Verständigung der drei Ostmächte. 163 sondern „die alten monarchischen Institutionen“, den Absolutismus wieder— herstellen wollte. Am 2. November ließ der Czar die österreichische Denk— schrift beantworten; er fand es anstößig, daß die großen Mächte sich auf die Klagen des meineidigen Bourbonen berufen sollten, und wünschte durch einen Aufruf die Neapolitaner über ihre politische Unabhängigkeit zu beruhigen; jedenfalls müsse man den Schein vermeiden, als ob die Intervention nicht um Europas willen, sondern zum Besten einer einzigen Macht erfolge. Die preußischen Staatsmänner erriethen sogleich, wie wenig Wider— standskraft aus diesem wohlgemeinten Bedenken sprach; sie setzten ihre vermittelnde Thätigkeit eifrig fort, und am 6. Nov. erlebte der kranke Bernstorff die Genugthuung, daß sich die Staatsmänner der Kaiserhöfe vor seinem Bett leidlich aussöhnten. Am folgenden Tage erklärte Ruß— land im Wesentlichen seine Zustimmung zu den Plänen Metternich's und fortan hielten die Vertreter der drei Ostmächte unter sich vertrauliche Con— ferenzen, ohne die Westmächte einer Mittheilung zu würdigen. Noch waren sie nicht völlig handelseins. Der Czar erbot sich noch einmal, in Neapel zunächst eine Vermittlung zu versuchen, jedoch die beiden deutschen Mächte verwarfen den Vorschlag, weil Rußland mit seinen Verbündeten durchaus auf einer Linie bleiben müsse (10. Nov.). Als die Russen das Zimmer verlassen hatten, überraschte Metternich seine preußischen Freunde durch einen neuen Einfall, der dem Czaren eine goldene Brücke bauen sollte.“) Wie nun, wenn man den König Ferdinand einlud, persönlich vor dem Congresse zu erscheinen? Ließen ihn seine Minister nicht ziehen, dann war seine Unfreiheit erwiesen und das Einschreiten des österreichischen Heeres vor aller Welt gerechtfertigt; folgte er der Ladung, so konnte er sein unglückliches Land mit den europäischen Mächten versöhnen. Welch ein Gedanke! Dieser meineidige Bourbone, der von allen Mit- gliedern des Congresses gleichmäßig verachtet wurde, der soeben sein eigenes Volk vor den Großmächten leidenschaftlich verklagt hatte, er sollte den Ver- mittler spielen zwischen Europa und seinem Lande! Aber der schlaue Plan schmeichelte sich ein durch den Schein des Wohlwollens. Es klang gar so menschenfreundlich und entsprach auch buchstäblich den Aachener Ver- abredungen, wenn man über Neapels Zukunft nur unter Mitwirkung des betheiligten Souveräns entschied.') Völlig verblendet durch ihren Abscheu vor der Revolution, bemerkten die Höfe kaum noch, daß Metternich's unparteiischer Vorschlag in Wahrheit darauf hinauslief, nur eine Partei anzuhören. Für die schauspielerischen Neigungen des Stifters der Heiligen Allianz war es ein verlockender Gedanke, daß der hohe Gerichtshof *) Preußische Denkschrift, 28. Okt.; russische Denkschrift, 2. Nov.; Hardenberg's und Bernstorff's Bericht, 4. Nov.; Bernstorff an Ancillon, 8. Nov.; Hardenberg's Tage- buch, 7., 10. Nov. 1820. *7“) S. o. II. 470 f. 117