hätte,  aber
keine  dieser  winzigen  Residenzen  kam  aus  der  Dürftigkeit  lakaienhafter
Kleinstädterei  hinaus.  Uberall  die  Ansätze  eines  reicheren  geistigen
Schaffens,  kleine  Sammlungen  und  gemeinnützige  Anstalten,  sieben  öffentliche
  Bibliotheken  nahe  bei  einander,  nirgends  etwas  Ganzes  und  Großes.
Das  Land  war  mit  Schlössern,  Parks  und  Wildgehegen  übersäet  wie
kein  anderer  Gau  im  schlösserreichen  Deutschland.  Manche  dieser  Fürstensitze
  blieben  dem  Volke  durch  bedeutsame  Erinnerungen  teuer,  so  die
Wartburg  und  der  vielumkämpfte  Friedenstein,  so  Altenburg,  die  Stätte
des  Prinzenraubes,  so  die  Feste  Coburg,  wo  Luther  sein  Asyl  gefunden,  und
die  Fröhliche  Wiederkunft,  wo  Johann  Friedrich  beim  edlen  Waidwerk  sich
von  den  Angsten  der  spanischen  Haft  erholt  hatte.  Viele  andere  aber
erzählten  nur  von  den  possierlichen  Schrullen  eines  unbeschäftigten  Kleinfürstenstandes,
  der  mit  seiner  Zeit  und  Kraft  nichts  anzufangen  wußte;
hier  hatte  einer  der  Schwarzburgischen  Günther  seiner  Gemahlin  zum
Possen  in  den  Waldbergen  der  Hainleite  das  Jagdschloß  „der  Possen“
erbaut,  dort  Christian  von  Weißenfels  zur  Verewigung  seiner  Cäsarengröße
  sein  eigenes  Konterfei  erst  dreimal  in  riesigen  Reliefs  an  den
roten  Felsmauern  der  Weinberge  des  Unstruttals,  umgeben  von  Vater
Noah  und  herbstenden  Winzern,  dann  noch  einmal  als  vergoldetes
Reiterstandbild  auf  dem  Freiburger  Markte  aushauen  lassen.

Untertänige  Federn  nannten  das  anmutige  Land  einen  von  Fürstenhänden
  gepflegten  Garten  Gottes;  in  Wahrheit  blieb  die  treufleißige
Sorgsamkeit  der  kleinen  Landesväter  bis  tief  in  das  achtzehnte  Jahrhundert
  hinein  sehr  unfruchtbar.  Die  Geister  verknöcherten  unter  der
langjährigen  Herrschaft  des  harten  Luthertums.  Einzelne  Fürsten,  wie
Ernst  der  Fromme  von  Gotha,  verstanden  wohl  ein  kräftiges  kirchliches
Leben  zu  wecken,  den  meisten  war  die  Theologie  nur  ein  geistloser  Zeit-
        <pb n="407" />
        Thüringische  Kleinstaaterei.  399

vertreib;  glücklich  der  Hof,  der  unter  seinen  Prinzen  einen  „durch—
lauchtigen  achtjährigen  Prediger“,  wie  Wilhelm  Ernst  von  Weimar,  auf—
weisen  konnte.  Späterhin  drangen  mit  der  weltlichen  Bildung  auch
viele  Sünden  des  höfischen  Absolutismus  ein.  Grobe  Sittenlosigkeit
war  unter  den  ehrbaren  Ernestinern  selten,  aber  die  Soldatenspielerei
und  der  Menschenverkauf  nahmen  arg  überhand,  und  der  allwissende
Bevormundungseifer  der  neuen  fürstlichen  Vollgewalt  verstieg  sich  in
dieser  kleinen  Welt  oft  bis  zum  Aberwitz.  Noch  im  fridericianischen  Zeitalter
  erfand  Ernst  August  von  Weimar  die  berühmten  mit  kabbalistischen
Zeichen  bemalten  Feuerteller,  welche  in  die  Flammen  geworfen  jeden
Brand  sofort  ersticken  sollten,  und  zwang  alle  seine  Gemeinden  zur  Anschaffung
  dieses  Löschgeräts.

Erst  durch  Karl  August  kam  wieder  ein  freierer  Zug  in  das  thüringische
  Leben.  Zum  dritten  Male  war  die  Mitte  Deutschlands  der  warme
Herd  unserer  nationalen  Kultur.  Wieder  wie  in  den  Tagen  Hermanns
des  Milden  rief  eine  hochherzige  Gastfreundschaft  die  Helden  deutscher
Dichtkunst  aus  Nord  und  Süd  herbei,  und  herrlicher  als  einst  der  Ruhm
der  Wartburg  leuchtete  jetzt  der  Name  der  kleinen  Stadt  an  der  Ilm:

O  Weimar,  dir  fiel  ein  besonder  Los,
Wie  Bethlehem  in  Juda  klein  und  groß!

Und  es  war  wirklich  „vorteilhaft,  den  Genius  bewirten“,  wie  Goethe
seinem  fürstlichen  Freunde  gesagt.  Denn  obwohl  die  großen  Gäste  Thüringens
  der  ganzen  Nation  angehörten  und  in  ihrer  kleinen  Umgebung
niemals  völlig  heimisch  wurden,  so  ließen  sie  doch  der  Landschaft,  die  sie
so  traulich  aufgenommen,  das  Gastgeschenk  des  Genius  zurück.  In  der
kurzen  Blütezeit  der  Universität  Jena  wuchs  eine  neue  Generation  von
tüchtigen  Lehrern  und  Beamten  auf.  Die  meisten  der  kleinen  Höfe  und
ein  großer  Teil  des  Adels  suchten  nach  dem  Maße  ihrer  Kräfte  mit  der
jungen  Literatur  Schritt  zu  halten;  wie  oft  ist  Goethe  zu  dem  gothaischen
Minister  Frankenberg  hinübergefahren  um  sich  in  der  guten  Schmiede  zu
Siebeleben  an  geistreicher  Geselligkeit  zu  erfreuen.  In  Gotha  lehrten  zur
Zeit  des  Wiener  Kongresses  Döring,  Rost  und  Wüstemann  am  Gymnasium,
  Stieler  begann  seine  kartographischen  Arbeiten  und  bald  nachher
  schlug  Perthes  dort  seine  große  Buchhandlung  auf.  Auch  dem  Ansehen
  des  Ernestinischen  Hauses  in  der  Welt  brachte,  die  Wirksamkeit  des
großen  menschlichen  Fürsten,  wie  Humboldt  ihn  nannte,  bleibenden  Gewinn;
  die  halbvergessene  ruhmreiche  Dynastie  gewann  sich  von  neuem
die  dankbare  Liebe  der  Nation  und  fühnte  in  der  edelsten  Weise  die  noch
immer  nicht  verschmerzten  Schläge  des  Schmalkaldischen  Krieges.

Die  unausrottbaren  Gebrechen  der  Kleinstaaterei  konnten  freilich  durch
den  literarischen  Ruhm  nicht  geheilt  werden.  Uber  die  altständischen
Verfassungen  dieser  kleinen  Territorien  gingen  die  Stürme  der  napoleonischen
  Kriege  spurlos  dahin;  selbst  Herzog  August  von  Gotha,  der  ein-
        <pb n="408" />
        400  II.  7.  Die  Burschenschaft.

gefleischte  Bonapartist,  wagte  seine  Herren  Stände  nicht  anzutasten.  Der
Adel  war  von  dem  Bürgertum  durch  Kastenstolz  und  mannigfache  Pri—
vilegien  scharf  getrennt,  obwohl  er  sich  weder  durch  reichen  Besitz  noch
durch  historischen  Ruhm  auszeichnete.  Im  Gothaischen  Landtage  spielten
die  beiden  Bürgermeister  eine  traurige  Rolle  neben  der  stolzen  Grafenkurie,
die  aus  dem  einen  Vertreter  des  Hohenlohischen  Hauses  bestand,  und  der
dichten  Schar  der  Ritterschaft:  wer  einen  Anteil  an  einem  Ritterlehen
besaß  war  Landstand,  so  daß  einst  zweiundzwanzig  Wangenheime  auf  ein—
mal  erschienen.  Auch  der  sprichwörtliche  Jammer  des  thüringischen  Heer—
wesens  war  unverändert  geblieben.  Noch  erzählte  sich  das  Volk  gern  von
den  Schrecken  des  Wasunger  Kriegs:  wie  damals  die  Gothaer  und  die
Meininger  in  dem  thüringischen  Abdera  Wasungen  feindlich  aufeinander
gestoßen  und  beide  Kriegsheere  mehr  vorsichtig  als  heldenmütig  von  dem
wichtigen  Platze  wieder  abgezogen  waren.  Aber  auch  in  den  ernsten  Kriegen
der  jüngsten  Zeit  hatte  sich  die  Hilflosigkeit  dieser  Kleinstaaterei  ebenso
tragikomisch  gezeigt.  Im  Siebenjährigen  Kriege  stellte  der  Herzog  von  Gotha
einige  Bataillone  gegen  englische  Subsidien  in  das  Heer  Ferdinands  von
Braunschweig,  während  sein  Reichskontingent  gegen  Preußen  focht;  im
Jahre  1813  stand  ein  Teil  der  Weimarischen  Truppen  beim  Yorkschen
Korps,  ein  anderer  unter  Napoleons  Fahnen.  Durch  das  Machtgebot
des  Imperators  war  endlich  einige  Ordnung  in  das  Gewirr  dieser  win—
zigen  Kontingente  gekommen;  mehrere  der  allerkleinsten  hatte  er,  ohne
alle  Ehrerbietung  für  den  Unterschied  des  Rudolstädter  und  des  Sondershäusener
  Nationalcharakters,  in  einem  anonymen  Bataillon  des  Princes
untergesteckt.  Nach  dem  Kriege  aber  wurde  der  größte  Teil  der  Truppen
zur  Freude  des  Volks  wieder  entlassen.  Für  den  Schutz  des  Landes
mochte  Preußen  sorgen.  Die  friedfertigen  Thüringer  erfreuten  sich  lieber
an  dem  herrlichen  Anblick  der  gothaischen  Gardereiter,  die  mit  breiten
Schlachtschwertern,  mit  hohen  Reiterstiefeln  und  klirrenden  Sporen  einherstolzierten;
  es  waren  biedere  Handwerker,  die  gegen  billigen  Tagelohn
das  Waffenhandwerk  als  Reihedienst  besorgten  und  bei  der  Ablösung  die
Uniformen  der  Abmarschierenden  anzogen;  Pferde  waren  dieser  Reiterei
völlig  unbekannt.  Zum  Uberfluß  besaß  Gotha  eine  Festung  auf  dem
Gipfel  des  einen  der  Drei  Gleichen;  drohend  blickten  die  vier  Feuerschlünde
  der  Wachsenburg  nach  den  beiden  anderen  Gleichen  hinüber,
welche  ihr  neuer  Landesherr,  der  König  von  Preußen,  leichtsinnigerweise
unbefestigt  ließ.

Auch  für  die  Förderung  des  Verkehrs  reichten  die  dürftigen  Mittel
nirgends  aus,  da  der  Ertrag  des  reichen  Kammerguts  großenteils  für
den  Unterhalt  der  Höfe  verwendet  wurde.  Alle  Welt  lachte  über  den
scheußlichen  Zustand  der  gothaischen  Landstraßen,  niemand  herzlicher  als
die  preußischen  Zollbeamten  bei  Langensalza;  denn  regelmäßig  pflegten  die
Frachtwagen  dicht  vor  dem  preußischen  Schlagbaum  in  dem  berüchtigten
        <pb n="409" />
        Thüringische  Gemütlichkeit.  401

Henningslebener  Loche  stecken  zu  bleiben  oder  umzuwerfen,  also  daß  das
Zollgeschäft  mit  Sicherheit  und  Gemütsruhe  besorgt  werden  konnte.  Auf
der  Leipzig-Frankfurter  Straße  erhob  der  weimarische  Geleitsreiter  uner—
bittlich  das  Geleitsgeld,  obgleich  die  Fuhrleute  seit  unvordenklicher  Zeit
nicht  mehr  von  geharnischten  Reisigen  begleitet  wurden.  Die  mit  grund—
herrlichen  Gefällen  stark  belasteten  Bauern  führten  ihre  Wirtschaft  noch
ganz  nach  der  Urväter  Weise;  nur  des  heiligen  Reiches  Gärtner,  die  Er—
furter,  behaupteten  den  alten  Ruhm  ihrer  kunstvollen  Blumenzucht.
Überall  trieb  der  Gemeindehirt  noch  das  gesamte  Vieh  des  Dorfes,
Pferde,  Rinder,  Ziegen  und  Gänse  bunt  durcheinander,  auf  die  unverteilte
  Gemeinheit.  Der  Gewerbfleiß  arbeitete  ausschließlich  für  den  bescheidenen
  Bedarf  der  nachbarlichen  Kundschaft;  fast  allein  die  Strümpfe
von  Apolda  und  die  Sonneberger  Waren,  die  niedlichen  Spielsachen  der
Hausindustrie  der  Walddörfer,  gelangten  in  den  großen  Weltverkehr.  In
harmloser  Fröhlichkeit,  liederlustig  wie  die  Singvögel,  die  in  keinem  Hause
droben  auf  dem  Walde  fehlen  durften,  unendlich  genügsam  trieben  die
kleinen  Leute  ihr  bescheidenes  Tagewerk,  zufrieden  wenn  sie  sich  dann  und
wann  auf  dem  Tanzboden  bei  dünnem  Bier  oder  sauerem  Naumburger
Weine  erholen  konnten.  Der  gutmütige  Rationalismus,  der  in  den  gebildeten
  Ständen  vorherrschte  und  an  dem  Gothaer  Superintendenten
Bretschneider  einen  gewandten  Wortführer  fand,  störte  das  Volk  wenig  in
seinen  naiven  religiösen  Gefühlen;  Bonifazius,  der  Apostel  Thüringens
war  noch  unvergessen,  das  Bild  Luthers  mit  dem  Schwane  hing  in  unzähligen
  Kirchen,  einzelne  abgelegene  Gemeinden  auf  dem  Walde  hatten
sich  auch  noch  die  feierliche  alte  lutherische  Liturgie  mit  ihren  Chorknaben
und  weißen  Priestergewändern  bewahrt.

Von  seinen  Fürsten  verlangte  das  Volk  vor  allem  Leutseligkeit.  Wie
fühlte  man  sich  geehrt,  als  der  Meininger  Herzog  bei  der  Taufe  seines
Erbprinzen  sein  ganzes  Land  zu  Gevatter  bat  und  dem  Kleinen  die  verheißungsvollen
  Namen  Bernhard  Erich  Freund  beilegte;  als  aus  diesem
Prinzen  ein  sehr  wackerer  kleiner  Landesherr  geworden  war,  da  pflegte  er
am  Geburtstage  seiner  Gemahlin  in  den  anmutigen  Gärten  des  Altensteins
  ein  Volksfest  zu  veranstalten,  wobei  jeder  Mann  die  Herzogin  um
einen  Tanz  bitten  durfte.  Dafür  ertrug  man  auch  in  Demut  die
Narrenstreiche  der  Kleinstaaterei.  Im  Jahre  1822  starb  der  letzte  regierungsfähige
  Sproß  des  Hauses  Gotha-Altenburg  und  die  Stammesvettern
rüsteten  sich  schon  auf  die  neue  Teilung.  Da  holte  der  Minister  Lindenau
plötzlich  den  unzweifelhaft  blödsinnigen  Prinzen  Friedrich  herbei  und  ließ
ihm  als  Herzog  huldigen,  obgleich  es  schwer  fiel  den  armen  Kranken  während
  der  feierlichen  Handlung  ruhig  auf  dem  Throne  festzuhalten.  So
wurde  dem  Reiche  Gotha-Altenburg  sein  Dasein  noch  um  vier  Jahre  verlängert;
  die  Gothaer  aber  freuten  sich  ihres  blödsinnigen  Landesvaters

und  mehr  noch  des  Argers  der  enttäuschten  Nachbarhöfe.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  26
        <pb n="410" />
        402  II.  7.  Die  Burschenschaft.

An  der  lächerlichen  Großmannssucht  seiner  freundlichen  Dynasten
nahm  das  kleinlebige  Volk  keinen  Anstoß.  Im  Gothaer  Wappen  prangten
die  Schilde  von  dreiundzwanzig  Herzogtümern,  Fürstentümern  und  Graf—
schaften;  die  Schwarzburger  führten  sogar  den  Doppeladler,  noch  von  den
Zeiten  des  Gegenkaisers  Günther  her,  und  ließen  selbst  die  Warnungstafeln
in  dem  herrlichen  Wildpark  des  Schwarzatals  mit  blauen  Lettern  auf
weißem  Papier  bedrucken,  damit  der  Untertan  seiner  Landesfarben  nicht
vergäße.  Wie  dort  alles  blauweiß,  so  prangte  in  den  Landen  der  Reußischen
Fürsten  alles  schwarzrotgelb.  Auch  dieses  kleine  vogtländische  Herrenge—
schlecht  hatte  einst  auf  den  Höhen  der  Geschichte  gestanden,  als  die  beiden  ge—
waltigen  Heinrich  von  Plauen,  die  finsteren  Helden  des  Deutschen  Ordens,
die  Verzweiflungskämpfe  gegen  die  Polen  führten;  in  der  langen  Zeit  seit—
dem  war  sein  Dasein  der  Welt  freilich  nur  selten  bemerkbar  geworden.
Alle  diese  kleinen  Dynasten  dünkten  sich  im  Vollgenusse  der  neuen  Sou—
veränität  jedem  Könige  der  Erde  gleich;  in  Wahrheit  blieb  ihre  Stellung
unter  den  deutschen  Fürsten  recht  bescheiden.  Als  einer  von  ihnen  einst  seine
Blicke  zu  der  Tochter  eines  größeren  Fürstengeschlechts  zu  erheben  wagte,
erbat  er  sich  erst  vom  König  Friedrich  Wilhelm  den  roten  Adlerorden,
„um  am  großherzoglichen  Hofe  einen  günstigeren  Eindruck  zu  machen,“
und  ließ  sodann  durch  General  Lestocq,  den  gemeinsamen  Vertreter  der
kleinen  Thüringer  in  Berlin  einen  kühn  entworfenen  diplomatischen  Feld—
zug  beginnen;  aber  obwohl  der  Gesandte  sein  Bestes  tat,  erlangte  sein
junger  Souverän  schließlich  doch  nur  den  Orden,  nicht  die  Hand  der
Prinzessin.“)  —

Seltsame  Laune  des  Schicksals,  daß  gerade  Karl  August  in  diese  Welt
der  Kleinheit,  wo  alle  Geschichte  sich  in  Anekdoten  auflöste,  verschlagen
wurde.  Wie  stürmisch  hatte  es  einst  in  ihm  gekocht  und  getobt,  als  er
in  früher  Jugend  schon  die  Herrschaft  antrat  und  nun  sogleich  Goethe
und  Herder  berief,  die  französischen  Formen  des  Hoflebens  sprengte,  mit
fridericianischem  Eifer  in  die  Rechtspflege,  das  Schulwesen,  den  Landbau
fördernd  eingriff,  alle  die  Keime  einer  freieren  Bildung,  welche  seine  edle
Mutter  Anna  Amalia  in  ihrer  langen  vormundschaftlichen  Regierung  ge—
legt,  zur  fröhlichen  Entfaltung  brachte  und  bei  alledem  doch  nicht  seinen
Frieden  fand.  Verwundert  blickte  das  Volk  auf  den  genialischen  Über—
mut  des  weimarischen  Musenhofes,  und  alle  die  Lästerzungen  des  deut—
schen  Parnasses,  die  ihre  großen  Genossen  um  das  warme  Nest  beneideten,
wußten  nicht  genug  zu  erzählen  von  dem  unsteten  Treiben  des  jungen
Herzogs,  wie  er  bald  auf  wilden  Gelagen  und  glänzenden  Maskenfesten
die  Nächte  durchraste,  bald  auf  der  Ettersburg  vor  den  Laub-Kulissen
des  Gartentheaters  saß  und  den  Dramen  seines  Freundes  lauschte,  bald
wieder  hinausjagte  in  tollem  Ritt  über  Gräben  und  Hecken  oder  mit  den

—

 

*)  Frankenbergs  Berichte,  Berlin  13.  Nov.  1827  ff.
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        Karl  August  von  Weimar.  403

Bauerdirnen  auf  der  Dorfkirchweih  „mieselte“  und  dann  wieder  tagelang
in  der  Borkenhütte  seines  Parks  sich  vergrub,  allein  mit  der  unendlichen
Sehnsucht  seines  Herzens.  Was  ihn  damals  so  rastlos  umhertrieb,  war
nicht  bloß  die  natürliche  Ungeduld  vollsaftiger  Jugend,  sondern  der  unbe—
friedigte  Ehrgeiz  eines  tatenfrohen  Geistes,  dem  das  Schwerste  gerade
leicht  genug  schien,  der  die  Unwahrheit  einer  Fürstenwürde  ohne  Macht
bitter  empfand

und  was  ihm  das  Geschick  durch  die  Geburt  geschenkt,

mit  Müh'  und  Schweiß  erst  zu  erringen  denkt.
„Mit  Hilfe  Goethes  und  des  guten  Glücks“  hatte  er  dann  doch  gelernt,
sich  in  sein  enges  Schicksal  zu  fügen  und  im  kleinsten  Punkte  die  höchste
Kraft  zu  sammeln.

Seit  vierzig  Jahren  verehrte  ihn  die  Nation  als  den  menschlich
größten  unter  den  Mäcenaten  der  neuen  Geschichte.  Jene  berechnende
Klugheit  kaufmännischer  Dynastenpolitik,  die  bei  der  Kunstliebe  Lorenzos
von  Medici  doch  mitwirkte,  war  dem  Erben  des  alten  stolzen  Ernestiner—
hauses  völlig  fremd.  Wenn  er  mit  sicherer  Menschenkenntnis  aus  den
Talenten  der  deutschen  Literatur  die  besten  und  größten  um  sich  versam—
melte,  so  leitete  ihn  allein  der  lautere  Idealismus  eines  unendlich  em—
pfänglichen  Geistes,  der  das  ganze  Gebiet  menschlichen  Erkennens  und
Bildens  mit  freudigem  Verständnis  umfaßte,  und  eine  glühende  Begeiste—
rung  für  den  Ruhm  der  Nation.  Sein  Ehrgeiz  war,  wie  er  noch  im  Alter
bei  der  Erneuerung  seines  Hausordens  aussprach,  „daß  auf  eine  gründ—
liche  und  des  Ernstes  des  deutschen  Nationalcharakters  würdige  Weise  sich
Licht  und  Wahrheit  verbreite“.  Sein  lebendiges,  durch  ernste  Studien
geschultes  Naturgefühl  schätzte  in  der  Kunst  nur  das  Naive,  das  Einfache,
das  Vaterländische;  alle  Mystik,  alle  gesuchte  Künstelei  war  ihm  verhaßt,
und  wenn  sie  auch  mit  so  prächtigen  Gewändern  auftrat  wie  in  Schillers
Braut  von  Messina.  Aber  niemals  hätte  er  sich  vermessen  den  Genius
zu  gängeln;  frei  und  unbekümmert  sollte  die  deutsche  Kunst  sich  ihre
Wege  finden,  so  wie  er  selber  durchs  Leben  ging,  freimütig,  derb,  form—
los,  kräftig  in  allem,  selbst  in  den  Verirrungen  seiner  ungebändigten  Sinn—
lichkeit,  ein  rastlos  strebender  Geist,  der  jeden  mißlungenen  Versuch  hochherzig
  vergaß,  um  sogleich  wieder  an  ein  neues  Unternehmen  zu  schreiten.
Nur  eine  so  ursprüngliche  Natur  konnte  sich  fünfzig  Jahre  lang  neben
Goethe  in  sorgloser  Selbständigkeit  behaupten.  Er  wußte  wohl,  was  er
dem  Freunde  dankte,  wenngleich  Augenblicke  der  Entfremdung  kamen,
und  blickte  bewundernd  zu  ihm  auf;  doch  er  fand  es  „possierlich  wie  dieser
Mensch  immer  feierlicher  wurde“  und  ließ  sich  durch  das  umständliche
Wesen  des  Alternden  in  seiner  eigenen  fröhlichen  Ungebundenheit  nicht
stören.  Auf  den  ersten  Blick  mochte  man  den  stämmigen  Mann  wohl
für  einen  schlichten  Jäger  halten,  wenn  er  in  seiner  alten  grünen  Pikesche
und  der  Soldatenmütze,  die  Zigarre  im  Munde,  mit  seinen  Hunden  durch

26*
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        404  II.  7.  Die  Burschenschaft.

den  Park  schritt;  doch  über  der  hohen  Stirn,  den  großen  Augen  und  den
breiten  Ernestinischen  Kinnladen  lag  ein  eigentümlicher  Ausdruck  selbst—
bewußter  Hoheit,  und  wer  ihm  näher  trat  fühlte  bald,  daß  hier  ein  ge—
borener  Fürst  stand,  der  sich  durch  eigene  Kraft  auf  den  Höhen  der  Mensch—
heit  behauptete.  Als  er  im  Alter  sich  eine  Zeitlang  in  Mailand  aufhielt,
da  erinnerte  er  die  Italiener  lebhaft  an  die  großen  Fürstengestalten  ihres
Cinquecento  und  sie  nannten  ihn  il  principe  uomo.

Aber  pflichtgetreuer  als  die  Visconti  und  die  Sforza  wußte  er  mit
der  Lust  am  Schönen  den  stillen  Fleiß  des  sorgsamen  Landesherrn  zu
verbinden;  kein  Geschäft  der  Verwaltung  war  ihm  zu  gering,  und  nie—
mals  hat  sein  kleines  Land  unter  dem  Glanze  des  kunstsinnigen  Hofes
gelitten.  Es  ist  seine  historische  Größe,  daß  er  die  vorherrschende  Rich—
tung  zweier  Zeitalter,  den  literarischen  Idealismus  des  achtzehnten,  den
politischen  des  neunzehnten  Jahrhunderts  mit  freiem  Sinn  erkannte  und,
wie  niemand  sonst  unter  den  Zeitgenossen,  beiden  gerecht  zu  werden  ver—
stand.  Das  Verständnis  für  den  Staat  hatten  ihm  schon  in  der  Jugend
seine  Lehrer  geweckt,  erst  Graf  Görtz,  der  eifrige  diplomatische  Gehilfe
Friedrichs  des  Großen,  dann  Wieland,  der  einzige  unter  unseren  Klas—
sikern,  der  den  Wendungen  der  Tagespolitik  mit  reger  Teilnahme  folgte;
und  mit  derselben  glücklichen  Sicherheit  des  Urteils,  die  ihn  die  echten
Helden  deutscher  Kunst  erkennen  ließ,  wendete  er  sich  auch  in  der  Politik
dem  Wahren,  dem  Lebendigen  zu.  Auf  Preußen  standen  alle  seine  Hoffnungen,
  als  er  seine  kühnen  Pläne  für  den  Fürstenbund  schmiedete;  mit
Preußen  dachte  er  im  Jahre  1806  zu  stehen  oder  zu  fallen.  Auf  dem
Rückzuge  nach  der  Jenaer  Schlacht  sagte  er  einmal,  am  Wachefeuer  auf
einer  Trommel  sitzend,  gelassen  zu  den  Kameraden:  „Herzog  zu  Weimar
und  Eisenach  wären  wir  nun  einstweilen  gewesen.“  Erst  auf  das  ausdrückliche
  Verlangen  des  Königs  verließ  er  die  Armee  und  schloß  seinen
Frieden  mit  dem  Imperator.  Jahrelang  war  er  dann  im  stillen  tätig,
um  den  Befreiungskampf  vorzubereiten.

Als  er  nun  auf  dem  niederländischen  Kriegsschauplatz  nochmals  seine
Kriegerpflicht  erfüllt  hatte  und  endlich  tief  verstimmt  von  den  Enttäuschungen
  des  Wiener  Kongresses  heimkehrte,  da  erschien  ihm  die  Ausführung
  des  Art.  13  als  ein  Gebot  der  Ehre  und  der  Klugheit.  Nicht  als  ob
er  eine  Vorliebe  für  die  neuen  liberalen  Theorien  gehegt  hätte.  Die  französische
  Revolution  ließ  ihn  von  Haus  aus  kalt,  weil  die  Unsittlichkeit  dieser
Klassenkämpfe  sein  gesundes  Gefühl  abstieß:  „die  Unterdrücker  unterdrücken
ihre  alten  Beherrscher,  nicht  das  mindeste  Moralische  liegt  dabei  zugrunde."
Aber  er  verstand  die  Zeit,  er  wußte,  daß  sie  der  konstitutionellen  Formen
nicht  mehr  entbehren  konnte,  und  was  konnte  er,  der  die  Furcht  nie  gekannt,
  von  einem  kleinen  Landtage  besorgen?  Wohl  mochte  er  hoffen,
durch  sein  Beispiel  einzelne  Angstliche  unter  den  kleinen  Fürsten  zu  einem
notwendigen  Entschlusse  zu  ermutigen;  doch  nichts  lag  seinen  klaren.
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        Die  Weimarische  Verfassung.  405

Kopfe  ferner  als  die  Selbstüberhebung  der  Kleinstaaterei.  Selbst  die  Huldigungen
  der  ersten  Dichter  der  Epoche  hatten  einst  seinen  ruhigen  Stolz
nicht  zur  Eitelkeit  verführt;  wie  sollte  er  jetzt  sich  verführen  lassen  von  den
überschwänglichen  Lobsprüchen  der  liberalen  Zeitungen,  welche  sein  Weimar
als  die  Wiege  deutscher  Kunst  und  Freiheit  zugleich  feierten?  Schlicht  und
recht,  aus  Pflichtgefühl  und  ehrlichem  Vertrauen  gewährte  er  seinem  Völkchen
  was  er  für  unvermeidlich  hielt.

In  sein  Staatsministerium  hatte  er  eine  ganze  Reihe  tüchtiger  Männer
berufen,  fast  zu  viel  Talente  für  den  kleinen  Staat.  Da  saß  neben
Goethes  Stuhl,  der  schon  seit  Jahren  leer  blieb,  des  Dichters  Freund,
der  alte  Voigt,  ein  edler,  fein  gebildeter  Mann,  der  gleich  seinem  Freunde
die  Fremdherrschaft  lange  als  eine  unentrinnbare  Notwendigkeit  betrachtet
hatte,  jetzt  aber,  glücklicher  als  jener,  sich  hoffnungsvoll  der  neuen  Freiheit
  freute;  dann  Fritsch,  schon  der  Dritte  aus  der  langen  Reihe  trefflicher
  Geschäftsmänner,  welche  diese  Leipziger  Juristenfamilie  in  den  Dienst
der  sächsischen  Häuser  stellte,  auch  er  ein  Stück  Poet,  wohl  angesehen  in
der  literarischen  Welt;  dann  der  neuberufene  geistreiche  Deutsch-Russe
Graf  Edling;  endlich  der  beste  politische  Kopf  unter  allen,  der  Lausitzer
Gersdorff,  der  schon  auf  dem  Wiener  Kongresse  immer  an  Humboldts
Seite  gestanden,  damals  schon  die  Idee  der  preußischen  Hegemonie  verfochten
  hatte  und  dann  während  einer  langen  politischen  Laufbahn  keinen
Augenblick  irre  ward  an  dem  Glauben,  daß  „Preußen  die  deutsche  Nationalität
  wiedergeboren  habe  und  der  Grundstein  sei  zu  einem  künftigen
Deutschland“.  Auf  Gersdorffs  Rat  entschloß  sich  der  Großherzog  die
Verfassungsarbeit  in  Angriff  zu  nehmen.

Im  April  1816  traten  die  alten  Stände  mit  einigen  Abgeordneten  der
neu  erworbenen  Landesteile  zu  einem  Landtage  zusammen;  schon  am
5.  Mai  wurde  das  neue,  von  dem  Jenenser  Professor  Schweitzer  redigierte
Grundgesetz  unterzeichnet,  und  der  Präsident  des  Landtags  feierte  in  herzlicher
  Dankrede  die  beste  Tugend  des  deutschen  Kleinfürstenstandes:  „noch
immer  fanden  wir  in  diesem  hohen  Hause  das  altfürstliche  Gemüt,  das  Jedem
wohl  will,  auch  den  Geringsten  nicht  unwert  achtet.“  Die  liberale  Presse
frohlockte  und  erging  sich  in  behaglichem  Selbstlobe:  wenn  der  fürstliche
Freund  Schillers  und  Goethes  als  der  Bahnbrecher  verfassungsmäßiger  Freiheit
  auftrat,  dann  war  doch  sonnenklar  erwiesen,  daß  nur  rohe  Naturen  der
konstitutionellen  Heilswahrheit  widerstreben  konnten.  Ein  Jahr  nachher  tagte
der  erste  konstitutionelle  Landtag  der  deutschen  Geschichte  in  einem  der  drei
Dornburger  Schlösser,  die  von  steiler  Felswand  über  Rebenhänge  und  Gartenterrassen
  auf  das  malerische  Saaletal  herabschauen.  Hier  in  der  ländlichen
  Stille,  wo  Goethe  so  oft  das  Glück  der  Dichtereinsamkeit  gesucht  hatte,
spielte  sich  die  erste  parlamentarische  Idylle  der  Kleinstaaterei  gemütlich  ab.
Der  Großherzog  hatte  mit  glücklichem  Takt  zwischen  dem  alten  Ständewesen
  und  dem  neuen  Repräsentativsystem  einen  Mittelweg  eingeschlagen
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        406  II.  7.  Die  Burschenschaft.

und  der  Ritterschaft,  den  Städten,  den  Landgemeinden  besondere  Vertreter
gewährt,  aber  die  sämtlichen  31  Abgeordneten  bildeten  eine  einzige  Ver—
sammlung  und  galten  als  Vertreter  des  ganzen  Landes.  Die  Verhand—
lungen  verliefen  keineswegs  leicht,  Schritt  für  Schritt  mußte  die  Regie—
rung  mit  der  Topfguckerei  und  der  naiven  Unerfahrenheit  der  Volksver—
treter  ringen;  endlich  verständigte  man  sich  doch,  und  da  alles  hinter
verschlossenen  Türen  vorging,  so  konnten  die  Zeitungen  ihren  Lesern  un—
gescheut  Wunder  erzählen  von  der  unbegreiflichen  politischen  Weisheit  dieses
Mustervölkchens,  das  unter  je  1500  erwachsenen  Männern  einen  staats—
männisch  gebildeten  Abgeordneten  besaß.  Manche  glückliche  Reform,  die  ohne
den  Landtag  unmöglich  gewesen,  kam  jetzt  zustande;  so  wurde  (1821)
an  der  Stelle  von  49  wunderlichen  alten  Steuern  eine  Einkommensteuer
mit  Fassion  eingeführt,  eine  in  Deutschland  noch  unerhörte  Neuerung.
Mancher  andere  heilsame  Vorschlag  scheiterte  freilich,  weil  die  philisterhafte
Angstlichkeit  der  Landstände  den  freien  Gedanken  ihres  Fürsten  nicht  zu
folgen  vermochte;  die  Offentlichkeit  der  Landtagsverhandlungen  konnte
Karl  August  schlechterdings  nicht  durchsetzen.  Im  Ganzen  fühlte  sich  das
Land  wohl,  und  schon  1818  erhielt  auch  Hildburghausen  eine  Verfassung
nach  weimarischem  Muster.

Nur  Goethe  betrachtete  die  neuen  Institutionen  mit  stillem  Mißbehagen
  und  sah  darin  nichts  als  das  vorwitzige  Dreinreden  Unberufener;  der
Abscheu  gegen  jeglichen  Dilettantismus  lag  dem  Meister  zu  tief  im  Blute.
Als  er  einmal  einen  Trinkspruch  zum  Landtagsfeste  nicht  umgehen  konnte,
erinnerte  er  die  Volksvertreter  patriarchalisch  an  ihre  Familienpflichten:

Ein  Jeder  sei  in  seinem  Hause  Vater,

So  wird  der  Fürst  auch  Landesvater  sein.
Und  als  sie  gar  ihm  selber  Rechenschaft  abverlangten  wegen  der  11,000
Taler,  die  er  seit  einem  Menschenalter  alljährlich  für  Kunst  und  Wissenschaft
  auszugeben  hatte,  da  beschloß  der  alte  Herr  ein  Exempel  zu  statuieren,
diktierte  seinem  Schreiber  drei  Worte  und  drei  Zahlen  —  Einnahme,  Ausgabe,
  Kassenbestand  —  setzte  majestätisch  seinen  Namen  darunter  und
sendete  den  Zettel  dem  Landtage.  Die  Entrüstung  war  groß.  Bei  ruhiger
Uberlegung  kam  es  den  wackeren  Vertretern  von  Neustadt,  Kaltennordheim,
  Gerstungen  doch  selbst  sonderbar  vor,  daß  sie  die  Antiken=  und
Bücher-Einkäufe  Goethes  im  einzelnen  prüfen  sollten,  und  so  entschlossen
sie  sich  zu  einer  Tat  konstitutioneller  Selbstverleugnung,  welche  in  der
pedantischen  Geschichte  des  deutschen  Parlamentarismus  einzig  dasteht:  der
Buchstabe  der  Verfassung  ward  der  Pietät  geopfert,  die  dreizeilige  Rechnung
stillschweigend  genehmigt.  —

Im  Schatten  der  neuen  Preßfreiheit  wuchs  nun  in  Weimar  und
Jena  urplötzlich  ein  ganzes  Heer  politischer  Zeitschriften  auf,  eine  schlechthin
  bodenlose  Publizistik,  wie  sie  nur  in  diesem  gelehrten  Volke  entstehen
konnte,  und  doch  eine  Macht,  denn  mit  ihr  begann  der  verhängnisvolle
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        Die  Weimarische  Presse.  407

Einbruch  des  Professorentums  in  die  deutsche  Politik.  Luden  hatte  schon
während  des  Krieges  seine  Nemesis  gegründet,  zunächst  zur  Bekämpfung
der  Fremdherrschaft,  und  fügte  jetzt  noch  ein  Staatsverfassungs-Archiv
hinzu;  dann  folgten  Okens  Isis  und  das  Weimarische  Oppositionsblatt;
Bran  begann  die  Fortsetzung  der  alten  Archenholtzischen  Minerva;  der
aus  Heidelberg  vertriebene  Jurist  Martin  brachte  seinen  Neuen  rheinischen
Merkur  mit  nach  Jena;  Ludwig  Wieland,  der  warmherzige,  federgewandte
Sohn  des  Dichters,  gab  einen  „Volksfreund“  heraus,  der  zur  Beruhigung
der  polizeilichen  Seelenangst  seinen  staatsgefährlichen  Namen  bald  ablegte
und  als  „Patriot“  weiter  erschien.  Und  diese  überfülle  journalistischer
Tätigkeit  drängte  sich  in  zwei  kleinen  Städten  zusammen,  in  einer  rein
literarischen  Luft,  wo  schlechterdings  nichts  an  den  Ernst  des  Staatslebens
erinnerte,  wo  die  Presse  weder  zuverlässige  Nachrichten  über  den  inneren
Zusammenhang  der  Tagesereignisse  erhielt,  noch  an  einer  politischen  Partei
oder  einem  wirtschaftlichen  Interesse  irgend  einen  Rückhalt  fand.  In
glücklicher  Unkenntnis  der  wirklichen  Welt  konnte  hier  der  reine  Doktri—
narismus  sich  seiner  „Uberzeugung“  erfreuen  und  mit  der  Miene  der
Unfehlbarkeit  seine  Kathedermonologe  halten.  Alle  diese  Blätter  erhoben
den  Anspruch,  der  ganzen  Nation  als  Lehrer  zu  dienen,  denn  es  war  der
Stolz  des  Professors,  daß  die  praktische  deutsche  Einheit  allein  in  den
Universitäten  sich  zeigte;  und  da  nun  das  freie  Wort,  das  an  der  Ilm
und  Saale  erklang,  den  Argwohn  der  Höfe  erweckte,  die  gesamte  reaktionäre
  Partei,  wie  Luden  sagte,  ihre  Blicke  angstvoll  auf  die  Höhen  des
schönen  Thüringens  richtete,  so  schwoll  das  Selbstgefühl  der  akademischen
Publizisten  bald  bedenklich  an,  und  sie  meinten  alles  Ernstes,  ihr  deutsches
Athen  bilde  den  Mittelpunkt  der  nationalen  Staatskunst.  Von  dem  gründlichen
  Fleiße  deutscher  Gelehrsamkeit  war  in  diesen  politischen  Schriften
nichts  zu  spüren.  In  der  Wissenschaft  ward  alle  Pfuscherarbeit  verachtet,
über  die  Staatsmänner  durfte  jeder  zu  Gericht  sitzen,  wenn  er  gelegentlich
  in  einer  verlorenen  Stunde  die  Zeitungen  las.

Ludens  Nemesis  stand  tief  unter  den  weit  weniger  verbreiteten  Kieler
Blättern.  Während  Dahlmanns  Zeitschrift  in  gediegenen  historischen  und
staatsrechtlichen  Erörterungen  ihren  Lesern  die  sachliche  Belehrung  bot,
deren  dies  unreife  Geschlecht  vor  allem  bedurfte,  brachte  Luden  fast  durchweg
  nur  leere  Allgemeinheiten  oder  oberflächliche  kritische  Bemerkungen
über  kleine  Tagesereignisse;  und  obwohl  er  selbst  nicht  zu  den  Bekennern
des  Rotteckschen  Vernunftrechts  gehörte,  sondern  den  Staat  historisch  zu
verstehen  suchte,  so  lief  doch  die  ganze  Weisheit  der  Nemesis  immer  wieder
auf  den  Art.  13  der  Bundesakte  hinaus,  der  ihr  als  das  einzige  Mittel
um  eine  Revolution  von  Deutschland  abzuwenden  erschien:  „Nur  gehalten
was  so  heilig  versprochen  wurde!  O  Ihr  Fürsten,  wolltet  Ihr  diese,  nur
diese  Ausübung  ganz  gewöhnlicher  Tugend!“  Seit  Jahren  galt  Luden
als  der  beliebteste  Dozent  in  Jena;  seine  Vorlesungen  über  deutsche  Ge-
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        408  II.  7.  Die  Burschenschaft.

schichte  wurden,  wie  vordem  Fichtes  und  Schellings  Kollegien,  der  Sam—
melplatz  für  die  Masse  der  Studentenschaft;  der  liebenswürdige  Idealis—
mus,  der  aus  seinem  ganzen  Wesen  sprach,  die  patriotische  Wärme  und
der  leichte  Redefluß  seiner  Vorträge  erwarben  ihm  bei  der  Jugend  ein
Ansehen,  das  vierzig  Jahre  lang  unerschüttert  blieb.  Wer  den  wohl—
meinenden  Mann  nur  nach  seinen  Büchern  beurteilte,  konnte  sich  diese
glänzenden  Lehrer-Erfolge  kaum  erklären;  seine  historischen  Schriften  waren
arm  an  neuen  Gedanken,  noch  ärmer  an  selbständiger  Forschung,  und
von  der  strengen  Gedankenarbeit,  welche  die  politische  Wissenschaft  ihren
Jüngern  auferlegt,  ahnte  er  so  wenig,  daß  er  schon  in  seinem  einund—
dreißigsten  Jahre  (1811)  wohlgemut  ein  an  harmlosen  Gemeinplätzen
überreiches  Handbuch  der  Staatsweisheit  herausgeben  konnte.

Wie  anders  als  die  ehrbar  langweilige  Nemesis  ging  die  Isis  ins
Zeug,  wohl  die  sonderbarste  politische  Zeitschrift  unserer  Geschichte,  ein
unvergleichliches  Probstück  gelehrter  Narrheit.  Als  Naturforscher  hatte
sich  Oken  trotz  mancher  Wunderlichkeiten  einen  wohlverdienten  Ruhm  er—
worben;  in  den  politischen  Kampf  brachte  er  kein  anderes  Rüstzeug  mit,
als  eine  grundehrliche  vaterländische  Begeisterung,  einige  unklare  demo—
kratische  Begriffe,  eine  unersättliche  Rauflust  und  den  kindlichen  Wahn,
daß  die  freie  Presse  alle  Wunden,  die  sie  geschlagen,  auch  wieder  heilen
werde.  „Die  Geschichte“,  so  rief  er  in  seiner  Ankündigung  „schreitet  daher
als  ein  schauerlicher  Riese  über  Strom  und  Felsen,  über  Loco  sigilli
und  Schlagbäume,  lachend  über  solche  Anstalten,  welche  Geist  und  Sinn
fangen  wollen  und  im  Fang  überpurzeln.  Alles  ist  gut  und  alles  muß
zugelassen  werden.“  Seine  Leser  sollten  den  Sinn  und  den  Unsinn  der
Zeit,  die  Würde  wie  die  Petulanz  kennen  lernen;  selbst  die  Grobheit,
die  Lüge  und  Verleumdung  schloß  er  nicht  aus  und  befahl  den  Ange—
griffenen  im  voraus,  sich  nur  literarisch  zu  rächen.  Der  burschikose  Auf—
ruf  fand  nur  zu  willige  Hörer.  Alle  Hitzköpfe  der  gelehrten  Welt  gaben
sich  ein  Stelldichein  auf  dem  großen  Fechtboden  dieser  „Encyklopädischen
Zeitung"“.  Da  standen  neben  zoologischen  Bildern  und  Abhandlungen  —
dem  einzigen  Guten,  was  die  Zeitschrift  brachte  —  akademische  Skandalgeschichten
  und  literarische  Klopffechtereien  jeder  Art;  selbst  ein  hämischer
Artikel  der  Edinburgh  Review  gegen  Goethes  Wahrheit  und  Dichtung  ward
mit  unverhohlenem  Behagen  abgedruckt,  und  dann  wieder  politische  Abhandlungen
  sowie  zahllose  Schmerzensrufe  und  Anklagen  wider  angebliche
Behördenwillkür.  Das  alles  im  Tone  des  Bierhauses,  im  „Okenschen
Tone“,  wie  man  bald  zu  sagen  pflegte  —  frech,  geschmacklos,  höhnisch;
fast  jede  neue  Nummer  der  Isis  rief  neuen  Zank  hervor.  Da  der  reiche
Vorrat  der  deutschen  Superlative  schon  nicht  mehr  ausreichte,  so  zog
Oken  die  Holzschneider  zu  Hilfe  und  ließ  Eselsköpfe,  Gänse,  Kannibalen,
Juden=  und  Pfaffengesichter  oder  auch  eine  Knute,  einen  Stock,  ein  zum
Fußtritt  erhobenes  Bein  neben  die  Namen  seiner  Gegner  setzen,  so  daß
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        Isis  und  Nemisis.  409

der  politische  Text  zuweilen  fast  so  bunt  aussah  wie  die  Kupfertafeln  mit
den  Bildern  der  Quallen  und  Knorpelfische  daneben.  Aus  den  politischen
Aufsätzen  sprach  ein  schrullenhafter  Radikalismus  und  zugleich  ein  naiver
Gelehrtendünkel:  die  Weimarische  Verfassung  verdiente  gar  nicht  den
Namen  einer  Verfassung,  weil  sie  von  den  dreiundzwanzig  unentbehrlichen
Grundrechten  jeder  wahren  Charte  nur  ein  einziges,  die  Preßfreiheit  ge—
währte  und  —  weil  sie  den  Nährstand,  die  dummen  „von  den  Pandek—
tenhengsten  gereitelten“  Bürger  und  Bauern,  so  unbillig  vor  dem  Wehr—
und  Lehrstande,  dem  Adel  und  den  Professoren,  bevorzugte!  Kein  einziger
politischer  Artikel  in  diesem  ungeheuerlichen  Gepolter,  der  die  Leser  belehrt
oder  ihren  Willen  auf  ein  bestimmtes  Ziel  gerichtet  hätte.  Immer  nur
fanatische  Anklagen  gegen  die  Fürsten  und  Diplomaten,  welche  unser  „Ge—
samtvolk  zu  einem  Provinzialvölkleins-Schober  gemacht“  haben;  immer
nur  Hohn  über  die  unverbesserliche  Faulheit  des  lebenden  Geschlechts:
„nur  von  der  Jugend  ist  noch  etwas  zu  erwarten.“

Das  beste  publizistische  Talent  in  diesem  Kreise  war  der  Kurländer
Lindner,  der  das  Oppositionsblatt  mit  Gewandtheit  leitete  und  die  poli—
tische  Arbeit  als  ernsten  Lebensberuf  betrieb.  Aber  gerade  in  seinen  Auf—
sätzen  bekundete  sich  am  deutlichsten  jene  politische  Torheit,  welche  den
deutschen  Liberalismus  nunmehr  von  einem  Fehler  zum  andern  treiben
sollte:  die  schnöde  Undankbarkeit  gegen  Preußen.  Es  ist  nicht  wahr,  was
die  Parteihistoriker  erzählen,  daß  die  Verunglimpfung  des  preußischen
Staats  erst  seit  der  Demagogenverfolgung  im  liberalen  Lager  üblich  ge—
worden  sei.  Sogleich  nach  dem  Frieden,  als  der  Degen  von  Belle  Alliance
kaum  erst  wieder  in  die  Scheide  fuhr,  setzten  diese  Kleinen  den  Staat,  dem
sie  ihre  Freiheit,  ihr  Alles  dankten,  auf  die  Anklagebank  und  überschütteten
ihn  mit  Vorwürfen,  in  einem  Augenblicke,  da  er  durch  sein  Wehrgesetz
und  sein  Zollgesetz  den  festen  Grund  legte  für  die  Einheit  des  Vaterlandes.

Luden  hatte  bereits  in  dem  Handbuche  der  Staatsweisheit  die  preußische
Monarchie  immer  als  abschreckendes  Beispiel  aufgeführt  und  mit  dem  be—
kannten  Freiheitsdünkel  des  englischen  Hannoveraners  über  den  Militär—
staat  abgeurteilt.  Jetzt  brachte  seine  Nemesis  Gedichte  zum  Preise  des
Hauses  Wittelsbach  und  Artikel  zur  Verteidigung  der  sächsischen  Politik
von  1813;  für  Preußen  hatte  sie  nur  Tadel  und  eine  prahlerische  Geringschätzung,
  die  in  jedem  anderen  Volke  allgemeines  Gelächter  erregt
hätte:  vor  den  Musen  in  Thüringen,  meinte  sie  stolz,  haben  die  Musen
der  Mark  niemals  bestehen  mögen,  nun  wollen  wir  doch  sehen,  ob  die
preußische  Politik  ebenso  Großes  leistet  wie  die  thüringische!  Darum  ward
auch  der  ehrliche  Liberale  Benzenberg  als  der  Finsterling  unter  den  deutschen
  Publizisten  verlästert;  man  konnte  ihm  nicht  verzeihen,  daß  er  ein
treuer  Preuße  war  und  über  die  Gesetze  dieses  Staates,  welche  der  Jenenser
  Professor  niemals  eines  Blickes  würdigte,  mit  Sachkenntnis  schrieb.
Nun  gar  Oken,  ein  Vorderösterreicher  aus  der  Ortenau,  betrachtete  die
        <pb n="418" />
        410  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Verhöhnung  Preußens  als  das  sicherste  Kennzeichen  der  Freisinnigkeit.
Während  er  dem  Kaiser  Franz  schonende  Ehrfurcht  erwies  und  sogar  die
lächerliche  Frankfurter  Eröffnungsrede  des  Grafen  Buol  mit  Lob  bedachte,
öffnete  er  die  Spalten  seiner  Isis  schadenfroh  allen  Feinden  Preußens.
Heute  begann  ein  Rheinländer  ein  schluchzendes  „Rheinweinen“  wegen
der  vielen  Protestanten  in  den  preußischen  Behörden:  „man  will  nur  dem
Lande  schaden,  es  soll  nur  unser  Selbstgefühl  gedemütigt  werden.“  Morgen
bejammerte  ein  guter  Schwede  aus  Greifswald  die  Verpreußung  seines
Vaterlandes.  Dann  wieder  klagten  einige  Arzte  aus  der  Provinz  Sachsen
über  brutale  Beleidigung  ihrer  gelehrten  Standesehre,  weil  sie  jetzt,  so
gut  wie  ihre  Apotheker,  ja  wie  gemeine  Handwerker,  die  preußische  Gewerbesteuer
  bezahlen  mußten.  Napoleon  selbst  hatte  nie  etwas  so  Empörendes
  getan  wie  Preußen  mit  dem  Verbote  des  Rheinischen  Merkurs;
was  wollte,  fragte  die  Isis,  die  Ermordung  Palms  daneben  bedeuten?
Über  die  Universität  Bonn,  die  den  Glanz  von  Jena  so  bald  überstrahlen
sollte,  urteilte  Oken  noch  bevor  sie  eröffnet  war:  Alles  ist  schon  so  gut
als  verdorben  durch  die  Stückelgeschäfte  und  Stückelkenntnisse  preußischer
Regierungs-Individuen.  Der  eigentliche  Herd  aller  preußischen  Nichtswürdigkeiten
  aber  blieb  das  Heer  mit  seiner  allgemeinen  Wehrpflicht:  war
es  nicht  unerhört,  so  führte  die  Nemesis  aus,  daß  der  Leutnant  so  viel
früher  ins  Brot  kam  als  der  Referendar?  und  war  es  nicht  barbarisch,
so  fragte  Oken,  daß  man  in  Preußen  „geistige  Kräfte  als  gemeine  Soldaten
  zu  Pulverfutter  verwendete“?

Jeder  Nichtswürdige,  der  den  Ernst  des  preußischen  Gesetzes  zu  fühlen
bekam,  konnte  auf  den  Beistand  dieser  gelehrten  Publizisten  zählen,  wenn
er  sich  nur  als  politischer  Märtyrer  gebärdete.  Im  Jahre  1817  bot
Massenbach  die  Handschrift  eines  neuen  Bandes  seiner  verlogenen  Denkwürdigkeiten,
  bei  denen  er  viele  amtliche  Papiere  widerrechtlich  benutzt  hatte,
der  preußischen  Regierung  für  11,500  Friedrichsdor  zum  Kaufe  an;  er
wurde  darauf  mit  Genehmigung  des  Senats  in  Frankfurt  verhaftet  und,
nach  einem  sorgfältigen  Berichte  des  Generals  Grolman,  auf  Beschluß
des  Staatsrats  als  ein  ohne  Abschied  entlassener  Offizier  vor  ein  Kriegsgericht
  gestellt,  das  ihn  wegen  versuchter  Erpressung  und  Verletzung  der
Diensttreue  zur  Festungsstrafe  verurteilte.')  Und  in  diesem  schmutzigen
Handel,  dessen  Verlauf  der  Staatskanzler  sogleich  veröffentlichen  ließ,  ergriff
  Ludens  Nemesis  die  Partei  des  Helden  von  Prenzlau:  wer  einem
Throne  gegenüber  so  frei  rede,  wie  Massenbach  in  Württemberg,  könne
doch  keiner  Schlechtigkeit  fähig  sein!  Der  Frankfurter  Senat  aber  ward
von  den  Aposteln  der  deutschen  Einheit  hart  angelassen,  weil  er  uneingedenk
  der  Souveränität  seines  Staates  einen  gemeinen  Verbrecher  einem
andern  Bundesstaate  ausgeliefert  hatte!

 

*)  Protokolle  des  Staatsrats,  7.  Juli  1817.
        <pb n="419" />
        Universität  Jena.  411

Der  alte  Goethe  fühlte  sich  wie  in  der  verkehrten  Welt,  als  sein
friedlicher  Musensitz  sich  so  plötzlich  in  ein  lärmendes  Forum  verwandelte,
und  die  akademischen  Publizisten  in  der  Presse  gleichsam  als  die  Erben
der  Dichter-Dioskuren  gefeiert  wurden.  Er  ahnte  schlimme  Folgen  und
warnte  Luden:  wir  verfügen  nicht  über  100,000  Bajonette  um  Euch  zu
beschützen!  Als  die  Regierung  sodann  mit  einer  Verwarnung  gegen  Oken
vorgehen  wollte,  da  riet  Goethe  dem  Herzog  ab:  solche  Ermahnungen
seien  nutzlos  und,  einem  so  verdienten  Manne  gegenüber,  unziemlich;
besser  daher  —  so  fuhr  er  mit  souveräner  Geringschätzung  der  neuen  Verfassung
  fort  —  man  lasse  den  gelehrten  Hitzkopf  ganz  aus  dem  Spiele
und  verbiete  einfach  dem  Drucker  die  Fortsetzung  des  „katilinarischen“
Unternehmens.  So  ernst  wollte  der  herzhafte  Karl  August  die  politischen
Saturnalien  seiner  Gelehrten  doch  nicht  nehmen.  Er  ließ  es  bei  einigen
gelegentlichen  Warnungen  und  Beschlagnahmen  bewenden;  aber  auch  er
sah  immer  mit  Unmut  einer  „neuen  Niederkunft  Monsieur  Okens“"  entgegen,
  denn  die  Beschwerden  der  in  der  Isis  Mißhandelten  nahmen  kein
Ende.  Am  lautesten  klagte  Geh.  Rat  von  Kamptz  in  Berlin,  ein  ausgezeichneter
  Jurist  und  brauchbarer  Beamter,  allbekannt  als  fanatischer  Reaktionär.
  Der  wurde  von  Oken  zu  den  „abgedroschenen  Leuten“  gerechnet
und  verwahrte  sich  drohend  wider  diesen  „Blauen-Montags-Ton".  Wer
den  harten  Mann  kannte,  mußte  wissen,  daß  er  sich  mit  Worten  nicht
begnügen  würde.  —

Wie  konnte  die  akademische  Jugend  ruhig  bleiben  in  dieser  wunderlich
  erregten  kleinen  Welt?  Die  großen  Tage  der  Jenenser  Hochschule
waren  schon  um  das  Jahr  1803  zu  Ende  gegangen,  mit  den  wissenschaftlichen
  Kräften  von  Heidelberg  oder  Berlin  vermochte  sie  sich  längst  nicht
mehr  zu  vergleichen;  doch  der  Glanz  jener  reichen  Zeit  haftete  noch  an
ihrem  Namen  und  von  jeher  stand  die  ungebundene  Freiheit  ihres  Studentenlebens
  bei  der  deutschen  Jugend  in  gutem  Rufe.  „Und  in  Jene  lebt
sich's  bene“  sagt  ein  altes  Studentenlied.  In  keiner  anderen  Universitätsstadt
  herrschte  der  Student  so  unumschränkt;  noch  in  den  neunziger  Jahren
war  das  junge  Volk  einmal  in  hellen  Haufen  ausgezogen  um  nötigenfalls
  nach  Erfurt  überzusiedeln,  und  erst  als  ihm  die  geängsteten  Behörden
  alle  seine  Wünsche  erfüllten,  triumphierend  zurückgekehrt.  In  scharfem
Gegensatze  zu  dem  galanten  Leipzig  behielt  das  Jenenser  Leben  immer
einen  derben,  naturwüchsigen,  jugendlichen  Ton,  der  den  einfachen  Sitten
des  Landes  entsprach.  Wie  der  Ziegenhainer  Knotenstock,  damals  noch
der  unzertrennliche  Begleiter  des  deutschen  Studenten,  nur  im  Saaletal
echt  zu  finden  war,  so  stand  auch  der  reichhaltige  Jenenser  Komment  auf
allen  Kneipen  und  Fechtböden  Deutschlands  in  hohem  Ansehen;  manche
uralte  Burschenbräuche,  wie  das  Blutbrüderschaft-Trinken,  erhielten  sich
hier  noch  bis  in  das  neue  Jahrhundert  hinein.  Trotz  aller  Roheit  lag
doch  ein  idealistischer  Hauch  über  dem  lauten  Treiben,  ein  romantischer
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        412  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Reiz,  welcher  der  hagebüchenen  Grobheit  des  Berliner  Turnplatzes  gänzlich
fehlte.  Wie  manchem  jungen  Niederdeutschen  ist  auf  den  Burschenfahrten
zum  Fuchsturm  und  zur  Leuchtenburg  die  Poesie  des  deutschen  Berglandes
  zum  ersten  Male  aufgegangen.  Wie  dankbar  und  froh  begeistert
empfingen  die  Jenenser  Studenten  einst  im  Theater  zu  Weimar  die
Dramen  Schillers  aus  erster  Hand.  Unter  der  Fremdbherrschaft  zeigte
die  Universität  ihre  deutsche  Gesinnung  so  unerschrocken,  daß  Napoleon
einmal  nahe  daran  war,  dies  verhaßte  Nest  der  Ideologen  und  Radoteurs
verbrennen  zu  lassen.

Es  konnte  nicht  fehlen,  daß  diese  vaterländische  Begeisterung  nur  noch
heißer  aufflammte,  als  jetzt  die  jungen  Krieger  in  die  Hörsäle  zurückkehrten,
mancher  mit  dem  eisernen  Kreuze  geschmückt,  fast  alle  noch  wie  berauscht
von  dem  Heldenzorne  des  großen  Kampfes,  voll  glühenden  Hasses  gegen  „die
äußeren  und  inneren  Unterdrücker  des  Vaterlandes“  —  weitaus  die  beste
Studenten-Generation  seit  langen  Jahren,  aber  leider  schon  zu  ernst  für
die  harmlose  Träumerei  und  die  überschwengliche  Freundschaft,  welche  dem
Studentenleben  seinen  eigentümlichen  Zauber  geben.  Die  dringend  nötige
Reform  der  verwilderten  akademischen  Sitten  konnte  nur  von  einem
Geschlechte  ausgehen,  das  so  viel  reifer  war  als  der  Durchschnitt  der  Studenten
  vordem;  und  doch  hatte  diese  ritterliche  Jugend  in  zwei  schweren
Kriegen  schon  zu  viel  erlebt  um  sich  wieder  in  die  bescheidene  Rolle  des
Schülers  finden  zu  können;  die  Gefahr  hochmütiger  Uberhebung,  die
ohnehin  in  der  Zeit  lag,  war  für  sie  fast  unentrinnbar.  Ahnliche  Regungen
  christlich-germanischer  Schwärmerei  waren  schon  einmal  auf  den
Universitäten  aufgetaucht,  in  den  Tagen  des  literarischen  Sturmes  und
Dranges,  als  die  jungen  Poeten  des  Hainbundes  für  Klopstocks  Messias
und  die  Helden  des  Teutoburger  Waldes  sich  begeisterten  und  den  Sänger
des  Polsters,  Wieland  feierlich  im  Bilde  verbrannten.  Was  damals  nur
engere  Kreise  bewegte,  war  jetzt  ein  Gemeingut  von  Tausenden.

Wie  verächtlich  mußte  das  verrottete  Verbindungswesen  der  Universitäten
  dem  abgehärteten,  sittenstrengen  neuen  Geschlechte  erscheinen.  Von
der  Barbarei  der  alten  Renommisten  war  nur  zu  vieles  noch  übrig,
obwohl  die  Humanität  der  neuen  literarischen  Bildung  auch  die  akademischen
  Sitten  etwas  verfeinert  hatte.  Die  Völlerei  und  die  Unzucht
zeigten  sich  oft  mit  einer  Frechheit,  die  uns  heute  schon  unmöglich  scheint;
das  Hazardspiel  ward  überall  selbst  auf  offener  Straße  betrieben,  und  die
unausrottbare  deutsche  Rauflust  ging  soweit  über  alles  erlaubte  Maß
hinaus,  daß  die  350  Mann  starke  Jenenser  Studentenschaft  im  Sommer
1815  in  einer  einzigen  Woche  147  Duelle  ausfocht.  Die  frischen  volkstümlichen
  Trink=  und  Wanderlieder  der  sangeslustigen  alten  Zeiten  waren
fast  verschollen;  man  sang  zumeist  schmutzige  Zoten  oder  die  weinerlichen
Ergüsse  einer  platten  Sentimentalität,  die  einer  längst  überwundenen
literarischen  Epoche  angehörte.  Mit  den  Rosenkreutzern  und  den  anderen
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        Arndt  und  die  Jugend.  413

Geheimbünden  des  alten  Jahrhunderts  verschwanden  auch  ihre  Geistes—
verwandten,  die  Orden  der  Studenten.  Die  Landsmannschaften,  die  seitdem
  wieder  auflebten,  bewachten  eifersüchtig  ihre  geschlossenen  Werbebe—
zirke,  pflegten  einen  kleinlichen  partikularistischen  Sinn,  der  alles  Aushei—
mische  dünkelhaft  abwies,  und  ertöteten  jedes  kräftige  Selbstgefühl  durch
einen  brutalen  Pennalismus.  Der  Fuchs  durfte  nicht  klagen,  wenn  ein
heruntergekommenes  altes  Haus  ihm  ein  Smollis  anbot  und  darauf  mit
ihm  hutschte:  dann  mußte  er  alles,  was  er  auf  dem  Leibe  trug,  Kleider,
Uhr  und  Geld  gegen  die  dürftigen  Lumpen  seines  Gönners  vertauschen.
Wer  in  dieser  Schule  aufwuchs  lernte  die  Kunst  nach  oben  zu  ducken,
nach  unten  zu  drucken.

Wie  oft  hatte  Fichte  einst  in  Jena  und  in  Berlin  gegen  dies  Unwesen
geeifert.  Unter  seinen  Getreuen  entstand  bereits  im  Jahre  1811  der  Plan
einer  Burschenschaft  oder  Deutsch-Jüngerschaft;  der  Philosoph  billigte  das
Unternehmen  und  fügte  nur,  da  er  seine  Leute  kannte,  die  besonnene
Mahnung  hinzu:  die  Burschen  sollten  sich  hüten,  mittelalterlich  und  deutsch
zu  verwechseln,  und  das  Mittel,  die  Verbindung  nicht  höher  stellen  als
den  Zweck,  die  Belebung  deutschen  Sinnes.  An  diese  Berliner  Entwürfe
knüpften  jetzt  die  Jenenser  wieder  an.  Sie  kannten  den  Ernst  des  Waffen—
handwerks  und  wollten  durch  Ehrengerichte  die  rohe  Rauflust  bändigen;
sie  hatten  im  Kriege  als  eines  Volkes  Söhne  Schulter  an  Schulter  ge—
kämpft  und  forderten  völlige  Gleichheit  aller  Studenten,  Abschaffung  des
Pennalismus  und  aller  der  Vorrechte,  welcher  der  Grafenbank  noch  auf
manchen  Universitäten  zustanden.  Ihr  letzter  und  höchster  Gedanke  aber
blieb  die  Einheit  Deutschlands:  in  einem  einzigen  großen  Jugendbunde,  der
alle  landsmannschaftliche  Sonderbünde  vernichtete,  sollte  sich  die  Macht
und  Herrlichkeit  des  Vaterlandes  verkörpern.

Arndts  Vaterlandslied  bildete  das  eigentliche  Programm  der  Burschenschaft,
  Freund  und  Feind  betrachteten  den  Dichter  als  den  Führer
der  teutonischen  Jugend,  obgleich  er  an  den  Entwürfen  des  jungen
Volks  unmittelbar  gar  keinen  Anteil  nahm.  Nach  einem  langen  bewegten
  Wanderleben  war  er  jetzt  endlich  in  Bonn  zur  Ruhe  gekommen
und  baute  für  sich  und  seine  junge  Frau,  die  Schwester  Schleiermachers,
ein  bescheidenes  Gartenhaus  auf  der  Höhe  dicht  am  Rheinz  hier  dachte
er  „die  Herrlichkeit  des  Siebengebirges  gerade  aufs  Korn  zu  nehmen“  und
in  stillem  Glück  sich  zu  sammeln  für  die  Arbeit  des  Katheders.  Wohl
schwärmte  er  so  treuherzig  wie  der  jüngste  Bursch  für  „die  goldene  akademische
  Freiheit,  die  uralte  und  herrlichste  Ritterschaft  der  Germanen“  ;
aber  als  ihn  ein  Heidelberger  Student  über  die  Reform  des  akademischen
Lebens  befragte,  da  warnte  er  seine  jungen  Freunde,  in  der  Schrift  über
den  deutschen  Studentenstaat,  nachdrücklich  vor  radikalen  Torheiten:
„lieber  das  Bestehende  walten  lassen  als  das  unerreichbare  Vollkommene
erstreben.“  Längst  hatte  er  sich  in  treuer  Liebe  an  Preußen  und  sein
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        414  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Königshaus  angeschlossen,  nur  die  alte  Abneigung  gegen  das  fridericianische
  Zeitalter  konnte  er  nicht  überwinden.  Seit  er  einst  tapfer  für  die
Aufhebung  der  Leibeigenschaft  in  seiner  vorpommerschen  Heimat  eingetreten
  war,  stand  er  bei  der  reaktionären  Partei  im  Rufe  eines  Gleichheitspredigers.
  Durchaus  mit  Unrecht.  Arndts  Wünsche  gingen  niemals
über  die  Ideen  seines  Gönners  Stein  hinaus;  er  wollte  eine  lebendige
Gliederung  der  Stände,  einen  angesehenen  Adel,  freie  Bauerschaften,  ein
kräftiges  in  Zünfte  geordnetes  Bürgertum  und  betrachtete  selbst  Hardenbergs
  Agrargesetze  nicht  ohne  romantischen  Widerwillen.

In  diesem  liebreichen  Herzen,  das  dem  Überschwang  seiner  Gefühle
nur  durch  gehäufte  Superlative  zu  genügen  wußte,  in  dieser  offenen,  heiteren
Natur  fand  der  politische  Fanatismus  keine  Stätte.  Nur  die  Urteilslosigkeit
der  Jugend  konnte  „Vater  Jahn  und  Vater  Arndt“"  wie  zwei  Brüder  feiern,
und  nur  Arndts  rührende  Bescheidenheit  konnte  sich  diese  Vergleichung  gefallen
  lassen.  In  Wahrheit  gehörten  die  beiden  ganz  verschiedenen  Schichten
der  geistigen  und  der  sittlichen  Kultur  an.  Arndt  gebot  über  einen  unerschöpflichen
  Schatz  gediegenen  Wissens,  obwohl  er  die  strenge  Methode  der
Fachgelehrten  niemals  lernte,  und  bewegte  sich  frei  auf  den  Höhen  menschlicher
  Bildung,  zu  denen  Jahn  kaum  emporblicken  konnte.  Er  nannte
sich  selber  oft  einen  Bauern  und  nahm  es  als  Fußwanderer  mit  dem
besten  Turner  auf;  im  Sommer  sah  man  ihn  täglich  den  Rhein  durchschwimmen
  oder  mit  dem  blauen  Kittel  angetan  in  seinem  Garten  harken.
Aber  auch  in  der  vornehmen  Gesellschaft  fühlte  er  sich  heimisch  und  sicher;
aller  Blicke  hingen  an  dem  stämmigen  kleinen  Manne  mit  den  strahlenden
blauen  Augen,  wenn  er  zu  erzählen  begann,  ein  unwiderstehlich  liebenswürdiger
  Plauderer,  immer  natürlich  und  kräftig,  immer  geistreich  und  edel.
Einem  so  kerngesunden  Geiste  konnte  das  zynische  Wesen  der  Turner
wenig  behagen.  Mahnend  hielt  er  der  Jugend  vor:  nicht  in  der  Rauheit
der  Spartaner  oder  der  Römer  dürften  Deutsche  ihr  Vorbild  suchen;
fraget  Euch  doch:  „waren  sie  glücklich?  machten  sie  glücklich?“

Unter  den  Jenenser  Professoren  stand  Fries  den  Studenten  am
nächsten;  diese  Jugend,  die  an  Fichtes  Ideen  sich  begeisterte,  saß  arglos
zu  den  Füßen  eines  Lehrers,  der  immer  zu  Fichtes  Widersachern  gehört
hatte.  Die  neue  Lehre  Hegels  galt  in  Jena  noch  als  reaktionär;  sie  war,  wie
Fries  behauptete,  nicht  in  den  Gärten  der  Wissenschaft,  sondern  auf  dem
Misthaufen  der  Kriecherei  erwachsen.  Auch  Fries  zeigte  sich  wie  Luden
als  Lehrer  ungleich  wirksamer  denn  als  Schriftsteller.  Der  schwärmerischen
  Jugend  gefiel,  daß  der  gutmütige,  aber  unklare  Philosoph  Begriffe
  und  Gefühle  vermengte  und  also  die  sittliche  Welt  in  einen  Brei
des  Herzens  auflöste,  wie  Hegel  ihm  hart  und  treffend  vorwarf;  sie  fühlte
sich  in  ihrer  subjektiven  Willkür  bestärkt,  wenn  ihr  argloser  Lehrer  in  vieldeutigen
  Worten  immer  wieder  ausführte:  der  Mensch  soll  seiner  Überzeugung
  treu  bleiben,  ob  er  sich  auch  die  ganze  Welt  zum  Feinde  mache.
        <pb n="423" />
        Fries  und  die  Jenenser.  415

Besonders  zeitgemäß  erschien  den  jungen  Leuten  seine  Geschichtsphilosophie;
er  verstand  den  Reichtum  der  historischen  Welt  in  das  Schema  einer
dürftigen  Doktrin  einzupressen,  welche  seitdem  von  unzähligen  gelehrten
Publizisten,  bis  auf  Gervinus  herab,  in  mannigfachen  Formen  nachge—
sprochen  worden  ist:  darnach  sollte  im  Orient  die  Religion  das  Leben  der
Menschheit  beherrscht  haben,  im  klassischen  Altertum  die  Schönheit,  in
der  christlichen  Welt  die  Erkenntnis,  neuerdings  aber,  seit  der  Revolution,
stand  die  Ausbildung  des  öffentlichen  Rechts  im  Mittelpunkt  der  Ge—
schichte,  womit  denn  freilich  allem  Vorwitz  der  politisierenden  Dilettanten
Tür  und  Tor  geöffnet  ward.  Obwohl  Fries  die  ehrliche  Absicht  hegte
das  junge  Volk  vor  leidenschaftlichen  Verirrungen  zu  bewahren,  so  ließ  er
sich  doch  zu  manchen  unvorsichtigen  Außerungen  hinreißen,  und  schließ—
lich  widerfuhr  ihm  was  bei  einem  allzu  nahen  Verkehre  zwischen  Pro—
fessoren  und  Studenten  fast  unvermeidlich  eintritt:  er  verlor  die  Fühlung
mit  seinen  jungen  Freunden,  da  sie  dem  Lehrer  doch  nicht  alles  anver—
trauten,  und  bemerkte  nicht,  wie  der  Radikalismus  allmählich  in  den
Reihen  der  Jugend  überhandnahm.

Ursprünglich  war  eine  unbestimmte  patriotische  Sehnsucht  der  einzige
politische  Gedanke  der  Jenenser  Burschen.  Sie  schwärmten  für  ein  ab—
straktes  Deutschtum,  so  wie  es  einst  in  den  Reden  an  die  deutsche  Nation
verherrlicht  worden;  von  der  lebendigen  preußischen  Staatsgesinnung,
welche  sich  Fichte  am  Abend  seines  Lebens  gebildet  hatte,  ahnten  sie
nichts.  Jeder  Unterschied  von  Preußen,  Bayern  und  Sachsen  sollte  ver—
schwinden  in  dem  einen  Begriffe  der  Deutschheit;  und  da  nun  unter
allen  deutschen  Einzelstaaten  keiner  ein  so  handfestes  Leben  besaß  wie  der
preußische,  so  gerieten  diese  jungen  Träumer,  die  doch  beständig  von  der
Herrlichkeit  des  Befreiungskrieges  redeten,  unmerklich  auf  denselben  Ab—
weg  wie  die  Nemesis  und  die  Isis:  sie  begannen  den  Staat,  der  jenen
Krieg  fast  allein  geführt  hatte,  mit  Anklagen  zu  überhäufen.

Unter  den  Begründern  der  Burschenschaft  befand  sich  ein  einziger
Preuße:  der  Berliner  Maßmann,  ein  ehrlicher,  sehr  mäßig  begabter
junger  Schwärmer,  der  unklarste  Kopf  von  allen  den  Berserkern  aus  Jahns
engerem  Kreise.  Die  anderen  waren  sämtlich  Thüringer,  Mecklenburger,
Kurländer,  Hessen,  bayerische  Franken,  und  ihnen  allerdings  fiel  es  nicht
schwer  ihren  heimatlichen  Staat  in  einer  allgemeinen  Deutschheit  einfach
untergehen  zu  lassen.  Auf  den  preußischen  Universitäten  schlug  die  Burschenschaft
  nur  langsam  Wurzeln,  zunächst  in  Berlin.  In  Breslau  wendeten
  sich  ihr  zuerst  die  neupreußischen  Lausitzer  zu;  den  Schlesiern  wollte
es  lange  nicht  in  den  Sinn,  daß  der  Staat  Friedrichs  des  Großen  einem
gesinnungstüchtigen  Teutonen  nicht  mehr  gelten  sollte  als  Bückeburg  oder
Darmstadt.  Die  Jenenser  dagegen  und  die  radikalen  Gießener,  die  sich
der  burschenschaftlichen  Bewegung  am  frühesten  anschlossen,  bekämpften
nicht  nur  jede  berechtigte  Regung  preußischen  Selbstgefühls  als  „undeut-
        <pb n="424" />
        416  II.  7.  Die  Burschenschaft.

sches  Preußentum“,  sie  scheuten  sich  auch  nicht,  aus  der  Geschichte  des
Befreiungskrieges  alles  preußische,  alles  was  ihr  Farbe  und  Leben  gab,
auszustreichen.  Das  Liederbuch  der  Burschenschaft,  A.  Follens  „Freie
Stimmen  frischer  Jugend“,  gab  alle  die  schönen  Kriegslieder,  welche  von
Preußens  Ruhm  erzählten,  verstümmelt  wieder,  der  Name  Preußens  kam
in  der  ganzen  Sammlung  gar  nicht  vor.  In  Arndts  Husarenliede  schwur
Blücher  nicht  mehr  „dem  Franzmann  zu  weisen  die  preußische  Art“,  wie
der  Dichter  gesungen  hatte;  jetzt  hieß  es  „die  altdeutsche“  oder  gar  „die
deutscheste  Art“.  Uberdies  hatten  die  Führer  der  Burschenschaft  zumeist
unter  den  Lützowern  gedient  und  sich  dort  gewöhnt,  als  Mitglieder  einer
„rein-deutschen  Freischar“  mit  Geringschätzung  auf  die  preußische  Linie
herabzusehen,  die  im  Kriege  so  viel  glücklicher  war  als  sie  selber.  So
geschah  es,  daß  diese  Enthusiasten  des  Deutschtums  der  lebendigsten  Kraft
unserer  nationalen  Einheit  von  Haus  aus  fast  ebenso  unfreundlich  gegenüberstanden
  wie  die  Turner.  Begreiflich,  daß  der  kindliche  Glaube  an
die  unfehlbare  Weisheit  „des  Volks“  und  eine  platonische  Vorliebe  für
republikanische  Formen  sich  unter  den  Burschen  noch  häufiger  fand  als  unter
den  Männern.  Die  landständischen  Verfassungen  schienen  der  Jugend  vornehmlich
  darum  nötig,  weil  sie,  gleich  der  Mehrzahl  der  älteren  Liberalen,
den  Partikularismus  allein  in  den  Kabinetten  suchte:  wenn  nur  erst  in
jedem  deutschen  Lande  eine  Verfassung  besteht,  meinte  Karl  Sand,  dann
wird  es  nur  noch  Deutsche,  keine  Bayern  und  Hannoveraner  mehr  geben!
Immerhin  war  in  diesen  ersten  Jahren  von  krankhafter  Aufregung
unter  den  jungen  Leuten  noch  wenig  zu  spüren.  Anmaßlich  genug  zogen
sie  freilich  daher,  in  ihrer  wunderlichen  christlich-germanischen  Tracht,
im  Barett,  dunklen  Rock  und  Weiberkragen,  und  der  neue  Turnerbrauch,
der  auch  nach  Jena  bald  hinüberdrang,  ließ  sie  nicht  liebenswürdiger  erscheinen.
  Aber  unter  der  rauhen  Schale  lag  ein  gesunder  Kern.  Die
Behörden  selbst  waren  verwundert,  als  der  beständige  Krieg  gegen  die
akademischen  Gesetze,  worin  die  Landsmannschaften  ihren  Ruhm  gesucht
hatten,  jetzt  plötzlich  aufhörte;  und  wie  viel  edler  ward  der  ganze  Ton
des  akademischen  Lebens  seit  die  Gesänge  Arndts  und  Schenkendorfs  auf
den  Kommersen  erklangen  und  eine  ganze  Schar  junger  Poeten,  der
Holsteiner  Binzer  voran,  immer  neue  kräftige  Burschenlieder  aufbrachte.
Fast  alle  die  ernsten  Lieder,  welche  der  deutsche  Student  heute  zu  singen
pflegt,  sind  erst  damals  aufgekommen;  auch  das  Weihelied  der  Studenten,
der  Landesvater  erhielt  erst  jetzt  durch  eine  glückliche  Umarbeitung  seinen
schönen  vaterländischen  Sinn.  Die  christliche  Frömmigkeit,  die  sich  allerdings
  oft  prahlerisch  zur  Schau  stellte,  war  bei  den  Meisten  echt  und
innig;  mancher  der  jungen  Träumer  erschien  wie  verklärt  durch  die  fromme
Freude  über  alle  die  Wunder,  welche  Gott  an  diesem  Volke  getan.  —
Einen  wesentlichen  Charakterzug  des  neuen  Teutonentums  bildete
der  eingefleischte  Judenhaß.  Da  die  gewaltige  Erregung  des  Befreiungs-
        <pb n="425" />
        Teutonentum  und  Judentum.  417

krieges  alle  Geheimnisse  des  deutschen  Gemüts  an  den  Tag  brachte,  so
ward  in  der  allgemeinen  Gärung  auch  der  alte  tiefe  Widerwille  gegen
das  orientalische  Wesen  wieder  laut.  Von  Luther  an  bis  herab  auf  Goethe,
Herder,  Kant  und  Fichte  waren  fast  alle  großen  germanischen  Denker  in
dieser  Empfindung  einig,  Lessing  stand  ganz  vereinzelt  mit  seiner  Vor—
liebe  für  die  Juden.  Unmittelbar  nach  dem  Frieden  begann  ein  heftiger
Federkampf  über  die  Stellung  der  Juden,  der  fünf  Jahre  hindurch  den
deutschen  Büchermarkt  mit  einer  Masse  von  Flugschriften  bedeckte  und
namentlich  von  der  Jugend  mit  leidenschaftlicher  Teilnahme  verfolgt
wurde.  Seit  Moses  Mendelssohns  segensreichem  Wirken  hatte  sich  ein
Teil  der  deutschen  Judenschaft  mit  gutem  Erfolge  bemüht,  die  breite
Kluft,  welche  ihren  Stamm  von  deutscher  Sitte  und  Bildung  trennte,
endlich  zu  überbrücken.  Viele  der  angesehenen  jüdischen  Familien  in  den
großen  Städten  waren  schon  durchaus  germanisiert.  In  der  Berliner
Synagoge  wurde  seit  dem  Anfange  des  neuen  Jahrhunderts  deutsch  gepredigt,
  die  Leipziger  und  einige  andere  Gemeinden  folgten  nach.  Dann
sorgte  Israel  Jakobson,  der  Stifter  der  großen  Seesener  Schulen,  für
eine  würdigere  Form  des  Gottesdienstes,  und  der  wackere  David  Friedländer
  mahnte  seine  Stammgenossen  in  den  „Reden  der  Erbauung“:  nur
wenn  sie  mit  ganzem  Herzen  sich  die  deutsche  Kultur  aneigneten,  könnten
sie  sich  den  Anspruch  auf  vollständige  Emanzipation  erwerben.  Die  Masse
der  deutschen  Israeliten,  vornehmlich  in  den  polnischen  Grenzprovinzen,
befreundete  sich  nur  langsam  mit  diesen  Reformgedanken;  sie  steckte  noch
tief  im  Schacher  und  Wucher,  in  dem  finsteren  Fanatismus  des  Talmudglaubens,
  in  allen  den  Sünden  uralter  Knechtschaft.  Als  die  Franzosen
einzogen,  bekundete  sich  in  manchen  jüdischen  Kreisen  eine  leicht  erklärliche
Teilnahme  für  das  Volk,  das  ihnen  zuerst  die  volle  Gleichberechtigung
geschenkt  hatte,  und  Napoleon  verstand  dem  jüdischen  Kosmopolitismus  geschickt
  zu  schmeicheln;  das  eifrigste  Werkzeug  der  französischen  Polizei  in
Berlin  war  Davidsohn-Lange,  der  Herausgeber  des  berüchtigten  „Telegraphen“.


Auch  in  dem  Befreiungskriege  zeigte  nur  ein  Teil  der  Juden  patriotischen
  Eifer.  Die  Söhne  jener  gebildeten  Häuser,  die  sich  schon  ganz  als
Deutsche  fühlten,  taten  ehrenhaft  ihre  Soldatenpflicht;  aber  viele  andere
wurden  durch  Körperschwäche  und  tiefeingewurzelte  Waffenscheu  dem  Heere
ferngehalten,  manchen  erschreckte  auch  der  streng  christliche  Geist  der  großen
Bewegung.  Von  den  Juden  Westpreußens,  die  sich  eben  erst  mühsam
aus  dem  polnischen  Schmutze  herausarbeiteten,  war  deutsche  Gesinnung
billigerweise  noch  gar  nicht  zu  erwarten;  sie  bekundeten  eine  solche  Angst  vor
dem  Waffendienste,  daß  der  König  ihnen  (29.  Mai  1813)  auf  ihre  dringenden
  Bitten  den  Loskauf  von  der  Wehrpflicht  gestattete,  und  dies  Privilegium
  ward  dann  so  massenhaft  benutzt,  daß  ein  großer  Teil  der  Kosten
für  die  Einrichtung  der  westpreußischen  Landwehr  aus  den  jüdischen  Losv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  27
        <pb n="426" />
        418  II.  7.  Die  Burschenschaft.

kaufsgeldern  bestritten  werden  konnte.  Die  einzige  vorhandene  amtliche
Liste  der  jüdischen  Soldaten,  welche  die  große  Mehrzahl  der  preußischen
Regimenter  umfaßt,  weist  für  das  Jahr  1813  nur  343  Juden  im  Heere
nach;  und  im  Jahre  1815,  als  das  Heer  seinen  höchsten  Stand  erreichte,
standen  nach  der  höchsten  Berechnung  nicht  mehr  als  731  Juden  unter
den  Fahnen,  eine  ganz  unverhältnismäßig  niedrige  Ziffer.)  Nach  dem
Kriege  sank  ihre  Zahl  wieder  auf  2—300.  Was  hätte  sie  auch  zu  den
Fahnen  locken  sollen?  Von  den  Offiziersstellen  waren  sie  durch  das  Gesetz
von  1812  ausgeschlossen,  und  da  der  König  an  dieser  Vorschrift  streng
festhielt,  so  befand  sich  während  dieser  langen  Friedensjahre  nur  ein  einziger
  jüdischer  Offizier  in  der  Linien-Armee,  der  langjährige  Lehrer  an  der
Artillerieschule  M.  Burg,  ein  musterhaft  bescheidener  und  tüchtiger  Soldat.
Die  jungen  Teutonen  hatten  natürlich  kein  Auge  für  die  verwickelten  historischen
  Tatsachen,  welche  den  unmilitärischen  Sinn  der  Juden  nur  zu
leicht  erklärten.  Inzwischen  begann  die  Geldmacht  einiger  großen  jüdischen
Firmen  in  Wien,  Frankfurt  und  Berlin  schon  fühlbar  zu  werden  und  sie
zeigte  sich  oft  mit  protzenhaftem  Übermut;  der  vertraute  Verkehr  der
Rothschilds  mit  Metternich  und  Gentz  erregte  auch  politischen  Unwillen.
Dann  kamen  die  Hungerjahre;  gräßliche  Geschichten,  wahre  und  falsche,
von  der  Grausamkeit  jüdischer  Wucherer  liefen  durch  das  Land.  Der  alte
Rassenhaß  regte  sich  wieder;  Sessas  Lustspiel  „Unser  Verkehr“,  eine  bittere
Verhöhnung  jüdischer  Sitten,  hielt  einen  Triumphzug  fast  über  alle  deutschen
  Bühnen.

In  dem  literarischen  Kampfe,  der  sich  nun  entspann,  offenbarte  sich
auf  jüdischer  Seite  nicht  selten  eine  erschreckende  Verlogenheit  und  Überhebung;
  sie  bewies  klarer  als  alle  Reden  der  Gegner,  welche  ernsten  Bedenken
  der  vollständigen  Emanzipation  des  Judentums  noch  im  Wege
standen.  Saul  Ascher  in  Berlin  bewitzelte  „die  Germanomanie“  des
jungen  Geschlechts  in  einer  Reihe  hämischer  Schriften,  die  einen  fanatischen
  Haß  gegen  alles  Deutsche,  namentlich  auch  gegen  Goethe  bekundeten.
Er  rühmte  von  den  glaubenlosen  Juden,  daß  sie  von  der  Weltgeschichte
bestimmt  seien,  dereinst  allen  positiven  Glauben  zu  einer  freieren  Form  zu
leiten,  und  hatte  die  Stirn  seinen  Stammgenossen  sogar  das  Hauptverdienst
an  den  Siegen  des  Befreiungskrieges  zuzuschreiben:  „man  vergißt,  daß
Deutschlands  Heere  in  dem  Kampfe  gegen  Frankreich  unterlagen,  ehe  noch
die  Juden  in  ihrer  Mitte  Teil  daran  nahmen,  und  erinnert  sich  nicht,
wie  folgenreich  sie  in  den  Jahren  1813  und  14  kämpften,  als  die  Juden
aus  Rußland,  Polen,  Osterreich  und  Preußen  mit  ihnen  in  Reihe  und
Glied  standen.“  Ein  anderer  jüdischer  Schriftsteller,  der  gegen  Rühs  und
Fries  zu  Felde  zog,  versicherte  dreist,  nur  ein  Jahr  nach  dem  belgischen

 

*)  Militär-Wochenblatt  1843,  Seite  348.  Geschichte  der  Organisation  der  Landwehr
  in  Westpreußen  (Beiheft  zum  M.  W.  Bl.  1858)  Seite  120.
        <pb n="427" />
        Rühs  und  Saul  Ascher.  419

Feldzuge,  daß  bei  Belle  Alliance  allein  55  jüdische  Offiziere  gefallen  seien,
während  die  preußische  Armee  dort  insgesamt  nur  24  Offiziere  verloren
hatte.  Ein  Dritter,  der  es  offenbar  wohl  meinte,  richtete  ein  „Freundliches
  Wort  an  die  Christen“  und  meinte  gemütlich:  die  eigensinnigen
jüdischen  Köpfe  würden  doch  nicht  von  ihren  alten  Bräuchen  lassen;  am
klügsten  also,  wenn  die  Christen  um  der  Eintracht  willen  ihren  Sonntag
auf  den  Sabbath  verlegten.  Der  jüdische  Lehrer  Heß  in  Frankfurt  erklärte
  alle  seine  christlichen  Gegner  einfach  für  Phantasten  oder  für  Werkzeuge
  eines  gemeinen  Eigennutzes.)

Einem  solchen  Hochmut  gegenüber  konnten  auch  in  dem  anderen
Lager  ungerechte  und  gehässige  Worte  nicht  ausbleiben;  indes  bewahrte
die  große  Mehrzahl  der  christlichen  Schriften  eine  würdige  Haltung.  Die
Ideen  Lessings  hatten  doch  in  der  Stille  ihren  Weg  gemacht;  so  grausam
wie  einst  Fichte  wollte  jetzt  kein  Deutscher  mehr  über  die  Juden  schreiben.
Die  Verständigeren  gingen  fast  alle  von  dem  Grundsatze  aus,  daß  der  Aufenthalt
  im  Lande  allein  noch  keinen  Anspruch  auf  das  Bürgerrecht  gebezj  sie
wollten  den  Israeliten  wohl  die  Gleichheit  auf  dem  Gebiete  des  Privatrechts
  zugestehen,  aber  nicht  —  oder  doch  jetzt  noch  nicht  —  das  volle
Maß  der  staatsbürgerlichen  Rechte.  Und  so  hart  diese  Meinung  den  gebildeten
  Juden  erscheinen  mußte,  die  Masse  ihres  Stammes  befand  sich
damals  unbestreitbar  noch  in  einem  verwahrlosten  Zustande,  der  die
vollständige  Emanzipation  nicht  ratsam  erscheinen  ließ;  richtete  doch
einer  von  ihnen  selber  an  die  deutschen  Fürsten  die  wehmütige  Bittte,
durch  Verbesserung  des  jüdischen  Schulwesens  „meine  Nation  aus  der
geistigen  Trübheit  zu  erheben“.  )  Das  preußische  Gesetz  von  1812,  das
den  Juden,  mit  Ausnahme  der  Zulassung  zu  den  Staatsämtern,  alle
staatsbürgerlichen  Rechte  gewährte,  ging  über  die  engherzigen  Vorschriften
der  meisten  anderen  deutschen  Gesetze  weit  hinaus  und  bezeichnete  ungefähr
  das  Maß  dessen,  was  die  Liberalen  jener  Zeit  vorläufig  für  erreichbar
  hielten;  Hardenberg  selbst,  der  Gönner  Koreffs,  der  sich  der
Juden  überall  gütig  annahm,  wollte  diese  Grenze  durchaus  nicht  überschreiten.


In  diesem  Sinne  etwa  sprach  sich  der  Historiker  Rühs  aus,  der  den
Reigen  der  antijüdischen  Schriften  eröffnete;  ihm  folgten  Fries  und  Luden.
Aber  auch  das  radikale  Oppositionsblatt  schloß  sich  der  Ansicht  der  christlichgermanischen
  Gelehrten  an,  desgleichen  Paulus,  der  Führer  des  Rationalismus,
  und  Klüber,  der  weltlich  liberale  Publizist.  Unter  den  nam- 



*)  Saul  Ascher,  Germanomanie,  Berlin  1815,  Seite  67.  Bemerkungen  zu  den
Schriften  der  Prof.  Rühs  und  Fries  über  die  Juden,  Frankfurt  1816,  Seite  4.  Ein
freundliches  Wort  an  die  Christen  von  einem  Juden,  o.  O.  1816.  M.  Heß,  Freimütige
Prüfung  der  Schrift  von  Rühs,  Frankfurt  1816.

*)  Patriotischer  Aufruf  eines  treuen  Israeliten  an  die  Fürsten  Deutschlands,  Büdingen
  1816.

27  *
        <pb n="428" />
        420  II.  7.  Die  Burschenschaft.

haften  Schriftstellern  zeigte  Kotzebue  den  Juden  das  meiste  Wohlwollen,
der  Todfeind  der  jungen  Teutonen  fühlte  sich  durch  eine  innere  Wahl—
verwandtschaft  zu  Saul  Ascher  hingezogen;  doch  auch  er  meinte,  erst  müßte
die  Kultur  der  Juden  „durch  eine  Art  von  Bekehrung“  gründlich  umge—
staltet  werden  bevor  sie  die  Gleichberechtigung  erlangen  könnten.  Die
sofortige  Emanzipation  forderten  nur  einzelne  wenig  bekannte  christliche
Publizisten,  so  Lips  in  Erlangen,  der  die  deutsche  Nation  durch  die  Bei—
mischung  jüdischen  Blutes  beweglicher  machen  wollte.

Der  Haß  wider  die  Juden  war  so  stark  und  allgemein,  daß  die  öffent—
liche  Meinung  selbst  in  einem  Falle,  wo  ihnen  offenbare  Unbill  wider—
fuhr,  fast  einstimmig  gegen  sie  Partei  nahm:  in  dem  häßlichen  Frank—
furter  Judenstreite.  Wie  schwer  hatten  sich  doch  die  verbündeten  Mächte
an  unserer  alten  Kaiserstadt  versündigt,  als  sie  ihr  den  leeren  Titel
einer  unhaltbaren  Souveränität  verliehen.  Frankfurt  war  zur  Zeit  des
Reichs,  trotz  seines  reichsstädtischen  Namens,  immer  die  Stadt  des  Kaisers
gewesen,  den  Befehlen  des  Monarchen  unmittelbar  unterworfen,  und  zeichnete
  sich  vor  allen  andern  deutschen  Städten  durch  den  lebendigen  Gemeinsinn
  eines  reichen,  tätigen,  gebildeten  Bürgertums  rühmlich  aus;
eben  jetzt,  nach  den  Kriegen,  wurden  das  Senckenbergische  Institut  und  das
Städelsche  Museum  eröffnet,  eine  Menge  gemeinnütziger  Vereine  begann
eine  großartige  Tätigkeit.  Die  schöne  Stadt  konnte  unter  der  Hoheit
einer  kräftigen  Staatsgewalt  das  Musterbild  einer  deutschen  Kommune
werden.  Nun  aber  erhielt  sie  mitsamt  den  achtehalb  Ortschaften  ihres
Gebiets  die  volle  Unabhängigkeit  eines  souveränen  Staats,  nur  für  Verfassungsstreitigkeiten
  war  dem  Deutschen  Bunde  ein  Schiedsrichteramt  vorbehalten,
  das  hinter  den  monarchischen  Herrschaftsrechten  der  alten  Kaiser
weit  zurückblieb,  nun  drang  mit  der  Gesandtenschar  des  Bundestags  ein
höfisches  Element  ein,  das  den  ehrenfesten  bürgerlichen  Geist  verfälschte,
viele  der  alten  Patriziergeschlechter  und  die  gesamte  Börsenwelt  in  das
Ränkespiel  der  Diplomatie  verwickelte.

Aus  so  unnatürlichen  Verhältuissen  erwuchs  ein  krankhafter  Dünkel.
Die  Bürgerschaft  betrachtete  „die  Vaterstadt“  als  die  Hauptstadt  Deutschlands
  und  mißbrauchte  ihre  neugewonnene  Souveränität  mit  der  ganzen  Unbefangenheit
  jener  sozialen  Selbstsucht,  welche  in  den  Gemeinden  fast  immer
das  große  Wort  führt,  wenn  sie  nicht  durch  die  Gerechtigkeit  einer  monarchischen
  Staatsgewalt  gebändigt  wird.  Die  neue  Verfassung  von  1816
sicherte  den  eingesessenen  Bürger  sorgsam  vor  dem  Wettbewerb  der  Ausheimischen;
  nur  wer  5000  Gulden  einbrachte  oder  eine  Frankfurterin
heiratete,  sollte  das  Bürgerrecht  erlangen.  Derselbe  Sinn  pfahlbürgerlicher
  Engherzigkeit  verschuldete  auch,  daß  die  Juden  des  Bürgerrechts,  das
sie  sich  von  Dalberg  erkauft  hatten,  wieder  beraubt  wurden.  Mit  ungeheurem
  Geschrei  setzten  sie  sich  sofort  zur  Wehre,  der  junge  Ludwig  Börne
trat  mit  seiner  scharfen  Feder  für  die  bedrängten  Stammgenossen  ein.
        <pb n="429" />
        Der  Frankfurter  Judenstreit.  421

Die  Rechtsfrage  lag  allerdings  so  einfach  nicht,  wie  Börne  mit  rabuli—
stischer  Keckheit  behauptete.  Die  440,000  Gulden,  welche  die  israelitische
Gemeinde  dem  Großherzog  von  Frankfurt  gezahlt,  konnten  nach  strengem
Rechte  nur  als  die  Ablösung  des  alten  Judenschosses  von  22,000  Gulden
jährlich,  nicht  als  ein  Kaufgeld  für  das  Bürgerrecht,  betrachtet  werden,
und  da  die  Bundesakte  den  Juden  nur  die  ihnen  von  den  deutschen
Bundesstaaten  bereits  eingeräumten  Rechte  gewährleistete,  so  war  recht—
lich  gegen  das  Vorgehen  der  Frankfurter  Bürgerschaft  wenig  einzuwenden.
Die  Klage  der  israelitischen  Gemeinde  wurde  daher  von  dem  Spruchkol—
legium  der  Berliner  Fakultät  als  unbegründet  abgewiesen.

Als  die  Juden  sich  nunmehr  mit  einer  Beschwerde  an  den  Bundes—
tag  wandten,  da  trat  die  politische  Macht  des  Hauses  Rothschild  zum  ersten
Male  aus  dem  Dunkel  heraus,  und  es  geschah  das  Unerhörte:  der  Bundestag
  zeigte  sich  liberaler  als  die  öffentliche  Meinung.  Hardenberg  ließ,  gemäß
  den  alten  Traditionen  preußischer  Duldsamkeit,  von  vornherein  erklären,
  daß  den  Frankfurter  Juden  mindestens  ein  beschränktes  Bürgerrecht
gebühre,  und  zum  Erstaunen  der  Unkundigen  schloß  sich  Osterreich  dieser
Meinung  an,  weil  die  Hofburg  der  Rothschildschen  Gelder  nicht  entraten
konnte.  Als  Metternich  und  Gentz  im  Jahre  1818  nach  Frankfurt  kamen,
boten  sie,  wie  schon  früher  auf  dem  Wiener  Kongresse,  ihre  ganze  Beredsamkeit
  für  ihre  reichen  Schützlinge  auf.  Mit  der  üblichen  Langsamkeit
ward  nun  weiter  verhandelt,  und  im  Jahre  1824  erhielten  die  Frankfurter
  Juden  durch  Vermittlung  des  Bundestages  einen  Teil  ihrer  Rechte
wieder.  Freilich  nur  einen  Teil.  Sie  wurden  als  „israelitische  Bürger“
anerkannt,  blieben  jedoch  von  den  Gemeindeämtern  ausgeschlossen  und
standen  nur  im  Privatrechte  den  christlichen  Bürgern  gleich,  auch  dies  nicht
ohne  einige  kleinliche  Beschränkungen:  so  durften  sie  keinen  Fruchthandel
treiben,  nur  je  ein  Haus  besitzen,  nur  fünfzehn  Ehen  jährlich  schließen.
Die  Presse  aber  hielt  mit  wenigen  Ausnahmen  hartnäckig  die  Partei  des
Frankfurter  Pfahlbürgertums,  denn  Dalbergs  Gesetze  standen  als  Werke
der  Fremdherrschaft  in  schlechtem  Rufe,  und  allgemein  ward  gefürchtet,
daß  die  Bundesstadt  durch  das  Überwuchern  orientalischer  Betriebsamkeit
ihren  deutschen  Charakter  verlieren  würde.  Luden  schrieb  kurzab:  vox
populi  vox  Dei,  die  Stimme  des  Volkes  ist  den  Juden  nicht  günstig.

In  den  Kreisen  der  akademischen  Jugend  ward  diese  Stimmung  der
Zeit  noch  verschärft  durch  die  Romantik  christlicher  Schwärmerei.  Die
Burschen  fühlten  sich  als  eine  neue  christliche  Ritterschaft  und  zeigten  ihren
Judenhaß  mit  einer  groben  Unduldsamkeit,  die  oft  stark  an  die  Tage  der
Kreuzzüge  erinnerte.  Von  Haus  aus  stand  die  Absicht  fest,  alle  Nicht-Christen
  von  dem  neuen  Jugendbunde  aguszuschließen.  Gelang  dies,  so
waren  die  jüdischen  Studenten  in  Wahrheit  ihres  akademischen  Bürgerrechts
  beraubt,  da  die  Burschenschaft  ja  der  Gesamtheit  der  Studenten
ihr  Gesetz  auferlegen,  alle  anderen  Verbindungen  beseitigen  wollte.  —
        <pb n="430" />
        422  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Bereits  im  Sommer  1814  hatte  sich  in  Jena  eine  Wehrschaft  ge—
bildet,  die  ihre  Leute  durch  ritterliche  Ubungen  für  den  vaterländischen
Waffendienst  vorbereitete.  Im  folgenden  Frühjahr  traten  dann  die  Mit—
glieder  von  zwei  Landsmannschaften,  die  des  schalen  alten  Treibens
müde  waren,  mit  einigen  Wilden  zusammen,  und  am  12.  Juni  1815
ward  die  neue  Burschenschaft,  nach  altem  Jenenser  Brauch,  durch  einen
feierlichen  Aufzug  über  den  Marktplatz  eröffnet.  An  der  Spitze  standen
zwei  Theologen  aus  Mecklenburg,  Horn  und  Riemann,  und  ein  begeisterter
Schüler  von  Fries,  Scheidler  aus  Gotha,  durchweg  stattliche,  brave  junge
Männer,  die  sich  im  Kriege  tapfer  geschlagen  hatten.  Der  erste  Sprecher,
Karl  Horn,  der  späterhin  als  Lehrer  Fritz  Reuters  weiteren  Kreisen  bekannt
  wurde,  blieb  bis  ins  hohe  Alter  dem  Enthusiasmus  seiner  Jugend
treu  und  starb  in  dem  frommen  Glauben,  daß  er  mit  der  Stiftung  der
Burschenschaft  „ein  Werk  des  Herrn“  getan  habe.  Die  neue  Verbindung
  brach  sofort  mit  allen  Unsitten  des  Pennalismus  und  wurde  nach
rein  demokratischen  Grundsätzen  durch  einen  freigewählten  Ausschuß  und
Vorstand  regiert;  ihr  Ehrengericht  brachte  die  Duelle  auf  eine  bescheidene
Zahl  herab  und  wachte  streng  über  ehrenhafter  Sitte.

Schon  ein  Jahr  nach  der  Stiftung  hatten  sich  alle  anderen  Verbindungen
  in  Jena  aufgelöst,  und  die  Burschenschaft  erschien  nunmehr
wirklich,  wie  sie  es  wollte,  als  ein  Bund  der  gesamten  christlich-deutschen
Studentenschaft.  In  diesen  ersten  Tagen  herrschte  noch  durchaus  der
gute  Ton  einer  warmen  vaterländischen  Begeisterung.  Welch  ein  Abstand
gegen  die  Roheit  früherer  Tage,  wenn  die  Burschen  jetzt  als  Bundesgesang
  das  mächtige  Lied  von  Arndt  anstimmten:

Wem  soll  der  erste  Dank  erschallen?

Dem  Gott,  der  groß  und  wunderbar

Aus  langer  Schande  Nacht  uns  allen

In  Flammen  aufgegangen  war,

Der  unfrer  Feinde  Trotz  zerblitzet,

Der  unsre  Kraft  uns  schön  erneut

Und  auf  den  Sternen  waltend  sitzet

Von  Ewigkeit  zu  Ewigkeit!
Zum  Feldzeichen  ihres  Bundes  und  der  deutschen  Einheit,  die  er  symbolisch
darstellen  sollte,  nahmen  die  Burschen  auf  Jahns  Vorschlag  ein  schwarzrotgoldenes
  Banner  an.  Es  waren  wahrscheinlich  die  Uniformfarben  der
Lützower  Freischar,  die  auch  eine  goldgestickte  schwarzrote  Fahne  geführt
hatte.)  Einzelne  Burschenschafter  stellten  freilich  die  kühne  Behauptung
auf:  daß  sich  in  diesem  Banner  die  schwarzgelben  Farben  des  alten
Reichs,  verschönt  durch  das  Rot  der  Freiheit  oder  auch  des  Krieges,  erneuerten,
  denn  Rot  war  einst  die  Kriegsfarbe  der  Kaiserlichen  gewesen;  die
Eifrigsten  aber  wollten  von  solchen  historischen  Erinnerungen  nichts  hören

 

*)  Näheres  in  Beilage  VII.
        <pb n="431" />
        Die  Jenenser  Burschenschaft.  423

und  meinten  kurzab:  aus  der  Knechtschaft  Nacht  durch  blutigen  Kampf
zum  goldenen  Tage  der  Freiheit.  So  ist  aus  den  Träumen  der  Stu—
denten  jene  Trikolore  entstanden,  die  durch  ein  halbes  Jahrhundert  die
Fahne  der  nationalen  Sehnsucht  blieb,  die  so  viel  Hoffnungen  und  so
viel  Tränen,  so  viel  edle  Gedanken  und  so  viel  Sünden  über  Deutsch—
land  bringen  sollte,  bis  sie  endlich,  gleich  dem  schwarzblauroten  Banner
der  italienischen  Carbonari,  im  Toben  der  Parteikämpfe  entwürdigt  und
gleich  jenem  durch  die  Farben  des  nationalen  Staates  verdrängt  wurde.

Die  Absicht  der  Burschenschaft,  alle  Studenten  in  einer  Verbindung
zu  vereinigen,  entsprang  einem  überspannten  Idealismus,  da  der  schönste
Reiz  solcher  Jugendvereine  doch  in  der  Innigkeit  der  persönlichen  Freund—
schaft  liegt.  Der  unzähmbare  persönliche  Stolz  der  Deutschen  wollte  sich
so  leicht  nicht  über  einen  Kamm  scheren  lassen.  Aristokratischen  Naturen
war  schon  das  allgemeine  Duzen,  das  die  Burschenschaft  anbefahl,  wider—
wärtig;  nicht  bloß  die  rohen  Wüstlinge  der  alten  Schule,  sondern  auch
viele  harmlos  lebenslustige  junge  Männer  langweilten  sich  bei  dem  alt—
klugen,  ernsthaften  Tone  des  Burschenhauses,  wo  man  nur  durch  pathetische
  Beredsamkeit,  und  allenfalls  noch  durch  eine  gute  Klinge,  sich  Ansehen
  erwerben  konnte;  freie,  eigenartige  Köpfe,  wie  der  junge  Karl
Immermann  in  Halle,  wollten  das  Ansehen  der  Burschenvorsteher  überhaupt
  nicht  gelten  lassen,  da  die  berühmten  akademischen  Häuptlinge  nur
selten  geistreiche  Menschen  sind.  Wider  solche  Gegner  half  nur  diktatorische
  Härte;  die  Einseitigkeit,  deren  jede  neue  Richtung,  zumal  unter
jungen  Männern,  bedarf,  steigerte  sich  in  der  Burschenschaft  bald  bis.
zum  Terrorismus.  In  Jena  gelang  es,  alle  abweichenden  Meinungen
vorläufig  zum  Schweigen  zu  bringen,  und  nun  schwoll  das  Selbstgefühl
der  Burschen  unleidlich  an.  Gewichtig  schritten  an  jedem  Nachmittag  die
Herren  des  Vorstandes  und  des  Ausschusses  auf  dem  Marktplatze  auf  und
nieder,  das  Wohl  des  Vaterlandes  und  der  Hochschulen  in  gemessenem
Gespräche  erwägend;  sie  fühlten  sich  als  Herrscher  in  diesem  kleinen  akademischen
  Reiche,  zumal  da  die  meisten  Professoren  den  jungen  Herren
eine  ganz  unbillige,  aus  Angst  und  Wohlwollen  gemischte  Ehrerbietung
erwiesen;  sie  sahen  im  Geiste  schon  die  Zeit,  wo  ganz  Deutschland  von
den  Jüngern  der  Burschenschaft  regiert  würde.

Die  patriotischen  Zorn=  und  Prachtreden  erklangen  immer  kräftiger
und  schlossen  schon  zuweilen  mit  dem  Trumpfe:  „unser  Urteil  hat  das
Gewicht  der  Geschichte  selbst,  es  ist  vernichtend.“  Wie  viele  alte  Burschenschafter
  sind  bis  zur  Grube  in  dem  glücklichen  Wahne  geblieben,  daß  die
Burschenschaft  eigentlich  das  neue  deutsche  Reich  gegründet  habe;  Arnold
Ruge  schilderte  noch  ein  halbes  Jahrhundert  später  den  langen  Einheitsund
  Freiheitskampf  der  neuen  deutschen  Geschichte  wie  eine  einzige  große
Pro-patria-Paukerei  zwischen  Burschenschaften  und  Korps.  Und  sicherlich
  hat  mancher  redliche  junge  Mann  die  erste  Ahnung  von  der  Herr-
        <pb n="432" />
        424  II.  7.  Die  Burschenschaft.

lichkeit  des  Vaterlandes  auf  der  Burschenkneipe  gewonnen;  aber  der  poli—
tische  Idealismus  jener  Tage  war  zu  gestaltlos,  um  eine  bestimmte  Ge—
sinnung  hervorzurufen.  Der  ersten  Generation  der  Burschenschaft  ge—
hörten  neben  einzelnen  liberalen  Parteiführern,  wie  H.  von  Gagern,  auch
viele  Männer  an,  welche  späterhin  eine  streng-konservative  Richtung  ein—
schlugen,  so  Leo,  Stahl,  W.  Menzel,  Jarke,  Hengstenberg.  Die  wort—
reiche  Schwärmerei,  die  unklare  Sehnsucht  und  die  beständige  Verwechs—
lung  von  Schein  und  Wirklichkeit  waren  der  Entwicklung  des  politischen
Talents  nicht  günstig.  Im  großen  Durchschnitt  sind  aus  der  Burschen—
schaft  mehr  Gelehrte  und  Schriftsteller  hervorgegangen,  aus  den  Reihen
ihrer  späteren  Gegner,  der  Korps,  mehr  Staatsmänner.

Vorderhand  war  die  Burschenschaft  in  Jena  obenauf.  Ihr  Ruhm
ward  auf  allen  Universitäten  verkündet  und  lockte  neue  Genossen  herbei,
so  daß  sich  die  Studentenzahl  in  kurzer  Zeit  verdoppelte.  Auch  an  an—
deren  Hochschulen  taten  sich  Burschenschaften  auf,  so  in  Gießen  und  in
Tübingen,  wo  die  Stiftler  schon  1813  einen  Tugendbund  zur  Bekämpfung
der  akademischen  Roheit  gebildet  hatten;  und  ganz  von  selbst  erwachte  der
Wunsch  die  neue  Gemeinschaft  auf  einer  feierlichen  Zusammenkunft  aller
deutschen  Burschen  zu  befestigen.  In  solchen  freien,  über  die  Grenzen
des  Einzelstaats  hinausreichenden  sozialen  Verbindungen  findet  der  Ein—
heitsdrang  zerteilter  Völker  seinen  natürlichen  Ausdruck;  in  Deutschland
wie  in  Italien  sind  die  Kongresse  der  Gelehrten,  der  Künstler,  der  Ge—
werbtreibenden  wie  Sturmvögel  den  blutigen  Einheitskämpfen  vorausge—
zogen.  Unter  den  Deutschen  schritten  die  Studenten  allen  voran,  und
nichts  bezeichnet  so  deutlich  das  harmlose  politische  Stilleben  jener  Tage.
Lange  bevor  die  Männer  auf  den  Gedanken  kamen,  sich  über  ihre  ernsten
gemeinsamen  Interessen  zu  verständigen,  regte  sich  in  der  Jugend  der
Drang,  die  gemeinsamen  Träume  und  Hoffnungen  auszutauschen,  in  phan—
tastischem  Spiele  der  idealen  Einheit  des  Vaterlandes  froh  zu  werden.  —

 

Das  Jubelfest  der  Reformation  erweckte  überall  unter  den  Prote—
stanten  ein  frohes  Gefühl  dankbaren  Stolzes;  auch  Goethe  sang  in  diesen
Tagen:  „ich  will  in  Kunst  und  Wissenschaft  wie  immer  protestieren“.  Die
Studentenschaft  ward  von  dieser  Stimmung  der  Zeit  um  so  stärker  er—
griffen,  da  ihr  der  christlich-protestantische  Enthusiasmus  des  Befreiungskrieges
  noch  in  der  Seele  nachzitterte.  Als  der  Gedanke  eines  großen
Verbrüderungsfestes  der  deutschen  Burschen  zuerst  in  Jahns  Kreise  aufgetaucht
  war,  beschloß  die  Jenenser  Burschenschaft  den  Versammlungstag
auf  den  18.  „des  Siegesmonds“  1817  zu  verlegen  um  damit  zugleich
das  Jubelfest  der  Reformation  und  die  übliche  Jahresfeier  der  Leipziger
Schlacht  zu  verbinden.  Armin,  Luther,  Scharnhorst,  alle  die  hohen  Gestalten
  der  Führer  des  Deutschtums  gegen  das  welsche  Wesen  flossen  in  den
        <pb n="433" />
        Das  Wartburgfest.  425

Vorstellungen  der  jungen  Brauseköpfe  zu  einem  einzigen  Bilde  zusammen.
Den  Radikaleren  galt,  Luther  als  ein  republikanis  cher  Held,  als  ein  Vor—
kämpfer  der  freien  „Überzeugung“;  in  einer  Festschrift  von  Karl  Sand,
die  unter  den  Burschen  verteilt  ward,  erschien  die  evangelische  Lehre  von
der  Freiheit  des  Christenmenschen  mit  modern-demokratischen  Ideen  phantastisch
  verbunden.  „Hauptidee  unseres  Festes“,  hieß  es  da,  „ist,  daß  wir
allzumal  durch  die  Taufe  zu  Priestern  geweiht,  alle  frei  und  gleich  sind;
Urfeinde  unseres  deutschen  Volkstums  waren  von  jeher  drei:  die  Römer,
Möncherei  und  Soldaterei.“  Dadurch  ward  freilich  der  gesamtdeutsche
Charakter  des  Festes  von  vornherein  getrübt.  Die  katholischen  Universitäten
des  Oberlandes,  die  ohnehin  mit  den  norddeutschen  noch  keinen  regelmäßigen
  studentischen  Verkehr  unterhielten,  konnten  keine  Einladung  erhalten;
  die  Freiburger  Burschen  mußten  für  sich  allein  am  18.  Oktober
auf  dem  Wartenberge  bei  Donaueschingen  ihr  Siegesfeuer  anzünden.  Von
den  österreichischen  Hochschulen  war  nicht  die  Rede,  da  sie  dem  deutschen
Studentenbrauche  ganz  fern  standen,  auch,  mit  Ausnahme  der  Siebenbürger
  Sachsen  und  weniger  Ungarn,  noch  fast  kein  Osterreicher  in
Deutschland  studierte.  Aber  auch  auf  den  preußischen  Universitäten  hatte
die  Burschenschaft  noch  so  wenig  Anhang,  daß  allein  Berlin  der  Einladung
  Folge  leistete.  So  war  denn  bei  der  Feier  der  Völkerschlacht  gerade
die  Studentenschaft  der  beiden  Staaten,  welche  allein  schon  bei  Leipzig
für  die  Sache  der  Freiheit  gefochten,  fast  gar  nicht  vertreten;  und  alle
die  wundersamen  Märchen,  womit  die  Liberalen  der  rheinbündischen  Länder
  die  Geschichte  des  Befreiungskrieges  auszuschmücken  liebten,  fanden
freien  Paß.

Schon  lange  zuvor  hatte  die  Presse  mit  mächtigen  Trompetenstößen
den  großen  Tag  angekündigt.  Eine  freie  Zusammenkunft  von  Deutschen
aller  Länder  allein  um  des  Vaterlandes  willen  war  diesem  Geschlechte
eine  so  erstaunliche  Erscheinung,  daß  sie  ihm  fast  wichtiger  vorkam  als  die
weltbewegenden  Ereignisse  der  letzten  Jahre.  Im  Laufe  des  17.  Oktobers
langten  an  fünfhundert  Burschen  in  Eisenach  an,  etwa  die  Hälfte  aus
Jena,  dreißig  aus  Berlin,  die  übrigen  aus  Gießen,  Marburg,  Erlangen,
Heidelberg  und  anderen  Universitäten  der  Kleinstaaten;  die  rüstigen  Kieler
hatten  nach  Turnerbrauch  den  weiten  Weg  zu  Fuß  zurückgelegt.  Auch
vier  der  Jenenser  Professoren  fanden  sich  ein,  Fries,  Oken,  Schweitzer  und
Kieser.  Jede  neu  eintreffende  Schar  ward  schon  am  Tore  mit  stürmischer
  Freude  begrüßt  und  dann  in  den  Rautenkranz  geleitet,  um  dort
vor  den  gestrengen  Herren  des  Ausschusses  auf  dreitägigen  Burgfrieden
Urfehde  zu  schwören.  Anderen  Tags  in  der  Frühe  stieg  „der  heilige  Zug“
bei  hellem  Herbstwetter  durch  den  Wald  hinauf  zu  der  Burg  des  Reformators:
  voran  der  Burgvogt  Scheidler  mit  dem  Burschenschwerte,  darauf
vier  Burgmänner,  dann,  von  vier  Fahnenwächtern  umgeben,  Graf  Keller
mit  der  neuen  Burschenfahne,  welche  die  Jenenser  Mädchen  ihren  sitten-
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        426  II.  7.  Die  Burschenschaft.

strengen  jungen  Freunden  kürzlich  gestickt  hatten,  dann  endlich  die  Bur—
schen  Paar  an  Paar,  viele  schöne  germanische  Reckengestalten  darunter,
mancher  im  Vollbart,  was  bei  ängstlichen  Gemütern  schon  als  ein
Zeichen  hochverräterischer  Gesinnung  galt.  Allen  lachte  die  Freude  aus
den  Augen,  jene  glückliche  Selbstvergessenheit  der  Jugend,  die  noch  ganz
im  Genusse  des  Augenblicks  aufzugehen  vermag;  ihnen  war,  als  ob  ihnen
heute  zum  ersten  Male  die  Herrlichkeit  ihres  Vaterlandes  leibhaftig  ent—
gegenträte.

Droben  im  Rittersaale  der  Wartburg,  den  der  Großherzog  gastfreundlich
  geöffnet  hatte,  wurde  zuerst  unter  Pauken=  und  Trommelschall  „Eine
feste  Burg  ist  unser  Gott“  gesungen.  Darauf  hielt  der  Lützower  Riemann
aus  der  Fülle  seines  ehrlichen  Herzens  heraus  eine  Festrede,  die  in  hochpathetischen
  überschwenglichen  Sätzen  von  den  Taten  Luthers  und  Blüchers
  sprach  und  dann  bei  den  Geistern  der  erschlagenen  Helden  die  Burschen
  mahnte  zum  „Streben  nach  jeglicher  menschlichen  und  vaterländischen
Tugend"“.  Einige  der  landläufigen  Schlagwörter  von  den  vereitelten
Hoffnungen  des  deutschen  Volks  und  dem  einen  Fürsten,  der  sein  Wort
gelöst,  liefen  zwar  mit  unter;  das  Ganze  war  ein  jugendlich  unklarer,
durchaus  harmloser  Gefühlserguß,  ebenso  vieldeutig  und  unbestimmt,  wie
die  neue  Losung  Volunto!  welche  die  Burschen  gern  im  Munde  führten.
Auch  was  nachher  noch  von  Professoren  und  Studenten  geredet  ward,
ging  nicht  über  dies  Maß  hinaus,  selbst  Oken  sprach  mit  ungewohnter
Selbstbeherrschung  und  warnte  die  jungen  Leute  vor  einer  verfrühten
politischen  Tätigkeit.

Nach  dem  Mittagsmahle  gingen  die  Burschen  zur  Stadt  hinab  in
die  Kirche,  wo  auch  der  Eisenacher  Landsturm  dem  Gottesdienste  beiwohnte;
dann  gaben  noch  die  Kämpen  des  Berliner  und  des  Jenenser  Turnplatzes
den  staunenden  Landstürmern  ihre  Künste  zum  besten.  Als  die  Dämmerung
  hereinbrach,  zog  man  mit  Fackeln  wieder  hinauf  nach  dem  Wartenberge,
  der  Wartburg  gegenüber,  wo  mehrere  große  Siegesfeuer  brannten,
die  mit  patriotischen  Reden  und  Liedern  begrüßt  wurden.  Bis  dahin  war
das  Fest  in  glücklicher  Eintracht  verlaufen;  hier  aber  ward  zum  ersten
Male  offenkundig,  daß  sich  bereits  eine  kleine  extreme  Partei  innerhalb  der
Burschenschaft  gebildet  hatte:  jene  fanatischen  Urteutonen  aus  Jahns
Schule,  die  man  die  Altdeutschen  nannte.  Diese  köstliche  Gelegenheit  für
eine  fratzenhafte  Eulenspiegelei  konnte  sich  der  Turnmeister  doch  nicht  entgehen
  lassen.  Er  regte  zuerst  den  Gedanken  an,  dies  Lutherfest  durch
eine  Nachäffung  der  kühnsten  Tat  des  Reformators  zu  krönen  und,  wie
einst  Luther  die  Bannbulle  des  Papstes  verbrannt  hatte,  so  jetzt  die
Schriften  der  Feinde  der  guten  Sache  ins  Feuer  zu  werfen.  Da  die
Mehrheit  des  Festausschusses,  klüger  als  der  Alte,  den  Vorschlag  ablehnte,
gab  Jahn  gleichwohl  seinen  Berlinern  ein  Verzeichnis  der  zu  verbrennenden
  Bücher  mit  auf  den  Weg,  und  diese  Getreuen,  Maßmann  voran,
        <pb n="435" />
        Das  Feuergericht  auf  dem  Wartenberge.  427

beschlossen  nunmehr  den  Plan  des  Meisters  auf  eigene  Faust  auszuführen,
was  der  Ausschuß  um  des  Friedens  willen  nicht  geradezu  verbieten  wollte.
Kaum  war  auf  dem  Wartenberge  das  letzte  ernste  Lied  der  die  Flammen
umringenden  Burschen  verklungen  und  die  eigentliche  Feier  beendet,  so
trat  Maßmann  plötzlich  hervor  und  forderte  in  einer  schwülstigen  Rede
die  Brüder  auf,  zu  schauen,  wie  nach  Luthers  Vorbilde  in  zehrendem
Fegefeuer  Gericht  gehalten  werde  über  die  Schandschriften  des  Vater—
landes.  Jetzt  sei  die  heilige  Stunde  gekommen,  „daß  alle  deutsche  Welt
schaue  was  wir  wollen;  daß  sie  wisse,  wes  sie  dereinst  sich  von  uns  zu
versehen  habe.“

Darauf  trugen  seine  Gesellen  einige  Ballen  alten  Druckpapieres  her—
bei,  die  mit  den  Titeln  der  verfehmten  Bücher  beschrieben  waren.  Auf
eine  Mistgabel  aufgespießt  flogen  dann  die  Werke  der  Vaterlandsverräter
unter  tobendem  Gejohle  in  das  höllische  Feuer:  eine  wunderlich  gemischte
Gesellschaft  von  etwa  zwei  Dutzend  guten  und  schlechten  Büchern,  alles
was  gerade  in  jüngster  Zeit  den  Zorn  der  Isis  und  ähnlicher  Blätter  her—
vorgerufen  hatte.  Da  brannten  Wadzeck,  Scherer  und,  der  Vollständigkeit
halber,  gleich  „alle  anderen  schreibenden,  schreienden  und  schweigenden  Feinde
der  löblichen  Turnkunst“,  desgleichen  die  Alemannia  „und  alle  andern
das  Vaterland  schändenden  und  entehrenden  Zeitungen“;  dann  natür—
lich  drei  Schriften  von  dem  verhaßten  Schmalz  („Gänse-,  Schweine-  und
Hundeschmalz“  brüllte  der  Chor)  und  der  Kodex  der  Gendarmerie  von
seinem  Genossen  Kamptz.  Neben  dem  Code  Napoleon,  Kotzebues  Deut—
scher  Geschichte  und  Saul  Aschers  Germanomanie,  der  ein  „Wehe  über
die  Juden“  nachgerufen  ward,  wanderte  auch  Hallers  Restauration  in  die
Flammen:  —  „der  Gesell  will  keine  Verfassung  des  deutschen  Vater—
landes“,  hieß  es  zur  Erläuterung,  da  doch  keiner  von  den  Burschen  das
ernste  Buch  gelesen  hatte.  Aber  auch  die  Liberalen  Benzenberg  und
Wangenheim  mußten  den  Grimm  der  Jugend  erfahren,  weil  die  Jenenser
Publizisten  ihre  Schriften  nicht  verstanden.  Zuletzt  wurden  noch  ein
Ulanenschnürleib,  ein  Zopf  und  ein  Korporalstock  verbrannt,  als  „Flügel—
männer  des  Kamaschendienstes,  die  Schmach  des  ernsten  heiligen  Wehr—
standes“,  und  mit  einem  dreimaligen  Pere-Pereat  auf  „die  schuft'gen
Schmalzgesellen“  gingen  die  Vehmrichter  auseinander.

Es  war  eine  unbeschreiblich  abgeschmackte  Posse,  an  sich  nicht  ärger
als  viele  ähnliche  Ausbrüche  akademischer  Roheit,  bedenklich  nur  durch
den  maßlosen  Hochmut  und  die  jakobinische  Unduldsamkeit,  die  sich  in
den  Schimpfreden  der  jungen  Leute  ankündigten.  Darum  sprach  sich  Stein
in  den  schärfsten  Worten  über  „die  Fratze  auf  der  Wartburg“  aus,  und
der  immer  schwarzsichtige  Niebuhr  schrieb  besorgt:  „Freiheit  ist  ganz  un—
möglich,  wenn  die  Jugend  ohne  Ehrerbietung  und  Bescheidenheit  ist.“
Seine  Wahrhaftigkeit  fühlte  sich  angeekelt  von  dieser  „religiösen  Komödie“:
dort  der  kühne  Reformator,  der  sich  gegen  die  höchste  und  heiligste  Gewalt
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        428  II.  7.  Die  Burschenschaft.

der  Zeit  empörte,  und  hier  das  ungefährliche  Feuergericht  großsprecherischer
junger  Burschen  über  eine  Reihe  von  Schriften,  woraus  sie  kaum  eine
Zeile  kannten  —  welch  ein  lächerlicher  Kontrast!  Auf  der  Burschenver—
sammlung  am  nächsten  Tage  sprachen  die  Studenten  wieder  ruhiger,
verständiger  mindestens  als  ihr  Lehrer  Fries,  der  ihnen  eine  unglaublich  ge—
schmacklose,  von  mystischer  Bibelweisheit  und  sachsen-weimarischem  Freiheitsdünkel
  strotzende  Rede  schriftlich  zurückgelassen  hatte:  „Kehret  wieder  zu
den  Eurigen  und  saget:  Ihr  waret  im  Lande  deutscher  Volksfreiheit,  deutscher
  Gedankenfreiheit  Hier  lasten  keine  stehenden  Truppen!  Ein
kleines  Land  zeigt  Euch  die  Ziele!  Aber  alle  deutschen  Fürsten  haben  dasselbe
Wort  gegeben“  usw.  Wahrlich,  Stein  wußte  wohl,  warum  er  die
Jenenser  Professoren  als  faselnde  Metapolitiker  verdammte,  und  Goethe
nicht  minder,  warum  er  seinen  Fluch  aussprach  über  alles  deutsche  politische
  Gerede;  denn  was  ließ  sich  von  der  Jugend  erwarten,  wenn  ihr
gefeierter  Lehrer  die  vierundzwanzig  weimarischen  Husaren  dem  übrigen
Deutschland  als  ruhmreiches  Vorbild  darstellte!  Dieselbe  widerliche  Vermischung
  von  Religion  und  Politik,  die  schon  aus  Fries'  Rede  sprach,
offenbarte  sich  dann  noch  einmal  am  Nachmittage,  als  einige  der  Burschen
  auf  den  Einfall  kamen  noch  das  Abendmahl  zu  nehmen.  Der  Superintendent
  Nebe  gab  sich  in  der  Tat  dazu  her,  den  aufgeregten  und  zum
Teil  angetrunkenen  jungen  Männern  das  Sakrament  zu  spenden  —
ein  charakteristisches  Probstück  jener  jämmerlichen  Schlaffheit,  welche  die
weltlichen  wie  die  geistlichen  Behörden  der  Kleinstaaterei  in  unruhigen
Tagen  immer  ausgezeichnet  hat.

Trotz  allen  Torheiten  einzelner  war  die  Feier  im  ganzen  harmlos,
glücklich,  unschuldig.  Als  man  am  Abend  unter  strömenden  Tränen
sich  trennte,  blieb  den  meisten  eine  Erinnerung  für  das  ganze  Leben,
strahlend  wie  ein  Maientag  der  Jugend  —  so  gesteht  Heinrich  Leo;  sie
hatten  sich  brüderlich  zusammengefunden  mit  den  Genossen  aus  Süd
und  Nord,  sie  meinten  die  Einheit  des  zerrissenen  Vaterlandes  schon  mit
Händen  zu  greifen,  und  wenn  die  öffentliche  Meinung  verständig  genug
war  die  jungen  Feuerköpfe  sich  selber  und  ihren  Träumen  zu  überlassen,
so  konnten  die  guten  Vorsätze,  welche  mancher  wackere  Jüngling  in  jenen
erregten  Stunden  gefaßt  hatte,  noch  heilsame  Früchte  bringen.

Aber  in  der  tiefen  Stille,  die  über  dem  deutschen  Norden  lagerte,
hallten  die  kecken  Reden  der  Burschen  nur  allzu  laut  wieder;  es  war  als
ob  Freund  und  Feind  sich  verschworen  hätten,  die  Todsünde  der  Jugend,
die  ihr  den  ehrlichen  Enthusiasmus  verdarb,  die  krankhafte  Selbstüberschätzung,
  bis  zum  Unsinn  zu  steigern,  als  ob  jedermann  mit  einstimmte  in
die  ruhmredige  Versicherung  eines  der  Wartburg-Redner,  Carové,  der  die
Universitäten  als  die  natürlichen  Verteidiger  der  Volksehre  gefeiert  hatte.
Mit  lächerlicher  Ernsthaftigkeit  priesen  die  liberalen  Zeitungen  dies  erste
Erwachen  des  öffentlichen  Lebens  der  Nation,  „diesen  Silberblick  unserer
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        Der  Federkrieg  um  das  Wartburgfest.  429

Geschichte,  diesen  Blütendurchbruch  unserer  Zeit;“  die  alte  Angst  des  ge—
zähmten  Philisters  vor  dem  nachtwächter-prügelnden  Studenten  kleidete
sich  in  politische  Gewänder.  Eine  ganze  Literatur  von  Schriften  und
Gegenschriften  beleuchtete  das  wunderbare  Schauspiel  von  allen  Seiten
und  erhob  den  Studentenkommers  auf  die  Höhe  eines  europäischen  Er—
eignisses.  Natürlich  daß  die  Helden  selber  an  diesem  Federkriege  mit
gerechtem  Stolze  teilnahmen.  Das  treueste  Bild  von  der  nebelhaften  Be—
geisterung  der  jungen  Leute  gab  Maßmann  in  einem  langen  Festberichte,
dessen  geschraubte  orakelhafte  Sprache  freilich  auch  zeigte  wie  viel  un—
deutsches  Wesen  sich  in  dem  Jahnschen  Kraftmenschentum  verbarg:  „Ob—
schon  nun  die  trübe  Winternacht  der  Knechtschaft“  —  so  hob  er  an  —
„noch  immer  lastet  auf  den  Bergen  und  an  den  Strömen  des  deutschen
Landes,  so  sind  doch  der  Berge  Gipfel  vergoldet,  das  blutgoldene  Morgen—
rot  zieht  herauf.“  Der  arme  Junge  hatte  jetzt  schon  für  die  Narrheit
des  Turnmeisters  schwer  zu  büßen;  da  er  eine  Untersuchung  fürchtete  und
vor  den  Richtern  doch  nicht  eine  gar  zu  traurige  Figur  spielen  wollte,  so
mußte  er  ein  ganzes  Wintersemester  opfern  um  alle  die  Schandbücher,
die  er  auf  dem  Wartenberge  symbolisch  verbrannt  hatte,  nachträglich  zu
lesen.  Ein  anderer,  vermutlich  Carové,  widmete  sein  Buch  seinen  rhein—
ländischen  Landsleuten  mit  dem  Wunsche,  daß  die  Geistessonne  von  der
Wartburg  auch  sie  erleuchten,  ihnen  Trost  und  Stärkung  bringen  möge
in  ihrem  Unglück.  Indes  blieb  die  Mehrheit  noch  immer  leidlich  ruhig.
Ein  Antrag  auf  Veröffentlichung  eines  politischen  Programms  wurde  ver—
worfen  mit  der  ausdrücklichen  Erklärung,  daß  die  Burschenschaft  sich  nicht
in  die  Politik  zu  mischen  habe;  auch  eine  kleine  Schrift  über  das  Wart—
burgfest  von  F.  J.  Frommann,  dem  Sohne  der  angesehenen  Jenenser  Buch—
händlerfamilie,  war  durchaus  bescheiden,  von  einem  harmlosen  jugendlichen
Enthusiasmus  erfüllt.

Leider  gebärdeten  sich  mehrere  der  Professoren,  welche  dem  Feste  bei—
gewohnt,  weit  törichter  als  ihre  Schüler.  Fries  nahm  keinen  Anstand,
in  einer  musterhaft  groben  Zeitungserklärung  das  Flammengericht  über
die  Schriften  „einiger  Schmalzgesellen“  schlankweg  zu  billigen;  Oken  aber
hielt  in  der  Isis  die  Wartburgversammlung  „Vielen  die  über  Deutschland
Rat  und  Unrat  halten“  als  leuchtendes  Beispiel  vor  und  verschwendete
die  ganze  Bilderpracht  seiner  Gänse-,  Esels-,  Pfaffen=  und  Judenköpfe  um
die  Verfasser  der  verbrannten  Schriften  noch  einmal  zu  verhöhnen,  worauf
denn  die  Jenenser  Burschen  die  Zerrbilder  der  Isis  in  einem  Maskenzuge
  auf  dem  Markte  dramatisch  darstellten.  Kieser  endlich,  der  unter  den
Medizinern  trotz  seiner  magnetischen  Geheimlehren  als  geistreicher  Kopf  und
tüchtiger  Gelehrter  geachtet  war,  veröffentlichte  eine  „dem  Wartburgsgeiste
der  deutschen  Hochschulen  gewidmete“  Schrift,  die  in  aberwitzigen  Prahlereien
geradezu  schwelgte:  da  war  die  Wartburgsfeier  „ein  Ereignis,  auf  welches
Deutschlands  Völker  noch  nach  Jahrhunderten  stolz  sein  werden,  das
        <pb n="438" />
        430  II.  7.  Die  Burschenschaft.

wie  alles  wahrhaft  Große  nie  in  der  Geschichte  wiederkehren  und  in
seinem  dunklen  Schoße  fruchtbare,  auf  Jahrhunderte  wirkende  Keime  ent—
halten  kann!“

An  diesen  Ausbrüchen  akademischen  Größenwahnsinns  hatte  die  klein—
liche  Empfindlichkeit  der  Gegner  reichliche  Mitschuld.  Die  Zeit  war  an
die  Gehässigkeit  politischer  Kümpfe  noch  wenig  gewöhnt,  fast  alle  die  be—
schimpften  Schriftsteller  fühlten  sich  durch  die  Narretei  der  Burschen
ernstlich  beleidigt.  Nur  Wangenheim  ertrug  den  Unglimpf  mit  guter
Laune:  bisher  hatten  ihn  seine  Genossen  am  Bundestage  als  Demagogen
beargwöhnt,  seit  sein  Buch  auf  der  Wartburg  verbrannt  worden  behan—
delten  sie  ihn  wieder  freundlicher.  Viele  der  übrigen  beschwerten  sich  laut
und  setzten  finstere  Gerüchte  in  Umlauf:  auch  die  Urkunde  der  Heiligen
Allianz  und  die  Bundesakte  sollten  die  jungen  Hochverräter  mit  verbrannt
haben.  Der  Ungebärdigste  von  allen  war  Geh.  Rat  Kamptz;  mit  beiden
Händen  ergriff  er  den  willkommenen  Anlaß,  um  den  akademischen  Jako—
binern  endlich  den  Garaus  zu  machen.  Welch  ein  Glück  auch,  daß  die  un—
wissenden  Jungen  gerade  seinen  Kodex  der  Gendarmerie  ins  Feuer  geworfen
hatten,  eine  Sammlung  von  deutschen  Polizeigesetzen,  fast  ohne  eigene  Zu—
taten  des  Herausgebers!  Also  landesherrliche  Verordnungen,  darunter
auch  solche  von  Karl  August  selber,  waren  auf  großherzoglich  sachsenweimarischem
  Boden  öffentlich  verbrannt;  nach  Quistorps  Peinlichem
Rechte  lag  der  Tatbestand  des  „Lasters  der  beleidigten  Majestät“  unbestreitbar
  vor.  In  zwei  drohenden  Briefen  an  den  Großherzog  und  dann
noch  in  einer  Flugschrift  „über  die  öffentliche  Verbrennung  von  Druckschriften“
  legte  Kamptz  diese  Gedanken  dar  und  forderte  stürmisch  Genugtuung:
  der  deutsche  Boden  sei  entweiht,  das  Jahrhundert  entheiligt  durch
den  Vandalismus  demagogischer  Intoleranz,  durch  die  Volksdümmlichkeit
der  Werkzeuge  schlechter  Professoren.

Am  Wiener  Hofe  war  nur  eine  Stimme  der  Angst  und  der  Entrüstung.
  Durch  die  Nachrichten  aus  Eisenach  wurde  Metternich  zum
ersten  Male  bewogen,  sich  der  deutschen  Dinge,  die  er  bisher  so  gleichgültig
behandelt  hatte,  ernstlich  anzunehmen;  er  erkannte  mit  Schrecken,  daß  sich
hinter  dem  phantastischen  Treiben  der  Jugend  doch  der  Todfeind  seines
Systems,  der  nationale  Gedanke  verbarg.  Sofort  erklärte  er  dem  preußischen
  Gesandten,  jetzt  sei  es  an  der  Zeit  „gegen  diesen  Geist  des  Jakobinismus
  zu  wüten“  (sévir),  und  ersuchte  den  Staatskanzler,  gemeinsam
mit  Osterreich  wider  den  Weimarischen  Hof  vorzugehen.)  Im  ersten
Schrecken  wollte  er  sogar  alle  österreichischen  Studenten  sogleich  aus  Jena
abberufen.  Im  Osterreichischen  Beobachter  veröffentlichte  Gentz  eine  Reihe
geharnischter  Artikel  über  das  Wartburgfest,  ein  kunstvolles  Gemisch  von
Scharfsinn  und  Torheit.  Nur  mit  Zittern,  rief  er  aus,  könne  ein  Vater

 

*)  Krusemarks  Berichte,  12.  22.  Nov.  1817.
        <pb n="439" />
        Die  Großmächte  und  die  Studenten.  431

heute  noch  seinen  Sohn  auf  die  Hochschule  ziehen  sehen;  an  solche  Klagen
nervöser  Angstlichkeit  schloß  sich  dann  eine  meisterhafte,  aus  der  Fülle
überlegener  Sachkenntnis  geschöpfte  Widerlegung  der  ruhmredigen  Burschenmärchen
  von  den  Wundertaten  der  Freikorps  und  „der  heiligen  Scharen“.

In  Berlin  zeigte  sich  der  König  weit  besorgter  als  die  Minister.
Friedrich  Wilhelm  hatte  selbst  nie  studiert  und  kannte  den  derben  Humor  des
Burschenlebens  nicht;  das  Poltern  und  Prahlen  des  jungen  Volks  ekelte
ihn  an.  Er  war  bereits  im  Frühjahr  gegen  die  Hallenser  Teutonia  eingeschritten,
  als  Karl  Immermann  ihn  um  Schutz  gegen  den  Terrorismus
dieser  Burschenschaft  bat,  und  ließ  nunmehr  sogleich  auf  allen  preußischen
Hochschulen  Nachfrage  halten,  wer  an  dem  Wartburgfeste  teilgenommen.
Die  Königsberger  Burschen  wurden  gelobt  weil  sie  sich  ferngehalten;  der
Unterrichtsminister  aber  erhielt  (7.  Dezbr.)  den  strengen  Befehl,  sofort  alle
Verbindungen  bei  Strafe  der  Relegation  zu  verbieten,  auch  das  Turnwesen
  scharf  zu  beaufsichtigen.  „Ich  werde"“,  schrieb  ihm  der  König,  „nicht
den  mindesten  Anstand  nehmen,  diejenige  Universität,  auf  welcher  der
Geist  der  Zügellosigkeit  nicht  zu  vertilgen  ist,  aufzuheben.“)

Altenstein  entledigte  sich  des  Auftrags  mit  wohlwollender  Schonung;
er  hatte  das  Zutrauen  zu  dem  guten  Sinne  der  Jugend  nicht  verloren,  er
lobte  die  furchtlose  Haltung  des  Großherzogs  von  Weimar  und  hielt  die
Hoffnung  fest,  „daß  die  preußischen  Universitäten,  so  wie  sie  an  zweckmäßiger,
  freigebiger  Ausstattung  allen  deutschen  vorangehen,  diesen  auch
als  Muster  eines  regen,  aber  auf  das  Rechte  gerichteten  Strebens  voranleuchten
  werden“.  *)  Hardenberg  dagegen  ging  auf  die  Ansichten  des
Königs  mit  beflissenem  Eifer  ein.  Nicht  als  ob  er  die  Besorgnisse  des
Monarchen  durchaus  geteilt  hätte,  aber  die  Reden  der  jungen  Demagogen
drohten  ihm  seine  liebsten  Pläne  zu  zerstören.  Das  letzte  Ziel  seiner  Politik
blieb  die  Vollendung  der  Verfassung,  und  dies  Werk  konnte  nie  gelingen,
wenn  der  erwachte  Argwohn  in  der  Seele  des  Königs  sich  befestigte;  darum
mußte  jede  Regung  demagogischer  Gesinnung  sofort  und  für  immer  gebändigt
  werden.  Als  irgend  ein  Ohrenbläser  die  streng  wissenschaftlichen,
von  aller  Parteigesinnung  freien  Vorlesungen  Schleiermachers  „über  die
Lehre  vom  Staate“  eben  jetzt  bei  Hofe  verdächtigt  hatte  und  der  König  einige
verdrießliche  Bemerkungen  fallen  ließ,  da  fand  Hardenberg  nicht  den  Mut,
durch  ein  ehrliches  Wort  dem  Monarchen  die  Augen  zu  öffnen,  sondern
verlangte  alsbald  von  dem  Unterrichtsminister  das  Verbot  dieser  Vorträge,
„die,  ohne  einen  reellen  Nutzen  zu  gewähren,  nur  dazu  dienen  die  Gemüter
  zu  entzweien“  und  gab  sein  Vorhaben  nur  auf  weil  sogar  Wittgenstein
  die  Ausführung  bedenklich  fand.  *)  Ebenso  willfährig  kam  er  den

 

*)  Kabinettsordre  an  Altenstein,  7.  Dez.  1817.
*“)  Altenstein  an  Hardenberg,  30.  Nov.  1817,  25.  August  1818.
!  )  Hardenberg  an  Altenstein  und  Wittgenstein,  7.  Dez.,  Rother  an  Hardenberg,
15.  Dez.  1817.
        <pb n="440" />
        432  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Vorschlägen  Metternichs  entgegen:  er  beschloß,  da  er  gerade  die  rheinischen
Provinzen  besuchen  wollte,  den  Weg  über  Weimar  zu  nehmen  um  dort,
unterstützt  von  dem  österreichischen  Gesandten  Grafen  Zichy,  den  Groß—
herzog  zur  Rede  zu  stellen  und  ihm  zwei  mahnende  Briefe  des  Kaisers
und  des  Königs  zu  übergeben.

Inmitten  der  allgemeinen  Aufregung  blieb  allein  Karl  August  heiter
und  gleichmütig;  er  hatte  selber  einst  lange  im  UÜbermut  brausender
Jugend  geschwelgt  und  nahm  die  Prahlerei  der  Burschen  nicht  ernster  als
sie  es  verdiente.  Die  auf  der  Wartburg  angekündigte  Deutsche  Burschenzeitung
  ward  verboten,  einige  andere  Zeitungen  verwarnt,  und  gegen
Oken  leitete  man  ein  Strafverfahren  ein,  das  mit  Freisprechung  endigte,
da  die  Anklage  törichterweise  auf  Hochverrat  lautete;  für  Injurienklagen
hätte  jener  Artikel  der  Isis  allerdings  überreichen  Stoff  geboten.  Auch
eine  Untersuchung  gegen  Fries  wurde  als  gegenstandslos  wieder  eingestellt,
  und  man  begnügte  sich,  ihm  wegen  seiner  taktlosen  Reden  einen
Verweis  zu  erteilen.  Im  übrigen  blieben  die  Jenenser  unbehelligt.
Der  preußischen  Regierung  ließ  Karl  August  durch  seinen  Geschäftsträger
sagen  (26.  November):  „Die  gegenwärtige  Aufregung  ist  allgemein,  sie  ist
eine  natürliche  Folge  der  Ereignisse;  Vertrauen  und  Mut  können  sie
ersticken,  Argwohn  und  gewaltsame  Maßregeln  würden  Deutschland  verwirren.““)
  Den  Abgesandten  der  beiden  Großmächte  trat  er  mit  seinem
gewohnten  fröhlichen  Freimut  entgegen  und  versprach,  bei  einem  Bundespreßgesetze
  mitzuhelfen.  Auf  den  Wunsch  des  Großherzogs  ging  dann
Zichy  mit  Edling  selber  nach  Jena  um  dies  Nest  des  Aufruhrs  näher
zu  betrachten,  und  da  sich  dort  nichts  Auffälliges  zeigte,  so  standen  die
beiden  Großmächte  vorläufig  von  weiteren  Schritten  ab.  Aber  der  Argwohn
  blieb  lebendig;  in  den  schärfsten  Worten  sprach  König  Friedrich
Wilhelm  seine  Rüge  aus,  da  Maßmann  im  nächsten  Sommer  als  Turnlehrer
  nach  Breslau  berufen  wurde.  Auch  die  französische  Regierung,
längst  schon  beunruhigt  durch  die  Umtriebe  des  Prinzen  von  Oranien
und  der  Flüchtlinge  in  Belgien,  machte  dem  Weimarischen  Hof  ernste
Vorstellungen.  Zar  Alexander,  der  Vorkämpfer  des  christlichen  Liberalismus,
  weigerte  sich  zwar  beim  Deutschen  Bunde  Lärm  zu  schlagen,  wie
Metternich  von  ihm  verlangt  hatte;  doch  konnte  auch  er  eine  stille  Angst
nicht  ganz  bemeistern  und  mahnte  den  Großherzog  in  einem  eigenhändigen
Briefe  zur  Strenge  gegen  die  Presse.)  Immer  stärker  ward  die  Furcht
vor  einer  nahenden  Revolution,  und  da  die  fremden  Mächte  wohl  fühlten,
was  sie  alle  an  Deutschland  gesündigt  hatten,  so  betrachteten  sie  dies  stille
Land,  das  doch  erst  an  wenigen  Orten  die  Spuren  unruhiger  Bewegung
zeigte,  als  den  natürlichen  Mittelpunkt  der  europäischen  Umsturzpartei.

*)  Weisung  Edlings  an  den  Geschäftsträger  Müller,  26.  Nov.  1817.
**)  Altenstein  an  Hardenberg,  18.  Aug.,  15.  Sept.;  Bericht  des  bad.  Gesandten
General  v.  Stockhorn,  Berlin,  7.  Febr.  1818.
        <pb n="441" />
        Luden  und  Kotzebue.  433

Auf  die  Stimmung  der  Studenten  wirkte  die  Angstlichkeit  der  Kabinette
  sehr  schädlich  ein:  die  Burschen  meinten  auf  der  Höhe  der  Weltgeschichte
  zu  stehen,  seit  alle  Großmächte  des  Festlandes  wider  sie  auftraten.
Die  demokratischen  Ideen,  die  bisher  unter  der  Decke  der  christlich  -germanischen
  Phantasterei  geschlummert  hatten,  traten  jetzt  keck  hervor;  neben
Körners  Liedern  ward  schon  die  vom  alten  Voß  verdeutschte  Marseillaise
häufig  gesungen:

Wir  nah'n,  wir  nah'n!  Beb’,  Mietlingsschwarm,
Entfliehe  oder  stirb!  —

und  niemand  fragte  mehr,  welchem  Volke  denn  dieser  „Mietlingsschwarm"“
Rouget  de  Lisles  angehört  hatte.  Die  radikale  Partei  der  „Altdeutschen“
sonderte  sich  allmählich  schärfer  von  der  unschuldigen  Masse  der  Burschen
ab.  Während  diese,  des  ewigen  politischen  Geschwätzes  müde,  sich  in  Lichtenhain
  ein  lustiges  Bierherzogtum  einrichtete,  saßen  jene  „ruhigen  republikanischen
  Staatsmänner“,  wie  Arnold  Ruge  sie  nennt,  in  ihrer  Republik
Ziegenhain  feierlich  beisammen  und  untersuchten  in  pathetischen  Reden,
ob  die  Einheit  Deutschlands  besser  durch  Ermordung  oder  durch  friedliche
Mediatisierung  der  Fürsten  zu  erreichen  sei.  Ein  neues  Lied  „Dreißig  oder
dreiunddreißig,  gleichviel!“  —  sprach  sich  sehr  aufrichtig  für  den  ersteren
Weg  aus,  doch  gab  es  auch  noch  einzelne  sanfte  Naturen,  welche  dem
König  von  Preußen  ein  Gnadengeld  von  300  Tlr.  jährlich  vergönnen
wollten.  Die  Torheit  begann  doch  recht  zuchtlos  zu  werden;  und  wie  die
Umgangsformen  dieser  turnenden  Jugend  sich  verfeinerten,  das  bekam  der
unschuldige  Fries  oft  zu  spüren.  Er  verkehrte  mit  seinen  jungen  Freunden
auf  Du  und  Du  und  durfte  sich  nicht  wundern,  als  ihm  einer  seiner  Studenten
  schrieb:  „Ich  denke,  ich  schreibe  künftig  nicht  mehr  an  den  Hofrat
Fries,  sondern  ich  schreibe  an  Dich  meinen  älteren  Freund  Fries,  und  Du
schreibst  an  Deinen  treuen  Schüler  D.  Nun  sieh,  Du  alter  braver  Kerl,
wir  sind  jüngere  Leute,  und  uns  ist  ein  besseres  Leben  aufgegangen  als
Dir  in  Deiner  Jugend.“

Bald  nach  dem  Wartburgfeste  goß  ein  häßlicher  literarischer  Zank
abermals  Ol  ins  Feuer.  Seit  langem  war  Kotzebue  den  Burschen  ein
Dorn  im  Auge;  sie  haßten  die  weichliche  Lüsternheit  seiner  Dramen  und
fürchteten  ihn  als  einen  gewandten  Widersacher.  In  seinem  Literarischen
Wochenblatte,  das  sich  der  besonderen  Gunst  Metternichs  erfreute,  vertrat
er  die  Anschauungen  des  aufgeklärten  Absolutismus,  feierte  Rußlands
Ruhm  mit  untertäniger  Schmeichelei  und  bekämpfte  den  Idealismus  der
Jugend,  wie  alles  was  über  den  platten  Verstand  hinausging,  so  hämisch
und  boshaft,  daß  selbst  Goethe  ihm  das  Feuergericht  auf  der  Wartburg
von  Herzen  gönnte  und  ihm  zurief:

Du  hast  es  lange  genug  getrieben,
Niederträchtig  vom  Hohen  geschrieben.
Daß  Du  Dein  eigenes  Volk  gescholten,
Die  Jugend  hat  es  Dir  vergolten.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  28
        <pb n="442" />
        434  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Aber  auch  sein  frecher  Witz  und  seine  behende  Feder  waren  dem  alten
Schelm  treu  geblieben;  über  den  unduldsamen  Hochmut  der  Jugend
sagte  er  manches  treffende  Wort,  für  ihre  Ungezogenheit  hatte  er  ein
scharfes  Auge,  und  wenn  er  die  Isis  in  seiner  lustigen  „Empfehlung  der
Eselsköpfe“  durchhechelte,  so  blieb  er  der  Sieger,  da  die  aufgeblasenen  witzlosen
  jungen  Herren  ihm  nicht  mit  derselben  Waffe  zu  antworten  verstanden.
  Kotzebue  lebte  als  russischer  Legationsrat  in  Weimar,  und
schon  diese  diplomatische  Stellung  erregte  Argernis;  denn  er  war  ein
Weimarer  Kind,  er  verdankte  den  Deutschen  allein  seinen  literarischen
Namen  und  erlaubte  sich  in  seinem  Wochenblatte  ganz  wie  ein  deutscher
Staatsbürger  über  die  vaterländischen  Angelegenheiten  mitzureden.  Aber
wer  durfte  auch  von  diesem  Manne  das  Feingefühl  des  nationalen  Stolzes
verlangen?  Es  war  ein  offenes  Geheimnis,  daß  überall  in  Deutschland
geheime  Agenten  der  Petersburger  Polizei  lebten;  als  der  russische  Staatsrat
  Faber  die  Rheinlande  bereiste,  hielt  Graf  Solms-Laubach  für  nötig
ihm  den  treuen  Bärsch  als  Aufpasser  nachzusenden;  das  russische  Kabinett
verdankte  seine  Kenntnis  der  europäischen  Zustände  vornehmlich  den  Mitteilungen,
  welche  alle  im  Westen  lebenden  vornehmen  Russen  ihrem  Hofe
zu  senden  pflegten.  Auch  Kotzebue  schickte  von  Zeit  zu  Zeit  Berichte  nach
Petersburg,  doch  zählte  er  keineswegs  zu  den  gefährlichen  Spähern,  da
seine  Bulletins  lediglich  kritische  Ubersichten  über  die  neuesten  Erscheinungen
  der  deutschen  Literatur  brachten.

Da  kam  eines  Tages  Kotzebues  Schreiber  zu  dem  Redakteur  des
Oppositionsblattes,  Lindner,  der  mit  ihm  in  einem  Hause  wohnte,  und
ersuchte  seinen  Hausgenossen  arglos,  ihm  einige  Stellen  aus  einem  französischen
  Berichte  seines  Herrn  entziffern  zu  helfen.  Lindner  erkannte  sofort
  was  er  vor  sich  hatte,  bat  sich  die  Bogen  für  eine  Stunde  aus,
schrieb  die  wichtigsten  Stellen  ab  und  hielt  es  nicht  für  unehrenhaft,  das
also  entwendete  Bulletin  alsbald  an  Luden  mitzuteilen.  Das  Blatt
enthielt  nichts  weiter  als  ein  paar  flüchtige  und  ungenaue,  aber  dem  Sinne
nach  richtige  Auszüge  aus  der  Nemesis  und  ähnlichen  Schriften,  dazu
einige  wenig  schmeichelhafte  Urteile  über  Ludens  Schriftstellerei,  wie  sie
von  einem  politischen  Gegner  sich  nicht  anders  erwarten  ließen;  die  Jenenser
mindestens  pflegten  mit  ihren  Feinden  weit  gröblicher  umzuspringen.  Luden
aber,  dem  es  nicht  an  Weltklugheit  fehlte,  ergriff  begierig  die  Gelegenheit
um  einen  gefürchteten  Gegner  bloßzustellen  und  zugleich  sich  selber  von
dem  Verdachte  demagogischer  Gesinnung  zu  reinigen.  Er  ließ  das  entwendete
  Blatt  drucken,  suchte  durch  eine  kleinliche  und  nicht  ganz  redliche
Wortklauberei  zu  erweisen,  daß  Kotzebue  die  unschuldigen  Worte  der  Nemesis
gefälscht  habe,  und  brandmarkte  ihn  als  lügnerischen  Anschwärzer.  Auf
ihrer  ganzen  Linie  schritt  die  liberale  Presse  nunmehr  zum  Angriff  wider
den  „russischen  Spion“,  der  doch  schlechterdings  kein  Geheimnis  ausgespäht,
  sondern  nur  über  veröffentlichte  Druckschriften  berichtet  hatte.  Schlag
        <pb n="443" />
        Akademische  Unruhen.  435

folgte  auf  Schlag;  ein  wütender  Streit  begann,  der  beiden  Teilen  zur
Unehre  gereichte.  Die  Gerichte  schritten  ein  und  verurteilten  beide  Par—
teien;  Lindner  ward  ausgewiesen  und  ging  ins  Elsaß,  wo  er  bald,  bezaubert
von  den  Doktrinen  der  Franzosen,  zu  einem  liberalisierenden  Rheinbündler
wurde.  Die  Studenten  aber  hatten  jetzt  endlich  ein  Opfer  gefunden  für
den  ziellosen,  ingrimmigen  Haß,  der  in  ihren  Herzen  kochte,  der  faunische
Kauz  in  Weimar  erschien  ihnen  wie  der  Ausbund  aller  Niedertracht,  wie
der  böse  Dämon  des  Vaterlandes,  und  drohend  erklang  es  auf  dem
Burschenhause:

Noch  bellt  der  Kamptz=  und  Schmalzgesell,

Beel=  und  Kotzebue.

So  gärte  es  in  den  Köpfen  der  Jugend;  die  Nation  aber  fuhr  fort
jeden  Torenstreich  der  Studenten  mit  kindischer  Neugierde  zu  besprechen.
Im  Sommer  1818  zogen  die  Göttinger  Studenten  aus  der  Musenstadt
aus,  infolge  eines  ganz  unpolitischen  Streites  mit  der  Bürgerschaft,  erklärten
  die  Georgia  Augusta  in  Verruf,  und  kneipten  einige  Tage  lang  in
Witzenhausen,  wobei  dem  Tode  ein  Pereat  gebracht  wurde.  Solche  Auszüge
  hatten  in  der  alten  Zeit  zuweilen  den  Bestand  einer  Hochschule  gefährden
  können;  jetzt,  da  jeder  Bundesstaat  von  seinen  Beamten  und
Geistlichen  den  Besuch  der  Landesuniversität  verlangte,  waren  sie  nur
noch  lächerlich.  Gleichwohl  rief  auch  diese  Kinderei  eine  ganze  Schar
von  Flugschriften  ins  Leben.  Staatsrat  Dabelow,  der  berühmte  Organisator
  des  Empire  Anhaltin-Coethien,  der  auch  den  Zorn  der  Feuerrichter
  auf  der  Wartburg  hatte  erfahren  müssen,  beschwor  die  hohen  Regierungen,
  mit  Ernst  gegen  die  jungen  Hochverräter  einzuschreiten;  zufällig
wurde  der  brauchbare  Jurist  bald  nachher  nach  Dorpat  berufen,  und  nun
schien  es  den  Studenten  klar  erwiesen,  daß  der  Zar  sie  mit  Spionen
rings  umstellt  habe.  Ein  anderer  Schriftsteller  schilderte  das  Göttinger
Ereignis  in  einem  gründlichen  Buche  und  schmückte  sein  Werk  mit  den
Bildern  der  Studenten  „im  Rate  des  Verrufs",  unheimliche  Gestalten,
welche  geradeswegs  aus  den  böhmischen  Wäldern  von  der  Bande  des
Räubers  Moor  entsprungen  schienen.  Bald  nachher  lieferten  die  Tübinger
Studenten  die  Lustnauer  Schlacht,  einen  Kampf  um  ein  Dorfwirtshaus,
von  dem  die  Poeten  der  schwäbischen  Hochschule  noch  heute  singen  und
sagen;  dann  wurden  auch  die  Heidelberger  Burschen  von  dem  Geiste  der
Unruhe  ergriffen  und  stürmten  das  Bierhaus  zum  großen  Faß.  Alle
diese  Nichtigkeiten  besprach  Deutschlands  Presse  mit  feierlicher  Salbung.
Der  Student  errang  sich  an  den  Höfen  wie  im  Volke  ein  unbegreifliches
Ansehen,  ward  hier  als  geborener  Tribun  gefeiert,  dort  als  gewerbmäßiger
Verschwörer  beargwöhnt,  und  der  französische  Minister  Graf  de  Serre
schrieb  seinem  Freunde  Niebuhr:  „Eure  Staatsmänner  tun  mir  leid,  sie
führen  Krieg  mit  Studenten!“

Nur  der  beherzte  Großherzog  ließ  sich  in  seinem  hochsinnigen  Vertrauen
28“
        <pb n="444" />
        436  II.  7.  Die  Burschenschaft.

nicht  stören.  Im  Juli  1818  brachten  ihm  die  Jenenser  Burschen,  von
Heinrich  von  Gagern  geführt,  einen  Fackelzug  zur  Feier  der  Geburt  seines
Enkels;  da  gab  er  ihnen  ein  Gelage  im  Schloßhofe,  erschien  selber  jugend—
lich  heiter  auf  dem  Altane  und  betrachtete  lange  freudestrahlend  das
muntere  Treiben  drunten.  Zur  Taufe  des  Prinzen  lud  er  dann,  nach
dem  patriarchalischen  Brauche  der  Ernestiner,  mit  allen  übrigen  Korpora—
tionen  des  Landes  auch  drei  Vertreter  der  Burschenschaft  ein,  und  diese
gefährlichen  Gesellen  wurden,  wie  man  in  der  Hofburg  mit  tiefer  Ent—
rüstung  erfuhr,  sogar  zur  Tafel  gezogen  und  von  den  neugierigen  Hof—
fräuleins  sichtlich  ausgezeichnet.  Karl  August  war  gerichtet,  er  hieß  in
Metternichs  Kreise  nur  noch  der  Altbursche.

Inzwischen  gingen  die  auf  der  Wartburg  ausgestreuten  Saaten  auf;
an  vierzehn  Universitäten  bildeten  sich  Burschenschaften  nach  dem  Jenenser
Muster.  Ihre  Abgesandten  traten  im  Oktober  1818  in  Jena  zusammen,
und  am  Jahrestage  des  Wartburgfestes  kam  dort  die  Allgemeine  Deutsche
Burschenschaft  zustande,  die  freie  Vereinigung  der  gesamten  deutschen
Studentenschaft  zu  einem  Ganzen,  „gegründet  auf  das  Verhältnis  der
deutschen  Jugend  zur  werdenden  Einheit  des  deutschen  Vaterlandes“.
Alljährlich  sollte  im  Siegesmonde  ein  allgemeiner  Burschentag  von  Abge—
ordneten  aller  Hochschulen  sich  vereinigen.  Die  Bestimmungen  des  Grund—
gesetzes  über  den  Zweck  der  Verbindung  lauteten  durchaus  unverfänglich:
Einheit,  Freiheit,  Gleichheit  aller  Burschen  unter  einander,  christlich-deutsche
Ausbildung  aller  Kräfte  zum  Dienste  des  Vaterlandes.  Bedenklich  war
nur  der  terroristische  Geist,  der  den  Zutritt  der  gesamten  Studenten—
schaft  erzwingen  wollte,  alle  anderen  Verbindungen  „ohne  weiteres  in
Verruf“  erklärte  und  doch  das  Unmögliche  nicht  durchsetzen  konnte,  denn  auf
sämtlichen  Universitäten  außer  Jena  blieben  einzelne  Landsmannschaften
neben  der  Burschenschaft  bestehen.  Dem  Partikularismus  freilich  und
seinem  Führer,  dem  Wiener  Hofe,  mußte  schon  das  Dasein  dieses  „Jugend-Bundesstaates“,
  wie  Fries  ihn  nannte,  hochgefährlich  erscheinen;  hier  zum
ersten  Male  bildete  sich  in  dem  gewaltsam  zerteilten  Volke  eine  allgemein
deutsche  Korporation.  Die  Erscheinung  war  so  neu,  daß  selbst  Goethe  besorgt
  fragte,  ob  man  denn  über  ganz  Deutschland  hin  eine  Innung  dulden
könne,  die  dem  Bundestage  nicht  unterworfen  sei.

Während  die  Burschenschaft  also  sich  immer  weiter  ausbreitete,  wurde
ihre  innere  Kraft  und  Einheit  bereits  durch  ein  wüstes  Parteitreiben  erschüttert.
  Für  die  Ideen  Rousseaus  war  ein  Geschlecht,  das  sich  an  Schillers
Freiheitspathos  begeisterte,  von  vornherein  empfänglich,  und  nachdem  man
mehrere  Jahre  beständig  in  aufgeregtem  politischem  Gerede  verbracht  hatte
mußte  die  demagogische  Partei  unvermeidlich  an  Boden  gewinnen.  Den
Herd  des  akademischen  Radikalismus  bildete  die  Universität  Gießen.  Dort
im  Westen  hatten  die  Doktrinen  der  französischen  Revolution  längst  feste
Wurzeln  geschlagen;  die  Willkür  des  bonapartistischen  Beamtentums  von.
        <pb n="445" />
        Die  Allgemeine  Deutsche  Burschenschaft.  437

Darmstadt  und  Nassau  erbitterte  die  jungen  Gemüter,  und  als  endlich
auch  für  diese  Lande  die  Stunde  der  Befreiung  schlug,  da  fügte  es  ein
unfreundliches  Schicksal,  daß  die  Gießener  Studenten,  die  sich  eifrig  zu
den  Fahnen  drängten,  den  Feind  fast  niemals  zu  Gesicht  bekamen.  Sie
lernten  auf  anstrengenden  Märschen  nur  die  Prosa  des  Krieges,  nicht  seine
begeisternden  Freuden  kennen,  hatten  viel  zu  leiden  von  der  Grobheit  ihrer
rheinbündischen  Offiziere,  die  mit  gebildeten  Mannschaften  nicht  umzu—
gehen  wußten,  und  kehrten  verstimmt  heim,  voll  Abscheus  gegen  das
„Söldnerwesen“,  ohne  jede  Ahnung  von  der  königstreuen  Gesinnung  des
preußischen  Volksheeres,  das  sie  nie  gesehen  hatten;  sie  schworen  darauf,
daß  Deutschland  den  Krieg  nur  um  der  Verfassung  willen  geführt  habe
und  alles  Blut  umsonst  geflossen  sei.

Eigentümlich  war  den  Gießener  Studentenbünden  ein  geheimer  Ver—
kehr  mit  älteren  Männern,  den  die  Jenenser  zu  ihrem  Glück  vermieden.
Zur  Zeit  des  Krieges  hatten  sich  in  den  Lahngegenden  mehrere  Geheim—
bünde  wider  die  Fremdherrschaft  zusammengetan,  ohne  eine  rechte  Wirk—
samkeit  zu  gewinnen.  1814  entstand  in  Idstein  und  der  Nachbarschaft,
nach  einem  Plane  Arndts,  eine  deutsche  Gesellschaft;  im  Jahre  darauf  ver—
suchte  Justizrat  K.  Hoffmann  zu  Rödelheim  einen  Bund  zu  bilden,  der
mit  Justus  Gruner  in  Verbindung  stand  und  die  preußische  Hegemonie
auf  seine  Fahne  schrieb.“)  Einige  Mitglieder  dieser  Vereine  gingen  nach—
her  von  den  teutonischen  Idealen  rasch  zum  weltbürgerlichen  Radikalismus
über  und  unterhielten  geheimen  Verkehr  mit  den  Gießener  Burschen:  so
zwei  Wortführer  der  nassauischen  Opposition,  die  Gebrüder  Ludwig  und
Wilhelm  Snell,  und  vor  allen  Konrektor  Weidig  in  Butzbach,  ein  beredter
Apostel  der  Egalité,  der  schlechtweg  jede  Regierung  für  sündhaft  erklärte,
weil  Gottes  Gebot  die  vollkommene  Gleichheit  aller  Menschen  vorschreibe.
Der  Einfluß  dieser  Männer  und  die  schwüle  Luft  eines  durchaus  unge—
sunden  Staatswesens  gaben  dem  Gießener  Studentenleben  bald  einen  selt—
sam  fanatischen  Ton.  Eine  Verbindung  der  „Schwarzen“  tat  sich  auf
und  versuchte  ihr  radikales  neues  Gesetzbuch,  den  „Ehrenspiegel“,  der  ge—
samten  Studentenschaft  aufzuzwingen;  die  Landsmannschaften  andererseits
  spielten  die  Vertreter  des  Partikularismus,  steckten  die  hessische  Kokarde
  auf  und  bewirkten  durch  eine  Anzeige  die  Auflösung  der  Schwarzen.
Die  eifrigeren  Genossen  des  aufgelösten  Bundes  blieben  jedoch  insgeheim
beisammen.

An  ihrer  Spitze  standen  die  Gebrüder  Follen,  Adolf,  Karl  und  Paul,
drei  bildschöne,  hochgewachsene  junge  Männer  voll  Feuer  und  Leben,  allesamt
  streng  republikanisch  gesinnt,  die  Söhne  eines  Gießener  Beamten,
dessen  eine  Tochter  nachher  die  Mutter  von  Karl  Vogt  wurde.  Adolf
Follen  besaß  ein  frisches  lyrisch-musikalisches  Talent,  das  er  sich  leider

 

*)  s.  o.  I.  192.
        <pb n="446" />
        438  II.  7.  Die  Burschenschaft.

durch  das  unnatürliche  Pathos  seiner  radikalen  Kraftsprache  selber  ver—
darb;  ihm  und  seinem  Freunde  Sartorius  verdankten  die  Turner  ihre
wildesten  und  frechsten  Lieder.  Bedeutender  war  sein  Bruder  Karl,  ein
Fanatiker  des  harten  Verstandes,  im  Grunde  ein  unfruchtbarer  Kopf,
aber  von  seltenem  dialektischem  Scharfsinn,  ein  frühreifer,  ganz  mit
sich  einiger  Charakter,  der  nach  der  Weise  radikaler  Propheten  sich  den
Anschein  dämonischer  Unergründlichkeit  zu  geben  wußte  und  manchen
seiner  jungen  Genossen  wie  der  Alte  vom  Berge  vorkam.  Er  war  bereits
Dozent  der  Rechte  und  bezauberte  die  Studenten  durch  jene  bewußte
Sicherheit,  die  von  der  unerfahrenen  Jugend  so  gern  als  ein  Zeichen
genialer  Begabung  betrachtet  wird;  jedes  seiner  Worte  war  durchdacht,
keines  nahm  er  wieder  zurück;  mit  unerbittlicher  Logik  zog  er  aus  dem
Satze  der  unbedingten  Gleichheit  aller,  vor  keiner  Folgerung  zurück—
schreckend,  seine  Schlüsse.  Die  rätselhafte  Mischung  von  Kälte  und  Fana—
tismus  in  seinem  Wesen,  auch  die  peinliche  Sauberkeit  seiner  Erscheinung
und  der  drohende  Zug  über  den  Augen  erinnerten  an  Robespierre;  nur
war  er  kein  Heuchler,  sondern  übte  wirklich  die  bedürfnislose  Sittenstrenge,
die  er  predigte.  Für  die  unschuldigen  Kaiserträume  der  Tübinger  und
Jenenser  Burschen,  die  sich  die  Krone  der  Staufer  gern  auf  dem  Haupte
ihres  Wilhelm  oder  Karl  August  dachten,  hatte  Karl  Follen  nur  ein
Lächeln;  auch  ihr  Franzosenhaß  und  ihre  Deutschtümelei  schienen  ihm
kindisch,  obgleich  er  sich  wohl  hütete  seine  weltbürgerlichen  Ansichten,  die
ihn  um  allen  Einfluß  gebracht  hätten,  offen  einzugestehen.  Er  war  Jako—
biner  schlechtweg  und  unterhielt  wahrscheinlich  schon  im  Jahre  1818,  wie
die  Jenenser  Burschen  argwöhnten,  unzweifelhaft  aber  seit  1820  einen
vertraulichen  Verkehr  mit  den  radikalen  Geheimbünden,  welche,  über  ganz
Frankreich  verzweigt,  von  Lafayettes  Comité  directeur  beherrscht  wurden.
Sein  leitender  Gedanke  war,  daß  niemand  einem  Gesetze,  dem  er  sich
nicht  freiwillig  unterworfen  habe,  Gehorsam  schulde  und  mithin  —  nach
dem  alten  Rousseauschen  Trugschlusse  —  nur  die  Mehrheitsherrschaft  zu
Recht  bestehe:  „jeder  Bürger  ist  Haupt  des  Staates,  denn  der  gerechte
Staat  ist  eine  vollkommene  Kugel,  wo  es  kein  oben  noch  unten  gibt,
weil  jeder  Punkt  Spitze  sein  kann  und  ist.“

So  enthielt  denn  auch  der  Entwurf  einer  deutschen  Reichsverfassung,
der  von  Adolf  Follen  niedergeschrieben,  von  seinem  Bruder  Karl  verbessert
und  im  Herbst  1818  dem  Jenenser  Burschentage  vorgelegt  wurde,  bis  auf
einige  teutonische  Redensarten  nichts  weiter  als  eine  freie  Nachbildung  des
Grundgesetzes  der  französischen  Republik.  Alle  Deutschen  an  Rechten  voll—
kommen  gleich;  Gesetzgebung  durch  gleiche  Abstimmung  aller  nach  Mehrzahl;
das  eine  und  unteilbare  Reich  in  Gaue  von  gleicher  Seelenzahl  gegliedert,
die  nach  Flüssen  und  Bergen  benannt  werden;  alle  Beamten  gleich  besoldet
und  in  die  Hand  der  Volksvertreter  vereidigt;  eine  einzige  christlich-deutsche
Kirche  und  daneben  kein  anderes  Bekenntnis  geduldet;  die  Schulen  sämt—
        <pb n="447" />
        Karl  Follen.  439

lich  auf  dem  flachen  Lande,  vornehmlich  für  den  Ackerbau  und  das  Hand—
werk  bestimmt;  über  alledem  ein  gewählter  König  mit  einem  Reichsrate.
Es  war  als  ob  St.  Just  selber  die  Feder  geführt  hätte.  Weit  verderblicher
als  diese  radikalen  Doktrinen  wirkte  auf  die  Jugend  jene  niederträchtige
Sittenlehre,  welche  Karl  Follen  mit  der  Weihe  des  Propheten  vortrug,  eine
völlig  bodenlose  Moral,  noch  schändlicher  als  die  Lehren  von  Marianna  und
Suarez.  Die  Jesuiten  hatten  immerhin  noch  die  Autorität  der  Kirche  gelten
lassen;  Follen  aber  entwickelte  aus  dem  Kultus  der  persönlichen  „Überzeugung“,
  der  unter  der  Jugend  blühte,  mit  schnellfertiger  Logik  das  System
eines  krassen  Subjektivismus,  der  schlechthin  jede  objektive  Regel  im  Menschenleben
  leugnete.  Dem  Gerechten  gilt  kein  Gesetz,  hieß  es  kurzab.  Was
die  Vernunft  für  wahr  erkennt,  muß  durch  den  sittlichen  Willen  verwirklicht
werden,  sofort,  unbedingt,  ohne  jede  Rücksicht,  bis  zur  Vernichtung  aller
Andersdenkenden;  von  einer  Kollision  der  Pflichten  kann  hier  nicht  gesprochen
  werden,  da  die  Verwirklichung  der  Vernunft  eine  sittliche  Notwendigkeit
  ist.  Dieser  Satz  wurde  schlechtweg  als  „der  Grundsatz“  bezeichnet,
und  nach  ihm  nannten  sich  Follens  Vertraute  „die  Unbedingten“.  Für  die
Volksfreiheit  schien  dieser  Sekte  alles  erlaubt,  die  Lüge,  der  Mord,  jedes  Verbrechen,
  da  ja  niemand  ein  Recht  habe  die  Freiheit  dem  Volke  vorzuenthalten.

Dergestalt  hielt  das  Evangelium  vom  Umsturz  aller  sittlichen  und
politischen  Ordnung  zum  ersten  Male  in  Deutschland  seinen  Einzug,  jene
furchtbare  Lehre,  die  in  mannigfacher  Verkleidung  wiederkehrend  das  Jahrhundert
  stets  von  neuem  beunruhigen  und  schließlich  in  der  Doktrin  der
russischen  Nihilisten  ihre  höchste  Ausbildung  empfangen  sollte.  Follen
aber  hing  seinem  Nihilismus  einen  christlichen  Mantel  um:  Jesus,  der
Märtyrer  der  Überzeugung,  war  der  Held  der  Unbedingten;  ihr  Bundeslied
  mahnte:  „ein  Christus  sollst  Du  werden!“  Ebenso  dreist  wurden
auch  die  Namen  der  preußischen  Helden,  vornehmlich  Scharnhorsts  und
Gneisenaus,  mißbraucht,  von  einigen  aus  naiver  Unwissenheit,  von  Follen
aus  Berechnung:  die  harmlosen  Burschen  sollten  glauben,  daß  Deutschlands
  Krieger  für  die  Demokratie  gefochten  hätten.  Ein  vielgesungenes
Lied  von  Buri  „Scharnhorsts  Gebet“,  das  von  den  Brüdern  Follen  mit
radikalen  Kraftworten  ausgeschmückt  wurde  und  für  den  Druck  den  falschen
Titel  „Kosciuszkos  Gebet“  erhielt,  ließ  den  preußischen  General  schwören:

Ich  wanke  nicht,  ich  will,  sei's  auch  in  grimmen,  blut'gen  Waffen,
Der  Menschheit  Sitz,  der  Gleichheit  Freistaat  schaffen!

Auch  Karl  Follen  selbst  schmiedete  Verse,  obgleich  seiner  harten  Natur
jede  poetische  Begabung  abging,  und  der  ungeheuerliche  Schwulst,  die  wilde
blutgierige  Rhetorik  seiner  Gedichte  fand  unter  der  Jugend  viele  Bewunderer.
  Als  sein  Hauptwerk  galt  „das  große  Lied“,  das  durch  Weidig
und  Sand  massenhaft  verbreitet  wurde,  aber  in  seinen  Hauptstellen  nur
den  Eingeweihten  ganz  verständlich  war.  Es  begann  mit  einem  Aufruf
„Deutsche  Jugend  an  die  deutsche  Menge“:
        <pb n="448" />
        440  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Menschenmenge,  große  Menschenwüste,

Die  umsonst  der  Geistesfrühling  grüßte,

Reiße,  krache  endlich,  altes  Eis!

Stürz'  in  starken  stolzen  Meeresstrudeln

Hin  auf  Knecht  und  Zwingherrn,  die  dich  hudeln,

Sei  ein  Volk,  ein  Freistaat,  werde  heiß!

Babels  Herrentum  und  feile  Weichheit

Bricht  wie  Blitz  und  Donner  Freiheit,  Gleichheit,

Gottheit  aus  der  Menschheit  Mutterweh'n.
Darauf  ein  kecker  Gassenhauer,  dessen  Kehrreim  „Brüder  so  kann's  nicht
gehn!  Volk  ins  Gewehr!“  noch  nach  Jahren  bei  allen  Pöbelaufläufen
in  Mitteldeutschland  widerhallte.  Dann  ein  Abendmahlslied  freier  Brüder,
  das  „der  ew'gen  Freiheit  heillgen  Märt'rerorden“  schildert,  wie  er
mit  gezückten  Dolchen  auf  die  Hostie  schwört:

Nur  die  Bürgergleichheit,  der  Volkswille  sei

Selbstherrscher  von  Gottes  Gnaden  —
und  der  Nation  gebietet:

Dann,  Volk,  die  Molochsgeister  würge,  würge!
Noch  deutlicher  lautete  das  Neujahrslied  freier  Christen,  gesungen  nach  einer
raschen,  leichtfertigen  Melodie,  die  den  Text  nur  noch  frecher  erscheinen  ließ:

Freiheitsmesser  gezückt!

Hurra!  Den  Dolch  durch  die  Kehle  gedrückt!

Mit  Purpurgewändern,

Mit  Kronen  und  Bändern

Zum  Rachealtar  steht  das  Opfer  geschmückt!
Und  so  weiter,  immer  abgeschmackter,  immer  wüster,  bis  zum  Schlußverse:

Nieder  mit  Kronen,  Thronen,  Frohnen,  Drohnen  und  Baronen!
Sturm!

Unter  den  hunderten  junger  Männer,  welche  diese  wütenden  Verse
sangen,  mochten  die  wenigsten  sich  etwas  dabei  denken;  dem  Poeten  aber
war  es  ganzer  Ernst  mit  seinen  Worten.  Er  hatte  sich  schon  einen  Plan
entworfen,  den  er  mit  den  Unbedingten  wiederholt  besprach:  da  eine  Revolution
  vorderhand  unmöglich  sei,  so  müsse  man  zunächst  einige  Verräter
  ermorden  um  das  zage  Volk  zugleich  zu  schrecken  und  anzufeuern;
er  selber  wollte  sich  diesen  vorbereitenden  Taten  fern  halten,  nicht  aus
Furcht,  sondern  weil  er  dereinst  bei  der  allgemeinen  Volkserhebung  als
Führer  aufzutreten  dachte.  Zugleich  betrieb  er  rastlos  die  Wühlerei  im
Volke.  Bei  jener  Petition  um  die  Ausführung  des  Art.  13,  bei  allen
den  Eingaben  und  Versammlungen,  welche  den  Großherzog  von  Hessen
zur  Erfüllung  des  Verfassungsversprechens  drängen  sollten,  hatte  Follen
die  Hand  im  Spiele,  und  für  ihn,  den  roten  Republikaner,  konnte  dies
alles  nur  ein  Mittel  für  größere  Zwecke  sein;  sein  Genosse  Leutnant
Schulz  in  Darmstadt  predigte  in  einem  „Frage=  und  Antwortsbüchlein“
den  hessischen  Bauern  offen  die  Revolution.

Die  Jenenser  verhielten  sich  lange  ablehnend  gegen  das  demagogische
        <pb n="449" />
        Die  Unbedingten.  441

Gebaren  der  Gießener  und  verwarfen  auch  Follens  Reichsverfassungs—
plan;  freilich  nur  gegen  eine  starke  Minderheit.  Nach  und  nach  fanden
die  revolutionären  Lehren  der  Schwarzen  doch  Eingang  an  der  Saale,
namentlich  durch  die  Vermittlung  Robert  Wesselhöfts,  eines  derben,  kräf—
tigen  Thüringers  von  diktatorischem  Wesen.  Es  bildete  sich  im  Schoße
der  Altdeutschen,  der  Masse  der  Burschen  völlig  verborgen,  ein  Geheim—
bund  von  Unbedingten,  der  auf  den  unschuldigen  großen  Haufen  der
Burschenschaft  verächtlich  herabsah  und  durch  vertraute  Boten  mit  den
Gesinnungsgenossen  auf  anderen  Hochschulen  insgeheim  verkehrte.  Zu
ihm  gehörte  Jens  Uwe  Lornsen,  ein  unbändiger,  nordischer  Berserker  von
den  friesischen  Inseln,  späterhin  berühmt  als  Vorkämpfer  für  die  Rechte
Schleswig-Holsteins,  desgleichen  der  mädchenhaft  schöne  kleine  Heinrich
Leo  aus  dem  Schwarzburgischen,  ein  geborener  Romantiker,  der  droben
auf  dem  Walde  eine  glühende  Schwärmerei  für  das  urwüchsige  Leben  der
ältesten  Germanen,  einen  tiefen  Haß  gegen  die  Formenstrenge  der  klassischen
  Kultur  eingesogen  hatte  und  nur  durch  die  unzähmbare  Wildheit
seines  heißen  Blutes  auf  kurze  Zeit  in  eine  moderne,  seinem  innersten
Wesen  fremde  radikale  Richtung  hineingetrieben  wurde.

Der  Ton  unter  diesen  Schwarzen  war  unbeschreiblich  frech;  die  Jugend,
das  stand  fest,  hatte  den  geknechteten  Völkern  Anstoß  und  Richtung  zu
geben.  Ein  witziger  Kopf  in  Bayern  veröffentlichte  soeben,  unter  der  Maske
eines  begeisterten  Schülers  von  Fries,  einen  offenen  Brief,  worin  er  das
ganze  Menschengeschlecht  in  Burschen,  Burschinnen,  Lehr-,  Vor=  und  Nachburschen
  einteilte.  Die  Satire  war  so  treffend,  daß  viele  der  Burschen
selber,  und  noch  heute  manche  Historiker,  den  Brief  für  echt  hielten.  Die
Schwarzen  begnügten  sich  schon  längst  nicht  mehr  mit  solchen  Außerungen
albernen  Ubermuts,  wie  Lornsen,  der  in  Gegenwart  des  jungen  Herzogs
von  Meiningen  ein  Pereat  auf  die  Dreißig  oder  Dreiunddreißig  ausbrachte.
  Sie  besprachen  alltäglich  und  mit  unheimlicher  Gelassenheit  die
Frage,  wer  zunächst  um  der  Freiheit  willen  „kalt  gemacht“  werden  solle;
da  Metternich  so  schwer  zu  erreichen  und  keiner  der  deutschen  Fürsten
ungewöhnlich  verhaßt  war,  so  kam  das  wüste  Gerede  immer  wieder  auf
Kotzebue  als  das  nächste  Opfer  zurück.  Als  im  Herbst  1818  Zar
Alexander  auf  der  Durchreise  in  Jena  erwartet  wurde,  beriefen  die  Führer
der  Unbedingten  eine  tief  geheime  Sitzung  und  fragten  kurzweg,  ob  jetzt
der  Mordstreich  gegen  den  Despoten  gewagt  werden  sollte;  wer  bei  der
Antwort  sich  irgendwie  unsicher  zeigte  ward  fortan  von  den  Beratungen
der  Eingeweihten  stillschweigend  ausgeschlossen.  Der  Zar  war  inzwischen
schon  weiter  gereist,  und  man  behauptete  nachträglich,  daß  die  Führer  der
Schwarzen  dies  gewußt  hätten.  Dies  mochte  vielleicht  wahr  sein;  aber
wohin  war  es  mit  unserer  Jugend  gekommen,  wenn  sie  den  feigen,  der
deutschen  Geradheit  ekelhaften  Meuchelmord  bereits  als  den  Prüfstein  zuverlässiger
  Gesinnungstüchtigkeit  betrachtete?
        <pb n="450" />
        442  II.  7.  Die  Burschenschaft.

Die  Aufregung  der  jungen  Leute  ward  durch  die  Angstrufe  der  amt—
lichen  Zeitungen  und  leider  auch  durch  manche  unvorsichtige  Außerung
der  Lehrer  gesteigert.  Luden  pflegte  in  seinen  Vorlesungen,  wie  schon  früher
in  seiner  „Staatsweisheit“,  den  unbestreitbaren  Satz  auszuführen,  daß
Macht  und  Freiheit  des  Staates  selber  unschätzbare  sittliche  Güter  sind
und  ihnen  mithin  unter  Umständen  andere  sittliche  Güter  geopfert  werden
müssen;  doch  seine  geistige  Kraft  reichte  nicht  aus  um  der  Jugend  den
tiefen  Ernst  dieser  leicht  zu  mißbrauchenden  Lehre  zu  verdeutlichen,  und
mehrere  seiner  aufgeregten  Hörer  gewannen,  wie  Karl  Sand,  nur  den  Ein—
druck,  daß  der  Zweck  das  Mittel  heilige.  Auch  Fries  stand  ratlos  vor
dem  erwachenden  Demagogentum  und  verfehlte  oft  den  Ton:  wenn  er  die
Studenten  gewissenhaft  vor  Geheimbünden  warnte,  so  meinte  er  die  bittere
Pille  durch  radikale  Kraftreden  versüßen  zu  müssen  und  polterte  so  gröb—
lich  wider  die  Polizeigewalt,  welche  „die  Eichen  und  Fichten  der  deutschen
Wälder  an  ihre  Hopfenstangen  binde“,  daß  seine  Worte  mehr  aufreizend
als  beruhigend  wirkten.  In  einem  Glaubensbekenntnis  für  die  jungen
Leute  sagte  er:  „Ich  halte  heilig  die  Forderung  eines  neuen  deutschen  Rechts
und  einer  kräftigen  republikanischen  Reichsordnung  für  Deutschlands  Einheit.
Ich  hasse  das  Regiertwerden  durch  hochwohlgeborene  französische  Affen  und
das  Belehrtwerden  durch  wohlgeborene  lateinische  Affen.  Ich  hasse  die  Unterdrückung
  des  Volks  durch  stehende  Heere,  durch  die  Kosten  anmaßlicher  dummstolzer
  Müßiggänger  als  Offiziere.  Das  Volk  ist  das  Heer  und  der  Herr.“
Selbst  Arndts  freie  Seele  blieb  von  der  Verbitterung  der  Zeit  nicht  unberührt.
  Der  vierte  Band  seines  „Geistes  der  Zeit“,  der  im  Jahre  1818  erschien,
  stand  den  früheren  Bänden  weit  nach;  das  schöne  Pathos  der  Befreiungskriege
  genügte  jetzt  nicht  mehr.  Mußte  sich  die  Jugend  nicht  in  ihrem
Dünkel  bestärkt  fühlen,  wenn  ihr  Arndt  den  siebenjährigen  Krieg  als  ein  leeres
Märchen,  die  Werke  unserer  klassischen  Dichtung  als  klein  und  seelenlos,  als
die  Kinder  einer  gestaltlosen,  liebeleeren  und  ruhmleeren  Zeit  schilderte?  Er
meinte  unschuldig,  geheime  Verschwörungen  seien  nur  dann  erlaubt,  „wenn
ein  fremdes  Volk  oder  ein  tückischer  Tyrann  dahin  strebt,  das  ganze  Geschlecht
zu  Hunden,  Affen  und  Schlangen  zu  vertieren“,  und  ahnte  nicht,  daß  seine
jungen  Leser  schon  längst  glaubten  von  solchen  tückischen  Tyrannen  beherrscht
zu  werden.  Franzosen  und  Polen,  rief  er  aus,  haben  eine  Verfassung,  „und
uns  will  man  in  dumme  Geistlosigkeit  hinstrecken  wie  die  toten  Klötze“;  dem
preußischen  Heere  aber  hielt  er  die  lockere  Milizverfassung  der  schwedischen
Indelta-Armee,  die  im  letzten  Kriege  rein  nichts  geleistet  hatte,  als  Muster  vor.
Über  solchen  unbedachten,  aufreizenden  Worten  wurden  die  väterlichen  Warnungen,
  welche  der  edle  Mann  an  „die  teutsche  unflügge  Narrheit  und
Unbescheidenheit“  richtete,  ganz  vergessen.  Es  ist  nicht  anderes,  der  Groll
über  die  Enttäuschungen  dieser  ersten  Friedensjahre  steigerte  sich  in  den  Gelehrtenkreisen
  allmählich  bis  zu  krankhafter  Erhitzung.  Sogar  Schleiermacher
redete  im  Sommer  1818,  als  ob  ein  neues  1806  herannahe  —  und  dies
        <pb n="451" />
        Follen  in  Jena.  443

in  einem  Augenblicke,  da  die  preußische  Regierung  bis  auf  einige  ver—
einzelte  Mißgriffe  noch  schlechterdings  nichts  Tadelnswertes  getan  hatte.

Im  Herbst  1818  siedelte  Karl  Follen  als  Dozent  nach  Jena  über.
Er  wurde  der  Totengräber  der  Burschenschaft,  er  zerstörte  den  unbefangenen
  jugendlichen  Sinn,  der  über  ihren  Anfängen  gewaltet  hatte.
Vergeblich  suchte  Fries  dem  unheilvollen  Manne  die  Wage  zu  halten;
in  den  Redekämpfen  seines  philosophischen  Vereins  zeigte  sich  der  junge
Dozent  dem  Professor  weit  überlegen,  die  Studenten  zogen  sich  mehr  und
mehr  von  dem  gemäßigten  Alten  zurück.  Wohl  blieb  die  Zahl  der  unmittelbaren
  Vertrauten  Follens  sehr  gering,  da  der  gesunde  Sinn  der  Jugend
das  Grauen  vor  dem  Apostel  des  Meuchelmords  nicht  ganz  überwinden
konnte;  zu  seinen  Schülern  gehörten  vornehmlich  sein  blind  ergebener
Sklave  Karl  Sand,  und  Wit  von  Dörring,  ein  liederlicher  Abenteurer,  der
nachher  zum  Verräter  wurde.  Doch  weit  über  diesen  engen  Kreis  hinaus
  reichte  der  verderbliche  Einfluß  seiner  Lehren.  Immer  lauter  ward
über  das  „Abhacken  der  Zwingherrnköpfe"“  geredet.  Im  Laufe  des  Winters
besetzten  die  Schwarzen  durch  einen  häßlichen  Betrug,  da  den  Unbedingten
ja  alles  erlaubt  war,  den  Vorstand  der  Burschenschaft  mit  ihren  Getreuen;
  dann  bildete  sich  ein  Geheimbund,  dessen  Schwurgenossen  nach
der  Art  der  Karbonari  in  Venten  geteilt  waren  und  einander  selber  zum
Teil  unbekannt  blieben.  Solche  Bünde  konnten  zwar,  da  der  offenherzige
Germane  für  die  geheimen  Künste  des  Verschwörers  verloren  ist,  nicht
über  einen  törichten  Mummenschanz  hinaus  gelangen;  doch  unbedenklich
war  es  nicht,  daß  so  viele  einzelne  junge  Männer  in  roher  Prahlerei  mit
dem  Gedanken  des  politischen  Verbrechens  spielten  und  von  Follen  geradezu
die  Weisung  empfingen:  wer  sich  opfern  wolle  müsse  die  befreiende  Tat
ohne  Mitwisser  vollbringen.  Als  einer  der  älteren  Schwarzen,  W.  Snell  in
diesen  Tagen  seines  Amtes  entsetzt  wurde,  erließen  seine  hessischen  Genossen
an  die  Unbedingten  einen  Aufruf  zur  Unterstützung  des  Freundes,  „damit
die  Brut  zittern  lernt  vor  der  höheren  Macht,  welche  das  Racheschwert
nicht  schwächer  als  jetzt  den  Schild  schwingen  wird  wenn  einst  die  Sünde
den  Tag  der  Rache  erweckt.“

Viel  Unheil  ließ  sich  noch  verhindern,  wenn  Follen  und  der  eine
oder  der  andere  seiner  älteren  Genossen  rechtzeitig  aus  Deutschland  entfernt
  wurden;  so  urteilten  in  späterer  Zeit  Männer,  welche  einst  den
Schwarzen  angehört  hatten.  Die  Regierungen  aber  blieben  ohne  nähere
Kunde  von  dem  unruhigen  Treiben  und  sahen  ihm  mit  scheuer  Besorgnis
  zu.  Jene  Handvoll  Demagogen  führte  ihr  schlechtes  Handwerk
fort,  und  einmal  doch  mußte  der  Tag  kommen,  da  die  so  reichlich  ausgestreute
  Saat  frevelhafter  Worte  in  Halme  schoß  und  irgend  ein  Unseliger
mit  dem  Dolche  in  der  Faust  die  Lehre  des  politischen  Mordes  verwirklichte.
        <pb n="452" />
        Achter  Abschnitt.

Der  Aachener  Kongreß.

In  ihrem  Bundesvertrage  vom  20.  Nov.  1815  hatten  die  vier  Mächte
sich  verabredet,  von  Zeit  zu  Zeit  in  persönlichen  Zusammenkünften  über
die  Sicherung  der  Ruhe  Europas  zu  verhandeln,  und  schon  im  Frühjahr
1817  schien  dem  Wiener  Hofe  der  rechte  Augenblick  für  eine  solche  gemeinsame
  Beratung  gekommen  zu  sein.  König  Friedrich  Wilhelm  widersprach;
  er  sah  voraus,  daß  eine  feierliche  Versammlung  des  Vierbundes
alle  die  Höfe,  die  an  ihr  nicht  teilnahmen,  ebenso  lebhaft  beunruhigen
mußte  wie  die  mißtrauische  öffentliche  Meinung;  wie  viel  einfacher,  wenn
er  selbst  und  Kaiser  Franz  ihren  längst  versprochenen  Besuch  in  Petersburg
  gemeinsam  ausführten  und  dort  mit  dem  Zaren  ohne  Aufsehen
das  Nötige  besprächen.)  Metternich  aber  verblieb  bei  seiner  Meinung,
Zar  Alexander  pflichtete  ihm  bei,  und  mittlerweile  vollzog  sich  in  Frankreich
  ein  Umschwung  der  Meinung,  der  eine  neue  Verständigung  der
vier  Mächte  allerdings  ratsam  machte.

Was  die  Staatsmänner  Preußens  auf  dem  Pariser  Kongresse  vorausgesagt,
  ging  in  Erfüllung:  die  Besetzung  Frankreichs  durch  die  Truppen
der  Verbündeten  erwies  sich  mehr  und  mehr  als  eine  Gefahr  für  den
europäischen  Frieden,  den  sie  doch  sichern  sollte.  Wohl  war  das  Besatzungsheer
  bereits  um  ein  Fünftel  vermindert;  die  Haltung  der  Truppen  entsprach
  durchgängig  dem  aufrichtigen  Wohlwollen,  das  die  vier  Mächte  für
die  hergestellte  alte  Dynastie  hegten;  die  Preußen  bei  Bar-le-Duc  und
Sedan  lebten  mit  ihren  Quartierwirten  wie  die  Kinder  vom  Hause.  Als
der  Befehlshaber  des  preußischen  Korps,  General  Zieten  sich  über  die
saumselige  Verproviantierung  der  Festungen  beschwerte,  ermahnte  ihn  Hardenberg
  dringend  zur  Nachsicht:  jeder  Streit  der  Verbündeten  mit  den
französischen  Behörden  komme  nur  den  Ultras  zu  gute  und  könne  leicht
den  Bestand  der  Regierung  gefährden.)  Gleichwohl  blieb  schon  die  Anwesenheit
  der  fremden  Fahnen  auf  dem  heimischen  Boden  eine  schwere

 

*)  Kabinettsrat  Albrecht  an  Hardenberg,  13.  Mai  1817.
*')  Hardenberg  an  Zieten,  22.  März  1816.
        <pb n="453" />
        Die  Räumung  Frankreichs.  445

Kränkung  für  den  französischen  Stolz.  Alle  Parteien  der  Opposition
lärmten  gegen  dies  Königtum,  das  sich  auf  die  Bajonette  des  Auslands
stützte;  auch  die  Ultras  entsannen  sich  nicht  mehr,  wie  beweglich  sie  im
Jahre  1815  die  verbündeten  Monarchen  beschworen  hatten:  „Ihr  wollt
doch  nicht  den  König  allein  in  der  Hand  dieser  Mörder  lassen?“  —  und
wetteiferten  mit  den  anderen  Parteien  in  zornigen  Klagen  wider  die  Herr—
schaft  der  Fremden.

Ohne  die  Befreiung  des  vaterländischen  Bodens  konnte  Richelieu
die  Politik  der  Versöhnung,  die  er  mit  so  viel  Klugheit  und  Selbstver—
leugnung  begonnen  hatte,  nicht  durchführen;  diesen  letzten  Dienst  wollte
er  seinem  Lande  noch  leisten  um  dann,  des  endlosen  Parteikampfes  müde,
zurückzutreten.  Wieder  und  wieder  bestürmte  er  die  Gesandtenkonferenz
der  Vier  mit  seinen  Bitten  und  erinnerte  sie  daran,  daß  die  Sieger  selbst
in  dem  Pariser  Vertrage  sich  die  Verkürzung  der  Besetzungsfrist,  falls
Frankreich  ruhig  bliebe,  vorbehalten  hatten.  Im  November  1817  ging
er  noch  einen  Schritt  weiter  und  verkündete  den  Kammern  bei  ihrer  Wiedereröffnung,
  daß  bereits  Unterhandlungen  wegen  der  Räumung  des  Gebietes
  eingeleitet  seien.  Sämtliche  Parteien  empfingen  die  Nachricht  mit
einem  Sturm  patriotischer  Freude,  und  jedermann  fühlte:  wenn  Richelien
die  Erwartungen,  die  er  geweckt,  nicht  zu  befriedigen  vermochte,  dann
war  seine  gemäßigte  Regierung,  deren  Fortdauer  die  vier  Mächte  ebenso
lebhaft  wünschten  wie  König  Ludwig  selber,  unrettbar  verloren.  In  der
Gesandtenkonferenz  fanden  Richelieus  Bitten  zunächst  nur  bei  Pozzo  di
Borgo  Gehör;  der  Korse  blieb  noch  immer  der  vertraute  Ratgeber  der
Bourbonen  und  hatte  sich  in  die  Anschauungen  seines  Geburtslandes  so
gänzlich  wieder  eingelebt,  daß  man  jetzt  zum  zweiten  Male  ernstlich  daran
dachte,  ihm  einen  französischen  Ministerposten  anzubieten.  Es  fiel  ihm
nicht  schwer,  seinen  Kaiser,  der  so  gern  den  hochherzigen  Beschützer  Frankreichs
  spielte,  für  seine  Ansicht  zu  gewinnen.  Unbekümmert  um  seine
Verbündeten  ließ  der  Zar  in  Paris  ermutigende  Zusicherungen  geben,
und  Metternich,  der  anfangs  jede  Verkürzung  der  Besetzungsfrist  weit
von  sich  gewiesen  hatte,  kam  schon  im  Frühjahr  1818  zu  der  Einsicht,  daß
alles  Widerstreben  vergeblich  sei.  Am  9.  April  gestand  er  dem  preußischen
  Gesandten,  er  sehe  „den  Tod  im  Herzen“  voraus,  daß  nach  den
Kammerreden  in  Paris  und  dem  einseitigen  Vorgehen  Alexanders  die  vorzeitige
  Räumung  doch  erfolgen  werde.“)

Der  Anblick  der  inneren  Zustände  Frankreichs  konnte  den  ängstlichen
Staatsmann  freilich  nicht  beruhigen.  Wenngleich  die  Herrschaft  der  Ultras
endlich  gebrochen  war,  so  währte  doch  der  Kampf  der  Parteien  noch  mit
der  alten  maßlosen  Gehässigkeit  fort,  und  noch  immer  hatte  nur  eine
kleine  Minderheit  der  Franzosen  den  Rechtsboden  des  neuen  konstitu- 



*)  Krusemarks  Bericht,  9.  April  1818.
        <pb n="454" />
        446  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

tionellen  Königtums  ehrlich  anerkannt.  Jawohl,  sagte  ein  Heißsporn
der  Ultras,  Matthieu  de  Montmorency  zu  einem  Liberalen,  Ihr  liebt
die  Legitimität  ebenso  wie  wir  die  Charte  lieben!  Mit  jeder  Waffe  be—
kämpfte  Graf  Artois  die  besonnene  Politik  seines  königlichen  Bruders;
Vitrolles,  einer  der  Vertrauten  des  Pavillon  Marsan,  sendete  im  Mai
1818  zum  dritten  Male  eine  geheime  Denkschrift  an  die  vier  Mächte  und
beschwor  sie,  durch  den  Sturz  des  Ministeriums  Richelieu  die  Revolution
abzuwenden.  Voll  blinden  Hasses  gegen  die  gemäßigte  Regierung  trugen
die  Ultras  kein  Bedenken,  sich  gelegentlich  selbst  mit  den  Bonapartisten  und
den  Radikalen  zu  verbinden.  An  der  Mittelpartei  der  Doktrinäre  fand  das
Kabinett  auch  keine  Stütze,  obwohl  sie  die  Versöhnung  von  „Erblichkeit
und  Freiheit“  auf  ihr  Banner  geschrieben  hatte;  nach  der  unfehlbaren
Theorie  der  Nachfolger  Montesquieus  sollte  ja  das  Mißtrauen  gegen  die
Regierung  die  belebende  Kraft  jedes  freien  Staates  sein,  und  nichts  er—
schien  schimpflicher  als  der  Name  einer  ministeriellen  Partei.  Im  Volke
wurden  unheimliche  Gerüchte  von  der  bevorstehenden  Herstellung  der
Zünfte,  der  Zehnten  und  Frohnden  umhergetragen;  die  Käufer  der  Natio—
nalgüter  fühlten  sich  ihrer  Habe  nicht  sicher,  da  die  Emigranten  stürmisch
ihren  Familienbesitz  zurückforderten  und  über  ihre  Entschädigung  noch  nichts
beschlossen  war.  Dazu  das  unterirdische  Treiben  der  geheimen  Gesell—
schaften  und  der  täglich  wachsende  Zauber  der  napoleonischen  Legende.
Rasch  nacheinander  kehrten  drei  der  Getreuen  von  St.  Helena,  O'Meara,
Las  Cases  und  Gourgaud  nach  Europa  zurück.  Las  Cases  verweilte  lange
in  Deutschland  und  begann  mit  den  Beauharnais  einen  verdächtigen  Ver—
kehr,  der  für  jedermann  offenkundig  war,  nur  nicht  für  die  bonapartistische
Münchener  Polizei.  Dann  erschienen  die  ersten  Bände  jener  Memoiren—
literatur,  welche  die  Rückkehr  der  Napoleons  vorbereiten  sollte,  unge—
heuerliche  Lügen,  gigantisch  wie  der  Mann,  dem  sie  galten;  und  mit  Ent—
setzen  vernahm  Frankreich  die  Schauergeschichten  von  den  namenlosen
Leiden  des  Gefangenen,  dem  in  Wahrheit  nichts  fehlte  als  die  Freiheit,
von  der  teuflischen  Grausamkeit  seines  Wächters,  des  Gouverneurs  Hudson
Lowe,  der  in  Wahrheit  nur  etwas  pedantisch,  aber  ehrenhaft  seine  Sol—
datenpflicht  erfüllte.

Seit  Handel  und  Wandel  sich  wieder  erholten,  waren  die  Opfer
und  die  Greuel  der  Kriegszeit  bald  vergessen;  der  Anblick  der  fremden
Bajonette  rief  die  Erinnerung  an  die  Glorie  der  kaiserlichen  Adler  wach.
Neben  der  törichten  Hoffart  des  heimgekehrten  alten  Adels  erschien  der
gekrönte  Plebejer  wie  ein  demokratischer  Held,  und  jetzt  erfuhr  man  aus
den  rührenden  Gesprächen  von  der  Felseninsel,  wie  inbrünstig  er  sein
Frankreich  geliebt  und  wie  er  der  Nation  auch  die  Freiheit  hatte  schenken
wollen,  wenn  nur  nicht  die  Feindseligkeit  boshafter  Nachbarn  dem  Fried—
fertigen  immer  wieder  das  Schwert  in  die  Hand  gezwungen  hätte.  Unter—
dessen  warf  Beranger  seine  feurigen  Kaiserlieder  unter  das  Volk,  und  es
        <pb n="455" />
        Parteiung  in  Frankreich.  447

geschah  wie  er  weissagte:  die  Bauernhütte  kannte  bald  keine  andere  Ge—
schichte  mehr,  Napoleon  wurde  den  Massen  der  Nation  in  Nord-  und
Mittelfrankreich  der  einzige  Held  des  Jahrhunderts.  Auch  in  den  Staaten
des  Rheinbunds  war  der  kaum  erst  eingeschlummerte  Napoleonskultus
bereits  wieder  erwacht.  In  jedem  Wirtshause  des  deutschen  Südens
hingen  die  Abbildungen  der  napoleonischen  Schlachten,  und  mehrmals
mußte  der  Gesandte  König  Ludwigs  beim  Münchener  Hofe  Klage  führen,
weil  Bilder  und  Statuetten  des  Soldatenkaisers  von  unbekannter  Hand
in  der  bayrischen  Armee  verteilt  wurden.

So  fand  sich  die  beste  und  wohltätigste  Regierung,  welche  Frankreich
  seit  der  Revolution  gesehen,  von  allen  Seiten  her  bedroht.  Die  vier
Mächte  aber,  die  bis  in  das  Jahr  1817  hinein  vor  allem  die  Parteiwut
der  Ultraroyalisten  gefürchtet  hatten,  begannen  jetzt  die  geheimen  Umtriebe
  der  Radikalen  und  die  Kriegslust  der  Bonapartisten  als  die  gefährlichsten
  Feinde  des  Bourbonenthrones  zu  betrachten.  In  der  Tat  ließ
sich  der  Ruf  „Rache  für  Waterloo“  bereits  deutlich  vernehmen.  In  demselben
  Augenblicke,  da  die  französischen  Kammern  die  Räumung  des  Landes
von  den  Verbündeten  forderten,  genehmigten  sie  zugleich  das  neue  Wehrgesetz
  und  nötigten  den  Kriegsminister,  die  Linienarmee  noch  um  50,000
Mann  über  seine  eigene  Forderung  hinaus,  bis  auf  240,000  Mann  zu
verstärken.  Darauf  wurde  eine  dichte  Schar  kaiserlicher  Offiziere  wieder
in  die  Linie  aufgenommen  und  eine  starke  Reserve-Armee  gebildet,  die  fast
ausschließlich  aus  napoleonischen  Veteranen  bestand.  Begreiflich  genug,
daß  alle  diese  Vorgänge  in  der  preußischen  Armee  als  Vorboten  des
nahenden  dritten  punischen  Krieges  angesehen  wurden;  Gneisenau  namentlich
  war  und  blieb  der  Ansicht,  nur  die  vollständige  Abdankung  des  bonapartistischen
  Heeres  könne  die  neue  Ordnung  der  Dinge  einigermaßen
sicherstellen.)

Weder  in  London  noch  in  Wien  und  Berlin  täuschte  man  sich  über
die  Schwäche  der  bourbonischen  Herrschaft;  man  erwartete  ihren  Sturz
sogar  noch  früher  als  er  wirklich  eintrat.  Die  Berichte  Wellingtons,  des
Oberbefehlshabers  in  Frankreich,  lauteten  fast  hoffnungslos.  Gleichwohl
erkannten  alle,  daß  das  Ansehen  der  legitimen  Dynastie  durch  die  Anwesenheit
  der  fremden  Truppen  nur  noch  mehr  gefährdet  wurde.  Schon  im
Mai  1818  waren  die  vier  Mächte  ohne  förmliche  Abrede  einig  in  dem
Entschlusse,  die  Zeit  der  Okkupation  von  fünf  auf  drei  Jahre  herabzusetzen
  und  das  Nähere  auf  dem  bevorstehenden  Fürstentage  zu  vereinbaren.
  Dem  preußischen  Hof  kostete  es  wenig  Mühe,  sich  mit  diesem
Gedanken  zu  befreunden,  da  Hardenberg  von  vornherein  auf  die  Okkupationsarmee
  geringen  Wert  gelegt  hatte.  Weil  der  König  von  Spanien
sich  durch  seine  Ausschließung  gekränkt  zeigte  und  auch  andere  Höfe  ihre

 

*)  Gneisenaus  Bemerkungen  zu  Royers  Berichten  aus  Paris,  28.  Dez.  1818.
        <pb n="456" />
        448  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Verstimmung  nicht  verbargen,  so  beschloß  man,  den  Namen  eines  Kongresses
sorglich  zu  vermeiden  und  sprach  nur  von  einer  Réunion,  einer  Entrevue.
Die  Pariser  Gesandtenkonferenz  erklärte  den  Mächten  zweiten  Ranges
(25.  Mai),  daß  die  Reunion  lediglich  den  zweifachen  Zweck  habe  den  Vierbund
  von  neuem  zu  befestigen  und  unter  Mitwirkung  des  Allerchristlichsten
  Königs  über  die  Räumung  Frankreichs  zu  beschließen;  die  Teilnahme
  anderer  Souveräne  oder  Staatsmänner  würde  der  Zusammenkunft
  den  Anschein  eines  Kongresses  geben  und  neue  Beunruhigungen
hervorrufen.  Nicht  ohne  Mühe  gelang  es  den  Unwillen  der  kleinen  Höfe,
deren  Truppen  doch  auch  in  Frankreich  standen,  zu  beschwichtigen.  Zum
Versammlungsort  ward  Aachen  bestimmt,  weil  diese  Stadt,  wie  Metternich
sagte,  so  wenig  Ressourcen  bot:  man  war  entschlossen  diesmal  rasch  und
ernstlich  zu  arbeiten,  jeden  Widerspruch  gegen  die  Diktatur  der  vier  Höfe
durch  die  Macht  der  vollendeten  Tatsachen  zu  ersticken.)

Mittlerweile  hatten  die  vier  Mächte  der  bourbonischen  Krone  bereits
einen  neuen  Beweis  freundlicher  Gesinnung  gegeben.  Durch  den  zweiten
Pariser  Frieden  war  König  Ludwig  verpflichtet,  alle  die  auswärtigen  Privatleute,
  Gemeinden  und  Korporationen  zu  befriedigen,  welche  noch  von  den
napoleonischen  Tagen  her  Geldforderungen  an  die  Krone  Frankreichs  zu
stellen  hatten.  Als  diese  Zusage  unterzeichnet  wurde,  ahnte  niemand  was
sie  bedeute;  man  dachte  mit  100  Mill.  Fr.  alles  auszugleichen,  da  die
Kriegslasten  und  -Leistungen  grundsätzlich  unberücksichtigt  bleiben  sollten.
Welch  ein  Schreck,  als  sich  nun  nach  und  nach  der  ganze  Umfang  der
napoleonischen  Plünderungen  herausstellte.  Im  Sommer  1817  waren
außer  180  Mill.  Fr.  bereits  anerkannter  und  teilweise  befriedigter  Schulden
  noch  neue  Forderungen  im  Betrage  von  1390  Mill.  angemeldet.
Einige  frivole  Ansprüche  liefen  freilich  mit  unter;  so  verlangte  der  Herzog
von  Bernburg  den  Sold  für  eine  Reiterschar,  welche  einer  seiner  Ahnen
zur  Zeit  der  Hugenottenkriege  dem  Heere  Heinrichs  IV.  zugeführt  hatte.
Aber  weitaus  die  meisten  Forderungen,  mindestens  eine  Milliarde,  ließen
sich  rechtlich  nicht  anfechten;  und  das  alles  hatte  Napoleon  zumeist  in
befreundeten  oder  neutralen  Ländern  von  Privaten  erpreßt.  Die  Mehrzahl
  der  Rechnungen  kam  aus  Spanien,  aus  den  deutschen  Kleinstaaten
und  vornehmlich  aus  Preußen,  das  unter  dem  Durchmarsch  der  großen
Armee  so  schwer  gelitten  und  allein  über  ein  Viertel  der  Gesamtsumme
zu  fordern  hatte;  Oesterreich  und  England  waren  unverhältnismäßig
weniger,  Rußland  fast  gar  nicht  beteiligt.  Die  vier  Mächte  konnten  sich
nicht  verhehlen,  daß  die  vollständige  Befriedigung  aller  dieser  Gläubiger
fast  unmöglich  war;  jedes  französische  Kabinett,  das  einen  solchen  Vorschlag
  vor  die  Kammer  gebracht  hätte,  wäre  dem  vereinten  Ansturm  aller

 

*)  Ministerialschreiben  an  Krusemark,  20.  Mai;  Arnims  Bericht,  München  10.  Juni;
Schölers  Bericht,  Petersburg  7.  Febr.  1818.
        <pb n="457" />
        Vertrag  über  die  französischen  Schulden.  449

Parteien  unzweifelhaft  sofort  erlegen,  und  was  sollte  werden,  wenn  die
Ultras  wieder  ans  Ruder  kamen?

Daher  erklärte  sich  selbst  Hardenberg,  auf  die  flehentlichen  Bitten  des
französischen  Gesandten,  endlich  bereit  in  ein  Abkommen  zu  willigen,  wenn
die  beteiligten  deutschen  Höfe  zustimmten;  nur  dürfe  die  Herabsetzung
der  Forderungen  ein  billiges  Maß  nicht  überschreiten,  weil  die  Unzufrieden—
heit  der  enttäuschten  Gläubiger,  namentlich  in  den  neugewonnenen  deutschen
Ländern  ernstlich  zu  fürchten  sei.“)  Aber  inzwischen  hatte  Zar  Alexander
wieder  einmal  auf  Kosten  der  Bundesgenossen  seine  Großmut  leuchten
lassen  und  dem  Tuilerienhofe  eigenmächtig  die  Herabminderung  der  Rech—
nung  versprochen.  Er  setzte  durch,  daß  die  Entscheidung  in  die  Hände
der  Pariser  Gesandtenkonferenz  gelegt  wurde,  und  hier  befand  sich  Preußen
wieder  in  der  nämlichen  ungünstigen  Lage  wie  auf  den  beiden  Friedens—
kongressen:  sein  Gesandter  stand  Einer  gegen  Drei,  als  der  einzige  Hei—
schende  unter  lauter  Nachgiebigen,  und  erreichte  nur  soviel,  daß  seine
Verbündeten  die  Vorschläge  Richelieus,  der  eine  Zahlung  von  200  Mill.
anbot,  nicht  ohne  Weiteres  annahmen.  Durch  Wellingtons  Vermittlung
kam  endlich  am  25.  April  1818  ein  Vertrag  zustande,  kraft  dessen  die
Krone  Frankreich  für  alle  noch  unerledigten  Forderungen  240,8  Mill.  Fr.
in  Rentenbriefen  (eine  Rente  von  12,04  Mill.)  binnen  Jahresfrist  zahlen
sollte.  Bei  der  Verteilung  der  Summe  nahm  Wellington,  dem  alt—
englischen  Brauche  getreu,  für  sein  Land  sofort  ein  Viertel  der  12  Mill.
Rente  in  Anspruch,  so  daß  die  englischen  Gläubiger  fast  vollständig  be—
friedigt  wurden,  während  die  deutschen  sich  mit  einem  Sechstel  ihrer  For—
derungen  begnügen  mußten.  Dergestalt  ward  eine  feierliche  Versprechung
des  Pariser  Friedensvertrags  durch  einen  Machtspruch  Englands,  Rußlands
und  Osterreichs,  gegen  Preußens  Widerspruch  und  ohne  jede  Anfrage  bei
den  kleinen  Höfen,  großenteils  zurückgenommen.  Frankreichs  auswärtige
Gläubiger  erlitten  eine  Einbuße  von  800  Mill.  Die  Geschädigten  klagten
laut,  die  liberale  Presse  Deutschlands  erging  sich  in  bitteren  Vorwürfen
gegen  die  „heilige  Allianz“,  die  man  stets  für  die  Taten  des  Vier—
bundes  verantwortlich  machte.  Wieder  und  wieder  mußte  die  deutsche  Nation
erfahren,  daß  sie  die  Sicherung  ihrer  Rechte  allein  von  ihrer  eigenen
Macht,  nicht  von  dem  guten  Willen  ihrer  Verbündeten  erwarten  durfte.

Mit  alledem  war  die  Großmut  des  Zaren  gegen  die  Bourbonen
noch  nicht  erschöpft.  Richelieu  hegte  seit  langem  den  Wunsch,  daß  mit
der  Okkupation  auch  die  in  der  Tat  unnatürliche,  demütigende  Aus—
nahmestellung,  welche  Frankreich  jetzt  noch  unter  den  großen  Mächten  einnahm,
  ein  Ende  finden  würde.  Er  hoffte,  der  Aachener  Kongreß  werde
die  Krone  Frankreich  zum  Eintritt  in  den  Vierbund  einladen  und  also
die  alte  Gleichberechtigung  der  Großmächte  wieder  herstellen.  Unbedenklich

 

*7)  Krusemarks  Bericht,  27.  Sept.;  Weisung  Hardenbergs  an  Krusemark,  23.  Nov.  1817.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  29
        <pb n="458" />
        450  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

kam  Alexander  diesen  Anträgen  entgegen;  die  Neigungen  seines  edlen
Herzens  gingen  wieder  wie  so  oft  schon  mit  den  Interessen  der  russischen
Politik  einträchtig  Hand  in  Hand.  Wenn  der  von  Pozzo  di  Borgo  völlig
beherrschte  Tuilerienhof  in  den  hohen  Rat  Europas  eintrat,  so  gebot
der  Zar  in  Wahrheit  über  zwei  Stimmen  und  brauchte  nur  noch  einen
der  drei  anderen  Höfe  zu  gewinnen,  dann  war  ihm  die  Mehrheit,  die
Führerschaft  im  Weltteil  gesichert.  Eben  deshalb  erregten  die  Wünsche
Richelieus  in  Wien,  in  Berlin  und  London  ernste  Bedenken,  Metternich
erklärte  sie  im  ersten  Schrecken  für  gänzlich  unannehmbar.“)  Die  drei
Höfe  sahen  dem  Kongresse  mit  lebhafter  Besorgnis  entgegen;  sie  wollten
mindestens  Pozzo  selbst  von  dem  Kongresse  fern  halten  und  beschlossen
daher  in  der  Pariser  Gesandtenkonferenz,  mit  drei  Stimmen  gegen  die
eine  Rußlands,  daß  die  vier  Gesandten  während  der  Aachener  Bera—
tungen  in  Paris  bleiben  sollten.  —

Da  zeigte  sich  plötzlich  in  der  Politik  des  Zaren  eine  auffällige,  den
fremden  Mächten  vorerst  noch  rätselhafte  Anderung.  Noch  ganz  be—
rauscht  von  seinen  völkerbeglückenden  Ideen  war  der  erlauchte  Vorkämpfer
des  christlichen  Liberalismus  soeben  aus  Polen  zurückgekehrt;  selbst  die
Verhandlungen  des  Warschauer  Reichstags,  welche  die  unheilbare  politische
Torheit  des  polnischen  Adels  sogleich  wieder  an  den  Tag  brachten,  hatten
Alexanders  frohe  Zuversicht  nicht  erschüttert.  Daheim  erwartete  ihn  eine
neue  Freude:  seine  zärtlich  geliebte  Schwägerin,  Großfürstin  Charlotte,  die
jetzt  den  Namen  Alexandra  Feodorowna  führte,  schenkte  ihrem  Gemahl  im
April  1818  einen  Sohn,  den  Thronerben  des  Hauses  Gottorp,  Alexander  II.
Einige  Wochen  nachher  brach  König  Friedrich  Wilhelm  auf  um  sein  erstes
Enkelkind  zu  begrüßen.  Er  freute  sich  unterwegs  an  dem  hellen  Jubel
seiner  treuen  Ostpreußen,  die  ihren  König  seit  den  schweren  Königsberger
Zeiten  zum  ersten  Male  wieder  sahen,  und  ward  in  Rußland  mit  orien—
talischem  Prunk  empfangen.  Fest  folgte  auf  Fest,  die  beiden  Hauptstädte
und  die  reichen  Bojaren  wetteiferten  in  Glanz  und  Pracht,  in  über—
schwenglichen  Kundgebungen  dynastischer  Gesinnung.  Und  eben  jetzt,  mitten
im  Rausche  der  Freuden  erhielt  der  Zar  durch  unanfechtbare  geheime
Mitteilung  die  Gewißheit,  daß  seine  Gardeoffiziere  während  des  Aufent—
halts  in  Frankreich  nicht  umsonst  von  den  verbotenen  Früchten  der  revo—
lutionären  Lehren  gekostet  hatten,  daß  an  seinem  eigenen  Hofe  schon  seit
1816  einige  demagogische  Geheimbünde  bestanden,  deren  Anhang  unaufhaltsam
  wuchs.  Es  war  der  entscheidende  Augenblick  seiner  letzten  Lebensjahre.
  Also  er  selbst,  der  hochherzige  Wohltäter  der  Völker,  den  sogar
die  besiegten  Franzosen  als  den  Heiland  des  Weltteils  feierten,  sah  sich
in  seinem  Hause  von  Rebellen  und  Verschwörern  umgeben,  er  wurde  von
derselben  liberalen  Partei,  die  ihn  als  ihren  Beschützer  hätte  ehren  sollen,

 

*)  Krusemarks  Bericht,  20.  Juni  1818.
        <pb n="459" />
        Umschwung  der  russischen  Politik.  451

mit  schwarzem  Undank  belohnt!  Er  fühlte  sich  erschüttert  bis  ins  Mark;
alle  die  gräßlichen  Erlebnisse  seiner  Jugend,  die  Ermordung  seines  Vaters
und  der  freche  Ubermut  der  unbestraften  Mordgesellen  kamen  ihm  wieder
  ins  Gedächtnis.

Zu  strafen  wagte  er  auch  diesmal  nicht;  sorgfältig  verbarg  er  sein
Geheimnis  vor  aller  Welt,  doch  sein  Argwohn  war  geweckt,  seine  stolze
Sicherheit  gebrochen,  und  von  der  russischen  Verfassung,  die  er  soeben
noch  in  Warschau  dem  staunenden  Europa  angekündigt,  verlautete  fortan
kein  Wort  mehr.  In  seinen  jungen  Tagen  hatte  er  sich  an  Speranskys
liberalen  Reformgedanken  und  an  Czartoryskis  polnischen  Plänen  begeistert;
  jetzt  wurde  Fürst  Alegander  Galitzin  sein  Vertrauter,  ein  sanfter
mystischer  Schwärmer,  der  die  Bußpredigten  der  Frau  von  Krüdener  auf
seine  Weise  fortsetzte.  Noch  häufiger  als  bisher  übermannte  den  Zaren
die  Schwermut,  der  Ekel  über  die  Lüge  dieses  Lebens.  Er  hatte  Stunden,
da  er  ernstlich  daran  dachte  die  Krone  niederzulegen  und  sich  in  beschauliche
  Einsamkeit  zurückzuziehen;  im  Jahre  1819  kündigte  er  einmal  dem
Großfürsten  Nikolaus  diese  Absicht  feierlich  an  und  fügte  hinzu,  daß  er
ihn,  den  dritten  Bruder,  als  den  kräftigsten  Mann  des  Hauses  über  die
Schultern  des  unfähigen  Konstantin  hinweg  auf  den  Thron  zu  erheben
denke.  So  radikale  Entschlüsse  vermochte  Alexanders  weiche  Natur  freilich
nicht  festzuhalten.  Er  blieb  am  Ruder  und  auch  den  holden  Traum  der
christlich-liberalen  Weltherrschaft  gab  er  nicht  gänzlich  auf;  noch  oft  genug
hatte  der  Wiener  Hof  über  bedenkliche  Rückfälle  Rußlands  zu  klagen.
Aber  das  Schreckensbild  des  drohenden  revolutionären  Weltbrandes,  das
in  allen  Briefen  Metternichs  an  Nesselrode  beharrlich  wiederkehrte,  erschien
dem  Selbstherrscher  jetzt  nicht  mehr  als  ein  Phantom;  er  lächelte  nicht
mehr,  wenn  der  österreichische  Minister  versicherte,  Frankreich  bleibe  zwar
der  Herd  der  Revolution,  doch  die  unruhige  Bewegung  auf  den  deutschen
Universitäten  sei  im  Grunde  noch  bedenklicher,  weil  die  Deutschen  alles,
auch  das  politische  Verbrechen  mit  Ausdauer  und  Ehrlichkeit  betrieben.
Er  begann  die  Wiener  Staatsmänner,  die  er  bisher  so  tief  verachtet
hatte,  allmählich  mit  andern  Augen  anzusehen  und  hielt  sich  überzeugt,
daß  nur  die  rückhaltlose  Eintracht  der  Ostmächte  die  Ruhe  der  Welt  zu
sichern  vermöge.

Als  er  im  September  nach  Deutschland  kam,  erschien  er  seinem  preußischen
  Reisebegleiter  General  Borstell  wunderbar  verändert.  Keine  Rede
mehr  von  den  liberalen  Institutionen,  von  der  Versöhnung  zwischen  Freiheit
  und  Ordnung;  jetzt  gelte  es,  das  monarchische  System  und  den
Weltfrieden  im  Sinne  der  heiligen  Allianz  gegen  die  Mächte  der  Revolution
  zu  verteidigen;  deshalb  allein,  beteuerte  der  Zar,  halte  ich  eine
Million  Soldaten  auf  den  Beinen,  um  jeden  zu  zermalmen,  der  mein
System  zu  stören  wagt.  Das  gewohnte  Prahlen  mit  imaginären  Zahlen
konnte  er  also  auch  jetzt  noch  nicht  lassen;  indes  bemühte  er  sich  eifrig,

29*
        <pb n="460" />
        452  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

das  offen  eingestandene  Mißtrauen  des  Preußen  gegen  Rußlands  ehrgeizige
Pläne  zu  beschwichtigen  und  entschuldigte  sich  sogar  vor  ihm  wegen  des
Tilsiter  Friedens  und  der  Erwerbung  von  Bialhstock..)  In  Berlin  beteuerte
  er  seinem  königlichen  Freunde,  als  dieser  den  Grundstein  des
Siegesdenkmals  auf  dem  Kreuzberge  legte,  noch  einmal  vor  allem  Volke
seine  unverbrüchliche  Treue  und  vernahm  befriedigt,  wie  Stägemann  ihn  in
einer  pomphaften  Ode  als  die  Seele  des  europäischen  Friedensbundes  feierte:

Und  Heil  Dir  dreimal,  Heil  dem  versöhnenden,

Dem  Bundeshort!  Der  Könige  Stirnen,  oft

Berauscht  vom  Lorbeer,  sind  nicht  allzeit
Fromme  Bewahrer  des  milden  Olzweigs.

Auch  in  Weimar,  in  Darmstadt,  in  Frankfurt,  überall  wohin  ihn  seine
Reise  noch  führte,  mahnte  er  die  Fürsten  und  Staatsmänner  zur  Wachsamkeit
  gegen  die  Demagogen  und  erinnerte  nachdrücklich  an  die  konservativen
  Grundsätze  des  heiligen  Bundes.

Mittlerweile  waren  Metternich  und  Gentz  mit  Kapodistrias  in  Karlsbad
zusammengetroffen.  Das  Städtchen  im  Waldtale  der  Tepel  war  damals
das  eleganteste  Modebad  Deutschlands  und  wurde  von  Gentz  als  ein  „für
uns  höchst  nützlicher  Ort“  gelobt.  Hier  strömte  alljährlich  die  vornehme
Welt  von  den  deutschen  Höfen  zusammen  und  erlabte  sich  an  den  eigentümlichen
  Freuden  des  aristokratischen  alten  Osterreichs;  kein  einziges
schönes  Gebäude  in  dem  ganzen  Tale,  aber  dafür  reizende  Frauen  und
prächtige  Toiletten  so  viel  das  Herz  begehrte,  Konzerte,  Schmäuse  und
Bälle  im  Uberfluß  und  eine  Kavalier-Allee,  wo  jeder  Reiter  einen  Dukaten
  Eintrittsgeld  bezahlte.  Hier  trat  Metternich  wie  der  Herr  vom
Hause  auf,  bezauberte  jedermann  bald  durch  geheimnisvolle  Würde,  bald
durch  verbindliche  Liebenswürdigkeit  und  lud  auch  wohl  einzelne  bevorzugte
  Gäste,  vornehmlich  die  Preußen,  nach  dem  nahen  Königswart  ein,
wo  er  sich  sein  häßliches  Schloß,  nach  seiner  Art,  durchaus  geschmacklos
aber  glänzend  eingerichtet  hatte.  Von  den  Unterredungen  mit  Kapodistrias
versprach  er  sich  nichts  Gutes,  da  er  den  Philhellenen  kurzweg  zu  „den
faselnden  Staatsmännern“  rechnete.  Wie  groß  war  sein  Erstaunen,  als.
er  den  Griechen  ganz  konservativ  gesinnt  fand  und  die  Überzeugung  gewann,
  daß  Alexander  mindestens  „das  Grundprinzip  der  Erhaltung  der
Ruhe“  unbedingt  anerkenne.  Befriedigt  schrieb  er  seinem  Monarchen,
was  Kaiser  Franz  immer  am  liebsten  hörte:  es  werde  doch  wohl  alles
beim  alten  bleiben.  Dies  Rußland,  das  er  vor  kurzem  noch  durch  ein
geheimes  Schutz=  und  Trutzbündnis  mit  Preußen  hatte  bändigen  wollen,
schien  jetzt  wirklich  von  freien  Stücken  in  die  Bahnen  der  allein  wahren
Stabilitätspolitik  einzulenken.  —

 

*)  Zehn  Tage  meines  Lebens.  Erinnerungen  von  General  v.  Borstell.  (Nordd.
Allg.  Ztg.  10.  Aug.  1879  ff.)
        <pb n="461" />
        Hardenberg  in  Engers.  453

Nach  dem  unverkennbaren  Umschwung  der  russischen  Politik  durfte
Metternich  in  der  Tat  hoffen,  daß  Osterreich  binnen  kurzem  die  Stelle
des  Führers  in  dem  europäischen  Bunde  erlangen  würde.  Auf  die  Freundschaft
  des  Tory-Kabinetts  konnte  er  sich  fest  verlassen,  obschon  Lord  Castlereagh
  auf  die  erstarkende  Opposition  der  Whigs  einige  Rücksicht  zu
nehmen  hatte  und  darum  wo  möglich  jeden  förmlichen  Vertrag,  der  im
Parlamente  Anstoß  geben  konnte,  zu  vermeiden  wünschte.  Auch  in  Preußen
ließ  sich  die  reaktionäre  Strömung  der  Zeit  schon  in  leisen  Wellenschlägen
verspüren.  Das  Wartburgfest  hatte  den  König  tief  und  nachhaltig  verstimmt.
  Nicht  ohne  Bangen  verließ  Hardenberg  den  Hof  um  die  ersten
Monate  des  Jahres  1818  auf  Schloß  Engers  am  Rhein  zu  verbringen  und
die  Stimmung  der  schwierigen  Provinz  selber  zu  erkunden.  Seine  schwerste
Sorge  galt  der  Verfassungsarbeit.  Er  wußte,  daß  dies  Unternehmen  allen
anderen  Großmächten  ebenso  unheimlich  war  wie  das  preußische  Wehrgesetz.
Uber  die  Meinung  des  Wiener  Hofes  bestand  kein  Zweifel,  obgleich
Metternich  sich  noch  nicht  offen  ausgesprochen  hatte.  Aus  Paris  meldete
Goltz  schon  im  April  1817  und  dann  immer  aufs  neue,  wie  dringend
Wellington  und  Richelieu  ihn  vor  dem  unsinnigen  Wagnis  einer  preuhischen
  Verfassung  gewarnt  hätten;  und  was  das  Verdächtigste  war,  beide
Staatsmänner  vertraten  genau  dieselbe  Ansicht  wie  Ancillon  und  die  reaktionäre
  Partei  in  Berlin;  sie  meinten,  ein  so  buntgemischter  Staat  wie
Preußen  müsse  sich  mit  Provinzialständen  begnügen.  Auch  Zar  Alexander
tat  selbst  in  den  Tagen,  da  er  der  Welt  das  Programm  des  christlichen
Liberalismus  verkündigte,  durchaus  nichts  um  die  preußische  Verfassung
zu  fördern;  man  erfuhr  nur,  daß  er  sich  schwer  besorgt  über  die  politische
Zuverlässigkeit  der  preußischen  Landwehr  äußerte.

Hardenberg  fühlte,  wie  leicht  ihm  alle  diese  Gegner  über  den  Kopf
wachsen  konnten,  und  mahnte  die  Minister  in  Berlin  wiederholt  und  nachdrücklich
  zur  Beschleunigung  der  Verfassungsarbeit.)  Aber  der  Verfassungsausschuß
  des  Staatsrats  konnte  seine  Beratungen  nicht  beginnen,
so  lange  ihm  die  Berichte  der  drei  Minister,  welche  die  Provinzen  bereist
hatten,  noch  nicht  vorlagen;  und  diese  Berichte  blieben  aus,  da  Altenstein
und  Klewitz  mit  der  Einrichtung  ihrer  soeben  erst  neu  gebildeten  Departements
  über  und  über  beschäftigt  waren.  Unterdessen  wurden  auch  die
Gutachten  der  Provinzialregierungen  über  die  Provinzialstände  eingefordert;
Vincke  aber  fügte,  als  er  die  westfälischen  Akten  einsendete,  die  treffende
Bemerkung  hinzu,  diese  Papiere  enthielten  viel  unfruchtbares  Gerede,  da
man  den  Regierungen  nur  einige  ganz  allgemein  gehaltene  Fragen  gestellt
  habe.  Der  auf  Klewitzs  Rat  eingeschlagene  Weg  erwies  sich  schon
jetzt  als  ein  Irrweg.  Nur  wenn  ein  ausgearbeiteter  Verfassungsplan  bereits
  vorlag,  konnten  die  Gutachten  der  Notabeln  und  der  Behörden  ein

 

*)  Hardenberg  an  Klewitz,  8.  Dez.  1817,  6.  Jan.  1818.
        <pb n="462" />
        454  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

praktisches  Ergebnis  bringen.  Es  hieß  die  Dinge  auf  den  Kopf  stellen,
die  alten  stolzen  Traditionen  der  Monarchie  verlassen,  wenn  der  Staats—
kanzler,  statt  der  unerfahrenen  öffentlichen  Meinung  die  Richtung  zu  geben,
selber  mutlos  und  planlos  von  seinen  Untergebenen  Rat  erwartete;  so
ward  ihm  jedes  neue  Gutachten  zu  einer  neuen  Verlegenheit.  Er  ver—
zehrte  sich  vor  Ungeduld,  klagte  bitter  über  die  Verzögerung  seines  Lieb—
lingsplans,  und  doch  hatte  er  bisher  noch  nicht  einmal  die  Feder  ange—
setzt  um  mit  dem  Monarchen  und  sich  selber  mindestens  über  die  Grund—
lagen  des  Verfassungsentwurfs  ins  reine  zu  kommen.  Unter  den  Freunden
der  Reform  nahmen  Erbitterung  und  Entmutigung  überhand.  Vincke
hielt  dem  Staatskanzler  vor:  was  müsse  dies  Volk  empfinden,  wenn  andere
Regenten,  „die  nichts  verheißen  haben“,  dem  unseren  voraneilen;  und
Zerboni  schrieb  verzweifelnd:  „Ich  gehe  jeden  Abend  mit  dem  großen
Momente  zu  Bett,  der  für  Preußen  eingetreten  ist,  und  erwache  jeden
Morgen  mit  dem  fressenden  Kummer,  daß  er  ungenützt  vorübergehen
wird.““)

Mit  den  Rheinländern  kam  Hardenberg  bald  auf  guten  Fuß,  sein
heiteres  wohlwollendes  Wesen  gefiel  allgemein;  er  gewann  den  Eindruck,
daß  die  beiden  Provinzen  im  ganzen  musterhaft  verwaltet  wurden  und
bei  allem  Mißmut  keineswegs  ernstlich  an  einen  Abfall  dachten.  Nur
die  üblen  Folgen  des  unbedachten  Verfassungsversprechens  bereiteten  ihm
auch  am  Rhein  manche  schwere  Stunde.  Unter  den  zahlreichen  Deputationen,
  die  er  in  Engers  empfing,  erschienen  auch  Graf  Nesselrode,
Freiherr  von  Hövel  und  andere  Abgesandte  des  rheinischen  Adels.  Sie
überreichten  eine  gründliche,  von  dem  hochkonservativen  Konvertiten
Schlosser  verfaßte  „Denkschrift  die  Verfassungsverhältnisse  der  Lande  Jülich,
Cleve,  Berg  und  Mark  betr.“,  der  sich  ähnliche  Eingaben  des  westfälischen
  Adels  anschlossen.  Die  Schrift  enthielt  manche  treffliche  Grundsätze,
  welche  deutlich  erkennen  ließen,  daß  Stein  dabei  mitgewirkt  hatte;
der  Adel  war  bereit,  statt  einzelner  bevorzugter  Städte  den  gesamten
Bürgerstand,  statt  des  Landadels  alle  landbauenden  Klassen  zur  Vertretung
zuzulassen.  Doch  standen  daneben  vieldeutige  Verwahrungen  gegen  die
„allverwirrende  Gleichheit  der  französischen  Revolution“  und  das  ganz
ungerechte  Verlangen  nach  Berufung  der  alten  Stände,  um  mit  ihnen
die  Neuerungen  vertragsmäßig  festzustellen!  Der  Staatskanzler  antwortete
freundlich,  doch  ausweichend:  „nur  aus  einer  gründlichen  Würdigung
früherer  Verhältnisse  und  jetziger  Bedürfnisse  wünscht  unsere  Regierung
die  Verfassung  hervorgehen  zu  sehen.“““)  Die  schwere  Frage,  wie  das  neue
Recht  zu  dem  alten  sich  verhalten  solle,  blieb  also  noch  immer  ungelöst.
Am  Hofe  aber  fand  der  Adel  einen  Freund,  dessen  Einfluß  bald  stärker

 

*)  Zerboni  an  Klewitz,  8.  März  1818.
*)  Hardenberg  an  Nesselrode,  3.  März  1818.
        <pb n="463" />
        Die  Koblenzer  Adresse.  455

hervortreten  sollte:  der  Kronprinz  sprach  dem  Freiherrn  von  Hövel  sein
besonderes  Wohlgefallen  über  die  Denkschrift  aus.

Noch  unwillkommener  als  diese  Adelsgesandtschaft,  die  immerhin  die
Klassenanschauungen  eines  mächtigen  Standes  vertrat,  erschien  dem  Staatskanzler
  der  Besuch  einer  zweiten  Deputation,  welche  lediglich  durch  eine
phantastische  Schrulle  zusammengeschart  war  und  für  die  Unreife  der
politischen  Bildung  des  Rheinlandes  ein  klägliches  Zeugnis  ablegte.  Seit
der  Unterdrückung  des  Rheinischen  Merkurs  hatte  Görres  bittere  Tage
verlebt;  die  Pension,  die  ihm  Hardenberg  verschaffte,  konnte  ihn  über  den
Müßiggang  eines  zwecklosen  Daseins  nicht  trösten.  Er  bemühte  sich  redlich
sein  heißes  Blut  zu  bändigen,  sprach  stets  milde  und  versöhnlich  wenn
Abgesandte  der  Burschenschaft  sich  bei  ihm  Rates  erholen  wollten.  Zuletzt
  war  die  Natur  doch  stärker  als  die  guten  Vorsätze.  Dies  Preußen,
das  er  einst  so  hoch  gepriesen,  ward  ihm  allmählich  tödlich  verhaßt,  und
alle  jene  törichten  Wünsche  des  rheinischen  Partikularismus,  welche  die
kirchliche  Parität  und  die  Staatseinheit  zugleich  bedrohten,  erschienen  ihm
jetzt  berechtigt.  Ganz  so  urteilslos  wie  die  Masse  seiner  Landsleute
polterte  er  wider  die  fremden  protestantischen  Beamten  und  verlangte,  daß
die  Rheinlande  ihren  Anteil  an  den  Staatsausgaben  nach  dem  Gutdünken
  ihrer  Provinziallandtage  selber  aufbringen  sollten.  Er  fand  es
entsetzlich,  daß  der  König  einen  Lehrer,  der  in  einer  gemischten  Schule  die
Reformation  roh  beschimpft  hatte,  verdientermaßen  absetzen  ließ,  und  beteiligte
  sich  sogar  an  einer  Petition,  welche  von  der  Krone  forderte,  daß
in  Zukunft  das  Referat  über  das  Schulwesen  in  der  Koblenzer  Regierung
nur  einem  Katholiken  übertragen  würde.  In  wiederholten  Eingaben  an
den  König  und  den  Staatskanzler  gebärdete  er  sich  als  der  natürliche
Wortführer  des  Rheinlands,  obschon  er  wissen  mußte,  daß  sein  Merkur
am  Rheine  niemals  viele  Leser  gefunden  hatte.  Ehe  er  es  noch  selber
recht  bemerkte,  ward  er  durch  seinen  rheinischen  Provinzialstolz  zu  klerikalen
  Anschauungen  verleitet,  die  allerdings  dem  innersten  Wesen  seiner
phantastischen  Natur  entsprachen.  Nicht  lange,  so  begann  er  sogar  das
verrottete  Ständewesen  der  geistlichen  Kurfürstentümer  zu  bewundern,
das  er  in  seiner  Jugend  mit  so  wohlverdientem  Hohne  überschüttet  hatte,
und  meinte  in  den  drei  Kurien  des  kurtrierischen  Landtags  die  angeblichen
drei  Urstände  der  Germanen,  Lehr-,  Wehr=  und  Nährstand  zu  erkennen.

Als  die  Koblenzer  nunmehr  den  Staatskanzler  an  das  Verfassungsversprechen
  zu  erinnern  beschlossen,  gab  Görres  der  Adresse  die  wunderliche
  Fassung:  man  bitte  um  „Wiederherstellung  der  Freiheiten  der  Landschaft
  und  der  uralten  wahrhaft  deutschen  Verfassung“.  In  solcher  Gestalt
  wurde  das  übrigens  bescheidene  und  unverfängliche  Aktenstück  von
mehr  als  dreitausend  Bürgern  und  Bauern  der  Umgebung  unterzeichnet;
die  meisten  dachten  sich  dabei  nur  das  eine,  daß  ein  Landtag  von  Eingeborenen
  künftighin  den  Preußen  freundlich  auf  die  Finger  klopfen  solle.
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        456  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Mit  dieser  Adresse  erschien  Görres  am  15.  Januar  1818  bei  Hardenberg,
hinter  ihm  ein  wundersamer  Aufzug,  nicht  unähnlich  jenen  verkleideten
Chinesen  und  Chaldäern,  welche  der  tolle  Anacharsis  Cloots  einst  als
„Deputation  des  Menschengeschlechts“  der  französischen  Nationalversammlung
  vorführte.  Die  Koblenzer  Deputation  wollte  „eine  Ständeversammlung
  im  Kleinen“  vorstellen;  Geistliche  und  Lehrer  vertraten  den  Lehrstand,
  Edelleute,  Landwehrmänner  und  Richter  den  Wehrstand,  ein
Landrat  nebst  mehreren  Bürgern  und  Bauern  den  Nährstand.  Der
Staatskanzler  hörte  den  Redner,  der  in  pathetischen  Worten  das  Lob  der
alten  kurtrier'schen  Landtage  sang,  den  merkwürdigen  Nährstands-Landrat
sowie  die  übrigen  Mitglieder  freundlich  an;  er  verhehlte  jedoch  den  Abgeordneten
  nicht,  daß  er  selber  weit  liberaler  denke  als  sie:  die  einfache
Wiederherstellung  überwundener  Zustände  sei  nicht  möglich.  Nachher
erzählte  Görres  die  Geschichte  dieser  Audienz  —  dieses  „Maifeldes  des
Frankenstammes“  —  in  einer  musterhaft  ungeschickten  Flugschrift,  und  mit
schmetternden  Fanfaren  feierte  die  liberale  Presse  den  großen  Tribunen:
nun  habe  das  freie  Rheinland  der  Krone  Preußen  seine  Magna  Charta
überreicht!

Hardenberg,  der  seinen  Mann  kannte,  nahm  die  Blätter  dankend
an.  Am  Hofe  aber  regte  sich  die  reaktionäre  Partei,  um  den  Vorfall
gegen  den  abwesenden  Staatskanzler  auszubeuten.  Der  schreiende  Ton
der  Schrift  mißfiel  dem  Könige,  nicht  minder  die  gehässigen  Anklagen
wider  den  preußischen  Staat  und  der  widerwärtige  rheinländische  Dünkel,
der  die  alten  Provinzen  wegwerfend  als  halbbarbarische  Kolonistenlande
behandelte.  Der  Kronprinz  ließ  die  Flugschrift  mit  einigen  tadelnden
Worten  ihrem  Verfasser  zurückschicken,  und  auf  Befehl  des  Monarchen
wurde  eine  Untersuchung  eingeleitet.  Es  stellte  sich  heraus,  daß  die
Adresse  durch  die  Schöffen  in  den  Gemeinden  des  Regierungsbezirks  verbreitet
  worden  war.  Nur  zwei  der  befragten  Gemeinden  hatten  die
Teilnahme  verweigert:  die  Bürgerschaft  von  Hatzenport  an  der  Mosel,
weil  sie  mit  der  gegenwärtigen  Verfassung  zufrieden  sei,  und  ein  Ort
auf  dem  Hunsrücken,  weil  die  Bauern  dort  mit  gutem  Grunde  befürchteten,
  daß  die  Adresse  mit  der  alten  trierschen  Verfassung  auch  die
Zehnten  zurückbringen  würde.  Als  ein  Landrat  eingeschritten  war,  hatte
ihn  die  Regierung  in  Koblenz  zurechtgewiesen,  da  „wir  nicht  verhindern
wollen,  daß  Untertanen  ihre  Wünsche  dem  Landesherrn  vortragen“;
sie  „schmeichelte  sich  damit“  —  wie  ihre  Rechtfertigungsschrift  sagte  —
„ganz  im  Geiste  der  liberalen  Gesinnungen  unseres  Gouvernements  gehandelt
  zu  haben.““)

Der  König  dachte  anders;  er  zeigte  sich  sehr  aufgebracht,  denn  er  wollte
die  alte  fridericianische  Vorschrift,  die  nur  dem  Einzelnen  das  Recht  der

 

*)  Eingabe  der  Koblenzer  Regierung  vom  20.  Mai  1818.
        <pb n="465" />
        Verzögerung  der  Verfassungsarbeit.  457

Petition  gewährte,  aber  alle  Aufforderungen  zu  gemeinsamen  Bitten
streng  untersagte,  am  wenigsten  in  dieser  gärenden  neuen  Provinz  über—
treten  sehen.  Darum  erteilte  er,  obgleich  Hardenberg  dringend  abriet,
der  Koblenzer  Regierung  einen  scharfen  Verweis  und  erwiderte  den  Un—
terzeichnern  der  Adresse  in  einer  ungnädigen  Kabinettsordre,  daß  er  sich
allein  den  Zeitpunkt  für  die  Ausführung  seiner  Zusage  vorbehalte.  Die
Hatzenporter  wurden  wegen  ihrer  gesetzlichen  Gesinnung  belobt  und  blieben
fortan  viele  Jahre  lang  als  Rheinlands  Abderiten  das  Stichblatt  für
die  Witze  ihrer  Landsleute.“)  Erst  durch  diese  Beweise  des  königlichen
Unwillens  erhielt  der  törichte  Mummenschanz  der  Koblenzer  Deputation
eine  Bedeutung,  die  ihm  keineswegs  zukam.  Die  ganze  Provinz  murrte
über  die  Härte  des  Königs,  obwohl  die  konstitutionelle  Partei  unter  den
Rheinländern  in  Wahrheit  erst  sehr  wenig  überzeugte  Anhänger  zählte.
Hardenberg  erriet  sogleich,  daß  der  Zorn  des  gütigen  Monarchen  offen—
bar  durch  boshafte  Einflüsterungen  veranlaßt  war;  er  hegte  Argwohn
gegen  Ancillon  und  den  Herzog  Karl  von  Mecklenburg,  doch  den  schlauesten
und  gefährlichsten  seiner  Feinde,  den  Fürsten  Wittgenstein  durchschaute
er  noch  immer  nicht  und  forderte  ihn  sogar  vertrauensvoll  auf,  die  Ver—
stimmung  des  Hofes  beschwichtigen  zu  helfen.  Um  den  König  ganz  zu
versöhnen  kehrte  er  selbst  schon  zu  Anfang  April,  früher  als  er  gedacht,
nach  Berlin  zurück  und  ließ  zum  Abschied  ein  „Deutsches  Wort  aus
Preußen  an  die  Rheinländer“  drucken  —  eine  von  seinem  Vertrauten
Koreff  entworfene  und  von  ihm  selber  durchgesehene  Flugschrift,  die  dem
rheinischen  Volke  neben  freundlichen  Zusicherungen  auch  einige  wohlver—
diente  Lehren  gab:  die  Rheinländer,  hieß  es  da,  sollten  doch  nicht  ver—
gessen,  daß  sie  selber  zur  Abschüttelung  des  fremden  Joches  keinen  Finger
geregt  hätten  und  ihre  Freiheit,  ihr  wieder  gesichertes  deutsches  Leben
allein  dem  preußischen  Staate  verdankten.  Seinen  Briefwechsel  mit
Görres  brach  der  Staatskanzler  ab,  denn  „cela  mettrait  du  louche
dans  ma  marche“.  Alles  was  den  Argwohn  des  Königs  erregte,  wollte
er  aus  dem  Wege  räumen,  um  nur  seinen  Hauptzweck,  den  Abschluß  der
Verfassung  zu  erreichen.“)

Die  Verzögerung  der  großen  Entscheidung  ward  mit  jedem  Tage
peinlicher  empfunden.  Von  allen  Seiten  liefen  Mahnungen  ein.  Die
märkische  Ritterschaft  forderte  nochmals,  wie  so  oft  schon,  die  Verein—
barung  des  neuen  Grundgesetzes  mit  den  alten  Ständen  und  ward  vom
Könige  auf  die  Beratungen  des  Staatsrats  verwiesen.  Die  Merse—
burger  Regierung  dagegen  bat  um  schleunige  Einrichtung  mindestens  der
Kreistage;  sonst  könne  man  den  herrschsüchtigen  Ansprüchen  der  alten
Stände,  die  das  Volk  hasse,  nicht  widerstehen.  Selbst  die  sonst  so  stillen

 

*)  Zwei  Kabinettsordres  vom  21.  März  1818.
**)  Hardenbergs  Tagebuch,  1.  7.  12.  März,  26.  April  1818.
        <pb n="466" />
        458  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Gemeindebehörden  der  Hauptstadt  wurden  ungebärdig,  weil  niemand  aus
der  Residenz  bei  der  Befragung  der  Notabeln  zugezogen  worden  war,
und  mahnten  in  mehrfachen  Eingaben  an  das  königliche  Wort,  worauf
ihnen  der  Bescheid  wurde,  daß  „wiederholte  Erinnerungen  unangemessen
erschienen“.)

Hardenberg  konnte  sich  nicht  mehr  verhehlen,  daß  er  endlich  selber
Hand  ans  Werk  legen  mußte.  Aber  woher  die  Zeit  und  die  Kraft  für
die  Verfassungsarbeit  nehmen  inmitten  der  Unmasse  von  Geschäften,  die
den  Alternden  fast  erdrückte?  Da  half  ihm  Wittgenstein,  dem  er  arglos
seine  Sorgen  anvertraute,  mit  einem  freundlichen  Rate  aus  (6.  Mai).
Der  Fürst  empfahl  die  Anstellung  von  zwei  neuen  Ministern  als  zweiten
Chefs  für  die  beiden  Departements,  welche  der  Staatskanzler  bisher  noch
unmittelbar  leitete;  für  die  General-Kontrolle  schlug  er  den  Grafen  Lottum
vor,  einen  wohlmeinenden  Mann,  der  politisch  wenig  bedeutete,  für  das
auswärtige  Amt  den  dänischen  Gesandten  in  Berlin,  Graf  Christian
Bernstorff.  Da  Hardenberg  mit  Bernstorff  seit  Jahren  näher  befreundet
war,  so  ging  er  unbedenklich  auf  den  Gedanken  ein  und  schrieb  am
25.  Mai  dem  Könige:  er  fühle  die  Last  seiner  achtundsechzig  Jahre  und
halte  sich  auch  verpflichtet  vorzusorgen  „für  den  täglichen  Fall,  daß  Gott
über  mich  geböte“.  Das  Staatskanzleramt  wolle  er  bis  zu  seinem  Ende
fortführen,  aber  einen  Nachfolger  für  diesen  Posten  wisse  er  schlechterdings
  nicht  zu  nennen;  am  einfachsten  also,  wenn  jetzt  schon  Minister
für  sämtliche  Departements  ernannt  würden,  damit  nach  seinem  Ableben
  alles  ungestört  weiter  gehe.  Darauf  folgten  die  Vorschläge,  die
er  „mit  seinem  bewährten  Freunde  Wittgenstein“  besprochen  hatte.  Der
König,  der  den  Grafen  Bernstorff  ebenfalls  von  Jugend  auf  kannte  und
schätzte,  genehmigte  den  Antrag,  und  nachdem  der  anfangs  lebhaft  überraschte
  dänische  Gesandte  die  Erlaubnis  seines  Monarchen  eingeholt,
wurde  die  Anderung  am  16.  September  durch  ein  überaus  gnädiges
Schreiben  des  Königs  an  den  Staatskanzler  förmlich  vollzogen.)

Es  war  ein  Meisterstreich  Wittgensteins.  Der  schlaue  Hofmann
hatte  einen  Plan,  der  seine  Spitze  unzweifelhaft  gegen  den  Staatskanzler
richtete,  so  geschickt  eingefädelt,  daß  dem  Könige  wie  dem  Staatskanzler
selber  alles  als  Hardenbergs  eigenes  Werk  erscheinen  mußte.  Die  Besetzung
  des  auswärtigen  Amtes  bot  große  Schwierigkeiten;  denn  das  diplomatische
  Korps  Preußens  besaß  in  jenem  Augenblicke  neben  vielen  brauchbaren
  Diplomaten  zweiten  Ranges,  die  fast  durchweg  gute  Gesandtschafts- 



*)  Eingabe  des  Großen  Ausschusses  der  kur=  und  neumärkischen  Ritterschaft,
17.  März;  Antwort  des  Königs,  28.  März;  Bericht  der  Merseburger  Regierung,
28.  Juni;  Schreiben  der  Berliner  Stadtverordneten,  15.  Januar;  Bericht  der  Berliner
Regierung,  16.  Febr.  1818.

*"“)  Hardenbergs  Tagebuch,  6.  Mai;  Hardenberg  an  den  König,  24.  und  30.  Mai;
Kabinettsordre  an  Hardenberg,  16.  Sept.  1818.
        <pb n="467" />
        Graf  Bernstorff  Minister  des  Auswärtigen.  459

berichte  einsendeten,  nur  einen  Staatsmann,  der  das  Zeug  zu  einem
Minister  besaß,  und  dieser  Eine,  W.  Humboldt,  war  unmöglich.  Er  stand
bei  sämtlichen  Großmächten  in  so  schlechter  Nachrede,  daß  er  in  der
Quadrupelallianz  niemals  eine  erfolgreiche  Rolle  spielen  konnte;  bei  Hofe
unbeliebt  war  er  von  Hardenberg  noch  immer  durch  das  alte  gegenseitige
Mißtrauen  getrennt  und  paßte  nicht  für  ein  Departement,  das  nach  wie
vor  der  besonderen  Aufsicht  des  Staatskanzlers  untergeordnet  bleiben  sollte;
er  hatte  endlich  erst  im  letzten  Herbst  den  Eintritt  in  das  Ministerium
abgelehnt  und  diese  Weigerung  soeben  wiederholt,  indem  er  aus  London
schrieb:  die  Minister  besäßen  keine  wahre  Verantwortlichkeit,  mit  Männern
wie  Schuckmann  wolle  er  diese  Verantwortlichkeit  auch  nicht  teilen.)
Unter  solchen  Umständen  war  es  wohl  begreiflich,  daß  der  König,  der
schon  so  viele  Männer  aus  dem  deutschen  Auslande  in  seinen  Dienst  gezogen
  hatte,  sich  auch  diesmal  um  die  lebhaft  ausgesprochene  Empfindlichkeit
  seiner  eingeborenen  Beamten  nicht  kümmerte  und  wieder  die  Berufung
  eines  nichtpreußischen  Deutschen  beschloß.

Ein  Deutscher  war  Graf  Bernstorff  auch  im  dänischen  Dienste  immer
geblieben.  Nach  einer  kurzen  diplomatischen  Lehrzeit  bei  der  Berliner  Gesandtschaft
  hatte  er  einst  schon  mit  siebenundzwanzig  Jahren  die  Leitung
des  Auswärtigen  Amts  in  Kopenhagen  übernommen  und  als  letzter  Vertreter
  der  vielhundertjährigen  deutschen  Adelsherrschaft  in  Dänemark
manchen  harten  Strauß  mit  dem  erwachenden  unduldsamen  Nationalstolze
  des  Inselvolks  bestehen  müssen;  die  deutsche  Bernstorffsche  Partei
und  die  Rosenkrantzsche  dänische  Nationalpartei  standen  einander  schroff
gegenüber.  An  den  Ruhm  seines  Großoheims  und  seines  Vaters,  der
beiden  großen  Bauernbefreier  Dänemarks,  reichten  seine  Verdienste  nicht
heran;  auch  das  Glück  war  seiner  Verwaltung  nicht  hold.  Er  konnte
den  Raubzug  der  Engländer  gegen  Kopenhagen  nicht  verhindern,  und  auch
späterhin,  als  er  wieder  in  die  Gesandtenlaufbahn  zurückgetreten  war,
gelang  es  ihm  nicht,  seinem  von  allen  Großmächten  preisgegebenen  Monarchen
  auf  dem  Wiener  Kongresse  ein  besseres  Los  zu  bereiten.  Trotz
dieser  Mißerfolge  galt  er  allgemein  als  ein  ehrenhafter,  mutiger  und
kluger  Staatsmann.  Im  persönlichen  Verkehre  zeigte  er  würdige  und
doch  sanfte  Formen,  wie  sie  König  Friedrich  Wilhelm  liebte,  eine  bezaubernde
  Anmut,  die  aus  einem  edlen  Herzen  kam.  In  dem  schönen  Park
seiner  Amtswohnung  auf  der  Wilhelmsstraße  trafen  an  Sommerabenden
Gneisenau  und  Clausewitz  mit  einem  fröhlichen  Kreise  geistreicher  Menschen
zusammen  und  in  der  Regel  kamen  auch  die  befreundeten  Nachbarn,  die
Radziwills,  über  die  Treppe,  welche  die  Gartenmauer  überbrückte,  hinübergestiegen.
  Der  Minister  war  durch  seine  Oheime,  die  Gebrüder  Stolberg,
früh  in  die  Literatur  eingeführt,  zeigte  selber  ein  liebenswürdiges  poetisches

 

*)  Humboldt  an  Hardenberg,  29.  Mai  1818.
        <pb n="468" />
        460  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Talent,  bewährte  sich  in  Kunst  und  Wissenschaft  als  ein  feiner  Kenner.
Aber  von  dem  derben  Ehrgeiz  und  der  rastlosen  Tätigkeit  des  geborenen
Staatsmannes  besaß  er  wenig.

Mit  ihm  begann  eine  neue  Generation  der  preußischen  Diplomatie.
An  der  Stelle  jener  wetterfesten,  arbeitsharten  Politiker,  welche  einst  mit
Leib  und  Seele  dem  großen  Kurfürsten  und  dem  großen  Könige  gedient  hat—
ten,  erschienen  jetzt  in  müder  Friedenszeit  immer  häufiger  geistreiche,  liebenswürdige
  literarische  Dilettanten,  denen  der  Staat  nicht  mehr  eines  und
alles  war.  Schon  beim  Antritt  seines  neuen  Amtes  fühlte  sich  Graf
Bernstorff  müde  und  abgespannt,  obgleich  er  das  fünfzigste  Jahr  noch
nicht  erreicht  hatte,  und  bald  nachher  ward  er  von  der  altadligen  Standeskrankheit,
  dem  Podagra,  so  anhaltend  heimgesucht,  daß  er  nur  noch
selten  einen  ganz  gesunden  Tag  verlebte.  Von  den  inneren  Zuständen
Preußens  kannte  er  vorläufig  nur,  was  ein  fremder  Diplomat  zu  beobachten
  vermag,  und  zu  seinem  Unheil  war  er  schon  seit  langem  gewöhnt,
  sich  vornehmlich  von  Ancillon  über  die  deutsche  Politik  belehren
zu  lassen.  Der  rätselhafte  Heiligenschein,  der  diesen  gelehrten  Hofmann
umschwebte,  blendete  den  neuen  Minister  noch  gänzlich,  und  der  badische
Gesandte  General  Stockhorn  war  sicherlich  auf  der  rechten  Fährte,  wenn
er  seinem  Hofe  meldete,  daß  Ancillon  und  Wittgenstein  gemeinsam  die
Berufung  Bernstorffs  veranlaßt  hätten.  Der  Briefwechsel  zwischen  Bernstorff
  und  Ancillon  ist  noch  großenteils  erhalten.  Er  zeigt  deutlich,  wie
der  neue  Minister  noch  über  ein  Jahr  lang  den  Lehren  seines  schreibseligen
  Mentors  mit  gläubiger  Andacht  lauschte.  Erst  als  es  zu  spät  war,
erst  gegen  das  Ende  des  Jahres  1819  hatte  sich  Bernstorff  in  den  deutschen
Dingen  zurechtgefunden  und  mit  eigenen  Augen  zu  sehen  gelernt;  seitdem
  entfernte  er  sich  Schritt  für  Schritt  von  den  reaktionären  Doktrinen
des  Meisters  und  bewies,  daß  er  nach  Temperament  und  Gesinnung  zu
den  gemäßigten  Konservativen  gehörte.  Aber  während  jener  kritischen  anderthalb
  Jahre,  welche  den  Umschwung  der  Bundespolitik  herbeiführten,  blieb
Bernstorff  ein  Genosse  Ancillons.

Seine  Berufung  war  ein  Sieg  der  reaktionären  Partei  und  förderte,
ohne  daß  er  es  selber  ahnte,  die  Absichten  derer,  welche  die  konstitutionellen
  Pläne  des  Staatskanzlers  insgeheim  zu  vereiteln  trachteten.  Vorderhand
  geriet  die  Verfassungsarbeit  gänzlich  ins  Stocken.  Hardenberg  unternahm
  im  Juli  auf  dem  neuen  Dampfschiff  „der  Kurier“  von  Humphreys
eine  Fahrt  von  Potsdam  nach  Hamburg,  die  als  unerhörtes  Wagnis  bewundert
  wurde,  und  begab  sich  von  da  nach  dem  Rheine,  wo  er  wochenlang
  mit  den  Angelegenheiten  der  Provinz  und  diplomatischen  Verhandlungen
  beschäftigt  war.  Die  Ungeduld  der  Verfassungspartei  wuchs  von
Tag  zu  Tag.  In  leidenschaftlichem  Zorne  schrieb  Boyen  an  Schön:  „Diese
auf  Tatsachen  ruhende  Liebe  des  Volks  zu  seinem  Könige,  alles  das
was  seit  Jahrhunderten  ehrwürdige  Denker  für  den  Zweck  der  Mensch-
        <pb n="469" />
        Die  Wiener  Jahrbücher.  461

heit  erklärten,  das  will  jetzt  ein  schwächliches  Gelichter,  oder  alte  Weiber
die  unglücklicher  Weise  Hosen  tragen,  für  unwahr  erklären,  um  sich  ein
mystisches  Gewand  aus  alten  verjährten  Formen  so  recht  bequem  für  ihre
eigene  Person  und  die  liebwerte  Familie  zu  machen.““)  —

So  wurden  dem  Wiener  Hofe  alle  Zeichen  günstig.  Noch  bis  gegen
das  Ende  des  vorigen  Jahres  hatte  Metternich,  aus  Scheu  vor  der
Empfindlichkeit  der  kleinen  Höfe,  jeden  scharfen  Eingriff  in  die  deutsche
Bundespolitik  vermieden;  jetzt  schien  ihm  die  Zeit  gekommen  für  einen
Feldzug  wider  die  Demagogen.  War  erst  die  Quadrupelallianz  auf  dem
Kongresse  von  neuem  befestigt,  so  sollten  die  deutsche  Presse,  die  Universi--täten,
  die  Turnplätze  und  wenn  möglich  auch  die  Landtage  die  Strenge
des  Bundesrechts  empfinden.  Um  den  Kampf  für  das  Bestehende  auch
mit  geistigen  Waffen  zu  führen  hatte  Metternich  soeben  die  Wiener  Jahrbücher
  der  Literatur  gründen  lassen,  da  der  Osterreichische  Beobachter,
wenn  nicht  Gentz  einmal  einen  Aufsatz  sendete,  doch  gar  zu  kläglich  war,
und  Cotta  in  die  Spalten  der  Augsburger  Allgemeinen  Zeitung  außer
den  Zusendungen  der  Hofburg  auch  liberale  Artikel  aufnahm.  Matthäus
von  Collin,  der  Bruder  des  Dramatikers  Heinrich,  ein  harmloser,  unbedeutender
  Schriftsteller  erhielt  die  Leitung,  und  es  bezeichnet  Metternichs
  wissenschaftliche  Bildungsstufe,  daß  er  selber  den  trivialsten  aller
deutschen  Rezensenten,  den  durch  Goethe  und  Schiller  so  köstlich  verhöhnten
  Magister  Ubique,  Karl  Böttiger  in  Dresden  aufforderte,  dem  „in
echt  gelehrtem,  wahrhaft  weltbürgerlichem  Sinne“  geplanten  Unternehmen
als  Kritiker  zu  dienen.  Die  reichen  Geldmittel  der  Zeitschrift  verschafften
ihr  zwar  einzelne  gediegene  Beiträge,  doch  eine  literarische  Bedeutung  erlangte
  sie  niemals;  wie  hätte  unter  diesem  geistlosen  Regimente  die  lebendige
  Wissenschaft  gedeihen  können?

Gleich  in  den  ersten  Heften  erschienen,  zur  Vorbereitung  des  Kampfes
gegen  die  deutschen  Zeitungen,  zwei  Abhandlungen  von  Gentz  über  die
Preßfreiheit  in  England,  die  einzigen  streng  wissenschaftlich  gehaltenen
Arbeiten  seiner  späteren  Jahre.  Welch  eine  Wandlung  seit  jenem  freimütigen
  Sendschreiben,  in  dem  er  vor  zwanzig  Jahren  dem  neuen  Könige
von  Preußen  den  Segen  der  freien  Presse  erwiesen  hatte.  Wie  viel  reifer,
erfahrener,  kenntnisreicher  erschien  er  jetzt,  aber  auch  wie  kalt,  wie  einseitig,
wie  glaubenlos  und  unredlich  in  seiner  gewandten  Rhetorik.  Jetzt  sollte  die
Preffreiheit  nur  noch  ein  relativer  Begriff  sein  und  unter  der  Zensur  ebenso
sicher  ja  noch  sicherer  bestehen  können  als  unter  der  Gefahr  nachträglicher,
  gerichtlicher  Bestrafung.  Nach  einer  meisterhaften  Darstellung  der
Geschichte  der  englischen  Presse,  wie  nur  er  allein  sie  damals  geben  konnte,
entwickelte  er  die  leitenden  Gedanken  einer  Doktrin,  welche  während  eines
Menschenalters  der  Grundirrtum  ver  deutschen  Preßgesetzgebung  ge- 



*)  Boyen  an  Schön,  26.  Okt.  1818.
        <pb n="470" />
        462  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

blieben  ist.  Er  behauptete,  daß  die  Preßvergehen  eine  eigene  Art  von
Delikten  bildeten,  die  mit  anderen  Gesetzesverletzungen  nichts  gemein  habe,
während  doch  Majestätsbeleidigung,  Gotteslästerung  und  ähnliche  Verbrechen
  durch  das  gesprochene  Wort  oder  durch  Tätlichkeiten  ebensowohl
wie  durch  das  Mittel  der  Presse  begangen  werden  können  und  durch  die
Verschiedenheit  des  Mittels  ihr  Wesen  nicht  verändern.  Seine  kecken
Sophismen  fanden  Anklang  nicht  bloß  bei  der  Angstlichkeit  der  Kabinette,
sondern  auch  bei  dem  Standesgefühl  der  Schriftsteller,  die  in  ihrer  Eitelkeit
  nicht  bemerkten,  daß  Gentz  der  Presse  nur  darum  eine  stolze  Ausnahmestellung
  außerhalb  des  gemeinen  Rechtes  zuwies,  weil  er  sie  durch
Ausnahmegesetze  knebeln  wollte.

Den  Ruhm  des  ersten  deutschen  Publizisten  durfte  ihm  noch  immer
niemand  streitig  machen;  mit  der  klassischen  Schönheit  seines  so  kunstvoll
durchgebildeten  und  doch  so  einfachen  Stiles,  mit  der  gedrungenen  Kraft
seiner  Dialektik  schlug  er  jeden  Nebenbuhler  aus  dem  Felde.  Aber  wohin
war  der  sittliche  Zorn  und  der  Gedankenreichtum  seiner  großen  Jahre,
wohin  jener  weitherzige  Freisinn,  der  einst  die  nationale  Eigenart  der  Völker
so  mannhaft  gegen  den  vernunftwidrigen  Zwang  des  Weltreichs  verteidigt
hatte?  Nur  der  eine  Gedanke  der  Erhaltung  des  Bestehenden  kehrte  jetzt
mit  trostloser  Eintönigkeit  in  allen  seinen  Schriften  wieder.  Der  greisenhafte
  Wahn,  als  ob  die  ewige  Bewegung  der  Geschichte  auf  den  Wink
der  Hofburg  nun  für  immer  aufhören  müßte,  brachte  die  schöpferische
Kraft  dieses  einst  so  fruchtbaren  Geistes  zum  Versiegen  und  schlug  den
Mann,  der  einst  der  Ritter  Europas  geheißen  hatte,  mit  jämmerlicher  Angst,
da  Gentz  doch  zu  scharf  sah  um  an  jenen  Widersinn  in  vollem  Ernst  zu
glauben.  Er  hatte  sich  nach  und  nach  ganz  in  Osterreich  eingelebt,  fast
mit  allen  Freunden  seiner  Jugend  den  Verkehr  abgebrochen  und  fand  bald
eine  boshafte  Freude  daran,  seine  alte  Heimat  als  das  Land  des  hohlen
Verstandesdünkels  zu  verhöhnen,  den  fanatischen  preußischen  Renegaten
Adam  Müller,  der  so  tief  unter  ihm  selber  stand,  als  Deutschlands  größten
Schriftsteller  zu  verherrlichen.

Wie  einst  Platon  und  seine  politischen  Schüler  den  ganzen  Reichtum
  attischer  Sprache  und  attischen  Geistes  aufboten  um  die  unmenschliche
Rauheit  des  Spartanerstaats  zu  preisen,  so  stellte  Gentz  das  schwere  Rüstzeug
seiner  protestantisch-norddeutschen  Bildung  in  den  Dienst  einer  undeutschen
Staatskunst,  die  alle  Freiheit  unserer  Kultur  zu  vernichten  drohte.  Wie
jene  ward  auch  er  zunächst  durch  einen  politischen  Irrtum  mißleitet,
da  er  in  der  Hofburg  den  Hort  und  Halt  der  konservativen  Sache
Europas  zu  finden  glaubte;  doch  auch  die  unersättliche  Genußsucht  bannte
ihn  im  österreichischen  Lager  fest.  Er  zählte  zu  jenen  geborenen  Virtuosen
  des  Genusses,  welche  ihre  Kraft  nur  in  der  weichen  Luft  eines
verfeinerten  sinnlichen  Daseins  entfalten  können  und  darum  berechtigt
sind  sich  den  Boden  zu  erobern,  der  ihrer  Begabung  zusagt.  Aber  wie
        <pb n="471" />
        Gentz.  463

über  alles  Maß  hinaus  hatte  er  dies  Recht  mißbraucht;  die  ungeheueren
Summen,  die  er  mit  unbeschämter  Stirn  von  den  großen  Höfen,  von
den  Rothschilds,  von  den  Hospodaren  der  Walachei  bezog,  genügten  noch
immer  nicht  für  die  unsinnige  Verschwendung  des  weibisch  verwöhnten,
in  allen  erdenklichen  Lüsten  abgetriebenen  und  entnervten  Mannes.  Jahre—
lang  hatte  man  in  der  Hofburg  nur  seine  Feder  benutzt  ohne  ihn  in
alle  Geheimnisse  einzuweihen.  Erst  seit  dem  Wiener  und  dem  zweiten
Pariser  Kongresse  erlangte  er  bei  Metternich  jene  Vertrauensstellung,
deren  er  sich  schon  früher  fälschlich  zu  rühmen  pflegte;  für  Kaiser  Franz
blieb  er  freilich  bis  zu  seinem  Tode  nur  der  ausländische  Plebejer.  Die
Zeit  des  Aachener  Kongresses  nannte  er  selbst  den  Kulminationspunkt  seines
Lebens;  alle  Höfe  überschütteten  ihn  mit  Auszeichnungen  und  Geschenken,
Freund  und  Feind  erkannten  ihn  als  den  Publizisten  des  europäischen
Bundes  an.  Im  Bewußtsein  seiner  umfassenden  Sachkenntnis  blickte
er  mit  ingrimmiger  Verachtung  auf  das  dilettierende  politische  Gerede
der  Abgeordneten,  Professoren  und  Zeitungsschreiber  hernieder.  Niemals
wollte  er  zugeben,  daß  sich  aus  den  Ansichten  so  vieler  Halbwisser  schließlich
doch  eine  öffentliche  Meinung  herausbildet,  die  selbst  in  ihren  Ver—
irrungen  noch  eine  reale  Macht  bleibt  und  zuweilen  ebenso  unwider—
stehlich  wirkt,  wie  das  auch  aus  den  Ansichten  von  Nichtkennern  hervor—
gehende  Urteil  des  Publikums  im  Schauspielhause.  Wie  fühlte  er  sich
glücklich,  „daß  es  doch  endlich  wieder  diplomatische  Geheimnisse  gab“,  daß
die  Kabinette  beschlossen  hatten,  diesmal  die  Kongreßverhandlungen  sorgfältiger
  als  es  in  Wien  geschehen  vor  den  Blicken  der  Uneingeweihten
zu  behüten.  Durch  Zwang  und  Strafen  sollte  der  große  Haufe  der
Unberufenen  die  Lust  verlieren  sich  in  die  Arbeit  der  politischen  Zunft
einzumischen.  Mit  rechter  Herzensfreude  nahm  Gentz  jetzt  jene  preußische
Denkschrift  über  das  Bundespreßgesetz,  welche  Jordan  im  vorigen  Jahre
vergeblich  nach  Wien  gebracht  hatte,  wieder  vor  und  begann  sie  im  österreichischen
  Sinne  umzugestalten;  dem  Meister  der  Feder  war  kein  Mittel
hart  genug,  das  die  Zeitungen  zum  Schweigen  bringen  konnte.

Noch  schrecklicher  als  die  Lizenz  der  Presse  schien  ihm,  so  gesteht  er
selbst,  „das  größte  aller  Übel,  das  Burschenunwesen.“  Jene  rührende
Begeisterung  für  Deutschlands  Einheit,  welche  selbst  die  Torheiten  der
brausenden  Jugend  noch  entschuldbar  erscheinen  ließ,  war  für  die  Osterreicher
  natürlich  nur  ein  Grund  mehr  zur  Verdammnis.  Dazu  der
Abscheu  dieser  verweichlichten  und  verzärtelten  aristokratischen  Welt  gegen
die  derben  akademischen  Sitten,  von  deren  Roheit  man  sich  in  der  Hof—
burg  Wunderdinge  erzählte:  sogar  Arndt  war  nach  Metternichs  Mei—
nung  ein  wüster  Trunkenbold.  Dazu  endlich  und  vor  allem  die  memmen—
hafte  Furcht:  selbst  der  Hahnenschrei  und  das  Schnattern  der  Gänse,
selbst  das  Rollen  des  Donners  und  alle  die  andern  Schrecknisse,  mit
denen  die  grausame  Natur  die  reizbaren  Nerven  des  Wiener  Hofpubli-
        <pb n="472" />
        464  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

zisten  beunruhigte,  regten  ihn  nicht  so  fieberisch  auf  wie  der  Anblick
eines  bärtigen  Studenten.  In  Heidelberg  war  ihm  sogar  die  Freude  an
der  schönen  Landschaft,  fast  das  einzige  jugendliche  Gefühl,  das  er  sich
in  seinem  fröstelnden  Herzen  noch  bewahrt  hatte,  ganz  verdorben,  denn
auf  den  Straßen  zeigten  sich  „die  grotesken  und  widerlichen  Figuren,  die
in  schmutzigen  altdeutschen  Trachten,  Gott  und  den  Menschen  ein  ge—
rechter  Greuel,  mit  Büchern  unter  dem  Arme,  die  falsche  Weisheit  ihrer
ruchlosen  Professoren  einholen  gingen.“  Auch  dieser  Greuel  mußte  jetzt
ein  Ende  nehmen;  eine  große  Denkschrift  über  die  Reform  der  Univer—
sitäten  war  bereits  in  Arbeit.  Der  Kongreß  bot  die  Mittel  zur  Ver—
ständigung  mit  dem  preußischen  Hofe,  und  dann  sollte  der  Bundestag
die  vernichtenden  Schläge  gegen  die  Demagogen  führen.  Unterdessen
ward  das  Publikum  durch  einen  orakelhaften  Artikel  des  Osterreichischen
Beobachters  nachdrücklich  zum  Vertrauen  auf  die  Weisheit  der  verbündeten
  Monarchen  vermahnt:  „Erhaltung,  nicht  Auflösung  oder  Umsturz
wird  jeden  ihrer  Schritte  bezeichnen.“  —

Um  den  Bundestag  gefügig  zu  stimmen  nahmen  Metternich  und
Gentz  ihren  Weg  über  Frankfurt  und  fanden  dort  bei  den  bedientenhaften
  kleinen  Diplomaten,  welche  Gentz  im  Kreise  der  Eingeweihten
kurzweg  als  Gesindel  zu  bezeichnen  pflegte,  einen  glänzenden,  alle  Erwartungen
  überbietenden  Empfang.  Seinem  Kaiser  meldete  Metternich
triumphierend:  seit  seinem  Erscheinen  in  Frankfurt  habe  sich  „eine  moralische
  Revolution  am  Bundestage  vollzogen;  ganz  unglaublich,  auf  welcher
moralischen  Höhe  der  kaiserliche  Hof  jetzt  stehe.“  An  seine  Gemahlin
schrieb  er  noch  weit  prahlerischer:  „Ich  bin  eine  Art  moralischer  Macht
geworden  in  Deutschland  und  Europa;  ich  bin  nach  Frankfurt  gekommen
wie  der  Messias  um  die  Sünder  zu  erlösen“  —  und  versicherte  dann,  die
zwölf  Tage  seiner  Anwesenheit  hätten  genügt  um  am  Bundestage  alles
zu  erledigen,  was  niemals  fertig  zu  werden  schien.  In  Wahrheit  ließ
sich  der  Bundestag  in  seinem  gesunden  Schlafe  durchaus  nicht  stören;
die  Gesandten  trieben  das  beliebte  Versteckenspiel  mit  der  Einholung
neuer  Instruktionen  fröhlich  fort,  und  von  allen  den  unerledigten  Geschäften
  der  Bundesversammlung  wurde  nur  ein  einziges  durch  Metternichs
  Eingreifen  um  einen  winzigen  Schritt  weiter  gebracht,  die  Verhandlung
  über  das  Bundesheer.

Noch  immer  stritt  man  sich  über  die  Zusammensetzung  der  gemischten
  Armeekorps,  noch  immer  behaupteten  die  Mittelstaaten  hartnäckig,
daß  Kurhessen  zu  Süddeutschland  gehöre,  und  soeben  hatte  Wangenheim
den  Zorn  der  beiden  Großmächte  erregt  durch  eine  Reihe  bissiger
„Notamina“  zur  Bundeskriegsverfassung,  welche  den  Hintergedanken  der
deutschen  Trias  deutlich  durchschimmern  ließen.  Als  Metternich  den
Württemberger  ernstlich  zur  Rede  stellte,  enthüllte  ihm  dieser  in  einer
kindlich  offenherzigen  Antwort  (16.  Sept.)  seine  geheimsten  Pläne.  „Die
        <pb n="473" />
        Metternich  am  Bundestage.  465

Bundesakte“,  schrieb  Wangenheim  arglos,  „ist  nichts,  gar  nichts  ohne  Institutionen,
  welche  die  Anwendung  des  Gesetzes  und  seine  Vollziehung
verbürgen;"  nur  ein  Bund  im  Bunde  kann  die  völlige  Rechtsgleichheit
aller  Bundesglieder  sichern  und  die  rein  deutschen  Staaten  den  europäischen
  Kriegen  der  beiden  Großmächte  fern  halten.  Daß  dieser  Bund
jemals  mit  dem  Auslande  sich  verschwören  und  „etliche  und  dreißig
Staaten  in  Klein-Oktav  oder  Duodez“  über  einen  Eroberungsplan  gegen
Preußen  und  Osterreich  einig  werden  sollten,  ist  eine  „läppische  Besorgnis
  politischer  Don  Quixotes“.

Metternich  würdigte  den  unschuldigen  Briesschreiber  keiner  Erwiderung,
  sondern  suchte  sofort  die  Verständigung  mit  Preußen;  wenn
nur  die  Einheit  des  Bundesheeres,  und  damit  der  österreichische  Oberbefehl
  gesichert  blieb,  so  kam  ihm  auf  die  Zusammensetzung  der  gemischten
  Armeekorps  wenig  an.  Er  begab  sich  von  Frankfurt  nach  seinem
herrlichen  Dotationsgute,  dem  Johannisberg,  wo  er  die  einträglichen
Rebgärten  der  alten  Fuldaer  Fürstäbte  mit  großer  Sorgfalt  pflegen,  ihre
Festsäle  unanständig  kahl  und  häßlich  wieder  herstellen  ließ.  Dort  hielt
er  am  17.  Sept.,  von  Langenau  unterstützt,  eine  große  Beratung  mit
Hardenberg,  Goltz  und  Wolzogen,  welche  zur  Annahme  der  preußischen
Vorschläge  führte:  außer  drei  österreichischen,  drei  preußischen  und  einem
bayrischen  Armeekorps  sollten  drei  gemischte  Korps  gebildet  werden,  ein
achtes  für  Sachsen,  Württemberg  und  Baden,  ein  neuntes  für  beide
Hessen,  Nassau  und  Thüringen,  ein  zehntes  für  Hannover  und  die
niederdeutschen  Kleinstaaten.  Der  preußische  Staatskanzler  war  überglücklich.
  Hundertmal  getäuscht  wollte  er  die  Traumgebilde  seiner  dualistischen
  Politik  auch  jetzt  noch  nicht  aufgeben  und  meldete  seinem  Könige,
nunmehr  sei  es  gewiß,  daß  ganz  Norddeutschland  außer  Sachsen  im
Kriegsfalle  unter  Preußens  Führung  stehen  werde)  Und  doch  hatte
man  über  eine  Zweiteilung  des  Bundesheeres  kein  Wort  verabredet,
vielmehr  war  Osterreich  fest  entschlossen,  von  dem  früheren  Bundesbeschlusse,
  welcher  die  Ernennung  eines  einzigen  Bundesfeldherrn  vorschrieb,
niemals  abzugehen.  In  Frankfurt  währte  unterdessen  der  alte  Zank
unaufhaltsam  fort,  die  beiden  Hessen  wollten  durchaus  in  das  Armeekorps
  der  süddeutschen  Mittelstaaten  eintreten.  Aber  da  der  König  von
Württemberg  über  das  eigenmächtige,  herausfordernde  Gebaren  seines
heißblütigen  Gesandten  denn  doch  erschrak'“)  und  die  beiden  Hessen  nur
lau  unterstützte,  so  wurde  endlich  die  Johannisberger  Vereinbarung  von
dem  militärischen  Ausschuß  angenommen  und  am  12.  Oktbr.  der  Entwurf
  der  „Grundzüge  der  Kriegsverfassung  des  Deutschen  Bundes“  dem
Bundestage  vorgelegt.

 

*)  Hardenbergs  Bericht  an  den  König,  Kreuznach  18.  Sept.  1818.
**)  Ministerialschreiben  Berstetts  an  Berkheim,  29.  Aug.  1818.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  30
        <pb n="474" />
        466  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Also  nach  zwei  Jahren  ein  Entwurf  der  Grundzüge  —  welch  ein
schimpflicher  Gegensatz  zu  dem  patriotischen  Einmut  der  französischen
Kammern,  die  allen  Parteihader  sofort  vergaßen  wenn  die  Stärke  des
Heeres  in  Frage  stand!  Ob  und  wann  der  Bundestag  den  Entwurf
seines  Ausschusses  genehmigen  würde,  blieb  noch  völlig  zweifelhaft,  da
nunmehr  wieder  der  anmutige  Zeitvertreib  der  Instruktionseinholung
begann;  wer  den  Charakter  dieser  Versammlung  kannte,  mußte  vorher
wissen,  daß  die  unveränderte  Annahme  ganz  undenkbar  war.  Metternich
aber  in  seiner  unersättlichen  Eitelkeit  hatte  die  Stirn  seinem  Kaiser  zu
schreiben:  in  dem  Augenblicke  der  Räumung  Frankreichs  erlebe  Deutschland
die  Genugtuung,  daß  seine  Kriegsverfassung  vollendet,  seine  Wehrfähigkeit
gesichert  sei  —  und  empfing  dafür  den  Dank  des  Monarchen,  weil  er
„die  Militärangelegenheit  dem  erwünschten  Ende  zugeführt  habe"“.  Neun
Tage  nachdem  er  diesen  Lobspruch  eingestrichen  hatte,  gestand  er  dem
Staatskanzler  vertraulich  (5.  Nov.),  alle  Verhandlungen  des  Bundestags
über  das  Heerwesen  seien  bisher  „nur  Vorarbeiten“  gewesen!)

So  geringfügig  das  unmittelbare  Ergebnis  seines  Frankfurter  Aufenthaltes
  blieb,  eine  Befestigung  seines  Ansehens  hatte  Metternich  allerdings
erreicht.  Er  galt  jetzt  allgemein  als  das  weise  Haupt  der  deutschen
Staatsmänner,  selbst  Wangenheim  nannte  ihn  einen  Heros  der  Politik.
Und  als  nun  gar  Kaiser  Franz  selber  den  Rhein  hinabreiste,  da  erdröhnte
in  den  alten  Krummstabslanden  ein  Jubel,  der  unwidersprechlich  bewies,
  daß  der  Preußenhaß  der  Rheinländer  nicht  im  Liberalismus,  sondern
  in  der  klerikalen  Gesinnung  wurzelte.  Stundenweit  waren  ihm  die
Kölner  entgegengezogen;  Franz  aber  ließ  sich  die  Huldigungen  mit  schlecht
verhehlter  Schadenfreude  wohl  gefallen  und  schrieb  unter  einen  Bericht
Metternichs,  der  ihm  von  der  Kaisertreue  des  Rheinlands  erzählte,  zufrieden
  sein:  „Dient  zur  angenehmen  Wissenschaft.“  In  dem  bigotten
Aachen  wurde  der  Osterreicher  wo  er  sich  zeigte  mit  stürmischem  Hochruf
begrüßt,  um  den  König  und  den  Zaren  kümmerte  sich  niemand;  „der
Kaiser“,  sagte  man  laut,  „ist  hier  in  seinem  Land,  de  Prüß  ist  hier  fremd."
Als  König  Friedrich  Wilhelm  seinen  österreichischen  Gast  in  das  Münster
führte,  empfing  die  gesamte  Klerisei  den  Kaiser  am  Portale  —  wie  der
Osterreichische  Beobachter  in  einem  unverschämten  Artikel  behaglich  schilderte
  —  und  geleitete  ihn  zum  Grabe  Karls  des  Großen,  wo  ein  Betstuhl
  für  ihn  bereit  stand  und  ihm  die  berühmten  Reliquien  dargereicht
wurden;  währenddem  stand  der  evangelische  Landesherr  dieser  Geistlichen
mit  seinem  Kronprinzen  unbeachtet  zur  Seite.  Welch  ein  Auftritt!  Dank
und  Ehrfurcht  für  diesen  Lothringer,  der  die  Krone  der  Karolinger  in
den  Kot  geworfen  hatte,  hier  am  Grabe  des  ersten  Kaisers,  in  derselben
alten  Krönungsstadt,  wo  er  vierzehn  Jahre  zuvor  eidbrüchig  dem  Kaiser- 



*)  Metternich  an  Hardenberg,  5.  Nov.  1818.
        <pb n="475" />
        Kaiser  Franz  am  Rhein.  467

tum  des  Usurpators  seine  Huldigung  dargebracht;  und  freche  Gering—
schätzung  der  Untertanen  gegen  den  edlen  deutschen  Fürsten,  der  dieser
Westmark  das  fremde  Joch  vom  Nacken  genommen  und  ihr  nach  viel—
hundertjährigem  Elend  zuerst  wieder  den  Segen  eines  rechtschaffenen  deut—
schen  Staates  brachte.  Wahrlich,  ein  Geschlecht,  das  so  empfand,  war
noch  nicht  reif  für  die  Einheit.  —

 

Ganz  ohne  Kämpfe  sollten  die  Verhandlungen  des  Kongresses  nicht
verlaufen,  doch  ward  der  Gegensatz  der  Meinungen  niemals  schroff  und
gefährlich,  da  alle  Mächte  einen  neuen  Ausbruch  des  Kraters  der  Revo—
lution  in  Frankreich  gleichmäßig  fürchteten.  Wohl  hatte  der  Zar  seinen
Pozzo  di  Borgo  eigenmächtig,  dem  Beschlusse  der  Pariser  Gesandtenkon—
ferenz  zuwider,  nach  Aachen  berufen,  aber  Metternich  bemerkte  bald,  daß
Alexander  selbst  mit  der  französischen  Gesinnung  seines  Gesandten  keines—
wegs  übereinstimmte.  Der  Kaiser  betrachtete  die  inneren  Zustände  Frank—
reichs  mit  schwerer  Besorgnis  und  ließ  sich  durch  Richelieus  Beteuerungen
nicht  bekehren;  bei  allem  Wohlwollen  für  die  Bourbonen  wollte  er  den
Bund  der  vier  Mächte,  der  seine  Spitze  gegen  die  Revolution  in  Frank—
reich  richtete,  nicht  gänzlich  aufgeben.  Erhaltung  des  Friedens,  der  Ord—
nung,  der  christlichen  Sitte  und,  wenn  es  not  tue,  gemeinsamer  Kampf
gegen  die  Hydra  des  Aufruhrs  —  das  war  das  Programm,  das  er,  zu
Metternichs  Erleichterung,  in  salbungsvollen  Reden  wieder  und  wieder
entwickelte.  Zudem  nahm  Pozzo  an  den  amtlichen  Sitzungen  nicht  teil.
Die  Bevollmächtigten  waren:  Castlereagh  und  Wellington,  Metternich,
Hardenberg  und  Bernstorff,  Kapodistrias  und  Nesselrode.  Das  Protokoll
führte  Gentz;  der  schwamm  in  einem  Meere  des  Entzückens  und  fand  kaum
Worte  genug  um  seinem  Vertrauten  Pilat  die  erfreuliche  Sinnesänderung
des  Zaren  zu  schildern  und  die  musterhafte  Eintracht  der  Kabinette  und
das  reiche  Lob,  das  seiner  Feder  gespendet  ward,  und  die  6000  Dukaten
Geschenke,  die  in  seine  unergründliche  Tasche  flossen.  Der  französische
Bevollmächtigte  Richelieu  erschien  vorläufig  nur  in  einzelnen  Sitzungen,
auf  besondere  Einladung.

Über  die  Räumung  Frankreichs  einigte  man  sich  schon  am  dritten
Tage  des  Kongresses,  am  1.  Oktober,  und  bereits  am  9.  wurde  mit
Richelien  ein  Vertrag  geschlossen,  der  den  Abmarsch  des  Besatzungsheeres
bis  zum  30.  November  zusagte.  Ich  habe  genug  gelebt,  da  ich  Frankreich
frei  gesehen  habe,  schrieb  König  Ludwig  dankbar  seinem  Minister.  Für
die  Abzahlung  des  Restes  ihrer  Kriegsschulden  —  265  Mill.  Fr.  —  setzte
man  den  Tuilerien  eine  Frist  von  neun  Monaten.  Umsonst  hatte  Hardenberg
  sofortige  Zahlung  gefordert,  da  das  gänzlich  erschöpfte  Preußen  kaum
noch  länger  warten  konnte  und  die  französischen  Rentenbriefe  stets  unverzüglich,
  sobald  sie  eingingen,  zu  ungünstigem  Kurse  verkaufen  mußte.  Die

30“
        <pb n="476" />
        468  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

anderen  drei  Mächte  verwarfen  den  Vorschlag,  weil  sie  die  öffentliche
Meinung  in  Frankreich  nicht  reizen  wollten,“)  und  allerdings  hätten  die
Bourbonen  der  preußischen  Forderung  schwerlich  genügen  können.  Die
beiden  neuen  Anleihen  von  zusammen  120  Mill.,  welche  Frankreich  zur
Abtragung  der  ersten  Raten  seiner  Schuld  ausschrieb,  warfen  einen  pani—
schen  Schrecken  unter  die  Geschäftswelt,  und  noch  während  des  Kongresses
brach  in  Paris  und  dann  in  Amsterdam  eine  so  bedenkliche  Börsenkrisis
aus,  daß  die  Mächte,  auf  Richelieus  Bitten  und  Wellingtons  Verwendung,
  noch  zweimal  eine  Verlängerung  der  Zahlungsfrist  —  zuletzt  bis
zum  Juni  1820  —  bewilligten.  Beide  Male  widersprach  Preußen  vergeblich.

Schwieriger  gestalteten  sich  die  Verhandlungen  über  Frankreichs  künftige
  Stellung  zu  den  vier  Mächten.  Richelieu  wünschte  kurzweg  die  Aufnahme
  seines  Staates  in  den  Bund  der  Vier,  dergestalt,  daß  die  europäische
  Pentarchie,  wie  sie  in  den  drei  Jahrzehnten  vor  der  Revolution
tatsächlich  bestanden,  als  eine  rechtlich  anerkannte  Ordnung  erneuert
würde;  die  Fortdauer  des  Vierbundes,  versicherte  er  wiederholt,  könne  in
Frankreich  nur  als  eine  Beschimpfung  aufgefaßt  werden  und  den  Krieg
oder  die  Revolution  herbeiführen.  Eine  Zeitlang  schien  es,  als  ob  Rußland
  diesen  Wünschen  entgegenkommen  wolle;  im  vertraulichen  Gespräche
nannte  Kapodistrias  den  Vierbund  einen  vierköpfigen  Bonaparte,  dessen
Tyrannei  gebrochen  werden  müsse.  Am  8.  Okt.  überreichten  die  russischen
Bevollmächtigten  eine  Denkschrift,  die  nach  Bernstorffs  treffendem  Urteil
an  Ausdehnung,  Dunkelheit  und  Schwülstigkeit  alles  übertraf,  was  je
aus  Petersburg  gekommen  war.)  Sie  feierte  in  apokalyptischer  Sprache
das  neue,  von  der  Vorsehung  selbst  gegründete  System  des  Friedens,  das
gleich  der  Wahrheit,  einmal  anerkannt  und  in  die  Herzen  der  Menschen
eingegraben,  seine  Macht  nie  wieder  verlieren  könne,  und  forderte  sodann
den  Eintritt  Frankreichs  in  den  Vierbund,  der  „nur  der  Mittelpunkt  des
allgemeinen  Bundes  oder  des  europäischen  Systems“  sei.  Aber  daneben
standen  drohende,  ja  feindselige  Außerungen  gegen  Frankreich:  wenn  diese
Macht  je  wieder  der  Revolution  anheimfiele,  dann  scheide  sie  von  selbst
aus  dem  allgemeinen  Bunde  aus.

Das  seltsame  Schriftstück  gab  ein  getreues  Bild  von  den  widersprechenden
  Wünschen,  welche  seit  der  großen  Schwenkung  des  letzten
Sommers  den  beweglichen  Geist  des  Zaren  beherrschten:  der  Stifter  der
heiligen  Allianz  wäre  ersichtlich  gern  das  anerkannte  Haupt  eines  allgemeinen
  europäischen  Bundes  geworden,  aber  auf  den  erprobten  Vierbund,
der  die  Mächte  der  Revolution  in  Schach  hielt,  wollte  er  doch  auch  nicht
ganz  verzichten.  Dem  gegenüber  dachten  die  beiden  hochkonservativen

 

*)  Protokoll  der  5.  Sitzung  vom  3.  Okt.  1818.
**)  Kapodistrias,  Mémoire  sur  T’alliance  générale
10.  Okt.  1818.

26.  Sept.

K.  Stt-  Bernstorffan  Lottum,
        <pb n="477" />
        Frankreichs  Eintritt  in  die  Allianz.  469

Mächte  Osterreich  und  England  vor  allem  das  Bestehende,  den  Vierbund
aufrechtzuhalten,  etwa  mit  gelegentlicher  Zuziehung  Frankreichs;  Metternich
wie  Castlereagh  konnten  das  Mißtrauen  gegen  Rußlands  Ehrgeiz  und  die
Furcht  vor  jeder  Neuerung  nicht  überwinden.  Uberdies  befürchtete  Lord
Liverpool  heftige  Kämpfe  mit  den  Whigs,  falls  seine  Amtsgenossen  einen
förmlichen  Vertrag  unterschrieben,  und  verbarg  seine  Angst  hinter  der
hochtrabenden  Mahnung:  „die  Verbündeten  mögen  nicht  vergessen,  daß
die  allgemeine  und  europäische  Erörterung  dieser  Fragen  im  englischen
Parlamente  stattfinden  wird.“  Im  Schoße  seines  eigenen  Kabinetts  erhob
sich  bereits  eine  Stimme  des  Widerspruchs;  das  jüngste  Mitglied  des
Ministeriums,  Georg  Canning,  vertrat  schon  die  Ansicht,  daß  der  Inselstaat
  den  Angelegenheiten  des  Festlandes,  soweit  sie  nicht  den  englischen
Handel  berührten,  fern  bleiben  solle.  Preußen  stand  zwischen  beiden  Parteien
  in  der  Mitte  und  bemühte  sich  um  einen  Ausgleich,  dessen  Bedingungen
  in  der  Tat  nahe  lagen.  Der  Vierbund  bestand  unzweifelhaft
noch  zu  Recht;  ihn  aufzuheben  war  jetzt  nicht  ratsam,  da  der  Zustand
Frankreichs  so  wenig  Vertrauen  erweckte  und  in  dem  Königreich  der  Niederlande
  bereits  ein  Kampf  zwischen  Nord  und  Süd  entbrannt  war,  der  den
Zerfall  dieses  künstlichen  Staatsgebildes  anzukündigen  schien.  Andererseits
  ließ  sich  dem  Tuilerienhofe,  nachdem  er  alle  Bedingungen  des  Friedens
  erfüllt  hatte,  die  Teilnahme  an  den  Beratungen  der  europäischen
Mächte  billigerweise  nicht  mehr  versagen.  Gab  es  kein  Mittel,  um  beide
Zwecke  zugleich  zu  erreichen,  um  Frankreich  in  das  europäische  Konzert
aufzunehmen  und  zugleich  den  Bund  der  Vier  von  Neuem  zu  befestigen?

Auf  dies  zweifache  Ziel  war  Preußens  Vermittlung  gerichtet,  und
schon  nach  wenigen  Tagen  hatten  sich  die  beiden  Parteien  einander  genähert.
  Am  14.  Oktober  schlug  Kapodistrias  in  einer  neuen  Denkschrift
vor:  es  solle  durch  ein  geheimes  Protokoll  der  vier  Mächte  der  Vierbund
abermals  bestätigt  und  die  Rüstung  für  den  Fall  des  Krieges  gegen
Frankreich  im  einzelnen  verabredet  werden;  hierauf  sei  Frankreich  zum
Anschluß  an  die  Union  der  Mächte  einzuladen  und  der  vollzogene  Beitritt
den  übrigen  Staaten  Europas  anzuzeigen  als  ein  Beweis  „der  Einheit,
der  brüderlichen  und  christlichen  Freundschaft"  der  Monarchen.“)  Damit
waren  die  Grundlagen  für  die  Verständigung  bereits  gegeben.  Indes  gerieten
  die  Verhandlungen  für  einige  Tage  ins  Stocken,  weil  der  Zar  und
der  König  auf  Richelieus  dringende  Bitten  einen  Abstecher  nach  Paris
unternahmen;  der  greise  Bourbone  wünschte  seiner  Nation  zu  zeigen,  daß
die  Verbündeten  ihn  als  einen  völlig  gleichberechtigten  Bundesgenossen  betrachteten.
  Unterwegs  wurde  bei  Sedan  eine  Heerschau  über  das  preußische
Besatzungskorps  abgehalten,  auf  demselben  Gefilde,  das  die  schwarzen

 

*)  Mémoire  sur  ’application  des  traités  de  1815  aux  eirconstances  actuelles.
14.  Okt.  1818.
        <pb n="478" />
        470  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Adler  nach  einem  halben  Jahrhundert  wiedersehen  sollte.  In  den  Tuilerien
zeigte  der  Zar  wieder  seine  schauspielerischen  Künste;  er  blieb  nur  einen
Tag  und  hielt,  sobald  sein  preußischer  Freund  ins  Theater  gefahren  war,
mit  König  Ludwig  eine  lange  feierliche  Unterredung,  wobei  es  an  pathe—
tischen  Worten  und  gönnerhaftem  Wohlwollen  nicht  fehlte.  Aber  bindende
Zusagen  gab  er  dem  Könige  nicht,  und  als  er  am  31.  Oktober  nach
Aachen  zurückkehrte,  fand  er  die  Staatsmänner  in  einer  Stimmung,  welche
für  Frankreich  nichts  Gutes  verhieß.

Die  soeben  vollzogenen  Ergänzungswahlen  für  die  französischen  Kam—
mern  hatten  keinem  einzigen  Ultraroyalisten  ein  Mandat  gebracht,  da—
gegen  waren  selbst  in  den  Hochburgen  der  legitimistischen  Partei,  in  der
Bretagne  und  der  Vendee  erklärte  Demokraten  wie  Lafayette  und  Manuel
gewählt;  und  zudem  die  beunruhigenden  Nachrichten  von  der  Pariser  Börse.
Frankreichs  Zukunft  erschien  allen  unsicherer  denn  je,  und  mit  Nachdruck
hob  Metternich  in  einer  Denkschrift  vom  1.  November  hervor,  daß  dieses
Land  sich  noch  immer  nicht  in  der  gleichen  Lage  befinde  wie  die  übrigen
Mächte.  Niemand  wolle  das  ruhige  und  konstitutionelle  Frankreich  be—
drohen;  aber  dieser  Staat  sei  aus  einer  Revolution  hervorgegangen  und
von  Parteien  zerrissen;  es  bestehe  zwischen  den  vier  Mächten  eine  Ver—
pflichtung  ihn  zu  beobachten,  ob  er  wieder  in  revolutionäre  Zuckungen
verfallen  sollte,  „eine  Verpflichtung,  welche  gegen  keinen  anderen  Staat
besteht“;  deshalb  könne  Frankreich  nicht  in  einen  förmlichen  Bund  ein—
treten,  zumal  da  es  an  einem  casus  foederis  fehle,  sondern  nur  zur
Teilnahme  an  den  Beratungen  der  vier  Mächte  aufgefordert  werden.
Diese  Ansicht  drang  durch,  obwohl  Rußland  einige  mehr  gegen  die  Form
als  gegen  die  Sache  gerichtete  Einwendungen  erhob,“)  und  hierauf  wurde
der  Allerchristlichste  König  durch  eine  schmeichelhafte  Note  der  vier  Mächte
an  Richelien  vom  4.  Novbr.  eingeladen,  fortan  seine  Ratschläge  mit  den
ihrigen  zu  vereinigen.  Am  12.  erklärte  der  französische  Minister  in  einer
Antwortsnote  die  lebhafte  Dankbarkeit  seines  Königs  für  diesen  neuen
Beweis  von  Vertrauen  und  Freundschaft  und  versprach,  daß  Frankreich
sich  „mit  der  ihm  eigentümlichen  Ehrlichkeit"  an  die  Union  der  Mächte
anschließen  werde.

Am  15.  unterzeichneten  sodann  die  nunmehr  vereinigten  fünf  Mächte
ein  Protokoll,  worin  sie  den  Beitritt  Frankreichs  zu  dem  Systeme  des
allgemeinen  Friedens  feierlich  aussprachen  und  zugleich  sich  verpflichteten,
von  Zeit  zu  Zeit,  nach  Vereinbarung,  persönliche  Zusammenkünfte  zur
gemeinsamen  Beratung  ihrer  Angelegenheiten  zu  halten;  sollten  auf
diesen  Zusammenkünften  die  Interessen  anderer  Mächte  zur  Verhandlung

 

*)  Protokoll  der  22.  Sitzung  vom  4.  Nov.  Metternich's  Apereu  de  la  situation
1.  Nov.  1818.  Das  in  Metternichs  nachgelassenen  Papieren  III.  161  abgedruckte  Aktenstück
  ist  nur  das  erste  Konzept  dieser  nachher  noch  stark  umgearbeiteten  Denkschrift.
        <pb n="479" />
        Geheime  Erneuerung  des  Vierbunds.  471

kommen,  so  würde  dies  nur  auf  förmliche  Aufforderung  und  unter  Mit—
wirkung  der  beteiligten  Staaten  geschehen.  Dies  Protokoll  wurde  allen
europäischen  Höfen  mitgeteilt  nebst  einer  Deklaration  (v.  15.  Nov.),  einem
Meisterwerke  Gentzscher  Stilistik,  dessen  glänzende  Form  freilich  den  dürf—
tigen  Inhalt  kaum  verhüllen  konnte.  „Der  Zweck  dieser  Verbindung“,
hieß  es  da,  „ist  ebenso  einfach  als  wohltätig  und  groß.  In  ihrem  festen
und  ruhigen  Gange  strebt  sie  nach  nichts  als  nach  Aufrechterhaltung  des
Friedens  und  Gewährleistung  aller  der  Verhandlungen,  durch  welche  er
gestiftet  und  bekräftigt  worden  ist.  Die  Souveräne  erkennen  feierlich  an,
daß  ihre  Pflicht  gegen  Gott  und  gegen  die  Völker,  welche  sie  beherrschen,
ihnen  gebietet,  der  Welt,  so  viel  an  ihnen  ist,  das  Beispiel  der  Gerechtig—
keit,  der  Eintracht,  der  Mäßigung  zu  geben.“

So  war  denn  Frankreich  scheinbar  in  den  Bund  der  vier  Mächte
aufgenommen,  und  um  die  neue  Freundschaft  feierlich  zu  bekunden  erhielt
Pozzo  di  Borgo  jetzt,  mit  Genehmigung  des  Zaren,  die  Würde  eines
Pairs  von  Frankreich.  Der  wackere  Richelieu,  dessen  ritterliche  Haltung
auf  dem  Kongresse  allgemein  gefiel,  erlebte  die  Genugtuung,  daß  ihm  die
unwissende  Presse  nachrühmte,  er  habe  nicht  nur  den  französischen  Boden
befreit,  sondern  auch  die  europäische  Pentarchie  erneuert.  In  Wahrheit
hatte  Frankreich  nichts  davon  getragen  als  einen  ziemlich  wertlosen  Be—
weis  diplomatischer  Höflichkeit.  Die  Bourbonen  konnten  fortan  erwarten,
daß  ihre  Bevollmächtigten  zu  den  Zusammenkünften  der  vier  Verbündeten
zugezogen  würden,  aber  ein  Vertrag  war  nicht  geschlossen,  der  Name
Fünferbund  absichtlich  vermieden.  Dagegen  versammelten  sich  die  Ver—
treter  der  vier  Mächte  noch  an  demselben  15.  November,  da  sie  die  Dekla—
ration  an  die  europäischen  Höfe  erließen,  zu  einer  vertraulichen  Sitzung
und  erklärten  in  einem  geheimen  Protokolle,  daß  ihr  in  Chaumont  abge—
schlossener,  in  Paris  auf  unbestimmte  Zeit  erneuerter  Bund  unverändert
fortbestehe;  nur  um  Frankreich  und  die  übrigen  Staaten  nicht  zu  er—
schrecken,  sollte  der  Fortbestand  der  Quadrupelallianz  geheim  gehalten
werden.  Die  vier  Mächte  blieben  mithin  verpflichtet,  einander  mit  je
60,000  Mann  mindestens  sofort  zu  unterstützen  falls  in  Frankreich  eine
Revolution  ausbräche  oder  die  Bonapartes  zurückkehrten  oder  sonst  eine
Kriegsgefahr  sich  zeigte.  Sie  behielten  sich  vor,  nötigenfalls  in  besonderen
  Zusammenkünften  (réunions  spéciales)  die  Maßregeln  zu  verab—
reden,  welche  „den  verhängnisvollen  Folgen  eines  neuen  Umsturzes  in
Frankreich  zuvorkommen  können“.)

In  derselben  Sitzung  übergab  der  geheime  militärische  Ausschuß  der
vier  Mächte,  der  unter  Wellingtons  Vorsitz  tagte,  seinen  Plan  für  die
Aufstellung  der  verbündeten  Streitkräfte.  Nach  diesem  „militärischen  Protokoll“
  sollten,  sobald  die  vier  Mächte  ausgesprochen  hätten,  daß  der
casus  foederis  et  belli  gegeben  sei,  binnen  zwei  Monaten  die  englischen

*)  Geheimes  Protokoll  der  33.  Sitzung  vom  15.  Nov.  1818.
        <pb n="480" />
        472  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Truppen  um  Brüssel,  die  Preußen  um  Köln,  die  Osterreicher  um  Stuttgart,
  die  Russen  binnen  drei  Monaten  um  Mainz  versammelt  sein.  Von
den  belgischen  Festungen  besetzt  England  die  westlichen,  Ostende,  #pern
und  einige  der  Scheldeplätze,  Preußen  die  Plätze  an  der  Maas  und
Sambre,  Namur,  Charleroi,  Marienburg  usw.  Die  kleinen  deutschen
Kontingente  dachte  man  wieder  wie  im  Jahre  1815  nach  der  geographischen
  Lage  unter  die  verschiedenen  Armeen  zu  verteilen,  da  ein  Bundesheer
  noch  immer  nicht  bestand.  Dies  Protokoll  ward  genehmigt,  und  dann
mußte  Wellington  auf  Preußens  Andringen  auch  noch  die  Zustimmung
des  Königs  der  Niederlande  einholen.)

Den  preußischen  Generalen  war  mit  alledem  noch  nicht  genug  geschehen.
  Sie  täuschten  sich  nicht  über  die  vollkommene  Unbrauchbarkeit  des
gerühmten  niederländischen  „Polsterkissens“",  das  nach  der  Absicht  des
Wiener  Kongresses  den  ersten  Stoß  der  französischen  Heere  auffangen
sollte;  sie  kannten  den  kläglichen  Zustand  der  niederländischen  Armee  und
wußten,  daß  sie  nicht  ausreichte,  um  auch  nur  die  Hälfte  von  jenen
fünfzig  Festungen  und  Forts  zu  bewachen,  welche  Wellington  soeben  mit
Hilfe  der  französischen  Kontributionsgelder  an  der  belgischen  Grenze  ausbauen
  ließ.  Preußen  beabsichtigte  daher  als  der  zunächst  bedrohte  Nachbarstaat
  am  Niederrhein  ein  stehendes  Observationskorps  aufzustellen,  das
gegebenen  Falls  noch  vor  der  Kriegserklärung  geradeswegs  in  Belgien  einrücken
  sollte.  Um  mit  dem  niederländischen  Hofe  das  Nähere  zu  verabreden,
  wurde  General  Müffling  von  Aachen  aus  nach  Brüssel  gesendet;
aber  eine  solche  Schmälerung  seiner  Souveränität  wollte  König  Wilhelm
schlechterdings  nicht  zugeben.  Schon  seit  Jahren  hatte  der  Oranier,  der
seinen  Thron  den  Waffen  der  Verbündeten  verdankte,  seine  Vorliebe  für
Frankreich,  seinen  Haß  gegen  Preußen  deutlich  bekundet.  Jetzt  grollte  er,
weil  König  Friedrich  Wilhelm  ihn  nicht  von  Aachen  aus  besucht  hatte,
und  mehr  noch  weil  Preußen,  den  Verträgen  gemäß,  den  Oberbefehl
in  der  Bundesfestung  Luxemburg  beanspruchte;  und  als  der  preußische
Unterhändler  nun  gar  auf  die  schwierige  Stimmung  der  Belgier  warnend
hinwies,  da  fühlte  sich  der  Brüsseler  Hof  tief  beleidigt.  Er  wollte  nichts
wissen  von  dem  furchtbaren,  täglich  wachsenden  Grolle  der  katholischen
Belgier  wider  die  holländischen  Ketzer  und  sah  sich  in  seinem  verblendeten
Hochmut  bestärkt  durch  den  englischen  Gesandten  Lord  Clancarty,  der  dies
künstliche  Königreich,  dies  Meisterwerk  englischer  Staatsweisheit  nicht
genug  bewundern  konnte.  Der  Hochtory  fand  die  Zustände  in  Belgien
ganz  vortrefflich  und  riet  dem  Berliner  Hofe  mit  englischer  Bescheidenheit:
  möge  nur  Preußen  dem  guten  Beispiel,  das  die  Holländer  in  Belgien
  geben,  folgen  und  seine  neuen  Provinzen  ebenso  musterhaft  regieren;
dann  wird  für  die  preußischen  Rheinlande  nichts  mehr  zu  fürchten  sein!

 

*)  Protocole  militaire  vom  15.  November.  Bernstorff  an  Lottum,  9.  November.
Wolzogens  Denkschrift,  17.  Okt.  Boyens  Denkschrift,  15.  Nov.  1818.
        <pb n="481" />
        Geheimer  Kriegsplan  gegen  Frankreich.  473

Solchen  Köpfen  vermochte  Müffling  allerdings  nicht  zu  erweisen,  wie
wichtig  der  freundnachbarliche  Vorschlag  Preußens  für  die  Erhaltung  des
niederländischen  Gesamtstaats  werden  konnte.  Er  verbrachte  den  ganzen
Winter  in  unerquicklichen  Verhandlungen  und  kehrte  im  Frühjahr  unver—
richteter  Dinge  heim.

So  gelangten  zwar  nicht  alle  Pläne  der  Aachener  Verbündeten  zur
Vollendung.  Aber  das  Wesentliche  war  erreicht;  die  Quadrupelallianz
blieb  aufrecht,  fester,  einträchtiger  denn  je  zuvor.  Frankreich  dagegen
unterlag  noch  immer  der  polizeilichen  Aufsicht  der  vier  Mächte,  obwohl
die  Pariser  Gesandtenkonferenz  nunmehr,  der  Form  halber,  aufgelöst
wurde.))  Jeden  Augenblick,  sobald  der  Parteikampf  in  Frankreich  bedrohlich
  zu  werden  schien,  konnte  der  Rat  der  Vier  zusammentreten  und
nach  dem  verabredeten  Plane  sofort  zur  bewaffneten  Intervention  schreiten.
Richelien  erhielt  nur  die  vertrauliche  Mitteilung,  daß  der  Vierbund  nicht
aufgelöst  sei,  und  hütete  sich  wohl  dies  dem  französischen  Selbstgefühle  so
peinliche  Geheimnis  zu  verraten.  Von  dem  Ernst  und  dem  Umfang  der
getroffenen  Vorsichtsmaßregeln  ahnte  er  gar  nichts;  ebensowenig  von  der
veränderten  Gesinnung  des  Zaren  Alexander,  dem  er  alle  seine  Dankbarkeit
  zuwendete.  Entzückt  schrieb  er  über  den  russischen  Monarchen:  „man
sollte  die  Spuren  seiner  Füße  küssen;"  er  wußte  nicht,  daß  gerade  dieser  Wohltäter
  Frankreichs  den  Verbündeten  zuerst  die  Einsetzung  eines  militärischen
Ausschusses  vorgeschlagen  und  bei  den  Verhandlungen  über  das  Heerwesen
der  Koalition  sich  neben  den  Preußen  am  allereifrigsten  gezeigt  hatte.

Wie  viele  Demütigungen  mußte  doch  das  stolze  Frankreich  auf  diesem
Kongresse  hinnehmen.  Auch  nachdem  der  französische  Minister  zur  regelmäßigen
  Mitwirkung  eingeladen  war,  hörten  die  Sitzungen  des  Vierbundes
  nicht  auf;  von  den  47  Sitzungen  des  Kongresses  fanden  fünfzehn,
fast  ein  Drittel,  ohne  Richelieus  Teilnahme  statt.  Am  Jahrestage  der
Leipziger  Schlacht  veranstalteten  die  Verbündeten  ein  glänzendes  Fest  dem
sich  der  französische  Minister  und  sein  Gefolge  nur  durch  eine  plötzliche
Reise  entziehen  konnten;  und  welche  sonderbare  Rolle  spielte  nachher  der
Herzog  von  Angouleme,  als  er  inkognito  auf  kurze  Zeit  in  Aachen  erschien,
  um  den  Pariser  Besuch  der  beiden  Monarchen  zurückzugeben.  Die
unwürdige  Stellung  Frankreichs  im  hohen  Rate  Europas  war  die  natürliche
  Folge  der  Sünden  der  hundert  Tage;  wer  durfte  den  vier  Mächten
verargen,  wenn  sie  einer  neuen  Störung  des  Weltfriedens,  der  dieser
todmüden  Zeit  schlechthin  als  der  Güter  höchstes  galt,  mit  jedem  Mittel
vorzubeugen  suchten?  Doch  auf  die  Dauer  konnte  eine  große  Nation  eine
so  beschäamende  Behandlung  unmöglich  ertragen.

Im  Verlaufe  dieser  Unterhandlungen  enthüllte  sich  auch  das  letzte
Ziel,  welches  dem  Zaren  bei  allen  den  rätselhaften  Wendungen  seiner

 

*)  Protokoll  der  47.  Sitzung  vom  22.  Nov.  1818.
        <pb n="482" />
        474  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Politik  vorschwebte.  Alexander  wünschte  außer  der  Fortdauer  des  Vierbundes,
  dessen  Wirksamkeit  er  auf  den  Kriegsfall  zu  beschränken  dachte,
auch  den  Abschluß  eines  allgemeinen  europäischen  Garantie-Vertrages.
Diesen  Einfall  verdankte  er  einer  schwülstigen  Denkschrift  Ancillons,  einer
Privat-Arbeit,  welche  der  untertänige  Vielschreiber  dem  Zaren  vermutlich
  schon  auf  der  Durchreise  in  Berlin  überreicht  hatte.  Ancillon  verherrlichte
  darin  die  heilige  Allianz,  „diesen  Vertrag,  der  allein  genügen
würde  die  gegenwärtige  Epoche  unsterblich  zu  machen,“  und  schilderte  sodann
  mit  gewohnter  Geschwätzigkeit,  wie  auf  die  beiden  Epochen  des
Gleichgewichts  und  des  revolutionären  Weltreichs  nun  endlich  die  glückliche
  Zeit  gefolgt  sei,  welche  „die  ebenso  einfache  als  erhabene  Idee  der
europäischen  Familiengesellschaft“"  begriffen  habe.  Um  diese  Idee  zu  verwirklichen,
  müßten  die  fünf  großen  Mächte  allen  Staaten  Europas  ihren
gegenwärtigen  Besitzstand  solidarisch  gegen  jede  gewaltsame  Störung  verbürgen
  und  auf  regelmäßigen  Kongressen  von  Zeit  zu  Zeit  die  notwendigen
  Anderungen  des  Bestehenden  friedlich  beschließen.  „Es  kommt  darauf
an“,  fügte  Bernstorff  erklärend  hinzu,  „der  durchsichtigen  Seele  der  heiligen
Allianz  einen  festen  Körper  zu  geben  oder  diese  wesenlose  Psyche  mit  der
wahren  befruchtenden  Liebe  und  Gerechtigkeit  zu  vermählen.“

So  sollte  denn  jenes  Traumbild  des  ewigen  Friedens,  das  die  ermattete
  Welt  beherrschte,  durch  das  gemeinsame  Protektorat  der  Großmächte
ins  Leben  eingeführt  werden  und  die  europäische  Union  in  den  regelmäßig
wiederkehrenden  Zusammenkünften  der  fünf  Monarchen  eine  ständige
Zentralgewalt  erhalten;  also  gestaltet  hätte  der  Weltteil  die  Form  eines
Bundesstaates  angenommen,  eine  Verfassung,  die  sich  mit  der  berechtigten
Unabhängigkeit  der  Einzelstaaten  nicht  mehr  vertrug.  An  diesen  bedenklichen
  Vorschlag  schloß  Ancillon  noch  einen  zweiten  schlechthin  verwerflichen,
der  das  System  der  gemeinsamen  Friedenswahrung  geradezu  verfälschte
und  das  europäische  Protektorat  zu  einem  Werkzeug  reaktionärer  Parteipolitik
  herabzuwürdigen  drohte.  Die  Denkschrift  verlangte,  daß  die  großen
Mächte  sich  verpflichteten  überall  die  legitime  Souveränität  aufrecht  zu
erhalten,  und  erläuterte  diesen  Satz  dahin:  die  Anderung  einer  Verfassung
  durch  den  Souverän  kann  niemals  eine  Intervention  der  großen
Mächte  veranlassen,  wohl  aber  ein  Umsturz  oder  eine  Bedrohung  der
legitimen  Souveränität.  Also  nicht  die  Wahrung  des  Rechts  und  des
Friedens  gegen  jedermann  sollte  dem  großen  Friedensbunde  obliegen,
sondern  die  Verteidigung  der  Throne  gegen  die  Völker.  Damit  war  ein
verhängnisvolles  Wort  gesprochen,  das  die  Politik  Metternichs  sich  nur
zu  bald  gelehrig  aneignete.  *)

Vorderhand  blieb  ein  so  vollständiger  Triumph  der  reaktionären  Partei
noch  unmöglich.  Osterreich  und  Preußen  zeigten  sich  zwar  bereit  auf

 

*)  Ancillon,  JMémoire  sur  la  grande  alliance.  Bernstorff  an  Lottum,  1.  Nov.  1818.
        <pb n="483" />
        Plan  eines  allgemeinen  Garantie-Vertrags.  475

eine  allgemeine  gegenseitige  Gewährleistung  des  europäischen  Besitzstandes
einzugehen;  denn  der  friedensseligen  Welt  war  jedes  Mittel  zur  Wahrung
des  Bestehenden  willkommen,  und  Metternich  hoffte  insgeheim,  die  all—
gemeine  Garantie  werde  den  beiden  Ehrgeizigen,  die  er  am  meisten  fürch—
tete,  dem  Zaren  und  dem  preußischen  Heere,  einen  Zaum  anlegen.  Aber
Lord  Castlereagh  widersprach  entschieden.  Mit  einem  so  weit  aussehenden
Vertrage  durfte  er  dem  Parlamente  nicht  unter  die  Augen  treten;  der
Plan  lief  auf  die  Befestigung  der  Heiligen  Allianz  hinaus  und  konnte
also  nur  ihrem  Stifter,  der  den  Briten  längst  zu  mächtig  war,  zu  gute
kommen.  Auch  die  regelmäßigen  Kongresse  erschienen  der  insularischen
Politik  unannehmbar;  nur  auf  gelegentliche  Zusammenkünfte,  je  nach  Zeit
und  Umständen,  wollte  sie  sich  einlassen.  Der  Lord  blieb  unerschütterlich,
und  da  auch  die  beiden  deutschen  Mächte  sich  gestehen  mußten,  daß  die
handfeste  Quadrupelallianz  mit  ihren  klaren,  greifbaren  Verpflichtungen
den  europäischen  Frieden  ungleich  wirksamer  sicherte  als  der  nebelhafte
Heilige  Bund,  so  wurde  die  Beratung  über  den  Garantievertrag  vor—
läufig  vertagt.  Der  Zar  aber  hielt  die  Hoffnung  fest,  daß  die  zarte
Psyche  seines  Lieblingswerkes  dereinst  noch  einen  Körper  gewinnen  sollte,
erinnerte  seine  Gesandten  in  einem  Rundschreiben  nochmals  an  die  Grund—
sätze  der  Heiligen  Allianz  und  erklärte  zum  Abschied  nachdrücklich:  er  sei
bereit  sich  jedem  Garantievertrage  anzuschließen,  welchen  eine  der  vier
Mächte  auf  Grund  der  Ancillonschen  Denkschrift  noch  vorschlagen  würde.“)

Auch  bei  manchen  anderen  Fragen  trat  der  alte  Gegensatz  der  eng—
lischen  und  der  russischen  Politik  wieder  grell  hervor.  Da  der  Negerhandel
an  der  brasilianischen  Küste  nicht  nachließ,  so  verlangte  England  das  Recht,
alle  des  Sklavenhandels  verdächtigen  Fahrzeuge  überall  durch  seine  Kriegs—
schiffe  durchsuchen  zu  lassen;  Rußland  aber  und  die  sämtlichen  anderen
Mächte  fanden  diesen  Anspruch  allzu  anmaßend,  und  Castlereagh  mußte
zufrieden  sein,  als  die  drei  Monarchen  sich  herbeiließen,  den  König  von
Portugal  in  eigenhändigen  Briefen  zur  Abstellung  des  Unwesens  zu  er—
mahnen.“)  Andererseits  konnten  Rußland  und  Preußen  ein  gemeinsames
Vorgehen  gegen  die  Barbaresken  nicht  durchsetzen,  weil  England  keine
russischen  Schiffe  im  Mittelmeere  sehen  wollte.  Ebenso  erfolglos  blieb
ein  Hilferuf  des  Madrider  Hofes.  Die  alten  Gönner  der  spanischen
Bourbonen,  Rußland  und  Frankreich,  wünschten,  daß  England  die  Vermittlung
  zwischen  dem  Könige  und  seinen  aufständischen  Untertanen  in
Südamerika  übernehmen,  womöglich  auch  die  Vereinigten  Staaten
von  der  Anerkennung  der  neuen  kreolischen  Republiken  abhalten  sollte.
Wellington  aber  lehnte  die  Zumutung  ab.  Er  erkannte,  daß  König

 

*)  Bernstorff  an  Lottum,  5.  23.  Nov.  1818.
7#  )  König  Friedrich  Wilhelm  an  den  König  von  Portugal,  7.  Nov.  Bernstorff
an  Lottum,  29.  Okt.,  9.  Nov.  1818.
        <pb n="484" />
        476  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Ferdinand  nicht  eine  ehrliche  Vermittlung  wollte,  sondern  einfach  die
Wiederherstellung  seiner  Herrschaft  in  Südamerika;  und  am  Ende  durfte
doch  selbst  diese  Tory-Regierung,  obwohl  sie  von  den  wirtschaftlichen  Fragen
wenig  verstand,  sich  den  Traditionen  der  britischen  Handelspolitik  nicht
ganz  entziehen.  England  hatte  durch  den  Abfall  Südamerikas  ein  ergiebiges
  Handelsgebiet  gewonnen  und  konnte  die  Wiedervereinigung  der
Kolonien  mit  dem  spanischen  Mutterlande  unmöglich  wünschen.)

Trotz  solcher  Mißhelligkeiten,  die  bei  der  Mannigfaltigkeit  der  europäischen
  Interessen  gar  nicht  ausbleiben  konnten,  war  der  Nachener
Kongreß  wohl  der  einträchtigste  der  neuen  Geschichte;  das  Friedensbedürfnis
  und  die  Furcht  vor  der  Revolution  hielt  die  Mächte  fest  zusammen.
  Und  es  war  wirklich  ein  europäischer  Kongreß,  obwohl  man
den  Namen  vermied.  Stolz  und  sicher  segelte  das  mächtige  Orlogsschiff
des  Vierbundes  mit  der  französischen  Schaluppe  im  Schlepptau  durch
die  Wogen  der  Zeit.  Wellington,  der  nunmehr  auch  von  Preußen  und
Osterreich  den  Marschallsstab  erhielt  und  also  in  allen  namhaften  europäischen
  Heeren,  mit  der  einzigen  Ausnahme  Frankreichs,  die  höchste
militärische  Würde  bekleidete,  erschien  gleichsam  als  der  Generalissimus
des  verbündeten  Europas.  Die  Monarchen  hielten  sich  fest  überzeugt,
daß  ihre  Vormundschaft  dem  Weltteil  zum  Segen  gereiche.  Sie  zogen
unbedenklich  jede  europäische  Frage  vor  ihr  Forum,  obwohl  sie  den
Staaten  zweiten  Ranges  soeben  erst  versichert  hatten,  daß  ihre  Zusammenkunft
  nur  der  Abwicklung  der  französischen  Angelegenheiten  gelte;  und
ließen  sie  einmal  eine  Streitfrage  unerledigt,  so  geschah  dies  nicht,  weil  sie
sich  für  unbefugt  gehalten  hätten,  sondern  weil  sie  sich  nicht  einigen  konnten.

Da  der  Zar  der  europäischen  Union  den  Charakter  einer  großen  christlichen
  Familie,  im  Sinne  der  heiligen  Allianz,  bewahren  wollte,  so  erteilte
der  Kongreß  seine  Weisungen  an  die  kleinen  Staaten  häufig  durch  väterliche
  Handschreiben  der  drei  Monarchen.  Wie  der  König  von  Portugal  zur
Abschaffung  des  Sklavenhandels,  so  wurde  der  König  von  Schweden
durch  solche  Handbillets  zur  Erfüllung  seiner  Pflichten  gegen  Dänemark
angehalten.  König  Friedrich  Wilhelm  erinnerte  seinen  nordischen  Nachbar
ernstlich  an  die  „Bande  christlicher  Brüderlichkeit,  welche  zwischen  allen
Fürsten  und  ihren  Völkern  bestehen.“  Das  neue  Haus  der  Bernadottes
aber  fühlte  sich  in  dieser  legitimen  Staatengesellschaft  noch  sehr  unsicher;
Karl  Johann  bewarb  sich  schon  seit  einiger  Zeit  bei  dem  bayrischen  und  anderen
  Höfen,  immer  vergeblich,  um  eine  Gemahlin  für  seinen  Thronfolger
und  wußte  wohl,  daß  die  Monarchen  in  Aachen  soeben  einen  Dotationsfonds
  zum  Besten  der  vertriebenen  Wasas  gebildet  hatten.  Daher
beeilte  er  sich  der  Mahnung  zu  entsprechen  und  erreichte  endlich  nach
schweren  Kämpfen,  daß  der  norwegische  Storthing,  wie  billig,  einen  Teil

 

*)  Protokoll  der  18.  Sitzung  vom  23.  Okt.  Bernstorff  an  Lottum,  19.  Nov.  1818.
        <pb n="485" />
        Diktatur  des  Vierbundes.  477

der  Schulden  des  früheren  dänischen  Gesamtstaates  übernahm.  Hart
genug  kam  ihm  das  freilich  an.  Einmal  versuchte  er  sogar  gegen  die
Tyrannei  des  Vierbundes  zu  protestieren  und  schrieb  an  Kaiser  Franz
(7.  Jan.  1819)  mit  gascognischem  Wortschwall:  „Wahrlich,  Sire,  müßte
man  nicht  den  Abgrund  des  Unglücks  beklagen,  in  welchen  die  Völker  und
die  Regierungen  zweiten  und  dritten  Ranges  stürzen  würden,  wenn  die
Macht  sich  über  die  geheiligten  Grundsätze  der  Vernunft  und  der  Ge—
rechtigkeit  erheben  und  sich  befugt  glauben  wollte  an  die  Stelle  des
Völkerrechts  zu  treten,  ja  sogar  nach  Belieben  einen  Gerichtshof  für  die
Streitigkeiten  der  Nationen  zu  schaffen,  und  wenn  also  ein  System  ent—
stände,  so  wenig  übereinstimmend  mit  jenen  Grundsätzen  politischen  Frei—
sinns,  für  welche  so  viel  Blut  vergossen  worden  ist,  und  welche  uns  vor
sechs  Jahren  gegen  den  Eroberer  vereinigten,  der  den  Plan  gefaßt  hatte
eine  souveräne  Obermacht  über  einer  allgemeinen  und  vollständigen  Knecht—
schaft  aufzurichten?!“  Metternich  aber  meinte  trocken,  das  seien  müssige
Diskussionen;  und  da  die  vier  Mächte  als  Garanten  des  Kieler  Friedens  nur
verlangten  was  Rechtens  war,  so  mußte  der  Schwede  sich  beugen.“)  Mit
dem  Fürsten  von  Monaco  machte  man  noch  weniger  Umstände;  Richelieu
erhielt  den  Auftrag,  im  Namen  der  großen  Allianz  diesen  nichtsnutzigen
kleinen  Despoten  nachdrücklich  zu  christlichem  Wandel  zu  ermahnen.)
So  schaltete  überall  die  Diktatur  der  großen  Mächte,  schonend  in  der
Form  und  für  jetzt  noch  gerecht  und  friedfertig  in  ihren  Absichten,  doch
immerhin  eine  Diktatur,  die  allen  Nichtgenossen  lästig  ward.  Ohne  die
kleinen  Kabinette  einer  Anfrage  zu  würdigen,  beschloß  der  Kongreß  eine
neue  Rangordnung  für  die  Diplomatie  —  Botschafter,  Gesandte,  Ministerresidenten,
  Geschäftsträger  —  und  die  Vorschrift  ward  ohne  weiteres  von
allen  Höfen  befolgt.  Auch  über  den  gefangenen  Imperator  ward  verhandelt,
  und  hierbei  zeigten  sich  die  Minister  des  Zaren  unter  allen  am
schroffften.  Sie  verwarfen  jede  Schonung  gegen  „das  Individuum,  in
dem  sich  die  Macht  der  Revolution  verkörpert  habe",  erklärten  die  Beschwerden
  des  Gefangenen  für  „ebenso  falsch  als  kindisch"  —  was  in  der
Tat  zutraf  —,  billigten  unbedingt  alle  Maßregeln  Hudson  Lowes  und
verlangten  die  Ausweisung  der  Napoleoniden  aus  gefährlichen  Orten,
vornehmlich  aus  Rom,  wo  „diese  Individuen“  nur  Unheil  stifteten.“)  So
weit  wollten  die  anderen  Mächte  nicht  gehen;  man  erneuerte  nur  die  alte
Abrede  strenger  polizeilicher  Aufsicht  gegen  die  gefährliche  Familie.  Zuletzt
  traten  auch  die  unvermeidlichen  Juden  auf  den  Plan.  Rußland
empfahl  eine  Denkschrift  eines  christlichen  Geistlichen,  welche  sich  für  die
vollständige  Emancipation  aussprach;  doch  da  der  Zar  mit  nichten  geneigt

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  den  Konig  von  Schweden,  14.  Nov.  1818;  König

Karl  XIV.  Johann  an  Kaiser  Franz,  7.  Jan.  1819;  Krusemarks  Bericht,  Wien  Febr.  1819.
**)  Protokoll  der  42.  Sitzung  vom  21.  Nov.  1818.

x**  Russische  Denkschrift  über  Buonaparte  (Protokoll  d.  31.  Sitzung  v.  13.  Nov.  1818).
        <pb n="486" />
        478  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

war,  diese  menschenfreundlichen  Grundsätze  in  seinem  Reiche  zu  verwirk—
lichen,  so  kam  kein  Beschluß  zu  Stande.

Alles  in  allem  durfte  Metternich  diesen  Kongreß  als  einen  großen
Erfolg  betrachten.  Kein  Zweifel  mehr,  der  Zar  war  bekehrt,  und  wenn
er  noch  zuweilen  seines  eignen  Weges  ging,  liberale  Anwandlungen  zeigte
er  nicht  mehr.  Nur  Kapodistrias  blieb  der  Hofburg  noch  verdächtig  und
wurde,  als  er  nach  dem  Kongresse  Italien  bereiste,  auf  Schritt  und  Tritt
von  der  k.  k.  Polizei  bewacht.  Auch  Richelien  hatte  zum  Abschied  tröstliche
  Zusicherungen  gegeben  und  sogar  eine  Veränderung  des  Wahlgesetzes
versprochen;  Metternich  hoffte  das  Beste,  da  er,  gleich  den  meisten  der
Zeitgenossen,  die  Bedeutung  der  Wahlgesetze  weit  überschätzte.  Aber  der
französische  Minister  konnte  sein  Wort  nicht  einlösen.  Sein  eigener  Amtsgenosse
  Decazes  trat  ihm  entgegen.  Es  kam  zum  Bruche.  Gegen  Weihnachten,
  wenige  Wochen  nach  seinen  Aachener  Erfolgen,  trat  Richelien  zurück
und  Herzog  Decazes  bildete  ein  neues  Kabinett,  das  sich  mit  den  liberalen
Parteien  freundlicher  zu  stellen  suchte.  Nachdem  der  erste  Schrecken  verflogen
  war,  fand  sich  Metternich  rasch  in  die  veränderte  Lage,  denn  auch
der  neue  Minister  mußte  wissen,  daß  er  unter  dem  Schwerte  der  Quadrupelallianz
  stand  und  den  Independenten  nicht  zu  weit  entgegenkommen
durfte.  Der  Vierbund  aber  ward  durch  die  Nachrichten  aus  Paris  nur
von  neuem  gekräftigt.  Zar  Alexander,  der  die  erste  Kunde  auf  der
Heimreise  in  Wien  erhielt,  eilte  sofort  zornglühend  zu  Kaiser  Franz,  versprach
  augenblicklich  seine  Regimenter  auf  den  Kriegsfuß  zu  setzen,  ließ  sich
nur  mit  Mühe  beschwichtigen.)  Die  vier  Mächte  einigten  sich,  auf  Hardenbergs
  Rat,  zu  dem  Beschlusse,  zwar  jede  mittelbare  oder  unmittelbare
  Einmischung  in  Frankreichs  innere  Angelegenheiten  zu  vermeiden,
aber  ihren  engeren  Bund  nur  um  so  fester  zu  schließen;  dies  sei  der
einzige  Damm  gegen  den  wütenden  Strom,  welcher  die  Geister  in
Frankreich  von  neuem  fortreiße.)  In  solcher  Lage  war  eine  revolutionäre
  Schilderhebung  nicht  wahrscheinlich.  Frohlockend  verkündete  Gentz
seinen  Freunden:  „die  Ruhe  der  Welt  ist  auf  lange,  lange  Zeit  hinaus
gesichert.“  Mit  übermütigem  Hohne  zermalmte  er  im  Osterreichischen
Beobachter  die  Schrift  des  Erzbischofs  de  Pradt  über  den  Aachener  Kongreß,
  allerdings  ein  sehr  seichtes  Machwerk  des  schreibseligen  Liberalen;
und  als  die  Independenten  der  Pariser  Minerva  über  die  Uneinigkeit  der
großen  Mächte  spotteten,  erwiderte  er  ihnen  (Jan.  1819)  drohend  —  was
dem  großen  Publikum  wie  ein  Blitz  aus  heiterem  Himmel  kam:  sie  mögen
sich's  gesagt  sein  lassen,  die  Quadrupelallianz,  sofern  sie  gegen  die  Revolution
  gerichtet  ist,  besteht  noch  heutel

 

*)  Krusemarks  Bericht,  Wien  26.  Dez.  1818.
*)  Ministerialschreiben  an  Krusemark,  6.  März  1818.
        <pb n="487" />
        Die  Kattenkrone.  479

Unter  den  mannigfachen  Streitfragen,  welche  der  Kongreß  in  wenigen
Wochen  angestrengter  Arbeit  entschied,  befanden  sich  natürlich  auch  viele
deutsche  Angelegenheiten.  Manche  dieser  deutschen  Händel  gehörten  von
Rechts  wegen  vor  das  Tribunal  des  Vierbundes,  weil  sie  in  den  europäischen
Verträgen  der  Kriegsjahre  ihren  Ursprung  hatten,  manche  andere  wurden
nur  durch  die  unausrottbare  vaterlandslose  Gesinnung  deutscher  Kleinfürsten
  vor  den  Kongreß  gebracht.  Preußen  aber  und,  durch  dies  Vorgehen
  gezwungen,  auch  Osterreich  wahrten  ehrenhaft  die  Unabhängigkeit
  des  Deutschen  Bundes;  sie  gestatteten  dem  Vierbunde  eine  Einmischung
in  deutsche  Streitigkeiten  nur  dann,  wenn  sie  auf  Grund  der  Verträge
rechtlich  unabweisbar  war.  Gleich  zum  Beginn  erschien  ein  kurhessischer
Agent  um  den  drei  Monarchen  eigenhändige  Briefe  des  Kurfürsten  zu
überreichen  und  den  Ministern  der  beiden  anderen  Großmächte  mündlich
mitzuteilen:  sein  Souverän  denke  den  Namen  eines  Königs  der  Katten
anzunehmen,  er  erbitte  sich  in  Demut  die  Anerkennung  Europas.  Der  Kurfürst
  hatte  bereits  in  Kassel  den  Bau  einer  Kattenburg  begonnen,  welche  der
neuen  Kattenkrone  zum  Herrschersitze  dienen  sollte,  und  hielt  die  Kosten
dieses  riesigen,  nie  vollendeten  Bauwerks  vor  seinem  unglücklichen  Ländchen
  sorgfältig  geheim.  Doch  gleichzeitig  traf  ein  geharnischter  Protest  aus
Darmstadt  ein:  sollte  der  Kurfürst  den  Königstitel  erlangen,  dann  beanspruchte
  sein  Vetter  für  sich  die  gleiche  Würde.  Die  Mächte  wiesen  das
Ansinnen  kurz  und  scharf  zurück,  „da  die  Bitte  S.  K.  Hoheit  durch  keinen
irgend  genügenden  Grund  gerechtfertigt  sei".  Der  tief  gekränkte  Hesse
aber  hielt  es  für  schimpflich,  dem  Vorbilde  des  verständigen  Karl  Friedrich
von  Baden  zu  folgen,  den  jetzt  völlig  sinnlosen  Kurfürstentitel  gegen  den
großherzoglichen  Titel  zu  vertauschen;  er  behielt  den  alten  Namen  bei  und
weil  die  Deutschen  über  die  verunglückte  Kattenkrone  nichts  erfuhren,  so
fanden  sich  der  guten  Seelen  genug,  welche  den  Kurfürsten  darum  bewunderten,
  daß  er  eine  so  rührende  Pietät  für  die  ehrwürdigen  Erinnerungen
  des  heiligen  Reichs  zeigte.)

Die  schroffe  Form  der  Abfertigung  war  durch  Preußen  veranlaßt,
da  König  Friedrich  Wilhelm  sich  durch  die  Mißregierung  des  Kurfürsten
in  seiner  persönlichen  Ehre  verletzt  fühlte.  Der  Kurfürst  hatte  während
des  Krieges  sein  Land  durch  einen  Vertrag  mit  den  vier  Mächten  wiedergeschenkt
  erhalten,  die  Verbündeten  hatten  ihm  dabei  leider  keine  förmliche
Verpflichtung  auferlegt,  aber  allesamt  als  selbstverständlich  angenommen,
daß  er  die  Grundsätze  des  Völkerrechts  nicht  geradezu  mit  Füßen  treten
würde.  Und  nun  die  schändliche  Betrügerei  gegen  die  westfälischen  Domänenkäufer!
  Dem  Könige  war  zu  Mute,  als  ob  er  für  einen  Gauner
eine  Bürgschaft  übernommen  hätte;  schon  unterwegs  in  Hanau  war  er  von

 

*)  Separat-Protokoll  über  Kurhessen,  11.  Okt.  Hardenbergs  Weisung  an  den
Gesandten  v.  Hänlein  in  Kassel,  14.  Okt.  1818.
        <pb n="488" />
        480  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

den  Mißhandelten  mit  Bitten  bestürmt  worden,  in  Aachen  liefen  noch
andere  Beschwerden  ein.  Bernstorff  erstattete  dem  Kongresse  Bericht;  er
nannte  den  schmutzigen  Handel  einen  europäischen  Skandal;  er  verlangte,
daß  Kurhessen  „nach  Preußens  gutem  Beispiel“  die  gesetzmäßigen  Handlungen
  der  westfälischen  Regierung  als  rechtsgültig  anerkennen  müsse.
Er  beantragte  endlich,  zunächst  sollten  die  vier  Monarchen  dem  Kurfürsten
seinen  Vertragsbruch  vorhalten;  sei  dies  vergeblich,  dann  müßten  Preußen
und  Osterreich  am  Bundestage  gemeinsam  einschreiten.  Da  England  und
Rußland  beistimmten,  so  durfte  Osterreich  nicht  widersprechen.  Nun  sendete
König  Friedrich  Wilhelm  ein  scharfes  Handschreiben  an  den  Kurfürsten:
„wir  handeln“,  sagte  er  darin,  „nur  kraft  einer  Pflicht,  welche  unserem  Gewissen
  als  gebieterisch  erscheint.“  Ahnlich  schrieb  Kaiser  Franz.  Trotzdem
  blieb  es  noch  sehr  zweifelhaft,  ob  Osterreich  am  Bundestage  endlich
Ernst  zeigen  würde,  und  ganz  sicher,  daß  dieser  Kurfürst  nur  durch  Zwang
zur  Vernunft  gebracht  werden  konnte.“)

Von  der  unglaublichen  Anmaßung  der  deutschen  Kleinfürsten  sollte
Preußen  eben  jetzt  einen  neuen  Beweis  erhalten.  Durch  die  Wiener
Verträge  war  die  Krone  Preußen  verpflichtet  worden,  69,000  „Seelen“
von  dem  vormaligen  Saardepartement  an  Oldenburg,  Strelitz,  Koburg,
Homburg  und  Pappenheim  abzugeben;  zugleich  hatten  die  vier  Mächte
diesen  fünf  Dynasten  ihre  guten  Dienste  zugesagt,  um  einen  Austausch
des  linksrheinischen  Landstrichs  oder  irgend  eine  andere  Entschädigung
wenn  die  Umstände  es  erlaubten,  zu  ermöglichen.  Strelitz  und  Pappenheim
  waren  verständig  genug  gewesen,  sich  von  Preußen  mit  Geld  und
Domänen  absinden  zu  lassen;  Oldenburg  aber,  Koburg  und  Homburg
hatten  auf  die  Vergrößerung  ihrer  Reiche  nicht  verzichten  wollen  und  in
der  Tat  drei  Fetzen  des  Saarlandes  mit  der  vertragsmäßigen  Seelenzahl
  zugewiesen  erhalten.  So  prangten  denn  in  der  reichhaltigen  politischen
  Kuriositätenkammer  des  Deutschen  Bundes  auch  die  Doppelreiche
Oldenburg-Birkenfeld,  Koburg-Lichtenberg  und  Homburg-Meisenheim,  drei
Staatsgebilde,  wie  sie  die  Phantasie  eines  Tollhäuslers  nicht  wundersamer
ersinnen  konnte.  Aber  der  Vertrag  war  gewissenhaft  erfüllt  und  ein  Austausch
  nicht  mehr  möglich,  weil  in  ganz  Deutschland  nirgends  mehr  ein
herrenloser  Brocken  Landes  übrig  blieb.  Nichtsdestoweniger  stellten  die
drei  an  den  Aachener  Kongreß  das  Ansinnen:  die  Quadrupelallianz  solle
den  König  von  Preußen  bewegen,  daß  er  ihnen  ihre  entlegenen  Saarlandschaften
  wieder  abnehme  und  dafür  einige  bequemer  gelegene  preußische
Gebiete  ausliefere.  Oldenburg  verlangte  ein  gutes  Stück  vom  preußischen
  Westfalen,  Homburg  einen  Landstrtch  bei  Wetzlar,  Koburg  einen
Teil  der  Grafschaft  Henneberg,  und  der  Witwer  der  englischen  Kron- 



„#  Protokoll  der  32.  Sitzung  vom  14.  Nov.  König  Friedrich  Wilhelm  an  Kurfürst
  Wilhelm,  14.  Nov.  Weisung  an  Hänlein,  20.  Nov.
        <pb n="489" />
        Die  Saarlande.  Kniphausen.  481

prinzessin,  Prinz  Leopold  von  Koburg,  einer  jener  geistreichen  Deutschen,
welche  ihr  Volkstum  wie  einen  Mantel  zu  wechseln  verstehen,  richtete  an
Lord  Castlereagh  die  Aufforderung,  daß  England  sich  der  gerechten  Sache
„seines  armen  Bruders“  annehmen  möge.  Diese  Zumutung  war  doch
selbst  der  Langmut  Hardenbergs  zu  arg.  In  einer  zornigen  Denkschrift
sprach  er  sein  Befremden  aus:  Preußen  sei  wahrlich  schon  zerstückelt  genug
und  keineswegs  in  der  Lage,  „sich  seine  Grenzen  nach  dem  Belieben  und
der  Bequemlichkeit  seiner  Nachbarn  verändern  und  zernagen  zu  lassen“;
seinem  Könige  errege  jede  Trennung  von  treuen  Untertanen,  wie  den
Verbündeten  wohl  bekannt  sei,  „religiöse  Gewissensbedenken“.  Selbstverständlich
  wurden  die  Drei  abgewiesen,  und  das  Haus  Koburg  sollte  an  den
20,000  Seelen  seines  Saarlandes  Lichtenberg  noch  viel  Herzeleid  erleben.)
Inzwischen  waren  auch  dringende  Beschwerden  der  Mediatisierten  eingelaufen
  und  Bernstorff  erfuhr  jetzt,  was  es  bedeutete,  daß  Metternich
die  Hauptartikel  der  Deutschen  Bundesakte  in  die  Wiener  Schlußakte  hatte
einrücken  lassen.  Die  beiden  deutschen  Großmächte  konnten  dem  Vierbunde
  die  Einmischung  in  diesen  deutschen  Streit,  der  mit  den  europäischen
  Verträgen  eng  zusammenhing,  nicht  gänzlich  verbieten,  indes  wußten
sie  dieselbe  auf  das  geringste  Maß  zu  beschränken.  Man  beschloß,  daß
der  Vierbund  zunächst  die  Höfe  von  Württemberg,  Baden  und  beiden
Hessen,  die  sich  besonders  ungerecht  betragen  hatten,  zu  einem  ehrenhaften
Verhalten  gegen  die  Mediatisierten  ermahnen,  das  Weitere  dem  Bundestage
  überlassen  solle.  Auch  das  Haus  Thurn  und  Taxis,  das  durchaus
noch  souverän  werden  wollte,  vertröstete  man  auf  den  Bundestag.)
Nun  kam  noch  jener  unglückliche  Dynast,  welchen  der  Wiener  Kongreß
gleich  dem  Landgrafen  von  Homburg  sträflich  vergessen  hatte,  der  Graf  von
Bentinck,  Herr  der  freien  Herrschaft  Kniphausen.  Homburg  hatte  soeben
durch  die  Gunst  der  beiden  Großmächte  noch  nachträglich  das  Stimmrecht  am
Bundestage  erlangt,  dem  Kniphausener  war  es  übler  gegangen.  Er  mußte
erleben,  daß  Oldenburg  sein  Land  widerrechtlich  besetzte,  verbarrikadierte
sein  Schloß,  erließ  einen  wütenden  Protest  nach  dem  andern  als  immediatus
  Imperii  dynasta  und  erregte  einen  Lärm,  der  einer  größeren
Sache  würdig  war.  Unbestreitbar  lag  hier  eine  europäische  Frage  vor,
da  über  die  Zugehörigkeit  Kniphausens  zum  Deutschen  Bunde  noch  nichts
entschieden  war.  Die  freie  Herrschaft  war  Jahrhunderte  lang  reichsunmittelbar,
  wenngleich  ohne  Reichsstandschaft,  und  ihre  Schiffe  segelten
unter  eigener  Flagge;  sie  war  dann  eine  Zeitlang  dem  napoleonischen  Kaiserreiche
  einverleibt,  doch  niemals  einem  deutschen  Staate  untergeordnet  worden,
  und  der  streitlustige  kleine  Herr  verdiente  einige  Rücksicht,  weil  er  seinen

 

*)  Hardenbergs  Denkschrift  über  den  Art.  50  der  Wiener  Schlußakte.  Protokoll
der  27.  Sitzung  vom  9.  Mai  1818.
**)  Weisung  an  die  preußischen  Gesandten  in  Stuttgart,  Karlsruhe  ufsw.,
21.  Nov.;  Hardenberg  an  die  Fürstin  von  Taxis,  15.  Nov.  1818.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  31
        <pb n="490" />
        482  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

hitzigen  Mut  auch  im  Kampfe  gegen  die  Franzosen  tapfer  bewährt  hatte.
Indes  ein  neuer  deutscher  Bundesstaat  von  etwas  über  dreiviertel  Quadrat—
meilen  schien  doch  bedenklich;  selbst  die  Bewunderer  der  schönen  Mannig—
faltigkeit  des  deutschen  Staatslebens  mußten  zugeben,  daß  eine  deutsche
Völkerschaft  zur  Entfaltung  ihrer  nationalen  Eigenart  mindestens  soviel
Raum  brauchte,  wie  Liechtenstein  mit  seinen  drittehalb  Quadratmeilen.
Die  Mächte  beschlossen  daher,  daß  Preußen  und  Rußland  die  Vermittlung
zwischen  Oldenburg  und  Kniphausen  übernehmen,  den  Grafen  womöglich
zu  einem  Austausche  bewegen  sollten.“)  Aber  der  Wille  Kniphausens  war
stärker  als  die  Wünsche  Europas.  Nach  achtjähriger  Arbeit  brachten  die
Mediatoren  einen  Vertrag  zustande,  der  das  Bundesrecht  mit  einer
neuen  Kostbarkeit  bereicherte.  Kniphausen  war  fortan  „ein  besonderes
Land“  unter  dem  Schutze  des  Deutschen  Bundes,  ein  halbsouveräner  Staat
mit  eigener  Flagge,  der  Hoheit  des  Herzogs  von  Oldenburg  ganz  ebenso
wie  vormals  dem  Reiche  untergeordnet.  Natürlich  gebar  dies  Abkommen
sofort  neuen  Zank,  das  besondere  Land  zeigte  dem  oldenburgischen  Schirm—
herrn  gegenüber  eine  ganz  besondere  Händelsucht,  und  bald  wuchs  zur
Augenweide  aller  Staatsrechtslehrer  der  große  Bentincksche  Rechtsstreit
heran,  ein  Rattenkönig  von  juristischen  Kontroversen,  der  in  der  Keller—
finsternis  des  Bundestags  immer  fröhlicher  gedieh  und  fast  dreißig  Jahre
hindurch  die  Frankfurter  Versammlung  immer  wieder  mit  seinem  unge—
bührlichen  Gepolter  störte,  bis  endlich  im  Jahre  1854  das  Reich  der
Bentincks  durch  einen  neuen  Vertrag  mit  Oldenburg  vereinigt  wurde
und  die  Kniphausener  Flagge  vom  Weltmeere  verschwand.

Auch  der  bayrisch-badische  Streit  fand  in  Aachen  seinen  vorläufigen
Abschluß.  Das  Verhältnis  zwischen  den  beiden  Nachbarn  hatte  sich  der—
maßen  verbittert,  daß  der  Großherzog  einen  Handstreich  befürchtete  und
die  vier  Mächte  bat,  den  aus  Frankreich  zurückkehrenden  bayrischen  Trup—
pen  den  Durchzug  durch  sein  Land  zu  untersagen.  Die  Mächte  erwiderten,
er  habe  nichts  zu  besorgen,  und  ermahnten  den  Münchener  Hof  nach—
drücklich,  beim  Durchmarsch  die  strengste  Mannszucht  zu  halten.““)  Schon
vorher  hatte  Berstett  die  vertragsmäßige  Entscheidung  der  Ouadrupelallianz
  über  die  Territorial=  und  die  Erbfolgefrage  angerufen  und  sich  zu
einigen  Entschädigungen  bereit  erklärt.  Er  wurde  darauf  selber  nach  Aachen
eingeladen  und  zugleich  aufgefordert,  einen  Bevollmächtigten  an  die  Frankfurter
  Territorialkommission  zu  senden.  Die  Mächte  waren  einig,  wie
Bernstorff  schrieb,  „die  so  gehässige  als  ärgerliche  Angelegenheit  schnell  zu  beendigen“,
  wenn  Baden  irgend  annehmbare  Bedingungen  stelle.““)  Berstett

 

*)  Weisung  des  Grafen  v.  Bentinck  an  Kanzleirat  Mosle,  Wien  5.  April  1815.
Bernstorffs  Bericht  (41.  Sitzung  vom  20.  Nov.  1818.)
*“)  Hardenberg  an  Berstett,  15.  Okt.,  an  Rechberg,  15.  Okt.  1818.

**“)  Bernstorff  an  Lottum,  19.  Okt.  Hardenberg  und  Nesselrode  an  Berstett,
17.  Okt.  1818.
        <pb n="491" />
        Ende  des  bayrisch-badischen  Streites.  483

eilte  sogleich  herbei  und  erklärte,  sein  Souverän  seit  bereit,  gegen  Herausgabe
  der  österreichischen  Enklave  Geroldseck  das  kleine  Amt  Steinfeld
in  der  Taubergegend  an  Bayern  abzutreten,  auch  dem  Münchener  Hofe
eine  Etappenstraße  nach  der  bayrischen  Pfalz  einzuräumen  und  ihm  eine
altere  Schuld  von  1⅛  Mill.  Fl.  zu  erlassen.  Die  russischen  Minister
fanden  diese  Anerbietungen  anfangs  ungenügend;  Kaiser  Alexander
schwankte  noch  zwischen  seinen  beiden  streitenden  Schwägern.  Aber
Berstett  bearbeitete  den  Zaren  in  persönlicher  Unterredung,  zuletzt  unter
strömenden  Tränen,  und  da  auch  der  Freiherr  vom  Stein,  der  auf
kurze  Zeit  in  Aachen  als  Gast  erschien,  sich  bei  dem  Kaiser  lebhaft  für
Baden  verwendete,  so  trat  Rußland  nach  einigen  Tagen  zu  der  Rechtsansicht
  über,  welche  Hardenberg  schon  seit  langem  für  die  richtige  hielt.
Die  österreichischen  Staatsmänner  bewahrten  ihre  zweideutige  Haltung,  sie
erklärten  sich  im  voraus  einverstanden  mit  allem,  was  die  Verbündeten
vielleicht  noch  zugunsten  Bayerns  erlangen  könnten,  und  ließen  sich  in
der  entscheidenden  Sitzung  bereitwillig  überstimmen.  »

Da  Preußen  und  Rußland  also  zusammenstanden,  und  Osterreich
nicht  offen  widersprach,  so  schloß  sich  Lord  Castlereagh  der  Mehrheit  an.
Er  tat  es  ungern  und  ließ  in  seiner  Denkschrift  den  alten  Groll  gegen
Rußland  deutlich  durchblicken:  der  Großherzog,  so  schrieb  er,  hat  die
Großmut  der  Mächte  angerufen  und  sich  also  in  der  Position  verschanzt,
  welche  für  schwache  Staaten  immer  die  furchtbarste  ist.  Doch
gestand  der  Lord  zu,  daß  er  jetzt  selber  in  der  Rechtsfrage  bedenklich  geworden
  sei  und  nicht  mehr  begreifen  könne,  woher  die  Mächte  einst  in
Wien  und  Paris  das  Recht  genommen  hätten  dem  Münchener  Hofe  den
Heimfall  der  Pfalz  zu  versprechen.  Am  20.  Nov.  beschloß  der  Vierbund
demnach,  die  badischen  Vorschläge  anzunehmen,  alle  früheren  Verabredungen
  über  den  Heimfall  der  Pfalz  und  des  Breisgaus  aufzuheben,
auch  das  Erbfolgerecht  der  Hochbergs  anzuerkennen;  gehe  Bayern  hierauf
nicht  ein,  dann  solle  Baden  seiner  Anerbietung  entbunden  sein  und
der  obige  Beschluß  gleichwohl  in  Kraft  bleiben.  Zugleich  sendeten  die
Monarchen,  nach  der  patriarchalischen  Weise  dieses  Kongresses,  brüderliche
Briefe  an  den  König  von  Bayern  um  ihn  zur  Nachgiebigkeit  zu  bewegen.
König  Friedrich  Wilhelm  begnügte  sich  nicht  mit  allgemeinen  Ermahnungen,
  wie  die  beiden  Kaiser,  sondern  setzte  nach  seiner  gewissenhaften
Weise  dem  bayrischen  Könige  noch  einmal  auseinander,  daß  Preußen  die
geheimen  Artikel  über  den  Heimfall  der  Pfalz  niemals  anerkannt  habe.)

Baden  war  gerettet,  und  wie  die  Franzosen  den  Zaren  als  ihren
Gönner  rühmten,  ebenso  und  etwa  mit  dem  gleichen  Rechte  feierten  die

 

*)  Berstett  an  Kapodistrias,  28.  Okt.  Kapodistrias'  Antwort,  29.  Okt.;  russische
Denkschrift,  10.  Nov.;  Separat-Protokoll  über  Baden,  20.  Nov.;  Castlereaghs  Denkschrift,
  20.  Nov.;  König  Friedrich  Wilhelm  an  König  Max  Joseph,  18.  Nov.  1818.

31#
        <pb n="492" />
        484  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Badener  den  russischen  Monarchen  als  den  Beschirmer  ihres  Landes.  In
Wahrheit  hatte  Zar  Alexander  für  den  badischen  Staat  nicht  mehr  ge—
tan  als  König  Friedrich  Wilhelm,  er  hatte  nur  mit  schauspielerischem
Geschick  verstanden  zur  rechten  Stunde  den  Ausschlag  zu  geben  und  ver—
säumte  nicht,  nach  dem  Kongresse  in  Baden  selbst  die  Früchte  seines  Tuns
in  Augenschein  zu  nehmen.  In  Frankfurt  verbat  er  sich  bei  dem  badi—
schen  Gesandten  alle  auffälligen  Demonstrationen;  nur  „was  freier  Erguß
der  Herzen  ist“  wollte  er  nicht  untersagen.  Und  dieser  Erguß  der  badi—
schen  Herzen  erfolgte  denn  auch  so  reichlich,  so  ergiebig,  wie  es  der  Zar
selbst  unter  seinen  Russen  kaum  erlebt  hatte.  Triumphbogen  und  weißgekleidete
  Ehrenjungfrauen  in  jedem  Städtchen,  überall  Kränze  mit  der
Inschrift  „Dem  Retter  Badens“  und  in  Karlsruhe  am  Abend  allgemeine
Erleuchtung,  so  daß  Alexander  doch  für  geraten  hielt  zu  Hause  zu  bleiben.)
  Das  war  der  Nationalstolz  der  Süddeutschen,  drei  Jahre  nach
Belle  Alliance.  In  den  patriotischen  Blättern  fand  sich  niemand,  der
diesem  Geschlechte  gesagt  hätte,  wieviel  ihm  noch  zu  einer  Nation  fehlte;
die  Presse  richtete  ihren  Zorn  allein  gegen  Osterreich  und  Preußen,  die
fortan  immer  an  jedem  Übel  schuld  sein  sollten:  warum  gestatteten  sie
dem  Auslande  eine  solche  Einmischung  in  deutsche  Händel?  Und  doch  war
der  Schiedsspruch  des  Aachener  Kongresses  nur  die  unausbleibliche  Folge
des  Verhaltens  der  Rheinbundstaaten  im  Jahre  1813.  Weil  diese  deutschen
Staaten  erst  nach  dem  Siege,  einzeln,  als  souveräne  europäische  Mächte,
durch  Akzessionsverträge  sich  dem  Bündnis  der  vier  Mächte  angeschlossen
hatten,  darum  unterlag  jetzt  der  bayrisch-badische  Streit  von  Rechts  wegen
der  Entscheidung  des  Vierbundes.

Leidenschaftlich  wie  die  Freude  der  Badener  äußerte  sich  die  Entrüstung
  des  Münchener  Hofes.  Umsonst  versuchte  Kaiser  Franz  auf  der
Heimreise  seinen  Schwiegervater  zu  beschwichtigen,  umsonst  erboten  sich
Metternich  und  Kapodistrias  noch  einen  Fetzen  badischen  Landes  in  den
Kauf  zu  geben;?')  die  Wittelsbacher  verwarfen  alles,  Kronprinz  Ludwig
klagte  gleich  dem  König  von  Schweden  über  die  Wiederkehr  der  napoleonischen
  Gewaltherrschaft,  doch  sein  Zorn  blieb  ohne  Folgen.  Die  Bevollmächtigten
  des  Vierbundes  bei  der  Frankfurter  Territorialkommission
hatten  bereits  gemessene  Weisung,  die  Aachener  Beschlüsse  auszuführen.
Nachdem  der  Stein  des  Anstoßes  endlich  beseitigt  war,  ging  die  Arbeit
rasch  vorwärts,  und  am  20.  Juli  1819  unterzeichneten  die  vier  Mächte
den  Frankfurter  Territorialrezeß,  ein  unsäglich  mühevolles  Werk,  das  nach
einem  Zeitalter  der  Kriege  den  Besitzstand  der  deutschen  Staaten  auf
lange  Jahre  hinaus  sicherstellte.  Der  bayrische  Hof  ließ  sich  zwar  das

 

*)  Berckheims  Bericht,  Frankfurt  24.  November;  Varnhagens  Bericht,  Karlsruhe
27.  Nov.  1818.

*)  Krusemarks  Berichte,  26.  30.  Dez.  1818.
        <pb n="493" />
        Stourdza  über  die  Universitäten.  485

Amt  Steinfeld  wohl  gefallen,  legte  aber  Verwahrung  ein,  behielt  sich
seine  erloschenen  Sponheimer  Erbansprüche  und  sein  imaginäres  pfälzisches
Heimfallsrecht  feierlich  vor,  kam  bei  jeder  Gelegenheit  darauf  zurück,  so
daß  Graf  Bernstorff  noch  viele  Jahre  später  über  cette  éternelle  affaire
de  Sponheim  zu  seufzen  hatte.  Indes  die  Entscheidung  war  unwiderruflich
  gefallen.  —

Aus  allen  diesen  Beschlüssen  sprach  unverkennbar  die  redliche  Absicht,
durch  Sicherung  des  Rechts  überall  in  Europa  den  Frieden  zu  erhalten.
Gleichwohl  war  die  liberale  Presse  Deutschlands  und  Frankreichs  nicht
ganz  auf  falscher  Fährte,  wenn  sie  ihren  Lesern  seltsame  Märchen  erzählte
von  den  reaktionären  Plänen  der  Aachener  Versammlung.  In  den  vertraulichen
  Gesprächen  der  Monarchen  und  der  Staatsmänner  wurden
allerdings  die  ersten  Verabredungen  zum  Kampfe  gegen  die  deutsche  Bewegungspartei
  getroffen.  Alle  Ausländer  zeigten  sich  entsetzt  über  den
fieberischen  Zustand  Deutschlands;  der  ganze  Bau  der  Wiener  Verträge
ruhte  auf  der  politischen  Nichtigkeit  dieser  Nation,  und  die  Idee  der  deutschen
  Einheit,  selbst  wenn  sie  nur  aus  dem  Torenmunde  erhitzter  Studenten
sprach,  erschien  allen  als  ein  gemeinsamer  Feind.  Alle  Fremden  stimmten
mit  Gentz  darin  überein,  daß  „die  Reaktion  von  1813“  zwar  in  Frankreich
  die  revolutionäre  Bewegung  zu  einem  augenblicklichen  Stillstande
gebracht,  doch  in  anderen  Staaten,  und  vornehmlich  in  Deutschland,
diese  dämonischen  Mächte  erst  erweckt  habe.  Mit  lebhafter  Teilnahme  besprach
  man  eine  „Denkschrift  über  den  gegenwärtigen  Zustand  Deutschlands“,
  welche  der  Zar  auf  dem  Kongresse  verteilen  ließ.  Ihr  Verfasser
Stourdza,  ein  sanfter,  schwermütiger  junger  Walache,  hatte  dem  russischen
  Kaiser  vor  kurzem  eine  phantastische  Schrift  zur  Verherrlichung  der
griechischen  Kirche  überreicht  und  sich  inzwischen  ein  wenig  auf  den  deutschen
  Universitäten  umgesehen.  Der  laute  Freimut  unseres  akademischen
Lebens  erschreckte  den  Schüchternen;  er  glaubte  in  ganz  Deutschland  eine
krampfhafte  Unruhe,  in  der  Studentenschaft  eine  geradeswegs  auf  den
Einheitsstaat  gerichtete  revolutionäre  Bewegung  wahrzunehmen  und  forderte
  im  Namen  der  Religion  und  Sittlichkeit  strenge  Maßregeln  gegen
die  Universitäten:  diese  „gotischen  Trümmer“",  diese  Staaten  im  Staate
sollten  ihrer  alten  Verfassung  beraubt,  die  Studenten  einfach  als  minderjährige
  Bürger  behandelt  und  zum  Einhalten  fester  Lehrkurse  gezwungen
werden;  da  man  die  Preßfreiheit  leider  nicht  ganz  unterdrücken  könne,  so
müsse  man  mindestens  der  Jugend  die  schlechten  Bücher  und  Zeitschriften
entziehen.  Der  ehrlich  gemeinte,  sehr  unbedeutende  Aufsatz  fand,  wenn
auch  nicht  in  allen  Punkten,  den  Beifall  des  Zaren  und  der  österreichischen
  Staatsmänner;  die  Preußen  dagegen  meinten,  der  junge  Schwärmer
rede  wie  der  Blinde  von  den  Farben.

Da  wurde  die  geheime  Denkschrift  plötzlich  von  einer  Pariser  Buchhandlung
  veröffentlicht,  vermutlich  durch  die  Schuld  der  unsauberen  Um-
        <pb n="494" />
        486  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

gebungen  Hardenbergs,  und  nun  brach  auf  den  Universitäten  ein  Sturm
los,  noch  lauter  und  wilder  als  vorm  Jahre  das  Wutgeschrei  gegen
Kotzebue.  Also  bereits  der  dritte  Halbrusse,  der  sich  gegen  die  deutsche
Burschenherrlichkeit  erhob!  Der  federfertige  Leipziger  Philosoph  Krug  trat
als  literarischer  Gegner  in  die  Schranken;  die  Jenenser  Burschenschaft
beschloß  den  Walachen  zu  züchtigen  und  ließ  ihn,  damit  er  sich  nicht  hinter
Standesrücksichten  verschanze,  durch  zwei  junge  Grafen  aus  ihrer  Verbindung
  auf  Pistolen  fordern.  Stourdza  lehnte  gleichwohl  ab,  weil  sein
Aufsatz  eine  amtliche  Denkschrift  sei,  und  beeilte  sich  den  ungastlichen
Boden  Deutschlands  zu  verlassen.  An  den  Höfen  erregte  dies  terroristische
Gebaren  der  Burschen,  das  nach  altem  Studentenbrauch  doch  gar  nicht
ungewöhnlich  war,  neuen  Schrecken;  Gentz  glaubte  fortan  steif  und  fest,
daß  in  Jena  eine  geheime  Vehme  hause,  die  ihre  Assassinen  durch  Deutschland
  sende.  Zu  allem  Unheil  warf  Kotzebue  nochmals  Scheiter  in  die
Flammen,  indem  er  deutlich  zu  verstehen  gab,  die  Denkschrift  Stourdzas
spräche  die  Ansichten  des  Zaren  selber  aus.  Seitdem  wähnten  die  Studenten
  allesamt,  daß  die  deutsche  Reaktion  von  Petersburg  ausgehe;
der  Haß  der  Burschen  gegen  Rußland  kannte  keine  Grenzen  mehr,  und  der
triviale  Spötter  in  Weimar,  dem  die  Jenenser  einen  mächtigen  Einfluß  auf
die  moskowitische  Politik  andichteten,  ward  durch  Schimpf  und  Drohungen
dermaßen  mißhandelt,  daß  er  nach  Mannheim  überzusiedeln  beschloß.

Der  Verdacht  der  jungen  Leute  entbehrte  jedes  Grundes.  Kaiser
Alexander  enthielt  sich  auf  dem  Kongresse  sorgsam  aller  Vorschläge  für
die  deutsche  Bundespolitik  und  äußerte  nur  gelegentlich,  wie  Richelieu  und
Wellington,  seine  Angst  vor  der  deutschen  Revolution.  Seit  seiner  plötzlichen
  Bekehrung  war  die  Leitung  der  Quadrupelallianz  tatsächlich  auf
die  Wiener  Hofburg  übergegangen,  obgleich  die  klugen  österreichischen
Staatsmänner  dem  Zaren  gern  gestatteten,  daß  er  vor  der  Welt  noch
zuweilen  die  Rolle  des  Führers  spielte.  Metternich  war  das  Haupt  der
Reaktion,  in  Deutschland  wie  in  Europa,  und  bot  noch  in  Aachen  alles
auf,  um  zunächst  Preußen  dem  Liberalismus  zu  entreißen.  In  freundschaftlichen
  Unterredungen  stellte  er  dem  Staatskanzler  vor,  wie  bedrohlich
der  Geist  des  Besserwissens  und  der  rücksichtslosen  Kritik  im  preußischen
Beamtentum  überhandnehme;  dazu  der  Ubermut  der  Jugend  und  die
Zuchtlosigkeit  der  Presse.  Hardenberg  besprach  sich  darauf  mit  Bernstorff
und  Altenstein,  der  nach  Aachen  berufen  ward,  und  da  beide  jene  Mißstände
  nicht  ganz  in  Abrede  stellen  konnten,  so  sagte  er  seinem  österreichischen
  Freunde  zu,  die  Krone  selbst  werde  dawider  einschreiten.)

Minder  glücklich  verlief  ein  schüchterner  Versuch  Metternichs,  die
preußische  Zollreform,  noch  bevor  sie  in  Kraft  getreten  war,  zu  hintertreiben.
  Die  zwingenden  staatswirtschaftlichen  Gründe,  welche  das  neue

 

*)  Hardenbergs  Tagebuch,  11.  Januar  1819.
        <pb n="495" />
        Metternich  gegen  das  preußische  Zollgesetz.  487

Zollgesetz  veranlaßt  hatten,  entzogen  sich  dem  Urteil  des  österreichischen
Staatsmannes  gänzlich;  seine  Unwissenheit  in  allen  nationalökonomischen
Dingen  war  wahrhaft  staunenswert,  und  er  fühlte  diesen  Mangel  niemals,
  da  nach  der  alten  Tradition  der  Hofburg  solche  schlicht  bürgerliche
Geschäfte  tief  unter  der  Würde  eines  österreichischen  Kavaliers  standen.
Selbst  Gentz,  vor  Jahren  ein  tiefer  Kenner  des  Finanzwesens,  hatte  zu
Wien,  im  Verlaufe  einer  einseitig  diplomatischen  Tätigkeit,  das  sichere
Verständnis  staatswirtschaftlicher  Fragen  nach  und  nach  verloren.  Wie
er  während  der  napoleonischen  Tage  heillose  Sophismen  über  die  Staatsschuld
  Großbritanniens  in  die  Welt  hinaussandte,  weil  die  englische  Allianz
dem  österreichischen  Interesse  entsprach,  so  schrieb  er  jetzt  ebenso  verkehrte
Aufsätze  über  die  blühenden  Finanzen  Österreichs.  Da  Osterreich  an
einem  deutschen  Zollvereine  nicht  teilnehmen  konnte,  so  verdammte  er
alle  dahin  zielenden  Pläne  als  Hirngespinste,  als  kindische  Versuche,  „den
Mond  in  eine  Sonne  zu  verwandeln“.  Von  der  nationalen  Bedeutung
des  preußischen  Zollgesetzes  ahnte  man  in  der  Hofburg  gar  nichts.  Aber
Metternich  fürchtete  alles,  was  die  Staatseinheit  Preußens  fördern  konnte
und  witterte  revolutionäre  Absichten  hinter  einer  Reform,  die  von  den
verdächtigen  Berliner  Geheimen  Räten  ausging.  Auch  hielt  er  sein
OÖsterreich  wirklich  für  einen  Musterstaat;  dies  lockere  Nebeneinander  halbselbständiger
  Kronländer  und  die  Kirchhofsruhe,  die  über  diesem  Chaos
lag,  entsprachen  seinen  Neigungen  und  es  tat  ihm  wohl  zu  vernehmen,
wie  lebhaft  damals  das  patriarchalische  Glück  der  Völker  Osterreichs  an
den  meisten  Höfen  beneidet  wurde.  Die  k.  k.  Provinzialmauten,  welche
die  Kronländer  der  Monarchie  von  einander  absperrten,  bewunderte  er
um  so  aufrichtiger,  da  er  von  der  Einrichtung  dieser  weisen  Anstalten
nicht  die  mindeste  Kenntnis  besaß.  Daher  warnte  er  den  Grafen  Bernstorff
  väterlich  vor  den  Wirren,  welche  die  Zollreform  hervorrufen  werde.
Er  erinnerte  ihn  an  Josephs  II.  verfehlte  Zentralisationsversuche,  schilderte
beredt  die  Vorzüge  der  österreichischen  Binnenmauten  und  meinte  gemütlich,
  auch  für  Preußen  würden  Provinzialzölle  am  heilsamsten  sein;
so  bleibe  der  Staat  bewahrt  vor  lästigen  Verhandlungen  mit  den  Nachbarstaaten.')
  Aber  Bernstorff  und  Hardenberg  wiesen  alle  solche  Zumutungen
  nachdrücklich  zurück.

Auch  Metternichs  wiederholte  freundliche  Warnungen  vor  der  Durchführung
  des  Verfassungswerks  fielen  bei  dem  Staatskanzler  auf  unfruchtbaren
  Boden.  Der  Osterreicher  merkte  bald,  daß  Hardenberg  seine  konstitutionellen
  Pläne  in  vollem  Ernste  betrieb.  Um  so  eifriger  suchte  er  sich  die

 

*7)  Als  Metternich  im  Jahre  1828,  nach  dem  Abschluß  des  preußisch-hessischen  Zollvereins,
  dem  Gesandten  v.  Maltzahn  diese  Ansichten  vortrug,  bemerkte  Graf  Bernstorff
dazu:  genau  die  nämlichen  Ratschläge  habe  ihm  der  österreichische  Kanzler  schon  auf  dem
Aachener  Kongresse  gegeben.  (Maltzahns  Bericht,  Wien  14.  April  1828.)
        <pb n="496" />
        488  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Gunst  des  Königs  zu  erwerben.  Friedrich  Wilhelm  hatte  ihn  bisher  immer
mit  stillem  Mißtrauen  betrachtet;  er  vergaß  es  nicht,  daß  Metternich  den
preußischen  Staat  um  Sachsen,  die  deutsche  Nation  um  das  Elsaß  betrogen
hatte.  Hier  in  Aachen  zum  ersten  Male  gestattete  er  dem  Verdächtigen  eine
vertrauliche  Annäherung.  Der  König  empfand  dunkel,  daß  ein  unheim—
licher  Geist  in  der  deutschen  Jugend  arbeitete  und  suchte,  da  er  das  Maß
der  Gefahr  nicht  übersah,  nach  einer  zuverlässigen  Belehrung,  nach  einer
sicheren  Stütze.  Bei  seinem  russischen  Freunde  konnte  er  keinen  Rat
finden,  denn  der  Zar  befand  sich  selber  in  einem  ähnlichen  Zustande
unbestimmter  Besorgnis.  Der  greise  Staatskanzler  aber  bot  ein  trauriges
Bild  körperlichen  und  sittlichen  Verfalles.  Hardenberg  spielte  auf  dem
Kongresse  eine  untergeordnete  Rolle,  überließ  die  Geschäfte  meist  an  Bern—
storff,  und  der  König  sah  voll  Unmuts,  wie  die  Somnambüle  Hänel
hier  vor  dem  hohen  Rate  Europas  ihr  Wesen  trieb  und  der  Wunder—
mann  Koreff  mit  der  ganzen  Aufgeblasenheit  des  jüdischen  Emporkömm—
lings  politische  Audienzen  erteilte.  Nur  Metternich  erschien  fest,  sicher,
ganz  mit  sich  im  Reinen,  er  allein  wußte  was  er  wollte;  aus  seiner  Haltung
  sprach  das  Bewußtsein,  daß  er  den  ruhigsten,  den  bestgesicherten
Staat  Europas  regiere.  Gern  wiederholte  er  jetzt  den  Ausspruch  Talleyrands:
„Osterreich  ist  das  Oberhaus  Europas;  solange  es  nicht  aufgelöst  ist,
zwingt  es  die  Gemeinen  zur  Mäßigung.“  Im  vorigen  Jahre  hatte  er
noch,  aus  Scheu  vor  der  Souveränität  der  deutschen  Kronen,  die  konstitutionelle
  Bewegung  sich  selber  überlassen  wollen.  Jetzt  war  von  solchen
Bedenken  keine  Rede  mehr:  die  deutschen  Jakobiner  hatten  seit  dem  Wartburgfeste
  die  Maske  fallen  lassen,  nun  galt  es  offenen  Kampf.

In  wiederholten  Gesprächen  beteuerte  er  dem  Könige:  nach  seiner
heiligen  Uberzeugung  habe  die  revolutionäre  Partei  ihre  Hochburg  in
Preußen;  sie  verzweige  sich  bis  in  die  höchsten  Kreise  des  Heeres  und  des  Beamtentums;
  in  der  Hand  des  Königs  liege  mithin  das  Schicksal  der
Welt;  unfehlbar  werde  der  Aufruhr  durch  ganz  Europa  dahinrasen,  wenn
Preußens  Regierung  dem  Beispiel  der  kleinen  Höfe  folge  und  ihrem  Volke
eine  „demagogische  Verfassung“  bayrischen  Stiles  gebe.  Er  bemerkte  wohl,
daß  seine  Worte  einigen  Eindruck  machten,  doch  klagte  er  bei  seinem  Kaiser
über  Friedrich  Wilhelms  bedauerliche  Schwäche,  da  der  gesunde  Menschenverstand
  des  Königs  nicht  sogleich  an  alle  die  Wahngebilde  der  österreichischen
  Gespensterfurcht  glauben  wollte.  Unterdessen  suchte  Metternich  auch
den  Kabinettsrat  Albrecht,  einen  treuen,  fleißigen,  hochkonservativen  Beamten,
  für  seine  Ansicht  zu  gewinnen  und  rief  sodann  den  zuverlässigsten
seiner  preußischen  Freunde,  Wittgenstein,  zu  Hilfe.  Am  14.  Nov.  sendete
er  dem  Fürsten  von  Aachen  aus  zwei  große  Denkschriften  „über  die  Lage
der  preußischen  Staaten“;  beide  Aktenstücke  waren  bestimmt,  zur  guten
Stunde  durch  Wittgenstein  dem  Könige  vorgelegt  zu  werden,  doch  erhielt
auch  Hardenberg  anstandshalber  eine  vertrauliche  Mitteilung.  Von
        <pb n="497" />
        Metternich  über  die  preußische  Verfassung.  489

Aachen,  sagte  der  österreichische  Staatsmann  späterhin,  wird  man  dereinst
die  Rettung  der  preußischen  Monarchie  datieren!

Unter  allem  was  aus  Metternichs  Feder  floß  beweist  die  Denk—
schrift  über  die  preußische  Verfassung  wohl  am  deutlichsten  die  klägliche
Gedankenarmut  dieses  Kopfes,  der  nur  durch  seine  diplomatische  Schlau—
heit,  durch  die  Gunst  des  Glücks  und  durch  die  Ängstlichkeit  der  anderen
Höfe  dahin  gelangen  konnte,  die  Welt  während  eines  Menschenalters
über  seine  Nichtigkeit  zu  täuschen.  Von  der  fundamentalen  Verschiedenheit
der  politischen  Aufgaben  eines  nationalen  Staates  wie  Preußen  und  eines
Völkergemisches  wie  Osterreich  begriff  er  nicht  das  Mindeste.  Mit  der
Treuherzigkeit  eines  besorgten  Freundes,  der  sein  Schicksal  nimmermehr
von  dem  Lose  Preußens  trennen  wollte,  setzte  er  dem  Könige  auseinander,
  daß  die  innere  Lage  der  beiden  deutschen  Großmächte  im  wesentlichen
  dieselbe  sei;  beide  Monarchien  beständen  aus  „unter  sich  getrennten
Provinzen".  Daß  dem  nicht  so  war,  daß  Preußen  schon  längst  eine
zentralisierte  Verwaltung  besaß,  war  der  Hofburg  ganz  unbekannt;  sie
konnte  sich  einen  kräftigen  Staat  nur  in  der  Form  lose  verbundener
Erblande  vorstellen,  und  Kaiser  Franz  wiederholte  gern  seinen  Kernsatz:
  „der  Bestand  einer  Monarchie  aus  verschiedenen  Körpern  macht  sie
eben  stark“".

Metternich  fand  „das  österreichische  Reich  selbst  noch  mehr  als  das
preußische  zu  einem  rein  repräsentativen  System  geeignet  —  wenn  nicht
die  Verschiedenheit  unter  den  Völkern  in  Rücksicht  auf  Sprache  und  Sitte
zu  bedeutend  wäre.  Wie  könnte  das,  wozu  es  in  Osterreich  dennoch
an  der  Möglichkeit  der  Ausführung  fehlt,  in  Preußen  gedeihen?“  Die
Einführung  einer  „Zentral-Repräsentation“  in  Preußen  wäre  demnach
die  „reine  Revolution“;  sie  müßte  die  militärische  Kraft  des  Staates  zerstören
  und  den  Zerfall  des  Reichs  herbeiführen;  sei  doch  bereits  zwischen
Belgien  und  Holland,  die  soviel  besser  zusammenpaßten  als  die  preußischen
  Provinzen,  infolge  des  Repräsentativsystems  ein  gefährliches  Zerwürfnis
  entstanden!  Darum  möge  sich  der  König  mit  Provinzialständen
begnügen  —  ein  Ratschlag,  der  unzweifelhaft  im  voraus  mit  Wittgenstein
  verabredet  war  —  und  diesen  Ständen  lediglich  das  Recht  der  Bitten,
der  Beschwerden,  der  Repartition  der  direkten  Steuern  einräumen.  Nur
im  äußersten  Falle,  weil  es  einmal  öffentlich  versprochen  sei,  könne  in
der  Zukunft  vielleicht  noch  eine  Zentraldeputation  aus  diesen  Provinzialständen
  einberufen  werden,  je  drei  Vertreter  aus  jeder  Provinz  —  also
ein  Vereinigter  Landtag  von  einundzwanzig  Köpfen,  ein  würdiges  Seitenstück
  zu  jenem  winzigen  Reichsrate,  welchen  Metternich  kurz  zuvor  für
sein  Osterreich  vorgeschlagen  hatte.  Aber,  so  fügte  er  bedeutsam  hinzu,
und  hierin  lag  unzweifelhaft  seine  wahre  Meinung  —  „pführt  diese  beschränktere
  Idee  nicht  auch  zur  Revolution?  Diese  Frage  erwäge  der  König
tief  bevor  er  sich  entscheidet!“
        <pb n="498" />
        490  II.  8.  Der  Aachener  Kongreß.

Bei  der  Ausführung  seiner  Vorschläge  im  einzelnen  verriet  der
Ratgeber  ein  Maß  staatsrechtlicher  Kenntnisse,  welches  jedem  preußischen
Auskultator  im  Referendar-Examen  das  Genick  gebrochen  hätte:  er  kannte
weder  die  neue  Provinzialeinteilung  des  preußischen  Staates  noch  dessen
althistorische  Bestandteile  und  hatte  offenbar  auch  das  Studium  der
Landkarte  nicht  für  standesgemäß  gehalten.  Daher  erbaute  er  sich  rein
aus  der  Phantasie  heraus  sieben  preußische  Provinzen  —  darunter  die
Marken  Brandenburg  mit  Pommern  und  das  Herzogtum  Westfalen
mit  Berg;  hinsichtlich  der  Provinzialverwaltung  faßte  er  seine  Weisheit
in  dem  einen  Satze  zusammen:  „jede  Provinz  hat  eine  Obere  und  Untere
verwaltende  Behörde“.  Noch  erstaunlicher  fast  war  die  Neuheit  der  poli—
tischen  Erwägungen,  mit  denen  er  seine  Vorschläge  begründete.  Selbst  die
strengen  Altkonservativen  in  Berlin  verbargen  sich  doch  nicht  das  eine
handgreifliche  Bedenken,  das  gegen  die  Provinzialstände  sprach:  acht  oder
zehn  Provinziallandtage  ohne  das  Gegengewicht  eines  Reichstags  konnten,
wenn  sie  allzu  mächtig  wurden,  leicht  die  Einheit  des  Staates,  vornehm—
lich  des  Heeres  gefährden;  riefen  doch  die  Polen  schon  längst  nach  einer
Provinzialarmee  für  das  Großherzogtum  Posen.  Metternich  dagegen
stellte  die  unglaubliche  Behauptung  auf,  ein  preußischer  Reichstag  werde
die  Armee  in  „sieben  getrennte  Volkshaufen“  auflösen.  Eine  zweite  Denkschrift
  empfahl  sodann  die  Aufhebung  der  Burschenschaft,  die  gänzliche
Beseitigung  der  Turnerei  —  dieser  Eiterbeule,  wie  Gentz  zu  sagen  pflegte
—  endlich  gemeinsame  Anträge  der  beiden  Großmächte  am  Bundestage
zur  Beschränkung  der  Presse.

So  arge  Blößen  sich  die  Verfassungsdenkschrift  gab,  ein  geschickter
diplomatischer  Schachzug  war  sie  doch.  Metternich  wußte,  wie  lebhaft
der  König  für  die  Kriegstüchtigkeit  seines  Heeres  besorgt  war,  und  wiederholte
  daher  in  seiner  Arbeit  mit  feierlichem  Nachdruck  immer  und  immer
die  ernste,  leider  keineswegs  grundlose  Warnung:  die  liberale  Partei  hasse
die  stehenden  Heere,  sie  werde  nicht  ruhen,  bis  der  preußische  Reichstag
die  Armee  in  eine  Volksmiliz  umgewandelt  habe.  Er  gab  sich  der  Hoffnung
  hin,  daß  seine  Worte  ihr  Ziel  nicht  verfehlen  würden.  Hardenberg
  aber  wähnte  der  Politik  Metternichs  eine  Strecke  weit  folgen  zu
können  um  sich  dann  von  ihr  nach  Gutdünken  wieder  zu  trennen.  Alles
was  sie  nur  wünschte  wollte  er  der  Hofburg  bewilligen:  strenge  Maßregeln
gegen  die  Turner,  die  Burschen,  die  Presse,  selbst  gegen  die  preußischen
Beamten.  Nur  Eines  sollte  sie  ihm  nicht  antasten:  sein  Verfassungswerk.
Der  greise  Staatsmann  ahnte  nicht,  daß  er  selber  in  Wien  schon  längst
von  den  einen  zum  alten  Eisen  geworfen,  von  den  anderen  als  Häuptling
  der  preußischen  Jakobiner  verdächtigt  wurde.  Half  er  jetzt  die  Schleuse
hinwegziehen  vor  den  hoch  aufgestauten  Fluten  der  Reaktion,  dann  konnten
sie  leicht  auch  ihn  selbst  und  seine  Verfassungspläne  mit  hinwegschwemmen.
        <pb n="499" />
        teunter  Abschnitt.

—

Die  A#arlsbader  Beschlüsse.

Als  das  verhängnisvolle  Jahr  1819  anbrach,  war  die  Wiener  Hofburg
  zum  Vernichtungskampfe  gegen  die  konstitutionelle  Bewegung  fest
entschlossen;  „dieser  schreckliche  Kaiser  Alexander",  so  schrieb  Metternich
seiner  Gemahlin,  stand  jetzt  nicht  mehr  im  Wege.  Ob  ihr  gelingen  würde,
den  preußischen  Staat  und  die  kleinen  Höfe  mit  sich  fortzureißen,  dies
blieb  bei  der  Trägheit  des  Bundestages  und  der  unübersehbaren  Mannigfaltigkeit
  der  deutschen  Interessen  noch  sehr  zweifelhaft.  Die  Liberalen
taten  indessen  das  Ihre  um  die  Pläne  ihrer  Feinde  zu  fördern.  Der
gesunde  Sinn  der  Nation  erlag  einem  jener  Fieber-Anfälle  galliger,  alles
bekrittelnder  Verdrießlichkeit,  welche  seitdem  von  Zeit  zu  Zeit  regelmäßig,
und  immer  zum  Unheil  für  die  gesunde  Entwicklung  unseres  Staates,
wiedergekehrt  sind.  Ungeheuerliche  Gerüchte  liefen  um  und  fanden  allgemeinen
  Glauben,  während  doch  noch  niemand  einem  Liberalen  ein  Haar
gekrümmt  hatte.  Die  Presse  erging  sich  in  unheimlichen  Schilderungen
von  der  hoffnungslosen  Knechtschaft  Deutschlands  und  ward  nicht  müde,
den  Teufel  der  Reaktion  solange  an  die  Wand  zu  malen,  bis  er  leibhaftig
  erschien.

Aus  jedem  Nichts  schöpfte  die  Kleinmeisterei  der  Tadler  neuen  Stoff
für  fanatische  Anklagen:  als  zwei  preußische  Leutnants  sich  im  Zorne  zu
Tätlichkeiten  gegen  einige  Landwehrmänner  hinreißen  ließen,  und  der
geringfügige  Exzeß  nachher  vor  dem  Kriegsgerichte  die  gebührende  Strafe
fand,  da  heulte  die  Isis:  „O  der  Schande!  Winkte  uns  nicht  eine  bessere
Welt  im  Westen,  wer  wollte  länger  zaudern,  stolz  dem  Beispiele  Catos
zu  folgen?"  Wer  nur  irgend  mit  den  Regierungen  in  Verbindung  trat,
ward  als  Verräter  verdächtigt.  Um  Weihnachten  1818  wurde  Steffens
im  tiefsten  Geheimnis  von  dem  Staatskanzler  nach  Berlin  gerufen  und
dort  vertraulich  befragt,  ob  er  etwas  von  politischen  Umtrieben  der  Turnplätze
  wisse;  er  antwortete  als  ehrlicher  Mann,  seine  Angriffe  hätten  nur
den  sittlichen  Verirrungen  der  Turner,  ihrem  Ubermute,  ihrer  Roheit,
gegolten,  politische  Verschwörungspläne  traue  er  ihnen  keineswegs  zu.
        <pb n="500" />
        492  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Aber  kaum  war  sein  Besuch  bei  dem  Staatskanzler  ruchbar  geworden,
so  sah  er  sich  von  den  Turngenossen  mit  wütenden  Vorwürfen  über—
häuft  und  ohne  daß  man  ihn  nur  angehört  hätte  aus  den  Kreisen  der
Patrioten  ausgeschlossen;  sein  tagelang  konnte  er  den  Makel  dieses  un—
gerechten  Verdachts  nicht  mehr  ganz  von  sich  abwaschen,  selbst  mit  seinem
alten  Freunde  Schleiermacher  kam  er  nie  wieder  auf  guten  Fuß.  So
drängte  sich  ein  finsteres,  grund-  und  zielloses  Mißtrauen  trennend  zwi—
schen  dies  Volk  und  diese  Krone,  die  soeben  erst  in  ritterlicher  Treue  ge—
meinsam  einen  heiligen  Kampf  durchgefochten;  ein  neuer  Krieg  hätte  mit
seinem  frischen  Windzuge  die  Wolken  des  Unmuts  leicht  zerteilen  können,
in  der  dicken  Luft  der  trägen  Friedenstage  nahm  die  Verdrossenheit  mit
jedem  Tage  zu.

Mittlerweile  hatte  der  Staatskanzler  schon  den  ersten  Schritt  getan
um  die  Versprechungen  einzulösen,  die  er  in  Aachen  seinem  zweifelhaften
österreichischen  Freunde  gegeben.  Am  11.  Januar  1819  überraschte  Hardenberg
  das  Staatsministerium  durch  die  Zusendung  einer  königlichen
Kabinettsordre,  eines  umfänglichen  Aktenstücks,  das  auf  neunzehn  Folioseiten
  die  wohlwollenden  Absichten  des  Monarchen,  aber  auch  seine  schweren
Besorgnisse  darlegte.  Bisher,  so  erklärte  der  König,  habe  er  sich  immer
auf  die  so  vorzüglich  bewährte  Treue  und  Hingebung  seiner  Nation  verlassen;
  jetzt  aber  erfordere  seine  Regentenpflicht  „kräftige  Maßregeln  zu
ergreifen“  wider  den  Geist  der  Unruhe,  der  durch  die  lange  politische
Spannung  der  Kriegsjahre  erweckt,  noch  immer  fortwirke  und  sich  in
maßloser  Unzufriedenheit,  im  „leidenschaftlichen  Verfolgen  unbestimmter
Ziele“  äußere.

Die  Ordre  schilderte  sodann,  wie  der  persönliche  und  der  Parteistreit
  unter  den  Beamten  überhandgenommen  habe,  das  wegwerfende  Absprechen
  über  den  Dienst,  selbst  mit  Verletzung  des  Amtsgeheimnisses
immer  häufiger  werde  —  ein  wohlberechtigter  Vorwurf,  denn  jedermann
wußte,  daß  viele  der  Zeitungsartikel,  welche  die  Gebrechen  des  preußischen
Staates  mit  leidenschaftlicher  Ubertreibung  besprachen,  aus  den  Federn
preußischer  Beamten  herrührten.  „Das  Ministerium  weiß",  fuhr  der
König  fort,  „daß  meine  Absicht  ist,  eine  angemessene  ständische  Verfassung
zu  geben;"  dazu  gehört  aber,  „daß  die  Verwaltung  Achtung  genieße".
Auch  das  Ministerium  selbst  trage  einige  Schuld;  der  Ministerrat  versammle
  sich  zu  selten,  der  Geschäftsgang  werde  schleppend,  „ein  Ministerium
  muß  in  den  Hauptgrundsätzen  einig  sein“.  Darauf  wendet  sich
die  Ordre  zu  der  falschen  Richtung  der  öffentlichen  Erziehung,  welche  die
Jugend  zu  früh  zur  Teilnahme  am  öffentlichen  Leben  veranlasse.  „Alles
was  sonst  nur  Unfug  junger  Leute  war,  trägt  jetzt  das  Gepräge  der
Sucht  in  die  Welthändel  einzugreifen,  an  sich.“  Der  König  fordert
demnach  strengere  Uberwachung  des  Unterrichtswesens,  sorgsame  Auswahl
  der  Lehrer  für  die  Universitäten;  der  Turnunterricht  soll  mit  den
        <pb n="501" />
        Die  Kabinettsordre  vom  11.  Januar  1819.  493

Schulen  verbunden,  rein  auf  die  körperliche  Abhärtung  beschränkt  werden.
Zum  Schluß  sprach  er  über  die  Presse,  durchaus  maßvoll  und  ruhig:
„es  ist  höchst  nachteilig,  wenn  man  den  Eifer,  die  Verbesserung  des
Inneren  zu  fördern,  mit  dem  Namen  der  Neuerungssucht  belegt  und
solchem  eine  revolutionäre  Tendenz  unterzulegen  sucht;“  aber  angesichts
so  vieler  Ausschreitungen  der  Zeitungen  und  der  Unwahrscheinlichkeit  eines
Bundespreßgesetzes  erscheine  ein  preußisches  Preßgesetz  unentbehrlich.  Über
alle  diese  Fragen  erwartete  der  König  die  Vorschläge  der  Minister,  desgleichen
  den  Entwurf  zu  einer  Bekanntmachung  an  die  Nation;  jeder
einzelne  Minister  sollte  seine  Abstimmung  schriftlich  einreichen.  Am  nämlichen
  Tage  erhielt  Altenstein  als  Vorsitzender  des  Staatsrats  den  Befehl,
  die  Verhandlungen  dieser  hohen  Behörde,  die  eben  jetzt  über  die
neuen  Steuergesetze  beriet,  vor  Parteisucht  und  persönlicher  Gehässigkeit
zu  behüten,  „damit  nicht  die  Entartung  des  an  sich  Guten  veranlaßt
werde.“)

Es  geschah  zum  ersten  Male,  daß  der  König  von  seinen  Ministern
ein  Gutachten  über  die  gesamte  innere  Lage  einforderte;  er  tat  es
unverkennbar  in  der  guten  Absicht,  eine  gewaltsame  Reaktion  von  seinem
Volke  abzuwenden.  Keiner  der  Ubelstände,  welche  er  rügte,  war  gänzlich  in
Abrede  zu  stellen,  keines  der  Heilmittel,  die  er  andeutete,  schlechthin  zu
verwerfen.  Die  so  lange  schon  geplante  Reform  der  veralteten  Preßgesetzgebung
  ließ  sich  nicht  mehr  verschieben,  die  Verbindung  der  Turnplätze
  mit  den  Schulen  bot  das  sicherste  und  mildeste  Mittel,  um  den
Ubermut  des  „Turnstaates“"  zu  mäßigen;  auch  eine  offene  Ansprache
des  Monarchen  an  seine  Beamten  konnte  mancher  Verirrung  der  norddeutschen
  Tadelsucht  steuern.  Wollten  die  Minister  die  übertriebene  Besorgnis,
  welche  sich  in  einzelnen  Sätzen  der  Kabinettsordre  allerdings  bekundete,
  wirksam  beschwichtigen,  so  mußten  sie  der  Aufforderung  des  Königs
und  des  Staatskanzlers  durch  bestimmte,  maßvolle,  ausführbare  Vorschläge
  sofort  entsprechen.  Ein  rascher  Entschluß  war  um  so  mehr  geboten,
da  einige  von  ihnen  wußten,  wie  weit  die  Gedanken  der  Kabinettsordre
noch  hinter  den  geheimen  Plänen  des  Wiener  Hofes  zurückblieben.  Aber
wie  sollten  sich  die  erklärten  Gegner,  Boyen  und  Schuckmann,  Klewitz
und  Bülow  schnell  über  einen  wichtigen  Beschluß  einigen?

Seit  jenem  unvollständigen  Ministerwechsel  im  November  1817  hatte
das  kollegialische  Zusammenwirken  fast  ganz  aufgehört;  da  der  Staatskanzler
  wegen  seines  Gehörleidens  von  dem  Vorsitz  im  Ministerrate  entbunden
  war,  so  pflegte  jeder  Minister  nur  die  Geschäfte  seines  Departements
  zu  erledigen  und  nötigenfalls  die  Entscheidung  Hardenbergs
einzuholen.  Auf  eine  so  umfassende  Anfrage,  wie  sie  der  König  jetzt
stellte,  war  keiner  von  ihnen  gefaßt.  Sehr  langsam  gingen  ihre  Gut-*)

  Kabinettsordre  an  das  Staatsministerium,  11.Jan.;  an  Altenstein,  11.Jan.  1819.
        <pb n="502" />
        494  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

achten  bei  dem  Staatsministerium  ein,  das  letzte  erst  im  Mai.“)  Keine
dieser  Denkschriften  verriet  krankhafte  Ängstlichkeit;  selbst  Graf  Bern—
storff,  der  sich  noch  am  besorgtesten  äußerte,  gestand  bescheiden  zu,  daß  er
die  preußischen  Verhältnisse  erst  wenig  kenne.  Die  meisten  der  Minister
fanden  das  Bild,  das  die  Kabinettsordre  von  den  inneren  Zuständen  ent—
warf,  allzu  düster  gefärbt,  erklärten  ihr  festes  Vertrauen  zu  der  guten
Gesinnung  des  Volks  wie  der  Beamten  und  warnten  vor  einer  öffent—
lichen  Bekanntmachung,  die  nur  verstimmend  wirken  könne.  Die  Be—
schleunigung  der  Verfassungsarbeit  hielt  selbst  der  strengkonservative  Schuck—
mann  für  das  sicherste  Mittel  um  die  öffentliche  Meinung  zu  beruhigen.
Am  freimütigsten  unter  allen  schrieb  der  Kriegsminister:  was  hätte,  so
fragte  er  mit  soldatischer  Offenheit,  Friedrich  der  Große  denken  sollen,
wenn  er  die  Tischgespräche  seiner  so  treuen,  so  herrlich  bewährten  Generale
hätte  beachten  wollen?  Er  verlangte  ein  Preßgesetz  ohne  Zensur,  mit
Strafen  für  die  geschehenen  Vergehen,  und  erklärte:  „Wenn  der  preu—
ßische  Staat  mit  seiner  Gesetzgebung  in  dem  Geiste  fortgeht,  der  sich  seit
dem  Jahre  1806  auf  Befehl  Sr.  Majestät  bei  uns  entwickelt  hat,  wenn
wir  jedes  unnütze  Zögern  in  der  Vollendung  unserer  Gesetzgebung  zu  ver—
meiden  suchen,  dann  kann  ein  jeder  rechtliche  Mann  es  mit  seinem  Kopfe
verbürgen,  daß  der  preußische  Staat  nicht  allein  den  Gefahren  der  Zeit
ruhig  zusehen  darf,  sondern  sie  auch  ohne  ängstliche  Vorsichtsmaßregeln
siegreich  überstehen  wird.“

Im  einzelnen  gingen  die  Vorschläge  natürlich  weit  auseinander,  da
jeder  nach  Gutdünken  diese  oder  jene  Frage  aus  der  Kabinettsordre
herausgegriffen  hatte.  Selbst  über  den  Hauptgrund  der  langsamen  Ge—
schäftsführung  des  Ministeriums,  über  die  eigentümliche  Mittelstellung  des
Staatskanzlers  sprachen  sich  nur  drei  der  Minister  aus:  Kircheisen,  Bülow
und  mit  besonderem  Nachdruck  Beyme,  der  entschieden  verlangte,  daß  der
Staatskanzler  das  Haupt  des  Ministeriums  werden  müsse:  „ohne  dieses  ist
alles  Übrige  ganz  vergeblich.“  Die  neun  Vota  boten,  trotz  der  achtungswerten
  Gesinnung,  die  aus  ihnen  sprach,  doch  ein  ebenso  verworrenes
und  verwirrendes  Gesamtbild  wie  vor  kurzem  die  Gutachten  der  Notabeln
über  die  Verfassung;  und  unter  den  Ministern  fand  sich  niemand,  der  die
anderen  gezwungen  hätte,  dies  Durcheinander  subjektiver  Ansichten  in
gründlicher  Beratung  zu  sichten,  der  Krone  einen  Beschluß,  einen  ge—
meinsamen  Antrag  vorzulegen.  Die  wichtige  Arbeit  blieb  liegen,  der  König
erhielt  in  sieben  Monaten  keine  Antwort  und  sah  seinen  Vorwurf,  daß
diesem  Ministerium  die  Einheit  fehle,  vollauf  bestätigt.  So  versäumte
die  Ratlosigkeit  des  Ministeriums  den  günstigen  Augenblick,  da  die  Politik

 

*)  Votum  von  Schuckmann  20.  Jan.,  Bernstorff  Anfang  Februar,  Boyen  12.  Febr.,

Klewitz  Februar,  Altenstein  1.  März,  Lottum  4.  März,  Bülow  5.  März,  Beyme  ohne
Datum,  Kircheisen  2.  Mai  1819.
        <pb n="503" />
        Die  Kommission  für  das  Preßgesetz.  495

der  Verfolgung  und  der  Unterdrückung  durch  einige  Maßregeln  verständiger
  Strenge  vielleicht  noch  abzuwenden  war.

Da  die  Minister  nichts  von  sich  hören  ließen,  so  ging  Hardenberg
selbständig  vor.  Schon  am  11.  Jannar,  an  dem  nämlichen  Tage,  da  die
Kabinettsordre  an  das  Ministerium  ging,  hatte  Altenstein  den  Befehl
erhalten,  dem  Verfasser  des  „Geistes  der  Zeit“  eine  Verwarnung  wegen  des
neuesten  Bandes  erteilen  zu  lassen.  Graf  Solms-Laubach  vollzog  den
Auftrag,  sichtlich  ungern  und  so  schonend  als  möglich;  Arndt  aber  gestand
in  einem  tapferen  Briefe  dem  Staatskanzler  zu,  daß  er  einzelnes  „Unzeitige
  und  Ungemessene“  in  seinem  Buche  bedauern  müsse;  doch  seine
Absicht  sei  rein,  seine  Treue  unerschütterlich,  die  Verwarnung  habe  er
allein  der  Angeberei  seines  Todfeindes,  des  Geh.  Rats  Kamptz  zu  verdanken.
  Im  März  erfolgte  sodann  die  vorläufige  Schließung  der  Turnplätze
  in  der  ganzen  Monarchie,  die  Turnsperre,  wie  Jahn  sich  ausdrückte
—  ein  nach  dem  argen  Unfug  der  letzten  Monate  unvermeidlicher  Schritt,
der  keineswegs  zur  Unterdrückung  des  Turnens  führen  sollte.  Man  beabsichtigte
  lediglich  die  Turnstunden  in  den  regelmäßigen  Schulunterricht
einzufügen  und  dann  die  Turnplätze  wieder  zu  eröffnen;  der  Entwurf
einer  allgemeinen  Turn-Ordnung  war  bereits  im  Unterrichtsministerium
ausgearbeitet  und  lag  dem  Monarchen  zur  Unterzeichnung  vor.

Am  30.  März  befahl  Hardenberg  den  Ministern,  da  sie  noch  immer
schwiegen,  die  Ernennung  einer  Kommission  für  die  Ausarbeitung  des
Preßgesetzes;  das  Maß  von  Freiheit  oder  Beschränkung,  welches  der  preu-Hische
  Staat  seiner  Presse  gewähre,  müsse  auf  den  Entschluß  der  Bundesversammlung
  von  entscheidendem  Einfluß  sein.  Der  Berichterstatter  der
Kommission,  Geh.  Rat  Hagemeister,  ein  aus  schwedischen  Diensten  herübergekommener
  trefflicher  Jurist,  war  ein  Gegner  der  Zensur,  und  da
auch  die  Geh.  Räte  Nicolovius  und  Köhler  die  Preßfreiheit  mindestens
als  Regel  anerkennen  wollten,  so  stand  von  der  Kommission  ein  verständiger
  Entwurf  zu  erwarten,  obgleich  ihr  Ancillon  als  viertes  Mitglied
  angehörte.  UÜberhaupt  zeigte  sich  noch  nirgens  ein  Stillstand  in
der  Reformpolitik  Hardenbergs.  Noch  im  Sommer,  bei  der  Eröffnung
des  Rheinischen  Kassationshofes  zu  Berlin,  sprachen  Präsident  Sethe
und  Generalprokurator  Eichhorn  in  feierlicher  Rede  die  Hoffnung  aus:
das  rheinische,  in  Wahrheit  altdeutsche,  mündliche  Verfahren  werde,  wenn
es  hier  die  Probe  bestehe,  dereinst  den  Schlußstein  der  fridericianischen
Justizverbesserung  bilden.  Auch  die  Preußische  Staatszeitung,  welche  Stägemann,
  der  treue  Mitarbeiter  Steins,  seit  Neujahr  erscheinen  ließ,  bekundete
  überall,  daß  die  Regierung  in  vieler  Hinsicht  freier  dachte  als
die  Nation;  sie  verteidigte  die  neuen  wirtschaftlichen  Reformgesetze  gegen
das  volkstümliche  Vorurteil,  und  ward  sie  einmal  ausfällig  gegen  die
Liberalen,  so  geschah  es  zumeist  nur  um  den  partikularistischen  Dünkel
zurückzuweisen,  wenn  etwa  Mallinckrodt  in  Dortmund  oder  ein  anderer
        <pb n="504" />
        496  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

rheinisch-westfälischer  Schriftsteller  gar  zu  gröblich  über  das  Wendentum
der  alten  Provinzen  geschimpft  hatte.  —

Gleichzeitig  mit  dem  Erlaß  jener  Kabinettsordre  vom  11.  Jan.  wurde
Wilhelm  Humboldt  in  das  Ministerium  berufen  —  ein  Entschluß,  der
für  den  Fortgang  des  Verfassungswerkes  das  Beste  zu  versprechen  schien.
Humboldt  war  im  November  zum  Aachener  Kongresse  entboten  worden,
um  über  die  bayrisch-badischen  Händel,  die  er  als  Mitglied  der  Frankfurter
  Territorialkommission  genau  kannte,  Bericht  zu  erstatten  und  dann
seine  Weisungen  für  den  Abschluß  des  Territorialrezesses  zu  empfangen.
Man  merkte  ihm  in  Aachen  den  Unmut  über  Bernstorffs  Ernennung
deutlich  an  —  denn  das  Portefeuille  des  Auswärtigen  hätte  er  sicherlich
nicht  ausgeschlagen,  trotz  seiner  Bedenken  gegen  Schuckmann  und  Witt—
genstein.  Er  bat  dort  den  König  um  Enthebung  von  seinem  Londoner
Posten;“)  nach  Erledigung  der  Frankfurter  Geschäfte  wollte  er  dann  in  der
Stille  seines  Parkes  zu  Tegel  den  Wissenschaften  leben  und  nur  noch  an
den  Verhandlungen  des  Staatsrats  teilnehmen.  Da  stellte  Witzleben
dem  Monarchen  vor,  welche  unschätzbaren  Dienste  Humboldts  reiche  Bil—
dung  und  sein  Redaktionstalent  bei  den  Verfassungsberatungen  leisten
könne.  Der  König  ging  auf  den  Gedanken  ein,  und  auch  Hardenberg
hielt  es  für  geraten,  seinen  Nebenbuhler  durch  eine  Stelle  im  Ministerium
zu  beschwichtigen;  er  fürchtete  und  sagte  es  ihm  ins  Gesicht,  daß  Hum—
boldt  im  Staatsrate  die  Führung  der  Opposition  übernehmen  würde.
So  beschloß  man  denn  das  Ministerium  des  Innern  in  zwei  Hälften  zu
teilen.  Das  Polizeiministerium  ward  aufgehoben  und  als  eine  Abtei—
lung  mit  Schuckmanns  Departement  vereinigt;  dafür  sollte  Schuckmann
die  Verwaltung  der  ständischen  und  der  Kommunalangelegenheiten  als
ein  besonderes  Ministerium  an  Humboldt  abtreten.  Wittgenstein  blieb
Mitglied  des  Staatsministeriums,  verwaltete  aber  nur  noch  die  Angelegen—
heiten  des  königlichen  Hauses,  so  daß  er  in  einer  unangreifbaren  Stellung
den  weiteren  Verlauf  der  Dinge  abwarten  und  sich  jederzeit  auf  sein  un—
politisches  Amt  zurückziehen  konnte.

Humboldt  sollte,  nach  der  Absicht  des  Königs,  die  laufenden  Geschäfte
des  Kommunalwesens  führen,  mit  den  alten  Landtagen  über  ihr  Schulden—
und  Armenwesen  verhandeln,  endlich  bei  der  Ausarbeitung  der  Gemeinde-,
Provinzial=  und  Landesverfassung  im  einzelnen  hilfreiche  Hand  leisten.
Die  Feststellung  des  Entwurfes  behielt  sich  Hardenberg  selber  vor,  nach
dem  Rechte  und  der  Pflicht  seines  Staatskanzleramts;  nachdem  er  alle
die  Departements,  welche  er  früher  unmittelbar  verwaltet,  an  Fachminister
abgetreten  hatte,  blieb  ihm  nur  noch  die  oberste  Leitung  der  gesamten
Verwaltung,  und  diese  verflüchtigte  sich  in  leeren  Schein,  sobald  auch  der
Entwurf  der  Verfassung  einem  Fachminister  überlassen  wurde.  Eine  in

 

*)  Humboldts  Eingabe  an  den  König,  Aachen  13.  Nov.  1818.
        <pb n="505" />
        Humboldt  in  das  Ministerium  berufen.  497

der  üblichen  lakonischen  Form  gehaltene  Kabinettsordre  teilte  dem  neuen
Minister  seine  Bestimmung  mit;  denn  nach  dem  Staatsrechte  der  absoluten
Monarchie  war  die  Berufung  zu  einem  Ministerposten  ein  königlicher  Befehl
wie  andere  auch,  ein  Befehl,  dem  jeder  aktive  Staatsdiener  unweigerlich
zu  gehorchen  hatte.  In  einem  freundschaftlichen  Briefe  fügte  Hardenberg
noch  den  deutlichen  Wink  hinzu,  er  arbeite  jetzt  an  dem  Verfassungsplane
und  denke  seinen  Entwurf  dem  neuen  Kollegen  späterhin  mitzuteilen.“)

Gleichwohl  mißverstand  Humboldt  die  Absicht  des  Königs  vollständig.
Er  glaubte,  daß  er  selber  den  Verfassungsentwurf  erst  dem  Ministerium,
dann  dem  Monarchen  unterbreiten  sollte,  dankte  tiefgerührt  für  diesen
Beweis  des  königlichen  Vertrauens,  erklärte  sich  bereit  „diesem  Geschäfte
sein  ganzes  Dasein  zu  opfern“,  bat  aber  um  die  Erlaubnis  zu  einer  Reise
nach  der  Hauptstadt:  nur  dort  könne  er  die  Verhältnisse  übersehen  und
einen  Entschluß  fassen  (24.  Jan.).  Als  dieser  Brief  und  ein  zweiter  ähnlichen
  Inhalts  an  den  Staatskanzler  in  Berlin  eintraf,  da  brach  Hardenbergs
  lange  verhaltener  Groll  in  hellen  Flammen  aus.  Er  sah  sich  angegriffen
  in  den  Prärogativen  seines  Amts  —  denn  Humboldt  hatte  in
seinem  Schreiben  an  den  König  der  Rechte  des  Staatskanzlers  nicht  einmal
  gedacht  —  und  entwarf  eigenhändig  eine  scharfe  Kabinettsordre
(31.  Jan.),  welche  den  Minister  kurz  und  streng  über  seinen  neuen  Wirkungskreis
  belehrte.)

Nunmehr  entschloß  sich  Humboldt  zu  einem  zweiten,  sehr  ausführlichen
  Schreiben  an  den  König,  das  einer  Kriegserklärung  gegen  Hardenberg
  gleichkam.  Nochmals  bat  er  um  seine  Abberufung  aus  Frankfurt
damit  er  in  Berlin  sich  unterrichten  und  dann  sich  erklären  könne:  sein
Hauptbedenken  sei  die  Frage,  ob  er  die  Unabhängigkeit  eines  verantwortlichen
  Ministers  erhalten,  ob  er  das  Recht  haben  werde,  dem  Monarchen
über  alle  Angelegenheiten  seines  Departements  unmittelbar  zu  berichten.
Hardenberg  erwiderte  in  einigen  Randbemerkungen,  deren  leidenschaftlicher
Ton  von  der  gewohnten  urbanen  Sprache  des  feinfühlenden  Mannes
seltsam  abstach.  Hier  galt  es  dem  Todfeinde,  dem  einzigen  Gegner,  den
er  unversöhnlich  haßte;  „was  will  er  denn?  warum  dann  das  weitläufige
Geschreibe?"“  fragte  er  wiederholt.  Das  Geschrei  der  Zeitungen,  die  den
neuen  Minister  schon  im  voraus  als  den  Vater  der  preußischen  Verfassung
  feierten,  hatte  den  Unmut  des  Staatskanzlers  zum  Ulberlaufen
gebracht.  Aber  er  war  im  Rechte;  denn  die  Kabinettsordre  vom  11.  Jan.
hatte  den  Ministern  soeben  erst  die  Befugnis  zugestanden,  dem  Könige  in
Gegenwart  des  Staatskanzlers  über  die  Geschäfte  ihrer  Ressorts  Vortrag
zu  halten;  der  Verfassungsentwurf  dagegen  konnte  nimmermehr  als  die

*)  Kabinettsordre  an  Humboldt,  11.  Jan.  1819  mit  Begleitschreiben  des  Staatskanzlers.


*#„)  Humboldt  an  den  König,  24.  Jan.,  an  Hardenberg,  24.  Jan.,  Kabinettsordre  an

Humboldt,  31.  Jan.  1819.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I.  32
        <pb n="506" />
        498  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Angelegenheit  eines  Fachministers  behandelt  werden.  „Hier  ist“,  schrieb
Hardenberg,  „von  einer  noch  nicht  existierenden  Sache  die  Rede,  die  nur
nach  der  eignen  Ansicht  Sr.  Maj.,  wenigstens  in  den  Grundzügen,  be—
stimmt  werden  kann,  und  bei  der  Se.  Maj.  zu  Rate  ziehen  kann,  wen
Sie  wollen.  Der  König  entscheide,  ob  ich  entbehrlich  bin  oder  nicht.
So  lange  Se.  Maj.  meine  Dienste  für  nützlich  halten,  werde  ich  meine
mir  verliehene  Autorität  aufrecht  halten  und  bin  dazu  verpflichtet.“  Der
König  entschied  im  Sinne  des  Kanzlers  und  befahl  dem  Minister  (17.  Febr.)
mit  wenigen,  strengen  Worten,  sich  unverzüglich  zu  erklären,  wenn  anders
er  noch  im  königlichen  Dienste  verbleiben  wolle.  Humboldt  aber  unter—
warf  sich  (27.  Febr.):  „es  widerspräche  allen  meinen  Gesinnungen,  nicht
Allerhöchst  Ihrem  Dienste  so  lange  meine  Kräfte  zu  widmen,  als  dies
nur  auf  die  entfernteste  Weise  von  meinem  Entschlusse  abhängt.“)

Unter  solchen  Kundgebungen  des  Mißtrauens,  ja  der  Ungnade  wurde
Humboldt  in  den  Rat  der  Krone  berufen.  Er  fühlte  sich  tief  gekränkt
und  rechtfertigte  seinen  Entschluß  vor  Freunden  mit  der  Erklärung:  als
widersetzlich  wolle  er  seinem  Monarchen  nicht  erscheinen,  auch  halte  er
sich  verpflichtet,  mindestens  einen  Versuch  zu  wagen.“)  Die  ganze  Wahrheit
  sagte  er  damit  nicht.  Er  mußte  wissen,  daß  er  durch  seine  letzten
Briefe  für  immer  mit  Hardenberg  gebrochen  hatte.  Wenn  er  gleichwohl
eine  Stellung  annahm,  deren  beschränkte  Befugnisse  seinem  Talente,  seinem
Selbstgefühle  nicht  genügten,  so  konnte  er  nur  die  Absicht  hegen,  im  Mi—
nisterium  den  Kampf  gegen  Hardenberg  fortzusetzen,  bis  die  Machtstellung
des  Staatskanzlers  gebrochen  war.  Es  sollte  sich  bald  zeigen,  daß  er
diesen  Plan  wirklich  verfolgte.  Vorläufig  mußte  er  noch  bis  in  den
Sommer  hinein  in  Frankfurt  bleiben,  um  den  Territorialrezeß  abzu—
schließen;  gereizt  wie  er  war,  klagte  er  seinen  Freunden,  man  halte  ihn  ab—
sichtlich  von  Berlin  fern,  damit  der  Staatskanzler  seine  Verfassungspläne
ohne  ihn  vollenden  könne.  Welch  einen  seltsamen  Anblick  bot  doch  die
preußische  Monarchie  gerade  in  den  verhängnisschweren  Tagen,  da  Osterreich
  sich  zum  entscheidenden  Schlage  rüstete.  In  den  Provinzen  überall
eine  musterhafte  Verwaltung,  im  Mittelpunkte  des  Staates  ratlose  Verwirrung:
  ein  Ministerium,  das  auf  die  dringenden  Fragen  des  Königs
keine  Antwort  fand,  und  zwischen  den  beiden  namhaftesten  Staatsmännern
eine  unversöhnliche  Feindschaft,  die  nur  mit  dem  Sturze  des  einen  oder
des  anderen  endigen  konnte.

Jener  Kampf  zwischen  Hardenberg  und  Humboldt  erscheint  um
so  unerquicklicher,  da  sie  beide  über  die  Grundsätze  der  Verfassung  fast
die  nämliche  Ansicht  hegten.  Noch  in  Frankfurt  (4.  Febr.)  entwarf  Humboldt
  für  den  Freiherrn  vom  Stein  eine  große  Denkschrift  über  den  Ver-*)

  Humboldt  an  den  König,  11.  Febr.,  mit  Randbemerkungen  des  Staatskanzlers.

Kabinettsordre  an  Humboldt,  17.  Febr.,  Antwort  Humboldts,  27.  Febr.  1819.
*“)  Humboldt  an  Motz,  18.  März  1819.
        <pb n="507" />
        Humboldts  Denkschrift  über  die  Verfassung.  499

fassungsplan,  welche  mit  den  Gedanken  des  Staatskanzlers  in  allem  wesent—
lichen  übereinstimmte.  Wie  hatte  sich  doch  Humboldts  reicher  Geist  emporgearbeitet
  aus  dem  sozialen  Idealismus  seiner  Jugend!  Noch  immer
bekämpft  er  die  fureur  de  gouverner,  doch  nicht  mehr  den  Staat  will  er
beschränken,  sondern  die  Macht  des  Beamtentums.  Dem  Bürger  weist
er  nicht  mehr  die  Aufgabe  zu,  die  freie  Geselligkeit  den  Eingriffen  der
Staatsgewalt  gänzlich  zu  entziehen,  sondern  den  sittlichen  Beruf,  selbsttätig
  teilzunehmen  an  der  Verwaltung;  nur  dann  gelange  die  sittliche
Ausbildung  des  Mannes  zur  Vollendung,  nur  dann  gewinne  der  Staat
lebendigen  Zusammenhang  mit  dem  Volksgeiste  und  in  den  Tagen
der  Gefahr  die  Kraft,  sich  auf  sittliche  Mächte  zu  stützen.  Allein  die  Erkenntnis
  dieser  inneren  Notwendigkeit,  nicht  irgend  eine  äußere  Rücksicht
auf  königliche  Verheißungen  könne  das  Wagnis  der  Beschränkung  der
monarchischen  Gewalt  rechtfertigen.  So  hatte  auch  dieser  Kantianer  sich
erfüllt  mit  jenen  fruchtbaren  Ideen  historischer  Staatsanschauung,  welche
der  Kampf  gegen  das  napoleonische  Weltreich  erzeugte.  Er  wußte  auch  die
Gegenwart  mit  historischem  Sinn  zu  erfassen,  in  den  Erscheinungen  des
Augenblicks  das  Lebendige  zu  scheiden  von  dem  Toten.  Niemand  verstand
  wie  er  die  Weisheit  der  Hellenen,  die  den  Staatsmann  den  praktischen
  Historiker  nennt.  Wie  alle  freien  Köpfe  aus  dem  Kreise  Steins
will  er  das  Parlament  aufrichten  auf  der  Selbstverwaltung  der  Gemeinden,
  Kreise  und  Provinzen.  Wie  sie  verlangt  er  die  Gliederung  in  drei
Stände,  obschon  das  übermächtige  Anwachsen  der  Mittelklassen,  die  Ausgleichung
  der  alten  Standesunterschiede  seinem  scharfen  Blicke  nicht  entgeht.
  Wie  sie  will  er  den  Reichsständen  die  Gesetzgebung,  den  Provinzialständen
  auch  Verwaltungsaufgaben  zuweisen.

Nach  Humboldts  Ansicht  ist  „gar  nicht  die  Rede  davon,  etwas  neues
willkürlich  einzuführen,  sondern  nur  das  Wiederaufleben  des  bloß  zufällig
und  widerrechtlich  Unterdrückten  möglich  zu  machen.“  Er  weiß,  daß  alle
dauerhaften  Verfassungen  in  ihren  Anfängen  etwas  Unförmliches  haben,
und  will  darum  die  Rechte  der  alten  Stände,  auch  wo  sie  das  Ebenmaß
des  neuen  Baues  stören,  behutsam  schonen.  Aber  er  sieht  auch,  daß  die
altständischen  Territorien  schon  um  ihrer  Kleinheit  willen  in  dem  Großstaate
  sich  nicht  mehr  behaupten  können,  und  verlangt  darum  Provinzialstände
  für  die  neuen  Oberpräsidialbezirke.  Provinzialstände  ohne  Reichsstände
  erscheinen  ihm  als  eine  Gefahr  für  die  Einheit  des  Staates  wie  für
die  Rechte  der  Stände;  denn  den  Provinzialständen,  sagt  er  als  ein  Seher,
kann  nur  eine  beratende  Stimme  eingeräumt  werden,  einer  wirklichen
Standschaft  gebührt  das  Recht  des  Beschließens.  Die  Einheit  der  Monarchie
  steht  ihm  so  hoch,  daß  er  für  alle  ständischen  Körper  unmittelbare
Wahlen  verlangt;  ein  aus  den  Provinzialständen  hervorgehender  Reichstag
kann  „den  Korporationsgeist"  —  das  will  sagen:  den  Partikularismus  —

nicht  verleugnen.  Einzelne  Stellen  lassen  freilich  noch  die  unfertige  poli-32
        <pb n="508" />
        500  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

tische  Bildung  der  Zeit  erkennen;  so  der  Vorschlag,  die  Stadtgemeinden
wieder  in  Korporationen  zu  gliedern,  oder  die  Weissagung:  bei  der  Regie—
rung  werde  immer  das  Prinzip  der  Verbesserung,  bei  den  Ständen  das  der
Erhaltung  vorherrschen!  Gleichwohl  enthält  die  Denkschrift  ohne  Vergleich
das  Größte  und  Tiefste,  was  in  jenem  Jahrzehnt  über  Verfassungsfragen
gedacht  worden  ist.  Von  Hardenbergs  Anschauungen  unterscheidet  sich  Hum—
boldt  vornehmlich  durch  den  Ernst  des  Willens;  er  setzte  der  Reform  eine
feste  Zeitgrenze,  was  der  erschlaffte  Staatskanzler  kaum  noch  wagte,  wollte
spätestens  1822  oder  23  die  Reichsstände  versammelt  sehen.  Dagegen  erwies
er  den  alten  Ständen  mehr  Rücksicht,  als  in  Hardenbergs  Neigungen  lag,
blieb  mit  Stein  in  treuer  Verbindung,  erkannte  unbefangen  den  Kern  des
Rechts,  der  in  der  altständischen  Bewegung  enthalten  war.

In  alledem  lag  doch  kein  Grund  zu  ernstem  Streite.  Verständigten
sich  die  beiden  Staatsmänner,  so  konnte  sich  unter  Humboldts  Händen
wohl  ein  lebensfähiger  Verfassungsentwurf  gestalten;  dem  Befehle  des
Königs,  der  bereits  für  beratende  Stände  entschieden,  hätte  der  Minister
  unzweifelhaft  gehorcht.  Die  Geschäfte  dauernd  zu  leiten,  vermochte
er  freilich  nicht,  da  ihm  die  Politik  niemals  das  ganze  Sein  und  Denken
ausfüllte;  für  die  Ausarbeitung  des  Planes  hingegen  fand  sich  nirgends
ein  gedankenreicherer  Kopf,  nirgends  eine  gewandtere  Feder.  Leider  war,
nach  allem  was  geschehen,  das  vertrauensvolle  Zusammenwirken  der  beiden
  Nebenbuhler  rein  unmöglich.  Ohne  den  Minister  einer  weiteren
Mitteilung  zu  würdigen,  arbeitete  der  Staatskanzler  an  seinen  Plänen
fort  und  legte  dem  Könige  am  2.  Mai  den  ersten  Entwurf  vor,  der  in
kürzerer  Fassung  schon  alle  Grundgedanken  seines  späteren  Verfassungsplanes
  enthielt.  Der  König  befahl  darauf  (3.  Juli)  die  Bildung  eines
kleinen  Verfassungs-Ausschusses.“  Da  niemand  von  diesen  geheimen
Beratungen  etwas  ahnte,  so  sendeten  im  Laufe  des  Jahres  noch  mehrere
angesehene  Patrioten  ihre  Verfassungsvorschläge  ein.  Staatsrat  von  Rhediger
  in  Schlesien,  der  einst  bei  Steins  Verfassungsentwürfen  mitgearbeitet
hatte,  überreichte  eine  überaus  doktrinäre  Denkschrift,  welche,  nach  heftigen
Ausfällen  gegen  das  alte  Ständewesen  und  die  ÜUberschätzung  der  Geschichte,
  das  Volk  in  drei  ganz  willkürlich  ausgeklügelte  Klassen  einteilen
wollte.“")  Noch  moderner  war  ein  Entwurf  von  Hippel.  Der  Verfasser
des  „Aufrufs  an  Mein  Volk“  hatte  an  dem  Sondergeiste  der  Polen
üble  Erfahrungen  gemacht,  darum  verwarf  er  alle  Provinziallandtage  und
verlangte  einen  einzigen  preußischen  Landtag,  welcher,  dem  heutigen  nicht
unähnlich,  in  zwei  Kammern  geteilt  werden  sollte.  Der  strenge  Monarchist
verstieg  sich  sogar  bis  zu  der  Doktrin  der  reinen  Parlamentsherrschaft
und  meinte,  ohne  die  Bedeutung  seines  Vorschlags  zu  ahnen:  die  Nation

*)  Hardenbergs  Bericht  an  den  König,  3.  Mai.  Kabinettsordre  an  Hardenberg,
3.  Juli  1819.  Vgl.  Beilage  VIII.
*)  Rhediger,  über  die  Repräsentation  im  preußischen  Staate,  8.  Jan.  1819.
        <pb n="509" />
        Der  erste  bayrische  Landtag.  501

habe  dem  Monarchen  die  Männer  zu  bezeichnen,  denen  er  sein  Vertrauen
schenken  solle.  Das  alles  blieb  verlorene  Arbeit,  vergrub  sich  in  der
Masse  der  aufgetürmten  Materialien.  —

Während  also  das  Schicksal  der  preußischen  Verfassung  noch  ganz  im
Dunkel  lag,  liefen  aus  den  neuen  konstitutionellen  Staaten  des  Südens
bedenkliche  Nachrichten  ein.  In  München  wie  in  Karlsruhe  war  der  Land—
tag  zum  ersten  Male  zusammengetreten,  und  hier  wie  dort  bestand  der
Parlamentarismus  seine  Probe  recht  unglücklich.  Am  Münchener  Hofe
hielt  die  Entrüstung  über  die  Beschlüsse  des  Aachener  Kongresses  noch
lange  an;  waren  die  pfälzischen  Pläne  der  Wittelsbacher  gescheitert,  so
sollten  die  großen  Mächte  zum  mindesten  erfahren,  daß  Bayern  sich  selbst
genüge  und  dem  ganzen  Deutschland  das  glänzende  Beispiel  verfassungs—
mäßiger  Freiheit  gebe.  Mit  der  Ruhmredigkeit,  welche  den  bayrischen  Hof
auszeichnete,  eröffnete  der  König  am  5.  Februar  den  Landtag:  nun  sei
vollendet,  was  er  schon  vor  der  Bundesakte  geplant  habe;  und  als  er
die  dankbare  Adresse  seiner  Stände  in  Empfang  nahm,  nannte  er  diesen
Tag  den  glücklichsten  seines  Lebens.  Die  Nation  blickte  anfangs  mit
Spannung  auf  die  unerhörten  Auftritte  in  München,  denn  es  war  die
erste  öffentliche  Ständeversammlung  der  deutschen  Geschichte.  Die  Kammer
der  Reichsräte  tagte  freilich  geheim  und  nannte  selbst  in  den  dürftigen
veröffentlichten  Protokollen  die  Namen  nicht,  so  daß  die  Leser  es  bald  müde
wurden  zu  enträtseln,  was  „ein  Herr  Reichsrat“  gesagt  und  „ein  anderer
Herr  Reichsrat“  erwidert  hatte.  Aber  auch  die  Teilnahme  für  die
zweite  Kammer  erkaltete  schnell,  denn  die  Zahl  der  rednerischen  Talente
war  gering,  und  die  Debatten,  obwohl  keineswegs  arm  an  Kundgebungen
urwüchsiger  Grobheit,  entbehrten  doch  des  dramatischen  Reizes,  da  die
schwerfällige  Geschäftsordnung  die  Redner  nur  nach  einer  festbestimmten
Reihenfolge  zu  Worte  kommen  ließ.

Politische  Parteien  bestanden  noch  nicht;  die  staatsbildende  Kraft
dieses  Königreichs  war  so  schwach,  daß  die  Abgeordneten  sich  zumeist  in
kleine  Landsmannschaften  zerspalteten.  Selbst  die  Würzburger  und  die
Aschaffenburger  wollten  einander  noch  kaum  als  Landsleute  gelten  lassen,
während  die  Ansbacher  und  die  Bayrenther  als  gute  Brandenburger  zusammenhielten;
  vornehmlich  die  Pfälzer  sonderten  sich,  im  Vollgefühle
ihrer  französischen  Freiheit,  mißtrauisch  von  den  anderen  ab.  Als  feuriger
  Redner  tat  sich  vor  allen  der  Würzburger  Behr  hervor,  der  Liebling
  seiner  fränkischen  Landsleute,  ein  ehrlicher  radikaler  Doktrinär,  der
in  seinen  staatsrechtlichen  Schriften  die  Lehren  Rottecks  noch  überbot  und
sogar  den  Monarchen  persönlich  der  Strafgewalt  der  Volksvertreter  unterwerfen
  wollte.  Auch  der  Bamberger  Bürgermeister  von  Hornthal,  ein  gewandter
  Advokat  jüdischen  Stammes,  war  bei  Sieyes  und  der  Verfassung
  von  1791  in  die  Schule  gegangen,  ein  flacher  Kopf  von  geringer
Bildung,  aber  betriebsam,  kaltblütig,  nie  verlegen,  und  reich  gesegnet  mit
        <pb n="510" />
        502  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

jener  unaufhaltsamen  Geschwätzigkeit,  welche  in  parlamentarischen  Ver—
sammlungen  so  oft  das  echte  Talent  verdunkelt.  Neben  diesen  beiden
beliebten  Volksmännern  erschien  der  liberale  Vizepräsident  Seuffert  der
öffentlichen  Meinung  doch  gar  zu  gemäßigt,  weil  er  mit  den  gegebenen
Tatsachen  politisch  zu  rechnen  verstand.

Gleich  bei  der  Eröffnung  erfuhr  die  Krone  noch  einmal  die  üblen
Folgen  ihres  zweizüngigen  Verhaltens  gegen  den  römischen  Stuhl.  Der
Papst  verbot  den  geistlichen  Mitgliedern  des  Landtags,  den  Verfassungs—
eid  zu  leisten,  da  der  offenbare  Widerspruch  zwischen  dem  Konkordat  und
dem  Religionsedikt  noch  immer  nicht  ausgeglichen  war.  Es  kam  aber—
mals  zu  ärgerlichen  Verhandlungen;  der  Nuntius,  Herzog  von  Serra
Cassano,  ein  eleganter  junger  Prälat,  der  in  den  Hofkreisen  rasch  festen
Fuß  gefaßt  hatte,  drohte  bereits  abzureisen").  Da  fand  sich  ein  wenig
rühmlicher  Ausweg:  die  Mehrzahl  der  Geistlichen  leisteten  den  Eid,  aber
unter  der  Bedingung,  daß  er  nicht  gegen  die  Gesetze  der  katholischen  Kirche
verstoße;  der  Staat  gestattete  diese  reservatio  mentalis,  die  allerdings
verschiedener  Auslegungen  fähig  war,  und  nur  einzelne  klerikale  Heißsporne,
  wie  der  Fürstbischof  von  Eichstätt,  versagten  sich  dem  Ausgleich.

Natürlich  mußte  der  jugendliche  Parlamentarismus,  da  er  vor  allem
Volke  in  die  Schule  ging,  auch  ein  reiches  Lehrgeld  zahlen.  Es  fehlte  nicht
an  unnützem  Gerede  noch  an  kleinlichem  Gezänk.  Als  die  Reichsräte  in
ihrer  Adresse  aussprachen,  dies  Oberhaus  sei  berufen,  dem  Anwogen  der
beweglichen  Kräfte  des  Volksgeistes  einen  Damm,  dem  Wandelbaren  Festigkeit
  entgegenzustellen,  da  fühlten  sich  die  Abgeordneten  in  ihrer  Amtsehre
beleidigt  und  machten  dem  modischen  Adelshasse  in  erregten  Reden  Luft,
begnügten  sich  aber  schließlich  die  Außerungen  der  Adelskammer  für  „auffallend“
  zu  erklären.  In  unzähligen  halbreifen  Anträgen  kamen  alle  die
Klagen  und  Wünsche  zutage,  die  sich  unter  der  Herrschaft  einer  schrankenlosen
  Bureaukratie  allmählich  angesammelt  hatten,  und  nicht  selten  mußte
die  Kammer  der  Reichsräte  die  Abgeordneten  an  die  Grenzen  ihrer
verfassungsmäßigen  Befugnisse  erinnern,  da  der  Krone  allein  das  Recht
der  Initiative  zustand.  Sehr  auffällig  zeigte  sich  dabei,  wie  weit  die  politischen
  Durchschnittsanschauungen  im  Norden  und  im  Süden  noch  auseinandergingen.
  Manche  Kernsätze  der  neufranzösischen  konstitutionellen
Theorie,  von  denen  man  in  Norddeutschland  noch  wenig  sprach,  hatten
in  den  Staaten  des  Rheinbundes  schon  feste  Wurzeln  geschlagen.  So
baten  beide  Kammern  um  die  Einführung  des  öffentlichen  Gerichtsverfahrens,
  und  der  Kronprinz  ließ  in  den  Zeitungen  ausdrücklich  berichten,
daß  er  mit  unter  den  zustimmenden  Reichsräten  gewesen  sei;  die  zweite
Kammer  verlangte  außerdem  noch  das  Schwurgericht,  und  seitdem  ward
dieser  Satz  in  das  Glaubensbekenntnis  des  deutschen  Liberalismus  auf- 



*)  Zastrows  Bericht,  29.  Januar  1819.
        <pb n="511" />
        Verfassungseid  des  bayrischen  Heeres.  503

genommen.  Dagegen  standen  die  Bayern  in  ihrer  volkswirtschaftlichen
Bildung  hinter  den  Preußen  noch  weit  zurück;  die  Rechtsverwahrungen
der  altbayrischen  „realen“  Gewerbsmeister  fanden  bei  der  Kammer  freundliches
  Gehör,  nur  eine  kleine  Minderheit  schloß  sich  den  Pfälzern  an,  die
ihre  heimische  Gewerbefreiheit  eifrig  verteidigten.  Noch  geringer  war
das  Verständnis  für  die  Selbstverwaltung.  Auf  verwaltende  Kreisversammlungen,
  wie  sie  Preußen  besaß,  wagte  dies  an  die  Allmacht  seiner
Landrichter  gewöhnte  Volk  noch  gar  nicht  zu  hoffen.  Der  auf  unmaßgeblichen
  Beirat  beschränkte  napoleonische  Generalrat,  der  in  der  Pfalz
unter  dem  Namen  „Landrat“  fortbestand,  galt  den  Altbayern  schon  als
ein  Ideal,  und  selbst  diese  bescheidene  Reform  vermochte  man  in  den
rechtsrheinischen  Provinzen  noch  nicht  durchzusetzen.

Uberhaupt  standen  die  praktischen  Ergebnisse  dieses  Landtags  außer
allem  Verhältnis  zu  dem  Aufwand  großer  Worte.  Das  Wichtigste  blieb,
daß  der  wackere  Finanzminister  Lerchenfeld  die  so  lange  verschleierte  Lage
des  Staatshaushalts  endlich  aufdeckte.  Es  stellte  sich  ein  Jahresdefizit
von  3½  Mill.  fl.  heraus  und  eine  Schuldenlast  von  mehr  als  105  Mill.,
eine  gewaltige  Last  für  das  verkehrsarme  Land,  die  erst  nach  harten
Kämpfen  mit  dem  Partikularismus  der  neuen  Provinzen  als  gemeinsame
Staatsschuld  des  gesamten  Königreichs  anerkannt  wurde.  Der  größte
Teil  dieser  Summen  war  infolge  der  Kriegsnöte  aufgenommen  worden;
wieviel  aber  die  Verschwendung  der  Krone  hinzugesündigt,  dies  erfuhr
niemand,  denn  die  Regierung  weigerte  sich  über  die  Verwaltung  der  absolutistischen
  Epoche  im  einzelnen  Rechenschaft  abzulegen,  da  der  gutherzige
  Max  Joseph,  der  in  Geldsachen  immer  ein  Kind  blieb,  erst
neuerdings  von  den  französischen  Entschädigungsgeldern  unbedenklich  3,4
Mill.  Fr.  an  seine  Söhne  und  Töchter  verschenkt  hatte.)

Dem  Könige  war  der  Landtag  schon  nach  wenigen  Tagen  verleidet;
es  kam  ihm  vor  wie  heller  Aufruhr,  daß  seine  Beamten  jetzt  den  Untertanen
  Rede  stehen  sollten.  Sein  Mißmut  steigerte  sich  zu  hellem  Zorne
als  Hornthal  die  Vereidigung  des  Heeres  auf  die  Konstitution  verlangte
und  mit  dreister  Stirn  versicherte,  dieser  offenbar  verfassungswidrige  Antrag
  bezwecke  nur  die  Ausführung  einer  Vorschrift  des  Grundgesetzes.
Damit  war  zum  ersten  Male  ein  unbegreiflicher  Irrtum  ausgesprochen,
der  seitdem  während  eines  Menschenalters  ein  Lieblingssatz  der  liberalen
Parteien  geblieben  ist.  Befangen  in  dem  modischen  Hasse  gegen  die
stehenden  Heere  wollten  die  Konstitutionellen  schlechterdings  nicht  einsehen,
daß  ein  debattierendes  Heer  der  schlimmste  Feind  der  Freiheit  ist  und  das
Recht  des  Bürgers  nur  da  gesichert  bestehen  kann,  wo  die  bewaffnete  Macht
keinen  eigenen  Willen  hat.  Mit  der  größten  Zuversicht,  als  verstände  sich
der  Unsinn  ganz  von  selbst,  stellte  Behr  die  Behauptung  auf:  „gibt  es

 

*)  Zastrows  Bericht,  17.  Febr.  1819.
        <pb n="512" />
        504  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

einen  Stand,  der  ohne  Willen  ist,  so  weiß  ich  nicht  wo  die  verfassungsmäßige
  Freiheit  bleibt.“  Auch  die  beliebte  Theorie  des  Mißtrauens,  die
Lehre  von  dem  natürlichen  Kriege  zwischen  Fürst  und  Volk  wirkte  mit
ein.  In  einer  Flugschrift  über  den  bayrischen  Landtag  rechtfertigte  der
liberale  Publizist  von  Spraun  den  Antrag  Hornthals  mit  der  freundlichen
Erwägung:  sonst  könnte  ja  der  Hof  jederzeit  eine  Bartholomäusnacht  veranstalten!
  Das  Weimarische  Oppositionsblatt  erklärte  drohend,  das  deutsche
Volk  werde  alle  die  gewissenlosen  Abgeordneten,  welche  gegen  den  Antrag
stimmten,  für  den  Tag  der  Abrechnung  im  Gedächtnis  behalten.  Um
einem  möglichen  Mißbrauch  der  monarchischen  Gewalt  vorzubeugen,  wollte
man  den  König  in  aller  Unschuld  seiner  Militärhoheit  berauben,  die
letzte  Entscheidung  der  Verfassungsstreitigkeiten  dem  Gewissen  der  zumeist
minderjährigen  gemeinen  Soldaten  überlassen.  Selbst  die  Erfahrungen
des  achtzehnten  Brumaire  hatten  den  deutschen  Doktrinarismus  noch
nicht  darüber  belehrt,  daß  ein  Staatsstreich  nur  dann  gelingt,  wenn  die
Nation  ihn  erträgt  oder  billigt.

Obwohl  der  Antrag  nicht  der  revolutionären  Gesinnung,  sondern
nur  der  gedankenlosen  Unerfahrenheit  entsprang,  so  wirkte  er  doch  sogleich
sehr  schädlich.  Einige  aufgeregte  junge  Leutnants  sprachen  im  Sinne  des
Volkstribunen  und  wurden  in  der  Stille  bestraft.  Die  große  Mehrzahl
der  Offiziere  fühlte  sich  in  der  monarchischen  Gesinnung,  welche  jedes
tüchtige  Heer  belebt,  tief  verletzt  und  verfiel  im  Zorne  auf  ein  gefährliches
  Mittel.  Man  verbreitete  in  den  Garnisonen  eine  Bittschrift,  die
den  König  beschwor  „ein  dem  Sinne  der  Konstitution  so  ganz  entgegenes
Begehren“  abzuweisen;  Generale,  Hauptleute,  Unteroffiziere  unterschrieben
bunt  durcheinander.  Erschreckt  durch  solche  Kundgebungen  brach  der
Landtag  die  Verhandlungen  über  den  gefährlichen  Antrag  plötzlich  ab.
König  Friedrich  Wilhelm  aber  betrachtete  diese  ersten  Folgen  des  Repräsentativsystems
  mit  schwerer  Besorgnis.  Jener  unruhige  Landsknechtsgeist,
welchen  die  Abenteuer  des  Imperators  in  allen  napoleonischen  Heeren  erweckt,
hatte  die  Franzosen  und  die  Sachsen  schon  einmal  zu  offener  Empörung
verführt;  in  Italien  schürten  die  alten  napoleonischen  Offiziere  überall
den  Haß  gegen  Osterreichs  Herrschaft,  jeden  Augenblick  konnte  dort  eine
militärische  Revolution  ausbrechen;  sollten  jetzt  auch  die  süddeutschen  Heere
in  die  politischen  Parteikämpfe  hineingerissen  werden?  Der  Wiener  Hof
sah  den  bayrischen  Staat  bereits  dicht  am  Abhange  der  Revolution  dahintaumeln.
  Gentz  schrieb  eine  donnernde  Denkschrift  über  die  bayrischen
Stände").  Er  klagte  den  Monarchen  an,  daß  er  durch  seine  Thronrede
„ein  vollständig  abgerundetes  System  von  königlicher  Demokratie“  begründet

 

*)  Bemerkungen  über  die  ersten  Vorgänge  in  der  bayrischen  Ständeversammlung.
Die  Denkschrift  wurde  am  10.  April  1819  nach  Berlin  gesendet,  muß  aber  schon  zu
Anfang  März  geschrieben  sein,  da  sie  die  Verhandlungen  des  Landtags  nur  bis  zum
15.  Febr.  verfolgt.
        <pb n="513" />
        Max  Josephs  Staatsstreichspläne.  505

habe,  und  fragte,  „was  dieser  kaum  aus  der  Wiege  hervorgegangenen
Volksrepräsentation  den  Mut  einflößen  konnte,  da  anzufangen,  wo  an—
dere  ihresgleichen  zu  endigen  pflegen.“  Noch  sei  mit  Hilfe  der  Reichs—
räte  entschiedenes  Einschreiten  gegen  die  Abgeordneten  möglich,  aber  „was
heute  noch  durch  kräftige  Maßregeln  gerettet  werden  dürfte,  wird  vielleicht
in  wenigen  Wochen  unwiederbringlich  verloren  sein.“

Kaum  minder  besorgt  sah  König  Max  Joseph  selber  die  Lage  an.  Er
brütete  bereits  über  verzweifelten  Plänen  und  beriet  sich  mit  seinen
Vertrauten,  ob  nicht  die  Aufhebung  der  Verfassung  notwendig  sei,  „weil
sie  den  gehofften  Zweck  nicht  erfüllt  habe.“  Am  30.  März  überraschte
Graf  Rechberg  den  preußischen  Gesandten  durch  eine  vertrauliche  Mitteilung
  über  diese  geheimen  Pläne.  Der  Minister  fügte  hinzu,  sein
Hof  fürchte  nur,  durch  eine  Verletzung  des  Art.  13  mit  dem  Bundestage
in  Streit  zu  geraten,  und  schloß  mit  der  förmlichen  Bitte:  der  König
von  Preußen  möge  durch  sein  Ministerium  vertraulich  mitteilen  lassen,
„was  S.  M.  der  König  von  Allerhöchstdemselben  zu  erwarten  haben
würden,  wenn  Sie  Sich  in  der  unangenehmen  Notwendigkeit  befinden
sollten,  den  erwähnten  Gewaltschritt  zu  tun.“  Gleichzeitig  sprach  Bayern
auch  dem  k.  k.  Hofe  seine  Reue  aus  wegen  des  übereilten  Verfassungswerkes,
  erklärte  sich  bereit,  „.mit  Eifer  die  Repressivmaßregeln  anzunehmen,
welche  Osterreich  und  Preußen  ihm  vorschlagen  möchten.“)

Die  Versuchung  für  König  Friedrich  Wilhelm  war  groß,  doch  er  bestand
  sie  ehrenhaft.  Er  nahm  die  Frage  in  reifliche  Erwägung,  ließ
mehrere  Wochen  verstreichen  und  am  11.  Mai  durch  ein  Ministerialschreiben
  antworten:  „Wären  wir  in  dem  Falle  gewesen,  unsere  Ansicht
in  dem  Augenblicke  auszusprechen,  wo  der  König  von  Bayern  den  Entschluß
  gefaßt  hatte,  die  Verfassung  einzuführen,  so  würden  wir,  wie  viel
Gutes  und  wohl  Uberlegtes  auch  in  dieser  Verfassungsurkunde  enthalten
ist,  doch  Zweifel  und  Bedenken  mancherlei  Art  offen  zu  bekennen  uns
zur  Pflicht  gemacht  haben.  Jetzt  aber“  —  fuhr  Bernstorff  mit  unverkennbarer
  Ironie  fort  —  „handelt  es  sich  um  Fragen  ganz  anderer  Natur.
Erwägen  wir,  daß  der  König  von  Bayern,  bei  Einführung  dieser  Konstitution,
  solche  nicht  nur  als  eine  seinem  Volke  gewährte  und  ausgezeichnete,
  aus  seiner  freien  Huld  hervorgegangene  Wohltat  geltend  gemacht,
sondern  auch  den  gegründeten  oder  vermeintlichen  Anspruch  der  Nation
auf  eine  solche  Verfassung  ausdrücklich  anzuerkennen  nicht  gescheut  hat,
und  daß  die  Ständeversammlung  ihrerseits  die  neue  Verfassung  nicht  nur
in  demselben  Sinne  angenommen  und  sich,  besonders  was  die  Rechte
der  Nation  betrifft,  denen  gehuldigt  zu  haben  dem  König  als  Hauptverdienst
  angerechnet  wird,  so  bestimmt  als  kühn  ausgesprochen  hat  —  so
können  wir  die  großen  und  drohenden  Gefahren  nicht  verkennen,  welche

 

*  Zastrows  Bericht,  30.  März;  Krusemarks  Bericht,  16.  April  1819.
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        506  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

mit  der  durch  die  eigenmächtige  Aufhebung  der  Verfassungsurkunde  her—
beigeführten  Krise  unzertrennlich  verbunden  sein  würden.“  Der  König
von  Bayern  wird  demnach  gebeten,  sich  über  die  Gesinnung  seines  Volkes
und  seines  Heeres  klare  Rechenschaft  zu  geben  und  vornehmlich  zu  erwägen,
ob  ihm  nicht  die  Verfassung  selber  ein  Mittel  biete  zur  Befestigung  seines
Ansehens,  z.  B.  die  Auflösung  der  Kammer.  Von  dem  Bundestage  habe
er  allerdings  nichts  zu  fürchten,  da  der  Art.  13  nur  ganz  im  Allgemeinen
die  Einführung  einer  ständischen  Verfassung  vorschreibe  und  Bayern  doch
keinenfalls  ganz  ohne  Landstände  werde  bleiben  wollen.“)

Die  preußische  Antwort  versprach  also  mit  keinem  Worte  den  Beistand,
welchen  der  bayrische  Hof  erwartete,  sie  war  ein  rundes  Nein  in  diplomatischer
  Form  und  ward  auch  in  München  als  eine  Ablehnung  aufgefaßt.
  Einige  Tage  nachdem  sie  eingegangen,  meldete  Zastrow,  Graf  Rechberg
  habe  ihm  mit  tiefer  Rührung  gedankt,  der  beabsichtigte  Staatsstreich
sei  nunmehr  aufgegeben,  da  die  Kammer  sich  zu  mäßigen  beginne.*)  In
der  Tat  hatte  die  Opposition  unter  der  Hand  einiges  von  den  Plänen  des
Hofes  erfahren  —  die  volle  Wahrheit  blieb  ihr  immer  verborgen  —  und  sich
beeilt  durch  den  beredten  Mund  ihres  Genossen  Häcker  ihre  Treue  gegen
den  Vater  der  Verfassung  zu  beteuern;  die  stürmischen  Hochrufe,  mit  denen
die  Kammer  und  die  Gallerien  diese  pathetische  Rede  aufnahmen,  taten
dem  Herzen  Max  Josephs  wohl,  und  der  Monarch,  der  soeben  einen  Staatsstreich
  geplant,  spielte  sofort  wieder  vergnüglich  die  Rolle  des  konstitutionellen
Musterfürsten.  Eben  in  diesen  Tagen,  da  Preußens  Warnungen  den
bayrischen  Verfassungsbruch  verhinderten,  war  die  schöne,  zur  Verherrlichung
  der  Konstitution  geprägte  Denkmünze  fertig,  und  der  König  ließ
sie  seinen  getreuen  Ständen  feierlich  überreichen,  schenkte  auch  jeder  Gemeinde
  des  Königreichs  ein  Stück  zur  ewigen  Erinnerung.  Das  ganze
Land  frohlockte  über  die  bayrische  Freiheit  und  schimpfte  auf  Preußen;  ohne
Schmähungen  gegen  den  Staat  des  Freiheitskrieges  konnte  ein  liberales
Jubelfest  schon  nicht  mehr  gefeiert  werden.  Alle  bayrischen  Blätter  verglichen
ihren  verfassungstreuen  König  wohlgefällig  mit  dem  Despoten  in  Berlin.
Die  Allgemeine  Zeitung  erzählte  eine  alberne  Jagdgeschichte:  ein  Haufe  von
fünfzehnhundert  Bürgern  sollte  den  Wagen  König  Friedrich  Wilhelms  am
Brandenburger  Tore  aufgehalten  und  unter  dem  drohenden  Rufe:  „wir
haben  für  das  Vaterland  geblutet,“  eine  Verfassungspetition  überreicht  haben;
die  Landwehrmänner  der  Torwache  hätten  sich  geweigert  einzuschreiten.

Noch  kräftiger  äußerte  sich  das  bayrische  Machtgefühl  unter  den  Abgeordneten.
  Einige  Mitglieder  der  Opposition  übergaben  dem  Minister
Rechberg  eine  geheime  Denkschrift,  welche  den  König  in  seiner  konstitutionellen
  Gesinnung  bestärken  sollte.  Da  hieß  es,  das  aus  der  europäi- 



*)  Ministerialschreiben  an  Zastrow,  11.  Mai  1819.
*)  Zastrows  Bericht,  19.  Mai  1819.
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        Friedrich  Wilhelm  verhindert  den  bayrischen  Staatsstreich.  507

schen  Politik  hinausgeworfene  Bayern  habe  sich  durch  die  moralische  Macht
seiner  Verfassung  wieder  erhoben,  sein  Monarch  werde  jetzt  von  der  ge—
samten  Nation  „als  der  König  der  deutschen  Herzen“  begrüßt.  „Dieses
europäische  Ereignis  macht  Bayern  wieder  zu  einer  europäischen  Macht.“
Wenn  der  König  seinem  Landtage  in  allem  entgegenkommt,  „dann  wird
die  wittelsbachische  Dynastie  der  Anhaltspunkt  werden  für  alle  Völker,
welche  sich  als  reif  für  die  repräsentative  Verfassung  bewährt  haben,  und
dann  wird  ein  beträchtliches  Heer  für  Bayern  erst  seine  wahre  Bedeutung
erhalten.“  So  tauchten  die  phantastischen  Triaspläne  des  württembergi—
schen  Hofes  jetzt  in  bayrischer  Färbung  wieder  auf;  die  Münchener  Oppo—
sition  stand  mit  den  Liberalen  des  Nachbarlandes  in  regem  Verkehre,  die
Neue  Stuttgarter  Zeitung  diente  ihnen  gemeinsam  zum  Organ.  Aber
bei  dem  Wittelsbacher  verfing  der  Lockruf  nicht.  Max  Joseph  erschrak
über  die  radikale  Sprache  seiner  Volksvertreter  und  sendete  den  Grafen
Rechberg  nochmals  zu  General  Zastrow,  um  diesem  die  Denkschrift  der
Liberalen  einzuhändigen;  es  war  gerade  an  demselben  Tage  (23.  Mai),  da
die  Verfassungsdenkmünze  den  Kammern  überreicht  wurde.  Noch  einmal
beschwor  er  den  König  von  Preußen,  mit  ihm  Hand  in  Hand  zu  gehen,
damit  diese  demokratischen  Grundsätze  im  Keime  zerstört  würden.  Friedrich
Wilhelm  antwortete  kurz  und  würdig,  er  wolle  sich  nicht  in  die  inneren
Angelegenheiten  Bayerns  mischen,  und  wiederholte  nur  den  Rat,  daß  der
König  „jede  verfassungswidrige  Anmaßung  oder  Zumutung  kräftig  zurück—
weise;  dann  wird  die  bayrische  Regierung  sich  nicht  betören  lassen  durch
so  gleißnerische  Vorspiegelungen,  so  heuchlerische  Schmeicheleien,  wie  sie
jenes  Memoire  enthält.“*)

Den  Schluß  der  Session  bildete  eine  jener  Militärdebatten,  bei
denen  die  tiefe  Unwahrheit  der  kleinstaatlichen  Souveränität  sich  immer
besonders  widerwärtig  offenbarte:  im  Grunde  fühlte  jedermann,  daß  die
beträchtlichen  Ausgaben  für  die  Armeen  der  Mittelstaaten  fast  zwecklos
aufgewendet  wurden,  so  lange  ein  fest  geeintes  deutsches  Heer  nicht  bestand,
aber  niemand  wagte  diese  dem  Partikularismus  unbequeme  Wahrheit
offen  auszusprechen.  In  Bayern  wünschten  fast  alle  Parteien  ein  starkes
stehendes  Heer,  da  sie  sämtlich  von  der  europäischen  Macht  des  Staates
der  Wittelsbacher  sehr  überspannte  Vorstellungen  hegten  und  doch  zur
Einführung  einer  kriegstüchtigen  Landwehr,  nach  dem  Vorbilde  des  so
gründlich  verachteten  preußischen  Staates,  sich  nimmermehr  entschließen
wollten.  Um  so  lebhafter  stritt  man  über  den  Aufwand,  der  allerdings
auch  nach  dem  Urteil  des  preußischen  Gesandten  viel  zu  hoch  war.  Die
von  den  Abgeordneten  bewilligten  6,7  Mill.  fl.  erschienen  dem  Könige  so
unzureichend,  daß  er  in  einem  Handschreiben  an  Wrede  erklärte,  lieber  wolle
er  seine  Hausarmen  darben  lassen  und  300,000  fl.  aus  seiner  Schatulle  zu- 



*)  Zastrows  Bericht,  23.  Mai;  Ministerialschreiben  an  Zastrow,  11.  Juni  1819.
        <pb n="516" />
        508  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

schießen.  Da  erst  entschlossen  sich  die  Reichsräte,  die  Bewilligung  der
zweiten  Kammer  auf  7  Mill.  zu  erhöhen.  Auch  dies  genügte  dem  Monarchen
  noch  nicht,  und  als  er  am  16.  Juli  mit  einem  halb  ungnädigen  Abschiede
  den  Landtag  schloß,  kündigte  er  unbefangen  an,  daß  er  nötigenfalls,
wenn  seine  Bundespflichten  dies  erheischten,  das  Militärbudget  überschreiten
werde.  Der  Versuch  der  Krone  Bayern,  dem  deutschen  Volke  auf  der
Bahn  der  Freiheit  voranzuschreiten,  war,  wie  das  preußische  Ministerium
nach  München  schrieb,  „nicht  eben  sehr  gut  geraten“,  )  kaum  besser  als
die  ebenso  pomphaft  angekündigte  Verhandlung  mit  dem  römischen  Stuhle.
Auf  Seiten  der  Abgeordneten,  obgleich  die  große  Mehrzahl  aus  harmlosen
  Biedermännern  bestand,  doch  eine  starke  Neigung  zum  Uberschreiten
der  kaum  erst  verliehenen  verfassungsmäßigen  Rechte;  auf  Seiten  der
Krone  eine  schimpfliche  Schwäche,  die  heute  schmeichlerisch  um  die  Volksgunst
  buhlte,  morgen  demütig  den  Beistand  der  Nachbarn  gegen  das
eigene  Land  anrief.  —

Ein  ungleich  reicheres  und  bedeutsameres  Schauspiel  boten  die  Verhandlungen
  des  ersten  badischen  Landtags.  Im  Dezember  1818  war  der
unglückliche  Großherzog  Karl  von  seinen  Leiden  erlöst  worden.  Ihm  folgte
sein  Oheim  Großherzog  Ludwig,  ein  schon  ziemlich  bejahrter  Herr,  hoch
in  den  Fünfzigen,  der  seine  glücklichsten  Jahre  im  fridericianischen  Heere
verbracht  hatte.  Er  lebte  und  webte  noch  in  den  Erinnerungen  der  rheinischen
  Feldzüge  und  erzählte  mit  Stolz,  daß  er  einst  das  berühmte
Bataillon  Rhodich,  das  spätere  erste  Garderegiment,  befehligt.  Noch  als
Souverän  trug  er  mit  Vorliebe  die  preußische  Uniform,  führte  bei  seinen
Truppen  das  preußische  Reglement  ein  und  bewarb  sich  sogleich  um  die
Verleihung  eines  preußischen  Regiments,  die  ihm  auch  durch  Varnhagens
Beflissenheit  bald  zuteil  ward;*“)  wenn  bei  der  Garde  eine  Tresse  oder
ein  Knopf  verändert  wurde,  so  versäumte  sein  Gesandter  in  Berlin  nie,
die  Modelle  der  neuen  Zieraten  den  diplomatischen  Berichten  beizulegen.
Zur  Zeit  des  Rheinbunds  mußte  er  Napoleons  Ungnade  erfahren  und
viele  Jahre  auf  dem  einsamen  Schlosse  zu  Salem  verbringen.  Damals
hatte  er  den  Wert  höfischer  Schmeicheleien  kennen  gelernt  und  sich  mit
einer  harten  Menschenverachtung  erfüllt.  Als  er  jetzt  wieder  aus  der
Vergessenheit  hervortrat,  nahm  er  das  Beamtentum  sogleich  in  strengere
Zucht,  brachte  etwas  Ordnung  und  Sparsamkeit  in  die  zerfahrene  Verwaltung;
  die  neue  Verfassung  aber  konnte  dieser  Mann  der  alten  Schule
nur  als  eine  lästige  Fessel  betrachten.

Da  Reizenstein  sich  bald  verstimmt  in  die  gelehrte  Muße  nach  Heidelberg
  zurückzog,  so  erlangte  Berstett  die  entscheidende  Stimme  in  der  Regierung,
  neben  ihm  der  neue  Finanzminister  Fischer,  ein  guter  Rechner

 

*)  Ministerialschreiben  an  Zastrow,  7.  August  1819.
**)  Varnhagens  Berichte,  16.  Dez.  1818,  4.  April  1819.
        <pb n="517" />
        Großherzog  Ludwig  von  Baden.  509

und  harter  Bureaukrat.  Eine  kurze  Zeitlang  suchte  der  König  von
Württemberg  die  Freundschaft  seines  neuen  Nachbarn  zu  gewinnen;  doch
nach  einer  geheimen  Zusammenkunft  zu  Schwetzingen  (April  1819)  trennten
sich  die  beiden  Fürsten  tief  verstimmt.)  Der  alte  Soldat  in  Karlsruhe
wollte  von  den  Hirngespinsten  der  liberalen  Triaspolitik  nichts  hören  und
bemühte  sich  um  das  Wohlwollen  der  Ostmächte,  deren  Mißtrauen  seinem
Staate  so  schwer  geschadet  hatte.  Er  dachte  dabei  zunächst  an  sein  geliebtes
  Preußen,  während  Berstett  sich  mehr  zu  Osterreich  neigte;  beide
aber,  der  Souverän  wie  der  Minister,  blickten  mit  dankbarer  Verehrung
auf  Rußland,  das  ihnen  der  Geschäftsträger  Blittersdorff  beharrlich  als
den  natürlichen  Schwerpunkt  für  das  unruhige  Europa  anpries,  und
hörten  gern  auf  die  Ratschläge  Anstetts  in  Frankfurt,  der  nach  und
nach  einen  großen  Einfluß  am  Karlsruher  Hofe  erlangte.*)  Im  Hause
führte  der  Großherzog  das  Leben  eines  wüsten  Junggesellen;  ein  guter
Kopf,  aber  ohne  Sinn  für  edle  Bildung  hatte  er  sich  früh  geschmacklosen
Ausschweifungen  ergeben.  Als  allbereiter  Helfer  stand  ihm  bei  seinen
kleinen  Abenteuern  wie  bei  den  politischen  Verhandlungen  der  Major  Hennenhofer
  zur  Seite,  der  Uberall  und  Nirgends  der  Salons,  der  sich  durch
zynischen  Witz  und  einschmeichelnde  Gewandtheit  vom  Feldjäger  zum  militärischen
  Diplomaten  aufgeschwungen  hatte,  ein  mit  allen  Hunden  gehetzter
  Mensch,  dem  es  nicht  darauf  ankam  in  amtlichen  Aktenstücken
Zitate  aus  Tristram  Shandy  anzubringen,  mit  jedermann  bekannt,  in
alle  Geheimnisse  eingeweiht,  trotz  seiner  abschreckenden  Häßlichkeit  als  Vermittler
  und  Zwischenträger  immer  willkommen.  Durch  die  Schuld  dieses
neuen  Hofes  wurde  die  ehrbare  Stadt  Karl  Friedrichs  auf  lange  Zeit
hinaus  neben  München  die  sittenloseste  der  deutschen  Residenzen.

Nicht  ohne  Selbstüberwindung  entschloß  sich  der  Großherzog,  auf  den
22.  April  seine  Landstände  zu  berufen.  Ein  kleines  Land  wie  das  meine,  so
äußerte  er  oft,  bedarf  einer  patriarchalischen  Regierung;  indes  getröstete  er
sich  der  Hoffnung,  daß  der  Landtag  sich  mit  der  unscheinbaren  Rolle  eines
Familienrats  begnügen  und  nichts  unternehmen  werde  „was  über  unsere
Sphäre  hinaus  liegt“.-““)  Bei  dem  Festmahle,  das  er  nach  der  Eröffnung
des  Landtags  den  Abgeordneten  gab,  erhob  er  einen  großen  Pokal  voll
alten  Markgräflerweines,  trank  auf  das  Wohl  seiner  getreuen  Stände
und  ließ  dann  den  Humpen  nach  altem  Brauche  im  Kreise  herumgehen.
Die  Volksvertreter  selber  faßten  ihre  Aufgabe  mit  nichten  so  bescheiden
auf  wie  der  Landesherr;  sie  waren  schon  auf  der  Reise  von  dem  hoffnungsseligen
  Volke  überall  mit  fürstlichen  Ehren,  mit  Triumphbogen  und
rauschenden  Festen  begrüßt  worden  und  empfingen  von  der  gemütlichen

 

*)  Varnhagens  Berichte,  19.  21.  April  1819.
*.)  Blittersdorffs  Berichte,  Petersburg  5.  Jan.  1819  ff.
*“  )  Berstett  an  Kapodistrias,  10.  Dez.  1819.
        <pb n="518" />
        510  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Eröffnungsfeier  den  erhebenden  Eindruck,  als  ob  heute  ein  neues  Zeit—
alter  der  deutschen  Geschichte  begänne.  Varnhagen,  der  sich  sogleich  viel—
geschäftig  unter  die  Abgeordneten  mischte,  konnte  seiner  Regierung  gar
nicht  genug  erzählen  von  „der  nicht  zu  schildernden  Größe  dieser  impo—
santen  Momente“.“)  Die  Volkskammer  vornehmlich  glaubte  die  Augen
der  ganzen  Welt  auf  sich  gerichtet,  wie  denn  in  der  Tat  die  Karlsruher
Vorgänge  bis  nach  England  und  Amerika  hinüber  großes  Aufsehen  er—
regten,  und  beschloß  sogleich  einstimmig,  alle  Adels-  und  Amtstitel  in  der
Kammer  abzulegen,  da  der  Ehrentitel  des  Abgeordneten  hoch  über  allen
anderen  irdischen  Würden  stehe:  —  ein  stolzer  Beschluß,  der  bei  den
ängstlichen  Höfen  sofort  die  Befürchtung  hervorrief,  daß  ihm  die  Ab—
schaffung  des  Adels  auf  dem  Fuße  folgen  würde.

Der  badische  Adel  besaß  nur  in  der  ersten  Kammer  eine  ständische
Vertretung;  in  der  zweiten  Kammer  tagten  nicht,  wie  in  Bayern,  die
Abgeordneten  von  vier  ständischen  Gruppen,  sondern  die  Gesamtheit  der
Wahlberechtigten  war,  ohne  Unterschied  der  Stände,  in  städtische  und
ländliche  Wahlbezirke  eingeteilt,  deren  jeder  ein  Steuerkapital  von  800,000
Gulden  umfaßte.  Der  Karlsruher  Landtag  erschien  mithin,  dem  modernen
Charakter  dieses  Staates  gemäß,  nahezu  als  eine  allgemeine  Volksver—
tretung  und  stand  schon  durch  seine  Zusammensetzung  den  demokratischen
Ideen  des  neuen  Jahrhunderts  näher  als  die  anderen  Landstände  jener
Tage;  auch  an  Talent  übertraf  er  den  bayrischen  Landtag  bei  weitem.
In  der  ersten  Kammer  saßen  für  die  Kirchen  Wessenberg  und  Hebel;  für
die  Universitäten  Rotteck  und  sein  Widerpart,  der  sinnig  gelehrte  Thibaut;
für  den  Adel  der  Fürst  von  Fürstenberg,  ein  Aristokrat  im  besten  Sinne,
und  der  konservative  Freiherr  von  Türckheim,  ein  Elsässer,  der  durch  die
Revolution  aus  seiner  Heimat  vertrieben  über  die  partikularistische  Be—
schränktheit  seiner  badischen  Landsleute  frei  hinausblickte;  er  scheute  sich
nicht  zu  bekennen,  daß  ihm  die  Einheit  der  Nation  das  erste,  die  Ver—
fassungspolitik  erst  das  zweite  sei  —  was  in  dem  allgemeinen  Rausche
der  konstitutionellen  Selbstgefälligkeit  schon  als  Volksverrat  betrachtet
wurde.  Unter  den  Mitgliedern  der  zweiten  Kammer  tat  sich  Professor
Duttlinger  aus  Freiburg,  ein  scharfsinniger  Jurist  hervor.  An  Sachkenntnis
  überragte  alle  der  Geh.  Referendär  Ludwig  Winter,  ein  derber,
freimütiger,  kurz  angebundener  Schwarzwälder,  Monarchist  durch  und
durch,  das  Musterbild  eines  altbadischen  Beamten,  zu  allen  sozialen  Reformen
  gern  bereit,  aber  ein  abgesagter  Feind  des  politischen  Dilettantismus
und  der  parlamentarischen  Redseligkeit.  Der  eigentliche  Führer  des  Hauses
war  Frhr.  von  Liebenstein,  ein  junger  Beamter,  der  schon  1813  die  Aufmerksamkeit
  des  durchreisenden  preußischen  Staatskanzlers  auf  sich  gezogen
und  neuerdings  durch  eine  schwungvolle  Rede  zur  Feier  der  Leipziger

 

*)  Varnhagens  Bericht,  22.  April  1819.
        <pb n="519" />
        Der  erste  badische  Landtag.  511

Schlacht  sich  bekannt  gemacht  hatte.  Als  Redner  feurig,  schlagfertig  und
doch  besonnen,  wohl  das  glänzendste  parlamentarische  Talent  der  badischen
Geschichte,  in  seinen  Ansichten  durchaus  liberal,  unterschied  er  sich  von
der  Mehrzahl  seiner  Genossen  durch  praktischen  Takt  und  ein  gesundes
militärisches  Urteil;  die  Festigkeit  seines  Charakters  stand  aber  weit  hinter
seiner  Begabung  zurück.

Fast  alle  Redner  der  Opposition  gehörten  dem  Beamtenstande  an,
der  überhaupt  in  diesem  Landtage  unverhältnismäßig  stark  vertreten  war;
und  so  ward  denn  zum  ersten  Male  ein  schlimmes  Gebrechen  des  deutschen
Parlamentarismus  fühlbar,  das  bis  zum  heutigen  Tage  ungeheilt  ge—
blieben  ist.  Da  eine  Klasse  von  Berufspolitikern  diesem  verarmten  Volke
noch  gänzlich  fehlte  und  namentlich  die  juristische  Bildung  fast  aus—
schließlich  in  den  Reihen  der  Beamten  zu  finden  war,  so  hatten  die  Ur—
heber  der  neuen  Verfassungen,  um  nicht  die  Sachkundigen  ganz  von  den
Kammern  auszuschließen,  allesamt  den  Staatsdienern  die  Wählbarkeit
eingeräumt.  Manche  der  kleinen  Kronen  schmeichelten  sich  mit  der  Hoff—
nung,  daß  die  Beamten  im  Landtage  den  Eifer  der  Opposition  ermäßigen
würden.  Das  deutsche  Beamtentum  war  aber  durch  die  neuen,  dem
preußischen  Muster  nachgebildeten  Dienstpragmatiken  unabhängiger  ge—
stellt,  als  irgend  ein  anderer  Staatsdienerstand  der  Welt;  seine  Mit—
glieder  beanspruchten  als  Abgeordnete  das  unbeschränkte  Recht  ihre  Vor—
gesetzten  zu  bekämpfen,  und  es  bildete  sich  bald  die  Ansicht  aus,  daß  der
Beruf  des  Volksvertreters  hoch  über  der  Amtspflicht  stehe,  der  Diensteid
mithin  für  die  Dauer  des  Landtagsmandates  seine  Kraft  verliere.  So
entstand  die  zweifache  Gefahr  —  und  beide  Folgen  sind  in  Süddeutsch—
land  abwechselnd  eingetreten  —  daß  entweder  die  Mannszucht  des  Staatsdienstes
  zerrüttet  oder  die  Charakterfestigkeit  des  Beamtentums  durch
Gunst  und  Druck  von  oben  her  gebrochen  würde.  Ein  Mittel  der  Unter—
drückung  lag  nahe  zur  Hand:  die  Verfassung  enthielt  keine  Vorschriften
über  die  Beurlaubung  der  zum  Landtage  gewählten  Staatsdiener,  und
schon  während  des  ersten  badischen  Landtags  ward  im  Ministerium  die
Frage  erwogen,  ob  man  nicht  wohltue,  in  Zukunft  die  Führer  der  Oppo—
sition  durch  Versagung  des  Urlaubs  den  Kammern  fern  zu  halten  —  ein
kleinlicher  und  doch  bei  der  Schwäche  dieser  Regierungen  leicht  begreif—
licher  Gedanke,  der  noch  viel  Unfrieden  über  den  Süden  bringen  sollte.

Es  konnte  nicht  ausbleiben,  daß  eine  an  aufgeweckten  Köpfen  so  reiche
Versammlung  im  ersten  Hochgefühle  einer  großen  Bestimmung  ihre  Rede—
künste  über  alle  Höhen  und  Tiefen  des  Staatslebens  erstreckte.  Solange
der  Nation  ein  Reichstag  fehlte,  waren  die  kleinen  Landtage  fast  gezwungen,
trotz  der  Warnungen  des  Großherzogs  Ludwig,  über  ihre  Sphäre  hinauszugehen,
  Fragen  der  gesamtdeutschen  Politik  in  den  Kreis  ihrer  Beratungen
  zu  ziehen.  Ein  Menschenalter  hindurch  blieb  es  fortan  der
historische  Beruf  dieses  beweglichen  oberrheinischen  Völkchens,  daß  hier  im
        <pb n="520" />
        512  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Lande  der  reinen  Aufklärung  die  Durchschnittsansichten  des  jungen  Libe—
ralismus  jene  bequeme,  gemeinverständliche  Fassung  erhielten,  welche  sie
zu  Vorurteilen  aller  machten.  Die  Initiative  stand  dem  Landtage  nicht
zu,  wohl  aber  das  Recht,  die  Regierung  um  den  Vorschlag  eines  Gesetzes
zu  bitten,  und  er  machte  von  dieser  Befugnis  einen  so  umfassenden  Ge—
brauch,  daß  die  Krone,  wenn  sie  sich  fügte,  die  Leitung  der  gesetzgeberischen
Arbeit  gänzlich  verloren  hätte.

Ein  ganzes  Programm  liberaler  Wünsche,  Stoffes  genug  für  die
Gesetzgebung  mehrerer  Jahrzehnte,  ward  in  kurzen  drei  Monaten  vor—
gebracht  und  von  der  Kammer,  da  die  Antragsteller  sich  zumeist  in  un—
bestimmten  Allgemeinheiten  bewegten,  einstimmig  oder  mit  großer  Mehr—
heit  angenommen,  was  der  entzückte  Varnhagen  für  ein  merkwürdiges
Zeichen  politischer  Reife  erklärte.  Ganz  einstimmig  war  das  Haus,  als
Frhr.  von  Lotzbeck,  der  reiche  Lahrer  Tabaksfabrikant,  nach  einer  drastischen
und  nur  allzu  wahren  Schilderung  der  zunehmenden  Verarmung,  die  allgemeine
  Verkehrsfreiheit  für  ganz  Deutschland  verlangte.  Von  den  Wegen
freilich,  die  zu  diesem  Ziele  führen  sollten,  hatte  niemand  einen  Begriff,
und  daß  der  König  von  Preußen  soeben  elf  Millionen  Deutschen  den
freien  Verkehr  geschenkt,  wurde  nicht  nur  nicht  gewürdigt,  sondern  als  ein
schnöder  Eingriff  in  die  wahre  deutsche  Verkehrsfreiheit  gebrandmarkt.
Darauf  beantragte  der  wackere  Heidelberger  Buchhändler  C.  F.  Winter
die  Einführung  der  Preßfreiheit,  und  Liebenstein  unterstützte  ihn  mit  Forderungen,
  welche  erst  das  neue  deutsche  Reich  verwirklicht  hat:  er  verlangte
  nicht  nur,  wie  billig,  die  Aufhebung  der  Zensur,  sondern  wollte
auch  die  Kautionen  für  die  Zeitungen  und  schlechthin  alle  vorbeugenden
Maßregeln  gegen  die  Presse  beseitigt  wissen,  was  in  der  Tat  unmöglich
war,  solange  die  öffentliche  Meinung  sich  noch  nicht  einmal  über  die
Grundlagen  des  deutschen  Bundesrechts  geeinigt  hatte.  Dann  bot  Rotteck
den  Ministern,  welche  dieser  Hilfe  durchaus  nicht  begehrten,  den  Beistand
der  Kammer  an  zum  Kampfe  gegen  die  römische  Kurie  und  verherrlichte
die  deutsche  katholische  Nationalkirche,  wie  immer  fein  und  liebenswürdig
in  der  Form,  aber  in  der  Sache  ganz  radikal,  ganz  unbekümmert  um
die  Tatsachen  der  Geschichte,  welche  die  Unausführbarkeit  der  Wessenbergischen
  Träume  bereits  erwiesen  hatten.  Es  lag  eine  wunderbare  Kraft
des  Glaubens  in  dem  warmherzigen  Doktrinär,  der  sich  die  Möglichkeit  eines
stichhaltigen  Einwandes  gegen  das  Evangelium  des  Vernunftrechts  schlechterdings
  nicht  vorzustellen  vermochte.  Thibaut  und  A.  Müller,  so  gestand
er  bescheiden,  sind  mir  an  Geist  und  Gelehrsamkeit  weit  überlegen,  aber
Recht  und  Wahrheit  stehen  auf  meiner  Seite  und  mit  ihnen  ist  man  unüberwindlich.
  Darum  verdammte  er  jedes  Kompromiß  als  einen  Verrat:
  „zwischen  Recht  und  Nicht-Recht  kenne  ich  keinen  Mittelweg."“

Daran  schlossen  sich  wohlberechtigte,  aber  noch  ganz  unfertige  Anträge
  auf  Beseitigung  der  Frohnden  und  Zehnten,  auf  Trennung  von
        <pb n="521" />
        Liebenstein.  Winter.  Rotteck.  513

Justiz  und  Verwaltung,  auf  öffentliches  und  mündliches  Verfahren.  Vor
allem  das  Schwurgericht  empfing  hier  unter  schwungvollen  Reden  gleichsam
die  Weihe  als  ein  Heiligtum  des  Liberalismus.  Von  der  Notwendigkeit,
die  Gerichte  mit  dem  Gewissen  und  den  Lebensgewohnheiten  des  Volks  in
Einklang  zu  halten,  von  den  Bedürfnissen  der  Rechtspflege  war  wenig  die
Rede;  vielmehr  wurden  die  Schwurgerichte,  noch  entschiedener  als  kurz
zuvor  in  der  bayrischen  Kammer,  für  eine  politische  Institution  erklärt.
Sie  sollten  den  „Hauptpfeiler  der  politischen  Freiheit“  bilden;  ohne  sie,
versicherte  Liebenstein,  sei  alles  andere  nur  Schein.  Die  öffentliche  Meinung
  stimmte  jubelnd  zu,  obgleich  die  Erfahrungen  des  napoleonischen
Kaiserreichs  wahrlich  nicht  für  die  neue  Lehre  sprachen;  alle  Welt  grollte,
und  mit  Recht,  über  die  Pascha-Willkür  der  badischen  Amtmänner  und  gab
sich  der  kindlichen  Hoffnung  hin,  durch  „das  Volk“  werde  jede  Tyrannei
ein  Ende  finden.  So  ward  die  rein  juristische  Frage  zur  politischen  Parteisache.
  Den  Regierungen  fuhr  der  Schrecken  in  alle  Glieder;  sie  waren
bisher,  zumal  die  preußische,  der  dringend  nötigen  Reform  des  Strafverfahrens
  keineswegs  abgeneigt  gewesen,  jetzt  erschien  ihnen  die  Neuerung
staatsgefährlich.

Nach  dem  mächtigen  Pathos  dieser  Zukunftsdebatten,  bei  denen  Varnhagen
  immer  die  Hand  mit  im  Spiele  hatte,  erschien  die  pedantische  Kleinmeisterei
  der  Budgetberatung  hochergötzlich.  Allerdings  bot  das  Budget,
nach  so  vielen  Jahren  unordentlicher  Finanzwirtschaft,  manche  anfechtbare
  Stellen.  Da  entfalteten  sich  denn  breit  und  behäbig  alle  jene  Künste
des  parlamentarischen  Mückenseigens  und  Milbenspaltens,  welche  den
deutschen  Landtagen  auf  lange  hinaus  zum  Vorbilde  dienten.  Um  jeden
aggregierten  Sekretär,  um  jede  Pferderation  der  Bataillonsadjutanten  ward
mit  heiliger  Entrüstung  gestritten;  das  unbeliebte  Militärbudget  erlitt
natürlich  starke  Abstriche,  und  da  die  Regierung,  unbedachtsam  genug,  versäumt
  hatte,  den  Unterhalt  des  landesfürstlichen  Hauses  vor  der  Verkündigung
  des  Grundgesetzes  sicherzustellen,  so  trat  die  unanständige
Wißbegierde  der  Volksvertreter  auch  an  die  häuslichen  Angelegenheiten
der  Dynastie  heran.  Die  Zivilliste  selbst  fand  die  Genehmigung  der
Stände,  aber  von  den  Apanagen  ward  fast  ein  Viertel  gestrichen.  Auf
ihrem  Witwensitze  zu  Bruchsal  lebte  noch  die  Mutter  des  verstorbenen
Großherzogs,  die  greise  Markgräfin  Amalie,  eine  Tochter  der  großen  Landgräfin
  von  Darmstadt.  Wie  oft  hatte  diese  tapfere  Frau  einst  in  den
Tagen  der  Franzosenherrschaft  ihr  wirksames  Fürwort  für  den  badischen
Staat  eingelegt;  und  nun  strich  ihr  dieser  Landtag,  der  ihr  eigentlich  sein
Dasein  verdankte,  20,000  fl.  von  ihrem  bescheidenen  Einkommen.  Wie
hätten  diese  Kleinbürger  auch  begreifen  sollen,  daß  der  Hofhalt  einer
Fürstin,  deren  Töchter  auf  den  Thronen  von  Rußland,  Schweden,  Bayern,
Hessen  und  Braunschweig  saßen,  nicht  nach  den  Bedürfnissen  einer  Landpfarrerswirtschaft
  beurteilt  werden  durfte?  Die  ganze  mächtige  Verwandtv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  33
        <pb n="522" />
        514  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

schaft  der  Markgräfin  fühlte  sich  beleidigt,  die  Mutter  des  Zaren  Alexander
rief  dem  badischen  Geschäftsträger  zu:  „so  wenig  kann  man  auf  die  Dankbarkeit
  der  Völker  zählen!“)

Durch  das  Ubermaß  seiner  Wünsche  und  die  Kleinlichkeit  seiner  Bewilligungen
  hatte  der  Landtag  bereits  alle  Höfe  tief  verstimmt.  Da  beging
  er  noch  einen  letzten  unbegreiflichen  Fehler:  er  lehnte  sich  wider  den
Bundestag  auf  und  leider  auch  wider  das  klare  Recht.  Im  April  1818
hatte  der  badische  Hof  die  Rechtsverhältnisse  der  Mediatisierten  und  der
Reichsritterschaft  durch  ein  Adels-Edikt  geordnet,  das  ganz  im  Geiste  der
rheinbündischen  Bureaukratie  gehalten  war  und  offenbar  wider  die  Vorschriften
  des  Art.  14  der  Bundesakte  verstieß.  Das  Edikt  wurde  nachher
für  einen  Bestandteil  der  neuen  Verfassung  erklärt,  doch  der  in  seinem
Rechte  schwer  verletzte  hohe  Adel  ließ  sich  nicht  beschwichtigen,  und  die
Regierung  geriet  bald  in  peinliche  Verlegenheit.  Ganz  so  großmütig
wie  der  König  von  Preußen  konnte  diese  kleine  Krone  die  Verheißungen
der  Bundesakte  freilich  nicht  verwirklichen;  aber  wenngleich  einzelne  Forderungen
  des  Adels  über  alles  Maß  hinausgingen  und  das  Haus  Löwenstein
  sogar  die  Erhebung  der  Mainzölle  für  sich  verlangte,  so  waren  die
Mediatisierten  doch  auf  Grund  der  Bundesakte  und  zahlreicher  europäischer
Verträge  unzweifelhaft  berechtigt  die  Patrimonialgerichtsbarkeit  und  die
Ortspolizei  zu  beanspruchen.  Die  Regierung  begann  ihr  Unrecht  einzusehen;
  sie  wußte  auch,  daß  sie  die  Ungunst,  die  ihr  auf  dem  Wiener
Kongreß  zuteil  geworden,  zumeist  den  beständigen  Beschwerden  des  Adels
zu  verdanken  hatte.  Vergeblich  berief  sie  sich,  gegen  den  Führer  der  Reichsritter,
  Frhrn.  von  Venningen,  auf  „den  Geist  der  Zeit,  der  in  Süddeutschland
  dem  Adel  nicht  günstig  sei“;*)  die  Mediatisierten  bestanden  auf  ihrem
guten  Recht  und  erlangten,  wie  früher  erzählt,  bei  dem  Aachener  Kongresse
  freundliches  Gehör.  In  ernsten  Schreiben  mahnten  die  vier  Mächte
den  Karlsruher  Hof  an  seine  Vertragspflicht.  „Wahrlich“,  schrieb  Kapodistrias
  an  Berstett,  „in  diesem  Augenblicke,  wo  alle  Rechte  des  badischen
Hofes  wieder  unter  eine  doppelte  Bürgschaft  gestellt  worden  sind,  kann
ein  Appell  an  die  Rechtschaffenheit  seiner  Politik  unmöglich  fruchtlos
bleiben  1%

So  stand  es  in  der  Tat.  Die  Regierung  durfte  sich  den  rechtmäßigen
  Anforderungen  des  Vierbundes,  der  die  ganze  Zukunft  dieser
Dynastie  soeben  erst  gesichert  hatte,  nicht  versagen.  Nach  kurzem  Schwanken
knüpfte  sie  neue  Verhandlungen  mit  den  Mediatisierten  an,  obgleich  der
erbitterte  Feind  des  hohen  Adels,  König  Wilhelm  von  Württemberg,  sie
dringend  zum  Widerstande  gegen  den  Aachener  Kongreß  aufforderte.  W)

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  Petersburg  11.  Aug.  1819.
)  Reizenstein  an  Venningen,  22.  Okt.  1818.
*7*#  )  Kapodistrias  an  Berstett,  Aachen  Nov.  1818.

)  Varnhagens  Bericht,  10.  Jan.  1819.
        <pb n="523" />
        Das  badische  Adels-Edikt.  515

So  kam  am  16.  April  1819  ein  zweites  den  Vorschriften  der  Bundesakte
zur  Not  entsprechendes  Adels-Edikt  zustande,  das  den  vier  Mächten
vorgelegt*)  und  am  Bundestage  für  gerade  genügend  erklärt  wurde.  Berstett
  ließ  das  neue  Edikt  am  Abend  vor  der  Eröffnung  des  Landtags
veröffentlichen;  er  rechnete,  die  Stände  würden  sich  in  die  unbequeme
Notwendigkeit  ergeben  und  den  Ausgleich  als  letztes  Vermächtnis  der
absoluten  Monarchie  stillschweigend  genehmigen.  Wie  wenig  kannte  er
doch  den  Charakter  seiner  Abgeordneten!  Hier  erhob  sich  die  köstliche
Frage:  wer  ist  älter,  die  Henne  oder  das  Ei?  besitzt  ein  Landtag  schon
Rechte  bevor  er  noch  existiert?  Fragen  solcher  Art  haben  auf  die  kleinen
deutschen  Landtage  jederzeit  eine  dämonische  Anziehungskraft  ausgeübt
und  ihnen  den  besten  Stoff  für  ihre  großen  Juristenfeste  geboten.  So
auch  diesmal.  Alles  zürnte  über  den  frivolen  Verfassungsbruch.  Aus
dem  Munde  sehr  gemäßigter  Männer  vernahm  man  Doktrinen,  die,  ganz
harmlos  gemeint,  doch  an  Rousseaus  Contrat  social  stark  anklangen:  der
Großherzog,  so  hieß  es,  hat  durch  die  Verkündigung  der  Verfassung  dem
Volke  einen  ursprünglichen  Vertrag  angeboten,  das  Volk  hat  durch  Vornahme
  der  Wahlen  eingewilligt,  und  seitdem  ist  der  Vertrag  perfekt.

In  der  zweiten  Kammer  erhielt  Ludwig  Winter  das  Referat  über  das
Adels-Edikt,  und  nun  spielte  sich  ein  seltsamer  Auftritt  ab,  wie  er  nur  in
diesen  ersten  Kinderjahren  des  deutschen  Parlamentarismus  möglich  war.
Winter  war  Abgeordneter  für  Durlach  und  zugleich  Regierungskommissär,
er  hatte  als  solcher  soeben  den  Entwurf  einer  neuen  Gemeindeordnung
vor  den  Kammern  verteidigt,  und  dieser  Kommissär  der  Regierung  erhob
sich  jetzt,  um  das  Ministerium  mit  einer  Heftigkeit  anzugreifen,  wie  noch
kein  Abgeordneter  vor  ihm.  Der  leidenschaftliche  Mann  handelte  im
besten  Glauben,  er  sah  den  Großherzog  durch  das  Adels-Edikt  unveräußerlicher
  Kronrechte  beraubt  und  hielt  sich  als  treuer  Untertan  verpflichtet,
  der  Krone  gegen  ihre  eigenen  Minister  zu  Hilfe  zu  eilen.  Aber
er  war  Partei,  er  hatte  das  erste,  nunmehr  aufgegebene  Adels-Edikt  selber
verfaßt  und  verteidigte  sein  Werk  mit  allen  Waffen  des  abstrakten  Vernunftrechts;
  für  die  Bundesakte,  für  die  europäischen  Verträge,  auf  denen
doch  der  Bestand  des  Großherzogtums  Baden  selber  ruhte,  hatte  er  kein
Auge:  „wir  haben“",  rief  er  aus,  „mit  dem  Bundestage  nichts  zu  tun  und
wollen  auch  nichts  mit  ihm  zu  tun  haben;  das  ist  Sache  der  Regierung."
Auf  diese  naturrechtlichen  Argumente  folgte  dann  eine  willkürliche  Auslegung
  der  Bundesakte,  die  sich  noch  bitter  bestrafen  sollte.  Winter  behauptete,
  der  Art.  13  verspreche  ausdrücklich  das  Repräsentativsystem,  nicht
eine  altständische  Verfassung,  er  setze  also  die  Rechtsgleichheit  aller  Bürger
voraus,  und  folglich  seien  die  den  Mediatisierten  im  Art.  14  gewährten
Privilegien  unausführbar,  rechtlich  nichtig.

 

*)  Ministerialschreiben  an  Blittersdorff,  30.  April  1819.
337
        <pb n="524" />
        516  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Welch  eine  Verdrehung  allbekannter  Tatsachen!  Zur  Zeit  des  Wiener
Kongresses  hatte  noch  niemand  in  Deutschland  über  den  Gegensatz  re—
präsentativer  und  altständischer  Verfassung  ernstlich  nachgedacht.  Nach
ihrem  eigenen  Geständnis  verstanden  die  Urheber  der  Bundesakte  unter
„landständischer  Verfassung“  ganz  im  Allgemeinen  irgend  eine  Vertretung,
sei  es  des  ganzen  Volkes,  sei  es  der  einzelnen  Stände.  Der  Versuch
Preußens,  dem  Verfassungsversprechen  durch  die  Aufzählung  landstän—
discher  Rechte  einen  bestimmten  Inhalt  zu  geben,  scheiterte  an  dem  Wider—
spruch  der  Rheinbundsstaaten,  und  man  wählte  absichtlich  einen  dehnbaren
Ausdruck,  damit  die  Souveränität  der  Kronen  ja  freie  Hand  behielte.
sterreich,  Sachsen,  Mecklenburg  konnten  dabei  an  ihre  alten  Stände,
die  süddeutschen  Staaten  an  moderne  Konstitutionen  denken.  Winters
Behauptung  war  rein  sophistisch  und,  wie  sich  bald  zeigte,  eine  arge  Un—
klugheit;  denn  begannen  erst  die  Liberalen  den  Art.  13  in  ihrem  Sinne
unredlich  auszulegen,  so  mußte  die  reaktionäre  Partei  Gleiches  mit  Glei—
chem  vergelten,  und  sie  hatte  mindestens  den  Buchstaben  für  sich,  wenn
sie  ihrerseits  behauptete:  landständische  Verfassung  bedeutet  „Stände“,
und  nicht  das  Repräsentativsystem.  Bei  seinen  Hörern  hatte  Winter  ge—
wonnenes  Spiel.  Als  er  schließlich  die  Beseitigung  des  Adels-Edikts  be—
antragte,  wollte  der  Beifall  kein  Ende  nehmen;  auch  das  patriotische  Fest—
mahl  fehlte  nicht,  das  fortan  regelmäßig  zur  Belohnung  verdienter  Volks—
männer  dargeboten  wurde.  In  den  größeren  Verhältnissen  Bayerns  blieben
die  Mediatisierten,  trotz  so  mancher  Reibungen  zwischen  den  beiden  Kammern,
  von  den  Liberalen  unangefochten;  in  dem  kleinen  badischen  Lande
wußte  man  mit  einem  hohen  Adel  nichts  anzufangen,  alle  Aristokratie
galt  für  volksfeindlich.  Nach  Kräften  schürte  Varnhagen  unter  den  Abgeordneten
  den  Adelshaß,  obgleich  er  wußte,  daß  seine  Regierung  das
Adels-Edikt  mit  veranlaßt  hatte;  er  scheute  sich  nicht,  sogar  in  seinen
amtlichen  Berichten  die  Gegner  des  Bundestags  und  der  Quadrupelallianz
feurig  zu  loben.“)

Der  weitere  Verlauf  der  Debatten  zeigte,  wie  gründlich  die  nationale
Gesinnung  durch  die  Nichtigkeit  des  Bundestags  bereits  zerrüttet  war.
Die  Bundesversammlung  ward  mit  Beleidigungen  überschüttet,  das  Grundgesetz
  des  Bundes  mit  der  äußersten  Geringschätzung  abgefertigt.  Dieselben
Liberalen,  die  so  laut  nach  der  Erfüllung  des  vieldeutigen  Art.  13  riefen,
erklärten  die  ausführlichen  und  unzweideutigen  Vorschriften  des  Art.  14
für  unverbindlich.  Die  Ehrenpflicht  der  Nation  gegen  die  schändlich  mißhandelten
  Opfer  des  napoleonischen  Gewaltstreichs  von  1806,  der  klare
Wortlaut  der  Bundesakte,  die  so  viel  älter  war  als  die  badische  Verfassung
  und  immerhin  das  einzige  staatsrechtliche  Band  für  dies  zersplitterte
  Volk  bildete  —  das  alles  sollte  nichts  gelten  gegenüber  einem

 

*)  Varnhagens  Berichte,  12.  Mai,  21.  Juli  1819.
        <pb n="525" />
        Der  badische  Landtag  gegen  den  Bundestag.  517

unzweifelhaft  rechtswidrigen  großherzoglich  badischen  Gesetze,  das  noch  dazu
durch  die  badische  Regierung  selber  bereits  aufgehoben  war.  Man  hielt
es  garnicht  der  Mühe  wert,  erst  zu  beweisen,  warum  denn  Baden  seine
Bundespflichten  gegen  die  Mediatisierten  nicht  ebenso  ehrlich  erfüllen  konnte
wie  Preußen  und  Bayern.  Schritt  man  auf  diesem  Wege  fort,  so  wurden
die  letzten  armen  Trümmer  einer  nationalen  Rechtsordnung,  welche  den
Deutschen  noch  blieben,  durch  den  liberalen  Partikularismus  zerstört.
Jene  Zuchtlosigkeit  der  deutschen  Libertät,  welche  das  alte  Reich  verwüstet
hatte,  lebte  wieder  auf;  nur  trotzte  sie  nicht  mehr  auf  habende  ständische
Freiheiten,  sondern  auf  die  naturrechtliche  Phrase  der  angeborenen  Rechte.
Liebenstein,  der  so  oft  in  flammender  Begeisterung  von  der  Einheit
Deutschlands  geredet  hatte,  stellte  jetzt  die  ungeheuerliche  Behauptung  auf,
ein  Bundesbeschluß  werde  überhaupt  erst  rechtsgültig  durch  die  Zustimmung
  der  Karlsruher  Kammern,  obschon  die  badische  Verfassung  selbst
die  Verbindlichkeit  der  Bundesgesetze  für  das  Großherzogtum  ausdrücklich
anerkannte.  Paulus  beeilte  sich,  in  Rottecks  Archiv  diese  neue  Doktrin
als  ein  Bollwerk  deutscher  Freiheit  zu  verherrlichen.  Die  Liberalen  wagten
offenen  Ungehorsam  gegen  den  Deutschen  Bund,  auf  dessen  Grundgesetz
die  badische  Verfassung  selber  beruhte;  und  dies  in  einem  Augenblicke,
da  der  Bundestag  zwar  durch  Trägheit  schwer  gesündigt,  aber  noch  durchaus
  keine  Gewalttat  gegen  die  Freiheit  der  Nation  versucht  hatte.  Und
bei  diesem  Feldzuge  gegen  den  Bund  half  der  preußische  Geschäftsträger
getreulich  mit;  er  spielte  die  Rolle  eines  badischen  Oppositionsführers  mit
solcher  Dreistigkeit,  daß  Großherzog  Ludwig  ein  Jahr  darauf,  als  Varnhagen
  endlich  abberufen  war,  zu  seinem  Nachfolger  Küster  offen  sagte:
wir  haben  endlich  Frieden,  weil  Varnhagen  nicht  mehr  hier  ist;  „seine
Anwesenheit  würde  heute  wie  vor'm  Jahre  alles  verderben!“)

In  der  ersten  Kammer  fanden  die  Rechte  der  Mediatisierten  besseren
Schutz.  Türckheim  erstattete  einen  vortrefflichen,  freilich  sehr  scharfen  Bericht,
  wies  das  Unrecht  der  zweiten  Kammer  siegreich  nach  und  gab  ihr
zu  bedenken,  daß  ein  angesehener  Adel  zu  allen  Zeiten  eine  Schutzmauer
gegen  die  Willkür  des  Beamtentums  gewesen  sei.  Der  Ubermut  der
jungen  liberalen  Partei  war  aber  schon  so  hoch  gestiegen,  daß  sie  ein
starkes  Wort  aus  konservativem  Munde  bereits  wie  eine  Gewerbsbeeinträchtigung
  ansah.  Die  zweite  Kammer  wies  den  Bericht  Türckheims
„mit  Indignation“  zurück,  obgleich  ihre  eigenen  Redner  wahrlich  auch
kein  Blatt  vor  die  Lippen  genommen  hatten.  In  seiner  Erwiderung  berief
sich  Winter  sogar  auf  den  berühmten  Satz  aus  Steins  politischem  Testament,
  daß  keinem  Untertan  obrigkeitliche  Gewalt  zustehen  dürfe;  und
doch  war  allbekannt,  daß  der  Freiherr  die  vormaligen  Reichsstände  keineswegs
  zu  den  Untertanen  rechnete,  sondern  ihre  vertragsmäßigen  Rechte

 

*7)  Küsters  Bericht,  Karlsruhe  22.  Aug.  1820.
        <pb n="526" />
        518  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

lebhaft  verteidigte.  Die  Regierung  wußte  nicht  aus  noch  ein.  Vom
Bundestage  und  von  den  meisten  Höfen  kamen  verwunderte  Anfragen:
ob  denn  in  Baden  alles  aus  Rand  und  Band  gehe,  da  der  Kommissar
der  Regierung  selber  die  Opposition  zum  Kampfe  gegen  den  Bund  und
das  Ministerium  führen  dürfe?“)  Graf  Buol  rief,  auf  die  Nachricht
von  Liebensteins  Rede:  ohne  Zweifel  liegt  der  Redner  bereits  in  Ketten!
Minister  Berstett  aber  war  nicht  der  Mann,  diesen  Sturm  zu  beschwören;
er  ließ  sich  im  Zorne  zu  dem  Vorwurfe  jakobinischer  Gesinnung  gegen
die  Kammer  hinreißen  und  steigerte  nur  den  Unwillen.  Da  verlor  der
Großherzog  endlich  die  Geduld.  Am  28.  Juli  wurden  die  Kammern
plötzlich  bis  zum  nächsten  Jahre  vertagt.  Der  dreimonatliche  Redekampf
ging  ohne  jedes  Ergebnis  zu  Ende,  kein  einziges  Gesetz  war  vereinbart.

Zuletzt  brach  auch  über  den  Mann,  der  solange  schon  in  Karls—
ruhe  dem  preußischen  Namen  Unehre  bereitet  hatte,  die  Vergeltung  herein.
Seit  zwei  Jahren  war  Varnhagens  Amtsführung  nur  eine  Kette  von
Unbotmäßigkeit  und  Gewissenlosigkeit.  Als  Berichterstatter  unzuverlässig,
parteiisch,  schlecht  unterrichtet,  hatte  er  seine  Regierung  sogar  frech  belogen,
als  er  jene  Briefe  der  Souveräne  von  Bayern  und  Baden  an  die  Zei—
tungen  verriet  und  sich  nachher  über  diesen  Verrat  entrüstet  stellte;
seinen  Weisungen  entgegen,  hatte  er  sich  zuerst  in  die  bayrisch-badischen
Händel  eingemischt,  dann  liberale  Parteipolitik  getrieben  und  schließlich  die
Rechtsansprüche  der  Mediatisierten,  welche  der  Berliner  Hof  unterstützte,
geradezu  bekämpft.  Es  war  eine  Pflichtvergessenheit,  die  in  der  Geschichte
der  preußischen  Diplomatie  wohl  nur  einmal  ein  Seitenstück  fand:  an
dem  Verhalten  des  Grafen  Haugwitz  zur  Zeit  der  Austerlitzer  Schlacht.
Auf  die  wohlberechtigte  Klage  des  badischen  Hofes  wurde  Varnhagen  ab—
berufen  und  hatte  es  nur  der  Gutmütigkeit  Hardenbergs  und  Bern—
storffs  zu  verdanken,  daß  er  nicht  die  einfache  Entlassung,  sondern  ein
ganz  unverdientes  Wartegeld  erhielt.  Er  fiel  als  das  Opfer  seiner  Eitel—
keit  und  seines  Ungehorsams.  Doch  da  seine  Abberufung  zufällig  mit  dem
Beginn  der  Demagogenverfolgung  zusammentraf,  und  die  uneingeweihten
Zeitungen  bald  von  seiner  Verhaftung,  bald  von  seinen  jakobinischen
Plänen  fabelten,  so  spielte  er  in  Berlin  den  liberalen  Märtyrer,  und
nachdem  er  viele  Jahre  hindurch  bei  allen  Ministern  des  Auswärtigen,
von  Bernstorff  bis  auf  Manteuffel,  immer  vergeblich  um  Wiederanstellung
gebeten  hatte,  rächte  er  sich  endlich  durch  eine  literarische  Giftmischerei,
die  seiner  politischen  Taten  würdig  war.

In  Baden  arbeitete  unterdessen  Minister  Fischer,  wie  kurz  zuvor  Rechberg
  in  München,  an  dem  Plane  eines  Staatsstreichs.  Er  schlug  seinem
Fürsten  in  einer  Denkschrift  vor:  die  Krone  möge  die  Domänen  wieder

 

*)  Berkheims  Bericht,  Frankfurt  25.  Juni;  Blittersdorffs  Bericht,  Petersburg
14.  August  1819.
        <pb n="527" />
        Vertagung  der  Kammern.  Varnhagen.  519

an  sich  nehmen  und  wenn  der  Landtag  darauf  nicht  eingehe,  die  Ver—
fassung  für  gebrochen  erklären;  dann  könnten  durch  Vermittelung  des
Bundestages  beratende  Stände  eingeführt  werden.  Der  Großherzog  aber
wies  den  Plan  vorderhand  zurück,  er  hoffte  mit  Hilfe  der  Beschlüsse,  die
soeben  in  Karlsbad  verabredet  wurden,  seinen  Landtag  zu  bändigen.  —
Das  also  war  das  Ergebnis  der  ersten  Jahre  unseres  konstitutionellen
Lebens.  In  Württemberg  hatte  ein  harter  Streit  mit  den  Landständen
vorläufig  die  Diktatur  des  Königs  herbeigeführt;  in  Bayern  rief  die  Krone
den  Beistand  der  Großmächte  gegen  ihren  Landtag  an;  in  Baden  gingen
Fürst  und  Stände  in  Unfrieden  auseinander,  und  die  Volksvertreter
lehnten  sich  wider  die  Bundesakte  auf.  Angesichts  solcher  Tatsachen
begann  der  König  von  Preußen  ernstlich  zu  bezweifeln,  ob  sein  so  mühsam
zusammenwachsender  Staat  dem  rasch  bereuten  Vorgehen  Bayerns  folgen
dürfte.  König  Friedrich  Wilhelm  IV.  sagte  die  volle  Wahrheit,  als  er
bald  nach  seiner  Thronbesteigung  versicherte,  sein  Vater  sei  durch  die
konstitutionellen  Erfahrungen  der  deutschen  Nachbarstaaten  bewogen  worden,
das  Versprechen  vom  Mai  1815  in  reifliche  Erwägung  zu  ziehen.  —

 

Noch  bevor  das  ungewohnte  Schauspiel  dieser  parlamentarischen
Kämpfe  zu  Ende  ging,  war  ein  Ereignis  eingetreten,  das  alle  Höfe  mit
panischem  Schrecken  betäubte  und  zu  einem  Wendepunkt  in  der  Geschichte
des  Deutschen  Bundes  werden  sollte.  Am  23.  Mai  1819  wurde  Kotzebue
durch  den  Jenenser  Burschenschafter  Sand  ermordet.  Freund  und  Feind
empfanden  sofort,  daß  in  der  blutigen  Tat  nicht  die  Ruchlosigkeit  eines
Einzelnen,  sondern  der  lang  angesammelte  Parteihaß  der  radikalen  Sekten
der  Studentenschaft  sich  entladen  hatte.  Der  dämonische  Reiz  des  Unbegreiflichen
  verführt  die  Welt  leicht,  in  den  Urhebern  schwerer  Verbrechen
einen  Zug  von  Größe  zu  suchen;  das  Leben  dieses  Mörders  aber  bot  zwar
der  krankhaften  Züge  genug  und  manchen  Anlaß  zu  menschlichem  Mitleid,
bewunderungswert  war  nichts  an  ihm  als  jene  finstere,  gesammelte
Willenskraft,  die  den  Fanatiker  macht.

Karl  Sand  war  der  Sohn  eines  vormals  preußischen  Beamten  und
im  Fichtelgebirge  unter  den  treuen  brandenburgischen  Franken  aufgewachsen,
  in  einem  Lande,  wo  jedermann  über  die  neue  Ordnung  der
deutschen  Dinge  grollte.  Das  starre  Auge  und  die  niedere,  von  langem,
dunklem  Haar  umrahmte  Stirn  verrieten  einen  beschränkten  Geist,  der
bei  eisernem  Fleiße  nur  langsam  faßte  und  dann  die  schwer  errungene
Erkenntnis  mit  zähem  Eigensinn  gegen  jede  Einrede  behauptete.  Eine
tugendstolze  Mutter  erfüllte  den  Sinn  des  Knaben  schon  frühe  mit  unkindlicher
  Selbstgerechtigkeit.  Also  vorbereitet  trat  er  als  Student  in  jene
teutonischen  Kreise,  wo  die  grüne  Jugend  sich  so  zuversichtlich  im  Bewußt-
        <pb n="528" />
        520  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

sein  ihrer  eigenen  Kraft  und  Keuschheit  sonnte  und  wider  die  geile  Schlaffheit
  des  alten  Geschlechtes  eiferte;  allen  seinen  Genossen  blieb  es  unvergeßlich,
  mit  welchem  höhnischen  Hochmut  er  die  Verse  zu  singen  pflegte:
Du  mußt  dann  unter  seidenen  Decken,  unter  Merkur  und  Latwergen
verrecken!  Der  heidnische  Dünkel,  der  rationalistische  Stolz  auf  die  unbefleckte
  Würde  des  freien  sich  selber  behauptenden  Ich  vertrug  sich  aber
in  diesem  armen  Kopfe  mit  einer  mystischen  Schwärmerei,  die  verzückt  zu
Jesu  Vorbild  aufblickte  und  den  Finger  Gottes  in  jedem  kleinen  Tageserlebnis
  zu  erkennen  wähnte:  mit  Gebet  und  frommen  Betrachtungen
bereitete  er  sich  selbst  auf  die  harmlosen  studentischen  Duellspiele  vor,  und
oft  lud  er  nach  einem  geringfügigen  Wortwechsel  seinen  Gegner  feierlich
vor  Gottes  Gericht.

Erfahrenen  Menschenkennern  hinterließ  der  verschlossene,  im  persönlichen
  Verkehre  freundliche  und  gutmütige  Jüngling  doch  einen  unheimlichen
  Eindruck;  als  Wangenheim,  sein  alter  Gönner  von  Tübingen  her,
eines  Tages  in  Frankfurt  erfuhr,  Karl  Sand  habe  ihn  auf  der  Durchreise
  besuchen  wollen,  da  überkam  ihn  sofort  die  Ahnung,  daß  etwas
Gräßliches  im  Werke  sei,  er  warf  sich  aufs  Pferd  und  eilte  dem  Wanderer
  auf  der  Bergstraße  nach  ohne  ihn  zu  finden.  Sand  hatte  als  bayrischer
  Freiwilliger  an  dem  Feldzuge  von  1815  teilgenommen,  aber  den
Feind  nie  zu  Gesicht  bekommen  und  voll  Verachtung  gegen  die  Soldaterei
alsbald  nach  der  Heimkehr  den  bunten  Rock  wieder  ausgezogen.  Um  so
eifriger  stürzte  er  sich  mit  Leib  und  Seele  in  das  Treiben  der  Burschenschaft;
  die  Verbindung  war  ihm  Staat  und  Kirche,  Haus  und  Liebe,
eines  und  alles,  die  ganze  Welt  sah  er  zerteilt  in  zwei  große  Heerlager:
hier  die  reinen,  freien,  keuschen  Burschen,  dort  die  feilen  Schergen  der
Zwingherrschaft.  In  Tübingen,  in  Erlangen,  endlich  in  Jena  war  er
überall  mit  dabei,  wo  feurige  Teutonen  Rütli-Schwüre  tauschten  und  von
St.  Georgen-Taten  schwärmten,  ein  unbeholfener  Redner,  wenig  angesehen
  bei  den  Genossen,  nur  als  rüstiger  Turner  wohl  gelitten;  aber  was
der  laute  Schwarm  gedankenlos  herauspolterte,  das  erschütterte  diese  schwere
Natur  bis  ins  Mark,  ihm  war  es  kein  leeres  Wort,  wenn  die  Burschen
angen:
sang  Und  in  der  Widerischen  Herzen  tauchen,

Tut's  not,  das  deutsche  Schwert!

Als  er  in  Erlangen  einen  geliebten  Freund  dicht  vor  seinen  Augen
ertrinken  sah  und  die  Landsmannschaften  sich  weigerten  dem  Toten  das
letzte  Geleite  zu  geben,  da  schwand  der  letzte  Schimmer  jugendlicher  Heiterkeit
  aus  seinem  umnachteten  Gemüte;  er  sah  sich  umringt  von  einer
Welt  von  Feinden  und  kündete  dieser  verrotteten  Welt  in  seinem  Herzen
offene  Fehde  an:  „Ihr  Fürsten  Deutschlands,  warum  mußtet  Ihr  mich
aus  meinem  Frieden  aufstören?"  Haß,  glühender  Haß  wider  die  unbekannten
  Gegner  der  Burschenschaft  und  des  einen  unteilbaren  deutschen
        <pb n="529" />
        Karl  Sand.  521

Freistaats  erfüllte  ihm  die  Seele,  und  nun  wies  Luden  durch  seinen
Aufsatz  gegen  Kotzebue  dem  wilden  Drange  ein  bestimmtes  Ziel;  der
frivole  Schalk  erschien  dem  tugendstolzen  Schwärmer  wie  das  Urbild  aller
Sünden  des  alten  Geschlechts,  obwohl  Sand  von  ihm  nichts  kannte  als
ein  paar  Lustspiele  und  einige  Wochenblattsartikel.  In  solcher  Stimmung
kam  der  Unglückliche  nach  Jena.  Eine  abstrakte  Begeisterung  für  Helden—
tum  und  Opfertod  erfüllte  ihm  die  Seele,  und  er  mahnte  einen  Freund:
„Unser  Tod  ist  Heldenlauf;  kurzer  Sieg;  früher  Tod!  Tut  nichts,  wenn
wir  nur  wirklich  Helden  sind.  Früher  Tod  bricht  nicht  die  Siegesbahn,
wenn  wir  nur  auf  ihr  als  Helden  sterben.““)  Dann  geriet  er  unter
das  Joch  Karl  Follens  und  sog  mit  Begierde  die  Mordlehren  der  schwarzen
  Brüder  ein.  Jetzt  endlich  —  so  schrieb  er  bald  nachdem  er  Follen
kennen  gelernt  —  habe  er  ein  Ziel  für  sein  Leben  gefunden:  „aus  eigener
  Überzeugung,  in  eigener  Art  leben  wollen  mit  unbedingtem  Willen,
im  Volke  den  reinen  Rechtszustand,  d.  i.  den  einzig  gültigen,  den  Gott
gesetzt  hat,  gegen  alle  Menschensatzung  mit  Leben  und  Tod  zu  vertei—
digen“.  Sein  geistiges  Vermögen  reichte  nicht  aus  um  den  schülerhaften
Denkfehler,  der  dem  Moralsysteme  Follens  zugrunde  lag,  zu  durchschauen.
Er  brachte  es  über  sich,  sein  Gewissen  gleichsam  zu  teilen,  blieb  im  täglichen
Leben  treu,  wahrhaft,  hilfreich,  nur  gegen  die  Tyrannen  schien  ihm  alles
erlaubt.  Seine  theologischen  Studien,  die  er  über  dem  Verbindungsleben
arg  vernachlässigt  hatte,  boten  ihm  doch  die  Mittel,  um  die  Lehre  der  Ge—
wissenlosigkeit  auf  religiöse  Gründe  zu  stützen;  aus  der  Bibel  und  dem
Thomas  a  Kempis  wähnte  er  den  Satz  herauszulesen:  „wenn  der  Mensch
die  Wahrheit  so  erkannt  hat,  daß  er  vor  Gott  sagen  kann:  das  ist  wahr
—  so  ist  es  auch  Wahrheit,  wenn  er  es  tut!“  Und  als  er  nun  täglich
„den  Meister  der  Vaterlandserretter“,  Karl  Follen  mit  beredtem  Munde
die  sittliche  Notwendigkeit  des  Meuchelmordes  preisen  hörte,  da  kam  ihm
der  Gedanke  sich  selbst  zu  opfern  für  die  gute  Sache  und  zu  erproben,
ob  er  das  Volk  durch  den  Schrecken  einer  heiligen  Mordtat  aus  seinem
Schlummer  aufrütteln  könne.

Kalt,  sicher,  ganz  mit  sich  einig  traf  er  seine  Vorbereitungen;  er
hatte  sich  längst  gewöhnt  jeden  Vertreter  der  gegnerischen  Ansicht  als  einen
Todfeind  zu  betrachten,  er  lebte  im  Zustande  des  Krieges  mit  den  Ge—
walthabern  und  ihren  Helfershelfern,  er  war  berechtigt  Kotzebue  mit  dem
Dolche  zu  strafen,  „weil  er  das  Göttliche  in  mir,  meine  Überzeugung
unterdrücken  will“.  Die  niedrige  Feigheit  einer  Gewalttat  gegen  einen
wehrlosen  Greis  kam  ihm  ebensowenig  zum  Bewußtsein,  wie  die  sinnlose
  Torheit  eines  Verbrechens,  das  an  der  bestehenden  politischen  Ordnung
  schlechterdings  nichts  bessern  kornte.  Auch  die  Todsünde  des  neunzehnten
  Jahrhunderts  wirkte  mit,  jener  impotente  Größenwahnsinn,  der

 

7)  Sand,  Stammbuchblatt  für  einen  Freund  im  Vogtlande,  Jena  21.  Juni  1818.
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        522  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

fast  bei  allen  berufenen  Verbrechen  der  modernen  Geschichte  seine  Rolle
spielt.  Sand  war  nicht  bloß  aufgebläht  durch  den  sittlichen  Dünkel  seiner
Sekte,  sondern  auch  persönlich  eitel:  derweil  er  über  seinen  ruchlosen  Ge—
danken  brütet,  zeichnet  er  sich  auf  ein  Blatt  sein  eigenes  Bild,  wie  er  auf
den  Stufen  einer  Kirche  knieend  sich  den  Dolch  ins  Herz  drückt,  an  der
Kirchtür  aber  hängt  mit  einem  anderen  Dolche  angeheftet  das  Todesurteil
  über  Kotzebue.  Sicherlich  hat  der  unselige  Mensch  selbst  geglaubt,
daß  er  seinen  Entschluß  in  voller  Freiheit  gefaßt  habe,  denn  nur  die  aus
eigener  Überzeugung  entspringende  Tat  ließ  er  gelten;  es  ist  aber  psychologisch
  unmöglich,  daß  der  menschenkundige  Karl  Follen,  der  mit  seinem
Basiliskenblick  den  wehrlosen  Schwachkopf  vollkommen  beherrschte  und  in
dieser  dürftigen  Seele  wie  in  einem  offenen  Buche  las,  den  Mordplan
nicht  bemerkt  und  nicht  befördert  haben  sollte.  So  gewiß  die  Ahre  dem
Saatkorn  entsprießt,  ebenso  gewiß  erscheint  der  Prediger  des  politischen
Mordes  vor  dem  sittlichen  Urteil  der  Geschichte  als  der  Urheber  der
Ermordung  Kotzebues.  Ob  Karl  Follen  auch  im  streng  juristischen  Sinne
als  Anstifter  zu  betrachten  sei,  dies  wird  wohl  für  immer  verborgen
bleiben.  Ein  Mitwisser  des  gefaßten  Entschlusses  war  er  unzweifelhaft;
er  verschaffte,  wie  die  Untersuchung  herausstellte,  dem  Mörder  das  Reisegeld
  für  die  Wanderfahrt  nach  Mannheim.  Auch  Wit  von  Dörring  und
wahrscheinlich  noch  ein  Dritter  aus  jener  radikalsten  Sekte  der  Unbedingten,
  die  man  die  Haarscharfen  nannte,  waren  mit  im  Geheimnis;
aber  gewiß  keine  größere  Anzahl,  denn  Karl  Follen  unterrichtete  seine
Getreuen  in  allen  Schlichen  und  Kniffen  des  Kriminalprozesses,  belehrte
sie  sorgsam  über  ihr  Verhalten  vor  dem  Untersuchungsrichter  und  schärfte
ihnen  vornehmlich  ein,  daß  der  Vaterlandserretter  die  Genossen  nicht  in
Gefahr  bringen  dürfe).

Mit  der  Ruhe  des  guten  Gewissens  trat  Sand  seine  Reise  an  und
betrachtete  unterwegs  wißbegierig  alle  Sehenswürdigkeiten.  In  Mannheim
  fand  er  ohne  Mühe  Zutritt  bei  seinem  arglosen  Opfer,  nach  einigen
gleichgültigen  Worten  stieß  er  dem  alten  Manne  plötzlich  mit  einem  wilden

 

*)  Diese  Tatsachen  mußten  unglaubhaft  erscheinen,  solange  sie  nur  durch  die  Denkwürdigkeiten
  des  elenden  Denunzianten  Wit  von  Dörring  bezeugt  waren;  heute  lassen  sie
sich  nicht  mehr  bezweifeln,  seit  ein  vertrauter  Freund  der  Gebrüder  Follen,  der  Deutsch-Amerikaner
  Friedrich  Münch  sie  wiederholt  auf  das  Bestimmteste  zugegeben  hat.  (Münch,
Erinnerungen  aus  Deutschlands  trübster  Zeit.  St.  Louis  1873.  Derselbe  in  der  Deutschen
  Turnzeitung  1880.  S.  403.)  Münch  beruft  sich  auf  vertrauliche  Mitteilungen
seines  Freundes  Paul  Follen;  er  ist  wohl  der  einzige  noch  Überlebende  aus  dem  engeren
Kreise  der  Unbedingten,  ein  Mann  von  anerkannter  Rechtschaffenheit,  der  an  den  Idealen
seiner  Jugend  noch  heute  festhält,  und  ich  sehe  nicht  ein,  warum  die  nachdrücklichen  Versicherungen
  des  ehrlichen  Radikalen,  die  ohnehin  nichts  Unwahrscheinliches  enthalten,
unglaubhaft  sein  sollen.  Das  zur  Verteidigung  Karl  Follens  geschriebene  anonyme
Büchlein  „Deutschlands  Jugend  in  weiland  Burschenschaften  und  Turngemeinden“  (von
R.  Wesselhöft)  ist  nichts  weiter  als  eine  gewandte  unaufrichtige  Advokatenschrift.
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        Ermordung  Kotzebues.  523

Anruf  den  Dolch  in  die  Kehle.  Er  war  darauf  gefaßt,  sich  durch  Selbstmord
  der  Strafe  zu  entziehen,  aber  auch  die  Flucht  hielt  er  sich  bis  zuletzt
  offen.  Erst  da  Kotzebue  in  seinem  Blute  schwamm  und  der  kleine
Sohn  des  Ermordeten  zu  der  Leiche  des  Vaters  heranstürzte,  überfiel  den
Mörder  auf  einen  Augenblick  die  Scham,  und  mit  unsicherer  Hand  führte
er  einen  Dolchstoß  gegen  seine  eigene  Brust  —  „dem  Sohne  gleichsam
zum  Ersatze“,  wie  er  nachher  gestand.  Als  man  den  Schwerverwundeten
festnahm,  rief  er  noch  laut:  „Hoch  lebe  mein  deutsches  Vaterland  und
im  deutschen  Volke  alle,  die  den  Zustand  der  reinen  Menschheit  zu  fördern
  streben!“  Neben  dem  Leichnam  fand  sich  ein  Schriftstück  „Todesstoß
  dem  A.  von  Kotzebue“,  darin  die  Worte:  „ein  Zeichen  muß  ich  Euch
geben,  muß  mich  erklären  gegen  diese  Schlaffheit,  weiß  nichts  edleres  zu
tun  als  den  Erzknecht  und  das  Schutzbild  dieser  feilen  Zeit,  Dich,  Verderber
  und  Verräter  meines  Volks,  A.  von  Kotzebue  niederzustoßen“"  —
und  dann  die  blasphemischen  Verse  Follens:  „ein  Christus  kannst  Du
werden."  Der  Burschenschaft  hatte  Sand  in  einem  zu  Jena  zurückgelassenen
  und  erst  nach  der  Tat  aufgefundenen  Briefe  seinen  Austritt
angekündigt,  weil  er  jetzt  ausziehen  müsse,  um  Volksrache  zu  üben.  Auf
seinem  Schmerzenslager  im  Gefängnis  zeigte  er  die  höchste  Standhaftigkeit,
  unerschütterlichen  Gleichmut,  keine  Spur  von  Reue.  In  den  Verhören
  log  er  als  ein  treuer  Schüler  Follens  mit  eiserner  Stirn,  denn
gegen  die  Knechte  der  Zwingherren  war  alles  gestattet;  um  Follen  zu
decken  beschuldigte  er  sogar  einen  seiner  besten  Freunde,  Asmis  fülschlich,
daß  er  ihm  das  Reisegeld  geliehen  habe,  und  ließ  sich  selbst  durch  die
heiligen  Beteuerungen  des  Unschuldigen  nicht  von  seiner  Verruchtheit
abbringen,  bis  er  endlich  doch,  völlig  überführt,  die  Wahrheit  eingestehen
mußte.

Die  Untersuchung  wurde  mit  schonender  Milde  geführt,  aber  auch
mit  lächerlichem  Ungeschick,  so  daß  die  grundsätzliche  Verlogenheit  der
Schwarzen  den  freiesten  Spielraum  fand.  Namhafte  Richter  mochten  sich
zu  dem  verhaßten  Geschäfte  der  Demagogenverfolgung  nicht  hergeben;  daher
  mußte  man  die  Untersuchung  fast  überall  unfähigen  juristischen  Handlangern
  anvertrauen,  und  von  dem  wenigen,  was  überhaupt  erwiesen
werden  konnte,  kam  nichts  an  den  Tag.  Follen,  der  verdächtigste  aller
Zeugen,  trieb  schon  bei  der  Voruntersuchung  in  Jena  ein  dreistes  Spiel
mit  den  weimarischen  Kommissaren.  Er  nahm  vor  ihren  Augen  einen
Brief  weg,  den  sie  bei  der  Durchsuchung  seines  Hauses  gefunden  hatten,
und  ging  hinaus  um  das  Schreiben  zu  vernichten.  Er  konnte  sich  auf
die  auffälligsten  Erlebnisse  aus  den  jüngsten  Wochen  nicht  mehr  besinnen,
obwohl  der  kalte  Rechner,  der  kein  Wort  unerwogen  sprach,  sicherlich  auch
keines  wieder  vergaß;  und  als  man  ihm  vorhielt,  diese  beispiellose  Gedächtnisschwäche
  mache  keinen  günstigen  Eindruck,  da  erwiderte  er  mit  terroristischem
  Trotz:  das  sei  ihm  ein  ganz  unbekannter  kriminalistischer  Grund-
        <pb n="532" />
        524  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

satz)).  Als  er  nachher  in  Mannheim  mit  dem  Mörder  konfrontiert  wurde,
versuchte  er  bei  einer  bedenklichen  Frage  eine  jedem  Kriminalisten  wohlbekannte
  List:  er  klagte  wieder  über  die  Schwäche  seines  Gedächtnisses  und
bat  den  Freund,  ihm  zunächst  den  ganzen  Hergang  genau  zu  berichten,
dann  würde  ihm  wohl  selber  das  Vergessene  wieder  einfallen.  Die  Untersuchungskommission
  ging  wirklich  in  die  plumpe  Falle,  sie  erlaubte  dem
Angeklagten  sein  Märchen  ausführlich  zu  erzählen,  und  nunmehr  wurden
auch  in  Follens  Gedächtnis  die  erloschenen  Erinnerungen  plötzlich  wieder
lebendig,  und  er  erklärte,  Sands  Darstellung  möge  wohl  richtig  sein.
Der  Vater  und  der  Bruder  des  Angeklagten  verweigerten  ihr  Zeugnis,
desgleichen  die  verblendete  Mutter,  die  ihren  Sohn  „den  reinen,  großen
Märtyrer“  mit  Martin  Luther  verglich"*);  und  da  man  in  Baden  von
den  Parteibildungen  innerhalb  der  Jenenser  Burschenschaft  nichts  wußte,
so  wurde  aus  Follens  engerem  Kreise  nur  noch  einer,  R.  Wesselhöft  vernommen,
  auch  er  ein  kluger  und  vorsichtiger  junger  Mann.  Unter  solchen
Umständen  konnte  die  Untersuchung  ihren  Zweck  allerdings  nicht  vollständig
  erreichen,  wie  der  Vorsitzende  der  Kommission,  Staatsrat  von
Hohnhorst  in  seinem  sofort  veröffentlichten  Berichte  zugestand.  Die  Mitwisser
  blieben  unentdeckt.

Die  Kunde  von  der  Bestrafung  des  Mannheimer  Spottbuben  ward
in  den  Kreisen  der  Unbedingten  mit  unverhohlener  Freude  aufgenommen.
Die  jungen  Leute  waren  fieberisch  aufgeregt  und  berieten  sich  insgeheim
über  neue  Tollheiten;  jetzt  war  es  an  der  Zeit,  die  Mahnung  von  Karl

Follens  Bundeslied  zu  erfüllen:
Nieder  reißt  der  Bosheit  Damm,
Der  Gewaltherrn  ganzen  Stamm!

Doch  immer  wenn  ein  bestimmter  Vorschlag  auftauchte,  regte  sich  auch
die  Stimme  des  Gewissens.  Karl  Follen  riet  seinen  Jenenser  Freunden
in  hellen  Haufen  nach  Mannheim  zu  ziehen,  die  Stadt  anzuzünden  und
den  gefangenen  Märtyrer  zu  befreien;  aber  die  Mehrheit  widersprach.
Zu  Pfingsten  kamen  Burschen  aus  Jena,  Gießen,  Göttingen  in  Fritzlar
und  auf  dem  Brocken  zusammen,  um  über  einen  zweiten  Gewaltstreich  zu
verhandeln.  Man  ward  nicht  einig.  Die  besseren,  wie  Heinrich  Leo,
waren  der  wüsten  Frechheit  müde  und  zogen  sich  angeekelt  zurück.  Auch
den  Rohen  fsiel  jetzt,  nachdem  der  erste  Rausch  der  Schadenfreude  verflogen,
  die  kopflose  Torheit  der  Untat  Sands  schwer  auf  das  Herz;
sie  sahen,  wie  die  Regierungen  sich  zur  Abwehr  rüsteten,  wie  die  Burschenschaft
  selbst  mit  dem  Untergange  bedroht  war;  der  alte  Ubermut
wich  einer  tiefen  Entmutigung.

Nur  in  Gießen,  der  Hochburg  der  Schwarzen,  erloschen  die  Flammen
der  revolutionären  Leidenschaft  so  schnell  nicht.  Dort  führte  Paul  Follen,

*)  Protokolle  der  Großh.  sächs.  Unters.-Kommission,  2.  Apr.  3.  11.  Mai  1819.
*?)  Brief  von  Frau  Sand  an  K.  Follen,  am  11.  Mai  1819  bei  Follen  gefunden.
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        Mordanfall  auf  Ibell.  525

unterstützt  von  einigen  älteren  Freunden,  das  schlechte  Handwerk  seines
Bruders  fort.  Um  zu  vollenden  was  auf  den  Pfingstversammlungen
mißlungen  war,  traf  er  einmal  nachts  in  einer  Dorsfschenke  mit  einem
Pfarrer  aus  der  Wetterau  und  einem  jungen  Apotheker  Löning  aus  Nassau
zusammen.  Präsident  Ibell  in  Wiesbaden  sollte  das  nächste  Opfer  sein.
Was  kümmerte  es  diese  Wütenden,  daß  Ibell  der  tüchtigste  und  im
Grunde  auch  der  liberalste  der  nassauischen  Beamten  war?  Er  diente
den  Gewaltherren  und  hatte  zudem  soeben  durch  die  Absetzung  des  schwarzen
Bruders  W.  Snell  den  Zorn  der  Unbedingten  gereizt.  Die  drei  Mordgesellen
  warfen  das  Los;  da  forderte  Löning  als  nächster  Landsmann  Ibells
die  Bluttat  für  sich.')  Er  war  mit  L.  Snell  befreundet,  ein  geistloser,
unwissender  Mensch,  vor  kurzem  erst  in  Heidelberg  unter  die  Schwarzen
geraten,  gerade  roh  genug,  um  das  einleuchtende  Evangelium  des  politischen
  Mordes  handgreiflich  zu  nehmen.  Am  1.  Juli  ließ  er  sich,  ganz
nach  Sands  Vorbilde,  bei  Ibell  zum  Besuch  anmelden  und  warf  sich
dann  plötzlich  mit  rasender  Wut  auf  sein  Opfer.  Der  Stoß  ging  fehl,
Ibell  ward  nur  leicht  verwundet,  seine  tapfere  Frau  und  andere  Herbeieilende
  retteten  ihm  das  Leben;  aber  der  jähe  Schreck  erschütterte  den
kräftigen  Mann  dermaßen,  daß  er  bald  darauf  den  Abschied  nehmen
mußte  und  erst  nach  Jahren  in  den  staatsmännischen  Beruf  zurückkehren
konnte.  Der  Mörder  zeigte  im  Gefängnis  dieselbe  dämonische  Kraft  der
Selbstbeherrschung  wie  Sand;  um  seine  Genossen  zu  sichern  gab  er  sich
selbst  den  Tod  auf  die  gräßlichste  Weise,  durch  verschluckte  Glasscherben.  —

Unheimlicher  noch  als  die  beiden  Bluttaten  selber  war  der  Eindruck,
den  sie  in  der  Nation  zurückließen.  Zwar  von  Löning  sprach  man  selten,
da  Ibell  außerhalb  Nassaus  wenig  bekannt  war;  den  Mörder  Kotzebues
aber  umstrahlte  ein  Glorienschein.  Uns  Nachlebenden,  die  wir  unbefangen
zurückschauen,  erscheint  ein  Mord,  den  ein  heißblütiger  Jüngling  etwa  in
der  Wut  der  Eifersucht  oder  des  gekränkten  Ehrgefühls  unternimmt,
unzweifelhaft  menschlicher,  entschuldbarer  mindestens,  als  die  scheußliche,
hohle  Selbstüberhebung  jenes  unreifen,  tief  unter  der  Mittelmäßigkeit
stehenden  Schwärmers,  der  nie  etwas  rühmliches  getan,  nie  ein  geistreiches
  Wort  gesprochen,  nie  eine  schwere  Versuchung  bestanden  hatte  und
gleichwohl  sich  zum  Sittenrichter  aufwarf  über  seine  Zeit  und  die  Verderbnis
  der  Welt  durch  eine  rohe  Verletzung  der  einfachsten  sittlichen  Gesetze
zu  heilen  unternahm.  Das  einzige,  was  uns  den  Abscheu  mildern  kann,
ist  das  Mitleid  mit  dem  verblendeten  Toren,  der  in  seinem  leeren  Kopfe
nicht  die  Waffen  fand,  um  den  Irrlehren  einer  verbrecherischen  Doktrin
zu  widerstehen.  Den  weiblichen  Geist  beherrscht  das  Gefühl,  den  Geist
des  Mannes  der  Verstand;  eine  unbedeutende  Frau  kann  durch  den  Adel

 

*)  Nach  Paul  Follens  eigenem  Geständnis  (bei  Münch,  Erinnerungen  S.  60).  Zu
ergänzen  durch  die  vorsichtigen  Andeutungen  H.  Leos  (Aus  meiner  Jugendzeit  S.  227).
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        526  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

und  die  Tiefe  ihrer  Empfindung  das  Entzücken  ihrer  Umgebung  werden,
ein  Mann  ohne  Verstand  vermag  auch  nicht  fein  und  sicher  zu  empfinden.
Nur  darum  konnte  der  Unglückliche  in  gutem  Glauben  den  Namen  Gottes
bei  seiner  Untat  anrufen,  weil  sein  armes  Hirn  nicht  einzusehen  ver—
mochte,  daß  der  harte  Hochmut  seiner  sittlichen  Weltanschauung  das
genaue  Gegenteil  christlicher  Liebe  und  Demut  war.

Die  Zeitgenossen  urteilten  anders.  Die  Massen  des  Volkes  freilich,
denen  die  Ideale  der  teutonischen  Jugend  immer  fremd  blieben,  verhielten
sich  gleichgültig.  In  jenen  gebildeten  Kreisen  aber,  die  sich  als  die  Träger
der  öffentlichen  Meinung  fühlten,  herrschte  eine  Unsicherheit  des  sittlichen
Urteils,  die  zu  den  traurigsten  Verirrungen  unserer  neuen  Geschichte
zählt.  Nicht  bloß  die  akademische  Jugend  begrüßte  Sands  Tat  als  „ein
Zeichen  dessen,  was  kommen  wird  und  kommen  muß“.  Selbst  reife  Männer
verglichen  den  Mörder  mit  Tell,  mit  Brutus,  mit  Scävola.  Während
die  französische  Presse  verwundert  fragte,  wie  unter  den  gewissenhaften
Deutschen  eine  solche  Banditentat  möglich  geworden  sei,  zitierten  deutsche
Gelehrte  das  alte  Griechenlied:

Verbirg  den  Dolch,  der  dem  Tyrannen  droht,
Im  Myrtenkranze  wie  Harmodios  —

und  der  Stralsunder  Konrektor  hielt  in  der  Schule  einen  Vortrag  über
die  großen  Tyrannenmörder  der  Hellenen.  Der  im  Zeitalter  der  klassi—
schen  Dichtung  gepflegte  Kultus  der  freien  Persönlichkeit  stimmte  die
öffentliche  Meinung  empfänglich  für  die  sophistische  Überzeugungsmoral
der  Unbedingten:  Sand  sollte  schuldlos  sein,  weil  er  wie  Jesus  nach  seiner
Überzeugung  gehandelt  habe  —  eine  entsetzliche  Ansicht,  die  schließlich
dahin  führen  muß,  jeden  verhärteten  Verbrecher  freizusprechen  und  nur
den  schwankenden,  dessen  Gewissen  noch  nicht  erstorben  ist,  zu  verdammen.
In  Nasses  medizinischer  Zeitschrift  führte  der  Irrenarzt  Grohmann  aus:
„Sands  Tat  hatte  nur  die  äußere,  scheinbare  Form  des  Meuchelmords;
es  war  offene  ausgemachte  Fehde,  es  war  die  Tat  eines  bis  zum  höchsten
Grade  der  Moralität,  der  religiösen  Weihe  erhöheten  und  verlebendigten
Bewußtseins.“

Auch  ein  Theolog,  der  fromme,  kindlich  liebenswürdige  de  Wette
in  Berlin,  sprach  sich  in  dem  gleichen  Sinne  aus,  als  ob  ein  denkendes
Wesen  nicht  auch  für  seine  Uberzeugung  verantwortlich  sei.  Er  hatte
den  Unglücklichen  persönlich  gekannt  und  fühlte  sich  in  seinem  guten  Herzen
gedrungen,  der  Mutter  einen  Trostbrief  zu  schreiben.  Darin  gab  er
wohl  zu,  daß  die  Tat  ihres  „außerordentlichen  Sohnes  aus  Irrtum
hervorgegangen  und  nicht  ganz  frei  von  Leidenschaft“  sei.  Aber  „der  Frrtum
  wird  aufgewogen  durch  die  Lauterkeit  der  Überzeugung,  die  Leidenschaft
  wird  geheiligt  durch  die  gute  Quelle,  aus  der  sie  fließt.  Er  hielt  es
für  recht,  und  so  hat  er  recht  getan;  ein  jeder  handle  nur  nach  seiner
besten  Uberzeugung,  und  so  wird  er  das  Beste  tun.  So  wie  die  Tat
        <pb n="535" />
        Widerhall  in  der  Nation.  527

geschehen  ist  durch  diesen  reinen  frommen  Jüngling,  mit  diesem  Glauben
mit  dieser  Zuversicht,  ist  sie  ein  schönes  Zeichen  der  Zeit.  Ein  Jüngling
setzt  sein  Leben  daran,  einen  Menschen  auszurotten,  den  so  viele  als
einen  Götzen  verehren;  sollte  dieses  ohne  alle  Wirkung  sein?"  Bis  zu
diesem  UÜbermaße  der  Verblendung  gingen  freilich  nur  einzelne;  das  vorherrschende
  Urteil  in  den  gebildeten  Klassen  war  doch,  wie  Görres  offen
aussprach,  „Mißbilligung  der  Handlung  bei  Billigung  der  Motive“.
Eine  solche  Verwirrung  aller  sittlichen  Begriffe  in  einem  ernsten  Volke
würde  unbegreiflich  sein,  wenn  sie  sich  nicht  aus  der  politischen  Verstimmung
erklärte.  Der  allgemeine  Mißmut  über  Deutschlands  Ohnmacht  hatte
sich  endlich  in  einem  gräßlichen  Aufschrei  Luft  gemacht;  den  Patrioten
war,  als  ob  der  Mörder  nur  ausgedrückt,  was  in  unzähligen  Herzen
lebte.  Auf  Kotzebues  Namen  lastete  eine  ungeheure  wohlverdiente  Verachtung.
  Alle  Welt  wähnte  zudem,  daß  die  deutsche  Reaktion  von  Rußland
  ausgehe,  in  einem  Augenblicke,  wo  der  Zar  in  Wahrheit  nur  sehr
geringen  Einfluß  auf  Deutschlands  Geschicke  ausübte.  In  Kotzebue  sahen
die  Aufgeregten  den  Vertreter  der  russischen  Macht  auf  deutschem  Boden,
obgleich  er  am  Petersburger  Hofe  gar  nichts  galt  und,  nach  Kaiser  Alexanders
  bestimmter,  durchaus  glaubwürdiger  Versicherung,  sich  selbst  zur  Erstattung
  seiner  unnützen  literarischen  Berichte  freiwillig  angeboten  hatte.“)
So  erschien  Sand  wie  der  Wahrer  des  deutschen  Hausrechts,  seine  Tat
wie  ein  feierlicher  Protest  der  Nation  gegen  eine  eingebildete  Fremdherrschaft.
  Dann  steigerte  noch  die  unvermeidliche  humane  Grausamkeit  der
modernen  Rechtspflege  das  menschliche  Mitleid  mit  dem  Gefangenen.
Unter  furchtbaren  Schmerzen  wurde  ihm  durch  die  Kunst  der  Arzte  das
Leben  noch  über  ein  Jahr  lang  gefristet,  bis  endlich  der  berühmte  Heidelberger
  Mediziner  Chelius,  nach  seiner  Pflicht,  aber  unter  den  Zornrufen
der  teutonischen  Jugend,  den  Ausspruch  tat,  daß  Sand  die  Hinrichtung
aushalten  könne.  Schon  in  den  ersten  Wochen  war  das  Gefängnis  von
aufgeregten  Volkshaufen  umringt.)  Je  länger  die  Untersuchung  währte,
um  so  lauter  äußerte  sich  die  Teilnahme  für  den  frommen  Dulder,  der,
unbeugsam  in  seinem  Wahne,  alle  Qualen  mit  stoischer  Ruhe  ertrug.
Selbst  der  Scharfrichter,  ein  warmherziger  pfälzischer  Patriot,  verehrte
  Sand  als  einen  Helden  der  nationalen  Idee,  bat  ihn  im  voraus  um
Verzeihung,  empfing  seine  letzten  Aufträge  und  schenkte  dann  den  Stuhl,
der  zur  Hinrichtung  gedient,  einem  Heidelberger  Gesinnungsgenossen  ins
Haus,  wo  das  Heiligtum  als  ein  teures  Vermächtnis  von  Kindern
und  Kindeskindern  bewahrt  wurde.  Aus  den  Balken  des  Schaffots  aber
baute  er  sich  ein  Weinbergshäuschen  in  seinem  Rebgarten,  an  der  sonnigen
Ecke  des  Rhein=  und  Neckartals  bei  Heidelberg;  noch  lange  Jahre  nach- 



*)  Blittersdorffs  Bericht,  Petersburg  26.  Mai  1819.
I*)  Varnhagens  Bericht,  27.  März  1819.
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        528  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

her  haben  dort  die  Heidelberger  Burschenschafter  in  Sands  Schaffot,  als
Gäste  seines  Henkers,  ihre  geheimen  Zusammenkünfte  gehalten.)  Am
20.  Mai  1820  wurde  die  Hinrichtung  auf  einer  Wiese  vor  den  Toren
Mannheims  vollzogen;  die  Burschen  aus  Heidelberg  waren  in  Scharen
herübergekommen  und  ließen  abends  in  ihrer  Musenstadt  manch  kräftiges
Pereat  auf  König  Friedrich  Wilhelm  erschallen.  Die  mit  dem  Blute  des
heiligen  Sand  bespritzten  Späne  wurden  eifrig  gekauft  und  die  Stätte
seines  Todes  hieß  im  Volke  „Sands  Himmelfahrtswiese“.

Was  die  liberale  Presse  über  die  beiden  Mordtaten  sagte,  lief  auf
mehr  oder  minder  versteckte  Anklagen  gegen  die  Regierungen  hinaus.  Eine
anonyme  Schrift  „Betrachtungen  über  die  Ermordung  Kotzebues“  pries
geradezu  die  heilsame  Wirkung  der  Tat  Sands  und  schrieb  alle  Schuld
den  Kronen  zu.  Görres  schilderte  in  Börnes  „Wage“"  mit  mnystischem
Wortschwall  die  göttliche  Fügung,  welche  die  alte  und  die  neue  Zeit  einander
  habe  blutig  begegnen  lassen,  und  legte  dann  im  Sommer,  als  die
Demagogenverfolgung  bereits  begonnen  hatte,  die  neuesten  Einfälle  seines
beweglichen  Kopfes  in  einem  Buche  „Deutschland  und  die  Revolution“
nieder,  einer  Schrift,  die  auf  die  Masse  der  Leser  nur  aufreizend  wirken
konnte.  Unter  den  vielen  geheimen  Verschwörungen,  so  begann  er,  übersieht
  man  die  eine  große,  die  murrend  an  jedem  Herde  sitzt,  auf  Märkten
und  Straßen  sich  laut  ausspricht.  Dann  folgte  ein  Schauergemälde  der
neuen  deutschen  Geschichte:  sei  drei  Jahrhunderten  alles  nur  ein  Welken,
eine  Dürre;  das  Ganze  ruht,  nachdem  Liebe  und  Vertrauen  gestorben
sind,  einzig  auf  dem  Instinkt  des  Gehorsams.  Von  bestimmten  Gründen
des  deutschen  Elends  wußte  er  freilich  nur  zwei  anzugeben:  die  Vernichtung
  des  alten  Kaisertums  der  Habsburger  und  die  stehenden  Heere,
diese  Müßiggänger,  die  den  Staat  im  Frieden  aussaugen,  im  Kriege  ihn
unverteidigt  lassen.  Wer  schärfer  hinsah,  konnte  leicht  erkennen,  daß
der  phantastische  Mann,  der  sich  auch  diesmal  wieder  als  Wortführer  der
preußischen  Rheinlande  gebärdete,  schon  im  Begriffe  stand  mit  Sack  und
Pack  in  das  ultramontane  Heer  einzutreten.  Unter  den  wenigen  erfreulichen
  Zeichen  der  Zeit  pries  er  vor  allem  das  bayrische  Konkordat,  das
nur  den  einen  Fehler  habe,  dem  Staate  noch  allzu  große  Rechte  zuzugestehen.
  Daher  urteilten  Gentz  und  Adam  Muller  sehr  freundlich
über  das  wunderliche  Buch.  Für  die  preußische  Rheinprovinz  aber
war  niemand  gefährlicher  als  ein  demagogischer  Kapuziner,  und  König
Friedrich  Wilhelm  wußte  wohl,  warum  er  diese  Schrift  als  einen
Versuch,  die  Rheinländer  gegen  den  preußischen  Staat  aufzuwiegeln,  betrachtete.


Während  also  eine  unklare,  ziellose,  ingrimmige  Erbitterung  in  den
gebildeten  Klassen  sich  zeigte,  gerieten  im  Verlaufe  des  Sommers  mit

 

*)  Nach  einer  Aufzeichnung  von  Herrn  Prof.  G.  Weber  in  Heidelberg.
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        Die  Judenverfolgung.  529

einem  Male  auch  die  Massen  in  Unruhe.  Der  alte  Rassenhaß  wider  die
Juden  und  der  Groll  über  die  schweren  Wuchersünden  der  jüngsten  Jahre
brachen  furchtbar  aus;  in  Würzburg,  in  Karlsruhe,  Heidelberg,  Darm—
stadt,  Frankfurt  rottete  sich  der  Pöbel  zusammen,  stürmte  einzelne  jüdische
Häuser,  mißhandelte  die  Bewohner.  Weithin  durch  die  germanische  Welt,
bis  nach  Kopenhagen  und  Amsterdam  hinauf  pflanzte  sich  die  Bewegung
fort.  Es  schien,  als  ob  der  alte  Volksaberglaube  Recht  behielte  und  der
große  Komet,  der  in  diesem  heißen  Sommer  leuchtend  am  Himmel  stand,
Unheil  und  Verwirrung  über  die  Welt  brächte.  Da  und  dort  haben  sich
wohl  einzelne  teutonische  Burschen  an  dem  Unfug  beteiligt,  und  der
Spottruf  Hephep,  der  damals  zuerst  erklang,  scheint  in  gelehrten  Kreisen
entstanden  zu  sein  (er  sollte  bedeuten:  Hierosolyma  est  perdita).  Gleichwohl
  ist  ein  Zusammenhang  zwischen  den  christlich-germanischen  Träumen
der  Burschenschaft  und  jenen  wüsten  Ausbrüchen  einer  lange  verhaltenen
Volksleidenschaft  weder  nachweisbar  noch  wahrscheinlich;  die  politischen
Ideen  der  akademischen  Jugend  blieben  den  Massen  unverständlich,  in
Heidelberg  scharten  sich  sogar  die  Studenten  unter  Thibauts  Führung
zusammen,  um  die  Juden  mit  Lebensgefahr  gegen  den  wütenden  Pöbel
zu  verteidigen.  Die  Regierungen  aber,  erschreckt  wie  sie  waren,  sahen
in  diesen  Tumulten  nur  einen  neuen  Beweis  für  die  geheime  Wirksamkeit
  einer  revolutionären  Partei.  In  höchster  Angst  befahl  Metternich  dem
Grafen  Buol,  nach  Verabredung  mit  den  zu  Karlsbad  versammelten
Staatsmännern:  nötigenfalls  müsse  der  Bundestag  selbst  aus  den  benachbarten
  Garnisonen  Truppen  herbeirufen,  da  der  Frankfurter  Senat
sich  gegen  die  Unruhstifter  allzu  schwach  zeige)  —

Wer  die  ansteckende  Kraft  des  politischen  Verbrechens  kennt,  wird
nicht  bestreiten,  daß  die  Kronen,  nach  allem  was  geschehen,  so  berechtigt
wie  verpflichtet  waren,  durch  eine  strenge  Untersuchung  die  letzten  Gründe
der  beiden  Gewalttaten  zu  erforschen  und  gegen  einige  Schriftsteller,
welche  den  Meuchelmord  offen  verteidigten,  scharf  einzuschreiten.  Da
beide  Mörder  den  Unbedingten  angehörten,  so  war  auch  die  Schließung
der  Burschenschaft  mindestens  für  einige  Zeit  unvermeidlich.  Aber  nur
ein  mutiges,  festes,  ruhiges  Auftreten  der  Regierungen  konnte  die  haltlose
  öffentliche  Meinung  wieder  zur  Besinnung  bringen,  und  von  solcher
staatsmännischen  Sicherheit  zeigte  sich  an  den  deutschen  Höfen  keine  Spur.
Es  gibt  finstere  Zeiten,  in  denen  selbst  edle  Völker  wie  von  einer  epidemischen
  Geisteskrankheit  ergriffen  scheinen.  So  unterlagen  jetzt  fast  sämtliche
  deutsche  Regierungen  einem  wüsten  Verfolgungswahne.  Die  beiden
rätselhaften  Verbrechen,  die  aufgeregte  Sprache  der  Zeitungen,  unter  denen
  namentlich  die  Isis  und  die  Neue  Stuttgarter  Zeitung  sich  sehr  töricht
  äußerten,  die  stürmischen  Verhandlungen  der  beiden  ersten  Landtage,

 

*)  Metternich  an  Buol,  14.  Aug.;  Bernstorff  an  Goltz,  15.  Aug.  1819.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  34
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        530  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

dies  alles  im  Verein  stimmte  die  kleinen  Höfe  ängstlich,  und  dazu  das
dunkle  Gefühl,  daß  die  Nation  wahrlich  keinen  Grund  hatte,  sich  der
Wiener  Verträge  zu  freuen.

Am  besorgtesten  äußerten  sich  gerade  die  süddeutschen  Höfe,  die  in
der  Presse  als  Träger  des  konstitutionellen  Gedankens  gefeiert  wurden.
König  Wilhelm  von  Württemberg  sendete  dem  Petersburger  Hofe  eine
so  finstere  Schilderung  von  der  revolutionären  Gesinnung  der  deutschen
Jugend,  daß  Stourdza  laut  triumphierte  und  selbst  der  hochkonservative
Blittersdorff  diesen  Hilferuf  eines  deutschen  Fürsten  an  das  Ausland  ver—
öchtlich  fand.)  Der  fromme  Tübinger  Theolog  Bahnmaier  wurde  auf
ein  kleines  Dekanat  versetzt,  weil  er  in  einem  amtlichen  Berichte  der  Wahr—
heit  gemäß  erzählt  hatte,  Sands  Tat  werde  von  den  Studenten  nicht
als  ein  Verbrechen,  sondern  als  eine  patriotische  Verirrung  aufgefaßt.  Der
Münchener  Hof  wendete  sich  sofort  an  Österreich  und  Preußen,  bat
dringend  um  gemeinsame  Maßregeln  gegen  die  Universitäten,  ließ  einige
Lehrer,  welche  ihre  Freude  über  Kotzebues  Tod  ausgesprochen  haben  sollten,
ohne  weiteres  suspendieren,  und  da  Sand  seinem  Könige  aus  dem  Kerker
sagen  ließ,  er  habe  für  sich  nichts  zu  fürchten,  so  zog  der  furchtsame  Max
Joseph  daraus  den  Schluß,  daß  offenbar  gegen  andere  deutsche  Fürsten
gottlose  Absichten  gehegt  würden.)  Vollends  die  badische  Regierung,  in
deren  Lande  das  Verbrechen  geschehen  war,  hegte  ganz  abenteuerliche  Vorstellungen
  von  dem  Umfang  der  demagogischen  Umtriebe,  wie  der  neu  aufkommende
  amtliche  Ausdruck  lautete.  Sie  hatte  aus  der  Untersuchung
einiges  Halbwahre  gelernt;  sie  glaubte  zu  wissen,  daß  in  der  Burschenschaft
  ein  geheimer  Verein  bestehe,  „dessen  Hauptmotto  Tyrannenmord
sei,  und  der  in  der  Nähe  von  Gießen  bei  einem  gewissen  Follenius  seinen
  Zentralpunkt  habe.“  Doch  sie  erfuhr  nicht,  wie  klein  und  machtlos
die  Schar  der  Unbedingten  war;  sie  wähnte,  die  deutschen  Landtage
wollten  mit  einander  in  Verbindung  treten,  ein  deutsches  Parlament  neben
den  Bundestag  stellen  und  dann  die  unteilbare  deutsche  Republik  ausrufen.
  Mit  inbrünstigem  Danke  empfing  daher  Minister  Berstett  „die
hochgefällige  Mitteilung  der  höchstweisen  Ansichten  Sr.  Maj.  des  Kaisers"“,
als  Metternich  ihm  schrieb,  der  österreichische  Hof  sei  entschlossen,  nunmehr
  mit  Ernst  gegen  die  Professoren  und  die  verworfenen  Schriftsteller
einzuschreiten,  welche  der  Jugend  ihre  revolutionären  Grundsätze  „in  jeder
Art  und  Form  täglich  bis  zur  Trunkenheit  einprägten“.  Sofort  befahl
er  dem  badischen  Bundesgesandten,  sich  die  Vorschläge  Osterreichs  zur
Richtschnur  zu  nehmen,  und  erklärte  dem  Petersburger  Kabinett:  „wir
wollen  bis  an  die  Quelle  jener  höllischen  Wühlerei  vordringen,  die  auf

 

*)  Blittersdorffs  Berichte,  Petersburg  26.  30.  April  1819.
**)  Krusemarks  Berichte,  21.  Mai;  Zastrows  Berichte,  14.  April,  4.  Aug.;  Ministerialschreiben
  an  Zastrow,  23.  April  1819.
        <pb n="539" />
        Angst  der  Regierungen.  531

nichts  geringeres  als  auf  den  Umsturz  aller  göttlichen  und  menschlichen
Einrichtungen  ausgeht;  wir  wollen  den  Despotismus  unterdrücken,  welchen
die  Herren  Professoren  unter  der  Agide  einer  unerfahrenen  und  allzu
leicht  erregbaren  Jugend  über  die  politischen  Meinungen  Deutschlands
auszuüben  suchen.“)

Weit  folgenreicher  ward  der  Umschwung  der  Meinungen  am  Berliner
Hofe.  Wie  alle  wichtigen  Entschlüsse  dieser  Regierung,  so  ging  auch  die
reaktionäre  Wendung  des  Jahres  1819  von  dem  Monarchen  persönlich  aus.
Der  König  ward  täglich  unzufriedener  mit  seinem  Staatskanzler  und
dessen  „kurioser"  Umgebung;  er  schloß  aus  den  törichten  Artikeln  liberaler
Blätter,  welche  ihm  Wittgenstein  geflissentlich  zutrug,  auf  das  Dasein  einer
mächtigen  Verschwörung  und  sprach  dem  Hofbischof  Eylert  seinen  Dank
aus,  als  dieser  beim  Ordensfeste  in  einer  donnernden  Rede  den  rebellischen
Geist  der  Zeit  brandmarkte.  Als  nun  Sands  Tat  kund  wurde  und
der  Mord  so  viele  verblendete  Verteidiger  fand,  da  fühlte  sich  der  gewissenhafte
  Monarch  in  seinen  heiligsten  Empfindungen  verletzt;  er  hielt
es  für  Fürstenpflicht  mit  unnachsichtiger  Strenge  einzuschreiten,  gab  den
Polizeibehörden  außerordentliche  Vollmachten  (4.  Mai)  und  setzte  dann
noch  eine  Ministerial-Kommission  ein  zur  Leitung  der  Untersuchungen
gegen  die  Demagogen.  Den  in  Jena  studierenden  Preußen  befahl  er  diese
Universität  zu  verlassen,  und  obgleich  die  jungen  Leute  anfangs  viel  von
einem  heroischen  Widerstand  gegen  den  tyrannischen  Befehl  redeten,  so
gehorchten  doch  als  die  Frist  ablief  alle  bis  auf  den  letzten  Mann.

Selbst  diese  Erfahrung  brachte  den  König  nicht  auf  die  Frage,  ob  der
Geist  der  Widersetzlichkeit  in  der  akademischen  Welt  wirklich  so  mächtig  sei.
Er  meinte  jetzt  alles  durch  den  Erfolg  bestätigt  zu  sehen,  was  ihm  Metternich
  über  die  Umtriebe  der  im  Dunkeln  schleichenden  Partei  gesagt  hatte;
er  verweigerte  der  neuen  Turnordnung,  die  ihm  zur  Vollziehung  vorlag,
seine  Unterschrift,  ließ  in  Weimar  wie  in  Karlsruhe  dringend  zur  Strenge
raten,  da  „die  unseligen  Verirrungen  der  Universitäts-Jugend  einen
wahrhaft  furchtbaren  Grad  erreicht  haben“",  und  befahl  dem  Grafen
Bernstorff,  mit  dem  österreichischen  Gesandten  Zichy,  der  sofort  durch
Kurier  Weisung  erhalten  hatte,  wegen  außerordentlicher  Bundesbeschlüsse
zu  verhandeln.““)  Mit  flammendem  Eifer  stürzte  sich,  von  Wittgenstein
unterstützt,  der  neue  Direktor  des  Polizeidepartements,  Geh.  Rat  Kamptz
in  die  Untersuchungen;  als  geborner  Mecklenburger  an  ein  totenstilles
öffentliches  Leben  gewöhnt,  scheint  er  in  der  Tat  an  die  große  Verschwörung
geglaubt  zu  haben,  obschon  er  zugleich  seine  Rachgier  an  seinen  literarischen
Gegnern  kühlen  wollte.  An  ihn  drängte  sich  sogleich  eine  Rotte  verwor- 



*)  Metternich  an  Berstett,  17.  April;  Berstett  an  Nesselrode,  9.  Mai,  an  Metternich,
29.  Mai  1819.  ·
**)  Bernstorff  an  Varnhagen,  23.  April;  Krusemarks  Bericht,  16.  April;  Weisungen
an  Krusemark,  17.  Mai,  15.  Juni  1819.
34*
        <pb n="540" />
        532  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

fener  Menschen,  wie  sie  in  der  Sumpfluft  des  Mißtrauens  und  des  Ver—
dachtes  zu  gedeihen  pflegen:  die  Räte  Tzschoppe,  Grano,  Dambach,  ge—
meine  Ehrgeizige,  die  das  Handwerk  der  Verfolgung  mit  dem  Eifer  eines
Schweißhundes  trieben.

Derweil  die  deutschen  Höfe  also  von  blindem  Schrecken  überwältigt
wurden,  schwelgte  Metternich  im  Gefühle  befriedigter  Eitelkeit:  wieder
einmal  hatte  er  alles  vorausgewußt,  die  teuflischen  Pläne  der  Verwor—
fenen,  die  von  deutscher  Einheit  träumten,  waren  aufgedeckt;  nun  galt  es
die  Angst  der  deutschen  Kronen  auszubeuten,  „der  Sache  die  beste  Folge
zu  geben,  die  möglichste  Partie  aus  ihr  zu  ziehen.“  Kaiser  Franz  bereiste
in  diesem  Frühjahr  die  italienischen  Höfe.  Metternich,  der  sich  nebst  dem
preußischen  Gesandten  Krusemark  im  Gefolge  des  Monarchen  befand,
sendete  seiner  Gemahlin  aus  Rom  und  Neapel  Reiseberichte,  welche  auf
unbefangene  Leser  etwa  den  Eindruck  machen,  als  ob  ein  wißbegieriger
Kaufmannsdiener  sie  geschrieben  und  der  selige  Baron  Münchhausen
einige  historisch-statistische  Berichtigungen  hinzugefügt  hätte.  Seinen  Kunstsinn
  betätigte  er  durch  Begönnerung  einiger  französischer  und  englischer
Modemaler.  Dagegen  ward  die  Ausstellung,  welche  die  deutschen  Maler
zu  Ehren  des  Kaisers  im  Palazzo  Caffarelli  veranstaltet  hatten,  kaum
eines  Blickes  gewürdigt;  mit  dem  hochfliegenden  Idealismus  dieser  Nazarener
  wußten  die  Wiener  nichts  anzufangen,  auch  trugen  die  Künstler
von  S.  Isidoro  lange  Haare  und  altdeutsche  Röcke,  was  sie  ungeachtet  ihrer
katholischen  Gesinnung  in  den  Augen  des  Kaisers  hochverdächtig  erscheinen
ließ.  Der  politische  Zweck  der  Reise  wurde  scheinbar  erreicht.  Kaiser
Franz  sah  sich  überall  von  der  höfischen  Welt  als  der  Protektor  Italiens
begrüßt,  wohnte  im  Vatikan  als  Gast  des  Papstes,  der  den  Beherrscher
der  ersten  katholischen  Macht  mit  Ehrenbezeigungen  überschüttete  und  den
Erzherzog  Rudolf  mit  dem  Kardinalspurpur  schmückte.  Dies  genügte,  um
Metternichs  Urteil  zu  bestimmen;  warum  hätte  er  sich  auch  über  die
römischen  Verhältnisse  bei  dem  preußischen  Gesandten  Niebuhr  unterrichten
sollen,  der  trotz  seinen  konservativen  Neigungen,  trotz  seiner  Achtung  für
die  Milde  des  Papstes  und  die  Klugheit  des  Kardinals  Consalvi  rasch  zu
der  Einsicht  gelangt  war,  daß  die  ewige  Stadt  unter  Napoleon  sich  weit
glücklicher  befunden  hatte,  als  unter  der  wiederhergestellten  Priesterherrschaft?
  Der  österreichische  Staatsmann  fand  die  Zustände  im  Kirchenstaate
  ganz  vortrefflich,  die  neapolitanischen  Lazzaroni  unter  dem  Segen
der  Bourbonenherrschaft  „hundertmal  zivilisierter  als  vor  zwanzig  Jahren“.
Daß  die  schreienden  aber  mutlosen  Italiener  jemals  eine  Schilderhebung
wagen  könnten,  erklärte  er  für  ganz  unmöglich  —  kaum  ein  Jahr  bevor
die  Revolution  in  Neapel  und  Piemont  zugleich  ausbrach.

Die  nämliche  Sicherheit  staatsmännischen  Blickes  bewährte  er  bei
der  Beurteilung  der  deutschen  Dinge.  Dies  ermüdete  Volk  schien  ihm
längst  überreif  zur  Revolution;  „ich  stehe  dafür“,  schrieb  er  seiner  Ge-
        <pb n="541" />
        Metternich  in  Italien.  533

mahlin,  „die  Welt  befand  sich  im  Jahre  1789  in  voller  Gesundheit,  ver—
glichen  mit  ihrem  heutigen  Zustande!“  Schon  nach  dem  Wartburgfeste
hatte  er  mit  den  süddeutschen  Gesandten  mehrfach  die  Frage  erwogen,
ob  man  nicht  in  Wien  ein  gemeinsames  „Foyer“  zur  Beobachtung  der
deutschen  Revolution  errichten  solle.  Jetzt  kam  ein  Hilferuf  nach  dem  an—
deren  von  den  kleinen  Höfen;  alle  klagten  ihre  eigene  Sorglosigkeit  an
und  bewunderten  den  durchbohrenden  Scharfblick  des  großen  Staatsmannes,
der  allein  die  ruchlosen  Absichten  der  Burschen  von  vornherein  durch—
schaut  hatte.  Wie  hätte  der  eitelste  der  Menschen  sich  jetzt  vor  wahnsinniger
  Selbstberäucherung  bewahren  sollen?  Seit  der  einzige  Riese  des
achtzehnten  Jahrhunderts  dahingegangen  war  —  er  meinte  wohl  Friedrich
  II.  —  fand  Metternich  das  Menschengeschlecht  bis  zur  Erbärmlichkeit
  klein.  „Mein  Geist",  so  gestand  er,  „begreift  nichts  enges;  ich  beherrsche
  ein  unendlich  weiteres  Gebiet,  als  die  anderen  Staatsmänner  sehen
oder  sehen  wollen.  Ich  kann  mich  nicht  enthalten,  mir  zwanzigmal  am
Tage  zu  sagen:  guter  Gott,  wie  sehr  habe  ich  recht,  und  wie  sehr  haben
sie  unrecht!  Und  wie  leicht  ist  es  doch,  dies  so  klare,  so  einfache,  so
natürliche  Rechte  zu  finden!“  So  trat  der  idealistischen  Anmaßung  der
deutschen  Jugend  der  kalte  Dünkel  eines  Weltmannes  entgegen,  der  niemals
  für  eine  Idee  sich  erwärmt,  niemals  über  eines  der  großen  Kulturinteressen
  der  Menschheit  nachgedacht  hatte,  der  die  gemeinste  der  menschlichen
  Leidenschaften,  die  Angst  als  seinen  natürlichen  Bundesgenossen  betrachtete
  und  mitten  in  den  Torheiten  polizeilicher  Verfolgungssucht  sich
noch  einbildete,  ein  weiser  Vertreter  staatsmännischer  Mäßigung  zu  sein:
„die  heilige  Mittellinie,  auf  der  die  Wahrheit  steht,  ist  nur  wenigen  vorbehalten."“


Ohne  nach  Beweisen  auch  nur  zu  fragen,  hielt  er  für  ausgemacht,
daß  die  „Jenenser  Vehme"“  ihre  Mordgesellen  nach  dem  Lose  über  Deutschland
  aussende;  gegen  eine  so  furchtbare  Verschwörung  reichte  die  Macht
der  einzelnen  deutschen  Staaten  nicht  aus.  Darum  gab  Metternich  eine
ausweichende  Antwort,  als  König  Max  Joseph  auch  den  Wiener,  wie  den
Berliner  Hof  wegen  der  Aufhebung  der  bayrischen  Verfassung  befragte.
Durch  das  gemeinsame  Handeln  aller  Bundesstaaten,  unter  Osterreichs
Führung  sollten  die  Presse,  die  Universitäten,  die  Kammern  geknebelt
werden:  „mit  Gottes  Hilfe  hoffe  ich  die  deutsche  Revolution  zu  schlagen,
ganz  so  wie  ich  den  Eroberer  der  Welt  besiegt  habe!“  An  seinem  Monarchen
  fand  er  einen  festen  Rückhalt.  Kaiser  Franz  wollte,  wie  immer,
Ruhe  haben;  nimmermehr  durfte  das  Stilleben  seiner  Presse,  seiner
Postulatenlandtage  und  jener  Schulen,  die  man  im  alten  Osterreich
Universitäten  nannte,  durch  die  Tollheiten  der  deutschen  Nachbarn  gestört
werden.  Er  billigte  aus  ganzer  Seele  die  Theorie  seines  Ministers,  daß
jeder  Bundesfürst  „Felonie  gegen  den  Bund“  begehe,  wenn  er  der  Presse
Freiheiten  gestatte,  die  bei  der  Gemeinsamkeit  der  Sprache  auch  das  deutsche
        <pb n="542" />
        534  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Osterreich  anstecken  konnten.  Mit  zynischer  Offenheit  sprach  er  aus,  daß
man  die  Furcht  dieser  schwachen  Regierungen  benutzen  müsse,  und  bevollmächtigte
  seine  Staatsmänner,  nötigenfalls  mit  dem  Austritt  Osterreichs
aus  dem  Bunde  zu  drohen.

Preußen  war  endlich  gewonnen.  Auf  die  alten  Freunde,  die  Hochtorys
  von  England-Hannover,  durfte  man  sich  verlassen,  da  Graf  Münster
zu  den  festen  Stützen  der  reaktionären  Politik  zählte  und  das  englische
Parlament  sich  um  Deutschlands  innere  Angelegenheiten  selten  bekümmerte.
Münster  vergaß  es  nicht,  wie  ungezogen  sich  die  Jenenser  Burschen  kürzlich,
  bei  seiner  zufälligen  Durchreise,  gegen  ihn  benommen  hatten,  und  alle
englischen  Diplomaten  schworen  darauf,  daß  ganz  Deutschland  für  den
politischen  Meuchelmord  schwärme.))  Auch  von  Rußland  stand  kein  Widerspruch
  zu  befürchten.  Zwar  Kapodistrias,  der  gerade  in  einem  italienischen
  Bade  verweilte,  erschien  den  Osterreichern  noch  immer  hochverdächtig,
  er  hatte  soeben  eine  Einladung  Metternichs  ausgeschlagen,  weil  er
peinliche  Auseinandersetzungen  vermeiden  wollte.  Aber  die  Ansichten  des
Griechen  galten  in  jenem  Augenblicke  am  Petersburger  Hofe  wenig  neben
den  Ratschlägen  Nesselrodes,  der  immer  mit  Metternich  übereinstimmte
und  den  deutschen  Gesandten  beharrlich  wiederholte:  unbegreiflich,  daß
eine  so  geistvolle  Nation  die  gefährliche  Ausnahmestellung  ihrer  Universitäten
  fortbestehen  lassel  Um  ein  übriges  zu  tun,  schrieb  Kaiser  Franz
persönlich  an  den  Zaren,  sprach  ihm  wegen  der  Ermordung  Kotzebues
sein  Beileid  aus,  und  beschwerte  sich  zugleich  über  den  Erzieher  Alexanders,
Laharpe,  weil  dieser  in  Italien  den  Namen  seines  kaiserlichen  Zöglings
mißbrauche,  die  römischen  Unzufriedenen  im  Namen  Rußlands  aufstachele.
Dieser  kaiserlichen  Denunziation  wollte  der  Zar  freilich  keinen  Glauben
schenken;  die  deutschen  Zustände  aber  beurteilte  er  wie  Nesselrode.  Er
empfand  den  Russenhaß,  der  aus  den  Angriffen  der  Jenenser  gegen
Kotzebue  und  Stourdza  sprach,  wie  eine  persönliche  Beleidigung  und
tadelte  lebhaft,  daß  Karl  August  die  Untersuchungen  gegen  die  Demagogen
so  schlaff  betreibe."')  Genug,  der  österreichische  Hof  hatte  völlig  freie  Hand
für  den  Kampf  wider  die  deutsche  Revolution.  —

Eine  Zeitlang  schien  es,  als  ob  der  erste  Schlag  durch  den  Bundestag
  geführt  werden  sollte.  Bei  allem  Wohlwollen  hatte  Großherzog  Karl
August  nach  Sands  Tat  seiner  Hochschule  einige  harte  Maßregeln  nicht
ersparen  können.  Er  befahl  eine  strengere  Handhabung  der  Disziplin
und  verordnete,  daß  Ausländer  bis  auf  weiteres  nur  mit  besonderer  Erlaubnis
  ihrer  Regierungen  zugelassen  werden  sollten,  weil  der  Geist  der
Studenten  „hie  und  da  eine  verderbliche  Richtung  nehme,  und  von  frem- 



*)  Entschuldigungsschreiben  der  Jenenser  Burschenschaft  an  Graf  Münster,  Juli
1819.  Bericht  des  großh.  sächs.  Residenten  von  Cruickshank,  Berlin  28.  Juli  1819.

*?)  Krusemarks  Berichte,  21.  Mai,  30.  Juni;  Blittersdorffs  Berichte,  Petersburg
21.  April,  30.  Mai  1819.
        <pb n="543" />
        Antrag  Weimars  wegen  der  Universitäten.  535

den  Schulen  viel  dieses  Giftes  nach  Jena  komme".')  Da  die  Isis  in
ihrem  Toben  fortfuhr,  so  wurde  endlich  auch  gegen  Oken  eingeschritten.
Der  Senat  mußte,  nachdem  er  sich  vergeblich  dawider  verwahrt,  dem
ehrlichen  Polterer  die  Wahl  stellen,  ob  er  auf  sein  Lehramt  verzichten
oder  die  Zeitschrift  aufgeben  wolle.  Da  Oken  nach  seiner  Weise  erwiderte,
er  habe  darauf  keine  Antwort,  so  wurde  er  unter  lebhaften  Beileidsbezeigungen
  seiner  Amtsgenossen  entlassen.  Sein  Blatt  mußte  bald  darauf
nach  Leipzig  übersiedeln;  er  selbst  versuchte  sich  in  Würzburg  niederzulassen,
  was  auf  unmittelbaren  Besehl  des  Königs  verboten  wurde,““)  und
verbrachte  dann  einige  Zeit  in  gelehrten  Arbeiten  zu  Paris,  der  erste  Flüchtling
  der  deutschen  Bewegung.  Am  Bundestage  hatte  die  hannöversche
Regierung,  erschreckt  durch  den  Auszug  der  Göttinger  Studenten,  schon
im  Dezbr.  1818  vertraulich  angefragt,  ob  sich  nicht  alle  die  Staaten,
welche  Universitäten  besäßen,  über  gemeinsame  Sicherung  der  akademischen
Ruhe  verständigen  sollten.“)  Diesen  Anlaß  benutzte  der  Großherzog  sofort,
  um  Argeres  zu  verhüten  und  sein  Jena  gegen  ungerechte  Angriffe
zu  verteidigen.  Er  ließ  den  förmlichen  Antrag  stellen,  daß  der  Bundestag
  Vorschriften  über  die  Disziplin  der  Universitäten  erlassen  solle,  aber
ohne  Beeinträchtigung  der  uralten  akademischen  Freiheit.  „Kein  Land“,
sagte  die  begleitende  Denkschrift,  „ist  reicher  an  gründlichen  Gelehrten,  an
gebildeten  und  treuen  Staatsdienern,  an  tüchtigen  Kirchendienern  als
eben  Deutschland,  und  auf  deutschen  Universitäten  wurde  diese  Richtung
gewonnen.“  Niemals,  so  hieß  es  weiter,  dürften  die  Universitäten,  welche
Graf  Buol  selber  in  seiner  Eröffnungsrede  ein  stolzes  Denkmal  deutscher
Entwicklung  genannt  habe,  in  Schulen  umgewandelt  werden:  „auch
Freiheit  der  Meinungen  und  der  Lehre  muß  ihnen  verbleiben;  denn  im
offenen  Kampfe  der  Meinungen  soll  hier  das  Wahre  gefunden,  gegen
das  Einseitige,  gegen  das  Vertrauen  auf  Autoritäten  soll  hier  der  Schüler
bewahrt,  zur  Selbständigkeit  soll  er  erhoben  werden.“  Daran  schloß  sich
eine  warme  Verteidigung  der  Studenten:  in  ihrer  Burschenschaft  hätten
sie  die  schöne  Idee  der  Einigkeit  der  Deutschen  verwirklichen  wollen;  die
man  im  Kriege  als  Wehrhafte  gebraucht  habe  dürfe  man  nicht  sogleich
wieder  als  Unmündige  behandeln.  Als  diese  Erklärung)  am  11.  März,
noch  vor  Sands  Tat,  im  Bundestage  verlesen  wurde,  da  zeigte  sich  die
Versammlung  ganz  ratlos.  Graf  Buol  und  mehrere  andere  Gesandte
baten  den  Vertreter  der  Ernestiner  Hendrich  dringend,  seinen  Antrag
zurückzuziehen,  weil  diese  Sache  nicht  vor  den  Bund  gehöre.#f0)Karl

7)  Reskript  des  Großherzogs  Karl  August  und  des  Herzogs  August  von  Gotha
an  die  Akademie  in  Jena,  30.  März.  Gf.  Edling,  Weisung  an  den  Bundesgesandten
v.  Hendrich,  28.  März  1819.

*“)  Zastrows  Bericht,  9.  Okt.  1819.

*“)  Hendrichs  Bericht,  28.  Dez.  1818.

)Großh.  Karl  August,  Reskripte  an  Hendrich,  26.  Jan.,  17.  Febr.  1819.
)  Hendrichs  Bericht,  12.  März  1819.
        <pb n="544" />
        536  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

August  beharrte  trotzdem  auf  seinem  Entschlusse*)  und  sendete  dann,
nach  Kotzebues  Ermordung,  seinen  Geh.  Rat  Conta  nach  Frankfurt  um
den  Antrag  zu  befürworten.  Conta  aber  gewann  „aus  der  Persönlichkeit
der  Bundesgesandten“  die  Überzeugung,  daß  ein  Bundesbeschluß  nicht
zu  erreichen  sei,  und  bemühte  sich  nur  in  einer  vertraulichen  Besprechung
die  Gesandten  der  unmittelbar  beteiligten  Staaten  für  eine  gemeinsame
Verabredung  zu  gewinnen.)

Der  Wiener  Hof  dachte  anders  als  sein  ratloser  Bundesgesandter.
Er  wollte  den  weimarischen  Antrag  benutzen  um  sogleich  durch  den  Bund
einen  Schlag  wider  die  Universitäten  zu  führen.  Mit  Entsetzen  vernahmen
Gentz  und  Nesselrode  die  verwegene  Sprache  des  Fürsten,  der  in  solchem
Augenblicke  noch  wagte,  den  freien  Kampf  der  Meinungen,  die  Einheitsträume
  der  deutschen  Burschen  zu  verteidigen.  Metternich  aber  meinte:
„Mit  Verachtung  straft  man  den  Altburschen  nicht,  er  ist  sie  gewöhnt.“
In  solchem  Tone  wagte  jetzt  ein  österreichischer  Staatsmann  von  dem
berühmtesten  Manne  des  deutschen  Fürstenstandes  zu  reden;  die  Zeiten
des  Friedländers  drohten  sich  zu  erneuern.  Graf  Buol  erhielt  demnach
Befehl,  sich  auf  Beratung  des  weimarischen  Antrags  einzulassen,  um
dann  einen  Gegenantrag  durchzuse  etzen,  welchen  Gentz  nach  Adam  Müllers
Ideen  ausgearbeitet  hatte,  ein  Meisterstück  polizeilicher  Seelenangst.  Die
Reformpläne  des  Hauses  Osterreich  für  Deutschlands  Hochschulen  liefen
wesentlich  auf  zwei  Vorschläge  hinaus:  es  sollten  die  Studenten  jeder
Ausnahmestellung  verlustig  gehen  und  auch  in  Disziplinarsachen  ausschließlich
  der  bürgerlichen  Polizei  unterworfen  werden,  da  diese  durch  die
Stiefelputzer  und  ähnliche  Leute  die  Vergehen  des  jungen  Volkes  am  leichtesten
  erfahren  könne;  ferner  sollten  alle  deutschen  Regierungen  sich  verpflichten,
keinen  akademischen  Lehrer,  der  wegen  gefährlicher  Lehren  abgesetzt  worden
sei,  jemals  wieder  anzustellen.  Auf  diesen  letzteren  Punkt  kam  es  der
Hofburg  vornehmlich  an.  Gentz  leitete  alle  Sünden  der  Jugend  kurzweg
von  den  ruchlosen  Lehren  ihrer  Professoren  her  und  versicherte  mit  eiserner
Stirn,  ganz  unzweifelhaft  seien  Oken,  Fries,  Luden  und  Kieser  die  eigentlichen
  Mörder  Kotzebues.  Kaiser  Franz,  mißtrauisch  gegen  alles  was
über  seinen  Gesichtskreis  hinauslag,  war  derselben  Ansicht;  er  ließ  an  allen
Höfen  die  Annahme  des  k.  k.  Antrages  dringend  empfehlen  und  den  König
von  Preußen  persönlich  um  seine  freundschaftliche  Unterstützung  bitten.)

Aber  die  Langsamkeit  der  regelmäßigen  Bundesverhandlungen  bot  doch
einige  Gewähr  gegen  Überraschungen.  Als  die  übliche  Instruktionseinholung
  begann  und  die  Regierungen  die  schwierige  Frage  reiflich  erwogen,  da
zeigte  sich  wieder,  wie  wenig  das  Osterreich  Metternichs  mit  der  deutschen

*)  Karl  August,  Reskript  an  Hendrich,  16.  März  1819.
*')  Contas  Bericht  an  den  Großherzog,  4.  Mai.  Goltzs  Bericht,  Frankfurt  17.  Mai.
Blittersdorffs  Bericht,  Petersburg,  8.  Mai  1819.
*“*)  Krusemarks  Bericht,  21.  Mai  1819.
        <pb n="545" />
        Metternichs  Plan  für  die  Karlsbader  Konferenzen.  537

Kultur  gemein  hatte.  Nur  die  medizinischen  Fakultäten  Osterreichs  genossen
  der  vollen  Lehr=  und  Lernfreiheit  deutscher  Hochschulen.  In  Berlin
dagegen  empfand  man  lebhaft,  wie  leicht  ein  Gewaltschritt  gegen  die  akademische
  Freiheit  alle  Grundlagen  der  deutschen  Bildung  zerstören  könne.
Selbst  der  furchtsame  Ancillon  mochte  den  deutschen  Gelehrten  doch  nicht
ganz  verleugnen  und  gab  der  Hofburg  zu  bedenken:  dies  alles  ist  für
uns  schwerer  als  für  Osterreich,  da  wir  große  Universitäten  besitzen,  die
nur  Lehr=  nicht  Erziehungs-Anstalten  sind  und  nur  in  Freiheit  gedeihen
können.“)  Eichhorn,  der  seit  einem  Jahre  den  Vortrag  über  die  deutschen
Angelegenheiten  im  Auswärtigen  Amte  erhalten  hatte,  verfaßte  für  den
Bundestag  eine  geistvolle  Denkschrift  (10.  Juli),  die  sich  zwar  über  den
Dünkel  des  jungen  Geschlechts  nicht  ganz  so  nachsichtig  äußerte  wie  Großherzog
  Karl  August,  aber  mit  den  praktischen  Vorschlägen  des  weimarischen
  Antrags  fast  vollständig  übereinstimmte.  Er  fand  die  wesentlichen
Institutionen  der  deutschen  Hochschulen,  wie  sie  sich  historisch  entwickelt
hätten,  durchaus  gesund;  er  warnte  die  Regierungen  vor  dem  Versuche,
durch  Drohungen  und  Ermahnungen  in  diese  Welt  der  Freiheit  einzugreifen:
  „die  Außerung  einer  Regierung  muß  zugleich  Tat  sein;“  er
wagte  sogar  den  einfachen,  in  jenem  Augenblicke  sehr  kühnen  Gedanken
auszusprechen,  ob  man  nicht  die  akademischen  Verbindungen  unter  gewissen
Vorbehalten  geradezu  erlauben  solle,  da  die  zahllosen  Verbote  seit  Jahrhunderten
  doch  nichts  geholfen  hätten,  und  erklärte  sich  endlich  sehr  nachdrücklich
  gegen  den  Vorschlag,  daß  ein  entlassener  Professor  niemals  wieder
angestellt  werden  dürfe:  genug,  wenn  die  Regierungen  einander  die
Gründe  solcher  Entlassungen  gewissenhaft  mitteilten,  einen  Verderber  der
Jugend  werde  doch  sicher  kein  deutscher  Fürst  in  seine  Dienste  ziehen  wollen.
In  der  Kommission  des  Bundestags  drang  Preußen  allerdings  nicht  mit
allen  seinen  Vorschlägen  durch;  der  Antrag  Osterreichs  auf  Nichtwiederanstellung
  der  entlassenen  Professoren  wurde  von  Bayern,  Hannover  und
Baden  gegen  Preußens  Widerspruch  angenommen.  Im  weiteren  Verlauf
der  Verhandlungen  aber  begegnete  Osterreich  überall  der  Abneigung  des
Partikularismus,  der  nirgends  so  wohl  berechtigt  ist  wie  auf  dem  Gebiete
des  akademischen  Lebens.  Selbst  diese  ängstlichen  kleinen  Kronen  wollten
sich  die  Eigenart  ihrer  Hochschulen  nicht  ganz  verkümmern  lassen  und
verstanden  sich  nur  zu  wenigen  gemeinsamen  Vorschriften;  ihr  Widerstand
war  um  so  schwerer  zu  besiegen,  da  das  Universitätswesen  unzweifelhaft
nicht  zur  Kompetenz  des  Bundes  gehörte.

Metternich  fühlte,  daß  er  durch  den  Bundestag  nie  zu  seinem  Ziele
gelangen  konnte;  ohnehin  hatte  der  anarchische  Zustand  der  Frankfurter
Versammlung  schon  längst  den  Unwillen  des  Wiener  Hofes  hervorgerufen.
Graf  Buol  mit  seiner  Gedankenarmut,  seiner  taktlosen  Heftigkeit  ver- 



*)  Ancillon,  Weisung  an  Krusemark,  15.  Juni  1819.
        <pb n="546" />
        538  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

mochte  die  Versammlung  nicht  zu  leiten.  Der  gutmütige  Goltz  zeigte  sich
seiner  Stellung  ebenso  wenig  gewachsen,  er  hatte  soeben  wegen  einer  un—
geschickten  Indiskretion  seine  Abberufung  erhalten  und  nur  mit  Mühe
die  Verzeihung  seines  Hofes  wieder  erlangt.“)  So  konnte  es  geschehen,
daß  einige  Gesandte  der  kleineren  Staaten,  Wangenheim,  die  beiden  Hessen
Harnier  und  Lepel,  der  Bremer  Smidt  u.  a.,  insgeheim  unterstützt  durch
den  listigen  Bayern  Aretin,  eine  liberale  Oppositionspartei  bildeten,  welche
in  einer  Diplomatenversammlung  durchaus  unberechtigt  war,  weil  sie  sich
nicht  auf  die  Instruktionen  der  Höfe,  sondern  lediglich  auf  die  persönlichen
Überzeugungen  der  Gesandten  stützte.  Nicht  ohne  Übermut  pflegten
diese  Kleinen  in  den  Kommissionssitzungen  den  Gesandten  der  beiden  Großmächte
  die  Überlegenheit  ihrer  Bildung  und  ihrer  Redefertigkeit  zu  zeigen.
Die  Liberalen  waren  zugleich  die  Vorkämpfer  des  Partikularismus,  unerschöpflich
  in  Schlichen  und  Ränken  um  die  Vollendung  der  Bundeskriegsverfassung
  zu  verhindern;  eben  jetzt  zeigte  Wangenheim  seinen  Genossen
  unter  der  Hand  eine  von  seinem  Könige  eigenhändig  niedergeschriebene
  Denkschrift,  welche,  ganz  im  Sinne  des  Rheinbundes,  die  deutschen
Souveräne  gegen  die  militärische  Diktatur  der  beiden  Großmächte  so  gehässig
  aufzuwiegeln  versuchte,  daß  Osterreich  und  Preußen  in  Stuttgart
ernste  Vorstellungen  machen  mußten.“)

Rasche,  durchgreifende  Entschlüsse,  wie  sie  der  Wiener  Hof  brauchte,
waren  von  dieser  Versammlung  nicht  zu  erlangen.  Daher  riet  Gentz
schon  im  April,  man  solle  zunächst  eine  vertrauliche  Verständigung  mit
den  größeren  Höfen  herbeiführen,  und  Metternich  ging  auf  den  Vorschlag
ein,  sobald  er  von  dem  schleppenden  Gange  der  Frankfurter  Universitätskommission
  Kenntnis  erhielt.  Seine  Absicht  war,  im  Juli  in  Böhmen
zu  erscheinen  und  zunächst  dem  König  von  Preußen,  der  um  diese  Zeit
das  Teplitzer  Bad  zu  gebrauchen  pflegte,  das  Programm  einiger  provisorischen
  Bundesgesetze  vorzulegen;  denn  nur  Bundesgesetze,  so  ließ  er
wiederholt  nach  Berlin  schreiben,  könnten  dem  so  weit  vorgeschrittenen
Übel  der  revolutionären  Verschwörungen  noch  steuern,  Maßregeln  einzelner
Bundesstaaten  genügten  längst  nicht  mehr.)  War  man  mit  Preußen
einig,  dann  sollten  die  Vertreter  der  beiden  Großmächte  in  Karlsbad  mit
den  Ministern  der  größeren  Bundesstaaten  die  Ausnahmegesetze  vereinbaren,
  welche  der  Bundestag  ohne  weitere  Beratung  anzunehmen  und
zu  verkündigen  hätte;  denn  wer  unter  den  Kleinen  durfte  den  neun  mächtigsten
  deutschen  Höfen,  sobald  sie  sich  ernstlich  geeinigt  hatten,  zu  widersprechen
  wagen?  Nach  Vollendung  der  Ausnahmegesetze  sollten  schließlich
die  Minister  der  Bundesstaaten  im  Winter  sich  zu  Wien  versammeln,
um  den  Grundzügen  der  Bundesverfassung  die  seit  1815  verheißene  Er-*)

  Goltzs  Bericht  an  den  König,  9.  März  1819.
#)  Krusemarks  Bericht,  11.  Jan.  1819.
*  )  Krusemarks  Berichte,  Rom  4.  Juni,  Perugia  22.  Juni  1819.
        <pb n="547" />
        Smidt  über  die  Bundespolitik.  539

gänzung,  natürlich  in  hochkonservativem  Sinne,  zu  geben  und  namentlich
für  die  landständischen  Verfassungen  bindende  Vorschriften  aufzustellen.
Der  Plan  sah  einem  Staatsstreiche  sehr  ähnlich,  er  ging  geringschätzig
über  alle  verfassungsmäßigen  Rechte  des  Bundestages  hinweg  und  enthielt
die  schärfste  Kritik  der  Bundesverfassung;  denn  durch  andere  Mittel  als
durch  Einschüchterung  und  Eigenmacht  ließ  sich  diesem  Bunde  allerdings
kein  Entschluß  entreißen.

Glückselig,  mit  heiligem  Eifer  arbeitete  nun  Gentz  die  Vorschläge  für
die  Karlsbader  Versammlung  aus:  provisorische  Ausnahmegesetze  gegen
die  Universitäten,  die  Presse,  die  Demagogen,  und  dazu  eine  Interpre—
tation  des  Art.  13,  wozu  die  Torheiten  der  badischen  Kammern  den
hochwillkommenen  Anlaß  boten.  Hatten  die  Liberalen  den  Art.  13  ge—
wissenlos  als  eine  Verheißung  des  Repräsentativsystems  mißdeutet,  so  war
Gentz  rasch  bei  der  Hand  mit  der  entgegengesetzten  Sophisterei,  die  min—
destens  ebenso  wohlbegründet  schien.  Die  landständischen  Verfassungen
des  Art.  13  bedeuteten  eben  Stände,  nichts  anderes;  wollten  die  deutschen
Staaten,  so  schrieb  er  dem  Hospodar  Soutzo,  sich  dem  demokratischen  Re—
präsentativsystem  ergeben,  dann  gehe  jede  föderative  Einheit  in  die  Brüche,
und  Osterreich  würde  es  unter  seiner  Würde  finden,  an  einem  solchen
Bunde  noch  länger  teilzunehmen.  Im  tiefsten  Geheimnis  wurden  unterdes,
außer  Preußen,  die  kleinen  Königreiche,  sowie  die  für  besonders  zuverlässig
geltenden  Höfe  von  Baden,  Mecklenburg  und  Nassau  eingeladen,  ihre
leitenden  Minister  im  Juli  nach  Karlsbad  zu  senden;  alle  erklärten  sich
mit  Freuden  bereit.  Die  übrigen  Regierungen  würdigte  man  keiner  Mitteilung,
  die  einen  weil  Eile  not  tat  und  nur  ein  kleiner  Kreis  rasche
Beschlüsse  fassen  konnte,  die  anderen,  weil  Kaiser  Franz  ihnen  mißtraute.
Noch  im  Juli  berichtete  der  weimarische  Gesandte  aus  Berlin  harmlos:
der  bevorstehende  Karlsbader  Kongreß  solle  seine  Spitze  wohl  gegen  Frankreich
  richten.)

Für  den  Großherzog  von  Weimar  war  am  Wiener  Hofe  kein  Wort
mehr  schlecht  genug.  Der  Mäcenas  der  deutschen  Schöngeister,  höhnte  man
dort,  sei  jetzt  zum  Protektor  der  deutschen  Meuchelmörder  geworden;  einzelne
  Heißsporne  erinnerten  bereits  an  das  Schicksal  Johann  Friedrichs.
Der  tapfere  Fürst  hielt  aus  so  lange  es  anging;  er  dachte  in  diesem  Frühjahr
  sogar  daran,  den  gefürchteten  Gagern  zu  seinem  Bundesgesandten
zu  ernennen,  was  ihm  General  Wolzogen  noch  glücklich  ausredete)
Mittlerweile  kamen  ernste  Mahnungen  aus  Rußland,  offenbare  Drohungen
aus  Osterreich.  Auf  der  Reise  nach  Karlsbad  erklärte  Metternich  einem
Staatsmanne  der  kleinen  Höfe  rund  heraus:  der  einzige  Rechtsgrund  für
den  Bestand  der  kleinen  Bundesstaaten  sei  die  Bundesakte,  nur  als

 

*)  Cruickshanks  Bericht,  10.  Juli  1819.
**)  Goltzs  Bericht,  25.  Mai  1819.
        <pb n="548" />
        540  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Bundesglieder  hätten  sie  die  Anerkennung  der  europäischen  Mächte  erhalten,
durch  Felonie  gegen  den  Bund  würden  sie  ihr  Dasein  verwirken.  So
gewiß  diese  frivole  Rechtsansicht  dem  völkerrechtlichen  Charakter  des  deutschen
Staatenbundes,  der  so  oft  und  feierlich  anerkannten  Souveränität  aller
deutschen  Fürsten  ins  Gesicht  schlug:  Karl  August  wußte  wohl,  was  er
von  seiner  Souveränität  zu  halten  hatte,  er  war  der  Tor  nicht,  mit  dem
papierenen  Schwerte  eines  Bundesverfassungsparagraphen  den  Macht—
kampf  gegen  den  erklärten  Willen  aller  größeren  Bundesstaaten  aufzu—
nehmen.  Noch  einmal,  am  Abend  seines  Lebens  bekam  er  die  Lüge  der
Kleinstaaterei,  die  ihn  sein  Tagelang  gepeinigt,  schwer  zu  empfinden;  er
mußte  schweigend  hinnehmen,  was  er  nicht  hindern  konnte  und  behielt  sich
nur  im  stillen  vor,  die  Karlsbader  Beschlüsse  so  mild  als  möglich  aus—
zuführen.  Nächst  Weimar  war  die  Kurie  der  freien  Städte  dem  Wiener
Hofe  hochverdächtig:  die  ehrenfesten  altväterischen  Senate  der  vier  Kom—
munen  verdankten  diesen  unverdienten  Ruf  dem  wackeren  bremischen
Bundesgesandten  Smidt,  der  zwar  für  die  Bundesverfassung  und  das
Haus  Osterreich  eine  aufrichtige  Bewunderung  hegte,  doch  immerhin  die
Ausführung  der  Versprechen  der  Bundesakte  ernstlich  wünschte  und  durch
seinen  bürgerlichen  Freimut  zuweilen  Anstoß  gab.

Gleich  den  kleinen  Höfen  blieb  auch  der  Bundestag  selbst  ohne  jede
Nachricht  von  dem  Karlsbader  Unternehmen;  er  war,  seit  den  Beratungen
über  die  Universitäten,  bei  der  Hofburg  ganz  in  Ungnade  gefallen,  und
Gentz  sagte  jetzt  selber  was  vor  kurzem  noch  als  Hochverrat  gegolten
hatte:  diese  Versammlung  sei  um  nichts  besser  als  der  Regensburger
Reichstag.  Sogar  Graf  Buol  durfte  nichts  erfahren,  und  der  unglückliche
  Goltz  mußte  wieder  dieselbe  Rolle  spielen,  wie  einst  im  Frühjahr
1813,  als  er  mit  seiner  Regierungskommission  in  Berlin  unter  den  französischen
  Truppen  saß,  derweil  der  König  in  Breslau  den  Krieg  gegen
Frankreich  vorbereitete.  Nur  gerüchtweise  verlautete  in  Frankfurt,  die
Badekur,  welche  heuer  so  viele  deutsche  Minister  nach  Karlsbad  führte,
könne  vielleicht  auch  politische  Besprechungen  veranlassen.

Noch  am  31.  Juli  sendete  Smidt  seinem  Senate  eine  unschuldige
Denkschrift  über  die  Aufgabe,  welche  sich  Deutschlands  Staatsmänner  auf
den  Karlsbader  Besprechungen  stellen  sollten.  Auch  er  hielt  es  für  geboten,
die  aufgeregte  öffentliche  Meinung  zu  beschwichtigen,  doch  er  wollte  „die
deutschen  Völker“  mit  den  bestehenden  Zuständen  versöhnen,  damit  sie  nicht
immer  von  neuem  durch  den  Anblick  der  politischen  und  wirtschaftlichen
Wohlfahrt  des  besiegten  Frankreichs  erbittert  würden,  und  empfahl  daher
dem  Bundestage  eine  rege  gemeinnützige  Tätigkeit,  wie  der  Bund  sie  bereits
bei  der  Organisation  des  Bundesheeres,  das  nur  leider  noch  gar  nicht
bestand,  bewährt  habe.  Smidt  hoffte,  daß  der  Bundestag  sich  der  Aufhebung
  der  deutschen  Binnenmauten  schrittweise  nähern  werde,  warnte  aber
sorglich  vor  übertriebenen  Hoffnungen,  damit  Osterreich,  das  des  deutschen
        <pb n="549" />
        Demagogenverfolgung  in  Berlin.  541

Marktes  kaum  bedürfe,  sich  uns  ja  nicht  entfremde;  er  hoffte  auf  ein  Bundesgericht,
  auf  eine  gemeinsame,  durch  eine  diplomatische  Kommission  des
Bundestags  geleitete  auswärtige  Politik,  und  was  der  frommen  Wünsche
mehr  war.  So  wenig  ahnte  er,  was  Metternich  im  Schilde  führte.

Welch  ein  bedeutsamer  Gegensatz!  Hier  die  gestaltlosen  föderalistischen
  Träume  eines  redlichen  Patrioten,  der,  in  seiner  heimischen  Republik
  das  Muster  eines  umsichtigen  praktischen  Staatsmannes,  von  der
unverbesserlichen  Nichtigkeit  des  Deutschen  Bundes  mit  kindlichem  Vertrauen
  das  Unmögliche  erwartete;  dort  der  Zynismus  einer  undeutschen
Politik,  welche  die  Ruhe  der  Völker  durch  polizeilichen  Druck  zu  erzwingen
dachte,  aber  ihr  geheimes  Ziel  mit  durchtriebener  Schlauheit  und  klarer
Berechnung  verfolgte.  In  einem  solchen  Wettstreit  konnte  der  Sieg  nicht
zweifelhaft  sein,  selbst  wenn  die  Ungleichheit  der  Macht  weniger  lächerlich
gewesen  wäre.  Der  hanseatische  Staatsmann  ließ  sich's  nicht  träumen,
daß  seine  harmlose  Denkschrift  dem  Wiener  Hofe  verraten  und  dort,
trotz  der  so  brünstig  beteuerten  Unterwürfigkeit  gegen  das  Haus  Osterreich,
  als  ein  neuer  Beweis  demagogischer  Gesinnung  übel  vermerkt  wurde.
Vor  diesen  kleinen  Genossen  hatten  die  neun  verschworenen  Höfe  sich  nicht
zu  scheuen,  und  triumphierend  verkündete  Gentz  seinem  Freunde  Pilat,  als
Metternich  in  Karlsbad  anlangte:  ein  ungeheurer  Moment  in  der  deut—
schen  Geschichte  sei  eingetreten!  —

Mittlerweile,  im  Laufe  des  Juli,  erfolgten  in  Berlin  und  Bonn  die
ersten  Verhaftungen  und  Haussuchungen;  am  13.  erstattete  Geh.  Rat
Kamptz  dem  Staatskanzler  Bericht  über  das  Ergebnis.“)  Plump  und  roh,
mit  frevelhafter  Leichtfertigkeit  hatte  er  seine  Meute  gegen  alle  losge—
lassen,  die  nur  möglicherweise  in  einer  entfernten  Beziehung  zu  der  Burschen—
schaft  stehen  konnten.  Und  doch  blieb  die  Zahl  der  verhafteten  namhaften
Männer  sehr  gering;  denn  Metternich  log  mit  Bewußtsein,  wenn  er
Preußen  als  die  Brutstätte  der  revolutionären  Pläne  bezeichnete.  Gerade
die  preußischen  Universitäten  waren  an  der  teutonischen  Bewegung  nur
wenig  beteiligt.  Was  der  Osterreicher  mit  seinem  preußischen  Anhang
verfolgte,  war  nicht  die  revolutionäre  Gesinnung,  sondern  der  deutsche
Nationalstolz,  und  dieser  fand  allerdings  an  Preußens  Volk,  Heer  und
Beamtentum  den  stärksten  Rückhalt.  In  Berlin  war  Jahn  das  erste
Opfer;  er  wurde  nach  Spandau,  dann  nach  Küstrin  auf  die  Festung  gebracht
  und  hatte  einen  schweren  Stand,  weil  sich  in  den  Papieren  der
verhafteten  Studenten  und  Schüler  die  „Goldsprüchlein“  sowie  andere
närrische,  für  ängstliche  Subalternbeamte  hochbedenkliche  Herzensergüsse
des  Turnvaters  vorfanden.

Da  der  Staat  in  Gefahr  sein  sollte,  so  galt  das  Erbrechen,  das
Perlustrieren  der  Briefe,  wie  der  amtliche  Ausdruck  lautete,  für  erlaubt.

 

*)  Hardenbergs  Tagebuch,  13.  Juli  1819.
        <pb n="550" />
        542  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Eine  ganze  Schar  junger  Leute  ward  monatelang  wegen  einzelner  törichten
  oder  auch  ganz  harmlosen  brieflichen  Außerungen  von  einem
Verhör  in  das  andere  geschleppt.  So  mußten  die  beiden  Schweizer
Studenten  Ulrich  und  von  Wyß  eine  lange  Untersuchung  aushalten,  weil
sich  in  einem  ihrer  Briefe  die  Bemerkung  fand,  Sands  Tat  werde
der  guten  Sache  schaden.  Unter  der  guten  Sache  konnte  ja  nur  eine  demagogische
  Verschwörung  gemeint  sein;  auf  die  Frage  der  Angeklagten,  was
man  denn  eigentlich  unter  „demagogisch“  verstehe,  gab  der  Untersuchungsrichter,
  ein  blutjunger  Referendar,  die  Antwort:  demagogisch  heißt  jedes
gewaltsame  Hervorrufen  einer  Verfassung.  Auch  einer  der  angesehensten
Bürger  Berlins,  der  Buchhändler  G.  A.  Reimer,  ein  Geschäftsmann
großen  Stils,  kühn  im  Wagen  und  klug  im  Rechnen,  einer  der  ersten
Vertreter  der  wiedererwachenden  wirtschaftlichen  Tatkraft  des  deutschen
Bürgertums,  mußte  eine  Haussuchung  über  sich  ergehen  lassen,  weil  er
mit  Niebuhr,  Eichhorn,  Schleiermacher  nahe  befreundet  war  und  die
Turnfreunde  in  seinem  gastlichen  Hause  viel  verkehrten.  Grano  und
Dambach  beteiligten  sich  persönlich  an  dem  wichtigen  Geschäfte.  Reimer
selbst  war  gerade  verreist,  und  da  Eichhorn  als  Freund  des  Hauses  sich
der  Frau  tapfer  annahm,  die  Kommission  zur  Vorzeigung  ihrer  Vollmacht
zwang,  so  rächten  sich  diese  Subalternen  durch  einen  unverschämten  Bericht,
  worin  sie  deutlich  zu  verstehen  gaben,  der  pp.  Eichhorn  —  einer
der  ersten  Beamten  der  Monarchie  —  möchte  wohl  auch  mit  zu  der
Verschwörung  gehören.  In  Reimers  Papieren  fanden  sich  einige  Briefe
Schleiermachers  aus  der  Zeit  des  Tilsiter  Friedens,  die  von  einer  nahenden
  Volkserhebung  sprachen,  und  diese  gegen  die  Fremdherrschaft  gerichteten
  Worte  genügten,  um  auch  den  großen  Theologen  verdächtig  erscheinen
  zu  lassen.  Seine  Predigten  wurden  während  der  nächsten  Monate
polizeilich  überwacht.  Spione  zeichneten  auf,  wie  er  von  der  Befreiung
aller  geistigen  Kräfte  des  Menschen,  die  wir  der  Lehre  Christi  verdanken,
sprach,  wie  die  Gemeinde  sang:  „Lobsingt!  Nun  hat  er  schon  Am  Holz
ein  Fluch  gehangen!“  —  und  wie  endlich  gar  „vier  mit  Bärten  verschene
  Shidenten  nach  erhaltenem  Abendmahl  knieend  scheinbar  inbrünstig
eteten“.

Kamptz  trug  kein  Bedenken,  zahlreiche,  zum  Teil  entstellte,  Sätze
aus  den  Briefen  der  Verhafteten  sofort  zu  veröffentlichen,  obwohl  er  zu
den  eifrigsten  Verteidigern  des  geheimen  Gerichtsverfahrens  zählte;  er
schrieb  in  die  Vossische  Zeitung  einen  so  beleidigenden  Artikel  über  Jahns
Verhaftung,  daß  der  Gefangene  eine  Verleumdungsklage  anstrengte,  die

 

*)  Aufzeichnung  des  Stud.  von  Wyß  über  seine  Verhaftung  am  7.  Juli;  Bericht  der
Kommissare  Grano,  Dambach,  Eckert  über  die  Haussuchung  bei  G.  A.  Reimer,  11.  Juli;
Polizeibericht  an  den  Polizeidirektor  von  Le  Coq,  14.  Nov.  1819  f.  Diese  und  andere
Papiere  zur  Geschichte  der  Demagogenverfolgung  verdanke  ich  Hrn.  G.  Reimer  in  Berlin.
Einiges  Nähere  in  den  Preuß.  Jahrbüchern,  Juli  1879.
        <pb n="551" />
        Arndt  und  die  Brüder  Welcker.  543

nur  durch  die  Erhebung  des  Kompetenzkonflikts  unterdrückt  werden  konnte;
er  suchte  sogar  in  den  „Jahrbüchern  der  Gesetzgebung“  die  preußischen
Richter  darüber  zu  belehren,  daß  sie,  selbst  wenn  nur  verbrecherische
Theorien  vorlägen,  auf  Hochverrat  erkennen  müßten.  Der  ehrliche
Stägemann  mußte  die  Spalten  seiner  Staatszeitung  den  lächerlichsten
Enthüllungen  öffnen  und  tröstete  sich,  wie  manche  andere  rechtschaffene
Beamte,  mit  der  Meinung:  ganz  grundlos  könne  der  Verdacht  doch  nicht
sein,  sonst  würden  die  höchsten  Polizeibehörden  nicht  so  bestimmt  reden.
Da  stand  denn  zu  lesen,  daß  ein  sechzehnjähriger  Gymnasiast  die  gräßliche
  Außerung  getan:  „o  braver  Sand,  du  wußtest  nicht,  welche  Heuochsen
  wir  waren;“  derselbe  junge  Teufel,  der  sich  offenbar  soeben  an
Schillers  Räubern  berauscht,  hatte  auch  geschrieben:  „an  jedem  Baume
zwischen  hier  und  Charlottenburg  sollte  mir  Einer  hängen;  o  ich  wollte
mir  Luft  machen“  —  und  weiter:  „alle  achtunddreißig  zu  töten  ist  ein
leichtes  Ding,  ein  Werk  des  Augenblicks“  —  wozu  die  Staatszeitung
weise  bemerkte,  damit  seien  offenbar  die  durchlauchtigen  Souveräne  des
Deutschen  Bundes  gemeint.  Und  diese  schimpflichen  Albernheiten  standen
in  dem  amtlichen  Blatte  der  Monarchie  dicht  neben  vortrefflichen  Aufsätzen,
welche  die  Einsicht  einer  wohlwollenden  und  gerechten  Regierung  bekundeten.
Wenn  die  Affenbosheit  niedriger  Handlanger  diesen  glorreichen  Staat  also
dem  allgemeinen  Hohngelächter  preisgeben  durfte,  was  Wunder,  daß  die
öffentliche  Meinung  zu  hoffen  verlernte?  Der  preußische  Staat  glich  einem
von  einer  fixen  Idee  ergriffenen,  doch  im  übrigen  gesunden  Geiste;  in
allen  Zweigen  der  Verwaltung  wurden  die  alten  ehrenhaften  Traditionen
gewahrt,  nur  gegen  die  Demagogen  erhielten  die  verworfenen  Elemente
des  Beamtentums  freies  Spiel.

Am  Rhein  hatte  sich  Kamptz  mit  dem  Instinkt  der  Gemeinheit  gerade
die  Männer  ausgesucht,  welche  den  preußisch-deutschen  Geist  in  der  schwierigen
  Provinz  vertraten.  So  ward  in  Köln  der  Prokurator  L.  von  Mühlenfels
  verhaftet,  ein  schwärmerischer  Patriot,  der  seinen  verwegenen  Mut
bei  Dennewitz  bewährt  hatte;  er  war  mit  den  Gebrüdern  Follen  bekannt,
aber  nie  in  ihre  geheimsten  Pläne  eingeweiht  worden.  Gleichzeitig  ward
in  Bonn  bei  Arndt  und  den  Brüdern  Welcker  Haussuchung  gehalten.
Umsonst  verbürgte  sich  Humboldt  für  die  Unschuld  seines  jungen  Freundes,
des  Philologen  F.  G.  Welcker,  und  legte  dem  Staatskanzler  ans  Herz,
wie  leicht  die  junge  Hochschule  untergehen  könne,  wenn  man  ihre  soeben
erst  ehrenvoll  berufenen  neuen  Lehrer  so  leichtfertig  blosstelle.  Der
vornehme,  sinnige  Kunstforscher  F.  G.  Welcker  hatte  schon  in  Gießen
durch  seine  nationale  Begeisterung  den  Zorn  der  Rheinbündner  erregt,
er  war  dann  als  Göttinger  Professor  durch  Kamptz  bei  der  hannoverschen
Regierung  denunziert  worden  und  mußte  jetzt  noch  sechs  Jahre  warten,

 

*)  Humboldt  an  Hardenberg,  20.  Juli  1819.
        <pb n="552" />
        544  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

bis  Minister  Schuckmann  ihm  erklärte,  daß  die  Untersuchung  gar  nichts
ergeben  hätte.

Grausamer  war  Arndts  Schicksal.  Wer  in  einem  Zeitalter  anonymer
  Publizistik  den  Mut  hat,  mit  offenem  Visier  seine  politische
Meinung  zu  verteidigen,  kann  auf  die  Dauer  einem  ungeheuren  Hasse
nicht  entgehen.  Sobald  die  Bonner  Haussuchungen  ruchbar  wurden,
gerieten  die  zahllosen  Feinde,  die  sich  der  Tapfere  bei  allen  Parteien  erworben
  hatte,  in  geschäftige  Bewegung,  seine  Wanderfahrten  im  Dienst
des  Vaterlandes  wurden  dem  Monarchen  als  Beweise  abenteuerlicher
Unstetigkeit  verdächtigt,  und  der  König,  der  noch  lange  von  dem  Dasein
eines  alle  Ordnung  der  Gesellschaft  bedrohenden  Geheimbundes  fest  überzeugt
  blieb,  untersagte  ihm  vorläufig  die  Fortsetzung  seiner  Kollegien.  Der
Mann,  der  einst  zuerst  für  die  Wiedereroberung  des  deutschen  Flusses
seine  Stimme  erhoben  hatte,  empfand  es  als  „eine  fürchterliche  Ironie“,
daß  er  hier  am  befreiten  Rheinstrom  das  Opfer  eines  außerordentlichen
Gerichtsverfahrens  werden  mußte.  Er  schrieb  dem  Staatskanzler:  „als
einen  Schelm  und  Verräter,  als  einen  feigen  Knecht,  der  das  Unrecht
Recht  nennt,  sollen  sie  mich  wahrlich  nicht  finden.“  Noch  zwei  Jahrzehnte
  hindurch  sollte  er  unter  einer  Ungerechtigkeit  leiden,  die  von  allen
Sünden  dieser  Demagogenjagd  die  häßlichste  bleibt.  Bald  wagte  sich  der
Spüreifer  der  Werkzeuge  Kamptzs  selbst  an  die  Vertrauten  des  Staatskanzlers.
  Der  unaufhaltsame  Grano  erschien  selber  am  Rhein  um
Dorows  Papiere  zu  durchsuchen.  Auch  Justus  Gruner,  der  tödlich  erkrankt
  in  Wiesbaden  Heilung  suchte,  empfing  den  Besuch  des  Spürers
und  sah  die  letzten  Tage  seines  kurzen  Lebens  durch  eine  Kränkung  getrübt,
  die  den  leidenschaftlichen  Mann  aufs  Tiefste  empörte.

Daß  Hardenberg  an  alle  Märchen  der  Demagogenjäger  geglaubt
haben  sollte,  scheint  undenkbar.  Der  alte  Herr  zeigte  auch  jetzt  noch  zuweilen
  sein  dankbares  Herz,  unterstützte  die  Frau  des  unglücklichen  Jahn
dem  während  seiner  langen  Haft  zwei  Kinder  starben,  und  schrieb  freundschaftlich
  an  Dorow:  er  möge  nur  getrost  seine  Geheimnisse  aufdecken
dann  werde  seine  Unschuld  schon  an  den  Tag  kommen.  Doch  findet  sich
selbst  in  Hardenbergs  vertrauten  Briefen  kein  Wort  des  Bedauerns  oder
des  Zweifels,  vielmehr  eine  Menge  scharfer  Außerungen  gegen  die  Ruchlosigkeit
  der  Demagogen.  Auch  er  war  durch  Wittgenstein,  den  er  ja  für
seinen  treuen  Freund  ansah,  überzeugt  worden,  er  glaubte  an  eine  schwere
Staatsgefahr,  wenngleich  er  nicht  jeden  Schritt  der  Verfolger  billigen
mochte;  und  es  ist  nicht  richtig  was  seine  Panegyriker  Benzenberg  und
B.  Constant  späterhin  behaupteten,  daß  er  sich  nur  zum  Scheine  an  die
Spitze  der  reaktionären  Partei  gestellt  habe.  Seine  Verfassungspläne  hielt
er  noch  immer  fest,  aber  sie  konnten  nur  verwirklicht  werden,  wenn  der
König  über  die  Sicherheit  des  Staates  vollständig  beruhigt  war.

Die  älteren  Männer  unter  den  Verfolgten  ertrugen  ihr  Geschick  mit
        <pb n="553" />
        Erbitterung  in  Preußen.  545

einer  ruhigen  Würde,  welche  allein  schon  den  Ungrund  der  Verdächtigung
hätte  dartun  können.  Weder  Arndt  noch  F.  G.  Welcker  und  Mühlen—
fels  ließen  sich  durch  die  erlittene  Unbill  jemals  in  ihrer  monarchischen
Gesinnung,  ihrer  preußischen  Treue  beirren;  mit  unverwüstlicher  Tapferkeit
predigte  Reimer,  aller  Kränkungen  ungeachtet,  seinem  krankhaft  verstimmten
Freunde  Niebuhr  Mut  und  Vertrauen.“)  Nur  der  heißblütige  Karl
Theodor  Welcker,  ein  unbedingter  Bewunderer  des  Repräsentativsystems,
der  schon  beim  Zusammentritt  des  Wiener  Kongresses  in  einer  Rede  über
„Deutschlands  Freiheit“  ein  deutsches  Parlament  gefordert  hatte,  bildete
sich  nach  solchen  Erfahrungen,  menschlich  genug,  ein  gehässiges  Urteil
über  den  preußischen  Staat,  das  bei  den  Liberalen  des  Südwestens  nur
zu  williges  Gehör  fand.  Von  den  Jüngeren  dagegen  wurden  viele  erst
durch  die  Verfolgung  dem  Radikalismus  zugetrieben,  manche  in  der  Blüte
des  Lebens  geknickt,  andere  endlich  dem  Vaterlande  gewaltsam  entfremdet,
so  Franz  Lieber,  der  nach  langen  Irrfahrten  in  Amerika  eine  neue  Hei—
mat  fand  und  dort  mit  dem  ganzen  Gedankenreichtum  der  deutschen
historischen  Rechtsschule  das  Ideal  der  Bundesrepublik  verherrlichte,  der
geistvollste  unter  allen  Publizisten  der  modernen  Demokratie.

Für  Preußen  und  sein  Verhältnis  zur  Nation  ward  der  Unsinn  dieser
Demagogenverfolgung  wahrhaft  verhängnisvoll,  obwohl  die  Mehrheit  am
Bundestage  die  heilsame  Strenge  der  preußischen  Regierung  mit  unter—
tänigem  Danke  anerkannte.)  Wörtlich  erfüllte  sich  was  Niebuhr
weissagte:  „welches  Leben  ohne  Liebe,  ohne  Patriotismus,  ohne  Freude,
voll  Mißmut  und  Groll  entsteht  aus  solchen  Verhältnissen  zwischen
Untertanen  und  Regierungen!“  Hatten  die  partikularistischen  Liberalen
die  preußische  Monarchie  bisher  schon  ohne  Grund  verunglimpft,  so  stürzten
sie  sich  jetzt  vollends  mit  urkräftigem  Behagen  auf  die  offene  Wunde  am
Leibe  des  deutschen  Staats.  Da  die  Deutsch-Osterreicher  der  nationalen
Bewegung  vollkommen  fremd  blieben  und  Metternich  mithin  wenig  Gelegenheit
  zu  Verhaftungen  fand,  so  galt  Preußen  nunmehr  als  die  Macht  der
Finsternis  im  deutschen  Leben,  und  in  den  Köpfen  der  selbstgefälligen
Konstitutionellen  des  Südwestens  nistete  sich  ein  Vorurteil  ein,  das,  wie
töricht  immer,  doch  eine  reale  Macht,  ein  schweres  Hindernis  unserer
politischen  Entwicklung  geworden  ist.  Das  völlig  nichtige  Ergebnis  der
Untersuchungen  gegen  Arndt  und  Jahn  rief  nachher  natürlich  die  Meinung
hervor,  als  wäre  überhaupt  gar  kein  Grund  zu  polizeilichem  Einschreiten
vorhanden  gewesen.  Und  doch  hatte  man  mindestens  einen  wirklichen
Verschwörer  ergriffen,  Adolf  Follen  in  Elberfeld.  Bei  ihm  fand  sich  auch
jener  Entwurf  für  die  Verfassung  der  deutschen  Republik;  doch  er  ver- 



*)  Den  Briefwechsel  von  G.  A.  Reimer  und  Niebuhr  habe  ich  mitgeteilt  in  den
Preuß.  Jahrbüchern,  August  1876.
**)  Goltzs  Bericht,  20.  Juli  1819.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  U.  35
        <pb n="554" />
        546  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

stand,  während  so  viele  Unschuldige  leiden  mußten,  seine  Untersuchungs—
richter  mit  der  Gewissenlosigkeit  des  Unbedingten  zu  täuschen.  —

Immer  lauter  ward  das  Gerücht,  daß  die  Karlsbader  Versammlung
den  deutschen  Landtagen  feste  Formen  und  Schranken  vorschreiben  werde.
Um  dieser  Gefahr  vorzubeugen  versuchten  noch  in  der  zwölften  Stunde
zu  gleicher  Zeit  zwei  Souveräne  ihre  Verfassung  selbständig  zu  ordnen.
Die  Fürstin-Vormünderin  Pauline  von  Lippe-Detmold,  eine  der  geist—
reichsten  Frauen  ihrer  Zeit,  lebte  seit  langem  in  Streit  mit  ihren  Ständen,
weil  sie  den  alten  aus  32  Rittern  und  7  Städtern  bestehenden  Landtag
umgestalten  und  jedem  der  drei  Stände  die  gleiche  Stimmenzahl  gewähren
wollte.  Sie  war  die  Wohltäterin  ihres  Ländchens,  hatte  die  Bürger  und
Bauern  Mann  für  Mann  auf  ihrer  Seite  und  redete  mit  einer  Unbe—
fangenheit,  die  in  Wien  übel  vermerkt  ward,  von  dem  natürlichen  Rechte
der  Völker  auf  Vertretung  aller  Klassen.  Mit  dem  positiven  Rechte  aber
nahm  sie  es  nach  Frauenart  nicht  genau;  auch  sie  war,  wie  weiland  König
Friedrich  von  Württemberg,  durch  den  Untergang  des  heiligen  Reichs  mit
einem  mächtigen  Souveränitätsgefühle  erfüllt  worden  und  meinte,  seit  sie
die  kaiserliche  Majestät  nicht  mehr  zu  fürchten  hatte,  auch  an  die  Landesverträge
  nicht  länger  gebunden  zu  sein.  Die  alten  Stände  widerstanden
hier  ebenso  zäh  wie  in  Württemberg  und  wendeten  sich  klagend  an  den
Bund;  Rat  Schlosser,  derselbe,  der  die  Rechtsverwahrungen  der  jülichclevischen
  Stände  verfaßt  hatte,  führte  ihnen  die  Feder.  Als  die  Karlsbader
  Konferenzen  herannahten,  ahnte  die  Fürstin  sogleich,  daß  die  dortigen
  Beschlüsse  ihren  liberalen  Ansichten  wenig  entsprechen  würden,  und
rasch  entschlossen  verkündete  sie  am  6.  Juni  ihrem  Lande  eine  neue  Verfassung.
  Aber  der  liberale  Staatsstreich  mißlang.  Unterstützt  von  dem
Bückeburger  Fürsten,  der  eine  Mit-Landesherrschaft  behauptete,  erschienen
die  alten  Stände  alsbald  wieder  beim  Bunde.  Nach  einer  tiefgeheimen
Beratung,  wobei  Wangenheim  die  ganze  Fülle  seiner  konstitutionellen
Gelehrsamkeit  entfaltete,  beschloß  der  Bundestag  den  Streitenden  seine
Vermittlung  anzubieten  und  forderte  die  Fürstin  auf,  die  Ausführung
ihres  neuen  Grundgesetzes  einstweilen  einzustellen.  Dies  „Einstweilen“
währte  bis  zum  Jahre  1836;  da  kam  endlich,  aber  ohne  Mitwirkung  des
Bundestags,  ein  Vergleich  zustande.

Glücklicher  fuhr  der  König  von  Württemberg.  Wer  hätte  auch  die
krummen  Wege  dieses  Meisters  der  Falschheit  berechnen  und  durchkreuzen
können?  König  Wilhelm  hatte  einst  zuerst  den  Gedanken  aufgebracht,
daß  der  Bund  den  Ansprüchen  der  Landstände  eine  feste  Schranke  setzen
solle;  er  hatte,  als  er  die  Verhandlungen  mit  seinem  Landtage  abbrach,
ausdrücklich  erklärt,  zunächst  wolle  er  die  Beschlüsse  des  Bundestags  über
die  Rechte  der  deutschen  Kammern  abwarten,  und  seitdem  war  er  von
diesem  Herzenswunsche  nicht  zurückgekommen.  Sein  neuer  Premierminister
von  Maucler  schulte  das  Beamtentum,  ähnlich  wie  Zentner  in  Bayern,
        <pb n="555" />
        Verfassungskämpfe  in  Detmold  und  Württemberg.  547

zu  einer  streng  gehorsamen,  unbedingt  abhängigen  „Garde“,  wie  die  Libe—
ralen  höhnten;  auch  der  einflußreiche  Geh.  Rat  von  Gros,  der  sich  früher
als  Erlanger  Professor  der  besonderen  Gunst  Hardenbergs  erfreut  hatte,
war  ein  gescheiter  Bureaukrat  von  der  aufgeklärten  rheinbündischen  Art.
Graf  Wintzingerode  endlich,  der  Sohn  des  Ministers  Friedrichs  I.,  der
soeben  in  das  Auswärtige  Amt  berufen  wurde,  hatte  sich  als  Gesandter
in  Wien  durch  seine  Gradheit  und  streng  monarchische  Gesinnung  das
volle  Vertrauen  Metternichs  erworben.“)  Alles  an  dieser  Regierung  trug
das  Gepräge  eines  strengen  und  verständigen  Absolutismus.  Die  lärmende
Freiheit  der  Studenten  schien  dem  soldatischen  Monarchen  entsetzlich,  und
Wintzingerode  erwog  bereits  mit  ihm  die  Frage,  ob  man  nicht  der  Tübinger
Universität  eine  neue  Karlsschule  mit  halb  militärischer  Zucht  an  die  Seite
setzen  solle.  Daher  war  ihm  die  Einladung  zu  den  Karlsbader  Konferenzen
keineswegs  unwillkommen.  Aber  andererseits  wollte  er  doch  den  Namen
des  liberalsten  deutschen  Fürsten  nicht  verlieren  und  sein  Verfassungswerk
als  souveräner  Herr,  unbelästigt  durch  den  Bund,  zu  Stande  bringen.
Seit  zwei  Jahren  befand  er  sich  wohl  bei  einem  Doppelspiele,  das
seiner  ränkesüchtigen  Natur  allmählich  zum  Bedürfnis  wurde.  Er  gewährte
seiner  Presse  volle  Freiheit  gegen  den  Bund  und  die  Großmächte,  nur
wider  ihn  selber  durfte  sie  nichts  sagen.  Er  ließ  in  Frankfurt  durch
Wangenheim,  den  begeisterten  Verehrer  des  Bundesrechts,  die  Gedanken
des  liberalen  Föderalismus  vertreten,  und  wenn  es  der  Heißsporn  zu
arg  trieb,  dann  mußte  Wintzingerode,  der  seinerseits  die  Bundesakte
für  „eine  widersinnige  Konzeption"  hielt,  ihn  bei  der  Hofburg  entschuldigen
und  die  hochkonservativen  Ansichten  des  Königs  beteuern.  Wie  erfolgreich
  ließ  sich  diese  machiavellistische  Politik  jetzt  fortführen,  wenn  man
gleichzeitig  mit  den  Karlsbader  Konferenzen  die  Verfassungsberatungen
von  neuem  aufnahm.  Dann  konnten  die  Landstände  durch  die  Angst  vor
den  Karlsbader  Beschlüssen  nachgiebig  gestimmt  werden;  und  wenn  in
Karlsbad  ein  Vorschlag  auftauchte,  der  den  Interessen  des  Stuttgarter
Hofes  zuwiderlief,  so  mochte  sich  der  württembergische  Bevollmächtigte  hinter
den  Landtag  verschanzen  und  wehmütig  versichern,  dergleichen  sei  bei  den
hartköpfigen  Schwaben  nicht  durchzusetzen.  So  wurde  zugleich  der  Trotz
der  Altrechtler  gebrochen  und  dem  Könige  sein  liberaler  Ruf  gerettet.
Nicht  ohne  Geschick  ward  diese  politische  Falle  eingerichtet.  Am
10.  Juni  überraschte  der  König  sein  Land  durch  die  Ausschreibung  neuer
Wahlen,  am  13.  Juli  trat  der  Landtag  in  Ludwigsburg  zusammen.
Welch  ein  Umschlag  der  Stimmungen  seit  zwei  Jahren!  Die  im  ganzen
wohltätige  Wirksamkeit  der  königlichen  Diktatur  hatte  manchen  hitzigen
Altrechtler  versöhnt,  das  Mißtrauen  gegen  die  Krone  gemildert.  Die  Torheit
  des  verstockten  Widerstandes  der  alten  Stände  war  jetzt  vielen  klar

 

*)  Krusemarks  Bericht,  4.  Juni  1819.
355
        <pb n="556" />
        548  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

geworden;  alle  aber  beherrschte,  wie  der  Abgeordnete  Schott  offen  aus—
sprach,  die  Furcht  vor  den  drohenden  Karlsbader  Beschlüssen,  die  so  leicht
„das  kostbarste  Recht  des  Landes,  den  freien  Vertrag  gefährden  könnten.“
Auf  diesen  Eckstein  schwäbischer  Freiheit  beschränkten  sich  jetzt  die  Hoff—
nungen  der  Ernüchterten;  wenn  nur  die  neue  Ordnung  vertragsmäßig
zustande  kam,  so  war  man  bereit  im  einzelnen  nachzugeben.  Ohne
einen  vereinbarten  Grundvertrag  konnten  sich  die  Alt-Württemberger,  die
so  lange  unter  dem  Schutze  des  Tübinger  Vertrags  und  des  Erbver—
gleichs  gelebt,  die  politische  Freiheit  nicht  vorstellen;  recht  nach  dem  Herzen
seiner  Landsleute  hatte  Schiller  gesungen:

Und  über  jedem  Hause,  jedem  Thron
Schwebt  der  Vertrag  wie  eine  Cherubswache.

Mehrere  Führer  der  alten  Opposition,  Waldeck,  Massenbach,  Bolley,
erschienen  in  dem  neuen  Landtage  nicht  wieder;  andere,  wie  der  welt—
kluge  Weishaar  hatten  sich  inzwischen  der  Regierung  angeschlossen.  Um
seine  Volksvertreter  vor  Verführung  zu  sichern,  ließ  der  König  den  eifrigen
Altrechtler  Paulus,  der  auf  Besuch  in  sein  Heimatland  gekommen  war,
kurzerhand  ausweisen.  Der  Todfeind  der  württembergischen  Schreiber,
der  freimütige  F.  List,  wurde  durch  ein  ungemein  einfaches  Verfahren
von  dem  Landtage  ausgeschlossen.  Da  er  am  Tage  der  Wahl  sein  drei—
ßigstes  Lebensjahr  noch  nicht  ganz  vollendet  hatte,  so  erklärte  das  Oberamt
Reutlingen,  auf  Befehl  der  Regierung,  seinen  Wählern  kurzweg:  ihre
Stimmzettel  seien  ungültig,  es  solle  ihnen  aber  gestattet  werden  „am
nächsten  Montag  frisch  zu  wählen“.“)  Als  er  darauf,  nunmehr  unzweifelhaft
  wählbar,  in  einem  anderen  Bezirke  gewählt  werden  sollte,
verwickelte  man  ihn  in  eine  Untersuchung  wegen  der  revolutionären
Sprache  seines  Wahlaufrufs,  und  so  gelang  es,  den  unbequemen  Mann
während  des  ganzen  Landtags  fern  zu  halten.  Die  Vorsicht  war  kaum
nötig;  denn  die  Oligarchie  der  Altrechtler  hatte  bereits  in  der  Stille
ihren  Frieden  mit  dem  Ministerium  geschlossen.  Die  Versammlung  be—
gann  sogleich  mit  Beweisen  der  Ergebenheit,  welche  von  dem  alten
Trotze  seltsam  abstachen  und  wenig  geeignet  waren  den  Monarchen  von
seiner  zynischen  Menschenverachtung  zu  heilen.  Sie  dankte  dem  Könige,
weil  er  „von  neuem  den  Weg  des  Vertrages  betreten,  auf  dem  sich
von  jeher  die  Verfassung  des  Landes  entwickelt  hat,“  und  ernannte
alsbald  eine  Kommission  zur  Beratung  der  neuen  Verfassungsvorlage,
welche  sich  von  der  letzten,  verworfenen,  wesentlich  nur  durch  ihre  ge—
drängtere,  zweckmäßigere  Form  unterschied.  Am  2.  Sept.  erstattete  die
Kommission  ihren  Bericht,  und  hatte  der  alte  Landtag  durch  pedantische

 

*)  Erlaß  des  Oberamts  Reutlingen  an  den  Kupferschmied  Peter  Votteler  u.  A.,
10.  Juli  1819.
        <pb n="557" />
        Der  württembergische  Landtag.  549

Langsamkeit  gesündigt,  so  betrieb  der  neue  seine  Arbeit  in  rasender  Eile,
weil  er  den  Karlsbader  Beschlüssen  durch  eine  vollendete  Tatsache  zuvor—
kommen  wollte.

Schon  am  18.  September  war  die  Beratung  beendigt,  in  zwei
Tagen  hatte  man  121  Artikel  erledigt.  Das  früher  so  leidenschaftlich
bekämpfte  Zweikammersystem  wurde  jetzt  fast  ohne  Streit  angenommen,
weil  die  Frage  bereits  entschieden  sei  „durch  Verhältnisse,  deren  Berück—
sichtigung  unausweichlich  ist.“  Alle  Parteien  fühlten,  daß  man  den
von  dieser  Krone  so  ungerecht  behandelten  Mediatisierten  irgend  ein  Zu—
geständnis  bieten  müsse  um  gefährliche  Verhandlungen  am  Bundestage
zu  vermeiden.  Von  solcher  Furcht  beherrscht,  kam  man  dem  hohen  Adel
sogar  allzuweit  entgegen  und  gewährte  der  Krone  nur  das  Recht,  höchstens
ein  Drittel  der  Mitglieder  der  ersten  Kammer,  die  geheim  tagen  sollte,
zu  ernennen,  so  daß  unlösbare  Streitigkeiten  zwischen  den  beiden  Kammern
sehr  leicht  eintreten  konnten.  Auch  das  Idol  der  Altrechtler,  die  ständische
Steuerkasse  ward  nur  noch  von  Uhland  und  einer  kleinen  Minderzahl  matt
verteidigt.  Die  Mehrheit  hatte  inzwischen  gelernt,  daß  diese  altväterische
Institution  sich  mit  der  modernen  Staatseinheit  nicht  vertrug;  wir  wollen,
meinte  Schott,  keine  Feudal-,  sondern  eine  Repräsentativverfassung.  Bei
der  Schlußabstimmung  widersprach  niemand  mehr,  und  Uhland  fügte
seinem  Ja  die  feierlichen  Worte  hinzu:  „das  wesentliche  besteht,  vor  allem
jener  Urfels  unseres  alten  Rechts,  der  Vertrag.“  Eine  durch  F.  List  entworfene
  Adresse  von  Stuttgarter  Bürgern,  die  sich  scharf  gegen  das  übereilte
  Verfahren  der  Stände  aussprach,  ward  erst  nach  Schluß  der  Beratungen
  veröffentlicht.  Am  24.  September  unterzeichnete  der  König  den
neuen  Grundvertrag;  die  Verfassung  kam  noch  glücklich  unter  Dach,  einen
Augenblick  bevor  die  Karlsbader  Beschlüsse  im  Lande  bekannt  wurden.
Zwei  Tage  darauf  schrieb  König  Wilhelm  an  Kaiser  Franz,  der  ihn  vor
dem  Abschlusse  des  Verfassungswerks  gewarnt  hatte:  er  habe  nicht  anders
gekonnt,  wolle  aber  um  dem  Kaiser  gefällig  zu  sein  die  Einberufung  des
neuen  Landtags  noch  verschieben.

So  war  denn  endlich  verwirklicht  was  der  schwäbische  Dichter  so  oft
gefordert  hatte:  .

Daß  bei  dem  biedern  Volk  in  Schwaben

Das  Recht  besteht  und  der  Vertrag.
Die  politische  Brauchbarkeit  der  neuen  Verfassung  wurde  freilich  durch
diese  vertragsmäßige  Entstehung  keineswegs  erhöht.  Statt  eines  Werkes
aus  einem  Gusse  hatte  man  ein  mühseliges  Kompromiß  zustande  gebracht,
  das  viele  jetzt  nutzlose  oder  geradezu  unmögliche  Institutionen  des
altwürttembergischen  Ständewesens  mit  in  die  neue  Zeit  hinübernahm.
So  sollte  die  lutherische  Kirche  ihren  alten  reichen  Kirchenkasten  wieber
erhalten.  Die  untertänige  Kommission  nannte  diese  Bestimmung  „einen
der  schönsten  und  größten  Gedanken,  die  je  ein  Regent  faßte,"  und  er-
        <pb n="558" />
        550  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

klärte:  „mit  einer  Kritik  der  Vorschläge,  welche  von  dieser  Restitution  ab—
mahnen,  wollen  wir  den  gegenwärtigen  Augenblick  nicht  entweihen.“  Der
große  Gedanke  erwies  sich  aber  als  gänzlich  unausführbar,  da  die  Kirchengüter
  seit  Jahren  eingezogen  und  mit  dem  Kammergute  verschmolzen
waren.  So  sollte  ferner  neben  dem  Ministerium  noch  ein  Geheimer
Rat  bestehen,  die  Staatsschuldenkasse  durch  ständische  Beamte  verwaltet
werden,  ein  stehender  Ausschuß  des  Landtags  in  Stuttgart  tagen,  eine
kleine  ständische  Kasse  dem  Landtage,  aber  nur  für  seinen  eigenen  Auf—
wand,  zur  Verfügung  stehen  —  lauter  Uberbleibsel  von  altwürttembergischen
  Einrichtungen,  welche  die  moderne  Verwaltung  nur  erschweren
konnten  ohne  die  Macht  des  Landtags  zu  verstärken.  Für  die  Ohnmacht
der  zweiten  Kammer  hatte  der  schwäbische  Kirchturmsgeist  gesorgt.  Da
keines  der  64  Oberämter  auf  einen  eigenen  Vertreter  verzichten  wollte,
so  ergab  sich,  mit  den  Vertretern  der  Ritterschaft,  der  Geistlichkeit,  der
sieben  guten  Städte,  die  gewaltige  Zahl  von  vierundneunzig  Abgeordneten,
  deren  große  Mehrheit  notwendig  aus  harmlosen  Naturen  bestehen
  mußte.  König  Wilhelm  durfte  sich  mithin  der  angenehmen  Hoffnung
  hingeben,  daß  er  in  seinem  streng  zentralisierten  Staate  das  gewohnte
  stramm  bureaukratische  Regiment  auch  fürderhin  unbelästigt  werde
fortführen  können.  Die  Preßfreiheit  wurde  versprochen,  „jedoch  unter
Beobachtung  der  gegen  die  Mißbräuche  bestehenden  oder  künftig  zu  erlassenden
  Gesetze“.  Erst  aus  schmerzlichen  Erfahrungen  sollte  das  Volk
lernen,  daß  mit  solchen  hochtönenden  Verheißungen  allgemeiner  „Grundrechte“
  in  Wahrheit  gar  nichts  gesagt,  ja  selbst  die  Zensur  nicht  geradezu
beseitigt  war.  Zum  Uberfluß  bestimmte  der  Art.  3,  daß  alle  organischen
  Beschlüsse  des  Bundestags,  wie  billig,  auch  für  Württemberg  gelten
sollten.

Trotz  alledem  ließen  sich's  die  Württemberger  nicht  nehmen,  daß  ihr
Grundgesetz  das  freisinnigste  Deutschlands  sei.  Die  Verfassung  stand,
gleich  der  badischen,  mitteninne  zwischen  dem  altständischen  und  dem  Repräsentativsysteme,
  da  mindestens  die  Abgeordneten  der  Oberämter  in
der  zweiten  Kammer  das  gesamte  Volk,  mit  Ausnahme  des  Adels  und
der  Geistlichkeit,  vertraten;  sie  besaß  überdies  in  dem  stehenden  Landtagsausschusse
  eine  eigentümliche  Institution,  welche  sich  zwar  praktisch  wenig
bewährte,  aber  den  Tagesmeinungen  als  ein  furchtbares  Bollwerk  der
Volksrechte  erschien.  Das  Volk  hatte  durch  zahlreiche,  namentlich  gegen
das  Zweikammersystem  gerichtete  Petitionen  seine  Teilnahme  an  den
Arbeiten  des  Landtags  bewiesen.  Die  merkwürdigste  dieser  Bittschriften
war  eine  Eingabe  der  allzeit  gut  deutsch  gesinnten  Reutlinger,  welche
—  zum  ersten  Male  in  dieser  stillen  Zeit  —  die  Einberufung  eines
deutschen  Parlaments  forderte,  weil  „nur  so  alle  deutschen  Staaten  sich
einer  wirklichen  Repräsentativ-Verfassung  erfreuen  könnten“.  Unter  stürmischem
  Jubel  beschwor  der  Monarch  am  25.  September  die  Verfassung;
        <pb n="559" />
        Die  württembergische  Verfassung.  551

auch  die  Prägung  der  unvermeidlichen  Denkmünze  ward  beschlossen,  und
als  drei  Tage  nachher  König  und  Landtag  auf  dem  Cannstatter  Volksfeste
erschienen,  da  brach  die  schwäbische  Freiheitsbegeisterung  in  hellen  Flam—
men  aus.  Was  der  Bevollmächtigte  dieses  volksfreundlichen  Königs  unterdessen
  in  Karlsbad  getrieben  hatte,  blieb  dem  arglosen  Volke  zum  Glück
verborgen.

Der  nationalen  Gesinnung  des  schwäbischen  Landes  brachte  die
seltsame  Entstehungsgeschichte  des  neuen  Grundgesetzes  schweren  Schaden.
Die  Verfassung  war  aus  einem  geheimen  Kampfe  gegen  den  Deutschen
Bund  hervorgegangen;  alle  Reden  der  Volksvertreter  liefen  hinaus  auf
die  Mahnung,  daß  man  die  schwäbische  Freiheit  gegen  die  Tyrannei  des
Bundes  sichern  müsse.  Unter  solchen  Erlebnissen  gewann  der  ohnehin
überstarke  Stammesstolz  der  Schwaben  neue  Kraft.  Da  in  der  deutschen
Zentralgewalt  nur  die  Kronen,  in  den  Einzelstaaten  auch  die  Untertanen
vertreten  waren,  so  schlug  der  junge  Liberalismus  fast  überall  eine  partikularistische
  Richtung  ein,  und  nirgend  war  dieser  Sondergeist  mächtiger
als  in  Württemberg,  wo  sich  von  vornherein  die  Ansicht  bildete:  das  halb
gegen  den  Willen  des  Deutschen  Bundes  entstandene  Grundgesetz  stehe
über  dem  Bunde.  —

 

Am  22.  Juli  traf  Metternich  zu  Karlsbad  ein,  in  dem  stolzen  Bewußtsein,
  daß  „von  hier  entweder  das  Heil  oder  die  endgültige  Vernichtung
  der  sozialen  Ordnung  ausgehen  werde"“.  Eine  Bereisung  seines
lombardisch-venetianischen  Königreichs  hatte  Kaiser  Franz  aufgegeben,  weil
die  Bändigung  der  deutschen  Revolution  dringender  schien.  Die  Vertrauten,
  mit  denen  sich  der  österreichische  Staatsmann  zunächst  besprach,
waren,  außer  Gentz,  die  beiden  Freunde  vom  Wiener  Kongresse  her,  die
Hannoveraner  Graf  Münster  und  Graf  Hardenberg;  auf  die  hochreaktionäre
Gesinnung  des  Tory-Kabinetts  durfte  Metternich  in  allen  Fällen,  wo  kein
Einspruch  des  Parlaments  zu  befürchten  stand,  unbedingt  rechnen,  und
dankbar  schrieb  er  nachher  dem  Prinzregenten:  „Ew.  K.  Hoheit  ist  man
sicher  immer  auf  dem  Wege  der  wahren  Grundsätze  zu  finden.“"  Doch
aller  andere  Beistand  war  wertlos  ohne  ein  unbedingtes  Einverständnis
mit  der  Krone  Preußens.  Um  dieses  zu  sichern  eilte  Metternich  nach
Teplitz  und  hielt  dort  am  29.  Juli  mit  König  Friedrich  Wilhelm  eine  geheime
  Unterredung,  welche  auf  Jahre  hinaus  den  Gang  der  deutschen  Politik
entschied.  Der  König  zeigte  sich  aufs  Außerste  beunruhigt  wegen  der
unheimlichen  demagogischen  Pläne,  welche,  nach  Wittgensteins  Versicherung,
bei  den  jüngsten  Haussuchungen  sich  enthüllt  haben  sollten;  er  war  mit
Recht  verstimmt  über  die  Ratlosigkeit  des  Staatskanzlers  und  die  Zerfahrenheit
  seines  Ministeriums,  das  ihm  seit  sieben  Monaten  noch  die
Antwort  auf  seine  drängenden  Fragen  schuldete;  er  klagte:  „es  fehlen  mir
        <pb n="560" />
        552  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Leute“  und  gab  sich  vertrauensvoll  den  Ratschlägen  des  Osterreichers
hin,  der  schon  in  Aachen  so  trefflichen  Rat  gegeben  hatte.  Metternich
verstand  das  glühende  Eisen  zu  schmieden.  Für  Preußen,  so  beteuerte
er,  sei  jetzt  der  Tag  der  Entscheidung  gekommen  zwischen  dem  Prinzip
der  Erhaltung  und  dem  politischen  Tode;  in  Preußen  habe  die  große
Verschwörung  ihren  Ursprung  und  ihren  Sitz,  bis  in  die  Reihen  der
höchsten  Beamten  reiche  sie  hinauf;  doch  könne  noch  alles  gerettet  werden,
wenn  die  Krone  sich  entschließe,  ihrem  Staate  keine  Volksvertretung  in  dem
modernen  demokratischen  Sinne  zu  geben,  sondern  sich  mit  Ständen  zu
begnügen.  Zugleich  legte  er  eine  Denkschrift  vor,  welche  die  Gedanken
seines  Aachener  Memoires  nochmals  aussprach.“)  Die  Zustimmung  des
Königs  zu  diesen  Vorschlägen  verstand  sich  fast  von  selbst,  da  Hardenbergs
Verfassungspläne  selbst  immer  nur  eine  Vertretung  der  drei  Stände,  nicht
eine  Repräsentation  des  Volks  als  einer  ungeschiedenen  Masse  bezweckt  hatten.

Auf  Befehl  des  Monarchen  hielten  nunmehr  Hardenberg,  Bernstorff
und  Wittgenstein  mit  dem  Osterreicher  vertrauliche  Beratungen.  Der
Staatskanzler  legte  dem  Wiener  Freunde  seinen  Verfassungsentwurf
vor  und  fand  dessen  vollkommene  Billigung.““)  Am  1.  August  unterzeichneten
  sodann  Hardenberg  und  Metternich  eine,  unverkennbar  von  letzterem
  verfaßte,  Punktation  über  die  gemeinsamen  Grundsätze  der  Bundespolitik
  der  beiden  Großmächte.*)  Die  Verabredung  sollte  auf  ewige
Zeiten  geheim  bleiben,  wegen  „der  Vorurteile,  welche  von  vielen  deutschen
Regierungen  gegen  die  engere,  so  heilsame  Vereinigung  der  beiden  Höfe“
gehegt  würden.  Die  Vertragschließenden  erinnerten  zunächst  an  den  verfassungsmäßigen
  Zweck  des  durch  Europa  garantierten  Deutschen  Bundes
und  erklärten  sodann  (Art.  II),  daß  sie  als  europäische  Mächte  berufen
seien  über  dem  politischen  Dasein  des  Bundes  zu  wachen,  als  deutsche
Bundesstaaten  aber  verpflichtet  für  die  Befestigung  der  Bundesverfassung
zu  sorgen.  Daher  dürften  im  Innern  des  Bundes  keine  mit  seiner  Existenz
unvereinbaren  Grundsätze  angewendet,  alle  Beschlüsse  des  Bundestages
müßten  als  Gesetze  des  Bundes  unverbrüchlich  ausgeführt  werden.  Der
Artikel  der  Bundesakte,  welcher  dem  Bunde  die  Sorge  für  die  innere
Sicherheit  Deutschlands  auferlegte  und  unzweifelhaft  nur  bestimmt  war
der  Gefahr  des  Landfriedensbruchs  vorzubeugen,  erhielt  also  eine  ganz
neue,  völlig  willkürliche  Auslegung:  er  sollte  dazu  dienen  auch  die  innern
Verhältnisse  der  Bundesstaaten  einer  gleichmäßigen  Regel  zu  unterwerfen.

 

*)  Diese  Denkschrift  ist  vielleicht  identisch  mit  einem  späterhin  zu  Troppau  dem
Grafen  Bernstorff  übergebenen  österreichischen  Promemoria,  das  P.  Bailleu  in  der  Histor.
Zeitschr.  50,  190  (1883)  veröffentlicht  hat.  S.  Beilage  VIII.

*“.)  Hardenbergs  Bericht  an  den  König,  16.  Aug.  1819.  Vgl.  Beilage  VIII.

*P#)  Punktation  über  die  Grundsätze,  nach  welchen  die  Höfe  von  OÖsterreich  und
Preußen  in  den  inneren  Angelegenheiten  des  Deutschen  Bundes  zu  verfahren  entschlossen
sind.  Teplitz  1.  August  1819.  S.  Beilage  III.
        <pb n="561" />
        Zusammenkunft  in  Teplitz.  553

Der  gegenwärtige  Augenblick,  da  die  revolutionäre  Partei  das  Dasein  aller
Regierungen  bedrohe  —  so  sagte  die  Punktation  weiter  —  müsse  benutzt
werden,  um  eine  engere  Verbindung  der  deutschen  Höfe  herbeizuführen
und  am  Bundestage  die  Herrschaft  der  Mehrheit  zu  sichern.  Dazu  bedürfe
es  zunächst  einer  Verabredung  über  den  Art.  13  der  Bundesakte,  und
hier  folgte  eine  erstaunliche  Zusage,  welche  für  Metternich  den  Kern  der
Punktation  bildete.  „Preußen“,  hieß  es  im  Art.  VII,  „ist  entschlossen,  erst
nach  völlig  geregelten  inneren  Finanz-Verhältnissen  den  Artikel  13  in
seinem  reinen  Begriffe  auf  seine  eigenen  Staaten  anzuwenden,  d.  h.  zur
Repräsentation  der  Nation  keine  allgemeine,  mit  der  geographischen  und
inneren  Gestaltung  seines  Reiches  unverträgliche  Volksvertretung  einzu—
führen,  sondern  seinen  Provinzen  landständische  Verfassungen  zu  erteilen
und  aus  diesen  einen  Zentral-Ausschuß  von  Landesrepräsentanten  zu  bilden.“

Dieser  Satz  enthielt  der  Sache  nach  freilich  eine  gegenseitige  Ver—
pflichtung,  da  Kaiser  Franz  unzweifelhaft  ebenfalls  entschlossen  war,  keine
allgemeine  Volksvertretung  einzuführen;  er  sagte  im  Grunde  auch  nichts
Neues,  denn  Hardenberg  war  längst  gewillt,  die  Verfassung  erst  nach  der
Vollendung  der  neuen,  dem  Abschluß  nahen  Finanzgesetze  zu  verkündigen,
und  daß  die  Landesrepräsentation  aus  den  Provinzialständen  hervorgehen
sollte,  war  durch  die  Verordnung  vom  Mai  1815  ausdrücklich  vorge—
schrieben.  Um  so  schmählicher  erschien  die  Form  des  Versprechens.  Wie
ein  reuiger  Sünder,  ohne  jede  förmliche  Gegenleistung  gab  die  Monarchie
Friedrichs  des  Großen  einer  fremden  Macht  eine  Zusage  über  innere
Angelegenheiten,  deren  Regelung  jeder  selbstbewußte  Staat  sich  selbst  vor—
behalten  muß;  und  frohlockend  meldete  Metternich  seinem  Kaiser,  „das
Engagement  Preußens,  keine  Volksvertretung  zu  geben“.  Es  war  die
schimpflichste  Demütigung,  welche  Hardenberg  jemals  über  Preußen  ge—
bracht  hat;  die  Politik  des  friedlichen  Dualismus  bestand  jetzt  ihre  Probe
und  sie  erwies  sich  als  die  Unterwerfung  Preußens  unter  Osterreichs
Leitung.  Der  Staatskanzler  unterschrieb,  weil  er  kein  anderes  Mittel  sah
um  sich  das  erschütterte  Vertrauen  seines  Monarchen  zu  erhalten,  und  weil
das  Versprechen,  wörtlich  genommen,  allerdings  nichts  enthielt,  was  den
bisherigen  Grundsätzen  der  preußischen  Politik  zuwider  lief.  Beide  Teile
aber  hegten  bei  der  Abrede  ihre  Hintergedanken.  Hardenberg  verstand  unter
dem  Zentral-Ausschuß,  wie  er  bald  durch  die  Tat  beweisen  sollte,  einen
mächtigen  Allgemeinen  Landtag;  Metternich  hingegen  dachte,  wie  schon  in
Aachen,  nur  an  einen  kleinen  Ausschuß  von  etwa  einundzwanzig  Mit—
gliedern  und  hoffte  insgeheim,  selbst  dies  Schattenbild  einer  preußischen
Zentralvertretung,  das  seinem  Kaiser  hochbedenklich  vorkam,  dereinst  noch
zu  vereiteln.  Preußen  hatte  sich  also  die  neue  Wiener  Doktrin,  wonach
der  Art.  13  nur  Stände,  nicht  Volksvertreter  verheißen  sollte,  vollständig
angeeignet.  Beide  Mächte  verpflichteten  sich,  „den  Staaten,  welche  unter
dem  Namen  von  Ständen  bereits  Volksvertretungen  eingeführt  haben,
        <pb n="562" />
        554  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

zur  Rückkehr  zu  einem,  dem  Bunde  mehr  angemessenen  Verhältnis  be—
hilflich  zu  sein“  und  deshalb  zunächst  die  Anträge  dieser  Regierungen  selbst
abzuwarten.

Den  zweiten  Gegenstand  der  Karlsbader  Beratungen  sollte  die  Presse
bilden.  Die  beiden  Großmächte  vereinigten  sich  über  die  Grundsätze  einer
Gentzischen  Denkschrift,  die  mit  grellen  Farben  schilderte,  wie  bei  der  Gleich—
heit  der  Kultur  und  dem  vielfältigen  Verkehre  der  Deutschen  kein  einzelner
Staat  sich  vor  Ansteckung  schützen  könne  und  mithin  jeder  Fürst,  welcher
den  Preß-Unfug  in  seinem  Lande  dulde,  Hochverrat  gegen  den  Bund  begehe.
Darum  ist  ein  strenges  Bundes-Preßgesetz  notwendig,  insbesondere  „müssen
die  deutschen  Regierungen  sich  wechselseitig  verbinden,  keinem  der  heute
berüchtigten  Redakteurs  den  Eintritt  in  neue  Zeitungs-Redaktionen  zu  gestatten
  und  überhaupt  die  vielen  Zeitungsblätter  zu  vermindern."

Zum  Dritten  sollte  sich  die  Konferenz  mit  den  Universitäten  und
Schulen  beschäftigen.  Metternich  dachte  zwar  sehr  niedrig  von  der  politischen
  Befähigung  der  Professoren  und  begründete  dies  Urteil,  bezeichnend
genug,  mit  der  Behauptung,  daß  kein  Gelehrter  den  Wert  des  Eigentums
  zu  schätzen  wisse;  aber  mittelbar  schien  ihm  die  politische  Wirksamkeit
  der  unpraktischen  Leute  sehr  gefährlich,  da  sie  „die  Vereinigung  der
Deutschen  in  ein  Deutschland“  lehrten  und  das  heranwachsende  Geschlecht
„zu  diesem  verruchten  Zweck“  erzögen.  Darum  lag  ihm  so  viel  an  der
schleunigen  Absetzung  demagogischer  Lehrer,  und  Hardenberg  war  schwach
genug,  alle  die  verständigen  Grundsätze  jener  Eichhornschen  Denkschrift,
welche  Graf  Bernstorff  erst  vor  wenigen  Tagen  dem  Bundestage  übersendet
  hatte,  sofort  über  Bord  zu  werfen.  Er  verstand  sich  zu  der  Abrede,
  „daß  notorisch  schlechtgesinnte  und  in  die  Umtriebe  des  heutigen
Studenten-Unfugs  verflochtene  Professoren  alsbald  von  den  Lehrstühlen
entfernt  werden,  und  daß  kein  ähnliches  von  einer  deutschen  Universität
entferntes  Individuum  auf  den  Universitäten  in  anderen  deutschen  Staaten
Anstellung  erhalte.“  Zum  Schluß  ward  noch  ausbedungen,  daß  diese
Maßregeln  auch  auf  das  Schulwesen  erstreckt  werden  sollten.

So  der  Inhalt  des  unseligen  Vertrags.  Es  war,  als  ob  ein  finsteres
Verhängnis  diesem  unglücklichen,  so  mühsam  aus  der  Zersplitterung  emporsteigenden
  Volke  jede  Möglichkeit  der  Selbsterkenntnis,  jeden  Weg  zur  politischen
  Macht  gewaltsam  abschneiden  wollte.  Manche  traurige  Verirrungen
der  deutschen  Patrioten  in  späteren  Jahren  lassen  sich  nur  erklären  aus
der  vollkommenen  Verwirrung  aller  politischen  Begriffe,  welche  der  unnatürliche
  Bund  der  beiden  Großmächte  notwendig  hervorrufen  mußte.
Die  beiden  Mächte  beabsichtigten  der  Gewalt  des  Deutschen  Bundes  die
unzweifelhaft  dringend  nötige  Verstärkung  zu  bringen;  sie  erweiterten
seine  Befugnisse  weit  über  die  Vorschriften  der  Bundesakte  hinaus;  sie
gestatteten  ihm  Eingriffe  in  das  innere  Leben  der  Einzelstaaten,  welche
sich  mit  dem  Wesen  eines  völkerrechtlichen  Staatenbundes  nicht  mehr  ver-
        <pb n="563" />
        Die  Teplitzer  Punktation.  555

trugen;  sie  sprachen  sogar  von  einer  Felonie  deutscher  Fürsten  gegen  den
Bund,  als  ob  die  Souveränität  von  Napoleons  Gnaden  bereits  vernichtet
und  die  Majestät  des  alten  Reichs  wieder  hergestellt  wäre.  Aber  diese
unitarische  Politik  entsprang  nicht  der  nationalen  Gesinnung,  sondern  dem
österreichischen  Partikularismus:  nur  darum  sollte  der  Deutsche  Bund  die
Machtbefugnisse  einer  Staatsgewalt  erhalten,  damit  den  Deutschen  die
Lust  „sich  in  ein  Deutschland  zu  vereinigen“  für  immer  verginge,  damit
der  Seelenschlummer  der  Völker  Osterreichs  von  der  höheren  Kultur,  den
regeren  geistigen  Kräften  ihrer  deutschen  Nachbarn  ungestört  bliebe.  Auf  das
Bestimmteste,  auf  wiederholten  Befehl  seines  Monarchen,  sprach  Metternich
aus,  er  wolle  den  Deutschen  Bund  durch  Osterreichs  Mitwirkung  retten
vder  die  k.  k.  Staaten  von  Deutschland  trennen,  um  Osterreich  allein  zu
retten;  und  noch  fand  sich  niemand  in  der  Nation,  der  das  namenlose
Glück  dieser  Trennung  begriffen  und  den  befreienden  Ruf  erhoben  hätte:
los  von  Osterreich!

Verderblich,  undeutsch  wie  die  Ziele  dieser  Politik  waren  auch  ihre
Mittel.  Der  Deutsche  Bund  besaß  noch  weder  ein  Bundesheer,  noch  ein
Bundesgericht,  überhaupt  keine  gemeinsame  nationale  Institution  außer
dem  Bundestage;  und  ein  solcher  Bund,  der  die  Deutschen  nicht  einmal
gegen  das  Ausland  zu  schützen  verstand,  sollte  jetzt  —  nach  den  Worten
der  Teplitzer  Verabredung  —  „im  reinen  Begriffe  der  Föderation“  befugt
  sein,  das  Allerheiligste  der  Nation  Martin  Luthers,  die  freie  Bewegung
  der  Gedanken  durch  Verbote  und  Verfolgungen  zu  stören.  So
sank  die  deutsche  Politik,  wie  ein  treffendes  Wort  sagt,  zur  deutschen
Polizei  herab;  Jahrzehntelang  ging  fast  das  gesamte  Leben  des  Bundestags
  in  polizeilichen  Notmaßregeln  auf.  Der  natürliche  Gegensatz  zwischen
der  absolutistischen  Zentralgewalt  und  den  konstitutionellen  Gliederstaaten
verschärfte  sich  bis  zur  unversöhnlichen  Feindschaft;  wer  den  Glauben  an
die  politische  Freiheit  nicht  aufgab,  sah  sich  fortan  genötigt  den  Deutschen
Bundestag  zu  bekämpfen,  und  so  ward  die  liberale  Partei,  die  doch  fast
allein  den  Gedanken  der  nationalen  Einheit  mit  Begeisterung  ergriffen
hatte,  wider  Wissen  und  Willen  dem  Partikularismus  in  die  Arme  getrieben.
  Auf  dem  Wiener  Kongresse  hatten  alle  Parteien  gefühlt,  daß  man
der  Nation  einige  „Rechte  der  Deutschheit“,  ein  von  Bundes  wegen  gewährleistetes
  bescheidenes  Maß  politischer  Freiheit  zugestehen  müsse,  und  nur
weil  sich  der  Dünkel  der  rheinbündischen  Souveränität  über  dies  Minimum
nicht  zu  einigen  vermochte,  war  die  Bundesakte  bei  einigen  allgemein
gehaltenen  Versprechungen  stehen  geblieben.  Jetzt  ward  mit  einem  Male
alles  auf  den  Kopf  gestellt.  Nicht  ein  geringstes,  sondern  ein  höchstes  Maß
politischer  Rechte  festzusetzen  sollte  dem  Bunde  obliegen;  er  sollte  der  Nation
nicht  mehr  der  Bürge  ihrer  Freiheit  sein,  sondern  ihr  vorschreiben,  welche
Grenze  die  Rechte  der  Landtage,  der  Presse,  der  Universitäten  niemals
überschreiten  dürften.  Und  mit  welcher  unerhörten  Frivolität  dachte  man
        <pb n="564" />
        556  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

kurzerhand  „die  heute  berüchtigten  Redakteurs,  die  notorisch  schlechtgesinnten
Lehrer“  ihrer  gesetzlichen  Rechte  zu  berauben,  als  ob  die  Gewaltstreiche
des  Wohlfahrtsausschusses  wider  die  Verdächtigen  auf  dem  friedlichen
deutschen  Boden  sich  erneuern  sollten!

Und  warum  dies  finstere  Mißtrauen  gegen  ein  treues,  gesetzliebendes
Volk?  Die  Landtage  von  Bayern  und  Baden  hatten  im  Eifer  ihrer  jugendlichen
  Unerfahrenheit  einige  törichte  Anträge  angenommen;  und  doch
lehrte  soeben  die  zahme  Haltung  der  württembergischen  Stände,  daß  die
Regierungen  nur  die  Zügel  etwas  straffer  anzuziehen  brauchten,  um  den
Ubermut  ihrer  harmlosen  Volksvertreter  zu  bändigen.  Die  Presse  sodann
  hatte  durch  zielloses  Poltern  und  Schelten  schwer  gesündigt,  und
es  war  nicht  ganz  unrichtig,  was  Gentz  in  seiner  Denkschrift  über  den
Preß-Unfug  behauptete:  „daß  es  heute  nicht  eine  einzige  als  Privatunternehmung
  erscheinende  Zeitschrift  in  Deutschland  gibt,  welche  die  Wohlgesinnten
  als  ihr  Organ  betrachten  könnten,  ein  Fall,  der  selbst  in  dem
Zeitpunkte  der  blutigsten  Anarchie  in  Frankreich  ohne  Beispiel  ist.“  Aber
die  Presse  war  in  Deutschland  unzweifelhaft  nicht  die  öffentliche  Meinung,
die  Masse  der  Nation  nahm  an  der  Entrüstung  der  Journalisten  wenig
Anteil,  und  wer  die  Tadelsucht  der  Deutschen  kannte,  mußte  furchtlos
voraussehen,  daß  die  große  Mehrheit  ihrer  Zeitungen  zu  allen  Zeiten
der  Opposition  angehören  würde.  Die  schwächlichen  Urteile  so  vieler
gebildeter  Männer  über  Kotzebues  Ermordung  bewiesen  freilich,  daß  ein
Teil  der  höheren  Stände  an  der  bestehenden  Ordnung  zu  verzweifeln  begann;
  doch  eine  Politik  blinder  und  roher  Verfolgung  war  sicherlich  das
beste  Mittel,  um  diese  Verzweiflung  noch  zu  steigern.  Die  radikalen  Tollheiten
  der  akademischen  Jugend  endlich  verdienten  unleugbar  strenge  Ahndung,
  aber  sie  beschränkten  sich  auf  drei  oder  vier  Universitäten  und  auch
da  nur  auf  kleine  Kreise,  und  es  hieß  den  patriotischen  Geist  der  jungen
Leute  mutwillig  auf  Abwege  treiben,  wenn  man  jetzt  amtlich  die  Hochschulen
  als  die  Pflanzstätten  des  Hochverrats  bezeichnete.

Das  Entsetzlichste  blieb  doch,  daß  der  Staat,  der  den  Deutschen  ihre
Freiheit  wiedergewonnen,  der  von  der  nationalen  Einheit  alles  zu  hoffen,
nichts  zu  fürchten  hatte,  jetzt  zuerst  und  freiwillig  das  Joch  der  österreichischen
  Fremdherrschaft  auf  seinen  Nacken  nahm  und  also  dem  Teile
der  Nation,  der  nicht  über  den  nächsten  Tag  hinaus  sah,  als  ein  geschworener
  Feind  erschien.  Das  lichte  Gestirn  des  fridericianischen  Staates
war  verdunkelt  durch  das  Gewölk  des  Argwohns;  die  Besorgnis  eines
edlen,  durch  verblendete  Ratgeber  belogenen  Monarchen  und  die  altersschwache
  Ratlosigkeit  Hardenbergs  lenkten  ihn  ab  von  den  Bahnen,  auf
denen  er  zur  Größe  aufgestiegen  war;  und  zufrieden  erklärte  Metternich
dem  russischen  Gesandten,  nachdem  Osterreich  die  Teplitzer  Ernte  eingeheimst:
  „Preußen  hat  uns  einen  Platz  überlassen,  welchen  ein  Teil  der
Deutschen  dem  preußischen  Staate  zudachte!“  —
        <pb n="565" />
        Beginn  der  Karlsbader  Verhandlungen.  557

Sobald  die  beiden  Großmächte  sich  ohne  Vorbehalt  geeinigt  hatten,  war
der  Sieg  der  österreichischen  Politik  entschieden.  In  der  Karlsbader  Ver—
sammlung  fand  sie  keinen  einzigen  grundsätzlichen  Gegner.  Zu  den  beiden
Hannoveranern  war  inzwischen  noch  der  Sachse  Graf  Schulenburg  hin—
zugekommen,  gleich  ihnen  ein  strenger  Anhänger  des  altständischen  Staatswesens;
  der  Mecklenburger  Frhr.  von  Plessen,  ein  ungleich  freierer,  beweglicherer
  Kopf  mußte  sich,  nach  den  Traditionen  seiner  Heimat,  dieser
Richtung  im  wesentlichen  anschließen.  Auch  die  Vertreter  der  sogenannten
konstitutionellen  Staaten  zeigten  eine  tadellose  Gefügigkeit.  Graf  Rechberg,
  der  eigentliche  Urheber  der  bayrischen  Staatsstreichspläne,  hegte  zwar
nach  Münchener  Brauch  einiges  Mißtrauen  gegen  Osterreich,  aber  noch
weit  mehr  Furcht  vor  der  Revolution;  und  diese  gab  stets  den  Ausschlag,
obgleich  er  ausdrücklich  angewiesen  war,  nichts  zu  bewilligen  was  der
Souveränität  oder  der  Verfassung  Bayerns  zuwiderliefe.  Frhr.  von  Berstett
erging  sich  in  so  gräßlichen  Schilderungen  von  der  Verworfenheit  der
Karlsruher  Landstände,  daß  Gentz  meinte:  ihn  zu  hören  sei  zugleich  ein
Greuel  und  ein  Fest.  Der  Nassauer  Marschall  überbot  noch  den  reaktionären
Fanatismus  des  Badeners,  und  selbst  Graf  Wintzingerode  ließ  mindestens
an  Feindseligkeit  gegen  die  Demagogen  nichts  zu  wünschen  übrig,  wenngleich
  ihm  die  dornige  Aufgabe  zufiel,  den  Ruhm  des  konstitutionellen
Musterkönigs  nicht  ganz  bloßzustellen.

Die  Versammelten  bestärkten  einander  wechselseitig  in  ihrer  Angst
vor  der  großen  Verschwörung,  und  Metternich  verstand  sie  so  geschickt  zu
behandeln,  daß  Bernstorff  dem  Staatskanzler  schreiben  konnte:  „Hier  ist
alles  durchzusetzen,  später  nichts  mehr!“  Sie  lebten  sich  in  die  österreichische
  Anschauung  der  deutschen  Dinge  so  gänzlich  ein,  daß  sie  zuletzt
fast  allesamt  ein  großes  und  gutes  Werk  zu  verrichten  glaubten  und  sich
der  schönen  patriotischen  Einigkeit  der  deutschen  Kronen  aufrichtig  freuten.
„Der  Erfolg  steht  in  Gottes  Hand“",  schrieb  Bernstorff  nach  vollbrachter
Arbeit,  „aber  immer  scheint  es  ein  Großes  zu  sein,  daß  die  deutschen  Fürsten
dahin  gelangt  sind  in  dem  Sturme  der  Zeit  ihre  Grundsätze  und  Absichten
  offen,  bestimmt  und  einmütig  auszusprechen.““)  Das  Gefühl  der
Befriedigung  war  um  so  stärker,  da  die  deutschen  Staatsmänner  ganz
unter  sich  blieben  und  keine  auswärtige  Macht  auch  nur  versuchte  einen
Einfluß  auf  die  Karlsbader  Verhandlungen  zu  gewinnen.  Noch  ließ  sich's
niemand  träumen,  daß  dies  schöne  Schauspiel  nationaler  Selbständigkeit
und  Eintracht  nichts  anderes  war  als  die  Unterwerfung  der  deutschen
Nation  unter  die  Fremdherrschaft  Osterreichs.

Dafür  war  freilich  in  der  Mannigfaltigkeit  des  deutschen  Lebens  gesorgt,
  daß  jedes  Gewicht  irgendwo  ein  Gegengewicht  finden  und  selbst  dieser
glänzende  Triumph  des  Hauses  Osterreich  durch  einen  kleinen  Mißerfolg

 

*)  Bernstorff  an  Hardenberg,  2.  Sept.  1819.
        <pb n="566" />
        558  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

erkauft  werden  mußte.  Die  beiden  Großmächte  waren  übereingekommen,
der  Karlsbader  Versammlung  zunächst  nur  drei  Gegenstände  aus  dem
Programme  der  Teplitzer  Punktation  zu  sofortiger  Beschließung  vorzulegen:
es  sollten  die  Notgesetze  wider  die  Presse,  die  Universitäten,  die  Demagogen
  alsbald  vereinbart,  dagegen  die  anderen  Maßregeln  zur  Verstärkung
  der  Bundesgewalt,  und  namentlich  die  Auslegung  des  Art.  13  bis
zu  den  Minister-Konferenzen  des  nächsten  Herbstes  verschoben  werden.  In
diesem  Sinne  sprach  sich  Metternich  aus,  als  er  am  6.  August  die  erste
der  dreiundzwanzig  Konferenzen,  welche  fortan  bis  zum  31.  August  fast
allabendlich  gehalten  wurden,  mit  einer  langen  Rede  eröffnete;  er  legte
der  Versammlung  zugleich  eine  Punktation  vor,  welche  mehrere  Sätze
der  Teplitzer  Verabredung  wörtlich  wiederholte,  aber  alles,  was  sich  auf
die  beiden  Großmächte  allein  bezog,  wohlweislich  verschwieg.  Alle  Anwesenden
  erklärten  mit  lebhaftem  Dank  ihre  Zustimmung;  nur  Wintzingerode
  beantragte,  auch  die  Auslegung  des  Art.  13  unter  die  dringenden
Gegenstände  der  Beratung  aufzunehmen.  Sein  König  war  gern  bereit,
eine  von  Bundes  wegen  festzustellende  „Grenzlinie“  für  die  Rechte  der
Landtage,  wie  er  sie  früher  selbst  in  Frankfurt  und  Wien  beantragt,  auch
jetzt  noch  anzunehmen  und  also  die  Ansprüche  seines  Ludwigsburger  Landtags
  herabzustimmen;  nur  sollte  diese  Grenzlinie  den  besonderen  Interessen
Württembergs  entsprechen.

Mit  Freuden  ging  Metternich  auf  diesen  unerwarteten  Antrag  ein.
Er  faßte  die  Hoffnung,  wie  er  seinem  preußischen  Freunde  gestand,  „womöglich
  der  Abschließung  eines  übereilten  Vertrages  zwischen  dem  König
von  Württemberg  und  den  Ständen  seines  Landes  vorzubeugen,“  und  entwickelte
  ausführlich  die  neue  österreichische  Doktrin,  wonach  der  Art.  13
nur  Stände,  nicht  Repräsentativverfassungen  erlauben  sollte;  eigne  sich
der  Bund  diese  allein  richtige  Auslegung  förmlich  an,  dann  seien  auch
Bayern  und  Baden  verpflichtet,  ihre  Verfassungen  im  ständischen  Sinne
abzuändern.  Die  große  Mehrzahl  stimmte  eifrig  zu;  selbst  Bayern  und
Baden  schienen  anfangs  geneigt,  sich  die  Wiener  Auslegungskünste  gefallen
zu  lassen;“)  und  im  Rausche  des  Sieges,  „in  einer  Art  von  Inspiration,"
wie  er  selbst  bekennt,  verfaßte  Gentz  am  19.  August  eine  große  Denkschrift
„über  den  Unterschied  zwischen  den  landständischen  und  Repräsentativ-Verfassungen"
  —  das  Außerste  vielleicht,  was  die  federgewandte  Gewissenlosigkeit
  politischer  Sophistik  je  geleistet  hat.

Mit  geschickter  Benutzung  einiger  Sätze  Hallers  und  Adam  Müllers
führte  er  darin  aus,  wie  die  alten  deutschen  Landstände  auf  den  von  Gott
selbst  gestifteten  Standes=  und  Rechtsunterschieden  beruhten,  das  fremdländische
  Repräsentativsystem  auf  dem  revolutionären  Wahne  der  Volkssouveränität
  und  der  allgemeinen  Rechtsgleichheit;  dort  eine  starke,  nur

 

Bernstorff  an  Hardenberg,  8.  13.  August  1819.
        <pb n="567" />
        Gentz  über  die  Landstände.  559

in  der  Ausübung  einzelner  Rechte  beschränkte  monarchische  Gewalt,  hier
die  Unterwerfung  der  Krone  unter  die  Willkür  der  Volksvertreter,  eine
Anarchie,  die,  mit  den  Rechten  des  Bundes  völlig  unvereinbar,  schließlich
zur  Bildung  einer  Volksdeputierten-Kammer  neben  dem  Bundestage,  mithin
  zur  allgemeinen  Revolution  führen  müsse.  Wird  den  deutschen  Fürsten,
die  bei  der  Bildung  ihrer  Verfassungen  den  einzig  zulässigen  Sinn  des
Art.  13  verfehlten,  nicht  zu  einer  anständigen  Rückkehr  die  Hand  geboten,
„so  bleibt  uns  allen  nichts  übrig  als  dem  Bunde  zu  entsagen.“  Kein
Satz  in  dieser  Arbeit,  der  nicht  allbekannten  historischen  Tatsachen  dreist
ins  Gesicht  schlug;  denn  unzweifelhaft  hatte  sich  die  moderne  deutsche
Monarchie  nur  in  beständigem  Kampfe  mit  den  alten  Ständen  ihre  Stärke
erworben,  die  Macht  der  Krone  stand  in  den  neuen  konstitutionellen
Staaten  ungleich  höher  als  in  den  altständischen  Territorien  Sachsen,
Hannover,  Mecklenburg,  wo  das  ganze  Staatswesen  einen  oligarchischen
Charakter  trug;  und  ebenso  gewiß  waren  die  Landtage  der  süddeutschen
Staaten  nicht  allgemeine  Volksvertretungen,  sondern  halbständische  Körperschaften,
  höchstens  die  badische  zweite  Kammer  konnte  als  eine  Repräsentation
  im  neufranzösischen  Sinne  gelten.  Gleichwohl  verbarg  sich  hinter
der  scheinbar  so  willkürlich  ausgeklügelten  Doktrin  eine  sehr  bestimmte
politische  Absicht.  Wenn  Gentz  wider  das  revolutionäre  Repräsentativsystem
  eiferte,  so  hatte  er  die  Theorie  Rottecks  im  Auge,  der  allerdings
die  Rechte  der  Volksvertretung  aus  dem  Grundsatze  der  Volkssouveränität
ableitete;  und  wenn  er  die  alten  deutschen  Landstände  feierte,  so  dachte
er  dabei  nicht  an  die  stürmischen  Zeiten  der  ständischen  Libertät,  sondern
an  die  wohlgezähmten  Postulatenlandtage  des  neuen  Osterreichs;  dies
Stilleben  der  k.  k.  Kronlande  sollte  für  ganz  Deutschland  das  Muster
werden.

Gentzs  Denkschrift  wirkte  in  der  Geschichte  der  deutschen  Parteikämpfe
lange  nach;  sie  bezauberte  damals  schon  den  erregbaren  Geist  des  Kronprinzen
  von  Preußen,  der  hier  endlich  eine  meisterhafte  Formulierung  seiner
eigenen  Ideen  fand,  und  bildete  späterhin,  als  sie  auch  weiteren  Kreisen
bekannt  wurde,  lange  Zeit  hindurch  das  große  Arsenal,  aus  dem  sich  die
altständische  Partei  in  Preußen  ihre  Waffen  holte.  In  jenem  Augenblicke
aber  war  sie  ein  schwerer  politischer  Fehler,  nachteilig  für  Metternichs
eigene  Pläne.  Die  Vertreter  von  Bayern  und  Baden  wetteiferten  mit
dem  Grafen  Münster  in  scharfen  Anklagen  wider  den  Übermut  der
Kammern.  Wintzingerode  empfahl  dringend,  durch  ein  Bundesgesetz  das
Wahlrecht  auf  die  ansehnlichen  Grundbesitzer  zu  beschränken  und  vornehmlich
  die  Offentlichkeit  der  Landtagsverhandlungen  zu  untersagen,
diese  ausländische  Erfindung,  die  von  allen  Staatsmännern  in  Karlsbad
einstimmig  als  schlechthin  demagogisch  gebrandmarkt  wurde;  er  beantragte
dies,  sicherlich  nicht  ohne  Ermächtigung,  in  demselben  Augerblicke,  da
sein  König  dem  Landtage  in  Ludwigsburg  die  Offentlichkeit  und  ein
        <pb n="568" />
        560  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

wenig  beschränktes  Wahlrecht  anbieten  ließ.  Bei  solcher  Gesinnung  der
süddeutschen  Höfe  ließ  sich  ein  Bundesgesetz,  das  die  Rechte  der  Landtage
zugunsten  der  Kronen  beschränkte,  unfehlbar  durchsetzen,  wenn  Osterreich
klug  verfuhr.

Statt  dessen  verlangte  Metternich  die  Rückkehr  zu  den  alten  Landständen,
  und  dies  war  für  den  Württemberger  „der  Übel  ärgstes“,  eine
schlechthin  unannehmbare  Zumutung.  In  seinem  langen  Streite  mit
den  Altrechtlern  hatte  König  Wilhelm  nur  zu  schmerzlich  erfahren,  daß
die  gerühmten  altdeutschen  Stände  leicht  gefährlicher  werden  konnten  als
eine  moderne  Volksvertretung.  Hier  blieb  er  fest,  nicht  aus  Liberalismus,
sondern  weil  er  für  die  Macht  seiner  Krone  fürchtete.  Eine  ganze  Reihe
württembergischer  Denkschriften,  zweideutig,  widerspruchsvoll,  in  allen
Farben  schillernd,  wie  die  Politik  des  Schwabenkönigs  selber,  bekämpfte
den  Vorschlag  Osterreichs.  Einmal  verstieg  sich  Wintzingerode  zu  der
kühnen  Behauptung:  der  Grundsatz  der  Volkssouveränität  sei  bereits  zugestanden:
  „die  Partie  ist  angefangen,  die  Regierungen  haben  diesen  Point
vergeben  zu  können  geglaubt;  wie  sehr  sie  es  bereuen  mögen,  die  Partie
muß  ausgespielt  werden.“  Ein  andermal  wollte  er  umgekehrt  dies  gefährliche
  Prinzip  von  Bundes  wegen  verboten  wissen.  In  allen  diesen  Windungen
  und  Wendungen  blieb  nur  Eines  sicher:  daß  der  württembergische
Minister  die  Wiederherstellung  der  alten  Landstände  unter  keinen  Umständen
  zugeben  durfte;  unzweideutig  wies  er  auf  die  Schwierigkeiten  hin,
welche  sich  „aus  der  altwürttembergischen  Verfassung,  ihrer  Aufhebung,
neueren  Anerkennung  und  jetzigen  Unanwendbarkeit“  ergäben.  Inzwischen
war  es  ihm  auch  gelungen,  die  Minister  von  Bayern,  Baden  und  Nassau
zu  sich  hinüberzuziehen;  alle  diese  rheinbündischen  Höfe  kannten  keinen
schlimmeren  Feind  ihrer  monarchischen  Vollgewalt  als  den  Adel,  der  durch
die  Erneuerung  der  alten  Landstände  unvermeidlich  an  Macht  gewinnen
mußte.  So  trat  die  modern-bureaukratische  Staatsansicht  des  Südens
mit  einem  Male  den  altständischen  Anschauungen  Osterreichs  und  der
norddeutschen  Mittelstaaten  scharf  und  bestimmt  gegenüber.  Der  preußische
Minister,  der  sich  lebhaft  gegen  das  Repräsentativsystem,  dies  fremde  auf
einen  alten  Stamm  gepfropfte  Reis  ausgesprochen  hatte,  fand  es  jetzt  doch
rätlich,  um  der  Eintracht  willen  „die  Verlegenheiten  der  württembergischen
Regierung  nach  Möglichkeit  zu  berücksichtigen“.)

Man  beschloß  endlich,  wie  Osterreich  ursprünglich  beabsichtigt  hatte,
die  bundesgesetzliche  Auslegung  des  Art.  13  auf  die  Wiener  Konferenzen
zu  verschieben  und  sich  vorderhand  mit  der  Aufstellung  eines  allgemeinen
Grundsatzes  zu  begnügen,  welchem  alle  Bundesstaaten  beistimmen  könnten.
Gentz  mußte  seine  Denkschrift  vorläufig  zurücklegen  und  arbeitete  nunmehr
  einen  Präsidialvortrag  aus,  der  als  Einleitung  der  Karlsbader  Be- 



*)  Bernstorff  an  Hardenberg,  25.  August  1819.
        <pb n="569" />
        Auslegung  des  Art.  13.  561

schlüsse  dem  Bundestage  vorgelesen  werden  sollte:  darin  ward  feierlich
Verwahrung  eingelegt  gegen  die  demokratischen  Grundsätze,  mit  denen  man
das  unzweideutige  landständische  Prinzip  fälschlicherweise  verwechselt  habe,
und  die  Erwartung  ausgesprochen,  daß  die  deutschen  Regierungen,  bis
zum  Erlaß  eines  Bundesgesetzes,  dem  Art.  13  nur  eine  „der  Aufrechterhaltung
  des  monarchischen  Prinzips  und  des  Bundesvereins  vollkommen
angemessene  Auslegung"  geben  würden.  Diese  neue  Formel  fand  einstimmige
  Annahme  und  sie  entsprach  auch,  trotz  ihrer  gefährlichen  Dehnbarkeit,
  den  gegebenen  Zuständen  besser  als  die  alte,  da  dieser  Bund  mit
seiner  absolutistischen  Zentralgewalt  nur  bestehen  konnte,  wenn  in  seinen
Gliederstaaten  die  monarchische  Macht  lebendig  blieb.  Dergestalt  ward  der
Versuch  einer  gänzlichen  Umdeutung  des  Art.  13  für  diesmal  vereitelt,
allerdings  durch  den  Widerspruch  der  süddeutschen  Höfe,  aber  wahrlich
nicht  durch  ihre  Verfassungstreue,  sondern  durch  ihre  Furcht  vor  den
alten  Ständen.

Die  anderen  Verhandlungen  dagegen  verliefen  so  leicht  und  schnell,
daß  Bernstorff  selbst  durch  dies  Ubermaß  der  Einmütigkeit  in  Verlegenheit
  geriet  und  dem  österreichischen  Minister  erklärte:  sein  König  sei  nur
an  die  Teplitzer  Punktation  gebunden  und  müsse  sich  für  alles  Weitere
die  Genehmigung  vorbehalten.)  Das  Geheimnis  der  Beratungen  blieb
unverbrüchlich  bewahrt.  Buol  und  Goltz  in  Frankfurt  empfingen  nur
den  lakonischen  Befehl,  den  Beginn  der  Ferien  des  Bundestags  für  jetzt
noch  hinauszuschieben.  Erst  am  18.  August,  als  die  Verhandlungen
sich  schon  dem  Ende  zuneigten,  sendeten  Metternich  und  Bernstorff  an
den  König  von  Dänemark,  als  Herzog  von  Holstein,  eine  kurze  vertrauliche
  Mitteilung  über  den  Zweck  der  Konferenzen  und  baten  zugleich  das
Kopenhagener  Kabinett,  seinen  Bundesgesandten  zur  unbedingten  Annahme
der  bevorstehenden  Präsidialanträge  anzuweisen:  Eile  sei  nötig,  wegen
der  nahenden  Ferien  des  Bundestags,  desgleichen  volle  Einträchtigkeit,
wegen  des  Eindrucks  auf  die  Nation;  also  „werden  Ew.  Ex.  Sich  durch
jeden  Tag,  um  den  früher  Sie  den  k.  Gesandten  ermächtigen  werden,
ein  wahres  Verdienst  um  Deutschland  erwerben."“  Beigelegt  war  diesem
Schreiben  nichts  weiter  als  der  Entwurf  des  provisorischen  Bundes-Preßgesetzes.)
  Wenn  ein  königlicher  Hof  mit  so  kärglichen  Nachrichten  abgespeist
  wurde,  so  nahm  man  vollends  auf  die  kleinen  Staaten  gar  keine
Rücksicht.  Den  meisten  traute  man  den  Mut  des  Widerstandes  nicht
zu  und  versagte  ihnen  jede  Mitteilung.  Andere  wurden  unter  der  Hand
bedroht;  „gegen  ungeziemende  Bemerkungen  der  freien  Städte  haben  wir
uns  vorgesehen,“  meldete  Bernstorff  dem  Staatskanzler.““)  Um  den
störrischen  Kurfürsten  von  Hessen  nicht  allzusehr  zu  reizen,  lud  man

*)  Bernstorff  an  Hardenberg,  13.  August  1819.

*“)  Metternich  und  Bernstorff  an  Minister  Rosenkrantz  in  Kopenhagen,  18.  Aug.  1819.

*“*“)  Bernstorff  an  Hardenberg,  2.  Sept.  1819.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  36
        <pb n="570" />
        562  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

nachträglich  dessen  Wiener  Gesandten,  Frhr.  von  Münchhausen  ein,  der
sich  dann  noch  an  den  sechs  letzten  Sitzungen  beteiligen  durfte.  Minister
von  Fritsch  dagegen  ward  mit  offenbarem  Hohne  behandelt,  als  er  im  Auf—
trage  des  Großherzogs  Karl  August  zu  Karlsbad  erschien,  um  zu  erfahren,
was  dort  vorgehe.  Metternich  ließ  ihn  nur  als  Gast  einer  einzigen,  wenig
bedeutsamen  Sitzung  beiwohnen  und  schickte  ihn  dann  ohne  jede  weitere
Auskunft  wieder  heim;  Gentz  aber  schrieb  zufrieden  in  sein  Tagebuch:  die
unschuldige  Gesellschaft  habe  jetzt  Karlsbad  verlassen.

Um  die  Ausführung  der  Notgesetze  wider  die  Demagogen  zu  sichern,
wurde  zunächst  eine  provisorische  Exekutionsordnung  beschlossen,  welche  den
Bundestag  ermächtigte,  die  Vollziehung  aller  Bundesbeschlüsse  durch  eine
Kommission  zu  überwachen  und  nötigenfalls  gegen  einen  widersetzlichen
Bundesstaat  militärische  Zwangsmittel  zu  gebrauchen.  Bernstorff,  der
eine  so  weite  Ausdehnung  der  Rechte  des  Bundes  bedenklich  fand,  erhielt
aus  Berlin  die  bestimmte  Weisung  zur  Annahme  des  Gesetzes:  „ohne
kräftige  exekutive  Maßregeln,“  schrieb  ihm  der  Staatskanzler,  „werden  wir
keinen  Bundesbeschluß  durchsetzen,“  sonst  könnte  selbst  ein  Staat  wie
Bremen  jede  Wirksamkeit  des  Bundes  vereiteln.)  So  erhielt  denn  der
Bundestag  eine  Befugnis  zugewiesen,  welche  scharf  gehandhabt  wohl
zur  Bändigung  des  Partikularismus  führen  konnte;  aber  selbst  diese
an  sich  heilsame  Verstärkung  der  Zentralgewalt  erregte  im  Volke  nur  Unwillen,
  weil  sie  lediglich  den  Zwecken  der  Demagogenverfolgung  dienen  sollte.

Darauf  folgte  der  zweite  Gesetzentwurf  über  die  Universitäten.  Gentz
hatte  dazu  einen  einleitenden  Präsidialvortrag  ausgearbeitet,  der  von  frivolen
  Anschuldigungen  überfloß.  Er  behauptete,  die  Hochschulen  seien
ihrem  ursprünglichen  Charakter,  ihrem  in  besseren  Zeiten  erworbenen
Ruhme  fremd  geworden,  und  beschuldigte  „einen  großen  Teil  der  akademischen
  Lehrer“,  daß  sie  die  Köpfe  der  Jugend  mit  dem  Phantom  einer
sogenannten  weltbürgerlichen  Bildung  erfüllt  hätten  —  wahrlich  das
letzte,  was  sich  den  christlich-germanischen  Hitzköpfen  vorwerfen  ließ.  Auf
solche  Erwägungen  gestützt,  verlangte  das  Gesetz  an  jeder  deutschen  Universität
  die  Anstellung  eines  außerordentlichen  Regierungs-Bevollmächtigten,
  der  die  Ordnung  zu  überwachen,  den  Geist  der  Lehrer  zu  beobachten
und  ihm  „eine  heilsame  Richtung  zu  geben“  hätte.  Wer  wegen  Pflichtverletzung
  oder  Verbreitung  verderblicher  Lehren  vom  Katheder  entfernt
würde,  sollte  —  gemäß  dem  alten  Lieblingsgedanken  Metternichs  —  in
keinem  deutschen  Staate  jemals  ein  Lehramt  erhalten.  Endlich  wurden
die  alten  Gesetze  gegen  die  akademischen  Verbindungen  wieder  eingeschärft
und  insbesondere  auf  die  Burschenschaft  ausgedehnt,  da  „diesem  Verein  die
schlechterdings  unzulässige  Voraussetzung  einer  fortdauernden  Gemeinschaft
und  Korrespondenz  zwischen  den  verschiedenen  Universitäten  zum  Grunde

*)  Hardenberg  an  Bernstorff,  17.  August  1819.
        <pb n="571" />
        Exekutionsordnung.  Universitäten.  563

liegt“.  Also  ward  der  naturgemäße  Verkehr  zwischen  den  einzigen  Staatsanstalten
  Deutschlands,  welche  noch  nicht  gänzlich  dem  Partikularismus
anheimgefallen  waren,  jetzt  von  Bundes  wegen  verboten.  Das  Gesetz  war
nach  Form  und  Inhalt  eine  rohe  Beleidigung  der  deutschen  Universitäten
und  würde  die  akademische  Freiheit  vernichtet  haben,  wenn  ihm  nicht  die
meisten  Regierungen,  ihren  guten  alten  Traditionen  getreu,  eine  ziemlich
milde  Auslegung  gegeben  hätten.

Bernstorff,  neben  Gentz  der  Bestgebildete  unter  den  Karlsbader
Staatsmännern,  wollte  diese  schwierige  Frage  nicht  so  über  das  Knie
gebrochen  sehen;  er  beantragte,  man  solle  hier  nur  einige  allgemeine
disziplinarische  Grundsätze  vereinbaren  und  das  Weitere  den  gründlicheren
Beratungen  des  Bundestages  überlassen.  Aber  alle  seine  Genossen  erwiderten
  einstimmig,  daß  Gefahr  im  Verzuge  sei,  und  da  auch  Hardenberg,
  der  jetzt  ganz  in  Wittgensteins  Fahrwasser  segelte,  die  Ansicht  der
Mehrheit  teilte,  so  konnte  Bernstorff  nur  noch  die  eine  Milderung  durchsetzen,
  daß  die  Rechte  des  Regierungsbevollmächtigten  unter  Umständen
auch  dem  bisherigen  Kurator  übertragen  werden  durften,  also  doch  nicht
alle  Universitäten  förmlich  unter  polizeiliche  Aufsicht  gestellt  wurden.  Im
Übrigen  nahm  man  die  österreichischen  Vorschläge  fast  unverändert  an;
der  maßvolle  und  sachkundige  Bericht  der  Bundestagskommission  über  die
Universitäten,  der  noch  während  der  Konferenzen  dem  Fürsten  Metternich
zuging,  blieb  unbeachtet  liegen.“)

Die  treibende  Kraft  der  Konferenzen,  die  Angst  des  Kaisers  Franz  vor
jeder  Beunruhigung  seiner  Erblande,  verriet  sich  am  deutlichsten  in  dem
dritten  Entwurfe,  dem  provisorischen  Preßgesetze.  Auch  zu  diesem  Gesetze,
wie  zu  allen  übrigen,  hatte  Gentz  einen  einleitenden  Präsidialvortrag  ausgearbeitet,
  der  in  grellen  Farben  schilderte,  wie  jeder  Bundesstaat  durch
die  Preßfreiheit  seiner  deutschen  Nachbarlande  gefährdet  sei,  und  wie  diese
Gefahr  neuerdings  durch  die  Offentlichkeit  der  Landtagsverhandlungen
noch  gesteigert  werde.  Noch  unzweideutiger  sprach  sich  Metternich  in  den
Sitzungen  aus:  es  liege  im  Wesen  des  Bundes,  daß  seine  Glieder  einander
  ihre  moralische  und  politische  Unverletzlichkeit,  auch  gegen  Angriffe
von  seiten  der  Presse,  verbürgten;  die  Preßfreiheit  sei  aber  unzweifelhaft
schädlicher  für  die  großen  Staaten,  die  in  Deutschland  von  dreißig  Mittelpunkten
  zugleich  angegriffen  werden  könnten,  als  für  die  kleinen,  deren
Schriftsteller  stets  bereit  sein  würden  die  heimische  Regierung  zu  schonen,
wenn  sie  nur  gegen  die  mächtigen  Nachbarn  freies  Spiel  behielten.  Also
um  sich  selber  vor  den  Angriffen  der  deutschen  Presse  zu  schützen,  beantragte
  Osterreich,  daß  „die  Notwendigkeit  vorbeugender  Maßregeln“,  die
Zensur,  als  Regel  anerkannt  würde  —  der  Sache  nach  eine  offenbare

 

*7)  Bernstorff  an  Hardenberg,  25.  Aug.;  Goltzs  Bericht  an  Bernstorff,  Frankfurt
28.  August  1819.
36
        <pb n="572" />
        564  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Verletzung  des  Art.  18  der  Bundesakte,  der  zwar  die  Zensur  nicht  ausdrücklich
  verbot,  aber  die  Preßfreiheit  als  Grundsatz  aufstellte.  Alle  Zeitschriften
  und  alle  Bücher  unter  zwanzig  Bogen  sollten  während  der
nächsten  fünf  Jahre  der  Zensur  unterliegen,  doch  stand  es  jedem  Bundesstaate
  frei,  auch  größere  Werke  der  Zensur  zu  unterwerfen;  auch  hier
wollte  man  nicht  ein  mindestes  Maß  der  Freiheit,  sondern  eine  unüberschreitbare
  letzte  Grenze  vorschreiben.

Da  mithin  die  Zeitungen  fortan  nichts  ohne  Genehmigung  der
Staatsgewalt  veröffentlichen  durften,  so  zog  das  Preßgesetz  sofort  den
Schluß,  daß  jede  deutsche  Regierung  dem  Bunde  wie  den  einzelnen
Bundesstaaten  für  das  Wohlverhalten  ihrer  Presse  verantwortlich  sei:
auf  Anrufen  einer  beleidigten  Regierung  oder  nach  freiem  eigenen  Ermessen
  sollte  der  Bundestag  auch  seinerseits  Zeitschriften  und  Bücher  verbieten;
  der  Herausgeber  einer  also  unterdrückten  Zeitung  aber  durfte  —
gemäß  der  Teplitzer  Abrede  —  binnen  fünf  Jahren  nicht  wieder  zu  einer
Redaktion  zugelassen  werden.  Diese  Verantwortlichkeit  der  souveränen
deutschen  Fürsten  vor  einer  Gesandtenkonferenz  war  allerdings  eine  staatsrechtliche
  Ungeheuerlichkeit;  aber  da  die  Karlsbader  Staatsmänner  allesamt
  die  Presse  als  ihren  gemeinsamen  Feind  betrachteten,  so  nahmen
sie  selbst  diesen  Eingriff  in  das  Heiligtum  der  Souveränität  ohne  Widerspruch
  hin,  sie  hielten  für  selbstverständlich,  daß  jede  wohlgesinnte  Regierung
  unter  allen  Umständen  die  Unterdrückung  einer  Zeitung  freudig
begrüßen  würde.  Hardenberg  zeigte  auch  diesmal,  wie  vollständig  ihn  die
Partei  Wittgensteins  jetzt  beherrschte.  Auf  seinen  ausdrücklichen  Befehl
mußte  Bernstorff  durchsetzen,  daß  die  Zensurfreiheit  erst  für  Schriften  von
mehr  als  zwanzig  Bogen  erlaubt  wurde;  Osterreich  hatte  schon  die
Schriften  von  mehr  als  fünfzehn  Bogen  frei  geben  wollen.“)

Auch  für  ein  anderes  Gebiet  unseres  politischen  Lebens  wurden  diese
Preßverhandlungen  folgenreich.  Unter  den  Gründen  nämlich,  welche  die
Notwendigkeit  der  Zensur  erweisen  sollten,  hob  Metternich  mit  besonderem
Nachdruck  hervor,  daß  die  Demagogen  die  Aburteilung  der  Preßvergehen
ganz  folgerichtig  den  Geschworenen  anheimzugeben  hofften.  Das  Schwurgericht
  aber,  samt  dem  öffentlichen  und  mündlichen  Verfahren,  ward
von  sämtlichen  Mitgliedern  der  Konferenzen  als  ein  Ariom  der  Revolution,
  wie  Gentz  sich  ausdrückte,  unbedingt  verworfen.  Die  törichten  Lobpreisungen,
  welche  der  badische  Landtag  dem  Palladium  der  Volksfreiheit
gespendet  hatte,  fanden  jetzt  die  unvermeidliche  Antwort.  Es  war  der  Fluch
dieser  Tage  des  Hasses  und  des  Argwohns,  daß  beide  Parteien  sich  nunmehr
  einen  Katechismus  starrer  politischer  Dogmen  bildeten,  die,  von
beiden  Seiten  mit  der  ganzen  Verbissenheit  deutschen  Parteihasses  festgehalten,
  auf  Jahrzehnte  hinaus  jede  Verständigung  verhinderten.  Das  ge- 



*)  Hardenberg  an  Bernstorff,  25.  Aug.  1819.
        <pb n="573" />
        Bundespreßgesetz.  Demagogen.  565

heime  Gerichtsverfahren,  das  doch  nur  dazu  diente,  den  im  ganzen  höchst
achtungswerten  deutschen  Richterstand  unverdienten  Verdächtigungen  auszusetzen,
  erschien  den  Doktrinären  der  Reaktion  als  eine  Stütze  des  „monarchischen
  Prinzips“.

Etwas  lebhafter,  aber  auch  keineswegs  unfriedlich  verliefen  die  Verhandlungen
  über  das  vierte  Gesetz,  das  die  Unterdrückung  der  demagogischen
  Umtriebe  bezweckte.  Obwohl  bisher  noch  kein  Anzeichen  einer
revolutionären  Bewegung  entdeckt  worden  war,  zu  deren  Bändigung  die
bestehenden  Gerichte  nicht  ausgereicht  hätten,  so  stimmten  doch  alle  Teilnehmer
  der  Konferenzen  überein  in  der  Ansicht,  daß  die  ungeheuere  über
ganz  Deutschland  verzweigte  Verschwörung  nur  durch  eine  außerordentliche
Bundes-Zentralbehörde  bewältigt  werden  könne.  Zweifelhaft  blieb  nur,
ob  der  Bund  bloß  die  Untersuchungen  leiten  oder  auch  richten  sollte.
Durch  die  Einsetzung  eines  außerordentlichen  Bundesgerichts  wäre  die  bestehende
  Gerichtsverfassung  aller  Bundesstaaten  schwer  verletzt  und  der
allgemein  anerkannte  Grundsatz,  daß  niemand  seinem  natürlichen  Richter
entzogen  werden  dürfe,  gebrochen  worden.  Daher  wünschte  Bernstorff,
daß  man  sich  mit  einer  Zentral-Untersuchungskommission  begnüge.)  Der
Staatskanzler  aber  fragte  Kircheisen  und  Kamptz  um  Rat,  und  dieser,
noch  im  ersten  wilden  Eifer  der  Demagogenjagd,  fürchtete  nichts  so  sehr
wie  eine  mögliche  Freisprechung  der  Bonner  Demagogen  durch  die  rheinischen
  Schwurgerichte,  von  denen  in  diesem  Falle  allerdings  kein  unparteiischer
  Wahrspruch  zu  erwarten  stand.  Als  tüchtiger  Jurist  wußte  Kamptz
aber  auch  bessere  Gründe  für  seine  Ansicht  anzuführen.  Glaubte  man
im  Ernst  an  eine  schwere  den  ganzen  Bund  bedrohende  Gefahr  —  und
dieser  Wahn  bestand  leider  am  preußischen  Hofe  —  so  war  die  Einsetzung
  einer  Bundes-Untersuchungskommission  unbestreitbar  eine  gefährliche
  halbe  Maßregel;  denn  bei  der  Mannigfaltigkeit  der  deutschen  Gerichtsverfassungen
  konnte  es  gar  nicht  ausbleiben,  daß  die  Urteile  der
Gerichte  über  die  Demagogen  einander  widersprachen,  und  die  Bundesbehörde,
  welche  die  Untersuchungen  leitete,  also  dem  allgemeinen  Haß  und
Spott  verfiel.  Darum  erwiderte  Hardenberg,  die  Bundes-Zentralkommission
  sei  nur  dann  wirksam,  wenn  sie  auch  richten  dürfe;  auch  im  alten
Reiche  hätten  die  Reichsgerichte  den  Landfriedensbruch  stets  unmittelbar
vor  ihr  Forum  gezogen.)  Er  übersendete  zugleich  einen  Entwurf  für  die
Errichtung  eines  provisorischen  Bundesgerichts,  welchen  Bernstorff  nunmehr
  verteidigen  mußte.

Die  meisten  der  Karlsbader  Staatsmänner  zeigten  sich  anfangs  dem
preußischen  Vorschlage  geneigt,  auch  Metternich  stimmte  aus  vollem  Herzen
bei.  Da  erhob  sich  ganz  unerwartet  ein  mächtiger  Gegner:  Kaiser  Franz.

 

*)  Bernstorff  an  Hardenberg,  8.  Aug.  1819.
**)  Hardenberg  an  Bernstorff,  13.  Aug.  1819.
        <pb n="574" />
        566  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Es  war  wohl  der  einzige  menschlich  versöhnende  Zug  in  der  Politik  dieses
starren  Despoten,  daß  er  die  bestehende  Ordnung  gegen  Hoch  und  Niedrig
mit  Ernst  zu  wahren  suchte;  seine  Schmeichler  nannten  Gerechtigkeit,
was  im  Grunde  nur  ein  pedantisches  Haften  am  Althergebrachten  war.
Wenn  sich  Rebellen  wider  ihn  selber  erhoben,  dann  schrak  er  vor  Kriegs—
gerichten  und  grausamen  Ausnahmemaßregeln  keineswegs  zurück;  aber  so
lange  ihm  die  Gefahr  nicht  nahe  auf  den  Leib  rückte,  sollte  die  Justiz
ihren  gewohnten  Gang  gehen.  Dazu  kam  sein  altes  Mißtrauen  gegen
die  unruhigen  Deutschen  draußen  im  Reich;  auf  seine  k.  k.  Gerichte  konnte
er  sich  verlassen,  deutschen  Richtern  wollte  er  einen  österreichischen  Hochverräter
  nicht  anvertrauen.  Dazu  kam  endlich  —  und  dies  war  der
Humor  der  Sache  —  daß  er  an  die  große  deutsche  Verschwörung  selber
nicht  recht  glaubte  und  nur  die  Angst  der  anderen  Höfe  ausbeuten  wollte;
darum  befürchtete  er,  ein  außerordentliches  Bundesgericht  würde  vielleicht
gar  kein  ernstes  Ergebnis  bringen  und  also  lächerlich  werden.  Sein
oberster  Richter,  Freiherr  von  Gärtner,  ein  alter  Reichsjurist  aus  Kamptzs
Schule,  mußte  für  die  Konferenzen  ein  Gutachten  abfassen,  das  unter
Berufung  auf  die  privilegia  de  non  evocando  der  Kurfürsten  ausführte,
die  Souveränitätsrechte  der  deutschen  Fürsten  blieben  nur  dann  gewahrt,
wenn  die  Bundes-Zentralkommission  sich  auf  die  Leitung  der  Untersuchungen
  beschränke.

Umsonst  versuchte  Kamptz  seinen  alten  Schüler  zu  belehren.  „Die
in  Karlsbad  ausgesprochenen  laudes  Gaertnerianae“  —  schrieb  er  ihm
mit  gewohnter  Aufgeblasenheit  —  „waren  mir  um  so  angenehmer  als  sie
größtenteils  mir  gebühren,  weil,  wie  Du  hoffentlich  noch  jetzt  dankbar
erkennst,  Du  meinem  Beispiel  und  meinen  guten  Lehren  das  was  Du
weißt  verdankst.“  Dann  setzte  er  ihm  auseinander,  wie  gefährlich  es  sei,
wenn  man  das  Urteil  über  die  Demagogen  so  vielen  subalternen  Richtern
überlasse,  ihrer  Schwäche,  ihrem  Buhlen  um  die  Volksgunst,  ihrer  Furcht
vor  den  Zeitungen;  das  heiße  das  coimperium  der  Schreier,  das  doch
jetzt  vernichtet  werden  solle,  von  neuem  befestigen.)  Vergeblich  sendete
Hardenberg  dies  Schreiben  nach  Karlsbad  und  gab  den  Konferenzen  zu
erwägen,  daß  man  ein  vom  Deutschen  Bunde  eingesetztes  Tribunal  doch
nicht  als  ein  fremdes  Gericht  betrachten  dürfe;  eine  bloß  untersuchende
Zentral-Kommission,  das  sagte  er  voraus,  werde  sich  als  völlig  nutzlos
erweisen  und  nur  böses  Blut  erregen.)  Kaiser  Franz  ließ  sich  nicht
überzeugen.  Am  28.  August  gab  er  seine  letzte  Entscheidung:  „Ich
werde  mich  nie  entschließen  zu  bestimmen:  wer  soll  richten?  —  bis  ich
nicht  genau  gesehen  habe:  was  soll  gerichtet  werden?  Was  wäre  es,  wenn
die  gemeinschaftliche  Kommission  nicht  sehr  erhebliche  oder  wenige  Data

 

*)  Kamptz  an  Gärtner,  31.  Aug.  1819.
*Hardenberg  an  Bernstorff,  25.  Aug.,  1.  Sept.  1819.
        <pb n="575" />
        Die  Zentral-Untersuchungskommission.  567

von  Wichtigkeit  fände?  Was  wäre  es,  wenn  die  Glieder  dieser  Kommission
  selbst  nicht  gleiche  Ansichten  hegten?““)  Diese  Haltung  des
Kaisers  genügte,  um  die  Mehrheit  in  Karlsbad  umzustimmen.“)

Auch  Metternich  hatte,  sehr  ungern,  im  Sinne  seines  Monarchen
reden  müssen  und  ganz  so  zynisch  wie  dieser  ausgesprochen:  man  wisse
ja  noch  gar  nicht,  „wie  viele  Hochverräter  sich  als  Resultat  der  Kommission
  ergeben  würden“;  ein  feierliches  Bundesgericht  „mit  einem  kleinen
Resultate  könne  weit  eher  kompromittierend  als  heilbringend  sein“.  So
blieb  es  denn  dabei,  daß  die  Zentral-Kommission  nur  die  Untersuchung
gegen  die  Demagogen  leiten  sollte;  doch  behielt  man  dem  Bundestage
das  Recht  vor,  ihr  nötigenfalls  auch  richterliche  Befugnisse  beizulegen.
Auf  das  Dringendste  bat  Metternich  den  preußischen  Minister,  sich  in  das
Mißgeschick  zu  fügen  und  die  Streitfrage  nicht  am  Bundestage  nochmals
anzuregen:  „so  würden  wir  unser  Spiel  verlieren;"  je  nach  dem  Ergebnis
  der  Untersuchung  bleibe  es  ja  noch  immer  möglich,  die  Zentral-Kommission
  zu  einem  Bundesgerichte  zu  erweitern.“)  Vierzehn  Tage  nach
gefaßtem  Bundesbeschlusse  sollte  die  Kommission  in  Mainz  zusammentreten,
  sofort  den  gesamten  Tatbestand  der  demagogischen  Umtriebe
festzustellen  suchen,  Weisungen  an  die  Untersuchungsbehörden  der  Einzelstaaten
  erteilen,  die  Akten  von  ihnen  einfordern,  auch  nach  Gutdünken
einzelne  Verdächtige  selber  verhören  und  schließlich  zur  Aufklärung  der
Nation  einen  umfassenden  Bericht  über  die  Ergebnisse  erstatten.  Um  die
Ernestiner  und  die  freien  Städte  fern  zu  halten,  einigte  man  sich  in
Karlsbad  zugleich  über  die  sieben  Staaten,  welche  die  sieben  richterlichen
Mitglieder  der  Zentral-Kommission  ernennen  sollten;  man  wählte  Osterreich,
  Preußen,  Bayern,  Hannover,  Baden,  Nassau  und  dazu  noch  Darmstadt,
  damit  die  von  den  Konferenzen  ausgeschlossenen  Höfe  doch  auch
einen  Vertreter  fänden.

Dergestalt  ward  durch  den  Kaiser  Franz  verhindert,  daß  dieselben
Höfe,  welche  auf  dem  Wiener  Kongresse  das  von  Preußen  vorgeschlagene
ordentliche  Bundesgericht  verworfen  hatten,  vier  Jahre  darauf  ein  außerordentliches
  Bundestribunal  zur  Abstrafung  der  Demagogen  einsetzten.
Was  man  statt  dessen  beschloß  war  freilich  fast  noch  ärger.  Ein  Tribunal
bot  durch  die  Formen  des  gerichtlichen  Verfahrens  doch  immerhin  einige
Sicherheit  gegen  die  Willkür;  die  neue  Zentral-Untersuchungskommission
hingegen,  die  nur  durch  Anzeigen,  Befehle  und  Verhaftungen  in  die
regelmäßige  Rechtspflege  eingreifen  durfte,  erschien  von  Haus  aus  als  ein
Werkzeug  der  Tyrannei,  sie  erhielt  im  Volke  sogleich  den  Namen  der
schwarzen  Kommission,  wurde  durch  die  widersprechenden  Urteile  der

 

*)  Allerhöchste  Entschließung,  Schönorunn  28.  Aug.  1819.
*#*)  Bernstorff  an  Hardenberg,  7.  Sept.  1819.
**“)  Metternich  an  Bernstorff,  5.  Sept.  1819,  mit  einer  Denkschrift  über  die
Zentral-Untersuchungskommission.
        <pb n="576" />
        568  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

Landesgerichte  Tag  für  Tag  Lügen  gestraft  und  verfiel,  wie  Hardenberg
vorhergesehen,  dem  allgemeinen  Abscheu.  —

Die  vier  Gesetze  waren  allesamt  genehmigt,  und  was  zur  Auslegung
  des  Art.  13  noch  fehlte,  konnte  auf  den  Wiener  Konferenzen,  zu
denen  man  sich  im  November  wieder  zusammenfinden  wollte,  leicht  nachgeholt
  werden,  da  alle  Teile  über  „die  Aufrechterhaltung  des  monarchischen
  Prinzips“  einig  waren.  Selbst  eine  Erweiterung  der  Rechte  der
Mehrheit  am  Bundestage,  wie  sie  die  beiden  Großmächte  in  Teplitz  geplant
hatten,  ließ  sich  in  Wien  vielleicht  noch  erreichen.  Der  Erfolg  übertraf  alle
Erwartungen  Metternichs;')  niemals,  so  ließ  er  sich  vernehmen,  hat  eine
musterhaftere  Eintracht  und  Unterwürfigkeit  geherrscht  als  auf  unseren
Konferenzen.  Als  man  am  1.  Sept.  noch  einmal  zum  Abschied  zusammen
trat,  war  alles  glückselig,  und  einer  der  Minister  fühlte  sich  so  hoch  begeistert,
daß  er  den  Genossen  vorschlug,  den  Ambrosianischen  Lobgesang  anzustimmen.
  Natürlich  ward  am  Schlusse  „dieser  auf  immer  denkwürdigen
Vereinigung“  dem  Meister  der  Staatskunst,  der  alles  so  wohl  geleitet
„der  vereinte  Ausdruck  unbegrenzter  Verehrung  und  Dankbarkeit“  dargebracht
  und  auch  dem  großen  Talente  des  Hofrats  von  Gentz  das  verdiente
  Lob  gezollt.  Wunderbar  in  der  Tat,  was  in  wenigen  Tagen
gelungen  war.  Dieser  schwerfällige  Bund,  der  zu  jeder  Entwicklung
unfähig  schien,  riß  plötzlich  mit  revolutionärem  Ungestüm  politische  Rechte
an  sich,  welche  dem  alten  Reiche  nie  zugestanden  hatten;  er  maßte  sich
die  Herrschaft  an  selbst  über  solche  Zweige  des  inneren  Staatslebens,
welche  die  kraftvolle  Zentralgewalt  des  heutigen  Deutschen  Reichs  den
Territorien  unverkümmert  überläßt;  er  schritt  über  die  Schranken  seines
Grundgesetzes  so  rücksichtslos  hinaus,  daß  scharfsinnige  Staatsrechtslehrer
wie  Albrecht  behaupten  konnten,  seit  den  Karlsbader  Beschlüssen  habe  der
Deutsche  Bund  den  Charakter  eines  völkerrechtlichen  Staatenbundes  aufgegeben
  und  sich  in  einen  Bundesstaat  verwandelt  —  eine  Ansicht,  welche
auch  von  manchen  Gehilfen  Metternichs,  namentlich  von  Ancillon,  geteilt
wurde.  Und  alle  diese  Beschränkungen  ihrer  Souveränität  ließen  sich
Deutschlands  Fürsten  ohne  Widerspruch  durch  Osterreich  auferlegen.
Triumphierend  schrieb  Metternich:  „Wenn  der-Kaiser  bezweifelt,  daß  er
Kaiser  von  Deutschland  ist,  so  irrt  er  sich  sehr."

Niemals  seit  es  eine  preußische  Großmacht  gab,  niemals  mehr  seit
den  Tagen  Karls  V.  und  Wallensteins  hatte  das  Haus  Osterreich  der
deutschen  Nation  den  Fuß  so  hart  auf  den  Nacken  setzen  dürfen.  Ganz
so  herrisch  wie  einst  Kaiser  Karl  auf  dem  geharnischten  Reichstage  den
besiegten  Schmalkaldenern  das  Augsburger  Interim  aufzwang,  rief  jetzt
Metternich  einer  neuen  nationalen  Bewegung  der  Deutschen  sein  Halt  zu;
ebenso  verächtlich  wie  damals  Granvella  über  die  peccata  Germaniae

*  Bernstorff  an  Hardenberg,  2.  Sept.  1819.
        <pb n="577" />
        Ergebnis  der  Konferenzen.  569

lachte,  höhnte  Gentz  über  die  Bedrängnis  des  Weimarischen  Altburschen
und  seines  liberalen  Anhangs;  und  fast  so  ergeben  wie  damals  der  schwache
Joachim  II.  stand  jetzt  wieder  ein  Hohenzoller  neben  dem  österreichischen
Herrscher.  Und  doch  mußte  Osterreich  bald  erfahren,  daß  jene  Krone,
welche  sich  Kaiser  Franz  einst  selber  vom  Haupte  gerissen  hatte,  durch  die
Gaunerkünste  einer  verlogenen  Diplomatie  nicht  wieder  zu  gewinnen  war.
Auch  in  früheren  Zeiten  war  Osterreichs  Herrschaft  für  die  Deutschen
immer  ein  Unheil  gewesen;  je  lichter  das  Gestirn  der  Habsburger  erglänzte
  um  so  tiefer  stets  lag  die  deutsche  Nation  darnieder.  Jener  große
Kaiser,  der  einst  in  Augsburg  den  Protestantismus  bändigen  wollte,  bot  den
Deutschen  immerhin  einen  Ersatz  für  die  verlorene  Freiheit,  einen  mächtigen
Gedanken,  der  einen  Julius  Pflugk  begeistern  konnte,  die  grandiose  Idee
des  katholischen  Weltreichs.  Was  aber  vermochten  diese  kleinen  Seelen,
die  jetzt  in  Kaiser  Karls  Fußtapfen  zu  treten  versuchten,  der  Nation  zu
bieten?  Nichts  als  Druck  und  Zwang,  nichts  als  eine  gewissenlose  Verbildung
  des  Bundesrechts,  welche  den  Deutschen  ihre  einzige  nationale
Institution  zum  Ekel  machen  mußte,  und  in  den  Kauf  noch  die  Lüge,  daß
Deutschland  vor  einer  eingebildeten  Gefahr  gerettet  worden  sei.

Für  die  realen  Interessen  der  Nation  hatte  Metternich  nur  ein
spöttisches  Lächeln.  Eine  Mahnung  der  kleinen  Höfe  an  das  noch  immer
ungelöste  Versprechen  der  deutschen  Verkehrsfreiheit  fertigte  der  österreichische
  Staatsmann  mit  einigen  leeren  Redensarten  ab.  Dem  preußischen
Minister  hatte  er  versprechen  müssen,  daß  der  widerliche  Streit  über
die  Bundesfestungen  jetzt  endlich  zum  Abschluß  kommen  solle;  auf  Preußens
Verlangen  waren  auch  Langenau  und  Wolzogen  bereits  in  Karlsbad  erschienen,
  der  letztere  zum  Schrecken  der  strengen  österreichischen  Partei,
die  ihn  als  einen  Sendling  der  deutschen  Revolutionäre  beargwöhnte.  Aber
Metternich  fand  über  so  vielen  wichtigeren  Geschäften  keine  Zeit,  um  mit
den  beiden  Generalen  die  verabredete  Beratung  zu  halten.))  Was  galt
auch  dieser  Staatskunst  die  Sicherung  der  deutschen  Grenzen  neben  den
großen  Kulturaufgaben  der  Zensur  und  der  Studentenverfolgung?  Und
wie  die  neuen  Beherrscher  Deutschlands  unvergleichlich  kleiner  und  nichtiger
waren  als  weiland  die  habsburgischen  Helden  des  Schmalkaldener  und  des
Dreißigjährigen  Krieges,  wie  sie  ihren  Erfolg  nicht  der  Macht  siegreicher
Waffen,  sondern  allein  der  törichten  Angst  der  deutschen  Höfe  verdankten,
so  trat  auch  der  unvermeidliche  Rückschlag  nicht  jäh  und  gewaltsam  ein,
wie  einst  in  den  Tagen  Moritzs  und  Gustav  Adolfs;  er  erfolgte  langsam,
unmerklich,  aber  um  so  sicherer.  Osterreich  hatte  den  Deutschen  einen
Stein  statt  eines  Brotes  gereicht.  Sobald  dann  Preußen  den  Entschluß
faßte,  sich  der  Not  dieses  Volkes  ehrlich  anzunehmen  und  ihm  die
wirtschaftliche  Einheit  zu  bringen,  welche  allein  Preußen  schaffen

 

*  Bernstorff  an  Hardenberg,  25.  Aug.,  2.  Sept.  1819.
        <pb n="578" />
        570  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

konnte,  von  diesem  Augenblicke  an  versank  das  Gespenst  des  deutschen
Dualismus,  das  jetzt  noch  einmal  seine  grinsenden  Züge  gezeigt  hatte,
nach  und  nach  im  Nebel,  und  der  denkende  Teil  der  Nation  begann  zu
erkennen,  daß  der  in  Karlsbad  so  übermütig  angedrohte  Austritt
Osterreichs  aus  dem  Deutschen  Bunde  die  einzig  mögliche  Rettung  des
Vaterlandes  war.

Bis  dahin  war  noch  ein  weiter  Weg.  Vorderhand  schwelgte  die
Hofburg  im  Siegesjubel.  In  einem  zärtlichen  Handbillet  dankte  Kaiser
Franz  dem  Könige  von  Preußen  für  das  kräftige  gemeinsame  Wirken
„gegen  die  Störer  der  Ordnung  der  Dinge,  auf  welcher  der  Bestand  der
Throne  ruht.““)  Gentz  rühmte  „diese  größte  retrograde  Bewegung,  die
seit  dreißig  Jahren  in  Europa  stattgefunden,“  und  Metternich  sprach  dem
Gesandten  in  London  die  Hoffnung  aus,  daß  diese  rettende  Tat  in  ganz
Europa  ihren  Widerhall  finden  würde.  Und  wirklich  hatten  die  Ideen
der  reinen  Reaktion  bisher  nur  in  Spanien  einen  so  durchschlagenden  Erfolg
  errungen.  Unter  den  großen  Kulturvölkern  gab  Deutschland  zuerst
das  Beispiel  eines  Staatsstreichs  von  oben,  ein  Beispiel,  das  elf  Jahre
nachher  den  französischen  Juli-Ordonnanzen  zum  Vorbilde  gedient  hat.
Die  Politik  der  Mäßigung,  welche  der  Vierbund  bis  zum  Nachener  Kongresse
  eingehalten,  ging  zu  Ende;  die  Macht,  welche  die  Führerstelle  in
der  europäischen  Allianz  errungen  hatte,  bekannte  sich  fortan  offen  zu  den
Grundsätzen  der  Unterdrückung.  —

Noch  blieb  eine  schwere  geheime  Arbeit  übrig,  bis  —  nach  Metternichs
Worten  —  die  Bombe  in  Frankfurt  platzen  konnte.  Was  man  in  Karlsbad
  erreicht  hatte  war  nur  eine  nach  Bundesrecht  ungültige  Verabredung
von  neun  Bundesstaaten,  die  allerdings  über  die  Mehrheit  des  engeren
Rats  geboten.  Zu  einer  Erweiterung  und  Veränderung  der  Bundesakte,
wie  sie  in  den  Karlsbader  Beschlüssen  enthalten  war,  bedurfte  man  aber
der  Einstimmigkeit.  Es  galt  also,  dreißig  Bundesstaaten  zur  schweigenden
Unterwerfung  unter  die  Befehle  der  Neun  zu  vermögen,  die  zu  Teplitz
beabsichtigte  Mehrheitsherrschaft  im  engeren  Rate  des  Bundestages  tatsächlich
  zu  erzwingen.  Die  Hebel  der  Angst  und  der  Einschüchterung,  welche
in  Karlsbad  so  gute  Dienste  getan,  mußten  in  Frankfurt  nochmals  angesetzt
  werden.  Metternich  wünschte  jede  Beratung  am  Bundestage  zu  verhindern;
  eine  kritische  Beleuchtung  konnten  die  Beschlüsse  der  Karlsbader
Verschwörung  allerdings  nicht  ertragen.  Seine  kurzsichtige  Schlauheit  bemerkte
  nicht,  wie  töricht  es  war,  die  deutsche  Zentralgewalt  also  vor  allem
Volke  zu  entwürdigen  in  demselben  Augenblicke,  da  man  ihr  erweiterte
und  der  öffentlichen  Meinung  verhaßte  Befugnisse  übertragen  wollte.  Noch
am  1.  Sept.  teilte  Metternich  die  Karlsbader  Beschlüsse  dem  Präsidialgesandten
  mit,  befahl  ihm  für  schleunige  Annahme  derselben  zu  sorgen

 

*)  Kaiser  Franz  an  den  König  Friedrich  Wilhelm,  29.  August  1819.
        <pb n="579" />
        Die  Karlsbader  Beschlüsse  vor  dem  Bundestage.  571

und  dann  sogleich  die  Ferien  eintreten  zu  lassen.  Dieselbe  Weisung  erging
gleichzeitig  an  Graf  Goltz,  der  nunmehr  endlich  durch  Buol,  Plessen  und
Marschall  in  die  Karlsbader  Geheimnisse  eingeweiht  wurde.“)  Andere  der
Karlsbader  Verschworenen  hielten  nicht  einmal  für  nötig  ihre  eigenen
Bundesgesandten  aufzuklären.  Der  Karlsruher  Hof  sendete  seinem  Bun—
desgesandten  erst  am  13.  Sept.  den  lakonischen  Befehl:  „da  nach  eingegangenen
  Nachrichten  in  einer  der  nächsten  Sitzungen  der  k.  k.  Gesandte
über  die  Karlsbader  Konferenzen  einen  Vortrag  erstatten  werde“,  so  solle
der  Badener  „der  k.  k.  Abstimmung  sich  ohne  weiteres  anschließen“  und
zu  Mitgliedern  der  Zentral-Untersuchungskommission  die  sieben  in  Karlsbad
  bezeichneten  Staaten  wählen.)

Den  von  den  Konferenzen  ausgeschlossenen  Regierungen  wurde  auch
jetzt  noch  jede  genaue  Nachricht  vorenthalten.  Bernstorff  begnügte  sich,  den
preußischen  Gesandten  an  den  kleinen  Höfen  eine  kurze  Übersicht  über
die  Ergebnisse  der  Konferenzen  zu  schicken,  die  ganz  ebenso  summarisch
gehalten  war  wie  unlängst  die  vorläufige  Mitteilung  an  den  dänischen
Hof.““)  Unbesehen,  wie  einst  die  Rheinbundsakte  von  den  Getreuen  Napoleons
  sollten  die  Karlsbader  Beschlüsse  von  den  Vasallen  Osterreichs
genehmigt  werden.  In  schönem  Wetteifer  erklärten  die  Diplomaten  der
neun  Eingeweihten  an  allen  kleinen  Höfen,  nur  die  Eintracht  aller  Regierungen
  könne  Deutschland  aus  seiner  schweren  Bedrängnis  erretten;
und  wo  es  not  tat,  da  spielte  der  k.  k.  Gesandte  noch  seinen  letzten
Trumpf  aus  und  drohte  mit  dem  Austritt  Osterreichs.  Einzig  der  Darmstädter
  Hof,  dem  man  ja  einen  Platz  in  der  Zentral-Untersuchungskommission

  zugedacht  hatte,  ward  einer  gründlicheren  Mitteilung  gewürdigt.
Die  Gesandten  der  beiden  Großmächte,  Handel  und  Otterstedt,  begaben

sich  zu  dem  Großherzoge,  erzählten  ihm  das  wesentliche  und  beschworen
ihn  „das  Heil  des  gemeinsamen  Vaterlandes  durch  die  unbedingte  Einmütigkeit
  aller  Bundesglieder“  zu  sichern.  Der  würdige  alte  Herr  zeigte
sich  wenig  erfreut  über  die  drohende  Beschränkung  seiner  Souveränität,
aber  auch  er  glaubte  an  die  große  Demagogengefahr  und  behielt  sich  nur
vor,  bei  der  Verkündigung  der  Karlsbader  Beschlüsse  seinem  Lande  zugleich
  zu  versprechen,  daß  die  Verfassung  bis  zum  1.  Mai  1820  erscheinen
solle;  die  Regierungen,  so  warnte  er,  dürfen  sich  nicht  den  Anschein  geben,
als  ob  sie  Anderer  Willkür  beschränken  wollten,  nur  ihre  eigene  nicht.7)

Also  war  alles  für  den  großen  Schlag  vorbereitet.  Am  14.  September
  gab  Buol  dem  Bundestage  die  erste  vertrauliche  Mitteilung  über

 

*)  Bernstorff  an  Goltz,  1.  Sept.;  Goltzs  Bericht,  7.  Sept.  1819.
**)  Ministerialinstruktion  an  den  badischen  Bundesgesandten,  13.  Sept.  1819.
*#*)  Bernstorff,  kurze  Ubersicht  über  die  Resultate  der  Karlsbader  Verhandlungen
(ohne  Datum,  vermutlich  vom  9.  Sept.  1819).
)  Bernstorff,  Weisung  an  Otterstedt,  1.  Sept.;  Otterstedts  Berichte,  Darmstadt
11.,  13.  Sept.  1819.
        <pb n="580" />
        572  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

die  Karlsbader  Konferenzen.  Am  16.  verlas  er  den  ihm  von  Metternich
zugesendeten  großen  Präsidialvortrag  und  beantragte  sodann  die  schleunige
Annahme  der  verabredeten  Bemerkungen  über  den  Art.  13,  sowie  der
vier  Gesetze.  Die  meisten  der  Bundesgesandten  lernten  jetzt  zum  ersten
Male  den  Text  der  Karlsbader  Beschlüsse  kennen.  Es  war  die  wichtigste
und  umfangreichste  Vorlage,  welche  dem  Bundestage  je  unterbreitet  worden,
und  für  die  Erledigung  dieser  Aufgabe  setzte  Buol,  ohne  daß  ein  Widerspruch
  laut  ward,  eine  Frist  von  vier  Tagen,  eine  Frist,  welche  bei  den
Verkehrsverhältnissen  jener  Zeit  nicht  einmal  zur  Einholung  der  Instruktion
  ausreichte.  Am  20.  September  sollte  die  Abstimmung  stattfinden,
während  die  Geschäftsordnung  eine  Frist  von  mindestens  vierzehn  Tagen
verlangte;  die  große  Mehrzahl  der  deutschen  Regierungen  war  also  von
dem  Wortlaut  der  Beschlüsse  noch  gar  nicht  unterrichtet,  als  sie  in
Frankfurt  durchgingen.  Auch  die  verfassungsmäßige  Beratung  der  Anträge
  unterblieb  gänzlich,  und  kein  Gesandter  unterstand  sich  dies  zu
rügen.

Am  Tage  der  Abstimmung  wagte  zwar  niemand  förmlich  zu  widersprechen;
  aber  zum  Schrecken  Osterreichs  ergab  sich,  daß  trotz  allen  Drohungen
  doch  nur  ein  Teil  der  Gesandten  zur  unbedingten  Genehmigung
bevollmächtigt  war.  Viele  warteten  noch  auf  Instruktionen,  Andere  hatten
nach  deutscher  Weise  allerhand  Bedenken  und  Wünsche  kundzugeben.  So
fand  der  Dresdner  Hof  die  Karlsbader  Beschlüsse  noch  zu  liberal  und
ließ  die  Hoffnung  aussprechen,  daß  überall  in  Deutschland,  wie  im
Königreich  Sachsen,  alle  Druckschriften  ohne  Ausnahme  der  Zensur  unterworfen
  würden.  Auch  Wangenheim  brachte  eine  ganze  Reihe  von  Ausstellungen
  vor  —  ein  neuer  Beweis  für  die  Treulosigkeit  des  württembergischen
  Hofes,  nachdem  Wintzingerode  in  Karlsbad  allen  vier  Gesetzen
freudig  zugestimmt;  er  hatte  partikularistische  Bedenken  gegen  die  Exekutionsordnung,
  er  fand  es  zu  hart,  daß  jeder  Bundesstaat  für  die  Haltung
seiner  Presse  verantwortlich  sein  sollte  usw.  Desgleichen  Kurhessen
konnte  eine  Klage  über  die  Exekutionsordnung,  die  so  tief  in  die  Rechte
der  Souveränität  einschneide,  nicht  unterdrücken.

Mit  der  höchsten  Spannung  sah  die  Versammlung  darauf  der  Abstimmung
  des  luxemburgischen  Gesandten  entgegen.  Jedermann  wußte,  daß
sein  königlicher  Herr,  der  alle  deutschen  Dinge  mit  geflissentlicher  Geringschätzung
  behandelte,  ihn  ohne  Instruktion  gelassen.  Aber  Buol  und  Goltz
hatten  ihm  zugeredet,  und  Graf  Grünne  erklärte  unbefangen:  obwohl  ohne
Vollmacht  „wolle  er  sich  von  einem  förmlich  verfaßten  Beschluß  nicht  länger
ausschließen"  —  worauf  dann  einige  nichtssagende  Vorbehalte  zugunsten
der  luxemburgischen  National-Eigentümlichkeiten  folgten.  Jetzt  erst  war,
wie  Goltz  seinem  Könige  meldete,  das  Spiel  gewonnen,  „weil  nur  dadurch
scheinbare  Einstimmigkeit  erlangt  und  der  fünfzehnten  und  sechzehnten
Kurie  sowie  den  freien  Städten  der  Vorwand  zu  abweichenden  Auße-
        <pb n="581" />
        Genehmigung  der  Karlsbader  Beschlüsse.  573

rungen  benommen  werden  konnte.“")  Wenn  der  Vertreter  des  Königs
der  Niederlande  sich  so  sanftmütig  fügte,  wie  sollten  die  Kleinen  widerstehen?
  Die  Gesandten  der  ernestinischen  Häuser  und  der  sechzehnten
Kurie  sprachen  ihr  Ja,  obgleich  sie  gestehen  mußten,  daß  sie  erst  von  einigen
ihrer  Kommittenten  Weisungen  erhalten  hätten.  Unter  den  ausdrücklich
Zustimmenden  war  auch  Weimar.  Der  Stimmführer  der  fünfzehnten
Kurie  scheute  sogar  eine  Lüge  nicht  und  versicherte  von  Ihren  Hochfürstlichen
  Durchlauchten  zur  Beistimmung  angewiesen  zu  sein,  obwohl  er
nachweislich  von  den  beiden  Schwarzburg  keine  Instruktion  empfangen
hatte.  Nach  alledem  blieb  auch  den  Gesandten  der  freien  Städte  nichts
übrig  als  „sich  in  Ermangelung  einer  besonderen  Instruktion  der  bereits
ausgesprochenen  Einstimmigkeit  anzuschließen“.

Die  Stimmeneinheit  war  erzielt,  der  Bundestag  hatte  sich  den  Beschlüssen
  der  Neun  unterworfen.  Aber  konnte  man  es  wagen,  diese  seltsame
  Abstimmung,  wie  sie  vorlag,  mit  allen  ihren  Klauseln  und  Vorbehalten,
  der  Ordnung  gemäß  in  den  Protokollen  zu  veröffentlichen?  Sie
bewies  doch  nur  zu  deutlich  —  Goltz  selbst  gestand  es  seinem  Monarchen  —
„daß  die  Bereitwilligkeit  sich  nicht  überall  auf  Uberzeugung,  sondern  mehr
auf  Ergebung  in  die  Umstände  gründete".  Sollte  die  öffentliche  Meinung,
auf  deren  Unwillen  man  allerseits  gefaßt  war,  durch  eine  großartige  Kundgebung
  des  Einmuts  der  deutschen  Kronen  zum  Schweigen  gebracht
werden,  dann  durfte  Osterreich  nach  allen  den  Schlichen  und  Lügen  dieses
unsauberen  Handels  auch  vor  einer  letzten  Fälschung  nicht  mehr  zurückschrecken.
  Von  Goltz  und  Plessen  lebhaft  unterstützt,  stellte  Buol  den
Genossen  vor,  daß  es  „zur  Erhöhung  des  zu  machenden  Eindrucks“  unumgänglich
  sei,  das  öffentliche  Protokoll  von  allen  Bemerkungen  frei  zu
halten..)  Alle  fügten  sich  ohne  Zaudern.  So  ward  denn  die  wirkliche
Abstimmung  in  einer  tiefgeheimen  Registrande  vergraben,  die  „nur  als
ein  Beleg  der  Akten“  dienen  und  vielleicht  bei  späteren  Beratungen
noch  benutzt  werden  sollte.““)  Das  veröffentlichte  Protokoll  aber  erzählte
von  der  „einmütigen“  Annahme  der  Karlsbader  Beschlüsse  und  bestimmte,
daß  alle  vier  Gesetze  „sogleich  in  allen  Bundesstaaten  in  Vollziehung
treten“  sollten.  Erschütternd  war  der  Eindruck,  als  die  Deutschen  plötzlich
erfuhren,  daß  der  Bundestag,  der  für  alle  dringenden  Anliegen  der  Nation
immer  taub  gewesen,  die  zur  Knebelung  ihres  geistigen  Lebens  bestimmten
Zwangsgesetze  in  so  würdeloser  Hast,  mit  offenbarer  Mißachtung  der  Vorschriften
  der  Bundesakte,  angenommen  hatte.  Die  kleinen  Höfe  selbst
empfanden  die  Vergewaltigung  so  lebhaft,  daß  der  preußische  Gesandte
seiner  Regierung  dringend  riet,  den  Bogen  nicht  zu  überspannen  und  zu

 

*)  Goltzs  Bericht  an  den  König,  28.  Sept.  1819.
**)  Goltzs  Berichte  an  den  König  und  an  Bernstorff,  18.,  22.,  28.  Sept.  1819.

*““)  Zuerst  veröffentlicht  im  Jahre  1861  in  der  Schrift  von  K.  L.  Aegidi,  Aus
dem  Jahre  1819.
        <pb n="582" />
        574  II.  9.  Die  Karlsbader  Beschlüsse.

den  Wiener  Konferenzen  alle  Regierungen  ohne  Ausnahme  einzuladen.
Nach  vollbrachtem  Werke  gab  der  Präsidialgesandte  seinen  Genossen  ein
glänzendes  Festmahl.  Graf  Goltz  aber  empfing  Verzeihung  für  frühere
Mißgriffe  und  die  warme  Anerkennung  seines  Hofes  für  die  glückliche
Lösung  der  schwierigen  Aufgabe.“)

Unter  solchen  Anzeichen,  mit  einer  gefälschten  Abstimmung,  begann
die  Herrschaft  des  Hauses  Osterreich  am  Deutschen  Bundestage.  Mit
einer  anderen  gefälschten  Abstimmung,  mit  der  erschlichenen  Kriegserklärung
gegen  Preußen  sollte  sie  im  Jahre  1866  ihr  würdiges  Ende  finden.  —

 

*)  Bernstorff  an  Goltz,  9.  Okt.  1819.
        <pb n="583" />
        Zehnter  Abschnitt.

 

Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

Auf  den  Zorn  der  liberalen  Parteien  war  Fürst  Metternich  von  Haus
aus  gefaßt,  als  er,  nach  seinem  bescheidenen  Geständnis,  „in  drei  Wochen
vollendet  hatte,  was  dreißig  Jahre  der  Revolution  nicht  zu  Stande  bringen
konnten“.  Den  Charakter  des  deutschen  Volks  kennen  zu  lernen,  hatte  er
freilich  nie  der  Mühe  wert  gehalten;  er  ahnte  nicht,  wie  hoch  diese  idea—
listische  Nation  die  Freiheit  des  Gedankens  schätzte  und  wie  furchtbar  sie
gerade  durch  einen  Angriff  auf  die  Presse  und  die  Hochschulen  gekränkt
werden  mußte.  Die  Karlsbader  Beschlüsse  verwirrten  und  verwüsteten  die
öffentliche  Meinung  von  Grund  aus.  Die  Hoffnung  auf  die  friedliche
Fortbildung  der  deutschen  Dinge  ging  auch  den  Gemäßigten  verloren.
Republikanische  Gedanken,  denen  in  unserer  monarchischen  Geschichte  jeder
Boden  fehlte,  begannen  überhand  zu  nehmen,  seit  Deutschlands  Fürsten
als  die  verschworenen  Feinde  der  Volksfreiheit  auftraten;  die  bisher  nur
theoretische  Begeisterung  für  den  großen  Freistaat  Amerikas  ward  bei  Vielen
zur  praktischen  Parteigesinnung.  Das  wüste  Lied  der  Unbedingten  „Fürsten
zum  Land  hinaus!“  drang  jetzt  erst  in  weitere  Kreise.

Die  Nation  ward  irr  an  ihrem  Staate,  an  ihren  schönsten  historischen
Erinnerungen.  Die  edle  vaterländische  Begeisterung  der  letzten  Jahre  ver—
rauchte.  Von  aller  Lippen  klang  die  bittere  Klage,  das  Blut  von  Leipzig
und  Belle  Alliance  sei  umsonst  geflossen.  Wenn  die  deutschen  Liberalen
vorher  nur  halb  unbewußt  einzelne  jakobinische  Grundsätze  bei  sich  auf—
genommen  hatten,  so  zogen  sie  jetzt,  da  man  ihnen  unter  dem  Namen
des  alten  deutschen  Rechtes  Druck  und  Verfolgung  bot,  mit  fliegenden  Fahnen
in  das  französische  Lager  hinüber  und  berauschten  sich  an  einer  konstitu—
tionellen  Theorie,  welche  das  republikanische  Ideal  kaum  noch  notdürftig
verbarg.  Die  Sieger  sammelten  begierig  jeden  Brocken  politischer  Afterweisheit,
  der  von  dem  Tische  der  Besiegten  abfiel;  die  deutsche  liberale  Politik
beugte  sich  vor  den  französischen  Ideen  so  knechtisch  wie  einst  die  Dichtung
in  den  Tagen  Ludwigs  XIV.  Die  neuen,  aus  den  Tiefen  des  germanischen
  Lebens  geschöpften  Gedanken  der  historischen  Rechtsschule  fielen  in
Mißachtung,  und  wer  die  Verirrungen  der  entarteten  konservativen  Partei
        <pb n="584" />
        576  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

bekämpfte,  wendete  sich  jenen  revolutionären  Naturrechtslehren  zu,  die  von
der  deutschen  Wissenschaft  längst  überwunden  waren.  Im  Zorn  über  das
erlittene  Unrecht  geriet  der  deutsche  Liberalismus  recht  eigentlich  außer  sich;
er  vergaß  des  unschätzbaren  Segens  der  Befreiungskriege,  er  begann  die
Helden  jener  Kämpfe  als  Betrogene  oder  Betrüger  gering  zu  schätzen  und
verfiel  nach  und  nach  einer  weltbürgerlichen,  radikalen  Schwärmerei,  die
für  ein  werdendes  Volk  schlechthin  verderblich  werden  mußte.

Obwohl  die  Presse  unter  der  Obhut  der  sofort  in  Wirksamkeit  tretenden
  Zensur  nur  wenig  sagen  durfte,  so  konnte  doch  selbst  der  Diplomatie
der  allgemeine  Zorn  nicht  entgehen.  In  Frankfurt,  in  Stuttgart,  in
München,  überall  äußerte  sich  die  Entrüstung  der  gebildeten  Stände  in
heftigen  Reden,  überall  verglich  man  die  neue  schwarze  Kommission  mit
dem  Wohlfahrtsausschusse  des  Konvents.)  Niemand  aber  empfand  die
Unbill  schwerer  als  die  Professoren,  die  sich  wegen  der  Torheiten  einiger
Jenenser  jetzt  allesamt  von  Bundes  wegen  geschmäht  und  verleumdet  sahen.
Was  mußten  Dahlmann  und  Falck,  die  beiden  Vorkämpfer  des  deutschen
Rechts  in  Kiel  empfinden,  als  Holstein  und  zugleich  auch  das  nicht  zum
Bunde  gehörige  Schleswig  jetzt  als  erstes  Geschenk  von  dem  befreiten
Deutschland  die  Zensur  empfingen,  nachdem  sie  fünfzig  Jahre  lang,  seit
den  Tagen  Struensees,  unter  der  absoluten  Herrschaft  der  dänischen  Alleingewalt-Erbkönige
  sich  der  unbeschränkten  Preßfreiheit  erfreut  hatten.  Die
Kieler  Blätter  gingen  ein,  weil  sie  sich  keinem  Zensor  unterwerfen  wollten.
Dahlmann  aber,  der  noch  so  oft  für  die  Empfindungen  des  empörten  nationalen
  Gewissens  das  rechte  Wort  finden  sollte,  nannte  die  deutschen  Universitäten
  durch  jene  Bundesbeschlüsse  „unvergeßlich  herabgewürdigt  und
beleidigt".  Er  kündigte  dem  Freiherrn  vom  Stein  die  Mitarbeiterschaft  an
den  Monumenta  Germaniae  auf,  so  lange  an  der  Spitze  des  Unternehmens
jene  Bundesgesandten  stünden,  welche  an  der  Beschimpfung  des  deutschen
Gelehrtenstandes  Teil  genommen:  „Mein  guter  Name  ist  mir  mehr  wert
als  ein  wissenschaftliches  Unternehmen.  Ich  möchte  nicht,  daß  es  gelänge,
auf  dem  mit  Unterdrückung  und  Verfolgung  —  und  womit  vielleicht  bald?
—  befleckten  Boden  edle  Früchte  der  Wissenschaft  durch  gebundene  Hände  zu
ziehen.“  Zum  Geburtstage  des  König-Herzogs  trat  er  sodann  in  akademischer
Festrede  unerschrocken  als  Anwalt  der  verleumdeten  Universitäten  auf;  er
nannte  das  Majestätsverbrechen  „das  einzige  und  eigentümliche  Verbrechen
derer,  welche  nie  ein  Unrecht  getan“;  er  verteidigte  das  Recht  der  neuen
Zeit  sich  ihre  eigenen  politischen  Formen  zu  finden:  „ein  Neuerer  ist  auch
wer  das  Veraltete  herzustellen  sucht“  —  und  sagte  voraus,  die  neuen  Bundesgesetze
  würden,  da  sie  den  leeren  Formen  des  Friedens  sein  inneres  Wesen
opferten,  nur  polizeiliche  Ruhe,  nicht  den  Frieden  begründen.

 

*)  Berichte  von  Goltz  aus  Frankfurt,  22.,  28.  Sept.,  26.  Okt.,  von  Zastrow  aus
München,  9.  Okt.,  von  Küster  aus  Stuttgart,  12.  Okt.  1819.
        <pb n="585" />
        Die  öffentliche  Meinung  und  die  Karlsbader  Beschlüsse.  577

Selbst  in  den  höchsten  Kreisen  der  Gesellschaft  fehlte  es  nicht  an  scharfem
Tadel.  Hans  von  Gagern  richtete  an  seinen  Freund  Plessen  einen  warnen—
den  Brief,  der  neben  vielen  Wunderlichkeiten  auch  manche  beherzigenswerte
Mahnung  aussprach:  „Hintergehen  Sie  Ihre  Herren  nicht,  bringen  Sie
ihnen  nicht  den  Glauben  bei,  als  ob  alles  das,  was  jetzt  vorgeht,  Neue—
rung  und  Neuerungssucht,  von  ihrer  Seite  nur  Langmut  und  Gnade
sei!“  Sogar  Stein,  der  über  die  Torheiten  der  Jenenser  Professoren
und  der  Karlsruher  Adelsfeinde  sehr  streng  urteilte,  verdammte  die  Einsetzung
  der  neuen  Regierungsbevollmächtigten  als  eine  Beleidigung  der
Universitäten;  und  als  die  Spürer  der  Demagogenjagd  nun  gar  den  Freiherrn
  selber  der  Teilnahme  an  der  großen  Verschwörung  bezichtigten,  da
brach  sein  Zorn  furchtbar  los.  „Vox  faucibus  haeret“,  rief  er  aus,  „über
eine  solche  viehische  Dummheit  oder  eine  solche  teuflische  Bosheit  oder  einen
solchen  nichtswürdigen  und  aus  einem  durchaus  verfaulten  Herzen  entstehenden
  Leichtsinn.“  Auch  den  Fürsten,  die  ihr  Haupt  unter  das  Joch  gebeugt,
  fiel  es  nachher  schwer  auf  die  Seele,  daß  niemals  ein  deutscher  Kaiser
den  geringsten  seiner  Reichsfürsten  so  schmählich  behandelt  hatte,  wie  jetzt
der  Wiener  Hof  den  gesamten  Bundestag.  „Dieser  Eingriff  in  die  noch
junge  Konstitution  Deutschlands“,  schrieb  der  Herzog  von  Oldenburg,  „hat
nur  die  Unbefangenen  erschreckt,  die  öffentliche  Meinung  beleidigt  und  den
Tadel  gereizt.“  Die  Verstimmung  der  kleinen  Höfe  begann  recht  bedenklich
zu  werden;  nach  alledem  hielt  es  Metternich  doch  für  geraten,  die  Warnung
  des  preußischen  Bundesgesandten  zu  beherzigen  und  verabredete  mit
dem  Berliner  Kabinett,  daß  von  den  Ministerkonferenzen  des  Winters  kein
deutscher  Hof  ausgeschlossen  werden  solle.)

In  der  Presse  des  Auslandes  fand  der  allgemeine  Groll  lauten  Widerhall.
  Nur  die  französischen  Ultras  frohlockten  und  deuteten  vernehmlich
an,  daß  auch  für  Frankreich  ein  Karlsbader  Staatsstreich  heilsam  werden
könne.  Aber  schon  der  Moniteur  wagte  die  Taten  Osterreichs  nicht
offen  zu  billigen:  in  Frankreich,  so  ließ  er  sich  vernehmen,  seien  solche
Gesetze  unanwendbar,  für  den  Despotismus  biete  Europa  keinen  Raum
mehr.  Die  liberalen  Publizisten  vollends  überboten  einander  in  stürmischer
Entrüstung.  Zuerst  natürlich  war  der  unvermeidliche  Erzbischof  de  Pradt
wieder  zur  Stelle  mit  einer  jener  umfänglichen  Schriften,  die  man,
nach  Gentzs  Urteil,  beliebig  von  vorn,  von  hinten  oder  aus  der  Mitte
heraus  lesen  konnte;  schon  im  August,  noch  bevor  er  von  den  Verhandlungen
  in  Böhmen  ein  Wort  kannte,  ließ  er  das  erste  Heft  seiner  Schrift
über  „den  Karlsbader  Kongreß"“  erscheinen  und  verkündete,  die  Zeiten  von
Pillnitz  und  Brunswic  kehrten  wieder.  Noch  lauter  tobte  Etienne  in  der
Minerva,  desgleichen  der  Censeur,  der  Independant,  fast  alle  liberalen
Blätter  Frankreichs  und  Englands.  Die  Deutschen,  hieß  es  da,  seien  durch
eine  schimpfliche  Sklaverei  „aus  der  Menschheit  ausgestoßen“,  den  Pro-*)

  Krusemarks  Bericht,  Wien  16.  Okt.  1819.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  37
        <pb n="586" />
        578  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

skriptionen  des  Sulla,  der  Tyrannei  des  Tiberius  verfallen;  überall  sonst
suche  die  Willkür  nach  einer  Verkleidung,  nur  in  Deutschland  schreite  sie
schamlos,  ohne  Larve  einher.

Der  also  angeschlagene  Ton  ward  seitdem  treulich  eingehalten.  Das
den  Nachbarn  so  unbequeme  Erstarken  Mitteleuropas  schien  jetzt  nicht  mehr
gefährlich  seit  der  Deutsche  Bund  sich  schweigend  dem  Hause  Osterreich
unterworfen  hatte.  Dreißig  Jahre  lang  blieb  Deutschland  fortan  für  die
Presse  des  Westens  das  klassische  Land  aller  politischen  Erbärmlichkeit,  der
Beachtung  freier  Briten  und  Franzosen  völlig  unwert,  und  die  Nation,
welche  zweimal  binnen  zwei  Jahren  ihre  siegreichen  Fahnen  auf  dem  Montmartre
  aufgepflanzt  hatte,  ward  von  ihren  besiegten  Nachbarn  mit  geringschätzigem
  Wohlwollen  als  ein  gutmütiges  Philistervolk  behandelt,  das  bei
Bier,  Tabak  und  Philosophie  die  Zeit  verträume  und  in  richtiger  Selbsterkenntnis
  auf  alle  Pläne  politischer  Macht  und  Freiheit  gemächlich  verzichtet
  habe.  Die  Deutschen  aber  hatten  sich  in  das  Bewußtsein  des  hoffnungslosen
  „deutschen  Elends“  bald  so  gründlich  eingelebt,  daß  sie  solche
Kundgebungen  urteilslosen.  Hochmuts  als  Beweise  der  Uberlegenheit  westeuropäischer
  Kultur  willig  hinnahmen  und  sich  in  ihrer  weltbürgerlichen
Bruderliebe  nicht  mehr  stören  ließen.

Trotz  dem  Unwillen  der  Nation  wurden  die  Karlsbader  Beschlüsse
überall  mit  einer  Pünktlichkeit  vollzogen,  wie  seit  unvordenklichen  Zeiten
kein  Reichs=  oder  Bundesgesetz.  Die  Zentral-Untersuchungskommission
trat  sofort  zusammen.  Ihr  bösartigstes  Mitglied  war  der  Bayer  Hörmann,
  jener  fanatische  Bonapartist,  der  seit  Jahren  in  der  Alemannia
die  Borussomanen  verfolgte  und  nun  sie  gänzlich  auszurotten  hoffte.
Der  Badener  Pfister  und  der  Nassauer  Musset  gingen  mit  ihm  Hand  in
Hand.  Preußen  hatte  anfangs  den  elenden  Grano  bevollmächtigt,  aber
bald  regte  sich  in  Berlin  die  Scham  über  eine  solche  Vertretung;  man
rief  den  Menschen  zurück  und  ersetzte  ihn  durch  den  Präsidenten  von  Kaisenberg,
  einen  ausgezeichneten  Juristen,  der  sein  widerwärtiges  Amt  mit  großer
Umsicht  und  Mäßigung  führte,  unter  fortwährenden  Kämpfen  mit  Hörmann
  viel  Unheil  und  Willkür  abwendete.

Unverzüglich  begannen  die  Zensoren  und  die  Universitätsbevollmäch--tigten
  überall  ihre  Tätigkeit.  Die  Jenenser  Burschen  sprachen  dem  Großherzog
  in  einem  ruhig  gehaltenen  Briefe  ihr  Bedauern  aus,  daß  man  sie
öffentlich  verkannt  habe,  und  lösten  am  27.  November  gehorsam  ihre  Verbindung
  auf.  Beim  Scheiden  erklangen  die  Verse  von  Binzer:

Das  Band  ist  zerschnitten,
War  schwarzrotundgold.

Und  Gott  hat  es  gelitten.
Wer  weiß  was  er  gewollt!  —

sentimentale  Klagen,  die  wahrhaftig  nicht  auf  revolutionäre  Entschlüsse
deuteten.  Einige  der  Getreuesten  traten  noch  in  der  nämlichen  Nacht  zu-
        <pb n="587" />
        Auflösung  der  Burschenschaft.  579

sammen,  um  den  aufgelösten  Bund  von  neuem  zu  schließen.  Diesen  neuen
geheimen  Burschenschaften,  die  sich  nunmehr  fast  auf  allen  Universitäten
zusammentaten,  trugen,  da  sie  mit  der  Polizei  in  beständigem  Kampfe
lebten,  von  Haus  aus  eine  radikalere  Färbung  als  der  alte  allgemeine
Burschenbund  und  waren  doch  im  Grunde  noch  ungefährlicher.  Denn  die
ernsthaften  Soldaten  des  Befreiungskrieges  verließen  jetzt  allesamt  die
Hochschulen;  der  junge  Nachwuchs  bestand  wieder  aus  gewöhnlichen  Schul—
füchsen,  die  sich  die  Freuden  des  Burschenlebens  nicht  verkümmern  ließen
und  die  Raufhändel  mit  ihren  Gegnern,  den  überall  neu  entstehenden
Korps  und  Landsmannschaften,  zumeist  weit  eifriger  betrieben  als  die  poli—
tische  Redekunst.  Aber  die  heilsame  sittliche  Wirkung  der  burschenschaftlichen
Bewegung  blieb  den  Universitäten  unverloren;  die  entsetzliche  Roheit  der
guten  alten  Zeit  kehrte  in  solchem  Maße  niemals  wieder.  Die  Jenenser  Lehrer
blieben  nach  Okens  Entlassung  unbelästigt;  nur  Fries  mußte,  infolge
jenes  törichten  Aufsatzes  über  die  hochwohlgebornen  französischen  Affen,
einige  Jahre  lang  seine  Vorlesungen  einstellen.  Welch  ein  klägliches  Er—
gebnis,  nachdem  der  österreichische  Präsidialgesandte  den  gesamten  deutschen
  Professorenstand  vor  aller  Welt  mit  Anklagen  überschüttet  hattel
Die  Ausführung  der  neuen  Bundesgesetze  erfolgte  überall  unter  der
unmittelbaren  Aufsicht  der  Gesandten  Osterreichs  und  Preußens.  Dem
Bundestage  wollten  die  beiden  Großmächte  diese  ÜUberwachung  nicht  überlassen.
  Er  war  durch  Zank  und  Untätigkeit  und  zuletzt  noch  durch  die
erzwungene  Abstimmung  vom  September  gänzlich  entwürdigt;  in  Wien
und  an  den  befreundeten  Höfen  erwog  man  schon  seit  Monaten  die  Frage,
ob  es  nicht  geraten  sei,  alle  wichtigen  Bundesgeschäfte  unmittelbar  durch
die  Regierungen  zu  erledigen  und  die  Bundesversammlung  als  eine  bescheidene
  Tagsatzung  alljährlich  nur  auf  drei  Monate  nach  Mannheim  einzuberufen.)
  Die  k.  k.  Gesandten  erhielten  demnach  gemessenen  Befehl,  die
Handhabung  der  Zensur  und  der  akademischen  Disziplin  in  den  kleinen
Staaten  sorgsam  zu  beaufsichtigen.  In  seinen  eigenen  Bundeslanden  konnte
Kaiser  Franz  freilich  für  die  Vollziehung  der  Karlsbader  Beschlüsse  gar
nichts  tun;  in  dieser  friedsamen  österreichischen  Welt  war  weder  ein  Demagog
noch  ein  Burschenschafter  noch  eine  liberale  Zeitung  aufzutreiben.  Nur
um  ihren  guten  Willen  zu  beweisen,  veranstaltete  die  Wiener  Polizei  im
Oktober  ein  Treibjagen  auf  die  zahlreichen  Hauslehrer  aus  der  Schweiz;
doch  da  sich  bei  den  verhafteten  nur  „einige  Briefe  mit  schlechten  Grundsätzen“
  vorfanden,  so  mußte  sich  der  Kaiser  begnügen,  sie  noch  eine  Weile
gefangen  zu  halten  und  dann  über  die  Grenze  abschieben  zu  lassen.“)
Fast  noch  eifriger  zeigte  sich  der  Berliner  Hof.  Der  König  war  und
blieb  von  der  Notwendigkeit  der  Ausnahmegesetze  tief  durchdrungen,  befahl
  allen  seinen  Gesandten  in  Deutschland  die  Ausführung  zu  überwachen

*)  Berkheims  Berichte,  Frankfurt  2.  April  1819  ff.
**)  Krusemarks  Bericht,  30.  Okt.  1819.
        <pb n="588" />
        580  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

und  ließ  den  größeren  Bundesstaaten  mitteilen,  daß  er  fest  auf  ihre  tätige
Mitwirkung  zähle.  Nur  das  treu  verbündete  England-Hannover  bedurfte
keiner  solchen  Mahnung.  Die  verdächtigen  thüringischen  Höfe  dagegen
wurden  gleich  den  Hansestädten  bloß  auf  die  ernste  Willensmeinung  des
Königs  verwiesen,  aber  ausdrücklich  keines  vertrauensvollen  Wortes  gewürdigt.“')
  Indes  bewirkte  Humboldt,  der  treue  Verehrer  Karl  Augusts,
daß  sich  das  freundliche  Verhältnis  zu  dem  Weimarischen  Hofe  bald  wiederherstellte.
  Er  schrieb  dem  Großherzoge:  „Ich  meine,  daß  wenn  man
fest  den  Grundsätzen  der  Gerechtigkeit  treu  bleibt,  wenn  man  die  Strafbaren
  mit  gesetzlicher  Strenge,  die  große  Masse,  die  nur  Ruhe  und  innere
Sicherheit  sucht,  mit  Vertrauen  behandelt  und  mit  Konsequenz  auf  diesem
Wege  fortschreitet,  keine  Gefahr  zu  befürchten  ist.  Das  Entstehen  von
Parteisucht  ist  in  Zeiten  wie  die  jetzigen  unvermeidlich.  Allein  da
ich  überzeugt  bin,  daß  sie  einer  Regierung  ebenso  verderblich  als  unwürdig
ist,  so  werde  ich  ihr,  wenn  sie  sich  irgendwo  finden  sollte,  immer  entgegenarbeiten,
  sie  möge  sich  gegen  uns  oder  ein  anderes  Land  richten.“““)  Die
Weimarische  Regierung  war  dermaßen  eingeschüchtert,  daß  sie  sich  schon
mit  dem  Plane  trug  ihrem  Landtage  eine  den  jüngsten  Bundesbeschlüssen
entsprechende  Verfassungs-Anderung  vorzuschlagen.  Als  sie  deshalb  im
Oktober  bei  Bernstorff  anfragte,  da  regte  sich  wieder  das  preußische  Rechtsgefühl;
  der  Minister  erwiderte:  diese  „delikate  Operation“  sei  wohl  wünschenswert,
  könnte  aber  in  der  gegenwärtigen  Lage  leicht  mißlingen  und
dann  nach  innen  wie  nach  außen  sehr  unangenehme  Folgen  haben.)
Daraufhin  unterblieb  das  Wagnis,  und  Preußen  hatte  wieder  einmal
den  Bestand  einer  deutschen  Landesverfassung  gesichert.

An  die  Gesandten  im  Ausland  erging  (28.  September)  ein  von
Ancillon  verfaßtes  Zirkularschreiben,  das  mit  theologischer  Salbung  schilderte,
  wie  die  vier  Mächte  die  Legitimität  und  das  Eigentum  wiederhergestellt,
  Deutschland  aber  diese  Politik  jetzt  von  neuem  befestigt  hätte:
„durch  seine  geographische  Lage  ist  Deutschland  der  Mittelpunkt  oder,  besser
gesagt,  das  Herz  Europas,  und  das  Herz  kann  nicht  schadhaft  oder  krank
sein  ohne  daß  man  dies  bald  bis  in  die  äußersten  Glieder  des  politischen
Körpers  fühlen  müßte.“  Als  dies  Aktenstück  von  Paris  aus  widerrechtlich
  veröffentlicht  wurde,  erscholl  durch  die  gesamte  liberale  Presse
Europas  ein  Wehruf  über  Preußen.

Bald  nachher,  am  Jahrestage  der  Leipziger  Schlacht,  befahl  der  König
die  Bekanntmachung  der  Karlsbader  Beschlüsse.  Am  nämlichen  Tage  genehmigte
  er  das  Zensur-Edikt,  das  der  Staatskanzler  in  höchster  Eile  hatte

 

*)  Weisung  an  die  Gesandten  in  Dresden,  München,  Stuttgart,  Darmstadt,  2.  Okt.;
desgleichen  an  Gf.  Keller  in  Erfurt  und  die  Geschäftsträger  in  Hamburg  und  Frankfurt,
2.  Okt.  1819.

*“)  Humboldt  an  Großh.  Karl  August,  9.  Okt.  1819.
7?“)  Cruickshanks  Bericht,  30.  Okt.  1819.
        <pb n="589" />
        Das  preußische  Preßgesetz.  581

ausarbeiten  lassen.  Die  beiden  magnetischen  Zauberer  Schöll  und  Koreff,
dieselben  nichtigen  Gesellen,  welche  Wittgenstein  als  Hardenbergs  liberale
Verführer  zu  verdächtigen  pflegte,  waren  ihrem  Gönner  dabei  dienstwillig
zur  Hand  gegangen;')  die  im  Frühjahr  zur  Ausarbeitung  des  Preßgesetzes
berufene  Kommission  wurde  nicht  einmal  befragt.  Das  neue  Edikt,  im
wesentlichen  eine  Umarbeitung  der  Wöllnerschen  Zensurordnung  vom  Jahre
1786,  ging  noch  weit  über  die  Karlsbader  Vorschriften  hinaus  und  bestimmte
  gleich  im  Eingang,  daß  alle  Druckschriften  ohne  Ausnahme,  wie
bisher,  der  Zensur  unterliegen  sollten;  sogar  die  alte  Zensurfreiheit  der
Akademie  und  der  Universitäten  ward  für  die  fünfjährige  Dauer  des  Edikts
aufgehoben.  Einige  Gewähr  gegen  die  Willkür  bot  nur  das  neu  errichtete
Ober-Zensur-Kollegium;  aber  diese  Rekurs-Instanz  erlangte  unter  der
schlaffen  Leitung  des  Legationsrats  von  Raumer  niemals  eine  kräftige
Wirksamkeit.  Unterdessen  arbeiteten  Ancillon,  Nicolovius  und  Köhler,  die
Mitglieder  der  alten  Preßgesetz-Kommission,  unverdrossen  weiter;  sie  hielten
an  den  Grundsätzen  ihres  mittlerweile  verstorbenen  Berichterstatters  Hagemeister
  fest  und  überreichten  am  9.  November  dem  Staatsministerium
einen  Entwurf,  der,  im  schärfsten  Gegensatze  zu  dem  Zensur-Edikt,  die
Preßfreiheit  als  Regel  aussprach,  nur  für  politische  Zeitschriften  die  Zensur
vorbehielt.“)  Das  wohlgemeinte  Werk  blieb  nunmehr  unbeachtet  liegen,
ein  redendes  Zeugnis  für  den  plötzlichen  Umschwung  der  Hardenbergischen
Politik.  Bedeutsamer  war  die  Haltung  Ancillons,  der  es  über  sich  gewann,
gleichzeitig  dies  liberale  Preßgesetz  auszuarbeiten  und  der  Diplomatie
die  strenge  Vollziehung  der  Karlsbader  Beschlüsse  einzuschärfen.  Auch
über  die  Disziplin  der  Universitäten  ergingen  einige  scharfe  Verordnungen,
denen  Altensteins  Wohlwollen  zum  Glück  durch  milde  Auslegung  die
Spitze  abbrach.

Seit  den  Verhaftungen  des  Juli  hatten  Kamptzs  Werkzeuge  im  ganzen
Bereiche  des  Staates  nur  noch  zwei  namhafte  Demagogen  aufspüren  können.
Jener  unbegreifliche  Brief  von  de  Wette  an  Sands  Mutter  wurde  bekannt
und  dem  Könige  vorgelegt.  Sobald  der  Tatbestand  erwiesen  war,  verfügte
  Friedrich  Wilhelm,  unbeirrt  durch  die  Bitten  der  Berliner  Universität,
  die  Absetzung  des  Theologen;  „es  würde“,  ließ  er  dem  Entlassenen
schreiben,  „Sr.  Majestät  Gewissen  verletzen,  wenn  Sie  einem  Manne,  der
den  Meuchelmord  unter  Bedingungen  und  Voraussetzungen  für  gerechtfertigt
  hält,  den  Unterricht  der  Jugend  ferner  anvertrauen  wollten".  De
Wette  ertrug  die  harte,  aber  gerechte  Strafe  mit  einer  christlichen  Ergebung,
die  nur  von  neuem  bewies,  wie  wenig  revolutionäre  Kraft  in  dem  theoretischen
  Radikalismus  dieser  Gelehrtenkreise  lag;  in  dem  Augenblicke,  da

 

*)  Hardenbergs  Tagebuch,  4.  Okt.  1819.
**)  Veröffentlicht  von  F.  Kapp,  die  preuß.  Preßgesetzgebung  un  er  Fr.  Wilhelm  III.
(Archiv  f.  Gesch,  d.  d.  Buchhandels  VI.  185).
        <pb n="590" />
        582  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

man  ihn  aus  Preußen  vertrieb,  erflehte  er  noch  Gottes  Segen  für  diesen
König  und  diesen  Staat,  denen  er  mit  seiner  besten  Kraft  gedient  habe.

Trotziger  trat  Görres  auf.  Von  seinem  Freunde  Willemer  rechtzeitig
gewarnt  entzog  er  sich,  als  sein  Buch  über  Deutschland  und  die  Revolution
erschienen  war,  der  drohenden  Verhaftung  durch  die  Flucht  und  forderte
dann  von  Straßburg  aus  freies  Geleit:  nur  vor  den  Geschworenen  seiner
rheinischen  Heimat  wolle  er  Rede  stehen.  Auf  solche  Verhandlungen  mit
einem  Angeklagten  durfte  die  Krone  sich  nicht  einlassen;  aber  auch  das
Schwurgericht  wollte  ihm  der  König  nicht  bewilligen,  denn  nachdem  die
Stadt  Koblenz  sich  soeben  in  einer  recht  anmaßenden  Bittschrift  für  ihren
Mitbürger  verwendet  hatte,  ließ  sich  unschwer  voraussehen,  daß  die  Rheinländer
  diesen  Prozeß  zu  einer  gehässigen  Kundgebung  gegen  die  preußische
Herrschaft  mißbrauchen  würden.  Nach  den  Anschauungen  des  alten  Absolutismus
  hielt  sich  der  König  berechtigt,  in  Fällen  politischer  Gefahr  selber
die  Richter  zu  bezeichnen  und  ward  auch  nicht  anderen  Sinnes,  als  die
rheinischen  Staatsprokuratoren  erklärten,  zu  einer  Kriminaluntersuchung
liege  kein  Anlaß  vor;  er  meinte  seine  Befugnisse  nicht  zu  überschreiten,  da
er  den  Flüchtigen  durch  Hardenberg  bedeuten  ließ:  zuerst  habe  Görres  dem
Haftbefehle  zu  gehorchen  und  dann  abzuwarten,  vor  welches  Gericht  der
Monarch  ihn  stellen  werde.  Görres  aber  sah  in  dem  Verfahren  des
Königs  einen  Eingriff  in  die  rheinische  Freiheit  und  weigerte  sich  Straßburg
  zu  verlassen.

Die  ohnehin  verstimmte  öffentliche  Meinung  brauste  in  hellem  Zorne
auf,  als  der  Herausgeber  des  Rheinischen  Merkurs  dergestalt  —  zwar
nicht  ohne  Grund,  aber  doch  nur  wegen  unbedachter  Worte  und  unter
Verletzung  der  Rechtsformen  —  von  dem  preußischen  Staate  ausgestoßen
und  von  seinen  alten  Todfeinden,  den  Franzosen,  denen  er  jetzt  freilich
nicht  mehr  schaden  konnte,  mit  unverhohlener  Schadenfreude  großmütig
beschützt  wurde.  Im  Verkehr  mit  den  Straßburger  Jesuiten  ward  Görres
bald  gänzlich  für  jene  klerikalen  Bestrebungen  gewonnen,  denen  er  sich
schon  in  Koblenz  genähert  hatte;  der  unstete  Romantiker,  der  einst  in
mächtigen  Dithyramben  die  Siegesflüge  des  schwarzen  Adlers  gefeiert,  entwarf
  sich  jetzt,  durch  kirchlichen  und  politischen  Haß  verblendet,  ein  gräßliches
  Zerrbild  von  der  preußischen  Monarchie,  dem  Staate  der  protestantischen
  Verstandesdürre  und  der  toten  bureaukratischen  Regel.  Diesen
„ungestalten  starren  Knochenmann“  im  Namen  deutscher  und  katholischer
Freiheit  zu  bekämpfen  blieb  fortan  sein  Stolz.

Außer  Görres  hatten  sich  auch  C.  Th.  Welcker  und  gegen  fünfzig  von
der  Demagogenverfolgung  bedrohte  Schriftsteller,  Studenten,  Buchdrucker
in  Straßburg  eingefunden.  Dies  Elsaß,  das  die  Deutschen  vor  vier  Jahren
vom  welschen  Joche  hatten  befreien  wollen,  bot  jetzt  den  deutschen  Unzufriedenen
  ein  Asyl,  und  mancher  der  Vertriebenen  gestand  seinen  radikalen
Straßburger  Freunden,  sie  hätten  doch  recht  getan  bei  dem  freien  Frank-
        <pb n="591" />
        Görres.  Bayerns  Vorbehalt.  583

reich  auszuhalten!  Es  war  im  Plane,  dort  an  der  Grenze  eine  freie
deutsche  Zeitung  zu  gründen,  jedoch  die  hilflose  Armut  der  Flüchtlinge
und  ein  strenges  von  Berlin  ausgehendes  Verbot  aller  im  Auslande  er—
scheinenden  deutschen  Zeitschriften  vereitelten  die  Absicht.  Die  Zentral-Untersuchungskommission
  erstattete  dem  Bundestage  sofort  Bericht  über  die
gefährlichen  Straßburger  Umtriebe,  und  beide  Großmächte  forderten  den
Karlsruher  Nachbarhof  zu  scharfer  Wachsamkeit  auf.  Mit  Feuereifer  entledigte
  sich  Minister  Berstett  seines  Auftrags;  er  trat  mit  dem  legitimistischen
  Maire  von  Straßburg  in  Verbindung,  ließ  auch  de  Wette,  der
soeben  nach  Heidelberg  kam,  polizeilich  überwachen,  beteuerte  mit  untertänigster
  Begeisterung,  Baden  betrachte  sich  als  den  Vorposten  Deutschlands
  und  setze  seine  Ehre  darein,  das  Vaterland  vor  den  schwarzen
Anschlägen  „unserer  teutonischen  Jakobiner  auf  dem  linken  Rheinufer  zu
behüten“)  —

Nur  zwei  deutsche  Staaten,  Bayern  und  Württemberg  versuchten  eine
schwächliche  Opposition  gegen  die  Bundesgesetze;  aber  da  beide  Regierungen
allem  was  geschehen  schon  unbedingt  zugestimmt  hatten,  so  waren  ihre
nachträglichen  Widerstandsversuche  von  Haus  aus  unredlich,  kleinlich,  aussichtslos.
  In  München  offenbarte  sich  wieder  jene  schimpfliche  Schwäche,
welche  diesen  Hof  seit  Montgelas'  Fall  auszeichnete.  Graf  Rechberg  wurde,
als  er  aus  Böhmen  heimkehrte,  von  seinen  Amtsgenossen  Lerchenfeld  und
Reigersberg  mit  Vorwürfen  überhäuft.  Jener  befürchtete  den  Untergang
der  politischen  Freiheit  und  hatte  bereits  in  einem  leidenschaftlichen  Briefe
an  seinen  Freund  Wangenheim  seinen  liberalen  Unwillen  über  die  Karlsbader
  Beschlüsse  ausgesprochen;?*)  dieser  zitterte  für  Bayerns  europäische
Machtstellung  und  meinte  stolz,  Bayern  sei  sich  selbst  genug,  könne  des
Bundes  entraten.  Auch  Montgelas  half  in  der  Stille  nach;  der  alte
Gegner  Osterreichs  hoffte  jetzt  wieder  aus  Ruder  zu  kommen.  Als  die
Karlsbader  Beschlüsse  dem  Ministerrate  vorgelegt  wurden,  beschuldigten
Lerchenfeld  und  Reigersberg  den  Minister  des  Auswärtigen,  daß  er  seine
Instruktionen  überschritten  habe.  Und  allerdings  war  die  bayrische  Konstitution
  die  einzige  unter  den  neuen  Verfassungen,  welche  die  Rechtsverbindlichkeit
  der  Bundesgesetze  nicht  förmlich  aussprach.

König  Max  Joseph  aber  war,  soweit  er  einen  Entschluß  zu  fassen
vermochte,  durchaus  erfüllt  von  der  Furcht  vor  den  Demagogen,  obgleich
ihn  sein  Kronprinz  in  einem  herzlichen  Briefe  beschwor,  von  der  Verfassung
  nicht  abzuweichen.  Argerlich  über  den  Zwiespalt  seiner  Räte
hatte  er  dem  Ministerrate  nicht  selber  beiwohnen  wollen  und  statt  seiner
den  getreuen  Wrede  entsendet.  Der  legte,  sobald  Rechberg  angegriffen

 

*)  Berstett  an  Metternich,  2.,  22.  Ort.,  an  Schuckmann,  26.  Nov.;  Metternich  an
Berstett,  30.  Okt.;  Schuckmann  an  Berstett,  1.  Nov.  1819.

*.)  Abgedruckt  bei  F.  v.  Weech,  Korrespondenzen  und  Aktenstücke  zur  Geschichte
der  Ministerkonferenzen  von  Karlsbad  und  Wien.  S.  16.
        <pb n="592" />
        584  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

wurde,  rasch  entschlossen  die  Hände  auf  die  Akten  und  erklärte  im  Namen
des  Königs:  das  Vergangene  sei  abgetan,  nur  über  die  Annahme  der
Karlsbader  Beschlüsse  dürfe  jetzt  noch  beraten  werden.))  Dergestalt  war
der  Angriff  auf  Rechberg  abgeschlagen,  und  nach  neuem  lebhaften  Streite
einigten  sich  die  beiden  Parteien  des  Ministeriums  über  ein  kümmerliches
Kompromiß.  Die  Karlsbader  Beschlüsse  wurden  veröffentlicht,  aber  mit
dem  Zusatze:  sie  sollten  gelten  „mit  Rücksicht  auf  Unsere  Souveränität,
nach  der  Verfassung  und  den  Gesetzen  Unseres  Königreichs.“  Nur  die
Exekutionsordnung,  deren  Handhabung  freilich  nicht  der  Krone  Bayern,
sondern  dem  Bunde  zustand,  wurde  in  der  Bekanntmachung  ausgelassen;
auch  sollte  die  Zensur,  der  bayrischen  Verfassung  gemäß,  sich  nur  auf
politische  Zeitschriften  erstrecken.

Wenn  jener  Vorbehalt  überhaupt  einen  Sinn  haben  sollte,  so  bedeutete
  er  die  Lossagung  Bayerns  von  den  Beschlüssen,  welchen  der  Münchener
  Hof  bereits  zweimal,  in  Karlsbad  wie  in  Frankfurt,  feierlich  zugestimmt
  hatte.  Sofort  rüsteten  sich  die  beiden  Großmächte  zur  Abwehr;
und  nach  den  Staatsstreichsplänen,  welche  die  bayrische  Krone  ihnen  kürzlich
  vorgelegt,  erschien  der  Vorbehalt  in  der  Tat  unehrenhaft.  Kaiser
Franz  sprach  dem  bayrischen  Gesandten  persönlich  sein  Befremden  aus,“)
sendete  seinem  Schwiegervater  einen  eigenhändigen  Brief  um  ihn  vor  den
Umtrieben  „der  Partei“  zu  warnen,  gab  seinem  Gesandten  in  München
strenge  Weisungen.  Noch  kräftiger  legte  sich  Bernstorff  ins  Zeug.  „Wenn
die  bayrische  Regierung  daran  zurückdenkt“  —  so  schrieb  er  am  1.  November
an  Zastrow  —  „in  welchem  Gedränge  sie  sich  noch  vor  wenig  Monaten
befand,  welchen  Rat  sie  damals  von  uns  begehrte,  und  in  welchem  Maße
der  Wunsch,  ihr  für  die  Zukunft  einen  festen  Standpunkt  gegen  unbefugte
Anmaßung  zu  geben,  bei  den  Karlsbader  Beschlüssen  mitgewirkt  hat,“  so
wird  sie  unsere  Verwunderung  begreifen;  will  sie  sich  „von  dem  Bunde
trennen  und  sich  für  künftige  Fälle  auf  ihre  eigene,  vielleicht  nicht  immer
zureichende  Kraft  beschränken“,  so  müssen  wir  mit  den  gleichgesinnten  Bundesstaaten
  zu  Rate  gehen  um  „diesem  ersten  Abweichen  von  den  Bundesbeschlüssen“
  entgegenzutreten.  Als  General  Zastrow  diese  gleichzeitig  nach
Wien  mitgeteilte  und  dort  mit  freudiger  Dankbarkeit  begrüßte  Weisung  dem
bayrischen  Minister  vorlas,"*)  da  fühlte  sich  Graf  Rechberg  tief  zerknirscht
und  bat  den  Preußen,  ihm  eine  Note  zu  übergeben,  die  er  seinen  Amtsgenossen
  vorlegen  könne.  Zastrow  willfahrte  der  Bitte  (8.  Nov.),  und  nunmehr
  brach  der  bayrische  Heldenmut  jählings  zusammen.  In  einer  demütigen
  Antwort  erklärte  Rechberg,  sein  König  „habe  nie  dem  Gedanken  Raum

 

*)  Zastrows  Berichte,  9.,  20.  Okt.,  23.  Dez.  1819.  Näheres  in  Beilage  IX.
*)  Krusemarks  Bericht,  30.  Okt.  1819.
*P.*)  Bernstorff,  Weisung  an  Zastrow,  1.  Nov.,  an  Krusemark,  2.  Nov.;  Krusemarks
Bericht,  10.  Nov.  1819.
        <pb n="593" />
        Bayern  unterwirft  sich.  585

gegeben  sich  von  dem  Bunde  zu  trennen“  und  durch  die  Form  der  Bekanntmachung
  „bloß  die  Beruhigung  der  königlichen  Untertanen“  bezweckt.)
Die  Taten  entsprachen  den  Worten.  Die  Zensur  der  Zeitungen
und  die  Beaufsichtigung  der  Universitäten  wurde  in  Bayern  mit  der
äußersten  Strenge  gehandhabt,  und  die  Absendung  Hörmanns  in  die
Mainzer  Kommission  gestattete  vollends  keinen  Zweifel  mehr  über  die  Gesinnungen

  des  Münchener  Hofes.  Eine  Petition  des  unermüdlichen  Horntal
  gegen  die  Karlsbader  Beschlüsse  fand  bei  den  Ministern  eine  scharfe

Abfertigung.  Einige  Offiziere,  die  in  Regensburg  und  Kelheim  zusammentraten,
  um  das  bayrische  Verfassungsrecht  gegen  die  Angriffe  des  alten
Landesfeindes  Osterreich  zu  verwahren,  wurden  von  dem  wackeren  Oberst
Zoller  an  die  Pflichten  der  militärischen  Mannszucht  erinnert  und  bald
zum  Schweigen  gebracht.)  Zur  Herzstärkung  der  reuigen  Sünder  sendete
Ancillon  dann  noch  (7.  Dez.)  eine  wohlgesalbte  Denkschrift:  „Die  Wahrheit
  hat  eine  eigene  Gewalt,  der  man  sich  am  Ende  doch  unterziehen  muß.
Alles,  was  Deutschlands  Einigkeit  vermehrt,  befördert  seine  Einheit.  Die
Souveränität  hat  keine  anderen  Feinde  als  gerade  diejenigen,  die  eine
argwöhnische  Ehrfurcht  für  dieselbe  heucheln,  zu  bekämpfen.“““)  Zugleich
versicherte  Ancillon,  daß  sein  König  die  Beseitigung  der  bayrischen  Verfassung
  nicht  im  entferntesten  wünsche;  genug,  wenn  sie  im  streng  monarchischen
  Sinne  gehandhabt  werde.  Preußen  widerriet  also  die  Einführung
einer  bayrischen  Provinzialstände-Verfassung,  welche  der  Gesandte  in  Petersburg,
  Graf  Bray,  auf  Metternichs  Rat  dem  Münchener  Hofe  soeben
empfohlen  hatte.)

Nunmehr  fühlte  sich  der  schwankende  Max  Joseph  völlig  beruhigt:  er
wußte  jetzt,  daß  er  mit  dem  preußischen  Hofe  Hand  in  Hand  gehen  konnte,
ohne  seinen  Verfassungseid  zu  verletzen.  Auch  Wrede,  der  sich  in  seiner
fahrigen  Weise  eine  Zeitlang  für  die  bayrische  Souveränität  sehr  besorgt
gezeigt  hatte,  wurde  durch  ein  schmeichelhaftes  Handschreiben  Metternichs
bekehrt  und  beteuerte  dem  preußischen  Gesandten  seinen  tiefen  Abscheu
gegen  die  liberalen  Ansichten  Lerchenfelds.  Dieser  selbst  hatte  Mühe  sich
auf  seinem  Posten  zu  behaupten,  da  sein  demagogischer  Brief  an  Wangenheim
  dem  Könige  in  die  Hände  gespielt  wurde  und  den  äußersten  Zorn
des  Monarchen  erregte.  )Die  Demütigung  des  Münchener  Hofes  war
vollständig,  und  um  den  Sieg  der  beiden  Großmächte  auch  für  die  Zukunft
  zu  sichern,  weigerte  sich  Rechberg  nunmehr  zu  den  Wiener  Ministerkonferenzen
  zu  gehen.  Er  wollte  in  München  bleiben,  um  den  unberechenbaren
  König  nicht  aus  den  Augen  zu  lassen.  In  Wien  sollte  Zentner  die

 

*)  Rechberg  an  Zastrow,  13.  Nov.  1819.

*y)  Zastrows  Bericht,  17.  Nov.  1819.
***)  Ancillon  an  Zastrow,  7.  Dez.  1819.

)  Blittersdorffs  Bericht,  Petersburg  25.  Okt.  1819.
Zastrows  Berichte,  23.  Dez.  1819,  9.  Januar  1820.
        <pb n="594" />
        586  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

bayrische  Krone  vertreten,  und  Rechberg  sagte  mit  feiner  Menschenkenntnis
voraus,  dieser  des  Liberalismus  verdächtigte  Bureaukrat  werde  als  ein
warmer  Verehrer  Metternichs  von  der  Donau  heimkehren.)

Die  Unredlichkeit  des  bayrischen  Hofes  erschien  immerhin  noch  achtungswert
  neben  dem  Verhalten  der  Krone  Württembergs.  König  Wilhelm
ließ  schon  am  1.  Oktober  die  Karlsbader  Beschlüsse  ohne  Vorbehalt  veröffentlichen
  und  noch  am  selben  Tage  die  Zensur  einführen;  gleichwohl  hatte  er
wenige  Tage  zuvor  die  neue  Verfassung  beschworen,  welche  die  Preßfreiheit
verhieß  und  auch  sonst  den  Karlsbader  Erklärungen  des  Ministers  Wintzingerode
  vielfach  widersprach.  Vielleicht  beruhigte  er  sich  wie  Hardenberg
bei  dem  Troste,  das  Bundes-Preßgesetz  gelte  nur  für  fünf  Jahre.  Mit
gewundenen  Versicherungen  suchte  man  diese  Zweizüngigkeit  vor  den  beiden
Großmächten  zu  entschuldigen.  Nach  allem  was  geschehen,  beteuerte
Wintzingerode  dem  preußischen  Gesandten,  sei  die  Krone  ihrem  Volke  einen
Beweis  des  Vertrauens  schuldig  gewesen;  in  Wien  aber  ließ  der  König
andeuten:  wenn  man  ihm  die  Mittel  dazu  biete,  so  wolle  er  gern  das
Geschehene  zurücknehmen.))  Als  die  Stadt  Eßlingen  sich  in  einer  Bittschrift
  gegen  die  Karlsbader  Beschlüsse  aussprach,  erteilte  Wintzingerode
dem  Zensor,  welcher  dies  gefährliche  Aktenstück  durchgelassen  hatte,  einen
scharfen  Verweis.  Derselbe  Minister  bereitete  gleichzeitig  einen  diplomatischen
  Feldzug  für  die  Wiener  Konferenzen  vor  und  ließ,  um  seinem
Hofe  einen  Anhang  unter  den  Kleinen  zu  werben,  zunächst  die  Karlsbader
  Konferenzprotokolle,  deren  Geheimhaltung  angelobt  war,  für  mehrere
der  ausgeschlossenen  kleinen  Höfe  abschreiben.

Mittlerweile  suchte  König  Wilhelm  auch  noch  das  einzige  zu  zerstören
was  in  dieser  düsteren  Epoche  unserer  Geschichte  erfreulich  war,  den  Einmut
  der  deutschen  Kronen  gegenüber  dem  Auslande.  Im  Oktober  ging
er  nach  Warschau,  um  seinen  kaiserlichen  Schwager  gegen  die  beiden  deutschen
Großmächte  aufzuwiegeln;  Metternich  aber  befahl  sofort  dem  Gesandten
Lebzeltern,  sich  ebenfalls  in  der  polnischen  Hauptstadt  einzufinden.)
Die  Vorsicht  war  kaum  nötig.  Zar  Alexander  empfing  seinen  Schwager
sehr  kühl;  dies  Ubermaß  der  Falschheit  ekelte  ihn  doch  an,  obwohl  er
selber  die  krummen  Wege  nicht  immer  verschmähte.  Er  scheute  sich  nicht
vor  den  fremden  Diplomaten  offen  auszusprechen:  erst  zweimal  die  Karlsbader
  Beschlüsse  förmlich  annehmen,  dann  ihnen  zuwiderhandeln  und  schließlich
  noch  meine  Hilfe  anrufen,  das  nenne  ich  ein  schlechtes  Handwerk  (de
la  manvaise  besogne);  den  Feinen  zu  spielen  ist  immer  die  übelste
Politik.f)  Der  Württemberger  mußte  unverrichteter  Dinge  abziehen  und

*)  Zastrows  Bericht,  27.  Okt.  1819.

-  ant)  Küsters  Bericht,  Stuttgart  12.  Okt.;  Krusemarks  Berichte,  Wien  22.  Sept.,
***)  Weisung  an  Krusemark,  1.  Okt.  1819.

0Lebzelterns  Bericht  aus  Warschau  (in  Krusemarks  Bericht,  Wien  8.  Dez.),
Blittersdorffs  Bericht,  Petersburg  7.  Nov.  1819.
        <pb n="595" />
        Württembergische  Ränke.  587

versuchte  dann  noch  einmal  bei  einem  Besuch  in  Karlsruhe  den  badischen
Hof  zu  einem  liberalen  Sonderbunde  zu  verleiten;  aber  weder  der  Groß—
herzog,  noch  der  hochkonservative  Berkheim,  der  ihm  jetzt  zur  Seite  stand,
wollten  sich  auf  diese  Zettelungen  einlassen.  Zur  selben  Zeit  ließ  König
Wilhelm  die  bayrische  Regierung  dringend  bitten,  daß  sie  doch  ja  bei  der
Ausführung  der  Karlsbader  Beschlüsse  keine  unnützen  Bedenklichkeiten  zeigen
möge;  denn  nachdem  er  selber  jene  Beschlüsse  ohne  Vorbehalt  bekannt  ge—
macht,  durfte  kein  anderer  deutscher  Fürst  liberaler  scheinen  als  er.“)

Und  diesen  König,  der  so  würdelos  zwischen  despotischen  Neigungen
und  liberalisierendem  Ehrgeiz  schwankte,  pries  sein  treues  Völkchen,  in  harm—
loser  Unkenntnis,  als  den  Hort  und  Halt  germanischer  Freiheit.  „Nie
hat  Württemberg  eine  ruhmwürdigere  Stellung  gehabt“,  schrieb  Wangen—
heim  glückselig,  „und  wird  sie  ganz  begriffen  und  einsichtsvoll  behauptet,
so  gewinnt  es  eine  innere  Stärke,  die  jeder  äußeren  gewachsen  bleibt.“**)
Als  König  Wilhelm  aus  Warschau  heimkehrte,  erwarteten  ihn  die  Bürger
Stuttgarts  in  hellen  Haufen  draußen  am  Tor,  spannten  ihm  die  Pferde
aus,  zogen  den  Wagen  selber  vor  das  Schloß.  Dort  standen  die  Schul—
kinder  und  sangen  „Nun  danket  alle  Gott!“  Alles  Volk  stimmte  mit  ein,
ernste  Männer  vergossen  Tränen  der  Rührung.  Am  Abend  flammten
die  Freudenfeuer  auf  den  Bergen,  und  im  Theater  ward  Uhlands  Ernst
von  Schwaben  aufgeführt.  Das  Haus  erdröhnte  von  Beifall,  als  ein
schwunghafter  Prolog  den  Fürsten  feierte,  der  in  wildverworrener  Zeit  hoch—
herzig  seinem  Volke  die  Hand  reiche:  „Noch  steigen  Götter  auf  die  Erde
nieder.“  Um  dem  Glanze  schwäbischer  Freiheit  einen  wirksamen  Hinter—
grund  zu  geben,  schilderte  der  Dichter  auch  die  tiefe  Finsternis  der  preu—
ßischen  Zustände  und  sagte,  mit  Anspielung  auf  Görres:

Das  ist  der  Fluch  des  unglücksel'gen  Lands,
Wo  Freiheit  und  Gesetz  darniederliegt,

Und  die  noch  jüngst  des  Landes  Retter  hießen
Sich  flüchten  müssen  an  des  Fremden  Herd.

So  feierte  ein  deutscher  Stamm  einen  Fürsten,  der  soeben  die  Russen
auf  seine  deutschen  Bundesgenossen  zu  hetzen  versucht  hatte;  des  gemein—
samen  Vaterlandes  gedachte  niemand  mehr  in  dem  Rausche  württembergischer
Freiheitsbegeisterung.  Seit  der  Deutsche  Bund  sich  dem  Volke  entfremdet
hatte,  erhob  der  Partikularismus  wieder  frech  sein  Haupt.  In  Ulm  trat
eine  große  Anzahl  württembergischer  Offiziere  unter  der  Führung  des
Generals  Hügel  zusammen  und  sendete  dem  Könige  eine  von  rheinbündleri—
schem  Größenwahnsinn  überströmende  Adresse.“*)  Die  Bittsteller  verherr—
lichten  zunächst  ihre  „von  dem  Geiste  der  Wahrheit  gezeugte,  von  der  Liebe

 

*)  Berstett  an  Großherzog  Ludwig,  Wien  12.  Dez.;  Zastrows  Bericht,  München
6.  November  1819.
**)  Wangenheim  an  Hartmann,  6.  Nov.  1819.
*“*)  Zastrows  Bericht,  17.  Nov.  1819.
        <pb n="596" />
        588  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

des  Rechts  empfangene“  Verfassung  und  ergingen  sich  sodann  in  wütenden
Schimpfreden  gegen  jene  „fremden  Regierungen,  welche  das  Glück  des  würt—
tembergischen  Volkes  mit  Schmähsucht  betrachten  und  sich  in  törichtem
Wahne  vermessen,  den  Württemberger  vor  eine  fremde  Inquisition  in  das
Ausland  zu  schleppen,  um  ihn  dort  nach  unwürttembergischen  Gesetzen  zu
richten.“  Sie  forderten  schließlich  —  noch  deutlicher  als  einige  Monate  zu—
vor  die  Liberalen  der  bayrischen  Kammer  —  geradezu  den  Krieg  gegen  die
beiden  Großmächte,  „den  rühmlichsten  Kampf  für  die  heiligsten  Güter  eines
mündigen  Volkes:  das  ganze  Volk  wird  begeisterungsvoll  unsere  Reihen
verstärken!“  Wie  kindisch  auch  diese  Prahlereien  klangen,  in  Wien  und
Berlin  ward  der  Vorfall  doch  sehr  ernst  genommen;  denn  was  sollte  aus
dem  deutschen  Bundesheere  werden,  wenn  jener  zuchtlose  politische  Partei—
geist,  der  sich  bereits  im  bayrischen  Heere  mehrmals  geäußert  hatte,  nun  auch
in  andere  der  kleinen  napoleonischen  Kontingente  hinüberdrang?  Beide
Großmächte  verlangten  in  Stuttgart  strenges  Einschreiten  gegen  die  Unter—
zeichner  der  Adresse.  König  Wilhelm  gehorchte,  aber  die  Strafen  fielen
so  mild  aus,  daß  man  seine  wahre  Meinung  leicht  erraten  konnte.  Eine
solche  Politik,  unwahr  und  widerspruchsvoll  in  jedem  Worte,  konnte  den
Triumphzug  Osterreichs  wahrlich  nicht  aufhalten.  —

Die  Warschauer  Reise  König  Wilhelms  erschien  um  so  körichter,
da  die  russische  Politik  jenen  Zustand  ratloser  Unsicherheit,  dem  sie  seit
dem  Frühjahr  1818  verfallen  war,  noch  immer  nicht  überwunden  hatte.
Nesselrode  zeigte  sich  nach  wie  vor  als  ergebener  Schüler  Metternichs,
billigte  unbedingt  alles  was  in  Karlsbad  vorging;")  Kapodistrias  sprach
ebenso  lebhaft  dawider;  der  Zar  selbst  war  im  Grunde  mit  Nesselrode  einverstanden,
  aber  nicht  fest  genug  um  die  liberalen  Ansichten  seines  griechischen
  Freundes  kurzweg  zurückzuweisen.  Sofort  nach  den  Karlsbader  Konferenzen
  hatte  Kaiser  Franz  dem  Zaren  in  einem  Handschreiben  dargelegt,
  wie  schwer  die  Ruhe  Europas  gefährdet  sei  durch  die  sträfliche  Nachsicht
der  kleinen  deutschen  Kronen  „gegen  die  Narren  und  Schreier“.  Beide
deutsche  Großmächte  legten  sodann  nach  vollbrachter  Arbeit  die  neuen  Bundesbeschlüsse
  dem  Zaren  vor  und  fanden  warmen  Dank.  Alle  auswärtigen
Diplomaten  meldeten  übereinstimmend,  wie  tief  Alexander  von  der  Gefahr
einer  allgemeinen  revolutionären  Schilderhebung  überzeugt  sei;  nur  deshalb,
  äußerte  er  wiederholt,  bleibe  das  russische  Heer  auf  Kriegsfuß.“)

Unterdessen  trieb  Kapodistrias  liberale  Politik  auf  eigene  Hand.  Er
stellte  die  Vertreter  Bayerns  und  Badens  ernstlich  zur  Rede,  warum  ihre
Höfe  die  Souveränität  so  leichtsinnig  preisgegeben  hätten?  Wie  nun,  fragte
er  den  Badener  Blittersdorff,  wenn  der  Bundestag  einmal  der  Krone
Bayern  die  Exekution  gegen  Baden  übertrüge!  „Die  Furcht  ist  immer  ein

*)  Blittersdorffs  Berichte,  Petersburg  14.  Aug.  1819  ff.

**)  Krusemarks  Bericht,  8.  Dez.  1819.  Bericht  des  schwedischen  Gesandten  Löwenhjelm
(Beilage  zu  Krusemarks  Bericht,  2.  Jan.  1820).
        <pb n="597" />
        Ratlosigkeit  des  russischen  Hofes.  589

schlechter  Ratgeber,  und  sie  scheint  die  Karlsbader  Beschlüsse  diktiert  zu
haben.  Sind  die  deutschen  Fürsten  darum  Souveräne  um  sich  irgend
einer  Autorität  zu  unterwerfen,  nun  wohl,  so  sollen  sie  sich  ein  Oberhaupt
wählen,  aber  eines,  nicht  achtunddreißig.“  Möge  der  Karlsruher  Hof,  so
schloß  er,  sich's  zweimal  überlegen  bevor  er  auf  den  Wiener  Konferenzen
neuen  Beschlüssen  zustimmt,  welche  den  Deutschen  Bund  in  einen  Bundes—
staat  verwandeln  werden!“)  Die  russischen  Gesandten  an  den  kleinen
Höfen,  Anstett  in  Frankfurt,  Pahlen  in  München,  Koselowsky  in  Stuttgart
vermochten  sich  in  diesen  seltsamen  Widersprüchen  nicht  zurechtzufinden:  sie
hielten  sich  also  an  den  altmoskowitischen  Grundsatz,  daß  der  Unfriede  in
Deutschland  für  Rußland  heilsam  sei,  und  versäumten  nichts,  was  den
Widerstand  gegen  die  deutschen  Großmächte  ermutigen  konnte.

Am  30.  November  trat  Kapodistrias  endlich  etwas  kühner  auf  und
versendete  gleichzeitig  vier  umfangreiche  Denkschriften:  eine  Antwort  an  den
österreichischen  Gesandten  Lebzeltern,  eine  Verbalnote  an  die  beiden  deutschen
Großmächte,  eine  Zirkulardepesche  an  die  russischen  Gesandten  in  Deutschland
  und  endlich  noch  ein  Memoire  über  die  Folgen  der  letzten  Bundesbeschlüsse.“)
  Der  gewaltige  Wortprunk  dieser  Aktenstücke  bewies  nur  zu
klar,  daß  der  Grieche  seine  ganze  Meinung  nicht  sagen  durfte.  Kaiser
Alexander  —  das  war  der  langen  Rede  kurzer  Sinn  —  begrüße  in  den
Karlsbader  Beschlüssen  einen  neuen  Beweis  der  hochherzigen  Absichten
seiner  Alliierten.  Aber  er  vermöge  dem  Geschehenen  nicht  so  unbedingt  seinen
Beifall  zu  geben,  wie  der  preußische  Hof  erwarte;  denn  er  bemerke  mit
tiefem  Schmerz,  daß  unter  den  deutschen  Regierungen  selber  kein  Einmut
bestehe;  manche  von  ihnen  „mißbilligen  heute  durch  die  Tat  was  sie
gestern  im  Grundsatz  angenommen  haben.“  Angesichts  dieser  Zwietracht
und  der  schweren  Krankheit  Deutschlands,  die  sich  auch  in  der  beginnenden
Auswanderung  bekunde,  könne  der  Kaiser  keine  bestimmte  Meinung  aussprechen
  bevor  er  den  Hof  von  St.  James  um  Rat  gefragt  habe.

Also  Rußland  suchte  Rat  bei  seinen  geschworenen  Feinden,  den  englischen
  Torys,  und  dies  England  stand  unerschütterlich  auf  Osterreichs
Seite!  Graf  Münster,  noch  immer  der  einzige  Ratgeber  Lord  Castlereaghs
in  allen  deutschen  Fragen,  betrieb  die  Karlsbader  Politik  fast  noch  freudiger
als  Metternich  selber,  er  hatte  noch  von  Böhmen  aus  den  Geheimen  Räten
des  Herzogtums  Braunschweig,  das  unter  der  vormundschaftlichen  Regierung
  des  Prinzregenten  stand,  die  neue  korrekte  Doktrin  von  den  deutschrechtlichen
  Landständen  nachdrücklich  eingeschärft.  Einen  so  namenlos  ungeschickten
  Fechterstreich  abzuschlagen  konnte  den  deutschen  Großmächten
nicht  schwer  fallen.  Hardenberg  schrieb  sogleich  an  Castlereagh  (30.  Dez.),
forderte  ihn  freundschaftlich  auf,  diesem  Sophisten  Kapodistrias,  „der  uns

*)  Blittersdorffs  Bericht,  Petersburg  4.  Nov.  1819.
**)  Kapodistrias  an  Lebzeltern,  30.  Nov.  1819.  Die  drei  anderen  Schriftstücke  bei

F.  von  Weech,  Korrespondenzen  S.  19  f.
        <pb n="598" />
        590  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

schon  in  Aachen  soviel  Not  gemacht“,  ernstlich  heimzuleuchten;  der  Zar
selber  sei  durchaus  gutgesinnt.  Ähnlich  schrieb  Metternich.“)  Der  Lord  be—
eilte  sich  natürlich  seinen  alten  Freunden  zu  erwidern,  daß  er  alle  ihre  Unter—
nehmungen  mit  seinen  glühenden  Wünschen  begleite,  und  sendete  dem  russischen
Hofe  eine  Antwort  (14.  Jan.),  „welche  die  Visionen  des  Grafen  Kapo—
distrias“  gründlich  zerstörte.  In  der  Form  war  seine  Erwiderung  freilich
sehr  vorsichtig  gehalten.  Er  durfte  die  Whigs  im  Parlamente  nicht  reizen,
die  ihm  soeben  wieder,  in  einer  donnernden  Rede  Lord  Mintos  „den
Bund  der  Höfe  gegen  die  Völker“  vorgeworfen  hatten;  daher  weigerte  er
sich  auch  mit  den  anderen  Höfen  des  Vierbundes  gemeinsame  Maßregeln
für  den  Fall  von  Ludwigs  XVIII.  Tode  zu  verabreden,  wie  Metternich  ihm
vorgeschlagen,  und  gab  seinem  Schreiben  an  den  russischen  Gesandten  die
Wendung,  daß  England  den  Grundsatz  der  Nichteinmischung  festhalten
müsse.)  Doch  in  der  Sache  sprach  er  sich  entschieden  für  Osterreich  aus,
er  billigte  den  Kampf  gegen  die  Revolution  und  fand  keinen  Anlaß  zu  irgend
welchen  Beschwerden.  Auch  die  badische  Regierung  hielt  sich  verpflichtet
die  Warnungen  des  Griechen  scharf  zurückzuweisen:  „die  Bundesakte“,  schrieb
ihm  Berstett,  „ist  heute  für  Deutschland  das  Gesetz  und  die  Propheten.“““)
Seitdem  ward  Kapodistrias  ganz  still,  Nesselrode  gewann  wieder  für  einige
Zeit  die  Oberhand.)Aus  den  Tuilerien  verlautete  auch  kein  Wort  des
Widerspruchs.

Ungestört,  in  stolzer  Sicherheit  durfte  Metternich  seines  Weges  ziehen.
Überall  in  Europa  meinte  er  bereits  die  segensreichen  Folgen  seiner  „diplomatischen
  Konterrevolution“  zu  bemerken:  scharf  wie  seit  langem  nicht
mehr  traten  die  französischen  Minister  den  Independenten  entgegen,  und
im  englischen  Parlament  erfocht  das  Tory-Kabinett  einen  Sieg  nach  dem
andern.##)  Genutz  hatte  niemals  stolzer,  zuversichtlicher  geschrieben  als  in
diesem  gesegneten  Winter.  Auf  die  Angriffe  der  französischen  Presse  erwiderte
  er  höhnisch:  „der  Augenblick  ist  vielleicht  nicht  ferne,  wo  alle  guten
Bäter  in  Deutschland  erkennen  werden,  daß  das,  was  Verblendung  oder
Erbitterung  den  Todesstreich  der  deutschen  Universitäten  nannte,  der  Anfang
  ihrer  Wiedergeburt  war.“  Als  die  französischen  Abgeordneten  in  einem
Anfall  zügelloser  Parteiwut  den  Königsmörder  Gregoire  darauf  aus  der
Kammer  verstießen,  da  feierte  der  Osterreichische  Beobachter  die  preiswürdige
  Tat  mit  dem  staatsmännischen  Ausspruch:  „das  Resultat  muß
für  die  Wünsche  der  Gutgesinnten  heilbringend  sein,  weil  es  die  Gegner
in  Trostlosigkeit  versenkt  hat.“  Adam  Miller  aber  rief  dem  Freunde  zu:
„Nunmehr  besteht  diesseits  und  jenseits  des  Rheines  eine  solidarisch  ver- 



*)  Krusemarks  Bericht,  2.  Jan.  1820.
**)  Krusemarks  Berichte,  2.  Jan.,  10.  April  1820.
7*".*)  Berstett  an  Kapodistrias,  10.  Dez.  1819.
)êKrusemarks  Berichte,  17.  Jan.,  12.  Febr.  1820.
f)  Krusemarks  Bericht,  26.  Dez.  1819.
        <pb n="599" />
        Der  neue  preußische  Verfassungsausschuß.  591

bundene  Gemeinde  für  die  Sache  Gottes  und  der  Wahrheit,  und  sie  ist
Ihr  Werk."  Was  man  in  Wien  unter  der  Sache  Gottes  und  der  Wahrheit
  verstand,  darüber  wurden  die  Deutschen  in  der  Weihnachtszeit  noch
einmal  gründlich  belehrt.  Eben  in  diesen  Tagen,  da  die  deutschen  Demagogen
  in  den  Kerker  wanderten,  setzte  Kaiser  Franz  den  General  Mack,
der  einst  bei  Ulm  kapituliert  hatte,  in  alle  seine  Ehren  und  Würden  wieder
ein.  Durch  „ein  Ubermaß  kaiserlicher  Gnade“  —  wie  General  Krusemark
nicht  umhin  konnte  zu  bemerken  —  wurde  dem  Helden  auch  noch  der  gesamte
  Gehalt,  den  man  ihm  seit  dem  Ulmer  Ruhmestage  vorenthalten,
nachträglich  ausbezahlt.))  —

 

Ungleich  wertvoller  als  die  freundliche  Haltung  der  fremden  Mächte
wurde  für  die  Hofburg  ein  Kampf  im  preußischen  Ministerium,  der  zwar
nur  mittelbar  mit  den  Karlsbader  Beschlüssen  zusammenhing,  aber  mit
einem  Sieg  der  österreichischen  Partei  endigte.  Frohen  Mutes  war  der
Staatskanzler  am  5.  August  nach  Glienicke  zurückgekehrt;  er  meinte  sich
durch  den  Teplitzer  Vertrag  das  Vertrauen  des  Königs  von  neuem  gesichert
  zu  haben  und  schritt  jetzt  hoffnungsvoll  an  die  Vollendung  seiner
Reformpläne.  Die  neuen  Steuer=  und  Staatsschuldengesetze  waren  dem
Abschluß  nahe;  Hardenberg  wünschte  auch  Steins  Urteil  darüber  zu  vernehmen,
  erkannte  ihn  in  einem  gewinnenden  Briefe  willig  als  seinen  Meister
im  Finanzfache  an  und  bat  ihn  freundlich:  „Warum  können  wir  nicht
zusammen  arbeiten?"  Der  stolze  Reichsfreiherr  aber  blieb  unwandelbar
in  seinem  Hasse,  überschüttete  die  Hardenbergischen  Entwürfe,  die  er  gar
nicht  kannte,  mit  leidenschaftlichem  Tadel.  Mittlerweile  erhielt  auch  der
Verfassungsplan  seine  endgültige  Gestalt.  Die  bösen  Zungen  der  Hauptstadt
  erzählten  freilich  mit  großer  Zuversicht,  der  Staatskanzler  denke
längst  nicht  mehr  an  seine  konstitutionellen  Pläne;  man  versicherte  allgemein,
auf  die  erste  Nachricht  von  Kotzebues  Ermordung  hätte  er  ausgerufen:
„nun  ist  eine  Verfassung  für  Preußen  unmöglich!“  Einen  Ohrenzeugen
wußte  jedoch  niemand  zu  nennen;  das  geflügelte  Wort  war  entweder  erfunden
  oder  nur  ein  unwillkürlicher  Ausruf  des  ersten  jähen  Schreckens.
Sicher  bleibt,  daß  Hardenberg  gerade  jetzt,  unter  den  ungünstigsten  Verhältnissen,
  die  Verfassungsarbeit  wieder  aufnahm.  Am  11.  August  legte
er  dem  König  seinen  letzten  Entwurf  vor,  eine  etwas  erweiterte  Ausführung
  des  von  Metternich  in  Teplitz  gebilligten  Planes;  und  nach  neuen
vertraulichen  Beratungen  in  Charlottenburg,  zu  denen  auch  Witzleben
zugezogen  wurde,  befahl  Friedrich  Wilhelm  nochmals,  daß  aus  der  Verfassungskommission
  des  Staatsrats  ein  Ausschuß  gebildet  werden  sollte,
um  die  Verfassung  nach  Hardenbergs  Vorschlägen  auszuarbeiten.  Mitglieder
  waren  außer  dem  Staatskanzler  selbst:  Humboldt,  Schuckmann,

*)  Krusemarks  Bericht,  13.  Dez.  1819.
        <pb n="600" />
        592  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

Ancillon,  Daniels,  Eichhorn.“)  Wieder  vergingen  sechs  Wochen,  da  Daniels
durch  die  Geschäfte  der  rheinischen  Justiz-Organisation  daheim  zurückge—
halten  wurde.  Endlich  am  12.  Oktober  hielt  der  Ausschuß  seine  erste
Sitzung,  und  Hardenbergs  Entwurf  —  „Ideen  zu  einer  landständischen
Verfassung  in  Preußen“  —  trat  aus  dem  Dunkel  hervor.

Die  Arbeit  bewies,  daß  die  Jahre  dem  greisen  Staatsmanne  wohl
die  Kraft  des  Willens,  doch  nicht  die  Kühnheit  und  Schärfe  der  Gedanken
hatten  schmälern  können.““)  Ganz  nach  der  gründlichen  alten  preußischen
Weise,  in  scharfem  Gegensatze  zu  den  improvisierten  Verfassungen  des  Südens,
  wollte  er  die  parlamentarischen  Rechte  aufrichten  auf  der  breiten
Unterlage  der  Selbstverwaltung  in  Gemeinde,  Kreis  und  Provinz.  Der
Siebzigjährige  traute  sich  noch  die  Kraft  zu  für  einen  Umbau  der  gesamten
  Staatsverwaltung  von  unten  nach  oben.  Von  jenen  bureaukratisch-liberalen
  Ansichten,  die  er  einst  beim  Erlaß  des  Gendarmerie-Edikts
  bekundet,  zeigte  sich  jetzt  keine  Spur  mehr,  und  nichts  konnte  ungerechter
  sein  als  der  Vorwurf  Steins:  dieser  Mann  biete  nur  „liberale
Phrasen  und  despotische  Realitäten,  ohne  Rücksicht  auf  das  Bestandene".
Vielmehr  ging  Hardenberg,  ganz  wie  Stein  selber,  von  dem  Grundsatze
aus:  „Wir  haben  lauter  freie  Eigentümer;“  an  den  freien  Grundbesitz
sollten  sich  alle  ständischen  Rechte  anschließen.  Daher  ward  eine  Kommunal=Ordnung,
  welche  den  Gemeinden  die  Verwaltung  ihrer  eigenen  Angelegenheiten
  übertragen  sollte,  als  das  nächste  dringende  Bedürfnis  bezeichnet.
Aus  indirekten  Wahlen  der  ländlichen  sowie  der  städtischen  Gemeinden  und
aus  direkten  Wahlen  der  Rittergutsbesitzer  geht  sodann  der  Kreistag  hervor,
  eine  Vertretung  von  drei  (oder  wo  sich  Standesherren  vorfinden,  von
vier)  Ständen,  die  aber  eine  ungeteilte,  nicht  an  Mandate  gebundene  Versammlung
  bilden.  Also  nicht  der  Landadel,  sondern  der  gesamte  Großgrundbesitz
  soll  eine  besondere  Vertretung  erhalten;  die  Rittergutsbesitzer  heißen
zwar  Kreisstände,  doch  sie  erhalten  nicht  Virilstimmen,  sondern  bloß  das
Wahlrecht  für  die  Kreistage.  Wählbar  ist  jeder  mündige,  unbescholtene
christliche  Grundbesitzer.  Auf  den  Kreistagen  werden  dann  die  Vertreter
der  drei  Stände  für  den  Provinziallandtag  gewählt,  zu  denen  die  Standesherren
  und  die  Bischöfe  hinzutreten;  eine  Vertretung  der  Universitäten  hatte
der  König  selbst,  sofern  sie  nicht  Grundbesitzer  seien,  für  bedenklich  erklärt.
Alle  diese  ständischen  Körperschaften  befassen  sich  wesentlich  mit  der  Verwaltung
  ihrer  Kommunalanstalten,  dem  Schuldenwesen,  der  Steuerverteilung.
  Dagegen  soll  der  aus  Provinziallandtagen  gewählte  Allgemeine
Landtag  gar  keine  eigene  Verwaltung  haben,  sondern  lediglich  jährliche
Übersichten  über  den  Gang  der  Verwaltung,  vornehmlich  über  den  Stand
der  Finanzen,  von  den  Ministern  erhalten  und  die  neuen  Gesetze  für  die
gesamte  Monarchie  beraten.

*)  Kabinettsordre  an  den  Staatskanzler,  23.  Aug.  1819.  "
*“)  Hardenberg,  Ideen  zu  einer  landständischen  Verfassung  in  Preußen.  S.  Beilage  IV.
        <pb n="601" />
        Hardenbergs  Verfassungsplan.  593

Hier  zeigte  sich's  nun,  wie  anders  als  Metternich  der  preußische  Staatskanzler
  die  Zusagen  des  Teplitzer  Vertrages  verstand:  er  wollte  im  Ernst
einen  angesehenen,  wenn  auch  nicht  allzu  zahlreichen  preußischen  Landtag,
nicht  einen  kümmerlichen  Zentralausschuß,  und  gab  der  Verfassungskommission
  zu  erwägen,  ob  das  Ein=  oder  das  Zweikammersystem  für  diese
Gesamtvertretung  der  drei  Stände  vorzuziehen  sei.  Auch  die  schwierigen
Fragen  der  Initiative,  der  Offentlichkeit,  der  Verantwortlichkeit  der  Minister
  hielt  er  noch  vorsichtig  offen.  Desgleichen  die  Frage,  ob  die  Provinziallandtage
  sich  an  die  neugebildeten  Provinzen  oder  an  die  altständischen
  Territorien  anschließen  sollten.  Die  auswärtigen  Angelegenheiten  und
die  militärischen  Verhältnisse,  soweit  sie  nicht  persönliche  Verpflichtungen
beträfen,  sollten  den  Beratungen  der  Stände  entzogen  bleiben.  Dann
folgte  noch  die  Aufzählung  einiger  Grundrechte:  Gleichheit  vor  dem  Gesetz,
Gewissensfreiheit  usp.  Auch  Vorschriften  über  die  Preßfreiheit  und  die
öffentliche  Rechtspflege  waren  in  Aussicht  genommen.  Und  alles  dies  in
dem  nämlichen  Augenblick,  da  Hardenberg  die  Karlsbader  Politik  förderte;
in  seinen  Augen  waren  die  neuen  Bundesgesetze  nur  Ausnahmegesetze  für
wenige  Jahre  der  Not.  Zum  Schluß  betonte  der  Staatskanzler  nachdrücklich
  die  Befestigung  des  monarchischen  Prinzips  und  erinnerte  an  den
Grundsatz:  salus  publica  suprema  lex  esto.

Der  Entwurf  bot  der  anfechtbaren  Stellen  genug.  Eine  einzige  Kommunalordnung
  für  die  gesamte  Monarchie  war  bei  der  unendlichen  Mannigfaltigkeit
  der  sozialen  Zustände  des  flachen  Landes  offenbar  unmöglich.  Noch
bedenklicher  erschien  die  ausschließliche  Wahlberechtigung  des  Grundbesitzes,
die  in  den  Städten  zu  widersinnigen  Verhältnissen  führen  mußte;  sodann
die  als  möglich  angenommene  Wiederherstellung  der  alten  Territorien,  deren
verwickeltes  Schuldenwesen  allerdings  nicht  ohne  Mühe  in  eine  neue  Provinzialverfassung
  eingefügt  werden  konnte;  endlich  und  zu  allermeist  das
unglückliche  System  der  vierfach  indirekten  Wahlen.  Die  Gefahr  lag  nahe,
daß  ein  also  —  nicht  gewählter,  sondern  delegierter  Allgemeiner  Landtag
sich  der  Nation  entfremdete,  die  Monarchie  den  Charakter  eines  Föderativstaats
  annähme.  Und  dennoch,  wie  die  Dinge  lagen,  kam  alles  darauf
an,  daß  ein  Parlament  für  die  gesamte  Monarchie  berufen  wurde;  an
den  Formen  lag  wenig.  Hardenbergs  Vorschläge  liefen  im  wesentlichen
hinaus  auf  einen  Vereinigten  Landtag,  wie  er  im  Jahre  1847  zusammentrat;
  unmöglich  war  es  nicht,  daß  eine  ähnliche  Versammlung,  um  das
Jahr  1820  berufen,  den  Staat  binnen  eines  Menschenalters  allmählich
und  friedlich  in  die  Bahnen  des  reinen  Repräsentativsystems  hätte  hinüberführen
  können.

Jeder  Satz  der  Denkschrift  verriet  den  ernsten  und  ehrlichen  Entschluß
des  Staatskanzlers.  Umsichtig  hatte  er  alles  entfernt  was  den  König  bedenklich
  stimmen  konnte  und  darum  namentlich  das  Heerwesen  sowie  die

auswärtige  Politik  der  Einwirkung  der  Stände  entzogen.  Auch  den  Bev.
  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  38
        <pb n="602" />
        594  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

gehren  der  altständischen  Partei  war  er  soweit  als  möglich  entgegenge—
kommen,  und  doch  enthielt  der  Entwurf,  in  dem  unscheinbaren  Abschnitt
über  die  Kreistage,  eine  tief  einschneidende,  kühne  Reform:  wurde  die  Ritter—
schaft  ihrer  Virilstimmen  auf  den  Kreisversammlungen  beraubt  und  auf
eine  mäßige,  den  wirtschaftlichen  Machtverhältnissen  der  Gegenwart  ent—
sprechende  Stimmenzahl  beschränkt,  so  war  eine  der  schwersten  und  bestbe—
rechtigten  Klagen  der  Bauern  im  Osten  beseitigt,  die  ständische  Herrschaft
des  Adels  auf  dem  flachen  Lande  brach  zusammen,  und  an  ihre  Stelle
trat  eine  Interessenvertretung  von  drei  sozialen  Gruppen,  welche  der  Ritterschaft
  zwar  noch  ein  starkes  Ubergewicht,  doch  nicht  mehr  die  alleinige
Entscheidung  gewährte.  Was  Hardenberg  plante  war  in  der  Tat  der
Abschluß  der  Reformen  von  1807—12,  die  Zerstörung  der  letzten  Trümmer
des  feudalen  Gemeinwesens;  und  mit  begreiflichem  Zorne  schalt  die  altständische
  Partei  am  Hofe  auf  den  alten  Jakobiner:  hatte  er  denn  nicht  selber
in  dem  ungeschickten  Schlußwort  seiner  „Ideen“  verraten,  daß  er  das
Salut  public  als  das  höchste  der  Gesetze  verehre?

Freilich,  der  Staatskanzler  bot  dem  Ausschusse  nur  den  Entwurf  eines
Entwurfs,  nur  eine  leichte  Skizze,  die  sich  zu  Humboldts  Verfassungsdenkschrift
  verhielt  wie  ein  Skelett  zu  einem  lebendigen  Körper.  Alles  kam
darauf  an,  wie  der  Ausschuß  diese  Umrisse  ausfüllen  würde.  Ein  grundsätzlicher
  Widerspruch  schien  von  keinem  seiner  Mitglieder  zu  erwarten.
Eichhorn  und  Daniels  stimmten  den  Hauptsätzen  des  Entwurfs  willig  zu.
Humboldt  fand  in  den  kurzen  Monaten  seiner  Ministerlaufbahn  nur
zweimal  die  Gelegenheit,  sich  über  die  Prinzipienfragen  des  Verfassungsstreites
  auszusprechen  und  bewies  in  beiden  Fällen,  daß  Hardenbergs  vermittelnde
  Richtung  auch  die  seine  war.  Als  zwei  verfallene  Landarmenhäuser,
  welche  der  Staat  vor  Zeiten  den  kurmärkischen  Ständen  zur  Benutzung
überlassen,  wieder  eingezogen  werden  sollten  und  die  Stände,  nach  ihrer  Gewohnheit,
  sich  wider  die  angebliche  Rechtsverletzung  verwahrten,  da  antwortete
  Humboldt:  er  leugne  nicht,  „daß  meinem  Gefühle  nach  alles,  was
nur  entfernt  mit  ständischer  Verfassung  zusammenhängt,  jetzt  einer  sehr
großen  Schwierigkeit  unterliegt,“  und  riet  dem  Monarchen  einen  Mittelweg
  einzuschlagen:  die  Regierung  möge  die  unaufschiebliche  Reform  des  kurmärkischen
  Landarmenwesens  sogleich  selber  vornehmen,  aber  den  Ständen
versprechen,  daß  sie  nachträglich  gehört  werden  sollten,  sobald  die  neue
Provinzialvertretung  bestehe.  Den  Ständen  der  Grafschaft  Mark,  die  nochmals
  um  die  Herstellung  der  markanischen  Verfassung  baten,  erwiderte  er
fest  und  freundlich:  die  Provinzen  würden  nicht  ohne  ständische  Vertretung
bleiben;  aber  das  Bedürfnis  der  Staatseinheit  mache  es  unmöglich  „dasjenige,
  was  bisher  unter  ganz  verschiedenen  Umständen  obwaltete,  auch  jetzt
noch  einzeln  und  unverändert  stehen  zu  lassen.““)  Es  war  als  ob  Harden- 



*)  Humboldt  an  Schuckmann,  24.  Okt.;  an  Bodelschwingh-Plettenberg,  22.  Sept.  1819.
        <pb n="603" />
        Hardenberg  gegen  die  alten  Stände.  595

berg  selbst  die  Antwort  diktiert  hätte.  Auch  Ancillon  zeigte  sich  dem  Plane
des  Staatskanzlers  noch  günstig;  er  hatte  soeben  in  seinem  Buche  „über
die  Staatswissenschaft"  die  Vorzüge  des  Zweikammersystems  lebhaft  empfohlen.
  Selbst  Schuckmann  war  bisher  noch  immer  für  den  Verfassungsplan
  aufgetreten.

Sobald  sich  die  Nachricht,  daß  Humboldt  in  einem  neuen  Verfassungsausschuß
  tätig  sei,  im  Publikum  verbreitete,  begannen  die  halberloschenen
Hoffnungen  der  Liberalen  wieder  aufzuleben.  Regierungsrat  Grävell,  der
alte  unermüdliche  publizistische  Vorkämpfer  der  Verfassung,  gab  im  November
jenes  berufene  Sendschreiben  des  jungen  Gentz  an  König  Friedrich  Wilhelm
wieder  heraus  und  meinte  in  seinem  geharnischten  Vorwort:  „Zwei  große
Tage  erscheinen  im  Leben  der  Völker:  der  Tag  der  Thronbesteigung,  wo
die  Zeit  —  und  der  Tag  der  Verfassungsverleihung,  wo  die  Weisheit  einen
neuen  Bund  schließt  zwischen  Fürst  und  Volk.  Friedrich  Wilhelms  Volk
erlebt  jetzt  den  zweiten  großen  Tag,  das  Jahr  1820  bringt  ihm  das  Evangelium
  der  Zukunft,  den  Tag  der  Gründung  einer  ständischen  Verfassung."
Sogar  das  radikale  Weimarische  Oppositionsblatt  weissagte  noch  im  Dezember,
  daß  im  nächsten  Jahre  eine  preußische  Konstitution  den  kühnsten
Wünschen  entsprechend  erscheinen  werde.

Die  herausfordernde  Sprache  der  alten  Stände,  die  seit  den  Karlsbader
  Beschlüssen  immer  dreister  auftraten,  bestärkte  den  Staatskanzler  nur
in  seinen  konstitutionellen  Plänen.  „Durch  die  neuesten  Beschlüsse  der  hohen
deutschen  Bundesversammlung  mit  Trost  und  Hoffnung  erfüllt“,  wendete
sich  die  westhavelländische  Ritterschaft  an  den  König  (17.  November),  um
ihre  Entrüstung  über  „die  unanständige  Vermessenheit  der  sogenannten
Volksrepräsentanten  anderer  deutschen  Länder“  auszusprechen.  „Bekannt
mit  der  Stimmung  des  kräftigsten  Teiles  der  Nation,  des  Landvolks,  dürfen
wir  behaupten,  daß  dieser  im  allgemeinen  weit  davon  entfernt  sei,  den
überall  verbreiteten  volksverführenden  Umtrieben  Gehör  zu  geben,  sondern
vielmehr  das  Fortbestehen  früherer  Einrichtungen,  aus  denen  das  günstige
seiner  bisherigen  Lage  erwächst,  eifrig  wünscht.  Alle  deutschen  Länder  verdanken
  ihr  Glück  seit  einem  halben  Jahrtausend  dem  Bestand  von  landständischen
  Verfassungen,  an  denen  nur  durch  Vertrag  geändert  werden
konnte.“  Darauf  die  Bitte  um  Wiederherstellung  des  alten  Rechts,  und
dazu  noch  ein  trotziges  Begleitschreiben  an  Hardenberg,  das  die  Aufhebung
der  ständischen  Vorrechte  als  einen  Eingriff  in  das  Eigentum  verdammte.
Bald  nachher  verlangten  die  Stände  der  Grafschaft  Ruppin,  die  Krone
möge  erwählte  Deputierte  der  alten  Stände  aus  den  einzelnen  Provinzen
nacheinander  in  den  Verfassungsausschuß  berufen  —  eine  Bitte,  die  bald
praktische  Bedeutung  erhalten  sollte.  Beide  Eingaben  wies  der  Staatskanzler
  scharf  zurück.)

*)  Eingabe  der  Ritterschaft  des  westhavelländischen  und  zauchischen  Kreises  an  den

König,  17.  Nov.;  desgl.  der  Stände  der  Grafschaft  Ruppin,  21.  Dez.  1819.
387
        <pb n="604" />
        596  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

Gleichwohl  gewann  seine  neue  Verfassungskommission  kein  kräftiges
Leben.  Sie  beschloß  zunächst  einen  allgemeinen  Plan  für  das  Ganze  der
ständischen  Einrichtungen  zu  entwerfen,  alsdann  schrittweise  aufsteigend  zu
der  Kommunalordnung,  dann  zu  den  Kreis-,  den  Provinzial-  und  den
Reichsständen  überzugehen.  Aber  sie  hielt  bis  zum  Jahresschlusse  nur  zwei
Sitzungen,  und  nur  zwei  ihrer  Mitglieder,  Ancillon  und  Eichhorn,  äußerten
sich  schriftlich  über  den  allgemeinen  Plan;  beide  forderten  das  Zweikammer—
system  und  für  die  Reichsstände  „nicht  allein  eine  beratende,  sondern  eine
gesetzgebende  Stimme“.“)  Die  Wirksamkeit  des  Ausschusses  ward  von  Haus
aus  gelähmt  durch  die  Feindschaft  Hardenbergs  und  Humboldts,  die  eben
jetzt  in  einem  erbitterten  Ringen  sich  miteinander  maßen.  —

Nach  Beendigung  seiner  Frankfurter  Geschäfte  war  Humboldt  erst  am
12.  August  in  das  Ministerium  eingetreten  und  hatte  vom  ersten  Tage
an  das  beleidigende  Mißtrauen  Hardenbergs  ertragen  müssen.  Der  Mi—
nister  für  die  ständischen  Angelegenheiten  erfuhr  wochenlang  kein  Wort
von  den  „Ideen“  des  Staatskanzlers  und  war  als  der  Verfassungsplan
endlich  zutage  kam  ganz  ebenso  überrascht  wie  die  übrigen  Mitglieder
des  Ausschusses.  Diese  kränkende  Haltung  Hardenbergs  hatte  freilich  gute
Gründe;  denn  seit  dem  Tage  der  Übernahme  seines  Amtes  arbeitete  Hum—
boldt  unablässig  darauf  hin,  sich  und  den  übrigen  Ministern  die  selb—
ständige,  verantwortliche  Stellung  zu  erobern,  welche  nach  seiner  Überzeugung
  notwendig  aber  mit  den  Rechten  des  Staatskanzlers  unvereinbar
war.  Sein  letztes  Ziel  blieb  der  Sturz  Hardenbergs;  er  verbarg  es  kaum
noch,  daß  er  den  Staatskanzler  für  einen  unheilvollen  Mann  hielt,  und
alsbald  bot  sich  ihm  die  Gelegenheit  den  Kampf  zu  eröffnen.  Am  9.  August
hatte  der  König  dem  Ministerium  sein  berechtigtes  Mißfallen  kundgegeben,
weil  die  Kabinetts-Ordre  vom  11.  Januar  noch  immer  nicht  beantwortet
war.“*))  Der  Ministerrat  trat  zusammen  um  dem  königlichen  Befehle
endlich  zu  genügen,  und  es  gelang  dem  neu  eingetretenen  Mitgliede,  die
weit  auseinandergehenden  Meinungen  seiner  Amtsgenossen  auf  einen  bestimmten
  Gedanken  zu  vereinigen.

Humboldt  fand  den  tiefsten  Grund  der  vorhandenen  Mißstände  in
der  Machtstellung  des  Staatskanzlers  und  gewann  die  Mehrheit  der  Minister
  für  sich,  da  Bernstorff  und  Klewitz  abwesend  waren,  Wittgenstein
den  Sitzungen  behutsam  fern  blieb.  Umsonst  versuchte  Hardenberg  abzumahnen;
  kaum  acht  Tage  nach  Humboldts  Eintritt  war  die  Stimmung
im  Ministerium  schon  so  schwierig,  daß  der  Staatskanzler  bereits  die  Notwendigkeit
  eines  Ministerwechsels  voraussah““)  Am  26.  August  unterzeichnete
  das  Staatsministerium  ein  von  Humboldt  verfaßtes  Antwort- 



*)  Protokolle  der  Verfassungskommission,  12.,  28.  Okt.  Ancillon  und  Eichhorn,
Ideen  zu  der  landständischen  Verfassung.

*“)  Kabinettsordre  an  das  Staatsministerium,  9.  Aug.  1819.
*“)  Hardenbergs  Tagebuch,  19.  Aug.  1819.
        <pb n="605" />
        Humboldts  Kampf  gegen  das  Staatskanzleramt.  597

schreiben  an  den  König,  das  von  den  früher  abgegebenen  Gutachten  der
einzelnen  Minister  seltsam  abstach.  Die  Hauptfragen  der  Kabinettsordre
vom  11.  Januar,  hinsichtlich  des  Erziehungswesens,  der  Presse,  der  Unbot—
mäßigkeit  der  Beamten,  berührte  Humboldts  Bericht  nur  obenhin;  der
Kern  seiner  Ausführungen  lag  in  der  mehrfach  wiederholten  Behauptung,
daß  infolge  der  Stellung  des  Staatskanzlers  „von  dem  Begriff  einer
Zentralisierung  der  Verwaltung  im  Staatsministerium  mit  gemeinsamer
Verantwortlichkeit  kaum  eine  Spur  zu  erkennen  sei“.  Er  verlangte  demnach
völlige  Verschmelzung  des  Staatskanzleramts  mit  dem  Ministerium,  so  daß
der  Staatskanzler  den  Vorsitz  im  Staatsministerium  führen,  über  alles
Auskunft  erhalten,  in  drängenden  Fällen  auch  unmittelbar  verfügen  sollte;
die  Protokolle  des  Staatsministeriums  seien  fortan  dem  Könige  einzureichen,
und  kein  Vorschlag  dürfe  an  den  Monarchen  gelangen  ohne  Vorwissen  des
beteiligten  Ministers.

Im  übrigen  wußten  die  Minister  nur  wenige  positive  Vorschläge  auf—
zustellen.  Sie  deuteten  leise  an,  daß  „Einige  von  uns“  mit  noch  stärkerer
Zuversicht  als  Se.  Majestät  auf  den  gesunden  Sinn  der  Mehrheit  der
Nation  vertrauen;  sie  sprachen  die  Hoffnung  aus,  über  die  letzten  polizei—
lichen  Untersuchungen  noch  näher  unterrichtet  zu  werden,  und  wünschten,
daß  die  geheime  Polizei  „in  dem  was  sie  getan  hat  das  Licht  nicht  scheuen
müsse.“  Dazwischen  hinein  dann  einige  ganz  unbestimmte  Klagen  über
„das  Schwankende  der  Hauptverwaltungsgrundsätze“  und  manche  völlig
ungerechte  oder  geradezu  frivole  Beschwerden.  So  ward  im  voraus  der
Stab  gebrochen  über  die  unumgängliche  Steuerreform:  „neue  Auflagen,
die  sehr  bedenklich  sind,  sollten  vermieden  werden.“  So  ward  der  König
gebeten,  die  Verfassung  nicht  ohne  den  Rat  des  Staatsministeriums  dem
Lande  zu  verleihen;  und  doch  gehörten  sämtliche  Minister  zu  der  großen
Verfassungskommission  vom  Jahre  1817,  welcher  die  Entwürfe  des  neuen
kleinen  Ausschusses  selbstverständlich  noch  vorgelegt  werden  sollten.)

Der  Bericht  mußte,  falls  er  die  Genehmigung  des  Monarchen  fand,
unvermeidlich  den  Rücktritt  des  Staatskanzlers  herbeiführen,  obgleich  von
allen  Ministern  wohl  nur  Humboldt  selbst  diese  Wirkung  beabsichtigte.
Da  Hardenberg  kein  Fachministerium  mehr  bekleidete,  und  wegen  seiner
Taubheit  den  Vorsitz  im  Staatsministerium  schlechterdings  nicht  führen
konnte,  so  wurde  er  durch  Humboldts  Vorschläge  jeder  Macht  beraubt,
und  an  die  Stelle  der  bestehenden  Einheit,  deren  schwere  Gebrechen  sich
allerdings  nicht  verkennen  ließen,  trat  ein  vielköpfiges  kollegialisches  Regiment
  ohne  Willen,  ohne  Leitung.  Wer  konnte  einen  solchen  Wechsel
wünschen  nach  allen  den  kläglichen  Beweisen  von  Zwietracht  und  Ratlosigkeit,
  welche  dies  Ministerium  in  den  letzten  Monaten  gegeben?  Auch

 

*)  Bericht  des  Staatsministeriums  an  den  König,  26.  Aug.,  mit  Randbemerkungen
des  Staatskanzlers  vom  10.  Sept.  1819.
        <pb n="606" />
        598  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

dieser  neueste  Bericht  war,  obgleich  er  selbst  das  Gegenteil  behauptete,
erst  nach  lebhaftem  Streite  zustande  gekommen.

Hardenberg  setzte  sich  sofort  zur  Wehr.  Er  versicherte  nochmals,  daß
er  gern  bereit  sei,  auf  den  Befehl  des  Königs  sich  „mit  dem  dankbarsten
Herzen  in  die  Einsamkeit  zurückzuziehen“,  und  bat  den  Monarchen,  „dem
Ministerium  alle  von  ihm  gewünschte  Selbständigkeit  zu  geben“,  auch  die
Einsendung  der  Ministerial-Protokolle  zu  genehmigen;  aber  dem  Staatskanzler
  müsse  der  regelmäßige  Vortrag  bei  dem  Monarchen  verbleiben,
„nach  den  mir  zuzusendenden  Berichten  der  Minister.“  Sichtlich  gereizt
wies  er  sodann  darauf  hin,  wie  der  Bericht  alles  Ubrige  leicht  abfertige
und  die  Beschränkung  der  Macht  des  Staatskanzlers  als  „die  einzige
Panacee“  betrachte.  Die  Auflegung  neuer  Steuern  erklärte  er  für  „unvermeidlich
  und  notwendig  zum  Besten  des  Staates".  Mehrmals  warf  er
den  Ministern  vor,  daß  sie  die  „Verirrungen  des  Zeitgeistes,  die  Gefahr
einer  künftigen  Generation  von  Revolutionsmännern“  viel  zu  leicht  nähmen;
und  mit  Entrüstung  nahm  er  sich  schließlich  seines  Freundes  Wittgenstein
an,  „welcher  in  den  sieben  Jahren  wo  er  die  geheime  Polizei  leitete  keinen
Schritt  getan,  den  ich  nicht  genau  weiß."“

Das  Zerwürfnis  zwischen  den  beiden  Nebenbuhlern  war  jetzt  offenkundig
  und  verschärfte  sich  dermaßen,  daß  Bernstorff  und  Wittgenstein
für  nötig  hielten  sich  von  dem  regelmäßigen  Besuche  der  Sitzungen  des
Staatsministeriums  entbinden  zu  lassen.  General  Witzleben,  der  den  beiden
Streitenden  persönlich  nahe  stand  und  beide  für  unentbehrlich  hielt,  bemühte
  sich  umsonst  für  einen  Ausgleich.')  Hardenberg  drohte  mit  seinem
Rücktritt  und  erreichte,  nachdem  der  König  einen  allzuscharfen  Entwurf
zurückgewiesen  hatte,  am  21.  Oktober  den  Erlaß  einer  immerhin  noch  sehr
ungnädigen  Kabinettsordre,  welche  dem  Ministerium  das  Befremden  des
Monarchen  über  die  Oberflächlichkeit  des  letzten  Berichts  aussprach  und
den  Staatskanzler  in  allen  seinen  Befugnissen  bestätigte:  in  Zukunft  sollten
die  Berichte  der  Minister  zwar  unmittelbar  an  die  Krone  gesendet  werden,
aber  dem  Kanzler  gebühre  das  Recht  zu  bestimmen,  über  welche  dieser  Berichte
  er  selber  Vortrag  halten  wolle.')  Die  Minister  verblieben  mithin
in  einer  abhängigen  Stellung,  welche  ihnen  selber  lästig  und  der  raschen  Erledigung
  der  Geschäfte  vielfach  nachteilig,  aber  solange  das  Staatskanzleramt
bestand  schlechthin  unvermeidlich  war.  Zum  Schluß  rügte  der  König  noch,
daß  ihm  die  Abstimmungen  der  einzelnen  Minister,  seinem  Befehle  vom
11.  Januar  zuwider,  nicht  eingereicht  worden  seien.  Die  Ubersendung
dieser  Gutachten  hatten  die  Minister  bisher  wohlweislich  unterlassen;  auf

 

*)  Zwei  Kabinettsordres  an  Wittgenstein  und  Bernstorff,  7.  Okt.  Witzleben,  Denkschrift
  über  den  Bericht  des  Staatsministeriums  und  die  Randbemerkungen  des  Staatskanzlers,
  Sept.  1819.

*7)  Zwei  Kabinettsordres  an  den  Staatskanzler  und  das  Staatsministerium,  21.  Okt.
Hardenbergs  Tagebuch,  12.,  14.  Okt.  1819.
        <pb n="607" />
        Die  Karlsbader  Beschlüsse  vor  dem  Staatsministerium.  599

den  wiederholten  Befehl  des  Monarchen  mußten  sie  jetzt  das  Versäumte
nachholen,“)  und  nunmehr  ergab  sich  unwidersprechlich,  daß  der  Kampf
gegen  den  Staatskanzler  allein  durch  Humboldt  veranlaßt  war.  In  ihren
früheren  Gutachten  hatten  nur  drei  der  Minister  über  Hardenbergs  Vor—
mundschaft  geklagt,“)  erst  seit  Humboldts  Eintritt  war  ihnen  allen  plötzlich
  die  Erkenntnis  gekommen,  daß  der  urgrund  des  Übels  in  der  Machtstellung
  des  Staatskanzlers  zu  suchen  sei.  In  solcher  Lage  konnte  ein
neuer  Vermittelungsversuch  des  wackeren  Witzleben  zu  keinem  Ergebnis
führen.“)  Humboldt  mußte  zurücktreten,  nachdem  Hardenberg  zum  zweiten
Male  seine  Angriffe  abgeschlagen  hatte.  —

Mit  diesem  Machtkampf  verkettete  sich  nunmehr  der  ungleich  wichtigere
Streit  über  die  jüngste  Wendung  der  Bundespolitik.  Am  8.  September  brachte
Humboldt  die  Demagogenverfolgung  zur  Sprache  und  bewog  die  Minister,
gegen  den  Widerspruch  Bernstorffs  und  Schuckmanns,  bei  dem  Monarchen
anzufragen,  ob  die  ergriffenen  Sicherheitsmaßregeln  als  gesetzliche  oder  als
außerordentliche  Maßregeln  zu  behandeln  seien.  Eine  strenge  Mahnung  zum
Gehorsam  war  die  Antwort  (16.  September).  Darauf  wurden  die  neuen
Bundesbeschlüsse  dem  Staatsministerium  vorgelegt  und  in  drei  Sitzungen
erwogen  (5.,  27.  Okt.,  3.  Nov.).)Es  kam  zu  stürmischen  Auftritten;  die
Berliner  wollten  wissen,  daß  Humboldt  die  Karlsbader  Beschlüsse  „schändlich,
antinational,  ein  denkendes  Volk  beleidigend“  genannt  habe.  Von  solcher
Kühnheit  war  in  dem  langen  Berichts-Entwurfe,  welchen  er  am  5.  Okt.
dem  Ministerium  vorlegte,  keine  Spur  zu  finden.  Seine  Bedenken  stützten
sich  ausschließlich  auf  die  gefährdete  Souveränität  Preußens.  „Wir  verkennen
  gewiß",  so  führte  er  aus,  „das  wohltätige  Band  nicht,  welches
Preußen  an  Deutschland  knüpft;  aber  das  Gefühl,  einer  selbständigen  und
Deuts  chland  nicht  einverleibten  Monarchie  anzugehören,  ist  immer  vorherrschend
in  uns  gewesen.“  Durch  die  Karlsbader  Beschlüsse  erlange  der  Bundestag
  das  gefährliche  Recht  sich  in  die  inneren  Angelegenheiten  der  Monarchie
einzumischen;  überdies  werde  Preußen,  da  alles  auf  Osterreichs  Antrag
beschlossen  sei,  „in  die  ganze  Reihe  der  sich  gewissermaßen  leidend  verhaltenden
Staaten  gestellt".  Der  Art.  13  der  Bundesakte  berühre  den  preußischen
Staat  nicht,  da  der  König  schon  vorher  seiner  gesamten  Monarchie,  auch
den  nichtdeutschen  Provinzen  eine  Verfassung  versprochen  habe.  Die  Polizeiberichte
  über  die  Demagogen  bewiesen,  „daß  weder  die  Zahl  dieser
Menschen  groß  noch  ihre  Stellung  in  der  bürgerlichen  Gesellschaft  bedeutend
  sei.“  Auf  solche  Erwägungen  gestützt  beantragte  Humboldt:  es
solle  am  Bundestage  die  Verkündigung  der  Karlsbader  Beschlüsse  als
außerordentlicher  Maßregeln  für  zwei  Jahre  verlangt  werden;  es  solle

*)  Bericht  des  Staatsministeriums  an  den  König,  10.  Nov.  1819.

**)  S.  v.  S.  494.

**4)  Witzleben,  Denkschrift  über  die  Kabinettsordre  vom  21.  Okt.  1819.

#))  Protokoll  der  Sitzungen  des  Staatsministeriums  vom  5.,  27.  Okt.,  3.  Nov.
1819  (von  Humboldt).
        <pb n="608" />
        600  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

ferner  der  Minister  des  Auswärtigen  die  Vollmacht  erhalten,  über  Bundesbeschlüsse,
  welche  innere  Angelegenheiten  beträfen,  mit  den  beteiligten
Ministern  Rücksprache  zu  nehmen.

Der  zweite  Antrag  erschien  ganz  müßig,  da  der  Minister  des  Auswärtigen
  die  gewünschte  Vollmacht  bereits  besaß;  aber  auch  der  erste  Antrag
  war  ebenso  ungeschickt  als  schwächlich.  Denn  als  Humboldt  seinen
Bericht  vorlegte,  hatte  der  Bundestag  die  Karlsbader  Beschlüsse,  mit  ausdrücklicher
  Genehmigung  des  Königs,  schon  längst  angenommen,  und
während  das  Ministerium  noch  beriet,  wurden  sie  in  Preußen,  abermals
auf  Befehl  des  Monarchen,  förmlich  verkündigt.  Nach  dem  Staatsrechte
der  absoluten  Monarchie  lag  eine  vollendete  Tatsache  vor;  konnte  man
nicht  den  König  selbst  zum  Abfall  von  der  österreichischen  Politik  bewegen
—  und  dazu  reichten  Humboldts  gewundene  Sätze  wahrlich  nicht  aus  —
so  ließ  sich  an  dem  Geschehenen  nichts  mehr  ändern.  Die  offenbare  Aussichtslosigkeit
  des  Kampfes  stimmte  die  übrigen  Minister  bedenklich,  obwohl
sie  fast  allesamt  gegen  Form  und  Inhalt  der  Karlsbader  Beschlüsse  ernste
Einwendungen  zu  erheben  hatten.  Nur  zwei,  der  Kriegsminister  und
der  Großkanzler  Beyme  schlossen  sich  den  Anträgen  Humboldts  an.
General  Boyen  war  in  seinem  preußischen  Stolze  den  Wahngebilden  des
friedlichen  Dualismus  immer  fremd  geblieben;  der  gradsinnige  Soldat
fühlte  sich  angeekelt  durch  das  lichtscheue  Treiben  der  Demagogenverfolger,
die  sogar  Gneisenau  und  den  christlichen  Romantiker  Gröben  nicht  mit
ihren  Verdächtigungen  verschonten.  Der  greise  Beyme  hatte  in  den  letzten
Jahren  seine  Sympathien  ganz  dem  Liberalismus  zugewendet,  obgleich  er
in  seinem  Departement  nie  eine  praktische  Reform  zustande  brachte,  und
sich  neuerdings  eng  an  Humboldt  angeschlossen.

So  brachte  die  Politik  plötzlich  drei  Männer  zusammen,  die  im
Grunde  sehr  wenig  miteinander  gemein  hatten.  Beymes  altmodische
weichliche  Philanthropie  war  das  genaue  Gegenteil  von  Humboldts  hellenischer
  Weltanschauung;  auch  Boyen  und  Humboldt  liebten  sich  nicht,
noch  auf  dem  Wiener  Kongresse  hatten  sie  ein  Duell  mit  einander  ausgefochten.
  Leider  führten  die  beiden  Bundesgenossen  ihre  Sache  nicht
glücklicher  als  Humboldt  selbst.  Der  Kriegsminister  reichte  ein  gedankenreiches
  Gutachten  ein,  das  in  markigen  Zügen  den  natürlichen  Gegensatz
der  beharrenden,  katholischen  Macht  Osterreichs  und  der  frei  aufstrebenden
Politik  Preußens  schilderte.  Das  Verhältnis  zu  Osterreich  wollte  Boyen
womöglich  auf  ein  einfaches  Verteidigungsbündnis  beschränken,  obgleich
wir  wegen  der  Schwerfälligkeit  des  k.  k.  Staatshaushalts  und  Heerwesens
„den  ersten  Feldzug  wahrscheinlich  allein  tragen  müßten“.  Die  Verstärkung
der  Bundesgewalt  hielt  er  für  bedenklich,  so  lange  Preußen  am  Bundestage
  keinen  überwiegenden  Einfluß  besitze  und  der  Bund  ihm  nicht  einmal
die  Sicherheit  seiner  außerdeutschen  Provinzen  verbürge;  „niemals  richtete
eines  Nassauers  Stimme  über  den  treuen  oder  verirrten  Sinn  eines
        <pb n="609" />
        Die  Opposition  der  drei  Minister.  601

Preußen.“  Es  war  das  freimütige  Glaubensbekenntnis  eines  fridericianischen
  Patrioten,  aber  zur  Entscheidung  der  vorliegenden  Frage  trugen
diese  Betrachtungen  nichts  bei.  Auch  Beyme  ging  von  der  Souveränität
der  Krone  Preußens  aus  und  erörterte,  wie  stark  der  völkerrechtliche  Charakter
des  Bundes  durch  die  jüngsten  Beschlüsse  verändert  würde.  Den  Kern
der  Sache  berührte  keiner  der  drei  Minister;  keiner  sagte  frei  heraus,  daß
die  Karlsbader  Politik  einer  törichten  Angst  entsprungen  war  und  die
Kräftigung  der  Bundesgewalt  nur  darum  verderblich  wirkte,  weil  sie  nicht
der  nationalen  Macht,  sondern  der  Unterjochung  der  Geister  dienen  sollte.
Bernstorff  verteidigte  sich  sehr  gewandt  gegen  Humboldts  versteckte
Angriffe.  Er  gestand  offen  ein:  „daß  der  Bundesvertrag  im  Drange  des
Augenblicks  als  eine  unreife  Frucht  aus  übereilten  Verhandlungen  hervorging
  und  streitende  Ansichten  und  Interessen  auf  eine  niemand  befriedigende
Weise  ausglich,  darüber  war  sich  sogleich  ganz  Deutschland  einig.“  In
solcher  Lage  bleibe  eben  nichts  übrig  als  den  unfähigen  Bundestag  durch
eine  vertrauliche  Verständigung  zwischen  den  beiden  Großmächten  zu  leiten.
Seien  die  Karlsbader  Beschlüsse  gerechtfertigt  —  was  Humboldt  selbst  nicht
geradezu  bestritten  hatte  —  so  dürfe  man  auch  ihre  Wirksamkeit  nicht
lähmen  und  am  wenigsten  den  König  mit  sich  selber  in  Widerspruch
bringen.  Alle  übrigen  Minister  erklärten  sich  bedingt  oder  unbedingt  gegen
Humboldts  Entwurf;  Altenstein  in  einem  charakteristischen  Gutachten,  das
den  Unmut  des  feinen  Gelehrten  über  die  Beschimpfung  der  Universitäten
sehr  deutlich  verriet.  „Alles  was  ich  besorge  ist  einiger  Druck“  —  so
lautete  der  deutsche  Trost  des  wohlmeinenden  Mannes  —  „allein  ist  er
nur  nicht  ganz  vernichtend,  so  schadet  er  wohl  nicht  viel.  Die  Wissenschaft
erträgt  solchen  und  gedeihet  oft  unter  demselben  gleich  der  Palme.“)
Mittlerweile  war  Bernstorff  zu  den  Wiener  Konferenzen  abgereist.
Ohne  ihn  noch  einmal  zu  befragen  schritt  das  Ministerium  am  3.  November
  zur  Abstimmung.  Humboldts  Bericht  ward  verworfen,  aber  auch  über
die  förmliche  Billigung  der  Karlsbader  Beschlüsse  konnten  sich  die  Minister
nicht  einigen.  Das  klägliche  nunmehr  seit  Monaten  anhaltende  Schauspiel
ratloser  Uneinigkeit  fand  endlich  damit  seinen  würdigen  Schluß,  daß  man
einfach  das  Protokoll  dieser  drei  Ministerialsitzungen  nebst  einigen  vorgelesenen
  Gutachten,  aber  ohne  einen  Beschluß  und  ohne  einen  Bericht,
dem  Könige  übersendete.  Eine  solche  Regierung  durfte  nicht  dauern,  ein
Wechsel,  der  ihr  wieder  Kraft  und  Einheit  gab,  war  unabweisbar  geboten.
Hardenberg  erkannte,  daß  er  ein  Ende  machen  mußte.  Um  den  König
für  einen  strengen  Entschluß  zu  gewinnen  rief  er  Ancillon  zu  Hilfe  (11.
November),  sendete  ihm  die  Protokolle  des  Ministeriums  und  schrieb:  unter
dem  Vorwand  die  Souveränität  der  Krone  und  die  Rechte  ihrer  Bürger
zu  verteidigen,  stelle  sich  die  Partei  Humboldts  tatsächlich  auf  die  Seite

*)  Humboldts  Bericht,  5.  Okt.  Vota  von  Bernstorff,  Anfang  Okt.,  von  Beyme,
20.  Okt.,  von  Boyen,  26.  Okt.,  von  Altenstein,  3.  Nov.  1819.
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        602  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

der  Revolutionäre;  sie  versuche  die  Grundlagen  unserer  auswärtigen  Politik
umzustoßen,  den  Staatskanzler  und  Bernstorff  zu  stürzen.  Er  selber  sei
entschlossen,  nicht  bei  halben  Maßregeln  stehen  zu  bleiben,  denn  „schwanken
wir,  so  rennen  wir  unzweifelhaft  in  unser  Verderben  und  wir  werden
Deutschland,  vielleicht  Europa  mit  hineinreißen.“  Aber  um  nicht  Richter
in  eigener  Sache  zu  sein,  bitte  er  Ancillon  um  das  „Gutachten  eines  aufgeklärten
  und  unparteiischen  Patrioten“.  Also  Ancillon  als  unparteiischer
Schiedsrichter  über  Bernstorff!  Es  war  genau  das  nämliche,  wie  wenn
man  Bernstorff  selber  angerufen  hätte.  Mit  welchem  faunischen  Lächeln
mag  der  schlaue  alte  Staatskanzler  die  Antwort  gelesen  haben,  welche
ihm  Ancillon  nach  vier  Tagen  unter  dem  Siegel  der  tiefsten  Verschwiegenheit
  übersendete.  Den  Inhalt  kannte  er  im  voraus.

Bernstorffs  Mentor  gab  sich  kaum  Mühe,  die  Maske  des  Unparteiischen
  beizubehalten.  Er  redete  geradezu  in  Bernstorffs  Namen:  „der
Graf  zählt  auf  die  Festigkeit  des  Königs  und  auf  die  Unterstützung  Ew.
Durchlaucht.  Vereinigt  sind  Sie  unbesiegbar,  und  Deutschlands  böser
Genius  wird  beschworen  werden."“  Die  Einwände  der  Opposition,  „die
zugleich  ein  Unglück  und  ein  Skandal  ist,“  fand  er  so  kläglich,  daß  man
kaum  noch  an  die  ehrliche  Uberzeugung  der  drei  Minister  glauben  könne.
Um  „der  Sache  der  Wahrheit  zum  Triumphe  zu  verhelfen“,  hatte  er  überdies
  noch  „con  amore“  eine  ungeheure  Denkschrift  angefertigt  und,  wie
gewöhnlich,  das  Wasser  nicht  halten  können.  Die  Arbeit  war  ihm  „unter
der  Feder  angewachsen“".  Auf  dreiunddreißig  eng  beschriebenen  Seiten  gab
er  eine  gräßliche  Schilderung  von  dem  Geiste  der  Beweglichkeit,  der  sich
erst  in  Parteigeist,  dann  in  revolutionären  Geist  umgesetzt  habe.  Zum
Glück  hätten  Osterreich  und  Preußen  rechtzeitig  je  ne  finsteren  Pläne  durch
schaut,  welche  auf  die  Errichtung  einer  großen  deutschen  Bundesrepublik
hinausliefen.  Die  Karlsbader  Beschlüsse  sind,  als  dauernde  oder  als  vorübergehende
  Maßregeln  betrachtet,  gleich  weise.  Hardenberg  beendet,  Bernstorff
  beginnt  damit  glorreich  eine  große  Laufbahn.)  —  Auch  der  Bischof
Eylert  sendete  ein  Gutachten  ein,  ganz  in  Ancillons  Sinne.  Die  Entscheidung
  ließ  sich  nicht  länger  hinausschieben,  da  die  auswärtigen  Diplomaten
  bereits  von  dem  Streite  erfahren  hatten  und  über  die  revolutionären
Gefahren,  welche  den  ehrwürdigen  Staatskanzler  bedrohten,  Schreckliches
zu  erzählen  wußten.)  —

Um  die  Verwirrung  zu  vollenden,  brachen  jetzt  noch  in  zwei  Departements
  Zwistigkeiten  aus,  die,  an  sich  ohne  politische  Bedeutung,  doch
auf  die  Ministerkrisis  zurückwirkten.  Die  unnatürliche  Zerspaltung  des
Justizministeriums  in  zwei  Departements  hatte  schon  längst  zu  wider- 



*)  Hardenberg  an  Ancillon,  11.  Nov.,  Ancillons  Antwort,  15.  Nov.  1819,  mit
Beilage:  Considérations  sur  les  derniers  décrets  de  la  Diete.

*“)  Bericht  des  schwedischen  Gesandten  von  Taube  an  Graf  Engeström  in  Stockholm,
Berlin  9.  Nov.  1819.
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        Die  Reform  der  Landwehr.  603

wärtigen  Reibungen  geführt.  Kircheisen  leitete  in  den  neuen  Provinzen
des  Ostens  die  Organisation  der  Gerichte  ganz  im  Geiste  eines  konser—
vativen  altländischen  Juristen,  aber  mit  Geschick  und  Erfolg.  Beyme
dagegen  begutachtete  alle  Vorschläge  seines  Amtsgenossen  ungünstig  und
versuchte  einzelne  Institutionen  des  rheinischen  Rechts,  das  ihm  als  ein  Ideal
galt,  in  die  östlichen  Provinzen  zu  übertragen;  zudem  hatte  er  soeben  von
den  rheinischen  Staatsprokuratoren  ein  Votum  über  die  Strafbarkeit  von
Görres'  neuester  Schrift  eingefordert  und  sich  ihrem  verneinenden  Aus—
spruch  angeschlossen.  Des  ewigen  Haders  müde,  wendete  sich  Kircheisen
jetzt  an  den  König  (27.  November)  mit  der  Anfrage:  ob  dem  Minister  Beyme
eine  Kontrolle  über  die  Provinzen  der  altpreußischen  Gerichtsverfassung  zu—
stehe?  sei  dies  der  Fall,  dann  müsse  er  um  seinen  Abschied  bitten.“)

Auch  der  Kriegsminister  fühlte  sich  auf  seinem  Posten  nicht  mehr  sicher.
Der  König  bestand  jetzt  auf  der  Durchführung  jenes  militärischen  Planes,
mit  dem  er  sich  schon  seit  Jahren  trug:  er  wollte  die  Landwehr  fester  mit
der  Linie  verbinden,  ihr  schon  im  Frieden  die  für  den  Krieg  bestimmte
Formation  geben.  Boyen  aber  konnte  sich  mit  dem  zweckmäßigen,  durchaus
  unverfänglichen  Unternehmen  nicht  befreunden;  er  meinte,  dadurch
werde  „der  eigentliche  Geist,  der  die  Landwehr  halte“,  verloren  gehen.  Aufgeregt
  durch  die  Kämpfe  im  Staatsministerium,  erbittert  über  die  schlechten
Künste  der  Demagogenverfolger,  begann  er  den  finsteren  Gerüchten  Glauben
zu  schenken,  welche  von  der  nahen  Aufhebung  der  Landwehr  erzählten.  Im
diplomatischen  Korps  glaubte  man  allgemein,  daß  der  Wiener  Hof  insgeheim
  gegen  die  verhaßte  demokratische  Truppe  arbeiten  lasse;"*“)  und  wahrscheinlich
  hat  auch  Herzog  Karl  von  Mecklenburg  mit  seinem  Anhang  diese
günstige  Zeit  der  reaktionären  Springflut  benutzt,  um  seine  alten  Bedenken
gegen  das  Landwehrsystem  noch  einmal  geltend  zu  machen.  Andererseits
hatten  die  Parteiphrasen  des  Liberalismus  das  Ihrige  getan,  um  eine
streng  sachliche  Beurteilung  der  Fragen  der  Heeresverfassung  zu  erschweren.
Wohl  lag  ein  kühner  demokratischer  Gedanke  dem  preußischen  Wehrgesetze
zum  Grunde;  eine  Nation  mit  solchem  Heerwesen  konnte  nicht  gegen  ihren
entschiedenen  Willen  regiert  werden,  auch  die  unmittelbare  Teilnahme  an
der  Gesetzgebung  und  Verwaltung  ließ  sich  ihr  auf  die  Dauer  nicht  versagen.
  Aber  wie  verzerrt  und  entstellt  erschienen  diese  Wahrheiten  in  allen
den  törichten  Zeitungsartikeln,  welche  das  Volksheer  der  Landwehr  als  ein
Bollwerk  gegen  den  Mietlingsgeist  der  Linienoffiziere  verherrlichten.  Die
wohlgemeinte  Schrift  des  Hauptmanns  von  Schmeling  über  Landwehr  und
Turnkunst  erklärte  die  Kreisausschüsse,  welche  das  Ersatzgeschäft  besorgten,
geradezu  für  den  ersten  Keim  der  preußischen  Verfassung  und  veranlaßte
die  Gegner  zu  der  entrüsteten  Frage,  ob  ein  großer  Staat  mit  hunderten
kleiner  Kreisparlamente  noch  regiert  werden  könne.

7)  Kircheisens  Bericht  an  den  König,  27.  Nov.  1819.
*5)  Bericht  des  badischen  Gesandten  General  von  Stockhorn,  Berlin  21.  Dez.  1819
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        604  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

Der  König  selbst  ließ  sich  von  den  Verirrungen  des  Parteigeistes
nicht  anfechten;  er  hielt  die  Landwehr,  um  der  Sicherheit  des  Staates
willen,  für  unentbehrlich,  nur  auf  die  Erhöhung  ihrer  Kriegstüchtigkeit
und  zugleich  auf  Verringerung  des  Friedensbudgets  war  sein  Plan  berechnet.
  Aber  in  diesen  schwülen  Tagen  lag  das  Mißtrauen  in  der  Luft.
Die  österreichische  Partei  hatte  den  Kriegsminister  schon  seit  langem  verdächtigt,
  nun  übermannte  ihn  selber  ein  grundloser  Argwohn.  Der  Organisator
  des  preußischen  Volksheeres  befürchtete,  der  neuen  Formation
der  Landwehr  würde  die  Zerstörung  seines  großen  Werkes  folgen,  und  forderte
  erzürnt  seine  Entlassung.  Vergeblich  mahnte  ihn  der  König  in  einem
gütigen  Schreiben  (9.  Dez.),  seinen  Entschluß  zurückzunehmen.  Boyen  wollte,
wie  er  dem  Staatskanzler  (13.  Dez.)  gestand,  „aus  Verhältnissen  heraustreten,
  in  denen  es  mir  zuweilen  schwer  sein  könnte  meine  Grundsätze  mit
dem  Wechsel  der  Begebenheiten  zu  vereinigen“,  und  beschwor  den  leitenden
  Staatsmann  zum  Abschied  noch  einmal,  bei  allen  Veränderungen  der
Landwehrverfassung  mit  der  größten  Behutsamkeit  zu  verfahren,  „da  sie
für  die  besondere  Lage  unseres  Staates,  für  die  Erhaltung  des  Wohlstands
der  Gewerbe  und  für  das  gute  Einverständnis  mit  den  Zivilbehörden  von
der  höchsten  Wichtigkeit  sind  und  eigentlich  das  Ministerium  des  Innern
am  mehrsten  betreffen.“)

Sobald  Boyen  die  Hoffnung  aufgab,  ließ  auch  sein  Freund  Grolman
dem  lange  verhaltenen  Mißmut  die  Zügel  schießen.  Der  Chef  des  Generalstabs
  hatte  in  der  kurzen  Zeit  seiner  Amtsführung  eine  großartige
Tätigkeit  entfaltet;  er  hatte  den  Entwurf  für  die  Befestigung  der  östlichen
Provinzen  ausgearbeitet,  im  Verein  mit  Baurat  Crelle  einen  Plan  für
den  Chausseebau  in  der  ganzen  Monarchie  festgestellt,  die  trigonometrische
Vermessung  des  Staatsgebietes  begonnen  und  seinem  Departement,  das
noch  eine  Abteilung  des  Kriegsministeriums  bildete,  einen  so  bedeutsamen
selbständigen  Wirkungskreis  geschaffen,  daß  die  vollständige  Abtrennung  des
Generalstabs  von  dem  Kriegsministerium  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit
war.  Inmitten  dieser  mannigfaltigen  Arbeiten  war  er  dem  Gange  der
Tagespolitik  mit  dem  ganzen  Eifer  seiner  leidenschaftlichen  Natur  gefolgt.
Der  geniale  Mann  hielt  sein  Lebtag  alle  seine  Grundsätze  mit  eiserner
Strenge  fest;  weder  1814  noch  1815  hatte  er  das  welsche  Babylon,  das
er  mit  seinem  guten  Degen  zu  bezwingen  geholfen,  betreten  mögen.  So
blieb  er  auch  im  Frieden  dem  idealistischen  Pathos  der  Befreiungskriege
treu  und  vermochte  die  Erschlaffung,  welche  nach  dem  Kampfe  die  gewöhnlichen
  Menschen  heimsuchte,  schlechterdings  nicht  zu  begreifen.  Die  ganze
Zeit  erschien  ihm  matt,  klein,  erbärmlich,  und  als  Boyen  sich  zurückzog,
erklärte  auch  er  dem  König  (17.  Dezember),  „die  jetzt  eingetretenen  Zeitumstände
  und  die  traurigen  Jahre,  die  er  seit  1815  erlebt“,  nötigten  ihn

*)  Boyen  an  Hardenberg,  13.  Dez.  1819.  Vergl.  die  Aktenstücke  über  Boyens
Rücktritt  im  Militär-Wochenblatt  1892,  Nr.  79.
        <pb n="613" />
        Rücktritt  von  Boyen  und  Grolman.  605

um  seine  Entlassung  zu  bitten.  Die  schroffe,  fast  trotzige  Fassung  dieses
Schreibens  mußte  den  König  verstimmen;  er  hatte  das  Entlassungsgesuch
Boyens  anfangs  wohlwollend  aufgenommen,  jetzt  mutmaßte  er,  daß  die
beiden  Freunde  in  geheimem  Einverständnis  handelten  und  erteilte  beiden
sichtlich  unzufrieden  den  Abschied.  Dem  Kriegsminister  sagte  er  zwar  ein
Wort  der  Anerkennung  für  seine  früheren  Verdienste,  dem  General  Grolman
aber  verhehlte  er  nicht,  daß  ihm  ganz  unklar  sei  was  er  unter  den  trau—
rigen  Jahren  seit  1815  verstehen  solle.)

Welch  ein  Unheil,  daß  zwei  der  treuesten  und  einsichtigsten  Diener
des  Königs  also  im  Unmut  die  Flinte  ins  Korn  warfen,  eben  jetzt,  da
alle  Guten  fest  zusammenhalten  mußten.  Der  Wiener  Hof  begrüßte  „diesen
neuen  Triumph  der  guten  Sache“  mit  lauter  Freude;  dort  war  Boyens
fridericianische  Gesinnung  immer  verrufen  gewesen.')  In  der  Armee
ward  der  schwere  Verlust  allgemein  beklagt.  Clausewitz  hielt  sogar  für
nötig  in  einer  geistvollen  Denkschrift  die  politische  Notwendigkeit  des  Landwehrsystems
  darzulegen.  Er  zeigte,  wie  gering  in  Deutschland  die  Gefahr
einer  Revolution  sei,  wie  nahe  dagegen  die  Möglichkeit  eines  feindlichen  Angriffs
  von  zwei  Seiten  her,  und  verhehlte  nicht,  daß  die  Krone  früher  oder
später  die  Vertreter  der  Nation  um  sich  versammeln  müsse  wenn  sie  die  neue
Heeresverfassung  behaupten  wolle.  Nachdrücklich  warnte  er  die  Männer  von
1806  „vor  der  Zertrümmerung  eines  Gebäudes,  auf  dem  unser  großartiges
Schicksal  in  den  Jahren  13,  14,  15  wie  eine  Siegesgöttin  auf  ihrem
Streitwagen  geruht  hat“".

Schon  die  nächsten  Tage  lehrten,  daß  alle  solche  Besorgnisse  eitel
waren  und  die  beiden  Generale  voreilig  gehandelt  hatten.  In  einer  Kabinettsordre
  vom  22.  Dezember  erkannte  der  König  mit  herzlichen  Worten  an,
wie  glücklich  bisher  die  Landwehr  gediehen  sei,  wie  willig  das  Volk  die
ihm  auferlegten  Opfer  getragen  habe,  und  befahl  darauf  eine  neue  Einteilung
  der  Landwehr,  welche  „das  Wesen  des  Instituts  nicht  im  mindesten
ändern“  sollte:  sechzehn  Landwehrbrigaden  wurden  gebildet  und  dem  Divisionsverbande
  der  Linie  einverleibt.  Die  Division  (diesen  Namen  führten  die  alten
gemischten  Brigaden  seit  1818)  bestand  fortan,  außer  den  technischen  Truppen,
aus  einer  Brigade  Linieninfanterie,  einer  Brigade  Landwehrinfanterie  und
einer  Kavalleriebrigade.  Damit  wurde  die  Formation  der  Landwehr  geschaffen,
  welche  im  wesentlichen  bis  auf  die  Tage  des  Prinzregenten  bestanden
  hat.  Die  beiden  Hälften  der  Armee  traten  in  eine  etwas  engere
Verbindung,  die  nur  leider  noch  immer  nicht  fest  genug  war;  durch  die  gemeinsamen
  Ubungen  der  Divisionen  hoffte  man  den  Unterschied  einigermaßen
auszugleichen.  Die  unklare  Vorstellung,  als  ob  die  Landwehr  ein  Dasein

 

*)  Witzleben  an  Hardenberg,  18.  Dez.,  Grolmans  Eingabe  an  den  König,  17.  Dez.,
Kabinettsordre  an  Grolman,  20.  Dez.,  an  Boyen,  25.  Dez.,  Boyen  an  Hardenberg,  17.,
27.  Dez.,  Hardenberg  an  Boyen,  25.  Dez.  1819.

**)  Bernstorff  an  Hardenberg,  Wien  25.  Dez.  1819.
        <pb n="614" />
        606  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

für  sich  führen  könne,  ward  wenigstens  im  Grundsatz  aufgegeben.  Durch
diese  Kabinettsordre  war  mittelbar  die  Friedenspräsenzstärke  der  Armee
gesetzlich  festgestellt)  bei  dem  raschen  Wachstum  der  Bevölkerung  eröffnete
sich  mithin  die  Aussicht  auf  ein  allmähliches  Sinken  der  Militärlast.  Die
Reform  erwies  sich  im  ganzen  als  heilsam,  da  die  Landwehr  nunmehr
ohne  eine  wesentliche  Veränderung  ihrer  Formation  in  den  Krieg  geführt
werden  konnte.  Durchgreifende  Entschlüsse  verhinderte  leider  die  Rücksicht
auf  den  Staatshaushalt;  der  gefährlichste  Ubelstand  des  neuen  Heerwesens,
die  Schwäche  der  Linienarmee,  die  nur  136,000  Mann  betrug,  blieb  unverändert.
  Sparen  hieß  jetzt  die  allgemeine  Losung;  die  Staatsschuld  sollte
sofort  geschlossen  werden,  das  Defizit  für  immer  verschwinden.

Für  dies  System  ängstlicher  knapper  Sparsamkeit  war  Boyens  Nachfolger,
  General  von  Hake,  wohlgeeignet,  derselbe,  der  in  Scharnhorsts
Tagen  schon  zweimal  auf  kurze  Zeit  die  Kriegsverwaltung  geleitet  hatte,
ein  fleißiger,  gewissenhafter  Arbeiter,  aber  pedantisch,  beschränkt,  ohne  Ideen,
ohne  Schwung  der  Seele.  Während  seiner  Amtsführung  erlangten  die
Anschauungen  des  Zivilbeamtentums  wieder,  wie  in  den  ersten  Jahren
Friedrich  Wilhelms  III.,  einen  ungebührlichen  Einfluß  auf  das  Heerwesen.
Manche  unverkennbare  Mißstände  wucherten  fort  weil  man  jedes  Geldopfer
  scheute;  ein  Glück  nur,  daß  der  König  die  Armee  unter  seine  unmittelbare
  Obhut  nahm  und  durch  persönliches  Eingreifen  den  militärischen
Geist  wach  hielt.  Auf  den  genialen  Begründer  des  Wehrgesetzes  folgte
ein  Mann  der  gewöhnlichen  militärischen  Routine;  kein  Wunder,  daß  sich
die  Masse  der  Unkundigen  über  die  Gründe  dieses  Wechsels  täuschte  und
den  finstersten  Gerüchten  Glauben  schenkte.  Erst  nach  Jahren  kam  an
den  Tag,  daß  General  Boyen  sich  diesmal  in  der  Tat  geirrt  und  einer
notwendigen  Reform  widerstrebt  hatte.  —

Der  Rücktritt  des  Kriegsministers  brachte  die  Kugel  ins  Rollen,  denn
natürlich  waren  die  Vorgänge  im  Ministerrate  nicht  ohne  Einfluß  auf
Boyens  Entschluß  gewesen.  Hardenberg  betrachtete  den  Sturz  des  Generals
als  die  erste  Niederlage  der  Opposition.)  Mit  Ancillons  unparteiischem
Gutachten  bewaffnet,  hatte  er  sogleich  die  Entlassung  der  drei  Minister  beantragt,
  und  da  der  König,  noch  immer  auf  eine  Versöhnung  hoffend,  die  Entscheidung
  über  Humboldt  und  Beyme  hinausschob,  so  stellte  der  Staatskanzler
  am  28.  Dezember  förmlich  die  Kabinettsfrage.  Es  war  die  höchste
Zeit.  Denn  Humboldt  und  Beyme  waren  inzwischen  noch  einen  Schritt
weiter  gegangen;  sie  hatten  im  Staatsministerium,  ohne  Vorwissen  des  Staatskanzlers,
  den  Beschluß  durchgesetzt,  daß  die  sämtlichen  Oberpräsidenten
sofort  nach  Berlin  berufen  werden  sollten.  Gelang  dies,  so  ließ  sich  mit
Gewißheit  vorhersehen,  daß  die  Vorstände  der  Provinzialverwaltung,  geführt
  von  dem  allezeit  unzufriedenen  Schön,  wieder  wie  vor  2  Jahren“)

*)  Hardenbergs  Aufzeichnungen,  Weihnachten  1819.  S.  Beilage  V.
*“)  S.  o.  S.  201.
        <pb n="615" />
        Humboldts  und  Beymes  Entlassung.  607

eine  Masse  berechtigter  und  unberechtigter  Beschwerden  vor  den  Thron
bringen  würden.  Eine  solche  Opposition  war  in  diesem  Augenblicke  schlecht—
hin  staatsgefährlich.  Der  Staat  stand  am  Vorabend  einer  heilsamen
aber  höchst  unpopulären  Reform,  die  nur  einer  starken  und  einigen  Re—
gierung  gelingen  konnte.  Hardenbergs  letztes  großes  Werk,  die  Gesetze
über  die  neuen  Steuern  und  die  Schließung  der  Staatsschuld,  sollten  in
den  nächsten  Tagen  im  Staatsrate  beendigt  werden.  Nimmermehr  durfte
der  alte  welterfahrene  Steuermann  erlauben,  daß  ihm  das  hohe  Beamten—
tum  seinen  Kurs  störe  inmitten  des  Sturmes  allgemeiner  Entrüstung,
der  bei  der  Verkündigung  der  neuen  Auflagen  im  Volke  loszubrechen
drohte.  Humboldt  hatte  bereits  in  seinen  beiden  Ministerialberichten  ein—
gestanden,  daß  er  an  das  Vorhandensein  des  Defizits  noch  immer  nicht
glaubte  und  darum  die  neuen  Steuern  für  unnötig  hielt  —  eine  grund—
falsche,  ganz  unbegreifliche  Ansicht,  die  aber  von  einer  großen  Anzahl  der
kritiklustigen  hohen  Beamten  geteilt  wurde;  denn  nach  der  guten  alt—
preußischen  Uberlieferung  betrachteten  sich  die  Häupter  des  Beamtentums
als  berufen,  das  Volk  gegen  fiskalischen  Druck  zu  schützen.  Durfte  der
Staatskanzler  neben  sich  einen  Minister  dulden,  der  also  über  die  Lebensfrage
  der  nächsten  Zukunft  dachte?

Wie  begründet  immerhin  der  Unmut  der  drei  Minister  über  die
Karlsbader  Beschlüsse  war,  Hardenberg  befand  sich  doch  im  Zustande  gerechter
  Notwehr;  er  kämpfte  nicht  bloß  für  seine  Macht,  sondern  auch  für
die  wohldurchdachten  Reformpläne,  welche  allein  einen  Ersatz  für  die  aufgehobene
  Akzise  schaffen  und  das  Gleichgewicht  im  Staatshaushalt  wiederherstellen
  konnten,  wenn  er  jetzt  dem  Könige  dringend  vorstellte:  ein
Zusammenwirken  mit  Humboldt  und  Beyme  sei  unmöglich.  Manches  gehässige
  Wort  floß  dabei  mit  unter.  Der  Staatskanzler  erinnerte  an
Beymes  Parteinahme  für  Görres,  er  behauptete  bestimmt  zu  wissen,  daß
Humboldt  im  Staatsrate  den  Steuergesetzen  widersprechen,  dann  „mit
einer  erschwungenen  Popularität  glänzen  und  den  Dienst  verlassen  wolle“;
den  Bericht  über  die  geplante  Berufung  der  Oberpräsidenten  versäumte
er  nicht  beizulegen.  Fester  denn  je  glaubte  er  an  die  gefährlichen  Umtriebe
der  revolutionären  Partei.  Auch  den  Oberpräsidenten  von  Schlesien  wollte
er  entfernen,  weil  ihm  Merckel  zu  nachsichtig  gegen  die  Turner  erschien;
auch  die  Militär-Bildungsanstalten  sollten  einen  neuen  Direktor  erhalten,
damit  die  jungen  Offiziere  nicht  den  teutonischen  Jakobinern  anheimfielen.)
So  wunderbar  hatten  sich  die  Dinge  verschoben:  die  Neuordnung  des
preußischen  Staatshaushalts  hing  in  jenem  Augenblicke  mit  der  Politik
der  Karlsbader  Beschlüsse  unzertrennlich  zusammen.

Für  den  König  bestand  nun  keine  Wahl  mehr,  auch  wenn  er  nicht
so  fest  an  die  Heilsamkeit  der  Karlsbader  Politik  geglaubt  hätte.  Konnte

 

*)  Hardenberg  an  den  König,  28.  Dez.  1819.
        <pb n="616" />
        608  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

Friedrich  Wilhelm  dem  Rate  Humboldts  folgen  und  in  Frankfurt  nach—
träglich  beantragen,  daß  die  Gültigkeit  des  provisorischen  Preßgesetzes  von
fünf  auf  zwei  Jahre  herabgesetzt  würde?  Durfte  er  um  einer  solchen  aus—
sichtslosen  Halbheit  willen  die  Grundlagen  seiner  europäischen  Politik  ver—
ändern?  In  diesen  Tagen  der  Tendenzpolitik  der  Legitimität  war  das
System  der  europäischen  Allianzen  unlösbar  mit  den  inneren  Verhältnissen
der  Staaten  verkettet,  und  eine  Großmacht  konnte  nicht,  wie  die  Schein—
staaten  des  Rheinbundes,  zwischen  ihrem  eigenen  Volke  und  den  auswär—
tigen  Mächten  ein  unredliches  Spiel  treiben.  Ein  nachträglicher  Kampf
gegen  die  Karlsbader  Beschlüsse,  das  bedeutete:  Trennung  von  Österreich,
Auflösung  oder  doch  Lockerung  jenes  großen  Vierbundes,  welchem  die  Monarchie
  während  der  letzten  Jahre  ihre  Sicherheit,  ihr  europäisches  Ansehen
verdankte.  Getrennt  von  seinen  alten  Bundesgenossen  stand  der  Staat
völlig  vereinsamt;  er  fand  an  dem  liberalisierenden  Partikularismus  der
deutschen  Kleinstaaten  weder  mächtigen  noch  treuen  Beistand,  sah  sich
vielleicht  bald  auf  die  Seite  Frankreichs  hinübergedrängt,  jedenfalls  gezwungen
  zu  rüsten,  auf  der  Wacht  zu  stehen;  das  will  sagen:  er  mußte
brechen  mit  jener  Politik  des  Sparens,  der  stillen  Sammlung  der  Kräfte,
die  ihn  allein  wieder  erheben  konnte,  und  sich  bereit  halten  die  große  Machtfrage
  der  deutschen  Zukunft  vor  der  Zeit  zu  lösen.  Und  durfte  die  so  lange
geplante  Wiederherstellung  und  Ordnung  im  Finanzwesen  jetzt  nochmals
verschoben  werden  —  aus  Rücksicht  auf  eine  Opposition,  welche  den  vorhandenen
  Notstand  einfach  ableugnete  und  bisher  nichts  vorgebracht  hatte
als  unfruchtbare  Verneinungen?

Der  König  tat  nur  das  Notwendige,  als  er  am  31.  Dezember  die
beiden  Minister  mit  kurzen  Worten  von  den  Geschäften  des  Staatsrats
und  des  Staatsministeriums  dispensierte.  Schuckmann  und  Kircheisen  erhielten
  wieder  die  ungeteilte  Leitung  der  Ministerien  des  Innern  und  der
Justiz.  Zugleich  wurde  General  Pirch  zum  Direktor  der  Militär-Erziehungsanstalten
  ernannt.')  Beyme  war  schmerzlich  überrascht  und  unterwarf  sich
„mit  zerrissenem  Herzen"“.  Humboldt  ertrug  den  Schlag  mit  seiner  gewohnten
  philosophischen  Ruhe,  und  da  er  nach  dem  Kriege  eine  Dotation
erhalten  hatte,  so  verzichtete  er  auf  seinen  Ruhegehalt,  was  der  König
dankbar  anerkannte.  Er  schied,  wie  er  dem  Monarchen  schrieb,  „mit  dem
Bewußtsein,  immer  nur  des  Königs  und  des  Staates  Wohl  vor  Augen
gehabt  zu  haben.“““)  Und  gewiß  ward  der  Mann,  der  politische  Macht
und  politischen  Ruhm  so  niedrig  schätzte,  nicht  allein  durch  persönlichen
Ehrgeiz  geleitet,  wie  ihm  Hardenberg  und  Gneisenau  vorwarfen.  Er  hielt
die  Macht  des  Staatskanzlers  für  verderblich  und  durchschaute  die  Sünden

*)  Drei  Kabinetts-Ordres  v.  31.  Dez.  1819  an  das  Staatsministerium,  an  Beyme,

an  Humboldt.
*")  Beyme  an  den  König,  1.  Jan.,  Humboldt  an  den  König,  1.  Jan.,  Kabinettsordre

  an  Humboldt,  6.  Jan.  1820.
        <pb n="617" />
        Hardenbergs  Siegesfreude.  609

der  Karlsbader  Politik;  aber  einfach,  groß  und  kühn  hat  er  sich  in  diesem
Kampfe  nicht  gezeigt.

Der  Staatskanzler  frohlockte  über  das  gewonnene  Spiel.  Humboldts
Übermut  hatte  nach  dem  Staatskanzleramte  getrachtet  und  war  dabei  zu
Fall  gekommen  —  in  dieser  Färbung  wurde  der  Ministerwechsel  den  aus—
wärtigen  Diplomaten  geschildert.  Die  Bahn  schien  frei.  Sofort  legte
Hardenberg  dem  Könige  seine  Steuer-Entwürfe  vor  und  nach  dem  ersten
Vortrage  schrieb  er  stolz  in  sein  Tagebuch:  Nascitur  novus  ordo.“)  War
der  Staatshaushalt  erst  wieder  in  Ordnung,  dann  fiel  das  schwerste  Be—
denken  gegen  die  Verfassung  hinweg,  und  der  Staatskanzler  schloß  eine
Laufbahn,  die  in  der  Geschichte  Preußens  ohnegleichen  war,  mit  der
Eröffnung  der  preußischen  Reichsstände.  Erstaunlich,  welche  weitaussehenden
Entwürfe  der  Greis  noch  in  Angriff  nahm.  Und  doch,  wie  voreilig  war
seine  Siegesfreude.  Mit  dem  Sturze  der  drei  Minister  verlor  der  Verfassungsausschuß
  sein  größtes  Talent,  der  Ministerrat  die  einzigen  seiner
Mitglieder,  welche  den  Abschluß  der  Verfassung  ernstlich  wollten.  Nicht
Hardenberg  war  der  Sieger  in  diesem  verworrenen  Kampfe,  sondern  Wittgenstein,
  der  immer  aus  dem  Dunkel  heraus  mitgeholfen  hatte,  und  hinter
ihm  Metternich.  Noch  eine  Weile,  und  die  österreichische  Partei,  welche
der  Staatskanzler  gegen  seinen  Nebenbuhler  aufgerufen  hatte,  wendete  sich
wider  ihn  selber,  um  ihm  sein  Verfassungswerk  zu  zerstören,  das  jetzt
nirgends  mehr  am  Hofe  eine  Stütze  fand.  —

 

Alles  historische  Werden  entspringt  der  beständigen  Wechselwirkung
zwischen  dem  bewußten  Menschenwillen  und  den  gegebenen  Zuständen.  Wie
die  Vernunft,  die  in  den  Dingen  liegt,  nur  durch  die  Willenskraft  eines
großen,  die  Zeichen  der  Zeit  verstehenden  Mannes  verwirklicht  werden  kann,
so  finden  auch  die  Sünden  und  Irrtümer  der  Politiker  ihre  Schranke
an  dem  Charakter  der  Staaten,  an  der  Macht  der  Ideen,  die  sich  im  Verlaufe
  der  Geschichte  angesammelt  haben.  Schwer  hatte  die  Krone  Preußen
gefehlt,  als  sie  in  Karlsbad  sich  den  lebendigen  Kräften  des  jungen  Jahrhunderts
  entgegenstemmte;  und  doch  war  dieser  Staat  modern  von  Grund
aus,  er  konnte  sich  der  neuen  Zeit  nicht  gänzlich  entfremden  und  begann
eben  jetzt  eine  Reform  seines  Haushalts,  welche  ihn  befähigte  in  seiner
wirtschaftlichen  Entwicklung  alle  anderen  deutschen  Staaten  zu  überflügeln.
  Nachgiebig  bis  zur  Selbstvergessenheit  war  Hardenberg  in  Teplitz
allen  Wünschen  Osterreichs  entgegengekommen,  der  Glaube  an  die  unbedingte
  Interessengemeinschaft  der  beiden  Großmächte  beherrschte  ihn  ganz
und  gar;  und  doch  war  der  Gegensatz  der  beiden  Mächte  in  einer  alten
Geschichte  begründet  und,  so  lange  die  Machtfrage  der  deutschen  Zukunft

*)  Stockhorns  Bericht,  19.  Febr.,  Bernstorff  an  Hardenberg,  Wien  12.  Jan.,  Hardenbergs
  Tagebuch,  10.  Jan.  1820.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  39
        <pb n="618" />
        610  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

ungelöst  blieb,  durch  menschlichen  Willen  nicht  mehr  beizulegen.  Fast  in
dem  nämlichen  Augenblicke,  da  der  Berliner  Hof  sich  gänzlich  der  Führung
Osterreichs  zu  überlassen  schien,  tat  er  wieder  einen  Schritt  vorwärts
auf  den  Bahnen  der  fridericianischen  Politik  und  begann  die  deutschen
Nachbarlande  in  seine  Zollgemeinschaft  aufzunehmen.  Es  war  ein  winziger,
  nach  dem  Maße  der  Gegenwart  fast  lächerlicher  Erfolg,  aber  der
unscheinbare  Beginn  einer  Staatskunst,  welche  die  deutschen  Staaten  durch
das  Band  wirtschaftlicher  Interessen  unlösbar  an  Preußen  ketten  und  die
Befreiung  von  Osterreich  vorbereiten  sollte.

Seit  das  preußische  Zollgesetz  in  Kraft  gesetzt  und  den  kleinen  Nachbarn
  zunächst  nur  durch  seine  Härten  fühlbar  wurde,  erhob  sich  überall
mit  erneuter  Stärke  der  Ruf  nach  Aufhebung  aller  Binnenmauten,  und
es  begann  eine  leidenschaftliche  Agitation  für  die  deutsche  Handelseinheit,
der  Vorläufer  und  das  Vorbild  der  späteren  Kämpfe  um  die  politische  Einheit.
  Die  ganze  Nation  schien  einig  in  einem  großen  Gedanken;  gleichwohl
  gingen  die  Ansichten  über  die  Mittel  und  Wege  nach  allen  Richtungen
  auseinander,  und  das  einzige  was  retten  konnte,  der  Anschluß
an  die  schon  vorhandene  Einheit  des  preußischen  Marktgebietes  ward  in
unseliger  Verblendung  so  lange  verschmäht,  bis  schließlich  nur  die  bittere
Not  das  Unvermeidliche  erzwang.

Gleich  nach  dem  Frieden  begann  eine  regelmäßige  Einwanderung  in
das  verarmte  Preußen  einzuströmen,  etwa  halb  so  stark  als  der  Uberschuß
der  Geburten;  sie  bestand  überwiegend  aus  jungen  Leuten  der  deutschen
Nachbarschaft,  die  in  dem  Land  der  sozialen  Freiheit  ihr  Glück  suchten.
Als  nunmehr  die  Binnenzölle  in  der  Monarchie  hinwegfielen,  da  ließen
sich  die  Vorteile,  welche  der  preußische  Geschäftsmann  aus  seinem  ausgedehnten
  freien  Markte  zog,  zumal  an  den  Grenzplätzen  bald  mit  Händen
greifen:  so  siedelte  ein  Teil  der  Bingener  Weinhändler  auf  das  preußische
Ufer  der  Nahe  über,  da  die  Preise  in  Preußen  oft  dreimal  höher  standen
als  auf  dem  überfüllten  hessischen  Markte.  Das  Beamtentum  der  kleinen
Höfe  war  noch  gewöhnt  an  das  Zunftwesen,  an  die  Erschwerung  der  Niederlassung
  und  der  Heiraten,  an  die  tausend  Quälereien  einer  kleinlichen
sozialen  Gesetzgebung;  von  der  Uberlegenheit  der  preußischen  Handelspolitik
ahnte  man  hier  noch  gar  nichts.  Manchem  wohlmeinenden  Beamten  in
Sachsen  und  Thüringen  erschienen  die  preußischen  Steuergesetze  als  eine
überflüssige  fiskalische  Härte,  weil  sein  eigener  Staat  für  das  Heerwesen
nur  geringes  leistete,  also  mit  bescheidenen  Einnahmen  auskommen  konnte.
So  entstand  unter  dem  Schutze  der  kleinen  Höfe  an  den  preußischen
Binnengrenzen  ein  Krieg  aller  gegen  alle,  ein  heilloser  Zustand,  von
dem  wir  heute  kaum  noch  eine  Vorstellung  haben.  Das  Volk  verwilderte
durch  das  schlechte  Handwerk  des  Schwärzens.  In  die  zollfreien  Packhöfe,
welche  überall  dem  preußischen  Gebiete  nahe  lagen,  traten  alltäglich  handfeste
  braune  Gesellen,  die  Jacken  auf  Rücken  und  Schultern  ganz  glatt
        <pb n="619" />
        Der  Kampf  gegen  das  preußische  Zollgesetz.  611

gescheuert,  manch'  einem  schaute  das  Messer  aus  dem  Gürtel;  dann  packten
sie  die  schweren  Warenballen  auf,  ein  landesfürstlicher  Mautwächter  gab
ihnen  das  Geleite  bis  zur  Grenze  und  ein  Helf  Gott  mit  auf  den  bösen
Weg.  Der  kleine  Mann  hörte  sich  nicht  satt  an  den  wilden  Abenteuern
verwegener  Schmuggler,  die  das  heutige  Geschlecht  nur  noch  aus  altmodischen
Romanen  und  Jugendschriften  kennt.  Also  gewöhnte  sich  unser  treues
Volk  die  Gesetze  zu  mißachten.  Jener  wüste  Radikalismus,  der  allmählich
in  den  Kleinstaaten  überhand  nahm,  ward  von  den  kleinen  Höfen  selber
gepflegt:  durch  die  Sünden  der  Demagogenjagd  wie  durch  die  Frivolität
dieser  Handelspolitik.

Als  die  Urheber  solchen  Unheils  galten  allgemein  nicht  die  Kleinstaaten,
  die  den  Schmuggel  begünstigten,  sondern  Preußen,  das  ihn  ernsthaft
  verfolgte;  nicht  jene  Höfe,  die  an  ihren  unsauberen  fiskalischen  Kniffen,
ihren  veralteten  unbrauchbaren  Zollordnungen  träge  festhielten,  sondern
Preußen,  das  sein  Steuersystem  neugestaltet  und  gemildert  hatte.  Unfähig,
die  Lebensbedingungen  eines  großen  Staates  zu  verstehen,  stellten  die  kleinen
Höfe  alles  Ernstes  die  Forderung,  Preußen  müsse  jene  reiflich  erwogene,
in  alle  Zweige  des  Gemeinwesens  tief  einschneidende  Reform  sofort  wieder
rückgängig  machen,  noch  bevor  sie  die  Probe  der  Erfahrung  bestanden
hatte  —  und  halb  Deutschland  stimmte  dem  törichten  Ansinnen  zu.

Außerhalb  der  preußischen  Beamtenkreise  wagten  in  diesem  ersten
Jahren  nur  zwei  namhafte  Schriftsteller  das  Werk  Maassens  unbedingt
zu  verteidigen.  Der  unermüdliche  Benzenberg  bewährte  in  seinem  Buche
„über  Preußens  Geldhaushalt  und  neues  Steuersystem“  wieder  einmal
seinen  praktischen  Takt.  Im  Verkehre  mit  Hardenberg  hatte  er  gelernt,
den  Staatshaushalt  mit  staatsmännischem  Blicke  zu  betrachten.  Er  wußte,
daß  jede  ernsthafte  Kritik  eines  Steuersystems  beginnen  muß  mit  der
Frage:  welche  Ausgaben  dem  Staate  unerläßlich  seien?  —  einer  Frage,
die  von  den  meisten  Publizisten  jener  Zeit  gar  nicht  berührt  wurde.  So
gelingt  ihm  nachzuweisen,  daß  Preußen  seiner  Zolleinkünfte  nicht  entbehren
könne.  Er  scheut  sich  nicht  das  Wehrgesetz  und  die  neuen  Steuergesetze
als  die  größten  Wohltaten  der  jüngsten  Epoche  Friedrich  Wilhelms  III.
zu  loben;  er  verlangt,  daß  man  sie  gegen  jeden  Widerstand  aufrecht  halte,
fordert  die  Nachbarstaaten  auf,  der  Einladung  des  Königs  zu  folgen  und
mit  Preußen  wegen  gegenseitiger  Aufhebung  der  Zölle  zu  verhandeln.  Dem
Traumgebilde  der  Bundeszölle  geht  er  hart  zu  Leibe.  Er  richtet  an
F.  List  (August  1819)  einen  offenen  Brief  und  fragt,  wie  denn  der  Bundestag,
  „der  keine  Art  von  Legislation  hat",  eine  solche  Reform  schaffen  oder
gar  die  Zollverwaltung  leiten  solle?  und  sei  denn  die  Aufhebung  der
Binnenmauten  möglich  ohne  gleichmäßige  Besteuerung  des  inneren  Konsums?
  Die  Stimme  des  nüchternen  Mannes  verhallte  in  dem  allgemeinen
Toben;  war  er  doch  längst  schon  den  Liberalen  verdächtig,  weil  er  ein
offenes  Auge  für  die  Eigenart  des  preußischen  Staates  besaß.

397
        <pb n="620" />
        612  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

Auch  einer  der  tüchtigsten  Kaufleute  Deutschlands,  E.  W.  Arnoldi  in
Gotha,  begrüßte  das  preußische  Zollgesetz  schon  im  Januar  1819  als  den
ersten  Keim  eines  Vereins  aller  deutschen  Staaten.  Nur  herzhaft  eingeschlagen
  in  die  dargebotene  Hand:  —  so  sprach  er  sich  im  Allgemeinen
Anzeiger  aus  —  Preußen  stellt  ja  den  Grundsatz  der  Gegenseitigkeit  an
die  Spitze  seines  Gesetzes  und  erklärt  sich  bereit  zu  Verträgen  mit  den
Nachbarn.  Der  treffliche  Mann  hatte  einst  in  Hamburg  noch  zu  den
Füßen  des  alten  Büsch  gesessen  und  sich  dort  eine  freie  Ansicht  vom  Welthandel
  gebildet,  welche  der  binnenländischen  Kleinlebigkeit  der  Mehrzahl
seiner  Standesgenossen  noch  ganz  fremd  war.  Ihn  wurmte  die  kindliche
Unmündigkeit  dieser  Geschäftswelt,  die  so  gar  nichts  tat  um  sich  das  Joch
einer  widersinnigen  Handelsgesetzgebung  vom  Nacken  zu  schütteln.  Schon
seit  Jahren  trug  er  sich  mit  dem  Gedanken  eines  Bundes  der  deutschen
Fabrikanten  zur  Vertretung  ihrer  gemeinsamen  Interessen.  Dann  stiftete
er  in  seiner  Vaterstadt  unter  dem  Namen  Innungshalle  eine  Handelskammer
  und  eine  rasch  aufblühende  Handelsschule.  Endlich  fand  er  ein
weites  Gebiet  fruchtbarer  Tätigkeit  in  dem  Versicherungswesen,  das  noch
ganz  in  der  Botmäßigkeit  des  Auslandes  stand.  Fast  an  allen  größeren
deutschen  Plätzen  unterhielt  der  mächtige  Londoner  Phönzx  seine  Agenturen
und  beutete  die  Deutschen  durch  unbillige  Prämien  aus,  da  die  kleinen
heimischen  Versicherungsgesellschaften,  die  in  einzelnen  Städten  des  Nordens
bestanden,  ihre  Wirksamkeit  auf  die  Vaterstadt  beschränkten.  Da  wendete
sich  Arnoldi  (1819)  an  die  Nation  mit  der  Frage,  wie  lange  sie  noch  ihr
Geld  in  die  englische  Sparbüchse  legen  wolle,  und  entwarf  den  Plan  für
eine  deutsche,  das  gesamte  Vaterland  umfassende,  auf  Gegenseitigkeit  beruhende
  Feuerversicherungsbank.  Zwei  Jahre  darauf  trat  diese  Anstalt
zu  Gotha  ins  Leben,  der  erste  Anfang  der  großartigen  Entwickelung  unseres
nationalen  Versicherungswesens.  Der  allgemeine  Haß  gegen  Englands
Handelsherrschaft  kam  dem  kühnen  Unternehmer  zu  statten.  Uberall  im
Binnenlande  schalt  man  auf  England  und  die  Hansestädte,  die  den  Süddeutschen
  nur  als  englische  Kontore  galten;  der  wiedererwachende  Napoleonskultus
  und  die  französischen  Sympathien  der  Liberalen  des  Südens
wurden  durch  solche  erregte  Stimmungen  gefördert.  Uber  die  Waffen
freilich,  welche  den  deutschen  Gewerbfleiß  vor  einer  erdrückenden  ausländischen
Mitbewerbung  sichern  konnten,  hatten  die  wenigsten  auch  nur  nachgedacht.
Nur  so  viel  schien  allen  unzweifelhaft,  daß  sämtliche  neueingeführte  Zölle
sofort  wieder  aufgehoben  und  die  im  Art.  19  der  Bundesakte  verheißene
Verkehrsfreiheit  durch  den  Bundestag  angeordnet  werden  müsse.

Selbst  jener  hochherzige,  geistvolle  Agitator,  der  mit  dem  ganzen  Ungestüm
  seiner  Tatkraft  gegen  die  Binnenmauten  auftrat,  auch  Friedrich
List  teilte  den  allgemeinen  Irrtum.  Wie  Görres  einst  im  Rheinischen
Merkur  die  Idee  der  politischen  Macht  und  Einheit  des  Vaterlandes  vertrat,
so  verfocht  List  die  Idee  der  handelspolitischen  Einheit  —  eine  ver-
        <pb n="621" />
        F.  List.  613

wandte  Natur,  feurig,  hochbegeistert,  ein  Meister  der  bewegten  Rede,  voll
tiefer  und  echter  Leidenschaft,  leicht  hingerissen  zu  phantastischen  Verirrungen.
Ein  echter  Reichsstädter  war  er  im  freiheitsstolzen  Reutlingen  aufgewachsen,
unter  ewigen  Händeln  mit  den  württembergischen  Schreibern;  er  zählte  zu
jenen  geborenen  Kämpfern,  denen  das  Schicksal  immer  neuen  Hader  sendet
auch  wenn  sie  den  Streit  nicht  suchen.  Seine  Mutter,  seinen  einzigen
Bruder  sah  er  plötzlich  sterben  infolge  der  Roheit  brutaler  Beamten;  und
als  er  dann  selber  einige  Jahre  in  der  geisttötenden  Scheintätigkeit  der
württembergischen  Schreibstuben  verbracht  hatte,  da  ward  sein  Haß  gegen
die  Herrschsucht  des  rheinbündischen  Beamtentums  grenzenlos,  und  er  setzte
sich  zum  Ziele  seines  Lebens  den  Bürger  und  Bauersmann  zur  Selbsttätigkeit
  zu  erwecken,  ihn  aufzuklären  über  seine  nächsten  Interessen,  die
Volkswirtschaftslehre  von  den  Formeln  des  Katheders  zu  befreien  und  sie
die  Sprache  des  Volks  reden  zu  lassen.  Schon  durch  die  Geburt  ein
Deutscher  schlechtweg,  gleich  dem  Reichsritter  Stein,  ging  er  mit  seinen
kühnen  Entwürfen  sogleich  über  die  Grenzen  der  schwäbischen  Heimat  hinaus,
  so  daß  er  den  verschwiegerten  und  verschwägerten  Württembergern
bald  als  ein  wildfremder  Störenfried  verdächtig  wurde:  eine  neue  Zeit
handelspolitischer  Größe,  dauerhafter  als  einst  die  Herrlichkeit  der  Hansa,
sollte  dem  deutschen  Vaterlande  tagen.  Eine  seltene  Kunst  die  Massen
zu  befeuern  und  zu  erregen  stand  ihm  zu  Gebote,  ein  agitatorisches  Talent,
dessen  gleichen  unsere  an  großen  Demagogen  so  arme  Geschichte  seither
nur  noch  zweimal,  in  Robert  Blum  und  Lassalle  gesehen  hat.  Im  April
1819  stiftete  List  mit  mehreren  Industriellen  der  Kleinstaaten,  Miller  aus
Immenstadt,  Schnell  aus  Nürnberg,  E.  Weber  aus  Gera  den  Verein
deutscher  Kaufleute  und  Fabrikanten,  dem  sich  bald  die  Mehrzahl  der  großen
Firmen  in  Süd=  und  Mitteldeutschland  anschloß,  und  legte  rasch  entschlossen
  seine  Tübinger  Professur  nieder,  da  die  württembergische  Regierung
das  Amt  eines  Konsulenten  des  Handelsvereins  als  unverträglich  mit  der
Beamtenwürde  betrachtete.

Der  neue  Handelsverein  richtete  sogleich  an  den  Bundestag  eine  Bittschrift
  um  Ausführung  des  Art.  19,  Beseitigung  aller  Binnenmauten  und
Erlaß  eines  deutschen  Zollgesetzes,  das  den  Zöllen  des  Auslandes  mit
strengen  Retorsionen  begegnen  sollte,  bis  sich  ganz  Europa  über  allgemeine
Handelsfreiheit  verständigt  hätte  —  denn  noch  bekannte  sich  List,  gleich
den  meisten  Süddeutschen  jener  Zeit,  im  Grundsatz  zu  den  Lehren  des
Freihandels.  In  Frankfurt  abgewiesen,  bestürmte  sodann  List  die  Höfe,  die
Geschäftsmänner  und  wen  nicht  sonst  mit  seinen  Gesuchen,  geißelte  in
seiner  Zeitschrift,  dem  „Organ  des  deutschen  Handels=  und  Gewerbstandes",
unermüdlich  und  unerbittlich  die  Gebrechen  deutscher  Handelspolitik.  Also
hat  er  in  rastloser  Arbeit  mehr  als  irgend  einer  der  Zeitgenossen  dazu
beigetragen,  daß  die  Uberzeugung  von  der  Unhaltbarkeit  des  Bestehenden
tief  in  die  Nation  drang.  Große  verwegene  Träume,  die  erst  das  lebende
        <pb n="622" />
        614  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

Geschlecht  in  Erfüllung  gehen  sieht,  regten  sich  in  seinem  stürmischen
Kopfe:  er  dachte  an  eine  gemeinsame  Gewerbegesetzgebung,  an  ein  deutsches
Postwesen,  an  nationale  Industrieausstellungen,  er  hoffte  die  romantischen
Kaiserträume  des  jungen  Geschlechts  durch  die  Arbeit  der  praktischen  nationalen
  Politik  zu  verdrängen  und  sah  die  Zeit  voraus,  da  eine  freie  Verfassung,
  ein  deutsches  Parlament  aus  der  Handelseinheit  hervorgehen  würde.
Als  der  Schöpfer  des  Zollvereins,  wie  er  selber  im  Ubermaße  seines  Selbstgefühls
  sich  genannt  hat,  kann  List  gleichwohl  keinem  Unbefangenen  gelten.

Ein  klares  Programm,  einen  bestimmten,  durchgebildeten  politischen
Gedanken  aufzustellen  und  festzuhalten  lag  überhaupt  nicht  in  der  Weise
der  Patrioten  jener  Zeit.  Nur  im  Innern  der  süddeutschen  Mittelstaaten
begann  die  konstitutionelle  Bewegung  bereits  feste,  deutlich  ausgesprochene
Parteimeinungen  hervorzurufen.  Wer  über  den  deutschen  Gesamtstaat  schrieb,
begnügte  sich  noch  immer  der  elenden  Gegenwart  ein  leuchtendes  Idealbild
  gegenüberzuhalten  und  dann  im  raschen  Wechsel  Einfälle  und  Winke
für  den  praktischen  Staatsmann  hinzuwerfen.  Wie  Görres  im  Rheinischen
Merkur  ein  ganzes  Geschwader  deutscher  Verfassungspläne  harmlos  veröffentlichte,
  so  eilte  auch  List  in  jähen  Sprüngen  von  einem  Plane  zum
andern  über.  Bald  will  er  die  deutschen  Bundesmauten  an  eine  Aktiengesellschaft
  verpachten;  bald  soll  Deutschland  sich  anschließen  an  das  österreichische
  Prohibitivsystem;  dann  überfällt  ihn  wieder  die  Ahnung,  ob  nicht
Preußen  den  Weg  zur  Einheit  zeigen  werde.  In  seiner  Eingabe  an  den
Bundestag  gestand  er:  „Man  wird  unwillkürlich  auf  den  Gedanken  geleitet,
  die  liberale  preußische  Regierung,  die  der  Lage  ihrer  Länder  nach
vollkommene  Handelsfreiheit  vor  allen  anderen  wünschen  muß,  hege  die
große  Absicht,  durch  dieses  Zollsystem  die  übrigen  Staaten  Deutschlands
zu  veranlassen,  endlich  einer  völligen  Handelsfreiheit  sich  zu  vergleichen.
Diese  Vermutung  wird  fast  zur  Gewißheit,  wenn  man  die  Erklärung  der
preußischen  Regierung  berücksichtigt,  daß  sie  sich  geneigt  finden  lasse,  mit
Nachbarstaaten  besondere  Handelsverträge  zu  schließen.“  Leider  vermochte
der  Leidenschaftliche  nicht  an  dieser  einfach  richtigen  Erkenntnis  festzuhalten.
Er  war.  ein  Gegner  der  preußischen  Handelspolitik,  soweit  aus  seinem
unsteten  Treiben  überhaupt  eine  vorherrschende  Ansicht  erkennbar  wird;
denn  nach  allen  Abschweifungen  lenkte  er  immer  wieder  auf  jenen  Weg
zurück,  welchen  Preußen  längst  als  unmöglich  erkannt  hatte,  auf  die  Idee
der  Bundeszölle.  Von  den  preußischen  Zuständen  besaß  List  nur  sehr
mangelhafte  Kenntnis;  sein  Verein  ward  durch  die  Hoffnung  auf  baldige
Wiederaufhebung  des  preußischen  Zollgesetzes  zusammengehalten  und  unterhielt
  Korrespondenten  in  allen  größeren  deutschen  Staaten,  aber,  bezeichnend
  genug,  keinen  in  Preußen.

Nur  der  Zauber,  der  an  dem  Namen  Deutschlands  haftete,  erklärt  das
Rätsel,  daß  so  viele  wackere  und  einsichtige  Männer  noch  immer  auf  eine
Handelspolitik  des  Deutschen  Bundes  hoffen  konnten.  Seinerseits  hatte  der
        <pb n="623" />
        Der  Bundestag  und  die  Verkehrsfreiheit.  615

Bundestag  alles  getan,  um  die  Schwärmer  zu  enttäuschen.  Die  Bericht—
erstattung  über  Lists  Bittschrift  wurde  dem  Hannoveraner  Martens  über—
tragen,  der  gleich  den  meisten  dieser  „deutschen  Großbritannier“  die  eng—
lische  Handelsherrschaft  auf  deutschem  Boden  hoch  erfreulich  fand.  Mit
dem  ganzen  Feuereifer  polizeilicher  Seelenangst  fragte  er  zunächst,  woher
dieser  Verein  das  Recht  nehme,  sich  zum  Vertreter  des  deutschen  Handels—
standes  aufzuwerfen,  und  überließ  es  den  hohen  Regierungen,  auf  ihre  be—
teiligten  Untertanen  ein  wachsames  Auge  zu  richten.  Zur  Sache  selbst
brachte  er  nicht  viel  mehr  vor  als  eine  drastische  Schilderung  der  unge—
heueren  Schwierigkeiten,  welche  sich,  seit  die  deutschen  Staaten  souverän
geworden,  der  Handelseinheit  entgegenstellten  (24.  Mai).  Einige  Bundesgesandte
  wünschten  mindestens  die  Einsetzung  einer  Kommission;  aber  dann
hätten  ja  die  Bittsteller  wähnen  können,  dieser  Schritt  sei  auf  ihre  Ver—
anlassung  geschehen!“)  Um  einer  so  frevelhaften  Mißdeutung  vorzubeugen,
beschloß  die  Bundesversammlung  nur,  daß  man  sich  späterhin  einmal  mit
dem  Art.  19  beschäftigen  wolle.  Einige  Wochen  nachher  (22.  Juli)  erinnerten
die  ernestinischen  Höfe  den  Bundestag  nochmals  an  den  unglücklichen  Artikel;
  Lists  Freund  E.  Weber  und  die  Fabrikanten  des  Thüringer  Waldes
ließen  ihnen  keine  Ruhe.  Diesmal  ergingen  sich  Baden,  Württemberg,  beide
Hessen  und  die  Ernestiner  in  wohlgemeinten,  aber  auch  sehr  wohlfeilen
Reden  zum  Preise  der  deutschen  Verkehrsfreiheit  und  begeisterten  die  Versammlung
  dermaßen,  daß  sie  nunmehr  wirklich  beschloß,  nach  den  Ferien,
also  1820,  solle  eine  Kommission  eingesetzt  werden.  Das  war  die  Hilfe,
welche  Deutschlands  Handel  in  Frankfurt  zu  erwarten  hatte.  Der  preußische
Gesandte  aber  fand  es  mit  Recht  unbegreiflich,  daß  diese  Versammlung  sich's
zutraue,  so  schwierige  Arbeiten  auch  nur  in  die  Hand  zu  nehmen.)

Trotz  solcher  Erfahrungen  sollten  noch  viele  Jahre  vergehen,  bis  die
Unausführbarkeit  der  leeren  Versprechungen  des  Art.  19  allgemein  erkannt
wurde.  Mit  großer  Hartnäckigkeit  hielt  namentlich  die  badische  Regierung
an  dem  Traumbilde  des  Bundeszollwesens  fest;  ihr  langgestrecktes,  auf  die
Durchfuhr  angewiesenes  Land  litt  unter  dem  Jammer  der  Binnenmauten
besonders  schwer,  und  nicht  ohne  Besorgnis  betrachtete  Minister  Berstett
die  wachsende  Erbitterung  im  Volke.  Der  beschränkte  Mann  hoffte  durch
wirtschaftliches  Gedeihen  die  Nation  mit  ihrer  schimpflichen  Zersplitterung
zu  versöhnen,  ihr  „einen  materiellen  Ersatz  für  den  Verlust  mancher  chimärischen,
  aber  liebgewordenen  Ideen“  zu  geben.  Darum  empfahl  er  auf  den
Karlsbader  Konferenzen  in  einer  langen  Denkschrift  (15.  Aug.)  die  Einführung
  eines  Bundes-Douanensystems,  das  für  30  Millionen  Menschen
freien  Verkehr  schaffen  müsse;  über  die  große  Frage,  wie  es  möglich  sein
sollte,  Hannover,  Holstein,  Luxemburg,  Deutsch-Osterreich  einem  natio- 



*)  Berkheims  Bericht,  Frankfurt  25.  Juni  1819.
*“)  Goltzs  Bericht,  20.  Juli  1819.
        <pb n="624" />
        616  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

nalen  Zollwesen  einzufügen,  ging  das  überaus  unklare,  widerspruchsvolle
Schriftstück  schweigend  hinweg.  Metternich  wurde  durch  diesen  Antrag,
welchem  Osterreich  sich  schlechterdings  nicht  fügen  konnte,  unangenehm
überrascht  und  versuchte  sogar  die  Kompetenz  des  Bundes  in  Zweifel  zu
ziehen.  „Der  Handel"“  —  so  behauptete  er  —  „seine  Ausdehnung  wie
seine  Beschränkung  gehört  zu  den  ersten  Befugnissen  der  Souveränität.“  Zur
Mißhandlung  der  Universitäten,  von  denen  die  Bundesakte  kein  Wort
sagte,  war  der  Bund,  nach  der  k.  k.  Doktrin,  unzweifelhaft  befugt;  aber  die
Verkehrsfreiheit,  welche  der  Bundesvertrag  ausdrücklich  in  Aussicht  stellte,
verstieß  gegen  die  Souveränität  der  Bundesstaaten.  Drastischer  konnte  das
Verhältnis  der  Hofburg  zu  den  Lebensfragen  der  deutschen  Nation  unmöglich
  bezeichnet  werden.  Auf  das  wiederholte  Andrängen  Badens  und  Württembergs
  erklärte  sich  der  österreichische  Staatsmann  zuletzt  doch  bereit,  die
Zollfrage  auf  die  Tagesordnung  der  bevorstehenden  Wiener  Konferenzen  zu
setzen.  Er  wußte  wohl,  was  von  solchen  Beratungen  zu  erwarten  sei.

Unterdessen  hatte  auch  der  beste  Kopf  unter  den  badischen  Finanzmännern,
  Nebenius,  seine  Gedanken  über  die  Bedingungen  der  deutschen
Verkehrsfreiheit  in  einer  geistvollen  Denkschrift  niedergelegt,  einer  Privatarbeit,
  welche  zwar  niemals,  auch  nicht  mittelbar,  auf  die  Entwicklung
des  Zollvereins  irgend  einen  Einfluß  ausgeübt  hat,  aber  durch  Klarheit
und  Bestimmtheit  alles  übertraf  was  damals  von  Privatleuten  über
deutsche  Handelspolitik  geschrieben  wurde.  Der  gelehrte  Verfasser  der
badischen  Konstitution  errang  sich  schon  in  jenen  Jahren  durch  seine
Schrift  über  die  englische  Staatswirtschaft  ein  wissenschaftliches  Ansehen,
das  späterhin,  seit  dem  Erscheinen  seines  Werkes  „der  öffentliche  Kredit"
noch  höher  stieg;  dies  klassische  Buch  kann  niemals  ganz  veralten,  es  wird,
wie  Ricardos  Werke,  dem  angehenden  Nationalökonomen  immer  unschätzbar
  bleiben  als  eine  Schule  strengen  methodischen  Denkens.  Auch  seine
um  Neujahr  1819  verfaßte  handelspolitische  Denkschrift  verrät  überall  den
sicheren  Blick  des  gewiegten  Kenners.  Sie  wurde  im  April  1819  vertraulich
  den  badischen  Landtagsmitgliedern  mitgeteilt  und  dann  im  Winter
den  Wiener  Konferenzen  durch  Berstett  als  ein  beachtenswertes  Privatgutachten
  überreicht.  Maassen  freilich,  Klewitz  und  die  anderen  Urheber
des  preußischen  Zollgesetzes  konnten  aus  den  Ratschlägen  des  badischen
Staatsmannes  nichts  lernen.  Für  sie  war  das  richtige  in  seiner  Denkschrift
  nicht  neu,  das  neue  nicht  richtig.

Die  Denkschrift  tritt,  in  den  behutsam  schonenden  Formen,  welche
Nebenius  liebte,  entschieden  gegen  das  preußische  Zollgesetz  auf.  Sie  hebt
die  Ubelstände  dieses  Systems  scharf  heraus,  ohne  die  Lichtseiten  zu  erwähnen.
  Sie  stellt  den  Satz  hin:  „kein  deutscher  Staat,  Osterreich  ausgenommen,
  vermag  sein  Gebiet  gegen  überwiegende  fremde  Konkurrenz
wirksam  zu  schützen“  —  eine  Behauptung,  welche  Preußens  Staatsmänner
soeben  durch  die  Tat  zu  widerlegen  begannen.  Die  Urheber  des  Gesetzes
        <pb n="625" />
        Nebenius'  Denkschrift.  617

vom  26.  Mai  gingen  aus  von  den  Bedürfnissen  des  preußischen  Staatshaushalts,
  Nebenius  hebt  an  mit  der  Betrachtung  der  Leiden  des  deutschen
Verkehrs.  Darum  steht  jenen  der  finanzielle,  diesem  der  staatswirtschaftliche
  Gesichtspunkt  obenan.  Darum  wollen  jene  die  allmähliche  Erweiterung
  des  preußischen  Zollwesens  unter  den  Bedingungen,  welche  das  Interesse
  der  preußischen  Finanzen  vorschreibt.  Nebenius  hingegen  fordert,
ganz  im  Sinne  der  Durchschnittsmeinung  der  Zeit,  ein  System  deutscher
Bundeszölle,  eine  vom  Bundestage  abhängige  Zollverwaltung.  Er  will
mithin  genau  das  Gegenteil  der  Politik,  welche  den  wirklichen  Zollverein
geschaffen  hat;  der  erste  Schritt  auf  dem  von  Nebenius  vorgeschlagenen
Wege  mußte  offenbar  zur  Aufhebung  des  preußischen  Zollgesetzes  führen,
also  gerade  die  Grundlage  des  späteren  Zollvereins  vernichten.  Der  handelspolitische
  Kampf  jener  Jahre  bewegte  sich  um  die  eine  Frage:  soll  das
preußische  Zollgesetz  aufrecht  bleiben  oder  nicht?  Und  in  diesem  Streite
stand  Nebenius  auf  der  Seite  der  Irrenden.  Will  man  eine  Deukschrift,
welche  also  den  leitenden  politischen  Gedanken  der  preußischen  Handelspolitik
bekämpft,  als  den  bahnbrechenden  Vorläufer  des  Zollvereins  preisen,  so
muß  man,  kraft  derselben  Logik,  auch  Großdeutsche  und  Kleindeutsche  für
Gesinnungsgenossen  erklären.  Beide  Parteien  erstrebten  bekanntlich  die
deutsche  Einheit,  nur  leider  auf  entgegengesetzten  Wegen.

Der  staatsmännische  Sinn  des  geistvollen  Badeners  steht  keineswegs
auf  gleicher  Höhe  mit  seiner  volkswirtschaftlichen  Einsicht.  Er  hegt  wohl
Zweifel,  ob  Osterreich  dem  Zollvereine  beitreten  könne,  zu  einem  sicheren
Schlusse  gelangt  er  dennoch  nicht.  Noch  im  Jahre  1835  hat  er  den
Eintritt  Osterreichs  für  möglich  gehalten;  dann  werde  der  Zollverein  „den
schönsten  aller  Märkte  bilden"“.  Die  schwerwiegenden  politischen  Gründe,
welche  einen  solchen  Gedanken  für  Preußen  unannehmbar  machten,  sind
ihm  niemals  klar  geworden.  Ebensowenig  will  er  begreifen,  warum
Preußen  als  eine  europäische  Macht  die  Selbständigkeit  seiner  Zollverwaltung
  unbedingt  aufrecht  halten  mußte;  er  verlangt  eine  in  der  Hand
des  Bundes  zentralisierte  Zollverwaltung,  die  Mautbeamten  sollen  allein
dem  Bunde  vereidigt  werden.  Auch  bei  der  Erörterung  von  Nebenfragen
vermag  er  nicht  immer  hinauszublicken  über  den  engen  Gesichtskreis  seines
heimischen  Kleinstaates.  So  will  er,  mit  wenigen  Ausnahmen,  die  gesamte
  Zollerhebung  allein  an  den  Grenzen  stattfinden  lassen,  weil,  nach
der  Ansicht  des  badischen  Beamtentums,  diese  Einrichtung  dem  Grenzlande
  Baden  besonderen  Vorteil  bringen  sollte.  Maassen  dagegen  ließ  in
allen  größeren  preußischen  Plätzen  Packhöfe  und  Zollstellen  errichten,  da
ohne  solche  Erleichterung  ein  schwunghafter  Speditionshandel  offenbar  nicht
gedeihen  konnte.

Neben  diesen  Irrtümern  der  Denkschrift  steht  freilich  eine  lange
Reihe  tiefdurchdachter,  praktisch  brauchbarer  Vorschläge,  doch  ist  kein  einziger
darunter,  welchen  das  preußische  Kabinett  nicht  schon  damals  gekannt  und
        <pb n="626" />
        618  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

angewendet  hätte.  Mit  großer  Klarheit  entwickelt  Nebenius  den  Satz,  daß
ohne  Zollgemeinschaft  die  Freiheit  des  Verkehrs  nicht  möglich  sei.  Dieser
Gedanke,  der  uns  heute  trivial  und  selbstverständlich  erscheint,  war  der
Diplomatie  der  Kleinstaaten  jener  Zeit  völlig  neu.  Den  Berliner  Staatsmännern
  war  er  wohl  bekannt;  denn  nur  jenen  Staaten,  die  sich  dem
preußischen  Zollsystem  einfügen  wollten,  hatte  Preußen  freien  Verkehr
angeboten.  Ebenso  tief  durchdacht  waren  die  Grundzüge  des  Zolltarifs,
welche  Nebenius  entwarf.  Er  will  mäßige  Finanzzölle,  namentlich  auf  die
Gegenstände  allgemeinen  Gebrauchs,  auf  die  Kolonialwaren,  legen;  die  dem
heimischen  Gewerbfleiß  notwendigen  Rohstoffe  gibt  er  frei,  die  Fabrikwaren
  schützt  er  durch  Zölle,  die  ungefähr  der  üblichen  Schmuggelprämie
entsprechen;  feindselige  Schritte  des  Auslandes  sollen  mit  Repressalien  erwidert
  werden.  Treffliche  Gedanken,  ohne  Frage;  aber  als  Nebenius  schrieb,
war  bereits  der  preußische  Tarif  veröffentlicht,  der  durchaus  auf  denselben
Grundsätzen  beruhte.  Selbständiges  Nachdenken  hatte  den  Süddeutschen
genau  auf  dieselben  staatswirtschaftlichen  Ideen  geführt,  welche  Eichhorn
oftmals  als  den  Eckstein  des  preußischen  Systems  bezeichnete:  „Freiheit,
Reziprozität,  Ausschließung  der  Prohibition.“  War  es  nicht  ein  seltsames
Zeichen  der  allgemeinen  Unklarheit  jener  Tage,  daß  ein  so  ungewöhnlicher
Geist  so  dicht  heranstreifte  an  die  Ideen  des  preußischen  Zollsystems  und
doch  nicht  einmal  die  Frage  aufwarf,  ob  nicht  der  Bau  der  deutschen
Handelseinheit  auf  dem  festen  Grunde  dieses  Systems  aufgerichtet  werden
solle?  —  Nebenius  stellt  ferner  den  Grundsatz  auf,  daß  die  Verteilung
der  Zolleinnahmen  nach  der  Kopfzahl  der  Bevölkerung  erfolgen  solle.  Aber
als  seine  Denkschrift  in  Berlin  bekannt  wurde,  da  hatte  Preußen  denselben
folgenschweren  Gedanken  schon  in  einem  Staatsvertrage  praktisch  durchgesetzt.
  Er  erörtert  sodann,  die  Zollgemeinschaft  sei  unmöglich,  wenn  nicht
auch  der  innere  Konsum  nach  gleichen  Grundsätzen  besteuert  werde;  bis
dies  Ziel  erreicht  sei,  müsse  man  sich  mit  Ubergangsabgaben  behelfen.
Auch  diese  Einsicht  bestand  in  Berlin  schon  längst;  eben  weil  Eichhorn
und  Maassen  die  weit  abweichenden  Steuersysteme  der  Nachbarstaaten
kannten,  wollten  sie  nicht  zu  einer  vorschnellen  Einigung  die  Hand  bieten.
Sie  wußten  desgleichen  so  gut  wie  Nebenius,  daß  es  genüge  einen  Zollvertrag
  für  einige  Jahre  abzuschließen;  gleich  ihm  hofften  sie  zuversichtlich,
der  unermeßliche  Segen  der  Verkehrsfreiheit  werde  die  Wiederaufhebung
eines  einmal  geschlossenen  Zollvereins  verhindern.

Wenn  der  deutsche  Durchschnittsbiograph  über  den  Charakter  seines
Helden  nicht  viel  zu  berichten  weiß,  dann  pflegt  er  stets  die  anspruchslose
Bescheidenheit  des  Mannes  zu  preisen.  Diese  Phrase  ist  bereits  aufgenommen
  in  das  Zeremoniell  der  historischen  Kunst,  sie  kehrt  ebenso  unvermeidlich
  wieder,  wie  die  anmutige  Behauptung,  daß  jeder  große  Plebejer
von  armen  aber  ehrlichen  Eltern  abstamme.  Auch  Nebenius  ist  mit
solchem  Lobe  überschüttet  worden.  Wer  mit  ihm  Staatsgeschäfte  zu  ver-
        <pb n="627" />
        Die  öffentliche  Meinung  und  das  Zollwesen.  619

handeln  hatte,  urteilte  anders;  er  galt  in  der  Diplomatie  allgemein  als
ein  bedeutender  Kopf  und  als  ein  höchst  unbequemer  Unterhändler.  Er
zählte  zu  jenen  stillen  Gelehrtennaturen,  die  unter  schmuckloser  Hülle  ein
sehr  reizbares  Selbstgefühl  hegen,  den  Widerspruch  ungern,  noch  schwerer
die  Widerlegung  ertragen.  Weit  entfernt  von  der  lauten  Prahlsucht
Friedrich  Lists  war  er  doch  mit  nichten  gesonnen  sein  Licht  hinter  den
Scheffel  zu  stellen.  Er  gab  wohl  zu,  kein  einzelner  Mann  könne  als  Ur—
heber  des  Zollvereins  gelten.  Doch  er  rühmte  sich,  seine  Denkschrift  habe
den  Gedanken  eines  allgemeinen  Zollverbandes  zum  ersten  Male  entwickelt,
sie  habe,  bis  auf  einen  einzigen  Irrtum,  die  Verfassung  des  späteren
Zollvereins  im  voraus  richtig  gezeichnet.  Er  übersah,  daß  dieser  einzige
Irrtum  gerade  die  Lebensfrage  der  deutschen  Handelspolitik  betraf;  er
übersah  nicht  minder,  daß  der  beste  Teil  seiner  Denkschrift  lediglich  als
Wunsch  aussprach,  was  Preußen  durch  die  Tat  schon  vollzogen  hatte.
Ihm  gebührt  nur  das  große  Verdienst,  daß  er,  gleichzeitig  mit  den  preußi—
schen  Staatsmännern  und  unabhängig  von  ihnen,  für  einige  wichtige
Fragen  deutscher  Handelspolitik  die  rechte  Lösung  erdachte;  jedoch  die  ent—
scheidende  Frage:  „Bundeszölle  oder  Anschluß  an  das  preußische  System?“
wurde  in  Berlin  richtig,  von  Nebenius  falsch  beantwortet.  Nebenius  kam
der  Wahrheit  näher  als  List.  Darf  man  diesen  mit  Görres  vergleichen,
so  läßt  sich  von  jenem  sagen,  er  habe  von  dem  Zollvereine  der  Zukunft  etwa
so  viel  geahnt  wie  Paul  Pfizer  von  dem  heutigen  Deutschen  Reiche.
Eine  klare  Vorstellung  von  dem  Handelsbunde,  der  anderthalb  Jahr—
zehnte  später  ins  Leben  trat,  hegte  im  Jahre  1819  noch  niemand.  „Die
Idee  hatte  sich  noch  gar  nicht  entwickelt,“  pflegte  Eichhorn  späterhin  zu
sagen.  Der  Aufzug  des  großen  Gewebes  war  bereits  ausgespannt.  Es
bestand  das  preußische  Zollsystem,  es  bestand  der  ausgesprochene  Wille
Preußens,  dies  System  zu  erweitern  und  den  deutschen  Nachbarn  ohne
Kleinsinn  reichlichen  Anteil  an  den  gemeinsamen  Zolleinkünften  zu  ge—
währen.  Noch  fehlte  der  Einschlag.  Es  fehlte  der  gute  Wille  der  Nach—
barstaaten;  es  fehlte  hüben  wie  drüben  ein  deutlicher  Begriff  von  den  losen
und  lockeren  bündischen  Formen,  welche  allein  einen  dauernden  Handelsbund
  zwischen  eifersüchtigen  souveränen  Staaten  —  dies  noch  niemals  gewagte
  Unternehmen  ermöglichen  konnten.  Jenen  guten  Willen  hat  nachher
die  Not  gezeitigt.  Diese  Verfassungs-Formen  des  Zollvereins  sind  nicht
von  Nebenius,  noch  von  irgend  einem  Denker  im  voraus  ersonnen  worden,
da  die  Theorie  solche  Aufgaben  niemals  lösen  kann;  sie  sind  gefunden
worden  auf  den  Wegen  praktischer  Politik,  durch  Verhandlungen  und  gegenseitige
  Zugeständnisse  zwischen  den  deutschen  Staaten.  Der  badische
Denker  schrieb  als  ein  unverantwortlicher  Privatmann,  er  durfte  kühn
sofort  die  Einheit  des  ganzen  Vaterlandes  ins  Auge  fassen.  Er  hat  an
diesem  Ideal  unverbrüchlich  festgehalten,  und  weil  er  so  hohen  Flug  nahm,
verfiel  er  auf  den  unmöglichen  Plan  der  Bundeszölle.  Preußens  Staats-
        <pb n="628" />
        620  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

männer  hatten  ein  köstliches  Gut  zu  hüten:  die  schwer  errungene  und  noch
immer  hart  bedrohte  handelspolitische  Einheit  ihres  Staates.  Sie  mußten
sich  von  den  Schwärmern  bald  des  zaghaften  Kleinsinns,  bald  des  selbstzufriedenen
  Dünkels  zeihen  lassen,  und  indem  sie  bedachtsam  auf  dem
Bestehenden  fortbauten,  erreichten  sie  das  hohe  Ziel.  —

Zur  rechten  Stunde  fanden  die  Urheber  des  preußischen  Zollgesetzes
einen  mächtigen  diplomatischen  Bundesgenossen  an  dem  neuen  Referenten
für  die  deutschen  Angelegenheiten,  J.  A.  F.  Eichhorn,  den  sein  Chef  Graf
Bernstorff  auf  dem  Gebiete  der  Handelspolitik  völlig  frei  schalten  ließ.
Unter  den  Helden  der  Arbeit,  welche  in  müden  Tagen  die  großen  Uberlieferungen
  Preußens  mutig  aufrecht  hielten,  in  friedlichem  Schaffen  den
Grund  legten  für  seine  neue  Größe,  steht  Eichhorn  in  vorderster  Reihe.
Sein  ganzer  Lebensgang  hatte  ihn  vorbereitet  auf  die  Rolle  des  friedlichen
Bändigers  der  Kleinstaaterei.  Im  Löwensteinischen  Wertheim  war  er  aufgewachsen,
  an  der  lieblichen  Ecke  des  Maintales  und  des  Taubergrundes,
so  recht  im  Herzen  der  verkommenen  Staatenwelt  des  alten  Reichs,  und
sein  Tagelang  blieb  es  ihm  unvergeßlich,  wie  er  dort  noch  den  Boten  des
Reichskammergerichts  in  seiner  altfränkischen  Tracht  die  Befehle  von  Kaiser
und  Reich  hatte  vollstrecken  sehen.  Begeistert  von  den  Taten  Friedrichs
war  er  dann  gen  Norden  gegangen,  um  dem  Staate  seiner  Wahl  zu  dienen,
und  auch  an  ihm  bewährte  sich,  daß  Preußen  die  wärmste  Liebe  bei  jenen
Deutschen  findet,  die  sich  dies  Gefühl  erst  erarbeitet  haben.  Er  mußte  in
Cleve  den  Zusammenbruch  der  preußischen  Herrschaft,  dann  in  Hannover
1806  die  fiskalischen  Künste  einer  kleinlichen  Annexionspolitik  mit  ansehen
und  ward  trotz  alledem  nicht  irr  an  seinem  Staate.  Dann  nahm  er  teil
an  Schills  abenteuerlichem  Zuge  und  trat  zu  Berlin  mit  Stein  und
Gneisenau,  mit  Humboldt,  Altenstein,  Kircheisen  in  vertrauten  Verkehr;
sie  alle  ließen  den  unbekannten  jungen  Fremdling  sofort  als  einen  ebenbürtigen
  gelten.  Ein  Schüler  Spittlers,  gründlich  und  vielseitig  gebildet,
ward  er  als  erster  Syndikus  der  Berliner  Universität  auch  persönlich  mit
der  gelehrten  Welt  näher  bekannt;  mit  Schleiermacher  verband  den  tief
religiösen  Mann  eine  treue  Freundschaft,  der  großen  Theologenfamilie  der
Sack  gehörte  er  durch  seine  Heirat  an.  Die  Zeiten  des  Befreiungskrieges
verlebte  er  gehobenen  Herzens  erst  als  Offizier  in  Blüchers  Stabe,  dann
als  Mitglied  von  Steins  Zentralverwaltung;  hier  fand  er  reiche  Gelegenheit
  den  kleinen  deutschen  Regierungen  bis  in  das  Innerste  der  Seele  zu
blicken.  Unerschüttert  trug  er  die  Begeisterung  jener  großen  Jahre  hinüber
  in  die  stille  Zeit  des  Friedens.

Als  er  in  seinem  vierzigsten  Jahre  die  wichtige  Stellung  im  Auswärtigen
  Amte  erhielt,  da  beseelte  ihn  die  Hoffnung,  eine  solche  Verbindung,
  wie  sie  einst  unter  der  Zentralverwaltung  nur  zeitweilig,  unfertig,
unbeliebt  bestanden  hatte,  auf  die  Dauer  zu  begründen,  die  deutschen
Staaten  durch  die  Bande  des  Rechts,  des  Vertrauens,  des  Interesses
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        Eichhorn.  621

für  immer  an  die  Krone  Preußen  anzuschließen.  Dies  galt  ihm  als  die
Vollendung,  als  die  Läuterung  der  Träume  von  1813.  Er  erkannte  in
dem  Art.  19  der  Bundesakte  „die  gutgemeinte  Absicht  der  deutschen  Fürsten,
daß  unbeschadet  ihrer  Souveränität  den  deutschen  Untertanen  die  Wohltat
eines  gemeinsamen  Vaterlandes  gewährt  werden  müsse,“  und  er  traute
seinem  Preußen  die  Kraft  zu,  die  dem  Bunde  fehlte,  diese  Wohltat  eines
Vaterlandes  den  Deutschen  zu  spenden.  Neben  der  schneidigen  Kühnheit,
die  man  oft  an  den  großen  Epochen  unserer  Geschichte  bewundert  hat,
übersieht  man  leicht  jene  kalte,  zähe,  ausdauernde  Geduld,  welche  der
preußischen  Staatskunst  in  den  endlos  langweiligen  Händeln  deutscher
Kleinstaaterei  zur  anderen  Natur  geworden  war.  Wohl  keiner  unserer
Staatsmänner  hat  diese  altpreußische  Tugend  mit  solcher  Meisterschaft  ge—
übt  wie  Eichhorn.  Da  watet  der  geistvolle  Mann  jahraus  jahrein  durch
den  zähen  Schlamm  armseliger  Verhandlungen,  die  schon  beim  Durchlesen
körperlichen  Ekel  erregen.  Nichts  schwächt  ihm  die  Frische  des  Geistes;
immer  bleibt  ihm  der  Gedanke  gegenwärtig,  welch  großes  Ziel  hinter  den
kleinen  Händeln  winkt;  immer  wieder  rafft  sich  sein  gebrechlicher  Körper
nach  schweren  Krankheitsanfällen  zu  rastloser  Tätigkeit  auf.  Uberall  hat
er  seine  Augen;  wie  der  Arzt  am  Krankenbette  überwacht  er  die  Stimmung
der  kleinen  Höfe,  ihre  Bosheit,  ihre  Selbstsucht,  ihre  ratlose  Torheit.  Zuweilen
  hilft  er  sich  mit  einem  scharfen  Witze  über  die  Langeweile  hinaus.
„Was  wohl  die  herzoglich  sächsischen  Häuser  beabsichtigen?"  —  schreibt  er
einmal  —  „Ja,  wenn  sie  es  nur  selber  wüßten!“  Und  nach  allem  Jammer,
den  ihm  die  Kleinfürsten  zu  kosten  geben,  bewahrt  er  ihnen  doch  Achtung
und  Wohlwollen,  kommt  bereitwillig,  mit  bundesfreundlicher  Gesinnung,
jedem  billigen  Wunsche  entgegen.  Oftmals  schlugen  die  schmutzigen  Wellen
der  Demagogenverfolgung  gegen  seinen  ehrlichen  Namen  anz;  er  blieb  sich
selber  treu,  trat  tapfer  ein  für  seine  verfolgten  Freunde  und  behauptete
sich  doch  im  Vertrauen  des  Königs.  Dann  hat  Fürst  Metternich  viele
Jahre  hindurch  alle  seine  schlechten  Künste  spielen  lassen  gegen  den  verhaßten
  Patrioten,  der  in  Wien  als  der  böse  Dämon  Preußens  galt.  Zugleich
  schmähte  die  liberale  Presse  auf  den  Servilen.  Er  aber  trug  gelassen
Stein  auf  Stein  zu  dem  unscheinbaren  Bau  deutscher  Handelseinheit  und
duldete  schweigend  die  Unbilden  der  öffentlichen  Meinung,  denn  jeder  Versuch
  einer  lauten  Rechtfertigung  wäre  sein  sicherer  Sturz  gewesen.  Nachher
kam  doch  eine  Zeit,  da  mindestens  die  Höfe  sein  Verdienst  erkannten;
sämtliche  Orden  des  Deutschen  Bundes,  nur  kein  österreichischer,  wurden
dem  anspruchslosen  Geheimen  Rate  verliehen,  und  die  Staatsschriften  der
dankbaren  Zollverbündeten  priesen  ihn  als  „die  Seele  des  preußischen  Ministeriums“.
  Die  Nation  aber  erfuhr  niemals  ganz  was  sie  ihm  schuldete.

Seine  Hoffnung  war,  das  preußische  Zollsystem  durch  Verträge  mit
den  deutschen  Nachbarstaaten  allmählich  zu  erweitern.  Für  die  Formen  und
Grenzen  dieser  Erweiterung  hat  er  nicht  im  voraus  einen  festen  Plan
        <pb n="630" />
        622  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

entworfen;  er  stellte  sie,  da  er  die  Schwierigkeit  des  Unternehmens  richtig
würdigte,  dem  unberechenbaren  Gange  der  Ereignisse  anheim.  Die  Frage,
ob  Preußens  Zollschranken  dereinst  am  Main  oder  am  Bodensee  stehen
würden,  war  im  Jahr  1819  noch  nicht  praktisch;  sie  konnte  den  Leiter  der
preußisch-deutschen  Politik  vielleicht  in  seinen  Träumen,  sie  durfte  ihn
nicht  bei  seiner  Arbeit  beschäftigen.  Nur  das  Eine  war  ihm  sicher,  daß
das  neue  Zollsystem  aufrecht  bleiben,  den  festen  Kern  bilden  müsse  für
die  Neugestaltung  des  deutschen  Verkehrs.  Er  verlangte  freie  Hand  für
Preußens  Handelspolitik,  wies  von  diesem  Gebiete  die  Einmischung  Osterreichs
  entschieden  zurück.  Aber  jede  Feindseligkeit  gegen  die  Hofburg  lag
ihm  fern;  der  Gedanke,  den  Deutschen  Bund  von  Osterreich  abzutrennen,
blieb  ihm,  dem  Konservativen,  der  in  den  Ideen  von  1813  lebte,  völlig
fremd.  Noch  als  Greis  hat  er  Radowitzs  Unionspläne  als  unausführbare
  Träume  bekämpft.  —

Einen  widerwärtigen  Ubelstand,  der  sofort  beseitigt  werden  mußte,  bot
die  Lage  der  zahlreichen  Enklaven.  Die  Zollinien  wurden  alsbald  soweit
vorgeschoben,  daß  sie  die  anhaltischen  Herzogtümer  fast  ganz  und  auch  einen
Teil  der  kleinen  thüringischen  Gebiete,  die  mit  Preußen  im  Gemenge  lagen,
umfaßten.  Alle  nach  diesen  Ländern  eingeführten  Waren  unterlagen  ohne
weiteres  den  preußischen  Einfuhrzöllen.  Erst  nachdem  die  neue  Grenzbewachung
  in  Kraft  getreten,  ließ  Eichhorn,  zu  Anfang  1819,  diesen  Staaten
die  Einladung  zugehen,  mit  dem  Berliner  Kabinett  wegen  des  Zollwesens
zu  verhandeln.  Der  König  sei  bereit,  nach  billiger  Ubereinkunft  den  Landesherren
  der  eingeschlossenen  Gebiete  das  Einkommen  zu  überweisen,  das  seinen
Staats-Kassen  aus  den  Enklaven  zufließe.  Dies  kurz  angebundene  Verfahren,
  das  in  den  Papieren  des  Finanzministeriums  als  „unser  Enklavensystem“
  bezeichnet  ward,  mußte  allerdings  die  kleinen  Höfe  befremden;  doch
die  Notwendigkeit  gebot,  diesen  Nachbarn  zu  zeigen,  daß  sie  in  ihrer  Haudelspolitik
  von  Preußen  abhängig  seien.  Nur  gutmütige  Schwäche  konnte
das  Gelingen  der  großen  Zollreform  abhängen  lassen  von  der  vorausgehenden
  Zustimmung  eines  Dutzends  kleiner  Herren,  die  nach  deutscher
Fürstenweise  allein  für  die  Beredsamkeit  vollendeter  Tatsachen  empfänglich
waren.  Lediglich  die  Eitelkeit  der  Nachbarfürsten  ward  gekränkt;  den  wirtschaftlichen
  Interessen  der  Enklaven  gereichte  Preußens  Vorgehen  offenbar
zum  Segen.  Eine  selbständige  Handelspolitik  blieb  in  diesen  armseligen
Gebietstrümmern  ja  doch  undenkbar.  Das  Gedeihen  ihrer  Volkswirtschaft
wurde  sofort  vernichtet,  wenn  Preußen  sie  von  seinem  Zollsystem  ausschloß
  und  sie  mit  seinen  Schlagbäumen  rings  umstellte;  auch  der  Handel
innerhalb  der  Provinz  Sachsen  erlitt  ärgerliche  Störung,  wenn  alle  durch
das  Anhaltische  oder  das  Schwarzburgische  gehende  Waren  verbleit
und  der  Kontrolle  der  Zollämter  unterworfen  werden  mußten.  Ebenso
wenig  durfte  Preußen  den  Verkehr  der  Enklaven  völlig  unbeaussichtigt  lassen.
Was  diese  Ländchen  selbst  an  Zolleinkünften  aufbrachten,  bildete  freilich
        <pb n="631" />
        Das  Enklavensystem.  623

nur  den  achtzigsten  Teil  der  preußischen  Zolleinnahmen;  doch  durch  den
Schmuggel  konnten  sie  den  Finanzen  Preußens  hochgefährlich  werden.

Durch  die  heilsame  Rücksichtslosigkeit  der  Berliner  Finanzmänner
erhielten  die  Enklaven  freien  Verkehr  auf  dem  preußischen  Markte,  ihre
Staatskassen  die  Zusage  eines  gesicherten  reichlichen  Einkommens,  das  sie
aus  eigener  Kraft  niemals  erwerben  konnten.  Die  preußische  Regierung
handelte  in  gutem  Glauben;  sie  war  bereit  ihr  eigenes  Enklavensystem  auch
gegen  preußisches  Gebiet  anwenden  zu  lassen;  mehrmals  erklärte  sie,  wenn
ein  süddeutscher  Zollverein  zustande  komme,  so  müsse  der  enklavierte  Kreis
Wetzlar  sich  diesem  Zollsystem  unterwerfen.')  Ganz  unhaltbar  war  vollends
die  von  den  gekränkten  Kleinfürsten  oft  wiederholte  Anklage,  Preußens
Enklavensystem  verletzte  das  Völkerrecht.  Alle  nach  den  Enklaven  bestimmten
Waren  unterlagen  von  Rechts  wegen  den  preußischen  Durchfuhrzöllen;  und
wenn  der  Berliner  Hof  für  gut  befand,  die  Transitabgaben  auf  gewissen
Straßen  bis  zur  Höhe  der  Einfuhrzölle  hinaufzuschrauben,  so  ließ  sich  rechtlich
  dawider  nichts  einwenden.

Indem  Eichhorn  die  Kleinstaaten  einlud  zu  freundnachbarlichen  Verträgen
  über  die  Behandlung  der  Enklaven,  erklärte  er  zugleich  die  Bereitwilligkeit
  des  Königs,  auch  über  den  Anschluß  nicht-enklavierter  Gebiete  zu
verhandeln.  Er  betonte  den  nationalen  Charakter  des  Zollgesetzes,  er  hob
hervor,  dies  Gesetz  sei  im  Sinne  des  Art.  19  der  Bundesakte  gedacht,  sei
bestimmt,  zunächst  in  einem  Teile  von  Deutschland  die  Binnenmauten
aufzuheben,  sodann  auch  anderen  Bundesstaaten  den  Anschluß  zu  erleichtern;
der  König  verdiene  den  Dank  der  Bundesgenossen,  da  er  begonnen  habe,
den  deutschen  Markt  von  der  Herrschaft  des  Auslandes  zu  befreien.  An
dieser  nationalen  Richtung  hat  Preußens  Handelspolitik  seitdem  unerschütterlich
  festgehalten;  die  in  späteren  Jahren  oft  auftauchenden  Vorschläge,  etwa
Belgien  oder  die  Schweiz  in  den  Zollverein  aufzunehmen,  wurden  in
Berlin  stets  kurzerhand  zurückgewiesen.  Nicht  kosmopolitische  Verkehrsfreiheit
  war  Preußens  Ziel,  sondern  die  Handelseinheit  des  Vaterlandes.  Der
König,  sagt  eine  von  Bernstorff  unterzeichnete  Note  an  das  Kollegium  der
Geheimen  Räte  zu  Gotha  (v.  13.  Juni  1819),  beabsichtige  durch  das  Gesetz
vom  26.  Mai  „hauptsächlich  den  Handel  mit  außerdeutschen  Landeserzeugnissen
  zu  besteuern  und  die  Mitbewerbung  außerdeutscher  Fabriken  von
Ihren  Staaten  und  von  denjenigen  Ländern  abzuwehren,  welche  sich
hierin  an  Ihre  Maßregeln  anschließen  wollen.“  Er  hege  „den  lebhaften
Wunsch,  die  nur  zur  Besteuerung  außerdeutscher  Verbrauchsartikel  und
zum  Schutze  der  preußischen  Landesindustrie  gegen  die  außerdeutschen
Fabriken  ergriffenen  Maßregeln  bundesverwandten  deutschen  Staaten,  soweit
  es  ihre  Lage  irgend  gestattet,  nicht  zum  Nachteil  gereichen  zu  lassen."
Hierauf  rät  die  Note,  einen  thüringischen  Handelsverein  zu  bilden,  der

 

*)  So  u.  a.  in  einer  Denkschrift  des  Finanzministeriums  vom  28.  Dez.  1824.
        <pb n="632" />
        624  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

alsdann  mit  Preußen  in  Zollverbindung  treten  solle;  sie  zeichnet  also  genau
den  Weg  vor,  welcher  vierzehn  Jahre  später  zu  der  handelspolitischen  Ver—
einigung  Preußens  und  Thüringens  geführt  hat.

Im  selben  Sinne  versicherte  die  Staatszeitung  amtlich,  „daß  Preußen
schon  seiner  Lage  wegen,  mehr  aber  noch,  weil  die  Vereinigung  des  Einzel—
Interesses  der  deutschen  Bundesstaaten  zu  einem  Gesamt-Interesse  für
Preußen  vorzüglich  wünschenswert  sei,  zu  dem  Plane  einer  völligen  Handelsfreiheit
  zwischen  den  Bundesstaaten  die  Hand  zu  bieten  am  ehesten
geneigt  sei,  und  daß  es  am  liebsten  die  Schwierigkeiten  gehoben  sehen
werde,  die  sich  der  Ausführung  entgegenzustellen  schienen.“  Und  als  gegen
Weihnachten  1819  Abgeordnete  des  Listschen  Vereins  nach  Berlin  kamen,
um  die  Regierung  für  einen  deutschen  Mautverband  zu  gewinnen,  da  erhielten
  sie  von  Hardenberg  und  drei  Ministern  die  Versicherung:  „daß  die
preußische  Regierung,  weit  entfernt,  durch  einseitige  Maßregeln  den  Wohlstand
  der  deutschen  Nachbarstaaten  untergraben  zu  wollen,  sich  freuen
würde,  wenn  alle  Regierungen  Deutschlands  über  die  Grundsätze  eines
gemeinschaftlichen,  die  Wohlfahrt  aller  Teile  fördernden  Handelssystems
sich  vereinigen  könnten,  wozu  die  preußische  Regierung  sehr  gern  die  Hände
bieten  werde,  um  ihrerseits  mitzuwirken,  daß  dem  ganzen  Deutschland  die
Wohltat  eines  freien,  auf  Gerechtigkeit  gegründeten  Handels  zu  teil  werde.
Es  ist  ihnen  aber  auch  nicht  verhehlt  worden,  daß  der  Zustand  und  die
Verfassung  der  einzelnen  deutschen  Staaten  noch  keineswegs  zu  gemeinsamen
Anordnungen  vorbereitet  erscheine;  wozu  auch  besonders  gehöre,  daß  die
gemeinsamen  Anordnungen  in  einem  gemeinsamen  Sinne  von  allen  gehalten
  würden.  Die  Sache  scheine  daher  jetzt  nur  darauf  zu  führen,  daß
einzelne  Staaten,  welche  sich  durch  den  jetzigen  Zustand  beschwert  glaubten,
mit  denjenigen  Bundesgliedern,  von  denen  nach  ihrer  Meinung  die  Beschwerden
  veranlaßt  werden,  sich  zu  vereinigen  suchten  und  daß  auf  diesem
Wege  übereinstimmende  Anordnungen  von  Grenze  zu  Grenze  weiter  geleitet
  würden,  welche  den  Zweck  hätten,  die  inneren  Scheidewände  mehr
und  mehr  wegfallen  zu  lassen.“)

Damit  war  rund  und  nett  der  Grundgedanke  einer  nationalen  Handelspolitik
  ausgesprochen,  welche  bei  der  Nichtigkeit  des  Bundestages  die  einzig
mögliche  war.  Deutlicher  als  Preußen  sprach,  konnte  eine  Regierung  über
noch  unfertige  Entwürfe  schlechterdings  nicht  reden.  Aber  in  der  epidemischen
Verblendung,  die  nunmehr  über  die  öffentliche  Meinung  hereinbrach,  in
dem  donnernden  Lärm  der  Anklagen,  die  auf  das  absolutistische  Preußen  herniederprasselten,
  wurden  die  offenkundigen  Worte  und  Taten  des  Berliner
Kabinetts  völlig  vergessen.  Man  redete  sich  hinein  in  den  Wahn,  daß  Preußen
sich  selbstgefällig  von  dem  großen  Vaterlande  absondere.  Alles  schalt  auf
den  Berliner  Hochmut  und  Partikularismus,  am  lautesten  jene  kleinen  Höfe,

 

*)  Preußische  Staatszeitung  1819  Nr.  131.  Ebendaselbst,  28.  Dez.  1819.
        <pb n="633" />
        Verhandlungen  mit  Sondershausen.  625

welche  das  Enklavensystem  ertragen  mußten.  Selbst  Karl  August  von
Weimar  betrachtete  es  als  eine  höchst  anmaßende  Zumutung,  daß  er  seine
rings  von  Preußen  umschlossenen  Ämter  Allstedt  und  Oldisleben  dem
preußischen  Zollsystem  einfügen  sollte,  und  ließ  dem  Berliner  Hofe  schreiben:
„Eine  strenge  Durchführung  des  Gesetzes  vom  26.  Mai  scheint  mit  dem
Geiste  und  den  Grundsätzen  der  Bundesakte  so  wenig  in  Einklang  zu
stehen,  daß  nicht  zu  bezweifeln  steht,  es  werde  diese  Angelegenheit  Gegen—
stand  der  nächsten  Verhandlungen  des  Bundestages  werden  und  S.  K.
Majestät  von  Preußen  als  Bundesfürst  selbst  geruhen,  konziliatorische  An—
träge  deshalb  an  den  Bund  gelangen  zu  lassen.“)

Auf  so  naive  Vorschläge  konnte  Eichhorn  sich  nicht  einlassen.  Er  durfte
das  Zollwesen  der  Provinz  Sachsen  nicht  dem  Belieben  Osterreichs  und
der  Bundestagsmehrheit  preisgeben,  sondern  gab  sich  der  Hoffnung  hin,
die  Erkenntnis  des  eigenen  Vorteils  würde  die  kleinen  thüringischen  Dynasten
  bestimmen  auf  das  Anerbieten  Preußens  einzugehen  und  ihre
enklavierten  Gebietsteile  durch  Verträge  dem  preußischen  Zollsystem  anzuschließen.
  In  der  Tat  wendeten  sich  die  kleinen  Nachbarn  allesamt  sogleich
  an  den  Berliner  Hof,  aber  nur  um  zu  fordern,  daß  Preußen  sein
Enklavensystem  alsbald  wieder  aufhebe;  wie  dies  möglich  sein  sollte,  wußten
sie  freilich  nicht  anzugeben.  Besonders  hart  fühlte  sich  der  wohlmeinende
Fürst  Günther  Friedrich  Karl  von  Schwarzburg-Sondershausen  getroffen.
Die  Hauptmasse  seines  Reiches,  die  Unterherrschaft  mit  der  Hauptstadt,
ein  Land  von  fast  30,000  Einwohnern,  war  von  preußischem  Gebiet  umschlossen
  und  dem  preußischen  Zollwesen  einverleibt;  da  die  Krone  Preußen
als  Rechtsnachfolgerin  von  Kursachsen  hier  überdies  das  Postregal  und
einige  andere  Hoheitsrechte  ausübte,  so  blieb  dem  Fürsten  von  seiner
teueren  Souveränität  allerdings  wenig  übrig.  Mit  dringenden  Bitten
mußten  also  erst  der  vielgeplagte  gemeinsame  thüringische  Gesandte  General
Lestoco,  dann  das  Sondershausener  Geheime  Konsilium  selbst  den  preußischen
  Hof  bestürmen  um  „Zurücknahme  einer  Anordnung,  in  welche  man
schwarzburg-sondershausenscherseits  sich  nie  zu  fügen  entschlossen  ist."

Minister  Klewitz  erwiderte  verbindlich,  durch  einen  Vertrag  könne  die
Angelegenheit  ohne  Schwierigkeit  geordnet  werden;  er  gewährte  auch  dem
Fürsten  freundnachbarlich  Freipässe  für  die  Verzehrung  seines  Hofhalts,
aber  eine  Abänderung  des  Gesetzes  schlug  er  rundweg  ab,  da  die  Gefahr
des  Schmuggels  aus  den  kleinen  Nachbarlanden  gar  zu  groß  sei.“)  In
Sondershausen  wollte  man  den  Wink  nicht  verstehen.  Mehrere  Monate
hindurch  wurde  die  preußische  Regierung  immer  von  neuem  mit  der  An- 



*)  Schreiben  der  Geh.  Räte  Edling  und  Conta  an  Graf  Bernstorff,  Weimar
26.  Januar  1819.  .

**)  Lestocq  an  Bernstorff,  22.  Jan.;  Schreiben  des  Sondershausener  Geh.  Konsiliums
an  Bernstorff,  27.  Febr.,  an  Klewitz,  9.  Febr.;  Klewitz  an  Kanzler  v.  Weise,  30.  Jan.,
an  Bernstorff,  18.  März  1819.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  40
        <pb n="634" />
        626  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

frage  belästigt,  ob  sie  nun  endlich  bereit  sei  eine  Verfügung  aufzuheben,
welche  so  gröblich  in  die  Rechte  der  Sondershausener  Souveränität  eingreife.
  Der  Fürst  selber  richtete  an  den  König  die  „devoteste  Bitte“,  ihn
„durch  einen  neuen  Beweis  Allerhöchstdero  allgemein  verehrter  und  gepriesener
  Liberalität  und  Großmut  zum  unbegrenztesten  und  devotesten  Danke
zu  verpflichten.““)  Alles  war  vergeblich;  die  untertänige  Form  konnte
über  den  anmaßenden  Inhalt  der  Bittschriften  nicht  täuschen.  Dann  kam
der  Kanzler  von  Weise  selbst  nach  Berlin,  ein  wackerer  alter  Herr,  der  im
Verein  mit  seinem  Sohne,  dem  Geheimen  Rat,  das  Sondershausener
Ländchen  patriarchalisch  regierte.  Auch  er  richtete  nichts  aus.

Mittlerweile  hatte  sich  Vizepräsident  von  Motz  in  Erfurt  des  Streites
angenommen.  Er  kannte  alle  Herzensgeheimnisse  der  Kleinstaaterei,  da
sein  Regierungsbezirk  mit  fast  einem  Dutzend  kleiner  Landesherrschaften  im
Gemenge  lag;  er  war  mit  den  beiden  Weise  als  guter  Nachbar  vertraut
geworden  und  erwarb  sich  jetzt  um  Deutschlands  werdende  Handelseinheit,
die  ihm  bald  noch  größeres  verdanken  sollte,  sein  erstes  Verdienst,  indem
er  den  Freunden  vorstellte,  wie  kindisch  es  sei  an  einer  Zollhoheit  festzuhalten,
  die  doch  niemals  in  Wirksamkeit  treten  konnte.“s)  Der  kunstsinnige
Fürst  wünschte  längst,  im  freundlichen  Tale  der  Wipper  ein  Sondershausener
  Nationaltheater  zu  gründen,  aber  die  Mittel  fehlten;  schloß  er
sich  dem  preußischen  Zollwesen  an,  so  war  ihm  aus  der  Not  geholfen.
Diese  Erwägung  wirkte.

Gegen  Ende  September  erschien  der  alte  Weise  wieder  in  Berlin,  und
da  er  diesmal  ernstlich  verhandeln  wollte,  so  ward  er  mit  großer  Freundlichkeit
  aufgenommen.  Maassen  und  Hoffmann  führten  die  Unterhandlung,
unter  beständiger  Rücksprache  mit  Eichhorn.  Noch  unbekannt  mit  der
Nebeniusschen  Denkschrift  stellte  Hoffmann  zuerst  den  Gedanken  auf:  das
einfachste  sei  doch,  die  gemeinsamen  Zolleinnahmen  ohne  fiskalische  Kleinlichkeit
  nach  der  Volkszahl  zu  verteilen.“)  Damit  war  jener  Bevölkerungsmaßstab
  gefunden,  der  allen  späteren  Zollverträgen  Preußens  zur  Grundlage
  gedient  hat.  Weise  ging  sofort  auf  das  günstige  Anerbieten  ein,  und  am
25.  Okt.  1819  wurde  der  erste  Zollanschluß-Vertrag  unterzeichnet,  kraft
dessen  der  Fürst  von  Sondershausen  „unbeschadet  seiner  landesherrlichen
Hoheitsrechte“  seine  Unterherrschaft  dem  preußischen  Zollgesetz  unterwarf
und  dafür  nach  dem  Maßstabe  der  Bevölkerung  seinen  Anteil  an  den  Zolleinnahmen
  —  vorläufig  eine  Bauschsumme  von  15,000  Tlr.  —  erhielt.
Eine  Mitwirkung  bei  der  Zollgesetzgebung  wurde  dem  kleinen  Verbündeten
nicht  zugestanden;  er  mußte  die  Handelsverträge  Preußens  und  alle  anderen
Anderungen,  welche  das  Finanzministerium  beschloß,  einfach  annehmen.

 

*)  Kanzler  v.  Weise  an  Hoffmann,  23.  April;  Fürst  Günther  an  König  Friedrich
Wilhelm,  29.  Juli  1819.
**)  Nach  den  Aufzeichnungen  von  Motzs  Tochter,  Frau  von  Brinken.
*““)  Hoffmann  an  Maassen,  10.  Okt.  1819.
        <pb n="635" />
        Der  erste  Zollanschluß-Vertrag.  627

Im  übrigen  waren  seine  Hoheitsrechte  sorgsam,  fast  ängstlich  gewahrt;
selbst  die  Steuervisitationen  auf  schwarzburgischem  Gebiet  sollten  nur  durch
die  fürstlichen  Beamten  vollzogen  werden.

Im  Wippertale  herrschte  laute  Freude.  Der  Fürst  dankte  tief  gerührt
für  dies  neue  Zeichen  königlicher  Hochherzigkeit:“)  nun  konnte  er  endlich
sein  berühmtes  Rauchtheater  eröffnen,  wo  er  mit  den  Bürgern  seiner  Re—
sidenz  um  die  Wette  den  Musen  des  Dramas  und  der  Rauchkunst  huldigte.
Finanziell  betrachtet  war  das  Abkommen  unzweifelhaft  ein  Löwenvertrag
zugunsten  Sondershausens;  Preußen  brachte  um  des  politischen  Zweckes
willen  ein  Geldopfer,  denn  das  wenig  bemittelte  Thüringer  Bergländchen
verzehrte  von  den  einträglichsten  Zollartikeln,  den  Kolonialwaren,  weit
weniger  als  der  Durchschnitt  der  östlichen  Provinzen.

Um  so  berechtigter  schien  die  Erwartung,  daß  die  übrigen  Kleinen  dem
Beispiel  Sondershausens  folgen  würden.  Im  Eingange  des  Vertrags  hatte
der  König  nochmals  erklären  lassen,  daß  er  bereit  sei  ähnliche  Abkommen
mit  anderen  Bundesfürsten  zu  schließen.  Rudolstadt  begann  schon  zu  verhandeln.
  Auch  mit  Braunschweig,  Weimar,  Gotha  dachte  Hoffmann  binnen
kurzem  ins  reine  zu  kommen  und  bereits  ging  er  mit  seinen  Entwürfen
über  die  Grundsätze  des  Enklavensystems  hinaus.  Die  unglückliche  zerrissene
  Gestalt  seines  Gebiets  zwang  den  preußischen  Staat,  auch  wenn  er
auf  alle  Eroberungspläne  verzichtete,  mindestens  zum  handelspolitischen  Ehrgeiz;
  er  konnte  sein  Steuersystem  kaum  durchführen,  wenn  er  nicht  außer
den  Enklaven  auch  noch  einige  nur  halb  umschlossene  Nachbarlandschaften
seinem  Zollgesetze  unterwarf.  Da  lag  Anhalt-Bernburg,  das  auf  eine  kleine
Strecke  Weges  nicht  an  Preußen  grenzte  und  also  gewissenhaft  als  Ausland
  behandelt  wurde.  Was  war  der  Dank?  Ein  ungeheurer  Schmuggel,
der  von  Monat  zu  Monat  anwuchs  und  die  Zolleinnahme  der  Provinz
Sachsen  zu  verschlingen  drohte.  Schon  im  Oktober  wurden  4023  Zentner,
zumeist  Kolonialwaren,  in  die  anhaltischen  Harzstädtchen  bei  Ballenstedt
eingeführt  um  alsbald  spurlos  zu  verschwinden.  Mindestens  dies  Vorland,
meinte  Hoffmann,  müsse  sogleich  in  die  Zollinie  eintreten;  werde  der  Vertrag
  mit  Sondershausen  nur  erst  bekannt,  dann  könnten  sich  die  kleinen
Nachbarn  nicht  länger  mehr  wider  ihren  eigenen  Vorteil  sträuben.)

Die  Hoffnung  trog.  Jener  Zoll-Vertrag,  der  uns  heute  so  selbstverständlich
  erscheint,  sollte  während  mehrerer  Jahre  der  einzige  bleiben.  Kaum
ward  er  ruchbar,  so  erscholl  an  allen  Höfen  ein  Schrei  des  Zorns.  Fürst
Günther  mußte  von  seinen  durchlauchtigen  Genossen  ernste  Vorwürfe  hören,
weil  er  das  Kleinod  der  Souveränität  so  würdelos  preisgegeben;  die
andern  kleinen  Nachbarn,  die  seinem  Vorgange  bereits  folgen  wollten,
traten,  eingeschüchtert  durch  die  allgemeine  Entrüstung,  von  den  Verhand- 



*)  Weise  jun.  an  Hoffmann,  Nov.  1819.
*“)  Lestocq  an  Bernstorff,  29.  Okt.,  Hoffmann  an  Bernstorff,  18.  Dez.  1819.
40
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        628  II.  10.  Der  Umschwung  am  preußischen  Hofe.

lungen  zurück.  An  die  Spitze  der  Gegner  Preußens  stellte  sich  der  Herzog
von  Cöthen.  Der  erklärte  im  Namen  der  kleinen  Fürsten:  „freiwillig  können
und  werden  sie  sich  nicht  unterwerfen,  wenn  sie  nicht  die  heiligsten  Pflichten
gegen  ihre  Untertanen,  gegen  ihre  Häuser  und  gegen  ihre  eigene  Ehre
verletzen  wollen;“  dann  forderte  er  getrost,  Preußen  solle  ihm  einen  fünf
Stunden  breiten  Streifen  zollfreien  preußischen  Gebietes  bis  zur  sächsischen
Grenze  zur  Verfügung  stellen,  damit  das  Haus  Anhalt  freien  Zugang  zum
Welthandel  erlange.  Gemütlich  lauernd  und  im  stillen  schürend  stand
hinter  den  erbitterten  Kleinen  der  treue  Bundesgenosse  Preußens,  Osterreich.
Die  Höfe  beschlossen  insgeheim,  auf  den  Wiener  Konferenzen  mit  vereinter
Kraft  die  Aufhebung  des  preußischen  Zollgesetzes  durchzusetzen;  nur  wenn
der  vorhandene  Anfang  deutscher  Zolleinheit  vom  Erdboden  verschwand,
konnte  der  Bundestag  die  nationale  Handelspolitik  begründen!  Und  an
dieser  Raserei  partikularistischer  Leidenschaft  nahm  die  gesamte  Nation
außerhalb  Preußens  willig  teil.  Alle  die  Lieder  und  Reden  zum  Preise
der  deutschen  Einheit  waren  vergessen,  sobald  Preußen  sich  anschickte,  den
Deutschen  „die  Wohltat  eines  gemeinsamen  Vaterlandes  zu  gewähren“.

Preußens  Staatsmänner  hatten  gehofft,  schon  in  dem  ersten  Jahre,
da  das  neue  Gesetz  bestand,  einige  der  deutschen  Nachbarn  für  die  Politik
der  praktischen  deutschen  Einheit  zu  gewinnen.  Jetzt  sahen  sie  sich  in  die
Verteidigung  zurückgeworfen.  Der  siegreiche  Kampf  um  die  Behauptung,
dann  um  die  Erweiterung  des  Zollgebietes  blieb  auf  Jahre  hinaus  die
wichtigste  Aufgabe  der  preußischen  Staatskunst.  Durch  die  friedlichen  Eroberungen
  dieses  Kampfes  hat  König  Friedrich  Wilhelm  gesühnt  was  in
Karlsbad  gefehlt  war  und  die  Marksteine  gesetzt  für  das  neue  Deutschland.
Er  war  der  rechte  Mann  für  dies  unscheinbare  und  doch  so  folgenschwere
Werk  deutscher  Geduld.  Gleichmütig  und  immer  bei  der  Sache,  treu  und
beharrlich,  von  einer  Rechtschaffenheit,  die  jedes  Mißtrauen  entwaffnete,  stets
bereit  dem  bekehrten  Gegner  mit  aufrichtigem  Wohlwollen  entgegenzukommen
—  so  hat  er  nach  und  nach  die  Trümmer  Deutschlands  befreit  aus  den
Banden  eigener  Torheit  und  ausländischer  Ränke,  den  Weg  bereitend  für
größere  Zeiten.  Die  Gegenwart  aber  soll  nicht  undankbarer  sein  als
Friedrich  der  Große  war,  der  von  dem  glanzlosen  Arbeitsleben  seines  Vaters
sagte:  „der  Kraft  der  Eichel  danken  wir  den  Schatten  des  Eichbaums,  der
uns  deckt.“  —
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        Beilagen.
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        <pb n="639" />
        I.  E.  M.  Arndt  und  Wrede.
Zu  Bd.  I  S.  612.

E.  M.  Arndt  erzählt  in  seinem  bekannten  Buche  „Meine  Wanderungen  und  Wandelungen
  mit  dem  Freiherrn  vom  Stein“  (S.  218)  folgendes:  „Steins  Zorn  gegen
Wrede  hatte  noch  seinen  besonderen  Haken.  Von  allen  deutschen  Truppen  unter  französischem
  Kommando  hatten  in  Norddeutschland  die  Bayern  und  die  Darmstädter  durch
Roheit,  Zuchtlosigkeit  und  Plünderungssucht  den  schlechtesten  Ruf  hinter  sich  gelassen.
Wrede  ward  wohl  mit  Recht  beschuldigt,  den  Seinigen  nicht  nur  vieles  nachgesehen,
sondern  ihnen  auch  selbst  das  böseste  Beispiel  gegeben  zu  haben.  Bei  einem  solchen  Beispiel
  hatte  ihn  nun  Stein  erfaßt  und  zwar  recht  tüchtig  angefaßt.  Wrede  war  in  Schloß
Ols  in  Schlesien  einquartiert,  im  Schlosse  des  Herzogs  von  Braunschweig.  Hier  hatte
er  es  ganz  den  gierig  unverschämten  französischen  Räubern  nachgemacht,  den  Soult,
Massena  und  ihresgleichen,  welche  das  Silber  (Löffel,  Teller),  womit  sie  von  ihren  Wirten
bedient  wurden,  nach  der  Tafel  gewöhnlich  einpacken  und  mit  ihrem  Gepäck  wandern
ließen.  So  hatte  Wrede  in  Ols  ganz  nach  französischer  Marschallsweise  bei  seinem  Abzuge
  alles  herzogliche  Schloßsilber  mit  zu  seinem  Feldgepäck  legen  lassen.  Der  arme  Schloßvogt
  hatte  dem  nicht  wehren  gekonnt,  hatte  aber,  damit  er  selbst  nicht  für  den  Räuber
und  Dieb  des  herzoglichen  Silberschatzes  gehalten  würde,  den  Marschall  um  einen  Schein
gebeten,  daß  er  in  Kraft  des  Kriegsbefehls  es  sich  habe  ausliefern  lassen.  Und  wirklich
hatte  der  Feldmarschall  ihm  den  genau  spezifizierten  vorgelegten  Schein  bei  seinem  Abmarsch
  in  einfältiger  deutscher  Uberraschung  unterschrieben.  Dieses  Papierchen  war  nun
im  Jahre  1813  Steins  Händen  übergeben,  und  Wrede  hatte  den  Wert  des  Raubs  im
folgenden  Jahre  mit  einer  hübschen  Summe  Geld  zurückzahlen  müssen.“

Die  Form  des  Berichts  erweckt  den  Eindruck,  als  ob  er  aus  Mitteilungen  Steins,
also  eines  unmittelbar  Beteiligten,  herrührte;  er  enthält  nichts  Unwahrscheinliches  und
stammt  aus  der  Feder  eines  Mannes,  dessen  strenge  Wahrheitsliebe  ebenso  anerkannt  ist,
wie  die  erstaunliche,  bis  ins  hohe  Alter  bewahrte  Frische  seines  Gedächtnisses.  In  Schlesien
wurde  die  häßliche  Geschichte,  wie  ich  aus  bester  Quelle  versichern  kann,  lange  bevor  Arndts
Buch  erschien,  in  den  Kreisen  der  älteren  Männer,  welche  die  Franzosenzeit  erlebt  hatten,
häufig  erzählt.  Es  lag  also  kein  Grund  vor,  an  ihrer  Wahrheit  zu  zweifeln.

Die  „Wanderungen“  erschienen  in  der  Blütezeit  jenes  mittelstaatlichen  Ubermutes,
der  bald  nachher  auf  den  Schlachtfeldern  des  Mainfeldzugs  seine  Strafe  finden  sollte.
Die  bayrische  Regierung  dachte  nicht  vornehm  genug,  um  die  Ereignisse  einer  längst  abgeschlossenen,
  fünfzig  Jahre  zurückliegenden  Vergangenheit  allein  der  historischen  Wissenschaft
  zu  überlassen,  sondern  ließ  den  Verfasser  anklagen  wegen  Beleidigung  der  bayrischen
Armee  usw.  Viele  meiner  Leser  werden  sich  noch  entsinnen,  welches  peinliche  Aufsehen
  dieser  Prozeß  in  ganz  Deutschland  erregte.  Arndt  konnte  in  der  Einleitung  des
Strafverfahrens  nur  eine  beabsichtigte  Gehässigkeit  sehen;  er  weigerte  sich  vor  dem  bayrischen
  Gerichte  zu  erscheinen  und  wurde  im  Dezember  1858  von  dem  Zweibrückener
Assisengerichte  in  contumaciam  zu  zwei  Monaten  Gefängnis  verurteilt.  Das  Gericht
        <pb n="640" />
        632  E.  M.  Arndt  und  Wrede.

tat  nur  was  sich  von  selbst  verstand;  denn  wer  für  eine  ehrenrührige  Behauptung  nicht
selber  vor  Gericht  den  Beweis  der  Wahrheit  erbringt,  muß  ohne  weiteres  der  Verleum—
dung  schuldig  erklärt  werden.  Für  den  Historiker  aber,  den  die  Formen  des  Strafprozesses
  nicht  binden,  war  dies  Urteil  wertlos.

Arndt  selbst  hielt  die  Wahrheit  seiner  Erzählung  unerschütterlich  aufrecht  und  stellte
im  Verlaufe  des  langen  Zeitungsstreites,  der  sich  an  jenen  Prozeß  anknüpfte,  einmal  die
Vermutung  auf:  die  Tat  Wredes  möge  vielleicht  gegen  Ende  Februar  1807  geschehen
sein,  da  um  diese  Zeit,  nach  neueren  Mitteilungen  aus  Schlesien,  bayrische  Truppen  in
Ols  arg  gehaust  hätten.  Diese  hingeworfene  Vermutung  benutzte  nun  ein  bayrischer
Offizier  (angeblich  Major  Ehrhard)  um  in  einer  anonymen  Schrift  (Die  Beschuldigung
Wredes  durch  E.  M.  Arndt.  München  1860)  die  Schuldlosigkeit  seines  Helden  zu  erweisen.
Er  wies  nach,  daß  allerdings  die  Division  Wrede  am  23.  Februar  1807,  auf  dem  Durchmarsch
  nach  Polen,  durch  Ols  gekommen  ist,  Wrede  selbst  aber  zur  selben  Zeit  noch
krank  in  Bayern  lag.  Auch  hiermit  war  die  Erzählung  Arndts  offenbar  noch  nicht
widerlegt.  Denn  da  über  den  Zeitpunkt  des  Raubes  nur  unerwiesene  Vermutungen
aufgestellt  wurden,  so  blieb  die  Möglichkeit  offen,  daß  Wrede  die  Tat  etwas  später  im
Jahre  1807  begangen  hätte.  Wrede  hat  sich  nachweislich  zweimal  während  jenes  Jahres
in  Schlesien  aufgehalten.  Zuerst  zu  Ende  März,  als  er,  von  seiner  Krankheit  genesen,
der  Armee  nachreiste;  nach  den  Aufzeichnungen  eines  Zeitgenossen,  die  sich  in  der  Breslauer
Stadtbibliothek  befinden,  ist  er  am  26.  März  in  Breslau  eingetroffen.  Sodann  lag  er
nach  dem  Tilsiter  Frieden  bis  zum  2.  Dezbr.  mehrere  Monate  lang  mit  seinen  Truppen
in  Schlesien,  und  da  die  Franzosen  und  ihre  Bundesgenossen  während  jener  friedlichen
Okkupation  bekanntlich  fast  eben  so  übermütig  auftraten,  wie  vorher  im  Kriege,  so  konnte
der  Raub  auch  wohl  in  dieser  Zeit  sich  ereignet  haben.  Arndt  ließ  sich  daher  durch  die
mangelhaften  Argumente  der  Ehrhardschen  Schrift  nicht  beirren;  er  meinte  auf  sein
gutes  Gedächtnis  bauen  zu  können  und  wiederholte  seine  Erzählung  in  den  späteren  Auflagen
  der  „Wanderungen“  unverändert.  Wie  ich  meinen  geliebten  alten  Lehrer  kannte,
hielt  ich  es  für  unzweifelhaft,  daß  er  seine  guten  Gründe  gehabt  haben  mußte,  einen  so
lebhaft  bestrittenen  Bericht  so  entschieden  festzuhalten,  und  trug  mithin  kein  Bedenken,
in  einer  beiläufigen  Bemerkung  dieses  Buches  die  Erzählung  Arndts  als  unanfechtbar
zu  erwähnen.

Inzwischen  hat  der  bayrische  Generalmajor  Heilmann  eine  Biographie  Wredes
herausgegeben,  ein  lehrreiches,  dankenswertes  Buch,  das  freilich  einen  erfreulicheren
Eindruck  hinterlassen  würde,  wenn  der  Verfasser  nicht  versucht  hätte,  einen  vaterlandslosen
tapferen  Landsknecht  mit  unseren  nationalen  Helden,  mit  Scharnhorst,  Blücher,  Gneisenau
in  eine  Reihe  zu  stellen.  General  Heilmann  geht  auf  diese  Episode  aus  dem  Leben
seines  Helden  ausführlich  ein,  bringt  aber  nichts  Neues  bei,  sondern  wiederholt  einfach
die  Behauptungen  Ehrhards;  er  nimmt,  ohne  irgend  einen  Grund  dafür  aufzuführen,
kurzweg  an,  daß  der  Raub  zwischen  dem  23.  Februar  und  dem  8.  März  geschehen  sein
müsse,  und  erweist  dann  ohne  Mühe  das  Alibi  Wredes.  Die  Lücken  dieser  seltsamen
Beweisführung  verdeckt  er  sodann,  indem  er  über  den  alten  Arndt  eine  Fülle  schmückender
Beiwörter  ausschüttet,  welche  mit  den  landesüblichen  Formen  wissenschaftlicher  Polemik
wenig  gemein  haben.  Wenn  Arndt  ein  in  Fragen  der  historischen  Wahrheit  sorgloser,
in  seinen  Vorurteilen  leichtgläubiger,  eigensinniger  alter  Mann  genannt  wird,  dem
„seine  politischen  Gehilfen  noch  vollends  den  Kopf  verdreht“  hätten,  so  habe  ich  nichts  dawider
  einzuwenden,  daß  auch  ich  mit  einigen  mehr  kräftigen  als  anmutigen  Ausdrücken
beehrt  werde.

Als  ich  kürzlich  eine  neue  Ausgabe  des  ersten  Bandes  vorbereitete,  unterwarf  ich
natürlich  alle  von  der  Kritik  angefochtenen  Stellen  einer  neuen  Prüfung,  so  auch  jene
Bemerkung  über  Wrede.  Das  Heilmannsche  Buch  gab  mir  keine  genügende  Auskunft;
ich  entschloß  mich  daher  selber  zu  tun,  was  der  Biograph  Wredes  leider  unterlassen
hatte,  und  hielt  in  Schlesien  Nachfrage.  Nachdem  ich  an  verschiedenen  Stellen  vergeblich
        <pb n="641" />
        E.  M.  Arndt  und  Wrede.  633

angeklopft,  erhielt  ich  endlich  aus  Breslau  durch  die  Güte  des  Herrn  Trchivdirektors
Grünhagen,  und  gleichzeitig  aus  Ols  mehrere  Mitteilungen,  welche,  im  wesentlichen
übereinstimmend,  den  Bericht  Arndts  vollständig  widerlegen.  Daß  der  Alte  seine  so  zuversichtlich
  verteidigte  Erzählung  nicht  einfach  aus  der  Luft  gegriffen  haben  kann,  wird
jedem  Unbefangenen  einleuchten.  Wenn  irgend  wer,  so  darf  doch  sicherlich  Arndt  die
Vermutung  der  bona  üfides  für  sich  in  Anspruch  nehmen.  Man  lese  nur  in  Heilmanns
Werke  die  unglaublich  brutalen  Briefe,  in  denen  Wrede  seine  Wut  gegen  diesen  Teufel,
diesen  Narren  von  Stein  ausspricht;  ein  so  maßloser  Haß  läßt  sich  aus  der  politischen
Gegnerschaft  der  beiden  Männer  allein  kaum  erklären.  Aber  wie  ist  Arndt  zu  seinem
Irrtum  gelangt?  Hat  Wrede  an  anderen  Orten  Gewalttaten  verübt,  welche  ihm  den
in  Schlesien  einst  weit  verbreiteten  Beinamen  des  Löffeldiebs  verschafften?  Oder  war  er
ganz  schuldlos  an  diesem  üblen  Leumund,  und  Arndt  hätte  etwa  zwei  verschiedene  Personen
  verwechselt?  Ich  vermag  das  nicht  zu  entscheiden.  Wie  mir  aus  München  mitgeteilt
  wird,  diente  damals  im  bayrischen  Heere  auch  ein  Oberstleutnant  Wrede,  von
dem  aber  gar  nichts  bekannt  ist.  Genug,  die  gegen  Wrede  erhobene  Beschuldigung  ist,
wie  sie  vorliegt,  durchaus  falsch.

Ich  habe  vor  mir  das  Promemoria  eines  verstorbenen  herzoglich  braunschweigischen
Beamten,  der  die  Zeit  seit  1806  als  junger  Mann  im  Olser  Schlosse  verlebte  und  im
Juli  1858,  infolge  des  durch  Arndts  „Wanderungen“  erregten  Zeitungslärms,  amtlich
vernommen  wurde.  Nach  diesem  Berichte,  der  durch  die  Aussagen  anderer  gleichzeitig
verhörter  Beamten  durchweg  bestätigt  wird,  haben  Prinz  Jerome  Napoleon  und  General
Lefevre  im  Dezember  1806,  zu  der  Zeit,  da  die  Belagerung  von  Breslau  begann,  einige
Tage  lang  im  Schlosse  Sls  ihr  Hauptquartier  gehalten;  mit  ihnen  kamen  französische
und  bayrische  Truppen.  In  diesen  Tagen  —  also  nicht  im  Februar  1807  —  wurden
ein  Teil  des  Silberzeugs  und  der  Schimmelzug  des  Herzogs  geraubt.  Die  Täter
blieben  unbekannt.  Alle  Berichte  klagen  übereinstimmend  über  die  Roheit  der  bayrischen
Truppen,  aber  keiner  weiß  anzugeben,  ob  Franzosen  oder  Bayern  bei  dem  Raube  beteiligt
  waren.  Gewiß  ist  nur,  daß  Wrede  damals  noch  in  Bayern  weilte.  Die  nämliche
Denkschrift  versichert  sodann  auf  das  Bestimmteste,  daß  seitdem  niemals  mehr  ein  bayrischer
General  auf  dem  Schlosse  im  Quartier  gelegen  hat.  Damit  fällt  Arndts  Erzählung
zusammen.

So  lebhaft  ich  bedauere,  daß  der  Sachverhalt  erst  jetzt  bekannt  wird,  in  einem
Augenblicke,  da  Arndt  sich  über  die  Gründe  seines  Irrtums  nicht  mehr  erklären  kann,
ebenso  willkommen  ist  es  mir,  dem  Biographen  Wredes  einen  kleinen  Beitrag  für  eine
neue  Ausgabe  seines  Buchs  zu  bieten.  Vielleicht  erkennt  er  jetzt,  daß  wir  preußischen
Wilden  doch  bessere  Menschen  sind.  Er  sagt  nach  seiner  sanften  Weise,  Arndts  „infame
Lüge  werde  aller  historischen  Wahrheit  und  aller  Moralität  zum  Hohn“  immer  wiederholt
werden.  Mit  Verlaub,  sie  wird  es  nicht  —  seit  die  Grundlosigkeit  der  Beschuldigung
endlich  erwiesen  ist.  So  lange  aber  der  Erzählung  Arndts  nichts  weiter  entgegenstand
als  die  willkürliche  und  —  falsche  Behauptung,  daß  der  Raub  im  Februar  1807  geschehen
sein  sollte:  ebenso  lange  war  jeder  Historiker  berechtigt,  den  Bericht  eines  Buches,  das
zu  den  besten  und  zuverlässigsten  Werken  unserer  Memoiren-Literatur  zählt,  für  wahr
zu  halten.  Die  Schuld  jener  napoleonischen  Tage  ist  durch  treue  Waffenbrüderschaft  längst
gesühnt;  wir  haben  die  Wiederkehr  der  alten  Bruderkämpfe  nicht  mehr  zu  fürchten.  Es
wird  hohe  Zeit,  daß  wir  alle  eine  für  immer  überwundene  Vergangenheit  mit  einigem
Gleichmut  betrachten.  Auch  die  Bayern  sollten  endlich  lernen  über  die  Sünden  ihrer
Rheinbundszeit  ebenso  unbefangen  zu  sprechen,  wie  schon  längst  jeder  verständige  Preuße
über  das  Jahr  1806  redet.  Daran  fehlt  leider  noch  viel.  Als  Gustav  Freytag  vor
kurzem  in  dem  letzten  Bande  seiner  „Ahnen“  das  Verhalten  der  Bayern  in  Schlesien
durchaus  der  historischen  Wahrheit  gemäß  darstellte,  da  mußte  er  von  der  bayrischen
Presse  die  gröbsten  Beleidigungen  hinnehmen.  So  hat  sich  auch  General  Heilmann  durch
seinen  bayrischen  Ubereifer  um  einen  Erfolg  gebracht,  den  ich  einem  so  tüchtigen  Forscher
        <pb n="642" />
        634  Blücher  über  die  Lütticher  Meuterei.  Die  Teplitzer  Punktation.

gern  gönnen  würde.  Hätte  er  bei  der  Erörterung  jener  schlesischen  Episode  etwas  weniger
Entrüstung  und  etwas  mehr  Forscherfleiß  aufgewendet,  so  konnte  er  selber  den  Beweis
erbringen,  den  ich  nun  an  seiner  Stelle  erbringen  muß:  daß  Wrede  an  dem  Olser
Raube  nicht  beteiligt  war.

 

II.  Blücher  über  die  Lütticher  Menuterei.
Zu  Bd.  I  S.  739.

Generalfeldmarschall  Fürst  Blücher  an  König  Friedrich  August  von  Sachsen.
Euere  Königliche  Majestät

haben  durch  Ihre  früher  ergriffenen  Maßregeln  Ihre  Untertanen,  einen  geachteten  deutschen
  Völkerstamm,  in  das  tiefste  Unglück  gestürzt.

Durch  Ihre  späteren  Maßregeln  kann  es  dahin  kommen,  daß  er  allgemein  mit
Schande  bedeckt  wird.

Die  Rebellion,  welche  von  Friedrichsfelde  und  Preßburg  aus  in  der  Armee  organisiert
  wurde,  ist  ausgebrochen,  in  einer  Zeit  ausgebrochen,  wo  ganz  Deutschland  gegen
den  allgemeinen  Feind  auftritt.  Die  Verbrecher  haben  Bonaparte  als  ihren  Beschützer
öffentlich  proklamiert  und  mich,  der  ich  in  einer  fünfundfünfzigjährigen  Dienstzeit  in  der
glücklichen  Lage  gewesen  bin,  nur  das  Blut  meiner  Feinde  zu  vergießen,  genötigt,  zum
ersten  Male  Hinrichtungen  in  meiner  eigenen  Armee  vornehmen  zu  müssen.

Aus  der  Anlage')  werden  Ew.  Maj.  ersehen,  wie  ich  es  bis  jetzt  noch  versucht
habe,  die  Ehre  des  sächsischen  Namens  zu  retten,  aber  es  ist  der  letzte  Versuch.

Wird  meine  Stimme  nicht  gehört,  so  werde  ich,  nicht  ohne  Schmerz,  aber  mit
der  Ruhe  meines  guten  Gewissens  und  erfüllter  Pflicht,  die  Ordnung  mit  Gewalt  herstellen,
  und  sollte  ich  genötigt  sein,  die  ganze  sächsische  Armee  niederschießen  zu  lassen.

Das  vergossene  Blut  wird  dereinst  vor  Gottes  Gericht  über  den  kommen,  der  es
verschuldet  hat,  und  vor  dem  Allwissenden  wird  Befehle  geben  und  Befehle  dulden,  als
ein=  und  dasselbe  geachtet  werden  müssen.

Ew.  Maj.  wissen,  daß  ein  Greis  von  dreiundsiebzig  Jahren  keine  anderen  irdischen
Absichten  mehr  haben  kann,  als  daß  die  Stimme  der  Wahrheit  gehört  werde  und  das
Rechte  geschehe.

So  haben  Ew.  Königl.  Maj,  dieses  Schreiben  aufzunehmen.

Hauptquartier  Lüttich,  6.  Mai  1815.  Blücher.

 

III.  Die  Teplitzer  Punkktation.
Zu  Bd.  II  S.  552.

Einige  Sätze  der  Teplitzer  Punktation  sind,  wie  oben  erwähnt,  wörtlich  aufgenommen
  in  die  „Punktation  für  die  Hauptgegenstände  dieser  Verhandlungen“,  welche
Fürst  Metternich  in  der  ersten  Konferenz  zu  Karlsbad  vorlegte  (abgedruckt  bei  Welcker-Klüber,
  Wichtige  Urkunden  für  den  Rechtszustand  der  deutschen  Nation,  S.  185  f.).  Ich
gebe  im  folgenden  den  vollständigen  Text  und  bezeichne  in  den  Noten  die  Abweichungen
von  der  Karlsbader  Punktation.

 

*)  Beigelegt  war  die  bekannte  Proklamation  Blüchers  an  die  Soldaten  des  sächsischen  Armeekorps
vom  6.  Mai  1815.
        <pb n="643" />
        Die  Teplitzer  Punktation.  635

Punktation  über  die  Grundsätze,  nach  welchen  die  Höfe  von  Hsterreich  und  Preußen
in  den  innern  Angelegenheiten  des  Deutschen  Bundes  zu  verfahren  entschlossen  sind.

Allgemeine  Grundsätze.

1.  Der  Deutsche  Bund  besteht  als  ein  politischer  Körper,  dessen  wesentliche  Be—
stimmungen  in  den  Art.  1  u.  2  der  Bundesakte  rein  ausgesprochen  sind.

Er  besteht  als  eine  für  die  Erhaltung  des  Gleichgewichtes  und  der  allgemeinen
Ruhe  wesentliche  und  wahrhafte  europäische  Institution  und  er  genießt  die  allgemeine
Garantie,  welche  die  Existenz  jedes  europäischen  Staates  infolge  der  Wiener  Kongreßakte
  sichert.?)

2.  Osterreich  und  Preußen  sind  europäische  unabhängige  Mächte  und  durch  ihre
deutschen  Länder  zugleich  deutsche  Bundesstaaten.  In  der  ersten  Eigenschaft  und  insbesondere
  als  vorzügliche  Teilnehmer  an  dem  Wiener  Kongreß-Werke  und  an  den
sämtlichen  politischen  Verhandlungen  der  letzten  Jahre  sind  sie  berufen,  über  die  politische
  Existenz  des  Deutschen  Bundes  zu  wachen  und  auf  selbige  zu  bestehen.  In  der
zweiten  Eigenschaft  ist  es  ihre  Pflicht,  der  gehörigen  Ausbildung  und  Befestigung  des
inneren  Bundeswesens  ihre  besondere  Aufmerksamkeit  zu  widmen.)

3.  Sobald  der  Deutsche  Bund  besteht  und  als  eine  europäische  politische  Institution
  bestehen  muß,  dürfen  in  seinem  Inneren  keine  Grundsätze  in  Anwendung  gebracht
werden,  welche  mit  dessen  Existenz  unvereinbar  wären  soder  sogar  im  offenen  Widerspruch
  ständen))

4.  Der  Deutsche  Bund  wird  als  Gesamtheit  durch  die  Bundes-Versammlung
repräsentiert.

Die  Bundes-Versammlung  ist  demnach,  in  Beziehung  auf  den  Bund  und  dessen
inneres  Wesen  und  mit  spezieller  Berücksichtigung  auf  die  Art.  1  u.  2  der  Bundesakte,
die  oberste  politische  Behörde  in  Deutschland.  Ihre  legalen  Beschlüsse  müssen  als  Gesetze
des  Bundes  unverbrüchlich  ausgeführt  und  gehandhabt  werden.],)

Spezielle  Anwendung  dieser  Grundsätze.

5.  Die  Erfahrunghat  gelehrt,  daß  das  Föderativ-Band  bisher  durch  ein  unglückliches
Mißtrauen  sowohl  von  seiten  einiger  deutscher  Regierungen,  als  durch  manche  der
Föderation  entgegenstrebende  Nebenabsichten  nicht  die  Festigkeit  erhalten  hat,  welche  dasselbe
  im  reinen  Begriffe  der  Föderation  haben  sollte.  Diesem  Ubelstande  kann  nur
durch  die  enge  Vereinigung  der  Höfe  abgeholfen  werden,  und  die  Höfe  von  Osterreich
und  Preußen  sind  entschlossen  sden  Augenblick  zu  benutzen,  in  welchem  das  systematische
Treiben  einer  revolutionären  Partei,  nebst  der  Auflösung  der  Föderation,  zugleich  die
Existenz  aller  deutschen  Regierungen  bedroht,  um  diese  Vereinigung  zu  bewirken].,)

6.  Die  Anwesenheit  der  Minister  der  bedeutenden  deutschen  Höfe  soll  zu  der  näheren
Ubereinkunft  benutzt  werden.  Sollte  der  Versuch  zu  glücklichen  ersten  Resultaten  führen,
so  wäre  diese  Übereinkunft  durch  das  Zusammentreten  der  deutschen  Kabinette  in  der
kürzest  möglichen  Zeit  zu  vervollständigen  lund  insonderheit  in  Absicht  auf  die  Stimmenmehrheit
  und  insbesondere  auf  die  Fälle,  wo  diese  nicht  entscheidend  sein  soll,  eine  scharfe,
möglichst  beschränkte  Bestimmung  zu  geben,  desgleichen  eine  Anordnung  von  kräftigen
Exekutions-Mitteln  zu  geben].  F#4

 

*)  Wörtlich  gleichlautend  mit  Nr.  1  der  Karlsbader  Punktation.
**)  Fehlt  in  der  Karlsbader  Punktation.
*7#)  Steht  als  Nr.  2  in  der  Karlsbader  Punktation,  mit  Ausnahme  der  eingeklammerten  Stelle.
)  Steht,  bis  auf  einige  kleine  stilistische  Anderungen,  als  Nr.  3  in  der  Karlsbader  Punktation.
f#)  Fehlt  in  der  Karlsbader  Punktation.  Nur  der  eingeklammerte  Satz  steht  daselbst,  etwas  verändert,
  als  Nr.  4.
####  Steht  als  Nr.  5  in  der  Karlsbader  Punktation,  mit  Ausnahme  der  eingeklammerten  Stelle.
        <pb n="644" />
        636  Die  Teplitzer  Punktation.

7.)  Die  dringendsten  Gegenstände,  über  welche  die  erste  Übereinkunft  zu  treffen
wäre,  sind  die  folgenden:

A.  Die  Berichtigung  der  Begriffe  in  Ansehung  des  Art.  13  D.  B.  A.

Preußen  ist  entschlossen,  erst  nach  völlig  geregelten  inneren  Finanz-Verhältnissen
diesen  Artikel  in  seinem  reinen  Begriff  auf  seine  eigenen  Staaten  anzuwenden,  d.  h.
zur  Repräsentation  der  Nation  keine  allgemeine,  mit  der  geographischen  und  inneren
Gestaltung  seines  Reichs  unverträgliche  Volksvertretung  einzuführen,  sondern  seinen  Pro—
vinzen  landständische  Verfassungen  zu  erteilen  und  aus  diesen  einen  Zentralausschuß
von  Landes-Repräsentanten  zu  bilden.

Welche  Maßregeln  zu  ergreifen  sein  dürften  um  den  deutschen  Staaten,  welche
unter  dem  Namen  von  Ständen  bereits  Volksvertretungen  eingeführt  haben,  zur  Rückkehr
zu  einem,  dem  Bunde  mehr  angemessenen  Verhältnis  behilflich  zu  sein,  hierüber  sind
vor  allem  die  Anträge  dieser  Regierungen  selbst  zu  erwarten;  welche  Anträge  sodann
von  den  beiden  Höfen  zu  würdigen  und  unter  Erwägung  der  Vielseitigkeit  der  Rücksichten,
welche  dieser  Gegenstand  fordert,  in  gemessene  Überlegung  zu  nehmen  sein  werden.

B.  Allgemeine  Verfügungen  über  den  Art.  18  D.  B.  A.

Die  beiden  Höfe  vereinigen  ihre  Ansichten  auf  die  Grundsätze  des  anliegenden
Projekts*)  und  sie  werden  selbe  zur  allgemeinen  Annahme  bei  ihren  Mitverbündeten
und  zu  ihrer  Anwendung  auf  ein  Bundesgesetz  unterstützen.

Dies  Gesetz,  durch  die  Bundes-Versammlung  ausgesprochen,  muß  womöglich  noch
vor  Anfang  der  diesjährigen  Vakanzen  in  Anwendung  gebracht  werden.

Als  eine  zur  Ausführung  des  Zwecks  —  der  täglichen  Volksverführung  auf
möglichst  ausgiebigen  Wegen  Schranken  zu  setzen  —  nötige  Maßregel  müssen  die  deutschen
Regierungen  sich  wechselseitig  verbinden,  keinem  der  heute  berüchtigten  Redakteurs  den
Eintritt  in  neue  Zeitungsredaktionen  zu  gestatten  und  überhaupt  die  vielen  Zeitungsblätter
  zu  vermindern.

C.  Maßregeln  in  Hinsicht  auf  die  Universitäten,  Gymnasien  und
Schulen.

Um  diese  mit  voller  Rücksicht  auf  das  Beste  der  Wissenschaften  und  die  moralische
Bildung  der  Jugend  zu  ergreifen,  möchte  eine  eigene  aus  bewährten  Männern  derjenigen
Staaten,  welche  Universitäten  haben,  zusammengesetzte  Kommission  berufen  werden,  einen
gründlichen  Vortrag  über  diejenigen  Verfügungen  auszuarbeiten,  welche  zu  dem  obgenannten
  Zwecke  führen  könnten.  Diese  Verfügungen  möchten  nicht  nur  die  Disziplin
in  Absicht  auf  Studenten,  sondern  auch  ganz  besonders  in  Absicht  auf  die  Lehrer  umfassen.

Als  eine  unumgängliche  Maßregel  werden  die  beiden  Höfe  bei  ihren  Verbündeten
den  Satz  der  Notwendigkeit  unterstützen,  daß  notorisch  schlechtgesinnte  und  in  die  Umtriebe
des  heutigen  Studentenunfugs  verflochtene  Professoren  alsbald  von  den  Lehrstühlen  entsernt
  werden,  und  daß  kein  ähnliches  von  einer  deutschen  Universität  entferntes  Individuum
auf  den  Universitäten  in  anderen  deutschen  Staaten  Anstellung  erhalte.  Das  Ubel  muß
aber  auch  an  der  Wurzel  angegriffen  werden,  und  daher  diese  Maßregeln  auch  auf  das
Schulwesen  zu  erstrecken  sind.

In  Berücksichtigung  der  Vorurteile,  welche  von  vielen  deutschen  Regierungen  gegen
die  engere,  so  heilsame  Vereinigung  der  beiden  bedeutendsten  deutschen  Höfe  gehegt  werden,
versprechen  sich  dieselben  wechselseitig,  die  gegenwärtige  Punktation  auf  ewige  Zeiten
geheim  zu  halten  und  sich  dahin  zu  beschränken,  die  unter  ihnen  aufgestellten  Grundsätze
nicht  nur  zur  Richtschnur  ihres  eigenen  Benehmens  zu  erheben,  sondern  denselben  durch

 

*)  Alles  Nachsolgende  fehlt  in  der  Karlsbader  Punktation.
**)  D.h.  der  in  Karlsbad  vorgelegten  „Grundlinien“  eines  Beschlusses  über  die  Presse  (bei  Welcker
Z.  193).
        <pb n="645" />
        Hardenbergs  Verfassungsplan.  637

vereinte  Kraft  die  möglichste  Ausbildung  in  Vereinigung  mit  ihren  deutschen  Mitver—
bündeten  zu  geben.
Infolge  dieses,  und  zur  möglichsten  Bekräftigung  haben  die  Unterzeichneten  die
gegenwärtige  Punktation  eigenhändig  unterfertigt.
Teplitz,  1.  August  1819.  C.  F.  v.  Hardenberg.
F.  v.  Metternich.

 

IV.  Hardenbergs  Verfassungsplan.
Zu  Bd.  II  S.  592.

Ideen  zu  einer  landständischen  Verfassung  in  Preußen.

Das  königliche  Edikt  vom  22.  Mai  1815  ist  die  Vorschrift,  von  der  wir  ausgehen.

Wir  haben  lauter  freie  Eigentümer.

Das  beste  Fundament  der  Verfassung  ist  eine  zweckmäßige  Munizipal-  und  Kommunal-Ordnung.
  Sie  ist  also  das  nächste  dringende  Bedürfnis.

Jede  Kommune  verwaltet  ihre  eigenen  Angelegenheiten  nach  derselben.

Jedes  Landkirchspiel  wählt  unter  Leitung  einer  obrigkeitlichen  Person  einen  Deputierten
  aus  seiner  Mitte.  Bedingungen  der  Wahlfähigkeit:  Von  einer  der  christlichen
Konfessionen  —  Grundbesitz  —  Majorennität  —  unbescholtener  Ruf.

Die  Kirchspielsdeputierten  kommen  in  einem  bestimmten  Orte  im  Kreise  zusammen
und  wählen  unter  der  Leitung  des  Landrats  eine  kleine,  näher  zu  bestimmende  Anzahl
Deputierte  zum  Kreistage.

Jede  kleine  im  Kreise  belegene  Stadt  verfährt  ganz  wie  die  Kirchspiele.

Jeder  Besitzer  eines  im  Kreise  belegenen  Ritterguts,  der  Besitzer  sei  von  Adel  oder
nicht,  oder  eines  Gutes  von  näher  zu  bestimmender  Größe,  wenn  es  auch  bisher  nicht
Rittergut  war,  ist  Kreisstand  und  kann  in  der  Kreisstadt  erscheinen,  um  dort  eine  Anzahl
  Deputierte  zum  Kreistage  zu  wählen.  Diese  müssen  ebenfalls  aus  der  Mitte  der
Gutsbesitzer  sein.  Jeder  Standesherr  hat  das  Recht,  persönlich  oder  durch  einen  Bevollmächtigten
  auf  dem  Kreistage  sich  einzufinden.

Der  Kreistag

besteht  also:  unter  dem  Vorsitze  des  Landrats

1.  aus  den  Standesherren,  die  zum  Kreise  gehören,

2.  aus  den  Deputierten  der  im  Kreise  belegenen  Gutsbesitzer,

3.  aus  den  Deputierten  der  im  Kreise  belegenen  kleinen  Städte,

4.  aus  den  Deputierten  der  im  Kreise  belegenen  Landbkirchspiele.
Die  Kreistage  haben  zum  Gegenstande  alle  Kommunal-Angelegenheiten  des  Kreises  nach
der  zu  revidierenden  Instruktion  für  die  Landräte  und  übrigen  Kreisbeamten.

Auf  solchen  werden  zugleich  gewählt:  von  den  Ständen  2,  3  und  4  eine  bestimmte,
möglichst  beschränkte  Anzahl  von  Deputierten  zur  Provinzial-Versammlung  oder

dem  Provinzial-Landtage.

Dieser  besteht  also:  unter  dem  Vorsitz  des  Chefs  der  Provinz

1.  aus  den  Standesherren  der  Provinz,

2.  aus  den  Erzbischöfen,  Bischöfen,  wo  sie  sind.

3.  Ob  die  Universitäten  zu  den  Ständen  gewählt  werden  sollen,  soll  nach  S.  Maj.
des  Königs  Befehl  näher  in  Erwägung  gezogen  werden,  da  sie  als  Unterrichtsanstalten
  so  wenig  dazu  gehören  dürften,  als  die  Gymnasien  und  Schulen,
und  S.  Maj.  dafür  halten,  daß  sie,  insofern  sie  Grundbesitzer  sind,  als  solche
erscheinen  müßten.
        <pb n="646" />
        638  Hardenbergs  Verfassungsplan.

Aus  den  großen  Städten,  die  einen  eigenen  Kreis  bilden,
aus  den  Deputierten  der  Gutsbesitzer,

aus  den  Deputierten  der  kleinen  Städte,

.  aus  den  Deputierten  der  Landkirchspiele.

Die  Zahl  der  Deputierten  ad  5,  6  und  7  muß  nach  der  Zahl  der  in  der  Provinz
vorhandenen  Standesherren,  Prälaten,  Universitäten  und  großen  Städte  abgemessen  und
zweckmäßig  reguliert  werden.

Der  Gegenstand  der  Provinzial-Landtage  ist  alles,  was  die  Provinzen  besonders
betrifft,  z.  B.  das  Provinzial-Schuld=  und  Kreditwesen,  die  Repartition  quotisierter  Abgaben
und  die  Verwaltung  gewisser  Institute  und  Anstalten,  als  der  Armen-,  Kranken=  und
Irrenhäuser,  Besserungs-Anstalten,  der  Wegebau,  insofern  er  nicht  große  Landstraßen
angeht  usw.

*1—  Einrichtung  braucht  nicht  in  allen  Provinzen  gleich  zu  sein  und  richtet  sich
nach  den  Lokal-Umständen.

Gesetze  und  Einrichtungen,  die  das  Ganze  der  Monarchie  betreffen,  gehören  nicht
vor  die  Provinzialstände,  sondern  können  nur  in  der  allgemeinen  ständischen  Versammlung
  beraten  werden.  Aber  der  Fall  kann  vorkommen,  daß  die  Provinzial-Landtage
von  jener  zu  Gutachten  aufgefordert  werden,  oder  daß  diese  solche  unaufgefordert  an  den
allgemeinen  Landtag  bringen.

Ob  die  Provinzen  nach  den  älteren  Verhältnissen  anzuordnen  sind  oder  nach  der
Einteilung  in  Oberpräsidenturen,  ist  näher  zu  erwägen.  Ersteres  scheint  wenigstens
vorerst  in  Absicht  auf  die  Schulden  rätlich  zu  sein.

Die  Provinzial-Versammlungen  wählen,  jeder  Stand  aus  seiner  Mitte,  die  Deputierten
  zum  Allgemeinen  Landtag,

welcher  aber  nie  mit  den  Provinzial-Versammlungen  zugleich,  sondern  —  außer  dem
ersten  Male,  wo  die  Wahlen  geschehen  müssen  —  vorher  zusammenkommen  muß.

Der  allgemeine  Landtag  hat  gar  keine  Verwaltung  und  beschäftigt  sich  mit  den
allgemein,  für  die  ganze  Monarchie  bindenden  Gegenständen.

Die  Deputierten  zum  allgemeinen  Landtag  sind  in  möglichst  geringer  Anzahl  zu
bestimmen,  desgleichen  wäre  noch  zu  erwägen,  ob  es  rätlich  sei,  sie  in  einer  Versammlung
  oder  in  zwei  Kammern  zusammentreten  zu  lassen;  letzteres  würde  vielleicht  eine
zu  große  Anzahl  veranlassen  und  den  Geschäftsgang  erschweren.  Sollten  zwei  Kammern
bestimmt  werden,  so  ist  zu  bestimmen,  wie  die  erste  Kammer  zusammengesetzt  werden  müsse.

Sowohl  die  Deputierten  der  Kreis-Versammlung  als  der  Provinzial-Landtage
und  die  zum  allgemeinen  Landtage  folgen  bloß  ihrer  eigenen  Überzeugung  und  dürfen
sich  an  Mandata  und  Instruktionen  ihrer  Wähler  nicht  halten.

Die  Kreistage  und  Provinzial-Landtage  müssen  alle  Jahre  wenigstens  einmal  zusammenkommen.
  Wie  oft  dieses  in  Absicht  auf  den  allgemeinen  Landtag  der  Fall  sein
müsse,  wird  näher  zu  bestimmen  sein;  desgleichen  wie  lange  die  Gewählten  in  Funktion
bleiben  sollen;  ob  sie  bei  einer  neuen  Wahl  wiedergewählt  werden  können;  endlich  wie
gestimmt  und  ein  Beschluß  gewonnen  werden  soll.

Wählbar  sind  alle  Staatsbürger  ohne  Unterschied  des  Standes  oder  Gewerbes,
insofern  sie  zu  den  obengenannten  Kategorien  gehören.

Soll  die  Initiative  zu  neuen  Gesetzen  dem  König  vorbehalten  werden,  oder  können
sie  auch  vom  allgemeinen  Landtag  in  Antrag  gebracht  werden?

Vorschläge  zu  solchen  kann  jedermann,  es  sei  durch  Druckschriften  oder  schriftlich,
dem  König  oder  den  Staatsbehörden  machen;  Unterbehörden  bei  ihren  Vorgesetzten.

Die  Minister  bearbeiten  die  Gesetze,  entweder  auf  des  Königs  Befehl  oder  aus
eigenem  Antriebe.  Nach  Seinem  Gutbefinden  senden  S.  Maj.  den  Entwurf  dem  Staatsrat
  zum  Gutachten,  und  wenn  der  Entwurf  vollendet  ist,  wird  er  den  Ständen  von
dem  betreffenden  Minister  vorgelegt,  und  die  Gründe,  welche  das  Gesetz  motivieren,  werden
von  ihm  auseinandergesetzt,  doch  hat  er  keine  Stimme  bei  der  Beratschlagung.

ses-
        <pb n="647" />
        Hardenberg  über  die  Ministerkrisis  vom  Jahre  1819.  639

Sind  die  Stände  damit  einverstanden  oder  genehmigen  ihn  mit  Modifikationen,
so  geht  er  an  den  König  zurück.  Nur  durch  königliche  Sanktion  kann  der  Entwurf
zum  Gesetz  erhoben  werden.  Er  kann  sie  zu  jeder  Zeit  ganz  versagen  oder  Anderungen
zur  neuen  Erwägung  verstellen.

Wie  es  gehalten  werden  soll,  wenn  die  Stände  ein  vorgeschlagenes  Gesetz  verwerfen,
ist  zu  bestimmen.

Die  Kreistage  und  Provinzial-Landtage  haben  in  ihren  Kommunal-Angelegenheiten
Verwaltungs-Geschäfte;  der  allgemeine  Landtag  hat  deren  keine  und  gar  keine  Einmischung
in  die  Administration.  Diese  bleibt  der  Regierung  ausschließlich  vorbehalten;  jedoch
sollen  den  allgemeinen  ständischen  Versammlungen  jährliche  Ubersichten  der  Verwaltung
von  den  Ministern  vorgelegt  werden,  besonders  die  Finanzen  betreffend.

Nach  dem  Edikt  vom  22.  Mai  1815  erstreckt  sich  die  Kompetenz  der  Stände  hauptsächlich
  auf  die  Gesetzgebung,  insonderheit  auf  solche  Gesetze,  welche  die  persönlichen  Rechte
der  Staatsbürger  und  ihr  Eigentum,  neue  Auflagen  usw.  angehen.  Auswärtige
Verhältnisse,  Polizei-Verordnungen  und  militärische  Verhältnisse  gehören  nicht  für  sie,
insofern  letztere  nicht  persönliche  Verpflichtungen  oder  das  Eigentum  betreffen.

Gleichheit  aller  Staatsbürger  vor  dem  Gesetz;  Gleichheit  der  christlichen  Konfessionen
und  Duldung  und  Freiheit  aller  Religionsübungen;  gleiche  Pflichten  gegen  den  König
und  den  Staat;  das  Recht  eines  jeden,  auf  einen  unparteiischen  richterlichen  Urteilsspruch
  zu  provozieren  und  binnen  einer  bestimmten  Zeit  verhört  und  jenem  Urteilsspruche
  unterworfen  zu  werden;  die  in  der  preußischen  Monarchie  schon  lange  bestehende
Unabhängigkeit  der  Gerichte  in  Absicht  auf  ihre  richterlichen  Aussprüche;  die  Befugnis
eines  jeden,  seine  Bitten  und  Beschwerden  in  geziemenden  Ausdrücken  an  den  Thron
zu  bringen  —  alles  dieses  sind  Dinge,  die  in  die  Verfassung  aufzunehmen  sind.

Desgleichen  wird  näher  zu  prüfen  sein,  was  in  Absicht  auf  die  Verantwortlichkeit
der  Minister  und  Staatsbeamten,  auf  die  Preßfreiheit  und  ihre  Mißbräuche,  auf  die
öffentliche  Erziehung,  auf  die  Offentlichkeit  der  Gerichte  und  der  ständischen  Versammlungen
  zu  bestimmen  sei.

Alles  wird  dahin  gerichtet  sein  müssen,  daß  das  monarchische  Prinzip  recht  befestigt
werde,  mit  dem  wahre  Freiheit  und  Sicherheit  der  Person  und  des  Eigentums  ganz
vereinbar  sind,  und  durch  solches  am  besten  und  dauerhaftesten  mit  Ordnung  und
Kraft  bestehen.  Und  der  Grundsatz  werde  aufrecht  erhalten:

Salus  publica  suprema  lex  esto!

 

V.  Hardenberg  über  die  Ministerkrisis  vom  Jahre  1819.
Zu  Bd.  II  S.  606.

Hardenbergs  Tagebücher  sind  bekanntlich  für  die  Jahre  1805—13  eine  wertvolle,
zuerst  von  Duncker,  dann  von  Ranke,  Oncken,  Hassel  u.  A.  benutzte  Geschichtsquelle.  In
der  späteren  Zeit  werden  sie  immer  lückenhafter,  obgleich  sie  auch  dann  noch  dem  Sachkundigen
  einzelne  wichtige  Aufschlüsse  gewähren.  Zuweilen  hat  der  Staatskanzler  monatelang
  kein  Wort  eingetragen  oder  auch  seine  Notizen  erst  nachträglich  niedergeschrieben
(so  steht  im  Jahre  1815  unter  dem  16.  Juni  Ligny,  unter  dem  18.  Belle  Alliance  verzeichnet).
  Über  den  Ministerwechsel  von  1819  sagt  das  Tagebuch  nahezu  nichts.  Dagegen
  finden  sich  in  Hardenbergs  Nachlaß  auf  einem  losen  Blatte  einige,  offenbar  in
den  Weihnachtstagen  1819  niedergeschriebene  Bemerkungen,  welche  klar  erkennen  lassen,
wie  der  Staatskanzler  jene  Krisis  auffaßte.  Hier  der  wesentliche  Inhalt.
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        640  Hardenberg  über  die  Ministerkrisis  vom  Jahre  1819.

Partei  im  Ministerium  gebildet  —  seitdem  die  Kabinetts-Ordre  v.  11.  Jan.  d.  J.
dem  Zeitgeiste  entgegengewirkt,  das  Turnen,  das  Erziehungswesen  gerügt  hat.

Boyen  und  Beyme.  Nachher  durch  Humboldt  Dazwischenkünfte  ohnerachtet  meiner
freundschaftlichen  Warnungen.

Festes  Zusammenhalten  dieser  Partei,  besonders  bei  der  Untersuchungssache  und
den  Karlsbader  Beschlüssen.

Humboldts  Berichtsentwurf.  Votum  von  Bernstorff:  dito  Boyen  und  Beyme.
Protokoll  ad  Regem  ohne  Konklusum  und  Bericht.  Bernstorff  ist  nicht  wieder  gehört.

Der  Plan  liegt  tief.  Die  Partei  will  die  gegenwärtige  Administration  stürzen  und
sich  an  die  Stelle  setzen,  angeblich  die  Finanz-Verlegenheit  und  Steuergesetze  dazu  benutzen.

Ancillons  Gutachten  über  die  Karlsbader  Sache.

Sehr  schlimm.  Es  ist  die  höchste  Zeit.  Entweder  oder.  Die  Beamten,  viele
Offiziere,  Lehranstalten  angesteckt.  Oberpräsident  Merckel  und  Schön.  Die  Jugend  wird
verdorben.

Komponieren  läßt  sich  nicht.  Eylerts  Gutachten.

Der  Tadel  wird  bekannt,  wirkt  demoralisierend.  Man  sehe  nur  auf  alle  Flugblätter
der  revolutionären  Partei.  Es  ist  einerlei  Sprache.

In  der  größten  Gefahr  stand  ich  allein  mit  dem  königlichen  Vertrauen.  Nur  weil
ich  allein  konnte  ich  etwas  leisten.  Jetzt  wieder.

Der  Kriegsminister  ist  fort.  Ist  viel,  hilft  aber  nichts,  wenn  Beyme  und  Humboldt
zusammenbleiben.  B.  und  H.  müssen  dispensiert  werden.

Finanz=  und  Steuerpläne.

Schulwesen  reformieren  (die  Personen).  Merckel  zu  entlassen.

Pirch  erhält  die  Militär-Erziehungsanstalten.

Niederrhein  —  Bülow.

Sachsen  —  Schönberg.

Schlesien  —  Ingersleben.

 

Druck  der  Fürstl.  priv.  Hofbuchdruckerei  (F.  Mitzlaff)  Rudolstadt.
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