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        <title>Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Vierter Teil. Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III.</title>
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            <forname>Heinrich von</forname>
            <surname>Treitschke</surname>
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        </author>
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        Staatengeschichte

der  neuesten  Zeit.

 

Siebenundzwanzigster  Band.

O.  v.  Treitschke

Deutsche  Geschichte  im  neunzehnten  Jahrhundert

Vierter  Teil.

Fünfte  Auflage.
Sechzehntes  bis  achtzehntes  Tausend.

 

 

.—

Leipzig
Verlag  von  S.  Hirzel
1007.—
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        Deutsche  Geschichte

im

Neunzehnten  Jahrhundert

von

Heinrich  von  Treitschke.

Mierter  Teil.
Bis  zum  Tode  König  Friedrich  Wilhelms  III.

Fünfte  Auflage.
Sechzehntes  bis  achtzehntes  Tausend.

 

—.  —
Leipzig

Verlag  von  S.  Hirzel

1907.
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        Das  Recht  der  Übersetzung  ist  vorbehalten.
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        Vorwort.

—„  —

Um  die  Geschichte  der  dreißiger  Jahre  hat  sich  ein  vierfacher  Sagen—
kreis  gelagert.  Die  französisch-polnischen  und  die  nahe  verwandten  partikularistisch-liberalen
  Märchen  geraten  zwar  allmählich  in  Vergessenheit;
die  englisch-koburgische  Legende  aber  und  die  Legende  des  Literatentums
behaupten  noch  einen  Teil  ihrer  alten  Macht.  Leicht  ist  es  nicht,  durch
diese  Fabelwelt  zu  einer  unbefangenen,  schlicht  deutschen  Auffassung  der
Ereignisse  hindurchzudringen;  noch  schwieriger,  die  unendliche  Bedingtheit
alles  historischen  Lebens  auch  in  den  verworrenen  Parteikämpfen  dieses
Jahrzehntes  zu  erkennen  und  getreu  zu  schildern,  wie  Deutschlands  Einheit
  gewiß  nicht  durch  den  Liberalismus,  doch  ebenso  gewiß  nicht  ohne  ihn
möglich  wurde,  wie  bald  die  Kronen,  bald  die  Opposition  das  nationale
Leben  gehemmt  oder  gefördert  haben.  Soweit  mein  Scharfsinn  reichte,
habe  ich  mich  bemüht,  Licht  und  Schatten  gerecht  zu  verteilen.

Eine  unerwartete  Fülle  dankenswerter  vertraulicher  Mitteilungen
von  Landsleuten  aus  Nord  und  Süd  erleichterte  mir  die  Arbeit.  Außer
den  schon  früher  benutzten  Archiven  hat  mir  diesmal  auch  das  Staatsarchiv
  in  Hannover  mannigfache  Belehrung  geboten.

Die  Vorwürfe,  die  mir  in  zahlreichen  Briefen  zukamen,  habe  ich
ernstlich  erwogen,  ohne  sie  immer  beherzigen  zu  können.  Die  meisten
dieser  Zuschriften  liefen  darauf  hinaus,  daß  wohl  alles  übrige  zu  billigen,
aber  die  Heimat  des  Tadelnden  schlecht  behandelt  sei.  Jakob  Grimm
sagte  über  sein  Kurhessen,  keine  deutsche  Landschaft  würde  von  ihren
Söhnen  so  leidenschaftlich  geliebt.  Das  gleiche  behauptet  auch  der  Ostpreuße
  und  der  Schlesier,  der  Bayer  und  der  Schwabe,  der  Westfale
und  der  Kursachse  von  seinem  Heimatlande.  Den  hohen  Ansprüchen
dieser  Heimatliebe  kann  eine  Darstellung,  welche  das  Leben  der  gesamten
Nation  zu  würdigen  sucht,  wohl  niemals  völlig  genügen.
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        VI  Vorwort.

Bei  ausländischen  Kritikern,  freundlichen  und  feindseligen,  hat  der
ganze  Ton  meines  Buchs  Befremden  erregt,  und  ich  konnte  nichts  anders
erwarten.  Ich  schreibe  für  Deutsche.  Es  mag  noch  viel  Wasser  unseren
Rhein  hinabfließen,  bis  die  Fremden  uns  erlauben,  von  unserem  Vaterlande
  mit  demselben  Stolze  zu  reden,  der  die  nationalen  Geschichtswerke
der  Engländer  und  Franzosen  von  jeher  ausgezeichnet  hat.  Einmal  doch
wird  man  sich  im  Auslande  an  die  Gesinnungen  des  neuen  Deutschlands
gewöhnen  müssen.

Dieser  Band  schildert  im  Eingang  mehrere  rühmliche  Erfolge,  am
Schlusse  zwei  verhängnisvolle  Fehler  der  preußischen  Politik.  Gleichwohl
wird  der  Leser,  wie  ich  hoffe,  die  Erkenntnis  gewinnen,  daß  zu  Ende  des
Jahrzehnts  die  Wirrnis  der  deutschen  Dinge  sich  zu  lichten  beginnt:
Preußen  tritt  fortan  ganz  in  den  Vordergrund  der  vaterländischen  Geschichte,
  sein  Tun  und  Lassen  bestimmt  die  Schicksale  der  Nation.

Berlin,  30.  November  1889.

Heinrich  von  Treitschle.
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        Zuhalt.

 

Vviertes  Buch.

Das  Eindringen  des  französischen  Liberalismus

1830  —  1840.

Seite

1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriden.  3
Der  Umschwung  in  Frankreich,  England,  Belgin  7
Anerkennung  des  Juli-Königtums.  Die  Londoner  Konferenzen  35
Revolution  in  Polen  und  Italinn  506
Beschwichtigung  der  Gegensätze.  Warschaus  Fall  00
Antwerpen  und  Ancona  9o1

2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Rorddeutscland  0998
Der  Aufruhr  in  Braunschweig  9o9
Verfassung  und  Mitregentschaft  in  zurhese  126

Die  sächsische  Verfassung  1442

Das  hannöversche  Staatsgrundgesetz.  ...  .....153
Lornsen  und  die  Provinzialstände  Schleswig-Holsteins  ·109

3.  Preußens  Mittelstellllg  1279
Innerer  Friede.  Die  polnischen  Grenzwirren  .  179

Die  Verhandlungen  über  das  Bundeskriegswesen  211

4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschlnd  221
Oberhessische  Unruhen.  Der  badische  Landtag  von  18111  221
Gärung  in  Nassau,  Württemberg,  Bahern  .  32238

Das  Hambacher  Fst  ..  .......247

5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.  267
Die  Sechs  Artikel..  28282828820627

Der  Frankfurter  Wachensturm.n..  ...  ..  2093
Teilung  Luxemburgg  .  311
Zusammenkunft  von  Münchengrätz  .  322

Neue  Wiener  Ministerkonferenzen  1834...  8336

6.  Der  deutsche  Zollverein  .  .  ..  5350
Kurhessens  Beitritt.  Die  Sponheimer  Händel  .  351
Beitritt  des  süddeutschen  Zollvereins  838364
Anschluß  von  Sachsen  und  Thüringen.  Die  Neujahrsnacht  1834.  .  371

Kampf  mit  Österreich  und  Hannover.  Der  hannöversche  Steuerverein  379
Die  Nachzügler:  Baden,  Nassau,  Frankfurt...  .433593
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        VIII  Inhalt.

7.  Das  Junge  Deutschland.
Goethes  Tod.  .
Das  souveräne  Feuilleton
Redende  und  bildende  Künste
Historiker  und  Naturforscher
Die  Junghegelianer.  Strauß

8.  Stille  Jahre  .
Die  Quadrupel-Allianz  und  die  Ostmächte.
Preußische  Zustände.  Rheinland.  Posen
Der  Zollverein  und  die  Eisenbahnen.
Demagogen  und  Flüchtlinge
Landtagsnöte  der  Mittelstaaten
9.  Der  welfische  Staatsstreich.
Aufhebung  des  Staatsgrundgesetzes.  Die  Göttinger  Sieben
Die  Selbstvernichtung  des  Bundestages  ...
10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit
Erzbischof  Droste-Bischering
Die  ultramontane  Partei.
Tod  Friedrich  Wilhelms  des  Dritten.

 

Beilagen.

XVI.  Bayerns  Politik  in  den  Jahren  1819f##

XVII.  Canning  und  Deutschland  .

XVIII.  Der  Herzog  von  Cumberland  und  das  Staatsgrundgesetz
XIX.  Prinz  Wilhelm  von  Preußen  und  Prinzessin  Elise  Radziwill
XX.  Preußen  und  das  Bundeskriegswesen  1831.

XXI.  König  Wilhelm  von  Württemberg  an  Minister  Wangenhenn
XXII.  Das  Frankfurter  Attentat  ..
XXIII.  Stimmungen  der  württembergischen  Opposition.  1838.
XXIV.  Handschreiben  König  Ernst  Augusts  .  .
XXV.  Aus  den  Aufzeichnungen  König  Friedrich  Wilhelms

 

Seite
407

408
419
443
464
481

498

498
541
569
598
616

643

643
668

683

684
704
727

73

732
733
738
740
745
745
749
752
753
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        Vertes  Buch.

Das  Eindringen  des  französischen  Liberalismus.

1830—1840.
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        Erster  Abschnitt.

Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Das  Fortwirken  der  Vergangenheit  in  der  Gegenwart  bewährt  sich
unerbittlich  auch  in  den  Geschicken  solcher  Völker,  welche  an  dies  historische
Gesetz  nicht  glauben  wollen.  Durch  die  erste  Revolution  hatten  die  Franzosen
  mit  ihrer  Geschichte  gebrochen;  sie  wähnten  ihrer  Vorzeit  ledig  zu
sein  und  sahen  nicht,  daß  Napoleon  nur  in  vereinfachten,  demokratischen
Formen  den  alten  zentralisierten  Beamtenstaat  Richelieus  wiederherstellte,
als  er  dem  neuen  Frankreich  seine  dauernde  Verfassung  gab.  Noch  weniger
wollten  sie  im  Jahre  1830  erkennen,  daß  die  Juli-Revolution  ihre  welterschütternden
  Folgen  großenteils  der  Nachwirkung  der  Vergangenheit
verdankte.  Seit  den  Wiener  Verträgen  besaß  Frankreich  weder  die  kriegerische
  Macht  noch  die  geistigen  Kräfte  mehr,  um  die  Führerstellung  unter
den  Völkern  zu  beanspruchen;  der  Tag  von  Belle  Alliance  hatte  die  Überlegenheit
  der  deutschen  Waffen  erwiesen,  in  Kunst  und  Wissenschaft  war
Deutschland  längst  zu  neuen,  eigenen  Idealen  gelangt,  auch  die  prunkenden
Redekämpfe  der  französischen  Volkstribunen  und  Tagesschriften  bewegten
sich  immer  noch  in  den  ausgefahrenen  Gleisen  der  Ideen  von  89,  sie
warfen  keinen  schöpferischen  politischen  Gedanken  in  die  Zeit.  Aber  die
Erinnerungen  an  die  hundertjährige  Weltherrschaft  der  französischen  Bildung,
  an  die  Propaganda  der  Jakobiner,  an  das  napoleonische  Reich
blieben  noch  überall  lebendig;  auf  das  Heimatland  der  Revolution  richtete
sich  unverwandt  die  Besorgnis  der  Höfe,  die  Hoffnung  aller  Unzufriedenen.

Als  dort  das  wiederhergestellte  legitime  Königtum  zusammenstürzte,
urplötzlich,  wie  durch  eine  unabwendbare  Naturgewalt,  da  schien  die  gesamte
  neue  Ordnung  der  Staatengesellschaft  zu  wanken.  Ermutigt  durch
Frankreichs  Vorbild  erhoben  sich  fast  in  allen  Nachbarlanden  die  Mächte
der  Revolution,  die  Schlagworte  der  Menschenrechte  waren  in  aller
Munde.  Selbst  die  sonst  fremdem  Einfluß  so  unzugänglichen  Briten  verspürten
  den  Zauber  der  demokratischen  Ideen  Frankreichs  und  begannen
durch  die  Reformbill  den  ehrwürdigen  Bau  ihrer  parlamentarischen
Aristokratie  zu  zerstören.  Die  Franzosen  nannten  sich  wieder  die  große
Nation  und  wähnten,  ihre  Trikolore  halte  von  neuem  den  Rundgang
        <pb n="12" />
        4  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

um  den  Erdkreis.  Achtzehn  Jahre  darauf  sollten  sie  dann  nochmals
durch  einen  Straßenkampf  den  Anstoß  geben  zu  einer  europäischen  Bewegung,
  aber  auch  nur  den  Anstoß  von  außen  her:  Frankreichs  Gedanken
beherrschten  die  Welt  nicht  mehr,  die  nationale  Bewegung  in  Deutschland
und  Italien  verfolgte  Ziele,  welche  mit  den  weltbürgerlichen  Lehren  der
Revolution  wenig  gemein  hatten.  Nach  vierzig  Jahren  war  endlich  die
nachwirkende  Kraft  der  alten  Größe  gänzlich  gebrochen;  die  ernüchterte
Welt  sah  in  diesem  Volke  nicht  mehr  den  Lichtbringer,  sondern  den
Friedensstörer  der  Staatengesellschaft,  die  republikanische  Schilderhebung
der  Pariser  im  September  1870  weckte  in  Europa  kaum  noch  ein  Echo.
Ebenso  langsam  und  unaufhaltsam  war  zwei  Jahrhunderte  zuvor  die
spanische  Weltmacht  von  ihrer  Höhe  herabgesunken.  Hier  wie  dort  wirkten
die  großen  Erinnerungen  noch  gewaltig  fort,  als  die  Pfeiler  der  Macht
schon  längst  vermorscht  waren,  hier  wie  dort  hielt  sich  die  Nation  noch
für  die  erste  der  Welt,  als  mit  einem  Schlage  hier  durch  die  Schlacht
von  Sedan,  dort  durch  den  Pyrenäischen  Frieden  die  Verschiebung  der
Machtverhältnisse  offenbar  wurde.

Im  Sommer  1830  konnten  freilich  nur  vereinzelte  scharfblickende
Staatsmänner  den  beginnenden  Verfall  Frankreichs  erkennen.  Die  „große
Woche“  der  Pariser  veränderte  die  ganze  Lage  der  Welt;  sie  erschütterte
das  politische  System  der  legitimen  Großmächte  weit  stärker  als  zehn
Jahre  früher  die  Revolutionen  Südeuropas;  sie  beschleunigte  überall  die
längst  schon  begonnene  Zerstörung  der  alten  Ständeherrschaft.  Der  Untergang
  des  Adels  und  die  Herrschaft  der  Bourgeoisie  in  Frankreich  entflammten
das  erstarkte  Selbstgefühl  der  bürgerlichen  Klassen  zu  neuen  Hoffnungen
und  Ansprüchen.  Unterdessen  begann  das  zweite  große  Zeitalter  der
Entdeckungen  und  Erfindungen  zu  tagen,  Wohlstand  und  Verkehr  nahmen
einen  unerhörten  Aufschwung.  Die  neuen  Weltmächte  der  Großindustrie,
der  Börse,  des  Judentums  traten  ihre  Herrschaft  an,  und  zugleich  regte
sich  schon  der  Klassengegensatz  von  Kapital  und  Arbeit.  Die  Zeit  der
Restauration  stand  mit  ihrer  feinen  Sitte,  ihren  romantischen  Träumen
und  ihrer  andächtigen  geistigen  Arbeit,  mit  ihren  Diplomatenkongressen
und  höfischen  Festen  dem  aristokratischen  alten  Jahrhundert  noch  sehr
nahe.  Erst  seit  der  Juli-Revolution,  vollständig  erst  seit  dem  Jahre  1848,
zeigt  die  Gesittung  des  neunzehnten  Jahrhunderts  ihr  eigenes  Gepräge.
Ein  neues  Geschlecht  kommt  herauf,  demokratisch  in  Sitten  und  Gedanken,
formlos  und  kurz  angebunden,  unersättlich  in  seinen  Ansprüchen,  tief
überzeugt  von  seiner  eigenen  Güte  und  noch  tiefer  von  der  Verworfenheit
seiner  Gegner,  unternehmend  und  arbeitsam,  kühn  und  erfinderisch  im
Kampfe  mit  den  Elementen,  durch  die  Weite  seines  Gesichtskreises  und
die  Vielseitigkeit  seiner  Interessen  allen  früheren  Zeiten  überlegen,  aber
auch  hastig,  unstet,  ohne  Sammlung  des  Geistes,  ohne  Sicherheit  der
Weltanschauung.  Alles  Leben  der  Völker  drängt  sich  auf  den  Markt
        <pb n="13" />
        Charakter  des  neuen  Zeitalters.  5

hinaus.  Die  Wahlen  und  die  Redeschlachten  der  Parlamente,  die  Beratungen
  der  Vereine,  die  großen  neuen  wirtschaftlichen  Unternehmungen
nehmen  die  Kraft  des  Mannes  in  Anspruch,  im  Kaffeehaus  und  bei  der
Zigarre  sucht  er  seine  Erholung.  Der  häusliche  Verkehr  verödet,  die  Frauen
behaupten  nicht  mehr  die  unbestrittene  Herrschaft  im  geselligen  Leben  und
versuchen  dafür  schon  zuweilen  mit  der  Männerarbeit  den  ungleichen  Wettkampf
  aufzunehmen.  Die  Zeitungen  und  die  rasch  ins  Kraut  schießende
populäre  Literatur  wecken  in  weiten  Kreisen  den  Sinn  für  das  öffentliche
Leben,  aber  auch  eine  begehrliche,  glaubenlose,  dünkelhafte  Halbbildung;
manches  schöne  Talent  verflüchtigt  sich  in  Eintagswerken,  nur  wenige
starke  Geister  vermögen  noch  sich  herauszuretten  aus  der  unmutigen
Hast  der  Zeit,  in  Kunst  und  Forschung  Dauerndes  zu  schaffen.  Der
demokratische  Charakter  der  Epoche  spiegelt  sich  treulich  wieder  in  ihrer
Männerkleidung,  der  häßlichsten,  aber  auch  der  zweckmäßigsten  und  bequemsten,
  welche  je  in  Europa  getragen  wurde.  Haar=  und  Barttracht
bleiben  dem  persönlichen  Belieben  überlassen,  im  übrigen  herrscht  unverbrüchlich
  das  demokratische  Anstandsgesetz,  das  keinem  erlaubt,  sich  von
den  anderen  zu  unterscheiden;  jedermann  trägt  den  nämlichen  schmutzund
  mischfarbigen,  taschenreichen  Sackrock,  der  dem  beschäftigten  Manne
so  viel  Zeit  erspart;  das  lange  Beinkleid  und  die  Stiefel  dringen  jetzt
bis  in  den  Salon,  der  demokratische  Frack  läßt  auch  hier  alle,  Gäste
und  Diener,  vollkommen  gleich  erscheinen.

Das  verarmte  Deutschland  vermochte  dem  Umschwunge  des  Verkehres
und  der  Lebensgewohnheiten  nur  langsam  zu  folgen.  Um  so  mächtiger
strömten  die  politischen  Gedanken  der  Franzosen  in  unser  Leben  ein,  war
ihnen  doch  längst  der  Boden  bereitet  durch  die  radikale  Literatur  der
zwanziger  Jahre.  Unabhängig  von  den  Franzosen,  zumeist  im  Kampfe  mit
ihnen  hatte  der  deutsche  Genius  in  den  Jahren  der  klassischen  Dichtung,  in
den  Befreiungskriegen,  in  den  schönen  Jugendtagen  der  historischen  Wissenschaft
  sich  in  Wort  und  Tat  seine  Wege  gefunden.  Nun  erfolgte  ein
ungeheurer  Rückschritt;  die  alte  Aufklärung,  die  seit  Herders  Zeiten  überwunden
  schien,  kam  wieder  empor,  und  sie  trug  französische  Gewänder.
Jene  tiefsinnige  historische  Anschauung  vom  Staate,  die  sich  in  der  deutschen
Wissenschaft  still  vorbereitet,  aber  noch  nicht  durchgebildet  hatte,  trat  in  den
Hintergrund.  Die  alte  Naturrechtslehre  von  dem  vernunftgemäßen  Staate
der  Gleichheit,  von  der  Unfehlbarkeit  der  öffentlichen  Meinung,  von  der
Staatsgewalt,  die  nicht  regieren,  sondern  der  Mehrheit  dienen  sollte,  führte
das  große  Wort  und  verfiel  bald  in  leere  Phrasen,  da  sie  nichts  Neues
mehr  zu  sagen  wußte.  Die  vaterländische  Begeisterung  der  Befreiungskriege
  ward  verdrängt  durch  einen  liberalen  Weltbürgersinn,  der  im  Namen
der  Freiheit  die  Feinde  Deutschlands  im  Osten  wie  im  Westen  verherrlichte
  und  das  eigene  Volk  mit  Schimpf  überhäufte.  Auf  das  geistvolle
Kunstverständnis  der  Romantiker  folgte  wieder  ein  flacher,  mit  Freiheits-
        <pb n="14" />
        6  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

worten  prunkender  Rationalismus,  der,  ganz  in  Nicolais  Weise,  an  alle
Werke  des  Genius  den  Zollstock  der  Nützlichkeit,  diesmal  des  politischen
Nutzens,  legte  und  die  Lehrer  der  Nation  nur  nach  ihrer  zeitgemäßen  Gesinnung
  beurteilte.  Wüster  Radikalismus,  zuchtlose  Leidenschaft,  hohler
Wortschwall  und  dannwiederharte  Verfolgung  schändeten  das  deutsche  Leben.

Gleichwohl  hat  selbst  in  diesem  Jahrzehnte  widerwärtiger  Verirrungen
die  still  wirkende  Macht  des  nationalen  Gedankens,  die  unser  Volk  zur
Einheit  drängte,  unwiderstehlich  gewaltet.  Nach  dem  tiefen  Schlummer
der  letzten  Jahre  war  eine  Aufrüttelung  doch  notwendig,  wenn  die  zähe
Masse  der  deutschen  Politik  wieder  in  Fluß  kommen  sollte;  und  wer  durfte
die  unerfahrenen  Deutschen  schelten,  wenn  sie,  gleich  allen  anderen  Völkern,
das  Land  überschätzten,  das  ihnen  das  Signal  gegeben  hatte?  Die  kleinen
Volksaufläufe  und  Straßenkämpfe  in  den  Residenzen  unseres  Nordens
mochten  den  Fremden  nur  wie  ein  kindisches  Nachspiel  der  großen  Woche
erscheinen;  doch  ihr  Ergebnis  war  dauerhafter  als  das  Julikönigtum
der  Franzosen.  Sie  führten  die  wichtigsten  der  norddeutschen  Kleinstaaten
in  das  konstitutionelle  Lager  hinüber;  so  ward  der  Gegensatz  von  Nord
und  Süd  gemildert,  ein  gemeinsamer  Boden  gewonnen  für  die  politische
Arbeit  der  Nation.  Alle  diese  winzigen  Umwälzungen  waren  durch  örtliche
  Beschwerden  veranlaßt,  sie  verfolgten  nur  den  Zweck,  die  altständische
oder  höfische  Willkürherrschaft  in  dem  heimischen  Kleinstaate  durch  ein
liberaleres  Regiment  zu  verdrängen;  aber  die  reife  Frucht  der  partikularistischen
  Revolution  fiel  der  Einheitspolitik  der  Krone  Preußen  zu.  Als
Sachsen  und  Kurhessen  die  in  Preußen  und  Süddeutschland  längst  verwirklichten
  modernen  Grundsätze  der  Staatseinheit  und  des  gemeinen
Rechtes  anerkennen  mußten,  da  wurden  sie  erst  fähig,  mit  den  deutschen
Nachbarn  in  Zollgemeinschaft  zu  treten,  und  nun  erst  schloß  sich  der  Ring,
welchen  Preußens  Handelsverträge  um  Deutschland  geschlungen  hatten.
Die  Siege  der  liberalen  Parteien  ermöglichten  erst  die  Gründung  des
großen  Deutschen  Zollvereins,  den  die  Mehrzahl  der  Liberalen  leidenschaftlich
  bekämpfte;  und  seitdem  blieb  es  ein  Menschenalter  hindurch  das  seltsame
  Schicksal  des  deutschen  Liberalismus,  daß  alle  großen  Erfolge  unserer
nationalen  Politik  nicht  durch  ihn,  aber  auch  nicht  ohne  ihn  errungen
wurden.  Der  Zollverein  war  die  größte  politische  Tat  des  Jahrzehnts,
folgenreicher  für  Europas  Zukunft  als  alle  die  vielbewunderten  Parteikämpfe
  in  den  Nachbarlanden,  das  letzte  köstliche  Vermächtnis  des  alten
unbeschränkten  preußischen  Königtums  an  die  deutsche  Nation.

Auch  das  zerfahrene  deutsche  Parteileben  ward  durch  den  scharfen
Luftzug  dieser  Jahre  etwas  gekräftigt.  Klarer,  bewußter  denn  zuvor  traten
die  Gegensätze  auseinander,  seit  in  Frankreich  das  Banner  der  Volkssouveränität
  erhoben  wurde.  Die  Konservativen  hatten  bisher,  vertrauend
auf  ihre  Machtstellung  in  den  Landtagen  und  auf  die  Gunst  der  Höfe,
den  Federkrieg  gegen  die  liberale  Presse  sorglos  den  Regierungsblättern
        <pb n="15" />
        Der  Umschwung  in  Deutschland.  7

überlassen;  jetzt  scharten  sie  sich  fester  zusammen  und  bekämpften  die
Lehren  der  Revolution  in  unabhängigen  Zeitschriften.  Bald  darauf
trat  die  ultramontane  Partei,  eine  geschlossene,  weithin  über  Deutschland
verzweigte  Macht,  mit  einem  Schlage  auf  den  Kampfplatz.  In  der
liberalen  Welt  wogten  die  Wünsche  und  Gedanken  noch  wirr  durchein—
ander,  aber  einzelne  Sätze  der  Parteidoktrin  wurden  allmählich  zum
Gemeingut  aller,  und  selbst  dem  noch  völlig  unklaren  Einheitsdrange
der  Nation  zeigte  sich  in  weiter  Ferne  endlich  ein  erkennbares  Ziel,  seit
süddeutsche  Liberale  zuerst  von  einem  deutschen  Parlamente  und  von
der  preußischen  Hegemonie  zu  reden  wagten.

In  so  krankhaft  erregter  Zeit  mußte  die  Dichtung  verwildern.  Der
gespreizte,  grelle  und  dennoch  kraftlose  Feuilletonstil  verdrängte  den  Adel  der
Form,  die  rohe  Tendenz  den  künstlerischen  Gedanken,  alles  was  deutschen
Herzen  heilig,  wurde  von  den  literarischen  Helden  des  Tages  beschmutzt
und  verhöhnt.  Doch  bis  zu  den  Höhen  der  deutschen  Bildung  schlugen
die  schlammigen  Wellen  dieses  Radikalismus  nicht  empor.  Eben  jetzt
erschien  Goethes  letzte  und  tiefsinnigste  Dichtung;  unbeirrt  durch  das  Geschrei
  des  Marktes  schritten  Böckh  und  Ritter,  die  Brüderpaare  Grimm
und  Humboldt  ihre  Bahn;  in  Rankes  Werken  bewährte  die  Kunst  der
Geschichtschreibung  ihre  Meisterschaft;  Dahlmann  vertiefte  die  liberale
Parteidoktrin  und  befruchtete  sie  mit  den  Ideen  der  historischen  Rechtsschule;
  die  Theologie  wurde  durch  einen  leidenschaftlichen  Parteikampf
aufgerüttelt  und  gezwungen,  den  historischen  Unterbau  ihrer  Lehren  einer
schonungslosen  Kritik  zu  unterwerfen;  auch  in  den  exakten  Wissenschaften
traten  junge  Talente  auf,  den  Wettlauf  mit  dem  Auslande  zu  wagen.
Also  blieben  auch  in  diesem  Jahrzehnt,  das  selber  friedlos  so  viel  Unfrieden
  säte,  die  schöpferischen  Kräfte  unserer  Geschichte  noch  immer
wirksam.  —

Das  Nahen  einer  großen  Umwälzung  war  von  einsichtigen  Beobachtern
  der  französischen  Zustände  längst  vorausgesehen.  Sobald  König
Karl  X.  das  gemäßigte  Ministerium  Martignac  hatte  berufen  müssen,
erlangte  der  Liberalismus  wieder  die  Herrschaft  über  die  öffentliche
Meinung,  und  er  griff  um  sich  mit  unwiderstehlicher  Gewalt;  denn  eine
gänzlich  demokratisierte  Gesellschaft  gleicht  einer  Herde,  die  beiden  lebendigsten
  Kräfte  des  modernen  französischen  Charakters,  der  Nationalstolz  und
die  sittliche  Feigheit,  führen  jeder  augenblicklich  obenauf  kommenden  Partei
täglich  neue  Anhänger  zu.  Damals  schon  schrieb  der  preußische  Gesandte
von  Werther:  „Jetzt  die  ultramontane  Partei  zur  Macht  berufen,  das
heißt  Frankreich  einen  unverzeihlichen  und  ungeheueren  Schritt  zur  Revolution
  hin  machen  lassen;  denn  diese  Partei  würde,  verabscheut  von  der
Nation  und  unfähig,  sich  am  Ruder  zu  halten,  bald  gezwungen  sein,  entweder
  einem  ultraliberalen  Ministerium  zu  weichen  oder  dem  Könige  den
Umsturz  der  gegenwärtigen  Verfassung  anzuraten.  Eine  solche  Tat
        <pb n="16" />
        8  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

muß  aber  unfehlbar  die  Regierung  des  Königs,  die  Bourbonen  und
Frankreich  selbst  in  den  Abgrund  reißen.“*)  Jener  unverzeihliche  Schritt
zur  Revolution  geschah,  und  die  Verblendung  der  liberalen  Parteien
trug  die  Schuld  daran.

Großes  hatte  Frankreich  der  Herrschaft  seines  wiederhergestellten
Königtums  zu  verdanken.  Wunderbar  leicht  wurden  die  Leiden  der
Kriegsjahre  überwunden,  der  Volkswohlstand  und  das  geistige  Leben
blühten  fröhlich  auf,  Heer  und  Haushalt  standen  wieder  in  guter  Ord—
nung;  die  Charte  blieb  unangetastet,  die  konstitutionellen  Ideen  schienen
schon  so  fest  mit  dem  Volke  verwachsen,  daß  Niebuhr  noch  im  Sommer
1829  sagen  konnte,  bei  dem  gegenwärtigen  Zustande  der  Dinge  sei  an
keine  Revolution  mehr  zu  denken.  Vor  kurzem  noch  hatte  das  Land  drei
Jahre  lang  die  polizeiliche  Aufsicht  der  europäischen  Okkupationstruppen
ertragen  müssen,  noch  auf  dem  Aachener  Kongresse  wurde  sein  Minister
von  den  vier  Mächten  wie  ein  Schulknabe  zum  Wohlverhalten  ermahnt.
Jetzt  behauptete  der  Tuilerienhof  wieder  eine  würdige,  seiner  Macht  ent—
sprechende  Stellung  in  der  Staatengesellschaft,  um  seine  Freundschaft  bemühten
  sich  alle  Großmächte,  unter  seiner  Mitwirkung  wurde  die  Schlacht
von  Navarin  geschlagen  und  schließlich,  durch  den  Zug  nach  Morea,  die
Unabhängigkeit  Griechenlands  gesichert.  Der  Verfassung  treu  und  dem
königlichen  Hause  ritterlich  ergeben,  durfte  Graf  Martignac  wohl  auf
den  Beistand  aller  gemäßigten  Parteien  zählen,  als  er  der  Charte  durch
eine  freiere  Gemeindeverfassung  einen  festen  Unterbau  zu  schaffen  unternahm;
  denn  jedermann  wußte,  daß  König  Karl  schon  dies  Ministerium
nur  ungern  ertrug  und  nimmermehr  den  Liberalen  noch  weiter  entgegenkommen
  würde.

Trotzdem  wurde  das  Kabinett  bei  den  Verhandlungen  über  die  Gemeinderatswahlen
  von  seinen  natürlichen  Freunden  verlassen  und  zum
Rücktritt  genötigt.  Der  letzte  ehrliche  Versuch,  das  konstitutionelle  Frankreich
  mit  dem  alten  Herrscherhause  zu  versöhnen,  war  gescheitert.  Der
Eigensinn  der  Parteien  trug  den  Sieg  davon  über  die  Gebote  der  Pflicht
und  der  Klugheit.  Auch  die  Ränkesucht  spielte  mit,  jene  alte  französische
Sünde,  die,  in  den  höfischen  Kabalen  des  alten  Jahrhunderts  zur  Meisterschaft
  ausgebildet,  längst  schon  in  die  parlamentarischen  Sitten  der  neuen
Zeit  eingedrungen  war:  Graf  Molé  und  der  Vertraute  des  Herzogs  von
Orleans,  General  Sebastiani  schürten  den  Widerstand  gegen  Martignac,
weil  sie  selber  seine  Erbschaft  anzutreten  hofften.“)  König  Karl  meinte
befriedigt:  „ich  sagte  es  ja,  mit  diesen  Leuten  ist  nichts  anzufangen,“  und
betraute  seinen  Günstling,  den  Fürsten  Polignac,  mit  der  Bildung  des
neuen  Kabinetts.

 

*)  Werthers  Bericht,  5.  Juni  1828.
**)  Werthers  Bericht,  6.  Dezember  1828.
        <pb n="17" />
        Letzte  Zeiten  der  Restauration.  9

Von  Stund  an  änderte  sich  die  Lage.  Der  König  war  in  den
ersten  Jahren  seiner  Regierung  nicht  unbeliebt  gewesen;  jetzt  sah  er  sich
von  allen  Seiten  her  mit  Schmähungen  und  Verwünschungen  überhäuft.
Der  Schatten  der  Emigration  stellte  sich  trennend  zwischen  Thron  und
Volk.  Man  entsann  sich  wieder,  daß  dieser  König  und  die  Polignacs
einst,  gleich  nach  dem  Bastillesturme,  zuerst  das  böse  Beispiel  der  Auswanderung
  gegeben,  daß  sie  jahrelang  gegen  ihr  Vaterland  gekämpft,
daß  die  Sendboten  des  Pavillons  Marsan  noch  lange  nach  der  Restauration
  die  fremden  Mächte  beständig  zur  Einmischung  in  Frankreichs
innere  Händel  aufgestachelt  hatten.  Eine  furchtbare  Vergeltung  sollte  die
beiden  ersten  Emigranten  noch  einmal  für  den  alten  Frevel  des  Landesverrats
  züchtigen.  Vergeblich  verwahrte  sich  Polignac  in  der  Kammer
dawider,  daß  man  zwei  feindliche  Völker  in  der  einen  Nation  schaffen,
das  neue  Frankreich  von  dem  alten  trennen  wolle.  Diese  Trennung  bestand
  schon  längst.  Die  Kluft  zwischen  der  alten  und  der  neuen  Zeit
tat  sich  sofort  wieder  gähnend  auf,  als  dieser  Mann  ans  Ruder  trat,
der  beschränkte,  ehrliche,  bigotte  Ultra,  der  einst  seine  Verschwörungen
gegen  Bonaparte  mit  langer  Haft  gebüßt  und  in  der  Einsamkeit  des
Kerkers  seine  hart  reaktionäre  Gesinnung  bis  zum  religiösen  Fanatismus
gesteigert  hatte.  Die  Blätter  der  Opposition  übertrieben  stark,  als  sie
nach  der  Juli-Revolution  höhnisch  bekannten,  Frankreich  habe  fünfzehn
Jahre  lang  Komödie  gespielt;  wahr  blieb  doch,  daß  die  belebende  Kraft
der  Monarchie,  die  Gesinnung  angestammter  Treue,  trotz  aller  Huldigungen
für  „die  unbestrittene  Familie“,  der  ungeheueren  Mehrzahl  der  Franzosen
verloren  gegangen  war.  Über  den  Wohhltaten  der  Restauration  vergaß
  dies  Volk  doch  nicht,  daß  sein  Königshaus  die  entscheidenden  Tage
der  nationalen  Geschichte  im  Auslande,  im  Lager  der  Feinde  verlebt
hatte.  Den  Bourbonen  fehlte  alles,  was  das  Wesen  der  wirklichen  Legitimität
  ausmacht:  sie  konnten  sich  weder  auf  eine  große,  dem  ganzen
Volke  heilige  Vergangenheit  stützen,  noch  mit  Gelassenheit  in  die  Zukunft
blicken.  Zudem  war  jetzt,  da  das  Land  sich  neu  gekräftigt  fühlte  und
die  Wirren  im  Orient  die  Aussicht  auf  eine  europäische  Verwicklung  zu
eröffnen  schienen,  die  übermütige  keltische  Kriegslust  wieder  erwacht.
Vernichtung  der  Verträge  von  1815  —  so  lautete  der  Ruf  des  Tages,
und  die  Schuld  dieser  Verträge  schrieb  die  von  allen  Parteien  umschmeichelte
  und  verwöhnte  Nation  nicht  sich  selber  und  ihrer  eigenen
Verblendung  zu,  sondern  den  Bourbonen,  den  Schützlingen  des  Auslands.

Angesichts  der  allgemeinen  Erbitterung  war  das  Ministerium  Polignac
  von  Haus  aus  unhaltbar.  In  diesem  Lande  der  Volkssouveränität
konnte  sich  keine  Regierung  mehr  gegen  den  bestimmten  Willen  der  Nation
auf  die  Dauer  behaupten;  selbst  Napoleon  blieb  nur  so  lange  am  Ruder
als  er  glücklich  war,  als  seine  Siege  die  Eitelkeit  des  Volks  befriedigten.
Der  berechtigte  Haß  gegen  das  Kabinett  ward  aber  noch  verschärft  durch
        <pb n="18" />
        10  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

die  Macht  der  Doktrin.  Die  Selbstgefälligkeit  des  neuen  Jahrhunderts
rühmte  sich  gern,  in  diesen  hellen  Tagen  sei  die  Parteibildung  grund—
sätzlich  geworden  und  darum  klarer,  bewußter  denn  je  zuvor;  und  doch
blieb  der  Parteikampf  jetzt  wie  zu  allen  Zeiten  ein  Kampf  um  die  Macht,
die  moderne  Sitte  der  Aufstellung  theoretischer  Programme  erhöhte  nur
den  Dünkel,  die  Unversöhnlichkeit  der  Fraktionen.  Und  selten  hat  eine
hohle  Doktrin  so  verderblich  gewirkt  wie  jetzt  in  Frankreich  die  neue
Lehre  von  dem  allein  wahren  konstitutionellen  Staate.

In  den  Anfängen  der  Restauration  hatten  nur  vereinzelte  Stimmen,
zumeist  aus  dem  Lager  der  Ultras,  dem  Könige  die  verfassungsmäßige
freie  Ernennung  der  Minister  zu  bestreiten  gewagt.“)  Damals  erklärte
Royer-Collard,  der  verehrte  Führer  der  Doktrinäre:  das  Königtum
hört  auf  an  dem  Tage,  wo  die  Kammer  ihm  die  Minister  aufdrängt.
Aber  bald  wendeten  die  Liberalen  ihre  Blicke  nach  England  und  bildeten
sich  die  Meinung,  die  Parlamentsherrschaft  der  englischen  Aristokratie
müsse  in  das  demokratisierte  Frankreich  übertragen  werden.  Thiers,  der
klügste  Kopf  unter  den  Urhebern  der  Juli-Revolution  faßte  die  neue  Lehre
zusammen  in  dem  Schlagworte:  der  König  herrscht  nur,  aber  er  regiert
nicht.  Nach  dem  Siege  gestand  er  unumwunden:  in  dem  Augenblicke,
da  das  Ministerium  Polignac  gebildet  wurde,  erhob  sich  „die  große  Frage
des  Repräsentativsystems,  die  Frage,  worin  sein  ganzes  Wesen  enthalten
ist,  die  Frage,  die  über  sein  Dasein  oder  Nichtsein  entscheidet;  es  war
die  Frage:  ist  der  König  von  der  Mehrheit  der  Kammer  unabhängig
oder  nicht?  kann  er  die  Minister  außerhalb  dieser  Mehrheit  wählen?“
Und  noch  deutlicher  fuhr  er  fort:  „Was  wollten  wir  vor  dem  Juli?
Die  konstitutionelle  Monarchie  mit  einem  Herrscherhause,  das  ihre  Bedingungen
  anerkennen  und  deshalb  uns  den  Thron  verdanken  soll.“

Damit  war  der  zweite  doktrinäre  Glaubenssatz  der  Zeit  ausgesprochen.
  Die  Verehrung  für  das  tote  Datum  liegt  in  dem  schablonenhaften
  Charakter  der  neufranzösischen  Bildung  tief  begründet.  Wie  die
Liberalen  längst  glaubten,  in  dem  wunderbaren  Jahre  1789  sei  ihre  neue
Freiheit  urplötzlich  geboren  worden,  und  mitleidig  auf  jede  andere  Nation
herabsahen,  wenn  sie  nicht  auch  ein  89  in  ihren  Annalen  aufweisen  konnte,
so  berauschten  sie  sich  nunmehr  an  der  neuen  Heilswahrheit:  Englands
Freiheit  sei  erst  durch  die  zweite  Revolution  von  1688  gesichert  worden,
folglich  müsse  auch  Frankreich  das  Zeitalter  seiner  Revolution  durch  ein
anderes  88  abschließen.  Die  Vergleichung  hinkte  auf  beiden  Füßen,  denn
wo  war  in  Frankreich  ein  Schreckensregiment,  das  den  Untaten  des  Blutrichters
  Jeffreys  glich?  wo  ein  mächtiger  parlamentarischer  Adel,  der
das  Erbe  des  vertriebenen  Königshauses  antreten  konnte?  Dem  oberflächlichen
  Doktrinarismus  der  Zeit  genügten  indes  einige  äußerliche  Ahn- 



—.

*)  S.  o.  II.  120.
        <pb n="19" />
        Der  Kampf  um  die  Parlamentsherrschaft.  11

lichkeiten,  die  allerdings  in  die  Sinne  fielen:  in  England  wie  in  Frank—
reich  war  auf  die  Zeit  der  Bürgerkriege  die  Herrschaft  eines  genialen
Tyrannen  und  dann,  gegen  den  Willen  des  ruhmreichen  Heeres,  die
Herstellung  des  rechtmäßigen  Königshauses  gefolgt;  hier  wie  dort  ward
der  alten,  dem  Erlöschen  nahen  Dynastie  unerwartet  noch  ein  Erbe  ge—
boren,  hier  wie  dort  stand  ein  unzufriedener  Prinz  lauernd  neben  dem
Throne.  Warum  sollte  nicht  auch  Frankreich  sich  die  Freuden  einer
zweiten  Revolution  gönnen?  sie  hatte  ja,  wie  Thiers  gemütlich  bemerkte,
„nichts  zu  zerstören  außer  der  Dynastie“!

Die  Erbitterten  wollten  nicht  sehen,  daß  allein  in  dem  unbestreit—
baren  Erbrechte  des  königlichen  Hauses  der  Ehrgeiz  der  Parteien  seine
letzte  Schranke,  die  gesetzliche  Freiheit  ihre  letzte  Bürgschaft  finden  konnte.
Für  das  leichtsinnige  junge  Geschlecht,  das  in  den  Schulen  der  neuen
Universität  herangewachsen  war,  hatte  das  Zeitalter  der  Revolution  keine
Schrecken  mehr.  Wie  verführerisch  erschienen  die  Greuel  jener  Tage
in  Thiers'  gefeiertem  Geschichtswerke;  selbst  in  Mignets  ruhiger  ge—
haltenem  Buche  über  die  Geschichte  der  Revolution,  einem  Meisterwerke
gedrängter,  klarer,  lebendiger  Erzählung,  schwieg  die  Stimme  des  Ge—
wissens  gänzlich;  beide  redeten,  als  ob  eine  rätselhafte  Schicksalsmacht  die
ewigen  sittlichen  Gesetze  des  Völkerlebens  fünfundzwanzig  Jahre  hindurch
für  die  Franzosen  außer  Kraft  gesetzt  hätte.  So  verloren  sich  die  liberalen
Parteien  in  die  Traumwelt  einer  Doktrin,  die  für  unwiderleglich  galt,  obgleich
  sie  von  Widersprüchen  strotzte,  die  sich  monarchisch  nannte,  obgleich
sie  auf  dem  republikanischen  Gedanken  der  Volkssouveränität  ruhte.  Man
wähnte  die  Charte  zu  verteidigen  und  bestritt  der  Krone  ein  Recht,  das
ihr  die  Charte  unzweifelhaft  gewährte;  man  sprach  von  der  Unverantwort—
lichkeit  des  Monarchen,  von  der  Regierung  seiner  allein  verantwortlichen
Räte  und  behielt  dem  Volke  doch  die  Befugnis  vor,  den  König  zu  ent—
thronen,  falls  er  dem  Willen  der  Kammern  sich  nicht  beugte.

Dieser  Doktrin  der  rechtmäßigen  Revolution  trat  aber,  ebenso  leicht—
fertig  und  ebenso  dünkelhaft,  die  Doktrin  der  rechtmäßigen  Staatsstreiche
gegenüber.  Auch  König  Karl  steifte  sich  auf  sein  natürliches  Recht:  er  wolle,
so  vermaß  er  sich,  lieber  Holz  schlagen,  als  seine  Krone  ebenso  tief  wie
die  englische  erniedrigen  lassen.  Für  den  ärgsten  Fall  hielt  sein  Polignac
eine  Rechtslehre  bereit,  die  ersichtlich  der  jakobitischen  Königskunst  des
Hauses  Stuart  nachgebildet  war:  da  die  Charte  ein  freies  Geschenk  der
königlichen  Gnade  sei,  so  dürfte  der  Monarch  jederzeit  seine  ursprüngliche
Vollgewalt  wieder  an  sich  nehmen  und  einzelne  Sätze  der  Verfassung
beseitigen,  um  nachher  wieder  in  den  Weg  des  Gesetzes  einzulenken;  die
Charte  bestimmte  ja  selbst  im  Art.  14,  daß  der  König  die  zur  Sicher—
heit  des  Staates  erforderlichen  Verordnungen  erlassen  solle;  und  schon
einmal,  im  Jahre  1816,  war  das  Wahlgesetz,  zur  Befriedigung  des  Lan—
des,  durch  eine  königliche  Ordonnanz  einseitig  abgeändert  worden.  Sicher
        <pb n="20" />
        12  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

wie  ein  Nachtwandler  schritt  Polignac  seines  Weges.  Bernstorff  und
selbst  Metternich  bezweifelten  längst,  ob  er  die  Überlegenheit  des  Charakters
  und  des  Talentes  besitze,  um  den  ungleichen  Kampf  zu  bestehen;  er
aber  meinte  wirklich,  nur  eine  Handvoll  Schreier  gegen  sich  zu  haben  und
beteuerte  den  fremden  Gesandten:  einer  Mehrheit  in  der  Kammer  bedarf
ich  nicht,  der  Wille  des  Königs  vermag  in  Frankreich  alles.')  So  stand
Prinzip  gegen  Prinzip.  Der  versöhnliche  Sinn,  der  die  schwerfälligen
konstitutionellen  Formen  allein  zu  beleben  vermag,  fehlte  hüben  wie
drüben;  beide  Teile  verfuhren  nach  französischem  Herkommen  ohne  Offenheit
  und  verbargen  ihre  letzten  Absichten.

Monatelang  konnten  die  Minister  unter  Polignacs  unfähiger  Leitung
zu  keinem  Entschlusse  gelangen,  sie  besorgten  gemächlich  ihre  Verwaltungsgeschäfte
  und  wagten  schlechterdings  keinen  tadelnswerten  Schritt.  Trotzdem
  verschworen  sich  die  Blätter  der  Opposition,  diesem  Kabinett  das  Regieren
  unmöglich  zu  machen,  und  schwelgten  in  wütenden  Beschimpfungen,
die  von  der  amtlichen  Zeitung  eben  so  heftig  erwidert  wurden.  Der  Streit
ward  täglich  giftiger,  eben  weil  die  Regierung  noch  nichts  verschuldet  hatte.
Bereits  spürte  man  überall  den  Einfluß  der  Gesellschaft  Aide-toi,  die,
aus  Republikanern  und  Doktrinären  gemischt,  seit  drei  Jahren  schon  den
Sturz  der  Bourbonen  vorbereitete.  In  den  Provinzen  bildeten  sich  Vereine,
  um  zur  Steuerverweigerung  aufzufordern  für  den  möglichen  Fall,
daß  der  König  die  Charte  verletzen  sollte.  Seit  Neujahr  1830  gab  dann
Thiers  mit  einigen  anderen  jungen  Talenten  die  Zeitung  Le  National
heraus  und  entfaltete  hier  ungescheut  das  Banner  der  Trikolore.  Eine
Zeitlang  hoffte  Fürst  Polignac,  durch  Erfolge  der  auswärtigen  Politik
die  Aufmerksamkeit  von  den  inneren  Händeln  abzulenken.  Kaum  ins  Amt
eingetreten,  legte  er  dem  Könige  einen  großen  Entwurf  für  die  Neugestaltung
  Europas  vor:  darnach  sollte  die  Türkei  geteilt,  der  König  der  Niederlande
  in  Konstantinopel,  der  König  von  Sachsen  in  Aachen  untergebracht,
  Preußen  durch  Sachsen  und  Holland  vergrößert  werden,  Frankreich
endlich  ohne  Schwertstreich  in  den  Besitz  von  Belgien  gelangen.  Aber  der
Friede  von  Adrianopel  zerstörte  die  phantastischen  Pläne,  noch  bevor  sie
den  großen  Mächten  mitgeteilt  waren.  Nachher  erhob  sich  ein  Streit
mit  dem  Dei  von  Algier;  ein  freundliches  Geschick  beschied  den  Bourbonen,
  noch  wenige  Tage  vor  ihrem  Sturze  durch  einen  kühnen  und  geschickten
  Angriff  dem  neuen  Frankreich  seine  wichtigste  Kolonie  zu  erobern.
  Doch  selbst  dieser  schöne  Erfolg  brachte  die  Nation  nicht  ab  von
dem  einen  Gedanken,  der  sich  ihres  Geistes  bemächtigt  hatte.

Als  der  König  am  2.  März  die  Tagung  der  Kammern  eröffnete,  erklärte
  er  in  der  Thronrede  feierlich:  er  werde  die  geheiligten  Rechte  seiner

 

*)  Bernstorff  an  Maltzahn,  1.  Februar,  1830.  Berichte  von  Maltzahn,  26.  Januar
1830,  von  Werther  12.  August  1829  ff.
        <pb n="21" />
        Die  Juliordonnanzen.  13

Krone  ungeschmälert  seinen  Nachfolgern  vermachen  und  strafbare  Umtriebe
zu  unterdrücken  wissen.  Er  sagte  nichts,  was  ihm  nicht  zustand,  jedoch  den
erregten  Hörern  klangen  seine  Worte  wie  eine  Drohung.  Die  Kammer
antwortete  durch  eine  unehrerbietige  Adresse;  sie  beschwerte  sich  über  das
Mißtrauen  des  Monarchen  und  stellte  den  Grundsatz  auf:  die  fortwäh—
rende  Übereinstimmung  der  Ansichten  der  Regierung  mit  den  Wünschen
des  Volks  ist  die  unerläßliche  Bedingung  des  regelmäßigen  Ganges  der
öffentlichen  Angelegenheiten.  Derselbe  Royer-Collard,  der  vormals  das
parlamentarische  Regierungssystem  als  den  Tod  der  Monarchie  bezeichnet
hatte,  verlas  jetzt  vor  König  Karl  die  Adresse,  welche  dies  System  für
allein  zulässig  erklärte.  Sofort  befahl  der  König  die  Vertagung  der  Kammern.
  Welch  ein  wüster,  unaufrichtiger,  gegenstandsloser  Zank  brodelte
wieder  einmal  aus  dem  Hexenkessel  der  keltischen  Leidenschaft  empor!  Die
Kammer  verlangte  von  der  Krone  die  Entlassung  eines  Kabinetts,  das  noch
nichts  getan,  und  der  König  trieb  die  Volksvertreter  auseinander,  bevor
sie  noch  irgendeinen  Vorschlag  der  Regierung  verworfen  hatten!  Eben
in  diesen  Tagen  banger  Spannung  schritt  Viktor  Hugos  Hernani  zum
ersten  Male  über  die  Bretter,  die  formlose  Ausgeburt  einer  überhitzten
Phantasie;  der  jubelnde  Beifall  der  Zuschauer  bekundete,  daß  die  Nation
ihrer  klassischen  Ideale  müde  und  auch  eine  literarische  Revolution  im
Anzug  war.  Im  Mai  erfolgte  die  Auflösung  der  Kammer.  Aus  einem
heftigen  Wahlkampfe  ging  die  bisherige  Mehrheit,  erheblich  verstärkt,  als
Siegerin  hervor,  was  außer  dem  Könige  und  seinen  Vertrauten  jedermann
  vorausgesehen  hatte.  Der  Minister  aber  ließ  sich  nicht  beirren,
fester  denn  je  war  er  von  seinem  Rechte  überzeugt.  Er  sagte:  der  König
würde,  wie  sein  Bruder,  das  Schafott  besteigen,  wenn  er  uns  entließe!  —
und  betrieb  nun  erst  ernstlich  den  Plan  eines  Staatsstreichs.)

Von  den  fremden  Gesandten  hielt  nur  noch  der  Nuntius  Lambruschini
bei  dem  Freunde  aus.  Selbst  Graf  Apponyi,  der  bisher  der  apostolischen
Partei  sehr  nahe  gestanden,  zog  sich,  als  die  Entscheidung  nahte,  behutsam
zurück,  wie  vorher  schon  Lord  Stewart;  Werther  dagegen  und  Pozzo  di  Borgo
hatten  sich  von  vornherein  zu  diesem  Kabinett  kein  Herz  fassen  wollen.  Die
großen  Mächte  verdammten  alle  die  Haltung  der  Kammern,  aber  alle
warnten  auch  vor  der  vermessenen  Torheit  eines  Verfassungsbruchs.)
Es  war  vergeblich.  Am  25.  Juli  unterzeichnete  der  König  die  verhängnisvollen
  Ordonnanzen,  die  auf  Grund  des  vieldeutigen  Art.  14  der
Charte  das  Wahlgesetz  abänderten,  die  Preßfreiheit  suspendierten,  die  neugewählte
  Kammer  auflösten.  Die  Krone  setzte  sich  selber  ins  Unrecht,
gab  ihren  Feinden  den  erwünschten  Vorwand  als  unschuldige  Verteidiger
der  Verfassung  aufzutreten.  Am  übernächsten  Tage  brach  der  Aufruhr

 

*)  Werthers  Bericht,  27.  Juni  1830.
**)  Bernstorff  an  Werther  14.  Mai,  Werthers  Berichte  22.  Mai,  10.  Juni  1830.
        <pb n="22" />
        14  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

in  der  Hauptstadt  los.  Während  die  Besitzenden,  nach  der  unverbrüch—
lichen  Gewohnheit  der  Pariser  Bourgeoisie,  sich  in  ihren  Häusern  ver—
steckten,  eilten  die  napoleonischen  Veteranen  und  die  republikanische  Jugend
aus  den  Schulen,  den  Fabriken,  den  Werkstätten  —  allesamt  geschwo—
rene  Feinde  der  Dynastie  —  freudig  auf  die  Barrikaden.  Dies  alte
Kampfmittel  aus  den  Straßenschlachten  der  Hugenotten  und  der  Fronde
war  vor  drei  Jahren  wieder  in  Gebrauch  gelangt  und  wurde  wie  alle  die
anderen  Wunder  neufranzösischer  Freiheit  von  den  Nachbarvölkern  ge—
lehrig  aufgenommen,  so  daß  in  den  nächsten  zwei  Jahrzehnten  fast  jede
Hauptstadt  des  Festlandes  sich  einmal  mindestens  den  Genuß  eines  Barri—
kadenkampfes  vergönnte.

Am  ersten  Tage  des  Aufstandes  erklang  noch  der  Ruf:  Es  lebe  die
Charte;  am  zweiten  hieß  es  schon:  nieder  mit  den  Bourbonen,  es  lebe
die  Freiheit,  die  Republik  —  oder  auch  Napoleon  II.;  dreifarbige  Fahnen
wehten  überall,  und  zugleich  begann  der  dem  französischen  Gemüte  so
wohltuende  Kampf  gegen  Stein  und  Erz,  die  königlichen  Lilien  wurden,
wo  sie  sich  nur  zeigten,  herausgehauen,  abgerissen,  besudelt,  verbrannt.
Nach  drei  Tagen  gaben  die  schlecht  geführten  und  nicht  ganz  zuverlässigen
Truppen  das  Spiel  verloren.  Ein  maßloses  Selbstgefühl  schwellte  den
Siegern  die  Herzen.  Wie  überschwenglich  war,  alle  diese  Jahre  hindurch,
die  Heldentat  der  Bastillestürmer  gepriesen  worden,  die  feige  Nieder—
metzelung  einer  Handvoll  Invaliden  durch  eine  Pöbelmasse.  Diesmal  hatte
das  Pariser  Volk  wirklich  einen  schweren  Kampf  siegreich  durchgefochten,
mit  Mut  und  Ausdauer,  und  nicht  ohne  ritterliche  Hochherzigkeit;  denn
die  Ausbrüche  grausamer  Wut,  an  denen  sich  besonders  die  Verwilderung
der  Gassenjugend  offenbarte,  blieben  doch  vereinzelt.  Nun  war  dies  Frank—
reich  wieder  das  gelobte  Land  der  Freiheit,  berechtigt,  durch  die  Propaganda
seiner  Revolution  die  dankbaren  Völker  zu  beherrschen  und  zu  beglücken.
Irgendeinen  bestimmten  Plan  für  die  Zukunft  hegten  die  Sieger  der
Julischlacht  freilich  ebensowenig  wie  der  greise  Lafayette,  der,  zum  Be—
fehlshaber  der  wiederhergestellten  Nationalgarde  erhoben,  sich  wieder  selbstgefällig
  auf  den  Wellen  der  Volksgunst  wiegte  und  wieder  lediglich  die
hohlen  Kraftworte  seiner  alten  Menschenrechte  zu  wiederholen  wußte.  Nur
der  Haß  gegen  die  Bourbonen,  nur  eine  unklare  revolutionäre  Leidenschaft
  hatte  diese  jungen  Radikalen  auf  die  Barrikaden  geführt.

Sofort  nach  der  Entscheidung  traten  aber  die  Führer  der  parlamentarischen
  Opposition  aus  ihren  Schlupfwinkeln  hervor;  die  aufgelöste  Kammer
  versammelte  sich  eigenmächtig,  um  den  Straßenkämpfern  die  Frucht
ihres  Sieges  zu  entwinden.  Der  König  verweilte  unterdessen  auf  den
Schlössern  in  der  Umgegend  der  Hauptstadt;  völlig  entmutigt  nahm  er
nunmehr  (30.  Juli)  die  Ordonnanzen  zurück  und  versuchte  ein  gemäßigtes
Kabinett  zu  bilden.  Wenn  unter  den  monarchischen  Parteien  noch  einige
Treue  und  Entschlossenheit  lebte,  so  konnte  nach  diesem  Eingeständnis  des
        <pb n="23" />
        Die  große  Woche  der  Pariser.  15

begangenen  Unrechts  die  legitime  und  konstitutionelle  Ordnung  auf  lange
hinaus  gesichert  werden.  Aber  Treue  fand  sich  nirgends,  klarer  Entschluß
nur  bei  den  Männern,  welche  die  Revolution  von  1688  zu  wiederholen
gedachten.  Das  vergossene  Blut  schrie  um  Sühne,  der  wilden  Rachgier
schien  die  Regierung  dieses  Königs  fortan  unmöglich.  Da  wagten  Thiers,
Mignet  und  ihre  Freunde  zuerst,  in  Flugblättern  die  Krone  für  den  Herzog
Ludwig  Philipp  von  Orleans  zu  verlangen.  Hinter  ihnen  stand  ein  Un—
heil  verkündender  Name,  der  alte,  von  den  Bourbonen  undankbar  zurück—
gesetzte  Talleyrand;  mit  seiner  untrüglichen  Spürkraft  ahnte  er  schon  den
Umschlag  des  Wetters  und  stand  unbedenklich  bereit,  seine  Segel  wieder
von  günstigem  Fahrwinde  schwellen  zu  lassen.

Herzog  Ludwig  Philipp  hatte  sich,  solange  die  Wage  noch  schwankte,
im  Parke  von  Neuilly  verborgen  gehalten  und  nur  durch  seine  Schwester
Madame  Adelaide,  den  einzigen  Mann  der  Familie  Orleans,  mit  den
Sendboten  seiner  Anhänger  unterhandeln  lassen.  Schwankend  zwischen
Angst  und  Begehrlichkeit  ließ  er  sich  endlich  bereden,  in  die  Stadt  zu  kommen.
  Dort  übernahm  er  das  Reichsverweseramt,  das  ihm  die  Kammern
antrugen,  und  erschien  mit  der  dreifarbigen  Fahne  in  der  Hand  auf  der
alten  Heimstätte  der  Pariser  Aufstände,  auf  dem  Altane  des  Rathauses,
wo  er  den  General  Lafayette  vor  allem  Volk  umarmte.  Nachher  gab  der
Held  zweier  Welten  dem  neuen  Gewalthaber  seinen  Segen  mit  dem  großen
Worte:  nunmehr  ist  der  Thron  von  republikanischen  Einrichtungen  um—
geben.  Dem  Könige  gingen  nun  endlich  die  Augen  auf;  er  ernannte  den
Herzog  von  Orleans  auch  seinerseits  zum  Generalstatthalter  des  König—
reichs.  Schon  Tags  darauf,  am  2.  August,  verzichtete  er  für  sich  und
den  Dauphin  auf  die  Krone;  zugleich  befahl  er  dem  Generalstatthalter,
die  Thronbesteigung  seines  Enkels  Heinrich  V.  zu  verkündigen  und  die
erforderlichen  Anordnungen  für  die  Zeit  der  Minderjährigkeit  des  jungen
Königs  zu  treffen.  Ludwig  Philipp  aber  unterschlug  diesen  Befehl;  er
teilte  der  Kammer  nur  die  Abdankung  des  Königs  und  des  Dauphins
mit.  Von  Heinrich  V.  sagte  er  kein  Wort;  die  harmlosen  Leute  sollten
glauben,  daß  die  Bourbonen  ihr  Thronrecht  aufgegeben  hätten.

So  erschlich  er  sich  die  Krone  durch  schlechte  Künste  und  verriet  seine
Vettern,  minder  ruchlos  vielleicht,  aber  ganz  ebenso  unritterlich  wie  einst
sein  Vater  den  sechzehnten  Ludwig  verraten  hatte.  Furcht  und  Ehrgeiz,
die  beiden  beherrschenden  Kräfte  seines  Charakters,  wirkten  diesmal  zusammen;
  denn  übernahm  er  nach  seiner  Fürstenpflicht  die  Statthalterschaft
  für  den  jungen  König  Heinrich  V.,  so  konnte  der  Haß,  der  auf  dem
Namen  der  Bourbonen  lastete,  leicht  auch  ihn  selber  und  das  Haus
Orleans  vernichten.

Mit  reißender  Schnelligkeit  eilte  nun  das  Ränkespiel  dem  Schlusse
zu;  schon  am  7.  August  wurde  das  Bürgerkönigtum  Ludwig  Philipps
förmlich  eingesetzt.  Währenddem  führte  der  entthronte  König  selber  den
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        16  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Leichenzug  der  alten  Monarchie  feierlich  zum  Lande  hinaus;  langsam,  in
kurzen  Tagereisen  zog  er,  umgeben  von  dem  königlichen  Hause  und  einer
Schar  getreuer  Truppen,  nach  Cherbourg,  um  dann  in  England  eine
Zuflucht  zu  suchen.  Unbekümmert  um  ihre  Eide  traten  Heer  und  Be—
amtentum  sofort  in  das  Lager  der  Sieger  über.  Nur  in  der  Vendee
flammte  die  alte  legitimistische  Kampflust  noch  einmal  auf.  Die  anderen
Provinzen  fügten  sich  ohne  Widerstand;  sie  waren  längst  an  die  Diktatur
der  Hauptstadt  gewöhnt,  und  sie  fühlten,  daß  die  Revolution  in  Wahr—
heit  lediglich  die  Spitze  des  Staates  umgestaltet  hatte.  Sein  Wesen,  das
napoleonische  Präfektursystem,  blieb  unverändert;  nur  die  Kurbel  der  un—
geheuren  Verwaltungsmaschine  wurde  jetzt  von  anderen  Händen  bewegt:
von  den  Händen  der  wohlhabenden  Mittelklasse,  die  ihr  Übergewicht  in
der  Kammer  gewandt  ausbeutete,  um  eine  bürgerliche  Klassenherrschaft  zu
begründen,  wie  sie  so  unbeschränkt  noch  in  keinem  Großstaate  der  Geschichte
bestanden  hatte.  Die  goldenen  Tage  der  Bourgeoisie  brachen  an.  Die
Demokratisierung  der  Gesellschaft  brachte  den  Franzosen  nicht,  wie  ihre
Doktrinäre  so  oft  geweissagt,  die  Herrschaft  des  Talents,  sondern  die  Herrschaft
  des  Geldbeutels.  Die  Charte  wurde  sofort  zum  Vorteil  der  neuen
herrschenden  Klasse  umgestaltet,  obgleich  die  Liberalen  doch  behaupteten,
für  die  Aufrechterhaltung  der  Charte  gefochten  zu  haben.  Mit  der  legitimen
Krone  fiel  auch  die  adlige  Pairskammer  hinweg;  jedes  politische  Recht
ward  an  einen  hohen  Zensus  geknüpft  und  damit  jeder  Unzufriedene  gezwungen,
  seinen  Widerspruch  zuletzt  gegen  das  Eigentum  selber  zu  richten.
Dank  dem  Wahlgzesetze,  dank  der  Dreistigkeit  amtlicher  Wahlbestechung
und  Wahlbeherrschung  gelangten  fortan  fast  nur  noch  die  Mitglieder  der
herrschenden  Klasse  in  die  Kammer;  das  parlamentarische  Leben  verflachte
sich,  die  Beredsamkeit  ward  matter;  der  Parteikampf  verlor  Sinn  und
Inhalt,  er  bewegte  sich  nur  noch  um  die  Frage,  welchen  der  ehrgeizigen
Fraktionsführer  die  Ministersessel  zufallen  sollten.  Ebenso  hart  und  hochmütig
  wie  einst  der  alte  Ritteradel  schaute  dies  pays  Egal  des  neuen  Geldadels
  auf  die  breiten  Massen  des  Volkes  hernieder  und  schmähte  sie  als
die  gefährlichen  Klassen.

Der  vierte  Stand  aber  hatte  schon  einmal,  in  den  Tagen  des  Konvents,
  Frankreich  beherrscht  und  jetzt  wieder  durch  seinen  Barrikadenkampf
das  alte  Königtum  gestürzt;  er  hegte  ein  frühreifes  Selbstgefühl  und
unauslöschlichen  Groll  gegen  die  escamoteurs  de  juillet,  gegen  die  Reichen,
die  ihm  das  Heft  aus  der  Hand  gewunden  hatten.  Bedrückt  und  verwahrlost
  konnte  er  nichts  hoffen  von  einer  Klassenherrschaft,  die  das  Elend
der  kleinen  Leute  nicht  einmal  bemerken  wollte,  und  erwartete  sein  Heil
von  den  hochtönenden  Verheißungen  der  neuen  sozialistischen  und  kommunistischen
  Lehren.  Blutige  Arbeiteraufstände  in  Paris  und  Lyon  bekundeten
  bald,  welche  Fülle  des  Jammers  und  des  Hasses  in  diesen
Niederungen  der  Gesellschaft  angesammelt  lag.
        <pb n="25" />
        Das  Bürgerkönigtum.  17

Die  Regierung  der  Bourgeoisie  war  wie  jede  Geldherrschaft  friedfertig,
und  sie  entstammte  doch  einer  Revolution,  deren  treibende  Kraft  in  dem
streitbaren  Radikalismus  lag.  Erst  unter  diesem  friedlichen  Bürgerkönig—
tum  hat  der  kriegerische  Ubermut  der  Franzosen  seine  höchste  Ausbildung
und  auch,  nach  einem  glücklichen  Lustspiel  Scribes,  den  neuen  Namen  des
Chauvinismus  empfangen.  Alle  Völker  der  Welt  brachten  dem  Heldenvolke
  der  großen  Woche  wetteifernd  ihre  Huldigungen  dar;  so  einstimmig
war  selbst  der  Bastillesturm  nie  gepriesen  worden.  Wie  hätten  diese
Weihrauchswolken  den  Franzosen  nicht  das  Hirn  betören  sollen?  Die
große  Mehrheit  der  Nation  glaubte  im  Ernst,  daß  ihr  als  dem  auserwählten
  Volke  nicht  bloß  das  Recht  des  Aufstands,  sondern  auch  das
Recht  des  Krieges  ohne  jede  Beschränkung  zustehe;  denn  rings  an  ihren
Grenzen  wohnten  Sklaven,  die  von  ihr  die  Befreiung  erhofften;  Frankreichs
  Eroberungszüge  galten  immer  nur  dem  Siege  der  Idee,  sie  ließen,
wie  der  Nil  den  befruchtenden  Schlamm,  überall  den  Segen  der  Gesittung
und  der  Freiheit  zurück;  der  junge  Stamm  des  revolutionären  Königshauses
  mußte  mit  Blut  gedüngt  werden,  damit  er  festwurzele,  und  jedes
Volk  sollte  es  als  eine  Wohltat  dankbar  hinnehmen,  wenn  die  Franzosen
ihm  sein  Herzblut  für  einen  so  erhabenen  Zweck  abzapften.  So  klang  es
tausendstimmig  durch  die  Presse  in  ehrlicher  Begeisterung.

Das  neue  künstliche  Königtum  aber,  das  alle  diese  gefährlichen  Leidenschaften
  und  sozialen  Gegensätze  bändigen  sollte,  war  von  Haus  aus
mit  dem  Fluche  der  Halbheit,  der  Unwahrheit  geschlagen.  Der  Bürgerkönig
  verdankte  seinen  Thron  weder  dem  historischen  Rechte,  noch  wie
Napoleon  der  gewaltigen  demokratischen  Macht  der  allgemeinen  Volksabstimmung,
  sondern  dem  Beschlusse  einer  Kammer  von  zweifelhafter  Gesetzlichkeit.
  Als  rechtmäßiger  Statthalter  König  Heinrichs  V.  konnte  Ludwig
Philipp  gegen  die  fremden  Mächte  eine  stolze,  Frankreichs  würdige  Sprache
führen;  als  König  mußte  er  den  Makel  des  Kronenraubes  beständig  entschuldigen
  und  verstecken,  ohne  doch  den  revolutionären  Ursprung  seiner
Gewalt  geradeswegs  zu  verleugnen.  Er  nannte  sich  nicht  Philipp  VII.,
denn  er  war  nicht  ein  rechtmäßiger  Nachfolger  König  Philipps  VI.;  aber
auch  nicht  Philipp  I.,  denn  er  wollte  nicht  schlechthin  als  Usurpator  erscheinen;
  also  Ludwig  Philipp,  und  nicht  König  von  Frankreich,  sondern
König  der  Franzosen.  Dieser  Titel  wurde  von  der  gesamten  liberalen
Welt  als  ein  absonderliches  Kennzeichen  konstitutioneller  Glückseligkeit  bewundert,
  obwohl  sich  auch  Friedrich  der  Große  auf  seinen  Münzen  stets
Borussorum  rex  genannt  hatte;  selbst  den  Ausdruck  „Untertan“,  der  doch
genau  das  nämliche  bedeutete  wie  der  allein  erlaubte  Name  des  Staatsbürgers,
  wollte  der  revolutionäre  Hochmut  nicht  mehr  hören.

Die  Orleans  mußten  sich  den  Schein  der  Legitimität  zu  wahren
suchen;  ihre  Hofblätter  versicherten  nicht  ohne  Grund,  Ludwig  Philipp
habe  den  Thron  bestiegen,  weil  er  ein  Bourbone  sei.  Aber  ebenso  hartv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  2
        <pb n="26" />
        18  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltsriede.

näckig  beteuerten  die  Radikalen,  die  Vertreter  des  souveränen  Volks  hätten
den  König  frei  gewählt,  obgleich  er  ein  Bourbone  sei;  und  in  der  Tat  hatte
er  die  Volkssouveränität  anerkannt  und  feierlich  ausgesprochen,  daß  er  einen
Vertrag,  un  pacte  d'alliance  mit  der  Nation  geschlossen  habe.  Die  neu—
gestaltete  Verfassung  redete  nach  altem  Brauche  noch  von  der  Erblichkeit
der  Krone;  doch  nachdem  von  den  vier  letzten  Monarchen  Frankreichs  nur
einer  friedlich  auf  seinem  Throne  gestorben  war,  hatte  diese  Vorschrift  bloß
noch  den  Wert  einer  Redensart,  und  zum  überfluß  wurde  die  Charte  aus—
drücklich  „dem  Mute  und  der  Vaterlandsliebe  der  Nationalgarde  und  aller
französischen  Bürger  anvertraut“  —  das  will  sagen:  dieser  König  war
verantwortlich  und  konnte  von  Rechts  wegen  entthront  werden,  falls  das
souveräne  Volk  die  Charte  für  verletzt  hielt.  Er  besaß  die  höchste  Gewalt
nur  auf  Wohlverhalten,  trotz  des  monarchischen  Prunkes,  der  ihn  umgab;
darum  nannte  Odilon  Barrot  den  Bürgerkönig  die  beste  der  Republiken.

In  so  schiefer  Stellung  konnte  selbst  ein  Fürst  von  schlichtem  Grad—
sinn  und  reinem  Namen  dem  Rufe  der  Zweizüngigkeit  kaum  entgehen;
wie  viel  weniger  dieser  vielgewandte  Orleans,  an  dessen  Hause  noch  der
schlimme  Leumund  des  nichtswürdigen  Regenten  und  des  Bürgers  Philipp
Egalité  haftete.  Ludwig  Philipp  war  in  den  Grundsätzen  der  wissens—
stolzen  Aufklärung  erzogen  und  hatte  nachher  als  General  der  Republik  an
der  Schlacht  von  Jemappes  teilgenommen.  Als  er  dann  auswanderte,
da  fügte  es  sein  gutes  Glück,  daß  er  trotz  wiederholter  Bemühungen  doch
keinen  Einlaß  in  die  Heere  der  Verbündeten  erhielt;  so  konnte  er  sich  mit
einigem  Scheine  späterhin  rühmen,  niemals  im  Lager  der  Feinde  Frankreichs
  gefochten  zu  haben.  In  den  Jahren  der  Verbannung  sammelte  er
auf  weiten  Wanderfahrten  eine  mannigfaltige  Welt-  und  Menschenkennt—
nis,  aber  er  entwuchs  auch  gänzlich  den  überlieferungen  des  königlichen
Hauses.  Der  Stolz  des  französischen  Prinzen  blieb  ihm  ebenso  fremd
wie  das  dynastische  Pflichtgefühl;  die  Macht  der  Geschichte,  das  tausendjährige
  Recht  der  Capetinger  erweckte  in  dieser  trockenen  Seele  gar  keine
Ehrfurcht.  Sobald  die  Stunde  der  Rückkehr  schlug,  war  er  als  sorgsamer
Hausvater  zunächst  darauf  bedacht,  das  ungeheure  Hausvermögen  der
Orleans,  das  gutenteils  aus  den  Mieten  der  Spielhöllen  im  Palais
Royal  entstanden  war,  zurückzugewinnen  und  seiner  Familie  auf  alle  Fälle
ein  ruhiges  Hauswesen  zu  sichern.  Darum  wendete  er  sich  im  Jahre  1821
insgeheim  an  Eugen  Beauharnais  und  ließ  ihm  einen  gegenseitigen  Vertrag
  vorschlagen,  kraft  dessen  jeder  von  beiden,  falls  ihn  bei  einer  neuen
Revolution  das  Glück  begünstigte,  dem  anderen  ungestörten  Aufenthalt  in
Frankreich  versprechen  sollte;  der  Napoleonide  zeigte  sich  jedoch  ritterlicher,
als  der  Bourbone,  er  lehnte  ab,  weil  er  gegebenenfalls  nur  die  Herrschaft
  Napoleons  II.  ausrufen,  also  keine  bindende  Zusage  geben  könne.)

 

*)  An  diesen  Vorfall,  dessen  auch  Du  Casse  (Mémoires  du  prince  Eugene,  X.  285).
        <pb n="27" />
        Ludwig  Philipp.  19

Da  der  Herzog  mit  seiner  ganzen  Weltanschauung  dem  neuen  Frank—
reich  angehörte,  so  täuschte  er  sich  nicht  über  die  gefährdete  Lage  der  alten
Dynastie,  und  schon  nach  den  hundert  Tagen  erwog  man  in  diplomati—
schen  Kreisen  die  Möglichkeit  seiner  Thronbesteigung.  Die  jüngere  Linie
des  königlichen  Hauses  bildete  wieder  den  Mittelpunkt  der  Opposition,  wie
es  im  Geschlechte  der  Capetinger  seit  Jahrhunderten  üblich  war;  liberale
Börsenmänner,  Abgeordnete,  Schriftsteller  verkehrten  im  Palais  Royal,
und  P.  L.  Courier  feierte  den  Herzog  als  den  einzigen  nationalen  und
liberalen  Prinzen  von  Geblüt.  In  weitere  Kreise  drang  sein  Ruhm  erst,
als  er  seine  Söhne  gut  bürgerlich  in  einem  Pariser  Lyzeum  unterrichten
ließ.  Solange  es  Monarchen  gab,  war  die  Welt  bisher  der  Meinung
gewesen,  daß  Fürsten  einer  anderen  Erziehung  bedürfen  als  Untertanen,
weil  sie  im  Leben  anderes  leisten  sollen.  Der  Gleichheitseifer  des  liberalen
  Bürgertums  setzte  sich  indes  über  die  Lehren  der  Erfahrung  leichtfüßig
  hinweg  und  pries  den  volksfreundlichen  Sinn  des  Herzogs,  obgleich
seine  Prinzen  den  besten  Segen  der  öffentlichen  Erziehung,  den  vollkommen
  freien  Wetteifer  der  jugendlichen  Köpfe  und  Fäuste,  selbstverständlich
niemals  kennen  lernten  und  an  Hochmut  ihren  Standesgenossen  nichts
nachgaben.  Als  Ludwig  Philipp  zagend  die  Krone  an  sich  nahm,  da  bedrückte
  ihn  die  frevelhafte  Rechtsverletzung  nur  wenig;  dem  aufgeklärten,
durchaus  ungläubigen  Sohne  Philipp  Egalités  fiel  es  nicht  allzuschwer,
„die  Linie  der  königlichen  Vorurteile  zu  durchbrechen“,  wie  sein  getreuer
Thiers  sagte.  Um  so  ernstlicher  beunruhigte  ihn  die  Sorge  um  die  Zukunft
  seiner  Familie.  Sein  Eigentum  mußte,  nach  dem  alten,  stets  unverbrüchlich
  eingehaltenen  Hausgesetze  der  Capetinger,  im  Augenblicke  der

Thronbesteigung  von  Rechts  wegen  an  die  Krone  fallen.  Der  Bürgerkönig
aber  bekundete  sogleich  den  kaufmännischen  Charakter  seines  Regiments,
indem  er  diesen  stolzen  königlichen  Rechtssatz  mit  der  Gewandtheit  eines
Börsenspielers  umging:  unmittelbar  bevor  er  die  Königswürde  annahm,
trat  er  sein  Vermögen  seinen  Kindern  ab  und  behielt  sich  nur  die  Nutznießung
  vor,  die  er  denn  auch  mit  Hilfe  der  befreundeten  Bankfirmen
sehr  wirksam  handhabte.  Gleichwohl  empfand  er  täglich  den  Fluch  der
Usurpation;  ich  sage  Ihnen,  wiederholte  er  beständig,  meine  Kinder  werden
  kein  Brot  zum  Essen  haben.

Um  sich  zu  halten,  durfte  er  anfangs  persönliche  Demütigungen  und
demagogische  Schliche  nicht  verschmähen.  Er  verstand  sich  dazu,  die  Lilien
selbst  aus  seinem  Familienwappen  zu  entfernen,  er  ließ  den  Wortschwall
seiner  süßen  Reden  unaufhaltsam  spielen  und  verbeugte  sich  auf  den  Paraden
  verbindlich  vor  dem  souveränen  Volke.  Bei  zweifelhaftem  Wetter

 

gedenkt,  erinnerte  Hortensia  Bonaparte  die  Höfe,  als  Ludwig  Philipp  den  Nachkommen
Eugens  den  belgischen  Thron  streitig  machte  (Schreiben  Hortensias  an  die  Herzogin
Auguste  von  Leuchtenberg,  Rom  27.  Jan.  1831,  den  Kabinetten  von  Wien  und
Berlin  mitgeteilt  Febr.  1831).
        <pb n="28" />
        20  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

ging  er  zu  Fuß  durch  die  Straßen,  in  sauberer  Bürgerkleidung,  den  Zylinder
  über  dem  feisten  birnenförmigen  Bankiersgesichte  und  der  wohlgebürsteten
Lockenperücke,  und  spannte,  wenn  der  Regen  eintrat,  höflich  seinen  Schirm
auf,  um  einen  überraschten  Bourgeois  am  Arme  nach  Hause  zu  geleiten.
Nachher,  da  er  sich  auf  dem  Throne  sicherer  fühlte,  mußte  er  die  ehrgeizigen
  Parteiführer  der  Kammer  gegeneinander  ausspielen,  damit  unter
dem  Scheine  der  Parlamentsherrschaft  sein  persönliches  Regiment  gewahrt
blieb.  Er  bemühte  sich  eifrig,  seinem  Hause  die  Gleichberechtigung  mit
den  legitimen  Höfen  zu  verschaffen  und  zügelte  den  kriegerischen  Übermut
  der  Nation,  weil  jeder  Krieg  die  Revolution  von  neuem  zu  entfesseln
drohte;  doch  zugleich  benutzte  er  die  Gefahr  der  Revolution  als  ein  Schreckmittel,
  um  auf  die  großen  Mächte  zu  drücken  und  allerhand  kleine  anmaßliche
  Ansprüche  Frankreichs  durchzusetzen.  So  erhielt  er  sich  lange  obenauf,
seiner  Mäßigung  verdankten  die  Franzosen  viele  Jahre  blühenden  Wohlstandes;
  aber  seine  Regierung  blieb  immer  nur  ein  unfruchtbarer  Kampf
ums  Dasein,  sie  brachte  dem  Lande  niemals  einen  neuen  politischen  Gedanken,
  sie  bereitete  durch  die  sündliche  Vernachlässigung  der  arbeitenden
Massen  die  schweren  sozialen  Kämpfe  der  Zukunft  vor.

An  dieser  Revolution  war  nichts  zu  bewundern  außer  dem  pers  önlichen
Mute  der  Barrikadenkämpfer.  Mindestens  ebenso  schwer  wie  die  Vermessenheit
  König  Karls  wog  die  Schuld  der  liberalen  Parteien.  Sie  hatten
das  gemäßigte  Ministerium  Martignac  gestürzt  und  durch  eine  gehässige
Opposition  den  König  in  eine  solche  Lage  gebracht,  daß  er  nur  noch  wählen
konnte  zwischen  dem  Staatsstreiche  und  der  förmlichen  Anerkennung  der
Parlamentsherrschaft.  Als  dann  der  Verfassungsbruch  durch  die  Abdankung
  des  Königs  gesühnt  war,  da  wagten  sie  nicht  einmal  den  Versuch,
das  Thronrecht  der  Dynastie  zu  retten.  Die  Briten  beriefen  sich,  als
sie  die  Stuarts  vertrieben,  auf  den  unanfechtbaren  Rechtssatz,  daß  ein
Papist  nicht  König  von  England,  nicht  Oberhaupt  der  anglikanischen
Staatskirche  sein  durfte.  Gegen  die  Regierung  Heinrichs  V.  sprach  schlechterdings
  kein  Rechtsgrund,  sondern  nur  der  blinde  Haß  der  Nation  und
die  modische  leichtfertige  Doktrin,  welche  Mignet  zusammenfaßte  in  dem
Satze:  nach  einer  Revolution  muß  auch  der  Thron  ebenso  neu  werden
wie  alle  übrigen  Institutionen.  Also  ward  das  letzte  schwache  Band,  das
noch  das  neue  mit  dem  alten  Frankreich  verkettete,  unbedachtsam  zerrissen.
Die  Juli-Revolution  schloß  nicht  das  Zeitalter  der  Revolutionen,  wie
ihre  Urheber  frohlockten,  sie  eröffnete  vielmehr  die  Bahn  für  eine  unabsehbare
  Reihe  neuer  bürgerlicher  Kämpfe;  darum  war  sie,  menschlich  in
vielem  entschuldbar,  durch  ihre  politische  Wirkung  die  verderblichste  der
französischen  Revolutionen  unseres  Jahrhunderts.  Doch  wie  hätten  die
Zeitgenossen  alle  diese  Folgen  ahnen  können?  Am  richtigsten  urteilten
vielleicht  die  preußischen  Generale  und  eine  kleine  Anzahl  von  besonnenen
Konservativen  in  Deutschland.  Die  Liberalen  aller  Länder  hielten  sich
        <pb n="29" />
        Katholikenemanzipation  in  England.  21

an  den  Augenschein,  sie  sahen  in  dem  Pariser  Straßenkampfe  nur  die
hochherzige,  berechtigte  Notwehr  gegen  den  Verfassungsbruch,  und  da
der  Name:  Verfassung  zur  Zeit  überall  einen  unwiderstehlichen  Zauber
auf  die  Gemüter  ausübte,  das  historische  Recht  der  Dynastien  aber  von
der  herrschenden  Doktrin  sehr  geringschätzig  behandelt  wurde,  so  bemerkte
man  die  schwere  Rechtsverletzung  kaum  und  freute  sich  unbefangen  des
Heldentums  der  großen  Woche.  Durch  die  Herrschaft  der  französischen
Bourgeoisie  erhielt  der  Kampf,  welchen  in  vielen  Nachbarlanden  die  Mittelklassen
  schon  längst  gegen  die  Überreste  der  feudalen  Gesellschaftsordnung
führten,  eine  mächtige  Unterstützung;  und  so  geschah  es,  daß  eine  Bewegung,
  die  in  Frankreich  selbst  fast  nur  Unheil  zeitigte,  mittelbar  in
anderen  Ländern,  und  nicht  zuletzt  in  Deutschland,  einen  notwendigen,
heilsamen  Umschwung  des  politischen  Lebens  förderte.  —

Einen  überraschend  starken  Widerhall  fanden  die  Pariser  Ereignisse
in  dem  Lande,  das  vordem  der  ersten  französischen  Revolution  am
zähesten  widerstanden  hatte.  Seit  Canning  sich  von  dem  Bunde  der  Ostmächte
  losgesagt,  war  auch  Englands  parlamentarisches  Leben  wieder  in
frischeren  Zug  gekommen:  durch  Huskisson  wurden  die  harten  Zollgesetze
etwas  gemildert,  Canning  selbst  näherte  sich  kurz  vor  seinem  Tode  der
erstarkenden  Partei  der  Whigs.  Die  öffentliche  Meinung  wendete  sich
wieder  jenen  Reformplänen  zu,  welche  einst  Pitt  in  seinen  hoffnungsvollen
ersten  Jahren  entworfen,  aber  dann  in  der  Bedrängnis  der  Kriegszeiten
vertagt  hatte.  Während  der  langen  Jahre,  da  die  Staaten  des  Festlands
durch  den  aufgeklärten  Absolutismus  oder  durch  die  Revolution  neu  gestaltet
  wurden,  hatte  England  seine  beste  Kraft  verbraucht  für  die  Begründung
  seines  Kolonialreichs  und  seine  innere  Gesetzgebung  fast  ganz  ins
Stocken  geraten  lassen.  Jetzt  erkannte  die  Nation  endlich,  wie  viel  versäumt
  war,  und  so  übermächtig  drängte  sich  das  Bedürfnis  der  Neuerung
auf,  daß  mehrere  der  kühnsten  Reformen  der  nächsten  Jahrzehnte  durch
streng  konservative  Staatsmänner  vollzogen  wurden.  So  gleich  die  erste,
die  Emanzipation  der  Katholiken,  das  Werk  Wellingtons  und  Peels  (1829).
Selbst  diese  Torys  fühlten,  daß  bei  längerem  Zaudern  der  Bürgerkrieg,
vielleicht  der  Abfall  des  schändlich  mißhandelten  Irlands  drohte,  daß  der
uralte,  soeben  durch  O'Connells  flammende  Reden  wieder  mächtig  angefachte
  Haß  der  katholischen  Kelten  durch  eine  Tat  der  Gerechtigkeit  beschwichtigt
  werden  mußte.

Die  maßvolle  Reform  holte  nur  nach,  was  Deutschland  schon  längst,
die  übrigen  Staaten  des  Festlands  seit  den  napoleonischen  Tagen  erreicht
  hatten.  Die  Herrschaft  der  Aristokratie  war  aber  mit  den  Vorrechten
  der  Staatskirche  fest  verflochten.  Wie  im  zwölften  Jahrhundert
der  Streit  mit  der  römischen  Kirche  die  Vollgewalt  der  Normannenkönige
zuerst  geschwächt  und  der  reichsständischen  Bewegung  des  folgenden  Jahrhunderts
  die  Bahn  gebrochen  hatte,  so  erschütterte  jetzt  der  erste  Stoß
        <pb n="30" />
        22  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

gegen  die  anglikanische  Kirche  zugleich  die  Machtstellung  des  parlamenta—
rischen  Adels  und  öffnete  die  Bresche  für  den  Einzug  eines  demokratischen
Zeitalters.  Laut  und  lauter  erklang  sofort  der  Ruf  nach  Reform  des
Parlaments.  Noch  einmal,  aber  in  völlig  veränderter  Gestalt  zeigte  sich
der  für  Englands  Geschichte  so  folgenreiche  landschaftliche  Gegensatz  des
Südostens  und  des  Nordwestens.  Wie  oft  hatten  in  früheren  Jahrhun—
derten  die  Mächte  der  Bewegung  in  den  Ebenen  des  Südostens  ihr  Lager
aufgeschlagen;  seitdem  war  das  Bergland  des  Nordwestens  längst  aus  seiner
Abgeschiedenheit  herausgetreten,  hier  lagen  die  Bergwerke  und  die  Fabrik—
städte  des  neuen  Englands,  hier  begannen  sich  die  alten  sozialen  Macht—
verhältnisse  gänzlich  zu  verschieben,  da  das  Landvolk  unaufhaltsam  in  die
Städte  strömte,  und  gebieterisch  forderten  die  mächtig  aufblühenden  großen
Gewerbsplätze  ihren  Anteil  am  Parlamente,  während  die  verfaulten
Wahlflecken  des  Südostens  mehr  und  mehr  verödeten.  Als  im  Sommer
1830  die  Neuwahlen  begannen,  hatte  soeben  Wilhelm  IV.  den  Thron
bestiegen,  der  Matrosenkönig,  wie  das  Volk  ihn  nannte,  ein  wohlwollen—
der,  derb  gemütlicher  Herr,  beschränkten  Geistes,  aber  ehrlich  und  der
Zeit  nicht  so  ganz  entfremdet  wie  vordem  sein  Bruder  Georg  IV.

Mitten  hinein  in  die  Stürme  des  Wahlkampfes  fielen  nun  zündend
die  Nachrichten  aus  Paris.  Der  alte  Nationalhaß  war  mit  einem  Male
verschwunden,  Zeitungen  und  Volksredner  wetteiferten  im  Lobe  der  großen
Nation,  mancher  Heißsporn  schwenkte  seinen  Hut  mit  den  drei  Farben,
in  Scharen  eilten  die  Besitzenden  nach  Paris,  um  sich  dort  mit  den
Nationalgardisten  zu  verbrüdern  und  den  wahrheitsgetreuen  Berichten
dieser  Bürgerhelden  über  die  Wunder  der  großen  Woche  andächtig  zu
lauschen.  Die  weltbürgerlichen  Lehren  des  festländischen  Radikalismus,
die  zur  Zeit  der  ersten  Revolution  nur  in  den  vereinzelten  demokratischen
Klubs  der  Hauptstadt  Anklang  gefunden  hatten,  drangen  nun  zuerst  bis
in  die  Massen  des  Volks;  in  den  Arbeiterversammlungen  ward  der  Bruder—
bund  der  befreiten  Völker  besungen:  „Seht,  frei  ist  Frankreich  schon!
Italiens  Helden  drohn.  Deutschland  wird  mit  uns  gehn,  Polen  soll
auferstehn!“  Radikale  und  Liberale  fanden  sich  zusammen  im  Kampfe
gegen  die  Aristokratie.  Während  Cobbet  durch  die  fanatischen  Aufsätze
seines  „Registers“  die  Massen  aufwiegelte  und  selbst  in  den  Vereinen
wohlhabender  Londoner  schon  radikale  Wünsche,  sogar  die  Forderung  des
Zwangsmandats  für  die  Abgeordneten,  laut  wurden,  vertraten  Brougham
und  Jeffrey  in  der  whiggistischen  Edinburgh  Review  behutsamer  die  An—
sprüche  der  erstarkten  Mittelklassen.

Unterdessen  erfanden  die  gelehrten  Radikalen  der  Westminster  Review
die  wissenschaftlichen  Formeln  für  die  Weltanschauung  des  herannahenden
demokratischen  Zeitalters.  Es  waren  die  Schüler  Jeremias  Benthams,
der  jetzt  noch  am  späten  Abend  eines  arbeitsreichen  Lebens  seine  Saaten
aufgehen  sah.  Der  alte  Einsiedler  stand  noch  immer  fest  auf  dem  Boden
        <pb n="31" />
        Englischer  Radikalismus.  23

jener  alten  englischen  Aufklärungsphilosophie,  welche  dann,  von  den  Fran—
zosen  weitergebildet,  in  den  Menschenrechten  des  Jahres  89  ihre  Vollen—
dung  gefunden  hatte.  Während  die  Radikalen  des  Festlandes  selbstgefällig
wähnten  auf  der  freien  Höhe  der  Zeit  zu  stehen,  erklärte  Benthams  be—
gabtester  Schüler,  der  frühreife,  ehrlich  begeisterte  John  Stuart  Mill  mit
der  ganzen  Aufrichtigkeit  altkluger  Jugend:  dies  neunzehnte  Jahrhundert
sei  im  Grunde  reaktionär;  durch  Herder  und  Goethe,  durch  die  historischen
Rechtslehren  der  Deutschen  sei  der  freiheitsmörderische  Wahn  verbreitet
worden,  daß  die  Staatslehre  nur  relative  Wahrheiten  finden  könne,  daß
die  Verfassung  abhänge  von  der  natürlichen  Ungleichheit  der  Menschen
und  dem  gegebenen  Machtverhältnis  der  sozialen  Kräfte.  Darum  zurück
zu  der  alten  Naturrechtslehre,  deren  letzte  Folgerungen  niemand  so  un—
erschrocken  ausgesprochen  hat  wie  Bentham:  der  Staat  besteht  aus  Einzel—
wesen,  die  ihrem  Nutzen  nachgehen;  er  hat  keinen  eigenen  Zweck,  sondern
dient  nur  als  Mittel,  um  der  größten  Zahl  von  Menschen  das  größte
Wohlsein  zu  verschaffen;  wird  er  gänzlich  demokratisiert,  so  muß  schließlich
die  Macht  der  Arbeit,  der  Bildung,  der  freien  Rede  den  künstlichen,  nur
durch  äußere  Umstände  bedingten  Unterschied  zwischen  den  Personen,  den
Rassen,  den  Geschlechtern  völlig  vernichten.  Solche  Träume  von  der
Allmacht  einer  demokratischen  Gesetzgebung  liefen  freilich  den  politischen
überlieferungen  der  gesamten  germanischen  Welt  schnurstracks  zuwider;
die  materialistische  Weltanschauung  aber,  die  ihnen  zu  Grunde  lag,  war
in  England  noch  niemals  wissenschaftlich  überwunden  worden,  da  diesem
Volke  der  Baconianer  der  spekulative  Tiefsinn  fehlte.  Ganz  unvermittelt
stand  hier  noch  neben  dem  strengen  Kirchenglauben  die  Moral  des  platten
Verstandes,  der  alle  sittlichen  Güter  nach  dem  Maßstabe  der  Nützlichkeit
abschätzte;  und  wie  verlockend,  wie  großartig  erschien  die  Aussicht  auf  den
unendlichen  Fortschritt  des  materiellen  Wohlbefindens,  auf  das  ewige
improvement  gerade  jetzt,  da  wirklich  eine  neue  Epoche  der  Volkswirtschaft
  begann.  Eben  in  diesen  Tagen  wurde  die  erste  größere  Eisenbahn,
zwischen  Manchester  und  Liverpool,  eröffnet,  wobei  einer  der  Bahnbrecher
der  neuen  Zeit,  Huskisson,  seinen  tragischen  Tod  fand.  Die  Leistungen
der  Dampfmaschinen  übertrafen  jede  Erwartung,  aber  auch  das  Massenelend
  der  Großindustrie  bekundete  sich  schon  in  stürmischen  Arbeitseinstellungen.


Das  ganze  Land  geriet  in  Bewegung,  und  aus  dem  Wahlkampfe
ging  die  Opposition  siegreich  hervor.  Schon  im  November  trat  Wellington,
der  diesmal  dem  Strome  nicht  folgen  wollte,  vom  Ruder  zurück,  und
noch  ehe  das  Jahr  zu  Ende  ging,  bildete  Lord  Grey  ein  neues  Kabinett
aus  Whigs  und  einigen  Freunden  Cannings.  Nunmehr  brachte  der
junge  Lord  John  Russel  seine  Reformbill  ein.

Aber  noch  ein  volles  Jahr  hindurch  tobte  in  der  Presse  und  den
Vereinen,  auf  Märkten  und  Straßen  ein  leidenschaftlicher  Kampf,  bis
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        24  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

endlich  das  Unterhaus,  nochmals  aufgelöst  und  neu  gewählt,  seine  Zu—
stimmung  gab;  den  Widerstand  der  Lords  brach  der  König  selbst,  indem
er  die  Gegner  persönlich  auffordern  ließ,  der  entscheidenden  Sitzung  fern
zu  bleiben,  denn  durch  einen  Pairschub  fürchtete  er  das  tief  herabge—
würdigte  Ansehen  des  Oberhauses  ganz  zu  zerstören.  Also  ward  durch
eine  unwiderstehliche  Volksbewegung  die  Neugestaltung  des  Unterhauses
durchgesetzt  (1832).  Die  Reformbill  gewährte  bloß  das  Unerläßliche:
sie  verdoppelte  die  Zahl  der  Wähler,  was  nach  den  Unterlassungssünden
so  vieler  Jahre  nicht  unbescheiden  schien,  sie  beseitigte  nur  die  gänzlich
verrotteten  Wahlflecken  und  gab  den  neuen  Gewerbs-  und  Handelsplätzen
eine  den  wirklichen  Machtverhältnissen  noch  keineswegs  entsprechende
Vertretung.

Was  Wunder,  daß  diese  friedliche  Neuerung  gerade  von  den  gemäßigten
  Liberalen  des  Festlandes  als  ein  neuer  Beweis  englischer
Erbweisheit  gepriesen  wurde;  selbst  Dahlmann  sah  in  der  Reform  lediglich
  eine  heilsame  Reinigung  der  bestehenden  Verfassungsorgane,  da  er
mit  seinem  Montesquien  das  Unterhaus  für  das  demokratische  Gegengewicht
  des  Oberhauses  hielt.  Nur  einzelne  scharfblickende  Konservative
unterschätzten  nicht  die  Bedeutung  des  großen  Umschwungs.  In  einem
geistvollen  Aufsatze  der  Preußischen  Staatszeitung  sagte  Hegel  voraus,
diese  Reform  werde  die  Macht  der  alten  parlamentarischen  Aristokratie
in  ihren  Grundfesten  erschüttern,  und  der  Erfolg  gab  ihm  recht.  Bisher
  wurde  nur  ein  Viertel  der  Commoners  frei  gewählt,  die  andern  verdankten
  ihre  Sitze  allesamt  der  Gunst  der  Grundherren  und  des  Kabinetts.
  Von  nun  an  gaben  in  der  Hälfte  der  Wahlbezirke  die  Mittelklassen
den  Ausschlag,  und  obwohl  der  Adel  die  gewohnten  Künste  der  Wahlbeherrschung
  auch  jetzt  noch  in  zeitgemäßen  Formen  und  mit  großem
Erfolge  spielen  ließ,  so  wurde  doch  das  Haus  der  Gemeinen  allmählich,
was  es  unter  den  Welfen  nie  gewesen  war,  eine  Volksvertretung.  Unaufhaltsam
  aber  sank  die  Macht  des  Oberhauses,  denn  die  Lords  hatten
bisher  einen  großen  Teil  ihres  Einflusses  unmerklich,  durch  die  Beherrschung
  der  Volkswahlen  und  der  Abstimmungen  des  Unterhauses
ausgeübt.  Den  verrotteten  Wahlflecken  verdankte  das  alte  Haus  der
Gemeinen  den  frischen  Nachwuchs  seiner  jugendlichen  Staatsmänner:
fortan  war  der  Eintritt  erschwert;  an  der  Seltenheit  der  Talente,  an
dem  Sinken  der  Beredsamkeit  ließ  sich  bald  erkennen,  daß  die  großen
Tage  des  englischen  Parlamentarismus  zu  Ende  gingen.

Neben  den  altgeschichtlichen  Namen  der  Whigs  und  Torys  kamen
bereits  die  unbestimmten  festländischen  Bezeichnungen:  Liberale  und  Konservative
  in  Gebrauch;  denn  die  beiden  alten  erblichen  Adelsparteien  zersplitterten
  sich  bald  nach  französischer  Weise  in  sechs  Fraktionen,  kleine
Meinungs=  und  Interessengruppen,  die  nur  mühsam  unter  einen  Hut
gebracht  wurden.  Der  Führer  dieses  neuen  Unterhauses  gebot  nicht  mehr
        <pb n="33" />
        Die  Reformbill.  25

wie  einst  die  beiden  Pitt  mit  dem  Ansehen  des  Feldherrn  über  eine  ge—
schlossene  Phalanx  befreundeter  und  verschwägerter  Standesgenossen;  er
mußte  die  neue  Gentry  der  Kaufherren  und  Fabrikanten,  der  Bank=  und
Eisenbahndirektoren,  die  sich  jetzt  neben  den  alten  Grundadel  drängte,
durch  Schmeichelei  gewinnen,  jedem  wirtschaftlichen,  kirchlichen,  örtlichen
Anspruch  eine  Befriedigung,  jedem  Wunsche  eine  Erfüllung  verheißen,  er
mußte  bald  sich  leiten  lassen,  bald  unter  dem  Scheine  der  Nachgiebigkeit
selber  leiten.  Hatte  das  Unterhaus  früherhin  in  seinem  Standesstolze  sich
der  Nation  oft  entfremdet,  so  war  nunmehr  jedem  Einfall,  jeder  Laune
der  öffentlichen  Meinung  Tür  und  Tor  geöffnet;  die  namenlosen  freiwilligen
  Staatsmänner  der  Zeitungen,  zumal  der  Times,  erlangten  eine
ungeheure  Macht,  und  nicht  selten  geschah  es  schon,  daß  die  Commoners,
eingeschüchtert  durch  den  Lärm  der  Presse,  für  Maßregeln,  die  sie  mißbilligten,
  stimmten.  Die  vordem  so  träge  Gesetzgebung  arbeitete  schnell,
oft  leichtfertig.  Rasch  nacheinander  wurde  die  Zivilliste  der  Krone  von
den  Staatsausgaben  abgesondert,  das  Handelsmonopol  der  ostindischen
Kompanie  aufgehoben,  die  Sklaverei  in  den  Kolonien  beseitigt,  die  neue
Londoner  Universität  neben  den  beiden  alten  aristokratischen  Hochschulen
als  Korporation  anerkannt,  die  verfallene  städtische  Verwaltung  durch  eine
liberale,  aber  gedankenlose  Städteordnung  umgestaltet.  Und  so  stark  war
der  demokratische  Zug  der  Zeit,  daß  selbst  dies  Haus,  das  noch  immer
fast  ausschließlich  aus  Reichen  und  Hochgeborenen  bestand,  den  mißhandelten
  Massen  des  Volkes  seine  Sorgfalt  zuwenden  mußte.  Im  Jahre
1833  erschien  das  erste,  noch  sehr  zahme  Gesetz  zur  Regelung  des  Fabrikwesens,
  auch  für  den  sündlich  verwahrlosten  Volksunterricht  ward  ein
kleiner  Staatsbeitrag  ausgeworfen.

Der  Lärm  der  Gassen  verstummte,  seit  die  Reformbill  gesiegt  hatte,
doch  die  Arbeiter  sammelten  sich  in  der  Stille  um  das  neue  Banner  der
Sozialreform;  zugleich  erhob  sich  der  Ruf  nach  Befreiung  des  Handels.
Die  politischen  Radikalen  hingegen  forderten  Erweiterung  des  Stimmrechts,
weil  die  Reformbill  die  Grenzen  des  Wahlrechts  willkürlich  gezogen  hatte,
und  die  geheime  Abstimmung,  das  Ballot.  Die  altenglische  Rechtsansicht,
die  in  dem  Wahlrechte  stets  eine  ernste  Bürgerpflicht,  nicht  eine  Befugnis
des  souveränen  Einzelmenschen  gesehen  hatte,  geriet  in  Vergessenheit;  die
Todsünde  demokratischer  Zeiten,  die  Furcht  vor  persönlicher  Verantwortung,
schmückte  sich  mit  dem  Namen  des  Freisinns.  Mit  den  demokratischen
Ideen  drangen  aber  auch  die  bureaukratischen  Verwaltungsformen  des
Festlandes  in  den  Inselstaat  hinüber.  Da  die  schwerfälligen  Formen  der
alten  Selbstverwaltung  der  Friedensrichter  und  Lordleutnants  für  den
verwickelten  Verkehr  der  modernen  Gesellschaft  nicht  mehr  ausreichten  und
der  Geldadel  der  neuen  Gentry  die  schweren  Pflichten  des  persönlichen
Dienstes  für  Staat  und  Gemeinde  verabscheute,  so  wurde  das  vernachlässigte
  Armenwesen  des  Landes  einem  großen,  streng  bureaukratisch  ein-
        <pb n="34" />
        26  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

gerichteten  Armenamte  untergeordnet;  die  neue  Armenverwaltung  übertraf
die  alte  durch  technische  Geschicklichkeit,  jedoch  sie  lag  ausschließlich  in  der
Hand  besoldeter  Beamten,  den  Ortsausschüssen  blieb  nur  das  bequeme
Recht  des  Wählens.  Zum  Jubel  der  Radikalen  ward  also  der  erste,
entscheidende  Stoß  geführt  wider  den  alten  festen  Unterbau  der  parlamentarischen
  Aristokratie,  das  Selfgovernment  der  Grafschaften,  und  bald  bemächtigte
  sich  die  neue  Bureaukratie  auch  anderer  Zweige  der  Verwaltung.

An  beiden  Ufern  des  Kanals  rühmte  man  sich  seines  Bürgerkönigs
und  der  gemeinsamen  Freiheit.  In  der  Tat  begannen  die  Briten  aus
ihrem  stolzen  aristokratischen  Sonderleben  herauszutreten,  ihr  neues  Unterhaus
  wurde  von  allen  Kinderkrankheiten  des  jungen  festländischen  Parlamentarismus
  heimgesucht.  In  dem  unberechenbaren  Spiele  der  Fraktionen
  gaben  die  geschworenen  Feinde  der  Reichseinheit,  die  Iren  schon
zuweilen  den  Ausschlag;  die  Ministerwechsela.  dreizehn  in  fünfunddreißig
Jahren,  folgten  sich  fast  so  schnell  wie  in  Frankreich.  Freilich  bestand
in  England,  da  das  Erbrecht  und  die  Unverantwortlichkeit  seiner  machtlosen
  Krone  unbestritten  blieb,  noch  immer  eine  ehrliche  parlamentarische
Regierung,  während  der  illegitime  König  der  Franzosen  mit  seinem  Kopfe
einstehen  mußte  und  folglich  auch  trotz  der  konstitutionellen  Formen  ein
persönliches  Regiment  führte.

Das  innerste  Wesen  dieser  Übergangszeit  verkörperte  sich  in  dem
Talleyrand  des  Parlamentarismus,  dem  vielgewandten  Staatsmanne,  der,
Aristokrat  durch  Geburt  und  Neigung,  fortan  mit  demagogischer  Meisterschaft
  die  auswärtige  Politik  Englands  leitete.  Lord  Palmerston  stammte
aus  einem  uralten  angelsächsischen  Geschlechte,  das  schon  lange  vor  der
normannischen  Eroberung  geglänzt  hatte;  in  neuerer  Zeit  war  das  Haus
der  Temple  immer  eine  Zierde  der  Whigpartei  gewesen.  Der  junge
Viscount  Henry  aber  trat  unbedenklich  zu  den  Torys  über,  weil  die  Whigs
in  jenen  napoleonischen  Tagen  nicht  auf  die  Macht  hoffen  konnten.  Mit
zweiundzwanzig  Jahren  war  er  Lord  der  Admiralität,  zwei  Jahre  darauf
schon  Sekretär  für  den  Krieg,  und  lebte  sich  mit  seiner  eifrigen,  wenn
auch  unpünktlichen  Arbeitsamkeit  bald  so  ganz  in  die  Geschäfte  ein,  daß
er  die  Amtstätigkeit  nicht  mehr  missen  konnte.  Er  wurde  der  dauerhafteste
  aller  englischen  Minister;  von  den  achtundfünfzig  Lebensjahren,
die  ihm  nach  seinem  Eintritt  ins  Amt  noch  beschieden  waren,  hat  er  achtundvierzig
  auf  den  Ministerbänken  zugebracht.  In  den  Jahren,  da  er  die
Heere  gegen  Napoleon  ausrüsten  half,  sammelte  er  früh  eine  reiche  diplomatische
  Erfahrung,  und  schon  in  seiner  ersten  größeren  Parlamentsrede
verkündete  er  dreist  den  leitenden  Gedanken  seines  politischen  Lebens:
er  rechtfertigte  den  Zug  der  Flotte  gegen  Kopenhagen  mit  den  einfachen
Worten,  in  diesem  Falle  sei  „das  Naturrecht  stärker  als  das  Völkerrecht",
folglich  dürfe  England  um  seiner  Selbsterhaltung  willen  mitten  im  Frieden
einen  kleinen  Nachbarstaat  räuberisch  überfallen.  Der  augenblickliche
        <pb n="35" />
        Palmerston.  27

Vorteil,  das  expedient,  wie  er  es  gern  nannte,  entschuldigte  jeden  Bruch
der  Treue  und  des  Rechts.  Durch  und  durch  Politiker,  ohne  Sinn  für
die  Kunst  und  die  idealen  Mächte  des  Menschenlebens,  aber  auch  frei
von  Selbstüberschätzung  und  Gefühlsseligkeit,  folgte  er  stets  seinem  an—
geborenen  praktischen  Instinkte;  Grundsätze  und  Doktrinen  beirrten  ihn
so  wenig  wie  Gewissensbedenken.  Er  wußte,  daß  er  seinen  Weg  machen
würde,  wenn  er  nur  immer  im  Sattel  bliebe;  ruhig  schlug  er  ein  hohes
Amt  aus,  dem  er  sich  noch  nicht  gewachsen  fühlte,  und  ohne  Murren
nahm  er  nachher  lange  vorlieb  mit  einer  Stellung  zweiten  Ranges,  obgleich
  er  schon  Größeres  erwartet  hatte.

Auf  die  Dauer  konnte  ihm  der  Erfolg  doch  nicht  fehlen;  denn  von
früh  auf  war  er  der  Liebling  der  Salons,  die  Geschäfte  hinderten  ihn
nicht,  fröhlich  zu  leben  und  leben  zu  lassen,  an  jedem  Sport  der  vornehmen
Gesellschaft  eifrig  teilzunehmen.  Er  verlachte  das  scheinheilige  Wesen
seiner  Standesgenossen  und  gestand  mit  wohltuender  Aufrichtigkeit  zu,
wie  sehr  ihm  die  Weiber  und  alle  Freuden  dieser  Welt  wohlgefielen;  noch
im  Alter  hörte  er  sich  gern  bei  seinem  Schmeichelnamen  Lord  Cupid
rufen.  Wenn  er  in  tiefer  Nacht  elastischen  Schrittes  aus  einer  langen
Sitzung  des  Unterhauses  heimwanderte,  immer  mit  einer  Blume  im
Munde  oder  im  Knopfloch,  den  Regenschirm  geschultert,  den  hohen  Hut
weit  auf  den  Hinterkopf  hinaufgeschoben,  dann  freuten  sich  seine  Landsleute
  dieses  Bildes  altenglischer  Lebensfrische.  Sein  ganzes  Wesen  atmete
fröhliches  Behagen;  der  starke  viereckige  angelsächsische  Kopf  mit  den  verschmitzten,
  weit  vom  Nasenbein  abstehenden  Augen  erinnerte  zugleich  an
die  Kraft  der  Dogge  und  an  die  List  des  Fuchses.  Seinen  Hintersassen
war  er  ein  gütiger  Grundherr,  die  Vettern  und  Freunde  versorgte  er  nach
englischem  Adelsbrauche  mit  fetten  Pfründen,  doch  niemals  hat  er  einem
Unfähigen  absichtlich  ein  wichtiges  Amt  anvertraut.  Wenn  ihm  ein  Gegner
den  Weg  kreuzte,  so  nahm  Palmerston  unfehlbar  früher  oder  später  seine
Vergeltung;  dann  aber  vergaß  er  schnell,  nachtragender  Haß  blieb  dem
Leichtlebigen  fremd.  Ihm  fehlte  die  Größe  und  die  Tiefe  einer  ursprünglichen,
  gedankenmächtigen  Natur.  Seine  Stärke  lag  in  dem  feinen
Spürsinn,  der  jeden  Wechsel  der  Volksstimmung  vorauswitterte,  und
je  länger  er  am  Ruder  stand,  um  so  genauer  lernten  er  und  seine
Briten  einander  verstehen,  bis  er  ihnen  schließlich  als  der  vollkommene
Vertreter  des  nationalen  Geistes  erschien.

Fremde  Völker  kannte  er  nicht,  und  er  wollte  sie  nicht  kennen;  nur
für  Italien,  wo  er  einige  Jugendjahre  verlebt  hatte,  und  für  den  leichten
Ton  der  Pariser  Salons  hegte  er  einige  Vorliebe.  Über  die  Deutschen
urteilte  er  so,  wie  es  die  Torys  alle  aus  Cannings  giftigen  Schmähgedichten
  in  der  Antijakobinischen  Review  gelernt  hatten,  )  er  sah  in  ihnen

 

*)  s.  Beilage  XVII.
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        28  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

ein  Sklavenvolk  von  politischen  Kindern,  von  zuchtlosen  Freigeistern  und
gelehrten  Narren.  Um  so  unbefangener  konnte  er  also  in  seinen  Parlamentsreden
  die  lockenden  Töne  der  nationalen  Selbstverherrlichung  anschlagen,
  und  er  lernte  bald,  daß  britische  Hörer  diese  Kunst  demagogischer
  Schmeichelei  selten  zu  plump  finden.  Im  Sommer  1813,  während
in  Preußen  das  Volk  in  Waffen  aufstand,  pries  Palmerston  die  unvergleichlichen
  Vorzüge  des  englischen  Söldnerwesens  und  versicherte  den  befriedigten
  Gemeinen:  auf  ein  solches  Heer  von  geworbenen  Freiwilligen
könne  der  Feldherr  sicherer  zählen,  als  auf  „eine  Bande  von  Sklaven,  die
mit  Gewalt  aus  ihren  Häusern  gerissen  werden.“  Späterhin  verherrlichte
er  sogar  die  neunschwänzige  Katze  als  ein  Kleinod  britischer  Freiheit:  der
ganze  Unterschied  zwischen  dem  englischen  und  den  festländischen  Heeren
laufe  doch  lediglich  darauf  hinaus,  daß  hier  ohne  Untersuchung,  in  Alt-England
  aber  nach  einem  Spruche  des  Kriegsgerichts  geprügelt  werde!
Die  reaktionären  Doktrinen  des  Wiener  Hofes  konnten  dem  Realisten
nicht  zusagen,  obwohl  er  sich  hütete,  deshalb  mit  Lord  Castlereagh  zu
brechen.  Mit  aufrichtiger  Freude  schloß  er  sich  dann  an  Canning  an,  als
dieser  die  alte  englische  Interessenpolitik  wieder  zu  Ehren  brachte.  Aus
dem  Ministerium  Wellington  trat  er  mit  den  anderen  Canningiten  bald
wieder  aus;  er  fühlte,  dies  Kabinett  müsse  „an  dem  Felsen  der  öffentlichen
Meinung  scheitern“,  und  täuschte  sich  auch  nicht  über  den  nahenden  Zusammenbruch
  des  bourbonischen  Thrones.  Zwei  Jahre  lang  blieb  er
nunmehr  in  den  Reihen  der  Opposition  und  bereitete  durch  freisinnige
Gemeinplätze  die  kühne  Schwenkung  vor,  die  ihn  zu  den  Whigs  hinüberführen
  sollte.  „In  der  Natur“  —  so  ließ  er  sich  vernehmen  —  „gibt  es
nur  eine  bewegende  Kraft,  den  Geist;  in  menschlichen  Dingen  ist  diese
Kraft  die  Meinung,  in  politischen  Dingen  ist  es  die  öffentliche  Meinung
und  jene  Staatsmänner,  welche  es  verstehen,  sich  der  Leidenschaften,  der
Interessen,  der  Meinungen  der  Menschen  zu  bemächtigen,  erlangen  eine
unverhältnismäßige  Macht.“  Ob  der  Staatsmann  nicht  auch  verpflichtet
sei,  die  irrende  öffentliche  Meinung  zu  belehren,  den  Vorurteilen  der
Volksvertretung  mit  zornigen  Brauen  zu  trotzen?  —  solche  Fragen  hat
er  sich  niemals  vorgelegt.  Als  er  nun  nach  der  Juli-Revolution  in  das
Reformkabinett  der  Whigs  eintrat  und  das  auswärtige  Amt  aus  Lord
Aberdeens  zaghaften  Händen  übernahm,  lenkte  er  sofort  wieder  in  die
Bahnen  der  Handelspolitik  Cannings  ein.  Er  konnte  nicht  wie  die  beiden
Pitt  durch  den  Schwung  einer  großen  Seele,  nicht  wie  Canning  durch  das
getragene  Pathos  kunstvoller  Rede  das  Haus  begeistern;  der  neue  Parlamentarismus
  verlangte  nach  einem  Virtuosen  der  Mittelmäßigkeit.
Palmerston  wirkte  durch  das  unfehlbare  Mittel  des  nationalen  Selbstlobes,
  durch  kleine  dialektische  Taschenspielerkünste,  durch  Zeitungsredensarten,
  die  einem  jeden  einleuchteten  und  jedem  das  Nachdenken  ersparten;
die  Gegner  fertigte  er  mit  schnöden  Witzen  ab,  nach  Umständen  auch  durch
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        Die  liberalen  Westmächte.  29

eine  wohl  angebrachte  Grobheit,  die  den  unschuldigen  Leuten  wie  der
unwillkürliche  Gefühlsausbruch  eines  Biedermanns  klang,  und  immer  blieb
den  Hörern  der  Eindruck,  als  ob  sie  tief  in  die  Falten  seines  treuen
Herzens  hineingeblickt  hätten.

Schon  auf  den  Bänken  der  Opposition  hatte  er  mit  dem  Lächeln
des  Augurs  die  schmeichelhafte  Behauptung  ausgesprochen,  jedes  Mitglied
des  Unterhauses  könne  sich  ein  sachverständiges  Urteil  über  die  aus—
wärtige  Politik  bilden,  wenn  diese  nur  ganz  ehrlich  und  offen  verfahre.
Demgemäß  betrieb  er  als  Minister  eifrig  die  Anfertigung  kunstvoller
Blaubücher,  die  von  allem  etwas,  von  dem  Wesentlichen  nichts  erzählten,
so  daß  jeder  Leser  der  Times  sich  fortan  rühmen  durfte,  die  europäische
Politik  des  volkstümlichen  Staatsmannes  von  Grund  aus  zu  kennen.
Gleich  Canning  wollte  Palmerston  den  Weltfrieden  erhalten,  um  den
britischen  Handel  nicht  zu  verderben;  doch  gleich  seinem  Meister  wünschte
er  ebenso  aufrichtig,  daß  immer  eine  sanfte  Kriegsgefahr  über  dem  Festlande
  schwebte,  damit  England  freie  Hand  behielt,  sein  Kolonialreich  zu
erweitern  und  die  Märkte  der  ganzen  Welt  zu  besetzen.  Vor  allem  galt
es,  die  beiden  gefährlichsten  Nebenbuhler,  Frankreich  und  Rußland  auseinander
  zu  halten,  und  der  Geschäftsverstand  des  bekehrten  Torys  entdeckte
  sogleich,  wie  leicht  sich  dies  Ziel  erreichen  ließ,  wenn  man  die
politischen  Leidenschaften  des  Tages  gewandt  ausbeutete.  Richtig  zubereitet
konnte  die  liberale  Phrase  für  Alt-England  ein  ebenso  nützlicher  und  zudem
  weniger  kostspieliger  Ausfuhrartikel  werden  wie  Kohlen,  Eisen  und
Kattun.  Wenn  England  sich  an  den  neuen  französischen  Gewalthaber
anschloß,  um  ihn  zu  stützen  und  zugleich  im  Zaume  zu  halten,  wenn
diese  entente  cordiale  der  Westmächte  der  aufgeregten  Zeit  beständig  als
ein  Bund  der  Freiheit  gegen  den  Despotismus,  des  Lichtes  gegen  die
Finsternis  angepriesen  wurde,  so  war  eine  ehrliche  Verständigung  zwischen
Frankreich  und  den  konservativen  Ostmächten  unmöglich.

Dank  der  Tendenzpolitik  Metternichs  bestand  in  der  Welt  schon
seit  Jahren  der  Wahn,  daß  die  Parteiung  der  Staatengesellschaft  nicht
durch  die  Weltstellung  und  die  auswärtigen  Interessen  der  Mächte  bestimmt
  würde,  sondern,  wie  einst  im  Zeitalter  der  Religionskriege,  allein
durch  ihre  inneren  Zustände.  Palmerstons  Nüchternheit  hat  an  dies
Märchen  der  Parteileidenschaft  nie  geglaubt;  er  wußte  wohl,  daß  die
Verfassungskämpfe  der  Gegenwart  bei  weitem  nicht  so  tief  in  die  Machtverhältnisse
  Europas  eingriffen,  wie  einst  die  kirchlichen  Gegensätze.  Jedoch
  er  bemächtigte  sich  des  allgemein  verbreiteten  Wahnes  und  verkündete
ungescheut:  dies  selbstgenügsame  Inselreich,  das  sich  in  Jahrhunderten
niemals  um  die  Verfassung  der  Nachbarlande  gekümmert  hatte,  sei  der
natürliche  Bundesgenosse  aller  konstitutionellen  Staaten.  Mit  dem  Redeschwall
  eines  Marktschreiers  verherrlichte  er  die  Trefflichkeit,  die  unvergängliche
  Dauer  dieses  „auf  die  besten  Grundsätze  der  menschlichen  Natur,
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        30  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

auf  die  aufgeklärtesten  Grundsätze  der  Staatskunst  begründeten“  Bundes
der  Westmächte,  und  die  alleinseligmachende  Kraft  „jener  constitutional
rights,  die  ein  Segen  sind  für  die  Völker  und  ein  Ärgernis  für  ihre
Nachbarn:  wenn  nur  erst  die  Formen  da  sind,  findet  sich  allmählich
der  Geist  hinein!“  Die  hohlsten  Schlagworte  des  festländischen  Libera—
lismus  waren  ihm  willkommen,  wenn  sie  ihm  zur  Verleumdung  der
absoluten  Kronen  dienen  konnten.  Er  war  einst  im  Ministerrate  selber
bei  den  diplomatischen  Verhandlungen  des  Jahres  1813  tätig  gewesen  und
schämte  sich  doch  nicht,  dem  Parlamente  das  Zeitungsmärchen  zu  wiederholen:
damals  seien  die  Völker,  „aufgeweckt  durch  den  Zauberklang  konstitutio—
neller  Rechte,“  freiwillig  unter  die  Waffen  getreten  und  dann  von  ihren
Despoten  betrogen  worden.  Palmerston  hatte  sich  das  Los  des  Schau—
spieler  Samuel  Johnsons  erwählt:  er  lebte,  um  zu  gefallen  und  mußte
gefallen,  um  zu  leben;  und  schwer  war  es  nicht,  die  tiefe  Unkenntnis
festländischer  Dinge,  welche  die  Briten  jederzeit  auszeichnete,  nach  Be—
lieben  zu  mißbrauchen.  Das  Unterhaus  lauschte  entzückt,  wenn  der
liebenswürdige  Schalk  ihm  erzählte,  wie  weit  Preußen  und  das  geknechtete
Osteuropa  hinter  den  freien  Spaniern  und  Portugiesen  zurückständen;
denn  „die  große  spanische  Nation  versucht,  wenn  auch  nur  von  fern
(though  at  a  distance),  dem  stolzen  Beispiel  dieses  Landes  nachzueifern!“


So  trat  denn  dem  legitimistischen  Doktrinarismus  der  Hofburg
eine  demagogische  Tendenzpolitik  entgegen,  die  ebenso  gemeinschädlich  und
noch  um  vieles  unredlicher  war;  denn  Metternich  fürchtete  sich  wirklich
vor  der  Revolution,  während  Palmerston  mit  seinen  konstitutionellen
Kraftworten  nur  arglistig  spielte.  Die  ersten  Erfolge  dieser  seltsamen
Staatskunst  waren  glänzend.  Es  gelang  ihr  in  der  Tat,  den  Kontinent
dermaßen  in  Unruhe  zu  halten,  daß  England  unterdessen  sein  Weltreich
ungestört  ausbauen  konnte.  Es  gelang  ihr  auch,  die  Parteien  des  Festlandes
  durch  das  beharrlich  wiederholte  dünkelhafte  Selbstlob  der  liberalen
  Westmächte  völlig  zu  betören;  Europa  zerfiel,  zu  seinem  Unheil
aber  zu  Englands  Vorteil,  zehn  Jahre  hindurch  in  die  zwei  Heerlager
der  konstitutionellen  und  der  absoluten  Kronen,  die  Liberalen  begrüßten
ihren  old  Pam  und  das  wiedergeborene  Frankreich  als  die  Schirmherren
der  Freiheit,  während  die  Staatsmänner  der  Ostmächte  das  diplomatische
Allerweltsschwefelholz,  den  Lord  Feuerbrand,  verwünschten.

Den  Staaten,  wie  den  Männern,  wird  die  Mitwelt  selten  gerecht;
immer  sind  einzelne  Staaten  besser,  andere  schlechter  als  ihr  Ruf.  Zu
jenen  zählen  die  jungen  Mächte,  welche  die  öffentliche  Meinung  Europas
noch  nicht  beherrschen  und  das  Recht  ihres  Daseins  erst  zu  erweisen
haben;  zu  diesen  die  alten  Mächte,  vornehmlich  England,  das  bei  der
Enthüllung  seiner  diplomatischen  Geschichte  nur  verlieren  kann  und  darum
auch  die  Schätze  seiner  Archive  ängstlicher  als  irgendein  anderer  Staat
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        Die  Vereinigten  Niederlande.  31

behütet.  Ein  wunderbares  Glück  gestattete  dieser  Insel,  ihren  großartigen
Kampf  um  die  Beherrschung  der  Meere  unter  so  günstigen  Umständen
zu  führen,  daß  sie  erst  das  europäische  Gleichgewicht,  dann  die  allgemeine
Völkerfreiheit  zu  verteidigen  schien.  Der  von  Palmerston  angekündigte
Bund  Englands  und  aller  freien  Völker  blieb  viele  Jahre  lang  ein  unum—
stößlicher  Glaubenssatz  des  Liberalismus.  Nach  und  nach  begann  die  Welt
doch  zu  bemerken,  daß  diese  Politik,  die  so  gern  mit  ihren  unüberwindlichen
Flotten  prahlte,  nur  gegen  die  Schwachen  und  Willenlosen  Mut  zeigte,
vor  den  Starken  behutsam  die  Segel  strich.  Dann  fühlte  man  auch,
wie  wenig  Ernst  hinter  den  Freiheitsreden  des  Briten  lag,  wie  unfähig
er  war,  gerade  die  frischeste  Kraft  des  neuen  Völkerlebens,  das  erstarkende
Deutschland  zu  verstehen,  wie  kleinsinnig  er  das  natürliche  Wachstum  der
Mitte  Europas  zu  hemmen  suchte.  Endlich  ward  der  maßlose  englische
Hochmut  dem  Stolze  aller  Nachbarn  unerträglich,  seit  Palmerston  den
Briten  sein  civis  Romanus  sum  zurief  und  damit  alle  anderen  Nationen
als  Barbaren  neben  dem  einzigen  Kulturvolke  bezeichnete;  ein  ungeheurer
Haß  sammelte  sich  allmählich  auf  dem  Festlande  an,  Englands  einst
hochgefeierte  Staatskunst  verfiel  dem  allgemeinen  Mißtrauen,  zuletzt  der
Verachtung.  Als  Palmerston  starb  —  kurz  bevor  die  Sieger  von  Königgrätz
  die  ganze  Rechnung  seines  Lebens  mit  einem  blutroten  Zuge  durchstrichen
  —  da  war  sein  England  kaum  mehr  eine  europäische  Großmacht;
  der  Staat  war  hinausgewachsen  aus  dem  alten  Weltteil,  er
wahrte  nur  noch  seine  orientalischen  und  transatlantischen  Interessen,  in
den  Händeln  des  Festlandes  zählte  seine  Stimme  nicht  mit.

So  langsam  nahte  die  Vergeltung.  In  jenen  Tagen,  da  Lord
Palmerston  in  das  auswärtige  Amt  eintrat,  voll  Tatkraft  und  Lebenslust,
  unermüdlich  und  unergründlich,  treu  seinem  Wappenspruche  flecti
non  frangi,  gehoben  von  der  Gunst  der  liberalen  Tagesmeinung,  da  erschien
  er  dem  Wiener  Hofe  mit  Recht  als  ein  gewaltiger  Feind.  Mit
den  diplomatischen  Schreckbildern  der  liberalen  Pest,  des  jakobinischen
Krebses  und  der  revolutionären  Feuersbrunst  war  diesem  Meister  der
parlamentarischen  Redekunst  nicht  beizukommen.  —

Unter  allen  den  Erschütterungen,  welche  der  Juli-Revolution  folgten,
bedrohte  keine  den  Weltfrieden  so  unmittelbar,  wie  die  Erhebung  der  Belgier
  gegen  die  holländische  Herrschaft.  Bisher  war  trotz  so  mancher
Wirren  doch  mindestens  der  Länderbestand  der  neuen  Staatengesellschaft
unverändert  geblieben  —  denn  für  Griechenland  und  die  Türkei  galten
die  Wiener  Verträge  nicht:  —  jetzt  ward  er  plötzlich  an  seiner  verwundbarsten
  Stelle  zerstört.  Das  vielgerühmte,  von  den  Diplomaten  der
großen  Allianz  im  Wetteifer  gehegte  und  verstärkte  Bollwerk  des  europäischen
  Gleichgewichts,  das  neue  Königreich  der  Vereinigten  Niederlande
brach  bei  der  ersten  Prüfung  morsch  zusammen,  nicht  ohne  die  Mitschuld
seiner  Regierung,  doch  vornehmlich  durch  die  unheilbare  Schwäche  einer
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        32  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

verfehlten,  künstlichen  Staatsbildung.  Ihrer  stolzen  Geschichte  froh,  konnten
die  Holländer  in  dem  belgischen  Lande,  das  seit  den  Tagen  Philipps  II.
immer  fremden  Herrschern  gehorcht  hatte,  nur  einen  Gebietszuwachs  ihres
wiederhergestellten  nationalen  Staates  sehen,  wie  es  die  europäischen  Verträge
  auch  ausdrücklich  aussprachen.  Durch  die  Begehrlichkeit  des  Hauses
Oranien  und  seiner  englischen  Gönner  war  aber  der  Zuwachs  stärker  geworden,
  als  das  Hauptland  selber:  drei  und  eine  viertel  Million  Belgier
standen  zwei  Millionen  Holländern  gegenüber,  und  sie  wußten  wohl,  daß
einst  Südniederland  unter  dem  glücklichen  Zepter  Kaiser  Karls  V.  den
Kern  der  vereinigten  Siebzehn  Provinzen  gebildet  hatte.  Und  was  war
ihnen  nachher,  seit  die  sieben  Provinzen  des  Nordens  sich  aus  der  Gemeinschaft
  des  alten  Gesamtstaates  losrissen,  von  diesen  feindlichen  Brüdern
  alles  geboten  worden:  erst  maßen  sie  sich  mit  den  nordischen  Nachbarn
  in  einem  langen  blutigen  Kampfe,  denn  der  achtzigjährige  Krieg  der
Holländer  war  doch  größtenteils  ein  Bürgerkrieg  zwischen  den  beiden
Hälften  Niederlands;  endlich  besiegt,  mußten  sie  dann  ertragen,  wie
ihnen  die  Schelde  gesperrt,  der  indische  Handel  verboten,  die  Festungen
durch  holländische  Garnisonen  besetzt  wurden.

Ungleich  stärker  als  diese  bitteren  politischen  Erinnerungen,  wirkte
der  Glaubenshaß.  Nicht  umsonst  führten  die  belgischen  Landschaften  im
Volksmunde  den  Namen  der  katholischen  Niederlande,  nicht  umsonst  waren
ihre  Geistlichen  zwei  Jahrhunderte  hindurch  mit  Spaniens  fanatischer
Klerisei  eng  verbunden  gewesen.  Hier  auf  dem  klassischen  Boden  der  Religionskriege
  walteten  die  kirchlichen  Gegensätze  stets  so  mächtig,  daß  die
Stammesunterschiede  daneben  fast  verschwanden.  Wie  scharf  sich  auch
die  schweren  Flamen  von  den  heißblütigen  Wallonen  unterschieden,  den
holländischen  Ketzern  gegenüber  hielten  sie  doch  zusammen  als  eine  gläubige
Herde.  In  Frankreich  wie  in  England  waren  Liberale  und  Radikale  die
Urheber  der  Umgestaltung;  in  den  Niederlanden  ging  die  Revolution
von  den  Ultramontanen  aus,  denen  der  Liberalismus  nur  das  Hilfsheer
  stellte.  Kaum  hatte  Frankreich,  unter  Verwünschungen  wider  die
Jesuiten,  sein  streng  kirchliches  altes  Königshaus  entthront,  so  erhob
sich  in  Belgien  ein  Aufruhr,  der,  den  Pariser  Julikämpfen  zugleich  verwandt
  und  feindlich,  die  Straßenschlachten  wie  die  liberalen  Schlagworte
der  Franzosen  sich  zum  Muster  nahm,  um  am  letzten  Ende  der  römischen
Kirche  einen  glänzenden  Triumph  zu  bereiten.  Ganz  ebenso  seltsam  hatte
einst  die  Empörung  der  brabantischen  Patrioten  gegen  Kaiser  Joseph  II.
sich  mit  der  französischen  Revolution  verflochten.

Ein  Gefühl  der  Gemeinschaft  konnte  sich  zwischen  den  beiden  feinlichen
  Landeshälften  von  vornherein  nicht  bilden.  Schon  die  Verfassung
des  neuen  Königreichs  wurde,  weil  sie  die  Gleichberechtigung  der  Bekenntnisse
  vorschrieb,  von  der  großen  Mehrheit  der  belgischen  Notabeln
verworfen  und  nur  durch  einen  häßlichen  Betrug  von  der  holländischen
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        Holländer  und  Belgier.  33

Krone  eigenmächtig  eingeführt.  Da  beide  Landesteile  durch  die  gleiche
Stimmenzahl  in  den  Generalstaaten  vertreten  waren,  die  Holländer  mit
dem  Stolze  des  Herrenvolkes  einmütig  zusammenhielten,  unter  den  bel—
gischen  Stimmen  aber  immer  einzelne  den  Winken  der  Regierung  folgten,
so  wurde  die  belgische  Mehrheit  von  der  holländischen  Minderheit  regel—
mäßig  überstimmt.  Holländer  bekleideten  weitaus  die  meisten  wichtigen
Stellen  im  Staatsdienst;  alle  Oberbehörden,  sogar  die  Verwaltung  der  den
Holländern  ganz  unbekannten  Bergwerke  erhielten  ihren  Sitz  in  Holland.
Durch  rücksichtslose  Einführung  der  holländischen  Staatssprache  verdarb
man  sich  sogar  unbedachtsam  die  köstliche  Gelegenheit,  dies  Land  der  ewigen
Sprachenkämpfe  friedlich  zu  germanisieren,  den  flamischen  Dialekt,  der  dem
holländischen  so  nahe  stand,  zur  Würde  einer  Schriftsprache  zu  erheben.
Den  alten  stürmischen  Freiheitstrotz  der  Genter  und  der  Brüggelinge
hatten  die  Jahrhunderte  der  Fremdherrschaft  längst  gezähmt;  aber  ge—
blieben  war  den  Belgiern  ein  störrisches  Mißtrauen  gegen  jede  Regierung.
Wie  sollten  sie  sich  auch  ein  Herz  fassen  zu  diesem  Könige  Wilhelm  I.,
der,  vom  Wirbel  bis  zur  Zehe  ein  protestantischer  Holländer,  mit  dem
Dünkel  seines  harten  Verstandes  auf  den  Aberglauben  seiner  katholischen
Untertanen  herabschaute  und  zudem,  unbekümmert  um  die  moderne  Lehre
von  der  Verantwortlichkeit  der  Minister,  nach  der  Weise  seiner  oranischen
Vorfahren  persönlich  regierte?

Das  wohlhabende  Bürgertum  hielt  sich  lange  still,  da  der  Wohl—
stand  wuchs  und  der  belgische  Gewerbfleiß  in  den  holländischen  Kolonien
lohnenden  Absatz  fand.  Zuerst  regte  sich  der  Widerstand  unter  dem  Adel
und  den  Geistlichen;  dann  folgten  die  von  ihren  Pfarrherren  geleiteten
Massen.  Die  Führer  der  Klerikalen  blickten  hoffend  nach  Frankreich
hinüber,  nach  der  Kongregation  des  Pavillons  Marsan.  Der  König  aber
führte,  wenig  wählerisch  in  den  Mitteln,  einen  geheimen  Krieg  gegen  die
Bourbonen,  er  begünstigte  unter  der  Hand  die  Anschläge  der  französischen
Unzufriedenen,  er  gewährte  ihren  Flüchtlingen  jahrelang  in  Brüssel  eine
Freistatt  und  bewirkte  also,  daß  der  belgische  Liberalismus  durch  diese
Gäste  ganz  mit  französischen  Gedanken  durchtränkt  wurde.  Der  Haß
gegen  die  Holländer  beförderte  zugleich  die  französische  Bildung  und  die
Macht  der  Kirche.  Der  scharf  bureaukratischen  Kirchenpolitik  des  Königs
trat  der  Klerus  mit  offenbarer  Unbotmäßigkeit  entgegen;  wieder  wie  in
Kaiser  Josephs  Tagen  klagte  er  über  Glaubensdruck,  weil  die  Staatsgewalt
  ein  geistliches  Seminar  in  Löwen  errichtet  hatte.  Den  maßlosen
Anklagen  der  Ultramontanen  antworteten  in  der  amtlichen  Presse  der
berüchtigte  Libry-Bagnano  und  seine  Genossen  mit  einer  Roheit,  die  ein
katholisches  Volk  empören  mußte.

Endlich,  in  denselben  verhängnisschweren  Tagen,  da  das  Ministerium
Martignac  zusammenstürzte,  sprach  der  O'Connell  Belgiens,  Louis  de

Potter,  das  entscheidende  Wort:  Union  der  Liberalen  und  der  Katholiken.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  3
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        34  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Der  hatte  bisher  josephinischen  Grundsätzen  gehuldigt  und  die  Regierung
nur  mit  politischen  Flugschriften  bekämpft,  aber  bald  einsehen  müssen,
daß  sein  letzter  Zweck,  die  Unabhängigkeit  Belgiens,  nur  mit  Hilfe  der
Kirche  erreicht  werden  konnte.  Preßfreiheit,  Schwurgerichte,  Verantwort—
lichkeit  der  Minister,  freier  Gebrauch  der  französischen  Sprache,  aber  auch
Freiheit  des  Unterrichts  —  das  will  sagen:  Unterwerfung  der  Volksschule
unter  die  Kirche  —  so  lautete  das  Programm  der  Neuverbündeten.  Ein
Sturm  von  Petitionen  rüttelte  an  den  Toren  der  Generalstaaten.  Als  der
König  über  den  monströsen  Bund  der  beiden  Parteien  und  ihr  infames
Betragen  schalt,  verschworen  sich  die  Heißsporne  nach  altem  Geusenbrauche,
treu  bis  zur  Infamie  bei  ihrem  Banner  auszuharren.

In  solcher  Gärung  ward  das  Land  von  der  Julirevolution  über—
rascht.  Am  25.  August  erklangen  die  feurigen  Aufruhrlieder  der  Stummen
von  Portici  im  Brüsseler  Theater,  in  der  nämlichen  Nacht  brach  die  Em—
pörung  aus,  eine  rohe,  noch  ziellose  Pöbelbewegung;  aber  nicht  lange,
so  flatterte  auf  dem  gotischen  Turme  des  Rathauses  schon  die  dreifarbige
Fahne  von  Brabant.  Überall  im  Lande  züngelte  der  Aufruhr  empor;
französische  Agenten,  Offiziere,  Soldaten  schlossen  sich  den  Aufständischen
an.  Dem  holländischen  Heere  fehlte  die  feste  Leitung;  der  König  selber
begann  zu  fühlen,  daß  die  Verwaltung  der  beiden  Landeshälften  getrennt
werden  mußte,  und  verhandelte  darüber  mit  den  Generalstaaten.  Da
wurden  seine  Truppen,  vier  Wochen  nach  dem  ersten  Aufruhr,  durch
einen  dreitägigen  wilden  Straßenkampf  von  den  Brüsselern  gezwungen,
die  Hauptstadt  zu  räumen.  Seitdem  riß  im  Heere  die  Fahnenflucht  ein,
die  Belgier  verließen  ihre  Regimenter,  hüben  und  drüben  flammte  der  alte
Stammeshaß  furchtbar  auf.  Die  Vermittlungsversuche  des  ehrgeizigen
Prinzen  von  Oranien  verfingen  nicht  mehr,  und  als  am  27.  Oktober
die  Holländer  in  der  Antwerpener  Zitadelle  die  Scheldestadt,  zur  Strafe
für  einen  verräterischen  Angriff,  mit  ihren  Bomben  einäscherten,  da
war  die  Trennung  entschieden.  Unter  den  Trümmern  von  Antwerpen
ward  das  Vereinigte  Königreich  begraben.  In  den  Regierungsausschüssen
der  Aufständischen  saßen  die  Führer  der  beiden  verbündeten  Parteien,  der
ultramontane  Fanatiker  Felix  von  Merode  so  gut  wie  der  geistreiche  junge
liberale  Staatsmann  van  de  Weyer.  Doch  wie  wirr  auch  die  Meinungen
noch  durcheinander  fluteten,  ein  starkes  Selbstgefühl  war  in  beiden  Parteien
  lebendig.  Im  Rausche  des  Sieges  entsann  man  sich  wieder  jener
stolzen  Tage,  da  die  Rolandsglocke  von  Gent  „Victorie  in  Vlaanderland“
  geläutet  hatte;  der  einst  von  Mirabeau  ausgesprochene  Gedanke  eines
selbständigen  belgischen  Staates  gewann  von  Tag  zu  Tag  neue  Anhänger.

Die  zur  Hilfe  herbeigeeilten  Franzosen  und  ihr  Anhang  erwarteten
zuversichtlich  den  Anschluß  Belgiens  an  das  freie  Frankreich.  Die  gesamte
radikale  Presse  von  Paris  blies  in  dasselbe  Horn,  und  der  gefeierte  Redner
des  Chauvinismus,  General  Lamarque,  erklärte  kurzab:  das  Gesetz  des
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        Revolution  in  Brüssel.  35

Konvents  vom  Jahre  IV  der  Republik,  das  die  belgischen  Departements
mit  Frankreich  vereinigt  hat,  besteht  noch  immer  zu  Recht.  Die  Mehr—
heit  der  Belgier  wies  diese  Anschläge  weit  von  sich.  Darum  wurden
auch  die  republikanischen  Pläne,  mit  denen  de  Potter  sich  trug,  kurzerhand
abgelehnt;  denn  nur  durch  Frankreichs  Hilfe,  nur  durch  einen  Weltkrieg
konnte  sich  vielleicht  die  Republik  behaupten,  nur  unter  dem  Schutze  einer
monarchischen  Verfassung  durften  die  Belgier  auf  die  Zustimmung  der
großen  Mächte  hoffen.  Schon  zu  Anfang  Novembers  faßte  der  neube—
rufene  nationale  Kongreß  die  verständigen,  durch  die  Lage  der  Dinge  ge—
botenen  Beschlüsse:  Unabhängigkeit,  Monarchie,  Lossagung  vom  Hause
Oranien.

So  errang  sich  dies  mehr  durch  die  kirchliche  Gesinnung  als  durch
das  Bewußtsein  politischer  Gemeinschaft  zusammengehaltene  kleine  Volk
das  Recht  der  Selbstbestimmung.  Die  liberale  Welt  hatte  anfangs  dem
Aufstande  mißtrauisch  zugesehen,  da  sein  Ursprung  unklar  war  und
der  belgische  Pöbel  sich  in  argen  Roheiten  erging.  Nach  dem  blutigen
Brüsseler  Straßenkampfe  schlug  das  Urteil  gänzlich  um.  Auch  Brüssel
hat  seine  drei  Tage  und  seine  drei  Farben!  —  schrieb  frohlockend
Ed.  Gans,  und  seine  Gesinnungsgenossen  in  der  liberalen  deutschen
Presse  entdeckten  mit  wachsender  Bewunderung  Zug  für  Zug  immer  neue
Ahnlichkeiten  zwischen  Belgien  und  dem  Musterlande  der  Freiheit:  sie
nannten  de  Potter  den  belgischen  Lafayette,  Jouvenels  Brabançonne  die
belgische  Marseillaise.  Drei  Farben,  drei  Tage,  Lafayette,  Marseillaise
—  was  brauchte  ein  Volk  mehr,  um  glücklich  zu  sein?  und  wer  außer
den  entmenschten  Schergen  der  Tyrannei  konnte  jetzt  noch  bestreiten,  daß
die  Sonne  über  Europa  im  Westen  aufging?  —

 

Die  so  lange  niedergehaltenen  Parteien  der  deutschen  Opposition
atmeten  fröhlich  auf,  als  die  erste  Kunde  von  der  großen  Woche  über
den  Rhein  drang.  Heinrich  Heine  nahm  der  radikalen  Jugend  das  Wort
von  den  Lippen,  da  er  in  übermütigem  Jubel  die  Pariser  Zeitungen  als
in  Papier  gewickelte  Sonnenstrahlen  begrüßte:  „Lafayette,  die  dreifarbige
Fahne,  die  Marseillaise  —  fort  ist  meine  Sehnsucht  nach  Ruhe.  Ich
weiß  jetzt  wieder,  was  ich  will,  was  ich  soll,  was  ich  muß.  Ich  bin  der
Sohn  der  Revolution  und  greife  wieder  zu  den  gefeiten  Waffen,  worüber
meine  Mutter  ihren  Zaubersegen  ausgesprochen.  Blumen,  Blumen!  Ich
will  mein  Haupt  bekränzen  zum  Todeskampf.  Ich  bin  ganz  Freude  und
Gesang,  ganz  Schwert  und  Flamme!“  Mächtig  wie  die  Freude  im  liberalen
  Lager  war  der  Schrecken  an  den  großen  Höfen.  Mit  wachsender  Besorgnis
  waren  sie  sämtlich  den  vermessenen  Unternehmungen  Polignacs
gefolgt;  eine  so  furchtbare  Erschütterung,  die  das  ganze  mühsame  Friedenswerk
  der  Wiener  Verträge  wieder  in  Frage  stellte,  kam  ihnen  doch  allen

3*
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        36  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltsriede.

unerwartet.  König  Friedrich  Wilhelm  hatte  nach  seiner  Gewohnheit  den
Juli  im  Bade  zu  Teplitz  verbracht  und  dort  Metternichs  Besuch  empfangen.
  Trotz  der  Reibungen  am  Bundestage  und  trotz  des  geheimen
Krieges  der  Hofburg  wider  die  preußischen  Zollvereinspläne  hegte  er  keinen
Groll  gegen  Osterreich;  nach  wie  vor  sah  er  in  der  großen  Allianz  die
Bürgschaft  des  Völkerfriedens,  er  hoffte,  dies  seit  dem  orientalischen  Kriege
ganz  aus  den  Fugen  gegangene  Bündnis  von  neuem  zu  befestigen  und
namentlich  das  gute  Einvernehmen  zwischen  den  beiden  verfeindeten  Kaisermächten
  wiederherzustellen.  Da  auch  Metternich  sehnlich  wünschte,  aus
seiner  selbstverschuldeten  Vereinsamung  herauszugelangen,  so  ergab  sich
eine  vollkommene  Übereinstimmung  der  Ansichten,  und  der  Osterreicher
gestand  nachher:  bei  dieser  Unterredung  hätte  er  zuweilen  glauben  können,
daß  er  sich  im  Kabinett  des  Kaisers  Franz  befände.)

Als  der  König,  von  Teplitz  heimkehrend,  an  seinem  Geburtstage
(3.  August)  den  sächsischen  Hof  in  Pillnitz  besuchen  wollte,  ereilte  ihn
der  Feldjäger  mit  den  ersten  Nachrichten  aus  Paris.  Am  selben  Abend
noch  hielt  er  in  dem  nahen  Landhause  seines  Gesandten  Jordan  eine
erste  Beratung  mit  Wittgenstein  und  Witzleben,  und  erklärte  hier  schon
nachdrücklich,  daß  er  zwar  jeden  Angriff  der  Franzosen  kräftig  zurückweisen,
aber  in  Frankreichs  innere  Händel  sich  nicht  einmischen  werde.  So  aufrichtig
  er  auch  den  Sturz  des  legitimen  Bourbonenhauses  beklagte,  seine
Friedensliebe,  sein  nüchterner  Verstand,  sein  landesväterliches  Pflichtgefühl
  sträubten  sich  wider  den  Gedanken  eines  Weltkrieges,  dessen  Gefahren
  unzweifelhaft  zunächst  auf  Preußen  fallen  mußten.  Schon  in  Troppau
  und  Laibach  hatte  er  behutsam  alles  was  seinen  Staat  belasten  konnte
von  der  Hand  gewiesen;)  wie  sollte  er  sich  jetzt  in  die  Abenteuer  eines
neuen  Champagnefeldzugs  stürzen?  Ich  habe,  so  sagte  er  oft,  in  meiner
Jugend  die  Greuel  der  Revolution  gesehen  und  will  mein  Alter  in  ehrenvollem
  Frieden  verleben.  Die  unberechenbare  Macht  der  neuen  Revolution
hoffte  er  dann  am  sichersten  in  Schranken  zu  halten,  wenn  der  große
Vierbund  ihr  mit  einmütigen  Beschlüssen  gegenüberträte.

Damit  die  vier  Mächte  freie  Hand  und  genügende  Zeit  für  ihre  Verabredungen
  behielten,  wollte  er  also  den  diplomatischen  Verkehr  mit  Frankreichvorläufig
  einstellen  und  beauftragte  seinen  Gesandten  Werther  (7.  Aug.),
nach  Verständigung  mit  den  Bevollmächtigten  der  drei  anderen  Großmächte
Paris  zu  verlassen.  Als  aber  Werther  seine  Amtsgenossen  zur  Beratung
versammelte,  da  zeigte  sich  sofort,  daß  der  Vierbund  nicht  mehr  bestand.
England  ging  seines  eigenen  Weges;  sein  Gesandter  erklärte,  er  habe  Befehl,
  unter  allen  Umständen  zu  bleiben.  Alle  drei  rieten  dem  Preußen,
zunächst  weitere  Weisungen  abzuwarten,  da  die  letzte  durch  die  Ereignisse

 

)Brockhausens  Bericht,  11.  August  1830.
S.  o.  III.  181.
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        Preußens  friedliche  Haltung.  37

überholt  worden  sei.“)  Mittlerweile  hatte  die  Revolution  ihr  Ziel  erreicht,
der  neue  Thron  war  aufgerichtet  und  die  Gesandten  schilderten  in  ihren
Berichten  das  Geschehene  übereinstimmend  als  eine  unabwendbare  Not—
wendigkeit.  Sie  waren  zumeist  auch  persönlich  erbittert  gegen  Polignac,
der  über  seinen  Staatsstreichsplänen  die  Geschäfte  des  Auswärtigen  Amts
ganz  vernachlässigt,  nur  mit  Apponyi  und  dem  Nuntius  Lambruschini
Umgang  gepflogen  hatte.  Alle  aber  beugten  sich  vor  der  vollendeten  Tat—
sache;  der  ansteckenden  Kraft  jenes  allgemeinen,  urplötzlichen  Gesinnungs—
wechsels,  welcher  die  Revolutionen  in  Frankreich  so  furchtbar  macht,  konnte
sich  niemand  ganz  entziehen.  Alle  Monarchisten,  schrieb  Werther  schon
am  5.  August,  wünschen  dringend,  daß  die  vier  Mächte  sich  zu  der  neuen
Krone  freundlich  stellen;  sonst  bricht  die  Republik,  die  Anarchie  herein.)

Über  den  großen  Rechtsbruch  tröstete  man  sich  mit  der  Erwägung,
daß  die  Orleans  doch  dem  alten  Capetingerhause  angehörten  und  mithin
—  so  lautete  der  neue  Verlegenheitsausdruck  —  sich  mindestens  einer
Quasi-Legitimität  rühmen  dürften;  die  Unterschlagung,  welche  dem  neuen
Herrscher  zum  Throne  verhalf,  ward  in  der  stürmischen  Unruhe  dieser
ersten  Tage  kaum  bemerkt.  Ludwig  Philipp  aber  erging  sich  in  brünstigen,
  unzweifelhaft  aufrichtigen  Beteuerungen  seiner  Liebe  zum  Frieden,
zur  bürgerlichen  Ordnung:  der  Krieg,  wiederholte  er  beständig,  wäre  die
Republik,  die  Propaganda,  der  allgemeine  Umsturz.  Sein  Minister  des
Auswärtigen,  Graf  Molé,  schrieb  an  Werther:  „Wir  mußten  Frankreich
retten  und,  ich  darf  es  hinzufügen,  Europa  vor  einer  großen  Erschütterung
bewahren.  Inmitten  des  Kampfes  wurde  die  dreifarbige  Fahne  aufgezogen.
  Aber  seit  sie  wieder  das  Banner  Frankreichs  geworden,  entfaltet
sich  diese  glorreiche  Fahne  nur  noch  als  ein  Sinnbild  der  Mäßigung
und  Verteidigung,  der  Erhaltung  und  des  Friedens.  Ihre  Regierung
wird  anerkennen,  welche  Überwindung  es  S.  Majestät  gekostet  hat,  Sich
zur  Besteigung  eines  Thrones  zu  entschließen,  der  doch  um  des  allgemeinen
Wohles  willen  nur  von  Ihm  eingenommen  werden  durfte.“***)  Nach
alledem  ließ  König  Friedrich  Wilhelm  in  Wien  erklären,  er  sei  „seinen
Untertanen  schuldig  das  peinliche  Opfer  seiner  Grundsätze  und  Gefühle
zu  bringen“;  indes  hoffte  er  noch  immer  auf  ein  gemeinsames  Vorgehen
des  Vierbundes  und  schlug  daher  den  drei  befreundeten  Mächten  vor,
daß  sie  durch  gleichlautende  Erklärungen  die  neue  französische  Regierung
anerkennen,  aber  zugleich  von  ihr  die  Aufrechterhaltung  der  Verträge,  des
Besitzstandes,  des  Friedens  förmlich  verlangen  sollten.  )

 

*)  Werthers  Bericht  17.  August  1830  nebst  Protokoll  über  die  Beratung  der
vier  Gesandten.
*“)  Werthers  Bericht,  5.  August  1830.
*“)  Molé  an  Werther,  12.  August  1830.
1)  Brockhausens  Berichte  11.  18.  23.  August.  Ancillon,  Weisung  an  die
Gesandtschaften  14.  August  1830.  :-
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        38  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Die  Hofburg  zeigte  sich  kaum  weniger  friedfertig  als  das  preußische
Kabinett;  ihre  Nachgiebigkeit  entsprang  dem  Bewußtsein  der  Schwäche.
Welche  schweren  Enttäuschungen  brachte  dies  wilde  Jahr  dem  alternden
Staatskanzler!  Am  4.  Februar  hatten  die  drei  Schutzmächte  auf  der
Londoner  Konferenz  beschlossen,  das  meuterische  Griechenland  solle  ein
unabhängiges,  tributfreies  Königreich  werden.  Und  nun  die  Nachricht
von  dem  Sturze  der  bourbonischen  Regierung,  deren  „guten  und  äußerst
kräftig  erwiesenen  Willen“  Metternich  noch  zwei  Tage  zuvor  warm  belobt
hatte!  Der  in  dem  Pariser  Bundesvertrage  und  dem  geheimen  Aachener
Protokoll?)  vorhergesehene  Kriegsfall  war  nunmehr  unzweifelhaft  gegeben,
menn  anders  man  die  Verträge  streng  auslegte.  Wollte  Metternich  nicht
alles  verleugnen,  was  er  seit  fünfzehn  Jahren  unablässig  der  Welt  gepredigt
  hatte,  so  mußte  er  jetzt  die  legitimen  Mächte  auffordern  zum  Kampfe
gegen  die  Revolution,  die  sich  in  Frankreich  drohender,  gefährlicher  erhob
als  weiland  in  Neapel,  in  Piemont,  in  Spanien.  Und  doch  wagte  er
nicht  einmal  sich  auf  jene  Verträge  zu  berufen.  Die  Geschichte  war  darüber
  hinweggeschritten;  der  Hochmut,  der  sich  erdreistet  hatte,  dem  ewigen
Werden  der  Menschheit  ein  Halt  zuzurufen,  zeigte  sich  in  seiner  ganzen
Blöße.  Unter  allen  großen  Mächten  war  Österreich  am  wenigsten  auf
einen  Krieg  vorbereitet.  Selbst  die  beschämenden  Erfahrungen  des  orientalischen
  Krieges  hatten  diesen  Hof  nicht  aus  seiner  Trägheit  aufgerüttelt.
Das  Heer  befand  sich  noch  immer  in  ebenso  elendem  Zustande  wie  der
Staatshaushalt.  Die  Zahl  der  Mannschaften  unter  der  Fahne  blieb
weit  hinter  dem  Friedensfuße  zurück;  die  Artillerie  brauchte  zwei  Monate
um  auszurücken,  denn  von  den  Geschützen  waren  kaum  fünfzig  bespannt;
nur  die  Reiterei,  etwa  40  000  Pferde  stark,  behauptete  noch  ihren  alten
Ruf.  Dazu  viele  überalte  Generale  und  Stabsoffiziere;  sogar  siebzigjährige
  Hauptleute  waren  nicht  selten,  da  der  sparsame  Kaiser  Franz
Abschiedsgesuche  fast  ebenso  ungern  bewilligte  wie  sein  bayerischer
Schwager.  Die  Offiziere  fühlten  sich  gedrückt  durch  den  geistlos  pedantischen
  Dienst  und  auch  in  der  Gesellschaft  zurückgesetzt,  denn  bei
Hofe  wie  in  den  Kreisen  des  hohen  Adels  galten  sie  nichts;  der  einzige
Feldherr,  dem  sie  vertrauten,  Erzherzog  Karl,  blieb  dank  der  Eifersucht
  seines  kaiserlichen  Bruders  allen  Geschäften  fern.)

Mit  einer  solchen  Kriegsmacht  ließ  sich  ein  europäischer  Kreuzzug  für
das  legitime  Recht  nicht  führen;  genug  schon,  wenn  sie  nur  in  Osterreichs
nächstem  Machtgebiete,  in  Italien,  die  täglich  wachsende  revolutionäre  Erregung
  niederzuhalten  vermochte.  Rückhaltlos  äußerte  sich  Gentz  zu  dem
badischen  Gesandten,  dem  kriegslustigen  alten  Kosakenführer  General  Tetten- 



5)  S.  o.  II.  471.

7*)  Nach  General  Tettenborns  Berichten  (durch  Otterstedt  an  Bernstoff  mitgeteilt
  1.  März  1830).
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        sterreichs  Schwäche.  Gentz.  39

born  über  die  Ohnmacht  des  alten  Systems.  „Wir  sind  gezwungen,“
schrieb  er  schon  am  24.  August,  „wir  sind  notgedrungen,  Ludwig  Philipps
Erhaltung  zu  wünschen,  car  apres  lui  de  déluge.  Nehmen  Sie  hinzu,  daß
der  Stand  der  Dinge  ein  ganz  anderer  war  als  im  Jahre  1815,  daß  keine
der  großen  Mächte  zum  Kriege  gehörig  vorbereitet  ist,  und  Sie  werden
Sich  nicht  wundern,  wenn  le  maintien  de  la  paix  von  allen  Seiten  als
das  große  Losungswort  erschallt.  Heute  müssen  Sie  Ihr  tapferes  Schwert
noch  in  der  Scheide  halten;  gebe  Gott,  daß  Sie  es  nicht  allzufrüh  in
das  Blut  der  Weltverderber  tauchen  müssen.““)  Was  war  doch  aus  jener
streitbaren  Feder  geworden,  die  einst  die  gebieterischen  Rundschreiben  der
großen  Kongresse  verfaßte!  Gentz  stand  in  seinem  siebenundsechzigsten
Jahre.  Die  Mattigkeit  des  Alters  kam  über  ihn,  die  Frische  des  Willens
und  die  Lust  am  Kampfe  schwanden  sichtlich,  doch  zugleich  erwachten  auch
wieder  die  zarten  künstlerischen  Triebe  dieses  reichen  Geistes.  Er  verlebte
Augenblicke  dithyrambischer  Verzückung  wie  vor  Zeiten,  da  er  mit  seinem
Friedrich  Schlegel  für  die  Lucinde  geschwärmt  hatte:  „Wie,  wenn  alles
vernünftig  wäre!  Gott  bewahre  uns.  Alle  Blüten  des  Genusses  fielen
plötzlich  vom  Baume  des  Lebens  herab.  Wer  bei  einem  Buche  nicht  wahnsinnig,
  bei  der  Geliebten  nicht  ein  Narr,  im  Kampfe  nicht  toll  und  unter
Pedanten  und  Philistern  nicht  blödsinnig  zu  sein  versteht,  der  kennt  die
Kunst  des  Lebens  nicht.“  Die  romantische  Liebe  zu  der  schönen  Tänzerin
Fanny  Elsler  und  der  kaum  minder  phantastische  Freundschaftsbund  mit
dem  jungen  Prokesch  von  Osten  nahmen  seine  Seele  ganz  dahin,  und  zugleich
  träumte  er  über  Heines  Gedichten,  bald  tief  gerührt,  bald  wollüstig
schaudernd,  bald  hoch  entrüstet.  Diese  beständige,  halb  greisenhafte,  halb
jugendliche  Erregung  der  Gefühle  rieb  seine  Lebenskräfte  auf,  wie  der
nüchterne  Metternich  bald  bemerkte.

Noch  immer  beobachtete  er  den  Wandel  der  politischen  Dinge  mit
dem  alten  wunderbaren  Scharfblick.  Schon  im  letzten  Jahre  hatte  er
vorausgesagt,  die  wilde  Leidenschaft  des  satanischen  Geschlechts  der  jakobinischen
  „Mütz-Cujons“,  der  doktrinäre  Eigensinn  der  Liberalen  und  der
geheime  Ehrgeiz  des  Bonapartismus  müßten  unfehlbar  sehr  bald  einen
neuen  Umsturz  in  Frankreich  herbeiführen.  Er  wußte  wohl,  „diese  neueste
Revolution  war  die  entscheidendste  und  vollständigste,  die  Frankreich  erlebt,“
  weil  sie  das  historische  Recht  endgültig  zerstörte.  Allein  unter  den
Zeitgenossen  erkannte  er  auch  schon,  daß  die  abermalige  Erhebung  der
Franzosen  bei  weitem  nicht  so  viel  bedeutete  wie  der  Einbruch  der  Demokratie
  in  das  altaristokratische  Staatsleben  Englands;  in  diesem  Umschwung
der  englischen  Verhältnisse  sah  er  das  eigentlich  Neue,  das  Verhängnis
des  Jahres  1830;  immer  wieder  beschäftigte  ihn  die  Sorge,  „was  aus
dieser  Nation  geworden  ist  und  nächstens  werden  wird.“  Aber  den  Kampf

 

*)  Gentz  an  Tettenborn,  24.  August  1830.
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        40  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

gegen  die  siegreichen  Mächte  der  Revolution  wollte  er  nicht  mehr  aufnehmen;
er  stand  nicht  an,  die  Niederlage  der  alten  Gewalten  ehrlich  einzugestehen:
„das  lebhafte  Gefühl,  daß  wir  geschlagen  sind,  raubt  uns  die  letzten  Kräfte
zur  Rettung.“  Frieden!  —  hieß  jetzt  die  Losung  aller  seiner  Briefe.
Unermüdlich,  und  nicht  immer  ganz  der  Wahrheit  getreu,  versicherte  er
dem  Vertrauten  Samuel  Rothschild,  zur  Mitteilung  an  die  Pariser
Freunde,  daß  keine  der  drei  Ostmächte  an  einen  Krieg  denke;  mit  warmem,
fast  überschwenglichem  Lobe  pries  er  die  Friedfertigkeit  der  französischen
Regierung.  Nicht  lange,  so  entdeckte  er  sogar,  daß  die  Volkssouveränität,
dank  der  Mäßigung  des  Bürgerkönigs,  unvermerkt  in  eine  neue  Legiti—
mität  übergehe:  warum  könnten  diese  beiden  großen  Staatsgrundsätze
nicht  friedlich,  wie  Protestantismus  und  Katholizismus  in  der  Staaten—
gesellschaft  nebeneinander  bestehen?  warum  sollte  Europa  wieder  wie  im
sechzehnten  Jahrhundert  einen  Meinungskampf  durch  die  Waffen  zu  ent—
scheiden  suchen?  Das  System  der  Erhaltung  und  das  System  des  ruhigen
Fortschritts  widersprechen  sich  ja  nicht  unbedingt.  —  Also  ward  er,  nicht
durch  freie  Überzeugung,  sondern  durch  die  Übermacht  der  Ereignisse  und
durch  die  entsagende  Versöhnlichkeit  des  Alters  am  Abend  seines  Lebens
wieder  zurückgeführt  zu  den  gemäßigten  Grundsätzen,  mit  denen  er  einst
seine  politische  Laufbahn  begonnen  hatte.

Gentzs  Meinung  fiel  kaum  mehr  ins  Gewicht,  da  er  an  den  Geschäften
nur  noch  geringen  Anteil  nahm  und,  wie  Metternich  sagte,  nur  noch
Phantasie-Dienste  leistete.  Aber  auch  der  Staatskanzler  selbst  war  tief
durchdrungen  von  dem  Gefühle  seiner  Hilflosigkeit,  obgleich  er  dem  preußischen
  Gesandten  gegenüber  prahlte,  Osterreichs  Heer  lasse  sich  schnell  und
leicht  auf  einen  Bestand  von  400  000  Mann  bringen.“)  Wie  hart  es
ihm  auch  ankam,  so  erklärte  er  sich  doch  mit  den  preußischen  Anträgen
einverstanden;  indes  dachte  er  die  Möglichkeit  einer  gemeinsamen  Intervention
  noch  nicht  ganz  aus  der  Hand  zu  geben  und  schlug  daher  vor,
die  vier  Mächte  sollten  zu  einem  Kongresse  zusammentreten  oder  mindestens
in  Berlin  zur  Beobachtung  Frankreichs  ein  centre  d'entente  bilden.  Auf
eine  solche  unnütze  Herausforderung  der  Franzosen  wollte  sich  jedoch  der
preußische  Hof  nicht  einlassen;  die  böse  Erinnerung  an  den  verhängnisvollen
  Pillnitzer  Kongreß  lag  gar  zu  nahe.  Für  den  schlimmsten  Fall
hielt  Metternich  noch  eine  furchtbare  Waffe  bereit:  den  Herzog  von
Reichstadt.  Er  kannte  die  Furcht  der  Orleans  vor  dem  großen  Namen
der  Bonapartes;  mehrmals  gab  er  den  befreundeten  Gesandten,  schließlich
auch  dem  Tuilerienhofe  selbst  zu  verstehen:  wenn  Frankreich  die  Verträge
nicht  achte,  dann  würde  der  Vierbund  den  Erben  des  Imperators  zurückführen..)
  Und  wahrlich,  der  junge  Napoleon  hätte  es  an  sich  nicht  fehlen
lassen.  Der  Abgott  aller  Weiber,  bildschön,  frühreif,  hochbegabt  fühlte  er

*)  Bericht  von  Brockhausen  11.  18.  Aug.,  von  Blittersdorff  4.  Sept.  1830.
*)  Maltzahns  Berichte  5.  September  1830,  11.  16.  Februar  1831.
        <pb n="49" />
        Russische  Kriegspläne.  41

sich  ganz  als  den  Sohn  des  Bändigers  der  Revolution.  Nicht  als  ein
Verschwörer  dachte  er  sich  die  Krone  seines  Vaters  zu  erschleichen;  als
ein  Fürst  der  Ordnung  wollte  er  in  Frankreich  einziehen,  gerufen  von
dem  altkaiserlichen  Heere,  um  den  Sohn  des  Bürgers  Egalité  zu  zermalmen,
  den  verächtlichen  Thronräuber,  der  weder  das  legitime  Recht
noch  den  Volkswillen  hinter  sich  hatte.  In  vollem  Ernst  hat  Metternich
so  verwegene  Gedanken  nie  gehegt;  er  spielte  damit,  wie  ein  Verzweifelnder
  halb  sehnsüchtig,  halb  entsetzt  die  Giftflasche  betrachtet,  denn  unmöglich
konnte  er  glauben,  daß  ein  Napoleon  je  ein  zuverlässiger  Wächter  der
Wiener  Verträge  werden  würde.  Vorderhand  war  er  ehrlich  für  den
Frieden  und  bat  den  König  von  Preußen,  er  möge  den  Zaren  für  eine
gemeinsame  Erklärung  der  Mächte  gewinnen,  da  Kaiser  Franz  leider  das
Vertrauen  des  russischen  Selbstherrschers  nicht  besitze.“)

Dort  in  Petersburg  stieß  die  Friedenspolitik  der  beiden  deutschen
Mächte  auf  harten  Widerstand.  Zar  Nikolaus  war  noch  wie  berauscht
von  den  Erfolgen  des  Türkenkrieges,  unüberwindlich  erschien  ihm  sein
Heer.  Er  wähnte  sich  stark  genug,  sogleich  gegen  die  Revolution  einzuschreiten,
  stand  doch  seine  polnische  Armee  wohlgerüstet  dicht  an  der  Grenze.
Die  peinliche  Frage,  ob  diese  Polen  sich  auch  gegen  das  revolutionäre
Frankreich  schlagen  würden,  kam  ihm  gar  nicht  in  den  Sinn.  Obwohl
er  den  Verfassungsbruch  Karls  X.  scharf  verurteilte,  so  wollte  er  doch
mit  „dem  fluchwürdigen  Usurpator“  nichts  gemein  haben.*)  Im  ersten
Zorne  rief  er  alle  Russen  aus  Frankreich  zurück,  verbot  den  Franzosen
den  Eintritt  in  sein  Reich,  verschloß  der  dreifarbigen  Flagge  die  russischen
Häfen.  Nesselrode,  der  sich  soeben  in  Karlsbad  mit  Metternich,  dann  in
Berlin  mit  Bernstorff  besprochen  und  die  friedlichen  Absichten  der  deutschen
Höfe  gebilligt  hatte,  fand  daheim  ungnädige  Aufnahme;  auch  Pozzo  di
Borgo  verlor  das  Vertrauen  seines  Monarchen,  weil  er  sich  freundlich  zu
den  Orleans  stellte.  Jene  unbedachten  feindseligen  Maßregeln  gegen
Frankreich  nahm  der  Zar  freilich  schon  nach  einigen  Tagen  zurück.7)
Aber  die  preußischen  Vorschläge  genügten  ihm  nicht:  die  Volkssouveränität
anerkennen,  das  heiße  das  ganze  System  der  Mächte  untergraben;  und
was  nütze  es,  von  Ludwig  Philipp  die  Anerkennung  der  Verträge  zu
fordern,  wenn  man  sich  auf  sein  Wort  nicht  verlassen  könne?  Endlich
entschloß  er  sich,  seinem  königlichen  Schwiegervater  „einen  glänzenden
Beweis  seines  guten  Willens  zu  geben“  und  sendete  den  Feldmarschall
Diebitsch  zu  weiteren  Verhandlungen  nach  Berlin.])

 

*)  Brockhausens  Bericht,  23.  August.
**)  K.  Nikolaus  an  Grofßfürst  Konstantin  (mitgeteilt  in  dem  Berichte  des  Gen.
Konsul  Schmidt,  Warschau  25.  August  1830).
*““)  Lieven  an  Bourgoing  13/15.  August;  Kaiser  Nikolaus  an  Großfürst  Konstantin
29.  August  1830.
WGalens  Berichte,  Petersburg  24.  26.  August  1830.
        <pb n="50" />
        42  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Während  die  Ostmächte  also  noch  ohne  Ergebnis  unter  sich  ver—
handelten,  hatte  England  bereits  seinen  Entschluß  gefaßt  und  abermals
unzweideutig  bewiesen,  daß  der  alte  Vierbund  zersprengt  war.  Wellington
stand  noch  am  Ruder.  Derselbe  Staatsmann,  der  vor  fünfzehn  Jahren
die  Wiederherstellung  der  Bourbonen  am  eifrigsten  gefördert  hatte,  zog
jetzt  zuerst  seine  Hand  von  ihnen  ab.  Ganz  ebenso  unbedenklich  hatte
er  vor  kurzem  zwei  andere  Freunde,  den  Sultan  und  den  Dei  von
Algier  preisgegeben.  Es  war  die  alte  Treue  Albions.  Selbst  die  Torys
durften  eine  Regierung,  welche  sich  auf  die  Grundsätze  der  englischen
Revolution  von  1688  berief,  nicht  als  unrechtmäßig  bekämpfen;  ihr
Kabinett,  das  längst  schon  im  Sattel  wankte,  war  sofort  verloren,  wenn
es  sich  dem  einmütigen  Verlangen  der  öffentlichen  Meinung  widersetzte.
Schon  am  27.  August  wurde  die  Regierung  der  Orleans  von  dem  englischen
  Hofe  ohne  jede  Bedingung  anerkannt,  und  Wellington  erklärte
den  Ostmächten  in  einem  Rundschreiben,  die  Lage  seines  Landes  habe
ihm  nicht  erlaubt,  die  Beschlüsse  der  Alliierten  abzuwarten.

So  scheiterte  Preußens  Plan,  durch  eine  gemeinsame  Antwort  der
Großmächte  dem  Julikönigtum  zugleich  die  Anerkennung  zu  gewähren
und  ihm  feste  Schranken  vorzuzeichnen.  Nunmehr  schien  es  dem  Berliner
Hofe  ratsam,  daß  auch  die  anderen  Mächte  jede  für  sich  ihr  Anerkennungsschreiben
  nach  Paris  sendeten,  damit  der  Zwiespalt  zwischen  England  und
den  Ostmächten  nicht  zu  auffällig  hervorträte;  denn  nach  wie  vor  blieben
der  König  und  Graf  Bernstorff  der  Meinung,  die  große  Krisis  müsse
benutzt  werden,  um  die  große  Allianz  neu  zu  beleben..)  Ludwig  Philipp
hatte  allen  mächtigeren  Fürsten  durch  außerordentliche  Bevollmächtigte
eigenhändige  Briefe  gesendet,  deren  demütige  Haltung  einem  Beherrscher
Frankreichs  übel  anstand.  Im  bittenden  Tone  des  Schuldbewußten  entschuldigte
  er  seinen  Thronraub.  „Ich  seufze  über  das  Unglück  des  älteren
Zweiges  meiner  Familie,“  schrieb  er  an  König  Ludwig  von  Bayern.  „Mein
einziger  Ehrgeiz  wäre  gewesen,  ihm  vorzubeugen  und  auf  dem  Platze,
wohin  mich  die  Vorsehung  gestellt,  zu  bleiben.  Aber  die  Umstände  waren
gebieterisch,  ich  habe  mich  opfern  müssen.  Die  geringste  Zögerung  meinerseits
  konnte  das  Königreich  in  Wirren  stürzen,  deren  Ende  sich  nicht  absehen
  ließ  und  die  vielleicht  die  Fortdauer  des  für  das  Glück  aller  Staaten
so  unentbehrlichen  Friedens  gefährdet  hätten.“““)  Mit  einem  ähnlichen
Briefe  erschien  General  Lobau  in  Berlin.  Am  9.  September  antwortete
Friedrich  Wilhelm  durch  ein  freundliches  Schreiben,  worin  sich  freilich
die  unverblümte  Bemerkung  befand:  es  ist  nicht  meines  Amtes  (il  ne
m'appartient  pas)  über  das  Geschehene  zu  urteilen.  Nachdem  er  den

*)  Bernstorff  an  Nesselrode,  26.  August.  Bernstorff,  Denkschrift  über  die  Anerkennung
  Ludwig  Philipps,  Sept.  1830  (abgedruckt  bei  Natzmer,  unter  den  Hohenzollern
  I.  293).

*“)  K.  Ludwig  Philipp  an  K.  Ludwig  22.  August  1830.
        <pb n="51" />
        Anerkennung  Ludwig  Philipps.  43

schweren  Schritt  getan,  wollte  er  auch  ohne  Groll  mit  dem  neuen  Nach—
barfürsten  verkehren,  der  ihm  sofort  mit  überschwenglichen  Worten  seine
ewige  Dankbarkeit  versicherte.  Alexander  v.  Humboldt,  der  alte  Freund  des
Hauses  Orleans,  erhielt  daher  vertrauliche  Aufträge,  als  er  in  diesen
Tagen  seine  gewohnte  Herbstreise  nach  Paris  antrat,  und  er  tat  das
Seine,  um  ein  leidliches  Verhältnis  zwischen  den  beiden  Höfen  herzu—
stellen.  Unterdessen  hatte  auch  Kaiser  Franz  sein  Anerkennungsschreiben
nach  Paris  gesendet.  Die  kleinen  Fürsten  und  der  Bundestag  folgten  dem
Beispiele.  Nur  Zar  Nikolaus  zögerte  noch  einige  Wochen,  und  als  er
endlich  das  Unvermeidliche  tat,  konnte  er  seine  Verstimmung  doch  nicht
bemeistern;  jahrelang  gefiel  er  sich  darin,  durch  allerhand  diplomatische
Ungezogenheiten  den  Orleans  seine  Verachtung  zu  zeigen.  —

Die  Frage  der  Anerkennung  Ludwig  Philipps  gefährdete,  wie  die
Dinge  standen,  den  Weltfrieden  nicht  unmittelbar;  bedrohlich  ward  die
Lage  erst,  als  der  belgische  Aufstand  sich  mit  der  Juli-Revolution  ver—
kettete.  Der  Bürgerkönig  selber  sah  in  dem  Aufruhr  der  Belgier  nur  eine
unwillkommene  Verlegenheit.  Anders  dachte  sein  Volk.  Zu  Tausenden
strömten  die  französischen  Freiwilligen  und  Aufwiegler  nach  Brabant;
wie  ein  Mann  forderte  die  radikale  Presse  die  Einverleibung  Belgiens
zur  Sühne  für  Leipzig  und  Belle  Alliance;  selbst  gemäßigte  Blätter  be—
haupteten,  mit  einer  naiven  Geringschätzung  fremden  Rechtes,  welche  die
Franzosen  von  jeher  ausgezeichnet  hat,  nur  durch  Eroberungen  könne
das  neue  Herrscherhaus  die  Herzen  seines  Volkes  gewinnen.  Allem  An—
schein  nach  mußte  Belgien  der  Herrschaft  oder  doch  dem  übermächtigen
Einflusse  Frankreichs  anheimfallen,  wenn  der  niederländische  Gesamt—
staat  zerfiel.  Und  dies  Vereinigte  Königreich  war  das  eigenste  Werk  des
Vierbundes,  vor  allem  doch  das  Geschöpf  der  englischen  Staatskunst;
denn  nur  damit  England  die  Hälfte  der  holländischen  Kolonien  behalten
könne,  hatten  die  Verbündeten  einst  den  festländischen  Besitz  der  Oranier
so  übermäßig  vergrößert;  vor  kurzem  erst  waren  unter  Wellingtons
Oberleitung  jene  Festungen  an  der  belgischen  Südgrenze  vollendet  worden,
welche  der  Vierbund  von  den  französischen  Kontributionsgeldern  hatte  er—
bauen  lassen.  Wo  nicht  der  Buchstabe,  so  doch  sicherlich  der  Geist  der
Verträge  und  mehr  noch  der  politische  Anstand  verpflichteten  den  englischen
Staat,  dies  sein  Schoßkind  nicht  kurzerhand  preiszugeben.  Und  welch
ein  gefährliches  Beispiel  gab  dieser  Aufstand  der  Priester  den  grollenden
Iren;  schon  verkündete  O'Connell  frohlockend:  wenn  das  katholische  Belgien
sich  befreie,  dann  müsse  auch  Irland  das  Joch  seiner  protestantischen
Herren  abschütteln.  Darum  empfing  Wellington  die  Nachrichten  aus
Brüssel  mit  aufrichtigem  Bedauern;  er  wünschte  zum  mindesten,  Belgien
als  ein  selbständiges  Land  dem  Hause  Oranien  zu  erhalten,  und  trug
sich  einige  Tage  lang  sogar  mit  dem  Plane,  englische  Truppen  in  jene
belgischen  Festungen  zu  werfen.  Aber  die  britische  Handelspolitik  hatte
        <pb n="52" />
        44  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

bei  dem  niederländischen  Gesamtstaate  ihre  Rechnung  nicht  gefunden;
er  war  keineswegs,  wie  Castlereagh  einst  gehofft,  ihr  demütiger  Klient
geworden,  sondern  ihr  mit  seinen  Zöllen  und  Rheinschiffahrtsgesetzen
sehr  rücksichtslos  entgegengetreten.  Die  alte  Freundschaft  bestand  längst
nicht  mehr,  und  niemals  hätte  die  aufgeregte  öffentliche  Meinung  dem
Kabinett  gestattet,  um  dieses  ungeliebten  Nachbarn  willen  einen  Krieg
gegen  das  hochgepriesene  Volk  der  Juli-Revolution  heraufzubeschwören.
Der  eiserne  Herzog  mußte  sich  fügen.  Schon  um  Mitte  Septembers
wußte  man  in  Berlin  genau,  daß  England  auf  keinen  Fall  zur  Verteidigung
  seines  alten  „Bollwerks“  die  Waffen  ziehen  werde.“)

Ebenso  vorsichtig  verfuhr  der  Wiener  Hof.  Bei  der  ersten  ernstlichen
  Gefährdung  unseres  Rheinlands  ward  sogleich  offenbar,  wie  gänzlich
  das  neue  OÖsterreich  seit  dem  Verluste  seiner  westlichen  Provinzen
aus  Deutschland  hinausgewachsen  war.  Metternich  klagte  zwar  nach  seiner
Gewohnheit  über  den  neuen  Krater  des  rastlos  arbeitenden  Vulkans  der
Revolution;  sogar  eine  selbständige  Verwaltung  für  Belgien,  die  er  früherhin
  selber  dem  Könige  der  Niederlande  angeraten,  fand  er  jetzt  hochbedenklich,
  da  sie  durch  einen  Aufruhr  ertrotzt  würde.  *)  Doch  er  erklärte
auch  von  vornherein  sehr  nachdrücklich,  Kaiser  Franz  stehe  in  diesem
Streite  nur  in  zweiter  Reihe;  für  einen  rheinischen  Feldzug  hatte  Österreich
  nur  ein  Hilfsheer  übrig,  seine  beste  Kraft  mußte  sich  gegen  den
Süden,  gegen  die  drohende  Erhebung  der  Italiener  wenden.  Verstimmt
und  entmutigt,  wie  er  jetzt  war,  sah  Metternich  die  belgischen  Dinge  im
trübsten  Lichte  und  gestand  seinem  Kaiser  schon  am  11.  Oktober:  „der
Prozeß  in  den  Niederlanden  ist  rein  verloren.“

Umso  schwieriger  war  die  Lage  Preußens,  das  den  belgischen  Wirren
fast  ebenso  nahe  stand  wie  England.  Persönliche  Teilnahme  konnte  der
König  der  Niederlande  von  Deutschland  nicht  verlangen;  denn  unter  den
vielen  unleidlichen  Nachbarn  Preußens  war  er  sicherlich  der  böseste,  und
unter  allen  deutschen  Fürsten  hatte  keiner  seine  Bundespflichten  so  schamlos
  mit  Füßen  getreten.  Welche  lange  Reihe  häßlicher  Händel,  von  den
ersten  Grenzstreitigkeiten  an  bis  zur  Sperrung  der  Rheinschiffahrt  und
dem  dreisten  Versuche,  die  Bundesfestung  Luxemburg  den  deutschen
Truppen  zu  verschließen!  Und  wie  hochmütig  hatte  er  nach  dem  Aachener
Kongresse  den  preußischen  Nachbarn  abgewiesen,  als  dieser  sich  erbot,  zum
Schutze  Belgiens  ein  stehendes  Beobachtungsheer  am  Niederrhein  aufzustellen
  !)  Trotz  alledem  war  Friedrich  Wilhelms  Gutherzigkeit  an  den
Oraniern  nicht  irre  geworden,  man  behandelte  sie  in  Berlin  noch  immer
fast  wie  Glieder  des  königlichen  Hauses.  König  Wilhelm  war  der  Schwager

*)  Bernstorffs  Bericht  an  den  König  über  die  Lage  der  Niederlande,  17.  September
  1820.
*“)  Maltzahns  Bericht,  12.  September  1830.
*“)  S.  o.  II.  472.
        <pb n="53" />
        Preußen  und  die  Niederlande.  45

und  Vetter  des  Königs  von  Preußen;  zärtliche  Freundschaft  verband  die
beiden  Kronprinzen,  obgleich  sie  in  ihren  politischen  Grundsätzen  gar
nichts  miteinander  gemein  hatten;  und  eben  in  diesen  Tagen  wurde  die
alte  Blutsverwandtschaft  durch  die  Vermählung  des  Prinzen  Albrecht  von
Preußen  mit  einer  niederländischen  Prinzessin  abermals  befestigt.  Die
Niederlage,  welche  Prinz  Friedrich  der  Niederlande  im  Straßenkampfe
zu  Brüssel  erlitten  hatte,  wirkte  am  Berliner  Hofe  wie  ein  Donnerschlag.
Der  Kronprinz  konnte  diese  Erinnerungen  nie  ganz  verwinden;  nach
langen  Jahren  noch,  in  den  Fieberträumen  seiner  letzten  Krankheit  sprach
er  wehmütig  von  dem  guten  Freunde,  der  die  Hälfte  seiner  Kinder
verloren  habe.

Über  die  Unhaltbarkeit  des  künstlichen  niederländischen  Gesamtstaates
waren  die  preußischen  Staatsmänner  noch  keineswegs  einig.  Wohl  hatte
Hardenberg,  als  es  zu  spät  war,  ein  Jahr  nach  dem  Wiener  Kongresse,
ärgerlich  geäußert:  Bataver  und  Belgier  würden  sich  doch  nie  vertragen;
  wie  viel  klüger,  wenn  man  Belgien  an  die  Welfen  und  dafür
Hannover  an  Preußen  gegeben  hätte.  Aber  solche  Ansichten  standen  vereinzelt;
  die  Mehrzahl  am  Hofe  betrachtete  es  als  eine  Ehrenpflicht,  die
wichtige  Position  an  der  Maas  und  Schelde  dem  befreundeten  Fürstenhause
  zu  erhalten.  Die  alten  Helden  des  Befreiungskrieges  sahen  den
längst  erwarteten  dritten  punischen  Krieg  jetzt  unaufhaltsam  herannahen;
und  mußte  er  kommen,  war  es  dann  nicht  würdiger,  das  Schwert  sogleich
  zu  ziehen  zur  Wahrung  der  Rechte  eines  alten  Bundesgenossen?
So  dachte  Clausewitz;  so  Gneisenau,  obwohl  er  zuweilen  friedlicheren
Stimmungen  nachgab.  Auch  Stein  ahnte  tief  erschüttert,  die  ganze
Arbeit  seines  Lebens  müsse  von  neuem  beginnen;  er  wußte,  die  Eitelkeit
der  Franzosen  werde  nicht  ruhen,  bis  sie  dereinst  Rache  genommen  hätten
an  den  Siegern  des  Befreiungskrieges.

In  diesem  Gewoge  kriegerischer  Leidenschaften  stand  der  König,  minder
weitsichtig  und  ebendeshalb  nüchtern  die  Lage  des  Augenblicks  erwägend.
Auch  er  hielt  den  Krieg  für  nahezu  sicher;  aber  die  Schuld  daran  wollte
er  nicht  auf  sein  Gewissen  nehmen.  Durfte  er  seinem  Volke,  das  die
Nöte  des  letzten  Krieges  noch  kaum  verwunden  hatte,  jetzt  zumuten,  im
Auslande  einen  Aufstand  niederzuschlagen,  der,  diesmal  besiegt,  nach  einigen
Jahren  unfehlbar  abermals  ausbrechen  mußte?  Schon  begann  das  Nachspiel
  der  Juli-Revolution  auf  deutschem  Boden;  in  Braunschweig,  in  Kassel,
in  Dresden  erhob  sich  der  Aufruhr;  wer  konnte  vorhersehen,  ob  Preußen
nicht  bald  gezwungen  sein  würde,  hier  in  seinem  nächsten  Machtgebiete
mit  den  Waffen  die  Ruhe  herzustellen?  Auf  die  Treue  seines  Heeres
verließ  er  sich  unbedingt,  doch  die  freudige  Begeisterung  der  Befreiungskriege
  —  das  ward  in  den  Denkschriften  des  Auswärtigen  Amts  beständig
wiederholt  —  konnte  nur  dann  wiederkehren,  wenn  er  sein  Volk  in  einen
gerechten,  allen  verständlichen  Verteidigungskampf  führte;  und  den  Ein-
        <pb n="54" />
        46  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

marsch  in  Belgien  hätten  mindestens  die  gesinnungstüchtigen  Liberalen  der
Kleinstaaten  kurzerhand  als  einen  Rückfall  in  die  alte  Troppauer  Inter—
ventionspolitik  verdammt.  Die  Festungen,  auf  deren  Schutz  der  Vierbund
einst  gerechnet,  waren  mit  wenigen  Ausnahmen  schon  in  den  Händen  der
belgischen  Aufständischen.  Von  England  stand  keine,  von  Osterreich  nur
späte  und  geringe  Hilfe  zu  erwarten.  Frankreich  hingegen  war  entschlossen,
falls  Preußen  in  das  östliche  Belgien  einrückte,  sogleich  den  westlichen
Teil  des  Landes  zu  besetzen.  Diese  Absicht  kündigte  Graf  Mols  schon
am  31.  August  dem  preußischen  Gesandten  Werther  vertraulich  an.  Er
sprach  durchaus  versöhnlich,  entschuldigte  sich  wie  gewöhnlich  mit  der
kritischen  Lage  seiner  Regierung,  versicherte  heilig,  Frankreich  beabsichtige
keine  Feindseligkeiten;  nur  müßten  die  beiden  Nachbarmächte  Belgiens
in  vollkommen  gleicher  Stellung  bleiben,  bis  ein  europäischer  Kongreß  die
Frage  friedlich  löse.“)  An  der  Aufrichtigkeit  seiner  Beteuerungen  war
nicht  zu  zweifeln.  Aber  wie  nun,  wenn  das  zuchtlose,  durch  die  Re—
volution  mächtig  aufgeregte  französische  Heer  so  nahe  dem  Schlachtfelde
von  Belle  Alliance  den  verhaßten  preußischen  Siegern  dicht  gegenübertrat?
Ein  Zufall  konnte  dann  leicht  das  Signal  geben  zu  jenem  Weltkriege,
welchen  die  Anerkennung  des  Julikönigtums  soeben  erst  glücklich  ab—
gewendet  hatte.

Die  Entscheidung  dieser  ernsten  Fragen  behielt  sich  Friedrich  Wilhelm
selber  vor;  nur  Witzleben  und  Bernstorff,  der  trotz  der  Schmerzen  einer
schweren  Krankheit  immer  klar  und  ruhig  blieb,  genossen  sein  Vertrauen.
Und  es  war  dringend  nötig,  daß  der  Monarch  die  Leitung  der  aus—
wärtigen  Politik  in  seine  Hände  nahm;  denn  die  Kriegspartei  am  Hofe
gewann  an  Feldmarschall  Diebitsch  einen  kräftigen  Bundesgenossen.  Der
König  hatte  soeben  nach  Petersburg  die  Weisung  geschickt:  „Dieser  Sen—
dung  ist  nach  Möglichkeit  entgegenzuarbeiten,““*)  und  war  peinlich  überrascht,
  als  der  Russe  am  9.  September  nun  doch  eintraf;  er  wußte,  daß
der  Feldmarschall  und  sein  Stellvertreter  Czernitschew  die  beiden  einzigen
namhaften  Männer  des  russischen  Hofes  waren,  welche  die  Kriegslust  des
Zaren  teilten.  Glänzende  Feste  und  Paraden  wurden  zu  Ehren  des
Türkenbesiegers  veranstaltet.  Zur  Zeit  des  orientalischen  Krieges  hatten
Bernstorff  und  die  freieren  Köpfe  unter  den  preußischen  Staatsmännern
auf  Rußlands  Seite  gestanden;  jetzt  verschob  sich  die  Parteistellung,  alle
strengen  Legitimisten  priesen  den  Zaren  als  den  Hort  des  göttlichen
Königsrechts  und  erwiesen  seinem  Abgesandten  ihre  beflissene  Verehrung.
Der  dicke  kleine  rothaarige  Herr,  der  übrigens  von  seinen  Kriegstaten

 

*)  Die  gegen  d'Haussonville  gerichteten  Bemerkungen  K.  Hillebrands  (Gesch.
Frankreichs  I.  144)  über  Zeit  und  Inhalt  dieses  Gesprächs  sind  durchaus  richtig,
wie  sich  aus  der  nachfolgenden  Darstellung  ergeben  wird.

*#)  Randbemerkung  des  Königs  zu  Galens  Bericht  v.  26.  Aug.  1830.
        <pb n="55" />
        mit  Bescheidenheit  sprach,  machte  nicht  den  Eindruck  eines  ungewöhnlichen
Geistes;  doch  an  Eifer  ließ  er  es  nicht  fehlen.  Er  war  gekommen,  um
die  Anerkennung  des  Bürgerkönigs  zu  verhindern;  nun  er  sich  in  dieser
Hoffnung  getäuscht  sah,  suchte  er  die  belgische  Frage  für  seine  kriege—
rischen  Pläne  auszubeuten.

Zwei  Monate  blieb  er  in  Berlin,  um  immer  wieder  in  Vorträgen
und  Denkschriften  zu  erweisen,  wie  leicht  der  Krieg  gegen  die  Revolution
sei,  selbst  ohne  Englands  Mitwirkung.  Dem  Könige  begann  die  leiden—
schaftliche  Haltung  seines  Schwiegersohnes  sehr  lästig  zu  werden.  In
den  Formen  zeigte  sich  der  Zar  stets  überaus  verbindlich.  Seine  Briefe
an  den  Schwiegervater  waren  mit  Versicherungen  dankbarer  Ergebenheit
dermaßen  überladen,  daß  Witzleben  einst  bei  Bernstorff  ganz  verlegen
anfragte:  wie  denn  der  König  antworten  solle,  ohne  die  gebotene  Gegen—
seitigkeit  zu  verletzen  oder  seine  Würde  bloßzustellen;?)  bei  seinem  letzten
Besuche  in  Schlesien  führte  er  sein  Kürassierregiment  zweimal  mit  gesenktem
  Degen  vor  General  Zieten  vorüber,  so  daß  selbst  die  preußischen
Offiziere  meinten:  das  sei  zu  viel.  Diese  gottorpischen  Schauspielerkünste
verhinderten  ihn  aber  keineswegs,  in  seinen  politischen  Zumutungen  an
Preußen  die  plumpe  Anmaßung  des  Moskowiters  zu  zeigen.  Wohlgeborgen
in  seinem  fernen  Osten,  versuchte  er,  wie  vormals  seine  Großmutter  im
Jahre  1792,  den  preußischen  Nachbarn  in  einen  ziellosen  Krieg  gegen  den
Westen  hineinzudrängen.  Wenngleich  er  in  seinem  wilden  Hasse  gegen
die  Revolution  durchaus  ehrlich  war  und  nicht  wie  Katharina  arglistige
Hintergedanken  hegte,  so  forderte  er  doch  ganz  so  dreist  wie  jene,  daß
Preußen  sich  für  den  Petersburger  Hof  opfern  müsse.  In  einer  seiner
Denkschriften  berechnete  Diebitsch  die  Streitkräfte  für  den  rheinischen
Feldzug  also:  210  O000  Mann  Preußen,  120  000  Mann  deutscher  Bundestruppen,
  30  000  Holländer  und  60  000  Osterreicher,  endlich  an  letzter
Stelle  180  000  Russen.*“)  So  ward  in  aller  Freundschaft  fast  die  ganze
Last  des  Krieges  auf  Preußen  abgewälzt;  über  die  stolze  Zahl  der  kleinen
deutschen  Kontingente  konnte  man  in  Berlin  nur  lächeln,  und  seit  den
Erfahrungen  des  Jahres  1813  wußte  man  auch,  wie  kühn  die  Phantasie
der  Russen  bei  der  Abschätzung  ihrer  eigenen  Heeresmacht  zu  verfahren
pflegte.  Selbst  General  Schöler,  der  Gesandte  in  Petersburg,  der  früherhin
  die  russische  Macht  stark  überschätzt  hatte,  war  jetzt  durch  langjährige
Beobachtung  eines  Besseren  belehrt;  er  warnte,  der  Zar  täusche  sich
über  das  Maß  seiner  Kräfte,  mehr  als  150  000  Mann  könne  Rußland
  nicht  gegen  Frankreich  aufbieten,  und  diese  brauchten  drei  Monate,
um,  vielleicht  erst  nach  gefallener  Entscheidung,  die  Maas  zu  erreichen.)

 

*7)  Briefwechsel  zwischen  Bernstorff  und  Witzleben  a.  d.  J.  1829.
*“)  Diebitschs  Denkschrift  v.  1./13.  Okt.  1830.
*“")  Schölers  Bericht,  21.  Nov.  1830.
        <pb n="56" />
        48  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Während  der  Zar  also  den  preußischen  Hof  mit  seinen  Kriegsplänen
bestürmte,  ließ  Kaiser  Franz  seinen  armen  Kronprinzen  Ferdinand  in
Preßburg  zum  Rex  junior  Hungariae  krönen,  damit  die  nur  zu  wohl
begründeten  Gerüchte  über  dessen  Regierungsunfähigkeit  durch  die  Tat
widerlegt  würden.  Diesen  Anlaß  benutzte  Nikolaus,  um  den  Grafen  Orlow
nach  Preßburg  zu  senden.  Metternich  empfing  den  Vertrauten  des  Zaren
mit  offenen  Armen,  beteuerte  lebhaft  seine  reine  Gesinnung:  „was  die
revolutionäre  Regierung  fürchtet,  das  müssen  wir  lieben;  was  sie  ablehnt,
das  müssen  wir  annehmen.“  Um  sich  bei  dem  Selbstherrscher  einzuschmeicheln,
  verleumdete  er  freundnachbarlich  den  preußischen  Hof:  nur
Bernstorffs  Feigheit  und  der  revolutionäre  Geist  des  preußischen  Beamtentums
  trügen  die  Schuld,  wenn  der  Krieg  für  das  legitime  Recht  nicht
zustande  komme.  Indes  hütete  er  sich  wohl,  irgend  eine  feste  Zusage
zu  geben.  Die  Ostmächte  sollten  die  Gesamtbürgschaft  für  die  Verträge
von  1815  aufrecht  halten  und  für  den  Notfall  in  der  Stille  rüsten  —
solche  unbestimmte  Ratschläge  waren  alles,  was  der  Russe  aus  Preßburg
  heimbrachte.

Schon  am  28.  August,  gleich  nach  dem  ersten  Brüsseler  Aufstande,
sendete  der  König  der  Niederlande  durch  den  Adjutanten  „de  notre
Albert“  einen  Hilferuf  an  den  König  von  Preußen:  die  Folgen  des
Aufruhrs  seien  nicht  zu  berechnen;  er  bitte  daher,  daß  der  Gouverneur
der  Rheinlande,  Prinz  Wilhelm  der  Altere,  und  seine  Generale  angewiesen
  würden,  „gemäß  den  bestehenden  Verträgen“  ihm  Beistand  zu
leisten,  sobald  er  es  verlange.  Das  alles,  als  verstünde  sich's  von  selber.
Friedrich  Wilhelm  las  den  Brief  mit  Befremden;  von  solchen  Vertragspflichten
  war  ihm  nichts  bekannt.  Er  ließ  sogleich  im  Auswärtigen  Amte
Nachforschungen  anstellen,  und  da  sich  ergab,  daß  Preußen  keine  besonderen
  Verpflichtungen  gegen  die  Niederlande  übernommen  hatte,  sondern
nur  ebenso  wie  die  anderen  Mächte  des  Vierbundes  an  die  Verträge  von
1815  gebunden  war,  so  erwiderte  er  am  9.  September  seinem  königlichen
Schwager:  erbetrachtetedie  Interessen  der  beiden  Kronen  als  „unzertrennlich“
und  wollte  sich  mit  seinen  Verbündeten  verständigen;  er  werde  auch  Truppen
an  den  Rhein  senden  und  alles  tun,  um  Frankreich  an  der  Unterstützung
des  Aufstandes  zuverhindern;  abergroße  Vorsicht  sei  nötig,  dader  französische
Hof  erklärt  habe,  daß  auch  seine  Truppen  einrücken  würden,  falls
ein  fremdes  Heer  Belgien  besetze.  )  In  der  Tat  wurde  das  vierte  Armeekorps
  sofort  aus  Sachsen  an  den  Rhein  gesendet  und  das  rheinische  verstärkt.
  Schon  diese  ersten  schwachen  Rüstungen  Preußens  genügten,  um
die  Staatsmänner  des  Palais  Royal  mit  Besorgnis  zu  erfüllen.  Guizot,

 

*)  König  Wilhelm  der  Niederlande  an  König  Friedrich  Wilhelm,  28.  Aug.
Antwort,  9.  Sept.  Bernstorff,  Protokoll  der  Beratung  über  das  niederl.  Schreiben
1.  Sept.  1830,  nebst  Denkschrift  „über  die  traktatmäßige  Verpflichtung  Preußens“.
        <pb n="57" />
        Belgien  und  die  Großmächte.  49

der  Minister  des  Innern,  hielt  für  sicher,  daß  der  Anblick  des  preußischen
Beobachtungsheeres  die  Kriegslust  der  Franzosen  steigern  müsse:  „Diese
unglückliche  belgische  Sache  verwickelt  unsere  Geschäfte  schrecklich  und  stellt
uns  auf  einen  Vulkan.  Mit  der  kommenden  jungen  Kammer  und  bei
der  Aufregung,  welche  die  Möglichkeit  eines  Krieges  hervorrufen  kann,
werden  wir  ein  neues  1793  erleben.  Ich  kann  Ihnen  versichern,  daß
der  König  in  dieser  Hinsicht  die  Meinungen  und  Besorgnisse  seines
Ministerrates  teilt.“*)

Mittlerweile  hatten  sich  die  Brüsseler  zum  zweiten  Male  siegreich
erhoben,  ganz  Belgien  war  im  Aufruhr,  die  Versöhnung  zwischen  den
beiden  verfeindeten  Nachbarstämmen  erschien  aussichtslos.  Es  ward  hohe
Zeit,  daß  die  Großmächte  sich  ins  Mittel  legten.  Nachdem  das  niederländische
  Kabinett  schon  am  7.  September  die  vier  Mächte  gebeten  hatte,  eine
Gesandtenkonferenz  nach  dem  Haag  zu  berufen,  richtete  Bernstorff  jetzt
(3.  Oktober)  die  dringende  Anfrage  nach  London:  ob  England  nun  endlich
den  rechten  Augenblick  zum  gemeinsamen  Einschreiten  gekommen  glaube?
Er  fragte  ferner:  ob  es  nicht  vorteilhaft  sei,  wenn  auch  der  Hof  des  Palais
Royal  mittelbar  oder  unmittelbar  bei  den  Unterhandlungen  mitwirkte  ?)
Obgleich  Frankreich  an  der  Begründung  der  Vereinigten  Niederlande  nicht
teilgenommen,  so  war  es  doch  auf  dem  Aachener  Kongreß  förmlich  in
die  große  Allianz  eingetreten;  ohne  seine  Zustimmung,  das  lag  auf  der
Hand,  ließ  sich  die  belgische  Frage  nicht  im  Frieden  beilegen.  Zur
Rechtfertigung  seiner  Ansicht  berief  sich  Bernstorff  auf  die  kriegerischen
Leidenschaften  der  Franzosen,  welche  der  Regierung  selber  über  den  Kopf
zu  wachsen  drohten:  „man  muß  ihr  die  Mittel  gewähren,  um  sich  ohne
Demütigung  und  ohne  Gefahr  für  sich  selber  aus  einer  sehr  ernsten
Verlegenheit  zu  ziehen.““7*#

Unterdessen  war  das  englische  Kabinett  bereits  auf  denselben  Gedanken
  verfallen.  Seit  einigen  Tagen  weilte  Talleyrand  als  französischer
Botschafter  in  London,  und  der  alte  Meister  der  Diplomatie,  dem  die
Orleans  ihre  Krone  verdankten,  sollte  ihnen  jetzt  auch  noch  eine  leidliche
Stellung  in  der  Staatengesellschaft  verschaffen,  sein  wechselvolles  Leben
mit  einem  erfolgreichen  Spiele  abschließen.  Seiner  nie  versiegenden  Beredsamkeit
  konnte  weder  Wellington,  noch  der  Minister  des  Auswärtigen,
der  beschränkte  ängstliche  Lord  Aberdeen,  widerstehen;  er  ward  nicht  müde
zu  beteuern,  daß  sein  König  weder  Belgien  einverleiben,  noch  dort  einen
Herd  des  Aufruhrs  unterhalten  wolle.  Der  eiserne  Herzog  war  entzückt
  und  lobte  Talleyrands  Redlichkeit  ebenso  warm,  wie  er  vorm  Jahre

 

*)  Schreiben  Guizots  (September),  durch  Bernstorff  an  Bülow  mitgeteilt
3.  Okt.  1830.

*)  Verstolk  von  Soelen  an  Perponcher,  Haag  7.  Sept.  Bernstorff,  Weisung
an  Bülow  3.  Okt.  1830.

**)  Bernstorff,  Weisung  an  Bülow  20.  Okt.  1830.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  4
        <pb n="58" />
        50  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Polignacs  Geist  gepriesen  hatte.  Schon  am  2.  Oktober,  noch  bevor  jene
Anfrage  Bernstorffs  eingetroffen  war,  beschloß  das  Kabinett,  alle  Großmächte,
  auch  Frankreich,  zu  einer  europäischen  Konferenz  einzuladen.
Preußen  und  OÖsterreich  stimmten  zu.  Der  französische  Hof  erhob  noch
allerhand  Schwierigkeiten;  er  verlangte  die  Sicherheit,  daß  auf  keinen
Fall  eine  bewaffnete  Einmischung  erfolgen  dürfe,  er  schlug  Paris  zum
Sitze  der  Konferenz  vor;  doch  er  fügte  sich,  als  seine  Zumutungen  einmütig
  abgewiesen  wurden,  und  man  ward  einig,  die  Versammlung  nach
London  zu  berufen.

In  solcher  Lage  kam  das  neue  Hilfegesuch,  das  der  König  der  Niederlande,
  diesmal  an  alle  vier  Mächte,  abgehen  ließ,  offenbar  zu  spät.  Der
König  verlangte  sofortiges  Einschreiten  mit  den  Waffen  und  versicherte
dem  Zaren,  dies  sei  mit  dem  europäischen  Frieden  vielleicht  nicht  unvereinbar.
  Preußen  und  England  aber  verwiesen  ihn  auf  die  Verhandlungen
der  Konferenzen;  und  in  gleichem  Sinne  ward  geantwortet,  als  der  Oranier
sich  bald  nachher  zum  dritten  Male  an  Preußen  wendete,  um  mindestens
die  Besetzung  einiger  Festungen  zu  erreichen.)  Sein  Gesandter,  Graf
Perponcher,  hatte  einen  harten  Stand;  er  war  in  Berlin  ganz  heimisch
geworden,  wurde  vom  Könige  und  den  Prinzen  als  alter  Freund  behandelt
  und  mußte  nun  doch  beständig  Abweisungen  erfahren;  würdig
und  taktvoll  behauptete  er  sich  zwischen  Bernstorff  und  Diebitsch,  zwischen
  den  liberalen  Beamten  und  den  kriegslustigen  Offizieren.

Und  nun  zeigte  sich,  was  Friedrich  Wilhelms  feste  und  offene  Haltung
  für  den  Weltfrieden  bedeutete.  Mit  gutem  Grunde  sagte  Lord
Heytesbury  in  Petersburg  zu  General  Schöler:  „Ihre  Regierung  ist  die
vernünftigste  von  allen,“  und  desgleichen  Nesselrode:  „die  besonnene  Politik
Ihres  Königs  ist  das  einzige,  worauf  Europa  noch  seine  Hoffnung  bauen
kann.“  Durch  Preußen  allein  wurden  die  kriegerischen  Pläne  des  Zaren
in  Schach  gehalten.  Nikolaus  fand  es  entsetzlich,  daß  der  König  der  Barrikaden
  in  den  hohen  Rat  Europas  eintreten  solle;  sein  Diebitsch  machte
in  Berlin  den  naiven  Vorschlag,  Frankreich  dürfe  nur  zugelassen  werden,
wenn  es  sich  verpflichte,  die  Verhältnisse  Belgiens,  wie  sie  vor  der  Revolution
  bestanden,  aufrecht  zu  erhalten  —  worauf  Friedrich  Wilhelm  kurzab
  erwiderte:  „dies  wird  niemals  erreicht  werden  können.“  Aber  ohne
Preußen  vermochte  Rußland  in  diesem  Handel  nichts.  Wie  hart  es  ihm
auch  ankam,  am  25  Oktober  erwiderte  Nikolaus  dem  Oranier:  er  selbst  sei
bereit,  die  verlangte  Waffenhilfe  zu  leisten,  doch  sein  vereinzeltes  Auftreten
würde  nur  schaden,  die  Verständigung  mit  den  Großmächten  könne  allein
noch  retten.  Sichtlich  erleichtert  schrieb  Nesselrode,  den  die  leidenschaftlichen
  Vorsätze  des  Zaren  schwer  beängstigt  hatten,  nach  Berlin:  wenn  alle

 

*)  König  Wilhelm  der  Niederlande  an  Kaiser  Nikolaus  2.  Oktober.  Perponcher
an  Bernstorff  6.  Okt.  Antwort  15.  Okt.  Kabinettsordre  an  Bernstorff  1.  Nov.  1830.
        <pb n="59" />
        Die  Londoner  Konferenzen.  51

Mächte  dem  Vorschlage  Wellingtons  zustimmten,  dann  stehe  zu  hoffen,
daß  England  bei  dem  Vierbunde  verbleibe  und  nicht  mit  Frankreich  gemeinsame
  Sache  mache.)

So  konnte  denn  am  4.  November  die  Londoner  Konferenz  zusammentreten.
  Die  Trennung  der  Niederlande  erwies  sich  inzwischen  mit  jedem
Tage  deutlicher  als  eine  vollendete  Tatsache.  Auch  die  Widerstrebenden
begannen  einzusehen,  daß  der  Bestand  zweier  selbständiger,  in  sich  einiger
Mittelstaaten  hier  auf  der  wichtigsten  militärischen  Position  Mitteleuropas
immerhin  mehr  Dauer  versprach  und  den  Weltfrieden  weniger  bedrohte,
als  die  künstliche  Wiederherstellung  des  von  inneren  Gegensätzen  zerrissenen
Vereinigten  Königreichs.  Schon  am  Tage  der  Eröffnung  der  Beratungen
schrieb  Bernstorff:  auf  keinen  Fall  dürfe  Belgien  unter  Frankreichs  Einfluß
  geraten;  dies  sei  das  Wesentliche;  daneben  erscheine  es  als  eine
untergeordnete  Frage,  ob  ein  Statthalter,  ein  Vizekönig  oder  ein  selbständiger
  Herzog  in  Brüssel  gebiete.*)  Der  Gesandte  in  London,  Wilhelm
Humboldts  Schwiegersohn  Heinrich  von  Bülow  befolgte  die  versöhnlichen
  Weisungen  mit  Freuden.  Auf  den  Konferenzen  zeigte  er  sich  als
feiner  Kopf  und  gewandter  Unterhändler;  die  liberalen  Vorurteile  des
Tages  beirrten  ihn  nicht,  nur  jener  Versuchung,  welcher  die  lange  im
Auslande  lebenden  Diplomaten  so  leicht  unterliegen,  entging  er  nicht
immer:  er  sah  zuweilen  unwillkürlich  durch  fremde  Brillen  und  folgte
den  Ansichten  der  englischen  Staatsmänner  allzu  weit.  Auch  Metternich
war  bereits  zu  der  Einsicht  gelangt,  daß  es  nur  noch  gelte,  die  Herrschaft
Frankreichs  über  Belgien  zu  verhindern.  Zum  Bevollmächtigten  für  die
Konferenz  ernannte  er  neben  dem  Gesandten  Esterhazy  den  Freiherrn
von  Wessenberg,  den  Verfasser  der  deutschen  Bundesakte,  der  im  alten
OÖsterreich  als  liberal  verrufen  und  deshalb  lange  den  Geschäften  fern
geblieben  war;  die  Wiederberufung  „dieses  unbequemen  Talents“  galt  in
der  diplomatischen  Welt  als  ein  Beweis  für  die  Verlegenheit  des  Wiener
Hofes.  **)  Selbst  die  russischen  Bevollmächtigten,  Lieven  und  Matuszewic,
  traten  so  versöhnlich  auf,  als  es  die  Furcht  vor  dem  grollenden
Zaren  nur  irgend  erlaubte.

Die  Hoffnung  der  Ostmächte,  der  alte  Vierbund  werde  sich  nunmehr
  von  neuem  befestigen,  ging  gleichwohl  nicht  in  Erfüllung.  Noch
im  November  kam  das  Torykabinett  zu  Falle,  und  sobald  Lord  Palmerston
in  die  Konferenz  eintrat,  ward  die  längst  vorbereitete  Verschiebung  der
Allianzen  sogleich  offenbar;  die  beiden  Seemächte  —  so  lautete  der  diplomatische
  Ausdruck  der  Zeit  —  stellten  sich  in  herzlichem  Einverständnis

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm,  Randbemerkungen  zu  Diebitschs  Denkschrift  vom
1./13.  Okt.  Kaiser  Nikolaus  an  König  Wilhem  der  Niederl.  13./25.  Okt.  Nesselrode
an  Alopeus  19.  Okt.  (a.  St.)  1830.

**)  Bernstorff,  Weisung  an  Bülow,  4.  Nov.  1830.

*““)  Blittersdorffs  Bericht,  6.  Okt.  1830.
47
        <pb n="60" />
        52  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

den  drei  Festlandsmächten  gegenüber.  Palmerston  hatte  einst  als  Mit—
glied  des  Torykabinetts  Liverpool  selber  mit  teilgenommen  an  der
Schöpfung  des  Vereinigten  Königreichs;  aber  noch  gleichmütiger  als
Wellington  ließ  er  den  alten  Schützling  fallen,  um  dessen  Feinde  zu  er—
mutigen.  Sofort  trat  er  in  vertraulichen  Verkehr  mit  dem  jungen  van
de  Weyer,  den  die  Belgier  nach  London  gesendet  hatten,  einem  klugen  und
besonnenen  Staatsmanne.  Belgien  sollte  für  England  werden,  was  man
von  den  Vereinigten  Niederlanden  vergebens  erwartet  hatte,  ein  abhängiger,
ergebener  Bundesgenosse.  Darum  wetteiferte  Palmerston  mit  Talleyrand
in  Gunstbeweisen  gegen  die  aufständischen  Belgier.  Obgleich  der  Franzose
anfangs  die  Rolle  der  uneigennützigen  Tugend  mit  gewohnter  Kunstfertig—
keit  spielte,  so  mußte  doch  die  Stunde  kommen,  da  er  seine  Karten  auf—
deckte;  und  dann  konnte  dieser  freundschaftliche  Wettkampf  der  beiden
wahlverwandten  Geister  nur  mit  dem  Siege  des  Briten  endigen,  da
England  nicht  in  der  Lage  war,  belgisches  Gebiet  für  sich  zu  fordern  und
mithin  den  Ostmächten  minder  gefährlich  erschien!

Gleich  der  erste  Beschluß  der  Konferenz  gereichte  den  Belgiern  zum
Vorteil.  Ein  Waffenstillstand  ward  verkündigt  und  von  beiden  kämpfen—
den  Teilen  willig  angenommen.  Darin  lag,  obwohl  man  den  Namen
noch  vermied,  schon  die  Anerkennung  der  Aufständischen  als  einer  krieg—
führenden  Macht.  Ganz  auf  die  gleiche  Weise,  durch  das  Gebot  der
Waffenruhe,  hatten  England,  Frankreich  und  Rußland  vor  drei  Jahren
die  Errichtung  des  griechischen  Staates  diplomatisch  eingeleitet.“)  Am
20.  Dezember  ward  sodann  die  Selbständigkeit  der  südlichen  Niederlande
bis  zu  der  alten  Nordgrenze  vom  Jahre  1790  als  Grundsatz  ange—
nommen,  allerdings  mit  Vorbehalt  der  Rechte  des  Königs;  denn  alle
Mächte,  auch  Frankreich,  mißbilligten  die  in  Brüssel  verkündigte  Ent—
thronung  des  königlichen  Hauses  und  wünschten  noch,  den  Oraniern  den
Besitz  Belgiens,  mindestens  als  eine  Sekundogenitur  zu  erhalten.  Auf
Preußens  Verlangen  wurden  auch  die  Rechte  des  Deutschen  Bundes  auf
Luxemburg  ausdrücklich  vorbehalten  und  dem  Bundestage  die  Erledigung
dieser  Streitfrage  zugewiesen.  Immerhin  waren  die  Grundsteine  für  den
künftigen  belgischen  Staat  bereits  gelegt,  und  in  Berlin  erwog  man
schon  die  Frage:  was  nunmehr  aus  den  Festungen  an  der  Südgrenze
werden  solle,  da  man  den  Belgiern  weder  die  Macht,  noch  den  guten
Willen  zutraute,  sie  gegen  Frankreich  zu  verteidigen.  Feldmarschall
Diebitsch  meinte,  dann  bleibe  nur  übrig,  einen  Teil  der  neuen  Festungen
wieder  zu  schleifen,  und  der  preußische  wie  der  russische  Hof  schloß  sich
dieser  Ansicht  an.*“)  Um  den  Niederlanden  doch  einen  Schutz  gegen  einen

 

»)  S.  o.  III.  731.
*  )  Diebitsch,  Denkschrift  über  die  belgischen  Festungen  12./24.  Okt.  Bernstorss,
Weisung  an  Bülow  4.  Nov.  Nesselrode,  Weisung  an  Alopeus  12.  Nov.  (a.  St.)  1830.
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        Die  Politik  der  Nichteinmischung.  53

neuen  Friedensbruch  der  Franzosen  zu  gewähren,  geriet  nachher  Bülow
zuerst  auf  den  Gedanken,  Belgien  solle  wie  die  Schweiz  für  neutral  erklärt
und  seine  Neutralität  unter  die  Gesamtbürgschaft  der  großen  Mächte  ge—
stellt  werden.  Es  war  ein  Notbehelf,  aber  ein  unvermeidlicher.  Für  eine
große  Entscheidung,  welche  den  tausendjährigen  Erbfolgestreit  der  Gallier
und  Germanen  um  die  Trümmer  des  alten  lotharingischen  Zwischen—
reiches  endgültig  erledigt  hätte,  fehlten  zur  Zeit  noch  alle  Vorbedingungen.
Nach  dem  jüngsten  Proben  britischer  Vertragstreue  blieb  es  freilich  sehr
zweifelhaft,  ob  England  seinen  neuen  Schützling  nicht  dereinst  ebenso  ge—
mütsruhig  preisgeben  würde,  wie  jetzt  den  alten;  aber  für  zwei  oder
drei  Jahrzehnte  vielleicht  bot  die  Gesamtbürgschaft  der  großen  Mächte
immerhin  einige  Sicherheit.  —

Wie  friedlich  auch  die  Londoner  Konferenzen  sich  anließen,  die  Gefahr
eines  allgemeinen  Krieges  war  noch  mit  nichten  verschwunden.  Über
Talleyrands  Redlichkeit  wußten  die  Ostmächte  besser  Bescheid  als  Wel—
lington;  die  glatten  Worte  des  Botschafters  widersprachen  doch  gar  zu
auffällig  den  Taten  seiner  Regierung.  Frankreich  rüstete  unaufhörlich;
im  September  wurden  128  000  Mann,  im  Dezember  nochmals  80  000
Mann  einberufen,  und  dies  zu  einer  Zeit,  da  Preußen  zwar  einige
Truppen  an  den  Rhein  vorgeschoben,  aber  noch  kein  Regiment  auf  Kriegsfuß
  gestellt  hatte.  Das  Kriegsgeschrei  der  Pariser  Presse  ward  täglich
frecher;  in  Belgien,  in  Deutschland,  in  Italien,  überall  trieben  französische
  Aufwiegler  ihr  Wesen,  an  den  kleinen  deutschen  Höfen  sprachen
die  Gesandten  des  Bürgerkönigs  gern  von  den  glücklichen  Zeiten  des
Rheinbundes;  und  als  im  November,  fast  gleichzeitig  mit  dem  Sturze
der  Torys,  das  „Ministerium  der  Bewegung“  ins  Amt  trat,  schlug
auch  die  Regierung  selber  einen  höheren  Ton  an.  Der  neue  Ministerpräsident
  Laffitte,  einer  jener  liberalen  Börsenmänner,  welche  den  Bürgerthron
  aufrichten  halfen,  glaubte  an  die  welterobernde  Macht  der  Ideen
von  1789  mit  der  ganzen  Unschuld,  deren  die  Seele  eines  lebenslustigen
Millionärs  fähig  ist,  und  der  Minister  des  Auswärtigen,  der  Korse
Sebastiani,  hatte  auch  als  Vertrauter  der  friedfertigen  Orleans  die  anmaßliche
  Ruhmredigkeit  des  napoleonischen  Generals  noch  nicht  verlernt.

Unter  den  Schlagwörtern,  mit  denen  diese  Regierung  die  kriegslustigen
Radikalen  halb  zu  gewinnen,  halb  zu  beschwichtigen  suchte,  war  keines
wirksamer  als  der  prahlerisch  verkündigte  Grundsatz  der  Nichteinmischung.
Erst  in  halbamtlichen  Zeitungsaufsätzen,  dann  in  Talleyrands  Begrüßungsworten
  an  den  König  von  England,  nachher  in  verschiedenen  Depeschen  an
die  Großmächte,  endlich  in  einer  feierlichen  Kammerrede  Laffittes  wurde
die  Behauptung  aufgestellt,  jedes  Volk  sei  befugt,  seine  Regierung  nach
Gutdünken  zu  verändern,  und  keine  fremde  Macht  dürfe  sich  anmaßen,
in  solche  Händel  einzugreifen.  Die  harte  legitimistische  Doktrin  der  Interventionspolitik
  hatte  die  Selbständigkeit  aller  Staaten  gefährdet;  nun  trat
        <pb n="62" />
        54  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

ihr,  durch  einen  notwendigen  Rückschlag,  eine  ganz  ebenso  doktrinäre
radikale  Lehre  entgegen,  welche  die  Gemeinschaft  des  Staatensystems  zu
zersprengen  drohte.  In  Paris  ward  dies  neue  Evangelium  der  Völker—
freiheit  dahin  ausgelegt,  daß  Frankreich  befugt  sei,  jede  Einmischung  der
Großmächte  in  die  inneren  Streitigkeiten  anderer  Länder  mit  den  Waffen
abzuweisen.  Hatten  die  Ostmächte  einst  in  Troppau  sich  angemaßt,  jede
Revolution  in  der  Welt  zu  unterdrücken,  so  erhob  jetzt  das  Julikönigtum
  den  noch  weit  gefährlicheren  Anspruch,  jeden  Aufruhr  zu  unterstützen.
  Es  war  der  alte  Grundsatz  der  revolutionären  Propaganda:
Krieg  den  Palästen,  Friede  den  Hütten;  nur  erschien  er  jetzt  nicht  mehr
in  seiner  nackten  Roheit,  sondern  bürgerlich  ehrbar,  umkleidet  mit  schönen
Worten  vom  Selbstbestimmungsrechte  aller  freien  Völker.  Lord  Palmerston
säumte  nicht,  sich  die  Lehre  der  Nichteinmischung  zu  nutze  zu  machen;
kaum  am  Ruder,  verkündigte  er  sie  sofort  als  sein  Glaubensbekenntnis
dem  russischen  Hofe.  Er  dachte  zu  klug,  Ludwig  Philipp  zu  furchtsam,
um  sich  im  Ernst  durch  eine  doktrinäre  Formel  bestimmen  zu  lassen;  jedoch
die  Politik  der  Orleans  bedurfte,  da  sie  nur  aus  der  Hand  in  den  Mund
lebte,  des  Aushängeschildes  einer  großen  Idee,  das  die  nationale  Eitelkeit
befriedigte,  und  der  Brite  hieß  unbedenklich  alles  willkommen,  was  den
Unfrieden  auf  dem  Festlande  nährte.  In  Wahrheit  sagte  der  neue  Grundsatz
  nur,  daß  die  Westmächte  sich  vorbehielten,  nach  den  Umständen  zu
handeln  und  gegebenen  Falles  auch  die  revolutionären  Leidenschaften  für
ihr  Interesse  zu  verwerten.  Talleyrand  traf  den  Nagel  auf  den  Kopf,
als  er  einer  wißbegierigen  englischen  Dame  mit  seinem  faunischen  Lächeln
erwiderte:  „Nicht-Intervention  ist  ein  geheimnisvolles  diplomatisches
Wort,  es  bedeutet  ungefähr  dasselbe  wie  Intervention.“

Den  Ostmächten  mußte  diese  neue  Völkerrechtslehre  als  ein  ungeheuerlicher
  Frevel  erscheinen;  denn  sie  schlug  allen  Anschauungen  des
vergangenen  Jahrzehnts  ins  Gesicht  und  drohte  die  so  lange  behauptete
vormundschaftliche  Gewalt  der  großen  Mächte,  das  ganze  alte  System
der  europäischen  Pentarchie  zu  vernichten.  Metternich  sagte  entrüstet:
„Die  Räuber  weisen  die  Polizei  zurück,  die  Brandstifter  verwahren  sich
gegen  die  Feuerwehr!  Niemals  werden  wir  einen  Anspruch  anerkennen,  der
so  jede  Ordnung  der  Gesellschaft  zerstört.“  Nüchterner  blieb  Bernstorff;
er  erteilte  an  Bülow  die  Weisung,  den  doktrinären  Streit  auf  der  Londoner
  Konferenz  nicht  ohne  Not  anzuregen.  Aber  auch  er  fand,  „in
dem  neu  erfundenen  Systeme  der  Nichteinmischung  sei  der  Grundsatz
der  anmaßlichsten,  übermütigsten  und  unzulässigsten  Einmischung  ausgesprochen“;
  und  in  seinem  Auftrage  schrieb  Ancillon  nach  Wien:  „Gewiß,
durch  den  Grundsatz  der  Nichteinmischung  und  durch  den  Anspruch,  den
Mächten  bei  Strafe  des  Krieges  jede  Truppenbewegung  außerhalb  ihrer
Grenzen  zu  untersagen,  ginge  die  Unabhängigkeit  und  Selbständigkeit  jeder
Regierung  verloren.“  Zar  Nikolaus  dagegen  brauste  in  wildem  Zorne
        <pb n="63" />
        Russische  Rüstungen.  55

auf,  seine  Kriegslust  war  kaum  mehr  zu  bändigen.  „Ich  habe,“  sagte  er
heftig,  „von  vornherein  für  die  Legitimität  kämpfen  wollen  und  mich  nur,
weil  ich  der  Jüngere  bin,  der  reiferen  Erfahrung  des  Königs  gefügt.“
Jetzt  aber  glaubte  er  zu  wissen,  daß  nicht  bloß  die  königlichen  Prinzen,
sondern  auch  sein  Schwiegervater  selber  seine  Ansicht  teile  und  allein
Bernstorff  mit  den  anderen  Ministern  die  lauen  Maßregeln  Preußens
veranlaßt  habe.')  Nur  schwer  gab  er  diesen  Verdacht  auf,  den  wahrscheinlich
  Metternichs  Mitteilungen  an  Orlow  hervorgerufen  hatten.

Schon  längst  hatte  er  zu  rüsten  begonnen;  nun  befahl  er  neue  Aushebungen
  und  ließ  sie,  „um  die  Revolution  zu  schrecken,“  ganz  gegen  den
russischen  Brauch  in  den  Zeitungen  veröffentlichen.  Erst  auf  Schölers
dringende  Vorstellungen  gestattete  er  endlich,  daß  Nesselrode  in  einem
beschwichtigenden  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften  den  Ernst  dieser
Drohungen  etwas  abschwächte:  die  angeordneten  Vorbereitungen,  hieß  es
da,  verfolgten  nur  die  Absicht,  den  Frieden  und  die  vertragsmäßige  Ordnung
  Europas  aufrecht  zu  erhalten;  hoffentlich  werde  schon  die  Ankündigung
genügen,  um  „diesen  Zweck  der  Erhaltung“  zu  erreichen.?)  Unterdessen
erschöpfte  Diebitsch  in  Berlin  seine  ganze  Beredsamkeit,  um  immer  wieder
zu  beweisen,  wie  notwendig  der  große  Krieg  und  wie  leicht  er  zu  führen  sei.
Doch  seine  diplomatischen  Künste,  die  sich  vorm  Jahre  in  Adrianopel  so
glänzend  bewährt  hatten,  versagten  diesmal.  Friedrich  Wilhelm  blieb  fest,
und  als  der  Feldmarschall  endlich  in  den  ersten  Dezembertagen  heimkehrte,
  gab  man  ihm  eine  große,  sorgfältig  vorbereitete  Denkschrift  mit
auf  den  Weg,  welche  dem  Zaren  noch  einmal  die  leitenden  Gedanken
der  preußischen  Friedenspolitik  vor  die  Augen  führen  sollte.")

Nichts  lag  dem  Könige  ferner,  als  der  Gedanke  einer  Annäherung  an
den  liberalen  Westen.  Auf  dem  Bunde  der  Ostmächte  fußten  alle  seine
Pläne,  und  auch  der  alten  übermäßigen  Vorliebe  für  die  Russen  hatte  er
keineswegs  entsagt.  „Rußland,“  so  sagte  er,  „ist  und  bleibt  die  kräftigste
Stütze  der  Allianz,  sowohl  wegen  des  hochherzigen  Charakters  seines  Souveräns,
  als  wegen  der  Trefflichkeit  seiner  Heere.“  Er  wollte  nicht  den  Frieden
um  jeden  Preis,  sondern  verlangte,  die  großen  Mächte  sollten  dem  Hofe
des  Palais  Royal  gemeinsam  erklären,  daß  sie  die  Politik  der  revolutionären
  Propaganda  nicht  dulden  würden.  Bei  offenbarer  Feindseligkeit
Frankreichs  war  er  bereit,  den  Krieg  sogar  ohne  Englands  Mitwirkung
zu  beginnen,  während  man  in  Petersburg  selbst  noch  immer  an  die  Fort- 



*)  Schölers  Bericht  21.  Nov.  1830.
*#)  Schöler,  Verbalnote  an  Nesselrode,  3.Movember  1830;  Nesselrode,  Zirkulardepesche
  29.  Oktober  a.  St.  nebst  Begleitschreiben  an  Schöler.
*#)  Bernstorff,  Mémoire  sur  la  position  de  la  grande  alliance  relativement  à
la  France  et  à  IEurope.  24.  November  1830.  Entwurf  dazu  v.  9.  Nov.  nebst
„Fragen  und  Anweisungen“  des  Königs.
        <pb n="64" />
        56  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

dauer  des  Vierbundes  glaubte.  Aber  er  ließ  zugleich  dem  Zaren  vorhalten,
  daß  dieser  schwere  Krieg  die  öffentliche  Meinung  der  Deutschen
entschieden  gegen  sich  habe,  vielleicht  sogar  Aufstände  in  Deutschland  und
Polen  hervorrufen  würde.  Auf  die  alte  Freudigkeit  der  Preußen  sei  nur
zu  rechnen,  wenn  das  Volk  wisse,  daß  man  alle  friedlichen  Mittel  erschöpft
habe.  Darum  verlangte  er  eine  genaue,  unzweideutige  Verabredung:
wann  der  Kriegsfall  gegeben  sei?

Es  war  die  Sprache  des  ruhigen  Verstandes;  aber  wie  konnte  sie
den  blinden  Haß  überzeugen?  Hier  der  prahlerische  Hochmut  des  Selbstherrschers,
  dort  die  freche  Begehrlichkeit  der  Revolution,  hüben  und  drüben
die  wachsende  Wucht  der  Rüstungen  —  wer  konnte  diesen  Mächten  des
Verderbens  noch  Einhalt  gebieten  auf  ihrer  abschüssigen  Bahn?  Gegen
Ende  Novembers  war  die  Luft  mit  Zündstoff  überladen;  mit  der  einzigen
Ausnahme  des  allezeit  hoffnungsvollen  Gentz  glaubten  gerade  die  einsichtigsten
  und  bestunterrichteten  Staatsmänner  allesamt,  daß  der  Weltfriede
  nur  noch  an  einem  Faden  hänge.  —

 

Da  trat  ein  Ereignis  ein,  das  die  Leidenschaften  der  Parteien  überall
  in  Europa  von  neuem  aufstachelte  und  doch  zugleich  der  Erhaltung
des  Friedens  zu  statten  kam.  Die  in  aller  Welt  verbreiteten  überspannten
Vorstellungen  von  Rußlands  kriegerischer  Macht  hatten  schon  durch  die
Erfahrungen  des  Türkenkrieges  einen  ersten  Stoß  erlitten;  sie  schwächten
sich  noch  mehr  ab,  seit  in  Europa  etwas  ruchbar  ward  von  den  Verheerungen
  der  asiatischen  Cholera.  Die  furchtbare  Seuche,  die  erst  im
Jahre  1817  in  ihrem  uralten  Heimatlande  Ostindien  von  englischen
Arzten  beobachtet  worden  war,  drang  seit  dem  Sommer  1829,  zumeist
den  Wasserläufen  folgend,  im  Innern  Rußlands  unaufhaltsam  vor.  Da
die  Heilkunde  noch  ratlos  vor  der  geheimnisvollen  Krankheit  stand,  so
griff  der  Staat  zu  den  härtesten  Vorsichtsmaßregeln:  ganze  Provinzen
wurden  abgesperrt,  alle  Briefe  durchstochen,  die  Reisenden  durchräuchert
und  in  Quarantäne  gehalten;  aber  die  Roheit  des  Volks  und  die  Unzuverlässigkeit
  der  Beamten  brach  allen  Vorschriften  die  Spitze  ab.  Im
September  1830  kam  die  Cholera  nach  Moskau;  der  Pöbel  wütete  gegen
die  Polen  und  die  anderen  Fremden,  die  den  Giftstoff  eingeschleppt  haben
sollten;  nur  das  persönliche  Eingreifen  des  furchtlosen  Zaren  stellte  die
Ruhe  wieder  her.  In  manchen  Teilen  des  ungeheuren  Reiches  war
alle  bürgerliche  Ordnung  so  aufgelöst,  wie  einst  in  Westeuropa,  als  der
schwarze  Tod  durch  die  Lande  raste.  Freund  und  Feind  begannen  schon
zu  ahnen,  ein  also  heimgesuchter  Staat  werde  schwerlich  ein  großes  Heer
über  seine  Grenzen  hinaussenden  können.  Und  diese  Vermutung  ward
zur  Gewißheit,  als  am  29.  November  plötzlich  der  Aufruhr  in  Warschau
ausbrach.
        <pb n="65" />
        Rußland  und  Polen.  57

Auch  Polen  erlebte  seine  große  Woche.  Nach  wenigen  Tagen  war
der  letzte  Russe  aus  den  Landen  des  weißen  Adlers  vertrieben,  und  der
Zar  durch  einen  furchtbaren  Feind  vom  Westen  abgetrennt.  Wieder
wie  in  den  Niederlanden  brach  eine  der  willkürlichen  Staatsbildungen
der  Wiener  Verträge  plötzlich  zusammen;  hier  lag  die  Schuld  jedoch  mehr
an  den  Menschen,  als  an  den  künstlichen  Institutionen.  Der  wohlgemeinte
  Versuch  Kaiser  Aleganders,  die  Unabhängigkeit  Polens  unter
russischem  Schutze  teilweise  wiederherzustellen,  scheiterte  an  der  unheilbaren
  Zuchtlosigkeit  des  polnischen  Adels.  Seit  fünfzehn  Jahren  besaß
das  Königreich  sein  eigenes,  durch  die  napoleonischen  Veteranen  wohl  geschultes
  Heer  und  eine  nationale  Verwaltung,  die  fast  ebenso  wohltätig
wirkte  wie  einst  die  preußische:  sie  brachte  den  Staatshaushalt  in  treffliche
  Ordnung,  gründete  eine  Universität,  eine  Bank,  eine  Pfandbriefs-Anstalt,
  ein  gutes  Postwesen,  einige  Kunststraßen  und  Kanäle.  Das
schwerste  Leiden  des  Landes,  die  Rechtlosigkeit  der  mißhandelten  Bauern,
erschien  dem  Adel,  der  hier  allein  das  Wort  führte,  keineswegs  als  ein
Übel.  Wohl  unterlag  die  Presse  einer  harten  Zensur,  doch  erst  seit  sie
ihre  Freiheit  maßlos  mißbraucht  hatte;  auch  die  Offentlichkeit  der  Reichstagsverhandlungen
  wurde  beseitigt,  doch  erst  seit  das  Geschrei  der  radikalen
Jugend  auf  den  Galerien  die  Beratungen  fast  unmöglich  machte.  Im
übrigen  bestand  die  Verfassung  unangetastet;  unter  den  rohen  Wutausbrüchen
  des  Statthalters  Großfürsten  Konstantin  litten  nur  einzelne,
meist  Offiziere,  da  der  Statthalter  lediglich  militärische  Befugnisse  besaß.

Wie  ungern  immerhin  der  herrische  Nikolaus  die  Erbschaft  seines
völkerbeglückenden  Bruders  antreten  mochte:  er  beschwor  die  Verfassung,
und  den  Buchstaben  des  Rechts  zu  verletzen,  war  seine  Weise  nicht.  Zwar
verschob  er  anfangs  die  Berufung  des  Reichstags  über  die  gesetzliche  Frist
hinaus  —  was  sich  durch  die  Kriege  und  die  inneren  Wirren  seiner  ersten
Regierungsjahre  zur  Not  entschuldigen  ließ  —  aber  im  Frühjahr  1830
kam  er  selbst  nach  Warschau,  um  den  Reichstag  zu  eröffnen.  „Es
hängt  von  euch  selber  ab,“  rief  er  der  Versammlung  zu,  „das  Werk
des  Wiederherstellers  eures  Vaterlandes  zu  befestigen,  indem  ihr  die
Befugnisse  und  Vorrechte,  welche  er  euch  auferlegt  hat,  mit  Weisheit
und  Mäßigung  gebraucht.“  Mit  schauspielerischem  Geschick  zeigte  er  sich
in  Warschau  nur  als  König  von  Polen  und  versäumte  keine  Gelegenheit,
den  nationalen  Erinnerungen  seine  Huldigungen  zu  erweisen;  er  errichtete
ein  Denkmal  für  den  Volkshelden  Sobieski,  als  seinen  Vorgänger  auf
dem  Throne,  verteilte  reiche  Geschenke,  gab  glänzende  Feste,  denen  auch
einige  der  jungen  preußischen  Prinzen  beiwohnten,  und  mit  der  Geduld
eines  konstitutionellen  Fürsten  ertrug  er  schweigend  die  Ausfälle  der  radikalen
  Mehrheit  der  Landboten.  Als  der  Reichstag  nach  stürmischer
Tagung  wieder  nur  ein  einziges,  unerhebliches  Gesetz  zu  stande  brachte,
sprach  Nikolaus  kalt  und  hochmütig  sein  Bedauern  aus:  „auch  in  der
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        58  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Ferne,“  so  schloß  er,  „werde  ich  nicht  aufhören,  für  euer  wahres  Glück
zu  sorgen.“  Feindseliger  Worte  enthielt  er  sich,  weil  ihm  Nesselrode
vorstellte,  welchen  üblen  Eindruck  ein  öffentlicher  Tadel  in  Europa
hinterlassen  würde.“)

Was  man  auch  zu  klagen  hatte,  eine  unerträgliche  Willkürherrschaft
lastete  nicht  auf  dem  Lande.  Durchaus  der  Wahrheit  gemäß  gestanden
späterhin  Mochnacki  und  andere  Führer  der  radikalen  Emigranten:  nicht
gegen  russischen  Druck  hätten  die  Polen  sich  erhoben,  sondern  um  ihre
alte  Unabhängigkeit  und  die  Grenzen  von  1772  zurückzugewinnen.  Von
dem  Tage  an,  da  dies  halb  selbständige  Königreich  aufgerichtet  wurde,
waren  alle  namhaften  Männer  des  Adels  einig  in  der  Hoffnung  auf
völlige  Wiederherstellung,  auf  Wiedervereinigung  mit  den  verlorenen  Brüdern
  in  Posen  und  Westpreußen,  in  Litauen  und  Podolien.  Redlich,
ohne  Hintergedanken  schloß  sich  fast  niemand  der  neuen  Herrschaft  an.

In  den  langen  Jahrhunderten,  da  die  Nachbarn  zu  sagen  pflegten:
„Polen  besteht  nur  durch  Unordnung,“  waren  diesem  unseligen  Volke
die  schlichten  Tugenden  des  Bürgers  ganz  verloren  gegangen;  der  polnische
  Edelmann  verstand  nur  für  sein  Vaterland  zu  kämpfen,  zu  leiden
und  Verschwörungen  zu  schmieden,  nicht  ihm  zu  dienen  in  nüchterner
Arbeit.  Sogar  Alexanders  Freund,  Fürst  Adam  Czartoryski,  wiederholte
dem  Kaiser  unablässig:  dies  Königreich,  das  um  ein  Drittel  kleiner  sei
als  das  Herzogtum  Warschau,  könne  nur  als  eine  Abschlagszahlung,
eine  pierre  d'attente  gelten;  und  er  handelte  nach  seinen  Worten,  er
mißbrauchte  sein  Amt  als  Kurator  der  Universität  Wilna,  um  seinen
Lehrbezirk  zu  polonisieren  und  für  die  Einverleibung  vorzubereiten  —  bis
sein  nachsichtiger  Gönner  ihm  endlich  doch  das  gefährliche  Handwerk  legen
mußte.  Die  ganze  Geschichte  dieser  anderthalb  Jahrzehnte  war  nur
eine  Kette  von  Verschwörungen.  Erst  der  nationale  Freimaurerbund,
nachher  die  Patriotische  Gesellschaft  beherrschte  das  Königreich  sowie  die
Nachbargebiete  durch  Sendboten  und  geheime  Vereine.  Bald  waren  die
gesamte  gebildete  Jugend,  der  Landadel  und  der  größte  Teil  der  Offiziere
für  die  Verschwörung  gewonnen;  nur  die  Bauern  hielten  sich  fern,
desgleichen  das  neue  Bürgertum,  dessen  erste  Keime  jetzt  unter  dem
Schutze  einer  geordneten  Verwaltung  aufzusprießen  begannen.  Vergeblich
  suchte  sich  die  Krone  durch  eine  spüreifrige  geheime  Polizei  zu
decken.  Als  es  im  Jahre  1827  endlich  gelang,  einige  der  Häupter,  Mitwisser
  der  russischen  Dekabristen,  aufzugreifen,  da  wurden  sie  trotz  erwiesener
  Schuld  von  dem  höchsten  Staatsgerichtshofe,  dem  Senate,  teils  freigesprochen,
  teils  zu  lächerlich  geringen  Strafen  verurteilt;  und  Adam
Czartoryski  selbst,  der  liebenswürdige,  feingebildete  Führer  der  gemäßigten
aristokratischen  Partei  verfaßte  dies  Urteil,  das  jedem  Rechte  ins  Gesicht

 

*)  Schmidts  Bericht,  29.  Juni  1830.
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        Die  große  Woche  in  Warschau.  59

schlug,  jedem  Hochverrat  einen  Freipaß  ausstellte.  Der  Adel  frohlockte,
er  war  längst  gewohnt,  alle  Staatsverbrecher  als  Patrioten  zu  verherrlichen.
  Die  Krone  aber  nahm  die  Verhöhnung  ohne  Widerstand  hin,
und  seitdem  führten  die  Polen  mit  wachsender  Dreistigkeit  jenen  kleinen
Krieg  gegen  die  Behörden,  dessen  Neckereien  ihnen  ebenso  geläufig  waren
wie  den  geknechteten  Völkern  Südeuropas;  Händel  anzufangen  mit  der
Obrigkeit  und  dann  den  Märtyrer  zu  spielen  gehörte  zum  guten  Tone
unter  den  jungen  Männern.

Als  nun  Lafayette,  der  alte  Waffengefährte  Kosciusckos,  die  geliebte
Trikolore  wieder  schwenkte,  da  wirbelte  die  Begeisterung  hoch  auf.  In  der
Jugend  wurden  die  Träume  der  neunziger  Jahre,  im  Heere  die  napoleonischen
  Erinnerungen  wieder  lebendig;  niemand  in  diesen  Adelskreisen
bezweifelte,  daß  jetzt  auch  für  Polen  die  Stunde  der  Befreiung  geschlagen
habe.  Sendboten  der  französischen  Radikalen  mahnten  zu  rascher  Tat,
aus  Petersburg  aber  kam  das  Gerücht,  daß  Zar  Nikolaus  gegen  Frankreich
  kämpfen,  das  polnische  Heer  als  Vorhut  voraussenden  wolle.  Noch
bestand  kein  fester  Plan  für  den  Aufruhr,  jedoch  bei  der  allgemeinen  Untreue
  genügte  ein  Funke,  den  Brand  zu  wecken.  Die  Entscheidung  fiel,
als  eine  Handvoll  junger  Offiziere,  Fähnriche,  Studenten  einen  Mordversuch
  gegen  den  Statthalter  unternahm,  dann  einige  Generale  meuchlings
  niederstieß  und  den  Warschauer  Pöbel  zu  den  Waffen  rief.  Großfürst
Konstantin  verlor  Mut  und  Fassung;  er  hatte  die  Polen  auf  seine
Weise  lieb  gewonnen  und  scheute  sich  in  ihre  Händel  einzugreifen.  „Ich
und  die  Meinen,  wir  wollen  rein  aus  diesen  Wirren  hervorgehen“  —  so
entschuldigte  er  seine  Schwäche.))  Ohne  einen  Widerstand  zu  wagen,  zog
er  mit  seinen  russischen  Regimentern  heimwärts  und  überließ  das  Land
seinem  Schicksale.  Das  ganze  Königreich  mitsamt  den  starken  Festungen
des  Weichseltals  schloß  sich  sofort  der  Sache  der  Sieger  an.  Das  war
kein  Aufstand  mehr.  Ein  selbständiger  Staat  mit  geordneten  Behörden,
mit  vollem  Schatze  und  wohlgerüstetem  Heere  trat  Macht  gegen  Macht
dem  Zarenreiche  gegenüber;  nur  durch  einen  Krieg  konnte  er  bezwungen
werden.

Inzwischen  nahmen  die  Dinge  in  Warschau  den  erkömmlichen
Verlauf  aller  polnischen  Revolutionen:  Kampflust  und  Opfermut  im
Überschwang,  flammende  Reden  und  brüderliche  Umarmungen,  zeternde
Priester  und  hochsinnige  schöne  Frauen,  dazu  Punsch  und  Mazurka,  soviel
  das  Herz  begehrte,  aber  daneben  auch  Parteihaß,  Unbotmäßigkeit,
wütende  Anklagen  herüber  und  hinüber,  und  in  diesem  Gewoge  tapferer
begeisterter  Männer  kein  einziger  staatsmännischer  Kopf,  kein  cinziger
großer  Charakter.  Für  die  Massen  des  Volks  und  ihre  Leiden  hatten
die  Freiheitsredner  dieser  Adelsverschwörung  kein  Auge;  der  Antrag,  die

 

*)  Schmidts  Bericht,  14.  Dezember  1830.
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        60  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Fronden  abzulösen,  den  Bauern  Grundeigentum  zu  geben,  ward  vom
Reichstage  verworfen.  Eine  Zeitlang  wiegte  man  sich  noch  in  dem  kindlichen
  Wahne,  der  Zar  könne  durch  friedliche  Verhandlungen  beschwichtigt,
ja  sogar  zur  Einverleibung  von  Litauen  und  Podolien  bewogen  werden.
Bald  aber  errang  sich  der  Radikalismus  das  Herrenrecht,  das  ihm  bei
Aufständen  gebührt.  Adam  Czartoryski  und  sein  gemäßigter  Anhang
mußte  sich  den  Geboten  Lelewels,  Mochnackis  und  der  Jakobinerpartei
sügen.  Am  25.  Januar  1831  beschloß  der  Reichstag  die  Entthronung
des  Hauses  Romanow.

Die  große  Woche  der  Polen  ward  von  der  gesamten  liberalen  Welt
Europas  kaum  minder  freudig  begrüßt,  als  die  Julirevolution  selber.
Der  alte  Haß  gegen  die  russische  Selbstherrschaft,  der  schon  in  den  ersten
Friedensjahren  sich  geregt  und  erst  während  des  Türkenkrieges  sich  etwas
verloren  hatte,  flammte  wieder  auf;  niemand  wollte  bemerken,  daß  der
römische  Klerus  in  Polen  fast  ebenso  eifrig  wie  in  Belgien  die  Sache
des  Aufstandes  gefördert  hatte.  Der  sarmatische  Adel  erschien  den  erhitzten
  Köpfen  wie  ein  Vorkämpfer  der  Freiheit.  Auch  die  menschliche
Teilnahme  aller  weichen  Herzen  war  ihm  sicher,  da  man  dies  Volk  noch
überall  nach  den  landläufigen  Märchen  der  französischen  Historiker  als
unschuldiges  Opfer  einer  gewissenlosen  Kabinettspolitik  bemitleidete.  Ein
unbefangenes  Geschichtswerk  über  die  Teilungen  Polens  war  noch  nicht
erschienen;  selbst  Dahlmann  wollte  in  dem  selbstverschuldeten  Untergange
der  alten  Adelsrepublik  nichts  sehen  als  den  kalt  berechneten  Volksmord.
Die  Polen  teilten  mit  dem  römischen  Stuhle  das  Schicksal,  daß  die
ihnen  gewidmete  Verehrung  mit  der  räumlichen  Entfernung  wuchs.  Ihre
Nachbarn  in  den  preußischen  Grenzlanden  wußten  wohl,  wie  tief  der
polnische  Bauer  unter  dem  russischen  stand;  im  Westen  aber,  wo  niemand
je  ein  polnisches  Dorf  betreten  hatte,  hielt  man  sich  an  die  herkömmlichen
Begriffe  von  lateinischer  und  byzantinischer  Kultur,  und  glaubte  treuherzig,
  diese  willenlose,  von  Junkern,  Pfaffen,  Juden  getretene  Masse  bilde
ein  starkes  Bollwerk  gegen  die  asiatische  Barbarei.  Die  Freiheit  der
Völker  und  die  Gesittung  Europas  fochten  unter  den  Fahnen  des  weißen
Adlers  —  so  lautete  das  allgemeine  Urteil.

Der  Zar  aber  ließ  sich  in  seinen  vermessenen  Entwürfen  nicht  beirren.
„Die  Warschauer  Revolution,“  so  schrieb  Nesselrode  stolz  nach  London,
„ändert  nichts  an  der  Haltung,  welche  S.  Majestät  von  Anfang  an
gegenüber  den  allgemeinen  Angelegenheiten  Europas  eingenommen  hat.“?)
Nikolaus  verachtete  die  Polen,  wie  jeder  echte  Moskowiter;  auf  dem  Durchmarsch,
  in  wenigen  Wochen  sollte  sein  unbesiegliches  Heer  diese  Empörer
zermalmen,  um  dann  hinauszufluten  über  das  rebellische  Westeuropa.
Auch  Diebitsch  beharrte  in  seiner  Verblendung.  Der  meinte  selbstzufrie- 



*)  Nesselrode  an  Lieven,  4.  Dezember  (a.  St.)  1830.
        <pb n="69" />
        Krieg  in  Polen.  61

den:  wäre  man  in  Berlin  meinem  Rate  gefolgt,  so  ständen  heute  das
polnische  Heer  am  Rhein,  das  russische  an  der  Weichsel;  und  einem  Ab—
gesandten  der  Warschauer  Regierung  erwiderte  er  spöttisch:  Ihr  habt  die
Zeit  schlecht  gewählt,  die  Kriegsmacht  des  Kaisers  rückt  bereits  nach  dem
Westen  vor!  Der  Feldmarschall  erhielt  den  Oberbefehl  und  hoffte  schon
im  Februar  unter  den  polnischen  Empörern  aufzuräumen;  war  dort  die
Revolution  gebändigt,  so  sollte  Preußen  in  den  großen  Kreuzzug  für  die
Legitimität  hineingerissen  werden  und  im  Mai  das  Heer  des  Türken—
besiegers  am  Rheine  eintreffen.  Darum  erging  Marschbefehl  an  die
Garden,  die  erst  im  März,  also  nach  der  erhofften  Unterwerfung,  in
Polen  anlangen  konnten,  auch  die  kaiserliche  Feldequipage  war  schon
unterwegs.  Die  Russen  zogen  freudig  in  den  Kampf  gegen  die  alten
Feinde  ihrer  Nation;  überall  ging  die  Rede:  den  einzigen  Lohn,  den
Rußland  aus  seinem  siegreichen  Kriege  wider  ganz  Europa  davongetragen
hat,  lassen  wir  uns  nicht  rauben.  Sie  grollten  längst,  weil  dies  eroberte
Land  größere  Rechte  genoß  als  die  Eroberer  selber;  jetzt  forderten  sie
laut  die  völlige  Einverleibung  des  meuterischen  Nebenreiches.)  Nachhaltigen
  Widerstand  befürchtete  niemand;  die  meisten  Offiziere  der  Garde
erwarteten  gleich  dem  Feldmarschall  einen  raschen  Siegeszug  bis  zur  Seine,
und  mancher  sagte  beim  Abschied,  erst  aus  Paris  werde  er  heimschreiben.
Der  Übermut  der  Moskowiter  sollte  sich  hart  bestrafen.

Durch  die  europäischen  Kreuzzugspläne  des  Zaren  wurde  der  polnische
Feldzug  schon  in  seiner  Anlage  verdorben,  wie  General  Schöler  warnend
vorhersagte.  Diebitsch  begann  den  Krieg  zu  früh,  mit  ungenügenden
Mitteln:  um  nur  rasch  fertig  zu  werden,  führte  er  sogar  die  litauischen
Truppen,  deren  Treue  längst  verdächtig  war,  gegen  ihre  polnischen  Landsleute
  ins  Feuer.“)  Das  herrische  Manifest,  das  vor  ihm  herging,  verschärfte
lediglich  den  Haß;  auf  dem  Schlachtfelde  vergaßen  die  Polen  ihrer  Zwietracht
  und  bewährten  überall  den  alten  Mut.  Als  Diebitsch  geradeswegs
gegen  Warschau  vorgedrungen,  bei  Grochow  auf  dem  alten  Schlachtenboden
des  rechten  Weichselufers  die  Polen  geschlagen  hatte  (25.  Febr.),  da  fühlte
er  sich  nicht  mehr  stark  genug,  den  Sieg  zu  benutzen,  ganz  wie  einst  König
Friedrich  Wilhelm  II.  im  Jahre  1794;  er  wagte  nicht,  nach  dem  Rate
seines  kühnen  Generalstabschefs  Toll,  den  Brückenkopf  der  Hauptstadt,
Praga  zu  stürmen  und  also  mit  einem  Schlage  den  Krieg  zu  beendigen.
Und  ganz  wie  damals  wendete  sich  das  Blatt,  sobald  der  günstige  Augenblick
  versäumt  war.  Das  russische  Heer  mußte  den  Rückzug  antreten,
durch  weglose  Gelände  bei  unerwartet  frühem  Tauwetter;  die  Cholera
wütete  in  seinen  Reihen.  Zu  Ende  März  brachen  die  Polen,  jetzt  von
dem  tapferen  Skrzynecki  geführt,  aus  den  Wällen  Pragas  hervor,  schlugen

—

*)  Schölers  Bericht,  29.  Januar  1831.
*.)  Schölers  Berichte,  16.  Januar,  22.  März,  2.  Mai  1831.
        <pb n="70" />
        62  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

das  unzuverlässige  litauische  Korps  des  Generals  Rosen,  und  bald  sah
sich  Diebitsch  genötigt,  noch  weiter  ostwärts  zurückzugehen.  Die  Garden
trafen  auf  ihrem  Pariser  Siegeszuge  gerade  noch  rechtzeitig  ein,  um  in
Polen  das  Verderben  aufzuhalten.  Ein  langer  und  schwerer  Krieg  stand
bevor;  mit  heller  Schadenfreude  verkündeten  die  europäischen  Zeitungen,
wie  schwach  der  gefürchtete  nordische  Koloß  sich  erwiesen  habe.  Auf  viele
Monate  hinaus  war  Rußland  außer  stande,  in  die  Händel  Westeuropas
tätig  einzugreifen.  —

Aber  auch  die  beiden  anderen  Teilungsmächte  wurden  durch  die
polnische  Revolution  gelähmt.  Wieder  wie  einst  beim  Beginne  des  ersten
Revolutionskrieges  stand  Preußen  in  Gefahr,  zwischen  zwei  Feuer  zu  ge—
raten;  kein  preußischer  Staatsmann  durfte  verkennen,  was  die  Pflicht
der  Selbsterhaltung  gebot.  Blieb  der  Aufstand  in  Warschau  siegreich,  so
waren  Posen  und  Westpreußen  schwer  gefährdet,  und  in  Frankreich  gelangte
  voraussichtlich  die  Partei  der  revolutionären  Propaganda  ans
Nuder.  An  dieser  handgreiflichen  Wahrheit  konnten  die  glatten  Worte  der
Polen  nichts  ändern.  Graf  Titus  Dzialynski,  das  Oberhaupt  der  Posener
Verschwörer,  eilte,  sobald  die  Revolution  ausgebrochen  war,  nach  Warschau,
  um  anzufragen,  ob  eine  Schilderhebung  in  Posen  ratsam  sei.  Die
provisorische  Regierung  aber,  die  noch  unter  Czartoryskis  behutsamer
Leitung  stand,  wies  ihn  ab  und  beeilte  sich,  in  einem  um  einen  Tag
vordatierten  Briefe  dem  preußischen  Konsul  Schmidt  unaufgefordert  zu
erklären:  sie  hege  „die  feste  Absicht,  gewissenhaft  die  Grenzen  aller  Staaten
Sr.  Maj.  des  Königs  von  Preußen  zu  achten.“  Zum  UÜberfluß  kam
der  harmlose  Posener  Graf  selber  zu  dem  Konsul  und  versicherte  gemütlich,
  er  sei  nur  nach  Warschau  gereist,  um  seine  Mutter  zu  besuchen.)
Wen  sollten  solche  Künste  täuschen?  Während  Tag  für  Tag  Überläufer  aus
Preußen  in  das  polnische  Heer  eintraten  —  darunter  auch  der  aus  Glogau
entflohene  General  Uminski  —  und  sogar  eine  Posener  Reitertruppe  gebildet
  wurde,  rechneten  die  Warschauer  Gewalthaber  noch  immer  auf
die  deutsche  Gutherzigkeit  und  ließen  den  König  durch  General  Kniaziewicz
um  seine  Vermittlung  bitten.  Friedrich  Wilhelm  lehnte  das  Gesuch  schroff
ab  und  gab  den  Aufständischen  den  Rat,  sich  ihrem  Könige  zu  unterwerfen..“)
  Er  durfte  in  ihnen  nur  Feinde  seines  eigenen  Staates  sehen,  rief
seinen  Konsul  aus  Warschau  zurück  und  stellte  die  in  Berlin  verwahrten
Gelder  der  polnischen  Bank  dem  rechtmäßigen  Könige  zur  Verfügung.

Als  die  Dinge  ernster  wurden,  ließ  er  die  130  Meilen  lange  Grenzlinie
  durch  Truppen  der  vier  östlichen  Armeekorps  besetzen.  Gneisenau

 

*)  Schreiben  der  Provisorischen  Regierung  an  Schmidt,  4.  Dezember.  Schmidts
Berichte,  5.  9.  Dezember  1830.

*“.)  Schmidts  Bericht,  27.  Dezember  1830.  Ancillons  Weisung  an  Schöler
19.  Januar  1831.
        <pb n="71" />
        Besetzung  der  deutschen  Ostgrenze.  63

übernahm  den  Oberbefehl  über  diese  vier  verstärkten  Korps  und  er  ent—
ledigte  sich  des  peinlichen  Auftrages  nach  seiner  großen  Weise.  Selbst  die
grollenden  Edelleute  in  Polen  beugten  sich  vor  der  milden  Hoheit  des
alten  Helden.  Er  begegnete  ihnen  nicht  ohne  geringschätzige  Ironie,  da
er  ihre  unausrottbare  Vorliebe  für  krumme  Wege  kannte.  In  Kleinig—
keiten  nachsichtig,  hielt  er  doch  streng  darauf,  daß  der  Zuzug  zu  den
Aufständischen  aufhörte;  und  es  ward  hohe  Zeit,  denn  unbekümmert  um
die  Friedensmahnungen  ihres  Erzbischofs  Dunin  hatten  sich  schon  an
12  000  Mann  aus  der  Provinz  den  Polen  angeschlossen.  Der  Feldmarschall
  war  angewiesen,  dem  russischen  Heere  die  Verpflegung  zu  erleichtern,
  aber  nur  im  äußersten  Notfall  in  den  Kampf  einzugreifen,  da
die  Russen  selbst,  um  ihres  Ansehens  willen,  dies  Einschreiten  nicht
wünschten.  Von  Diebitschs  Feldherrngaben  dachte  er  nicht  hoch,  dieser
ganze  polnische  Krieg  erschien  ihm  nur  als  eine  geringfügige  Episode;
sein  Blick  blieb  nach  Westen  gerichtet,  seine  letzten  Gedanken  galten  dem
nahen  Kampfe  gegen  das  Karthago  an  der  Seine.

Also  mußte  fast  die  Hälfte  des  preußischen  Heeres  zur  Sicherung
der  Ostgrenze  verwendet  werden.  Nicht  ganz  so  schwer  hatte  OÖsterreich
unter  den  polnischen  Wirren  zu  leiden.  Für  Galizien  stand  wenig  zu  befürchten,
  weil  die  ruthenische  Bauernschaft  ihre  sarmatischen  Herren  verabscheute
  und  auch  die  polnischen  Edelleute  dieses  Landstrichs  bei  weitem
weniger  Eifer  für  den  Aufstand  zeigten,  als  die  preußischen  Polen.  Von
jeher  war  das  katholische  Osterreich  den  Polen  minder  verhaßt  gewesen
als  die  beiden  anderen  Teilungsmächte,  und  da  nun  der  mächtige  magyarische
  Adel  jede  Niederlage  seiner  russischen  Todfeinde  mit  stürmischer,
fast  drohender  Freude  begrüßte,  da  der  Statthalter  von  Galizien,  Fürst
Lobkowitz,  seine  polnische  Gesinnung  kaum  verbarg  und  selbst  das  stille
Wien  für  die  sarmatischen  Helden  sich  begeisterte,  so  verfielen  die  Polen  in
leichtsinnige  Selbsttäuschungen.  In  der  argen  Schule  ihres  Verschwörerlebens
  hatten  sie  längst  gelernt,  Hoffnung  für  Wirklichkeit,  leere  Worte
für  Taten  zu  nehmen;  an  allen  Höfen  arbeiteten  ihre  Sendboten,  und
jede  hingeworfene  Außerung  menschlichen  Mitgefühls  klang  ihnen  wie
ein  Versprechen  kriegerischer  Hilfe.  Adam  Czartoryski  warf  unter  seinen
aristokratischen  Freunden  die  Frage  auf,  ob  man  nicht  den  Erzherzog
Karl  zum  Könige  der  Polen  wählen  und  also  Österreichs  Beistand  gewinnen
  solle;  und  doch  mußte  er  wissen,  daß  gerade  dieser  Name  den
mißtrauischen  Kaiser  Franz  nur  abschrecken  konnte.  Er  ließ  durch  seinen
Bruder  Konstantin  die  Vermittlung  der  Hofburg  erbitten  und  schrieb
dann  selbst  an  Metternich,  um  wegen  der  Wahl  des  Erzherzogs  anzufragen.
  Nachher  war  Graf  Clam,  der  Vertraute  des  Staatskanzlers
in  tiefem  Geheimnis  nach  Mähren  eingeladen,  wo  ihn  polnische  Unterhändler
  erwarteten.  Als  der  Aufstand  schon  im  Erlöschen  war,  kam
Czartoryskis  Neffe  Graf  Zamoiski  nach  Wien,  bat  nochmals  um  Öster-
        <pb n="72" />
        64  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

reichs  Hilfe  und  erbot  sich,  die  Krone  der  Jagellonen  irgendeinem  Erzherzoge,
  welcher  es  auch  sei,  zu  verschaffen.“)

Das  alles  war  verlorene  Mühe,  obwohl  die  polnischen  Blätter  beständig
  von  der  günstigen  Gesinnung  des  Wiener  Hofes  fabelten.  Anderthalb
  Jahre  früher,  zur  Zeit  des  Türkenkrieges,  hätte  Metternich  die  polnische
  Revolution  vielleicht  willkommen  geheißen;  jetzt,  da  er  den  Bund
der  Ostmächte  wieder  fester  zu  schließen  suchte,  war  sie  ihm  nur  „eine
Revolution  wie  alle  anderen“.  Eine  Hintertür  hielt  er  sich  freilich  offen,
indem  er  den  k.  k.  Konsul  Oechsner,  zum  Befremden  des  Zaren,  während
des  Krieges  in  Warschau  bleiben  ließ;  jedoch  die  Erwählung  eines  Erzherzogs
  wies  er  als  einen  „absurden“  Gedanken  kurzweg  ab.  Um  seinen
Abscheu  kräftig  zu  bekunden,  bereicherte  er  sogar  das  Wörterbuch  seiner
Angstsprache  um  eine  sechste  Metapher  und  nannte  dies  Polen  „ein
Pulvermagazin“,  das  alle  Nachbarn  in  die  Luft  zu  sprengen  drohe.  Auch
Gentz,  der  alte  Gegner  Rußlands,  mußte  zugestehen,  daß  Österreich  jetzt
nicht  viel  anders  handeln  durfte  als  Preußen.  In  der  Tat  gab  Kaiser
Franz  den  Polen  fast  dieselbe  Antwort  wie  König  Friedrich  Wilhelm;
nur  dem  Fürsten  Czartoryski,  der  bei  Hofe  wohlgelitten  war,  und  einigen
seiner  Standesgenossen  versprach  man  unter  der  Hand  ein  Asyl  in
OÖsterreich.  Die  galizische  Grenze  wurde  stark  besetzt  und  dem  russischen
Heere  die  Zufuhr  von  Lebensmitteln  freundnachbarlich  gestattet.

Da  die  Ostmächte  fest  zusammenstanden,  so  konnte  Zar  Nikolaus
sich  jede  Einmischung  Frankreichs  von  Haus  aus  scharf  verbitten.  In
hoffärtigem  Tone  schrieb  Nesselrode  nach  Paris:  „Wenn  die  Regierung
des  Königs  Ludwig  Philipp  bisher  scheinbar  mit  Ungeduld  den  rechten
Augenblick  erwartet  hat,  um  Europa  eine  Bürgschaft  der  Sicherheit  zu
geben  und  sich  das  Vertrauen  des  Kaisers  zu  erwerben,  so  darf  sie  nicht
versäumen,  die  gegenwärtige  Gelegenheit  weise  zu  benutzen.  Ihre  Würde
wie  ihr  Interesse  gebieten  ihr  dies  zu  tun.““*)  Die  herrische  Mahnung
fand  willige  Hörer.  Ludwig  Philipp  wußte  wohl,  daß  der  völlig  aussichtslose
  Versuch,  in  die  polnischen  Händel  einzugreifen,  nur  den  Feinden
seines  Hauses  zu  gute  kommen  konnte.  Denn  obwohl  alle  Parteien  Frankreichs
  für  dies  Belgien  des  Ostens,  dies  „liberale  und  katholische  Volk,
den  natürlichen  Bundesgenossen  der  Franzosen“  schwärmten,  so  zeichneten
  sich  doch  die  Republikaner  und  die  verkappten  Bonapartisten  durch
verdächtigen  Eifer  aus.  Dieselben  Blätter,  welche  den  Grundsatz  der
Nichteinmischung  als  die  Heilswahrheit  neufranzösischer  Freiheit
priesen,  forderten  mit  der  unbefangenen  Logik  des  Radikalismus  die
Einmischung  zu  Gunsten  der  Polen.  Der  greise  Lafayette  erhob  in  einer
schwülstigen  Erklärung  feierlichen  Einspruch  gegen  das  Vorgehen  der

 

*)  Maltzahns  Berichte,  18.  28.  Januar,  21  Februar,  4.  September  1831.
**)  Nesselrode,  Weisung  an  Pozzo  di  Borgo,  28.  Nov.  (a.  St.)  1830.
        <pb n="73" />
        Revolution  in  Italien.  65

Russen;  Casimir  de  la  Vigne  schilderte  rührsam  den  weißen  Adler,  wie
er  hoffend  auf  Frankreichs  Regenbogen  blickte,  und  als  dieser  Regenbogen
dem  Adler  nicht  half,  sang  Barthelemy  wütend:  Cachons-nous,  cachonsnous!
  Nous  sommes  des  infämes!  Solchen  Freunden  wollte  der  Bürgerkönig
  das  gebrechliche  Schifflein  der  Orleans  nicht  anvertrauen.  Um  die
maßlos  erregte  öffentliche  Meinung  etwas  zu  beschwichtigen,  ließ  er  nur
bei  den  größeren  Höfen  behutsam  anfragen,  ob  vielleicht  eine  gemeinsame
  Vermittlung  der  Mächte  möglich  sei;  doch  in  Berlin  wie  in  Wien
ward  das  Anerbieten  rundweg  abgelehnt.)

Desgleichen  in  London.  Den  Griechen  hatte  Canning  einst  unbedenklich
  Beistand  geleistet,  weil  der  englische  Handel  im  Agäischen  Meere
durch  den  hellenischen  Krieg  zu  Grunde  gerichtet  wurde.  Sein  Schüler
Palmerston  handelte  nur  im  Geiste  des  Meisters,  als  er  den  Polen  jede
Hilfe  abschlug;  denn  ein  Zerwürfnis  mit  Rußland  war  der  Untergang
des  einträglichen  Ostseehandels.  Der  Lord  empfing  daher  den  Abgesandten
der  Warschauer  Regierung,  den  geistreichen  jungen  Marquis  Wielozolski,
sehr  kühl  und  redete  würdevoll  von  der  Heiligkeit  der  europäischen  Verträge,
  die  er  doch  selber  in  dem  belgischen  Streite  leichtherzig  preisgegeben
  hatte.  Er  ward  sogar  durch  die  polnischen  Wirren  näher  an  die
Ostmächte  herangedrängt  und  ließ  nach  Paris  sehr  nachdrückliche  Warnungen
  ergehen.  Mißtrauisch,  wie  er  gegen  alle  Ausländer  war,  befürchtete
  er  immer,  Ludwig  Philipp  könne  durch  die  Schmeicheleien  der
polnischen  Agenten,  durch  die  Brandreden  der  radikalen  Propaganda  doch
noch  in  einen  Krieg  hineingerissen  werden,  der  die  Interessen  der  britischen
Handelspolitik  schädigte.  Und  wie  nahe  lag  doch  die  Gefahr,  daß  die
unglücklichen  Iren,  die  von  ihren  fremden  Zwingherren  unvergleichlich
härter  mißhandelt  wurden  als  die  Polen,  dann  auch  die  Hilfe  des  freiheitspendenden
  Frankreichs  anriefen!  Nur  in  der  Stille  und  ohne  jeden
Erfolg  bekundete  er  den  deutschen  Mächten  zuweilen  seinen  Unmut  über
die  allzu  harte  Behandlung  der  Polen.)  —

Um  die  Verwirrung  der  europäischen  Lage  zu  vollenden,  brach  endlich
im  Februar  1831  auch  in  Italien  der  längst  erwartete  Aufruhr  aus.
Nirgends  zeigte  sich  die  unberechenbare,  zwischen  Furcht  und  Begehrlichkeit
schwankende  Politik  der  Orleans  so  gewissenlos;  sie  führte  hier  den  alten,
durch  Frankreichs  Überlieferungen  gebotenen  Kampf  gegen  Osterreichs
Herrschaft  mit  schlechten  demagogischen  Waffen  fort  und  reizte  die  unglücklichen
  Italiener  zu  törichten  Aufständen,  die  sie  doch  nicht  ernstlich  zu
unterstützen  wagte.  Da  wurden  zuerst  die  nach  Frankreich  geflüchteten
piemontesischen  Unzufriedenen  durch  die  französischen  Behörden  dermaßen
begünstigt  und  aufgestachelt,  daß  der  geängstigte  Turiner  Hof  ein  Schutz- 



*)  Maltzahns  Bericht,  23.  März  1831.
**)  Maltzahns  Berichte,  30.  März,  3.  Juli  1831.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  5
        <pb n="74" />
        66  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

bündnis  mit  Österreich  schloß  und  der  neue  König  Karl  Albert  von
Carignan  —  derselbe,  der  einst  vor  der  Rache  des  Wiener  Hofes  bei
den  französischen  Bourbonen  Schutz  gesucht  hatte  —  sich  in  tödlichem
Hasse  von  Frankreich  abwendete.  Dann  warf  sich  die  französische  Propaganda
  auf  Mittelitalien.  Sendboten  der  Pariser  Geheimbünde  überschwemmten
  das  Land,  Ludwig  Philipp  selber  zahlte  Geld  an  die  Verschwörer
  —  freilich  nur  eine  bettelhafte  Summe,  nach  der  geizigen  Weise
der  Orleans;  und  noch  betörender  wirkte  der  in  Paris  so  prahlerisch  verkündigte
  Grundsatz  der  Nichteinmischung.  Die  Verschworenen  glaubten
fest,  Osterreich  könne  keine  Einmischung  wagen,  weil  Frankreich  die  Revolution
  mit  seinen  Waffen  schirmen  würde  —  dies  versicherte  ihnen  der
alte  Unheilstifter  Lafayette  heilig  —  und  mit  den  elenden  Truppen  ihrer
Kleinfürsten  und  Priester  meinten  sie  leicht  fertig  zu  werden.

Also  auf  Frankreichs  Schutz  vertrauend,  wagten  sie  den  Kampf.
Im  Laufe  des  Februar  wurden  die  kleinen  Despoten  von  Modena  und
Parma  verjagt;  die  Romagna,  Umbrien,  die  Marken,  volle  vier  Fünftel
des  Kirchenstaates  schüttelten  das  unerträgliche  Joch  des  Papsttums  ab.
In  Bologna  wie  in  Modena  trat  eine  revolutionäre  Regierung  zusammen,
und  aus  den  wirr  durcheinander  flutenden  Hoffnungen  und  Entwürfen
der  Patrioten  ließ  sich  doch  schon  erkennen,  daß  der  nationale  Gedanke
in  diesem  edlen  Volke  klarer,  greifbarer,  bestimmter  wurde,  seit  er  aus
dem  aufgeregten  Süden  nach  dem  ruhigeren  Norden  hinüberdrang.  Keine
Rede  mehr  von  den  Parteifarben  der  Carboneria,  die  vor  zehn  Jahren  in
Neapel  geprangt  hatten.  Das  nationale  Banner  des  Königreichs  Italien
wehte  überall  in  den  befreiten  Landen,  die  sich  stolz  die  Vereinigten  Provinzen
  Italiens  nannten;  der  Name  des  großen  Stifters  jenes  Königreichs
  war  in  aller  Munde.  Zwei  seiner  Neffen,  die  jungen  Söhne
Ludwig  Napoleons,  bemerkte  man  inmitten  der  Aufständischen,  zu  Rosse,
auf  grünweißroten  Schabracken;  manche  der  Verschworenen  vermaßen
sich  schon,  den  König  von  Rom  aus  Wien  herbeizurufen.

Wunderbar,  wie  nun  plötzlich  dem  Wiener  Hofe  die  Schwingen
wuchsen.  Bei  den  Wirren  der  letzten  Monate  hatte  er  fast  nur  die  Rolle
des  Chors  in  der  Tragäödie  gespielt;  jetzt  zeigte  sich  Osterreich  ganz  als
italienische  Macht.  In  der  Beherrschung  der  Halbinsel  sah  Kaiser  Franz
die  stärkste  Stütze  seines  Reichs,  aus  den  italienischen  Besitzungen  floß
seinen  Erzherzogen  der  größte  Teil  ihrer  Reichtümer  zu.  Metternich
suchte,  da  er  für  die  Leiden  Italiens  nie  ein  Auge  hatte,  den  einzigen
Grund  der  Bewegung  in  der  heillosen  Doktrin  der  Nichteinmischung;
er  wollte,  indem  er  die  Revolution  niederschlug,  zugleich  diese  neue  Völkerrechtslehre
  durch  die  Tat  widerlegen,  und  als  ihm  sein  Schlag  gelungen
war,  rief  er  stolz:  Das  erste  österreichische  Bataillon  in  Italien  hat  die
Lehre  der  Nichteinmischung  zu  Boden  geschmettert.)  Wohl  war  das

*)  Metternich  an  Ficquelmont,  29.  April  1831.
        <pb n="75" />
        Die  Österreicher  im  Kirchenstaate.  67

Heer,  trotz  der  Rüstungen  der  jüngsten  Zeit,  noch  immer  in  üblem  Zustande,')
  und  die  Geldmittel  konnten  nur  durch  den  mehr  bereitwilligen  als
wohlfeilen  Beistand  des  getreuen  Hauses  Rothschild  aufgebracht  werden;
doch  zu  einem  Kampfe  gegen  italienische  Freischaren  fühlte  sich  die  alte
Kaisermacht  noch  stark  genug.  Sobald  der  Papst  und  die  vertriebenen
Fürsten  ihren  Hilferuf  nach  Wien  erschallen  ließen,  rückten  die  Osterreicher
ein,  und  ehe  der  März  zu  Ende  ging,  war  das  gesamte  aufständische  Gebiet
wieder  unterworfen.  Franz  von  Modena  verherrlichte  seine  Rückkehr
nach  seiner  Gewohnheit  durch  Hinrichtungen  und  Einkerkerungen;  der
Papst  aber  begrüßte  dankbar  die  auserlesene  Schar  der  Weißröcke,  welche
die  Tempelschänder  aus  dem  Levitengebiete  vertrieben  habe.

Den  Hof  des  Palais  Royal  hielt  Metternich  durch  einen  diplomatischen
  Meisterzug  in  Schach.  Er  sendete  nach  Paris  eine  aus  Wahrheit
  und  Dichtung  kunstvoll  zusammengewobene  Darstellung  von  dem
Wesen  und  Ziele  der  italienischen  Revolution  (15.  Februar).  Danach
sollte  die  Bewegung  allein  von  dem  Pariser  Comité  directeur  ausgehen
und  den  bestimmten  Zweck  verfolgen,  den  Sohn  Napoleons  zum  konstitutionellen
  Könige  von  Italien  zu  erheben.  Einige  Beweisstücke,  welche
die  weitverzweigten  geheimen  Umtriebe  der  Bonapartisten  aufdeckten,
legte  er  bei;  dagegen  verschwieg  er  weislich,  daß  der  herrische  König  von
Rom  keineswegs  gesonnen  war,  den  italienischen  Patrioten  als  Werkzeug
zu  dienen,  sondern  vielmehr  zornglühend  sich  erboten  hatte,  mit  seinem
guten  Degen  seiner  Mutter  Marie  Luise  das  verlorene  Herzogtum  Parma
wieder  zu  erobern.  Zwischen  den  Zeilen  ward  dann  noch  angedeutet,
der  Großvater  Napoleons  II.  könnte  vielleicht  doch  in  die  Lage  kommen,
sich  seines  Enkels  zu  bedienen.  Zum  Schluß  die  unverblümte  Drohung:
„unser  Bekenntnis  muß  von  denen  verstanden  werden,  welche  bei  Strafe
ihrer  eigenen  Vernichtung  die  Freunde  unserer  Sache  sein  müssen;  denn
unsere  Sache  ist  im  Grunde  ihre  eigene.“  Das  Mittel  wirkte.  Die
Orleans  zitterten  vor  dem  Bonapartismus,  der  selbst  in  Ludwig  Philipps
nächster  militärischer  Umgebung  geheime  Anhänger  zählte,  und  der  Gedanke
  der  Einheit  Italiens  war  der  neidischen  Politik  des  Bürgerkönigtums
  ganz  ebenso  unheimlich  wie  dem  Wiener  Hofe.  Frankreich
regte  sich  nicht.  Erst  als  der  Aufstand  gebändigt  war,  erließ  das  Pariser
Kabinett  eine  Verwahrung  gegen  die  Besetzung  des  Kirchenstaates;  von
den  kleinen  Herzogtümern  sprach  man  nicht,  sie  galten  allgemein  als
ein  unantastbares  Familienbesitztum  des  Hauses  Österreich.  Metternich
aber  baute  dem  geschlagenen  Feinde  goldene  Brücken.  Ganz  wie  vor
zehn  Jahren  versicherte  er  feierlich,  Osterreich  sei  nicht  um  seinetwillen,
sondern  um  der  europäischen  Ruhe  willen  eingeschritten.  Darum  widersprach
  er  auch  nicht,  als  auf  Frankreichs  Wunsch  die  Gesandten  der  fünf

 

*)  Maltzahns  Bericht,  9.  Januar  1831.
57
        <pb n="76" />
        68  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Mächte  in  Rom  zusammentraten,  um  über  die  notwendigen  Reformen
im  Kirchenstaate  zu  beraten.

Am  Berliner  Hofe  erregte  das  italienische  Ränkespiel  des  Palais
Royal  lebhaften  Argwohn.  Ancillon,  der  für  den  erkrankten  Bernstorff
jetzt  das  Auswärtige  Amt  leitete,  verhehlte  dem  französischen  Gesandten
nicht,  daß  der  König  Osterreichs  Verhalten  in  Italien  durchaus  billige.
Mit  dem  ganzen  Wortschwall  seines  wohlgesalbten  Predigerstiles  tadelte
er  den  zweideutigen  Grundsatz  der  Nichteinmischung:  „Man  kann  nicht
oft  und  nicht  mannigfach  genug  diese  revolutionäre  Doktrin  bekämpfen,
welche  darauf  hinausläuft,  daß  die  Empörung  die  heiligste  der  Pflichten
und  niemand  berechtigt  ist,  deren  Ausübung  zu  stören;  sie  untergräbt  die
Unabhängigkeit  der  Souveräne  in  ihren  Grundlagen,  indem  sie  ihnen
die  Möglichkeit  nimmt,  ihre  Verbündeten  zu  Hilfe  zu  rufen;  sie  würde
die  Maßregeln,  welche  die  Regierungen  im  Interesse  ihres  Daseins  und
ihrer  Selbsterhaltung  für  nötig  halten,  von  der  Genehmigung  Frankreichs
abhängig  machen.““)  Weitaussehende  Verbindlichkeiten  wollte  der  König
seinem  alten  Grundsatze  gemäß  um  Italiens  willen  nicht  eingehen;
er  lehnte  ab,  als  der  Turiner  Hof  ihn  bitten  ließ,  gemeinsam  mit  Osterreich
  die  Bürgschaft  für  Piemonts  Sicherheit  zu  übernehmen.  Nur  zu
wohlwollender  Vermittlung  war  er  gern  bereit.

Unter  den  Gesandten  der  Konferenz  in  Rom  zeigte  der  preußische
den  größten  Eifer.  Bunsen  hatte,  seit  er  in  Rom  heimisch  geworden,  seine
Vorurteile  gegen  das  italienische  Volk  längst  überwunden,  er  legte  den
Gesandten  eine  Denkschrift  vor  (21.  Mai),  welche  von  allen  gebilligt  und
seitdem  durch  ein  Menschenalter  dem  römischen  Stuhle  immer  wieder  als
wohlgemeinte  Mahnung  seiner  Beschützer  vorgehalten  wurde.  Über  die
Nichtswürdigkeit  dieses  Priesterregiments,  das  sich  seit  dem  Tode  des
milden  Kardinals  Consalvi  nur  verschlechtert  hatte,  war  jedermann  einig.
Selbst  Prokesch  von  Osten,  der  abgesagte  Feind  der  Revolution,  der  in
Metternichs  Auftrag  die  Zustände  der  Romagna  beobachten  sollte,  fand  die
Lage  des  Volkes  ganz  entsetzlich.  Alle  Höfe,  auch  der  Wiener,  wünschten
aufrichtig  das  Gelingen  der  Reform;  denn  alle  betrachteten  den  Kirchenstaat
  als  eine  europäische  Notwendigkeit  und  hielten  das  Papsttum  selber
für  verloren,  falls  seine  weltliche  Herrschaft  unterginge.  Bunsens  Vorschläge
  lauteten  verständig  und  maßvoll:  er  verlangte  Zulassung  der  Laien
zu  allen  obrigkeitlichen  Amtern,  gewählte  Räte  für  die  Gemeinden  und
die  Provinzen,  dazu  einen  Rechnungshof,  der  durch  Laien  verstärkt  den
Unterschleifen  der  Priester  endlich  steuern  sollte,  und  vielleicht  noch  einen
Staatsrat.  Aber  wie  konnte  man  hoffen,  bei  dem  Papste  auch  nur
diese  bescheidenen  Wünsche  durchzusetzen?  Der  heilige  Stuhl  gab  halbe
Zusagen  und  hielt  sie  nicht,  weil  er  sie  nicht  halten  konnte.  Jede  reine

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Maltzahn,  20.  März  1831.
        <pb n="77" />
        Bunsens  Denkschrift  über  den  Kirchenstaat.  69

Theokratie  ist  Kastenherrschaft;  die  unerläßliche  Vorbedingung  aller  Reformen,
  die  Gleichstellung  der  Laien  durfte  der  gekrönte  Priester  nicht
im  Ernst  zugestehen.

Unterdessen  forderte  Frankreich,  im  Namen  der  heiligen  Nichteinmischungslehre,
  laut  und  lauter  die  Räumung  des  Kirchenstaates,  obgleich
der  Papst  selber  das  längere  Verweilen  der  Besatzungstruppen  dringend
wünschte  und  jedermann  in  Bälde  einen  zweiten  Aufstand  erwartete.
Über  den  langwierigen  gereizten  Verhandlungen  rückte  endlich  der  Tag
heran,  da  die  Pariser  Kammern  wieder  zusammentreten  sollten.  Da
spielte  Ludwig  Philipp  den  letzten  Trumpf  aus,  der  ihm  fortan  immer
zu  seinen  Scheinerfolgen  verhelfen  mußte;  er  erklärte:  wenn  Osterreich
nicht  rechtzeitig  die  Romagna  räume,  dann  könne  er  die  Leidenschaften
seiner  Volksvertreter  nicht  mehr  zurückhalten,  und  der  Krieg  werde  unvermeidlich.
  Nunmehr  gab  Metternich  in  der  Form  nach,  da  er  doch
seinen  wesentlichen  Zweck  erreicht  hatte.  Die  kaiserlichen  Truppen  zogen
im  Juli  ab,  aber  zugleich  schloß  Graf  Lützow  mit  der  dankbaren  Kurie
einen  geheimen  Vertrag,  kraft  dessen  Osterreich  sich  verpflichtete,  die  Souveränität
  des  Papstes  unter  allen  Umständen  aufrecht  zu  erhalten,  also
beim  nächsten  Aufstande  den  Kirchenstaat  sogleich  wieder  zu  besetzen.  Für
diesen  Fall  erbat  sich  Metternich  jetzt  schon  vorsorglich  Preußens  und
Rußlands  Unterstützung.)  Siegesfroh  erzählten  die  Minister  des  Bürgerkönigs
  der  tiefen  Unwissenheit  ihrer  Abgeordneten  das  Märchen,  daß  Frankreich
  den  Papst  von  dem  kaiserlichen  Joche  befreit  habe.  In  Wahrheit  stemmte
der  Kaiserstaat  fester  denn  jemals  seinen  Fuß  auf  Italiens  Nacken.  Das
buhlerische  Spiel  der  Orleans  mit  den  Geheimbünden  der  Revolution  trieb
alle  Fürsten  der  Halbinsel,  auch  den  unberechenbaren  Karl  Albert  dem
Wiener  Hofe  in  die  Arme;  in  den  nächsten  Jahren  blieb  ÖOsterreich  unbestritten
  die  Vormacht  Italiens.  Unter  der  Jugend  des  Landes  aber  wendeten
sich  schon  einzelne  helle  Köpfe,  wie  Graf  Camillo  Cavour,  den  konstitutionellen
  Ideen  des  neuen  Frankreichs  zu;  und  ebenso  folgenreich  ward  es  für
eine  ferne  Zukunft,  daß  Ludwig  Napoleon  hier  zuerst  in  die  Gesellschaft  der
Demagogen  eintrat.  Der  Prinz  verlor  während  jener  Wirren  in  der  Romagna
  seinen  älteren  Bruder  durch  den  Tod,  und  als  bald  darauf  (Juli
1832)  auch  der  Herzog  von  Reichstadt  starb,  da  gingen  die  Erbansprüche
des  napoleonischen  Hauses  auf  diesen  jungen  Schweiger  über.  Der  kriegerische
  Bonapartismus  war  mit  dem  stolzen  König  von  Rom  ins  Grab  gesunken;
  der  neue  Prätendent  ging  die  stillen  Wege  des  Verschwörers.  —

Auch  in  der  Schweiz  fand  die  Julirevolution  ein  Nachspiel.  Nicht
umsonst  hatten  die  Eidgenossen  während  der  müden  Jahre  der  Restauration
  ein  von  außen  her  ungestörtes  Stilleben  geführt;  sie  zeigten  sich
jetzt  bei  weitem  weniger  abhängig  von  den  Pariser  Ideen  als  einst,  da

 

)  Metternich  an  Trauttmansdorff,  5.  Sept.  1831.
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        70  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

sie  die  helvetische  Republik  dem  französischen  Einheitsstaate  nachbildeten
und  dann  die  Mediationsakte  aus  Bonapartes  Hand  entgegennahmen.
Obwohl  ermutigt  durch  das  Beispiel  der  Franzosen,  bewahrte  die  Revolution
  hier  ihren  schweizerischen  Charakter  und  darum  nachhaltige  Lebenskraft;
  sie  erstrebte  das  Ziel  der  reinen  Volksherrschaft,  das  sich  aus  der
neueren  Geschichte  der  Eidgenossenschaft  mit  Notwendigkeit  ergab.  Nicht
ohne  Roheit  und  Gewalttat,  aber  auch  ohne  schweren  Bürgerkrieg  wurden
in  mehreren  Kantonen,  zumal  in  den  größten  und  reichsten,  die  Herrschaft
  der  Hauptstädte,  sowie  die  Vorrechte  der  Patrizier  gebrochen  und
demokratische  Staatsformen  eingeführt,  deren  Schwerpunkt  in  der  erwählten
Volksvertretung,  dem  Großen  Rate,  lag.  Mit  den  demokratischen  Gedanken
  verband  sich  das  Verlangen  nach  Reform  der  lockeren  Bundesverfassung.
  Indes  vermochte  der  Einheitsdrang  in  diesem  klassischen  Lande
des  Föderalismus  niemals  so  übermächtig  zu  werden,  wie  in  Deutschland
oder  Italien.  Die  alten  kleinen  Händel  der  Landschaften  währten  fort;
in  Schwyz  ward  der  Versuch  gewagt,  den  Kanton  in  zwei  Hälften  zu  zerschlagen,
  und  das  radikale  Baselland  riß  sich  als  souveräner  Halbkanton
von  der  konservativen  Stadt  Basel  los.  Da  die  Tagsatzung  sich  zu  schwach
fühlte,  alle  diese  Parteikämpfe  zu  beherrschen,  so  nahm  sie  den  modischen
Grundsatz  der  Nichteinmischung  an.  Ein  solcher  Beschluß  augenblicklicher
  Verlegenheit  konnte  auf  die  Dauer  nicht  vorhalten;  früher  oder
später  mußten  die  Verfassungsänderungen  der  Kantone  auf  den  Bund
zurückwirken.  Dies  erkannte  auch  Metternich  mit  dem  Scharfblicke  des
Hasses.  Er  wußte,  wie  eifrig  der  Pariser  Hof,  der  allein  bei  der  Tagsatzung
  einen  Botschafter  unterhielt,  sich  wieder  um  die  schweizerische
Schirmherrschaft  bemühte;?*)  auch  fürchtete  er,  die  Einheitsbewegung  der
Eidgenossen  könne  den  Deutschen  ein  übles  Beispiel  geben.  In  seiner
Angst  sah  er  die  Schweiz  schon  wieder  dem  Einheitsstaate  der  helvetischen
Republik  zutreiben  und  gab  den  Ostmächten  zu  erwägen,  ob  man  eine
solche  Anderung  dulden  könne,  da  doch  jeder  Kanton  ein  wohlerworbenes
Recht  auf  Erhaltung  der  alten  Verfassung  besitze  und  die  Schweiz  nur
als  Staatenbund  von  den  großen  Mächten  anerkannt  worden  sei.)

 

In  der  Menge  dieser  Gegensätze,  welche  den  Weltteil  erfüllten,  lag
doch  einige  Gewähr  für  den  allgemeinen  Frieden.  Nur  die  Selbstüberhebung
  des  Zaren  Nikolaus  mochte  sich's  zutrauen,  alle  diese  Knoten
zugleich  mit  dem  Schwerte  zu  durchhauen.  Vorderhand  waren  die  Ostmächte
  durch  Polen  und  Italien  beengt,  die  Westmächte  durch  innere  Verlegenheiten.
  So  konnte  denn  die  Vermittelungsarbeit  der  Londoner  Konferenz
  stetig  voranschreiten,  freilich  nur  unter  wiederholten  gefährlichen
Rückschlägen,  die  zumeist  durch  Frankreichs  Doppelspiel  verschuldet  wurden.

*)  Otterstedts  Bericht,  Bern  12.  Juli  1830.
*“)  Metternich,  Memorandum  sur  les  affaires  de  la  Suisse  23.  Nov.  1831.
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        Neutralität  Belgiens.  71

Am  20.  Januar  1831  einigte  sich  die  Konferenz  über  die  Grundlagen
der  Trennung  der  Niederlande:  auf  Bülows  Antrag  wurde  die  Neutralität
des  künftigen  belgischen  Staates  angenommen,  der  alle  Landschaften  südlich
der  alten  holländischen  Grenze,  mit  Ausnahme  des  deutschen  Bundeslandes
Luxemburg,  umfassen  sollte.  Aber  während  dieser  Verhandlungen  rückte
plötzlich  Talleyrand  mit  seinen  Herzenswünschen  heraus:  er  verlangte  für
Frankreich  die  im  Jahre  1815  an  die  Niederlande  abgetretenen  Grenz—
striche  um  Philippeville  und  Marienburg.  Jener  wunderlichen  Traum—
welt,  welche  die  Franzosen  seit  ihrer  großen  Woche  umfing,  konnte  sich
selbst  der  Nestor  der  Diplomatie  nicht  entziehen.  Man  war  an  der  Seine
so  sehr  daran  gewöhnt,  jede  Pariser  Torheit  von  der  gesamten  libe—
ralen  Welt  Europas  nachgesprochen  zu  sehen,  daß  man  im  Ernst  glaubte,
auch  das  Verlangen  nach  der  Rheingrenze  werde  von  allen  freien  Köpfen
des  Weltteils  gebilligt.  Die  besonneneren  Franzosen  meinten  schon  einen
Beweis  hoher  Mäßigung  zu  geben,  wenn  sie  diese  „große  Grenze“  für
jetzt  noch  nicht  verlangten,  sondern  sich  zunächst  mit  der  in  Paris  so—
genannten  „kleinen  Grenze“  begnügten  —  mit  der  Rückforderung  jener
schmalen  Grenzstreifen,  welche  der  milde  zweite  Pariser  Friede  von  Frankreich
  abgetrennt  hatte.  Lord  Palmerston  aber  erkannte  sofort,  daß  keine
der  Ostmächte  auf  eine  solche  Zumutung  eingehen  konnte;  von  allen
übrigen  Bevollmächtigten  unterstützt,  erklärte  er  sich  scharf  dawider.  Nunmehr
  versuchte  Ludwig  Philipp  durch  geheime  Sendungen  den  englischen
Hof  für  diese  kleine  Grenze  zu  gewinnen.  Zugleich  forderte  er  die  Neutralität
  für  Luxemburg,  worauf  Preußen  nachdrücklich  erwiderte:  der
Deutsche  Bund,  dem  Luxemburg  angehöre,  sei  zwar  nur  zur  Verteidigung
bestimmt,  aber  keineswegs  neutral.“)

Der  König  der  Niederlande  erklärte  sich  mit  den  Vorschlägen  der  Konferenz
  einverstanden.  Der  Brüsseler  Kongreß  hingegen  erließ,  verwöhnt
durch  die  seltene  Gunst  des  Glücks,  eine  leidenschaftliche  Verwahrung  und
berief  sich  zum  Schluß  auf  den  großen  Grundsatz  der  Nichteinmischung.
Schon  diese  Wendung  ließ  erkennen,  daß  die  Belgier  auf  französischen
Beistand  rechneten,  und  in  der  Tat  erhob  Frankreich  plötzlich  Bedenken
gegen  die  Genehmigung  der  Konferenzbeschlüsse.  Währenddem  wurden
große  Truppenmassen  in  Lothringen,  dicht  an  der  Grenze,  angehäuft,  und
am  28.  Januar  meldete  der  Kommandierende  des  rheinischen  Armeekorps,
General  Borstell,  er  müsse  jederzeit  einen  plötzlichen  Einfall  in  die  Moselund
  Saarlande  erwarten.  Nach  einer  Beratung  Bernstorffs  mit  den
höchsten  Führern  des  Heeres  befahl  der  König  nunmehr,  das  rheinische,
das  sächsische  und  einen  Teil  des  westfälischen  Armeekorps  auf  Kriegsfuß
  zu  setzen,  so  daß  jetzt  volle  zwei  Drittel  des  preußischen  Heeres  zur

 

*)  Bericht  des  Auswärtigen  Amtes  an  K.  Friedrich  Wilhelm  15.  Februar.
Weisung  an  Bülow  15.  Febr.  1831.
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        72  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Bewachung  der  Grenzen  im  Osten  und  im  Westen  aufgeboten  waren.
Mit  großer  Offenheit  ließ  das  Auswärtige  Amt  diese  Vorsichtsmaßregeln
dem  Pariser  Hofe  mitteilen;  selbst  der  Schein  einer  Herausforderung
sollte  vermieden  werden.“)

Die  Kriegsgefahr  rückte  noch  näher,  als  der  Brüsseler  Kongreß  zur
Königswahl  für  den  neuen  Staat  schritt.  Nachdem  er  schon  im  November
  die  Entthronung  der  Oranier  ausgesprochen  hatte,  war  er  jetzt
keineswegs  gesonnen,  seinen  Beschluß  zurückzunehmen.  Gesichert  durch
das  Spiel  und  Gegenspiel  der  großen  Mächte  hielten  die  Belgier  sich
für  unangreifbar.  Auf  dem  Namen  König  Wilhelms  lastete  seit  der  Beschießung
  von  Antwerpen  ein  furchtbarer  Haß,  und  der  ehrgeizige  Prinz
von  Oranien  hatte  in  jüngster  Zeit  eine  so  zweideutige  Rolle  zwischen  den
Parteien  gespielt,  daß  sein  eigener  Vater  ihm  die  belgische  Krone  kaum  noch
wünschte.  Die  Ostmächte  begannen  daher  bereits  an  den  Aussichten  des
Hauses  Oranien  zu  verzweifeln.  Bernstorff  bekannte  dies  schon  um  Mitte
Dezembers;  kaum  vier  Wochen  später  ließ  Metternich  in  Petersburg  die
gleiche  Meinung  aussprechen  und  fügte  betrübt  hinzu:  „was  nicht  Frankreich
  und  England  mit  Wärme  unterstützen,  kann  nicht  durchgesetzt  werden.“
Selbst  Zar  Nikolaus  konnte  sich  der  hoffnungslosen  Stimmung  seiner
Bundesgenossen  nicht  ganz  erwehren;  er  befahl  seinen  Bevollmächtigten
in  London,  die  belgische  Krone  für  den  Prinzen  von  Oranien  zu  fordern;
würden  sie  jedoch  überstimmt,  dann  behalte  sich  der  Kaiser  vor,  zu  entscheiden,
  ob  ihm  ein  anderer  Thronbewerber  ungefährlich  erscheine.)

Desto  kecker  schritt  der  belgische  Kongreß  vorwärts.  Obgleich  seine
Mehrheit  die  Einverleibung  in  Frankreich  nicht  wünschte,  so  meinte  sie  doch,
daß  ihr  Land  nur  von  den  Franzosen  Hilfe  zu  erwarten  habe.  Um  sich  diesen
Beistand  zu  sichern  und  das  Interesse  des  furchtsamen  Bürgerkönigs  für
immer  an  Belgien  anzuketten,  wollte  man  seinem  zweiten  Sohne,  dem
Herzog  von  Nemours,  den  neuen  Thron  anbieten.  Welch  eine  Dreistigkeit
  revolutionärer  Selbstüberhebung!  Wie  konnte  man  glauben,  daß  die
großen  Mächte  diesem  Orleans,  der  kürzlich  erst  demütig  um  seine  eigene
Anerkennung  gebettelt  hatte,  jemals  gestatten  würden,  sich  noch  eine  zweite
Krone  für  sein  Haus  zu  erschleichen?  Und  welch  ein  Hohn  auf  die  soeben
  beschlossene,  von  den  Belgiern  selbst  freudig  begrüßte  Neutralität  des
neuen  Staates,  wenn  man  hier  eine  französische  Nebenkrone  gründete!
Ludwig  Philipp  erkannte  auch  sofort,  daß  seine  übermütigen  belgischen
Freunde  gradeswegs  auf  einen  allgemeinen  Krieg  lossteuerten,  und  ließ  in
Brüssel  wie  in  London  erklären,  an  die  Annahme  dieser  Krone  sei  nicht
zu  denken.  Doch  mittlerweile  tauchte  ein  neuer  Thronkandidat  auf,  der

 

*)  Protokoll  der  Konferenz  von  Bernstorff,  Gneisenau  u.  a.  7.  Febr.  Kabinettsordre
  an  Prinz  Wilhelm  d.  Alt.  16.  Febr.  1831.

**)  Bernstorff,  Weisung  an  Bülow,  17.  Dezember  1830.  Metternich  an  Ficquelmont,
  10.  Januar.  Weisung  an  Lieven,  19.  Januar  (a.  St.)  1831.
        <pb n="81" />
        Die  Königswahl  in  Brüssel.  73

junge  Herzog  von  Leuchtenberg,  und  augenblicklich  änderte  sich  die  Haltung
des  französischen  Hofes.  Sobald  es  galt,  den  furchtbaren  Namen  der
Napoleons  aus  dem  Wege  zu  schaffen,  war  den  Orleans  kein  Mittel  zu
verächtlich.  Bresson  und  Lawoestine,  Ludwig  Philipps  Bevollmächtigte  in
Brüssel,  gaben  nunmehr  unter  der  Hand  die  heilige  Versicherung,  der
König  werde  seinem  Sohne  die  Thronbesteigung  gestatten;  so  gewannen
sie  van  de  Weyer,  Nothomb  und  mehrere  andere  der  fähigsten  Mitglieder
des  Hauses.  Am  3.  Februar  wählte  der  Kongreß  mit  einer  Mehrheit
von  zwei  Stimmen  den  Herzog  von  Nemours  zum  König  der  Belgier.

Das  Gaukelspiel  der  Orleans  hatte  seinen  Zweck  erreicht,  der
Napoleonide  war  beseitigt;  und  da  überdies  die  Londoner  Konferenz
mittlerweile  den  verständigen  Beschluß  gefaßt  hatte,  daß  kein  Mitglied
eines  der  fünf  großen  Herrscherhäuser  die  Krone  des  neutralen  Staates
tragen  dürfe,  so  empfingen  die  Abgesandten  des  belgischen  Kongresses
im  Palais  Royal  eine  runde  Absage.  Der  Bürgerkönig  hielt  ihnen  eine
von  tugendhaften  Gemeinplätzen  strotzende  Rede  und  beteuerte  den  Tiefgerührten,
  dem  Beispiele  Ludwigs  XIV.  und  Napoleons  wolle  er  nicht
folgen.

Begreiflich  genug,  daß  nach  solchen  Proben  französischer  Rechtschaffenheit
  die  Kriegspartei  in  Berlin  immer  wieder  ihre  Stimme  erhob.
Mit  allen  hochkirchlichen  Schlagworten  der  Hallerschen  Staatslehre  beschwor
Herzog  Karl  von  Mecklenburg  seinen  königlichen  Schwager,  die  Monarchie
von  Gottes  Gnaden  zu  verteidigen  wider  den  treulosen  Aufruhr:  „Wie
ein  Vater  seine  Kinder  regieret  und  leitet,  die  ihm  die  Gnade  Gottes  gegeben
  hat,  so  soll  ein  König  der  Vater  seiner  Völker  sein,  ein  Gott  auf
Erden,  verantwortlich  dem  Allerhöchsten,  der  ihm  die  Macht  verlieh  und
die  Völker  anvertraute.“  Solche  Stilübungen  konnten  Bernstorffs  Nüchternheit
  nicht  beirren;  sie  ärgerten  selbst  den  Fürsten  Wittgenstein,  der
überhaupt  in  dieser  Krisis  den  Parteimann  ganz  verleugnete  und  die
Friedenspolitik  des  Königs  treulich  unterstützte.“)  Noch  weniger  fiel  die
Stimme  des  alten  Hans  von  Gagern  ins  Gewicht,  als  er  in  den  „Vaterländischen
  Briefen“  der  Allgemeinen  Zeitung  das  unantastbare  Recht  des
Hauses  Oranien  verteidigte;  der  wunderliche  Reichspatriot  hatte  einst  bei
der  Gründung  des  niederländischen  Gesamtstaates  nur  zu  eifrig  mitgeholfen
  und  betrachtete  jetzt  den  Zerfall  seines  kunstvollen  Gebildes  wie
eine  persönliche  Demütigung.  Bedenklicher  war,  daß  die  Bewohner  des
linken  Rheinufers  für  ihre  Sicherheit  besorgt  wurden.  Eine  geschlossene
französische  Partei  bestand  im  preußischen  Rheinlande  längst  nicht  mehr,
dank  den  unverkennbaren  Wohltaten  der  neuen  Verwaltung.  Jedoch  das
Zutrauen  zu  der  Dauer  der  deutschen  Herrschaft  hatte  sich  noch  nicht

 

*)  Herzog  Karl  von  Mecklenburg,  Denkschrift  über  die  Kriegsfrage,  März  1831.
Wittgenstein  an  Bernstorff,  27.  März  1831.
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        74  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

befestigt,  und  es  ward  abermals  schwer  erschüttert,  als  die  Franzosen  allesamt
  die  verhüllte  oder  unverhüllte  Einverleibung  Belgiens  verlangten;
überall  hörte  man  die  Frage,  ob  der  König  nicht  durch  übermäßige  Geduld
den  gallischen  Hochmut  geradezu  herausfordere.  Unter  den  Eindrücken
dieser  rheinischen  Befürchtungen  verfaßte  Arndt  zu  Anfang  des  Jahres
seine  Flugschrift:  Die  Frage  über  die  Niederlande  und  die  Rheinlande  —
ein  Büchlein,  das  allein  schon  hätte  genügen  sollen,  den  treuen  Mann  von
dem  Verdachte  des  Demagogentums  zu  reinigen.  „Wir  hatten  das  Füchslein
  vor  sechzehn  Jahren  in  den  Eisen,  und  es  war  mit  Schwanz
und  Klauen  fest“  —  so  begann  er  seine  grelle  Schilderung  der  insgeheim
  bohrenden  und  wühlenden  französischen  Politik;  freimütig  hielt  er
den  deutschen  Liberalen  ihre  welsche  Verbildung  vor.  Königlicher  als
sein  König  wollte  er  in  der  belgischen  Erhebung  nichts  weiter  sehen,  als
ein  von  Frankreich  angezetteltes  höllisches  Gaukelspiel,  und  verlangte  durchaus,
  daß  die  Narren  und  Narrengenossen  in  Brüssel  zu  dem  Hause
Oranien  zurückkehren  müßten,  sonst  verfalle  Belgien  rettungslos  der
Herrschaft  Frankreichs.  —

Da  erfolgte  in  Paris  eine  friedliche  Wendung,  welche  deutlich  zeigte,
daß  die  Dinge  so  verzweifelt  doch  nicht  standen.  Das  Julikönigtum  begann
  sich  im  Innern  zu  befestigen.  Bereits  war  Lafayette  von  seiner  gefährlichen
  Stellung  an  der  Spitze  der  Nationalgarde  verdrängt.  Im  März
wurde  das  Ministerium  der  Bewegungspartei  gestürzt,  und  der  Führer
des  Juste  milien,  Casimir  Perier,  trat  ans  Ruder,  ein  reicher  Kaufherr,
der  aus  Erfahrung  wußte,  daß  große  Geschäfte  durch  kleine  Schliche
nicht  gefördert  werden,  ein  Mann  der  strengen  gesetzlichen  Ordnung,  stolz
und  unbiegsam,  herrisch  genug,  um  zugleich  die  Ränke  des  Monarchen
und  die  Leidenschaften  der  Radikalen  niederzuzwingen,  friedliebend  von
Grund  aus,  aber  auch  fest  entschlossen,  der  Würde  seines  Landes  nichts
zu  vergeben  —  alles  in  allem  der  größte  politische  Charakter  unter  den
Staatsmännern  des  Julikönigtums.  Die  wüsten  Träume  der  revolutionären
  Propaganda  wies  er  weit  von  sich:  die  Freiheit  soll  stets  national
sein,  Frankreichs  Blut  gehört  nur  Frankreich  an.  Den  großen  Mächten
gegenüber  sprach  er  sich  bistimmt  und  offen  aus  —  soweit  ein  Minister
dieses  zwitterhaften  Königtums  aufrichtig  sein  konnte.  Bald  gewann  er
Werthers  Freundschaft,  und  der  Berliner  Hof  bekannte,  daß  „Frankreich
durch  seine  Haltung  und  seine  Grundsätze  jetzt  Vertrauen  zu  verdienen
beginne“.  Selbst  in  Wien  und  Petersburg  wurde  die  Friedenspolitik  des
ehrlichen  Bourgeois  anerkannt,  obgleich  bei  Metternich  immer  wieder  der
stille  Groll  gegen  das  System  des  Juste  milieu  durchbrach  —  gegen
„diese  rechte  Mitte,  die  stets  dem  Guten  feindlich  ist  und,  wenn  sie  das
Böse  nicht  offen  begünstigt,  ihm  doch  zu  schmeicheln  sucht.““)  Eine  von

*)  Ancillon,  Weisungen  an  Schöler  5.  Mai,  an  Maltzahn  30.  Mai;  Metternich
an  Trauttmansdorff  9.  August  1831.
        <pb n="83" />
        C.  Perier.  75

Wien  aus  eingeleitete  langwierige  Verhandlung  wegen  gleichzeitiger  Ab—
rüstung  aller  Mächte  führte  zwar  nicht  zum  Ziele,  da  solche  Vorschläge
an  dem  natürlichen  Selbstgefühle  souveräner  Staaten  notwendig  scheitern
müssen;  immerhin  bewies  sie,  daß  die  Spannung  etwas  nachließ.)
Völlig  ehrenhaft  und  zuverlässig  verfuhr  das  französische  Kabinett  auch
unter  Casimir  Periers  Leitung  nicht,  da  Talleyrand  in  London,  hinter
dem  Rücken  des  Ministers  doch  schwerlich  ohne  Vorwissen  Ludwig  Philipps
  auf  eigene  Faust  Politik  trieb  und  in  geheimnisvollen  Andeutungen
die  Teilung  Belgiens  empfahl.

Nachdem  die  Trennung  des  niederländischen  Gesamtstaates  entschieden
  war,  lag  es  in  Preußens  Interesse,  die  neue  Ordnung  der  Dinge  rückhaltlos
  anzuerkennen,  den  Belgiern  rasch  zu  einem  Oberhaupte  zu  verhelfen
  und  also  dem  preußischen  Staate  den  entscheidenden  Einfluß  in
Brüssel  zu  sichern.  Jedoch  zu  einer  so  kühnen  Schwenkung,  wie  sie  Lord
Palmerston  leichten  Herzens  vollzogen  hatte,  konnte  sich  König  Friedrich
Wilhelm  in  seiner  gewissenhaften  Bedachtsamkeit  nicht  entschließen.  Er
wollte  weder  das  legitime  Recht  der  oranischen  Verwandten  kurzerhand
bekämpfen,  noch  mit  dem  Brüsseler  Kongresse,  der  seine  französischen  Neigungen
  so  unverhohlen  bekundet  hatte,  in  Verkehr  treten,  und  am  allerwenigsten
  den  Bund  der  Ostmächte  auflockern,  dessen  Preußen  jetzt  mehr
denn  je  bedurfte.  Zar  Nikolaus  hoffte,  trotz  allem,  was  mit  seiner  eigenen
Zustimmung  geschehen  war,  noch  immer  auf  die  Wiederherstellung  der
oranischen  Herrschaft,  und  Metternich  wagte  nicht,  dem  Gefürchteten  offen
zu  widersprechen.  So  gerieten  die  Ostmächte  allesamt  in  eine  schiefe
Stellung;  sie  überließen  den  Westmächten  die  Vorhand  in  dem  niederländischen
  Spiele  und  begnügten  sich,  widerwillig,  schmollend  hinzunehmen,
was  nicht  mehr  zu  ändern  war.  Während  Palmerston  mit  van  de  Weyer
sich  immer  enger  befreundete,  der  Bürgerkönig  durch  seine  Agenten  den
Brüsseler  Kongreß  bearbeiten  ließ,  wurde  in  Berlin  der  Bevollmächtigte
der  belgischen  Regierung,  Baron  Behr,  durch  den  Bureaudirektor  des
Auswärtigen  Amts  kurzweg  abgewiesen,  weil  zwischen  Preußen  und  Belgien
  keine  Beziehungen  beständen,  außer  denen,  welche  die  Londoner
Konferenz  erst  herzustellen  suche.)

Nach  der  vergeblichen  Königswahl  vom  Februar  versuchte  Ludwig
Philipp  unter  der  Hand,  seinem  Neffen,  dem  blutjungen  Prinzen  Karl
von  Neapel,  die  belgische  Krone  zu  verschaffen,  stand  aber  sogleich  davon
ab,  als  er  den  Unwillen  der  Ostmächte  bemerkte.  *“)  Inzwischen  übernahm
der  Baron  Surlet  de  Chokier  die  Regentschaft,  ein  alter  Klerikaler,  der,
seit  Jahren  mit  den  Oraniern  verfeindet,  sich  doch  zu  der  belgischen  Erhebung
  kein  Herz  fassen  wollte;  er  hatte  in  seiner  Jugend  die  brabantische

*)  Alopeus  an  Ancillon,  2.  Mai;  Antwort  26.  Mai  1831  usw.
**)  Vureau-Direktor  Zahn  an  Baron  Behr,  23.  April  1831.
*“)  Alopeus  an  Anecillon,  8.  März  1831.
        <pb n="84" />
        76  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Revolution  erlebt  und  befürchtete,  auch  dieser  neue  Aufstand  werde  wieder
mit  der  Einverleibung  in  Frankreich  endigen.  Seine  Räte  Lebeau,
Devaux  und  der  junge  Nothomb  dachten  mutiger;  sie  verfielen  auf  den
glücklichen  Gedanken,  dem  Witwer  der  Prinzessin  von  Wales,  dem  Prinzen
Leopold  von  Koburg,  die  Krone  anzubieten.  Es  konnte  nicht  fehlen,  daß
der  englische  Hof  dieser  Kandidatur  zustimmte.  Den  Ostmächten  erschien
der  deutsche  Prinz  nicht  unannehmbar;  auch  Ludwig  Philipp  stimmte  bald
zu  und  benutzte  die  Gelegenheit  zu  einem  vorteilhaften  Geschäfte,  indem
er  dem  Koburger  die  Hand  seiner  Tochter  Luise  versprach.  Der  kluge,
ehrgeizige  Prinz  war  bereit,  dem  Rufe  zu  folgen,  und  bewährte  sogleich
seine  diplomatische  Meisterschaft.  Er  sah  ein,  daß  Belgien  ohne  Verstän—
digung  mit  der  Londoner  Konferenz  seine  Unabhängigkeit  nicht  behaupten
konnte.  Es  gelang  ihm,  erst  Palmerston,  dann  auch  die  anderen  Bevoll—
mächtigten  zu  überreden,  und  am  27.  Juni  entschloß  sich  die  Konferenz,
ihre  früheren  Beschlüsse  über  die  Teilung  des  Gebiets  und  der  Staats—
schuld  zu  Gunsten  Belgiens  etwas  abzuändern.  Die  neuen  Vorschläge
für  die  Friedenspräliminarien  wurden  in  Achtzehn  Artikeln  zusammen—
gefaßt  und  von  dem  belgischen  Kongresse  angenommen.  Nunmehr  durfte
Leopold  mit  einiger  Sicherheit  auf  die  Anerkennung  der  großen  Mächte
hoffen;  am  21.  Juli  zog  er  als  König  in  Brüssel  ein.

König  Wilhelm  empfand  das  alles  wie  eine  persönliche  Beschimpfung.
Die  Achtzehn  Artikel  waren  ohne  Vorwissen  der  holländischen  Bevollmächtigten
  zwischen  Palmerston,  Leopold  und  den  Belgiern  verabredet  und  von  den
Gesandten  der  Ostmächte  nur  darum  gutgeheißen  worden,  weil  diese  immer
noch  vertrauensvoll  auf  Englands  Freundschaft  bauten,  den  britischen
Minister  nicht  ganz  in  Frankreichs  Arme  treiben  wollten.  Um  die  Zustimmung
  des  Oraniers  nachträglich  zu  erwirken,  sendete  die  Konferenz
den  Freiherrn  von  Wessenberg  nach  dem  Haag.  Widerwillig  unterzog  sich
der  Österreicher  dem  peinlichen  Auftrage;  er  wußte,  daß  Kaiser  Franz
und  Metternich  dies  neue  Zugeständnis  an  den  belgischen  Aufruhr  sehr
ungern  sahen,  und  schrieb  entschuldigend:  „Wir  haben  gegen  uns  die
Zeit,  die  Ereignisse,  Frankreich  und  selbst  England.“  Die  Sendung  blieb
erfolglos,  wie  Metternich  vorausgesehen.)  König  Wilhelm  verwarf  nicht
nur  die  Achtzehn  Artikel,  er  entschloß  sich  auch  zu  einem  neuen  Waffengange,
  um  schlimmstenfalls  die  Ehre  seiner  Fahnen  wiederherzustellen.
Am  1.  August  ließ  er  den  Waffenstillstand  kündigen.  In  einem  Feldzuge
von  zehn  Tagen  warf  sein  tapferes  Heer,  unter  der  Führung  des  Prinzen
von  Oranien  und  des  Herzogs  Bernhard  von  Weimar,  die  erbärmlichen
belgischen  Milizen  gänzlich  über  den  Haufen;  nach  dem  Gefechte  von
Hasselt  war  der  neue  König  selbst  in  Gefahr,  gefangen  zu  werden.  Da

*)  Wessenberg  an  Metternich,  27.  Juni.  Metternich  an  Esterhazy,  6.  Juli,
an  Trauttmansdorff,  8.  Juli.  Maltzahns  Berichte,  16.  20.  August  1831.
        <pb n="85" />
        Feldzug  der  Holländer  in  Belgien.  77

kam  Hilfe  aus  Frankreich.  Leopold  hatte  sich  alsbald  nach  London  und
Paris  gewendet  und  von  Ludwig  Philipp  die  Antwort  erhalten:  die  Franzosen
  würden  sogleich  zur  Stelle  sein,  um  Belgiens  Neutralität  und  „den
durch  den  König  der  Niederlande  so  töricht  gestörten  Frieden“  zu  sichern;
„meine  beiden  ältesten  Söhne,  auch  jener,  für  den  ich  die  Krone,  welche
Sie  tragen,  nicht  angenommen  habe,  werden  das  Heer  begleiten.“)
So  gab  der  Staat,  der  den  Grundsatz  der  Nicht-Intervention  aufgestellt,
  selber  das  Beispiel  einseitiger  Einmischung.  Die  Phrase  ward  zu
Schanden  vor  der  Macht  der  Tatsachen;  denn  duldete  Ludwig  Philipp
die  militärische  Uberwältigung  Belgiens,  die  doch  nicht  mehr  zu  einer
dauernden  Unterwerfung  führen  konnte,  so  war  der  Thron  der  Orleans
unzweifelhaft  verloren,  der  Radikalismus  kam  in  Paris  obenauf  und
entfesselte  den  allgemeinen  Krieg.  Während  die  englische  Flotte  sich  bei
Dover  versammelte,  rückte  Marschall  Gerard  mit  40  000  Mann  in  Belgien
ein.  Am  12.  August  erschien  der  Herzog  von  Orleans  in  Brüssel.  Auf
die  erste  Aufforderung  der  Franzosen  hielten  die  Holländer  in  ihrem
Siegeszuge  inne  und  räumten  das  belgische  Gebiet.  Zugleich  ließ  Perier
nach  allen  Seiten  hin  beschwichtigende  Erklärungen  ergehen:  Frankreich
handle  ohne  Hintergedanken,  nur  im  Namen  der  fünf  Mächte,  da  die
Zeit  nicht  erlaubt  habe,  die  Londoner  Konferenz  selber  zu  befragen;  das
möge  peinlich  sein  „für  die  großmütige  Seele  des  Königs  von  Preußen“,
aber  in  Paris  wie  in  Berlin  wolle  man  dasselbe:  die  Neutralität  Belgiens
und  den  allgemeinen  Frieden;  auch  werde  das  französische  Heer  weder
holländisches  Gebiet  betreten  noch  sich  der  preußischen  Grenze  nähern.)
Die  Versicherungen  des  Ministers  waren  ehrlich  gemeint;  doch  anders
dachten  die  französischen  Truppen.  Hier  träumte  man  nur  von  einem
großen  Kriege;  General  Lawoestine  trat  gegen  die  Holländer,  als  er  die
Einstellung  der  Feinseligkeiten  verlangte,  anmaßend  und  höhnisch  auf;??)
seine  Offiziere  meinten  in  den  Reihen  der  Holländer  schon  preußische
Bataillone  zu  bemerken  und  forderten  laut  Vergeltung  für  Waterloo.
Das  preußische  Kabinett  ward  durch  den  Friedensbruch  der  Holländer
peinlich  überrascht.  König  Wilhelm  setzte  sich  dadurch  offenbar  ins  Unrecht,
  da  er  ja  selber  die  Vermittlung  der  Londoner  Konferenz  angerufen
und  den  Waffenstillstand  angenommen  hatte.  Darum  konnte  Preußen
ein  Unternehmen,  das  die  ganze  mühsame  Friedensarbeit  der  Konferenz
wieder  in  Frage  stellte,  nicht  unterstützen;  sein  Militärbevollmächtigter,
Oberstleutnant  von  Scharnhorst,  der  im  Hauptquartiere  des  Prinzen  von
Oranien  dem  kurzen  Feldzuge  zusah,  hatte  einen  schweren  Stand,  er
durfte  den  klagenden  Holländern  durchaus  keine  Hilfe  in  Aussicht  stellen.

*)  König  Ludwig  Philipp  an  König  Leopold,  4.  August  1831.
*“)  Sebastiani  an  Graf  Flahault,  5.  August.  Bülow  an  Nagler,  6.  August  1831.
*“  )  Bericht  des  Oberstleutnants  v.  Scharnhorst  an  den  König,  Tirlemont
14.  August  1831.
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        78  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Aber  noch  weit  weniger  wollte  Preußen  durch  bewaffnetes  Einschreiten
dem  Friedensbrecher  Halt  gebieten;  diese  Frage  ward  in  Berlin  nicht
einmal  aufgeworfen,  denn  der  gesamte  Hof  stand  mit  seinen  Herzens—
wünschen  auf  der  Seite  des  Oraniers.  So  ließ  man  denn  unwillig  die
französische  Einmischung  geschehen,  zumal  da  sie  überraschend  schnell  er—
folgte  und  rechtzeitig  nicht  mehr  zu  verhindern  war.  Ancillon  klagte  entrüstet:
  „Frankreich  hat  ohne  Scham  und  ohne  Rückhalt  eine  empörende
Parteilichkeit  für  Belgien  gezeigt.“  Sobald  die  Waffenruhe  wiederhergestellt
  war,  forderte  König  Friedrich  Wilhelm  auf  der  Londoner  Konferenz
  sehr  nachdrücklich  den  ungesäumten  Abmarsch  der  Franzosen;  er
drohte,  nötigenfalls  seine  rheinischen  Regimenter  einrücken  zu  lassen.
Da  alle  Mächte  das  Verlangen  Preußens  unterstützten,  so  sah  sich  Frankreich
  gezwungen,  diesmal  Wort  zu  halten.)  Wenige  Tage  nach  dem
Einmarsch  begann  schon  der  Rückzug  der  französischen  Truppen,  zu  Ende
Septembers  war  Belgien  wieder  geräumt.  Die  Pariser  tobten  über  die
erlittene  Schmach;  allesamt  waren  sie  der  bescheidenen  Meinung,  daß
Belgien  durch  einen  leichten  Handstreich  mit  Frankreich  hätte  vereinigt
werden  müssen.  Marschall  Gerard  wurde  daheim  wie  ein  Landesverräter
empfangen;  er  hatte,  als  seine  Tapferen  auf  dem  Schlachtfelde  von  Belle
Alliance  dem  niederländischen  Löwendenkmal  den  Schwanz  abzuhacken
begannen,  dies  löbliche  Unternehmen  verboten,  und  nun  jammerte  die
Presse  des  Volkes,  das  an  der  Spitze  der  Zivilisation  zu  marschieren
wähnte,  wie  aus  einem  Munde:  nicht  einmal  der  Löwe  von  Waterloo
ist  zerstört!

In  Wahrheit  hatte  Periers  ruhige  Entschlossenheit  den  Ostmächten
eine  empfindliche  Schlappe  beigebracht.  Frankreich  allein  war,  ohne  daß
die  anderen  Mächte  zu  widerstehen  wagten,  tatkräftig  für  den  Frieden
eingetreten,  sein  Bürgerkönig  erschien,  für  den  Augenblick  mindestens,  als
der  mächtige  Schirmherr  Belgiens.  Und  was  für  Ränke  spann  dieser
Orleans  wieder  hinter  dem  Rücken  seines  Ministers.  In  demselben
Augenblicke,  da  er  zu  Belgiens  Gunsten  die  heilige  Nichteinmischungslehre
mit  Füßen  trat,  holte  er  schon  aus  zum  Todesstoße  wider  seinen  eigenen
Schützling.  Bestimmter,  zudringlicher  als  zuvor  enthüllte  Talleyrand  jetzt
dem  preußischen  Gesandten  seine  begehrlichen  Anschläge:  der  klägliche  Verlauf
  dieses  Feldzugs  habe  doch  zur  Genüge  bewiesen,  daß  Belgien  nicht
durch  eigene  Kraft  bestehen  könne;  am  einfachsten  also,  wenn  das  Land
zwischen  Preußen,  Holland  und  Frankreich  aufgeteilt  würde;  England
sei  leicht  zu  gewinnen,  wenn  man  in  Antwerpen  und  Ostende  Freihäfen
einrichte.  Palmerston,  der  andere  stets  nach  seinem  eigenen  Charakter
beurteilte,  argwöhnte  anfangs,  daß  Bülow  diesen  Lockungen  ein  williges
Ohr  leihe.  Der  Preuße  aber  lehnte  alles  rundweg  ab;  wie  hätte  er

 

*)  Ancillon  an  Maltzahn  11.  August,  an  Schöler  17.  September  1831.
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        Die  24  Artikel  der  Londoner  Konferenz.  79

sich  unterstehen  dürfen,  seinen  König  zur  Beraubung  des  Hauses  Oranien
zu  verleiten!

Durch  alle  diese  Zettelungen  wurde  die  Kriegsgefahr  wieder  näher
gerückt.  Zar  Nikolaus  knirschte  vor  Zorn,  als  er  den  Einmarsch  der
Franzosen  erfuhr.  Er  ließ  den  deutschen  Mächten  feierlich  versichern  —
dies  seien  seine  eigenen  Worte  —:  augenblicklich  werde  sein  Reich  noch
durch  innere  Verlegenheiten,  durch  den  polnischen  Krieg  und  die  Cholera
gehemmt;  aber  „wenn  ihm  auch  nur  ein  einziges  Regiment  zur  Verfügung
bliebe,  so  würde  er  es  senden,  um  in  den  Reihen  des  österreichischen  und
preußischen  Heeres  zu  kämpfen,  damit  im  Angesichte  Europas  die  unzer—
trennliche  Verbindung  der  drei  Mächte  des  Festlandes  sich  bewähre.“*)
Als  Rußland  bald  darauf  durch  den  Fall  von  Warschau  wieder  freie
Hand  erhielt,  schlug  Metternich  den  Ostmächten  vor,  ihr  altes  Bündnis
enger  zu  schließen,  einen  ständigen  diplomatischen  Ausschuß,  ein  centre
d'entente  zur  Leitung  der  gemeinsamen  Politik  einzusetzen,  da  auf  Eng—
land  doch  nicht  mehr  zu  rechnen  sei.  )  Der  Plan  gelangte  jedoch  nicht
zur  Reife.  Das  Friedensbedürfnis  war  überall  zu  stark;  alle  Mächte
wünschten  den  leidigen  belgischen  Handel  endlich  aus  der  Welt  zu  schaffen.

Die  Londoner  Konferenz  nahm  ihre  Versöhnungsversuche  wieder  auf,
jetzt  aber  mit  etwas  veränderter  Gesinnung.  Die  Kriegstaten  des  holländischen
  Heeres  übten  doch  ihre  Wirkung,  Belgien  war  durch  seine  offenbarte
  Schwäche  tief  in  der  allgemeinen  Achtung  gesunken,  die  Ostmächte
bestanden  darauf,  daß  der  unbeugsame  Organier  nicht  allzu  hart  behandelt
würde.)Am  14.  Oktober  stellte  die  Konferenz  in  Vierundzwanzig
Artikeln  neue  Friedenspräliminarien  fest,  welche  für  Holland  günstiger
lauteten  als  die  Achtzehn  Artikel;  der  Streit  über  die  Grenzen  sollte  dadurch
  entschieden  werden,  daß  Belgien  einen  Teil  der  Provinz  Limburg
abtrat  und  dafür  die  westliche  Hälfte  von  Luxemburg  eintauschte  —  immer
mit  Vorbehalt  der  Rechte  des  Deutschen  Bundes.  Die  Belgier  murrten;
ihr  König  aber  sah  weiter,  er  verkannte  nicht,  daß  sein  ungerüsteter  Staat
keinen  Widerstand  wagen  durfte,  und  nahm  die  Vierundzwanzig  Artikel
an.  König  Wilhelm  hingegen  hatte  aus  den  Erfolgen  seines  Heeres  neuen
Mut  geschöpft  und  ließ  in  Berlin  durch  Prinz  Albrecht  von  Preußen
schroff  erklären,  „den  schmachvollen  Untergang  Hollands“  könne  er  nimmermehr
  genehmigen.  Dabei  blieb  er,  auch  als  die  preußische  Regierung  ihm
in  einer  ausführlichen  Denkschrift  vorhielt,  daß  Holland  nach  den  Vierundzwanzig
  Artikeln  noch  immer  ein  größeres  Gebiet  behalte  als  zu  den
Zeiten  der  Republik.#f)  Der  kluge  Koburger  hatte  also  nochmals  die  großen

*)  Nesselrode  an  Tatistschew,  in  Berlin  überreicht  30.  Aug.  1831.

*“)  Ancillon  an  Maltzahn,  23.  Sept.  18.Okt.,  Nesselrode  an  Tatistschew,  7.Okt.  1831.
*“)  Nesselrode  an  Lieven,  17.  Nov.  1831.
)  Witzleben  an  Ancillon,  22.  Okt.  Eichhorns  Denkschrift  über  die  niederländische
Frage,  25.  Okt.  1831.
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        80  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Mächte  auf  seiner  Seite.  Am  15.  November  ward  ihm  der  Triumph,
daß  die  Bevollmächtigten  der  Londoner  Konferenz  mit  seinem  Gesandten
van  de  Weyer  einen  Vertrag  schlossen  und  das  Königreich  Belgien,  auf
Grund  der  Vierundzwanzig  Artikel,  förmlich  anerkannten.  Im  nächsten
Monat  verständigte  er  sich  sodann  mit  den  Mächten  des  alten  Vierbundes
über  die  längst  beabsichtigte  Schleifung  von  fünf  festen  Plätzen  an  der
Südgrenze.  Frankreich  wurde  von  dieser  Verhandlung  ausgeschlossen  und
seine  lärmenden  Klagen  über  den  „infamen“  Festungsvertrag  blieben  ohne
Folgen.  —

Also  trat,  von  den  großen  Mächten  mittelbar  anerkannt,  die  belgische
Verfassung  in  Wirksamkeit.  Sie  beruhte,  wie  es  nicht  anders  sein  konnte,
auf  dem  Grundsatze  der  Volkssouveränität,  da  der  neue  Staat  sein  Dasein
einer  Revolution  verdankte  und  zudem  die  alten  Freiheiten  der  Joyeuses
entrées,  welche  den  Brabantern  sogar  das  Recht  des  Widerstandes  gewährt
  hatten,  noch  in  frischer  Erinnerung  standen.  „Alle  Gewalten  gehen
von  der  Nation  aus,“  so  bestimmte  ihr  wichtigster  Artikel.  Jedes  historischen
  Rechtes  bar  regierte  der  König  nur  kraft  Vertrages,  durch  den
Willen  des  Volks,  er  mußte  sich  alljährlich  sämtliche  Steuern  sowie  den
ganzen  Bestand  des  Heeres  von  den  Kammern  neu  bewilligen  lassen  und
er  konnte  solche  Abhängigkeit  ertragen,  weil  in  diesem  neutralen  Mittelstaate
  weder  eine  große  auswärtige  Politik  noch  ein  ernsthaftes  Heerwesen
möglich  war.  Jene  republikanische  Doktrin  Rottecks  und  seiner  Schüler,
welche  den  konstitutionellen  König  aller  selbständigen  Gewalt  entkleidete,
war  hier  mithin  noch  folgerichtiger  durchgeführt  als  in  Frankreichs  neuer
Charte.  Obgleich  das  konstitutionelle  Leben  in  dem  fruchtbaren  Erdreich
altniederländischer  Gemeindefreiheit  tiefere  Wurzeln  schlagen  konnte  als
auf  dem  steinigen  Boden  des  napoleonischen  Verwaltungsdespotismus,
so  schuf  die  Revolution  doch  in  Belgien  wie  in  Frankreich  nur  die  Klassenherrschaft
  des  reichen  Bürgertums.  Ein  hoher  Zensus  schloß  die  Massen
vom  Wahlrechte  aus,  so  daß  in  den  Dörfern  erst  auf  104  Einwohner
ein  Wähler  kam;  die  erste  Kammer,  der  Senat,  vertrat  ausschließlich  das
Großkapital,  im  ganzen  Lande  waren  nur  403  Männer  für  diese  oligarchische
  Körperschaft  wählbar.

Mit  der  Bourgeoisie  aber  teilte  sich  der  römische  Klerus  in  die
Beherrschung  des  Staates  —  und  hierin  lag  die  europäische  Bedeutung
des  neuen  Gemeinwesens.  Wenn  Richelien  einst  gehofft  hatte,  aus  den
spanischen  Niederlanden  eine  katholische  Republik  zu  bilden,  die  dem  streitbaren
  Calvinismus  der  Holländer  die  Wage  halten  sollte,  so  ging  der
Traum  des  Kardinals  jetzt  herrlich  in  Erfüllung.  Seit  dem  Herbst  1830
ließ  Lamennais  zu  Paris  im  Verein  mit  Pater  Lacordaire  und  dem  Grafen
Montalembert  die  Zeitschrift  L'Avenir  erscheinen,  ein  Blatt,  das  mit
feuriger  Beredsamkeit  zugleich  die  römische  Weltherrschaft  und  eine  fast
schrankenlose  politische  Freiheit  verteidigte.  Die  Leitartikel  des  Avenir
        <pb n="89" />
        Die  belgische  Verfassung.  81

fanden  nirgends  eifrigere  Leser  als  in  den  Reihen  des  Brüsseler  Kon—
gresses;  genau  nach  den  Weisungen  dieses  neufranzösischen  kirchlichen  Radikalismus
  wurde  der  Kirche  in  Belgien  eine  Macht  eingeräumt,  wie  sie
ihr  noch  nie  ein  europäischer  Staat  zugestanden  hatte.  Nothomb  und
seine  liberalen  Freunde  wähnten,  damit  nur  dem  gerühmten  Vorbilde  des
amerikanischen  voluntar  system  zu  folgen.  In  Wahrheit  begnügte  sich
die  Kirche  in  Belgien  keineswegs  wie  in  Nordamerika  mit  der  bescheidenen
Stellung  eines  Privatvereins;  sie  blieb  vielmehr  im  Besitze  fast  aller  der
Ehren  und  Vorrechte,  welche  sie  den  spanischen  Königen  verdankte,  und
ließ  sich  vom  Staate  die  Gehalte  ihrer  Priester  bezahlen.  Der  Staat
aber  verzichtete  auf  jedes  Recht  der  Kirchenhoheit,  selbst  auf  die  Mitwirkung
bei  Bischofswahlen.  Als  zwei  gleichberechtigte  Souveräne,  in  ungelöstem
Dualismus,  standen  weltliche  und  geistliche  Gewalt  nebeneinander;  und
da  ein  völlig  religionsloser  Staat  in  Europa  sich  nicht  zu  halten  vermag,
so  begann  der  Klerus  alsbald  in  das  politische  Gebiet  überzugreifen.  Gedeckt
  durch  das  modische  Schlagwort  der  Unterrichtsfreiheit  bemächtigte  er
sich  fast  des  gesamten  Volksschulwesens,  und  mit  solchem  Erfolge,  daß
in  diesem  Lande  uralter  Kultur  die  Kunstfertigkeit  des  Lesens  und  Schreibens
  von  Jahr  zu  Jahr  seltener  wurde.  Die  schwache  Staatsgewalt
störte  ihn  wenig;  ein  evangelischer  König  mußte,  wie  der  kluge  Nuntius
Capaccini  sogleich  voraussagte,  inmitten  eines  rein  katholischen  Volkes  jeden
Streit  mit  der  Kurie  ängstlich  vermeiden.  Der  belgische  Staat  glich  einem
jener  spanischen  Dome,  wo  die  Klerisei,  durch  die  hohe  Wand  der  Silleria
von  den  Laien  abgetrennt,  das  Mittelschiff  samt  dem  hohen  Chore  allein
besetzt  hält,  die  Gemeinde  nur  aus  den  Seitenschiffen  einen  Blick  nach
dem  fernen  Altare  werfen  darf.

Sobald  die  Folgen  der  neuen  Kirchenfreiheit  offenbar  wurden,  begann
die  Union,  welche  den  belgischen  Staat  geschaffen  hatte,  sich  aufzulösen.
Klerikale  und  Liberale  traten  in  zwei  feindliche  Lager  auseinander,  beide
Parteien  fast  gleich  stark,  die  eine  mächtig  durch  das  gläubige  Landvolk
und  eine  Unzahl  kirchlicher  Vereine,  die  andere  vorherrschend  in  den
Städten  und  unterstützt  durch  die  Freimaurerei,  die  hier  noch  weit  mehr
als  in  anderen  katholischen  Ländern  eine  politische  Färbung  annahm.
Das  ewige  Auf  und  Ab  dieser  beiden  Parteien,  der  Streit  zwischen  der
Loge  und  dem  Beichtstuhl  füllte  fortan  die  Geschichte  Belgiens  aus.  Unkirchlich,
  einseitig  politisch  wie  die  Bildung  der  Zeit  war,  erregte  dieser
krankhafte,  unversöhnliche  Parteikampf  bei  den  Nachbarvölkern  kein  Befremden.
  Man  hielt  den  Gegensatz  für  harmlos,  weil  die  Belgier  allesamt
  treu  zu  der  Verfassung  standen,  und  bemerkte  nicht,  daß  die  beiden
Parteien  in  ihrer  sittlichen  Weltanschauung  so  weit  voneinander  abwichen
wie  das  neunzehnte  vom  dreizehnten  Jahrhundert.  Dies  Land  der
Priestermacht  wurde  bald  überall  als  der  Musterstaat  konstitutioneller
Freiheit  gepriesen,  da  sein  Grundgesetz  alle  Kernsätze  des  Vernunftrechts

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  6
        <pb n="90" />
        82  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

enthielt  und  die  Parteien  in  erfrischendem  Wechsel  —  so  lautete  der  be—
liebte  Zeitungsausdruck  —  sich  im  Genusse  der  Herrschaft  ablösten.  Unter
dem  Schutze  einer  klugen  Handelspolitik  nahm  der  Gewerbefleiß  einen
mächtigen  Aufschwung.  Die  beiden  führenden  Stände,  Bourgeoisie  und
Klerus,  hatten  ihr  Ziel  vorläufig  erreicht,  die  hart  gedrückten  Arbeiter  aber
in  den  Bergwerken  und  Fabriken  waren  noch  nicht  zum  Bewußtsein  ihrer
elenden  Lage  gelangt.  So  verlebte  der  junge  Staat  lange  Jahre  in  ungestörter
  Ruhe,  und  alle  Welt  glaubte,  daß  er  dies  Glück  allein  den
Wunderkräften  seiner  Musterverfassung  verdanke.  Vornehmlich  auf  den
ehrgeizigen  Klerus  und  das  erstarkende  Bürgertum  der  preußischen
Rheinlande  übten  die  Zustände  des  Nachbarlandes  einen  verführerischen
Zauber,  und  —  so  stark  war  der  weltbürgerliche  Zug  der  Zeit,  so  schwach
ihr  Verständnis  für  die  historische  Eigenart  der  Staaten  —  zuweilen
hörte  man  hier  schon  die  naive  Frage:  ob  das  waffengewaltige  paritätische
Preußen  nicht  in  den  Verfassungsformen  des  neutralen  katholischen  Belgiens
  sein  Heil  suchen  solle?

Daß  in  Belgiens  demokratischer  Verfassung  die  Krone  noch  einiges
Ansehen  behauptete,  war  allein  das  Verdienst  des  neuen  Königs.  Leopold
stand  noch  in  der  Blüte  des  Mannesalters,  und  wie  viele  seltsame
Wandlungen  lagen  schon  hinter  ihm!  Gewandter,  rastloser,  listiger  als
in  dem  Leben  dieses  koburgischen  Ulysses  hat  sich  der  alte  abenteuernde
Weltbürgersinn  des  deutschen  Kleinfürstenstandes  nie  gezeigt.  Viermal
wechselte  er  wohlgemut  sein  Vaterland;  aus  einem  Deutschen  ward  er
ein  Russe,  dann  Engländer,  dann  Grieche,  schließlich  ein  Belgier,  und
es  lag  nur  an  den  Umständen,  daß  er  nicht  auch  noch  zum  Spanier
oder  Brasilianer  wurde.  Selbst  seine  Muttersprache  verlernte  er  nach
und  nach,  so  daß  er  im  Alter  nur  noch  ein  mit  englischen  und  französischen
  Brocken  versetztes  Deutsch  schreiben  konnte.  Als  russischer  General
nahm  er  rühmlichen  Anteil  an  den  Schlachten  des  Befreiungskrieges
und  besorgte  sodann  auf  dem  Wiener  Kongresse  umsichtig  die  Geschäfte
des  koburgischen  Hauses.  Nachher  errang  er  die  Hand  der  Prinzessin
von  Wales  und  dachte  dereinst  als  Prinz-Gemahl  die  britische  Politik
zu  leiten;  als  diese  stolzen  Träume  durch  den  Tod  seiner  Gemahlin
zerstört  wurden,  behauptete  er  sich  am  englischen  Hofe  in  geachteter
Stellung  trotz  der  Ungunst  Georgs  IV.  Da  beriefen  ihn  die  Griechen
auf  ihren  Thron;  sofort  war  er  bereit  und  begann  schon  sich  in  die
neue  Rolle  einzuleben.  Nach  längerem  Zaudern  zog  er  jedoch  sein  Versprechen
  zurück,  weil  er  voraussah,  daß  Griechenland  in  seinen  engen
Grenzen  sich  nicht  kräftig  entwickeln  konnte,  und  weil  er  insgeheim  hoffte,
in  England  als  Ratgeber  seiner  Nichte  Viktoria  einst  noch  größere  Erfolge
zu  erringen.  Auch  diese  immerhin  unsicheren  Hoffnungen  wurden  wieder
aufgegeben,  als  der  Ruf  aus  Belgien  kam,  der  in  der  Tat  den  rechten
Mann  an  die  rechte  Stelle  führte.  Noch  bevor  Leopold  den  Thron
        <pb n="91" />
        König  Leopold.  83

bestieg,  rettete  er  durch  seine  kluge  Fügsamkeit  gegen  die  Londoner  Kon—
ferenzen  den  belgischen  Staat  vom  sicheren  Verderben,  und  mit  der
gleichen  diplomatischen  Meisterschaft  verstand  er  während  eines  Menschen—
alters  zwischen  den  beiden  großen  Parteien  hindurchzusteuern,  so  daß  er
sich  nicht  nur  persönlich  den  Dank  der  Belgier  verdiente,  sondern  sogar
ein  schwaches  Gefühl  dynastischer  Anhänglichkeit  in  diesem  Staate  von
gestern  wachrief.  Als  Freimaurer  und  alter  Freund  der  Whigs  den
Liberalen  willkommen,  gewann  er  auch  das  Vertrauen  der  Klerikalen  und
nahm  selbst  den  eifernden  Papst  Gregor  XVI.  für  sich  ein.  Obwohl  er
die  Verfassung  gewissenhaft  einhielt  und  seine  Ministerien  je  nach  den
wechselnden  Abstimmungen  der  Kammern  bereitwillig  veränderte,  blieb  er
sich  doch  seiner  Überlegenheit  stets  bewußt  und  sagte  zu  Vertrauten:
„für  Belgien,  wie  es  gegenwärtig  ist,  bin  ich  der  Staat.“

Alle  Fäden  der  auswärtigen  wie  der  inneren  Politik  des  Landes
liefen  zusammen  im  Schlosse  von  Laeken,  wo  dieser  Stille  bedachtsam
seine  Netze  wob  —  eine  hohe,  schlanke  Gestalt  mit  blassen,  vornehmen
Zügen,  dunklen,  schwermütigen  Augen  und  glatt  anliegender  schwarzer
Perücke,  leise  im  Sprechen,  langsam,  müde  in  den  Bewegungen,  ver—
schwiegen  in  allem,  im  Geschäft  so  gut  wie  in  der  Liederlichkeit.  In
England  nannte  man  ihn  den  Monsieur  Peu-à-peu,  den  Marquis  Toutdoucement;
  an  den  deutschen  Höfen,  die  ihm  allerdings  nicht  wohlwollten,
hieß  er  Leopold  Schleicher.  Stundenlang  konnte  er,  stumm  über  seinen
Plänen  brütend,  vor  seinem  Schildpattkästchen  Goldfäden  drieseln,  derweil
man  dem  gewiegten  Kenner  Sonaten  vorspielte  oder  aus  gelehrten  Werken,
aus  Memoiren,  aus  Romanen  vorlas.  Eine  höhere  Sittlichkeit  als  den
klug  rechnenden  Weltsinn  kannte  er  nicht;  als  einer  seiner  Neffen  ein—
gesegnet  wurde,  warnte  er  ihn  vor  dem  Egoismus  also:  „es  ist  im  Interesse
  vieler  Leute,  diese  höchst  unliebenswürdige  Eigenschaft  bei  einem
jungen  Fürsten  auszubilden  und  späterhin  als  eine  ergiebige  Mine  zu
exploitieren.“  Tapfer  auf  dem  Schlachtfelde,  aber  im  täglichen  Leben
ängstlich  auf  sein  Leibeswohl  bedacht,  verstand  er  auch  die  Kunst  des
Kaufmannes  aus  dem  Grunde.  Um  politische  Freunde  zu  gewinnen,
bezwang  er  zuweilen  seine  Sparsamkeit  und  spendete  mit  vollen  Händen;
durch  seine  Verbindung  mit  der  Börse  brachte  er  dann  die  Verluste  wie—
der  ein  und  sammelte  das  große  Vermögen  an,  dessen  die  demokratische
Krone  in  diesem  gewerbfleißigen  Volke  bedurfte.  Dergestalt  kam  mit  den
beiden  Bürgerkönigen  der  Juli-Revolution,  mit  den  Häusern  Orleans  und
Koburg  ein  neuer  Menschenschlag  in  die  Reihen  des  europäischen  hohen
Adels;  geriebene  Geschäftsleute  mit  dem  Kurszettel  in  der  Tasche,  schlicht
und  unscheinbar  in  ihrem  Auftreten,  Günstlinge  der  Fortuna  gleich  den
Tyrannen  des  Cinquecento,  durchaus  unempfänglich  für  die  Gefühle  der
Ritterlichkeit  und  der  historischen  Pietät,  aber  im  Grunde  des  Herzens
ganz  ebenso  hochmütig  wie  der  aristokratische  Fürstenstand  der  alten  Zeit.

6*
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        84  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

Als  Leopold  gen  Brüssel  aufbrach,  gedachte  er  Wilhelms  III.  von
Oranien  und  seiner  kühnen  Fahrt  nach  England.  Gleich  jenem  gefeierten
„großen  Patrioten  der  Welt“  hoffte  er  als  ein  europäischer  Staatsmann
zugleich  den  Parlamentarismus  zu  retten  und  das  Gleichgewicht  der
Mächte  zu  erhalten.  Freilich  blieb  er  hinter  seinem  genialen  Vorbilde  ebensoweit
  zurück,  wie  das  kleine  Belgien  hinter  den  verbündeten  Seemächten
der  wilhelminischen  Tage.  Brüssel  ward  wie  einst  Haag  eine  Sternwarte
  der  Diplomatie;  eine  Menge  amtlicher  und  persönlicher  Agenten
unterrichtete  den  Koburger  über  den  Wandel  der  großen  Gestirne  am
europäischen  Himmel.  Doch  eine  wahrhaft  selbständige  Politik,  wie  einst
der  große  Oranier,  konnte  der  König  von  Belgien  nicht  führen.  Er  sah
sich  auf  den  Schutz  der  Westmächte  angewiesen  und  ward  darum  die
Klammer,  die  ihren  Bund  zusammenhielt;  wie  viele  kleine  Mißverständnisse
  zwischen  den  beiden  ihm  gleich  nahe  verwandten  Höfen  hat  er  behutsam
  vermittelnd  in  der  Stille  beigelegt.  Da  er  indes  von  Frankreich
alles,  von  England  nichts  zu  fürchten  hatte,  auch  seine  Neigung  ihn
mehr  zu  dem  Heimatlande  seiner  ersten  Gemahlin  hinzog,  so  entsprach
seine  Haltung  in  der  Regel  dem  englischen  Interesse.  Es  war  Leopolds
Werk,  daß  Belgien  nicht  unter  den  beherrschenden  Einfluß  Frankreichs
geriet.  Späterhin  trat  er  auch  zu  Deutschland  in  freundlichere  Beziehungen,
  weil  die  in  der  Revolution  zurückgedrängten  Vlamen  wieder
erstarkten  und  der  schwunghafte  Handelsverkehr  mit  dem  Osten  nicht
vernachlässigt  werden  durfte.  Mit  der  natürlichen  Selbstüberschätzung
schwacher  Völker  rühmten  sich  die  Belgier  fortan,  daß  ihr  Land  den
Mittelpunkt  der  Staatengesellschaft  bilde.  Wie  vormals  die  Holländer,
pflegten  sie  die  Theorie  des  europäischen  Völkerrechts,  gleichsam  als  eine
nationale  Wissenschaft,  mit  löblichem  Eifer,  aber  auch  mit  einer  philanthropischen
  Einseitigkeit,  welche  deutlich  zeigte,  daß  waffenlose  Nationen
die  harten  Machtfragen  des  Völkerverkehrs  nicht  unbefangen  würdigen
können.  Im  Grunde  war  der  belgische  Staat,  solange  sein  erster  König
regierte,  nicht  wahrhaft  neutral  wie  die  Schweiz,  sondern,  seiner  Bestimmung
  zuwider,  der  parteiische  Bundesgenosse  Englands,  und  mit  gutem
Rechte  sagte  Lord  Palmerston:  Belgien  ist  meine  Tochter.

Die  kleine  Krone  genügte  dem  Ehrgeiz  Leopolds  mit  nichten;  er
benutzte  sie  zugleich  als  ein  Mittel  für  die  weltumfassenden  Pläne  seiner
Familienpolitik.  Dieser  kühle  Kopf,  der  so  gleichmütig  über  das  legitime
Recht  anderer  Fürsten  hinwegsah  und  weder  durch  religiöse  noch  durch
nationale  Empfindungen  je  beunruhigt  wurde,  kannte  nur  ein  einziges
Vorurteil:  den  Aberglauben  an  den  historischen  Beruf  des  koburgischen
Hauses;  und  in  dieser  fatalistischen  Zuversicht  lag  eine  Kraft,  welche  große
Erfolge  verbürgte.  Ganz  so  blind  wie  einst  die  habsburgischen  Ferdinande
und  Leopolde  baute  er  auf  den  besonderen  Schutz  der  Vorsehung  für  sein
auserwähltes  Geschlecht.  Obgleich  die  Dynastie  außer  ihm  selber  nur
        <pb n="93" />
        Koburgische  Hauspolitik.  85

noch  ein  politisches  Talent  besaß  —  den  jungen  Prinzen  Albert  —  so
bezweifelte  er  doch  niemals,  daß  jedes  Volk  sich  glücklich  schätzen  müsse,  von
einem  Koburger  beherrscht  zu  werden.  Daß  sein  Haus  jemals  unrecht
haben  könne,  kam  ihm  ebensowenig  in  den  Sinn  wie  jenen  alten  Habsburgern.
  Wer  das  Unglück  hatte,  die  Wege  der  Koburger  zu  durchkreuzen,
galt  ihm  einfach  als  ein  Bösewicht  —  so  Hardenberg,  weil  dieser  „Treulose“
  die  Abtretung  des  preußischen  Henneberg,  welche  ihm  der  Herzog
von  Koburg  ohne  jeden  haltbaren  Rechtsgrund  zumutete,  gebührendermaßen
  verweigerte.)

Der  erste  Grund  zu  der  neuen  Herrlichkeit  des  ernestinischen  Hauses
wurde  schon  während  Leopolds  Kinderjahren  gelegt,  als  seine  Mutter
auf  einen  Wink  der  Zarin  Katharina  ihre  drei  lieblichen  Töchter  zur
gefälligen  Auswahl  nach  Petersburg  brachte  und  der  rohe  Großfürst  Konstantin
  der  jüngsten  Schwester  sein  Schnupftuch  zuwarf.  Die  friedlose
Ehe  mußte  zwar  bald  wieder  getrennt  werden,  doch  sie  bahnte  dem  Bruder
Leopold  den  Weg  in  die  große  Welt.  Und  als  er  nun  selber  erst  die
englische,  dann  die  französische  Prinzessin  freite,  da  hieß  es  an  den  Höfen,
das  sprichwörtliche  Hochzeitsglück  der  Habsburger  sei  jetzt  auf  das  koburgische
  Haus  übergegangen.  Unterdessen  heiratete  sein  Bruder  Ferdinand
die  reiche  Erbtochter  des  Hauses  Kohary;  ohne  Bedenken  ließ  dieser  Sohn
des  erlauchten  Bekennergeschlechts  der  Protestanten  seine  Kinder  katholisch
taufen,  wie  auch  Leopolds  Kinder  in  Belgien  im  römischen  Glauben  erzogen
werden  mußten.  Damit  eröffnete  sich  die  tröstliche  Aussicht,  auch  die  bigotten
iberischen  Völker  nach  Bedarf  mit  Koburgern  zu  versorgen.  In  England  aber
gelang  dem  unermüdlichen  Ehestifter  sein  glücklichster  Griff.  Seine  Schwester
Viktoria,  die  gute  und  liebenswürdige  Fürstin  Witwe  von  Leiningen,  vermählte
  sich  mit  dem  Herzoge  von  Kent  und  wurde  die  Mutter  der  Thronfolgerin
  von  Großbritannien;  so  blieb  noch  möglich,  daß  die  Stellung
eines  englischen  Prinz-Gemahls,  welche  Leopold  einst  für  sich  selbst  erhofft,
vielleicht  doch  einem  Koburger  zufallen  konnte.  Von  großen  Gedanken
war  in  dieser  Familienpolitik  nichts  zu  spüren;  gut  bürgerlich  ging  sie
nur  darauf  aus,  die  Angehörigen  vorteilhaft  unterzubringen,  obgleich
es  natürlich  nicht  an  feilen  Federn  fehlte,  welche  in  Zeitungen  und
Büchern  bewiesen,  daß  die  wahre  konstitutionelle  Freiheit  am  sichersten
unter  koburgischem  Zepter  gedeihe.  Zum  Heile  Europas  konnte  die
große  sächsische  Hausmacht,  welche  jetzt  so  plötzlich  wie  einst  die  habsburgische
  in  die  Höhe  schoß,  sich  nicht  wie  jene  zu  einem  geschlossenen  Weltreiche
  ausgestalten.  Indes  ward  die  geheime  Wirksamkeit  der  weitverzweigten
  koburgischen  Zettelungen  und  Klitterungen  von  Jahr  zu  Jahr
stärker,  zumal  an  unseren  kleinen  Höfen,  und  sie  brachte  dem  deutschen
Volke  selten  Segen.  Dem  unsicheren  Selbstgefühle  der  Nation  gereichte

 

*)  S.  v.  II.  480  f.
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        86  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

es  auch  nicht  zur  Kräftigung,  daß  die  konstitutionellen  Doktrinäre  sich
gewöhnten,  zu  dem  vaterlandlosen  Leopold  wie  zu  einem  Fürstenideal
enporzuschauen.

In  allen  seinen  Wandlungen  stand  dem  Führer  der  Koburger  zuerst
als  vertrauter  Arzt,  dann  als  diplomatischer  Ratgeber  sein  Landsmann
C.  F.  von  Stockmar  zur  Seite,  ein  hochbegabter  Staatsmann,  klar,  bestimmt,
  weit  vorausschauend,  kühner  und  gedankenreicher  als  Leopold
selber.  Während  der  Londoner  Konferenzen  führte  er  die  entscheidenden
Verhandlungen  mit  den  Belgiern,  und  immer  gab  er  den  Ausschlag,
wenn  sein  bedenklicher  königlicher  Freund  einen  raschen  Entschluß  nicht
finden  konnte.  Seine  politischen  Ansichten  hatte  er  sich  in  langjährigem
Verkehre  mit  den  Whigs  und  den  englischen  Radikalen  gebildet;  reich
und  unabhängig,  fragte  er  nicht  nach  Gunst  und  sparte,  sobald  es  not
tat,  die  freimütigen  Vorwürfe  nicht.  Sein  Ehrgeiz  war  in  der  Stille
zu  wirken;  der  schmächtige  Mann  mit  den  schönen,  klugen,  dunklen  Augen
begnügte  sich  gern  mit  einer  Stelle  hinter  den  Kulissen  und  hörte  mit
dem  überlegenen  Lächeln  des  Eingeweihten  zu,  wenn  andere  sich  seiner
eigenen  Gedanken  rühmten.  In  scharfem  Gegensatze  zu  seinem  weltbürgerlichen
  Herrn  blieb  er  in  der  Fremde  stets  ein  deutscher  Patriot,  warm
begeistert  für  die  Idee  der  nationalen  Einheit;  die  Erbärmlichkeit  unserer
Kleinstaaterei  verachtete  er  gründlich,  kein  Mittel  schien  ihm  zu  scharf,
um  dies  Elend  zu  beendigen.  Seine  Freunde  daheim  übertraf  er  alle
durch  eine  umfassende  diplomatische  Sachkenntnis,  die  sich  die  deutschen
Liberalen  in  ihren  engen  Verhältnissen  nicht  erwerben  konnten,  und  durch
die  Nüchternheit  seines  politischen  Urteils.  Die  Überschätzung  der  parlamentarischen
  Mehrheitsherrschaft  war  wohl  der  einzige  doktrinäre  Zug  in
diesem  durchaus  praktischen  Geiste.  Aber  welch  ein  tragischer  Widerspruch
blieb  es  doch,  daß  ein  solcher  Mann  im  Dienste  des  Vaterlandes  keinen
Platz  finden  konnte  und  seine  reichen  Kräfte  verschwendete  für  die  Geschäfte
des  großen  internationalen  Heiratsbureaus  in  Brüssel,  Geschäfte,  die
mit  dem  Wohle  Deutschlands  wenig  oder  nichts  gemein  hatten!

Derweil  der  belgische  Staat  sich  zu  befestigen  begann,  nahm  die  Revolution
  im  Osten  ein  jammervolles  Ende.  Beim  Ausbruch  des  polnischen
  Krieges  hatte  Nikolaus  beschlossen,  nach  der  erhofften  raschen  Unterwerfung
  die  polnische  Verfassung  aufzuheben,  „die  großen  Schuldigen,
Czartoryski,  Lelewel  und  andere  ähnliche  Schufte  (faquins)“  furchtbar  zu
bestrafen,  die  Warschauer  Studenten  „und  die  andere  Canaille“  zur
Zwangsarbeit  zu  verurteilen.  Als  die  Polen  zu  unterhandeln  versuchten
  und  ihm  die  Wiedereinsetzung  der  Romanows  anboten,  schrieb  er
höhnisch:  „ich  bin  sehr  gerührt  und  dankbar!“  Wie  anders  war  nun  alles
gekommen.  Nach  dem  unbenutzten  Siege  von  Grochow  befand  sich  Diebitsch
  in  peinlicher  Bedrängnis.  In  seinem  schlecht  verpflegten  Heere
wütete  die  Cholera,  derweil  die  Zuversicht  der  Polen  durch  Skrzyneckis
        <pb n="95" />
        Stockmar.  Diebitschs  Tod.  87

unerwartete  Erfolge  und  den  begeisterten  Beifall  Europas  gesteigert  wurde.
Die  Ungunst  des  Wetters  erschwerte  jede  Bewegung  in  dem  unwegsamen
Lande;  und  kaum  minder  belästigte  den  Feldherrn  die  pedantische  Klein—
meisterei  des  Selbstherrschers,  der  ihn  aus  seinem  Kabinett  heraus  bald
mit  herrischen  Befehlen,  bald  mit  freundschaftlichen  Vorwürfen  über—
schüttete,  ihm  die  Schonung  der  glänzenden  Garderegimenter,  die  richtige
Verwendung  seiner  neuerfundenen  Dragoner,  einer  wenig  brauchbaren
„Infanterie  zu  Pferd“,  anempfahl.“)  Im  Mai  brach  Skrzynecki  wieder
aus  Praga  hervor,  um  sich  über  den  Bug  nordwärts  gegen  die  russischen
Garden  zu  wenden.  Diebitsch  eilte  ihm  nach  und  schlug  ihn  unter
schweren  Verlusten  bei  Ostrolenka  (26.  Mai).  Doch  abermals  wagte  der
Sieger  nicht  seinen  Erfolg  auszubeuten;  abermals  gestattete  er  dem  zer—
rütteten  polnischen  Heere  hinter  den  schützenden  Wällen  von  Praga  zu
verschwinden  und  sich  dort  von  neuem  zu  verstärken.  Da  riß  dem  Zaren
die  Geduld,  er  beschloß  den  unglücklichen  Heerführer  abzurufen.

Der  schleppende  Gang  des  Feldzuges  hatte  das  Ansehen  der  russischen
Waffen  überall  in  der  Welt  erschüttert,  und  da  fast  alle  höheren  Be—
fehlshaber  in  diesem  erfolglosen  Kriege  gleich  dem  Feldherrn  selber  Deutsche
waren,  so  brach  der  alte  Haß  der  Moskowiter  gegen  die  Deutschen  wieder
übermächtig  aus.  Die  Nation  forderte  stürmisch  die  Züchtigung  der  ver—
achteten  Polen,  aber  nur  ein  Russe  durfte  diesen  nationalen  Krieg  führen.)
Die  polnische  Revolution  ward  ein  Wendepunkt  der  russischen  Politik.
Die  Begünstigung  des  alten  Moskowitertums,  die  sich  schon  in  Nikolaus'
ersten  Jahren  zuweilen  gezeigt  hatte,  blieb  fortan  der  leitende  Grundsatz
seiner  Regierung.  In  schneidendem  Gegensatze  zu  seinem  Bruder  Alexander,
dem  Gönner  der  Deutschen  und  der  Polen,  wies  er  alles  westländische
Wesen  feindselig  ab.  So  stellte  sich  die  alte  Regel  wieder  her,  die  sich
aus  der  nur  halb  gelungenen  Verschmelzung  abendländischer  und  morgenländischer
  Gesittung  notwendig  ergab  und  darum  in  der  Geschichte  Rußlands
  mit  der  Stetigkeit  eines  Naturgesetzes  wiederkehrte:  die  Regel,  daß
jeder  Zar  gegenüber  der  europäischen  Kultur  genau  das  Gegenteil  dessen
tat,  was  sein  Vorgänger  für  geboten  hielt.

Noch  bevor  ihn  die  Nachricht  seiner  Abberufung  ereilte,  starb  Diebitsch
  plötzlich  an  der  Cholera;  die  Lorbeeren  seiner  Türkenkämpfe  waren
verwelkt.  Mittlerweile  bereitete  General  Toll,  der  kühnste  und  einsichtigste
  Kopf  des  Hauptquartiers,  schon  die  entscheidende  Bewegung  vor:
das  russische  Heer  sollte  in  einem  weiten  Flankenmarsche  nach  Nordwesten
bis  dicht  an  die  preußische  Grenze  zurückgehen,  dort  den  so  oft  geplanten
Übergang  über  die  Weichsel  vollführen,  um  dann  auf  dem  linken  Ufer

 

*)  Nikolaus  an  Diebitsch,  4.  21.  Febr.,  4.  10.  März  a.  St.  1831,  abgedruckt
nebst  anderen  Briefen  des  Zaren  an  den  Feldmarschall  in  der  Russkaja  starina,
Jahrgang  1884  u.  85.

**)  Schölers  Bericht,  3.  Juni  1831.
        <pb n="96" />
        88  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

des  Stromes  wieder  südostwärts  gegen  Warschau  vorzurücken.  Nun  erst
ward  offenkundig,  was  Preußens  Freundschaft  für  Rußland  bedeutete;  ohne
die  Mitwirkung  der  Nachbarmacht  konnte  der  Plan  nicht  gelingen.  Der
König  gestattete,  daß  auf  der  preußischen  Weichsel  die  Kähne  und  was
sonst  noch  für  den  Brückenbau  der  Russen  nötig  war,  herbeigeschafft
wurden;  er  ließ  an  der  Grenze  entlang  Märkte  anlegen,  mit  Vorräten
jeder  Art  für  die  russischen  Einkäufer,  und  obwohl  der  Oberpräsident
Schön  gleich  der  Mehrzahl  seiner  liberalen  Beamten  die  Russen  verabscheute,
  so  wurden  doch  die  erhaltenen  Befehle  mit  altpreußischer  Pünktlichkeit
  ausgeführt.  Im  Juli  schloß  General  Valentini  mit  dem  Russen
Mansurow  einen  Vertrag,  kraft  dessen  Preußen  sich  bereit  erklärte,  die  nach
Deutschland  übertretenden  Polen  zu  entwaffnen  und,  gegen  eine  vereinbarte
  Entschädigung,  vorläufig  zu  verpflegen;  so  sollte  zugleich  unnützes
Blutvergießen  verhindert  und  die  Unterdrückung  des  Aufstandes  beschleunigt
  werden.')  Im  Bewußtsein  seines  guten  Rechtes  verfuhr  der
König  mit  der  größten  Offenheit.  Auf  die  wiederholten  Vorstellungen
der  Westmächte  ließ  er  rundweg  erwidern:  er  werde  die  polnischen  Empörer
  nimmer  als  eine  kriegführende  Macht  anerkennen;  von  Pflichten
der  Neutralität  könne  gar  nicht  die  Rede  sein  bei  einem  Aufruhr,  der
Preußens  eigene  Sicherheit  bedrohe.

Zu  Diebitschs  Nachfolger  wurde  der  Held  des  letzten  kleinasiatischen
Feldzugs  Paskiewitsch  ernannt  —  ein  echter  Moskowiter,  erschreckend  roh,
hart,  hochmütig,  als  Feldherr  zäh  ausdauernd,  doch  überaus  vorsichtig.
Er  durfte  ernten,  was  andere  gesäet.  Durch  die  nahe  preußische  Grenze
in  seiner  rechten  Flanke  gedeckt,  überschritt  er  die  Weichsel  bei  Ossiek,
wenige  Stunden  oberhalb  von  Thorn  (17.  Juli)  und  zog  dann,  da  die
Cholera  im  Erlöschen  war,  mit  seinen  gesunden,  durch  die  preußischen
Zufuhren  wohlversorgten  Truppen  langsam  der  Hauptstadt  entgegen,
während  die  Polen  schon  durch  Diebitschs  Siege  den  Kern  ihres  Heeres
verloren  hatten  und  der  beständige  Wechsel  im  Oberbefehle  ihre  zunehmende
  Ratlosigkeit  bekundete.  Er  hoffte  die  Unterwerfung  ohne
Schlacht  zu  erzwingen  und  vermied  den  Kampf,  trotz  der  Mahnungen
Tolls,  auch  als  er  die  Polen  bei  Bolimow  in  einer  ganz  unhaltbaren
Stellung  antraf.  Noch  am  4.  September  ließ  er,  endlich  vor  Warschau
angelangt,  den  Aufständischen  überraschend  günstige  Bedingungen  anbieten:
eine  wenig  beschränkte  Amnestie,  Wiederherstellung  der  Verfassung,  Abzug
der  russischen  Garnisonen,  ja  die  polnischen  Offiziere  sollten  sogar  ihre
im  Kampfe  gegen  Rußland  erworbenen  neuen  Grade  behalten!  So  tief
war  der  Hochmut  des  Zaren  durch  diesen  langen  Krieg  gebeugt.  In
dem  unglücklichen  Warschau  aber  hatte  der  wilde  Radikalismus  soeben
durch  einen  gräßlichen  Aufruhr  des  Pöbels  die  Herrschaft  wieder  an  sich

 

2)  Schölers  Bericht,  20.  Okt.  1831.
        <pb n="97" />
        Fall  von  Warschau.  89

gerissen;  Fürst  Czartoryski  war  entflohen,  die  Gemäßigten  wagten  sich  nicht
mehr  zu  regen,  die  siegreiche  Partei  beschloß  den  aussichtslosen  Kampf
fortzusetzen.  Am  6.  September  begann  Paskiewitsch  den  Angriff  auf  dem
weiten  Blachfelde  von  Wola,  wo  einst  die  Hunderttausende  des  polnischen
Adels  zur  Königswahl  sich  zu  versammeln  pflegten;  am  folgenden  Tage
erstürmten  die  Russen  unter  Tolls  Führung  nach  wütendem  Kampfe
die  Tore  der  Hauptstadt.  Warschau  ergab  sich,  die  Trümmer  des  pol—
nischen  Heeres  flüchteten  nach  Preußen,  ein  kleiner  Teil  nach  Galizien.

Alsbald  ließ  Nikolaus  die  versöhnlichen  Gedanken  der  letzten  Monate
fallen  und  nahm  die  Rachepläne  wieder  auf,  mit  denen  er  den  Krieg
begonnen  hatte.  Auch  Preußen  mußte  erfahren,  daß  Rußland  in  der
Tat,  wie  General  Schöler  dem  Könige  oft  wiederholte,  „die  nationale
Eigentümlichkeit  besaß,  internationale  Verträge  schlecht  zu  erfüllen  und
namentlich  von  Preußen  viel  zu  fordern,  ohne  seinerseits  das  gleiche  Ent—
gegenkommen  zu  beweisen“.*)  Ein  Ukas  des  Zaren  verkündete  zwar  eine
allgemeine  Amnestie,  untersagte  jedoch  allen  den  Offizieren,  welche  erst
nach  dem  Falle  von  Warschau  ins  Ausland  übergetreten  waren  —  mithin
der  großen  Mehrzahl  des  polnischen  Offizierskorps  —  die  Rückkehr  für
immer.  Zum  Danke  für  ihre  freundnachbarliche  Hilfe  sollten  also  Preußen
und  Österreich  mit  einigen  tausend  verzweifelten  Heimatlosen  belastet
werden.  Beschlüsse  solcher  Art,  schrieb  Schöler  warnend,  gehen  von  dem
Kaiser  selber  aus,  sie  lassen  auf  Eigenheiten  seines  Charakters  schließen,
die  durch  Zeit  und  Erfahrung  nicht  gemildert  sind.)  Beide  Mächte
erhoben  Einspruch:  wie  könne  Rußland  es  verantworten,  durch  eine
Massenverbannung  „in  ganz  Europa  einen  wandernden  Herd  der  Aufhetzung
  und  der  Brandstiftung  zu  gründen“??""?*)

Erst  nach  langen  Verhandlungen  entschloß  sich  der  Zar,  seinen  Ukas
nach  und  nach  zu  mildern,  so  daß  schließlich  nur  noch  die  gemeinen  Verbrecher
  und  die  politischen  Hauptschuldigen  von  der  Amnestie  ausgeschlossen
blieben.))  Wie  König  Friedrich  Wilhelm  dergestalt  die  ehrliche  Auslegung
  des  mit  Rußland  abgeschlossenen  Auslieferungsvertrags  durchsetzte,
so  war  er  auch  keineswegs  gesonnen,  aus  Gefälligkeit  gegen  seinen
Schwiegersohn  den  Westmächten  einen  Kriegsvorwand  zu  geben.  Da  die
Republik  Krakau  den  Aufstand  ihrer  Stammgenossen  mannigfach  unterstützt
  hatte,  so  wünschte  der  Zar,  daß  die  drei  Schutzmächte  das  Gebiet
des  Freistaates  gemeinsam  besetzen  sollten.  Der  Berliner  Hof  aber  widersprach,
  er  wollte  keinen  Schritt  über  den  Boden  der  Verträge  hinausgehen
  und  überließ  die  militärische  Besetzung  den  Russen  als  dem  allein

*)  Schölers  Berichte,  7.  Mai,  17.  Nov.  1831.
**)  Schölers  Bericht,  7.  Okt.  1831.
*)  Ancillon  an  Maltzahn  25.  Okt.  1831.

7)  Ancillon,  Weisung  an  Schöler  10.  Nov.  Schölers  Berichte,  16.  20.  Nov.
21.  Dez.  1831.
        <pb n="98" />
        90  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

angegriffenen  Teile;  nachher  wurde  unter  der  Oberaufsicht  von  Kommissaren
  der  Schutzmächte  die  völlig  zerrüttete  bürgerliche  Ordnung  in  dem
kleinen  Staate  notdürftig  wiederhergestellt.-)

Der  verblendete  Trotz  der  Polen  bewirkte  indessen,  daß  die  erweiterte
Amnestie  ihnen  wenig  Vorteil  brachte.  Die  einen  wollten  den  Verheißungen
  des  erzürnten  Zaren  keinen  Glauben  schenken,  andere  bauten
noch  immer  auf  die  leeren  Verheißungen  Lafayettes  und  hofften  über
kurz  oder  lang  mit  Hilfe  der  französischen  Radikalen  den  allgemeinen
Umsturz  herbeizuführen.  Diese  Fanatiker,  allen  voran  der  nach  Dresden
geflüchtete  tapfere  General  Bem,  übten  die  Künste  des  allen  Polen  geläufigen
  Parteiterrorismus  mit  solchem  Erfolge,  daß  die  Mehrzahl  der
Harmlosen  eingeschüchtert  und  die  Heimkehr  von  den  Offizieren  bald  als
Verrat  angesehen  wurde.  Tausende  freiwilliger  Auswanderer,  die  sich
fälschlich  für  Verbannte  ausgaben,  überschwemmten  Westeuropa;  sie  verschmähten
  daheim  friedlich  für  ihr  Vaterland  zu  arbeiten,  was  den  meisten
straflos  gestattet  war,  und  verfielen  dem  schlechten  Handwerke  der  Verschwörer.
  Die  tragische  Schuld  der  Teilungen  Polens  suchte  den  Weltteil
  mit  immer  neuen  Leiden  heim.  Die  polnische  Emigration  ward  ein
Fluch  Europas,  ein  Herd  des  Unfriedens,  wie  die  preußische  Regierung
vorausgesagt.  Zwei  Jahrzehnte  hindurch  bildeten  die  polnischen  Flüchtlinge
die  verbindende  Kette  zwischen  den  radikalen  Parteien  aller  Länder;  sie
schürten  jeden  Aufruhr  und  fochten  auf  jeder  Barrikade.

Zar  Nikolaus  aber  blieb  fortan  neben  Metternich  der  verhaßteste
Mann  Europas.  Er  verdankte  diesen  Ruf  zum  Teil  den  ungeheuerlichen
  Märchen  der  polnischen  Flüchtlinge,  mehr  noch  dem  harten  Strafgerichte,
  das  er  über  die  Unterworfenen  verhängte.  Nach  seiner  Überzeugung
  waren  alle  Freiheiten  der  Polen  durch  die  Empörung  verwirkt,
und  ihm  allein  stand  es  zu,  einen  neuen  Rechtszustand  anzubefehlen.
Einige  der  Aufständischen  mußten  am  Galgen,  viele  in  Sibirien  büßen;
die  Verfassung  ward  vernichtet,  das  Heer  und  die  Universität  aufgehoben,
das  herrliche  Schloß  der  Czartoryskis  in  Pulawy  seiner  Kunstschätze  beraubt.
  Polnische  Orden  belohnten  die  Sieger  für  die  Vernichtung  der
polnischen  Unabhängigkeit,  auf  dem  Hauptplatze  Warschaus  erhob  sich  ein
Obelisk  zu  Ehren  der  im  November  ermordeten  Generale.  Seit  dem
Organischen  Statut  vom  Februar  1832  war  das  Land  nur  noch  eine
russische  Provinz  mit  eigener  Verwaltung  und  Rechtspflege.  Hatten  die
Polen  ihre  konstitutionellen  Rechte  nur  zu  Ränken  und  Verschwörungen
mißbraucht,  so  erwies  sich  die  neue  Ordnung  fast  noch  unheilvoller,  sie
konnte  allein  durch  einen  beständigen  Belagerungszustand  aufrecht  erhalten

 

*)  Metternich  an  Maltzahn,  14.  Sept.  Protokoll  über  die  Verhandlungen
zwischen  Metternich,  Maltzahn,  Tatistschew  6.  Oktober.  Weisungen  an  Maltzahn
27.  September,  13.  Oktober  1831.
        <pb n="99" />
        Die  polnischen  Flüchtlinge.  91

werden.  In  der  Hauptstadt  gebot  der  zum  Fürsten  von  Warschau  er—
hobene  Paskiewitsch  mit  eiserner  Strenge;  er  verhöhnte  die  Geschlagenen
ins  Angesicht,  feierte  seine  Siege  in  prunkenden  Festen,  und  als  ihm  der
Zar  das  von  Thorwaldsen  soeben  vollendete  Reiterstandbild  des  polnischen
Nationalhelden  Poniatowski  schenkte,  ließ  er  der  Bildsäule  den  Kopf  ab—
schlagen,  seinen  eigenen  Kopf  darauf  setzen  und  dann  dies  unvergleichliche
Denkmal  moskowitischer  Barbarei  vor  einem  seiner  Schlösser  aufstellen.

Bei  alledem  spielten  die  Westmächte  eine  klägliche  Rolle.  Mehrmals
erhoben  sie  schüchternen  Einspruch  und  beriefen  sich  auf  die  Wiener  Verträge,
  die  sie  doch  selber  beständig  verletzten.  Alle  diese  Versuche  wurden
von  den  drei  Teilungsmächten  kurzerhand  abgewiesen;  denn  die  Wiener
Kongreßakte  verhieß  den  Polen  nur  im  allgemeinen  „nationale  Institutionen“,
  und  eine  nationale  Verwaltung  blieb  dem  Lande  auch  jetzt  noch
erhalten.*)  Jahraus  jahrein  ergingen  sich  die  Parlamente  von  England
und  Frankreich  fortan  in  Kundgebungen  einer  unfruchtbaren  Entrüstung.
Der  furchtsame  Bürgerkönig  nahm  die  polnischen  Flüchtlinge  gastlich  bei
sich  auf.  Im  stillen  fühlte  er  sich  doch  erleichtert  durch  die  Unterdrückung
eines  Aufstandes,  der  ihm  nur  Verlegenheit  bereitet  hatte.  Sein  Vertrauter
  Sebastiani  plauderte  dies  Herzensgeheimnis  unvorsichtig  aus,  als
er  in  der  Kammer  die  Außerung  fallen  ließ:  „Die  Ordnung  herrscht  in
Warschau“  —  ein  Wort,  das  von  den  Liberalen  aller  Länder  begierig  aufgegriffen
  und  jahrelang  beständig  wiederholt  wurde,  um  die  Ruchlosigkeit
der  Kronen  zu  brandmarken.  —

 

Durch  den  Fall  von  Warschau  gewann  die  Politik  der  Ostmächte
wieder  freiere  Bewegung;  indes  war  Rußland  durch  den  polnischen  Kampf
so  erschöpft  und  das  Friedensbedürfnis  an  den  beiden  deutschen  Höfen
so  stark,  daß  eine  ernste  Kriegsgefahr  kaum  noch  hereinbrechen  konnte.
Die  belgische  Frage  schritt  der  Lösung  entgegen,  sehr  langsam  allerdings  und
unter  mannigfaltigen  Verwicklungen.  Der  am  15.  November  mit  Belgien
abgeschlossene  Vertrag  erregte  in  Berlin  wie  in  Wien  und  Petersburg
gerechtes  Befremden;  denn  die  Gesandten  der  drei  Mächte  hatten  ihn
ohne  Vollmacht  unterzeichnet,  und  ohne  die  Mitwirkung  Hollands,  während
  die  Londoner  Konferenz  doch  berufen  war,  zwischen  den  streitenden
Parteien  zu  vermitteln.  Dennoch  war  König  Friedrich  Wilhelm  zur
Genehmigung  bereit,  da  er  den  Inhalt  des  Vertrags  billigte;  nur  wollte
er  die  Ratifikation  erst  dann  aussprechen,  wenn  alle  Großmächte  und
womöglich  auch  Holland  beistimmten  und  dadurch  eine  endgültige  Entscheidung
  gesichert  war.  Den  ganzen  Winter  hindurch  mühte  Preußen
sich  ab,  die  allgemeine  Übereinstimmung  herbeizuführen.  Österreich

 

*)  Maltzahns  Berichte,  9.  Nov.  1831  ff.
        <pb n="100" />
        92  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

wurde  leicht  gewonnen.  Der  Hartnäckigkeit  des  Königs  der  Niederlande
aber  ließ  sich  mit  Überredung  nicht  beikommen.  Obwohl  er  in  die  Teilung
  seines  Königreichs  längst  gewilligt  hatte  und  nur  noch  gegen  einzelne
Artikel  des  Vertrages  sachliche  Einwände  erhob,  so  fühlte  er  sich  doch
durch  das  rücksichtslose  Verfahren  der  Konferenz  tief  beleidigt.  Er  wollte
dem  koburgischen  Thronräuber  nicht  verzeihen  und  hoffte  insgeheim  auf
einen  allgemeinen  Krieg,  der  Hollands  Entwürdigung  noch  abwenden
sollte.  „Nach  allem  was  geschehen,“  schrieb  er  seinem  Schwager,  „ist  es
mir  unmöglich,  in  Leopold  nicht  nach  wie  vor  meinen  Feind  zu  sehen.
Meine  Sache  ist  nicht  meine  eigene,  sie  ist  allen  rechtmäßigen  Regierungen
  gemeinsam.“  Vergeblich  hielt  ihm  Friedrich  Wilhelm  vor,  daß
Holland  sich  durch  seine  Unversöhnlichkeit  den  Beistand  seiner  Verbündeten
  selbst  verscherze.)

Der  Oranier  nahm  diese  Drohung  nicht  für  Ernst;  er  zählte  auf
Rußlands  Beistand,  denn  Nikolaus  wiederholte  beständig:  ich  ratifiziere
nicht  eher,  als  bis  der  rechtmäßige  König  die  Belgier  aus  dem  Untertanenverbande
  entlassen  hat.  So  drehte  man  sich  im  Kreise;  die  beiden  Legitimisten
  in  Petersburg  und  im  Haag  versteckten  sich  einer  hinter  dem
andern.  Da  Ancillons  Denkschriften  auf  den  Zaren  keinen  Eindruck
machten,  so  schrieb  König  Friedrich  Wilhelm  selbst:  er  achte,  ja  er  teile
die  Gefühle  seines  Schwiegersohnes,  aber  „ich  habe  meinem  Herzen
Schweigen  auferlegt,  um  den  Geboten  der  politischen  Vernunft  zu  gehorchen“;
  nicht  um  der  Oranier,  sondern  um  Europas  willen  sei  Belgien
einst  mit  Holland  vereinigt  worden,  also  dürfe  man  auch  bei  der  Trennung
  nur  das  allgemeine  Interesse  im  Auge  haben;  bei  einem  allgemeinen
  Kriege  bilde  Rußland  doch  nur  die  Nachhut,  die  Last  des  Kampfes
falle  auf  Deutschland,  darum  sei  es  Pflicht  der  drei  Ostmächte,  im  Haag
gemeinsam  zu  erklären,  daß  ihre  Geduld  Grenzen  habe.?)

Nach  langem  Widerstreben  und  mehrfachen  Rückfällen  ließ  sich  der  Zar
überzeugen  und  sendete  im  Februar  1832  seinen  Vertrauten  Orlow  nach
dem  Haag,  um  dort  noch  einen  letzten  Versuch  zu  wagen.  Als  Orlow,
wie  zu  erwarten  stand,  bei  dem  Oranier  nichts  ausrichtete,  erklärte  er
ihm  am  22.  März  rundweg,  sein  Kaiser  könne  nunmehr  die  Ratifikation
  nicht  länger  verschieben  und  überlasse  alle  Verantwortung  dem
Könige.“*)  Bei  allen  diesen  Verhandlungen  wähnte  Nikolaus  noch  immer,

 

*)  Oberst  Scharnhorsts  Bericht  an  den  König  28.  Aug.  Witzleben  an  Ancillon

22.  Okt.  Eichhorns  Denkschrift  für  Prinz  Albrecht  25.  Okt.  K.  Wilhelm  d.  Niederl.
an  K.  Friedrich  Wilhelm  5.  Dez.  Antwort  24.  Dez.  1831.

**)  Ancillon,  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften,  18.  Dez.  1831.  K.  Friedrich
Wilhelm  an  K.  Nikolaus,  nebst  Memorandum,  12.  Jan.  1832.

*#*)  K.  Nikolaus  an  K.  Wilhelm  der  Niederl.  18.  Jan.  a.  St.  Russische  Denkschrift,
  zur  Beantwortung  des  preußischen  Memorandums,  Febr.  Nesselrode,  Weisung
an  Lieven,  Ende  März  1832.
        <pb n="101" />
        Anerkennung  Belgiens.  93

es  werde  ihm  gelingen,  England  von  Frankreich  zu  trennen  und  bei
dem  alten  Vierbunde  festzuhalten,  während  die  russische  Politik  doch
nur  das  Gegenteil  bewirken  konnte.“)  Je  weiter  die  Ostmächte  ihre
Genehmigung  hinausschoben,  um  so  fester  schlossen  sich  die  beiden  Schutzmächte
  Belgiens  aneinander.  Lord  Palmerston  hatte  längst  die  Geduld
verloren  und  schon  im  Dezember,  zum  Danke  für  Friedrich  Wilhelms
ehrliche  Versöhnungsversuche,  ein  grobes  Schreiben  an  Ancillon  gerichtet,
worin  er  die  preußische  Regierung  beschuldigte,  sie  verstecke  ihre  Zögerungen
„hinter  einer  Phrase“.  Er  schlug  hier  bereits  jenen  anmaßenden  Ton
an,  der  ihm  bald  zur  anderen  Natur  wurde  und  viel  dazu  beitrug,  den
englischen  Namen  bei  allen  Völkern  in  Verruf  zu  bringen.  Offenbar
hoffte  er  Preußen  einzuschüchtern,  doch  der  Streich  mißlang.  Es  blieb
dabei,  daß  Bülow  die  preußische  Ratifikation,  die  er  schon  seit  Anfang
Januar  in  der  Tasche  trug,  erst  nach  der  Einigung  aller  Großmächte
übergeben  durfte.)

Nachdem  nun  endlich  der  Widerstand  des  Zaren  gebrochen  war,
sprachen  Osterreich  und  Preußen  am  18.  April,  Rußland  am  4.  Mai
1832  ihre  förmliche  Genehmigung  aus.  Die  beiden  deutschen  Mächte
verwahrten  wieder  ausdrücklich  das  Recht  des  Bundes  auf  Luxemburg;
der  Zar  verwies,  noch  immer  grollend,  in  einem  vieldeutigen  Vorbehalte
auf  die  künftige  Verständigung  der  beiden  Könige  Niederlands.  Im
Spätsommer  wurden  dann  Leopolds  Gesandte  in  Berlin  und  Wien
empfangen,  während  Nikolaus  und  nach  seinem  Beispiele  auch  König
Ludwig  von  Bayern,  sowie  mehrere  andere  streng  legitimistische  deutsche
Fürsten  den  diplomatischen  Verkehr  mit  dem  neuen  Brüsseler  Hofe  vorläufig
  noch  verschmähten.

Das  lange  Zaudern  hatte  die  Kluft  zwischen  dem  Westen  und  dem
Osten  sichtlich  erweitert.  Palmerstons  zunehmende  Ungezogenheit  zeigte
selbst  dem  Zaren,  daß  Europa  in  zwei  feindliche  Heerlager  zerfiel,  und
Metternich  meinte  ingrimmig:  den  drei  Verbündeten  treten  die  beiden
Spießgesellen  (complices)  gegenüber.  Unverkennbar  standen  die  Spießgesellen
  im  Vorteil,  denn  sie  wußten,  was  sie  wollten.  Sie  verlangten,
daß  König  Wilhelm,  der  noch  die  Zitadelle  von  Antwerpen  sowie  zwei
kleine  Festen  an  der  Schelde  besetzt  hielt,  mindestens  das  belgische  Gebiet
räumen  müsse,  und  waren  bereit,  selbst  durch  die  Waffen  seinen  Trotz
zu  brechen,  während  die  Ostmächte  solchen  Zwang  gegen  den  alten  Verbündeten
  weder  billigen  noch  verhindern  mochten.  Als  der  Sommer
wieder  über  fruchtlosen  Verhandlungen  mit  dem  Haag  vergangen  war,

 

*)  Nesselrode,  Weisung  an  Lieven  19.  Januar  a.  St.,  an  Maltitz  17.  Februar
a.  St.  1832.

*“)  Palmerston  an  Anecillon,  30.  Dez.  1831.  Bernstorff,  Bericht  an  den  König
6.  Jan.  Ancillon  an  den  Gesandten  Chad  7.  Jan.,  an  Bülow  8.  Jan.  1832.
        <pb n="102" />
        94  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltfriede.

beantragten  England  und  Frankreich  auf  der  Londoner  Konferenz  ge—
meinsame  Gewaltmaßregeln  gegen  Holland.  Man  stritt  hinüber  und
herüber,  die  Konferenz  wußte  sich  aus  ihrer  Ratlosigkeit  nur  dadurch  zu
retten,  daß  sie  gar  nicht  mehr  zusammentrat.  Der  europäische  Areopag
löste  sich  auf  und  überließ  es  den  Westmächten,  ihre  heilige  Nichtein—
mischungslehre  zum  zweiten  Male  gröblich  zu  verletzen.  Sie  beschlossen
am  22.  Oktober,  daß  England  die  holländischen  Schiffe  in  Beschlag  nehmen,
Frankreich  die  Zitadelle  von  Antwerpen  für  Belgien  erobern  solle.

Diesmal  verfuhr  der  Hof  des  Palais  Royal  ohne  Hintergedanken,
anders,  als  im  vorigen  Jahre;  denn  König  Leopold  hatte  mittlerweile  die
so  lange  umworbene  Tochter  Ludwig  Philippsgeehelicht,  und  seitder  Koburger
mit  zur  Familie  gehörte,  stand  der  alte  Plan  der  Teilung  Belgiens
nicht  mehr  im  Einklang  mit  den  kaufmännischen  Geschäftsregeln  des
Hauses  Orleans.  Im  Mai  war  Casimir  Perier  gestorben,  auch  er
ein  Opfer  der  Cholera.  Im  Oktober  übernahm  der  Herzog  von  Broglie
das  Auswärtige  Amt,  der  Führer  der  Doktrinäre,  hochgebildet,  steif,
tugendstolz,  unausstehlich  wie  seine  gesamte  Partei,  aber  unbestreitbar
ein  Mann  des  Friedens.  Er  versprach  den  großen  Mächten  sofort,  daß
die  französischen  Truppen  alsbald  nach  der  Einnahme  der  Zitadelle  Belgien
  wieder  verlassen  würden,  und  fragte  sogar  an,  ob  nicht  Preußen
unterdessen  das  östliche  Belgien  besetzen  wolle.))  König  Friedrich  Wilhelm
aber  wollte  an  der  Vergewaltigung  seines  Schwagers  auch  nicht  mittelbar
teilnehmen;  er  verstärkte  nur  die  Truppen  am  Rhein  durch  das  westfälische
  Armeekorps  und  zog  sie  dicht  an  der  Grenze,  bei  Aachen  zusammen,
um  gegen  einen  Wortbruch  Frankreichs  sofort  einschreiten  zu  können.
In  Paris  mußte  Werther  „den  stärksten  moralischen  Widerstand  leisten“,
wie  Ancillon  salbungsvoll  sagte?"*);  auch  Osterreich  und  Rußland  zeigten
dem  französischen  Hofe  die  üble  Laune,  die  im  Leben  der  einzelnen  wie
in  der  Politik  immer  den  Schmollenden  selber  schädigt.  Gleichwohl  wagten
die  Ostmächte  nicht  einmal  eine  öffentliche  Verwahrung;  schon  im  Frühjahr
  waren  sie  dahin  übereingekommen,  daß  ein  solcher  Schritt  entweder
ihr  Ansehen  bloßstellen  oder  die  Gefahr  des  allgemeinen  Kriegs  wieder
heraufbeschwören  müsse.  **)  Der  Bürgerkönig  wußte  dies  nur  zu  wohl
und  ließ  den  kleinen  deutschen  Höfen  zuversichtlich  ankündigen:  „Obwohl
wir  die  Zustimmung  der  Nordmächte  zu  unseren  Maßregeln  nicht  erlangt
haben,  so  sind  wir  nichtsdestoweniger  sicher,  keinem  Widerstande  ihrerseits
zu  begegnen.“)  Kein  Wunder  wahrhaftig,  daß  der  Oranier  über  den
abermaligen  Einmischungsversuch  der  gleißnerischen  Nichteinmischungs- 



*)  Witzleben  an  Maltzahn,  16.  Okt.  Weisungen  an  Maltzahn,  20.  30.  Okt.
6.  Nov.  1832.
**)  Ancillon  an  Maltzahn  20.  Okt.  1832.
*)  Preußisches  Memorandum  für  Graf  Orlow,  13.  Febr.  1832.
+)  Broglie,  Zirkulardepesche  über  den  Vertrag  v.  22.  Okt.  1832.
        <pb n="103" />
        Der  Zug  nach  Antwerpen.  95

Politiker  aufs  äußerste  empört  war.  Trotz  allen  Warnungen,  die  ihm
selbst  aus  Petersburg  zukamen,  hatte  er  doch  nicht  für  möglich  gehalten,
daß  seine  alten  Freunde  ihn  hilflos  den  Mißhandlungen  der  Westmächte
preisgeben  würden  —  und  warum?  weil  er  einem  Vertrage  widersprach,
der  gleich  dem  Utrechter  Frieden  ohne,  über  und  gegen  Holland  abgeschlossen
  war!  Lord  Palmerston  aber  weidete  sich  schadenfroh  an  der  Verlegenheit
  der  Ostmächte.  Lustiger  denn  je  pries  er  dem  Parlamente  die
Expediency  des  Zuges  nach  Antwerpen  und  rühmte  zugleich  die  Ehrlichkeit
  der  englischen  Politik  —  was  doch  selbst  vielen  seiner  britischen
Hörer  wie  ein  frecher  Witz  klang.

Ungestört  konnte  also  das  wunderbare  Schauspiel  eines  Krieges  ohne
Friedensbruch  über  die  Bretter  gehen.  Am  22.  November  begann  Marschall
  Gerard  mit  60  000  Franzosen  die  von  5000  Holländern  verteidigte
Antwerpener  Zitadelle  zu  belagern.  Jede  Mitwirkung  der  Belgier  wies
er  zurück,  da  seine  Regimenter  durchaus  nur  als  Exekutionstruppen
Europas  auftreten  sollten.  Nach  vier  Wochen  tapferen  Widerstandes
ergab  sich  die  Festung,  und  sofort  kehrte  das  französische  Heer  in  die
Heimat  zurück.  Am  22.  März  1833  ward  dann  eine  neue  Waffenruhe
vereinbart:  die  Holländer  blieben  noch  in  den  Scheldefestungen  Lille  und
Liefkenshoek,  die  Belgier  hielten  einen  Teil  des  holländischen  Luxemburg
und  Limburg  besetzt.  In  diesem  seltsamen  Zustande  verblieben  die  Niederlande
  sechs  Jahre  lang,  bis  der  Oranier  endlich  nachgab.  Sechs  Jahre
hindurch  stand  das  holländische  Heer  an  der  Südgrenze  versammelt,
willig  brachte  das  treue  Volk  dem  Starrsinn  seines  Königs  schwere  Opfer,
derweil  die  klugen  Belgier  sich  die  Verzinsung  ihres  Anteils  an  der
alten  Staatsschuld  ersparten.

So  endete  dies  Nachspiel  der  Juli-Revolution  mit  einem  Triumphe
des  Bürgerkönigtums,  der  dem  französischen  Staate  allerdings  weder
wahren  Kriegsruhm  noch  eine  dauernde  Machterweiterung  brachte,  aber
so  blendend  in  die  Augen  stach,  daß  selbst  der  nüchterne  Guizot  mit  der
„glänzenden  französischen  Lösung  der  belgischen  Frage“  prahlen  konnte.

Die  Ostmächte  empfanden  die  erlittene  Niederlage  sehr  lebhaft.  Metternich
wußte  nur  den  einen  Trost,  daß  der  Tag  der  Gerechtigkeit  noch  nicht
gekommen  sei.  Bald  nach  dem  Falle  von  Antwerpen  meinte  er  wehmütig:
  „Die  praktische,  die  einzige  auf  die  Lage  des  Tags  anwendbare
Wahrheit  ist  die  Notwendigkeit,  die  Entwicklung  der  Ereignisse  abzuwarten.“
  —

In  Österreichs  unmittelbarem  Machtgebiete  ließ  er  diese  Wahrheit
freilich  nicht  gelten;  seine  italienische  Politik  blieb  fest,  herrisch,  zugreifend.
Im  Kirchenstaate  kam  alles,  wie  er  es  vorhergesehen:  die  Unruhen  brachen
sofort  wieder  aus,  als  die  Osterreicher  auf  Frankreichs  Wunsch  abgezogen
waren.  Der  Papst  konnte  und  wollte  die  verheißenen  Reformen  nicht
ernstlich  durchführen,  obwohl  ihn  Metternich  mehrmals  mahnte  und  schon
        <pb n="104" />
        96  IV.  1.  Die  Juli-Revolution  und  der  Weltsriede.

daran  dachte,  die  großen  Mächte  zur  Mitwirkung  aufzurufen*):  die  Laien
blieben  von  der  Regierung  ausgeschlossen,  die  neuen  Provinzial-  und  Ge—
meinderäte  völlig  machtlos.  Als  nun  im  Januar  1832  päpstliche  Truppen
in  die  Romagna  einrückten,  rotteten  sich  die  Bürgerwehren  und  Frei—
scharen  zusammen;  die  Aufständischen  unterlagen,  und  furchtbar  hauste
das  wüste  Gesindel  der  Schlüsselsoldaten  in  den  unterworfenen  Städten.
Die  Kurie  aber  zitterte  vor  ihrem  eigenen  Heere  und  rief  nochmals  die
Hilfe  des  österreichischen  Nachbarn  an.  Am  28.  Januar  erschien  Mar—
schall  Radetzky  mit  seinen  Weißröcken  in  Bologna;  die  Romagnolen  selber
empfingen  ihn  mit  Freude,  weil  er  ihnen  doch  Schutz  gewährte  gegen  die
wütenden  Papalini.

Nach  Völkerrecht  war  Osterreichs  Verfahren  unanfechtbar,  sicherlich
besser  gerechtfertigt,  als  der  belgische  Zug  der  Franzosen  vom  vorigen
Sommer.  Casimir  Perier  aber  hatte  sich  vor  den  Kammern  vermessen,
daß  er  eine  neue  Einmischung  der  Osterreicher  nicht  dulden  werde;  er
war  gerichtet,  wenn  er  sein  Wort  nicht  hielt.  Die  Parteiwut  der  Franzosen
  zwang  selbst  diesen  ernsten  Staatsmann,  sich  vor  der  Phrase  der
Nichteinmischungslehre  zu  beugen  und  seine  kurze  rühmliche  Laufbahn
mit  einem  unwürdigen  Possenspiele  zu  schließen.  Perier  ließ  durch  Marschall
Maison  in  Wien  ankündigen,  daß  nunmehr  auch  Frankreich  einschreiten
müsse  —  alles  im  Namen  der  Nichteinmischung!  Metternich  antwortete
mit  überlegenem  Hohne:  „Wollen  Sie,  daß  wir  im  Kirchenstaate  bleiben?
Dann  wählen  Sie  das  rechte  Mittel;  denn  sicherlich  werden  wir  so  lange
bleiben,  bis  ihr  wieder  fortgeht!“  In  tiefem  Geheimnis  segelte  unterdessen
  ein  kleines  Geschwader  aus  Toulon  ab,  fünfzehnhundert  Franzosen
landeten  am  22.  Februar  in  Ancona  und  bemächtigten  sich  der  Stadt;
ein  pomphaftes  Manifest  verkündete  den  Italienern,  daß  Frankreich  überall
die  Freiheit  der  Völker  gegen  den  Despotismus  beschütze.

Die  Pariser  Presse  und  viele  der  liberalen  deutschen  Zeitungen  frohlockten
  über  die  neue  Wundertat  des  freien  Frankreichs.  Casimir  Perier
selber  war  trotz  seiner  Verstandesklarheit  doch  wie  alle  Franzosen  zur
politischen  Selbsttäuschung  geneigt;  er  redete  sich  ein,  daß  er  „das  öffentliche
  Recht  Europas“  verteidigt  habe,  und  die  Haltung  der  anderen
Mächte  bestärkte  ihn  in  diesem  Wahne.  Während  Osterreich  und  Rußland
  ihre  Entrüstung  über  dies  „politische  Verbrechen“  laut  aussprachen,
konnte  selbst  Palmerston  seine  Unzufriedenheit  kaum  verbergen,  so  daß
Ludwig  Philipp  für  geraten  hielt,  den  fremden  Gesandten  allerhand  feige
Entschuldigungen  zu  sagen.  Ancillon  aber  klagte  rührsam:  „Die  Winde
haben  eine  Seefahrt,  welche  keine  Gunst  verdiente,  seltsam  begünstigt.
Die  Geschichte  bietet  wenig  Beispiele  einer  so  offenbaren  Verletzung  aller
Grundsätze.  Dies  verhängnisvolle  Abenteuer  würde  ein  Rätsel  sein,

 

*)  Metternich,  Mémoire  sur  affaire  des  Légations  romaines,  Nov.  1831.
        <pb n="105" />
        Besetzung  von  Ancona.  97

wenn  man  nicht  daran  gewöhnt  wäre,  daß  das  französische  wie  das  eng—
lische  Ministerium  alles  den  Rücksichten  der  parlamentarischen  Lage  unter—
ordnet,  alles  der  nationalen  Eitelkeit  opfert.“*)

Nach  kurzer  Frist  beruhigten  sich  die  Mächte  wieder;  sie  erkannten  bald,
daß  die  Besetzung  von  Ancona  wirklich  nur  den  Dünkel  der  französischen
Parteien  beschwichtigte  und  sonst  ohne  jede  Wirkung  blieb.  Die  fünfzehnhundert
  Mann  auf  der  halbzerfallenen  Zitadelle  durften,  da  der  Papst
Einspruch  erhob,  weder  Verstärkungen  herbeiziehen  noch  die  Festungswerke
herstellen,  sie  mußten  die  päpstliche  Flagge  hissen,  sie  vertrieben  sogar  die
Liberalen  aus  der  Stadt  und  leisteten  der  Polizei  des  Vatikans  willig
Schergendienste.  Fast  sieben  Jahre  lang  hielten  sie  in  dieser  lächerlichen
Lage  aus,  bis  sie  endlich  im  Dezember  1838,  gleichzeitig  mit  den  Osterreichern
  das  Land  verließen.  Inzwischen  hatte  sich  das  Priesterregiment
unter  dem  Schutze  der  kaiserlichen  Waffen  behaglich  wieder  eingerichtet.
Von  ernsten  Reformen  war  so  wenig  die  Rede,  daß  England  schon
nach  einigen  Monaten  seinen  Bevollmächtigten  von  der  nutzlosen  römischen
Gesandtenkonferenz  abberief.  Metternich  freute  sich  des  Starrsinns  der
Kurie  keineswegs  und  ersparte  ihr  ernste  Mahnungen  nicht.  Doch  er
wußte  auch,  daß  dieser  Priesterstaat,  den  er  selber  bereits  vor  Jahren  „ein
nur  zu  veraltetes,  morsches  Gebäude“  genannt  hatte,  *)  durchgreifende
Neuerungen  kaum  noch  ertragen  konnte,  und  schon  um  dem  Bürgerkönigtum
  keinen  Triumph  zu  bereiten,  wollte  er  den  Papst  nicht  allzu
lebhaft  bedrängen.  Die  Besetzung  von  Ancona  brachte  der  Freiheit  Italiens
keinen  Gewinn;  sie  verhinderte  sogar  die  bescheidenen  Reformen,  welche
unter  der  Herrschaft  des  gekrönten  Priesters  vielleicht  noch  möglich  waren.
Der  feine  politische  Instinkt  der  Italiener  täuschte  sich  darüber  nicht:  die
Österreicher  fürchtete  man  als  harte,  tapfere  Feinde;  der  lärmende,  anmaßende,
  furchtsame  französische  Freund  ward  verachtet.  Noch  auf  lange
hinaus  schien  die  Herrschaft  des  Kaiserhauses  auf  der  Halbinsel  gesichert.

Das  also  war  das  Ergebnis  dieser  wirrenreichen  Kämpfe.  England
hatte  die  Wege  des  Liberalismus  betreten,  in  Frankreich  und  Belgien  war
die  Revolution  zum  Siege  gelangt,  in  Polen  und  Italien  war  sie  unterlegen.
  Das  alte  und  das  neue  Europa  hielten  einander  das  Gleichgewicht.
  Welchem  der  beiden  Lager  würde  Deutschland  sich  zuwenden?
—  an  dieser  Frage  hing  die  nächste  Zukunft  der  Staatengesellschaft.  —

 

*)  Ancillon  an  Maltzahn,  5.  März  1832.
**)  Metternich  an  Bernstorff,  17.  Aug.  1820.

 

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  7
        <pb n="106" />
        Zweiter  Abschnitt.

 

Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Vorddeutschland.

Kleine  Staaten  erscheinen  leicht  lächerlich;  denn  der  Staat  ist  Macht,
und  die  Ohnmacht  widerspricht  sich  selber,  sobald  sie  als  Macht  auftreten
will.  Wo  aber  die  Tatkraft  einer  großen  Nation  sich  nur  in  den  arm—
seligen  Händeln  kleiner  Gemeinwesen  zu  äußern  vermag,  da  werden  folgen—
schwere  Wandlungen  des  Völkerlebens  oft  vorbereitet  durch  unscheinbare
partikularistische  Bewegungen,  die  für  sich  allein  wenig,  insgesamt  viel
bedeuten.  Neue  politische  Gedanken  können  ihre  Notwendigkeit  nicht  über—
zeugender  erweisen,  als  wenn  sie  in  einem  zersplitterten  Volke,  zur  selben  Zeit
an  verschiedenen  Stellen  auftreten  und  durch  mannigfaltige  Hemmnisse
hindurch  sich  ihre  Bahn  brechen;  der  gleiche  Erfolg,  die  ungewollte  und
doch  unverkennbare  innere  Verwandtschaft  solcher  Einzelkämpfe  bekunden
dann  zugleich  die  schöpferische  Naturgewalt  der  nationalen  Einheit.  Der—
weil  Europa  die  Pariser  Barrikadenhelden  mit  Huldigungen  überschüttete,
wurden  die  Straßenunruhen  der  kleinen  norddeutschen  Hauptstädte  im
Auslande  nur  mit  spöttischem  Lächeln  angesehen,  ja  manche  der  Führer
dieser  winzigen  Revolutionen  betrachteten  sich  selber  nur  als  bescheidene
Schüler  der  unerreichbaren  Franzosen.  Und  doch  war  diese  verzettelte
deutsche  Bewegung  mit  aller  ihrer  kleinstädtischen  Abgeschmacktheit  besser
berechtigt  und  in  ihrer  letzten  Nachwirkung  furchtbarer  als  ihr  vielbe—
wundertes  Vorbild.  Durch  die  Juli-Revolution  nur  gefördert,  keineswegs
verursacht,  entsprang  sie  naturgemäß  aus  einer  veralteten  Gesellschafts—
ordnung,  die  weit  schwerer  drückte  als  die  politischen  Mißgriffe  der  Bourbonen,
  und  verwirklichte  in  den  altständischen  Gemeinwesen  des  Nordens
die  Ideen  der  Rechtsgleichheit  und  des  Staatsbürgertums,  welche  im
übrigen  Deutschland  sich  schon  längst  durchgesetzt  hatten,  so  daß  jetzt  erst
eine  allen  Deutschen  gemeinsame  Staatsgesinnung,  ein  über  die  Grenzen
der  Einzelstaaten  hinausreichendes  Parteileben,  ein  bewußter  Kampf  um
die  Reform  des  nationalen  Gesamtstaates  nach  und  nach  möglich  wurde.

Unter  allen  diesen  kleinen  Staatsumwälzungen  erregte  der  Braunschweiger
  Aufstand  das  größte  Aufsehen;  denn  hier  allein  wurde  der  notwendige
  Umschwung  durch  revolutionäre  Mittel,  durch  offenbaren  Rechts-
        <pb n="107" />
        Klage  der  Braunschweiger  Landstände.  99

bruch  bewirkt,  und  hier  zeigte  sich  zugleich  mit  erschreckender  Klarheit,  daß
die  Unsicherheit  unseres  öffentlichen  Rechtes  in  der  schimpflichen  Ohnmacht
des  Bundestages  ihren  letzten  Grund  hatte.  Gegen  die  Winkeltyrannei
der  schwächsten  Reichsstände  bot  die  alte  Reichsverfassung  immerhin  einigen
Schutz;  mehrmals  schritten  Kaiser  und  Reich  zur  Absetzung  unverbesser—
licher  kleiner  Despoten,  noch  zur  Zeit  der  französischen  Revolution  erschien
zuweilen  eine  kaiserliche  Debitkommission  in  einem  überschuldeten  Fürsten—
tume,  um  von  Reichs  wegen  die  Ordnung  herzustellen.  Seit  aber  die
Bundesakte  diesen  kleinen  Herren  die  Souveränität  gewährt  hatte,  bestand
für  fürstliche  Willkür  keine  Schranke  mehr,  und  einmal  doch  mußte  an
einem  ungeratenen  Sohne  des  deutschen  hohen  Adels  offenbar  werden,
wie  tief  der  Genuß  einer  anspruchsvollen  Würde  ohne  Macht  ihren  Träger
entsittlichen  kann.

Trotzend  auf  seine  fürstliche  Unverantwortlichkeit  war  Karl  von  Braunschweig
  von  Stufe  zu  Stufe  gesunken.  Er  wußte,  daß  die  Deutschen  ihn
verabscheuten,  und  fand  bald  eine  boshafte  Freude  daran,  seinen  selbstverschuldeten
  schlechten  Ruf  immer  aufs  neue  zu  rechtfertigen.  Schon
vier  Jahre  vor  seinem  Sturze  schrieb  er  seiner  gütigen  Freundin,  der
Prinzessin  Amalie  von  Sachsen,  die  ihm  vergeblich  ins  Gewissen  redete:
„Man  hält  es  am  Ende  für  einerlei  etwas  zu  sein,  wofür  man  schon
lange  gegolten  hat.  Jung,  hübsch,  mächtig  und  ganz  unabhängig  mir
selbst  überlassen“  —  wie  konnte  ich  anders  werden?*)  Die  schlaffe  Nachsicht
  des  Bundestags,  der  sich  in  dem  Streite  der  beiden  Welfenhäuser
mit  einer  beinahe  possenhaften  Genugtuung  zufrieden  gab,  mußte  den
dreisten  Ubermut  des  verblendeten  Fürsten  noch  erhöhen..“)  Schon
wieder  lag  seit  Jahr  und  Tag  eine  Klage  gegen  Herzog  Karl  unerledigt
in  Frankfurt:  die  Bitte  des  landständischen  Ausschusses  um  Aufrechterhaltung
  der  unbestreitbar  rechtmäßigen  Landschaftsordnung  von  1820.
Wieder  wußte  Graf  Münch,  trotz  der  ungestümen  Mahnungen  des  preußischen
  Gesandten,  die  Entscheidung  zu  verzögern;  daß  Landstände  gegen
ihren  Fürsten  jemals  recht  behalten  könnten,  schien  der  Wiener  Hofburg
ganz  unfaßbar.  Auch  manche  der  anderen  Bundesgesandten  bezweifelten
die  Gültigkeit  der  neuen  Verfassung,  weil  sie  unter  einer  vormundschaftlichen
  Regierung  vereinbart  worden  sei,  der  Vormund  aber  nicht  über  das
Vermögen  des  Mündels  verfügen  dürfe.  Selbst  Wangenheim  und  einige
überfeine  Köpfe  unter  den  Liberalen  teilten  diese  Zweifel;  so  mächtig
war  noch,  dank  der  privatrechtlichen  Bildung  unserer  Juristen,  jene  alte
patrimoniale  Staatslehre,  welche  Land  und  Leute  nur  als  fürstliches  Hausgut
  betrachtete.  Also  unter  Bedenken  und  Gegenbedenken  schleppte  sich  der
Handel  dahin,  bis  endlich  im  Spätsommer  1830  die  Kommission  des

 

*)  H.  Karl  von  Braunschweig  an  Prinzessin  Amalie  von  Sachsen,  21.  Nov.  1826.
**)  S.  o.  III.  565.

77
        <pb n="108" />
        100  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Bundestags  einen  Bericht  zustande  brachte,  der  sich  zu  Gunsten  der
klagenden  Landstände  aussprach.

Diese  Nachricht  aus  Frankfurt  bestärkte  die  Braunschweiger  in  dem
Bewußtsein  ihres  guten  Rechtes,  und  unwillkürlich  regte  sich  die  Frage,
ob  man  nicht  endlich  zur  Selbsthilfe  schreiten  müsse;  wer  konnte  denn
wissen,  wann  jemals  jenem  Berichte  ein  wirksamer  Bundesbeschluß  folgen
würde?  Der  Herzog  schlenderte  mittlerweile  schon  seit  Monaten  auf  den
Pariser  Boulevards  umher  und  verhandelte  nebenbei  mit  dem  Hause
Rothschild  über  Börsengeschäfte.  Als  ihn  dort  der  Ausbruch  der  Juli—
Revolution  überraschte,  zeigte  sich  der  Erbe  des  braunschweigischen  Heldengeschlechtes
  als  ein  elender  Feigling;  er  verlor  den  Kopf,  obwohl  ihn  die
Pariser  kaum  beachteten,  und  floh  unter  seltsamen  Abenteuern.  Unterwegs
  sah  er  in  Brüssel  noch  jene  Vorstellung  der  Stummen  von  Portici,
welche  den  belgischen  Aufruhr  einleitete.  Zweimal  warnte  ihn  das  Schicksal,
  doch  in  diese  glatte  Stirne  grub  die  ernste  Zeit  keine  Furchen.  Mit
seinem  Völkchen  daheim  dachte  der  Welfe  schon  fertig  zu  werden.  Als  er
zurückkam,  brachte  er  einen  neuen  Günstling  mit,  den  französischen  Abenteurer
  Alloard,  und  prahlte  laut,  ihm  solle  man  das  Schicksal  Karls  X.
nicht  bereiten.  Eine  Handvoll  Unterbeamten  und  Hofhandwerker  begrüßte
den  Heimgekehrten  mit  einem  Fackelzuge.  Die  Bürgerschaft  aber  sah  mit
Unmut  der  gemachten  Huldigung  zu  und  sendete  ihre  Vertreter  auf  das
Schloß,  um  die  Einberufung  des  Landtags  zu  erbitten;  Bürgermeister  Bode,
ein  derber,  freimütiger,  ganz  von  althansischem  Bürgerstolze  erfüllter
Mann,  führte  das  Wort  und  warnte  den  Fürsten  vor  der  unheildrohenden
Stimmung  des  Volkes.  Dahin  hatte  es  der  Herzog  durch  die  knabenhafte
  Willkürherrschaft  dieser  sieben  Jahre  gebracht,  daß  er  in  seinem  durch
und  durch  welfisch  gesinnten  Völkchen  unter  den  gebildeten  Klassen  fast  gar
keine  Anhänger  mehr  besaß;  selbst  die  Offiziere  murrten,  weil  er  sie  bald
launisch  beleidigte,  bald  ihnen  den  Gehalt  beschnitt  oder  erledigte  Stellen
unbesetzt  ließ.

Die  Masse  des  Volkes  nahm  an  dem  Verfassungskampfe  der  Landstände
  geringen  Anteil;  doch  sie  wußte  genug  von  dem  wüsten  Treiben
im  Schlosse,  um  den  Herzog  zu  hassen,  sie  litt  unter  dem  Drucke  der
Binnenmauten,  sie  klagte,  daß  kein  Fremder  mehr  den  verrufenen  Hof
besuchte,  daß  der  geizige  Fürst  die  öffentlichen  Bauten  einstellen  ließ
und  also  die  Not  noch  steigerte,  die  nach  einer  schlechten  Ernte,  einem
harten  Winter  überall  in  Deutschland  empfunden  wurde.  Karl  ahnte
das  nahende  Unwetter  und  ließ  in  seiner  Angst  Kanonen  vor  dem  Schlosse
auffahren,  Pulvervorräte  in  die  nahe  Agidienkirche  schaffen.  Während
er  am  Abend  des  6.  Septembers  im  Theater  weilte,  sammelten  sich  einige
Volkshaufen  um  die  beiden  Wagen,  die  ihn  und  seine  Dirne,  eine  bekannte
  Schauspielerin,  zur  Heimfahrt  erwarteten;  sobald  er  aus  dem
Schauspielhause  heraustrat,  begrüßte  ihn  wüstes  Geschrei,  ein  Hagel  von
        <pb n="109" />
        Schloßbrand  in  Braunschweig.  101

Steinen  folgte  dem  davoneilenden  Wagen.  Vor  dem  Schlosse  stand  eine
Schar  von  Gaffern  und  Schreiern.  Ein  Offizier  fragte:  „Kinder,  was
wollt  ihr  denn  eigentlich?“  Die  Leute  sahen  sich  verwundert  an,  bis
endlich  ein  liberaler  Advokat  das  neue  Pariser  Feldgeschrei  anstimmte:
„Brot  und  Arbeit!“  und  einige  wohlgenährte  Schüler  des  Carolinums
den  Jammerruf  wiederholten.  Zwei  Züge  Husaren  vertrieben  dann
ohne  Kampf  die  Menge  von  dem  Bohlwege,  gegenüber  dem  Schlosse.

Am  nächsten  Morgen  wurden  die  Kanonen  und  das  Pulver  hinweggeschafft.
  Auf  die  Bitten  der  Bürger  versprach  der  Herzog  auch  einen
kleinen  Steuererlaß,  sowie  einige  Geldsummen  für  Straßenbauten  und
Lebensmittel;  er  gestattete  sogar,  daß  eine  mit  Piken  bewaffnete  Bürgerwehr
  zusammentrat,  nur  von  der  Berufung  des  Landtags  wollte  er  nichts
hören.  Am  Abend  stürmte  wieder  ein  Pöbelhaufe  gegen  das  Schloß
heran,  berauscht  und  heulend,  höchstens  tausend  Köpfe  stark;  die  Pikenmänner
  der  Bürgerwehr  wurden  bald  zur  Seite  gedrängt.  Der  Herzog
aber  wagte  nicht,  seine  im  Schloßhofe  versammelten  Truppen  feuern  zu
lassen;  er  ergriff  nochmals  die  Flucht  und  ließ  sich  von  seinen  Husaren
zur  Landesgrenze  geleiten,  um  dann  nach  England  zu  reisen.  Mittlerweile
  drang  der  Pöbel  in  das  Schloß  ein  und  begann  Feuer  anzulegen;
während  die  Strolche  plünderten,  sah  man  einige  offenbar  verkleidete
Männer  geschäftig  die  geheimen  Papiere  des  Herzogs  durchsuchen.  Der
kommandierende  Generalvon  Herzberg,  ein  tapferer  Veteran  aus  Wellingtons
spanischen  Feldzügen,  versäumte  seine  Soldatenpflicht,  stundenlang  ließ  er
die  Truppen  ruhig  im  Schloßgarten  stehen.  Eine  einzige  ohne  seinen
Befehl  abgegebene  Salve,  die  unschädlich  über  die  Köpfe  des  Haufens
hinwegfuhr,  genügte,  um  den  Hof  zu  säubern  und  selbst  die  Räuber  aus
dem  Schlosse  zu  verjagen;  aber  als  die  Truppen  dann  wieder  unbeweglich
blieben,  wagte  sich  der  Pöbel  nochmals  vor  und  begann  sein  Werk  von
neuem.  Die  ganze  Nacht  hindurch  währte  die  rohe  Verwüstung,  kein
Menschenleben  fiel  ihr  zum  Opfer;  die  Spritzen  ließ  der  Haufe  nicht
an  das  Schloß  heran,  und  als  die  Grenadiere  noch  einen  schwachen  Angriff
  auf  den  Meuterer  unternahmen,  versuchten  sie  nicht,  ihren  leichten
Sieg  zu  verfolgen.  Beim  Grauen  des  Tages  lag  das  schöne  Bauwerk
fast  ganz  in  Asche.

Unverkennbar  standen  mehrere  Männer  aus  dem  Adel  und  dem
Beamtentum  hinter  diesem  seltsamen  unblutigen  Aufruhr;  gedungene
Banden  und  wüstes  Gesindel  besorgten  die  Arbeit,  die  erbitterte  Bürgerschaft
  sah  halb  schadenfroh,  halb  erschrocken  der  Zerstörung  zu.  Die
Namen  der  Verschwörer  sind,  obgleich  einige  Vermutungen  sehr  nahe
liegen,  bis  zum  heutigen  Tage  verborgen  geblieben,  da  die  gerichtliche  Unter- 



*)  Nach  der  mündlichen  Erzählung  eines  der  mitschreienden  Schüler,  der  in
späteren  Jahren  ein  wackerer  Reichstagsabgeordneter  war.
        <pb n="110" />
        102  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

suchung  nachher  ungründlich  geführt,  manche  wichtige  Zeugen  gar  nicht
vernommen  wurden.  Der  Handstreich  der  wenigen  konnte  offenbar  nur
gelingen,  weil  das  ganze  Land  den  Herzog  verwünschte.  Die  vollbrachte
Tat  erschien  allen  als  ein  Gottesgericht,  obwohl  man  ihre  Roheit  tadelte.
Wohl  hatte  sich  seit  der  großen  Woche  der  Pariser  überall  in  der  Welt
der  Wahn  verbreitet,  daß  die  Masse  im  Straßenkampfe  unbesiegbar  sei;
alle  Zeitungen  wiederholten  beständigden  Ausspruch,  welchen  einst  Napoleon
auf  Grund  der  spanischen  Erfahrungen  seiner  Marschälle  getan  haben
sollte:  wehe  dem  General,  der  sich  in  der  Enge  der  Gassen  auf  ein
Gefecht  einläßt.  Aber  Furcht  war  es  nicht,  was  den  Offizieren  der
ruhmreichen  schwarzen  Schar  die  Hände  lähmte,  sondern  Haß  und  Ver—
achtung.  Dürfen  wir  Bürgerblut  vergießen,  um  einem  Elenden,  der  uns
feige  verlassen  hat,  sein  Schloß  zu  behüten?  —  dies  Bedenken  drängte
sich  allen  auf  und  stimmte  sie  unsicher  gegenüber  einem  weder  mutigen
noch  zahlreichen  Meutererhaufen.  Berechneter  Verrat  der  Offiziere  ist
nie  erwiesen  worden,  und  es  bedarf  auch  dieses  Verdachtes  nicht,  um  die
schlechte  Haltung  der  Truppen  zu  erklären.

In  den  Trümmern  des  Schlosses  —  das  fühlte  jedermann  —  hatte
Karls  Herrschaft  ihr  Grab  gefunden,  und  als  nun  gar  einiges  aus  den
geraubten  Briefschaften  und  dem  schwarzen  Buche  des  Herzogs  veröffent—
licht  wurde,  da  ward  die  Rückkehr  des  Vertriebenen  ganz  unmöglich.  Die
erbaulichen  Geständnisse  dieser  schönen  Seele  —  wie  Metternich  seinen
welfischen  Liebling  einmal  nannte  —  gingen  von  Mund  zu  Mund,  die
kleinstädtische  Klatscherei  schwelgte  in  gräßlichen  Erfindungen,  und  der
leere  knabenhafte  Tor  galt  bei  seinem  ergrimmten  Völkchen  bald  für  einen
Wüterich  und  Giftmischer.  Sobald  man  des  Verhaßten  ledig  war,  kehrte
die  Ordnung  sogleich  zurück.  Die  Bürgerwehr  prunkte  in  den  Straßen
umher,  jetzt  nach  Pariser  Muster  mit  Flinten  bewaffnet,  unter  der  Führung
  des  gefeierten  Volksmannes  Bankier  Löbbecke,  und  je  unschuldiger
diese  Philister  an  dem  Schloßbrande  waren,  um  so  kühner  prahlten
sie  mit  ihrer  Revolution.  Paris,  Brüssel  und  Braunschweig  bildeten
das  Dreigestirn  der  neuen  Völkerfreiheit,  der  Branntweinbrenner  Götte,
der  den  Herzog  um  die  Wegführung  der  Pulvervorräte  gebeten  hatte,
hieß  mindestens  ein  halber  Lafayette.  General  Herzberg  wurde  durch
das  Geschenk  eines  bürgerlichen  Ehrensäbels  dafür  getröstet,  daß  die
preußischen  Kameraden  ihn  mit  sehr  zweifelhaften  Blicken  betrachteten;
denn  „der  heutige  Soldat“  —  so  versicherte  eine  braunschweigische  Flugschrift
  —  „ist  nicht  mehr  der  durch  den  Stock  zum  blinden  Gehorsam
dressierte  Vagabunde  des  vorigen  Jahrhunderts“.  Ein  Bürgergardist  drohte
dem  Herzoge  in  einem  offenen  Briefe:  200  000  Braunschweiger  würden
sich  lieber  unter  dem  Schutte  ihrer  Häuser  begraben,  als  sich  unter  die
Tyrannei  eines  zweiten  Don  Miguel  begeben;  ein  anderer  pries  in  einer
Abhandlung  „den  freiwilligen  Gehorsam“  als  den  eigentümlichen  Vorzug
        <pb n="111" />
        Herzog  Wilhelm  erscheint  in  Braunschweig.  103

der  Bürgergarde  vor  dem  Heere.  Mit  dem  Soldatenspiele  der  Pariser
Bourgeoisie  drang  auch  die  undeutsche  Verachtung  des  ernsten  Waffen—
handwerks  in  das  selbstgefällige  Bürgertum  dieser  Kleinstaaten  ein;  die
wirkliche  Volksbewaffnung,  die  in  Preußen  längst  bestand,  hieß  „ein
Werkzeug  des  Despotismus“.

Die  Regierung  wußte  sich  nicht  zu  helfen.  Von  den  verrufenen
Räten  des  Herzogs  hatten  mehrere  das  Weite  gesucht,  den  zurückbleiben—
den  fehlten  Kraft  und  Ansehen.  Umso  rascher  handelten  die  Landstände;
einigen  ihrer  Führer  kam  der  Schloßbrand  offenbar  nicht  unerwartet.
Schon  am  9.  September  versammelte  sich  der  Große  Ausschuß  und  faßte
noch  am  selben  Tage  drei  entscheidende  Beschlüsse.  Er  beschloß  bis  zur
Einberufung  des  Landtages  zusammenzubleiben,  er  bevollmächtigte  die
Grafen  Werner  Veltheim  und  Oberg,  in  Berlin  und  Hannover  „vertrau—
liche  Eröffnungen  zu  machen  und  für  gewisse  Fälle  Rat  zu  erbitten“;?)
er  richtete  endlich  an  den  Bruder  des  Herzogs,  den  letzten  noch  übrigen
Sprossen  des  Fürstenhauses,  eine  von  vielen  Bürgern  mitunterzeichnete
Adresse,  um  ihn  zu  bitten,  daß  er  „die  Zügel  der  Regierung  schleunigst
übernehme“.

Herzog  Wilhelm  von  Braunschweig-Ols  stand  in  Berlin  bei  den
Gardedragonern  und  galt  bei  den  Kameraden  für  einen  Lebemann,  der
sein  großes  Vermögen  gründlich  zu  genießen  verstehe;  Talente  hatte  man
an  dem  vierundzwanzigjährigen  Prinzen  bisher  noch  nicht  bemerkt.  Schon
am  Abend  des  8.  September  brachte  ihm  der  reitende  Bote  eines  braunschweigischen
  Hofbeamten  die  Nachricht  von  dem  Aufruhr,  und  sofort  erbat
er  sich  durch  seinen  väterlichen  Freund,  den  Fürsten  Wittgenstein,  die
Befehle  des  Königs.  Auf  Friedrich  Wilhelms  dringenden  Rats“)  reiste
er  dann  eilends  ab,  um  daheim  vorläufig  die  Ordnung  aufrecht  zu  erhalten.
Allen  unerwartet,  erschien  er  am  10.  im  Schlosse  Richmond,  vor  den
Toren  Braunschweigs,  während  die  Adresse  des  ständischen  Ausschusses
noch  nach  Berlin  unterwegs  war.  Wie  frohlockten  die  friedfertigen  Revolutionshelden,
  als  sie  nun  wieder  hoffen  durften,  von  einem  leibhaftigen
Welfen  beherrscht  zu  werden.  Im  Triumphe  wurde  „Wilhelm  der  Gesegnete“
  von  der  Bürgerwehr  und  jauchzenden  Volkshaufen  in  die  Stadt
seiner  Väter  eingeholt.  Nichts  lag  ihm  ferner  als  ehrgeizige  Anschläge
auf  die  Krone  seines  Bruders.  Hart  genug  kam  es  ihm  an,  daß  er  die
fröhlichen  Gelage  der  Berliner  Garde  mit  den  Sorgen  der  Regierung
und  der  Langeweile  der  kleinen  Hauptstadt  vertauschen  mußte;  auch  blieb
er  sein  Leben  lang  den  strengen  legitimistischen  Grundsätzen  seines  Hauses
ergeben  und  konnte  den  stillen  Arger  über  die  Meuterei  seiner  Braun-*)

  Veltheim  an  Bernstorff,  17.  Sept.  1830.
**)  Dieser  Tatsachen  gedenkt  das  hannöversche  Ministerium  in  seinem  Berichte  an
König  Wilhelm  IV.  vom  14.  Sept.,  desgleichen  Graf  Münster  in  einem  Schreiben  an
Stralenheim  vom  21.  Nov.  1830.
        <pb n="112" />
        104  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

schweiger  nie  ganz  verwinden.  Nur  die  Macht  der  Verhältnisse  riß  den
Widerstrebenden  vorwärts,  und  kein  Wunder,  daß  der  wohlmeinende,  aber
unerfahrene,  bildungslose  und  wenig  scharfblickende  Fürst,  überwältigt
durch  den  seltsamen  Anblick  der  aufgeregten  Stadt,  die  Stärke  dieser
kleinbürgerlichen  Bewegung  überschätzte.

Der  junge  Welfe  fühlte,  daß  er  eines  Rückhalts  bedurfte,  und  blieb
daher  mit  seinem  Gönner  Wittgenstein  in  ununterbrochenem  Briefwechsel.
Auf  des  Herzogs  Bitten  ließ  der  König  von  Preußen  zwei  im  Braun—
schweigischen  wohlbekannte  Grundherren  aus  der  Nachbarschaft,  von  Wulffen
und  von  Alvensleben,  das  Ländchen  bereisen.  Beide  berichteten  der  Wahr—
heit  gemäß,  daß  der  landflüchtige  Fürst  von  allen  aufgegeben  sei  und
jedermann  das  Verbleiben  des  Herzogs  Wilhelm  wünsche.“)  Unterdessen
war  Graf  Veltheim  in  Berlin  eingetroffen.  Er  legte  jenes  schwarze  Buch
vor,  worin  Herzog  Karl  seine  frevelhaften  Regierungsgrundsätze  aufge—
zeichnet  hatte,  und  bat  geradezu,  der  König  möge  den  jüngeren  Bruder
zur  förmlichen  Übernahme  der  Statthalterschaft  veranlassen.  Bernstorff
hörte  den  Grafen  an;  jedoch  auf  Verhandlungen  mit  dem  landständischen
Abgesandten,  der  noch  dazu  als  persönlicher  Feind  des  vertriebenen  Herzogs
  bekannt  war,  wollte  er  sich  nicht  einlassen.  Preußen,  so  berichtete
er  dem  Könige,  müsse  „selbst  den  Schein  der  Nachsicht  in  der  Beurteilung
eines  Aufstandes  vermeiden“  und  in  so  ernster  Zeit  den  Nachbarn,  insbesondere
  dem  nächstbeteiligten  hannöverschen  Hofe  keinen  Anlaß  zum
Mißtrauen  geben;  dem  Bunde  allein  gebühre  die  Entscheidung.  Demnach
wurde  Nagler  beauftragt,  in  Frankfurt  die  ungesäumte  Absendung  eines
Bundeskommissärs  zu  verlangen;  dem  jungen  Herzog  aber  befahl  Bernstorff
im  Namen  des  Königs:  bis  der  Bund  gesprochen  habe,  solle  er  in  seiner
„unbestimmten,  aber  sehr  wohltätigen  Stellung“  ausharren.**)  Der  König
wußte,  daß  die  Rückkehr  des  Vertriebenen,  bei  der  allgemeinen  Aufregung
im  deutschen  Norden,  hochbedenklich,  ja  unmöglich  war;  doch  solange  sich
noch  hoffen  ließb,  daß  die  Bundesversammlung  ihre  Pflicht  erfüllen  würde,
wollte  er  den  Boden  des  Bundesrechts  nicht  verlassen.

Fast  noch  vorsichtiger  verfuhren  die  allezeitbedachtsamen  hannöverschen
Minister.  Sie  weigerten  sich,  mit  dem  Grafen  Oberg,  dem  Bevollmächtigten
  der  braunschweigischen  Stände,  amtliche  Verhandlungen  anzuknüpfen,
baten  den  Berliner  Hof  um  seinen  Rat  und  legten  zugleich  in  einer  langen
Denkschrift  ihrem  Könige  die  Frage  vor,  ob  er  nicht  als  Haupt  des  braunschweigischen
  Hauses  versuchen  wolle,  den  flüchtigen  Herzog  zur  Abdankung
zu  bewegen,  um  also  den  schlimmen  Handel  in  Frieden  aus  der  Welt  zu

 

*)  H.  Wilhelm  von  Braunschweig  an  Wittgenstein,  11.15.19.21.  Sept.  Wulffens
Bericht,  21.  Sept.  1830.

*“)  Bernstorff,  Bericht  an  den  König,  29.  Sept.,  an  Herzog  Wilhelm,  25.  Sept.,
Weisung  an  Nagler,  27.  Sept.  1830.  ·
        <pb n="113" />
        Herzog  Karl  in  England.  105

schaffen.)  König  Wilhelm  IV.  äußerte  sich  tief  entrüstet  über  den  Aufruhr
und  die  dem  welfischen  Hause  angetane  Schmach.  Der  gutmütige  Herr
teilte  den  Haß  seines  verstorbenen  Bruders  gegen  Herzog  Karl  durchaus
nicht,  sondern  empfing  den  Flüchtling  wohlwollend,  als  dieser  ihn  wenige
Tage  nach  der  Landung  im  Pavillon  zu  Brighton  aufsuchte.  Aber  wie
aroß  war  sein  Befremden,  da  er  nun  den  geckenhaften  Übermut,  die
schamlose  Verlogenheit  seines  Neffen  kennen  lernte.  Karl  hatte  noch  immer
keine  Ahnung  von  dem  Ernst  seiner  Lage;  er  hoffte  bestimmt,  durch  die
großen  Mächte,  deren  Hilfe  er  angerufen,  alsbald  wieder  eingesetzt  zu
werden,  und  erzählte  seinem  Oheim  lachend:  nur  aus  Liebe,  nur  um  ihn
im  Lande  zu  behalten  und  seine  längst  beabsichtigte  englische  Reise  zu  verhindern,
  hätten  ihm  die  Braunschweiger  sein  Schloß  angezündet.“)  Durch
die  englischen  Minister  ließ  er  sich  indes  bereden,  seinem  Bruder,  der
ihm  über  alles  Geschehene  gewissenhaft  Bericht  erstattete,  mindestens  eine
widerrufliche  Vollmacht  zu  erteilen  (21.  Sept.):  Herzog  Wilhelm  sollte
als  Generalgouverneur  vorläufig  die  Regierung  führen,  jedoch  nur  provisorische
  Ernennungen  vornehmen  und  an  den  organischen  Gesetzen  nichts
ändern.“)

Aber  welch  eine  lächerliche  Rolle  spielte  unterdessen  der  Bundestag.
Die  Abstimmungen  über  den  Bundesbeschluß,  welcher  den  Herzog  Karl
zur  Anerkennung  der  neuen  Verfassung  nötigen  sollte,  waren  noch  immer
nicht  alle  eingelaufen;  da  kam  schon  die  Nachricht  von  der  Vertreibung  des
Bösewichts.  Unbeschreiblich  war  der  Schrecken.  Alle  fühlten,  daß  Karls
Sturz  selbstverschuldet  und  unwiderruflich  sei.  Doch  so  leichthin  wollte
OÖsterreich  seinen  Schützling  nicht  preisgeben.  Die  kleinen  Höfe,  zumal
die  weitverzweigte  Verwandtschaft  des  braunschweigischen  Hauses,  zitterten
vor  der  Zumutung,  daß  sie  die  Revolution  anerkennen,  das  legitime
Fürstenrecht  verleugnen  sollten.  Wirr  wogten  die  Meinungen  durcheinander,
  an  rasches  Handeln  war  gar  nicht  zu  denken.  Die  ratlose  Versammlung
  ermannte  sich  vorerst  nur  zu  dem  Beschlusse,  einen  Bericht
der  braunschweigischen  Regierung  einzufordern.

Wie  hätten  die  Braunschweiger  in  solcher  Lage  nicht  die  Geduld  verlieren
  sollen?  Das  aufgeregte  Land  bedurfte  durchaus  einer  endgültigen
Ordnung.  Die  Landstände  versammelten  sich  und  überreichten  dem  Herzog
Wilhelm  am  27.  September  eine  Adresse,  worin  sie,  nach  einer  grell  gefärbten
Darstellung  der  Landesbeschwerden,  kühnlich  aussprachen,  er  müsse  die  Regierung
  übernehmen,  weil  Herzog  Karl  „nach  den  Grundsätzen  des  allgemeinen
  Staatsrechts“  sie  unmöglich  fortführen  könne.  Der  junge  Welfe

 

*)  Minister  v.  Ompteda  an  Bernstorff,  14.  Sept.  Bericht  des  hannöv.  Ministeriums
  an  K.  Wilhelm  IV.,  14.  Sept.  1830.

**)  Bülows  Berichte,  London  16.  20.  Sept.  Münster  an  das  hannöv.  Ministerium,
  5.  Okt.  1830.

*  )  Vollmacht  Herzog  Karls  für  H.  Wilhelm,  London  21.  Sept.  1830.
        <pb n="114" />
        106  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

war  auch  gern  bereit,  die  Statthalterschaft  im  Namen  seines  Bruders  förm—
lich  anzutreten,  da  dessen  Vollmacht  mittlerweile  aus  London  eingetroffen
war.  Aber  die  Minister,  die  Landstände,  die  Stadträte  und  viele  andere
ungebetene  Ratgeber  stellten  ihm  ernst,  fast  drohend  vor,  nimmermehr
dürfe  der  Name  des  Vertriebenen  erwähnt  werden,  sonst  breche  der  Aufruhr
  von  neuem  los.  Am  Abend  strömte  wieder  ein  Volkshaufen  auf
dem  Burgplatze  zusammen;  ein  Redner  kletterte  auf  das  alte  Löwendenkmal
  hinauf  und  ließ  die  Versammlung  ein  Pereat  auf  Karl,  ein  Hoch
auf  den  neuen  Herzog  Wilhelm  ausbringen.

Eingeschüchtert  durch  diese  Kundgebungen  des  Volkswillens,  verkündigte
Wilhelm  am  28.  September,  er  habe  sich  „veranlaßt  gefunden,  die  Regierung
  bis  auf  weiteres  zu  übernehmen“;  von  der  Vollmacht  seines
Bruders  sagte  er  in  seinem  Patent  kein  Wort.  Aus  Furcht  und  jugendlicher
  Unerfahrenheit,  keineswegs  aus  Ehrgeiz,  tat  er  also  den  ersten
rechtswidrigen  Schritt.  Dem  Könige  von  Preußen  wagte  er  sein  Unrecht
nicht  einzugestehen,  sondern  zeigte  ihm  nur  an,  daß  er  „in  Übereinstimmung
  mit  seinem  Bruder“  die  Regierung  vorläufig  übernommen  habe.
Seinem  englischen  Oheim  gegenüber  ging  er  freier  mit  der  Sprache
heraus:  er  habe,  so  schrieb  er  ihm,  die  Vollmacht  seines  Bruders  veröffentlichen

  wollen  und  viele  Vertrauensmänner  darüber  befragt;  aber

„einmütig  ward  es  ausgesprochen,  daß  eine  solche  Verkündigung  den
Zweck  meiner  provisorischen  Regierungsübernahme  gänzlich  vereiteln,
ja  von  neuem  eine  allgemeine  Gärung  veranlassen  und  die  gefährlichsten
  Folgen  für  das  Wohl  des  Landes  auch  in  Rücksicht  meiner  Person
haben  würde.“  7)  Die  Entschuldigung  war  so  schwächlich  wie  sein  ganzes
Verfahren;  denn  fand  er  den  Mut,  bei  seinem  ersten  Entschlusse  zu
beharren,  dann  konnte  er  als  unbestreitbar  rechtmäßiger  Statthalter
mit  Sicherheit  auf  die  Waffenhilfe  Preußens,  Hannovers,  ja  selbst  des
Deutschen  Bundes  zählen,  und  gegen  preußische  Bataillone  hätten  die
Heerscharen  des  Bürgerwehrmajors  Löbbecke  ihren  „freien  Gehorsam“
schwerlich  betätigt.  Den  Landständen  erwiderte  Herzog  Wilhelm:  er  werde
versuchen,  seinen  Bruder  zur  Abdankung  zu  bewegen;  mißlinge  dies,  so
wolle  er  sie  nicht  hindern,  sich  an  den  wohlwollenden  König  von  England-Hannover
  zu  wenden.  Der  Wink  ward  sofort  verstanden.  Noch  am
selben  Tage  riefen  die  Stände  die  Vermittlung  Wilhelms  IV.  an:  wenn
nur  Karl  erst  die  Krone  niedergelegt  habe,  dann  sei  sein  Bruder  rechtmäßiger
  Landesherr.)

In  Berlin  wie  in  London  mußte  man  sich  sagen,  daß  Herzog  Wilhelms
eigenmächtige  Tat  nicht  mehr  zurückgenommen  werden  konnte.  Ohne

 

*)  H.  Wilhelm  an  K.  Friedrich  Wilhelm,  28.  September,  an  K.  Wilhelm  IV.,
29.  Sept.  1830.

**)  Herzog  Wilhelm,  Schreiben  an  die  Landschaft,  28.  Sept.  Eingabe  der  Landschaft
  an  König  Wilhelm  IV.,  28.  Sept.  1830.
        <pb n="115" />
        Herzog  Wilhelms  Regentschaft.  107

ihn  ließ  sich  die  Beruhigung  des  Ländchens  nicht  erreichen,  und  auch  die
trotzige  Haltung  der  Braunschweiger  entsprang  keineswegs  allein  dem  überspannten
  Selbstgefühle  des  revolutionären  Philistertums:  eine  widerrufliche
  Vollmacht  bot,  bei  Karls  Charakter,  in  der  Tat  keine  Gewähr
für  dauernden  Frieden.  Darum  sahen  beide  Höfe  über  den  begangenen
Formfehler  schweigend  hinweg  und  bemühten  sich,  während  der  nächsten
Wochen  wetteifernd,  den  Flüchtling  zu  freiwilligem  Verzicht  zu  bewegen.
Der  König  von  Preußen  schrieb  ihm  selbst,  noch  nachdrücklicher  Fürst
Wittgenstein.)  König  Wilhelm  IV.  aber  unterhandelte,  erst  durch  Wellington
  und  Aberdeen,  nachher  persönlich  mit  seinem  Neffen.  Er  verfuhr
schonend  und  streng  ehrenhaft;  selbst  Graf  Münster,  des  Herzogs  alter
Feind,  bekundete  eine  unerwartete  Mäßigung.  Man  ließ  dem  Herzog  die
Wahl,  ob  er  gänzlich  abdanken,  oder  seinem  Bruder  mit  unbeschränkter
und  unwiderruflicher  Vollmacht  die  lebenslängliche  Statthalterschaft  übertragen
  wolle.  Auf  jeden  Fall  —  darüber  waren  die  beiden  Könige  einig  —
sollte  Karls  Nachkommen  ihr  Erbrecht  vorbehalten  bleiben.)

Endlich  begann  der  Herzog  einzulenken  und  rückte  mit  seinen  Bedingungen
  heraus.  Er  war  bereit,  den  Bruder  zum  Generalgouverneur
auf  Lebenszeit  zu  ernennen,  verlangte  aber  für  sich,  außer  dem  Hofstaate
  und  den  Ehrenrechten  eines  Souveräns,  eine  jährliche  Rente  von
300  000  Talern,  ohne  Abzug,  lediglich  für  seine  persönlichen  Ausgaben  —
und  dies  von  einem  Ländchen,  dessen  gesamte  Staatseinnahmen  wenig
mehr  als  eine  Million  betrugen.  Außerdem  sollte  der  Landtag  das  Recht
erhalten,  den  Herzog  jederzeit  zur  Selbstregierung  zurückzurufen.  Da  nach
englischen  Anstandsbegriffen  solche  kaufmännische  Künste  nicht  anstößig  sind,
so  zeigten  sich  Wellington  und  Aberdeen  geneigt,  Karls  Vorschläge  im
wesentlichen  anzunehmen;  was  kümmerte  diese  Torys  die  Finanznot
eines  deutschen  Kleinstaats?  Münster  aber  fand  die  Geldsumme  viel  zu
hoch,  den  Vorbehalt  einer  Zurückberufung  ganz  unannehmbar.“)  Noch
peinlicher  war  der  Berliner  Hof  überrascht.  Tief  empört  schrieb  Bernstorff
nach  Wien:  daß  Herzog  Karl  sich  sträubt,  ist  nicht  zu  verwundern;  „daß
er  aber  einen  so  hohen  Preis  in  Gelde  dafür  fordert,  einen  Preis,
welchen  das  Land  kaum  erschwingen  kann,  gibt  einen  abermaligen  Beweis
  von  der  Härte  und  dem  grenzenlosen  Egoismus  seines  Charakters.“  )

König  Friedrich  Wilhelm  war  indessen  längst  zu  der  Erkenntnis  gelangt,
  daß  die  zaudernden  englischen  Welfen  eines  Spornes  bedurften.

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Herzog  Karl,  16.  Oktober.  Wittgenstein  an  Herzog
Karl,  20.  Okt.  1830.
**)  Wellington  an  Münster,  4.  Okt.  Münster  an  Herzog  Wilhelm  von  Braunschweig,
  5.  Okt.  König  Wilhelm  IV.  an  Herzog  Wilhelm,  8.  13.  Okt.  1830.
***)  Bülows  Berichte,  15.22.  Okt.  Esterhazys  Bericht,  London  19.  Okt.  Münfter
an  Stralenheim,  2.  Nov.  König  Wilhelm  IV.  an  Herzog  Wilhelm,  4.  Nov.  1830.
0  Bernstorff  an  Maltzahn,  9.  Nov.  1830.
        <pb n="116" />
        108  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Er  hatte  den  jungen  Herzog  zu  der  Reise  nach  Braunschweig  bewogen
und  sich  dann  zurückgehalten,  um  dem  Deutschen  Bunde  und  dem  wel—
fischen  Hause  nicht  vorzugreifen.  Aber  die  von  Preußen  früher  beabsich—
tigte  Absendung  eines  Bundeskommissars  war  durch  die  Ereignisse  längst
überholt.  Herzog  Wilhelms  eigenmächtige  Statthalterschaft  wurde  von
den  Revolutionären  allerorten  als  ein  Regiment  der  Volkssouveränität
gepriesen,  die  unsicheren  Zustände  des  Landes  bedrohten  die  ganze  Nach—
barschaft.  Es  ward  hohe  Zeit,  daß  der  Bund  die  Regentschaft  anerkannte
und  ihr  also  einen  festen  Rechtsboden  verschaffte.  Der  König  ließ  daher
die  preußische  Ansicht  in  einer  ausführlichen  Denkschrift  des  Auswärtigen
Amtes  zusammenfassen  (29.  Okt.):  Die  Unruhen  in  Braunschweig  seien
nicht  schlechthin  anarchisch,  sondern  lediglich  gegen  den  Herzog  gerichtet
gewesen,  der  Haß  gegen  ihn  aber  so  glühend,  daß  die  Deutschen  bei  seiner
Rückkehr  vielleicht  selbst  „das  schauderhafte  Beispiel“  des  Fürstenmordes
erleben  könnten.  Verstehe  er  sich  nicht  zu  einem  Verzichte,  so  bleibe,  da
die  Reichsgerichte  nicht  mehr  bestünden,  nur  noch  das  eine  Mittel  übrig,
daß  die  Agnaten  des  welfischen  Hauses  mit  Genehmigung  des  Bundes—
tags  einen  endgültigen  Rechtszustand  herstellten.  Noch  deutlicher  schrieb
Bernstorff  einige  Wochen  darauf  nach  London:  scheitern  die  Verhandlungen
mit  Herzog  Karl,  dann  dürfen  sie  nicht  von  neuem  aufgenommen  werden,
sondern  die  Agnaten  müssen  den  Vertriebenen  für  regierungsunfähig
erklären  und  diesen  Beschluß  durch  den  Bundestag  gutheißen  lassen.)
Die  Denkschrift  wurde  nach  London,  Hannover  und  Frankfurt,  erst  später
nach  Wien  gesendet.  Eichhorn  selbst  hatte  sie  sorgfältig  umgearbeitet  und
alles  klug  darauf  berechnet,  die  hannöversche  Regierung  vorwärts  zu
drängen,  ohne  doch  den  immer  wachen  Argwohn  des  Grafen  Münster
gegen  Preußens  hegemonische  Gelüste  aufzureizen.  Der  Streich  gelang.
Münster  eignete  sich  die  preußischen  Ansichten  vollständig  an  und  wieder—
holte  sie  in  einer  Denkschrift  für  den  hannöverschen  Bundesgesandten,
welche  das  gemeinsame  Vorgehen  der  beiden  Kronen  in  Frankfurt  vorbereiten
  sollte.  *)  Herzog  Wilhelm  aber  sprach,  sichtlich  erleichtert,  dem
Berliner  Hofe  seinen  Dank  aus;  er  erbat  und  erhielt  die  Erlaubnis,  sich
auf  die  preußische  Denkschrift  zu  berufen,  falls  er  in  die  Lage  käme,  sein
Verbleiben  in  Braunschweig  vor  den  deutschen  Fürsten  zu  rechtfertigen.)

Zunächst  mußte  der  Bundestag  die  so  schmählich  verschleppte  Beschwerde
  der  Landstände  gegen  Herzog  Karl  endlich  erledigen.  Bis  zum
letzten  Augenblicke  versuchte  Graf  Münch  unter  allerhand  Vorwänden  diese
Entscheidung  zu  hintertreiben;  grenzenlos  war  die  Nachsicht  des  Hauses

 

*)  Denkschrift  des  Auswärtigen  Amtes,  die  gegenwärtige  Lage  des  Herzogtums
Braunschweig  betr.,  29.  Okt.  Bernstorff,  Weisung  an  Bülow,  17.  Nov.  1830.
**)  Bülows  Bericht,  20.  Nov.  Münster  an  Herzog  Wilhelm,  16.  Nov.  1830.
***)  Herzog  Wilhelm  an  Wittgenstein,  16.  November.  Bernstorff  an  Wittgenstein,
21.  Nov.  1830.
        <pb n="117" />
        Verhandlungen  mit  Herzog  Karl.  109

Osterreich  für  den  verächtlichsten  der  deutschen  Fürsten.  Aber  Nagler  blieb
standhaft,  und  am  4.  November  —  zwei  Monate  nach  der  Flucht  des
Welfen  —  beschloß  die  Bundesversammlung,  dem  Herzog  Karl  zu  eröffnen,
daß  er  die  Landschaftsordnung  von  1820  nur  auf  verfassungsmäßigem
Wege  abändern  dürfe.  Wie  lächerlich  auch  dieser  Beschluß  in  der  gänzlich
veränderten  Lage  klingen  mochte,  er  war  doch  notwendig,  er  sicherte  den
unglücklichen  Braunschweigern  mindestens  ihre  neue  Verfassung.  Preußens
Triumph  war  vollständig,  und  ingrimmig  nannte  Metternich  im  vertrauten
Kreise  den  einst  so  hochgeschätzten  Nagler  einen  verkappten  Jakobiner.
Außer  Österreich  hatten  nur  der  unverbesserliche  Kurfürst  von  Hessen
und  Münchs  getreuer  Trabant,  der  Stimmführer  der  sechzehnten  Kurie
Leonhardi  gegen  den  Beschluß  gestimmt.*)  Nun  erst  konnte  man  an  die
Frage  des  Augenblicks  herantreten.  An  die  Wiedereinsetzung  des  Herzogs
Karl  glaubte  eigentlich  niemand  mehr,  nicht  einmal  der  strengste  aller
Legitimisten,  Zar  Nikolaus.  Der  antwortete  auf  den  Hilferuf  des  Flüchtigen:
  „Wenn  ich  die  Ereignisse,  von  denen  Sie  mir  sprechen,  beklage,  so
beklage  ich  doch  nicht  weniger  die  verhängnisvollen  Verirrungen,  welche
sie  hervorgerufen  haben,  und  die  Täuschungen,  welche  Ew.  Durchlaucht
noch  über  ihre  unvermeidlichen  Folgen  zu  hegen  scheinen.““)  Auch  Metternich
  hatte  dem  preußischen  Gesandten  wiederholt  ausgesprochen,  daß
Karl  jetzt  unmöglich  sei,  und  Kaiser  Franz  sogar  einen  freundlichen  Brief
an  Herzog  Wilhelm  gerichtet.  Aber  wie  zweideutig  blieb  bei  alledem
Österreichs  Haltung.  Als  der  neue  k.  k.  Gesandte,  Hruby,  in  Braunschweig
  erschien,  brachte  er  ein  Beglaubigungsschreiben  an  Herzog  Karl
mit,  und  dies  Schreiben  sollte  er  dem  Bruder  des  Herzogs  als  dessen
Stellvertreter  überreichen.*)  Münch  begann  unterdessen  wieder  sein  altes
Spiel  gegen  Nagler,  und  bei  der  ängstlichen  Zerfahrenheit  der  Versammlung
  durfte  er  wohl  hoffen,  die  Entscheidung  abermals  hinauszuzögern.
Da  wurde  der  Bundestag  durch  eine  neue  Torheit  des  flüchtigen  Welfen
zum  Handeln  gezwungen.

Am  8.  November  hatte  Karl  die  Verhandlungen  mit  den  englischen
Ministern  plötzlich  abgebrochen,  am  folgenden  Tage  war  er  aus  England
verschwunden.  Acht  Tage  später  tauchte  er  in  der  Frankfurter  Gegend
wieder  auf;  der  Jude  Henrici,  der  soeben  aus  dem  Londoner  Schuldgefängnis
  entlassene  vormalige  bayrische  Leutnant  Bender  von  Bienenthal
und  einige  andere  Abenteurer  gleichen  Schlages  bildeten  sein  Gefolge.
Er  kam  mit  gefüllten  Taschen  und  war  entschlossen,  sich  mit  einer  Freischar
  die  Krone  zurückzuerobern.  Da  Herzog  Wilhelm  seiner  Vollmacht
nicht  öffentlich  erwähnt  hatte,  so  betrachtete  Karl  ihn  fortan  als  Feind,

*)  Naglers  Berichte,  26.  31.  Okt.  6.  Nov.  1830.
*?)  Kaiser  Nikolaus  an  Herzog  Karl  von  Braunschweig,  25.  Nov.  (a.  St.)  1830.

*  #)  Maltzahns  Bericht,  7.  Okt.  Kaiser  Franz  an  H.  Wilhelm  von  Braunschweig,
17.  Okt.  1830.
        <pb n="118" />
        110  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

nahm  am  16.  November  die  Vollmacht  förmlich  zurück  und  forderte  den
Bruder  auf,  sich  zu  einer  Unterredung  in  Fulda  einzufinden.  Die  Braun—
schweiger  aber  wollten  ihren  Regenten  nicht  ziehen  lassen;  sie  fürchteten
im  Ernst  —  so  stark  hatten  sich  die  Gemüter  erhitzt  —  Karl  werde  den
Bruder  vergiften.  „Daß  ich  dergleichen  Besorgnisse  nicht  hege,  bedarf
wohl  weiter  keiner  Versicherung“  —  schrieb  Herzog  Wilhelm  an  Wittgenstein,
  indes  wagte  er  auch  nicht  der  Einladung,  die  ja  doch  keinen  Erfolg
  verhieß,  zu  entsprechen.““)  Wie  fühlte  er  sich  wieder  so  unsicher  und
verlegen.  Die  Zurücknahme  der  Vollmacht  zog  ihm  den  Rechtsboden
unter  den  Füßen  hinweg;  seine  Statthalterschaft  war  nunmehr  nicht  bloß
der  Form,  sondern  auch  der  Sache  nach  eine  rechtswidrige  Usurpation.
Wieder  wendete  er  sich  nach  Berlin  um  Hilfe  und  gestand  seinem  Wittgenstein:
  Wenn  ich  nicht  öffentlich  erklären  darf,  daß  die  Könige  von  Preußen
und  Hannover  mein  Verbleiben  wünschen,  so  „werde  ich  wohl  nicht  umhin
  können,  mich  von  hier  zu  entfernen“.  Die  preußische  Antwort  verstand
  sich  von  selbst.  Unmöglich  durfte  man  dem  vertriebenen  Welfen
gestatten,  durch  einen  launischen  Einfall  den  mühsam  hergestellten  vorläufigen
  Rechtszustand  wieder  über  den  Haufen  zu  werfen.  Der  junge
Herzog  wurde  aufgefordert,  auch  nach  dem  Erlöschen  der  Vollmacht  in
seiner  Stellung  auszuharren.)

Noch  bevor  die  Erwiderung  aus  Berlin  eintraf,  hatten  sich  die  Braunschweiger
  selber  geregt.  Auf  die  Kunde  von  dem  Herannahen  des  verabscheuten
  kleinen  Tyrannen  geriet  das  Land  wieder  in  fieberische  Unruhe.
Die  Bürgerwehr  gelobte  in  einer  stürmischen  Versammlung  feierlich,  nur
dem  Herzog  Wilhelm  zu  gehorchen,  und  das  Gleiche  beschlossen  —  ein  in
Deutschland  unerhörter  Fall  —  auch  die  Offiziere  des  kleinen  Heeres.
Das  war  der  Fluch  der  Trägheit  des  Deutschen  Bundes.  Fast  ein  Vierteljahr
  lang  hatte  er  das  unglückliche  Land  sich  selber  überlassen,  und  nun
waren  alle  Rechtsbegriffe  schon  dermaßen  verwirrt,  daß  selbst  der  Fahneneid
  dieser  durch  Mut  und  Treue  gleich  berühmten  Truppe  nicht  mehr
standhielt.  Magistrat  und  Stadtverordnete  der  Hauptstadt  versicherten
dem  jungen  Herzog  in  einer  pathetischen  Adresse:  „Die  Sündenschar  wird
ihr  boshaftes  Treiben  so  lange  fortsetzen,  bis  die  dauernde  Regierung
unseres  neuen  Landesherrn  außer  allem  Zweifel  steht.“  Und  der  wackere
Bürgermeister  Bode  fügte  in  einem  Begleitschreiben  hinzu:  „Sollten  Rückschritte
  dem  alten,  über  alle  Beschreibung  drückenden  und  schaudervollen
Zustande  wieder  näher  führen,  so  will  ich  lieber  nicht  leben,  als  an  der
Spitze  einer  nach  und  nach  entwürdigten  oder  zur  desperaten  Wut  gereizten
Bürgerschaft  stehen.““““)  Dem  gefeierten  Herzog  war  bei  diesen  Huldigungen

*)  H.  Wilhelm  an  Wittgenstein,  21.  Nov.  1830.
**)  H.  Wilhelm  an  Wittgenstein,  22.  Nov.  Bernstorffs  Bericht  an  den  König,
30.  Nov.,  und  Antwort  an  H.  Wilhelm,  30.  Nov.  1830.
*"*)  Adresse  von  Magistrat  und  Stadtverordneten  Braunschweigs,  23.  November.
        <pb n="119" />
        Karls  versuchte  Rückkehr.  111

sehr  übel  zu  Mute;  das  Betragen  der  Offiziere  schmerzte  ihn  tief,  und
traurig  bekannte  er  dem  väterlichen  Wittgenstein:  „Die  Verhältnisse  nötigen
mich,  alle  diese  Dinge  stillschweigend  gutzuheißen.“*)  Aber  auch  diesmal
ließ  er  sich  von  der  Strömung  treiben  und  gestand  in  einer  Proklamation
vom  26.  Nov.:  er  habe  die  Regierung  „nicht  ohne  die  Zustimmung“  seines
Bruders  übernommen;  obgleich  „diese  Zustimmung  zu  seinem  innigsten
Bedauern  jetzt  aufgehört“  habe,  so  wolle  er  doch  auf  seiner  Stelle  bleiben,
da  Herzog  Karl  außer  stande  sei,  selbst  zu  regieren.  Und  wieder  entschuldigte
  er  sich  vor  dem  preußischen  Hofe:  der  Schritt  sei  durch  die  allgemeine
  Gärung  geboten  worden.)

Herzog  Karl  war  unterdessen  in  dem  preußischen  Städtchen  Ellrich
am  südlichen  Abhange  des  Harzes  eingetroffen.  Dort  warb  er  einen
Haufen  müßigen  Volkes,  ließ  das  Gesindel  tellergroße  französische  Kokarden,
  die  er  aus  Metz  mitgebracht,  auf  die  Mützen  stecken,  und  führte
seine  Bande  am  30.  November  gegen  die  nahe  braunschweigische  Grenze.
Er  spielte  jetzt  ganz  den  internationalen  Demagogen,  versprach  seinem
Volke  in  aberwitzigen  Manifesten  Abschaffung  des  Heeres,  Ablösung  der
Zehnten,  Steuerfreiheit  für  die  niederen  Klassen,  Schwurgerichte,  gewählte
Volksvertreter  und  Beamte.  Auch  einen  gefälschten  Aufruf  seines  Bruders
führte  er  in  zahlreichen  Abzügen  mit  sich;  darin  mahnte  Herzog  Wilhelm
die  Untertanen,  „ihre  Gemüter  nur  den  Verheißungen  und  dem  guten
Willen  Unseres  Bruders  zu  öffnen.““““)  An  der  Grenze,  bei  Zorge  standen
die  schwarzen  Jäger,  die  noch  den  Namenszug  Karls  auf  den  Tschakos
trugen;  doch  weder  die  Offiziere  noch  die  Mannschaft  wollten  dem  Kriegsherrn
  folgen,  als  dieser  halb  berauscht  und  weinend  sie  zu  überreden
suchte.  Sobald  die  Truppen  sich  zum  Feuern  fertig  machten,  ergriff  der
Welfe  zum  dritten  Male  die  Flucht,  ehe  noch  ein  Schuß  gefallen  war;
seine  Bande  stob  auseinander,  und  die  aufgefundenen  blauweißroten
Kokarden  wurden  nachher  den  Depeschen  der  Diplomatie  beigelegt,  um  die
jakobinischen  Pläne  dieses  legitimen  Fürsten  handgreiflich  zu  erweisen.  Mit
dem  Stolze  des  Helden  berichtete  sodann  der  Jägerhauptmann  Berner
von  der  unblutigen  Schlacht,  die  sich  an  „diesem  in  der  Geschichte  ewig
denkwürdigen  Platze“  abgespielt  hatte.x)  Karl  eilte  westwärts,  und  als
sich  unterwegs  in  Osterode  drohendes  Volk  vor  seinem  Gasthause  zusammenrottete,
  suchte  er  zum  vierten  Male  sein  Heil  in  der  Flucht,  bis  er  endlich
  die  Grenzen  Frankreichs  erreichte.

Diese  widerlichen  Narrenstreiche  stießen  dem  Fasse  doch  den  Boden

 

Bode,  Begleitschreiben  an  einen  Kammerherrn  (vermutlich  v.  Hohnhorst),  24.  November
  1830.
*)  H.  Wilhelm  an  Wittgenstein,  24.  Nov.  1830.
**)  H.  Wilhelm  an  König  Friedrich  Wilhelm,  26.  Nov.;  an  Bernstorff,  26.Nov.  1830.
**“)  Proklamation  Herzog  Wilhelms,  28.  Nov.  1830,  von  Herzog  Karl  verfaßt.
)  Hauptmann  Berner,  Bericht  an  Oberst  v.  Wachholz,  1.  Dez.  1830.
        <pb n="120" />
        112  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

aus.  Daß  ein  solcher  Mensch  dem  deutschen  hohen  Adel  nicht  mehr  an—
gehören  durfte,  leuchtete  schließlich  allen  ein.  Karl  konnte  sich  auf  sein
unbestreitbares  Fürstenrecht  berufen;  nun  hatte  er  selber  den  Pöbel  auf—
gehetzt,  den  Landfrieden  des  preußischen  Staates  gestört,  und  in  Berlin
war  man  schon  entschlossen,  ihn  aufheben  zu  lassen.  Jetzt  erst,  nachdem
Karl  selber  die  gütlichen  Verhandlungen  abgebrochen,  beantwortete  der
bedächtige  König  von  England  die  Adresse  des  braunschweigischen  Stände—
Ausschusses  vom  September  und  versicherte  die  Landstände  seines  Schutzes.
Selbst  Kaiser  Franz  erklärte  dem  Herzog  Wilhelm  seine  volle  Zustim—
mung  zu  den  unvermeidlichen  Entschlüssen  der  letzten  Tage.“)  Am  Bun—
destage  war  alles  verwandelt;  außer  dem  kurhessischen  Gesandten  bestritt
niemand  mehr,  daß  Karl  zum  Regieren  unfähig  sei.  Münchs  Zauder—
künste  hörten  auf,  die  Ansichten  Preußens  und  Hannovers  fanden  rasch
Anklang,  und  schon  am  3.  Dezember  einigte  sich  der  Bundestag  über
einen  Beschluß,  dem  nur  einzelne  Regierungen  nach  altem  Bundesbrauche
  noch  einen  Vorbehalt  anhingen.  Herzog  Wilhelm  wurde  ersucht,
„die  Regierung  bis  auf  weiteres  zu  führen“,  den  Agnaten  aber  ward
„anheimgegeben,  die  definitive  Anordnung  für  die  Zukunft  zu  bewirken“
und  sie  dem  Deutschen  Bunde  zur  Anerkennung  mitzuteilen.  Der  junge
Herzog  atmete  auf  und  beeilte  sich,  den  ersten  Teil  des  Beschlusses
seinem  Lande  mitzuteilen.  Nun  hatte  er  doch  wieder  einen  Rückhalt:  er
regierte  fortan  im  Auftrage  des  Deutschen  Bundes.

Freilich  nur  „bis  auf  weiteres“.  Und  seine  Stellung  ward  mit  jedem
Tage  unhaltbarer.  Karl  verwahrte  sich  sogleich  wider  den  Bundesbeschluß;
er  erklärte  dem  Könige  von  Preußen:  einem  seiner  „souveränen  Mitfürsten“
  wolle  er  wohl  die  Verwaltung  des  Landes  anvertrauen,  doch
nimmermehr  diesem  Bruder;  und  drei  Wochen  darauf  bot  er  selber  dem
Bruder  an,  ihn  zum  Mitregenten  oder  zum  provisorischen  Regenten  zu  ernennen,
  aber  immer  mit  dem  Vorbehalte:  „niemals  werde  ich  auf  meine  Landeshoheits=
  und  Regierungsrechte  zu  Gunsten  eines  dritten  verzichten.““)
Als  Herzog  Wilhelm  auf  diese  unklaren  und  schwerlich  ehrlich  gemeinten
Vorschläge  nicht  einging,  wurde  er  von  dem  Flüchtling  mit  Schmähungen
überschüttet.  Wie  durfte  man  ihm  zumuten,  auf  die  Dauer  die  Statthalterschaft
  zu  führen  für  einen  Fürsten,  der  ihn  soeben  mit  den  Waffen
anzugreifen  versucht  hatte,  der  ihn  öffentlich  als  Rebellen  und  Verräter
brandmarkte?  Das  neue  Ministerium,  das  er  sich  aus  tüchtigen  Männern
gebildet  und  der  gewandten  Leitung  des  Frhrn.  von  Schleinitz  unterstellt
hatte,  war  schon  längst  der  Meinung,  daß  der  Herzog  die  Regierung  definitiv
  übernehmen  müsse.““")  Wie  ein  Mann  forderte  das  ganze  Land

*)  K.  Wilhelms  IV.  Antwort  auf  die  Adresse  des  Landständ.  Ausschusses,  21.  Nov.
**)  H.  Karl  an  K.  Friedrich  Wilhelm,  1.  Jan.,  an  H.  Wilhelm,  25.  26.  Jan.  1831.

**7)  Schreiben  des  braunschweigischen  Ministeriums  an  den  hannöv.  Minister  v.
Stralenheim,  4.  5.  Dez.  1830.
        <pb n="121" />
        Die  welfische  Erbfolgefrage.  113

den  Übergang  der  Herzogskrone  an  den  jüngeren  Bruder.  Und  nun
faßte  sich  auch  der  junge  Welfe  selbst  ein  Herz  und  erklärte  dem  hannö—
verschen  Minister  Stralenheim  in  hellem  Zorne:  im  Namen  Karls  könne
er  nicht  regieren;  er  wolle  auch  nicht  in  die  Lage  kommen,  etwa  für  einen
minderjährigen  Sohn  seines  Bruders  die  Vormundschaft  zu  führen,  um
dann  vielleicht  den  gleichen  Undank  zu  erleben  wie  einst  König  Georg  IV.
und  sein  Alter  in  Elend  und  Sorge  zu  verbringen.“)  Diese  Sprache
verfehlte  in  London  ihre  Wirkung  nicht  ganz.  Legte  der  junge  Welfe  die
Regentschaft  nieder,  so  mußte  der  König  von  Hannover  als  nächster  Agnat
sie  übernehmen,  und  solche  Aussichten  erschienen  seinen  Räten,  nach  den
bitteren  Erfahrungen  früherer  Jahre,  sehr  unheimlich.  Daher  sprach  sich
Graf  Münster  jetzt  für  Herzog  Wilhelms  Ansicht  aus:  der  junge  Herr
habe  auch  eine  Stimme  und  könne  zur  Fortführung  der  Regentschaft
nicht  gezwungen  werden.)  Nur  König  Wilhelm  IV.  wollte  seine  Rechtsbedenken
  nicht  aufgeben;  das  ungestüme  Drängen  der  Braunschweiger
verletzte  seinen  Welfenstolz,  und  er  schrieb  dem  Neffen:  „Die  Form,  ob
Sie  in  eigenem  oder  in  Ihres  Herrn  Bruders  Namen  regieren  würden,
schien  mir  von  weniger  Wichtigkeit  zu  sein,  und  ich  gestehe  Euer  Liebden
unverhohlen,  daß  die  dasigen  Untertanen  sich  zu  viel  herausnehmen
würden,  wenn  sie  sich  dem  Gebrauche  von  Formen  sich  zu  widersetzen  das
Ansehen  geben  würden,  welche  das  Völker=  und  Fürstenrecht  geheiligt
hat.““"")

Hinter  allen  diesen  Bedenken  stand  als  schwerstes  die  Frage  der  Erbfolge,
  die  bei  freiwilligem  Verzichte  des  Herzogs  Karl  sich  leicht  lösen  ließ,
jetzt  aber  ganz  unentwirrbar  schien.  Wurde  dem  jüngeren  Bruder  die
Herzogskrone  übertragen  und  dennoch  den  Nachkommen  des  älteren,  nach
der  ursprünglichen  Absicht  aller  Agnaten,  das  Erbfolgerecht  vorbehalten,
so  war  mit  Sicherheit  vorauszusehen,  daß  Karl,  wie  vormals  Anton
Ulrich  von  Meiningen,  aus  Boshbeit  sofort  heiratete  und  eine  furchtbare
Schar  rechtmäßiger  Erben  erzeugte;  eine  ebenbürtige  Gemahlin  aus  einem
kleinen  mediatisierten  Hause  hätte  sich  leicht  gefunden.  Sollte  dann  Herzog
Wilhelm  gehalten  sein,  die  Krone  zu  Gunsten  eines  Neffen  niederzulegen?
Fast  noch  gefährlicher  schien  es,  den  Mannsstamm  des  jüngeren  Bruders
kurzweg  zur  Thronfolge  zu  berufen.  Die  Reichsacht  alter  Zeiten  hatte
zwar  regelmäßig  der  ungeborenen  Nachkommenschaft  des  Achters  ihre
Erbansprüche  genommen;  aber  wie  durften  die  Agnaten  eines  souveränen
Bundesfürsten  sich  eine  solche  Strafgewalt  anmaßen?  Bedenken  also  und
Zweifel  überall.  Das  Bundesrecht  gab  keine  Antwort;  ohne  die  Majestät

*)  Stralenheim  an  Münster,  Braunschweig  5.  Dezember.  Reden  an  Bernstorff,
28.  Dezember  1830.

**)  Münster  an  Stralenheim,  7.  Dez.,  an  Reden,  17.  Dez.,  an  die  Gesandtschaften
in  Wien,  Berlin,  Frankfurt,  17.  Dez.  1830.
*“#)  König  Wilhelm  IV.  an  Herzog  Wilhelm,  23.  Dez.  1830.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  8
        <pb n="122" />
        114  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

von  Kaiser  und  Reich  war  die  Frage  rechtlich  nicht  zu  lösen.  Die  Welfen
wußten  sich  wieder  nicht  zu  helfen,  und  wieder  mußte  Preußen  sie  vor—
wärts  treiben.

König  Friedrich  Wilhelm  zeigte  sich  in  diesem  Handel  überraschend
sest  und  sicher.  Wie  tief  er  auch  von  der  Heiligkeit  des  monarchischen
Rechtes  durchdrungen  war,  so  sagte  ihm  doch  sein  ehrliches  Gewissen,  daß
jedem  menschlichen  Rechte  eine  letzte  Schranke  gesetzt  ist.  Er  hielt  es  für
eine  sittliche  Pflicht,  den  deutschen  Fürstenstand  von  einem  Unwürdigen
zu  befreien,  und  für  ein  Gebot  der  Klugheit,  der  Nation  in  dieser  Zeit
der  Gärung  zu  beweisen,  daß  mindestens  das  Übermaß  fürstlicher  Willkür
  in  Deutschland  nicht  geduldet  werde.  Kurz  und  kühl  erwiderte  er
auf  einen  neuen  Brief  des  Flüchtlings:  die  Agnaten  und  dann  der  Bund
hätten  noch  einmal  zu  sprechen,  die  deutschen  Fürsten  würden  alles  „aus
dem  Gesichtspunkt  fürstlicher  Ehre  und  Würde  in  sorgfältige  Erwägung
ziehen“.?)  Weder  die  legitimistischen  Doktrinen  seines  Schwagers  Karl  von
Mecklenburg,  noch  die  Bitten  der  braunschweigischen  Verwandtschaft  vermochten
  ihn  umzustimmen.  Als  Karls  Großmutter,  die  greise,  halb
erblindete  Markgräfin  Amalie  von  Baden  und  deren  Tochter,  die  Königin-Witwe
  Karoline  von  Bayern  ihm  nach  Frauenart  vorstellten,  der  Verbannte
  werde  durch  „sein  schreckliches  Unglück“  hoffentlich  gebessert  werden,
  da  antwortete  der  König:  „Zur  Wiederherstellung  der  Ordnung  im
Herzogtum  und  zur  Sicherung  der  Ruhe  in  den  Nachbarlanden  gibt
es  nur  das  eine  Mittel:  die  Regierungsunfähigkeit,  wovon  Herzog  Karl
nur  zu  arge  Proben  gegeben  hat,  förmlich  anzuerkennen  und  die  Staatsgewalt
  in  den  Händen  seines  Bruders  gesetzlich  zu  befestigen.“  77)

In  diesem  Sinne  war  auch  die  neue  Denkschrift  gehalten,  welche  das
Auswärtige  Amt  am  9.  Jan.  1831  dem  hannöverschen  Gesandten  Reden
für  die  Agnaten  übergab.  Sie  führte  aus:  nachdem  die  Statthalterschaft
durch  Karls  letzte  Schritte  unmöglich  geworden,  sollten  die  Agnaten  nicht
als  Richter  auftreten,  sondern  lediglich  die  Tatsache  der  „absoluten  Regierungsunfähigkeit“
  des  Herzogs  feststellen.  „Eine  in  Ausübung  der
Regierungsgewalt  bewiesene  Bösartigkeit,  welche  gerade  wegen  der  dabei
vorhandenen  völligen  Zurechnungsfähigkeit  die  Gemüter  seiner  Untertanen
  gegen  ihn  empört  hat,“  macht  ihn  unfähig  zu  regieren,  „weil  der
Eindruck  seiner  Handlungen  nicht  ausgelöscht  zu  werden  vermag.“  Solche
Pflichtverletzungen  würden,  von  einem  Privatmann  begangen,  nicht  zur
Entmündigung  führen,  sondern  „ganz  andere  Folgen  haben“.  Ist  die
Tatsache  der  Regierungsunfähigkeit  Karls  durch  die  Agnaten  förmlich
anerkannt,  so  übernimmt  Herzog  Wilhelm,  nicht  durch  Übertragung,  son- 



*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Herzog  Karl,  19.  Jan.  1831.
**)  Markgr.  Amalie  an  K.  Karoline,  30.  Nov.  K.  Karoline  an  K.  Friedrich  Wilhelm,
3.  Dez.  Antwort,  16.  Dez.  1830.
        <pb n="123" />
        Preußen  treibt  die  Agnaten  vorwärts.  115

dern  kraft  seines  eigenen  Rechtes  als  nächster  Erbe  ohne  weiteres  die
Krone.  Die  schwierige  Frage  des  Erbfolgerechtes  der  Nachkommen  wird
für  jetzt  offen  gelassen,  da  die  herzoglichen  Brüder  beide  noch  unvermählt
sind,  und  gegebenen  Falles  späterhin  noch  eine  Entscheidung  getroffen
werden  kann.

So  Preußens  Rat.  In  einer  ergänzenden  Denkschrjft  gestand
Eichhorn  nachher  selber:  diese  Sätze  „sind  wirklich  als  ein  Extrem  zu
betrachten,  über  welches  ohne  Verletzung  des  Legitimitätsprinzips  nicht
hinausgegangen  werden  könnte“.“)  In  Wahrheit  enthielten  Preußens
Vorschläge  schon  einen  offenbaren  Bruch  des  legitimen  Rechtes;  denn  sie
verlangten,  daß  ein  unverantwortlicher  Souverän  zur  Strafe  für  seine
Untaten  abgesetzt  würde.  Dies  ließ  sich  rechtlich  um  so  weniger  begrün—
den,  da  Herzog  Karl  nicht  einmal  förmlich  gehört  wurde,  und  der  Rat
der  Agnaten  nur  aus  den  regierenden  Herren  der  beiden  welfischen  Linien
bestand,  von  denen  der  eine,  Herzog  Wilhelm,  unzweifelhaft  ein  Usurpator
  wider  Willen  war.  Aber  nach  allem,  was  geschehen,  war  der
Rechtsbruch  unvermeidlich,  an  die  Wiederherstellung  des  Vertriebenen  ließ
sich  gar  nicht  mehr  denken,  und  entschloß  man  sich  einmal  anzuerkennen,
daß  Not  kein  Gebot  kennt,  so  blieb  es  immerhin  noch  der  leidlichste  Ausweg,
  wenn  der  jüngere  Bruder  kraft  Geburtsrechts  in  die  Stelle  des
Entthronten  eintrat.  Die  Vertagung  der  Erbfolgefrage  ergab  sich  von
selbst  aus  der  Verlegenheit,  denn  aus  einem  Rechtsbruche  lassen  sich
Rechtsgrundsätze  schlechterdings  nicht  ableiten.  Man  scheute  sich  die  Rechtsverletzung
  weiter  zu  treiben,  als  es.  die  Notlage  des  Augenblicks  verlangte,
  und  die  Nachkommenschaft  Herzog  Karls  ihrer  Erbansprüche
geradezu  zu  berauben;  aber  man  wollte  diese  Rechte  auch  nicht  ausdrücklich
  anerkennen,  damit  nicht  Karl  eine  Ehe  schlösse,  welche  die  Verwirrung
  in  dem  Ländchen  nur  steigern  konnte.  Warum  der  Zukunft
vorgreifen?  War  es  nicht  möglich,  daß  eine  förmliche  Entscheidung  der
Frage  ganz  überflüssig  wurde?  daß  der  ausschweifende  Karl  frühzeitig
kinderlos  starb  und  dann  das  Thronfolgerecht  der  Nachkommen  Herzog
Wilhelms  unanfechtbar  dastand?  Solche  Erwägungen  lagen  nahe  genug.
Schon  während  der  Verhandlungen  der  letzten  Monate  hatten  beide  welfische
  Höfe,  zuerst  Braunschweig,  dann  Hannover,  die  Meinung  geäußert,
man  handle  vielleicht  am  klügsten,  wenn  man  die  „allerdings  delikate“
Erbfolgefrage  vorderhand  unberührt  lasse.“)

Als  nun  die  Vorschläge  Preußens  einliefen,  ergriffen  die  Agnaten  nochmals
  mit  Freuden  die  dargebotene  Hand.  Der  Herzog  von  Cambridge

 

*)  Denkschristen  des  Auswärtigen  Amtes:  für  die  Agnaten  9.  Januar,  für  den
Wiener  Hof  4.  März  1831.
**)  Zuerst  das  braunschweigische  Ministerium  in  seiner  Denkschrift  für  Stralenheim
vom  4.  Dezember  1830.
8s
        <pb n="124" />
        116  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

besprach  sich  im  Januar  persönlich  mit  Herzog  Wilhelm;  die  beiden  Höfe
eigneten  sich  sogar  den  Wortlaut  der  preußischen  Denkschrift  großenteils
an  und  ließen  am  10.  März  im  Bundestage  erklären:  nachdem  sie  die
Überzeugung  von  der  absoluten  Regierungsunfähigkeit  des  Herzogs  Karl
gewonnen  hätten,  sei  die  Regierung  des  Herzogtums  als  erledigt  anzusehen
  und  nunmehr  definitiv  auf  den  nächsten  Agnaten  Herzog  Wilhelm
übergegangen.

Welch  ein  Aufruhr  am  Bundestage,  als  diese  Erklärung  verlesen
wurde!  Schon  auf  die  erste  Andeutung,  daß  Herzog  Wilhelm  die  Krone
für  sich  verlange,  hatte  Metternich  dem  preußischen  Gesandten  in  hellem
Zorne  zugerufen:  „Ich  kann  und  will  es  noch  nicht  glauben.  Sollte  dies
aber  wider  Verhoffen  die  eigene  Ansicht  dieses  jungen  Fürsten  sein,  so
würde  ich  darin  nur  mit  Bedauern  einen  Beweis  finden  können,  daß
derselbe  nicht  würdig  sei,  die  ihm  anvertraute  Stellung  auszufüllen.“)
Sein  legitimistischer  Feuereifer  verwickelte  den  Staatskanzler  in  die  seltsamsten
  Widersprüche.  Die  absolute  Regierungsunfähigkeit  des  Herzogs  Karl
gestand  er  ausdrücklich  zu,  und  gleichwohl  verlangte  er  in  einer  Denkschrift
für  den  Hof  von  Hannover,  daß  Herzog  Wilhelm  nur  die  Statthalterschaft
für  seinen  Bruder  führen,  die  Braunschweiger  ihm  nicht  huldigen,  sondern
  nur  einen  Paritionseid  leisten  dürften.  Diese  Sophismen  gefielen
ihm  selber  so  wohl,  daß  er  sie  auch  nach  Berlin  sendete  und  mit  gewohnter
  Anspruchslosigkeit  dazu  bemerkte:  „Wir  schmeicheln  uns,  diese
Ausführung  als  streng  korrekt  bezeichnen  zu  dürfen.““)  Und  doch  war
eine  gegen  den  ausgesprochenen  Willen  des  legitimen  Fürsten  geführte
Statthalterschaft  um  kein  Haarbreit  rechtmäßiger  als  eine  usurpierte  Herzogswürde.
  Darauf  entspann  sich  ein  sehr  lebhafter  Meinungsaustausch
zwischen  den  beiden  deutschen  Großmächten.  Metternich  blieb  hartnäckig
bei  seiner  Behauptung,  daß  allein  die  illegitime  Statthalterschaft  der
„Korrektheit“  entspreche;  der  kaiserliche  Hof  müsse  freilich,  um  die  Braunschweiger
  nicht  aufzuregen,  alles  geschehen  lassen,  was  die  Agnaten  beschlössen;
  doch  unmöglich  könne  er  ihrer  Erklärung  zustimmen,  die  „auf
eine  so  unnötige,  sophistische  und  empörende  Weise  alle  Grundsätze  der
Legitimität  über  den  Haufen  werfe“.  **)  Das  alles  klang  so  rätselhaft,
daß  man  in  Berlin  anfangs  an  ein  Mißverständnis  glaubte.  Da  erfuhr
man  durch  den  österreichischen  Gesandten  Hruby  in  Hannover,  daß  Kaiser
Franz  selber  und  seine  dem  Braunschweiger  nahe  verwandte  bayrische
Gemahlin  hinter  Metternich  standen.  Nun  war  keine  Hoffnung  mehr;
am  24.  März  ließ  Bernstorff  nach  Wien  schreiben,  er  bedauere,  daß  eine

 

*)  Maltzahns  Bericht,  7.  Jan.  1831.
**  )  Metternich,  Promemoria  an  den  hannöv.  Gesandten  v.  Bodenhausen  29.  Jan.,
an  Trauttmansdorff  4.  Febr.  1831.
*##)  Maltzahns  Bericht,  Wien  4.  März  1831.
        <pb n="125" />
        Anträge  der  Agnaten  am  Bundestage.  117

Verständigung  mit  Österreich  unmöglich  sei.')  Wenn  die  Großmächte
sich  nicht  einigen  konnten,  so  noch  weit  weniger  die  anderen  Bundesstaaten.
  Ein  kläglicher  Anblick,  wie  die  kleinen  Ameisen  in  dem  Sandhaufen
  des  Bundesrechts  ängstlich  durcheinander  wimmelten,  nachdem
der  Stecken  der  Revolution  seine  Furchen  querdurch  gezogen  hatte.  Wieder
  begann  Graf  Münch  seine  alten  Künste,  und  wieder  zog  der  Streit
sich  unabsehbar  in  die  Länge.

Mittlerweile  gestaltete  sich  die  Lage  des  Herzogtums  täglich  unleidlicher.
  Die  Braunschweiger  nannten  den  jungen  Welfen  in  Reden  und
Schriften  „unseren  rechtmäßigen,  durch  den  Willen  des  Volkes  erwählten
Fürsten“,  sie  waren  mit  ihrer  revolutionären  Rechtsweisheit  längst  im
reinen.  Ihr  Oberappellationsrat  K.  F.  von  Strombeck,  ein  Bureaukrat
  aus  der  Schule  des  Königreichs  Westfalen,  hatte  ihnen  schon  bald
nach  dem  Schloßbrande  in  einer  Flugschrift  die  Frage  beantwortet:  „Was
ist  Rechtens,  wenn  die  oberste  Staatsgewalt  dem  Zwecke  des  Staatsverbandes
  entgegenhandelt?“  Da  wurden  aus  der  alten,  von  der  historischen
Rechtsschule  längst  überwundenen  Staatsvertragslehre  schnellfertig  kecke
Schlüsse  gezogen,  die  der  Halbbildung  einleuchten  mußten:  wenn  der  Fürst
seine  Vertragspflichten  verletzt,  so  sind  die  Untertanen  ihrerseits  berechtigt,
ihm  den  Gehorsam  aufzukündigen.  Die  neue  Regierung  fühlte  selbst  sehr
lebhaft,  daß  solche  Doktrinen  das  Wesen  der  Monarchie  aufheben;  sie
hätte  ihren  unbequemen  Verteidiger  gern  bestraft,  aber  sie  wagte  es
nicht,  weil  sie  Unruhen  besorgte.*)  Ihre  Furcht  stieg  noch,  als  im  März
ruchbar  wurde,  daß  die  Erklärung  der  Agnaten  im  Bundestage  auf  Widerspruch
  gestoßen  sei.  Länger  wollte  das  Land  die  quälende  Ungewißheit
nicht  mehr  ertragen;  mit  wachsender  Erbitterung  besprach  man  die  Lage,
und  schon  ward  die  Frage  laut,  ob  man  nicht  durch  Selbsthilfe  dem
zaudernden  Bundestage  zuvorkommen  solle.  Am  25.  April  stand  das
Geburtsfest  des  Herzogs  Wilhelm  bevor,  das  ganze  Ländchen  rüstete  sich
den  Tag  festlich  zu  begehen.  Wie  nun,  wenn  alle  Gemeinden  dann
gleichzeitig  dem  neuen  Landesherrn  freiwillig  den  Huldigungseid  leisteten?
Der  Plan  konnte  sehr  leicht  gelingen,  er  entsprach  den  allgemeinen
Wünschen,  und  Herzog  Wilhelm  war  nicht  der  Mann,  ihn  gewaltsam  zu
hintertreiben;  gelang  er  aber,  so  erlebte  Deutschland  das  für  einen  Fürstenbund
  hochgefährliche  Beispiel  einer  demokratischen  Fürstenwahl,  und  wer
sollte  dann  die  vollzogene  Kundgebung  der  Volkssouveränität  rückgängig
machen?

*)  Graf  Maltzahns  Bericht,  Hannover  6.  März.  Weisung  an  Frhrn.  v.  Maltzahn
in  Wien,  24.  März  1831.
**)  Schreiben  des  braunschw.  Ministeriums  an  den  Bundesgesandten  v.  Marschall,
21.  Nov.  1830.
*?*)  Berichte  des  Grafen  Maltzahn,  Hannover  29.  März,  1.  April.  Graf  Veltheim
an  Bernstorff,  11.  April  1831.
        <pb n="126" />
        118  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Der  junge  Welfe  war  in  Verzweiflung.  Das  stand  ihm  fest,  daß  er
nur  als  Herzog,  nicht  als  Statthalter  seines  erklärten  Feindes  regieren
konnte;  aber  wenn  die  Bundesversammlung  ihm  die  Thronbesteigung  nicht
gestatten  wollte,  dann  war  er  schon  halb  entschlossen,  die  Regierung  nieder—
zulegen  und  sofort  abzureisen.  Von  Hannover  hatte  er  rasches  Eingreifen
nicht  zu  erwarten;  dort  war  der  Bedenklichkeiten  abermals  kein  Ende  und
nur  der  eine  Rat  zu  erlangen,  daß  man  „mit  der  äußersten  Vorsicht
verfahren“  müsse.“)  So  blieb  wieder  nur  Preußens  Hilfe  übrig.  Am
7.  April  zeigte  der  Herzog  seinem  Freunde  Wittgenstein  an,  daß  er  den
Grafen  Veltheim,  den  er  inzwischen  in  sein  Ministerium  berufen  hatte,
abermals  mit  vertraulichen  Aufträgen  nach  Berlin  senden  werde.

Noch  ehe  Veltheim  eintraf,  hatte  der  preußische  Hof  seinen  Entschluß
gefaßt.  Als  Schutzmacht  des  deutschen  Nordens  konnte  Preußen  es  nicht
verantworten,  daß  der  unsichere  Zustand  in  dem  Herzogtume  noch  länger
währte;  die  von  den  Braunschweigern  geplante  eigenmächtige  Huldigung
mußte  auf  jeden  Fall  verhindert  werden.  Darum  sollte  Herzog  Wilhelm
sofort  als  rechtmäßiger  Erbe  des  durch  die  Agnaten  für  regierungsunfähig
erklärten  Herzogs  die  Krone  übernehmen  und  noch  vor  seinem  Geburtstage
  den  Untertanen  die  Eidesleistung  anbefehlen.  Eine  richterliche  Entscheidung
  über  den  Beschluß  der  Agnaten  stand  dem  Bundestage  nicht  zu;
er  hatte  nur  das  Recht,  den  neuen  Herzog  als  Mitglied  des  Deutschen
Bundes  anzuerkennen,  und  diese  Anerkennung  konnte  er  auch  nachträglich,
nach  erfolgtem  Regierungswechsel  aussprechen.  In  solchem  Sinne  antwortete
  Bernstorff  auf  Veltheims  Frage,  was  nun  zu  tun  sei;  er  bedauerte,
  daß  die  Uneinigkeit  des  Bundestags  zu  solchen  Schritten  nötige,
aber  Preußen  habe  seine  Ansicht  nie  verhehlt  und  werde  den  jungen  Herzog
auch  jetzt  nicht  verlassen.  )  Bei  den  guten  Ratschlägen  blieb  es  nicht.
Eichhorn  selbst,  der  diesen  Handel  ebenso  eifrig  betrieb  wie  die  Zollvereinssache,
  prüfte  die  von  Veltheim  vorgelegten  Entwürfe  für  das  Patent,  das
der  Herzog  bei  seinem  Regierungsantritt  erlassen  sollte,  und  da  er  sie  alle
ungenügend  fand,  so  schrieb  er  eigenhändig  ein  neues  Patent.“)  Mit
einer  Abschrift  davon  eilte  Veltheim  nach  Braunschweig  zurück.  Also  des
preußischen  Beistandes  sicher,  schöpfte  der  junge  Herzog  frischen  Mut;  er
nahm  den  Entwurf  Eichhorns  Wort  für  Wort  an  und  sendete  gerührt
seinen  Dank:  „Ohne  den  kräftigen  Beistand,  welchen  der  königliche  Hof
dieser  für  mich  und  das  Land  so  hochwichtigen  Angelegenheit  hat  angedeihen
  lassen,  wäre  sie  wohl  nie  zu  dem  erwünschten  Ziele  gelangt.“)

 

*)  Schleinitz  an  Stralenheim,  8.  März,  Antwort  14.  März.  Graf  Bremer,
Ministerialschreiben  an  das  braunschw.  Ministerium,  Hannover  2.  April  1831.
**)  Eichhorn,  Weisung  an  Graf  Maltzahn,  8.  Apr.  Bernstorff  an  Veltheim,  14.  Apr.  1831.
*  *)  Eichhorn,  Entwurf  für  das  Patent  des  Herzogs  Wilhelm,  o.  D.,  am  16.  April
1831  von  Graf  Veltheim  zurückgeschickt.
)  Herzog  Wilhelm  an  Wittgenstein,  16.  19.  April  1831.
        <pb n="127" />
        Thronbesteigung  Herzog  Wilhelms.  119

Am  20.  April  überraschte  er  sein  Land  durch  die  Veröffentlichung  des
Patents.  Eichhorn  hatte  die  Worte  so  gewählt,  daß  der  Bundestag  an
der  vollendeten  Tatsache  nichts  mehr  ändern  konnte;  nachdem  der  Herzog
seinen  Regierungsantritt  verkündigt  und  vor  dem  Lande  gerechtfertigt  hatte,
schloß  er  einfach:  mit  der  Ableistung  des  neuen  Huldigungseides  werde
die  definitive  Anordnung,  wozu  der  Bund  die  Agnaten  eingeladen,  „be—
wirkt  sein“,  und  die  Bundesversammlung  davon  benachrichtigt  werden.
Die  Braunschweiger  frohlockten.  Wie  alle  die  freiheitsstolzen  Bürger  der
konstitutionellen  Kleinstaaten  waren  sie  gewohnt  auf  die  preußische  Knechtschaft
  tief  herabzublicken;  sie  ließen  sich's  nicht  träumen,  daß  das  Patentihres
volksfreundlichen  Wilhelms  im  Berliner  Auswärtigen  Amte  geschrieben
war.  Fünf  Tage  darauf  konnten  sie  nun  wirklich,  wie  sie  gewünscht,
den  Geburtstag  ihres  neuen  Landesherrn  durch  die  allgemeine  Huldigung
feiern;  aber  die  Eidesleistung  erfolgte  nunmehr  auf  Befehl  des  Herzogs,
nicht  durch  Volksbeschlüsse.  In  schwungvoller  Rede  feierte  Bürgermeister
Bode  „den  Fürsten,  der  wie  auf  Windesflügeln  in  seine  furchtbar  bewegte
Stadt  eilte“.  Der  junge  Welfe  dankte  dem  Grafen  Bernstorff  nochmals
vertraulich  für  seine  „bleibenden  Verdienste“  um  Braunschweig  und  schrieb
an  Wittgenstein:  „Auch  für  mich  war  es  ein  Tag  der  Freude,  welche  vollkommen
  gewesen  sein  würde,  hätte  ich  des  betrübenden  Gedankens  an  meinen
Bruder  dabei  mich  erwehren  können.“)

Dergestalt  war  die  Frage  ohne  den  Bundestag  entschieden,  und  in  dieser
unglücklichen  Versammlung  ward  das  Zerwürfnis  täglich  größer.  Zu  den
unbestreitbaren  schweren  Rechtsbedenken  gesellten  sich  jetzt  noch  das  Gefühl
beleidigter  Würde  und  der  allezeit  wache  Argwohn  gegen  Preußen.  Schon
als  die  Agnaten  ihre  Erklärung  einreichten,  gelangte  die  in  Frankfurt
blühende  Klatscherei  bald  auf  die  rechte  Fährte,  und  Nagler  meldete:
„Wahrscheinlich  hat  Hannover  das  Geheimnis  wenig  bewahrt,  daß  die
von  ihm  aufgestellten  Ansichten  und  Maximen  größtenteils  von  Preußen
ihm  suppeditiert  seien.“  Nach  dem  letzten  Schritt  Herzog  Wilhelms  ließ
Bernstorff  überall,  selbst  in  Wien,  offen  aussprechen,  daß  der  preußische
Hof  dazu  geraten  habe.  Über  den  Verfasser  des  Patents  sagte  er  allerdings
  nichts;  diese  Enthüllung  hätten  die  Nerven  der  deutschen  Souveräne
schwerlich  vertragen.“)

So  war  denn  Österreichs  Ränken  Tür  und  Tor  geöffnet.  Während
Metternich  treuherzig  versicherte,  er  verhalte  sich  ganz  leidend,*)  warben
seine  Leute  in  Frankfurt  Tag  für  Tag  Stimmen  gegen  Preußen,  die
gewohnte  Parteistellung  verschob  sich  gänzlich.  Neben  Münch  und  seinem
Schatten  Leonhardi  standen  nicht  nur  der  unwandelbare  Kurhesse  und  der

*)  Herzog  Wilhelm  an  Bernstorff,  26.  April,  an  Wittgenstein,  26.  April  1831.
*)  Naglers  Bericht,  7.  März.  Weisung  an  Maltzahn  in  Wien,  12.  Mai  1831.
*)  Maltzahns  Bericht,  25.  April  1831.
        <pb n="128" />
        120  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

eifrigste  Reaktionär  der  Versammlung,  der  Holsteiner  Pechlin,  sondern
auch  der  Oldenburger  Both,  weil  sein  braver  Großherzog  sich  nicht  entschließen
  konnte,  die  Folgen  eines  Aufruhrs  anzuerkennen.  Andere  Souveräne
  betrachteten  die  Frage  einfach  als  Familiensache.  In  Darmstadt
neigte  sich  du  Thil  der  preußischen  Ansicht  zu,  aber  Prinz  Emil  setzte  durch,
daß  man  den  Vetter  Karl  nicht  im  Stiche  ließ.  Ebenso  dachte  der  Dresdner
Hof,  der  sogar  im  voraus  verlangte,  daß  Karls  künftige  Kinder  nicht
von  ihrem  revolutionären  Oheim,  sondern  vom  Könige  von  Hannover  erzogen
  werden  sollten.  Selbst  der  König  von  Württemberg  ließ  sich,  gegen
den  Rat  seiner  Minister,  durch  dynastische  Rücksichten  bestimmen.  Nicht
einmal  auf  ihren  eigenen  Gesandten,  den  Nassauer  Marschall  konnte  sich
die  braunschweigische  Regierung  unbedingt  verlassen.  Dieser  Vertraute
Metternichs  erweckte  allgemeinen  Argwohn  durch  seine  fast  übermenschliche
Unparteilichkeit,  er  hatte  noch  Vollmacht  von  Herzog  Karl  und  empfing
zugleich  die  Weisungen  Herzog  Wilhelms;  abwechselnd  Revolutionär  und
Legitimist  überreichte  er  dem  Bundestage  bald  die  Erklärungen  des  jüngeren,
bald  die  des  älteren  Bruders  und  sagte  sich  selber  die  gröbsten  Beleidigungen
ins  Gesicht.  Dagegen  ging  Preußens  alter  Feind  Blittersdorff  diesmal
mit  Nagler  zusammen,  desgleichen  Mecklenburg,  die  Ernestiner,  die  Hansestädte.
  Bei  König  Ludwig  von  Bayern  hatten  die  flehentlichen  Bitten
seiner  Stiefschwestern  und  der  Königin-Witwe  nichts  ausgerichtet;  nach
einigem  Zögern  erklärte  er  sich  für  die  Erklärung  der  beiden  Welfenhöfe:
von  Nebenbestimmungen  müsse  man  absehen,  da  sie  „teils  der  Beurteilung
  der  hohen  Agnaten  zustehen,  teils  auf  Voraussetzungen  zielen,
welche  noch  nicht  eingetreten  sind.“?)

Am  11.  Mai,  zwei  volle  Monate  nach  dem  Antrage  der  Agnaten,
erwartete  man  endlich  den  Schluß  der  Verhandlung.  Die  Stimmen
standen,  acht  gegen  acht.  Mit  Spannung  sahen  alle  der  Abstimmung
Luxemburgs  entgegen;  sie  allein  fehlte  noch  und  mußte  den  Ausschlag
geben.  Die  Instruktion  aus  dem  Haag  war  noch  immer  nicht  eingetroffen.
Der  luxemburgische  Gesandte  aber,  Graf  Grünne,  stammte  aus  einem
Geschlechte,  das  im  österreichischen  Dienste  emporgekommen  war;  er  zählte
zu  Münchs  Vertrauten  und  bot  willig  seine  Hand  zu  einem  jener  Überraschungsscherze,
  welche  die  k.  k.  Bundespolitik  mit  Hilfe  der  dehnbaren
Präsidialrechte  so  meisterhaft  aufzuführen  verstand.  Münch  war,  wie
Metternich  dem  preußischen  Gesandten  selbst  gestand,  durch  die  Hofburg
angewiesen,  „die  ferneren  Bundesbeschlüsse  an  die  neuesten  faktischen  Vorgänge
  anzuknüpfen,“#*)  und  diesem  Befehle  gemäß  kartete  er  sein  Spiel
mit  dem  Luxemburger  ab.  Statt  einfach  anzuzeigen,  daß  er  noch  keine
Weisung  habe  und  mithin  die  Schlußziehung  noch  vertagt  werden  müsse,

 

*)  K.  Ludwig  von  Bayern,  Weisung  an  Lerchenfeld,  2.  Mai  1831.
**)  Maltzahns  Bericht,  Wien  2.  Mai  1831.
        <pb n="129" />
        sterreichs  Umtriebe  für  Herzog  Karl.  121

bemerkte  Graf  Grünne  gemütlich:  durch  Herzog  Wilhelms  Regierungs—
antritt  habe  sich  der  Stand  der  Sache  verändert,  und  es  scheine  vor
allem  erforderlich,  zu  vernehmen,  wie  die  Bundesregierungen  „diesen  un—
erwarteten  Vorschritt“  beurteilten.  Die  Erklärung  wurde  nicht  nur  ganz
eigenmächtig  abgegeben,  sie  verstieß  auch  offenbar  gegen  die  Geschäftsord—
nung,  da  lediglich  der  Antrag  der  Agnaten  zur  Abstimmung  stand.

Gleichwohl  ging  der  pflichtgetreue  Präsidialgesandte  sofort  darauf  ein
und  hielt  einen  langen,  unverkennbar  wohlvorbereiteten  Vortrag  über  die
Thronbesteigung  des  jungen  Welfen.  Er  verdammte  diese  „höchst  bedauernswerte
  Tatsache“  mit  scharfen,  geradezu  beleidigenden  Worten;  er  behauptete,
  das  Ansehen  des  Bundes  sei  verletzt  durch  die  vorgreifende,  keineswegs
gerechtfertigte  Handlungsweise  des  Herzogs,  und  schloß  mit  dem  Antrage:
der  Bundestag  möge  den  Vorgang  in  sein  Protokoll  verzeichnen,  den
Regierungen  alles  weitere  anheimstellen,  aber  zugleich  aussprechen,  daß
„diese,  ohne  Zutun  des  Bundes  vollzogene  Anordnung"“  die  Rechte  der
Nachkommen  Herzog  Karls  nicht  beeinträchtigen  könne.  Alsbald  erhob
sich  Nagler,  um  Verwahrung  einzulegen  wider  einen  Antrag,  der,  ohne
die  Regierungen  auch  nur  zu  befragen,  im  voraus  eine  Rüge  gegen  das
Verfahren  des  Herzogs  aussprechen  wolle;  ein  solcher  aus  dem  Stegreif
gefaßter  Beschluß  sei  null  und  nichtig.*)  Aber  die  österreichische  Partei
hielt  bei  ihrem  Führer  aus;  nur  zwei  Stimmen  vertauschten  ihre  Stelle,
Mecklenburg  ging  zu  Österreich,  Württemberg  zu  Preußen  über.  Die  k.  k.
Uberrumpelung  gelang  vollkommen.  Da  über  diesen  unvermuteten  Vorschlag
  niemand  instruiert  war,  so  stimmte  auch  Graf  Grünne  wohlgemut
mit,  und  dank  dem  Luxemburger  wurde  Münchs  Antrag  mit  einer
Stimme  Mehrheit  angenommen.  Welch  ein  Ergebnis!  Nach  zwei  Monaten
hatte  der  Bundestag  über  die  Erklärung  der  Agnaten  noch  immer  nichts
entschieden,  wohl  aber  durch  einen  rechtlich  anfechtbaren  und  praktisch  unwirksamen
  Beschluß  seinen  Arger  bekundet  wegen  der  Huldigung  der
Braunschweiger.

Kaiser  Franz  stand  nicht  an,  dem  jungen  Herzoge  selber  auszusprechen,
daß  er  diesen  Bundesbeschluß  billige:  „Ich  bin  es  den  Grundsätzen,  welche
mir  während  einer  neununddreißigjährigen  Regierung  der  mir  von  der
Vorsehung  anvertrauten  Staaten  zur  Richtschnur  dienten,  schuldig,  Ew.
Liebden  frei  und  offen  zu  bekennen,  wie  sehr  ich  Ihren  so  bedenklichen
Schritt  bedauere.“**)  Preußen  aber  setzte  alle  Hebel  ein,  um  endlich  die
Anerkennung  des  Beschlusses  der  Agnaten  zu  erwirken.  Zunächst  galt
es,  die  luxemburgische  Stimme,  die  allein  noch  ausstand,  für  Preußen
zu  gewinnen.  Dies  gelang  dem  Gesandten  im  Haag,  dem  Grafen  Truchseß,
  ohne  besondere  Mühe,  weil  der  König  der  Niederlande  alle  deutschen
Angelegenheiten  mit  vollkommener  Gleichgültigkeit  betrachtete  und  wegen

*)  Naglers  Berichte,  11.  21.  26.  Mai  1831.
**)  K.  Franz  an  H.  Wilhelm,  30.  März  1831.
        <pb n="130" />
        122  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

der  belgischen  Wirren  auf  Preußens  Freundschaft  rechnen  mußte.“)  Am
30.  Juni  erklärte  Graf  Grünne  zum  allgemeinen  Erstaunen,  er  sei  jetzt
angewiesen,  sich  den  Anträgen  der  Agnaten  anzuschließen.  Damit  war  also
endlich  die  Mehrheit  für  Preußen  gesichert,  und  wenn  der  Präsidialge—
sandte  seiner  Pflicht  gemäß  nunmehr  einen  Beschluß  fassen  ließ,  so  wurde
die  Regierung  des  Herzogs  Wilhelm  von  Bundes  wegen  anerkannt.  Osterreich
  aber  wollte  seine  Niederlage  nicht  eingestehen,  Münch  verzögerte  den
Beschluß  unter  nichtigen  Vorwänden  von  Woche  zu  Woche.  Und  währenddem
  begannen  Preußens  Parteigenossen  selber  unsicher  zu  werden.  König
Ludwig  von  Bayern  schrieb  seinem  Bundesgesandten:  eine  Schlußzichung
scheine  nicht  mehr  nötig;  genug  wenn  alle  Regierungen  einzeln  den  neuen
Herzog  anerkennten.  Selbst  der  hannöversche  Hof  fiel  wieder  in  seine  gewohnte
  Bedachtsamkeit  zurück.  Minister  von  Ompteda  in  London  gestand  dem
preußischen  Gesandten,  seine  Regierung  wolle  mit  Osterreich  nicht  brechen
und  darum  für  jetzt  nichts  weiter  tun.)  So  ward  denn  wieder  zweifelhaft,
  ob  die  mühsam  gewonnene  Mehrheit  bei  der  Schlußziehung  noch
zusammenhalten  werde.  Zu  alledem  kam  ein  schweres  Rechtsbedenken,
das  schon  früher  von  Preußen  ausgesprochen,  aber  nicht  beachtet  worden
war.  Die  Frage  betraf  offenbar  jura  singulorum,  nach  strenger  Auslegung
  des  Bundesrechts  konnte  sie  nur  durch  einstimmigen  Beschluß  des
Bundestags  entschieden  werden,  und  dies  war  undenkbar.

Angesichts  dieser  Unmöglichkeit  begannen  beide  Großmächte  allmählich
zu  fühlen,  daß  sie  den  unlösbaren  und  zwecklosen  Streit  in  der  Stille
beilegen  mußten;  sie  bedurften  einander  in  der  deutschen  wie  in  der  europäischen
  Politik.  Preußen  hatte  in  der  Sache  seinen  Willen  durchgesetzt.
Herzog  Wilhelms  Regierung  bestand,  alle  deutschen  Höfe  unterhielten  mit
ihr  amtlichen  Verkehr,  außer  dem  entthronten  Fürsten  wagte  niemand
mehr  ihre  Berechtigung  offen  anzufechten.  Wenn  es  noch  gelang,  ihr
auf  einem  neuen  Wege  mindestens  die  mittelbare  Anerkennung  des  Bundestags
  zu  verschaffen,  so  war  sie  rechtlich  gesichert  und  alles  erlangt,  was
sich  nach  einem  Rechtsbruche  überhaupt  erreichen  ließ.  Eben  diesen  Versöhnungsantrag
  brachte  Metternich  nach  langen  Verhandlungen  im  April
1832  dem  preußischen  Hofe  entgegen.  Osterreich  schlug  vor,  der  braunschweigische
  Gesandte  solle  beim  Bundestage  eine  neue  Vollmacht  einbringen,
  und  diese  dann  mit  einer  kurzen  Erklärung,  wofür  zwei  verschiedene
  Formeln  beilagen,  amtlich  entgegengenommen  werden.  Preußen
ging  auf  den  Vorschlag  ein  und  wählte  die  ihm  zusagende  Formel;  auch
die  welfischen  Höfe  erklärten  sich  einverstanden.“*)  Demnach  legitimierte

*)  Walburg-Truchseß'  Bericht,  9.  Juni.  Grünne  an  Nagler,  29.  Mai  1831.
**)  K.  Ludwig  von  Bayern,  Weisung  an  Lerchenfeld,  2.  Aug.  Bülows  Bericht,
London  17.  Sept.  Verbalnote  der  hannöv.  Gesandtschaft  an  Bernstorff,  31.  Okt.  1831.
**"*)  Metternich,  Weisung  an  Trauttmansdorff,  25.  April.  Weisung  an  Nagler,

7.  Mai.  Münchhausen  an  Bernstorff,  26.  Mai  1832.
        <pb n="131" />
        Ausgleichung  am  Bundestage.  123

sich  Marschall  am  12.  Juli  1832  zur  Fortführung  der  braunschweigischen
Stimme,  indem  er  eine  Vollmacht  des  Herzogs  Wilhelm  vorlegte.  Der
Bundestag  aber  beschloß  sofort  einstimmig,  die  Vollmacht  anzunehmen,
„da  nach  den  vorangegangenen  Verhandlungen  Se.  Durchlaucht  als  stimm—
führendes  Bundesglied  in  der  Bundesversammlung  zu  betrachten  ist.“

Mit  diesem  Possenspiele  fanden  die  Bundesverhandlungen  über  die
braunschweigische  Frage  ihren  würdigen  Abschluß.  Der  hochkonservative
Marschall  nahm  sich  als  Gesandter  eines  illegitimen  Fürsten  ganz  ebenso
seltsam  aus  wie  die  hohe  Versammlung  insgesamt,  da  sie  einen  Beschluß
faßte,  der  einer  Selbstverhöhnung  gleichkam.  Sie  hatte  am  2.  Dezember
1830  den  Herzog  Wilhelm  gebeten,  die  Regierung  „bis  auf  weiteres“  zu
führen,  und  sodann  am  11.  Mai  1831  ihm  ihren  Unwillen  über  seine  eigen—
mächtige  Thronbesteigung  sehr  unhöflich  ausgesprochen;  über  alles  andere
war  sie  nicht  einig  geworden  und  gleichwohl  behauptete  sie  jetzt,  daß  der
Herzog  nach  den  vorangegangenen  Verhandlungen  als  Bundesglied  zu
betrachten  sei!  Zu  solchen  Widersprüchen  führte  der  legitimistische  Trotz,
der  die  vollendeten  Tatsachen  wohl  verwünschen,  doch  nicht  streichen  konnte.
War  es  zu  verwundern,  wenn  die  Liberalen  mehr  und  mehr  in  das  Fahr—
wasser  des  Partikularismus  hinübertrieben?  Von  dieser  Zentralgewalt
hatte  die  Nation  selbst  in  dringender  Notlage  nichts  zu  erwarten.

Die  anhaltende  Feindseligkeit  des  vertriebenen  Herzogs  zwang  die
welfischen  Höfe  unterdessen,  neue  Vorsichtsmaßregeln  zu  ergreifen.  Am
24.  Oktober  1831  vereinbarten  sie  ein  Hausgesetz,  kraft  dessen  fortan  für
alle  Ehen  der  Welfen  die  Einwilligung  des  regierenden  Herrn  der  Linie
nachgesucht  werden  mußte.  Alle  englischen  Prinzen  unterzeichneten  das
Gesetz,  der  hannöversche  Thronfolger  Ernst  August  von  Cumberland  freilich
  erst  nach  langem  Sträuben.  Dieser  fanatische  Legitimist  wollte  von
dem  Aufstande  der  Braunschweiger  und  allen  seinen  Folgen  nichts  hören;
erst  nach  Jahren  versöhnte  er  sich  mit  dem  Usurpator  Wilhelm,  und  sein
Leben  lang  hielt  er  fest  an  der  Meinung,  daß  den  Nachkommen  des  älteren
Bruders  die  Thronfolge  gebühre.)  Karls  Unterschrift  fehlte  natürlich,
und  da  er  zudem  sich  selber  für  den  regierenden  Herrn  seiner  Linie  ansah,
so  blieb  die  braunschweigische  Erbfolgefrage  auch  jetzt  noch  unentschieden.
Durch  seine  Rüstungen  nötigte  er  sodann  die  Agnaten,  sein  Vermögen  unter
Kuratel  zu  stellen  —  ein  hartes  Verfahren,  das  zu  widerwärtigen  Prozessen
führte  und  von  den  französischen  Gerichten  nicht  als  rechtsgültig  anerkannt
wurde.  Dabei  stellte  sich  heraus,  daß  er  nahezu  350  000  Taler  dem
Lande  entwendet  hatte  —  118000  Taler  englische  Subsidien,  das  übrige
durch  widerrechtlichen  Verkauf  von  Kammergütern  —  immerhin  weit
weniger,  als  sein  erbittertes  Völkchen  glaubte.  Auch  das  herrliche  Mantuanische
  Onyxgefäß  und  andere  Kleinodien  des  Hauses  Bevern  hatte  er
ins  Ausland  mitgenommen.

*)  Canitzs  Bericht,  Hannover  10.  Jan.  1838.
        <pb n="132" />
        124  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Da  die  Agnaten  aus  Ratlosigkeit  die  Frage  der  Thronfolge  offen
gelassen  hatten,  so  ergab  sich  als  notwendige,  aber  keineswegs  beabsich—
tigte  Folge,  daß  keiner  der  beiden  feindlichen  Brüder  sich  vermählen  konnte.
Als  stolzer  Welfe  wünschte  Herzog  Wilhelm  eine  Gemahlin  aus  großem
Hause,  doch  alle  seine  geheimen  Bemühungen  blieben  vergeblich,  die  vor—
nehmeren  Höfe  trugen  allesamt  Bedenken,  die  Nachkommenschaft  ihrer
Töchter  einer  ungewissen  Zukunft  preiszugeben.“)  Die  Braunschweiger
wußten  wenig  von  diesen  Mißerfolgen  ihres  Herzogs;  sie  beschworen  ihn
wieder  und  wieder,  daß  er  den  alten  Heldenstamm  nicht  aussterben  lasse,
die  Städte  Braunschweig  und  Wolfenbüttel  baten  einmal  sogar  in  einer
feierlichen  Adresse  um  eine  Landesmutter.*)  Alles  umsonst.  Nach  und  nach
ward  das  Volk  mißtrauisch.  Seltsame  Gerüchte  liefen  um,  und  der  vertriebene
  Landesherr  nährte  sie  geflissentlich  durch  seine  Brandschriften.  Die
böse  Welt  fragte  nach  ihrer  Gewohnheit:  wem  bringt  das  Aussterben  der
braunschweigischen  Linie  Vorteil?  —  und  da  die  Antwort  nur  lauten
konnte:  dem  Hause  Hannover  —  so  bildete  sich  bald  ein  kunstvolles  Lügengewebe,
  das  unzerstörbar  fest  erschien,  weil  alle  seine  Fäden  eng  verknotet
waren.  Man  glaubte  allgemein,  die  hannöverschen  Welfen  hätten  Erbschleicherei
  getrieben  und  dem  Herzog  Wilhelm  gegen  das  Versprechen  der
Ehelosigkeit  zur  Krone  verholfen,  Preußen  aber  sei  Hannovers  ergebener
Schildknappe  gewesen.  Es  war  das  genaue  Gegenteil  der  Wahrheit.  Die
treibenden  Kräfte  bei  dem  Handel  waren  einerseits  das  braunschweigische
Volk,  das  seinen  bösen  Herzog  für  alle  Zukunft  beseitigen,  andererseits  die
Krone  Preußen,  die  den  anarchischen  Zustand  an  ihrer  Grenze  rasch  und
endgültig  ordnen  wollte.  Die  Welfen  wurden  allein  durch  die  Macht  der
Verhältnisse  gedrängt:  Herzog  Wilhelm  etwas  schneller,  weil  ihm  die  Not
auf  den  Nägeln  brannte,  König  Wilhelm  langsamer  und  ganz  wider
Willen.  Von  Anfang  bis  zum  Ende  zeigten  die  Hannoveraner  eine
schwerfällige,  aber  ehrenwerte  Gewissenhaftigkeit;  nur  den  Uneingeweihten
erschienen  sie  fälschlich  als  die  Führer,  weil  Preußen  sie  absichtlich  am
Bundestage  stets  vorangehen  ließ.

Zweiundzwanzig  Jahre  lang  hat  Herzog  Karl  dann  noch  im  Auslande
gelebt,  eine  Schande  des  deutschen  Namens.  Die  gute  Gesellschaft  zog
sich  in  London  wie  in  Paris  bald  von  ihm  zurück;  nur  einzelne  überspannte
  Radikale,  wie  der  ehrliche  Thomas  Duncombe,  schenkten  seinen
demokratischen  Kraftworten  Glauben.  Halb  Geizhals,  halb  Verschwender,
vermehrte  er  den  geretteten,  sehr  ansehnlichen  Teil  seines  Vermögens
durch  glückliches  Börsenspiel  und  legte  sich  die  schönste  Juwelensammlung
der  Erde  an;  dann  praßte  er  wieder  mit  einem  Gesindel  von  Dirnen

 

*)  Diese  auch  durch  andere  Zeugnisse  beglaubigte  Tatsache  wird  als  allen  Höfen
wohlbekannt  und  als  abschreckendes  Beispiel  angeführt  von  Herzog  Karlvon  Mecklenburg
in  seiner  Denkschrift  über  die  Heirat  des  Herzogs  von  Orleans  (1837).

**)  Canitzs  Bericht,  Hannover  28.  April  1839.
        <pb n="133" />
        Braunschweigische  Verfassung  von  1832.  125

und  Glücksrittern.  Die  Engländer  fanden  übrigens  den  Vollbart  des
„Diamantenherzogs“  noch  weit  anstößiger,  als  seinen  sittlichen  Wandel.
Unablässig  arbeitete  er  für  seine  Rückkehr,  obgleich  er  daheim  gar  keinen
Boden  mehr  hatte  und  nur  ein  einziges  Mal  eine  ganz  unbedeutende  kar—
listische  Verschwörung  in  Braunschweig  entdeckt  wurde.  Er  plante,  mit  einer
französischen  Freischar  in  Deutschland  zu  landen.  Da  die  Regierung  Lud—
wig  Philipps  diese  Anschläge  vereitelte,  ließ  er  seine  Leute  wieder  den  ge—
wohnten  demagogischen  Federkrieg  beginnen  und  schilderte  selber  seine  Erleb—
nisse  nicht  ohne  schriftstellerisches  Geschick,  aber  mit  schamloser  Verlogenheit,
in  den  Denkwürdigkeiten  Karls  von  Este.  In  London  lernte  er  einen
anderen  Prätendenten  kennen,  von  reicherem  Kopfe  und  ärmerem  Beutel,
den  Prinzen  Ludwig  Napoleon.  Die  beiden  fanden  sich  zusammen  und
verpflichteten  sich  durch  einen  förmlichen  Vertrag,  einander  durch  Geld  und
Waffen  zu  ihren  Rechten  zu  verhelfen;  Karl  versprach  außerdem,  „wo—
möglich  aus  dem  ganzen  Deutschland  eine  einige  Nation  zu  machen  und
ihm  eine  dem  Fortschritt  des  Zeitalters  angemessene  Verfassung  zu  geben.“)
Als  aber  sein  Bundesgenosse  den  Staatsstreich  des  zweiten  Dezembers
wagte,  da  floh  der  Welfe  wieder  vor  dem  Donner  der  Kanonen;  zurückgekehrt,
  fand  er  bei  dem  neuen  Kaiser  nur  laue  Unterstützung,  weil  er
ihm  selber  von  seinem  Reichtum  wenig  abgegeben  hatte.  Und  als  nachher
die  Heere  des  geeinten  Deutschlands  gegen  Paris  zogen,  da  flüchtete  er  sich
nochmals  vor  seinen  Landsleuten  und  eilte  nach  Genf.  Dieser  Stadt  vermachte
  er  sein  ganzes  Vermögen,  denn  seinem  Vaterlande  gönnte  er  nichts,
und  um  sein  verlorenes  Leben  noch  mit  einer  höhnischen  Bosheit  abzuschließen,
  legte  der  kleine  deutsche  Despot  den  Schweizer  Republikanern
die  Verpflichtung  auf,  ihm  ein  prächtiges  Denkmal,  gleich  den  Gräbern
der  Scaliger,  zu  errichten.

Dem  braunschweigischen  Lande  gereichte  der  Thronwechsel  zum  Segen.
Das  Herzogtum  blieb  unter  dem  Ministerium  Schleinitz  zwei  Jahrzehnte
lang  einer  der  bestverwalteten  Kleinstaaten;  sein  Landtag  besaß  an  dem
liberalen  Juristen  Karl  Steinacker  einen  begabten  Redner  und  behauptete
unter  den  kleinen  deutschen  Parlamenten  ein  gutes  Ansehen.  Im  Jahre
1832  wurde  eine  neue  Verfassung  vereinbart;  sie  gab  den  Bürgern  und
Bauern  eine  stärkere  Vertretung  und  bewies  durch  die  Tat,  daß  der
Umschwung  keineswegs,  wie  der  flüchtige  Herzog  behauptete,  bloß  durch
den  Adel  bewirkt  worden  war.  Eine  verständige  Agrargesetzgebung  arbeitete
  dann  weiter  an  der  Befreiung  des  Landvolks.  Die  deutschen  Fürsten
aber  wollten  sich  noch  lange  nicht  darein  finden,  daß  sie  jetzt  in  ihren
Reihen  einen  Souverän  dulden  mußten,  der  nur  gleich  dem  Bürgerkönige
mit  dem  zweifelhaften  Titel  der  Quasilegitimität  beehrt  werden  konnte.

 

*)  Abgedruckt  in  T.  H.  Duncombe,  the  life  and  correspondence  of  T.  S.
Duncombe.  II.  10.
        <pb n="134" />
        126  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Herzog  Wilhelm  bestellte  sich  bei  dem  Heidelberger  Juristen  H.  Zöpfl  eine
Schutzschrift  über  „die  Eröffnung  der  legitimen  Thronfolge“;  doch  der  strebsame
  junge  Mann,  der  wie  Karl  Salomo  Zachariä  seine  Rechtsgutachten
jedem  Kunden  auf  den  Leib  zuschnitt,  fiel  leider  in  die  alte  Vertragslehre
zurück  und  gelangte  zu  dem  lächerlichen  Schlusse:  wenn  der  Fürst  abdanken
  könne,  so  dürfe  auch  das  Volk  ihm  den  Gehorsam  verweigern.
Noch  unheimlicher  ward  dem  jungen  Welfen  zu  Mute,  als  ein  radikaler
Poet,  Walter  Berg,  in  einem  Schauspiele  „Der  Bürger“  ihn  selber  sagen  ließ:

Wir  selbst  sind  erster  Bürger  unter  euch,

Der  Bürger  ist  des  Staates  Zucht  entwachsen!

Es  ließ  sich  doch  nicht  bemänteln,  die  Geschichte  des  Deutschen  Bundes
hatte  zum  ersten  Male  eine  kleine  Revolution  aufzuweisen.  Aber  wie  verschieden
  zeigte  sich  dabei  der  Charakter  der  beiden  Nachbarvölker.  Wie
leicht  sprangen  die  Franzosen,  ohne  zwingenden  Grund,  über  ihr  historisches
  Recht  hinweg,  und  wie  schwer  vollendete  sich  in  Deutschland  ein
Rechtsbruch,  den  die  unerbittliche  Not  erzwang!  —

 

Nicht  ganz  so  gewaltsam  vollzog  sich  der  Umschwung  in  Kurhessen.
„Der  Kurfürst  plündert  sein  Land  und  seine  Untertanen,  so  daß  es  zuletzt
  keine  Landeskassen  und  Domänen  mehr,  sondern  bloße  Privat=  oder
Kabinettskassen  mehr  geben  wird“—  also  schilderte  der  preußische  Gesandte
Hänlein  das  gierige  Regiment  der  Gräfin  Reichenbach,  das  nachgerade
selbst  im  Auslande  Befremden  erregte  und  im  Pariser  Figaro  als  ein
deutscher  Skandal  bezeichnet  wurde.*')  Der  neue  Finanzminister  Kopp  wurde
bei  seiner  Ernennung  ausdrücklich  verpflichtet,  das  Interesse  des  Kurfürsten
besonders  wahrzunehmen,  und  wie  erfinderisch  zeigte  sich  der  Landesvater
selber  in  den  schlechten  Künsten  des  Finanzwesens.  Während  er  mit  den
Ständen  der  Grafschaft  Schaumburg  wegen  rechtswidriger  Steuererhöhung
einen  langen  Streit  führte,  ließ  er  gegen  die  Stadt  Kassel  und  andere
Gemeinden  unter  nichtigen  Vorwänden  fiskalische  Prozesse  einleiten;  seine
Bauern  beglückte  er  durch  die  Verordnung,  daß  der  Dünger  der  Dienstpferde,
  welche  die  beurlaubten  Kavalleristen  mit  aufs  Land  nahmen,  zum
Besten  der  Kriegskasse  versteigert  werden  solle.  Selbst  die  Teurung
und  die  bittere  Kälte  der  ersten  Monate  des  Jahres  1830  mußten  ihm
seine  Hofkasse  bereichern  helfen:  er  maßte  sich  das  Recht  des  alleinigen
Holzhandels  an,  verbot  die  gewohnte  Holzeinfuhr  aus  der  hannöverschen
Nachbarschaft  und  setzte  die  Preise  so  hoch  an,  daß  die  Kasseler  Bäcker
einmal  wegen  Holzmangels  ihre  Arbeit  einstellten.

Hier  wie  in  Braunschweig  stützte  sich  die  Willkür  des  Kleinfürstentums
  auf  den  Beistand  Österreichs.  Hruby,  der  k.  k.  Gesandte,  besaß

 

*)  Hänleins  Bericht,  20.  Febr.  1890.
        <pb n="135" />
        Kurfürst  Wilhelm  in  Karlsbad.  127

das  Vertrauen  der  Reichenbach,  er  hatte  den  Kurfürsten  zum  Eintritt  in
den  mitteldeutschen  Handelsverein  bewogen  und  konnte  nun  mit  Befrie—
digung  betrachten,  wie  das  unglückliche,  zwischen  den  Zolllinien  Bayerns
und  Preußens  eingeklammerte  Ländchen  dem  Verderben  seiner  Volkswirt—
schaft  entgegenging.  Und  bereits  ließ  sich  voraussehen,  daß  die  zerrütteten
Familienverhältnisse  dieses  Fürstenhauses,  die  schon  so  viel  Elend  über
das  hessische  Land  gebracht,  auch  unter  der  künftigen  Regierung  fortdauern
würden.  Um  den  Anmaßungen  der  Reichenbach  auszuweichen,  lebte  der
Kurprinz  mit  seiner  Mutter  jahrelang  außer  Landes;  König  Friedrich
Wilhelm  ließ  seiner  Schwester  große  Summen  vorstrecken,  da  der  Kurfürst
den  beiden  die  Unterhaltsmittel  verweigerte.  Als  die  Kurfürstin  unter
dem  Jubel  des  Volkes  endlich  heimkehrte,  um  sich  in  Fulda  einen  selbständigen
  Hofhalt  einzurichten,  blieb  der  Sohn  am  Rhein  zurück.  Der
hatte  in  Bonn  die  Frau  eines  Rittmeisters  Lehmann  liebgewonnen  und
führte  mit  ihr  ein  so  anstößiges  Leben,  daß  selbst  der  galante  Lebemann
Hänlein  sich  verpflichtet  hielt,  dem  königlichen  Oheim  in  Berlin  zu  melden:
ganz  Hessen  wünscht,  „Allerhöchstdieselben  möchten  zum  Wohle  des  hiesigen
Landes  den  nichtswürdigen  Lebenswandel  des  Kurprinzen  gewaltsam  beschränken.
  “x)

Im  Juli  1830  reiste  Kurfürst  Wilhelm  nach  Wien,  um  der  Reichenbach
den  österreichischen  Fürstentitel  zu  verschaffen.  Seine  Hessen  fürchteten
schon,  er  werde  dann  dem  Beispiele  Philipps  des  Großmütigen  folgen
und  das  dämonische  Weib  förmlich  zur  Nebengemahlin  erheben;  die  Akten
über  Philipps  Doppelehe  hatte  er  sich  bereits  nach  Wilhelmshöhe  kommen
lassen.  Metternich  aber  fand  diese  Zumutung  doch  bedenklich  und  verließ
die  Hauptstadt  plötzlich,  kurz  vor  der  Ankunft  des  Gastes.  Als  der  Kurfürst
einige  Tage  darauf  in  Karlsbad  eintraf,  von  der  Hitze  erschöpft,  wütend
wegen  der  vergeblichen  Reise,  wurde  er  von  seiner  enttäuschten  Geliebten
sehr  übel  aufgenommen  und  verfiel  in  schwere  Krankheit.  Daheim  ver—
breiteten  sich  unheimliche  Gerüchte;  man  glaubte  an  den  Tod  des  Kur—
fürsten,  da  der  Bruder  der  Reichenbach,  Heyer  von  Rosenfeld,  unvermutet
in  Kassel  erschien,  Juwelen  und  Staatspapiere  hastig  einpackte  und  dann
mitsamt  den  Kindern  seiner  Schwester  bei  Nacht  und  Nebel  aus  dem
Lande  floh.  Die  Bürgerschaft  sendete  drei  Stadträte  nach  Karlsbad,  um
sich  von  dem  Zustande  des  Landesherrn  zu  überzeugen;  auch  der  Kurprinz
  eilte  herbei  und  versöhnte  sich  mit  dem  kranken  Vater.  Mittlerweile
  ward  das  längst  erbitterte  Volk  durch  die  Pariser  und  Brüsseler
Nachrichten  stark  aufgeregt.  Der  Groll  wider  die  Tyrannei  und  das
wüste  Treiben  des  Hofes  ließ  sich  nicht  mehr  bändigen.  Überall  erklang
ein  Gassenhauer,  der  die  Raubgier  der  Reichenbach  verwünschte:  „von
dem  Blutgeld  jener  Millionen  wußt'  die  Bestie  sich  zu  lohnen“  —  und

 

*)  Hänleins  Bericht,  10.  Aug.  1830.
        <pb n="136" />
        128  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

mit  dem  Kehrreime  schloß:  „Alles  seufzt  zum  Gott  des  Lichts:  Ach  die
Hure  läßt  uns  nichts!“  Schon  begannen  die  Bauern  ihre  Frondienste
einzustellen;  die  Wilddieberei  nahm  überhand,  mehr  noch  der  Schmuggel,
denn  das  Zollwesen  war  durch  die  törichte  Handelspolitik  des  Kurfürsten
gänzlich  in  Verruf  gekommen,  ein  Schlagwort  des  Tages  lautete:  „die
Maut  ist  ein  Kind  der  Finsternis.“  In  Kassel  traten  die  Zunftmeister
zusammen,  um  über  die  Landesbeschwerden  zu  beratschlagen;  ein  Küfer
Herbold  führte  das  große  Wort  und  ward  mit  dem  Namen  des  hessischen
Masaniello  geehrt,  denn  diese  deutschen  Bürgerhelden  fühlten  sich  nur  im
Schmucke  ausländischer  Federn  stolz  und  herrlich.  Als  der  Pöbel  dann
die  Bäckerläden  zu  stürmen  versuchte,  bewaffneten  sich  die  Bürger  und
stellten  die  Ordnung  her.  Die  erschreckte  Regierung  ließ  sie  gewähren
und  öffnete  die  kurfürstlichen  Kornmagazine;  das  Getreide  des  Landesvaters
  ward  aber  auch  jetzt  noch,  nach  dem  alten  Brauche  des  Kurhauses,
zu  erhöhten  Preisen  verkauft,  und  erst  nachdem  Abgesandte  der  Bürgerschaft
  dem  Finanzminister  drohend  ins  Haus  gerückt  waren,  entschloß  er
sich,  bis  zum  Marktpreise  herabzugehen.

So  aufgestört  fand  der  Kurfürst  seine  friedliche  Hauptstadt  vor,  als
er  am  12.  September,  abgespannt  und  kaum  genesen,  endlich  heimkehrte;
seine  Geliebte  hatte  er  jenseits  der  Landesgrenze  zurücklassen  müssen,
weil  die  Minister  sonst  das  Argste  befürchteten.  Am  15.  September
standen  die  Bürger  dicht  gedrängt,  in  banger  Spannung,  auf  dem  Friedrichsplatze,
  derweil  die  Stadträte  im  Palaste  eine  Adresse  übergaben,
welche  den  Kurfürsten  beschwor,  die  Landstände  zu  berufen  und  „Sich  als
Vater  mit  Ihren  Kindern  zu  beraten,  wie  unserer  Not  zu  helfen  sei.“
Droben  im  Saale  ergriff  der  Bürgermeister  Karl  Schomburg  das  Wort,
ein  echter  Hesse,  ernst,  besonnen,  freimütig,  und  schilderte  in  tief  ergreifender
  Rede  das  Elend  des  verwahrlosten  Landes.  Der  Kurfürst  verwünschte
  im  Herzen  seine  „Bürgerrebellen“,  aber  er  sah  auch,  was  die
finsteren  Gesichter  draußen  ankündigten,  und  gab  zitternd  seine  Zusage.
Alsbald  eilte  der  Küfer  Herbold  an  das  Geländer  vor  dem  Schlosse,
und  als  er  ein  weißes  Taschentuch  schwenkte,  durchbrauste  stürmisches
Freudengeschrei  den  weiten  Platz.  Wie  oft  ist  dann  in  Lied  und  Bild
die  Friedensbotschaft  des  hessischen  Masaniello  verherrlicht  worden;  ein
schwarzes  Tuch  in  Herbolds  Händen  —  das  wußte  jedermann  —  hätte
dem  Aufruhr  das  Zeichen  gegeben.  Mit  Tanz,  Gesang  und  feurigen
Reden  ging  dieser  „große  Tag  der  hessischen  Geschichte“  zu  Ende;  auch
vor  dem  Hause  der  preußischen  Gesandten  erklangen  jubelnde  Hochrufe,
denn  König  Friedrich  Wilhelm  stand  als  Bruder  und  Beschützer  der  geliebten
  Kurfürstin  hoch  in  Ehren,  und  nicht  selten  hörte  man  unter  den
Unzufriedenen  die  Drohung:  wir  wollen  preußisch  werden.

Schnell  genug  verflog  der  Rausch  der  Freude.  Die  Kasseler  fuhren
fort,  dem  Verbote  zum  Trotz,  ihre  Bürgerversammlungen  abzuhalten  und
        <pb n="137" />
        Die  hessischen  Bürgergarden.  129

offenbarten  hier  sehr  laut  ihr  Mißtrauen  gegen  den  Kurfürsten,  gegen  den
österreichischen  Gesandten,  gegen  die  Minister,  die  allesamt  nur  für
Geschöpfe  der  Reichenbach  galten.  Die  Rückkehr  dieser  tödlich  verhaßten
Frau  wollte  man  nimmermehr  dulden;  auf  das  Gerücht  von  ihrem  Nahen
strömte  eines  Tages  das  Volk  in  Scharen  auf  die  Arolsener  Landstraße
hinaus,  um  den  Weg  zu  sperren,  ihr  Bruder  Heyer  mußte  schleunigst  aus
seinem  Amte  entlassen  werden.  Welch  einen  kläglichen  Anblick  bot  der
Kurfürst  in  seiner  stumpfen  Verzweiflung;  er  verging  vor  Sehnsucht  nach
der  Geliebten  und  rief  jammernd:  jetzt  weiß  ich  erst,  was  ein  Aufstand
ist!  Die  militärischen  Schnurrbärte  der  Kasseler  Bürgergarde  verletzten
sein  heiligstes  Gefühl;  nun  mußte  er  diesen  Unholden  aus  seinem  Zeug—
hause  Waffen  geben  und  sogar  in  einem  Manifeste  verkündigen,  daß  er
„den  guten  Geist  und  den  bewährten  treuen  Sinn  der  Hessen  mit  Wohl—
gefallen  erkennend“  überall  im  Lande  die  Bildung  von  Bürgerbataillonen
gestatten  wolle.  Bald  stolzierten  in  jedem  hessischen  Städtchen  bewaffnete
Bürger  umher,  alle  nach  dem  Pariser  Muster  gekleidet,  mit  der  weißen
„Bürgerbinde“  am  Arme,  und  prächtig  erklang  das  Lied  zum  Preise  der
bürgerlichen  Waffen:
Sie  stehen  jedem  freien  Mann,
Sie  stehn  dem  Kattensohn  wohl  an!

Der  vermessene  Plan,  dem  Kurfürsten  selber  eine  gestickte  Bürgerbinde
zu  schenken,  wurde  zum  Glück  noch  vereitelt,  da  die  Hofleute  schaudernd
an  Ludwig  XVI.  und  die  ihm  aufgestülpte  Jakobinermütze  erinnerten.
Indes  bekundete  sich  das  Selbstgefühl  der  Bürgergarde  unzweideutiger,
als  ihre  Waffentüchtigkeit;  es  war  der  Fluch  des  alten  Stellvertretungs—
systems,  daß  die  Kriegsspieler  sich  für  besser  hielten,  als  die  wirklichen
Krieger.  Sie  verlangten  bei  den  Paraden  stets  den  Vortritt  und  ge—
rieten  mit  den  Truppen  oft  in  Händel.  Als  die  beliebte  Sängerin  Frau
Roller-Schweizer  sich  einige  mehr  ehrliche  als  schmeichelhafte  Bemerkungen
über  die  Leistungen  der  Bürgerwehr  erlaubt  hatte,  wurde  sie  ohne  Gnade
von  der  Bühne  entfernt,  obgleich  sie  von  den  Brettern  herunter  vor
„Kassels  hochachtbaren  Bürgern“  Abbitte  leistete.

Trotz  dieser  Unzahl  von  Sicherheitswächtern  kam  das  Land  nicht
zur  Ruhe,  weil  die  Regierung  Kopf  und  Herz  verloren  hatte.  Das  Landvolk
  wähnte,  mit  der  verheißenen  neuen  Freiheit  sei  auch  die  Entlastung
des  Bodens  vollendet;  tobende  Banden  stürmten  die  Schlösser  der  Grundherren
  und  verbrannten,  meist  ohne  zu  plündern,  die  Zehnten=  und
Giltenregister.  Am  lautesten  lärmten  diese  „Papierstürmer“  in  dem
armen  Isenburgischen  Ländchen  auf  der  Rhön,  das  seine  doppelten  Steuern,
für  den  Kurfürsten  und  den  Standesherrn,  kaum  noch  erschwingen  konnte.
Die  geängsteten  Fürsten  des  Hauses  Isenburg  drohten  schon  sich  unter
preußische  Landeshoheit  zu  stellen,  damit  sie  doch  Schutz  für  ihre  Habe
fänden.  In  Hanau  wurde  das  Mauthaus  von  einem  Volkshaufen  zerv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  9
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        130  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

stört;  alle  Papiere  und  selbst  die  Kasse  flog  ins  Feuer,  denn  mit  Maut—
geldern  wollte  sich  niemand  die  Hände  beflecken.  Ein  Demagog,  der  sich
General  Paulsen  nannte,  erließ  aus  seinem  „Hauptquartier  Neu-Brüssel“
jakobinische  Tagesbefehle.  Um  Frieden  zu  stiften,  eilte  der  Kurprinz  selbst
herbei,  und  der  furchtsame  junge  Herr  ließ  sich  durch  die  zuversichtlichen
Reden  dieser  harmlosen  Revolutionäre  dermaßen  einschüchtern,  daß  er
ihnen  bis  auf  weiteres  Zollfreiheit  versprach.  In  der  Tat  stellten  die
Mauten  im  Hanauer  und  Fuldaer  Lande  ihre  Tätigkeit  ein.  Diese
südlichen  Provinzen,  wie  man  am  Kasseler  Hofe  sagte,  gebärdeten  sich
fast  wie  ein  selbständiger  Staat;  der  Talerrechnung  hatten  sie  sich  immer
erwehrt,  nun  sagten  sich  die  hessischen  Guldenländer  auch  von  dem  Zollwesen
  des  Kurstaates  los.

Es  ward  hohe  Zeit,  daß  ein  von  allen  Teilen  anerkannter  Rechtszustand
  diese  gemütliche  Anarchie  verdrängte.  In  solchem  Sinne  schrieb
Bernstorff  an  Hänlein:  „Wir  bedauern  die  jetzt  maßlose  Ungebühr  des
Volks  als  die  unausbleibliche  Folge  einer  bis  dahin  ebenso  maßlosen  Verfahrungsweise
  des  Fürsten  erkennen  zu  müssen.“  Wohl  haben  die  Massen
dem  Kurfürsten  seine  Versprechungen  abgetrotzt;  aber  „diese  Zugeständnisse
  sind  erteilt,  und  es  ist  nicht  denkbar,  daß  ihre  Zurücknahme  ohne
die  größte  Gefahr  und  Zerrüttung  aller  noch  bestehenden  Verhältnisse
erfolgen  könnte.  Alle  Wünsche  müssen  sich  vielmehr  dahin  vereinigen,  daß
die  einmal  betretene  Bahn  mit  möglichster  Schnelligkeit  und  Ruhe  zu
einem  Ziele  fester  gesetzlicher  Ordnung  führe.“)

Auf  preußische  Ratschläge  hörte  der  Kurfürst  niemals;  nur  die  Angst
vor  den  beständig  wiederholten  lärmenden  Kundgebungen  der  Kasseler  bewog
ihn,  sein  Wort  zu  halten.  Am  16.  Oktober  traten  die  althessischen  Stände
zusammen  und  verstärkten  sich  sogleich  durch  Abgeordnete  der  übrigen  Landesteile.
  Klug  und  rücksichtsvoll  beseitigten  sie  zunächst  das  Hemmnis,
an  dem  bisher  jede  Verständigung  gescheitert  war,  den  alten  Streit  um
das  fürstliche  Hausgut.  Der  Kurfürst  ließ  ihnen  eine  üÜbersicht  über
den  Bestand  des  Landesvermögens  vorlegen,  deren  Ziffern  sehr  weit  —
um  mindestens  6  Millionen,  Mißtrauische  behaupteten  gar  um  16  Mill.
Taler  —  hinter  der  allgemeinen  Erwartung  zurückblieben.  Der  ständische
  Ausschuß  verschmähte  jedoch  im  einzelnen  zu  untersuchen,  was  wohl
alles  in  den  Taschen  der  Reichenbach  und  Amschel  Rothschilds  verschwunden
  sein  mochte,  und  willigte  in  die  Teilung  der  also  angegebenen  Kapitalien.
  Aus  der  einen  Hälfte  ward  ein  Staatsschatz  gebildet;  die  andere,
mit  einem  Ertrage  von  wenigstens  0,4  Mill.  Tlr.  jährlich,  verblieb  der
Dynastie  als  unveräußerlicher  Hausschatz.  Außerdem  erhielt  der  Kurfürst
für  seinen  Hofhalt  392  000  Tlr.  jährlich  aus  den  Einkünften  der  vom
Staate  verwalteten  Domänen,  und  da  er  endlich  noch  ein  großes  Scha-*)

  Bernstorff,  Weisung  an  Hänlein,  12.  Okt.  1830.
        <pb n="139" />
        Teilung  des  Landesvermögens.  131

tullvermögen  besaß,  dessen  Höhe  nur  ihm  selber  und  dem  getreuen  Hause
Rothschild  bekannt  war,  so  blieb  er  nach  wie  vor  einer  der  reichsten
deutschen  Fürsten.  Freilich  mußte  er  nun  auch  ein  Legat,  das  er  seiner
Gemahlin  unterschlagen,  und  die  110  000  Taler,  welche  König  Friedrich
Wilhelm  der  Kurfürstin  vorgeschossen  hatte,  endlich  herausgeben;  er  sträubte
sich  aufs  äußerste,  aber  die  Krone  Preußen  bestand  auf  ihrem  Rechte,
und  der  Landtag  hielt  zu  ihr.)

Sobald  man  sich  über  den  Grundsatz  der  Teilung  des  Landesvermögens
  geeinigt  hatte,  beantragte  der  kurfürstliche  Unterhändler  Regierungsrat
  Eggena,  ein  gewandter,  weltkluger  Jurist,  die  Stände
sollten  dem  Landesvater  ihren  Dank  aussprechen.  Auch  dazu  ließ  der
Landtag  sich  herbei;  die  bäuerlichen  Abgeordneten  sagten  treuherzig:  die
Kapitalien  sind  zwar  hessisches  Blutgeld  und  gehören  eigentlich  allesamt
dem  Lande,  aber  wir  müssen  dem  Kurfürsten  auch  eine  Liebe  erweisen.
Wilhelm  empfing  die  Abgesandten  auf  Wilhelmshöhe,  krank,  zerknirscht,
unter  strömenden  Tränen.  Die  getreuen  Stände  weinten  mit  und
tranken  nachher  drunten  im  Gasthofe  auf  das  Wohl  ihres  gnädigen
Herrn.“)  Allein  nachdem  sie  ihm  großmütig  den  besten  Teil  seiner
Herzenswünsche  erfüllt,  meinten  sie  sich  um  so  mehr  berechtigt,  in  der
eigentlichen  Verfassungssache,  die  den  Kurfürsten  weniger  bekümmerte,
ihrem  eigenen  Kopfe  zu  folgen.

Eggena  legte  ihnen  einen  Entwurf  vor,  der  im  Grunde  nur  einige
Verbesserungen  der  alten  ständischen  Verfassung  enthielt.  Dawider  erhob
sich  im  Verfassungsausschusse  sofort  der  Vertreter  der  Universität  Marburg,
Professor  Silvester  Jordan,  ein  fröhlicher  katholischer  Tiroler,  der  schon  in
jungen  Jahren  daheim  gegen  die  Herrschsucht  der  Klerisei  gekämpft,  dann  in
München  den  Verhandlungen  des  ersten  deutschen  konstitutionellen  Landtags
  als  eifriger  Zuhörer  beigewohnt  und  endlich  in  Heidelberg  sich  die
Heilslehren  des  Rotteck-Welckerschen  „allgemeinen  Staatsrechts“  bis  auf
den  letzten  Buchstaben  angeeignet  hatte.  Den  Brüdern  Grimm  erschien
der  ehrliche  Doktrinär  als  „ein  aufgeschwemmter  Liberaler,  der  die  Formen
hitzig  verficht,  für  die  Sache  nicht  einmal  mäßige  Wärme  besitzt“.  Unter
allen  den  Wortführern  des  norddeutschen  Liberalismus  stand  er  der  Weltanschauung
  Rottecks  am  nächsten;  und  nur  der  wohlberechtigte  Groll
über  die  Untaten  des  Kurhauses  erklärt  das  Rätsel,  daß  die  gemütliche
  Flachheit  dieser  josephinischen  Aufklärung  hier  im  protestantischen
Kurhessen  Anklang  finden  konnte.  Jordan  trat  in  den  Ausschuß  mit
dem  Bewußtsein  eines  großen  historischen  Berufs:  „Kurhessens  Beispiel
ist  für  den  Sieg  des  konstitutionellen  Systems  in  Deutschland  völlig

 

*)  Schreiben  des  kurf.  Ministers  v.  Schminke  an  Hänlein,  7.  Jan.  Wittgenstein
an  Bernstorff,  10.  März  1831  usw.
**)  Hänleins  Bericht,  23.  Nov.  1830.
97
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        132  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

entscheidend“  —  und  warf  sofort  die  Frage  auf:  „Wie  muß  eine  Ver—
fassung  überhaupt  beschaffen  sein,  um  den  durch  Vernunft  und  Geschichte
gleichmäßig  begründeten  Anforderungen  der  Zeit  zu  entsprechen?“  In
einem  regelrechten  Kathedervortrage  zählte  er  sodann,  mit  1  und  2,  mit
a  und  b,  alle  die  notwendigen  „Garantien  des  verfassungsmäßigen
Volkslebens“  her.  Da  prangten  wie  die  aufgespießten  Käfer  einer  In—
sektensammlung  nebeneinander:  zuerst  die  Volkserziehung,  die  sittliche
und  die  politische  —  denn  „die  wahre  Volksaufklärung  gilt  mit  Recht
ebenso  für  eine  Hauptstütze  des  monarchischen  Freistaates,  wie  die  Unwissenheit
  und  Stupidität  des  Volks  für  eine  Grundlage  der  Despotie“
—  sodann  „die  Sprech=  und  Preßfreiheit,  d.  i.  die  Publizität“,  ferner
eine  unabhängige  Gemeindeverfassung  und  eine  kräftige  Volksvertretung,
endlich  „die  Nationalbewaffnung  der  Landwehr“  —  denn  „der  Geist  einer
Soldateska  ist  schon  an  sich  von  dem  Geiste  des  Volks  völlig  verschieden“
und  muß,  wenn  das  stehende  Heer  nicht  aufgehoben  werden  kann,  mindestens
  durch  kurze  Dienstzeit  und  häufige  Beurlaubungen  gemildert  werden.
Nach  diesen  Grundsätzen  wollte  Jordan  die  Vorschläge  der  Regierung  beurteilt
  sehen:  „richtige  Prinzipien  sind  auch  hier  wie  überall  die  Hauptsache.“


Der  wunderliche  Vortrag  machte  auf  die  Hörer  tiefen  Eindruck;  denn
er  verkündete  mit  ehrlicher  Begeisterung,  mit  einer  Zuversicht,  als  ob  ein
Zweifel  gar  nicht  möglich  sei,  alle  die  Glaubenssätze  des  vernunftrechtlichen
  Katechismus,  welche  den  deutschen  Liberalen  heilig  waren,  und
hinter  den  doktrinären  Gemeinplätzen  verbarg  sich  ein  praktischer,  nach
den  trüben  Erfahrungen  der  kurhessischen  Geschichte  nur  allzu  berechtigter
Gedanke:  die  Absicht  beständiger  Verteidigung  gegen  fürstliche  Übergriffe.
  Jordan  dachte  seinen  monarchischen  Freistaat  also  einzurichten,
daß  die  Regierung  von  den  Vorschriften  der  Verfassung  unmöglich  abweichen
  könnte,  und  da  die  Landstände  allesamt,  trotz  ihrer  unerschütterlichen
  dynastischen  Treue,  den  Argwohn  gegen  den  Kurfürsten  teilten,
so  wurde  der  Verfassungsentwurf  völlig  umgestaltet.  Der  Marburger
Professor  behauptete  dabei  die  unbestrittene  Leitung.  In  seinen  Kollegienheften
  standen  alle  die  Paragraphen,  welche  ein  Volk  frei  und  glücklich
machen  können,  längst  säuberlich  aufgezeichnet;  für  jeden  Herzenswunsch
der  öffentlichen  Meinung  fand  er  sofort  den  vernunftrechtlichen  Ausdruck,
und  diese  Fertigkeit  des  hastigen  Formulierens,  die  in  unerfahrenen  Parlamenten
  immer  überschätzt  wird,  verschaffte  ihm  den  Ruf  staatsmännischer
Weisheit.  So  gelangten  die  Verhandlungen  rasch  zum  Ziele;  man  wußte,
was  man  wollte,  und  für  unnütze  Redekünste  bot  dieser  Landtag,  der  noch
geheim  tagte,  keinen  Raum.  Schon  am  5.  Januar  1831  ward  die  neue
Verfassung  vom  Kurfürsten  unterzeichnet  —  eines  der  denkwürdigsten
deutschen  Grundgesetze,  bedeutsam  nicht  bloß  durch  seine  stürmischen  Schicksale,
  sondern  auch  durch  seinen  Inhalt;  denn  nirgends  sonst  zeigte  sich
        <pb n="141" />
        Die  kurhessische  Verfassung.  133

so  klar  die  nationale  Eigenart  des  älteren  deutschen  Repräsentativsystems,
die  seltsame  Verquickung  der  noch  immer  fortwirkenden  altständischen
Rechtsüberlieferungen  mit  der  Doktrin  des  modernen  Naturrechts.  Mit
erschöpfendem  Fleiße  trugen  Jordan  und  seine  Freunde  aus  den  wohl—
gefüllten  Zeughäusern  der  altständischen  Verfassung  und  des  neuen  allge—
meinen  Staatsrechts  alle  die  Netze  herbei,  welche  den  Fürsten  wie  ein
Wild  umstellen  sollten,  so  daß  er  sich  nicht  mehr  rühren  konnte.  Eggena
so  gut  wie  die  Landstände  betrachteten  das  neue  Grundgesetz  als  einen
Vertrag  zwischen  Fürst  und  Volk:  in  diesem  Urteile  stimmte  die  altstän—
dische  Rechtsansicht  mit  der  Lehre  des  Contrat  social  überein.

Darum  wurde  dem  Thronfolger  erst  nach  geleistetem  Verfassungseide
gehuldigt,  und  jede  Verbesserung  des  vereinbarten  Grundvertrages  aufs
äußerste  erschwert.  Nur  wenn  die  Stände  einmütig  oder  auf  zwei
Landtagen  nacheinander  mit  Dreiviertelmehrheit  zustimmten,  konnte
die  Verfassung  erläutert  oder  geändert  werden;  erhoben  sich  Zweifel  über
den  Sinn  ihrer  Vorschriften,  so  entschied  ein  Kompromißgericht,  zu  dem
Fürst  und  Landtag  je  drei  Mitglieder  wählten.  Den  Landtag  bildeten  die
Abgeordneten  der  drei  alten  Stände;  sie  waren  aber  fortan  allesamt
Vertreter  des  ganzen  Volkes  und  sollten  in  einer  Kammer  nach  Köpfen
abstimmen,  weil  man  einsah,  daß  die  Ritterschaft  des  Landes  zu  schwach
und  zu  arm  war,  um  in  einem  Oberhause  eine  angesehene  Stellung  zu
behaupten.  Die  Stände  erhielten  außer  dem  Rechte  der  freien  Steuerbewilligung
  und  der  Zustimmung  zu  allen  Gesetzen  auch  die  Befugnis
der  Initiative,  die  noch  keinem  deutschen  Landtage  unbeschränkt  zustand.
Sobald  die  Mandate  der  Stände  nach  drei  Jahren  abliefen,  erfolgte  sofort
die  Neuwahl  auch  ohne  die  Aufforderung  der  Regierung.  Wenn  der
Landtag  nicht  versammelt  war,  sollte  nach  altständischem  Brauche  ein  erwählter
  Ausschuß  von  drei  bis  fünf  Mitgliedern  mit  einem  lebenslänglichen
  Syndikus  die  Rechte  der  Stände  vertreten  und  nötigenfalls  auch
andere  Abgeordnete  zu  Rate  ziehen.

Den  Staatsbürgern  wurden  einige  Menschenrechte  der  persönlichen
Freiheit  gewährt,  auch  die  Ablösung  der  Grundlasten  sowie  andere  wirtschaftliche
  Erleichterungen  versprochen.  Zur  Sicherung  dieser  ständischen
und  bürgerlichen  Rechte  waren  Bollwerke  aufgerichtet,  die  in  Deutschland
nicht  ihresgleichen  fanden.  Jeder  männliche  Hesse  sollte  in  seinem  achtzehnten
  Lebensjahre  das  Grundgesetz  beschwören;  auch  das  Heer  und  die
Bürgergarde  wurden  mithin  auf  die  Verfassung  vereidigt,  die  Offiziere
den  übrigen  Staatsdienern  rechtlich  gleichgestellt,  obgleich  dem  Kurfürsten
der  Name  des  „obersten  Militärchefs“  blieb.  Bei  jeder  Ausschreibung
einer  Steuer  mußte  die  ständische  Zustimmung  ausdrücklich  angegeben
werden;  wo  nicht,  so  war  niemand  berechtigt,  die  Abgabe  zu  erheben,
niemand  verpflichtet,  sie  zu  zahlen;  nur  sechs  Monate  lang  nach  einer
Auflösung  des  Landtags  durfte  die  Regierung  die  früher  bewilligten
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        134  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Steuern  vorläufig  forterheben.  Im  Falle  des  Verfassungsbruchs  sollten
die  Stände  nicht  bloß  berechtigt,  sondern  verpflichtet  sein,  die  Minister
vor  dem  Oberappellationsgericht  anzuklagen.  Dieser  8  100  erwies  sich  bald
als  der  gefährlichste  des  Grundgesetzes;  er  forderte  die  Zanklust,  die  allen
den  kleinen  Landtagen  im  Blute  lag,  geradezu  heraus,  da  Meinungsverschiedenheiten
  über  die  noch  ganz  unerprobte  Verfassung  kaum  ausbleiben
konnten,  und  begünstigte  die  verhängnisvolle  Neigung  der  Deutschen,  politische
  Machtfragen  vom  Standpunkte  des  Zivilprozesses  zu  beurteilen.
Auch  alle  anderen  Beamten  konnte  der  Landtag  vor  Gericht  verklagen,
wegen  Verletzung  der  Verfassung,  wegen  Veruntreuung,  Bestechung  und
Mißbrauch  der  Amtsgewalt.  Also  den  Landständen  verantwortlich  erlangten
die  Staatsdiener  dem  Kurfürsten  gegenüber  eine  Unabhängigkeit,  die  von
ihrer  bisherigen  völlig  rechtlosen  Stellung  seltsam  abstach;  sie  durften  nur
durch  Urteil  und  Recht  abgesetzt,  nur  wegen  Altersschwäche  oder  anderer
Gebrechen  pensioniert  werden.  Wurde  ein  Beamter  in  den  Landtag  gewählt,
so  konnte  ihm  die  Regierung  den  Urlaub  verweigern,  doch  nur  aus  erheblichen
  Gründen,  die  sie  den  Ständen  mitzuteilen  hatte.

So  folgerecht  war  die  neue  Lehre,  welche  die  belebende  Kraft  des  konstitutionellen
  Staates  in  dem  Geiste  des  Mißtrauens  suchte,  auf  deutschem
Boden  noch  nie  verwirklicht  worden;  und  nach  allem,  was  dies  Land  an
seinen  Fürsten  erlebt,  mußte  sich  der  hessische  Landtag  allerdings  in
einem  Zustande  beständiger  Notwehr  fühlen.  Daß  auch  die  Stände
selber  ihr  Recht  mißbrauchen  könnten,  hielt  die  vernunftrechtliche  Doktrin
für  unmöglich;  für  diesen  Fall  gab  die  Verfassung  dem  Kurfürsten  keine
Waffen.  Er  konnte  selbst  in  der  Not,  wenn  die  Gesetze  sich  unzulänglich
  erwiesen,  nur  mit  Zuziehung  des  ständischen  Ausschusses  Verordnungen
  erlassen.  Zweifelhaft  blieb  sogar,  ob  er  auch  nur  sein  Recht,
den  Landtag  aufzulösen,  wirklich  gebrauchen  durfte;  denn  am  Schlusse
jeder  Tagung  mußten  die  Stände  den  Landtagsabschied  mit  unterzeichnen,
ihren  Ausschuß  mit  Weisungen  versehen,  und  wie  war  dies  möglich,  wenn
die  Regierung  den  Landtag  wider  seinen  Willen  auflöste?  Ein  großer
Staat  mit  starkem  Heere  und  selbständiger  auswärtiger  Politik  konnte
unter  einer  solchen  Verfassung  unmöglich  bestehen,  ein  kleines  abhängiges
Gemeinwesen  vielleicht  —  wenn  seine  Fürsten  eine  ungewöhnliche  Selbstverleugnung
  bewährten.

Da  das  hessische  Kurhaus  von  solcher  Gesinnung  nichts  besaß,  so
sollten  die  Bekenner  des  Vernunftrechts  bald  durch  eine  große  Enttäuschung
erfahren,  wie  wenig  politische  Formen  allein  die  Freiheit  sichern:  unter
allen  deutschen  Verfassungen  war  keine  durch  Rechtsschranken  jederart
so  wohl  geschützt  wie  die  kurhessische,  und  doch  wurde  keine  so  oft  und
so  frevelhaft  gebrochen.  Jordan  selbst  zeigte  sich  mit  dem  Werke  nur  halb
zufrieden;  er  klagte:  „das  antikonstitutionelle  Element  durchdringt  die
ganze  Verfassung  und  schließt  sich  allenthalben  klettenartig  an  das  kon-
        <pb n="143" />
        S.  Jordan.  135

stitutionelle  an,“  denn  Schomburg  und  andere  welterfahrene  Abgeordnete
hatten  dem  doktrinären  Feuergeiste  zuweilen  Wasser  in  den  Wein  ge—
schüttet.  Vornehmlich  mißfiel  ihm  der  übel  geratene  „Schlußstein“  der
Verfassung,  die  Vorschrift  über  die  Ministeranklage:  wie  durfte  man
die  Entscheidung  solcher  Klagen  dem  Oberappellationsgericht  anvertrauen,
das  von  der  Regierung  ernannt  wird,  und  „in  der  Residenz  allen  Künsten
und  Gefahren  der  Hofkabale  ausgesetzt  ist“?  Immerhin  wagte  er  zu
hoffen,  aus  solcher  „Verpuppung“  werde  sich  noch  der  Schmetterling  der
Freiheit  erheben,  wenn  man  nur  stets  dem  Geiste  der  Verfassung  den  Vorzug
gäbe  vor  dem  Buchstaben.  Unter  diesem  Geiste  verstand  er  aber  kurzweg
die  neufranzösische  Parlamentsherrschaft:  „das  konstitutionelle  System  kann
nur  da  sich  kräftig  ausbilden,  wo  kein  Ministerium  sich  halten  kann,
welches  die  Majorität  der  Deputiertenkammer  gegen  sich  hat.“  Wieviel
er  auch  selbst  noch  vermißte,  das  dankbare  Volk  begrüßte  ihn,  und  mit
Recht,  als  den  Vater  der  Verfassung.  Für  Schomburg  und  den  Küfer
Masaniello  genügten  Ehrenbecher,  die  landesübliche  Belohnung  liberaler
Überzeugungstreue.  Jordan  aber  erhielt  von  der  Stadt  Marburg  ein
Haus  geschenkt;  als  er  nachher  von  dem  ersten  konstitutionellen  Landtage
heimkam,  empfing  man  den  schlichten,  anspruchslosen  Mann  mit  fürstlichen
  Ehren,  und  der  junge  hessische  Dichter  Franz  Dingelstedt  sang:

Stand  ich  nicht  im  Chor  des  Volkes,  das  mit  blankgezognen  Schwerten,

Das  mit  Fahnen  und  Drommeten  grüßte  seinen  Heimgekehrten?

Überall  im  Lande  ward  der  Verfassungseid  willig  geleistet;  eine
Rechtsverwahrung  der  Fuldaer  Klerikalen  zu  Gunsten  der  römischen  Kirche
blieb  unbeachtet.  Nur  einige  Bauerschaften  des  Fuldaer  Landes  nahmen
Anstoß  an  dem  Art.  10,  der  von  dem  Kurfürsten  sagte:  seine  Person  ist
heilig  und  unverletzlich;  sie  glaubten,  mit  dieser  Person  sei  die  Reichenbach
gemeint,  ließen  sich  jedoch  bald  eines  Besseren  belehren.  Zahlreiche  Flugschriften
  verherrlichten  „Kurhessens  freudige  Zukunft“  und  die  Verfassung,
„dies  tief  durchdachte  Zeugnis  des  fortschreitenden  Menschengeistes“.  Ein
Verfassungsbüchlein  für  den  Bürger  und  Bauer  lobte  vornehmlich  das  neugewonnene
  Recht  der  Auswanderungsfreiheit  und  schloß  mit  der  tröstlichen
Versicherung:  „Das  letzte  Landesrecht  ist,  daß  jeder  Hesse,  dem  es  hiernach
im  Lande  nicht  gefällt,  hingehen  kann,  wohin  er  will,  ohne  daß  er  gehalten
wird.“  In  Kassel  gründete  der  wackere  Philolog  Bernhardi  eine  Zeitschrift
„Der  Verfassungsfreund“,  deren  Artikel  sich  meist  durch  kühne  Allgemeinheit
  und  durch  sorgfältiges  Vermeiden  aller  praktischen  Fragen  auszeichneten.
„Der  Vorabend  großer  Ereignisse“  oder  „Was  haben  die  Kurhessen  noch
mehr  zu  tun?“  —  so  lauteten  die  Überschriften  beliebter  Aufsätze.  Auch
die  liberale  Presse  der  deutschen  Nachbarlande  fand  des  Lobes  kein  Ende;
sie  pflegte  nunmehr,  seit  die  spanische  Cortesverfassung  von  1812  endlich
in  Vergessenheit  geriet,  Kurhessen  und  Norwegen  neben  dem  Musterlande
Belgien  als  die  Staaten  zu  bezeichnen,  „welche  dem  Zeitgeiste  die  ihm
        <pb n="144" />
        136  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

gebührenden  Zugeständnisse  gemacht  haben.“  Nur  Börne  bewährte  sich
wieder  als  unersättlichen  Radikalen  und  witzelte  in  seinen  Pariser  Briefen
über  das  Flittergold  der  hessischen  Freiheit.  Am  Bundestage  dagegen
war  jedermann  entrüstet  über  dies  revolutionärste  aller  deutschen  Grund—
gesetze  und  stimmte  dem  erbosten  Blittersdorf  zu,  der  schon  beim  Beginne
der  kurhessischen  Bewegung  vorausgesagt  hatte:  unsere  gefürchteten  süd—
deutschen  Verfassungen  werden  bald  die  illiberalsten  in  Deutschland  sein!*)

Und  doch  sollte  das  vielgeprüfte  Land  kaum  einige  Tage  lang  seines
neuen  Grundgesetzes  froh  werden.  Am  8.  Januar  1831  versammelte
sich  der  Landtag  vor  dem  Throne.  Der  Kurfürst,  der  seinen  Ingrimm
nur  mühsam  verbiß,  übergab  dem  Erbmarschall  die  Verfassungsurkunde
und  stammelte  verlegen:  ich  wünsche  Hessen  Glück  dazu;  dann  baten  die
Stände  in  überströmender  Untertänigkeit  um  die  Erlaubnis,  diesem
Fürsten,  als  dem  zweiten  Gründer  des  Landesglücks  seit  Philipp  dem
Großmütigen,  ein  Standbild  errichten  zu  dürfen.  Tags  darauf  zogen
die  Bürger  mit  Fackeln  nach  dem  Schlosse,  denn  die  geliebte  Kurfürstin
  war  soeben  zurückgekehrt;  und  als  nun  der  Landesvater  mit
seiner  Gemahlin  am  Arme  auf  dem  Altane  erschien,  da  jubelte  alles,
mit  der  neuen  Freiheit  schien  auch  der  häusliche  Friede  des  Kurhauses
endlich  gesichert.  Doch  leider  hatte  Wilhelm  schon  dafür  gesorgt,  daß  jenes
würdige  Gegenstück  zu  dem  Standbilde  des  menschenverkaufenden  pater
patriae  nie  zustande  kam.  Noch  in  derselben  Nacht  fuhr  ein  Wagen
Amschel  Rothschilds  auf  Wilhelmshöhe  vor,  und  ihm  entstieg  die  Gräfin
Reichenbach.  Augenblicklich  schlug  die  Stimmung  in  Kassel  um,  und  abermals
  begann  der  „Krawall“  —  so  lautete  der  neue  Ausdruck,  der  damals
zuerst  in  diesen  mitteldeutschen  Landstrichen  aufkfam.  Sie  muß  aus  dem
Lande  —  hieß  es  überall;  der  Schutz  des  neuen  Grundgesetzes  sollte  der
verhaßten  Frau  nicht  zugute  kommen,  obgleich  sie  Hessin  war,  und  die
Kurfürstin  selber  sich  jetzt  bereit  erklärte,  sie  als  Gesellschafterin  und
Pflegerin  ihres  Gemahls  neben  sich  zu  dulden.  Bei  den  Unruhen  dieser
Januartage  hatte  der  Adel,  ganz  wie  in  Braunschweig,  unverkennbar  die
Hände  mit  im  Spiele;  doch  es  bedurfte  der  Anstiftung  kaum.  Selbst
die  Soldaten,  die  sonst  trotz  des  gefährlichen  doppelten  Eides  gute  Mannszucht
  hielten,  teilten  den  allgemeinen  Abscheu  und  sagten  laut:  Schlagt
sie  nur  tot,  wir  lassen  euch  nicht  im  Stich!  Nach  drei  Tagen  wachsender
  Aufregung  sah  sich  die  Gräfin  gezwungen,  Wilhelmshöhe  zu  verlassen.
Masaniello  Herbold  ritt  selber  hinaus,  um  nachzusehen,  ob  sie  wirklich  fort
sei.  Wilhelm  aber  gebärdete  sich  wie  ein  Rasender;  alle  politischen  Wünsche
hatte  er  seinem  Völkchen  erfüllt,  und  nun  verwehrten  ihm  die  Undankbaren,
  seinen  persönlichen  Neigungen  zu  folgen.  In  den  nächsten  Tagen
mußte  er  noch,  halb  gezwungen  durch  drohende  Schreiben  der  Bürger- 



*)  Blittersdorffs  Bericht,  20.  Okt.  1830.
        <pb n="145" />
        Rückkehr  und  Flucht  der  Gräfin  Reichenbach.  137

schaft,  ein  konstitutionelles  Ministerium  berufen,  dessen  Leitung  Freiherr
Schenk  von  Schweinsberg  übernahm,  und  den  Vertrauten  der  Reichenbach,
Meysenbug,  mit  dem  unpolitischen  Amte  des  Hausministers  abfinden.
Wieviel  noch  an  einem  gesicherten  Rechtszustande  fehlte,  das  fühlte  man
jetzt  erst,  als  im  Landtage  die  unendliche  Reihe  der  organischen  Gesetze
aufgezählt  wurde,  die  noch  nötig  waren,  um  alle  die  reichen  Versprechungen
des  Staatsgrundgesetzes  zu  erfüllen.

Die  Verfassung  selbst  wurde  schon  im  Februar  in  Frankfurt  einge—
reicht,  damit  der  Bundestag  die  Bürgschaft  dafür  übernähme.  Die  Bun—
desversammlung  aber  tat,  wie  in  allen  schwierigen  Fällen,  gar  nichts.
Metternich  verlangte  kurzweg  die  Abweisung  des  Gesuchs,  und  als  Preußen,
von  mehreren  Mittelstaaten  unterstützt,  widersprach,  ließ  er  in  einer  Denkschrift
  alle  die  Sätze  der  Verfassung  zusammenstellen,  welche  dem  „monarchischen
  Prinzip“  zuwiderlaufen  sollten.  Ganz  im  Sinne  der  Hofburg
verfaßte  auch  der  Berichterstatter  Blittersdorff  sein  Gutachten.  Einen  so
rechtswidrigen  Übergriff  des  Bundestages  konnte  jedoch  der  Großherzog
von  Baden  als  konstitutioneller  Fürst  unmöglich  gutheißen;  seine  Regierung
  sprach  sich  nachdrücklich  gegen  die  Meinung  des  eigenen  Gesandten
aus,  und  nachdem  man  noch  eine  Weile  vertraulich  gestritten  hatte,  wurde
schließlich,  nach  dritthalb  Jahren,  im  Oktober  1833  dem  Kasseler  Hofe
unter  der  Hand  mitgeteilt,  daß  der  Bundestag  in  dieser  Sache  keinen
Beschluß  fassen  könne.  Durch  diese  lächerliche  Entscheidung  waren  Ssterreichs
  Anschläge  vorläufig  vereitelt;  die  kurhessische  Verfassung  bestand  in
anerkannter  Wirksamkeit,  der  Bundestag  hatte  sie  ohne  Widerspruch  entgegengenommen,
  mithin  durfte  sie,  nach  der  Wiener  Schlußakte  und  dem
braunschweigischen  Präzedenzfalle,  nicht  mehr  einseitig  abgeändert  werden.

Unterdessen  bemerkten  die  Kasseler  bald,  daß  der  Landesvater  etwas
im  Schilde  führte.  Auf  Wilhelmshöhe  wurde  unaufhörlich  gepackt;  Silberzeug
  und  Kostbarkeiten,  selbst  Türschlösser,  Osen  und  Parkettböden  verschwanden
  in  großen  Frachtwagen,  die  nach  Frankfurt  zu  der  Reichenbach  abgingen;
  zugleich  ließ  das  Hofmarschallamt  eine  Menge  kurfürstlicher  Pferde
versteigern.))  Und  wieder  rotteten  sich  die  Krawaller  zusammen,  um  die
Abfahrt  der  Wagen  zu  verhindern.  Der  Kurfürst  selbst  war  in  der  Stadt
vor  beleidigenden  Zurufen  nicht  sicher;  seine  Gemahlin  aber  erschien  auf
den  Bürgerbällen,  wie  die  anderen  Damen  in  die  weißblauen  Stadtfarben
gekleidet,  und  empfing  die  ehrfurchtsvollen  Huldigungen  der  Herren,  die
allesamt  die  „Konstitutionsschleife“  im  Knopfloch  trugen.  Sobald  der
Landtag  geschlossen  war,  am  10.  März,  verschwand  der  Kurfürst  mit
seinem  Meysenbug  aus  Wilhelmshöhe  und  fuhr  nach  seinen  Schlössern
im  Hanauer  Lande,  wo  er  mit  seiner  Geliebten  zusammentraf.  Die  radikalen
  Hanauer  wußten  sich  vor  Freuden  kaum  zu  lassen,  als  der  Landes- 



*)  Hänleins  Bericht,  19.  Febr.  1831.
        <pb n="146" />
        138  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

vater  leibhaftig  in  ihrer  Mitte  erschien,  auch  gegen  die  Gräfin  hatten  sie
nichts  einzuwenden;  sie  hofften,  ihre  Stadt  werde  wieder  wie  vorzeiten
Residenz  werden  und  gewannen  Wilhelms  Herz  durch  untertänige
Beflissenheit  so  gänzlich,  daß  er  sich  selber  zum  Chef  ihrer  Bürgergarde
ernannte.  Warum  sollten  diese  südlichen  Provinzen,  nachdem  sie  schon
das  althessische  Mautwesen  abgeschüttelt,  nicht  einen  selbständigen  Klein—
staat  unter  dem  alten  Kurfürsten  bilden?  —  solche  Pläne  wurden  bereits
beim  Schoppen  von  begeisterten  Hanauer  Patrioten  erörtert.

Während  die  Minister  in  Kassel  redlich  an  den  neuen  organischen  Ge—
setzen  arbeiteten,  bildete  der  Kurfürst  mit  der  Gräfin  und  ihrem  Meysenbug
eine  geheimnisvolle  absolutistische  Gegenregierung  im  schönen  Schlosse
Philippsruhe  am  Main;  die  Bürgerfeste  der  Kasseler  wurden  durch  aller—
hand  rohen  Mutwillen  gestört,  und  jedermann  argwöhnte,  daß  die  Unruh—
stifter  ihre  Weisungen  von  der  Reichenbach  empfingen.  Während  jene  den
Beitritt  zum  preußischen  Zollvereine  vorbereiteten,  stand  der  Kurfürst  in
Verkehr  mit  der  benachbarten  österreichischen  Bundesgesandtschaft  und  suchte
insgeheim  jede  Annäherung  an  Preußen  zu  vereiteln.  Nach  dem  Buch—
staben  der  Verfassung  war  er  in  seinem  guten  Rechte,  denn  diese  verbot  ihm
nur  den  Sitz  der  Regierung  außer  Landes  zu  verlegen;  auf  die  Dauer
mußte  ein  solches  Doppelregiment  doch  unerträglich  werden;  die  Kasseler
murrten,  weil  ihnen  die  Kundschaft  des  Hofes  entzogen  und  sogar  das
unentbehrliche  Hoftheater  geschlossen  wurde;  umsonst  hielt  Hänlein  den
Siadträten  vertraulich  vor,  nach  so  grober  Verletzung  der  Ehrerbietung
sei  die  Stadt  doch  verpflichtet,  sich  bei  dem  beleidigten  Landesherrn  zu
entschuldigen.  Heißsporne  meinten  schon:  da  der  Kurfürst  an  der  Ausübung
  der  Regierung  verhindert  sei,  so  müsse  seine  Gemahlin  die  Regentschaft
  übernehmen.

Im  April  wurde  der  neue  Landtag  gewählt,  ohne  heftigen  Kampf,
noch  nach  der  stillen  Weise  der  alten  Zeit.  Die  Abgeordneten  gehörten  in
ihrer  großen  Mehrheit  der  liberalen  Partei  an;  sie  beschlossen  den  Kurfürsten
  durch  Abgesandte  zur  Rückkehr  aufzufordern,  weil  er  im  Hanauer
Lande  „des  verfassungsmäßigen  Rates  der  verantwortlichen  Minister  fast
gänzlich  entbehrc“.  Der  aber  antwortete  durch  heftige  Vorwürfe  gegen
die  Undankbarkeit  seiner  Untertanen;  seine  Kasseler  ließ  er  bedeuten,
durch  Worte  könne  das  Andenken  übler  Taten  nicht  verlöscht  werden.
Im  Landtage  brach  die  gereizte  Stimmung  überall  durch.  Der  Voranschlag
  wies  ein  Defizit  von  fast  0,4  Mill.  Tlr.  bei  einer  Gesamteinnahme
  von  kaum  2,888  Mill.  auf.  Allein  das  Heer  mit  seinen  9000  Mann
erforderte  eine  Million,  und  manche  neue  unabweisbare  Ausgaben  standen
noch  bevor;  so  sollten  „die  Amerikaner“,  jene  unglücklichen  einst  an  England
verkauften  Soldaten,  endlich  einen  bescheidenen  Ruhegehalt  empfangen,
aber  nur  die  im  Lande  lebenden,  denn  gegen  Ausländer,  also  beschloß  der
Landtag,  dürfe  man  „bei  der  allgemeinen  Landesnot  keine  unnötige
        <pb n="147" />
        Der  Kurfürst  im  Hanauer  Lande.  139

Großmut  üben“.  Für  den  Augenblick  konnte  wohl  eine  Anleihe  aus—
helfen;  das  Gleichgewicht  des  Staatshaushalts  ließ  sich  aber  nur  dann
sichern,  wenn  die  Anarchie  des  Mautwesens  durch  die  preußische  Ordnung
verdrängt  wurde,  und  vor  dem  preußischen  Zollvereine  bebten  viele  der
Liberalen  fast  ebenso  scheu  zurück  wie  der  Landesherr  selber.

Derweil  man  dergestalt  ratlos  verhandelte,  zeigte  jener  §  100  der
Verfassung  schon  seine  verderbliche  Wirkung.  Der  Kurfürst  hatte  durch
Kabinettsordre  einige  Offiziere  befördert.  Gegen  die  Sache  selbst  wie  gegen
die  Personen  ließ  sich  gar  nichts  einwenden;  aber  der  Befehl  trug  nicht  die
Unierschrift  des  Kriegsministers  Loßberg,  und  obschon  die  Vorschriften  der
Verfassung  für  diesen  Fall  keineswegs  unzweideutig  lauteten,  so  meinte  sich
gleichwohl  Burkard  Pfeiffer,  einer  der  besten  Juristen  des  Landes,  in
seinem  Gewissen  verpflichtet  zu  beantragen,  daß  General  Loßberg,  dem
doch  höchstens  ein  verzeihlicher  Formfehler  zur  Last  fiel,  wegen  Verfassungsbruchs
  angeklagt  werde.  In  leidenschaftlicher  Rede  fiel  Jordan  bei  und
rief  wie  gewöhnlich  den  Geist  der  Verfassung  zu  Hilfe  gegen  ihren  zweifelhaften
  Wortlaut.  Mittlerweile  ward  es  im  Lande  täglich  unfriedlicher.
Die  Bürgergarden  von  Kassel  und  Marburg  berieten  schon  untereinander,
  wie  „die  im  Finstern  schleichende,  geifernde  Brut  gänzlich  unterdrückt“
  und  der  Kurfürst  —  aber  ohne  seine  Gräfin  —  in  die  Hauptstadt
zurückgeführt  werden  solle;  eine  Adresse  von  nahezu  tausend  Kasseler  Einwohnern
  stellte  die  ungeheuerliche  Behauptung  auf:  wenn  Wilhelm  noch
länger  fern  bleibe,  so  verzichte  er  auf  den  Kurhut.  In  aller  Gemütlichkeit
  waren  die  Hessen  schon  nahe  daran,  den  Versailler  Zug  der  Pariser
vom  Oktober  1789  zu  wiederholen.

Um  ein  Ende  zu  machen,  beschloß  der  Landtag,  noch  einmal  sein  Glück
bei  dem  grollenden  Landesherrn  zu  versuchen.  Gegen  Ende  August  reisten
abermals  ständische  Abgesandte  nach  Philippsruhe,  und  einer  von  ihnen
ward  vorgelassen:  Präsident  Wiederhold,  jener  ehrwürdige  alte  Richter,
der  an  der  Spitze  des  Obergerichts  so  viele  Jahre  hindurch  gegen  fürstliche
  Willkür  angekämpft  hatte.  Freimütig  und  doch  ehrfurchtsvoll  setzte
er  dem  Kurfürsten  auseinander,  daß  der  Souverän  in  der  gegenwärtigen
  Lage  mit  den  Ministern  regelmäßig  zusammen  arbeiten  müsse,
die  Gräfin  aber  in  Kassel  ihres  Lebens  schwerlich  sicher  sei;  schließlich
stellte  er  ihm  die  Wahl:  Trennung  von  der  Reichenbach  oder  Verzicht
auf  die  Regierung.  Wilhelm  wählte,  wie  er  mußte:  er  zog  die  Geliebte
vor  und  sendete  den  Präsidenten  nach  Fulda,  um  dort  mit  dem  Kurprinzen,
  dem  nach  der  Verfassung  die  Regentschaft  gebührte,  weiter  zu
verhandeln.  Am  4.  September  wurden  die  Stände  zu  einer  geheimen
Sitzung  berufen,  und  mit  Zustimmung  des  Landtags  kam  nunmehr  ein
Gesetz  zustande,  das  dem  Kurprinzen  als  Mitregenten  die  alleinige
Besorgung  aller  Regierungsgeschäfte  übertrug,  bis  der  Kurfürst  seine
bleibende  Residenz  wieder  in  Kassel  nehmen  würde.
        <pb n="148" />
        140  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Diesen  Ausgang  der  Wirren  hatte  niemand  erwartet,  niemand  gewünscht.
  Kurprinz  Friedrich  Wilhelm  hieß  im  Volke  längst  der  böse  Junge.
Der  Eintagsruhm,  den  er  sich  durch  seine  feige  Nachgiebigkeit  gegen  die
Hanauer  Mautstürmer  erworben,  war  rasch  wieder  verflogen;  man  wußte,
wie  dringend  er  dem  Vater  von  der  Verfassung  abgeraten,  wie  frech  und
lieblos  er  sich  soeben  erst  in  Fulda  mit  seiner  Frau  Lehmann  gegen  seine
Mutter  betragen  hatte.  Wie  unheilvoll  hatte  doch  alles  zusammengewirkt,
um  diesen  letzten  Fürsten  eines  ruhmreichen  Hauses  einem  schmählichen
Falle  entgegenzuführen.  Freudlos  und  freundlos  war  er  aufgewachsen,
in  ewigem  Hader  erst  mit  dem  Vater,  dann  mit  beiden  Eltern,  schlecht
erzogen,  von  Ränken  umringt,  vom  Morde  bedroht,  ohne  Kenntnisse,
kleinlich,  gewöhnlich  in  allen  seinen  Neigungen.  So  ward  er  zum  boshaften
  Menschenverächter;  der  seltsame,  halb  scheue,  halb  stiere  Blick  seiner
wasserblauen  Augen  verriet  schon,  daß  er  alle  fürchtete,  keinen  ehrte,
jedem  die  schlechtesten  Beweggründe  unterschob.  Ein  höheres  sittliches
Ideal  als  die  formale  Gesetzlichkeit  blieb  ihm  unfaßbar.  Schüchtern  und
linkisch  im  Verkehre,  kaum  fähig  einen  längeren  Satz  zu  Ende  zu  sprechen,
konnte  er  zuweilen  in  rasendem  Jähzorn  auffahren  und  dann  verschlug
es  ihm  wenig,  den  Beamten  Fußtritte  zu  versetzen,  den  Ministern  selbst
brutale  Schimpfworte,  nach  Umständen  auch  ein  Tintenfaß  an  den  Kopf
zu  werfen.  Seine  Staatsweisheit  lief  auf  das  einfache:  Ordre  parieren
und  nicht  räsonnieren!  hinaus;  als  Absolutist  ohne  Phrase  liebte  er  weder
die  Salbung  der  theologischen,  noch  die  Romantik  der  feudalen  Reaktionslehren.


Die  Verfassung  durfte  er  nicht  brechen,  schon  weil  er  ihr  allein  die
Regentschaft  verdankte  und  weil  sein  Vater  jederzeit  zurückkehren  konnte;  doch
er  haßte  sie  wie  einen  persönlichen  Feind,  denn  sie  verkümmerte  ihm  sein
Familienleben,  das  einzige  Glück,  dessen  er  fähig  war.  Gertrud  Lehmann
war  jetzt  seine  rechtmäßige  Gemahlin;  er  hatte  sie  vor  kurzem,  nachdem
ihre  Ehe  getrennt  worden,  insgeheim  geheiratet  und  erhob  sie  —  es  war
die  erste  Tat  seiner  Regierung  —  zur  Gräfin  von  Schaumburg.  Wie
verschwenderisch  hatten  doch  einst  seine  Vorfahren  ihre  Dirnen  und  Bastarde
  ausgestattet.  Er  aber  konnte  für  seine  Gattin  und  seine  ehelichen
Kinder,  die  er  auf  seine  Weise  liebte,  nur  wenig  tun;  sein  Einkommen
genügte,  trotz  der  äußersten  Sparsamkeit  und  trotz  der  Beihilfe  Amschel
Rothschilds,  kaum  für  die  Kosten  des  Hofhalts,  da  sein  Vater  den  Hausschatz
  für  sich  behielt,  und  an  den  Staatsgeldern  durfte  der  konstitutionelle
Fürst  sich  nicht  mehr  vergreifen.  Leider  ward  die  Lage  des  Prinzregenten
auch  durch  die  Schuld  der  Mutter  verschlimmert.  Wenn  die  Kurfürstin
sich  entschloß,  über  das  Vergangene  hochherzig  einen  Schleier  zu  werfen,
wenn  sie  die  Gemahlin  ihres  Sohnes,  die  nunmehr  ein  untadelhaftes  Leben
führte  und  allen  Staatsgeschäften  fern  blieb,  als  ihre  rechtmäßige  Schwiegertochter
  behandelte,  so  konnte  vielleicht  wieder  ein  geordnetes  häusliches  Leben
        <pb n="149" />
        Mitregentschaft  des  Kurprinzen.  141

am  Hofe  sich  herstellen.  König  Friedrich  Wilhelm  gab  seiner  Schwester  auch
ausdrücklich  Vollmacht,  sich  mit  der  Gräfin  Schaumburg  zu  verständigen.“)
Die  unglückliche  Fürstin  aber  hatte  unter  dem  hessischen  Dirnenregiment
zu  schwer  gelitten,  sie  konnte  den  Widerwillen  der  Frau,  den  Stolz  der
Hohenzollerin  nicht  überwinden,  und  da  ihr  Sohn  sich  durch  trotzige
Roheit  rächte,  so  blieb  es  dabei,  daß  dies  Fürstenhaus  keine  allgemein
anerkannte  Herrin  besaß.

Die  ersten  Wochen  der  neuen  Regierung  verliefen  leidlich.  Wiederhold
übernahm  die  Leitung  des  Ministeriums  und  kam  dem  Landtage  so  weit
entgegen,  daß  er  sogar  in  die  Entlassung  des  halb  schuldigen  Kriegsministers
willigte.  Durch  solche  Nachgiebigkeit  wurde  freilich  das  Selbstgefühl  der
Stände  bedenklich  gesteigert.  Erstaunlich,  was  sie  jetzt  alles  aus  dem  Geiste
ihrer  Verfassung  heraus  zu  folgern  wußten.  Als  der  Kurprinz  einmal  einige
Abgeordnete  während  einer  Sitzung  zur  Tafel  befohlen  hatte,  beantragte
Jordan,  die  verantwortlichen  Minister  sollten  das  Hofmarschallamtersuchen,
solche  Einladungen  zu  unterlassen,  denn  der  Regent  sei  nicht  berechtigt,
die  Vertreter  des  Volks  ihren  Geschäften  zu  entziehen.  Bald  führte  das
Zerwürfnis  im  Kurhause  zu  neuen  Ruhestörungen.  Ergrimmt  über  die
geringschätzige  Behandlung  seiner  Gemahlin,  ließ  der  Kurprinz  seiner  Mutter
ihre  Loge  im  Theater  verschließen;  am  nächsten  Tage  nahm  er  den  Befehl
zurück,  da  er  die  allgemeine  Entrüstung  bemerkte.  Als  nun  die  Kurfürstin
am  7.  Dezember  im  Theater  erschien,  begrüßten  sie  die  Zuschauer  mit
Hochrufen  auf  „unsere  rechtmäßige  Landesmutter“.  Draußen  strömte  das
Volk  zusammen,  man  wollte  die  Kurfürstin  mit  Fackeln  nach  Hause  geleiten.
  Da  eilten  Truppen  herbei,  der  Polizeidirektor  verkündete  den
Kriegszustand,  obwohl  ernste  Unordnungen  diesmal  nicht  vorgekommen
waren;  die  Gardedukorps  sprengte  in  den  Haufen  ein  und  verwundete
mehr  als  zwanzig  Leute.  Währenddem  ging  der  Kurprinz  auf  dem  Friedrichsplatze
  unter  den  Soldaten  umher  und  rühmte  sich  nach  vollbrachter
Tat,  nun  habe  er  sich  endlich  Respekt  verschafft.

Nach  wenigen  Tagen  verlor  er  wieder  den  Mut,  da  Hänlein  ihm
ins  Gewissen  redete,  ordnete  eine  Untersuchung  an  und  bedauerte  in  einer
Bekanntmachung,  daß  „im  nächtlichen  Dunkel  Unfälle  geschehen  seien“.
Die  Bürger  bezeigten  ihren  Zorn  durch  widerwärtige  Händel  mit  den
Truppen.  Der  Verfassungsfreund  schrieb,  da  der  Kurprinz  nur  Uniform
trug:  ein  Fürst,  der  immer  im  Soldatenkleide  erscheint,  beweist  damit,  daß
er  das  Oberhaupt  nicht  des  Staates,  sondern  des  Militärs  sein  will.  Am
Silvesterabend  wurde  Jordan,  zu  seinem  Namenstage,  mit  überschwenglichen
  Huldigungen  geehrt;  bald  darauf  hielten  die  Abgeordneten  der  beiden
Hessen  in  Gießen  ein  feierliches  Eintrachtsmahl,  tranken  miteinander  auf
die  gemeinsame  Freiheit,  und  jeder  Teilnehmer  erhielt  zum  Andenken  einen

 

*)  Hänleins  Berichte,  12.  Nov.  27.  31.  Dez.  1831.
        <pb n="150" />
        142  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Abdruck  der  beiden  Verfassungsurkunden.  Die  Kurhessen  gedachten  indessen
bereits  wehmütig  der  Erzählung  Hippels  von  den  „Lebensläufen  in  ab—
steigender  Linie“;  sie  fanden,  im  Hause  Brabant  gerate  der  Sohn  immer
noch  schlechter  als  der  Vater,  und  mancher  sehnte  sich  schon  nach  dem
alten  Kurfürsten  zurück.  Der  aber  betrat  seine  Hauptstadt  niemals  wieder,
sondern  lebte  als  Privatmann  bald  in  den  Schlössern  am  Main,  bald  in
Frankfurt  oder  an  der  Badener  Spielbank.  Sein  Sohn  begnadigte  sofort
den  wegen  der  Vorfälle  vom  7.  Dezember  verurteilten  Polizeidirektor  und
kränkte  seine  Kasseler  tödlich,  als  er  den  Zivilbeamten  der  Bürgerwehr
befahl,  ihre  Schnurrbärte  abzuschneiden.  Welch  eine  Gelegenheit  für  Jordan
zu  schwungvollen  Reden:  die  §§  31  und  32  verbürgten  die  Freiheit  der
Person  und  des  Eigentums,  folglich  gebührte  jedem  Hessen  das  unbeschränkte
  Eigentum  an  seinem  Barthaare,  und  die  eidvergessenen  Minister
mußten  wegen  Verfassungsbruchs  angeklagt  werden!

Zum  Unheil  des  Landes  starb  Minister  Wiederhold  schon  im  Februar
1832,  der  einzige  Mann,  dessen  Stimme  zugleich  am  Hofe  und  im  Landtage
  gehört  wurde.  Nun  trat  Hans  Daniel  Hassenpflug  in  den  Ministerrat
  ein,  der  Sohn  des  Vaters,  und  sprach  sofort  die  Absicht  aus,  „die
Strömung  wieder  in  das  verlassene  Bette  des  Gehorsams  zurückzudämmen“.
  Mit  ihm  begann  der  lange  boshafte  Kampf  wider  die  Verfassung.
  Vorderhand  trug  Kurhessen  aus  so  vielen  Erschütterungen  nur
drei  wertvolle  politische  Güter  davon:  die  Teilung  des  Landesvermögens,
die  rechtlich  gesicherte  Ordnung  des  Beamtentums,  vor  allem  aber  die
Verbindung  mit  dem  Zollvereine,  die  im  Sommer  1831  endlich  zustande
kam  und,  weil  sie  allein  dem  zerrütteten  Staatshaushalt  aufhelfen  konnte,
auch  die  Genehmigung  der  Stände  fand.  Zu  Neujahr  1832  wurde  das
preußische  Zollwesen  eingeführt.  Wieder  zogen  die  Hanauer  in  hellen  Haufen
hinaus,  um  das  neue  Zollhaus,  wie  einst  das  alte,  zu  stürmen,  doch  diesmal
  begegneten  sie  entschlossener  Abwehr.  Auch  die  anderen  Landesteile
fügten  sich  anfangs  nur  ungern;  die  Gassenbuben  verhöhnten  „den  Preuß“
im  Zollhause:

Er  ist  geschnüret  wie  ein  Weib,
Die  Sonne  scheint  ihm  durch  den  Leib.

Sehr  bald  erkannte  man  doch  den  Segen  des  freien  deutschen  Marktes.
Lediglich  dem  Zollvereine  verdankte  das  Land,  daß  seine  wirtschaftlichen
Kräfte  unter  einer  nichtswürdigen  Regierung  langsam  wieder  erstarkten.  —

 

In  Hessen  wie  in  Braunschweig  richtete  sich  der  Aufruhr  geradeswegs
gegen  die  Willkür  pflichtvergessener  Fürsten.  Im  Königreich  Sachsen  brach
eine  wohlwollende,  aber  altersschwache  und  völlig  entgeistete  Regierung
haltlos  zusammen  vor  den  ersten  Schlägen  einer  kleinbürgerlichen  Volksbewegung,
  welche,  ohne  ein  politisches  Ziel  zu  verfolgen,  ihren  Unmut
        <pb n="151" />
        Unruhen  in  Leipzig.  143

zunächst  nur  an  einzelnen  verhaßten  Behörden  und  örtlichen  Mißständen
ausließ.  Die  Unruhen  begannen  hier  schon  vor  der  großen  Woche  der
Pariser,  als  im  Juni  drei  Tage  lang  das  Jubelfest  der  Augsburgischen
Konfession  gefeiert  wurde.  Ein  geistliches  Lied  mahnte  die  Sachsen,  auch
das  kommende  Jahrhundert  hindurch  der  Kirche  heilige  Güter  treu  zu
beschirmen:  „dann  jubeln  frei  wie  ihr  der  Enkel  freie  Scharen“;  und
manche  der  Festreden  klang  wie  ein  Protest  des  lutherischen  Volkes  gegen
die  jesuitischen  Umtriebe,  die  man  den  ausländischen  Hofgeistlichen  des
greisen  Königs  zutraute.  Da  die  Behörden  in  Dresden  und  Leipzig  sich
dem  volkstümlichen  Feste  unfreundlich  zeigten,  so  kam  es  in  beiden  Städten
zu  kleinen  Aufläufen  und  Straßenhändeln;  zuweilen  erklang  aus  der
aufgeregten  Menge  sogar  der  in  Sachsen  unerhörte  Ruf:  hoch  Friedrich
Wilhelm  der  protestantische  König!  Die  eingeleitete  Untersuchung  hüllte
sich  in  tiefes  Geheimnis,  und  eine  heftige  Flugschrift,  die  das  Gebaren
der  wachsamen,  aber  groben  Leipziger  Polizei  kurzweg  als  „Schatten  ohne
Licht“  brandmarkte,  mußte  zur  Beschämung  der  Kursachsen  außer  Landes,
unter  dem  Schutze  der  strengen  preußischen  Zensur  erscheinen.

In  den  ersten  Septembertagen  brach  der  Groll  von  neuem  aus;  an
zwei  Abenden  hintereinander  trieb  der  Leipziger  Pöbel  argen  Unfug.  Die
Bürger  sahen  schadenfroh  zu,  und  als  der  geängstete  Stadtrat  sie  am
4.  September  zur  Hilfe  rief,  hielten  sie  ihm  zornig  die  Sünden  seines
Vetternregimentes  vor,  bis  er  endlich  Rechenschaft  von  seiner  Verwaltung
abzulegen  versprach.  Die  ganze  nächste  Nacht  hindurch  tobten  die  Massen
wieder  in  den  Straßen.  Da  und  dort  zeigte  sich  die  französische  Trikolore,
und  zuweilen  erklang  der  Ruf:  Freiheit,  Paris,  Lafayette!  Im  Grunde  galt
der  Grimm  nur  den  kleinen  Stadttyrannen,  und  auch  der  Zunftgeist
wollte  in  der  erwerblosen  Zeit  sein  Mütchen  kühlen  an  gefährlichen  Neben—
buhlern.  Die  Wohnungen  mehrerer  Ratsherren  und  Polizeibeamten
wurden  „demoliert“  —  so  lautete  die  ausgegebene  Losung  —  desgleichen
einige  verrufene  Häuser,  deren  Damen  sich  der  geheimen  Gunst  der  Stadt—
behörden  erfreuten;  die  Schlosser  grollten,  weil  der  Rat  die  eisernen
Bettstellen  für  ein  Krankenhaus  auswärts  bestellt  hatte,  die  Drucker  wollten
die  neue  Schnellpresse  zerstören,  die  ihnen  das  Brot  vom  Munde  nahm,
die  Lohnkutscher  den  Eilwagen  im  königlichen  Poststalle.  Am  folgenden
Morgen  tat  sich  die  Bürgerschaft  zusammen  und  bildete  eine  Kommu—
nalgarde;  Rektor  Krug  berief  die  Studenten  in  die  Paulinerkirche  und
ermahnte  sie  in  feuriger  Rede,  mit  den  Bürgern  vereint  die  Ordnung
herzustellen.  Dies  gelang  denn  auch  sogleich  und  ohne  Widerstand.  Die
Kommunalgarde  und  die  akademische  Legion  bezogen  gemeinsam  die  Wachen
—  denn  kraft  alter  Privilegien  brauchte  Leipzig  außer  der  Schloßwache
der  Pleißenburg  keine  Garnison  aufzunehmen.  Die  Bürger  trugen  die
weiße  Armbinde,  die  Studenten  ihre  Schläger  und  die  bunten  Verbindungsuniformen,
  die  sich  nunmehr  dem  Verbote  zum  Trotz  an  den  Tag
        <pb n="152" />
        144  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

hinauswagen  durften;  während  die  einen  patrouillierten,  saßen  die  an—
deren  vor  den  Torwachen,  tranken  Gose  und  spielten  Sechsundsechzig.

Wie  freudig  wärmte  sich  der  ehrliche  Krug  an  der  Sonne  dieses  neuen
Bürgerglückes.  Der  hatte  schon  vor  Jahren  den  Deutschen  mit  gewohnter
Wortfülle  seine  „Lebensreise“  geschildert  und  darin  das  Jahr  1813  als
den  Höhepunkt  seines  Daseins  bezeichnet.  Jetzt  schrieb  er  sofort  einen
Nachtrag  über  „das  merkwürdigste  Jahr  meines  Lebens“  —  denn  wer
durfte  leugnen,  daß  die  Leipziger  Revolution  doch  noch  mehr  bedeutete  als
die  Leipziger  Völkerschlacht?  Keine  seiner  ungezählten  Schriften  recht—
fertigte  so  glänzend  den  Beinamen  des  Wasserkruges,  welchen  die  bos—
haften  Hegelianer  diesem  Philosophen  angehängt  hatten.  Am  Schlusse
erzählte  er  rührsam,  wie  ihm  für  die  Großtaten  seines  Rektoratsjahres
der  Zivilverdienstorden  verliehen  wurde;  bescheiden  fügte  er  hinzu:  „Das
war  wieder  allzuviel  Ehre.  Denn  was  hatt'  ich  eigentlich  getan?  Nichts
als  meine  Schuldigkeit.“  Über  die  Höhe  dieses  seelenvergnügten  Frei—
heitsmutes  schwangen  sich  auch  die  zahlreichen  anderen  Flugschriften,
welche  die  sächsische  Revolution  hervorrief,  selten  empor;  nur  ein  Büchlein
des  jungen,  den  Demagogenverfolgern  wohlbekannten  Theologen  Karl  Hase
besprach  „Sachsens  Hoffnungen“  mit  politischer  Einsicht  und  Mäßigung.

Inzwischen  hatten  die  Leipziger  Unruhen  schon  in  Dresden  ihr  Echo
gefunden.  Auch  hier  galt  die  Wut  des  Volkes  vorerst  nur  dem  all—
mächtigen  Stadtrate,  obgleich  dann  und  wann  im  Getümmel  die  Mar—
seillaise  gesungen  wurde.  Ein  Pöbelhaufe  zerstörte  das  Polizeihaus  vom
Fuß  zum  First,  verbrannte  die  Akten  aus  dem  nahen  Rathause,  und
die  Bürgerschaft  ließ  ihn  gewähren  (9.  Sept.).  Die  schwarzen  Schützen,
eines  der  besten  Regimenter  des  kleinen  Heeres,  durften  auf  Befehl  der
furchtsamen  Regierung  nicht  in  den  Haufen  feuern,  und  als  sich  auch
hier  eine  Bürgerwehr  mit  weißen  Armbinden  zusammengeschart  hatte,
mußten  die  Truppen  ohne  Hörnerklang  durch  ein  Spalier  der  Kommu—
nalgarde  aus  der  Stadt  abziehen,  während  die  Masse  den  schwarzen
Bluthunden  ihre  Verwünschungen  nachrief.  Nun  ergoß  sich  auch  über
das  stille  Dresden  ein  Abglanz  neufranzösischer  Bürgerherrlichkeit.  Die
Kommunalgardisten  grüßten  einander  stolz:  „Guten  Morgen,  Pariser!“,
wenn  sie  auf  den  Trommelruf  „Kamerad  komm!“  zum  Sammeldplatze
eilten.  Bei  ihren  Festen  sangen  sie  die  sächsische  Marseillaise  des  sanftmütigen
  alten  Tiedge;  der  Kehrreim  Aux  armes  citoyens!  lautete  hier
minder  blutdürstig:

Wohlauf,  wohlan,  streut  Blumen  hin,
Wo  Zwist  und  Unheil  war!

Ganz  so  kindlich  wie  dies  Bürgerlied  war  die  Stimmung  des  Landes
freilich  nicht.  In  Chemnitz  und  mehreren  kleinen  Städten  rottete  sich
das  Volk  zusammen;  selbst  die  Freiberger  Bergleute,  die  sonst  ihren
Rautenkranz  so  treu  in  Ehren  hielten,  zogen  drohend  vor  das  Tor  der
        <pb n="153" />
        Entlassung  Einsiedels.  145

freien  Bergstadt  und  wurden  nur  durch  das  Versprechen  höheren  Lohnes
beschwichtigt.  Hier  ward  das  Haus  eines  katholischen  Kaufmanns  ge—
plündert,  dort  ein  Ratsherr  wegen  seiner  Strenge,  ein  Fabrikant  wegen
seiner  Maschinen,  ein  Kirchenpatron  wegen  des  unbilligen  Preises  der
Kirchenstühle  bedroht;  alle  Herzensneigungen  des  Philistertumes  kamen
an  den  Tag,  denn  die  Zügel  des  Regiments  schleiften  am  Boden.

Nach  und  nach  wurden  auch  politische  Wünsche  laut,  da  die  ver—
haßte  städtische  Verwaltung  mit  der  alten  Ständeverfassung  so  eng  zu—
sammenhing.  Ein  bei  den  Mittelklassen  hochbeliebter  tüchtiger  Beamter,
C.  G.  Eisenstuck,  der  durch  die  Kenntnis  der  englischen  Zustände  freiere
Anschauungen  gewonnen  hatte,  verfaßte  für  die  Bürger  der  Dresdener
Neustadt  eine  Adresse  an  die  Krone  und  wagte  hier  zuerst  neben  der
Beseitigung  der  städtischen  Mißbräuche  auch  „eine  dem  Zeitgeist  entspre—
chende  Repräsentation“,  vornehmlich  eine  Vertretung  des  Bauernstandes
zu  fordern.

In  aller  Unschuld  ward  unter  den  Kommunalgardisten  der  Haupt—
stadt  schon  die  Frage  erwogen:  ob  man  nicht,  da  so  vieles  zu  ändern
sei,  den  guten  alten  König  Anton  durch  freundliche  Bitten  zur  Abdankung
bewegen  solle;  dann  könne  sein  Neffe,  der  junge  Prinz  Friedrich  August,
den  Thron  besteigen  und  vielleicht  auch  aus  Liebe  zum  Volke  den  luthe—
rischen  Glauben  annehmen.  Solche  Pläne  erschienen  der  aufgeregten  Zeit
ganz  unverfänglich,  war  doch  Ludwig  Philipp  von  den  alten  Mächten  schon
tatsächlich  anerkannt;  die  neue  französische  Revolution  wirkte  darum  so
verführerisch  auf  das  gutmütige  deutsche  Bürgertum,  weil  sie  so  glatt
verlief  und  so  viel  unschuldiger  schien,  als  die  greuelvolle  erste.  Der
deutsche  Prinz  aber  dachte  anders  als  die  Orleans;  er  wies  jene  An—
schläge,  sobald  er  davon  hörte,  entrüstet  zurück  und  sagte:  ich  will  nicht
König  von  Rebellen  sein!

Ein  festes  Ziel  gewann  die  unstete  Bewegung  erst,  als  das  hohe
Beamtentum  selber  sich  der  Leitung  bemächtigte.  Die  jüngeren  Mit—
glieder  des  Geheimen  Rates  empfanden  schon  längst  mit  Unmut  die
Übermacht  des  Geheimen  Kabinetts,  das  sie  ganz  von  dem  Monarchen
absperrte,  und  den  starren  Dünkel  des  Kabenettsministers  Einsiedel;  sie
konnten  sich  auch  nicht  mehr  verbergen,  daß  der  König  bei  dem  drohenden
Zusammenbruche  des  alten  Systems  mindestens  der  Beihilfe  einer  jugend—
lichen  Kraft  bedurfte.  Dem  alten  Herrn  waren  die  Unruhen  ganz  unbe—
greiflich;  ich  habe  ja,  sagte  er  traurig,  alles  beim  alten  gelassen  und
keinem  je  etwas  zuleide  getan!  Endlich  begann  er  doch  einzusehen,
wie  gänzlich  Graf  Einsiedel  ihn  und  sich  selber  über  die  Stimmung  des
Volkes  getäuscht  hatte.  Am  13.  September  mußte  der  Graf  auf  die  Auf—
forderung  des  Königs  sein  Abschiedsgesuch  einreichen;  unwillig  räumte  er
den  so  lange  behaupteten  Posten  und  schrieb  dem  preußischen  Gesandten:
„S.  Maj.  hat  es  für  nötig  gehalten,  daß  ich  ihn  um  meine  Entlassung

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  10
        <pb n="154" />
        146  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

bitten  solle.“*)  Am  selben  Tage  fuhr  der  Geheime  Rat  von  Lindenau  mit
dreien  seiner  Amtsgenossen  nach  Pillnitz  hinaus  und  bewog  dort  den
König,  den  Prinzen  Friedrich  August  zum  Mitregenten  zu  ernennen.  Der
Vater  des  jungen  Prinzen,  der  alte  Prinz  Max,  hatte  dawider  nichts
einzuwenden  und  erklärte  sogar  unaufgefordert,  daß  er  zu  Gunsten  seines
Sohnes  auf  die  Thronfolge  verzichte:  Ich  mag  gar  nicht  regieren  —
meinte  er  gemütlich  —  der  Fritz  ist  gut,  er  wird  schon  nach  meinem
Sinne  regieren.

So  übernahm  denn  Friedrich  August  die  Herrschaft,  die  ihm  nur
selten  durch  eine  Bedenklichkeit  des  alten  Königs  erschwert  wurde  —  seit
lange  her  der  liebenswürdigste  Fürst  des  albertinischen  Hauses,  vielseitig
gebildet,  gütig,  leutselig  und  von  einer  treuherzigen  Aufrichtigkeit.  welche
die  Hofleute  zuweilen  erschreckte.  Er  nannte  sich  selber  einen  Gemütsmenschen
  und  war  in  der  Tat  durch  Anlage  und  Neigung  mehr  für
die  gelehrte  Muße  als  für  die  Welt  des  Handelns  bestimmt;  rasche  Entschlüsse
  fielen  ihm  schwer,  durch  die  trockenen  Geschäfte  ward  er  leicht
ermüdet,  und  in  großer  Gesellschaft  sprach  er  wenig.  „Heute  kein  Wort
von  Politik,  so  sagte  er  oft,  wenn  er  sich  einen  guten  Tag  machte  und
mit  einem  Adjutanten  allein  hinausfuhr  in  die  Felsengründe  des  Meißener
Hochlandes;  fast  alle  Gebirge  Europas  hatte  er  durchwandert  bis  in  ihre
enilegenen  Schluchten,  und  im  vertrauten  Kreise  erzählte  er  von  seinen
Reisen  mit  dichterischer  Anschaulichkeit.  Am  wohlsten  fühlte  er  sich  auf
seinem  bescheidenen  Weinberge  in  Wachwitz,  wo  ihn  kein  Hofstaat,  nicht
einmal  eine  Wache  störte.  Alle  Künste  waren  ihm  vertraut,  und  mit
glücklichem  Blicke  wußte  er  die  jungen  Talente  herauszufinden;  von  den
Wissenschaften  trieb  er  mit  Vorliebe  die  Botanik,  und  es  geschah  wohl,
daß  ein  Bäuerlein  den  schlichten  Mann,  wenn  er  mit  seiner  grünen
Trommel  die  Feldraine  absuchte,  für  den  Rattenfänger  hielt.  Auf  seinen
fürstlichen  Beruf  hatte  er  sich  gewissenhaft  vorbereitet;  man  wußte,  daß
er  von  der  Unhaltbarkeit  der  alten  Adelsherrschaft  längst  überzeugt  war
und  weder  mit  den  Beichtvätern  seines  Oheims,  noch  mit  dem  Grafen
Einsiedel  auf  gutem  Fuße  stand.  Durch  eine  freundliche  Ansprache  an
die  Dresdener  Bürgerschaft  gewann  sich  der  Mitregent  alsbald  alle  Herzen;
sein  Wort  „Vertrauen  erweckt  wieder  Vertrauen“  wurde  fortan  in  den
gereimten  und  ungereimten  Trinksprüchen  ergebener  Untertanen  beharrlich
wiederholt,  und  man  verzieh  ihm  auch,  daß  er  sich  zu  dem  angesonnenen
Glaubenswechsel  doch  nicht  entschließen  wollte.  Als  treuer  und  arbeitsamer
  Gehilfe  ging  ihm  sein  Bruder  Johann  zur  Hand,  auch  er  ein
Gelehrter  von  umfassendem  Wissen,  minder  liebenswürdig  als  Friedrich
August,  aber  auch  minder  weich,  gründlich  bewandert  in  dem  Rechte  und
der  Verwaltung  des  Landes.  Prinz  Johann  übernahm  den  Oberbefehl

 

*)  Einsiedel  an  Jordan,  13.  Sept.  1830.
        <pb n="155" />
        Prinz  Friedrich  August  Mitregent.  147

über  die  Kommunalgarden,  die  nun  in  allen  größeren  Städten  zusammen—
traten  und  beim  Anblick  des  Fürsten  mit  der  weißen  Bürgerbinde  ihre
eigene  Größe  erst  ganz  empfanden.  In  überschwenglichen  Dithyramben
wurde  „der  Hochgeweihte  und  sein  Johannes  ihm  zur  Seite“  gefeiert,
und  als  diese  „sächsischen  Dioskuren  im  Zenithe  von  Leipzig  erschienen“,
fand  Krug  kaum  Worte  genug  für  seine  liberale  Begeisterung.

Der  leitende  Kopf  bei  der  Arbeit  der  Reform  war  der  Geh.  Rat
von  Lindenau.  Herzog  Bernhard  hieß  er  bei  dem  dankbaren  thüringischen
Volke  noch  von  den  Tagen  her,  da  er  sein  Heimatland  Gotha-Altenburg
während  einer  Zwischenherrschaft  allein  regiert  hatte;  und  die  gleiche  Liebe
erwarb  er  sich  bald  auch  in  Kursachsen,  zumal  unter  den  Bauern,  obgleich
  der  schlichte  Aristokrat  alle  Künste  der  Volksschmeichelei  verschmähte.
Ein  Hauch  von  Schwermut  lag  über  seinem  Wesen;  er  hatte  in  der
Jugend  seine  Geliebte  verloren,  blieb  unvermählt,  verwendete  die  Einkünfte
  seines  ansehnlichen  Vermögens  und  vier  Fünftel  seines  Gehalts
für  gemeinnützige  Zwecke,  mied  die  Gesellschaft  so  sehr,  daß  ihm  selbst  die
Mitglieder  des  diplomatischen  Korps  nicht  alle  bekannt  wurden,  und
widmete  seine  freien  Stunden  ganz  der  Wissenschaft.  Die  Astronomen
schätzten  ihn  als  einen  glücklichen  Forscher,  seiner  Leitung  verdankte  die
Sternwarte  auf  dem  Seeberge  bei  Gotha  zum  guten  Teile  ihren  Ruf.
Zuzeiten  konnte  sich  der  hochherzige  Idealist  wohl  in  unmögliche  Pläne
verlieren,  schließlich  kehrte  er  doch  immer  auf  den  Boden  des  Wirklichen
zurück.  So  entsagte  er  jetzt  der  Politik  des  mitteldeutschen  Handelsvereins,
an  den  er  einst  so  viel  patriotischen  Eifer  verschwendet  hatte,  und  gestand
dem  preußischen  Gesandten  Jordan  offen:  Der  Wiener  Hof  hat  uns
glänzende  Anerbietungen  für  die  handelspolitische  Verbindung  gemacht,
wir  werden  ihnen  aber  nicht  Folge  leisten,  sondern  uns  dem  preußischen
Zollvereine  anschließen.  ))  Auch  für  die  Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten,
für  die  Neugestaltung  der  Verwaltung  und  des  Städtewesens  nahm  er
sich  die  preußischen  Gesetze  zum  Muster.  Die  Verfassung,  die  er  plante,
sollte  zwar,  wie  es  die  Meinung  des  Tages  forderte,  die  Form  einer
Charte  erhalten,  aber  von  den  altständischen  Überlieferungen  nicht  allzuweit
  abweichen;  denn  mehr  ließ  sich  von  dem  alten  Landtage  voraussichtlich
  nicht  erlangen,  und  dessen  Mitwirkung  war  unumgänglich,  da
der  Prinzregent  und  seine  Räte  ihren  Stolz  darein  setzten,  daß  die  neue
Ordnung  rechtlich  unantastbar  dastehen  müsse.)

So  viele  Jahre  daher  war  Sachsen  der  stillste  aller  Mittelstaaten
geblieben;  begreiflich  genug,  daß  der  Wiener  Hof  durch  die  so  ganz  unerwarteten
  jüngsten  Vorfälle  schwer  beängstigt  wurde.  Auch  aus  den  benachbarten
  Kleinstaaten  liefen  bedenkliche  Nachrichten  ein:  aus  Köthen

 

*)  Jordans  Bericht,  25.  Sept.  1830.  Vergl.  o.  III.  652.
*)  Jordans  Bericht,  1.  Februar  1831.
10
        <pb n="156" />
        148  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

hatte  die  verwitwete  Herzogin,  die  Konvertitin  Julia  fliehen  müssen,  weil
das  protestantische  Volk  ihre  Klerisei  bedrohte,  in  Altenburg  war  ein  sehr
roher  Pöbelaufruhr  nur  schwer  und  mit  preußischer  Hilfe  gebändigt  wor—
den.  Kaiser  Franz  ließ  sogleich  in  Berlin  anfragen,  ob  nicht  ein  gemein—
sames  Einschreiten  der  beiden  Großmächte,  zunächst  in  Sachsen,  ratsam
sei,  und  wenngleich  sein  Schwiegersohn,  der  Prinzregent  Friedrich  August,
sich  brieflich  vor  ihm  rechtfertigte,  befahl  er  doch  seinem  Staatskanzler
einige  „gesalzene  Depeschen“  nach  Dresden  zu  senden.  In  hoffärtigem
Tone  fragte  Metternich,  wie  es  möglich  sei,  daß  ein  Staat,  der  bisher
ein  Muster  deutscher  Sitte  gewesen,  der  sein  gegenwärtiges  Dasein  allein
dem  Kaiser  Franz  verdanke,  ein  so  gefährliches  Beispiel  habe  geben  können,
und  erklärte  drohend:  der  Kaiser  sei  fest  entschlossen,  nicht  über  eine  gewisse
  Grenze  hinaus  ein  wohlwollender  Zuschauer  dieser  Unordnungen  zu
bleiben.  Der  sächsische  Gesandte  Graf  Schulenburg,  ein  Mann  der  alten
Schule,  der  bisher  von  Wien  aus  Sachsens  deutsche  Politik  ganz  in
Metternichs  Sinne  geleitet  hatte,  eilte  selbst  in  die  Heimat,  um  die
Ermahnungen  seines  Meisters  zu  unterstützen;  er  wurde  jedoch  von  dem
Prinzregenten  auf  seinen  Posten  zurückverwiesen  und  bald  darauf
abberufen.  Zar  Nikolaus  äußerte  sich  fast  ebenso  unwillig.  Zärtlich
besorgt  kam  der  Gesandte  des  freiheitschirmenden  Frankreichs  schon  zu
Lindenau,  um  sich  mit  verständlichem  Winke  zu  erkundigen,  ob  wirklich
der  Einmarsch  fremder  Truppen  bevorstehe.

Bernstorff  aber  wies  die  Anträge  der  Hofburg  kühl  zurück.  Man
urteilte  im  Auswärtigen  Amte  sehr  hart  über  die  sächsischen  Unruhen,  weil
sich  der  gestürzten  Regierung  keine  Rechtsverletzung  vorwerfen  ließ.  „Im
Herzogtum  Braunschweig“  —  sagte  eine  Weisung  an  Jordan  —  „war  der
Aufruhr  die  Folge  der  Unterdrückung,  in  Hessen  erklärt  er  sich  aus  den
gehäuften  Fehlern  und  dem  schweren  Unrecht  der  Regierung,  in  Sachsen
hat  er  kaum  einen  Vorwand,  geschweige  denn  einen  Grund.“  Als  der
sächsische  Gesandte  General  Watzdorf,  um  ein  freundnachbarliches  Urteil
bittend,  den  neuen  Verfassungsentwurf  in  Berlin  überreichte,  da  sang
Ancillon  wieder  einmal  das  Lob  der  deutschrechtlichen  Landstände  und  bedauerte
  lebhaft,  daß  man  diese  „rein  germanische  Form“  nicht  mit  einigen
Verbesserungen  beibehalten  habe.  Indes  erkannten  die  preußischen  Staatsmänner
  gern  an,  wie  sorgsam  der  Entwurf  „das  monarchische  Prinzip“
wahre;  an  eine  Störung  der  sächsischen  Reformen  dachten  sie  umsoweniger,
  da  das  Nachbarland  offenbar  erst,  wenn  seine  Verwaltung  neugestaltet
  war,  dem  preußischen  Jollvereine  beitreten  konnte.))  Also  der
preußischen  Freundschaft  sicher  erwiderte  Lindenau  der  Wiener  Hofburg  nachdrücklich,
  die  neue  Regierung  werde  durch  eigene  Kraft  ihr  monarchisches

 

*)  Weisung  an  Jordan,  22.  Anl##.  Watzdorf  an  Bernstorff,  2.  März.  Jordans
Bericht,  1.  März  1831.
        <pb n="157" />
        Neue  Unruhen  in  Dresden.  149

Ansehen  behaupten.  Sobald  das  kleine  Königreich  an  seine  inneren  Schä—
den  die  heilende  Hand  legte,  lenkte  auch  seine  deutsche  Politik  wie  von  selbst
in  ihre  natürlichen  Bahnen  ein;  der  Groll  über  die  Landesteilung  schien
fast  vergessen,  das  Verhältnis  zum  preußischen  Hofe  gestaltete  sich  bald
freundlich.  Prinz  Friedrich  August  hatte  sich  kürzlich  bei  einem  Besuche
in  Berlin  das  besondere  Wohlwollen  des  Königs  erworben;  Prinz  Johann
schloß  mit  seinem  Schwager,  dem  preußischen  Kronprinzen,  brüderliche
Freundschaft,  die  beiden  gelehrtesten  Fürsten  des  Zeitalters  ergingen  sich
gern  im  Austausch  ernster  Gedanken,  obgleich  der  nüchterne  Albertiner
die  romantische  Weltanschauung  des  Hohenzollern  nicht  teilte.

Es  währte  noch  ein  volles  Jahr,  bis  das  aufgewühlte  Land  sich  wieder
beruhigte.  Die  Sachsenzeitung,  der  Vaterlandsfreund,  die  Biene  des
Zwickauer  Bienenvaters  Richter  führten  oft  eine  aufreizende  Sprache,  und
was  vor  der  eingeschüchterten  sächsischen  Zensur  doch  keine  Gnade  fand,
wurde  in  Winkelpressen  gedruckt  oder  in  Altenburg,  in  Ilmenau  unter
dem  kraftlosen  Regimente  der  thüringischen  Kleinfürsten.  Späterhin  wirkten
auch  einige  der  polnischen  Flüchtlinge  mit,  denen  die  Dresdener,  eingedenk
der  alten  Zeiten,  eine  gastliche  Aufnahme  bereiteten.  Die  Behörden  zeigten
sich  fast  überall  schwach;  fast  jede  Mißtrauenserklärung  der  Gemeinden
gegen  einen  Beamten,  einen  Geistlichen  konnte  auf  Erhörung  rechnen;  die
Polizei  war  durch  die  vielen  kleinen  Gassenprügeleien  so  in  Verruf  gekommen,
  daß  sie  kaum  noch  brauchbare  Leute  für  ihren  Dienst  zu  finden
vermochte.  In  Dresden  wurde  die  alte  Nationalgarde,  weil  sie  neben  der
neuen  Kommunalgarde  nicht  mehr  bestehen  konnte,  aufgelöst;  einige  ihrer
Mitglieder  widersetzten  sich,  legten  Verwahrung  ein  gegen  die  Beschimpfung,
die  „der  gesamten  Nationalgarde  nicht  bloß  in  Europa,  sondern  auch  in
anderen  Weltteilen  widerfahren“  sei,  bildeten  schmollend  einen  Bürgerverein.
  In  diesen  Kreisen  ward  eine  von  dem  Advokaten  Mosdorf  entworfene
  „Konstitution  wie  sie  die  Sachsen  wollen“  verbreitet.  Sie  trug
die  Aufschrift:  „und  wird  sie  nicht  gewährt,  so  pochen  wir  mit  dem  Flintenkolben
  an,“  forderte  Volkssouveränität,  Abschaffung  des  Adels  und  des
stehenden  Heeres;  alle  die  verworrenen  radikalen  Gedanken,  welche  das
starre  Adelsregiment  unter  den  Kleinbürgern  erweckt  hatte,  fanden  hier
ihren  groben  Ausdruck.

Als  die  Regierung  endlich  im  April  1831  einige  Verhaftungen  vornahm,
  begann  der  Straßenlärm  in  der  Hauptstadt  von  neuem;  der  Pöbel
befreite  die  Gefangenen,  die  Kommunalgarde  benahm  sich  feig,  ihr  Führer
Prinz  Johann  ward  verhöhnt,  und  erst  am  zweiten  Tage  trieb  das  Feuer
der  Truppen  die  Aufrührer  auseinander.  Mosdorf  ward  auf  den  Königstein,
  viele  andere  ins  Zuchthaus  abgeführt.  Diese  Nachrichten  entflammten
in  Leipzig  wieder  die  alte  Eifersucht  auf  die  Residenz;  der  Stadtrat  sendete
sogleich  eine  Ergebenheitsadresse  an  den  Hof  und  erbot  sich,  im  Notfall
seine  Kommunalgarde  gegen  die  meuterischen  Dresdener  auszusenden.
        <pb n="158" />
        150  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Leider  war  aber  auch  auf  das  Bürgerheer  an  der  Pleiße  kein  Verlaß,
die  Weihrauchspenden  der  liberalen  Presse  hatten  den  Hochmut  der  be—
waffneten  Volksmänner  bedenklich  gesteigert.  Im  August  meuterte  ein
Teil  der  Leipziger  Kommunalgardisten,  weil  ihnen  ein  neuer  Wachsaal
nicht  behagte;  selbst  die  Studenten  nahmen  Partei  gegen  die  Aufsässigen,
und  den  schwarzen  Schützen,  die  jetzt,  nach  Aufhebung  der  städtischen
Privilegien,  ihr  Standquartier  in  Leipzig  hatten,  fiel  die  undankbare  Aufgabe
  zu,  den  Aufruhr  mit  Waffengewalt  niederzuschlagen.  Seitdem  fühlte
die  Krone  sich  wieder  sicherer.

Mittlerweile  hatte  der  alte  Landtag  seine  weitläuftigen  Beratungen
über  das  Grundgesetz  beendigt.  Welch  ein  seltsamer  Gegensatz  zu  Kurhessen!
  Während  dort  der  Landtag  den  Verfassungsentwurf  der  Minister
in  liberalem  Sinne  gänzlich  neugestaltete,  gingen  in  Sachsen  alle  Reformen
  von  der  Regierung  aus.  Sie  bewährte  durchweg  mehr  Einsicht
und  Unbefangenheit  als  die  Stände;  die  Ritterschaft  so  gut  wie  die
Städte  verfochten  hartnäckig  nur  ihr  eigenes  Interesse,  und  oftmals
mußte  Lindenau  von  seinen  Standesgenossen  Schmähungen  anhören,  weil
er  die  Rechte  des  Adels  preisgebe.  Auch  die  neue  Verfassung  ruhte  auf
dem  Grundsatze  der  ständischen  Gliederung.  Die  erste  Kammer  war  in
Wahrheit  nur  ein  verkleinertes  Abbild  des  alten  Landtags,  und  ebenso
selbständig  wie  dieser  gegenüber  der  Krone,  die  nur  zehn  Grundherren
auf  Lebenszeit  ernennen  durfte;  sie  bestand  aus  den  Prälaten,  den  Standesherren,
  den  Vertretern  des  großen  Grundbesitzes  und  den  Bürgermeistern
  von  acht  größeren  Städten.  In  der  zweiten  Kammer  behauptete
der  Grundbesitz  ebenfalls  das  Ubergewicht,  weil  der  Landtag  die  kühne
Behauptung  aufstellte,  der  wirtschaftliche  Schwerpunkt  dieses  gewerbfleißigen
  Landes  liege,  dank  dem  gegenwärtigen  Notstande  des  Handels,
allein  im  Landbau;  die  Ritterschaft  war  hier  noch  einmal,  durch  zwanzig
Abgeordnete  vertreten;  dazu  fünfundzwanzig  Bauern,  ebensoviel  Städter
und  fünf  Vertreter  des  Gewerbfleißes.  Die  Kammern  standen  mithin,
obgleich  sie  nicht  nach  Kurien  stimmten,  den  altständischen  Institutionen
näher  als  dem  neufranzösischen  Repräsentativsystem;  für  die  großstädtische
Bildung  boten  sie  wenig  Raum,  da  jeder  Abgeordnete  in  seinem  Wahlbezirke
  wohnen  mußte,  freilich  krankten  sie  auch  nicht  an  der  Überzahl
von  Beamten,  welche  in  den  süddeutschen  Landtagen  so  viel  Unfrieden
erregten.  Die  Krone  gab  die  freie  Verfügung  über  das  Kammergut  auf
und  begnügte  sich  fortan  mit  einer  Zivilliste;  die  Stände  erhielten  das  Recht,
die  Minister  vor  einem  besonderen  Staatsgerichtshofe  anzuklagen,  sie  bewilligten
  das  Budget  für  je  drei  Jahre  und  faßten  Beschluß  über  die
Gesetzentwürfe,  welche  die  Regierung  allein  vorlegen  durfte.  Ein  Gesetz
und  selbst  ein  Budget  sollte  aber  nur  dann  als  abgelehnt  betrachtet  werden,
wenn  in  einer  der  beiden  Kammern  mindestens  zwei  Drittel  dagegen  gestimmt
  hatten;  überdies  konnte  die  Krone  nötigenfalls  die  bisherigen  Ab-
        <pb n="159" />
        Die  sächsische  Verfassung.  151

gaben  noch  ein  Jahr  lang  forterheben.  Ebenso  behutsam  war  auch  der
Abschnitt  über  die  Menschenrechte  gehalten,  der  als  ein  Zugeständnis  an
den  aufgeklärten  Zeitgeist  doch  nicht  ganz  fehlen  durfte.

König  Anton  ließ  alles  geduldig  über  sich  ergehen.  Nur  durch  die
beiden  Artikel,  welche  die  Kirchen  der  Oberaufsicht  des  Staates  unter—
warfen  und  die  Zulassung  der  Jesuiten  sowie  aller  anderen  geistlichen
Orden  für  alle  Zukunft  verboten,  fühlte  er  sich  tief  verletzt,  weil  ihre
Fassung  ein  kränkendes  Mißtrauen  gegen  den  katholischen  Hof  verriet.
Erst  auf  das  Zureden  seines  Neffen  Johann  entschloß  er  sich,  auch  diese
Sätze  zu  genehmigen.  Der  Prinz  war  selbst  strenggläubiger  Katholit
und  blieb  in  seiner  Anschauung  der  deutschen  Geschichte  den  alten  habs—
burgisch-albertinischen  Traditionen  immer  treu;  doch  er  wußte  auch,  was
die  Dynastie  ihrem  hart  lutherischen  Volke  schuldig  war,  und  behandelte
die  Kirchenpolitik  ohne  konfessionelle  Engherzigkeit.  Am  4.  September  1831
empfingen  die  alten  Stände  aus  der  Hand  des  Königs  die  Verfassungsurkunde,
  und  nach  dem  Vorbilde  der  Pariser  Julifeier  wurde  nunmehr
alljährlich  das  Konstitutionsfest  durch  Bürgerparaden,  Schmäuse  und
jubelnde  Reden  verherrlicht.

Wie  lächerlich  auch  diese  Großsprechereien  zuweilen  klangen,  die  ersten
zehn  Jahre  der  neuen  Verfassung  waren  doch  unzweifelhaft  die  glücklichsten,
  welche  das  Königreich  unter  dem  deutschen  Bunde  verlebt  hat.  Das
nach  Fächern  gegliederte  Staatsministerium,  das  jetzt  die  Leitung  der  gesamten
  Verwaltung  übernahm,  war  so  reich  an  guten  Kräften  wie  kaum
ein  anderes  in  den  deutschen  Mittelstaaten  und  besaß  an  dem  Finanzminister
  von  Zeschau  einen  staatsmännischen  Kopf,  der,  in  den  großen  Verhältnissen
  des  preußischen  Dienstes  geschult,  Lindenaus  idealistischen
Schwung  durch  nüchternen  Geschäftssinn  ermäßigte.  Auch  in  den  anderen
höheren  Amtern  wirkten  tüchtige  Männer,  wie  Wietersheim,  Merbach,
Günther;  der  alte  Reichtum  des  Landes  an  Talenten  durfte  sich  jetzt
etwas  freier  entfalten.  Wer  schärfer  zusah,  konnte  freilich  wahrnehmen,
daß  die  alte  kursächsische  Adelsoligarchie  in  milderer  Form  noch  immer
fortbestand.  Die  Minister  gehörten  allesamt  zu  dem  engen  Kreise  jener
alteingesessenen  Geschlechter,  welche  sich  seit  dreihundert  Jahren  in  die
Regierung  zu  teilen  pflegten.  Nur  der  Kultusminister  Müller  war  bürgerlich
  —  ein  märchenhafter  Fall  im  alten  Sachsen  —  und  es  blieb  fortan
die  Regel,  daß  zur  Beschwichtigung  der  Beamten  und  der  Liberalen  von
Zeit  zu  Zeit  ein  bürgerlicher  Minister  ernannt,  die  wichtigsten  Stellen
aber  stets  dem  Adel  vorbehalten  wurden.  Eine  der  preußischen  nachgebildete
  Städteordnung  gab  der  neuen  Volksvertretung  einen  festen  Unterbau.
  Im  selben  Jahre  (1832)  erschien  das  musterhafte  Gesetz  über  die
Ablösungen  und  Gemeinheitsteilungen,  das  mit  den  feudalen  Lasten  weit
gründlicher  aufräumte,  als  es  bisher  in  Preußen  gelungen  war;  nach
Lindenaus  Plänen  wurde  eine  Landrentenbank  eingerichtet,  welche  die
        <pb n="160" />
        152  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Berechtigten  durch  verzinsliche  Inhaberpapiere  entschädigte  und  damit  den
Pflichtigen  die  Ablösung  erleichterte.  Nach  mehrjährigen  Verhandlungen
trat  endlich  auch  die  Markgrafschaft  Oberlausitz  in  die  Verwaltungsordnung
  der  Erblande  ein.

Der  neue  Landtag  zeigte  anfangs  eine  fast  kindliche  Bescheidenheit,
obwohl  Tiedge  herausfordernd  sang:  „wir  haben  Männer  wie  unsern
Eisenstuck;“  der  abstrakte  Liberalismus  der  Rotteck-Welckerschen  Schule
fand  hier  vorderhand  noch  gar  keine  Vertreter.  An  gesundem  praktischem
Verstande  aber  war  kein  Mangel;  einzelne  Redner,  wie  der  ehrenfeste
Aristokrat  Albert  von  Carlowitz  und  der  Leipziger  Bürgermeister  Deutrich
wagten  auch  schon  über  die  grünweißen  Grenzpfähle  hinauszuschauen.
Großes  Aufsehen  erregte  an  den  Höfen  die  parlamentarische  Tätigkeit
des  Prinzen  Johann,  der  allein  unter  allen  Prinzen  der  deutschen  regie—
renden  Häuser  seinen  Platz  in  der  ersten  Kammer  regelmäßig  einnahm
und  durch  seine  etwas  trocken  juristischen,  aber  stets  sachkundigen  und  ver—
ständigen  Arbeiten  diese  schwierige  Stellung  würdig  zu  behaupten  wußte.
Wer  durfte  es  Karl  Böttiger  dem  Unaufhaltsamen  verargen,  daß  er  den
gelehrten  Prinzen  in  wohlgedrechselten  griechischen  Distichen  als  den  a#-vos
  Tacooplag  verherrlichte?  Seit  das  starre  alte  System  gebrochen
war  und  der  Zollverein  dem  gewerbfleißigen  Lande  seinen  natürlichen
Markt  eröffnete,  erwachte  überall  ein  frischeres  Leben.  Die  Volkswirtschaft
  blühte  auf,  das  Schulwesen  ward  mit  Einsicht  verbessert,  die  Leipziger
  Kramerinnung  gründete  ihre  große  Handelslehranstalt;  fast  in  jedem
Städtchen  sorgte  ein  tätiger  Mann,  wie  der  wackere  Pastor  Böhmert
in  Roßwein,  für  Sonntagsschulen,  Sparkassen,  Gewerbevereine.  Auch
der  Kunstsinn  ward  reger,  seit  der  neue  Kunstverein  seine  Ausstellungen
hielt;  in  die  ganz  verzopfte  Dresdener  Akademie  trat  der  junge  Ludwig
Richter  ein  und  wagte  zuerst  wieder,  seine  Schüler  zum  Landschaftszeichnen
in  die  freie  Luft  hinaus  zu  führen.  Der  gesamten  deutschen  Baukunst
aber  erwies  Friedrich  August  einen  folgenreichen  Dienst,  als  er  den  fruchtbarsten
  und  gedankenreichsten  der  jüngeren  Baumeister,  den  Holsten  Gottfried
  Semper  nach  Dresden  berief,  um  das  neue  Theater  mitten  hinein
zu  stellen  zwischen  die  flimmernde  Pracht  des  Zwingers  und  der  Hofkirche;
in  solcher  Umgebung  entstanden  wie  von  selbst  die  Entwürfe  zu  jenen
reichen  römischen  Renaissancebauten,  welche,  minder  überladen  als  die  Werke
des  Barockstils,  dem  malerisch  gestimmten  modernen  Auge  doch  wärmer,
vertrauter,  zweckmäßiger  erschienen  als  Schinkels  hellenische  Tempel.

Gleichwohl  sammelte  sich  während  dieser  glücklichen  Zeit  in  der  Stille
viel  Groll  an.  Die  lang  anhaltende  gemütliche  Unordnung  des  Revolutionsjahres
  hatte  die  niederen  Stände,  zumal  in  der  Hauptstadt,  an
einen  rohen  radikalen  Ton  gewöhnt.  Niemand  wollte  eingestehen,  daß
die  Regierung  sehr  hoch  über  ihrem  Volke  stand,  daß  erst  Lindenau  und
seine  Freunde  der  völlig  unklaren  Bewegung  einen  politischen  Inhalt  gegeben
        <pb n="161" />
        Ministerium  Lindenau-Zeschau.  153

hatten.  Man  prahlte  mit  dem  Heldenmute  der  „sächsischen  Julikämpfer“,
der  die  widerstrebende  Krone  zur  Gewährung  der  Freiheit  fortgerissen
habe.  „Alle  Bewohner  Europas  in  allen  Städten  und  Dörfern  teilen
gleiche  politische  Gesinnung“  —  meinte  der  Bienenvater  Richter  —  „darum
wurde  die  große  Woche  von  Paris  sofort  die  von  ganz  Europa.“  Der
neue  weltbürgerliche  Radikalismus,  der  überall  in  der  Luft  lag,  drang
unmerklich  auch  in  Sachsen  ein,  und  die  ausländischen  Schriftsteller,
welche  sich  nach  und  nach  in  Leipzig  zusammenfanden,  nährten  ihn  ebenso
eifrig  wie  die  polnischen  Flüchtlinge  in  Dresden.  Im  Erzgebirge  war  der
Notstand  groß,  und  es  zeigten  sich  schon  die  ersten  Keime  sozialen  Unfriedens;
  die  Regierung  aber  tat  wenig,  um  die  Arbeiter  vor  Ausbeutung
zu  schützen,  sie  stand  noch  ratlos  vor  der  so  plötzlich  aufschießenden  Macht
der  Großindustrie.  Die  undeutsche  Soldatenspielerei  der  Kommunalgarden
nährte  den  Übermut  der  Mittelklassen.  Kleine  Reibungen  konnten  nicht
ausbleiben,  da  die  Truppen  ihre  Meinung  über  dies  Bürgerheer,  das
sich  gegen  die  Aufrührer  so  schlecht  bewährt  hatte,  oft  sehr  deutlich  aussprachen;
  auf  den  Exerzierplätzen  lautete  der  schlimmste  Tadel:  das  geht
ja  wie  bei  der  Kommunalgarde!  Boshafte  Märchen  kamen  in  Umlauf,
als  der  unglückliche  Mosdorf  in  seiner  Festungshaft  sich  erhängte,  als  der
Bienenvater  Richter  sein  ganz  verwildertes  Blatt  aufgeben  mußte  und
nach  Amerika  auswanderte.  Die  schwarzen  Schützen  hießen  die  sächsischen
Prätorianer,  und  mit  unbegreiflicher  Gehässigkeit  richtete  sich  das  Mißtrauen
  des  lutherischen  Volkes  gegen  den  Prinzen  Johann,  der  seine
Beliebtheit  rasch  verlor:  er  sollte  durchaus  ein  Jesuit  sein,  obwohl  man
gerade  ihm  das  Verbot  des  Jesuitenordens  verdankte,  er  sollte  am  Hofe
geheime  Ränke  spinnen  —  und  was  der  Torheit  mehr  war.  Die  Klatscherei
der  Philister  hatte  freies  Feld,  da  eine  gebildete  liberale  Presse  hierzulande
noch  ganz  fehlte,  und  wenn  sich  dereinst  die  rechten  Demagogen  fanden,
so  konnte  die  kleinliche  Verstimmung  leicht  in  wüsten  Radikalismus  ausarten.
  —

 

Später  als  in  Kursachsen  entbrannte  in  Hannover  der  Kampf  gegen
die  Adelsherrschaft.  „Bei  uns  bleibt  alles  ruhig,  wir  haben  ja  auch
keinen  Grund  zur  Klage“  —  so  sprach  man  stolz  in  den  Göttinger  Professorenkreisen,
  als  die  ersten  Nachrichten  von  den  Kasseler  Unruhen  anlangten.
  Die  von  der  letzten  Mißernte  schwer  heimgesuchten  Bauern
dachten  anders;  man  sah  sie  häufig  auf  dem  Ti  zusammentreten,  um  über
die  Barschheit  der  Beamten,  den  Hochmut  der  Gutsherren,  die  Zehnten,
die  Fronden,  die  Jagdrechte  zu  klagen;  in  einzelnen  kleinen  Amtsstädten
bildeten  die  Bürger  schon  im  Herbste  Sicherheitswachen,  weil  sie  Angriffe  des
aufgeregten  Landvolks  befürchteten.  Der  dumpfe  unklare  Groll  bedurfte
eines  Namens,  dem  sich  alle  Sünden  des  Adelsregimentes  aufbürden
ließen;  und  dieser  Feind  ward  ihm  gewiesen,  als  gegen  Weihnachten  1830
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        154  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

eine  Schmähschrift  „Anklage  des  Ministeriums  Münster  vor  der  öffentlichen
Meinung“  unter  der  Hand  verbreitet  wurde,  bald  nachher  auch  gedruckt
erschien  —  ein  schwülstiges  Machwerk  aus  der  Feder  des  jungen  Advo—
katen  König  in  Osterode.  „Münster,  Münster,  Münster  heißt  der  Alp,
der  uns  drückt“  —  darauf  lief  alles  hinaus.  Der  allmächtige  Minister
wurde  mit  Attila,  Nero,  Pizarro,  mit  dem  Hausmeier  Pipin  verglichen,
weil  er  die  befreiende  soziale  Gesetzgebung  des  Königreichs  Westfalen
aufgehoben,  das  Volk  „schmählicherweise  in  die  Leibeigenschaft  zurückge—
worfen“  und  „dies  in  den  Jahren  1808—1813  schön  und  herrlich  aufgerichtete
  Staatsgebäude  mit  ungeweihter  Hand  in  einem  Augenblicke
wieder  niedergerissen“  habe.  Und  so  stark  war  schon  die  Erbitterung
gegen  den  Starrsinn  der  welfischen  Restaurationspolitik:  dies  Lob  der
einst  tödlich  verhaßten  Fremdherrschaft  machte  einen  tiefen  Eindruck  auf
die  kleinen  Leute,  zumal  da  der  Libellist  nur  gegen  die  schrankenlose  Gewalt
  ministerieller  Willkür  eiferte  und  ehrfurchtsvoll  beteuerte:  „Wilhelm
unser  Bürgerkönig  weiß  nichts  davon.“

Am  5.  Januar  1831  unternahmen  Königs  Landsleute  in  Osterode,
einen  revolutionären  Gemeinderat  und  eine  Kommunalgarde  zu  errichten;
sie  wollten  dann  „dem  Bürgerkönig  die  unter  allen  nichtbeamteten  Staatsbürgern
  herrschende  Not“  nachdrücklich  vorstellen  und  verkündeten  in  einem
Manifeste  neufranzösischen  Stiles:  „Möge  unseren  Enkeln  und  Urenkeln
der  5.  Januar  als  ein  heiliges  Geschenk  ihrer  edlen  Väter  und  Urväter
erhalten  werden!“  Der  kleine  Aufruhr  ward  sogleich  unterdrückt.  Da
zeigte  sich  plötzlich,  daß  die  stürmische  Zeit  auch  an  dem  gelehrten  Stillleben
  der  Georgia  Augusta  nicht  spurlos  vorübergegangen  war.  Ein  Heißsporn
  der  feudalen  Partei,  der  in  Göttingen  lebte,  Frhr.  v.  d.  Knesebeck,
hatte  kürzlich  in  einer  „Deutschlands  erlauchten  Souveränen“  gewidmeten
Flugschrift  alle  Herzensgeheimnisse  des  welfischen  Junkertums  ausgeplaudert.
  Die  Schrift  trug  das  napoleonische  Motto:  „Wenn  die  Canaille
  die  Oberhand  gewinnt,  so  hört  sie  auf  Canaille  zu  heißen,  man
nennt  sie  alsdann  Nation;“  sie  erklärte  den  Adel  für  die  erste  Stütze  des
Thrones,  die  durch  ein  Landesheroldsamt  gesichert  werden  müsse,  sie  verlangte
  ein  Ordenszeichen  für  die  Freunde  der  Legitimität,  einen  politischen
Katechismus,  der  in  den  Schulen  eingeprägt,  von  allen  Staatsdienern
beschworen  werden  sollte  —  kurz,  es  war  nicht  wunderbar,  daß  die  akademische
  Jugend  eines  Abends  ihren  Unwillen  an  den  Fensterscheiben  des  legitimistischen
  Freiherrn  ausließ  und  ihn  zu  schleuniger  Abreise  nötigte.  Neue
Aufregung  unter  den  jugendlichen  Gelehrten,  als  der  Dekan  der  Juristen,
der  alte,  den  Zeitungsschreibern  schon  längst  durch  seine  tiefe  Gelehrsamkeit
verdächtige  Hugo,  einer  mehr  liberalen  als  geistreichen  Dissertation  des
Dr.  Ahrens  über  den  Deutschen  Bund  das  Imprimatur  verweigerte.

In  den  Kreisen  dieser  jungen  Dozenten  und  Advokaten  entstand  nun
der  tolle  Plan,  hier  auf  dem  denkbar  ungünstigsten  Boden  eine  Revolution
        <pb n="163" />
        Der  Göttinger  Ausstand.  155

zu  wagen.  Daß  die  Hofräte  des  akademischen  Körpers  sich  mit  wenigen
Ausnahmen  grundsätzlich  der  Politik  fernhielten,  war  weltbekannt;  auch
unter  den  Studenten  bestand  nur  eine  kleine  radikale  Partei,  denn  die
Georgia  Augusta  galt  noch  für  die  vornehmste  der  deutschen  Universitäten,
die  Prinzen  und  die  Grafen  saßen  in  den  Hörsälen  noch  immer  wie  zu
Pütters  Zeiten  auf  einer  Ehrenbank.  In  der  Bürgerschaft  aber  hatte  sich,
seit  die  heruntergekommene  Stadt  nur  noch  von  den  Studenten  lebte,  jener
aus  Geldgier,  Bedientensinn  und  Durst  gemischte  Charakter,  welcher  die
Bewohner  kleiner  Badeorke  und  Universitätsstädte  gemeinhin  auszeichnet,
ungewöhnlich  stark  ausgebildet.  Gleichwohl  konnte  ein  Handstreich  leicht
gelingen:  denn  das  Jägerbataillon  in  der  Kaserne  zählte  nur  achtzig  Mann
—  dank  dem  lässigen  Beurlaubungssystem,  das  in  allen  den  kleinen
Bundesheeren  eingerissen  war  —  und  der  Kommandant  sollte  nach  Lan—
desbrauch  alle  Ombrage  vermeiden,  er  durfte  seine  Mannschaft,  die  bei
rechtzeitigem  Vorgehen  vollauf  genügt  hätte,  nur  auf  Verlangen  der  Zivil—
behörden  einschreiten  lassen.

Am  8.  Januar  stürmten  die  Advokaten  Seidensticker  und  Eggeling
mit  einer  kleinen  Schar  Verschworener  in  das  alte  Rathaus.  Der
verhaßte  Polizeikommissar  machte  sich  aus  dem  Staube,  auch  die  anderen
Behörden  stellten  gehorsam  ihre  Arbeit  ein;  ein  neuer,  aus  Bürgern,
Doktoren  und  Studenten  zusammengesetzter  Gemeinderat  übernahm  die
Herrschaft.  Während  ein  Studentenschneider  auf  der  steinernen  Brüstung
der  Rathausstiege  drohend  seinen  Hirschfänger  wetzte,  schritt  der  Leiter
der  Bewegqung,  der  Privatdozent  von  Rauschenplatt  im  Schlapphut  und
hohen  Kanonenstiefeln  auf  dem  Marktplatze  einher  —  ein  beherzter,
stämmiger  kleiner  Mann  mit  schiefgeschlitzten  schlauen  Augen,  dichtem
Haarwuchs  und  struppigem,  blondem  Vollbart;  vier  Pistolen,  ein  Schleppsäbel
  und  ein  Dolch  prangten  an  seinem  Gürtel.  Auf  den  Ruf:  „es
gibt  Revolution“  eilten  die  Studenten  mit  ihren  Schlägern  herbei,  glückselig
  über  den  ungeheuren  Ulk.  Eine  akademische  und  eine  bürgerliche
Legion  wurde  gebildet,  jeder  Wehrmann  trug  die  weiße  Bürgerbinde,
viele  auch  die  lila-grünz-zrote  Kokarde  der  vereinigten  Calenberg-Grubenhagenschen
  Nation.  Alles  beugte  sich  den  neuen  Gewalten.  Die  Garnison
  zog  unbelästigt  ab,  nachdem  Rauschenplatt  vergeblich  versucht  hatte,
den  Kommandanten  zur  gefälligen  Ablieferung  seiner  überzähligen  Flinten
zu  bereden.  Im  akademischen  Senat  verlangte  Dahlmann  eine  scharfe
Abmahnung  an  die  Studenten,  aber  nur  der  streng  konservative  Gauß
fand  den  Mut,  ihm  beizustimmen.

Eine  ganze  Woche  hindurch  blieb  die  Stadt  in  der  Hand  des  „Katers“
  —  so  hieß  der  kleine  Mann  mit  den  großen  Stiefeln.  Die  Tore
waren  verrammelt,  die  schönen  Baumgänge  des  Walles  wurden  scharf
bewacht,  weil  man  die  Beamten  und  Professoren  als  Geisel  zurückhalten
wollte.  Auf  dem  Marktplatze  lagerten  die  Helden  der  beiden  Legionen
        <pb n="164" />
        156  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

um  große  Feuer,  das  nichtswürdige  Administrationsbier  der  alleinberech—
tigten  städtischen  Brauerei  floß  in  Strömen,  und  stolz  rauchte  jedermann
auf  der  Straße;  denn  die  ertrotzte  Rauchfreiheit  galt  in  allen  diesen  kleinen
norddeutschen  Revolutionen  für  das  Sinnbild  des  neuen  Völkerfrühlings.
Von  bestimmten  politischen  Plänen  war  keine  Rede.  Man  sang  radikale
Lieder,  ließ  Freiheit,  Gleichheit,  Brüderlichkeit  hoch  leben;  einzelne  empfahlen
auch  eine  Republik  Göttingen  unter  dem  Schutze  des  Deutschen  Bundes.
Die  Gesandtschaft  aber,  welche  der  neue  Gemeinderat  nach  Hannover
sendete,  vermochte  sich  über  die  Wünsche  des  souveränen  Volkes  so  wenig
zu  einigen,  daß  sie  schließlich  zu  gleicher  Zeit  zwei  Eingaben  ganz  ver—
schiedenen  Inhalts  der  Regierung  überreichte.  Den  großen  Höfen  erschien
diese  so  lang  anhaltende  und  so  ganz  ungestörte  revolutionäre  Bewegung
völlig  unbegreiflich;  Metternich  bemerkte  mit  Entsetzen,  „bis  zu  welchem
Grade  die  Pläne  ihrer  Urheber  gefährlich  und  verwegen“  seien.  Die
hannöversche  Regierung  meldete  dem  Bundestage  sofort,  sie  sehe  sich  außer
stande,  Truppen  zur  Bewachung  der  deutschen  Westgrenze  zu  stellen,  da
sie  ihrer  bewaffneten  Macht  im  eigenen  Lande  bedürfe.“)  Die  geängsteten
Landdrosten  und  Amtmänner  versprachen  „den  biederen  Bewohnern“  ihrer
Bezirke  demütig,  daß  allen  Beschwerden  „fördersamst“  Abhilfe  gewährt
werden  solle.  An  die  Göttinger  erließ  der  Generalgouverneur  Herzog  von
Cambridge  ein  abmahnendes  Manifest  nach  dem  andern  und  fragte  sie
väterlich:  „Ist  es  recht,  mit  Aufruhr  und  Widersetzlichkeit  anzufangen?“
Er  faßte  sich  erst  wieder  ein  Herz,  als  ihm  Dahlmann,  der  mit  einigen
Abgesandten  des  akademischen  Senats  nach  Hannover  gekommen  war,  entschlossen
  erklärte:  die  Aufständischen  seien  ihrer  Torheit  müde,  eine  mäßige
Truppenmacht  könne  ohne  Blutvergießen  die  Ordnung  herstellen.

So  geschah  es  auch.  Als  die  Truppen  am  achten  Morgen  nach  dem
Beginne  des  Aufruhrs  endlich  einrückten  —  über  7000  Mann,  mehr  als
die  Hälfte  der  hannöverschen  Armee  —  da  waren  die  Barrikaden  an  den
Toren  bereits  verschwunden,  desgleichen  die  akademische  und  die  bürgerliche
  Legion.  Rauschenplatt  aber  floh  mit  einigen  seiner  Genossen  nach
Straßburg,  wo  ihm  die  Studenten  einen  festlichen  Empfang  bereiteten;
seines  Bleibens  war  auch  hier  nicht  lange,  da  Metternich  sich  bei  der
französischen  Regierung  beschwerte.  *)  Die  anderen  Anstifter  wurden  in
Celle  vor  eine  Gerichtskommission  gestellt  und  dort,  nach  der  grausamen
Weise  des  alten  Strafverfahrens,  durch  viele  Jahre  hingehalten.  Der
Advokat  von  Frankenberg,  der  lediglich  in  dem  benachbarten  Flecken  Bovenden
  eine  Sicherheitswache  befehligt  hatte,  wartete  sechs  Jahre  lang  auf
sein  Urteil;  endlich  ließ  man  ihm  die  Wahl  zwischen  der  gerichtlichen
Entscheidung  und  der  Gnade  des  Königs;  um  dem  Jammer  nur  ein

 

*)  Maltzahns  Berichte,  28.  29.  Januar  1831.
**)  Maltzahns  Bericht,  9.  Mai  1831.
        <pb n="165" />
        Münsters  Sturz.  157

Ende  zu  machen,  wählte  der  Arme  die  Begnadigung,  obgleich  er  sich  keiner
Schuld  bewußt  war.  Viele  der  Studenten  betrachteten  den  Einzug  der
Truppen  mit  Selbstgefühl  und  rühmten  sich:  das  ist  schon  gut  genug,  daß
wir  so  viele  Soldaten  auf  die  Beine  gebracht  haben;  durch  die  vorläufige
Schließung  der  Universität  wurden  sie  indes  alle  schwer  bestraft.  Die
großen  Tage  der  Georgia  Augusta  waren  dahin,  niemals  konnte  sie  ihren
alten  aristokratischen  Glanz  wieder  erlangen.

Wohl  mochte  Jakob  Grimm  über  diesen  „dürren  und  widerwärtigen
Aufstand“  klagen;  dem  Lande  brachte  der  kindische  Spuk  doch  Segen,  denn
er  öffnete  dem  Generalgouverneur  die  Augen,  den  Bürgern  die  Lippen.
Der  gutmütige  Herzog  entdeckte  mit  einem  Male,  wie  wenig  er  die  Zustände
  gekannt  hatte;  er  bereiste  das  Land,  hörte  in  Münden  die  bitteren
Klagen  der  zinspflichtigen  Bauern,  ließ  sich  von  den  Clausthaler  Bergleuten
  in  rührsamen  Versen  schildern:  wie  schlecht  man  jetzt  auf  dem
Harze  lebt

und  mit  tränenvollem  Herzen
trocknes  Brot  halb  kalt  genießt.

Zugleich  liefen  aus  Lüneburg,  „der  Erbstadt  des  Reichs“,  und  vielen  anderen
  Städten  Bittschriften  ein,  die  allesamt  „eine  freie  Volksvertretung“
forderten;  „so  gewiß  ein  Gott  über  uns  alle  wacht“,  schrieb  der  radikale
Advokat  Gans  in  Celle,  „so  gewiß  wird  auch  für  sämtliche  Staaten
Europas  diese  Herrlichkeit,  diese  Krone  aller  Wohlfahrt  aufgehen.“  Hier
wie  in  Sachsen  verkettete  sich  mit  der  Volksbewegung  ein  Parteikampf
innerhalb  der  Regierung.  Der  Minister  Graf  Bremer,  Kabinettsrat
Rose  und  die  anderen  arbeitenden  bürgerlichen  Räte  waren  es  längst
müde,  von  der  Deutschen  Kanzlei  in  London  gegängelt  zu  werden,  sie
beschlossen,  sich  an  den  Monarchen  zu  wenden;  aber  noch  ehe  ihre  Vertrauensmänner
  bei  Hofe  eintrafen,  hatte  König  Wilhelm  schon  den  Vorstellungen
  des  Herzogs  von  Cambridge  nachgegeben  und  die  Entlassung
des  Grafen  Münster  verfügt  (12.  Februar).  Die  unheilvolle  Doppelregierung
  konnte  freilich,  solange  die  Fremdherrschaft  bestand,  nicht  gänzlich
verschwinden;  an  Münsters  Stelle  trat  Ludwig  von  Ompteda,  jener  treue
Mann,  der  in  den  napoleonischen  Tagen  so  rastlos  für  die  Befreiung
Deutschlands  gearbeitet  hatte,  ein  ehrenhafter  Aristokrat  von  gemäßigten
Grundsätzen.  Indes  der  Schwerpunkt  des  Regiments  lag  fortan  in  Hannover,
  der  Herzog  wurde  zum  Vizekönig  erhoben  und  mit  erweiterter  Vollmacht
  ausgestattet.

Der  Schöpfer  der  Welfenkrone  ertrug  seinen  Sturz  mit  unverhohlener
Entrüstung;  die  glänzenden  Ehren,  mit  denen  ihn  der  freundliche  Monarch
zum  Abschied  noch  auszeichnete,  vermochten  nicht,  ihn  über  den  welfischen
Undank,  der  doch  fast  unvermeidlich  war,  zu  trösten.  Auf  Dr.  Königs
Schmähungen  antwortete  er  mit  einer  „Erklärung“,  die  noch  einmal  das
unermeßliche  Selbstgefühl  des  welfischen  Staatsmannes  bekundete:  nichts,
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        158  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

gar  nichts  fand  er  an  dem  Bestehenden  tadelnswert,  selbst  von  einer
Bevorzugung  des  Adels  wollte  er  nichts  bemerken,  obgleich  „unsere  Minister
jetzt  zufällig  Edelleute  sind“.  Zum  Schluß  druckte  er  eine  Ode  aus  der
Zeit  des  Wiener  Kongresses  ab,  worin  ihm  „ein  vornehmer  und  vereh—
rungwürdiger  deutscher  Dichter“  nachrühmte:  er  habe

Der  Sultanismus-Wut  den  Stab  gebrochen,

Und  deine  Sprache  war  der  Freiheit  Talisman.
Grollend  zog  er  sich  in  sein  schönes  Derneburg  zurück,  wo  eine  Marmor—
tafel  über  der  Tür  der  alten  Klosterkirche  dem  Besucher  verkündigte,
daß  diese  Herrschaft  dem  Grafen  Münster  für  seine  Verdienste  um  das
Vaterland  geschenkt  worden  sei.  Gneisenau  und  die  alten  Kampfgenossen
aus  den  napoleonischen  Zeiten  bewahrten  dem  stolzen  Manne,  der  immer—
hin  hoch  über  dem  Mittelmaße  deutscher  Kleinminister  stand,  allezeit  ihre
Freundschaft;  er  selber  lebte  fortan  zumeist  der  Erinnerung  an  jene
größten  Tage  seines  Lebens  und  gestattete  zum  Schrecken  der  Rheinbundshöfe
  dem  Bayern  Hormayr,  im  Derneburger  Archive  den  Stoff  zu  sam—
meln  für  die  „Lebensbilder  aus  den  Befreiungskriegen“.

Auch  nach  Münsters  Sturz  blieb  es  bei  der  alten  Regel,  daß  die
Minister  zufällig  immer  Edelleute  waren,  und  die  Arbeitslast  von  den
bürgerlichen  Geheimräten  getragen  wurde.  Zwei  bürgerliche  Beamte,
die  der  Vizekönig  zu  Ministern  ernennen  wollte,  lehnten  ab,  weil  sie  eine
so  kühne  Neuerung  nicht  für  durchführbar  hielten.  Während  der  nächsten
Jahre  behielt  der  kluge  und  wohlmeinende  Kabinettsrat  Rose  die  Leitung
der  Geschäfte,  nur  lau  unterstützt  von  seinen  adligen  Vorgesetzten.  Der
alte  Landtag  wurde  im  März  nochmals  einberufen;  jetzt  zum  ersten  Male
errang  sich  diese  sonst  so  gering  geschätzte  Versammlung  die  Teilnahme  des
Volkes,  da  viele  Städte  ihren  trägen  Vertretern  das  Mandat  gekündigt
und  liberale  Abgeordnete  neu  gewählt  hatten.  Indessen  überwog  auch
jetzt  noch  der  konservative  Sinn  der  Niedersachsen.  Auf  Stüves  Antrag
verlangte  der  Landtag  die  Vereinbarung  über  eine  neue  Verfassung,  welche
auf  dem  gegebenen  Rechte  beruhen,  aber  das  Bestehende  weiter  ent—
wickeln  sollte.

Demgemäß  wurde  durch  Rose,  unter  Dahlmanns  Mitwirkung,  ein
Verfassungsentwurf  ausgearbeitet,  vom  Könige  genehmigt  und  dann  im
November  einer  Kommission  vorgelegt,  die  aus  Vertretern  der  Regierung
und  des  Landtags  bestand.  Die  Beratungen  währten  drei  Monate;
denn  unter  den  Kommissären  der  ersten  Kammer  befand  sich  neben  dem
hochkon  servativen  General  v.  d.  Decken  auch  Münsters  Neffe,  Freiherr
Georg  von  Schele,  der  langjährige  Führer  der  Junkerpartei,  der  noch
immer  in  seinen  „Landesblättern“  gegen  alles  konstitutionelle  Wesen
einen  grimmigen  Federkrieg  führte.  Der  unermüdliche  Vermittler  Freiherr
  von  Wallmoden  bedurfte  seiner  ganzen  gewinnenden  Überredungskunst,
  um  diese  Feudalen  mit  den  Ansichten  Stüves  und  der  anderen
        <pb n="167" />
        Der  neue  hannöversche  Landtag.  159

bürgerlichen  Vertreter  der  zweiten  Kammer  einigermaßen  in  Einklang  zu
bringen.

Erst  im  Mai  1832  trat  der  Landtag  wieder  zusammen,  in  verjüngter
  Gestalt,  da  die  zinspflichtigen  Bauern  inzwischen  eine  Vertretung,
die  Bürgerschaften  ein  erweitertes  Wahlrecht  erhalten  hatten;  und  erst
nach  beinahe  zehn  Monaten  kam  er  mit  dem  Verfassungswerke  endlich
ins  reine.  Die  Verhandlungen  bewiesen,  wie  zuvor  der  Göttinger
Aufstand,  daß  die  Fluten  des  neufranzösischen  Liberalismus  in  einigen
schmalen  Rinnsalen  doch  auch  in  dies  zähe  niederdeutsche  Sonderleben
eingedrungen  waren.  Prachtvoll  erklangen  die  Schlagworte  des  Rotteck-Welckerschen
  Vernunftrechts  aus  dem  Munde  des  Lüneburger  Advokaten
Christiani,  eines  warmherzigen  Schöngeistes,  der  jetzt  für  die  norwegische
Verfassung  ebenso  feurig  schwärmte  wie  früher  für  Goethe,  und  die  lyrische
Bilderpracht  der  Damenalmanache  in  die  parlamentarische  Beredsamkeit
hinübernahm.  Sein  Freund  H.  Heine  nannte  ihn  den  Mirabeau  der
Lüneburger  Heide  und  sang  ihm  zu:

Hast  du  wirklich  dich  erhoben

Aus  dem  müßig  kalten  Dunstkreis,

Womit  einst  der  kluge  Kunstgreis

Dich  von  Weimar  aus  umwoben?
Außer  dem  geschwätzigen  Göttinger  Professor  Saalfeld  fand  der  Lüneburger
Mirabeau  freilich  nur  wenige  Anhänger.  Es  war  der  Vorteil  des  feudalen
  Adels,  daß  er  allein  sich  zu  einer  geschlossenen  Partei  geschart
hatte.  Den  bürgerlichen  Abgeordneten  erschien  es  noch  wie  eine  Ketzerei,  als
der  welterfahrene  greise  Rehberg  in  den  „Konstitutionellen  Phantasien
eines  alten  Steuermannes“  ihnen  zurief:  „Man  erschrecke  nicht  über  das
verhaßte  Wort:  Parteien  werden  sich  bilden!“  Christiani  selbst  blieb  bei
aller  Kühnheit  seiner  Theorien  dem  welfischen  Hause  treu  ergeben;  über
den  Bürgerkönig  Wilhelm  sagte  er  einmal:  „Seine  Seele,  hell  und  mild
wie  der  Tag  des  Mais,  aber  stark  wie  die  Felsen  des  Hochlandes
und  frei  wie  das  sein  Vaterland  umflutende  Meer,  das  er  schon  als
Knabe  befuhr,  kann  alles,  nur  den  Druck  seines  Volkes  nicht  ertragen.“

Trotz  ihrer  Zahmheit  erschien  diese  liberale  Opposition  der  konservativen
  Mehrheit  hochgefährlich;  und  als  sie  gar  in  einer  Aufwallung  weichen
Gefühles  die  Begnadigung  der  „Märtyrer  der  Freiheit“,  der  Göttinger
Aufrührer  verlangte,  da  erhob  sich  Dahlmann  zornig:  „Auflehnung  gegen
alles,  was  unter  Menschen  hochgehalten  und  würdig  ist,  Hintansetzung
aller  beschworenen  Treue,  das  sind  keine  bewundernswerten  Taten.
Einen  Liberalismus  von  unbedingtem  Werte,  das  heißt:  einerlei  durch
welche  Mittel  er  sich  verwirkliche,  gibt  es  nicht.  Der  guten  Zwecke  rühmt
sich  jedermann,  darum  soll  man  die  Menschen  nach  ihren  Mitteln  beurteilen.“
  Mit  der  ganzen  Wucht  seiner  markigen,  aus  den  Tiefen  der
Seele  dringenden  Beredsamkeit  bekannte  er  sich  zu  dem  altväterischen
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        160  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Glauben,  daß  man  die  Politik  von  der  Moral  nicht  scheiden  könne:  „Wenn
ich  hierin  mich  irrte,  ich  würde  keine  Stunde  mehr  mit  der  Politik  mich
beschäftigen.“  Ihm  war  kein  Zweifel,  daß  man  der  Erhaltung  den  Vorzug
geben  müsse  vor  der  Verbesserung,  weil  Erhaltung  zugleich  Bedingung
der  Verbesserung  sei.

Das  Zünglein  in  der  Wage  war  Stüve,  der  durch  seine  Sachkenntnis,
seinen  praktischen  Verstand,  seine  herrische,  aber  auch  rechtzeitig  vermittelnde
  Haltung  die  Verhandlungen  immer  wieder  auf  nahe,  erreichbare
Ziele  zu  lenken  wußte.  Rehberg  nannte  ihn  „die  Seele  der  Reform,  die
Hoffnung  meines  zur  Arbeit  unfähigen  Alters“;  Wallmoden  schloß  sich
ihm  als  treuer  Helfer  an,  versöhnend  und  beschwichtigend,  so  oft  der  gestrenge
  kleine  Osnabrücker  durch  seine  Schärfe  verletzte.  Durch  eine  Schrift
„über  die  gegenwärtige  Lage  Hannovers“  hatte  Stüve  soeben  abermals
bewiesen,  wie  richtig  er  die  Mächte  des  Beharrens  in  seinem  Lande  zu
schätzen  wußte.  Eine  Verfassung  war  ihm  nur  wertvoll,  „wenn  ihre
Grundsätze  durch  die  Verwaltung  lebendig  werden“.  Über  die  „Kannegießerei“
  der  süddeutschen  Liberalen  urteilte  er  sehr  abschätzig:  sie  verstehen
nur  auf  Rußland  zu  schimpfen,  die  Polen  zu  verherrlichen  und  nach
Preßfreiheit  zu  schreien.')  Das  neue  Staatsgrundgesetz,  so  sagte  er  oft,
sollte  nicht  einer  theoretischen  Schablone  entsprechen,  sondern  die  im  täglichen
  Leben  fühlbaren  Mißstände  beseitigen,  und  unter  diesen  stellte  er
das  alte  System  der  Kassentrennung  obenan.  Die  Regierung  gab  nur
dem  allgemeinen  Wunsche  des  Landes  nach,  als  sie  dem  Landtage  vorschlug,
daß  die  königliche  Domänenkasse  mit  der  ständischen  Generalsteuerkasse  vereinigt
  werden,  der  König  aber  zur  Bestreitung  der  Kosten  seines  Hofhalts
sich  eine  Anzahl  Domänen  als  Krondotation  auswählen  solle.

Damit  ward  die  Einheit  des  Staatshaushaltes  hergestellt  und  das
ständische  Schatzkollegium  aufgehoben,  das  bisher  die  Steuerkasse  verwaltet
  und  in  endlosen  Händeln  beständig  versucht  hatte,  der  Königlichen
Kasse  die  volle  Hälfte  der  Staatsausgaben  aufzubürden.  Dem  Monarchen
brachte  die  Kassenvereinigung  nur  Vorteil;  sie  überhob  ihn  des  unwürdigen
  Streites  mit  den  Schatzräten  und  erhöhte  sein  freies  Einkommen
auf  mehr  als  das  Doppelte.  Gleichwohl  entschloß  sich  der  König  nur
schwer,  in  die  unabweisbare  Reform  zu  willigen,  denn  er  kannte  seine
deutschen  Stammlande  kaum  und  beurteilte  sie  nach  dem  englischen
Maßstabe.  Gerade  in  England,  wo  doch  Begriff  und  Name  der  Zivilliste
  entstanden  waren,  hatte  die  Krone  stets  aus  der  Zivilliste  einen
Teil  der  Staatsverwaltungskosten  bestritten,  und  erst  ganz  neuerdings,
1831,  war  es  dem  Kabinett  Grey  nach  schweren  Kämpfen  gelungen,  Hofausgaben
  und  Staatsausgaben  scharf  zu  sondern.  Die  Tories  aber

 

*)  Ich  benutze  hier  u.  a.  eine  handschriftliche  Biographie  Stüves  von  dessen
Neffen,  Hrn.  Regierungspräsidenten  Stüve  in  Osnabrück.
        <pb n="169" />
        Das  hannöversche  Staatsgrundgesetz.  161

murrten  noch  immer  über  diese  Neuerungs;  sie  klagten:  ein  Monarch,  der
eine  unüberschreitbare  Summe  für  seinen  Hofhalt  beziehe,  sei  ein  stipendiary,
  ein  insulated  king  und  habe  nicht  mehr  das  Recht,  Gnaden  zu
erweisen.  Der  gutherzige  König  fühlte  sich  daher  peinlich  überrascht,  als
er  seine  bescheidenen  deutschen  Untertanen  desselben  Weges  gehen  sah
wie  die  Reformer  der  Whigpartei.  Endlich  gab  er  nach  und  willigte  in
die  Kassenvereinigung.  Mit  einem  Zuge  fiel  der  Vorhang  von  den  wundersamen
  Geheimnissen  dieses  Finanzwesens.  Nun  erst  konnte  der  Landtag
die  gesamten  Staatsausgaben  übersehen  und  einen  deutlichen  Begriff
gewinnen  von  allen  den  „pensionierten  Fähnrichen  mit  Premierleutnants-Charakter“,
  von  allen  den  Geheimrats-Waisen  und  Staats-Pfründnern,
welche  an  der  gastlichen  Krippe  der  alten  Adelsoligarchie  gefüttert  wurden.
Nach  diesem  entscheidenden  Erfolge  zeigten  sich  die  Stände  überaus
bescheiden  in  ihren  Ansprüchen.  Die  Regierung  erkannte  wohl,  daß  in
jedem  geordneten  Staate  die  meisten  Ausgaben  dem  Rechtsgrunde  nach,
viele  auch  dem  Betrage  nach  gesetzlich  feststehen  und  mithin  von  den
Kammern  nicht  eigentlich  bewilligt,  sondern  nur  rechnungsmäßig  geprüft
werden  können.  Sie  schlug  daher  vor,  daß  die  Besoldungen  sowie  die
anderen  regelmäßigen  Ausgaben  der  einzelnen  Verwaltungszweige  durch
vereinbarte  Regulative  ein  für  allemal  bestimmt,  und  also  nur  1½  Mill.,
streng  genommen  nur  200  000  Taler,  jährlich  der  freien  Bewilligung
des  Landtags  unterliegen  sollten.  Der  Vorschlag  war  in  den  einfachen
Verhältnissen  eines  Kleinstaates  wohl  durchführbar,  er  raubte  den  Ständen
  nichts,  sondern  sprach  nur  aus,  was  schon  zu  Recht  bestand;  aber  er
vertrug  sich  schlechterdings  nicht  mit  der  herrschenden  Doktrin  des  konstitutionellen
  Staatsrechts,  welche  kurzerhand  den  Landtagen  die  Befugnis
zuschrieb,  bei  jeder  Budgetberatung  die  Staatsgläubiger  ihrer  Zinsen,
die  Beamten  ihrer  Gehalte  zu  berauben.  Darum  ward  der  Streit  sehr
lebhaft,  und  der  Kammerpräsident  Rumann  mußte  von  der  liberalen
Presse  harte  Vorwürfe  hören,  als  er  schließlich  mit  seiner  Präsidialstimme
mutig  den  Ausschlag  gab  zu  Gunsten  der  Regierung.  Auch  dem  Gesetzgebungsrecht
  der  Stände  ward  eine  feste  Schranke  gezogen.  Sie  sollten
zwar  über  den  ganzen  wesentlichen  Inhalt  neuer  Gesetze  entscheiden  und
auch  selber  nach  Belieben  Gesetzentwürfe  vorlegen;  der  Regierung  aber  blieb
überlassen,  das  also  Vereinbarte  „näher  zu  bearbeiten“,  denn  Stüve  und
seine  geschäftskundigen  Freunde  wußten  aus  Erfahrung,  wie  leicht  die
Einzelbestimmungen  der  Gesetze  durch  das  unberechenbare  Spiel  der  parlamentarischen
  Abstimmungen  verwirrt  und  verschoben  werden.  Die
öffentliche  Beratung  wurde  dem  Landtage  nur  gestattet,  nicht  vorgeschrieben;
  und  die  erste  Kammer  machte  von  dieser  Erlaubnis  keinen  Gebrauch,
  sie  ließ  sogar  in  ihren  veröffentlichten  Protokollen  die  Namen  der
Redner  weg.  Tagegelder  galten  in  der  deutschen  liberalen  Doktrin  für
ein  natürliches  Recht  der  Volksvertreter;  der  König  aber  huldigte  der
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  11
        <pb n="170" />
        162  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

guten  altenglischen  Ansicht,  und  die  Abgeordneten  der  zweiten  Kammer
gaben  sich  endlich  zufrieden,  als  ihnen,  nicht  durch  die  Verfassung  selbst,
sondern  nur  durch  ein  vorläufiges  Reglement  Diäten  zugestanden  wurden.

Schwerer  gelang  die  Verständigung  über  die  Zusammensetzung  der
beiden  Kammern.  Die  Krone  wollte  nur  die  angesehensten  Grundherren,
die  Majoratsbesitzer  in  die  erste  Kammer  berufen,  die  übrige  Ritterschaft,
wie  in  Sachsen,  dem  unteren  Hause  zuweisen;  erhielt  sie  dann  noch,  wie
Dahlmann  vorschlug,  das  Recht,  ein  Drittel  der  Mitglieder  der  ersten
Kammer  nach  freiem  Ermessen  zu  ernennen,  so  ließ  sich  hoffen,  daß  die
beiden  Häuser  in  leidlicher  Eintracht  zusammenarbeiten  würden.  Wallmoden
  begrüßte  den  Vorschlag  mit  Freuden;  er  wünschte  selber  in  die
zweite  Kammer  hinabzusteigen,  um  dort  als  Bauernführer  die  Herrschsucht
seiner  eigenen  Standesgenossen  zu  bekämpfen.  Schele  aber  und  die  große
Mehrheit  des  Adels  fanden  es  beleidigend,  daß  Mitglieder  der  Ritterschaft
  mit  den  Bürgern  und  Bauern  gemeinsam  in  einem  Hause  tagen
sollten.  Und  leider  arbeitete  Stüve  dem  Junkerhochmut  in  die  Hände;
er  geriet  auf  den  überklugen  Einfall,  man  müsse  den  gesamten  Adel
in  einer  Kammer  vereinigen,  um  ihn  also  zu  schwächen.  Das  Ergebnis
der  verworrenen  Beratung  war,  daß  der  unversöhnliche  Gegensatz  der
beiden  Kammern,  der  so  lange  schon  diesen  Landtag  gelähmt  hatte,  auch
fernerhin  fortbestand.  Die  erste  Kammer  blieb  wie  bisher  ausschließlich
eine  Adelsvertretung;  den  einzigen  bürgerlichen  Ritter,  der  einmal  in
diesen  Saal  eindrang,  nötigte  sie  binnen  kurzem  zum  Austritt;  der
zweiten  Kammer  aber,  die  fortan  aus  zehn  Prälaten,  37  städtischen  und
38  bäuerlichen  Abgeordneten  bestand,  trat  sie  mit  zunehmender  Schroffheit
  entgegen.

Die  Vorrechte  der  Ritterschaft  wagte  man  nur  behutsam  anzutasten;
das  Staatsgrundgesetz  versprach  nur  für  die  Zukunft  die  Beschränkung
des  privilegierten  Gerichtsstandes,  die  Anschließung  der  Rittergüter  an  die
Landgemeinden.  Sein  Lieblingswerk  aber,  die  von  langer  Hand  her
vorbereitete  Ablösung  der  bäuerlichen  Dienste,  Zehnten  und  Meiergefälle,
wußte  Stüve  jetzt  doch  noch  durchzusetzen,  damit  der  uralte  niedersächsische
  Grundsatz  „frei  Mann,  frei  Gut“  endlich  zur  Wahrheit  würde.
Der  Adel  sträubte  sich  aufs  äußerste,  und  jahrelang  mußte  Stüve  noch
mit  dem  Führer  der  Junkerpartei  wegen  der  Ausführung  der  neuen
Ablösungsordnung  einen  persönlichen  Kampf  ausfechten.  Da  sein  kleines
Landgut  bei  Osnabrück  nahe  der  Schelenburg  lag,  so  kamen  Scheles
Gutsuntertanen  beständig  herüber,  um  sich  bei  dem  Bauernfreunde  Rat
zu  holen,  und  der  konservative  Reformer  geriet  dergestalt  in  den  Ruf
eines  demagogischen  Verschwörers.  Als  sich  die  Aufregung  legte,  da  mußten
freilich  die  Grundherren  selber  zugeben,  daß  sie  durch  die  Ablösung  nur
gewonnen  hatten;  der  Bauernstand  aber  kam  jetzt  endlich  in  die  Lage,  sein
neugewonnenes  Wahlrecht  selbständig  zu  gebrauchen.  Auf  diese  praktische
        <pb n="171" />
        Schele.  Stüve.  Dahlmann.  163

Freiheit  legte  Stüve  allein  Wert;  die  Dogmen  des  konstitutionellen  Ver—
nunftrechts  ließen  die  Mehrheit  des  Landtags  kalt.  Die  Stände  selber  ge—
standen  unbefangen,  dast  man  die  häufige  Wiederkehr  großer  Staatsprozesse
nicht  erleichtern  dürfe;  sie  verlangten  darum  das  Recht  der  Ministeranklage
nur  für  den  Fall  absichtlicher  Verfassungsverletzung  und  behielten  sich  für
leichtere  Streitigkeiten  lediglich  eine  Beschwerde  an  den  König  vor.

So  kam  das  Staatsgrundgesetz  zustande,  unzweifelhaft  die  be—
scheidenste  unter  den  neuen  norddeutschen  Verfassungen;  bei  allen  Män—
geln  doch  ein  achtungswertes  Werk  erfahrener  Einsicht  und  behutsamer
Mäßigung.  Dahlmann  meinte  zufrieden,  hier  sei  der  Weg  betreten,  der
für  Deutschland  frommen  könne.  Eine  Zeitlang  gewann  es  den  Anschein,
  als  sollte  unter  diesen  besonnenen  niederdeutschen  Reformern  eine
neue  Schule  des  gemäßigten  Liberalismus  sich  bilden,  wie  sie  der  Nation
gerade  not  tat,  ehrlich  konstitutionell  und  doch  dem  historischen  Rechte
nicht  feindlich  gesinnt,  eine  Schule,  die  nach  Steins  Vorbild  das  Künftige
  aus  dem  Vergangenen  zu  entwickeln  suchte.  Unterstützt  von  Rose,
Stüve,  Dahlmann  und  dem  wackeren  Pädagogen  Kohlrausch,  ließ  Steins
Vertrauter  Pertz,  der  gelehrte  Herausgeber  der  Monumenta  Germaniae,
  die  Hannoversche  Zeitung  erscheinen,  die  erste  namhafte  politische
Zeitschrift  des  kleinen  Königreichs,  ein  streng  nationales  Blatt,  das  den
abstrakten  Theorien  des  modischen  Liberalismus  ebenso  nachdrücklich  entgegentrat
  wie  seiner  polnisch-französischen  Schwärmerei  und  darum  von
der  süddeutschen  Presse  als  ein  Organ  der  pfäffischen  Reaktion  gebrandmarkt
  wurde.  Sein  Wahlspruch  lautete:  „Treue  ist  der  Grundzug  des
deutschen  Charakters,  und  Treue  ist  Freiheit.“  Nach  einem  kurzen  vielverheißenden
  Anlaufe  verfiel  die  Zeitung  leider  bald  der  Ermattung,
welche  das  ganze  Land  heimsuchte;  unter  den  Männern  des  praktischen
Lebens  hatte  sie  nie  viele  Mitarbeiter  gefunden,  und  die  politisierenden
Gelehrten,  die  selten  lange  bei  der  Stange  aushalten,  zogen  sich  nach
und  nach  zurück.

Über  der  neuen  Verfassung  schwebte  kein  glücklicher  Stern.  Nachdem
die  Vereinbarung  mühsam  gelungen  war,  blieb  man  noch  ein  halbes  Jahr
hindurch  in  peinlicher  Ungewißheit  und  erfuhr  nur  durch  Gerüchte,  daß
Schele  und  der  österreichische  Gesandte  in  London  alles  aufboten,  um  das
Schiff  noch  dicht  vor  dem  Hafen  stranden  zu  lassen.  Am  26.  Sept.  1833
unterzeichnete  der  König  endlich  das  Staatsgrundgesetz,  nachdem  er  etwa
vierzehn  unwesentliche  Paragraphen  des  vereinbarten  Entwurfs  einseitig
abaeändert  hatte.  Der  neue  Landtag  beeilte  sich  zwar  auf  Stüves  Antrag
  die  Anderungen  nachträglich  gutzuheißen;  immer  blieb  es  ein  verhängnisvoller
  Fehler,  daß  dieser  Staat,  der  seit  dem  Kriege  aus  einem
zweifelhaften  Rechtszustande  in  den  andern  taumelte,  nun  schon  zum
dritten  Male  eine  Verfassung  erhielt,  deren  Gültigkeit  sich  mindestens  mit
Scheingründen  anfechten  ließ.

117
        <pb n="172" />
        164  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Der  Abschluß  des  Verfassungswerkes  wurde  hier  nicht  wie  in  den
Nachbarländern  mit  lauter  Freude  begrüßt.  Den  eifrigen  Liberalen  ge—
nügte  diese  maßvolle  Reform  mit  nichten,  die  Masse  des  Volkes  aber  war
aus  der  Aufregung  des  Revolutionsjahres  längst  wieder  in  die  alte  Gleichgültigkeit
  zurückgefallen.  Kurhessen  und  Sachsen  traten  bald  nach  ihrer
politischen  Neugestaltung  dem  Zollvereine  bei,  und  die  öffentliche  Meinung
wähnte  in  begreiflicher  Selbsttäuschung,  daß  man  das  kräftig  aufblühende
wirtschaftliche  Leben  nicht  der  Freiheit  des  deutschen  Marktes,  sondern
der  Verfassung  verdanke.  In  Hannover  dagegen  wurden  die  handelspolitischen
  Folgerungen,  die  sich  aus  der  Kassenvereinigung  und  der  Steuerreform
  unabweisbar  ergaben,  nicht  gezogen,  das  Land  verharrte  bei  seiner
selbstmörderischen  englischen  Zollpolitik,  an  dem  schläfrigen  Gange  des  Handels
  und  Wandels  änderte  sich  nichts.  So  bemerkte  das  Volk  wenig  von
dem  Segen  der  neuen  Ordnung.  Nur  die  Bürger  von  Hildesheim  holten
ihren  volksbeliebten  Abgeordneten  Lüntzel  im  Triumphzuge  ein,  und  Stüve
mußte  —  ganz  wie  sein  verabscheuter  Gegenfüßler  Rotteck  —  in  seiner
Vaterstadt  den  silbernen  Ehrenbecher  als  liberalen  Tugendpreis  dankend
entgegennehmen.  Das  übrige  Land  verhielt  sich  lau.  Der  kluge  Geh.  Rat
Hoppenstedt  und  manche  andere  einsichtige  Beamte  wollten  sich  von  Haus
aus  zu  dem  Staatsgrundgesetze  kein  Herz  fassen,  weil  sie  der  Zukunft
mißtrauten.  Sie  wußten,  daß  der  Adel  seine  Widerspenstigkeit  noch  keineswegs
  aufgegeben  hatte,  und  er  herrschte  noch  immer  in  den  sieben  Provinziallandtagen,
  die  mit  verminderten  Befugnissen  auch  fernerhin  fortbestehen
  sollten.  Schon  als  die  Verfassung  beraten  wurde,  hatten  mehrere
dieser  Landtage  ein  Recht  der  Mitwirkung  beansprucht;  als  sie  beendet
war,  verwahrte  der  Ausschuß  der  calenberg-grubenhagenschen  Stände  in
aller  Stille  seine  vorgeblichen  Rechte.  Wie  nun,  wenn  diese  Adelsopposition
  bei  dem  voraussichtlich  nahen  Thronwechsel  den  Monarchen  selbst
für  sich  gewann?  Über  den  Thronfolger,  den  Herzog  von  Cumberland,
liefen  bedenkliche  Gerüchte  um.  Man  erfuhr,  daß  er  mit  Schele  in  Verbindung
  stehe  und  die  neue  Ordnung  mißbillige.  Doch  nur  wenige  Eingeweihte
  wußten,  welch  ein  unwürdiges  Spiel  insgeheim  im  Welfenhause
getrieben  wurde.

Ernst  August  von  Cumberland  blickte  auf  die  deutschen  Dinge  mit
der  Hoffart  des  starren  Hochtorys  hernieder;  er  hielt  es  nie  der  Mühe
wert,  das  Staatsrecht  des  Landes,  das  er  dereinst  beherrschen  sollte,
kennen  zu  lernen,  und  begnügte  sich  mit  der  unbestimmten  Vorstellung,
daß  den  Agnaten  in  Hannover  eine  Art  Mitregierungsrecht,  mindestens
für  außerordentliche  Fälle,  zustehe.  Von  diesem  angemaßten  Rechte  machte
er  auch  mehrmals  Gebrauch,  doch  niemals  offen,  niemals  ohne  jene  Winkelzüge,
  welche  seinem  aus  Schroffheit  und  Heimtücke  seltsam  gemischten  Charakter
  geläufig  waren.  Bei  Lord  Eldon  und  den  anderen  Freunden  von
der  strengen  Torypartei  hatte  er  als  höchste  politische  Weisheit  gelernt,
        <pb n="173" />
        Ernst  August  von  Cumberland.  165

daß  man  an  dem  Bestehenden  nichts  ändern  dürfe;  darum  wünschte  er
die  Aufrechterhaltung  der  alten  Provinzialstände.  Sobald  im  Jahre  1814
die  allgemeine  Ständeversammlung  berufen  wurde,  erklärte  er  sich  da—
wider  in  einer  Denkschrift  an  den  Prinzregenten,  aber  ganz  in  der
Stille,  so  daß  selbst  sein  Bruder  Clarence,  der  spätere  König  Wilhelm,
kein  Wort  davon  erfuhr;  auch  gegen  die  zweite  Verfassungsänderung  vom
Jahre  1819  erhob  er  Einspruch  bei  dem  Prinzregenten,  aber  nur  mündlich
und  wieder  insgeheim.  )  Beide  Verwahrungen  blieben  unbeachtet.  Man
sah  auch  stillschweigend  darüber  hinweg,  daß  der  Herzog  jeden  amtlichen
Verkehr  mit  dem  Allgemeinen  Landtage  vermied  und  der  Ständeversammlung,
  als  sie  sich  im  Jahre  1822  ihm  vorstellen  wollte,  kurzweg  erwidern
ließ:  er  könne  nur  die  einzelnen  Mitglieder  als  Privatleute  empfangen.

Als  nun  der  Entwurf  des  Staatsgrundgesetzes  vorlag,  hielt  der  gewissenhafte
  König  für  nötig,  die  Meinung  des  Thronfolgers  einzuholen,
obgleich  er  dem  Herzog  wenig  traute  und  ihm  deshalb  auch  bei  der  Besetzung
  der  Stelle  des  Vizekönigs  den  jüngeren  Bruder  Cambridge  vorgezogen
  hatte.  Schon  im  Oktober  1831  ließ  er  ihm  durch  Ompteda  und
Kabinettsrat  Falcke  den  Verfassungsplan  mitteilen,  der  bereits  den  Vorschlag
  der  Kassenvereinigung  enthielt,  und  war  freudig  überrascht,  als
Cumberland  dafür  in  einem  überaus  verbindlichen  Briefe  dankte.  „Ich
kann  nicht  genug  meine  vollkommene  Befriedigung  in  aller  und  jeder  Beziehung
  erklären“  —  so  schrieb  Ernst  August  am  31.  Oktober  und  pries
den  Edelmut  und  die  Uneigennützigkeit  des  Königs,  der  also  bewiesen  habe,
„daß  Ihr  einziger  Zweck  ist,  die  Finanzen  des  Landes  Hannover  auf  einen
solchen  Fuß  zu  setzen,  daß  Ihre  Nachfolger  keine  Schwierigkeiten  haben
sollen.“  Nur  gegen  drei  Bestimmungen  erhob  er  Einwände.  Zunächst  gegen
die  Offentlichkeit  der  Landtagsverhandlungen,  die  selbst  König  Ludwig  von
Bayern  für  gefährlich  halte.  Sodann  wider  die  Tagegelder  der  Abgeordneten;
  doch  hier,  meinte  er  in  seiner  rohen  Weise,  sei  vielleicht  eine  kluge
Nachgiebigkeit  möglich:  „dann  werden  die  Kosten  wenigstens  auf  das  Land
fallen  und  nicht  auf  den  Souverän;  und  mit  solchen  Einschränkungen,
daß  die  Stände  das  Geschäft  nicht  hinausziehen  können,  um  desto  länger
bezahlt  zu  werden.“  Zum  dritten  fand  er  es  bedenklich,  daß  die  beurlaubten
  Soldaten  unter  der  bürgerlichen  Obrigkeit  stehen  sollten  —  eine
Frage,  die  in  dem  Entwurfe  unmittelbar  gar  nicht  berührt  war.  Ganz
in  demselben  Sinne  hatte  er  tags  vorher  an  den  Herzog  von  Cambridge
geschrieben  und  inbrünstig  versichert:  der  Plan  „macht  beiden,  dem
Könige  und  der  Regierung,  die  höchste  Ehre.  Des  Königs  Kopf  und  Herz
haben  bei  dieser  Gelegenheit  geglänzt.““)

Der  gute  König  war  seelenfroh,  er  dachte  ja  selbst  keineswegs  liberal,

 

*)  Näheres  in  Beilage  XVIII.
*)  Cumberland  an  Cambridge,  30.  Okt.,  an  König  Wil  helm,  31.  Okt.  1831
        <pb n="174" />
        166  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

sondern  ließ  sich  nur  von  der  Strömung  der  Zeit  treiben,  und  versicherte
dem  Bruder  herzlich,  daß  er  bei  dem  Entwurfe  besonders  an  die  Inter—
essen  seiner  Nachfolger  gedacht  habe,  „an  Sie  und  Ihren  hoffnungsvollen
Sohn.  Es  schien  mir  von  der  äußersten  Wichtigkeit  für  die  Wohlfahrt
und  das  Glück  des  Landes  und  für  Ihre  eigene  Behaglichkeit  und  Ruhe,
daß  Sie  von  den  mir  gemachten  Vorschlägen  vollständig  unterrichtet  wür—
den.“  Die  Bedenken  des  Herzogs  gegen  die  Offentlichkeit  und  die  Tage—
gelder  fand  der  König  wohlbegründet;  er  versprach,  daß  sie  von  der
Regierung  erwogen  und  nach  den  Umständen  berücksichtigt  werden  sollten.)
Und  er  hielt  Wort.  Lediglich  dem  Thronfolger  zuliebe  wurde  die  dem
Landtage  so  oft  verheißene  Offentlichkeit  dahin  abgeschwächt,  daß  den  beiden
Kammern  nur  gestattet  sein  sollte,  Zuhörer  zuzulassen;  und  aus  demselben
Grunde  verwies  man  die  Zusage  der  Diäten  in  ein  vorläufiges  Reglement.
  Weiter  ließ  sich  die  zarte  Rücksicht  auf  einen  rechtlich  bodenlosen
Einspruch  in  der  Tat  nicht  treiben.  Neue  Einwendungen  konnte  die
Regierung  jetzt  um  so  weniger  erwarten,  da  Ernst  August  die  cinzige
Vorschrift  des  Staatsgrundgesetzes,  welche  vielleicht  der  Zustimmung  der
Agnaten  bedurfte,  die  dem  königlichen  Hause  so  vorteilhafte  Kassenvereinigung
  mit  warmer  Dankbarkeit  gebilligt  hatte.

Aber  mittlerweile  begann  Schele  seine  unterirdische  Arbeit;  er  schilderte
  dem  Herzog  das  Staatsgrundgesetz  als  ein  Werk  ruchloser  Demagogen
  und  wußte  vornehmlich  die  Parteivorurteile  des  Hochtorys  wider
die  Zivilliste  gewandt  auszunutzen:  die  Kassenvereinigung,  die  fast  in  allen
größeren  Bundesstaaten  längst  bestand,  sollte  in  Hannover  „das  monarchische
  Prinzip“  vernichten!  Aus  den  Berichten  des  Gesandten  Münchhausen
in  Berlin  erfuhr  der  König  bald,  daß  sein  Bruder  sich  sehr  abfällig  über
die  neuc  Verfassung  äußere.  Als  die  Minister  im  Oktober  1833  dem
Thronfolger  das  erlassene  Staatsgrundgesetz  mitteilten  und  ihn  fragten,
ob  er  seinen  Sitz  in  der  ersten  Kammer  einnehmen  wolle,  da  empfingen
sie  eine  kurze,  schnöde  Antwort  (29.  Oktober).  Der  Herzog  erwähnte,  daß
er  schon  bei  seinem  seligen  Bruder  gegen  die  Einführung  der  allgemeinen
Stände  protestiert  habe,  weil  die  Einwilligung  der  Agnaten  dazu  nicht
eingeholt  worden  sei,  und  schloß  trocken:  „Von  allem,  was  weiter  vorgekommen,
  bin  ich  nicht  gehörig  unterrichtet  und  kann  mich  deshalb  auch
durch  das  neue  Gesetz  noch  nicht  gebunden  halten.““)  Die  Absicht  dieses
hinterhaltigen  Schreibens  war  durchsichtig  genug:  zu  ehrlichem  Einspruch
hatte  der  Welfe  nicht  den  Mut,  doch  für  den  Fall  seiner  Thronbesteigung
dachte  er  sich  die  Hände  frei  zu  halten.  Wollte  die  Regierung  nicht  die
ganze  Zukunft  des  Staatsgrundgesetzes  gefährden,  so  mußte  sie,  nach  einer
solchen  Probe  welfischer  Zweizüngigkeit,  von  dem  Thronfolger  eine  un- 



*)  König  Wilhelm  an  Cumberland,  3.  Nov.  1831.
**)  Cumberland  an  das  k.  Ministerium  in  Hannover,  29.  Okt.  1833.
        <pb n="175" />
        Cumberlands  Zweizüngigkeit.  167

umwundene  Erklärung  verlangen:  offenen  Protest  oder  offene  Zustimmung.
Aber  wie  konnien  sich  diese  Stralenheim,  Alten,  Schulte,  von  der  Wisch
zu  einer  so  ärgerlichen  Ombrage  entschließen,  die  den  vornehmen  alt—
hannöverschen  Staatssitten  gänzlich  widersprochen  hätte?  Die  Minister
berichteten  zunächst  an  den  König;  und  der  gemütliche  Herr  meinte:  man
möge  eine  ausgleichende  Erwiderung  an  seinen  Bruder  abgehen  lassen;
einen  günstigen  Erfolg  erwarte  er  freilich  nicht,  doch  würden  die  abwei—
chenden  Ansichten  des  Herzogs  wohl  nur  ihm  selber,  nicht  dem  Lande  zum
Nachteil  gereichen  —  eine  deutliche  Anspielung  auf  Cumberlands  schwere
Schuldenlast.*)

Nunmehr  beschlossen  die  Minister,  dem  Thronfolger  zu  antworten;
denn  obwohl  sein  Brief  nach  Form  und  Inhalt  nicht  für  eine  eigentliche
Protestation  zu  halten  sei,  so  könne  man  doch  „die  Besorgnis  nicht  unter—
drücken,  daß  diesem  Aktenstücke  früher  oder  später  eine  andere  Absicht
untergelegt  werden  könnte.“  Sie  erwiderten  also  dem  Herzoge  (11.  Dez.):
von  seinen  früheren  Protesten  habe  sich  keine  Spur  vorgefunden;  auch
sei  die  Zustimmung  der  Agnaten  zu  Verfassungsänderungen  zwar
wünschenswert,  aber  keineswegs  notwendig  und  schon  bei  der  Union
der  Landschaften  Calenberg  und  Grubenhagen  im  Jahre  1801  nicht  mehr
eingeholt  worden.  Alsdann  hielten  sie  ihm  vor,  wie  gewissenhaft  das
Staatsgrundgesetz  die  königliche  Autorität  zu  stärken  suche,  und  wie  sorglich
man  des  Herzogs  Bedenken  gegen  die  Diäten  und  die  Offentlichkeit  berücksichtigt
  habe.  )  Durch  diese  matte  Erwiderung  meinten  sie  ihr  Gewissen
beschwichtigt  zu  haben;  und  doch  mußten  sie  wissen,  daß  Cumberland
inzwischen  (29.  Nov.)  seinem  Bruder  Cambridge  noch  deutlicher  geschrieben
hatte:  einigen  Bestimmungen  des  Staatsgrundgesetzes,  namentlich  der
Anordnung  über  die  Domänen,  werde  er  niemals  beipflichten.

Als  der  Herzog  zu  Anfang  des  nächsten  Jahres  nach  London  kam,
hatte  Geh.  Rat  Lichtenberg  drei  amtliche  Unterredungen  mit  ihm  wegen
des  Staatsgrundgesetzes,  und  hier  ward  die  Falschheit  des  Welfen  ganz
offenbar.  Auf  seine  früheren  beiden  Bedenken  legte  er  nur  noch  geringen
Wert.  Wenn  ich  anfangs  nur  diese  beiden  Punkte  hervorgehoben  habe,
„wird  daraus  nie  der  Schluß  gezogen  werden  können,  daß  ich  allem
übrigen  meinen  Beifall  gegeben“  —  dies  wagte  er  jetzt  zu  behaupten,
obgleich  er  einst  seinen  beiden  Brüdern  ausdrücklich  erklärt  hatte,  er  sei
mit  allem  und  jedem  einverstanden.  Am  anstößigsten  erschien  ihm  jetzt
die  Kassenvereinigung,  die  er  früher  gebilligt  hatte;  niemals,  so  wiederholte
  er  feierlich,  könne  und  werde  er  einer  solchen  Neuerung  zustimmen.

 

*)  Bericht  des  hannöv.  Ministeriums  an  Ompteda  in  London,  13.  November.
Bericht  des  Geh.  Rats  Lichtenberg  an  das  Ministerium,  London  3.  Dez.  1833.

**)  Schreiben  des  Ministeriums  an  Cumberland,  11.  Dez.  Antwort  des  Ministeriums
  an  Lichtenberg,  13.  Dez.  1833.
        <pb n="176" />
        168  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Und  zwischen  allen  diesen  Winkelzügen  immer  wieder  die  biedere  Ver—
sicherung:  ich  sage  meine  Ansicht  immer  frei  und  offen,  ich  denke  immer
nur  an  die  Sache,  nicht  an  die  Person!  Selbst  der  untertänige  Lichten—
berg  wagte  am  Schlusse  seines  ersten  Berichts  nur  zu  bemerken,  daß  der
Eindruck  der  Unterredung  auf  den  Herzog  „wenigstens  kein  durchaus
ungünstiger  zu  sein  schien“.  )  Den  Ministern  aber  konnte  nach  allem,
was  geschehen,  nicht  mehr  zweifelhaft  bleiben,  daß  der  Thronfolger  die
Verfassung  umstoßen  wollte,  und  daß  er  in  seinem  frechen  Hochmut  sich
einbildete,  er  brauche  nur  dem  bestehenden  Rechte  die  Anerkennung  zu
versagen,  dann  sei  es  auch  schon  vernichtet.  Gleichwohl  taten  sie  nichts
mehr,  um  der  drohenden  Gefahr  vorzubeugen.  Sie  wußten  wohl,  daß
staatsrechtliche  Belehrungen  bei  dem  harten  Eigensinn  dieses  Welfen  nichts
auszurichten  vermochten;  doch  schmeichelten  sie  sich  mit  der  Hoffnung,
der  von  Gläubigern  verfolgte  Herzog  werde  einen  Staatsstreich  nicht  wagen
können;  schlimmsten  Falls  rechneten  sie  auf  den  Schutz  des  Bundestags
für  die  neue,  unzweifelhaft  „in  anerkannter  Wirksamkeit  stehende“  Verfassung.


Bei  der  Beratung  des  Hausgesetzes,  das  sich  an  die  Verfassung
anschließen  sollte,  verfuhr  der  Herzog  ebenso  hinterhaltig.  Allem  Anschein
nach  hat  er  auch  hier  zuerst  in  unverbindlicher  Form  sein  Einverständnis
kundgegeben,  um  sich  nachher  die  endgültige  Erklärung  für  die  Zukunft  vorzubehalten.
  Dahlmann,  der  den  Entwurf  des  Hausgesetzes  ausarbeitete,
erhielt  im  April  1834  vom  Minister  Stralenheim  die  amtliche  Mitteilung,
daß  „die  Zustimmung  der  volljährigen  königlichen  Prinzen  erfolgt  sei“,
—  eine  Versicherung,  die  unmöglich  ganz  grundlos  sein  konnte.  Im
Dezember  1835  aber  schrieb  Ernst  August  an  Kabinettsrat  Falcke,  er
könne  als  ehrlicher  Mann  das  Hausgesetz  für  jetzt  noch  nicht  unterzeichnen,
weil  es  so  fest  mit  dem  Staatsgrundgesetz  zusammenhänge.  Eine  freimütige
  Rechtsverwahrung  wagte  er  auch  jetzt  nicht  einzulegen,  er  sagte
nur,  auf  die  Zukunft  vertröstend:  „Ich  muß  viel  mehr  Hilfe  und  Rat
haben,  bevor  ich  mir  erlauben  kann,  einen  so  ernsten  Schritt  zu  tun.“
Demungeachtet  wurde  das  Hausgesetz  am  19.  Nov.  1836,  nachdem  der
Landtag  zugestimmt,  als  ein  für  jedermann,  auch  für  die  königlichen  Prinzen
verbindliches  Gesetz  kundgemacht.  Cumberland  aber  zeigte  mit  wachsender
Dreistigkeit,  daß  die  neue  Verfassung  für  ihn  nicht  vorhanden  sei.  In  der
Zeitschrift  seiner  Getreuen,  dem  Berliner  Politischen  Wochenblatt,  wurde
das  Staatsgrundgesetz  wie  eine  jakobinische  Tollheit  bekämpft.  Seinen  Sitz
in  der  Kammer  nahm  der  Herzog  niemals  ein,  und  als  er  einmal  zur  Zeit
einer  Landtagseröffnung  in  Hannover  weilte,  verließ  er  die  Stadt  in  demselben
  Augenblick,  da  die  Stände  zusammentraten,  um  in  Derneburg  den
grollenden  Münster  zu  besuchen.

 

*)  Lichtenbergs  Berichte  an  das  Ministerium,  28.  Febr.,  27.  März  1834.
        <pb n="177" />
        Schleswig-Holstein.  Falck.  169

Je  deutlicher  die  unredlichen  Hintergedanken  des  Thronfolgers  sich
enthüllten,  um  so  ratsamer  schien  es,  die  Bürgschaft  des  Bundestags
für  das  Staatsgrundgesetz  zu  erbitten;  sie  wäre  dieser  konservativen  Verfassung
  wohl  leichter  gewährt  worden  als  der  radikalen  kurhessischen.  Aber
die  Regierung  wagte  nicht  einmal  den  Versuch.  Rose  fühlte  sich  überall
gehemmt  durch  das  stille  Widerstreben  seines  unberechenbaren  Nebenbuhlers
Geh.  Rat  Falcke.  Obwohl  die  neue  Ordnung  des  Staatshaushaltes
sich  trefflich  bewährte  und  bald  erhebliche  Überschüsse  erzielte,  so  wurden
doch  die  zur  Ausführung  der  Verfassung  verheißenen  Gesetze  bei  weitem
nicht  so  rasch  gefördert  wie  in  Sachsen.  Namentlich  an  die  Exemtionen
des  Adels  getraute  man  sich  nicht  recht  heran.  Auch  dem  Landtage
fehlten  Zug  und  Schwung.  Die  erste  Kammer  bestand  zu  acht  Neunteln,
die  zweite  zu  fünf  Achteln  aus  Besoldeten,  dort  saßen  die  adligen,  hier  die
bürgerlichen  Beamten,  ganz  wie  sonst:  nur  die  Geheimen  Räte  der  Hauptstadt
  waren,  seit  das  Land  Diäten  zahlte,  etwas  spärlicher,  dafür  die  Amtmänner
  aus  den  Provinzen  um  so  stärker  vertreten.  Mit  gutem  Grunde
klagte  die  liberale  Presse,  dies  Land  werde  durch  die  Masse  seiner  Beamten
  erdrückt  wie  Spanien  durch  das  Heer  seiner  Mönche.  Erst  im  Jahre
1837  legte  die  Krone  dem  Landtage  eine  Reihe  wichtiger  Gesetzentwürfe
vor,  doch  kaum  hatte  er  die  Beratung  begonnen,  da  starb  König  Wilhelm
und  eine  neue  Zeit  der  Kämpfe  brach  über  das  Welfenland  herein.  —

 

In  Hannover  wurde  durch  die  konstitutionelle  Bewegung  mittelbar
auch  die  Fremdherrschaft  erschüttert,  da  der  Sitz  der  Regierung  fortan
im  Lande  selber  blieb.  Noch  deutlicher  bekundete  sich  in  Schleswig-Holstein,
wie  eng  die  liberalen  und  die  nationalen  Ideen  der  Zeit  miteinander
verkettet  waren.  Seit  ihrem  verunglückten  Feldzuge  am  Bundestage  war
die  Ritterschaft  der  Herzogtümer  ganz  still  geblieben,  ihr  streitbarer  Führer
Dahlmann  hatte  Kiel  verlassen,  und  von  den  Verhandlungen  jener  Kopenhagener
  Kommission,  welche  die  neue  Verfassung  für  Holstein  ausarbeiten
sollte,  verlautete  längst  kein  Wort  mehr.  Aber  Dahlmanns  Wirken
hatte  in  den  höheren  Ständen  die  Liebe  zu  dem  alten  Rechte  Transalbingiens
  geweckt,  in  dem  engeren  Kreise  der  Freunde  auch  schon  das
helle  Bewußtsein  des  deutschen  Volkstums;  denn  bei  seinem  Kampfe  für
das  Landesrecht  leitete  ihn  stets  die  Absicht,  daß  die  Fremdherrschaft  auf
deutschem  Boden  in  ihrer  unheilvollen  Wirkung  beschränkt  werden,  daß
„die  deutschen  Untertanen  Dänemarks“  Deutsche  bleiben,  nur  gegen
Deutschlands  Feinde  Krieg  führen  müßten:  „das  ist  ihr  Charakter,
ihre  unfreiwillige  Bestimmung.“  Nach  Dahlmanns  Abgang  war  jetzt
sein  treuer  Genosse  Nik.  Falck  der  anerkannt  erste  Mann  des  Landes.
Aus  Falcks  rechtshistorischen  Vorlesungen  und  seinen  staatsrechtlichen
Schriften,  aus  den  mannigfaltigen  Aufsätzen  seines  Staatsbürgerlichen
        <pb n="178" />
        170  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

Magazins  schöpften  die  heranwachsenden  jungen  Beamten  allesamt  ihre
Kenntnis  der  halbverschollenen  ruhmreichen  Landesgeschichte.  Als  die  Juli-Revolution
  hereinbrach,  regte  sich  in  weiten  Kreisen  das  Verlangen  nach
einer  Verfassung,  welche  das  historische  Recht  neu  beleben  und  fortbilden
sollte.  Die  Regierung  in  Kopenhagen  benahm  sich  überaus  furchtsam,  weil
ihr  das  Gewissen  schlug.  Sie  wußte  wohl,  wie  schwer  an  den  Rechten
der  deutschen  Nordmark  gesündigt  worden  war,  und  warum  die  Dänen
ihren  sechsten  Frederik  als  den  ersten  dänischen  König  feierten;  sie  besorgte
im  Ernste,  daß  ein  schleswig-holsteinischer  de  Potter  erstehen  und  der  belgische
  Aufruhr  an  der  Eider  sein  Gegenbild  finden  könnte.  So  bedrohlich
war  die  Lage  mit  nichten.  An  einen  Abfall  dachte  in  den  Herzogtümern
noch  niemand.  Selbst  das  Verlangen  nach  gesetzlicher  Reform  ward
niedergehalten  durch  die  tiefe  Ehrfurcht  vor  „dem  edelsten,  besten,  gütigsten
König,  dem  innig  und  heiß  geliebten  Landesvater“,  der  sich  doch  die  Mühe
gegeben  hatte,  so  viele  Jahre  zu  leben;  und  schwerlich  wäre  den  bescheidenen
  Wünschen  der  gebildeten  Klassen  irgendeine  Frucht  entsprossen,
wenn  nicht  ein  tapferer  Mann  die  Angst  der  Krone  benutzt  hätte,  um  zur
rechien  Zeit  mit  lauter  Stimme  zu  fordern.

Jens  Uwe  Lornsen  hatte  nach  einem  stürmischen  Studentenleben  die
letzten  Jahre  hindurch  auf  der  schleswig-holsteinischen  Kanzlei  in  Kopenhagen
gearbeitet  und  dort  —  so  ganz  entfremdet  war  diese  Behörde  ihrer  Heimat
—  weder  von  der  Geschichte  noch  von  dem  alten  Staatsrechte  Schleswig-Holsteins
  irgend  etwas  erfahren.  Aber  die  glühende  Begeisterung  für  sein
deutsches  Vaterland  blieb  dem  alten  Burschenschafter  unverloren;  sein
innerstes  Gefühl  empörte  sich,  wenn  die  dänischen  Beamten  ihm  das  alte
Hohnwort  entgegenhielten,  die  Schleswig-Holsteiner  sollten  sich  doch  freuen,
lieber  etwas,  nämlich  Dänen  zu  sein,  als  gar  nichts,  nämlich  Deutsche.
Durch  seine  amtliche  Tätigkeit  lernte  er  dann  den  Schlendrian  und  die  verständnislose
  Ungerechtigkeit  der  aus  der  Fernewirkenden  Regierung  gründlich
kennen.  Auch  die  konstitutionellen  Gedanken  der  Zeit  ergriffen  ihn  mächtig,
er  meinte  die  Stunde  gekommen  für  die  europäische  Herrschaft  des  Bürgertums,
  und  verlockend  nahe  lag  dem  Kopenhagener  Beamten  das  Vorbild
der  schwedisch-norwegischen  Union;  der  dänische  Kronprinz  Christian  selbst
hatte  ja  einst  den  Norwegern  ihre  gerühmte  Bauernverfassung  verliehen.
In  solchem  Sinne  äußerte  sich  Lornsen  oft  gegen  seine  deutschen  Amtsgenossen;
  alle  hörten  bewundernd  zu,  wenn  er  sich  erhob,  ein  hochgewachsener
  Nordlandsrecke  mit  buschigem,  blondem  Haar,  geistvollem  Munde,
tiefen,  blauen  Augen,  und  in  unwiderstehlicher  Rede,  scurig  zugleich  und
würdevoll,  seine  Gedanken  entfaltete.  Leider  schlummerte  bereits  der  Keim
der  Krankheit  in  diesem  groß  angelegten  Geiste;  er  meinte  sich  gequält
von  einem  halb  wirklichen,  halb  eingebildeten  unheilbaren  Leiden,  und  sein
Wahn  lähmte  ihm  in  entscheidender  Stunde  den  Mut.  Der  Stolze  fühlte,
daß  er  vor  vielen  voraus  hatte,  was  seine  Friesen  als  höchste  Mannes-
        <pb n="179" />
        J.  U.  Lornsen.  171

tugend  preisen:  rum  Hart,  klar  Kimming,  das  weite  Herz,  den  freien  Ge—
sichtskreis;  er  hoffte  dereinst  noch  für  ganz  Deutschland  politisch  zu  wirken.

Als  er  nun  im  Herbst  1830  nach  den  Herzogtümern  zurückkehrte,
um  das  Amt  des  Landvogts  auf  seiner  heimatlichen  Insel  Sylt  anzu—
treten,  da  erkannte  er  sofort,  daß  jetzt  der  Augenblick  gekommen  sei,  den
eingeschüchterten  König-Herzog  durch  Petitionen  und  Versammlungen  zur
Verleihung  einer  Verfassung  zu  bewegen.  In  Kiel  und  Flensburg  ver—
ständigte  er  sich  mit  angesehenen  Männern  des  Bürgertums,  während
der  geistreiche  junge  Nationalökonom  Georg  Hanssen  unter  den  Bauern
im  östlichen  Holstein  Anhänger  warb.  Um  die  Bewegung  auf  ein  festes
Ziel  zu  richten,  schrieb  Lornsen  sodann  ein  Schriftchen  von  elf  Seiten
„über  das  Verfassungswerk  in  Schleswig-Holstein“.  Er  verwies  darin  auf
die  Gebrechen  der  Verwaltung,  auf  die  Heimlichkeit  des  Staatshaushalts
und  forderte  kurzab  einen  gemeinsamen  Landtag  für  beide  Herzogtümer,
da  die  Bundesakte  den  Holsten  Landstände  verheiße,  die  Trennung  der
Herzogtümer  aber  „jedem  Schleswig-Holsteiner  schlechthin  undenkbar“  sei.
Mehr  als  ein  Viertel  der  Volksvertretung  wollte  er  dem  Adel  nicht  gönnen;
denn  „fortan  wird  allein  die  überzeugung  des  großen  Mittelstandes,  bei
dem  die  physische  und  intellektuelle  Macht  wohnt,  die  Welt  regieren;  und
alles,  was  sich  gegen  diese  Uberzeugung  erhebt,  machtlos  daran  zerschellen.“
Dazu  Verlegung  aller  Behörden  in  die  deutschen  Lande,  ein  oberster
Gerichtshof  für  Schleswig-Holstein,  in  jedem  Herzogtum  ein  Regierungs—
kollegium  und  über  beiden  ein  Staatsrat  nach  dem  Vorbilde  Norwegens;
mithin  Unabhängigkeit  von  Dänemark  in  allen  inneren  Angelegenheiten:
„nur  der  König  und  der  Feind  seien  uns  gemeinschaftlich.“  Mit  nach—
drücklichen  Worten  mahnte  Lornsen  schließlich  seine  Landsleute,  der  un—
berechenbaren  Zukunft  zu  gedenken  und  nicht  blindlings  der  Person
des  gegenwärtigen  Königs  zu  vertrauen,  „dem  wir  die  Unsterblichkeit
wünschen.  Unser  König  ist  kein  gemachter,  sondern  ein  geborener  Bürger—
könig.“

Kaum  begonnen  brach  das  kühne  Unternehmen  schon  zusammen.
Die  Ritterschaft  erklärte  sich  dawider,  weil  sie  den  bürgerlichen,  liberalen
Zug  der  Bewegung  fürchtete,  und  versicherte  dem  Könige  in  einer  Er—
gebenheitsadresse,  die  Anforderungen  der  Zeit  müßten  allerdings  berück—
sichtigt  werden,  aber  ohne  übereilung.  Noch  lebhafter  eiferten  der  hoch—
konservative  Herzog  von  Augustenburg  und  sein  Bruder  Prinz  Friedrich
von  Noer  gegen  den  gefährlichen  Demagogen.  Selbst  die  Bürger  und
Bauern  wurden  scheu,  sobald  der  Kieler  Stadtrat  den  kleinmütigen
Beschluß  gefaßt  hatte,  für  eine  Eingabe  an  den  König  sei  der  gegen—
wärtige  Zeitpunkt  nicht  geeignet.  Keine  einzige  Petition  ging  nach  Kopen—
hagen  ab.  Lornsen  aber,  der  Feldherr  ohne  Heer,  wurde  noch  im  No—
vember  verhaftet,  und  dem  kranken  Manne  versagte  die  Kraft;  er  wagte
weder  die  Einleitung  eines  öffentlichen  fiskalischen  Verfahrens  zu  fordern,
        <pb n="180" />
        172  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

noch  die  Akten  seines  Prozesses  zu  veröffentlichen,  sondern  ließ  sich  ge—
duldig  zur  Festungsstrafe  verurteilen,  da  er  ja  unleugbar  seine  Amts—
pflicht  verletzt  hatte.

Und  doch  wirkte  Lornsens  Schrift  mächtig  nach;  sie  ward  wirklich,
wie  die  dänischen  Beamten  grollend  sagten,  eine  in  die  Herzogtümer
geschleuderte  Brandfackel,  sie  verbreitete  den  Gedanken  der  Selbständig—
keit  des  unteilbaren  Schleswig-Holsteins  in  weiten  Kreisen  des  Mittel—
standes,  welche  einst  dem  Kampfe  des  Adels  um  das  alte  Landesrecht
gleichgültig  zugeschaut  hatten.  In  wenigen  Monaten  erschienen  dreißig
Flugschriften  für  und  wider.  Manche  darunter  ergingen  sich  nur  in
philisterhaften  Klagen  über  den  bacchantischen  Taumel  der  neuerungs—
süchtigen  Zeit,  über  die  taktlose,  dem  heißgeliebten  Könige  zugefügte  Krän—
kung,  und  mahnten  gemütlich:  ein  jeder  lern'  seine  Lektion,  so  wird  es
wohl  im  Lande  stohn.  Wit  von  Dörring,  der  Verräter  der  Burschenschaft,
  hatte  sogar  die  Frechheit,  seine  holsteinischen  Landsleute  zu  warnen
vor  jenem  „Deutschland,  das  niemals  war,  nirgends  ist  und  niemals
sein  wird“.  A.  Binzer  aber,  Lornsens  sangeslustiger  Freund  von  Jena
her,  und  der  junge  Historiker  Michelsen  gingen  dem  Dänen  Schmidt-Phiseldeck
  scharf  zu  Leibe  und  erklärten  rund  heraus:  Schleswig-Holstein
verlange  nicht  die  Unabhängigkeit  wie  Belgien,  sondern  eine  selbständische
Stellung  unter  dem  dänischen  Königshause,  wie  sie  Hannover  neben  England
  oder  Finnland  neben  Rußland  einnehme.  Der  greise  König,  der
in  seiner  Angst  dem  Statthalter  der  Herzogtümer  schon  außerordentliche
Vollmachten  zur  Unterdrückung  von  Ruhestörungen  erteilt  hatte,  erkannte
  nun  doch,  daß  er  einlenken  müsse.  Durch  ein  Gesetz  vom  28.  Mai
1831  verkündete  er  seine  Absicht,  in  jedem  der  beiden  Herzogtümer,  ebenso
in  Jütland  und  auf  Seeland  einen  beratenden  Provinziallandtag  nach
preußischem  Muster  einzuführen.  Weiter  wollte  er  nicht  gehen;  vorsorglich
  hatte  er  schon  seinen  oldenburgischen  Nachbar  durch  die  Höfe  von
Berlin  und  Petersburg  vor  den  Gefahren  des  reinen  Repräsentativsystems
  warnen  lassen.“)

Immerhin  war  nunmehr  die  erste  Bresche  geschlagen  in  das  schrankenlose
  Alleingewalt-Erbkönigtum  des  dänischen  Königsgesetzes,  und  der  unglückliche
  Lornsen,  der  jetzt  von  den  Wällen  der  einsamen  Feste  Friedrichsort
auf  die  Gewässer  der  Kieler  Föhrde  hinausblickte,  durfte  sich  sagen,  daß
er  den  Dänen  wie  den  Holsten  die  Bahn  eines  freieren  Staatslebens
eröffnet  hatte.  Da  das  neue  Gesetz  die  Unteilbarkeit  Schleswig-Holsteins
zu  bedrohen  schien,  so  legte  die  Ritterschaft  am  7.  Juli  förmliche  Verwahrung
  ein  und  erklärte  dem  Könige,  das  alte  Landesrecht  könne  durch
diese  bloß  administrative  Maßregel  nicht  berührt  werden.  Die  Krone
ließ  es  an  Beschwichtigungen  nicht  fehlen  und  berief  im  folgenden  Jahre

 

*)  Schölers  Bericht,  Petersburg  30.  März  1831.
        <pb n="181" />
        Provinzialstände  für  Schleswig  und  Holstein.  1  73

erfahrene  Männer  aus  den  Herzogtümern  nach  Kopenhagen,  um  mit
ihnen  die  Grundzüge  der  Provinzialverfassungen  festzustellen.  Unterstützt
von  Niebuhrs  Freunde,  dem  feurigen  Romantiker  Grafen  Adam  Moltke,
versuchte  hier  Falck  nochmals  einen  gemeinsamen  Landtag  für  Schleswig-Holstein
  durchzusetzen.  Er  unterlag.  Am  15.  Mai  1834  wurde  endlich
die  Bildung  der  beiden  Provinziallandtage  für  die  Herzogtümer  angeordnet.


In  beiden  erhielten  Ritterschaft  und  Großgrundbesitz  nur  etwa  ein
Drittel  der  Stimmen;  je  ein  Drittel  der  Abgeordneten  sollte  von  den
städtischen  und  den  ländlichen  Grundbesitzern  unmittelbar  gewählt  werden.
Diese  kühne  Neuerung  überraschte  allgemein;  denn  fast  in  allen  anderen
deutschen  Staaten  bestand  das  System  der  indirekten  Wahlen,  und  selbst
die  Liberalen  hegten  noch  überall  das  Vorurteil,  daß  nur  so  die  öffentliche
  Ordnung  gesichert  werden  könne.  Noch  größer  war  das  Erstaunen,
als  der  König  nicht  nur  den  alten  nexus  socialis  der  schleswig-holsteinischen
  Ritterschaft  sowie  alle  die  anderen,  beide  Herzogtümer  verbindenden
  Rechtsverhältnisse  ausdrücklich  anerkannte,  sondern  sogar  neue  hochwichtige
  gemeinsame  Institutionen  einführte:  ein  Oberappellationsgericht,
das  in  Kiel,  eine  gemeinschaftliche  Provinzialregierung,  die  auf  dem  Schlosse
Gottorp  hausen  und  das  schleswig-holsteinische  Wappen  führen  sollte.  In
demselben  Augenblicke,  da  man  die  Landstände  der  Herzogtümer  trennte,
wurde  also  die  Einheit  ihrer  Rechtspflege  und  Verwaltung  neu  befestigt,
stärker  befestigt,  als  Lornsen  selbst  zu  fordern  gewagt  hatte.  Offenbar
wußte  König  Friedrich  nicht  genau,  was  er  tat;  er  fühlte  nur  dunkel,
daß  er  seinen  deutschen  Landen  irgendein  Zugeständnis  schuldig  sei,  und
ahnte  nicht  die  unausbleiblichen  Folgen  der  Gewährung.

In  Schleswig-Holstein  waren  selbst  Falck  und  die  Ritterschaft  sofort
entschlossen,  ihrer  Rechtsbedenken  ungeachtet  das  königliche  Geschenk  anzunehmen;
  denn  durch  die  Errichtung  der  Provinzialstände  wurde  die  Unteilbarkeit
  der  Lande  nicht  geradezu  aufgehoben,  erhielt  doch  auch  Jütland
seinen  eigenen  Landtag  neben  den  Inseln.  Da  die  Landtage  beider  Herzogtümer
  nach  denselben  Grundsätzen  gebildet  waren  und  beide  der  Regel
nach  dieselben  Gesetze  vorgelegt  erhielten,  so  erschienen  sie  fast  wie  zwei
Kurien  einer  Ständeversammlung  und  konnten  vielleicht  im  Laufe  der
Zeit  förmlich  vereinigt  werden.  In  solchem  Sinne  verfaßte  Franz  Hegewisch,
  der  geistvolle,  beim  Adel  und  Bürgertum  gleich  angesehene  Kieler
Arzt,  eine  Schrift:  „Für  Holstein,  nicht  gegen  Dänemark.“  Wie  alle
Patrioten  der  Nordmark  hielt  er  die  Verbindung  mit  Dänemark  noch  für
ein  Glück  und  meinte  arglos,  dieser  heilsame  Bund  werde  am  besten  gesichert,
  wenn  die  Herzogtümer  unter  sich  eng  vereinigt  blieben  und
Schleswig  also  das  Bindeglied  bilde  zwischen  dem  deutschen  Bundeslande
Holstein  und  den  dänischen  Provinzen.  In  der  Tat  konnte  nur  eine
ehrliche  Politik,  die  das  alte  Recht  der  ihrem  Königshause  so  treu  er-
        <pb n="182" />
        174  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

gebenen  deutschen  Lande  gewissenhaft  schonte,  den  Zerfall  des  dänischen
Gesamtstaates  vielleicht  noch  abwenden.

Die  Dänen  aber  begannen  bereits  andere  Wege  zu  gehen.  Ihr
Selbstgefühl  war  durch  die  Nachgiebigkeit  des  Königs,  die  sie  doch  allein
dem  Deutschen  Lornsen  verdankten,  mächtig  angewachsen,  sie  feierten  den
Geburtstag  ihrer  neuen  Versfassung  als  ein  nationales  Fest.  Nicht  ganz
mit  Unrecht.  Eine  neue  Epoche  der  dänischen  Geschichte  war  angebrochen,
und  der  vertriebene  Schwedenkönig  Gustav  IV.  wußte  wohl,  warum  er
als  möglicher  Erbe  der  Krone  feierliche  Verwahrung  einlegte  gegen  die
vollzogene  Beschränkung  der  absoluten  Königsgewalt.  Die  Hauptstadt
hallte  wider  von  politischen  Kämpfen,  und  in  der  allezeit  erregbaren
Kopenhagener  Jugend  bildete  sich  schon  eine  neue  Partei,  die  den  nationalen
  Gedanken  über  jede  andere  Rücksicht  stellte.  Diese  Eiderdänen,
wie  man  sie  späterhin  nannte,  verdammten  die  Bildung  der  neuen
schleswig-holsteinischen  Provinzialregierung  als  einen  argen  Mißgriff  und
verlangten  die  gänzliche  Trennung  der  beiden  Herzogtümer;  sie  wollten
im  Notfall  auf  das  deutsche  Holstein,  das  man  doch  nicht  danisieren  könne,
verzichten,  Schleswig  aber  bedingungslos  dem  Einheitsstaate  Dänemark
einverleiben  und  auch  die  rein  deutsche  Südhälfte  dieses  Herzogtums
gewaltsam  der  skandinavischen  Gesittung  unterwerfen.  Noch  ward  die
neuc  Losung  „Dänemark  bis  zur  Eider“  nur  von  wenigen  übermütigen
jungen  Männern  nachgesprochen;  aber  die  Zahl  ihrer  Anhänger  wuchs,
und  gelangten  die  Eiderdänen  je  zur  Herrschaft,  so  wurden  unfehlbar
alle  die  drei  politischen  Kräfte,  welche  im  Volk  Schleswig-Holsteins  noch
halb  unbewußt  arbeiteten,  zugleich  aufgeregt  und  zu  unversöhnlichem
Widerstande  gezwungen:  das  Rechtsgefühl,  der  Freiheitsmut,  der  deutsche
Nationalstolz.

Wieder  war  es  Lornsen,  der  zuerst  in  der  Nordmark  die  Zeichen  der
verwandelten  Zeit  erkannte.  Der  hatte  sich  während  seiner  Haft  rastlos
forschend  in  die  Geschichte  der  Herzogtümer  eingelebt  und  mit  freudigem
Erstaunen  entdeckt,  wie  fast  alles,  was  er  einst  aus  politischen  Gründen
für  seine  Heimat  verlangt,  schon  in  den  alten  Freiheitsbriefen  des
Landes  begründet  war:  „Die  Schleswig-Holsteiner“,  so  sagte  er  nunmehr,
„haben  nichts  zu  wünschen,  was  sie  nicht  auch  zu  fordern  ein  Recht  haben.“
Froh  dieser  neugewonnenen  Erkenntnis,  arbeitete  er  nun  an  einem  Buche
über  „Die  Unionsverfassung  Dänemarks  und  Schleswig-Holsteins“,  um
seinen  Landsleuten  zu  zeigen,  wie  sie  auf  dem  Boden  ihres  alten  Rechtes
den  neuen  Staat  Schleswig-Holstein  aufbauen  sollten.  Gegen  Falcks
streng  konservative  Gesinnung  sprach  er  sehr  scharf,  nicht  ohne  die  Ungerechtigkeit,
  welche  den  Vertretern  neuer,  zukunftsreicher  Gedanken  anzuhaften
  pflegt.  Sein  Ziel  lag  schon  höher:  er  wollte  jetzt  die  reine  Personalunion,
  die  Selbständigkeit  des  transalbingischen  Staates  auch  im
Heerwesen  und  Staatshaushalt.  Er  warnte  die  Holsten  vor  dem  gut-
        <pb n="183" />
        Beginn  des  nationalen  Kampses.  175

mütigen  Wahne,  als  ob  sie  durch  ihre  Verbrüderung  mit  den  Schles—
wigern  den  dänischen  Gesamtstaat  stärken,  der  Krone  einen  Dienst  er—
weisen  könnten,  und  enthüllte  ihnen  schonungslos  die  Hintergedanken  der
Dänen,  die  offenbar  darauf  ausgingen,  Schleswig  zu  verschlingen,  die
Verbindung  der  Herzogtümer  zu  zerreißen.  Ebenso  scharf  faßte  er  auch
die  Erbfolgefrage  ins  Auge  und  zeigte,  daß  in  Schleswig-Holstein  allein  dem
Mannesstamme  die  Thronfolge  gebühre,  in  Dänemark  aber  seit  dem
Königsgesetze  auch  dem  Weiberstamme,  und  mithin,  da  das  dänische
Haus  nur  noch  auf  sechs  Augen  stand,  leicht  eine  Trennung  der  beiden
Staaten  eintreten  könne.  Die  formlose  Schrift  zeigte  vielfach  die  Mängel
überhasteter  Forschung,  aber  auch  überall  die  große  Leidenschaft  eines  geborenen
  Publizisten,  der  mit  festem  Griff  das  Wesentliche  aus  der  Fülle
des  Stoffes  heraushob  und  dem  Leser  unerbittlich  eine  Entschließung  aufzwang;
  sie  ward  erst  nach  dem  Tode  des  Verfassers  durch  Georg  Beseler
herausgegeben  und  hat  dann  als  ein  teueres  Vermächtnis  auf  die
nationalen  Kämpfe  der  vierziger  Jahre  noch  stark  eingewirkt.  Lornsen
schrieb  daran  unter  unsäglichen  Qualen,  in  der  Sonnenglut  Brasiliens,
wo  er  nach  überstandener  Haft  vergeblich  Heilung  für  seine  Krankheit
suchte;  die  aufopfernde  Freundschaft  des  treuen  Hegewisch  vermochte  den
Unseligen  nicht  mehr  aufzurichten.  Nach  Europa  zurückgekehrt,  gab  er
sich  in  den  Wellen  des  Genfer  Sees  selbst  den  Tod  (1838),  der  Edelsten
einer  aus  der  langen  Reihe  der  Kämpfer  und  Dulder,  welche  dem  Tage
der  deutschen  Einheit  vorangingen.

Die  Schleswig-Holsteiner  brauchten  noch  eine  gute  Weile,  bis  sie  die
feindseligen  Anschläge  des  Dänentums  ebenso  klar  wie  Lornsen  erkannten.
Wie  hätte  sich  auch  in  diesem  behaglichen  Sonderleben  das  Verständnis
für  nationale  Machtfragen  rasch  entwickeln  können?  Selbst  Hegewisch,
der  über  den  Gesichtskreis  seiner  Holsten  weit  hinaussah,  meinte  damals
noch  gemütlich:  einer  Kriegsflotte  bedürfen  die  Herzogtümer  nicht;  „Hamburger
  Schiffe  befahren  alle  Meere  ganz  ohne  bewaffnete  Seemacht.“
Als  die  neuen  Landtage  zuerst  angekündigt  wurden,  ließ  Falck  die  Schriften
zweier  Kopenhagener  Liberalen,  des  Professors  David  und  des  ehrgeizigen
jungen  Kapitäns  Tscherning,  über  die  preußischen  Provinzialstände  übersetzen
  und  sprach  im  Vorworte  ganz  wie  ein  guter  Landsmann  der  beiden
Dänen.  Noch  vier  Jahre  später  wurde  David,  als  er  nach  einem  glücklich
  überstandenen  Preßprozesse  durch  Kiel  kam,  von  den  Studenten  als
ein  Held  der  Freiheit  gefeiert,  obgleich  seine  Zeitung  Faedrelandet  das
Deutschtum  Schleswigs  offen  bekämpfte.  Die  ersten  Verhandlungen  der
beiden  Landtage  verliefen  noch  ziemlich  still.  Die  Stände  bekundeten
zwar  mehrfach  jenen  Drang  nach  Erweiterung  der  eigenen  Rechte,  der
sich  in  beratenden  Parlamenten,  wenn  sie  nicht  ganz  in  Schlummer
versinken,  unausbleiblich  einstellt;  sie  verlangten  eine  beschränkte  Offentlichkeit
  für  ihre  Beratungen  und  genauere  Rechenschaft  über  den  Staats-
        <pb n="184" />
        176  IV.  2.  Die  konstitutionelle  Bewegung  in  Norddeutschland.

haushalt,  da  sie  das  Defizit  fünfmal  höher  schätzten,  als  die  Regierung
angab.  Zwischen  dem  Herzog  von  Augustenburg,  dem  harten  Aristokraten,
und  den  bäuerlichen  Abgeordneten  Schleswigs  kam  es  auch  schon  zu
lebhaften  Wortgefechten,  welche  den  verhaltenen  Parteihaß  erraten  ließen.

Ernste  Kämpfe  brachte  aber  erst  die  zweite  Tagung  im  Jahre  1838,
als  die  dreisten  Übergriffe  der  Kopenhagener  Demokratie  das  Selbstgefühl
der  Deutschen  geweckt  hatten.  Auf  den  Vorschlag  des  jungen  Anwalts
Orla  Lehmann,  eines  feurigen,  rücksichtslosen  Demagogen,  beschloß  die
dänische  Gesellschaft  für  Preffreiheit  (1836),  ihre  Tätigkeit  auch  auf  Nordschleswig
  zu  erstrecken.  Überall  im  Norden  der  Schlei  bildete  sie  ihre
Zweigvereine.  Bald  darauf  ward  die  Schleswigsche  Gesellschaft  zur  Verbreitung
  dänischer  Bücher  gegründet.  In  der  deutschen  Stadt  Hadersleben
erschien  ein  dänisches  Blatt  Dannevirke,  das  schon  durch  seinen  Namen
den  Kampf  um  die  Eidergrenze  ankündigte.  Seitdem  begann  ein  unruhiges
Drängen  und  Treiben  auf  dem  flachen  Lande  Nordschleswigs.  So  viele
Jahrhunderte  hindurch  redete  dies  Grenzvolk  im  Hause  seinen  dänischen
Dialekt,  den  die  Inseldänen  kaum  verstanden,  und  ehrte  das  Deutsche
als  die  Sprache  der  Bildung  und  des  großen  Verkehrs;  niemand  nahm
Anstoß  an  einem  Zustande,  der  sich  ohne  jeden  Zwang  aus  der  Geschichte
des  Landes  herausgebildet  hatte.  Jetzt  wurde  den  friedfertigen  Bauern
Nordschleswigs  Tag  für  Tag  der  Haß  gegen  die  deutschen  Unterdrücker
durch  die  Zeitschriften  und  Sendboten  der  Kopenhagener  gepredigt,  und
bald  zeigte  sich  auch  hier,  wie  übermächtig  der  nationale  Gedanke  in  diesem
Zeitalter  herrschte,  das  sich  im  Streite  gegen  das  napoleonische  Weltreich
seinen  Charakter  gebildet  hatte.  Eine  von  außen  hereingetragene  nationale
Propaganda  genügte,  um  einen  gefährlichen  Gegensatz  von  Nord  und  Süd
hervorzurufen  in  diesem  Schleswig,  das  zu  allen  Zeiten,  auch  in  seinen
Kämpfen  wider  Dänemark,  treu  zusammengeblieben  war.  Im  Sundewitt
vornehmlich,  dicht  vor  den  Toren  der  deutschen  Stadt  Flensburg,  trugen
die  Bauern  ihre  Begeisterung  für  Gammel  Dannemark  herausfordernd
zur  Schau.

Diese  Umtriebe  der  Dänen  nötigten  die  Deutschen  endlich  zur  Abwehr.
  Auf  beiden  Landtagen,  in  Schleswig  wie  in  Itzehoe  wurde  die
Bitte  um  Vereinigung  der  schleswig-holsteinischen  Landstände,  die  vor  drei
Jahren  noch  zu  kühn  erschienen  war,  jetzt  beschlossen.  Aber  noch  fehlte  viel
daran,  daß  die  deutsche  Gutmütigkeit  den  ganzen  Umfang  der  Gefahr
erkannt  hätte.  Als  der  Abgeordnete  Lorentzen,  ein  beredter,  liberaler
Bauer  aus  Nordschleswig,  die  Einführung  der  dänischen  Gerichtssprache
in  den  dänisch  redenden  Bezirken  Schleswigs  befürwortete,  da  fand  selbst
Falck  den  Vorschlag  unverfänglich;  der  arglose  Gelehrte  ahnte  nicht,  wie
unheimlich  das  Stilleben  seiner  nordschleswigschen  Heimat  in  den  letzten
Jahren  sich  verändert  hatte.  Vergeblich  warnte  der  Herzog  von  Augustenburg,
  der  diesmal  weiter  sah.  Der  Antrag  wurde  mit  geringer  Mehrheit
        <pb n="185" />
        Nordschleswig.  Oldenburg.  177

angenommen,  und  erst  als  die  Dänen  die  erteilte  Vollmacht  mit  unge—
stümer  Härte  mißbrauchten,  gingen  den  Deutschen  die  Augen  auf.  Mehr
und  mehr  geriet  der  alternde  König  in  die  Hände  der  hänischen  Fanatiker;
er  scheute  sich  nicht,  5  Mill.  Reichsbanktaler,  welche  die  Herzogtümer
von  der  Nationalbank  zu  fordern  hatten,  dieser  ausschließlich  dänischen
Anstalt  einfach  zu  schenken.  Angesichts  solcher  Gewaltstreiche  verschwand
allmählich  die  alte  sorglose  Selbstgenügsamkeit;  die  Holsten  fühlten  sich  als
Markmannen  des  großen  Deutschlands.  Das  junge  Geschlecht  empfand
anders  als  der  alte  Rist,  der  bis  zum  Grabe,  unbekümmert  um  den
Wandel  der  Zeiten,  als  treuer  königlicher  Beamter  in  der  Gottorper
Regierung  seine  Akten  erledigte.  In  Kiel  unterhielt  Dr.  Balemann
einen  regen  Verkehr  mit  den  Führern  der  süddeutschen  Opposition,  und
Theodor  Olshausen  verfocht  in  seinem  Korrespondenzblatte,  der  einzigen
namhaften  Zeitung  des  Landes,  die  Ideen  eines  demokratischen  Liberalismus,
  der  über  Falcks  altständische  Anschauungen  sehr  weit  hinausging.
Die  Unwahrheit  des  bestehenden  Rechtes  trat  einmal  grell  zu  Tage,  als
der  junge  Jurist  Georg  Beseler  den  herkömmlichen  Homagial-Eid  leisten
sollte  und  mit  Schrecken  entdeckte,  daß  der  Schwur  auf  das  absolutum
dominium  des  dänischen  Königsgesetzes  sich  mit  dem  Landesrechte  Schleswig-Holsteins
  schlechterdings  nicht  vertrug.  Er  folgte  seinem  Gewissen  und
verließ  die  Heimat.  Diesseits  wie  jenseits  des  Beltes  begann  man  zu
ahnen,  daß  man  in  solchen  Widersprüchen  nicht  mehr  leben  könne.

Mittlerweile  ward  der  Fortbestand  des  königlichen  Hauses  immer
fraglicher,  da  Prinz  Friedrich,  der  Sohn  des  Thronfolgers,  kinderlos  blieb.
Mit  krampfhaftem  Eifer  bemächtigte  sich  die  dänische  Presse  der  Erbfolgefrage;
  Leitartikel  und  Flugschriften  wiederholten  beharrlich  das  alte
Märchen,  daß  Schleswig  gleich  dem  Königreiche  Dänemark  der  Thronfolgeordnung
  des  Königsgesetzes  unterliege.  Zur  Widerlegung  erschien
im  Jahre  1837  in  Halle  eine  anonyme  Schrift  „Die  Erbfolge  in  Schleswig-Holstein“,
  die  nüchtern  und  ohne  Wortprunk,  aber  sehr  nachdrücklich  den
Anspruch  des  Hauses  Augustenburg  auf  die  Herzogskrone  Schleswig-Holsteins
  verteidigte;  sie  hielt  sich  streng  in  den  Grenzen  einer  erbrechtlichen
Untersuchung,  von  politischer  Freiheit,  von  dem  deutschen  Volkstum
Schleswig-Holsteins  sagte  sie  nichts.  Der  Verfasser  war,  wie  sich  bald
herausstellte,  Herzog  Christian  von  Augustenburg  selbst.  Die  jüngere  Linie
des  oldenburgischen  Hauses  sprach  also  schon  offen  die  Erwartung  aus,
daß  die  deutschen  Herzogtümer  sich  demnächst  von  Dänemark  trennen
würden.  Die  Frage  der  Zukunft  Transalbingiens  war  gestellt.

In  den  benachbarten  kleinen  niederdeutschen  Gebieten  stiegen  aus
dem  Strudel  der  europäischen  Revolution  nur  schwache  Blasen  auf.  Der
Pöbel  auf  dem  Hamburger  Berge  trieb  einmal  argen  Unfug  gegen  die
Juden  und  die  Akzise.  Etwas  ernsthafter  war  eine  konstitutionelle  Bewegung
  im  Jeverlande,  die  bald  auch  in  anderen  Landesteilen  des  buntv.

  Treitsch  ke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  12
        <pb n="186" />
        178  IV.  2.  Die  konstitutionelle-Bewegung  in  Norddeutschland.

scheckigen  oldenburgischen  Staates  Anklang  fand.  Aber  ihr  fehlte  der
rechte  Boden;  denn  Oldenburg  hatte  fast  allein  unter  allen  deutschen
Gebieten  niemals  einen  wirklichen  Landtag  gesehen,  da  Prälaten  und
Adel  früh  verschwunden  waren,  die  Städte  wenig  bedeuteten,  die  Bauern
frei  auf  ihren  stattlichen  Höfen  saßen  und  die  Landesherren  für  ihre
sparsame  Kammergutsverwaltung  keiner  Beihilfe  bedurften.  Nach  einigem
Lärm  ergab  man  sich  darein,  daß  der  wohlmeinende  Großherzog  die  Warnungen
  seines  dänischen  Vetters  beherzigte  und  seinem  Lande  statt  der
erhofften  Verfassung  nur  eine  neue  Gemeindeordnung  gab.  Oldenburg
blieb  nach  wie  vor  der  einzige  unter  den  größeren  deutschen  Staaten,  der
für  die  Verwirklichung  des  Art.  13  der  Bundesakte  gar  nichts  tat.  Die
Bureaukratie  der  Amtmänner  führte  ihr  scharfes,  aber  sorgsames  Regiment
ungestört  weiter.
        <pb n="187" />
        Dritter  Abschnitt.

 

Preußens  Mittelstellung.

Die  einfachen  Formeln  der  Geschichtsphilosophie  werden  der  viel—
gestaltigen  Fülle  des  historischen  Lebens  niemals  gerecht.  Weitum  in  der
aufgeklärten  Welt  meinte  man  den  Charakter  des  neuen  Zeitalters  längst
durchschaut  zu  haben:  der  entscheidende  Kampf  zwischen  dem  Königtum
von  Gottes  Gnaden  und  dem  konstitutionellen  Vernunftrecht  schien  an—
gebrochen,  und  kein  Thron  Westeuropas  noch  der  Zukunft  sicher,  wenn
er  sich  nicht  mit  parlamentarischen  Formen  umgab.  Gleichwohl  überstand
Preußen  die  Stürme  der  Zeit  unter  allen  deutschen  Ländern  am  glück—
lichsten.  Dieser  Staat  mit  seinem  vielgeschmähten  unbeschränkten  König—
tum  zeigte  eine  jedes  liberale  Gemüt  beleidigende  Kraft  und  Gesund—
heit.  Ein  Felsen  im  brandenden  Meere,  stand  er  inmitten  des  Aufruhrs,
der  alle  seine  Grenzen  umtobte.  Während  er  mit  seinen  Waffen  die
Marken  des  Vaterlandes  am  Rhein  und  an  der  Prosna  schirmte,  rettete
er  den  Deutschen  durch  die  unerschütterliche  Strenge  seines  Rechtes  einen
fruchtbaren  Schatz  altüberlieferten  Ansehens,  monarchischer  Treue,  gesetzlichen
  Sinnes,  nationalen  Stolzes.  Die  alte  Ordnung  der  Gesellschaft,
die  in  Sachsen,  Hessen,  Hannover  erst  gebrochen  werden  mußte,  war  in
Preußen  vorlängst  zerstört,  und  die  neufranzösischen  Schlagworte  des  süddeutschen
  Liberalismus  konnten  in  dem  Volke  des  Befreiungskrieges  nur
langsam  Eingang  finden.

Von  politischen  Unruhen  blieb  Preußen  so  gänzlich  verschont,  daß
die  Staatsgewalt  ungewöhnlicher  Vorkehrungen  kaum  bedurfte.  Ein  roher
Aufruhr  des  Nachener  Pöbels  im  August  1830  war  offenbar  durch  die
Arbeiterbewegung  im  nahen  Verviers  veranlaßt;  die  Meuterer  richteten
ihren  Groll  nur  gegen  die  arbeitsparenden  Maschinen  Cockerills  und  wider
die  Häuser  einiger  verhaßten  Fabrikanten,  die  bewaffnete  Bürgerschaft  trieb
sie  bald  zu  Paaren.  Noch  weniger  bedeutete  das  wüste  Geschrei,  das  an
einigen  Septemberabenden  in  den  Straßen  Berlins,  selbst  vor  den  Fenstern
des  Königs  erklang;  die  Schneidergesellen,  die  über  die  Kargheit  ihrer
Meister,  über  den  freien  Wettbewerb  der  Näherinnen  zürnten,  führten

den  lärmenden  Haufen  an,  und  auch  hier  riefen  die  Arbeiter:  nieder  mit
12=
        <pb n="188" />
        180  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

den  Maschinen!  Der  König  ließ  die  Stadträte  seiner  Hauptstadt  sehr  ungnädig
  an,  und  Bernstorff  klagte  im  ersten  Schrecken  über  „dies  neue  Symptom
  jenes  Schwindel-=  und  Wahngeistes,  der  leicht  ganz  Europa  in  ein
großes  Narrenhaus  verwandeln  kann.““*)  Aber  der  Spuk  verflog,  sobald  die
Truppen,  ohne  zu  feuern,  einige  Hiebe  mit  der  blanken  Waffe  ausgeteilt
hatten,  und  der  Berliner  Schneiderkrawall  wäre  rasch  der  Vergessenheit
anheimgefallen,  wenn  nicht  Chamisso  dem  „Kleidermacher-Mute“  in
seinem  Liede:  Courage,  Courage!  ein  dauerndes  Denkmal  gesetzt  hätte.
Selbst  in  Posen  wurde  die  Ordnung  nirgends  gestört,  trotz  der  fieberischen
Aufregung  des  Adels  und  trotz  der  Zuzüge,  die  heimlich  über  die  polnische
Grenze  gingen.  —

Nur  auf  einem  entlegenen  Außenposten  seiner  Hausmacht,  in  Neuenburg,
  mußte  König  Friedrich  Wilhelm  für  seinen  Besitzstand  kämpfen.
Mit  dem  preußischen  Staate  hatte  das  schöne  Juraländchen  schlechterdings
nichts  gemein  als  das  Herrscherhaus  und  dessen  Erbfolgeordnung;  und
so  gewissenhaft  wahrten  die  Hohenzollern  von  jeher  dies  Rechtsverhältnis
der  reinen  Personalunion,  daß  sogar  die  neuenburgischen  Offiziere,  die
im  französischen  Heere  gegen  Preußen  fochten,  nach  der  Schlacht  von  Roßbach
  ungestraft  als  ehrliche  Kriegsgefangene  behandelt  wurden.  Nach  dem
unglücklichen  Schönbrunner  Vertrage  erhielt  Marschall  Berthier  die  Fürstenkrone,
  aber  sofort  nach  Napoleons  Sturze  wurde  die  hundertjährige  Verbindung
  mit  dem  Hause  Hohenzollern  wieder  angeknüpft;  die  Herstellung
vollzog  sich  in  allen  Formen  Rechtens,  Berthier  verzichtete  ausdrücklich
und  erhielt  von  der  Krone  Preußen  eine  Entschädigungsrente.  Mit
heller  Freude  empfingen  die  Neuenburger  sodann  ihren  alten  König  bei
seinem  Einzuge.

Solange  der  Lord  Marshal  und  die  anderen  königlichen  Gouverneure
  der  fridericianischen  Tage  ihr  mildes  und  sorgsames  Regiment
führten,  war  die  Eintracht  zwischen  Fürst  und  Volk  immer  ungestört
geblieben.  Die  Gemeinden  erfreuten  sich  ihrer  uralten  Freiheiten;  die
Landesverwaltung  wurde  unentgeltlich  und  —  mit  einziger  Ausnahme
des  königlichen  Gouverneurs  —  ausschließlich  von  Landeskindern  besorgt,
aber  die  stolzen  Patriziergeschlechter,  welche  die  Amter  zu  bekleiden  pflegten,
durften  hier  nicht,  wie  überall  sonst  in  der  alten  Schweiz,  ihre  Macht  zu
oligarchischem  Drucke  mißbrauchen,  weil  die  Gerechtigkeit  der  Monarchie  sie
in  Schranken  hielt.  Steuern  blieben  den  Neuenburgern  in  diesen  königlichen
  Zeiten  ganz  unbekannt,  der  Ertrag  der  Domänen  und  Regalien
nebst  einigen  Grundzinsen  genügte  vollauf;  der  König  bezog  ein  Einkommen
von  27000  Talern,  das  er  regelmäßig  zu  gemeinnützigen  Zwecken  im
Lande  selbst  verwendete.  Und  wie  wunderbar  war  der  Wohlstand  auf- 



*)  Blittersdorffs  Bericht,  30.  September.  Bernstorff,  Weisung  an  Maltzahn,
20.  September  1830.
        <pb n="189" />
        Parteikampf  in  Neuenburg.  181

geblüht  in  den  unwirtlichen  Jurabergen;  droben  im  rauhen  Hochtale
von  La  Chaux  de  Fonds,  wo  kaum  das  Korn  reifte,  lag  jetzt  eine  große
Gewerbstadt,  die  ihre  Uhren  in  alle  Welt  versendete,  und  mit  dem  Reich—
tum  der  Pourtalès  oder  Pury  konnte  sich  manches  Fürstenhaus  nicht
messen.

Alle  diese  Segnungen  der  guten  alten  Zeit  schienen  jetzt  zurückzu—
kehren,  als  die  Hohenzollern  wieder  einzogen.  Der  König  bestätigte  von
neuem  die  alten  Landesrechte  und  verstärkte  sie  noch,  indem  er  den  seit  Jahrhunderten
  eingeschlummerten  Landtag  der  Trois  Etats  wieder  ins  Leben
rief.  Der  Gewerbfleiß  nahm  einen  neuen  Aufschwung,  da  Preußen  und
seine  Zollverbündeten  den  neuenburgischen  Waren  große  Begünstigungen
gewährten.  Schon  begann  die  gebildete  Jugend  sich  den  deutschen  Hochschulen
  zuzuwenden;  auch  die  neue  Akademie  der  kleinen  Hauptstadt  folgte,
trotz  der  französischen  Lehrsprache,  den  Bahnen  deutscher  Wissenschaft.  Die
Söhne  der  vornehmen  Geschlechter,  der  Pourtalès,  Sandoz,  Rougemont,
Crousaz  dienten  häufig  im  Heere  oder  am  Hofe  ihres  Königs.  Auch  für
die  altschweizerische  Reisläuferlust  des  kleinen  Mannes  war  gesorgt  durch
die  Augenweide  der  Berliner  Straßenjugend,  das  Gardeschützenbataillon,
das  auf  Grund  einer  vereinbarten  Kapitulation  in  Neuenburg  angeworben
und  gleich  den  Schweizerregimentern  des  Papstes  oder  des  Königs  von
Neapel  als  eine  Schar  freiwilliger  ausländischer  Söldner  behandelt  wurde.

Gleichwohl  zeigten  sich  bald  die  Keime  inneren  Unfriedens,  weil  das
Verhältnis  des  Fürstentums  zur  Eidgenossenschaft  sich  gänzlich  verschoben
hatte.  Dieser  winzige  Hausbesitz,  der  für  den  preußischen  Staat  gar  nichts
leistete,  sondern  lediglich  Wohltaten  von  den  Hohenzollern  empfing,  bereitete
  den  Staatsmännern  Preußens  beständig  Verlegenheiten,  und  nicht
lange,  so  konnte  man  im  Berliner  Auswärtigen  Amte,  das  die  neuenburgischen
  wie  alle  anderen  auswärtigen  Angelegenheiten  bearbeitete,  schon
die  ärgerliche  Außerung  hören:  wenn  der  Kanton  nur  in  seinen  See
versänke!  Im  achtzehnten  Jahrhundert  war  Neuenburg  nur  ein  zugewandter
  Ort  der  Schweiz,  ohne  Stimme  auf  der  Tagsatzung,  der  König
selbst  ein  Schweizerbürger  und  als  „lieber  treuer  Eidgenosse“  gleich  allen
seinen  Neuenburgern  dem  Schweizer  Bunde  persönlich  verpflichtet.  Inzwischen
  hatte  die  Revolution  alle  die  anderen  zugewandten  Orte  binweggefegt,
  die  neue  Schweiz  bestand  nur  noch  aus  gleichberechtigten  Kantonen,
und  als  das  Fürstentum  im  Mai  1815  in  die  Eidgenossenschaft  wieder
aufgenommen  wurde,  war  der  neue  Kanton  die  einzige  Monarchie  in  einem
Bunde  kleiner  Republiken.  Hardenberg  fühlte,  welche  peinliche  Rolle  ein
königlicher  Gesandter  auf  der  Tagsatzung  inmitten  der  republikanischen
Amtsgenossen  spielen  müßte.  Um  die  Reibung  zu  mindern,  bedang  er  sich
daher  aus,  daß  die  Verpflichtungen  des  Fürstentums  gegen  die  Schweiz
allein  durch  die  Neuenburger  Regierung,  den  Staatsrat,  ohne  Mitwirkung
des  Königs  erfüllt  werden  sollten.  Daswohlgemeinte  Auskunftsmittel  erwies
        <pb n="190" />
        182  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

sich  jedoch  bald  als  ein  schwerer  Mißgriff.  Der  König  war  fortan  von
Rechts  wegen  der  Eidgenossenschaft  fremd  und  nahm  doch  tatsächlich  an
den  Beschlüssen  ihrer  Tagsatzung  teil,  da  der  Neuenburger  Staatsrat
nur  aus  Beamten  des  Landesherrn  bestand.  Aus  diesen  unklaren  Ver—
hältnissen  entwickelte  sich  nun  unausbleiblich  ein  Parteikampf,  der  im  alten
Jahrhundert  unmöglich  gewesen  wäre:  in  den  Kreisen  der  radikalen  Jugend
entstand  eine  schweizerisch-republikanische  Partei,  welche  die  Trennung  von
dem  Fürstenhause  erstrebte,  während  die  Patrizier  allesamt  und  auch
noch  die  große  Mehrheit  des  Volks  sich  ihrer  royalistischen  Treue  rühmten.

Der  Gegensatz  blieb  verhüllt,  solange  in  den  Nachbarkantonen  die
alten  Herrengeschlechter  ihr  stilles  Regiment  führten;  aber  sobald  nach  der
Juli-Revolution  die  radikale  Partei  in  der  Schweiz  sich  erhob,  richtete  sie
ihre  Pfeile  sogleich  gegen  den  Fürstenhut  der  Hohenzollern.  Ihr  Ziel  war
die  Volksherrschaft  in  den  Kantonen  und  die  Verstärkung  der  Bundesgewalt.
  Beides  hing  unzertrennlich  zusammen,  denn  nur  wenn  die  Kantonalverfassungen
  allesamt  auf  denselben  demokratischen  Grundsätzen
beruhten,  konnte  der  lockere  Staatenbund  sich  in  einen  festen  Bundesstaat
verwandeln.  Die  Presse  der  Schweizer  begann  mit  ihrer  eigentümlichen
Grobheit  den  Federkrieg  gegen  Neuenburg;  sie  schilderte  die  Zustände  des
bestverwalteten  aller  Kantone  als  eine  empörende  Tyrannei,  da  nach  schweizerischer
  Anschauung  die  Freiheit  lediglich  im  Nichtvorhandensein  einer
monarchischen  Gewalt  besteht,  und  erzählte  ungeheuerliche  Märchen  von
allen  den  Schätzen,  welche  aus  der  reichen  Schweiz  in  den  brandenburgischen
Sand  geflossen  seien.  Auch  die  Zeitungen  im  nahen  Baden  ließen  sich
durch  die  republikanischen  Schlagworte  blenden  und  schämten  sich  nicht,
die  Neuenburger  gegen  ihren  deutschen  Fürsten  aufzuwiegeln.

Der  König  versprach  dem  Fürstentume  eine  Reform  der  Verfassung,
dergestalt  daß  die  Mehrzahl  der  Ständemitglieder  fortan  nach  allgemeinem
  Stimmrecht  gewählt  werden  sollte,  und  sendete  im  Mai  1831
den  General  Pfuel  mit  außerordentlicher  Vollmacht  ins  Land,  jenen  rüstigen
Teutonen,  der  einst  als  Kommandant  von  Paris  so  gut  verstanden  hatte,
mit  den  Welschen  auszukommen.  Der  neue  Landtag  ward  versammelt,
und  alles  schien  versöhnt.  Aber  kaum  hatte  der  General  im  September
das  Land  wieder  verlassen,  so  überrumpelte  ein  durch  eidgenössischen  Zuzug
  verstärkter  Pöbelhaufe  das  Neuenburger  Schloß,  und  die  Tagsatzung
sah  sich  genötigt,  durch  ihre  Truppen  die  Ruhe  wiederherzustellen.  Nun
kehrte  Pfuel  zurück,  berief  die  treuen  Milizen  ein,  verhaftete  die  Rädelsführer,
  und  als  die  Aufständischen  im  September  sich  von  neuem  erhoben,
jagte  er  sie  nach  einigen  Gefechten  im  Val  de  Travers  binnen  drei  Tagen
auseinander.  Das  Land  frohlockte;  jedermann  wußte,  daß  die  Unruhen
nur  durch  den  jungen  Tollkopf  Leutnant  Bourquin  und  einige  radikale
Sendlinge  aus  der  Nachbarschaft  künstlich  angezettelt  waren.  Überall
erklang  das  alte  Royalistenlied:
        <pb n="191" />
        Niederwerfung  des  Neuenburger  Aufstandes.  183

Vive  le  Roi,  vive  sa  loi,
La  liberté  chérie!
Vive  le  Roi,  vive  sa  loi,
Vive  notre  patrie!

Der  König  stiftete  ein  besonderes  Ehrenzeichen  für  die  Kämpfer  und
dankte  dem  wackeren  Völkchen  mit  warmen  Worten:  „Diese  kleine  Gegend
hat  Europa  eine  Lehre  und  ein  Beispiel  gegeben,  welche  nicht  verloren
sein  und  ihr  eine  ehrenvolle  Stelle  in  der  Geschichte  erringen  werden.“)
Aber  er  dankte  auch  der  Tagsatzung  für  ihre  eidgenössische  Hilfe.“)  Nicht  so
ruhig  dachten  seine  begeisterten  Anhänger  unter  den  Herrengeschlechtern;
hier  war  nur  eine  Stimme  der  Entrüstung  über  die  Angriffe  der  schweizerischen
  Presse  und  die  wühlerischen  Umtriebe  in  den  Nachbarkantonen.  Der
Oberst  der  Milizen,  Graf  Ludwig  Pourtales,  schrieb  an  Otterstedt,  den
Gesandten  bei  der  Eidgenossenschaft:  „Die  Beleidigungen  der  Schweizer
ekeln  uns  an.  Die  Schweiz  will,  daß  wir  uns  von  unserem  König  oder
von  ihr  lossagen  sollen.  Nun  wohl,  die  Wahl  ist  leicht.  Wir  wollen
unseren  König,  die  Kränkung  hat  uns  diesen  feindseligen  Bundesgenossen
entfremdet.“  Wir  wollen  nicht  die  jakobinische  Ansteckung;  und  sollte
selbst  unsere  Trennung  von  der  Eidgenossenschaft  zu  einer  europäischen
Frage  werden,  „umso  besser;  ich  glaube  die  Intervention  ist  die  einzige
Planke  der  Rettung  für  die  Schweiz.““)  Im  selben  Sinne  sprach  eine
Flugschrift,  die  aus  diesen  royalistischen  Kreisen  stammte:  Les  Suisses
délibèrent  sur  le  sort  de  Neuchätel;  ne  saurons-nous  pas  en  décider
nous-mémes?  Das  preußische  Auswärtige  Amt  verwarf  solche  Pläne
gänzlich.  Man  wußte  wohl,  wieviel  die  Verbindung  des  Fürstentums
mit  der  Eidgenossenschaft  an  Wert  verloren  hatte  seit  dem  Erwachen
des  schweizerischen  Radikalismus.  Aber  der  König  wollte  weder  den  Rechtsboden
  der  europäischen  Verträge  verlassen,  noch  das  waffenlose  Ländchen
dicht  an  Frankreichs  Grenze  einem  unbestimmten  Schicksal  preisgeben;  er
wollte  auch  einen  Fuß  im  Bügel  der  Eidgenossenschaft  behalten,  da  die
Diplomaten  des  Bürgerkönigs  sich  so  geflissentlich  bemühten,  die  Schweiz
wieder,  wie  in  den  bourbonischen  Zeiten,  unter  Frankreichs  Vormundschaft
zu  stellen,  und  befahl  daher  strenge  Zurückhaltung  nach  beiden  Seiten.  )
Auf  seinen  Befehl  verstummten  die  Heißsporne  der  Royalisten.  Der  Kanton
  erfüllte  seine  Pflichten  gegen  den  Bund  so  gewissenhaft,  daß  während
der  nächsten  zehn  Jahre  trotz  der  herausfordernden  Haltung  der  Radikalen
der  offene  Kampf  mit  der  Tagsatzung  noch  vermieden  wurde.

Trotzdem  verwickelte  sich  Preußens  schweizerische  Politik  mehr  und
mehr  in  einen  tragischen  Widerspruch.  Bei  gutem  Willen  hüben  und

*)  Kabinettsordre  an  Pfuel,  31.  Dez.  1831.
**)  Ancillon,  Weisungen  an  Otterstedt,  4.  Okt.,  25.  Nov.  1831.
***)  Pourtalès  an  Otterstedt,  8.,  25.  Jan.  1832.
#)  Otterstedts  Bericht,  14.  Jan.  Ancillon,  Weisung  an  Otterstedt,  7.  Febr.  und
Bericht  an  den  König,  17.  März  1832.
        <pb n="192" />
        184  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

drüben  konnte  das  kleine  Fürstentum  unter  der  Oberhoheit  eines  starken
republikanischen  Bundesstaates  zur  Not  ebensowohl  fortbestehen,  wie  heute
die  hanseatischen  Städterepubliken  unter  dem  monarchischen  Deutschen
Reiche.  Aber  die  Partei,  welche  die  notwendige  Bundesreform  verlangte,
vertrat  zugleich  die  Ideen  des  Radikalismus,  sie  forderte  mit  wachsender
Dreistigkeit  die  Vertreibung  der  Hohenzollern  aus  der  Eidgenossenschaft,  alle
ihre  Blätter  wiederholten  beharrlich  das  alte  Kraftwort,  daß  Schweizer  „sich
nicht  beherren“  dürften.  So  sah  sich  Preußen  geradezu  gezwungen,  in
der  Bundespolitik  die  Vorkämpfer  des  Partikularismus,  die  schweizerischen
Konservativen  zu  unterstützen.  Zu  ihnen  hielten  sich  der  alte  Staatsrat
  Sandoz-Rollin  und  die  anderen  wohlmeinenden  Patrizier,  welche
das  Neuenburger  Land  regierten;  ihre  Führer  in  Bern,  Basel,  Zürich
standen  mit  Otterstedt  in  beständigem  Verkehr.  Doch  was  auch  die
Radikalen  durch  Übermut  und  Gewalttätigkeit  sündigten,  ihnen  gehörte
die  Zukunft;  und  kam  dereinst  der  Tag,  da  die  Bundeseinheit  über  den
Partikularismus  triumphierte,  dann  stand  der  hohenzollernsche  Kanton  in
den  Reihen  der  geschlagenen  Partei.  Niemand  erkannte  diese  Gefahren
deutlicher  als  General  Pfuel.  Der  war  jetzt  Gouverneur  des  Fürstentums,
  gewann  die  Herzen  der  Jugend  durch  seine  Schwimmschulen  im
See,  die  Achtung  aller  Parteien  durch  sein  ehrliches  Wohlwollen.  Das
zuchtlose  Gerede  der  Radikalen  behagte  dem  liberalen  Offizier  ebensowenig
wie  die  calvinische  Engherzigkeit  und  der  beschränkte  Vetterngeist  der  Royalisten;
  ein  Trost  nur,  daß  er  an  Agassiz  einen  geistreichen  Umgang  fand,
wic  er  ihn  in  seinem  Berliner  literarischen  Freundeskreise  genossen  hatte.
Schon  im  Jahre  1832  sprach  er  dem  Könige  offen  aus,  bei  dem  nahen
Zusammenbruch  der  alten  Bundesverfassung  würde  sich  der  neuenburgische
  Fürstenhut  schwerlich  halten  lassen.  —

Gleichviel,  überall  wo  die  schwarzweißen  Fahnen  wehten,  behauptete
das  Königtum  noch  sein  altes  Ansehen.  Mit  Erstaunen  bemerkten  Freund
und  Feind,  wie  treu  das  katholische  Rheinland  zu  seinem  Herrscher  stand;
die  schwerste  unter  allen  den  schweren  Aufgaben,  welche  der  Wiener  Kongreß
  diesem  Staate  gestellt,  schien  glücklich  gelöst.  Zahllose  Sendboten
aus  Frankreich  und  Belgien  trieben  am  Rhein  ihr  Wesen;  überall  fanden
sie  taube  Ohren,  überall  wurden  die  vaterländischen  Truppen,  als  sie  zum
Schutze  der  Westgrenze  heranzogen,  mit  offenen  Armen  aufgenommen,
und  Prinz  Wilhelm  der  Altere,  der  als  Gouverneur  an  den  Rhein  kam,
gewann  sich  in  Köln  bald  die  allgemeine  Verehrung.  Nur  die  dreistere
Sprache  des  Klerus  ließ  zuweilen  schon  erraten,  daß  die  Nachbarschaft
der  belgischen  Priesterherrlichkeit  mit  der  Zeit  vielleicht  den  Frieden  der
preußischen  Rheinlande  stören  würde.  Begreiflich  also,  daß  die  harmlosen
preußischen  Zeitungen  im  Selbstlobe  schwelgten  und  der  rheinische  Pädagog
Aldefeld  in  zweifelhaften  Versen  weissagte,  das  starke  Preußen  werde  fortan
das  Land  der  Ruhe  heißen.  Aber  auch  einsichtige  Beobachter  erkannten
        <pb n="193" />
        Preußische  Königstreue.  185

an,  wie  überlegen  dieses  Volk  mit  seiner  Zucht  und  Treue  inmitten  der  aufgeregten
  Nachbarn  stand.  Selbst  der  Holste  Rist,  der  sonst  nach  Landesbrauch
auf  Preußen  tief  herabgesehen  hatte,  pries  jetzt,  da  er  die  westlichen  Provinzen
  durchreiste,  die  glückliche  Ordnung  des  wohlregierten  Staates.  Noch
zuversichtlicher  schrieb  der  junge  Hauptmann  Helmuth  von  Moltke  in  seinem
geistreichen  Buche  über  Polen:  Der  preußische  Staat  zeichnet  sich  aus
durch  sein  unaufhaltsames  ruhiges  Fortschreiten,  durch  die  stetige  Entwicklung
  seiner  inneren  Verhältnisse,  „welche  Preußen  an  die  Spitze  der
Reformen,  der  Aufklärung,  der  liberalen  Institutionen  und  einer  vernünftigen
  Freiheit  —  mindestens  in  Deutschland  gestellt  haben.“

Wieder  wie  in  den  Zeiten  der  ersten  Revolution  fühlten  sich  die
Preußen  stolz  als  Mannen  ihres  Königs,  und  begrüßten  den  alten  Herrn,
wo  er  sich  zeigte,  mit  stürmischen  Huldigungen.  Und  wie  damals  zur  Antwort
  auf  den  Marseiller  Marsch  das  Heil  dir  im  Siegerkranz  erklungen
war,  so  machte  jetzt  das  neue  Preußenlied,  gedichtet  von  Rektor  Thiersch,
dem  Bruder  des  Münchener  Philologen,  und  von  Neithardt  in  Musik
gesetzt,  die  Runde  auf  allen  vaterländischen  Festen.  Mochten  die  Liberalen
  des  Südens  über  den  preußischen  Hochmut  schelten,  sie  fühlten
doch  mit  stillem  Neide,  daß  diese  stolzen  Klänge  ganz  etwas  anderes  bedeuteten
  als  alle  jene  läppischen  Farbenlieder  auf  das  Weiß  der  Unschuld
  und  das  Grün  der  guten  Hoffnung,  welche  die  kleinen  Hofpoeten
zum  Preise  ihrer  geschichtslosen  Landeskokarden  anfertigten;  sie  ahnten  die
Wahrheit  der  Verse:  „daß  für  die  Freiheit  meine  Väter  starben,  das
deuten,  merkt  es,  meine  Farben  an.“  Die  Erinnerungsfeiern  der  alten
Landwehrmänner  und  Kriegskameraden  verliefen  meist  anspruchslos  und
ohne  Wortprunk,  nur  in  Berlin  pflegte  Fouqué  schmetternde  Husarenreden
  zu  halten;  aber  sie  hielten  unter  den  Versammelten  das  Gefühl
der  Staatseinheit  wach.  Als  dem  Prinzen  Wilhelm  1831  am  siegverheißenden
  Jahrestage  der  Leipziger  Schlacht  ein  Sohn  geboren  wurde,  der
vermutliche  Thronfolger,  da  erklang  in  allen  Provinzen  ein  Freudenruf,
der  offenbar  aus  den  Tiefen  der  Herzen  kam.  Und  da  man  sich  so  stolz
und  sicher  fühlte,  so  gewann  auch  der  Traum  der  deutschen  Einheit  in
einzelnen  Kreisen  der  preußischen  Jugend  schon  eine  festere  Gestalt.  Die
Bonner  Burschenschafter  schwärmten  für  das  preußische  Kaisertum,  und
es  war  ein  Sohn  des  linken  Rheinufers,  der  diesen  Gedanken  zuerst  im
Liede  aussprach.  Karl  Simrock  hatte  soeben  die  Angstlichkeit  der  Regierung
  am  eigenen  Leibe  erfahren  —  denn  die  alte  Furcht  vor  den  Demagogen
war  noch  immer  nicht  verschwunden,  und  das  Justizministerium  hielt  für
nötig,  seinen  Beamten  alle  absprechenden  politischen  Urteile  an  öffentlichen
  Orten  zu  untersagen;  er  hatte  den  Staatsdienst  verlassen  müssen
wegen  eines  Gedichtes  auf  Frankreichs  drei  Tage  und  drei  Farben,  das
ihm  in  der  ersten  Aufregung  der  Juliwochen  entstanden  war.  Doch  die
Unbill  focht  den  Treuen  nicht  an.  Gleich  darauf  schilderte  er  in  einem
        <pb n="194" />
        186  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

feurigen  Liede,  wie  der  Siegeswagen  vom  Brandenburger  Tor  durch
Land  und  Volk  dahinfuhr  er  sah  „das  Zepter  Karls  des  Großen  in
Friedrich  Wilhelms  Hand“  und  hörte  den  alten  Blücher  sprechen:

Es  möge  sterben,
Was  nicht  zu  leben  weiß.
Und  fragt  ihr  nach  dem  Erben?
Das  junge  Preußen  sei's!

Bei  solcher  Gesinnung  vermochten  die  konstitutionellen  Kämpfe  der  kleinen
  Staaten  nur  wenig  Teilnahme  zu  erwecken,  und  die  Süddeutschen
klagten  bitterlich  über  die  politische  Unreife  der  preußischen  Nachbarn.  Allerdings
  nahm  die  Sorge  um  Haus  und  Wirtschaft  in  dem  langsam  wiederaufblühenden
  verarmten  Lande  noch  immer  die  besten  Kräfte  der  Männer
in  Anspruch,  die  praktischen  Fragen  der  Steuerverteilung  und  der  Ortsverwaltung
  standen  diesem  hart  arbeitenden  Geschlechte  weit  näher  als  der
Gedanke  an  die  verheißenen  Reichsstände.  Der  eigentliche  Grund  der  unwandelbar
  ruhigen  Haltung  des  Landes  lag  jedoch  in  der  kräftigen  Staatsgesinnung,
  welche  dies  Volk  vor  den  anderen  Deutschen  voraus  hatte.
Zwei  Jahre  lang  blieben  die  Preußen  in  der  Erwartung  eines  Weltkrieges;
sie  wußten,  daß  sie  fast  allein  diesen  Kampf  würden  entscheiden  müssen,
denn  auf  die  Kriegsmacht  ihrer  kleinen  deutschen  Bundesgenossen  blickten
sie  mit  wohlberechtigter  Geringschätzung.  Sie  trugen  ohne  Murren  die
schwere  Einquartierung  und  alle  die  anderen  drückenden  Lasten  des  bewaffneten
  Friedens.  Wie  hätte  ein  kriegerisch  erzogenes  Volk  den  Gedanken
fassen  sollen,  in  so  drangvoller  Zeit,  gleichsam  im  Angesichte  des  Feindes,
die  Krone  mit  Bitten  zu  bestürmen,  welche  doch  nicht  durch  drängende
Not  geboten  waren?

Fast  kindlich  harmlos  zeigte  sich  diese  Königstreue  auf  dem  Westfälischen
  Landtage.  Dort  war  unter  Steins  Leitung  das  ständische  Leben
immer  rege  geblieben,  und  im  Dezember  1830  beschloß  der  Landtag,  den
König  um  die  Berufung  des  Reichstages  zu  bitten,  der  „die  verschiedenen
Provinzen  mit  einem  neuen  geistigen  Bande  umschlingen“,  die  erkaltete
Teilnahme  an  den  Landständen  allenthalben  beleben  werde.  Aber  Stein
selbst,  der  Landtagsmarschall,  hegte  jetzt  Zweifel,  ob  der  Antrag  in  solchen
Tagen  der  Gärung  und  der  Kriegsgefahr  nicht  unzart  oder  unzeitgemäß
erscheinen  werde;  er  übernahm  es  endlich,  den  Gouverneur  um  seine  Vermittlung
  zu  bitten,  und  als  Prinz  Wilhelm,  auf  einen  Wink  aus  Berlin,
sich  bedenklich  äußerte,  gaben  die  Stände  gehorsam  ihr  Vorhaben  auf.
Stein  erwähnte  des  Antrags  im  Landtagsberichte  und  erinnerte  den  König
an  „das  schöne  Lob  seines  Ahnherrn  Adolf  von  Cleve:  sein  Wort  das
war  sein  Siegel;“  doch  auf  die  Vorstellungen  des  Oberpräsidenten  Vincke
strich  er  diese  Sätze  wieder,  und  des  ganzen  Vorfalls,  der  bei  Hofe  lebhafte
Besorgnisse  erregt  hatte,  ward  amtlich  mit  keinem  Worte  mehr  gedacht.
In  den  übrigen  Provinziallandtagen  war  von  den  verheißenen  Reichs-
        <pb n="195" />
        Hansemanns  Denkschrift  über  die  Verfassung.  187

ständen  gar  nicht  die  Rede.  Selbst  die  Altpreußen  hielten  sich  still,  ob—
gleich  ihr  ständischer  Ausschuß  schon  vorm  Jahre  erklärt  hatte,  Preußen
bedürfe  einer  reichsständischen  Verfassung,  da  die  Nachbarstaaten  durch
ihre  Institutionen  allmählich  ein  Übergewicht  gewännen?);  der  Landtag
wagte  nur  in  aller  Ehrfurcht  um  die  Offentlichkeit  der  provinzialständischen
Verhandlungen  zu  bitten.

Auch  in  den  zahlreichen  Flugschriften  der  Preußen  wurde  das  Verlangen
  nach  einer  Verfassung  nirgends  laut;  kaum  daß  einmal  ein  stiller
Gelehrter,  wie  der  Schlesier  Thilo  in  seiner  Schrift  „was  ist  Verfassung“
den  theoretischen  Beweis  führte:  der  Fürst  vertrete  den  Staat  doch  nur
nach  außen,  folglich  müsse  das  Volk  im  inneren  Staatsleben  seine  eigene
Vertretung  erhalten.  Nur  ein  Mann  wagte  in  diesen  Jahren  den  König
unumwunden  an  die  alte  Verheißung  zu  erinnern:  der  rheinische  Kaufherr
  David  Hansemann,  ein  evangelischer  Predigerssohn  aus  dem  Hamburgischen,
  der  in  jungen  Jahren  die  französische  Verwaltung  gründlich
kennen  und  leider  auch  überschätzen  gelernt,  dann  in  Aachen  die  große
Feuerversicherungsgesellschaft  gegründet  und  durch  seine  glänzende  geschäftliche
  Begabung  in  der  strengkatholischen  Stadt  ein  unbestrittenes  Ansehen
  errungen  hatte.  In  einer  „Denkschrift  über  Preußens  Lage  und
Politik“,  die  er  im  Dez.  1830  dem  König  einsendete,  sprach  er  durchaus
als  treuer  preußischer  Patriot;  er  erkannte  dankbar  an,  wie  stark  sein
Staat  in  dem  zerfahrenen  Treiben  der  deutschen  Kleinstaaterei  dastehe,
und  hoffte  die  Zeit  noch  zu  erleben,  da  die  undeutschen  Länder  dereinst
aus  dem  Bunde  ausscheiden,  Preußen  aber  die  Führung  eines  Bundesrats
  und  eines  deutschen  Reichstags  übernehmen  würde.  Doch  mit  der
ganzen  Rücksichtslosigkeit,  welche  alle  neuen  sozialen  Mächte  auszeichnet,
vertrat  er  zugleich  die  Interessen  seines  jungen  rheinischen  Bürgertums.
Ihm  war  unzweifelhaft,  daß  „die  bei  dem  lebendigsten  und  mitteilendsten
Volke  Europas  herrschenden  Prinzipien“  sich  überall  in  der  Welt  verbreiten
  müßten,  daß  jede  vernünftige  Regierung  sich  auf  die  Mehrheit  des
Vermögens  und  der  Bildung  —  gleichviel  woher  diese  stammten  —  zu
stützen  habe,  und  Preußen  jetzt  im  Begriff  stehe,  aus  der  Feudalzeit  durch
den  Beamtenstaat  zu  dieser  Mehrheitsherrschaft  überzugehen.  Die  ständische
  Gliederung  der  Provinziallandtage  verwarf  er  gänzlich,  weil  jeder
Abgeordnete  von  Köln  oder  Aachen  hundertundzwanzigmal  mehr  Köpfe,
vierunddreißigmal  mehr  Steuerkraft  vertrete  als  ein  Mitglied  der  rheinischen
  Ritterschaft.  Er  glaubte  zu  wissen,  daß  die  Städte  durch  Kenntnisse
  und  politische  Bildung  weit  mehr  bedeuteten  als  das  flache  Land,
daß  der  Thron  an  den  großen  Kaufleuten  und  Fabrikanten,  die  bei  Krieg
oder  bürgerlichen  Unruhen  alles  zu  verlieren  hätten,  mindestens  eine

 

*)  Protokoll  des  ständischen  Ausschusses  (v.  Kuhnheim,  v.  Hake,  Graf  Dohna-Reichertswalde),
  Königsberg  23.  Jan.  1829.
        <pb n="196" />
        188  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

ebenso  feste  Stütze  fände  wie  an  dem  Grundadel,  und  forderte  darum
außer  einem  Oberhause,  das  aus  Majoratsbesitzern  und  aus  Vertrauens—
männern  der  Krone  bestehen  sollte,  eine  von  den  Höchstbesteuerten  gewählte
zweite  Kammer.

Also  traten  die  neuen  Anschauungen,  welche  sich  in  den  großen
Städten  des  Rheinlandes  unter  der  Herrschaft  des  napoleonischen  Gesetzbuchs
  und  der  beständigen  Einwirkung  französischer  Ideen  gebildet  hatten,
zum  ersten  Male  freimütig  vor  den  Thron.  Dieser  neue  Mittelstand
hielt  sich  in  seinem  jugendlichen  Selbstgefühle  für  den  Staat  selber;  er
ließ  in  der  bürgerlichen  Gesellschaft  überhaupt  nur  noch  den  einen  Unterschied
  gelten,  der  im  Mittelstande  vorherrscht,  den  Unterschied  des  Geldes
und  des  Wissens.  Der  König  nahm  die  Denkschrift  nicht  unfreundlich
auf,  doch  weder  er  noch  seine  Räte  erkannten,  welch  eine  starke,  zukunftssichere
  soziale  Macht  hinter  den  Vorschlägen  des  rheinischen  Kaufmanns
stand.  Die  Versöhnung  zwischen  dem  Westen  und  dem  Osten,  die  man
in  Berlin  schon  beendet  glaubte,  hatte  in  Wahrheit  noch  kaum  begonnen;
zwischen  dem  abstrakten  Staatsbürgertum  der  rheinischen  Städter  und
der  altständischen  Gesinnung  der  brandenburgischen  Grundherren  lag  eine
Kluft,  die  nur  durch  die  Arbeit  langer  Jahre  überbrückt  werden  konnte.

Auch  im  Osten  war  die  Zufriedenheit  bei  weitem  nicht  so  ungetrübt,
wie  man  aus  der  allgemeinen  Stille  wohl  schließen  mochte.  Es  konnte
nicht  fehlen,  daß  die  Gelehrten  und  Beamten  aus  den  eifrig  gelesenen
ausländischen  Zeitungen  neue  Gedanken  einsogen,  und  wenngleich  die  Zahl
der  Konstitutionellen  noch  sehr  gering  blieb,  so  bekundete  sich  doch  der  altpreußische
  Widerspruchsgeist  oft  in  scharfer  Kritik,  und  die  östereichischen  wie
die  kleinfürstlichen  Diplomaten  vermochten  sich  über  die  liberale  Gesinnung
dieser  Bureaukratie  nicht  genug  zu  wundern.*)  Im  Volke  aber  mußte
die  Beamtenherrschaft,  wie  Tüchtiges  sie  auch  leistete,  zuletzt  manches
Mißtrauen  erregen,  weil  sie  unbeschränkt  schaltete.  Selbst  Reaubes  Jahrbücher
  der  preußischen  Provinzialstände  —  die  einzige  Zeitschrift,  die  sich
mit  dem  Stilleben  der  Provinziallandtage  befaßte  —  brachten  unter
einem  Wuste  stillvergnügter  Philisterbetrachtungen  zuweilen  schon  einen
heftigen  Ausfall  wider  dies  ungeheure  Beamtenheer,  das  sich  stets  nur
aus  sich  selbst  ergänze,  während  in  England  und  Frankreich  auch  ein
Kaufmann  oder  Grundbesitzer  Minister  werden  könne;  in  Preußen  müssen
immer  49  Menschen  arbeiten,  um  einen  Beamten  zu  ernähren!

Noch  bitterer  äußerte  sich  der  Adelshaß  der  bürgerlichen  Kreise.  Der
einzige  der  altgermanischen  Geburtsstände,  der  sich  inmitten  der  Berufsstände
  der  neuen  Gesellschaft  noch  erhalten  hatte,  konnte  der  in  sich  selbst
verliebten  modernen  Bildung  nur  widerwärtig  erscheinen.  Da  der  Adel  zudem
  auf  den  Provinzial=  und  Kreistagen  ein  ganz  unbilliges  Übergewicht

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  Berlin  20.  Aug.  1830  ff.
        <pb n="197" />
        Adel  und  Bürgertum.  189

behauptete,  so  klagte  alle  Welt  über  die  Macht  des  Junkertums  und  zählte
mit  widerwärtigem  Kleinsinn  nach,  wie  viele  Edelleute  in  den  hohen  Staatsämtern
  säßen.  Die  vorletzten  Minister  der  Justiz  und  der  Finanzen,  Kircheisen
  und  Klewitz  waren  bürgerlich  geboren,  ihnen  folgten  die  Edelleute
Danckelmann  und  Motz;  als  diese  starben  und  jetzt  wieder  zwei  Bürgerliche,
Mühler  und  Maassen  eintraten,  da  jubelte  die  gesamte  Presse,  wie
liberal  Preußen  geworden  sei.  Und  doch  war  unter  den  drei  Finanzministern
  der  Edelmann  unzweifelhaft  der  freieste  Kopf,  und  bei  allen
diesen  Ernennungen  hatte  der  König  die  Frage  der  Geburt  gar  nicht  in
Betracht  gezogen.  Ja  sogar  als  Ancillon  nachher  ins  Ministerium  berufen
  wurde,  erhoben  die  Zeitungen  ein  Freudengeschrei  über  den  bürgerlichen
  Minister,  dessen  reaktionäre  Gesinnung  man  doch  kannte.  Vornehmlich
  im  Heere  sollte  der  Adel  ungebührlich  bevorzugt  sein;  aber  auch
bei  dieser  landläufigen  und  nicht  ganz  grundlosen  Klage  spielten  gehässige
Übertreibung  und  Unkenntnis  mit.  Unter  den  Generalen  und  Obersten
des  stehenden  Heeres  konnten  sich  nur  vereinzelte  Bürgerliche  befinden,
weil  erst  Scharnhorst  die  alten  Vorrechte  des  Adels  beseitigt,  erst  der
Befreiungskrieg  eine  größere  Anzahl  bürgerlicher  Offiziere  in  die  Regimenter
  der  Infanterie  und  der  Reiterei  eingeführt  hatte.  In  den  mittleren
Stellen  hingegen  war  der  Adel  schwächer  vertreten  als  in  den  untersten;
von  den  Stabsoffizieren  war  fast  ein  Fünftel,  von  den  Hauptleuten  und
Rittmeistern  beinahe  die  Hälfte  bürgerlich,  von  den  Sekondeleutnants
nur  ein  Zwanzigstel,  weil  der  Kriegsdienst  in  diesen  stillen  Friedensjahren
nichts  Verlockendes  hatte  und  der  junge  Nachwuchs  mithin  ganz  überwiegend
  von  jenen  alten  Soldatengeschlechtern  gestellt  wurde,  welche  das
Waffenhandwerk  als  den  Beruf  ihres  Hauses  betrachteten.

All  dieser  kleine  Groll  blieb  für  jetzt  noch  halb  verborgen;  wer  aber
die  stille  tiefe  Leidenschaft  der  norddeutschen  Stämme  kannte,  der  mußte
einsehen,  daß  es  nun  endlich  an  der  Zeit  war,  den  Gegensätzen  der  Landschaften,
  der  Stände,  der  politischen  Gesinnungen  einen  freien  Kampfplatz
zu  eröffnen.  Ein  aus  den  Provinzialständen  hervorgegangener  beratender
  Reichstag,  wie  er  versprochen  war,  konnte  jetzt,  da  niemand  ihn  ungestüm
  forderte,  von  dem  treuen  Volke  nur  mit  Dank  begrüßt  werden,
er  konnte  nicht  die  Macht  des  gerade  in  diesen  Tagen  unbeschreiblich  geliebten
  Königshauses  erschüttern,  sondern  nur  die  Staatseinheit  befestigen
und  die  Preußen  daran  gewöhnen,  daß  sie  in  gemeinsamer  politischer
Arbeit  einander  verstehen  und  ertragen  lernten.

Sehr  nachdrücklich  mahnte  auch  der  Zustand  des  Staatshaushalts
an  die  Einlösung  des  alten  Versprechens.  Während  die  anderen  Bundesstaaten
  gar  nichts  leisteten,  verwendete  Preußen  für  die  Beschützung  der
deutschen  Grenzen  binnen  anderthalb  Jahren  39,28  Mill.  Taler,  vier
Fünftel  seiner  regelmäßigen  Jahreseinnahmen.  Da  förmliche  Anleihen
nur  noch  unter  der  Bürgschaft  der  Reichsstände  erfolgen  durften  und  der
        <pb n="198" />
        190  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

gutmütige  König  zu  einer  Steuererhöhung  sich  auch  nicht  entschließen
wollte,  so  wurden  diese  Ausgaben  vorläufig  gedeckt  durch  Zahlungen  aus
dem  Staatsschatze,  durch  kurze  Darlehen  der  Seehandlung,  durch  die  Ein—
ziehung  der  entbehrlichen  Kapitalbestände  der  Staatsverwaltung,  ja  sogar
der  hinterlegten  Kautionen  der  Beamten,  und  dann  nach  und  nach  aus
dem  wachsenden  Ertrage  der  neuen  Abgaben  zurückgezahlt.“)  Das  alles
ward  mit  altpreußischer  Genauigkeit  abgewickelt;  doch  wohin  sollte  dies
geheime  Treiben  führen,  wenn  der  Zustand  des  bewaffneten  Friedens  sich
verlängerte  oder  gar  der  Weltkrieg  ausbrach?  Und  war  es  eines  stolzen
Staates  würdig,  wenn  die  veröffentlichten  Jahresbudgets  in  solcher  Zeit
immer  nur  von  dem  vollkommenen  Gleichgewichte  der  regelmäßigen  Ein—
nahmen  und  Ausgaben  fälschlich  berichteten?  Jene  schweren  Aufwendungen
für  Deutschlands  Sicherheit  wurden  ängstlich  geheim  gehalten,  wie  die
Schulden  eines  leichtsinnigen  Jünglings;  und  doch  gereichten  sie  der  preu—
ßischen  Staatskunst  zu  hoher  Ehre,  und  doch  mußten  sie,  wenn  man  sie
offen  eingestand,  dem  Volke  der  Kleinstaaten,  soweit  es  nicht  durch  die
Polenschwärmerei  verdorben  war,  handgreiflich  beweisen,  daß  Preußen
allein  für  das  große  Vaterland  Opfer  brachte.

Aber  die  Not  des  Augenblicks  ging  vorüber,  und  fester  denn  je  war
der  König  jetzt  überzeugt,  mit  der  Einrichtung  der  Provinzialstände  das
Rechte  getroffen  zu  haben.  Er  hatte  einst,  als  ihm  die  Verordnung  vom
Mai  1815  vorgelegt  wurde,  das  Steuerbewilligungsrecht  des  Reichstags
eigenhändig  ausgestrichen  und  dem  Reichstage  nur  beratende  Befugnisse
gewährt;  er  hatte  fünf  Jahre  darauf  den  künftigen  Reichsständen  nur
darum  die  Mitwirkung  bei  Staatsanleihen  zugestanden,  weil  er  bestimmt
hoffte,  daß  die  Monarchie  neuer  Schulden  nicht  mehr  bedürfe,  bei  augenblicklichen
  Verlegenheiten  aber  die  Seehandlung  eintreten  könne;  er  hatte
damals  nachdrücklich  ausgesprochen:  „Repräsentanten  der  Nation,  Repräsentation
  des  Volks,  Landesrepräsentanten,  das  verbitte  ich  mir;  Reichsstände
liebe  ich  auch  nicht,  aber  ich  habe  auch  nichts  dagegen.““*)  Nun  sah  er
sein  Volk  zufrieden,  unvergleichlich  zufriedener  als  die  Bewohner  der  benachbarten
  konstitutionellen  Staaten.  Nichts  drängte  zu  einer  entscheidenden
Anderung,  und  wer  das  enge,  schwunglose  Wesen  des  Königs  durchschaute,
mußte  voraussehen,  daß  die  Reichsstände  bei  seinen  Lebzeiten  niemals  zustande
  kommen  würden.  Und  wie  schwer,  ja  unmöglich  erschien  ein
solcher  Entschluß  angesichts  der  allgemeinen  Lage  Europas!  Dahin  war
es  doch  gekommen  durch  die  brutale  Schroffheit  Lord  Palmerstons  und
des  Zaren  Nikolaus,  daß  die  Welt  in  die  zwei  großen  Heerlager  der
konstitutionellen  Staaten  und  der  absoluten  Monarchien  zerfiel.  Wie  die

*)  Übersicht  über  den  Staatshaushalt  d.  J.  1830—40  von  Rother,  Alvensleben,
Voß,  11.  Febr.  1841.

**)  So  erzählt  Rother  in  sener  Denkschrift  v.  18.  Mai  1847:  „Mein  Anteil  an
den  Verordnungen  v.  22.  Mai  1815  u.  17.  Jan.  1820.“
        <pb n="199" />
        Die  revidierte  Städteordnung.  191

Dinge  lagen,  hatte  Preußen  zunächst  nur  einen  Feind  zu  fürchten:  das
revolutionäre  Frankreich,  das  seine  frechen  Anschläge  auf  die  Rheingrenze
mit  unbelehrbarer  Verblendung  kundgab.  Wer  durfte  dem  deutschen  Staate
zumuten,  die  sichere  Bundesgenossenschaft  der  Ostmächte  mit  der  treulosen
Freundschaft  der  Freiheitsheuchler  Westeuropas  zu  vertauschen?

Im  übrigen  ward  der  mildere  und  freiere  Geist,  der  seit  dem  Ende
der  zwanziger  Jahre  in  der  Regierung  vorherrschte,  durch  die  Juli-Revolution
  nicht  erschüttert.  Während  Bernstorff  die  Kriegspläne  des  Zaren
vereitelte,  die  konstitutionelle  Bewegung  in  den  norddeutschen  Nachbarstaaten
  mit  wohlwollender  Zurückhaltung  gewähren  ließ,  die  Erhebung
der  Braunschweiger  sogar  selbst  zum  glücklichen  Abschluß  brachte,  führte
Maassen  die  von  Motz  eingeleiteten  Zollvereinsverhandlungen  fort  und
der  Staatsrat  arbeitete  weiter  an  den  Reformgesetzen.  Die  seit  Jahren
mit  den  Provinzialständen  besprochene  Landgemeindeordnung  kam  freilich
noch  immer  nicht  zustande,  da  das  unabsehbare  Gewirr  der  örtlichen
Interessen  sich  jeder  Neuerung  entgegenstemmte.  Aber  am  17.  März  1831
wurde  die  revidierte  Städteordnung  veröffentlicht.  Stein  selbst  begrüßte
diesen  Umbau  seines  eigenen  Werkes  mit  Freuden,  weil  das  neue  Gesetz
an  den  bewährten  Grundsätzen  der  Selbstverwaltung  nichts  änderte,  sondern
nur  einige  durch  die  Erfahrung  erwiesene  übelstände  behutsam  hinwegräumte;
  und  Savigny  erwies  in  einer  geistreichen  Abhandlung,  daß  die
Neuerungen  in  der  Tat  meist  Verbesserungen  waren.  Die  Städte  erhielten
  fortan  eine  erhöhte  Selbständigkeit,  indem  sie  durch  Ortsstatute
das  allgemeine  Gesetz  ergänzen,  zum  Teil  selbst  abändern  durften;  die
Befugnisse  des  Magistrats,  der  bisher  von  den  Stadtverordneten  ganz
abhängig  gewesen,  wurden  etwas  erweitert;  die  Regierungen  sollten  bei
Streitigkeiten  zwischen  Magistrat  und  Stadtverordneten  entscheiden  und
überhaupt  ein  schärferes  Aufsichtsrecht  ausüben,  was  dringend  nötig  war,
da  in  einzelnen  heruntergekommenen  kleinen  Städten  sich  arge  Mißbräuche
eingenistet  hatten.  Dazu  einige  neue  Bestimmungen  über  das  Bürgerrecht,
die  sich  von  selbst  ergaben,  seit  die  neue  Gewerbefreiheit  den  Bürgern  das
Vorrecht  des  Gewerbebetriebs  genommen  hatte.  Bedenklich  war  nur,  daß  die
Grundherren  der  Mediatstädte  ihre  alten  Kommunalrechte  behalten  sollten.

Bei  der  Einführung  des  Gesetzes  verfuhr  die  Krone  mit  einer  zarten
Schonung,  welche  von  der  scharfen  Zentralisation  der  meisten  konstitutionellen
  Staaten  seltsam  abstach.  Alle  Städte,  die  schon  unter  Steins  Gesetze
  standen,  verblieben  bei  dieser  Ordnung,  falls  sie  nicht  ausdrücklich  die
Verleihung  des  neuen  Gesetzes  beantragten.  In  den  anderen  sollte  das
revidierte  Gesetz  provinzenweise  nach  und  nach  eingeführt  werden;  die
Oberpräsidenten  erhielten  aber  den  Auftrag,  zuvor  mit  den  Landtagsabgeordneten
  des  Standes  der  Städte  zu  beratschlagen.  Wie  wohlgemeint
die  Reform  auch  war,  die  Macht  des  Beharrens,  die  im  Gemeindeleben
so  unwiderstehlich  waltet,  und  das  stille  Mißtrauen  gegen  das  Beamten-
        <pb n="200" />
        192  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

tum  bewirkten  doch,  daß  von  allen  Städten,  welche  die  alte  Städteordnung
  besaßen,  nur  drei  die  Einführung  des  neuen  Gesetzes  verlangten:
das  schöne  alte  Königsberg  in  der  Neumark  und  zwei  brandenburgische
Landstädtchen.

In  den  neuen  Provinzen  dagegen  bewährte  sich  wieder  einmal  die
zähe  Widerstandskraft  des  Partikularismus.  Die  Stände  der  Provinz
Sachsen  freilich  nahmen  das  neue  Gesetz  sofort  dankbar  an,  sie  freuten  sich,
der  alten  kursächsischen  Vetternherrschaft  entledigt  zu  werden.  Die  Westfalen,
  die  sich  um  Vincke  versammelten,  wünschten  das  alte  Gesetz  ihres
Landtagsmarschalls,)  doch  da  sie  an  dem  neuen  Gesetze  nur  wenige  Bestimmungen
  anstößig  fanden,  so  begannen  langwierige  Verhandlungen  mit
den  einzelnen  Kommunen,  bis  endlich  im  Jahre  1841  die  revidierte  Städteordnung
  in  allen  größeren  Städten  der  Provinz  eingeführt  war.  Um
dieselbe  Zeit  ward  die  Reform  auch  in  Posen  beendigt.  Die  Neuvorpommern
  aber  wollten  weder  das  alte  noch  das  neue  Gesetz,  sie  bestanden  hartnäckig
  auf  ihren  durch  die  schwedischen  Freiheitsbriefe  verbürgten  Städteverfassungen,
  fanden  an  dem  romantischen  Kronprinzen  einen  warmen
Fürsprecher??)  und  setzten  schließlich  ihren  Willen  durch;  nur  einzelne  unvermeidliche
  Anderungen  sollten  noch  mit  den  Bürgerversammlungen  von
Stralsund,  Greifswald,  Barth  vereinbart  werden.  Ebenso  hartnäckig
hielten  die  rheinischen  Stände  an  ihrer  napoleonischen  Gemeindeordnung
fest,  weil  die  Trennung  von  Stadt  und  Land  in  dem  hochentwickelten
wirtschaftlichen  Leben  des  Rheinlands  schwer  durchzuführen  war,  aber
auch  weil  dies  Volk  mit  seiner  bureaukratischen  Gewöhnung  den  Segen
deutscher  Selbstverwaltung  nicht  verstehen  wollte.  Auch  sie  erreichten,
daß  die  französischen  Gesetze  vorläufig  fortbestanden;  nur  drei  Städte  der
Provinz  nahmen  die  neue  Städteordnung  freiwillig  an.  Diese  Nachgiebigkeit
  der  Krone  erregte  in  der  reaktionären  Partei  am  Hofe  schwere  Besorgnis.
  Herzog  Karl  von  Mecklenburg  beschwor  den  König,  das  Zugeständnis
zurückzuziehen:  selbst  in  konstitutionellen  Staaten  werde  den  Untertanen
nie  erlaubt,  zwischen  verschiedenen  Gesetzen  zu  wählen.  Wie  so  oft  schon
drohte  er  wieder  den  Vorsitz  im  Staatsrate  niederzulegen.  Friedrich
Wilhelm  aber  erwiderte:  die  revidierte  Städteordnung  sei  kein  neues,
sondern  nur  ein  verbessertes  Gesetz;  also  müsse  den  Städten  die  Wahl
frei  bleiben,  damit  das  Volk  zufrieden  gestellt  und  die  Mannigfaltigkeit
der  örtlichen  Verhältnisse  berücksichtigt  würde.)

Diese  Klagebriefe  des  Herzogs  waren  nur  eine  der  Rauchsäulen,  welche
zuweilen  aus  dem  verdeckten  Brande  des  höfischen  Parteikampfes  emporstiegen.
  Preußens  kluge  und  selbständige  Haltung  gegenüber  der  Revolution

*)  Vinckes  Bericht,  Münster  17.  April  1831.
**)  Votum  des  Kronprinzen  über  die  vorpommerschen  Städte,  11.  April  1831.
***)  Herzog  Karl  v.  M.  an  den  König,  1.  März,  an  Wittgenstein,  8.  März.  Kabinettsordre
  an  Herzog  Karl,  7.  März  1831.
        <pb n="201" />
        Veränderungen  im  Ministerium.  193

erfüllte  die  Hochkonservativen  mit  Unmut.  Bernstorff  aber  stand  fest  im
Vertrauen  des  Königs,  er  besaß  an  General  Witzleben  einen  treuen  Rück—
halt,  und  selbst  Fürst  Wittgenstein  hielt  als  Mann  des  Friedens  jetzt  zu
ihm.  Als  er  im  Frühjahr  1831,  von  langer  Krankheit  erschöpft,  sein  oft  gestelltes
  Abschiedsgesuch  erneuerte,  da  antwortete  Friedrich  Wilhelm,  er  könnc
ihn  nicht  entbehren,  sei  aber  bereit,  zur  Aushilfe  einen  zweiten  Minister
anzustellen.  Nun  wurde  Werther  aus  Paris  berufen.  Der  feine  Diplomat
fühlte  jedoch  selbst,  daß  er  zum  Führer  nicht  geschaffen  war,  und  lehnte
ab.  Bernstorff  blieb  im  Amte,  und  auf  seinen  Antrag  wurde  Eichhorn,
der  schon  bisher  die  deutsche  Politik  Preußens  geleitet  hatte,  förmlich  an
die  Spitze  der  zweiten  Abteilung  des  Ministeriums  gestellt;  die  regelmäßige
  europäische  Korrespondenz  führte  Ancillon  unter  dem  Titel  eines
Staatssekretärs  —  nicht  immer  zur  Zufriedenheit  des  Ministers,  der  dic
österreichischen  Neigungen  seines  alten  Mentors  längst  nicht  mehr  teilte.“)
Um  so  fester  schloß  sich  Bernstorff  an  Eichhorn  an;  er  ließ  ihm  in  den
deutschen  Dingen  fast  ganz  freie  Hand  und  lobte  den  der  Hofburg  so
tief  verhaßten  Demagogen  überall  als  die  Seele  der  preußischen  Zollpolitik.
  Kaum  minder  verrufen  war  in  Wien  Geh.  Rat  Kühne  aus
dem  Finanzministerium,  und  auch  er  gewann  unter  Motz'  Nachfolger
Maassen  noch  stärkeren  Einfluß.  Da  Schuckmanns  bureaukratische  Steifheit
  in  so  bewegter  Zeit  nicht  mehr  ausreichte,  so  wurde  der  alte  Herr,
gegen  seinen  Wunsch,  bewogen,  in  eine  Teilung  seines  Departements
zu  willigen,  und  dies  neu  abgezweigte  Ministerium  des  Innern  und  der
Polizei  dem  Frhrn.  von  Brenn  anvertraut.  Die  erledigte  Stelledes  Kammergerichtspräsidenten
  erhielt  Grolmann,  der  Bruder  des  Generals  und  Sohn
des  berühmten  alten  Obertribunalspräsidenten,  ein  ausgezeichneter  Jurist
von  unabhängiger  Gesinnung,  der  nun  sogleich  als  Haupt  des  liberalen
Richterstandes  in  Verruf  kam.  An  die  Spitze  des  Generalstabs  war
Krauseneck  getreten,  ein  entschiedener  Gegner  der  Anmaßungen  Österreichs;
  **)  selbst  General  Boyen,  der  Vielverleumdete,  gewann  allmählich
das  Vertrauen  des  Monarchen  wieder  und  ward  zur  Beratung  der  Militärgesetze
  zugezogen.

Auf  den  Universitäten  durften  alle  Schulen  der  Wissenschaft  in
voller  Freiheit  sich  entfalten.  Während  Altenstein  und  sein  Johannes
Schulze  die  Schüler  Hegels  nach  Kräften  begünstigten  und  sogar  dem
liberalen  Rhetor  Ed.  Gans  zu  einem  ordentlichen  Lehrstuhle  in  Berlin
verhalfen,  wurde  der  Todfeind  der  Hegelianer,  Schleiermacher  nach  langer
Entfremdung  vom  Könige  wieder  ausgezeichnet.  Er  dankte  tief  gerührt,
da  er  doch  einst  im  Agendenstreite  dem  Monarchen  persönlich  als  lite- 



*)  Bernstorffs  Berichte  an  den  König,  18.,  27.  April,  27.  Juni.  Werther  an  Bernstorff
  26.  Juni.  Kabinettsordres  an  Bernstorff,  26.  April,  4.  Juni,  6.  Juli  1831.
**)  S.  o.  III.  330.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  I/V.  13
        <pb n="202" />
        194  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

rarischer  Widersacher  entgegengetreten  war,  und  als  der  Pariser  Messager
(Februar  1831)  ihn  einen  Führer  der  preußischen  Linken  nannte,  hielt  er
sich  verpflichtet,  öffentlich  ein  Zeugnis  abzulegen  für  die  königliche  Gesin—
nung  der  Preußen.  „Ihre  Ausdrücke:  rechte  und  linke  Seite,  linkes  und
rechtes  Zentrum“  —  so  antwortete  er  —  „sind  unsern  Verhältnissen  völlig
fremd.  Wir  haben  seit  dem  Tilsiter  Frieden  reißende  Fortschritte  gemacht,
und  das  ohne  Revolution,  ohne  Kammern,  ja  selbst  ohne  Preßfreiheit;
aber  immer  das  Volk  mit  dem  König  und  der  König  mit  dem  Volk.
Müßte  man  nun  nicht  seiner  gesunden  Sinne  beraubt  sein,  um  zu  wähnen,
wir  würden  von  nun  an  besser  vorwärts  kommen  mit  einer  Revolution?
Darum  bin  ich  auch  meinesteils  sehr  sicher,  immer  auf  der  Seite  des
Königs  zu  sein,  wenn  ich  auf  der  Seite  der  einsichtsvollen  Männer  des
Volkes  bin.“  Das  liberale  Pariser  Blatt  unterschlug  diese  Erwiderung,
und  als  sie  dann  in  einer  Berliner  Zeitung  erschien,  da  schimpfte  die
süddeutsche  liberale  Presse  auf  die  Knechtsgesinnung  des  preußischen  Hofpfaffen,
  der  die  unwissende  Anmaßung  der  Franzosen  so  würdig  zurückgewiesen
  hatte.

Zum  Schrecken  Metternichs  wurde  nunmehr  auch  Wilhelm  Humboldt
in  den  Staatsrat  zurückberufen.  Eben  in  den  Tagen  da  die  ersten
Schreckensnachrichten  aus  Paris  eintrafen,  hatte  er  das  neue  Museum
der  öffentlichen  Benutzung  übergeben.  Der  König  zeigte  sich  hoch  erfreut
  über  die  sinnige  Auswahl  der  Gemälde,  über  die  schönen,  von  Rauch
meisterhaft  restaurierten  antiken  Bildwerke,  und  er  beschloß  auf  Humboldts
  Vorschlag,  die  Erweiterung  der  Sammlungen  nicht  einem  Manne,
sondern  einer  Kommission  von  Künstlern  anzuvertrauen.  Sein  dankbares
  Herz  drängte  ihn  aber  auch,  das  alte  Unrecht  aus  den  Karlsbader
Tagen  zu  sühnen,  zumal  da  der  Kronprinz  und  Witzleben  sich  des  Gekränkten
  eifrig  annahmen.  Politisch  bedeutete  diese  Ernennung  jetzt  nur
noch  wenig.  Humboldt  lebte  der  Welt  entfremdet;  immer  wieder  klangen
ihm  die  Worte  durch  den  Sinn,  die  ihm  einst  seine  Gattin  in  Sorrent
zugerufen:

Was  in  Liebe  war  verbunden,

Treu  in  Liebe  ward  erfunden,
Findet  sich  im  Weltenall.

Seine  Gedanken  galten  dem  dunklen  Jenseits,  das  er  sich  doch,  wie  alle
großen  Köpfe,  mit  dem  Diesseits  fest  verknüpft  dachte,  und  da  er  in  dem  mächtigen
  Gewebe  der  Geschichte  die  Personen  und  die  allgemeinen  Ereignisse
als  Zettel  und  Einschlag,  die  Personen  aber  als  die  entscheidende  Macht
ansah,  so  kam  ihm  schließlich  alles  darauf  an,  welche  geistigen  Kräfte  der
Mensch  aus  dieser  Welt  mit  sich  fortnehme:  „ich  kann  es  nicht  für  gleichgültig
  halten,  ob  man  vor  dem  Dahingehen  zur  wahren  Klarheit  des  im
Leben  in  Ideen  Erstrebten  gelangt  oder  nicht.“  Diese  Hoffnung  auf  die
Ewigkeit  des  Schauens  und  Erkennens  nahm  seine  Seele  ganz  ein;  was
        <pb n="203" />
        Die  mecklenburgische  Partei.  195

ihm  von  Tatkraft  noch  blieb,  wollte  er  verwenden,  um  die  Gedankenarbeit
so  vieler  Jahre  zum  Abschluß  zu  bringen,  das  Werden  der  Menschheit  aus
den  Gesetzen  der  Sprachbildung  zu  erklären.  Neben  solchen  wissenschaftlichen
Plänen  verloren  die  Kämpfe  der  Politik  jeden  Reiz  für  ihn.  Aber  sein
Name  genügte,  um  die  Anhänger  Osterreichs  zu  beunruhigen:  was  konnte
er  nicht  alles  anstiften  mit  Hilfe  „der  enzyklopädischen  Katze“,  seines
Bruders  Alexander,  mit  dem  der  König  so  gern  verkehrte?

Voll  Hasses  stand  allen  diesen  freieren  Köpfen  am  Hofe  „die
mecklenburgische  Clique“  gegenüber,  wie  Prinz  Wilhelm  der  Jüngere  sie
treffend  nannte:  voran  Herzog  Karl,  der  unermüdlich  in  aufgeregten,  inhaltlosen
  Denkschriften  den  Kreuzzug  für  das  legitime  Recht  predigte,
dann  seine  schöne  Schwester  Friederike  und  ihr  Gemahl  Ernst  August  von
Cumberland,  endlich  Kamptz  „der  Nasenquetscher“  —  so  hieß  er  bei  den
jungen  Herren.  Der  hatte  der  alten  Heimat  in  der  neuen  nicht  vergessen
und  schrieb  noch  als  preußischer  Minister  umfängliche  Bücher  über  die
Moysterien  des  Zivilprozesses,  der  adligen  Klöster,  der  landständischen  Rechte
Mecklenburgs.  Aus  der  Ferne  gab  Großherzog  Georg  von  Strelitz  mit
seinen  Ministern  Ortzen  und  Dewitz  dem  Bruder  Karl  Ratschläge.
Auch  General  Mübffling,  der  kürzlich,  keineswegs  zu  seiner  Freude,  das
Generalkommando  in  Westfalen  erhalten  hatte,  blieb  der  alten  Freundschaft
  treu;  er  war  ein  Vetter  des  Grafen  Münster,  Schwager  des  hannöverschen
  Adelsführers  Schele  und  bildete  das  natürliche  Bindeglied  in
dieser  welfisch-mecklenburgischen  Junkerpartei,  die  allen  großen  altpreußischen
Überlieferungen  feind  war.

Seit  Bernstorff  im  Frühjahr  1831  seine  Entlassung  erbeten  hatte,
setzte  die  mecklenburgische  Partei  alle  Hebel  ein,  um  die  neuen  frischen
Kräfte  wieder  aus  dem  Regimente  zu  vertreiben.  Die  Lage  ist  verzweifelt,
so  klagte  Herzog  Karl,  Humboldt  hat  die  Mehrheit  im  Staatsrate,  er
will  auf  den  Trümmern  der  alten  Ordnung  seine  Macht  gründen.  Und
Großherzog  Georg  meinte  traurig:  „dieses  Verliebtsein  des  Kronprinzen
in  Humboldt  —  im  Widerstreit  mit  seinem  sonst  so  guten  Verstande  und
den  Ansichten  der  Männer,  auf  die  er  sonst  zu  hören  pflegt  —  scheint
mir  zu  den  großen,  die  ganze  Welt  zu  erschüttern  drohenden  Gewitterwolken
  zu  gehören,  welche  am  politischen  Horizonte  hängen.“  Viermal
binnen  acht  Monaten  erklärte  der  Herzog  dem  Könige,  daß  er,  auf  die  Gefahr
  hin,  „der  liberalen  Partei“  einen  Sieg  zu  bereiten,  sich  zurückziehen
müsse,  wenn  nicht  die  Einheit  im  Ministerium  hergestellt  und  durch
Neuberufungen  eine  zuverlässige  Mehrheit  im  Staatsrat  gesichert  würde.
Er  wünschte  Müffling  für  das  Auswärtige  oder  den  Krieg,  Nagler  für
das  Innere  oder  das  Auswärtige;  für  die  Justiz  den  getreuen  Kamptz,
aber  „von  seiten  des  Kronprinzen  und  einem  Teile  der  liberalen  Juristen
  steht  ihm  eine  solche  Opposition  entgegen,  daß  ich  ihn  kaum  nennen
darf.“  Eichhorn  sollte  auf  eine  unschädliche  Gesandtschaft  versetzt  werden:

13-
        <pb n="204" />
        196  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

„ich  halte  die  deutschen  Angelegenheiten  in  seiner  Hand  nicht  gut,  und
durch  ihn  Uneinigkeit  mit  Osterreich  nur  zu  möglich.“*)  Wegen  der
Verstärkung  des  Staatsrats  erbat  sich  der  Herzog  die  Vorschläge  von
Kamptz.  Der  aber  erwiderte  ingrimmig:  „es  ist  ebenso  bedauerlich  als
wahr,  daß  der  hiesige  höhere  Staatsdienerstand  nur  so  wenige,  ich  möchte
sagen:  keine  zwei,  ganz  zuverlässige  Personen  zu  dem  gedachten  Zwecke
enthält;“  auch  in  den  Provinzen  ließ  er  nur  einzelne  Beamte  als  „bom—
benfest“  gelten.  Dagegen  war  der  alte  Bankpräsident  Friese  sogleich  mit
einer  ganzen  Reihe  bedeutender  Namen  bei  der  Hand;  er  nannte  Männer
wie  Boyen,  Schleiermacher,  Präsident  Grolman,  General  Rühle,  und
der  Herzog  rief  entsetzt:  „In  welche  Gesellschaft  würden  wir  durch  diese
Vorschläge  geraten  !“**)  Der  König  sah  dem  unruhigen  Treiben  seines
Schwagers  gelassen  zu.  Nur  einmal  wurde  er  gegen  Eichhorn  mißtrauisch,
da  die  Hofburg  die  Anschwärzungen  der  Mecklenburger  unterstützte,  und
ließ  ihm  unter  der  Hand  eine  Oberpräsidentenstelle,  welche  er  wolle,  anbieten.
  Eichhorn  erwiderte  einfach:  mein  Amt  steht  zur  Verfügung  Sr.
Majestät,  aber  ohne  Befehl  gebe  ich  es  nicht  auf.  Dabei  blieb  es;  zu
einer  ungerechten  Kränkung  konnte  sich  Friedrich  Wilhelm  doch  nicht  entschließen.


Nach  einem  langen  widerwärtigen  Ränkespiele  begann  Herzog  Karl  zu
fürchten,  daß  sein  königlicher  Schwager  vielleicht  ihn  selber  beim  Worte
nehmen,  eines  seiner  Abschiedsgesuche  bewilligen  würde.**)  Darum  beruhigte
  er  sich  endlich,  und  von  allen  ihren  Anschlägen  blieb  der  mecklenburgischen
  Partei  nichts  übrig  als  ein  halber  Erfolg,  den  sie  bei  der  Wiederbesetzung
  des  Justizministeriums  noch  errang.  Als  höchster  Beamter
des  Departements  hatte  Kamptz  dies  Amt  nach  Danckelmanns  Tode  ein
Jahr  lang  mit  seinem  gewohnten  ungeheuren  Fleiße  vorläufig  verwaltet.
Der  König  mochte  den  verdienten  Beamten  nicht  gradeswegs  zurücksetzen
und  entschied  sich  wieder  für  eine  Teilung  des  Ministeriums.  Kamptz
erhielt  (Februar  1832)  die  Leitung  der  Gesetzrevision  —  eine  Aufgabe,
die  für  diesen  gründlichsten  Kenner  aller  preußischen  Partikularrechte
wie  geschaffen  schien  —  und  zugleich  die  Aufsicht  über  die  rheinische
Rechtspflege,  da  die  Revision  zunächst  in  den  Rheinlanden  durchgeführt
werden  sollte.  Für  die  Justizverwaltung  der  übrigen  Provinzen  wurde
Mühler  berufen,  ein  Jurist  von  ungleich  freieren  Ansichten.

Eine  eigentümliche  Mittelstellung  behaupteten  die  königlichen  Prinzen
in  diesem  Parteikampfe.  Den  Krieg  gegen  Frankreich  wünschten  sie  allesamt,
  weil  sie  alle  in  den  Erinnerungen  von  Belle-Alliance  lebten,  die

 

*)  H.  Karl  v.  M.  Denkschriften  für  den  König,  23.  Apr.,  23.,  28.  Juni,  6.  Nov.;
an  Lottum  27.  Okt.;  an  Wittgenstein  8.  Juli;  Großh.  Georg  an  H.  Karl,  27.  Juni,
3.  Juli  1831.

**)  Kamptz  an  H.  Karl,  19.  Juli;  Friese  an  H.  Karl,  23.  Okt.  1831.
*““)  Lottum  an  Herzog  Karl,  20.  Okt.  1831.
        <pb n="205" />
        Die  königlichen  Prinzen.  197

Revolution  verabscheuten  und  den  bedrängten  oranischen  Verwandten
ritterlich  beistehen  wollten.  Wie  oft  mußte  General  Witzleben  von  den
kampflustigen  jungen  Fürsten  heftige  Vorwürfe  wegen  seiner  Friedens—
politik  hören.  Einmal,  am  Hubertustage  1830,  erregten  die  Prinzen
auch  die  Entrüstung  der  aufgeklärten  Hauptstadt,  als  sie  beim  Jagdmahle
im  Schlosse  Grunewald  jubelnd  einen  Trinkspruch  auf  den  Sieg  der
guten  Sache  ausbrachten  und  dann  nach  russischem  Brauche  die  Gläser
an  der  Wand  zerschmetterten.  Immerhin  blieb  ein  Unterschied  zwischen
dem  naiven  legitimistischen  Feuereifer  der  jungen  Prinzen  Karl  und
Albrecht  und  den  allezeit  eigenartigen  Gedanken  ihres  ältesten  Bruders.
Auch  der  Kronprinz  hoffte  auf  den  Sieg  des  legitimen  Rechtes,  er  sah
in  der  Revolution  vornehmlich  den  Abfall  vom  Glauben  und  konnte
den  Namen  der  Orleans  kaum  in  den  Mund  nehmen,  ohne  einen  grimmigen
  Witz  wider  Louis  Philippeste  damné  zu  schleudern.  Seine
alte  Verachtung  gegen  das  Vernunftrecht  der  Liberalen  steigerte  sich
noch  in  diesen  Jahren,  da  ihm  Lanecizolle,  ein  ehrlicher,  durchaus
fanatischer  Anhänger  der  strengen  Hallerschen  Doktrin,  regelmäßig  Vorträge
über  deutsche  Rechtsgeschichte  hielt.  Als  Gans  in  die  Berliner  Fakultät
eintrat,  da  verlangte  der  Kronprinz,  daß  sein  Freund  Savigny  zuvor  eine
öfsentliche  Ehrenerklärung  von  dem  frechen  Lästerer  erhalten  müsse:  „Der
Name  Historische  Schule  (welcher  sr  bezeichnend  dasjenige  Streben  ehren
sollte,  was  unserer  Zeit  und  unse  rem  Lande  in  nirche,  Staat  und
Jurisprudenz  so  vorzüalich  nottut)  ist  von  Gans  der  Verachtung
preisgegeben,  insoweit  solch  ein  Beginnen  möglich  ist  —  und  vieles  ist
möglich  in  einer  Zeit,  wo  man  nur  recht  unverschämt  zu  brüllen  braucht,
um  Gesellen  zu  finden.“*)  Aber  die  mecklenburgische  Partei  war  ihm
zu  geistlos,  der  Demagogenverfolger  Kamptz  zu  gehässig;  mit  Humboldt,
Altenstein  und  allen  feiner  gebildeten  Männern  der  Regierung  blieb  er
auf  gutem  Fuße,  und  trotz  seiner  Heftigkeit  kannte  er  die  Pflichten  des
Thronfolgers  zu  genau,  um  seinen  Unwillen  über  die  friedliche  Haltung
des  Königs  durch  rücksichtslosen  Widerspruch  zu  bekunden.

Noch  weniger  war  Prinz  Wilhelm  gesonnen,  sich  einer  Partei  dahinzugeben.
  Ruhig  und  sicher,  unaufhaltsam  wachsend  reifte  er  für  seine
große  Zukunft  heran.  Der  Tod  seiner  zärtlich  geliebten  Mutter  und  die
schrecklichen  Erfahrungen  der  napoleonischen  Zeit  hatten  ihn  früh  ernst
gestimmt,  ihn  gewöhnt,  seine  natürliche  Heiterkeit  zu  beherrschen.  An  eine
Zeit,  da  er  selbst  die  Krone  tragen  könnte,  dachte  er  in  jenen  Jahren
nicht;  seine  Hoffnung  war,  dereinst  als  Feldherr  seines  Vaters  oder
seines  Bruders  die  Fahnen  Preußens  zu  neuen  Siegen  zu  führen,  und
in  diesem  Waffenhandwerk  ward  er  so  bald  zum  Meister,  daß  er  schon
jetzt  für  das  Vorbild  des  preußischen  Soldaten  galt.  Sein  ganzes  Wesen

 

*)  Kronprinz  Fr.  Wilhelm  an  Altenstein,  8.  Jan.  1829.
        <pb n="206" />
        198  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

erinnerte  an  den  fridericianischen  Wahlspruch,  den  die  Offiziere  der
Grenadierregimenter  noch  auf  den  Klingen  ihrer  Degen  trugen:  Ne  me
tirez  sans  raison,  ne  me  remettez  sans  honneur.  Ein  glückliches
Gleichmaß  von  kriegerischer  Tatkraft  und  klarer  Besonnenheit  sprach
aus  dem  ritterlichen  Anstand  dieser  hohen  Gestalt,  aus  diesen  offenen
Zügen  und  den  freundlich  ernsten  Augen.  Im  Dienste  bemerkte  er  jeden
falschen  Griff,  jedes  kleine  Versehen,  und  oft  sprach  er  aus,  daß  gerade
dies  Volk  in  Waffen  jeden  einzelnen  ununterbrochen  und  peinlich  streng
ausbilden  müsse,  damit  der  Wehrmann,  wenn  er  nach  Jahren  zur  Fahne
zurückkehre,  all  sein  Können  noch  gegenwärtig  habe  und  sich  sogleich  wieder
zurecht  finde.  Durch  seinen  Vater,  der  die  militärische  Begabung  dieses
Sohnes  bald  erkannte,  war  er  schon  im  Knabenalter,  gründlicher  als
der  Kronprinz,  über  alle  Reformen  des  Heerwesens  unterrichtet  worden;
und  fortan  blieb  er  von  der  Größe  der  organisatorischen  Gedanken  Scharnhorsts,
  von  der  sittlichen  Überlegenheit  des  preußischen  Volksheeres  tief
überzeugt.  Lebhaft  äußerte  sich  sein  Unmut,  als  in  diesen  Jahren
Johannes  Voigt  und  einige  andere  durch  Schön  beeinflußte  ostpreußische
Schriftsteller  versuchten,  dem  Vater  der  Landwehr  seinen  Ruhm  zu  verkürzen.
  Dem  alten  Boyen  als  dem  Erben  Scharnhorsts  erwies  er  auch
in  den  Zeiten  seiner  Ungnade  dankbare  Verehrung,  und  immer  wählte
er  mit  sicherer  Menschenkenntnis  die  fähigsten  Offiziere  sich  zu  Freunden
aus,  so  unter  den  älteren  General  Brause,  seinen  geliebten  Lehrer,  und
General  Natzmer,  unter  den  jüngeren  General  Röder  und  seinen  langjährigen
  Generalstabschef  Oberst  Reyher.  Mit  ihnen  besprach  er  sich  über
die  Einzelheiten  des  Dienstes  wie  über  die  Fragen  der  Heeresverfassung
und  der  Strategie.  Sein  Ideal  war  die  Kriegführung  großen  Stiles
nach  Scharnhorsts  Worten:  getrennt  marschieren,  vereinigt  schlagen.  Die
Infanterie  nannte  er  die  Hauptwaffe  der  modernen  Heere,  auch  die  lehrreichste
  für  den  Führer,  weil  sie  jede  Gestaltung  des  Bodens  benutzen
könne  und  darum  dem  Nachdenken  immer  neue  Aufgaben  stelle.

Die  Liberalen  draußen  im  Reich  kannten  den  Prinzen  kaum  oder
hielten  ihn  für  einen  glänzenden  Paradesoldaten.  Seine  Freunde  wußten,
daß  die  ernste  Gewissenhaftigkeit  seiner  militärischen  Arbeiten  mit  seiner
Anschauung  von  Preußens  Berufe  unzertrennlich  zusammenhing.  Feuriger,
  bestimmter  als  irgend  einer  der  zeitgenössischen  Staatsmänner,  vielleicht
  den  einen  Motz  ausgenommen,  hatte  er  schon  während  der  letzten
stillen  Jahre  beständig  die  Meinung  vertreten,  daß  diesem  Staate  vor
allem  Macht  not  tue,  Macht  weit  mehr  als  Freiheit.  Immer  und  immer
hoffte  er  auf  Krieg,  wahrhaftig  nicht  um  des  rohen  Schlagens  willen,
sondern  weil  er  fühlte,  daß  Preußen  wachsen,  seine  schlummernden  Kräfte
betätigen  müsse.  Schon  sechs  Jahre  nach  dem  Kriege,  in  einer  Zeit,  da
das  Volk  sich  noch  kaum  von  seinen  Wunden  erholt  hatte,  klagte  er  bitter
über  die  erschlaffende  Wirkung  des  langen  Friedens:  „Man  sehe  unseren
        <pb n="207" />
        Tod  Steins,  Gneisenaus,  Niebuhrs.  199

politischen  Standpunkt  an.  Unsere  körperliche  Schwäche  ist  erschreckend,
wenn  man  die  Nachbarstaaten  daneben  betrachtet.  Wir  müssen  dieser
Schwächc  also  durch  intellektuelle  Kräfte  zu  Hilfe  kommen,  und  diese
müssen  vornehmlich  in  dem  Heere  geweckt  und  erhalten  werden.“  Mit
Verachtung  fertigte  er  die  Schwächlinge  ab,  die  schon  zu  behaupten  wagten,
„daß  es  lächerlich  sei,  mit  11  Millionen  eine  Rolle  zwischen  Nationen  von
40  Millionen  spielen  zu  wollen.  Was  einst  bei  3  Millionen  der  Enthusiasmus
  tat,  muß  jetzt  bei  11  Millionen  die  geweckte  und  geförderte  Intelligenz
  tun.“  Darum  hielt  er  auch  nach  der  Juli-Revolution  den  Krieg
für  notwendig.  Die  legitimistischen  Kapuzinerreden  des  wenig  geliebten
mecklenburgischen  Oheims  berührten  seinen  heiteren  Heldensinn  nicht;  er
wußte  aber,  das  revolutionäre  Frankreich  werde  das  Erstarken  Preußens
im  Frieden  niemals  dulden,  und  als  das  Wetter  sich  verzog,  meinte  er
traurig:  Der  Kampf  ist  verschoben,  „nicht  zum  Heile  der  Menschheit;“
der  Feind  behält  Zeit,  sich  zu  befestigen.

Samt  und  sonders  standen  diese  leitenden  Männer  Preußens,  wie
weit  sie  auch  voneinander  abwichen,  den  Mächten  der  Revolution  als
Feinde,  als  stolze  Monarchisten  gegenüber.  Und  dieselbe  Gesinnung  hegten
auch  alle  die  Großen,  welche  dem  preußischen  Staate  jetzt  verloren  gingen.
Der  Tod  hielt  eine  furchtbare  Ernte  in  Deutschland.  Binnen  anderthalb
Jahren  starben  erst  Motz,  dann  Niebuhr  und  Stein,  dann  Hegel,  Gneisenau,
  Clausewitz,  alle  drei  Opfer  der  Cholera,  endlich  Goethe.  In  einer
Nation  von  altbefestigter  Einheit  mußte  nach  so  schweren  Verlusten  neben
der  Trauer  doch  auch  ein  Gefühl  des  Stolzes  erwachen;  denn  wo  war
noch  ein  anderes  Volk  auf  der  Welt,  das  so  viel  Menschengröße  zu  verlieren
  hatte?  Diesem  Geschlechte  aber  war  alle  Freude  an  der  unerschöpflichen
  Fruchtbarkeit  des  germanischen  Genius  ganz  vergällt  durch
die  ewigen  Klagen  über  das  deutsche  Elend.  Während  über  Goethes  und
Hegels  frischen  Gräbern  ein  häßlicher  literarischer  Zank  entbrannte,  wurden
die  großen  Preußen,  die  dahingingen,  von  den  liberalen  Zeitungen  der
Kleinstaaten  kaum  beachtet.  Von  Motz  wußte  man  dort  nichts,  und
Niebuhrs  tragisches  Ende  erregte  fast  nur  Hohn  unter  den  Parteifanatikern.


Ein  Jahr  vor  der  Juli-Revolution  hielt  Niebuhr  in  Bonn  seine
Vorlesungen  über  neueste  Geschichte.  Ihm  war  zu  Mute,  als  erzähle
er  sein  eigenes  Leben;  so  leidenschaftlich  hatte  er  von  jeher  an  den  Zeitereignissen
  teilgenommen.  Allen  Glanz  und  allen  Schmerz  seines  großen
Herzens  legte  er  in  diesen  Vorträgen  nieder;  denn  das  blieb  immer  seine
oberste  Forderung  an  den  Historiker,  daß  sich  ein  starkes  und  lebendiges
Ich  in  seinen  Schriften  ausspreche,  und  niemals  konnte  er  sich  mit  der
erkünstelten  Objektivität  Johannes  Müllers  befreunden,  dem  er  vorwarf:
„der  reine  Lebensatem  der  frischen  Wahrheit  fehlt  in  allen  seinen  Schriften;
er  hat  ein  außerordentliches  Talent,  sich  eine  Natur  anzunehmen.“  Es
        <pb n="208" />
        200  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

geschah  zum  ersten  Male,  daß  ein  deutscher  Meister  diese  nahe  Vergangenheit
  zu  einem  Gesamtbilde  zusammenfaßte.  Die  Darstellung  litt,  wie  begreiflich,
  an  manchen  tatsächlichen  Irrtümern  und  Ungerechtigkeiten,  doch
sic  traf  den  Kern  der  Sache,  sie  schilderte  schonungslos  ehrlich  den  unreinen
  Charakter  der  Bewegung  von  89,  den  die  Deutschen  vormals  wohl
gekannt  hatten,  jetzt  aber  unter  den  Eindrücken  der  liberalen  Mythenbildung
  schon  wieder  zu  vergessen  begannen,  und  gab  also  der  Nachwelt
ein  letztes  schönes  Vermächtnis  der  Weltanschauung  der  Restauration.
Bei  aller  Schärfe  seines  Urteils  dachte  Niebuhr  doch  noch  keineswegs
hoffnungslos  über  Frankreichs  Zukunft;  er  glaubte  vielmehr,  die  Charte
der  Bourbonen  stehe  schon  so  fest  wie  eine  hundertjährige  Verfassung.

Mittlerweile  wurde  der  reizbare  Mann  durch  den  Brand  seines
Hauses  sowie  durch  anderes  häusliches  Ungemach  heimgesucht,  und  die  krankhafte
  Verstimmung  dieser  trüben  Tage  verleugnete  sich  auch  nicht,  als  der
Kronprinz  ihm  jetzt  in  Berlin  eine  neue  Heimat  zu  eröffnen  suchte.  Der
Thronfolger  bat  den  König,  sich  seines  lieben  Freundes  anzunehmen,  des
großen  Gelehrten,  dessen  Gesinnungen  „so  echt  royalistisch  sind,  so  ganz
auf  dem  erhaltenden  und  fördernden,  nicht  wie  die  der  meisten  seiner
Art  auf  dem  umwälzenden  Prinzip  beruhen;“  er  schlug  vor,  Niebuhr  eine
ganz  freie  Stellung  mit  hohem  Gehalte  in  der  Hauptstadt  anzubieten,  so
daß  er,  ähnlich  wie  Alexander  Humboldt,  nur  nach  Belieben  literarisch
oder  akademisch  tätig  sein  und  außerdem  an  den  Arbeiten  des  Staatsrats
  sich  beteiligen  sollte.  Der  König  war  gern  bereit,  aber  nur  wenn
der  Historiker  selbst  wünsche,  seinen  segensreichen  Wirkungskreis  am  Rhein
zu  verlassen.  Nun  begannen  die  bei  Gelehrtenberufungen  üblichen
Zwischenträgereien,  der  Kronprinz  zeigte  wieder  sein  verhängnisvolles
Talent,  alle  Geschäfte  zu  verderben.  Niebuhr  glaubte  zu  wissen  (schwerlich
mit  Recht),  daß  „die  Pietisten“  in  der  Umgebung  des  Thronfolgers  seiner
Berufung  entgegenarbeiteten;  sichtlich  aufgeregt  gab  er  nur  schwankende
Antworten,  und  als  man  endlich  eine  bestimmte  Erklärung  verlangte,  erwiderte
  er,  daß  er  in  Bonn  mehr  zu  nützen  glaube.  Dabei  blieb  ihm
doch  das  Gefühl  einer  erlittenen  Kränkung.-)

Ihm  graute  längst  vor  dem  Verfalle  der  deutschen  Literatur:  „Heine,
Börne,  Saphir,  diese  drei  Götter  aus  Israel  sind  ja  die  Götzen  des
deutschen  Israels,  selbst  Goethe  ist  schon  abgesetzt.“  Ihm  graute  mehr
noch  vor  den  demokratischen  Sitten  der  neuen  Zeit.  Ich  finde,  sagte

 

*)  So  hat  sich  mir,  sehr  gegen  meine  Erwartung,  das  Urteil  gestaltet  nach  Vergleichung
  des  gedruckten  Materials  mit  den  Aktenstücken  des  Geh.  Staatsarchivs  (der
Kronprinz  an  den  König,  13.  Febr.,  an  Albrecht,  14.  Febr.;  Lottum  an  Niebuhr,  22.  März,
Albrecht  an  Lottum,  10.  April;  Niebuhr  an  Lottum,  30.  März,  20.  April,  an  den  König,
13.  Mai;  Kabinettsordres  an  Niebuhr,  3.,  30.  Mai  1830).  Die  an  Niebuhr  gerichteten
Schreiben  sind  alle  so  wohlwollend  und  achtungsvoll,  daß  ich  mir  seine  unbestimmten,
ausweichenden  Erwiderungen  nur  aus  seiner  nervösen  Aufregung  erklären  kann.
        <pb n="209" />
        Niebuhrs  letzte  Tage.  201

er  schmerzlich,  „daß  die  schönen  Eigenschaften  schwinden,  welche  die
Zierde  unserer  Nation  machten,  Tiefe,  Innigkeit,  Eigentümlichkeit,
Herz  und  Liebe,  daß  Flachheit  und  Frechheit  herrschend  werden.“  Als
nun  der  Thron  der  Bourbonen  stürzte,  da  glaubte  er  wie  Goethe  die  allgemeine
  Anarchie  einbrechen  zu  sehen;  weitsichtig  wie  jener  ahnte  er  schon
die  Stürme  des  Jahres  1848.  Diese  Erlebnisse  erschütterten  ihn  so  tief,
daß  er  um  ihretwillen  von  zweien  seiner  wärmsten  Freunde,  Stein  und
Dahlmann,  sich  zurückzog;  von  jenem,  weil  er  die  Erwählung  des  Bürgerkönigs
  doch  politisch  entschuldbarer  fand,  als  der  strenge  Reichsfreiherr
zugeben  wollte;  von  diesem,  weil  der  jüngere  Freund  so  gar  hoffnungsvoll
sagte:  „ich  freue  mich  zu  erleben,  was  ich  lieber  schon  vor  zehn  Jahren  erlebt
hätte.“  In  der  Vorrede  zu  dem  neuen  Bande  der  römischen  Geschichte
sprach  Niebuhr  seine  hoffnungslose  Ansicht  von  der  Zukunft  offen  aus,
und  gestand  einem  Freunde:  „In  einem  Buche,  welches,  wenn  es  nun
auf  mehrere  Menschenalter  in  der  hereinbrechenden  Barbarei  vergessen
wird,  doch  einmal  wieder  hervorkommen  muß,  glaubte  ich  eine  Erklärung
niederlegen  zu  können,  wie  unsere  Vorfahren  einen  Bericht  von  der  Gegenwart
  in  Grundsteinen  oder  in  der  Kugel  eines  Kirchturms  niederlegten.“7)
Noch  strenger  lauteten  seine  letzten  Worte:  das  Vorwort  zur  ersten  philippischen
  Rede,  derselben,  die  er  einst  in  den  bangen  Tagen  vor  Austerlitz  für
Kaiser  Alexander  übersetzt  hatte  und  jetzt  wieder  herausgab,  um  die  Deutschen
vor  den  alten  Sünden  der  Zwietracht  und  des  Preußenhasses  zu  warnen:
  „Allenthalben,“  so  schrieb  er,  „lachte  der  Neid,  daß  Athen  Schmach
und  Unglück  leide;  im  schlimmsten  Fall  hofften  sie  die  letzten  zu  sein,
welche  der  Kyklop  verschlinge:  und  sollte  man  ihm  nicht  entwischen  können?
sollte  er  nicht  gütig  werden?  könnte  er  nicht  auch  sterben,  ehe  es  so  weit
komme?  Endlich  erwachten  viele  mit  Entsetzen  aus  dem  Traum.  Die
Geschichte  beklagt  auch  sie,  die  neben  den  Atheniensern  bei  Chäronea
fielen.  Aber  ihre  Schuld  ist  nicht  gehoben:  durch  sie  ist  Griechenland
untergegangen,  das  Deutschland  des  Altertums.“

Unter  so  finsteren  Träumen  starb  Niebuhr  zu  Neujahr  1831  —
er,  „dessen  Dasein  allein  schon  bewies,“  wie  Dahlmann  sagte,  „daß  die
Menschheit  von  höheren  Gewalten  nicht  aufgegeben  ist.“  Wie  wunderbar
schnell  war  dies  reiche  Leben  verrauscht;  nur  vierundfünfzig  Jahre,  und
ein  solcher  Schatz  von  Wissen  und  Gedanken,  wie  ihn  kaum  Greise  erwerben.
  Und  nun  zerrissen  die  Saiten  plötzlich  mit  einem  schrillen  Mißtone.
  Geh.  Rat  Ferber,  der  fleißige  Statistiker,  versuchte  sogleich  in
einer  eigenen  Schrift,  Niebuhrs  letzte  Ansichten  pathologisch  zu  erklären
und  gab  den  Philistern  die  tröstliche  Versicherung,  im  Jahre  89  sei  die
Entsittlichung  vorherrschend  gewesen,  im  Jahre  30  die  Sittlichkeit.  Tieferblickende
  erkannten  in  dem  Schmerze,  der  Niebuhrs  Ende  verdüsterte,

 

*)  Niebuhr  an  Bunsen,  Dez.  1830.
        <pb n="210" />
        202  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

doch  ein  ernstes  Zeichen  der  Zeit:  welchen  Kämpfen  trieb  Deutschland
entgegen,  wenn  gerade  die  Männer,  welche  den  Geist  von  1813  erzogen
und  am  treuesten  bewahrt  hatten,  sich  allesamt  von  den  Idealen  dieser
allerneuesten  Tage  angeekelt  abwandten!

Auch  Stein  blickte  voll  schwerer  Sorge  in  die  Zukunft,  als  er  am
29.  Juni  1831  verschied.  Ihm  waren  die  Franzosen  seit  ihrer  letzten
Revolution  nur  noch  verächtlicher  geworden;  er  sprach  „diesem  Volke  ohne
Liebe  und  Treue“  die  schöpferische  Kraft  des  Geistes  gänzlich  ab,  da  alle
bahnbrechenden  Taten  der  neueren  Gesittung  von  den  germanischen
Völkern,  den  Italienern  oder  den  Spaniern  ausgegangen  seien,  und  mahnte
seine  Leute  noch  auf  dem  Todesbette,  sich  gegen  den  alten  Feind  als  gute
Preußen  für  König  und  Vaterland  zu  schlagen.  So  ging  er  dahin,  noch
ganz  erfüllt  von  dem  Feuer  jener  edlen  Leidenschaft,  welche  seine  größten
Tage  durchleuchtet  hatte.  Überall  auf  der  roten  Erde  und  drüben  im
heimischen  Lahngau,  wo  man  den  Letzten  des  alten  Freiherrengeschlechts
in  der  Gruft  seiner  Ahnen  bestattete,  wurde  der  Leichenzug  mit  hohen
Ehren  empfangen;  auch  die  altpreußischen  Städte  gedachten  dankbar  des
Schöpfers  ihrer  Bürgerfreiheit.  Die  übrigen  Deutschen  hatten  seiner  so
ganz  vergessen,  daß  Dahlmann  zürnend  sagte:  „die  Zeit  wird  kommen,
da  man  ihm  seine  Tugenden  verzeiht.“

Stein  war  früh  gealtert,  Gneisenau  aber  fühlte  noch  die  frohe  Tatkraft
  seiner  Mannesjahre  in  den  Adern,  als  er  einundsiebzigjährig  von
der  asiatischen  Seuche  dahingerafft  wurde  (August  1831).  Ganz  so  hoffnungsvoll
  wie  er  einst  am  Main  als  Jüngling  von  Kolonien  und  Städtegründungen
  in  der  neuen  Welt  geträumt  hatte,  dachte  er  jetzt  in  Posen
an  einen  dritten  Siegeszug  nach  Paris  und  an  einen  schönen  Kriegertod:
Napoleon  der  Zweite  bei  der  preußischen  Avantgarde,  das  sollte  der  Helfer
sein,  um  das  Bürgerkönigtum  zu  zerschmettern.  Wie  Stein  hatte  er  alles
längst  verwunden,  was  ihn  einst  von  Friedrich  Wilhelm  getrennt  und
sich  in  aufrichtiger  Dankbarkeit  dem  Könige  angeschlossen.  Seinem  Jugendfreunde
  Professor  Siegling  schrieb  er  noch  kurz  vor  dem  Tode  mit  seiner
alten  wunderbaren  Bescheidenheit:  „Du  bist  ein  Sohn  deines  Fleißes,  ich
ein  Sohn  des  Glücks.“  Noch  drängender  als  Gneisenau  forderte  Clausewitz,
der  dem  Freunde  nach  wenigen  Wochen  ins  Grab  folgen  sollte,  den  unvermeidlichen
  Krieg  gegen  die  Revolution:  jeder  Hader  mit  Österreich
müsse  für  jetzt  abgetan  bleiben,  damit  der  Bund  der  Ostmächte  im  Entscheidungskampfe
  fest  stehe.

So  die  Stimmung  der  Helden  des  Befreiungskriegs.  Wie  Arndt
beharrlich  den  Feldzug  gen  Brabant  verlangte,  so  donnerte  Jahn  in  seinen
„Merken  zum  deutschen  Volkstum“  wider  das  neu  eindringende  welsche
Wesen.  „Wohl  zu  keiner  Zeit,“  rief  er  grimmig,  „hat  der  Deutsche  weniger
gewußt,  als  jetzt  nach  der  großen  Pariser  Hundswoche,  das  eine,  was
not  tut.  Vor  lauter  Empfindlichkeit  überfließet  sein  fremdbrüderliches
        <pb n="211" />
        Arndt  und  Jahn.  Berliner  Wochenblatt.  203

Herz;  er  pfeift,  er  singt,  er  spielt  in  den  Mißtönen  aller  Nachbarvölker;
er  schwatzt,  redet  und  schreibt,  wie  die  Sachwalter  seiner  Erbfeinde;  er
glaubt  das  Grüne  vom  Himmel,  das  Blaue  von  der  Erde,  was  die  Ein—
gelogensten  der  Welschen,  Walen,  Wenden  und  Irren  ihm  weismachen.“
Dann  schilderte  der  Alte  anschaulich  den  Unfug  der  anonymen  Zeitungsschreiber,
  „das  beschreibfederte  Zwerggesindel,  was  überall  Klatschbuden  aufschlägt
  und  auf  dem  Trödelmarkte  schmutzige  Lumpen  feilbietet.  Mit  lautem
  Geschrei  bekennt  sich  diese  namenlose  Schreiberschaft  zur  Offentlichkeit
und  Preßfreiheit  und  spielt  heimlich  und  unvermerkt  ein  falsch  Wort  nach
dem  andern  —  diese  Hinz-Hunze,  so  das  Kneipviehtolle  für  Laune,  Geläpsche
  für  Witz,  Flegelgeklappe  für  Jugendfrische  und  tappisches  Hineinplumpsen
  für  feine  Redeblumen  halten.“  Mit  Stolz  hielt  er  endlich
diesem  fremdbrüderlichen  Wesen  der  kleinen  Nachbarländer  sein  Preußen
entgegen,  dessen  Krone  „nicht  den  Beherrscher  allein,  auch  die  Beherrschten
zum  Volke  gekrönt  hat.“

Bei  solcher  Macht  der  antirevolutionären  Gesinnungen  konnte  es
nicht  ausbleiben,  daß  die  einzige  geschlossene  Partei,  die  in  Preußen  bestand,
  die  feudale,  sich  endlich  ein  literarisches  Organ  für  ihre  Bestrebungen
schuf.  Der  Kampf  war  geboten,  so  gestand  Heinrich  Leo,  „seit  das  Jahr
1830  grimmen  Ernst  gemacht.“  In  dem  Kreise  der  Gebrüder  Gerlach
wurde  der  Plan  zu  dem  Berliner  Politischen  Wochenblatt  entworfen;
dort  in  der  Wilhelmsstraße  glänzte  jetzt  der  aus  Hessen  geflüchtete,  mit
dem  Kronprinzen  eng  befreundete  Major  Radowitz  durch  seine  unversiegliche
  lehrhafte  Beredsamkeit.  Die  Herausgabe  übernahm  C.  E.  Jarcke,
jener  junge  Jurist,  der  unlängst  in  Bonn  zur  katholischen  Kirche  übergetreten
  war  7)  und  soeben  in  einer  hoch  legitimistischen  Schrift  über  „die
französische  Revolution  von  1830“  sein  ungewöhnliches  politisches  Talent
bewährt  hatte.  Auch  er  war  Burschenschafter,  wie  Leo  und  Hengstenberg,
  und  keiner  von  den  dreien  hat  je  zugeben  wollen,  daß  er  von
den  romantischen  Idealen  seiner  Jugend  abgefallen  sei.  Das  Blatt
führte  zum  Motto  jenen  schillernden  Satz  de  Maistres,  der  dem  Kronprinzen
  so  wohl  gefiel:  nous  ne  voulons  pas  la  contre-Tvolution,  mais
le  contraire  de  la  révolution,  und  sollte  allen  antirevolutionären  Parteien
  zum  Sammelplatze  dienen.  In  Wahrheit  war  hier  nur  die  allerstrengste
  Hallersche  Schule  vertreten.  Der  Restaurator  der  Staatswissenschaft
  sah  jetzt  erst  seine  Saat  in  Halme  schießen  und  gewann  durch  dies
Blatt,  das  er  selbst  häufig  mit  Beiträgen  beschenkte,  großen  Einfluß  auf
die  Berliner  Hofgesellschaft.  Er  bearbeitete  zur  Zeit  einen  neuen  Band
seines  Hauptwerkes,  über  die  Priesterstaaten,  mit  großer  Sachkenntnis,
aber  auch  mit  parteiischer  Vorliebe;  er  bewies  darin,  daß  die  dumpfste
und  unfreieste  aller  Verfassungen,  die  Theokratie  in  Wahrheit  „der

 

*)  S.  o.  III.  211.
        <pb n="212" />
        204  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

mildeste  und  zwangloseste  aller  Staaten,“  die  einzige  legitime  Kirche
des  Christentums,  die  römische,  nur  in  der  Form  monarchisch,  in  ihrem
Geiste  durchaus  republikanisch  sei.  In  einer  Flugschrift  „Satan  und  die
Revolution“  erklärte  er  den  Zeitgeist  und  seine  Propheten  kurzweg  für
das  Reich  des  Teufels,  den  Geist  der  Lüge.

An  seinen  Berliner  Schülern  durfte  er  seine  Freude  haben;  denn
sie  bekämpften  nicht  nur  die  Torheiten  des  liberalen  Vernunftrechts,
sondern  auch  den  Begriff  des  Staates  selber  als  eine  philosophische  Ab—
straktion  und  fanden  alles  Ernstes  in  Mecklenburg  den  deutschen  Muster—
staat,  „eine  frisch  grünende  Oase  in  der  toten  Sandwüste  des  Konstitutionalismus
  unserer  Tage.“  Die  Doktrinäre  der  „ständischen  Monarchie“
bemerkten  schon  nicht  mehr,  daß  auch  Preußen  einst  fast  in  allen  seinen
Territorien  diese  Herrlichkeit  mecklenburgischer  Adelslibertät  gekannt  hatte
und  nur  durch  ihre  Bändigung  zur  Großmacht  emporgewachsen  war.  Das
Wochenblatt  war  vortrefflich  geschrieben,  gebildeter,  anständiger  als  diegroße
Mehrzahl  der  liberalen  Zeitungen,  und  seine  tausend  Abonnenten  —  eine
für  jene  Tage  beträchtliche  Zahl  —  gehörten  durchweg  den  mächtigen,  angesehenen
  Ständen  an.  Von  dem  russischen  Gesandten  Ribeaupierre  erhielt
Jarcke  häufig  wertvolle  Mitteilungen.  Kirchlichen  Fragen  ging  er  behutsam
  aus  dem  Wege;  er  wußte,  daß  er  seine  ultramontanen  Hintergedanken
in  Berlin  nicht  offen  aussprechen  durfte.  Der  König  traute  ihm  nur  halb
und  ließ  sich  trotz  der  beständigen  Fürbitten  des  Kronprinzen,  Altensteins,
Schmeddings  nie  bewegen,  dem  Konvertiten  einen  ordentlichen  Lehrstuhl  zu
übertragen.“)  Als  Jarcke  im  November  1832  in  die  Stelle  des  verstorbenen
Gentz  nach  Wien  berufen  wurde,  folgte  er  dem  Rufe  mit  Freuden;  dort
in  der  katholischen  Luft  konnte  sich  sein  Talent  freier  entfalten  und  seine
fortdauernde  Verbindung  mit  dem  Wochenblatt  wurde  jetzt,  seit  er  Metternichs
  Weisungen  empfing,  um  so  bedeutsamer.

Um  auch  den  gemäßigten  Konservativen  einen  Sprechsaal  zu  eröffnen,
beriet  sich  im  Sommer  1831  der  wackere  Buchhändler  Perthes  mit  Bernstorff,
  Eichhorn,  Savigny  und  den  Generalen  Witzleben,  Krauseneck,  Rühle.
Bald  nachher  erschien,  von  Ranke  geleitet,  die  „Historisch-politische  Zeitschrift“,
  eine  Revue  großen  Stils,  reich  an  guten  wissenschaftlichen  Arbeiten,
unter  denen  die  historischen  Abhandlungen  des  Herausgebers  den  Preis
davontrugen.  Auch  den  Tagespolitikern  brachte  Ranke  reiche  Belehrung:
zur  Verwunderung  der  Liberalen  schilderte  er  nach  amtlichen  Quellen  die
noch  ganz  unbekannte  Geschichte  der  neuesten  preußischen  Handelspolitik
zum  ersten  Male  der  Wahrheit  gemäß,  und  über  den  Charakter  der  Juli-Revolution
  urteilte  er  mit  einer  genialen  Sicherheit,  wie  niemand  sonst
unter  den  Zeitgenossen.  Freilich  konnte  sein  ganz  auf  das  Schauen  und
Erkennen  gerichteter  Geist  nur  auf  die  Einsicht,  nicht,  wie  es  die  Auf-*)

  Schmedding  an  Altenstein,  1.  Aug.  1829.  Der  Kronprinz  an  Altenstein,  3.  Febr.;
Antwort  10.  Febr.  1832.  Kabinettsordre  an  Altenstein,  18.  Okt.  1832.
        <pb n="213" />
        Rankes  Zeitschrift.  205

gabe  des  Publizisten  ist,  auch  auf  den  Willen  der  Leser  wirken.  Die
kecke,  dem  Politiker  unentbehrliche  Lust  am  Kampfe  blieb  ihm  fremd,  der
wie  Leibniz  „den  wenig  liebenswürdigen  Namen  der  Eris“  verabscheute,
und  gar  den  Finger  in  die  Wunden  des  Vaterlandes  zu  legen  konnte  sich
der  Friedfertige  nie  entschließen.  Was  sollte  die  begeisterte,  von  einem
mächtigen  Vaterlande  träumende  Jugend  empfinden,  wenn  ihr  der  große
Historiker  die  Segnungen  der  elenden  Bundesverfassung  also  anpries:  der
Bund  fördere  den  Wehrstand  durch  seine  Kriegsverfassung,  deren  Erbärm—
lichkeit  doch  so  klar  vor  Augen  lag,  daß  Preußen  sie  für  den  nächsten  Krieg
kurzweg  außer  Kraft  setzen  wollte;  er  fördere  den  Nährstand  durch  den
Zollverein,  der  aber  nicht  durch  den  Bund,  sondern  im  Kampfe  mit  ihm
durch  Sonderbünde  entstand;  er  fördere  endlich  sogar  den  Lehrstand  durch
das  Karlsbader  Preßgesetz!  Also  gehalten,  vermochte  die  Zeitschrift  niemals
wie  das  Wochenblatt  politische  Macht  zu  erringen;  weder  die  Aristokraten,
wie  man  damals  die  Ständischgesinnten  nannte,  noch  die  Liberalen  konnten
ihr  ganz  zustimmen,  und  da  bedeutende  Männer  immer  selbst  zuerst  fühlen,
was  ihrer  Natur  zusagt,  so  zog  sich  Ranke  schon  nach  vier  Jahren  wieder
in  seine  gelehrte  Muße  zurück.  Aber  welch  ein  seltsames  Schauspiel:  zwei
große  hochgebildete  konservative  Zeitschriften  in  diesem  Preußen,  das  noch
keine  einzige  nennenswerte  liberale  Zeitung  besaß;  beide  Blätter  redeten
beständig  über  die  schwarzweißen  Grenzpfähle  hinaus  zu  den  Süddeutschen
und  den  Franzosen.  —

Indes  begannen  die  vereinzelten  Liberalen  Preußens  sich  doch  all—
mählich  zu  sammeln,  zunächst  infolge  der  polnischen  Wirren.  Nichts
konnte  offener  sein  als  Preußens  Politik  während  dieser  verwickelten  Händel.
  Von  vornherein  erklärte  Bernstorff  dem  russischen  Gesandten,  daß
die  Interessen  der  beiden  Höfe  hier  vollkommen  übereinstimmten,  und
auf  das  bestimmteste  versicherte  der  König  seinem  Schwiegersohne:  wenn
die  Polen  versuchen  sollten,  sich  durch  preußisches  Gebiet  durchzuschlagen,
so  werden  sie  „den  gebührenden  Empfang  finden“.)  Jeder  Brief  der
Rebellenführer  an  den  König  wurde  grundsätzlich  zurückgewiesen,  desgleichen
jeder  Versuch  der  Vermittlung,  auch  wenn  er  von  Männern  ausging,  die
dem  Monarchen  persönlich  nahestanden,  wie  der  Erbmarschall  von  Schlesien
Graf  Maltzan  oder  der  berühmte  Augenarzt  Gräfe.“)  Dies  hinderte  nicht,
daß  man  aus  Menschlichkeit  preußische  Arzte  sowohl  nach  Warschau  wie
in  das  russische  Hauptquartier  sendete.  Ohne  alle  Hintergedanken  erhoffte
man  in  Berlin  nichts  weiter  als  die  rasche  Beendigung  des  Aufruhrs.
Gneisenau  sprach  nur  die  allgemeine  Meinung  der  Regierungskreise  aus,
als  er  sagte:  der  preußische  Staat  müsse  zwar  um  seiner  Selbsterhaltung

*)  Bernstorff  an  Alopeus,  24.  Dezember  1830.  K.  Friedrich  Wilhelm  an  K.  Nikolaus,
  April  1831.

*“  )  Bernstorffs  Bericht  an  den  König,  28.  Juni;  Bernstorff  an  Graf  Maltzahn,
12.  März;  Kabinettsordre  an  G.-Stabsarzt  von  Gräfe,  24.  März  1831.
        <pb n="214" />
        206  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

willen  seinen  polnischen  Besitz  behaupten;  doch  eine  neue  Teilung  Polens
könne  er  nicht  wünschen,  denn  „die  Verhältnisse  der  Polen  zu  den  Deutschen
haben  sich  sehr  verbittert  seit  jener  Zeit  vor  sechsunddreißig  Jahren;  sie
sind  unfähig,  durch  eine  sanfte  und  gerechte  Regierung  wie  die  unsrige  sich
leiten  zu  lassen“.“)  Den  Westmächten  gegenüber  schlug  Preußen  wie
Osterreich  einen  stolz  abweisenden  Ton  an.  Als  Sebastiani  die  Cholera—
gefahr  zum  Vorwande  nahm,  um  daraufhin  die  Beendigung  des  Krieges
zu  verlangen,  als  Palmerston  sich  erdreistete,  die  deutschen  Mächte  an
Vattels  Völkerrecht  und  die  Pflichten  der  Neutralen  zu  erinnern,  da  er—
widerte  Metternich  höhnisch:  es  fehle  gerade  noch  zur  Vollendung  der  all—
gemeinen  Auflösung,  daß  die  englischen  Minister  sich  zu  Professoren  des
Völkerrechts  aufwürfen,  und  Ancillon  erklärte  dem  Grafen  Flahault,  mit
ausdrücklicher  Genehmigung  des  Königs,  rundweg:  zunächst  müßten  die
Polen  sich  unterwerfen,  dann  erst  könne  von  Zugeständnissen  gesprochen
werden.**)

Die  treuen  Deutschen  an  der  Grenze  dankten  dem  Könige  aufrichtig
für  seine  entschlossene  Haltung.  Sie  standen  den  Dingen  nahe  genug,  um
die  ungeheuere  Verlogenheit  der  aus  Warschau  verbreiteten  Kriegsberichte
zu  würdigen;  sie  wußten,  daß  der  Kampf  in  Polen  keineswegs  ungleich
war,  da  die  geringe  Überzahl  der  Russen  durch  die  wohlgesicherte  Stellung
der  Polen  an  der  Weichsellinie  reichlich  ausgeglichen  wurde.  Sie  konnten
nur  mit  Lächeln  das  an  allen  Läden  ausgehängte  Bild  „der  letzten  Zehn
vom  vierten  Regiment“,  die  nach  ununterbrochenem  Bajonettkampf  den
Russen  entronnen  sein  sollten,  und  die  schwülstigen  Verse  Julius  Mosens
darunter  betrachten;  denn  sie  hatten  mit  eigenen  Augen  gesehen,  wie  die
heldenmütigen  „letzten  Zehn“,  noch  1800  Köpfe  stark,  bei  Strasburg
über  die  Grenze  flüchteten,  und  das  gesamte  vierte  Regiment  vor  einer
Handvoll  Preußen  ohne  Widerstand  die  Waffen  streckte.  In  Berlin
aber  und  den  entfernteren  Provinzen  begann  die  von  Jahn  gebrandmarkte
  deutsche  Fremdbrüderlichkeit  bald  hohe  Wellen  zu  schlagen.  Nicht
zusällig  hatte  einst  Rousseau  unmittelbar  vor  der  ersten  Teilung  die  unvergleichliche
  Freiheit  der  Polen  verherrlicht.  Ein  Gefühl  der  Wahlverwandtschaft
  verband  den  modernen  Radikalismus  mit  der  sarmatischen
Adelsanarchie;  dazu  der  Russenhaß  und  die  zauberische  Macht  der  Pariser
Zeitungsphrase.  Eine  polenfreundliche  Literatur  schoß  ins  Kraut,  deren
Anmaßung  nur  durch  ihre  Unwissenheit  überboten  ward;  durch  diese
Polenschwärmer  geriet  Preußen,  das  im  Herbst  1830  von  den  Liberalen
nicht  ohne  Achtung  behandelt  wurde,  zuerst  wieder  in  Verruf.  Da  war
vor  allen  der  aufgeklärte  Spazier,  der  alte  Lästerer  Goethes,  dann  die

 

*)  Gneisenau  an  Bernstorff,  2.  Juli  1831.

**)  Sebastiani,  Weisung  an  Mortemart,  15.  Mai;  Palmerston,  Weisung  an
Cowley,  19.  Juni;  Metternich,  Weisung  an  Esterhazy,  6.  Juli;  Ancillon,  Bericht  an
den  König,  mit  dessen  Randbemerkungen,  26.  Juli  1831.
        <pb n="215" />
        Die  Polenfreunde.  207

Bayern  Grosse  und  Widmann,  dann  Dr.  Butte  und  eine  Schar  anonymer
Schriftsteller,  von  denen  keiner  je  das  alte  Deutschordensland  betreten  hatte.
In  seiner  italienischen  Abgeschiedenheit  dichtete  Platen  seine  wilden  Polenlieder,
  mit  ungewohnter  Wärme,  aber  auch  mit  vollendeter  Unkenntnis
aller  Verhältnisse.  Er  glaubte  im  Ernst,  daß  „Rom  und  seine  Jesuiten“,
die  natürlich  auf  seiten  der  rechtgläubigen  Polen  standen,  mit  den  plattnasigen
  Moskowitern  Bruderküsse  tauschten;  denn  die  römische  Mitra  und
die  russische  Knute  galten  den  Liberalen  ein  für  allemal  als  der  Inbegriff
alles  politischen  Verderbens.  Und  wenn  der  Dichter  dem  Zaren  zurief:

Sohn  eines  Bankerts,  Enkel  einer  Hurel

Vernimmst  du  nicht,  daß  alle  dich  begrüßen:

Rehabeam,  wie  steht's  mit  deinem  Schwure?  —
so  vergaß  er  nur  die  Kleinigkeit,  daß  nicht  Nikolaus,  sondern  die  Polen
ihren  Schwur  gebrochen  hatten.

In  Berlin  bildeten  die  Polenfreunde  den  ersten  schwachen  Stamm
einer  liberalen  Oppositionspartei.  Sie  versammelten  sich  täglich  in  der
Konditorei  von  Steheli  hinter  dem  Schauspielhause,  lasen  dort  den  Courier
  polonais,  sowie  das  deutsche  Warschauer  Blatt  und  eiferten  weidlich
wider  die  russisch  gesinnten  Diplomaten  und  Offiziere  des  Adligen  Kasinos
am  Pariser  Platze,  zumal  wider  den  treuen  Stägemann,  der  als  guter
Ostpreuße  den  alten  Markmannenhaß  gegen  die  Sarmaten  in  seinen
antimessenischen  Oden  ungescheut  aussprach  und  kurzweg  sagte:

Glimme  der  Feuerball,
Der  Polen  hieß,  zur  Nacht  geschleudert,
Unter  der  Asche  die  letzte  Glut  aus!

Außer  Ed.  Gans  schürte  namentlich  Varnhagen  mit  seiner  Rahel  das
Feuer  der  polnischen  Begeisterung.  Der  hatte  alle  diese  Jahre  hindurch
beharrlich  versucht,  durch  freiwillige  diplomatische  Arbeiten  die  Gunst  Bernstorffs
  wiederzugewinnen,  unter  anderem  durch  eine  Denkschrift,  worin
er  vorschlug,  man  möge  die  preußische  Verfassung  insgeheim  ausarbeiten,
vorläufig  nach  ihr  regieren  und  sie  dann  nach  Jahresfrist  veröffentlichen.
Er  war  auch  neuerdings  von  dem  gutmütigen  Minister  eine  Zeitlang
im  Auswärtigen  Amte  beschäftigt,  aber  wegen  seines  unheilbaren  politischen
Dilettantismus  bald  wieder  beseitigt  worden  und  spielte  nunmehr  abermals
  den  Freiheitshelden.  Im  stillen  übten  diese  polenfreundlichen  Stimmungen
  der  gelehrten  Welt  eine  starke  Wirkung.  Die  Schrift  des  gutmütigen
  Friedrich  von  Raumer  über  „Polens  Untergang“  klang  fast  wie  eine
Anklage  gegen  Friedrich  den  Großen,  und  die  Minister  dachten  schon  an  die
Einleitung  eines  Strafverfahrens.  Friedrich  Wilhelm  aber  gewährte  dem
Historiker,  nachdem  er  das  Büchlein  gelesen,  eine  königliche  Genugtuung;
er  beauftragte  ihn,  als  einen  offenbar  unparteiischen  ehrlichen  Schriftsteller,
  „Preußens  Verhältnisse  zu  Polen  in  den  Jahren  1830—32“  nach
amtlichen  Quellen  darzustellen.  Raumer  gehorchte  und  gab  der  Wahrheit

"*)  Varnhagen,  Betrachtungen  über  die  gegenwärtigen  Verhältnisse,  29.  Juni  1820.
        <pb n="216" />
        208  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

die  Ehre;  seine  Arbeit  fiel  jedoch  so  matt  aus,  daß  die  Regierung  sie  ungedruckt
  ließ.;,  Auch  die  Berliner  Börse,  die  jetzt  gute  Tage  sah,  da  die
Staatsschuldscheine  auf  82—83  gesunken  waren,  und  bereits  anfing  auf  die
öffentliche  Meinung  einen  fühlbaren  Druck  auszuüben,  pflegte  jede  Siegesnachricht
  der  Polen  mit  einem  Steigen  der  Kurse  zu  begrüßen.  Selbst  im
Heere  war  die  Stimmung  keineswegs  ungeteilt;  das  rohe  russische  Wesen
mißfiel  den  preußischen  Offizieren  ebenso  gründlich  wie  den  österreichischen.
Das  Militärwochenblatt  brachte  aus  der  Feder  des  Majors  Willisen  einige
Aufsätze,  welche  nicht  nur  die  russische  Kriegführung  scharf  tadelten,  sondern
auch  den  Polen  so  deutlich  wohlgemeinte  Ratschläge  gaben,  daß  Ancillon
sich  tief  erschrocken  bei  dem  Kriegsminister  beschwerte  und  ihn  nötigte,  dem
Unfug  zu  steuern.7)

Die  Aufregung  wuchs,  als  das  Verderben  über  Polen  hereinbrach,
im  Juli  1831  das  Korps  Gielguds,  7000  Mann  stark,  im  Oktober
General  Rybinski  mit  17000  Mann  auf  preußischem  Boden  die  Waffen
streckte;  zur  Feier  des  Einzugs  wurde  Gielgud  sogleich  von  einem  seiner
Offiziere  als  Verräter  niedergeschossen.  Welch  eine  Aufgabe,  dies  verwilderte,
  durch  Ungeziefer  und  ekelhafte  Krankheiten  stark  heimgesuchte
Kriegsvolk  so  lange  zu  beherbergen,  bis  der  Zar  ihm  die  straffreie  Rückkehr
  gestattete!  General  Krafft  und  die  preußischen  Provinzialbehörden
entledigten  sich  der  peinlichen  Pflicht  mit  musterhafter  Geduld.  Die  Leute
wurden  ganz  nach  preußischer  Weise  verpflegt,  bekleidet,  sogar  abgelöhnt:
die  Mannschaft  betrug  sich  leidlich,  die  Offiziere  aber  schlemmten  im  Hochmeister
  zu  Marienburg  und  im  Goldenen  Hirsch  zu  Elbing  dermaßen,
daß  selbst  die  deutschen  Polenschwärmer  sich  der  Frage  nicht  erwehren
konnten,  ob  das  die  Trauer  sei  um  ein  verlorenes  Vaterland.  Nach  und
nach  kehrte  die  Mehrzahl  heim,  nach  zugesicherter  Begnadigung;  beim  Abmarsch
  erklangen  meist  stürmische  Hochrufe  auf  den  guten  König,  der  sich
der  Unglücklichen  so  menschlich  annahm,  obgleich  sie  auch  seine  Feinde  waren.

Doch  unterdessen  gab  das  Pariser  Nationalkomitee  die  geheime  Weisung
  aus:  der  Stamm  des  polnischen  Heeres  müsse  beisammen  bleiben,  um
von  Frankreich  aus  an  dem  nahen  Rachekriege  teilzunehmen.  Sendboten
des  Generals  Bem  (er  war  eigentlich  ein  Deutscher  Namens  Böhm)
stachelten  die  Zurückgebliebenen  auf;  unter  nichtigen  Vorwänden  verweigerten
  auch  solche  Offiziere,  denen  jede  Strafe  erlassen  war,  die  Heimkehr.
  Am  unsäuberlichsten  betrugen  sich  „die  letzten  Zehn  vom  vierten
Regiment“  sie  waren,  nachdem  ihrer  viele  heimgekehrt,  noch  an  800  Köpfe
stark  und  lebten  in  ewigen  Händeln  mit  ihren  Quartierwirten.  Als
man  sie  im  Jahre  1832  zu  Fischau  bei  Elbing  versammelte,  um  ihnen
neue  Kantonierungen  anzuweisen,  drangen  sie  mit  Knütteln  und  Stangen

*)  Nachträglich  gedruckt  in  Raumers  Vermischten  Schriften  II.  501.
**)  Ancillon  an  Hake,  26.  März;  Antwort  7.  April;  Krauseneck  an  Bernstorff,
12.  April;  Antwort  7.  Mai  1831.
        <pb n="217" />
        Die  polnischen  Flüchtlinge  in  Preußen.  209

auf  die  schwache  preußische  Wachtmannschaft  ein,  und  der  kommandierende
Offizier  ließ  nach  wiederholten  Mahnungen  endlich  in  den  meuternden
Haufen  schießen.  Augenblicklich  fielen  die  Tapferen  allesamt  platt  auf
die  Erde,  und  ein  gutmütiges  Bäuerlein  rief  schon  klagend:  „ach  Gott,
die  armen  Leute  sind  alle  tot;“  aber  alsbald  erhob  sich  die  Mehrzahl
wieder,  um  das  Weite  zu  suchen.  Neun  lagen  tot,  etwa  zwölf  verwundet
auf  dem  Platze;  die  Flüchtlinge  wurden  von  den  erbitterten  Bauern
wieder  eingefangen  und  ließen  sich  nunmehr  geduldig  abführen.  So
endeten  die  letzten  Zehn  vom  vierten  Regiment.  Endlich  im  Frühjahr
war  das  Land  von  den  ungebetenen  Gästen  befreit.  Bis  zuletzt  hielt  der
König  streng  darauf,  daß  keiner  ausgeliefert  wurde,  dem  die  Begnadigung
nicht  sicher  war,  „da  es  nicht  in  der  Absicht  liegen  kann,  diese  Schutz
suchend  ins  preußische  Gebiet  hinübergekommenen  Mannschaften  einem  un—
gewissen  Schicksal  entgegenzusenden.“  Vergeblich  verlangte  Zar  Nikolaus
mehrmals,  daß  man  ihm  mindestens  die  Hauptschuldigen  übergeben  möge.
Etwa  700  Mann,  die  von  der  Amnestie  ausgeschlossen  waren  oder  jede
Gnade  verschmähten,  wurden  schließlich  zu  Schiff  nach  Amerika  gebracht  und
meuterten  auf  der  See  abermals,  so  daß  man  sie  in  Havre  absetzen  mußte.

Ebenso  schonend  verfuhr  Preußen  gegen  seine  eigenen  polnischen  Unter—
tanen.  Die  Stimmung  unter  den  Slachtizen  und  Kaplänen  in  Posen
war  eine  Zeitlang  sehr  schwierig,  die  erhitzten  Köpfe  sahen  den  weißen
Adler  auf  dem  Rathausturme,  den  die  Zeit  längst  geschwärzt  hatte,
schon  wieder  weiß  werden.  Der  König  tat  nur  das  Notwendige,  als
er  die  Teilnahme  am  Aufstande  für  Landesverrat  erklärte.  Nach  dem
Kriege  aber  verkündete  er  eine  Amnestie  für  alle,  die  in  bestimmter
Frist  heimkehrten.  Trotzdem  mußten  die  Gerichte  noch  gegen  mehr  als
1600  Personen  einschreiten.  Ihrer  1400  wurden  verurteilt,  1200  davon
gänzlich  begnadigt.  180  Verurteilten  erließ  man  die  Geldstrafen  ganz,
die  Freiheitsstrafen  zur  Hälfte.  Nur  22  reiche  Grundherren,  deren  Vermögen
  von  Rechts  wegen  gänzlich  eingezogen  werden  sollte,  mußten  ein
Fünftel  davon  als  Geldstrafe  zahlen,  und  der  König  ließ  die  Summen
den  Unterrichtsanstalten  zuweisen.

Was  war  der  Lohn  für  diese  beispiellose,  offenbar  unvorsichtige
Milde?  Ein  unermeßliches  Wutgeschrei  in  der  gesamten  liberalen  Presse
Europas.  Das  Pariser  polnische  Nationalkomitee  klagte  den  König  vor
aller  Welt  an  wegen  des  schauderhaften  Meuchelmords  von  Fischau:
„Niemals  werden  wir  es  vergessen,  daß  diese  Frevel  auf  einem  Boden
stattfanden,  der  einst  polnisch  war,  daß  die  Ahnen  derer,  die  unsere  Mitbürger
  meuchelmorden,  einst  Polen  zinsbar  gewesen!“  Und  um  diesen
Anspruch  auf  Preußens  Zinsbarkeit  näher  zu  erläutern,  zeichnete  der  Vorsitzende
  des  Komitees,  Lelewel  (auch  er  war  ein  Deutscher,  des  Namens
Löllhöfel)  eine  Karte  des  wiederhergestellten  Polenreichs,  welche  nicht  nur

das  Ordensland,  sondern  auch  große  Stücke  von  Brandenburg  und
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  14
        <pb n="218" />
        210  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

Pommern  für  den  weißen  Adler  beanspruchte.  Ebenso  roh  und  verlogen
äußerte  sich  J.  Czynski  in  der  Schrift  „Preußen  im  Jahre  1831“  über
die  Behandlung  seiner  Landsleute.  Mickiewicz  aber,  der  gefeierte  Dichter,
teilte  in  den  „Büchern  des  polnischen  Volks“  die  ganze  Weltgeschichte
in  zwei  Abschnitte:  „von  Erschaffung  der  Welt  bis  zum  Leidenstode  der
polnischen  Nation“,  und  dann  die  Zeit  nachher.  Den  Charakter  des
Deutschen  schilderte  er  also:  „sein  Vater  ist  der  Arbeitsplatz  und  seine
Mutter  die  Kneipe.“  Er  schloß  mit  dem  Gebete:  „Erlöse  uns,  Herr,  durch
das  Blut  der  Soldaten  totgeschlagen  in  Fischau  von  den  Preußen  !“  Und
diese  wütenden  Angriffe  der  Todfeinde  Deutschlands  wurden  von  den
süddeutschen  Kammerrednern  und  Zeitungsschreibern  eifrig  nachgesprochen,
obgleich  zwei  preußische  Offiziere,  Dankbahr  und  Brandt,  beide  Augenzeugen,
  in  verständigen  Schriften  den  wirklichen  Hergang  längst  wahrheitsgetreu
  geschildert  hatten.  Was  galten  auch  diesen  fremdbürgerlichen  Herzen
die  schlichten  Worte  deutscher  Landsleute  neben  den  Prahlereien  „edler
Polen“?  So  lautete  das  unerläßliche  schmückende  Beiwort  in  den  liberalen
Zeitungen,  unedle  Polen  gab  es  nicht.

In  Altpreußen  ließen  diese  polnischen  Händel  zuletzt  viel  böses  Blut
zurück.  Die  langanhaltende  Grenzbewachung  störte  den  gewohnten  Verkehr,
  und  bei  den  Sperrmaßregeln  gegen  die  Cholera  konnten  arge  Mißgriffe
  nicht  ausbleiben,  da  noch  niemand  die  rätselhafte  Seuche  kannte.
Schön,  der  wie  gewöhnlich  alles  besser  wußte,  glaubte  erkannt  zu  haben,
daß  die  Cholera  nicht  ansteckend  sei,  und  vermehrte  die  Verwirrung  noch
durch  seine  wohlgemeinten  eigenmächtigen  Vorschriften.  Nach  deutschem
Brauche  warf  man  alle  Schuld  auf  die  Regierung.  Der  Magistrat  von
Königsberg  richtete  im  Juli  1831  eine  sehr  unehrerbietige  Adresse  an  den
König  und  verlangte  völlige  Absperrung  gegen  Rußland  zu  Lande  wie  zur
See;z  eine  höchst  ungnädige  Kabinettsordre  verwies  ihn  zur  Ruhe.  Als  nun
endlich  die  Kriegswetter  verrauschten,  erstattete  Rußland  seinen  Dank  für
Preußens  freundnachbarliche  Hilfe  durch  eine  Verschärfung  der  Grenzsperre,
  welche  den  gesetzlichen  Handel  zwischen  den  beiden  Nachbarländern
fast  vernichtete.  Die  Provinz  litt  schwer,  die  Mißstimmung  stieg,  und
um  die  Mitte  der  dreißiger  Jahre  erkannte  man  das  gut  königliche  Königsberg
  kaum  mehr  wieder.  Die  Stadt  zerfiel  fortan  in  zwei  grimmig  verfeindete
  Parteien,  die  einander  mit  der  ganzen  Schroffheit  der  Altpreußen
bekämpften,  und  die  vordem  so  zahme  Königsberger  Zeitung  redete  jetzt
über  alle  Schritte  der  Regierung  mit  einer  Gehässigkeit,  welche  deutlich
erkennen  ließ,  daß  die  schwere  Willenskraft  dieser  Provinz  leicht  der  Träger
einer  gefährlichen  Opposition  werden  konnte.  Wahrlich  es  war  dringend
geboten,  allen  diesen  verhaltenen  Gegensätzen  endlich  Tür  und  Tor  zu
öffnen;  und  Dahlmann  traf  den  Nagel  auf  den  Kopf,  als  er  in  der  Hannöverschen
  Zeitung,  in  der  „Rede  eines  Fürchtenden“  sagte:  „Wir  haben
einen  Staat  in  Deutschland,  der  den  wunderbaren  Speer  besitzt,  welcher  heilt
        <pb n="219" />
        Frankreich  und  die  deutschen  Höfe.  211

zugleich  und  verwundet.  An  dem  Tage,  da  der  König  von  Preußen  in
seinem  Staate  die  Reichsstandschaft  begründet,  wird  der  gesetzliche  Deutsche
wieder  aufatmen;  er  hat  die  Versicherung,  daß  bei  der  Freiheitsent—
wicklung  Gesetz  wohnen  werde,  daß  unseren  Dynastien  ihre  Ehre  ver—
bleibe,  daß  aber  auch  fortan  die  Bundesversammlung  in  ihre  Berech—
nungen  die  leitenden  Ideen  aufnehmen  und  allmählich  dem  Grundgesetze
einverleiben  werde,  welche  das  gute  heimische  Recht  sicherstellen  vor  jeder
verderblichen  Einwirkung,  sei's  von  Osten  oder  von  Westen.“  —

 

Für  solche  Pläne  einer  Verjüngung  des  Bundestages  fehlten  für
jetzt  noch  alle  Vorbedingungen.  Preußens  Bundespolitik  ging,  wie  sie
es  mußte,  zunächst  nur  darauf  aus,  Deutschlands  innere  und  äußere
Sicherheit  in  so  drangvoller  Zeit  zu  befestigen.  Dem  Hofe  des  Palais
Royal  gegenüber  hielten  sich  die  kleinen  deutschen  Kabinette  allefumt
untadelhaft,  weit  patriotischer  als  ihre  liberalen  Untertanen.  Bei  einigen
mochte  der  Haß  gegen  die  Revolution,  bei  anderen  die  noch  frische  Erinnerung
  an  das  Schicksal  Friedrich  Augusts  von  Sachsen  mitwirken,
die  Mehrzahl  war  wirklich  national  gesinnt.  Als  General  Sebastiani
unter  der  Hand  bei  dem  bayrischen,  dem  württembergischen  Gesandten
und  dem  Karlsruher  Hofe  anfragte,  ob  nicht  ein  neuer  Rheinbund  oder
doch  eine  Neutralität  Süddeutschlands  möglich  sei,  da  ward  er  überall  scharf
abgewiesen,  und  die  kleinen  Höfe  berichteten  das  Geschehene  getreulich
den  deutschen  Großmächten.*)  König  Ludwig  von  Bayern  war  in  dieser
Zeit,  da  die  Zollverhandlungen  sich  so  glücklich  abgewickelt  hatten,  Feuer
und  Flamme  für  Preußen  und  versicherte  dem  Könige  Friedrich  Wilhelm,
als  er  seinen  Sohn  auf  die  Berliner  Hochschule  sendete,  wiederholt:  sein
Thronfolger  solle  dort  sich  mit  denselben  Gesinnungen  für  Preußen  erfüllen,
  „die  mich  durchdringen,  für  Preußen,  was  mehrmalen  Bayern
meinem  Hause  erhielt,  der  ich  nur  in  engem  Verbande  mit  Preußen
Deutschlands  Heil  sehe.“““)  Auch  der  König  von  Württemberg  hatte  mit
den  Trias-Träumen  früherer  Jahre  gründlich  gebrochen;  die  hohle  Rhetorik
  der  Liberalen  widerte  seinen  nüchternen  Geist  mehr  und  mehr  an.
Als  er  im  Juni  1831  mit  Ludwig  Philipp  in  Straßburg  zusammentraf,
verhielt  er  sich  sehr  schweigsam  und  sagte  schließlich  dem  Franzosen  rund
heraus,  an  einen  neuen  Rheinbund  sei  gar  nicht  zu  denken.)

Diese  achtungswerte  Gesinnung  der  kleinen  Höfe  hinderte  freilich
nicht,  daß  jeder  durchgreifende  Bundesbeschluß,  nach  altem  Frankfurter
Brauche,  auf  eigensinnigen  Widerspruch  stieß.  Am  18.  Sept.  1830  versammelte
  Münch,  im  Einverständnis  mit  Nagler,  die  Bundesgesandten

 

*)  K.  Ludwig  von  Bayern  an  K.  Friedrich  Wilhelm,  17.  März  1831.  Otterstedts
Bericht,  12.  Dezember  1830.  Arnims  Bericht,  Karlsruhe  8.  Januar  1831.
**)  K.  Ludwig  von  Bayern  an  K.  Friedrich  Wilhelm,  30.  Sept.,  2.  Nov.  1830.
*7)  Berichte  Salviatis,  27.  Juni,  Otterstedts,  21.,  26.  Juni  1831.
14*
        <pb n="220" />
        212  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

zu  einer  vertraulichen  Besprechung  und  stellte  ihnen  vor,  daß  diese  Tage
der  Gärung  außerordentliche  Vorsichtsmaßregeln  erheischten;  denn  „der
Bund  beruht  seinem  eigentlichsten  Wesen  nach  auf  dem  Prinzip  der  wechsel—
seitigen  Intervention  in  allen  den  Fällen,  wo  sonst  das  Völkerrecht  ent—
scheidet.“*)  Man  beabsichtigte  zunächst  mehrere  tausend  Mann  Bundestruppen
  in  der  Nachbarschaft  Frankfurts  aufzustellen,  nötigenfalls  auch
einige  fliegende  Korps  durch  das  unruhige  Mitteldeutschland  zu  senden.
Da  erhob  Bayern  Einsprache.  König  Ludwig  wollte  nichts  dulden,  was
seine  Souveränität  irgend  schmälerte:  nimmermehr  könne  Bayern,  das
an  dreizehn  Nachbarn  angrenze,  fremden  Weisungen  gehorchen  oder  gar,
wic  man  in  Frankfurt  verlangte,  einige  seiner  Bataillone  einem  nassaui—
schen  General  unterordnen;  nur  als  souveräne  Macht,  nicht  als  Bundesstaat
  werde  sein  Staat  den  Nachbarn  Hilfe  leisten.  Er  selbst  wähnte  sich
völlig  sicher,  da  sein  Land  bisher  noch  ruhig  blieb  und  die  Münchener
ihr  Oktoberfest  mit  der  üblichen  Bierseligkeit  feierten.  Seinem  Bundesgesandten
  schrieb  er  sehr  gereizt:  „Wir  sind  bereitwillig,  Unsere  bundesmäßige
Hilfe  nach  den  Bestimmungen  der  Bundesgesetze  mit  deutsch-patriotischen
Gesinnungen  zu  leisten;  aber  Wir  haben  keinen  Grund,  zum  Schutze  der
Grenzen  Unseres  Reiches  eine  fremde  Hilfe  zu  verlangen;“  und  sein
Minister  Zentner  fügte  hinzu:  „Einquartierungen  im  Frieden  sind  verhaßt
  und  werden  es  noch  mehr,  wenn  der  brave  Bürger  für  dritte,  für
Angehörige  anderer  Staaten  büßen  soll.“77)

Metternich  fürchtete  schon,  die  alte  Sonderpolitik  Bayerns  werde  von
neuem  beginnen,  und  griff  in  seiner  Angst  zu  einem  sehr  ungewöhnlichen
  Unterhandlungsmittel.  Er  schickte  König  Ludwigs  eigenen  Gesandten,
  den  Grafen  Bray,  nach  München,  mit  einem  Handschreiben  des
Kaisers  Franz  und  zwei  großen  Denkschriften,  welche  dem  Wittelsbacher
die  Gefahr  der  Lage  vor  die  Augen  führen  sollten:  „Für  die  Fürsten
und  die  Völker  handelt  es  sich  heute  darum,  zu  leben  und  nicht  die
Beute  jener  Klasse  von  Proletariern  zu  werden,  welche  Ziele  verfolgen,
die  sie  selbst  nicht  angeben  wollen  und  können  und  welche  immer  nur
umstürzen,  niemals  etwas  schaffen  werden.“““*)  Anfangs  empfing  König
Ludwig  seinen  Gesandten,  der  ihm  also  k.  k.  Politik  predigen  sollte,  mit
erklärlichem  Unwillen;  er  lenkte  jedoch  bald  ein,  dankte  dem  Kaiser  in
einem  verbindlichen  Schreiben  für  seine  „erhabenen  Ansichten“  und  verwahrte
  sich  wider  den  Verdacht,  daß  er  Spaltungen  am  Bunde  hervorrufen
  wolle.-)

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  18.  September  1830.
*)  K.  Ludwig,  Weisungen  an  Lerchenfeld,  4.,  G.,  9.  Oktober.  „Erörterungen“  desbayr.
Ministeriums,  9.  Oktober  1830.
*#*„*)  K.  Franz  an  K.  Ludwig,  Preßburg  9.  Oktober  1830,  nebst  zwei  Beilagen:
Points  pour  le  Comte  Orlow;  Points  pour  le  Comte  Bray.
t)  K.  Ludwig  an  K.  Franz,  24.  Oktober  1830.
        <pb n="221" />
        Bundesbeschlüsse  gegen  die  Revolution.  213

In  der  Tat  erwies  sich  Metternichs  Besorgnis  sofort  als  grundlos.
Der  Wittelsbacher  war  nur  in  seiner  dynastischen  Eitelkeit  verletzt,  doch
im  wesentlichen  ganz  einverstanden  mit  den  Absichten  der  Großmächte.
Eben  jetzt  lieferte  der  Münchener  Hof  ein  neues  erbauliches  Probstück
jener  unwahren,  schielenden  Politik,  welche  er  gegenüber  den  Karlsbader  Beschlüssen
  immer  eingehalten  hatte.  Vornehmlich  auf  Bayerns  Betrieb  war  im
Jahre  1824  die  Gültigkeit  dieser  Ausnahmegesetze  verlängert  worden;  gleichwohl
  hatte  der  bayrische  Gesandte  bei  der  Abstimmung  die  beiläufige  Bemerkung
  eingeflochten,  man  werde  sie  „wie  bisher"“  befolgen.*)  Ein  solcher
Vorbehalt  war  rechtlich  wirkungslos  bei  einem  einstimmigen  Bundesbeschlusse;
  doch  er  konnte  mit  einiger  Dreistigkeit  allenfalls  so  gedeutet  werden,
als  ob  in  Bayern  wie  bisher  die  Bücher  und  die  wissenschaftlichen  Zeitschriften
  zensurfrei  bleiben  sollten.  Die  bayrische  Zensur  wurde  auchwährend
der  folgenden  stillen  Jahre  ziemlich  mild  gehandhabt;  sie  ließ  die  kleinen
Blätter,  welche  nur  Landessachen  besprachen,  ganz  unbelästigt.  Nach
der  Juli-Revolution  schlugen  aber  mehrere  dieser  Ortsblätter  einen  so  aufreizenden
  Ton  an,  daß  König  Ludwig  sich  schwer  gekränkt  fühlte.  Im  tiefsten
  Geheimnis,  ohne  Vorwissen  des  Ministers  Armansperg,  schrieb  er
also  (27.  Sept.)  seinem  Bundesgesandten  Lerchenfeld:  er  wolle  die  Besprechung
  innerer  Landesangelegenheiten  wieder  der  Zensur  unterwerfen,
doch  ohne  die  Hilfe  des  Bundestags  könne  er  dies  nicht  wagen;  daher
solle  der  preußische  Bundesgesandte  in  unverbrüchlichem  Vertrauen  gebeten
werden,  einen  Antrag  in  diesem  Sinne  zu  stellen.  Angstlich  fügte  er  hinzu:
  „daß  ich  Preußen  dazu  anging,  darf  nicht  vorkommen,  noch  in  Bayern
irgend  jemand  zu  irgendeiner  Zeit  hiervon  Kenntnis  erhalten;“  auch
nachher  kam  er  immer  wieder  darauf  zurück,  daß  Bayerns  Bereitwilligkeit
im  tiefen  Dunkel  bleiben  müsse.

Seine  Bitte  war  kaum  nötig;  die  beiden  Großmächte  hatten  bereits
beschlossen,  die  Zügel  der  Zensur  etwas  schärfer  anzuziehen.  So  konnten
denn  am  21.  Oktober  1830  in  leidlicher  Eintracht  die  neuen  Bundesbeschlüsse
  über  Deutschlands  Sicherheit  gefaßt  werden.““)  Sie  befahlen
nur  das  Unentbehrliche.  Man  merkte  deutlich  die  ruhige  Hand  Bernstorffs,
  der  alle  diese  Monate  hindurch  mit  Metternich  in  Fehde  lag  und
wegen  seiner  Mäßigung  von  Wien  her  bei  dem  Könige  beharrlich,  aber
erfolglos  verdächtigt  wurde.*“)  Der  Bund  forderte  lediglich:  die  Bundesstaaten
  sollten  zu  gegenseitiger  Unterstützung  ihre  Truppen  bereit  stellen,
ihre  Bundesgesandten  mit  umfassenden  Vollmachten  versehen,  ihre  Zensoren
  zur  Wachsamkeit  anhalten  und  auch  die  Blätter,  welche  sich  nur
mit  inneren  Landesangelegenheiten  befaßten,  streng  beaufsichtigen.  Diesen

 

*)  S.  o.  III.  338.
*8)  Weisung  an  Lerchenfeld,  13.  Okt.  1831.
*)  Bernstorff,  Rechtfertigungsschreiben  an  den  König,  27.  September  1830.
        <pb n="222" />
        214  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

letzten  Zusatz  hatte  Preußen  beantragt,  um  freundnachbarlich  dem  geäng—
stigten  Bayernkönige  aus  der  Not  zu  helfen.  Im  übrigen  war  der
Beschluß  weit  milder  und  versöhnlicher  gehalten,  als  die  früheren  Frank—
furter  Ausnahmebeschlüsse.  Der  Bundestag  sprach  zugleich  die  Erwartung
aus,  daß  die  Regierungen  nicht  bloß  gefährliche  Nachgiebigkeit  vermeiden,
sondern  auch  begründeten  Beschwerden  ihrer  Untertanen  landesväterlich
abhelfen  würden.  Eine  solche  Anerkennung  der  Rechte  des  Volks  war
in  der  Geschichte  der  Bundesversammlung  unerhört.  In  seinem  beglei—
tenden  Vortrage  muß  Nagler  sogar  —  auf  Eichhorns  bestimmten  Befehl
und  gegen  seine  persönliche  Neigung  —  rundheraus  erklären,  daß  manche
Staaten  durch  Vernachlässigung  ihrer  Bundespflichten,  namentlich  durch
die  unterlassene  Einführung  der  Landstände  allerdings  Anlaß  zu  Klagen
gegeben  hätten.

Leider  folgte  dem  verständigen  Beschlusse  ein  Nachspiel,  das  den  berechtigten
  Unwillen  der  Liberalen  erregte.  Jetzt  zum  ersten  Male  erdreistete
sich  Zar  Nikolaus,  in  die  Bundespolitik  einzugreifen,  indem  er  der
Frankfurter  Versammlung  seine  Anerkennung  für  ihre  weisen  Beschlüsse
aussprach;  der  Bundestag  antwortete  durch  ein  Dankschreiben,  ohne  zu
erwägen,  daß  wer  loben  darf,  auch  zum  Tadel  berechtigt  ist.  Bald
darauf  setzte  Preußen  durch,  daß  die  Kontingente  der  allerkleinsten  Staaten
endlich  zu  einer  Reserve-Infanteriedivision  vereinigt  und  für  den  Kriegsfall
  zur  Besetzung  der  Bundesfestungen  verwendet  werden  sollten.  Leicht
hielten  solche  Beschlüsse  mit  nichten,  denn  die  Bundes-Militärkommission
führte  auch  in  diesen  gefährlchen  Zeiten  ihr  subalternes  Stilleben  weiter.
Sie  stritt  sich  über  den  Eid  des  Kommandanten,  der  noch  immer  nicht
vollendeten  Bundesfestung  Landau;  Württemberg  hielt  ihr  einen  ausgiebigen
  Vortrag  über  die  Frage,  wer  ein  beim  Luxemburger  Festungsbau
gefallenes  Pferd  zu  bezahlen  habe,  und  gelangte  zu  dem  Ergebnis,  daß  dieser
schwierige  Fall  nirgends  vorgesehen,  also  nur  durch  ein  neues  Bundesgesetz
  zu  entscheiden  sei.“)

Als  die  Kriegsgefahr  näher  rückte,  stellte  König  Friedrich  Wilhelm
dem  Auswärtigen  Amte  die  Anfrage  (10.  Nov.),  wie  die  Ruhe  in  Deutschland
  für  den  Fall  des  Krieges  zu  sichern  sei.  Bernstorff  ließ  darauf
durch  Eichhorn  in  einer  ausführlichen  Denkschrift  die  leitenden  Grundsätze
seiner  Bundespolitik  zusammenstellen  (29.  Januar  1831).  Unbefangen
gestand  er  zu,  daß  die  Unzufriedenheit  in  den  kleinen  Staaten  nicht
allein  durch  die  Juli-Revolution  hervorgerufen  sei,  sondern  durch  schwere
Fehler  der  Regierungen  und  vornehmlich  durch  den  Unwillen  der  Deutschen
  über  ihre  Zerrissenheit;  darum  dürfe  der  Krieg  gegen  Frankreich
nicht  als  ein  Prinzipienkampf  für  das  legitime  Recht  geführt  werden,
sondern  als  ein  Verteidigungskrieg  für  die  vaterländischen  Grenzen;  dann

 

*)  Naglers  Berichte,  10.,  22.  November,  10.  Dezember  1830.
        <pb n="223" />
        Militärische  Verhandlungen  mit  Österreich.  215

werde  die  Nation  einem  warmen  Aufrufe  des  Königs  ebenso  freudig  folgen
wie  im  Jahre  1813,  zumal  wenn  man  sie  durch  patriotische  Schriften  über
die  Lage  aufkläre.  Den  Augenblick  für  eine  Bundesreform  sah  er  noch  nicht
gekommen:  „Wenn  die  deutschen  Regierungen,  durch  eigene  Erfahrung  belehrt,
  einst  aufgehört  haben  werden,  in  Anordnungen,  die  nichts  als  das
gemeine  Beste  Deutschlands  zu  begründen  und  zu  erhöhen  bestimmt  und
geeignet  sind,  nur  Beschränkungen  ihrer  Souveränität  zu  sehen  und  zu
scheuen,  wenn  sie  in  ihrem  richtig  verstandenen  Interesse  Antriebe  finden,
freiwillig  dazu  die  Hände  zu  bieten,  alsdann  wird  erst  die  Zeit  zu  einer
den  Grundsätzen  Preußens  angemessenen  Verwirklichung  eines  besseren
Zustandes  der  deutschen  Bundesverfassung  die  völlige  Reife  erlangt  haben.“
Für  jetzt  bleibe  nur  übrig,  daß  Preußen  durch  streng  gesetzliche,  bundestreue
Haltung  sich  das  allgemeine  Vertrauen  sichere  und  zugleich  fortfahre,
durch  Sonderverhandlungen  mit  den  einzelnen  Staaten  gemeinnützige
Zwecke  zu  fördern,  insbesondere  der  allgemeinen  deutschen  Handelsfreiheit
schrittweise  sich  anzunähern.

Der  König  gab  diesen  Grundsätzen  seine  Zustimmung  (22.  März).
Die  Kriegsgefahr  zwang  ihn,  den  empfohlenen  Weg  der  Sonderverhandlungen
  alsbald  rüstig  zu  verfolgen.  Jetzt  da  Not  an  Mann  kam,  waren
alle  Höfe  über  die  unverbesserliche  Erbärmlichkeit  der  Bundeskriegsverfassung
  einig,  selbst  jene  Mittelstaaten,  welche  einst  aus  Neid  gegen  Preußen
dies  Meisterwerk  geschaffen  hatten.  Alle  fühlten,  daß  mindestens  für  den
nächsten  Krieg  eine  andere,  festere  Ordnung  verabredet  werden  müsse,  da
Österreich  seiner  besten  Kraft  zum  Schutze  Italiens  bedurfte.  Auf  Preußens
  wiederholtes  Andrängen  erklärte  sich  die  Hofburg  auch  bereit,  mit
den  süddeutschen  Höfen  zu  verhandeln;  aber  die  alte  Gleichgültigkeit  gegen
Deutschland  und  die  Mattigkeit,  welche  diesen  alternden  Hof  ergriffen
hatte,  lähmten  jeden  Entschluß.  Graf  Schönburg,  der  Gesandte  in  Stuttgart,
  der  die  Verhandlungen  führen  sollte,  blieb  monatelang  untätig  in
Wien,  und  Preußen  sah  sich  schließlich  gezwungen,  alles  auf  seine  eigene
Kappc  zu  nehmen.  Schon  im  Dezember  1830  wurde  General  Röder  nach
Wien  gesendet  und  überraschte  im  Januar  die  Hofburg  durch  die  bestimmte
Erklärung:  die  Bildung  eines  Bundesheeres  unter  einem  Bundesfeldherrn
sei  offenbar  unmöglich.  Preußen  denke  mit  seiner  ganzen  Macht  in  den
Krieg  einzutreten  und  verlange,  daß  drei  Heere  aufgestellt  würden:  ein
preußisches,  verstärkt  durch  die  kleinen  norddeutschen  Kontingente,  an  der
Mosel:  ein  süddeutsches,  durch  preußische  Truppen  verstärkt,  am  Oberund
  Mittelrhein;  endlich  ein  österreichisches  in  Schwaben.  Damit  war
die  Bundeskriegsverfassung  über  den  Haufen  geworfen,  freilich  nur  vorläufig,
  für  die  Dauer  des  nächsten  Krieges,  eines  Krieges,  welchen  Preußen
aus  guten  Gründen  zu  vermeiden  wünschte.  Die  lächerliche  Künstelei,
welche  sechs  der  neun  preußischen  Armeekorps  von  dem  Bundesheere  ausschloß,
  sollte  hinwegfallen,  Preußen  der  Sache  nach  die  Führung  des
        <pb n="224" />
        216  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

Bundeskrieges  übernehmen,  Osterreich  sich  mit  der  bescheidenen  Rolle
einer  Hilfsmacht  begnügen.

In  Wien  empfand  man,  angesichts  der  unsicheren  Lage  Italiens,
die  eigene  Schwäche  so  lebhaft,  daß  man  selbst  diesen  starken  Zumutungen
nicht  geradehin  zu  widersprechen  wagte.  Eine  bündige  Antwort  war  freilich
auch  nicht  zu  erlangen,  und  der  König  entschloß  sich  daher  im  Februar  1831,
den  General  Rühle  von  Lilienstern  unmittelbar  an  die  süddeutschen  Höfe
zu  senden.  Dort  wurde  der  preußische  Unterhändler  überall  mit  offenen
Armen  aufgenommen.  König  Ludwig  verbarg  nicht,  daß  er  der  Redlichkeit
der  Hofburg  ebensosehr  mißtraue  wie  ihrer  kriegerischen  Macht;  er  ließ  eben
jetzt,  zum  Entsetzen  des  französischen  Gesandten,  den  bayrischen  Schützen—
marsch,  den  er  einst  im  Januar  1814  gedichtet,  im  Theater  wieder  auf—
führen  und  war  gern  bereit  zum  Schlagen,  aber  nur  im  engsten  Anschluß
an  Preußen,  und  also,  daß  seine  Truppen  nötigenfalls  ihren  Rückzug  nach
dem  Maine,  gegen  Preußen  hin  nähmen.“)  Auch  die  Höfe  von  Stuttgart,
Karlsruhe,  Darmstadt,  gingen  auf  Preußens  Vorschläge  bereitwillig  ein;
sie  einigten  sich  sogar  über  einen  gemeinsamen  süddeutschen  Feldherrn.
Im  stillen  hatte  König  Wilhelm  von  Württemberg  auf  diese  Stellung
gehofft.  Die  preußischen  Generale  meinten  jedoch,  daß  er  wohl  ein
verständiger  und  fester  Korpsführer,  aber  kein  Feldherr  sei  und  noch
weniger  fähig,  Liebe  zu  gewinnen.“*)  Da  auch  die  süddeutschen  Höfe  diese
Ansicht  teilten,  so  bezwang  der  König  hochherzig  seinen  Ehrgeiz  und
schlug  selber  vor,  daß  Wrede,  der  als  Feldmarschall  den  Vortritt  hatte,
die  Führung  über  das  bayrische  und  über  das  achte  Bundes-Armeekorps
zugleich  übernehmen  sollte.

Es  war  doch  ein  schöner  Erfolg,  daß  die  alte  deutsche  Zanksucht  jetzt
so  ganz  zurücktrat.  Auf  das  eifrigste  verhandelten  die  oberländischen
Höfe  nunmehr  über  alle  Einzelheiten  ihres  Aufmarsches.***)  In  heller
Freude  schrieb  Witzleben  dem  Auswärtigen  Amte:  „Die  süddeutschen  Re—
gierungen  haben  uns  Vertrauen  erwiesen,  wir  müssen  dasselbe  largement
erwidern.  Der  Charakter  der  preußischen  Politik  ist  Geradheit  und  Offen—
heit,  so  müssen  wir  uns  daher  gegen  unsere  süddeutschen  Brüder  aus—
sprechen.  Das  wahre  deutsche  Interesse  wird  allemal  auch  ein  preußisches
sein.  Wünsche,  die  jenem  nicht  entgegen  sind,  werden  daher  von  uns
nur  unterstützt  werden  können,  und  es  leidet  auch  keinen  Zweifel,  daß
man  sich  darüber  mit  Österreich  leicht  wird  verständigen  können.“,)
General  Krauseneck,  der  den  liberalen  Ideen  nahe  stand,  trug  sich  schon
mit  der  kühnen  Hoffnung,  aus  diesen  Verabredungen  werde  vielleicht  ein

 

*)  Bericht  von  Rühle  und  Küster,  7.  März.  Küsters  Berichte,  7.,  25.  März,
10.  April  1831.
**)  General  Wolzogen  an  Bernstorff,  14.  Okt.  1830.
***)  Wrede  an  Markgraf  Wilhelm  von  Baden,  20.  Febr.;  Antwort  27.  Febr.  1832.
t)  Witzleben  an  Eichhorn,  1.  Juli  1831.
        <pb n="225" />
        Militärische  Verhandlungen  mit  Süddeutschland.  217

dem  Zollvereine  ähnlicher  militärischer  Bund  der  Kleinstaaten  unter  Preu—
ßens  Führung  hervorgehen.  Überhaupt  verbreitete  sich  unter  den  preu—
ßischen  Generalen  mehr  und  mehr  die  Einsicht,  daß  Osterreich  im  deutschen
Heerwesen  nicht  schöpferisch  und  leitend  wirken  könne.  Selbst  Herzog  Karl
von  Mecklenburg  trug  kein  Bedenken,  diesen  ketzerischen  Gedanken  auszu—
sprechen.  Doch  leider  bekundete  sich  die  wackere  Gesinnung  der  süddeutschen
Höfe  vorerst  nur  in  Worten.  Sie  taten  einiges,  um  unter  den  Kontin—
genten  Badens,  Württembergs,  Hessens  eine  annähernde  Gleichheit  des
Kommandos  und  der  Bewaffnung  herbeizuführen;  einmal  versammelte  sich
sogar  das  achte  Bundesarmeekorps  zu  gemeinsamen  Manövern  bei  Heilbronn.
  Indes  ließ  der  Zustand  ihrer  Truppen  sehr  viel  zu  wünschen
übrig,  dank  der  körichten  Knauserei  der  Landtage  und  der  Kunstliebe
König  Ludwigs.  In  Bayern  hatte  das  Bataillon  nur  60  Mann  unter
der  Fahne,  und  als  der  König  jetzt,  zum  ersten  Male  seit  seiner  Thronbesteigung,
  eine  Heerschau  über  die  Münchener  Regimenter  hielt,  da  zählte
die  gesamte  Garnison  nur  1200  Mann  Fußvolk,  400  Pferde  und  5
Batterien.“)

Unterdessen  war  der  Wiener  Hof  aus  seiner  Trägheit  erwacht.  Feldmarschalleutnant
  Langenau,  Preußens  alter  Feind  von  Frankfurt  her,
warnte  dringend  vor  den  Berliner  Anschlägen.  Auch  fürchtete  Metternich,
ohne  jeden  Grund,  die  Süddeutschen  würden  sich  über  ein  Neutralitätsbündnis
  verständigen;  wirkte  doch  der  württembergische  General  Bangold,
ein  in  der  Hofburg  sehr  übel  verrufener  Liberaler,  bei  den  Verhandlungen
mit,  und  an  allen  kleinen  Höfen  entfalteten  die  Gesandten  Ludwig  Philipps
  eine  verdächtige  Geschäftigkeit.*)  Erst  die  Eifersucht  auf  Preußens
Erfolge  bewog  die  österreichischen  Unterhändler,  endlich  gegen  General
Röder  mit  eigenen  Vorschlägen  herauszurücken.  Auf  den  einen  Bundesfeldherrn
  wagten  sie  kaum  noch  zu  hoffen,  da  Erzherzog  Karl  sich  nicht
geneigt  zeigte,  dies  dornige  Amt  unter  den  mißtrauischen  Augen  seines
Bruders  zu  führen.  Dafür  verlangten  sie  die  Bildung  zweier  Heere:
alle  süddeutschen  Truppen  unter  Österreichs  Führung,  alle  norddeutschen
unter  Preußen.  Welch  ein  Wandel  der  Machtverhältnisse!  Diese  Zweiteilung
  des  Bundesheeres  war  von  Preußen  während  der  letzten  Jahre
immer  als  das  höchste  vielleicht  erreichbare  Ziel  erstrebt,  von  Osterreich
stets  bekämpft  worden,  und  nun  brachte  die  Hofburg  den  Gedanken  des
militärischen  Dualismus  selber  ihrem  Nebenbuhler  entgegen.  In  Berlin
flogen  aber  die  Gedanken  jetzt  schon  höher;  man  wußte,  wie  wenig  Österreich
  für  diesen  Bundeskrieg  leisten  konnte,  und  verlangte  für  Preußen
die  tatsächliche  Leitung  aller  kleinen  Kontingente.

So  rückten  die  Verhandlungen  in  Wien  nicht  von  der  Stelle.  Die

 

*)  Küsters  Bericht,  26.  Juni  1831.
**)  Maltzahns  Bericht,  6.  Mai  1831.
        <pb n="226" />
        218  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

süddeutschen  Höfe  billigten  allesamt  Preußens  Verfahren;  österreichischer
Führung  wollten  sie  ihre  Truppen  schlechterdings  nicht  anvertrauen,  und
als  Langenau  gar  den  Plan  entwickelte,  das  österreichisch-süddeutsche  Heer
solle  seine  Rückzugslinie  nach  dem  Lech  nehmen,  da  erwachten  wieder  die
bösen  Erinnerungen  aus  den  Zeiten  der  Revolutionskriege.  Kaiser  Franz
hatte  zwar  selbst  durch  seine  Trägheit  verschuldet,  daß  Preußen  jetzt  auf
eigene  Faust  mit  den  kleinen  Höfen  sich  verständigte  und  ihn,  den  alten,
mächtigen  Bundesgenossen  fast  zur  Seite  liegen  ließ;  gleichwohl  fühlte  er
sich  durch  das  Verfahren  des  Königs  verletzt.  Er  schrieb  ihm  selbst
(2.  April)  in  dem  gewohnten  freundschaftlichen  Tone,  dankte  für  Röders
Sendung  und  schloß  deutlich  mahnend:  „Je  größer  die  Gefahren  des
Tages  sind,  desto  mehr  bin  ich  überzeugt,  daß  die  noch  mögliche  Rettung
sich  nur  finden  kann  und  finden  wird  in  der  innigsten,  offensten  und
vollständigsten  Verbindung  zwischen  uns  beiden.“*)  Zugleich  mußte
Metternich  dem  Berliner  Hofe  immer  dringender  vorhalten,  das  alte  Ver—
trauen  zwischen  den  beiden  führenden  Mächten  erfordere  doch,  daß  sie
auch  über  diese  Frage  der  Bundespolitik  sich  zunächst  selbander  ver—
einigten.  Als  der  König  im  August  im  Teplitzer  Bade  weilte,  stellte  ihm
Metternichs  Vertrauter,  Hofrat  von  Werner,  die  förmliche  Bitte,  er  möge
gestatten,  daß  ein  k.  k.  Militärbevollmächtigter  zu  Berlin  die  Verhandlungen
  ins  reine  bringe.

Friedrich  Wilhelm  war  unangenehm  überrascht;  er  bemerkte  späterhin
  ärgerlich,  Osterreich  habe  „sich  Licht  zu  Berlin  geholt“.“)  Aber  er
gab  nach;  die  Kriegsgefahr  war  im  Augenblicke  nicht  drohend,  und  da
man  den  Kampf,  wenn  er  kam,  doch  gemeinsam  mit  Osterreich  führen
mußte,  so  schien  es  nicht  ratsam,  den  alten  Bundesgenossen  zu  beleidigen.
An  eine  dauernde  Reform  der  Heeresverfassung  des  Bundes  ließ  sich  gar
nicht  denken;  dies  hätten  die  süddeutschen  Höfe  niemals  zugegeben,  am
wenigsten  der  eifersüchtige  König  von  Württemberg.  Bernstorff  selbst
dachte  viel  zu  nüchtern,  um  irgendeine  Anderung  der  Bundesgesetze  für
möglich  zu  halten;“*)  auch  Clausewitz  riet,  man  müsse  mit  dem  Wiener
Hofe  sich  klar  verständigen.  Im  September  traf  der  österreichische  General
Graf  Clam  in  Berlin  ein,  ein  reicher,  glänzender  Magnat,  der  von  Metternich
  stark  überschätzt  und  oft  zu  vertraulichen  Sendungen  gebraucht
wurde.  Den  Damen  bei  Hofe  gefiel  er  sehr,  weniger  den  stolzen  preußischen
  Männern;  denn  gar  zu  gleisnerisch  erklang  doch  aus  dem  Munde
des  schönen  Weltmannes  der  anbiedernde  Wiener  Ton.  Immer  wenn
Clam  eine  dreiste  österreichische  Forderung  stellte,  fügte  er  mit  freundschaftlicher
  Zudringlichkeit  hinzu,  dieser  Vorschlag  beweise,  „daß  Preußens
Ehre,  Ansehen  und  eminente  Stellung  im  Bunde  für  Österreich  ebenso

*)  Kaiser  Franz  an  König  Friedrich  Wilhelm,  2.  April  1831.
**)  Aufzeichnung  des  Königs,  30.  Nov.  1831.
*““)  Bernstorff,  Denkschrift  über  die  Bundesverfassung,  1.  Nov.  1831.
        <pb n="227" />
        Verständigung  über  den  Bundeskriegsplan.  219

wichtig  und  teuer  als  die  eigenen  sind.“*)  In  langen  Monaten  vermochten
  weder  Bernstorff  noch  die  Generale  Krusemark  und  Rühle  sich
mit  diesem  wortreichen  Freunde  zu  verständigen.  Bernstorff,  krank  und
reizbar  wie  er  war,  bat  endlich  den  König  geradezu,  ihn  von  diesem  Geschäfte
  zu  entbinden.“)

Inzwischen  wurde  General  Knesebeck  mit  der  Fortführung  der  Unterhandlungen
  beauftragt,  und  dieser  alte  treu  ergebene  Freund  der  Hofburg
bemühte  sich  nach  Kräften,  allen  Wünschen  Clams  entgegenzukommen.
Preußens  Forderungen  entsprachen  aber  so  genau  den  gegebenen  Machtverhältnissen,
  daß  selbst  Knesebeck  wenig  davon  nachlassen  konnte.  Als
nun  endlich  im  Mai  1832  die  Militärbevollmächtigten  der  süddeutschen
Höfe,  die  von  Preußen  über  alles  getreulich  unterrichtet  waren,  und  dann
auch  die  Vertreter  von  Sachsen  und  Hannover  nach  Berlin  geladen
wurden,  da  errang  die  preußische  Politik  einen  vollständigen  Triumph.
Die  Offiziere  der  Mittelstaaten  erklärten  sich  samt  und  sonders  für
Preußens  Vorschläge,  und  die  Militärkonferenz  beschloß,  daß  für  den
Fall  des  Krieges  drei  Heere  aufgestellt  würden:  zwei  aus  Preußen  und
Bundestruppen  gemischte  am  Nieder=  und  Mittelrhein,  dazu  ein  österreichisches
  Heer  am  Oberrhein.  Preußen  versprach  außer  den  Festungsgarnisonen
  231000  Mann  zu  stellen,  die  kleinen  Staaten  116000  Mann
—  eine  ziemlich  kühne  Rechnung  —,  Osterreich  endlich  172000  Mann.
Die  letztere  Zahl  ließ  man  nur  aus  Höflichkeit  stehen;  denn  niemand
glaubte,  daß  der  Krieg  in  Italien  so  viele  k.  k.  Truppen  verfügbar  lassen
würde.  Traten  diese  Entwürfe  je  ins  Leben,  so  erhielt  Preußen  offenbarddie
Leitung  des  Bundeskriegs.  Der  verabredete  Plan  wurde  sodann  dem  aus
Petersburg  gesendeten  General  Neidhardt  mitgeteilt,  und  Zar  Nikolaus
wiederholte  seine  dreiste  Zusage,  daß  er  im  Falle  des  Krieges  Polen  mit
100000  Mann  decken  und  200000  Mann  als  „furchtbare  Reserve“  dem
deutschen  Heere  nachschicken  werde.  So  hoffte  man  gegen  jeden  Angriff
gedeckt  zu  sein.  Alle  diese  Verhandlungen  blieben  tief  geheim  und  für
den  Augenblick  ohne  Wirkung,  da  der  Krieg  abgewendet  wurde;  aber  sie
bewiesen  schlagend,  daß  selbst  die  eifersüchtigen  kleinen  Höfe  in  ernster
Not  nur  bei  Preußen  Hilfe  suchen  konnten,  und  wer  frei  in  die  Zukunft
  blickte,  mochte  schon  jene  von  Eichhorn  erhoffte  Zeit  nahen  sehen,
da  die  deutschen  Dinge  für  eine  preußische  Bundesreform  reif  wurden.
In  welche  Sackgasse  war  doch  der  Deutsche  Bund  unter  dem  Systeme
des  friedlichen  Dualismus  geraten:  alle  größeren  Höfe  sahen  ein,  daß
sie  den  Krieg  gegen  Frankreich  nur  unter  Preußens  Führung  unternehmen
durften;  und  dennoch  wagte  niemand,  die  gesetzliche  Neugestaltung  des
Bundeskriegswesens  auch  nur  zu  beantragen.“")

*)  Clam  an  Knresebeck,  15.  März  1833  usw.

**)  Kabinettsordre  an  Bernstorff,  12.  März;  Bernstorff  an  Clam,  14.  März  1832.
**)  S.  Beilage  XK.
        <pb n="228" />
        220  IV.  3.  Preußens  Mittelstellung.

Mittlerweile  begann  Preußens  Bundespolitik  sich  leise  zu  ändern.
Zunächst  infolge  der  Entlassung  Bernstorffs,  der  im  Mai  1832  die
Qualen  seiner  Krankheit  nicht  länger  mehr  zu  ertragen  vermochte.“)  Sein
Nachfolger  wurde  Ancillon,  da  Werther  abgelehnt  hatte,  Eichhorn  als
Feind  der  Ostmächte  verrufen  war,  und  man  sonst  keinen  geeigneten
Diplomaten  fand.  Der  eitle  Mann  strahlte  vor  Freuden  über  die  neue,
längst  insgeheim  erstrebte  Würde  und  warf  mit  erhabenen  Aussprüchen
politischer  Weisheit  so  freigebig  um  sich,  wie  Ludwig  Philipp  von  Or—
leans,  dem  er  auch  in  seiner  äußeren  Erscheinung  auffällig  ähnelte.  Die
fremden  Diplomaten  trauten  ihm  zu,  er  wolle  Preußens  Kardinal  Fleury
werden.  Sein  eigener  Ehrgeiz  ging  nicht  so  weit.  Ihm  genügte,  wenn
die  Dinge  sich  im  alten  Gleise  ruhig  weiterschoben  und  der  Weltfrieden
erhalten  blieb.  Es  war  kein  eigentlicher  Systemwechsel,  denn  der  König
behielt  die  Leitung  der  auswärtigen  Politik  in  seiner  eigenen  Hand;  doch
die  Mattherzigkeit  des  neuen  Ministers  machte  sich  bald  fühlbar.  War
Bernstorff  der  Hofburg  gegenüber  mit  den  Jahren  immer  stolzer  auf—
getreten,  so  hatte  sich  Ancillon  seine  österreichische  Gesinnung  nur  allzu  treu
bewahrt.  Sogleich  nach  Antritt  seines  Amtes  sprach  er  „dem  großen
Staatsmanne,  dem  Europa  so  viel  Dank  schuldet“,  seine  untertänige
Bewunderung  aus  und  versicherte  ihm  „die  vollständige  Gleichheit  des
Systems  der  beiden  Mächte“.**)  Diese  beständigen  Schmeicheleien  für
Metternich  und  der  salbungsvolle  Predigerstil  seiner  endlosen,  lehrhaften
Depeschen  ließen  seine  Politik  noch  schwächlicher  erscheinen,  als  sie  war.
Weit  verderblicher  wirkte  aber  die  zunehmende  Aufregung  in  Oberdeutsch—
land.  Die  trotzige  Auflehnung  der  süddeutschen  Liberalen  gegen  das
Bundesrecht,  die  maßlose  Sprache  ihrer  Presse,  ihr  vaterlandsloses  Buhlen
mit  Frankreich  und  Polen,  ihre  wütenden  Ausfälle  gegen  Preußen,  ihre
Drohungen  und  Verschwörungen  —  das  alles  zwang  den  Berliner  Hof,
der  anfangs  die  Bewegungen  dieser  neuen  Zeit  so  nachsichtig  beurteilt
hatte,  sich  wieder  fester  an  Osterreich  anzuschließen.  —

 

*)  Kabinettsordre  an  das  Staatsministerium,  10.  Mai  1832.
**)  Ancillon  an  Maltzahn,  7.,  28.  Mai  1832.
        <pb n="229" />
        Vierter  Abschnitt.

 

Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

Die  Nachwirkung  der  Pariser  Ereignisse  zeigte  sich  im  deutschen
Süden  etwas  später  als  in  den  kleinen  Staaten  des  Nordens,  dann
freilich  um  so  stärker.  Volksbewegungen  gegen  die  altständische  Gesellschaftsordnung
  fanden  hier,  wo  längst  moderne  Verfässungen  bestanden,
keinen  Boden.  Im  Spätjahr  1830  blieb  noch  alles  leidlich  still,  nur
Darmstadt  wurde  durch  die  kurhessische  Nachbarschaft  in  die  mitteldeutschen
Unruhen  verwickelt.  Der  greise  Großherzog  Ludwig  war  im  April  1830
verschieden.  Ihm  folgte  Ludwig  II.,  ein  wohlwollender,  ehrenhafter  Herr,
nicht  ganz  unbegabt,  aber  weder  tätig  noch  selbständig;  er  stand  bereits
in  den  fünfziger  Jahren  und  hatte  Zeit  genug  gehabt,  mit  Hilfe  seiner
badischen  Gemahlin,  einer  geistreichen,  stolzen,  für  größere  Verhältnisse
geschaffenen  Fürstin,  bedeutende  Schulden  anzusammeln,  die  unter  Amschel
Rothschilds  sorgsamer  Pflege  schon  auf  2  Mill.  Gulden  angeschwollen
waren  —  eine  ansehnliche  Summe  für  ein  Ländchen  von  700000  Einwohnern.
  Als  tüchtiger  Finanzmann  bestand  nun  Minister  du  Thil
darauf,  daß  diese  unerfreulichen  Verhältnisse  des  fürstlichen  Hauses  dem
Landtage  enthüllt  wurden;  er  verlangte  von  den  Kammern  entweder  Erhöhung
  der  Zivilliste  oder  Übernahme  der  Schulden  auf  den  Staatshaushalt.
  .

Im  Landtage  wurde  diese  allerdings  starke  Forderung  sehr  unfreund—
lich  aufgenommen.  überall  in  den  Kleinstaaten  hatte  sich  schon  das
Märchen  von  der  Wohlfeilheit  republikanischer  Regierungen  verbreitet.  Jedes
Zeitungsblatt  beneidete  die  Vereinigten  Staaten  um  den  bescheidenen  Gehalt,
der  ihrem  Präsidenten  genügen  mußte,  und  niemand  bedachte,  daß  die
Kosten  einer  einzigen  Präsidentenwahl,  die  freilich  in  den  Staatsrechnungen
Nordamerikas  nicht  aufgezählt  wurden,  sich  weit  höher  stellten  als  alle
deutschen  Zivillisten  insgesamt.  Wohlfeiles  Regiment  nach  republika—
nischem  Muster  war  das  allgemeine  Feldgeschrei.  Ernst  Emil  Hoffmann,
der  jetzt  in  der  Kammer  das  große  Wort  führte,  wusch  die  schwarze
Wäsche  des  fürstlichen  Hauses  mit  demagogischer  Schadenfreude,  und  nach
langen,  höchst  unehrerbietigen  Verhandlungen  wurden  die  Forderungen
        <pb n="230" />
        222  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

des  Großherzogs  sämtlich  abgelehnt.  Der  Hof  sah  sich  genötigt,  seine
Ausgaben  stark  zu  beschränken  und  sogar  das  Hoftheater  zu  schließen,  das
den  Darmstädtern,  wie  allen  Bewohnern  der  kleinen  deutschen  Residenzen
die  einzige  Würze  in  der  Langeweile  ihres  Daseins  war.  Aller  Zorn  der
dosgesellschaft  ergoß  sich  nunmehr  auf  du  Thil;  er  allein  sollte  durch  seine

Offenheit  die  erlittene  Niederlage  und  die  beleidigenden  Reden  des  Landtags
  verschuldet  haben.  Der  ehrgeizige  Prinz  Emil,  der  zu  seinem  Unheil
ein  Kommando  im  österreichischen  Heere  abgelehnt  hatte  und  nun  mit
seinem  militärischen  Talent  in  dem  kleinen  Staate  nichts  anzufangen
wußte,  trat  dem  Minister  offen  entgegen.

Mittlerweile  begann  es  in  Oberhessen  zu  gären.  Aufrührerische
Banden  aus  dem  Großherzogtum  schlossen  sich  den  kurhessischen  Mautstürmern
  an;  denn  solange  die  Nachbarstaaten  noch  nicht  beigetreten
waren,  empfand  man  in  den  zerstückelten  Gebieten  der  Wetterau  nur  die
Lasten,  nicht  die  Segnungen  des  preußischen  Zollvereins;  selbst  Professor
Hundeshagen  in  Gießen,  der  berühmte  Forstmann,  erklärte  in  einer  leidenschaftlichen
  Schrift  die  preußischen  Mauten  für  das  Unglück  des  Landes.
Der  Pöbel  zerstörte  die  Zollhäuser  und  zündete  da  und  dort  einem  verhaßten
  Amtmann  das  Dach  über  dem  Kopfe  an.  Hier  wie  in  Kurhessen
lärmten  die  schwer  belasteten  Untertanen  der  mediatisierten  Fürsten  am
lautesten.  Die  Lage  ward  im  September  recht  bedenklich.  Der  Hof  verzagte,
  und  E.  E.  Hoffmann  erdreistete  sich  schon,  wie  ein  Diktator  ein
beschwichtigendes  Manifest  an  sein  Volk  zu  erlassen.  „Alles  was  unsere
Nachbarn  wünschen,  haben  wir,“  sagte  er  mit  dem  ganzen  Stolze  des  Darmstädters,
  „haltet  den  Namen  Hessen  makelfrei.“  Da  befahl  du  Thil  auf
eigene  Faust  die  Einberufung  der  Beurlaubten  und  ließ  zugleich  in  Frankfurt
  um  Beistand  bitten,  während  der  Kurfürst  von  Hessen  jede  Bundeshilfe
  höhnisch  zurückoies.  Prinz  Emil  wurde  an  die  Spitze  der  Armee
gestellt  und  also  mit  dem  Minister  versöhnt.  In  wenigen  Tagen  trieb
der  Prinz  die  Aufrührer  auseinander;  bei  Södel  kam  es  zu  einem  kleinen
Gefechte,  und  auch  einige  der  braven  Bauern,  welche  die  Ruhestörer
bekämpft  hatten,  bekamen  im  Getümmel  die  Klingen  der  erbitterten  Reiter
zu  fühlen.  Die  Ordnung  war  hergestellt,  der  beherzte  Minister  gewann
das  Vertrauen  des  Großherzogs  wieder,  und  auch  Otterstedt  tat  das
Seine,  um  das  Ansehen  des  Staatsmannes,  der  allein  im  Süden  ein
zuverlässiger  Anhänger  Preußens  war,  aufrecht  zu  erhalten.?)

Viele  Jahre  lang  führte  du  Thil  fortan  die  Herrschaft,  gewissenhaft
und  einsichtig,  aber  auch  mit  einer  Strenge,  die  nach  und  nach  zur  Härte
wurde.  Seine  treue  deutsche  Gesinnung  hatte  er  schon  im  Befreiungskriege
  bewährt,  als  er  den  Zutritt  des  Landes  zur  großen  Allianz  vermitteln
  half,  und  dann  noch  kühner  durch  die  Zollverhandlungen  mit

 

*)  Du  Thil  an  Otterstedt,  13.  Okt.  Otterstedts  Berichte,  15.,  27.  Okt.  1830.
        <pb n="231" />
        Unruhen  im  Großherzogtum  Hessen.  223

Preußen.  Die  kleinbürgerliche  Selbstüberhebung  der  süddeutschen  Liberalen
erschien  ihm  lächerlich;  er  kannte  die  bescheidene  Macht  seines  Großherzog—
tums  und  meinte  unbefangen:  Gesandte  solle  ein  deutscher  Mittelstaat  nur
in  Berlin  und  Wien  halten,  bei  den  kleinen  Höfen  sei  eine  diplomatische
Vertretung  überflüssig,  bei  den  fremden  meist  schädlich;  „wenn  die  Ge—
sandtschaft  in  Paris  je  wichtig  wird,  so  steht  es  schlimm  um  Deutschland.“
Obwohl  er  nach  seinen  strengkonservativen  Neigungen  der  altständischen
Verfassung  entschieden  den  Vorzug  gab,  so  sah  er  doch  ein,  daß  in  der
demokratisierten  Gesellschaft  des  deutschen  Südens  nur  noch  das  Repräsen—
tativsystem  möglich  sei.  Aber  im  Gefühle  seiner  Überlegenheit  behandelte
er  die  Gegner  geringschätzig,  da  sie  ihm  so  oft  kleinliche  und  törichte
Bedenken  in  den  Weg  warfen,  und  bald  kam  er  so  weit,  daß  er  jeden
Liberalen  für  einen  Narren  oder  einen  gefährlichen  Menschen  ansah.“)

Der  Landtag  von  1830  ging  noch  in  Frieden  auseinander;  doch  im
Lande  hielt  die  Gärung  an.  Einige  der  jüngeren  Beamten  waren  aus
der  radikalen  alten  Gießener  Burschenschaft,  aus  den  Kreisen  der  Schwarzen
und  der  Unbedingten  hervorgegangen;  andere  wurden  nach  der  Volksbewegung,
  wegen  inhumanen  Benehmens  und  paschamäßigen  Verfahrens,
von  ihren  Amtern  suspendiert,  versetzt  oder  pensioniert.  So  bildete  sich
ein  Stamm  von  Unzufriedenen,  und  der  junge  Nachwuchs  dachte  nicht
friedfertiger,  da  der  Gießener  Kurator  Arens  durch  gehässige  Verfolgungen
den  Trotz  der  Jugend  herausforderte.  *)  Der  Offenbacher  Bund  „der
Sektionen“  und  andere  geheime  Vereine  nährten  die  Verstimmung.  „Das
Blutbad  von  Södel“  ward  dem  Volke  als  ein  ungeheuerlicher  Frevel
geschildert,  obgleich  die  Regierung  eine  Untersuchung  einleitete  und  einige
der  schuldigen  Soldaten  bestrafen  ließ.  Noch  stärker  wirkte  das  verführerische
  Beispiel  der  badischen  Nachbarn,  da  die  beiden  gefeierten  Karlsruher
  Volksmänner  Itzstein  und  Welcker  aus  Hessen  stammten  und  mit
den  alten  Landsleuten  in  Verbindung  blieben.  —

Dort  in  Baden  erlebte  der  parlamentarische  Liberalismus  der  Kleinstaaten
  jetzt  seine  Blütezeit.  Wenige  Tage  vor  dem  hessischen  Großherzog,
im  März  1830  war  auch  Großherzog  Ludwig  von  Baden  gestorben,  und  als
nunmehr  der  erste  der  hochbergischen  Markgrafen  Leopold  ohne  jeden  Widerstand
  die  Regierung  übernahm,  da  fühlte  das  Land  sich  erst  seiner  Selbständigkeit
  sicher.  Man  meinte  durch  die  vollendete  Tatsache  und  durch
die  Anerkennung  der  großen  Mächte  geschützt  zu  sein  wider  die  begehrlichen
Anschläge  der  Wittelsbacher  —  eine  Hoffnung,  die  sich  doch  nicht  sogleich
erfüllen  sollte.  Großherzog  Leopold  war  ein  Fürst  von  seltener  Herzensgüte,
  ehrlich  gewillt,  sein  Land  zu  beglücken;  seine  gemütliche  Leutselig- 



*)  Ich  benutze  hier  die  Aufzeichnungen  du  Thils,  die  ich  inzwischen  vollständiger
eingesehen  habe.
**)  Arnims  Bericht,  Darmstadt,  25.  September  1831.
        <pb n="232" />
        224  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

keit  stach  von  dem  verschlossenen  Wesen  des  gestrengen  Vorgängers  er—
freulich  ab.  Aber  die  Staatsgeschäfte  kannte  er  nicht,  selbständiges
Nachdenken  fiel  ihm  schwer,  noch  schwerer  ein  kräftiger  Entschluß;  am
wohlsten  fühlte  er  sich  in  seinem  Marstall  oder  auf  dem  Schießstande,
für  Künste  und  Wissenschaften  zeigte  er  wenig  Verständnis.  Seine  Ge—
mahlin  Sophie,  eine  stolze  Wasa  von  klarem  Verstande,  starkem  Willen,
lebhaftem  Tatendrange  und  fürstlicher  Haltung,  übersah  den  gutmütigen
Gatten  weit;  auch  sein  Bruder,  Markgraf  Wilhelm,  ein  tapferer  General
des  napoleonischen  Heeres,  war  nicht  ohne  Ehrgeiz,  und  seit  der  Markgraf
eine  Schwester  des  Königs  von  Württemberg  geheiratet  hatte,  glaubte
sich  der  schwäbische  Schwager  ebenfalls  berechtigt,  am  Karlsruher  Hofe
mitzureden.

Zum  Glück  fand  der  Großherzog  einen  Rückhalt  an  dem  alterprobten
Vertrauten  der  hochbergischen  Markgrafen,  dem  Staatsrat  Winter,  der
seit  Jahren  die  Vermögensgeschäfte  dieser  jüngeren  Linie  besorgte,  auch
als  Schriftsteller  ihr  Thronfolgerecht  siegreich  verteidigt  hatte.  Winter
war  längst  schon  der  leitende  Kopf  der  Verwaltung  des  Innern,  soweit
der  Großherzog  Ludwig  ihm  freie  Hand  ließ.  Die  Sünden  der  ver—
gangenen  Regierung  rechnete  man  ihm  nicht  an;  jedermann  wußte,  daß  er
vieles  nur  widerwillig  hatte  geschehen  lassen.  Der  schlichte  Mann  mit
dem  diplomatisch  klugen  und  doch  treuherzig  gemütlichen  Gesichte  war
ganz  dazu  angetan,  das  Vertrauen  dieses  bürgerlichen  Landes  zu  ge—
winnen.  Sein  klarer  Geschäftsverstand  erkannte  sofort,  das  alte  harte
System  der  polizeilichen  Überwachung  sei  unhaltbar,  die  neue  Linie  der
Dynastie  müsse  die  Liebe  des  Volks  zu  gewinnen  suchen.  Auf  seinen  Rat
unternahm  der  Großherzog  eine  Rundreise  durch  das  Land,  und  die  ungeheuchelte
  Freude  der  Massen  verkündete  überall,  welche  stolzen  Hoffnungen
dies  Völkchen  an  den  Hingang  seines  ungeliebten  alten  Fürsten  knüpfte.
Die  Heidelberger  sangen  ihrem  Leopold  zu:

Herzensreinheit  ist  dein  Teil!

Sie  nur  bringt  der  Zukunft  Heil!
und  veranstalteten  ihm  zu  Ehren  einen  künstlichen  Schloßbrand.  Haufen
von  Reisig  und  Kleinholz  flammten  plötzlich  auf  in  dem  alten  Gemäuer
des  Pfälzerschlosses,  den  Beschauern  traten  alle  Schrecken  der  Tage  Melacs
  leibhaftig  vor  die  Augen.  Es  war,  als  ob  die  Preußen  eine  theatralische
  Aufführung  der  Schlacht  von  Jena  veranstalteten;  in  diesem
staatlosen  Geschlechte  fand  es  niemand  anstößig,  die  Erinnerung  an  die
Schmach  des  Vaterlandes  also  zu  erneuern.

Seit  Winter  den  Gang  der  Regierung  bestimmte,  hatte  die  Stunde
des  Rücktritts  geschlagen  für  die  beiden  hochkonservativen  Minister  des
alten  Großherzogs,  für  Metternichs  Getreuen  Berstett  und  den  gestrengen
rheinbündischen  Bureaukraten  Berckheim.  Doch  Leopold  zögerte  und
schwankte.  Da  gab  endlich  der  schwäbische  Nachbar  den  Ausschlag  durch
        <pb n="233" />
        Leopold  von  Baden.]  [Winter.  225

einen  jener  freundlichen  Fußtritte,  welche  seinem  nachtragenden  Gemüte
wohl  taten.  Er  haßte  Berstett  als  persönlichen  Feind  und  Verleumder  noch
von  den  Veroneser  Zeiten  her.  Als  nun  Markgraf  Wilhelm  die  württembergische
  Prinzessin  freite,  schenkte  der  König  dem  badischen  Hausminister
die  übliche  Dose;  er  ließ  sie  aber  nicht,  wie  der  Brauch  war,  mit  seinem
Bildnis  schmücken,  sondern  die  offenbar  höhnisch  gemeinte  Inschrift  Lopauté
et  vérité!  darauf  setzen.  Berstett  tobte  über  diese  neue  Beleidigung  „des
unversöhnlichen  Nachbarkönigs“;  er  sendete  das  Dangergeschenk  dem
Gesandten  General  Bismarck  mit  einem  stolzen  Briefe  zurück,  klagte  dem
diplomatischen  Korps  sein  Herzeleid.  Der  Arme  mußte  Temperierpulver
nehmen,  um  seinen  Zorn  zu  bändigen,  und  das  gesamte  hohe  Beamtentum
  teilte  seine  Entrüstung.  Nur  der  Großherzog  wagte  nicht,  sich  des
gekränkten  Ministers  anzunehmen,  und  nun  merkte  Berstett  endlich  doch,
daß  seine  Uhr  abgelaufen  sei.  Gegen  Ende  des  Jahres  war  sein  und
Berckheims  Rücktritt  entschieden.*)  Bald  nachher  verschwand  auch  Major
Hennenhofer,  jener  zweideutige  Günstling  des  alten  Großherzogs,  der  sich
auch  dem  Nachfolger  schon  durch  seine  Vielgeschäftigkeit  unentbehrlich  gemacht
  hatte;  eine  Stuttgarter  liberale  Zeitung,  der  Hochwächter,  brachte
so  arge  Enthüllungen  über  seinen  sittlichen  Wandel,  daß  man  ihn  unmöglich
  länger  halten  konnte.“7)

Das  alte  System  war  gestürzt,  das  neue  noch  nicht  befestigt.  Winter
übernahm  nunmehr  förmlich  die  Leitung  des  Ministeriums  des  Innern.
Er  hegte  die  redliche  Absicht,  streng  nach  der  Verfassung  zu  regieren  und
trug  sich  mit  mannigfachen  wohldurchdachten  Reformplänen.  Doch  über
die  Grenzen  des  Ländchens  reichte  sein  Blick  nicht  weit  hinaus:  genug,
wenn  nur  der  Bundestag,  dessen  erbärmliche  Gesetze  dem  gewiegten  Geschäftsmanne
  wie  elastischer  Gummi  vorkamen,  durch  eine  behutsame
Politik  verhindert  wurde,  sich  in  die  badischen  Dinge  einzumischen.  Da
er  selber  an  dem  Ideale  eines  wohlverwalteten  Mittelstaates  sein  Genügen
fand,  so  täuschte  er  sich  gänzlich  über  die  Macht  des  neuen  Radikalismus,
der  doch  nur  darum  so  drohend  überhand  nahm,  weil  das  Volk  die
Jämmerlichkeit  der  Kleinstaaterei  dunkel  empfand  und  sich  nach  einem
großen  politischen  Leben  sehnte.  Er  hielt  eine  Revolution  in  Deutschland
für  ganz  undenkbar  —  ein  verhängnisvoller  Irrtum,  der  fast  allen  den
gemäßigt  konservativen  Ministern  der  konstitutionellen  Kleinstaaten  gemein
war  —  und  suchte  den  Grund  der  allgemeinen  Aufregung  allein  in  den
Brandreden  der  „Impfer“:  so  nannte  er  in  seiner  volkstümlich  derben
Redeweise  jene  liberalen  Schwätzer,  die  dem  Volke  so  lange  von  seinem
Unglück  vorsprächen,  bis  es  selber  daran  glaubte.  Für  diese  Staatskunst

 

*)  Berstett  an  Bismarck,  9.  Dezember,  an  Otterstedt,  16.  Dezember;  Otterstedts
Berichte,  6.,  16.,  25  Dezember  1830.
*)  Berichte  Salviatis,  19.  Juni,  Otterstedts,  14.  Juni  1831.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  15
        <pb n="234" />
        226  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

des  vorsichtigen,  wohlwollenden  Partikularismus  fand  Winter  nur  wenige
zuverlässige  Gehilfen.  Da  das  kleine  Land  kein  anderes  diplomatisches
Talent  besaß,  so  mußte  Blittersdorff  auf  dem  wichtigen  Frankfurter
Posten  bleiben,  und  der  Heißsporn  der  Reaktion  trug  kein  Bedenken,
eigenmächtig,  oft  gegen  seine  Weisungen,  den  österreichischen  Bundesgesandten
zu  unterstützen,  so  daß  der  Karlsruher  Hof  bald  in  den  Ruf  der  Zwei—
züngigkeit  geriet.  In  das  Auswärtige  Amt  ward  Frhr.  von  Türckheim
berufen,  derselbe,  der  vor  zwölf  Jahren  die  Vorrechte  des  Adels  so  lebhaft
  gegen  Winters  Angriffe  verteidigt  hatte,)  ein  Staatsmann  von
feiner  Bildung  und  gemäßigten  Grundsätzen,  aber  ein  Aristokrat,  dem
bei  der  ganz  bürgerlichen  Weltanschauung  des  leitenden  Beamten  nicht
immer  wohl  zu  Mute  war.

Und  diese  gespaltene  Regierung  stand  fortwährend  unter  dem  Kreuzfeuer
  der  überlegenen  Nachbarhöfe.  Gleich  seinem  Vorgänger  wollte  auch
Großherzog  Leopold  sich  treu  an  Preußen  anschließen,  schon  weil  er  Schutz
brauchte  gegen  die  bayrischen  Anschläge;  er  bat  den  König  herzlich  um
die  Bewahrung  „der  gütigen  Gesinnung,  die  meinem  Hause  und  Lande
von  jeher  als  Stützpunkt  zugewendet  waren.“)  Aber  während  Otterstedt
für  den  Zollverein  und  die  Neugestaltung  des  Bundesheeres  arbeitete,
wirkte  der  österreichische  Gesandte  Graf  Buol,  den  man  doch  auch  nicht
verletzen  wollte,  heimlich  dagegen;  dazwischen  hinein  kamen  scharfe  Drohungen
  vom  Bundestage,  der  Münchener  Hof  meldete  seine  Erbansprüche
an,  und  der  französische  Gesandte  empfahl  beharrlich  einen  neuen,  neutralen
  Rheinbund.

Und  dazu  die  Macht  der  unaufhaltsam  aus  dem  Auslande  eindringenden
  revolutionären  Ideen.  Hier  an  der  langgestreckten  offenen  Grenze
war  selbst  die  Karlsbader  Zensur  machtlos.  Die  radikalen  Schweizer  Zeitungen
  überschwemmten  das  Oberland,  sie  predigten  allesamt  den  Fürstenhaß
  und  vornehmlich  den  Kampf  wider  den  preußischen  Zollverein.  Noch
schädlicher  wirkte  die  Nachbarschaft  Frankreichs.  Nunmehr,  da  die  übermütige
  Kriegslust  der  Franzosen  wieder  auflebte,  empfand  man  erst  ganz,
welch  ein  Pfahl  im  deutschen  Fleische  das  französische  Straßburg  war.
Dies  drohende  Ausfallstor  dicht  vor  dem  schutzlosen  deutschen  Oberlande
raubte  den  süddeutschen  Höfen  allen  die  ruhige  Sicherheit,  und  zugleich
ward  die  alte  Reichsstadt  der  Herd  einer  gewissenlosen  Propaganda,  welche
jetzt  weit  erfolgreicher  arbeitete,  als  einst  in  den  Tagen  der  ersten  Republik.
Da  die  Elsässer  erst  seit  den  Agrargesetzen  der  Revolution  und  seit  den
Waffentaten  des  Kaiserreichs  sich  als  Franzosen  fühlten,  so  hegten  sie
für  das  alte  Königshaus  wenig  Teilnahme,  beseitigten  nach  den  Julitagen
  alsbald  die  königlichen  Lilien  aus  dem  Straßburger  Wappen  und

 

*)  S.  o.  II.  517.
**)  Großh.  Leopold  an  K.  Friedrich  Wilhelm,  22.  Juni  1830.
        <pb n="235" />
        Die  Radikalen  im  Elsaß.  227

scharten  sich  freudig,  neuen  Kriegsruhms  gewärtig,  um  die  wiederaufge—
richtete  Trikolore.  Sofort  ward  nun  den  badischen  Nachbarn  die  Herrlich—
keit  französischer  Bürgerfreiheit  angepriesen.  Der  Straßburger  „Nationalgardist
  Gradaus“  schilderte  dem  Bauer  Vetter  Michel  die  Wunder  der
neuen  Zeit  in  jenem  behaglichen  Biedermannstone,  der  seit  Hebels  Volkskalendern
  den  Badenern  geläufig  war.  Dann  erschien  der  „Widerhall
deutscher  Volksstimme  in  Grüßen  an  das  deutsche  Vaterland“,  ein  Libell
voll  wütender  Anklagen  gegen  die  „Spürnasen  und  gefütterten  Hundsnaturen“
  der  Fürsten,  gegen  „das  servile  Korps  einexerzierter  Potsdamer
Kamaschenknechte“,  das  an  den  Grenzen  Polens  stehe,  statt  „im  Staube
knieend  den  größten  aller  Soldaten,  Kosciuszko“,  zu  verehren  —  und  so
weiter  eine  ganze  Reihe  wüster  Brandschriften,  zumeist  aus  dem  Verlage
von  Silbermann  in  Straßburg.  Der  König  von  Württemberg  erfuhr
bald  durch  seine  wachsame  Polizei,  daß  in  Straßburg  ein  geheimes  Revolutionskomitee
  bestand,  das  allwöchentlich  zwei  Boten  nach  Karlsruhe
und  Stuttgart  sendete;  er  befahl  aber,  „dem  Winter  nichts  zu  sagen“,
weil  er  ihm  nicht  über  den  Weg  traute.“)

Der  Straßburger  Niederrheinische  Kurier  brachte  eine  Beilage  „das
konstitutionelle  Deutschland“,  die,  offenbar  zur  Aufwiegelung  des  deutschen
Südens  bestimmt,  von  dem  jungen  Stralsunder  Cornelius  geleitet,  durch
badische  und  pfälzische  Radikale  mit  Beiträgen  versorgt  wurde.  Hier
erklang  wieder  das  alte  Rheinbundslied,  nur  in  neuer  Tonart,  zu  Ehren
deutscher  Macht  und  Herrlichkeit:  „Gebt  Deutschland  eine  Verfassung,
die  es  zur  sechsten  Großmacht  erhebe.  Laßt  Preußen  und  Osterreich,
deren  Interessen  nicht  die  unseren  sind,  ihre  eigenen  Bahnen  gehen,  aber
vereinigt  euch  zu  einem  einzigen,  herrlichen  und  mächtigen  Volke“
unter  einem  auf  Zeit  gewählten  Oberhaupte  und  Reichsständen.  Auch
die  französischen  Zeitungen,  zumal  die  bonapartistische  Révolution  verstanden
  klüglich  bald  dem  Einheitsdrange  der  Deutschen  zu  schmeicheln
und  die  schmähliche,  allein  durch  die  kleinen  Tyrannen  verschuldete
Zersplitterung  des  großen  deutschen  Vaterlandes  zu  verhöhnen,  bald
für  sich  die  natürlichen  Grenzen  zurückzufordern:  dann  werde  „Frankreich
  durch  eine  heilsame,  großmütige  Einmischung,  nötigenfalls  mit  den
Waffen,  den  Kampf  der  beiden  großen  Staatsgedanken  zu  Gunsten  der
Völker  entscheiden.“

Bei  so  frischem  Westwinde  mußten  dem  badischen  Liberalismus  wohl
die  Segel  schwellen.  Unter  Rottecks  und  Itzsteins  gewandter  Führung
hatte  sich  die  geschlagene  Partei  in  der  Stille  gesammelt,  und  bei  den
Landtagswahlen,  die  auf  Winters  ausdrücklichen  Befehl  völlig  unbelästigt
blieben,  errang  sie  einen  glänzenden  Sieg.  Die  neue  zweite  Kammer,  die

 

*)  K.  Wilhelm,  Weisung  an  Bismarck,  mitgeteilt  in  Arnims  Bericht,  Karlsruhe
25.  Jan.  1831.
157
        <pb n="236" />
        228  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

im  März  1831  zusammentrat,  bestand  fast  durchweg  aus  Liberalen;  die
wenigen  dem  Ministerium  näher  stehenden  Abgeordneten  wagten  kaum
wider  den  Strom  zu  schwimmen.  Und  leicht  war  es  nicht,  gegen  den
undeutschen,  echtfranzösischen  Parteiterrorismus  dieser  liberalen  Trium—
phatoren  aufzukommen;  sie  verlangten  Rache  für  die  langjährige  Zu—
rücksetzung,  mißhandelten  jeden,  der  nur  um  eines  Fingers  Breite  von  der
alleinseligmachenden  Lehre  ihres  Vernunftrechts  abwich,  als  einen  Höf—
ling  und  Aristokraten  und  beräucherten  sich  selber  wechselseitig  mit  einer
maßlosen  Eitelkeit,  die  dem  Größenwahnsinn  nahe  kam.  Rotteck  schilderte
nachher  „das  europäische  Ereignis“  dieses  Landtags  in  einem  „Lese-  und
Lehrbuch  fürs  deutsche  Volk“;  674  Seiten  genügten  ihm  kaum,  um  die
unermeßliche  Wasserflut  der  liberalen  Kammerweisheit  ganz  zu  erschöpfen.
Bildnisse  der  großen  Volksmänner  schmückten  das  Werk,  vorn  neben  dem
Titelblatte  prangte  natürlich  das  Bild  des  Verfassers,  der  in  der  badi—
schen  Presse  allgemein  als  „Deutschlands  größter  Historiker“  gefeiert
wurde;  Großherzog  Leopold  aber,  „der  Volksfreund“,  mußte  sich  mit  einer
bescheidenen  Stelle  mitten  im  Buche  begnügen.

„Französisierende  Deutschtümler“  nannte  Blittersdorff  einmal  die
Genossen  Rottecks  mit  dem  Scharfblick  des  Hasses,“)  und  in  der  Tat
war  ihre  blinde,  untertänige  Begeisterung  für  Frankreichs  neue  Frei—
heit  ebenso  unbestreitbar,  wie  ihre  nebelhafte  Begeisterung  für  ein  deutsches
Vaterland  irgendwo  in  den  Wolken.  Vernunft  und  Unsinn,  polternde
Phrase  und  nüchterne  Beobachtung  der  Bedürfnisse  der  Gegenwart  vertrugen
sich  freundnachbarlich  in  diesen  Köpfen.  Der  badische  Liberalismus  vertrat
die  Interessen  der  erstarkenden  Mittelklassen,  ihr  wohlberechtigtes  Ver—
langen  nach  Entlastung  des  Bodens,  nach  Freiheit  des  Wortes  und  des
Verkehrs;  aber  er  stand  noch  ganz  unter  der  Herrschaft  der  selbstgefälligen
alten  Aufklärung,  die  nirgends  in  Deutschland  sich  fester  eingenistet  hatte,
als  hier  in  diesem  lieblichen,  wie  für  die  Romantik  geschaffenen  Winkel;
er  betrachtete  die  Interessenpolitik  des  Bürgerstandes  kurzerhand  als
„den  geläuterten  Ausdruck  des  vernünftigen  Gesamtwillens“  und  wähnte
sich  berufen,  „das  bloß  dem  Machtwort  entfließende  historische  Recht  dem
Vernunftrechte  zu  unterwerfen“.  Die  Heimat  dieses  bürgerlichen  Vernunftrechts
  war  die  Universität  Freiburg,  zu  jener  Zeit  eine  sehr  bescheidene
Leuchte  deutscher  Wissenschaft;  die  geistvollen  Heidelberger  Gelehrten  hatten
in  ihrer  großen  Mehrzahl  das  Joch  der  alten  naturrechtlichen  Abstraktionen
  schon  abgeschüttelt  und  hielten  sich  der  Bewegung  fern.

Auch  diesmal  trat  das  alte  Leiden  des  badischen  Verfassungslebens,
das  natürliche  Übergewicht  des  Beamtentums  wieder  grell  zu  Tage.
Fast  alle  Redner  der  Opposition  waren  Staatsdiener,  die  Regierung  wagte
keinem  mehr  den  Urlaub  zu  verweigern  und  sah  sich  bald  durch  die

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  2.  April  1831.
        <pb n="237" />
        Rotteck  und  Welcker.  229

Angriffe  ihrer  eigenen  Untergebenen  Schritt  für  Schritt  zurückgedrängt.
Schon  während  des  stürmischen  Wahlkampfes  konnte  scharfen  Beobachtern
nicht  entgehen,  daß  sich  in  der  Stille  bereits  eine  radikale  Partei  gebildet
hatte,  deren  Pläne  weit  über  die  Ziele  der  Liberalen  hinausgingen.  Zu
selbständigem  Auftreten  fühlte  sie  sich  aber  noch  zu  schwach,  und  Adam
von  Itzstein,  der  unter  allen  den  Neugewählten  ihr  am  nächsten  stand,
war  viel  zu  klug,  um  sich  offen  zu  ihr  zu  bekennen.  Nicht  umsonst  hatte
Itzstein  einst  in  seiner  Mainzer  Heimat  das  Treiben  der  Klubisten  mit
angesehen;  sein  kalter  Fanatismus  erinnerte  an  die  gewiegten  jakobinischen
Parteimänner  des  Konvents.  Darum  fürchtete  ihn  Metternich  als  den
einzigen  gefährlichen  Mann  der  badischen  Opposition.  Immer  im  stillen
tätig,  verstand  er  meisterhaft,  durch  diplomatisches  Zureden  die  Schwankenden
  bei  der  Stange  zu  halten.  Offentlich  sprach  er  nur  selten,  aber
die  Schärfe  seiner  Rede  verletzte  tödlich,  weil  man  fühlte,  daß  jedes  kränkende
  Wort  genau  erwogen  war.

Der  ehrliche  Rotteck  hatte  inzwischen  längst  die  radikalen  üheoretischen
  Folgerungen  gezogen,  welche  sich  aus  seiner  Lehre  von  der  Volkssouveränität
  unausweichlich  ergaben;  in  seinem  Lehrbuche  des  Vernunftrechts
  erklärte  er  kurzab,  nur  die  Republik  sei  gerecht  und  gut,  nur  nach
dem  Maße  der  Annäherung  an  dieses  ideale  Ziel  dürfe  eine  Verfassung
gepriesen  werden.  Als  praktischer  Parlamentarier  ließe  er  sich  indessen
wohl  gefallen,  daß  in  Baden  noch  ein  Teil  der  ursprünglichen  Volksgewalt
  dem  Monarchen  übertragen  war,  und  durch  die  gutherzige  Freundlichkeit
  seines  Auftretens  brach  er  mancher  seiner  scharfen  Außerungen  selber
die  Spitze  ab.  Von  anderem  Schlage  war  Welcker,  ein  untersetzter  Mann
mit  gerötetem  strengen  Gesicht  und  zornig  funkelnden  großen  Augen;  wie
ein  Kampfstier  erhob  er  sich  zum  Sprechen,  über  der  tobenden  Heftigkeit
seiner  unaufhaltsam  dahinbrausenden  Reden  vergaß  man  ganz,  daß  er
mindestens  in  der  Theorie  nicht  so  weit  ging  wie  Rotteck.  Er  nannte
sich  gern  einen  alten  Soldaten  der  Freiheit,  er  lebte  und  webte  in  dem
Kampfe  wider  die  Reaktion  und  betrachtete  den  Bundestag  als  seinen
persönlichen  Feind.  Über  die  Bosheit  der  Fürsten  tröstete  er  sich  nur
auf  Augenblicke,  wenn  er  in  seinem  Zimmer  die  lange  Reihe  der  Bürgerkronen
  und  Ehrenbecher,  lauter  Weihgeschenke  des  gesinnungstüchtigen
Volkes,  wohlgefällig  musterte.  Von  den  berühmten  Heidelberger  Professoren
erschien  nur  der  gutkatholische  Altbayer  Mittermaier,  ein  Jurist  von  ungeheurer
  Belesenheit,  weltberühmt  durch  seine  Kenntnis  des  ausländischen
Rechts,  seit  langem  eifrig  bemüht  für  die  Einführung  der  Schwurgerichte
und  die  Verbesserung  der  Gefängnisse,  freilich  mehr  ein  vielwissender  Gelehrter
  als  ein  selbständiger  Denker,  gemäßigt  in  seinen  politischen  Grundsätzen,
  aber  keineswegs  unempfänglich  für  die  Tageslaunen  der  öffentlichen
Meinung.  An  diese  Führer  schloß  sich  eine  ganze  Schar  treuer  Bekenner
des  liberalen  Vernunftrechts:  aus  Freiburg  der  geschäftskundige  Jurist
        <pb n="238" />
        230  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

Duttlinger,  der  so  lange  fast  allein  im  Landtage  der  reaktionären  Mehrheit
  standgehalten  hatte;  aus  Heidelberg  der  Buchhändler  „Vater  Win—
ter“,  der  alte  Kämpe  der  Preßfreiheit;  aus  dem  Oostale  der  Geistliche
Rat  Herr,  ein  volksbeliebter,  warmherziger  Priester,  dem  fürstlichen
Haus  so  treu  ergeben,  daß  er  sich  bei  Hofe  jede  freimütige  Derbheit
erlauben  durfte.

Zum  Beginn  des  Kampfes  schwenkte  Itzstein  sein  Weihrauchfaß  vor
den  Franzosen:  „Im  Westen  Europas  erhob  sich  ein  Volk,  an  Bildung
und  Nationalsinn  allen  vorgehend,  und  gab  sich  einen  Bürgerkönig.“
Nach  diesem  glorreichen  Vorbilde  sollte  auch  das  badische  Volk  seine  Frei—
heit  zurückfordern  und  die  vor  sechs  Jahren  abgeänderten  Artikel  seiner
Verfassung  wiederherstellen.“)  Schaden  hatte  jene  Verfassungsänderung
allerdings  nicht  angerichtet;  nach  ihren  jüngsten  Wahlerfolgen  durften
die  Liberalen  am  wenigsten  bestreiten,  daß  der  Volkswille  jetzt,  da  die
Kammer  aller  sechs  Jahre  vollständig  erneuert  wurde,  sich  weit  kräftiger
äußern  konnte  als  früherhin,  da  immer  nur  ein  Viertel  der  Abgeordneten
ausgeschieden  war.  Aber  das  badische  Grundgesetz  galt  nun  einmal  für
ein  Heiligtum,  daß  die  finsteren  Zeiten  der  Reaktion  je  daran  gerührt
hatten,  durfte  nicht  ungerochen  bleiben,  und  so  ward  denn  einstimmig  be—
schlossen,  jene  unzweckmäßigen  Vorschriften  der  Verfassung  wörtlich  wieder
einzuführen.  Die  Flügeltüren  des  Saales  waren  geöffnet,  weil  die  Tribünen
  die  Masse  der  Zuhörer  nicht  fassen  konnten;  nach  der  Abstimmung
erdröhnte  das  Haus  von  Jubelrufen.  Auch  Winter  stimmte  zu;  er  fühlte,
das  Rechtsbewußtsein  des  ganzen  Landes  forderte  diese  Sühne.  Dann
legte  er  ein  wohldurchdachtes  Gemeindegesetz  vor,  das  mit  dem  alten
Systeme  rheinbündischer  Bevormundung  entschlossen  brach.  Die  Kammer
ging  darauf  ein;  sie  veränderte  jedoch  die  Vorschriften  über  das  Wahlrecht
  in  so  radikalem  Sinne,  daß  der  politische  Parteikampf  sofort  in  die
Gemeindewahlen  eindrang  und  die  neue  Selbstverwaltung  während  der
nächsten  Jahre  sich  noch  nicht  ruhig  entwickeln  konnte.

Noch  heftiger  flammten  die  Leidenschaften  auf,  als  Welcker  die  sofortige
  Verkündigung  eines  Preßgesetzes  verlangte.  Er  hatte  schon  im
vorigen  Herbst,  in  einer  gedruckten  Petition  an  den  Bundestag,  „die  vollkommene
  und  ganze  Preßfreiheit“  für  Deutschland  gefordert;  in  Frankfurt
abgewiesen,  versuchte  er  nun  seine  Absicht  für  Baden  allein  durchzusetzen.
Also  verfiel  der  Karlsruher  Landtag  nochmals  seinem  alten  dunklen  Verhängnis:
  er  begann  wieder,  wie  oft  schon,  einen  aussichtslosen  Kampf
gegen  den  Deutschen  Bund  und  trat  auch  diesmal  das  geschriebene  Recht
mit  Füßen.  Nichts  war  begreiflicher,  als  die  allgemeine  Sehnsucht  nach
Preßfreiheit,  zumal  hier  an  der  Grenze,  wo  man  die  Blätter  des  Auslandes
täglich  vor  Augen  sah.  Doch  leider  durfte  der  badische  Staat  über  seine

 

*)  Vgl.  III.  353.
        <pb n="239" />
        Der  badische  Landtag  von  1831.  231

Presse  nicht  frei  verfügen,  da  er  sich  selbst  die  Hände  gebunden  hatte.  Der
817  der  Verfassung  bestimmte:  „Die  Preßfreiheit  wird  nach  den  künftigen
Bestimmungen  der  Bundesversammlung  gehandhabt  werden.“  Wollten  die
Badener  also  die  drückende  Fessel  der  Zensur  zerbrechen,  so  mußten  sie
versuchen,  den  Bundestag  zuvor  zur  Aufhebung  des  Karlsbader  Preßgesetzes
  zu  bewegen.  Dieser  einzige  gesetzliche  Weg  war  freilich  ganz  ungangbar,
  und  als  der  Abgeordnete  Schaaff  gleichwohl  ihn  zu  betreten
riet,  erwiderte  Welcker  grimmig,  das  hieße  ein  Gaukelspiel  mit  dem
badischen  Volke  treiben.  Da  die  rechtliche  Unmöglichkeit  auf  flacher  Hand
lag,  so  griff  der  Antragsteller  in  seinem  Feuereifer  zu  sophistischen  Auslegungskünsten,
  die  dem  grundehrlichen  Manne  übel  anstanden.  Welcker
meinte  frischweg:  jener  ganz  unzweideutige  Verfassungsartikel  bedeute
eigentlich  das  Gegenteil,  er  bedeute,  daß  die  Preßfreiheit,  nicht  die  Preßsklaverei,
  den  Badenern  versprochen  sei  und  mithin  auch  gegen  den  Willen
des  Bundestags  eingeführt  werden  müsse.  Noch  mehr,  er  behauptete
sogar,  das  Bundespreßgesetz  verlange  nur,  daß  keine  Schrift  unter  zwanzig
  Bogen  „ohne  Vorwissen  und  vorgängige  Genehmigung  der  Landesbehörden“
  gedruckt  werden  dürfe,  folglich  sei  die  Zensur  von  Bundes  wegen
nicht  anbefohlen,  ihr  Name  komme  ja  in  dem  Gesetze  gar  nicht  vor!
Es  war  ein  häßliches  Advokatengezänk,  und  mit  gutem  Grunde  erklärte
man  im  Berliner  Auswärtigen  Amte  diese  Beweisführungen  der  badischen
Liberalen  für  „wahrhaft  jesuitisch“.?)

Jener  ehrenwerte  Abscheu  gegen  die  anonyme  Schriftstellerei,  der
noch  vor  zwölf  Jahren  in  der  Karlsruher  Kammer  vorgeherrscht  hatte,
war  jetzt,  nach  so  widerwärtigen  Verfolgungen,  gründlich  zerstört.  Welcker
sprach  noch  pathetisch  von  der  Pflicht  des  freien  Bürgers,  für  seine  Worte
einzustehen,  doch  er  forderte  nur,  daß  der  Drucker  oder  der  Verleger  sich
nennen  müsse,  und  erkannte  also  die  Anonymität  der  Zeitungsschreiber
als  Regel  an.  Zum  Schluß  rief  er  drohend:  wenn  die  Minister  nicht
ein  Preßgesetz  vorlegen,  „so  setzen  sie  sich  der  Anklage  des  Verrats  gegen
das  Volk  und  den  Fürsten  aus.“  Rotteck  stimmte  dem  Freunde  fröhlich
bei  und  predigte  ungescheut  die  Auflehnung  gegen  den  Deutschen  Bund;
denn  seit  der  Bundestag  sein  Recht  zur  Regelung  der  Preßfreiheit  so
schnöde  mißbraucht  hatte,  sahen  sich  die  Liberalen,  wenn  sie  nicht  sehr
weit  blickten,  fast  gezwungen,  das  Panier  des  rohen  Partikularismus  zu
erheben.  „Der  Deutsche  Bund  ist  ein  bloßes  Faktum  für  uns“  —  so
meinte  Rotteck  —  nicht  mit  uns  ist  der  Bundesvertrag  geschlossen  worden,
sondern  nur  zwischen  den  Fürsten,  darum  erkennen  wir  nur  ein  zweifaches
Gesetz  an:  „das  ewige  Vernunftrecht  und  unsere  Landeskonstitution.“
Dann  pries  er  die  vox  populi  vox  Dei  und  versicherte  in  gläubiger
Unschuld,  es  sei  rein  unmöglich,  daß  die  Presse  jemals  schlecht  werde.

—

*)  Frankenbergs  Bericht,  4.  Febr.  1832.
        <pb n="240" />
        232  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

Von  Stunde  zu  Stunde  erhitzten  sich  die  Köpfe;  eine  Flut  von
Zornreden  ergoß  sich  über  die  Karlsbader  „Ordonnanzen“.  Die  französische
Verbildung  des  Liberalismus  bekundete  sich  auch  in  seiner  verwelschten
Sprache:  wie  die  Karlsbader  Beschlüsse  Ordonnanzen  hießen,  so  nannte
man  Welckers  Antrag  eine  „Motion“  und  die  Verbesserungen  „Amen—
dements“;  nach  Pariser  Brauch  donnerten  die  Redner  wider  die  mark—
losen  „Justemilianer“  und  warnten  die  Regierung  vor  dem  Schicksale  des
„deplorablen  Ministeriums“  Polignac.  Der  Geistliche  Rat  Herr  gab
der  Preßfreiheit  sogar  den  kirchlichen  Segen:  er  nannte  sie  „eine  Anstalt
Gottes,  die  uns  helfen  wird  zu  alledem,  was  wir  für  Zeit,  Tod  und
Ewigkeit  notwendig  haben.“  Da  die  anonymen  Zeitungsschreiber  der
liberalen  Doktrin  wie  Volkstribunen  erschienen,  so  sollten  sie  auch  nur
durch  die  freie  Stimme  des  Volksgewissens,  durch  Geschworene  gerichtet
werden.  Selbst  Duttlinger,  der  ruhigste  unter  den  Führern  der  Oppo—
sition,  ließ  sich  von  der  allgemeinen  Aufregung  anstecken;  der  deutsche
Rechtslehrer  schämte  sich  nicht,  die  Schwurgerichte  kurzerhand  über  das
Gesetz  zu  stellen  und  die  schmähliche  Parteilichkeit,  welche  die  französischen
Geschworenen  in  allen  politischen  Prozessen  betätigten,  den  rechtschaffenen
Germanen  als  ein  Muster  anzupreisen:  „Geschworene  beschützen  die  Preßfreiheit
  gegen  zu  strenge  und  unnatürliche  Gesetze  durch  ihr  einfaches:
Nichtschuldig!“  Endlich  mißbrauchte  die  Kammer  gar  ihr  Steuerbewilligungsrecht
  zu  einer  verfassungswidrigen  Drohungs  sie  beschloß,  das  Budget
erst  dann  zu  bewilligen,  wenn  die  Regierung  das  Preßgesetz  nebst  einigen
anderen  Gesetzentwürfen  vorgelegt  hätte.

Welch  eine  Lage  für  den  wohlmeinenden  Minister!  Winter  hielt  die
Zensur  für  einen  gemeinschädlichen  Mißbrauch,  aber  wie  durfte  er  sie
beseitigen,  den  Vorschriften  der  Bundesgesetze  und  der  Landesverfassung
geradeswegs  zuwider?  Der  Großherzog  stand,  wenngleich  er  den  Kammern
gern  ein  Stück  Weges  entgegenkam,  mit  seinen  Herzensneigungen  durchaus
  auf  seiten  der  Ostmächte.  So  oft  die  Russen,  unter  dem  Wehgeschrei
  der  Liberalen  einen  Sieg  erfochten,  ließ  er  dem  König  von  Preußen
  durch  Otterstedt  seinen  Glückwunsch  aussprechen.“')  Nimmermehr
wollte  er  sich  gegen  den  Deutschen  Bund  auflehnen.  Mit  Badens  Zustimmung
  hatte  der  Bundestag  im  vorigen  Herbst  den  Regierungen  die
strenge  Handhabung  der  Zensur  anempfohlen,  jetzt  schritt  er  zu  neuen
Beschlüssen  gleichen  Sinnes;  an  die  Milderung  oder  gar  die  Aufhebung
der  Karlsbader  Gesetze  wagte  keine  der  Bundesregierungen  zu  denken
in  einem  Augenblicke,  da  halb  Deutschland  durch  Unruhen  heimgesucht
wurde.  Aus  Darmstadt,  Butzbach,  Tübingen  und  anderen  süddeutschen
Städten  kamen  Adressen,  welche  die  Bundesversammlung  baten,  dem
Blutvergießen  in  Polen  Einhalt  zu  tun,  damit  die  Cholera  nicht  nach

 

*)  Otterstedts  Berichte,  18.  März,  6.  Juni  1831.
        <pb n="241" />
        Das  badische  Preßgesetz.  233

Deutschland  eingeschleppt  werde.  Der  Vorwand  erschien  durchsichtig  genug;
  denn  der  Einmarsch  deutscher  Bundestruppen  in  „das  Land  der
Knute  und  der  Cholera“  war  sicherlich  das  beste  Mittel,  um  die  Seuche
weithin  über  Deutschland  zu  verbreiten.  Blittersdorff  wurde  zum  Berichterstatter
  gewählt  und  fragte  diesmal  bei  seinem  Minister  an.  Mit  Türckheims
  Genehmigung  beantragte  er  sodann  und  setzte  durch,  daß  der
Bundestag  nicht  nur  die  Eingaben  der  Polenfreunde  zurückwies,  sondern
auch  für  die  Zukunft  die  Einsendung  politischer  Adressen  untersagte
(27.  Okt.).)  Am  10.  Novbr.  wurden  die  Vorschriften  des  Bundes-Preßgesetzes
  den  Höfen  nochmals  nachdrücklich  eingeschärft,  am  19.  das  Straßburger
  „Konstitutionelle  Deutschland“  verboten.  Der  letztere  Beschluß
war  eine  wohlberechtigte  Abwehr;  ein  Blatt,  das  so  offen  den  Rheinbund
und  den  Aufruhr  verfocht,  konnte  dort  an  der  Grenze  nur  Unheil  stiften.
Bei  dem  allen  wirkte  der  badische  Gesandte  insgeheim  eifrig  mit,  und
Türckheim  bedauerte  nur,  daß  Blittersdorff  nicht  reinen  Mund  gehalten
habe,  da  man  in  München  schon  die  Meinung  des  Karlsruher  Hofes
über  das  Straßburger  Blatt  kenne.)

In  diesen  nämlichen  Tagen,  da  Baden  am  Bunde  die  alte  Karlsbader
  Politik  unterstützte,  versprach  Winter,  dem  Landtage  das  verlangte
Preßgesetz  sogleich  vorzulegen.  Anders  wußte  er  sich  angesichts  der
Drohungen  des  Landtags  nicht  mehr  zu  helfen;  auf  die  Verweigerung  des
Budgets,  auf  die  Auflösung  der  Kammern  durfte  er's  nicht  ankommen
lassen.  Vorsorglich  hatte  Türckheim  schon  früher  nach  Wien  geschrieben,
das  badische  Preßgesetz  werde  jedenfalls  die  Rechte  des  Bundes  und  der
Mitverbündeten  gewissenhaft  wahren.***)  In  der  Tat  bestimmte  der  den
Kammern  vorgelegte  Gesetzentwurf,  daß  die  Zensur  zwar  der  Regel  nach
hinwegfallen,  doch  für  die  Besprechung  der  Angelegenheiten  des  Deutschen
Bundes  oder  der  anderen  Bundesstaaten  noch  fortbestehen  sollte.  Die
Kammer  aber  fand  in  ihrem  Siegesübermute  selbst  dies  Zugeständnis
an  das  Bundesrecht  noch  zu  stark;  sie  fügte  einen  Paragraphen  hinzu,
kraft  dessen  der  Herausgeber  einer  Zeitung,  der  die  obige  Vorschrift  umginge
  und  dann  auf  die  Beschwerde  des  Bundes  oder  einer  Bundesregierung
  wegen  Beleidigung  gerichtlich  verurteilt  würde,  zu  der  verwirkten
Strafe  noch  eine  Zusatzstrafe  von  5  bis  50  Gulden  tragen  solle.  In
solcher  Fassung  erschien  das  Preßgesetz  wie  ein  Hohn  auf  das  Ansehen
des  Deutschen  Bundes.  Die  badischen  liberalen  Blätter  riefen  schon  triumphierend:
  es  gibt  in  Baden  keine  Zensur  mehr;  wir  unterwerfen  uns
keinem  Zensor,  sondern  tragen  willig  die  kleine  Zusatzstrafe,  falls  ein  Gericht
  uns  wegen  Schmähung  des  Bundestags  verurteilen  sollte.  Wie

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  4.  Okt.  Türckheims  Weisung,  6.  Okt.  1831.
*)  Türckheim,  Weisung  an  Blittersdorff,  24.  Nov.  1831.
*“*#)  Türckheim,  Weisung  an  Tettenborn,  26.  Sept.  1831.
        <pb n="242" />
        234  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

man  sich  auch  drehen  und  wenden  mochte,  das  am  1.  März  1832  in
Kraft  tretende  neue  badische  Preßgesetz  widersprach  offenbar  dem  Bundesrechte,
  das  die  Zensur  verlangte.  Der  Widerspruch  ward  dadurch  wahrlich
  nicht  gemildert,  daß  die  Karlsruher  Regierung  im  März  1832  die
neuesten  Bundesbeschlüsse  veröffentlichte  und  zugleich  erklärte,  daneben
solle  ihr  Preßgesetz  —  also  das  Gegenteil  der  bundesrechtlichen  Vorschriften
—  in  Geltung  bleiben.  Dem  ehrlichen  Großherzog  war  bei  diesem  zweideutigen
  Treiben  übel  zu  Mute.  Unter  vier  Augen  beteuerte  er  dem
preußischen  Gesandten:  auf  Verlangen  des  Bundestags  werde  er  das  bedenkliche
  Gesetz  gern  abändern.*)  Wie  durfte  er  auch  hoffen,  eine  so  unhaltbare
  Stellung  gegen  den  Willen  der  Gesamtheit  der  übrigen  Bundesstaaten
  zu  behaupten?

Mittlerweile  wiederholte  Rotteck  im  Landtage  seine  schon  seit  Jahren
festgehaltene  Forderung,  die  ihm  vor  allem  die  Gunst  des  Landvolkes
verschafft  hatte,  er  verlangte  die  Aufhebung  der  Fronden  und  Zehnten.
Der  Antrag  ergab  sich  notwendig  aus  den  veränderten  Zuständen  der
Landwirtschaft;  aber  wie  radikal,  wie  parteiisch  ward  er  begründet.  Es
war  Deutschlands  Glück  und  Ruhm,  daß  der  Übergang  in  die  neuen
ländlichen  Besitzverhältnisse  sich  bei  uns,  nach  Preußens  Vorgang,  überall
auf  gesetzlichem  Wege,  durch  billige  Entschädigung  der  Berechtigten,  nicht,
wie  in  Frankreich  und  Spanien,  durch  Raub  und  Gewalt  vollzogen  hatte.
Diesen  schönen  Vorzug  seines  Vaterlandes  vermochte  der  Lehrer  des  Vernunftrechts
  nicht  zu  begreifen;  er  sah  in  den  alten,  durch  langen  Besitzstand
  geheiligten  grundherrlichen  Rechten  nichts  als  frevelhaftes  Unrecht
und  fand  es  sehr  sonderbar,  daß  die  Deutschen  bloß  an  eine  Ablösung
zu  denken  wagten.  Nur  als  ein  Zugeständnis  an  die  deutsche  Gutmütigkeit
  beantragte  er  eine  unbillig  niedrige  Entschädigung  und  meinte  traurig,
„ein  Franzose  oder  Überrheiner“  werde  dies  noch  viel  zu  hoch  finden.

Dawider  erhoben  sich  alsbald  die  in  ihrem  Vermögen  schwer  bedrohten
Grundherren  der  ersten  Kammer.  Das  Haus  Löwenstein  verwahrte  am
Bundestage  wie  am  Karlsruher  Hofe  feierlich  seine  grundherrlichen  Rechte.
Die  Minister  aber  gaben  dem  Drängen  der  zweiten  Kammer  nach;  sie
befanden  sich  wieder  in  arger  Verlegenheit,  zumal  Türckheim,  der  vor
Jahren  die  grundherrlichen  Rechte  des  Adels  lebhaft  verteidigt  hatte  und
jetzt  doch  fühlte,  daß  Baden  nicht  hinter  den  Nachbarländern  zurückbleiben
dürfe.  *)  Als  die  erste  Kammer  das  Gesetz  über  die  Ablösung  des  Neubruch-Zehntens
  verworfen  hatte,  da  erhob  sich  Rotteck  zornglühend:  Der
vereinte  Wille  der  Regierung  und  des  Volkes  ist  also  gescheitert  „an  dem
Veto  einer  Handvoll  Junker!“  Nach  dem  Kodex  seines  Vernunftrechts
war  ja  das  Zweikammersystem  nur  eine  verwerfliche,  die  Natur  ver- 



*)  Otterstedts  Bericht,  28.  Febr.  1832.
**)  Türckheim  an  Blittersdorff,  29.  Sept.  1831.
        <pb n="243" />
        Rotteck  und  die  Handvoll  Junker.  235

drängende  Künstelei.  Er  zählte  auf,  daß  in  der  ersten  Kammer  sogar
einige  der  von  der  Krone  ernannten  Mitglieder  gegen  das  Gesetz  gestimmt
hätten,  und  in  seinem  Parteihasse  verstieg  sich  der  Held  der  unentwegten
Überzeugungstreue  bis  zu  der  Behauptung:  diese  Mitglieder  seien  verpflichtet,
  ihre  Uberzeugung  den  Ministern  zu  opfern!  Da  der  Präsident  die
Schmähungen  ungerügt  ließ,  so  beschwerte  sich  die  beleidigte  erste  Kammer.
Rotteck  aber  verweigerte  jede  Genugtuung  und  rief  unter  donnerndem
Beifall:  „Zum  Höfling  bin  ich  verdorben,  ich  bin  Volksvertreter  !“  —
ein  geflügeltes  Wort,  das  fortan  auf  zahllosen  Ehrenbechern  und  Dankadressen
  prangte.  Schließlich  mußte  man  sich  doch  zu  einigen  kleinen  Zugeständnissen
  an  die  Grundherren  bequemen;  der  Fürst  von  Fürstenberg,
ein  feingebildeter,  wohlwollender  Aristokrat,  vermittelte  zwischen  beiden
Kammern.  Zwei  Ablösungsgesetze,  über  die  Fronden  und  den  Neubruch-Zehnten,
  kamen  zustande,  andere  standen  in  sicherer  Aussicht,  und
Rotteck  behielt  das  Verdienst,  der  agrarischen  Reform  die  Bahn  gebrochen
zu  haben.

Auch  in  minder  wichtigen  Fragen  bekundete  sich  der  Übermut
der  Liberalen.  Auf  ihr  Verlangen  mußte  ein  Zensor,  der  sich  beim
Schoppen  einige  offenherzige  Worte  über  Ludwig  Philipp  und  die  Franzosen
  erlaubt  hatte,  sofort  seines  Amtes  enthoben  werden;  jeder  Zweifel  an
der  Tugend  des  messianischen  Freiheitsvolkes  galt  schon  als  Verrat.  Die
in  Karlsruhe  üblichen  Motionen  auf  Beseitigung  des  Zölibats  fehlten  auch
diesmal  nicht,  obwohl  weder  Rotteck  noch  irgendeiner  seiner  katholischen
Freunde  gesonnen  war,  der  römischen  Kirche  den  Gehorsam  aufzusagen.
Der  allen  liberalen  Gemütern  teure  Verfassungseid  des  Heeres  wurde
ebenfalls  gefordert,  aber  zum  Glück  noch  abgewendet;  nur  die  Offiziere
erhielten  durch  eine  neue  Dienstpragmatik  dieselbe  rechtliche  Stellung  wie
die  übrigen  Staatsdiener  und  „verwandelten  sich  also“,  wie  Rotteck  rühmte,
„aus  willenlosen  Waffenknechten  oder  blinden  Werkzeugen  der  Gewalt  in
vaterländische  Wehrmänner.“  Sehr  stürmisch  verliefen  die  Verhandlungen
über  die  Ausgaben  des  Heerwesens.  Großherzog  Ludwig  hatte  jahrelang
die  Besoldungen  des  Chefs  der  Armee  und  des  Kriegsministers  für  sich
bezogen,  und  die  Kammern  waren  bisher  über  dies  unfürstliche  Verhalten
stillschweigend  hinweggegangen,  da  der  alte  Herr  jene  beiden  Amter  in
der  Tat  verwaltet  hatte.  Jetzt  aber  wurde  die  abgetane  Sache  mit
großem  Lärm  ans  Licht  gezogen,  der  Kriegsminister  sogar,  wie  es  der
Brauch  des  Tages  war,  mit  einer  Anklage  bedroht.  Itzstein  entleerte
einen  Köcher  voll  vergifteter  Pfeile  gegen  den  Hof  und  schloß  seine  von
Bosheit  triefende  Rede  mit  den  erhabenen  Worten:  „Der  jüngst  verstorbene
  Regent  ruht  im  Grabe,  als  sprechender  Beweis,  daß  Fürsten  zu
bloßem  Staube  zurückkehren  wie  ihre  Untertanen.“

Das  für  die  Zukunft  folgenreichste  Ereignis  dieser  Tagung  war  eine
Motion  Welckers  auf  „organische  Entwicklung  des  Deutschen  Bundes“.
        <pb n="244" />
        236  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

Der  beherzte  Mann  wagte  hier  zum  ersten  Male  feierlich  ein  deutsches
Parlament  zu  fordern  —  ein  fruchtbarer  Gedanke,  der  jetzt  freilich,  wie
alle  neuen  Ideen,  noch  in  nebelhaft  verschwommener  Gestalt  erschien,  aber
fortan  nicht  mehr  aus  dem  Leben  der  Nation  verschwinden  sollte.  Welcker
verhehlte  nicht,  daß  ihm  die  Freiheit  weit  näher  am  Herzen  lag  als  die
Einheit  der  Nation;  er  fühlte  sich  tief  gekränkt,  wenn  die  französischen
Blätter  von  den  deutschen  Sklaven  sprachen,  die  englischen  mit  ihrer
gewohnten  Bescheidenheit  unser  Volk  „das  niederträchtigste  und  feigste“  der
Erde  nannten.  Er  erkannte  den  unversöhnlichen  Widerspruch  zwischen  der
absolutistischen  Zentralgewalt  des  Bundes  und  den  Landständen  der  Einzelstaaten,
  den  empörenden  Unsinn  einer  Verfassung,  welche  der  Nation
jede  Einwirkung  auf  die  Leitung  ihres  Gesamtstaates  schlechthin  versagte,
und  zog  aus  alledem  den  Schluß,  daß  eine  aus  den  Mediatisierten  und
aus  erwählten  Volksvertretern  gebildete  zweite  Kammer  neben  den  Bundestag
  treten  müsse.  An  die  Notwendigkeit  einer  starken  exekutiven  Bundesgewalt
  dachte  er  noch  nicht,  am  wenigsten  an  die  Hegemonie  Preußens,
das  er  vielmehr  als  einen  halbfremden,  fast  feindlichen  Staat  ansah,  seit
die  Berliner  Politik  der  Polenschwärmerei  der  badischen  Liberalen  ins
Gesicht  schlug.  Auch  die  böse  Frage,  wie  der  vielköpfige  Bundestag  neben
einem  noch  unbehilflicheren  Reichstage  bestehen  sollte,  erregte  dem  ehrlichen
Schwärmer  kein  Bedenken.  In  seinem  Parteieifer  hatte  er  dem  Antrage
noch  einige  völlig  törichte  Vorschläge  hinzugefügt;  er  meinte,  der  Unterschied
  zwischen  den  absoluten  und  den  konstitutionellen  Staatsgewalten
sei  heute  weit  größer  als  vormals  der  Gegensatz  der  kirchlichen  Bekenntnisse,
  und  verlangte  daher,  daß  die  Bundesgesandten  der  konstitutionellen
Staaten,  nach  dem  Vorbilde  des  alten  Corpus  Evangelicorum,  eine  geschlossene
  Körperschaft  bilden  müßten,  mit  dem  Rechte  der  gesonderten  Abstimmung,
  der  itio  in  partes,  falls  über  Verfassungsfragen  verhandelt
würde!  Zu  solchen  Ungeheuerlichkeiten  verstieg  sich  die  politische  Unreife
der  Zeit:  jene  unselige  kirchliche  Spaltung,  welche  so  lange  jede  Tätigkeit
  der  Reichsgewalt  gelähmt  hatte,  sollte  jetzt,  dem  Vernunftrechte  zuliebe,
  auf  politischem  Gebiete  künstlich  erneuert  werden;  und  dieser  Vorschlag
  kam  aus  dem  Munde  eines  Apostels  der  deutschen  Einheit.
Gleichwohl  enthielt  Welckers  Motion  einen  gesunden  Kern.  Die
Minister  bewährten  nur  von  neuem  ihre  ratlose  Schwäche,  als  sie  jede
Verhandlung  über  den  Antrag  verweigerten  und  schließlich  Mann  für
Mann  den  Ständesaal  verließen.  Offenbar  befürchtete  Winter  einen
gemeinsamen  Sturmlauf  der  Landtage  wider  die  Bundesverfassung;  denn
zur  selben  Zeit  beantragte  Silvester  Jordan  in  Kassel  —  sicherlich  nach
Verabredung  mit  dem  befreundeten  Welcker  —  Veröffentlichung  der  Bundesprotokolle
  und  engere  Verbündung  der  konstitutionellen  Staaten  am
Bundestage.  Jordans  Antrag  blieb  ohne  ernste  Folgen,  weil  die  Hessen  zurzeit
  durch  ihre  heimischen  Nöte  genugsam  beschäftigt  waren.  Den  badischen
        <pb n="245" />
        Welcker  verlangt  ein  deutsches  Parlament.  237

Abgeordneten  war  ebenfalls  an  der  Glückseligkeit  ihres  badischen  Muster—
landes  ungleich  mehr  gelegen,  als  an  der  Zukunft  Deutschlands;  durch
vertrauliches  Zureden  ließen  sie  sich  bewegen,  den  Welckerschen  Antrag
„in  die  Abteilungen  zu  verweisen“,  das  will  sagen:  ihn  in  der  Stille
zu  beerdigen.  Welch  ein  unheimliches  Schauspiel!  Der  Bundestag  ver—
bot  den  Deutschen,  ihm  politische  Adressen  zu  senden,  und  nun  bestritt
eine  sehr  nachgiebige  Regierung  selbst  den  Landtagen  das  Recht,  über
Bundesangelegenheiten  auch  nur  mitzureden.  Wenn  man  also  der  Nation
jeden  gesetzlichen  Weg  zur  Bundesreform  versperrte,  was  blieb  ihr  schließ—
lich  noch  übrig  als  die  Bahn  der  Revolution?

Nachdem  Rotteck  noch  einmal  in  leidenschaftlicher  Rede  wider  die
neuesten  Bundesbeschlüsse,  wider  „das  Joch  Osterreichs  und  Preußens“
gedonnert  und  über  34  aus  allen  Teilen  des  Landes  eingelaufene  Dankadressen
  triumphierend  berichtet  hatte,  wurde  der  Landtag  zu  Ende  Dezembers
  geschlossen.  Ein  Rausch  der  Freude  ging  durch  das  Land.  Überall
Ehrenpforten  und  Ehrenjungfrauen,  Festzüge  und  Festschmäuse  für  die
heimkehrenden  Volksmänner.  Auf  dem  Festkuchen  der  Stadt  Heidelberg
stand,  herrlich  in  Zucker  gegossen,  die  Göttin  des  Ruhmes,  am  Munde
die  Tuba,  in  der  Hand  eine  Tafel  mit  den  Namen  der  großen  badischen
Landtagsredner;  Europa  schaute  bewundernd  zu  diesen  Namen  empor,
während  der  Genius  der  Krechtschaft  mit  seiner  Geißel  trauernd  abseits
saß.  Am  treuesten  bekundete  sich  die  Gesinnung  des  festlustigen  Ländchens
in  einem  Liede,  das  beim  Abschiedsmahle  der  Kammern  in  Karlsruhe

gesungen  wurde:
Wohin  ich  blicke  weit  umher,
So  schön  wie  hier  ist's  nirgends  mehr!

Konnten  die  großen  Mächte  diesen  selbstzufriedenen  Liberalismus,
der  sich  so  dreist  über  die  Bundesverfassung  hinwegsetzte,  auf  die  Dauer
gewähren  lassen?  Der  Berliner  Hof  zeigte  sich  anfangs  sehr  geduldig.
Er  mahnte  den  Großherzog  zu  kräftiger  Haltung,  doch  er  warnte  ihn
auch  vor  verfassungswidrigen  Schritten  und  versicherte  wiederholt,  daß
Preußen  sich  in  die  badischen  Händel  nicht  einmischen  werde.?)  Erst  als
das  Preßgesetz  erschien,  schlug  die  Stimmung  um.  Eine  Verhöhnung  des
Bundesrechts  wollte  sich  der  König  nicht  bieten  lassen;  auch  das  Doppelspiel,
  das  die  Karlsruher  Regierung  zwischen  dem  Landtage  und  dem
Bundestage  getrieben,  widerte  ihn  an.  Bald  nach  der  Entlassung  der  Kammern
  berichtete  der  badische  Gesandte  aus  Berlin  verzweifelnd:  „Preußen
vertraut  uns  nicht  mehr  !“  Er  ahnte,  daß  sich  über  seiner  Heimat  ein
Unwetter  zusammenzog,  dem  sie  schwerlich  widerstehen  konnte.  —

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Arnim,  21.  Januar,  an  Otterstedt,  15.  Juli;  Bernstorff,
  Weisung  an  Otterstedt,  18.  November  1831.
        <pb n="246" />
        238  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

Unterdessen  ward  auch  der  Nassauer  Landtag  von  Stürmen  heim—
gesucht.  Es  war  der  alte  widerliche  Zank  um  das  Eigentum  des  Kammer—
guts,  der  die  ganze  Verfassungsgeschichte  dieses  mißhandelten  Landes
ausfüllte.“)  Herzog  Wilhelm  nannte  sich  selbst  einen  von  den  Wiener
Grundsätzen  durchtränkten  Ultraroyalisten,  er  erklärte  es  für  „eine  leere
Floskel“,  daß  die  Gesetze  regieren  sollten,  und  hoffte  auf  die  Zeit,  da
man  mit  Hilfe  des  Bundes  „ohne  Widerstand  und  mit  gutem  Gewissen
die  modernen  Konstitutionen  Deutschlands  aufheben“  könne.“*)  Einer
solchen  Regierung  gegenüber  konnte  der  Landtag,  der  sich  im  Januar
1831  versammelte,  wenig  ausrichten;  er  trat  bescheiden  auf,  verwahrte
aber  das  Recht  des  Landes  auf  die  Kammergüter  und  wurde  darum
nach  einigen  Monaten  vertagt.  Selbst  der  preußische  Geschäftsträger
Heinrich  von  Arnim,  ein  geistreicher  Romantiker  aus  dem  Kreise  des
Kronprinzen,  konnte  nicht  leugnen,  daß  die  tiefe  Verstimmung  des  Volkes
wesentlich  durch  den  falschen  Stolz  und  den  Eigennutz  des  Herzogs,
sowie  durch  das  Pascha-Regiment  seines  Ministers  Marschall  verschuldet
war.*)

Sobald  die  Stände  im  Herbst  sich  wieder  versammelten,  vermehrte
der  Herzog  die  Zahl  der  Mitglieder  der  Herrenkurie  von  sechs  auf  siebzehn,
um  bei  den  gemeinsamen  Sitzungen  des  Landtags  immer  der  Mehrheit
sicher  zu  sein.  Die  zweite  Kammer  plante  eine  Steuerverweigerung,  da
sie  nicht  einmal  einen  Rechenschaftsbericht  über  die  Einnahmen  des  Kammergutes
  mitgeteilt  erhielt.  Sie  wurde  aufgelöst,  und  als  der  neugewählte
Landtag  im  April  1832  zusammentrat,  wußte  er  sich  gegen  den  bösen  Willen
der  Regierung  nicht  mehr  zu  helfen.  Die  große  Mehrheit  der  zweiten
Kammer  erklärte  nach  eintägiger  Sitzung  ihren  Austritt.  Nur  fünf  Getreue
  Marschalls  blieben  auf  ihren  Plätzen,  und  diese  Fünfmännerschaft
hatte  den  verzweifelten  Mut,  das  von  dem  Minister  vorgelegte  Budget  bis
auf  wenige  Abstriche  zu  bewilligen.  Einige  Volksaufläufe  in  Wiesbaden
und  anderen  Städten  wurden  leicht  unterdrückt;  aber  im  Lande  herrschte,
wie  Arnim  selbst  gestand,  „allgemeine  Empörung“.  Ein  so  persönlicher
Streit  zwischen  der  Habgier  des  Fürstenhauses  und  dem  Rechtsbewußtsein
des  Landes  mußte  selbst  dies  friedfertige  Völkchen  erbittern.  Sogar  das
allmächtige  Beamtentum  konnte  sich  der  wohlberechtigten  Aufregung  des
Volkes  nicht  entziehen.k)  Gehässige  Untersuchungen,  welche  Marschall  gegen
den  wackeren  Kammerpräsidenten  Herber  und  die  anderen  ausgetretenen
Abgeordneten  einleiten  ließ,  gossen  nur  Ol  ins  Feuer.  Der  Herzog  belohnte
  die  ergebenen  Mitglieder  der  Herrenkurie,  schalt  auf  sein  unge-*)

  Vgl.  II.  377.
**)  Witzlebens  Tagebuch,  12.  September  1825.  Arnims  Bericht,  18.  September
  1832.
***)  Arnims  Berichte,  13.  Mai  1831  ff.
Arnims  Berichte,  16.,  17.  Mai,  19.  Juni,  2.  Sept.  1832.
        <pb n="247" />
        Nassau.  Gärung  in  Württemberg.  239

treues  Volk  und  drohte  die  Hilfe  des  Bundestags  anzurufen.  Da  er
indessen  kein  gutes  Gewissen  hatte,  so  wagte  er  die  Drohung  nicht  auszuführen
  und  rächte  sich  nur  durch  kleinliche  polizeiliche  Quälereien.  Ein
Verein  in  Wiesbaden,  der  den  Armen  bis  zur  nächsten  Ernte  billiges  Brot
verschaffen  wollte,  wurde  kurzerhand  verboten,  weil  ein  Teil  seiner  Mitglieder
  der  liberalen  Partei  angehörte;  und  Arnim  schrieb  traurig:  „Mit
welchen  Gefühlen  gegen  seine  Regierung,  deren  Motive  er  nicht  durchschauen
  kann,  soll  jetzt  der  arme  Tagelöhner  sein  ihm  absichtlich  verteuertes
  Kummerbrot  verzehren!“  So  flammte  hier,  dicht  vor  den  Toren
des  Bundestages,  ein  gefährliches  Feuer  auf.  —

Württemberg  blieb  von  parlamentarischen  Kämpfen  vorerst  noch  verschont,
  obwohl  der  scharfe  Luftzug  der  neuen  Zeit  auch  hier  bald  empfunden
wurde.  Der  Landtag  war  erst  im  Frühjahr  1830  auseinander  gegangen  und
brauchte,  nach  der  Verfassung,  erst  in  drei  Jahren  wieder  einberufen  zu
werden.  König  Wilhelm,  der  sich  jetzt  für  immer  einer  streng  konservativen
Richtung  zugewendet  hatte,  trug  auch  kein  Verlangen,  diese  Frist  zu
verkürzen.  Nachdrücklich  sprach  er  aus,  daß  er  die  Zeit  der  allgemeinen
Erregung  erst  vorübergehen  lassen  wolle,  da  das  Budget  genehmigt,  der
Staatshaushalt  unter  der  umsichtigen  Leitung  des  Freiherrn  von  Varnbüler
  in  guter  Ordnung  war  und  auch  sonst  kein  Anlaß  zu  eiligen  Arbeiten
  der  Gesetzgebung  vorlag.  Für  den  Fall  eines  plötzlichen  Angriffs
der  Franzosen  hatte  er  schon  beschlossen,  die  zu  öffentlichen  Bauten  bewilligten
  Gelder  zu  benutzen.“)  So  ließ  er  denn  die  Verwaltung  ruhig
die  laufenden  Geschäfte  erledigen  und  erfreute  sein  Land  nur  einmal
durch  eine  wohltätige  Neuerung.  Im  April  1831  wurde  jene  unselige
Verordnung  vom  Jahre  1829,  welche  der  Landesuniversität  ihre  alte
Freiheit  genommen  hatte,  aufgehoben:  Tübingen  erhielt  wieder  das  Recht,
seinen  Rektor  und  seine  Dekane  zu  wählen,  eine  verständige  neue  Verfassung
  stellte  die  Universität  den  anderen  deutschen  Hochschulen  gleich.
Durch  den  heftigen  Federkrieg  der  beleidigten  deutschen  Professorenwelt
und  die  Vorstellungen  seines  Landtags  war  der  König  des  begangenen
Irrtums  inne  geworden,  und  er  stand  nicht  an,  den  Mißgriff  zurückzunehmen.“)


Mit  solchen  Zugeständnissen  ward  die  Gärung  keineswegs  beschwichtigt.
  Überall  im  Lande  erklang  der  Ruf  nach  schleuniger  Einberufung  der
Stände.  Einen  bestimmten  Zweck  verfolgten  die  Unzufriedenen  freilich  nicht;
sie  wünschten  nur,  daß  die  übervollen  Herzen  sich  irgendwie  aussprechen
sollten.  Der  Wahlkampf,  sonst  so  harmlos,  ward  diesmal  sehr  heftig;
ein  Netz  von  liberalen  Wahlvereinen  überspannte  das  Land.  Wie  Pilze
schossen  die  Zeitungen  aus  der  Erde;  in  Stuttgart  allein  erschienen  ihrer

 

*)  Salviatis  Berichte,  5.  April,  29.  September  1831,  5.  Mai  1832.
**)  Vgl.  III.  351.
        <pb n="248" />
        240  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

acht,  fast  alle  liberal,  und  vergeblich  berief  der  König  den  Schweizer
Ernst  Münch,  um  in  der  Stuttgarter  Hofzeitung  die  Opposition  zu  be—
kriegen;  das  Talent  des  oberflächlichen  Vielschreibers,  der  vormals  zu
Rottecks  Füßen  gesessen  hatte,  zeigte  sich  solchen  Gegnern  nicht  gewachsen.
Die  schwäbischen  Liberalen  waren  in  ihrer  Mehrheit  gut  deutsch  gesinnt,
für  die  Pariser  Heilslehren  minder  empfänglich  als  die  Badener,  aber
nach  Landesbrauch  sehr  eigensinnig,  und  sobald  sie  bei  den  Wahlen  zu
Anfang  1832  den  Sieg  davongetragen  hatten,  forderten  sie  den  sofortigen
Zusammentritt  des  Landtags  als  ihr  unbestreitbares  Recht.  Der  König
aber  mitsamt  seinem  vertrauten  Duzbruder,  dem  gewandten  Bureau—
kraten  Maucler  hielt  ebenso  hartköpfig  an  dem  Wortlaut  der  Verfassung
fest  und  ließ  nach  der  Wahl  alle  Versammlungen,  die  sich  noch  mit  Land—
tagssachen  befassen  wollten,  streng  verbieten.

Mittlerweile  tauchte  auch  Wangenheim  wieder  auf,  da  ihm  in  seinem
Koburger  Exile  ein  württembergischer  Wahlkreis  ein  Mandat  angeboten
hatte.  Er  war  noch  ganz  der  alte,  halb  Romantiker,  halb  konstitutio—
neller  Doktrinär,  lauschte  im  Garten  des  Geisterhauses  zu  Weinsberg
andächtig  den  Äolsharfen  seines  Freundes  Justinus  Kerner,  in  Tübingen
den  Seherworten  des  Naturphilosophen  Eschenmaier  und  erbat  sich  vom
Könige,  als  geborener  Ausländer,  die  Bestätigung  oder  Erneuerung  seines
Staatsbürgerrechts.  König  Wilhelm  überwand  seinen  stillen  Groll  gegen
den  entlassenen  Minister,  er  gewährte  die  Bitte,  erstaunte  aber  sehr,  als
Wangenheim  sich  nun  sogleich  an  die  Liberalen  anschloß  und  mit  ge—
wohntem  Selbstgefühl  erklärte,  daß  er  zwar  als  ein  Mann  der  rechten  Mitte
für  die  Sache  der  Monarchie,  für  die  Souveränität  aller  deutschen  Fürsten
eintreten,  aber  auch  die  Segnungen  der  Juli-Revolution,  die  er  mit  glühender
  Begeisterung  feierte,  den  Schwaben  übermitteln  wolle.')  Im  April
1832  ging  den  erwählten  Liberalen  die  Geduld  aus,  da  sie  noch  immer  nicht
einberufen  wurden;  sie  versammelten  sich  im  Bade  Boll  —  auch  Wangenheim
  war  darunter  —  und  erklärten  feierlich  ihr  Bedauern  über  das
„Stocken  des  verfassungsmäßigen  Lebens“.  Im  Namen  der  Boller  Versammlung
  sendete  sodann  der  heißblütige  junge  Anwalt  Schott  eine  sehr
kräftige  Bittschrift  an  den  König:  „Bis  jetzt  ist  es  in  den  Annalen  des
konstitutionellen  Staatslebens  noch  nicht  erhört,  daß  die  Bitten  des  Volks
um  Einberufung  der  Stände  keine  Beachtung  zu  erwarten  haben.“)
König  Wilhelm  blieb  fest  und  behauptete  das  Feld  noch  ein  volles  Jahr
hindurch;  das  positive  Recht  erwies  sich  stärker  als  das  konstitutionelle
Vernunftrecht.  Das  Volk  aber  klagte:  so  werde  den  Schwaben  gewaltsam
der  Mund  verschlossen.  —

 

*)  Wangenheim  an  Hartmann,  28.  Februar,  12.  August  1830,  23.,  26.  Oktober
1831;  an  König  Wilhelm,  13.  Oktober,  17.  November  1831.
**)  Schott,  Eingabe  an  den  König,  10.  Mai  1832.
        <pb n="249" />
        Unruhen  in  München.  241

In  peinlicherer  Lage  befand  sich  König  Ludwig  von  Bayern.  Nach
seiner  ganzen  Weltanschauung  konnte  er  die  Juli-Revolution  nur  verabscheuen.
  Man  sah  ihn  finster,  schweigsam  einhergehen  und  bemerkte  bald,
daß  jener  klerikale  Kreis,  welchen  die  Liberalen  nach  Pariser  Muster  die
Kongregation  nannten,  in  der  Stille  Einfluß  gewann..)  Von  den  vertrauten
  Generaladjutanten  war  der  eine,  General  Deuxponts,  ein  Vetter
Polignacs,  der  andere,  Prinz  Konstantin  Löwenstein,  weithin  verrufen  als
Feuerbrand  der  reaktionären  Partei;  im  Schlosse  Heubach  am  Main  versammelten
  sich  um  den  geistreichen  unterrichteten  Prinzen  die  Führer  der  Ultramontanen
  aus  ganz  Süddeutschland  und  jene  feudalen  Edelleute,  welche  in
der  neuen  Agrargesetzgebung  nur  „das  legalisierte  Faustrecht“  sehen  wollten.
Im  selben  Sinne  wirkte  insgeheim  der  vielvermögende  Kabinettsrat  Grandauer.
  Auch  Feldmarschall  Wrede,  der  mittlerweile  seinen  Frieden  mit
dem  Wiener  Kabinett  geschlossen  hatte,  ward  am  Hofe  wieder  hoch  geehrt.
Indessen  blieb  das  Land  noch  ruhig,  obgleich  die  hohen  Bierpreise  unter
den  Gästen  des  Hofbräus  viel  Zorn  erregten.  Als  Ludwig  am  Jahrestage
  der  Leipziger  Schlacht  den  Grundstein  zur  Walhalla  legte,  rühmte
sein  Minister  Schenk  in  prahlerischer  Rede,  wie  „fest  und  ruhig  hier
der  glückliche,  weil  beglückende  König  Bayerns“  stehe,  während  ringsumher
die  Empörung  tobe.  Der  König  ließ  sogar  auf  die  Treue  seiner  Bayern
eine  Münze  schlagen  und  sang  ihnen  zu:

Siegend  alle  Proben  schon  bestanden,
Bleibt  ihr  immerdar  bei  eurer  Pflicht.
Selbst  die  frühsten  Zeiten  so  euch  kannten;
Bayern,  zu  verderben  seid  ihr  nichtl

Was  er  an  Sicherheitsmaßregeln  für  nötig  hielt,  versparte  er  sich  auf
die  Zeit  nach  den  Neuwahlen,  die  im  Dezember  stattfanden.

Da  wurde  die  Ruhe  der  Hauptstadt  in  der  Weihnachtswoche  mehrmals
  durch  rohen  Unfug  der  Studenten  gestört.  Es  war  ein  gemeiner
Straßenlärm,  ohne  politischen  Zweck,  nur  mittelbar  gefördert  durch  den
unbestimmten  Tatendrang  der  aufgeregten  Zeit.  König  Ludwig  aber
hörte  auf  die  Einflüsterungen  seiner  Umgebung,  er  wähnte  einer  furchtbaren
  Verschwörung  gegenüberzustehen,  befahl  zahlreiche,  zum  Teil  ungesetzliche
  Verhaftungen,  er  schloß  die  Universität  auf  einige  Zeit  und  benutzte
  nunmehr  die  Vollmacht,  die  er  sich  vom  Bundestage  erbeten  hatte.
Am  28.  Januar  1831  erließ  Minister  Schenk  eine  Preßverordnung,
welche  die  Besprechung  innerer  Angelegenheiten  der  Zensur  unterwarf  und
den  Zeitungsschreibern  unter  anderem  auch  verbot,  die  Striche  der  Zensoren
  durch  Lücken  im  Druck  anzudeuten:  diese  oft  sehr  drastisch  wirkenden
„Zensurlücken“  waren  neuerdings  als  ein  willkommenes  Mittel  der  Notwehr
  bei  der  mißhandelten  liberalen  Presse  in  Gebrauch  gekommen.  Die

 

*)  Küsters  Berichte,  25.  August  1830  ff.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  16
        <pb n="250" />
        242  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

Verordnung  entsprach  den  Verfassungsgesetzen,  welche  die  Zensur  für
alle  Zeitschriften  politischen  und  statistischen  Inhalts  vorschrieben;  aber  sie
stand  in  grellem  Widerspruche  mit  dem  seit  Jahren  herrschenden  milderen
Brauche  und  mit  des  Königs  eigenen  Worten.  Wie  oft  hatte  er  sich
doch  in  früheren,  hoffnungsfrohen  Jahren  gerühmt,  daß  seine  Bayern
über  bayrische  Dinge  unbeschränkt  ihre  Meinung  sagen  dürften!  Dann
erfuhr  man,  daß  fünf  von  den  54  in  die  Kammer  gewählten  Staatsund
  Gemeindebeamten  keinen  Urlaub  erhalten  hätten.  Auch  damit  glaubte
der  König  nur  sein  verfassungsmäßiges  Recht  auszuüben.  Doch  jedermann
  sah,  daß  der  Urlaub  den  fünf  Abgeordneten  nicht  wegen  der  Erfordernisse
  des  öffentlichen  Dienstes,  sondern  um  ihrer  liberalen  Gesinnung
wegen  verweigert  wurde;  und  zudem  war  die  Frage,  ob  auch  Gemeindebeamte
  des  Urlaubs  bedürfen,  noch  immer  streitig.

Diese  Schritte  der  Regierung  erregten  überall  so  tiefen  Unmut,
daß  die  Stadträte  von  Nürnberg  und  Bamberg  sich  berechtigt  hielten,
an  den  König  selbst  unehrerbietige  Eingaben  zu  richten.  Die  Nürnberger
nannten  die  „unglückselige  Ordonnanz  vom  28.  Jan.“  geradezu  „verfassungs=
  und  eideswidrig“,  sie  beschwerten  sich  über  die  Ausschließung
„der  Männer,  welche  unter  den  Gewählten  am  meisten  das  Vertrauen
des  Volkes  genießen“;  sie  versicherten,  im  Lande  herrsche  „eine  kaum  je
erlebte  Gärung:  die  Bewohner  Nürnbergs  blicken  mit  wahrem  Schauder
in  die  nächste  Zukunft.“  Der  König  erwiderte  sehr  mild:  es  sei  ihm
schmerzlich,  verkannt  zu  werden,  aber  wie  er  die  Freiheit  der  Wahlen
gewahrt  habe,  so  wolle  er  auch  seine  eigenen  Rechte  wahren.*)  Die  versöhnliche
  Antwort  beschwichtigte  nicht.  Aus  den  Bergen  des  Allgaus  lief
eine  noch  weit  heftigere  Adresse  an  den  Landtag  ein:  die  Regierung  habe
die  Verweigerung  des  Urlaubs  nur  deshalb  so  weit  ausgedehnt,  „um  sich
gegen  jene,  durch  die  Ereignisse  des  Juli  jetzt  glücklich  zernichtete  hohe
Allianz  gefällig  zu  zeigen.  Wir  sollen  eine  bloße  Schein-Repräsentation
besitzen  und  doch  so  gutmütig  sein  zu  glauben,  wir  hätten  eine  wahre.
Die  Minister  eilen,  sich  die  traurige  Verlassenschaft  Karls  X.  anzueignen;
doch  auch  sie  haben  falsch  gerechnet  wie  das  deplorable  Ministerium.
Repräsentanten!  Enthüllet  dem  Könige  den  furchtbaren  Abgrund,  an  den
heuchlerische  Frömmlinge  ihn  führten  “)

Wie  kamen  diese  braven  Kleinbürger,  die  sich  in  der  Krone  zu  Kempten
oder  in  der  Post  zu  Immenstadt  bei  der  landesüblichen  „Elfuhr-Meß“,
beim  Frühschoppen,  zusammenzufinden  pflegten,  zu  solchen  französischen.
Redensarten?  Es  ließ  sich  nicht  verkennen,  die  Aufregung  im  Volke  war
vorhanden,  aber  sie  ward  auch  künstlich  gefördert  durch  eine  verwilderte

 

*)  Eingabe  des  Magistrats  von  Nürnberg,  Febr.  Kabinettsschreiben  des  Königs
an  Präsident  Frhr.  Zu  Rhein,  Bürgermeister  Binder  und  Bayl,  8.  Febr.  1831.
*“)  Adresse  aus  Kempten  an  die  Kammer  der  Abgeordneten,  17.  Febr.  1831.
        <pb n="251" />
        Das  bayrische  Preßgesetz.  243

Presse,  die  sich  gutenteils  von  dem  Abhub  der  Pariser  Tische  nährte.
Mit  Unmut  bemerkte  der  Freiherr  vom  Stein  noch  kurz  vor  seinem
Tode:  wie  sei  der  ehrwürdige  Name  „Publizist“,  den  unsere  Altvorderen
einem  Pufendorf,  einem  Möser  beilegten,  jetzt  durch  eine  Rotte  seichter
und  gewissenloser  Tagesschreiber  herabgebracht!  Unter  der  Masse  kleiner
Blätter,  die  neuerdings  aufgeschossen  waren,  sprach  das  Bayrische  Volks—
blatt  noch  am  ruhigsten;  hier  verfocht  der  wunderliche,  von  den  Dema—
gogenjägern  so  lange  mißhandelte  medizinische  Systematiker  Eisenmann  die
Lehren  Rottecks  mit  warmem  Herzen,  aber  ohne  jede  Sachkenntnis.
Stürmischer  redete  der  Belgier  Coremans  in  seiner  Freien  Presse,  am
wildesten  der  Franke  Wirth  in  der  Deutschen  Tribüne.  Alle  diese  Lite—
raten  gewannen  bald  eine  unheilvolle  Macht  über  den  Landtag,  obgleich
sie  selber  nicht  Abgeordnete  waren.  Coremans  pflegte  vor  wichtigen  Ab—
stimmungen  ein  drohendes  Manifest  an  die  Volksvertreter  zu  richten,  nach
der  Entscheidung  die  Namen  der  gesinnungstüchtigen  in  rotgedruckten
Ehrenlisten  zu  veröffentlichen  und  schüchterte  also  manche  brave  Männer
ein,  da  die  Kleinbürger  an  das  Evangelium  der  Zeitungen  noch  überall
kindlich  glaubten.  Wirth  bearbeitete  die  Volksvertreter  im  persönlichen
Verkehre,  und  nicht  selten  geschah  es,  daß  ein  dunkler  Ehrenmann,  der
noch  nie  ein  Wort  gesprochen,  sich  im  Hause  erhob,  um  vom  Blatte  weg
eine  mächtige  Rede  abzulesen,  deren  Satzbau  und  Gedanken  den  Heraus—
geber  der  Deutschen  Tribüne  deutlich  erkennen  ließen.  Durch  solchen
Terrorismus  unberufener  journalistischer  Mitarbeiter  wurden  die  Ver—
handlungen  der  Stände  von  Haus  aus  vergiftet  und  verfälscht.

Der  König  wiederholte  in  seiner  Thronrede  vom  1.  März,  was  er
so  oft  gesagt:  „Ich  möchte  nicht  unumschränkter  Fürst  sein,“  aber  er  rief
auch  warnend:  „Volksgunst  auf  des  Staatszwecks  Kosten  darf  nicht  er—
strebt  werden.“  Zu  Beginn  der  Verhandlungen  erhob  Freiherr  von  Closen
eine  heftige  wohlberechtigte  Beschwerde  wider  die  willkürlichen  Verhaftungen
in  München.  Der  beredte  Pfälzer  hatte  von  seinem  Vater,  einem  Kriegs—
gefährten  Washingtons  und  Lafayettes,  die  glühende  Begeisterung  für
die  Freiheit  geerbt,  indes  war  er  keineswegs  gemeint,  den  Boden  der  Ver—
fassung  zu  verlassen,  den  König  persönlich  und  dessen  Mäcenatentum
bewunderte  er  aufrichtig.  Er  gehörte  mit  zu  jenen  fünf  Abgeordneten,
denen  der  Urlaub  versagt  war,  und  hatte  sein  Amt  niedergelegt,  um  in
die  Kammer  einzutreten.  Statt  diesen  treuen  Mann  durch  Wohlwollen
zu  gewinnen,  suchte  die  Regierung  in  unbegreiflicher  Verblendung  ihn  zu
verderben.  Sie  warf  die  gehässige  Frage  auf,  ob  Closen  mit  Recht  in
der  Kammer  sitze,  da  er  zwar  auf  sein  Amt  verzichtet  habe,  aber  zur  Zeit
der  Wahl  noch  Staatsdiener  gewesen  sei.  Mit  erdrückender  Mehrheit
wurde  dies  Bedenken  abgewiesen,  und  nun  ergoß  sich  von  allen  Seiten
her  ein  Strom  des  Unwillens  über  die  Minister.  Zumal  Schenk,  „der
Vater  der  Preßordonnanz,  der  bayrische  Polignac“  sollte  wegen  Verfassungs-16
        <pb n="252" />
        244  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

bruchs  angeklagt  werden.  Von  den  Beschlüssen  des  Bundestags  sprach
man  nur  mit  zorniger  Verachtung;  selbst  Ignaz  Rudhart,  der  wieder
mit  dem  herzerwärmenden  Feuer  seiner  Beredsamkeit  für  die  Sache  des
gemäßigten  Liberalismus  eintrat,  schlug  Bayerns  Bundespflichten  sehr
niedrig  an  und  forderte  die  unbeschränkte  Preßfreiheit.

Nach  langen  erbitterten  Kämpfen  sah  der  König  endlich  ein,  daß  er
den  verhaßten  Minister  nicht  mehr  halten  konnte.  Schenk  wurde  in  die
Provinz  versetzt  und  den  Ständen  eine  neue,  sehr  gemäßigte  Preßverordnung
  vorgelegt:  sie  gab  die  Besprechung  bayrischer  Angelegenheiten
völlig  frei  und  widersprach  also  schnurstracks  den  neuen,  durch  Bayern
selbst  veranlaßten  Bundesbeschlüssen.  Auch  dies  genügte  der  Kammer  noch
nicht;  die  Köpfe  hatten  sich  schon  so  sehr  erhitzt,  daß  sogar  Präsident  Seuffert,
der  Diplomat  des  Hauses  rundab  erklärte:  „Alles  oder  nichts!“  Die
Kammer  der  Reichsräte  aber  wollte  den  Abgeordneten  auf  ihrer  abschüssigen
  Bahn  nicht  folgen,  und  so  blieb  denn  der  gewaltige  Lärm
schließlich  ohne  jedes  Ergebnis.  Die  Krone  behielt  freie  Hand  gegenüber
der  Presse.  Ebenso  unerquicklich  verlief  der  langwierige  Streit  wegen  der
Urlaubsverweigerung;  zu  einem  Verzicht  auf  sein  verfassungsmäßiges
Recht  ließ  sich  der  König  nicht  bewegen.

Darüber  vergingen  Monate;  erst  in  ihrer  hundertsten  Sitzung  begann
die  Kammer  die  Beratung  des  Budgets  und  bewährte  sogleich  ihre  Gesinnungstüchtigkeit
  durch  umfassende  Streichungen,  obgleich  Armansperg
durch  seine  übersparsame  Verwaltung  das  Defizit  von  fast  3  Millionen
Gulden  beseitigt  und  einen  Überschuß  von  7  Millionen  gewonnen  hatte.
Die  ohnehin  viel  zu  knapp  bemessenen  Ausgaben  für  das  verwahrloste
Heer  sollten  noch  einmal  beschnitten  werden.  Auch  die  Vereidigung  des
Heeres  auf  die  Verfassung  wurde  beantragt.  Diese  törichte  Forderung
galt  selbst  unter  den  Gemäßigten  für  einen  unantastbaren  Glaubenssatz
des  liberalen  Katechismus;  indes  war  Rudhart  klug  genug,  zu  erklären,
daß  er  dem  verfassungstreuen  Monarchen  kein  Mißtrauen  aussprechen
wolle,  und  so  gelang  es,  den  Antrag  noch  zu  beseitigen.  Aber  auch  die
Zivilliste  des  Königs  dachten  die  Liberalen  um  fast  ein  Viertel  zu  kürzen
und  die  Verhandlungen  darüber  mußten  den  Monarchen  tief  kränken,
da  jedermann  wußte,  daß  er  von  seinem  Einkommen  nichts  für  sich,
alles  für  die  Kunst  verwandte.  Für  die  Kunstpflege,  die  unter  König
Ludwig  doch  allein  dem  bayrischen  Staatsleben  Würde  und  Inhalt  gab,
zeigte  der  aufgeklärte  Liberalismus  wenig  Verständnis;  fast  alle  Ausgaben
für  Neubauten  wurden  verworfen.  Die  mächtigen  Quadermauern  der
Pinakothek  ragten  schon  aus  dem  Erdboden  heraus;  dennoch  verweigerte
die  Kammer  —  vielleicht  nach  dem  Buchstaben,  doch  sicherlich  gegen  den
Geist  der  Verfassung  —  die  Mittel  zur  Fortführung  des  Werkes.  Ein
liberaler  Redner  rief  triumphierend:  möge  dieser  Bau  liegen  bleiben
„als  eine  Ruine  der  Gesetzmäßigkeit!“  —  und  der  König  sah  sich  ge-
        <pb n="253" />
        Die  Opposition  im  bayrischen  Landtage.  245

zwungen,  eine  halbe  Million  Gulden  aus  seinen  eigenen  Mitteln  vor—
zuschießen.

Bei  allen  diesen  Händeln  trat  wieder  grell  zu  Tage,  wie  wenig  der
bayrische  Staat  noch  vermocht  hatte,  den  Gegensatz  der  Landschaften  zu
versöhnen.  Die  Pfälzer  und  die  Franken  standen  fast  sämtlich  zu  der
liberalen  Fahne,  allen  voran  der  Advokat  Schüler  aus  Bergzabern,  „die
Stütze  des  Volks,  der  Koloß  an  Geist  und  Charakter“  —  wie  die  Zei—
tungen  ihn  nannten  —,  in  der  Tat  ein  feiner  Kopf,  der  seine  radikalen
Ansichten  fast  immer  klug  und  mit  vornehmem  Anstand  vertrat.  Bei  den
Altbayern  dagegen  herrschte  die  alte  Begeisterung  für  Thron  und  Altar,
mehr  noch  im  Volke  als  unter  den  Abgeordneten.  Die  Münchener  Bürger—
schaft  und  die  Tausende  von  Arbeitern,  welche  der  königliche  Kunstfreund
bei  seinen  Bauten  beschäftigte,  grollten  über  die  Schmälerung  der  Zivilliste
und  holten  den  Monarchen  in  feierlichem  Zuge  ein,  als  er  von  einer
Reise  heimkehrte.  Die  Gautinger  Bauern  scharten  sich  zusammen  unter
der  Führung  des  bergischen  Freiherrn  von  Hallberg,  des  allbekannten
„Eremiten  von  Gauting“,  und  sendeten  eine  geharnischte  Adresse:  der
König  möge  seinen  getreuen  Bauern  nur  winken,  „und  in  einer  Stunde
haben  Ew.  Majestät  keine  lebenden  Feinde  mehr!“  Seitdem  diente  der
Name  der  Gautinger,  wie  vormals  am  Rhein  der  Name  der  Hatzenporter,
der  liberalen  Presse  viele  Jahre  lang  zur  Bezeichnung  des  Bedientensinnes.

Eine  schwierige  Mittelstellung  zwischen  den  Parteien  behauptete  der
junge  Freiherr  von  Rotenhan  aus  der  fränkischen  Reichsritterschaft,  ein
Burschenschafter,  von  der  Hochschule  her  mit  Stüve  und  dem  Jenenser
Buchhändler  Frommann  befreundet,  durch  Blutsverwandtschaft  und  Gesinnungsgemeinschaft
  mit  dem  Berliner  Präsidenten  Grolman  eng  verbunden,
  ein  edler  Patriot  von  freiem,  weitem  Blicke,  unabhängig  nach
oben  wie  nach  unten.  Die  Liberalen  wußten  seinen  Freimut  noch  nicht
zu  schätzen,  weil  er  ein  gläubiger  Protestant  war  und  als  besonnener
Reformer  den  Brandreden  der  Demagogen  oft  sehr  scharf  entgegentrat.
Gleich  ihm  dachte  sein  Freund  Graf  Giech,  der  Schwiegersohn  des  Freiherrn
vom  Stein.  Die  beiden  bildeten  fast  die  einzige  Brücke  zwischen  der
historischen  Staatsgesinnung  des  Nordens  und  dem  vernunftrechtlichen
Liberalismus  des  Südens.  Wie  weit  die  Kluft  zwischen  diesen  Ansichten
noch  war,  das  empfand  Christian  Rauch  sehr  lebhaft,  als  er  um  jene
Zeit  zur  Vollendung  seines  Königsdenkmals  nach  München  kam;  Thiersch
und  seine  anderen  bayrischen  Freunde  betrachteten  ihn  fast  wie  einen  Kosaken,
  weil  er  als  guter  Preuße  das  gerühmte  allgemeine  Staatsrecht
nicht  bewundern,  in  den  Polen  nur  die  Feinde  seines  Vaterlandes  sehen
wollte.

Nach  langem  Feilschen  kam  das  Budget  doch  noch  zustande;  die
Abstriche  waren  so  stark,  daß  man  ein  Fünftel  der  direkten  Steuern
erlassen  konnte.  Im  übrigen  leistete  die  lärmende  Versammlung  sehr
        <pb n="254" />
        246  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

wenig:  über  die  Ablösung  der  Scharwerke  und  der  Zehnten,  über  das
längst  geplante,  dringend  nötige  Landeskulturgesetz  äußerte  sie  nur  aller—
hand  Wünsche,  ohne  sich  über  ausführbare  Vorschläge  zu  einigen,  und
der  beschränkten  Gewerbefreiheit,  welche  das  neue  Konzessionssystem  ge—
währte,  trat  sie  sogar  feindlich  entgegen,  weil  die  Kleinbürger,  geängstigt
durch  den  wachsenden  Wettbewerb,  sich  in  stürmischen  Adressen  über  die
neue  Freiheit  beschwerten.  Als  die  Stände  um  Weihnachten  mit  wenigen
trockenen  Worten  heimgeschickt  wurden,  da  trennte  man  sich  zwar  noch
in  leidlichem  Frieden.  Ein  Bruch  war  für  diesmal  vermieden,  und  das
preußische  Auswärtige  Amt  erkannte  dankbar  an,  daß  die  Landtagsver—
handlungen  hier  doch  nicht  ganz  so  stürmisch  verlaufen  waren  wie  in
Karlsruhe  oder  Kassel.“)  Rotenhan  aber  und  wer  sonst  unter  den  be—
sonneneren  Abgeordneten  dem  Hofe  nahe  stand,  schaute  voll  Besorgnis
in  die  Zukunft.  Denn  der  König,  dessen  Wille  in  dem  streng  monar—
chischen  Staate  doch  immer  den  Ausschlag  gab,  verhehlte  nicht  seinen
Zorn  über  die  törichten  und  aufreizenden  Reden  dieses  „langen  und
leidigen  Landtags“.  Er  ward  irr  an  den  konstitutionellen  Idealen  seiner
Jugend.  Nach  der  Weise  enttäuschter  Enthusiasten  wendete  er  sich  schroff
von  diesen  holden  Träumen  ab  und  ließ  den  selbstherrlichen  Neigungen
seines  Charakters  die  Zügel  schießen,  obgleich  er  an  die  förmliche  Aufhebung
  der  Verfassung  niemals  dachte.  „Erobert  von  der  Prosa  wird
die  Welt“,  so  rief  er  schmerzlich,  als  ihm  die  Liberalen  seine  künstlerischen
Pläne  störten  und  Goethe  dem  verkannten  frommen  Bauherrn  seine
Teilnahme  aussprechen  ließ.  Er  klagte  über  den  Wandel  der  Volksgunst,
über  das  Schwinden  der  alten  Treue:

Deutsches  Volk,  das  einst  so  fromm  und  bieder,

Nun  ergriffen  von  dem  Schwindelgeist,

Redlich  wie  du  warest  werde  wieder!

Besser  die  Geschichte  keines  weist.

Und  es  blieb  nicht  bei  den  strafenden  Worten.  Die  Opposition
hatte  sich  gründlich  verrechnet,  als  sie  nach  der  Entlassung  Schenks  den
Beginn  eines  liberalen  Regiments  erhoffte.  Zu  Ende  des  Jahres  trat
der  alte  Zentner  aus,  der  so  viele  Jahre  hindurch  Beamtentum  und
Landtag  in  Eintracht  erhalten  hatte.  Zugleich  erhielt  auch  Armansperg
ungnädigen  Abschied,  zum  großen  Leidwesen  der  preußischen  Regierung;
alle  seine  Verdienste  um  den  Staatshaushalt  und  den  preußisch-bayrischen
Zollvertrag  galten  jetzt  nichts  mehr,  da  der  österreichische  Hof  und  die
Genossen  der  Münchener  „Kongregation“  ihn  schon  längst,  durchaus  mit
Unrecht,  als  einen  geheimen  Gönner  des  Liberalismus  verdächtigt  hatten.“)
Nunmehr  übernahm  Feldmarschall  Wrede  den  Vorsitz  im  Ministerrat.

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Küster,  8.  Jan.  1832.
*v)  Küsters  Berichte,  14.  Febr.,  18.  Apr.,  7.,  24.  Mai,  22.,  31.  Dez.  1831.
        <pb n="255" />
        König  Ludwigs  Verstimmung.  247

Gleich  ihm  war  auch  der  neue  Minister  des  Auswärtigen,  Frhr.  von  Gise
ein  Anhänger  Metternichs.  Von  dem  Fürsten  Oettingen-Wallerstein,
einem  geistreichen  Weltmanne,  dem  der  König  ganz  unvermutet  die  Ver—
waltung  des  Innern  übertrug,  wußte  man  bisher  noch  wenig.  Nur  so
viel  war  sicher,  daß  die  neue  Regierung  der  Wiener  Hofburg  näher  stehen
würde  als  die  alte.  Unablässig  bearbeitete  Kaiserin  Karoline  Auguste
ihren  königlichen  Bruder  mit  frommen  Ratschlägen;  und  da  in  Bayern
eine  politisch-konservative  Partei  außerhalb  der  Kreise  des  hohen  Beamtentums
  kaum  vorhanden  war,  so  regte  sich  schon  die  besorgte  Frage,  ob
König  Ludwig  sich  nicht  bald  den  mächtigen  Klerikalen,  die  seinen  romantischen
  Anschauungen  doch  sehr  nahe  standen,  ganz  in  die  Arme
werfen  würde.  —

 

Noch  eifriger  als  die  Landtage  bemühte  sich  die  rasch  ins  Kraut  geschossene
  Presse  Süddeutschlands,  die  Höfe  in  die  Bahnen  der  Reaktion
hineinzuzwingen.  Unter  den  Zeitschriften  des  oberländischen  Liberalismus
galten  die  früherhin  von  Posselt,  dann  von  Murhard,  neuerdings  von  Rotteck
herausgegebenen  Politischen  Annalen  immerhin  noch  für  das  anständigste
Blatt,  und  welch  ein  törichtes  radikales  Weltbürgertum  ward  hier  vertreten.
  Von  Deutschland,  von  den  Pflichten  nationaler  Ehre  und  Selbstbehauptung
  war  gar  nicht  mehr  die  Rede.  Der  ehrliche  Freiburger
Doktrinär  sah  auf  der  Welt  nichts  weiter  als  den  Freiheit  krähenden
gallischen  Hahn  und  dessen  Todfeindin,  „die  heilige  Allianz“.  „Die  Geschichte
  der  Welt“,  so  schrieb  Rotteck  im  Januar  1831,  „hat  kein  anderes  Jahr
von  so  unermeßlicher  und  verhängnisvoller  Wichtigkeit  aufzuweisen,  wie
jenes,  das  soeben  zu  Ende  ging.“  Darum  fand  er  es  entsetzlich,  daß
„Lafayette,  der  Abgott  aller  wohldenkenden  Franzosen,  dem  schändlichen
Hasse  der  Aristokraten  aufgeopfert“  wurde.  Darum  verlangte  er  auch
die  Einmischung  der  deutschen  Mächte  zu  Gunsten  der  aufständischen  Polen,
eine  Intervention,  die  gerade  „aus  dem  Prinzip  der  Nichtintervention  zu
rechtfertigen“  sei!  „Belgien,  so  unentbehrlich  zur  Sicherstellung  Frankreichs
  gegen  die  Waffenmacht  der  heiligen  Allianz“,  wurde  zu  Rottecks
Bedauern  durch  die  Friedensliebe  der  Justemilianer  verschmäht,  und  der
badische  Staatsweise  wünschte  von  Herzen,  daß  diesem  friedlichen  Entschlusse
  des  freien  Frankreichs  nicht  „eine  allzu  späte  Reue“  folgen  möchte.
Als  der  betriebsame  bayrische  Kammerredner  Hornthal  wieder  einmal  eine
Schrift  herausgab,  um  die  Neutralität  Deutschlands  gegenüber  der  Juli-Revolution
  zu  verlangen,  da  ward  er  von  Rotteck  hart  angelassen:  das
sei  zu  wenig;  jetzt  handle  es  sich  um  die  allgemeine  Freiheit  und  Zivilisation,
  also  müßten  Deutschlands  konstitutionelle  Fürsten  Partei  ergreifen,
„ihr  Wort  und  ihre  Arme  legen  in  die  Wagschale  der  Konstitution“.  So
mit  der  ganzen  harmlosen  Unwissenheit  des  politischen  Dilettanten  predigte
        <pb n="256" />
        248  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

der  Freiburger  Volksmann  die  Zerreißung  seines  Vaterlandes;  zu  verwundern
  war  es  nicht,  wenn  General  Clausewitz  und  die  anderen  preußischen
  Patrioten  ihn  einfach  für  einen  Landesverräter  hielten.

Die  kleinen  Leute  von  der  Presse  überboten  noch  das  Vorbild  des
Meisters.  Wer  diesen  Stimmen  glaubte,  der  mußte  wähnen,  alles  Leben
der  Völker  gehe  nur  in  den  Zeitungen  und  den  Kammerreden  auf.  Da
die  Preußen  von  diesem  zweifachen  Glücke  bisher  nur  wenig  besaßen,  so
wurden  sie  mit  grenzenloser  Verachtung  behandelt,  und  niemand  bemerkte,
daß  der  Preuße  im  täglichen  Leben,  bei  der  Niederlassung,  bei  der  Heirat,
im  Gewerbebetrieb,  in  der  Gemeinde  ein  unvergleichlich  freierer  Mann  war
als  der  bureaukratisch  gegängelte  Süddeutsche.  Ein  noch  ziemlich  gemäßigtes
Blatt,  der  Stuttgarter  Hochwächter,  herausgegeben  von  Lohbauer,  faßte
einmal  (9.  Jan.  1832)  die  Grundgedanken  dieser  konstitutionellen  Selbstberäucherung
  also  zusammen:  „Ausland  heißt  in  diesem  Augenblick  den
konstitutionellen  Deutschen  jeder  Staat,  der  ein  anderes  als  ein  konstitutionelles
  Interesse  verfolgt.  Es  klingt  hart  und  scheint  die  unselige  Trennung
  Deutschlands  verewigen  zu  wollen,  wenn  wir  sagen,  daß  wir  unsere
preußischen  und  österreichischen  Stammgenossen  als  Ausländer  betrachten.
Nachdem  wir  aber  einmal  die  Worte  Deutsch  und  Konstitutionell  für  gleichbedeutend
  genommen  haben,  so  müssen  sich's  unsere  österreichischen  und
anderen  Sprachgenossen  schon  gefallen  lassen,  wenn  wir  ihnen  die  Bruderschaft
  so  lange  aufkündigen,  bis  wir  sie  auf  einem  Wege  mit  uns  wandeln
sehen.  Wir  sind  nun  zwar  nicht  gemeint,  daß  die  Preußen  oder  Osterreicher
  von  uns  mißachtet  werden  müssen;  aber  man  nehme  uns  nicht
übel,  wenn  wir  vorderhand  bessere  Freunde  der  Franzosen  sind,  von  denen
wir  Schutz  für  den  Bestand  unserer  Verfassungen  zu  erwarten  haben.“

In  Freiburg  taten  sich  die  Liberalen  sofort  nach  der  Verkündigung
des  neuen  Preßgesetzes  zu  einer  Aktiengesellschaft  zusammen  und  gründeten
„den  Freisinnigen“.  Die  Leitung  übernahm  für  eine  Weile  der  Freiherr
  von  Reichlin-Meldegg,  ein  katholischer  Priester,  der  um  diese  Zeit  zur
evangelischen  Kirche  übertrat  und  sich  der  rationalistischen  Schule  des
Heidelbergers  Paulus  anschloß,  unzweifelhaft  ein  ehrlicher  Mann,  aber
so  platt  und  abgeschmackt,  daß  er  in  guter  Gesellschaft  höchstens  als  Spaßmacher
  geduldet  werden  konnte.  Groß  war  der  Jubel,  als  dies  „erste
Kind  der  Preßfreiheit“  zur  Welt  kam.  Die  Studenten  fuhren  eine  auf
Atlas  gedruckte  Nummer  des  „Freisinnigen“  in  feierlichem  Zuge  durch  die
Stadt.  Daran  schloß  sich  das  unvermeidliche  Festmahl.  Eine  Abgesandtschaft
  der  Buchdrucker  überreichte  Welcker  —  dem  Manne,  „der  die  schöne
Motione  macht“,  wie  man  im  Ländchen  sagte  —  die  gleich  unvermeidliche
Lorbeerkrone.  Rotteck  rief:  „Das  in  allen  zivilisierten  Ländern  des  Erdteils
  und  der  Welt  ausgebreitete  Volk  der  Freigesinnten,  im  Gegensatz
der  Herrischgesinnten  und  Knechtischgesinnten,  lebe  hoch!“  Dann  trank
ein  junger  Doktor  auf  die  Gesundheit  und  das  lange  Leben  eines  Vogels,
        <pb n="257" />
        Der  Freiburger  Freisinnige.  249

des  gallischen  Hahnes,  der  zum  zweitenmal  durch  seinen  kräftigen  Flügel—
schlag  die  Ketten  zerrissen  habe.  Zum  Schluß  erhob  sich  der  ebenfalls
unvermeidliche  „edle  Pole“,  um  seinen  Unwillen  über  das  Regiment  des
französischen  Justemilieu  auszusprechen,  worauf  Rotteck,  um  ihn  zu  trösten,
Lafayette  leben  ließ,  „die  reinste  Personifikation  des  edelsten  Geistes  und
Charakters  in  Frankreichs  Revolution  und  Volk.“  Die  mit  so  großen  Er—
wartungen  begrüßte  Zeitschrift  besprach  die  auswärtige  Politik  mit  blinder
Leidenschaft  und  vollendeter  Unwissenheit;  beharrlich  wiederholte  sie  ihren
Lesern  das  alberne  Märchen,  daß  Österreich  und  Preußen  die  Deutschen,
wie  einst  Napoleon  gegen  die  Spanier,  so  jetzt  gegen  die  Freiheit  Frankreichs
  als  willenlose  Knechte  in  den  Kampf  führen  wollten.

Über  die  heimischen  Angelegenheiten  urteilte  der  „Freisinnige“
ruhiger,  sachkundiger,  und  wer  ihn  mit  den  anderen,  leider  recht  ungeratenen
  Erstlingen  der  neuen  Preffreiheit  verglich,  der  konnte  schon  erkennen,
  daß  die  badische  Opposition  zwei  grundverschiedene  Parteien  umschloß.
  Im  Oberlande  donnerte  „der  Schwarzwälder“  des  jungen  Juristen
Bader  gegen  die  Zwergmännerchen  der  Kabinette  und  die  Kaste  der  sogenannten
  Adligen  mit  ihren  Ausschweifungen,  ihrer  Uppigkeit,  ihren
Lastern:  „sie  mögen  nur  herkommen,  die  Knechte  der  Tyrannei!“  In
Mannheim  ließ  der  frische,  geistreiche,  aber  auch  zerfahrene  und  flüchtige
Brausekopf  Franz  Stromeyer  den  „Wächter  am  Rhein“  erscheinen.  Dann
und  wann  gab  ihm  sein  Schwager,  der  junge  Karl  Mathy  einen  verständigen
  Artikel;  er  selber  erging  sich  zumeist  in  wilden  Anklagen,  drohte  mit
dem  Bunde  der  Völker  gegen  die  Fürsten,  forderte  die  beiden  Großmächte
geradehin  zum  Kampfe  heraus:  Alle  Herzen  schlagen  für  Badens  Preßfreiheit:
  „Hessen,  Nassau,  Rheinbayern,  Braunschweig  werden  auf  Leben
und  Tod  mit  uns  stehen.  Das  ist  Badens  Macht!  Nur  zu  mit  der
Gewalt!  Nur  zu!  Gebt  die  Losung  zur  Wiedergeburt  des  Vaterlandes!“
Solange  man  noch  gemeinsam  dem  drohenden  Bundestage  gegenüberstand,
  konnten  sich  freilich  diese  Radikalen  von  den  gemäßigten  Liberalen
noch  nicht  scharf  abscheiden.

Überhaupt  gärten  die  Meinungen  noch  so  wild  durcheinander,  daß
keine  Partei  ihre  eigenen  Ziele  klar  erkannte.  Mancher  der  süddeutschen
Bewunderer  Frankreichs  wähnte  im  besten  Glauben,  nur  das  Werk  der
Befreiungskriege  fortzuführen,  wenn  er  die  damals  errungene  nationale
Unabhängigkeit  auf  seine  Weise  durch  den  Ausbau  der  inneren  Freiheit
zu  vollenden  suchte.  Eine  in  Straßburg  gedruckte,  offenbar  in  Baden
entstandene  Schrift  „Bitt'  ums  Wort,  eine  kleine  halbe  Stunde  mit
Arndt  und  Jahn“  fragte  den  Turnmeister  ganz  verwundert:  man  sage,
er  urteile  ungünstig  über  die  Juli-Revolution;  „das  kannst  du  nicht  gesagt
  haben,  alter  Kämpe,  du  hast  der  Freiheit  Rennlaufbahn  in  Deutschland
  eröffnet.  Die  Franzosen  sind  die  Jugend  Europas,  von  allen  Völkern
der  Erde  müssen  sie  gerade  dir  am  besten  gefallen.“  Arndts  Schrift  gegen
        <pb n="258" />
        250  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

die  Belgier,  die  sich  leider  nicht  hinwegleugnen  ließ,  erschien  diesem  Ba—
dener  wie  eine  unbegreifliche  Verirrung:  „Wäre  Arndt  nicht  ein  Mann
des  Volkes,  so  könnte  man  glauben,  dies  Buch  sei  die  erkaufte  Stimme
eines  feilen  Kabinettslakaien  oder  Ministers.“  Das  einzige  unabhängige
badische  Blatt,  das  sich  der  Übermacht  des  Liberalismus  entgegenstemmte,
die  Mannheimer  Zeitung,  verspottete  mit  scharfem  Witze  Rottecks  vernunftrechtliche
  Gemeinplätze  und  die  Selbstüberhebung  seiner  Genossen;  in  einzelnen
  Artikeln  verrieten  sich  die  Federn  geistreicher  Heidelberger  Professoren.
Indes  zeigte  auch  diese  Zeitung,  wie  fast  alle  konservativen  Organe  des  Südens,
  deutlich  ihre  klerikalen  Hintergedanken,  und  schon  darum  konnte  sie
in  den  protestantischen  Landesteilen  wenig  Ansehen  gewinnen.

Nicht  minder  laut  lärmten  die  Zeitungen  in  den  Nachbarländern.  In
Württemberg  hatte  der  Schwäbische  Merkur,  der  namentlich  über  die  deutsche
Handelspolitik  sehr  verständig  urteilte,  einen  schweren  Stand  neben  der
Masse  der  neu  aufgeschossenen  radikalen  Blätter.  „Kein  Ehrenmann  wird
sich  der  Schmach  bequemen“  —  also  stand  auf  dem  Titel  des  Reutlinger
„Beobachters“  zu  lesen  neben  dem  Bilde  der  Stange  mit  dem  Geßlerhute.
  „Der  Hauptstrom,  auf  welchem  der  allgewaltige  Zeitgeist  einherfährt,“
flutete  natürlich  wider  den  Damm  der  heiligen  Allianz;  alle  Männer
von  Kraft,  Mut  und  festem  Willen  sollten  in  dem  Beobachter  ihren
Sprechsaal  finden  und  zugleich  versprach  er  diesen  Tapferen  strenge
Geheimhaltung  ihrer  Namen:  —  so  unantastbar  erschien  bereits  die  entsittlichende
  Anonymität  der  Presse.  Die  Rede  dieser  radikalen  Schwaben
klang  noch  sehr  bescheiden  neben  den  Kraftworten  der  „Zeitschwingen“,
die  in  Hanau,  dicht  unter  den  schadenfrohen  Augen  des  alten  Kurfürsten,
von  G.  Stein  herausgegeben  und  in  Frankfurt,  zum  Schrecken  des  Bundestags,
  durch  geheime  Stafetten  verbreitet  wurde.  Hier  ward  die  unbedingte
  Einheit  des  Vaterlandes,  die  Vernichtung  aller  Staaten  und
Staatlein,  mochten  sie  Preußen  oder  Hessen-Homburg  heißen,  stürmisch
gefordert,  aber  auch  das  angeborene  Phlegma  des  deutschen  Michels  in
Börnes  Weise  verhöhnt  und  die  Gesamtheit  der  konstitutionellen  Deutschen
ermahnt,  nach  dem  Beispiele  der  Polen,  des  „Musterbildes  der  Völker“,
den  Kampf  zu  beginnen  gegen  Preußen:  „Ich  hasse  den  Feind;  aber  den
Heuchlerfreund,  den  hasse  ich  nicht,  den  verachte  ich  aufs  tiefste.  Wie  Preußen
Deutschland  überreden  möchte,  daß  es  selber  der  Schild  der  Freiheit  sei,
so  spiegelt  es  der  Welt  vor,  es  wolle  den  Frieden  und  das  Glück  Europas,
während  es  den  nordischen  Feind  durch  seinen  Bund  zum  Herrn  unseres
Glücks  (ach,  unseres  Unglücks!)  macht.“

Das  alles  ward  aber  weit  überboten  von  der  urkräftigen  Sprache
der  Zeitungen  in  der  bayrischen  Rheinpfalz.  Wieder  einmal  schuf  sich
das  zerfahrene  politische  Leben  der  Nation  für  kurze  Zeit  einen  unnatürlichen
  Mittelpunkt:  das  entlegene  pfälzische  Grenzgebiet  wurde,  wie  einst
Koblenz  in  der  Zeit  des  Rheinischen  Merkurs,  Jena  in  den  Tagen  der
        <pb n="259" />
        Die  Radikalen  in  der  Pfalz.  251

Nemesis  und  der  Isis,  zum  Feuerherde  der  deutschen  literarischen  Oppo—
sition,  obgleich  diesem  Ländchen  von  Kleinbürgern  und  Kleinbauern  schlechterdings
  alles  fehlte,  was  der  politischen  Presse  Gehalt  und  Macht  gibt.
Nur  der  tiefe  Groll,  der  die  liberalen  Schriftsteller  beseelte,  fand  hierzulande
  einen  natürlichen  Boden;  denn  nirgends  ward  der  Jammer  der
deutschen  Zerrissenheit  so  handgreiflich  empfunden.  Eingeklemmt  zwischen
den  Zolllinien  Frankreichs  und  des  preußisch-hessischen  Vereins,  abgesperrt
von  dem  bayrischen  Hauptlande,  lernte  die  Pfalz  den  Segen  des  freien
Verkehrs  fast  nur  an  den  falschen  Sechsern  kennen,  mit  denen  der  Koburger
  Herzog  von  St.  Wendel  aus  sie  freundnachbarlich  überschwemmte.
Der  Absatz  stockte;  die  Auswanderung  nach  dem  gelobten  Eldorado  des
fernen  Westens  nahm  hier  noch  bedenklicher  überhand  als  in  den  anderen
Kleinstaaten  des  Südens,  und  die  öffentliche  Meinung,  die  vor  der  neuen
Erscheinung  des  Massenelends  noch  ganz  hilflos  stand,  pries  dies  Abströmen
  köstlicher  nationaler  Kräfte  als  ein  wirksames  soziales  Heilmittel.
Die  fröhlichen  Pfälzer  betrachteten  ihre  barschen,  schwerfälligen  altbayrischen
Beamten  immer  noch  als  Fremde,  obgleich  die  Verwaltung  neuerdings
unter  der  Leitung  des  Präsidenten  Stichaner  etwas  rühriger  arbeitete;  sie
lebten  nach  ihren  französischen  Gesetzen  und  hingen  daran  mit  deutscher
Treue.  Noch  im  Jahre  1799,  als  in  Frankreich  selbst  der  Idealismus
der  Revolution  sich  längst  verflüchtigt  hatte,  waren  die  Freiwilligen  aus
der  gebildeten  pfälzischen  Jugend  frohlockend  zum  französischen  Heere  gezogen,
  um  für  die  Freiheit  gegen  die  Despoten  zu  kämpfen.

Was  Wunder  also,  daß  der  neue  Freiheitsruf  der  Pariser  gerade  hier
ein  schallendes  Echo  fand  und  die  unzufriedenen  Pfälzer  mit  den  Radikalen
  im  nahen  Straßburg  sogleich  einen  freundschaftlichen  Verkehr  anknüpften?
  Aber,  so  stark  blieb  immerhin  die  Stimme  des  Blutes  in  diesem
grunddeutschen  Stamme,  die  förmliche  Vereinigung  mit  Frankreich  wünschten
  nur  wenige,  etwa  mit  Ausnahme  des  Advokaten  Savoye  und  des  kleinen
Kreises  seiner  radikalen  Freunde.  Man  fühlte  doch,  daß  die  ungeliebte
bayrische  Verwaltung  milder  verfuhr  als  die  napoleonischen  Präfekten,  und
trug  auch  kein  Verlangen  nach  welsch  redenden  Beamten.  Die  Mehrzahl
  der  Pfälzer  schwärmte  für  ein  einiges,  freies  Deutschland,  das,  mit
dem  freien  Frankreich  treu  verbündet,  ihnen  den  Druck  der  Binnenmauten,
die  Plackereien  der  Zensur  und  der  Polizei  von  den  Schultern  nehmen
sollte;  in  ihrer  Harmlosigkeit  legten  sie  sich  kaum  die  Frage  vor,  um
welchen  Preis  die  Freundschaft  der  Franzosen  feil  sei.  Da  dies  Land
jedoch  weder  dynastische  Anhänglichkeit  noch  irgendwelche  Achtung  vor  dem
bayrischen  Staate  hegte,  so  konnte  die  unklare  Aufregung  leicht  mißleitet
werden.

Jedermann  sah  die  Gefahr,  nur  nicht  König  Ludwig,  der  sein  stolzes
Wort  von  „der  Bayern  Treue“  nimmermehr  anzweifeln  ließ  und  am
wenigsten  in  der  geliebten  Wiege  seines  Geschlechts  aufrührerische  Ge-
        <pb n="260" />
        252  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

danken  vermuten  wollte.“)  Die  zuversichtliche  Stimmung  des  Münchener
Hofes  änderte  sich  aber  bald,  als  Dr.  Siebenpfeiffer  seine  demagogische
Wirksamkeit  begann,  ein  Rabulist  des  gemeinen  Schlages,  von  zweifel—
haftem  Charakter,  federfertig,  unermüdlich,  gerade  geistreich  genug,  um  den
halbgebildeten  Philistern  als  ein  großer  Mann  zu  erscheinen.  Sein  „Rheinbayern,
  eine  Zeitschrift  für  die  Gesetzgebung  des  konstitutionellen  In=  und
Auslandes,  zumal  Frankreichs“,  sprach  noch  ziemlich  gemäßigt,  obwohl  die
üblichen  Schimpfreden  wider  die  verfassungswidrige  Zitterpappelhaftigkeit
der  Beamten,  wider  das  deutsche  Sibirien  Preußen,  wider  die  Frechheit
der  preußischen  Aristokratenstirnen  und  den  zum  russischen  Statthaltersitze
erniedrigten  Thron  Friedrichs  des  Großen  auch  hier  nicht  fehlten.  Er  verlangte
  nur  ein  selbständig  regiertes  Rheinbayern,  etwa  unter  einem  königlichen
  Prinzen,  aber  mit  feierlicher  Anerkennung  der  in  der  Pfalz  rechtmäßig
  verkündigten  französischen  Erklärung  der  Menschenrechte,  und  wünschte
die  Jugend  staatsbürgerlich  zu  bilden  durch  Beseitigung  des  klassischen
Unterrichts,  der  überhaupt  den  vernunftrechtlichen  Liberalen  zu  geistvoll
und  darum  verdächtig  war.  Was  sich  in  den  Abhandlungen  einer  Monatsschrift
  nicht  wohl  sagen  ließ,  das  verkündete  Siebenpfeiffer  um  so  deutlicher
  in  den  kleinen  Brandartikeln  seines  Tageblatts,  des  „Westboten“.
Hier  sprach  er  aus,  was  er  auch  seinem  alten  Freunde  Rotteck  vertraulich
gestand,  daß  er  der  süßlichen  Halbheiten  und  der  konstitutionellen  Lügen  der
badischen  Justemilianer  müde  sei:  Thron  und  Republik  heulen  einander  an,
Fürstlichkeit  und  Volkstum  sind  unverträglich,  die  Fürsten  nur  die  verkörperte
  Idee  des  Aristokratismus.  Wenn  dereinst  alle  Oberbehörden  aus
Volkswahlen  hervorgehen,  „dann  stürzen  die  ausgehöhlten  Throne,  dann,
göttliches  Recht,  fliehe  in  die  Wälder  von  Rußland!“  Darum  wurden  die
Kasseler,  Braunschweiger,  Dresdner  verhöhnt  wegen  ihrer  Lärmbewegungen,
  die  vor  den  Thronen  stehen  geblieben,  die  Nassauer  aufgefordert,
„ein  Lot  Blei  durch  das  falsche  niedrige  Herz  des  ehrvergessenen  Ministers
Marschall  zu  schießen“,  und  der  gesamten  Nation  zugerufen:  „Welcher
deutsche  Brutus  reißt  das  Messer  aus  dem  blutigen  Leichnam  der  geschändeten
  Polonia  und  gibt  den  Aufruf  zur  Freiheit?“

Zu  Siebenpfeiffer  gesellte  sich  der  fränkische  Jurist  Wirth,  der  so
lange  in  der  Münchener  Kammer  hinter  den  Kulissen  gestanden  hatte
und  nun  doch  geraten  fand,  seine  streitbare  Feder  unter  den  Schutz  des
französischen  Gerichtsverfahrens  zu  flüchten,  ein  schwärmerischer  Teutone
von  gutem  Rufe  und  ehrlicher  Vaterlandsliebe,  aber  fast  noch  radikaler
als  sein  Genosse.  In  seiner  „Tribüne“  wurde  richt  nur  das  amerikanische
  Staatsideal  verherrlicht,  sondern  auch  schon  ein  verschämter  Sozialismus
  gepredigt:  eine  große  Assoziation  sollte  die  Kinder  der  Armen,  je  nach
ihrer  Begabung,  für  höhere  Berufe  erziehen,  eine  Nationalkasse  den  kleinen

 

*)  Küsters  Berichte,  13.  Aug.  1830  ff.
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        Wirth  und  Siebenpfeiffer.  253

Geschäftsleuten  Darlehen  gewähren.  Wirth  weigerte  sich  sein  Blatt  den
Zensoren  zu  unterwerfen,  forderte  alle  deutschen  Schriftsteller  öffentlich
auf,  ihm  die  von  der  Zensur  gestrichenen  Stellen  zum  Abdruck  zu  über—
geben,  verlegte  seine  Zeitung  von  einer  pfälzischen  Stadt  zur  anderen,
sobald  ihm  seine  Handpresse  versiegelt  wurde,  und  führte  gegen  die  Polizeibehörden
  einen  kleinen  Krieg,  der  das  Volk  um  so  stärker  erbittern  mußte,
weil  die  Gerichte  sich  in  mehreren  Fällen  des  gehetzten  Mannes  annahmen.
Die  pfälzischen  Richter  wurden  allgemein  als  die  natürlichen  Verteidiger
der  Landesfreiheit  verherrlicht,  und  sie  setzten  auch  ihren  Stolz  darein,
durch  milde,  zuweilen  recht  anfechtbare  Urteile  der  Welt  zu  beweisen,
daß  unter  der  Herrschaft  der  napoleonischen  Codes  den  politischen  Kämpfern
mehr  erlaubt  sei  als  in  Altbayern.

Von  nah  und  fern  drängten  sich  nunmehr  radikale  junge  Schriftsteller
  an  jene  beiden  Führer  heran:  der  Herausgeber  der  Speierschen
Zeitung  Kolb,  der  Braunschweiger  Georg  Fein,  Sauerwein  in  Frankfurt
und  viele  andere,  von  denen  keiner  über  die  Mittelmäßigkeit  herausragte.
Ermutigt  durch  das  Beispiel  der  Pfälzer  ließ  der  Mecklenburger  Hundt-Radowsky
  in  irgend  einem  Winkel  des  Südens  „die  Geißel“  erscheinen,
worin  gleich  zum  Eingang  „die  Geisterstimmen  der  Ermordeten  an  Nickel
und  seine  Verbündeten“  erklangen.  Die  hessischen  Liberalen  gründeten
unter  dem  Schutze  der  schlaffen  pfälzischen  Zensur  das  „hessische  Volksblatt“,
  das,  nur  von  Hessen  geschrieben,  die  Minister  in  Darmstadt  schwer
beunruhigte.  Aus  sicherer  Ferne  half  auch  Börne  mit,  dessen  Pariser
Briefe  täglich  frecher,  höhnischer,  roher  sprachen.

Bald  wurden  auch  die  Truppen  bearbeitet;  im  Zweibrückener  Allgemeinen
  Anzeiger  setzte  ein  angeblicher  Unteroffizier  seinen  Kameraden
auseinander,  daß  sie  sich  gegen  Bürger  nicht  gebrauchen  lassen  dürften,
da  „als  Bürger  alle  Erdbewohner  gleiche  Rechte“  hätten.  Um  die  preußischen
  Rheinländer  ebenfalls  aufzuwiegeln,  ließ  man  in  Zweibrücken  eine
Schrift  erscheinen,  „Rheinpreußische  Glückseligkeit“,  ein  hohles  Machwerk,
das  an  der  preußischen  Verwaltung  eigentlich  nichts  zu  tadeln  fand  als  die
Tyrannei  der  Zensoren,  denen  „der  Staat  ihre  Ketten  von  dem  Bürgerschweiße
  vergoldete“,  und  gleichwohl  zu  dem  Schlusse  gelangte,  die  Rheinländer
  seien  Waisenkinder,  zwar  nicht  ohne  Mutter,  aber  ohne  Vater.  Hier
war  die  Mühe  freilich  umsonst.  Die  Rheinländer  standen,  bis  auf  verschwindende
  Ausnahmen,  fest  zum  preußischen  Staate,  so  daß  Präsident
Ruppenthal,  seit  Daniels  Tode  der  anerkannt  erste  rheinische  Jurist,  bei
der  Eröffnung  der  Assisen  von  1832  die  unwandelbare  Treue  der  Provinz
mit  gerechtem  Stolze  rühmen  konnte.

Um  so  kläglicher  zeigte  sich  die  Hilflosigkeit  der  Kleinstaaterei  in  dem
koburgischen  Fürstentum  Lichtenberg,  dem  fruchtbaren  Heimatlande  der
falschen  Sechser.  Die  Lichtenberger  klagten  ihrem  Herzoge  in  einer  stürmischen
  Adresse,  daß  sie  bare  10  000  Gulden  für  das  Heer  bezahlen
        <pb n="262" />
        254  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

müßten  und  trotzdem  nie  einen  Soldaten  zu  Gesicht  bekämen,  daß  die  Herzogin-Witwe
  aus  St.  Wendel  weggezogen  sei,  daß  so  viele  Koburger  und
Gothaer  angestellt  würden,  während  Lichtenberg  doch  an  einheimischen  Talenten
  Überfluß  hätte.  Da  diese  und  andere  Beschwerden  fruchtlos  blieben,
so  brach  bald  eine  gemütliche  Anarchie  herein;  denn  das  Land  wurde  schlecht
verwaltet,  nach  französischen  Gesetzen,  aber  ohne  die  stramme  Ordnung  des
Präfektensystems;  die  Regierung  tat  gar  nichts,  um  dem  Schmuggel  zu
wehren  und  ihre  armen  Bauern  vor  dem  verbrecherischen  Treiben  der  Bande
noire,  der  Wucherjuden  zu  schützen.  Überall  Volksversammlungen  und
tobende  Straßenaufzüge,  auch  viele  „Rotkäppchen“  mit  Jakobinermützen
zeigten  sich  unter  dem  Haufen.  In  St.  Wendel  hielt  der  Pfarrer  Juch  regelmäßig
  einen  „Markt“,  um  den  Bauern  die  radikalen  pfälzischen  Blätter
vorzulesen  und  zu  erläutern.  Auf  die  Bitte  des  Herzogs  rückten  einige
preußische  Truppen  ein,  und  sofort  nach  ihrem  Erscheinen  ward  alles  still;
doch  kaum  waren  sie  abgezogen,  so  begann  der  Lärm  von  neuem,  bis
endlich  vor  der  alten  Hallenkirche  zu  St.  Wendel  ein  mächtiger  Freiheitsbaum
  aufgepflanzt  wurde  mit  der  trutzigen  Inschrift:  „Welcher  Henkersknecht
  es  wagt  mit  frevelnder  Hand  dieses  Heiligtum  anzutasten,  ist  des
Todes!“  Der  Pöbel  ließ  die  Gendarmen  nicht  heran  und  tanzte  die
Nacht  hindurch  die  Carmagnole  um  das  Symwbol  der  Freiheit.
Mittlerweile  begannen  auch  die  bayrischen  Pfälzer  vom  Zeitungslesen
zu  Tätlichkeiten  vorzuschreiten.  In  jedem  Wirtshause  des  weinseligen
Landes  saßen  die  politisierenden  Krischer  zusammen.  Da  und  dort  ward
ein  Freiheitsbaum  aufgerichtet  und  durch  die  Massen  gegen  die  Polizeimannschaft
  verteidigt,  oder  auch  ein  Hund  gekrönt  und  dann  feierlich
ausgeprügelt.  Wirth  bildete  im  Anschluß  an  die  Polenvereine  einen
Vaterlandsverein  zum  Schutze  der  freien  Presse,  der  sich  bald  über
mehrere  Städte  des  Südwestens  verzweigte,  und  stellte  den  Genossen  zur
höchsten  Aufgabe  die  Neugestaltung  des  Deutschen  Bundes:  an  der  Spitze
der  Nation  steht  eine  erwählte  Nationalkammer  und  ein  ausführender
Präsident,  auf  zwei  Jahre  gewählt,  den  Volksvertretern  unbedingt  unterworfen;
  jede  deutsche  Provinz  darf  sich  durch  Volksabstimmung  als
selbständiger  Bundesstaat  einrichten,  mit  einer  republikanischen  oder  konstitutionellen
  Verfassung.  Ein  solches  Programm  erschien  der  Mehrzahl
der  Vereinsmitglieder  doch  bedenklich,  es  ward  für  jetzt  noch  verworfen;
aber  wohin  sollte  das  wüste  Treiben  aller  dieser  Zeitungen  und  Vereine
noch  führen,  hier  dicht  vor  den  Toren  der  radikalsten  deutschen  Stadt,
Mainz,  an  der  Grenze  des  begehrlichen  Frankreichs?  Schon  wußte  man
in  Berlin,  daß  der  französische  Gesandte  Mortier  dem  bayrischen  Minister
Gise  vertraulich  erklärt  hatte:  fremde  Truppen  —  das  will  sagen:  Bundestruppen
  —  könne  Frankreich  in  der  Rheinpfalz  unmöglich  dulden.“)

 

*)  Küsters  Bericht,  5.  April  1832.
        <pb n="263" />
        Die  Polen  in  Süddeutschland.  255

Wie  hätte  das  badische  Land  von  dem  Lärm  der  Nachbarn  unberührt
bleiben  können!  Sobald  man  im  Frühjahr  1832  erfuhr,  daß  der  Bundestag
  gegen  das  badische  Preßgesetz  einzuschreiten  denke,  veranstalteten  die
Liberalen  in  Mannheim,  Freiburg  und  anderen  Orten  große  Volksversammlungen
  und  beschlossen  unter  stürmischen  Reden,  den  Großherzog
um  die  Wahrung  der  Preßfreiheit  zu  bitten.  Leopold  weigerte  sich,  die
Adressen  anzunehmen;  aber  ließ  man  die  Dinge  gehen,  so  konnte  auch
diese  Bewegung  leicht  gefährlich  werden,  hatten  doch  erst  kürzlich  die  belgischen
  Klerikalen  durch  einen  wohlgeleiteten  Adressensturm  ihren  Aufstand
vorbereitet.  Die  von  Siebenpfeiffer  verherrlichte  „Doppeleiche  der  Tribüne
und  der  Presse,  unter  deren  Schatten  die  Menschheit  unaufhaltsam  zum
Besseren  hinanschreitet“,  wurde  dem  Bundestage  unheimlich.  Er  verbot
  am  2.  März  die  Tribüne,  den  Westboten,  die  Hanauer  Zeitschwingen,
während  das  Berliner  Auswärtige  Amt  zugleich  die  süddeutschen  Höfe  zur
Wachsamkeit  mahnte.5)  Die  bayrische  Regierung  benahm  sich  sehr  schwach;
sie  führte  den  Bundesbeschluß  nur  unvollständig  aus,  weil  sie  ihrer  Souveränität
  nichts  vergeben  wollte,  und  duldete  sogar,  daß  der  Vaterlandsverein,
  den  sie  selbst  verboten  hatte,  ungescheut  seine  Arbeit  fortsetzte.

Die  süddeutsche  Bewegung  mußte  den  großen  Mächten  umso  bedenklicher
  erscheinen,  da  die  Polen  ersichtlich  überall  die  Hände  im  Spiele
hatten.  Mit  rührendem  Eifer,  als  gälte  es  dem  eigenen  Lande,  hatten
viele  süddeutsche  Städte  den  Polen  während  des  Krieges  Gelder  zugesendet;
in  Mainz  entstand  sogar  ein  Mädchenverein,  der  für  die  Helden  des
Ostens  Scharpie  zupfte.  Seit  dem  Herbst  1831  ergossen  sich  die  Scharen
der  Warschauer  Flüchtlinge  selber  über  Süddeutschland.  Den  stärksten
Haufen  führten,  mit  rotweißen  Schärpen  prächtig  angetan,  drei  volnische
Generale:  der  Italiener  Ramorino  und  die  Deutschen  Langermann  und
Schneider  —  der  lettztere  hatte  sich  freilich  in  einen  Polen  Sznayde  verwandelt.
  Sie  wurden  in  Regensburg  und  Augsburg  von  den  Offizierkorps
als  Kameraden  aufgenommen,  in  Stuttgart  bereitete  ihnen  der  Brauer
Denninger,  ein  Straßburger  Jude,  festlichen  Empfang,  in  Freiburg  veranstalteten
  Rotteck,  Welcker  und  die  Offiziere  ein  großes  Polenbankett.  So
stark  war  die  Macht  der  napoleonischen  Erinnerungen  und  der  liberalen
Phrase,  so  schwach  das  nationale  Ehrgefühl  im  Bundesheere,  daß  deutsche
Offiziere  mit  den  Todfeinden  Preußens  sich  verbrüdern  konnten.  Überall
im  Süden  sang  man  „Noch  ist  Polen  nicht  verloren“  oder  „Denkst  du
daran,  mein  tapferer  Lajenka“  oder  „Die  freie  keusche  Maid  im  rot  und
weißen  Kleid“.  Andachtsvoll  lauschten  die  badischen  und  bayrischen  Liberalen
  den  tollen  Prahlereien  der  nordischen  Gäste;  sie  verwunderten  sich
auch  nicht,  als  das  Pariser  Nationalkomitee  der  Polen  in  einem  Manifeste
  an  die  deutsche  Nation  die  bescheidene  Behauptung  aufstellte:  „die

 

*.)  Ancillon,  Weisung  an  Otterstedt,  8.  März,  an  Küster,  9.  März  1832.
        <pb n="264" />
        256  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

bürgerliche  Emanzipation  aller  Volksklassen“  sei  bisher  nur  in  einem
Lande  der  Welt  verwirklicht  worden:  in  Polen,  durch  die  Verfassung  von
1791.  In  allen  Vereinen  und  Zeitungen  der  süddeutschen  Radikalen
hieß  man  die  Polen  willkommen;  den  aufhetzenden  Reden  dieser  Fremd—
linge  war  es  vornehmlich  zu  verdanken,  daß  der  sinnlose  Haß  gegen
Preußen  im  Süden  wieder  überhandnahm.

Erst  nach  und  nach,  sobald  man  die  wenig  säuberlichen  Sitten  der
freien  keuschen  Maid  Polonia  genauer  kennen  lernte,  begannen  einzelne
Verständige  an  ihrer  fremdbrüderlichen  Begeisterung  irr  zu  werden.  Nachdem
  die  letzten  Flüchtlinge  Deutschland  verlassen  hatten,  erstatteten  zwei
Führer  der  Emigration  nach  sarmatischem  Brauche  ihren  Dank  für  die
so  reichlich  genossene  Gastfreundschaft.  Johann  Czynski  schrieb  aus  Metz
Deux  mots  sur  les  Allemands,  um  die  Deutschen  zur  Zertrümmerung
Osterreichs  und  Preußens  aufzufordern,  nur  so  könne  Deutschland  befreit,
  Polen  wiederhergestellt  werden.  Wer  etwa  an  Deutschlands  Knechtschaft
  noch  zweifeln  mochte,  den  verwies  er  auf  den  Einmarsch  der  dreihundert
  Preußen  in  das  Fürstentum  Lichtenberg,  diese  empörende  Verletzung
  des  Grundsatzes  der  Nichteinmischung:  „ein  Preuße  in  St.  Wendel
ist  für  Deutschland  dieselbe  Schmach  wie  für  Italien  ein  Osterreicher
in  Rimini  oder  für  Polen  ein  Russe  in  Warschau.“  Noch  deutlicher
redete  Moritz  Mochnatzki  in  seiner  Schrift  „die  Revolution  in  Deutschland“.
  Der  Häuptling  der  polnischen  Radikalen  fand  kaum  Worte  genug,
um  die  Deutschen  zu  beschimpfen.  Dies  Volk  habe  die  neueren  Zeiten
verschlafen  und  in  seinem  Schlafe  mehr  Bücher  geschrieben,  als  alle  Völker
der  Welt  zusammengenommen,  bis  es  endlich  durch  Napoleon,  durch  die
Julitage,  durch  den  polnischen  Krieg  aus  seiner  langen  Schlassucht  aufgerüttelt
  worden  sei.  Nun  sollten  die  Deutschen  wach  bleiben,  die  entnervende
  literarische  Tätigkeit  aufgeben,  da  das  Zeitalter  der  Revolutionen
  doch  nur  Zeitungen  und  praktische  Wissenschaften  brauchen  könne,
und  sich  mit  den  Polen  verbinden  zur  Vernichtung  Österreichs  und
Preußens.  Dies  Übermaß  sarmatischer  Torheit  schreckte  die  klügeren
Führer  des  deutschen  Liberalismus  ab;  in  der  breiten  Masse  der  Partei
blieb  aber  die  polnische  Legende  noch  lange,  und  als  eine  wirksame  Macht,
lebendig.  Die  deutschen  Flüchtlinge  in  Paris  saßen  in  ihren  Geheimbünden
  mit  den  Polen  zusammen  und  ließen  sich  von  den  gewiegten  Verschwörern
  gern  über  Mochnatzkis  „Wissenschaft  der  Revolution“  belehren;
nach  der  Meinung  dieses  sarmatischen  Apostels  schien  es  ja  „weit  leichter,
eine  Revolution  zu  machen,  als  Hegels  Phänomenologie  zu  verstehen“.
Nur  in  Heinrich  Heine  war  der  Dichter  und  der  Schelm  doch  stärker  als  der
Radikale.  Als  er  die  schäbige  Eleganz  dieses  großsprecherischen  Bummlerlebens
  aus  der  Nähe  betrachtet  hatte,  da  konnte  er  dem  Reize  des  Lächerlichen
  nicht  mehr  widerstehen  und  besang  die  „Polen  aus  der  Polakei“  in
dem  lustigen  Gedichte  vom  großen  Eselinski.  —
        <pb n="265" />
        Paul  Pfizer.  257

Und  doch  barg  dieser  süddeutsche  Liberalismus,  der  so  blind  für
Deutschlands  Feinde  schwärmte,  eine  unverwüstliche  Kraft  treuer  Vater—
landsliebe.  Seine  Selbstüberhebung  entsprang  dem  Gefühle  der  Leere,
das  der  Mangel  eines  großartigen  öffentlichen  Lebens  in  einem  geistreichen
Volke  erzeugen  mußte,  seine  lärmende  Ungeduld  der  Sehnsucht  nach  na—
tionalem  Ruhme.  In  einem  Wuste  von  Torheiten  und  halbreifen  Ein—
fällen  brachte  die  süddeutsche  Presse  doch  auch  einige  gesunde  Ideen  her—
vor,  welche  die  politische  Entwicklung  der  Nation  förderten.  Wilhelm
Schulz,  jener  hessische  Offizier,  der  einst  wegen  seiner  radikalen  Schriften
den  Kriegsdienst  hatte  verlassen  müssen*)  und  mittlerweile  durch  ernste
Arbeit  gereift  war,  versuchte  in  einem  Buche  „Deutschlands  Einheit  durch
Nationalrepräsentation“  den  Grundgedanken  der  Welckerschen  Motion
deutlicher  auszuführen.  Er  zeigte  sich  noch  keineswegs  frei  von  den  Selbsttäuschungen
  des  jugendlichen  Liberalismus,  glaubte  fest  an  die  unüberwindliche
  Macht  der  öffentlichen  Meinung  und  der  kleinen  Landtage  —  falls  sie
nur  ihr  Steuerverweigerungsrecht  rücksichtslos  zur  Beseitigung  böswilliger
Minister  gebrauchten;  indessen  sah  er  schon  ein,  daß  ein  Parlament  neben
dem  Bundestage  keinen  Platz  finden  könne,  und  verlangte  darum  außer  dem
Reichstage  auch  eine  fester  geordnete  Zentralgewalt,  sei  es  ein  Kaisertum
oder  eine  Bundesrepublik.  Osterreich  ließ  er  kaum  noch  für  einen  deutschen
Staat  gelten,  Preußen  aber,  „dies  Deutschland  im  kleinen“  habe  sich
leider  durch  seine  polnische  Politik  augenblicklich  so  verhaßt  gemacht,  daß
man  vorderhand  nur  einen  konstitutionellen  Bund  im  Bunde  bilden
könne.  Also  tastend  und  zweifelnd  näherte  er  sich  der  Lösung  des  großen
Problems.  Ahnlich,  nur  meist  noch  günstiger  für  Preußen,  sprachen  mehrere
Artikel  in  Rottecks  Annalen  und  in  den  staatsrechtlichen  Beiträgen  des
wackeren  hessischen  Liberalen  K.  H.  Hofmann.

Wie  dünn  und  matt  erklangen  alle  diese  Laute  unbestimmter  Sehnsucht
  neben  den  tiefen,  ernsten  Tönen,  welche  der  junge  Paul  Pfizer  in
seinem  „Briefwechsel  zweier  Deutschen“  (1831)  anschlug  —  der  Prophet
des  neuen  preußischen  Reiches  deutscher  Nation,  ein  echter  Schwabe,
ernst,  gedankenreich,  voll  dichterischer  Phantasie  und  philosophischen  Tiefsinnes,
  und  dabei  nüchtern  genug,  um  das  Wirkliche,  das  Lebendige  aus
der  Flucht  der  Erscheinungen  herauszufinden,  ohne  jeden  Vergleich  der
erste  Publizist  seiner  Tage.  Sein  Buch  trug  in  Form  und  Inhalt  noch
das  Gepräge  einer  Übergangszeit,  die  vom  literarischen  Schaffen  zur
politischen  Tat  aufzusteigen  begann.  Durch  die  freie  Bearbeitung  philosophischer
  Briefe,  die  er  einst  mit  seinem  Freunde,  dem  Dichter  Friedrich
Notter  gewechselt  hatte,  bahnte  er  sich  erst  den  Weg  zu  der  Erkenntnis,
daß  die  Freiheit,  nicht  die  Notwendigkeit  das  sittliche  Leben  der  Völker
beherrsche.  Nun  erst,  im  zweiten  Teile  des  Buches,  der  ihm  allein  an-
        <pb n="266" />
        258  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

gehörte,  stellte  er  die  Frage  nach  der  Zukunft  Deutschlands  und  schilderte
mit  stolzer  Zuversicht  dies  Volk,  das  mit  allen  seinen  Fehlern  doch  das
geistvollste  und  gemütlichste,  das  frömmste  und  gewissenhafteste  der  Völker
sei,  aber  wie  der  am  heimatlichen  Strande  erwachende  Odysseus  weinend
sein  Vaterland  nicht  erkenne.  Dies  Vaterland  der  Deutschen,  so  fuhr  er
freudig  fort,  sei  schon  vorhanden  in  dem  Staate  Friedrichs  des  Großen,  in
diesem  Staate,  der  nicht  nur  durch  seine  gerechte  Verwaltung,  seine  menschlichen
  Gesetze,  sein  Volksheer,  sein  gewecktes  geistiges  Leben,  sondern  auch
durch  sein  starkes  Volksgefühl  alle  anderen  deutschen  Länder  übertreffe.

Der  tapfere  Schwabe  wagte  also  den  überall  als  dünkelhaften  Partikularismus
  verrufenen  preußischen  Stolz  kurzerhand  als  den  größten
Vorzug  der  Preußen  zu  loben,  er  wagte  den  undeutschen,  atheistischen
Zug  des  deutschen  Liberalismus,  dies  schlimme  Erbteil  der  französischen
Enzyklopädisten,  freimütig  zu  tadeln,  die  hoffnungslose  Ohnmacht  der
kleinen  Landtage  offen  einzugestehen  und  hielt  den  gellenden  Anklagen  der
Demagogen  die  harte  Wahrheit  entgegen:  „Weniger  die  Fürsten  als  die
Völker  Deutschlands  sind  das  große  Hindernis  seiner  Vereinigung.“  Die
glücklich  gewählte  Briefform  bot  ihm  die  Möglichkeit,  das  Für  und  Wider
vor  den  Augen  seiner  zweifelnden  und  ringenden  Zeit  genau  abzuwägen,  mit
siegreicher  Dialektik  alle  die  Einwände  gegen  das  eine,  was  not  tat,  zu
vernichten:  die  Träume  vom  Sonderbunde  des  sogenannten  reinen  Deutschlands
  so  gut  wie  den  schwärmerischen  Weltbürgergeist,  der  die  Nationalität
  nur  für  das  Ausland  gelten  lassen  wollte.  Aus  den  Gedichten,  die
er  seinen  Briefen  anschloß,  sprach  die  Ahnung  einer  unermeßlichen  Zukunft.
Er  sah  im  Mondenscheine  die  Felskegel  seiner  heimischen  Rauhen  Alb  vor
sich  liegen,  er  sah  die  alten  Schwabenkaiser  vom  schlanken  Gipfel  des
Hohenstaufen  niedersteigen  und  wendete  dann  seine  Blicke  auf  den  Hohenzollern:


Doch  die  Helden  sind  geschieden,
Die  Vergangenheit  ist  tot!
Seele,  von  des  Grabes  Frieden
Wende  dich  zum  Morgenrot,
Gleich  dem  Var,  der  einst  entflogen
Staufens  Nachbar  und  im  Flug
Zollerns  Ruhm  bis  an  die  Wogen
Des  entlegnen  Ostmeers  trug.

Nimmer  wollte  er  von  der  Hoffnung  lassen,  daß  der  Adler  Friedrichs
  die  Verlassenen,  Heimatlosen  mit  seiner  goldnen  Schwinge  decken
werde.  So  schön  und  tief  hatte  noch  nie  ein  Deutscher  von  Preußens
großer  Zukunft  gesprochen;  neben  Pfizers  streng  politischen  Gedanken  erschienen
  Fichtes  kühne  Weissagungen  doch  nur  wie  nebelhafte  Gelehrtenträume.
  Und  dieser  weckende  Ruf  erklang  von  den  Lippen  eines  dreißigjährigen
  Schwaben,  der,  in  den  engen  Verhältnissen  der  Heimat  aufgewachsen,
  das  preußische  Land  vermutlich  nie  betreten  hatte.  Wie  fremd
        <pb n="267" />
        Friedrich  v.  Gagern.  259

auch  der  Gedanke  der  preußischen  Hegemonie  der  ungeheuren  Mehrzahl
der  Süddeutschen  noch  erscheinen  mochte,  in  ihrer  eigenartigen  Fassung
konnte  diese  Schrift  doch  nur  auf  oberdeutschem  Boden  entstehen,  daher
ward  sie  auch  von  den  Schwaben  freundlich  aufgenommen.  In  dem
Gegensatze  der  konstitutionellen  und  der  absolutistischen  Gesinnung  ging
der  Parteikampf  der  Zeit  noch  gänzlich  auf;  und  da  Pfizer  die  Mängel
der  bestehenden  Zustände  schonungslos  rügte,  auch  seine  konstitutionelle  Ge—
sinnung  nicht  verbarg,  so  betrachteten  ihn  die  schwäbischen  Liberalen  als
ihren  Mann.  Der  preußische  Gesandte  in  Stuttgart  hingegen,  Salviati,
ein  hartköpfiger  Konservativer,  behandelte  in  seinen  Berichten  den  glühenden
  Bewunderer  Preußens  zwar  achtungsvoll,  aber  als  einen  erklärten
Gegner.  Im  Norden  fand  Pfizers  Buch  viele  dankbare  Leser.  Die  jungen
Preußen,  die  von  der  Kaiserkrone  der  Hohenzollern  träumten,  fühlten  sich
durch  die  Geschichtsphilosophie  des  Schwaben  in  ihren  stillen  Hoffnungen
bestärkt;  Jens  Uwe  Lornsen  und  manche  andere  Politiker  der  norddeutschen
Kleinstaaten  wurden  durch  ihn  gezwungen,  in  sich  zu  gehen,  ihre  anerzogenen
  partikularistischen  Vorurteile  abzulegen,  die  Machtverhältnisse  der
Bundespolitik  ruhiger  zu  überdenken.

Lange  vor  dem  Erscheinen  des  Pfizerschen  Briefwechsels  hatte  schon
ein  anderer  Süddeutscher,  allerdings  nur  im  vertrauten  Kreise,  verwandte
Ideen  ausgesprochen.  Friedrich  von  Gagern,  der  älteste  und  begabteste
unter  den  zahlreichen  stattlichen  Söhnen  des  Reichsfreiherrn  Hans,  war
auf  den  Rat  seines  Vaters  in  niederländischen  Kriegsdienst  getreten
und  mußte  nun  am  eigenen  Leibe  erfahren,  wie  gründlich  der  phantasiereiche
  alte  Reichspatriot  sich  über  den  deutschen  Charakter  seiner  Niederlande
  getäuscht  hatte.  Ein  Fremder  lebte  er  unter  Fremden,  ganz  abgetrennt
  von  dem  leidenschaftlich  geliebten  großen  Vaterlande.  Wenn  er  auf
seinen  Urlaubsreisen  das  heimatliche  Hornau  besuchte,  fand  er  die
Brüder  um  den  redseligen  Vater  versammelt  und  tauschte  mit  ihnen
politische  Gedanken  aus,  so  daß  man  im  hessischen  Lande  bald  von  der
Familienpolitik  der  Gagern  sprach.  Der  alte  Hans  war  seiner  politischen
  Vielgeschäftigkeit  treu  geblieben.  Mit  gewohntem  Selbstgefühl  bot
er,  als  der  belgische  Aufstand  ausbrach,  dem  niederländischen  Hofe  und
dem  Brüsseler  Kongresse  ses  lumières  zur  Vermittlung  an;*')  dann
schriftstellerte  er  fleißig,  bereiste  die  Höfe,  verkehrte  viel  mit  seinem
freundschaftlichen  Gegner,  dem  Freiherrn  vom  Stein,  und  errichtete  dem
großen  Toten  nachher,  zuerst  in  Deutschland,  ein  literarisches  Denkmal,
indem  er  dessen  Briefe  herausgab;  in  der  Darmstädter  ersten  Kammer
hielt  er  zuweilen  eine  geistreich  abspringende  Rede  über  Fragen  der
großen  Politik.  Einer  seiner  Söhne,  Heinrich,  errang  sich  mittlerweile
ein  hohes  Ansehen  unter  den  Liberalen  der  zweiten  Kammer.  So  lernte

 

*)  Naglers  Bericht,  28.  Nov.  1830.
        <pb n="268" />
        260  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

Friedrich  die  politischen  Gedanken,  welche  den  deutschen  Süden  bewegten,
aus  erster  Hand  kennen  und  stand  ihnen  doch  fern  genug,  um  darüber
das  gesamte  Vaterland  nicht  aus  den  Augen  zu  verlieren.

Als  er  im  Jahre  1823  die  Heimat  wieder  sah  und  mit  Schrecken
die  allgemeine  Entmutigung  bemerkte,  schrieb  er  für  die  Familie  einen
meisterhaften  Aufsatz  über  „die  politische  Einheit  Deutschlands“.  Mit
der  Überlegenheit  des  geborenen  Staatsmannes,  militärisch  kurz,  klar
und  sicher  schilderte  er  hier  die  Nichtigkeit  der  kleinen  Höfe  und  den
Verfall  Osterreichs,  das  in  der  Zukunft  nur  Niederlagen  erleben  werde.
Preußen  allein  könne  die  Führung  Deutschlands  übernehmen,  „weil
Ehrgeiz  die  Bedingung  seiner  Existenz“  sei,  und  auch  die  Liebe  der
Deutschen  leicht  gewinnen,  sobald  der  König  seine  Reichsstände  berufe.  Im
Jahre  1834  verfolgte  Gagern,  vielleicht  angeregt  durch  Pfizers  Briefe,  diesen
Gedankengang  weiter  und  zeichnete  die  Grundlinien  der  künftigen  deutschen
  Reichsverfassung  in  einer  Abhandlung  „Vom  Bundesstaat“,  deren
knappe  Bestimmtheit  von  den  weitschweifigen,  verschwommenen  Betrachtungen
  des  wissenschaftlichen  Staatsrechts  jener  Tage  seltsam  abstach.)
Er  verlangt  ein  erbliches  Kaisertum,  dergestalt,  daß  die  kleinen  Fürsten
das  Heerwesen,  die  auswärtige  Politik,  sowie  einige  ihrer  inneren  Hoheitsrechte
  der  Zentralgewalt  abtreten,  mithin  ihre  Souveränität  aufgeben  und
dem  Kaiser  gehorchen  müssen.  Daneben  eine  Kammer  der  halbsouveränen
Fürsten  und  eine  gewählte  Volksvertretung,  beide  um  den  Kaiser  versammelt
  in  einer  großen  Hauptstadt,  die  als  mächtiger  Brennpunkt  des
nationalen  Lebens  den  Deutschen  unentbehrlich  ist  und  darum,  allen  Vorurteilen
  zum  Trotz,  durchaus  geschaffen  werden  muß.  Im  einzelnen
blieb  natürlich  noch  vieles  unklar;  aber  fest  und  sicher  stand  der  zukunftsreiche
  Gedanke,  daß  die  im  preußischen  Staate  verkörperte  Idee  der  nationalen
  Einheit  sich  mit  den  konstitutionellen  Ideen  des  Südens  verbinden
mußte,  um  den  Sieg  zu  erringen,  und  diese  Beweisführung  wirkte  umso
  zwingender,  da  sie  aus  der  Feder  eines  gemäßigten  liberalen  Aristokraten
  floß.

Wie  unaufhaltsam  der  Drang  der  Einheit  in  dem  Wirrsal  der  deutschen
  Politik  arbeitete,  das  empfand  in  banger  Ahnung  der  geistreiche
Franzose  Edgar  Quinet,  der  um  diese  Zeit  in  Heidelberg  lebte  und  eine
schöne  Pfälzerin  heimführte.  Eben  hier  inmitten  der  lärmenden  Pfalz,
wo  alles  nach  Freiheit  rief,  ward  ihm  deutlich,  der  tiefste  und  leben- 



*)  Dieser  Aufsatz  kann  nicht,  wie  Heinrich  v.  Gagern  (Leben  Friedrichs  v.  Gagern
I.  355  f.)  behauptet,  schon  im  Jahre  1826  entstanden  sein,  sondern  erst  1834;  denn
er  erwähnt  den  bekannten  Zollstreit  zwischen  Südkarolina  und  der  Union,  der  in  den
Jahren  1832  und  33  spielte,  als  ein  Ereignis  aus  „der  neuesten  Zeit“.  Überdies  erzählt
  Friedrich  selbst  in  einem  Briefe  aus  Eindhoven  v.  14.  April  1834  (a.  a.  O.  II.
204),  daß  er  die  Abhandlung  „Bundesstaat"  soeben  nebst  einigen  anderen  Arbeiten
hier  in  Eindhoven  geschrieben  habe.
        <pb n="269" />
        E.  Quinet.  261

digste  Gedanke  aller  deutschen  Herzen  sei  doch  das  Verlangen  nach  nationaler
  Macht  und  Herrlichkeit;  und  mit  Schrecken  erkannte  er,  nur  ein
Staat  könne  solche  Sehnsucht  befriedigen:  jenes  unheimliche  Preußen,
das  an  seinem  Gürtel  den  Schlüssel  Frankreichs,  die  Rheinfestungen,  in
seiner  Hand  den  siegreichen  Degen  von  Waterloo  trage.  „Dort  in  Preußen“
  —  so  schrieb  er  in  seinen  Aufsätzen  über  Deutschland  und  Italien
(1831)  —  „sind  die  alte  Unparteilichkeit  und  das  politische  Weltbürgertum
einem  reizbaren  und  zornigen  Nationalstolze  gewichen.  Der  preußische
Despotismus  ist  einsichtig,  beweglich,  unternehmend;  er  lebt  von  der
Wissenschaft  wie  andere  Despoten  von  der  Unwissenheit.  Zwischen  ihm
und  seinem  Volke  besteht  ein  geheimes  Einverständnis,  um  die  Freiheit  zu
vertagen  und  gemeinsam  das  Erbe  Friedrichs  zu  vermehren.“  —

Die  Zeit  sollte  noch  kommen,  da  die  Besorgnisse  des  Franzosen  sich
bewährten.  Für  jetzt  gingen  die  Kräfte,  welche  an  der  Einheit  Deutschlands
  bauten,  noch  sehr  weit  auseinander.  Durch  die  Torheit  der
pfälzischen  Demagogen  wurde  der  bisher  so  geduldige  preußische  Hof  genötigt,
  die  liberale  Bewegung  in  Oberdeutschland  zu  bekämpfen,  und  er
führte  den  Kampf  mit  solcher  Schärfe,  daß  im  Süden  bald  wieder  ein
tödlicher  Haß  gegen  die  norddeutsche  Macht  aufflammte.

Um  der  Bewegung  neuen  Schwung  zu  geben,  beschlossen  Wirth  und
Siebenpfeiffer  die  Einberufung  großer  Volksversammlungen,  und  dies
überall  zweischneidige  Kampfmittel  konnte  hier,  wo  man  eigentlich  gar
keinen  bestimmten  Zweck  verfolgte,  nur  Unfug  und  Ruhestörung  bewirken.
Ein  von  Siebenpfeiffer  verfaßter  Aufruf  lud  alle  Deutschen  ein,  am  27.  Mai
auf  dem  Hambacher  Schlosse  bei  Neustadt  an  der  Hardt  „der  Deutschen
Mai“  zu  feiern,  ein  Fest  der  Hoffnung,  am  Geburtstage  der  bayrischen
Verfassung;  in  diesem  Wonnemonat  hätten  sich  einst  die  freien  Franken
auf  ihrem  Maifeld  versammelt  und  dann  die  freien  Polen  ihre  Verfassung
  erhalten.  Der  Münchener  Hof  verfuhr  wieder  sehr  schwächlich,
er  wollte  dem  preußischen  Gesandten  durchaus  nicht  zugestehen,  daß  in
Bayern  irgendeine  Gefahr  für  die  öffentliche  Ruhe  bestehe.)  Und  doch
bezeichnete  Wirth  als  den  Zweck  seines  Preßvereins  ganz  offen  „die  Organisation
  eines  deutschen  Reichs  im  demokratischen  Sinne“;  und  doch  hatten
die  pfälzischen  Radikalen  soeben,  bei  einem  Feste  für  den  heimkehrenden
Abgeordneten  Schüler,  ebenso  unzweideutig  ausgesprochen,  jede  Versöhnung
mit  dem  Grundsatz  der  Legitimität  sei  unmöglich,  die  Reform  Deutschlands
  könne  nur  auf  dem  Boden  der  unbedingten  Volkssouveränität  durchgeführt
  werden.  Die  Zweibrückener  Bürgerwehr,  die  sich  eigenmächtig
bewaffnet  hatte,  belagerte  die  Reiterkaserne  und  bewachte  Schülers
Haus,  um  sofort  Sturm  zu  läuten,  falls  der  Volksmann  bedroht  würde.
Aus  solchen  Anzeichen  schloß  der  wohlmeinende  Präsident  Stichaner,

 

*)  Küsters  Bericht,  3.  Mai  1832.
        <pb n="270" />
        262  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

daß  die  pfälzische  Bewegung  einen  üblen  Verlauf  nehmen  müsse;  der
ewigen  Händel  überdrüssig,  erbat  er  sich  seine  Versetzung.  Sein  Nachfolger,
Frhr.  von  Andrian,  zeigte  sich  durchaus  ratlos,  obgleich  ihn  die  Presse  so—
gleich  als  einen  blutigen  Landvogt  begrüßte;  er  untersagte  zuerst  die  Ham—
bacher  Versammlung  und  nahm  dann  das  Verbot  zurück,  da  der  Stadtrat
von  Neustadt  und  die  Landräte  von  Rheinbayern  sich  dawider  verwahrten.
So  hatte  die  Regierung  ihre  Furcht  gezeigt  und  doch  ihren  Willen  nicht
durchgesetzt;  die  Radikalen  frohlockten,  und  triumphierend  sagte  der  Festausschuß,
  als  er  in  seinem  Rechenschaftsberichte  jene  heldenmütigen  Stadtund
  Landräte  aufzählte:  „wir  übergeben  ihre  Namen  dem  dankbaren
Andenken  der  Nachwelt.“

Nun  rüstete  sich  alles  an  beiden  Ufern  des  Mittelrheins  für  die
Feier  des  „Allerdeutschenfestes“.  In  Mainz,  wo  viele  der  alten  Gießener
Schwarzen  lebten,  zeigten  sich  plötzlich  schwarzrotgoldene  Kokarden  und
Bänder;  die  Farben  der  Burschenschaft  hießen  fortan  die  deutschen  Freiheitsfarben.
  Dreifarbig,  nach  Frankreichs  Vorbild,  mußte  das  Banner
der  nationalen  Einheit  und  Freiheit  sein,  im  Gegensatz  zu  den  zweifarbigen
Fahnen  der  alten  Dynastien.  Der  österreichische  Gouverneur  schritt  alsbald
  mit  Verboten  ein,  und  die  Bundesversammlung  genehmigte  sein  Verfahren,
  „wenn  auch  die  abenteuerlichen  Intentionen  und  Abzeichen  der
Partei  keiner  besonderen  Beachtung  wert  seien,  wodurch  sie  leicht  erst  den
Schein  einer  unverdienten  Wichtigkeit  erlangen  könnten“.*)  Das  Verbot
fruchtete  nichts.  Am  26.  Mai  waren  alle  die  Landstraßen,  die  rheinauf
und  rheinab  durch  die  Ebene  oder  aus  dem  Odenwalde  und  dem  Westrich
nach  dem  lieblichen  Neustadt  führen,  dicht  bedeckt  mit  langen  Zügen  von
Wagen  und  Fußgängern;  überall  prangten  die  deutschen  Farben.  Mindestens
  25  000  Köpfe  strömten  in  der  Feststadt  zusammen,  die  Glocken
läuteten,  die  Geschütze  donnerten,  auf  dem  Gebirge  brannten  Freudenfeuer.
Zum  zweiten  Male  sollte  eine  Bergfeier  für  die  Geschichte  des  Deutschen
Bundes  bedeutungsvoll  werden;  aber  welch  ein  Abstand  zwischen  der
christlich-vaterländischen  Begeisterung  der  Burschen  auf  der  Wartburg
und  dem  weltlichen  Radikalismus  dieser  neuen  Tage.  Von  dem  romantischen
  Zauber,  der  einst  das  Burschenfest  durchleuchtet  hatte,  ließ  sich  in
dieser  Massenversammlung  trinkender  und  lärmender  Menschen  nur  wenig
bemerken,  und  auch  die  politische  Bildung  war  in  fünfzehn  Jahren  leider
kaum  fortgeschritten:  auf  den  überspannten  Idealismus  der  Jugend  folgte
der  falsche  Idealismus  der  Erwachsenen.

Am  Morgen  des  27.setzte  sich  der  Festzug  in  Bewegung;  dreihundert
Handwerksburschen  sangen  nach  der  Melodie  des  Schillerschen  Reiterliedes
  ein  Gedicht  von  Siebenpfeiffer:  „Hinauf,  Patrioten,  zum  Schloß,
zum  Schloß!“  Inmitten  der  Frauen,  die  ausdrücklich  geladen  und  dem

 

*)  Geheime  Registrande  zur  Sitzung  der  Bundesversammlung  v.  24.  Mai  1832.
        <pb n="271" />
        Das  Hambacher  Fest.  263

Rufe  zahlreich  gefolgt  waren,  schritt  ein  Fähnrich  mit  dem  weißroten
Banner  Polens,  dann  folgten  die  Festordner  mit  einer  deutschen  Fahne,
worauf  geschrieben  stand:  „Deutschlands  Wiedergeburt“;  die  armen  Winzer
trugen  ein  schwarzes  Trauerpanier  und  beklagten  in  einem  schwermütigen
  Gesange  den  schlechten  Absatz  der  pfälzischen  Weine.  Droben
auf  dem  Schlosse  wurden  die  Fahnen  Deutschlands  und  Polens  feierlich
aufgepflanzt;  die  alten  Feinde,  der  schwarze  und  der  weiße  Adler,  gesellten
  sich  gemütlich  zusammen  —  ein  bedenkliches  Vorzeichen  für  die  Zukunft
  dieser  deutschen  Trikolore,  die  leider  niemals  mehr  als  ein  Parteiabzeichen
  werden  sollte.  Unheimliche  Erinnerungen  deutscher  Knechtschaft
umschwebten  das  Gemäuer  der  Kästenburg,  der  alten  Zwingburg  der  verrufenen
  Bischöfe  von  Speyer;  sie  war  einst  im  Bauernkriege  durch  das
verzweifelte  Landvolk  gebrochen  und  nachher  auf  Befehl  des  unbarmherzigen
  Fürsten  durch  die  Zerstörer  selbst  wieder  aufgebaut  worden;  nun
lag  sie  nochmals  in  Trümmern,  dank  den  Franzosen,  und  sollte  durch
das  große  Volksfest  für  immer  der  Freiheit  geweiht  werden.  Die  Menge
lagerte  sich  unter  den  schönen  Kästenbäumen  am  Abhang,  mancher  begrüßte
  mit  Jubelruf  die  Türme  von  Speyer  und  Mannheim,  die  fern
aus  der  üppigen  Ebene  aufragten.  Der  Wein  floß  in  Strömen.  Vaterländische
  Lieder  erklangen,  alle  frei  nach  Schiller  —  denn  längst  war
Schiller  durch  sein  mächtiges  Pathos  der  Liebling  der  kleinen  Leute  geworden
  —,  alle  voll  Zornes  über  „der  Deutschen  schandenvolle  Lage“:

Tyrannei,  auf  Gold  gebettet,

Lachte  deiner  Hoffnung  Hohn,

Hat  dich  schimpflicher  gekettet

An  des  Nordens  blut'gen  Thron.

Zahlreiche  Adressen  ferner  Freunde  waren  eingelaufen,  aus  mehreren
deutschen  Orten,  von  dem  polnischen  Nationalkomitee  zu  Paris,  von
dem  radikalen  Vereine  der  Amis  du  peuple  in  Straßburg.  Auch  einige
Rheinpreußen  hatten  ihren  Festgruß  gesendet;  sie  beklagten  bitterlich  „das
muntere  Vöglein  des  Rheines,  das  zu  dem  alten  finsteren  Uhu  in  den
Käfig  gesperrt“  sei,  wollten  aber  ihre  Namen  nicht  nennen,  „um  der  guten
Sache  nicht  zu  schaden“.  Dann  schilderte  Siebenpfeiffer  in  langer  Rede
„den  Gedanken  des  heutigen  Festes,  des  herrlichsten  und  bedeutungsvollsten,
das  seit  Jahrhunderten  in  Deutschland  gefeiert  ward“.  Er  sah  den  Tag
kommen,  „wo  die  Fürsten  die  bunten  Hermeline  feudalistischer  Gottstatthalterschaft
  mit  der  männlichen  Toga  deutscher  Nationalwürde  vertauschen;
wo  das  deutsche  Weib,  nicht  mehr  die  dienstpflichtige  Magd  des  herrschenden
Mannes,  sondern  die  freie  Genossin  des  freien  Bürgers,  unseren  Söhnen
und  Töchtern  schon  als  stammelnden  Säuglingen  die  Freiheit  einflößt,“
und  schloß  mit  einem  Hoch  auf  Deutschland,  Polen,  Frankreich,  auf
jedes  Volk,  das  seine  Ketten  bricht,  auf  Vaterland,  Volksfreiheit,  Völkerbund.
  Noch  kräftiger  ging  Wirth  mit  der  Sprache  heraus.  Der  ließ
        <pb n="272" />
        264  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

„die  vereinigten  Freistaaten  Deutschlands,  das  konföderierte  republi—
kanische  Europa“  hoch  leben  und  verlangte,  daß  einige  entschlossene  Männer
die  gemeinsame  Leitung  der  deutschen  Opposition  übernähmen;  als  ehr—
licher  Patriot  warnte  er  aber  die  Deutschen  vor  Frankreichs  Rheingelüsten.

Während  er  dann  das  Schwert  des  Preßvereins,  ein  Geschenk  aus
Frankfurt,  stolz  nach  allen  vier  Winden  schwang,  fluteten  die  Reden  und
die  Lieder  unaufhaltsam  weiter.  Der  Straßburger  L.  Rey  beteuerte  in
französischer  Ansprache,  Frankreich  wolle  keine  Eroberungen,  sondern  einen
freien  Bund  mit  dem  freien  Deutschland.  Zwei  edle  Polen  redeten  in
gleichem  Sinne.  Der  Pfälzer  Scharpff  versicherte:  „Der  beste  Fürst  von
Gottes  Gnaden  ist  ein  geborener  Hochverräter  an  der  menschlichen  Ge—
sellschaft.“  Fast  ebenso  radikal,  aber  mit  entschiedenem  Talent  und  wohl—
tuender  patriotischer  Wärme  sprach  ein  Student  aus  Westfalen,  K.  H.
Brüggemann,  zum  Jubel  der  Kommilitonen,  die  in  Scharen  aus  Heidelberg
herüber  gewandert  waren.  Manche  in  der  Menge  riefen  einen  feierlichen
Fluch  über  sämtliche  deutsche  Fürsten.  Zuletzt  verhallten  alle  Worte  in
der  allgemeinen  Trunkenheit.  Dem  schweigsam  zuhörenden  Karl  Mathy
wurde  ganz  unheimlich  zu  Mute  bei  dem  tollen  Treiben,  während  Lud—
wig  Börne,  der  auch  mit  im  Getümmel  stand,  aber  bald  nachher  sich
wieder  in  das  sichere  Paris  zurückstahl,  die  wildesten  Reden  noch  zu  ge—
mäßigt  fand.  Am  richtigsten  gab  ein  Lied,  das  irgendwo  im  Haufen  ge—
sungen  wurde,  die  Gesinnungen  der  Menge  wieder:

Mut,  Mut,  Mut!  Nicht  wird  uns  Gott  verlassen,
Folgen  wir  in  Treuen  seinem  Wort!

Feurig  laßt  uns  lieben,  feurig  hassen

Und  bereiten  uns  zum  Drachenmord.

Wie  der  Lindwurm  stolz  sich  brüstet,

Ihn  nach  unserm  Blut  gelüstet!

Wer  dieser  Lindwurm  sei,  ob  Preußen  oder  der  Bundestag,  das  verschwieg
  der  Dichter  weislich,  und  eben  damit  traf  er  die  Meinung  seiner
Hörer,  die  allesamt  nur  durch  eine  mächtige  lyrische  Empfindung,  durch  die
Nachklänge  der  großen  Epoche  deutscher  Dichtung,  sich  im  Herzen  gehoben
fühlten  und  irgendein  außerordentliches  Ereignis  ersehnten.

Am  nächsten  Morgen  ließen  die  Führer  drunten  in  Neustadt  Vertrauensmänner
  aus  den  einzelnen  deutschen  Gauen  wählen  und  legten
ihnen  die  Frage  vor,  ob  man  nicht  sogleich  eine  provisorische  Regierung
für  das  freie  Deutschland  einsetzen  solle.  Der  Vorschlag  ward  verworfen,
weil  man  zu  solchen  Beschlüssen  von  daheim  keinen  Auftrag  habe.  So
verlief  das  Fest  ohne  unmittelbares  Ergebnis,  aber  der  wilde  Lärm  nach
so  langen  Jahren  tiefer  Stille  regte  das  Land  weithin  auf.  Als  die
Mainzer  von  Hambach  heimkehrten,  gerieten  sie  unterwegs  zu  Worms
in  einen  rohen  Pöbelaufruhr  hinein;  die  Wormser  meinten  einfach,  jetzt
sei  Freiheit.  Unverkennbar  hatten  die  französischen  Geheimbünde  auf  das
        <pb n="273" />
        Das  revolutionäre  Philistertum.  265

Maifest  der  Deutschen  große  Hoffnungen  gesetzt.  Am  Tage  des  Ham—
bacher  Festes  veranstalteten  die  deutschen  Radikalen  in  Paris  ein  Bankett
unter  Lafayettes  Vorsitz  und  einige  Tage  nachher  brach  dort  ein  gefähr—
licher  Aufstand  aus.

Auch  in  den  anderen  Landschaften  am  Ober-  und  Mittelrhein  wurden
zur  selben  Zeit  überall,  offenbar  nach  Verabredung,  Volksversammlungen
abgehalten;  der  Frühling  war  so  schön,  der  Verkehr  so  leicht,  der  Wein
so  wohlfeil  und  das  deutsche  Elend  unbestreitbar  schwer.  In  Weinheim
an  der  Bergstraße,  in  Bergen  und  Wilhelmsbad  bei  Frankfurt,  in  der
Nebelhöhle  der  Rauhen  Alb  versammelten  sich  die  Patrioten,  mit  schwarzrotgoldenen
  Kokarden  geschmückt;  da  und  dort  genügte  schon  die  Einladung
  eines  unternehmenden  Gastwirts,  um  das  souveräne  Volk  anzulocken.
  Am  11.  Juni  tagten  die  badischen  Liberalen  in  Badenweiler,  und
hier  zeigte  sich  deutlich,  wie  scharfe  Gegensätze  die  süddeutsche  Opposition  in
sich  barg.  Den  Gedanken  der  unbedingten  nationalen  Einheit  vermochte
Rotteck  nicht  zu  fassen.  Als  ein  Student  das  deutsche  Banner  aufpflanzen
wollte,  ließ  er  die  Fahne  hinwegnehmen  und  brachte  einen  Trinkspruch
auf  Badens  Selbständigkeit  aus:  „Ich  will  keine  Einheit,  die  uns  in
Gefahr  setzt,  in  einen  Kriegszug  gegen  die  uns  natürlich  Verbündeten
geschleppt  zu  werden;  ich  will  keine  Einheit  unter  den  Flügeln  des  österreichischen
  oder  des  preußischen  Adlers,  sondern  die  Einheit  der  Völker
Deutschlands  zum  Schutze  gegen  die  Vereinigung  der  Fürsten  und  der
Aristokraten.“  Unter  brausendem  Beifall  faßte  er  seine  Weisheit  endlich  in
dem  Satze  zusammen:  „Ich  will  lieber  Freiheit  ohne  Einheit,  als  Einheit
ohne  Freiheit“  —  einem  Satze,  der  seitdem  oft  wiederholt,  durch  lange
Jahre  das  Stichwort  des  liberalen  Partikularismus  geblieben  ist.

Seit  diesen  Hambacher  Tagen  gewöhnte  sich  das  süddeutsche  Bürgertum
  an  eine  patriotische  Kneipseligkeit,  die,  zuweilen  einmal  durch  ein
Verbot  der  Obrigkeit  gestört,  fast  zwei  Jahrzehnte  lang  anhielt  und  auf
das  Volksgemüt  ebenso  unwiderstehlich  wirkte  wie  ein  halbes  Jahrtausend
zuvor  der  Kyrieleis-Ruf  der  Geißler.  Beim  vollen  Becher  das  Kauderwelsch
  der  Zeitungen  nachzusprechen  oder  bei  einem  „Welckers-Essen“
den  großen  deutschen  Hofrat  reden  zu  hören,  das  gehörte  zum  Leben
des  süddeutschen  Bürgers;  der  Idealismus,  aber  auch  die  Zuchtlosigkeit
des  Jahres  1848  hat  sich  gutenteils  in  dem  beständigen  Rausche  dieser
Zweckessen  angesammelt.  Niemand  kannte  dies  revolutionäre  Philistertum
besser  als  der  liebenswürdige  Heidelberger  Dialektdichter  K.  G.  Nadler,
selber  ein  fröhlicher  Pfälzer  in  allem,  nur  nicht  in  seiner  politischen  Gesinnung.
  Er  wollte  sich  kein  Herz  fassen  zu  den  beharrlichen  weingrünen
Hochs  auf  Deutschland  —  solange  unsere  Fahne  noch  nicht  in  Straßburg
  wehe,  unsere  Kriegsflotte  noch  nicht  nach  Kronstadt  gehe  —  und
ließ  den  gesinnungstüchtigsten  aller  liberalen  Schoppenstecher,  den  Bürgergrenadierkapitän
  und  Schuhmachermeister  Hackstrumpf  also  reden:
        <pb n="274" />
        266  IV.  4.  Landtage  und  Feste  in  Oberdeutschland.

Jetzt  weeß  ich's  erscht!
Ich  bin  ein  Mensch,  ein  deutscher  Mann,  ein  Bürger,
Dausch  nit  mit  dir,  des  Nordens  Automat,
Satrapospotenknecht,  der  Freiheit  Würger,
Der  du  die  Geißel  schwingst  im  Kschlavenstaat!

Wie  lächerlich  auch  dies  lärmende  Unwesen  heute  einem  erfahreneren
und  abgehärteten  Geschlechte  erscheinen  mag:  eine  Zeit,  welche  öffentliche
Versammlungen  noch  kaum  kannte,  mußte  durch  die  aufrührerischen  Rufe
der  Hambacher  Volksredner  erschreckt  werden.  Der  Bund  durfte  nicht
dulden,  daß  Deutschlands  gefährdete  Westmark  den  Revolutionären  dreier
Völker  zum  Sammelplatze  diente.  —
        <pb n="275" />
        Fünfter  Abschnitt.

 

Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Im  Strome  der  Geschichte  scheint  oft  eine  Welle  der  anderen  zu
gleichen,  weil  die  neuen  Gedanken  des  Völkerlebens  nur  langsam,  nach
vergeblichen  Anläufen,  unter  Kämpfen,  die  einander  ähneln,  den  Sieg  erringen
  können;  und  dies  unterscheidet  den  politischen  Kopf  von  dem  Doktrinär
  wie  von  dem  gedankenlosen  Praktiker,  daß  er  durch  solchen  Schein
der  Wiederholung  sich  nicht  täuschen  läßt  über  den  unerschöpflichen  Wechsel
der  immer  durch  Menschen  bestimmten  Menschengeschicke.  Deutschlands
Zustand  war  seit  dreizehn  Jahren  völlig  verändert;  der  Liberalismus  hatte
an  Anhang  und  Zuversicht,  freilich  auch  an  unlauteren  und  gefährlichen
Kräften,  erheblich  zugenommen,  während  die  Mächte  des  Beharrens  durch
den  Siegeszug  des  konstitutionellen  Systems  in  Norddeutschland  wie  durch
die  veränderte  Parteiung  der  europäischen  Staatengesellschaft  sich  geschwächt
sahen.  Wer  aber  nur  oberflächlich  hinblickte,  konnte  allerdings  glauben,
daß  der  Deutsche  Bund  sich  wieder  in  der  gleichen  Lage  befinde,  wie  zur
Zeit  der  Karlsbader  Konferenzen.  Wieder  wie  damals  hatte  sich  die  Opposition
  arge  Blößen  gegeben,  wieder  war  die  öffentliche  Ordnung  gefährdet,
das  Gefühl  ratloser  Besorgnis  an  allen  kleinen  Höfen  lebendig,  ein  kräftiges
  Einschreiten  der  Staatsgewalten  unabweisbar  geboten.  Begreiflich
also,  daß  überall  in  der  diplomatischen  Welt  die  Frage  laut  ward,  ob
man  sich  nicht  wieder  nach  der  alten  Karlsbader  Weise  Ruhe  verschaffen
solle  durch  Zwangsmaßregeln  gegen  die  Universitäten,  die  Landtage,  die
Presse,  die  Vereine.

Erschreckt  durch  den  Göttinger  Aufruhr,  an  dem  die  Studenten  doch
nur  helfend,  nicht  leitend  teilgenommen  hatten,  beantragte  die  hannöversche
Regierung  schon  im  März  1831  den  Erlaß  eines  neuen  Bundesgesetzes
gegen  die  Universitäten:  wer  jemals  einer  Burschenschaft  angehört,  sollte
zwei  bis  vier  Jahre  lang  von  allen  deutschen  Universitäten  entfernt  bleiben
und  unter  keinen  Umständen  von  seinem  Landesherrn  begnadigt  werden.
Diese  drakonischen  Vorschläge  erregten  selbst  am  Bundestage  Entrüstung
und  blieben  vorläufig  liegen,  da  erst  Instruktionen  eingeholt  werden  mußten.
Als  sodann  der  Streit  in  den  Kammern  zu  München,  Karlsruhe,  Wies-
        <pb n="276" />
        268  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

baden  sich  verschärfte,  da  meinte  der  Nassauer  Marschall,  jetzt  sei  endlich
der  Tag  gekommen  für  die  Vernichtung  der  neuen  Verfassungen,  die  er
schon  auf  den  Karlsbader  und  Wiener  Konferenzen  vergeblich  erstrebt  hatte.)
In  einer  Denkschrift  über  landständische  und  Repräsentativ-Verfassungen,
welche  er  um  Neujahr  1832  den  Höfen  zusendete,  verlangte  er  kurzweg
einen  Staatsstreich  des  Bundestags:  da  der  Art.  13  der  Bundesakte
nur  landständische  Verfassungen  gestatte,  so  müsse  der  Bund  durch  einfachen
  Mehrheitsbeschluß  diese  Vorschrift  ausführen,  die  Verantwortlichkeit
der  Minister,  die  Zivillisten  und  was  sonst  noch  dem  monarchischen  Prinzip
widerspreche,  verbieten,  in  beiden  Hessen,  Baden,  Württemberg,  Bayern,  wo
die  selbständige  oberste  Staatsgewalt  dem  Regenten  bereits  entrissen  sei,
eine  gründliche  Verfassungsänderung  erzwingen.)

Auch  General  Borstell,  der  Kommandierende  in  der  Rheinprovinz,
der  das  anarchische  Treiben  der  Pfälzer  dicht  vor  seiner  Tür  sah  und
beständig  auf  dem  Sprunge  stehen  mußte,  gestand  dem  Adjutanten  des
Königs,  General  Thile  vertraulich:  er  sehe  keine  Rettung  mehr,  wenn
man  nicht  die  kleinen  Staaten  durch  Waffengewalt  nötige,  beratende
Stände  nach  preußischem  Muster  einzuführen.  Unter  den  Staatsmännern
Preußens  wurde  der  Plan  einer  neuen  Karlsbader  Konferenz  zuerst,  schon
im  August  1831,  von  dem  Grafen  Maltzahn,  dem  Gesandten  in  Hannover,
ausgesprochen.  Vom  Bundestage  ließ  sich  ja  doch  nichts  erwarten,  wenn
er  nicht  von  außen  her  gestachelt  wurde;  die  alte  Zank=  und  Ränkesucht
der  Bundesgesandten  war  eben  jetzt,  infolge  der  braunschweigischen  und
hessischen  Händel,  wieder  so  üppig  aufgewuchert,  daß  der  ehrliche  du  Thil
bei  einem  Besuche  in  der  Eschenheimer  Gasse  seinen  Abscheu  kaum  verbergen
konnte.  *)  Darum  hielt  Maltzahn  für  nötig,  daß  die  leitenden  Minister
Deutschlands  wieder  wie  einst  in  Karlsbad  unter  sich  die  allgemeinen
Grundsätze  für  die  inneren  Angelegenheiten,  wo  möglich  auch  ein  gleichmäßiges
  Verwaltungssystem  für  alle  Bundesstaaten  verabreden  sollten.

Bernstorff  ließ  sich  durch  alle  diese  reaktionären  Bestrebungen  nicht  in
seinem  Gleichmut  stören.  In  einem  Ministerialschreiben  vom  1.  Nov.  1831
erwiderte  er  dem  Gesandten  ausführlich:  an  konservativen  Grundsätzen
gebreche  es  dem  Bunde  wahrhaftig  nicht,  seit  die  Wiener  Schlußakte  das
monarchische  Prinzip  so  bestimmt  ausgesprochen  habe;  was  fehle,  sei  allein
der  ernste  Wille  der  Regierungen,  die  vorhandenen  Gesetze  anzuwenden.
Diesen  Willen  zu  kräftigen,  bleibe  die  nächste  Aufgabe.  Jede  Veränderung
des  Bundesrechts  wies  er  ebenso  weit  von  sich  wie  den  Gedanken  „einer
gewaltsamen  Aufhebung  der  durch  übel  beratene  Fürsten  erteilten  Ver- 



*)  S.  o.  III.  10.

*)  Marschall,  Denkschrift  über  den  Unterschied  landständischer  Verfassungen  im
Sinne  des  Art.  13  und  ausländischen  Mustern  nachgebildeter  Repräsentativverfassungen.
Dem  Karlsruher  Hofe  mitgeteilt  12.  Jan.  1832.

*?**)  Du  Tbils  Aufzeichnungen,  18.  Okt.  1831.
        <pb n="277" />
        Bernstorffs  Bundespolitik.  269

fassungen"“.  Indessen  war  er  mit  nichten  gemeint,  den  Bundestag  zu
völliger  Untätigkeit  zu  verdammen;  er  erkannte  vielmehr,  daß  man  mit
den  gehässigen  Zeitungsverboten  sich  nicht  begnügen,  sondern  endlich  das
so  oft  verheißene  definitive  Bundespreßgesetz  gewähren  müsse.  Darum  ließ
er  durch  Eichhorn  den  Entwurf  eines  preußischen  Preßgesetzes  ausarbeiten,
der  allerdings  nicht  allen  Wünschen  der  Liberalen  genug  tat,  aber  große
Erleichterungen  gewährte:  wissenschaftliche  Werke  sollten  fortan  gänzlich
frei  sein,  die  Zensur  nur  für  politische  Zeitungen  fortbestehen  und  der
Aufsicht  eines  unabhängigen,  aus  Mitgliedern  der  Akademie  und  hohen
Beamten  gebildeten  Oberzensurkollegiums  unterworfen  werden.*)  Diese
preußische  Reform  sollte  dann  die  Grundlage  für  ein  neues  Bundespreßgesetz
  bilden,  und  die  Gesandtschaften  erhielten  den  Auftrag,  sich  darüber
zunächst  mit  den  süddeutschen  Höfen  zu  verständigen.  Auch  die  Frage  der
Offentlichkeit  der  Bundesversammlungen  hatte  Bernstorff  schon  seit  dem
Jahre  1829  ernstlich  ins  Auge  gefaßt.  Daß  die  Bundesprotokolle  gar  nicht
mehr  kundgemacht  wurden,  widersprach  den  Absichten  des  preußischen  Hofes
durchaus.  Man  wünschte  in  Berlin,  zwar  die  schwebenden  Verhandlungen
vor  jeder  Einmischung  der  Tagesblätter  sicherzustellen,  aber  keineswegs
die  ernste  Wissenschaft  von  jeder  Kenntnis  der  Bundesverhandlungen  abzusperren,
  und  schlug  daher  vor,  daß  die  Bundesprotokolle,  mit  wenigen
Ausnahmen,  jedesmal  bei  Beginn  der  Ferien  in  einem  Bande  veröffentlicht
werden  sollten.  Über  diesen  Vorschlag  wurde  schon  seit  Jahren  in  Frankfurt
  vertraulich  unterhandelt.  Münch  aber  wußte  durch  sein  alterprobtes
Hausmittel  alles  zu  vereiteln;  er  erklärte  beständig,  daß  er  erst  aus
Wien  Instruktionen  einholen  müsse,  und  Metternichs  Weisungen  trafen
niemals  ein.

Mit  solchen  Plänen  bedachtsamer  Zugeständnisse  trug  sich  der  preußische
Minister,  als  ihn  der  Wiener  Hof  im  September  1831  zu  vertraulichen
Besprechungen  über  Deutschlands  bedrängte  Lage  auffordern  ließ.  Seit
dem  Falle  von  Warschau  begann  Metternich  aufatmend  sich  zu  neuer
Tätigkeit  zu  ermannen.  Den  ganzen  Winter  über  wechselte  er  mit  den
Gesandten  der  beiden  anderen  Ostmächte  Denkschriften  über  das  gemeinsame
System,  das  man  fortan  gegen  die  Revolution  einhalten  wolle,  und  bezeichnete
  diesen  wenig  fruchtbaren  Gedankenaustausch  mit  dem  hochtrabenden
  Namen  „Verhandlungen  der  Wiener  Konferenz“,  damit  Wien  doch
wieder  als  der  Mittelpunktderkonservativen  europäischen  Politikerschiene)
Über  die  Bändigung  der  deutschen  Revolution  beriet  sich  Metternich  mit
dem  preußischen  Gesandten  Frhr.  von  Maltzahn  allein;  denn  Nesselrode
verstand  die  Form  zu  wahren  und  schärfte  dem  Gesandten  Tatistschew
ein:  wohl  sei  es  dringend  nötig,  den  kleinen  deutschen  Regierungen  zu
Hilfe  zu  kommen,  aber  hier  gebühre  der  Vortritt  den  deutschen  Groß-*)

  Frankenbergs  Bericht,  4.  Febr.  1832.

*)  Vgl.  oben  IV.  79.
        <pb n="278" />
        270  IV.  5.  Wiederbesestigung  der  alten  Gewalten.

mächten.“)  Nach  der  Meinung  des  österreichischen  Staatsmannes  mußte
jetzt  ein  für  allemal  aufgeräumt  werden  mit  den  sämtlichen  deutschen
Verfassungen  neufranzösischen  Stiles;  der  vermessene  Staatsstreichsplan
seines  getreuen  Marschall  behagte  ihm  wohl.  Maltzahn  dagegen  hatte
gemessenen  Befehl,  jeden  rechtswidrigen  Eingriff  in  die  Landesverfassungen
zurückzuweisen.  Er  erklärte:  die  Vorschriften  der  Schlußakte  genügten
vollauf,  wenn  man  sie  nur  entschlossen  handhabe;  der  Bundestag  solle  sich
begnügen,  den  Sinn  seiner  Grundgesetze  deutlich  auszusprechen  und  ihre
Befolgung  den  Regierungen  nachdrücklich  einzuschärfen.  Dem  Unfug  der
Presse  und  der  Versammlungen  lasse  sich  steuern,  wenn  der  Bund  und
die  Landesbehörden  auf  Grund  der  vorhandenen  Gesetze  sofort  mit  strengen
Verboten  einschritten.  Da  ein  neues  organisches  Bundesgesetz  nur  durch
einhelligen  Beschluß  zustande  kommen  konnte,  so  mußte  Metternich  dem
Preußen  schließlich  nachgeben??*),  und  man  einigte  sich  über  sechs  dem
Bundestage  vorzulegende  Artikel,  welche  im  wesentlichen  nichts  neues  enthielten,
  sondern  nur  den  bestehenden  Gesetzen  eine  scharfe  Auslegung  gaben.
Die  Sechs  Artikel  beriefen  sich  auf  das  „monarchische  Prinzip“  der
Art.  57  und  58  der  Schlußakte  und  bestimmten  demgemäß:  Da  die  gesamte
  Staatsgewalt  in  dem  Oberhaupte  des  Staates  vereinigt  bleiben
muß,  so  sind  die  deutschen  Souveräne  verpflichtet,  Anträge  der  Stände,
welche  dieser  Vorschrift  widersprechen,  zu  verwerfen.  Ferner  dürfen  die
Landstände  den  Fürsten  weder  die  zur  Führung  einer  verfassungsmäßigen
Regierung  erforderlichen  Mittel  verweigern  noch  die  Bewilligung  dieser
Summen  zur  „Durchsetzung  anderweiter  Wünsche"“  mißbrauchen  —  eine
deutliche  Antwort  auf  das  Verhalten  des  badischen  Landtags  bei  der
Beratung  des  Preßgesetzes.  Drittens  soll  die  Gesetzgebung  der  Bundesstaaten
  der  Erfüllung  ihrer  Bundespflichten  keinen  Eintrag  tun.  Um  die
Landtage  zu  überwachen  und  alle  Ausschreitungen  zur  Sprache  zu  bringen,
wird  viertens  am  Bundestage  eine  besondere  Kommission  eingesetzt.  Zum
fünften  verpflichten  sich  die  Regierungen,  jeden  Angriff  der  Landtage  auf
den  Bund  zu  verhüten.  Endlich  wird  nochmals  daran  erinnert,  daß  die  Auslegung
  der  Grundgesetze  des  Bundes  allein  der  Bundesversammlung  zustehe.
Dergestalt  hatte  Bernstorff  dicht  vor  dem  Ende  seiner  politischen
Laufbahn  noch  einmal  den  reaktionären  Anschlägen  des  Wiener  Hofes
den  Kern  ausgebrochen.  Dafür  mußte  er  aber  auch  auf  seine  eigenen
bescheidenen  Reformpläne  verzichten.  Sein  Preßgesetzentwurf  stieß  im
preußischen  Ministerium  selbst  auf  unbesieglichen  Widerstand.  Altenstein,
der  sich  die  leidige  Bundespolitik  gern  vom  Leibe  hielt,  meinte  ärgerlich:
mit  dem  alten  Preßgesetze  lasse  sich  sehr  wohl  auskommen;")  zu  streng
sei  die  preußische  Zensur  sicherlich  nicht,  der  russische  Gesandte  beschwere
*)  Nesselrode,  Weisung  an  Tatistschew,  7.  Okt.  1831.

*#)  Tettenborns  Bericht,  Wien,  3.  Jan.  1832.
*"*“)  Frankenbergs  Bericht,  9.  Okt.  1832.
        <pb n="279" />
        Die  Sechs  Artikel.  271

sich  ja  unablässig  über  die  polenfreundliche  Haltung  der  Berliner  Blätter.
Wie  das  Preßgesetz  in  Berlin  zu  Falle  kam,  so  in  Wien  der  Vorschlag,
die  Bundesprotokolle  wieder  zu  veröffentlichen.  In  einer  langen,  ängst—
lichen  Denkschrift  setzte  Metternich  auseinander,  welche  Gefahren  dem
Bundestage  bereitet  werden  könnten,  nicht  bloß  von  Journalen  und  Flug—
schriften,  sondern  auch  von  den  falschen  Theorien  der  Lehrbücher.  Bern—
storff  erwiderte  durch  Eichhorns  Feder:  niemals  könne  der  Bundestag
Ansehen  gewinnen  „solange  seine  Wirksamkeit  etwas  Unbekanntes  und
eben  dadurch  den  mannigfaltigsten  Mißdeutungen  ausgesetzt  bleibe“;  der
den  Deutschen  „unentbehrliche  Nationalsinn“  müsse  erschlaffen,  wenn  sie
nicht  einmal  ein  treues  Bild  von  ihrem  gemeinsamen  politischen  Leben
gewännen;  die  Wissenschaft  des  Bundesrechts  werde  sich  in  leere  Ab—
straktionen  verlieren,  wenn  man  ihr  allen  positiven  Stoff  entziehe.)
Lauter  vortreffliche  Gründe,  aber  wenig  geeignet,  den  Wiener  Hof  zu  überzeugen,
  der  ja  den  „unentbehrlichen  Nationalsinn“  der  Deutschen  als
seinen  gefährlichsten  Feind  betrachtete.  Metternich  verblieb  bei  seinem
Widerspruche,  und  Bernstorff  mußte  schließlich  (18.  April  1832)  den
Bundesgesandten  anweisen,  die  aussichtslose  Sache  in  Frankfurt  vorläufig
ruhen  zu  lassen.

Im  Verlaufe  dieser  langwierigen  Unterhandlungen  wurden  auch  die
Gesandten  Bayerns  und  Württembergs  hinzugezogen.  König  Wilhelm
nahm  die  Sechs  Artikel  unbedenklich  an;  er  war  längst  der  Meinung,  daß
man  der  einreißenden  Anarchie  Halt  gebieten  müsse.  *')  Etwas  langsamer
entschloß  sich  der  bayrische  Hof.  Das  in  München  beliebte  „Isolierungsund
  Puissancierungssystem“,  wie  Blittersdorff  es  nannte,  vertrug  sich  schwer
mit  strengen  Bundesbeschlüssen;  doch  da  Österreich  bestimmt  versicherte,
daß  man  keine  Einmischung  in  die  inneren  Angelegenheiten  des  Königreichs
beabsichtige,  so  gab  auch  Bayern  seine  Einwilligung.**?*)  Nunmehr  teilte
Metternich  durch  ein  ausführliches  Rundschreiben  die  Sechs  Artikel  auch
den  übrigen  Höfen  mit  (12.  April),  und  nirgends  erhob  sich  ein  Widerspruch.
  Die  sächsische  Regierung  hegte  anfangs  Bedenken  wegen  ihres
Staatsgrundgesetzes,  ließ  sich  aber  bald  beschwichtigenz#f)  der  Karlsruher
Hof  war  schon  seit  Monaten  entschlossen,  allen  Vorschlägen  der  Großmächte
zuzustimmen,  falls  sie  nur  nicht  geradeswegs  in  die  badische  Verfassung
eingriffen.  Unterdessen  kam  die  erschreckende  Kunde  von  dem  Hambacher
Feste.  Metternich  frohlockte  über  „diesen  unerhörten  Skandal“;  er  sah
voraus,  jetzt  würde  die  Angst  auch  die  Zaudernden  fortreißen,  und  er
täuschte  sich  nicht.  Nachdem  Münch  in  einem  langen  Vortrage  die  Schreck-*)

  Beide  Denkschriften  bei  Kombst,  der  Deutsche  Bundestag  gegen  Ende  des  Jahres
1832,  S.  107  f.
*5)  Berichte  von  Blittersdorff,  9.  Jan.,  von  Nagler,  22.  Febr.  1832.
*##)  Berichte  von  Blittersdorff,  19.  Jan.,  von  Fahnenberg,  München,  18.  Febr.  1832.
#0  Berichte  aus  Dresden:  von  Buch,  19.  Mai,  Jordan,  1.  Juni  1832.
        <pb n="280" />
        272  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

nisse  der  „mit  starken  Schritten  ihrer  Reife  entgegengehenden“  deutschen
Revolution  geschildert  hatte,  nahm  der  Bundestag  sofort,  am  28.  Juni  1832
die  Sechs  Artikel  einstimmig  an,  nur  mit  dem  einen  durch  Bayern  beantragten
  Zusatze,  daß  die  Bundeskommission  zur  Überwachung  der  Landtage
  vorläufig  bloß  für  sechs  Jahre  eingesetzt  werden  sollte.

Am  5.  Juli  folgte  sodann  eine  mächtige  Sturzwelle  außerordentlicher
Sicherheitsmaßregeln,  die  großenteils  auch  schon  in  Wien  verabredet  waren.
Alle  politischen  Vereine  wurden  verboten,  desgleichen  alle  Volksversammlungen
  und  Volksfeste  ohne  besondere  Erlaubnis,  ebenso  die  Freiheitsbäume
und  die  deutschen  Kokarden.  Zugleich  wurden  die  Gesetze  über  die  Universitäten
  wieder  in  Erinnerung  gebracht,  die  Regierungen  zu  strenger
Handhabung  der  Polizei  ermahnt,  der  badische  Hof  endlich  aufgefordert,
binnen  vierzehn  Tagen  sein  bundeswidriges  Preßgesetz  außer  Kraft  zu  setzen.
In  den  nächsten  Wochen  verbot  der  Bundestag,  auf  Grund  des  Karlsbader
  Preßgesetzes,  den  Wächter  am  Rhein,  den  Freisinnigen,  Rottecks
Annalen,  Mebolds  Deutsche  Allgemeine  Zeitung,  nachher  die  Biene  des
sächsischen  Bienenvaters  und  so  weiter,  bis  schließlich  nahezu  alle  entschiedenen
  Oppositionsblätter  vernichtet  waren.  Den  namhaftesten  Publizisten
  der  süddeutschen  Liberalen,  Wirth,  Siebenpfeiffer,  Rotteck,  Stromeyer,
Mebold  und  anderen  ward  untersagt,  binnen  der  nächsten  fünf  Jahre
eine  Zeitschrift  herauszugeben.

Die  Karlsbader  Schreckenstage  schienen  wiederzukehren,  und  stärker
noch  als  damals  war  die  Erbitterung  in  den  gebildeten  Klassen.  Nun
hatte  auch  Deutschland  seine  Juniordonnanzen!  —  so  hieß  es  überall.
Die  liberale  Presse  des  Südens  benutzte  die  kurze  ihr  noch  vergönnte
Galgenfrist,  um  die  volle  Schale  ihrer  Entrüstung  über  den  Bundestag
und  die  beiden  Großmächte  auszuschütten.  Die  deutschen  Kleinstaaten  —
so  rief  der  Freisinnige  —  sind  Knechte  der  Knechte;  „verwischt  für  immer
ist  jede  achtungsvolle  Erinnerung  an  Österreichs  Erhebung  im  Jahre  1809
und  an  jene  Preußens  im  Jahre  1813.“  Auch  jene  gemäßigten  norddeutschen
  Liberalen,  welche  das  lärmende  Treiben  der  Pfälzer  entschieden
mißbilligten,  erschraken  über  die  Härte  der  hereinbrechenden  Reaktion;
Dahlmann  meinte  traurig:  „es  schwebt  einmal  ein  Unglücksstern  über
allem,  was  deutsch  ist.“

Unleugbar  war  die  Ruhe  Deutschlands  diesmal  weit  ernstlicher
bedroht,  als  in  den  Zeiten  der  burschenschaftlichen  Bewegung;  der  Bund
hatte  bessere  Gründe  zum  Einschreiten  und  ging  auch  nicht,  wie  damals,
über  die  Schranken  des  formalen  Rechtes  hinaus.  Die  Sechs  Artikel
waren  kein  Ausnahmegesetz,  wie  die  Liberalen  behaupteten,  sie  enthielten
im  wesentlichen  nur  die  authentische  Interpretation  bestehender  Bundesgesetze.
  Wurden  sie  gerecht  und  verständig  angewendet,  so  widersprachen
sie  auch  nicht  den  Landesverfassungen,  denn  kein  deutsches  Staatsgrundgesetz
  —  mit  der  einzigen  Ausnahme  des  neuen  kurhessischen  —  gewährte
        <pb n="281" />
        Bedeutung  der  Sechs  Artikel.  273

den  Landständen  das  Recht  der  unbeschränkten  Steuerverweigerung.  Die
Zeitungsverbote  standen  in  Einklang  mit  dem  Bundespreßgesetze,  und
wenn  der  Bund  „zur  Erhaltung  der  inneren  Sicherheit“  auch  die  Vereine
und  Versammlungen  überwachte,  so  durfte  er  sich  auf  die  freie  Zustimmung
der  sämtlichen  deutschen  Souveräne  berufen.

Doch  unmöglich  konnte  die  tief  enttäuschte  liberale  Partei  sich  bei  der
formalen  Gesetzlichkeit  der  Bundesbeschlüsse  beruhigen.  Die  Sechs  Ar—
tikel  erschienen  vier  Wochen  nach  dem  Hanbacher  Feste;  sie  wurden  daher,
  obgleich  sie  schon  seit  Monaten  vorbereitet  waren,  allgemein  als  die
Antwort  des  Bundestags  auf  die  Hambacher  Drohreden,  als  ein  Werk
schimpflicher  Angst  betrachtet,  und  alle  Welt  erzählte  sich,  daß  Metternich
geäußert  haben  sollte:  „das  Hambacher  Fest,  wenn  es  gut  benutzt  wird,
kann  das  Fest  der  Guten  werden,  die  Schlechten  haben  sich  mindestens
zu  sehr  übereilt.“  Wie  zuversichtlich  hatte  man  gehofft,  der  neue  Tag,
den  der  schmetternde  Weckruf  des  gallischen  Hahnes  angekündigt,  werde
auch  den  Deutschen  die  Preßfreiheit  und  die  Parlamentsherrschaft  bringen,
und  nun  legte  der  Bundestag  die  vorhandenen  bescheidenen  Rechte  der
Landtage  im  strengsten  monarchischen  Sinne  aus.  Immer  nur  der  Stein
statt  des  Brotes:  statt  der  Preßfreiheit  eine  gehässige  Verfolgung,  die
neben  den  revolutionären  Schriften  doch  auch  gebildete  und  wohlmeinende
Blätter,  wie  Rottecks  Annalen,  mit  ihren  Peitschenschlägen  traf.  Wie
schwärmerisch  hatte  man  sich  nach  der  Herrlichkeit  eines  großen  Vater—
landes  gesehnt,  und  nun  ward  der  Nation  sogar  ihre  in  ehrlicher  Be—
geisterung  entfaltete  neue  Trikolore  verboten.  Im  Wächter  am  Rhein
klagte  Stromeyer:  „So  verschwinde  denn  für  einen  Augenblick  vor  dem
Antlitz  deiner  Feinde,  o  du  heilige  Dreifarbe,  du  himmlisches  Bild  der
Reinheit  und  des  mutigen  Ernstes!  Ziehe  dich  zurück  auf  unsere  nackte
Brust.  Dort  hüpft  dir  grüßend  jeder  Schlag  unseres  Herzens  entgegen
und  empfängt  von  dir  die  elektrische  Einströmung  des  heiligen  Feuers.“
So  schwülstig  auch  die  Worte  klangen,  die  Klage  selbst  war  vollberechtigt:
welch  ein  verschrobener,  unwahrer  Zustand,  wenn  die  höchste  deutsche  Be—
hörde,  in  der  sich  die  Einheit  der  Nation  verkörpern  sollte,  das  Symbol
der  Einheit  wie  ein  verbrecherisches  Abzeichen  verfolgte!

Auch  der  Inhalt  der  Sechs  Artikel  selbst  bot  dem  Liberalismus  guten
Grund  zum  Mißtrauen;  denn  auch  sie  litten,  wie  alle  Bundesbeschlüsse,  an
jener  gefährlichen  Vieldeutigkeit,  welche  die  gesetzgeberischen  Arbeiten  juri—
stischer  Dilettanten  gemeinhin  auszeichnet.  Diese  Eigentümlichkeit  der  Bundesgesetzgebung
  war  in  Frankfurt  selbst  so  bekannt,  daß  Blittersdorff  einmal
mit  seiner  gewohnten  cynischen  Dreistigkeit  bei  seinem  Minister  anfragte:
Es  gibt  eine  zweifache  Auslegung  der  Bundesgesetze,  eine  konstitutionell—
liberale  und  eine  monarchische;  welche  von  beiden  soll  ich  jetzt  anwenden?“)

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  7.  Jan.  1832.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  18
        <pb n="282" />
        274  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Was  ließ  sich  nicht  alles  herauslesen  aus  dem  zweiten  Artikel,  der  den
Landständen  untersagte,  die  zur  Führung  einer  verfassungsmäßigen  Regierung
  erforderlichen  Mittel  zu  verweigern!  Wie  leicht  konnte  diese  Vorschrift
  zur  gänzlichen  Vernichtung  des  ständischen  Steuerbewilligungsrechts
mißbraucht  werden,  und  wie  nahe  lag  dieser  Verdacht  gerade  jetzt,  da  die
Höfe  so  unerbittlich  streng  gegen  die  Zeitungen  und  Vereine  auftraten.
Begreiflich  also,  daß  die  liberale  Partei  die  Sechs  Artikel,  stark  übertreibend,
im  gehässigsten  Sinne  auslegte  und  wehklagend  versicherte:  „der  Scheinkonstitutionalismus“
  —  so  lautete  die  neue  Zeitungsphrase  —  solle  in
die  deutschen  Verfassungen  eingeführt  werden.

Und  welch  ein  grelles  Schlaglicht  fiel  jetzt  wieder  auf  die  grundfalsche
Richtung,  welche  die  Bundespolitik  von  Anbeginn  eingeschlagen  hatte!  Für
die  Einheit,  deren  die  Nation  wie  des  lieben  Brotes  bedurfte,  für  die
Einheit  des  Heerwesens  und  der  Handelspolitik  tat  der  Bund  gar  nichts;
für  sie  mußte  Preußen  mit  Umgehung  des  Bundestags  sorgen.  Auch  in  allen
anderen  gemeinnützigen  Geschäften  zeigte  der  Bundestag  eine  schimpfliche
Trägheit.  Soeben  erzählte  man  sich  wieder  hohnlachend  ein  neues  Stücklein
aus  der  Geschichte  des  Bundesjammers:  jahrelang  hatte  sich  eine  Kommission
  des  Bundestags  über  die  Staatsangehörigkeit  eines  Jägers  Lemnitzer
in  Thüringen  gestritten;  da  berichtete  endlich  der  Gesandte  Leonhardi,  daß
nicht  Preußen  oder  Reuß,  sondern  Meiningen  den  Mann  aufzunehmen
schuldig  sei,  und  fügte  die  schmerzliche  Mitteilung  hinzu,  der  Arme,  der
über  dem  Gezänk  achtzig  Jahre  alt  geworden  war,  sei  leider  soeben  gestorben.))
  Wenn  es  aber  galt,  die  ständischen  Verfassungen,  die  sich  doch
nach  der  Eigenart  der  Landschaften  richten  mußten,  alle  über  einen  Kamm
zu  scheren  oder  durch  den  Zwang  der  Polizei  das  politische  Leben  der
Nation  darniederzuhalten,  dann  entfaltete  diese  träge  Versammlung  eine
fieberische  Tätigkeit,  dann  erließ  sie  Verbote  und  Befehle  an  souveräne
Fürsten,  dann  übte  sie  ungescheut  alle  die  Machtbefugnisse  einer  Staatsgewalt,
  welche  weit  über  die  bescheidenen  Rechte  eines  Staatenbundes  hinausgingen.
  Vielherrschaft  da,  wo  Einheit  not  tat,  Zentralisation  da,  wo“
der  Partikularismus  sein  gutes  Recht  hatte  —  das  war  der  Charakter  der
deutschen  Bundespolitik.  Da  der  Bundestag  seine  Aufgabe  so  ganz  verkannte,
  so  wurden  ihm  auch  notwendige  und  gerechtfertigte  Sicherheitsmaßregeln
  zur  Schuld  angerechnet;  er  erschien  der  Nation  nur  noch  als
eine  kleinlich  gehässige  Polizeibehörde.

Die  Unzufriedenheit  war  allgemein.  Selbst  die  Preußen,  die  sonst
nach  dem  Bundestage  wenig  fragten,  zeigten  sich  unwillig;  sie  fanden  es
kränkend,  daß  alle  diese  neuen  Verbote  auch  für  sie,  die  Königstreuen
gelten  sollten.  Am  Hofe  wehte  die  Luft  seit  einigen  Monaten  schärfer.
Der  König  sprach  sich  über  den  Lärm  der  pfälzischen  Demagogen  sehr

 

*)  Naglers  Bericht,  17.  Juli  1831.
        <pb n="283" />
        Preußens  beschwichtigende  Erklärung.  275

unwillig  aus;  beim  Ordensfeste,  im  Januar,  hörte  er  wohlgefällig  zu,  als
Bischof  Eylert  in  bedientenhafter  Rede  die  Liebe  zum  Landesvater  für  die
wahre  preußische  Verfassung  erklärte  und  dies  tapfere  Volk  mit  glücklichen
Kindern  verglich.  Von  den  verheißenen  Reichsständen  durfte  ihm  niemand
mehr  sprechen;  selbst  über  Dahlmanns  so  würdig  und  achtungsvoll  ge—
haltene  „Rede  eines  Fürchtenden“  mußte  der  Gesandte  in  Hannover  sich  be—
schweren.  Noch  ängstlicher  dachte  Ancillon.  Ihm  gereichte  zur  hohen  Freude,
daß  er  seine  Laufbahn  als  Minister  sogleich  mit  einem  Hauptschlage  wider
die  Demagogen  eröffnen  konnte.  Immer  wieder  versicherte  er  dem  Wiener
Hofe,  Osterreich  und  Preußen  müßten  Deutschland  retten,  trotz  der  neuen
„improvisierten  Verfassungen,  dieser  schlechten  Nachahmungen  eines  fehler—
haften  Vorbildes“;  sie  müßten  „Deutschlands  Souveräne  elektrisieren“,
nachdem  „die  Revolution  jetzt  ihre  Maske  gelüftet,  ihr  Banner  entfaltet“
habe.  Aufrichtig  war  seine  Befriedigung,  als  „das  wahre  Deutschland,
das  im  Bundestage  verkörperte  Deutschland“  endlich  gesprochen  und  also
dem  ganzen  Weltteile  „einen  Rettungsanker“  dargeboten  hatte.“)  Sobald
  er  aber  den  tiefen  Unwillen  bemerkte,  der  sich  vornehmlich  in  den
Kreisen  des  hohen  Beamtentums  lebhaft  äußerte,  ward  er  selbst  unsicher
und  riet  dem  Könige,  seinen  treuen  Untertanen  ausdrücklich  zu  erklären,
daß  er  sie  nicht  durch  unverdientes  Mißtrauen  verletzen  wolle.  So  geschah,
was  bisher  unerhört  gewesen:  Preußen  selbst  erlaubte  sich  einen  bayrischen
Vorbehalt.  Als  Friedrich  Wilhelm  im  September  die  Bundesbeschlüsse
veröffentlichen  ließ,  beteuerte  er  zugleich  mit  warmen  Worten:  damit
erfülle  er  nur  seine  Pflicht  als  Bundesfürst,  in  Preußen  sei  die  Ruhe
nie  gestört  worden,  in  dem  Vertrauen  und  der  erprobten  Zuneigung
seines  Volkes  besitze  er  die  zuverlässigste  Bürgschaft  für  die  Erhaltung
des  inneren  Friedens.

Noch  größer  war  die  Verlegenheit  der  konstitutionellen  Fürsten.  Im
Gefühle  ihrer  Ohnmacht  schaukelten  sie  sämtlich  schon  seit  Jahren  zwischen
dem  Bundestage  und  den  Landtagen  hin  und  her;  daß  der  Bund  ihnen
einen  Rückhalt  bot  gegen  die  Ansprüche  der  Landstände,  war  ihnen  allen
hochwillkommen.  Aber  an  einen  Verfassungsbruch  dachten  sie  nicht;  nur
der  Herzog  von  Nassau  und  der  kurhessische  Prinzregent  mochten  sich  ins—
geheim  mit  Staatsstreichsplänen  tragen.  Als  ihnen  nun  allüberall  die
Klage  entgegenscholl,  durch  die  Sechs  Artikel  würden  die  Landesverfassungen
in  ihren  Grundfesten  bedroht,  da  fühlten  sie  sich  im  Gewissen  bedrängt,
denn  eine  solche  Absicht  hatten  sie  bei  der  Annahme  der  Bundesbeschlüsse
wirklich  nicht  gehegt,  und  suchten  ihre  aufgeregten  Völkchen  zu  beschwich—
tigen.  Selbst  du  Thil,  der  Hochkonservative,  bat  seinen  Großherzog,  bei
der  Bekanntmachung  der  Bundesgesetze  zugleich  zu  versichern,  daß  die

 

*)  Ancillon,  Weisungen  an  Maltzahn,  4.,  14.  Juni,  9.  Juli,  an  Brockhausen,
23.  Juli,  13.  Aug.  1832.
18“
        <pb n="284" />
        276  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Landesverfassung  dadurch  nicht  abgeändert  würde.  Im  gleichen  Sinne
sprach  sich  der  Herzog  von  Meiningen  aus.  Auch  der  Prinzmitregent
von  Sachsen  verwahrte  ausdrücklich  die  Gerechtsame  seiner  Landstände,
als  er  die  Bundesbeschlüsse  veröffentlichte.  Seine  Minister  zeigten  sich
sehr  ängstlich;  denn  die  Nachrichten  aus  Frankfurt  hatten  im  Lande  große
Unzufriedenheit  erregt,  die  Sachsenzeitung  empfahl  schon  den  Bund  mit
Frankreich  gegen  die  deutschen  Großmächte,  im  Vogtlande  verbreitete  ein
neugebildeter  Preßverein  radikale  Schriften,  und  in  den  geweihten  Hallen
der  Dresdner  Adligen  Ressource  wagte  Otto  von  Watzdorf  sogar  einen
Protest  gegen  die  Sechs  Artikel  zur  Unterzeichnung  auszulegen.)

König  Ludwig  von  Bayern  schwankte  lange,  bevor  er  mit  sich  ins  reine
kam.  Schmerzlich  überrascht  durch  das  aufrührerische  Treiben  seiner  Pfälzer
hatte  er  sich  endlich,  auf  Metternichs  und  Ancillons  dringenden  Rat,  zur
Strenge  entschlossen  und  den  Feldmarschall  Wrede  mit  einer  ansehnlichen
Truppenmacht  nach  der  unruhigen  Provinz  gesendet.  Alsbald  zeigte  sich,
wie  wenig  revolutionäre  Kraft  hinter  den  prahlerischen  Reden  der  Demagogen
  stand.  Der  alte  Kriegsmann  trat  fest  und  versöhnlich  auf;  er  versprach
  Berücksichtigung  aller  begründeten  Klagen,  ließ  die  Vereine  schließen,
die  Freiheitsbäume  beseitigen,  zahlreiche  Verhaftungen  vornehmen  und  stellte
ohne  ernstlichen  Widerstand  die  Ordnung  wieder  her.  Unterdessen  feierten
auch  die  Franken  zu  Gaibach  ein  lärmendes  Waldfest,  begeisterte  junge
Leute  hoben  in  der  Lust  des  Weines  den  liberalen  Bürgermeister  Behr
auf  ihre  Schultern  und  begrüßten  ihn  als  „unseren  Frankenkönig“.  Auch
dort  wurde  mit  Untersuchungen  und  Verhaftungen  scharf  eingeschritten.
Der  König  verbarg  sein  Mißtrauen  nicht,  er  argwöhnte  sogar  einen  Anschlag
wider  sein  Leben,  und  als  ihm  die  Würzburger  in  einer  schwülstigen
Adresse  „Gut  und  Blut  des  ganzen  Volkes  der  Bayern“  zum  Kampfe  gegen
den  Bundestag  anboten,  da  wies  er  die  Eingabe  mit  ungnädigen  Worten
zurück.

Ebenso  scharf  ließ  er  eine  Vorstellung  „konstitutionell  getreuer  Staatsbürger“
  aus  der  Rheinpfalz  abfertigen,  ein  freches  Machwerk,  aus  dem
noch  einmal  der  ganze  Bodensatz  der  radikalen  Phrase  emporwirbelte.
Die  Pfälzer  sagten:  „Bürgerkrieg,  so  lautet  die  Losung  des  Bundestags.
Wie  konnte  der  Rheinbayern  gesetzestreue  und  freiheitliebende  Brust  unerschüttert
  bleiben  bei  der  schrecklichen,  ungeheueren,  fast  unglaublichen
Nachricht:  der  Bundestag  hat  die  deutschen  Konstitutionen  vernichtet!  Was
soll  uns  Österreich?  Dieser  alte,  morsche,  von  Würmern  zerfressene
hohle  Stamm?  Welche  Vorteile  kann  das  absolute  Preußen  dem  konstitutionellen
  Bayern  bieten?  Dieses  falsche  Rohr,  das  dem  durch  die
Hand  sticht,  der  sich  darauf  stützen  will?  Wie  wird  Rußland  Bayerns
Rechte  schirmen?  Dieser  glühende  Moloch  des  Despotismus,  dem  in  heid- 



*)  Jordans  Berichte,  29.  Juli,  4.  August  1832.
        <pb n="285" />
        Vorbehalte  der  konstitutionellen  Regierungen.  277

nischem  Wahne  der  Vater  das  eigene  Kind  opfern  muß?  König,  laut
beschwört  dich  dein  Volk:  schließe  nicht  den  unglücklichen  Bund  mit  jenen
absoluten  Mächten!  Weise  die  Versucher  zurück!  Verscherze  nicht  die  Liebe
deiner  Bayern.“*)  Eine  solche  Sprache  mußte  den  König  erbittern.  Vor
den  Bundesgesandten,  die  ihn  in  Franken  besuchten,  äußerte  er  lebhaft
seinen  Abscheu  gegen  den  Liberalismus;  zu  Blittersdorff  sagte  er  heftig:
„von  meinen  früheren  Ministern  war  ich  verraten  und  verkauft.“*)
Aber  zur  Bekanntmachung  der  Beschlüsse,  bei  denen  er  doch  selbst  mitgewirkt
  hatte,  konnte  er  sich  noch  immer  nicht  entschließen;  seine  souveräne
Krone  sollte  sich  nicht  förmlich  unter  die  Oberhoheit  des  Bundestages
beugen.  Vergeblich  mahnte  ihn  Zar  Nikolaus  in  einem  eigenhändigen
Briefe  an  die  Pflichten  der  Bundestreue.  **“)  Erst  im  Oktober  überwand
er  sich  und  ließ  die  Beschlüsse  veröffentlichen,  doch  mit  der  Erklärung,
daß  dadurch  die  bayrische  Verfassung  nicht  abgeändert,  sondern  vielmehr
„deren  treue  Beobachtung  erkräftigt  werde“.

Nirgends  äußerte  sich  der  öffentliche  Unwille  so  stürmisch  wie  in
Württemberg.  Da  die  Schwaben  bisher  noch  gar  nicht  zu  Worte  gekommen
waren  und  noch  immer  vergeblich  auf  die  Einberufung  ihres  Landtags
warteten,  so  warfen  sie  allen  Groll,  den  sie  in  diesen  zwei  Jahren  angesammelt
  hatten,  auf  die  neuen  Bundesbeschlüsse.  Nur  der  landständische
Ausschuß  blieb  nüchtern;  er  konnte  nach  reiflicher  Prüfung  nicht  finden,
daß  die  Sechs  Artikel  den  Bestand  der  Verfassung  unmittelbar  bedrohen
sollten.  Sonst  war  im  Lande  fast  nur  eine  Stimme.  Die  Stuttgarter
Bürger  verlangten  in  einer  Petition  die  Ablehnung  der  Bundesbeschlüsse,
und  des  Königs  Freund  Maucler  übertrieb  nur  wenig,  als  er  nach  Frankfurt
  schrieb:  „nicht  bloß  die  ewigen  Gegner  der  Regierungen,  die  Anhänger
der  Einheit  und  Freiheit  Deutschlands“,  sondern  auch  die  Treuen  seien
tief  erbittert.x)  Eine  anonyme  Schrift  „Deutschlands  Juli-Ordonnanzen“,
die  von  „dem  schändlichsten,  dem  fluchwürdigsten  Verrat  am  Wohle  der
Menschheit“,  von  dem  monarchischen  Prinzip  Caligulas  und  Neros  sprach,
fand  viele  gläubige  Leser.  Selbst  Paul  Pfizer  ließ  sich  von  der  Entrüstung
  seiner  Landleute  fortreißen.  Er  arbeitete  gerade  an  einer  Schrift
über  den  deutschen  Liberalismus,  um  seine  süddeutschen  Freunde  vor  den
Täuschungen  der  liberalen  Selbstüberhebung,  vor  den  Gefahren  eines
französischen  Bündnisses  zu  warnen  und  ihnen  vorzuhalten,  daß  sie  für
jetzt  höchstens  auf  einen  süddeutschen  Sonderbund  hoffen  dürften,  der  aber

 

*)  Adresse  der  Würzburger  Bürger  an  den  König,  o.  D.  „Vorstellung  vaterlandsliebender
  Bürger  Rheinbayerns,  oder  vielmehr  Erklärung  über  und  Verwahrung  gegen
die  Bundestagsbeschlüsse  vom  28.  Juni  1832.“  Mit  zahlreichen  Unterschriften  von  Landräten,
  Abgeordneten,  Bürgermeistern,  Lehrern  usw.

**v)  Blittersdorffs  Berichte,  17.,  24.  Sept.  1832.
***)  Küsters  Berichte,  3.,  22.  Aug.  1832.
)  Blittersdorffs  Bericht,  19.  Aug.  1832.
        <pb n="286" />
        278  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

in  Zukunft  unter  Preußens  Schutz  treten  müsse.  So  bewährte  er  wieder,
unbekümmert  um  Welckers  sittliche  Entrüstung,  seine  stolze  Selbständigkeit
gegenüber  den  Vorurteilen  der  Parteien  und  gestand  selbst,  mancher
Schwabe  werde  den  Gedanken  des  preußischen  Protektorats  „ganz  unglaub—
lich“  finden  wollen.  Da  erhielt  er  während  des  Drucks  die  Nachricht  von
den  Frankfurter,  Ordonnanzen“,  und  aufwallend  in  leidenschaftlichem  Zorne,
fügte  er  ein  geharnischtes  Nachwort  hinzu,  das  mit  der  Drohung  schloß:
nunmehr  werde  die  Nation  durch  die  Fürsorge  ihrer  Regierungen  „dasjenige
erhalten,  woran  es  ihr  bisher  gefehlt:  ein  gemeinschaftliches  Interesse  und
einen  gemeinschaftlichen  Feind“.

Eingeschüchtert  durch  das  allgemeine  Mißtrauen  versicherten  die  Mi—
nister  und  Geheimen  Räte,  als  sie  die  Bundesbeschlüsse  veröffentlichten,
feierlich,  daß  diese  Vorschriften  die  Verfassung  und  namentlich  das  Steuer—
bewilligungsrecht  der  württembergischen  Landstände  in  keiner  Weise  ge—
fährden  sollten  (28.  Juli).  „Zu  umso  vollständigerer  Beruhigung  seiner
getreuen  Untertanen“  gab  der  König,  der  zu  Livorno  weilte,  in  einem
alsbald  veröffentlichten  Briefe  diesem  Vorbehalte  seine  förmliche  Geneh—
migung.  Aber  das  Land  ließ  sich  nicht  beschwichtigen.  Neue  Adressen
liefen  ein,  aus  der  Hauptstadt,  aus  Ulm,  aus  Tübingen.  Der  Stutt—
garter  Bürgerausschuß  veranstaltete  einen  feierlichen  Aufzug,  um  die  Ein—
gabe  dem  königlichen  Kabinett  selbst  zu  überbringen.  Mit  dem  Rufe:  „Nur
über  meine  Leiche!“  und  unter  dem  lauten  Murren  der  Bürgerschaft  trieb
der  Stadtdirektor  Klett  die  Versammelten  auseinander.  Da  brach  König
Wilhelm  seine  italienische  Reise  ab  und  kehrte  eilends  heim.  Er  verwies
seinen  Stuttgartern  streng  ihr  aufrührerisches  Gebaren,  ließ  ihnen  die
„hauptsächlich  durch  die  Umtriebe  einer  übelwollenden  Partei  zustande
gekommene“  Adresse  zurückgeben,  beteuerte  wiederholt  seine  unverbrüchliche
Verfassungstreue  und  versicherte  zugleich  vertraulich  den  Gesandten  der
großen  Mächte,  wie  sehr  er  sich  über  die  Bundesbeschlüsse  freue.)

Den  beiden  Großmächten  kamen  diese  Winkelzüge  der  konstitutionellen
Höfe  sehr  ungelegen,  indes  sahen  sie  darin  mit  Recht  nur  ein  Zeichen  der
Schwäche,  nicht  der  Widersetzlichkeit.  Zu  Frankfurt  wurde  die  Frage  in
vertraulichen  Besprechungen  lebhaft,  aber  ohne  Bitterkeit  erörtert.  Dann
beschloß  der  Bundestag  sein  Ansehen  zu  wahren  und  erklärte  am  8.  Novbr.:
die  der  Bekanntmachung  beigefügten  „erläuternden  Beisätze“  könnten,  „wie
sich  von  selbst  verstehe“,  der  Verbindlichkeit  der  Bundesbeschlüsse  keinen
Eintrag  tun,  „sowie  solches  ohnehin  auch  nicht  in  der  Absicht  der  einzelnen
Regierungen  gelegen“  habe.  Diesem  Beschlusse,  der  ihnen  doch  selber  einen
sanften  Backenstreich  gab,  stimmten  die  Gesandten  der  fünf  Höfe,  welche
mit  Vorbehalt  veröffentlicht  hatten,  sämtlich  zu.  So  drehten  sich  die
Staatsgewalten  im  Kreise,  und  die  argwöhnische  Opposition  mußte  zu

 

*)  Salviatis  Berichte,  11.,  16.,  26.  Aug.,  6.  Nov.  1832.
        <pb n="287" />
        Reaktion  in  Kurhessen.  279

der  Meinung  gelangen,  daß  die  Höfe  mit  deutscher  Redlichkeit  ein  frevel—
haftes  Spiel  trieben.

Alle  anderen  konstitutionellen  Fürsten  außer  jenen  fünf  veröffentlichten
die  Bundesbeschlüsse  ohne  Vorbehalt.  Der  hessische  Mitregent  benutzte
zugleich  den  willkommenen  Vorwand,  um  sich  seiner  Stände  für  einige  Zeit
zu  entledigen.  Die  Aufregung  der  letzten  Jahre  zitterte  in  dem  unglück—
lichen  Lande  noch  zuweilen  nach.  Bei  den  üblichen  Polenfesten  erklangen
stürmische  Pereats  auf  die  drei  Ostmächte;  in  Hanau  meuterten  einmal
sogar  die  Soldaten,  unter  Hochrufen  auf  Frankreich  und  Polen;  die  deutschen
Farben  sah  man  überall,  auf  Fahnen  und  Kokarden,  auch  auf  den  Schnupf—
tüchern  der  Handwerksburschen.  Immerhin  ließ  sich  schon  deutlich  erkennen,
daß  die  Hessen  der  ewigen  Unruhen  müde  wurden;  auch  die  Freude  an
dem  zeitraubenden  Soldatenspiele  der  Bürgergarden  erkaltete  sichtlich.  Der
Kurprinz  aber  und  sein  Hassenpflug  verbargen  kaum,  daß  sie  einen  Streit  mit
den  Landständen  und  dann  den  Einmarsch  preußischer  Truppen  wünschten.
Je  näher  Hänlein  den  Charakter  dieses  Fürsten  kennen  lernte,  um  so  klarer
ward  ihm,  „daß  dem  Kurprinzen  weder  zu  raten  noch  zu  helfen  ist,  und
daß  er  bei  seiner  Eintagspolitik  seinem  unvermeidlichen  Schicksal  nicht  entgehen
  wird.“*)  Es  war  allein  die  Schuld  des  Regenten,  daß  der  Landtag
in  einer  Tagung  von  sechzehn  Monaten  nur  ein  einziges  wohltätiges  Gesetz
zustande  brachte:  das  Gesetz  über  die  Ablösung  der  Reallasten  und  die
Bildung  einer  Landeskreditkasse.  So  tat  Kurhessen  endlich  den  ersten
Schritt  auf  der  Bahn  der  befreienden  Agrargesetzgebung,  die  in  den  Nachbarstaaten
  längst  betreten  war.  Fast  alles  aber,  was  die  Stände  sonst  noch
beantragten,  blieb  im  Kabinett  unerledigt  liegen,  und  allerdins  erschwerte
Jordan  mit  seinen  Freunden  jede  Verständigung  durch  Übermut  und
unmögliche  Zumutungen.  Der  begeisterte  Doktrinär  gebärdete  sich,  als
ob  Kurhessen  auf  einer  Insel  im  Weltmeere  läge:  niemals,  rief  er  stolz,
wird  unser  Landtag  die  Rute  des  Bundestags  küssen!  Vergeblich  gewarnt
von  den  Gesandten  der  beiden  Großmächte,  betrieb  er  mit  Feuereifer  die
Beratung  eines  Preßgesetzes  —  eben  jetzt,  da  der  Bundestag  so  handfest
gegen  die  Zeitungen  vorging  und  die  Vernichtung  des  badischen  Preßgesetzes,
  wie  jedermann  wußte,  nahe  bevorstand.  Als  die  Stände  dann
über  diehessische  Preßfreiheit  schlüssig  geworden,  versicherte  Burkard  Pfeiffer
drohend:  die  Regierung  müsse  diesen  Entwurf  alsbald  genehmigen,  „wenn
anders  nicht  das  feierlich  gegebene  Fürstenwort  nur  als  leere  Form,  der
wiederholte  Schwur  der  Minister  nur  als  Gaukelspiel  mit  zerbrechlichen
Eiden  erscheinen  soll.“

So  erbittert  standen  die  Parteien  einander  gegenüber,  als  die  neuen
Bundesbeschlüsse  ruchbar  und  gleich  darauf  vom  Kurprinzen  amtlich  verkündigt
  wurden.  Die  Stände  tobten.  Während  Pfeiffer  in  schwungvoller

 

*)  Hänleins  Berichte,  25.  Febr.,  13.  März  1832.
        <pb n="288" />
        280  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Rede  die  Freiheitsfarben  der  alten  Burschenschaft  verherrlichte,  erklärte
Jordan  die  Bundesbeschlüsse  für  ungültig  und  forderte,  daß  die  Minister
angeklagt  werden  sollten.  Das  war  es,  was  der  Kurprinz  wünschte.  Am
26.  Juli  wurde  der  Landtag  aufgelöst,  und  Heinrich  von  Arnim,  der  auf
der  Durchreise  dieser  Schlußsitzung  beiwohnte,  berichtete  schaudernd,  welche
entsetzliche  Drohungen  die  schnurrbärtigen,  mit  schwarzrotgoldenen  Bändern
geschmückten  Männer  droben  auf  der  Galerie  ausgestoßen  hätten.)  Das
Land  blieb  indessen  ruhig.  Jordan  aber,  der  Vater  der  Verfassung,  fiel  nunmehr
  selber  in  das  Fangeisen,  das  er  früherhin  versorglich  der  monarchischen
Gewalt  gestellt  hatte.  Um  der  Regierung  die  Auflösung  der  Landstände  zu
erschweren,  hatte  er  einst  die  Vorschrift  durchgesetzt,  daß  der  Landtag  am
Schlusse  jeder  Tagung  den  ständischen  Ausschuß  mit  Weisungen  versehen
müsse.“)  Jetzt  ward  der  Landtag  plötzlich  aufgelöst,  bevor  er  diese  Weisungen
  erteilen  konnte,  und  als  der  Ausschuß  alsbald  versuchte,  nachträglich
  gegen  die  Bundesbeschlüsse  zu  protestieren,  da  erwiderte  ihm  Hassenpflug
  höhnisch,  aber  mit  unbestreitbarem  Rechte:  der  Ausschuß  hat  keine
ständische  Instruktion  erhalten,  ist  also  nach  der  Verfassung  nicht  befugt,
irgendeinen  rechtsgültigen  Beschluß  zu  fassen.  So  hatte  der  gewandte
Taschenspieler  den  Landtag  und  seinen  Ausschuß  zugleich  entwaffnet.
Jedermann  fühlte,  unter  dieser  Regierung  werde  das  hessische  Land  niemals
  zum  Frieden  gelangen.

Auch  die  badische  Regierung  veröffentlichte  die  Sechs  Artikel  ohne
Vorbehalt,  weil  sie  fürchtete,  sich  durch  nutzlose  Zusätze  bloßzustellen?“?)  und
weil  sie  ihrer  ganzen  Widerstandskraft  bedurfte,  um  vielleicht  noch  ihr
Preßgesetz  zu  retten.  Längst  wünschte  der  Großherzog  sehnlich  seinen
Frieden  mit  den  großen  Mächten  zu  schließen.  Um  die  Hofburg  über
seine  tadellose  Gesinnung  aufzuklären,  sendete  er  im  Frühjahr  den  Freiherrn
  von  Falkenstein  nach  Wien,  erhielt  aber  zur  Antwort  nur  einen
freundlich  mahnenden  Brief  von  Kaiser  Franz.)  Seine  Minister  genügten
  ihm  nicht.  Winter  zeigte  sich  zwar  sehr  aufgebracht  über  Rotteck
und  dessen  Getreue:  „Da  ist  mir  Herr  Wirth  noch  ein  ehrenwerterer
Gegner“  —  schrieb  er  einmal.  „Der  Bursche  ist  ein  Radikaler,  ein  verrücktes
  Gehirn,  aber  doch  ein  deutscher  Radikaler  und  sagt  offen,  was  er
will.  Die  Freiburger  sind  Heuchler.“)  Gleichwohl  konnte  sich  Leopold
nicht  verbergen,  daß  dieser  bürgerfreundliche  Minister  niemals  das  Vertrauen
  der  beiden  Großmächte  gewinnen  werde,  und  berief  daher  im  Mai
den  Freiherrn  von  Reizenstein  aus  der  Stille  seiner  Heidelberger  gelehrten
Muße  wieder  an  die  Spitze  des  Ministeriums  —  jenen  verdienten  Staats- 



*)  Arnims  Bericht,  26.  Juli  1832.

*4)  S.  o.  IV.  134.
***)  Türckheim  an  Blittersdorff,  10.  Aug.  1832.

)ATürckheim  an  Blittersdorff,  28.  Mai;  Otterstedts  Bericht,  9.  Juni  1832.
s)  Winter  an  Otterstedt,  18.  Juni  1832.
        <pb n="289" />
        Aufhebung  des  badischen  Preßgesetzes.  281

mann,  der  einst  bei  der  Begründung  des  Großherzogtums  und  seiner
Verfassung  so  erfolgreich  mitgewirkt  hatte.  Der  kräftige  alte  Herr,  dessen
Verfassungstreue  außer  Zweifel  stand,  war  über  Rottecks  Reden  empört;
er  fand,  daß  der  vielgerühmte  „unvergeßliche  und  unübertreffliche  Landtag“
seine  Rechte  frevelhaft  mißbraucht  habe,  und  versicherte  dem  preußischen
Gesandten,  zu  Ancillons  lebhafter  Genugtuung:  „ich  werde  nicht  ruhen.
bis  der  Zügellosigkeit  Grenzen  gesetzt  sind.“)

Nur  zu  der  vollständigen  Aufhebung  des  Preßgesetzes  mochte  der
Großherzog  sich  nicht  entschließen.  Eine  so  herrische  Zumutung  war  bisher
  noch  keinem  Bundesfürsten  gestellt  worden;  zudem  fürchtete  Leopold,
wenn  er  gehorche,  sich  das  Vertrauen  seines  Volkes  zu  verscherzen.  Er
schwankte  lange.  Die  badischen  Liberalen  erzählten  einander  zuversichtlich,
daß  er  in  seiner  Not  den  französischen  Nachbar  heimlich  um  Hilfe  gebeten
  habe,  und  —  so  gründlich  war  hier  das  nationale  Selbstgefühl
zerstört  —  sie  rechneten  ihm  dies  Hilfegesuch  zur  Ehre  an.  In  Wahrheit
hat  der  patriotische  Fürst  an  solchen  Landesverrat  nie  gedacht.  Am
Bundestage  aber  ließ  er  seine  Ansicht  mehrere  Monate  hindurch  hartnäckig
  verteidigen.  Blittersdorff,  der  im  Grunde  des  Herzens  das  liberale
Gesetz  selber  verwünschte,  mußte  alle  seine  sophistischen  Künste  aufbieten,  um
immer  wieder  zu  beweisen:  Baden  erkenne  das  Bundespreßgesetz,  das  die
Zensur  vorschrieb,  als  rechtsverbindlich  an  und  sei  gleichwohl  befugt,  durch
sein  eigenes  Preßgesetz  die  Zensur  aufzuheben.*)  Kein  einziger  der  Bundesgesandten
  stimmte  dem  Badener  bei.  Das  formale  Recht  war  zu  klar,
und  als  der  Bundestag  auf  seiner  Forderung  beharrte,  mußte  die  Karlsruher
  Regierung  endlich  am  28.  Juli  die  Zensur  wieder  einführen.  Schlag
auf  Schlag  folgten  nun  die  Unterdrückung  der  vom  Bundestage  bereits
verbotenen  liberalen  Blätter  und  zahlreiche  Untersuchungen  gegen  die
Redner  der  Volksversammlungen.  Noch  nicht  zufrieden  mit  alledem,  verlangte
  der  Bundestag  im  September  auch  die  Bestrafung  der  akademischen
Lehrer,  welche  den  unterdrückten  „Freisinnigen“  herausgegeben  hatten.

In  Freiburg  wurden  die  Sechs  Artikel  mit  unbeschreiblicher  Entrüstung
  aufgenommen.  Rotteck  legte  ihnen  einen  verbrecherischen  Sinn
unter,  den  sie  durchaus  nicht  hatten;  er  veranstaltete  sofort  eine  Adresse
dawider  und  sagte  mit  bitterem  Hohne:  diese  Bundesbeschlüsse  vom
28.  Juni  würden  für  alle  wohlgesinnten  Bürger  ein  unendlich  wirksameres
Vereinigungszeichen  bilden  als  die  geächteten  drei  Farben.  In  dem  Fanatismus
  seines  Vernunftrechts  war  er  bereits  so  weit  gelangt,  daß  er  in
Europa  nur  noch  die  zwei  Völker  der  Freien  und  der  Knechte  bemerken
wollte;  „fast  alle  die  alten,  meist  nur  noch  bei  der  gedankenlosen  Masse

 

*)  Otterstedts  Berichte,  26.  Mai,  21.  Juni;  Ancillon,  Weisung  an  Otterstedt,
10.  Juni  1832.
**)  Naglers  Berichte,  23.  Mai  1832  ff.
        <pb n="290" />
        282  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

wirksamen  Nationalsympathien  und  Antipathien,  Verwandtschaften  und
Scheidewände“  verschwanden  ihm  daneben.  Mittlerweile  geriet  er  in
Händel  mit  dem  Gemeinderate,  weil  dieser  eine  Bürgerwache  zur  Verhinderung
  von  Volksversammlungen  errichtet  hatte,  und  als  nun  auch  die
Studenten  wieder  allerhand  Straßenunfug  verübten,  da  meinte  die  Regierung,
  dies  Nest  des  Aufruhrs  an  der  Dreisam  ausheben  zu  müssen.
In  ihrer  Angst  ging  sie  noch  weit  über  die  Forderungen  des  Bundestags
hinaus.  Die  Universität  Freiburg  wurde  geschlossen  und  dann  mit  veränderter
  Verfassung  neu  eröffnet.  Rotteck  und  Welcker  erhielten  den  Abschied
  mit  Ruhegehalt,  Duttlinger  entging  dem  gleichen  Schicksal  nur,  weil
man  ihn  auf  dem  Lehrstuhle  nicht  entbehren  konnte.  Es  war  nicht  bloß
ein  schweres  Unrecht  wider  ehrenhafte  Gegner,  die  sich  allen  geheimen
Umtrieben  stets  fern  gehalten  hatten,  sondern  auch  eine  politische  Torheit;
denn  die  Wirksamkeit  der  beiden  als  Lehrer  reichte  nicht  sehr  weit,  durch
die  Absetzung  gab  man  ihnen  außer  dem  Ruhme  der  Märtyrer  auch  die
Muße,  sich  ganz  dem  Parteileben  zu  widmen.  Durch  mannigfache  Huldigungen
  suchten  die  Gesinnungsgenossen  den  Abgesetzten  Trost  zu  geben.
Welcker,  der  sich  bis  zuletzt  durch  umfängliche  Verteidigungsschriften  tapfer
wehrte,  wurde  in  Gießen  von  seinen  Landsleuten  mit  einem  großen  Festmahle
  geehrt.  Rotteck  erhielt  aus  verschiedenen  Gegenden  des  konstitutionellen
  Deutschlands  neue  Ehrenbecher  zugesendet;  deren  Zahl  stieg  allmählich
  auf  zwölf,  so  daß  die  Badener  sich  bewogen  fanden,  ihrem  Helden
noch  einen  kostbaren  Kasten  zur  Aufbewahrung  der  Spenden  zu  schenken;
wenn  er  diese  Schätze  betrachtete,  dann  sagte  er  stolz:  welcher  Minister
hat  wohl  so  schöne  Orden?

Trotzdem  reichte  die  Unzufriedenheit  nicht  über  enge  Kreise  hinaus.
Der  Zorn  über  die  halb  mögliche,  halb  eingebildete  Gefährlichkeit  der  Sechs
Artikel  mußte  dem  Volke  unverständlich  bleiben,  obgleich  Rotteck,  „der  Baureheld“,
  bei  den  Massen  in  hohem  Ansehen  stand.  Als  der  Großherzog  mit
Reizenstein  im  Herbst  den  Breisgau  besuchte,  fand  er  seine  Oberländer
ganz  glücklich:  Spelz  und  Trauben  waren  gut  geraten.  Der  greise
Minister  glaubte  fest,  durch  heilsame  Strenge  dem  Staate  einen  Dienst
erwiesen  zu  haben  und  nahm  den  Dank  des  Berliner  Hofes  befriedigt  an.
Er  betrachtete  die  Lage  als  Diplomat;  er  sah  sein  Land  fast  waffenlos,
ohne  Festung,  durch  die  gallische  Habgier  unmittelbar  bedroht.  Darum
wünschte  er,  wie  er  dem  preußischen  Gesandten  sagte,  entweder  einen  wirklichen
  Frieden  oder,  wenn  es  sein  müsse,  einen  raschen,  zermalmenden
Angriffskrieg,  und  für  beide  Fälle  war  Preußens  Freundschaft  unentbehrlich.)


Dergestalt  war  auch  in  Baden  die  Bewegung  ins  Stocken  geraten,

 

*)  Otterstedts  Berichte,  12.  Okt.,  24.  Nov.;  Ancillon,  Weisung  an  Otterstedt,
20.  Sept.  1832.
        <pb n="291" />
        Verkauf  von  Lichtenberg.  283

und  während  der  nächsten  zwei  Jahre  wagte  nur  noch  ein  einziges  Blatt,
Mathys  „Zeitgeist“,  die  Gedanken  des  Liberalismus  unerschrocken  zu  verteidigen.
  Die  erste  Nummer  erschien  wenige  Wochen,  bevor  die  junge
badische  Preßfreiheit  wieder  beseitigt  wurde,  und  alltäglich  mußte  Mathy
nunmehr  den  kleinen  Krieg  führen  wider  die  kindische  Angstlichkeit  einer
willkürlichen  Zensur.  Ihm  war  nie  wohler,  als  wenn  er  allein  auf  der
Bresche  stand  und  andere  verzagten.  Da  er  selbst  das  gesetzlich  vorgeschriebene
  Alter  noch  nicht  erreicht  hatte,  so  unterzeichnete  sein  Ausläufer
Erasmus  Bartlin  als  Herausgeber,  und  es  war  ein  Genuß,  den  biederen
Bartlin  zu  sehen,  wenn  er  abends  den  „Zeitgeist“  selber  zum  Zensor
trug  und  stolz  sagte:  hier  bringe  ich  mein  Blatt.  Obwohl  nicht  ganz  frei
von  den  fanatischen  Übertreibungen  und  den  tönenden  Schlagworten  des
jungen  Liberalismus,  bewies  die  Zeitung  doch  durch  ihren  gesunden  Geschäftsverstand,
  durch  ihre  knappe,  gedrungene,  immer  sachlich  belehrende
Sprache,  daß  die  Opposition  schon  einzelne  regierungsfähige  Talente  besaß.
  Die  volkswirtschaftliche  überlegenheit  des  Nordens  gestand  Mathy
unbefangen  zu,  und  in  der  preußischen  Handelspolitik  erkannte  er  bald
den  ersten  Keim  der  wirksamen  deutschen  Einheit.  Sein  nächstes  Ziel
blieb  natürlich  die  Preßfreiheit,  oder,  wie  er  bitter  sagte  „die  Herstellung
des  natürlichen  und  durch  das  Grundgesetz  verheißenen  Rechtes  des  freien
Menschen,  sich  von  dem  Tiere  und  dem  Sklaven  unterscheiden  zu  dürfen,
indem  er  auf  eigene  Gefahr  und  Verantwortung  hin  seine  Gedanken
ausspricht.“

Den  Badenern  raubte  die  hereinbrechende  Reaktion  die  freie  Presse,
dem  unzufriedenen  Völkchen  des  Fürstentums  Lichtenberg  brachte  sie  ein
unerwartetes  Glück:  die  Einverleibung  in  den  preußischen  Staat.  Da  die
Unruhen  in  St.  Wendel  gar  kein  Ende  nahmen,  so  mußte  der  Herzog
von  Koburg  nochmals  um  Preußens  Hilfe  bitten,  und  abermals  stellten
preußische  Truppen  ohne  Kampf  die  Ordnung  her.  Wie  viele  Mühe  hatten
die  Koburger  einst  zur  Zeit  der  Wiener  Verträge  aufgewendet,  um  durch
die  Gunst  der  großen  Mächte  eine  Gebietsvergrößerung,  die  ihnen  von
Rechts  wegen  durchaus  nicht  gebührte,  zu  erlangen,  und  wie  hart  war  ihre
Ländergier  bestraft  worden.  Jetzt  sah  Herzog  Ernst  endlich  ein,  daß  er  sich
dieses  entlegenen  Besitztums  entledigen  mußte.  Er  gestand  dem  Könige
von  Preußen  (18.  Juni  1832),  aus  eigener  Kraft  könne  er  weder  die
Ruhestörungen  noch  den  Schmuggel  verhindern,  und  erbot  sich  daher  das
Fürstentum  an  Preußen  abzutreten.  Gewitzigt  durch  frühere  Erfahrungen
wagte  er  aber  dem  Könige  nicht  wieder  einen  Ländertausch  zuzumuten,)
sondern  verlangte  eine  Entschädigung  durch  preußische  Domänen.  Weil  er
des  Erfolges  sicher  zu  sein  wähnte,  so  besichtigte  er  bereits  einige  Staatsgüter
  in  der  Goldenen  Auoe,  die  er  zu  einer  stattlichen  Standesherrschaft  ab- 



*)  Vgl.  II.  480.
        <pb n="292" />
        284  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

zurunden  hoffte.  Da  schlugen  die  Pächter  und  Bauern  Lärm,  denn  der
Koburger  stand  keineswegs  in  dem  Rufe  eines  milden  Grundherrn,  und
der  Merseburger  Regierungspräsident  von  Rochow  erklärte  dem  Könige
freimütig:  die  Abtretung  von  Domänen  werde  im  Lande  allgemeine  Unzufriedenheit
  erregen.  Gleich  ihm  dachten  die  Räte  des  Finanzministeriums;
sie  fanden  es  gar  zu  großmütig,  daß  man  mehrere  der  schönsten  Landgüter
  der  Provinz  Sachsen  dahingeben  sollte  für  „die  Lappländer  am
Hunsrück“,  wie  L.  Kühne  die  armen  Lichtenberger  nannte;  zudem  dienten
die  Domänen  als  Unterpfand  für  die  Staatsschuld,  der  Staatshaushaltsplan
  war  auf  ihren  wachsenden  Ertrag  berechnet.  Auch  der  Kronprinz
schloß  sich  den  Widersprechenden  an;  von  Domänenverkäufen  wollte  er
grundsätzlich  nichts  hören,  da  nach  der  Hallerschen  Staatslehre  die  monarchische
  Gewalt  auf  dem  Besitze  eines  reichen  Kammergutes  ruhen  sollte.
Nach  langwierigen  Verhandlungen  erwiderte  der  König  endlich,  daß  er  nur
eine  sehr  hoch  bemessene  Geldentschädigung  leisten  könne.  Herzog  Ernst
stimmte  zu;  nur  wünschte  er  das  Geschäft  verdeckt  zu  halten,  damit  man
ihm  nicht  nachsage,  daß  er  seine  Untertanen  für  Geld  verkaufe.)

Darum  erhielt  der  am  31.  Mai  1834  abgeschlossene  und  im  nächsten
Monate  von  beiden  Teilen  genehmigte  Abtretungsvertrag  eine  vieldeutige
Fassung.  Dem  Herzog  ward  eine  Entschädigung  zugesagt,  welche  ihm  nicht
nur  eine  Rente  von  80  000  Talern  gewähren,  sondern  ihn  „zugleich  in
den  Stand  setzen  sollte,  teils  durch  ÜUbernahme  preußischer  Domänen,
teils  durch  Ankauf  anderer  Güter  ein  Grundeigentum  zu  erwerben“.
Auf  Grund  dieser  sehr  unbestimmten  Zusage  bemühte  sich  der  Herzog
nunmehr  jahrelang  um  den  Ankauf  schlesischer  oder  posenscher  Domänen;
doch  immer  wieder  trat  ihm  das  preußische  Finanzministerium  entgegen.
Mit  dem  Tode  Friedrich  Wilhelms  III.  verschwand  die  letzte  Aussicht,  da
sein  Nachfolger  den  ganzen  Handel  mißbilligte,  und  erst  im  Jahre  1843
beruhigte  sich  Koburg,  nach  vollständiger  Auszahlung  des  ausbedungenen
Kaufpreises.  Kaufmännisch  betrachtet,  war  das  Geschäft  für  die  welterfahrenen
  Verwandten  Leopolds  von  Belgien  recht  erfreulich  ausgefallen:
sie  erhielten  2,1  Mill.  Tlr.  in  Staatsschuldscheinen  für  ein  Land,  dessen
bisherigen  Ertrag  die  preußischen  Finanzbeamten  auf  45000  Tlr.,  einige
gar  nur  auf  30000  Tlr.  schätzten.“)"  Also  verschwand  das  Fürstentum
Lichtenberg,  dessen  nationales  Selbstbestimmungsrecht  den  Polen,  Franzosen
und  Süddeutschen  so  viel  Sorgen  bereitet  hatte,  als  Kreis  St.  Wendel  in

 

*)  Herzog  Ernst  an  K.  Friedrich  Wilhelm,  18.  Juni  1832.  Denkschriften  von
Präsident  von  Rochow,  12.  September  1833,  von  Stägemann,  29.  Juni  1834.  König
Friedrich  Wilhelm  an  Herzog  Ernst,  5.  März;  Antwort  14.  April  1834.

*“.)  Finanzminister  Graf  Alvensleben  an  General  Thile,  19.  Jan.  1841.  Denkschrift
  des  Finanzministeriums  über  die  koburgische  Entschädigung,  Juni  1843.  Die
Erzählung  des  Herzogs  Ernst  II.  (Aus  meinem  Leben  I.  100)  wirft  Wahres  und  Falsches
durcheinander.
        <pb n="293" />
        Die  Westmächte  gegen  die  Sechs  Artikel.  285

der  preußischen  Monarchie.  Der  Schmuggel  hörte  auf,  das  verwahrloste
Land  erholte  sich  unter  einer  gerechten  Verwaltung,  und  da  die  eine  Ein—
bruchsstelle  der  Koburger  Sechser  nunmehr  geschlossen  ward,  so  konnte
der  befruchtende  Strom  der  falschen  Münzen  nur  noch  von  Koburg  aus
in  dünnerem  Strahle  über  die  Guldenländer  hereinfluten.  Die  klein—
fürstliche  Souveränität  hatte  zum  ersten  Male  ihren  Bankbruch  erklärt
und  eingestehen  müssen,  daß  sie  in  bewegter  Zeit  nicht  einmal  die  nächsten
Pflichten  jeder  Staatsgewalt  zu  erfüllen  vermochte.  —

Alles  in  allem  war  der  Widerstand,  dem  die  Sechs  Artikel  begegneten,
überaus  schwächlich,  und  wer  den  Dingen  näher  stand,  konnte  nicht  ver—
kennen,  daß  die  entschiedene  Opposition  erst  geringen  Anhang  besaß.
Entmutigt  zog  sich  in  diesen  Tagen  der  Jenenser  Luden  aus  dem  weimarischen
  Landtage  zurück,  weil  er  eine  Verwahrung  gegen  die  Bundesbeschlüsse
  nicht  durchzusetzen  vermochte.  Im  Auslande  aber  erregten  die
lauten  Weherufe  der  liberalen  Presse  den  Eindruck,  als  ob  Deutschland
dem  Bürgerkriege  entgegentriebe.  Im  englischen  Unterhause  beantragte
Henry  Lytton  Bulwer  (2.  August  1832),  der  König  solle  durch  eine  Adresse
gebeten  werden,  beim  Bundestage  den  neuen,  Deutschlands  Unabhängigkeit
vernichtenden  Beschlüssen  entgegenzutreten.  Der  feurige  Redner,  ein  ehrlicher
  Freund  Deutschlands,  fragte  zornig,  ob  je  eine  solche  Verletzung
der  heiligsten  Versprechungen  erhört  worden  sei?  und  dies  in  dem  Geburtslande
  der  Freiheit,  in  dem  Lande  Luthers,  dem  auch  England  seinen
geläuterten  Glauben  verdanke,  bei  den  Nachkommen  der  Männer,  denen
die  Freiheit  des  Gedankens  immer  als  Losungswort  zum  Siege  gedient
habe!  Palmerston  antwortete  behutsam  ausweichend,  er  pries  nur  in  allgemeinen
  Redensarten  den  beliebten  Bund  aller  konstitutionellen  Staaten
und  auf  seine  Bitte  ward  der  Antrag  als  unzeitgemäß  verworfen.  Nach
wenigen  Tagen  wurde  der  Lord  jedoch  andern  Sinnes.  Warum  sollte  er
auch  nicht  versuchen,  wieder  einmal  ohne  Unkosten  den  hochherzigen  Beschützer
  der  Völkerfreiheit  zu  spielen,  durch  treuherzigen  Zuspruch  die
deutschen  Höfe  gegeneinander  zu  hetzen  und  also  die  erfreuliche  Verwirrung
  auf  dem  Festlande  noch  zu  steigern?  Überdies  hatte  der  russische
Gesandte  Lieven  seine  Freude  über  die  Bundesbeschlüsse  ausgesprochen,
und  der  mißtrauische  Brite  schloß  daraus  sogleich,  daß  Zar  Nikolaus  bei
den  Sechs  Artikeln  mitgeholfen  habe.“)

Am  7.  Septbr.  richtete  Palmerston  an  die  Gesandtschaften  in  Deutschland
  eine  Depesche,  die  für  England  als  einen  Mitunterzeichner  der  Wiener
Verträge  das  Recht  beanspruchte,  in  deutschen  Bundesangelegenheiten  mitzureden.
  Leider  entbehrte  diese  Anmaßung  nicht  eines  scheinbaren  Grundes,
  da  die  elf  ersten  Artikel  der  Bundesakte  allerdings  in  der  Schlußakte
  des  Wiener  Kongresses  standen.  Die  liberalen  Westmächte  waren  ja

 

*)  Brockhausens  Bericht,  17.  Aug.  1832.
        <pb n="294" />
        286  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

längst  gewohnt,  je  nach  Umständen  bald  sich  auf  die  Wiener  Verträge  zu  be—
rufen,  bald  deren  Rechtsverbindlichkeit  zu  bestreiten.  Im  Tone  des  besorgten
Freundes  bat  der  Lord  sodann  die  deutschen  Regierungen  „dem  unbedachten
Eifer  des  Bundestags  einen  Zügel  anzulegen  und  die  Annahme  von  Maßregeln
  zu  verhindern,  welche  nur  allzu  wahrscheinlich  zu  Erschütterungen
und  zum  Kriege  führen  müßten.“  Zugleich  warnte  Lord  Erskine  in  München
dringend  vor  den  Sechs  Artikeln,  namentlich  vor  der  Bundeskommission,
welche  die  Landtage  überwachen  sollte.*)  Diese  Heuchelei  mußte  die  deutschen
Höfe  um  so  widerwärtiger  berühren,  da  der  König  von  England  selbst  als
König  von  Hannover  bereitwillig  bei  den  letzten  Bundesbeschlüssen  mitgewirkt
  hatte.  Der  ehrliche  Welfe  bekundete  auch  seine  Unzufriedenheit
mit  Palmerstons  Haltung  so  deutlich,  wie  es  einem  parlamentarischen
Schattenkönige  möglich  war;  sendete  eben  jetzt  den  Guelfenorden  an
Münch  und  Nagler,  ausdrücklich  zum  Dank  für  ihre  Verdienste  um  die
Sechs  Artikel.

Fast  noch  verdächtiger  erschien  die  Haltung  der  französischen  Diplomaten,
  die  überall  mit  den  Engländern  Hand  in  Hand  gingen.  Mortier
in  München,  ein  prahlsüchtiger,  leichtfertiger  Chauvinist,  und  der  junge
Reinhard  in  Dresden  wiederholten  den  alten  Rheinbundsgenossen  beständig,
daß  Frankreich  bereit  sei,  sie  wider  die  Tyrannei  ihrer  deutschen  Vormünder
  zu  schützen;  Mortier  unterstand  sich  sogar,  gegen  die  Befestigung
von  Germersheim  Einspruch  zu  erheben.  Wenn  darauf  Werther  in  Paris
oder  Jordan  in  Dresden  sich  beschwerten,  dann  hieß  es  stets,  die  jungen
Diplomaten  hätten  ihre  Weisungen  überschritten.**)  Gleichwohl  führte
Sebastiani  selbst  in  seinen  vertraulichen  Unterredungen  mit  dem  bayrischen
Gesandten  ganz  die  nämliche  Sprache  wie  Mortier,  und  sein  Amtsblatt
brachte  aus  der  Feder  des  alten  Bonapartisten  Bignon  einen  Aufsatz,  der
die  Sechs  Artikel  für  nichtig  erklärte,  alle  Leidenschaften  der  rheinbündischen
  Zeiten  wieder  aufzuwiegeln  versuchte.  Und  dazu  das  rätselhafte
Treiben  der  zahlreichen  französischen  Agenten  am  Rhein,  die  nur  zuweilen
einmal  auf  Umwegen  den  deutschen  Höfen  eine  Warnung  zukommen  ließen.
Sollten  diese  Leute  die  deutschen  Demagogen  überwachen  oder  ihnen  helfen
oder  auch  beides  zugleich  tun?  Niemand  wußte  es.  Nach  solchen  Erfahrungen
  hielten  beide  deutsche  Großmächte  für  geboten,  die  englische  Zudringlichkeit
  gründlich  abzufertigen.

Als  der  Geschäftsträger  Abercrombie  dem  preußischen  Minister  die
Depesche  Palmerstons  vorlas,  da  erwiderte  Ancillon  mit  ungewohnter
Schärfe:  er  wolle  ein  für  allemal  das  absichtliche  oder  unabsichtliche  Vorurteil
  zerstören,  als  obdie  zwei  Großmächte  Deutschland  beherrschten;  in  Frank-*)

  Küsters  Berichte,  18.,  21.  Sept.  1832.
*“)  Ancillon  an  Küster,  11.  Juni,  25.  Aug.;  Jordans  Bericht,  8.  Aug.,  5.  Sept.

1832  usw.
        <pb n="295" />
        Abfertigung  der  Westmächte.  287

furt  seien  die  Sechs  Artikel  einmütig  beschlossen,  dort  möge  England  seine
Beschwerden  vorbringen,  der  König  von  Preußen  nehme  sie  gar  nicht  an.
Trotzdem  erdreistete  sich  der  Engländer  mit  dem  eigentümlichen  Zartgefühle
  seiner  Nation,  noch  eine  Abschrift  der  Depesche  an  Ancillon  zu
senden;  sofort  ward  ihm  das  Schriftstück  ungelesen  mit  einem  kurz  abweisenden
  Briefe  zurückgeschickt.')  Nunmehr  wendete  sich  Cartwright  in
Frankfurt  an  die  Bundesgesandten  und  empfing  von  Münch  wie  von
Nagler  die  schroffe  Antwort,  daß  der  Bund  sich  jede  Einmischung  des
Auslandes  verbitten  müsse.  Dem  Dresdener  Hofe  dankte  Ancillon  warm
für  seine  würdige  Haltung  und  fügte  hinzu:  „Die  deutschen  Staaten  entzweien,
  um  selbst  in  Deutschland  zu  herrschen,  das  ist  immer  Frankreichs
Losung  gewesen  und  ist  es  heute  mehr  denn  je;  denn  Frankreich  fühlt,
daß  Deutschland,  geschlossen,  einig  und  in  voller  Übereinstimmung  unter
dem  Banner  des  Bundes  kämpfend,  seinem  mächtigen  Nachbarn  zum  mindesten
  gewachsen  sein  würde.“““**)  Metternich  aber  konnte  sich's  nicht  versagen,
  den  englischen  Minister,  der  solches  Unterrichts  allerdings  bedurfte,
durch  eine  lange  Depesche  über  die  Grundzüge  des  deutschen  Bundesrechts
zu  belehren  (31.  Okt.),  und  erließ  sodann  noch  ein  Rundschreiben  an  die
deutschen  Höfe,  um  sie  in  ihrer  guten  Gesinnung  zu  bestärken.  Nichts  überflüssiger
  als  diese  Mahnung.  Dem  Auslande  gegenüber  waren  Deutschlands
  Fürsten  einig;  was  konnten  sie  auch  von  England  hoffen?  was  von
dem  schwächlichen,  beständig  ums  Dasein  ringenden  Bürgerkönigtum?
Verbittert  wie  sie  war  zeigte  die  Nation  für  diese  ehrenwerte  Haltung
  ihres  Fürstenstandes  gar  kein  Verständnis.  Die  Überklugen  meinten,
das  alles  sei  nur  ein  Gaukelspiel;  die  meisten  sagten:  den  liberalen
Westmächten  zeigt  man  die  Zähne,  vor  dem  weißen  Zaren  kriecht  man
im  Staube.  Von  der  europäischen  Politik  hatten  unsere  liberalen  Zeitungen
  nicht  die  leiseste  Ahnung,  obgleich  sie  den  größten  Teil  ihrer
Spalten  dem  Auslande  widmeten  und  sich  beständig  den  Kopf  anderer
Völker  zerbrachen;  sie  redeten  nur  nach,  was  die  Handlungsreisenden  der
Revolution,  die  polnischen  Flüchtlinge  ihnen  vorsagten.  Darum  glaubten
sie  bestimmt,  daß  Deutschland  von  den  Russen  beherrscht  werde.  Und
doch  hatte  der  Zar  sich  von  der  Beratung  der  Sechs  Artikel  ganz  fern
gehalten,  da  er  auf  die  konservative  Gesinnung  der  deutschen  Großmächte
zählen  konnte;  er  hatte  nur  einmal  durch  einen  freundschaftlichen  Brief
den  König  von  Bayern  zur  Bundestreue  ermahnt,  während  die  Westmächte
dem  Deutschen  Bunde  mit  schamloser  Anmaßung  entgegentraten.  Auch
in  der  großen  Politik  gab  Rußland  keineswegs  den  Ausschlag;  bisher
waren  noch  alle  seine  Kriegspläne  durch  Preußens  Mäßigung  vereitelt
worden.  Aber  die  beharrlichen  Angriffe  der  liberalen  Presse  mußten  den

*)  Ancillon  an  Abercrombie,  24.  Sept.,  an  Brockhausen,  24.  Sept.  1832.
**)  Ancillon  an  Jordan,  11.  Aug.  1832.
        <pb n="296" />
        288  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Hochmut  des  Selbstherrschers  steigern;  je  eifriger  sie  den  Teufel  an  die
Wand  malte,  je  lauter  sie  den  Zaren  als  den  Zwingherrn  Mitteleuropas
verlästerte,  um  so  höher  stieg  sein  Ansehen  in  der  diplomatischen  Welt.
Zum  Nikolaustage  gab  Münch  den  Bundesgesandten  ein  Festmahl  und
rief  unter  brausendem  Beifall:  „Lange  lebe  er  zum  Schutz  und  Hort  der
Könige,  die  für  das  Glück  und  Wohl  ihrer  Völker  wachen  und  wirken.“)
Die  in  Europa  längst  verbreiteten  übertriebenen  Vorstellungen  von  Rußlands
  Macht  konnten  durch  die  maßlose  Feindseligkeit  der  Polenfreunde
nur  verstärkt  werden.  Noch  einige  Jahre,  und  der  Zar  erlangte  wirklich
die  führende  Stellung  in  dem  nordischen  Bunde,  die  man  ihm  jetzt  schon
fälschlich  zuschrieb.  —

Ein  ernsthafter  parlamentarischer  Kampf  gegen  die  Sechs  Artikel  wurde
nur  in  einem  deutschen  Lande,  in  Württemberg  gewagt,  aber  viel  zu  spät
und  unter  den  denkbar  ungünstigsten  Umständen.  Als  das  Jahr  1833
herannahte  und  die  verfassungsmäßige  Frist  ablief,  mußte  sich  König  Wilhelm
  endlich  doch  zur  Einberufung  des  längst  gewählten  Landtags  entschließen.
  Er  hatte  unterdessen  an  dem  neuen  Justizminister  Schlayer
einen  Mann  nach  seinem  Herzen  gefunden,  einen  ausgezeichneten  Juristen,
der  durch  rastlosen  Fleiß  aus  niederem  Stande  emporgekommen  war  und,
schon  in  der  Jugend  ein  abgesagter  Feind  der  Altrechtler,  durch  und  durch
moderner  Bureaukrat,  beredt,  heftig,  schlagfertig,  geschäftskundig,  alsbald
seinen  Entschluß  aussprach,  die  Opposition  mit  eiserner  Strenge  niederzuhalten.
  Ebensowenig  wie  Schlayer  verstanden  Maucler  und  der  durch
seinen  Nepotismus  berüchtigte  Minister  Hügel  sich  die  Herzen  der  Schwaben
zu  gewinnen.

Die  Gesinnung  der  Regierung  ward  schon  offenbar,  als  Wangenheim
an  den  Vorbesprechungen  der  liberalen  Abgeordneten  teilnahm.  Der
König  sah  in  dieser  Haltung  seines  vormaligen  Ministers  nur  schwarzen
Undank,  nachdem  er  ihm  soeben  selbst  das  Staatsbürgerrecht  gnädig  erneuert
hatte,  *)  und  plötzlich  erklärten  die  Behörden,  zur  Überraschung  der  arglosen
  Wähler,  daß  Wangenheim  nicht  wählbar  sei,  weil  er  nicht  im  Königreiche
  wohne;  sie  beriefen  sich  auf  einen  allerdings  übelgeratenen  und
nicht  ganz  unanfechtbaren  Satz  der  Verfassungsurkunde.  Wangenheim  fiel
aus  allen  seinen  Himmeln.  Er  hatte  sich,  wie  dem  Könige  wohlbekannt
war,  sein  Staatsbürgerrecht  nur  darum  bestätigen  lassen,  weil  er  in  den
Landtag  eintreten  wollte;  da  ward  ihm  unversehens  ein  Bein  gestellt
und  die  Wählbarkeit  bestritten.  Mit  Aufwendung  aller  seiner  dialektischen
Künste  versuchte  er  dann  die  Gültigkeit  seiner  Wahl  zu  verteidigen;  er
veröffentlichte  eine  umfängliche  Schrift  darüber  und  scheute  sich  nicht,  eine
Stelle  aus  einem  vertraulichen  Briefe  des  Königs  abzudrucken.  Nun

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  22.  Dez.  1832.
**)  Vgl.  IV.  240.
        <pb n="297" />
        Der  Vergebliche  Landtag  in  Württemberg.  289

brauste  König  Wilhelm  auf,  gab  dem  Vertrauensbrecher  seine  „ganze
Indignation“  zu  erkennen  und  sagte  zum  Schluß:  „Ebenso  unangenehm
sind  mir  die  Lobsprüche  gewesen,  die  Sie  über  denjenigen  Teil  meines
Briefes,  den  Sie  nicht  abgedruckt  haben,  beigefügt  haben,  indem  unter  den
wirklichen  Zeitumständen  jedes  günstige  Urteil  eines  Mannes,  der  zu
einer  Partei  gehört,  zu  der  Sie  sich  öffentlich  bekannt  haben,  für  mich  nur
höchst  beleidigend  sein  kann.“  Mit  so  schnöden  Worten  gab  der  Schwaben—
könig  den  Liberalen  den  Laufpaß.  Für  jetzt  blieb  diese  Kriegserklärung
noch  geheim;  denn  Wangenheim,  der  seine  eigene  Schuld  durchaus  nicht
einsehen  wollte,  meinte  stolz:  „das  Mitleid  forderte,  dem  unköniglichen
Schreiben  keine  Offentlichkeit  zu  geben,  und  die  Verachtung  forderte,
nichts  darauf  zu  erwidern.“7)

Bald  genug  sollte  der  Landtag  selbst  erfahren,  daß  der  König  seine
politischen  Gegner  wie  persönliche  Feinde  betrachtete.  Es  war  Brauch  in
Schwaben,  daß  die  neuen  Abgeordneten  den  Verfassungseid  in  die  Hand
des  Königs  ablegten.  Unter  den  Neugewählten  befand  sich  aber  Paul
Pfizer.  Der  war  soeben  aus  dem  Staatsdienst  ausgetreten,  weil  ihn  seine
Vorgesetzten  wegen  des  Briefwechsels  zweier  Deutschen  zur  Rechenschaft
zogen.  Um  keinen  Preis  wollte  König  Wilhelm  seine  Hand  diesem  Verhaßten
  reichen,  der  dem  Hause  Württemberg  zugemutet  hatte,  sich  den
Hohenzollern  unterzuordnen.  Pfizer  wurde  daher  unter  der  Hand  aufgefordert,
  bei  der  Eröffnungssitzung  wegzubleiben.  Zu  einer  so  schimpflichen
Demütigung  konnte  sich  der  bescheidene  junge  Abgeordnete  doch  nicht  entschließen,
  ein  unmittelbarer  Befehl  des  Königs  war  ihm  gar  nicht  zugekommen.
  So  vollzog  sich  denn  schon  die  Eröffnung  der  Ständevers  ammlung
unter  bösen  Anzeichen  (15.  Januar  1833).  Der  gefürchtete  junge  Liberale
erschien,  aber  die  angekündigte  feierliche  Auffahrt  des  Monarchen  ward  in
letzter  Stunde  abgesagt,  und  statt  seiner  vereidigte  ein  Minister  die  Volksvertreter.*)
  Alsbald  folgten  heftige  Verhandlungen  über  die  Wahlen.
Wangenheims  Wahl  ward  von  einer  schwachen  Mehrheit  für  ungültig
erklärt,  und  dem  Ausgestoßenen  blieb  nur  die  Genugtuung,  daß  jetzt  alle
Parteien  wetteifernd  seine  Verdienste  um  die  Begründung  der  Verfassung
anerkannten.  Selbst  sein  alter  Gegner  Uhland  sagte:  „Gibt  es  nicht  auch
ein  geistiges  Heimatsrecht,  das  nicht  ganz  von  der  Scholle  abhängt?  Ist
es  nicht  auch  ein  Wohnen  im  Lande,  wenn  man  im  Angedenken  seiner
Bewohner  lebt  und  dann  durch  ihr  Vertrauen  zur  Repräsentation  berufen
wurde?“

Das  Schicksal  des  entlassenen  Ministers  teilten  vier  andere  Abgeordnete,
  welche  vor  Jahren  wegen  demagogischer  Umtriebe  auf  dem  Hohen- 



*)  K.  Wilhelm  an  Wangenheim,  9.  Sept.  Wangenheim  an  Hartmann,  27.  Sept.
1832.  S.  Beilage  XX!.
*“)  Küsters  Bericht,  15.  Jan.  1833.
v.  Treitsch  ke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  19
        <pb n="298" />
        290  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

asperg  gesessen  und  dann  vom  Könige  vollständige  Begnadigung  erlangt
hatten.  Mit  gutem  Grunde  behaupteten  nun  die  Liberalen,  durch  die
Wiederherstellung  ihrer  bürgerlichen  Ehre  sei  den  vier  auch  die  Wählbarkeit
zurückgegeben  worden.  Der  nachtragende  König  aber  wollte  sich  lieber  die
Prärogative  seiner  Krone  selbst  beschränken  als  diese  vier,  persönlich  höchst
achtbaren,  Männer  in  die  Kammer  einlassen;  er  drohte  mit  sofortiger
Auflösung  des  Landtages,?)  und  wie  oft  hatte  er  sich  doch  in  früheren
Zeiten  gerühmt,  daß  die  Demagogen  nirgends  so  mild  behandelt  würden
wie  in  Schwaben!  In  der  Tat  erreichten  Minister  Schlayer  und  seine
Getreuen  durch  eine  kühne  juristische  Beweisführung,  daß  die  vier  Demagogen
  ausgeschlossen  wurden;  denn  nach  dem  Buchstaben  der  Verfassung
könne  im  Landtage  niemand  sitzen,  der  jemals  eine  verschärfte  Festungshaft
  verbüßt  habe,  daran  vermöge  selbst  die  Gnade  des  Königs  nichts  zu
ändern.  Es  war  ein  Stück  verkehrter  Welt:  die  Opposition  verteidigte,
die  Minister  bestritten  das  unbeschränkte  Begnadigungsrecht  des  Monarchen,
  und  mächtig  klangen  im  Lande  die  mahnenden  Worte  Uhlands
wieder:  „in  den  unerfüllten  Wünschen  der  Völker,  in  den  unwirksamen
deutschen  Verfassungen  liegt  ein  Keim  tiefgehender  Bitterkeit  für  das
reifere  Alter  wie  für  die  Jugend.“  Salviati  sogar,  der  preußische  Gesandte,
  fand  es  unbegreiflich,  daß  die  Regierung  also,  in  blindem  Parteihaß,
  sich  selber  ins  Fleisch  schnitt.

Aber  auch  die  Liberalen  begingen,  fortgerissen  durch  eine  ehrenwerte
patriotische  Leidenschaft,  Fehler  auf  Fehler.  Mit  flammenden  Worten
verlangte  Schott  die  Preßfreiheit  für  seine  Schwaben,  erklärte  die  Karlsbader
  Beschlüsse  für  nichtig  und  pries  das  ruhigste  Land  der  Welt,  Nordamerika,
  das  mit  seiner  freien  Presse  sich  des  wundervollen  Rufes  politischer
  Glückseligkeit  erfreue.  Die  Abgeordneten  drängten  sich  um  den
Redner,  der  tief  erregt  inmitten  des  Saales  stand,  von  den  Galerien
erdröhnte  rauschender  Beifall;  doch  die  Ministerbank  war  leer,  und  wer
konnte  auch  für  möglich  halten,  daß  Württemberg  heute  noch,  nachdem  das
badische  Preßgesetz  schon  von  Bundes  wegen  aufgehoben  war,  dem  bedenklichen
  Beispiele  des  Nachbarlandes  folgen  würde?  Immer  schärfer  traten
die  Parteien  auseinander;  schon  rief  die  Württembergische  Zeitung,  jetzt
sei  die  Lage  geklärt,  jetzt  heiße  es  einfach:  wir  und  ihr!  Die  Stuttgarter
Bürgerschaft  war  seit  zwei  Jahren  nicht  aus  der  Aufregung  herausgekommen,
selbst  die  kleinen  persönlichen  und  örtlichen  Händel  in  den  Tagesblättern
wurden  mit  erbitterter  Heftigkeit  geführt;  nun  begann  auch  allerhand  grober
Straßenunfug.  Da  ließ  der  König  die  Drohung  fallen,  er  werde  das
Hoflager  in  das  Trutz-Stuttgart  seiner  Ahnen,  nach  Ludwigsburg  verlegen.
Kaum  ward  dies  ruchbar,  so  begannen  die  Bürger  schon  für  ihren  Erwerb
zu  zittern  und  überreichten  dem  erzürnten  Monarchen  eine  mit  1600  Unter- 



7)  Küsters  Bericht,  20.  Jan.  1833.
        <pb n="299" />
        Pfizers  Motion.  291

schriften  bedeckte  demütige  Adresse.  Er  ließ  die  Abgesandten  hart  an,
sprach  von  einer  wohlbekannten  Rotte,  die  das  undeutsche  Wesen  in
Schwaben  einbürgern  wolle,  und  verhieß  nur,  daß  seine  Entschließung  von
dem  Wohlverhalten  der  Stadt  abhängen  werde.

Unterdessen  hatte  die  Opposition  sich  zur  Hauptschlacht  gerüstet.
Pfizer  übernahm  den  ersten  Stoß  zu  führen  —  nicht  zu  seinem  Glücke,
denn  solche  weitsichtige  Prophetennaturen  werden  im  wimmelnden  Gewühl
der  kleinen  Tagespolitik  leicht  in  falsche  Stellungen  gedrängt.  Am  13.  Fe—
bruar  brachte  er  eine  „Motion“  ein,  die  sofort  als  Flugschrift  gedruckt
wurde,  da  die  Zensoren  den  Zeitungen  den  Druck  untersagten,  und  weithin
im  konstitutionellen  Deutschland  großes  Aufsehen  erregte.  Die  Motion
verlangte  geradeswegs,  die  Sechs  Artikel  sollten  für  unverbindlich  erklärt
werden,  bis  die  Regierung  sich  mit  ihren  Landständen  und  dem  Bundestage
  über  andere  Beschlüsse  verständigt  hätte.  Pfizers  Rede  war  meisterhaft,
  gedankenreich  und  voll  edler  Leidenschaft,  aber  der  Antrag  selbst  ganz
unhaltbar  und  nicht  einmal  durch  die  Not  entschuldigt.  Daß  die  Sechs
Artikel  der  Landesverfassung  geradezu  widersprächen,  wagte  der  Redner
selbst  nicht  zu  behaupten;  er  sagte  nur:  „sie  tragen  in  sich  die  Fähigkeit,
den  Staatsvertrag  abzuändern.“  Nun  hatte  der  König  erst  vor  kurzem
feierlich  versprochen,  daß  er  die  Bundesbeschlüsse  nie  mißbrauchen  werde,
und  seine  Zusage  bisher  redlich  gehalten;  er  mußte  also  in  der  Motion
eine  absichtliche  Beleidigung  sehen,  obwohl  Pfizer  über  ihn  persönlich  mit
Ehrfurcht  redete.  Und  welch  ein  grober  Partikularismus  sprach  aus  dem
Antrage.  Wie  heillos  verfahren  und  verschroben  war  die  deutsche  Politik,
wenn  dieser  Bewunderer  Preußens,  dieser  Vorkämpfer  der  nationalen  Einheit,
  der  über  die  Nichtigkeit  der  kleinen  Landtage  so  scharf  und  treffend
urteilte,  jetzt  die  württembergische  Verfassung  kurzerhand  über  das  Bundesrecht
  stellte!  Er  empfand  auch  selbst  den  Widerspruch,  er  fühlte,  daß  er
nur  als  Vertreter  des  Liberalismus  unter  seinen  Landsleuten  Ansehen
gewinnen  konnte,  und  gestand  offen:  „Ich  wollte  diejenigen,  welche  mich
falsch  beurteilten,  überzeugen,  daß  die  Einheit  Deutschlands,  welche  ich
wünsche,  die  Einheit  des  Rechtes  und  der  Freiheit  ist,  und  daß  ich  die
Einheit  des  gesamten  Deutschlands  nicht  um  den  Preis  der  Unterdrückung
und  Vernichtung  der  einzelnen  deutschen  Länder  erkauft  wissen  möchte.“
Solange  die  deutschen  Staaten  souverän  waren  und  ein  deutscher  Reichstag
nicht  bestand,  durften  die  Landtage  mit  Recht  verlangen,  daß  die  Minister
ihnen  nötigenfalls  auch  wegen  der  nach  Frankfurt  erlassenen  Weisungen
Rede  stehen  müßten;  aber  Pfizer  ging  weiter,  er  wollte  die  Bundesgesandten
Württembergs  nur  dann  als  rechtmäßige  Vertreter  des  Landes  gelten
lassen,  wenn  ihnen  ihre  Aufträge  mit  Zustimmung  der  Landstände  erteilt
würden.  Das  hieß  die  deutsche  Zentralgewalt  den  Befehlen  eines  Dutzends
kleiner  Landtage  unterwerfen,  und  erschien  um  so  gefährlicher,  da  Pfizer
sogar  das  allen  Bundesfürsten  teuere  „monarchische  Prinzip“  der  Bundes-19*
        <pb n="300" />
        292  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

gesetze  als  widerrechtlich  angriff.  Am  Hofe  war  die  Entrüstung  maßlos,
und  Schlayer  zeigte  sich  gern  bereit,  dem  Zorne  des  Monarchen  über  den
„vermessenen“  Antrag  einen  unerhört  harten  Ausdruck  zu  geben.

Nach  einigen  Tagen  wurde  die  Kammer  durch  eine  königliche  Bot—
schaft  aufgefordert,  „mit  Rücksicht  auf  die  Würde  des  Königs  und  seiner
Bundesgenossen  die  Motion  mit  verdientem  Unwillen  zu  verwerfen.“  Diese
Sprache  klang  sogar  vielen  Anhängern  der  Regierung,  auch  dem  preu—
ßischen  Gesandten,  allzu  stark,  und  die  Opposition,  die  bisher  nur  über
eine  starke  Minderzahl  geboten  hatte,  gewann  plötzlich  die  Mehrheit.  Nachdem
  Pfizer  mit  würdigen  Worten  sich  verteidigt  hatte,  erklärte  die  Kammer
in  einer  Adresse,  die  aus  Uhlands  Feder  stammte,  daß  sie  ihre  eigene
Freiheit  und  die  Unverantwortlichkeit  ihrer  Mitglieder  feierlich  verwahren
müsse  „gegen  die  vorgreifende  Einschreitung  in  den  gemessenen  Gang  un—
serer  Verhandlungen,  eine  Einschreitung,  wodurch  uns  für  die  erwartete
Beschlußnahme  selbst  die  Gemütsstimmung  angesonnen  wird.“  Neun
Tage  nachher,  am  22.  März,  erfolgte  die  Auflösung  des  Landtags,  unter
allen  Zeichen  der  Ungnade,  und  der  König  sagte  zu  dem  österreichischen
Gesandten:  einmal  wolle  er  es  noch  mit  einer  Kammer  versuchen,  doch
scheine  es  fast  unmöglich,  mit  diesen  Leuten  zu  regieren.)

Der  vergebliche  Landtag,  wie  das  Volk  ihn  fortan  nannte,  überstrahlte
  mit  dem  Glanze  seiner  Beredsamkeit  alle  anderen  Ständeversammlungen
  Württembergs;  doch  er  schritt  zum  Angriff,  wo  eine  schlichte
Rechtsverwahrung  vollauf  genügte,  er  verbiß  sich  in  diesen  Kampf  mit
einem  Eigensinne,  der  lebhaft  an  die  Haltung  der  Altrechtler  erinnerte,
und  für  die  Wohlfahrt  des  Landes  leistete  er  nichts.  Über  den  Angriffen
auf  den  Bundestag,  über  einer  Fülle  hochpolitischer  Motionen  wurde  selbst
das  verständige  Ablösungsgesetz,  das  die  Regierung  zum  Schrecken  der
Grundherren  vorgelegt  hatte,  fast  vergessen.  Nicht  ohne  Geschick  wendete
sich  eine  Flugschrift  „Der  vergebliche  Landtag  Württembergs  im  Jahre
1833“,  die  vom  Hofe  aus  zur  Vorbereitung  der  Neuwahlen  verbreitet
wurde,  an  den  praktischen  Verstand  der  kleinen  Leute  und  verglich  die
Unfruchtbarkeit  dieser  landständischen  Verhandlungen  mit  allen  den  unbestreitbaren
  Wohltaten,  welche  die  sparsame,  geordnete  Verwaltung  dieser
fünfzehn  Jahre  dem  Lande  gebracht  hatte.  Den  Gegnern  suchte  man  mit
allen  Mitteln  die  Verteidigung  zu  erschweren:  gegen  eine  Schrift  des  nach
Straßburg  entflohenen  Liberalen  Elsner  wurden  schon  im  voraus  polizeiliche
  Maßregeln  getroffen,  weil  sie  „voraussichtlich  in  entschieden  revolutionärem
  Sinne“  gehalten  sein  würde.““)  Auch  auf  den  Beistand  der
beiden  Großmächte  konnte  die  Regierung  zählen.  Der  König  von  Preußen
nahm,  minder  gerecht  als  sein  Gesandter,  an  der  leidenschaftlichen  Heftigkeit

 

*)  Salviatis  Bericht,  23.  März  1833.
7#)  Beroldingen,  Weisung  an  Bismarck,  29.  März  1833.
        <pb n="301" />
        Flugschriften  der  Radikalen.  293

ihres  Verfahrens  gar  keinen  Anstoß  und  ließ  ihrer  Weisheit  seinen  vollen
Beifall  aussprechen.“)

So  war  der  letzte  Sturm  auf  die  Sechs  Artikel  abgeschlagen.  Nur
die  Wissenschaft  stritt  sich  noch  lange  über  die  rechtlichen  Grenzen  der
Bundesgewalt.  Viele  namhafte  Publizisten  beteiligten  sich  an  diesen  Kämpfen:
  Wangenheim,  K.  H.  Hofmann  und  Gruben,  Pfizer  selbst  und  seine
Landsleute  Wurm  und  Reyscher.  Aber  feste  rechtliche  Grundsätze  wußte
niemand  zu  finden,  denn  sie  waren  unfindbar.  Die  Theorie  des  Bundesrechts
  mußte  ebenso  unfruchtbar  bleiben  wie  die  praktische  Bundespolitik.
Der  Widerspruch  zwischen  der  absolutistischen  Zentralgewalt  und  den  landständischen
  Verfassungen  der  Gliederstaaten  ließ  sich  durch  wohlgemeinte
Doktrinen  nicht  lösen,  und  seit  der  Bundestag  sich  in  eine  gesamtdeutsche
Polizeibehörde  verwandelt  hatte,  kamen  alle  Grundgedanken  des  Bundesrechts
  ins  Schwanken.  Für  einen  Staatenbund  konnte  diese  Föderation
kaum  noch  gelten,  und  ebenso  gewiß  war  sie  kein  geordneter  Bundesstaat.  —

 

Extreme  Parteien  verfallen  selten  in  Kleinmut,  sobald  sie  sich  in
einer  aussichtslosen  Minderheit  sehen;  die  Regel  ist,  daß  sie  durch  das
Gefühl  ihrer  Schwäche  zu  keckeren  Reden,  zu  dreisteren  Wagnissen  aufgestachelt
  werden.  Je  weniger  die  Liberalen  mit  ihrem  Einspruch  gegen
die  Sechs  Artikel  ausrichteten,  um  so  schärfer  sonderte  sich  die  kleine  radikale
  Partei  von  ihnen  ab;  sie  schaute  mit  Hohn  auf  den  gesetzlichen  Widerstand
  und  baute  nur  noch  auf  die  Macht  der  Faust.  Derweil  Wirth,
Miller  und  andere  Festgenossen  durch  prahlerische  Schilderungen  der  großen
Volksfeier  „den  Hambacher  Geist“  wach  zu  halten  suchten,  warfen  die
Straßburger  Drucker  immer  neue  Brandschriften  über  den  Rhein:  die
Neue  Welt,  die  Hausbibliothek  für  das  deutsche  Volk  und  ähnliche  Machwerke,
  die  sich  allesamt  in  unflätigen  Schimpfreden  gegen  die  Eselsstreiche
  der  deutschen  Fürsten  ergingen  und  den  nahe  bevorstehenden  Kampf
ankündigten.  In  gleichem  Sinne  sprachen  der  Rastatter  Garnier  und
der  anonyme  Verfasser  der  Flugschrift  „das  betrogene  Baden“.  Sauerwein
in  Frankfurt  schrieb  ein  Abcbuch  der  Freiheit  in  jenem  jüdisch  witzelnden
  Stile,  der  durch  Heine  und  Börne  in  die  Mode  gekommen  war;
er  schloß  mit  einer  Verherrlichung  der  roten  Mütze.  Ein  in  der  Frankfurter
  Gegend  verbreitetes  Flugblatt  „Empörung“  von  Herold  kündigte
den  Gemäßigten  offen  den  Frieden  auf:  „Alle  Bücher  und  Reden  über
Reform,  Legalität  und  gesetzlichen  Weg  sind  bloß  gelehrtehochstilisierte  Feigheit.
  Während  die  promovierten  Philister  Toaste  brachten  auf  Fürstenwort
und  Bürgerfreundlichkeit,  haben  die  gekrönten  Meuchler  Ränke  geschmiedet,
Dolche  geschliffen,  Gift  gemischt  und  Mörder  gedungen:  Wiener  Diplo- 



*)  Ancillon,  Weisung  an  Salviati,  31.  März  1833.
        <pb n="302" />
        294  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

matenstücke,  Berliner  Kabinettsbeschlüsse,  Frankfurter  Protokolle,  Potsdamer
Kasernenpuppen  und  österreichische  Soldknechte.  Aber  wir  waren  darauf
gefaßt.  Die  große  Oper:  Volksrache!  wird  aufgeführt  in  allen  Residenzen,
und  in  Frankfurt  die  Ouvertüre.  Von  Mund  zu  Mund  geht  jetzt  ein
kräftiger  Wort,  als  alle  Landtagskammern  und  Zeitungsblätter  uns  lieferten:
  Fürsten  zum  Land  hinaus!  Das  ist  die  große  Parole,  und  unser
einzig  Gebet  ist:  Herr,  gib  uns  unser  täglich  Schrot!  Auf  laßt  uns  beginnen!
  Der  Herr  hat  uns  zu  Schnittern  gemacht,  die  giftigen  Königsblumen
  abzumähen!“

Was  Herold  in  wüsten  Drohungen  herauspolterte,  war  nur  der
kräftige  Widerhall  jener  radikalen  Schlagworte,  mit  denen  Börne  in  seinen
Pariser  Briefen  um  sich  warf;  der  war  jetzt  schon  so  weit,  daß  er  in
seiner  hämischen  Weise  den  ehrlichen  Rotteck  für  eine  alte  Vettel  erklärte,
die  nur  den  Demagogen  spiele,  um  ihren  schlechten  Büchern  Absatz  zu
verschaffen.  Gewandter,  aber  noch  frecher  redete  Heine  in  dem  Vorworte
zu  seinen  „Französischen  Zuständen“.  Erstaunlich,  wie  dieser  vaterlandslose
  Jude  gleich  einem  Chamäleon  beständig  die  Farbe  wechselte,  ohne  seine
angestammte  orientalische  Eigenart  jemals  aufzugeben.  Wie  er  einst  den
Glauben  seines  Volkes  verlassen  und  gleichwohl  beharrlich  den  verfolgten
Juden  gespielt  hatte,  so  ward  er  jetzt  durch  die  Diners,  die  Grisetten
und  die  Zeitungsphrasen  der  Pariser  dermaßen  bezaubert,  daß  er  sich
gänzlich  in  einen  Franzosen  verwandelte;  er  ließ  fortan  seine  Schriften
meist  in  beiden  Sprachen  zugleich  erscheinen  und  lebte  sich  in  die  welsche
Empfindungsweise  so  gelehrig  ein,  daß  Thiers  ihn  mit  Recht  „den  geistreichsten
  Franzosen  seiner  Zeit“  nennen  konnte.  Dabei  bewahrte  er  doch
in  dem  stillen  Winkel  seines  Herzens,  der  noch  deutsch  geblieben  war,  die
Sehnsucht  nach  dem  Traumlande  seiner  Jugend  und  meinte  sich  noch
immer  berechtigt,  als  Deutscher  zu  seinem  verratenen  Heimatlande  zu
reden.  Über  „diese  grandiose  Stadt,  wo  alle  Tage  ein  Stück  Weltgeschichte
tragiert  wird“,  redete  er  mit  einer  knechtischen  Untertänigkeit,  als  ob  jeder
Pariser  Lumpensammler  die  Blüte  der  Menschheit  darstellte;  sachlich
wußte  er  freilich  nichts  weiter  vorzubringen,  als  seichtes  Feuilletongeschwätz
  und  die  landesüblichen  törichten  Schmähungen  gegen  die  Politik
Casimir  Periers.  Auch  „unsere  heimische  Misere“  betrachtete  er  durch
die  Brille  der  Pariser  Radikalen.  Während  die  französische  Presse  Tag
für  Tag  nach  den  natürlichen  Grenzen  verlangte,  und  die  deutschen
Patrioten,  mit  Ausnahme  einer  Handvoll  legitimistischer  Heißsporne,  schlechterdings
  nur  an  die  Verteidigung  ihrer  vaterländischen  Grenzen  dachten,
stellte  Heine  mit  gewohnter  Verlogenheit  die  Dinge  auf  den  Kopf:  er
schilderte  dies  unschuldige,  friedfertige  Frankreich,  wie  es  beständig  durch
den  künstlich  aufgestachelten  Nationalhaß  der  dummen  Teutonen  bedroht
würde,  und  wollte  auf  der  Welt  keine  Nationen  mehr  sehen,  sondern  nur
noch  zwei  Parteien:  die  Aristokratie  und  die  Partei  der  Vernunft.  Das
        <pb n="303" />
        Heines  Französische  Zustände.  295

alles  freilich  unter  der  stillschweigenden  Voraussetzung,  daß  zuvor  Preußen
zerschlagen  und  das  linke  Rheinufer  an  Frankreich  abgetreten  würde.  Die
„deplorablen“  Sechs  Artikel  erklärte  er  „feierlichst  für  null  und  nichtig“;
das  sittliche  Pathos  stand  ihm  aber  so  schlecht  zu  Gesicht,  daß  die  Leser
zweifeln  mußten,  ob  hier  der  Schalksnarr  oder  der  Volkstribun  rede.
Um  so  lebendiger  erklangen  seine  rohen  Schimpfreden  wider  den
preußischen  Esel,  der  im  Befreiungskriege  dem  sterbenden  Löwen  den  letzten
Fußtritt  gegeben  habe.  Das  war  unverkennbar  die  Sprache  des  Herzens.
Heines  alter  Haß  gegen  Preußen  hatte  sich  in  der  Pariser  Luft  bis  zur
blöden  Wut  gesteigert,  denn  er  ahnte  insgeheim,  daß  die  begehrlichen
Träume  seiner  Franzosen  keinen  ärgeren  Feind  zu  fürchten  hatten,  als
den  preußischen  Degen.  Darum  wurden  alle  die  Männer,  die  in  den
letzten  Jahren  ihre  preußische  Staatsgesinnung  offen  bekundet  hatten,  mit
Kot  beworfen:  Hegel,  Arndt,  Schleiermacher,  Stägemann,  auch  „der
arme  Ranke,  ein  hübsches  Talent,  gemütlich  wie  Hammelfleisch  mit  Teltower
Rübchen“;  ihnen  allesamt  schleuderte  Heine  den  Vorwurf  der  Feilheit
zu,  da  er  andere  nur  nach  seinem  eigenen  Charakter  zu  beurteilen  vermochte.
  Den  langfingerigen  Hohenzollern  weissagte  er  mit  der  Seherkraft
  des  Dichters  statt  der  ersehnten  Krone  Karls  des  Großen  vielmehr
das  Schicksal  Karls  X.  von  Frankreich  oder  Karls  von  Braunschweig,
und  über  einen  deutsch-französischen  Krieg  urteilte  er  also:  „Sollte  sich
das  Entsetzliche  begeben,  und  Frankreich,  das  Mutterland  der  Zivilisation
und  der  Freiheit,  ginge  verloren  durch  Leichtsinn  und  Verrat,  und  die
potsdämische  Junkersprache  schnarrte  wieder  durch  die  Straßen  von  Paris,
und  schmutzige  Teutonenstiefel  befleckten  wieder  den  heiligen  Boden  der
Boulevards,  und  das  Palais  Royal  röche  wieder  nach  Juchten  —  dann
würden  alle  Flüche  der  Menschheit  den  Urheber  solchen  Verderbens  treffen.“
Die  Vorrede  dieses  Buchs,  die  sich  durch  ihren  pöbelhaften  Ton  besonders
  auszeichnete,  wurde  in  zahlreichen  Sonderabdrücken  in  der  Mainzer
Gegend  verbreitet,  um  die  Rheinhessen  gegen  Preußen  aufzuwiegeln,  und  fand
auch  viele  bewundernde  Leser;  das  internationale  Judentum  zog  ja  offenbar
die  letzten  unabweisbaren  Folgerungen  aus  jener  Lehre  Rottecks,  welche
die  europäische  Welt  in  die  beiden  Völker  der  Freisinnigen  und  der  Knechtischgesinnten
  einteilte.  Weltbürgerliche  Träume,  phantastische  Hoffnungen  auf
eine  allgemeine  Revolution,  auf  die  Verbrüderung  aller  freien  Völker  verfälschten
  und  verdunkelten  das  Idealbild  der  nationalen  Einheit.  Auch  die
deutsche  Demokratie  wurde  jetzt  hineingezogen  in  das  Netz  revolutionärer
Geheimbünde,  das  die  romanischen  Länder  längst  überspannte.  Während
der  zwanziger  Jahre  hatten  nur  vereinzelte  deutsche  Radikale  mit  Lafayettes
geheimnisvollem  Comité  directeur  ihre  Gedanken  ausgetauscht;  nun  erst
ward  dieser  Verkehr  lebhafter,  seit  die  polnischen  Flüchtlinge  ihm  als  natürliche
  Vermittler  dienen.  General  Bem  in  Dresden  unterhielt  einen  geheimen
Briefwechsel  mit  Cornelius,  Siebenpfeiffer  und  anderen  Radikalen  des
        <pb n="304" />
        296  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Südens;  seine  Hoffnung  war,  die  tödlich  gehaßte  preußische  Regierung  durch
einen  unablässigen  kleinen  Krieg  zu  ermüden.“)  Der  neugebildete  deutsche
Preßverein  zu  Paris  stand  in  Verbindung  mit  der  Gesellschaft  der  Menschenrechte,
  mit  den  Straßburger  Amis  du  peuple,  mit  Lelewels  polnischem
Nationalkomitee,  mit  jenem  großen  „Depot“  polnischer  Krieger,  das  die
französische  Regierung  freundnachbarlich  in  Besancon,  nahe  der  deutschen
Grenze  eingerichtet  hatte.

Und  schon  versuchte  der  größte,  kühnste,  edelste  aller  internationalen
Demagogen,  der  Genuese  Giuseppe  Mazzini  seine  starken  Hände  auch
nach  den  deutschen  Radikalen  auszustrecken.  Seit  einiger  Zeit  war  dieser
echte  Landsmann  Machiavellis  die  Verzweiflung  aller  Polizeibehörden  des
Festlandes;  wie  ein  Aal  glitt  er  ihnen  zwischen  den  Fingern  durch;  überall
trieb  er  sein  Wesen,  neuerdings  in  Paris  unter  dem  Namen  Strozzi.
Mit  der  glühenden  Inbrunst  des  Mystikers  glaubte  er  an  die  gottgewollte
Volksherrschaft  überall  auf  Erden;  die  Jugend  sollte  dieser  Teo-Democrazia
zum  Siege  verhelfen,  mit  jedem  Mittel  des  Aufruhrs,  des  Mordes,  der
Lüge.  „Es  ist  wesentlich"“  —  so  schrieb  er  dem  Badener  Garnier  —  „daß
die  Jugend  die  Geschicke  der  Menschheit  in  die  Hand  nimmt,  denn  sie
allein  besitzt  Kraft,  Ausdauer,  Begeisterung,  sie  allein  ist  fähig,  aus  der
Freiheit  eine  Religion  zu  machen.“  Von  Marseille  aus  hatte  er  bereits
den  Geheimbund  des  Jungen  Italiens  gestiftet,  der  mit  der  wohlgegliederten
Hierarchie  seiner  Ordinatoren  und  Propagatoren  schon  mehrere  Städte
der  Halbinsel  beherrschte;  ein  Junges  Polen  war  in  der  Bildung  begriffen,
nun  sollten  auch  die  deutschen  Unzufriedenen  für  ein  Junges  Deutschland
angeworben  werden  —  und  so  weiter,  bis  endlich  das  vereinigte  Junge
Europa  Macht  gegen  Macht  den  Kabinetten  trotzen  könne.)

Die  deutschen  Regierungen  vermochten  nur  selten  eines  Fadens  aus
diesen  Gespinsten  habhaft  zu  werden;  was  sie  erfuhren,  genügte  immerhin,
um  ihr  Mißtrauen  gegen  den  Pariser  Hof  zu  verschärfen.  Große  Erfolge
der  radikalen  Propaganda  konnte  Ludwig  Philipp  unmöglich  wünschen,  weil
er  für  seinen  Bürgerthron  zittern  mußte.  Als  er  einmal  einen  Mordanschlag
  italienischer  Demagogen  gegen  sein  eigenes  Leben  befürchtete,  bat
er  die  Wiener  Hofburg  unbedenklich  um  ihren  Beistand.  Gleichwohl  blieb
Frankreich  das  große  Asyl  des  Radikalismus.  Gedrängt  durch  die  öffentliche
Meinung,  eröffnete  der  Bürgerkönig,  wie  Casimir  Perier  bitter  sagte,  „allen
Revolutionen  ein  Kontokorrent“.  Tausende  von  Flüchtlingen  lebten  in
Paris  und  den  Provinzen;  die  Regierung  überwachte  sie,  gewährte  ihnen
aber  auch  Millionen  zur  Unterstützung.  Namentlich  die  deutschen  Flüchtlinge
erfreuten  sich  ihrer  Gunst.  Man  wußte  im  Palais  Royal  merkwürdig
genauen  Bescheid  über  die  demagogischen  Umtriebe  jenseits  des  Rheines,

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  Berlin,  17.  März  1832.
*“)  Strozzi  (Mazzini)  an  Garnier,  Paris,  17.  Febr.  1823.
        <pb n="305" />
        Verschwörungen  der  Radikalen.  297

und  der  letzte  Zweifel  mußte  schwinden,  als  den  deutschen  Behörden  zwei
geheime  Rundschreiben  aus  dem  französischen  Ministerium  des  Innern  in
die  Hände  fielen.  Das  eine  beauftragte  die  geheimen  Agenten  Frankreichs
in  Berlin  und  sieben  westdeutschen  Städten,  eine  Liste  der  französisch  ge—
sinnten  Oppositionsmänner,  nebst  Angabe  ihrer  Vermögensverhältnisse,  einzusenden.
  Das  andere  befahl  den  Präfekten  der  Departements  an  der
Ostgrenze,  die  deutschen  Flüchtlinge  mit  Achtung  und  Nachsicht,  milder  als
die  polnischen,  zu  behandeln,  die  bedürftigen  zu  unterstützen,  ihren  Briefwechsel
  und  den  Verkehr  ihrer  Fußboten  mit  der  Heimat  nicht  zu  stören;
denn  „die  Deutschen  sind  wenig  geneigt,  Verwirrung  und  Zwietracht  in
fremde  Länder  zu  tragen;  die  beständig  von  ihnen  angestellte  Vergleichung
zwischen  dem  krankhaften,  gebrechlichen  politischen  Zustande  ihres  Landes
und  dem  Zustande  Frankreichs  ist  der  Grund  und  die  Veranlassung  des
Hambacher  Festes“  sowie  der  späteren  Unruhen.)  Der  französische  Konsul
Engelhardt  in  Mainz,  ein  erklärter  Chauvinist,  unterhielt  einen  so  verdächtigen
  Verkehr  mit  den  zahlreichen  Radikalen  der  Stadt,  daß  die  preußische
Regierung  besorgt  wurde  und  am  Bundestage  vorschlug,  man  solle  fortan
in  der  gefährdeten  Bundesfestung  nur  deutsche  Konsuln  dulden;  der  Großherzog
  von  Hessen  scheute  sich  jedoch  die  Franzosen  zu  beleidigen.)

Von  einem  solchen  Nachbarn  konnte  der  Bundestag  wenig  Beistand
erwarten.  Zum  Glück  waren  aber  die  deutschen  Geheimbündler  unter
allen  Teilnehmern  der  internationalen  Verschwörung  weitaus  die  ungefährlichsten.
  Der  rechtschaffene  Geradsinn  der  Deutschen  konnte  sich  mit
diesem  unterirdischen  Treiben  nicht  befreunden.  An  Rotteck,  Uhland  und
die  schwäbischen  Liberalen  wagten  sich  die  Verschwörer  kaum  heran,  weil
man  ihren  gesetzlichen  Sinn  kannte.  Als  Welcker  einmal  auf  der  Reise
in  den  Kreis  der  Demagogen  geriet,  sprach  er  seinen  Abscheu  vor  allen
geheimen  Vereinen  nachdrücklich  aus.  Silvester  Jordan  wurde  von  den
Sendboten  der  Verschwörer  häufig  besucht,  weil  sie  glaubten,  daß  er  „alle
Kurhessen  wie  am  Schnürle  habe“,  und  erfuhr  wahrscheinlich  manches
von  ihren  Plänen;  zur  Teilnahme  ließ  auch  er  sich  nicht  bewegen.  Selbst
Rektor  Weidig  in  Butzbach,  der  einzige  angesehene  Mann  unter  den  Eingeweihten,
  zog  sich  bald  zurück  und  warnte  die  Genossen  vor  dem  unmöglichen
  Unternehmen.  So  beschränkte  sich  der  Kreis  der  Verschworenen  auf
eine  Handvoll  Demagogen  des  gemeinen  Schlags  und  auf  einige  jener
unseligen  Phantasten,  die  sich  so  lange  in  ihr  eigenes  Lügengewebe  einspinnen,
  bis  sie  nicht  mehr  wissen,  ob  sie  sich  selber  oder  andere  betrügen.

Da  war  in  Ludwigsburg  ein  radikaler  Leutnant  Koseritz,  der  durch
Geld  und  glatte  Worte  einige  Unteroffiziere  gewonnen  hatte;  mit  Hilfe  dieser

 

*)  Rundschreiben  des  franz.  Ministers  des  Innern  an  die  Agenten  in  Luxemburg,
Frankfurt,  Stuttgart,  Karlsruhe,  Kassel,  Berlin,  Koblenz,  Zweibrücken,  14.  Sept.;  an
die  Präfekten  der  Mosel,  des  Ober=  und  Niederrheins,  2.  Sept.  1832.

*)  Ancillon,  Weisung  an  Maltzahn,  11.  Nov.  1833.
        <pb n="306" />
        298  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Leute  dachte  er  die  Garnison  aufzuwiegeln  und  dann  vielleicht  den  König
Wilhelm  selbst  zum  Freiheitskampfe  fortzureißen.  Der  Stuttgarter  Buchhändler
  Franckh  erzählte  ihm  Wunderdinge  von  einer  Pariser  geheimen  Gesellschaft,
  die  schon  seit  1786  bestehe,  einen  Robespierre  zu  ihren  Genossen
gezählt  und  alle  europäischen  Revolutionen  seitdem  veranlaßt  habe.*)  Er
versicherte  zugleich,  in  Besancon  stünden  400  Polen  bereit,  durch  die
Schweiz  in  Baden  einzubrechen,  am  Bodensee  weilten  schon  zwanzig  polnische
  Offiziere,  die  den  Aufruhr  im  Schwarzwald  leiten  sollten.  In  der
Tat  hatte  ein  anderer  Verschwörer,  der  Frankfurter  Dr.  Gärth  inzwischen
mit  diesen  Polen  unterhandelt  und  sie  zu  jeder  Tollheit  willig  gefunden.
Am  rührigsten  unter  allen  zeigte  sich  Rauschenplatt;  er  machte  seinem
Katernamen  Ehre,  tauchte  bald  hier,  bald  dort  in  den  mitteldeutschen
Städten  auf  und  verschwand  spurlos,  sobald  die  Häscher  den  längst  steckbrieflich
  Verfolgten  ergreifen  wollten.  Man  hoffte  im  Frühjahr  1833  an
mehreren  Stellen  zugleich  loszubrechen;  der  erste  Schlag  sollte  in  Frankfurt
  fallen,  weil  der  Bundestag  zuerst  einer  Züchtigung  bedurfte  und  weil
die  radikale  Partei  dort  in  den  Maingegenden  auf  einen  starken  Anhang
rechnete.  In  Homburg  besaß  sie  an  den  Brüdern  Breidenstein  zwei  tätige
Helfer,  in  der  Wetterau  hatte  sich  Weidig  einen  Stamm  gläubiger  Schüler
erzogen;  in  dem  Gießener  Lesevereine  gaben  der  Anwalt  Paul  Follen,  der
Bruder  Karls,  und  dessen  Schwager,  der  Professor  der  Medizin  Vogt,  des
Naturforschers  Vater,  den  Ton  an;  in  Nassau  verwünschte  jedermann  den
allmächtigen  Minister  Marschall;  im  Odenwalde  murrten  die  Bauern  der
Standesherrschaften  über  die  doppelte  Steuerlast.

In  Frankfurt  selbst  zeigten  sich  die  kleinen  Leute  ebenfalls  erbittert.
Sie  hatten  nach  der  großen  Woche  durch  Flugschriften  und  Petitionen  um
Preßfreiheit  und  Offentlichkeit  ihres  gesetzgebenden  Körpers,  aber  auch
nach  Pfahlbürgerbrauch  um  „kräftigen  Nahrungs=  und  Gewerbsschutz“
gegen  das  deutsche  Ausland  gebeten  und  im  Herbst  1831  sogar  ein  kleines
Nachspiel  der  Juli-Revolution  aufgeführt,  weil  die  Torsperre  während  der
Weinlese  gar  so  streng  eingehalten  wurde.  Dabei  war  Blut  geflossen,
und  seitdem  wurde  auf  die  Roheit  der  Liniensoldaten,  auf  die  zugleich
schlaffe  und  hochmütige  Vetternherrschaft  der  „Römerherren“,  wie  man
die  Senatoren  nannte,  weidlich  geschimpft.  Von  den  jungen  Männern
der  gebildeten  Stände  gehörten  einige  zu  dem  verbotenen  Preßvereine,  der
jetzt  unter  den  Augen  des  Bundestags  sein  geheimes  Hauptquartier  aufgeschlagen
  hatte  und  in  kräftigen  Flugschriften  beharrlich  erklärte:  die  Fürsten
hätten  ihr  Wort  gebrochen,  folglich  sei  das  Volk  auch  seiner  Eide  entbunden.
Aus  solchen  Anzeichen  einer  allerdings  vorhandenen,  aber  ganzohnmächtigen
Mißstimmung  schlossen  nun  Rauschenplatt  und  seine  Leute,  daß  ein  glücklicher

 

*)  Berichte  des  Gouverneurs  von  Ludwigsburg  über  das  Verhör  des  Lt.  Koseritz,
25.  Mai  1833  ff.
        <pb n="307" />
        Die  Burschentage.  299

Handstreich  in  Frankfurt  sofort  den  Aufruhr  in  der  ganzen  Nachbarschaft
entflammen  müsse.  Was  dann  werden  sollte  —  eine  Bundesrepublik  oder
nur  ein  deutsches  Parlament?  —  darüber  ward  allem  Anschein  nach  nie
ernstlich  verhandelt,  obwohl  einzelne  bereits  eine  Liste  der  drei  Präsidenten
der  deutschen  Republik  bereit  hielten.  Der  ganze  Plan  war  so  kindisch,
daß  einige  der  Urheber  bald  selbst  besorgt  wurden;  sie  glaubten  einander
schon  nicht  mehr  ihre  windigen  Prahlereien,  selbst  Koseritz  hielt  sich  zurück,
weil  er  „die  grenzenlose  Unvorsichtigkeit  der  Verschworenen“  fürchtete.  Fast
niemand  wollte  anfangen,  und  so  mußte  denn,  wie  gewöhnlich,  die  leichtgläubige
  tapfere  Jugend  ausbaden,  was  die  vermessene  Torheit  der  Alteren
  verschuldet  hatte.

uch  jetzt  wie  zu  allen  Zeiten  spiegelte  sich  das  nationale  Leben  in
den  Zuständen  der  Universitäten  getreulich  wider.  Nach  den  Julitagen
hatten  sich  die  Burschenschaften  überall  verstärkt  oder  neu  aufgetan,  und
bald  gewann  die  radikale  Germania  die  Oberhand  über  die  gemäßigte
Partei  der  Arminen.  Auf  den  gemeinsamen  Burschentagen  übernahmen
die  Süddeutschen  die  Führung;  die  preußischen  Burschenschaften  beteiligten
sich  wenig  und  blieben  endlich  ganz  aus,  die  Breslauer  wurde  sogar  förmlich
zurückgewiesen,  weil  sie  sich  auf  politische  Umtriebe  nicht  einlassen  wollte.
Unaufhaltsam  drang  nunmehr  der  Geist  des  neufranzösischen  Radikalismus
in  diese  jugendlichen  Kreise  ein.  Auf  dem  Frankfurter  Burschentage,  im
September  1831,  wurde  beschlossen,  daß  jeder  Bursch  sich  verpflichten
müsse,  selbst  mit  Gewalt  ein  freies  und  gerechtes,  in  Volkseinheit  geordnetes
  Staatsleben  herbeizuführen;  die  Burschenschaft  sollte  fortan  ihren
alten  christlich-germanischen  Charakter  ablegen  und  auch  Juden  aufnehmen.
Auf  einem  neuen  Tage  zu  Stuttgart,  um  Weihnachten  1832,  kündigte
man  schon  an,  daß  im  Frühjahr  die  Revolution  bevorstehe  und  die  Burschen
sich  darauf  vorzubereiten  hätten.  Nun  traten  die  Eifrigsten  der  Heidelberger
  Burschenschaft  zu  einem  geheimen  Vereine  zusammen.  Zwei  ihrer
alten  Herren  in  Frankfurt  erteilten  ihnen  Nachricht  und  Befehl:  der
hitzköpfige,  schon  im  polnischen  Revolutionskriege  erprobte  Arzt  Gustav
Bunsen  und  Dr.  Georg  Körner,  ein  junger  Anwalt  von  ungewöhnlicher
Begabung,  der  sich  nachher  in  Amerika  eine  ehrenreiche  politische  Wirksamkeit
  geschaffen  hat.  Die  Burschen  schwelgten  in  der  Hoffnung,  den
Bundestag  in  voller  Sitzung  aufzuheben;  der  Frankfurter  Soldateska
meinten  sie  sicher  zu  sein  durch  einen  Hauptmann,  der  kein  Wort  von
ihren  Plänen  wußte,  und  überdies  lagen  im  Taxisschen  Palaste  augenblicklich
  400000  Gulden  Mainzer  Festungsgelder  —  Geld  genug,  um  den
Freiheitskrieg  weiter  zu  führen.))  Am  2.  April  waren  etwa  zwanzig
Studenten  aus  Heidelberg,  Würzburg,  Erlangen,  auch  zwei  aus  Göttingen

 

*)  Ich  benutze  hier  u.  a.  eine  Aufzeichnung  „Meine  Frankfurter  Erlebnisse“  von
einem  der  Teilnehmer,  dem  kürzlich  verstorbenen  Dr.  Eimer  in  Freiburg  i.  B.
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        300  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

in  der  Bundesstadt  eingetroffen;  dazu  die  Frankfurter,  mehrere  Polen
und  der  unvermeidliche  Rauschenplatt  mit  einigen  älteren  Genossen,  alles
in  allem  kaum  mehr  als  fünfzig  Verschworene.  Auf  einer  Versammlung
in  Bockenheim  wurden  durch  Bunsen  und  Körner  die  Rollen  verteilt;
nächsten  Tags  am  Abend  wollte  man  losbrechen.

Schon  am  Morgen  des  3.  April  war  der  Anschlag  durch  einen  anonymen
  Brief  aus  Würzburg  verraten,  und  wenn  die  Behörden  ihre
Pflicht  erfüllten,  so  konnte  der  so  kläglich  vorbereitete  Aufstand  leicht  entweder
  ganz  verhindert  oder  doch  beim  ersten  Beginn  unterdrückt  werden.
Militärische  Hilfe  aus  dem  nahen  Mainz  war  dringend  nötig,  da  die  Frankfurter
  Garnison  nur  380  Köpfe  zählte,  und  sie  ließ  sich  rasch  zur  Stelle
schaffen,  denn  der  Gouverneur  hatte  sich,  wegen  der  längst  umlaufenden
bedenklichen  Gerüchte,  schon  für  alle  Fälle  vorbereitet.  Freiherr  von  Manteuffel
  aber,  der  sächsische  Bundesgesandte,  der  in  Münchs  und  Naglers
Abwesenheit  den  Vorsitz  führte,  verhielt  sich  ganz  untätig.  Er  sendete
nach  Mainz  nur  die  vorläufige  Anzeige,  daß  vielleicht  Unruhen  bevorstünden,
  und  wollte,  zu  Blittersdorffs  Verzweiflung,  nicht  einmal  den
Bundestag  zu  einer  außerordentlichen  Sitzung  einberufen.*)  Der  regierende
  Bürgermeister  ließ  auf  die  Hauptwache  zehn  Mann  mehr  als  gewöhnlich,
  alle  mit  ungeladenem  Gewehr  aufziehen,  und  schickte  zwei  Polizeidiener
  an  den  Fuß  des  Pfarrturms,  um  die  Sturmglocken  zu  behüten;
die  wachfreie  Mannschaft  blieb  in  der  Kaserne  versammelt  und  harrte
unter  der  Aufsicht  eines  Senators  der  kommenden  Dinge.

Nach  so  auffälligen  Proben  politischer  Wachsamkeit  mußten  die  Liberalen
  wohl  auf  den  Verdacht  geraten,  daß  der  Bundestag  die  Aufrührer
absichtlich  eine  Weile  hätte  gewähren  lassen,  um  die  Demagogen  endlich
einmal  auf  handhafter  Tat  zu  ergreifen.  Erwiesen  ist  diese  damals  allerorten
  geglaubte  Beschuldigung  freilich  nicht;  der  tragikomische  Hergang  läßt
sich  auch  ohnedies,  aus  der  allgemeinen  Erbärmlichkeit  der  Frankfurter
Verhältnisse  ungezwungen  erklären.  Das  Kriegsheer  der  Bundesstadt
befand  sich  in  einem  ebenso  verwahrlosten  Zustande  wie  alle  die  anderen
kleinen  Kontingente;  Freiherr  von  Manteuffel  gehörte  noch  zu  jener  alten,
soeben  erst  vom  Staatsruder  verdrängten  kursächsischen  Beamtenschule,
welche  sich  unleugbar  mehr  durch  schwerfällige  Pedanterei  als  durch  teuflische
  Arglist  auszeichnete;  und  die  Römerherren  waren  in  diesen  unruhigen
Tagen  schon  so  oft  durch  blinden  Lärm  vom  Schmause  oder  vom  Whistspiel
  aufgescheucht  worden,  sie  mochten  gern  glauben,  auch  diesmal  stecke
nichts  dahinter.

Am  Abend  versammelte  sich  der  eine  Haufe  der  Verschworenen,  fast
durchweg  Studenten,  in  Bunsens  Wohnung;  mehrere  sehr  tüchtige  junge
Männer  waren  darunter,  so  der  Mediziner  Eimer  aus  Baden  und  der

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  4.  April  1833.
        <pb n="309" />
        Der  Frankfurter  Wachensturm.  301

Braunschweiger  A.  L.  von  Rochau,  in  späteren  Jahren  einer  der  besten  deutschen
Publizisten.  Die  Unglücklichen  wußten  schon,  daß  alles  verraten  war,
aber  als  ritterliche  Deutsche  wollten  sie  nicht  mehr  zurückweichen.  Wohlbewaffnet
  und  mit  schwarzrotgoldnen  Binden  geschmückt  brachen  sie  auf;
Rauschenplatt  schritt  voran,  heute  nicht  in  seinen  großen  Stiefeln,  sondern
in  einer  schönen  polnischen  Uniform.  Um  halb  zehn  Uhr  drang  die  Schar
aus  den  engen  Gassen  neben  der  Zeil  hervor  und  stürzte  sich  auf  die  Hauptwache.
  Im  Nu  waren  die  in  der  Vorhalle  aufgehängten  Gewehre  genommen,
die  Schildwache  verwundet  und  gefangen.  Der  Befehlshaber,  ein  blutjunger
Leutnant,  sprang  aus  dem  Hinterfenster  und  suchte  das  Weite;  die  waffenlose
  Mannschaft  in  der  Wachstube  mußte  sich  nach  einigen  Schüssen  ergeben.
Umsonst  versuchten  die  Sieger  das  heranströmende  Volk  zu  überreden;
niemand  wollte  die  erbeuteten  Flinten  anrühren,  niemand  —  so  klagt  einer
der  Verschworenen  —  „mit  uns  helfen  an  der  Befreiung  Deutschlands“.
Selbst  die  befreiten  politischen  Gefangenen  im  oberen  Stockwerk  blieben
zum  Teil  ruhig  sitzen;  andere,  unter  ihnen  die  gefürchteten  Demagogen
Freieisen  und  Sauerwein,  stellten  sich  am  nächsten  Tage  freiwillig  wieder  ein.

Unterdessen  hatte  eine  andere  Abteilung  der  Aufständischen  sich  des
Pfarrturms  bemächtigt  und  ließ  Sturm  läuten.  Ein  dritter  Haufe  trat
in  einem  Gasthofe  zusammen,  nahe  der  Konstablerwache  am  andern  Ende
der  Zeil.  Eine  Kellnerin,  die  alles  mit  ansehen  durfte,  fiel  vor  Schrecken
in  Ohnmacht,  als  die  Verschworenen  ihre  Flinten  luden  und  sich  die  Gesichter
  schwärzten.  Sie  wurde  auf  ein  Bett  gelegt,  und  jeder  der  Abziehenden
  küßte  gerührt  das  schöne  Kind.  Von  dem  polnischen  Major  Michalowski
geführt,  marschierten  die  deutschen  Freiheitshelden  sodann  nach  der  Konstablerwache.
  Der  Pole  gab  in  französischer  Sprache  den  Befehl  zum
Sturme,  und  auch  hier  ward  ein  leichter  Sieg  erfochten;  nach  einem  kurzen
Handgemenge  verkroch  sich  die  Wachmannschaft  in  einen  nahen  Schuppen.
Jetzt  aber  eilte  das  Linienbataillon  aus  der  Kaserne  herbei;  die  Aufrührer
leisteten  noch  eine  Zeitlang  tapferen  Widerstand,  dann  flohen  sie  vor  der
erdrückenden  UÜbermacht.  Eine  Bauernschar  aus  Bonames,  die  unter
der  Leitung  eines  Mitverschworenen  noch  heranzog,  um  den  alten  Haß  des
Landvolks  an  den  Frankfurter  Herren  auszulassen,  fand  das  Stadttor
schon  scharf  bewacht  und  kehrte  schleunig  heim.  Der  ganze  Kampf  währte
kaum  eine  Stunde;  die  Straßen  neben  der  Zeil  blieben  durchaus  still,  im
nahen  Theater  wurde  die  Oper  ruhig  zu  Ende  gespielt,  und  die  Zuschauer
erfuhren  erst  auf  der  Heimkehr,  daß  Frankfurts  Annalen  um  eine  Revolution
  reicher  waren.  Aber  die  frevelhafte  Torheit  hatte  sechs  Soldaten
und  einem  der  Aufständischen  das  Leben  gekostet,  etwa  Vierundzwanzig
waren  verwundet.  Die  Führer  und  die  Polen  entkamen  sämtlich,  nur
die  unvorsichtigen  jungen  Leute  wurden  größtenteils  verhaftet;  mehrere
der  Studenten  waren  vom  Schlachtfelde  arglos  in  ihre  Gasthöfe  zurückgekehrt
  und  ließen  sich  in  der  Nacht  von  den  Polizeibeamten  wecken.  Schon
        <pb n="310" />
        302  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

die  nächsten  Tage  lehrten,  daß  dieser  Aufruhr  doch  nicht  bloß  ein  jugendliches
  Torenspiel  war,  sondern  mit  den  internationalen  Aufstandsplänen  der
polnischen  Flüchtlinge  irgendwie  zusammenhing.  Am  7.  April  zogenwirklich,
der  Abrede  gemäß,  300  Polen  aus  Besancon  in  die  Schweiz,  und  nur
die  Unglücksbotschaften  aus  Frankfurt  verhinderten  sie,  ihren  Marsch  nach
Baden  fortzusetzen;  zur  selben  Zeit  brach  eine  Schar  Aufständischer  aus
Galizien  in  das  russische  Polen  ein,  und  gleich  darauf  wurde  in  Piemont  eine
gefährliche  Soldatenverschwörung  unterdrückt,  welchedem  polnischen  General
Ramorino  schwerlich  unbekannt  war.

Der  tolle  Streich  der  Radikalen  eröffnete  einer  neuen  Zeit  politischer
Verfolgung  die  Tore.  Ancillon  schrieb  sofort  nach  Wien:  „Das  Frankfurter
  Attentat  kann  Deutschland  retten,  wenn  man  sich  beeilt,  das  Ereignis
auszubeuten.“)  Münch  und  Nagler  erhielten  umfassende  Vollmachten,
und  nachdem  sie  zurückgekehrt,  beschloß  der  Bund  am  30.  Juni,  abermals
eine  Zentralbehörde  für  die  politischen  Untersuchungen  einzusetzen.  Sie
sollte  in  Frankfurt  selbst  ihren  Sitz  haben;  Österreich,  Preußen,  Bayern,
Württemberg  und  Darmstadt  ernannten  die  fünf  Mitglieder,  Kurhessen
und  Nassau  die  beiden  Stellvertreter.  Sachsen  und  Baden  wurden  absichtlich
  übergangen,  weil  sie  im  Geruche  liberaler  Gesinnung  standen.  So
schien  denn  der  ganze  Jammer  der  alten  Mainzer  „schwarzen  Kommission“
sich  zu  erneuern;  auch  zwei  ihrer  Mitglieder,  der  Osterreicher  Wagemann
und  der  Hesse  Preuschen  traten  wieder  ein.  Halb  befriedigt,  halb  besorgt
meinte  Blittersdorff:  wir  haben  seit  1832  ungeheure  Rückschrittegemacht)
Gleichwohl  ließ  sich  leicht  bemerken,  daß  selbst  der  Bundestag  der  verwandelten
  Zeit  einige  Zugeständnisse  hatte  gewähren  müssen.  Die  Mittelstaaten,
  Bayern  voran,  wollten  dem  Bunde  unmittelbare  Eingriffe  in  ihre
Rechtspflege  nicht  mehr  gestatten,  und  die  Großmächte  wagten  den  Stolz
der  Bundesgenossen  nicht  zu  reizen.**“)  Darum  erhielt  die  neue  Zentralbehörde
  weit  geringere  Befugnisse  als  die  alte;  sie  durfte  nicht  selbst  Untersuchungen
  führen,  sondern  nur  von  den  Untersuchungen  in  den  Einzelstaaten
  Kenntnis  nehmen.  Ganz  so  gehässig  und  verfolgungssiüchtig  wie
einst  die  Mainzer  Kommission  wagte  sie  nicht  aufzutreten.

Zugleich  mußte  die  Bundesversammlung  für  ihre  eigene  Sicherheit
und  für  die  Bewachung  der  Gefangenen  sorgen.  Nach  allem,  was  man
von  dem  Frankfurter  Senate  und  seiner  Kriegsmacht  hatte  erleben  müssen,
wurde  die  Übersiedlung  des  Bundestages  in  eine  besser  behütete  Stadt
ernstlich  erwogen;  König  Ludwig  wünschte  lebhaft  den  würdigen  Nachfolger
des  alten  Reichstags  in  seinem  Regensburg  als  Nachbarn  der  neuen  Walhalla
  aufzunehmen.  Die  Verhafteten  wollte  Preußen  der  Sicherheit  halber

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Maltzahn,  25.  April  1833.
**)  Blittersdorffs  Bericht,  4.  Juli  1833.
*?„)  Ancillon,  Weisung  an  Maltzahn,  25.  Juniz  Blittersdorffs  Bericht,  18.  Juni  1833.
        <pb n="311" />
        Die  Bundes-Zentralbehörde.  303

nach  Mainz  schaffen  lassen;  und  als  man  einwarf,  der  Mainzer  Name  sei
durch  die  schwarze  Kommission  allzusehr  in  Verruf  gekommen,  da  bemerkte
Nagler  mit  wehmütiger  Selbsterkenntnis,  der  Name  Frankfurts  hätte  einen
noch  schlimmeren  Klang  im  Volke.“)  Aber  der  Senat  der  freien  Stadt
weigerte  sich,  seine  Hochverräter  herauszugeben,  und  da  er  sich  auch  nicht
entschließen  konnte,  den  Bund  um  die  unentbehrliche  militärische  Unterstützung
  zu  bitten,  so  beschloß  der  Bundestag,  nach  seinem  guten  Rechte,
selbst  das  Notwendige  (12.  April).  Etwa  zweitausend  Mann  Osterreicher
und  Preußen  wurden  aus  Mainz  abberufen  und  unter  der  Führung  des
k.  k.  Generals  Piret  vorläufig  in  Sachsenhausen  und  den  umliegenden
Ortschaften  einquartiert.  Die  innere  Stadt  und  die  Gefangenen  blieben
unter  der  bewährten  Obhut  des  Frankfurter  Bataillons,  das  nur  „bei  ausbrechenden
  Unruhen“  unter  Pirets  Oberbefehl  treten  sollte.  So  ehrfurchtsvoll
  ward  die  Souveränität  der  Bundesstadt  geschont:  die  Preußen  mußten
dem  Bundesgeneral  unbedingt  gehorchen,  dem  freien  Frankfurt  wagte  man
eine  solche  Demütigung  nicht  zuzumuten.  Trotzdem  fühlte  sich  der  Senat
tief  verletzt  und  sendete  dem  Bundestage  eine  übellaunige  Erklärung,  die
fast  wie  eine  Rechtsverwahrung  klang,  aber  stillschweigend  zu  den  Akten
gelegt  wurde.

Alsbald  witterte  der  französische  Gesandte  Baron  Alleye,  ein  heißblütiger,
  radikaler  Kreole,  daß  sich  hier  wieder  einmal  ein  bequemer
Anlaß  bot,  um  Unfrieden  zwischen  den  Deutschen  zu  säen.  Er  berichtete
an  seinen  Minister  und  erhielt  von  Broglie  in  den  letzten  Apriltagen
eine  Depesche,  welche  nochmals  den  alten  Sirenensang  von  der  Unabhängigkeit
  aller  deutschen  Staaten  und  VBölkerschaften  anstimmte.  Als
er  aber  dies  Schriftstück  dem  präsidierenden  Bundesgesandten  Manteuffel
vertraulich  vorlas,  da  weigerte  sich  der  Sachse,  auf  eine  Verhandlung  solcher
Art  überhaupt  einzugehen,  und  versuchte,  dem  Franzosen  einen  ungefähren
Begriff  von  der  deutschen  Bundesverfassung  beizubringen;  nur  sprach  er
leider  mit  einer  Höflichkeit,  welche  auf  den  Vertreter  der  Zivilisation  des
Westens  nicht  genügenden  Eindruck  machte.  Noch  strenger  wies  Metternich
eine  Anfrage  des  französischen  Gesandten  in  Wien  zurück;  und  am  Pariser
Hofe  erhob  Werther  sogleich  ernstlich  Beschwerde.““)  Der  Bundestag  billigte
das  Verhalten  seines  Vorsitzenden,  alle  Anwesenden  äußerten  sich  scharf
über  die  Anmaßung  der  Franzosen,  und  der  erschrockene  Vertreter  Frankfurts
  mußte  demütig  versichern,  sein  hoher  Senat  sei  keineswegs  gemeint
die  Gültigkeit  der  letzten  Bundesbeschlüsse  zu  bestreiten,  noch  weniger  die
Hilfe  des  Auslandes  anzurufen.“)

Wie  seltsam  hatte  sich  mittlerweile  die  Stimmung  der  Frankfurter

 

*)  Naglers  Bericht,  23.  April  1833.
**)  Ancillon,  Weisung  an  Maltzahn,  15.  Mai  1833.
*?2)  Berichte  von  Blittersdorff,  30.  Apr.,  10.,  23.  Mai;  von  Nagler,  23.  Mai  1833.
        <pb n="312" />
        304  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

verwandelt.  Bei  dem  Aufstande  selber  waren  sie  gleichgültig  geblieben;
jetzt  regte  sich  das  Mitleid  mit  den  politischen  Verbrechern,  das  immer
ein  Zeichen  ungesunder  öffentlicher  Zustände  ist,  und  wer  konnte  auch  den
unglücklichen  Studenten  menschliche  Teilnahme  versagen?  Ihre  Verführer
waren  entkommen;  sie  aber,  die  von  den  Hintergedanken  der  polnischen
Mitverschwornen  wenig  oder  nichts  wußten,  büßten  in  endloser  Untersuchungshaft
  und  lernten  jenes  aus  Härte  und  Nachlässigkeit  gemischte
Regierungssystem,  das  unter  der  Frankfurter  Oligarchie  aufgeblüht  war,
mit  allen  seinen  Sünden  gründlich  kennen.  Im  Verhöre  verfuhren  die
Richter  streng,  oft  roh;  wer  hartnäckig  leugnete,  wurde  nach  Karls  V.
Hochnotpeinlicher  Halsgerichtsordnung,  die  in  Frankfurt  noch  galt,  mit
außerordentlichen  Strafen  belegt.  Um  so  gemütlicher  ging  es  in  den
Kerkern  zut  die  meisten  der  Gefängniswärter  zeigten  eine  Weitherzigkeit,
die  nichts  zu  wünschen  übrig  ließ.  Durch  die  lange  Übung  erlangten  die
jungen  Herren  eine  erstaunliche  Fertigkeit  in  allen  kleinen  Künsten  des  Gefangenenlebens.
  Sie  besprachen  sich  untereinander  durch  Klopfen  oder
Pfeifen  und  unterhielten  allesamt  einen  regelmäßigen  Briefwechsel  mit  der
Außenweltz  sie  verstanden  meisterhaft,  aus  dem  Morgenkaffee  die  kleinen  in
die  Zuckerstücke  eingebohrten  Zettel  herauszufischen  und  ihre  Erwiderungen
in  den  Pfropfen  der  geleerten  Bierflaschen  fortzusenden.  In  den  Kuchen
und  Wecken,  die  ihnen  von  Frankfurter  Gönnern  verehrt  wurden,  fanden
sich  zuweilen  Uhrfedersägen  eingebacken.  Die  halbe  Stadt  beschäftigte  sich
mit  dem  Schicksal  der  verwegenen  Jungen;  keine  Woche  verging,  wo  man
nicht  von  einem  vergeblichen  Fluchtversuch  erzählte.  Endlich  an  einem
nebligen  Oktoberabend  gelang  es  dem  Studenten  Lizius,  sich  an  einem
Seile  aus  dem  zerfeilten  Fenstergitter  herabzulassen;  die  Frankfurter  Schildwache
  dicht  unter  dem  Fenster  verließ  ihren  Posten,  weil  einige  seiner
Freunde  mittlerweile  eine  Rauferei  auf  der  Gasse  veranstalteten.  So
entkam  er  glücklich,  und  jubelnd  sangen  die  Gassenbuben  hinter  den  Senatoren
  her:  „O  Polizei,  wie  viel  Verdruß  macht  dir  Studiosus  Lizius!“

Dies  neue  Probestück  frankfurtischer  Kriegstüchtigkeit  erfüllte  den  Bundestag
  mit  gerechter  Besorgnis.  General  Piret  war  schon  längst  in  Verzweiflung
  über  das  souveräne  Stadtkommando  neben  ihm,  das  ihn  von
den  Ruhestörungen  nicht  einmal  benachrichtigte.  Der  Militärausschuß
des  Bundes  beriet  schon  ein  neues  Reglement,  und  da  jetzt  Gefahr  im
Verzuge  schien,  so  beschleunigte  er  seine  Arbeiten,  soweit  am  Bundestage
Eile  möglich  war.  Am  16.  Jan.  1834,  dritthalb  Monat  nach  jener  verhängnisvollen
  Flucht,  wurden  seine  Vorschläge  der  Bundesversammlung
zur  Abstimmung  unterbreitet.  Der  Ausschuß  beantragte  nur,  was  sich  in
jedem  andern  Heere  von  selbst  verstanden  hätte:  die  Frankfurter  Linientruppen
  sollten  mit  den  Österreichern  und  den  Preußen  zu  einem  Sicherheitskorps
  unter  Pirets  Führung  vereinigt,  und  im  Falle  der  Not  auch
die  Stadtwehr  dem  kommandierenden  General  untergeordnet  werden.  Kaum
        <pb n="313" />
        Die  Bundestruppen  in  Frankfurt.  305

wurden  diese  Anträge  bekannt,  so  hallte  ein  Aufschrei  der  Entrüstung  durch
das  souveräne  Volk  von  Frankfurt:  die  Stadtwehr  und  die  prächtigen
Bonaparthüte  ihrer  Stabsoffiziere  waren  der  Stolz  der  Stadt,  nimmer
sollten  sie  einem  deutschen  Ausländer  gehorchen.  In  einer  bogenlangen
Erklärung  verwahrte  der  Senat  seine  Souveränität:  hier  handle  es  sich
nicht  um  militärische  Sicherheit,  sondern  um  „eine  primäre  politische  Maßregel“,
  und  was  des  Unsinns  mehr  war.

Nach  abermals  dritthalb  Monaten,  am  3.  April  wurde  endlich  abgestimmt,
  und  der  Antrag  des  Ausschusses  angenommen.  Frankfurt  verwahrte
sich  nochmals,  und  vergeblich  verlangte  General  Piret,  daß  ihm  die  Frankfurter
  Truppen,  dem  Bundesbeschlusse  gemäß,  nunmehr  untergeben  würden.
Bürgermeister  Stark  erwiderte  stolz:  das  Frankfurter  Bataillon  hätte  schon
einen  Sammelplatz  für  den  Fall  einer  Ruhestörung  angewiesen  erhalten
und  schicke  überdies  jeden  Sonntag  seine  Standeslisten  an  den  General;
das  sei  doch  wohl  genug,  unmöglich  könne  der  Bundestag  beabsichtigen,  „den
Rechten  hiesiger  Stadt  zu  nahe  zu  treten“.  )  Da  riß  dem  preußischen
Gesandten  die  Geduld.  Er  beantragte  und  setzte  durch,  daß  Frankfurt
aufgefordert  wurde,  bis  zur  nächsten  Sitzung  die  Vollziehung  des  Bundesbeschlusses
  anzuzeigen.  Der  Senat  aber  unterstand  sich,  am  1.  Mai  gegen
diesen  Befehl  „feierlich  zu  protestieren“,  was  sofort  als  bundesverfassungswidrig
  zurückgewiesen  wurde.  Noch  nicht  genug,  er  verlangte  sogar  die
Abberufung  der  Bundestruppen,  weil  Frankfurt  vollauf  imstande  sei,
die  Ordnung  selber  zu  wahren.  Eine  solche  Frechheit  erlaubte  sich  ein
Stadtstaat,  der  erst  vor  neunzehn  Jahren  durch  die  unbedachte  Großmut
  der  Mächte  seine  Souveränität  geschenkt  erhalten,  und  dabei  alle  dem
Bundessitze  obliegenden  Pflichten  ausdrücklich  übernommen  hatte.  Kein
Wunder  wahrhaftig,  daß  man  jetzt  nochmals  ernstlich  an  die  Verlegung
der  Bundesversammlung  dachte.  Aber  Nagler  widersprach.  Preußen  rettete
den  Frankfurtern  ihre  Bundesherrlichkeit;  denn  der  König  meinte:  ohne
den  Bundestag  würde  diese  Stadt  mit  ihrer  elenden  Regierung  ein  Herd
der  Revolution  und  namentlich  der  französischen  Umtriebe  werden.)

Nur  vierundzwanzig  Stunden  vergingen  seit  jener  prahlerischen  Erklärung
  des  Senats;  da  ward  sie  schon  durch  die  Tatsachen  Lügen  gestraft.
Am  Abend  des  2.  Mai  war  die  Mannschaft  der  Konstablerwache  schwer
betrunken  in  der  Wachstube;  einige  mit  den  Gefangenen  einverstandene
Kameraden  hatten  ihr  Apfelwein  in  Fülle  vorgesetzt.  Schwere  Rollwagen
rasselten  mit  betäubendem  Lärm  über  das  Pflaster  der  Zeil,  so  daß
die  Studenten  im  oberen  Stockwerk  das  Durchfeilen  der  Gitter  ungestört
beenden  konnten.  Da  drang  plötzlich  eine  tobende  Volksmasse  gegen  die

 

*7)  Pirets  Bericht  an  die  Bundesversammlung,  22.  April;  Stark  an  Piret  14.,
22.  April;  Piret  an  Stark,  19.  April  1834.

*“)  Naglers  Bericht,  4.  Juni  1834,  nebst  Randbemerkung  des  Königs.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  20
        <pb n="314" />
        306  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Wache  heran,  und  während  des  Getümmels  versuchten  sämtliche  Ge—
fangene  auszubrechen.  Die  betrunkenen  Soldaten  stürzten  an  die  Gewehre
und  schossen  blindlings  unter  den  Haufen;  ein  Bürger  fiel,  mehrere
wurden  verwundet.  Von  den  Studenten  entkam  nur  einer,  ein  anderer
ward  getötet,  zwei  hatten  sich  beim  Sprunge  verletzt,  die  übrigen  wurden
auf  der  Flucht  wieder  eingefangen.  Die  so  schmählich  beschämten  Frank—
furter  Behörden  rächten  sich  dann  durch  grausame  Mißhandlungen;  sie
ließen  den  Gefangenen  Ketten  anlegen,  sogar  dem  armen  Eimer,  der  sich
das  Bein  gebrochen  hatte  und  erst  nach  Monaten  wieder  gehen  lernte.

Mit  Wohlbehagen  betrachteten  die  liberalen  Westmächte  dies  deutsche
Gezänk.  Der  Frankfurter  Nationalstolz  stand  gerade  jetzt  in  seiner  Blüte.
Soeben  hatte  der  Senat  einen  Handelsvertrag  mit  England  abgeschlossen,
um  dem  bedrohlichen  Fortschreiten  des  preußischen  Zollvereins  freundnachbarlich
  einen  Riegel  vorzuschieben,  und  von  selbst  verstand  sich's,  daß
Frankfurts  uneigennütziger  Zollverbündeter  nun  auch  für  die  Souveränität
der  freien  Stadt  eine  Lanze  brach.  Der  Gesandte  Cartwright,  das  Urbild
des  beschränkten  britischen  Dünkels,  überreichte  am  24.  Mai  dem  Präsidialgesandten
  eine  Verbalnote,  deren  Unverschämtheit  sogar  in  den  Annalen
der  englischen  Diplomatie  ihresgleichen  suchte.  Sie  erklärte:  ohnehin
durch  die  Wiener  Verträge  zum  Einspruch  berechtigt,  betrachte  England
„die  Aufrechterhaltung  der  Unabhängigkeit  selbst  des  kleinsten  europäischen
Staates  als  ein  britisches  Interesse“  und  könne  in  dem  jüngsten  Bundesbeschlusse
  nur  „eine  gewaltsame  Verletzung  (a  violent  infringement)  der
Rechte  eines  unabhängigen  Staates  sehen“.  Nun  drängte  sich  auch  Alleye
wieder  vor,  ungeschreckt  durch  die  kürzlich  erlittene  Zurückweisung.  Seine
Verbalnote  begann  in  dem  väterlichen,  sanft  aufreizenden  Tone  der  altbourbonischen
  Zeiten:  „Die  französische  Regierung  vermag  kaum  zu  glauben,
daß  Souveräne,  welche  ohne  Zweifel  auf  ihre  Unabhängigkeit  ebensoviel
Wert  legen  wie  die  anderen  europäischen  Mächte,  den  Untergang  dieser
Unabhängigkeit  vorbereiten  könnten  durch  einen  Präzedenzfall,  dessen  man
sich  unfehlbar  bei  Gelegenheit  zu  ihrem  eigenen  Schaden  bedienen  wird.
Darum  ist  sie  überzeugt,  daß  die  deutschen  Fürsten  die  Augen  öffnen  und
sich  besinnen  werden,  bevor  sie  einen  so  entscheidenden  Schritt  tun.“  Zum
Schlusse  stand  aber  die  wenig  verblümte  Drohung:  „Niemals  wird  Frankreich
  zugeben,  daß  man  das  Recht  habe,  die  deutsche  Unabhängigkeit  (Tindépendence
  Germanique)  zu  einem  leeren  Worte  zu  machen.“

Die  Westmächte  hatten  falsch  gerechnet;  sie  hofften  ihren  Frankfurter
Schützling  in  seinem  Widerstande  zu  bestärken  und  bauten  ihm  selber  nur
die  Brücke  zum  Rückzuge.  Sobald  die  beiden  Noten  dem  Bundestage  vorgelesen
  waren,  sah  sich  der  Vertreter  der  freien  Stadt  von  allen  Seiten
mit  Vorwürfen  überschüttet,  und  Nagler,  der  Vorsitzende,  fragte  amtlich,
ob  Frankfurt  diese  Einmischung  des  Auslandes  veranlaßt  habe.  Die
Römerherren  erschraken  und  beteuerten  heilig  ihre  Unschuld.  Nagler  ver-
        <pb n="315" />
        Frankfurt  und  die  Westmächte  gegen  den  Bund.  307

schmähte  die  Glaubwürdigkeit  dieser  halbwahren  Versicherung  näher  zu
prüfen,  obgleich  er  wohl  wußte,  wie  eifrig  Cartwright  und  der  französische
Legationssekretär  Grouchy  mit  mehreren  Senatoren  verkehrten,“)  und  be—
stand  nun  um  so  ernster  darauf,  daß  Frankfurt  seine  deutsche  Gesinnung
durch  Taten  beweisen  müsse.  Die  Exekution  war  der  widerspenstigen  Stadt
bereits  angedroht,  da  unterwarf  sich  endlich  der  Senat  (3.  Juni),  stellte  seine
Truppen  unter  Pirets  Befehl  und  versprach  auch  seine  jämmerliche  Polizei
neu  zu  ordnen.

Die  Noten  der  Westmächte  beantwortete  der  Bundestag  mit  einer  kurzen,
würdigen  Zurückweisung  (12.  Juni),  die  in  Wien  von  sämtlichen  Mitgliedern
  der  deutschen  Ministerkonferenz  —  mit  einziger  Ausnahme  des
Hannoveraners  —  gebilligt  worden  war.**)  Der  ruhige  Ton  dieser  Erwiderung
  ermutigte  aber  die  beiden  Gesandten  zu  neuen  Noten  (30.  Juni,
18.  Juli):  Beide  beriefen  sich  wieder  auf  die  Wiener  Verträge,  und  der
Engländer  sprach  wieder  am  gröbsten.  Die  an  der  Wiener  Schlußakte
beteiligten  Staaten  —  so  schrieb  er  —  können  nicht  zugeben,  „daß  der
Deutsche  Bund,  der  zum  Schutze  der  Schwachen  geschaffen  wurde,  sich  zu
einem  Werkzeuge  der  Unterdrückung  in  der  Hand  der  Mächtigen  umwandle.“
  Nunmehr  merkte  Nagler  doch,  daß  man  zu  den  feinfühligen
Westländern  deutlicher  reden  mußte.  Er  verlas  am  18.  September  eine
geharnischte  Präsidialerklärung,  welche  die  „Anmaßung,  die  vollständige
Unkenntnis,  die  unbegreifliche  Begriffsverwirrung“  der  beiden  Noten  schonungslos
  rügte  und  den  Westmächten  vorhielt,  daß  ihr  eigener  Schützling,
Frankfurt,  sie  verleugnet  habe.  Demgemäß  ward  sodann  ein  überaus
scharfer  Beschluß  einmütig  gefaßt  —  selbst  Hannover  stimmte  diesmal
gegen  England  —:  „Niemals  werde  der  Bund  den  fremden  Mächten,  als
Mitunterzeichnern  der  Kongreßakte,  in  Bundesangelegenheiten  Rechte  zugestehen,
  welche  nach  dem  Wortlaute  des  Bundesvertrages  und  ebenso
nach  dem  Inhalte  der  Kongreßakte  nur  den  Gliedern  des  Deutschen  Bundes
  und  dessen  Gesamtheit  zustehen.“

Diesen  Beschluß  übersendete  Nagler  einfach  den  beiden  Gesandten,
ohne  sie  auch  nur  einer  förmlichen  Antwortsnote  zu  würdigen.  Cartwright
und  Alleye  fühlten  sich  tief  verletzt,  sie  beschwerten  sich  in  zwei  neuen  Noten
(17.Okt.,  21.  Nov.)  über  eine  so  „vollständige  Abweichung  von  den  diplomatischen
  Gebräuchen  Europas“  und  beharrten  bei  ihrer  Meinung  über  den
Sinn  der  Wiener  Verträge.  Der  Bundestag  aber  legte  die  Beschwerdeschriften
  der  beiden  Unermüdlichen  ohne  Erwiderung  zu  seinen  Akten,  und
die  Westmächte  mußten  die  selbstverschuldete  schnöde  Behandlung  ruhig  hinnehmen:
  sie  fühlten,  daß  die  Eintracht  der  deutschen  Höfe  doch  nicht  so
leicht  zu  zersprengen  war.  Leider  wurde  dieser  Schriftenwechsel,  der  dem

 

*)  Naglers  Bericht,  18.  Mai  1834.
*“)  Brockhausens  Bericht,  7.  Juni  1834.
20*
        <pb n="316" />
        308  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Bunde  nur  zur  Ehre  gereichte,  nicht  vollständig  veröffentlicht;  die  Liberalen
fuhren  fort,  den  freien  Westen  zu  verherrlichen,  den  moskowitischen  Zwing—
herrn  der  Deutschen  zu  bekämpfen,  obgleich  sich  Rußland  mit  keinem  Worte
in  die  Frankfurter  Händel  eingemischt  hatte.

Zu  gleicher  Zeit  mußte  der  Bundestag  noch  eine  andere,  höchst  widerwärtige
  Verhandlung  mit  Frankreich  führen.  Nach  dem  Falle  von  War—
schau  war  in  Paris  feierlich  verkündigt  worden,  daß  die  Polen  allesamt
in  dem  gastlichen  Frankreich  ein  Asyl  finden  sollten,  und  nur  im  Ver—
trauen  auf  diese  Zusage  hatten  die  deutschen  Regierungen  den  polnischen
Flüchtlingen  den  Durchzug  gestattet.  Jetzt  erklärte  das  Bürgerkönigtum
plötzlich,  jene  aus  Besançon  in  die  Schweiz  eingebrochenen  Polen  dürften
nicht  wieder  nach  Frankreich  zurückkehren.  Die  Eidgenossenschaft  wollte
diese  gefährlichen  Gäste  auch  nicht  bei  sich  behalten;  denn  sie  bildeten,
durch  Zuzüge  erheblich  verstärkt,  ein  geordnetes  kleines  Revolutionsheer  mit
Hauptleuten,  Leutnants  und  Korporalen,  und  konnten  jederzeit  den  Auf—
ruhr  in  den  deutschen  Süden  tragen.  Die  Nachbarstaaten  Bayern,  Baden,
Württemberg  fühlten  sich  ernstlich  bedroht,  und  in  ihrer  Angst  verfuhren
diese  konstitutionellen  Kabinette  weit  härter  als  jemals  der  Berliner  Hof:
sie  erklärten  am  Bundestage,  man  müsse  die  Polen,  sobald  sie  deutsches
Gebiet  beträten,  dem  Zaren  ausliefern.  Um  dies  Äußerste  zu  verhindern,
wollte  die  Schweiz  die  Flüchtlinge  nach  England  oder  Amerika  schaffen;
sie  verhandelte  bereits  mit  dem  Deutschen  Bunde  und  den  Niederlanden
über  die  Frage,  wie  man  die  Legion  von  Besancçon  sicher  den  Rhein
hinab  befördern  könne.  Da  gab  Frankreich  endlich  sein  verdächtiges  Doppelspiel
  auf  und  gestattete  den  Polen,  durch  französisches  Gebiet  den  Weg
zur  See  einzuschlagen.“)

Unter  so  schweren  europäischen  Kämpfen  ward  die  Einheit  des  militärischen
  Oberbefehls  in  der  deutschen  Bundesstadt  endlich  durchgesetzt.
Neun  Soldaten  des  Frankfurter  Bataillons  wurden  kriegsrechtlich  verurteilt
  wegen  Beihilfe  bei  dem  letzten  Fluchtversuche.  Gleichwohl  blieb  die
Bewachung  der  inneren  Stadt  nach  wie  vor  dieser  republikanischen  Kriegsschar
  allein  anvertraut,  und  die  jugendlichen  Hochverräter  fanden  also
noch  reichliche  Gelegenheit,  dem  Bundestage  neuen  Kummer  zu  bereiten.
Im  Oktober  1836  wurde  den  Verhafteten  ihr  Urteil  verkündigt;  am
Tage  darauf  verschwand  Rochau  mitsamt  seinem  bestochenen  Gefängniswärter.
  Im  Januar  des  folgenden  Jahres  entflohen  noch  sechs  Studenten
aus  der  Konstablerwache,  während  die  Wachmannschaft  sich  mit  Kartenspiel
  vergnügte,  und  jetzt  endlich  beschloß  der  Bundestag,  was  Preußen
schon  vor  vier  Jahren  beantragt  hatte:  die  unglücklichen  Sechs,  die  nach
so  vielen  Entweichungen  noch  übrig  blieben,  wurden  in  das  sichere  Mainz
abgeführt.

*)  Schreiben  des  Vororts  Zürich  an  Graf  Münch-Bellinghausen,  30.  Juli;  Naglers
Berichte,  15.  Nov.  1833  ff.
        <pb n="317" />
        Prozeß  Wirth.  309

Mit  dem  Frankfurter  Attentate  ging  die  liberale  Bewegung  vorläufig
zu  Ende.  Nur  da  und  dort  züngelten  noch  einzelne  Flammen  aus  dem
verlöschenden  Brande  auf.  Die  Pfälzer  ließen  sich's  nicht  nehmen,  den
ersten  Jahrestag  ihres  Hambacher  Festes  durch  eine  neue  Volksversammlung
auf  der  Kästenburg  zu  feiern.  Das  Fest  wurde  verboten,  Truppen  rückten
an,  und  die  durch  wiederholte  Neckereien  längst  erbitterten  Soldaten  verfuhren
  mit  entsetzlicher  Roheit,  verwundeten  und  mißhandelten  eine  Menge
harmloser  Leute.  Die  Aufregung  im  Volke  steigerte  sich  noch,  als  bald
nachher,  seit  Ende  Juli  1833,  fast  drei  Wochen  lang  Wirth,  Siebenpfeiffer
und  ihre  Hambacher  Genossen  vor  den  Landauer  Geschworenen  standen.
Die  meisten  der  Angeklagten  bekannten  sich  unumwunden  zu  dem  radikalen
Grundsatze  der  allgemeinen  Gleichheit.  Wirth  erklärte  freimütig,  daß  er  die
eine  und  unteilbare  deutsche  Republik  erstrebe,  freilich  ohne  Blutvergießen,
allein  durch  „die  innere  Aufrichtung  des  Volkes“.  Diese  republikanische  Verfassung
  sei  nichts  anderes  als  das  alte,  allein  rechtmäßige  deutsche  Kaisertum;
  „der  ganze  Unterschied  besteht  nur  darin,  daß  ich  dem  gemeinschaftlichen
  Reichsoberhaupt  der  Deutschen  den  Titel:  Präsident  beigelegt
wissen  will,  während  ihn  die  deutsche  Konstitution  Kaiser  nennt.“  Er  sprach
jedoch  mit  solchem  Feuer  ehrlicher  vaterländischer  Begeisterung  und  wußte  die
rührsamen  Schlagworte  aus  Jean  Paul,  „dem  ersten  Dichter  aller  Völker  und
Jahrtausende“,  so  geschickt  einzuflechten,  daß  Geschworene,  Verteidiger,  Zuschauer
  diesem  „politischen  Luther“  ihre  Bewunderung  lärmend  kundgaben.
Sämtliche  Angeklagte  wurden  freigesprochen,  obgleich  der  aufrührerische
Sinn  der  Hambacher  Reden  klar  zu  Tage  lag;  einige  der  Freigesprochenen
mußten  aber  noch  nachträglich  dem  Zuchtpolizeigericht  wegen  Beleidigung
der  Beamten  Rede  stehen  und  erlitten  Gefängnisstrafen.  Die  Pfalz  beruhigte
  sich  scheinbar,  der  stille  Groll  gegen  die  Altbayern  blieb  freilich
unversöhnt.  Auch  im  rechtsrheinischen  Bayern  und  in  Württemberg  wurde
durch  zahlreiche  Verhaftungen  wiederhergestellt,  was  man  am  Bundestage
Ordnung  nannte.

Nur  im  Großherzogtum  Hessen  fand  die  revolutionäre  Bewegung
noch  ein  verspätetes  Nachspiel.  Als  der  Landtag  im  Herbst  1832  neu
gewählt  wurde,  zeigte  das  Land  wenig  Teilnahme,  und  da  ein  Teil  der
jüngeren  Beamten  nach  süddeutschem  Brauche  die  Opposition  offen  unterstützte,
  so  erlangten  die  Liberalen  durch  ihre  Rührigkeit  eine  starke  Mehrheit.
Als  ob  sie  fühlte,  daß  sie  das  Land  nicht  hinter  sich  hatte,  stürmte  die
neue  Kammer  mit  fieberischer  Hast  vorwärts.  Zehn  Monate  blieb  sie
versammelt,  ohne  ihre  eigentliche  Aufgabe,  die  Bewilligung  des  Budgets
auch  nur  ernstlich  anzugreifen.  Dafür  erging  sie  sich  in  donnernden  Reden
gegen  die  Sechs  Artikel  des  Bundestages  und  heftigen  Anklagen  gegen
die  Regierung;  sie  sprach  von  einem  neuen  Wahlgesetze,  von  jährlichen
Landtagen,  von  Beseitigung  der  Zensur,  von  Einführung  des  Code  Napoleon
auf  dem  rechten  Rheinufer  —  und  das  alles  in  einer  Zeit,  da  die  Liberalen
        <pb n="318" />
        310  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

auf  einen  Erfolg  längst  nicht  mehr  rechnen  konnten.  Neben  den  alten
Führern  der  hessischen  Liberalen  E.  E.  Hoffmann  und  Jaup  tat  sich  jetzt
zuerst  Heinrich  von  Gagern  hervor,  ein  bildschöner  Reichsritter  von  hohem
Selbstgefühl  und  feuriger  nationaler  Gesinnung,  der  wie  Zar  Nikolaus
durch  die  Außenseite  des  großen  Mannes  die  Zeitgenossen  lange  über  die
Mittelmäßigkeit  seiner  Begabung  zu  täuschen  vermochte.  Minister  du  Thil
glaubte  dem  maßlosen  Hasse,  der  über  ihn  hereinbrach,  nicht  mehr  gewachsen
zu  sein;  er  hörte  überall  das  Hohnlied  singen  „Herr  du  Thil  mit  der
Eisenstirn“  und  bot  dem  Großherzog  seine  Entlassung  an.  Der  aber  gab
zur  Antwort,  was  nach  fünfzehn  Jahren  wörtlich  in  Erfüllung  gehen  sollte:
„Wenn  Herr  Jaup  je  Minister  wird,  da  habe  ich  vorher  abgedankt.“)
Im  November  1833  wurde  der  Landtag  unverrichteter  Dinge  aufgelöst.

Die  radikale  Partei  in  der  Wetterau  gab  ihr  Spiel  noch  nicht  verloren;
  sie  verachtete  die  Kammerredner  als  liberale  Leisetreter,  hielt  ihre
Genossen  in  der  „Gesellschaft  der  Menschenrechte“  und  ähnlichen  Geheimbünden
  zusammen.  Paul  Follen  und  sein  Freund  Fr.  Münch  wanderten
nach  Amerika  aus,  weil  sie  an  ein  Gelingen  nicht  mehr  glaubten.  Weidig
aber  hielt  bei  der  Fahne  aus,  und  zu  diesem  christlich-germanischen
Schwärmer  gesellte  sich  nun  ein  radikaler  Atheist,  der  junge  Georg
Büchner,  ein  Dichter  von  außerordentlicher  Gestaltungskraft,  zugleich
begeistert  und  blasiert,  eine  jener  Hamletsnaturen,  wie  sie  in  der  literarischen
  Gärung  der  Zeit  gediehen.  Er  hatte  als  Student  in  Straßburg
die  St.  Simonisten  kennen  gelernt  und  sprach  die  sozialistischen  Gedanken,
welche  sich  schon  in  Wirths  Verteidigungsrede  und  einzelnen  liberalen  Flugschriften
  leise  ankündigten,  zum  ersten  Male  in  Deutschland  mit  Bestimmtheit
  aus.  Realist  in  der  Politik  wie  in  der  Dichtung,  erwartete  er  den
Sieg  der  Revolution  nur  von  der  rohen  Gewalt;  er  lachte  der  Toren,
die  das  Volk  gegen  die  Sechs  Artikel  des  Bundestags  aufzuregen  dachten,
und  wollte  sich  vielmehr  an  den  hungernden  Magen  der  Masse  wenden.
Sein  Mitleid  für  die  kleinen  Leute  kam  aus  dem  Herzen,  und  nicht  ganz  mit
Unrecht  ward  er  späterhin  als  der  Johannes  des  Messias  Lasalle  gefeiert.

Bereits  hatte  Weidig  seinen  „Leuchter  und  Beleuchter  für  Hessen“
ins  Volk  geworfen;  auch  ein  irgendwo  in  Thüringen  gedrucktes  „Bauernlexikon“
  war  in  Umlauf,  das  den  kleinen  Leuten  erzählte,  wie  auf  den
Ministerkongressen  gesoffen  und  gefressen  und  der  Teufelsbund  zur  Ermordung
  der  Freiheit  geschlossen  würde.  Alle  solche  Libelle  übertraf  aber
bei  weitem  Büchners  Hessischer  Landbote,  ein  Meisterstück  gewissenloser
demagogischer  Beredsamkeit.  So  blind  war  schon  die  Wut  der  Parteien:
der  Konstitutionelle  Weidig  trug  kein  Bedenken,  an  diesem  wildradikalen
Machwerke  mitzuhelfen,  der  Atheist  Büchner  ließ  sich  von  seinem  gläubigen
Freunde  Bibelstellen  und  erbauliche  Redewendungen  in  den  Text  einflechten.

 

*)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.
        <pb n="319" />
        Der  Hessische  Landbote.  311

Die  gesamte  Ordnung  der  bürgerlichen  Gesellschaft  ward  hier  als  ein
Zustand  des  Raubes  geschildert:  „Ihr  müsset  geben,  was  euere  unersättlichen
Presser  fordern,  und  tragen,  was  sie  euch  aufbürden;  jeden  Tag  wird  Dieb—
stahl  an  euerem  Eigentum  begangen  unter  dem  Namen  von  Steuern,
um  einige  Fettwänste  zu  mästen“  —  und  so  weiter:  selbst  den  Ertrag  der
Domänen  rechnete  Büchner  mit  zu  den  Abgaben,  die  dem  darbenden  Volke
abgepreßt  würden.  Die  Brandschrift  streute  den  ersten  Samen  eines  Un—
krauts,  das  erst  nach  Jahren  aufgehen  sollte.  Für  den  Augenblick  wirkte
sie  wenig;  die  Bauern,  die  den  „Landboten“  unter  ihren  Haustüren
fanden,  brachten  die  unheimliche  Schrift  meist  selbst  erschrocken  der  Obrigkeit.
Nun  erhielt  du  Thil,  der  in  den  Mitteln  wenig  wählerisch  war,  durch
seine  Spione  Kunde  von  dem  Treiben.  Büchner  entfloh  zur  rechten  Zeit,
Weidig  wurde  nebst  einigen  seiner  Freunde  gefangen,  und  so  war  auch
auf  diesem  letzten  Herde  des  Aufruhrs  die  Flamme  verlöscht.  —

 

Während  aller  dieser  Wirren  wurde  am  Bundestage  viele  Jahre
lang  der  Streit  um  Luxemburg  dahingeschleppt,  ein  elender  Handel,  bei
dem  alles,  was  im  deutschen  Staatswesen  faul  war,  zu  Tage  trat:  die  Lüge
der  gesamten  Bundesverfassung,  die  zerfahrene  Unklarheit  der  öffentlichen
Meinung,  die  Selbstsucht  der  kleinen  Höfe,  die  Feigheit  des  Bundestags,
die  Ränke  der  Westmächte,  und  leider  auch  die  Schwäche  der  verständigen
Friedenspolitik  Preußens.  Das  luxemburgische  Land  hatte  seit  Jahrhunderten
  die  Schicksale  der  übrigen  Provinzen  Belgiens  geteilt,  mit  ihnen
gemeinsam  nacheinander  die  Herrschaft  Spaniens,  Österreichs,  Frankreichs,
  Hollands  ertragen.  Nur  die  Westhälfte  des  Landes  war  wallonisch,
aber  auch  in  der  deutschen  Osthälfte  konnte  sich  unter  der  beständigen
Fremdherrschaft  ein  deutsches  Nationalgefühl  unmöglich  ausbilden.  Die
Beschlüsse  des  Wiener  Kongresses,  welche  das  Großherzogtum  in  den
Deutschen  Bund  einfügten,  wurden  im  Lande  selbst  kaum  bemerkt;  wie
hätten  auch  die  Massen  des  Volks  diese  dem  erfinderischen  Geiste  Hans
von  Gagerns  entsprungene  diplomatische  Künstelei  verstehen  sollen?  Die
Einwohner  fühlten  sich  als  Angehörige  der  katholischen  Niederlande,  und
sobald  in  Brüssel  der  Aufruhr  gegen  Holland  begann,  wehte  auch  in
Luxemburg  überall  die  Fahne  von  Brabant.  Die  Hauptschuld  an  dieser
unheilvollen  Wendung  der  Dinge  trug  unzweifelhaft  der  König  der  Niederlande
  selber;  er  hatte  die  allerdings  schwierige  Doppelstellung  des  Großherzogtums
  niemals  beachtet,  sondern  dies  deutsche  Bundesland  stets  als
eine  belgische  Provinz  behandelt  und  ihm  weder  eine  eigene  Verfassung
gewährt  noch  das  vorgeschriebene  deutsche  Bundeskontingent  gebildet.  Wäre
das  Land,  nach  der  Vorschrift  der  Bundesgesetze,  durch  luxemburgische
Bundestruppen  behütet  worden,  so  ließ  sich  der  Aufstand,  der  anfangs
nur  schwächlich  auftrat,  mit  leichter  Mühe  ersticken.  Völlig  ungehindert,
        <pb n="320" />
        312  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

griff  die  Bewegung  rasch  um  sich.  Deutsch  blieb  in  dem  Grenzlande
nur  die  Bundesfestung,  dies  kleine  nordische  Gibraltar,  das  freilich  nach
Gneisenaus  Urteil  schon  damals  für  die  Kriegführung  großen  Stiles
wenig  mehr  bedeutete;  das  uneinnehmbare  Felsennest  wurde  von  der  preußischen
  Garnison  scharf  bewacht  und  schloß  den  Aufrührern  seine  Tore.

Am  15.  Okt.  1830  bat  Graf  Grünne  im  Namen  des  König-Großherzogs
  den  Deutschen  Bund  um  Hilfe,  da  schon  das  ganze  Land  mit
Ausnahme  der  Festung  und  ihrer  nächsten  Umgebung  in  den  Händen
der  Empörer  sei;  zum  Troste  fügte  der  luxemburgische  Bundesgesandte
hinzu,  daß  sein  König  fortan  dem  Bunde  freundlich  entgegenkommen  und
darum  den  Proviant  für  die  Bundesfestung  fortan  zollfrei  einlassen  wolle.
Über  die  Rechtsfrage  ließ  sich  gar  nicht  streiten.  Was  auch  der  Wiener
Kongreß  durch  seine  künstlichen  Staatsbildungen,  der  König  der  Niederlande
  durch  seine  bundesfeindliche  Gesinnung  gesündigt  haben  mochten:
unzweifelhaft  war  der  Bund  verpflichtet,  dem  bedrängten  Bundesgliede
Beistand  zu  leisten,  gleichviel  ob  man  die  Belgier  als  Empörer  oder  als
eine  auswärtige  feindliche  Macht  ansah.  Rückten  schleunig  Bundestruppen
ein,  so  konnte  das  Land  seinem  rechtmäßigen  Landesherrn  bewahrt,  oder
auch  ein  Gebietsaustausch,  wenn  er  sich  als  notwendig  erwies,  freiwillig,
ohne  Schaden  für  Deutschlands  Ehre  zugestanden  werden.  Das  alles  war
so  unbestreitbar,  daß  selbst  die  Londoner  Konferenz  bei  ihren  ersten  Beschlüssen
  die  Rechte  des  Deutschen  Bundes  auf  Luxemburg  stets  ausdrücklich
  vorbehielt.  In  Frankfurt  aber  herrschte  ratlose  Verwirrung;z  alle
fürchteten  durch  die  luxemburgische  Frage  in  einen  Krieg  mit  Frankreich  verwickelt
  zu  werden.  Und  fast  noch  kläglicher  verhielt  sich  die  Nation.  Unter
dieser  niederländischen  Provinz,  die  doch  mit  einem  Beine  im  Deutschen
Bunde  stehen  sollte,  konnte  sich  niemand  etwas  Bestimmtes  denken,  und
überdies  waren  die  Belgier  Empörer,  also  nach  der  neuen  liberalen  Heilslehre
  jeder  Unterstützung  würdig.  Soweit  die  öffentliche  Meinung  die
Frage  überhaupt  beachtete,  sprach  sie  sich  bald  einmütig  für  den  Aufstand
aus;  warme  Teilnahme  für  das  Recht  des  König-Großherzogs  zeigten
nur  der  Kronprinz  von  Preußen  und  der  kleine  Kreis  der  strengen  Berliner
Legitimisten.

Nach  langen  Erwägungen  kam  der  Bundestag  zu  der  Einsicht,  daß
man  den  Krieg  unter  allen  Umständen  vermeiden,  also  die  luxemburgischen
Wirren  nicht  als  den  Einfall  einer  feindlichen  Macht,  sondern  als  einen
Aufruhr  im  Bundesgebiete  behandeln  und  dawider  durch  Bundesexekution
  einschreiten  müsse.  Dies  gab  den  erwünschten  Anlaß  zu  neuen  Verzögerungen;
  nun  sollte  erst  der  luxemburgische  Gesandte  über  die  Lage
des  Landes  ausführlich  berichten  und  dann  General  Wolzogen  selbst  hinüberreisen,
  um  ebenso  gründlich  zu  begutachten,  wie  viele  Truppen  wohl  für
die  Bundesexekution  nötig  seien.  Darüber  mußten  Monate  vergehen,
und  unterdessen,  so  hoffte  man  in  Frankfurt,  konnte  der  ganze  Handel
        <pb n="321" />
        Der  Aufruhr  in  Luxemburg.  313

glücklich  begraben  sein.  Um  den  Ernst  seiner  Absichten  von  vornherein
unzweideutig  zu  erweisen,  richtete  der  Bundestag  am  18.  Nov.  an  Osterreich
  und  Preußen  die  vertrauensvolle  Bitte,  sie  möchten  sich  auf  der  Londoner
  Konferenz  des  deutschen  Bundeslandes  annehmen  und  womöglich
bewirken,  daß  die  Bundesexekution  ganz  oder  teilweise  überflüssig  werde.
Einen  Vertreter  des  Bundes  nach  London  zu  schicken  hielt  man  für  bedenklich;
  denn  man  fühlte,  welche  lächerliche  Rolle  ein  solcher  reindeutscher
Diplomat  neben  den  Gesandten  der  beiden  deutschen  Großmächte  spielen
mußte.  Nur  Blittersdorff  wollte  nicht  sehen,  daß  der  Deutsche  Bund  ohne
Österreich  und  Preußen  nicht  zu  den  großen  Mächten  gehörte,  und  verlangte
  lebhaft,  aber  vergeblich  die  unmittelbare  Mitwirkung  des  Bundestags
bei  den  Londoner  Konferenzen.)

Mittlerweile  versuchte  der  französische  Hof,  da  er  die  Rechtmäßigkeit
der  Bundesexekution  unmöglich  bestreiten  konnte,  mindestens  die  Ausführung
  nach  Kräften  zu  verzögern.  In  einem  Rundschreiben  vom  30.  Dez.
sprach  er  den  kleinen  deutschen  Höfen  den  väterlichen  Wunsch  aus,  der
mit  den  Hoffnungen  dieser  Kabinette  nur  zu  wohl  übereinstimmte:  „daß
der  Bundestag  bei  den  zu  ergreifenden  Maßregeln  die  Langsamkeit  und
die  weise  Mäßigung,  wovon  seine  Taten  durchdrungen  sind,  bewähren,
daß  alle  möglichen  Zögerungen  angewendet  und  selbst  erneuert  werden
mögen.  Diese  Langmut  entspricht  dem  Charakter  des  Bundestages,  der
die  Eintracht  und  den  Frieden  durch  die  versöhnlichsten  Mittel  aufrecht
erhalten  soll.“  Zugleich  mußte  Alleye  in  Frankfurt  der  Bundesversammlung
  vorhalten:  „die  Eilfertigkeit,  welche  sie  bei  der  Vorbereitung  der
militärischen  Maßregeln  zeige,  drohe  die  Aufregung  in  Belgien  noch  zu
vermehren.“““*)  Um  dem  Bunde  noch  einen  Stein  mehr  in  den  Weg  zu
werfen,  stellte  Frankreich  sodann  die  dreiste  Behauptung  auf:  das  Stück
des  Fürstentums  Bouillon,  das  die  Pariser  Verträge  einst  mit  dem  alten
Herzogtum  Luxemburg  vereinigt  hätten,  könne  nicht  als  ein  unzertrennlicher
  Bestandteil  des  Landes  betrachtet  werden  —  worauf  dann  erst  von
Bundes  wegen  eine  lange  Widerlegung  geschrieben  werden  mußte.  “)  Indes
  Deutschlands  Recht  war  allzu  klar.  Am  18.  März  1831  beschloß
der  Bundestag  endlich,  durch  ein  Exekutionsheer  von  24000  Mann  das
Ansehen  der  rechtmäßigen  Obrigkeit  in  Luxemburg  wiederherzustellen  und
zugleich  die  Besatzung  der  Bundesfestung  auf  Kriegsfuß  zu  setzen.

Der  Beschluß  erfolgte  viel  zu  spät;  denn  in  diesen  sechs  Monaten
hatten  die  Aufständischen,  ermutigt  durch  das  Zaudern  des  Bundes,
überall  im  Lande  ihre  Behörden  eingerichtet.  Nur  die  Bundesfestung

 

*)  Blittersdorffs  Berichte,  22.,  30.  April  1831  ff.
**)  Zirkularschreiben  des  französ.  Ministers  des  Ausw.  an  die  Gesandtschaften  in
Karlsruhe,  Stuttgart,  usw.  30.  Dez.  Weisung  an  Alleye,  29.  Dez.  1830.
*#*)  Graf  Reinhard,  franz.  Gesandter  in  Dresden,  Denkschrift  über  Bouillon.  Erwiderung
  von  Smidt  d.  J.,  Jan.  1831.
        <pb n="322" />
        314  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

blieb  in  der  festen  Hand  des  preußischen  Gouverneurs;  und  Preußen  vermehrte
  freiwillig  seine  Besatzungstruppen  fast  auf  das  Doppelte,  da  das
luxemburgische  Kontingent,  das  in  Kriegszeiten  die  kleinere  Hälfte  der
Garnison  bilden  sollte,  nirgends  vorhanden  war.  Aber  welch  ein  Anblick,
  als  nun  die  anderen  Bundestruppen,  welche  der  Bundestag  zur
Verteidigung  der  Festung  bestimmt  hatte,  die  Kriegsscharen  von  Detmold,
  Bückeburg  und  Waldeck  langsam  eintrafen.  Sie  erwiesen  sich  als
würdige  Bundesbrüder  des  Frankfurter  Kriegsheeres.  Schon  unterwegs
hatten  sie  gemeutert,  und  in  der  Festung  betrugen  sie  sich  so  zuchtlos,  daß
der  preußische  Gouverneur  scharf  eingreifen  mußte;  er  ließ  ihnen  den
höheren  preußischen  Sold  geben  und  sie  unter  preußischer  Aufsicht  in  der
ihnen  fast  unbekannten  Kunst  des  Schießens  üben.  Über  diese  Eigenmächtigkeit
  des  preußischen  Generals  geriet  der  Bundestag  in  vaterländischen
  Zorn  und  erörterte  nunmehr  mit  gewohnter  Gründlichkeit  die
leider  ganz  unlösbare  Frage:  wer  solle  die  Kosten  der  Soldzahlungen  und
Schießübungen  tragen?  der  Bund,  oder  Preußen,  oder  die  Souveräne  der
gebesserten  Kriegsheere?  Schließlich  konnte  das  preußische  Gouvernement
den  Jammer  nicht  mehr  ansehen  und  erklärte  der  Bundesversammlung
geradezu:  mit  solchem  Gesindel  sei  in  einer  rings  von  Rebellen  umgebenen
Festung  nichts  anzufangen.  Neue  Verlegenheit  in  Frankfurt.  Man  sah
wohl  ein,  daß  der  Rückmarsch  der  drei  Heere  unvermeidlich  war,  aber  den
wahren  Grund  wollte  man  den  drei  Souveränen  nicht  mitteilen,  das
hätte  sie  zu  tief  gekränkt;  darum  beschloß  man  am  27.  Oktober,  die  drei
Kontingente  sollten  heimkehren,  da  „die  Veranlassung  ihres  Ausmarsches
nicht  mehr  vorhanden  sei“.  So  väterlich  sorgte  der  Bund  nicht  für  die
Kriegstüchtigkeit  des  deutschen  Heeres,  sondern  für  die  Gemütsruhe  seiner
Kleinfürsten.  Für  die  Bundesfestung  stand  allerdings  nichts  zu  fürchten;
denn  König  Friedrich  Wilhelm  befahl  sofort,  daß  sein  rheinisches  Armeekorps
  im  Notfall  den  Ersatz  für  die  1400  Lipper  und  Waldecker  stellen
solle.“)

Um  so  trostloser  gestalteten  sich  die  Aussichten  für  die  Bundesexekution;
  es  lag  ein  Fluch  auf  allem,  was  diese  unglückliche  Frankfurter  Versammlung
  in  die  Hand  nahm.  Daß  Preußen  an  der  Exekution  nicht  teilnehmen
  dürfe,  war  am  Bundestage  beschlossene  Sache:  denn  das  Erscheinen
preußischer  Regimenter  außerhalb  der  Bundesfestung  konnte  allerdings  sehr
leicht  das  Signal  zu  einem  europäischen  Kriege  geben.  Frankreich  hatte
auf  der  Londoner  Konferenz  den  dringenden  Wunsch  ausgesprochen,  die
Bundesexekution  möge  in  einer  Form  erfolgen,  welche  „unzweideutig“
beweise,  daß  der  Bund  allein,  und  nicht  die  Ostmächte,  in  Luxemburg  einschritten.)
  Die  Bitte  erschien,  wie  die  Dinge  lagen,  wohl  begreiflich,

 

*)  Naglers  Berichte,  1.,  19.  Aug.,  28.  Sept.,  4.  Nov.,  3.  Dez.  1831.
**)  Bernstorff,  Weisung  an  Maltzahn,  14.  Nov.  1830.
        <pb n="323" />
        Hannovers  Widersetzlichkeit.  315

und  der  Bund  konnte  sie  leicht  erfüllen;  auf  dem  Papiere  mindestens
besaß  er  ja  noch  andere  Truppen,  die  den  reizbaren  Franzosen  minder
verdächtig  erschienen  als  die  Preußen.  Die  Exekution  wurde  also  dem
zehnten  und  einem  Teile  des  neunten  Bundesarmeekorps  unter  der
Führung  Hannovers  übertragen.  Die  hannöversche  Regierung  zeigte  sich
jedoch  wenig  dankbar  für  solche  Auszeichnung;  sie  erhob  vielmehr  lebhafte
Beschwerden  über  die  unerschwingliche  Last  und  verlangte  endlich  einen
Vorschuß  von  2—300  000  Tlr.,  der  nach  Bundesbrauch  unmöglich  vor
einem  halben  Jahre  gezahlt  werden  konnte.  Was  war  der  Grund  dieses
auffälligen  Verhaltens?  Geiz  gehörte  doch  sonst  nicht  zu  den  Fehlern  des
hannöverschen  Adelsregiments,  das  immer  stattlich  und  vornehm  aufzutreten
  liebte.  Unzweifelhaft  besorgte  Hannover  die  Geschäfte  Lord  Palmerstons.
  Beide  Westmächte  wünschten,  aus  zärtlicher  Rücksicht  für  ihren
belgischen  Schützling,  die  Einmischung  des  Bundes  womöglich  zu  hintertreiben,
  und  da  sie  die  Rechtmäßigkeit  der  Bundesexekution  schlechterdings
nicht  bestreiten  konnten,  so  trieben  sie  ihr  Spiel  verdeckt.  Während  Alleye
den  einzelnen  Bundesgesandten  vertraulich  eine  neue  französische  Denkschrift
  zeigte,  welche  nochmals  dringend  vor  den  Gefahren  der  Überstürzung
warnte,')  warf  England-Hannover  die  Fackel  der  Zwietracht  in  den  Bundestag
  selber.  Der  hannöversche  Gesandte  steigerte  seine  Geldforderungen;
er  verlangte  sogar,  der  Befehl  zum  Ausmarsch  der  Exekutionstruppen  dürfe
nicht  eher  erteilt  werden,  als  bis  alle  beteiligten  Staaten  gehört  und
die  Geldfragen  erledigt  seien.

Holstein  und  mehrere  andere  der  kleinen  nordischen  Kontingentsherren
beeilten  sich  dem  löblichen  Beispiel  Hannovers  zu  folgen  und  forderten
ebenfalls  Sicherheit  wegen  der  Kosten.  Auf  das  schärfste  trat  Nagler,
von  dem  bayrischen  Gesandten  wacker  unterstützt,  diesem  Treiben  entgegen,
das  dem  offenen  Bundesverrate  nahe  kam.  Der  Zank  ward  unerträglich,
die  schlimmsten  Zeiten  des  Regensburger  Reichstags  kehrten  wieder.)
Friedrich  von  Gagern,  der  im  März  mit  Aufträgen  der  holländischen
Regierung  in  Frankfurt  eintraf,  sagte  schon  damals  scharfblickend  voraus:
der  Bund  werde  sicherlich  gar  nichts  tun,  es  fehle  durchaus  an  ernstem
Willen.  In  der  Tat  ging  das  Jahr  1831  über  dem  unwürdigen  Geldgezänk
  dahin,  ohne  daß  ein  Mann  der  Bundesexekutionstruppen  sich  in
Marsch  setzte.  Und  mittlerweile  ward  durch  die  Londoner  Konferenz  schon
dafür  gesorgt,  daß  die  ganze  Bundesexekution  überflüssig  schien,  wie  es
der  Bundestag  von  Haus  aus  so  inbrünstig  wünschte.

Der  preußische  Hof  tat  für  die  Sicherheit  der  Festung  Luxemburg
weit  mehr  als  seine  Bundespflicht  erheischte;  er  bemühte  sich  in  Frankfurt
redlich,  den  hadernden  Bundesgenossen  einen  Entschluß  abzuringen,  er

 

*)  Alleye,  Annotations  über  Luxemburg,  März  1831.
*v)  Naglers  Berichte,  26.  April,  2.,  10.,  23.  Juli,  10.  Nov.  1831.
        <pb n="324" />
        316  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

verwahrte  auf  der  Londoner  Konferenz  oft  und  nachdrücklich  die  Rechte
des  Bundes.  Nach  Wien  schrieb  Bernstorff:  „Der  Bund  würde  entehrt
sein  und  sich  darein  ergeben  müssen,  in  Zukunft  kein  Leben  und  keine
politische  Tätigkeit  mehr  zu  haben,  wenn  er  es  unterlassen  wollte,  bei
dieser  wichtigen  Gelegenheit  seine  ebenso  klare  als  förmliche  Pflicht  zu
erfüllen.“  Zur  selben  Zeit  (November  1830)  erhielt  Bülow  in  London
die  bestimmte  Weisung:  „Die  Verhältnisse  des  Großherzogtums  und  der
Festung  Luxemburg  zu  dem  Deutschen  Bunde  sind  unwiderruflich  fest—
zuhalten.  Jede  versuchte  gewaltsame  Veränderung  in  diesem  Betreff  wird
als  ein  Eingriff  in  die  Rechte  des  Bundes  und  in  die  durch  die  Über—
einstimmung  von  Europa  geheiligten  Verträge  anzusehen  sein.“*)  Doch
über  das  bescheidene  Maß  dieser  selbstverständlichen  Forderungen  ging
auch  die  preußische  Politik  nicht  hinaus.  Nur  gewaltsame  Veränderungen
des  Bundesgebiets  dachte  sie  nicht  zu  dulden.  Fand  sich  indessen  ein
friedliches  Mittel,  um  ohne  Schmälerung  des  Bundesgebiets  und  mit
Zustimmung  aller  Berechtigten  den  leidigen  Handel  aus  der  Welt  zu
schaffen,  dann  wollte  König  Friedrich  Wilhelm,  friedfertig  wie  er  war,
nichts  dawider  einwenden;  und  ein  solcher  Ausweg  ward  ihm  jetzt  un—
erwartet  durch  seinen  niederländischen  Schwager  selbst  gewiesen.

Der  König-Großherzog  trug  sich  noch  eine  Zeitlang  mit  der  Hoffnung,
sein  deutsches  Bundesland  durch  Waffengewalt  zurückzugewinnen.  Er
sendete  im  März  1831  den  tapferen  Herzog  Bernhard  von  Weimar  in  die
Festung  Luxemburg,  um  von  dort  aus  einen  royalistischen  Kreuzzug  zu
versuchen.  Der  Plan  ward  rasch  wieder  aufgegeben,  weil  das  ganze  Großherzogtum
  sich  schon  in  den  Händen  der  Aufständischen  befand.  Nachher
unternahm  König  Wilhelm,  den  Bund  zu  einer  Kriegserklärung  gegen
Belgien  zu  bewegen;  auch  dies  blieb  vergeblich,  da  die  Exekution  bereits
beschlossen  war.  Mittlerweile  hatte  sich  die  Londoner  Konferenz  längst  über
den  Grundsatz  der  Teilung  des  niederländischen  Gesamtstaats  geeinigt.
Die  holländischen  Bevollmächtigten  begannen  selbst  zu  fühlen,  daß  sie  an
dieser  vollendeten  Tatsache  nichts  mehr  ändern  konnten,  und  versuchten  nur
noch,  ihrem  Lande  eine  möglichst  günstige  Grenze  zu  gewinnen.  Die  alte
Grenze  von  1790,  welche  dem  Teilungsplane  zur  Richtschnur  diente,
war  in  den  limburgischen  Maaslanden  sehr  unvorteilhaft  für  Holland;
dort  lagen  Venlo,  Roermonde  und  andere  altholländische  Plätze  rings  von
belgischem  Gebiete  umgeben.  Daher  erklärten  die  holländischen  Unter—
händler  dem  preußischen  Gesandten  vertraulich,  ihr  König  sei  geneigt,  die
Westhälfte  von  Luxemburg  an  Belgien  auszuliefern,  wenn  Belgien  dafür
das  rechte  Ufer  der  Maas  und  die  Nordspitze  der  Provinz  Limburg  an
Holland  und  den  Deutschen  Bund  abträte.  Sobald  dieser  Vorschlag  der
Londoner  Konferenz  bekannt  wurde,  fand  er  sofort  allgemeine  Zustimmung,

 

*)  Bernstorff,  Weisung  an  Maltzahn,  1.  Nov.,  an  Bülow,  4.  Nov.  1830.
        <pb n="325" />
        General  Dumoulin.  317

und  auch  der  Bundestag  hegte  keine  Bedenken.“)  An  sich  war  ein  solcher
Gebietstausch  für  Deutschland  keineswegs  unannehmbar.  Der  einzige
militärisch  wichtige  Platz  Luxemburgs,  die  Bundesfestung,  sollte  deutsch
bleiben,  das  limburgische  Maasland  grenzte  unmittelbar  an  preußisches
Gebiet,  und  da  das  Großherzogtum  bisher  nur  dem  Namen  nach  zum
Deutschen  Bunde  gehört  hatte,  so  kam  leider  sehr  wenig  darauf  an,  ob
fortan  statt  der  150000  luxemburgischen  Wallonen  ebensoviele  limburgische
Niederdeutsche  zu  den  Einwohnern  des  Bundesgebiets  gerechnet  wurden.
Der  junge  belgische  Staat  war  für  neutral  erklärt  worden,  folglich  durfte
sein  König  nicht  in  den  Deutschen  Bund  eintreten,  und  Deutschland  mußte
durch  holländisches  Gebiet  für  den  Verlust  der  Westhälfte  Luxemburgs
entschädigt  werden.

Nach  alledem  erschien  der  in  London  gefundene  Ausweg  als  der
einzige,  der  aus  der  Verwirrung  hinausführte.  Schmachvoll  war  dabei
nur,  daß  die  Belgier,  vom  Bunde  ungehindert,  das  deutsche  Bundesland
schon  besetzt  hielten  und  sich  mithin  rühmen  konnten,  das  große  Deutschland
  zu  einer  Abtretung  gezwungen  zu  haben.  Die  Londoner  Konferenz
beachtete  diese  häßliche  Kehrseite  des  Handels  nicht,  und  in  den  Vierundzwanzig
  Artikeln,  welche  die  Großmächte  am  15.  Nov.  1831  mit  Belgien
vereinbarten,  wurde  der  Gebietsaustausch  an  der  deutschen  Grenze  förmlich
beschlossen,  immer  unter  ausdrücklichem  Vorbehalt  der  Rechte  des  Bundes.
Damit  schien  der  Streit  erledigt.  Jetzt  aber  rächten  sich  erst  die  Trägheit
des  Bundestags  und  die  Widersetzlichkeit  Hannovers.  Hätte  der  Bund,
nach  seiner  Pflicht,  die  Exekutionstruppen  rechtzeitig  in  das  aufrührerische
Bundesland  einrücken  lassen,  so  konnte  er  in  stolzer  Ruhe  warten,  bis
der  König  der  Niederlande  den  Vierundzwanzig  Artikeln  endlich  zustimmte,
und  dann  dem  in  London  verabredeten  Gebietstausche  auch  seinerseits
freiwillig,  in  Ehren  die  Genehmigung  erteilen.  Nun  war  der  günstige
Augenblick  längst  versäumt.  Die  Belgier  blieben  im  Besitze  des  ganzen
Landes,  was  ihnen  sogar  der  König  der  Niederlande  für  die  Dauer  des
Waffenstillstandes  ausdrücklich  zugestand,  und  da  der  König  erst  im  Jahre
1839  seinen  Frieden  mit  Belgien  schloß,  so  geriet  die  deutsche  Insel,
die  allein  noch  aus  der  belgischen  Überschwemmung  emporragte,  die
Bundesfestung,  bald  in  eine  völlig  unhaltbare  Lage.  Die  deutsche  liberale
Welt  war  aber  mit  dem  Gezänk  der  kleinen  Landtage,  mit  Rußland  und
Polen,  mit  Spanien  und  Portugal  dermaßen  beschäftigt,  daß  sie  die
schimpflichen  Zustände  der  Westmark  keines  Blickes  würdigte.

Der  einzige  Mann,  der  in  dieser  Bundesschande  eine  rühmliche
Rolle  spielte,  war  General  Dumoulin,  der  preußische  Festungskommandant
von  Luxemburg.  Ihm  allein  und  seinen  braven  Soldaten  verdankte

 

*)  Bülow  an  Nagler,  27.  August;  Eichhorns  Denkschrift  über  die  Niederlande,
25.  Okt.;  Naglers  Bericht,  13.  Sept.  1831.
        <pb n="326" />
        318  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Deutschland,  daß  in  dieser  Westmark,  wo  alle  Welt  des  Deutschen  Bundes
spottete,  mindestens  die  schwarzweiße  Fahne  noch  verhaßt  und  gefürchtet
blieb.  Der  Sohn  eines  holländischen  Generals  und  bis  zum  Jahre  1806
selbst  holländischer  Offizier,  war  Dumoulin  im  preußischen  Dinste  bald
ganz  zum  Deutschen  geworden;  er  hatte  sich  in  den  schweren  napoleonischen
Zeiten  das  Vertrauen  Gneisenaus  erworben  und  dann  bei  der  Erhebung
Deutschlands  wacker  mitgeholfen.  Sein  neues  Amt  übernahm  er  mit
dem  Bewußtsein,  daß  ihm  die  Grenzhut  des  Vaterlandes  anvertraut  sei;
er  führte  die  Geschäfte  des  Gouvernements,  da  der  Gouverneur,  der
tapfere  alte  Landgraf  Ludwig  von  Hessen-Homburg,  nach  Fürstenbrauch
den  größten  Teil  des  Jahres  auf  Reisen  verbrachte,  und  erschreckte  die
Belgier  durch  seine  genaue  Kenntnis  der  niederländischen  Verhältnisse,
die  Diplomaten  des  Bundestags  durch  den  soldatischen  Freimut  seiner
Berichte.

Und  welch  eine  Aufgabe  hatte  er  zu  lösen!  Neun  Jahre  lang  blieb
die  Festung  in  beständigem  Belagerungszustande,  rings  von  Feinden  eingeschlossen.
  Für  die  Garnison  freilich  erzwang  sich  der  General  den  freien
Verkehr  mit  Trier  und  dem  heimatlichen  Hinterlande,  aber  auch  nur  für
die  Garnison;  jeder  Warenballen,  der  an  die  Einwohner  einging,  unterlag
den  belgischen  Zöllen  und  wurde  von  den  Zollbeamten  der  Rebellen  mit
berechneter  Bosheit  mißhandelt.  Handel  und  Wandel  stockten  gänzlich;  die
Wirksamkeit  der  Rechtspflege  endete  an  den  Grenzen  des  Festungsrayons,
da  der  Bundestag  die  Behörden  der  Belgier  nicht  anerkannte;  selbst  der
Postverkehr  mit  Deutschland  hörte  auf,  und  Dumoulin  mußte  die  Briefe
der  Einwohner  durch  seine  Ordonnanzen  befördern  lassen.  An  die  alten
Wälle,  die  in  gewaltigen  Zickzacklinien  die  Felsentäler  der  Elze  und  des
Petrusbachs  überragten,  wagten  sich  die  Belgier  nicht  heran;  dafür  versuchten
  sie  durch  schlechte  Künste  Verräterei  anzuzetteln.  Bald  mußte
der  General  einen  Belgier,  der  einen  preußischen  Soldaten  zur  Desertion
verleiten  wollte,  ausprügeln  lassen  —  was  nach  Kriegsrecht  erlaubt  war
und  sehr  heilsam  wirkte,  bald  eine  Brigade  belgischer  Zollwächter  im
Festungsbezirke  gefangen  nehmen,  bald  die  Milizaushebungen  der  Belgier
untersagen  oder  ihren  Holzfreveln  steuern.  Dazu  von  hüben  und  drüben
beständige  Versuche,  Freikorps  zu  bilden;  wiederholte  Verhaftungen,  heute
von  der  einen,  morgen  von  der  anderen  Seite  angefochten;  und  ein  widerwärtiger
  Briefwechsel  mit  dem  belgischen  Militärgouverneur  General  Tabor
in  Arlon,  der  erst  nach  scharfen  Zurechtweisungen  einsah,  daß  man  einen
preußischen  General  nicht  ebenso  schnöde  behandeln  durfte  wie  den  Deutschen
Bund.  Aber  auch  der  holländische  Zivilgouverneur  in  der  Festung  selbst,
General  Gödecke,  machte  dem  tapferen  Preußen  zu  schaffen;  er  begünstigte
erst  unter  der  Hand  die  Umtriebe  der  kleinen  oranischen  Partei,  dann
verlangte  er  Schonung  für  die  gefangenen  Belgier,  da  sein  König  noch
immer  hoffte,  die  meuterische  Provinz  durch  Güte  zu  gewinnen;  dann  for-
        <pb n="327" />
        Luxemburg  und  die  Westmächte.  319

derte  er  gar  Bezahlung  für  die  preußische  Einquartierung.  Selbst  der
Bundestag  beschwerte  sich,  weil  die  preußischen  Ingenieure  im  Angesichte
des  Feindes  die  Festungswerke  verstärkten,  und  es  währte  lange,  bis  er
diese  außerordentlichen  Ausgaben  genehmigte.“)  Das  Tollste  blieb  doch,
daß  der  Bund  sich  über  ein  Rayonsgesetz  für  die  Bundesfestungen  noch
immer  nicht  hatte  einigen  können.  Der  Kommandant  mußte  also  eigenmächtig
  die  Abgrenzung  des  Festungsrayons  bestimmen.  Als  er  sich  durch
die  beharrlichen  Neckereien  der  Belgier  genötigt  sah,  das  Festungsgebiet  bis
auf  einen  Umkreis  von  vier  Stunden  zu  erweitern,  da  erhob  die  Bundesversammlung
  Bedenken,  und  der  General  antwortete  kurzab,  diesmal
könne  er  seinen  Frankfurter  Vorgesetzten  nicht  gehorchen.

Um  die  Verwirrung  zu  vollenden,  mischten  sich  auch  noch  die  Westmächte
  ein.  Da  der  Bundestag  die  Bevollmächtigten  des  noch  nicht  anerkannten
  Königs  der  Belgier  mehrmals  zurückgewiesen  hatte,  so  betrachteten
  sich  England  und  Frankreich  als  die  natürlichen  Vertreter  ihres
Schützlings.  Alleye  und  Cartwright  erhoben  eine  Beschwerde  nach  der
anderen  über  angebliche  Übergriffe  des  luxemburgischen  Kommandanten
und  schlugen  dabei  wieder  jenen  rohen,  zankenden  Ton  an,  der  ihnen  schon
bei  dem  Frankfurter  Streite  so  übel  bekommen  war.  Es  war,  als  wollten
sie  nochmals  der  Welt  beweisen,  was  von  der  gerühmten  Zivilisation  des
Westens  zu  halten  sei.  Als  Dumoulin  einige  belgische  Soldaten  aus  dem
Gebiete  der  deutschen  Bundesfestung  ausgewiesen  hatte,  da  meinte  der
Engländer,  „eine  solche  Tat  launischer  Willkür  könne  sich  nur  auf  das
Recht  des  Stärkeren  stützen“;  und  als  die  Aushebung  der  belgischen  Milizen
im  Festungsgebiete  untersagt  wurde,  da  erklärte  Alleye:  „die  französische
Regierung  hat  Grund  zu  der  Befürchtung,  daß  General  Dumoulin  und
seine  Anstifter  absichtlich  einen  Zusammenstoßherbeiführen  wollten.“?F)  Und
nicht  genug,  daß  die  beiden  das  sonnenklare  Recht  mit  dreister  Stirn
bestritten;  sie  traten  auch  allen  diplomatischen  Brauch  mit  Füßen.  Sie
unterstanden  sich,  dem  Kommandanten  von  Luxemburg  unmittelbar  ihre
Beschwerden  einzusenden;  und  obwohl  sie  wußten,  daß  der  Bundestag
nach  seiner  Geschäftsordnung  nur  Verbalnoten  von  den  fremden  Gesandten
  annehmen  durfte,  so  versuchten  sie  doch  immer  wieder  mit  dem
präsidierenden  Gesandten  Münch  persönlich  zu  unterhandeln,  ja  Alleye  hatte
einmal  die  Unverschämtheit,  eine  vorgebliche  mündliche  Außerung  Münchs
dem  Bundestage  vorzuhalten  mit  der  Bemerkung:  das  sei  so  gut  wie  ein
Ehrenwort!  Das  freche  Treiben  der  zwei  Diplomaten  des  Westens  währte
jahrelang.  Doch  mit  diesen  wohlbekannten  Störenfrieden  wußte  selbst  der
Bundestag  fertig  zu  werden;  er  gab  immer  nur  kurze  abweisende  Er- 



*)  Naglers  Berichte,  28.  Dez.  1831,  24.  Jan.,  10.  März,  8.  Mai  1832.
*“)  Verbalnoten  an  Münch,  von  Cartwright,  25.  Sept.  1833,  von  Alleye,  26.  Februar
  1834.
        <pb n="328" />
        320  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

widerungen,  die  deutschen  Großmächte  unterstützten  ihn  nachdrücklich,')  und
die  beiden  Gesandten  verloren  in  Frankfurt  jeden  Einfluß.  Die  diplomatische
  Gesellschaft  zog  sich  von  ihnen  zurück.  Blittersdorff  berichtete:
„man  ist  hier  nahe  daran,  Lord  Palmerston  für  einen  Halbwilden  zu  erklären,
  mit  dem  man  nichts  zu  tun  haben  könne.“*)  Und  diese  Westmächte,
  die  den  Deutschen  Bund  also  durch  anmaßende  Einmischungsversuche
  belästigten,  wurden  von  der  liberalen  Presse  fort  und  fort  als
Deutschlands  natürliche  Bundesgenossen  verherrlicht.

Unterdessen  war  über  Luxemburgs  Zukunft  noch  immer  nichts  entschieden.
  Der  König  der  Niederlande  wollte  sich  zur  Annahme  der  Vierundzwanzig
  Artikel  nicht  entschließen,  denn  insgeheim  hoffte  er  noch  auf  einen
allgemeinen  Krieg.  Palmerston  aber  erschwerte  dem  verratenen  holländischen
  Bundesgenossen  die  Nachgiebigkeit  durch  ungezogenen  Übermut.
Unverkennbar  wünschte  der  Lord  den  Streit  in  die  Länge  zu  ziehen;  der
Waffenstillstand,  der  die  Belgier  im  Besitze  des  größten  Teiles  von  Luxemburg
  und  Limburg  ließ,  war  ja  für  Englands  neues  Schoßkind  überaus
vorteilhaft,  und  wehe  dem  britischen  Handel,  wenn  das  Festland  je  ganz
zur  Ruhe  kam!

Menschlich  genug,  daß  König  Wilhelm  in  diesen  langen  Jahren  der
Ungewißheit  seinem  Grolle  gegen  den  untätigen  Deutschen  Bund  zuweilen
die  Zügel  schießen  ließ.  Im  November  1833  zeigte  er  dem  Bundestage
an,  er  sei  bereit,  die  Westhälfte  Luxemburgs  an  Belgien  abzutreten;  eine
Entschädigung  in  Land  und  Leuten  könne  er  dem  Bunde  freilich  nicht
bieten,  indessen  denke  er  die  auf  dem  ungeteilten  Großherzogtum  ruhenden
  Bundespflichten  nach  wie  vor  vollständig  zu  erfüllen,  und  er  hoffe  —
so  sagte  er  wie  zum  Hohne  —  man  werde  in  dieser  Zusage  „einen
Beweis  seiner  föderativen  Gesinnungen“  erkennen.  Durch  heftige  Beschwerden
  über  die  Untätigkeit  des  Bundestages  suchte  er  sodann  diese
ehrenrührige  Zumutung,  die  seinen  eigenen  früheren  Verheißungen  offenbar
  widersprach,  wohl  oder  übel  zu  rechtfertigen.**)  Die  beiden  deutschen
Großmächte  aber  waren  jetzt  so  ganz  erfüllt  von  dem  Wunsche,  den  leidigen
Streit  zu  begraben,  daß  sie  den  kleinen  Höfen  die  Annahme  der  niederländischen
  Vorschläge  dringend  empfahlen.  Ancillon  meinte:  eine  Entschädigung
  zu  fordern,  sei  widersinnig,  da  kein  Gebiet  zur  Verfügung  stehe,
und  auch  ungerecht,  da  der  König  ja  kein  neues  Land  erhalte,  sondern
nur  sein  altes  Land  behalte.)  Da  geschah  das  Unerhörte:  König  Ludwig
von  Bayern  und  mehrere  der  deutschen  Höfe  zeigten  sich  patriotischer  als
Preußen  selbst;  sie  bestanden  darauf,  daß  Deutschland  eine  Entschädigung

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Maltzahn,  6.  Nov.  1834.
**)  Blittersdorffs  Bericht,  13.  Sept.  1834.
***)  Naglers  Berichte,  20.  Nov.  1833,  16.  Jan.  1834.
)  Ancillon,  Weisung  an  Bülow,  15.  Dez.  1833.
        <pb n="329" />
        Teilung  Luxemburgs.  321

durch  Landgebiet  erhalten  müsse.“)  Zweimal,  in  den  Jahren  1834  und  1836,
verlangte  der  Bundestag  demnach  feierlich  vollen  Ersatz  für  das  westliche
Lützelburg.  König  Wilhelm  gab  endlich  nach.  Am  19.  April  1839  wurde
der  Friede  zwischen  Holland  und  Belgien,  auf  Grund  der  Vierundzwanzig
Artikel,  unterzeichnet.  Am  5.  September  genehmigte  der  Bundestag,  daß
dies  neugebildete  holländische  Herzogtum  Limburg,  mit  Ausschluß  der
Festungen  Mastricht  und  Venlo,  in  den  Bund  eintreten  sollte;  dafür
wurde  das  etwa  gleich  große  wallonische  Luxemburg,  das  allerdings  auch  die
deutsche  Stadt  Arlon  und  insgesamt  etwa  32000  deutsche  Bewohner
umfaßte,  an  Belgien  ausgeliefert.  Der  gefallenen  Entscheidung  fügten
sich  selbst  die  Agnaten  aus  dem  herzoglichen  Hause  Nassau;  sie  hatten
während  aller  dieser  Verhandlungen  in  tapferen  Worten  Großes  geleistet,
aber  freilich  bei  der  Stellung  der  Exekutionstruppen  sich  ganz  ebenso
kleinlich  gezeigt  wie  Hannover;  jetzt  entsagten  sie  ihren  Erbansprüchen
auf  die  Westhälfte  Luxemburgs  und  empfingen  von  König  Wilhelm  eine
Geldentschädigung.

Dergestalt  wurde  eine  Schmälerung  des  Bundesgebietes  noch  glücklich
vermieden.  Das  neue  sogenannte  Herzogtum  Limburg  war,  genau  wie  der
abgetretene  Landstrich,  eine  niederländische  Provinz,  die  dem  Namen  nach
zu  Deutschland  gehörte,  und  der  Bundestag  getröstete  sich  der  Hoffnung,
„daß  die  Weisheit  Sr.  Majestät  Maßregeln  treffen  werde,  welche  geeignet
sind,  den  Unzukömmlichkeiten  vorzubeugen,  die  sonst  möglicherweise  aus
diesen  Verhältnissen  entstehen  könnten"“.  Wer  solchen  Beschwichtigungen
Glauben  schenkte,  der  konnte  sogar  mit  einigem  Scheine  behaupten,  daß
der  Gebietstausch  an  der  Westgrenze  dem  Deutschen  Bunde  Vorteil  bringe.
Da  das  verkleinerte  Luxemburg  nunmehr  von  dem  Königreich  der  Niederlande
  weit  entfernt  lag,  so  sah  sich  der  König  gezwungen,  alte  Unterlassungssünden
  endlich  zu  sühnen;  das  Großherzogtum  wurde  fortan  als
ein  selbständiger,  nur  durch  Personalunion  mit  den  Niederlanden  verbundener
  Staat  eingerichtet,  erhielt  sein  besonderes  Bundeskontingent,  im
Jahre  1841  auch  seine  eigene  Verfassung  und  trat  also  scheinbar  dem
deutschen  Leben  näher  als  bisher.

Doch  was  wollte  dieser  deutsche  Trost  bedeuten  neben  der  furchtbaren
moralischen  Niederlage,  welche  der  Deutsche  Bund  sich  selbst  bereitet  hatte?
Als  der  Bundestag  die  Widersetzlichkeit  Hannovers  hinnahm  und  die  beschlossene
  Bundesexekution  gemächlich  einschlafen  ließ,  da  bekundete  er
vor  aller  Welt,  daß  er  der  ersten  seiner  Pflichten  nicht  entsprechen  konnte.
An  dieser  Schande  waren  alle  deutsche  Staaten  mitschuldig,  auch  Preußen
und  Bayern,  denn  wohlgemeinte  Worte  genügten  in  solchem  Falle  nicht.
Das  geringe  Ansehen,  das  der  Bund  in  Europa  bisher  noch  behauptet
hatte,  schwand  fortan  gänzlich;  das  kleine  Belgien,  das  ängstliche  Juli- 



*)  Dönhoffs  Berichte,  München,  19.  Dez.  1833,  28.  Febr.  1834.
v.  Treitsche,  Deutsche  Geschichte.  IV.  21
        <pb n="330" />
        322  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

königtum  und  der  nur  gegen  die  Schwachen  mutige  Palmerston  wagten
ihn  offen  zu  verhöhnen.

Und  wie  verderblich  wirkte  der  Anblick  deutscher  Schwäche  auf  die
Gesinnung  der  deutschgebliebenen  Lützelburger.  Das  Völkchen  konnte  in
jenem  Beschlusse  der  Londoner  Konferenz,  der  ihr  Heimatland  zerteilte,
nur  ein  salomonisches  Urteil,  in  dem  geduldig  zuwartenden  Deutschland
nur  die  Rabenmutter  sehen.  Neun  Jahre  lang  hatte  man  sich  an  die
belgische  Verwaltung  gewöhnt;  was  Wunder,  daß  die  guten  deutschen  Kleinbürger
  in  Diekirch,  Wasserbillig,  Grevenmachern  die  Wiedervereinigung
mit  dem  freien  Belgien  ersehnten?  Auch  die  Stadt  Luxemburg  war
belgisch  gesinnt,  denn  sie  hatte  zwar  an  der  preußischen  Garnison  viel
Geld  verdient,  aber  noch  mehr  gelitten  durch  die  Absperrung  von  der
Nachbarschaft.  Selbst  Minister  Türckheim,  der  nicht  leicht  einen  Bundesbeschluß
  tadelte,  fand  es  unbegreiflich,  daß  der  Bundestag  diese  Grenzbewohner
  gewaltsam  mit  dem  Wunsche  erfülle,  „dem  Lose  der  Verwesung
zu  entgehen,  welchem  die  Stagnation  des  Bundes  alle  Verhältnisse,  welche
sie  umfaßt,  entgegenführt.“)  Außerdem  bestand  noch,  wie  in  Belgien
selbst,  eine  kleine  Partei  von  Fransquillons,  die  mit  Frankreich  buhlte,
und  eine  Partei  stillvergnügter  Partikularisten,  die  am  liebsten  für  sich
bleiben  wollten.  Eine  deutsche  Partei  bestand  nicht.  Die  Besitzer  der
großen  Bergwerke  und  Fabriken  wünschten  zwar  freien  Verkehr  mit  ihrem
natürlichen  Absatzgebiete  im  Osten;  da  und  dort  saß  wohl  auch  ein  junger
Anwalt,  der  sich  in  Bonn  oder  Heidelberg  deutsche  Ideen  angeeignet  hatte.
Sonst  erklang  im  Lande  nur  Hohn  und  Spott  über  alles  deutsche  Wesen.
Preußen  allein  ward  gefürchtet,  aber  als  ein  Feind.  Die  schwarzweiße
Fahne  auf  den  Festungswällen  Luxemburgs,  die  doch  zum  Schutze  des
Landes  dort  aufgerichtet  stand,  erschien  jetzt  dem  Volke  als  das  Feldzeichen
der  Tyrannei,  nachdem  sie  neun  Jahre  hindurch  der  Trikolore  von  Brabant
den  Einzug  gewehrt  hatte.  Ohnehin  war  der  paritätische  deutsche  Staat
diesem  bigott-katholischen  Volke,  das  alljährlich  am  Pfingstdienstage  den
widerlichen  Mummenschanz  der  Echternacher  Springprozession  aufführte,
von  alters  her  verdächtig,  und  der  mächtige,  noch  ganz  von  hispanischen
Gedanken  erfüllte  Klerus  versäumte  nicht,  diese  Gesinnung  aufzustacheln.
Verachtung  gegen  den  deutschen  Namen  und  Haß  gegen  Preußen  —  das
war  die  Saat,  welche  der  Bundestag  auf  den  Boden  dieses  altdeutschen
Grenzlandes  streute.  Sie  ging  üppig  auf  und  wuchert  fort  bis  zum
heutigen  Tage.  —

 

Seit  dem  Sommer  1832  war  entschieden,  daß  Deutschland  wieder
ganz  der  Politik  der  Ostmächte  angehörte,  und  nirgends  ward  dies  Erstarken
  der  alten  Gewalten  freudiger  begrüßt  als  in  Petersburg.  Stolz

 

*)  Türckheim  an  Blittersdorff,  3.  August  1835.
        <pb n="331" />
        Preußens  Zurückhaltung  gegen  Rußland.  323

auf  die  Bändigung  des  polnischen  Aufruhrs,  stolzer  noch  auf  die  wüten—
den  Schmähreden  der  liberalen  Presse,  träumte  der  Zar  nur  noch  von  dem
großen  Kreuzzuge  für  das  legitime  Recht.  Schon  um  Weihnachten  1830
sagte  er  in  einer  geheimen  Denkschrift  über  die  Lage  Europas:  „Bewahren
wir  das  heilige  Feuer  für  den  feierlichen  Augenblick,  den  keine  menschliche
Macht  abwenden,  keine  hinausschieben  kann,  für  den  Augenblick,  da  der
Kampf  zwischen  der  Gerechtigkeit  und  den  Grundsätzen  der  Hölle  (le  principe
  infernal)  ausbrechen  muß.“  Frgendein  bestimmter  politischer  Gedanke
  lag  in  solchen  dröhnenden  Worten  fanatischen  Hasses  freilich  nicht,
und  General  Schöler  urteilte  treffend:  „über  seine  eigentlichen  Wünsche
täuscht  der  Kaiser  nicht  nur  andere,  sondern  sich  selbst.“?)  Deutlich  war
nur,  daß  Deutschland  in  dem  Kampfe  gegen  die  Revolution  sich  verbluten,
und  Rußland  schließlich  mit  seiner  vielgerühmten  „formidablen  Reserve“,
die  sich  auf  dem  Papiere  der  Petersburger  Denkschriften  so  großartig  ausnahm,
  die  Früchte  des  Krieges  gemächlich  einheimsen  sollte.

Je  sicherer  Nikolaus  nach  dem  Falle  Warschaus  sich  wieder  selbst
fühlte,  um  so  tiefer  wurmten  ihn  die  Niederlagen,  die  ihm  Preußens
bedachtsame  Friedenspolitik  bereitet  hatte.  Noch  immer  trug  er  seine
persönliche  Verehrung  für  den  König  geflissentlich  zur  Schau  und  versicherte
  inbrünstig:  „er  ist  mein  Vater,  ich  bin  sein  Sohn.“  Dies  hinderte
  ihn  jedoch  keineswegs,  den  Berliner  Hof  mit  Zumutungen  zu  überschütten,
  deren  gleichen  andere  Söhne  ihren  Bätern  nicht  zu  stellen  pflegen.
Nach  allen  den  Freundschaftsdiensten,  welche  ihm  Preußen  während  des
polnischen  Aufstands  geleistet,  wagte  er  noch  zu  verlangen,  der  deutsche
Nachbarstaat  möge  dicht  an  der  russischen  Grenze  eine  hohe  Polizeibehörde
unter  Mitwirkung  eines  russischen  Beamten  einrichten;  ja  er  bat  den
König  sogar,  jene  polnischen  Flüchtlinge,  welche  die  Heimkehr  verweigerten,
einfach  im  preußischen  Heere  unterzustecken  (März,  Juni  1832).  Beide
Bitten  wurden  rundweg  abgeschlagen,  und  die  politische  Freundschafterkaltete
sichtlich.  Der  neue  russische  Gesandte  Ribeaupierre  verstand  auch  nicht  wie
sein  Vorgänger  Alopeus,  sich  das  persönliche  Vertrauen  der  Berliner  Staatsmänner
  zu  gewinnen;  General  Schöler  andererseits  begann  dem  Petersburger
  Hofe  lästig  zu  werden,  weil  er  durch  lange  Erfahrung  gegen  die
moskowitischen  Schauspielerkünste  gepanzert  war  und  immer  wieder  warnte:
„es  ist  wahrhaft  nationale  Eigenschaft  der  Russen,  von  ihren  Freunden
Opfer  jederart  und  nach  dem  größten  Zuschnitt  zu  fordern,  solche  aber
nur  in  ganz  entgegengesetztem  Verhältnis  zu  leisten.“)

Obgleich  der  belgische  Streit  unter  Rußlands  eigener  Mitwirkung  im
wesentlichen  beigelegt  war  und  mithin  kein  Anlaß  zum  Kriege  mehr  bestand,
so  forderte  der  Zar  doch  unablässig  eine  förmliche  Erneuerung  des  Bundes

 

*)  Schölers  Bericht,  24.  Sept.  1833.
*)Schölers  Bericht,  28.  Dez.  1833.
        <pb n="332" />
        324  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

der  Ostmächte:  die  drei  Höfe  müßten  ihren  Entschluß,  „das  göttliche  Recht:
aufrecht  zu  halten“,  feierlich  vor  der  Welt  beweisen.  Preußen  erwiderte  (Jan.
1833):  das  alte  Bündnis  stehe  fester  denn  je,  seine  förmliche  Erneuerung  sei
überflüssig,  ja  gefährlich,  denn  sie  könne  nur  bewirken,  daß  die  Westmächte
sich  noch  enger  aneinander  schlössen  und  also  der  Zwiespalt  der  Staatengesellschaft
  sich  verschärfte.  Nach  langen  Bemühungen  erreichte  Rußland
nur,  daß  am  9.  März  1833  in  Berlin  ein  unschädlicher,  nahezu  inhaltloser
  Vertrag  zwischen  den  Ostmächten  unterzeichnet  wurde:  die  drei  Höfe
verpflichteten  sich  lediglich,  die  belgische  Frage  auf  Grund  der  24  Artikel,
also  im  Einverständnis  mit  den  Westmächten,  zum  Abschluß  zu  bringen,
und  versprachen  dem  König  der  Niederlande  Schutz  gegen  weitere  Angriffe
—  Angriffe,  welche  zur  Zeit  niemand  beabsichtigte.

Während  also  Preußen  sich  gegen  die  Petersburger  Politik  spröde  verhielt,
  kam  ihr  die  Hofburg  dienstfertig  entgegen.  Seit  der  Juli-Revolution
bewarb  sich  Metternich  um  die  russische  Freundschaft,  unaufhörlich  und
mit  wenig  Würde.  Er  hoffte,  die  Vertrauensstellung,  welche  Preußen  in
Petersburg  so  lange  behauptet  hatte,  nunmehr  dem  österreichischen  Hofe
zu  verschaffen,  und  reizte  den  verhaltenen  Groll  des  Zaren  beständig
durch  Verleumdung  der  preußischen  Staatsmänner,  durch  mehr  oder  minder
deutliche  Klagen  über  die  Berliner  Feigheit.  Sein  Vertrauter,  der  Gesandte
  Graf  Ficquelmont,  einer  der  feinsten  Diplomaten  aus  der  Schule
des  Staatskanzlers,  hörte  ehrfurchtsvoll  die  legitimistischen  Zornreden  des
Selbstherrschers  und  bekräftigte  sie  stets  mit  einem  herzerfreuenden  soldatischen
  Biedersinne.  Von  kriegerischen  Absichten  blieb  Metternichs  Angstlichkeit
  nach  wie  vor  weit  entfernt,  allein  er  fürchtete  die  Revolution  in
Italien.  Seine  wiederholten  Bemühungen  um  die  Bildung  eines  italienischen
  Fürstenbundes  waren  an  dem  partikularistischen  Stolze  der  Bourbonen
  von  Neapel  gescheitert,  und  die  Nachrichten  von  den  Unruhen  in
Piemont  lauteten  hochbedenklich:  in  den  Reihen  der  Verschworenen  fanden
sich  schon  die  furchtbaren  Namen  Gioberti,  Mazzini,  Garibaldi.  Wie  bald
konnte  Osterreich  sich  genötigt  sehen,  seine  Truppen  nach  Turin  zu  senden
und  dadurch  den  Einmarsch  der  Franzosen,  den  allgemeinen  Krieg  herbeizuführen!
  Für  solchen  Fall  mußte  die  Hofburg  auf  Rußlands  Beistand
rechnen;  war  dieser  gesichert,  so  schien  nach  österreichischer  Anschauung
auch  Preußens  Heeresfolge  unausbleiblich.  Auf  die  Gefühle  des  norddeutschen
  Verbündeten  zarte  Rücksichten  zu  nehmen,  hielt  Metternich  für
überflüssig;  denn  eben  in  dieser  Zeit  tat  der  Berliner  Hof  wieder  einen
mächtigen  Schritt  zur  Lösung  des  deutschen  Dualismus,  Schlag  auf  Schlag
kamen  die  Nachrichten  von  Preußens  Zollverträgen,  und  obwohl  der  österreichische
  Staatsmann  die  langnachwirkenden  Folgen  dieser  Verhandlungen
keineswegs  klar  erkannte,  so  ahnte  er  doch  in  dem  werdenden  Deutschen
Zollvereine  eine  feindliche  Macht.  Also  geschah  es,  daß  der  Wiener  Hof
sich  jetzt  mit  jedem  Mittel  das  russische  Bündnis  zu  sichern  trachtete,  und
        <pb n="333" />
        Mehemed  Alis  Erhebung.  325

selbst  in  der  orientalischen  Frage,  welche  die  beiden  Kaisermächte  schon  so
oft  entzweit  hatte,  dem  Petersburger  Kabinett  eine  ganz  unerwartete  Unter—
würfigkeit  erwies.

So  hoffärtig  und  leidenschaftlich  die  russische  Politik  im  Westen  auf—
trat,  ebenso  klug  und  überlegen  zeigte  sie  sich  im  Orient,  wo  sie  allein
den  Boden  genau  kannte.  Seit  dem  Frieden  von  Adrianopel  spielte  der
Zar  die  Rolle  des  hochherzigen  Beschützers  der  Türkei.  Er  erleichterte
dem  Sultan  die  Ausführung  des  Friedensvertrages  in  jeder  Weise,  erließ
ihm  einen  großen  Teil  der  Kriegskosten,  suchte  die  Pforte  durch  seine
Geschöpfe  mittelbar  zu  beherrschen,  und  seine  Kronräte  gelangten  nach
reiflicher  Beratung  sogar  zu  dem  förmlichen  Beschlusse,  daß  die  Erhaltung
des  osmanischen  Reiches  vorläufig  im  Interesse  Rußlands  geboten  sei.
Als  freilich  das  Londoner  Kabinett  den  Wunsch  aussprach,  Rußland  möge
die  Unverletzlichkeit  der  Türkei  durch  einen  Vertrag  mit  England  sicher—
stellen,  da  wurde  das  harmlose  Ansinnen  in  Petersburg  entschieden  zurück—
gewiesen.

Seit  dem  Jahre  1831  begannen  neue  Gefahren  über  das  Türkenreich
heraufzuziehen.  Mehemed  Ali,  der  gewaltige  Vizekönig  von  Agypten,  der
Bekämpfer  der  griechischen  Giaurs,  heischte  von  dem  Großherrn  die  längst
versprochene  Belehnung  mit  den  syrischen  Paschaliks,  er  wagte  den  Aufruhr,
  und  in  unaufhaltsamem  Siegeszuge  führte  sein  Sohn  Ibrahim  das
Heer  der  Agypter  durch  Syrien  bis  in  den  Nordwesten  Kleinasiens.  Zu
Anfang  1833  standen  die  Sieger  nur  noch  wenige  Märsche  vom  Bosporus
  entfernt,  der  Hauptstadt  fast  ebenso  nahe  wie  Diebitsch  vier  Jahre
zuvor,  und  wieder  wie  damals  meinte  die  erschrockene  europäische  Diplomatie
  schon  das  Ende  der  Osmanenherrschaft  vor  Augen  zu  sehen.  In
Wahrheit  konnte  diese  furchtbare  Empörung  dem  wankenden  türkischen
Reiche  vielleicht  die  Rettung  bringen,  wenn  anders  Rettung  noch  möglich
war.  Mehemed  Ali  war  nach  orientalischen  Begriffen  kein  Hochverräter,
und  die  brünstige  Verehrung,  welche  er  mitten  im  Kriege  dem  Sultan
bezeigte,  doch  nicht  ganz  erheuchelt;  an  die  Entthronung  des  Hauses  Osmans
  konnte  und  durfte  er  nicht  denken.  Wenn  es  dem  kühnsten  und
schlauesten  Staatsmanne  der  orientalischen  Welt  gelang,  seinem  Hause
das  erbliche  Großwesirat  neben  dem  Kalifengeschlechte  zu  erwerben,  dann
blieb  immerhin  denkbar,  daß  der  türkische  Staat  sich  von  innen  heraus
noch  einmal  verjüngte  wie  einst  das  Frankenreich  unter  der  Herrschaft  der
karolingischen  Hausmeier.  Der  Befreier  der  heiligen  Stätten  von  Mekka
durfte  auf  die  begeisterte  Hingebung  aller  gläubigen  Moslemin  zählen,
und  sein  napoleonisches  Regiment  in  Agypten  zeigte,  wie  meisterhaft  er
verstand,  die  Herrscherkünste  Europas  dem  Leben  des  Morgenlandes  anzupassen.


Aber  jene  Zerfahrenheit  der  öffentlichen  Meinung  Europas,  welche
dem  osmanischen  Reiche  so  oft  schon  das  Dasein  gefristet  hatte,  gereichte
        <pb n="334" />
        326  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

ihm  diesmal  zum  Unsegen.  Keine  der  Mächte,  welche  den  Bestand  des
türkischen  Staates  ehrlich  wünschten,  beurteilte  die  Lage  richtig.  Preußen
blieb  nach  seiner  alten  Gewohnheit  den  türkischen  Händeln  fern,  solange
sie  nicht  unmittelbar  den  Weltfrieden  bedrohten.  Palmerston  verstand  von
orientalischer  Politik  nicht  das  mindeste  und  versäumte  ratlos  den  rechten
Augenblick.  Metternich  aber  zeigte  sich  wieder  einmal  unfähig,  die  Mächte
des  Werdens  in  der  Geschichte  zu  würdigen,  und  legte  den  Zollstock  seiner
legitimistischen  Doktrin  auch  an  die  Politik  des  Morgenlandes;  wie  er  einst
in  den  Griechen  nur  Empörer  gesehen  hatte,  so  verdammte  er  jetzt  un—
bedingt  „die  durchaus  umstürzlerischen  Absichten  Mehemed  Alis“  und  er—
klärte  „die  reine  Verdammung  der  Revolution“  für  den  leitenden  Gedanken
jeder  „gesunden  Politik“.  Niemals  wollte  er  den  Vermittler  spielen  zwischen
einem  Rebellen  und  einem  rechtmäßigen  Souverän.  Er  atmete  auf,  als
auch  der  Zar  seine  Entrüstung  über  den  ägyptischen  Aufrührer  kundgab,
und  war  nunmehr  von  Rußlands  lauteren  Absichten  so  fest  überzeugt,
daß  er  jedes  Bedenken  fast  wie  eine  persönliche  Beleidigung  betrachtete.
„Wenn  unser  Kabinett  beruhigt  ist,“  schrieb  er  tief  gekränkt  nach  Paris,
„so  haben  andere  Kabinette  nicht  das  Recht,  Zweifel  zu  hegen.“  Die  un—
klare  Politik  des  Julikönigtums  mußte  den  Wiener  Hof  in  seiner  Ver—
blendung  bestärken.  Man  wünschte  in  Paris  die  Erhaltung  der  Türkei,
aber  man  wollte  auch  den  Ägypter  nicht  ganz  preisgeben,  da  das  Nilland
von  alters  her  zu  Frankreichs  natürlichem  Machtgebiete  gerechnet  wurde,
und  erging  sich  daher  in  ungeschickten  Vermittelungsversuchen,  welche  dem
österreichischen  Staatskanzler  nur  von  neuem  zu  beweisen  schienen,  daß
die  Revolutionäre  am  Nil  wie  an  der  Seine  allesamt  an  demselben
Strange  zögen.

Der  Petersburger  Hof  allein  wußte,  was  er  wollte;  er  weigerte  sich,
an  einer  gemeinsamen  Einmischung  teilzunehmen,  und  bot  dem  Sultan,
als  die  Gefahr  aufs  höchste  gestiegen  war,  seine  Waffenhilfe  an.  Dankbar
ergriff  Machmud  die  Hand  des  großmütigen  Beschützers.  Ein  russisches
Heer  landete  an  der  asiatischen  Küste  gegenüber  der  Hauptstadt,  die  Be—
lagerung  von  Antwerpen  ward  durch  einen  Meisterzug  der  Petersburger
Politik  wett  gemacht  und  in  den  Schatten  gestellt.  Unter  freundlicher
Mitwirkung  seines  nordischen  Gönners  schloß  nun  der  Sultan  mit  den
Ägyptern  einen  Frieden,  der  allen  Herzenswünschen  der  russischen  Politik
Genüge  tat.  Mehemed  Ali  erhielt  für  Ibrahim  die  erbliche  Statthalter—
schaft  über  Syrien;  selbst  das  Tor  Kleinasiens,  Cilicien,  und  die  für  den
Flottenbau  unentbehrlichen  Gebirgswälder  des  Paschaliks  von  Adana  wurden
ihm  abgetreten.  Die  Macht  der  Pforte  erlitt  also  eine  schwere  Einbuße,
aber  dafür  zogen  sich  die  Empörer  aus  dem  eroberten  Innern  Kleinasiens
zurück,  und  statt  des  gefürchteten  Agypters  herrschte  der  russische  Gesandte
im  Rate  der  hohen  Pforte;  er  sorgte  dafür,  daß  alle  Reformen,  die  dem
Staate  vielleicht  noch  aufhelfen  konnten,  fortan  unterblieben.
        <pb n="335" />
        Vertrag  von  Hunkiar  Iskelessi.  327

Osterreich  und  Preußen  begrüßten  den  Friedensschluß  mit  aufrichtiger
Freude;  die  Revolution  war  ja  besiegt,  der  Bestand  der  Türkei  dem  Namen
nach  gesichert.  In  Paris  dagegen  wurde  die  Niederlage  schmerzlich  empfun—
den;  auch  Palmerston  erkannte  zu  spät,  was  er  versäumt  hatte,  und  tröstete
das  Parlament  mit  dem  behaglichen,  britischen  Hörern  immer  willkommenen
Gemeinplatze:  England  führe  niemals  Krieg  für  abstrakte  Grundsätze.  Alsbald
  sollte  man  noch  deutlicher  erkennen,  was  Rußlands  Schutzherrschaft
in  dem  geschwächten  Türkenreiche  bedeutete.  Auf  den  ersten  Wink  des
Sultans  zogen  die  Truppen  des  nordischen  Erretters  gefällig  heimwärts,
aber  am  8.  Juli  1833  ward  zwischen  beiden  Mächten  zu  Hunkiar  Iskelessi
ein  Bündnisvertrag  abgeschlossen:  beide  verbürgten  einander  ihren  Länderbestand,
  und  da  der  Sultan  außerstande  war,  seine  Zusage  zu  halten,
so  versprach  er  die  Dardanellen  allen  fremden  Kriegsflotten  zu  verschließen.
Die  Einfahrt  nach  Konstantinopel  ward  mithin  den  Westmächten  verschlossen,
  den  Russen  vom  Pontus  her  stand  sie  jederzeit  offen.

Also  ohne  Schwertstreich  errang  Rußland  das  Übergewicht  im  Osten,
und  nach  so  glänzenden  Erfolgen  wähnte  sich  der  Zar  stark  genug,  auch
dem  Abendlande  die  Herrscherstirne  zu  zeigen.  Er  wollte  der  Revolution
auf  die  Gefahr  des  Weltfriedens  hin,  mindestens  grundsätzlich  den  Kampf
ankündigen;  er  hoffte  die  schönen  Tage  von  Troppau  zu  erneuern,  obgleich
seine  eigenen  Räte  lebhaft  widersprachen  und  ein  triftiger  Grund  für  eine
Zusammenkunft  der  Monarchen  nirgends  vorhanden  war.  Die  erste  Einladung
  zu  diesem  neuen  Kongresse  war  von  Wien  ausgegangen.  Kaiser
Franz  fragte  durch  Ficquelmont  vertraulich  an,  ob  er  im  Sommer  1833  den
russischen  Kaiser  in  dem  böhmischen  Schlosse  Münchengrätz  begrüßen  dürfe.
Bei  einiger  Höflichkeit  ließ  sich  die  Versammlung  sehr  leicht  so  einrichten,
daß  auch  der  König  von  Preußen  auf  seiner  alljährlichen  Teplitzer  Badereise
  daran  teilnehmen  konnte.  Metternich  aber  wünschte  den  Zaren,
den  er  als  Kaiser  noch  nie  gesehen,  für  sich  allein  zu  haben;  er  fürchtete
die  Anwesenheit  des  alten  Herrn,  der  von  seinem  Schwiegersohne  wie  von
allen  seinen  Kindern  mit  einer  gewissen  Scheu  verehrt  wurde  und  wenn
es  zu  beschwichtigen  oder  zu  verneinen  galt,  sich  sehr  zähe  zu  zeigen
pflegte.  Darum  wurden  die  Vorbereitungen  zu  der  Konferenz  mit  einem
so  auffälligen  Ungeschick  betrieben,  daß  General  Schöler  ärgerlich  sagte:
diese  Kaiserreise  „droht  eine  Art  von  Pasquill  auf  alle  Monarchenzusammenkünfte
  zu  werden“.*)  König  Friedrich  Wilhelm  erhielt  nur  die  Mitteilung,
  daß  sein  Schwiegersohn  ihn  und  den  Kaiser  von  Osterreich  zu
besuchen  denke;  über  den  Zeitpunkt  der  Reise  erfuhr  er  nichts  Sicheres.
Nach  längerem  Warten  brach  er  im  Juli  nach  Teplitz  auf,  traf  am
14.  August  in  Theresienstadt  mit  Kaiser  Franz,  gleich  darauf  in  Teplitz
selbst  mit  Metternich  zusammen  und  besprach  sich  mit  beiden  über  die

 

½  Schölers  Bericht,  16.  Sept.  1833.
        <pb n="336" />
        328  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

deutsche  Bundespolitik;  die  europäischen  Fragen  wurden  hier  nur  beiläufig
berührt.  Nach  beendeter  Kur  kehrte  er  endlich  heim;  erst  in  Berlin  empfing
er  die  Nachricht,  daß  der  Zar  seine  dringenden  Geschäfte  nunmehr  abgeschlossen
  habe  und  in  den  ersten  Septembertagen  nach  Deutschland  zu
kommen  denke.

Also  war,  zu  Ficquelmonts  unverhohlener  Befriedigung  und  wohl
nicht  ohne  die  stille  Beihilfe  des  Zaren  selbst,  entschieden,  daß  der  geplante
Kongreß  in  zwei  Teile  zerfallen  mußte.  Ebenso  ungeschickt  suchte  man  die
fremden  Höfe  über  den  politischen  Zweck  der  Zusammenkunft  zu  täuschen.
Nesselrode  schrieb  nach  England,  dies  Wiedersehen  der  befreundeten  Herrscher
sei  nur  durch  die  Herzensbedürfnisse  des  Zaren  veranlaßt;  Ancillon  versicherte
  den  Gesandtschaften,  Nikolaus  komme  lediglich,  um  seinen  geliebten
Schwiegervater  zu  begrüßen  und  den  österreichischen  Kronprinzen  kennen  zu
lernen?)  —  während  doch  jedermann  wußte,  daß  der  Kanzler  Nesselrode,
Ficquelmont  und  eine  Menge  Beamten  des  Auswärtigen  Amts  den  Selbstherrscher
  auf  seiner  stillen  Familienreise  begleiteten.  Begreiflich,  daß  Palmerston
  mit  gewohnter  Grobheit  sagte:  „Wie  können  diese  Leute  sich  die
Mühe  geben,  solches  Blech  (stuff)  zu  schreiben?  Es  ist,  als  ob  sie  uns
zwingen  wollten,  ihnen  niemals  mehr  ein  Wort  zu  glauben!“

König  Friedrich  Wilhelm  erwartete  nunmehr  seinen  Schwiegersohn  im
Schlosse  Schwedt  an  der  Oder.  Es  schwebte  aber  ein  Unstern  über  diesem
so  ganz  vom  Zaune  gebrochenen  Kongresse.  Furchtbare  Stürme  zwangen
das  Schiff  des  Zaren,  unterwegs  in  Riga  eine  Zuflucht  zu  suchen.  Der
König  verbrachte  mehrere  Tage  in  tödlicher  Langeweile,  die  nur  abends
durch  die  tollen  Improvisationen  des  Komikers  Beckmann  und  einiger
anderen  Berliner  Schauspieler  etwas  gemildert  wurde;  bei  dem  strömenden
Regen  war  selbst  das  liebliche  Versailles  der  Ukermark  ein  unleidlicher
Aufenthalt.  Da  plötzlich,  während  alles  noch  gespannt  auf  Nachrichten
von  der  Küste  wartete,  rasselte  der  Wagen  des  Zaren  über  die  Oderbrücke
  (5.  Sept.);  er  hatte  wieder  eine  seiner  beliebten  Überraschungen
ausgeführt  und  den  Weg  von  Riga  zu  Lande  zurückgelegt.  Der  Empfang
war  herzlich  wie  immer.  Ein  Strom  russischer  Orden  ergoß  sich  über
die  schwarzen  Schwedter  Dragoner;  hier  zuerst  gefiel  sich  Nikolaus  in
jener  Ordensverschwendung,  welche  seitdem  von  allen  Höfen  getreulich
nachgeahmt  den  Ehrenzeichen  allen  Sinn  und  Wert  geraubt  hat.  Mit
der  üblichen  amtlichen  Glückseligkeit  schilderte  Ancillon  den  Gesandten  die
wunderbare  Eintracht  der  Schwedter  Beratungen:  „der  Kaiser  hat  wiederholt
  erklärt,  daß  er  dasselbe  wolle  wie  der  König  und  sein  Kabinett,  daß
er  nichts  anderes  wolle,  daß  er  weder  mehr  noch  weniger  wolle.“)

Unterdessen  äußerte  sich  Nikolaus  zu  seinen  Vertrauten  sehr  unzu- 



)  Ancillon,  Weisung  an  die  Gesandtschaften,  7.  Sept.  1833.
**)  Ancillon,  Weisung  an  Schöler,  15.  Sept.  1833.
        <pb n="337" />
        Zusammenkunft  in  Schwedt.  329

frieden  über  diese  dreitägigen  Unterredungen.“)  Der  König  war  mit  nichten
gemeint,  jedem  launischen  Einfall  seines  Schwiegersohnes  nachzugeben  und
den  so  mühsam  gesicherten  Frieden  durch  eine  törichte  Herausforderung
in  Frage  zu  stellen.  Er  stimmte  dem  legitimistischen  Gepolter  des  Zaren
freundlich  zu;  er  erkannte  auch  an,  wie  Ancillon  sagte,  „daß  der  Aufschwung
des  revolutionären  Geistes  verschuldet  sei  durch  die  verhängnisvolle  Tätigkeit
  der  Pariser  Propaganda  und  durch  den  ungeheuerlichen  Grundsatz  der
Nichteinmischung.“  Gern  wollte  er  das  Seine  tun,  um  „diese  beiden
Quellen  des  Unheils  zu  verstopfen,  von  denen  die  eine  die  Revolutionen
entstehen  läßt,  die  andere  ihnen  die  Straflosigkeit  sichert.“  Darum  schlug
er  selbst  vor,  daß  die  drei  Ostmächte  gemeinsam  die  Unterdrückung  der
demagogischen  Umtriebe  in  Paris  verlangen  sollten;  er  erklärte  sich  auch
bereit,  bei  „der  ersten  Gelegenheit“  dem  französischen  Hofe  zu  erklären,
daß  die  drei  Mächte  das  Recht  der  Intervention  festhalten  und  behaupten
würden.  Weiter  mochte  Friedrich  Wilhelm  durchaus  nicht  gehen;  allen
kriegerischen  Andeutungen  des  Russen  setzte  er  einen  so  hartnäckigen  Widerstand
  entgegen,  daß  Nikolaus  nicht  einmal  wagte,  ihm  die  Abschließung
eines  förmlichen  Vertrages  vorzuschlagen.  Die  Besprechungen  gelangten
über  einen  wenig  fruchtbaren  Gedankenaustausch  nicht  hinaus,  und  der
Zar  beschloß,  näheres  erst  in  Münchengrätz  mit  den  Osterreichern  zu
verabreden.

Eine  nochmalige  Reise  nach  Böhmen  konnte  er  seinem  Schwiegervater
  umso  weniger  zumuten,  da  die  Manöver,  bei  denen  der  König
niemals  fehlte,  nahe  bevorstanden.  Er  wünschte  also,  Ancillon  möge  ihn
begleiten.  Der  aber  widersprach  mit  ungewohnter  Entschiedenheit  und  ging
so  weit,  dem  Selbstherrscher  zu  sagen  „die  Würde  Preußens  erlaubt  mir
das  nicht“,“*)  worauf  Nikolaus,  der  den  friedfertigen  Theologen  ohnehin
nicht  leiden  mochte,  in  hellem  Zorne  auffuhr.  Der  Minister  sah  voraus,
welche  peinliche  Rolle  er  allein  neben  den  beiden  Kaisern  spielen  mußte;
deshalb  behielt  er  sich  vor,  die  Münchengrätzer  Verhandlungen  nachträglich
in  Berlin  zu  prüfen  und  dabei  die  Meinung  des  kranken  Bernstorff  einzuholen,
  dem  er  offenbar  mehr  Mut  zutraute  als  sich  selber.  Unerschütterlich
  blieb  er  bei  seiner  Weigerung,  und  der  König  gab  ihm  recht.
Nur  um  den  Schein  der  Eintracht  vor  der  Welt  zu  wahren,  wurde  auf
die  Bitte  des  Zaren  der  Kronprinz  mit  nach  Münchengrätz  gesendet;  sein
Vater  befahl  ihm  indessen  streng,  weder  irgendein  Versprechen  zu  geben,
noch  an  den  politischen  Unterhandlungen  teilzunehmen.  So  trennten
sich  die  beiden  Monarchen,  in  Freundschaft,  doch  nicht  ohne  Verstimmung.

 

*)  Schölers  Bericht,  24.  Sept.  1833.

*“)  Diese  in  den  Tagebüchern  der  Fürstin  Metternich  (Hinterl.  Papiere  V.  435)
erwähnte  Äußerung  scheint  in  der  Tat  gefallen  zu  sein.  Am  Bundestage  wurde  sie
allgemein  geglaubt.  (Blittersdorffs  Bericht,  13.  Dez.  1833.)
        <pb n="338" />
        330  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Glücklicher  verliefen  dem  Zaren  die  zehn  Tage  seines  Aufenthalts
auf  dem  alten  Wallensteinschlosse  im  Isertale.  Kaiser  Franz  freilich
erschien  kläglicher  denn  je:  nach  einer  soeben  überstandenen  Krankheit  war
er  sichtlich  gealtert  und  sein  Gespräch  zum  Verzweifeln  geistlos.  Mit
Metternich  aber  fand  sich  Nikolaus  rasch  zusammen;  er  überhäufte  ihn  mit
Gnaden  und  sagte  ihm  gleich  bei  der  Begrüßung  mit  seinem  gewohnten
theatralischen  Pathos:  „Ich  komme,  um  mich  unter  die  Befehle  meines
Chefs  zu  stellen.“  Der  Eitelkeit  des  Osterreichers  war  sogar  diese  Schmeichelei
  nicht  zu  plump;  Metternich  glaubte  wirklich  selber  zu  herrschen,
derweil  die  Zügel  des  Kaiserbundes  unvermerkt  in  Rußlands  Hände  hinüberglitten.
  Schon  das  gesellige  Leben  in  Münchengrätz  ließ  erraten,
wie  der  Schwerpunkt  der  Allianz  sich  seit  den  Laibacher  Zeiten  verschoben
hatte.  Die  blendende  Erscheinung  des  Zaren  verdunkelte  alle  anderen.
Um  ihn  drängte  sich  huldigend  der  hohe  Adel,  allen  voran  Herzog  Wilhelm
von  Nassau,  der  ärgste  Reaktionär  des  deutschen  Fürstenstandes  und  darum
Nikolaus'  erklärter  Liebling;  auf  ihn  allein  waren  die  Blicke  aller  der  geheimen
  Agenten  gerichtet,  welche  sich  von  nah  und  fern  in  den  Städten
und  Bädern  Böhmens  eingefunden  hatten.  Ihm  zu  Ehren  wurden  glänzende
  Paraden  veranstaltet,  und  den  Diplomaten  der  alten  Schule,  die
das  Heer  eigentlich  nicht  für  ganz  hoffähig  ansahen,  kam  es  hart  an,  wenn
sie  beständig  von  den  Reiterkunststücken  des  ungarischen  Husarenregiments,
das  Kaiser  Franz  seinem  Gaste  verlieh,  sich  erzählen  lassen,  beständig  mit
Entzücken  beteuern  mußten,  wie  herrlich  die  neue  Uniform  den  schönsten
Mann  Europas  kleide.

Unterdessen  bewies  auch  der  Verlauf  der  diplomatischen  Arbeiten,  daß
in  den  Machtkämpfen  der  Politik  der  stärkere  Wille  dem  feineren  Kopfe
immer  überlegen  ist.  Der  Zar  erlangte  von  Metternich  alles,  was  er
wollte.  Er  erreichte  zunächst,  daß  die  beiden  Mächte  durch  einen  geheimen
Vertrag  sich  verpflichteten  (18.  Sept.),  den  Bestand  des  osmanischen
Reichs  unter  seinem  gegenwärtigen  Herrscherhause  zu  erhalten,  dem  Pascha
von  Agypten  keinen  Übergriff  in  die  europäischen  Provinzen  des  Sultans
zu  gestatten,  und  immer  in  Eintracht,  nach  gemeinsamem  Plane  zu  handeln,
falls  die  Türkei  gleichwohl  zusammenbrechen  sollte.  Metternich  frohlockte;
war  es  denn  nicht  ein  wunderbarer  Triumph  seiner  Weisheit,  daß  Rußland
  jetzt  die  alten  Anschläge  auf  Konstantinopel  feierlich  aufgab,  während
der  argwöhnische  Palmerston  schon  fürchtete,  die  Kaisermächte  würden  sich
in  Münchengrätz  über  die  Teilung  der  Türkei  verständigen?  In  Wahrheit
  hatte  Nikolaus'  Vertrauter  Graf  Alexis  Orlow,  der  Urheber  des  Vertrages
  von  Hunkiar  Iskelessi,  den  Osterreicher  nochmals  mit  vollendeter
Kunst  überlistet;  wenn  die  Türkei  unter  dem  vorkommenden  Hause  Osmans
fortbestand,  wenn  dem  einzigen  Manne,  der  ihr  vielleicht  noch  aufhelfen
konnte,  dem  Agypter,  ein  Riegel  vorgeschoben  wurde,  so  war  Rußlands
Schirmherrschaft  am  Bosporus  für  einige  Jahre  gesichert  und  damit
        <pb n="339" />
        Die  Verträge  von  Münchengrätz.  331

alles  erreicht,  was  man  in  Petersburg  vorläufig  wünschen  konnte.  In
der  orientalischen  Politik  immer  zurückhaltend,  trat  der  Berliner  Hof
diesem  Vertrage  nicht  förmlich  bei,  doch  er  billigte  ihn  lebhaft;  denn  An—
cillon  ahnte  so  wenig  wie  Metternich,  was  die  neue  Freundschaft  zwischen
dem  Zaren  und  dem  Sultan  bezweckte.  Als  die  Westmächte,  jetzt  endlich
über  die  Sachlage  aufgeklärt,  sich  in  Petersburg  über  den  Vertrag  von
Hunkiar  Iskelessi  beschwerten,  da  wurden  sie  hochmütig  abgewiesen,  und
der  preußische  Minister  freute  sich  von  Herzen  „dieser  zugleich  siegreichen
und  würdevollen  Antwort:  die  beiden  Mächte“,  meinte  er,  „haben  wohl  eine
Lektion  verdient,  da  sie  sich  in  Dinge  mischen,  die  sie  nichts  angehen“.)
In  bestem  Glauben,  wie  Metternich,  versicherte  er  den  Westmächten,  daß
Rußland  völlig  uneigennützige  Gesinnungen  hege  und  nicht  beabsichtige,
den  Vertrag  von  Hunkiar  Iskelessi  auszuführen;  zugleich  erging  er  sich
in  weihevollen  Betrachtungen  über  die  Gebrechlichkeit  des  armen  Großtürken,
  dem  er  damals  zuerst  den  Namen  des  „kranken  Mannes“  gab.

Als  einen  Erfolg  durfte  Rußland  auch  einen  Vertrag  über  Polen
betrachten,  der  in  Münchengrätz  von  Osterreich,  bald  nachher  (16.  Okt.)
von  Preußen  unterzeichnet  wurde.  Während  des  polnischen  Aufstandes
hatte  Nikolaus  einmal  daran  gedacht,  die  treulosen  Lande  westlich  der
Weichsel  als  unwürdig  der  russischen  Herrschaft  seinen  Verbündeten  abzutreten.
  Jetzt  war  von  solchen  Aufwallungen  keine  Rede  mehr.  Der
Zar  wollte  behaupten,  was  er  besaß,  und  Metternich  untersagte  gehorsam
die  geheimen  Begünstigungen,  welche  Erzherzog  Ferdinand  von  Cste  in
Galizien  den  vornehmen  polnischen  Flüchtlingen  bisher  gewährt  hatte.)
Rußland  erlangte,  daß  die  drei  Mächte  einander  ihren  polnischen  Besitz
nochmals  verbürgten  und  sich  gegenseitig  Hilfe  im  Falle  von  Aufständen,
auch  die  Auslieferung  der  wegen  Hochverrats  verfolgten  Polen  und  die
Überwachung  der  Teilnahme  an  dem  letzten  Aufruhr  versprachen.  Wie
die  Dinge  lagen,  ließ  sich  der  Vertrag  für  einige  Jahre  mindestens  durch
die  Not  entschuldigen,  da  die  Teilungsmächte  alle  drei  durch  die  Umtriebe
  der  polnischen  Verschwörer  bedroht  waren.  Auf  die  Dauer  mußte
dies  Abkommen  doch  nur  den  Moskowitern  Gewinn  bringen;  denn  im
Völkerverkehre  ist  der  rohere  Staat  fast  immer  im  Vorteil,  zwischen
Staaten  von  ganz  verschiedener  Gesittung  kann  die  Gegenseitigkeit  der
Rechte  und  Pflichten,  die  Vorbedingung  alles  Völkerrechts  selten  bestehen.
Daß  ein  preußischer  Hochverräter  in  Rußlands  freier  Luft  Zuflucht  gesucht
  hätte,  war  bisher  noch  niemals  vorgekommen;  die  Last  der  Auslieferungspflicht
  ruhte  mithin  allein  auf  den  Schultern  der  deutschen
Mächte,  und  beide  erschienen  vor  der  Welt  wie  dienstfertige  Gehilfen
Rußlands.

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Schöler,  27.  Nov.  1833.
*“)  Maltzahns  Bericht,  28.  Apr.  1833.
        <pb n="340" />
        332  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Höher  als  das  alles  galt  dem  Zaren  das  Vorgehen  der  Ostmächte
gegen  das  Bürgerkönigtum,  und  auch  diesen  Herzenswunsch  wollte  ihm
Metternich  gern  erfüllen.  Kaiser  Franz  zeigte  sich  über  das  Unwesen  der
Pariser  Propaganda  um  so  mehr  aufgebracht,  da  Ludwig  Philipp  eben
jetzt  sich  erdreistet  hatte,  die  Hilfe  Metternichs  gegen  die  zahlreichen  Legitimisten
  anzurufen,  die  sich  in  Österreich  in  der  Nähe  des  vertriebenen
Königs  Karl  aufhielten.  Daß  die  Unzufriedenen  aller  Länder  auf  die
stille  Unterstützung  der  Westmächte  rechnen  konnten,  war  ein  öffentliches
Geheimnis;  zahlreiche  Demagogen  bereisten  das  Festland  unter  falschen
Namen,  mit  englischen  Pässen;  mehrere  der  Diplomaten  aus  Palmerstons
Schule,  vornehmlich  der  hitzköpfige  Lord  Minto,  versammelten  an  den  kleinen
Höfen  die  Oppositionsparteien  um  sich.  Wenn  die  Ostmächte  solchen
Friedensstörungen,  zunächst  durch  eine  gemeinsame  Beschwerde  in  Paris,
offen  entgegentreten  wollten,  so  taten  sie  nur,  was  ihnen  zustand,  und
Frankreich  selbst  konnte  ihre  Berechtigung  nicht  bestreiten.  Aber  wie  ließ
sich  mit  dieser  Beschwerde  die  schon  in  Schwedt  besprochene  Erklärung  gegen
die  Nichteinmischungslehre  des  Julikönigtums  angemessen  verbinden?
Nikolaus  vergaß  oder  wollte  vergessen,  daß  er  seinem  Schwiegervater  von
einem  förmlichen  Vertrage  kein  Wort  gesagt  hatte.  Hier  unter  den  Österreichern
  fühlte  er  sich  freier  und  verlangte  ein  feierliches  Manifest,  das,
ähnlich  wie  einst  das  Troppauer  Rundschreiben,  der  Welt  die  Heilslehre
des  Einmischungsrechts  verkünden  sollte.  Was  kümmerte  es  ihn  in  seiner
blinden  Leidenschaft,  daß  die  Welt  sich  seit  dem  Troppauer  Kongreß  von
Grund  aus  verwandelt  hatte,  und  man  nicht  mehr  dem  schwachen  Neapel,
sondern  der  fanatischen  Kriegsbegierde  der  Radikalen  Frankreichs  gegenüberstand?
  Metternich  aber  ging  auf  den  törichten  Vorschlag  ein;  die
Furcht  vor  der  italienischen  Revolution  und  der  glühende  Wunsch,  den
Zaren  ganz  für  sich  zu  gewinnen,  ließen  ihn  der  gewohnten  Vorsicht  völlig
vergessen.  „Der  Zustand  Europas  ist  unerträglich,  man  muß  ein  Ende
machen,“  so  sagte  er  zu  den  Russen,  obgleich  er  den  Krieg  im  Ernst
nicht  wünschte.

Nun  ward  ein  förmlicher  Vertrag  verabredet:  die  drei  Mächte  bekennen
  sich  ausdrücklich  zu  dem  Rechtsgrundsatze  der  Einmischung  und
sind  „bereit,  jederzeit  ihre  vereinte  Macht  aufzubieten,  um  die  rechtmäßige
Intervention  zu  unterstützen“.  Diesen  Vertrag  wollte  man  sodann  gemeinsam
  dem  französischen  Hofe  vorlegen  und  zugleich  in  einer  kurzen,
herrischen  Erklärung  den  Wunsch  aussprechen,  „daß  alle  anderen  Regierungen
  fortfahren  würden,  diese  Grundsätze  zur  Richtschnur  ihres  Handdelns
  zu  nehmen“.  Unmittelbaren  Vorteil  für  sein  Rußland  konnte
Nikolaus  von  einem  solchen  Abkommen  nicht  erwarten;  er  wußte,  daß  die
Türkei  damals  noch  nicht  zu  dem  Gebiete  des  europäischen  Völkerrechts
gerechnet  wurde,  und  seine  Verbündeten  mithin  auch  nicht  beabsichtigten,
ihre  Einmischungslehre  etwa  zu  Rußlands  Gunsten  im  Oriente  anzuwen-
        <pb n="341" />
        Verabredung  über  das  Einmischungsrecht.  333

den..)  Der  einzige  Zweck  des  Vertrages  war  also  eine  Drohung  gegen
Frankreich,  eine  Drohung,  die  im  gegenwärtigen  Augenblicke  nur  wie  eine
mutwillige  Friedensstörung  wirken  konnte.  Wenn  die  Regierung  des
Bürgerkönigs  im  Gefühle  ihrer  Schwäche  eine  hohle  revolutionäre  Doktrin
aufgestellt  hatte,  so  war  es  doch  sicherlich  nicht  geboten,  ihr  ein  ebenso  hohles
legitimistisches  Dogma  in  verletzender  Form  entgegenzuhalten.  Wurde  der
Münchengrätzer  Vertrag,  wie  er  vorlag,  in  Paris  bekannt,  so  vermochten
die  Orleans  den  kriegerischen  Leidenschaften  der  Radikalen  schwerlich  mehr
zu  widerstehen  und  dann  brach  ein  Weltkampf  los,  ein  Krieg  nicht  um
irgend  eine  ernste  Machtfrage,  sondern  um  die  leeren  Schlagworte  der
Revolution  und  der  Legitimität.  Wer  darf  sagen,  ob  Nikolaus'  beschränkter
Kopf  alle  diese  Folgen  übersah?  Genug,  der  Zar  erreichte  seinen  nächsten
Zweck  und  kehrte  befriedigt  heim,  ohne  das  preußische  Gebiet  wieder  zu
berühren.  Seine  ganze  Reise  hatte  nur  vier  Wochen  gewährt;z  sie  zeigte
von  Anfang  bis  zum  Ende,  daß  sie  nicht  einer  klaren  staatsmännischen
Berechnung,  sondern  einer  jähen  Despotenlaune  entsprungen  war.  Die
Osterreicher  freuten  sich  inbrünstig  der  wiederhergestellten  Freundschaft  der
beiden  Kaiserhöfe,  und  noch  nach  Jahren  schrieb  Metternich,  diese  Tage  von
Münchengrätz  seien  dem  Kaiser  Franz  eine  der  teuersten  Erinnerungen
seines  langen  Lebens  geblieben.

Aber  sollte  der  König  von  Preußen  sich's  bieten  lassen,  daß  seine  Verbündeten
  über  seinen  Kopf  hinweg,  und  in  offenbarem  Widerspruche  mit
den  Schwedter  Verabredungen,  Verträge  schlossen?  Sollte  er  durch  leere
Drohungen  einen  Krieg  heraufbeschwören  helfen,  dessen  Gefahren  man
nirgends  besser  kannte  als  in  Berlin?  Über  den  Zustand  des  gerühmten
russischen  Heeres  wußte  General  Schöler  wohl  Bescheid;  immer  wieder  berichtete
  er  seinem  Hofe,  wie  verstimmt  die  Offiziere  seien  über  die  furchtbare
  Härte  des  Zaren,  über  die  Ode  des  Kamaschendienstes,  über  die
Unmasse  der  Disziplinarstrafen;  komme  der  Krieg,  so  werde  das  preußische
Heer  sich  ohne  Zweifel  vollzähliger,  kampfwilliger,  schlagfertiger  und  nachhaltiger
  zeigen  als  das  russische.“)  Die  Kaisermächte  schienen  selbst  zu
fühlen,  welche  Zumutung  dem  Könige  gestellt  wurde,  und  sendeten  daher
zwei  ihrer  besten  Diplomaten,  Nesselrode  und  Ficquelmont,  nach  Berlin,
um  die  Zustimmung  Preußens  zu  gewinnen.  Ancillon  jedoch  empfing  die
beiden  sehr  kühl:  der  Münchengrätzer  Vertrag  sei  dem  Könige  ebenso  neu
als  unerwartet  und  drohe  in  die  Zukunft  der  drei  Mächte,  ja  Europas  dermaßen
  einzugreifen,  daß  die  reiflichste  Erwägung  geboten  scheine.*“)  Die
Berliner  Verhandlungen  währten  volle  drei  Wochen.  Metternich  verzehrte
sich  in  Ungeduld;  gegen  seine  Vertrauten  schalt  er  wieder  auf  Preußens

*)  Dies  sagt  Ancillon  ausdrücklich  (Weisung  an  Schöler,  12.  Jan.  1834).
*“)  Schölers  Bericht,  28.  Dez.  1833  ff.

*",)  Ancillon,  Weisung  an  Brockhausen,  26.  Sept.,  an  die  Gesandtschaften  14.  Oktober
  1833.
        <pb n="342" />
        334  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Feigheit  und  schilderte  den  Staat,  der  ihm  soeben  durch  die  Stiftung
des  Zollvereins  seine  Kraft  erwiesen  hatte,  als  ein  erbärmliches  Zwitterwesen,
  ein  juste  milien  zwischen  den  Mächten  ersten  und  zweiten  Ranges.?)

Der  preußische  Minister  ließ  sich  dadurch  nicht  anfechten;  der  König
und  Bernstorff  standen  hinter  ihm,  und  seine  Friedensliebe  selbst  erhöhte
ihm  den  Mut.  Er  nötigte  die  beiden  Unterhändler,  die  drei  schärfsten
Artikel  aus  dem  Münchengrätzer  Vertrage  zu  streichen.  Was  nunmehr
noch  übrig  blieb  und  am  15.  Oktober  endlich  unterzeichnet  wurde,  klang
noch  immer  töricht  genug,  aber  nicht  mehr  wie  eine  offenbare  Drohung.
Die  drei  Mächte  erkannten  an,  daß  jeder  Souverän  das  Recht  habe,  im
Falle  innerer  oder  äußerer  Gefahren  die  Hilfe  eines  anderen  Souveräns
anzurufen,  und  keine  dritte  Macht  dann  befugt  sei,  die  Einmischung  zu
verhindern;  sie  erklärten  ferner:  wenn  eine  von  ihnen  selbst  zur  Einmischung
  aufgefordert  und  deshalb  durch  einen  dritten  Staat  angegriffen
würde,  dann  müßten  sie  allesamt  die  Sache  der  angegriffenen  Macht  als
ihre  eigene  betrachten.  Der  also  aufgestellte  Grundsatz  war  nicht  ganz  so
vernunftwidrig  wie  die  französische  Nichteinmischungslehre,  aber  ebensowenig
  unanfechtbar;  denn  sollte  jedem  souveränen  Staate  gestattet  sein,  nach
freiem  Ermessen  seinem  Nachbarn  Hilfe  zu  leisten,  so  mußte  folgerecht  auch
jedem  anderen  Souverän  unverwehrt  bleiben,  je  nach  Umständen  dieser
Einmischung  entgegenzutreten.  Immerhin  hatte  Preußen  dem  gefährlichen
Unternehmen  die  Spitze  abgebrochen;  das  von  dem  Zaren  so  leidenschaftlich
  betriebene  Werk  zerfloß  in  doktrinäre  Erörterungen  über  mögliche
Fälle  der  Zukunft.  Zum  Überfluß  verpflichteten  sich  die  drei  Mächte,
auf  Preußens  Verlangen,  den  Vertrag  vorläufig  tief  geheim  zu  halten;
ihre  Gesandten  in  Paris  sollten  nur,  wenn  sie  sich  über  die  Propaganda
beschwerten,  gleichzeitig  auch  die  vereinbarten  Grundsätze  über  das  Einmischungsrecht
  aussprechen,  ohne  des  Vertrages  selber  zu  gedenken.  Damit
schien  jede  Kriegsgefahr  beseitigt,  und  man  mußte  nur  noch  auf  eine  lebhafte
akademische  Unterhaltung  mit  dem  Pariser  Auswärtigen  Amte  gefaßt  sein.

Nikolaus  machte  gute  Miene  zum  bösen  Spiele  und  erklärte  wiederholt
  sein  „Entzücken“  über  die  Berliner  Beratungen.““)  Mittlerweile
lernte  Preußen  noch  einmal  die  Zuverlässigkeit  der  Russen  kennen.  Der
geheime  Vertrag  war  kaum  unterzeichnet,  da  richtete  Nesselrode  schon,  am
16.  Oktober,  aus  Berlin  ein  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften  bei
den  kleinen  Höfen  und  erzählte  darin  ganz  unbefangen  alles  wesentliche
aus  den  jüngsten  Verhandlungen:  der  Grundsatz  der  Einmischung,  so
schloß  er,  „entspricht  dem  Interesse  aller  legitimen  Regierungen“.“)
Offenbar  wollte  Rußland  durch  diese  vorzeitige  Nachricht,  die  unmöglich

*7)  Brockhausens  Berichte,  1.,  9.,  19.  Okt.  1833.
**)  Ancillon  an  Schöler,  7.  Nov.  1833  ff.
***)  Nesselrode,  Zirkulardepesche  an  die  Gesandtschaften  in  Dresden,  München,
Turin,  usw.,  4./16.  Okt.  1833.
        <pb n="343" />
        Erklärungen  der  Ostmächte  in  Paris.  335

geheim  bleiben  konnte,  den  Streit  verschärfen,  den  französischen  Hof  reizen.
Als  der  österreichische  Geschäftsträger  von  Hügel  am  30.  Oktober  den  Herzog
von  Broglie  aufsuchte,  um  ihm  die  in  Berlin  verabredete  Mitteilung  zu
machen,  fand  er  den  Minister  schon  vorbereitet  und  überaus  zurück—
haltend;  der  Franzose  erklärte  trocken,  in  der  Schweiz  und  in  Belgien
könne  sein  König  eine  Intervention  nicht  dulden  —  was  sich  im  Grunde
von  selbst  verstand,  da  beide  Länder  als  neutral  anerkannt  waren.  Am
folgenden  Tage  ward  aber  Ministerrat  gehalten,  und  Ludwig  Philipp
entschied,  daß  man  den  Bogen  nicht  überspannen  dürfe.  Pozzo  di  Borgo
und  Werther  wurden  daher  am  1.  November  ungleich  besser  empfangen,
der  Preuße  sogar  mit  freundschaftlicher  Wärme;  Broglie  versprach  dem
Unwesen  der  Flüchtlingsvereine  nach  Kräften  zu  steuern  und  erhob  auch
gegen  die  Einmischungslehre  der  Verbündeten  nur  wenige  Einwendungen.“)

Also  schien  das  große  diplomatische  Zugstück  mit  einem  Schwall
nichtssagender  Redensarten  zu  enden.  Doch  leider  folgte  noch  ein  häßliches
  Nachspiel.  Broglie  konnte  sich's  nicht  versagen,  in  einem  Rundschreiben
  an  die  Gesandtschaften  die  drei  Unterredungen  mit  doktrinärer
Selbstgefälligkeit  zu  schildern.  Schon  die  hochmütige  Sprache  dieses
Schriftstückes  mußte  verletzen.  Denn  jedes  Volk  hat  seine  eigenen  Fehler,
die  ihm  natürlich  zu  Gesichte  stehen;  bei  den  Germanen  kann  sich  der
Doktrinarismus  mit  harmloser  Gutmütigkeit  paaren,  bei  den  Romanen
entartet  er  stets  zu  unleidlichem  Tugendstolze.  Schlimmer  war,  daß  der
tugendhafte  Franzose  selbst  Unwahrheiten  nicht  verschmähte.  Er  behauptete,
gesagt  zu  haben,  daß  Frankreich  auch  in  Piemont  eine  Einmischung  nicht
dulden  werde.  Die  drei  Gesandten  stellten  dies  übereinstimmend  in  Abrede;
  und  nun  begann  ein  lang  anhaltender,  widerwärtiger  persönlicher
Zank;  sogar  der  sanftmütige  Ancillon  beschuldigte  den  Franzosen  der
Zweizüngigkeit  und  Charakterschwäche.“)  Das  Ende  war,  daß  West  und
Ost  einander  noch  lange  höchst  gereizt  gegenüberstanden.  Die  Staatsmänner
  der  Tuilerien  redeten  wieder  viel  von  dem  natürlichen  Bunde
mit  den  kleinen  Staaten  der  Nachbarschaft  und  wollten  nicht  begreifen,
warum  weder  die  deutschen  Fürsten  noch  der  strenge  Legitimist  Karl  Albert
von  Piemont  sich  nach  Frankreichs  Schirmherrschaft  sehnten.  Auch  Palmerston
  fühlte  sich  beleidigt;  er  nannte  das  Auftreten  der  drei  Mächte  eine
Schilderhebung  gegen  die  Verfassungsstaaten  und  erlaubte  sich  in  seinen
geheimen  Depeschen  grobe  Ungezogenheiten,  die,  bald  verraten,  neuen
Unmut  erregten.  In  Wien  und  Petersburg  aber  begann  man  nach
einiger  Zeit  halb  widerwillig  einzusehen,  daß  Preußens  Mäßigung  die  Welt
vor  einer  ernsten  Gefahr  bewahrt  hatte.  —

 

*)  Pozzo  di  Borgos  Berichte,  7  —42  ;  Ancillon,  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften,
  19.  Nov.  1833.
**)  Ancillon,  Weisungen  an  Schöler,  8.,  22.  Dez.  1833.
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        336  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Der  europäischen  Politik  der  beiden  Kaisermächte  widerstand  der
Berliner  Hof  zähe  und  nachhaltig,  aber  im  Kampfe  gegen  die  deutsche
Revolution  fand  er  sich  mit  der  Hofburg  wieder  zusammen.  Der  Frankfurter
  Wachensturm  und  was  nachher  noch  von  den  Plänen  der  Radikalen
  entdeckt  wurde,  schlug  die  Höfe  mit  Schrecken.  König  Wilhelm  von
Württemberg  meinte  den  Boden  unter  seinen  Füßen  versinken  zu  sehen,
als  die  Ludwigsburger  Soldatenverschwörung  an  den  Tag  kam;  auf  die
Treue  seiner  Truppen  hatte  er  sich  immer  so  fest  verlassen.  In  der  ersten
Angst  befürchtete  er  einen  allgemeinen  süddeutschen  Aufruhr  und  wendete  sich
nach  Wien  um  Hilfe.  Darauf,  im  Mai  1833,  überbrachte  Fürst  Lichnowsky
den  Höfen  von  Stuttgart  und  Karlsruhe  die  vertrauliche  Mitteilung,  daß
man  ein  österreichisches  Korps  an  der  Westgrenze  bereit  stellen  werde,  um  im
Notfall  die  Ruhe  des  deutschen  Südens  zu  schützen.“)  Aber  auch  nur
im  äußersten  Notfall.  Metternich  hoffte  mit  sanfteren  Mitteln  auszureichen
und  sendete  dem  Könige  zunächst  eine  lehrhafte  Denkschrift,  die  schon  auf
die  Möglichkeit  „einer  heilsamen  Reform“  der  Landesverfassungen  hindeutete
  und  sich  sogar  zu  einer  neuen  Metapher  aufschwang:  da  die  Pest
und  der  Krebs  allmählich  verbraucht  waren,  so  verglich  der  besorgte  politische
  Arzt  diesmal  die  Revolution  mit  der  Influenza.

An  den  Höfen  erfuhr  man  bald,  daß  der  Staatskanzler  einen  neuen
großen  Schlag  in  der  Bundespolitik  vorbereitete.  Als  er  sich  im  Juli  nach
seinem  Schlosse  Königswart  begeben  hatte,  sprach  eine  stattliche  Schar
strebsamer  Diplomaten  bei  ihm  vor;  die  einen  wollten  horchen,  andere  unterbreiteten
  dem  Minister  ihre  Vorschläge  zur  Rettung  Deutschlands.  Unter
diesen  Gästen  war  auch  Blittersdorff,  der  in  einer  Denkschrift  darstellte,
wie  der  Bundestag  fortan  in  dem  Kampfe  gegen  „das  konstitutionelle
Prinzip“  die  Führung  übernehmen,  überall,  auch  in  der  europäischen
Politik  tätiger  auftreten  und  folglich,  damit  die  Nation  ihre  Zentralgewalt
verstehe,  seine  Verhandlungen  zum  Teil  veröffentlichen  müsse.  Der  Osterreicher
  aber  wußte  nur  zu  wohl,  was  die  Frankfurter  Versammlung  leisten
konnte;  er  hoffte  gerade  durch  Umgehung  des  Bundestags  sein  Ziel  zu
erreichen,  und  empfahl  daher,  als  er  im  August  zu  Teplitz  mit  Ancillon
zusammentraf,  die  Berufung  einer  neuen  Ministerkonferenz,  nach  dem
Karlsbader  und  Wiener  Vorbilde.  Der  preußische  Minister  ging  auf  diesen
Vorschlag,  den  sein  Vorgänger  vor  zwei  Jahren  so  entschieden  abgewiesen,
jetzt  mit  Freuden  ein,  denn  die  Torheiten  der  Radikalen  in  Hambach  und
Frankfurt  hatten  auch  ihn  tief  erschreckt;  doch  hielt  er  fest  an  dem  Grundsatze
  Bernstorffs,  daß  man  neuer  Bundesgesetze  nicht  bedürfe,  sondern  nur
über  die  kräftige  Handhabung  der  bestehenden  Gesetze  sich  verabreden  müsse.

Die  beiden  Staatsmänner  entwarfen  dann  selbander  ein  Rundschreiben
an  die  deutschen  Höfe,  das  von  Ancillon  sofort,  schon  am  24.  Aug.,  von

 

*)  Berichte  von  Maltzahn,  28.  April,  28.  Mai,  von  Salviati,  13.,  22.  Juni  1833.
        <pb n="345" />
        Die  Wiener  Ministerkonferenzen.  337

Metternich  erst  nach  der  Münchengrätzer  Zusammenkunft  am  5.  Oktober
abgesendet  wurde.  Das  Zirkular  lud  die  leitenden  Minister  der  größeren
Bundesstaaten  zu  einer  Besprechung  ein,  um  den  „immer  drohender  werdenden
  Übeln  der  Zeit“  zu  begegnen,  und  sprach  die  bestimmte  Meinung
aus,  daß  dazu  die  gehörige  Anwendung  der  bestehenden  Bundesgesetze
genügen  werde.  Sobald  diese  Einladung  ruchbar  ward,  witterten  die
Liberalen  sogleich  wieder  Petersburger  Umtriebe,  und  Palmerston,  der  eben
damals  den  Frankfurter  Senat  gegen  den  Bundestag  aufwiegelte,  versicherte
  mit  leichtfertiger  Dreistigkeit,  diese  deutschen  Ministerkonferenzen
seien  ebensosehr  ein  russisches  als  ein  österreichisches  Werk.  Möglich
immerhin,  daß  Metternich  in  Münchengrätz  seine  Pläne  mit  dem  Zaren
besprochen  hat,  da  er  sein  Rundschreiben  so  auffällig  spät  absendete;
Preußen  aber  erließ  seine  Einladung,  noch  bevor  Nikolaus  den  deutschen
Boden  betreten  hatte.  Auch  an  den  Konferenzen  selbst  nahm  die  russische
Diplomatie  nicht  einmal  mittelbar  irgend  einen  Anteil;  erst  nach  dem
Schlusse  der  Beratungen  empfing  der  Zar  eine  Mitteilung  über  die
Ergebnisse,  was  sich  unter  so  nahe  befreundeten  Höfen  von  selbst  verstand.)
Die  Spitze  der  geplanten  Ministerversammlung  war  offenbar  gegen  die
Landtage  gerichtet,  obgleich  auch  die  beiden  anderen  Lieblinge  der  Hofburg,
die  Universitäten  und  die  Zeitungen  wieder  ihr  Teil  erhalten  sollten;
denn  da  die  revolutionären  Verschwörungen  der  jüngsten  Zeit  sich  fast  ausschließlich
  im  konstitutionellen  Deutschland  zeigten,  so  schloß  Metternich,
daß  sie  in  dem  Repräsentativsysteme  ihre  Wurzeln  hätten,  und  hoffte,
durch  eine  verabredete  gemeinsame  Politik  der  Höfe  die  neuen  Verfassungen,
die  man  doch  nicht  mehr  beseitigen  konnte,  mindestens  in  ihrer  Wirksamkeit
  zu  hemmen.

Die  kleinen  konstitutionellen  Regierungen  durchschauten  diesen  Plan
und  gerieten  wieder  einmal  in  ratlose  Verlegenheit;  Schutz  gegen  ihre
Landtage  wünschten  sie  allesamt,  aber  vor  einem  Bruche  ihres  Verfassungseides
  schraken  die  meisten  zurück,  und  ihre  Souveränität  wollten  sie
sich  nicht  durch  den  Bund  beschränken  lassen.  Sie  fühlten  sich  um  so  mehr
beängstigt,  da  sie  über  den  Zweck  der  Konferenz  durchaus  keinen  sicheren
Aufschluß  erlangen  konnten.  Das  wollen  wir  von  euch  erfahren,  antwortete
  man  in  Wien  wie  in  Berlin;  die  konstitutionellen  Minister  sollen
ihre  Klagen  über  die  Mißstände  des  Repräf  entativsystems  vorbringen,  dann
wird  beschlossen  werden,  wie  dem  Übel  abzuhelfen  sei.  Als  der  sächsische
Minister  Lindenau  im  Herbst  in  Geschäften  des  Zollvereins  den  Münchener
und  den  Stuttgarter  Hof  besuchte,  fragte  er  zugleich  vertraulich  an,  was
wohl  auf  den  Konferenzen  zur  Beschützung  der  Landesverfassungen  geschehen
könne.  Man  kam  jedoch  zu  keiner  Vereinbarung,  da  die  Ansichten  über
die  unlösbaren  Rätsel  des  Bundesrechts,  zumal  über  die  rechtmäßigen

 

*)  Brockhausens  Bericht,  17.  Juni  1834,  mit  Randbemerkung  des  Königs.
v.  Treitsch  ke.  Deutsche  Geschichte.  IV.  22
        <pb n="346" />
        338  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Grenzen  der  Bundesgewalt  allzu  weit  auseinander  gingen,  und  beruhigte
sich  stillschweigend  bei  der  angenehmen  Erwartung,  daß  im  Deutschen
Bunde  niemals  ein  wirksamer  Beschluß  zustande  kommen  könne.  Diese
Hoffnung  sprach  der  hannöversche  Bundesgesandte  Stralenheim  im  Namen
seiner  wohlmeinenden  Regierung  sehr  aufrichtig  aus:  wenn  man  nur  die
Großmächte  nicht  reize,  sondern  „dilatorisch“  verfahre,  sowürden  die  Landesverfassungen
  wohl  unerschüttert  und  die  neue  Wiener  Ministerversammlung
ebenso  ergebnislos  bleiben  wie  einst  die  alte  vom  Jahre  1820.-)
Inzwischen  hielt  Metternich  doch  für  nötig,  sich  mindestens  der  Zustimmung
  des  Münchener  Hofes  zu  versichern,  der  so  oft  schon  durch  seine
Vorbehalte  die  Bundespolitik  der  Hofburg  erschwert  hatte;  und  wieder,
wie  vor  neun  Jahren  bei  der  Verlängerung  der  Karlsbader  Beschlüsse,
glückte  es  ihm,  den  König  von  Bayern  zu  einer  persönlichen  Zusammenkunft
  zu  bewegen.  Als  er  im  Oktober  zu  Linz  mit  König  Ludwig  zusammentraf,
  fand  er  freundliches  Entgegenkommen.  Der  König  war  noch
immer  erbittert  über  seinen  unbotmäßigen  Landtag  und  erklärte  sich  gern
bereit,  „das  monarchische  Prinzip“  inden  Landesverfassungen  zu  verstärken;
nur  wollte  er  —  und  dies  war  auch  Preußens  Wunsch  —  die  Konferenz
lieber  in  Prag  oder  Linz  als  in  Wien  zusammentreten  sehen.“*)  Der
Staatskanzler  aber  konnte  sich  nicht  auf  so  lange  Zeit  von  seinem  Amte
entfernen,  und  so  erlebte  denn  Kaiser  Franz  im  Januar  1834  die  Genugtuung,
  daß  sich  die  leitenden  Staatsmänner  Deutschlands  als  Vertreter
der  siebzehn  Stimmen  des  engeren  Rates,  wie  wenn  er  ihr  Kaiser  wäre,
in  seiner  Hofburg  einfanden.  Zu  einem  fröhlichen  reaktionären  Staatsstreiche
  Karlsbader  Stiles  war  die  Zeit  freilich  nicht  angetan;  denn  mehr
als  eine  Verständigung  über  konservative  Gemeinplätze  hatte  Metternich
in  Linz  nicht  erreicht,  und  da  er  selber  keinen  bestimmten  Plan  verfolgte,
sondern  lediglich,  ohne  die  Mittel  und  Wege  zu  übersehen,  die  unheimliche
Macht  der  kleinen  Landtage  eindämmen  wollte,  so  konnte  es  nicht  fehlen,
daß  die  Kraft  der  Trägheit,  der  Partikularismus  und  die  Verfassungstreue
der  konstitutionellen  Höfe  seinem  Unternehmen  bald  den  Stachel  nahmen.
Die  Parteistellung  gestaltete  sich  diesmal  anders  als  auf  der  ersten
Wiener  Konferenz  vor  vierzehn  Jahren.  Metternich  selbst  war  durch  die
Niederlagen  der  letzten  Jahre,  nach  überstandenem  erstem  Schrecken,  nicht
gebeugt,  sondern  nur  in  seiner  Selbstgerechtigkeit  bestärkt  worden.  Alles
hatte  er  vorher  gewußt,  alles  vorausgesagt.  Erfroren  in  Dünkel  blickte
er  auf  die  kleinen  Sterblichen  nieder  und  sagte  zu  Varnhagen,  als  dieser
ihm  seine  untertänige  Aufwartung  machte:  ich  bin  der  Mann  der  Wahrheit,
  seit  fünfundzwanzig  Jahren  habe  ich  nichts  zu  bereuen.  Mit  seinem
Amte  war  er  jetzt  so  fest  verwachsen,  daß  er  den  Fall  seines  Rücktrittes

 

*)  Türckheim  an  Blittersdorff,  21.  Nov.,  Blittersdorffs  Bericht,  21.  Nov.  1833.
*#)  Dönhoffs  Bericht,  München,  2.  Dez.  1833.
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        Die  Konservativen  auf  der  Konferenz.  339

geradehin  für  unmöglich  erklärte.  In  der  Stille  gewann  seine  dritte  Ge—
mahlin  Gräfin  Melanie  Zichy  große  Macht  über  den  Alternden,  eine
schöne,  feurige  junge  Dame,  die  ihre  streng  legitimistische  Gesinnung  her—
ausfordernd  zur  Schau  trug  und  durch  ihr  beleidigendes  Betragen  gegen
den  französischen  Gesandten  zuweilen  den  Gatten  selbst  in  Verlegenheit
brachte.  Sie  vergötterte  ihren  Clemens  und  hielt  ihn  für  den  Retter
der  Welt;  sie  entdeckte  sogar,  was  noch  kein  anderer  Sterblicher  bemerkt
hatte,  eine  auffällige  Gesinnungsverwandtschaft  zwischen  ihrem  Gemahl  und
dem  Apostel  Paulus.  Unter  der  Leitung  dieser  sanften  Hände  wurde
Metternich  unvermerkt  den  klerikalen  Ansichten  näher  geführt.  Er  gedachte
wieder  mit  Stolz  seines  Vorfahren,  jenes  trierschen  Kurfürsten  Lothar,
der  einst  die  katholische  Liga  mitbegründet  hatte,  und  aller  der  anderen
kirchlichen  Erinnerungen  seines  alten  Domherrengeschlechts.  Obwohl  er
das  Weltkind  des  achtzehnten  Jahrhunderts  nie  ganz  verleugnen  konnte,
so  ließ  er  sich's  doch  wohl  gefallen,  daß  jetzt  statt  des  Kantianers  Gentz
der  Renegat  Jarcke  das  Zepter  schwang  unter  den  Publizisten  der  Hof—
burg.  Je  mehr  er  sich  in  seinen  hochkonservativen  Anschauungen  ver—
härtete,  um  so  sichtlicher  schwand  auch  jener  Zauber  bestrickender  Liebenswürdigkeit,
  dem  er  einst  so  große  diplomatische  Erfolge  verdankt  hatte.  Der
schwerhörige  alte  Herr,  der,  allen  Einwürfen  unzugänglich,  immer  nur  in
strengem  Dozententone  dieselben  Gedanken  wiederholte,  verblüffte  die  Neulinge
  durch  seine  feierliche  Würde,  und  niemand  bestritt  ihm  den  Ruhm
des  Nestors  der  europäischen  Diplomatie;  zu  gewinnen,  zu  überreden  vermochte
  er  nur  noch  selten.

Unter  allen  Mitgliedern  der  Konferenz  stand  Ancillon  der  Hofburg
am  nächsten.  Wie  stolz  fühlte  er  sich,  als  er  in  die  Versammlung  eintrat
  und  ihr  salbungsvoll  zurief:  „die  Augen  von  Deutschland  und  ganz
Europa  sind  auf  uns  gerichtet.“  Mit  allgemeiner  Verehrung  wurde  er
aufgenommen,  denn  von  dem  neuesten  glänzenden  Erfolge  der  preußischen
Politik,  der  Gründung  des  Zollvereins,  fiel  ein  Widerschein  auf  sein  unschuldiges
  Haupt  zurück.  Er  blieb  nur  sechs  Wochen  in  Wien,  weil  die
Amtsgeschäfte  ihn  heimriefen;  die  übrigen  vier  Monate  hindurch  vertrat
ihn,  da  man  den  der  Hofburg  so  tief  verhaßten  Eichhorn  nicht  zu  senden
wagte,  der  Geheime  Justizrat  Graf  Alvensleben,  ein  tüchtiger  Jurist  von
gemäßigt  konservativer  Gesinnung,  aber  erklärter  Anhänger  Osterreichs
und  darum  von  Wittgenstein  dem  Könige  empfohlen.“')  Die  Wahl  war
ein  arger  Mißgriff;  denn  als  ein  Beamter  mittleren  Ranges  und  streng
an  seine  Instruktionen  gebunden,  durfte  Alvensleben  nicht  wagen,  gegen
Metternich  so  selbständig  wie  vormals  Bernstorff  aufzutreten.  Im  übrigen
war  Preußens  Stellung  durch  ein  fast  unentrinnbares  tragisches  Verhängnis
  vorgezeichnet.  Wie  einst  die  Hohenstaufen,  eingepreßt  zwischen

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  1.  Jan.  1834.
227
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        340  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

der  römischen  Kurie  und  der  wuchernden  Fülle  der  deutschen  Territorialgewalten,
  sich  gezwungen  sahen,  das  Fürstentum  gegen  die  Städte  zu  begünstigen,
  so  mußten  die  Hohenzollern  jetzt  den  Liberalismus  bekämpfen.
Der  preußische  Hof  wollte  gegen  Rußlands  Wünsche  seine  verständige
europäische  Friedenspolitik  weiterführen,  ohne  das  unentbehrliche  Bündnis
der  Ostmächte  zu  zersprengen;  er  wollte  gegen  Osterreichs  Willen  die
praktische  deutsche  Einheit,  den  Zollverein  aufrecht  halten,  ohne  den  für
jetzt  ebenfalls  unentbehrlichen  Deutschen  Bund  zu  zerstören;  und  wie
konnte  er  diese  zweifache  schwierige  Aufgabe  lösen,  wenn  er  nicht  in  den
armseligen  Händeln  der  zur  Polizei  herabgesunkenen  Bundespolitik  dem
Wiener  Hof  einiges  nachgab?  An  den  Liberalen,  den  Feinden  des  Zollvereins,
  den  Freunden  Polens  fand  er  keine  Stütze.  Genug,  Alvensleben
ging  mit  Metternich  und  Münch,  der  als  einziger  Vertreter  des  Bundestages
  den  Konferenzen  beiwohnte,  meist  zusammen.  Nur  zu  offenbarem
Verfassungsbruch  verweigerte  er  seine  Mitwirkung;  selbst  die  in  Metternichs
  Augen  schlechthin  verwerfliche  Offentlichkeit  der  Landtage  wollte
der  preußische  Hof  nur  beschränken,  nicht  beseitigen,  da  sie  einmal  in  den
neuen  Staatsgrundgesetzen  zugestanden  sei.)

Unter  den  Ministern  der  kleinen  Staaten  tat  sich  du  Thil  durch
seinen  monarchischen  Feuereifer  hervor;  schwer  gereizt  durch  den  Übermut
  des  letzten  Landtags  hatte  er  die  kühnsten  Außerungen  seiner  Darmstädter
  Abgeordneten  in  einem  Verzeichnis  zusammengestellt  und  hoffte,
die  Konferenz  werde  diesen  Syllabus  liberaler  Irrlehren  feierlich  verdammen.
  Auch  der  dänische  Minister  Reventlow-Criminil  dachte  streng
konservativ  wie  der  Bundesgesandte  Pechlin  und  König  Friedrich  VI.  selbst.
Als  während  der  Wiener  Konferenz  die  neuen,  wahrlich  sehr  bescheidenen
dänischen  Provinzialstände  eingeführt  wurden,  hielt  der  Kopenhager  Hof
für  nötig,  den  deutschen  Mächten  ausdrücklich  zu  versichern:  es  sei  „der
bestimmte  Wille  Sr.  Majestät,  das  monarchische  Prinzip  in  allen  Stücken
unverletzt  aufrechtzuhalten  und  weder  in  der  Gesetzgebungsgewalt  noch  im
Besteuerungsrechte  etwas  von  den  Befugnissen  der  Krone  aufzugeben“;
er  habe  „demgemäß  den  übertriebenen  Beschränkungsplänen  gegen  die  souveräne
  Macht,  die  unsere  Zeit  so  gefahrvoll  für  die  Ruhe  der  Völker  bezeichnen,
  Schranken  gesetzt.“**)  Minister  von  Berg  folgte  dem  Vertreter  des
befreundeten  dänischen  Hofes  unbedenklich,  da  Oldenburg  noch  keine  Verfassung
  besaß.  Auf  seinen  alten  Vertrauten,  den  Mecklenburger  Plessen
durfte  Metternich  immer  zählen,  und  sogar  Bürgermeister  Smidt  von
Bremen  hielt  sich  jetzt  zu  der  österreichischen  Partei,  weil  die  Handelspolitik
  der  Hanseaten  den  werdenden  preußischen  Zollverein  mit  Hilfe  der

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Alvensleben,  27.  Jan.  1834.
**“)  Rundschreiben  des  dänischen  Ministers  des  Auswärtigen  über  die  neuen  Stände,
27.  Mai  1834.
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        Die  Liberalen  auf  der  Konferenz.  341

Hofburg  noch  zu  zersprengen  hoffte.  Aus  ähnlichen  Gründen,  um  sich
die  Gunst  der  Großmächte  für  die  belgischen  Händel  zu  sichern,  folgte  der
Vertreter  Luxemburgs,  Verstolk  van  Soelen  dem  Banner  Osterreichs;
was  kümmerten  auch  den  Holländer  die  deutschen  Verfassungsfragen?*)
Diesen  acht  konservativen  Stimmen  trat  eine  Mehrheit  von  neun
Konstitutionellen  entgegen,  eine  buntgemischte  Partei,  einig  nur  in  dem
Entschlusse,  alles  zu  vermeiden,  was  daheim  zu  einer  Ministeranklage
führen  konnte.  Voran  stand  Bayern,  das  anfangs  durch  Gise,  nachher
sehr  geschickt  durch  den  Minister  von  Mieg  vertreten  wurde.  Beide  Staatsmänner
  mußten  ihrem  Könige  in  tiefem  Geheimnis,  hinter  dem  Rücken
des  Ministerrates,  Bericht  erstatten  und  empfingen  von  ihm  die  gemessene
Weisung,  die  Selbständigkeit  seines  „Reichs“  vor  jedem  Eingriff  zu  bewahren.)
  Etwas  behutsamer  trat  der  Badener  Reizenstein  für  den  Bestand
  der  Landesverfassungen  ein  und  geriet  deshalb  mit  seinem  alten
Gegner  du  Thil  oft  in  Streit;  die  alte  freundnachbarliche  Gesinnung  der
Badener  und  der  Hessen  machte  sich  in  diesen  Händeln  Luft.“)  Der
Führung  Reizensteins  fügten  sich  in  der  Regel  der  Sachse  Minckwitz  und
der  Württemberger  Beroldingen,  obgleich  beide  persönlich  den  Ansichten
Metternichs  nahe  standen;  desgleichen  Ompteda  aus  Hannover,  Trott  aus
Kurhessen  und  der  Vertreter  der  Allerkleinsten,  von  Strauch.  Daß  der  geistreiche
  Thüringer  Fritsch,  Metternichs  Widersacher  von  Karlsbad  her,  in
diesem  Kreise  nicht  fehlte,  verstand  sich  von  selbst.  Sogar  auf  das  allzeit
getreue  Nassau  konnte  die  Hofburg  sich  nicht  mehr  verlassen,  da  Marschall
vor  kurzem  gestorben  war  und  Ompteda  vorläufig  die  nassau-braunschweigische
  Kuriatstimme  führte.  Im  Vertrauen  ward  schon  der  Plan  eines
Sonderbundes  der  konstitutionellen  Staaten  besprochen:  natürlich  ohne
Erfolg,  weil  man  doch  nur  im  ängstlichen  Verneinen  übereinstimmte.
Bei  solchem  Gleichgewicht  der  Parteien  mußte  die  Konferenz  von  Haus
aus  unfruchtbar  bleiben.  Am  13.  Januar  eröffnete  Metternich  die  Beratungen
  und  erklärte  in  pathetischer  Ansprache:  vor  vierzehn  Jahren  sei
der  Bund  ausgebildet  worden,  jetzt  gelte  es  ihn  zu  erhalten.  Darauf
folgte  das  wohlbekannte  Schauergemälde  der  deutschen  Zustände:  „Aus  den
Stürmen  der  Zeit  ist  eine  Partei  entsprossen,  deren  Kühnheit,  wenn  nicht
durch  Entgegenkommen,  so  doch  durch  Nachgiebigkeit  bis  zum  Übermut
gesteigert  ist.  Wenn  nicht  bald  dem  überflutenden  Strome  ein  rettender
Damm  entgegengesetzt  wird,  so  könnte  in  kurzem  selbst  das  Schattenbild
einer  monarchischen  Gewalt  in  den  Händen  mancher  Regenten  zerfließen.“
Zwischen  dem  monarchischen  Prinzip  der  Bundesverfassung  und  der  modernen,
  unter  den  Formen  des  Repräsentativsystems  verhüllten  Idee  der

 

*)  du  Thil  an  Prinz  Emil  von  Hessen,  18.  Jan.,  7.  Febr.  1834.
**)  Dönhoffs  Bericht,  6.  Febr.  1834.
**#*)  Alvenslebens  Bericht,  11.  Febr.  1834.
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        342  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Volkssouveränität  bestehe  ein  Zwiespalt,  der  beseitigt  werden  müsse;  darum
solle  man  offen  die  Frage  beantworten,  „was  in  Beziehung  auf  die  Ge—
fahren  der  Zeit  der  Bund  in  Zukunft  von  den  deutschen  Regierungen
und  was  diese  vom  Bunde  zu  erwarten  haben.“  Osterreich  stellte  also
keinen  Antrag,  sondern  nur  eine  Frage.  Um  die  schwierige  Antwort  zu
finden,  vergrub  sich  die  Konferenz  dritthalb  Monate  hindurch  im  Dunkel
ihrer  Kommissionssitzungen.  Das  Geheimnis  ward  so  streng  gewahrt,
daß  selbst  die  in  Wien  beglaubigten  Gesandten  der  deutschen  Höfe  nichts
über  die  Beratungen  der  Minister  erfuhren;  von  den  Protokollen  erhielt
jeder  der  siebzehn  Bevollmächtigten  nur  ein  Handexemplar,  jedes  deutsche
Kabinett  einen  zweiten  Abdruck.

Als  die  Konferenz  am  26.  März  ihre  zweite  Sitzung  hielt,  konnten
die  Kommissionen  nur  sehr  dürftige  Ergebnisse  ihrer  tiefgeheimen  Arbeiten
vorlegen,  und  erst  nach  neuen,  überaus  peinlichen  Verhandlungen  wurden
27  Artikel  über  die  Landtage  vereinbart.  Der  ursprünglichen  Absicht  zuwider
  gelangte  man  zu  der  Einsicht,  daß  ohne  neue  Bundesgesetze  nicht
auszukommen  sei,  und  um  die  ewigen  Streitigkeiten  über  die  Auslegung
der  Landesverfassungen  oder  über  die  Grenzen  der  ständischen  Rechte  endlich
abzuschneiden,  beschloß  man  ein  Bundesschiedsgericht  einzusetzen.  Jede
der  siebzehn  Stimmen  des  engeren  Rates  sollte  zwei  Spruchmänner  ernennen,
  aus  diesen  hatten  dann  gegebenen  Falles  die  streitenden  Parteien
je  drei  Richter  und  der  Bundestag  einen  Obmann  auszuwählen.  Es
geschah  zum  ersten  Male,  daß  der  Deutsche  Bund  sich  zur  Errichtung  einer
dauernden  Bundesbehörde  aufraffte.  Aber  der  offenbar  wohlgemeinte,  von
Alvensleben  mit  großem  Fleiße  ausgearbeitete  Plan  litt  an  einem  unheilbaren
  Gebrechen:  wie  die  Spruchmänner  allein  von  den  Regierungen
ernannt  wurden,  so  sollten  auch  die  Regierungen  allein  berechtigt  sein,
vom  Bundestage  die  Einberufung  des  Bundesschiedsgerichts  zu  verlangen,
die  Landstände  durften  höchstens  darum  bitten.  Die  mißtrauische  öffentliche
  Meinung  mußte  also  glauben,  das  neue  Tribunal  sei  grundsätzlich
parteiisch,  sei  lediglich  bestimmt,  die  Kronen  gegen  die  Landstände,  nicht
auch  die  Verfassungen  gegen  die  Fürsten  zu  beschützen.  Zur  allgemeinen
Verwunderung  verlangte  Bayern,  das  früherhin  immer  jede  Bundesgerichtsbarkeit
  bekämpft  hatte,  jetzt  sogar  die  Einsetzung  eines  Bundeskompromißgerichts
  für  die  Zwistigkeiten  zwischen  den  Bundesstaaten.  Doch
der  partikularistische  Trotz  widerstrebte,  und  man  gelangte  nur  zu  dem
matten  Beschlusse,  daß  den  Bundesgliedern  freistehen  solle,  ihre  nachbarlichen
  Streitigkeiten  vor  dem  neuen  Bundesschiedsgerichte  auszutragen.

Darauf  folgten  Bestimmungen  über  die  landständischen  Rechte  —
einige  verständig,  andere  willkürlich,  alle  aber  ausgezeichnet  durch  jene
unklare,  viel  oder  nichts  sagende  Form,  welche  der  Bundesgesetzgebung
eigentümlich  blieb:  denn  da  nur  einstimmige  Beschlüsse  gefaßt  werden
durften,  so  war  immer  im  Vorteil,  wer  den  dehnbarsten  Ausdruck  vor-
        <pb n="351" />
        Das  Bundesschiedsgericht.  343

schlug.  Da  hieß  es:  „die  Regierungen  werden  nicht  gestatten,  daß  die
Stände  über  die  Gültigkeit  der  Bundesbeschlüsse  beraten  und  beschließen.“
Metternich  wollte  den  Kammern  schlechterdings  verbieten,  über  Bundesangelegenheiten
  auch  nur  zu  reden;  aber  Reizenstein  widerstand,  obgleich
seine  ängstliche  Regierung  selber  dies  Recht  ihrem  Landtage  erst  vor  kurzem
abgesprochen  hatte.)  Auch  eine  strenge  Staatsdienerpragmatik  für  die
deutschen  Beamten,  wie  sie  Metternich  längst  wünschte,  ließ  sich  nicht  erreichen;
  die  Konferenz  beschloß  nur,  daß  Beamte  nicht  ohne  Urlaub  in  die
Landtage  eintreten  sollten.  Ebensowenig  war  eine  unzweideutige  Vorschrift
  über  die  Zivillisten  durchzusetzen.  Seit  einigen  Jahren  hatte  sich
die  hochkonservative  Partei  den  Hallerschen  Lehrsatz  angeeignet,  daß  alles
fürstliche  Einkommen  nur  aus  Grundbesitz  fließen  dürfe,  und  in  Hessen
bemühte  sich  Prinz  Emil  sogar,  die  Domanialverwaltung  nach  dem  althannöverschen
  Vorbilde  von  den  Staatsfinanzen  gänzlich  abzutrennen,  was
selbst  du  Thil  unverständig  fand;  aber  da  Geist  und  Wortlaut  einiger
Landesverfassungen  sich  mit  solchen  Wünschen  schlechterdings  nicht  vertrugen,
  so  begnügten  sich  die  versammelten  Minister  mit  der  harmlosen
Weissagung:  „die  Souveräne  werden  sich  bemühen,  zu  bewirken,  daß  die
Zivillisten  auf  Domanialgefälle  gegründet  werden“  usw.  Fast  ebenso
unwirksam  war  der  an  sich  wohlberechtigte  Beschluß:  „die  Regierungen
werden  einer  Beeidigung  des  Militärs  auf  die  Verfassung  nirgends  und
zu  keiner  Zeit  stattgeben;“  selbst  der  kurhessische  Minister  stimmte  vergnüglich
  zu,  denn  er  meinte,  solche  Sätze  hätten  keine  rückwirkende  Kraft
und  könnten  also  den  in  Hessen  bereits  eingeführten  Verfassungseid  der
Truppen  nicht  berühren.  Auch  die  Artikel  über  die  Offentlichkeit  und  die
Redefreiheit  der  Landtage  sagten  im  Grunde  nur,  daß  die  Regierungen
für  die  nötigen  Beschränkungen  sorgen  sollten.

Selbst  über  das  Steuerbewilligungsrecht,  das  den  versammelten
Ministern  besonders  gefährlich  schien,  wagte  man  nur  einige  geschraubte
Sätze  aufzustellen,  welche  für  eine  gewissenhafte  konstitutionelle  Regierung
nichts  bedeuten,  einer  gewissenlosen  aber  leicht  die  Handhabe  zu  Staatsstreichen
  bieten  konnten.  Der  eine  Satz  schien  zu  sagen,  daß  die  Landstände
eine  bereits  erfolgte  Ausgabe  nicht  für  ungültig  erklären  dürften;  aber  der
Nachsatz  ließ  ihnen  den  „nach  der  Verfassung  zulässigen  Weg“  offen  und  hob
mithin  den  Vordersatz  wieder  auf.  Kam  ein  Budget  nicht  zustande,
dann  sollte  das  Bundesschiedsgericht  eintreten;  aber  auch  dies  war  ein
Schlag  ins  Wasser,  denn  wer  konnte  die  Regierungen  zwingen,  beim  Bundestage
  die  Einberufung  des  Schiedsgerichts  zu  verlangen?  Unter  allen
den  traurigen  Leistungen  der  Bundesgesetzgebung  geriet  dieser  erste  Abschnitt
  der  Wiener  Konferenzbeschlüsse  unzweifelhaft  am  kläglichsten;  in
dem  planlosen  Durcheinander  dilettantenhafter  staatsrechtlicher  Grundsätze

 

*)  S.  o.  IV.  236.
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        344  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

verriet  sich  überall  der  stille  Wunsch  nach  Durchlöcherung  der  Landes—
verfassungen,  aber  auch  die  Angst  vor  offenbarem  Eidbruch.  Es  war  ein
häßliches  Spiel  mit  Treu  und  Glauben,  und  zugleich  ein  schwerer  poli—
tischer  Fehler  in  einer  Zeit  radikaler  Leidenschaften,  wenn  Deutschlands
Fürsten  hinter  dem  Rücken  ihrer  Landtage  sich  über  Auslegung  und  Hand—
habung  ihrer  beschworenen  Landesverfassungen  zu  vereinbaren  suchten.  Mit
reinem  Gewissen  und  ohne  stillen  Vorbehalt  konnte  keiner  der  konstitutio—
nellen  Minister  diese  Artikel  unterschreiben;  am  wenigsten  der  kurhessische,
denn  seine  Landesverfassung  war  die  einzige  in  Deutschland,  die  der  neuen
französischen  Charte  nahe  stand,  und  keine  Kunst  der  Auslegung  vermochte
sie  mit  den  Wiener  Beschlüssen  in  Einklang  zu  bringen.

Ein  zweiter  Abschnitt  von  zehn  Artikeln  gab  Vorschriften  über  die
Zensur,  forderte  für  die  Herausgabe  neuer  Zeitungen  eine  besondere  Er—
laubnis  —  was  den  Vorschriften  der  sächsischen  und  der  kurhessischen  Ver—
fassung  geradeswegs  zuwiderlief  —  und  erlaubte  jedem  Staate,  die  von
anderen  Bundesgliedern  bereits  zensierten  Schriften  noch  einmal  zu  zen—
sieren  oder  auch  zu  verbieten.  So  ward  dafür  gesorgt,  daß  kein  gefährlicher
Schriftsteller  jemals  durchschlüpfen  konnte.  Die  deutschen  Buchhändler
aber,  die  jetzt  nochmals  um  Schutz  gegen  den  Nachdruck  baten,  speiste  die
Konferenz  mit  einem  leeren,  auf  die  Zukunft  vertröstenden  Artikel  ab.
Vorläufig  blieb  es  dabei,  daß  die  Reutlinger  Nachdrucker  unter  dem  Schutze
der  Krone  Württemberg  die  Leipziger  großen  Verleger  bestahlen,  ihre  Raubware
  durch  die  armen  Hausierer  von  der  Rauhen  Alb  auf  dem  flachen
Lande  verbreiten  ließen  und  mit  diesen  ahnungslosen  Helfershelfern  auf
der  Nachdruckermesse,  dem  berüchtigten  „Ehninger  Krämerkongreß“  regelmäßige
  Abrechnung  hielten.

Dem  dritten  Abschnitt  —  über  die  Universitäten  —  lag  jener  hannöversche
  Antrag  zu  Grunde,  der  vor  drei  Jahren  am  Bundestage  so  viel
Verwunderung  erregt  hatte.))  Einige  der  Vorschläge  Hannovers  wurden
als  allzu  hart  beseitigt;  was  übrig  blieb,  war  immerhin  noch  arg  genug.
Mit  philisterhafter  Kleinmeisterei  versuchte  die  Konferenz  durch  siebzehn
Artikel  das  Leben  der  Studenten  bis  ins  einzelne  zu  regeln;  namentlich
das  Reisen  ward  ihnen  aufs  äußerste  erschwert,  der  Württemberger  Beroldingen
  dachte  selbst  die  üblichen  akademischen  Spritzfahrten  in  die  Umgegend
  der  Universitätsstädte  nur  nach  eingeholtem  Segen  der  Obrigkeit
zu  erlauben.  Es  war,  als  ob  man  die  jungen  Leute  zur  Selbstüberhebung
  zwingen  wollte;  wie  wichtig  mußten  sie  sich  selber  vorkommen,
wenn  ihnen  jetzt  nach  dem  Frankfurter  Attentate  einige  Zeit  lang  sogar
das  Übernachten  in  der  Bundesstadt  verboten  wurde.

Als  Anhang  folgte  noch  ein  Artikel,  der  die  Aktenversendungen  in
Kriminalfällen  untersagte  —  weil  die  Tübinger  Fakultät  kürzlich  ein  sehr

 

*)  S.  o.  IV.  267.
        <pb n="353" />
        Beschlüsse  über  Zensur  und  Universitäten.  345

mildes  Urteil  über  einige  Demagogen  gefällt  hatte.“)  Manche  andere
Wünsche  der  reaktionären  Heißsporne  mußten  unberücksichtigt  bleiben;  wie
hätte  man  auch  einen  einhelligen  Beschluß  über  die  Beschränkung  der
Schwurgerichte  oder  ähnliche  Vorschläge  durchsetzen  können.

Auch  die  Mediatisierten,  die  in  Süddeutschland,  zumal  in  Baden  und
Württemberg,  guten  Grund  zur  Klage  hatten,  klopften  vergeblich  an  die
Türe  der  Konferenz.  Sie  verlangten  in  einer  Eingabe  (1.  Febr.  1834)
die  ihnen  früher  versprochenen  Kuriatstimmen  am  Bundestage,  ferner
eine  authentische  Interpretation  des  Art.  14  der  Bundesakte,  endlich  ein
selbständiges  Tribunal,  das  ihnen  die  dort  verheißenen  Rechte  sichern  sollte.
Preußen  hatte  diesen  mediatisierten  Herren  immer  jene  Großmut,  welche
dem  Starken  ziemt,  erwiesen.  Der  Kronprinz  war  ihr  treuer  Gönner.
Er  hielt  für  Ehrenpflicht  aller  früheren  Reichsstände,  „den  als  Opfer  der
Gewalt  und  Habsucht  gefallenen  ehemaligen  Mitständen“  freundlich  ent—
gegenzukommen,  und  wünschte  geradezu,  daß  einige  Gebieteder  Mediatisierten
—  nicht  ihre  neuen  Entschädigungslande,  wohl  aber  „die  Länder,  welche  solange
  deutsche  Geschichte  reicht,  von  demselben  Hause  regiert  wurden  —  als
wahre  Mediatfürstentümer  oder  -grafschaften  nach  unseren  Landesgesetzen
von  ihren  alten  Landesherren  als  Lehensträgern  unserer  Krone,  nicht  als
Untertanen“  beherrscht  werden  sollten.  *)  Ganz  so  weit,  bis  zur  Bildung
kleiner  Staaten  im  Staate,  wollte  das  nüchterne  preußische  Beamtentum
freilich  nicht  gehen;  immerhin  gewährte  die  königliche  Instruktion  vom
30.  Mai  1820  dem  hohen  Reichsadel  eine  angesehene  Stellung,  die  ihm
billigerweise  genügen  konnte,  und  obgleich  es  auch  in  Preußen  nicht  an
Beschwerden  fehlte,  so  hegte  er  doch  ein  gutes  Zutrauen  zu  der  Gerechtigkeit
  der  Hohenzollern.

Zehn  der  mediatisierten  Fürsten  und  Grafen  wendeten  sich  daher  noch
vor  Eröffnung  der  Konferenz  an  König  Friedrich  Wilhelm  und  beschworen
ihn,  ihr  in  der  Tat  wohlberechtigtes  Gesuch  zu  unterstützen.  Der  König
war  auch  nicht  abgeneigt  und  antwortete  freundlich;  doch  eine  feste  Zusage
konnte  er  nicht  geben,  weil  die  in  der  Bundesakte  verheißenen  Kuriatstimmen
  den  Mediatisierten  nur  durch  einstimmigen  Beschluß  gewährtwerden
durften.  Mit  Sicherheit  ließ  sich  vorhersehen,  daß  der  mediatisierte  Reichsadel,
  der  sich  auf  den  Landtagen  stets  so  streng  konservativ  gehalten  hatte,
am  Bundestage  für  die  beiden  Großmächte  stimmen  würde;  ebendeshalb
waren  seine  alten  Feinde,  die  süddeutschen  Mittelstaaten  fest  entschlossen,  das
Versprechen  der  Bundesakte  nicht  einzulösen.““)  Zum  Unglück  führte  über- 



*)  Alvenslebens  Bericht,  14.  Febr.  1834.
**)  Separatvotum  des  Kronprinzen  zu  dem  Berichte  des  Staatsministeriums  über
die  Rechtsverhältnisse  der  Mediatisierten,  Juli  1824.
**#)  Eingabeder  Fürsten  von  Hohenlohe,  Löwenstein,  Leiningen  u.  Gen.  an  KFriedrich
Wilhelm,  Nov.  1833.  Antwort,  13.  Febr.  1834.  Ancillon,  Weisung  an  Alvensleben,
13.  Febr.  1834.
        <pb n="354" />
        346  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

dies  in  Wien  der  fanatische  Feudale  Prinz  Konstantin  Löwenstein  das  Wort
für  seine  Standesgenossen.  Er  versicherte  ungescheut:  wenn  in  dem  Gebiete
eines  mediatisierten  Herrn  noch  die  Folter  bestünde,  so  könnte  sie  durch  ein
Gesetz  des  neuen  Landesfürsten  nicht  aufgehoben  werden  —  und  brachte
durch  seine  maßlosen  Ansprüche  selbst  die  wohlgesinnten  Minister  in  Har—
nisch.  Nach  lebhaften  Verhandlungen,  die  namentlich  den  alten  Haß
Nassaus  gegen  die  Mediatisierten  wieder  offenbarten,  beschloß  die  Konferenz,
die  ganze  Frage  unerledigt  zu  lassen,  und  verwies  die  Klagenden  an  den
Bundestag.  Also  ward  der  alte  Reichsadel  durch  eigene  Schuld  und  durch
die  Wortbrüchigkeit  der  süddeutschen  Staaten  immer  tiefer  in  seine  unnatürliche
  Winkelstellung  hineingedrängt.

Die  Ergebnisse  der  Beratungen  wurden  endlich  in  einem  Schlußprotokoll
  von  60  Artikeln  zusammengefaßt.  Der  liberale  Luftzug  wehte
aber  schon  so  schneidend  durch  die  Welt,  daß  man  nicht  mehr  wagte,  dies
Protokoll,  wie  einst  die  Karlsbader  Beschlüsse,  zu  veröffentlichen.  Nur
einzelne  Artikel  sollten  in  Frankfurt  als  Bundesbeschlüsse  verkündet  werden;
die  übrigen,  und  vornehmlich  jene  gefährlichen  Verabredungen  über  die
Rechte  der  Landtage,  blieben  geheim.  Die  Regierungen  verpflichteten  sich
insgeheim,  auch  diese  geheimen  Artikel  ebenso  unverbrüchlich  zu  befolgen,
„als  wenn  dieselben  zu  förmlichen  Bundesbeschlüssen  erhoben  worden
wären“.

Da  drohte  das  Schiff  dicht  vor  dem  Hafen  noch  zu  stranden.  Der
Münchener  Hofs,  dessen  Wünschen  die  Konferenz  stets  bereitwillig  entgegengekommen
  war,  erhob  plötzlich  Einspruch,  und  mit  gutem  Grunde  meinte
Türckheim,  dahinter  verberge  sich  nur  „das  dünkelhafte  Prinzip  der  Isolierung
  und  eine  mehr  der  Angstlichkeit  als  aufrichtigem  Liberalismus  zuzuschreibende
  Besorgnis“.)  König  Ludwig  war  augenblicklich  mit  seinem
neuen  Landtage  zufrieden;  auch  fand  er  es  unwürdig,  sein  Reich  einem
förmlichen  Beschlusse  der  Bundesgenossen  zu  unterwerfen.  Höchstens  einem
freien  Vertrage  wollte  er  sich  anschließen,  und  sein  vertrauter  Minister
Fürst  Wallerstein,  der  gern  den  Liberalen  spielte,  bestärkte  ihn  in  seinen
Bedenken  gegen  das  Bundesschiedsgericht.*)  Die  Bestürzung  in  Wien  war
groß.  Ancillon  hielt  für  nötig,  sein  grobes  Geschütz  aufzufahren,  und  sendete
nach  München  einen  von  Schmeicheleien  und  Mahnungen  überströmenden
Erlaß:  „Wir  waren  überzeugt,  die  Einheit  Deutschlands  fester  und  folglich
stärker  gemacht  zu  haben.  Wie  wäre  es  möglich,  daß  der  Fürst,  dem
Deutschland  großenteils  das  schöne  Werk  des  Zollvereins  verdankt,  und
der  darin  immer  ein  Unterpfand  der  Eintracht  und  eine  neue  Stütze  der
Einheit  gesehen  hat,  jetzt  diese  Einheit  durch  Trennung  von  seinen  Bundesgenossen
  schwächen  oder  bloßstellen  könnte,  jetzt,  da  es  sich  darum  handelt,

 

*)  Türckheim  an  Blittersdorff,  14.  Juni  1834.
**)  Dönhoffs  Berichte,  31.  Mai,  19.  Juni  1834.
        <pb n="355" />
        Schlußprotokoll.  Bayerns  Zögerung.  347

den  inneren  Frieden  und  die  Unabhängigkeit  nach  außen  zu  sichern?“*)
Noch  bevor  ihm  diese  Predigt  vorgelesen  wurde,  hatte  der  launische  Wittels—
bacher  sich  schon  eines  anderen  besonnen  und  die  Unterzeichnung  des
Schlußprotokolls  befohlen;  indes  stellte  er  noch  einige  kleine  Bedingungen,
um  der  Konferenz  doch  zu  zeigen,  was  auf  Bayern  ankomme.  Auf  sein
Verlangen  wurde  in  elfter  Stunde  noch  mehreres  geändert:  die  Verab—
redungen  über  die  Presse  und  die  Universitäten  sollten  nur  auf  sechs
Jahre  gelten,  eine  gemeinsame  Dienstvorschrift  für  die  Zensoren  sollte
nicht  erlassen  werden,  und  was  der  Armseligkeiten  mehr  war.  Nun  erst,
am  12.  Juni  konnte  man  das  Schlußprotokoll  einmütig  unterzeichnen.
Ancillon  bedang  sich  als  besondere  Ehre  aus,  daß  ihm  die  kostbare  Urkunde
  zur  nachträglichen  Mitunterzeichnung  nach  Berlin  geschickt  wurde,
und  Metternich  hielt  eine  feierliche  Schlußrede.  Der  preußische  Minister
ermahnte  das  Münchener  Kabinett  in  einer  neuen  Depesche,  nunmehr  wenigstens
  das  Beschlossene  ernsthaft  auszuführen,  und  der  Bayer  Mieg  gelobte
dies  auch  heilig  in  der  Schlußsitzung)

Mit  Genugtuung  wurde  das  klägliche  Ergebnis  dieser  fünfmonatlichen
  Beratungen  wohl  nur  am  Berliner  Hofe  begrüßt.  Dort  dachte
man  sehr  bescheiden  über  die  Aufgaben  des  Bundes,  seit  die  Politik  der
lebendigen  deutschen  Einheit  im  Zollvereine  einen  großen  Wirkungskreis
gefunden  hatte;  man  war  zufrieden,  wenn  nur  der  Schein  der  Eintracht
zwischen  den  Bundesgenossen  gewahrt,  und  der  Revolution  mit  einigem
Ernst  begegnet  wurde.  Darum  richtete  der  König  ein  warmes  Dankschreiben
an  Metternich;  trotz  der  Meinungsverschiedenheiten  der  jüngsten  Jahre
hatte  sich  seine  persönliche  Verehrung  für  den  österreichischen  Staatsmann
nicht  vermindert.  Ancillon  aber  pries  in  einem  Rundschreiben  an  die
Gesandtschaften  den  schönen  Erfolg  der  Konferenzen:  man  habe  weder  die
Bundesgesetze  noch  die  beschworenen  Verfassungen  ändern,  sondern  lediglich
  „verhindern  wollen,  daß  die  bestehenden  Gesetze  entarteten“;  dies  sei
glücklich  gelungen  gegenüber  den  Landtagen,  der  Presse  und  den  Universitäten,
  von  denen  mehrere  heute  als  „wahre  Pflanzstätten  der  Demagogie,
ja  selbst  des  Aufruhrs“  erschienen.)

Auch  die  über  deutsche  Dinge  immer  schlecht  unterrichtete  französische
Regierung  hielt  die  Wiener  Konferenzen  für  ein  folgenschweres  Ereignis.
Der  neue  Minister  des  Auswärtigen,  Rigny,  versuchte  durch  ein  Rundschreiben
  und  durch  persönliche  Unterredungen  die  Diplomatie  der  Mittelstaaten
  vor  der  Tyrannei  der  deutschen  Großmächte  zu  warnen:  wie  könnten
Monarchen,  deren  Souveränität  durch  Frankreich  verbürgt  sei,  sich  freiwillig
einem  auswärtigen  „subalternen  Gerichte“  unterwerfen?)  Frankreichs

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Dönhoff,  2.  Juni  1834.
**)  Ancillon,  Weisung  an  Dönhoff,  26.  Juni  1834.
*?")  Ancillon,  Rundschreiben,  30.  Juni  1834.

)  Jordans  Bericht,  6.  Dez.  1834.
        <pb n="356" />
        348  IV.  5.  Wiederbefestigung  der  alten  Gewalten.

Warnungen  fanden  taube  Ohren.  Die  kleinen  Kronen  wußten  wohl,  daß
in  Wien  nur  eine  Halbheit,  eine  Unwahrheit  beschlossen  war.  Der  Bundestag
  mußte  sich  bequemen,  die  Artikel  über  das  Bundesschiedsgericht  in
Gestalt  eines  Bundesgesetzes  zu  veröffentlichen  (30.  Oktober  1834).  Aber
dies  von  allen  amtlichen  Blättern  pomphaft  angepriesene  Tribunal  trat
bis  zum  Jahre  1848  nie  in  Tätigkeit;  denn  die  konstitutionellen  Fürsten
zogen  sämtlich  vor,  ihre  schwarze  Wäsche  daheim  zu  waschen,  statt  den
immer  verdächtigen  Schiedsspruch  des  Bundes  anzurufen,  und  als  die
kurhessischen  Stände  einmal  um  Einberufung  des  Bundesschiedsgerichts
baten,  wies  sie  der  Bundestag  selber  ab.  Nachher  wurden  auch  die  Artikel
über  die  Universitäten  und  über  die  Aktenversendung  als  Bundesgesetze
verkündigt.  Alles  übrige  blieb,  wie  beschlossen  war,  tief  geheim,  und  die
Frankfurter  Gesandten  klagten  bitterlich,  wie  schmählich  man  den  Bundestag
wieder  einmal  an  die  Wand  gedrückt  habe.  Die  Nation  aber  konnte  in
diesem  undurchdringlichen  Geheimnis  nur  ein  Zeichen  bösen  Gewissens
sehen,  sie  glaubte  tolle  Märchen  über  die  Wiener  Teufeleien.  Als  endlich,
nach  beinahe  zehn  Jahren,  Welcker  das  Schlußprotokoll  herausgab,  da
schoben  die  längst  auf  das  Schlimmste  gefaßten  Leser  allen  Artikeln,  auch
den  harmlosen  oder  nichtssagenden,  einen  so  argen  Sinn  unter,  daß  die
Wiener  Konferenz  einen  nur  halb  verdienten  höllischen  Ruf  erlangte.  Erst
nach  einem  vollen  Menschenalter  (1865)  hat  F.  von  Weech  alles  wesentliche
aus  den  Protokollen  veröffentlicht.

Die  verfassungstreuen  konstitutionellen  Minister  gelangten  allesamt
bald  zu  dem  stillen  Entschlusse,  es  mit  der  Ausführung  der  Wiener  Vereinbarungen
  nicht  sehr  genau  zu  nehmen.  Lindenau  in  Dresden  erklärte
dem  preußischen  Gesandten  aufrichtig:  die  zu  Bundesbeschlüssen  erhobenen
Artikel  werden  wir  streng  ausführen,  die  anderen  auch  —  wenn  unsere
Kammern  nicht  widersprechen.  Die  Reaktionäre  aber  grollten.  Seit  den
Wiener  Konferenzen  weiß  ich,  sagte  der  Herzog  von  Nassau,  daß  Österreich
  in  Deutschland  nicht  mehr  die  Initiative  ergreifen  kann,  ich  sage
mich  los  von  dem  österreichischen  Systeme.')  Und  du  Thil  suchte  noch
nach  Jahren  den  letzten  Grund  der  Revolution  von  1848  in  der  Untreue
jener  liberalisierenden  Minister,  welche  das  Wiener  Schlußprotokoll  zum
toten  Buchstaben  gemacht  hätten.  Ebenso  schwermütig,  aber  unbefangener
  urteilte  Münch-Bellinghausen.  Er  sagte:  die  Konferenzen  haben
nur  ein  halbes  Ergebnis  gebracht,  denn  die  Richtung,  welche  Deutschland
seit  der  Juli-Revolution  eingeschlagen,  ist  nicht  mehr  aufzuhalten.)

So  stand  es  wirklich.  Es  war  gelungen,  den  offenen  Aufruhr  zu
bändigen,  auch  den  Ruf  nach  Preßfreiheit  und  viele  andere  wohlberechtigte
Forderungen  der  Zeit  vorläufig  abzuweisen.  Aber  die  neuen  parlamen- 



*)  Blittersdorffs  Bericht,  21.  Febr.  1835.
*“)  Blittersdorffs  Bericht,  27.  Okt.  1834.
        <pb n="357" />
        Fruchtlosigkeit  der  Konferenzen.  349

tarischen  Staatsformen  umfaßten  nunmehr  schon  fast  die  gesamte  kleine
deutsche  Staatenwelt.  Trotz  der  Angst  der  Höfe  und  trotz  der  Aus—
schweifungen  der  Liberalen  standen  sie  unerschütterlich  fest,  und  wer  die
zähe  Lebenskraft  dieser  kleinen,  so  wenig  musterhaften  Verfassungen  recht
erkannte,  der  mußte  vorhersehen,  daß  die  konstitutionellen  Ideen  bald  durch
ganz  Deutschland  ihren  Siegeszug  halten  würden.  —
        <pb n="358" />
        Sechster  Abschnitt.

 

Der  Deutsche  Zollverein.

Radikale  Theorien  leiten  den  Staat  aus  dem  freien  Willen  des  souveränen
  Volkes  ab.  Die  Geschichte  lehrt  vielmehr,  daß  in  einfachen  Verhältnissen
  die  Staaten  meist  gegen  den  Willen  der  Mehrheit  des  Volkes,
durch  Eroberung  und  Unterwerfung  entstehen;  und  wie  der  Krieg  selbst
in  Zeiten  bewußter  Gesittung  immer  seine  staatenbildende  Kraft  bewahrt,
so  wird  auch  die  innere  Politik  freier  Völker  keineswegs  allein  durch  die
Wandlungen  der  öffentlichen  Meinung  bestimmt.  Die  folgenreichste  politische
  Tat  dieses  Zeitraumes,  die  alle  die  kleinen  Kämpfe  um  konstitutionelle
  Rechte  gänzlich  in  den  Schatten  stellte,  vollzog  sich  unzweifelhaft
gegen  den  Willen  der  Mehrheit  der  Deutschen;  die  Nation  wirkte  nur
mittelbar  und  halb  unbewußt  mit,  da  die  Zornreden  der  Liberalen  wider
das  deutsche  Elend  und  die  berechtigten  Klagen  der  Geschäftswelt  den
Regierungen  einen  rettenden  Entschluß  aufzwangen.  Der  größte  praktische
Erfolg  der  Idee  der  deutschen  Einheit  war  das  Werk  der  nämlichen  Kronen,
welche  die  deutschen  Farben  verfolgten  und  den  Vorschlag  eines  Deutschen
Reichstages  als  eine  revolutionäre  Ketzerei  zurückwiesen.  So  unerbittlich
zwang  die  Vernunft,  die  in  den  Dingen  lag,  auch  die  Widerwilligen  und
die  Ahnungslosen  in  ihre  Dienste.

Nach  dem  Tode  Motz',  des  einzigen  Staatsmannes,  der  die  politischen
  Folgen  des  preußischen  Handelsbundes  von  vornherein  ganz  übersah,
  erhielt  sein  Freund  Maassen,  der  Begründer  des  Zollgesetzes,  die
Leitung  des  Finanzwesens.  Die  Wahl  des  Königs  konnte  keinen  würdigeren
Mann  trefsen.  Maassen  überragte  den  Verstorbenen  durch  umfassende
Sachkenntnis;  klug,  gerecht,  wohlwollend  verstand  er  bei  den  Unterhandlungen
  sich  das  Vertrauen  der  argwöhnischen  kleinen  Kronen  stets  zu  erhalten.
  Freilich  fehlten  ihm  der  kühne  Wagemut  und  der  weite  staatsmännische
  Blick  des  Vorgängers;  er  ließ  die  Dinge  gern  an  sich  kommen
und  hegte  nicht  wie  jener  den  Ehrgeiz,  auf  die  Leitung  der  gesamten
preußischen  Politik  einzuwirken,  obgleich  er  als  der  bedeutendste  Kopf  des
Ministeriums  klar  erkannte,  wie  gemächlich  die  Mittelmäßigkeit  in  den
anderen  Departements  sich  wieder  einzunisten  begann.  Wenn  sein  ge-
        <pb n="359" />
        Maassen  Finanzminister.  351

treuer  Mitarbeiter,  der  feurige  Ludwig  Kühne  ihn  beschwor,  daß  er  seine
geistige  Uberlegenheit  den  anderen  Ministern  zeigen  möge,  dann  erwiderte
Maassen  achselzuckend:  dazu  fühle  er  sich  mit  seinen  einundsechzig  Jahren
schon  zu  alt.)  Überdies  hatte  der  Finanzminister  vollauf  zu  tun,  um
die  außerordentlichen  Mittel  für  die  Rüstungen  zur  Stelle  zu  schaffen,
die  Tätigkeit  des  Auswärtigen  Amtes  aber  ward  durch  die  Kriegsgefahr
und  die  deutschen  Unruhen  ganz  in  Anspruch  genommen.  So  erklärt  es
sich,  daß  die  mühselige  Arbeit  der  handelspolitischen  Einigung  zwar  stetig
vorwärts  schritt,  aber  zunächst  nicht  so  schnell  gefördert  wurde,  wie  man
wohl  erwarten  konnte,  nachdem  Motz  Schlag  auf  Schlag  die  letzten  Enklaven
  aufgenommen,  den  Zollverein  mit  Darmstadt,  den  Handelsvertrag
mit  Bayern-Württemberg  abgeschlossen,  den  feindlichen  Handelsverein  der
Mitteldeutschen  nahezu  zersprengt  hatte.

Die  Nachspiele  der  Juli-Revolution  gereichten  der  preußischen  Handelspolitik
  zum  Vorteil;  sie  räumten  plötzlich  alle  die  Hemmnisse  hinweg,
welche  das  alte  System  in  den  norddeutschen  Mittelstaaten  dem  Zollverbande
  entgegenstellte.  Durch  den  Untergang  der  ständischen  Anarchie  in
Sachsen,  der  despotischen  Willkür  in  Hessen  war  die  Verwaltung  beider
Länder  den  preußischen  Institutionen  angenähert  worden;  früher  oder
später  mußte  die  Verständigung  erfolgen.  In  Kurhessen  zunächst  wurde
die  Morschheit  des  alten  Mautwesens  offenbar.  Nicht  zuletzt  die  wirtschaftliche
  Not  hatte  die  Volksbewegungen  im  Herbst  1830  hervorgerufen.
  Das  Ländchen  mit  seinen  154  Geviertmeilen  besaß  154  Meilen
Zollgrenze.  Frecher  als  irgendwo  auf  deutschem  Boden  gedieh  hier  der
Schmuggel;  in  geschlossenen  Scharen  zogen  die  Schwärzer  aus,  maßen
sich  mit  den  Zollwächtern  in  offenem  Gefechte.  Während  die  Kosten  der
Zollverwaltung  den  Ertrag  der  Eingangsabgaben  fast  verzehrten,  begann
jetzt  auch  der  ergiebige  Durchfuhrzoll  zu  versiegen,  da  der  Transit  sich
nach  der  neuen  Thüringer  Straße  hinüberzog.  Als  die  Unruhen  ausbrachen,
  verließen  alle  Mautbeamten  im  Hanauischen  und  Fuldischen  ihre
Amtshäuser;  Massen  fremder  Waren  strömten  unverzollt  ins  Land,  und
der  Bundesgesandte  Meyerfeld  erklärte  dem  Bundestage,  die  Regierung
dürfe  nicht  wagen,  die  Zollämter  wiederherzustellen.“)  Entsetzt  schrieb
Blittersdorff:  „Die  Mauten  können  leicht  für  ganz  Deutschland  ein
Losungswort  des  Aufruhrs  werden.“

Doch  wie  konnte  Kurhessen  aus  dem  unerträglichen  Notstande  heraus?
Die  Regierung  war  zwiefach  gebunden:  durch  den  mitteldeutschen  Handelsverein
  und  durch  den  Eimbecker  Vertrag.““*“)  Jener  lag  im  Sterben,

 

*)  Ich  benutze  im  folgenden  mehrfach  eine  Abschriftder  Denkwürdigkeiten  L.  Kühnes,
die  mir  Herr  Wirkl.  Geh.  Rat  von  Jordan  mit  Erlaubnis  der  Familie  freundlich  überlassen
  hat.

**)  Blittersdorffs  Bericht,  7.  Okt.  1830.
**“)  S.  o.  III.  680.
        <pb n="360" />
        352  IV.  6.  Der  deutsche  Zollverein.

dieser  war  vor  der  Hand  noch  ein  Entwurf,  änderte  nichts  an  den  Leiden
des  Landes.  Man  schwankte  lange;  noch  im  Herbst  1830  widmete  Geh.
Rat  Meisterlin,  einer  der  Urheber  des  Eimbecker  Vertrags,  den  Landständen
  eine  Flugschrift,  die  den  Eintritt  in  das  preußische  Zollsystem
verwarf,  weil  Hessens  Gewerbfleiß  die  Mitwerbung  der  überlegenen  rheinischen
  Industrie  nicht  ertragen  könne.  Die  alte  Abneigung  des  Kurfürsten
  gegen  Preußen  war  nicht  verflogen,  auch  schien  ihm  doch  bedenklich,
  eine  zwiefache  Verpflichtung  ohne  weiteres  zu  brechen.  Er  wünschte
—  und  mit  ihm  wohl  die  Mehrzahl  im  Lande  —  einen  Mautverband
des  gesamten  Deutschlands,  der  die  Sonderbünde  von  selbst  aufgehoben
hätte.  In  diesem  Sinne  mußte  Meyerfeld  bei  dem  bayrischen  Bundestagsgesandten
  Lerchenfeld  vertraulich  anfragen.  Das  Münchener  Kabinett
aber  kannte  jetzt  die  handelspolitischen  Pläne  wie  die  Verhandlungsweise  des
Berliner  Hofes;  daher  gab  Graf  Armansperg  an  Lerchenfeld  die  verständige
Weisung:  diese  Sache  sei  vorsichtig  dahin  zu  lenken,  daß  sie  in  Berlin
unter  Preußens  Leitung  erledigt  werde.  )  Gleichwohl  konnte  der  Kurfürst
sich  noch  immer  nicht  entschließen,  mit  dem  verhaßten  Preußen  und  dem
so  gröblich  beleidigten  Darmstädter  Vetter  allein  zu  verhandeln.  Noch  im
folgenden  Frühjahre  erhielt  Meyerfeld  den  Auftrag,  die  Vereinigung  sämtlicher
  deutschen  Mautverbände  beim  Bundestag  zu  beantragen;  da  warnte
ihn  Nagler:  niemals  werde  Preußen  einer  solchen  Utopie  zustimmen.)

Unterdessen  hatte  Motz,  ein  Verwandter  des  preußischen  Ministers,
das  hessische  Finanzministerium  übernommen.  Die  Anarchie  im  Zollwesen
ward  unhaltbar;  die  Kommissäre  des  Eimbecker  Vereins,  die  in  Hannover
tagten,  konnten  sich  nicht  einigen.  Motz  und  sein  wackerer  Amtsgenosse
Schenk  zu  Schweinsberg  bewogen  endlich  den  Kurfürsten,  daß  er  die  Geheimräte
  Ries  und  Meisterlin  im  Juni  nach  Berlin  schickte,  um  mit
Preußen-Darmstadt  und  Bayern-Württemberg  zugleich  einen  Zollverein
zu  schließen.  Doch  unerbittlich  hielt  Eichhorn  den  beiden  Bevollmächtigten
den  alten  preußischen  Grundsatz  entgegen:  Verhandlungen  mit  mehreren
Staaten  zugleich  sind  aussichtslos.  Vergeblich  sträubte  sich  der  Kurfürst;
man  mußte  sich  der  Forderung  des  Berliner  Hofes  fügen,  mit  Preußen-Darmstadt
  allein  verhandeln.  In  Maassens  Auftrag  führte  L.  Kühne
die  Unterhandlung.  Der  schlicht  bürgerliche  kleine  Mann  erwies  sich  jetzt
schon,  wie  späterhin  in  allen  Geschäften  des  Zollvereins,  als  meisterhafter
Diplomat.  Klar  und  bestimmt,  mit  überlegener  Sachkenntnis  und  ehrlichem
  Wohlwollen  entwickelte  er  seine  Vorschläge;  wenn  ihm  aber  das
törichte  Mißtrauen  der  Kleinen  entgegentrat,  dann  funkelten  seine  kleinen
scharfen  Augen,  und  er  fertigte  alle  Winkelzüge  mit  schneidenden  Sarkasmen
  ab.  Auf  die  Frage  des  Preußen,  ob  Kurhessen  nicht  noch  durch  die

 

*)  Armansperg,  Weisung  an  Lerchenfeld,  29.  Okt.  1830.
**)  Naglers  Bericht,  24.  April  1831.
        <pb n="361" />
        Abschluß  mit  Kurhessen.  353

mitteldeutschen  Handelsverträge  gebunden  sei,  verweigerten  die  Hessen  jede
Antwort,  weil  ihnen  das  Gewissen  schlug.  Man  ging  also  über  diesen
wunden  Punkt  schweigend  hinweg.*)  Die  Kurhessen  drängten  zur  Eile;
denn  sie  befürchteten  einen  neuen  Umschwung  an  ihrem  heimischen  Hofe,
wo  Österreich  und  England-Hannover  alle  Minen  springen  ließen,  und
sie  wollten,  geängstigt  durch  die  nahende  Cholera,  den  unheimlichen  Boden
Berlins  schleunigst  wieder  verlassen.  Schon  am  29.  August  1831  war
alles  beendigt.  Um  dem  zollvereinsfreundlichen  Könige  von  Bayern  eine
Ehre  zu  erweisen,  wurde  der  Vertrag  auf  den  Ludwigstag  (25.  Aug.)  zurückdatiert.
  Kurhessen  trat  dem  preußischen  Zollsysteme  bei,  im  wesentlichen
  unter  denselben  Bedingungen  wie  einst  Darmstadt.  Der  alte  Kurfürst
  ließ  diese  Demütigung  noch  über  sich  ergehen,  wenige  Tage  bevor  er
die  Regierung  seinem  Sohne  abtrat.  Vor  sieben  Jahren  war  man  in
Berlin  bereit  gewesen,  ein  erhöhtes  Einkommen  an  Kurhessen  zu  bewilligen;
jetzt  hatte  das  Kurfürstentum  seinen  Durchfuhrhandel  verloren  und  durch
gehäufte  Sünden  jeden  Anspruch  auf  Begünstigung  verscherzt.  Hessen
mußte  sich  begnügen  mit  dem  Maßstabe  der  Kopfzahl.

Der  Vertrag  war  für  Kurhessen  eine  politische  Notwendigkeit,  er
rettete  das  Land  aus  namenlosem  Elend.  Selbst  der  Kasseler  Landtag
wagte  nicht  zu  widersprechen,  obgleich  Silv.  Jordan  bitterlich  beklagte,
daß  die  indirekten  Steuern  nunmehr  der  Verfügung  des  Landtages  entzogen
  seien  und  die  absolute  preußische  Krone  über  das  freie  Hessen  Macht
gewinne.  *“)  Die  mitteldeutschen  Verbündeten  freilich  drohten  und  lärmten.
Nicht  ohne  Grund;  Kurhessen  hatte  in  den  rohesten  Formen  seine  Vertragspflicht
  gebrochen,  ohne  auch  nur  ernstlich  eine  Verständigung  mit  den
alten  Bundesgenossen  zu  versuchen.  Für  Preußen  dagegen  war  ein  klarer
Gewinn  errungen.  Wie  die  Gotha-Meininger  Straße  den  Verkehr  mit
dem  süddeutschen  Vereine  gesichert  hatte,  so  wurde  jetzt  die  lang  ersehnte
Verbindung  zwischen  dem  Osten  und  dem  Westen  hergestellt,  der  mitteldeutsche
  Verein  noch  an  einer  zweiten  Stelle  durchbrochen.  Während  in
Thüringen  die  Zollfreiheit  der  preußischen  Durchfuhrstraße  den  mitteldeutschen
  Verbündeten  gefährlich  wurde,  mußte  Kurhessen  die  höheren
Transitzölle  des  preußischen  Tarifs  einführen.  Auf  Bayerns  dringende
Vorstellungen  setzte  Preußen  diese  hessischen  Zölle  bald  auf  die  Hälfte  herab.
Eine  noch  weitergehende  Verminderung  war  vor  der  Hand  untunlich;  die
mitteldeutschen  Verbündeten,  vornehmlich  die  Frankfurter  Kaufleute,  sollten
fühlen,  daß  sie  von  Preußen  abhingen,  und  durch  heilsamen  Druck  bestärkt
werden  in  ihrer  beginnenden  Bekehrung.

Durch  den  Abfall  Kurhessens  ward  der  mitteldeutsche  Handelsverein
vernichtet.  Der  Liberalismus  freilich  kam  so  schnell  nicht  los  von  den

 

*)  Nach  Kühnes  Denkwürdigkeiten.
*#)  Hänleins  Bericht,  18.  Okt.  1831.
v.  Treitschee,  Deutsche  Geschichte.  XV.

10
        <pb n="362" />
        354  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

liebgewonnenen  Phrasen.  In  Bayern  deklamierte  Siebenpfeiffer  gegen  die
Maut:  sie  hätte  zur  Volkssache  werden  sollen  und  ist  zur  Volksfeindin
geworden!  Stromeyer  in  Baden  schrieb  in  die  gefürchtete  Zeitschrift  „Rheinbayern“
  einen  donnernden  Artikel:  Die  preußische  Aristokratenstirne  wagt
es,  sich  an  das  Nationalgefühl  zu  wenden!  In  Preußen  herrscht,  härter
als  irgendwo  auf  der  Welt,  die  eiserne  Konsequenz  des  Merkantilsystems;
der  mitteldeutsche  Verein  vertritt  Freiheit.  Darum  soll  Baden  festhalten
  an  seinem  trefflichen  liberalen  Zollwesen.  Dann  wird  Württemberg,
  das  ohnedies  durch  seine  hohe  politische  Bildung  dem  konstitutionellen
Musterstaate  nahe  steht,  und  bald  auch  das  konstitutionelle  Bayern,  Sachsen,
Kurhessen  dem  badischen  Systeme  sich  anschließen!  —  Auch  einer  der
edelsten  und  gelehrtesten  Vertreter  deutscher  Wissenschaft  brach  eine  Lanze
für  den  sterbenden  Sonderbund.  Johann  Friedrich  Böhmer  verfaßte  das
wunderliche  Büchlein  „das  Zollwesen  in  Deutschland  geschichtlich  beleuchtet".
Der  Legitimist  des  heiligen  Reichs  stellte  den  kühnen  Satz  auf,  die  Zollfreiheit
  der  deutschen  Flüsse  müsse  von  Rechts  wegen  auch  für  die  Landstraßen
  gelten.  Er  pries  den  mitteldeutschen  Verein  als  „den  letzten  Versuch
  von  dem,  was  einstens  als  gemeines  deutsches  Recht  und  Freiheit
gegolten,  soviel  wie  möglich,  wenigstens  vertragsweise,  zu  sichern.“  Er
schalt  Preußen  den  „Reichsfeind  und  Landfriedensbrecher“,  warnte  die
Kleinstaaten,  „wie  leicht  sich  Einverleibungen  der  Nachbarländer  an  Zollangelegenheiten
  knüpfen,“  und  getröstete  sich  des  schönen  Wortes,  das  vor
zwölf  Jahren  der  k.  k.  Präsidialgesandte  gesprochen:  daß  „die  hohe  Bundesversammlung
  die  Beförderung  und  Erfüllung  des  deutschen  Handels  in
die  Hand  nehmen  werde“!

Die  sächsischen  Höfe  waren  längst  nicht  mehr  in  der  Lage,  solchen
Schrullen  nachzuhängen.  Die  Not  des  Haushalts,  das  laute  Murren
des  Volkes  zwang  sie,  wie  Motz  vorausgesagt,  demütig  bittend  in  Berlin
anzuklopfen.  Armselige  Advokatenkünste  mußten  vorhalten,  um  den  Vertragsbruch
  zu  beschönigen.  Meiningen  behauptete,  der  mitteldeutsche  Verein
sei  durch  den  Eimbecker  Vertrag  zerrissen  worden,  er  bestehe  nicht  mehr
zu  Recht.  Der  Verrat  des  einen  diente  dem  anderen  zum  Vorwande;
sobald  die  kleinen  Thüringer  schwankten,  berief  sich  das  Dresdner  Kabinett
auf  den  Artikel  des  Kasseler  Vertrags,  wonach  die  gänzlich  vom  Auslande
umschlossenen  Gebietsteile  den  Satzungen  des  Vereins  nicht  unterliegen
sollten.  Das  sei  jetzt  Sachsens  Fall,  wenn  Thüringen  sich  mit  Preußen
verständige  —  eine  offenbare  Sophisterei,  da  jene  Klausel  sich  nur  auf
entlegene  Enklaven  bezog.  Wollte  der  sächsische  Hof  ehrenhaft  verfahren,
so  mußte  er  sofort  einen  neuen  Kongreß  der  mitteldeutschen  Verbündeten
berufen,  dort  die  Auflösung  des  unhaltbaren  Vereines  beantragen  und
dann  erst  mit  Preußen  unterhandeln.  Aber  die  alte  Politik  der  Winkelzüge,
der  Halbheit,  des  Mißtrauens  gegen  Preußen  wurde  selbst  unter  dem
neuen  Ministerium  Lindenau  nicht  sogleich  aufgegeben.  Die  sächsische
        <pb n="363" />
        Bekehrung  der  sächsischen  Höfe.  355

Regierung  glaubte  ihre  Wünsche  in  Berlin  sicherer  durchsetzen  zu  können,
wenn  sie  an  dem  Gespenste  des  mitteldeutschen  Vereins  noch  einen  Rückhalt
  hätte;  sie  begann  mit  Preußen  zu  verhandeln,  noch  bevor  sie  ihrer
älteren  Verpflichtung  entbunden  war.

Nachdem  das  Dresdner  Kabinett  schon  im  August  1830  bei  den  süddeutschen
  Kronen  leise  angefragt,  mußte  sich  der  alte  König  Anton  endlich
entschließen,  an  den  König  von  Preußen  selber  zu  schreiben.  Er  beteuerte,
daß  er  längst  die  Absicht  gehabt,  mit  Preußen  in  kommerzielle  Verbindung
zu  treten  „und  somit  im  Sinne  des  hochwichtigen  und  wohltätigen  Zwecks
zu  handeln,  dessen  Erreichung  von  Ew.  Majestät  bereits  seit  längerer  Zeit
beabsichtigt  wird.  Daß  diese  Verhandlung  von  Preußen  begonnen  und
eingeleitet  werde,  scheint  die  notwendige  Bedingung  des  Erfolges  zu  sein.“
Lindenau,  der  im  Januar  1831  dies  Handschreiben  nach  Berlin  brachte,
überreichte  zugleich  eine  Denkschrift,  worin  Sachsen  den  Entschluß  aussprach,
  die  Auflösung  des  mitteldeutschen  Vereins  durchzusetzen,  „da  Veranlassung,
  Zweck  und  Grund  des  Vereins  nicht  mehr  vorhanden  sind.  Das
Bedürfnis  einer  bewegten  Zeit,  die  Zuversicht,  durch  den  Antritt  einer
solchen  Verhandlung  die  aufgeregten  Gemüter  am  sichersten  zu  beruhigen,
endlich  die  Hoffnung,  daß  ein  solcher  die  Mehrzahl  der  deutschen  Bundesstaaten
  umfassender  Verband  auch  auf  die  größeren  Weltereignisse  einen
friedlich  besänftigenden  Einfluß  äußern  könne,“  ermutigten  den  sächsischen
Hof,  die  Verhandlungen  in  Berlin  zu  beginnen.)

Noch  kläglicher  war  die  Demütigung  Weimars.  Derselbe  Minister
Schweitzer,  der  seit  Jahren  das  preußische  Zollsystem  als  den  Todfeind
deutscher  Handelsfreiheit  bekämpft  hatte,  versicherte  im  Juli  1830  dem  Auswärtigen
  Amte:  „daß  zur  Förderung  des  von  dem  König  von  Preußen
begonnenen,  in  seinen  Zwecken  und  seinen  Gründen  immer  klarer  hervortretenden
  deutschen  Werkes,  also  zur  Förderung  eines  freien  Handels  und
Verkehrs  im  deutschen  Vaterlande  von  Preußen  aus,  der  Großherzog  von
Weimar  im  Einverständnis  mit  dem  Königreich  Sachsen  mit  Vergnügen
die  Hand  bieten  wird.“  Dann  sang  der  weimarische  Minister  Fritsch  die
Totenklage  des  Sonderbundes:  „Auf  hinreichende  Zeit  zur  Ausbildung
des  Vereins  ist  nicht  mehr  zu  rechnen,  nachdem  die  großen  welthistorischen
Ereignisse  seit  dem  25.  Juli  1830  und  deren  Folgen  auf  deutschem  Boden
eine  weit  schleunigere  Hilfe  notwendig  gemacht,  man  kann  sagen,  die
übel,  welche  als  chronische  behandelt  werden  sollten,  in  akute  verwandelt
haben.  Nur  Schaden,  nur  Verderben  könnte  es  bringen,  wenn  man  sich
unter  solchen  Umständen  noch  gegenseitig  beschränken,  sich  zum  Nichtstun
verpflichtet  halten  wollte  in  einer  Zeit,  welche  in  allen  öffentlichen  Dingen
ganz  andere  Forderungen  stellt.  Was  uns  die  Jahre  1829  und  1830
genommen  und  gebracht  haben,  ließ  sich  im  Jahre  1828  nicht  voraussehen,

*)  König  Anton  von  Sachsen  an  König  Friedrich  Wilhelm,  29.  Dez.  1830.  Lindenaus
  Denkschrift  über  die  Handelseinheit,  4.  Jan.  1831.

 

237
        <pb n="364" />
        356  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

nicht  vorausahnden.  Der  Kasseler  Verein  war  und  bleibt  ein  bedeutendes
Unternehmen,  nicht  ohne  Folgen.  Es  wird  den  Stiftern  desselben  ein  gerechtes
  Urteil  in  der  Geschichte  umso  weniger  entgehen,  je  bereitwilliger
sie  jetzt  das  Geständnis  ablegen  und  betätigen,  daß  eine  ganz  neue  Zeit
uns  gekommen  ist.“7)

Friedrich  Wilhelm  antwortete  dem  Könige  von  Sachsen  sehr  freundlich,
  er  sei  bereit,  Sachsens  Anträge  zu  erwägen,  und  sprach  sich  zugleich
offen  aus  über  die  nationalen  Ziele  seiner  Handelspolitik:  „Wiewohl  der
Abschluß  dieser  Verträge  stets  nur  mit  einzelnen  Staaten  erfolgte,  so  hatte
man  dennoch  dabei  nicht  ein  ausschließliches  Interesse  der  unmittelbar
Beteiligten  im  Auge,  sondern  man  verfolgte  zugleich  den  Gesichtspunkt,
daß  die  einzelnen  Verträge  als  Mittel  dienen  möchten,  der  Freiheit  des
Verkehrs  in  Deutschland  überhaupt  eine  größere  Ausdehnung  zu  geben.“
Dem  weimarischen  Hofe  drückte  der  Minister  des  Auswärtigen  seine  Freude
aus,  daß  unser  Werk  auch  in  den  Augen  Weimars  „immer  klarer  als  ein
deutsches  Werk  hervortritt“;  dann  wiederholte  er  in  schneidenden  Ausdrücken
  die  hundertmal  von  Preußen  ausgesprochene  Ermahnung:  die  Thüringer
  sollten  sich  erst  unter  sich  verständigen,  bevor  Preußen  mit  ihnen
verhandeln  könne.“)

Nach  solchen  Erfolgen  stand  in  Berlin  fester  denn  je  die  Überzeugung,
daß  der  eingeschlagene  Weg  der  Einzelverhandlungen  allein  zum  Ziele  führe.
Mit  voller  Sicherheit  schrieb  Bernstorff  dem  Könige:  „Die  Schöpfung  eines
allgemeinen  deutschen  Zoll=  und  Handelssystems  oder  irgend  einer  anderen
bleibenden  Institution  ähnlicher  Natur  ist  eine  Aufgabe,  deren  Lösung
dem  Bunde  so  lange  unmöglich  bleiben  wird,  als  derselbe  nicht  eine  andere,
von  der  jetzigen  ganz  verschiedene  Organisation  besitzt.“  Seit  dem  Zerfalle
  des  mitteldeutschen  Sonderbundes  schien  die  Bahn  frei  für  die  vollständige
  Vereinigung  der  beiden  befreundeten  Zollvereine  des  Südens  und
des  Nordens.  Was  sollte  jetzt  noch  hindern,  da  beide  Teile  die  Unhaltbarkeit
  des  bestehenden  Zustandes  lebhaft  empfanden?  da  die  zwischenliegenden
  Staaten  nicht  mehr  feindlich  im  Wege  standen,  sondern  selbst
um  ihre  Aufnahme  baten?  da  das  Grundgesetz  des  preußisch-hessischen
Vereins  sich  von  selber  darbot  als  die  Regel  für  den  großen  Verein?  Und
dennoch  mußte  Preußen  wieder  und  wieder  durch  den  Flugsand  waten,
der  im  Wüstenwinde  der  deutschen  Kleinstaaterei  emporwirbelte.  Fast
drei  Jahre  lang,  von  1830  bis  1833,  spielte  in  Berlin,  vielfach  unterbrochen,
  eine  dreifache  Reihe  mühseliger  Verhandlungen:  mit  Bayern-Württemberg,
  mit  Sachsen,  mit  den  thüringischen  Staaten;  und  das  Geschäft
  wäre  nie  zum  Abschluß  gelangt,  wenn  man  nicht,  dem  alterprobten

—  —  ————  —„—  —

*)  Schweitzer,  Schreiben  an  das  preuß.  Min.  d.  A.  A.,  25.  Juli  1830.  Fritsch,
Schreiben  an  das  sächs.  Min.  d.  A.  A.,  31.  März  1831.

**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  König  Anton  von  Sachsen,  24.  Jan.  1831.  Bernstorff
  an  das  Staatsministerium  in  Weimar,  22.  Okt.  1830.
        <pb n="365" />
        Die  bayrisch-badischen  Händel.  357

Grundsatz  getreu,  die  Unterhandlungen  mit  den  einzelnen  Gruppen  scharf
auseinander  gehalten  hätte.  Der  Vergleich  drängt  sich  unwillkürlich  auf:
der  Deutsche  Zollverein  ging  aus  dem  preußisch-hessischen  hervor  unter
ähnlichen  Kämpfen  und  Bedenken,  wie  späterhin  das  Deutsche  Reich  aus
dem  Norddeutschen  Bunde.  Der  Zollverein  wie  der  Norddeutsche  Bund
stieß  auf  die  höchsten  Schwierigkeiten  erst,  als  die  größeren  Mittelstaaten,
mit  ihrem  festgewurzelten  und  nicht  ganz  unberechtigten  Partikularismus,
mit  der  Fülle  ihrer  scheinbar  oder  wirklich  abweichenden  Interessen  in  die
Verhandlungen  eintraten.  In  Versailles  wie  vierzig  Jahre  zuvor  in  Berlin
gebärdeten  sich  die  süddeutschen  Kronen  anfangs,  als  stünde  man  vor  einem
Neubau,  als  sei  noch  gar  kein  Grundgesetz  vorhanden;  erst  nach  langem
peinlichem  Zögern  erkannten  sie  die  im  Norden  bestehende  Ordnung  an,
doch  indem  der  Bau  erweitert  wurde,  lockerte  man  zugleich  das  feste  Gefüge
seiner  Mauern.

Der  Handelsvertrag  zwischen  Preußen-Hessen  und  Bayern-Württemberg
  war  von  vornherein  in  der  Absicht  fortschreitender  Erweiterung  abgeschlossen.
  In  München  aber  begann  die  ultramontane  Partei  sofort  an
dem  neuen  Bunde  zu  zerren  und  zu  nagen.  Ihre  Führer,  Schenk,  Görres,
Ringseis,  standen  durch  den  k.  k.  Legationsrat  Wolff  mit  der  Hofburg  im
Verkehr;  der  Gesandte  in  Wien,  Graf  Bray,  war  für  Metternich  gewonnen,
desgleichen  neuerdings  auch  der  alte  Feldmarschall  Wrede.  Angesichts  dieser
mächtigen  Gegner  und  der  unberechenbaren  Launen  König  Ludwigs  hielt
Bernstorff  für  nötig,  allen  Begehren  Bayerns  soweit  als  möglich  entgegenzukommen.
  Der  Münchener  Hof  wünschte  zunächst  den  Eintritt  Badens
in  den  bayrisch-württembergischen  Verein;  denn  das  badische  Gebiet  ragte
als  ein  trennender  Keil  zwischen  die  bayrische  Pfalz  und  die  Hauptmasse
der  Vereinslande  hinein,  und  unter  dem  Schutze  der  gerühmten  Karlsruher
Freihandelspolitik,  die  für  die  Grenzbewachung  wenig  tat,  blühte  auf  dem
Schwarzwalde  wie  am  Rheinufer  ein  gefährlicher  Schmuggelhandel.  War
der  kränkelnde  süddeutsche  Zollverein  durch  Badens  Zutritt  neu  gekräftigt,
dann  erst  sollte  —  so  rechnete  König  Ludwig  —  über  die  völlige  Verschmelzung
  der  beiden  Vereine  des  Nordens  und  des  Südens  verhandelt
werden.  Motz  hatte  diesen  etwas  künstlichen  und  umständlichen  Plan  gebilligt,
  und  aus  Rücksicht  auf  Bayern  hielt  Bernstorff  auch  jetzt  noch  daran
fest,  obwohl  Maassen  ihm  versicherte,  man  könne  getrost  weiter  gehen  und
mit  Bayern,  Württemberg  und  Baden  sogleich  einen  wirklichen  Zollverein
nach  dem  Muster  des  preußisch-hessischen  abschließen.)

Eine  handelspolitische  Verständigung  zwischen  Bayern  und  Baden
blieb  aber  völlig  aussichtslos,  solange  die  beiden  Höfe  einander  noch  als
Feinde  betrachteten  und  König  Ludwig  seine  traumhaften  Ansprüche  auf
badisches  Gebiet  nicht  aufgab.  Als  Großherzog  Ludwig  starb  und  sein

 

*)  Maassen  an  das  Auswärtige  Amt,  15.  Okt.  1830.
        <pb n="366" />
        358  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Nachfolger  sogleich  von  allen  Mächten  anerkannt  wurde,  da  wagte  man
in  München  gar  nicht  mehr  wie  früher  zu  behaupten,  daß  mit  der  Thronbesteigung
  der  Hochbergischen  Linie  das  Haus  der  Zähringer  ausgestorben  sei.
Der  Wittelsbacher  trug  seine  vorgeblichen  Ansprüche  auf  den  „Heimfall“
der  badischen  Pfalz  stillschweigend  zu  Grabe.  Um  so  mehr  lag  ihm  daran,
jetzt  mindestens  den  Sponheimer  Streit  auf  gute  Art  zu  Ende  zu  führen
und  durch  eine  Gebietserwerbung  der  Welt  zu  beweisen,  daß  Bayern
doch  nicht  ganz  im  Unrechte  gewesen  sei.)

Gegen  Ende  Mai  1830  erschien  Armansperg  in  tiefem  Geheimnis  zu
Berlin  und  bat  um  Preußens  gute  Dienste.  König  Friedrich  Wilhelm
übernahm  die  Vermittlung,  im  Verein  mit  dem  Könige  von  Württemberg,
und  ließ  den  badischen  Minister  Böckh  nach  Berlin  einladen.  Er  hoffte
nicht  nur  den  leidigen  Gebietsstreit  beizulegen,  sondern  auch  Baden  zum
Eintritt  in  den  bayrisch-württembergischen  Zollverein  zu  bewegen.  Am
10.  Juli  brachte  Bernstorffs  versöhnliches  Zureden  endlich  eine  Übereinkunft
  zustande,  kraft  deren  Baden  dem  süddeutschen  Vereine  beizutreten
versprach;  dafür  wollten  beide  Teile  auf  ihre  Sponheimer  Erbansprüche
verzichten  und  den  alten  Beinheimer  Entscheid  für  erloschen  erklären.  Um
Bayern  gänzlich  zufrieden  zu  stellen,  wurde  noch  ein  geringfügiger  Gebietsaustausch
  irgendwo  an  der  badischen  Ostgrenze  vorbehalten.  Damit  schien
der  jämmerliche  Handel  aus  der  Welt  geschafft.  Metternich  sprach  bereits
allen  Teilnehmern  seinen  Glückwunsch  aus,  und  König  Ludwig  dankte
dem  preußischen  Minister  aufs  wärmste.  Ohne  Verständigung  mit  Baden
—so  schrieb  er  —  „kann  ein  näheres  Anschließen  an  Preußen  nicht  stattfinden.
  Daß  aber  ein  solches  Anschließen  geschehe,  finde  ich  von  großer
Wichtigkeit  für  das  Beste  unseres  deutschen  Gesamtvaterlandes;  hiervon
bin  ich  durchdrungen,  sowie  daß  mein  Haus  dem  preußischen  zu  verdanken
hat  noch  in  Bayerns  Besitz  zu  sein.  Es  ist  eine  Freude,  mit  einem  solchen
Manne  von  Ehre  zu  tun  zu  haben.“**)

Sobald  man  jedoch  über  die  Ausführung  der  üÜbereinkunft  verhandelte,
  verlangte  Bayern  einen  Zuwachs  von  etwa  20000  Einwohnern
und  setzte  erst  nach  langem  Feilschen  seine  Forderung  ein  wenig  herab;
das  schöne  Wertheim  vornehmlich,  das  Heidelberg  der  Mainlande,  erschien
dem  romantischen  Wittelsbacher  unwiderstehlich  verlockend.  Der  Karlsruher
  Hof  wies  jede  größere  Gebietsabtretung  entschieden  zurück  und  verschanzte
  sich  hinter  der  gesinnungstüchtigen  Entrüstung  seines  Volkes.  Die
Stadt  Wertheim  selbst  hatte  freilich  gegen  die  Abtretung  wenig  einzuwenden,
  weil  die  Beamten  den  Main-Tauberkreis  als  das  badische  Sibirien
behandelten;  auch  der  Fürst  Georg  von  Löwenstein,  der  dort  Hof  hielt,
wollte  sich  als  treuer  deutscher  Patriot  den  Herrschaftswechsel  wohl  ge- 



*)  S.  v.  III.  620  f.
**)  König  Ludwig  an  Beenstorff,  22.  Juli  1830.
        <pb n="367" />
        Vermittlung  von  Preußen  und  Württemberg.  359

fallen  lassen,  wenn  dadurch  nur  endlich  das  Elend  der  Binnenmauten
aufgehoben  würde.*)  Anders  empfand  die  große  Mehrzahl  der  Liberalen;
sie  dachte  von  dem  Musterlande  der  konstitutionellen  Freiheit  nicht  eine
Geviertmeile  aufzuopfern,  und  ihr  Entschluß  stand  umso  fester,  da  sie
auch  den  Zollvereinsplänen  mißtraute.  Der  Hauptverkehr  des  langgestreckten
  Landes  ging  von  Norden  nach  Südc  und  konnte  durch  den  Anschluß
  an  Bayern-Württemberg  wenig  gewinnen.  Nan  übersah  oder  wollte
übersehen,  daß  dieser  Anschluß  nur  das  Mittel  belden  sollte  zur  späteren
Vereinigung  mit  Preußen;  unleugbar  war  der  bayrische  Plan  zu  fein,  zu
verwickelt,  um  sogleich  vom  Volke  verstanden  zu  werden.

überall  in  Baden  sprach  man  begeistert  von  einem  gesamtdeutschen
Zollverbande;  denn  so  viel  Boden  hatte  die  Idee  der  deutschen  Handelseinheit
  durch  Preußens  Siege  doch  gewonnen,  daß  niemand  mehr  sie
schlechthin  zu  verwerfen  wagte.  Freilich  benutzten  viele  badische  Liberale
das  schöne  Wort  vom  allgemeinen  deutschen  Zollvereine  nur  als  ein  Schurzfell,
  um  die  Blöße  ihrer  partikularistischen  Selbstsucht  zu  bedecken.  Wie
behaglich  lebte  sich's  doch  unter  der  badischen  Handelsfreiheit  —  auf  Kosten
der  lieben  Nachbarn!  Mit  Stolz  sah  der  Badener  —  so  sagte  eine  Flugschrift
  des  Rastatter  Kaufmanns  F.  Meyer  „über  die  Zollverhältnisse  Badens“
  —  wie  die  Nachbarn  aus  dem  Elsaß,  aus  Schwaben,  aus  der  Rheinpfalz
  in  „das  wohlfeile,  gastfreie“  Ländle  kamen,  um  dann  ihre  billigen
Einkäufe  über  die  heimatliche  Grenze  hinüberzuschmuggeln.  Nimmermehr
sollte  diese  gemütliche  Unordnung  durch  eine  gewissenhafte  Grenzbewachung
beseitigt  werden.  Der  Freiburger  Handelsstand  stellte  dem  Landtage  vor:
ein  Zollverein  „wird  rechtliche,  sittlich  gute  Menschen  in  eine  Rotte  von
Zöllnern,  Schmugglern,  Spionen  und  Gaunern  verwandeln“  —  wobei  nur
verschwiegen  ward,  daß  die  große  Mehrzahl  der  badischen  Geschäfte,  zumal
die  Kolonialwarenhandlungen,  dem  Schleichhandel  längst  als  Herbergen
dienten.  Noch  kräftiger  sprach  das  Straßburger  Konstitutionelle  Deutschland:
  „Maut,  Maut,  preußische  Maut  erhalten  wir!  Unglückliches
Vaterland!  Im  geheimen,  im  Dunkel  der  Nacht  wird  sie  dir  gegeben!
Wehe  dir,  Kammer  von  18311“  Als  Großherzog  Leopold  sein  Oberland
bereiste,  wurde  er  überall  dringend  gewarnt,  und  Winter,  der  in  Fragen
der  großen  Politik  immer  ratlos  war,  wagte  nicht  einer  scheinbar  so
starken  Volksüberzeugung  zu  widersprechen.

So  schleppte  sich  der  Zank  durch  fast  anderthalb  Jahre  dahin.  Die
beiden  vermittelnden  Höfe  boten  alle  ihre  Beredsamkeit  auf.  Der  Berliner
sprach  sanft,  der  Stuttgarter  schroff;  denn  König  Wilhelm  sah  sein  Land
unmittelbar  unter  dem  badischen  Schmuggel  leiden,  er  drohte  dem  Karlsruher
  Hofe  geradezu:  Bayern  und  Württemberg  würden  „dem  bisherigen

 

*)  Bürgermeister  Weimar  in  Wertheim  an  Fürst  Georg  von  Löwenstein,  28.  Mai-J.
  Georg  von  Löwenstein  an  Otterstedt,  30.  Mai  1831.
        <pb n="368" />
        360  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

ganz  feindseligen  Betragen  Badens  gemeinschaftlich  ein  jedes  Mittel  entgegensetzen,
  um  nicht  mitten  in  unserem  Vereine  das  System  einer  Regierung
  zu  sehen,  das  mit  Vorbedacht  Unzufriedenheit  und  Unruhe  in
unserer  so  bedenklichen  Zeit  stiftet.“)  Ebenso  vergeblich  schrieb  König
Ludwig  selbst  in  seinem  wuchtigsten  Partizipialstile  an  den  Großherzog:
„durch  meine  letzten  Voryläge  habe  ich  das  Außerste  getan,  um  die
Sponheimer  Angelegenh'  !  zur  Ausgleichung  zu  bringen,  und  von  großem
Wert  ist  mir  die  von  Ew.  K.  Hoheit  ausgedrückte  Willfährigkeit,  damit  sie
und  Beitritt  zum  Zollvereine  stattfinde,  überzeugt,  daß  fester  Wille  beides
bei  Ihren  Ständen  durchsetzen  werde.“)  An  diesem  festen  Willen  gebrach
es  dem  badischen  Hofe  gänzlich.  Die  Minister  verteidigten  den  Zutritt
zum  süddeutschen  Zollvereine  sehr  lau;  Welcker  tobte  mit  gewohnter  Wortfülle
  gegen  die  absolute  preußische  Krone,  Rotteck  unterstützte  ihn  etwas
ruhiger.  Die  phrasenreichen  Verhandlungen  gereichten  dem  Muster-Landtage
  wenig  zur  Ehre;  über  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Frage
wußten  nur  einzelne  große  Geschäftsmänner  ein  treffendes  Wort  zu  sagen,
so  der  liberale  Fabrikant  Buhl  aus  Ettlingen  und  der  Tabakshändler
von  Lotzbeck  aus  Lahr.  Selbst  der  liberale  E.  E.  Hoffmann,  der  aus  Darmstadt
  herüberkam,  um  den  badischen  Parteifanatikern  Vernunft  zu  predigen,
richtete  nichts  aus.  Schließlich  einigte  sich  der  Landtag  über  eines  jener
unwahren  Kompromisse,  wie  sie  der  Parlamentarismus  liebt,  wenn  er
nichts  mehr  zu  sagen  weiß.  Beide  Kammern  verwarfen  einstimmig  den
Eintritt  in  den  süddeutschen  Verein  und  gaben  der  Regierung  Vollmacht,
über  einen  gesamtdeutschen  Zollverein  zu  verhandeln  (Nov.  1831).  Dabei
  konnte  sich  jeder  das  Seine  denken,  denn  an  die  Möglichkeit  eines
Zollvereins  mit  Österreich,  Hannover  und  Holstein  glaubte  eigentlich
niemand  mehr.  Auch  die  von  Bayern  geforderte  Gebietsabtretung  wurde
durch  die  zweite  Kammer  verworfen,  einstimmig,  unter  brausenden  Hochrufen
  auf  den  Großherzog.

Dem  gefeierten  Fürsten  ward  bei  dieser  Begeisterung  seiner  getreuen
Opposition  sehr  schwül  zu  Mute.  In  einem  flehentlichen  Briefe  wendete
er  sich  abermals  hilfesuchend  an  Bernstorff,  unter  Bezeigung  des  „innigsten
Dankgefühls  gegen  Hochdieselben“,??)  und  wirklich  unterzog  sich  der  geduldige
  preußische  Minister  noch  einmal  den  undankbaren  Mühen  der  Vermittlung.
  König  Ludwig  aber  empfand  jenen  Beschluß  des  badischen  Landtages
  als  eine  persönliche  Beleidigung;  er  hielt  es  für  schmachvoll,  eine
Forderung,  die  schon  soviel  Staub  aufgewirbelt  hatte,  ohne  jede  Entschädigung
  fallen  zu  lassen.  An  dem  ergrimmten  Wittelsbacher  war  jetzt
jeder  Zuspruch  verschwendet.  Auch  der  König  von  Württemberg  ließ  nach

*)  König  Wilhelm  von  Württemberg  an  Markgraf  Wilhelm  von  Baden,  12.Nov;
Antwort  17.  Nov.  1830.

*“)  König  Ludwig  an  Großherzog  Leopold,  9.  Mai  1831.
*  "“)  Großherzog  Leopold  an  Bernstorff,  5.  Dez.  1831.
        <pb n="369" />
        Abbruch  der  Verhandlungen  mit  Baden.  361

einiger  Zeit  in  schnöden  Worten  erklären,  daß  er  mit  dem  unbelehrbaren
badischen  Hofe  nichts  mehr  zu  schaffen  haben  wolle.*)  In  Berlin  urteilte
man  milder,  doch  die  erneuten  Verhandlungen  blieben  fruchtlos.  Der
königliche  Dichter  in  München  hinterließ  die  imaginären  Sponheimer  An—
sprüche  seinen  Nachfolgern  als  ein  heiliges  Vermächtnis,  untertänigen
Historikern  als  einen  köstlichen  Stoff  für  bajuvarische  Großsprechereien.
Also  ward  Baden,  früherhin  immer  ein  wackerer  Vorkämpfer  der  deutschen
Handelseinheit,  teils  durch  die  Torheit  seiner  Kammern,  teils  durch
eine  seltsame  diplomatische  Verwicklung  ganz  in  das  Hintertreffen  gedrängt
und  von  den  entscheidenden  Verhandlungen  der  Zollvereinspolitik  mehrere
Jahre  hindurch  ausgeschlossen.  —

Die  leidenschaftliche,  uns  heute  fast  rätselhafte  Erbitterung  dieser
bayrisch-badischen  Händel  spiegelte  sich  wider  in  einem  seltsamen  Abenteuer,
das  die  Zeitgenossen  viele  Jahre  hindurch  lebhaft  beschäftigte.  Zu  Pfingsten
1828  kam  ein  junger  Bauerbursch,  angeblich  Kaspar  Haufer  benamset,
nach  Nürnberg,  um  bei  den  Chevau-legers  als  Reiter  einzutreten;  der
verwahrloste  Mensch  war  geimpft,  konnte  etwas  lesen  und  schreiben,  auch
einfache  Fragen  in  seinem  oberpfälzischen  Dialekt  notdürftig  beantworten,
und  trug  die  unter  bayrischen  Bauersleuten  üblichen  katholischen  Gebetbücher
  bei  sich.  Er  überbrachte  einen  geheimnisvollen  Brief,  dessen  Handschrift
  seiner  eigenen  sehr  ähnlich  sah.  Der  dunkle  Sinn  dieses  Schreibens
und  das  scheue,  sonderbare  Wesen  des  Burschen  erregten  die  öffentliche
Neugier;  durch  törichte  Fragen  ward  bald  ein  ungeheuerliches  Märchen
aus  ihm  herausgeforscht:  er  wollte  von  Kindesbeinen  an  in  einem  finsteren
unterirdischen  Kerker  gelegen,  dann  urplötzlich  von  seinem  unsichtbaren
Kerkermeister  das  Sprechen,  Lesen  und  Schreiben  gelernt  haben.  Der
Bürgermeister  Binder  von  Nürnberg  verkündete  alsdann  in  einer  schwülstigen,
  die  gefühlsselige  Lesewelt  zerknirschenden  Bekanntmachung,  daß  die
Gemeinde  den  Findling  „als  ein  ihr  von  der  Vorsehung  anvertrautes  Pfand
der  Liebe  betrachte“,  und  übergab  seinem  Schwiegersohne  Daumer,  einem
geistreichen,  aber  unerfahrenen  und  durchaus  verschrobenen  Gelehrten,  die
Erziehung  des  Wunderkindes.  Pädagogen,  Arzte  und  Kriminalisten,  Homöopathen,
  Wundertäter  und  Geisterseher,  blasierte  Weltmänner,  Wißbegierige
  aller  Stände  eilten  herbei,  um  diesen  Tiermenschen,  der  in  allem
von  den  gemeinen  Sterblichen  abweichen  sollte,  zu  ergründen,  jedes  Organ
seines  Leibes  und  seiner  Seele  verwegenen  Experimenten  zu  unterwerfen.

Eine  ganze  Literatur  von  Aufsätzen  und  Flugschriften  beschäftigte  sich
mit  dem  „Kinde  von  Europa“.  Alle  Schwächen  einer  tatenarmen  und
doch  nach  Taten  dürstenden  Zeit,  der  romantische  Wunderglaube,  die
nervöse  Reizbarkeit,  der  überkluge  Scharfsinn,  die  Lust  am  Skandal  und
der  radikale  Haß  gegen  die  vornehme  Welt  fanden  hier  ihre  Rechnung.

 

*)  Note  des  württemb.  Gesandten  Frhr.  von  Linden  an  Bernstorff,  20.  April  1832.
        <pb n="370" />
        362  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Auch  den  Nüchternen  schien  so  viel  mindestens  sicher,  daß  die  Wundermär
irgendeinen  wahren  Kern  enthalten  und  die  geheimnisvollen,  aller  Nachforschungen
  und  ausgeschriebenen  Preise  spottenden  Feinde  des  Mißhandelten
  über  große  Machtmittel  gebieten  müßten.  Nur  der  Polizeirat
Merker  in  Berlin  und  wenige  andere  gewiegte  Kenner  der  Verbrecherwelt
wagten  jetzt  schon,  zur  Entrüstung  des  gebildeten  Publikums,  das  Kind
Europas  für  einen  gemeinen  Betrüger  zu  erklären,  da  die  Kerkergeschichte

offenbar  allen  Naturgesetzen  widerspräche.  Unter  den  Gläubigen  befanden
sich  nicht  bloß  Saphir  und  ähnliche  literarische  Klopffechter,  sondern  auch
ernste,  bedeutende  Männer,  wie  der  Staatsrechtslehrer  Klüber,  der  Herausgeber
  des  Neuen  Pitaval  Hitzig,  vor  allen  aber  Anselm  Feuerbach,  der,  von
tiefem  Mitleid  ergriffen,  mit  der  ganzen  Glut  seines  leidenschaftlichen
Herzens  sich  des  Findlings  annahm  und  in  einer  eigenen  Schrift  die  unheimliche
  Kerkergeschichte  als  „Beispiel  eines  Verbrechens  am  Seelenleben
des  Menschen“  schilderte.  Also  verwöhnt,  verzogen,  angestaunt  und  zum
Heucheln  geradezu  herausgefordert,  lebte  sich  Hauser  immer  tiefer  ein  in
seine  Lügenwelt,  er  spielte  die  ihm  halb  aufgedrungene  Rolle  des  langsam
aus  dem  Seelenschlafe  Erwachenden  nicht  ohne  Bauernschlauheit  und
erlernte  allmählich  alles  wieder,  was  er  schon  vor  seinen  Nürnberger  Tagen
gewußt  hatte;  viel  mehr  konnten  die  Erziehungskünste  seiner  Gönner  in
diesen  harten  Kopf  nicht  hineinbringen.  Als  er  fühlte,  daß  sein  Ansehen
zu  wanken  begann,  verwunderte  er  sich  selbst  und  erweckte  noch  einmal  die
Teilnahme  aller  zarten  Seelen,  indem  er  vorgab,  daß  ein  unbekannter
Mörder  ihn  angefallen  habe.  Dann  lebte  er  als  Schreiber  in  Ansbach  und
wagte  dort  im  Schloßgarten  nochmals  den  nämlichen  Versuch,  aber  diesmal
drang  sein  Dolch  tiefer  ein,  als  er  selbst  beabsichtigte,  und  er  starb  schon
nach  drei  Tagen  (Dez.  1833).  Da  diese  Selbstverwundung  sich  weder
ganz  unzweifelhaft  erweisen  ließ,  noch  mit  der  Feigheit  des  Burschen  leicht
vereinbar  schien,  so  gab  Hausers  Tod  den  umlaufenden  Gerüchten  nur
neue  Nahrung.  Seine  Grabschrift  nannte  ihn  aenigma  sui  temporis,
und  auf  der  Unglücksstelle  im  Schloßgarten  wurde  ein  Denkstein  errichtet
mit  der  doppelsinnigen  Inschrift:  hic  occultus  occulto  occisus.

Nach  mannigfachen  abenteuerlichen  Vermutungen  war  der  Verdacht
entstanden,  Hauser  sei  der  im  Jahre  1812  geborene  und  nach  wenigen
Tagen  gestorbene  Erbgroßherzog  von  Baden;  der  berüchtigte  Major  Hennenhofer
  sollte  ein  totes  Kind  untergeschoben  und  den  Prinzen  aus  dem
Wege  geräumt  haben,  um  den  hochbergischen  Zähringern  den  Thron  zu
verschaffen.  Beweise,  ja  selbst  verdächtige  Anzeichen  fehlten  gänzlich;  aber
der  plötzliche  Tod  der  beiden  Söhne  des  Großherzogs  Karl  hatte  schon  vor
Jahren  viel  müßiges  Gerede  hervorgerufen,!)  dem  Großherzog  Ludwig  und

*)  S.  o.  II.  361.  Beiläufig  sei  ein  dort  angegebenes  falsches  Datum  berichtigt.
Der  zweite  Sohn  des  Großherzogs  Karl,  Prinz  Alexander,  wurde  am  1.  Mai  1816
geboren  und  starb  8.  Mai  1817.
        <pb n="371" />
        Kaspar  Hauser.  363

seinem  Hennenhofer  traute  man  alles  Böse  zu,  und  so  fand  denn  die  neue
Legende  lebhaften  Anklang.  Feuerbach  selbst  schenkte  ihr  Glauben  und
sendete  dem  Münchener  Hofe  eine  geheime  Denkschrift,  die  seiner  Kombinationsgabe
  mehr  zur  Ehre  gereichte,  als  seinem  Verstande.  König  Ludwig
ließ  sich  ebensogern  überzeugen,  wie  sein  phantastischer  Minister  Fürst
Wallerstein;  der  romanhafte  Reiz  bestach  ihn  leicht,  unwillkürlich  mochte
auch  sein  alter  Haß  gegen  die  Zähringer  mitspielen.  Sogar  seine  Stief—
mutter  Königin  Karoline  ließ  eifrig  nachforschen  und  scheint  eine  Zeitlang
an  das  Märchen  geglaubt  zu  haben,“)  obgleich  sie  selbst  eine  badische  Prin—
zessin  war  und  mit  ihrem  Stiefsohne  selten  übereinstimmte.  Der  badische
Hof  war  längst  im  Besitze  von  Aktenstücken,  welche  den  natürlichen  Tod
jenes  jungen  Erbprinzen  unzweifelhaft  erwiesen,  und  konnte  durch  eine
offene  Erklärung  das  boshafte  Geschwätz  sofort  ertöten;  er  hegte  jedoch,
wie  alle  Höfe  jener  Zeit,  eine  fast  krankhafte  Scheu  vor  der  Offentlich—
keit  und  mochte  zudem  fürchten,  daß  durch  solche  Enthüllungen  auch  andere,
besser  beglaubigte  Schmutzgeschichten  aus  den  Zeiten  der  beiden  letzten
Großherzoge  zu  Tage  kommen  würden.  Genug,  er  schwieg,  und  nunmehr
verbreiteten  sich  die  unheimlichen  Gerüchte,  die  allem  Anschein  nach  zuerst
in  Bayern  aufgetaucht  waren,  auch  weithin  über  das  badische  Land.  In
Karlsruhe,  der  klatschsüchtigsten  aller  deutschen  Residenzen,  erlebten  die
Lästermäuler  gute  Tage;  die  verbitterten  Liberalen  hießen  alles  willkommen,
was  den  Fürsten  Schande  brachte;  auch  unter  dem  Breisgauer  Adel,  der
dem  evangelischen  Fürstenhause  noch  nicht  recht  traute,  fanden  sich  viele
Gläubige.

Nunerdreistete  sich  der  nichtsnutzige  Demagog  Garnier  —  der  Rastatter
Ravaillac,  wie  er  sich  selber  nannte  —  in  einem  albernen  Schauerromane
die  Leiden  des  lebendig  begrabenen  badischen  Erbprinzen  ausführlich  zu
erzählen,  und  fortan  stand  die  Fabel  fest.  Brandschriften  der  ultramontanen
und  der  radikalen  Feinde  des  badischen  Hauses  schmückten  das  Märchen  noch
reicher  aus;  die  Hauser-Legende  diente  den  Parteien  des  Umsturzes  als  ein
wirksames  Mittel,  um  den  Massen  die  Verderbnis  der  Höfe  zu  beweisen.
Unglaublich,  wieviel  Haß  und  Argwohn  durch  diese  nachbarlichen  Zänkereien
  in  Süddeutschland  gesät  wurde.  Als  Feuerbach  einige  Monate  vor
seinem  Schützlinge  starb,  da  behaupteten  viele  seiner  Verehrer  unerschütterlich,
  die  Seelenmörder  Kaspar  Hausers  hätten  auch  dessen  mächtigen  Gönner
vergiftet;  und  doch  war  allbekannt,  daß  der  große  Rechtsgelehrte,  durch
Arbeit  und  Gemütsbewegungen  früh  gealtert,  schon  mehrere  Schlaganfälle
erlitten  hatte.  Der  Glaube  an  den  badischen  Prinzenraub  blieb  lange  Zeit
so  mächtig,  daß  die  ernste  Wissenschaft  sich  nicht  gern  mit  der  widerlichen
Frage  befassen  mochte;  denn  eine  tief  eingewurzelte  Volksüberzeugung  darf

 

*)  Darauf  deuten  einige  Bemerkungen  in  den  oft  erwähnten  Aufzeichnungen  ihres
Hofpredigers  v.  Schmitt.
        <pb n="372" />
        364  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

der  Historiker  nicht  so  kurzerhand  zurückweisen,  wie  der  Strafrichter,  der
unbedenklich  freispricht,  wenn  sichere  Beweise  fehlen.  Erst  im  Jahre  1875
entschloß  sich  der  badische  Hof,  die  Urkunden  über  den  Tod  jenes  Erbprinzen
zu  veröffentlichen.  Seitdem  ist  durch  die  Schriften  von  O.  Mittelstädt
und  A.  v.  d.  Linde  das  Lügengewebe  endlich  zerrissen  worden,  und  wenngleich
  manche  Einzelheit  noch  dunkel  bleibt,  so  hat  doch  die  Frage,  woher  der
Betrüger  eigentlich  stammte,  heute  jeden  historischen  Wert  verloren.  —

 

Nach  alledem  war  eine  Verständigung  zwischen  Bayern  und  Baden
vorläufig  undenkbar.  Der  deutschen  Handelseinheit  aber  kam  jener  ablehnende
  Beschluß  der  badischen  Kammern  seltsamerweise  zugute.  Der
künstliche  Gedanke,  zunächst  den  süddeutschen  Verein  zu  vergrößern  und
dann  erst  die  Vereinigung  mit  dem  Norden  zu  suchen,  war  fortan  beseitigt.
  Die  oberdeutschen  Königshöfe,  außerstande,  ihren  unergiebigen
Sonderbund  aufrecht  zu  halten,  sahen  sich  genötigt,  statt  des  Notbehelfs
sogleich  das  durchschlagende  Mittel  zu  wählen;  sie  stellten  jetzt  bei  dem
preußischen  Kabinett  den  Antrag  auf  völlige  Vereinigung.  Im  Dezember
1831  wurden  die  Verhandlungen  in  Berlin  eröffnet.  Doch  sofort  ergab
sich  eine  Fülle  gewichtiger  Bedenken.  Preußen  hatte  schon  durch  die  Aufnahme
  der  beiden  Hessen  ein  fühlbares  finanzielles  Opfer  gebracht;  der
Ertrag  seiner  Zölle,  der  um  1829  gegen  25,3  Sgr.  für  den  Kopf  der  Bevölkerung
  abwarf,  begann  bereits  zu  sinken.  Durfte  man  auch  die  oberdeutschen
  Lande,  die  von  Kolonialwaren  noch  weit  weniger  verzehrten
als  die  beiden  Hessen,  zu  den  gleichen  Bedingungen  aufnehmen?  Die
Finanzpartei  in  Berlin  fürchtete  schwere  Verluste,  wie  denn  in  der  Tat
Preußen  im  Durchschnitt  der  Jahre  1834—39  nur  22  Sgr.  auf  den  Kopf
erhalten  hat.  Sie  verlangte  entschieden  ein  Präzipuum  zu  Gunsten
Preußens;  ein  Ausfall  in  den  Einnahmen  schien  hochbedenklich  in  so
unruhiger  Zeit.  Die  bayrisch-württembergischen  Finanzmänner  dagegen
lebten  in  dem  wunderlichen  Wahne,  daß  die  Konsumtion  im  Süden  stärker
sei  als  in  Preußen;  sie  meinten  schon  seltene  Großmut  zu  zeigen,  wenn
sie  auch  nur  die  Verteilung  nach  der  Kopfzahl  zustünden.

Die  Einführung  der  preußischen  Konsumtionssteuern  war  in  Hessen
ohne  Schwierigkeit  erfolgt;  Bayern  aber  sah  sich  außerstande,  seine
Malzsteuer  abzuändern.  Während  Preußen  kaum  1,3  Mill.  Tlr.,  3  Sgr.
auf  den  Kopf,  durch  die  Besteuerung  des  Bieres  bezog,  gewann  Bayern
allein  in  seinem  rechtsrheinischen  Gebiete  5  Mill.  fl.,  21  Sgr.  auf  den  Kopf,
und  aus  diesem  Ertrage  mußte  nach  der  Verfassung  die  Staatsschuld  verzinst
  werden.  Unmöglich  konnte  Preußen  seine  Biersteuer  zu  der  gleichen
Höhe  hinaufschrauben.  Der  angestammte  Durst  ließ  sich  ebensowenig  in
den  Norden  verpflanzen  wie  die  Realgerechtigkeiten  der  bayrischen  Brauer,
die  jenen  reichen  Steuerertrag  erst  ermöglichten,  aber  den  Grundsätzen  der
        <pb n="373" />
        Verhandlungen  mit  dem  süddeutschen  Zollvereine.  365

preußischen  Gewerbefreiheit  widersprachen.  Da  die  gleichmäßige  Besteue—
rung  der  inländischen  Konsumtion  mithin  unausführbar  blieb,  so  bestand
die  preußische  Finanzpartei  hartnäckig  auf  der  Einführung  von  Ausglei—
chungsabgaben.  Die  an  sich  richtige  Meinung,  daß  jede  Zollgemeinschaft
die  annähernde  Gleichheit  der  indirekten  Steuern  voraussetze,  war  seit
dem  Jahre  1818  eine  der  leitenden  Ideen  der  preußischen  Handelspolitik.
Die  Berliner  Finanzmänner  hatten  sich  so  tief  in  diesen  Gedanken  ein—
gelebt,  daß  sie  ihn  alsbald  mit  fiskalischer  Härte  auf  die  Spitze  trieben.
Die  Ausgleichungsabgaben  sind  lange,  wesentlich  durch  Preußens  Schuld,
ein  wunder  Fleck  der  Zollgesetze  geblieben;  sie  belästigten  den  Verkehr  und
brachten  geringen  Ertrag,  auch  nachdem  sie  späterhin  die  rein  fiskalische
Gestalt  der  „Übergangsabgaben“  annahmen.

Irrte  Preußen  in  dieser  Frage,  so  erhoben  auch  die  Südstaaten
höchst  unbillige  Ansprüche.  Sie  verlangten  anfangs  eine  völlige  Umge—
staltung  des  Tarifs  und  fanden  namentlich  die  preußischen  Zölle  auf
Baumwollenwaren  unerträglich  hoch,  da  sie  selbst  noch  fast  gar  keine
Baumwollenspinnereien  besaßen.  Und  doch  konnte  Preußen  nicht  nachgeben.
  Sachsens  Eintritt  stand  bevor,  die  preußische  Industrie  klagte  laut
über  die  drohende  Mitwerbung  des  Erzgebirges;  in  solcher  Stunde  die
Zölle  herabzusetzen,  schien  selbst  dem  Freihändler  Maassen  nicht  ratsam.
Auch  die  von  Württemberg  geforderte  Herabsetzung  der  Zuckerzölle  ging
nicht  durch;  die  Interessen  der  mächtig  aufblühenden  Magdeburgischen
Rübenzuckerindustrie  durften  nicht  preisgegeben  werden.  Desgleichen  die
gefürchteten  preußischen  Transitzölle  blieben  noch  unentbehrlich  als  ein
sanfter  Wink  für  die  Nachbarn.  Überhaupt  war  die  Lage  des  Augenblicks
  der  Vereinfachung  des  Tarifs  keineswegs  günstig;  Preußens  Staatsmänner
  ahnten,  daß  die  süddeutschen  Höfe  in  einer  nahen  Zukunft  die
Farbe  wechseln,  mit  schutzzöllnerischem  Eifer  auf  die  Erhöhung  der  Zölle
dringen  würden.  Lebhafter  noch  als  dieser  staatswirtschaftliche  Kampf
entbrannte  der  „staatsrechtliche  Streit“,  wie  man  in  München  zu  sagen
pflegte.  Die  verständige  Bestimmung  der  preußisch-hessischen  Verträge,
wonach  Preußen  in  der  Regel  allein  die  Handelsverträge  für  den  Zollverein
  schließen  sollte,  galt  dem  bayrischen  und  dem  württembergischen  Hofe
als  eine  schimpfliche  Unterwerfung;  sie  forderten  unbedingte  Gleichheit  in
allem  und  jedem.

So  mannigfache  sachliche  Bedenken  ins  gleiche  zu  bringen,  konnte
nur  erprobter  staatsmännischer  Kraft  gelingen.  Die  oberdeutschen  Höfe
aber  hatten,  töricht  genug,  zwei  junge  Subalternbeamte  für  diese  schwierige
Mission  bevollmächtigt,  vermutlich  nur  aus  Sparsamkeit.  Die  Ersparnis
sollte  ihnen  teuer  zu  stehen  kommen.  Eichhorn  hatte  an  den  Unterhändlern
  der  Kleinstaaten  schon  des  Wundersamen  viel  beobachtet;  eine
Persönlichkeit  wie  dieser  württembergische  Bevollmächtigte,  der  Assessor
Moritz  Mohl,  war  ihm  noch  nicht  vorgekommen.  Die  Diplomatie  in
        <pb n="374" />
        366  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Berlin  konnte  nicht  genug  ihre  Verwunderung  aussprechen  über  den  ungestümen
  Mann  mit  der  roten  Perücke  und  den  vollgepfropften  Aktenmappen:
  welch  eine  weitschweifige  Kleinlichkeit,  welche  Lust  an  unfruchtbarem
  theoretischem  Streite,  welche  Fülle  unverdauter  Gelehrsamkeit,  welch
ein  hartnäckiges  Mißtrauen  gegen  Preußen!  Der  frühreife  schwäbische
Staatsweise  entfaltete  bereits  alle  jene  Talente,  die  noch  vierzig  Jahre
später  den  deutschen  Reichstag  bezaubern  sollten;  L.  Kühne  nannte  ihn
„einen  eingebildeten  Narren,  der  den  Bären  des  Nordlands  seine  kindische
konstitutionelle  Weisheit  zu  predigen  dachte“.  Als  Mohl  dem  einzigen
Küstenstaate  des  Zollvereins  die  Abschließung  von  Schiffahrtsverträgen
verbieten  wollte,  da  erwiderte  der  Preuße:  „dann  werden  wir  also  einen
unserer  Ostseehäfen  an  Württemberg  abtreten  müssen,  um  die  Gleichheit
zwischen  den  Zollgenossen  herzustellen  !“  Mit  einem  solchen  Kollegen  behaftet,
  konnte  auch  der  bayrische  Assessor  Bever  nichts  fördern.  Die  hochstehenden
  preußischen  Staatsmänner  fanden  es  bald  unerträglich,  mit  Subalternen
  zu  verhandeln,  die  bei  jeder  Kleinigkeit  daheim  anfragten;  und  zu
allem  Unheil  begann  auch  wieder  der  alte  Streit  der  Berliner  Departements:
  Kühne  und  Eichhorn,  die  doch  beide  das  nämliche  wollten,  betrachteten
  einander  mit  gegenseitiger  Eifersucht.  Also  gestalteten  sich  die
Verhandlungen  mit  dem  befreundeten  Süden  wider  Erwarten  zu  einem
unerquicklichen  Zwist.  Im  Mai  1832  brach  man  sie  ab.

Moritz  Mohl  schrieb  nun  eine  ungeheure  Denkschrift  und  bewies,
daß  der  Zollverein  mit  Preußen  den  sicheren  Untergang  Württembergs
herbeiführen  müsse.  Ein  Menschenalter  darauf  hat  Freiherr  von  Varnbüler
dies  klassische  Aktenstück  der  Vergessenheit  entrissen,  um  der  Welt  den  Weitblick
  des  Volksmannes  zu  zeigen.  König  Wilhelm  wünschte  nach  wie  vor
den  Abschluß,  selbst  Wangenheim  hatte  einiges  gelernt,  mahnte  aus  der
Ferne  zur  Verständigung.  Doch  die  große  Mehrheit  im  Lande  widerstrebte.
Die  Fabrikanten,  die  bisher  aus  der  Beherrschung  des  bayrischen  Marktes
großen  Gewinn  gezogen,  fürchteten  die  Industrie  des  Niederrheins,  die
Bequemlichkeit  des  mächtigen  Schreiberstandes  zitterte  vor  der  strengen
preußischen  Kontrolle,  der  gesinnungstüchtige  Liberale  schlug  ein  Kreuz  vor
dem  Schreckbilde  des  norddeutschen  Absolutismus.  Mehr  als  ein  halbes
Jahr  brauchten  die  süddeutschen  Höfe,  um  sich  einen  neuen  Entschluß  zu
bilden.  Unterdessen  trieb  die  Diplomatie  OÖsterreichs  und  der  auswärtigen
Mächte  ihr  verdecktes  Spiel  an  den  Höfen  der  Mittelstaaten.  Eine  Zeitlang
  stand  die  große  Sache  fast  hoffnungslos.  Baden  tut  wohl,  alle
Zollvereinsgedanken  vorläufig  aufzugeben  —  sagte  der  bayrische  Minister
Gise  zu  dem  badischen  Gesandten  Fahnenberg  —  Preußen  stellt  unerhörte
Forderungen,  verlangt  von  uns  materielle  Opfer  und  die  Beschränkung
der  Souveränität,  Kurhessen  bereut  schon  den  übereilten  Anschluß!*)  Zu- 



*)  Fahnenbergs  Bericht,  30.  Mai  1832.
        <pb n="375" />
        Moritz  Mohl.  Mieg.  367

dem  bestand  wenig  Freundschaft  zwischen  den  Beamten  der  beiden  König—
reiche;  ein  Glück  nur,  daß  Schmitz-Grollenburg,  der  württembergische
Gesandte  in  München,  das  Vertrauen  König  Ludwigs  besaß  und  die
Fäden  nicht  gänzlich  abreißen  ließ.

So  verging  das  Jahr  in  leidiger  Verstimmung.  Da  raffte  sich
endlich  König  Ludwig  auf  und  ließ  am  Silvesterabend  eine  derbe  Note
an  Schmitz-Grollenburg  schreiben:  Der  süddeutsche  Verein  sei  tatsächlich
aufgelöst,  die  Wiederaufnahme  der  preußischen  Verhandlungen  schlechthin
unvermeidlich.  Zugleich  kam  vom  Berliner  Hofe  eine  ernste  Mahnung:
wolle  man  zu  Ende  gelangen,  so  müsse  statt  unbrauchbarer  Subalternen
ein  fähiger,  hochgestellter  Staatsmann  die  Unterhandlungen  in  Berlin
führen.  Der  Rat  wirkte.  Zu  Ende  Januar  1833  wurde  der  bayrische
Finanzminister  von  Mieg  als  gemeinsamer  Bevollmächtigter  der  beiden
Kronen  nach  Berlin  gesendet:  ein  Jugendfreund  König  Ludwigs  noch  von
den  frohen  Salzburger  Tagen  her,  ein  trefflicher  Beamter  von  großer
Sachkenntnis  und  seltener  Arbeitskraft,  die  der  König  nach  seiner  Weise
bis  auf  den  letzten  Tropfen  auspreßte  —  in  der  Handelspolitik  sehr  frei
gesinnt,  dabei  gütig  und  liebenswürdig,  hochgebildet,  von  feinen  gewinnenden
  Formen.  Er  vermied  über  Stuttgart  zu  reisen,  weil  er  der  pedantischen
  Schwerfälligkeit  der  württembergischen  Schreiber  mißtraute,  sprach
aber  unterwegs  in  Dresden  ein,  verständigte  sich  mit  den  sächsischen  Finanzmännern
  und  erschien  am  6.  Febr.  in  der  preußischen  Hauptstadt.  Eichhorn
und  Maassen  kamen  ihm  herzlich  entgegen;  es  bewährte  sich  wieder,  wie
Blittersdorf  mit  ärgerlichem  Lobe  zu  sagen  pflegte,  „Preußens  seltenes
Talent,  fremde  Staatsmänner  in  Berlin  zu  gewinnen“.  Noch  boten  sich
der  Bedenken  viele;  allein  da  Preußen  auf  seinen  erprobten  Tarif,  seine
festbegründete  Zollverwaltung  verweisen  konnte,  so  blieb  nur  übrig,  die
im  Norden  bestehende  Ordnung  mit  einigen  Anderungen  anzunehmen.
Preußen  verzichtete  auf  jedes  Präzipuum,  trotz  der  Warnungen  der  Finanzpartei.
  Die  Einnahmen  wurden  nach  der  Kopfzahl  verteilt;  nur  für  die
Schiffahrtsabgaben  auf  der  Oder  und  Weichsel,  die  ja  gar  nicht  zur  Zollgemeinschaft
  gehörten,  bezog  Preußen  eine  Bauschsumme.  Auch  der  teuerste
Herzenswunsch  des  bayrischen  Großmachtsbewußtseins  fand  Erfüllung:
jeder  Staat  erhielt  das  Recht,  Handelsverträge  zu  schließen,  lediglich  die
Verträge  mit  dem  russischen  Polen  blieben  dem  preußischen  Staate  vorbehalten.
  Zum  Entgelt  für  so  große  Zugeständnisse  wagte  Mieg  in
einem  Punkte  seine  Instruktionen  zu  überschreiten;  er  bewilligte,  daß
die  preußische  Zollverwaltung  des  rascheren  Übergangs  halber  sofort  im
Süden  provisorisch  eingeführt  würde,  noch  bevor  die  Zollgemeinschaft  in
Kraft  trat.

Am  4.  März  wurden  die  hessischen  Bevollmächtigten  zur  ersten  Plenarversammlung
  gerufen,  am  22.  kam  der  Vertrag  zustande:  die  verbündeten
  Staaten,  „in  fortgesetzter  Fürsorge  für  die  Beförderung  der  Freiheit
        <pb n="376" />
        368  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

des  Handels  zwischen  ihren  Staaten  und  hierdurch  zugleich  in  Deutschland
überhaupt“,  bilden  einen  „Gesamtverein“,  der  am  1.  Januar  1834  für
acht  Jahre  ins  Leben  tritt.  Das  Grundgesetz  entsprach  im  wesentlichen
den  hessischen  Verträgen,  nur  daß  die  Selbständigkeit  der  Bundesgenossen
erheblich  verstärkt  wurde.  Für  jede  Anderung  der  Zollgesetze  wurde  Einstimmigkeit
  der  Verbündeten  gefordert.  Das  schlimmste  Gebrechen  des
Vereins  lag  weniger  in  seinen  Satzungen  als  in  der  Verschiebung  der  Machtverhältnisse.
  Durch  den  Zutritt  mehrerer  größerer  Staaten  mit  gleichem
Stimmrecht  wurde  die  freie  Tätigkeit  der  preußischen  Handelspolitik  unvermeidlich
  erschwert.  Die  neuen  Rechte  dagegen,  die  man  den  Zutretenden
einräumte,  schienen  bedenklicher,  als  sie  waren  —  ganz  wie  die  Ausnahmebestimmungen
  der  Versailler  Verträge.  Die  Befugnis,  Handelsverträge  zu
schließen,  dies  von  Bayern  mit  so  leidenschaftlichem  Eifer  erstrebte  Kleinod,
erwies  sich  als  ein  ebenso  harmloses  Spielzeug,  wie  jener  unfindbare  Bundesratsausschuß
  für  die  auswärtigen  Angelegenheiten,  welchen  Preußen  in
Versailles  dem  Männerstolze  der  Königskronen  zugestand.  Preußen  allein
galt  im  Auslande  als  Haupt  und  Vertreter  des  Zollvereins;  daher  sind
alle  irgend  wichtigen  Handelsverträge  durch  Preußen  im  Namen  des
Vereins  abgeschlossen  worden.  Auch  die  Kontrolle  ward  ermäßigt,  auf
Bayerns  Andringen.  Die  Verbündeten  sendeten  bloß  Vereinsbevollmächtigte
zu  den  Zolldirektionen,  Kontrolleure  zu  den  Hauptzollämtern  der  Genossen;
eine  gegenseitige  Visitation  des  Grenzdienstes  fand  nicht  mehr  statt.  Solche
Formen  verschlugen  wenig;  denn  im  Grunde  war  der  Verein  auch  bisher
nur  durch  wechselseitiges  Vertrauen  und  die  Macht  der  Interessen  zusammengehalten
  worden.  Die  Bundesgenossen  gelobten  einander  „unbeschränkte
  Offenheit“  in  der  Zollverwaltung,  und  sie  haben  ihr  Wort  redlich
gehalten.  Um  den  hergebrachten  bundespatriotischen  Phrasen  zu  genügen
und  zugleich  gegen  alle  Angriffe  von  Frankfurt  her  sich  zu  decken,  versprachen
  die  Verbündeten  ihren  Verein  aufzulösen,  sobald  der  Bundestag
den  Art.  19  erfülle  —  eine  gemütliche  Zusage,  die  Eichhorn  schwerlich
ohne  stilles  Lächeln  gegeben  hat.

Da  Bayern  und  Württemberg  noch  immer  ihre  törichte  Sorge  vor
finanziellen  Verlusten  nicht  aufgaben,  so  wurde  in  einem  geheimen  Artikel
den  Verbündeten  das  Recht  vorbehalten,  den  Verein  vor  der  Zeit  zu
kündigen,  falls  ihre  Zolleinnahmen  einen  Ausfall  von  10  %  des  bisherigen
Rohertrags  aufwiesen.  Maassen  unterschrieb  getrosten  Mutes;  er  wußte,
daß  der  Vertrag  ein  Löwenvertrag  war  zu  Gunsten  des  Südens,  und  der
Erfolg  sollte  seine  Erwartungen  noch  weit  übertreffen.  In  den  Jahren
von  1834—1845  hat  der  Norden  an  Bayern  22,29  Mill.  Tlr.,  an
Württemberg  10,3  Mill.  herausgezahlt,  in  dem  Zeitraum  von  1854—1865
empfing  Bayern  vom  Norden  34  Mill.  Während  der  zwei  ersten  Jahrzehnte
  des  Zollvereins  haben  bei  der  Abrechnung  regelmäßig  nur  Preußen,
  Sachsen,  Frankfurt  und  Braunschweig  herausgezahlt;  alle  anderen
        <pb n="377" />
        Bayerns  Zögerung.  369

Staaten  gewannen.  Allerdings  geben  jene  großen  Zahlen  kein  ganz  zu—
treffendes  Bild,  da  ein  Teil  der  für  das  Binnenland  bestimmten  Ein—
fuhr  in  den  Häfen  und  Speditionsplätzen  des  Nordens  verzollt  wurde.
Deutlicher  erhellt  der  unverhältnismäßige  Gewinn  des  Südens  aus  der
Tatsache,  daß  die  Verwaltungskosten  in  Bayern  schon  während  des  ersten
Jahres  von  44  auf  16,  später  auf  nahezu  10  %  sanken,  Bayerns  Anteil
an  dem  Kaffeezolle  sofort  auf  das  Dreifache,  bis  zum  Jahre  1845  auf  das
Fünffache  stieg.

Um  auch  den  leisesten  Anschein  preußischer  Hegemonie  zu  vermeiden,
wurde  verabredet,  daß  die  alljährlichen  Konferenzen  der  Zollvereinsbevollmächtigten
  nicht  mehr,  wie  im  preußisch-hessischen  Verein,  regelmäßig  zu
Berlin  sich  versammeln  sollten;  sie  wanderten  fortan,  nach  dem  Belieben
der  Verbündeten,  von  Ort  zu  Ort,  der  erste  Zusammentritt  fand  in
München  statt.  Streitigkeiten  wollte  man  der  Entscheidung  eines  Schiedsrichters
  unterwerfen,  der  durch  einstimmigen  Beschluß  für  jeden  einzelnen
Fall  zu  ernennen  war.  Doch  ist  ein  solcher  Schiedsspruch  niemals  angerufen
  worden  —  nicht  weil  die  Eintracht  ungetrübt  bestanden  hätte,
sondern  weil  der  Dünkel  der  Kleinstaaten  den  freiwilligen  Ausgleich  der
schimpflichen  Unterwerfung  unter  eine  fremde  Gewalt  regelmäßig  vorzog.
Daß  Bayern  seine  Biersteuer  behielt,  war  unvermeidlich.  Man  begnügte
sich  daher,  ein  Maximum  für  die  Konsumtionssteuern  festzusetzen  und  die
allmähliche  Annäherung  der  Steuersysteme  in  Aussicht  zu  stellen.  In
einem  so  lockeren  Bunde  blieb  das  liberum  veto  und  das  Kündigungsrecht
für  Preußen  ebenso  unentbehrlich  wie  für  die  Kleinstaaten,  als  ein  letztes
verzweifeltes  Mittel,  um  dem  schwerfälligen  Körper  einen  Entschluß  zu  entreißen.
  Nur  die  Hoffnung  auf  einen  hohen  politischen  Gewinn  konnte  den
preußischen  Hof  zu  so  schweren  Opfern,  zu  einer  so  weitgehenden  Nachsicht
für  die  Grillen  und  Eitelkeiten  der  Mittelstaaten  bestimmen.  Mit  überlegener
  Geduld  erwartete  Eichhorn,  daß  aus  den  fast  lächerlichen  Formen
dieses  lockeren  Vereines  doch  eine  unlösbare  Gemeinschaft  der  Interessen
emporwachsen  müsse.

Mieg  kehrte  heim  in  der  festen  Erwartung,  daß  der  so  überaus  vorteilhafte
  Vertrag  ihm  die  Verzeihung  für  sein  eigenmächtiges  Vorgehen
verbürge.  Er  täuschte  sich  schwer.  König  Ludwig  konnte  selbständigen
Willen  nicht  ertragen,  empfing  den  Freund  mit  bitteren  Vorwürfen;
daß  die  preußische  Zollordnung  sofort  provisorisch  eingeführt  werden  sollte,
schien  ihm  eine  Entwürdigung  der  bayrischen  Krone.  Der  Minister  wollte,
tief  verletzt,  sein  gegebenes  Wort  nicht  zurücknehmen;  er  forderte  und  erhielt
  seine  Entlassung.  Die  österreichische  Partei  jubelte;  „so  gewinnt
das  eigentlich  wahre  Bundessystem  wieder  das  üÜbergewicht,“  schrieb
Blittersdorff  befriedigt.?)  Nunmehr  nahm  der  König  die  Akten  an  sich,

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  5.  Mai  1833.
v.  Treitsch  ke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  24
        <pb n="378" />
        370  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

und  lange  blieb  das  Schicksal  des  Vertrages  zweifelhaft.  Miegs  Nachfolger
  Lerchenfeld  erkannte  zwar,  nachdem  er  die  Papiere  eingesehen,  die
Notwendigkeit  des  Abschlusses,  doch  rückte  er  nicht  recht  mit  der  Sprache
heraus.  Fürst  Oettingen-Wallerstein  vollends,  der  vielgewandte  liberalisierende
  Minister  bewies  in  ausführlicher  Denkschrift:  kein  Zollverein  ohne
OÖsterreich,  die  preußische  Hegemonie  ist  Bayerns  Verderben.  Der  preußische
Gesandte  hielt  schon  alles  für  verloren  und  schrieb  verzweifelnd:  nur  Eichhorn
  selber  könne  noch  retten.  Darauf  eilte  Eichhorn  sofort  nach  München
(Juli  1833),  gewährte  noch  das  letzte  Zugeständnis,  gab  zu,  daß  kein
Provisorium  stattfinden  solle;  seine  gewinnende  Freundlichkeit  brachte  in
wenigen  Tagen  alles  ins  reine.  Jetzt  brach  des  Königs  gute  Natur  wieder
durch;  er  wünschte  sich  Glück  zu  der  Wiederkehr  der  fridericianischen  Tage,
ließ  eine  Denkmünze  prägen  auf  das  Gelingen  seines  eigensten  Werkes  und
sagte  zu  dem  Nassauer  Röntgen:  „Osterreich  ist  ein  abgeschlossener  Staat,
mit  dem  wir  wohl  Handelsverträge,  doch  keinen  Zollverein  schließen  können;
Preußen  ist  ein  Blitz,  der  mitten  durch  Deutschland  hindurchfährt.“
Kaum  war  die  Krone  Bayern  gewonnen,  so  begann  der  Kampf  mit
dem  württembergischen  Landtage.  Die  schwäbischen  und  badischen  Liberalen
  hatten  sich  zu  Anfang  des  Jahres  in  Pforzheim  versammelt  und
dort  beschlossen,  dem  vordringenden  preußischen  Absolutismus  mannhaft
zu  widerstehen.  Die  Schutzzöllner  beweinten  den  nahen  Untergang  der
schwäbischen  Industrie;  die  Partikularisten  bewiesen,  daß  Württembergs
Absatzwege  nach  Frankfurt  und  der  Schweiz,  nicht  nach  dem  Norden  führten;
manche  pessimistische  Radikale  gönnten  dem  verhaßten  Ministerium  nicht
ein  Verdienst,  das  der  Regierung  allein  gebührte,  sie  wünschten  noch
weniger,  daß  ein  wichtiger  Grund  der  allgemeinen  Unzufriedenheit  beseitigt
werde.  Die  gemütlichen  Leute  wollten  die  geforderten  Opfer  nur  einem
gesamtdeutschen  Vereine  bringen.  Selbst  den  gemäßigten  Liberalen  schien
es  hochbedenklich,  einer  absoluten  Krone  mittelbare  Einwirkung  auf  den
württembergischen  Haushalt  zu  gestatten.  Zudem  wurden  die  Kammern
nur  zu  einer  Erklärung  über  den  Vertrag,  nicht  zu  förmlicher  Genehmigung
  aufgefordert.  Der  Landtag  empfand  bitter  seine  Ohnmacht.  König
Wilhelm  setzte  seinen  Stolz  darein,  das  Werk  hinauszuführen;  kein  Zweifel,
er  hätte  auch  ohne  die  Zustimmung  der  getreuen  Stände  den  Vertrag
vollzogen  und  also  den  leeren  Schein  der  schwäbischen  Verfassungsherrlichkeit
  vor  aller  Welt  erwiesen.  Darum  wollte  selbst  Paul  Pfizer,  der
Bewunderer  Preußens  sich  nicht  zur  Genehmigung  entschließen;  wenn  er
zustimmte,  so  verlor  er  jedes  Ansehen  unter  den  Parteigenossen,  jede  politische
  Wirksamkeit  in  seiner  Heimat.  In  solchen  tragischen  Widerspruch
war  der  süddeutsche  Liberalismus  geraten.)  Endlich,  im  November  ge-*)

  So  hat  mir  einst  Fr.  Notter  die  Beweggründe,  welche  seinen  Freund  Pfizer
bestimmten,  erklärt.
        <pb n="379" />
        Abschluß  mit  Bayern  und  Württemberg.  371

nehmigte  der  Landtag  den  Vertrag  nach  harten  Kämpfen.  Nur  einzelne
waren  überzeugt  durch  die  treffliche  Denkschrift  über  Badens  Beitritt,
welche  Nebenius  in  der  elften  Stunde  veröffentlicht  hatte,  um  die  Schwaben
zu  gewinnen.  Die  Mehrzahl  gab  ihr  Ja  nur  aus  gedankenlosem  Ge—
horsam;  die  Führer  der  Liberalen,  Pfizer,  Uhland,  Römer,  stimmten  da—
wider.  Es  war  ein  vollständiger  Triumph  des  geschäftskundigen  Beamten—
tums  über  den  schwärmenden  Liberalismus.

Neue  unerquickliche  Händel  folgten,  da  nun  das  preußische  Zollwesen
durch  eine  gemeinsame  Vollziehungskommission  im  Süden  eingeführt  wwurde.
Wie  oft  mußte  der  preußische  Kommissär  L.  Kühne  von  den  gemütlichen
bayrischen  Beamten  bittere  Klagen  hören  über  diese  verwünschte  Berliner
Strammheit;  er  bestand  darauf,  daß  in  den  Grenzbezirken,  wo  offenkundiger
  Schmuggel  blühte,  drei  Monate  lang  eine  strenge  Binnenkontrolle
gründlich  aufräumte.  Die  unfreie  soziale  Gesetzgebung  der  Mittelstaaten
fand  so  leicht  nicht  den  Übergang  zur  preußischen  Freiheit.  Das  erste
Jahr  des  neuen  Zollvereins  (1834)  brachte  dem  bayrischen  Volke  ein
neues,  höchst  unverständiges  Gewerbegesetz,  das  die  „Inländer“  kleinlich
begünstigte.  Als  der  preußische  Gesandte  Einspruch  erhob  und  an  die  im
Vertrage  zugesagten  „gleichförmigen  Grundsätze“  der  Gewerbspolizei  erinnerte,
  verbat  sich  der  Münchener  Hof  ärgerlich  die  preußische  Einmischung.
Doch  der  wesentliche  Inhalt  des  Vertrags  wurde  redlich  ausgeführt.  Seit
in  München  ein  neuer  Zolldirektor,  der  verdiente  Knorr,  ernannt  war,
arbeitete  die  Zollverwaltung  fest  und  pünktlich.  Jeder  neue  Tag  der  Erfahrung
  erwarb  dem  Zollvereine  neue  Anhänger  im  Süden;  die  besseren
Köpfe  des  Liberalismus  gestanden  beschämt  ihren  Irrtum.  Ein  befremdender
  unnatürlicher  Anblick:  dies  Doppelleben  unseres  Volkes  unter  dem
Deutschen  Bunde!  Der  Bundestag  ein  Spott  der  Welt,  eine  Schande
des  Vaterlandes;  und  dieselben  Regierungen,  die  ihn  halten,  arbeiten
zugleich  an  der  Einigung  der  Nation.  Wenige  Tage  nach  jenem  Berliner
Märzvertrage  stürmte  die  erhitzte  Jugend  die  Frankfurter  Wachen;  die  Idee
der  deutschen  Einheit  erhob  sich  gegen  die  Höfe,  welche  soeben  eine  der
folgenreichsten  Taten  unserer  nationalen  Politik  vollzogen  hatten.  —

 

Gleichzeitig  mit  Bayern  und  Württemberg  unterhandelte  Sachsen  in
Berlin.  Es  geschah,  wie  Motz  vorhergesehen:  keine  der  Zollvereinsverhandlungen
  hat  den  preußischen  Staatsmännern  schwerere  Überwindung
gekostet.  Gewiß  trat  mit  Sachsens  Beitritt  nur  die  Natur  der  Dinge  in
ihr  Recht.  Das  Erzgebirge  erhielt  wieder  ungehemmten  Verkehr  mit  seiner
alten  Kornkammer,  den  Muldenniederungen  in  der  Provinz  Sachsen,
Leipzig  wieder  freie  Verfügung  über  seine  wichtigsten  Handelsstraßen;
Macht  und  Bedeutung  des  Zollvereins  stiegen  erheblich,  sobald  eines  der
ersten  Fabrikländer  und  der  größte  Meßplatz  Europas  hinzutrat.  Gleich-24%
        <pb n="380" />
        372  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

wohl  war  der  unmittelbare  Vorteil  fast  ausschließlich  auf  Sachsens  Seite;
in  Preußen  erhoben  sich  ernste  staatswirtschaftliche  und  finanzielle  Bedenken.
  Preußen  gewann  in  Sachsen  nur  einen  kleinen  Markt,  der
überdies  durch  seinen  eigenen  Gewerbfleiß  schon  reichlich  versorgt  war.
Da  die  Lebenshaltung  und  demnach  der  Arbeitslohn  im  Erzgebirge  niedriger
stand  als  in  irgendeinem  anderen  Industriebezirke,  so  fürchteten  die  preußischen
  Fabriken,  vornehmlich  die  Webereien  und  Druckereien  in  Schlesien
und  in  der  Provinz  Sachsen,  der  sächsischen  Konkurrenz  zu  erliegen.  Von
allen  Seiten  her  wurde  das  Finanzministerium  mit  Warnungen  bestürmt;
am  Niederrhein  rief  die  erste  Nachricht  von  dem  Beginn  der  preußischsächsischen
  Verhandlungen  weithin  im  Lande  eine  starke  Aufregung  hervor.5)
  Die  Frage,  wie  ein  großer  Meßplatz  einem  Zollsysteme  sich  einfügen
lasse,  galt  noch  allgemein  als  ein  fast  unlösbares  Problem;  sie  war  bei
den  Verhandlungen  mit  Bayern-Württemberg  oft  erörtert  und  endlich
zur  Seite  geschoben  worden,  da  man  an  der  Verständigung  verzweifelte.

An  der  sächsisch-böhmischen  Grenze  hatte  sich  ein  ungeheurer  Schmuggel
festgenistet;  das  Volk  nahm  den  elenden  Zustand  hin  wie  eine  Notwendigkeit,
  ja  wie  einen  Segen.  Selbst  Lindenau  wagte  nach  dem  Abschluß
des  Zollvereins  im  Gespräche  mit  Blittersdorff  nur  die  schüchtern  zweifelnde
Bemerkung:  daß  der  Schmuggel  im  Erzgebirge  jetzt  aufhören  wird,  „ist
wohl  schwerlich  ein  Unglück“.)  Die  hochherzige  Gesinnung  des  neuen
Mitregenten,  des  Prinzen  Friedrich  August,  wurde  in  Berlin  ebenso  bereitwillig
  anerkannt,  wie  die  Einsicht  der  trefflichen  Männer,  die  er  in  sein
Kabinett  berufen.  Doch  ein  volles  Jahr  verfloß,  bis  die  Ordnung  in  dem
aufgeregten  Ländchen  sich  wieder  befestigte,  Maassen  fragte  besorgt,  ob
eine  Regierung,  die  den  schwächlichen  Aufläufen  in  Leipzig  und  Dresden
so  wenig  nachhaltigen  Widerstand  entgegengestellt,  auch  den  festen  Mut
besitzen  werde,  die  Schmuggelnester  im  Gebirge  auszuheben.  Und  lehrte
denn  nicht  der  Gang  der  Verhandlungen,  daß  die  neue  Regierung  das
alte  kleinliche  Mißtrauen  gegen  Preußen  nicht  gänzlich  über  Bord  geworfen
hatte?  Man  kam  in  Berlin  nicht  los  von  dem  Argwohn,  Sachsen  würde
einen  Zollverein  mit  Österreich  vorziehen,  wenn  nur  die  Hofburg  mehr
böte  als  leere  Redensarten.  Wenn  König  Friedrich  Wilhelm  keinen  deutschen
  Staat  locken  und  einladen  wollte,  so  doch  am  allerwenigsten  diesen
sächsischen  Hof,  der  als  Stifter  des  mitteldeutschen  Vereins  eine  so  bösartige
Gehässigkeit  zur  Schau  getragen  hatte.  Der  preußische  Konsul  Baumgärtner
empfing  einen  herben  Verweis,  als  er  zu  Anfang  1830  eine  Flugschrift
über  die  Notwendigkeit  eines  sächsisch-preußischen  Zollbundes  schrieb  und
in  Sachsen  verbreitete.

 

*)  Bericht  des  Reg.-Präsidenten  von  Düsseldorf  an  das  Finanzministerium,  6.  Februar
  1831.
**)  Blittersdorffs  Bericht,  23.  Aug.  1833.
        <pb n="381" />
        Verhandlung  mit  Sachsen.  373

Bis  zum  Sturze  des  alten  Systems  erging  sich  die  sächsische  Re—
gierung  in  Umwegen  und  Künsteleien,  nach  der  alten  Gewohnheit  der
Mittelstaaten.  Sie  fragte  in  Stuttgart  und  München  an,  ob  Sachsen
nicht  dem  süddeutschen  Vereine  beitreten  könne.  Ihr  Berliner  Geschäfts—
träger  Könneritz  richtete  an  Ancillon  die  Bitte:  Preußen  möge  sofort  seinen
Tarif  zu  Sachsens  Gunsten  herabsetzen,  da  die  Verhandlungen  über  den
unmittelbaren  Anschluß  vor  der  Hand  noch  ausgesetzt  werden  müßten.
Maassen  aber  antwortete  (15.  Sept.  1830):  „ohne  vorhergegangene  Ver—
einigung  zu  einem  gegenseitig  erleichterten  Handelsverkehr“  können  wir  bei
der  Ordnung  unseres  Tarifs  auf  dritte  Staaten  keine  Rücksicht  nehmen.)

Erst  das  Ministerium  Lindenau  fand  den  Mut,  einzugestehen,  was
sich  mit  Händen  greifen  ließ:  daß  Sachsens  Gewerbfleiß  ohne  Preußens
Freundschaft  untergehen  mußte;  nahm  doch  die  gesamte  überseeische  Ausfuhr
  des  Landes  ihren  Weg  durch  Preußen,  desgleichen  fast  die  gesamte
Einfuhr  der  rohen  Baumwolle.  Leider  war  nur  ein  Teil  der  Fabrikanten
im  Gebirge  dem  Anschluß  günstig,  das  Landvolk  und  vornehmlich  das
mächtige  Leipzig  wehklagten  über  das  hereinbrechende  Verderben.  Also  hat
selbst  der  allzeit  patriotische  und  einsichtige  Handelsstand  der  wackeren
Pleißestadt,  ganz  wie  späterhin  die  Kaufmannschaft  von  Frankfurt,  Bremen,
Hamburg,  die  unliebsame  Wahrheit  erhärtet,  daß  der  Interessent  fast  niemals
  sachverständig  ist.  Auch  der  große  Kaufherr  wird  zum  Krämer,  sein
Gesichtskreis  verengt  sich,  sobald  er  seinen  unmittelbaren  Vorteil  bedroht
wähnt;  stolz  auf  seine  persönliche  Kraft  und  Freiheit,  empfindet  er  es  als
eine  Anmaßung,  eine  Beleidigung,  wenn  die  Männer  des  grünen  Tisches
ihm  zumuten,  seine  altgewohnten  Geschäftsformen  zu  ändern,  und  will
nicht  zugestehen,  daß  über  große  handelspolitische  Fragen  nicht  die  privatwirtschaftliche
  Anschauung  des  Kaufmanns,  sondern  das  staatswirtschaftliche
  Urteil  des  Staatsmannes  zu  entscheiden  hat.  Trotz  alledem
entschloß  sich  die  Regierung  gegen  Jahresschluß  zu  jener  ersten  Anfrage  in
Berlin.  Das  Ministerium  des  Auswärtigen  antwortete  (24.  Jan.  1831):
Die  Schwierigkeiten  scheinen  sehr  groß,  die  Interessen  überaus  verschieden;
„dennoch  ist  die  Aufgabe  so  gemeinnützig  und  deutscher  Regierungen,  welche
neben  der  Sorge  für  ihre  Untertanen  zugleich  die  Beförderung  des  Wohls
von  ganz  Deutschland  im  Auge  haben,  so  entschieden  würdig“,  daß  wir  den
Versuch  wagen  wollen.  Die  oberdeutschen  Könige,  von  allem  unterrichtet,
überließen  die  Verhandlungen  vertrauensvoll  dem  preußischen  Hofe;  die
Überlegenheit  der  sächsischen  Industrie,  meinte  Armansperg  zuversichtlich,
ist  in  einem  großen  Vereine  wenig  zu  fürchten,  auch  die  schwierige  Grenzbewachung
  muß  sich  durchführen  lassen,  so  man  ernstlich  will.)

*)  Salviatis  Bericht,  Stuttgart,  26.  Aug.  Könneritz  an  Ancillon,  2.  Aug.  Maassen
an  das  Ausw.  Amt,  15.  Sept.  1830.

**)  Ministerialschreiben  des  Auswärtigen  Amtes,  24.  Jan.  Armansperg  an  Küster,
22.  März  1831.
        <pb n="382" />
        374  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Im  März  1831  kam  der  sächsische  Finanzminister  von  Zeschau  nach
Berlin  —  neben  dem  Bayern  Mieg,  dem  Hessen  Hofmann  und  dem
Badener  Böckh  sicherlich  der  fähigste  unter  allen  den  Finanzmännern,  mit
denen  Preußen  zu  verhandeln  hatte  —  tätig  und  kenntnisreich,  ein  ritterlicher
  Charakter,  schweigsam  und  bedächtig,  noch  von  seiner  preußischen
Dienstzeit  her  mit  L.  Kühne  wohlbekannt.  Die  in  Dresden  gewünschte
Anderung  des  gesamten  Tarifs  gab  er  bald  auf,  gleichwohl  ward  er  mit
Maassen  nicht  handelseinig.  Erschreckt  durch  die  Warnungen  seiner  Fabrikanten
  wollte  Preußen  provisorische  Schutzzölle  zu  Gunsten  einiger  Fabrikwaren
  einführen,  damit  die  Industrie  Zeit  behielte,  sich  auf  die  Konkurrenz
  des  Erzgebirges  zu  rüsten.  Zugleich  verlangte  man  Entschädigung
für  den  drohenden  starken  Verlust  an  Durchfuhrzöllen.  Kühne  selbst  fand
diese  Forderungen  zu  hart;  aus  dem  Madgdeburgischen  gebürtig,  betrachtete
er  die  Kursachsen  halb  als  seine  Landsleute  und  hielt  dem  Minister  vor:
nach  der  Teilung  Sachsens  sei  Preußen  schon  ehrenhalber  verpflichtet,
dem  Nachbarlande  Wohlwollen  zu  zeigen.  Als  Maassen  in  diesen  Fragen
endlich  nachgegeben  hatte,  erhob  sich  sofort  ein  neues  Hemmnis:  die  Meßfrage.
  Frankfurt  an  der  Oder  hatte  bisher  für  seine  Messen  einen  Zollrabatt
  genossen,  der  erst  vor  kurzem  auf  20%  herabgesetzt  war;  nun  der
Eintritt  Leipzigs  bevorstand,  wollte  Preußen  seinen  schwer  bedrohten  kleinen
Meßplatz  nicht  ungünstiger  stellen  als  bisher.  Die  Leipziger  Kaufmannschaft
  dagegen  sagte  den  unfehlbaren  Verfall  ihrer  Messen  voraus,  falls
Frankfurt  irgendein  Vorrecht  behalte;  und  „keine  Regierung,  am  wenigsten
eine  konstitutionelle“  —  schrieb  der  sächsische  Bevollmächtigte  Wietersheim
—  „kann  einer  so  ausdrücklichen  Erklärung  der  Repräsentanten  des  gefährdeten
  Nationalinteresses  entgegenhandeln"“.  Auch  das  altenburgische
Geheime  Ministerium  sendete  ein  dringendes  Mahnungsschreiben  nach
Berlin  —  „ohne  alle  äußere  Aufforderung“,  wie  man  unschuldig  beteuerte
  —  und  schilderte  in  herzbrechenden  Worten  das  furchtbare  Schicksal,
  das  dem  unglücklichen  Leipzig  drohe.)

Da  die  Verhandlungen  sich  so  ungünstig  anließen,  so  wünschte  der
sächsische  Hof,  geängstigt  durch  die  fortdauernde  Gärung  im  Lande,  mindestens
  einige  Handelserleichterungen  sofort  zu  erlangen,  falls  die  vollständige
  Vereinigung  nicht  möglich  sei.  Der  Prinzmitregent  selber
stellte  diese  Bitte  in  einem  Handschreiben  an  den  König  von  Preußen
(11.  April  1831).  Er  gab  zu  bedenken,  daß  mit  dem  gänzlichen  Mißlingen
  dieser  Verhandlungen  „die  Ausführung  des  großen  und  für  die
Sicherheit  und  Ruhe  Deutschlands  begründeten,  von  Ew.  K.  Maj.  verfolgten
  Planes,  die  Interessen  des  Handels  und  Verkehrs  in  verschiedenen
deutschen  Staaten  zu  vereinigen  und  dadurch  zugleich  das  politische  Band

—  440
—

*)  Wietersheim  an  Eichhorn,  16.  Aug.;  Schreiben  des  altenb.  Geh.  Ministeriums
an  das  Ausw.  Amt,  30.  Sept.  1831.
        <pb n="383" />
        Abschluß  mit  Sachsen.  375

zu  befestigen,  gefährdet  werden  oder  mindestens  Aufschub  erleiden  würde.
Auch  mag  ich  mir  selbst  nicht  verschweigen,  daß  eine  erfolglose  Verhand—
lung  in  der  gegenwärtigen  Zeit  auch  hier  nicht  ohne  einen  sehr  ungün—
stigen  Eindruck  bleiben  würde.“*)  Ein  solcher  Mittelweg  schien  aber  den
besten  Köpfen  der  preußischen  Regierung  kleinlich  und  nutzlos.  Eichhorn
bewies  in  einem  ausführlichen  Gutachten:  sofortige  Handelserleichterungen
würden,  nach  der  Lage  der  Dinge,  nur  dem  preußischen  Staate  einseitige
Opfer  auferlegen;  wolle  Sachsen  dagegen  zu  Preußen  in  ein  ähnliches
Verhältnis  treten,  wie  bisher  Bayern  und  Württemberg,  so  sei  dazu  eine
vollständige  Neugestaltung  seines  Zollsystems  erforderlich;  warum  also
nicht  sogleich  das  höchste  Ziel,  den  Zollverein,  ins  Auge  fassen?  Auch
der  geistvolle  Beuth  meinte  traurig:  „wäre  die  Zeit  nicht  so  schlecht  und
ungünstig,  so  konnte  man  die  Sache  großartiger  behandeln.“  Die  letzten
mündlichen  Verhandlungen  erfolgten  im  Juli,  bald  nachher  stockte  auch
der  schriftliche  Verkehr.  Die  deutschen  Kabinette  begannen  zu  fürchten,
daß  Sachsen  den  Plan  aufgegeben  habe;  der  Dresdner  Hof  sah  sich  um
die  Wende  des  Jahres  genötigt,  in  einer  langen  Denkschrift  seine  Handelspolitik
  vor  den  oberdeutschen  Königen  zu  verteidigen.

Erst  als  Bayern  und  Württemberg  ihre  Zollvereinsverhandlungen
in  Berlin  eröffneten,  faßte  man  sich  in  Dresden  wieder  ein  Herz.  Im
März  1832  erschien  Zeschau  zum  zweiten  Male  in  Berlin.  Abermals
kam  man  einen  Schritt  weit  vorwärts;  Sachsen  erklärte  sich  bereit,  das
preußische  System  der  indirekten  Steuern  anzunehmen.  Doch  über  die
Messen  konnte  man  sich  wieder  nicht  verständigen.  Nun  wirkte  auch  die
Staatsweisheit  Moritz  Mohls  lähmend  auf  Sachsen  zurück;  ohne  die
süddeutschen  Höfe,  die  jetzt  ihre  Verhandlungen  abbrachen,  wollte  das
Dresdner  Kabinett,  wie  begreiflich,  nicht  beitreten.  Im  Mai  wurde  die
letzte  Beratung  gehalten;  der  Sommer  verlief  in  peinlicher  Verlegenheit.
Die  amtliche  Leipziger  Zeitung  schlug  bereits  jenen  salbungsvollen  Ton
an,  der  immer  ein  Zeichen  der  Ratlosigkeit  ist;  sie  mahnte:  „der  Entschluß,
  welchen  die  Staatsregierung  mit  den  Landständen  ergreift,  wird
jedem  Staatsbürger  heilig  sein.“

Inzwischen  beging  der  sächsische  Hof  einen  schweren  politischen  Fehler,
der  den  schlimmsten  Verdacht  zu  rechtfertigen  schien.  Hannover  hatte  am
Bundestage  wieder  einmal  die  Ausführung  des  unsterblichen  Art.  19  beantragt
  —  in  der  unverhohlenen  Absicht,  den  Gang  der  preußischen
Handelspolitik  zu  stören.  Ohne  jede  Rücksprache  mit  Preußen,  ohne  auch
nur  den  Bericht  der  Bundeskommission  abzuwarten,  stimmte  Sachsen
als  die  erste  deutsche  Regierung  dem  törichten  Antrage  zu  und  erklärte:
Höchster  Zweck  des  Bundes  in  Zollsachen  ist,  dasjenige  durch  gemeinschaftliche
  Gesetze  zu  erreichen,  was  durch  Einzelverhandlungen  nur  schwer

—.

*)  Prinz  Friedrich  August  an  König  Friedrich  Wilhelm,  11.  April  1831.
        <pb n="384" />
        376  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

zu  erreichen  ist;  sollen  in  Deutschland  überhaupt  Durchfuhrzölle  bestehen,
so  doch  jedenfalls  ein  anderes  System  als  das  preußische!  —  Die  Finanzpartei
  in  Berlin  klagte  laut  über  die  offenbare  Zweizüngigkeit.  Geh.  Rat
Michaelis  fragte  in  einer  scharfen  Denkschrift:  soll  diese  Sprache  des
sächsischen  Bundestagsgesandten  etwa  die  öffentliche  Meinung  in  Sachsen
für  den  preußischen  Zollverein  gewinnen?  —  Wen  konnten  auch  die
nichtigen  Entschuldigungen  überzeugen,  die  der  sächsische  Minister  Minckwitz
seinem  Berliner  Gesandten  Watzdorf  schrieb  (29.  Nov.  1832)  Der  harmlose
  Mann  beteuerte,  die  Vorgänge  in  Frankfurt  sollten  den  Berliner
Verhandlungen  „keinen  Eintrag  tun“!  Eichhorn  aber,  als  ein  gewiegter
Kenner  des  Charakters  der  kleinen  Höfe,  mahnte  seine  erzürnten  Amtsgenossen
  zur  Geduld:  gönnen  wir  doch  den  Herren  in  der  Eschenheimer
Gasse  ihre  unschuldigen  Stilübungen;  der  Dresdner  Hof  meint  es  ehrlich,
wenngleich  er  zuweilen  einem  Anfall  von  Schwäche  unterliegt;  noch  eine
kurze  Frist,  und  er  kommt  wieder  zu  uns.

Und  so  geschah  es.  Im  Januar  1833  besprach  sich  Mieg  in  Dresden
mit  Zeschau,  und  als  darauf  die  Berliner  Verhandlungen  mit  Bayern
so  glücklich  vorangingen,  kam  der  sächsische  Finanzminister  (24.  März)
zum  dritten  Male  in  die  preußische  Hauptstadt.  Nach  kaum  acht  Tagen
(30.  März  1833)  schlossen  Eichhorn,  Maassen,  Zeschau  und  Watzdorf  den
Zollvereinsvertrag,  der  wörtlich  mit  dem  soeben  beendigten  bayrischen  übereinstimmte.
  Einige  Separatartikel  ordneten  den  Zustand  der  Messen.
Der  Frankfurter  Zollrabatt  blieb  etwas  ermäßigt  bestehen,  doch  durfte
Sachsen  seinem  Leipzig  ähnliche  Vergünstigungen  zuwenden.  Der  Meßhandel
  erhielt  eine  große  Erleichterung  durch  die  Einrichtung  der  Meßkontierung;
  für  Leipziger  Großhandlungen  von  gutem  Rufe  wurde  sogar
ein  über  die  Meßzeiten  hinaus  fortdauerndes  Steuerkonto  zum  Abschreiben
eröffnet  —  eine  wichtige  Vergünstigung,  die  noch  manchen  Mißbrauch  veranlassen
  sollte.  Auch  die  Herabsetzung  einiger  Zollsätze,  namentlich  für
Woll=  und  Baumwollwaren,  wurde  vereinbart.  Preußen  verpflichtete  sich,
die  Ermäßigung  der  Elbschiffahrtsabgaben,  welche  Anhalt  dem  preußischen
Elbhandel  zugestanden  hatte,  auch  dem  sächsischen  Verkehre  zuzuwenden;
der  gute  Vorsatz  scheiterte  freilich  an  Anhalts  Kleinsinn.

Nicht  ohne  Zagen  unterschrieb  Maassen  den  Vertrag,  der  den  preußischen
  Markt  den  Fabriken  des  Erzgebirges  eröffnete;  von  allen  seinen
Räten  stimmte  ihm  nur  Kühne  unbedingt  zu.  „Das  ist  ein  schwerer
Vertrag“  —  sagte  er  zu  Kühne  und  wog  die  Aktenstücke  auf  der  flachen
Hand  —  „es  hätte  ihn  nicht  jeder  unterzeichnet.“  Die  Besorgnis  des
Staatswirts  hatte  zurücktreten  müssen  vor  den  Hoffnungen  der  Politiker.
Sachsen  stand  gerade  in  den  Flitterwochen  seines  konstitutionellen  Lebens;
der  Eintritt  dieses  Staates  mußte  die  öffentliche  Meinung  günstig  stimmen.
Leider  verging  wieder  eine  geraume  Frist,  bis  die  deutsche  Welt  mit  der
vollendeten  Tatsache  sich  versöhnte.  Die  preußischen  Fabrikanten  lärmten,
        <pb n="385" />
        Abschluß  mit  Thüringen.  377

die  gute  Stadt  Leipzig  überließ  sich  einer  maßlosen  Verzweiflung.  Eine
Petition,  die  der  k.  k.  Konsul  Bercks  geschäftig  umhertrug,  warnte  die
Regierung;  die  Stadtverordneten  richteten  eine  dringende  Vorstellung  nach
Dresden.  An  Zeschaus  Wohnung  fand  sich  eines  Morgens  ein  Anschlag:
„Allhier  wird  von  einem  Parvenu,  einem  preußischen  Landrat,  so  sächsischer
  Finanzminister  geworden  ist,  das  Land  für  Geld  und  Orden  an
Preußen  verkauft.“  Der  Taumel  ergriff  jeden  Stand  und  jedes  Alter.
Die  Leipziger  Schulbuben  kauften  sich  englische  Farbkasten  auf  Vorrat,
weil  sie  mit  frühreifer  handelspolitischer  Vorsicht  befürchteten,  das  gewohnte
Spielzeug  werde  nunmehr  für  bürgerliche  Geldbeutel  unerschwinglich  werden.
  Ein  Jahr  darauf  schon  begann  für  die  Pleißestadt  eine  neue  Epoche
glänzender  Handelsblüte;  das  kleine  Frankfurt  wurde  durch  den  überlegenen
  Nebenbuhler  ganz  zurückgedrängt,  die  mächtigen  Leipziger  Firmen
lernten  bald  den  Frankfurter  Meßrabatt  für  sich  selber  zu  benutzen.  Auch
die  Klagen  der  preußischen  Fabrikanten  verstummten,  und  niemand  wollte
die  warnenden  Petitionen  unterschrieben  haben.  Zeschau  selbst,  der  Wohltäter
  Leipzigs,  hat  freilich  von  den  stolzen  Kaufherren  der  Meßstadt  niemals
  irgendeine  Genugtuung  für  so  viele  Schmähungen  erhalten.

Während  diese  verwickelte  zweifache  Verhandlung  in  wiederholten
Unsätzen  erledigt  wurde,  hatte  Eichhorns  unverwüstliche  Geduld  zugleich
ein  drittes  schwieriges  Geschäft  zu  führen:  die  Unterhandlungen  mit  den
thüringischen  Staaten.  In  Thüringen  wie  in  Sachsen  und  Kurhessen
wurde  die  beginnende  Bekehrung  gefördert  durch  den  unruhigen  Sommer
von  1830,  durch  die  Angst  vor  den  murrenden  Massen.  Hier  wie  in
Sachsen  hoffte  man  anfangs,  sogleich  einseitige  Handelserleichterungen
von  Preußen  zu  erlangen.  Der  weimarische  Minister  Gersdorff  kam  im
Januar  1831  zugleich  mit  Lindenau  nach  Berlin,  überbrachte  ein  Handschreiben
  seines  Großherzogs,  das  um  solche  Vergünstigung  bat:  „dies
würde  in  einer  Periode  mannigfacher  Aufregungen  Ubelgesinnten  einen
Vorwand  zu  schlechten  Einwirkungen  entnehmen.“  Auf  wiederholte  ähnliche
  Anfragen  kleiner  thüringischer  Höfe  antwortete  das  Berliner  Kabinett
(5.  Juli  1831):  man  sei  bereit,  über  einen  Zollverein  zu  verhandeln,
doch  nur  mit  allen  thüringischen  Staaten  gemeinsam,  und  nur,  wenn
diese  Höfe  sich  nicht  mehr  gebunden  glaubten  an  den  mitteldeutschen
Verein.  Erst  als  Kurhessen  zu  dem  preußischen  Vereine  übergetreten
war,  erklärten  die  ernestinischen  Höfe:  der  mitteldeutsche  Verein  sei  tatsächlich
  aufgelöst.

General  Lestocq,  der  vielgeplagte  Gesandte,  den  die  thüringischen
und  einige  andere  kleine  Dynastien  in  Berlin  auf  gemeinsame  Kosten
ernährten,  überreichte  am  15.  Januar  1832  eine  Verbalnote:  Preußen
möge  die  Initiative  ergreifen,  ältere  bindende  Verpflichtungen  beständen
nicht  mehr.  Weimar  drängte  am  eifrigsten;  das  Großherzogtum  besaß
an  Gersdorff  und  O.  Thon  zwei  treffliche  Verwaltungsbeamte,  die  wohl
        <pb n="386" />
        378  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

einsahen,  wo  der  Grund  der  ewigen  Finanznot  lag.  Spröder  verhielt
sich  Gotha,  da  hier  der  hergebrachte  Schmuggel  allgemein  als  ein  Nationalglück
  betrachtet  wurde.  Maassen  und  Eichhorn  entwickelten  nun
ausführlicher  den  einfachen  Gedanken,  den  sie  so  oft  schon  ausgesprochen
hatten:  die  verzettelten  thüringischen  Gebiete  sollen  zunächst  unter  sich
einen  Verein  mit  gemeinsamer  Zollverwaltung  bilden  und  dann  erst  als
eine  geschlossene  Einheit  in  den  großen  Zollverein  treten;  Preußen  will
die  Kreise  Erfurt,  Suhl  und  Ziegenrück  diesem  thüringischen  Vereine  zuteilen,
  wird  auch  dafür  sorgen,  daß  Kurhessen  sein  Schmalkaldener  Land
hinzufügt.  Zu  förmlichen  Verhandlungen  kam  es  auch  jetzt  noch  nicht;
denn  Eichhorn  hoffte,  vorher  mit  Bayern  und  Württemberg  abzuschließen.
Diese  beiden  Höfe  fühlten  sich  schon  beunruhigt  durch  die  Anfragen  der
Ernestiner;  sie  meinten:  schließe  Thüringen  früher  ab,  so  sei  der  Süden
auf  Gnade  und  Ungnade  dem  Belieben  Preußens  überliefert.  Darum
richteten  sie  sogar  eine  Verwahrung  an  den  Berliner  Hof  (15.  Nov.  1832):
ohne  die  vorhergehende  Zustimmung  Bayerns  und  Württembergs  dürfe
Preußen  die  Thüringer  nicht  aufnehmen.  Der  Dresdner  Hof,  der  sich
noch  immer  als  das  geborene  Oberhaupt  der  Ernestiner  fühlte,  verlangte
zu  allen  Verhandlungen  mit  seinen  Stammesvettern  zugezogen  zu  werden.
Preußen  erwiderte:  wir  werden  Sachsens  Interessen  sorgsam  wahren,
doch  der  Zutritt  eines  sächsischen  Bevollmächtigten  kann  die  Verhandlungen
nur  erschweren.  Immerhin  haben  diese  Bedenken  der  drei  kleinen  Königskronen
  den  Beginn  der  Unterhandlungen  verzögert.

Erst  im  Dezember  1832  begannen  die  Konferenzen  mit  den  Thüringern.
Die  preußischen  Staatsmänner  schlugen  vor,  eine  Zentralbehörde  für  das
thüringische  Zollwesen  zu  bilden.  Große  Bestürzung;  keiner  der  Kleinen
wollte  eine  solche  Beschränkung  seiner  Souveränität  zugeben.  Da  meinten
die  Preußen  begütigend:  es  werde  genügen,  einen  Generalinspektor  einzusetzen;
  der  müsse  freilich  in  Erfurt  wohnen,  als  dem  Mittelpunkte  des
Landes,  doch  solle  er  nicht  von  Preußen,  sondern  von  der  thüringischen
Hauptmacht  Weimar  ernannt  werden.  Hiermit  schien  jeder  Widerspruch
entwaffnet.  Wenn  Preußen  sein  Zollwesen  einem  weimarischen  Beamten
unterstellte,  so  durfte  auch  der  Reußenstolz  und  der  Gothaerdünkel  nicht
klagen.  Gleichwohl  erhoben  Altenburg  und  Meiningen  neue  Bedenken;  sie
konnten  sich  nicht  in  den  Gedanken  finden,  daß  ihre  Verwaltung  fremder
Aufsicht  unterliegen  solle.  Schon  war  man  nahe  daran,  ohne  Meiningen
abzuschließen.  Da  drohte  Kühne:  wenn  man  die  preußischen  Beamten  als
Spione  betrachte,  dann  müsse  Preußen  sein  gefürchtetes  Enklavensystem
gegen  die  kleinen  Nachbarn  anwenden.  Das  schlug  durch.  Am  10.  Mai
1833  wurde  der  „Zoll=  und  Handelsverein  der  thüringischen  Staaten“
gebildet,  am  folgenden  Tage  erklärte  der  neue  Verein,  der  das  gesamte
System  der  preußischen  indirekten  Steuern  annahm,  seinen  Zutritt  zu
dem  Deutschen  Zollvereine.  Ein  weimarischer  Generalbevollmächtigter  ver-
        <pb n="387" />
        Die  Neujahrsnacht  1834.  379

trat  die  Thüringer  auf  den  Konferenzen  des  Zollvereins,  gab  in  Tarif—
sachen  nur  eine  Gesamtstimme  ab;  in  einigen  anderen  Fällen  sollte  er
die  Meinung  jedes  einzelnen  thüringischen  Staates  gesondert  vortragen.
Dieser  Bund  im  Bunde,  welchen  Preußens  Staatsmänner  seit  dem  Jahre
1819  erstrebt  hatten,  erwies  sich  als  so  einfach  und  naturgemäß,  daß  niemals,
  auch  nicht  in  den  schwersten  Krisen  des  Zollvereins,  an  die  Auflösung
  des  thüringischen  Vereins  gedacht  worden  ist.  —

Also  war  des  großen  Werkes  schwerster  Teil  gelungen.  Ein  unerhörter
  Ordenssegen  belohnte  die  treue  Arbeit  des  Beamtentums;  die
Jahrgänge  der  deutschen  Gesetzsammlungen  schwollen  zu  unförmlichen
Bänden  an  von  allen  den  neuen  Verträgen  und  Gesetzen.  Dann  kam
jene  folgenschwere  Neujahrsnacht  des  Jahres  1834,  die  auch  den  Massen
das  Nahen  einer  besseren  Zeit  verkündete.  Auf  allen  Landstraßen  Mitteldeutschlands
  harrten  die  Frachtwagen  hochbeladen  in  langen  Zügen  vor
den  Mauthäusern,  umringt  von  fröhlich  lärmenden  Volkshaufen.  Mit
dem  letzten  Glockenschlage  des  alten  Jahres  hoben  sich  die  Schlagbäume;
die  Rosse  zogen  an,  unter  Jubelruf  und  Peitschenknall  ging  es  vorwärts
durch  das  befreite  Land.  Ein  neues  Glied,  fest  und  unscheinbar,  war
eingefügt  in  die  lange  Kette  der  Zeiten,  die  den  Markgrafenstaat  der
Hohenzollern  hinaufgeführt  hat  zur  kaiserlichen  Krone.  Das  Adlerauge
des  großen  Königs  blickte  aus  den  Wolken,  und  aus  weiter  Ferne  erklang
schon  der  Schlachtendonner  von  Königgrätz.  Glücklicher  als  sein  leidenschaftlicher
  Freund  hat  Maassen  die  Stunde  der  Genugtuung  noch  genossen.
  Er  starb  am  4.  November  1834.  Einen  ebenbürtigen  Nachfolger
fand  er  nicht;  nur  in  Eichhorn  und  den  Geheimen  Räten  des  Finanzministeriums
  lebten  die  Überlieferungen  von  1818  fort.

Der  erweiterte  Handelsbund  nahm  jetzt  den  Namen  des  Deutschen
Zollvereins  an.  Aus  dem  dunstigen  Nebel  des  Deutschen  Bundes  traten
schon  erkennbar  die  Umrisse  jenes  Kleindeutschlands  hervor,  das  dereinst
den  Ruhm  und  die  Macht  des  heiligen  römischen  Reiches  überbieten  sollte.

 

Im  Kampfe  mit  dem  deutschen  Liberalismus  errang  die  Krone  Preußen
ihre  handelspolitischen  Erfolge,  und  nur,  weil  sie  selbst  nicht  durch  Reichsstände
  beschränkt  war,  konnte  sie  ihr  Ziel  erreichen.  Ebensowenig  wie  die
süddeutschen  Oppositionsparteien  ahnte  Zar  Nikolaus,  was  dies  beginnende
Anwachsen  der  preußisch-deutschen  Macht  bedeutete.  Da  er  noch  immer
auf  den  großen  Krieg  gegen  die  Revolution  hoffte,  so  suchte  er  sich  seinem
Schwiegervater  in  allem,  was  Rußlands  Interessen  nicht  unmittelbar  zu
bedrohen  schien,  freundlich  zu  erweisen  und  vermied  sorgsam  jeden  Schritt,
der  die  Bahnen  des  Zollvereins  durchkreuzen  konnte.  Die  unverhohlene
Feindschaft,  welche  England  und  Frankreich  dem  werdenden  Handelsbunde
        <pb n="388" />
        380  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

erwiesen,  konnte  den  Zaren  nur  in  seiner  Gesinnung  bestärken.  Wie  hoch—
mütig  hatten  bisher  die  Westmächte  herabgeblickt  auf  dies  zerrissene  Deutschland,
  das  in  den  Wettkämpfen  der  Handelsvölker  niemals  mitzählen  könne.
Welch  ein  Eindruck,  als  jetzt  die  neue  Größe  des  deutschen  Handelsbundes
sich  erhob,  und  der  Gesamtwert  der  Aus=  und  Einfuhr  des  Zollvereins
schon  im  ersten  Jahre  (1834)  249,5  Mill.  Tlr.,  10  Tlr.  auf  den  Kopf
der  Bevölkerung  betrug.  Wohl  erschienen  die  Zahlen  der  deutschen  Handelstabellen
  noch  bescheiden  genug  neben  den  1365  Mill.  Fr.,  die  Frankreichs
Handel  im  Durchschnitt  der  Jahre  1827—36  erreichte,  oder  gar  neben
den  116  Mill.  L  der  englischen  Aus=  und  Einfuhr  (1830).  Aber  der
Handel  des  Zollvereins  blieb  in  sicherem,  stetigem  Aufsteigen,  er  wuchs  in
zehn  Jahren  (bis  1844)  auf  385  Mill.  Tlr.,  13  ½  Tlr.  für  den  Kopf
der  Bevölkerung.  Auch  die  industrielle  Kraft  des  Vereins  erstarkte  zusehends,
  die  Ausfuhr  von  deutschen  Ganzfabrikaten  erhob  sich  im  ersten
Menschenalter  der  Zollvereinsgeschichte  um  52%.  Und  dieser  Verein  umfaßte
  noch  bei  weitem  nicht  das  gesamte  Deutschland;  die  ganze  Nordseeküste,
  die  größten  deutschen  Seeplätze  gehörten  ihm  nicht  an.  In  Rouen
und  St.  Etienne,  in  London  und  Manchester  mußte  man  lernen  mit  einem
neuen  Konkurrenten  zu  rechnen.

Die  Regierung  der  Orleans,  kleinlich,  neidisch,  mittelmäßig  von  Haus
aus,  die  geborene  Feindin  aller  schöpferischen  neuen  Gedanken,  eifrig  bestrebt
ihre  Hand  in  dem  Spiele  der  deutschen  Politik  zu  halten,  trat  den  Plänen
Preußens  durch  hundert  kleine  Mittel  entgegen.  Ihre  Gesandten  Bresson
in  Berlin,  d'Alleye  in  Frankfurt,  Mornay  in  Karlsruhe,  und  am  rührigsten
von  allen  ihr  berüchtigter  Konsul  Engelhardt  in  Mainz,  zogen  von  einem
deutschen  Diplomaten  zum  andern,  oftmals  insgeheim  durch  die  Agenten
OÖsterreichs  unterstützt;  sie  warnten  vor  Preußens  Herrschsucht,  boten
Handelsverträge  mit  dem  freien  Frankreich  an.  Zum  Glück  war  das
starre  französische  Prohibitivsystem  völlig  unfähig,  den  Nachbarn  lockende
Vorteile  zu  bieten.  Als  der  Zollverein  trotzdem  zustande  kam,  erklärte
der  Geschäftsträger  in  Darmstadt,  Herr  von  Bussieres:  sein  Minister,  der
Herzog  von  Broglie,  beabsichtige  ein  freisinniges  Zollgesetz  mit  großen
Erleichterungen  für  Deutschlands  Schlachtvieh  und  Wolle;  doch  erwarte
man  Gegenleistungen,  namentlich  die  Begünstigung  der  französischen  Weine,
„wenn  die  Richtung,  welche  Preußen  dem  von  ihm  gegründeten  Zollvereine
gegeben  hat,  dies  nicht  verhindern  sollte“.  Von  der  hessischen  Regierung
befragt,  ergriff  Eichhorn  sogleich  die  Gelegenheit,  der  Krämerpolitik  des
Bürgerkönigs  heimzuleuchten.  Er  erwiderte  (7.  Febr.  18  34):  Frankreich  ist
noch  gar  nicht  in  der  Lage,  mit  der  freieren  Gesetzgebung  des  Zollvereins
Zug  um  Zug  zu  verhandeln;  zuerst  möge  man  in  Frankreich  das  Prohibitivsystem
  abschaffen.  Die  Führerstelle  im  Zollvereine,  die  man  in  den
Tuilerien  uns  zuschreibt,  nehmen  wir  nicht  an.  Nicht  Preußen  hat  den
Zollverein  gegründet;  er  entstand  ganz  natürlich  aus  dem  übereinstim-
        <pb n="389" />
        Besorgnisse  des  Auslandes.  381

menden  Willen  aller  beteiligten  Souveräne.“)  So  ängstlich  vermied  der
Berliner  Hof  jeden  Schein  der  Hegemonie;  der  Handelsbund  war  noch
im  Werden  und  Wachsen,  man  wollte  den  Widerstand  Osterreichs  und
des  Auslandes  nicht  noch  mehr  herausfordern.

Auch  England  suchte  durch  Handelsverträge  mit  den  Kleinstaaten  das
nationale  Werk  zu  stören.  Der  Gesandte  in  Berlin,  Lord  Minto,  haßte
die  beiden  großen  Bundesmächte  mit  dem  Ingrimm  des  Radikalen,  und
wie  er  den  Beschlüssen  des  Bundestags  laut  und  rücksichtslos  entgegentrat,
so  hielt  er  auch  für  Pflicht,  die  Kleinstaaten  vor  dem  preußischen  Joche
zu  bewahren.  Im  Parlamente  redete  schamlos  jene  britische  Handelsmoral,
welche  mit  der  Bibel  in  der  rechten,  der  Opiumpfeife  in  der  linken  Hand
die  Güter  der  Gesittung  über  den  Erdball  verbreitet.  „Ihr  habt  nicht
das  Recht“  —  rief  man  dort  den  preußischen  Staatsmännern  zu  —  „mit
anderen  deutschen  Staaten  Verträge  zu  schließen,  die  dem  englischen  Handel
zum  Nachteil  gereichen!“  Indes  war  England  mit  seinem  hohen  Zoll—
tarife  ebensowenig  wie  Frankreich  imstande,  den  Deutschen  lockende
Vorteile  zu  bieten,  und  seit  der  für  die  britischen  Kaufleute  so  vorteil—
haften  Rheinschiffahrtsakte  begann  seine  Teilnahme  an  unserem  handels—
politischen  Streite  langsam  zu  erkalten.  Der  Gewandtheit  des  Gesandten
Bülow  wäre  es  vielleicht  gelungen,  die  Besorgnisse  der  britischen  Staats—
männer  etwas  zu  beschwichtigen,  wenn  nicht  der  Preußenhaß  der  welfischen
Staatsmänner  in  Hannover  den  Handelsneid  Englands  von  neuem  auf—
gestachelt  hätte.

In  welchem  Lichte  der  preußische  Handelsbund  der  österreichischen
Partei  des  Bundestags  erschien,  das  erhellt  aus  einigen  Briefen  Blitters—
dorffs.  Im  März  1833,  als  die  Wage  noch  schwankte,  schrieb  er  höh—
nisch:  „es  wird  sich  doch  zeigen,  ob  man  die  preußischen  Finanzen  dem
politischen  Systeme  des  Herrn  Eichhorn  opfern  wird.“  Nach  der  Ent—
scheidung  bereiste  er  Mitteldeutschland,  sprach  mit  vielen  sächsischen  und
thüringischen  Staatsmännern  und  berichtete  traurig:  „Die  Zollvereinigung
gibt  dem  Bundessysteme  gleichsam  den  Gnadenstoß.“  Den  gegenseitigen
Schutz,  welchen  die  kleinen  Staaten  bisher  durch  den  Bund  empfingen,
erhalten  sie  jetzt  durch  den  Zollverein;  auch  in  anderen  politischen  Fragen
werden  sie  sich  auf  Preußen  stützen  müssen.  Alle  mitteldeutschen  Staatsmänner,
  die  ich  sprach,  gestanden:  „Wir  konnten  nicht  anders.  Österreich
  hat  sich  uns  versagt.  Preußen  war  ebenso  willfährig  als  beharrlich,
hat  durch  das  Zugeständnis  des  gleichen  Stimmrechts  alle  Bedenken  entwaffnet.“
  Nun  bleibt  nur  übrig,  fährt  er  schmerzlich  fort,  daß  Osterreich
auch  in  den  Zollverein  träte.  Doch  das  wird  wohl  unmöglich  sein;  denn
in  dieser  Sache  kann  der  wohlgesinnte  Ancillon  nichts  ausrichten  gegen

*)  Bussieres  an  du  Thil,  21.  Jan.  Eichhorn,  Weisung  an  die  Gesandtschaft  in
Darmstadt,  7.  Febr.  1834.
        <pb n="390" />
        382  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Herrn  Eichhorn!  —  Noch  düsterer  klingen  seine  Berichte  vom  Dezember
1833:  „Der  Zollverein  ist  ein  Hauptnagel  im  Sarge  des  Deutschen  Bundes.“
  Herr  Eichhorn  will  die  Einheit  Deutschlands  durch  Separatverträge
erreichen,  mit  Ausschluß  Osterreichs,  das,  wie  man  in  Berlin  stets  behauptet,
  uns  nur  Opfer  auferlegt.  Preußen  übernimmt  jetzt  die  Führung
der  positiven  Politik  Deutschlands,  Osterreich  behält  nur  noch  die  formelle
Leitung.  Vielleicht  kann  im  Deutschen  Bunde  nur  dann  ein  neues  Leben
erwachen,  wenn  Preußen  an  die  Spitze  träte,  und  Ssterreich  sich  auf  ein
Schutz=  und  Trutzbündnis  beschränkte,  „wozu  aber  wenig  Aussicht  vorhanden
  ist.“  Vielleicht  werden  durch  diese  Wendung  die  Repräsentativverfassungen
  ihre  Bedeutung  für  die  Bundespolitik  verlieren,  und  ganz
andere  Fragen  in  den  Vordergrund  treten  —  jene  Machtfragen,  die
schon  auf  dem  Wiener  Kongresse  auftauchten!*)  Und  derselbe  Mann,  der
mit  so  scharfem  Auge  in  das  Dunkel  der  Zukunft  blickte,  hat  gleichwohl
dem  hereinbrechenden  Schicksal  mit  seiner  ganzen  Kraft  sich  entgegengestemmt;
  er  hat  noch  im  November  1847  vorgeschlagen,  die  Hofburg
solle  die  politische  Führung  des  Zollvereins  antreten,  da  sie  die  staatswirtschaftliche
  Leitung  allerdings  nicht  übernehmen  könne!

Ahnliche  Sorgen  regten  sich  in  OÖsterreich  selbst.  Jetzt  erst  begann
das  starre  Greisenregiment  zu  Wien  die  folgenschwere  Bedeutung  der  preußischen
  Handelspolitik  zu  ahnen,  die  man  bisher  wohl  aufzuhalten,  doch
nicht  mit  voller  Kraft  zu  bekämpfen  gewagt  hatte.  Und  auch  jetzt  noch
erhob  sich  die  staunenswerte  Gedankenarmut  des  Nestors  der  europäischen
  Diplomatie  nur  zu  Angstrufen,  Warnungen  und  kleinen  Ränken,
nicht  zu  irgendeinem  ausführbaren  Gegenplane.  Seit  nahezu  zwanzig
Jahren  verhandelten  Bayern  und  Österreich  über  Handelserleichterungen.
Immer  vergeblich.  Daß  solche  Zugeständnisse  nur  durch  Gegenleistungen
zu  erlangen  sind,  war  den  Köpfen  der  k.  k.  Hofräte  nicht  beizubringen.
Die  Agenten  Österreichs  in  München  pflegten  dann  am  lebhaftesten  um
Bayerns  freundnachbarliche  Gefälligkeit  zu  bitten,  wenn  das  k.  k.  Prohibitivsystem
  den  Verkehr  der  Nachbarn  recht  empfindlich  geschädigt  hatte.
So  wurde  im  Jahre  1829  die  Getreideeinfuhr  aus  Bayern,  die  den
Tyrolern  unentbehrlich  war,  mit  erhöhten  Zöllen  belegt,  und  gleich  darauf
verlangte  man  in  München  die  Herabsetzung  der  bayrischen  Zölle.  Im
Jahre  1832,  als  die  Zollvereinsverhandlungen  schwebten,  kam  der  Hofrat
  von  Münch,  ein  Bruder  des  Bundestagsgesandten,  nach  München,
um  den  Verlauf  zu  beobachten  und  durch  das  Anerbieten  eines  bayrischösterreichischen
  Handelsvertrags  den  Abschluß  der  Berliner  Verträge  zu
hintertreiben.  Er  riet  dringend,  nicht  über  den  Handelsvertrag,  der  seit
1829  den  Süden  mit  Preußen  verband,  hinauszugehen;  alle  Vorteile
eines  preußischen  Zollvereins  würden  überboten  durch  einen  Handelsvertrag

—

*)  Blittersdorffs  Berichte,  23.  Aug.  1833  ff.
        <pb n="391" />
        OÖsterreichs  Gegenbestrebungen.  383

mit  Österreich.  Schärfer  befragt,  verlangte  er  für  Osterreich  wesentliche
  Vergünstigungen,  so  die  Herabsetzung  der  Zölle  auf  das  böhmische
Eisen;  irgend  nennenswerte  Gegenleistungen  hatte  er  nicht  zu  bieten.
Eine  Denkschrift,  welche  Münch  dem  König  von  Bayern  insgeheim
überreichte,  zeigt  alle  Charakterzüge  der  k.  k.  Handelspolitik:  maßlose  staatswirtschaftliche
  Unwissenheit,  gänzlichen  Mangel  an  positiven  Gedanken
und  daneben  eine  dreiste  Pfiffigkeit,  die  nicht  ohne  Geschick  auf  die  persönlichen
  Schwächen  König  Ludwigs  baut.  Da  wird  bewiesen,  wie  die
bayrische  Industrie  und  die  Mainschiffahrt  durch  den  Zollverein  notwendig
  vernichtet  werden  müssen:  —  Bayerns  Fabriken  nahmen  aber  erst
seit  dem  Berliner  Vertrage  von  1829  einen  neuen  Aufschwung.  Desgleichen,
  daß  Süddeutschland  bekanntlich  weit  mehr  konsumiere  als  der
Norden;  daher  werde  Bayern  in  einem  Zollvereine  beständig  an  Preußen
herauszahlen  müssen;  und  welche  schreckliche  Teuerung  drohe  in  den  wohlfeilen
  Guldenländern  einzureißen,  sobald  man  den  Verkehr  mit  den  Talerländern
  frei  gebe!  Lists  alter  Genosse  Miller  von  Immenstadt,  dem  die
oberdeutschen  Kronen  ein  Gutachten  über  die  Denkschrift  abforderten,  bemerkte
  zu  diesem  Satze:  „Nichts  beweist  schlagender,  wie  wenig  man  über
die  Mittel  verlegen  ist,  wenn  man  sich  zum  Zwecke  macht  zu  täuschen.“
Dann  führt  Münch  aus:  Preußen  besitze  keinen  eigentlichen  Handel;  Zollsätze
  wie  die  preußischen  seien  mit  schwunghaftem  Handel  unvereinbar;
Bayern  dagegen  könne  bald  durch  den  Donau-Main-Kanal  den  gesamten
Durchfuhrhandel  zwischen  England  und  dem  Schwarzen  Meere  an  sich
ziehen  und  zum  einzigen  Vermittler  des  wichtigen  griechischen  Verkehrs
mit  dem  Westen  werden.  —  Eben  in  jenen  Tagen  standen  die  hellenischen
  Träume  König  Ludwigs  in  ihrer  Blüte;  und  wie  sollte  der  Fürst,
der  als  glücklicherer  Nachfolger  Karls  des  Großen  den  welthistorischen
Wasserweg  zwischen  Main  und  Donau  erbaute,  die  ungeheure  Bedeutung
des  bayrisch-griechischen  Handels  verkennen?  Freilich  der  Bau  des  Ludwigskanals
  wurde  erst  ein  Jahrzehnt  später  beendigt,  und  die  Donau
in  Österreich  war  weder  ganz  frei  noch  wirklich  schiffbar.  Darum  schienen
die  lockenden  Aussichten,  welche  Münch  eröffnete,  dem  Könige  von  Bayern
doch  allzu  unsicher;  er  verhandelte  weiter  mit  dem  Osterreicher,  ließ  aber
zugleich  die  Unterhandlungen  in  Berlin  nicht  abreißen.  Vollends  die  politischen
  Warnungen  der  österreichischen  Denkschrift  mußten  in  München
und  Stuttgart  verwundertes  Kopfschütteln  erregen.  Münch  versicherte,
der  Zollverein  arbeite  den  Demagogen  in  die  Hände,  sei  „das  beste  Mittel,
die  Regierungen  überflüssig  zu  machen“  —  und  fast  im  selben  Augenblicke
  verschworen  sich  zu  Pforzheim  die  Liberalen  gegen  die  Handelspolitik
des  preußischen  Absolutismus.“)  Sobald  die  Nachricht  einlief,  daß  Mieg
*)  Münch,  Denkschrift  über  einen  bayrisch-österreichischen  Handelsvertrag.  „Bemerkungen“

  dazu  vom  Obersteuerrat  von  Miller  (durch  Fahnenberg  dem  Karlsruher
Hofe  mitgeteilt,  1.  März  1833)
        <pb n="392" />
        384  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

in  Berlin  abgeschlossen  habe,  eilte  der  österreichische  Unterhändler,  aufs
höchste  bestürzt,  nach  Wien;  er  ist  dann  im  Laufe  des  Jahres  noch  ein—
mal  in  die  bayrische  Hauptstadt  zurückgekehrt  —  wieder  vergeblich,  da  er
bedeutende  Anerbietungen  nicht  zu  überbringen  hatte.

Und  nun  endlich  erwachte  Fürst  Metternich  aus  seinem  trägen
Schlummer.  Er  hatte  noch  im  Jahre  1832  dem  Berliner  Kabinett  ge—
schrieben:  „Es  liegt  nicht  in  der  Aufgabe  der  Bundesversammlung,  in
den  wichtigsten  Angelegenheiten,  namentlich  in  den  Handels-  und  ständischen
Angelegenheiten,  einen  entscheidenden  Einfluß  zu  äußern.“  Daß  diese  Ver—
sicherung  nicht  ehrlich  war,  liegt  auf  der  Hand;  doch  beweist  sie  immerhin,
wie  gänzlich  der  Staatskanzler  sich  in  jenem  Augenblicke  über  den  schweren
Ernst  der  Lage  täuschte,  wie  zuversichtlich  er  auf  das  Mißlingen  der  Berliner
Verhandlungen  rechnete.  Jetzt,  nachdem  die  Entscheidung  gefallen  war,  ging
ihm  ein  Licht  auf,  und  er  ergoß  sein  Herzeleid  in  einer  langen  Denkschrift
(24.  Juni  1833),  die  von  seinen  Verehrern  oft  als  ein  Zeugnis  groß—
artiger  politischer  Voraussicht  gepriesen  wurde.  Dem  unbefangenen  Urteil
erscheint  das  Machwerk  als  ein  wahrhaft  erschreckender  Beweis  für  die  Un—
fähigkeit  des  Mannes,  den  die  Höfe  bewunderten  und  die  Liberalen  um
seiner  dämonischen  Klugheit  willen  fürchteten.  Es  war  gleichsam  Oster—
reichs  Antwort  auf  jene  grundlegende  Denkschrift  Motz'  vom  Juni  1828,*)
und  wer  die  beiden  Arbeiten  vergleicht,  erkennt  sofort,  warum  der  Wiener
Hof  die  Herrschaft  in  Deutschland  schließlich  verlieren  mußte.

Metternich  schildert  zunächst  die  Entstehungsgeschichte  des  Zollvereins
in  einer  Darstellung,  deren  gehäufte  grobe  Schnitzer  abermals  lehren,
mit  welchem  oberflächlichen  Leichtsinn  die  Hofburg  fünfzehn  Jahre  lang
die  Handelspolitik  ihres  Nebenbuhlers  beobachtet  hatte.  Durch  die  Ver—
träge  mit  Bayern-Württemberg  ist  der  preußische  Handelsbund  neuerdings
zu  einer  Macht  geworden.  „Für  den  Deutschen  Bund  als  solchen,  ins—
besondere  aber  für  Osterreich,  ist  jener  preußische  Zollverein  entschieden
eine  höchst  nachteilige  und  unheildrohende  Erscheinung.“  Er  schadet
unserm  Handel,  weil  Osterreich  jetzt  im  Westen  und  im  Norden  von  einer
Macht  umklammert  wird,  welche  mit  unserer  Industrie  konkurriert.  Er
schadet  noch  mehr  der  deutschen  Bundespolitik,  denn  der  „Grundcharakter
des  Bundes  ist  Gleichheit  der  Rechte  und  Pflichten  der  Glieder  desselben.
Jede  Präponderanz,  jedes  Vorrecht  irgendeiner  Macht  (als  solche  spricht
sich  das  lediglich  formelle  Präsidium  Österreichs  am  Bundestage  keineswegs
  aus)  ist  dem  Bundesvereine,  wie  ihn  die  Wiener  Kongreßakte  schuf,
gänzlich  fremd.“  Heute  aber  entsteht  „ein  kleinerer  Nebenbund,  in  dem
vollsten  Sinne  des  Wortes  ein  status  in  statu.“  Von  den  siebzehn
Stimmen  des  engeren  Rates  in  Frankfurt  sind  nur  noch  sieben  völlig
unabhängig  von  dem  preußischen  Vereine.  Es  läßt  sich  nicht  bezweifeln,

 

*)  S.  o.  III.  669  f.
        <pb n="393" />
        Metternichs  Denkschrift  über  den  Zollverein.  385

„daß  die  Beziehungen  Österreichs  zu  den  anderen  deutschen  Bundesstaaten,
  bei  wechselseitig  allem  Verkehr  und  Handel  geschlossenem  Gebiet
und  bei  so  künstlichem  Bemühen,  diese  materielle  Abgeschlossenheit  zur
politischen  und  moralischen  zugleich  zu  stempeln,  auf  die  Länge  erschlaffen
und  ganz  abreißen  werden.“

„Der  preußische  Zollverein“  —  so  fährt  die  Denkschrift  fort  —  „ist
unzweifelhaft  ein  wohlbewußt  kräftiges  Werkzeug  in  den  Händen  der  Bewegungspartei
  in  Preußen,  zur  Beförderungder  sichwechselseitig  bedingenden
Umkehr  in  Preußen  und  in  dem  übrigen  Deutschland.  Von  dem  Augenblick
an,  in  welchem  die  Idee,  den  Plänen  der  preußischen  Finanzmänner  entsprungen,
  in  das  Leben  zu  treten  begann,  bemerkten  die  Männer  der  Faktion
in  diesem  Lande  sehr  schnell  den  Vorteil,  den  sie  aus  derselben  würden  ziehen
können.  Die  Partei  hatte,  im  Falle  der  Verwirklichung  ihrer  Plane,  ihr
wahres  Ziel  erreicht:  Preußen  mit  einer  neu  repräsentativen  Verfassung
an  der  Spitze  des  übrigen  konstitutionellen  Deutschlands.  Der  Zollverein
hat  daselbst  in  der  neueren  Zeit  aufrichtige  entschiedene  Anhänger  und
Beförderer  hauptsächlich  in  den  eigentlichen  Männern  der  Bewegung  gefunden.
  Allerdings  aber  haben  diese  ihre  Sache  so  geschickt  an  die  Stelle
der  Sache  des  Staates  zu  setzen  und  letztere  auf  so  vielfache  Weise  in
das  neue  System  zu  verweben  gewußt,  daß  auch  eine  veränderte  preußische
Staatsverwaltung  sich  jetzt  ohne  Kompromission  nicht  mehr  herauszuwinden
imstande  sein  und  immer  mehr  oder  weniger  in  der  Notwendigkeit  bleiben
würde,  die  Farben  Preußens  zur  Verhüllung  von  Ideen  herzugeben,  die
im  wesentlichen  gegen  den  Gedanken  des  Bundes  gerichtet  sind..  Das
monarchische  Interesse  des  preußischen  Thrones  vereinigt  sich  mit  jenem
Österreichs  und  des  Deutschen  Bundes  .  gegen  ein  so  bedenkliches  und
unnatürliches  Werk.“  —  Die  Wahlverwandtschaft  zwischen  „der  höchst  gefährlichen
  Lehre  der  deutschen  Einheit“  und  dem  Zollvereine,  die  schon  im
Jahre  1820  der  besorgte  Marschall  seinem  Gönner  geschildert,  war  mithin
endlich  auch  dem  Staatskanzler  klar  geworden.  Und  nunmehr,  zum  erstenmal
  nach  fünfzehn  Jahren,  verfiel  Metternich  auf  die  Frage,  ob  nicht  Österreich
  selbst  etwas  tun  könne  zur  Beförderung  des  deutschen  Verkehrs.

Doch  wie  läßt  sich  helfen?  Ein  Recht  einzuschreiten  besitzt  der  Bund
leider  nicht.  Ein  offener  Bruch  mit  Preußen  „liegt  nicht  in  den  Absichten
und  nicht  in  der  Politik  Osterreichs“.  Also  bleibt,  da  der  mitteldeutsche
Verein  leider  zerfallen  ist,  nur  übrig,  jenen  Art.  19  der  Bundesakte,
welcher  Beratungen  des  Bundestags  über  die  Handelssachen  verheißt,
endlich  auszuführen!  „Nur  in  dem  Einverständnis  aller  liegt  ein  Mittel,
die  einseitig-eigennützigen  Pläne  einzelner  zu  paralysieren.“  —  Klingt  es
nicht  wie  ein  Märchen,  daß  der  k.  k.  Staatskanzler  in  dem  Augerblicke,
da  der  Machtstellung  seines  Staates  eine  furchtbare  Gefahr  drohte,  nur
auf  den  armseligen  Einfall  kam,  noch  einmal  jenes  harmlose  Steckenpferd
zu  reiten,  das  die  Staatsweisen  der  Wiener  Konferenzen  schon  dreizehn

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  25
        <pb n="394" />
        386  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Jahre  zuvor  so  lange  getummelt  hatten,  bis  es  zerbrach?  —  Hannover,
fährt  Metternich  fort,  diese  „von  einem  vorzüglichen  föderativen  Geiste
beseelte“  Regierung,  hat  bereits  dem  Bunde  Anträge  in  diesem  Sinne
gestellt.  Der  Bundestag  muß  die  Freiheit  des  Durchfuhrhandels  beschließen.
  Das  wird  für  Österreich  geringe  Schwierigkeiten  bieten,  da
mir  der  Hofkammerpräsident  Klebelsberg  versichert  hat,  daß  unsere  Gesetze
über  den  Transit  sehr  liberal  sind.  Ein  durchschlagender  Erfolg  gegen
Preußen  steht  von  einem  solchen  Beschlusse  freilich  nicht  zu  erwarten.
„Einc  desto  eindringlichere  Waffe  zur  Bekämpfung  des  preußischen  Zollsystems“
  bietet  der  zweite  hannöversche  Antrag  auf  Befreiung  des  Verkehrs
zwischen  den  Bundesstaaten.  Wenn  der  Bundestag  beschlösse,  daß  in  allen
deutschen  Staaten  die  Einfuhr  aus  anderen  Bundesstaaten  vor  der  Einfuhr
des  Auslandes  begünstigt  würde,  so  wäre  „dem  preußischen  Zollsystem  der
empfindlichste  Stoß  versetzt“.  Dazu  aber  ist  notwendig  eine  Ermäßigung
des  k.  k.  Mautsystems  „bis  zu  dem  Punkte,  der  uns  in  den  Stand  setze,
mit  den  übrigen  deutschen  Bundesstaaten  unter  Anerbietung  der  Reziprozität
über  den  Vollzug  des  Art.  19  in  Verhandlung  zu  treten.“

So  wenig  begriff  man  in  Wien,  worauf  es  ankam  in  unsern  handelspolitischen
  Kämpfen!  Daß  der  ganze  Wert  des  Zollvereins  in  der  Aufhebung
  der  Binnenmauten  lag;  daß  der  mitteldeutsche  Verein  eben  darum
untergegangen  war,  weil  er  diese  Befreiung  des  deutschen  Marktes  nicht
wagte;  daß  der  preußische  Handelsbund  nur  überboten  werden  konnte
durch  den  Plan  eines  noch  größeren  Zollvereins  —  alle  diese  Wahrheiten,
die  bereits  von  dem  kleinsten  thüringischen  Kabinette  durchschaut  wurden,
waren  der  österreichischen  Staatsweisheit  noch  nicht  aufgegangen.  Die
deutschen  Staaten,  so  hoffte  Metternich,  sollten  die  unermeßlichen  Vorteile
  des  freien  vaterländischen  Marktes  dahingeben  für  die  kümmerliche
Aussicht,  daß  ihre  Landesprodukte  an  den  Schlagbäumen  von  dreißig
deutschen  Staaten  milder  behandelt  würden  als  die  Waren  des  Auslands!
Und  selbst  dieser  schwächliche  Gedanke  des  Staatskanzlers  drang  in  Wien
nicht  durch,  nicht  weil  man  die  Halbheit  verworfen  hätte,  sondern  weil
der  Plan  dem  Stumpfsinne  des  Hofes  noch  allzu  kühn  erschien.  Präsident
Krieg  hatte  eine  Herabsetzung  der  Zölle  nach  Preußens  Muster  vorgeschlagen,
  und  seit  dem  Mai  1833  verweilte  bereits  der  österreichische  Geh.
Rat  Binder  in  Berlin,  um  wegen  eines  Handelsvertrages  anzufragen.
Kaiser  Franz  aber  hörte  auf  die  Klagen  seiner  Fabrikanten,  er  fürchtete
jeden  lebhaften  Verkehr  mit  dem  verderbten  Auslande  und  verabscheute
alle  Neuerungen.  Im  Sommer  1834  entschied  er:  Ermäßigungen  des
österreichischen  Tarifs  dürfen  nur  erfolgen  als  Gegenleistungen  für  Zugeständnisse
  des  Zollvereins  —  und  dies  in  einer  Zeit,  da  Österreich  mit
seinem  starren  Prohibitivsysteme  sogar  noch  weniger  als  Frankreich  imstande
  war,  mit  Preußen  Zug  um  Zug  zu  verhandeln.  Der  österreichische
  Unterhändler  verließ  Berlin  unverrichteter  Dinge.
        <pb n="395" />
        Klage  Hannovers  gegen  Kurhessen.  387

Unfähig  zum  Schaffen,  war  die  Hofburg  um  so  tätiger  im  Hetzen  und
Stören.  Tagaus  tagein  brachten  ihre  Blätter  Verdächtigungen  gegen  Preußens
  Handelspolitik;  das  vielgetreue  Haus  Thurn  und  Taxis  beförderte  die
Briefbeutel  von  Frankfurt  nach  der  Schweiz  durch  das  Elsaß,  um  Baden,
den  Schützling  Preußens,  zu  schädigen  —  und  was  der  Armseligkeit  mehr  ist.
Den  Hauptschlag  aber  führten  die  Welfen.  Im  Sommer  1832  erhoben
Hannover,  Braunschweig,  Oldenburg,  Nassau,  Bremen  und  Frankfurt  beim
Bundestage  eine  Klage  gegen  Kurhessen  wegen  Verletzung  des  mitteldeutschen
und  des  Eimbecker  Vertrags;  sie  forderten,  daß  der  Zollverband  mit  Preußen
aufgehoben  und  die  kurhessischen  Durchfuhrzölle  wieder  auf  den  früheren
Stand  gebracht  würden.  Der  Zeitpunkt  war  schlau  gewählt.  Gerade  in
jenem  Augenblicke  hatte  der  Eigensinn  Moritz  Mohls  die  Verhandlungen
zwischen  Preußen  und  Bayern-Württemberg  dem  Scheitern  nahe  gebracht;
auch  der  Dresdner  Hof  spürte  wieder  eine  Anwandlung  seiner  alten  preußenfeindlichen
  Gelüste,  ließ  am  Bundestage  tugendhaft  erklären:  kein  Staat  dürfe
den  zufälligen  Vorteil  der  geographischen  Lage  mißbrauchen,  um  den  freien
Verkehr  der  Nachbarn  zu  erschweren.  Zudem  warnten  und  schürten  die
englischen  Gesandten  an  allen  kleinen  Höfen.  Noch  niemals  früher  hatte
die  Verbindung  von  England  und  Hannover  so  schmachvolle  Wirkungen
gehabt.  Wie  die  hannöversche  Regierung  um  Englands  willen  sich  weigerte
ihre  Bundespflichten  in  Luxemburg  zu  erfüllen,  so  bat  sie  wieder  den
Londoner  Hof  um  Beistand  gegen  Preußen,  damit  die  dem  britischen
Handel  so  schädlichen  Durchfuhrzölle  zwischen  Bremen  und  Frankfurt,
Hamburg  und  Leipzig  beseitigt  würden.  Eine  geheime  hannöversche  Denkschrift
  sagte  rund  heraus:  „Eine  solche  Dazwischenkunft  von  seiten  Englands
möchte  um  so  rätlicher  scheinen,  als  Hannover,  ohne  Englands  Beistand
und  im  Falle,  daß  der  beim  Bundestag  gemachte  Antrag  nicht  angenommen
würde,  vielleicht  nicht  lange  imstande  sein  dürfte,  dem  großen  Handelsübergewichte
  Preußens  zu  widerstehen,  und  vielleicht  genötigt  werden  moöchte,
zum  Nachteil  des  englischen  Handels  ebenfalls  das  preußische  Zollsystem
anzunehmen.““)  So  warnte  eine  deutsche  Regierung  die  Briten  vor  der
deutschen  Einheit.  Lord  Palmerston  aber  säumte  nicht,  diese  hannöversche
Denkschrift  seinen  Gesandten  in  Deutschland  als  Instruktion  mitzuteilen.

Da  der  Buchstabe  des  Rechts  gegen  Kurhessen  sprach,  so  hielt  Münch-Bellinghausen
  durch  Drohungen  und  Schmeicheleien  für  eine  kurze  Frist
eine  Mehrheit  zusammen,  die  der  hannöverschen  Klage  günstig  war,  und
erntete  Metternichs  warmes  Lob  für  seinen  heiligen  Eifer.  Ein  widerwärtiges
  Schauspiel:  die  zweifellose  Schuld  des  vertragsbrüchigen  Beklagten,
  und  die  nicht  minder  zweifellose  Gleisnerei  dieser  Kläger!  Darin
lag  ja,  seit  das  heilige  Reich  erstarrt  war,  das  häßlichste  sittliche  Leiden,

 

*)  Hannöversches  Promemoria,  den  englischen  Gesandten  in  Deutschland  und  der
Schweiz  zur  Instruktion  zugegangen  (durch  Eichhorn  an  Lottummitgeteilt,  14.Dez.  1832).
257
        <pb n="396" />
        388  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

die  tiefe  Unwahrheit  unserer  Verfassung,  daß  sie  den  deutschen  Staaten
erlaubte,  die  heiligen  Formen  des  Rechts  zu  mißbrauchen  zur  Entscheidung
der  Interessenkämpfe  der  Politik.  Wie  einst  der  Regensburger  Reichstag
die  harten  Machtfragen  des  Siebenjährigen  Krieges  zu  lösen  suchte  durch
einen  Kriminalprozeß  gegen  den  Reichsfriedensbrecher  Friedrich,  so  dachten
jetzt  Hannover  und  seine  mitteldeutschen  Genossen,  durch  das  Urteil  eines
Austrägalgerichts  nicht  sowohl  den  Vertragsbruch  Kurhessens  zu  fühnen,
als  vielmehr  die  werdende  Handelseinheit  zu  hemmen.

Die  kurhessische  Regierung  verteidigte  ohne  Geschick  ihre  unglückliche
Sache.  Ihr  Gesandter  erklärte  zwar  sehr  richtig:  der  mitteldeutsche
Handelsverein  sei  niemals  wirklich  zustande  gekommen;  auch  habe  Kurhessen
  durch  den  Anschluß  an  Preußen  offenbar  im  Sinne  des  Art.  19
gehandelt,  da  jetzt  freier  Verkehr  bestehe  von  der  französischen  bis  zur
russischen  Grenze.  Doch  schwächte  er  selbst  das  Gewicht  dieser  Gründe
durch  sophistische  Vorwände.  Dann  fiel  er  heftig  gegen  Hannover  aus,
er  beteuerte:  seine  Regierung  werde  niemals  ausländische  Handelsinteressen
im  Herzen  von  Deutschland  vertreten  —  und  erregte  also  den  Zorn  der
Mehrheit,  die  sich  getroffen  fühlte.  Nachdrücklich  nahm  sich  Nagler  des
Hessen  an  und  wies  nach,  daß  Austrägalgerichte  nur  über  Rechtsfragen,
nicht  über  streitige  Interessen  entscheiden  könnten.  Dieselbe  Ansicht  war
schon  vor  zwölf  Jahren,  während  des  Köthener  Zollkrieges,  von  Preußen
verteidigt,  und  seitdem,  weil  sie  den  lebendigen  Mächten  der  Geschichte
entsprach,  auf  allen  deutschen  Kathedern  von  den  Doktrinären  des  Bundesrechts
  mit  sittlicher  Entrüstung  gebrandmarkt  worden.  Außer  den  beiden
Hessen  stand  nur  Bayern  tapfer  auf  Preußens  Seite.  Während  Hannover
der  Bundestreue  des  k.  k.  Präsidialhofes  seine  Huldigungen  darbrachte,  ließ
König  Ludwig  in  Frankfurt  erklären:  die  preußische  Regierung  verdiene  den
Dank  des  Bundes,  weil  sie  durch  ihre  Zollverträge  an  der  Erfüllung  des
Art.  19  ehrlich  arbeite.

Nagler  wünschte  die  Entscheidung  hinauszuschieben,  damit  unterdessen
die  Zollverträge  in  Berlin  zustande  kämen  und  die  Klage  von  selbst
beseitigt  würde.  Die  österreichische  Mehrheit  aber  stürmte  vorwärts,  ohne
auch  nur  Instruktionen  von  daheim  abzuwarten;  denn  die  Bundesgesandten
fühlten  sich  durch  Preußens  selbständiges  Auftreten  auch  in  ihrer  Amtsehre
gekränkt.  Drei  geschworene  Feinde  der  preußischen  Handelspolitik,  Osterreich,
  Dänemark  und  Mecklenburg  wurden  mit  der  Berichterstattung  beauftragt.
  Auf  ihren  Vorschlag  beschloß  man  sodann,  daß  Österreich,  Dänemark
  und  Baden  im  Namen  des  Deutschen  Bundes  gütlich  vermitteln
sollten.  Der  Sühneversuch  blieb  vergeblich,  und  sofort,  mit  einer  in
Frankfurt  unerhörten  Eile,  ward  das  Austrägalverfahren  eingeleitet.  Da
Kurhessen  sich  weigerte,  dem  Kläger  drei  „unparteiische“  Bundesstaaten
zur  Auswahl  vorzuschlagen,  so  ging  das  Vorschlagsrecht  von  Rechts  wegen
auf  die  Bundesversammlung  über.  Die  Mehrheit  ließ  dem  Kläger  die
        <pb n="397" />
        Osterreich  als  Schiedsrichter.  389

Wahl  zwischen  Osterreich,  Baden  und  Schwerin.  Hannover  wählte,  wie
zu  erwarten  stand,  das  heilige  Erzhaus,  und  die  Akten  wurden  an  das
höchste  Tribunal  zu  Wien  gesendet.  Also  Osterreich  ein  „unparteiischer“
Richter  in  Sachen  des  mitteldeutschen  Handelsvereins,  der  unter  Österreichs
  Fahnen  sich  gebildet  hatte!  Ein  Streit,  der  in  seinen  letzten  Gründen
doch  hinauslief  auf  eine  Machtfrage  zwischen  England,  Osterreich  und
Preußen,  sollte  nach  den  Grundsätzen  des  Zivilprozesses  entschieden  werden
durch  ein  k.  k.  Zivilgericht!  Und  der  eigentliche  Kläger,  der  mitteldeutsche
Handelsverein,  war  im  Frühjahr  1833,  als  die  Akten  nach  Wien  gingen,
gar  nicht  mehr  am  Leben;  der  Abfall  Sachsens  und  Thüringens  hatte  auch
die  letzten  Steine  aus  dem  morschen  Bau  des  Sonderbundes  herausgebrochen.
  Kläglicher  konnte  die  Verlogenheit  der  deutschen  Verfassung
nicht  offenbar  werden.

Die  preußische  Regierung  war  mit  dem  Jammer  der  Austrägalgerichte
nur  allzuwohl  vertraut;  verwickelt  in  zahllose  nachbarliche  Händel,  hatte  sie
damals  fünf  solcher  Prozesse  zugleich  schweben  —  ein  Schicksal,  vor  dem
der  österreichische  Staat  schon  darum  bewahrt  blieb,  weil  er  kein  deutscher
Staat  war.  Preußen  versuchte  nunmehr  das  hannöversche  Kabinett  von  der
Verfolgung  des  aberwitzigen  Rechtsstreites  abzubringen.  Auch  den  anderen
Bundesstaaten,  die  inzwischen  in  Berlin  abgeschlossen  hatten,  begann  der
Unsinn  dieses  Prozesses  einzuleuchten.  Thüringen,  Württemberg,  Sachsen
änderten  ihre  Ansicht;  ingrimmig  schrieb  Metternich:  wenn  heute  noch
einmal  in  Frankfurt  abgestimmt  würde,  so  blieben  wir  in  der  Minderheit!
Der  badische  Hof  schwankte  lange  zwischen  der  großen  Sache  deutscher
Handelseinheit  und  dem  formalen  Rechte,  das  hier  das  schwerste  Unrecht
war;  endlich  trat  er  auf  Preußens  Seite.  Nun  versprach  Kurhessen,  im
Einverständnis  mit  Preußen,  seine  Durchfuhrzölle  herabzusetzen;  der  wichtigste
  Grund  der  Klage  fiel  dahin.  Österreich  aber  bedurfte  der  preußischen
Hilfe  für  die  neuen  Wiener  Konferenzen;  der  Staatskanzler  hielt  nicht  für
geraten,  den  norddeutschen  Nebenbuhler  noch  mehr  zu  reizen.  So  ist
dieser  frivole  Rechtshandel  in  den  Akten  des  höchsten  österreichischen  Gerichtshofes
  begraben  worden;  der  Versuch,  die  Frage  der  deutschen  Zukunft
durch  das  Urteil  eines  k.  k.  Gerichts  zu  entscheiden,  war  jämmerlich  gescheitert.
  —

Gleichzeitig  mit  jener  Klage  gegen  Kurhessen  stellte  Hannover  am
Bundestag  einen  Antrag,  der  unzweideutig  bewies,  daß  die  Welfenkrone
nicht  die  Wahrung  ihrer  Vertragsrechte,  sondern  den  Zollkrieg  gegen
Preußen  beabsichtigte.  Der  unsterbliche  Art.  19  sollte  endlich  von  Bundes
wegen  ausgeführt  werden.  Bis  die  vollkommene  Handelsfreiheit  möglich
sei,  beantragte  Hannover  die  Erleichterung  des  Transits,  einen  nach  Gewicht
  und  Entfernung  abgestuften  Tarif  mit  einem  Maximum  von  30  r.
für  die  Durchfuhrzölle;  denn  die  durch  den  Wiener  Kongreß  ausgesprochene
Freiheit  der  Flüsse  gelte  auch  für  die  Landstraßen.  Außerdem  wurden
        <pb n="398" />
        390  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

erleichterter  Verkehr  mit  deutschen  Produkten  und  gemeinsame  Maßregeln
gegen  den  Schmuggel  gefordert.  Die  Absicht  dieser  mit  den  üblichen
wohllautenden  Freiheitsphrasen  ausgestatteten  Vorschläge  sprang  in  die
Augen:  die  Handelspolitik  des  mitteldeutschen  Vereins,  der  Kampf  gegen
Preußens  Transitzölle,  sollte,  nachdem  der  Sonderbund  selbst  zerfallen,
durch  den  Deutschen  Bund  wieder  aufgenommen,  den  englischen  Waren
die  freie  Einfuhr  nach  dem  Stapelplatze  Frankfurt  durch  einen  Bundesbeschluß
  gesichert  werden.  Darum  die  sophistische  Behauptung,  daß  mit
der  Freiheit  der  Flüsse  auch  die  Freiheit  der  Landstraßen  gegeben  sei  —
eine  in  Hannovers  Munde  schlechthin  schamlose  Erklärung.  Denn  wer
hinderte  doch  die  Freiheit  der  Elbschiffahrt?  Die  Welfenkrone  durch  ihre
„Seezölle“  bei  Stade!  Darum  die  von  gröbster  Unwissenheit  zeugende
Versicherung,  daß  der  Bund  einzelne  Stücke  aus  dem  deutschen  Zollsystem
herausreißen,  die  Durchfuhrzölle  und  die  Besteuerung  deutscher  Produkte
neu  ordnen  könne,  ohne  das  übrige  Zollwesen  zu  berühren.

Münch-Bellinghausen  bemächtigte  sich  sofort  mit  Eifer  des  Antrags.
Unter  vier  Augen  gestand  er  unverhohlen,  daß  der  Vorschlag  Hannovers
lediglich  ein  Schachzug  sei  gegen  den  Deutschen  Zollverein.  „Wir  dürfen“,
sagte  er  zu  Blittersdorff,  „nicht  ruhig  zusehen,  daß  einzelne  Bundesstaaten
solche  Einrichtungen  treffen,  daß  den  übrigen  Bundesstaaten  nichts  übrig
bleibt,  als  sich  nach  und  nach  zu  Grunde  richten  zu  lassen  oder  aber  sich
auf  Kosten  ihrer  Unabhängigkeit  und  Selbständigkeit  dem  Gesetze  des
Stärkeren  zu  unterwerfen.““?)

Preußen  stand  anfangs  fast  allein,  wie  einst  auf  den  Wiener  Ministerkonferenzen.
  Die  Hoffnung  auf  den  Untergang  der  lästigen  preußischen
Durchfuhrzölle  trieb  selbst  den  sächsischen  Hof  in  das  österreichische  Lager.
Um  die  oberdeutschen  Könige  zu  gewinnen,  hatte  Hannover  vorgeschlagen,
der  Bund  solle  die  Durchfuhrzölle  nach  den  Grundsätzen  des  bayrischwürttembergischen
  Tarifs  ordnen.  Diese  Lockung  und  das  Zureden  des
rastlosen  hannöverschen  Gesandten  Stralenheim  stimmte  auch  die  Höfe
von  Stuttgart  und  München  günstig  für  den  welfischen  Antrag.  Der
Hamburger  Senat,  der  bisher  gegen  die  Umtriebe  des  mitteldeutschen
Vereins  eine  verständige  Zurückhaltung  gezeigt,  fiel  jetzt  ganz  aus  der
Rolle,  erwies  in  langer  Denkschrift,  daß  der  deutsche  Verkehr  den  Interessen
  des  hanseatischen  Durchfuhrhandels  von  Rechts  wegen  sich  fügen
müsse.  Ganz  umsonst  hatte  der  gelehrte  Böhmer  sein  flammendes  Buch
gegen  den  Reichsfriedensbrecher  Preußen  doch  nicht  geschrieben.  Offenbar
belehrt  durch  Böhmers  historische  Forschungen,  beriefen  sich  die  Hamburger
  Kaufherren  auf  die  Goldene  Bulle:  solange  zwei  Bundesstaaten
durch  die  Zolllinien  eines  dazwischenliegenden  Bundesstaats  getrennt  sind,
haben  sie  das  Recht  auf  völlig  ungehinderte  Handelsverbindung;  dies

MWV

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  18.  Dezbr.  1832.
        <pb n="399" />
        Hannovers  Antrag  auf  Bundeszölle.  391

Recht  ist  durch  den  Bundestag  zu  schützen.  Elbe  und  Weser,  diese  beiden
einzigen  reindeutschen  Welthandelswege,  werden  nur  dann  wahrhaft  frei
im  Sinne  der  Wiener  Kongreßakte,  wenn  auch  die  Landstraßen  in  ihrem
Stromgebiete  aller  Durchfuhrzölle  entlastet  sind.  Deshalb  müssen  die
Transitzölle  auf  den  Stand  von  1815  zurückgeführt  werden.  —  Und  diese
leeren  Redensarten  dreister  Kaufmannslist,  die  offenbar  nur  den  Zweck
hatten,  den  Durchzug  der  englischen  Waren  zwischen  Hamburg  und
Frankfurt  sicherzustellen  und  das  deutsche  Binnenland  einem  großartigen
Schmuggel  preiszugeben  —  sie  wurden  noch  fünfzehn  Jahre  später  von
einem  unserer  geistvollsten  Publizisten,  dem  Schwaben  C.  F.  Wurm  (in
seinem  bekannten  Kommissionsbericht  über  die  Aufgabe  der  Hansestädte  1847)
alles  Ernstes  verteidigt!

Fest  und  sicher,  wie  einst  Bernstorff  in  Wien,  trat  jetzt  Nagler  in
Frankfurt  der  bundespatriotischen  Heuchelei  entgegen;  er  zeigte  abermals,
daß  der  Bund  diese  Sache  nicht  fördern  könne,  denn  am  Bundestage
seien  auch  solche  Staaten  vertreten,  welche  an  einer  wirklichen  Zolleinigung
nicht  teilnehmen  wollten.*)  Das  Berliner  Kabinett  verwies  stolz  auf  seine
Erfolge:  alle  anderen  Versuche  sind  fehlgeschlagen,  und  nur  diesem  Fehl—
schlagen  ist  es  zuzuschreiben,  daß  Hannover  sich  jetzt  wieder  an  den  Bun—
destag  wendet.  Was  wäre  denn  erreicht  durch  die  Ermäßigung  der  Durch—
fuhrzölle?  Keine  einzige  deutsche  Zollschranke  fiele  hinweg;  in  unserem
Zollvereine  aber  sind  die  Durchfuhrzölle  für  die  Verbündeten  nicht  bloß
ermäßigt,  sondern  beseitigt.  —  Auch  Kurhessen  verwahrte  sich  gegen  unfruchtbare
  halbe  Maßregeln:  nur  die  Verschmelzung  der  Zollsysteme  kann
helfen,  „dann  wird  kein  Demagog  das  biedere  deutsche  Volk  zu  verführen
imstande  sein.“  Eine  neue  preußische  Denkschrift  widerlegte  alsdann
die  Behauptung  des  Hamburger  Senats.  Sie  erwies,  wie  untrennbar
Durchfuhr=  und  Einfuhrzölle  zusammenhingen:  und  sage  man  doch  nicht,
daß  Hamburgs  Vorschläge  nicht  dem  Auslande  zugute  kommen  sollen!
Von  den  „hanseatischen“  Waren,  die  Hamburg  zollfrei  ins  Binnenland
zu  führen  denkt,  würden  neun  Zehntel  ausländischen  Ursprungs  sein.

Fast  alle  Bundesgesandten,  so  versicherten  Blittersdorffs  Berichte,  vernahmen
  diese  „bundesfeindlichen“  Erklärungen  mit  höchster  Entrüstung.
Münch  klagte:  „Preußen  verteidigt  heute  dieselben  Grundsätze  der  Revolution,
  die  es  in  der  höheren  Politik  gemeinsam  mit  OÖsterreich  bekämpft.
Die  Bundesgesetze  werden  nicht  mehr  nach  dem  Rechte  und  dem  Geiste
des  Bundessystems,  sondern  nach  administrativen  und  finanziellen  Rücksichten
  ausgelegt.“  Metternich  verdammte  in  einem  Briefe  an  Münch
mit  scharfen  Worten  „die  an  Narrheit  grenzende  Erklärung  des  Herrn
von  Nagler“".“)  Doch  die  preußische  Narrheit  behauptete  das  Feld.  Die

*)  Eichhorn,  Denkschrift  über  den  Art.  19  der  Bundesakte,  25.  Okt.  1832.

**)  Blittersdorffs  Bericht,  11.  Febr.  1833.
        <pb n="400" />
        392  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Zollvereinsverträge  wurden  abgeschlossen,  und  da  sie  allesamt  die  bundes—
treue  Klausel  enthielten,  daß  der  Zollverein  sich  auflösen  würde,  sobald
der  Art.  19  ins  Leben  träte,  so  konnte  der  Bundestag  der  vollendeten
Tatsache  nicht  einmal  mit  den  Künsten  rabulistischer  Silbenstecherei  zu
Leibe  gehen.  Preußen  war  fortan  der  Mehrheit  sicher;  Münch  wagte
nicht  mehr  die  hannöverschen  Anträge  zur  Abstimmung  zu  bringen.  Der
Streit  schlief  ein;  der  Bundestag  hatte  abermals  seine  unheilbare  Ohn—
macht  bekundet.

Gleichwohl  versuchte  der  unversöhnliche  Welfenhof  während  der  Wiener
Konferenzen  von  1834  noch  einmal,  auf  dem  traurigen  Art.  19  heranzusprengen
  gegen  den  Zollverein.  Und  wieder  hielten  die  Hansestädte  zu  den
Welfen.  Kein  schlechterer  Mann  als  der  Bremer  Smidt  war  der  Verfasser
einer  Denkschrift,  welche  der  hannöversche  Minister  Ompteda  den  Konferenzen
überreichte.  Die  alten,  soeben  am  Bundestage  glücklich  beseitigten  Tor—
heiten  in  neuer  Fassung!  Ein  „dem  Bunde  fremder  Organismus“  hat  sich
der  Handelsfrage  bemächtigt  und  erregt  im  Volke  schon  mehr  Teilnahme
als  der  Bund  selber!  Darum  muß  schleunigst  ein  permanenter  Ausschuß
am  Bundestage  errichtet  werden  zur  Herstellung  des  Rechtszustandes  und
zur  Beförderung  des  Verkehrs,  insbesondere  des  Durchfuhrhandels.  Doch
jetzt,  da  der  große  Zollverein  bereits  ins  Leben  getreten  war,  wollten  diealten
Locktöne  nicht  mehr  verfangen.  Die  Versammlung  blieb  kalt,  nur  Österreich
  und  Mecklenburg  unterstützten  die  welfisch-hanseatischen  Träumereien.
Selbst  der  glatte  Ancillon  faßte  sich  ein  Herz  und  erklärte  jede  handelspolitische
  Tätigkeit  des  Bundestages  für  hoffnungslos.  Noch  schärfer
und  kräftiger  widersprach  der  Vertreter  Bayerns,  der  geistreiche  Mieg,  der
inzwischen  die  Gnade  seines  launischen  königlichen  Herrn  wiedergefunden
hatte.  Um  die  Welfen  nicht  durch  ein  rundes  Nein  zu  kränken,  beschloß
man  endlich:  die  Bundesgesandten  sollen  mit  Instruktionen  versehen
werden,  damit  der  Bundestag  einen  Ausschuß  bilden  und  sich  mit  der
Handelssache  beschäftigen  könne.  Fast  genau  derselbe  Beschluß  war  vierzehn
  Jahre  zuvor  auf  den  ersten  Wiener  Konferenzen,  unter  dem  schallenden
  Gelächter  der  Versammlung,  gefaßt  worden.?)  So  irrte  die  deutsche
Diplomatie  unter  Metternichs  umsichtiger  Führung  im  Kreise  umher.
Der  gequälte  Geist  des  Art.  19  fand  nunmehr  endlich  den  Frieden  des
Grabes.

Die  Welfenkrone  blieb  unbelehrt.  Sie  schloß  noch  im  selben  Jahre
(1.  Mai  1834)  mit  Braunschweig  den  Steuerverein,  dem  nachher  auch
Oldenburg  und  Bückeburg  beitraten.  Es  war  das  letzte  Trümmerstück
des  gesprengten  mitteldeutschen  Sonderbundes,  aber  an  Feindseligkeiten
ließ  sich  jetzt  nicht  mehr  denken.  Vielmehr  bildete  sich  bald  ein  freundnachbarliches
  Verhältnis  zwischen  den  beiden  Vereinen.  Sie  unterstützten

 

*)  S.  o.  III.  37.
        <pb n="401" />
        Der  hannöversche  Steuerverein.  393

einander  durch  ein  Zollkartell  und  gegenseitige  Uberweisung  von  Enklaven.
  Der  Steuerverein  verband  wie  der  große  Zollverein  seine  Mitglieder
  zu  vollständiger  Zollgemeinschaft  und  verteilte  wie  dieser  die  Einkünfte
  nach  der  Kopfzahl.  Sehr  niedrige  Finanzzölle  sollten  den  Engländern
und  den  Hanseaten  die  Einfuhr  erleichtern,  dem  wohlhabenden  Landvolk
wohlfeilen  Kaffee  und  Rotwein  verschaffen.  Darum  ward  der  Steuerverein
  von  dem  hannöverschen  Landtage  ebenso  lebhaft  gepriesen,  wie  der
große  Zollverein  von  den  süddeutschen  Liberalen  bekämpft  wurde.  Diese
deutschen  Großbritannier  betrachteten  es  als  ein  Zeichen  überlegener  Gesittung,
  daß  bei  ihnen  der  Zentner  Seidenwaren  fast  um  98,  der  Wein
um  5,  der  Zucker  um  7  Taler  niedriger  verzollt  wurde  als  im  Zollvereine;
und  die  öffentliche  Meinung  des  Binnenlandes,  geneigt  wie  sie  war,  den
Staat  als  einen  heischenden  Feind  zu  betrachten,  fand  dies  Selbstgefühl
anfangs  ganz  begreiflich.  War  doch  der  Ertrag  der  Finanzzölle  sehr
beträchtlich,  1  Taler  auf  den  Kopf,  um  ein  Drittel  höher  als  im  Zollvereine.
  Erst  nach  und  nach  begann  man  zu  bemerken,  daß  dieser  Sonderbund
  zum  Besten  Englands  und  der  Hanseaten  die  Industrie  des  eigenen
Landes  künstlich  darniederhielt,  und  die  Volkswirtschaft  in  den  benachbarten
  Gebieten  des  Zollvereins  weit  rascher  als  in  Hannover  aufblühte.
Die  Staatsmänner  Österreichs  aber  sanken  nach  so  kläglichen  Niederlagen
bald  wieder  in  die  alte  holde  Selbsttäuschung  zurück.  Der  große  Zollverein
war  kaum  jährig,  da  sagte  Münch  schon  schadenfroh  zu  Blittersdorff:  der
Beitritt  so  vieler  Staaten  wird  die  Sonderinteressen  verstärken  und  bald
die  Auflösung  des  Vereins  herbeiführen!)

 

Alsder  Bundespräsidialgesandte  diese  patriotische  Hoffnung  aussprach,
hatte  der  jugendliche  Handelsbund  freilich  schon  durch  unzweideutige  Zeichen
seine  Lebenskraft  bekundet;  er  stand  im  Begriff,  auch  die  letzten  Kleinstaaten
  Süd=  und  Mitteldeutschlands  zu  erobern.  Baden,  der  mit  Preußen
so  nahe  befreundete  Staat,  war  noch  immer  nicht  dem  Zollvereine  beigetreten
  —  ein  schlagender  Beweis  für  die  ungeheure  Schwierigkeit  dieser
verwickelten  Unterhandlungen.  Zweimal,  in  den  Jahren  1829  und
1830/31,  hatte  Preußen  versucht,  eine  handelspolitische  Verständigung
zwischen  Baden  und  den  oberdeutschen  Königen  herbeizuführen.  Immer
war  der  unglückliche  Sponheimer  Handel  dazwischen  getreten  —  zum
schweren  Verdruß  König  Friedrich  Wilhelms,  der  es  als  Ehrenpflicht
betrachtete,  gutes  Einvernehmen  unter  den  deutschen  Staaten  herzustellen.
Der  Karlsruher  Hof  war,  trotz  seiner  dankbaren  Ergebenheit  gegen  Preußen,
  noch  keineswegs  ernstlich  gesonnen,  zum  Besten  der  deutschen  Handels- 



*)  Blittersdorffs  Bericht,  22.  Jan.  1835.
        <pb n="402" />
        394  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

einheit  eine  unbequeme  Anderung  des  Bestehenden  zu  wagen.  Er  befolgte
  noch  den  alten  Grundsatz  Berstetts:  „Unsere  Maxime  ist,  daß  wir
zwar  gegen  größere  Mächte  gern  Deferenz  haben  und  ihre  Präponderanz
anerkennen,  daß  wir  sie  aber  als  großmütig  denken,  welche  den  kleineren
gern  Vorteile  gönnen,  eben  weil  sie  kleine  Staaten  sind  und  deren  bedürfen.“?)
  Die  Regierung  blickte  mit  Stolz  auf  ihr  „Freihandelssystem“,
auf  ihre  wichtige  europäische  Stellung  zwischen  Deutschland,  Frankreich
und  der  Schweiz.  Die  Zölle  ertrugen  13  ¼  Sgr.  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung
  —  weit  weniger  als  in  Preußen,  doch  immerhin  genug,  um
den  Wunsch  nach  Neuerungen  nicht  allzu  laut  werden  zu  lassen.  Die
materiellen  Nachteile  des  schwunghaften  badischen  Schmuggelhandels  fielen
allein  auf  die  Nachbarstaaten;  für  den  schweren  sittlichen  Schaden,  der
das  eigene  Land  traf,  hatte  weder  die  Regierung  noch  das  Volk  ein  Verständnis.
  Sprach  doch  sogar  Nebenius  in  seiner  Schrift  über  „Badens
Beitritt“  vornehm  von  oben  herab,  als  ob  Baden  selbst  von  dem  Zollvereine
  wenig  gewänne  und  nur  um  Deutschlands  willen  einträte.

Daher  zeigte  die  badische  Regierung  anfangs  geringe  Neigung,  aus
ihrer  vereinsamten  Stellung  herauszutreten.  Erst  als  Bayern  und  Württemberg
  sich  entschlossen  hatten,  die  vollständige  Vereinigung  mit  Preußen
zu  beantragen,  wurde  man  in  Karlsruhe  besorgt  und  fand  es  geraten,  den
gleichen  Antrag  in  Berlin  zu  stellen  (Mai  1832),  weil  „die  später  eintretenden
  Staaten  ungünstigere  Bedingungen  erhalten  würden“.  *)  Preußen
  aber,  vollauf  beschäftigt  mit  Bayern,  Württemberg,  Sachsen  und
Thüringen,  wollte  für  jetzt  die  badische  Frage  nicht  berühren,  die  unfehlbar
den  Zorn  des  Wittelsbachers  aufs  neue  erwecken  mußte.  Also  blieb  der
Karlsruher  Hof  wieder  untätig.  Er  hat  sich  dann  noch  eine  Weile  mit
der  Hoffnung  getragen,  der  Antrag  Hannovers  am  Bundestage  könne
vielleicht  einen  neuen  Weg  eröffnen  und  dem  kleinen  Lande  die  Aufhebung
seines  „Freihandelssystems“  ersparen.  Da  diese  Erwartung  trog,  begann
man  endlich  einzusehen,  daß  Baden  keine  Wahl  mehr  habe.  Aber  die  ausgesprochene
  Abneigung  des  Volks  gebot  dem  Hofe  Vorsicht;  er  hielt  für
nötig,  zuvörderst  eine  Versammlung  badischer  Volkswirte  zu  berufen.
Der  Finanzminister  Böckh  verhandelte  mit  diesen  Notabeln  im  Winter
1833/34,  ohne  eine  Einigung  zu  erzielen;  die  Landwirte  und  Kaufleute
widersprachen  entschieden  dem  Anschluß,  sogar  von  den  Fabrikanten  war
nur  ein  Teil  dafür.

Die  preußischen  Staatsmänner  andererseits  empfanden  jetzt  zum
ersten  Male  schwer  die  Fesseln  des  gerühmten  „Föderalismus“,  sie  sahen
ihre  diplomatische  Aktion  überall  gehemmt  durch  die  kleinen  Verbündeten.
Eichhorn  selbst  gestand  dem  Karlsruher  Hofe:  Bayern  und  Württemberg

 

*)  Berstett,  Weisung  an  Frankenberg,  Dez.  1826.
:*)  Gutachten  des  bad.  Min.  d.  A.  A.,  3.  Mai  1832.
        <pb n="403" />
        Neue  Verhandlungen  mit  Baden.  395

hegen  ein  unüberwindliches  Mißtrauen  gegen  Baden  wegen  des  organi—
sierten  und  amtlich  begünstigten  Schmuggels.“)  Der  Stuttgarter  Hof
vornehmlich  zeigte  sich  unwirsch.  König  Wilhelm  fragte  befremdet,  warum
denn  dieser.  Staat,  der  in  Württembergs  Machtsphäre  liege,  zuerst  in
Berlin,  statt  in  Stuttgart  angeklopft  habe?  noch  sei  keineswegs  sicher,  ob
Württemberg  sich  herablassen  werde,  auf  Badens  „Bitte  um  Zulassung“
einzugehen.  Der  schwäbische  Schreiberstand,  übel  berufen  unter  den  Zoll—
vereinsgenossen  wegen  seiner  pedantischen  Formenseligkeit,  war  allen  Neue—
rungen  abhold.  Er  hatte  bisher  eine  lange  Zollgrenze  selbständig  bewacht;
trat  Baden  bei,  so  wurde  Schwaben  zu  einem  „Binnenlande“,  geriet
in  schmachvolle  Abhängigkeit  den  Verbündeten  gegenüber.  Und  wer  sollte
die  Pensionen  bezahlen  für  die  württembergischen  Zollbeamten  auf  dem
Schwarzwalde,  die  nun  überflüssig  wurden?  Zudem  war  der  alte  Zank
wegen  der  Neckarschiffahrt  wieder  entbrannt.  Baden  forderte  einen  Neckar—
zoll  von  5  bis  6  Kr.,  Württemberg  und  Darmstadt  wollten  nur  4  Kr.
zugestehen;  der  Stuttgarter  Hof  hatte  sich  bereits  klagend  an  den  Bund
gewendet.  Schaudernd  erzählte  sich  die  deutsche  Diplomatie  von  dieser
„Kreuzerfrage“;  Moritz  Mohl  der  Unverwüstliche  verfaßte  eine  Denkschrift
darüber,  zweitausend  Aktenseiten  lang.  Der  württembergische  Gesandte
in  Karlsruhe,  der  bekannte  Bonapartist  General  Bismarck,  verschärfte  die
Feindschaft  der  beiden  Höfe  noch  durch  Ränke  und  Klatschereien.  Auch  der
französische  Gesandte  Graf  Mornay  versuchte  wieder  Unheil  zu  stiften.
Freundlichere  Gesinnung  erwies  der  bayrische  Hof,  zumal  seit  Preußen
erklärt  hatte:  der  Sponheimer  Handel  soll  diesmal  aus  dem  Spiele
bleiben,  eine  Verständigung  darüber  wird  leichter  erfolgen,  wenn  Bayern
und  Baden  eine  Zeitlang  als  Zollvereinsgenossen  gute  Freundschaft  gehalten
  haben.  Doch  bestand  auch  in  München  lebhafte  Eifersucht  gegen
Preußens  ausgreifenden  Ehrgeiz.  Minister  Gise  beteuerte  dem  badischen
Geschäftsträger  Röntgen  vertraulich:  Die  Rechtlichkeit  des  preußischen
Gouvernements  wird  allgemein  anerkannt.  Es  ist  aber  meine  Pflicht,
die  neu  eintretenden  Staaten  zu  warnen  vor  der  Gefahr  drückender  Abhängigkeit.
  Preußens  geheime  Tendenzen  lassen  sich  nicht  mehr  verkennen.
Bayern  wird  ihnen  überall  entgegentreten,  wird  ein  festes  Zusammenstehen
  aller  Vereinsstaaten  gegen  Preußen  zu  bewirken  suchen  und  hofft,
daß  auch  Baden  erkennen  wird,  wie  vollständig  seine  Interessen  mit  denen
Bayerns  und  Württembergs  zusammenfallen.)

In  solchem  Gewirr  von  Zänkereien  und  mißtrauischen  Hintergedanken
war  die  höchste  Offenheit  die  höchste  Klugheit.  Auf  Badens  erneuerte
Anfrage  ließ  König  Friedrich  Wilhelm  um  Neujahr  1834  antworten:  wir
werden  nicht,  wie  Baden  wünscht,  einen  preußischen  Finanzbeamten  nach

 

*)  Eichhorn,  Weisung  an  Otterstedt,  7.  Sept.  1833.
**7)  Röntgens  Berichte,  23.  April,  10.  Mai  1834.
        <pb n="404" />
        396  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Karlsruhe  senden;  das  würde  den  Argwohn  der  süddeutschen  Kronen  erregen;
  der  Karlsruher  Hof  täte  wohl,  sich  zunächst  mit  Hofmann  in
Darmstadt,  einer  der  kräftigsten  Stützen  des  Vereins,  vertraulich  zu  besprechen;
  alsdann  können  die  eigentlichen  Verhandlungen  beginnen,  aber
nur  in  Berlin  und  nur  durch  hochgestellte  Staatsmänner,  nicht  durch
Subalterne.*)  Dann  ließ  der  König  die  sämtlichen  den  Gesandtschaften  in
den  Zollvereinsstaaten  zugegangenen  Instruktionen  dem  Vertreter  Badens
vorlegen,  und  Frankenberg  fand  sie  „alle  in  dem  Geiste  der  Korrektheit
und  Offenheit,  welcher  das  preußische  Kabinett  charakterisiert,  abgefaßt".

Endlich  im  Sommer  1834  kam  Böckh  nach  Berlin.  Die  Konferenzen
  währten  den  Juni  und  Juli  hindurch,  sie  stießen  aber  auf  solche
mannigfache  Schwierigkeiten,  daß  noch  bis  zum  Jahresschlusse  zwischen
den  Kabinetten  verhandelt  werden  mußte.  Der  Karlsruher  Hof  lebte  in
dem  Wahne,  der  Zollverein  werde  um  Badens  willen  eine  bedeutende
Herabsetzung  seines  Tarifes  zugestehen;  es  währte  lange,  bis  man  von
solcher  überhebung  zurückkam.  Dann  wieder  der  Streit  um  die  Neckarzölle.
  Noch  im  Dezember  ließ  der  König  den  Großherzog  dringend  um
einige  Nachgiebigkeit  bitten:  „Preußen  hat  nur  das  alleinige,  aber  höchst
wichtige  Interesse,  ein  reines  Verhältnis  zwischen  den  deutschen  Regierungen
hergestellt  und  allen  Stoff  zum  Hader  und  Streit  entfernt  zu  sehen.“
Schließlich  mußte  man  doch  diese  Streitfrage  aus  den  Verhandlungen  ausscheiden,
  die  Lösung  auf  bessere  Zeiten  vertagen.  Die  größte  Schwierigkeit
  lag  in  der  schmalen  langgestreckten  Gestalt  des  badischen  Landes.
Führte  man  hier  die  Zollvereinsgesetze  in  voller  Strenge  ein,  so  wurde
fast  das  gesamte  Staatsgebiet  zum  Grenzbezirke.  Baden  verlangte  daher,
daß  an  der  leicht  zu  bewachenden  Rheingrenze  der  Grenzbezirk  nur  die
Breite  einer  Wegstunde  haben  sollte;  sonst  würde  der  größte  Teil  des
Landesverkehrs  den  lästigen  Beschränkungen  der  Grenzkontrolle  unterliegen.
  Sofort  forderte  Sachsen  die  gleiche  Vergünstigung  für  seine  erzgebirgischen
  Grenzen.  Erst  am  12.  Mai  1835  kam  der  Vertrag  zustande.
Baden  erhielt  einen  schmalen  Grenzbezirk,  und  in  der  zwölften  Stunde
hatte  Eichhorn  der  widerstrebenden  Finanzpartei  noch  ein  letztes  Zugeständnis
  entrungen:  die  badischen  Tabaksbauer  sollten  eine  Rückvergütung
empfangen  für  die  nach  der  Schweiz  ausgeführten  Tabaksblätter.  Da
die  Nachversteuerung  in  Sachsen  und  Thüringen  schlechte  Ergebnisse  gebracht
  hatte,  so  beschloß  man  diesmal  die  Kaufleute  zu  überraschen.  Schon
in  der  Nacht  vom  17.  zum  18.  Mai  wurden  die  neuen  Zölle  an  den
badischen  Grenzämtern  eingeführt,  während  das  Volk  von  dem  Berliner
Vertrage  noch  kaum  wußte;  die  Regierung  versprach  den  Ersatz  der  Zahlungen,
  falls  der  Landtag  den  Vertrag  nicht  billige.

Dieser  entschlossene  Schritt  brachte  nicht  nur  den  Zollvereinskassen

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  1.  Jan.  1834.
        <pb n="405" />
        Badens  Beitritt.  397

reichen  Gewinn,  er  sicherte  auch  die  Genehmigung  des  Vertrags.  Nur
die  Macht  vollendeter  Tatsachen  konnte  den  Widerstand  der  Liberalen
entwaffnen.  Rotteck  donnerte  wider  diese  „Bewirtschaftung  der  Nation;
der  Strudel  des  Zollvereins  wird  uns  alle  in  den  Abgrund  des  Abso—
lutismus  reißen!“  Ein  anderer  Redner  der  Opposition  warnte  vor—
sorglich:  die  preußischen  Taler  würden  das  Ländle  überschwemmen,  worauf
die  Ministerbank  entgegnete:  man  könne  nur  wünschen,  daß  diese  Über—
schwemmung  recht  reichlich  ausfalle.  Die  Regierung  war  in  beschämen—
der  Verlegenheit;  sie  mußte  jetzt  selbst  den  so  oft  verteidigten  badischen
Freihandel  öffentlich  verdammen  als  eine  systematische  Begünstigung  des
Schmuggels.  Freiern  Blick  als  der  Liberalismus  zeigte  die  Aristokratie
der  ersten  Kammer;  Fürst  Löwenstein-Wertheim  pries  „die  edle  Selbstverleugnung
  Preußens  und  das  große  nationale  Werk,  das  der  preußischen
Regierung  zum  unverwelklichen  Ruhm  gereicht.“  Außer  Nebenius  traten
noch  zwei  andere  geschulte  Volkswirte  für  den  Anschluß  auf:  der  berühmte
  Heidelberger  Professor  Rau  und  dessen  Schüler  Karl  Mathy,  ein
bekehrter  Gegner  der  preußischen  Handelspolitik,  der  hier  wieder  die  Tiefe
und  Selbständigkeit  seines  Urteils  bewährte  und  sich  sogar  unterstand,
die  Gewerbefreiheit  Preußens  dem  badischen  Liberalismus  als  ein  Muster
vorzuhalten.  Der  vorsichtige  Ton  der  Flugschrift  Mathys  beweist  genugsam,
  wie  schwer  es  noch  hielt,  den  Vorurteilen  der  liberalen  Welt  zu
widersprechen.  Mit  schwacher  Mehrheit  genehmigten  die  Kammern  den
Vertrag;  und  nun  stimmten  auch  die  anderen  Zollverbündeten  zu,  nachdem
  Preußen  erst  noch  durch  eine  scharfe  Note  den  widersprechenden  kurhessischen
  Landtagsausschuß  zum  Schweigen  gebracht  hatte.  Darauf
abermals  reichliche  Ordensspenden  und  zuletzt  noch  ein  gereizter  Schriftwechsel
  zwischen  Kassel  und  Karlsruhe.  Die  kurhessischen  Beamten  fühlten
sich  beleidigt,  weil  die  ihnen  zugesendeten  Zähringer  Löwenorden  kein
Eichenlaub  trugen.  Auch  dieses  Gewölk  verzog  sich;  es  stellte  sich  heraus,
daß  jener  Löwe  damals  noch  in  den  Jahren  unreifer  Jugend  stand  und
noch  kein  Eichenlaub  in  seinem  Vermögen  hatte.  —

Bald  nach  dem  Beitritt  dieses  befreundeten  Staates  mußte  einer
der  boshaftesten  Gegner,  der  Nassauer  Hof,  seinen  Frieden  mit  Preußen
schließen,  doch  erst,  nachdem  er  zuvor  ein  unvergeßliches  Probestück  ehrloser
Gesinnung  abgelegt  hatte.  Selbst  in  Wien  erregte  die  Kunde  von  Preußens
  Erfolgen  kaum  eine  so  wilde  Entrüstung,  wie  in  Biebrich.  Marschall
tobte  und  polterte.  Niemals  wirt  Nassau  einem  fremden  Zollsystem  sich
anschließen,  schrieb  er  dem  Gesandten  Fabricius.  Wir  sind  für  die  Zentralisation,
  wo  es  sich  handelt  um  die  Erhaltung  der  Ruhe;  doch  in  Zollund
  Handelssachen  verwerfen  wir  die  Zentralisation,  weil  sie  hier  sich
nicht  verträgt  mit  der  Souveränität.  Darum  haben  wir  alle  hierauf  gerichteten
  Anträge  zurückgewiesen;  andere  Regierungen,  die  im  Sinne  der
revolutionären  Partei  ihre  Souveränität  gegen  den  Bundestag  streng  be-
        <pb n="406" />
        398  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

haupteten,  sind  leider  auf  solche  Lockungen  eingegangen.)  Der  Prahler
log  mit  Bewußtsein;  er  wußte  wohl,  daß  Preußen  weder  in  Nassau  noch
an  irgendeinem  anderen  Hofe  Anträge  gestellt  hatte.  Dabei  ward  die
Lage  von  Tag  zu  Tag  unhaltbarer.  Das  Ländchen  war  jetzt  rings  von
Zollvereinsgebiet  umschlossen;  die  Verwilderung  des  Volkes  durch  den
frechen  Schmuggel  begann  in  Biebrich  Besorgnisse  zu  erregen.  Marschall
sagte  oft  stolz:  Die  Stellung  an  dem  freien  Rhein  verbürge  dem  Nassauer
Reiche  seine  handelspolitische  Unabhängigkeit  für  ewige  Zeiten.  Auch  dies
war  eine  bewußte  Lüge.  Denn  allein  Preußens  Langmut  gestattete  dem
Nassauer  Despoten  noch  eine  selbständige  Handelspolitik;  sobald  Preußen
wollte,  konnte  das  Enklavensystem  auf  Nassau  angewendet  und  der  Biebricher
  Hof  in  dieselbe  Notlage  versetzt  werden  wie  einst  der  Köthener.

Wie  ließ  sich  der  unvermeidlichen  Unterwerfung  ausweichen?  Offenbar
  nur  durch  Anlehnung  an  das  Ausland,  an  den  altbewährten  treuen
Beschützer  der  Kleinstaaterei.  Seit  Jahren  wiederholte  Graf  Fenelon  die
Versicherung,  Frankreich  sei  bereit,  die  günstigsten  Handelsverträge  mit  den
Kleinstaaten  zu  schließen,  wenn  sie  nur  dem  preußischen  Handelsbunde
fern  bleiben  wollten.  Der  Herzog  war  freilich  strenger  Legitimist,  wollte
nichts  hören  von  einer  Verbindung  mit  dem  Bürgerkönige.  Da  kam  eine
Verlegenheit  seiner  Domänenkasse  den  Lockrufen  des  französischen  Gesandten
  zu  Hilfe.  Unter  den  Einnahmen  des  Dominiums,  dessen  Interessen
  die  Handelspolitik  Nassaus  allein  bestimmten,  stand  obenan  der
Ertrag  der  Mineralwasser;  die  Nassauer  Staatsgelehrten  sprachen  sogar
von  einem  Wasserregale,  kraft  dessen  die  kostbaren  Quellen  von  Rechts
wegen  dem  Landesherrn  gehören  sollten.  Nun  hatte  Frankreich  vor  einigen
Jahren  den  Zoll  auf  fremde  Mineralwasser  erhöht,  die  herzoglichen
Brunnen  schwer  geschädigt.  Doch  Marschall  war  nicht  umsonst  der  Freund
Rothschilds;  er  verfiel  auf  den  schlauen  kaufmännischen  Gedanken,  ob
Nassau  nicht  von  Frankreich  die  Herabsetzung  dieses  Zolls  erbitten  und
dafür  versprechen  sollte,  einige  Jahre  lang  jedem  Zollvereine  fern  zu
bleiben.  Vor  der  angenehmen  Aussicht  auf  erhöhte  Einnahmen  mußte
der  Widerspruch  des  legitimistischen  Herzogs  verstummen;  der  Minister
aber  erhielt  einen  festen  Rückhalt  im  Kampfe  gegen  Preußen,  er  konnte,
auf  die  Vertragspflicht  gegen  Frankreich  verweisend,  den  Anschluß  an  den
Zollverein  noch  jahrelang  hinausschieben.

Im  Sommer  1833  verhandelte  Geh.  Rat  Fabricius  in  Paris  wegen
dieses  Planes.  Am  19.  Sept.  kam  der  französisch-nassauische  Handelsvertrag
  zustande,  der  schmutzigste  unter  allen  Verträgen  der  Zollvereinsgeschichte
  und  darum  auch  streng  geheim  gehalten;  erst  im  Jahre  1866  hat
Karl  Braun  das  Aktenstück  veröffentlicht.  Der  Wortlaut  klang  harmlos,
wie  üblich  bei  Gaunergeschäften.  Frankreich  versprach  Begünstigung  der

—à

*)  Marschall  an  Fabricius,  25.  Sept.  1833.
        <pb n="407" />
        Frankreich  und  Nassau  gegen  Preußen.  399

nassauischen  Mineralwasser,  Nassau  verpflichtete  sich,  den  Zoll  auf  fran—
zösische  Weine  und  Seidenwaren  in  den  nächsten  fünf  Jahren  nicht  zu
erhöhen.  Also  wurde  der  schmähliche  Zweck  des  Vertrags  durch  eine  vor—
sichtige  Umschreibung  verhüllt.  Die  Herabsetzung  der  beiden  nassauischen
Tarifsätze  war  ein  leerer  Vorwand,  da  das  Weinland  Nassau  nur  etwa
3000  Flaschen  französischen  Weines  und  10  Ztr.  französischer  Seide  jährlich
  einführte.  Den  Orleans  kam  es  nur  darauf  an,  durch  irgendwelche
Verpflichtung  den  Kleinstaat  auf  fünf  Jahre  zu  binden  und  von  dem
Zollvereine  abzuziehen.  Der  Herzog  ratifizierte;  er  ertrug,  daß  ihm  der
Bürgerkönig  das  Alternat  bei  der  Unterschrift  verweigerte,  er  verschmerzte
sogar  den  ruchlosen  dreifarbigen  Heftfaden  der  französischen  Aktenstücke.
Welches  Opfer  war  auch  zu  schwer  für  die  Befriedigung  der  Habgier
und  des  Preußenhasses?

Nach  und  nach  regte  sich  dem  Fürsten  doch  die  Scham.  Er  war  im
Herbst  1833  durch  Berlin  gekommen,  hatte  dort  vieles  gelernt  und  selbst
von  dem  treuen  Freunde  Wittgenstein  hören  müssen:  in  Handelssachen
ist  Herr  Eichhorn  leider  allmächtig.  Bald  nachher  starb  Marschall;  der
französische  Vertrag  bildete  den  würdigen  Abschluß  seiner  politischen  Laufbahn.
  Die  österreichische  Politik  des  kleinen  Hofes  kam  jetzt  ins  Schwanken;
der  Steuerdirektor  Magdeburg  riet  dringend  den  hoffnungslosen  Widerstand
  aufzugeben.  Aber  wie  herauskommen  aus  der  laum  erst  übernommenen
  Vertragspflicht?  Ein  Advokatenstreich  mußte  dem  Nassauer  Hofe
aus  der  Not  helfen,  wie  schon  so  vielen  anderen  Mitgliedern  des  mitteldeutschen
  Sonderbundes.  Der  Vertrag  sollte  erlöschen,  falls  die  französischen
  Kammern  in  ihrer  nächsten  Session  ihn  nicht  genehmigten.  Im
Drange  ernsterer  Geschäfte,  über  den  Aufregungen  des  parlamentarischen
Parteikampfes  war  die  Ausführung  dieses  Artikels  in  Paris  vergessen
worden.  Die  französische  Regierung  hatte  aber  gleich  darauf  ihr  Versehen
gesühnt,  sie  hatte  die  Begünstigung  der  Nassauer  Mineralwasser  durch
eine  königliche  Ordonnanz  eingeführt  und  ausdrücklich  versprochen,  diese
Verordnung  den  Kammern,  sobald  sie  wieder  zusammenträten,  vorzulegen.
Die  Zustimmung  der  Kammern  war  völlig  zweifellos,  da  der  Vertrag  der
Handelspolitik  der  Orleans  so  große  Vorteile  gewährte.  Frankreich  hatte
also,  bis  auf  einen  kleinen  Formfehler,  seinen  Pflichten  vollauf  genügt.
Aber  das  geringfügige  Versehen  bot  dem  Nassauer  Hofe  den  Vorwand,
seinerseits  den  Vertrag  zu  brechen.  Im  Juli  1834  erklärte  Fabricius  in
Paris,  der  Vertrag  bestehe  nicht  mehr  zu  Recht.  Der  französische  Hof,
mit  Recht  empört  über  solchen  Beweis  deutscher  Treue,  erwiderte:  „Frankreichs
  Loyalität  verwirft  diese  Zweifel.“  Ein  donnernder  Artikel  im  Moniteur
  sagte:  Der  Nassauer  Hof  hat  zum  Zwecke  des  Vertragsbruchs  sich
hinter  eine  Spitzfindigkeit  versteckt.  Fabricius  aber  griff  zu  dem  bekannten
letzten  Mittel  der  Lügner;  er  beteuerte  stolz,  es  sei  unter  der  Würde
seiner  Regierung,  auf  solche  Beschuldigungen  zu  antworten.
        <pb n="408" />
        400  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

Während  also  Marschalls  letztes  Werk  durch  eine  offenbare  Gaunerei
rückgängig  gemacht  wurde,  versuchte  Nassau  sich  dem  Zollvereine  zu  nähern.
Am5.  März  1834  berichtete  Blittersdorff,  ein  alter  Vertrauter  des  Herzogs:
man  sieht  in  Biebrich  die  Notwendigkeit  des  Anschlusses  ein,  doch  der
Herzog  ist  zu  weit  gegangen  im  Kampfe  gegen  Preußen,  er  kann  sich  jetzt
nicht  durch  Bitten  bloßstellen  und  will  abwarten,  bis  man  ihm  Anerbietungen
  macht.  Aber  die  Anerbietungen  blieben  aus.  Der  kleine  Herr,
der  aus  Haß  gegen  das  fremde  Zollsystem  vor  Frankreich  sich  gedemütigt,
mußte  schließlich  auch  vor  Preußen  sich  beugen.  Am  8.  Oktober  bat  der
Kollektivgesandte  Lestoch  in  Berlin  um  die  Eröffnung  der  Verhandlungen.
Die  preußischen  Staatsmänner  zögerten;  sie  wollten  vorher  die  badische
Frage  ins  reine  bringen.  Erst  im  Juli  1835  begannen  die  Verhandlungen.
  Eichhorn  wünschte  den  Nassauer  Hof  für  sein  ehrloses  Verhalten
zu  züchtigen,  wollte  ihm  nur  ein  beschränktes  Stimmrecht  zugestehen.  Auch
die  thüringischen  Kleinstaaten  fanden  es  unwürdig,  daß  Nassau  höhere
Rechte  erhalten  sollte  als  sie  selber.  Aber  Wittgenstein  sprach  warm  für
den  alten  Freund,  und  die  unerschöpfliche  Gutmütigkeit  des  Königs  gewährte
  dem  reuigen  Sünder  volle  Verzeihung.  Ubrigens  zeigte  Nassau
noch  während  der  Verhandlungen  eine  erstaunliche  Unbescheidenheit.  Sein
Bevollmächtigter  forderte  nicht  nur  die  Fortdauer  der  Schiffahrtsabgaben
auf  dem  Main  und  Rhein,  sowie  der  Bannrechte  der  herzoglichen  Domanialmühlen;
  er  verlangte  auch  die  Privilegien  der  Meßplätze  für  die
nassauischen  Badeorte  und  —  ein  Präzipuum  für  das  Herzogtum  bei
der  Verteilung  der  Zolleinnahmen,  da  Ems,  Wiesbaden  und  Schwalbach
mit  ihrem  lebhaften  Fremdenverkehr  doch  sicherlich  mehr  verzehrten  als
andere  Städte  des  Vereins!  Als  der  Kleinstaat  endlich  am  10.  Dez.  1835
mit  gleichem  Stimmrecht  und  gleichem  Anteil  an  den  Einkünften  dem
Zollverein  beigetreten  war,  da  stellte  sich  die  Rechnung  nach  einem  Jahrzehnt
  wie  folgt:  Nassau  hatte  kaum  eine  halbe  Million  Taler  eingenommen
  und  2½  Mill.  Tlr.  empfangen.  Und  dieser  Staat  forderte
ein  Präzipuum!  —

Wie  Nassau  sich  mit  Frankreich  gegen  den  Zollverein  verschwor,  so
suchte  die  freie  Stadt  Frankfurt  mit  Englands  Hilfe  den  preußischen
Fesseln  zu  entgehen.  Alle  Verkehrseinrichtungen  der  Stadt  richteten  sich,
wie  in  den  Hansestädten,  nach  den  Bedürfnissen  des  Durchfuhrhandels;
alle  Klassen  der  Bevölkerung  betrachteten  die  fremden  Mautbeamten  vor
den  Toren  als  ihre  natürlichen  Feinde.  Der  Schmuggler  war  eine  volksbeliebte
  Gestalt,  in  den  Kontoren  ein  willkommener  Gast.  Dem  Frankfurter,
  wie  bisher  dem  Leipziger  Kaufherrn  stand  die  Meinung  fest,  daß
sein  Handel  „die  Plackereien“  der  Mautämter  nicht  vertrage:  „der  Zollverein
  würde  unsere  merkantile  Existenz  vernichten.“

Von  der  herrschenden  österreichischen  Partei  des  Senats  ging  nun
der  Gedanke  aus,  die  Politik  des  mitteldeutschen  Sonderbundes  auf  eigene
        <pb n="409" />
        Nassaus  Beitritt.  Frankfurt  und  England.  401

Faust  fortzuführen  und  im  Bunde  mit  England  dem  Zollverein  entgegen—
zutreten.  Am  13.  Mai  1832  schloß  Senator  Harnier  in  London  mit
Palmerston  und  Lord  Auckland  einen  „Handels-  und  Schiffahrtsvertrag“
auf  zehn  Jahre,  der  die  Flaggen  beider  Mächte  gleich  stellte  und  zugleich
ausbedang,  daß  kein  dritter  Staat  im  Zollwesen  zum  Nachteil  der  Kon—
trahenten  bevorzugt  werden  dürfe.  Die  Absicht  war  deutlich:  englische
Schiffe  sollten  ihre  Waren  den  freien  Rhein  hinauf  nach  Frankfurt  führen
zur  Weiterbeförderung  durch  die  Schmuggler,  dafür  blieb  die  deutsche
Stadt  zehn  Jahre  lang  dem  preußischen  Handelsbunde  fern  und  getröstete
sich  des  Glaubens,  daß  vielleicht  einmal  ein  Schiff  unter  Frankfurter
Flagge  nach  England  segeln  würde.  So  stattete  Frankfurt  seinen  Dank
ab  für  die  durch  Preußens  langjährige  Arbeit  endlich  erreichte  Befreiung
der  Rheinschiffahrt.  Die  Presse  des  Zollvereins  tobte,  der  alte  Haß
gegen  England  brach  wieder  aus,  der  Darmstädter  Landtag  erklärte  sich
entrüstet  wider  diese  Preisgebung  der  nationalen  Ehre.  In  der  Tat
scheint  trotz  der  Ableugnungen  des  Frankfurter  Senats  unbestreitbar,  daß
die  deutsche  Stadt  und  nicht  England  die  Anregung  gegeben  hatte  zu  dem
unsauberen  Geschäfte,  wie  ja  auch  Nassau  bei  jenem  französischen  Ver—
trage  der  treibende  Teil  war.  Die  Times  und  die  besseren  englischen
Blätter  schalten  auf  den  begehrlichen  Krämersinn  ihres  Kabinetts:  wie
lächerlich  dieser  Schiffahrtsvertrag  mit  einer  Binnenstadt,  die  doch  auf
die  Dauer  sich  nicht  absondern  kann  von  der  nationalen  Handelspolitik!

In  Frankfurt  selbst  stieg  die  Unzufriedenheit.  Bittere  Erfahrungen
lehrten,  daß  die  beliebte  Vergleichung  Frankfurts  und  der  anderen  „freien
Städte“  auf  beiden  Füßen  hinkte.  Während  in  Hamburg  der  gesamte
Zwischenhandel  Skandinaviens  seinen  Mittelpunkt  fand,  war  der  Binnenplatz
  wesentlich  auf  den  deutschen  Handel  angewiesen.  Auf  eine  Firma,  die
mit  englischen  und  französischen  Waren  handelte,  kamen  zwanzig  deutsche
Geschäfte.  Der  Umfang  des  Speditionshandels  sank  auf  die  Hälfte  herab,
seit  Kurhessen  sich  an  Preußen  angeschlossen;  das  blühende  Geschäft  in
Leder  und  Wein  lag  jetzt  ganz  darnieder.  Die  wenigen  englischen  Schiffe,
die  den  Main  herauf  kamen,  boten  keinen  Ersatz  für  den  gesperrten  nach—
barlichen  Verkehr.  Alle  Nachbarstädte  wuchsen  zusehends:  Hanau,  Vilbel
und  der  aufblühende  Meßplatz  Offenbach.  Auch  die  alten  Nebenbuhler
zu  Mainz  frohlockten  in  nachbarlicher  Schadenfreude.  Schon  mußte  der
Frankfurter  Kaufmann  in  Offenbach  zu  hohen  Preisen  Keller  und  Speicher
mieten,  derweil  daheim  die  Speicher  leer  standen.  Wie  lange  sollte  der
schimpfliche  Schmuggel  noch  währen,  und  konnte  Preußen  nicht  endlich
die  Geduld  verlieren,  die  Schrecken  seines  Enklavensystems  über  die  trotzige
Stadt  verhängen?  Beredte  Flugschriften  schilderten  den  Notstand.  Im
Februar  1834  verlangte  endlich  die  Handelskammer,  die  schon  seit  langem
geteilten  Sinnes  war,  den  Anschluß  an  Preußen.

Nach  langwierigen  Vorberatungen  mit  dem  Darmstädter  Hofmann
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  26
        <pb n="410" />
        402  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

stellte  der  Senat  im  Herbst  1834  bei  der  Krone  Preußen  die  Bitte  um
Eröffnung  der  förmlichen  Verhandlungen.  Im  Januar  1835  kam  Senator
Guaita  nach  Berlin,  derselbe,  der  in  dem  mitteldeutschen  Vereine  eine  so
gehässige  Rolle  gespielt  hatte.  Ein  Jahr  verging,  bis  man  einig  wurde.
Frankfurt  erwartete  anfangs  große  Privilegien  für  seinen  Handelsstand,
bis  Guaita  endlich  einsah,  daß  alle  Vorrechte  dem  Wesen  des  Vereins
widersprachen.  „Die  Rechtsgleichheit“,  meinte  der  Bekehrte  jetzt,  „istder  beste
Schutz  für  die  kleinen  Staaten.  Fordern  wir  Privilegien,  so  wird  Preußen
dieselben  Vorrechte  seinen  Städten  gewähren,  und  die  Begünstigung  Kölns
wäre  Frankfurts  Untergang.“)  Preußen  wünschte  mit  dem  Zollwesen
zugleich  seine  Gewerbefreiheit  in  die  Republik  einzuführen;  denn  die  Nachbarn
  klagten  laut,  der  Darmstädter  Landtag  sprach  in  bittern  Worten
über  das  verrottete  Frankfurter  Zunftwesen.  Doch  die  freie  Stadt  wollte
dies  Heiligtum  ihrer  Bürgerschaft  nicht  antasten;  nach  langem  Streite
blieb  die  alte  Unordnung  aufrecht.  Daß  der  reiche  Handelsplatz  unverhältnismäßig
  viel  verzehrte,  wurde  von  allen  Seiten  zugegeben;  man
verabredete  eine  Bauschsumme  von  4  fl.  auf  den  Kopf  der  städtischen
Bevölkerung,  fast  viermal  so  viel  als  der  Stadt  nach  Verhältnis  der
Einwohnerzahl  gebührte.  Der  Meßverkehr  erhielt  dieselben  Begünstigungen
wie  in  Leipzig.  Dagegen  konnte  Preußen  die  vollständige  politische  Gleichberechtigung
  des  Kleinstaates  nicht  zugeben.  Nach  höchst  verwickelten  Verhandlungen
  beschloß  man  eine  gemeinsame  Zolldirektion  in  Frankfurt
einzusetzen;  ein  Mitglied  ernannte  der  Senat,  die  anderen  wurden  ihm
durch  die  beiden  Hessen  vorgeschlagen,  Preußen  aber  führte  die  Oberaufsicht
  über  die  Zollverwaltung.  Im  übrigen  erhielt  die  Stadt  durch
die  Nachsicht  des  Königs  alle  Rechte  der  Zollvereinsmitglieder  zugestanden,
nur  daß  sie  den  Handelsverträgen  nicht  widersprechen  durfte  und  auf  den
Zollkonferenzen  in  der  Regel  dem  nassauischen  Bevollmächtigten  ihre
Stimme  übertragen  sollte.

Diese  Verabredungen  konnten  nicht  ins  Leben  treten,  solange  der
Vertrag  mit  England  bestand.  Ehrenhafter  als  der  Herzog  von  Nassau
sendete  der  Senat  einen  Bevollmächtigten  nach  London  und  ließ,  wie  hart
das  auch  ankam,  um  die  Aufhebung  des  Vertrages  bitten.  Erst  nachdem
England  eingewilligt,  trat  Frankfurt,  am  2.  Januar  1836,  dem  Zollvereine
  bei.  Noch  waren  einige  böse  Tage  zu  überstehen.  Die  ungeheuren
in  der  Stadt  aufgestapelten  Vorräte  mußten  einer  Nachversteuerung
unterworfen  werden,  die  einen  Ertrag  von  1,68  Millionen  fl.  abwarf.
Während  mehrerer  Tage  war  jede  Warenbewegung  verboten,  eine  wilde
Aufregung  herrschte  unter  den  Kaufleuten,  die  Bürgerschaft  begann  schon
ihren  Entschluß  zu  verwünschen.  Doch  bald  kehrte  die  Ordnung  zurück;
schon  die  nächste  Messe  brachte  ein  reiches  Ergebnis;  für  Frankfurt  wie

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  4.  Febr.  1835.
        <pb n="411" />
        Frankfurts  Beitritt.  403

für  Leipzig  schuf  der  Zollverein  eine  neue  Zeit  des  Glanzes.  Nur  der
hanseatische  Dünkel  grollte  der  Schwesterstadt,  die  „ihre  Ebenbürtigkeit  um
ein  Linsengericht  veräußert  hatte“:  —  so  sagte  Wurm  noch  in  jenem
Hamburger  Kommissionsberichte  von  1847.  —

Durch  den  Zutritt  dieser  letzten  Bruchstücke  Mitteldeutschlands  erhielt
  das  Gebiet  des  Handelsbundes  einen  vorläufigen  Abschluß.  Der
Zollverein  umfaßte  jetzt  8253  Geviertmeilen  mit  reichlich  25  Millionen
Einwohnern,  er  hatte  1064  Grenzmeilen  zu  beschützen,  9  Meilen  weniger,
als  Preußen  allein  im  Jahre  1819  bewacht  hatte.  Behutsam,  mit  schonender
  Erwägung  aller  volkswirtschaftlichen  Interessen,  wie  der  Bau  begonnen,
  ward  er  weitergeführt;  nach  Jahren  erst  traten  einige  neue  Mitglieder
  hinzu.

Die  Gleichberechtigung  der  Bundesgenossen  wurde  auch  in  der  Form
sorgsam  gewahrt.  Von  den  vier  ersten  Generalkonferenzen  des  Zollvereins
ist  nmur  eine  (1839)  in  Berlin  gehalten  worden.  Die  lockere  bündische
Verfassung  des  Vereins  zeigte  bald  ihre  schädliche  Wirkung,  sie  erschwerte
jede  Fortbildung  des  Tarifs.  Die  finanziellen  Ergebnisse  blieben  hinter
den  Erwartungen  weit  zurück;  die  Verwaltungskosten  standen  noch  immer
hoch,  zwischen  10  und  12%.  Alle  diese  Mängel  konnten  gleichwohl  den
unendlichen  Segen  der  großen  Vereinigung  nicht  aufheben.  Lange  zurückgeblieben
  hinter  der  Volkswirtschaft  der  westlichen  Nachbarn,  trat  unser
Volk  wieder  als  ihr  ebenbürtiger  Nebenbuhler  auf  den  Weltmarkt.  Am
Schlusse  des  ersten  Jahrzehnts  der  Zollvereinsgeschichte  waren  die  Sünden
der  Jahrhunderte  gesühnt.  Die  Höhe  des  Wohlstands,  welche  unser  Vaterland
  schon  vor  dem  Dreißigjährigen  Kriege  erstiegen  hatte,  war  endlich
wieder  erreicht.

Die  politischen  Wirkungen  des  Zollvereins  sind,  dank  der  unvergleichlichen
  Schwerfälligkeit  des  deutschen  Staatslebens,  nicht  so  rasch  und
nicht  so  unmittelbar  eingetreten,  als  manche  kühne  Köpfe  meinten.  Schon
zu  Anfang  der  dreißiger  Jahre  hoffte  Hansemann,  ein  Parlament  des  Zollvereins
  und  daraus  vielleicht  einen  deutschen  Reichstag  erstehen  zu  sehen,
und  wie  viele  andere  wohlmeinende  Patrioten  haben  nicht  ähnliche  Erwartungen
  an  den  deutschen  „Zollstaat“  geknüpft.  Aber  der  Handelsbund  war
kein  Staat,  er  bot  keinen  Ersatz  für  die  mangelnde  politische  Einheit  und
konnte  noch  durch  Jahrzehnte  fortdauern,  ohne  die  Lüge  der  Bundesverfassung
  zu  zerstören.  Als  Minister  du  Thil  im  Jahre  1827  seinem  Großherzoge
  den  Rat  gab,  jenen  entscheidenden  Schritt  in  Berlin  zu  wagen,
da  sprach  er  offen  aus:  Wir  dürfen  uns  nicht  darüber  täuschen;  indem
wir  den  Handelsbund  schließen,  verzichten  wir  auf  die  Selbständigkeit
unserer  auswärtigen  Politik;  bricht  ein  Krieg  aus  zwischen  Osterreich
und  Preußen,  so  ist  Hessen  an  die  preußischen  Fahnen  gebunden.  Desgleichen
  Dahlmann,  der  nach  seiner  großen  und  tiefen  Art  den  Zollverein
sofort  als  das  einzige  deutsche  Gelingen  seit  den  Befreiungskriegen  be-267
        <pb n="412" />
        404  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

grüßte,  erklärte  zuversichtlich,  der  Handelsbund  stelle  uns  sicher  vor  der
Wiederkehr  bürgerlicher  Kriege.  Auch  diese  Weissagungen  sind  nicht  buchstäblich
  eingetroffen.  Der  Zollverein  hat  die  oberdeutschen  Staaten  nicht
verhindert,  die  Waffen  zu  ergreifen  gegen  Preußen.  Und  dennoch  sollte
gerade  das  Jahr  1866  die  gewaltige  Lebenskraft  dieses  handelspolitischen
Bundes  erproben.  Der  rasche  Siegeszug  der  preußischen  Fahnen  überhob
unseren  Staat  der  Mühe,  seine  wuchtigste  Waffe  zu  schwingen,  durch  die
Aufhebung  der  Zollgemeinschaft  die  oberdeutschen  Höfe  sofort  zu  bekehren.

Das  Bewußtsein,  daß  man  zueinander  gehöre,  daß  man  sich  nicht
mehr  trennen  könne  von  dem  großen  Vaterlande,  war  durch  die  kleinen
Erfahrungen  jedes  Tages  in  alle  Lebensgewohnheiten  der  Nation  eingedrungen,
  und  in  dieser  mittelbaren  politischen  Wirkung  liegt  der  historische
Sinn  des  Zollvereins.  Mochten  die  Schulen  der  Albertiner  und  der  Welfen
der  Jugend  die  Märchen  des  Stammeshasses  und  der  partikularistischen
Selbstzufriedenheit  künden  —  es  ging  doch  zu  Ende  mit  dem  Philistertum
der  alten  Zeit,  das  an  die  Herrlichkeit  der  Kleinstaaten  kindlich  glaubte.
Der  Geschäftsmann  folgte  mit  seinen  Gedanken  den  Warenballen,  die
er  frei  durch  die  deutschen  Länder  sandte;  er  gewöhnte  sich,  wie  schon
längst  der  Gelehrte,  über  die  Grenzen  des  heimischen  Kleinstaates  hinauszublicken;
  sein  Auge,  vertraut  mit  großen  Verhältnissen,  sah  mit  ironischer
Gleichgültigkeit  auf  die  Kleinheit  des  engeren  Vaterlandes.  Der  Gedanke
selbst,  daß  die  alten  trennenden  Schranken  jemals  wiederkehren  könnten,
wurde  dem  Volke  fremd;  wer  einmal  in  dem  Handelsbunde  stand,  gehörte
ihm  für  immer.  Eine  unerbittliche  Notwendigkeit  stellte  nach  jeder  Krisis
die  alten  Grenzen  des  Zollvereins  wieder  her;  kalte  politische  Köpfe  konnten
stets  mit  mathematischer  Sicherheit  den  Verlauf  des  Streites  im  voraus
berechnen.

Das  Ausland  gab  den  aussichtslosen  Kampf  gegen  unsere  Handelseinheit
  bald  auf.  Französische  Staatsmänner  gestanden  achselzuckend:  wir
haben  leider  den  deutschen  Staaten  nichts  zu  bieten,  was  ihnen  die  Vorteile
  des  preußischen  Zollvereins  ersetzen  könnte.  Die  Briten  erhielten
erst  durch  Dr.  Bowrings  Berichte  (1839)  eine  deutlichere  Vorstellung
von  dem  Wesen  des  Zollvereines  und  gewöhnten  sich  fortan,  Preußen  als
den  Vertreter  des  deutschen  Handels  zu  betrachten.  Österreich  mußte
nach  stets  vergeblichen  Störungsversuchen  immer  wieder  dem  Nebenbuhler
freie  Hand  lassen  im  deutschen  Verkehrsleben;  nur  dieser  stillschweigende
Vertrag  zwischen  den  beiden  Großmächten  sicherte  notdürftig  den  Bestand
des  Deutschen  Bundes.  Dem  preußischen  Staate  aber  waren  die  Wege
seiner  Handelspolitik  so  fest  und  sicher  vorgezeichnet,  daß  auch  die  Zagheit
sie  nicht  mehr  verlassen  konnte.  Die  Aufgabe  war,  den  Handelsbund  auszudehnen;
  über  alle  deutschen  Staaten,  aber  keinen  Schritt  weiter.  Schon
im  Jahre  1834  wurde  in  Brüssel,  durch  die  Sorge  vor  Frankreichs  Eroberungslust,
  die  Frage  aufgeworfen,  ob  nicht  Belgien  dem  Deutschen
        <pb n="413" />
        Bedeutung  des  Zollvereins.  405

Zollvereine  beitreten  solle.  Preußen  wies  den  Gedanken  zurück,  und  auch
späterhin,  als  das  unreife  Nationalgefühl  deutscher  Publizisten  wiederholt
für  einen  Handelsbund  mit  der  Schweiz  oder  mit  Holland  sich  erwärmte,
wahrte  Preußen  unbeirrt  den  nationalen  Charakter  des  Zollvereins.  Also
entstanden  zwei  Gemeinwesen  im  Deutschen  Bunde:  ein  Deutschland  des
Scheines,  das  in  Frankfurt,  ein  Deutschland  der  ehrlichen  Arbeit,  das  in
Berlin  seinen  Mittelpunkt  fand.  Der  preußische  Staat  erfüllte,  indem  er
Deutschlands  Handelspolitik  leitete,  einen  Teil  der  Pflichten,  welche  dem
Deutschen  Bunde  oblagen,  wie  er  zugleich  allein  durch  sein  Heer  die
Grenzen  des  Vaterlandes  sicherte.  So  ist  er  durch  redlichen  Fleiß  langsam
emporgewachsen  zur  führenden  Macht  des  Vaterlandes;  und  nur  weil  die
europäische  Welt  es  nicht  der  Mühe  wert  hielt,  das  Heerwesen  und  die
Handelspolitik  Preußens  ernstlich  kennen  zu  lernen,  bemerkte  sie  nicht  das
stille  Erstarken  der  Mitte  des  Festlandes.

Die  wirtschaftliche  und  die  politische  Einigung  Deutschlands  zeigen
eine  überraschende  Verwandtschaft  in  ihrer  Geschichte.  Beide  Bewegungen
gleichen  einem  großen  dialektischen  Prozesse:  erst  nachdem  durch  wiederholte
  vergebliche  Versuche  die  Unmöglichkeit  jeder  anderen  Form  der  Einheit
  zweifellos  erwiesen  war,  errang  die  preußische  Hegemonie  den  Sieg.
Ein  reiches  Erbe  monarchischer  und  im  guten  Sinne  föderalistischer  Überlieferungen
  ist  aus  den  Erfahrungen  des  Zollvereins  übergegangen  auf
den  Norddeutschen  Bund  und  das  Deutsche  Reich.  In  dem  Zollvereine
lernte  Preußen,  einen  vielköpfigen,  fast  formlosen  Bund,  der  sich  in  keine
Kategorie  des  Staatsrechts  einfügen  wollte,  monarchisch  zu  leiten,  mehr
durch  Einsicht  und  Wohlwollen  und  durch  das  natürliche  Übergewicht  der
Macht  als  durch  förmliches  Vorrecht.  Zwei  grundverschiedene  Schulen
deutscher  Staatsmänner  wuchsen  auf  seit  den  dreißiger  Jahren.  Auf  der
einen  Seite  die  Politiker  des  Bundestags,  diese  bejammernswerten  Geschöpfe,
  denen  die  Erbsünde  der  Diplomatie,  die  Verwechslung  von  Geschäft
  und  Klatscherei,  zur  anderen  Natur  geworden  war,  diese  durch  die
kondensierte  Milch  der  Augsburger  Allgemeinen  und  der  Frankfurter  Ober-Postamts-Zeitung
  mühsam  am  Leben  erhaltenen  politischen  Kinder,  die
mit  so  feierlichem  Ernst  von  den  Formen  und  Formeln  des  hohlen  Bundesrechts
  zu  reden  wußten.  Und  daneben  die  Geschäftsmänner  des  Zollvereins,
  nüchterne  praktische  Leute,  gewohnt,  ernsthafte  Interessenfragen
umsichtig  zu  erwägen,  die  Wünsche  und  Bedürfnisse  der  Nachbarn  mit
Gerechtigkeit  und  Milde  zu  beachten.  Auf  der  hohen  Schule  der  Zollkonferenzen
  und  der  mannigfachen  Beratungen  über  die  Fragen  des
Verkehrs,  lernten  Preußens  Staatsmänner  die  Methode  neuer  deutscher
Politik:  die  Kunst,  reizbare  kleine  Bundesgenossen  ohne  Gehässigkeit  und
Gewalttat  zu  leiten,  unter  bündischen  Formen  das  Wesen  der  Monarchie
zu  wahren.

Der  Gedanke  des  Zollvereins  war  nicht  eines  Mannes  Eigentum,
        <pb n="414" />
        406  IV.  6.  Der  Deutsche  Zollverein.

er  entstand  gleichzeitig  in  vielen  Köpfen  unter  dem  Drucke  der  Not  des
Vaterlandes;  daß  der  Gedanke  Fleisch  und  Blut  gewann,  war  allein  Preußens
  Werk,  war  das  Verdienst  von  Eichhorn,  Motz  und  Maassen  und
nicht  zuletzt  das  Verdienst  des  Königs.  Nicht  die  Anstandspflicht  monarchischer
  Staatssitten,  sondern  die  Pflicht  historischer  Gerechtigkeit  nötigt
zu  dem  Urteil,  daß  nur  das  feste  Vertrauen  auf  Friedrich  Wilhelms
unverbrüchliche  Treue  die  deutschen  Fürsten  bewegen  konnte,  ihre  Souveränität
  freiwillig  zu  beschränken.  Eben  die  anspruchslose  Schlichtheit  seines
Wesens,  welche  diesen  Hohenzollern  in  den  wilden  napoleonischen  Tagen
so  oft  kleinmütig  erscheinen  ließ,  befähigte  ihn  in  stiller  Zeit,  den  Samen
einer  großen  Zukunft  auszustreuen.  —
        <pb n="415" />
        Siebenter  Abschnitt.

 

Das  Junge  Deutschland.

Veränderungen  seines  Länderbestandes  hat  jedes  große  Volk  von  Zeit
zu  Zeit  erlebt,  aber  nur  den  Deutschen  beschied  eine  wechselreiche  Geschichte,
  daß  sich  die  Marken  ihres  Vaterlandes  die  Jahrhunderte  hindurch
fast  unaufhörlich  verschoben  und  niemand  zu  sagen  wußte,  welchen  Gebieten
  eigentlich  der  große  Name  Deutschland  gebühre.  Derweil  das  alte
Reich  seine  welschen  Vorlande  im  Süden  und  Westen  verlor,  Osterreich,
die  Schweiz,  die  Niederlande  ihrem  Sonderleben  überließ,  erwuchs  ihm
ein  köstlicher  Ersatz  in  den  Kolonien  jenseits  der  Elbe,  und  aus  diesen
Landen  des  Nordostens,  die  zum  guten  Teile  dem  Reichsverbande  nicht
angehörten,  erhoben  sich  die  staatenbildenden  Kräfte  unserer  neuen  Geschichte.
  Auch  der  Deutsche  Bund  war  gleich  dem  heiligen  Reiche  noch  ein
unfertiges  politisches  Gebilde  ohne  feste  Grenzen,  halb  weltbürgerlich,  halb
national,  zugleich  zu  weit  und  zu  eng,  mit  Osterreich  und  noch  drei  anderen
  undeutschen  Mächten  wunderlich  verkettet  und  doch  den  preußischen
Staat  nicht  ganz  umschließend.  Erst  durch  den  Zollverein  begann  sich's
zu  entscheiden,  welche  Teile  der  ewig  beweglichen  Ländermassen  Mitteleuropas
  fortan  das  politische  Deutschland  der  neuen  Geschichte  bilden
sollten.  Er  umfaßte,  Österreich  in  weitem  Bogen  umklammernd,  das
deutsche  Land  vom  Memelstrom  bis  zum  Bodensee  —  denn  da  die  Küste
immer  dem  Binnenlande  gehört,  so  war  der  Zutritt  der  Staaten  des
hannöverschen  Steuervereins  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit  —  nicht  alle
die  Gebiete,  auf  denen  einst  der  Ruhm  des  deutschen  Namens  geruht
hatte,  aber  ihren  edlen  Kern,  die  fröhliche  Heimat  deutscher  Kunst  im
Südwesten  und  die  waffenstolzen  Adlerlande  des  Nordens,  herrliche  Kräfte,
die  im  treuen  Verein  dereinst  eine  neue  Zeit  vaterländischen  Glanzes  heraufführen
  konnten.  An  den  idealen  Mächten  der  Sprache  und  Gesittung,
des  rechtsbildenden  Gemeingeistes,  der  Hoffnungen  und  Erinnerungen  hatte
die  Nation  bisher  das  Bewußtsein  ihrer  Größe  genährt;  jetzt  erlangte  sie
auch  die  Gemeinschaft  des  wirtschaftlichen  Lebens,  den  natürlichen  Unterbau
  der  politischen  Einheit,  der  ihr  immer  gefehlt  hatte.  In  denselben
schicksalsschweren  Januartagen  des  Jahres  1834,  da  der  Wiener  Hof  den
        <pb n="416" />
        408  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

hohen  Rat  der  deutschen  Bundespolizei  zum  letzten  Male  zu  unfruchtbaren
  Verhandlungen  um  sich  versammelte,  erstand  im  Westen  und  Norden
  das  neue  in  Arbeit  geeinigte  Deutschland,  scharf  abgegrenzt  gegen
Osterreich  wie  gegen  das  Ausland.  Das  letzte  Ziel  der  fridericianischen
Politik,  die  Lösung  des  deutschen  Dualismus,  schien  jetzt  nicht  mehr  unerreichbar,
  und  hoffnungsvoll  sagte  Karl  Mathy:  „Noch  niemals  ist  Deutschland
  so  einig  gewesen  wie  seit  der  Stiftung  des  Zollvereins.“

Der  junge  Tag,  der  über  Deutschland  heraufdämmerte,  ward  aber
nur  von  wenigen  Einsichtigen  bemerkt;  die  emporsteigende  Sonne  verbarg
sich  hinter  dem  Gewölk  langweiliger  und  widerwärtiger  diplomatischer  Zwistigkeiten.
  Wie  oft  hatten  die  Patrioten  gesungen  und  gesagt  von  der
Stunde  des  Heiles,  da  die  Raben  nicht  mehr  den  Kaiserberg  umkreisen,
da  der  Birnbaum  auf  dem  Walserfelde  wieder  grünen,  der  alte  Rotbart
seinen  Flamberg  schwingen  und  den  Reichstag  der  freien  deutschen  Nation
einberufen  würde  —  ein  Gedanke,  der  noch  kaum  greifbarer  war  als
weiland  die  Weissagungen  des  Simplizissimus  von  dem  „deutschen  Helden“
  und  seinen  Parlamentsherren.  Neben  diesen  strahlenden  Traumbildern
  eines  Volkes,  das  schon  in  zorniger  Ungeduld  seine  künstlich  niedergedrückte
  Kraft  zu  fühlen  begann,  erschien  das  neue  wirtschaftliche  Gemeinwesen
  der  Nation  in  seinem  Werktagskleide  unscheinbar  und  nüchtern.
Die  Deutschen  wußten  ihrem  Beamtentum  für  seine  treue  Arbeit  wenig
Dank;  denn  immer  ist  es  das  tragische  Los  neuer  politischer  Ideen,  daß
sie  zuerst  von  der  gedankenlosen  Welt  bekämpft  und  dann,  sobald  der  Erfolg
  sie  rechtfertigt,  als  selbstverständlich  mißachtet  werden.  Eben  in  den
Tagen,  da  der  deutschen  Politik  Preußens  endlich  wieder  ein  großer  Wurf
gelungen  war,  verfiel  die  öffentliche  Meinung  nochmals  in  einen  Zustand
der  Ermattung  und  Verstimmung,  wie  zehn  Jahre  zuvor,  und  fast  allein
in  den  Kämpfen  des  literarischen  Lebens  entlud  sich  noch  die  verhaltene
politische  Leidenschaft  der  Zeit.

Erst  seit  Goethe  die  Augen  schloß  (22.  März  1832),  gelangte  die  neue
radikale  Literatur,  die  sich  in  Börnes  und  Heines  Schriften  zuerst  angekündigt
  hatte,  für  kurze  Zeit  zur  unumschränkten  Herrschaft.  Sein  Dasein
  schon  war  ein  beredter  Vorwurf  gegen  die  freche  Tendenz,  und  mochten
  die  Kleinen  sich  wechselseitig  als  junge  Titanen  verherrlichen,  an  seine
Größe  reichte  alles  Selbstlob  nicht  heran.  Nichts  erregt  so  unwiderstehlich
die  fromme  Ahnung  einer  höheren  Welt,  wie  der  Anblick  eines  gottbegnadeten
  Greises,  der  an  den  letzten  Grenzen  menschlichen  Alters,  allen  kleinen
irdischen  Sorgen  entwachsen,  nur  noch  für  die  Idee  seines  Lebens  wirkt
und  dann  in  der  Verklärung  einer  zweiten  Jugend  abscheidet.  Friedrichs
ernster  Lebensausgang  ließ  neben  der  scheuen  Bewunderung  die  Freude
nicht  aufkommen;  erst  an  Goethes  Alter  lernten  die  Deutschen  die  glückliche,
  in  sich  befriedigte  und  zugleich  über  die  Erde  hinausweisende  Vollendung
  eines  großen  Menschendaseins  kennen.  Gedenke  zu  leben!  —  so
        <pb n="417" />
        Der  alte  Goethe.  409

lautete,  sittlicher  und  tiefsinniger  als  das  mönchische  Memento  mori,  der
Weisheit  letzter  Spruch  im  Wilhelm  Meister.  Bis  zum  letzten  Atem—
zuge  blieb  der  Dichter  seinem  Worte  treu,  ein  heiter  Entsagender,  dank—
bar  für  jede  Blume  des  Sommers  und  jede  Frucht  des  Herbstes,  beruhigt
in  dem  Glauben,  daß  Verdruß  auch  ein  Teil  des  Lebens  und  das  höchste
Glück  auf  Erden,  die  Freuden  des  Gemüts,  der  ganzen  Welt  gemein  seien.
Als  einen  gebührenden  Zoll  nahm  er  die  Huldigungen  entgegen,  die

ihm  Walter  Scott  mit  den  schottischen  Dichtern  und  so  viele  andere  Aus—
länder  darbrachten.  Er  sah,  daß  Deutschland  jetzt  an  der  Spitze  der
Weltliteratur  stand,  und  sagte  den  Fremden  aufrichtig:  „wer  die  deutsche
Sprache  versteht,  spielt  den  Dolmetscher,  indem  er  sich  selbst  bereichert.“
Mit  diesem  ruhigen  Selbstgefühle  paarte  sich  eine  wunderbare,  allen  Neid
entwaffnende  Demut;  fast  siebzig  Jahre  war  er  alt,  als  er  beim  Anblick
einer  Ausgabe  seiner  Werke  die  Verse  schrieb:

Seh'  ich  die  Werke  der  Meister  an,

So  seh'  ich  das,  was  sie  getan.

Betracht'  ich  meine  Siebensachen,

Seh'  ich,  was  ich  hätt'  sollen  machen.
Wie  tat  es  ihm  wohl,  als  er  in  dem  jungen  Schotten  Thomas  Carlhle,
dem  Übersetzer  und  Kritiker  der  deutschen  klassischen  Literatur,  den  ersten
Ausländer  kennen  lernte,  der  auf  der  Höhe  des  deutschen  Denkens  stand.
„Ganze  Generationen  werden  Sie  dereinst  dafür  segnen,  daß  sie  statt  des
Vermutens  und  Leugnens  wieder  zu  glauben  und  zu  wissen  gelernt
haben“  —  so  sagte  Carlyle,  die  Orthodoxen  und  die  liberalen  Partei—
fanatiker  zugleich  beschämend.  Goethe  ahnte,  was  Deutschland  an  diesem
seinem  wärmsten  und  ireuesten  Freunde  draußen  besaß;  er  wurde  nicht
müde,  dem  jugendlichen  Verehrer  in  die  Einsamkeit  der  schottischen  Berge
bald  seine  neuesten  Werke,  bald  eine  Medaille  für  die  Genossen  drüben,
bald  ein  Armband  oder  eine  feine  schmiedeeiserne  Halskette  oder  ein  anderes
einfaches  deutsches  Geschenk  für  die  junge  Frau  zu  senden.  „Und  so  fortan.
Goethe“  —  damit  schloß  er  in  der  Regel  seine  patriarchalischen  Briefe.

Von  jeher  hatte  er  das  Wesen  der  Schönheit  darin  gesucht,  daß  wir

„beim  Anschauen  des  gesetzmäßig  Lebendigen  uns  gleichfalls  lebendig  und
in  größte  Tätigkeit  versetzt  fühlen“.  Alles  Empfangen  reizte  ihn  sogleich  zum
Schaffen,  und  jetzt,  da  er  in  der  stillen  Sammlung  des  hohen  Alters
jede  Zerstreuung  abweisen  durfte,  war  sein  ganzes  Leben  nur  noch  un—
ausgesetzte  beglückende  Arbeit.  Mochte  er  dichten  und  denken  oder  der  ge—
liebten  Stimme  der  „großen,  leise  sprechenden  Natur“  lauschen,  oder  an
den  neuen  Werken  der  Kunst  und  Forschung,  die  ihm  von  allen  Enden
der  Welt  zuströmten,  sich  liebevoll  erfreuen,  immer  schritt  er  aufwärts,
immer  baute  er  fort  an  dem  umfassenden  Weltenbilde,  das  leuchtend  vor
seiner  Seele  stand,  mit  den  Jahren  stets  freier,  heller,  größer  sich  ge—
staltete,  und  noch  am  Rande  des  Grabes  gingen  ihm  „bisher  undenkbare
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        410  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Gedanken  auf,  wie  selige  Dämonen,  die  sich  auf  den  Gipfeln  der  Ver—
gangenheit  glänzend  niederlassen.“  Dabei  blieb  ihm  bis  zum  Ende  „das
ewige  Geltenlassen,  das  Leben  und  Lebenlassen“,  das  einst  Merck  an  dem
jungen  Freunde  so  gar  nicht  begreifen  wollte;  neidlos,  wie  kaum  je  ein
Künstler,  hieß  er  jede  Schöpfung  der  Mitstrebenden  willkommen,  wenn  sie
nur  seinem  eigenen  Wesen  nicht  ganz  fremd  oder  widrig  schien.  In  sol—
cher  Stimmung  fand  ihn  Christian  Rauch  und  formte  dann  die  Statuette
des  alten  Goethe,  genau  so  wie  er  in  seinem  Arbeitszimmer  diktierend  auf
und  nieder  zu  gehen  pflegte,  den  Kopf  frei  aufgerichtet,  die  Hände  über
dem  Rücken  verschränkt,  die  einzige  Unschönheit  der  herrlichen  Gestalt,  die
etwas  kurzen  Beine  durch  den  lang  niederwallenden  Hausrock  glücklich  ver—
deckt  —  ein  Bild  ruhiger  Majestät  und  Güte,  erhabener  in  seiner  Schlicht—
heit,  als  die  theatralische  Büste  Davids  von  Angers,  der  sich  nach  Fran—
zosenart  den  deutschen  Dichterfürsten  wie  einen  donnernden  Zeus  dachte.

Noch  war  vieles  in  dem  Treiben  der  Gegenwart,  was  den  Dichter
abstoßen  mußte.  Er  sah  die  mit  der  Juli-Revolution  beginnende  Zersetzung
der  alten  Gesellschaft  nur  zu  deutlich  voraus,  ohne  die  Lichtseiten  der  Be—
wegung  zu  würdigen,  und  wendete  sich  verächtlich  hinweg  von  dem  Ge—
sinnungsterrorismus  der  Freiheitshelden  des  Tages:

Kommt,  laßt  uns  alles  drucken,
Und  walten  für  und  für.

Nur  sollte  keiner  mucken,
Der  nicht  so  denkt  wie  wir.

Während  jedermann  politisierte  und  das  eigene  Haus  über  den  Welt—
händeln  vergaß,  hielt  er  nur  um  so  fester  an  seinem  alten  Glauben,  daß
die  sittliche  Ordnung  der  Welt  zumeist  auf  der  treuen  Erfüllung  der  näch—
sten  Pflichten  beruhe,  und  schrieb  noch  kurz  vor  seinem  Tode  —  es  waren
wohl  seine  letzten  Verse  —  einem  jungen  Freunde  ins  Stammbuch:  Ein
jeder  kehre  vor  seiner  Tür,  und  rein  ist  jedes  Stadtquartier!  Auch  die
tiefe  Einsamkeit,  die  jedem  Meister  beschieden  ist,  ward  ihm  zuweilen
schmerzhaft;  er  fühlte,  daß  ihm  der  Lohn  des  Dichters,  „der  zart  antwortende
  Nachklang  und  der  reine  Reflex  aus  der  begegnenden  Brust“
doch  nur  selten  zuteil  ward.  Sehr  bitter  empfand  er  die  grenzenlose
Dreistigkeit  „Der  Neuesten“,  des  jungen  Volkes,  das  sich  einbildete,  sein
Tauftag  sollte  der  Schöpfungstag  sein;  noch  bitterer,  daß  sich  in  dem
Übermute  der  jungen  Schriftsteller  so  wenig  jugendliche  Frische,  in  den
grellen,  häßlichen  Gebilden  ihrer  „Lazarettpoesie“  so  wenig  männliche
Kraft,  in  ihrem  gesucht  geistreichen  Wesen  nur  das  verfrühte  Alter  eines
der  Naivität  und  der  Ehrfurcht  entwachsenen  Geschlechtes  kundgab.  Er
beugte  sich  in  Andacht  vor  „dem  Ewig-Einen,  das  sich  vielfach  offenbart“,
und  konnte  nur  mit  Achselzucken  den  hohlen  Dünkel  der  neuen  Gottesleugner
  betrachten:  „der  Professor  ist  eine  Person,  Gott  ist  keine!“
Dennoch  stand  Goethe  in  seinen  letzten  Jahren  der  Welt,  die  ihn
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        Goethe  und  das  neue  Geschlecht.  411

umgab,  bei  weitem  nicht  mehr  so  fremd  gegenüber  wie  einst  in  den  Tagen
der  Befreiungskriege  und  des  christlichen  Teutonentums.  Damals  konn—
ten  ihn  Fernstehende  leicht  für  einen  Reaktionär  halten,  der  verdrossen
zu  dem  Weltbürgertum  der  guten  alten  Zeit  zurückstrebte.  Nunmehr
aber  sprach  er  wieder  mit  Abscheu  von  der  Aufklärung  des  „selbstklugen“
achtzehnten  Jahrhunderts;  er  empfand  von  neuem,  daß  er  selber  einst  die
Deutschen  von  Philisternetzen  befreit,  der  Erkenntnis  der  zwecklosen  Schön—
heit,  des  ewigen  Werdens  in  Natur  und  Geschichte  zuerst  die  Bahn  ge—
brochen  hatte.  Was  jetzt  auf  dem  literarischen  Markte  sich  wider  Goethe
auflehnte,  war  doch  nur  in  neuem  Aufputz  die  alte  Aufklärung,  das  alte
Naturrecht,  die  alte  platte  Nützlichkeitslehre,  die  alles  Lebendige  fragte,  wozu
  man  es  wohl  gebrauchen  könne.  Wenn  Menzel  und  Börne  mit  liberalen
  Kraftworten  gegen  ihn  polterten,  dann  mußte  der  alte  Herr  unwillkürlich
  jener  fernen  Tage  gedenken,  da  Nicolai  auf  dem  Grabe  des  jungen
Werther  seine  Andacht  verrichtete.  Auch  seinem  jugendlichen  Freunde  Carlyle
  entging  diese  Wahlverwandtschaft  nicht;  der  meinte:  „Eure  deutschen
Philister  Adelung  und  Nicolai  sind  mir  sehr  merkwürdig;  hier  nennen  wir
sie  Utilitarianer,  sie  sind  meist  Politiker,  radikal  oder  republikanisch.“

Die  dürren,  fertigen  Formeln  der  modischen  Freiheitslehren  bestärkten
Goethe  nur  in  der  Einsicht,  daß  seine  eigene  Weltanschauung  die  freiere  war.
Er  fühlte  sich  wieder  als  den  Lichtbringer  einer  neuen  Zeit  und  nahm  mit
Befriedigung  wahr,  wie  unverkennbar  alle  schöpferischen  Werke  der  bildenden
  Kunst  und  der  Wissenschaft  schon  den  Stempel  seines  Geistes
trugen.  Er  wußte,  dies  große  Jahrhundert,  das  er  selbst  einst  mit  heraufgeführt,
  hatte  sein  letztes  Wort  noch  nicht  gesprochen;  und  obwohl  er
schwerlich  wünschen  mochte,  diese  Zukunft  noch  zu  erleben,  so  sah  er  doch
ahnungsvoll  voraus,  wie  bald  die  kleinen  Händel  der  Gegenwart  veralten,
eine  reichere  Zeit  den  Gesichtskreis  der  Menschheit  unermeßlich  erweitern,
ihrer  Gesittung  ganz  neue  Aufgaben  stellen  würde.  Schon  in  Meisters
Wanderjahren  forderte  er  eine  hochgesteigerte  Staatstätigkeit,  wie  sie  erst
in  der  Gegenwart  sich  zu  entfalten  anfängt;  er  entwickelte  den  Plan  einer
ganz  vom  Staate  geleiteten  Volkserziehung,  ein  platonisches  Ideal,  das
den  Privatmenschen  des  achtzehnten  Jahrhunderts  ebenso  fremd  war  wie
dem  staatsfeindlichen  Radikalismus  der  dreißiger  Jahre;  und  in  den
schwachen  Anfängen  der  deutschen  Auswanderung  erkannte  er  schon  die
Vorboten  jener  expansiven  Zivilisation,  welche  in  der  zweiten  Hälfte  des
neuen  Jahrhunderts  ihren  Siegeszug  um  die  Erde  halten  sollte:

Daß  wir  uns  auf  ihr  zerstreuen,
Darum  ist  die  Welt  so  groß!

In  seinem  letzten  Lebensjahre,  bei  der  Eröffnung  des  weimarischen  Lesemuseums,
  sprach  er  offen  aus,  wie  die  Welt  sich  zu  verwandeln  beginne,
wie  „die  gesellige  Bildung  universell  werde“,  wie  alle  gebildeten  Kreise,  die
sich  sonst  nur  berührten,  jetzt  sich  vereinigten,  und  an  jeden  die  Not-
        <pb n="420" />
        412  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

wendigkeit  herantrete,  „sich  von  dem  Zustande  des  augenblicklichen  Welt—
laufes  im  realen  und  idealen  Sinne  zu  unterrichten“.

Noch  mächtiger  redete  dies  starke  Zukunftsgefühl  aus  seinem  letzten
großen  Werke,  einer  prophetischen  Dichtung,  die,  von  der  tatenarmen  und
zuchtlosen  Mitwelt  kaum  begriffen,  erst  heute  einem  an  Heldenkraft  und
darum  auch  an  frommer  Ehrfurcht  reicheren  Geschlechte  langsam  verständ—
lich  wird.  Sehr  selten  geschieht  es,  daß  ein  greiser  Meister  verscheidet,
bevor  er  sein  Lieblingswerk  vollendet  hat;  es  ist,  als  läge  in  solchen  Leib
und  Seele  spannenden  Aufgaben  eine  geheimnisvolle  Kraft,  die  den  Lebensfaden
  nicht  abreißen  läßt.  Seit  mehr  als  zwanzig  Jahren  beschäftigte  die
Gestalt  des  Faust  die  Gemüter  der  Menschen  so  lebhaft,  wie  nur  je  ein
historischer  Held.  Philosophen  und  Poeten  versuchten  das  Bruchstück  zu  ergänzen,
  jeder  fühlende  Leser  fragte  unwillkürlich,  wie  dieser  hohe  Mensch
enden  müsse,  in  dem  alle  die  eigensten  Züge  des  deutschen  Geistes  erkannten.
  Goethe  wußte,  daß  die  Augen  der  Besten  seines  Volkes  auf  ihn  gerichtet
  waren,  wenn  er  jetzt  in  jedem  frohen  Augenblicke  an  seiner  Dichtung
still  weiter  arbeitete  und  den  ganzen  Schatz  seiner  unvergleichlichen  Lebenserfahrung
  wie  in  ein  großes  Tagebuch  in  sie  eintrug.  Wenige  Wochen
vor  seinem  Tode,  fast  sechzig  Jahre,  nachdem  er  den  ersten  kühnen  Plan
gefaßt,  schloß  er  das  Werk  ab,  soweit  der  unendliche  Stoff  sich  erschöpfen
ließb,  und  gestand,  daß  er  sein  ferneres  Leben  nunmehr  nur  noch  als  ein
reines  Geschenk  Gottes  betrachten  wolle.  So  durch  zwei  Menschenalter
beständig  fortgebildet  und  ergänzt,  mußte  der  zweite  Teil  des  Gedichts
an  ursprünglicher  Frische  und  künstlerischer  Rundung  ebensoviel  verlieren,
  wie  er  an  Gedankenfülle  gewann.

Der  Faust  war  das  echte  Kind  der  Epoche  des  dichterischen  Sturmes
und  Dranges;  nur  die  Jugend,  die  alles  verheißt  und  alles  verlangt,
konnte  in  dem  Bilde  des  ungeduldig  wider  die  allgemeinen  Erdenschranken
ankämpfenden  Titanen  ihr  eigenes  Herz  wiederfinden.  Schon  als  er  den
ersten  Teil  herausgab,  empfand  der  Dichter  zuweilen,  wie  fern  ihm  jetzt
dieser  himmelstürmende  Trotz  seiner  jungen  Tage  lag,  und  er  klagte:  „So
gib  mir  auch  die  Zeiten  wieder,  wo  ich  noch  selbst  im  Werden  war.“  Um  die
zarten  Nerven  der  Leser  zu  schonen,  beseitigte  er  aus  den  ersten  Entwürfen
manchen  Zug  genialer  Frechheit,  der  zum  Wesen  der  gespenstischen  Fabel
gehörte,  sogar  das  schauerlich  schöne  Blutlied  der  Düämonen:  „Wo  fließet
heißes  Menschenblut,  der  Dunst  ist  allem  Zauber  gut,“  und  der  diabolische
Humor  der  Walpurgisnacht  auf  dem  Blocksberge  verblaßte  etwas  unter
seinen  umbildenden  Händen.  Seitdem  waren  nochmals  zwanzig  reiche
Jahre  über  sein  Haupt  dahingegangen;  er  fühlte  sich  den  Gestalten  seiner
Dichtung  so  fremd,  daß  er  keinen  Anstand  nahm,  die  lieblich  naive  Gartenszene
  des  ersten  Teils  für  die  Komposition  des  Fürsten  Radziwill  zu
einem  frostigen  Opernquartett  umzuarbeiten.  Nicht  ohne  gewaltsame
Selbstüberwindung  konnte  er  also  aus  der  beschaulichen  Stimmung  des
        <pb n="421" />
        Zweiter  Teil  des  Faust.  413

Greisenalters  zurückgreifen  zu  einem  Werke,  das  der  flammenden  Be—
geisterung  des  Jünglings  entsprungen  war;  „ich  mußte“,  so  gestand  er  an
Wilhelm  Humboldt,  „dasjenige  durch  Vorsatz  und  Charakter  erreichen,  was
eigentlich  der  freiwilligen  tätigen  Natur  allein  zukommen  sollte.“  Darum
fehlte  dem  zweiten  Teile  des  Faust  jener  Zauber  des  unmittelbaren  per—
sönlichen  Bekenntnisses,  der  alle  früheren  Werke  Goethes  wie  zarter  Sonnenduft
  umschwebte.  Aus  allen  seinen  Helden,  aus  Weislingen,  Werther,
Egmont,  Tasso,  Meister  sprach  das  Herz  des  Dichters  selber,  am  beredtesten
  doch  aus  dem  Faust  des  ersten  Teiles;  was  er  nur  je  genossen,
gedacht,  gelitten,  hatte  er  in  dieser  Gestalt  vereinigt,  und  mit  der  ganzen
Macht  des  selbsterlebten  Leides  erklang  aus  den  Schlußszenen  die  Reue
um  die  verratene  Friderike.  Der  zweite  Teil  des  Gedichts  hingegen  war
streng  objektiv  gehalten;  die  Charaktere  des  Faust  und  des  Mephistopheles
traten  ganz  zurück,  der  Schwerpunkt  des  Dramas  lag  nicht  mehr  in  der
inneren  Entwicklung  des  Helden,  sondern  in  dem  bunten  Wechsel  der
Weltverhältnisse,  die  er  durchschritt.

Daraus  ergab  sich  aber  ein  Mißverhältnis  von  Form  und  Inhalt.
Schon  Schiller  hat  dem  Freunde  vorhergesagt,  wie  schwer  es  halten
werde,  bei  der  Behandlung  eines  so  ganz  phantastischen  und  doch  tief
ernsten  Stoffes  „zwischen  Spaß  und  Ernst  glücklich  durchzukommen“.  Im
ersten  Teile  war  Goethe  dieser  Schwierigkeit  noch  völlig  Herr  geworden,
mit  jener  spielenden  Leichtigkeit,  welche  das  vollendete  Kunstwerk  wie  ein
Gebilde  der  Natur  erscheinen  läßt.  Das  Schicksal  des  Helden  fesselte  die
Leser  so  unwiderstehlich,  daß  sie  die  grellen  Kontraste  von  satanischem
Humor  und  tragischer  Erhabenheit  nicht  als  Störung  empfanden;  die
kurzen  gereimten  Verse  schmiegten  sich  in  jeden  Wechsel  der  Stimmung
fast  noch  williger,  als  es  der  dramatische  Jambus  vermag;  die  glücklich
idealisierte  Sprache  unseres  sinnlich  derben  und  gedankenschweren  sechzehnten
  Jahrhunderts  mußte  ein  Geschlecht,  das  sich  den  Zeiten  Luthers
und  Dürers  verwandt  fühlte,  im  tiefsten  Herzen  anheimeln.  Dem  zweiten
Teile  fehlte  diese  Einheit  des  Tones,  die  auch  das  Wunderbare  glaubhaft
  machte;  er  erschien  zu  ernst  für  ein  Märchenspiel,  zu  spukhaft  für
ein  Drama.  Im  engen  Anschluß  an  das  alte  Volksbuch  vom  Doktor  Faust
führte  der  Dichter  seinen  Helden  durch  eine  Welt  phantastischer  Abenteuer,
aber  in  allen  seinen  Traumgestalten  lag  ein  tiefer  Sinn  verborgen,  und
unmöglich  vermochte  der  Leser,  wenn  er  der  geheimnisvollen  Bedeutung
dieser  Symbole  nachgrübelte,  sich  noch  die  unschuldige  Leichtgläubigkeit  zu
bewahren,  welche  das  Wunder  verlangt.  Trotz  aller  ihrer  glänzenden
theatralischen  Effekte  blieb  die  gedankenreiche,  mit  Anspielungen  und  Beziehungen
  jederart  überladene  Dichtung  doch  viel  zu  schwer,  um  auf  der
Bühne  wie  ein  prächtiges  Zauberstück  die  Schaulust  der  Menge  zu  beschäftigen.
  Fragmentarisch  geschaffen  konnte  das  Werk  auch  nur  fragmentarisch
  genossen  werden;  nur  wenn  man  sich  zuerst  liebevoll  in  die  Fülle
        <pb n="422" />
        414  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

der  Einzelschönheiten  versenkte,  gelangte  man  Schritt  für  Schritt  zur  Erkenntnis
  des  Ganzen.

In  seinem  Briefwechsel  mit  Schiller  hatte  Goethe  stets  die  Einheit
des  sich  selbst  erkllärenden  Kunstwerks  als  höchste  Aufgabe  des  Dichters
bezeichnet.  Als  Greis  erhob  er  sich  von  diesem  künstlerischen  zu  einem
allgemein  menschlichen  Ideale,  das  zu  umfassend  war,  um  sich  noch
der  strengen  Kunstform  einzufügen,  und  zu  tiefsinnig,  um  je  gemeinverständlich
  zu  werden.  Wer  diesem  letzten  Fluge  des  Goethischen  Genius
zu  folgen  wagte  und  das  Vermächtnis  des  Dichters  als  ein  Werk  eigener
Art,  das  so  nicht  wiederkehren  konnte,  unbefangen  aufnahm,  dem  erschloß
sich  eine  Fülle  reifer  Lebensweisheit  —  denn  zu  dem  Zitatenschatze  unserer
Nation  hat  außer  den  Schriften  der  Bibel  kein  anderes  Werk  so  viel  beigesteuert
  wie  der  Faust,  der  zweite  Teil  fast  noch  mehr  als  der  erste  —
und  eine  wunderbare  Sprachgewalt,  die  wohl  zuweilen  in  die  Manier  des
Alters  absank,  dann  aber  wieder  im  süßen  Wohllaut  der  mannigfachsten
Versformen  schwelgte,  mit  jugendlicher  Kühnheit  das  nie  Gesagte,  kaum
Geahnte  aussprach.

Der  zweite  Teil  gab  die  Antwort  auf  die  schweren  Fragen  des  ersten.
Während  der  Faust  des  alten  Puppenspiels  im  Taumel  des  Genusses  unterging,
  erhob  ihn  Goethe  aus  der  engen  Welt  der  persönlichen  Leidenschaft
in  höhere  Regionen,  in  würdigere  Verhältnisse  und  ließ  ihn,  gemäß  dem
Worte  „im  Anfang  war  die  Tat“,  durch  schöpferisches  Handeln  die  Erlösung
  finden  —  ein  Bild  der  inneren  Befreiung  und  Läuterung,  das  sich
freilich  mehr  für  den  Roman  als  für  das  Drama  eignete,  aber  in  seiner
breiten  epischen  Anlage  dem  Dichter  gestattete,  die  ganze  Geschichte  seines
Zeitalters  symbolisch  darzustellen.  Aus  dem  Lärm  und  Glanz  des  Kaiserhofes
  steigt  Faust  in  die  Welt  des  Schönen  empor  und  erlebt  im  Traume
die  Befreiung  der  Helena,  die  Vermählung  des  antiken  mit  dem  germanischen
  Geiste,  bis  endlich  der  tätige  Humanismus  sich  im  gemeinnützigen
Wirken  bewährt,  der  siegreiche  Kampf  des  alten  Faust  mit  dem  Meere
zugleich  zurückweist  auf  König  Friedrichs  friedliche  westpreußische  Eroberungen
  und  weit  vorwärts  deutet  in  die  große  Zukunft  des  arbeitsfrohen
neuen  Deutschlands,  dem  das  freie  Meer  den  Geist  befreien  soll.

Im  Weiterschreiten  find  er  Qual  und  Glück,
Er,  unbefriedigt  jeden  Augenblick  —
der  höchste  Gedanke  der  neuen  deutschen  Philosophie,  die  Erkenntnis  der
nie  auf  Erden  ganz  verwirklichten,  aber  ewig  sich  verwirklichenden  Idee,  lag
in  diesen  Zeilen,  und  doch  noch  nicht  das  letzte  Wort  einer  Dichtung,  die
über  das  Diesseits  hinausweisen  mußte.  Weder  in  der  Prosa  der  Arbeit
noch  in  der  nüchternen  Mahnung  „dem  Tüchtigen  ist  diese  Welt  nicht  stumm“
konnte  ein  hochpoetisches  und  der  altklugen  Aufklärung  entschieden  feindliches
Werk  ausklingen.  Erst  die  allmächtige  Liebe  vollendet  Fausts  Erlösung,
und  wie  der  Dichter  dem  Himmel  durch  die  scharf  umrissenen  Gestalten
        <pb n="423" />
        Goethes  Vermächtnis.  415

der  heiligen  Geschichte  verständliches  Leben  gibt,  so  weiß  er  auch  durch
Gretchens  Erscheinen  die  Idee  der  Liebe  künstlerisch  zu  veranschaulichen.
In  der  Wiedervereinigung  der  beiden  Liebenden  verwirklicht  sich  der  be—
seligende  Traum,  der,  seit  Dante  ihn  zuerst  besang,  in  der  christlichen  Dichtung
  immer  wiederkehrt:  wie  die  irdische  Liebe  sich  zur  himmlischen  verklärt.
Fausts  Unsterbliches  wird  zum  Himmel  getragen  und  die  Engel  singen:

Gerettet  ist  das  edle  Glied

Der  Geisterwelt  vom  Bösen.

Wer  immer  strebend  sich  bemüht,

Den  können  wir  erlösen.

Und  hat  an  ihm  die  Liebe  gar

Von  oben  teilgenommen,

Begegnet  ihm  die  sel'ge  Schar

Mit  herzlichem  Willkommen.
Also  nahm  unsere  klassische  Dichtung  bei  ihrem  letzten  Ausgange  die  beiden
Grundwahrheiten  der  Reformation  wieder  auf.  In  freierer,  milderer  Form
wiederholte  Goethe  den  kühnen  und  doch  so  zermalmend  schweren  Ausspruch
Martin  Luthers  „gute  Werke  machen  nimmermehr  einen  guten  Mann,
sondern  ein  guter  Mann  machet  gute  Werke“,  und  bekannte  sich  zugleich
zum  Glauben  an  die  erlösende  Macht  der  göttlichen  Barmherzigkeit.

Das  junge  Geschlecht  lebte  am  Tage  den  Tag;  ihm  fehlte  die  Sammlung
  des  Geistes,  um  ein  Werk  zu  würdigen,  das  über  die  gerühmte  „Jetztzeit“
  der  Zeitungsschreiber  so  weit  hinausragte.  Längst  stand  ihm  fest,  daß
die  burschikosen  Witze  von  Heines  Harzreise  mehr  bedeuteten  als  Goethes
Italienische  Reise,  ein  beliebiger  Tendenzroman  zur  Verherrlichung  des
freien  Weibes  mehr  als  Wilhelm  Meister.  Nun  gar  der  mystische  Schluß
des  Gedichts  galt  den  radikalen  Poeten  für  eine  frostige  Allegorie;  denn
so  tief  waren  sie  schon  von  französischer  Verbildung  angefressen,  daß  sie
den  eigensten  Vorzug  der  protestantischen  deutschen  Kultur,  die  Versöhnung
von  Freiheit  und  Frömmigkeit,  gar  nicht  mehr  kannten  und  schlechterdings
nicht  begreifen  wollten,  wie  ein  starker  Geist  religiös  empfinden  könne.  Zu
allem  Unglück  begann  nun  auch  die  Zunft  der  Goetheforscher  ihre  pedantische
  Arbeit,  eine  neue  wenig  erfreuliche  Spielart  des  deutschen  gelehrten
Philistertums.  Göschel,  Hinrichs,  Rötscher  und  andere  Hegelianer,  dann
Philologen  und  Literarhistoriker  in  langer  Reihe  bemächtigten  sich  des  Faust,
um  in  alexandrinischen  Kommentaren  ihre  Auslegungskünste  zu  zeigen;  sie
warfen  sich  mit  Vorliebe  auf  die  schwächsten,  die  dunkelsten  Stellen  des
Werkes  und  suchten  zu  ergründen,  was  der  alte  Herr  in  seine  symbolischen
Andeutungen  wohl  alles  hineingeheimnist  habe.  So  ward  die  Dichtung
der  Jugend  vollends  verleidet,  und  lange  blieb  die  Welt  der  Ansicht,  mit
diesem  Buche  hätte  Goethe  doch  dem  Alter  seinen  Zoll  entrichtet.
Die  schöpferischen  Köpfe  der  deutschen  Kunst  haben  diese  Meinung

nie  geteilt;  wie  oft  saß  Schinkel  in  Rauchs  Werkstatt,  mit  dem  Faust  in
der  Hand,  um  dem  dankbaren  Freunde  den  Born  neuer  künstlerischer  An-
        <pb n="424" />
        416  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

schauungen,  der  hier  floß,  zu  zeigen.  Je  mehr  die  nervöse  Erregung  der
Zeit  sich  beruhigte,  um  so  dichter  ward  der  Kreis  der  Andächtigen,  die,
ohne  nach  den  klügelnden  Ausdeutungen  so  mancher  krausen  Allegorien
viel  zu  fragen,  schlichtweg  als  Schauende  an  den  Faust  herantraten  und
bei  jedem  neuen  Lesen  immer  neue  Seiten  der  Dichtung  entdeckten,  immer
klarer  erkannten,  wie  fest  die  beiden  Teile,  trotz  der  Verschiedenheit  des
Stiles  und  des  Kunstwertes  unter  sich  zusammenhingen.  Was  man  auch
mäkeln  und  ergrübeln  mochte,  der  Faust  blieb  die  Tragödie  des  neuen
Jahrhunderts,  wie  Dantes  Dichtung  das  Bekenntnis  des  ausgehenden
Mittelalters,  und  beide  Werke  konnten  nur  im  Herzen  Europas  entstehen,
in  den  beiden  Völkern,  welche  von  jeher  den  Idealismus  der  christlichen  Ge—
sittung  getragen  haben.  Wie  verschwand  doch  alles,  was  andere  Dichter
von  dem  unbändigen  Erkenntnisdrange  der  modernen  Menschheit  gesungen
hatten,  wie  klein  und  kränklich  erschien  selbst  in  Byrons  Manfred,  der  dem
Faust  noch  am  nächsten  kam,  der  selbstzerstörerische,  gegenstandslose  Welt—
schmerz  neben  dem  echten  Titanenstolze  des  Goethischen  Helden:

Es  kann  die  Spur  von  meinen  Erdentagen
Nicht  in  Aonen  untergehn.

Als  das  Gedicht  allmählich  auch  über  unsere  Grenzen  hinausdrang,  da
glaubten  manche  geistreiche  Männer  des  Auslandes  die  Empfindungen  ihres
eigenen  Volkes  darin  wiederzufinden:  Turgeniew  behauptete  dreizehn  Jahre
nach  Goethes  Tode,  der  Faust  sei  den  Russen  vielleicht  verständlicher  als
jeder  anderen  Nation.  Deutlicher  ließ  sich  nicht  aussprechen,  daß  der
deutschen  Dichtung  die  zentrale  Stelle  in  der  modernen  Gesittung  gebührte.
Der  hohe  menschliche  Sinn,  der  den  Fremden  so  traulich  zum  Herzen
sprach,  war  doch  nichts  anderes  als  die  feinste  Blüte  unserer  nationalen
Bildung  und  nur  den  Landsleuten  ganz  begreiflich;  denn  wahrnehmbar
wie  in  keinem  anderen  Werke  Goethes  rauschte  im  Faust  der  Flügelschlag
deutscher  Geschichte,  und  nicht  zufällig  stand  gerade  hier  die  Mahnung  des
Dichters,  daß  wir  das  Erbe  unserer  Väter  erwerben  sollen,  um  es  zu  besitzen.

Gleichzeitig  mit  dem  Faust  beendete  Goethe  den  vierten  Teil  von
Dichtung  und  Wahrheit,  die  rührende  Geschichte  der  tiefsten  Herzensneigung
seiner  Jugend,  und  so  warm,  so  zart,  so  lebendig  erzählte  der  Achtzigjährige
noch,  daß  er  wagen  durfte,  die  halbverschollenen  alten  Lilli-Lieder  mit  einzuflechten;
  die  süßen  Töne  klangen,  als  wären  sie  gestern  entstanden.  Also
hat  ihm  die  Wonne  der  Frauenliebe  noch  seine  letzten  Träume  vergoldet;
durch  ein  langes  Leben  voll  starker  Mannesarbeit  war  sie  ihm  gefolgt,  von
jenen  fernen  Tagen  an,  da  der  sinnenfrohe  Jüngling  den  Amor  besang,
der  schalkhaft  und  bescheiden  sich  fest  die  beiden  Augen  zuhält,  bis  zu  der
glühenden  Abschiedsklage  des  Greises:

War  unersättlich  nach  viel  tausend  Küssen,
Und  mußt'  mit  einem  Kuß  am  Ende  scheiden!
        <pb n="425" />
        Bettina.  417

Darum  sind  die  Frauen  dem  Sänger  des  Ewig-Weiblichen  immer  treu
geblieben.  Wie  sie  einst  dem  verwilderten  Geschlechte  des  Dreißigjährigen
Krieges  noch  einen  letzten  Schatz  guter  Sitte,  häuslicher  Gemütlichkeit
erhielten,  so  haben  sie  uns  auch,  als  die  Literatur  wieder  entartete,  das  Andenken
  unseres  größten  Dichters  in  der  Stille  bewahrt.  Und  nicht  die  von
Goethe  so  tief  verabscheuten  gelehrten  Frauen  behüteten  seinen  Ruhm,  sondern
  die  anspruchslosen,  still  tätigen,  von  denen  niemand  sprach.  Wenn
die  schlichte  deutsche  Hausfrau  nach  den  Sorgen  des  Haushalts  sich  am
Anblick  der  Schönheit  erquicken  wollte,  dann  schlug  sie  aus  den  vierzig
Bänden  irgendeine  Stelle  auf,  die  ihrem  Herzen  wohl  tat,  und  empfand
die  ewige  Wahlverwandtschaft  zwischen  dem  Genius  und  dem  Weibe  —
denn  was  konnte  Börne  oder  Heine  einer  edlen  Frau  bieten?  Während
die  Dichtung  sich  von  Goethe  abwendete,  blieb  sein  Geist  in  der  bildenden
Kunst  und  in  der  Wissenschaft  lebendig;  unter  den  neu  auftretenden  großen
Gelehrten  war  keiner,  der  nicht  von  ihm  gelernt  hätte.  Erst  in  weit  späterer
Zeit,  als  unser  Volk  Großes  und  Schweres  geschaffen  hatte,  begannen  die
begabteren  Dichter  und  alle  wahrhaft  erfahrenen  Männer  zu  dem  Liebling
der  Frauen  zurückzukehren,  und  seitdem  wächst  beständig  die  stille  Macht
seines  Genius.  Der  Tag  seines  höchsten  Ruhmes  ist  noch  nicht  gekommen.
Schillers  Gedanken,  wie  groß  und  hehr  sie  auch  waren,  umfaßten  doch
nur  eine  begrenzte  Zeit.  Was  er  ahnte  von  Menschenrecht  und  Völkerfreiheit,
  hat  die  Geschichte  vor  unseren  Augen  verwirklicht,  und  wir  empfinden
schon  den  nur  bedingten  Wert  seiner  Ideale.  Nur  die  unerfahrene  Jugend
kann  sich  ihm  noch  ganz  hingeben,  mit  Emil  Devrient  ist  der  letzte  echte
Marquis  Posa  aus  unserem  kürzer  angebundenen  Geschlechte  geschieden.
Goethes  Gestalten  gehören  keiner  Zeit;  sie  sind  wahr,  niemals  wirklich,
so  wie  er  es  von  der  Kunst  verlangte.  Sie  veralten  nicht,  denn  sie  wollen
erlebt  sein;  sie  erwarmen  nur  vor  den  Augen  des  gottbegnadeten  Künstlers,
des  liebevollen  Weibes  oder  des  festen  Mannes,  den  die  vollendete  Bildung
zur  Einfalt  der  Natur  zurückführt.

Frauenhände  errichteten  dem  Toten  sein  erstes  schönes  Denkmal.  Drei
Jahre  nach  dem  Abscheiden  des  Dichters  gab  Bettina  von  Arnim  Goethes
Briefwechsel  mit  einem  Kinde  heraus,  eine  tief  und  groß  empfundene,
gedankenreiche  Dichtung,  die  mit  den  historischen  Tatsachen  ebenso  frei
schaltete,  wie  Goethe  selbst  im  Werther  mit  seinen  Wetzlarer  Erlebnissen,
und  gleichwohl  mehr  innere  Wahrheit  enthielt,  von  dem  geheimnisvollen
Leben  des  Genius  mehr  offenbarte  als  ganze  Bändereihen  der  gelehrten
Goetheforschung.  Mit  der  herzlichen  Wärme  derbilderreichen  rheinländischen
Sprache  erzählt  das  Buch,  wie  sich  Goethes  Wesen  im  Herzen  eines  leidenschaftlichen
  Kindes  widerspiegelt;  majestätisch  hebt  sich  die  ruhige  Milde
des  Dichters  ab  von  der  bacchantischen,  zuweilen  zudringlichen  Begeisterung
des  Mädchens;  und  über  diesem  reichen  Seelengemälde  leuchtet  der  heitere

Himmel  unseres  schönen  Westens.  Die  kleinen  Mädchen  im  Nonnenkloster
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  27
        <pb n="426" />
        418  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

von  Fritzlar,  die  singenden  Schiffer  im  sonnigen  Rheingau,  die  Wanderer
auf  den  Felsen  von  St.  Goar  spielen  mit,  und,  glücklicher  noch  als  die
junge  Welt,  in  ihrer  Frankfurter  Erkerstube  die  alte  Frau  Rat,  „die  alles
zur  Freude  bewegt,  bloß  weil  sie  mit  Kraft  genießt.“  Mochten  die  Philister
den  Kopf  schütteln,  wenn  das  fünfzigjährige  Kind  im  tollen  Übermute
des  Brentanobluts  manchmal  ein  Rad  schlug  oder  wie  ein  Irrwisch  daher—
flackerte:  gedankenreiche  Männer  ergriff  das  Buch  gerade,  weil  es  so  ganz
weiblich  war,  weiblicher  als  manche  zimperliche  Romane  sittsamer  Blau—
strümpfe.  Bettinas  Stärke  lag,  wo  das  Genie  der  Weiber  immer  liegt,
in  der  Kraft  des  Verstehens  und  Empfangens;  sie  wußte  das  und  blieb
immer  der  Efeu,  der  sich  am  festen  Stamme  emporrankt.  Männerarbeit
  zu  tun,  hat  sie  sich  nie  erdreistet;  was  sie  später  noch  schrieb,  erhob
nicht  den  Auspruch,  für  eine  selbständige  Schöpfung  zu  gelten,  sondern
entsprang  entweder  der  verständnisvollen  Erinnerung  oder  der  werktätigen
Menschenliebe  eines  reichen  Herzens.  Auch  ihre  Schwächen  blieben  weib—
lich  und  darum  verzeihlich;  von  der  halb  unbewußten  Gefallsucht  ihres
Geschlechts  hielt  sie  sich  nicht  frei,  „das  Kind,  das  nicht  fragt,  was  da  bös
sei,  was  da  gut“,  wußte  sich  zuviel  mit  seiner  Natürlichkeit.

Die  Zeitgenossen  verglichen  sie  gern  mit  Rahel  Varnhagen,  und
manches  war  den  zwei  geistreichsten  Frauen  der  deutschen  Gesellschaft  gemein:
  der  Sinn  für  das  Große,  der  Zauber  des  Gesprächs  und  ein
ekstatischer  Zug  verzückter  Schwärmerei.  Und  doch  verhielten  sich  die  beiden
zueinander  wie  der  Rhein  zur  Spree.  Bei  der  Berlinerin  herrschte,  wie
warm  sie  auch  empfand,  der  scharfe,  alle  Begriffe  zerfasernde  Verstand
vor;  das  Leben  der  kinderlosen,  vielerfahrenen  Frau  neben  einem  weit
jüngeren,  eitlen  und  falschen  Manne,  der  nicht  von  fern  an  sie  heranreichte,
  unter  einem  Schwarme  blasierter  abgetriebener  Weltmänner  blieb
der  Natur  fremd,  und  darum  auch  ihre  Sprache  immer  schwülstig,  von  der
gesuchten  Künstelei  großstädtischer  Uberbildung  angekränkelt.  Bettina  war
ein  Kind  der  Sonne,  halbwelschen  Blutes,  aufgewachsen  in  der  freien  Luft
am  grünen  Rheine,  die  Gattin  eines  edlen,  geistvollen  Dichters,  die  schöne
Mutter  schöner  Kinder,  für  alle  Künste  wunderbar  begabt,  ganz  Phantasie
und  Gemüt,  so  daß  ihr  die  herzbewegenden  Worte  und  die  farbigen  Bilder
von  selber  kamen,  bei  allen  ihren  seltsamen  Nixenlaunen  doch  eine  fromme,
tapfere,  mildtätige  Frau,  die  vor  der  Cholera  keinen  Schrecken,  vor  dem
Elend  keinen  Ekel  empfand.  Noch  im  Alter  zog  sie  die  jungen  Männer  an
sich  und  wußte  aus  jedem  den  göttlichen  Funken  herauszuschlagen;  manchen
Sünden  der  Zeit  hat  sie  ihren  Zoll  gezahlt,  aber  die  anmaßende  Nichtigkeit
  der  modischen  Dichtung  durfte  sich  nicht  an  sie  heranwagen.  Stark,
doch  leider  nicht  günstig  wirkte  ihre  große  Natur  auf  den  Geist  des  Kronprinzen
  von  Preußen.  Die  Klarheit,  die  ihm  fehlte,  konnte  er  aus  den
überschwenglichen  Orakelsprüchen  dieser  Hohenpriesterin  der  Romantik  nicht
gewinnen;  und  wenn  sie  begeistert  sagte:  „Nichts  ist  Sünde,  was  mit  dem
        <pb n="427" />
        Die  Pariser  Deutsch-Juden.  419

Genius  nicht  entzweit“  —  was  frommte  das  ihm,  der  alles  umfassend,
nichts  ganz  beherrschend,  niemals  wußte,  wo  sein  Genius  sei.  —

 

Weitab  von  diesen  lichten  Höhen  der  Poesie  trieb  das  neue  Geschlecht,
das  sich  um  Heines  Banner  scharte,  sein  lautes  Wesen.  Seit  Heine  nach
Paris  übergesiedelt  war,  begann  sein  lyrisches  Talent  rasch  zu  versiegen,
in  einem  wüsten,  zerstreuten  Leben  ward  sein  Herz  leerer,  sein  Gefühl
stumpfer.  An  umfassende  Werke  durfte  er  sich  ohnehin  nicht  wagen;  denn
die  künstlerische  Komposition  großen  Stiles  gelingt  meist  nur  der  massiven
Kraft  der  Arier;  selbst  die  Wunderwerke  orientalischer  Kunst,  selbst  der
Säulenwald  der  Moschee  von  Cordova  oder  die  schimmernden  Tropfstein—
gewölbe  der  Alhambra  bilden  mit  aller  ihrer  Pracht  doch  kein  Ganzes.
Außer  einigen  Liedern  und  dem  Bruchstück  einer  unsauberen  Novelle
Schnabelewopski  brachte  Heine  in  diesem  Jahrzehnt  keine  Dichtung  mehr
zustande.  Was  der  Tag  gab  oder  forderte,  nahm  ihn  ganz  in  Anspruch;
in  allerhand  literarischen  Capriccios  verarbeitete  er  diese  Eindrücke  und
sammelte  dann  die  Fragmente  unter  den  Titeln:  Zustände,  Zeitbilder,
Reisebilder  —  neuen  Namen,  denen  er  das  Bürgerrecht  im  deutschen
Feuilletonstile  eroberte.  Um  sein  zerstückeltes  Schaffen  zu  beschönigen,  verkündete
  er  der  Welt  prahlerisch,  daß  er  sich  berufen  fühle,  zwischen  der  Gesittung
  der  beiden  Nachbarvölker  zu  vermitteln,  und  die  deutschen  Liberalen
glaubten  ihm  treuherzig.

Richtiger  beurteilten  ihn  die  Franzosen.  Sie  merkten  bald,  daß  er
von  französischer  Politik  nicht  das  mindeste  verstand,  und  aus  seinen
witzelnden  Betrachtungen  über  die  deutsche  Literatur  konnten  sie  auch  nichts
lernen;  die  einsichtigsten  seiner  Pariser  Freunde  fanden,  er  verkenne  seine
dichterische  Begabung,  wenn  er  sich  zum  Lehrer  der  Völker  berufen  glaube.
Doch  waren  sie  klug  genug,  „diesen  neuen  Alliierten  Frankreichs“  durch
Schmeicheleien  warm  zu  halten,  denn  so  untertänig  hatte  ihnen  noch  nie
ein  Ausländer  den  Staub  von  den  Schuhen  geküßt.  Engländer  und
Franzosen  pflegten,  wenn  sie  zu  uns  kamen,  sich  darüber  aufzuhalten,  daß
unser  Volk  nicht  ihre  Sprache  redete;  den  gutmütigen  Deutschen  aber
beschlich  eine  scheue  Ehrfurcht,  sobald  er  bemerkte,  wie  in  Frankreich  jeder
dumme  Bauer  französisch  sprechen  konnte.  Und  ganz  so  wie  der  naive
deutsche  Philister  empfand  auch  dieser  geistreiche  Jude.  Alles  in  Frankreich
  erschien  ihm  feiner,  schöner,  vornehmer  als  daheim,  und  erstaunt
schrieb  er  —  nach  seiner  Weise  halb  spottend,  halb  im  Ernst:  —  „so  eine
Dame  de  la  Halle  spricht  besser  französisch  als  eine  deutsche  Stiftsdame
von  vierundsechzig  Ahnen.“  In  seinen  „Französischen  Zuständen“  fand  er
kaum  Worte  genug  für  seine  fremdbrüderliche  Begeisterung:  „die  Franzosen
sind  das  auserlesene  Volk  der  neuen  Religion,  Paris  ist  das  neue  Jerusalem,
  und  der  Rhein  ist  der  Jordan,  der  das  geweihte  Land  der  Freiheit

27.
        <pb n="428" />
        420  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

trennt  von  dem  Lande  der  Philister.“  Unablässig  pries  er  den  neuen
„Bürgerkönig  ohne  Hofetikette,  ohne  Edelknaben,  ohne  Kurtisanen,  ohne
Kuppler,  ohne  diamantene  Trinkgelder  und  sonstige  Herrlichkeiten“;  aber
auch  die  „Bergprediger,  welche  von  der  Höhe  des  Konvents  zu  Paris  ein
dreifarbiges  Evangelium  herabpredigten,  in  übereinstimmung  mit  der  An—
sicht  jenes  älteren  Bergpredigers“;  und  dann  wieder  den  großen  Napoleon,
der  im  Freiheitskriege  nur  der  Macht  der  Dummheit  unterlag,  was  aber
wenig  schadete,  weil  „die  Franzosen  sogar  durch  ihre  Niederlagen  ihre
Gegner  in  Schatten  zu  stellen  wissen“.  Derweil  er  unter  seinen  Fenstern
den  Pariser  Pöbel  brüllen  hörte:  „Warschau  ist  gefallen,  Tod  den  Russen,
Krieg  den  Preußen!“  —  versicherte  er  dreist,  nur  die  Feinde  der  Demokratie
hetzten  die  nationalen  Vorurteile  auf,  der  französische  Patriotismus  um—
fasse  das  gesamte  Land  der  Zivilisation  mit  seiner  Liebe,  der  deutsche
ziehe  das  Herz  zusammen  wie  Leder.

Zugleich  gebärdete  er  sich  als  politischer  Flüchtling  und  sprach  weinerlich
  vor  seinem  Exile,  während  er  in  Wahrheit  allein  durch  seine  Genußsucht
  und  seine  französischen  Neigungen  in  Paris  zurückgehalten  wurde.
Bald  sank  er  noch  tiefer  und  verkaufte  sich  dem  französischen  Hofe;  er
erbat  und  empfing  viele  Jahre  hindurch  einen  Gehalt  aus  den  geheimen
Fonds.  Zum  Danke  fuhr  er  fort,  sein  Vaterland  zu  begeifern,  aber
die  höhnischen  Ausfälle  gegen  Ludwig  Philipp,  die  er  sich  früherhin  zuweilen
  erlaubt,  hörten  auf.  Als  er  darauf  eine  Zeitschrift  gründen  wollte,
die  auf  den  Absatz  in  Preußen  berechnet  war,  wendete  er  sich  durch  Varnhagens
  Vermittlung  an  die  preußische  Regierung,  um  heilig  zu  beteuern,
wie  dankbar  er  Preußens  Verdienste  um  das  Bastardsvolk  seiner  rheinischen
Heimat  anerkenne;  die  Rheinländer,  diese  Belgier,  die  alle  Fehler  der
Deutschen,  aber  keine  Tugend  der  Franzosen  besäßen,  seien  erst  durch
Preußen  wieder  zu  Deutschen  geworden.  Im  Berliner  Ministerium  würdigte
  man  diese  Versicherungen  nach  Gebühr,  und  sobald  Heine  erfuhr,
daß  sein  Gesuch  vergeblich  sei,  schimpfte  er  sogleich  wieder  nach  alter  Gewohnheit
  auf  die  „Berliner  Ukasuisten  und  Knutologen“,  und  rief  die
rheinischen  Bogenschützen  auf,  den  häßlichen  schwarzen  Adler  von  der  Stange
zu  schießen.  Die  deutschen  Liberalen  aber  ließen  sich  in  ihrer  Bewunderung
nicht  stören,  als  im  Jahre  1848  das  geheime  zwischen  Guizot  und  Heine
abgeschlossene  Handelsgeschäft  endlich  an  den  Tag  kam;  der  entlarvte  Söldling
  Frankreichs  blieb  ihnen  nach  wie  vor  ein  Apostel  deutscher  Freiheit,
und  wer  etwa  noch  schüchtern  zu  behaupten  wagte,  die  Grundsätze  der
Ehre  und  der  Rechtschaffenheit  müßten  doch  wohl  auch  für  Heine  gelten,
wurde  von  der  herrschenden  Literatenschule  als  ein  geistloser  Mensch  abgefertigt.


Etwas  mehr  greifbaren  Inhalt  boten  die  leichten  Plaudereien,  mit  denen
Heine  die  Pariser  über  die  Geschichte  der  deutschen  Religion,  Philosophie  und
Literatur  zu  belehren  suchte;  hier  war  der  Schüler  Hegels  doch  nicht  so
        <pb n="429" />
        Heines  Salon.  421

ganz  steuerlos  wie  auf  der  hohen  See  der  Politik.  In  den  Kern  der  Sache
vermochte  er  freilich  auch  hier  nicht  einzudringen;  was  konnte  ein  Mann,
dem  jede  tiefe  religiöse  Empfindung  fremd  war,  über  die  Religion  sagen?
Er  half  sich  nach  Dilettantenbrauch  durch  eine  starre  Formel,  indem  er
den  gesamten  wechselreichen  Ideenkampf  der  Geschichte  auf  den  einfachen
Gegensatz  von  Sensualismus  und  Spiritualismus,  Weltbejahung  und
Weltverneinung  zurückführte,  das  ganze  Menschengeschlecht  in  fette  Griechen
und  dürre  Nazarener  einteilte.  Unter  seinen  Händen  ward  jetzt  alles
unrein.  In  den  seltenen  Augenblicken,  da  er  noch  ein  Dichter  war,  ver—
suchte  er  „die  religiöse  Verklärung,  die  Rehabilitation  der  Materie“  als
einen  Kultus  der  Schönheit  zu  rechtfertigen;  doch  sobald  er  sich  gehen  ließ,
betete  er  nicht  mehr  zu  den  olympischen  Göttern  der  Hellenen,  sondern  zu
der  Astarte  und  dem  goldenen  Kalbe  der  Semiten.  Zu  geistreich  und  zu
weltklug,  um  seinen  ingrimmigen  Christenhaß  offen  zu  bekennen,  verfiel  er
aus  einem  Widerspruche  in  den  andern;  bald  verglich  er  das  Christentum
mit  einer  ansteckenden  Krankheit,  bald  nannte  er  es  eine  Wohltat  für  die
leidende  Menschheit.  In  Luther  sah  er  nur  den  Helden  des  strengen
Spiritualismus  —  in  ihm,  der  doch  gerade  die  Weltbejahung  auf  dem
Boden  des  Christentums  erneuert,  dem  Staate,  dem  Hause,  aller  red—
lichen  irdischen  Arbeit  ihre  sittliche  Berechtigung  wiedergegeben  hat.  Ebenso
oberflächlich  betrachtete  er  die  deutsche  Philosophie  lediglich  als  eine  Macht
der  Zerstörung  und  Zersetzung;  also  konnte  er  leicht  zu  dem  erwünschten
Schlusse  gelangen,  daß  der  Pantheismus  die  verborgene  Religion  unseres
Volkes  sei,  und  die  Deutschen  demnächst,  nach  Vollendung  ihrer  Philo—
sophie,  gleich  den  Franzosen  „ihre  Revolution  ausarbeiten“  würden.  Die
sittliche  Strenge  der  Pflichtenlehre  Kants  verstand  er  ebensowenig  wie  die
erhaltenden,  aufbauenden  Gedanken  der  Schelling-Hegelschen  Geschichts—
philosophie,  und  von  dem  stillen  Wachstum  der  kirchlichen  Frömmigkeit,
das  dem  übermute  des  philosophischen  Radikalismus  als  notwendiger
Rückschlag  folgte,  ahnte  er  gar  nichts.  Wie  leer,  öde,  langweilig  erschien
doch  diese  neue  Form  des  Unglaubens!  Die  alte  Aufklärung  glaubte  noch
an  den  ewigen  Fortschritt  der  Menschheit,  sie  hoffte  noch  auf  einen  Tag
des  Lichtes;  die  moderne  Lehre  der  Verklärung  des  Fleisches  verhöhnte  alles,
was  Menschen  menschlich  aneinander  bindet,  und  schließlich  blieb  ihr  nichts
mehr  übrig  als  der  souveräne  Einzelmensch,  der  sich  nach  Belieben  im
Genusse  ungezählter  Grisetten  und  Trüffelpasteten  ergehen  konnte.

In  seinen  Kunstberichten  besprach  Heine  die  Ausstellungen  des  Pariser
„Salons“  mit  feinem  Verständnis;  er  lenkte  die  Blicke  der  Deutschen  zu—
erst  auf  die  farbenfrohe  Malerei  der  Franzosen,  und  manches  der  neuen
Gemälde  begeisterte  ihn  zu  schönen,  hochpoetischen  Schilderungen.  Doch
überall  drängte  sich  sein  Ich  anmaßend  und  gefallsüchtig  vor;  seine  besten
Arbeiten  verdarb  er  sich  durch  Zoten  oder  Lästerungen,  durch  politische
Kannegießerei  oder  unflätige  Ausfälle  auf  seine  literarischen  Gegner,  die
        <pb n="430" />
        422  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

er  mit  der  ganzen  Unersättlichkeit  jüdischen  Hasses  bis  über  das  Grab
hinaus  verfolgte.  Eben  jetzt  befand  sich  die  französische  Literatur  in  trüber
Gärung,  auf  die  kurze  schöne  Blütezeit  der  Restauration  folgte  ein  jäher
Verfall.  Der  Kampf  des  Tages  riß  alle  guten  Köpfe  in  seine  Strudel;
zu  reinem  künstlerischem  Schaffen  vermochte  in  der  allgemeinen  Hast  fast
niemand  mehr  sich  zu  sammeln,  unter  unzähligen  lärmenden  Mittelmäßigkeiten
  brachte  die  neue  Zeit  nur  einen  einzigen  starken  Dichtergeist
hervor,  die  George  Sand.  Die  klassische  Formenschönheit  des  Zeitalters
Ludwigs  XIV.  wurzelte  sehr  tief  in  den  Gefühlen  und  üÜberlieferungen
der  Nation;  darum  führte  der  Kampf  wider  die  akademischen  Regeln  hier
nicht,  wie  vormals  in  Deutschland,  zu  einem  neuen  freieren  Idealismus,
sondern  zur  Auflösung  aller  Kunstformen,  zur  Zersetzung  aller  Ideale.
Die  französische  Romantik  ging  in  einem  wüsten  sozialen  Radikalismus  zu
Grunde.  Sinnlich,  unklar,  weichlich,  setzte  sie  das  Obszöne  und  Gräßliche
an  die  Stelle  der  Leidenschaft,  sie  bekämpfte  den  Staat,  die  Gesellschaft,
die  Ehe,  sie  wühlte  in  Blut  und  Kot,  sie  schwelgte  bald  in  begehrlichen
Träumen,  bald  in  dem  Weltschmerz  der  Übersättigung  und  vermochte
gleichwohl  nichts  Neues  zu  schaffen.  Nur  im  Widerspruche  gegen  die  bestehende
  Ordnung  fand  sich  die  Willkür  dieses  zügellosen  Subjektivismus
zusammen;  seit  Beranger  und  Chateaubriand  ihre  neue  Freundschaft
schlossen,  gehörten  die  literarischen  Talente  fortan  allesamt  der  Opposition.

Ohne  Widerstand  überließ  sich  Heines  empfänglicher,  unselbständiger
Geist  allen  den  verworrenen  Gedanken,  welche  dieser  fieberisch  erregten,
und  doch  altersschwachen,  epigonenhaften  Literatur  entströmten.  Begierig
schlürfte  er  den  Schaum  von  jedem  Pariser  Feuertranke;  sogar  die  sozialistischen
  Hirngespinste  des  Vaters  Enfantin  begeisterten  ihn  eine  Zeitlang,
  bis  ihn  der  ästhetische  Widerwille  des  Dichters  und  des  Weltkindes
von  dem  „ganz  kommunen,  feigenblattlosen  Kommunismus“  wieder  abzog.
Von  dauernden  Ergebnissen  ließ  diese  zerfahrene  Schriftstellerei  nichts  zurück
  als  einige  schöne  Lieder  und  eine  Masse  teils  guter,  teils  gemeiner
Witze;  jedoch  ihre  augenblickliche  Wirksamkeit  war  ungeheuer.  Heine  wurde,
die  Franzosen  selbst  überflügelnd,  der  Meister  des  europäischen  Feuilletonstils,
  der  Bannerträger  jener  journalistischen  Frechheit,  die  alle  Höhen  und
Tiefen  des  Menschenlebens  mit  einigen  flüchtigen  Einfällen  abtat.  Seine
internationalen  Stammgenossen,  die  überall  schon,  vorerst  noch  vorsichtig
in  zweiter  Reihe,  ihre  Zeitungsgeschäfte  aufschlugen,  verherrlichten  ihn
darum  über  alles  Maß  hinaus.  Man  nannte  ihn  den  anderen  Aristophanes,
  den  ungezogenen  Liebling  der  Grazien,  und  vergaß  nur  den  handgreiflichen
  Unterschied,  daß  die  aristophanische  Ausgelassenheit  der  Überkraft
  eines  schöpferischen  Genius  entsprang,  die  Ungezogenheit  Heines  dem
künstlerischen  Unvermögen  eines  kleineren  Geistes,  der  nichts  Mächtiges
schaffen  konnte  und  sich  durch  spöttischen  übermut  selber  trösten  mußte.

Seine  verlassenen  Landsleute  betörte  Heine  durch  jenen  Zauber  des
        <pb n="431" />
        Der  neue  Feuilletonstil.  423

Fremdartigen,  dem  die  weitherzige  deutsche  Natur  so  selten  widersteht.  So—
lange  die  Deutschen  dichteten,  hatte  sich  ihnen  die  schöne  Form  immer  erst
aus  dem  reichen  Inhalt  ergeben,  und  wie  viele  unserer  großen  Dichter
waren  nie  dazu  gelangt,  für  ihre  hohen  Gedanken  die  rechte  künstlerische
Form  zu  finden.  In  Heine  erschien  uns  zum  ersten  Male  ein  Virtuos
der  Form,  der  nach  dem  Inhalt  seiner  Worte  gar  nicht  fragte.  Er  rühmte
sich  seiner  „göttlichen  Prosa“,  einer  Prosa,  welche  freilich,  weil  sie  ständig
nach  dem  Effekt  haschte,  mit  den  Jahren  immer  manierierter  wurde,  aber
die  sorgsame  Feilung  nie  vermissen  ließ.  Durch  diesen  gesucht  nachläs—
sigen,  schillernden,  flunkernden  Stil  suchte  er  seinen  Lesern  alles,  gleich—
viel  was,  mundgerecht  zu  machen.  Er  besaß,  was  die  Juden  mit  den
Franzosen  gemein  haben,  die  Anmut  des  Lasters,  die  auch  das  Nieder—
trächtige  und  Ekelhafte  auf  einen  Augenblick  verlockend  erscheinen  läßt,  die
geschickte  Mache,  die  aus  niedlichen  Riens  noch  einen  wohlklingenden  Satz
zu  bilden  vermag,  und  vor  allem  jenen  von  Goethe  so  oft  verurteilten
unfruchtbaren  Esprit,  der  mit  den  Dingen  spielt,  ohne  sie  zu  beherrschen.
Das  alles  war  undeutsch  von  Grund  aus.  Geboren  in  Kämpfen  des
Gewissens,  war  die  Sprache  Martin  Luthers  allezeit  die  Sprache  des
Freimuts  und  des  wahrhaftigen  Gemütes  geblieben;  sie  nannte  die
Sünde  Sünde,  das  Nichts  ein  Nichts,  und  Goethe  erwies  sich  wieder  ein—
mal  als  der  Herzenskündiger  seines  Volkes,  da  er  sagte:  „Im  Deutschen
lügt  man,  wenn  man  höflich  ist.“  Aber  gerade  weil  die  Deutschen  fühl—
ten,  daß  sie  in  den  Künsten  des  Pikanten  und  Scharmanten  mit  dem  ge—
wandten  Juden  nicht  wetteifern  konnten,  ließen  sie  sich  von  ihm  blenden,
sie  hielten  für  künstlerischen  Zauber,  was  im  Grunde  nur  der  prickelnde
Reiz  der  Neuheit  war.

Es  währte  lange,  bis  sie  sich  eingestanden,  daß  deutschen  Herzen  bei
Heines  Witzen  nie  recht  wohl  wurde.  War  er  doch  schlechthin  der  ein—
zige  unserer  Lyriker,  der  niemals  ein  Trinklied  gedichtet  hat;  sein  Himmel
hing  voll  von  Mandeltorten,  Goldbörsen  und  Straßendirnen,  nach  Germanenart
  zu  zechen  vermochte  der  Orientale  nicht.  Es  währte  noch  länger,
  bis  man  entdeckte,  daß  Heines  Esprit  keineswegs  Geist  war  im  deutschen
  Sinne.  Überall,  wo  er  ernsthaft  redete,  ward  er  als  ein  falscher
Prophet  erfunden;  was  er  für  tot  hielt,  lebte,  was  er  lebendig  nannte,
war  tot.  Von  den  wahren  Zeichen  der  Zeit,  welche  Thomas  Carlyle
damals  schon  in  seinem  tiefsinnigen  Buche  über  die  französische  Revolution
  klar  erkannte,  von  Frankreichs  Verfall  und  dem  stillen  Erstarken  des
preußischen  Deutschlands  ahnte  Heine  nichts.  Dann  vergingen  wieder
Jahre,  bis  man  endlich  lernte,  die  flüchtige  Zeitungsliteratur  nach  ihrem
wirklichen  Werte  zu  schätzen;  Heines  Ruhm  schrumpfte  zusammen,  seit
die  Welt  sich  gewöhnte,  das  Feuilleton  nur  zu  durchblättern,  seine  Eintagsgedanken
  auch  an  einem  Tage  zu  vergessen.

Für  die  zeitgenössischen  Dichter  aber  ward  das  Beispiel  des  gefeierten
        <pb n="432" />
        424  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Pariser  Feuilletonisten  verderblich.  Schon  Lord  Byron  hatte  durch  die
geniale  Willkür  seiner  Abschweifungen  und  Beschreibungen  die  Reinhceit  der
Kunstformen  oft  gefährdet;  doch  er  schrieb  noch  in  Versen,  in  Versen  von
wunderbarer  Schönheit,  so  daß  der  Adel  der  Poesie  niemals  ganz  verloren
ging.  Erst  Heine  zerstörte  durch  seinen  Feuilletonstil  gänzlich  die  Schranken,
welche  Poesie  und  Prosa  ewig  trennen  werden.  Er  behing  den  nüchternen
Stoff  seiner  Kunsturteile  und  Stimmungsberichte,  seiner  literarischen  und
politischen  Erörterungen  mit  allerhand  Flittern  und  Floskeln,  die  nicht  poetisch
  waren,  aber  poetisch  wirken  sollten.  Darum  beehrte  ihn  sein  Bewunderer
  Arnold  Ruge  mit  dem  lächerlichen  Namen  eines  „kritischen  Dichters“.
Seine  Prosa  schritt  nicht  auf  gerader  Bahn  dem  Ziele  zu,  sondern  schlenderte
  tändelnd  und  Blumen  suchend  seitab  vom  Wege  dahin.  Vor  Zeiten,
  solange  die  akademischen  Regeln  herrschten,  wurde  die  Dichtung  von
der  Prosa  geknechtet  und  hieß  bei  den  Franzosen  nur  „die  schönste  Gattung
  der  Prosa“.  Seitdem  hatte  in  Deutschland  die  Poesie  längst  auf
eigenen  Füßen  stehen  gelernt  und  auch  die  ungebundene  Rede  schon  so
viel  geschmeidige  Kraft  gewonnen,  daß  sie  sich,  sobald  sie  Gestalten  bildete,
neue,  bisher  unerhörte  Kühnheiten  erlauben  durfte.  Was  Heine  schuf,  war
aber  nicht  die  berechtigte  poetische  Prosa  des  Romans  oder  der  Novelle,
sondern  ein  krankhafter  Zwitterstil,  weder  Fisch  noch  Fleisch:  prosaischer
Stoff  erschien  in  prosaischer  Form  und  erhob  doch  den  Anspruch,  als
freies  Kunstwerk  genossen  zu  werden.  Kein  Wunder,  daß  dem  kritischen
Dichter,  der  in  seiner  Eigenart  doch  unerreichbar  blieb,  bald  in  langer
Reihe  poetische  Kritiker  folgten,  die  sich  einbildeten  Künstler  zu  sein,  weil
sie  einige  Beutestücke  aus  dem  reichen  Bilderschatze  deutscher  Dichtung  in
ihre  Urteile  verwebten.  Manches  schöne  Talent  verdarb  in  dieser  schillernden
  Prosa  und  entfremdete  sich  gänzlich  dem  Wohllaut  des  Verses.

Während  Heine  die  wechselnden  Eindrücke  des  Pariser  Lebens  zu
eleganter  Formenspielerei  verwertete,  redete  Börne  in  seinen  Pariser
Briefen  als  starrer  Fanatiker;  er  konnte  keine  neue  Oper,  keinen  der  leichten
  Romane  Paul  de  Kocks  besprechen,  ohne  gesinnungstüchtig  zu  poltern.
Wie  Heine  den  sozialen,  so  vertrat  Börne  den  politischen  Radikalismus.
Irgendein  bestimmtes  Ziel  verfolgte  auch  er  nicht.  Er  schmähte  nur  auf
alles,  was  in  Deutschland  bestand,  und  schwärmte  im  allgemeinen  für  „die
Menschenrechte“,  die  über  jedem  Gesetze  stehen  sollten.  Ließ  er  sich  einmal
herbei,  seinen  Lesern  etwas  Tatsächliches  zu  bieten,  so  zeigte  er  sich  kindlich
  urteilslos;  mehrere  der  apokryphen  Aktenstücke  aus  dem  Archive  des
Bundestags,  an  denen  sich  nachher  jahrelang  die  liberale  Legende  nährte,
wurden  zuerst  in  seinen  Pariser  Briefen  veröffentlicht.  Da  er  immer  auf
demselben  Flecke  blieb  und  schlechterdings  nichts  Neues  mehr  zu  sagen
wußte,  so  mußte  er  ein  gellendes  Geschrei  anstimmen.  „Türken,  Spanier,
Juden“,  so  rief  er,  „sind  der  Freiheit  viel  näher  als  die  Deutschen.  Sie
sind  Sklaven,  sie  werden  einmal  ihre  Ketten  brechen,  und  dann  sind  sie
        <pb n="433" />
        Börnes  Pariser  Briefe.  425

frei.  Der  Deutsche  aber  ist  geborener  Bedienter;  er  könnte  frei  sein,  aber
er  will  es  nicht.“  Sein  alter  Grimm  gegen  Goethe  ward  zur  herostratischen
  Wut:  „tausendmal  lieber  Kotzebues  warme  Tränensuppen  als
Goethes  gefrorener  Wein.“  Er  trieb  es  so  arg,  daß  Karl  Simrock,  selbst
ein  Liberaler,  ihm  zurufen  mußte,  durch  die  Besudelung  ihres  ersten
Mannes  hoffe  er  wohl,  die  deutsche  Nation  selbst  zu  vernichten:

Ihr  letzter  Halt,  ihr  Stolz  und  Ruhm  wie  keiner,

Wär  '  der  nicht  mehr,  zerstöbe  die  Canaille.

Börne  bekannte  sich  zu  der  neuen  radikalen  Heilslehre,  daß  die  Weltgeschichte
  in  diesem  aufgeklärten  Jahrhundert  plötzlich  ihren  Charakter  verändert
  habe  und  nicht  mehr  durch  große  Menschen,  sondern  durch  die
Vernunft  der  Massen  ihre  Taten  vollende.  Darum  nannte  er  das
moderne,  nach  der  Schablone  gebildete  Frankreich  „die  Weltschule,  die
große  Eisenbahn  der  Freiheit  und  Sittlichkeit“,  und  immer  unbegreiflicher
ward  ihm  Deutschland  mit  der  Fülle  seiner  persönlichen  Kräfte,  seiner
mannigfaltigen  und  doch  einigen  Kultur.  Weil  alle  echte  Bildung  aristokratisch
  ist,  so  bekämpfte  er  unsere  Wissenschaft  als  die  Feindin  der  Freiheit
  und  meinte:  „jede  Universität  macht  das  Land  zehn  Meilen  in  der
Runde  dumm,  wenige  sollen  alles  wissen,  damit  alle  nichts  wissen.“
In  seinem  Stile  wurden  die  fein  ausgeklügelten  Bilder,  die  freilich  immer
nur  aus  dem  Witze,  nicht  aus  der  Anschauung  stammten,  allmählich  seltener;
  an  ihre  Stelle  traten  sinnlose  demagogische  Kraftworte,  wie  „die
saure  Hand  des  ehrlichen  Mannes,  die  bleisüßen  Herzen  und  verbuhlten
Lavendelseelen“  der  Fürstendiener.  Seinem  revolutionären  Ingrimm  behagte
  nur  noch  die  Roheit;  als  ihm  im  Gedränge  des  Hambacher  Festes
seine  Uhr  gestohlen  wurde,  da  schrieb  er  hämisch:  „jetzt  endlich  erwachen
die  Deutschen  zur  Tatkraft,  „Tyrannen,  zittert,  wir  stehlen  auch!“  Zuweilen
  überwältigte  ihn  die  Wut  dermaßen,  daß  er  allen  Anstand  aufgab
  und  in  jene  Sprechweise  fiel,  welche  man  in  seiner  Frankfurter
Heimat  als  „Mauscheln“  zu  bezeichnen  pflegte:  „Ich  habe  keine  Freiheit
hinter  mir  und  darum  keine  vor  mir.  Ich  treibe,  weil  ich  werde  getrieben,
  ich  reize,  weil  ich  werde  gereizt.  Der  Wind  ist  heftig,  der  mich  schüttelt.
  Ist  das  meine  Heftigkeit?  Habe  ich  den  Wind  gemacht?  Kann  ich
ihn  schweigen  heißen?“  In  den  stark  besuchten  Vereinen  der  deutschen
Handwerksburschen  und  Flüchtlinge  entfaltete  er  eine  emsige  Tätigkeit,
und  obwohl  diese  Helden  ihre  Kampflust  vorerst  nur  in  drohenden  Reden
oder  im  Umhertragen  schwarzrotgoldener  Fahnen  betätigten,  so  ward  es
doch  für  die  Zukunft  folgenreich,  daß  nun  bald  in  jeder  deutschen  Mittelstadt
  einige  Geister  oder  Gesellen  hausten,  die  auf  der  Hochschule  des
Demagogentums  an  der  Seine  ihre  Grundsätze  eingesogen  hatten.

Durch  das  beständige  Zetern  und  Spotten  ging  sein  deutsches  Nationalgefühl,
  das  ohnehin  nie  eine  starke,  naturwüchsige  Empfindung  gewesen
war,  ganz  zu  Grunde,  und  er  versank  in  ein  radikoles  Weltbürger-
        <pb n="434" />
        426  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

tum,  das  dem  Landesverrate  sehr  nahe  stand.  Er  gründete  ein  fran—
zösisches  Blatt  La  Balance  und  gestand  hier  offen:  ich  bin  so  viel  Fran—
zose  als  Deutscher,  ich  war  Gott  sei  Dank  nie  ein  Tölpel  des  Patrio—
tismus.  In  französischer  Sprache  verhöhnte  er  die  Deutschen  wegen  ihrer
„National-Eitelkeit“  und  fragte:  „Ist  der  Egoismus  eines  Landes  weniger
ein  Laster  als  der  eines  Menschen?“  Er  bezeugte  den  Franzosen,  sie
hätten  in  drei  Tagen  das  Werk  eines  Jahrhunderts  getan,  die  Deutschen
in  drei  Jahrhunderten  gar  nichts;  sie  besäßen  an  Voltaire  und  Rousseau
große  Geister,  derengleichen  Deutschland  nie  hervorbringen  könne.  Ja,
als  ob  er  sie  zu  einem  Rachekriege  gegen  sein  Geburtsland  herausfordern
wollte,  beteuerte  er  ihnen  feierlich,  die  deutschen  Höfe  hätten  nicht  nur
durch  den  Koalitionskrieg  die  Enthauptung  Ludwigs  XVI.,  sondern  auch
durch  ihre  geheimen  Ratschläge  die  Juli-Ordonnanzen  Karls  X.  verschuldet
  —  eine  freche  Verleumdung,  deren  Nichtigkeit  man  in  Frankreich
  selbst  wohl  kannte.  Zugleich  fuhr  er  fort,  seine  politischen  Gegner
als  hündische  Knechtsseelen  zu  beschimpfen.  Da  die  liberale  Presse  dem
Beispiele  dieses  Gesinnungsterrorismus  gelehrig  folgte,  so  gewöhnte  sich
die  öffentliche  Meinung  bald,  konservative  Grundsätze  für  ein  Zeichen
der  Charakterschwäche  anzusehen,  und  ein  deutscher  Schriftsteller  bedurfte
schon  einigen  Mutes,  wenn  er  seine  monarchische  Gesinnung  offen  aussprach.


Wie  in  Frankreich  alle  Parteien  der  Opposition  sich  zusammenfanden,
so  hieß  auch  Börne  jeden  willkommen,  der  die  Monarchie  bekämpfte.  Soeben
  hatte  Lamennais  in  Rom  Buße  getan  für  die  demokratischen  Sünden
seiner  Zeitschrift  L'Avcenir  und  demütig  die  grimmige  päpstliche  Enzyklika
vom  15.  Aug.  1832  hingenommen,  welche  der  arglosen  Welt  zuerst  unzweideutig
  ankündigte,  daß  der  streitbare  Geist  der  Gegenreformation  im
Vatikan  wieder  erwacht  war.  Da  hieß  es:  „Aus  diesem  stinkenden  Quell
der  Gleichgültigkeit  fließt  die  gleich  irrige  Meinung  oder  vielmehr  der  Wahnsinn,
  daß  man  jedem  Menschen  die  Freiheit  des  Gewissens  zusichern  und
gewähren  müsse.“  Aber  schon  ein  Jahr  nach  seiner  Unterwerfung  konnte
der  heißblütige  Bretone  sich  nicht  mehr  bezwingen  und  schrieb,  zum  Schrecken
seines  milderen  Freundes  Montalembert  „die  Worte  eines  Gläubigen“,  ein
Buch  voll  apokalyptischer  Bilder,  das  mit  flammenden  Worten  die  Kinder
Satans,  die  Könige  bekämpfte:  sie  fluchen  dem  Heiland,  der  die  Freiheit
auf  die  Erde  geführt  hat  und  in  der  Stadt  Gottes  keine  Herrschaft  dulden
will,  sondern  nur  die  wechselseitige  Verpflichtung  aller.  Die  Schrift  stand
durchaus  auf  dem  Boden  katholischer  Weltanschauung,  sie  malte  nur  die
alte  augustinische  Lehre  vom  Gottesstaate  mit  phantastischer  Uberschwenglichkeit
  aus  und  hatte  mit  den  Gedanken  des  ungläubigen  deutschen  Radikalismus
  nicht  mehr  gemein,  als  etwa  die  Werke  Marianas  und  der
jesuitischen  Monarchomachen  mit  den  Staatslehren  der  Hugenotten.  Börne
aber  übersetzte  das  Buch  und  pries  es  den  Deutschen  an;  seine  politische
        <pb n="435" />
        Varnhagens  historische  Schriften.  427

Bildung  reichte  nicht  weit  genug,  um  die  kirchlichen  Grundgedanken  des
radikalen  Franzosen  zu  durchschauen.

Mit  unheimlicher  Geduld  ließen  viele  der  deutschen  Liberalen  die
Schmähungen  Börnes  über  ihr  Vaterland  dahingehen;  da  er  in  wechselnden
Formen  immer  dasselbe  sagte,  so  gewann  er  den  Beifall  aller  jenen  naiven
Seelen,  welche  von  dem  Politiker  nur  verlangten,  daß  er  sein  Glaubens—
bekenntnis  unwandelbar  festhalten  müsse.  Selbst  Rotteck  verzieh  ihm  groß—
mütig  seine  persönlichen  Angriffe  und  hörte  nicht  auf,  die  Überzeugungstreue
  des  Pariser  Tribunen  zu  bewundern.  Indes  fanden  sich  auch  im
liberalen  Lager  Männer  von  festerem  Nationalstolze,  denen  die  jüdische  Selbstverhöhnung
  ebenso  verächtlich  war  wie  die  Betriebsamkeit  des  Schimpfens.
C.  F.  Wurm  in  Hamburg  und  der  junge  Berliner  Dichter  Wilibald  Alexis,
späterhin  auch  Gervinus  und  andere  ernste  Publizisten  traten  gegen  Börne
in  die  Schranken;  sie  wiesen  ihm  nach,  daß  er,  jedes  eigenen  Gedankens
bar,  sich  nur  „in  Gemeinplätzen  wälze“.  Karl  Simrock  verspottete  in
witzigen  Gedichten  das  wohlfeile  Heldentum  des  Freiheitsapostels,  der  aus
sicherer  Ferne  seine  vergifteten  Pfeile  abschieße  und  dabei  nicht  einmal  in
seinem  Geschäfte  Schaden  leide,  da  die  Deutschen  „die  gutmütigen  Toren,
seine  Bücher  dennoch  kaufen“.  Auf  die  Lockrufe  der  revolutionären  Propa—
ganda  erwiderte  der  rheinische  Dichter  stolz:

Götzen  bau'n  wir  nicht  Altäre.

Nur  ein  Spott  der  Fremden  wäre
Freiheit  ohne  Vaterland!  —

Minder  laut  als  Heine  und  Börne,  aber  kaum  minder  erfolgreich  wirkte
der  Kreis  der  Rahel  Varnhagen  für  die  Verbreitung  neufranzösischer  Ideen.
In  seinen  Büchern  sprach  Varnhagen  stets  behutsam  und  unverfänglich.
Er  sammelte  mit  großem  Fleiß,  aber  ohne  jede  Kritik  den  Stoff  für  seine
„Biographischen  Denkmäler“  aus  der  preußischen  Geschichte,  um  dann  als
feierlicher  Erzähler  Wahres  und  Falsches,  Tatsachen  und  Anekdoten  in
wohlabgezirkelten  eintönigen  Perioden  vorzutragen.  Behandelte  er  einen
eleganten  Hofmann,  einen  Besser  oder  Canitz,  dann  gelang  ihm  wohl  ein
sauberes  Bildchen,  fast  ebenso  zierlich  wie  die  schwarzen  Figuren,  die  er
im  Salon  mit  feiner  Schere  aus  dem  Papier  auszuschneiden  pflegte.
Für  das  Eichenholz  heldenhafter  Charaktere  war  seine  Hand  zu  schwach;
die  Gestalten  Blüchers  und  des  alten  Dessauers,  die  sich  ohne  Leidenschaft
und  derben  Humor  gar  nicht  begreifen  lassen,  erschienen  in  Varnhagens
glatter,  geleckter  Darstellung  leblos,  ja  abgeschmackt.  Der  vornehmen  Welt
gefiel  diese  kühle  Weise,  und  Metternich  lobte  den  verunglückten  Diplomaten
als  einen  Meister  des  historischen  Stiles,  wohl  nicht  ohne  die  stille  Absicht,
den  unbequemen  Mann  von  aller  politischen  Tätigkeit  abzuschrecken.  Etwas
deutlicher  verrieten  sich  Varnhagens  liberale  Ansichten  in  den  Hegelschen
„Jahrbüchern“,  die  er,  fast  so  unermüdlich  wie  der  Herausgeber  Eduard
Gans,  mit  kritischen  Aufsätzen  versorgte.
        <pb n="436" />
        428  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Aber  nur  am  Teetisch  seiner  Rahel  war  er  ganz  er  selber.  Hier
unter  Schriftstellern,  Lebemännern,  Diplomaten  außer  Dienst  ließ  er  seiner
bösen  Zunge  freien  Lauf  und  begönnerte,  überall  bewandert,  immer  dienst—
bereit,  die  jungen  Talente.  Hier  entdeckte  Gans,  neben  einer  Menge  neuer
politischer  Ideen,  auch  die  große  ästhetische  Wahrheit:  „die  Taglioni  tanzt
Goethe.“  Hier  war  jeder  verpflichtet,  geistreiche  Einfälle  vorzubringen  und
alles  besser  zu  wissen  als  andere  Leute  —  was  dem  wahren  Berliner  die
Krone  des  Lebens  ist  —  bis  Rahel,  „die  Thyrsusschwingerin  des  Zeit—
gedankens“,  die  Blitze  ihres  Geistes  über  die  weite  Welt  hin  fahren  ließ
und  die  Eingeweihten  zu  verständnisinnigem  Lächeln  begeisterte.  Aus  ihrem
Wesen  redete  der  ruhelose  Weltschmerz  eines  edlen,  aber  tief  unbefriedigten
Frauenherzens,  oder,  wie  sie  selbst  sagte,  „eine  besondere  Melancholie,  ein
Drängen  nach  vorwärts,  eine  Prätension,  ein  Erwarten,  daß  es  angehe.“
Neues,  Unerhörtes  sollte  geschehen.  Mit  dialektischer  Kühnheit  übersprang
sie  alle  die  Schranken,  welche  Natur  und  Geschichte  der  Menschheit  gesetzt
haben;  Vaterland  und  Kirche,  Ehe  und  Eigentum,  alles  erlag  ihrer  zersetzenden
  Kritik.  Warum  sollte  das  Wasser  nicht  auch  einmal  brennen,
das  Feuer  fließen  oder  der  Mann  Kinder  gebären?  „Wenn  Fichtes  Werke
Frau  Fichte  geschrieben  hätte,  wären  sie  schlechter?“  —  mit  diesem  Satze
erwies  sie  siegreich  die  gleiche  Begabung  der  beiden  Geschlechter.  In  der
sittlichen  Welt  ließ  sie  allein  die  Willkür  des  persönlichen  Gefühles  gelten;
sie  fand  es  „fürchterlich“,  daß  manche  eheliche  Kinder  ohne  wahre  Liebe
erzeugt  werden,  und  schloß  daraus  kurzab:  „Jesus  hat  nur  eine  Mutter.
Allen  Kindern  follte  ein  ideeller  Vater  konstituiert  werden,  und  alle  Mütter
so  unschuldig  und  in  Ehren  gehalten  werden  wie  Maria.“  Solche  Einfälle
ließen  sich  ertragen,  wenn  die  gutherzige,  geistvolle  Frau  ein  flüchtiges  Gespräch
  dadurch  belebte;  doch  sie  erlangten  eine  unverdiente  Bedeutung  durch
die  jugendlichen  Zuhörer,  die  schon  bei  ihrem  Hegel  gelernt  hatten,  jedes
sittliche  Gesetz  als  überwundenen  Standpunkt  abzufertigen  und  nun  die
Weisheitssprüche  der  „Mutter  der  jungen  Literatur“  in  ihren  Schriften
verwerteten.

Wilhelm  Humboldt,  der  sich  auch  eine  Zeitlang  an  dem  Zauber
dieser  Gespräche  ergötzte,  fühlte  doch  bald  heraus,  daß  hier  nur  das  anmaßende,
  jeder  Hingebung  an  das  Allgemeine  unfähige  Ich  redete,  und
rief  der  Freundin  zu:

Vertraut  mit  allem,  was  die  Brust  durchwühlet,

Mit  jedem  ird'schen  Tragen  und  Genesen,
Bliebst  sremd  du  dem,  was  überirdisch  bindet.

Nach  Rahels  Tode  veröffentlichte  der  Witwer  (1834)  ihre  Briefe  und
Gespräche  in  einem  „Buche  des  Andenkens“.  Da  standen  denn  in  seltsamem
  Durcheinander  tiefe  Gedanken  und  herzliche  Worte  der  Bewunderung
  für  echte  Männergröße,  aber  leider  auch  schillernder  Unsinn,  hysterische
  Stoßseufzer  und  leere  Wortspiele,  die  nur  durch  den  gezierten  Ausdruck
        <pb n="437" />
        Rahel.  Die  junge  Kritik.  429

auf  den  ersten  Blick  verblüffen  konnten.  Das  unglückliche  Buch  blieb  lange
eine  Fundgrube  für  die  aphoristischen  Halbgedanken  des  Feuilletons.  —

Aus  diesen  Pariser  und  Berliner  Quellen  nährte  sich  eine  neue  Lite—
ratenschule,  welche  von  einem  ihrer  Mitglieder,  Wienbarg,  den  Namen  des
Jungen  Deutschlands  empfing,  obgleich  sie  weder  jugendlich  noch  deutsch
war.  Alle  ihre  Genossen  stammten  aus  Norddeutschland,  aus  dem  ge—
bildeten,  aber  bildlosen  Teile  des  Vaterlandes,  wie  Goethe  zu  sagen  pflegte,
und  in  allen  zeigte  sich  die  Verstandesbildung  ungleich  stärker  als  die  Macht
der  Phantasie.  Auch  bisher  war  jede  Revolution  unserer  Literatur  von
dem  rührigeren  Norden  ausgegangen,  und  immer  hatten  die  neuen  Ideale
erst  durch  die  überlegene  Dichterkraft  der  Oberdeutschen  ihre  Vollendung
erlangt,  das  klassische  Ideal  durch  Schiller  und  Goethe,  das  romantische
durch  Uhland  und  Rückert.  Diesmal  aber  verhielten  sich  Süd=  und  Mitteldeutschland
  erst  gleichgültig,  dann  feindselig;  denn  hier  im  lieben,  warmen
Neste  deutscher  Dichtung  und  Sprachbildung  witterte  man  rasch  heraus,
daß  die  neue  literarische  Bewegung  jüdisch-französischen  Ursprungs  war
und  mithin  unfruchtbar  bleiben  mußte.

Da  die  lyrische  Begabung  den  jungen  Schriftstellern  samt  und  son—
ders  fehlte,  so  machten  sie  aus  der  Not  eine  Tugend  und  behaupteten,  nur
die  Prosa  enthalte  noch  „literarische  Keime"“.  Lebendige  Gestalten  zu  schaffen,
die  ewigen  Empfindungen  des  Menschenherzens  auszusprechen,  überließen
sie  den  ideenlosen  Handwerkern,  die  man  vordem  Künstler  genannt  hatte;
sie  wollten  die  Tendenzen  des  Zeitgeistes  vertreten,  und  es  kam  ihnen  nichts
darauf  an,  ob  sie  ihre  zeitgemäßen  Reflexionen  in  das  Gewand  einer  Novelle,
einer  Reisebeschreibung  einkleideten  oder  die  allein  angemessene  Form  der
Feuilletonplauderei  wählten.  Die  Dichtung  sollte  nicht  mehr  durch  ihre
Ideale  das  Leben  verklären,  sondern  das  Leben  sollte  mit  seinen  endlichen
Zwecken  und  Tageslaunen  die  Poesie  beherrschen.  Daher  sind  auch  die
Schriften  des  Jungen  Deutschlands  bis  auf  die  letzte  Zeile  vergessen  worden,
sobald  die  Geschichte  über  die  Tendenzen  der  dreißiger  Jahre  hinwegschritt.
Die  neuen  Stürmer  und  Dränger  verglichen  sich  gern  mit  Lenz,  Heinse
und  den  anderen  Kraftgenies  aus  den  Tagen  des  Werther;  sie  bemerkten
nicht,  daß  sie  selbst  nur  offene  Türen  einrannten,  da  die  Herrschaft  des
Philistertums  durch  Goethe  längst  gebrochen  war  und  die  neue  Gesellschaft,
wenngleich  sie  noch  zuweilen  einem  Anfalle  zimperlicher  Scheinheiligkeit
unterlag,  doch  in  der  Regel  dem  heißen  Blute  der  Jugend  eine  sehr  duldsame
  Nachsicht  gewährte.  Sie  wähnten,  ihre  „junge  Kritik“  müsse  ebenso
schöpferisch  wirken,  wie  einst  Lessings  kritische  Schriften,  während  diedeutsche
Dichtung  in  ihrer  stolzen  Ungebundenheit  eines  Befreiers  längst  nicht  mehr
bedurfte.  Ihr  Radikalismus  war  erkünstelt,  ohne  Ernst,  ohne  nachhaltige
Leidenschaft;  manches  ihrer  Schlagworte  benutzten  sie  nur  als  einen  Untergrund,
  von  dem  sich  die  Größe  ihres  eigenen,  zerrissenen  Ich  wirksam  abheben
  sollte.
        <pb n="438" />
        430  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Den  Herold  ihres  Ruhmes  spielte  der  Berliner  Journalist  Theodor
Mundt.  Der  heimste  im  Salon  der  Rahel  die  neuen  Gedanken  ein,  besprach
in  den  Dioskuren  und  anderen  kurzlebigen  Zeitschriften  die  Werke  der
jungen  Titanen,  verherrlichte  in  seiner  „Madonna“  das  Recht  der  freien
Liebe,  wiederholte  in  den  „Modernen  Lebenswirren“  die  alten  Börnischen
Witze  über  Hochwohlgeboren,  über  den  Zeitpolypen,  über  Kleinweltwinkel,
und  erwies  in  einer  langweiligen  Schrift  über  die  Einheit  Deutschlands,
daß  große  Monarchen  fortan  weder  möglich  noch  nötig  seien,  da  die  konstitutionelle
  Monarchie  das  Königtum  „physiognomielos“  mache  und  mithin
nur  den  Durchgang  zur  Republik  bilde.  Geistreicher  klangen  die  „Asthetischen
  Feldzüge“  und  die  anderen  kleineren  kritischen  Aufsätze  des  Holsten
Ludolf  Wienbarg.  Sinnlichkeit  und  Verstand  betrachtete  er  als  die  Mächte
der  neuen  Zeit;  nachdem  Luther  den  Verstand  befreit,  sollten  nunmehr
auch  die  Sinne  zu  ihrem  Rechte  kommen.  Darum  blieb  den  modernen
„Destinsschriftstellern“  vorbehalten,  die  Dichtung  ganz  mit  der  Wirklichkeit
zu  erfüllen:  „Poesie  und  Leben  sind  Inseparabeln,  das  Weibchen  härmt
sich  zu  Tode,  wenn  das  Männchen  von  ihm  getrennt.“  Dazu  Aufklärung
und  Weltbürgertum  im  Überschwang,  denn  „Pantheismus  und  Panzivismus
  wachsen  auf  einem  Stiel“.  Weder  Mundt  noch  Wienbarg  vermochte
  zu  wachsen;  jenem  fehlte  die  Begabung,  diesem  der  Fleiß.

Mehr  Lebenskraft  besaß  Heinrich  Laube;  er  brachte  etwas  schlesische
Munterkeit  in  die  blasierte  Berliner  Schriftstellerwelt.  Leider  trat  er  zu  früh
auf  den  literarischen  Markt  hinaus,  und  da  er  noch  nichts  Eigenes  bieten
konnte,  so  mußte  er  durch  Peitschenknallen  und  burschikose  Großsprecherei
Aufsehen  erregen.  In  seinem  „neuen  Jahrhundert“  versuchte  er  „alles  mögliche
  und  unmögliche  dem  Maßstabe  des  Liberalismus  anzuzwingen“  —  so
gestand  er  späterhin  als  gereifter  Mann:  er  feierte  Rotteck  als  deutschen
Lafayette,  erklärte  die  Vernunft  für  die  Grundlage  der  liberalen  Weltanschauung,
  für  die  oberste  aller  Rechtsquellen  und  bewunderte  die  polnische
Freiheit  mit  einer  Unschuld,  die  einem  Schlesier  wunderlich  anstand.  Auch
„das  junge  Europa“  enthielt  nur  Feuilleton-Betrachtungen;  er  gab  ihnen  jedoch,
  wic  er  selbst  sagt,  „eine  Roman-Physiognomie“,  und  bei  den  mehr
aufrichtigen  als  anmutigen  Schilderungen  der  freien  Liebe  konnten  jugendliche
  Leser  wohl  glauben,  daß  sie  eine  Dichtung  vor  sich  hätten.  Von
künstlerischer  Schönheit  war  nichts  darin;  nur  der  gesunde  Menschenverstand,
  der  zuweilen  durchbrach,  ließ  erraten,  daß  der  junge  Poet  dieser
vorlauten  Prahlereien  bald  müde  werden  würde.  Über  Gaoethe  sprach
Laube  mit  Bewunderung,  aber  auch  mit  dem  Gefühle  der  Überlegenheit;
denn  das  stand  dem  Jungen  Deutschland  fest,  daß  die  neue  Literatur
über  den  alten  genußsüchtigen  Fürstendiener  unendlich  weit  hinausschreiten
müsse:  „Solange  Goethes  Zeit  klein  war,  war  er  groß;  als  sie  groß
wurde,  war  er  klein.  Vielleicht  wird  aus  seinem  Sarge  die  Freiheit  steigen.
Mit  allen  Jungfrauen  hat  er  gekost,  aber  mit  dieser  schönsten  nimmer.“
        <pb n="439" />
        Gutzkow  und  Schleiermacher.  431

Noch  früher,  als  Laube,  schon  mit  einundzwanzig  Jahren,  versuchte
sich  Karl  Gutzkow  in  der  Schriftstellerei,  ein  echter  Berliner,  der  Natur
entfremdet,  ganz  Verstand,  ganz  Bildung,  so  daß  selbst  seine  Leidenschaft
einen  doktrinären  Zug  zeigte.  Wie  ernstlich  er  sich  auch  späterhin  bemühte
zu  schauen,  zu  erleben,  zu  empfinden,  sein  Tagelang  hing  es  ihm  nach,
daß  er  in  dieser  Großstadt  aufgewachsen  war,  wo  selbst  der  Pöbel  kein
ärgeres  Schimpfwort  kannte  als  den  Namen  „ungebildeter  Mensch“,  wo
die  Kinder  sich  frühe  schon  in  den  Tierbuden  ihrer  eigenen  Affenähnlichkeit
bewußt  wurden,  aber  selten  oder  niemals  eine  deutsche  Rinderherde  zu
Gesicht  bekamen.  Immer  mußte  er  geistreich  sein,  einen  einfachen  Ge—
danken  einfach  auszudrücken,  war  ihm  unmöglich.  Er  glühte  von  Ruhm—
sucht,  die  Erfolge  anderer  wurmten  ihn  tief,  und  Fernstehende  konnten
den  nervösen,  im  Grunde  gutmütigen  Mann  leicht  für  einen  bösen  Neidhart
  halten.  In  rascher  Folge  erschienen  eine  Reihe  von  Novellen,  alle
arm  an  Gestalten  und  überfüllt  mit  weltschmerzlichen  Betrachtungen;  dann
die  Briefe  eines  Narren  an  eine  Närrin,  eine  Gefühlsspielerei  in  Jean
Pauls  schwülstigem  Stile,  nur  ohne  dessen  Gemütlichkeit;  dann  Nero,
ein  formloses  Drama,  das  angeblich  „den  bis  auf  unsere  Tage  noch  unentschiedenen
  Kampf  des  Schönen  mit  dem  Guten“  darstellen  sollte,  aber
nur  verworrene  starkgeistige  Reden  oder  frostige  Späße  vorbrachte  und
nicht  einmal  durch  die  Schilderung  des  Cäsarenwahnsinns  ein  Gefühl  des
Grauens  erweckte.

Erst  durch  einen  großen  literarischen  Skandal  drang  Gutzkows  Name
in  weitere  Kreise.  Die  beiden  heißen  wonnigen  Weinjahre  34  und  35
sollten  unserer  Literatur  schwere  Stürme  bringen.  Im  Herbst  1834  starb
Schleiermacher.  Die  Kirche  klagte  um  ihren  großen  Lehrer,  und  wer  die
stille  Tragik  eines  Denkerlebens  zu  begreifen  vermochte,  blickte  tief  erschüttert
  zurück  auf  die  Laufbahn  dieses  Mannes,  der  nur  darum  die  beladenen
  Herzen  so  mächtig  hatte  trösten  können,  weil  er  selbst  so  schwer
gelitten,  den  ewigen  Schicksalsmächten  so  nahe  gestanden  hatte.  Wie
wunderbar  hatte  Gott  ihn  geführt!  Wie  viele  Kämpfe,  bis  dieser  Scheue
seinen  Widerwillen  gegen  alles  öffentliche  Wirken  überwand  und  dann
eine  Macht  ward  in  seinem  Volke;  wie  viele  Irrungen  des  Gefühls,  wie
viele  Enttäuschungen,  mühsam  verborgen  unter  scharfem  Witze,  bis  dieses
reiche  Herz,  das  alle  seine  Wurzeln  und  Blätter  nach  Liebe  ausstreckte,
mit  dem  gebrechlichen,  mißgestalteten  Körper  sich  vertragen  lernte  und
endlich  doch  in  einer  reinen  Neigung  seinen  Frieden  fand;  wie  viele  Zweifel,
bis  sich  ihm  das  Gefühl  der  Abhängigkeit  von  Gott  zu  dem  frohen  Bewußtsein
  der  Zugehörigkeit,  der  Gotteskindschaft  steigerte,  bis  der  kühne
Forscher  sich  mit  seiner  Kirche  ganz  einig  wußte  und  auf  dem  Todesbette,
nach  seinem  evangelischen  Rechte,  sich  selber  und  den  Seinigen  das  Abendmahl
  spendete.

Und  an  diesem  Grabe,  vor  dem  selbst  Varnhagen  in  Ehrfurcht  stand,
        <pb n="440" />
        432  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

wagte  Gutzkows  jugendlicher  Vorwitz  eine  Leichenschändung.  Um  die  salbungsvollen
  Klagen  der  Theologen  zu  verhöhnen,  ließ  er  plötzlich,  gänzlich
  unbefugt,  die  längst  vergessene  schwächste  Schrift  des  Toten  wieder
erscheinen,  die  einzige,  die  ihres  Verfassers  nicht  würdig  war,  die  vertrauten
  Briefe  über  Friedrich  Schlegels  Lucinde  aus  dem  Jahre  1800.-)
Schleiermacher  hatte  sie  einst  niedergeschrieben,  weil  er  seinem  bedrängten
  Freunde  Schlegel  gegen  die  Angriffe  der  platten  Moralisten  zu  Hilfe
kommen  wollte;  und  schon  während  des  Schreibens  war  ihm  nicht  wohl
zu  Mute  gewesen.  Diese  Mystik  der  Liebe,  die  wohl  manches  holde
Geheimnis  enträtselte,  aber  auch  manches  unzart  entweihte,  stammte
nicht  aus  der  Naturgewalt  einer  starken  Leidenschaft,  sondern  aus  der
halb  unbewußten  Sophisterei  einer  überbildeten,  fremdem  Gefühle  nachgehenden
  Empfindung.  Als  Schleiermacher  späterhin  der  Romantik  entwuchs,
  lernte  er  bald  einsehen,  wie  unmöglich  es  ist,  die  sittlichen  Gesetze
  der  Gesellschaft  allein  aus  der  Idee  der  Persönlichkeit  heraus  zu
gestalten.  Doch  gerade  diese  subjektive  Willkür  des  jugendlichen  Romantikers
  behagte  den  Jungdeutschen,  wie  sie  ja  fast  überall  nur  alte  Irrtümer
in  neuer  Gestalt  vorzubringen  wußten.  Seine  warme  Verteidigung  der
Sinnlichkeit  bot  ihren  lüsternen  Mäulern  süße  Schnabelweide,  und  Gutzkow
vergröberte  sie  zu  jener  „geistlosen  und  unwürdigen  Libertinage“,  welche
der  junge  Schleiermacher  selbst  ausdrücklich  abgewiesen  hatte.  Er  mißbrauchte
  den  reinen  Namen  des  Theologen,  um  in  einer  langen  Einleitung
kurzab  die  Unzucht  und  die  Gottlosigkeit  zu  predigen:  „Nicht  wahr,  Rosalie?
  Erst  seitdem  du  Sporen  trägst  an  deinen  seidenen  Stiefelchen,
weißt  du,  was  es  heißt:  ich  liebe  dich  ..  Komm  her,  Franz!  Wer  ist
Gott?  Du  weißt  es  nicht?  Unschuldiger  Atheist,  philosophisches  Kind!
Ach  hätte  die  Welt  nie  von  Gott  gewußt,  sie  würde  glücklicher  sein  !“  Und
mit  diesem  läppischen  Gerede  wähnte  er  wirklich  eine  befreiende  Tat
zu  vollziehen.  „Meine  Zähne  umschließen  die  deutschesten  Laute“,  rief  er
feierlich,  „ich  glaube  an  die  Reformation  der  Liebe  wie  an  jede  soziale  Frage
des  Jahrhunderts“,  und  mit  Jubel  hießen  die  Genossen  diesen  sonderbaren
Reformator,  der  an  alle  Fragen  glaubte,  willkommen.  Wienbarg  schrieb
entzückt:  „Das  schönste  und  geistreichste  Kind  von  Schleiermacher  war  bisher
verstoßen  und  verleumdet,  weil  es  ein  Kind  der  Liebe  war  und  nicht  einmal
  seines  Vaters  Namen  trug.“

Gelesen  wurden  die  Schriften  des  Jungen  Deutschlands  wenig,  um
so  mehr  besprochen;  und  dies  war  schon  ein  Erfolg,  da  die  moderne  Gesellschaft
  sich  verpflichtet  glaubt,  über  alles  was  sie  kennt  oder  nicht  kennt,
mitzureden,  also  den  gemachten  Ruhm  leichtgläubig  hinnimmt.  Mit  den
Ideen  der  neuen  Pariser  Literatur  drangen  auch  ihre  betriebsamen  Geschäftsgewohnheiten,
  alle  schlechten  Künste  gegenseitiger  Lobpreisung  über

 

*)  S.  o.  I.  206.
        <pb n="441" />
        Jungdeutsche  Fremdbrüderlichkeit.  433

den  Rhein.  Umsonst  verspottete  Scribe  diese  Unsitten  in  seinem  feinen
Lustspiele  La  Camaraderie;  sie  wurden  den  Franzosen  unentbehrlich,  zu—
mal  seit  die  Zeitungen,  nach  dem  Vorbilde  von  Girardins  Tageblatt  La
Presse,  rein  demokratische  Formen  annahmen,  durch  wohlfeile  Preise  und
zahlreiche  Geschäftsanzeigen  sich  massenhaften  Absatz  zu  sichern  lernten.
Soweit  es  unsere  bescheidenen  Verhältnisse  gestatteten,  wußte  auch  das
Junge  Deutschland  für  den  Eintagsruf  seiner  Leute  zu  sorgen.  Mit  Pauken
und  Trompeten  wurde  der  junge  Gutzkow  durch  Wienbarg  der  Nation
vorgeführt,  er,  „der  geniale  Verfasser  des  Maha  Guru,  der  das  epoche—
machende  Literaturblatt  zum  Phönix  schreibt,  der  jugendliche  Templer,  der
kühnste  Soldat  der  Freiheit  und  der  anmutigste  Priester  der  Liebe,  den
Deutschlands  Boden  trägt“.  Kaum  minder  lächerlich  klang  es,  wenn
Heine  den  lärmenden  jungen  Laube  wegen  seiner  „weitaustönenden  Ruhe
und  selbstbewußten  Größe“  pries.  Auch  manche  kleine  Leute,  die  nur  im
Trosse  des  Jungen  Deutschlands  mitliefen,  schossen  unter  dem  befruchtenden
  Regen  dieses  wechselseitigen  Selbstlobes  plötzlich  zu  literarischer  Größe
auf.  Da  lebte  in  Leipzig  der  Herausgeber  der  Europa,  Gustav  Kühne,
ein  harmloser  Mann,  als  Schriftsteller  so  trocken,  daß  der  Leipziger  Student,
  wenn  er  sich  langweilte,  zu  sagen  pflegte  „es  kühnelt  mich“;  in  seinem
wohlgeordneten  Hause  fanden  aber  die  jungen  Literaten  gastliche  Aufnahme,
darum  priesen  sie  ihn  als  deutschen  Dichter,  und  noch  heute  wandert  sein
Name  als  eisernes  Inventar  aus  einem  literarhistorischen  Handbuch  in
das  andere  hinüber,  obgleich  niemand  seine  Werke  kennt.

Welch  ein  Abstand  zwischen  den  Teutonen  Jahns  und  dieser  neuen
literarischen  Jugend.  Dort  alles  Kraft  bis  zur  Roheit,  hier  ein  gesuchtes
  und  geziertes  Wesen,  dort  Glaube,  hier  Spott,  und  statt  des  vaterländischen
  Übereifers  der  Sprachreiniger  eine  zur  Schau  getragene  Sprachmengerei,
  die  selbst  das  Welschen  der  süddeutschen  Kammerredner  noch
überbot.  Die  gewaltige  Aneignungsfähigkeit  unserer  Sprache  war  von
jeher  ein  Zeichen  unserer  Stärke,  weil  der  Germane  als  geborener  Eroberer
  sein  Eigentum  nimmt,  wo  er  es  findet;  aber  sie  ist  auch,  wie  jede
große  Begabung,  oft  sündlich  mißbraucht  worden,  und  niemals  frevelhafter
als  in  diesen  Tagen.  Lediglich  aus  Eitelkeit,  weil  sie  alles  Französische
für  vornehmer  hielten  und  sich  den  Anschein  geben  wollten,  in  Paris  zu
Hause  zu  sein,  beluden  die  Schriftsteller  des  Jungen  Deutschlands  ihren
ohnehin  verkünstelten  Stil  noch  mit  einer  Masse  geschmackloser  welscher
Prachtwörter.  Als  Wienbarg  ein  neues  Bändchen  herausgab,  verkündigte
er  erhaben,  er  stelle  sein  „kritisches  Wirken  unter  die  Reverbere  des  Buchhandels“.


Dies  arge  Beispiel  verdarb  den  deutschen  Zeitungsstil  um  so  gründlicher,
  da  der  junge  Nachwuchs  der  T  Tagesschriftsteller  schon  zum  Teil
aus  Juden  bestand,  denen  das  Sprachgefühl  fast  immer  abging.  Wie
gewaltig  war  doch  die  Macht  des  Judentums  in  wenigen  Jahren  gev.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  28
        <pb n="442" />
        434  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

stiegen!  Börne  und  Heine,  Eduard  Gans  und  die  Rahel  gaben  den  Ton
an  im  Jungen  Deutschland,  dazu  als  Fünfter  etwa  noch  Dr.  Zacharias
Löwenthal,  der  betriebsame  Verleger  in  Mannheim.  Das  Weltbürger—
tum  und  der  Christenhaß,  der  ätzende  Hohn  und  die  Sprachverderbnis,
die  Gleichgültigkeit  gegen  die  Größe  der  vaterländischen  Geschichte  —  alles
war  jüdisch  in  dieser  Bewegung,  obgleich  das  Junge  Deutschland  niemals
eine  geschlossene  Schule  bildete,  Börne  mit  der  Mehrzahl  seiner  deutschen
Nachahmer  nicht  einmal  brieflich  verkehrte  und  Gutzkow  die  Juden  zum
mindesten  nicht  liebte.  Wohl  war  die  Zahl  der  orientalischen  Chorführer
nicht  groß,  aber  der  Jude  besitzt  bekanntlich  die  rätselhafte  Gabe,  sich  zu
vervielfältigen;  wer  in  einer  engen  Gasse  zwanzig  Juden  vor  den  Türen
stehen  sieht,  schwört  darauf,  es  müßten  ihrer  hundert  sein.  Da  jene  fünf
zudem  ihre  germanische  Gefolgschaft  wirklich  überragten,  so  erlangte  der
jüdische  Geist  für  kurze  Zeit  einen  Einfluß  auf  die  deutsche  Literatur,  wie
seitdem  niemals  wieder.  Wohl  hat  sich  die  Zahl  der  jüdischen  Schrift—
steller  mittlerweile  stark  vermehrt,  aber  sie  gewinnen  nur  dann  noch  die
Achtung  der  Nation,  wenn  sie  ganz  zu  Deutschen  geworden  sind;  der
Ruhm  eines  Heine  war  nur  möglich  in  einem  Geschlechte,  das  über  seinen
fremdbrüderlichen  Träumen  den  uralten  Gegensatz  arischer  und  semitischer
Empfindung  leichtsinnig  vergessen  hatte.  Zu  schaffen  vermochte  dieser  halbjüdische
  Radikalismus  nichts,  jedoch  er  half  die  Grundfesten  von  Staat,
Kirche,  Gesellschaft  aufzulockern,  den  Umsturz  des  Jahres  1848  vorzubereiten;
  deshalb  allein  gebührt  ihm  eine  Stelle  in  der  Geschichte.

Wie  heillos  alle  sittlichen  Begriffe  in  diesen  jungdeutschen  Kreisen  sich
verwirrt  hatten,  das  bekundete  mit  cynischer  Frechheit  Georg  Büchners
Drama:  Dantons  Tod.  Während  die  Polizei  ihm  schon  auf  den  Hacken
saß  wegen  seiner  oberhessischen  Umtriebe  *),  vertiefte  sich  der  junge  Poet
mit  fieberischem  Eifer  in  die  Zeitungen  der  Revolutionsjahre  und  schilderte
dann  in  locker  aneinander  gereihten  dramatischen  Szenen,  getreu  wie  ein
Chronist,  das  Treiben  der  Blutmenschen  des  Konventes  Zug  für  Zug  nach
dem  Leben  —  dies  wiederauferstandene  unverfälschte  Keltentum  der
Druidenzeiten  mit  seiner  Blutleckerei,  seiner  Wollust,  seinem  finsteren
Wahne  und  dem  widrigen  Zusatz  moderner  Blasiertheit.  So  erschreckend
wahr  vermochte  unter  allen  Zeitgenossen  nur  noch  Carlyle  die  Greuel
jener  Tage  darzustellen;  aber  während  der  Schotte  seinen  sittlichen  Ekel
leidenschaftlich  aussprach,  wähnte  der  Deutsche  alles  Ernstes,  die  Revolution
  zu  verherrlichen  durch  ein  Werk,  das  doch  nur  Abscheu  erwecken
konnte.  Wer  mag  sagen,  ob  dieser  begabteste  aller  jungdeutschen  Poeten
seinem  trostlosen  Materialismus  vielleicht  noch  hätte  entwachsen  können?
Büchner  sehnte  sich  nach  künstlerischer  Wahrheit,  er  haßte  die  Phrase,  selbst
das  Pathos  der  Schillerschen  Dichtung  widerstand  ihm,  nur  die  naive

 

*)  S.  o.  IV.  310.
        <pb n="443" />
        Büchner.  Pückler-Muskau.  Ch.  Stieglitz.  435

Innigkeit,  die  verhaltene  Leidenschaft  des  Volkslieds  ließ  er  gelten.  Als
er  in  seiner  Novelle  „Lenz“  die  Lieblingszeit  der  Jungdeutschen,  die  Epoche
der  Stürmer  und  Dränger  behandelte,  verschmähte  er  jede  Tendenz  und
erzählte  mit  grausamer  Wahrhaftigkeit,  mit  einem  unheimlichen  kongenialen
Verständnis,  wie  der  stille  Wahnsinn  Herr  ward  über  den  Jugendfreund
Goethes.  Noch  ehe  das  Gedicht  vollendet  war,  starb  er  plötzlich,  im  Februar
  1836,  wenige  Tage  nach  Börnes  Tode,  und  der  an  Talenten  so
arme  deutsche  Radikalismus  versäumte  nicht,  sich  mit  diesem  Namen  zu
brüsten.  Der  junge  Herwegh  besang  Büchner  und  Börne  als  die  deutschen
  Dioskuren.

Gleich  Büchner  hing  auch  Fürst  Pückler-Muskau  nur  mittelbar  mit
dem  Jungen  Deutschland  zusammen,  mehr  durch  die  Verwandtschaft  der
Gesinnung,  als  durch  persönlichen  Verkehr.  Indes  hatte  er  im  Salon  der
Rahel  seine  Gabe  liebenswürdiger  Plauderei  zum  Virtuosentum  ausgebildet,
  und  auf  Varnhagens  Rat  ließ  er  die  Briefe  eines  Verstorbenen
erscheinen,  eine  geistreiche  Reisebeschreibung,  die  den  Jugendschriften  Gutzkows
  oder  Laubes  weit  überlegen  war;  denn  der  vornehme  Weltmann
hatte  vieles  wirklich  erlebt,  was  jene  nur  erkünstelten,  er  sagte  über  die
Heuchelei  der  englischen  Sitten  manches  treffende  Wort,  auch  der  leichte
spöttische  Ton  seiner  anmutigen  Erzählung  entsprach  seinem  Charakter,  und
selbst  die  Sprachmengerei,  die  er  sehr  weit  trieb,  klang  bei  ihm  nicht  so
unnatürlich  wie  bei  den  jungdeutschen  Plebejern,  weil  die  aristokratische
Gesellschaft  in  der  Tat  noch  in  solchem  Kauderwelsch  zu  reden  pflegte.
Als  vorurteilsfreier  Weltbürger,  als  Verächter  der  langweiligen  ehrbaren
Mittelklassen,  insbesondere  des  preußischen  Beamtentums,  wurde  der
Fürst  anfangs  von  den  Kritikern  des  Jungen  Deutschlands  willkommen
geheißen.  Auf  die  Dauer  konnte  er  dem  Fluche  des  Dilettantismus  doch
nicht  entgehen.  Da  er  die  Feder  nur  mit  läßlicher  Geringschätzung  führte,
so  schrieb  er  sich  bald  aus;  seine  wunderbaren  Reiseabenteuer  in  aller
Herren  Länder,  die  wahren  wie  die  erfundenen,  verschafften  ihm  für  kurze
Zeit  einen  Weltruf,  schließlich  begannen  die  Leser  der  Weltgänge  Semilassos
  und  seiner  zunehmenden  Blasiertheit  selber  müde  zu  werden.  Was
er  von  schöpferischer  Kraft  besaß,  das  zeigte  er  als  Meister  der  Gartenkunst
  in  den  herrlichen  Parkanlagen  seiner  Schlösser  Muskau  und  Branitz.

Der  Zank  vor  Schleiermachers  Grabe  war  noch  nicht  verstummt,
da  rief  ein  neuer  Todesfall  die  Kämpen  des  Jungen  Deutschlands  schon
zu  neuen  Taten  auf.  Im  Dezember  1834  erdolchte  sich  Charlotte,  die
schöne  hochsinnige  Gattin  des  jungen  Poeten  Heinrich  Stieglitz;  in  einigen
hinterlassenen  Zeilen  sprach  sie  dem  Gatten  den  Wunsch  aus,  er  möge
„glücklicher  werden  im  wahrhaften  Unglück“,  sie  schien  zu  hoffen,  der  ungeheure
  Schmerz  würde  ihm  das  dichterische  Vermögen,  die  tragische  Leidenschaft
  stärken.  Wer  sich  auf  Weiberherzen  verstand,  konnte  diesen  Selbstmord
kaum  rätselhaft  finden.  Heinrich  Stieglitz  zählte  zu  jenen  bedauerns-28*
        <pb n="444" />
        436  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

werten  Mittelmäßigkeiten,  die  durch  glänzend  bestandene  Examina  zu  un—
berechtigtem  Ehrgeiz  verleitet  werden;  er  übernahm  sich  in  künstlerischen
Plänen,  denen  seine  Kraft  nicht  gewachsen  war.  Seine  stolze  junge  Frau
teilte  diese  unfruchtbaren  Qualen  einige  Jahre  hindurch;  dann  ward  ihr
klar,  daß  der  Mann  ihrer  Wahl  ihren  Idealen  nicht  entsprach,  und  sie
vermochte  die  Enttäuschung  nicht  zu  überleben.  Um  den  Geliebten  zu
schonen  und  vielleicht  auch  weil  sie  selbst  in  krankhafter  Selbsttäuschung  be—
fangen  war,  verhüllte  sie  dann  die  weiblichen  Beweggründe  ihres  Ent—
schlusses  mit  starkgeistigen  Worten.  Gleich  den  meisten  Selbstmorden  war
auch  dieser  der  Schwäche,  dem  Kleinmut  entsprungen.  Aber  unmöglich
konnte  eine  so  einfache  Erklärung  dieser  nach  nervöser  Aufregung  lechzenden
  Zeit  genügen.  Ganz  Berlin  betrachtete  Charlotte  Stieglitz  als  eine
Heldin  und  fand  in  ihrer  Tat,  die  doch  nur  menschliches  Mitleid  verdiente,
  die  Offenbarung  eines  bisher  unerhörten  geistigen  Opfermutes,
ein  literarisches  Märtyrertum,  das  der  Duldergröße  der  kirchlichen  Heiligen
gleich  komme.  Selbst  Rauch  und  andere  ernste  Männer  ließen  sich  von
der  allgemeinen  Bewunderung  hinreißen;  Böckh  feierte  in  griechischen
Distichen  die  neue  Alkeste,  „die  zum  Heil  des  Gemahls  freiwillig  zum
Hades  hinabstieg.“  Theodor  Mundt  aber,  der  Freund  des  Hauses,  säumte
nicht,  das  gräßliche  Ereignis  geschäftlich  auszubeuten;  er  setzte  der  Toten
sofort  ein  biographisches  Denkmal,  riß  mit  roher  Hand  alle  Schleier  hinweg
  von  den  stillen  Schmerzen  dieser  tief  unseligen  Ehe.  Dann  reiste
gar  noch  der  Witwer  selbst  mit  dem  Dolche  seiner  Gattin  durch  Deutschland
  und  prahlte  mit  seiner  eigenen  Schande.  In  seinen  nachgelassenen
Erinnerungen  an  Charlotte  sagte  er:  „Ihre  letzten  Zeilen  sind  fortan  mein
Diplom,  meine  höhere  Promotion.“  Tiefe  Gedanken  konnte  das  Leid  in
diesem  Schwächling  nicht  wachrufen;  er  ist  nach  Jahren  in  Italien  als
ein  Reisebeschreiber  gewöhnlichen  Schlages  gestorben.  Nicht  die  verzweifelte
  Tat  selbst,  wohl  aber  der  Widerhall,  den  sie  weckte,  war  ein  trauriges
  Zeichen  der  Zeit,  ein  Zeichen  verschrobener  und  durch  Überbildung
unzarter  Empfindungen.

Durch  Charlottes  Tod  wurde  Gutzkow  zu  seinem  Romane  Wally
angeregt.  Mit  diesem  Werke  —  so  ließ  sich  der  Chor  der  jungdeutschen
Kritik  alsbald  vernehmen  —  wagten  die  neuen  Stürmer  und  Dränger
ihren  kühnsten  Wurf,  wie  einst  die  alten  mit  Heinses  Ardinghello.  Aber
welch  ein  beschämender  Abstand!  Bei  Heinse  die  nackte,  unverfälschte
Natur,  lodernde  Sinnlichkeit,  leibhaftige  Gestalten  und  eine  Kunst  lieblicher
  Erzählung,  die  den  Leser  über  den  frevelhaften  Inhalt  leicht  hinwegtäuschte;
  dazu  in  den  eingewobenen  Kunstbetrachtungen  manche  gute
Gedanken,  würdig  einer  Zeit,  welche  an  die  Schönheit  noch  begeistert  glaubte.
Bei  Gutzkow  nur  ein  Wust  von  Reflexionen,  unreife,  altkluge  Redereien
über  die  Rechte  des  Fleisches,  die  Unnatur  der  Ehe,  die  Torheit  des
Christentums;  dazwischen  hinein  ein  lendenlahmer,  gelangweilter  Held
        <pb n="445" />
        W.  Menzel  und  die  Jungdeutschen.  437

und  eine  ebenso  abgeschmackte,  blasierte  Heldin,  die  sich  ihrer  weiblichen
Schamhaftigkeit  als  eines  Vorurteils  schämt  und  dann  vor  ihren  Geliebten
  nackt  hintritt,  um  sich  mit  ihm  symbolisch  zu  vermählen,  während
sie  zugleich  mit  einem  ungeliebten  Manne  die  Ehe  eingeht;  zum  Schlusse
natürlich  ein  Selbstmord.  Und  diese  ekelhafte  Schmutzerei  ohne  jeden
Hauch  kräftiger  Leidenschaft,  ohne  ein  einziges  natürliches  Wort.

Ein  solches  Übermaß  unsauberer  Frechheit  konnte  in  einem  sittlichen
Volke  nicht  ohne  Widerspruch  hingehen.  Im  September  1835  eröffnete
Wolfgang  Menzel  in  den  Spalten  seines  Stuttgarter  Literaturblattes  den
Kampf  gegen  das  Junge  Deutschland.  Er  zählte  zu  den  eifrigsten  Mitgliedern
  der  württembergischen  Opposition,  war  Duzbruder  von  Welcker
und  vielen  anderen  süddeutschen  Kammerrednern,  hatte  an  der  Boller
Adresse  der  schwäbischen  Liberalen  eifrig  mitgewirkt?)  und  sich  auch  der
mißhandelten  Juden  oft  mit  Wärme  angenommen;  doch  er  hielt  fest  an
seinem  evangelischen  Glauben  und  ließ  sich  durch  die  Weisheit  der  Zeitungen
  nicht  beirren  in  der  Einsicht,  daß  Frankreich  sinke,  Deutschland
steige.  Als  er  nun  aus  Gutzkows  Wally  das  undeutsche,  unchristliche
Wesen  des  Jungen  Deutschlands  klar  erkannt  hatte,  da  brach  er  los  in
seiner  groben,  hochmütigen,  polternden  Weise,  aber  mit  ehrenwertem
Mute;  er  mußte  ja  wissen,  daß  die  Mehrzahl  seiner  liberalen  Parteigenossen
  der  Kirche  halb  entfremdet  war  und  ihm  seine  Verteidigung  des
Christentums  leicht  verdenken  konnte.  Im  Verlaufe  des  langen  Streites,
als  ein  Wort  das  andere  gab,  sprach  er  endlich  offen  aus:  das  vaterlandslose
  Judentum  zersetze  und  zerstöre  alle  unsere  Begriffe  von  Scham  und
Sittlichkeit,  und  wenn  der  Pöbelwahn  des  Mittelalters  die  Juden  fälschlich
  der  Brunnenvergiftung  beschuldigt  hätte,  so  müsse  die  alte  Anklage
jetzt  mit  vollem  Rechte  auf  dem  Gebiete  der  Literatur  erneuert  werden.

Mit  moralischer  Entrüstung  allein  lassen  sich  die  Verirrungen  der
Kunst  nicht  bekämpfen.  Gefährlicher  als  Menzels  grundprosaische  Sittenpredigten
  wurde  dem  Jungen  Deutschland  der  ästhetische  Widerspruch,  der
sich  aus  dem  Kreise  der  schwäbischen  Sänger  erhob.

Wo  der  Winzer,  wo  der  Schnitter  singt  ein  Lied  durch  Berg  und  Flur,
Da  ist  Schwabens  Dichterschule,  und  ihr  Meister  heißt  Natur  —

also  sang  Justinus  Kerner  mit  gerechtem  Stolze.  Wie  die  Schwaben  einst
gegenüber  der  phantastischen  Überschwenglichkeit  der  Schlegelschen  Romantik
ihre  protestantische  Verstandesklarheit  tapfer  behauptet  hatten,  so  wiesen  sie
jetzt  die  Künstelei  des  neuen  Feuilletonstiles  tapfer  zurück  und  bewahrten
sich  den  Wohllaut  des  Verses,  den  Adel  der  lyrischen  Kunstformen,  die
natürliche  Unschuld  unverbildeter  Sinnlichkeit.  Ihre  Muse

Sang  ein  Lied  nicht  ohne  Fehle,

Doch  vom  Staub  der  Erde  rein  —

 

*)  S.  o.  IV.  240.
        <pb n="446" />
        438  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

wie  Gustav  Schwab  mit  liebenswürdiger  Bescheidenheit  sagte.  Unter  dem
jungen  Nachwuchs,  der  sich  um  die  beiden  Patriarchen  Uhland  und  Kerner
scharte,  besaß  nur  einer,  Eduard  Mörike,  die  wundersame  Gabe,  alles
durch  den  Glanz  der  Poesie  zu  verklären;  aber  auch  den  beiden  Pfizer,
auch  Schwab  und  Karl  Mayer  gelang  in  guten  Stunden  zuweilen  eine
frische  Ballade,  ein  geistvolles  Sinngedicht  oder  ein  wohlgestimmtes  Naturbild,
  und  sie  alle  betrachteten  die  Poesie  nicht,  wie  die  weltschmerzfrohen
Jungdeutschen,  als  einen  quälenden  Fluch,  sondern  als  eine  lichte  Himmelsgabe,
  die  den  Dichter  selbst  beglücken  und  ihn  befähigen  sollte,  auch  andere
beglückend  über  das  Wirrsal  des  Lebens  emporzuheben.  Fröhliche  Stunden,
wenn  die  schwäbischen  Poeten  beim  Schoppen  zusammensaßen  und  die  beiden
jungen  österreichischen  Dichter  Lenau  und  Auersperg  oder  die  Gebrüder
Adolf  und  August  Stöber  aus  Straßburg,  die  tapferen  Vorkämpfer  deutscher
Sprache  und  Dichtung  in  der  verwelschten  Westmark,  zum  Besuch  herüberkamen.
  Hier  war  deutsches  Leben,  deutsche  Kunst  und  Laune;  wie  prosaisch
erschien  daneben  die  Betriebsamkeit  der  Gedankenverfertiger  am  Teetisch  der
Rahel  oder  gar  das  alberne  Grisettengekicher  bei  Heines  kleinen  Diners.

Darum  hielt  sich  Gustav  Pfizer  berechtigt,  im  Namen  der  deutschen
Kunst  gegen  Heine  und  seine  Gefolgschaft  zu  Felde  zu  ziehen.  In  seinem
poetischen  Schaffen  war  er  sehr  ungleich,  die  spröde  Form  wollte  sich  dem
reichen  Gedankengehalt  der  meist  betrachtenden  Gedichte  nicht  immer  fügen,
nur  einzelne  seiner  Gestalten,  wie  der  Hermes  Psychopompos,  traten  „ewig
schön  und  ewig  heiter“  vor  das  Auge  des  Lesers;  doch  er  besaß  ein  sicheres,
durchgebildetes  Verständnis  für  das  Schöne,  und  niemand  durfte  den
Bruder  Paul  Pfizers,  den  erklärten  Liberalen,  des  politischen  Parteihasses
beschuldigen,  als  er  in  Cottas  neuer  Deutschen  Vierteljahrsschrift  (1838)
die  ästhetischen  Sünden  des  Jungen  Deutschlands  mit  würdigen,  gemessenen
Worten  schonungslos  aufwies.  Was  sei  die  gerühmte  reizende  Verwirrung
des  Heineschen  Feuilletonstiles  denn  anders  als  ein  läppischer  Versuch,  die
längst  durch  Lessing  festgestellten  Grenzen  von  Poesie  und  Prosa  wieder
einzureißen?  und  was  anders  als  die  Zerstörung  aller  Schönheit  müsse
erfolgen,  wenn  die  jungen  Poeten  sich  im  Wetteifer  die  Haare  zurückstrichen,
um  ihre  Faunenohren  und  Satyrshörner  recht  zu  zeigen?  Ganz  Schwaben
stimmte  ihm  zu.  Selbst  der  junge  Asthetiker  Vischer,  ein  hitziger  Radikaler
  in  Politik  und  Religion,  wollte  den  gesunden  Schönheitssinn  seines
Stammes  nicht  verleugnen  und  sprach  ehrlich  aus,  solche  Werke  der  Reflexpion
  wie  die  Novellen  von  Gutzkow  oder  Laube  seien  überhaupt  keine
Poesie.  Es  war  das  Verdienst  der  Schwaben,  daß  das  Junge  Deutschland
  niemals  in  unserem  Oberlande  Fuß  faßte,  sondern  immer  nur  ein
Sumpfgewächs  der  großen  Städte  des  Nordens  blieb.  Und  dieser  siegreiche
  Widerstand  der  nationalen  Empfindung  gegen  die  jüdisch-französische
Zwitterliteratur  ging  von  demselben  liberalen  Süden  aus,  der  die  politischen
  Heilslehren  der  Franzosen  so  willig  aufnahm.  Daraus  ergab  sich
        <pb n="447" />
        Einschreiten  des  Bundestags.  139

die  tröstliche  Gewißheit,  daß  auch  das  politische  Welschtum  diesen  kerndeutschen
  Stämmen  doch  nur  die  Haut  geritzt  hatte,  und  der  deutsche  Geist
die  konstitutionellen  Ideen  dereinst  noch  umgestalten  würde.  Aber  wer  hätte
damals  solche  Hoffnungen  aussprechen  können?  Alle  Welt  suchte  ja  noch
die  Stärke  der  Süddeutschen  da,  wo  ihre  Schwäche  lag,  in  dem  welschen
Wortgepränge  ihrer  Kammern.

Da  Menzels  Literaturblatt  wegen  seiner  hochkirchlichen  Richtung  in
den  konservativen  Kreisen  viel  gelesen  wurde,  so  erregte  sein  Angriff  an
den  Höfen  großes  Aufsehen  und  beschleunigte  das  schon  längst  beabsichtigte
Einschreiten  des  Bundestags.  Unglücklicherweise  hatte  Wienbarg,  als  er
den  Namen  des  Jungen  Deutschlands  aufbrachte,  nicht  gewußt  oder  nicht
bedacht,  daß  bereits  ein  anderes  Junges  Deutschland  bestand,  jener  revolutionäre
  Geheimbund  von  Flüchtlingen  und  Handwerksburschen,  der  mittlerweile
  in  der  Schweiz  unter  Mazzinis  Oberleitung  entstanden  war.“)  Dies
Junge  Deutschland  war  den  Frankfurter  Demagogenverfolgern  nur  zu  wohl
bekannt,  und  wie  nahe  lag  doch  der  allerdings  ganz  grundlose  Verdacht,  daß
die  beiden  gleichnamigen  Verbindungen  irgendwie  zusammenhängen  müßten.
Eben  jetzt  war  der  ruchloseste  der  zahlreichen  Mordanschläge  gegen  Ludwig
Philipp  mißlungen.  Die  Höllenmaschine  Fieschis  verbreitete  Schrecken  in
ganz  Europa;z  strenger  denn  je  wurden  die  Umtriebe  der  Demagogen  überwacht.
  Da  forderten  Wienbarg  und  Gutzkow  durch  ein  großsprecherisches
Manifest  alle  freigesinnten  Schriftsteller  Deutschlands  auf,  mitzuwirken  bei
einer  Deutschen  Revue,  welche  Schillers  Horen  und  die  Revue  des  deux
Mondes  zugleich  überbieten  sollte.  Wie  hätte  der  Deutsche  Bund  nach  allem,
was  er  gegen  die  politische  Presse  getan,  dies  Unternehmen  dulden  können?
Der  neue  preußische  Bundesgesandte  General  von  Schöler,  ein  Kenner  der
Literatur,  gab  dem  Bundestage  eine  wenig  schmeichelhafte,  aber  treffende
Schilderung  von  dem  Charakter  dieser  neuen  Literatur,  die  im  Grunde
nur  die  Lehren  der  Enzyklopädisten  wiederhole,  doch  „den  Mangel  an
wahrem  Witz  und  an  Neuheit  der  Gedanken  durch  Gewandtheit  des  Ausdrucks
  und  freche  Verhöhnung  des  Heiligsten  zu  ersetzen  verstehe.“  Am
11.  Dez.  1835  übernahmen  sodann,  auf  ÖOsterreichs  Antrag,  alle  Regierungen
  die  Verpflichtung,  die  Verbreitung  der  Schriften  des  Jungen
Deutschlands  mit  allen  gesetzlichen  Mitteln  zu  verhindern.““)  Der  Beschluß
war  nach  Bundesbrauch  wieder  so  unbestimmt  gehalten,  daß  Hannover
einige  Monate  nachher  anfragte,  ob  denn  wirklich  alle  Schriften  der  Jungdeutschen,
  auch  die  älteren,  verboten  werden  sollten.  Schöler  erwiderte,  so
schlimm  sei  es  nicht  gemeint;  aber  ein  erläuternder  Beschluß  kam  nicht  zustande.)


Also  blieb  alles  den  Einzelstaaten  überlassen,  und  diese  verfuhren

—  —  —

*)  S.  o.  IV.  296.
*)  Schölers  Berichte,  3.  Nov.  1835  ff.
s7)  Schölers  Bericht,  18.  April  1836.
        <pb n="448" />
        140  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

nach  Gutdünken,  die  meisten  sehr  mild.  Da  und  dort  schritt  man  ein
wider  einzelne  Bücher  der  Jungdeutschen;  in  Preußen  wurde  sogar  der
gesamte  Verlag  der  Hamburger  Firma  Hofmann  und  Campe,  die  Heines
Schriften  herausgab,  einige  Jahre  lang  verboten.  Aber  die  Ausführung
der  Verbote  geschah  überall  sehr  saumselig  und  unterblieb  endlich  ganz.  Die
einzigen  Schriften  des  Jungen  Deutschlands,  nach  denen  die  Lesewelt  verlangte,
  die  Werke  Heines  und  Börnes,  gelangten  fast  unbehelligt  in  jedermanns
  Hände.  Von  einer  ernsthaften  Verfolgung  war  keine  Rede;  die
jungdeutschen  Literaten  kamen  ungleich  glimpflicher  davon  als  die  Herausgeber
  der  unterdrückten  politischen  Zeitungen.  Trotzdem  fuhr  Heine  fort,  den
unglücklichen  Verbannten  zu  spielen,  und  verglich  sich  mit  Dante,  der  auch
das  salzige  Brot  der  Fremde  habe  essen  müssen.  Nur  Gutzkow  mußte
etwas  schwerer  büßen,  er  wurde  von  dem  Mannheimer  Hofgerichte  zu
kurzer  Haft  verurteilt,  weil  seine  Wally  unbestreitbar  eine  „verächtliche
Darstellung  der  christlichen  Religion“  enthielt.

Wie  erträglich  auch  diese  Leiden  waren,  so  genügten  sie  doch  die  Häupter
des  Jungen  Deutschlands  mit  dem  Heiligenscheine  des  Martyriums  zu
zieren.  Wer  mit  dem  Bundestage  in  Händel  geriet,  behielt  vor  der  öffentlichen
  Meinung  immer  recht;  und  war  es  denn  nicht  eine  tief  beschämende
Erfahrung,  daß  sogar  die  schöne  Literatur,  die  sich  in  Deutschland  jederzeit
  unbeschränkter  Freiheit  erfreut  hatte,  jetzt  der  Willkür  der  Polizei  unterworfen
  wurde?  Darum  trat  der  Heidelberger  Paulus,  der  Anwalt  aller
Verfolgten,  für  Gutzkows  Wally  in  die  Schranken.  An  den  gewundenen
Sätzen  merkte  man  freilich,  wie  schwer  es  dem  alten  Rationalisten  fiel,  das
durchaus  atheistische  Buch  in  Schutz  zu  nehmen;  auch  andere  Verteidiger
Gutzkows  begnügten  sich  mit  der  schmeichelhaften  Behauptung,  dieser  Roman
könne  niemand  verführen.  Die  Mehrzahl  der  Verfolgten  selbst  zeigte  den
Regierungen  gegenüber  wenig  Heldenmut.  Soeben  hatten  sie  sich  noch
prahlerisch  vermessen,  die  bürgerliche  Gesellschaft  aus  ihren  Angeln  zuheben;
jetzt  beteuerten  sie  demütig,  wie  harmlos  ihre  Gesinnung,  wie  gering  ihr
Wirkungskreis  gewesen  sei.  Heine  richtete  an  den  Bund  ein  Schreiben,  das
er  selbst  vor  Freunden  einen  „indlich  siruplich  submissen  Brief“  nannte;
darin  berief  er  sich  „auf  das  Beispiel  des  Meisters,  des  hochteueren
Mannes  Martin  Luther“,  und  versicherte  „in  tiefster  Ehrfurcht“,  er  werde
immer  den  Gesetzen  seines  Vaterlandes  gehorchen.  Der  Bundestag  aber
kannte  seinen  Mann  und  legte  die  Eingabe  als  ungeeignet  zu  den  Akten.)
Auch  an  Metternich  sendete  Heine  —  mit  dem  gleichen  Erfolge  —  die
untertänige  Bitte,  das  siegreiche  Osterreich  möge  großmütig  sein  und
ihn  aus  seinem  Elend  ziehen.“)

Zaghaft  vor  den  Behörden,  ergossen  die  Jungdeutschen  ihren  ganzen
Zorn  über  Menzels  Haupt.  Er  allein  sollte  schuld  sein  an  der  Ver-*)

  Schölers  Bericht,  24.  Mai  1836.
**)  Maltzahns  Bericht,  1.  Juli  1836.
        <pb n="449" />
        Börne,  Heine  und  die  Schwaben.  441

folgung;  und  doch  hatte  er  lediglich  seine  Pflicht  als  Kritiker  getan  und
nur  mit  den  ehrlichen  Waffen  literarischer  Polemik  gefochten.  Die  Maßregeln
  des  Bundestags  billigte  er  keineswegs;  auch  seine  derbe  Sprache
war  anständiger  als  die  hämischen  Verdächtigungen,  mit  denen  die  Genossen
  des  Jungen  Deutschlands  ihre  Gegner  zu  besudeln  pflegten.  Dennoch
  blieb  er  fortan  fünf  Jahre  lang  die  Zielscheibe  für  den  Haß  der  radikalen
  Literatur.  Börne  verdrehte  ihm  das  Wort  im  Munde  und  schrieb
das  Büchlein  „Menzel  der  Franzosenfresser“,  obgleich  Menzel  die  Franzosen
  durchaus  nicht  angegriffen,  sondern  vielmehr  dem  vaterlandslosen
Deutschjuden  den  verdienten  Vorwurf  zugeschleudert  hatte:  niemals  würde
ein  Franzose  so  tief  sinken,  sein  eigenes  Volk  vor  Fremden  in  fremder
Sprache  zu  beschimpfen.  Die  Schrift  war  Börnes  Schwanengesang  und
wurde  einige  Jahre  hindurch  selbst  in  den  Schulen  als  ein  Meisterwerk
gepriesen;  sie  bewies  indes  nur,  daß  der  Radikalismus  dieses  Mannes
schlechterdings  keinen  anderen  Inhalt  hatte  als  die  öde  Verneinung  und
die  Wut  gegen  alle  Andersdenkenden.  „Ist  das  ein  braver  Mann“  —  hieß
es  da  —  „der  seine  Gesinnung  gegen  ein  österreichisch  Lächeln,  eine  preußische
Schmeichelei,  ein  bayrisches  Achselklopfen  und  ein  jesuitisches  Lob  verkauft?“
Und  wieder:  „Darum  ist  ein  Feind  Gottes,  der  Menschheit,  des  Rechtes,
der  Freiheit  und  der  Liebe,  wer  Frankreich  haßt  oder  es  lästert  aus  schnöder
Gewinnsucht.“  Daß  ein  Deutscher  auch  noch  andere  Gründe  haben  konnte,
das  begehrliche  Kriegsgeschrei  der  Pariser  scharf  zurückzuweisen,  kam  dem
Fanatiker  gar  nicht  in  den  Sinn.  Auch  ein  Schmerzensschrei  um  das  freie,
jetzt  von  den  Bundestruppen  geknechtete  Frankfurt  fehlte  nicht:  die  Frankfurter
  sind  Juden  neben  den  christlichen  Osterreichern  und  Preußen,  sie
müssen  vor  ihnen  Mores  machen!

Noch  unredlicher  verfuhr  Heine.  Er  hatte  einst  mit  Menzel  und  Jarcke
in  der  Bonner  Burschenschaft  zusammengelebt  und  kannte  ihre  streng  kirchliche
  Gesinnung.  Sein  Scharfsinn  konnte  sich  nicht  darüber  täuschen,  daß
der  gegenwärtige  Kampf  eine  Notwendigkeit  war,  daß  die  romantischen
und  die  radikalen  Elemente,  welche  die  alte  Burschenschaft  umschlossen  hatte,
sich  jetzt  trennen  mußten.  Er  mußte  wissen,  daß  Menzel  durchaus  ehrlich  handelte;
  gleichwohl  gab  er  seiner  Entgegnung  den  lügnerischen  Titel:  „wider
den  Denunzianten.“  Weit  vom  Schusse  wie  er  war,  ließ  er  allen  unflätigen
  Neigungen  seiner  Falstaffsnatur  die  Zügel  schießen  und  nannte
den  Gegner  einen  Mouchard,  einen  Ehrlosen,  einen  Infamen,  einen
Gauner,  einen  Schurken,  eine  Memme.  Er  erreichte  seinen  Zweck;  denn
in  solchen  Tagen,  die  sich  überall  durch  den  Druck  der  Polizei  gequält
fühlten,  wirkte  kein  Schimpf  furchtbarer  als  die  Beschuldigung  der  Denunziation.
  Heines  empörende  Verleumdung  wurde  alsbald  von  der  gesamten
liberalen  Presse  aufgenommen  und  trotz  ihrer  handgreiflichen  Unwahrheit
so  hartnäckig  wiederholt,  daß  sie  sich  noch  heute  in  den  meisten  Literaturgeschichten
  wiederfindet.
        <pb n="450" />
        442  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

In  dem  „Schwabenspiegel“,  den  er  gegen  Pfizer  hinaussendete,  brauchte
Heine  einen  anderen,  ebenso  wirksamen  Kunstgriff.  Da  die  beiden  größten
Dichter  des  Südens,  Uhland  und  Rückert,  an  den  Kämpfen  nicht  persönlich
  teilnahmen,  so  suchte  er  den  Streit  so  darzustellen,  als  ob  nur
die  neidische  Mittelmäßigkeit  kleiner  Poeten  gegen  sein  eigenes  überlegenes
Talent,  das  zimperliche  Spießbürgertum  des  Oberlandes  gegen  die  freie
starkgeistige  Weltanschauung  des  Nordens  sich  auflehnte.  In  Wahrheit
kämpfte  die  süddeutsche  Poesie  gegen  den  jüdischen  Witz.  Nicht  die  moralische
  Splitterrichterei,  die  dem  lebensfrohen  Volke  unseres  Südens  allezeit
fremd  war,  sondern  der  ästhetische  Widerwille  führte  den  Schwaben  die
Feder.  Eine  Schwäche  der  schwäbischen  Dichter  ließ  sich  freilich  nicht  verkennen;
  wenn  das  Junge  Deutschland  völlig  in  der  Tendenz  aufging,  so
standen  sie  den  Leidenschaften  des  Tages  allzu  fern,  ihre  sinnige,  friedliche
Dichtung  vermochte  die  Gedanken  einer  gärenden  und  kämpfenden  Zeit
nicht  zu  erschöpfen.  Diesen  Mangel  wußte  Heine  gewandt  auszubeuten;
denn  die  Kunst,  mit  Halbwahrheiten  diabolisch  zu  spielen,  war  das  einzige,
was  er  mit  seinem  Abgott  Napoleon  gemein  hatte.  Er  schilderte  die
Schwaben  als  eine  täppisch  spielende  Kinderschar  und  brachte  also  einen
Teil  der  Lacher  auf  seine  Seite.  Die  radikale  Jugend  vollends  war  durch
die  Spöttereien  der  neuen  Literatur  schon  ganz  verwildert;  sie  konnte  sogar
lachen,  wenn  Heine  von  den  Kackstühlchen  der  schwäbischen  Dichter  sprach
oder  seinen  Gegner  Pfizer  unnatürlicher  Sünden  beschuldigte.  Immerhin
war  die  Hochflut  der  radikalen  Feuilletons  schon  vorüber.  Die  schwächeren
Talente  des  Jungen  Deutschlands  gerieten  bald  in  Vergessenheit;  die
lebensfähigen,  Gutzkow  und  Laube,  begannen  in  der  Stille  sich  zu  sammeln
und  fühnten  späterhin  die  Torheiten  ihrer  Jugend  durch  reifere  Werke.
Gutzkow  schrieb  noch  während  seiner  Haft  ein  Büchlein  über  Philosophie
der  Geschichte,  das,  reich  an  hohlen  Redensarten,  doch  schon  den  Anfang
seiner  Selbstbesinnung  bezeichnete.

Die  Pariser  Kolonie  der  Jungdeutschen  aber  zeigte  der  Welt  erst  ihr
wahres  Gesicht,  als  ihre  Genossen  untereinander  in  Händel  gerieten.
Börnc  und  Heine  hatten  sich  nie  recht  vertragen,  zwischen  dem  doktrinären
Starrsinn  und  der  gesinnungslosen  Leichtfertigkeit  war  keine  Verständigung
möglich.  Börne  sprach  sich  darüber  ehrlich  aus,  Heine  dagegen  vermied
den  ritterlichen  Kampf;  er  entledigte  sich  seines  lang  angesammelten
Grolles  erst,  als  Börne  gestorben  war  und  der  französische  Republikaner
Raspail  den  Helden  der  internationalen  Demokratie  in  schwungvoller
Leichenrede  gefeiert  hatte.  Zum  dritten  Male,  wie  einst  nach  dem  Tode
Schleiermachers  und  der  Charlotte  Stieglitz,  bekundete  das  Junge  Deutschland
  sein  menschliches  Zartgefühl  vor  einem  frischen  Grabe.  Heines  Schrift
über  Börne  sagte  wieder  manche  geistreiche  Halbwahrheiten;  der  Ton  war
aber  so  hämisch,  so  gemein,  daß  nunmehr  auch  die  liberale  Presse  in  Zorn
geriet.  Die  Konservativen  und  die  Dichter  mochte  der  liberale  Aristo-
        <pb n="451" />
        Rückert  im  Alter.  143

phanes  nach  Belieben  beschmutzen;  daß  er  sich  an  einem  Volkstribunen
verging,  war  unverzeihlich.  Grimmige  Schriften  und  Zeitungsaufsätze  flogen
herüber  und  hinüber.  Der  Zank  ward  völlig  ekelhaft;  die  berufene  Fehde
zwischen  Voß  und  Stolberg  erschien  daneben  wie  ein  liebevoller  Gedankenaustausch.
  Als  nun  gar  Börnes  Freundin  Frau  Wohl  ihre  Briefmappen
öffnete  und  geschäftig  alles  auskramte,  was  Börne  je  vertraulich  über  Heine
geäußert  hatte,  da  zogen  alle  Düfte  des  Ghettos  in  dicken  Schwaden  über
Deutschland  hin,  und  mancher  ehrliche  Germane  begann  jetzt  erst  einzusehen,
  vor  welchen  Götzen  er  einst  gekniet  hatte.  —

 

Zeiten  des  literarischen  Kampfes  sind  der  Lyrik  selten  günstig.  Nur
wenige  verstanden  wie  Rückert  den  stillen  Blumengarten  ihrer  Dichtung
vor  der  schneidenden  Zugluft  des  Tages  sorgsam  einzuhegen.  Die  Formlosigkeit
  der  Feuilletonpoesie  erschien  dem  Meister  der  Verskunst  ebenso
verächtlich,  wie  ihr  Gespött  und  ihre  „unzüchtigen  Gebärden“  seinen  frommen
Sinn  anwiderten.  Er  wußte,  daß  alles  Menschenleben  „von  Gott  zu  Gott“
führt,  daß  die  Natur  nur  die  Amme  des  Geistes  ist:  „sie  nährt  ihn,  bis
er  fühlt,  daß  er  von  ihr  nicht  stamme.“  Solche  Gesinnungen  erfüllten
ihn,  als  er  die  geheimnisvolle  Welt  seiner  inneren  Erfahrungen  und  Erlebnisse
  in  der  „Weisheit  des  Brahmanen“  zusammenfaßte.  Da  schien  es
wohl  zuweilen,  als  ob  der  Dichter  in  die  beschauliche  Ruheseligkeit  des
Orients  ganz  versänke,  aber  immer  wieder  brach  der  freie  Weltsinn  des
Abendländers  durch,  und  hoch  über  aller  Weisheit  Indiens  stand  ihm  das
königliche  Gebot  der  christlichen  Liebe.  Die  Fahrten  in  das  Morgenland
entfremdeten  ihn  der  Heimat  nicht.  Mit  der  alten  unverwüstlichen  Sangeslust
  fuhr  er  fort,  sich  sein  ganzes  Leben  zum  Kunstwerk  zu  gestalten;  jedes
Begebnis  des  Tages  umspann  seine  Phantasie  mit  ihren  goldenen  Fäden.
Alles  ward  ihm  zum  Gedichte,  mochte  er  nun  dem  Flüstern  des  Windes
lauschen  oder  seinen  Kindern  Märchen  erzählen,  oder  seinem  Jonathan,
dem  Erlanger  Philologen  Kopp  seinen  Haussegen  senden.  Oft  grollte  er  insgeheim
  den  Landsleuten,  weil  sie  hinter  seinen  orientalischen  Formenspielen
das  weite  deutsche  Herz,  dem  nichts  Menschliches  fremd  blieb,  schwer  er:
kannten,  und  auch  seine  heimatlichen  Gedichte  nicht  sangbar,  also  nicht
wahrhaft  volkstümlich  finden  wollten;  doch  niemals  hätte  sich  sein  Künstlerstolz
  herabgelassen,  um  die  Gunst  des  Haufens  zu  buhlen.  Über  den
Zeitungsruhm  der  Götzen  des  Tages  sagte  er  noch  im  Alter  frei  und  groß:

Schwalben  und  Staren
Fliegen  in  Scharen.
Tauben  in  Lauben
Wollen  sich  paaren.
Einsam  der  Adler
Schwebet  im  Licht,
Unten  die  Tadler
Achtet  er  nicht.
        <pb n="452" />
        444  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Auch  Chamisso  gehörte  noch  zu  dem  alten  Adel  unserer  Literatur,
der  auf  das  lärmende  Selbstlob  des  neuen  Geschlechtes  stolz  herabsah.
Wenn  der  ernste  Mann  mit  den  tiefdunklen  Augen  und  den  langen  weißen
Locken  einsam  durch  die  Straßen  Berlins  schritt,  da  betrachteten  ihn  die
jungen  Literaten  verwundert  wie  ein  Gespenst  aus  einer  längst  versunkenen
Zeit,  obwohl  er  doch  eben  erst  das  fünfzigste  Jahr  überschritten  hatte  und
jetzt  erst,  nach  dem  Erscheinen  seiner  gesammelten  Gedichte,  die  Höhe  seines
Künstlerruhms  erreichte.  Lebendig  mit  den  Lebendigen,  wie  er  immer  ge—
wesen,  besang  er  auch  jetzt  noch  manche  der  politischen  Umwälzungen  der
Zeit  und  verkündigte  seine  Freude  über  den  Sturz  der  bourbonischen  Pfaffenherrschaft
  in  feurigen  Versen;  doch  zur  Magd  der  Partei  wollte  er  seine
freie  Muse  nicht  entwürdigen.  „Verklagt  die  Mitwelt  bei  der  Nachwelt
nicht“  —  so  rief  er  warnend  den  schmähsüchtigen  jungen  Poeten  zu.  Wie
fühlte  er  sich  heimisch  in  dem  Hause  seines  Preußenlandes,  das  auf  dem
Felsen  der  Liebe  fest  begründet  stand;  ehrwürdig  war  ihm  der  König,
„aus  Gold  der  Treue  schmiedend  seine  Krone“.  Als  er  noch  in  der  Kraft
der  Mannesjahre  starb  (1839),  hatte  sein  dankbares  Herz  nur  die  Empfindung,
  daß  ihm  das  Leben  alles  geboten  habe,  was  es  an  Liebe  bieten
könne,  und  mit  den  Worten  „ich  liebe  wohl  geliebt  zu  sein“  nahm  er
Abschied  von  dieser  schönen  Welt.

Wie  anders  endete  Platen  (1835).  Er  starb,  nach  seiner  Ahnung,
„wie  Ulrich  Hutten,  verlassen  und  allein“,  in  einem  jener  üppigen  Blumengärten,
  die  da  und  dort  auf  der  meerumrauschten  öden  Trümmerstätte
des  alten  Syrakus  in  den  verlassenen  Steinbrüchen  tief  eingebettet  liegen.
Aber  nur  traurig,  nicht  tragisch  war  sein  Ausgang.  Nicht  das  treulose
Schlachtenglück  hatte  ihn,  wie  jenen  Kriegshelden  des  Schwertes  und  der
Feder,  aus  der  Heimat  hinweggeschleudert.  Nur  der  unfruchtbare  Mißmut
  seines  stolzen  Herzens  trieb  ihn  unstet  im  fernen  Süden  umher,
und  doch  wollte  das  Land  „des  Antichrists“,  des  Papstes  dem  strengen
Protestanten  nie  recht  vertraut  werden.  Das  Tagewerk  seines  Lebens  war
getan,  obwohl  er  sich  noch  mit  dem  kühnen  Plane  eines  Hohenstaufen-Epos
  trug.  Seine  dichterische  Kraft  begann  zu  versiegen;  in  seinen  letzten
  Hymnen,  die  er  selbst  für  seine  besten  Werke  hielt,  ward  die  vollendete
Kunst  des  Versbaus  schon  zur  Künstelei.

Unterdessen  trat  Eduard  Mörike  als  Lyriker  auf,  der  begabteste  aus
dem  Nachwuchs  der  schwäbischen  Dichterschule,  ein  naiver  Geist,  der  in
diesen  Tagen  der  Überbildung  und  des  Streites  wie  ein  Wunderkind  erschien
  —  recht  eigentlich  ein  zeitloser  Dichter,  in  allem  das  Widerspiel
des  Jungen  Deutschlands.  Er  war  ganz  Naturz  in  der  poetischen  Stimmung
  und  Anschauung  ging  er  völlig  auf,  Leidenschaft  und  Gefühlsseligkeit
  lagen  ihm  ebenso  fern  wie  Rhetorik  und  Tendenz.  Schon  als  Student
  floh  er  das  laute  Treiben  der  Welt  und  lauschte  im  Walde  in  dunkler
  Brunnenstube  dem  Murmeln  der  jungen  Quelle  oder  er  versammelte
        <pb n="453" />
        Mörike.  Anastasius  Grün.  445

einen  Orden  vertrauter  Genossen  in  einem  stillen  Weinberghäuschen  auf
dem  Österberge  und  erzählte  wundersame  Mären  von  Orplid,  der  ver—
lassenen  Stadt  der  Götter.  Dann  lebte  er  als  Pfarrer  in  einem  Dorfe
des  Unterlandes,  wo  Schillers  Mutter  auf  dem  Kirchhofe  begraben  lag,
mitten  in  den  Rebgärten  des  Neckartals,  so  recht  in  der  Heimat  schwä—
bischer  Sage  und  Sangeslust;  und  wenn  er  dort  über  seinen  geliebten
Alten  saß  oder  träumend  im  Walde  wanderte  und  die  Vögel  aus  ihren
Kehlen  „richtige  Gold-  und  Silberfäden  zogen“,  dann  fühlte  er  —  nicht
oft,  aber  immer  mit  der  ganzen  Macht  unmittelbarer  Eingebung  —  wie
der  Genius  in  ihm  jauchzte,  dann  wußte  er,  was  es  heiße  „Gott  selbst  zu
eigen  haben  auf  der  Erde“.  Ihm  selber  galt  der  Spruch,  den  er  einst
auf  eine  vergessene  kunstvolle  Marmorlampe  schrieb:
Was  aber  schön  ist,  selig  scheint  es  in  ihm  selbst.

Jedem  seiner  Leser  blieb  als  letzter  Eindruck  das  Gefühl,  wie  glücklich
der  Mann  war,  der  also  dichten  konnte.  In  die  Welt  der  Geschichte  wagte
er  sich  nicht  hinaus,  selbst  politische  Gespräche  waren  ihm  unheimlich.  Nur
den  einfachsten  Empfindungen  des  Menschenherzens  galten  seine  Lieder
und  Balladen,  Idyllen  und  Sprüche;  aber  wie  neu  und  eigentümlich  erklangen
  aus  seinem  Munde  die  tausendmal  besungenen  Geschichten  vom
verlassenen  Mägdelein,  von  dem  Knaben,  der  schön  Rohtrauts  Mund  geküßt,
  von  den  entschwundenen  Freuden  der  Rosenzeit.  Er  gebot  über  die
sangbaren  Weisen  des  deutschen  Volksliedes  und  vermochte  doch,  wie  die
Idyllendichter  der  Hellenen,  mit  epischer  Ruhe  fest  umrissene  Gestalten  zu
zeichnen.  Die  geheimnisvoll  lockende  Sprache  der  Elemente  war  ihm  so
vertraut  wie  nur  dem  jungen  Goethe,  dem  Dichter  des  „Fischers“,  und
fast  ebenso  vertraut  die  unendliche  Sehnsucht  der  alles  hoffenden  Jugend:

Der  Adler  strebt  hinaus  ins  Grenzenlose,

Sein  Auge  trinkt  sich  voll  von  sprüh'ndem  Golde;

Er  ist  der  Tor  nicht,  daß  er  fragen  sollte,

Ob  sich  sein  Haupt  nicht  an  die  Wölbung  stoße.
Durch  die  Wärme  der  Stimmung,  die  Ursprünglichkeit  des  Ausdrucks,
durch  die  heitere  Freiheit  seines  schalkhaften  Humors  übertraf  er  zuweilen
selbst  Uhland.  Als  Künstler  blieb  er  hinter  dem  Alten  zurück,  denn  seine
Muse  war  ein  Kind  der  Stunde;  den  Stoff  zu  runden  und  wirksam  abzuschließen,
  gelang  ihr  nicht  immer.  Darum  konnten  doch  nur  einzelne
seiner  Lieder  weit  ins  Volk  hinaus  dringen;  die  sinnige  Schönheit  seiner
Dichtung  war  zu  still,  zu  eigenartig,  um  von  der  Masse,  die  immer  zuerst
nach  stofflichem  Reize  begehrt,  verstanden  zu  werden,  sie  blieb  immer  nur
der  Liebling  eines  andächtigen  Kreises  feinfühlender  Kenner.

Ungleich  stärkeren  Widerhall  erweckten  die  Spaziergänge  eines  Wiener
Poeten,  die  ein  Sohn  des  österreichischen  hohen  Adels,  der  junge  Graf
A.  A.  Auersperg  im  Jahre  nach  der  Juli-Revolution  erscheinen  ließ.  Seit
den  Befreiungskriegen  und  dem  Wartburgsfeste  hatte  sich  unsere  politische
        <pb n="454" />
        446  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Lyrik  ganz  dem  Auslande  zugewendet,  erst  die  Spanier  und  die  Griechen,
dann  die  Franzosen  und  die  Polen  verherrlicht;  Anastasius  Grün  führte
sie  wieder  in  die  Heimat  zurück.  Mit  ihm  begann  die  Flut  der  patrio—
tischen  Zeitgedichte;  sie  schwoll  stärker  an,  als  gegen  das  Ende  der  dreißiger
  Jahre  für  die  Göttinger  Sieben  und  das  Hermannsdenkmal  auf  dem
Teutoburger  Walde  gesammelt  wurde,  und  überschwemmte  im  folgenden
Jahrzehnt  den  ganzen  Büchermarkt.  Von  tiefen  politischen  Ideen  besaß
der  Wiener  Poet  nichts;  er  schwärmte  nur  treuherzig  für  die  Freiheit  des
Wortes  und  der  Gedanken,  er  neigte  sich  in  Ehrfurcht  nicht  bloß  vor  dem
Abgott  aller  liberalen  Osterreicher,  Joseph  II.,  sondern  sogar  vor  Kaiser
Franz,  und  richtete  seinen  Zorn  ausschließlich  gegen  Metternich.  An  dessen
Türe  sah  er  einen  „dürftigen  Klienten“  stehen:

OÖstreichs  Volk  ist's,  ehrlich,  offen,  wohlerzogen  auch  und  sein,

Sieh,  es  fleht  ganz  artig:  Dürft'  ich  wohl  so  frei  sein  frei  zu  sein?

Aber  gerade  diese  unbestimmte  Begeisterung  für  die  Freiheit  entsprach  den
Gesinnungen  der  Zeit,  und  da  Metternich  für  den  Urheber  alles  deutschen
  Elends  galt,  so  bemerkte  man  auch  kaum,  daß  der  Wiener  nur  sein
Österreich  und  die  Stadt  der  Lerchen  und  des  Doppeladlers  im  Auge
hatte,  an  Deutschland  nur  ganz  nebenbei  dachte.  Die  Süddeutschen  vornehmlich
  hießen  ihn  als  Kampf=  und  Sangesgenossen  willkommen;  denn
er  stellte  seine  Lieder  mit  Worten  treuer  Liebe  unter  Uhlands  Schutz,
seine  frischen  bilderreichen  Verse  verrieten  überall  den  Einfluß  der  schwäbischen
  Schule,  und  wie  viel  traulicher  als  der  Hohn  des  Jungen  Deutschlands
  klang  den  Oberländern  diese  Sprache  des  Herzens.  —

Den  prosaischen  Lebensformen  der  modernen  Welt,  den  Interessen
und  Gedanken  der  verwandelten  Gesellschaft  vermochte  die  lyrische  Dichtung
längst  nicht  mehr  zu  genügen.  Was  die  neue  Zeit  an  poetischem  Gehalte
besaß,  konnte  nur  der  Romandichter  erschöpfend  aussprechen,  wenn  er
in  ungebundener  Rede  den  Kämpfen  und  Widersprüchen  des  wirklichen
Lebens  nachging.  Mochten  die  Asthetiker  der  Hegelschen  Schule  immerhin
  versichern,  daß  die  Ideale  der  Gegenwart  im  Drama  allein  die  vollendete
  künstlerische  Gestaltung  empfangen  müßten:  die  Erfahrung  jedes
Tages  strafte  sie  Lügen.  Die  ästhetische  Empfänglichkeit  eines  Volkes  läßt
sich  durch  die  Machtsprüche  der  Theorie  ebensowenig  meistern  wie  die
Gestaltungskraft  der  Künstler.  Der  Roman  wurde  in  Deutschland  für
lange  Jahre  die  zeitgemäße  Form  der  Dichtung  wie  ein  Jahrhundert  zuvor
  in  England.

Das  zeigte  sich,  als  Karl  Immermann  nach  langen  Irrfahrten  endlich
  den  rechten  Boden  für  sein  Schaffen  fand.  Von  einem  strengen
Vater  noch  ganz  im  Geiste  des  alten  fridericianischen  Staates  erzogen,
war  der  stolze,  tapfere  Niedersachse  von  früh  auf  seines  eigenen  Weges
gegangen.  Gleich  seine  erste  Schrift  war  eine  Tat  des  Charakters.
Da  er  als  Hallenser  Student  einen  mißhandelten  Kommilitonen  gegen
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        Immermann.  447

den  Terrorismus  einer  Burschenschaft  verteidigte,  rief  er,  allen  Gesetzen
des  Komments  zuwider,  in  einer  Streitschrift  das  öffentliche  Urteil  an
und  brachte  seine  Beschwerde  bis  vor  die  Stufen  des  Thrones;  mochten
die  Gegner  ihn  verhöhnen,  er  hatte  in  dem  Feldzuge  von  Belle-Alliance
wacker  mitgefochten,  seinen  Mut  durften  sie  ihm  nicht  abstreiten.“)  Nach—
her  lebte  er  lange  als  Richter,  meist  in  Beamtenstädten,  fast  ohne  künst—
lerischen  Verkehr,  und  ging,  wie  Platen  spottete,  „morgens  zur  Kanzlei
mit  Akten,  abends  auf  den  Helikon“.  So  in  tiefer  Einsamkeit  verschlang
er  die  Kunstwerke  aller  Zeiten  und  Völker,  aber  seine  eigenen  Dichtungen
gelangten  trotz  seiner  rastlosen  Arbeitskraft  noch  nicht  weit  über  den  an—
empfindenden  Dilettantismus  hinaus.  Keiner  unserer  namhaften  Dichter
hat  so  viel  Verfehltes  oder  Halbgelungenes  geschaffen.  Die  zarte  musi—
kalische  Stimmung  des  Lyrikers  blieb  ihm  fremd.  Seine  Dramen  wirkten,
bei  manchen  Vorzügen,  doch  nicht  überzeugend  und  konnten  sich  nicht  lange
auf  der  Bühne  behaupten;  auch  sein  Merlin,  ein  gedankenreiches  Gedicht
Faustischen  Stiles,  schreckte  ab  durch  mystische  Formlosigkeit.  Der  starke,
wie  zum  Herrschen  geborene  Mann  trat  im  Gespräche  jedem  mit  über—
legener  Sicherheit  entgegen;  in  seinen  Werken  erschien  er  oft  wie  ein
sklavischer  Nachahmer,  und  zudem  hegte  er  eine  theoretische  Vorliebe  für
die  Phantasiespiele  des  jungen  Tieck,  während  seine  eigene  Anlage  ihn  doch
ganz  auf  die  Darstellung  des  wirklichen  Lebens  hinwies.  Seinem  kern—
haften  Wesen  lag  in  Wahrheit  nichts  ferner  als  romantische  Überschwenglichkeit;
  mit  süßlicher  Frömmelei  hatte  sein  schlichter  ernster  Gottesglaube
nichts  gemein,  und  auch  die  sentimentale  Naturschwärmerei  der  Zeit  war
ihm  ein  Greuel.  Er  wußte  aus  der  Geschichte,  daß  die  Blüte  der  Mensch—
heit  in  den  Alpen  nicht  gedeiht;  er  empfand  an  sich  selber,  daß  die  höchste
Pracht  der  Natur  den  Geist  ebenso  leicht  erdrücken  wie  erheben  kann,  und
sagte  ehrlich:  „Ich  kann  nur  mit  der  Natur  Freundschaft  stiften,  der  ich
es  ansehe,  daß  menschliche  Kräfte  leicht  und  frei  auf  sie  einwirken  können.“

Erst  als  ihn  ein  freundliches  Geschick  nach  Düsseldorf  geführt  hatte,
begann  er  sich  von  dem  angelernten  Bombast  zu  befreien  und  fand  ein
fruchtbares  Arbeitsfeld  auf  dem  Grenzgebiete  zwischen  Poesie  und  Prosa.
Dort  unter  dem  leichtlebigen  Düsselvölkchen,  das  noch  von  den  pfälzischen
Zeiten  her  Becherlust  und  Mummenschanz  liebte,  war  seit  der  preußischen
Herrschaft  einer  jener  kleinen  Kulturherde  entstanden,  denen  das  deutsche
Leben  seine  Wärme  dankt.  Die  neue  Kunstakademie  stand  auf  der  Höhe
ihres  Ruhms,  die  Konzerte  leitete  der  junge  Felix  Mendelssohn-Bartholdy.
Auf  seinem  Landgerichte  traf  Immermann  zwei  gleichgesinnte  Amtsgenossen,
den  Kunsthistoriker  Schnaase  und  den  ernsten  frommen  Dichter  Friedrich
von  Uechtritz.  In  dem  kunstsinnigen  Hause  des  Geh.  Rats  von  Sybel  genoß
  er  heitere  Gastlichkeit  und  bald  herzliche  Freundschaft;  auch  der  Hof

 

*)  S.  o.  II.  431.
        <pb n="456" />
        448  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

des  Prinzen  Friedrich  von  Preußen  und  die  reichen  Grundherren  der
Nachbarschaft  belebten  im  Winter  die  Gesellschaft.  Es  war  ein  frisches,
kräftiges  Treiben,  Werkeltag  und  Festtag  fröhlich  verbunden,  die  Künstler
fast  alle  noch  jung  und  seliger  Hoffnung  voll.  Wenn  Mendelssohn  ein
Musikfest  veranstaltete  oder  die  Maler  einen  Maskenzug  aufführten,  dann
zogen  die  neuen  Dampfer  im  Flaggenschmuck  rheinab  und  rheinauf,  lange
Wagenzüge  bedeckten  die  schönen  Straßen  des  volkreichen  bergischen  Lan—
des,  Tausende  von  Schaulustigen  eilten  herbei  wie  zum  Karneval  im  nahen
Köln.  In  diesen  rheinischen  Festen  kam  der  alte  freie  Humor  unseres
öffentlichen  Lebens,  der  in  der  Stubenluft  des  letzten  Jahrhunderts  ganz
eingetrocknet  war,  zuerst  wieder  zu  seinem  Rechte.  Immermann  aber
fühlte  sich  in  diesem  neuen  schöneren  Studentenleben  erst  wahrhaft  frei,
er  wußte  jetzt,  was  er  vermochte.  Er  trat  an  die  Spitze  des  Düsseldorfer
Theaters;  denn  er  traute  sich's  zu,  der  verwilderten  deutschen  Bühne
wiederzugewinnen,  was  sie  seit  dem  überhandnehmenden  Virtuosentum
fast  verloren  hatte:  das  geordnete,  streng  geschulte  Zusammenspiel  aller
Mitwirkenden  und  die  lebendige  Teilnahme  der  Bestgebildeten  der  Nation.
Und  wirklich  bewährte  er  sich  als  dramaturgischer  Meister;  seine  Einsicht
und  sein  eiserner  Wille  brachte  mit  mittelmäßigen  Schauspielern  Auffüh—
rungen  zustande,  welche  den  strengsten  Anforderungen  genügten.  Leider
währte  diese  glänzende  Blüte  der  Düsseldorfer  Bühne  kaum  drei  Jahre,
da  die  Geldmittel  der  Stadt  nicht  auslangten.

In  solchem  Getümmel  von  Amtsgeschäften  und  Theaternöten,  in  einer
unruhigen  Zeit,  die  nur  dem  fragmentarischen  Schaffen  günstig  schien,  fand
Immermann  noch  die  Kraft,  sich  für  seine  beiden  reifsten  Werke  zu  sammeln.
  Ein  Glück  für  den  Künstler,  daß  die  Tagespolitik  ihn  kalt  ließ.  Als
konservativer  preußischer  Beamter  war  er  mit  der  bestehenden  Ordnung
im  wesentlichen  einverstanden,  obwohl  ihre  Mängel  seinem  sarkastischen
Blicke  nicht  entgingen;  der  Zeitungslärm  der  Liberalen  ekelte  ihn  an,  und
von  seinem  Jugendfreunde  Heine  wandte  er  sich  ab,  seit  er  die  Hohlheit
des  neuen  Radikalismus  durchschaut  hatte.  Frei  über  den  Parteien  stehend
wollte  er  in  dem  Romane  „die  Epigonen“  den  Werdegang  der  Zeit  darstellen,
  und  das  Werk  ward  in  der  Tat  als  Geschichtsbild  noch  bedeutsamer
  denn  als  Dichtung.  Wohl  hatte  der  Dichter  die  alte  Unart  der
Reminiszenzen  noch  nicht  ganz  überwunden,  die  Anklänge  an  Wilhelm
Meister  ließen  sich  nur  zu  deutlich  hören;  und  bis  zum  Unleidlichen  widerwärtig
  erschien  an  seinem  Epigonen  Hermann  der  fast  allen  Romanhelden
gemeinsame  Charakterzug  der  bestimmbaren  Schwäche.  Aber  wie  tief  und
geistvoll,  Licht  und  Schatten  gerecht  verteilend,  schildert  er  den  Umsturz
der  alten  Gesellschaft:  hier  den  alten  Adel,  der  mitten  im  selbstverschuldeten
  Untergange  noch  den  ästhetischen  Reiz  der  Vornehmheit  behauptet,
dort  das  aufstrebende  Bürgertum  mit  seinem  tüchtigen  Fleiße,  seiner  Prosa,
seiner  pharisäischen  Herzenshärtigkeit  —  alles  treu  nach  dem  Leben,  denn
        <pb n="457" />
        Die  Epigonen.  Münchhausen.  449

dort  im  Westen  ragten  überall  schon  die  neuen  Fabrikschlote  aus  den  Dächern
der  Schlösser  und  der  Klöster  empor.  Ebenso  scharf,  allerdings  nicht  ohne
Bosheit,  werden  die  Narrenstreiche  der  jugendlichen  Demagogen  und  die
literarische  ÜUberbildung  der  Berliner  Gesellschaft  gezeichnet.  Aus  alledem
ergab  sich  ein  wenig  erfreulicher  Gesamteindruck:  diesem  Geschlechte  von
Epigonen  war  nach  einer  gewaltigen  sozialen  und  literarischen  Revolution,
nach  der  Zerstörung  aller  überlieferten  Begriffe  und  Gesellschaftsformen
zunächst  nichts  übrig  geblieben  als  die  schrankenlose  Freiheit  des  Einzelmenschen,
  die  doch  nichts  Neues  geschaffen  hatte;  auf  die  Barbarei  der
Unwissenheit  war  eine  neue  ärgere  Barbarei  gefolgt,  ein  Zustand  geistiger
Anarchie,  wo  alle  alles  zu  wissen  glaubten.  In  solchen  düsteren  Bildern
spiegelten  sich  weitverbreitete  Stimmungen  dieser  durchaus  friedlosen  Jahre
deutlich  wieder.  Nur  an  einzelnen  Stellen  ließ  sich  erraten,  daß  die
Gesinnung  des  Dichters  nicht  ganz  so  hoffnungslos  war  wie  der  Titel
seines  Romans;  er  fühlte  doch,  daß  auch  schöpferische  Kräfte  in  der  Zeit
arbeiteten,  und  deutete  zuweilen  an,  die  Majestät  des  Staatsgedankens
könne  vielleicht  noch  in  dieser  Trümmerwelt  einen  neuen  Idealismus  erwecken.


Zur  freien  Beherrschung  des  Stoffs  gelangte  Immermann  erst  in  dem
Romane  Münchhausen.  Hier  rief  er  das  gesamte  geistige  Leben  Deutschlands
  vor  seinen  Richterstuhl  und  ließ  den  lustigen  Großmeister  der  Lüge
seine  Pritsche  schwingen  über  allen  Ungerechten,  unterweilen  auch,  nach
Dichterbrauch,  über  einigen  Gerechten.  Die  Berliner  Mutter  Gans  auf
dem  Kapitole  des  plattierten  Liberalismus,  der  reine  Begriff  der  Hegelianer,
Raupachs  dramatische  Zopfgeflechte,  Gutzkows  welke  Wally,  Semilassos
blasierte  Weisheit,  Bettinas  Koboldstreiche,  Görres'jakobinische  Kapuzinerpredigten,
  Justinus  Kerners  Poltergeister  —  der  ganze  literarische  Wirrwarr
  der  Zeit  rauschte  in  einem  tollen  Maskenzuge  vor  dem  Leser  vorüber.
Leider  fehlte  dem  Dichter  die  anmutige  Leichtigkeit  des  Scherzes;  unter
seinen  derben  Händen  ward  das  Komische  nicht  selten  fratzenhaft,  der  Spaß
zu  breit,  der  Spott  grausam.  Um  so  lichter  hob  sich  von  dem  satirischen
Hintergrunde  die  Idylle  des  Oberhofes  ab,  ein  treues,  herzerwärmendes
Bild  des  ehrenfesten,  bei  aller  Selbstsucht  kerngesunden  westfälischen
Bauernlebens.  Immermann  sah,  daß  die  Empfindung  in  diesen  niederen
Schichten  des  Volkes  doch  immer  gebunden  bleibt  und  einen  Zug  unästhetischer
  Dumpfheit  behält.  Darum  wies  er  mit  sicherem  Kunstgefühle  seiner
Dorfgeschichte  die  Stelle  an,  die  ihr  in  der  modernen  Romandichtung  allein
zukommt,  die  Stelle  einer  bescheidenen,  durch  den  Reiz  des  Kontrastes
wirksamen  Episode.  Er  wollte  sich  auch  sein  Hochdeutsch  durch  die  wohlfeilen
  Effekte  des  Dialekts  nicht  verderben,  sondern  ließ  nur  zuweilen  in
den  Reden  seiner  Bauern  die  Volkssprache  leise  anklingen;  und  eben  weil
er  die  grobsinnliche  Wirklichkeit  verschmähte,  erschien  die  Gestalt  seines  alten
Hofsschulzen  so  gewaltig,  so  poetisch  wahr  inmitten  der  feingebildeten  Gesellv.

  Troeeitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  29
        <pb n="458" />
        450  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

schaft.  Erstaunlich,  wie  dem  Niedersachsen  hier  aus  dem  heimatlichen
Boden  frische  Kraft  zuströmte.  Wieviel  lebendiger  war  hier  alles  als  in
seinen  romantischen  Mantel-  und  Degenstücken,  wieviel  zuversichtlicher  als
in  den  Epigonen  sprach  er  jetzt  über  seine  „große,  der  Wunder  volle  Zeit“.

Brentanos  Erzählung  vom  schönen  Annerl  war  einst  fast  unbemerkt
vorübergegangen;  der  Münchhausen  kam  zur  rechten  Stunde  (1838),  gerade
als  die  Nation,  müde  der  romantischen  Experimente  und  der  jungdeutschen
Tendenzen,  nach  Gestalten  von  Fleisch  und  Blut  verlangte.  Er  wurde  das
Vorbild  für  die  neue  Literatur  der  Dorfgeschichten,  die  leider,  ganz  wider
des  Meisters  Absicht,  bald  den  Anspruch  erhob,  für  eine  selbständige  Kunstgattung
  zu  gelten.  Die  literarischen  Ausfälle  des  lügenseligen  Barons
verstand  man  nach  wenigen  Jahren  schon  nicht  mehr  vollständig,  und  da
die  ungeheuere  Mehrzahl  der  Leser  immer  nur  die  Teile,  niemals  das
Ganze  eines  Kunstwerks  sieht,  so  durfte  die  Betriebsamkeit  des  Buchhandels
ungescheut,  sogar  unter  dem  Beifall  banausischer  Kritiker,  sich  an  der  Dichtung
  versündigen.  Der  satirische  Teil  des  Romans,  der  dem  Ganzen  Sinn
und  Namen  gab,  wurde  einfach  herausgeworfen,  und  die  Idylle  vom  Oberhofe,
  wohl  ausgeflickt  durch  einzelne  Lappen  des  anderen  Teiles,  allein
dem  Büchermarkte  dargeboten.  In  dieser  verstümmelten  Gestalt  ward  der
Münchhausen  ein  dauerndes  Besitztum  der  Nation.  Die  Geschichte  aber,
die  auch  im  Künstler  den  Helden  ehrt,  hält  das  Bild  des  ganzen  Mannes
fest,  so  wie  er  war,  nicht  verschwenderisch  begabt,  oftmals  irrend,  doch
rastlos  wuchernd  mit  seinem  Pfunde  und  immer  den  höchsten  Zielen  zugewendet.
  Ihm  bleibt  der  Ruhm,  daß  er  in  seinen  beiden  Romanen  seinem
Zeitalter  den  Spiegel  vorhielt,  wie  vordem  Goethe  im  Wilhelm  Meister
und  nachher  Freytag  im  Soll  und  Haben.  Nur  wer  diese  Zeitromane  kennt,
versteht  den  inneren  Zusammenhang  der  drei  Epochen  unserer  neuesten
Geschichte.

Durch  die  Liebesgeschichte  des  Oberhofs  klang  ein  zarter,  inniger  Ton,
der  Immermanns  früheren  Werken  abging;  denn  während  seine  Künstlerkraft
  sich  läuterte,  ward  er  auch  im  Leben  freier  und  glücklicher.  Jahrelang
  hatte  er  mit  einer  älteren  Frau,  der  Gräfin  Ahlefeldt,  oft  beglückt,
öfter  gepeinigt,  eines  jener  unklaren  Liebesverhältnisse  unterhalten,  welche
in  den  Kreisen  der  romantischen  Dichter  als  Kennzeichen  des  Genies  galten.
Da  ergriff  ihn  übermächtig  die  Neigung  für  ein  einfaches  Mädchen.

Gestorben  war  das  Herz  und  lag  im  Grabe,
Dein  Zauber  weckt  es  wieder  auf  der  holde  —

so  rief  er  der  Geliebten  zu  und  schrieb  in  der  Glückseligkeit  seiner  jungen
Ehe  Tristan  und  Isolde,  ein  Gedicht  voll  starker  Leidenschaft  und  schöner
sinnlicher  Wärme,  dem  nur  der  süße  Wohllaut  fehlte.  Aber  er  so  wenig
wie  einst  Meister  Gottfried  von  Straßburg  sollte  dies  hohe  Lied  der  Liebe
vollenden.  In  der  Blüte  der  Jahre,  mitten  im  fröhlichen  Schaffen  ward
        <pb n="459" />
        Tieck.  Sealsfield.  451

er  vom  Tode  ereilt  (1840),  einer  der  wenigen  Künstler,  von  denen  sich
menschlicherweise  mit  Sicherheit  sagen  läßt,  daß  sie  zu  früh  starben.

Noch  stärker  als  Immermann  fühlte  sich  Tieck  durch  das  Junge
Deutschland  abgestoßen.  Einige  der  jungen  Leute  hofften  anfangs,  der
alte  Herr  würde  sich  ihnen  anschließen,  weil  sie  für  die  Lucinde  schwärmten.
Er  aber  sah  in  ihrem  Treiben  nur  eine  schwächliche  Nachahmung  der  Starkgeisterei
  seiner  Jugendjahre  und  tadelte  insbesondere  ihre  doktrinäre  Haltung;
  denn  „nichts  ist  mir  mein  Leben  lang  verhaßter  gewesen,  als  der  absprechende
  Ton  des  Systems,  der  mit  allem  fertig  ist“.  Darum  ward  er
von  den  Jungdeutschen  bald  als  Finsterling  verrufen  und  sehr  roh  angegriffen.
  Er  rächte  sich,  indem  er  in  mehreren  seiner  Novellen  —  in
Eigensinn  und  Laune,  im  Liebeswerben  u.  a.  —  die  deutschen  Radikalen
wie  ein  Gesindel  von  Gaunern  und  Lumpen  darstellte.  Ein  reinerer  Stil
ließ  sich  in  diesen  späteren  Novellen  nicht  verkennen.  Der  Greis  spielte
nicht  mehr  ironisch  mit  seinen  Gestalten;  seine  Ironie  war  jetzt  nur  noch,
wie  er  es  so  oft  verlangt,  aber  selten  befolgt  hatte,  „die  Kraft,  die  den
Dichter  über  dem  Stoffe  erhält“.  Dafür  zog  freilich  durch  manche  Werke
seines  Alters  ein  kühler  Hauch,  der  die  Leser  nicht  recht  froh  werden  ließ.

Sonst  ragte  als  erzählender  Dichter  nur  noch  einer  über  die  Unzahl
  der  Unterhaltungsschriftsteller  empor:  Charles  Sealsfield,  ursprünglich
Postel  geheißen,  ein  mährischer  Mönch,  der,  aus  dem  Kloster  entflohen,
nachher  lange  in  Amerika  umherzog  und  sich  auch  das  seltsame  Kauderwelsch
  der  Deutschamerikaner  aneignete.  Seine  Romane:  „die  Legitimisten“
  und  „der  Virey“  führten  unsere  Poesie  zum  ersten  Male  in  den
fernen  Westen,  in  jene  Kultur=  und  Rassenkämpfe  Amerikas,  an  denen
schon  so  viele  Deutsche  teilnahmen.  Durch  die  brennende  Pracht  seiner
tropischen  Landschaftsbilder  und  die  Energie  der  Charakterzeichnung  übertraf
  er  Cooper  bei  weitem,  doch  in  allen  seinen  Schriften  arbeitete  eine
fieberische  Unruhe,  die  der  Masse  der  Leser  unbequemer  war  als  die  Breite
des  Amerikaners.  An  solchen  ungeschulten  starken  Talenten  läßt  sich  der
Geist  einer  Epoche  am  sichersten  erkennen;  Sealsfields  Schriften  bewiesen,
wie  unaufhaltsam  die  Zeit  dem  Realismus  zudrängte.

Dies  bewährte  sich  auch  an  den  Zuständen  des  Theaters.  In  hellen
Haufen  drangen  die  Lustspiele  Scribes  und  der  anderen  Pariser  Boulevardsdichter
  über  den  Rhein.  Das  deutsche  Publikum  war  noch  von  der
Weimarischen  Bühne  her  an  ein  ästhetisches  Weltbürgertum  gewöhnt  und
zudem  jetzt  für  Frankreichs  Freiheit  begeistert.  So  ließ  man  sich  denn  die
stümperhaften  Übersetzungen  wohl  gefallen;  man  lachte  über  feine  Anspielungen,
  die  nur  an  der  Seine  ganz  verstanden  werden  konnten;  man  nahm
es  hin,  daß  manche  einem  Pariser  Schauspieler  auf  den  Leib  geschriebene
Rolle  dem  deutschen  Nachahmer  häßlich  anstand  —  und  das  alles  nur,
weil  diese  leichten  Stücke  doch  ein  Bild  des  wirklichen  Lebens  gaben.  Von
alters  her  lag  die  Stärke  der  deutschen  dramatischen  Kunst  in  der  Kraft

29*
        <pb n="460" />
        452  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

der  Charaktere;  auch  unsere  beiden  einzigen  klassischen  Komödien,  Minna
von  Barnhelm  und  der  Zerbrochene  Krug,  waren  Charakterlustspiele.  Die
modernen  Franzosen  hingegen  hatten  sich  von  dem  Muster  ihres  Molieère
längst  abgewendet  und  suchten  die  komische  Wirkung  wesentlich  in  den  überraschenden
  Situationen.  Für  den  Reiz  der  Intrige  allein  vermag  sich
aber  das  deutsche  Gemüt  nicht  zu  erwärmen;  daher  währte  es  noch
lange,  bis  sich  endlich  einige  Dichter  fanden,  die  von  der  berechnenden
Technik  und  der  erfinderischen  Gewandtheit  der  Franzosen  lernten,  ohne  ihre
nationale  Eigenart  aufzugeben.  Was  jetzt  an  neuen  Lustspielen  erschien,
war  meist  leichte  Ware,  ebenso  flach,  nur  bei  weitem  nicht  so  zierlich  wie
die  welschen  Vorbilder;  fast  allein  der  Wiener  Bauernfeld  verstand,  durch
die  Feinheit  seiner  Dialoge  zu  ersetzen,  was  ihm  an  Erfindung  fehlte.  Die
Hörer  indes  ließen  sich  alles  bieten,  wenn  man  sie  nur  in  Spannung
hielt  und  ihre  Skandalsucht  etwas  reizte.  Jenes  kunstverständige  Parterre,
das  einst  jedem  Worte  Ekhofs  oder  Ifflands  andächtig  gelauscht  hatte,
war  längst  verschwunden;  das  Theater  bildete  nicht  mehr  den  Sammelplatz
für  die  gute  Gesellschaft,  die  Kenner  zogen  sich  mehr  und  mehr  zurück.
Seit  Schreyvogel  vom  Wiener  Burgtheater  vertrieben  war,  stand  keine  der
großen  deutschen  Bühnen  mehr  unter  strenger  sachverständiger  Leitung.
So  lockerte  sich  überall  das  Zusammenspiel;  die  Virtuosen  wollten  allein
gelten,  sie  zerstörten  durch  ihre  Gastspielreisen  jede  Ordnung  und  lernten
von  den  Franzosen  sich  der  Claque  oder  einer  ebenso  feilen  Kritik  zu  bedienen.


Auch  die  tragische  Kunst  lag  darnieder.  Grillparzer  zog  sich  unwirsch
von  der  Bühne  zurück,  seit  die  Wiener  eines  seiner  Dramen  verhöhnt  hatten;
und  von  den  jungdeutschen  Poeten  besaß  noch  keiner  die  sittliche  Kraft,  sich
den  strengen  Regeln  des  Dramas  zu  fügen;  sie  schüttelten  alle  ihre  Einfälle
leicht  aus  dem  Armel  und  wollten,  wie  einst  die  jungen  Romantiker,  in
der  bühnengerechten  Dichtung  nur  einen  verächtlichen  Frondienst  sehen.  An
dieser  Zuchtlosigkeit  ging  auch  der  unglückliche  Westfale  Christian  Grabbe
früh  zu  Grunde;  er  mußte  an  sich  selber  erleben,  was  er  einst  in  einem
lichten  Augenblicke  gesungen  hatte:  „Kraft  und  Dauer  wohnen  nur  in  Begrenzungen.“
  Er  schwelgte  in  gräßlichen  Bildern  und  chnischen  Witzen,
Maß  und  Form  blieben  seinem  umnachteten  Sinne  fremd;  die  beiden
größten  Dichtungen  der  Zeit  versuchte  er  in  einem  fratzenhaften  Drama
„Don  Juan  und  Faust“  zu  vereinigen  und  zu  überbieten.  So  stürmte  er
dahin,  ein  glühender  deutscher  Patriot,  ein  Verächter  alles  Platten  und
Gewöhnlichen;  keines  seiner  Dramen  war  ohne  realistis  che  Kraft,  aber  jedem
fehlte  der  künstlerische  Verstand.  Als  er  dann  in  seinen  Lastern  unterging,
  und  selbst  Immermanns  menschenfreundlicher  Beistand  diese  „Natur
in  Trümmern“  nicht  halten  konnte,  da  zeigte  sich  wieder  die  Vorliebe  der
Zeit  für  alles  Krankhafte  und  Verdrehte.  Die  Feuilletons  hoben  den  Toten
auf  den  Schild  und  verglichen  ihn  gar  mit  Heinrich  von  Kleist,  der  himmel-
        <pb n="461" />
        Grabbe.  Raupach.  453

hoch  über  ihm  stand;  sie  besprachen  geheimnisvoll  die  Verwandtschaft  des
Genius  mit  dem  Wahnsinn,  die  doch  nur  bei  dem  unfertigen  Genie  vorhanden
  ist,  und  niemand  gedachte  mehr  der  tiefen  Worte  des  alten  Goethe:
Das  Genie  gehorcht  dem  Gesetze  am  willigsten,  weil  es  begreift,  daß  Kunst
nicht  Natur  ist.

Da  die  jungen  Talente  der  Bühne  fern  blieben,  so  konnte  Ernst
Raupach  ein  volles  Jahrzehnt  hindurch  das  Berliner  Theater  beherrschen
  —  ein  ernsthafter,  schroffer,  kalt  verständiger  Geschäftsmann  ohne
jede  dichterische  Ader,  aber  ein  geschickter  Macher,  der  durch  zahllose  dramatische
  Gedichte  „ernster  und  komischer  Gattung“  —  wie  er  sie  selber
bezeichnend  nannte  —  die  unersättliche  Gier  des  Publikums  nach  neuen
Stoffen  mit  leidlichem  Anstande  zu  befriedigen  wußte.  Sein  ehrbares
Wesen  und  seine  tapfere  monarchische  Gesinnung  verschafften  ihm  die
Gunst  des  Hofes,  auch  Hegel  beschützte  ihn  als  einen  Widersacher  der
Romantiker.  Und  was  konnte  auch  aller  Romantik  schärfer  widersprechen
als  diese  entsetzlichen  sechzehn  Hohenstaufen-Tragödien  —  jedes  Stück  in
fünf  Akten  mit  einem  Vorspiele  —  die  den  Rationalismus  Friedrich  von
Raumers  noch  einmal  verwässerten?  Mit  einer  Gründlichkeit,  welche  den
Historiker  selbst  beschämte,  wurde  der  gesamte  Tatbestand  erschöpft;
nichts,  gar  nichts  ward  den  Hörern  erlassen;  unerbittlich  ging  es  weiter
bis  zu  dem  letzten  Augenblicke,  da  Konradin  sein  Haupt  auf  den  Block
legte,  und  die  Zuschauer  mußten  dem  grausamen  Dichter  noch  danken,
daß  er  nicht  auch  noch  den  Kopf  des  letzten  Hohenstaufen  leibhaftig  über
die  Bretter  rollen  ließ.  Namentlich  die  gereimten  Gemeinplätze  am  Ende
der  Auftritte  und  Akte  zeichneten  sich  durch  zuversichtliche  Plattheit  aus,  und
noch  lange  lebte  im  Gedächtnis  der  Berliner  der  Schlußvers:  „Das  Glück
war  niemals  mit  den  Hohenstaufen.“  Und  dennoch  wirkten  die  Stücke;
die  grob  gezeichneten  Charaktere  boten  begabten  Schauspielern  manche
dankbare  Aufgabe,  falsche  Deklamation  verbot  sich  von  selbst  in  dieser
nüchternen  Welt.  Einmal  wurde  im  Schauspielhause  sogar  der  ganze
Zyklus  hintereinander  aufgeführt,  und  ein  zahlreiches  gebildetes  Publikum
hielt  mehr  als  zwei  Wochen  lang  Abend  für  Abend  standhaft  aus,  um
das  jambische  Kollegium  über  die  Kaisergeschichte  des  Mittelalters  vollständig
  zu  hören.

Siebzig  Jahre  zuvor  hatte  Lessing  die  moralisierende  Poetik  vernichtet;
jetzt  war  durch  Überbildung  der  Schönheitssinn  wieder  so  abgestumpft,
daß  Raupach  dreist  behaupten  durfte,  der  Zweck  der  Bühne  sei  das  Volk
zu  belehren.  Immerhin  stellte  er  durch  die  Masse  seiner  Dramen  den
hereinbrechenden  Pariser  Fluten  noch  einen  Damm  entgegen;  und  das
nämliche  Verdienst  erwarb  sich  auch  die  gemütliche  Schwäbin  Charlotte
Birchpfeiffer.  Sie  zählte,  wie  Iffland,  zu  den  dichtenden  Schauspielern,
deren  das  moderne  Theater  nicht  entbehren  kann,  weil  es  für  den  Hausbedarf
  aller  sieben  Wochenabende  sorgen  muß.  Ihre  meist  nach  Novellen
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        454  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

gearbeiteten  brauchbaren  Bühnenstücke  waren  wärmer  empfunden  als  Raupachs
  Werke,  ganz  deutsch  gedacht,  niemals  unwahr  oder  unnatürlich,
freilich  auch  so  harmlos,  daß  Schiller  wohl  wieder  hätte  fragen  können:
Warum  entfliehet  ihr  euch,  wenn  ihr  euch  selber  nur  sucht?  —

Sogar  die  Oper  empfand  den  wachsenden  Einfluß  Frankreichs.  Der
erste  Dramatiker  unter  den  Tonsetzern,  der  Berliner  Giacomo  Meyerbeer
war  nach  Paris  gezogen  und  betrieb  von  dort  aus  seine  internationale
Kunsttätigkeit,  immer  in  Fühlung  mit  den  Stimmungen  der  Franzosen.
Sein  Robert  der  Teufel,  der  die  lange  Reihe  seiner  europäischen  Triumphe
eröffnete,  war  der  Neuromantik  Viktor  Hugos  nahe  verwandt,  und  als
nachher  die  kirchlichen  Gegensätze  sich  verschärften,  griff  er  zu  dem  wirksamen
  Stoffe  der  Hugenotten.  Durch  prächtige  theatralische  Effekte  und
reizende  Melodien  riß  er  die  Massen  widerstandslos  mit  sich  fort;  alle
möglichen  Formen  und  Stile  mischte  er  durcheinander,  wenn  sie  nur  die
Nerven  aufregten.  Von  der  schlichten  Großheit  deutscher  Kunst  war  nichts
in  ihm.

Da  seine  Manier  allen  schlechten  und  einigen  guten  Neigungen  der
Zeit  entsprach,  so  hätte  sie  wohl  auch  in  Deutschland  die  Alleinherrschaft
erlangt,  wenn  ihr  nicht  ein  überlegener  Geist  entgegengetreten  wäre.  Wie
Meyerbeer  war  auch  Felix  Mendelssohn  in  den  verwöhnten  Kreisen  des
Berliner  Reichtums  aufgewachsen,  aber  seine  reine,  liebenswürdige  Natur
nahm  nur  die  guten  und  tüchtigen  Züge  des  Berliner  Wesens  an:  die  vielseitige
  Bildung,  den  freien  Blick,  die  gesellschaftliche  Gewandtheit  und  die
Gabe  der  beredten  Mitteilung.  Ein  Deutscher  vom  Wirbel  bis  zur  Zehe,
konnte  er  sich  selbst  in  dem  Zauber  der  südlichen  Landschaft  nicht  auf  die
Dauer  wohl  fühlen,  und  von  allen  Ausländern  haben  ihn  nur  die  germanischen
  Engländer,  niemals  die  Franzosen  ganz  verstanden.  Er  erweckte
  durch  seinen  Paulus  das  Oratorium  der  Protestanten  zu  neuem
Leben  und  gab  dem  deutschen  Liede  einen  tiefen,  weihevollen  musikalischen
Ausdruck.  Fast  ebenso  folgenreich  wie  diese  Kompositionen,  die  ihn  weit
über  alle  lebenden  Tonsetzer  emporhoben,  wurde  seine  Tätigkeit  in  den
Konzertsälen.  Als  zwanzigjähriger  Jüngling  wagte  er  zuerst  (1829)  in
Berlin  Sebastian  Bachs  vergessene  Passion  aufzuführen,  und  seitdem  bemühte
  er  sich  unablässig,  die  edlen  echt  deutschen  Kunstformen  der  Symphonie,
  des  Oratoriums,  der  Sonate,  den  Gebildeten  wieder  ans  Herz
zu  legen.  Die  Werke  Bachs  und  Händels,  auch  Beethovens  letzte  Symphonien,
  die  lange  für  ungenießbar  gegolten  hatten,  erschloß  er  dem  Verständnis
  der  Nation.  Seit  er,  überall  in  Deutschland  gekannt  und  geliebt,
zu  Berlin,  Düsseldorf,  Frankfurt,  Leipzig  seinen  Taktstock  schwang,  wurdedie
fast  zum  Zeitvertreibe  herabgesunkene  Musik  wieder  als  hohe  Kunst  geehrt.
Ihm  dankten  die  Deutschen,  daß  sich  in  der  Hörerschaft  immer  noch  ein
Kern  reinen  Geschmackes  erhielt,  auch  als  die  Anarchie  in  der  Oper  einriß.
So  führte  ein  Deutscher  jüdischer  Abstammung  unsere  gebildete  Gesell-
        <pb n="463" />
        Meyerbeer.  Felix  Mendelssohn.  455

schaft  zu  den  alten  überlieferungen  ihrer  nationalen  Kunst  zurück,  eben
in  den  Tagen,  da  die  Pariser  Deutschjuden  sich  so  frevelhaft  an  unserem
Volkstum  versündigten.  Mendelssohns  edles  und  großes  Wirken  bewies
für  alle  Zukunft,  daß  der  deutsche  Jude  nur  dann  wahren  Ruhm  erringen
kann,  wenn  er  ganz  und  ohne  Vorbehalt  im  deutschen  Leben  aufgeht.  —

Auch  die  Malerei  wurde  von  dem  realistischen  Zuge  der  Zeit  er—
griffen.  Die  Welt  bedarf  immer  einer  langen  Frist,  bis  sie  die  Schran—
ken  erkennt,  welche  der  Begabung  schöpferischer  Geister  gesetzt  sind.  Glück—
lich  der  Künstler,  der  wie  Schiller  von  rohen,  unreifen  Jugendwerken  stetig
aufsteigt,  seinen  Genius  immer  freier  entfaltet  und  dahingeht,  sobald  das
Volk  ihn  ganz  zu  verstehen  beginnt.  Ein  anderes,  ein  tragisches  Geschick
war  Cornelius  beschieden.  Schwung,  Adel,  Großheit,  eine  Welt  von  neuen
Ideen  hatte  er  der  erstarrten  bildenden  Kunst  gebracht;  die  Deutschen  be—
trachteten  ihn  als  einen  anderen  Goethe,  König  Ludwig  stellte  ihn  fast
über  die  Maler  des  Cinquecento,  und  noch  im  Jahre  1831  wurde  er,  als
er  aus  Italien  heimkehrte,  wie  ein  Fürst  eingeholt,  die  Münchener  Künst—
ler  spannten  ihm  die  Pferde  vom  Wagen.  Einmal  doch  mußte  dieser
Überschätzung  ein  Rückschlag  folgen.  Cornelius  war  nur  der  Klopstock
unserer  neuen  Malerei,  reicher  wohl,  gewaltiger  als  der  Dichter  des  Mes—
sias,  aber  gleich  jenem  mehr  ein  Bahnbrecher  als  ein  Vollender,  und  leider
sollte  nach  ihm  kein  Goethe  kommen,  der  alle  die  Strahlen  des  neu  entdeckten
Lichtes  in  einem  Brennspiegel  vereinigte.  Ihm  fehlte  die  wahrhaft  malerische
  Phantasie,  die  unbefangene  Freude  am  Spiele  der  Formen  und  der
Farben;  immer  stieg  ihm  zuerst  ein  großer  poetischer  Gedanke  auf,  dann
suchte  er  erst  nach  den  Gestalten,  in  denen  dies  frei  geschaffene  Ideal  sich
verkörpern  sollte.  Darum  blieb  ihm  der  Humor  fremd,  und  auch  die
Schönheit  des  Weibes  reizte  ihn  wenig,  da  sie  selten  Ideen  ausspricht.
Das  Lehren  gelang  ihm  wenig,  weil  er  die  allein  lehrbare  Technik  geringschätzte
  und  den  eigentlichen  Zauber  seiner  Werke,  die  Macht  seiner  großen
Persönlichkeit,  kleineren  Geistern  nicht  mitteilen  konnte.  So  schritt  er
einsam  fürbaß,  der  ernste  kleine  Mann  mit  dem  strengen,  gewaltigen
Denkerkopfe,  vergöttert  von  seinen  Schülern,  von  wenigen  ganz  verstanden.
Er  sagte  wohl:  „die  Natur  ist  die  Frau,  der  Genius  der  Mann;“  doch
er  war  ein  herrischer  Gatte,  sich  in  das  Leben  seines  Weibes  liebevoll  zu
versenken,  siel  ihm  nicht  bei.  Wer  nur  schlicht  und  recht  malte  und  dem
grandiosen  Gedanken  des  Zusammenwirkens  aller  Künste  nicht  zu  folgen
vermochte,  ward  von  dem  stolzen  Meister  als  ein  „Fächler“  verachtet.  Was
focht  es  ihn  an,  daß  er  in  München  niemals  heimisch  wurde?  die  Bayern
blieben  ihm  Barbaren.  Was  kümmerte  ihn  der  Tadel  der  Franzosen,  die
ihm  vorwarfen,  er  dichte  nur,  er  male  nicht?  sie  waren  Fremde  und  konnten
  deutsche  Kunst  nicht  begreifen.

In  solcher  Stimmung  empfing  er  den  Auftrag,  die  neue  Ludwigskirche
  mit  Fresken  zu  schmücken,  und  sofort  entwarf  sein  Dichtergeist  den
        <pb n="464" />
        456  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Plan  zu  einem  dritten  großen  Bilderzyklus,  der  die  beiden  ersten  noch
überbieten  sollte,  zu  einem  christlichen  Epos,  einer  gemalten  Göttlichen
Komödie.  Vieles  von  dem  Entwurfe  ward  durch  den  Bauherrn  gestrichen;
was  übrig  blieb,  war  noch  gewaltig  genug,  und  vor  allem  in  dem  Bilde
des  Jüngsten  Gerichts,  dem  größten  Freskobilde  der  Welt,  hoffte  der  Künstler
  den  Geist  des  geläuterten  Christentums  auszusprechen.  Ein  Vierteljahrhundert
  zuvor,  als  er  noch  in  Rom  mit  den  jungen  Nazarenern
schwärmte,  wäre  ihm  vielleicht  ein  Werk  gelungen,  so  einfach  streng,  so
tief  gläubig  wie  Memlings  Danziger  Bild;  doch  seitdem  war  er  auf  einem
weiten  Bildungsgange  durch  die  Welt  des  Faust,  der  Nibelungen,  des
Homer,  durch  das  ganze  Gebiet  der  Kunstgeschichte  hindurchgeschritten.  Wie
konnte  er  noch  mit  ganzer  Seele  in  einer  Vorstellung  leben,  die  unter  allen
christlichen  Mythen  der  Gegenwart  am  unbegreiflichsten  bleibt?  —  denn
so  gewiß  das  Gefühl  der  Verantwortlichkeit  vor  Gott  mit  der  reifenden
Gesittung  sich  verschärft,  ebenso  gewiß  muß  die  Trennung  der  Böcke  von
den  Schafen  und  die  sinnliche  Ausmalung  der  Höllenstrafen  einem  menschenkundigen,
  gebildeten  Jahrhundert  kindlich  erscheinen.  An  diesem  Anachronismus
  scheiterte  auch  Cornelius'  Genie.  Sein  Werk  ward  frömmer,
reicher  an  religiösem  Gefühle  als  die  verwandten  Gemälde  des  Michelangelo
  und  Rubens,  die  beide  nur  einen  Titanenkampf  schilderten,  und  erreichte
  ebendeshalb  weder  die  dämonische  Erhabenheit  des  einen  noch  die
sinnliche  Kraft  des  anderen.  Selbst  sein  oft  bewährtes  Kompositionstalent,
  seine  wunderbare  Gabe,  in  wenigen  Gestalten  ein  großes  Ereignis
erschöpfend  darzustellen,  verleugnete  sich  diesmal;  das  Bild  zerfiel  in  Gruppen,
  einzelne  Gestalten  der  Engel  und  der  Seligen  offenbarten  noch  die
alte  Größe,  der  Höllenfürst  aber  und  seine  Teufel  erweckten  kein  Grausen.

Es  schwebte  ein  Unstern  über  dem  ganzen  Unternehmen,  das  fröhliche
Künstlertreiben,  das  einst  die  Malergerüste  der  Glyptothek  mit  seinem  Lärm
erfüllt  hatte,  erneuerte  sich  nicht  in  der  Ludwigskirche.  Der  königliche  Bauherr
  aber  konnte  seine  Enttäuschung  nicht  bergen,  als  er  das  mißlungene,
mangelhaft  gemalte  Bild  betrachtet  hatte;  er  meinte  scharf:  „Ein  Maler
muß  malen  können.“  Die  Zeit  war  längst  dahin,  da  Kronprinz  Ludwig
einst  bescheiden  zu  Tieck  gesagt  hatte:  „Heiße  auch  Ludwig.  Große  Ehre
für  mich,  ebenso  zu  heißen,  wie  ein  ordentlicher  Dichter.“  Seit  er  die
Krone  trug,  war  sein  Selbstgefühl  hoch  gestiegen;  sogar  als  Künstler  glaubte
er  seinen  Malern  und  Bildhauern  gewachsen  zu  sein,  da  seine  unglücklichen
  Gedichte  so  viel  schmeichelnde  Bewunderer  fanden.  Cornelius  war
nicht  der  Mann,  sich  eine  schnöde  Behandlung  bieten  zu  lassen.  Bald
nach  jenen  Außerungen  königlicher  Ungnade  verließ  er  München  für  immer,
und  mit  ihm  verschwand  auch  seine  Schule.  Das  hohe  Pathos  seines
Idealismus  genügte  der  verwandelten  Zeit  nicht  mehr.

Schon  während  seiner  Münchener  Herrschaft  hatten  einzelne  der  jungen
Künstler  ihre  Eigenart  tapfer  behauptet.  Peter  Heß  und  der  fröhliche  Lands-
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        Cornelius  und  seine  Schule.  457

knecht  Albrecht  Adam  schufen  ihre  Schlachtgemälde  frisch  nach  dem  Leben.
Der  Uhland  unserer  Malerei,  Moritz  Schwind,  malte  im  Schlosse  Hohen—
schwangau  am  einsamen  Alpensee  Bilder  aus  der  romantischen  Sagenwelt,
voll  inniger  Empfindung  und  schalkhafter  Laune.  Über  Riedels  römischen
Mädchenbildern  lag  der  brennende  Glanz  der  südlichen  Sonne,  auch
Rottmanns  griechische  Landschaften  zeigten  eine  Pracht  der  Farben  und
des  Lichtes,  die  den  strengen  Cornelianern  fremd  war.  Selbst  von  Cornelius'’
  vertrauten  Schülern  ging  der  begabteste,  Wilhelm  Kaulbach,  bald
seinen  eigenen  Weg.  Nachdem  er  in  dem  furchtbaren  Bilde  des  Narrenhauses
  zuerst  seine  Gabe  scharfer  Charakteristik  bewährt,  zeigte  er  sich  als
Meister  der  Satire  in  seinem  schönsten  Werke,  dem  Reineke  Fuchs.  Erstaunlich,
  wie  treu  er  die  Tiergestalten  nachbildete  und  wie  frei  er  sie  zugleich
  als  Hülle  des  Menschenlebens  verwendete.  Auch  dies  Werk  wurde,
wie  einst  der  niederdeutsche  Reinhart  des  fünfzehnten  Jahrhunderts,  ein
Sturmvogel  der  Revolution;  der  demokratische  Geist  der  alten  Volksdichtung
sprach  aus  Kaulbachs  Bildern  ungleich  lauter  und  dreister  als  aus  der
menschlich  heiteren,  die  soziale  Tendenz  zurückdrängenden  Goethischen  Bearbeitung,
  und  der  ungeteilte  Beifall,  den  diese  übermütige  Verhöhnung
der  Höfe,  des  Adels,  der  Kirche  in  den  gebildeten  Klassen  fand,  bewies
genugsam,  daß  in  Deutschland  schon  fast  jeder  geistreiche  Mann  dem  Lager
der  Unzufriedenen  angehörte.  Unterdessen  begann  Kaulbach  die  Arbeit  an
seinen  großen  Geschichtsbildern,  die  ihn  von  seinem  verlassenen  Meister
bald  noch  weiter  abführen  sollte.

Keine  dieser  jungen,  aus  dem  alten  Stamme  der  Münchner  Malerei
aufsprossenden  Kräfte  wirkte  so  tief  auf  das  Volksleben  ein  wie  die  neue
Düsseldorfer  Malerschule.  Hier  war  jetzt  Wilhelm  Schadow,  der  Sohn
des  Bildhauers,  als  Direktor  tätig,  ein  geborener  Organisator,  der,
in  seinen  eigenen  Kunstwerken  selten  glücklich,  doch  wunderbar  verstand,
Talente  zu  finden,  zu  wecken,  zu  leiten.  Niemand  widerstand  ihm  so  leicht,
wenn  der  bewegliche  Mann,  die  Taschen  immer  vollgepfropft  von  Plänen
und  Entwürfen,  mit  eindringlicher  Beredsamkeit  seine  Lehren  entwickelte.
Die  monumentale  Kunst  fand  in  der  bescheidenen  niederrheinischen  Stadt
keinen  Boden.  Der  König,  der  nach  dem  alten  Berliner  Brauche  das
Porträt  bevorzugte,  bestimmte  auch  ausdrücklich,  daß  an  seiner  Akademie
nicht  das  Fresko,  sondern  die  Olmalerei  zuerst  gepflegt  werden  solle;  und
alles,  was  an  der  Kunst  lehrbar  ist,  wußte  Schadow  in  der  Tat  seinen
eifrigen  Schülern  mitzuteilen.  So  blieben  die  Düsseldorfer  von  Haus
aus  eine  Malerschule,  fast  ohne  Verkehr  mit  den  anderen  bildenden  Künsten.

Sie  konnten  ihre  Kundschaft  nur  unter  den  Privatleuten  suchen,  und
da  die  Zahl  der  kaufenden  Kunstfreunde  in  dem  verarmten  Deutschland  noch
sehr  gering  war,  so  traten  allmählich,  nach  dem  Vorgange  Münchens  (1823),
in  den  meisten  großen  Städten  Kunstvereine  zusammen,  die  alljährlich  ihre
Ausstellungen  und  Verlosungen  veranstalteten.  Manche  dieser  Vereine
        <pb n="466" />
        458  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

waren  im  Anfang  nicht  viel  mehr  als  Wohltätigkeitsanstalten,  und  der
arme  Ludwig  Richter  meinte  bitter,  man  wisse  nicht  recht,  ob  Künstlerhunger
oder  Kunsthunger  sie  gegründet  habe.  Schwer  genug  hielt  es  oft,  die  aller
Formenlust  entwöhnte  Gesellschaft  für  ideale  Genüsse  zu  erwärmen,  am
schwersten  im  nüchternen  Niedersachsen.  Als  in  Hannover  1833  zum  Ge—
burtstage  des  geliebten  Vizekönigs  die  erste  Kunstausstellung  eröffnet  wurde,
sah  sich  der  Bürger  für  vier  Groschen  die  Bilder  einmal  an,  der  Edelmann
  aber  und  der  Beamte  löste  anstandshalber  für  einen  Taler  eine
Eintrittskarte,  die  zu  beliebigem  Besuche  berechtigte,  und  wie  oft  erklang
nun  die  Klage:  jetzt  muß  ich  noch  zweimal  hingehen,  dann  hab'  ich  meine
Karte  abgelaufen!  Mit  den  Jahren  ward  die  Mode  zur  Freude,  die  Zahl
der  Teilnehmer  wuchs,  und  bald  entstanden  aus  den  Sammlungen  der
Kunstvereine  neue  städtische  Galerien,  die,  vom  Gemeinsinn  der  Bürger
eifrig  gefördert,  mit  den  alten  Bilderschätzen  der  Residenzen  zu  wetteifern
suchten.  So  erzog  sich  die  Kunst  ihr  Publikum,  freilich  mußte  sie  auch
seinem  Geschmacke  sich  anschmiegen.

Die  Düsseldorfer  malten,  was  der  Durchschnittsbildung  zusagte,  Landschaften,
  Genrebilder,  und  mit  Vorliebe  die  Gestalten  der  Dichtung.  Bei
den  meisten  Völkern  geht  die  klassische  Literatur  der  Blütezeit  der  bildenden
Künste  voraus,  sie  findet  überall  zuerst  die  neuen  Ideale;  aber  nirgends
hat  die  Malerei  so  vieles  unmittelbar  von  den  Dichtern  entlehnt  wie  in
Deutschland.  Eben  jetzt  waren  die  Werke  unserer  Klassiker  und  der  wiederbelebte
  Shakespeare  der  Masse  der  Gebildeten  erst  vertraut  geworden,  sie
standen  noch  allen  in  frischer  Erinnerung,  und  mit  kindlicher  Begeisterung
wurden  die  Bilder  der  Mignon,  der  beiden  Leonoren,  der  Söhne  Eduards
begrüßt,  denn  unwillkürlich  fanden  die  Beschauer  in  den  Gemälden  den
Zauber  der  Gedichte  wieder.  Den  Meistern  Sohn,  Hildebrandt,  Schirmer
folgte  eine  Schar  treufleißiger  junger  Leute,  die  mit  ihren  empfindsamen
Genoveven,  Aschenbrödeln  und  Rotkäppchen  der  Damenwelt  heiße  Tränen
entlockten;  manche  von  ihnen  schienen  zu  glauben,  daß  der  einfache  Gegensatz
  von  Brünetten  und  Blondinen,  verwitterten  Männern  und  rosigen
Jünglingen  den  ganzen  Reichtum  des  Menschenlebens  erschöpfe.

Gleichwohl  blieben  in  der  frischen  rheinischen  Luft  der  Farbensinn  und
das  Naturgefühl  immer  lebendig.  Schadows  Schule  brachte  die  Technik
der  Malerei,  den  liebevoll  ins  einzelne  dringenden  Künstlerfleiß  wieder  zu
Ehren,  und  wie  die  Düsseldorfer  nicht  verschmähten,  von  den  Franzosen  zu
lernen,  so  gewannen  sie  auch  der  deutschen  Kunst  zuerst  wieder  den  Beifall
des  Auslands.  Einige  ihrer  kräftigsten  Talente  wagten  sich  auch  schon  in
die  historische  Welt  hinaus.  Etwas  empfindsam,  aber  wahr  und  tief  erfaßte
  der  junge  Bendemann  den  poetischen  Gehalt  großer  geschichtlicher
Katastrophen  in  seinen  Erstlingswerken,  den  trauernden  Juden  und  dem
Jeremias;  der  glänzende  Erfolg  bewies,  wieviel  gemeinverständlicher  als
das  Freskogemälde  der  malerische  Reiz  des  Olbildes  den  modernen  Men-
        <pb n="467" />
        Die  Düsseldorfer  Maler.  Franz  Krüger.  459

schen  erschien.  Erst  auf  weiten  Umwegen  gelangte  auch  der  Schlesier  Karl
Lessing  zur  historischen  Kunst,  ein  frühreifer,  ernster,  streng  gewissenhafter
Künstler,  der  von  dem  mannhaften  Freimut  seines  Großoheims,  des
Dichters,  viel  geerbt  hatte.  Sein  Bild  von  dem  trauernden  Königspaare,
das  schon  weit  mehr  war  als  eine  gemalte  Illustration  und  den  Vergleich
mit  Uhlands  Ballade  nicht  zu  scheuen  brauchte,  verschaffte  ihm  zuerst  einen
Namen;  Chamisso  sang  entzückt:
Ich  küsse  dir  die  Hand,  der  Greis  dem  Knaben!

Unbeirrt  durch  den  Beifall,  bildete  er  sich  rastlos  weiter  aus,  zunächst  als
Landschafter.  Italien  und  die  Alpen  besuchte  er  niemals,  weil  er  seine
Phantasie  nicht  verwirren  und  sich  die  Liebe  zu  seinen  deutschen  Mittel—
gebirgen  nicht  verderben  wollte.  Diese  kannte  er  aus  dem  Grunde,  nament—
lich  den  schwermütigen  Zauber  der  öden  vulkanischen  Eifellandschaften,  die
er  durch  historische  Staffagen  zu  beleben  liebte.  Nun  erst  eröffnete  er  mit
der  Hussitenpredigt  die  Reihe  seiner  historischen  Gemälde,  die  allesamt
bedeutende,  dem  Gefühle  der  Gegenwart  verständliche  Kämpfe  behandelten
und  von  den  rheinischen  Klerikalen,  ganz  mit  Unrecht,  als  protestantische
Tendenzbilder  verrufen  wurden.

Es  war  das  Verdienst  dieses  kräftigen  und  wahrhaftigen  Mannes,  daß
die  Düsseldorfer  Schule  nicht  in  der  Kleinmalerei  verkam.  Auch  der  Humor
fehlte  nicht,  der  dem  gefühlsseligen  Wesen  die  Wage  hielt.  Der  Märker
Adolf  Schrödter  verhöhnte  die  weinerlichen  Romantiker  in  dem  Bilde  der
trauernden  Lohgerber,  er  schuf  die  Typen  des  Falstaff  und  des  Don  Quijote,
wie  sie  sich  seitdem  in  der  deutschen  Kunst  erhalten  haben,  und  in  dem
Triumphzuge  des  Weines  faßte  er  alle  die  tollen  Schwänke  zusammen,  die
sich  die  jungen  Künstler  zum  besten  gaben,  wenn  sie  auf  ihren  rheinischen
Studienreisen  abends  im  Goldenen  Pfropfenzieher  zu  Oberwesel  beim
feurigen  Engehöller  beisammensaßen.  Nach  wenigen  Jahren  zeigte  sich  aber
schon  ein  Zwiespalt  in  dem  glücklichen  Künstlerkreise.  Schadow  war  in  Rom
zur  katholischen  Kirche  übergetreten  und  begünstigte  mehr  und  mehr  ein
neues  Nazarenertum,  das  technisch  geschickter,  aber  noch  geistloser  war  als
das  alte.  Mit  diesen  süßlichen  Madonnenbildern  konnte  sich  der  Protestant
Lessing  unmöglich  befreunden;  die  Zeit  nahte  heran,  da  der  moderne  Realismus
  sich  von  den  Epigonen  der  Romantik  offen  lossagen  mußte.

Solche  Parteikämpfe  waren  für  das  kindliche  Gemüt  des  Westpreußen
Eduard  Meyerheim  kaum  vorhanden.  Der  lebte  in  Berlin  ganz  seiner
Staffelei  und  der  Musik,  wanderte  im  Sommer  in  die  Berge,  nach  Thüringen
  oder  auf  den  Harz,  und  suchte  sich  dort  unter  Kleinbürgern  und
Bauern  seine  Stoffe.  Zarter  und  weicher  als  wir  heute  empfinden,  aber  frei
von  falscher  Gefühlsseligkeit  schilderte  er  die  Anmut  des  Herzens,  welche  das
schlichte  Volksleben  verklärt;  seine  anheimelnden  Bilder  wurden  den  Besuchern
  der  Ausstellungen  bald  so  unentbehrlich  wie  die  Dorfgeschichten  den
Lesern.  Franz  Krüger  dagegen  bewegte  sich  ganz  auf  den  Höhen  der  Ge-
        <pb n="468" />
        460  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

sellschaft;  er  war  der  Künstler  der  vornehmen  Welt,  malte  die  Prinzen  und
die  Hofleute  ebenso  vortrefflich  wie  ihre  edlen  Rosse,  alles  ohne  Schön—
färberei,  treu  und  wahr,  mit  jener  Freude  am  Wirklichen,  welche  Chodowiecki
  zuerst  unter  den  Berliner  Malern  erweckt  hatte.  In  den  großen
Paradebildern,  die  ihm  der  Hof  auftrug,  mußte  er  den  denkbar  ungünstig—
sten  Stoff  bewältigen,  die  schnurgeraden  Fronten  der  Grenadiere  mit  ihren
häßlichen  Fräcken  und  steifen  Halsbinden,  die  hohen  Federhüte  der  Generale
und  die  Stutzschwänze  ihrer  Pferde.  Wie  reich,  bedeutsam,  markig  erschienen
  gleichwohl  seine  Gemälde;  welche  Fülle  des  Lebens  lag  in  der  Geschichte
  dieses  Staates,  wenn  man  sie  nur  zu  packen  verstand.  Niemand
wußte  das  besser  als  der  junge  Adolf  Menzel,  der  noch  wenig  beachtet
einherging.  Sein  Genie  sollte  dereinst  vollenden,  was  die  Berliner  Realisten
Chodowiecki  und  Krüger  begonnen  hatten;  auf  die  Sittenbilder  und  die
Paradebilder  folgten  die  Heldenbilder  der  preußischen  Geschichte.  —

Auch  in  Rauchs  Herzen  glühte  dieser  preußische  Stolz.  In  tiefster
Seele  hatten  ihn  einst  die  Tage  des  Unheils  und  dann  die  wunderbare
Erhebung  ergriffen.  Immer  war  es  ihm  eine  Lust,  wenn  er  die  Bilder  der
Männer,  die  bei  jenen  Kämpfen  mitgewirkt,  in  Erz  oder  Marmor  gestalten
durfte.  Er  nannte  sein  edles  Handwerk  die  eigentlich  historische  Kunst  und
wiederholte  gern  das  Goethische  Wort:  „Das  beste  Monument  des  Menschen
  ist  der  Mensch.“  Selbst  aus  Schleiermachers  unschönem  Kopfe  fand
er  das  Lebendige,  das  Unsterbliche  heraus.  In  die  Züge  des  Königs,  der
ihm  auch  als  Mensch  immer  teurer  wurde,  hatte  er  sich  ganz  eingelebt;
eine  Büste  folgte  der  anderen,  wie  er  auch  das  Grabbild  seiner  Königin,
bloß  um  sich  selber  genug  zu  tun,  noch  einmal  ausführte.  Für  sein  Preußen
war  ihm  keine  Arbeit  zu  gering.  Immer  wieder  formte  er  den  Adler  für
Festungstore  und  Brückenpfeiler,  bis  das  geliebte  Wappentier  endlich  die
rechte  monumentale  Gestalt  erhielt;  auch  die  schwarzen  Husaren  empfingen
von  seiner  Hand  die  verschönerten  Totenköpfe  für  ihre  Kolpaks.  Mit
Freuden  übernahm  er  das  Standbild  Friedrich  Wilhelms  I.  für  die  Stadt
Gumbinnen;  es  tat  ihm  wohl,  daß  er  dort  in  der  dankbaren  Ostmark
den  gestrengen  Soldatenkönig  in  seiner  menschlichen  Güte,  als  „Litauens
Wiederhersteller“  darstellen  durfte.  Gleichwohl  blieb  er  zu  sehr  ein  Klassiker,
um  sich  ganz  heimisch  zu  fühlen  in  dieser  formlosen  nordischen  Welt.  Seine
liebsten  Erinnerungen  hingen  doch  an  Italien,  an  jenen  glücklichen  Jugendtagen,
  da  die  neue  germanische  Völkerwanderung  in  die  ewige  Stadt  eingezogen
  war,  um  die  entartete  Kunst  zu  retten,  wie  vordem  die  entartete
Kirche.  Wie  war  ihm  dort  die  Seele  weit  geworden,  wenn  er  unter  den
Statuen  des  Vatikans  einherwandelte  oder  in  Carrara  die  schneeweißen,
gleich  Zuckerhüten  in  die  blaue  Luft  ragenden  Berggipfel  bestaunte  und
dann  mit  seinem  Freunde  Tieck  durch  die  Schluchten  kletterte,  um  den  edelsten
Marmor  auszusuchen.

Darin  liegt  die  selten  verstandene  hohe  Schönheit  der  neuen  deut-
        <pb n="469" />
        Rauch  und  seine  Schüler.  461

schen  Geschichte,  daß  alle  die  kleinen  Bäche  der  Stammesgeschichten  nach
und  nach,  wie  durch  eine  geheimnisvolle  Naturgewalt  getrieben,  zu  einem
Strome  zusammenfließen,  bis  schließlich  jeder  Teil  der  Nation  an  der
Größe  des  Vaterlandes  seinen  Anteil  gewinnt.  So  gewiß  der  Süden  an
dichterischer  Gestaltungskraft  den  Norden  überbot,  ebenso  gewiß  waren  die-Nordgermanen
  im  Verständnis  wie  in  der  Kunst  der  Plastik  den  Oberländern
  überlegen.  Die  Niederdeutschen  Winckelmann  und  Carstens,
Schinkel  und  Rauch  erweckten  uns  zuerst  den  Sinn  für  die  Formenschönheiten
  der  Antike;  neben  ihnen  der  stammverwandte  Däne  Thorwaldsen
und  der  Holsteiner  Zoega,  der  Archäolog.  In  Berlin  fühlte  sich  Rauch
nirgends  glücklicher  als  bei  Wilhelm  Humboldt,  der  ihm  noch  von  Rom
her  ein  treuer  Gönner  war,  und  bei  Schinkel,  denn  beide  glaubten  wie
er  selbst  an  die  Wahlverwandtschaft  des  hellenischen  und  des  germanischen
Genius.  Es  war  sein  Stolz,  daß  Preußen  mehr  als  irgendein  anderer
Staat  für  das  Studium  der  Antike  tat;  die  neuen  Gipsmuseen  an  den
Universitäten  Bonn,  Königsberg,  Breslau  förderte  er  eifrig,  auch  ein
großes  Lager  von  Marmorblöcken  ließ  er  in  Berlin  zusammenbringen.
Mit  den  Jahren  wuchs  seine  Freude  an  den  klassischen  Formen.  Darum
empfand  er  es  fast  wie  eine  Erlösung,  als  ihm  König  Ludwig  den  Auftrag
gab,  die  Regensburger  Walhalla  mit  sechs  kolossalen  Viktorien  zu  schmücken.
Nun  konnte  er  doch  endlich  „die  ewigen  Pantalons“  der  preußischen  Feldherrnstatuen
  in  den  Winkel  werfen  und  an  „dem  edlen  Nackten“  sein  Auge
weiden.  Diese  herrlichen  Frauengestalten  blieben  sein  Lebensglück  für  viele
Jahre.  Daneben  fand  er  noch  Zeit  für  das  ganz  realistisch  gedachte  Nürnberger
  Dürer-Denkmal;  und  den  Bibelspruch  „Lasset  die  Kindlein  zu  mir
kommen“  verkörperte  er,  rührend  einfach,  in  dem  Standbilde  des  frommen
Francke  zu  Halle.  Auch  die  Nachklänge  der  Romantik  berührten  ihn  einmal
leise,  als  er  die  liebliche  Statuette  der  auf  dem  Hirsche  reitenden  Jungfrau
von  Tangermünde  schuf.  Langsam  gereift,  gelangte  er  erst,  als  er  den  Sechzigern
  nahe  war,  zur  Vollkraft  seines  Schaffens.  Mit  peinlicher  Sorgfalt,
  als  hätte  er  noch  gar  nichts  geleistet,  bereitete  er  seine  Werke  vor.
Auf  der  Reise  bemerkte  er  jeden  wohlgeformten  Baum,  jeden  anmutigen
Hügel,  nur  wenn  die  Dunkelheit  hereinbrach,  fühlte  er  sich  unglücklich;
seiner  Tochter  in  Halle  mauerte  er  bei  jedem  Besuche  Reliefs  in  die  Wände
ihres  Vorsaals,  ein  plastisches  Stammbuch,  das  sie  an  des  Vaters  Leben
und  Denken  erinnern  sollte.  Die  Kunst  war  ihm  alles,  und  ganz  wie
ein  König  fühlte  er  sich  in  seinem  Reiche;  alle  Leute  sahen  ihm  nach,  wenn
er  zur  Winterzeit,  in  seinen  hellen  faltenreichen  Mantel  gehüllt,  majestätisch
die  Linden  hinunterschritt.  Unter  seiner  strengen  Leitung  wurde  die  Berliner
Bildhauerschule  auf  ein  Menschenalter  hinaus  die  erste  der  Welt.  Viele
tüchtige  Künstler,  fast  durchweg  Nord=  und  Mitteldeutsche,  gingen  aus  ihr
hervor:  so  Drake  aus  dem  Waldecker  „Genieländchen“,  das  auch  das
Geburtsland  von  Rauch  selbst,  von  Kaulbach  und  Bunsen  war,  so  Kiß,
        <pb n="470" />
        462  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Bläser,  Wolff  und,  alle  überragend,  der  Kursachse  Ernst  Rietschel,  ein
sanfter,  romantisch  gestimmter  Geist,  der  erst  durch  Rauch  in  die  antike
Welt  eingeführt,  dann  aber  schnell  erstarkt  des  Meisters  Lieblingsschüler
wurde.

Wie  schwächlich  erschien  neben  diesem  klassischen  Realismus  der  Berliner
  Schule  die  Schnellfertigkeit  Schwanthalers.  Er  war  und  blieb  ein
Romantiker;  das  mußte  jeder  fühlen,  der  ihn  auf  seiner  Burg  Schwaneck
hoch  über  der  Isar  nach  mittelalterlichem  Ritterbrauche  leben  sah.  Den
entsagenden  Fleiß,  den  die  Strenge  der  Antike  ihren  Schülern  aufzwingt,
kannte  er  nicht.  Wahrhaft  lebendig  war  in  der  Münchner  plastischen
Kunst  nur  die  Erzgießerei.  Sie  erlangte  einen  Weltruf,  seit  Miller  die
Leitung  des  Gießhauses  übernommen  hatte;  selbst  die  Amerikaner  bestellten
  sich  dort  die  ehernen  Türen  für  ihr  Kapitol.  —

Ein  Glück  für  Rauch,  daß  ihm  die  Bayern  so  viel  Beschäftigung
gaben.  Preußen  mußte  jetzt  mit  Aufträgen  kargen,  da  die  Kriegsrüstungen
alle  verfügbaren  Mittel  verschlungen  hatten;  was  für  die  Kunst  noch  übrig
blieb,  wurde  großenteils  für  die  Vollendung  des  Museums  dahingegeben.
So  konnte  auch  Schinkel  nur  noch  einmal  eine  Aufgabe  bewältigen,  die
seines  Genius  würdig  war.  Widerwillig  hatte  er  sich  bei  den  meisten  seiner
Bauten  bisher  mit  dem  Blendwerk  der  Verputzung  beholfen.  Er  wußte
wohl,  daß  die  Werke  seiner  geliebten  Alten  ihre  majestätische  Wirkung  nicht
bloß  dem  Adel  der  Formen,  sondern  auch  der  tadellosen  Gediegenheit  des
Rohstoffes  verdankten.  Da  die  Staatskassen  den  Haustein  nicht  zu  erschwingen
  vermochten,  so  griff  er  zurück  zu  der  volkstümlichen,  naturgemäßen
  Bauweise  der  Ebene  und  schuf  in  der  Berliner  Bauakademie
das  edle  Vorbild  für  den  Backsteinrohbau,  der  seitdem  in  seiner  alten
norddeutschen  Heimat  wieder  aufzublühen  begann.  Es  war  vielleicht  das
eigentümlichste  seiner  Werke,  ein  mächtiger  Würfel,  trutzig  wie  die  florentinischen
  Paläste  des  Mittelalters,  und  doch  voll  Anmut;  blaue  Backsteinstreifen
  belebten  die  düster-roten  Wände  —  ein  ganz  neuer  Versuch
in  diesen  des  Farbensinnes  entwöhnten  Tagen;  die  klassischen  Terrakottenornamente
  fügten  sich  in  die  Flachbogen  der  breiten  Fenster  harmonisch  ein.

Sonst  wurden  ihm  nur  noch  kleinere  Arbeiten  zugewiesen,  und  sehr
schmerzlich  empfand  er,  wie  dieUngunst  der  Zeit  ihm  die  Schwingen  beschnitt,
denn  er  stellte  die  Kunst  sogar  noch  höher  als  die  Sprache;  der  Sieg  der
hellenischen  Kultur  über  die  Nacht  der  Urzeit,  den  er  in  den  Zeichnungen  für
die  Vorhalle  des  Museums  schilderte,  war  ihm  der  eigentliche  Inhalt  aller
Geschichte.  Aber  auch  bei  unscheinbaren  Werken  blieb  er  immer  treu  seinem
Spruche:  „die  Kunst  ist  überhaupt  nichts,  wenn  sie  nicht  neu  ist,  überall,
wo  man  sucht,  ist  man  wahrhaft  lebendig.“  Mochte  er  für  die  Berliner
Vorstadt  Moabit  oder  für  das  entlegene  Litauer  Städtchen  Darkehmen
eine  Kirche  bauen,  immer  suchte  er  auf  neue  Weise  die  Frage  zu  lösen,
wie  sich  die  praktischen  Bedürfnisse  des  evangelischen  Kultus  mit  den  Ge-
        <pb n="471" />
        Berliner  und  Münchener  Baukunst.  463

setzen  der  Schönheit  vertragen  sollten,  und  begreiflich,  daß  ihm  die  Ant—
wort  dann  am  glücklichsten  gelang,  wenn  er  zu  südländischen  Formen  griff.
Die  kirchliche  Gotik  lag  diesem  protestantischen  Hellenen  fern;  in  dem
nüchternen  Bau  der  Werderschen  Kirche  war  von  der  himmelanstrebenden,
überschwenglichen  Mystik  des  gotischen  Stiles  wenig  zu  spüren.  Unerschöpflich
  arbeitete  Schinkels  Phantasie,  wenn  er  ein  Schloß  mitten  in  einen
grünen  Park  hineinstellen  sollte;  denn  darin  empfand  er  ganzgermanisch,  daß
er  die  höchste  Schönheit  nur  da  erkannte,  wo  sich  die  Werke  der  Menschenhand
  unmittelbar  in  die  Fülle  der  Natur  einfügten.  Nur  wenige  dieser
Bauten  —  so  die  liebliche  Villa  Charlottenhof  —  wurden  noch  von  ihm
selbst,  andere  —  so  die  Schlösser  Babelsberg  und  Camenz  -erst  späterhin
  von  fremder  Hand  ausgeführt;  die  meisten  aber  blieben  Entwürfe,  auch
der  märchenhaft  schöne  Plan  für  das  Schloß  Orianda.  Am  Berliner
Opernplatze  wollte  er  die  Bibliothek  einreißen  und  dem  Prinzen  Wilhelm
ein  herrliches  Terrassenschloß  bauen;  doch  die  beschränkten  Mittel  des  Prinzen
  reichten  nicht  von  fern  aus,  und  Schinkel  mußte  sich  darein  ergeben,  daß
sein  Freund  Langhanns  an  der  schmalen  Ecke  des  Platzes  einen  edlen,  aber
überaus  bescheidenen  kleinen  Palast  ausführte.  Nur  ein  kleiner  Bruchteil
seiner  ungeheuren  Kraft  brachte  dem  deutschen  Leben  Frucht.  Bis  in  die
Zeiten  der  Revolution  hinein  ließ  sich  die  Nachwirkung  seines  Genius  noch
an  den  neuen  Kirchen  und  Museen  erkennen,  auch  an  manchen  der  freundlichen
  Landhäuser,  die  allmählich,  bei  steigendem  Wohlstand,  vor  den  Toren
der  großen  Städte  sich  erhoben.  Dann  aber  ging  das  stille,  friedliche  Geschlecht,
  dem  er  seine  Arbeit  gewidmet  hatte,  zu  Grabe;  die  neue  Zeit  des
lärmenden  Weltverkehrs,  der  Bahnhöfe,  der  Ausstellungen,  der  Banken
stellte  der  Baukunst  völlig  veränderte  Aufgaben.

Gehemmt  und  gebunden,  wie  sie  war,  griff  Schinkels  Tätigkeit  doch
ungleich  tiefer  in  die  nationalen  Sitten  ein  als  die  fieberische  Baulust  des
Münchner  Hofes.  An  dem  Rheinländer  Gärtner  hatte  König  Ludwig
endlich  einen  Baumeister  gefunden,  wie  er  ihn  brauchte,  einen  beweglichen,
schnellfertigen  Künstler,  der  unbedenklich  alles  lieferte,  was  der  ungeduldige
  Bauherr  verlangte.  In  rascher  Folge  entstanden  nun  die  romanischen
Prachtbauten  der  Ludwigstraße,  die  meisten  kahl  und  langweilig,  wenngleich
  es  dem  Treppenhause  der  Bibliothek  nicht  an  malerischem  Reize  fehlte.
Zum  Glück  ward  an  das  eine  Ende  der  öden  Straße  das  dem  Konstantinsbogen
  nachgebildete  Siegestor  gesetzt;  an  das  andere  Ende  kam  eine
wenig  gelungene,  aber  aus  der  Ferne  stattlich  wirkende  Nachbildung  der
florentinischen  Loggia  dei  Lanzi.  Diesen  Raum  nannte  man  die  bayrische
Feldherrnhalle  und  stellte  die  Bildsäulen  Tillys  und  Wredes  darin  auf  —
zum  Ergötzen  der  nachbarlichen  Spötter,  denn  der  eine  war  kein  Bayer,
der  andere  kein  Feldherr.  Das  gemachte  und  gesuchte  Wesen  dieser  monumentalen
  Kunst  auf  geschichtslosem  Boden  zeigte  sich  nirgends  greller  als
an  dem  ehernen  Obelisken,  der  den  30  000  in  Rußland  gebliebenen  bayri-
        <pb n="472" />
        464  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

schen  Soldaten  errichtet  wurde.  Es  war  ein  Meisterstück  der  Erzgießerei;
am  Fußgestell  prangten  die  Widderköpfe  altrömischer  Mauerbrecher  und  die
Inschrift:  Auch  sie  starben  für  des  Vaterlandes  Befreiung.  Die  Mün—
chener  Bürger  aber,  die  von  der  römischen  Aries  nichts  wußten,  fragten
mit  verzeihlichem  Erstaunen,  warum  ihr  Monarch  seine  tapferen  Krieger
durch  vier  große  Schafköpfe  ehren  wolle,  und  als  Zar  Nikolaus  sich  den
Obelisken  besah,  mußte  König  Ludwig  seine  ganze  Beredsamkeit  aufbieten,
um  dem  Russen  zu  beweisen,  daß  die  Inschrift  wirklich  einen  Sinn  hätte.
Indes  bewiesen  Zieblands  Bonifatius-Basilika  und  Ohlmüllers  gotische
Kirche  in  der  Au,  daß  die  Münchener  Bauhütte  auch  gesunde  Talente  zu
erziehen  wußte.  Manche  Unternehmungen  des  kunstsinnigen  Königs,  die
den  Zeitgenossen  noch  sonderbar  erschienen,  fanden  erst  nachträglich  ihre
Rechifertigung,  seit  der  Verkehr  wuchs  und  freundliche  Bürgerhäuser  die
Prachtbauten  rings  umschlossen.

 

Die  redenden  wie  die  bildenden  Künste  konnten  sich  den  krankhaften
Stimmungen  des  Zeitalters  nicht  entziehen;  die  Wissenschaft  hingegen  bewahrte
  das  Mark  des  deutschen  Genius  fast  unversehrt.  Sie  übernahm
jetzt  die  Erbschaft  der  großen  Überlieferungen  der  klassischen  und  der
romantischen  Epoche  zugleich,  und  es  bezeichnet  den  verschlungenen  Entwicklungsgang
  dieses  vom  Himmel  auf  die  Erde  niedersteigenden  Volkes,
daß  die  Deutschen  auch  in  der  politischen  Geschichtschreibung  anderen  Nationen
  vorausschritten  zu  einer  Zeit,  da  die  schlichte  Tüchtigkeit  der  preußischen
  Staatskunst,  arm  wie  sie  war  an  glänzenden  Erfolgen,  weder
daheim  noch  auswärts  irgend  gewürdigt  wurde.  Leopold  Ranke  hatte  mittlerweile
  seine  Wanderjahre  angetreten.  In  Wien  lernte  er  Gentz  kennen
und  befestigte  sich  aufs  neue  in  der  Einsicht,  daß  der  Staat  zuerst  Macht
ist,  die  Herrschaft  über  Europa  durch  das  Einverständnis  der  großen  Mächte
ausgeübt  wird.  Dort  entstand  auch,  unter  dem  frischen  Eindrucke  der
Aufzeichnungen  und  Gespräche  des  serbischen  Patrioten  Wuk  die  „Geschichte
  der  serbischen  Revolution“,  ein  Muster  lebendiger,  das  Ferne  und
Fremde  vergegenwärtigender  Erzählungskunst,  ganz  frei  von  der  Schwerfälligkeit
  deutscher  Zunftgelehrsamkeit  und  doch  kritisch  gesichtet  und  gesichert.

Dann  ging  er  nach  Rom,  und  hier,  wo  die  Kunst  und  die  Altertumskunde
  der  Deutschen  neues  Leben  geschöpft  hatten,  sollte  auch  die  Forschung
der  neueren  Geschichte  ihren  Jungbrunnen  finden.  Im  sechzehnten  und
siebzehnten  Jahrhundert,  die  noch  lange  Rankes  bevorzugtes  Arbeitsfeld
blieben,  umspannte  die  Politik  der  Päpste  noch  die  Welt;  von  Rom  und
Venedig  aus  konnte  er  den  Wandel  der  internationalen  Machtverhältnisse
nicht  vollständig,  aber  mit  annähernder  Sicherheit  übersehen,  die  in  Italien
gesammelten  archivalischen  Schätze  bildeten  den  Grundstock  seiner  unvergleichlichen
  diplomatischen  Gelehrsamkeit.  Also  ausgerüstet  schuf  er  das
        <pb n="473" />
        Rankes  Geschichte  der  Päpste.  465

schönste  seiner  Werke,  die  Geschichte  der  Päpste  —  ein  Buch,  das  nur  ein
Deutscher  und  unter  den  Deutschen  nur  Ranke  schreiben  konnte.  Die  Viel—
seitigkeit  seines  Erkennens  und  Verstehens  war  bedingt  durch  eine  geniale
Einseitigkeit  der  Charakteranlage,  wie  sie  sich  sonst  fast  nur  bei  schroffen
und  harten  Naturen  findet.  Mit  einem  lebhaften  und  empfänglichen
Geiste  verband  er  von  früh  auf  eine  gelassene  Ruhe  des  Gemüts,  die
selbst  das  Geschehende  wie  ein  Geschehenes  hinnahm.  Als  Jüngling  auf
der  Schulpforte  hatte  er  einst  die  Schlachten  von  Großgörschen  und  Leipzig
nahe  vor  Augen  gesehen,  nicht  gefühllos,  aber  auch  unberührt  von  jener
glühenden  vaterländischen  Begeisterung,  welche  damals  so  viele  andere
junge  Kursachsen  unter  die  Fahnen  der  Verbündeten  führte.  Dann  wurde
er  durch  die  Teilung  Sachsens  ein  Preuße,  und  dankbar  erkannte  er  die
Ordnung,  die  Gerechtigkeit,  die  Bildung  des  neuen  Heimatstaates  an;
doch  das  kurz  angebundene  preußische  Wesen,  der  eigentümliche  „Muck“
der  Märker  blieb  ihm  ebenso  fremd  wie  der  reizbare  Stolz  preußischer
Staatsgesinnung,  und  soweit  sich  in  seiner  durchaus  selbständigen  Auffassung
  deutscher  Geschichte  die  Spuren  alter  Überlieferungen  erkennen
ließen,  wiesen  sie  nach  Kursachsen  zurück,  nicht  nach  Preußen.  So  ward
er  auch  zur  Wahl  seines  Berufes  nicht  durch  Lebenserfahrungen  bestimmt,
wie  die  Mehrzahl  der  bedeutenden  Männer,  sondern  durch  die  Arbeit  des
Erkennens  selbst;  er  las  Geschichtswerke  ohne  Zahl,  und  erst  aus  der
Fülle  des  Wissens  erwuchs  ihm  der  Entschluß,  der  Welt  die  Wirklichkeit
des  historischen  Lebens  zu  zeigen,  rein,  zuverlässig,  bestimmt,  so  daß  er
selbst  hinter  dem  Bilde  ganz  verschwände.

Als  er  die  Geschichte  der  Päpste  begann,  schlug  er  die  augenblickliche
Macht  des  Vatikans  sehr  niedrig  an.  „Das  Verhältnis  der  päßpstlichen
Gewalt  zu  uns“,  sagte  er  gleichmütig,  „übt  keinen  wesentlichen  Einfluß  weiter
aus.  Die  Zeiten,  wo  wir  uns  fürchten  konnten,  sind  vorüber,  wir  fühlen
uns  allzu  wohl  gesichert.“  Es  war  ein  Irrtum,  den  er  mit  der  gesamten
Zeit  teilte;  in  späteren  Jahren  nahm  er  ihn  selbst  zurück  und  gestand,
eine  neue  Epoche  des  Papsttums  habe  begonnen.  Aber  jenem  glücklichen
Gefühle  der  Sicherheit  verdankte  sein  Buch  den  künstlerischen  Zauber.
Mit  einer  Unbefangenheit,  die  in  der  allezeit  streitbaren  Kirchengeschichte
ohnegleichen  dastand,  schilderte  er  die  große  Tragödie  der  Gegenreformation
  und  übertrug  Niebuhrs  kritische  Methode  zum  ersten  Male  in  die
Erforschung  der  neuen  Geschichte.  Mochte  er  freien  Blicks  die  weithin
über  die  Erde  verzweigten  Pläne  der  geistlichen  Weltherrschaft  überschauen
oder  Art  und  Unart  der  handelnden  Männer  mit  feinen,  sauberen  Strichen
zeichnen,  das  Große  wie  das  Kleine  der  historischen  Welt  war  ihm  gleich
vertraut.  Zum  ersten  Male  seit  Schillers  gewaltigen  historischen  Charakterschilderungen
  schuf  ein  deutscher  Geschichtsschreiber  wieder  die  Bilder  lebendiger
  Menschen,  aber  nicht  bloß  mit  künstlerischer  Phantasie,  sondern  auch
mit  gelehrter  Sachkenntnis.  Hinter  der  leichten  Anmut  der  Erzählung

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  30
        <pb n="474" />
        466  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

verbarg  sich  ein  dem  Goethischen  Geiste  verwandter  Tiefsinn.  An  den  Altmeister
  erinnerte  nicht  bloß  die  Weltfreude,  die  nichts  Menschliches  von  sich
abwies,  sondern  auch  die  wissenschaftliche  Grundanschauung,  die  alles  historische
  Werden  aus  dem  Zusammenwirken  der  allgemeinen  Weltverhältnisse
und  der  freien  persönlichen  Kräfte  erklärte.  Dies  Buch  zeigte  wirklich,  was
Goethe  sich  einst  auf  der  Heimkehr  aus  Rom  noch  zu  ergründen  vorgenommen
  hatte:  „wie  aus  dem  Zusammentreffen  von  Notwendigkeit  und
Willkür,  von  Antrieb  und  Wollen,  von  Bewegung  und  Widerstand  ein
drittes  hervorgeht,  was  weder  Kunst  noch  Natur,  sondern  beides  zugleich
ist,  notwendig  und  zufällig,  absichtlich  und  blind.“

Kein  Zufall  wahrlich,  daß  diese  erste  klassische  Geschichtserzählung
des  neuen  Deutschlands  gerade  der  Universalgeschichte  angehörte.  Für
ein  nationales  Geschichtswerk  großen  Stiles  war  die  Zeit  noch  nicht  gekommen;
  uns  fehlten  noch  die  allgemein  anerkannten  politischen  Ideale
und  der  sichere  Instinkt  des  unangreifbaren,  in  Fleisch  und  Blut  eingedrungenen
  Nationalstolzes.  Jener  freie  Weltbürgersinn  der  deutschen
Dichtung,  der  alles  Große  anderer  Zeiten  und  Völker  als  sein  Eigentum
  betrachtete,  bewährte  jetzt  auch  in  der  politischen  Geschichtschreibung
  seine  Kraft;  und  da  nun  andere  begabte  Historiker  dem  Beispiel
Rankes  folgten,  so  gewöhnten  sich  die  Ausländer  bald  anzunehmen,  daß
jeder  tüchtige  deutsche  Gelehrte,  der  über  andere  Nationen  schriebe,  dies
fremde  Volkstum  auch  kenne,  während  weitum  im  Auslande  nur  ein
einziger  Mann  lebte,  der  die  deutsche  Geschichte  verstand:  Thomas  Carlyle.
Deutschland  denkt  für  Europa,  sagte  der  Amerikaner  Emerson,  diese  Halbgriechen
  umfassen  die  Wissenschaft  aller  anderen  Völker.  Rankes  Werk
errang  der  deutschen  Geschichtschreibung  zuerst  einen  Weltruf.  Niebuhrs
römische  Geschichte  hatte  doch  nur  die  Philologen,  die  überall  in  kosmopolitischer
  Luft  leben,  begeistert;  jetzt  aber  sprach  auch  ein  ganz  moderner
Mensch,  der  Deutschland  weder  kannte  noch  liebte,  Macaulay  seine  Bewunderung
  aus.

In  der  Heimat  selbst  war  der  Beifall  keineswegs  ungeteilt.  Die
Hochgebildeten  und  Welterfahrenen  vermochten  die  vornehme  Ruhe  des
Historikers  zu  begreifen,  aber  nicht  bloß  die  rohen  Radikalen,  denen  nur
die  plumpe  Tendenz  willkommen  war,  schmähten  auf  seine  Mattherzigkeit;
auch  unverbildete  junge  Männer  wie  Gustav  Freytag  fühlten  sich  in  ihrer
teutonischen  Empfindung  verletzt,  und  mit  vollem  Rechte.  Sie  ahnten  dunkel,
daß  diesem  vollendeten  Kunstwerke  doch  noch  ein  letzter  Zug  historischer
Wahrheit  fehlte,  daß  die  sittliche  Welt  rettungslos  untergehen  müßte,  wenn
alle  Menschen  so  dächten  wie  dieser  geistvolle  Beobachter.  Der  Historiker
und  der  Philosoph  vermag,  was  kein  anderer  Gelehrter  kann,  durch  seine
Wissenschaft  den  ganzen  Menschen  zu  ergreifen.  Von  diesem  edlen  Vorrechte
  machte  Ranke  selten  Gebrauch;  er  hielt  nicht  nur  sein  eigenes  sittliches
  Urteil  fast  immer  zurück,  er  ging  auch  so  gänzlich  auf  in  der  Weltan-
        <pb n="475" />
        Rankes  Schule.  467

schauung  der  geschilderten  Zeit,  daß  manche  seiner  Charakterschilderungen
fast  den  Eindruck  erweckten,  als  ob  zwei  schlaue  Monsignori  des  siebzehnten
Jahrhunderts  sich  einander  vorstellten.  Von  den  Höfen,  denen  er  seine
diplomatische  Kunde  verdankte,  blickte  er  ungern  hinab  in  die  Niederungen
der  Gesellschaft.  Und  doch  ist  das  Licht  der  evangelischen  Wahrheit  in  so
vielen  edlen  Völkern  unzweifelhaft  nicht  durch  die  diplomatischen  Künste
kluger  Kardinäle  wieder  ausgelöscht  worden,  sondern  durch  die  rohen
Kräfte  der  Dummheit,  des  Aberglaubens,  der  Gewohnheit,  des  Hasses,  die
in  den  blinden  Massen  arbeiteten  und  von  den  Staatsmännern  des  Vati—
kans  nur  benutzt  wurden.  Diese  tierischen  und  dämonischen  Mächte  der
Geschichte  beachtete  Ranke  wenig;  weder  die  wiehernde  Blutgier  der  Mordbanden
  der  Bartholomäusnacht  noch  das  fanatische  ni  olvido  ni  perdon
der  spanischen  Soldateska  führte  er  den  Lesern  dicht  unter  die  Augen.  Er
zeigte  nicht,  weshalb  Martin  Luther  den  gekrönten  Priester  für  den  Antichrist
  halten  mußte;  und  auch  die  radikale  Unvernunft  des  Jesuitenordens,
der  doch  alle  Staaten,  in  denen  er  herrschte,  zuletzt  unfehlbar  zu  Grunde
richtete,  trat  nicht  grell  genug  heraus.  Die  ernste  Frage,  warum  die  brutale
Macht  einen  halben  Sieg  über  die  Idee  davontragen  konnte,  ward  also
nicht  vollständig  beantwortet.

Während  der  Arbeit  fühlte  Ranke  selbst,  daß  die  sittliche  Überlegenheit
  des  germanischen  Protestantismus  in  seinem  Buche  nicht  recht  zur
Geltung  kam,  und  faßte  schon  den  Plan,  in  einem  neuen  Werke,  einem
Gegenbilde,  die  große  Zeit  der  Anfänge  der  deutschen  Reformation  darzustellen.
  Wieviel  schwerer  dies  sei,  wußte  er  wohl.  „So  etwas  können
wir  nicht  zustande  bringen,“  sagte  er  einmal  über  ein  Buch  von  Aug.
Thierry,  denn  die  Fülle  des  Moments  aus  der  vaterländischen  Vergangenheit
  herauszugreifen  mußte  den  Franzosen  allerdings  leichter  gelingen  als
den  Deutschen.  Doch  er  traute  sich's  zu,  durch  die  Wärme  seines  religiösen
  Gefühls  zu  ersetzen,  was  ihm  an  patriotischer  Leidenschaft  abging.
Unterdessen  nahm  er  seine  Berliner  Vorlesungen  wieder  auf  und  begründete
  dort  das  erste  der  historischen  Seminare,  welche  seitdem,  durch  seine
Schüler  weitergebildet,  auf  allen  unseren  Universitäten  die  methodische
Quellenforschung  gepflegt  haben.  Seine  Schule  wurde  die  Pflanzstätte
einer  neuen  Generation  von  Historikern.  Waitz,  Sybel  und  viele  andere
aufstrebende  Talente  schlossen  sich  ihm  an,  auch  die  Bönhasen  konnten
sich  der  Einwirkung  seines  schöpferischen  Geistes  bald  nicht  mehr  entziehen.
Da  die  Stiftung  Steins,  das  große  Sammelwerk  der  Monumenta  Germaniae
  unter  Pertz'  Leitung  rüstig  vorgeschritten  war,  so  regte  Ranke
die  jungen  Männer  zur  Verwertung  des  Rohstoffes  an,  und  mit  den
„Jahrbüchern  des  Deutschen  Reichs  unter  dem  sächsischen  Hause“  begann
eine  lange  Reihe  gründlicher  Arbeiten,  die  den  Tatbestand  unserer  mittelalterlichen
  Geschichte  ganz  anders  sicherstellten,  als  Raumer  es  einst  vermocht
  hatte.

30
        <pb n="476" />
        468  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Der  freie  Geist,  der  unter  den  Historikern  sich  regte,  drang  nun  endlich
  auch  in  die  Staatslehre  ein.  Es  ward  hohe  Zeit;  denn  da  die
Schüler  Niebuhrs,  Savignys,  Eichhorns  sich  fast  allesamt  der  Philologie
oder  der  Rechtsgeschichte  zuwendeten,  so  blieben  die  bahnbrechenden  Gedanken
  der  historischen  Juristen  der  zünftigen  Staatswissenschaft  lange
ganz  unbekannt.  Die  liberalen  Staatsgelehrten  grasten  vergnüglich  auf
der  Gemeinweide  ihres  Naturrechts  und  rühmten  sich  des  Fortschritts,  während
  sie  arge  Reaktion  trieben.  Was  für  Plattheiten  brachte  der  Leipziger
Pölitz  in  seinem  Buche  über  das  konstitutionelle  Leben  zu  Markte:  alles
irdische  Dasein  ging  ihm  in  „den  beiden  Begriffen  Religion  und  Bürgertum“
  auf,  und  nur  „schriftliche  Verfassungsurkunden“  —  ohne  Papier
ging  es  nicht  —  konnten  die  Freiheit  des  Bürgertums  sichern.  Noch
weit  bedenklicher  erschien  die  wissenschaftliche  Verwahrlosung  des  deutschen
Liberalismus  in  dem  Staatslexikon,  das  Rotteck  und  Welcker  seit  dem
Jahre  1834  herausgaben.  Das  wohlberechnete  und  klug  geleitete  Unternehmen
  zählte  fast  alle  namhaften  Männer  des  süddeutschen  Liberalismus,
daneben  auch  viele  Norddeutsche,  zu  seinen  Mitarbeitern  und  fand  unter
den  Mittelklassen  sogar  noch  größere  Verbreitung  als  vordem  Rottecks
Weltgeschichte.  Wieviel  leichter  als  eine  ausführliche  Geschichtserzählung
ließen  sich  doch  diese  kurzen  Artikel  lesen,  in  der  bequemen  alphabetischen
Ordnung,  die  schon  seit  dem  Brockhausischen  Konversationslexikon  dem
großen  Publikum  mundgerechtwar;  der  gesinnungstüchtige  Philister  brauchte
ja  nur  das  Stichwort  aufzuschlagen,  um  sofort  zu  wissen,  was  er  über
jede  politische  oder  kirchliche  Frage  zu  urteilen  habe.  Gegen  die  untrügliche
  Sicherheit  dieses  Orakels  kam  kein  Widerspruch  auf;  Rotteck  vermaß
sich  im  Vorwort  kurzab  „nur  solche  Lehren  vorzutragen,  daß  deren  Anfeindung
  als  Außerung  der  Böswilligkeit  erscheinen  müsse“.

Injedem  Landtagshause,  in  allen  Redaktionszimmern  und  Lesekabinetts
prangte  die  lange  Bändereihe  des  Staatslexikons;  der  Kronprinz  von  Preuzen
  aber  und  seine  romantischen  Freunde  bezeichneten  fortan  alle  Verirrungen
  des  Zeitgeistes  mit  dem  Schimpfnamen  Rotteck-Welcker.  Das  Sammelwerk
  enthielt  einige  brauchbare  Arbeiten,  namentlich  gute  volkswirtschaftliche
  Aufsätze  von  List  und  Mathy;  aber  der  Grundgedanke  war  unhaltbar
und  veraltet,  die  leidenschaftlichen  und  weitschweifigen  leitenden  Artikel  der
beiden  Herausgeber  sangen  immer  nur  das  alte  Lied  von  dem  allein  wahren
Vernunftrechte  der  französischen  Revolution,  dem  das  positive  und  das
historische  Recht  nun  endlich  weichen  müßten.  Nun  gar  in  den  historischen
Artikeln  tummelte  sich  der  liberale  Philistergeist  mit  einer  Selbstgefälligkeit,
  als  ob  Niebuhr  nie  gelebt  hätte.  Wie  ein  sparsamer  Familienvater
seinen  liederlichen  Sohn,  schalt  der  Pfälzer  Radikale  Kolb  den  großen
Friedrich  aus,  weil  er  so  viel  Geld  und  Blut  an  die  Eroberung  Schlesiens
  verschwendet  hatte.  Ein  solches  Werk  konnte  wohl  der  liberalen
Partei  neue  Anhänger  werben,  die  politische  Bildung  der  Nation  förderte
        <pb n="477" />
        Das  Staatslexikon.  Dahlmanns  Politik.  469

es  wenig,  am  wenigsten  in  Österreich,  wo  das  Gegengewicht  einer  lebendigen
  historischen  Wissenschaft  noch  fast  ganz  fehlte.  Die  denkfaule  Masse
der  Leser  wurde  dadurch  nur  bestärkt  in  ihrer  Neigung,  über  unverstandene
  Dinge  mit  einigen  schallenden  Schlagworten  abzusprechen,  in  jenem
blinden  und  zugleich  bildungsstolzen  Autoritätsglauben,  der  die  Jahrhunderte
  der  Vielwisserei  so  viel  häßlicher  erscheinen  läßt,  als  die  naiven  gläubigen
  Jugendzeiten  der  Gesittung.

Da  entriß  Dahlmann  die  Staatslehre  dem  Bannkreise  der  naturrechtlichen
  Formeln  durch  sein  Buch:  die  Politik  (1835).  Indem  er  die
Politik  „auf  den  Grund  und  das  Maß  der  gegebenen  Zustände“  zurückführte,
  hob  er  die  entgeistete  konstitutionelle  Doktrin  mit  einem  Male  auf  die
freie  Höhe,  welche  die  Geschichtsforschung  längst  erreicht  hatte,  und  gab  dem
deutschen  Liberalismus  zuerst  einen  festen  wissenschaftlichen  Boden.  Gleich
seinem  Freunde  Niebuhr  verwarf  er  die  Hirngespinste  vom  Naturzustande
und  Staatsvertrage,  er  faßte  den  Staat  als  „eine  ursprüngliche  Ordnung,
einen  notwendigen  Zustand,  ein  Vermögen  der  Menschheit“;  aber  während
  die  historischen  Juristen  den  konstitutionellen  Staat  bisher  als  eine
Ausgeburt  der  naturrechtlichen  Wahnbegriffe  bekämpft  hatten,  gelangte
Dahlmann  gerade  durch  seine  historische  Methode  zu  dem  Schlusse,  daß
die  konstitutionellen  Formen  sich  aus  der  Entwicklung  des  deutschen  Staatslebens
  mit  innerer  Notwendigkeit  ergäben.  So  ward  endlich  mit  wissenschaftlicher
  Strenge  erwiesen,  was  in  den  Staatsschriften  der  Steinschen
Reformperiode  nur  angedeutet  war.  Diese  völlig  neue  Beweisführung
wirkte  so  überzeugend,  daß  selbst  Heinrich  Leo,  der  leidenschaftliche  Feind
des  Liberalismus,  für  kurze  Zeit,  leider  nicht  für  immer,  bekehrt  wurde
und  verwundert  sagte,  durch  Dahlmann  habe  er  erst  gelernt,  „daß  diese
konstitutionellen  Formen  tüchtiges  politisches  Leben  einschließen  können.“

Das  kühne  Unternehmen,  das  gesamte  Staatswesen  historisch  zu  betrachten,
  konnte  freilich  nicht  gleich  beim  ersten  Anlaufe  vollständig  gelingen;
denn  die  Staatslehre  muß  Gattungsbegriffe  und  Imperative  zu  finden
suchen,  während  in  der  Geschichte  doch  überall  die  unberechenbare  Freiheit
der  Machtkämpfe  und  des  persönlichen  Wollens  wirkt.  Diesen  Widerspruch
zu  überwinden  vermochte  Dahlmann  nicht  überall.  Unwillkürlich  fiel  er  zuweilen
  in  die  Methode  des  Naturrechts  zurück,  die  den  lebendigen  Staat
nur  als  das  Ergebnis  eines  Denkprozesses  auffaßte;  und  obwohl  er  nachdrücklich
  aussprach:  „der  Idealist  löst  Rätsel,  die  er  sich  selber  aufgegeben,“
so  nannte  er  doch  selbst  die  konstitutionelle  Monarchie  schlechthin  „den
guten  Staat“,  als  ob  er  an  das  Wahngebilde  eines  absoluten  Staatsideales
  glaubte.  Solchen  Nachwirkungen  der  alten  abstrakten  Rechtsphilosophie
  konnte  sich  in  jenen  Jahren  noch  kein  Denker  ganz  entziehen.  Auch
von  dem  britischen  Staate,  den  er  noch  immer  wie  vor  zwanzig  Jahren
für  das  Musterbild  der  Freiheit  hielt?),  gab  er  nur  ein  unvollständiges

*)  S.  o.  II.  111.
        <pb n="478" />
        470  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Bild,  da  der  hocharistokratische  Charakter  der  altenglischen  Selbstverwaltung
  und  Parteiregierung  in  Deutschland  noch  nirgends  recht  verstanden
wurde;  und  über  die  drohenden  sozialen  Gegensätze  des  Zeitalters  urteilte
er  noch  ganz  im  Sinne  des  selbstgefälligen  liberalen  Bürgertums  also:
„Fast  überall  im  Weltteil  bildet  ein  weit  verbreiteter,  stets  an  Gleichartigkeit
  wachsender  Mittelstand  den  Kern  der  Bevölkerung.“

Doch  was  bedeuteten  diese  Mängel  neben  den  neuen,  lebendigen  Gedanken
  des  Buchs!  Rottecks  Schule  war  durch  die  Lehre  der  Volkssouveränität
  und  durch  die  erbitternden  Kämpfe  des  Tages  längst  dahin
geführt  worden,  daß  sie  die  monarchische  Gewalt  nur  noch  als  ein  notwendiges
  Übel  betrachtete.  Dahlmann  aber  nannte  die  Monarchie  das  einzige
  Band  der  Gewohnheit  in  der  deutschen  Staatenwelt,  während  für
alle  anderen  politischen  Elemente  der  Schwerpunkt  erst  im  Werden  sei;
er  hielt  den  Lobrednern  der  Barrikaden  das  strenge  Wort  entgegen:  jede
Revolution  ist  nicht  nur  das  Zeichen  eines  ungeheuren  Mißgeschicks,  sondern
  selbst  ein  Mißgeschick,  selbst  schuldbelastet;  er  dachte  sehr  bescheiden
von  der  gerühmten  Freiheit  „des,  wenn  man  so  will,  konstitutionellen
Deutschlands“  und  verlangte  für  Preußens  künftige  Reichsstände  nur  solche
Rechte,  die  sich  mit  dem  lebendigen  Königtum  vertragen  könnten.  Das
alles  in  einer  edlen,  gedankenreichen,  die  Gewissen  packenden  Sprache,  die
lebhaft  an  Jakob  Grimms  monumentalen  Stil  erinnerte;  und  dazu  überall
ein  helles  Verständnis  für  die  Freiheit  der  historischen  Größe,  für  den
Adel  unserer  klassischen  Bildung,  für  die  frommen,  den  Staat  erhaltenden
  Kräfte  des  Gemüts  —  ein  vornehmer  Sinn,  der  mit  dem  vorlauten
Hochmut  der  Aufklärung  nichts  gemein  hatte.  Darum  fand  dies  Bekenntnis
  des  gebildeten  Liberalismus  zuerst  im  Norden  Anklang,  wo  die
monarchische  Gesinnung  noch  naturwüchsig,  die  Gesetzgebung  Steins  noch
unvergessen  war.  Dahlmann  glaubte  an  eine  auch  äußerliche  Vollendung
  der  menschlichen  Dinge  am  Ende  der  Geschichte,  und  dieser  Glaube,
den  in  unseren  erfahrungsreicheren  Tagen  nur  noch  jugendliche  Schwärmer
  hegen,  gab  seinen  Worten  eine  stolze,  den  Zeitgenossen  unwiderstehliche
  Zuversicht.  Schwerer  trennten  sich  die  Süddeutschen  von  ihrem  Vernunftrecht;
  indes  entstand  auch  dort  allmählich  eine  gemäßigt  liberale
Partei,  die  mindestens  von  den  radikalen  Schlagworten  der  alten  Lehre,
von  der  Volkssouveränität,  dem  Gesellschaftsvertrage  und  dem  Rechte  der
Revolution  nichts  mehr  hören  wollte.  Leider  blieb  Dahlmanns  Buch  unvollendet.
  Der  wortkarge  Mann  entschloß  sich  zum  Schreiben  fast  noch
schwerer  als  zum  Reden,  und  er  fand  auch  in  der  Wissenschaft  keinen
Nachfolger,  denn  der  Weg,  den  er  gewiesen,  war  nur  für  ungewöhnliche
Talente  gangbar.  Bis  zum  heutigen  Tage  besitzen  wir  noch  kein  Werk,
das  wirklich  das  gesamte  Staatsleben  aus  den  gegebenen  Zuständen  heraus
  erklärte  und  statt  subjektiver  politischer  Behauptungen  nur  erweisbare
historische  Wahrheiten  aufstellte.
        <pb n="479" />
        Dahlmanns  dänische  Geschichte.  Schlosser.  471

Bald  nachher  schrieb  er  die  Geschichte  Dänemarks  für  die  vielbändige
von  Heeren  und  Ukert  herausgegebene  Europäische  Staatengeschichte,  deren
Verbreitung  bewies,  wie  richtig  der  umsichtige  Verleger  Perthes  die  neu
erwachte  historische  Wißbegierde  der  Zeit  geschätzt  hatte.  Dahlmanns  Werk
war  die  Perle  der  Sammlung.  Seine  alten  Feinde  selbst,  die  Dänen
mußten  ihm  zugestehen,  daß  noch  niemand  die  norwegisch-isländische,  die
dänische,  die  niedersächsische  Kultur  und  die  aus  ihrer  Wechselwirkung  entstandenen
  eigenartigen  Rechtsbildungen  so  gründlich  durchforscht,  so  anschaulich
  geschildert  hatte.  Er  glaubte  selbst  aus  schwedischem  Geschlechte
zu  stammen  und  hatte  fast  sein  ganzes  Leben  in  den  Grenzgebieten  der
deutschen  und  der  skandinavischen  Welt  verbracht;  also  fühlte  er  sich  warm
und  heimisch  dort  im  Norden.  Auch  von  der  hochpoetischen  Schönheit  der
nordischen  Sagas  konnte  er  einiges  in  seine  Erzählung  aufnehmen,  weil
er  unter  den  alten  Überlieferungen  zwar  mit  Niebuhrischer  Unbefangenheit
  aufräumte,  doch  sie  nicht  gänzlich  zu  verwerfen  brauchte.  Über  die
Handelnden  sprach  er  streng,  aber  mit  wohlwollender  Menschenkenntnis
und  mit  jenem  gemütlichen  Humor,  der  zum  Verständnis  germanischer
Naturen  unentbehrlich  bleibt.  Immer  zur  rechten  Zeit  trat  er  selbst  hervor,
  um  mit  seinen  ernsten  tiefen  Augen  das  Ergebnis  der  Entwicklung
zu  überblicken;  denn  der  Historiker  kann  nicht,  wie  der  epische  Dichter,  in
einer  freierfundenen  Fabel  die  Nemesis  walten  lassen,  darum  soll  er  selbst
freimütig  aussprechen,  was  das  Gewirr  der  Tatsachen  für  die  sittliche
Welt  bedeute,  darum  liegt  die  ergreifende  Macht  eines  Geschichtswerkes
immer  in  der  starken  Persönlichkeit  des  Erzählers.  Auch  dies  Buch  blieb
unvollendet,  und  der  entlegene  Stoff  lockte  die  Masse  der  Leser  nicht  an.

Weit  stärker  als  Ranke  oder  Dahlmann  wirkte  Schlosser  auf  die
öffentliche  Meinung  durch  das  eigentlich  populäre  Geschichtswerk  der  Epoche,
die  neue  Ausgabe  der  Geschichte  des  achtzehnten  Jahrhunderts.  Hier  fanden
  die  Mittelklassen,  was  sie  bei  jenen  vermißten:  einen  allgemein  verständlichen
  Stoff,  schonungsloses  sittliches  Urteil  und  den  derben  friesischen
  Trotz,  der  allen  Gewaltigen  der  Erde  mit  sichtlicher  Freude  „demokratisch
  die  Wahrheit  sagte“.  Die  furchtbaren  Anklagen  wider  die  Fürsten
und  die  Unglücklichen,  die  als  Minister  „alle  Untugenden  der  Minister
zeigten“,  behagten  den  verbitterten  Lesern,  obgleich  sie  unzweifelhaft  ein
falsches  Bild  gaben  von  einem  reichen  Jahrhundert,  das  gerade  durch  seine
absolute  Fürstengewalt,  durch  monarchische,  den  Gedanken  der  Völker  vorauseilende
  Reformen  die  Gesittung  der  Menschheit  gefördert  hatte.  An
den  Höfen  selbst  ward  man  dem  „Menschenfreunde,  dem  kontemplativen
Philosophen“,  wie  er  sich  gern  nannte,  nie  ganz  gram,  die  Großherzogin
  Stephanie  von  Baden  schenkte  ihm  ihre  treue  Gunst;  denn  seine
beständige  sittliche  Entrüstung  entsprang  einem  tiefen,  warmen  Gemüte,
und  in  dem  kleinlichen  Parteihasse  der  Zeit  bewahrte  sich  der  greise  Polterer
noch  immer  viel  von  der  weitherzigen  Humanität  des  alten  Jahrhunderts.
        <pb n="480" />
        472  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Auch  die  ungeschlachte  Plumpheit  seiner  Darstellung  ward  ihm  nicht
angerechnet;  man  bewunderte  vielmehr  seinen  gesinnungstüchtigen  Mut,
wenn  er  alle  Eleganz  und  Milde  „absichtlich  zu  verschmähen“  erklärte,
und  bemerkte  nicht,  wie  nahe  sich  diese  rohe  Formlosigkeit  mit  der  fri—
volen  Formenspielerei  Heinrich  Heines  berührte.  Schlosser  wie  Heine
hielt  den  Stil  für  einen  Mantel,  den  man  dem  Inhalt  nach  Belieben
umhängen  oder  auch  abnehmen  könne.  Sie  wußten  nicht,  was  Goethe
doch  längst  gezeigt  hatte,  daß  der  still  ausgereifte  Gedanke  den  richtigen
Ausdruck  so  notwendig  hervorbringt,  wie  die  Blüte  die  Frucht,  und  die
schöne  Prosa  aus  der  vollkommenen  Beherrschung  des  Stoffes  sich  ganz
von  selbst  ergibt.  Schlosser  ward  formlos,  weil  er  den  entsagenden  Fleiß
Rankes  verachtete  und  über  Halbverstandenes  mit  moralischen  Kraftworten
hastig  hinwegstürmte.  Die  härtesten  seiner  vielen  ungerechten  Urteile  ent—
sprangen  der  Unwissenheit.  Wenn  er  kurzab  meinte,  das  Aushebungs—
system  Friedrich  Wilhelms  J.  hätte  leicht  besser  und  gerechter  eingerichtet
werden  können,  so  wußte  er  nicht,  was  er  sagte;  er  ahnte  nicht,  welchen  un—
überwindlichen  Widerstand  die  rohen  Massen  des  Volkes  schon  der  be—
schränkten  Kantonspflicht  entgegengesetzt  hatten.  Mehr  Sachkenntnis  und
darum  auch  mehr  Billigkeit  zeigten  die  literarischen  Abschnitte,  die  besten
und  beliebtesten  des  Werkes.  Freilich  gelang  ihm  bei  diesem  ersten  Ver—
suche  noch  nicht,  den  inneren  Zusammenhang,  die  beständige  Wechselwir—
kung  des  literarischen  Lebens  und  der  politischen  Machtkämpfe  nachzu—
weisen.  Beides  stand  bei  ihm  noch  unvermittelt  nebeneinander;  und  zu—
dem  lagen  die  entscheidenden  Jahre  seiner  eigenen  Bildung  noch  hinter
der  Blütezeit  unserer  Dichtung  zurück;  darum  stellte  er  Lessing  „den
Anfänger  und  Vollender  deutscher  Bildung“  hoch  über  Schiller  und
Goethe,  und  die  Schriften  der  englisch-französischen  Aufklärung  waren  ihm
offenbar  vertrauter  als  spätere,  größere  Werke.

Und  wunderbar,  dies  ganz  altväterische  Buch  schwamm  doch  mitten  im
Strome  des  modernen  Lebens.  Gerade  weil  Schlosser  der  liberalen  Partei
immer  fern  stand,  hielten  die  Zeitgenossen  seine  grausame,  oft  empörend  un—
billige  Strenge  für  die  Gerechtigkeit  eines  unbestechlichen  Richters;  er  erschien
ihnen  wie  ein  Bußprediger  des  Mittelalters,  seine  dröhnende  Stimme  klang
wie  die  Totenglocke,  die  das  Nahen  der  von  so  vielen  ersehnten  Revolution
ankündigte,  und  wenngleich  er  zuweilen  auch  gegen  „diese  schlaffe,  unfreie
Generation“  in  Bausch  und  Bogen  eiferte,  so  blieb  den  Lesern  doch  der
willkommene  Eindruck,  als  ob  alles  Übel  nur  von  den  Höhen  der  Gesellschaft
  herabfließe.  Obwohl  er  den  Unterschied  öffentlicher  und  häuslicher
  Sittlichkeit  zu  kennen  behauptete,  stellte  er  doch  alle  Helden  der  Geschichte
  erbarmungslos  unter  den  Maßstab  seiner  Kantischen  Privatmoral;
die  Freiheit  des  Genius  blieb  ihm  so  unfaßbar  wie  das  Recht  der  rettenden
  Tat,  nur  der  unlauteren  Größe  Napoleons  gestand  er  zu,  was  er
einem  Friedrich  nicht  einräumte.  Ihm  fehlte  der  historische  Sinn,  der  die
        <pb n="481" />
        Leo.  473

Wandelbarkeit  der  sittlichen  Ideale  der  Menschheit  bescheiden  erkennt  und
darum,  statt  dem  ewigen  Richter  vorzugreifen,  jede  Zeit  nur  nach  ihren
eigenen,  endlichen  Zwecken  beurteilt.  Aristokrat  in  Leben  und  Neigung,
reizte  er  arglos  den  Groll  der  Mittelstände  wider  die  bestehende  Ordnung.
Ein  Verächter  des  akademischen  Zunftgeistes  förderte  er  ebenso  arglos  die
Selbstüberhebung  der  Gelehrten;  denn  aus  der  schlammigen  See  fürstlicher
Nichtswürdigkeit,  die  er  seinen  Lesern  schilderte,  ragten  als  einsame  Felsen
nur  einige  große  Schriftsteller  hervor.  Hier  allein  fand  er  „Wahrheit,
Einfalt,  stilles  Leben,  Selbstbeherrschung,  den  bescheidenen  Wandel  und  die
Tugend,  ohne  welche  die  Freiheit  ein  Traum,  das  Recht  ein  Schatten
bleibt.“  Hier  allein  glaubte  er  reine  Luft  zu  atmen  und  fühlte  nicht,
daß  dies  beschauliche  stille  Leben  auch  seinen  Hochmut,  auch  seine  Sün—
den  und  Versuchungen  hat,  die  nur  minder  grell  in  die  Augen  fallen  als
die  Sünden  der  Handelnden.  Verzeihlich  also,  daß  der  junge  Gervinus
und  andere  seiner  Schüler  sich  den  Staatsmännern  auch  im  Handeln  un—
endlich  überlegen  deuchten,  und  die  Professoren  in  Deutschland  bald  eine
ähnliche  Rolle  spielten  wie  in  Frankreich  die  Rechtsanwälte;  denn  nicht
jeder  vermochte  wie  Schlosser  selbst,  zugleich  die  Politiker  zu  meistern  und
sich  vom  öffentlichen  Leben  bescheiden  zurückzuhalten.  Sein  starkes  sittliches
  Pathos,  das  man  doch  nicht  vornehm  übersehen  konnte,  bewahrte
die  deutsche  Geschichtschreibung  vor  blutlosem  Kaltsinn;  aber  seine  Werke
veralteten  schnell,  sobald  die  erregte  Stimmung  der  Zeit  sich  besänftigte.

Seit  die  Geschichtschreibung  wieder  politisch  geworden  war,  konnte  es  ihr
auch  an  erklärten  Parteimännern  nicht  fehlen.  Heinrich  Leo  hatte  sich,  nachdem
  der  wilde  Radikalismus  seiner  Burschentage  verbraust  war,  eine  Zeitlang
  der  Hegelschen  Philosophie  ergeben  und  war  dann  wieder  zurückgekehrt
  zu  der  romantischen  Weltanschauung,  die  seiner  Natur  entsprach.  *)
Er  entfaltete  in  Halle  eine  überaus  fruchtbare  Tätigkeit  als  Lehrer  wie
als  Schriftsteller  —  ein  Feuergeist  von  übersprudelnder  Kraft,  ehrlich  und
liebenswert  selbst  in  seiner  unersättlichen  Kampflust,  aber  maßlos  in  allem,
so  beherrscht  von  der  Leidenschaft,  daß  ihm  trotz  seiner  reichen  Gelehr—
samkeit  ganze  Epochen  der  Geschichte  unverständlich  bleiben  mußten.  Ledig—
lich  die  Welt  des  Mittelalters  und  namentlich  ihr  farbenreiches  Städte—
leben  war  ihm  ganz  vertraut;  das  zeigte  selbst  sein  bestes  Werk,  die
italienische  Geschichte,  noch  deutlicher  nachher  die  niederländische  und  die
Universalgeschichte.  Die  Formenreinheit  der  Antike  schien  ihm  seelenlos,
und  in  den  neueren  Jahrhunderten  sah  er  nur  „einen  fortwährenden
Verfall“,  nur  die  prosaische  Herrschaft  der  materiellen  Interessen  —  als  ob
diese  Interessen  nicht  auch  das  Städtewesen  des  Mittelalters  bestimmt
hätten.  Tiefsinnig  schilderte  er  die  stürmische  Ehe  Deutschlands  und  Italiens
  in  den  staufischen  Zeiten:  „der  Mann  voll  Kraft,  Mut  und  Präten-7

  E.  oö.  II.  441.
        <pb n="482" />
        474  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

sionen,  die  Frau  voll  List,  Gewandtheit  und  in  allen  Spielen  Meisterin;
beide  können  einander  nicht  lassen,  und  doch  regen  sie  einander  fortwährend
auf.“  Aber  wie  dann  die  alte  Schicksalsgemeinschaft  der  beiden  großen
Nationen  in  der  modernen  Geschichte  sich  erneuerte,  wie  die  Patrioten
diesseits  und  jenseits  der  Alpen  sich  für  gleiche  Ideale  begeisterten,  wie
Piemont  das  Preußen  Italiens  wurde,  —  dies  wunderbare  Schauspiel
blieb  ihm  ganz  verborgen,  obgleich  sich  der  Vorhang  doch  schon  zu  heben
begann.  Er  wollte  in  den  neuen  Jahrhunderten  nur  eine  „atomistisch—
mechanische  Richtung“  erkennen,  und  weil  er  ihre  schöpferischen  Kräfte  nicht
würdigte,  darum  blieb  auch  fruchtlos,  was  er  mit  vollem  Rechte  gegen  ihre
Verirrungen  sagte.  Wenn  er  der  gefühlsseligen  Überfeinerung  mit  markigen
  Worten  die  Herrlichkeit  des  Krieges,  die  Notwendigkeit  strenger  Strafgesetze
  vorhielt  oder  unerschrocken  erklärte,  die  Franzosen  würden  durch
„das  Gespenst  der  hohlen  Freiheit“  für  die  Frevel  ihrer  Revolution  gezüchtigt,
  so  meinte  die  liberale  Welt,  um  das  Brüllen  des  hallischen  Löwen
brauchte  man  sich  nicht  zu  kümmern.  Sein  herausforderndes  Wesen
brachte  ihn  um  manche  wohlverdiente  Anerkennung,  und  da  er  überall  die
Autorität,  im  Mittelalter  also  die  römische  Kirche  verteidigte,  so  geriet
der  treue  Anhänger  des  preußischen  Königtums  sogar  in  den  Ruf  katholischer
  Gesinnung;  er  dachte  aber,  wie  er  selbst  gestand,  viel  zu  frei,  um
sich  „einer  so  durch  Hochmut  bornierten  Gemeinschaft  anzuschließen.“

Inzwischen  fanden  auch  die  Ultramontanen  in  Friedrich  Hurter  endlich
  ihren  Parteihistoriker.  Aus  seiner  Geschichte  Innocenz'  III.  sprach  der
klerikale  Fanatismus  so  vernehmlich,  daß  sein  alter  Freund  Haller  zufrieden
  sagte,  kein  protestantisches  Wörtlein  sei  darin  enthalten.  In  der  Kirche
ist  alles,  außer  ihr  kein  Heil  —  so  wiederholte  er  unablässig;  die  finstere
  Glaubenswut  des  Jahrhunderts  der  Bettelorden  und  der  Inquisition
  galt  ihm  für  die  Blüte  der  christlichen  Liebe,  und  je  roher  er  der
freien  Bildung  ins  Gesicht  schlug,  umso  zuversichtlicher  beteuerte  er:
„Das  ist  das  Urteil  der  Geschichte,  nicht  der  Dogmatik  oder  Polemik.“
In  langen  Jahren  vorbereitet,  bot  das  Buch  reichen  Stoff,  aber  keine  eindringende
  Kritik,  die  Darstellung  war  trotz  der  massenhaft  angesammelten
malerischen  Einzelzüge  schwerfällig  und  ohne  Leben,  die  Grundansichtfalsch.
Nur  eine  geistlose,  äußerliche  Anschauung  konnte  den  Papst,  unter  dessen
Herrschaft  die  Kirche  ihre  höchste  Macht  erreichte,  darum  auch  für  den
größten  aller  Kirchenfürsten  halten;  hinter  den  erhabenen  kirchlichen  Ideen
des  ersten  oder  des  siebenten  Gregor  stand  Innocenz'  harte  Herrschsucht
ebensoweit  zurück,  wie  hinter  der  kühnen  nationalen  Politik  Aleganders  III.5
Und  wenn  der  Lobredner  Innocenz'  gar  über  „den  irdischen  Besitz“  der
Kirche  klagte,  so  offenbarte  er  nur  die  Schwäche  seines  historischen  Urteils,
denn  gerade  sein  Innocenz  hat  den  Kirchenstaat  erst  geschaffen.

Eine  solche  Verherrlichung  des  Todfeindes  unserer  Stauferkaiser  mußte
den  Klerikalen  um  so  willkommener  sein,  da  sie  aus  der  Feder  eines  hoch-
        <pb n="483" />
        Hurter.  Grimms  Mythologie.  475

gestellten  evangelischen  Geistlichen  kam.  Ein  Ruf  des  Beifalls  und  der
Schadenfreude  scholl  durch  das  ultramontane  Lager;  Möhler  in  Tübingen
brachte  das  Buch  sogleich  in  den  Hörsaal,  um  seinen  geistlichen  Hörern  zu
erklären,  was  wahre  Geschichtschreibung  sei.  Die  Evangelischen  aber  zeig—
ten  anfangs  ihrem  abtrünnigen  Glaubensgenossen  jene  haltlose  Nachsicht,
welche  jederzeit  die  natürliche  Schwäche  protestantischer  Geistesfreiheit  ge—
blieben  ist.  Bei  mehreren  katholischen  Buchhändlern  hatte  Hurter  ver—
geblich  angeklopft,  sie  alle  hatten  sich  gescheut,  die  aufklärungsstolze  Leser—
welt  vor  den  Kopf  zu  stoßen;  der  ehrliche  Protestant  Perthes  dagegen  ver—
legte  das  Buch  so  unbedenklich,  wie  er  einst  Stolbergs  Religionsgeschichte
verlegt  hatte,  er  hoffte  noch  harmlos  auf  eine  Verständigung  der  beiden
Schwesterkirchen.  Dann  feierte  Leo  den  Gegner  der  Ghibellinen  in  den
Berliner  Jahrbüchern.  Hurters  strengreformierte  Landsleute  in  Schaff—
hausen  erwählten  ihn,  nachdem  der  erste  Band  (1834)  erschienen  war,
zum  Antistes,  zum  ersten  Geistlichen  des  Kantons,  und  die  Baseler  evan—
gelische  Fakultät,  der  Männer  wie  de  Wette  und  Hagenbach  angehörten,
ernannte  ihn  sogar  zum  Ehrendoktor  „wegen  der  bewiesenen  reichen  Kennt—
nis  der  Kirchengeschichte“.  Wenn  Hurter  von  dem  Geiste  der  evangelischen
Gemeindekirche  etwas  ahnte,  so  durfte  er  als  ehrlicher  Mann  keine  Stunde
mehr  einen  Glauben  predigen,  dessen  Grundwahrheiten  er  rundweg  ab—
leugnete.  Sogar  Haller  beschwor  den  Freund,  offen  mit  der  Ketzerei  zu
brechen,  weil  seine  Stellung  unhaltbar  werde;  der  alte  Herr  mochte  jetzt
wohl  mit  Scham  der  Zeiten  gedenken,  da  er  einst  selbst  seinen  Übertritt
feige  geheim  gehalten  hatte.  *)  Der  Schaffhausener  Antistes  aber  lebte
ganz  in  den  Anschauungen  jener  alten  Schweizer  Herrengeschlechter,  die  vormals
  als  Landvögte  in  den  Vogteien  der  Eidgenossenschaft  gehaust  hatten,
und  übertrug  diese  Herrschaftsgedanken  kurzab  in  die  Kirche;  er  wähnte
ein  Priester  zu  sein  und  mithin  befugt  zur  Ausübung  seiner  hierarchischen
Gewalt,  gleichviel,  was  die  verirrte  Herde  denke.  Plump,  unbelehrbar,
stierköpfig  wie  die  meisten  schweizer  Reaktionäre,  blieb  er  in  seinem  evangelischen
  Amte  und  schrieb  zugleich  an  seinem  Werke  weiter,  das  mit  jedem
neuen  Bande  fanatischer  wurde.  Er  trat  in  Verbindung  mit  dem  Papste,
mit  Nuntien  und  Bischöfen,  mit  allen  Führern  der  klerikalen  Partei  in
Süddeutschland,  und  trieb  ungescheut  ultramontane  Politik,  bis  nach  Jahren
endlich  im  protestantischen  Volke  der  Unwille  erwachte  über  ein  Treiben,
das  nur  noch  eine  freche  Lüge  war.  —

Während  die  namhaften  politischen  Historiker  erst  auf  Umwegen,  aus
der  Universalgeschichte  an  die  deutschen  Dinge  herantraten,  lebte  und  webte
Jakob  Grimm  ganz  in  der  Heimat;  wie  ein  frommer  Priester  das  anvertraute
  Heiligtum,  hütete  er  die  Schätze  unserer  Urzeit.  Er  wollte  „das
Vaterland  erheben,  weil  seine  Sprache,  sein  Recht  und  sein  Altertum

 

*)  S.  o.  II.  96.
        <pb n="484" />
        476  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

viel  zu  niedrig  gestellt  waren,“  und  weil  er  voraussah,  daß  „die  Zukunft
an  der  Gegenwart  jede  Geringschätzung  der  Vorzeit  rächen  werde“.  Darum
hatte  er  seinem  Volke  einst  erwiesen,  daß  „unsere  Voreltern  eine  wohlge—
füge  Sprache  redeten  und  eines  sinnvollen  Rechtes  pflagen,“  und  nun
zeigte  er  durch  das  dritte  seiner  grundlegenden  Werke,  die  Deutsche  Mythologie
  (1835),  daß  sie  auch  „des  beseligenden  Glaubens  an  Gott  und  Götter
voll  waren,  nicht  dumpf  brütend  vor  Götzen  und  Klötzen  niederfielen.“
Wärmer,  gemütlicher  hatte  er  noch  nie  geschrieben.  Seinem  liebevollen
Herzen  tat  es  wohl,  da  wieder  aufzubauen,  wo  die  verständnislose  Kritik
des  Rationalismus  nur  zerstört  hatte.  Er  wußte,  daß  aller  Sage  Grund
der  Götterglaube  ist  und  die  Sage  ewig  wiedergeboren  wird,  während  die
überall  neue  und  frische  Geschichte  sich  niemals  wiederholt.  Er  erkannte
zuerst,  wie  nach  der  Bekehrung  der  Germanen  das  Christentum  danach
trachtete,  die  heidnischen  Ideen  herabzusetzen,  das  Heidentum  sich  unter
christlichen  Formen  zu  bergen  suchte  und  also  vieles  von  dem  alten  Hei—
denglauben  in  dem  Hexen-  und  Teufelsglauben  des  Mittelalters  verzerrt
wiederkehrte,  aber  auch  die  heiligen  Gestalten  des  christlichen  Glaubens
manche  Züge  der  alten  Götter  annahmen,  die  Freia  in  der  Maria,  Thor
in  Petrus,  die  Asen  in  den  Aposteln  fortlebten.  So,  aus  der  umfassen—
den  Erforschung  heidnischer  und  christlicher  Überlieferungen,  gestaltete  sich
ihm  das  Bild  der  germanischen  Götterwelt,  wie  sie  wirklich  war,  unklarer,
formloser,  phantastischer  als  die  Götter  des  Olymps,  aber  der  klassischen
Mythologie  überlegen  durch  den  allezeit  lebendigen  Glauben  an  die  Fortdauer
  nach  dem  Tode  und  die  sittliche  Verantwortlichkeit  der  Sterblichen,
überlegen  durch  ihre  Verwandtschaft  mit  dem  Christentum,  überlegen  auch
durch  ihre  naive,  natürliche  Treuherzigkeit,  denn  wieviel  heimlicher  und
zutraulicher  erschienen  doch  die  Zwerge,  Elben  und  Riesen  der  Deutschen
als  die  vornehmen,  durch  die  Kunstpoesie  ausgeschmückten  Nymphen,  Kabiren
und  Zyklopen  der  Hellenen.  Alle  gelehrte  Systemsucht  wies  er  hinweg  von
dieser  Welt  lebendiger  Gestalten,  die  ein  wagendes  Heldenvolk  mit  Siegesfreude
  und  Todesverachtung  erfüllt  hatten.  Weder  den  Pantheismus  wollte
er  unseren  Bätern  andichten  lassen,  da  sie  doch  viele  Götter  von  verschiedener
  Macht  und  Würde  verehrten,  noch  den  Dualismus,  da  die  milden
gütigen  Götter  in  ihrem  hoffnungsreichen  Glauben  zu  sehr  überwogen.

Kein  anderes  Volk  besaß  noch  eine  so  lebensvolle,  so  tiefgründige  Darstellung
  des  Seelenlebens  seiner  Urzeit.  Ebenso  unvergleichlich  erschien  in.
der  Weltliteratur  die  Abhandlung  „über  die  Verschiedenheit  des  menschlichen
Sprachbaues“,  Wilhelm  Humboldts  letztes  Werk,  in  dem  sich  die  genialen
Kräfte  zweier  Zeitalter,  die  philosophische  Universalität  des  alten  und  die
strenge  Einzelforschung  des  neuen  Jahrhunderts  noch  weit  glücklicher  vereinigten
  als  einst  in  dem  Aufsatze  über  die  Aufgabe  des  Geschichtschreibers.
Die  tiefsten  Rätsel  alles  Daseins  berührend,  entwarf  Humboldt  hier
in  kühnen  Antithesen  das  philosophisch-historische  Bild  vom  Wesen  der
        <pb n="485" />
        W.  v.  Humboldt  und  die  Sprachwissenschaft.  477

Menschheit,  das  ihn  sein  Lebtag  beschäftigt  hatte,  und  zeigte:  wie  der
Mensch  nur  Mensch  ist  durch  die  Sprache,  doch  gewiß  nicht  ihr  Schöpfer,
da  er  schon  Mensch  sein  müßte,  um  sie  zu  erfinden;  wie  das  Rätselhafte
der  Sprache  nicht  im  Reden  liegt,  sondern  im  Verstehen,  das  nur  be—
griffen  werden  kann,  wenn  man  erkennt,  daß  Ich  und  Du  wahrhaft  identische
  Begriffe  sind;  wie  die  Sprache  zugleich  der  Seele  fremd  und  ihr
angehörig  ist,  abhängig  von  den  Denkgesetzen  und  doch  frei,  da  sich  das
Widersinnige  nicht  denken,  wohl  aber  sagen  läßt;  wie  der  Organismus  der
Sprache  durch  die  ganze  Nation  geschaffen  wird,  ihre  Kultur  hingegen
durch  die  einzelnen  und  sie  also  zugleich  national  ist  und  individuell,  beherrscht
  durch  eine  alte  Vergangenheit  und  neu  in  jedem  Augenblicke,  nicht
ein  Werk,  sondern  eine  Tätigkeit,  stufenweise  fortschreitend  in  der  Regel,
doch  zuweilen  auch  plötzlich  durch  die  unmittelbare  schöpferische  Kraft  des
Genies,  die  in  ganzen  Völkern  sich  ebenso  mächtig  zeigt,  wie  in  den  einzelnen;
  wie  sie  wissenschaftlich  behandelt  werden  kann  lediglich  als  ein
Zeichen  für  den  Gedanken,  aber  auch  lebendig,  rednerisch  für  jede  Erkenntnis,
  welche  die  ungeteilten  Kräfte  des  Menschen  fordert,  und  darum  auf
Poesie,  Philosophie,  Geschichte  alle  eigentliche  Bildung  unseres  Geschlechtes
beruht.

Vor  Jahren  hatte  der  alte  Blumenbach  die  Materialisten  aufs
Haupt  geschlagen  durch  die  einfache  Bemerkung:  „Warum  kann  der  Affe
nicht  sprechen?  Weil  er  nichts  zu  sagen  hat.“  Was  jener  nur  witzig  angedeutet,
  wurde  durch  Humboldt  endgültig  erwiesen:  daß  die  Sprache  mit
der  Vernunft,  dem  Selbstbewußtsein  unmittelbar  gegeben,  der  Begriff
vom  Worte  nicht  zu  trennen  und  Verschiedenheit  der  Sprache  nichts  anderes
  ist  als  Verschiedenheit  der  Weltansicht.  Aus  der  Fülle  seines  unvergleichlichen
  sprachlichen  Wissens  heraus  zeigte  er  dann  im  einzelnen,
wie  der  Gedanke  durch  das  Zeitwort  in  die  Wirklichkeit  übertritt,  wie  der
Relativsatz  nur  die  Eigenschaft  eines  Hauptworts  bezeichnet  —  und  soweiter,
lauter  schöpferische  Ideen,  welche  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft
auf  lange  hinaus  die  Richtung  wiesen.  Es  war  das  letzte  Vermächtnis
jenes  alten  stolzen  deutschen  Idealismus,  der  einst  die  Tage  von  Weimar
und  Jena  durchleuchtet  hatte.  Humboldt  starb  (8.  April  1835)  noch  vor
der  Vollendung  des  Werkes  über  die  Kawi-Sprache,  das  durch  jene  Abhandlung
  eingeleitet  werden  sollte;  mit  heiterer  Ruhe,  erhaben  über  alles
Schicksal,  ertrug  er  die  Qualen  seiner  letzten  Krankheit.  Neben  seinem
Tegeler  Schlosse,  auf  der  Höhe  über  dem  blauen  See  hatte  er  schon  vor
Jahren  seiner  Gattin  und  seinem  treuen  Lehrer  Kunth  eine  weihevolle
Ruhestätte  bereitet.  Nordische  Fichten  umgrenzten  den  stillen  Raum,  und
von  schlanker  Säule  schaute  das  Marmorbild  der  Spes,  ein  Werk  Thorwaldsens,
  auf  den  Efeu  der  Gräber  nieder.  Dort  ward  auch  er  bestattet,
  der  große  Hellene  germanischen  Stammes.

Schon  war  ein  Menschenalter  vergangen,  seit  der  Baum  der  histo-
        <pb n="486" />
        478  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

rischen  Forschung  zuerst  wieder  zu  saften  anfing,  und  noch  immer  setzte  er
mit  unerschöpflicher  Triebkraft  frische  Zweige  an.  Soeben  entstanden
wieder  zwei  neue  selbständige  Wissenschaften,  da  Schnaase  die  Kunstge—
schichte,  Gervinus  die  deutsche  Literaturgeschichte  als  ein  Ganzes,  in  ihrer
notwendigen  Entwicklung,  darzustellen  unternahm.  Inzwischen  eroberte
sich  auch  die  klassische  Philologie  ein  neues  Gebiet  durch  die  große  Sammlung
  der  griechischen  Inschriften,  die  seit  1824  unter  Böckhs  Leitung  herauskam;
  noch  während  der  Geldnot  der  napoleonischen  Kriege  hatte  König
Friedrich  Wilhelm  die  Mittel  dazu  bewilligt,  denn  für  die  Pflege  des  Altertums
  wußte  er  immer  Rat  zu  schaffen.  Nun  erst  erschien  die  hellenische
Welt  den  Modernen  greifbar,  persönlich,  unmittelbar  lebendig  in  ihrem
alltäglichen  Treiben  und  Wirken,  in  der  Mannigfaltigkeit  ihrer  Volkssprachen,
  die  sich  aus  der  vornehmen  Literatur  nur  ahnen,  nicht  erkennen
ließ.  Noch  anschaulicher  gestaltete  sich  das  Bild  des  antiken  Lebens,  als
Böckh  in  seinen  Metrologischen  Untersuchungen  den  orientalischen  Stammbaum
  des  hellenischen  Maß=  und  Münzwesens  entdeckte  und  also  den  Zusammenhang
  abendländischer  und  morgenländischer  Kultur,  von  dem  einst
Creuzer  und  die  Symboliker  nur  geträumt  hatten,  durch  genaue  Einzelforschung
  erwies;  denn  glücklich  verband  sich  in  Böckhs  Geiste  der  strenge,
nüchterne  Zahlensinn  mit  einem  freien  Schönheitsgefühle,  das  selbst  dem
dithyrambischen  Schwunge  Pindars  zu  folgen  vermochte.

Diese  kühnen  Entdeckerfahrten  der  „Sach-Philologen“  betrachtete  der
alte  Hellenist  Gottfried  Hermann  mit  wachsender  Besorgnis.  Ihm  war,  als
ob  ein  reißender  Strom  hereinbräche  in  die  friedliche  Welt  der  Kritik  und
Grammatik;  manches  Stück  fruchtbaren  Erdreichswurdewohl  angeschwemmt,
das  gab  er  zu,  aber  das  ganze  Land  ward  unwohnlich!  Seine  Schule  fühlte
sich  in  ihrem  alten  Besitzstande  bedroht,  sie  bekämpfte  diephilologischen  Historiker
  mit  ungerechter  Gehässigkeit,  während  doch  beide  Richtungen  einander
  nicht  ausschlossen,  sondern  ergänzten,  und  verfiel  allmählich,  ganz
wider  des  Meisters  Absicht,  in  eine  ideenlose  Mikrologie.  Der  klassische
Unterricht  auf  den  Gymnasien  begann  zu  kränkeln;  manche  Pädagogen
aus  der  Leipziger  Schule  betrachteten  die  Homerischen  Gedichte  nur  noch
als  ein  Lehrmittel,  an  dem  sie  die  grammatischen  Regeln  der  Elision,  der
Krasis,  des  Jota  subscriptum  erweisen  konnten.  Seit  dem  Ende  der  dreißiger
  Jahre  ließ  sich  bereits  bemerken,  wie  die  Freude  an  der  klassischen
Welt  unter  den  Schülern  abnahm.  Also  begannen  die  alten  festen  Grundmauern
  des  deutschen  gelehrten  Unterrichts  schon  leise  zu  wanken,  zu  derselben
  Zeit,  da  die  Naturwissenschaften  fröhlich  aufblühten  und  die  Interessen
  der  erstarkten  Volkswirtschaft  gebieterisch  nach  neuen  Bildungsstoffen
verlangten.  —

Als  der  Rheinländer  Lejeune-Dirichlet  im  Jahre  1822  die  Universität
bezog,  mußte  er  nach  Paris  gehen,  denn  in  ganz  Deutschland  konnte  nur
ein  Mathematiker  seinen  hohen  Ansprüchen  genügen,  und  dieser  eine,
        <pb n="487" />
        Böckh  und  Hermann.  Die  Naturforschung.  479

Gauß,  verschmähte  zu  lehren.  Wie  anders  stand  es  jetzt;  wie  viele  kräf—
tige  Talente  waren  auf  allen  Gebieten  der  exakten  Wissenschaften  aufge—
treten,  seit  Alexander  Humboldt  wieder  in  Deutschland  weilte.  Die  Herr—
schaft  der  träumenden  Naturphilosophen  ging  zu  Ende.  Zum  letzten  Male,
im  Jahre  1827,  ließen  sie  an  dem  geistvollen  Physiker  Ohm  ihren  Übermut
  aus;  der  hatte  den  Zorn  der  Hegelschen  Jahrbücher  erregt,  weil
die  wohlgesicherten  Ergebnisse  seiner  Theorie  des  Galvanismus  mit  den
Hirngespinsten  des  Systems  nicht  stimmen  wollten,  und  wurde  daraufhin
von  den  Hegelianern  des  Kultusministeriums  so  geringschätzig  behandelt,
daß  er  gekränkt  sein  Lehramt  in  Köln  aufgab.  Seitdem  war  das  Selbstgefühl
  der  jungen  Naturforscher,  die  sich  unter  Humboldts  Banner  zusammenfanden,
  beständig  gewachsen;  sie  fühlten  sich  froh  als  die  Träger
eines  sicheren,  in  allem  erweisbaren  Wissens  und  lachten  über  die  willkürlichen
  Konstruktionen  der  Philosophen,  während  diese  kaum  noch  einen
offenen  Angriff  wagten.  Wohl  wurde  Hendrik  Steffens,  der  in  Schellings
  Weise  Naturphilosophie  lehrte,  nach  Berlin  berufen,  weil  der  Kronprinz
  ihn  den  widerwärtigen  Händeln  der  Breslauer  Altlutheraner  entziehen
  wollte.  Sein  fürstlicher  Gönner  glaubte,  „daß  ein  Mann  wie  Steffens
  des  Lebens  in  der  Hauptstadt  zu  seinem  eigenen  Besten  bedarf,  ebensosehr
  wie  die  Hauptstadt  an  ihm  die  Akquisition  eines  ihr  fehlenden  Charakters
  unter  den  ausgezeichneten  Lehrern  der  Hochschule  machen  würde“.)
Aber  der  Einfluß  des  begeisterten  Schwärmers  auf  die  Berliner  Wissenschaft
  blieb  gering,  obwohl  seine  warme  Beredsamkeit  manche  Zuhörer  anzog.
Es  klang  wie  ein  wehmütiger  Abschiedsgruß  der  alten  an  die  neue  Zeit,
als  er  beim  Doktorexamen  (1837)  dem  jungen  Geologen  Beyrich  bezeugte:
„die  Antworten  bewiesen,  daß  der  Kandidat  sich  mehr  mit  den  Gegenständen
  selbst  als  mit  dem  Absoluten  beschäftigt  hat.“  Die  anderen  Examinatoren
  kehrten  sich  an  diesen  Tadel  nicht,  sie  huldigten  allesamt  schon
der  ketzerischen  Ansicht,  daß  dem  Naturforscher  das  Absolute  sich  erst  aus
der  Erkenntnis  der  Gegenstände  ergeben  dürfe.

Wie  gründlich  diese  neue  Wissenschaft  dereinst  noch  alle  Lebensgewohnheiten
  der  Nation  verwandeln  mußte,  das  ließ  sich  bereits  an  der
jugendlichen  deutschen  Industrie  erkennen.  Im  Jahre  1785  war  in  den
Hettstedter  Kupferbergwerken  in  der  Grafschaft  Mansfeld  die  erste  ganz
von  Deutschen  gebaute  Dampfmaschine  aufgestellt  worden;  jetzt  konnte
schon  in  den  meisten  Gewerbszweigen  der  Großbetrieb  ohne  Dampfkraft  nicht
mehr  gedeihen,  und  auch  die  Landwirtschaft  spürte  längst  die  belebende
Kraft  der  neuen  Erkenntnis.  Schon  unter  Friedrich  dem  Großen  hatte  der
Berliner  Chemiker  Marggraf  den  Rübenzucker  dargestellt;  doch  erst  in  dem
neuen  Jahrhundert  begann  man  die  Erfindung  praktisch  zu  verwerten,
und  im  Jahre  1840  besaß  der  Zollverein  bereits  145  Rübenzuckerfabriken,

 

*)  Kronprinz  Fr.  Wilhelm  an  Altenstein,  23.Okt.,  30.Dezbr.  1831,  15.  Jan.  1832.
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        480  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

die  aus  4,8  Mill.  Ztr.  Rüben  über  284000  Ztr.  Zucker  erzeugten.  Die
zünftigen  Nationalökonomen,  die  noch  fast  sämtlich  in  den  Banden  der
englischen  Theorien  lagen  und  arglos  die  Interessen  der  britischen  Handelspolitik
  verteidigten,  klagten  und  zürnten  über  diese  künstliche  Industrie.
Indes  die  Magdeburgischen  Rübenbauer  erfreuten  sich  der  steigenden  Gutserträge,
  die  Verzehrer  der  sinkenden  Zuckerpreise,  und  bald  erlebte  man,
daß  in  rüstigen  Zeiten  eine  Erfindung  immer  die  andere  weckt.  Da  die
Rübe  ihre  Wurzeln  fast  viermal  tiefer  in  die  Erde  senkt  als  das  Getreide,
so  mußte  der  Rübenbauer  den  Acker  tiefer  umpflügen,  und  ganz  von  selbst
ergab  sich  der  Schluß,  daß  der  Körnerbau  diesem  Beispiel  folgen,  die
Kräfte  des  Bodens,  ohne  sie  zu  erschöpfen,  gründlicher  ausnutzen  könne.

Hoffnungsvoll  wie  ein  Jüngling  begrüßte  Alexander  Humboldt  die
große  Zeit  der  Naturforschung,  die  jetzt  herannahte.  Er  schrieb  in  diesen
Jahren  seine  Bücher  über  Zentralasien,  die  mit  Ritters  asiatischen  Forschungen
  glücklich  zusammentrafen,  und  bereitete  den  Kosmos  vor;  unverdrossen
  saß  der  weltberühmte  Alte  in  Paris  und  Berlin  mitten  unter  den
Studenten,  um  von  Hase,  Champollion,  Böckh  zu  lernen,  was  ihm  an
philologisch-historischem  Wissen  noch  fehlte.  Zugleich  blieb  er  der  hilfsbereite
  Gönner  aller  aufstrebenden  Talente.  Seiner  Fürsprache  verdankte
Justus  Liebig  den  Zutritt  zu  Gay-Lussacs  Laboratorium.  Dort  lernte
der  feurige,  leidenschaftlich  übersprudelnde  junge  Hesse  die  Ehrfurcht  vor
dem  Wirklichen;  er  schüttelte  den  Hochmut  der  Naturphilosophie  von  sich
ab,  und  als  er  nach  Gießen  heimkehrte  (1826),  gab  er  der  Chemie,  die  in
Deutschland  noch  kaum  zu  den  Wissenschaften  gerechnet  und  gern  den  Apothekern
  überlassen  wurde,  sofort  eine  neue  Lehrmethode:  nicht  im  Hörsaal,
sondern  durch  das  Experiment,  am  Herde  und  vor  den  Retorten,  sollten
seine  Schüler  ihr  Bestes  lernen.  Anfangs  fast  allein  auf  seine  eigenen
dürftigen  Mittel  angewiesen,  nachher  durch  die  hessische  Regierung  unterstützt,
  errichtete  er  das  erste  allgemein  zugängliche  Laboratorium,  das  der
kleinen  Gießener  Universität  einen  europäischen  Ruhm  verschaffte.  Weit
später  erst  fand  sein  Herzensfreund  Wöhler  in  Göttingen  ein  leidliches
Unterkommen  für  seine  Versuche;  Preußen  aber  blieb  in  der  Pflege  der
Chemie  lange  zurück,  denn  auf  die  starken  Ansprüche  dieser  neuen  Wissenschaften
  war  das  alte  sparsame  System,  das  allein  die  Erhaltung  von
sechs  Universitäten  ermöglicht  hatte,  durchaus  nicht  eingerichtet.  Auf  Augenblicke
  unterlag  Liebigs  hochstrebender  vielseitiger  Geist  wohl  jenen  schwermütigen
  Stimmungen,  welche  den  Chemiker  in  der  schlechten  Luft  des
Laboratoriums,  beim  Einerlei  mühsamer  Experimente  so  leicht  anwandeln.
Dann  meinte  er  verzweifelnd:  „Die  Chemie  ist  doch  im  Grunde  nur  ein
Rechenexempel;  zuletzt  ist  ihr  Zweck  weiter  nichts  als  eine  gute  Stiefelwichse
  oder  die  Kunst  zu  finden,  das  Fleisch  gar  zu  kochen.“  Aber  Wöhlers
  ruhiger  Zuspruch  richtete  ihn  immer  wieder  auf,  und  wie  vieler
schönen  Erfolge  konnten  sich  die  beiden  Freunde  schon  jetzt  erfreuen.  Liebig
        <pb n="489" />
        Liebig.  Wöhler.  Joh.  Mülller.  481

erfand  die  Kunst,  die  Kohlensäure  sofort  zu  wiegen,  und  entdeckte  das
Chloroform,  dessen  Nutzbarkeit  erst  nach  Jahren  ganz  gewürdigt  wurde.
Wöhler  aber  eröffnete  einen  überraschenden  Einblick  in  die  letzten  Geheim—
nisse  der  Natur,  als  er  den  Harnstoff  aus  den  Elementen,  ohne  Mit—
wirkung  der  tierischen  Lebenskraft,  herstellte;  damit  war  ein  tausendjähriger
Irrtum  widerlegt  und  der  Beweis  geführt,  daß  zwischen  der  organischen
und  der  unorganischen  Welt  eine  feste  Schranke  nicht  besteht.

Noch  weiter,  bis  zu  jenen  Höhen,  wo  Physik  und  Metaphysik  sich  berühren,
  schritt  der  geniale  Physiologe  Johannes  Müller  in  seinen  Unter—
suchungen  über  den  Gesichtssinn  (1825):  er  zeigte  durch  naturwissenschaft—
liche  Beobachtung,  was  Kant  auf  dem  Wege  der  Spekulation  gefunden
hatte,  daß  wir  die  Dinge  nicht  sehen,  wie  sie  sind,  sondern  wie  sie  uns
nach  der  Beschaffenheit  unserer  Organe  erscheinen  müssen.  Gleich  Liebig
hatte  sich  auch  Müller  von  den  anmaßenden  Voraussetzungen  der  Natur—
philosophie  erst  losgerissen;  jetzt  stand  er  fest  auf  dem  Boden  der  exakten
Untersuchung,  erzog  sich  in  Berlin  einen  glänzenden  Schülerkreis  und  fand
für  die  vergleichende  Anatomie  die  physiologischen  Grundlagen.  Wenn
neue  Gedanken  in  das  deutsche  Leben  einschlagen,  fordert  auch  immer  das
Gemüt  sein  Recht.  Eine  schöne,  herzliche  Freundschaft  verband  die  meisten
der  jungen  Berliner  Naturforscher:  Dove,  Mitscherlich,  Magnus,  die  Ge—
brüder  Rose;  wenn  sie  bei  dem  Physiker  Poggendorff  in  dem  Turmbau
der  alten  Sternwarte  auf  der  Dorotheenstraße  zusammensaßen,  dann  überkam
  sie  die  Ahnung  einer  großen  Zukunft.  Die  Gegenwart  war  freilich
noch  sehr  bescheiden;  diese  werdenden  Wissenschaften  mußten  sich  die  Gleichberechtigung
  erst  erkämpfen.  Nur  die  alteingebürgerte  Astronomie  galt  für
ein  vornehmes  Fach;  für  sie  hatte  auch  der  Staat  immer  offene  Hände.
Er  hatte  einst  mitten  im  Elend  der  napoleonischen  Kriegszeiten  die  Königsberger
  Sternwarte  errichtet,  wo  dann  Bessel  die  Position  der  Fundamentalsterne
  berechnete  und  also  die  Einheit  der  astronomischen  Bestimmungen
  sicherte;  jetzt  baute  Schinkel  die  neue  Berliner  Sternwarte,  die  unter
Enckes  Leitung  eine  Musteranstalt  wurde.  Auch  dabei  half  Humboldts
Fürwort  mit;  er  war  die  wärmende  Sonne  dieses  Planetenkreises.  Aber
erst  in  den  vierziger  Jahren  trat  die  deutsche  Naturforschung  in  ihre
Blütezeit  und  zeigte  sich  stark  genug,  die  Franzosen  erst  zu  erreichen,  dann
zu  überholen.

 

Während  die  Erfahrungswissenschaften  also  ihre  stolze  Siegesbahn  beschritten,
  war  die  Lebenskraft  der  alten  deutschen  Philosophie  schon  gebrochen.
  Ihre  klassische  Zeit  endete  an  Hegels  Grabe.  Wer  nur  von  fern
hinschaute,  mochte  freilich  wähnen,  daß  der  hohe  Tag  der  Hegelschen
Philosophie  erst  nach  dem  Tode  des  Meisters  gekommen  sei,  denn  jetzt  erst
erlangte  sein  Name  den  höchsten  Ruhm,  seine  Schriften  die  weiteste  Verv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  31
        <pb n="490" />
        482  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

breitung.  Seine  Sonne  leuchtete  noch,  als  sie  längst  am  Horizonte  ver—
sunken  war.  Hegels  alter  Freund  Altenstein  beklagte  tief,  „welcher  Stern
erster  Größe  für  die  Welt  untergegangen“  sei,  und  wollte  nun  mindestens
der  Lehre  des  Verstorbenen  die  Herrschaft  auf  den  preußischen  Hochschulen
sichern.  Umsonst  verlangten  der  Kronprinz  und  seine  romantischen  Freunde,
unterstützt  von  den  Brüdern  Humboldt,  daß  Schelling  als  der  einzige
ebenbürtige  Nachfolger  auf  den  verwaisten  Berliner  Lehrstuhl  berufen
würde.  Der  Minister  und  sein  getreuer  Johannes  Schulze  widerstanden
hartnäckig,  denn  Schelling  hatte  sich  seit  Jahren  von  dem  Freunde  seiner
Jugend  getrennt  und  soeben  erst  öffentlich  ausgesprochen,  das  Hegelsche
System  sei  ein  Rückfall  in  die  Scholastik,  eine  wenig  fruchtbare  Episode
der  deutschen  Philosophie.  Altenstein  hielt  sich  von  Amts  wegen  verpflichtet,
in  der  Kirche  den  wahren  Glauben,  in  der  Wissenschaft  den  reinen  Begriff
  zu  beschützen;  er  erklärte  dem  Könige  (1835):  „In  den  preußischen
Staaten  hat  schon  ein  tiefer  begründetes  philosophisches  System  dem  anmaßlichen
  unheiligen  Treiben  ein  Ende  gemacht.  Für  eine  andere  Philosophie
  kann  das  Ministerium  die  Bürgschaft  nicht  übernehmen,  besonders
nicht  für  die  Schellingsche.“  Nach  langen  Verhandlungen  berief  man
endlich  „die  verhängnisvolle  Gabel“,  wie  Alexgander  Humboldt  spottete:
den  Bayreuther  Rektor  Gabler,  einen  trockenen,  hochkonservativen  Hegelianer,
  der  auf  jedes  Wort  des  Meisters  schwor  und  einen  Widerspruch
zwischen  der  Identitätsphilosophie  und  der  christlichen  Offenbarung  nirgends
zu  entdecken  vermochte.  Niemand  sprach  mehr  von  ihm,  sobald  die  erste
Überraschung  verwunden  war.

Durch  diese  lächerliche  Berufung  wurde  Hegels  Lehre  förmlich  als
preußische  Staatsphilosophie  anerkannt.  Seine  sämtlichen  Werke  gab
Johannes  Schulze  im  Vereine  mit  Gans,  Hotho  u.  a.  heraus,  und  die
Sammlung  fand  unzählige  Bewunderer.  Im  Auslande  fühlten  sich
namentlich  die  vornehmen  Russen  und  Polen  von  der  gewaltigen  Selbstgewißheit
  dieses  Systems  angezogen,  weil  ihre  Halbbildung  nach  einer
festen  Autorität  verlangte.  Unterdessen  bemühten  sich  die  Schüler,  das
Lehrgebäude  in  allen  seinen  Teilen  auszubauen;  mit  heiligem  Eifer,  im
Bewußtsein  einer  weltgeschichtlichen  Aufgabe,  schritten  sie  ans  Werk,  denn
nicht  umsonst  hatte  ihnen  der  ehrlich  begeisterte  alte  Lützower  Fritz  Förster
am  Grabe  des  Meisters  zugerufen:  der  Alexander  der  Wissenschaft  sei
dahin,  nun  sollten  seine  Generale  sich  als  Diadochen  in  sein  Reich  teilen.
Die  Universalität  des  Systems  und  seine  in  alle  Sättel  gerechte  Methode
erleichterten  in  der  Tat  die  Arbeitsteilung.  Der  bescheidenste  aller
Hegelianer,  Karl  Rosenkranz  in  Königsberg,  ein  edler,  um  die  humane
Bildung  Altpreußens  hochverdienter  Mann,  führte  die  psychologischen  und
ästhetischen  Untersuchungen  Hegels  weiter,  während  der  Schwabe  Friedrich
Vischer  in  seinen  ästhetischen  Abhandlungen  neue,  aus  der  Fülle  des  angeschauten
  Lebens  gewonnene  Gedanken  aussprach,  die  nur  darum  nicht
        <pb n="491" />
        Zerfall  der  Hegelschen  Schule.  483

zur  vollen  Wirkung  gelangten,  weil  sie  in  die  Formeln  des  Systems  müh—
sam  eingespannt  waren.

Die  meisten  der  anderen  Diadochen  zeichneten  sich  freilich  nur  durch
grenzenlosen  Übermut  aus;  ihrer  Schulweisheit  war  zwischen  Himmel
und  Erde  nichts  mehr  rätselhaft,  für  jede  Frage  hielten  sie  einen  Paragraphen
  bereit.  Wie  hart  wurde  Rosenkranz  als  unphilosophischer  Kopf  von
den  Hegelianern  der  strengen  Observanz  angelassen,  als  er  unbefangen  eingestand,
  der  Philosoph  könne  die  Zukunft  nicht  a  priori  konstruieren,  sondern
  müsse  Ehrfurcht  hegen  vor  dem  Gott,  der  in  dem  Unvermuteten
der  Geschichte  sich  kundgebe.  Über  solche  Empfindungen  war  der  Berliner
  Michelet  längst  hinaus.  Der  nahm  den  Hegelschen  Ternarius  kurzerhand
  in  die  Philosophie  der  Geschichte  hinüber,  schilderte  zum  ersten  die
unbekannte  Urwelt,  zum  zweiten  das  geschichtliche  Leben,  zum  dritten  die
Geschichte  der  Zukunft,  und  konnte  also  den  reinen,  durch  keinerlei  Sachkenntnis
  beschwerten  Begriff  sich  in  der  weiten  Wüste  des  ersten  und  des
dritten  Abschnitts  völlig  frei  ergehen  lassen.  Mit  der  gleichen  Sicherheit
bekämpfte  er  den  Pöbel  der  empirischen  Naturforscher,  insbesondere  Doves
geistvolle  Untersuchungen  über  die  Farbenlehre;  er  fühlte  sich  auch  keineswegs
  beschämt,  als  Alexander  Humboldt,  diesmal  den  artigen  Hofmann
verleugnend,  ihm  rundweg  antwortete:  zu  diesem  Pöbel  gehöre  ich  selbst.

Trotz  solcher  lärmenden  Prahlereien  brachte  die  Schule  Hegels  kaum
noch  eine  neue  Idee  zu  Tage.  Niemand  empfand  dies  schmerzlicher  als  der
ehrliche  Rosenkranz,  der  schon  fünf  Jahre  nach  des  Meisters  Tode  in  sein
Tagebuch  schrieb:  Über  gegebene  Philosophie  zu  reflektieren,  verstehen  wir
Heutigen  ganz  leidlich,  aber  in  eigenen  Gedanken  sind  wir  jetzt  nur  Dilettanten.
  Es  war  nicht  anders,  die  deutsche  Philosophie  hatte  in  einer
wunderbar  stetigen  Entwicklung  Stufe  für  Stufe  die  kühnsten  Gedanken,
welche  der  sittliche  Geist  zu  denken  vermag,  erreicht:  als  Kant  seine  Pflichtenlehre
  begründete,  als  Fichte  die  Erhebung  des  Ich  über  die  Sinnenwelt
  forderte,  als  Hegel  in  der  Geschichte  den  Tempel  des  allgegenwärtigen
Gottes  fand.  Aber  mit  Hegel  hatte  dieser  verwegene  Idealismus,  der
unserem  Volke  für  alle  Zukunft  die  Stelle  neben  den  Hellenen  sichert,
auch  sein  letztes  Wort  gesprochen.  Über  ein  System,  das  die  Einheit  von
Sein  und  Denken  gefunden  zu  haben  behauptete,  führte  kein  Weg  mehr
hinaus.  Die  Philosophie  konnte  nur  noch  fortschreiten,  wenn  sie  zuvor
von  den  stolzen  Selbsttäuschungen  der  späteren  Systeme  wieder  zu  ihrem
Ausgangspunkte,  zu  Kant,  zurückkehrte;  und  dieser  Schritt  geschah,  als  der
junge  Trendelenburg  (1839)  in  seinen  Logischen  Untersuchungen  den
Grundgedanken  der  Hegelschen  Lehre,  allerdings  noch  nicht  vollständig,
widerlegte.  Er  erwies,  daß  reines  Denken  schlechthin  unmöglich  ist,  daß
alles  Denken  sich  nicht  durch  sich  selbst,  sondern  durch  die  Anschauung
fortentwickelt  und  mithin  auch  nicht  das  Wirkliche  aus  sich  heraus  erzeugen

kann.  Er  sprach  nur  aus,  was  die  hellen  Köpfe  der  empirischen  Wissen-31*
        <pb n="492" />
        484  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

schaft  längst  im  stillen  fühlten;  doch  es  währte  noch  lange,  bis  sein
Widerspruch  von  den  Philosophen  recht  beachtet  wurde.  Auch  das  war
ein  Zeichen  des  beginnenden  Umschwungs,  daß  Herbart  in  Göttingen  sich
in  dieser  Zeit  erst  eine  Schule  zu  bilden  begann,  der  strenge  Denker,  der
schon  vor  Jahren  in  Königsberg  die  erste  Anregung  zur  mathematischen
Psychologie,  zur  naturwissenschaftlichen  Beobachtung  der  Vorgänge  der
subjektiven  Erfahrung  gegeben  hatte.

Die  Masse  der  Hegelianer  hielt  an  dem  alten  Banner  fest;  sie  wiederholten
  unablässig  die  fertigen  Formeln  des  Systems  und  suchten  durch
Übertreibung  und  Umschreibung,  durch  mannigfache  sophistische  Künste
zu  ersetzen,  was  ihnen  an  schöpferischer  Kraft  abging.  Da  der  tiefsinnige
Satz  von  der  Wirklichkeit  des  Vernünftigen  entgegengesetzte  Auslegungen
geradezu  herausforderte,  so  traten  jetzt  die  beiden  Parteien,  welche  sich  schon
bei  Hegels  Lebzeiten  geschieden  hatten,  scharf  und  schärfer  auseinander.
Die  Junghegelianer  —  so  nannte  man  die  Radikalen  —  und  die  Hegelsche
Rechte  behaupteten  beiderseits  mit  einem  Eifer,  der  einer  größeren  Sache
würdig  war,  daß  sie  allein  den  Geist  Hegels  begriffen  hätten.  Dieser
gedankenlose  Streit  um  den  Namen  des  Meisters  bewies  nur  zu  deutlich,
daß  die  Schule  mit  ihrer  Weisheit  am  Ende  war;  und  auch  Michelet  bestätigte
  nur  den  Bankbruch  des  Systems,  wenn  er  triumphierend  ausrief:
„eine  Partei  bewährt  sich  erst  dadurch  als  die  siegende,  daß  sie  in  zwei
Parteien  zerfällt.“  Hegel  selbst  hatte  die  Liberalen  allezeit  leidenschaftlich
bekämpft  und  diese  konservative  Gesinnung  soeben  noch  durch  seine  schönen
Aufsätze  über  die  englische  Reformbill  betätigt.  Er  sah  in  der  Juli-Revolution
  die  Buße  für  die  Sünden  des  Liberalismus;  er  lebte  in  dem  Wahne,
sein  pantheistisches  System  entspreche  der  christlichen  Dreieinigkeitslehre,  und
freute  sich  herzlich,  als  Göschel  und  Gabler  seine  Philosophie  den  Strenggläubigen
  mundgerecht  zu  machen  suchten;  er  äußerte  noch  kurz  vor
seinem  Tode  seinen  Abscheu  über  die  radikale  Unduldsamkeit,  welche  jeden
Verteidiger  von  Staat  und  Kirche  als  einen  Denunzianten  verdächtigte,
und  obwohl  er  einzelne  Reformen  verlangte,  so  war  er  doch  stets  darauf
bedacht,  zunächst  das  Vernünftige  des  Wirklichen,  die  innere  Notwendigkeit
  der  bestehenden  Ordnung  aufzuweisen.  Die  Männer  der  Hegelschen
Rechten  durften  sich  also  mit  Recht  für  die  Erben  des  Meisters  ansehen,
obgleich  dabei  manche  Selbsttäuschung  mit  unterlaufen  mochte,  und  Michelet
war  vollständig  im  Irrtum,  wenn  er  diese  konservativen  Hegelianer  als
„die  Hinausgegangenen  und  nicht  mehr  Schüler  sein  Wollenden“  in  Verruf
  erklärte.

Das  Wirkliche  als  vernünftig  hinzunehmen,  widerstrebt  aber  dem
ewig  vorwärts  drängenden  menschlichen  Geiste,  zumal  in  Zeiten  einer  berechtigten
  Unzufriedenheit.  Darum  konnten  in  dem  nun  entbrennenden
Streite  die  Junghegelianer  auf  den  Beifall  des  Haufens  zählen,  wenn  sie,
dem  Meister  das  Wort  im  Munde  verdrehend,  überall  in  den  bestehen-
        <pb n="493" />
        Die  Junghegelianer.  A.  Ruge.  485

den  Zuständen  das  Unvernünftige  aufspürten  und  durch  ihre  souveräne
Kritik  als  unwirklich  aufzuheben  suchten.  Hatte  Hegel  die  Einheit  des  göttlichen
  und  des  menschlichen  Lebens  als  eine  sittliche  Forderung  aufgestellt,
so  erklärten  seine  radikalen  Nachtreter  den  konkreten  Menschen  selbst  für
einen  Gott;  hatte  er  die  konstitutionelle  Monarchie  als  ein  Staatsideal
bezeichnet,  so  behaupteten  sie,  alle  Philosophen  müßten  konstitutionell  und
alle  Konstitutionellen  bald  auch  Philosophen  sein.  Sie  hatten  mit  dem
konservativen  Meister  in  Wahrheit  nichts  gemein  als  seine  dialektische
Methode,  die  freilich  alles  beweisen  konnte,  und  fanden  doch  überall  Glau—
ben,  als  sie  dreist  behaupteten,  daß  sie  allein  ihn  ganz  verstünden.  Wie
einst  Napoleon,  der  Bändiger  der  Revolution,  die  sogenannten  Ideen  von
89  erst  in  Europa  verbreitet  wurde,  so  wurde  Hegels  System  erst  durch
seine  abtrünnigen  radikalen  Schüler  den  gebildeten  Durchschnittsmenschen
vertraut,  und  diese  tiefsinnige  Lehre  von  der  geschichtlichen  Offenbarung
Gottes  erschien  den  Nachlebenden  als  die  Doktrin  des  geschichtslosen  Ra—
dikalismus.  So  hart,  so  übermäßig  hart  bestrafte  sich  an  dem  großen
Denker  die  tragische  Schuld  seiner  sophistischen  Dialektik.

Als  Sammelplatz  der  Junghegelianer  dienten  seit  1838  die  von  Ruge
und  Echtermeyer  herausgegebenen  Hallischen  Jahrbücher.  Arnold  Ruge
war,  nachdem  er  seine  demagogischen  Jugendtorheiten  in  langer  Kerker—
haft  abgebüßt,  „zwei  Jahre  lang  ruhig  ausgewandert  in  das  neu  entdeckte
Land  des  neuesten  Geistes“  und  meinte  sich  nun  berufen,  diese  Hegelsche
Philosophie,  wie  er  sie  auffaßte,  „die  wahre  Wirklichkeit,  das  Zeitbewußtsein,
  das  echt  positive,  das  letzte  historische  Resultat“  kämpfend  zu  vertreten,
  denn  „Krieg  ist  Leben,  und  Leben  muß  sein“.  Mit  seinen  Jahrbüchern
  dachte  er  „allen  noch  wirklich  treibenden  und  lebendigen  Kräften
der  Zeit  einen  ganz  neuen  Mittelpunkt  der  Anziehung“  zu  bieten,  und  da
die  jüngeren  Professoren  eifrig  mitarbeiteten,  so  glaubte  er  bald,  sein  Halle
sei  ein  anderes  Weimar  geworden.  Durch  und  durch  ehrlich,  gemütlich
bis  zur  Weichheit,  ein  liebenswürdiger  Gesellschafter  und  treuer  Hausvater,
besaß  er  doch  weder  Kenntnisse  noch  fruchtbare  Gedanken.  Seine  Stärke
lag  lediglich  in  der  dialektischen  Gewandtheit,  die  alles,  was  je  gedacht
worden,  als  überwundenen  Standpunkt,  als  aufgehobenes  Moment  zu  „negieren“,
  alle  Gegner  als  „wissenschaftlich  Zurückgebliebeneund  Unmündige“
abzufertigen  wußte.  Da  er  in  Halle  Hausbesitzer  und  Stadtverordneter
war,  so  hatte  er  die  preußische  Verwaltung  aus  der  Nähe  kennen  gelernt  und
gestand  seinen  buchgelehrten  Genossen  aufrichtig:  „unser  Staatswesen  ist
ein  freies,  gerechtes.“  Die  Verehrung  der  Liberalen  für  die  Juden  teilte
er  auch  nicht;  „die  Rahel,  das  eklige  Mensch“  war  ihm  „nicht  wert,  negiert
zu  werden“,  und  wenn  er  unter  Freunden  mit  seinem  breiten  pommerschen
  Lachen  über  die  „Pferdsköpfe“  der  Gegner  sich  lustig  machte,  dann
erhielten  auch  „die  Knoblauchfresser“  unfehlbar  ihren  Teil.  Es  lag  aber
im  Wesen  dieser  leeren,  zum  Selbstzweck  gewordenen  Kritik,  daß  sie  sich
        <pb n="494" />
        486  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

beständig  überstürzen  und  von  einem  überwundenen  Standpunkt  auf  den
anderen  fallend  schließlich  in  den  Tiefen  des  vaterlandslosen  jüdisch-französischen
  Radikalismus  anlangen  mußte.

Die  Jahrbücher  brachten  anfangs  manchen  verständigen  Aufsatz,  sie
verteidigten  Preußen  als  den  Staat  der  Intelligenz,  des  Protestantismus,
die  Zucht  seiner  Beamten  als  ein  notwendiges  Moment  der  Zukunft.
Doch  nicht  lange,  da  entdeckten  sie  schon,  daß  Preußen  von  seiner  eigentlichen
  Mission  vielfach  abgefallen  sei;  sein  Beamtentum  sei  die  schlechthin
  gefangen  gegebene  Vernunft,  sein  ganzes  Staatswesen  noch  katholisch,
denn  der  Absolutismus  stehe  und  falle  mit  dem  Katholizismus.  So  ging
es  weiter,  unaufhaltsam,  in  rasender  Eile.  Diesen  Kritikern  schwieg  die
Stimme  des  Gewissens;  sie  fühlten  sich  nie  freier,  als  wenn  sie  heute  für
schwarz  erklärten,  was  sie  gestern  für  weiß  gehalten.  In  einem  diktatorischen
  „Manifeste“  vernichtete  Ruge  die  Romantik,  insbesondere  die  historische
  Schule.  Bald  darauf  schleuderte  er  auch  den  Protestantismus  selber
den  Romantikern  in  den  Abgrund  nach:  nur  die  Aufklärung  sollte  noch
wahrer  Protestantismus  sein  und  mit  ihr  die  neue  Geschichte  anheben.
Jeder  lebendige  Mensch  war  nur  noch  ein  Prinzip  und  wurde  in  einem
der  unzähligen  Schubfächer,  worauf  die  Begriffe  des  Systems  angeschrieben
standen,  untergesteckt  und  begraben.  Gentz  verschwand  als  Prinzip  der
Genußsucht,  Tholuck  als  Prinzip  des  Mystizismus,  Leo  als  Prinzip  des
hierarchischen  Pietismus,  der  wieder  „mit  dem  Jesuitismus  genau  zusammentreffen“
  sollte;  nun  gar  in  dem  konservativen  Erdmann  zu  Halle  verkörperte
  sich  schlechthin  „die  Verderbnis  der  Hegelschen  Philosophie“.

Nach  altem  akademischem  Brauche  erhoben  sich  alsbald  geharnischte
Feinde  wider  das  streitlustige  Blatt.  Leo  beschuldigte  „die  Hegelingen“  der
Gottlosigkeit,  in  einem  grimmigen  Büchlein,  das  neben  starken  Übertreibungen
  auch  manche  bittere  Wahrheit  sagte.  Der  Verleger  der  Jahrbücher
aber,  der  radikale  Buchhändler  Otto  Wigand,  gewährte  in  Leipzig  unter  dem
Schutze  der  milden  sächsischen  Zensur  allen  Junghegelianern  eine  Freistatt,
und  eine  Zeitlang  gewann  es  den  Anschein,  als  sollte  die  zerfahrene  deutsche
Publizist  sich  an  der  Pleiße  einen  neuen  unnatürlichen  Mittelpunkt  schaffen.
Eine  Masse  von  Streitschriften  ergoß  sich  über  „den  verhallerten  Pietisten“
Leo  und  seinen  Kampfgenossen,  den  jungen  Theologen  Kahnis.  Die  Jahrbücher
  stimmten  tapfer  mit  ein;  sie  verhöhnten  die  Professoren  der  mitteldeutschen
  Universitäten  in  drastischen  Artikeln,  die  ersichtlich  den  liebreichen
Federn  verkannter  Privatdozenten  entstammten,  und  brandmarkten,  ganz
in  Heines  unritterlicher  Weise,  jede  Gegenschrift  als  „eine  neue,  niedrige
Denunziation  wider  die  Hegelsche  Schule“.  Schließlich  blieb  diese  gewaltige
  akademische  Klopffechterei  ebenso  unfruchtbar  wie  einst  das  burschikose
Toben  der  Okenschen  Isis.  Aber  mit  der  Hitze  des  Streites  und  der
Kraft  der  Schmähworte  wuchs  der  Radikalismus  der  Ideen;  schon  ließ
sich  voraussehen,  daß  die  absolute  Kritik  bald  auch  Vaterland  und  Volks-
        <pb n="495" />
        Hallische  Jahrbücher.  L.  Feuerbach.  487

tum,  jede  dem  Menschen  gesetzte  objektive  Ordnung  als  aufgehobene  Mo—
mente  negieren  würde.

Unter  den  philosophischen  Mitarbeitern  der  Jahrbücher  tat  sich  durch
die  Schönheit  seiner  Sprache  Ludwig  Feuerbach  hervor,  ein  Sohn  des
großen  Juristen,  ein  edler  feuriger  Schwärmer,  der  mit  unerbittlicher  Logik
aus  den  Sätzen  des  Meisters,  wie  er  sie  verstand,  die  allerletzten  Folgerungen
  zog  und  endlich,  in  dem  Buche  über  das  Wesen  des  Christentums
(1841),  zur  Vernichtung  aller  Religion  gelangte.  Die  dialektische  Methode
handhabte  er  mit  blendender  Geschicklichkeit;  von  dem  historischen  Sinne
freilich,  der  das  Hegelsche  System  durchgeistigte  und  manche  seiner  Irrtümer
  entschuldigte,  besaß  Feuerbach  gar  nichts.  Er  sah  im  christlichen
  Glauben  lediglich  das  starre  Prinzip  der  Weltverneinung;  die  proteische
  Kraft  des  Christentums,  das  sich  die  Jahrhunderte  hindurch  unablässig
  fortgebildet  und  seit  der  Reformation  auch  die  antiken  Ideen  der
Weltfreudigkeit  in  sich  aufgenommen  hatte,  blieb  ihm  unfaßbar.  Darum
hielt  er  jede  Philosophie  kurzab  für  unchristlich.  Wirklicher  Gotteserkenntnis
  hatte  sich  die  Kirche  selbst  nie  vermessen;  das  Evangelium  verhieß  ja
nur  denen,  die  reinen  Herzens  sind,  daß  sie  dereinst  Gott  schauen  sollten.
Die  denkenden  Theologen  aller  Parteien  wußten  längst,  daß  der  Mensch
sich  der  Idee  Gottes  nur  zu  nähern  vermag,  indem  er  das  Höchste,  was
er  kennt,  das  Menschliche,  noch  zu  steigern  versucht,  und  mithin  in  jeder
Gotteslehre  einige  anthropomorphische  Vorstellungen  enthalten  sein  müssen.
Diese  allbekannten  und  eigentlich  nie  bestrittenen  Erfahrungen  bewiesen
eben  nur  die  Beschränktheit  des  menschlichen  Denkvermögens.  Feuerbach
aber  schloß  daraus  kurzab,  die  Gottesidee  sei  ein  Wahnbegriff,  alle  Theologie
  sei  Anthropologie  und  müsse,  sobald  dies  erkannt  worden,  augenblicklich
  verschwinden;  die  Idee  offenbare  sich  nicht  in  Gott,  sondern  in  der
Gattung  der  Menschheit.  Die  ganze  wundervolle  Kirchengeschichte,  die  so
viele  Jahrhunderte  mit  Geist  und  Leben  erfüllt  hat,  war  also  nur  eine
entsetzliche  Krankheit;  und  da  kein  Mensch  ohne  Glauben  zu  leben  vermag,
  so  blieb  dem  vollendeten  Atheisten  allein  übrig,  an  den  Staat  zu
glauben,  den  wahren  Menschen,  der  freilich  erst  in  der  Form  der  Republik
seine  Vollkommenheit  erreichen  sollte.  Kein  Wort  in  diesen  ungeheuerlichen
  Trugschlüssen,  das  nicht  der  Lehre  Hegels  schnurstracks  zuwiderlief;
aber  sie  waren  allesamt  mit  Hilfe  der  Hegelschen  Dialektik  gefunden,
und  sie  wurden  mit  so  warmer  Begeisterung  vorgetragen,  daß  sie  das  heranwachsende
  Geschlecht,  zumal  die  jungen  ehrgeizigen  Naturforscher,  leicht
betören  konnten.

Das  weitaus  bedeutendste,  das  einzige  wahrhaft  folgenreiche  Werk
der  Junghegelianer  war  das  Leben  Jesu  von  David  Friedrich  Strauß,
das  in  dem  verhängnisvollen  Jahre  1835  wie  ein  Blitzstrahl  in  die  theologische
  Welt  hineinschmetterte.  Die  Theologie  befand  sich,  obwohl  nicht
arm  an  tüchtigen  Männern,  doch  in  einem  Zustande  der  Unwahrheit,
        <pb n="496" />
        488  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

der  schlechterdings  nicht  dauern  konnte.  Der  alternde  Rationalismus  war
unmerklich  in  einen  rohen  Buchstabenglauben  zurückgefallen,  er  hielt  die
Worte  der  Heiligen  Schrift  fest  und  zerstörte  ihren  idealen  Sinn  durch
platte,  geschmacklose  Auslegungskünste,  er  glaubte  an  die  Erscheinung  der
Taube  und  bezweifelte  die  Ausgießung  des  heiligen  Geistes.  Die  konservativen
  Hegelianer  andererseits  versuchten  das  Dogma  aus  dem  Begriffe  abzuleiten,
  die  Anhänger  Schleiermachers  ebenso  vergeblich,  die  Tatsachen  der
evangelischen  Geschichte  als  Aussagen  des  christlichen  Bewußtseins  darzustellen.
  Indem  man  Widersprüche  verschleierte,  Ungeschichtliches  beschönigte,
entgegengesetzte  Berichte  ineinander  schob,  suchte  man  eine  Harmonie  zu
schaffen,  welche  weder  das  gläubige  Gemüt  noch  den  kritischen  Verstand
befriedigen  konnte.  Was  der  ehrwürdige  Daub  in  Heidelberg  über  die
dogmatische  Theologie  jetziger  Zeit  schrieb  (1833),  war  nach  Form  und
Inhalt  rein  scholastisch:  das  Dogma  wurde  als  ein  Gegebenes  hingenommen
  und  dann  mit  einem  großen  Aufwande  unfruchtbarer  Gelehrsamkeit
  spekulativ  begründet.  Da  mußte  es  denn  wie  eine  befreiende  Tat
wirken,  als  Strauß  die  strenge  Methode  historischer  Kritik,  welche  bei  der
Behandlung  der  vorchristlichen  Zeiten  wie  der  späteren  Jahrhunderte  der
Kirchengeschichte  schon  längst  gehandhabt  wurde,  auch  auf  die  ersten  Zeiten
des  Christentums  anwendete.  Er  sagte  im  Grunde  wenig  Neues,  sondern
  stellte  nur  in  umfassender  Übersicht  alle  die  Widersprüche  der  evangelischen
  Berichte  zusammen,  die  seit  den  Tagen  Lessings  und  des  Wolfenbüttler
  Fragmentisten  vorlängst  erkannt,  doch  immer  wieder  künstlich  verdeckt
  worden  waren;  und  eben  darin,  daß  er  mit  radikaler  Härte  heraussagte,
was  Unzählige  insgeheim  dachten,  lag  die  verblüffende  Wirkung  seines
Buches.

Strauß  war  in  kleinbürgerlichen  Verhältnissen  aufgewachsen  und  blieb
sein  Tagelang  in  seiner  ganzen  Lebensführung  ein  schwäbischer  Philister;
er  hatte  den  beengenden  Zwang  der  württembergischen  Klosterschulen  ertragen,
  und,  wie  vormals  der  junge  Schiller,  eine  glühende  Sehnsucht  nach
Freiheit  sich  angeeignet,  weil  sein  stolzer  Sinn  den  Druck  dieses  evangelischen
  Klosterlebens  nicht  ertragen  konnte.  Mit  seinen  siebenundzwanzig
Jahren  gebot  er  schon  über  eine  reiche,  gründliche  Gelehrsamkeit;  sein  kritischer
  Scharffinn  war  bewunderungswürdig,  sein  Stil  immer  lebendig,
anziehend,  geistreich,  und  manche  sinnige  Gedichte  zeigten,  daß  ihm  auch
die  Phantasie  nicht  ganz  versagt  war.  Aber  die  Macht  einer  großen,  ursprünglichen
  und  darum  beständig  wachsenden  Persönlichkeit,  die  ihm  seine
blinden  Verehrer  andichteten,  besaß  er  nicht.  Er  zählte  vielmehr  zu  jenen
tief  unglücklichen  Talenten,  die  sich  in  absteigender  Linie  entwickeln;  sein
erstes  Buch  blieb  sein  bestes,  und  wenn  ihm  seine  orthodoxen  Gegner,  selbst
der  milde  Perthes,  voraussagten,  er  werde  ein  schlechtes  Ende  nehmen,
so  haben  sie  schließlich  doch  recht  behalten.  Mit  jugendlicher  Kühnheit
wagte  er  sich  an  ein  Unternehmen,  das  weit  über  seine  Kräfte  hinausging,
        <pb n="497" />
        Strauß'  Leben  Jesu.  489

und  daran  kränkelte  sein  ganzes  Leben.  Nirgends,  in  allem  Klugen
und  Gescheiten,  was  er  geschrieben,  findet  sich  ein  Wort,  das  einen  Mann
in  innerster  Seele  zu  erschüttern  vermag,  eine  jener  Offenbarungen  genialer
Naturgewalt,  bei  denen  der  Leser  ausruft:  das  war  er,  so  konnte  nur  er
sprechen.  Seinem  wesentlich  kritischen  Geiste  fehlte  das  liebevolle  Verständnis
  für  Menschenschicksal  und  für  Menschentun,  ihm  fehlte  die  Gestaltungskraft
  des  schöpferischen  Historikers,  der  nicht  ruht,  bis  er  aus  dürftigen  oder
getrübten  Quellen  ein  lebendiges  Bild  des  Geschehenen  gewonnen  hat.
Er  versuchte  nicht  einmal  den  Charakter  des  —  rein  wissenschaftlich
betrachtet  —  größten  aller  Männer  darzustellen  und  zu  zeigen,  warum
dies  wunderbare  kurze  Leben  die  Weltgeschichte  in  zwei  Teile  gespalten,
eine  schlechthin  unvergleichliche  Wirkung  auf  die  Geschicke  der  Menschheit
ausgeübt  hat.  Statt  eines  Lebens  Jesu  gab  er  lediglich  scharfsinnige  kritische
  Einzeluntersuchungen,  die  in  beständiger  Wiederholung  immer  nur
das  eine  erwiesen,  daß  die  Evangelien  keine  reine  Geschichte  enthalten  —
ein  armseliges  Ergebnis,  woran  denkende  Historiker  nie  gezweifelt  hatten.
Die  bewegende  Kraft  aller  Geschichte,  die  Macht  der  Persönlichkeit  und
ihres  lebendigen  Schaffens  blieb  diesem  Kritiker  unfaßbar;  an  ihre  Stelle
setzte  er  ein  doktrinäres  „mythenbildendes  Prinzip“,  das  aus  nichts  etwas
geschaffen  haben  sollte,  mithin  noch  viel  wunderbarer  war  als  die  Wundergeschichten
  der  Evangelien.  Und  wie  oberflächlich  verfuhr  diese  scheinbar
so  unwiderlegliche  Untersuchung.  Sie  brachte  nur  eine  Kritik  der  evangelischen
  Geschichte,  nicht  eine  Kritik  der  Evangelien  selbst.  Die  Frage
war,  wie  das  Evangelium  des  Johannes,  das  den  Theologen  bisher  für
die  lauterste  Quelle  der  ältesten  christlichen  Geschichte  gegolten  hatte,  sich
zu  den  synoptischen  Evangelien  verhalte,  wann  und  durch  wen  diese  verschiedenen
  Berichte  entstanden  seien;  und  diese  entscheidende  Frage  wurde
von  Strauß  gar  nicht  aufgeworfen.  Er  hörte  auf,  wo  er  anfangen  mußte;
er  wähnte  sein  Werk  getan,  wenn  er  die  unleugbaren  Widersprüche  der
evangelischen  Erzählungen  aufdeckte  und  daraus  den  plumpen  Schluß  zog,
das  alles  sei  nur  Mythus.  Niemals  begriff  er,  daß  die  Idee  des  Gottmenschen
  in  einem  eingeborenen,  unausrottbaren  Drange  unserer  Seele
wurzelt  und  also  eine  Forderung  der  praktischen  Vernunft  ist,  daß  alle
Liebe,  alles  was  Menschenherzen  beseligt,  auf  der  Vorstellung  beruht,
irgendwie  müsse  sich  das  Ideal  verwirklichen.  Darum  leugnete  er  das  Gewisse
  und  behauptete  das  Ungewisse.  Er  bestritt,  daß  die  Idee  der  Menschheit
  sich  in  einem  Manne  verkörpern  könne,  und  versicherte,  die  sündhaften
Menschen  seien  gleichwohl  als  Gattung  untadelhaft,  in  einem  beständigen
  Fortschreiten  begriffen,  während  doch  der  Augenschein  lehrt,  daß  ein
Homer,  ein  Phidias  niemals  wiederkehren  kann,  daß  alle  Kultursprachen
zwar  reicher  und  verständiger,  aber  auch  häßlicher  werden,  und  mithin  der

gerühmte  Fortschritt  unseres  Geschlechts  bestenfalls  nur  ein  bedingter  und
beschränkter  ist.
        <pb n="498" />
        490  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Von  dem  Wesen  der  Religion  hatte  der  scharfsinnige  Theolog  gar
keine  Ahnung.  Gleich  allen  Hegelianern  sah  er  in  ihr  nur  ein  un—
fertiges  Denken,  obwohl  die  Geschichte  der  Jahrtausende  bewies,  daß  die
empfindenden  Frauen  allezeit  religiöser  waren  als  die  denkenden  Männer.
So  gelangte  er  unmerklich  zu  der  Meinung  jener  buchstabengläubigen
Orthodoxen  des  siebzehnten  Jahrhunderts,  welche  die  Religion  allein  im
Fürwahrhalten  einiger  dogmatischen  Lehrsätze  suchten.  Er  wähnte  das
Christentum  selbst  überwunden  zu  haben,  weil  er  nachgewiesen  hatte,  daß
einige  der  evangelischen  Erzählungen  mythisch  sind.  Welch  ein  tragischer
Widerspruch  in  dem  Leben  dieses  reichbegabten  Mannes!  Im  Kampfe,  im
berechtigten  Kampfe  wider  den  theologischen  Zunftzwang  der  Tübinger
Stiftler-Gelehrsamkeit  hatte  er  sich  errungen,  was  er  die  Freiheit  seines
Geistes  nannte;  und  doch  war  sein  Buch  selbst  nur  ein  echtes  Kind  jener
verhockten  Stubengelahrtheit,  welche  nicht  fassen  konnte,  daß  alle  theologische
  Kritik  nichtig  ist  neben  den  praktischen  Pflichten  des  Seelsorgers,
der  die  Mühseligen  und  Beladenen  trösten  soll  aus  der  Fülle  der  Verheißung,
  daß  vor  der  Majestät  des  lebendigen  Gottes  der  spitzfindige  Gelehrte
  ebenso  bettelarm  dasteht  wie  der  einfältige  Bauersmann.

Aber  dem  tapferen  Streiter  blieb  das  Verdienst,  daß  er  in  eine  offene
Wunde  der  deutschen  Theologie  den  Finger  gelegt  hatte.  Darum  erregte
sein  Buch  eine  Entrüstung,  wie  kaum  jemals  ein  gelehrtes  Werk.  Wenige
Wochen  nach  dem  Erscheinen  des  ersten  Bandes  wurde  er  schon  vom  Tübinger
  Stifte  entfernt  und  auf  eine  Lehrerstelle  versetzt.  Dann  sendete
Eschenmayer,  dessen  naturphilosophische  Träumereien  vor  Jahren  den  jungen
Strauß  selbst  bezaubert  hatten,  seine  Streitschrift  wider  „den  Ischariotismus
  unserer  Tage“  hinaus,  ein  fanatisches  Libell,  das  der  wissenschaftlichen
  Theologie  schlechthin  jede  Berechtigung  absprach.  Auch  Paulus  erhob
  sich  aus  dem  Großvaterstuhle  des  Rationalismus,  um  den  Ketzer  zu
bekämpfen,  der  so  gar  nicht  einsehen  wollte,  daß  die  Juden  zu  Christi
Zeiten  die  unangenehme  Gewohnheit  gehabt  hätten,  ihre  Angehörigen  lebendig
  zu  begraben,  und  mithin  die  Totenerweckungen  des  Neuen  Testaments
auf  ganz  natürliche  Weise  zu  erklären  seien;  er  sprach  indes  würdiger  als  der
alte  Tübinger  Supranaturalist  Steudel.  Die  württembergischen  Pietisten,
die  in  Calw  und  Kornthal  ihre  Betstunden  hielten,  die  stillen  „Stundenleute“,
  gerieten  in  Bewegung,  und  in  ihrem  Namen  stritt  Straußens
Studiengenosse  Wilhelm  Hoffmann  gegen  den  verlorenen  Freund.  Hengstenbergs
  Berliner  Kirchenzeitung  tobte,  und  die  Minister  erwogen  bereits,  ob
man  nicht  das  gefährliche  Buch  in  Preußen  verbieten  solle;  da  erklärte  Joh.
Neander  in  einem  trefflichen  Gutachten,  nach  evangelischem  Brauche  dürften
Gründe  nur  durch  Gründe  bekämpft  werden.  Das  Leben  Jesu,  das  der
fromme  Mann  bald  nachher  dem  Buche  des  Schwaben  entgegenstellte,  war
jedoch  leider  mehr  ein  Werk  der  Liebe  als  des  kritischen  Scharfsinns.  Aller
dieser  Gegner  rwehrte  sich  Strauß  in  einer  Reihe  schlagfertiger  Streitschriften.
        <pb n="499" />
        Der  Züriputsch.  491

Seine  wissenschaftliche  überlegenheit  war  so  groß  und  die  Bewun—
derung  der  akademischen  Weltkinder  für  den  unerschrockenen  Kämpfer  so
lebendig,  daß  ihm  auf  die  Dauer  ein  philosophischer  Lehrstuhl  kaum  ent—
gehen  konnte.  Der  schwäbische  Starrkopf  verlangte  aber  nach  einer  theo—
logischen  Professur,  obgleich  er  schon  fast  alle  Grundlehren  des  Christen—
tums  in  Frage  gestellt  hatte;  es  war  genau  dasselbe,  wie  wenn  Martin
Luther  gefordert  hätte,  mitsamt  seiner  Frau  Katharina  General  des
Augustinerordens  zu  werden.  Und  wirklich  fanden  sich  einige  akademische
Heißsporne  bereit,  dies  sonderbare  Begehren  zu  unterstützen.  In  Zürich
hatte  die  neue  radikale  Regierung  kürzlich  eine  Universität  gegründet,  die
alsbald  mehrere  tüchtige  Gelehrte  aus  der  dichten  Schar  der  deutschen
Demagogen  und  Unzufriedenen  an  sich  zog.  Lorenz  Oken,  der  sich  in
München  nach  seiner  Gewohnheit  wieder  mit  den  Behörden  überworfen
hatte,  wurde  ihr  erster  Rektor  und  schrieb  dort  sein  bestes  Werk,  die  Naturgeschichte.
  Warum  sollte  dies  neue  Limmat-Athen,  das  mit  unendlicher
  Verachtung  auf  die  deutschen  Fürstenknechte  herabschaute,  nicht  auch
dem  bestgehaßten  Manne  der  deutschen  Theologenzunft  den  Lehrstuhl  der
Dogmatik  anvertrauen?  Einige  der  Züricher  Radikalen  hofften  schon,  auf
die  vollendete  politische  Umwälzung  werde  eine  neue  kirchliche  Reformation
folgen.  Nach  heftigem  Widerspruch  wurde  die  Berufung  bei  den  Kantonalbehörden
  durchgesetzt  und  Strauß  erklärte  sich  sofort  bereit,  ihr  zu  folgen
(1839).  Doch  unmöglich  konnte  die  Heimat  Zwinglis  einen  solchen  Abfall
  von  allen  ihren  alten  Überlieferungen  gelassen  hinnehmen.  In  der
behaglichen  Anarchie  dieses  demokratischen  Staatswesens  meinte  sich  jeder
Geißbub  berechtigt,  über  die  Befähigung  theologischer  Professoren  sein  sachverständiges
  Gutachten  abzugeben.  Einige  rechtgläubige  Eiferer  erhoben
den  Schreckensruf  „die  Religion  ist  in  Gefahr“,  Hurter  und  die  Ultramontanen
  der  Nachbarkantone  stimmten  kräftig  ein,  das  gesamte  Bauernvolk
  am  See  wurde  aufsässig,  und  die  gemäßigte  Partei  in  der  Stadt,
an  deren  Spitze  der  junge  liberale  Freimaurer  J.  C.  Bluntschli  stand,
schloß  sich  der  Volksbewegung  an.  Die  Regierung  erschrak,  sie  nahm  ihren
Beschluß  zurück  und  fand  sich  mit  dem  Berufenen  ab  durch  eine  Jahrespension
  von  1000  Franken,  welche  Strauß,  auf  sein  Recht  trotzend,  unbedenklich
  annahm,  aber  zu  wohltätigen  Zwecken  verwendete.  Den  sparsamen
  Seebauern  dagegen  erschienen  diese  einem  Ausländer  gewährten
tausend  Franken  als  eine  frevelhafte  Verschwendung,  da  ihr  Kanton  niemals
  Pensionen  zahlte;  sie  lärmten  wider  „die  Straußen“  und  ruhten
nicht,  bis  sie  durch  offenen  Aufruhr,  durch  den  „Züriputsch“  die  radikale
Regierung  gestürzt  hatten.

Diese  tragikomische  Revolution  brachte  den  Namen  des  schwäbischen
Theologen  gänzlich  in  Verruf;  keine  der  deutschen  philosophischen  Fakultäten
  wagte  mehr,  dem  Bescholtenen  einen  angemessenen  Wirkungskreis
für  sein  glänzendes  Lehrtalent  anzubieten.  Aber  auch  er  selbst  wurde  durch
        <pb n="500" />
        492  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

so  trübe  Erfahrungen  verbittert  und  in  einen  bodenlosen  Radikalismus
hineingetrieben.  Sein  zweites  großes  Werk,  die  Christliche  Glaubenslehre
  (1840),  in  der  Form  noch  gewandter  als  das  erste,  enthielt  schon
eine  offene  Kriegserklärung  gegen  das  Christentum  und  bewies  lediglich,
daß  dieser  Mann  wohl  ein  scharfsinniger  Kritiker,  aber  weder  ein  Philosoph
  noch  ein  Historiker  war.  In  einer  Zeit,  da  die  Macht  der  römischen
Kirche  sich  wieder  streitbar  erhob,  stellte  er  die  doktrinäre  Behauptung  auf,
der  Gegensatz  von  Protestantismus  und  Katholizismus  bedeute  nichts  mehr
neben  dem  Kampfe  der  rechtgläubigen  und  der  spekulativen  Theologie.
Ganz  so  beschränkt  in  seinem  Parteihasse  wie  Rotteck  oder  Hengstenberg,
wollte  er  also  auf  der  weiten  Welt  nur  noch  die  zwei  Völker  der  Ungläubigen
  und  der  Gläubigen,  der  Freien  und  der  Knrechtischgesinnten  erkennen.
  Er  dachte,  wie  er  sich  bezeichnend  ausdrückte,  für  das  Handlungshaus
  der  Christenheit  die  Bilanz  zu  ziehen  und  gelangte  zu  dem  einfachen
  Ergebnis,  daß  diese  alte  Firma  längst  bankrott  sei.  Wie  Hegel
selbst  betrachtete  er  die  Dogmen  als  abstrakte  Begriffe  und  bemerkte  nicht,
was  doch  schon  Schleiermacher  nachgewiesen  hatte,  daß  diese  Ansicht  alle
evangelische  Freiheit  aufhebt,  weil  sie  den  Wissenden,  den  Gelehrten  eine
päpstliche  Gewalt  über  die  Unwissenden,  die  in  der  Regel  die  Frömmsten  sind,
einräumt.  So  ward  denn  Schritt  für  Schritt  jedes  Dogma  als  der  Gedanke
  einer  überwundenen  Weltanschauung  „aufgelöst“.  Die  Offenbarung
war  ihm  nur  noch  eine  Rinde,  welche  sich  am  Baume  der  Menschheit
dereinst  angesetzt  hätte,  aber  jetzt  verholzt  sei  und  abbröckele.  Von  der
Kraft  der  Ergebung  und  Erhebung  wußte  er  nichts;  darum  hielt  er  das
Gebet  für  eine  Selbsttäuschung  und  gestattete  nur  eine  „Kontemplation,
die  sich  in  die  kühlende  Tiefe  des  einen  Grundes  aller  Dinge  versenke.“

Nach  Auflösung  aller  Glaubenssätze  blieb  also  für  die  moderne  Kirche
gar  keine  selbständige  Aufgabe  mehr;  sie  sollte  vom  Staate  verschlungen
werden,  sobald  man  sich  nur  erst  entschließe,  den  katholischen  Standpunkt
ganz  zu  verlassen.  Diese  letzte  Folgerung  aus  den  Vordersätzen  seiner
Religionsphilosophie  hatte  Hegel  selbst  als  ein  Kenner  des  Staatslebens
niemals  ziehen  wollen;  sein  schwäbischer  Schüler  zog  sie  unbedenklich,  weil
er  in  seinem  Stubenleben  der  Welt  entfremdet  war  und  nicht  einsah,
daß  die  zwingende  Gewalt  des  Staates,  wenn  sie  sich  je  des  Gemütslebens
  bemächtigt,  notwendig  tyrannisch  wird.  In  der  Theologie  sah  er
mithin  nur  die  „Wissenschaft  des  unwissenden,  idiotischen  Bewußtseins“;
wer  sie  recht  kannte,  mußte  sie  als  leeres  Geschwätz  aufgeben  —  ein  erstaunliches
  Geständnis  im  Munde  eines  Gelehrten,  der  sich  soeben  selbst
um  eine  Professur  des  idiotischen  Bewußtseins  bemüht  hatte.  „Religiöse
Idioten  und  theologische  Autodidakten“  —  so  rief  er  aus  —  „das  sind  die
Geistlichen  der  Zukunft;“  bis  dahin  werden  freilich  noch  viele  „arme
Knabenseelen  durch  den  Speck  der  Stiftungen  in  die  theologische  Mausefalle
  gelockt“  werden.
        <pb n="501" />
        Die  Tübinger  Schule.  493

Bis  zu  diesem  blöden  Hasse,  der  dem  Fanatismus  Eschenmayers
nichts  nachgab,  war  der  geistreiche  Mann  in  fünf  Jahren  harter  Kämpfe
herabgesunken;  nannten  seine  Feinde  ihn  einen  Ischariot,  so  schimpfte
er  sie  Idioten.  Aus  der  Fülle  seiner  Belesenheit  suchte  er  zu  erweisen,
daß  im  Grunde  alle  großen  modernen  Denker  dieselbe  Meinung  über
das  Christentum  gehegt  hätten,  und  wollte  der  Beweis  gar  nicht  glücken,
so  verschmähte  er  auch  schlechte  Sophistenkünste  nicht.  Wenn  Lessing
gesagt  hatte:  trotz  aller  Zweifel  des  Verstandes  bleibe  doch  „die  Reli—
gion  unverrückt  in  den  Herzen  derjenigen  Christen,  welche  ein  inneres
Gefühl  von  dem  Wahrhaften  derselben  erlangt  hätten“  —  eines  jener
herrlichen  ursprünglichen  Worte,  aus  denen  sich  abnehmen  läßt,  wie  hoch
Lessing  über  der  gemeinen  Aufklärung  seiner  Tage  stand  —  so  meinte
Strauß  kurzab,  das  sei  nicht  ernst  gemeint,  sondern  lediglich  ein  dialek—
tischer  Fechterstreich.  Nachdem  er  also  haarklein  bewiesen  hatte,  daß  es
mit  dem  Christentume  nichts  sei,  hielt  er  sich  zwanzig  Jahre  lang  von
allen  theologischen  Arbeiten  fern.  In  diesem  negierenden  Kritiker  lag  gar
nichts  von  der  gestaltenden  Kraft,  von  dem  sittlichen  Ernste  des  Refor—
mators,  der  sein  Herzblut  dahingibt,  bis  er  der  widerstrebenden  Welt  seine
Gedanken  aufgezwungen  hat;  er  warf  die  Feder  aus  der  Hand,  sobald  er
gefunden  zu  haben  glaubte,  daß  die  Geschichte  von  achtzehn  reichen  Jahrhunderten
  nichts  als  ein  großer  Irrtum  gewesen  sei.

Die  Einwirkung  dieser  Schriften  auf  die  Zeitgenossen  war  zweischneidig,
  zugleich  wohltätig  und  tief  verderblich.  Strauß  erweckte  die
Theologie  aus  einer  falschen  Ruheseligkeit,  er  machte  die  natürlichen  Wundererklärungen
  und  die  künstelnde  Harmonistik  für  immer  unmöglich.  Sein
Tübinger  Lehrer  Ferdinand  Christian  Baur,  ein  minder  glänzender,  aber
ungleich  stärkerer  und  tieferer  Geist,  der  trotz  seiner  wissenschaftlichen
Kühnheit  an  der  ewigen  Wahrheit  des  Christentums  nie  verzweifelte,
wurde  durch  das  Auftreten  des  Schülers  veranlaßt,  die  historischen  Untersuchungen
  über  die  Anfänge  des  Christentums,  an  denen  er  seit  Jahren
gearbeitet,  weiter  zu  führen.  Baur  gab  endlich,  was  bisher  noch  ganz  gefehlt
  hatte,  eine  Kritik  der  Evangelien  selber  und  gelangte  zu  dem  Ergebnisse,
das  ursprüngliche  Judenchristentum  sei  erst  durch  den  Apostel  Paulus  zu
einer  Weltreligion  geworden.  Mehrere  tüchtige  junge  Gelehrte,  Zeller,
Schwegler,  Köstlin  schlossen  sich  ihm  an.  Diese  neue  Tübinger  Schule
bereitete  durch  ernste  scharfsinnige  Forschungen  erst  den  wissenschaftlichen
Boden  für  eine  historische  Darstellung  der  ersten  christlichen  Zeiten,  obwohl
  sie  für  die  Macht  der  historischen  Persönlichkeit  auch  nur  wenig  Verständnis
  zeigte,  und  viele  ihrer  Behauptungen  heute  schon  längst  widerlegt
  sind.

Die  Pietisten  dagegen  und  die  Orthodoxen,  überhaupt  alle,  denen  die
Offenbarung  oder  die  theologische  Standesehre  am  Herzen  lag,  mußten  durch
Straußens  Angriff  auf  die  christlichen  Idioten  erbittert  werden;  sie  sahen
        <pb n="502" />
        494  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

sich  durch  diese  maßlose  Polemik  fast  gezwungen,  alle  wissenschaftliche  Kritik
zu  verdammen  und  das  credo  quia  absurdum  auf  ihre  Fahne  zu  schreiben.
Zudem  waren  sie  gegen  die  neue  Richtung  von  Haus  aus  so  scharf,  so
verfolgungssüchtig  aufgetreten,  daß  sie  nicht  mehr  zurückkonnten.  Die  von
den  liberalen  Zeitungen  beherrschte  öffentliche  Meinung  stand  durchweg
auf  der  Seite  des  verfolgten  Schwaben,  obschon  Strauß  selbst  sich  immer
zu  gemäßigten  politischen  Grundsätzen  bekannte.  Wie  freundlich  hatte  einst
Voß  in  seiner  Luise  das  evangelische  Pfarrhaus  als  eine  Stätte  des  Friedens
  und  der  Bildung  geschildert,  und  noch  in  der  alten  teutonischen  Burschenschaft
  waren  Sand,  Riemann  und  andere  „der  Gottesgelahrtheit  Beflissene“
  immer  obenauf  gewesen.  Anders  jetzt.  Fast  schien  es,  als  sei
der  christliche  Glaube  fortan  durch  eine  gähnende  Kluft  von  der  modernen
Bildung  getrennt.  Die  beliebten  Zeitromane  pflegten  jeden  Geistlichen  als
einen  Heuchler  oder  einen  blöden  Toren  darzustellen,  und  auf  den  Universitäten
  wurde  der  Theolog  überall  mit  spöttischer  Geringschätzung  betrachtet.
  Mit  Schadenfreude  spürte  man  jede  menschliche  Schwäche  der
Kirchlichgesinnten  auf  und  fühlte  nicht,  daß  die  Spötter  durch  den  beliebten
  Hohnruf:  „der  Mann  ist  so  gläubig  und  doch  so  schlecht“  selber
die  sittliche  Uberlegenheit  der  religiösen  Gesinnung  anerkannten;  denn
noch  niemand  hatte  je  gesagt:  „der  Mann  ist  so  ungläubig  und  doch  so
schlecht.“  Jene  Verachtung  kirchlicher  Dinge,  die  sich  einst  aus  der  eigentümlichen
  Entwicklung  unserer  klassischen  Literatur  ergeben  hatte?),  erlangte
  nunmehr  die  Herrschaft  in  den  gebildeten  Kreisen.  Da  solche  Vorurteile
  nur  durch  das  Leben  überwunden  werden  können,  so  behauptete
sie  ihre  Macht  scheinbar  ein  volles  Menschenalter  hindurch,  bis  die  Deutschen
in  einer  Zeit  weltverwandelnder  Geschickeplötzlich  erfuhren,  daß  ihre  stärksten
und  klügsten  Männer  allesamt  gläubige  Christen  waren,  ihre  heldenhafte
Jugend  mit  Gottvertrauen  in  den  Tod  ging.

Seit  der  gesamte  Radikalismus  für  die  spekulative  Theologie  eintrat,
  mußten  die  Regierungen  die  strenge  Rechtgläubigkeit  begünstigen.
Selber  allem  positiven  Glauben  entfremdet,  aber  durchdrungen  von  der
Überzeugung,  daß  er  kraft  seines  Amtes  jede  Kirche  bei  ihrem  alten  Bekenntnis
  erhalten  müsse,  stand  Altenstein  diesen  theologischen  Kämpfen  ratlos
  gegenüber.  Daher  erlangte  der  strenggläubige  Kronprinz,  der  in  der
europäischen  Politik  kaum  mitreden  durfte,  über  den  weichmütigen  Kultusminister
  eine  solche  Macht,  daß  selbst  die  Begünstigung  der  Althegelianer
allmählich  aufhörte  und  alle  wichtigen  Stellen  der  preußischen  Landeskirche
fortan  mit  Orthodoxen  besetzt  wurden.  Auf  die  Fürsprache  des  Kronprinzen
wurde  der  Leipziger  Hahn,  der  Todfeind  der  Rationalisten,  nach  Breslau
berufen??);  durch  ihn  erhielt  Hengstenberg,  ungewöhnlich  früh,  eine  ordent-*)

  S.  o.  II.  39.

-  Dieser  Tatsache  gedenkt  der  Kronprinz  selbst  in  einem  Briefe  an  Altenstein
vom  4.  März  1834.
        <pb n="503" />
        Die  Orthodoxen.  Goßner.  Gerlach.  495

liche  Professur  in  Berlin.  Er  war  es  auch,  der  dem  vielverfolgten  Pater
Johannes  Goßner  endlich  eine  würdige  Wirksamkeit  in  Berlin  eröffnete.

Dieser  edle  Mann,  ein  geborener  Kanzelredner  voll  feuriger  Glaubenskraft
  und  kindlicher  Einfalt,  hatte  sich  einst  in  Bayern  der  mystisch-evangelischen
  Richtung  des  Bischofs  Sailer  zugewendet;  er  war  dann,  weil  er  die
Bibelgesellschaften  förderte,  aus  Rußland  vertrieben  worden  und  hierauf
förmlich  zur  evangelischen  Kirche  übergetreten.  In  Berlin  herrschte  aber
der  Rationalismus  noch  so  unumschränkt,  daß  unter  allen  Geistlichen  allein
Schleiermacher  sich  bereit  fand,  dem  Konvertiten  seine  Kanzel  zu  überlassen.
  Endlich  erlangte  Goßner  doch,  daß  der  Prediger  Moblank  an  der
Luisenstädtischen  Kirche  ihn  für  einige  Monate  mit  seiner  Vertretung  beauftragte.
  Die  Folge  war,  wie  der  Kronprinz  schrieb,  daß  eine  Kirche,
die  seit  fünfzig  Jahren  leer  gestanden,  die  Zahl  der  Andächtigen  nicht  mehr
fassen  konnte,  „weil  ein  Märtyrer  der  evangelischen  Wahrheit,  wie  sie
Luther  gepredigt,  dort  Gottes  Wort  verkündigt.“  Das  Konsistorium  jedoch
verbot  dem  Eindringling  die  Kanzel  und  verlangte  von  dem  fünfundfünfzigjährigen
  ordinierten  Priester,  er  müsse  erst  seine  Befähigung  nachweisen.
„Owiesind  siemitmir  umgegangen“  —  sagte  Goßner  traurig  —,daß  sich  Gott
erbarmen  möge!  Ich  alter  Esel  mußte  mich  von  fünf  Räten  examinieren
lassen  und  nachdem  ich  dreißig  Jahre  in  aller  Welt  gepredigt,  eine  Probepredigt
  halten!“  Dann  wurde  er  endlich  von  der  frömmsten  Gemeinde
der  Hauptstadt,  den  böhmischen  Brüdern  der  Bethlehemskirche,  zum  Pastor
erwählt,  und  nun  —  so  schrieb  der  Kronprinz  an  Altenstein  —  muß  es
„sich  zeigen,  ob  er  auf  dem  rechten  Wege  ist  oder  nicht,  ob  er  der  ausgezeichnete
  Mann  ist,  für  den  ich  ihn  gewiß  halte,  oder  der  Schleicher,  der
falsche  Pfaffe,  der  verkappte  Jesuit  oder  Jansenist,  oder  was  weiß  ich,  wofür
  Sie  ihn  halten.“*)  Der  Erfolg  seiner  derben,  urkräftigen,  volkstümlichen
  Beredsamkeit  war  beispiellos,  und  nicht  minder  fruchtbar  seine  christliche
  Liebestätigkeit:  den  Männer-Krankenverein,  das  Elisabethkrankenhaus,
eine  Menge  von  Kinderbewahranstalten  und  Missionsgesellschaften  rief  er
ins  Leben.

In  gleichem  Sinne  wirkte  der  Freund  des  Kronprinzen,  Otto  von  Gerlach,
  der  auf  die  Fürbitte  seines  hohen  Gönners  eine  Predigerstelle  in  der
Rosenthaler  Vorstadt  erhielt“"),  nachdem  der  König  sich  entschlossen  hatte,
dort  in  den  beständig  wachsenden  ärmsten  Stadtteilen  Berlins  vier  neue
Kirchen  zu  erbauen.  Da  gab  es  denn  geistlicher  Arbeit  die  Fülle;  durch
Hausbesuche  und  Hausandachten,  durch  Handwerkervereine  und  Sparkassen,
durch  Beschäftigung  der  Erwerblosen  und  Verteilung  frommer  Bücher  suchte
der  begeisterte  junge  Seelsorger  der  Verwilderung  der  armen  Arbeiter  des
„Voigtlandes“  entgegenzuwirken.  Mit  besonderer  Sorge  betrachtete  der

 

*)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Altenstein,  14.  Jan.  1828,  20.  Jan.  1829.
**)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Altenstein,  22.  Jan.  1834.
        <pb n="504" />
        496  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

Kronprinzdie  Hochburgdespreußischen  Rationalismus,  die  Provinz  Sachsen:
auf  keinen  Fall  sollte  der  von  Altenstein  begünstigte  Leipziger  Großmann
die  Stelle  des  Bischofs  und  Generalsuperintendenten  in  Magdeburg  erhalten.
  Ich  halte  es  für  undenkbar,  schrieb  der  Prinz,  „daß  ein  Mann,
der  als  flacher,  herzloser,  eitler  Rationalist  bekannt,  dessen  nackter  Quasi-Jakobinismus
  ihn  selbst  in  Leipzigl  zum  Gespött  seiner  Kollegen
macht,  daß  solch  ein  Mann  zusolcher  Stelle  in  dieser  Provinz  vorgeschlagen
  werden  und  noch  viel  weniger  vom  Könige  genehmigt  werden
könnte.““)  Der  Thronfolger  erreichte  in  der  Tat,  daß  Dräseke  aus
Bremen  nach  Magdeburg  berufen  wurde.  Der  neue  Bischof  riß  durch
seine  mächtige  Beredsamkeit  alle  Hörer  hin,  und  als  er  auf  dem  Lützener
Schlachtfelde  bei  der  Enthüllung  des  Gustav-Adolf-Denkmals  die  Weihepredigt
  hielt,  da  ging  ein  Jubelruf  religiöser  Begeisterung  durch  die  vordem
  so  nüchterne  Provinz.

So  begann  allmählich  ein  neuer  Geist  in  das  preußische  Kirchenregiment
  einzuziehen.  Hengstenbergs  Kirchenzeitung  sprach  schon  in  einem
Tone,  als  ob  ihrer  Partei  allein  die  Herrschaft  über  die  Kirche  zustünde,
und  ihre  Macht  ward  durch  die  Tübinger  Bewegung  nur  noch  befestigt.
Wenige  Monate  nach  dem  Erscheinen  des  Lebens  Jesu  schrieb  der  Kronprinz
  dem  Minister:  jetzt  scheine  es  hoch  an  der  Zeit,  einen  gläubigen  Theologen
  nach  Halle  zu  berufen,  wo  Tholuck  ganz  allein  stehe:  „Mehr  als
zwei  Drittel  der  jungen  Studenten  saugen  Grundsätze  ein,  die  dem  Rationalismus
  (dem  Machwerk  menschlicher  Satzungen  und  Meinungen),  nicht
aber  dem  lauteren  Worte  Gottes  angehören,  und  verpesten  mit  diesen
Grundsätzen,  ausgesendet  und  angestellt,  als  Boten  des  Heils  das  ganze
Land;“  die  Berufung  Baurs  sei  ganz  unmöglich,  denn  er  habe  sich
neuerdings  „den  Ansichten  eines  Dr.  Strauß  angeschlossen  1/“)

Überall  in  Deutschland  erstarkten  der  Pietismus  und  die  Orthodoxie,
die  man  allmählich  für  gleichbedeutend  ansah;  sie  bekämpften  die  spekulative
  Theologie  auf  Tod  und  Leben,  sie  verteidigten  bis  auf  den  letzten
Buchstaben  „das  Wort  und  das  Wort  allein  und  nichts  als  das  Wort“,
sie  bewährten  ihre  Kraft  in  den  Werken  des  praktischen  Christentums.
Während  von  Basel  aus  das  deutsche  Oberland  mit  einem  Netze  christlicher
  Missionsanstalten  überspannt  wurde  und  die  schwäbischen  Pietisten
in  Calw  durch  geschmacklose  Traktätchen,  aber  auch  durch  Werke  der  Barmherzigkeit
  die  gläubigen  Gemüter  zu  gewinnen  suchten,  erbaute  der  fromme
F.  W.  Krummacher  die  armen,  gequälten  Arbeiter  des  Wuppertales  durch
liebevolle  Seelsorge  und  durch  tiefgemütliche  Kanzelreden,  welche  der  alte
Goethe  freilich  für  „narkotische  Predigten“  erklärte.  Vor  den  Toren  Hamburgs
  errichtete  Hinrich  Wichern  im  Rauhen  Hause  eine  Rettungsanstalt

—

*)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Altenstein,  15.  Nov.  1831.
*“)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Altenstein,  20.  April  1836.
        <pb n="505" />
        Wichern  und  das  Rauhe  Haus.  497

für  verwahrloste  Kinder  (1833);  aus  diesem  unscheinbaren  Keime  entstand
dann,  wunderbar  schnell  aufblühend,  ein  freier  protestantischer  Orden,  der
für  Erziehung  und  Armenpflege,  für  Gefängnisse  und  Hospitäler  Großes
leistete.  Wichern  wollte  keiner  theologischen  Partei  angehören;  er  bewahrte
seinem  Lehrer  Schleiermacher  allezeit  treue  Verehrung  und  verwarf  jede
Verfolgung  der  Rationalisten.  Er  war  aufgewachsen  in  der  naiven,  volks—
tümlichen  Frömmigkeit  des  hamburgischen  Kleinbürgertums,  er  hatte  als—
dann  in  der  Musikerin  Luise  Reichardt  und  in  der  unermüdlich  wohltätigen
Amalie  Sieveking  zwei  Frauen  von  apostolischer  Sinneseinfalt  kennen  ge—
lernt.  Ein  durchaus  praktischer  Geist,  dachte  er  der  Welt  zu  beweisen,  daß  die
lutherische  Kirche,  die  bisher  in  allem  Handeln  hinter  der  Werkheiligkeit  der
römischen  und  der  Tatkraft  der  calvinischen  Kirche  weit  zurückgeblieben
war,  auch  für  die  Armen  im  Geist  zu  sorgen  vermöge;  und  es  gelang  ihm.

Alles  wirksame  Leben  der  Kirche  ging  fortan  auf  in  der  Tätigkeit
der  strengen  Schriftgläubigen.  Sie  allein  predigten  vor  gefüllten  Gottes—
häusern,  während  den  Reden  der  spekulativen  Theologen  niemand  zuhören
wollte;  sie  allein  labten  die  Verschmachtenden  und  trösteten  die  Elenden,
während  mehrere  der  Genossen  der  Tübinger  Schule,  nach  Straußens
Vorgang,  bald  die  Theologie  aufgaben,  weil  ihnen  an  der  Kirche  wenig
lag.  Und  so  gewiß  die  Religion  nicht  in  der  Gelehrsamkeit  wurzelt,  son—
dern  in  der  Empfindung,  in  der  lebendigen  Kraft  der  Liebe,  ebenso  gewiß
war  diese  wissenschaftlich  sehr  mangelhafte  Rechtgläubigkeit  als  kirchliche
Macht  den  gelehrten  theologischen  Kritikern  weit  überlegen.

Die  Kluft  zwischen  beiden  Parteien  erweiterte  sich  von  Jahr  zu  Jahr,
Achtung  und  Schonung  gingen  hüben  und  drüben  bald  verloren.  Viele
Orthodoxe  verleugneten  das  evangelische  Recht  der  freien  Forschung  so
gänzlich,  daß  sie  jede  voraussetzungslose  historische  Kritik  in  der  Theologie
kurzab  für  heidnisch  hielten.  Und  andererseits,  welch  ein  Zerrbild  des
schwäbischen  Pietismus  entwarf  doch  der  Tübinger  Asthetiker  Vischer  in
seinen  geistreichen  Aufsätzen  über  Strauß  und  die  Württemberger;  in  diesem
Bilde  war  kaum  noch  ein  menschlicher  Zug.  Die  liberalen  Zeitungen  gebrauchten
  den  Namen  der  „Frommen“  nur  noch  ironisch,  als  ob  Frömmigkeit
  eine  Schande  wäre;  sie  verlästerten  das  Rauhe  Haus  und  alle  die
anderen  fröhlich  aufblühenden  Werke  der  christlichen  Liebe  als  Anstalten
von  Heuchlern  für  Heuchler.  Der  Kampf  zwischen  den  Wissenden  und
den  Glaubenden  war  an  Mißverständnissen  und  Verdrehungen  ebenso
reich  wie  der  gleich  unfruchtbare  Streit  zwischen  dem  Vernunftrecht  und
dem  historischen  Recht;  er  lähmte  den  deutschen  Protestantismus  eben  in
dem  Augenblicke,  da  das  Papsttum  wieder  zum  Angriff  vorschritt;  er  verschärfte
  auch  die  politischen  Gegensätze  also,  daß  schon  nach  wenigen  Jahren
die  Aussicht  auf  Versöhnung  schwand,  und  ein  gewaltsamer  Umschwung
unvermeidlich  wurde.  —

 

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  32
        <pb n="506" />
        Achter  Abschnitt.

 

Stille  Jahre.

Seit  der  literarische  Streit  sich  mit  dem  politischen  verkettete,  Dichtung
und  Philosophie  von  der  Tendenz  beherrscht  wurden,  stand  unter  den  deutschen
  Liberalen  die  Meinung  fest,  daß  der  Kampf  der  Freiheit  wider  die
Knechtschaft,  des  Lichtes  wider  die  Finsternis  den  ganzen  Inhalt  der  neuen
Geschichte  ausmache.  Der  Gang  der  europäischen  Politik,  die  zunehmende
Spannung  zwischen  dem  Westen  und  dem  Osten  des  Weltteils  schien
diese  Ansichten  zu  bestätigen.  Die  Stärke  unserer  Kultur  liegt  aber  in  dem
beständigen  Wechsel  ihrer  mannigfaltigen  Interessen,  Ideen  und  Machtverhältnisse.
  Immer  war  es  nur  ein  Zeichen  verschrobener,  unhaltbarer
Zustände,  wenn  einmal  ein  einziger  kahler  Gegensatz,  wie  im  Zeitalter
der  Religionskriege,  die  Parteiung  dieser  vielgestaltigen  Staatengesellschaft
bestimmte.  Nun  gar  der  Gegensatz  von  Ost=  und  Westeuropa,  der  jetzt
von  nahezu  allen  Parteien  als  eine  historische  Notwendigkeit  angesehen
wurde,  bestand  in  Wahrheit  nicht;  er  beruhte  wesentlich  auf  der  Einbildung,
auf  den  formalen  Lehrsätzen  konstitutioneller  und  absolutistischer  Theorien,
welche  die  lebendigste  Kraft  des  Jahrhunderts,  den  Drang  nach  nationaler
Staatenbildung,  völlig  verkannten.  Doch  diese  Doktrinen  beherrschten  und
betörten  die  Welt  —  denn  nichts  ist  sicherer,  als  die  niederschlagende
Wahrheit,  daß  die  öffentliche  Meinung  ganzer  Zeitalter  sich  im  Irrtum
bewegen  kann  —  und  weil  die  Zeit  im  Doktrinarismus  befangen  war,  darum
konnte  Palmerstons  kaufmännisches  Geschick  die  Wirren  auf  der  pyrenäischen
Halbinsel,  die  für  Europa  so  wenig  bedeuteten,  als  willkommene  Handhabe
  benutzen,  um  das  Festland  beständig  in  Unruhe  zu  halten,  die  Kluft
zwischen  dem  Osten  und  dem  Westen  arglistig  zu  erweitern.

In  Portugal  regierte,  nachdem  das  Tochterland  Brasilien  sich  von
dem  Mutterlande  losgerissen  hatte,  die  minderjährige  Tochter  des  brasilianischen
  Kaisers  Pedro,  Maria  da  Gloria.  Aber  ihr  Oheim  Don  Miguel,
der  für  sie  die  Regentschaft  führen  und  dereinst  ihr  Gatte  werden  sollte,
bemächtigte  sich  selbst  der  Krone  (1828),  und  nun  brach  über  das  Land
ein  klerikales  Schreckensregiment  herein,  das  selbst  die  Greuel  der  spanischen
  Reaktion  noch  überbot.  Der  fanatische,  rohe,  halbtierische  Wüterich
        <pb n="507" />
        Don  Miguel.  499

meinte  sich  berufen,  nach  dem  Vorbilde  des  Erzengels  Michael  die  Satansbrut
  der  Liberalen  zu  vernichten,  er  warf  die  Verfassung  über  den  Haufen,
ließ  Tausende  seiner  Gegner  hinrichten,  einkerkern,  ins  Elend  jagen.  Obwohl
  unzweifelhaft  ein  Usurpator,  erfreute  er  sich  doch  der  geheimen  Gunst
Metternichs  —  denn  wer  eine  Verfassung  brach,  behielt  in  der  Hofburg
immer  recht  —  und  seit  der  Juli-Revolution  begegnete  er  den  beiden  liberalen
  Westmächten  mit  der  ganzen  Feindseligkeit  des  reaktionären  Parteihauptes.
  Also  geriet  der  freisinnige  Gönner  aller  Revolutionen,  Lord
Palmerston,  in  die  sonderbare  Lage,  sich  der  legitimen  Rechte  der  jungen
Königin  annehmen  zu  müssen.  Unmöglich  konnte  er  dulden,  daß  dies  seit
vier  Menschenaltern,  seit  dem  Methuenvertrage,  der  britischen  Handelsherrschaft
  untertänige  Portugal,  dies  alte  Jagdgebiet  der  Fabrikanten  von
Glasgow  und  Manchester,  jetzt  durch  einen  feindseligen  Usurpator  der
englischen  Flagge  versperrt  würde;  die  schwache  Regierung  eines  unmündigen
  Mädchens  versprach  dem  englischen  Interesse  unvergleichlich  größere
Vorteile,  und  das  Weiberregiment  war,  wie  die  Dinge  standen,  zugleich
die  Sache  der  Freiheit,  der  Verfassung.

Unter  dem  jubelnden  Beifall  der  Liberalen  auf  beiden  Ufern  des
Kanals  erklärte  sich  der  englische  Minister  also  für  die  verfassungsmäßige
Regierung  der  unmündigen  Königin.  König  Wilhelm  IV.  freilich  gestand
in  einer  geheimen  Denkschrift  mit  seiner  gewohnten  beschränkten  Ehrlichkeit:
  von  einer  Verfassung  wolle  die  große  Mehrzahl  der  Portugiesen  nichts
wissen,  indessen  halte  er  „die  Herrschaft  Don  Miguels  für  das  größere
und  dem  Interesse  Englands  schädlichere  Übel“.  Eine  offene  Intervention
  zu  Gunsten  des  legitimen  Rechts  durften  die  Westmächte  jetzt  noch
nicht  wagen,  nachdem  sie  soeben  den  Grundsatz  der  Nichteinmischung  feierlich
  verkündigt  hatten,  doch  auf  Schleichwegen  konnten  sie  ihr  Ziel  leicht
erreichen,  da  die  liberale  öffentliche  Meinung  sich  stürmisch  gegen  den
portugiesischen  Usurpator  aussprach.  Als  Don  Pedro  im  Jahre  1832  nach
Europa  heimkehrte,  um  seiner  Tochter  die  Krone  zurückzugewinnen,  da
stellte  ihm  Frankreich  sofort  jene  portugiesischen  Kriegsschiffe  zur  Verfügung,
welche  vor  kurzem,  infolge  eines  Streites  mit  Don  Miguel,  aus  dem  Tejo
hinweggeführt  worden  waren,  und  zahlreiche  französische  Freiwillige  traten
unter  seine  Fahnen.  In  England  wurde  öffentlich  für  ihn  geworben,  obgleich
das  Gesetz  jede  Anwerbung  für  fremden  Kriegsdienst  untersagte.  Englische
Seeoffiziere  und  Blaujacken  bildeten  den  Stamm  seiner  Seemacht;  der
Engländer  Napier  befehligte  die  Flotte,  als  beim  Kap  St.  Vincent,  auf  der
alten  Stätte  britischen  Waffenruhms,  die  Schiffe  Don  Miguels  vernichtet
wurden.  Frohlockend  meldete  eine  offiziöse  Flugschrift,  deren  prahlerischer
Stil  die  Feder  Palmerstons  selber  leicht  erkennen  ließ:  „Britische  Tapferkeit
  war  wie  gewöhnlich  mit  portugiesischer  Freiheit  verbündet,  St.  Vincent
hat  nochmals  die  Taten  des  Seeheldentums  gesehen.“  Zugleich  erging
an  alle  Höfe  die  inbrünstige  Versicherung,  daß  England  in  diesen  Händeln

32*
        <pb n="508" />
        500  IV.  8.  Stille  Jahre.

die  strengste  Neutralität  gewissenhaft  einhalte.  Zwei  Jahre  währte  dann
noch  der  portugiesische  Bürgerkrieg.  Von  Franzosen  befehligt,  durch  Freiwillige
  aus  beiden  Westmächten  verstärkt,  drängten  die  Truppen  der  jungen
Königin  das  Heer  Don  Miguels  mehr  und  mehr  in  die  Enge.
Unterdessen  starb  König  Ferdinand  von  Spanien  (1833)  und  hinterließ
  seinem  Volke,  als  Vermächtnis  eines  schmachbedeckten  Lebens,  den
Bürgerkrieg.  Drei  Jahre  vor  seinem  Tode  war  er  durch  seine  vierte  Gemahlin,
  die  muntere,  gescheite,  leichtlebige  Neapolitanerin  Christine  bewogen
  worden,  das  salische  Gesetz  aufzuheben,  das  in  dem  spanischen
Bourbonenhause  während  des  achtzehnten  Jahrhunderts  mit  einigen  Einschränkungen
  unbestritten  geherrscht  hatte.  Fortan  sollte  wieder  das  Thron--folgerecht
  der  Weiber  gelten,  das  altnationale  Recht,  dem  einst  die  katholische
  Isabella  und  nachher  die  Habsburger  ihre  Herrschaft  verdankt  hatten,
und  mithin  nach  Ferdinands  Tode  seine  kleine  Tochter  Isabella,  unter  der
Vormundschaft  ihrer  Mutter  Christine,  die  Krone  tragen.  Daß  der  rechtmäßige
  Thronfolger,  Ferdinands  Bruder  Don  Carlos  sich  einem  solchen
Staatsstreiche  nicht  gehorsam  fügen  konnte,  war  leicht  vorherzusehen,  und
schwer  besorgt  sagte  Graf  Bernstorff,  sobald  er  von  dieser  neuen  „Pragmatischen
  Sanktion“  der  spanischen  Krone  erfuhr:  „um  die  Lage  Europas
zu  vereinfachen  fehlt  uns  nur  noch  ein  neuer  spanischer  Erbfolgekrieg.“
Don  Carlos  war  Don  Miguels  Schwager,  bigott  wie  dieser  und  dem
finstersten  Aberglauben  ergeben,  ein  blöder  beschränkter  Mensch,  das  anerkannte
  Haupt  der  „apostolischen“  Partei,  während  Königin  Christine  durch
die  Macht  der  Verhältnisse  den  Feinden  der  Priesterherrschaft  in  die  Arme
getrieben  wurde.  In  Portugal  vertrat  die  legitime  Maria,  in  Spanien
die  illegitime  Isabella  den  Liberalismus.  Doch  was  fragte  der  leitende
Staatsmann  Englands  nach  dem  historischen  Rechte?  Palmerston  sah
scharfsinnig  voraus,  daß  die  Königin-Regentin  Christine  sich  bald  gezwungen
sehen  würde,  die  Hilfe  ihres  Oheims  Ludwig  Philipp  anzurufen;  und  dann
konnten  die  beiden  illegitimen  Bourbonenhöfe  von  Madrid  und  Paris
vielleicht  jenen  Familienvertrag  erneuern,  welcher  einst,  zu  Englands
Schaden,  so  lange  zwischen  ihren  legitimen  Vorgängern  bestanden  hatte.
Um  diese  Gefahr  abzuwenden,  gab  es  nur  ein  Mittel:  England  selbst
mußte  sich  zwischen  die  beiden  Höfe  eindrängen  und,  zur  Erbauung  aller
liberalen  Gemüter,  den  hochherzigen  Beschützer  der  illegitimen  Isabella
spielen.  So  ließ  sich  auch  hoffen,  daß  der  spanische  Bürgerkrieg  ins  Unendliche
  währte  und  dem  britischen  Gönner  die  Möglichkeit  bot,  der  bedrängten
  Regentin  vorteilhafte  Handelsverträge  abzupressen;  überdies
wurde  der  immer  mit  stillem  Argwohn  betrachtete  französische  Bundesgenosse
  durch  den  Krieg  jenseits  der  Pyrenäen  lahm  gelegt  und  auch  die
Ostmächte  dermaßen  beschäftigt,  daß  sie  kaum  noch  bemerken  konnten,  wie
England  mittlerweile  seine  Handelsherrschaft  über  die  halbe  Welt  hin  erweiterte.
  Und  alle  diese  glänzenden  Gewinste  ließen  sich  erreichen  ohne
        <pb n="509" />
        Die  Quadrupel-Allianz.  501

einen  gefährlichen  Krieg,  nur  durch  mittelbare  Unterstützung  der  Königin
und  durch  ein  unaufhörliches  Selbstlob,  das  der  betörten  liberalen  Welt
den  Hochsinn  der  freiheitbeschützenden  Britannia  anpreisen  mußte.

Rasch  entschlossen  ging  Palmerston  auf  sein  Ziel  los.  Am  22.  April
1834  brachte  er  mit  Talleyrand  und  Christinens  Gesandten  Miraflores
sein  Meisterwerk  zustande,  die  Quadrupel-Allianz.  Die  Regierungen  der
beiden  jungen  Königinnen  verpflichteten  sich,  Don  Miguel  und  Don  Carlos
aus  der  Halbinsel  zu  vertreiben;  England  wollte  sie  mit  seiner  Flotte  unterstützen,
  und  auch  Frankreich,  das  sich  während  der  Verhandlungen  vorsichtig
  zurückhielt,  sollte  nötigenfalls,  nach  gemeinsamer  Verabredung,  mit
den  Waffen  eingreifen.  Frecher  konnte  der  Grundsatz  der  Nichteinmischung
nicht  verleugnet,  die  Interventionspolitik  des  alten  Vierbundes  nicht  überboten
  werden.  Die  Beschlüsse  des  Laibacher  Kongresses  hatten  sich  doch
noch  auf  unzweifelhafte  Vertragsrechte  berufen,  welche  dem  Hause  Österreich
  in  Italien  zustanden;  hier  aber  ward  die  bewaffnete  Unterstützung
einer  legitimen  und  einer  illegitimen  Königin  zugleich  beschlossen,  ohne  den
Schatten  eines  Rechtsgrundes,  lediglich  nach  der  augenblicklichen  Konvenienz
der  Westmächte,  und  diese  völlig  rechtswidrige  Intervention  schmückte  sich
mit  dem  Namen  der  Freiheit.  Palmerston  verkündete  sogleich,  dieser  neue
Vierbund  solle  ein  mächtiges  Gegengewicht  gegen  die  heilige  Allianz  des
Ostens  bilden,  er  nannte  ihn  sein  eigenstes  Werk  und  spöttelte  vor  den
Vertrauten:  „ich  hätte  wohl  Metternichs  Gesicht  dabei  sehen  mögen.“
Das  halbamtliche  Journal  des  Debats  erklärte:  die  Quadrupel-Allianz
sei  die  Antwort  des  freien  Westens  auf  den  Kongreß  von  Münchengrätz
und  die  Wiener  Ministerkonferenzen;  jetzt  gebe  es  keine  Pyrenäen  mehr,
da  die  Gleichheit  der  Staatsform  sowie  die  Schicksalsverwandtschaft  der
Dynastien  Spanier  und  Franzosen  verbände;  nicht  lange,  so  würden
Belgien  und  die  Schweiz,  nachher  auch  das  konstitutionelle  Süddeutschland,
Piemont,  Neapel,  Griechenland  sich  dem  Bunde  der  vier  freien  Nationen
anschließen.  Und  solche  windige  Prahlereien  fanden  Glauben:  zunächst
bei  den  hochmütigen  Spaniern,  die  ja  ohnehin  überzeugt  waren,  daß  sich
seit  den  Zeiten  Philipps  II.  nichts  in  der  Welt  geändert  hätte,  und  nun
befriedigt  an  der  Spitze  der  Zivilisation  einherschritten;  die  Inschrift  de  las
cuatro  naciones  auf  den  Schildern  spanischer  Kaufläden  und  Gasthöfe
erinnert  noch  heute  an  jene  Zeiten  des  westeuropäischen  Größenwahns.
Auch  die  deutsche  liberale  Presse  stimmte  in  die  Triumphrufe  der  Westmächte
  fröhlich  ein:  daß  der  freie  Portugiese  hoch  über  dem  geknechteten
Preußen  stehe,  schien  allen  Gebildeten  selbstverständlich.  Zu  den  Ungebildeten
  zählte  freilich  auch  Prinz  Wilhelm  der  Jüngere  von  Preußen;  er
sagte  scharf:  durch  „die  Quadrupede“  sei  die  europäische  Politik  für  einige
Zeit  „monströs“  geworden.

Das  Glück  war  den  Verbündeten  günstig.  Schon  wenige  Tage
nach  der  Unterzeichnung  der  Quadrupel-Allianz  mußte  Don  Miguel,  in
        <pb n="510" />
        502  IV.  8.  Stille  Jahre.

dessen  Kriegslager  sich  auch  Don  Carlos  befand,  bei  Elvora  kapitulieren.
Er  verzichtete  auf  die  angemaßte  Krone  gegen  ein  Jahresgehalt  und  ging
nach  Italien,  späterhin  nach  Bayern,  wo  er  mit  den  Ultramontanen  aller
deutschen  Staaten  unablässig  geheime  Ränke  anspann.  Also  war  Portugals
Schicksal  entschieden,  die  englische  Handelsherrschaft  am  Tejo  wieder—
hergestellt.  Selbst  Metternich  zuckte  die  Achseln,  als  Ancillon  jetzt  noch
nachträglich  mit  dem  priesterlichen  Vorschlage  herausrückte,  Don  Miguel
solle  die  ihm  einst  versprochene  Hand  Donna  Marias  nunmehr  fordern,
um  durch  ein  fröhliches  Ehebündnis  die  beiden  Parteien  Portugals  zu
versöhnen.“)  Palmerston  war  Herr  der  Lage  und  er  verstand  für  das
eheliche  Glück  der  jungen  Königin  zu  sorgen.  Kaum  war  sie  mannbar,  so
wurde  sie  mit  dem  Herzog  von  Leuchtenberg  vermählt,  der  als  Napoleonide
dem  Tuilerienhofe  verdächtig  und  eben  deshalb  den  englischen  Freunden
hochwillkommen  war.  Der  junge  Herzog  starb  einige  Monate  nach  der
Hochzeit,  und  nunmehr  konnte  die  koburgische  Hauspolitik  einen  neuen
glücklichen  Schachzug  wagen.  Dank  dem  Glaubenswechsel  der  Koburg-Koharys
  war  König  Leopold  von  Belgien  in  der  angenehmen  Lage,  auch
katholischen  Königinnen  brauchbare  koburgische  Gatten  anzubieten.  Von
Palmerston  unterstützt,  schlug  er  seinen  Neffen  Ferdinand  vor,  und  bald
nachher  (1836)  kam  der  glückliche  junge  Koburger  an  Bord  eines  englischen
  Kriegsschiffes  nach  Lissabon,  um  seinem  hochzeitsfrohen  Hause  die
zweite  Königskrone  zu  gewinnen.  Das  unselige  Land  lernte  unterdessen
den  ganzen  Jammer  des  romanischen  Parlamentarismus  kennen:  Amterjagd,
  Bestechung  und  Verschwörung,  Parteikampf  und  Ministersturz,  Verfassungsbruch
  und  Verfassungsverleihung  in  eintönigem  Wechsel.  Immerhin
  waren  die  Zustände  etwas  erträglicher  als  einst  unter  dem  Henkerbeile
Don  Micguels,  und  England  mindestens  konnte  sich  der  neuen  konstitutionellen
  Herrlichkeit  aufrichtig  freuen:  die  Portugiesen  lieferten  ihm  wieder
den  unentbehrlichen  Portwein  und  wurden  zum  Dank  in  der  Entwicklung
ihres  Gewerbfleißes  durch  den  übermächtigen  britischen  Wettbewerb  gänzlich
  daniedergehalten.

Durch  die  Kapitulation  von  Elvora  war  auch  Don  Carlos  in  die
Hände  der  Verbündeten  gefallen,  und  nahm  man  die  Versprechungen  der
Quadrupel-Allianz  ernst,  so  mußte  man  auch  ihn  entweder  zur  Verzichtleistung
  nötigen  oder  auf  andere  Weise  unschädlich  machen.  So  konnte
der  kaum  erst  entbrannte  spanische  Bürgerkrieg  schon  im  Keime  erstickt  und
die  Königin-Regentin  Christine  von  ihrem  einzigen  gefährlichen  Feinde  befreit
  werden.  Dann  aber  war  nur  zu  wahrscheinlich,  daß  die  beiden  verwandten
  Höfe  von  Madrid  und  Paris  sich  freundlich  aneinander  schlossen,
und  dies  entsprach  keineswegs  dem  englischen  Interesse.  Darum  wurde
Don  Carlos,  ohne  daß  man  ihm  irgend  eine  Verpflichtung  auferlegte,  auf

*)  Ancillon,  Weisung  an  Brockhausen,  5.Okt.  Brockhausens  Bericht,  11.Okt.  1834.
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        Der  Carlistenkrieg.  503

einem  englischen  Kriegsschiffe  nach  London  abgeführt,  und  die  Briten  erwiesen
  ihm  sogar  die  Gefälligkeit,  einen  geheimen  Brief  an  seine  Getreuen
in  den  baskischen  Provinzen  pünktlich  zu  besorgen.  In  London  fand
König  Karl  V.  bei  den  fast  durchweg  carlistisch  gesinnten  Torys  warme
Huldigung  und  geheime  Hilfe.  Palmerston  aber  ließ  ihn  ohne  jede  Bedingung
  frei,  der  unschuldige  Lord  meinte:  „wir  können  ihn  nicht  als  Gefangenen
  behandeln.“  Nach  wenigen  Tagen  war  Don  Carlos  verschwunden,
wie  alle  Welt  voraussah.  Er  reiste  ohne  Gefährde  durch  Frankreich;  denn
dort  spielten  die  Anhänger  Karls  X.  und  Karls  V.  längst  unter  einer
Decke,  auf  jedem  Paßbureau,  auf  jeder  Poststation  saßen  geheime  carlistische
  Agenten.

Am  .  Juli  erschien  er  plötzlich  an  der  einzigen  Stelle,  wo  er  eine  Macht
war,  unter  seinen  Getreuen  in  Navarra,  denen  er  durch  seinen  Brief  aus
Elvora  schon  seine  bevorstehende  Ankunft  mitgeteilt  hatte.  Das  ganze
Spiel  war  eine  plumpe  Fastnachtsposse,  und  nur  die  Taubenunschuld  der
deutschen  Liberalen  konnte  glauben,  daß  Palmerston  die  Rückkehr  des  Prätendenten,
  die  Verlängerung  des  spanischen  Bürgerkrieges  wirklich  nicht  gewünscht
  hätte.  Als  Heerführer  völlig  untauglich,  war  Don  Carlos  doch
Mannes  genug,  um  die  Strapazen  und  Nöte  seiner  Leute  als  ehrlicher
Kriegsmann  zu  teilen,  und  dies  genügte  dem  schlichten  Naturvolke  der
Pyrenäen;  die  Anwesenheit  des  legitimen  katholischen  Königs  erfüllte  die
Heerscharen  der  Carlisten  mit  flammender  Begeisterung.

Welch  ein  Verhängnis,  daß  die  fleißigsten,  schönsten,  liebenswürdigsten
  Bewohner  der  Halbinsel,  die  einzigen,  die  nach  europäischer  Weise
den  Fremdling  menschenfreundlich  aufnehmen,  daß  gerade  dies  edle  Baskenvolk
  in  den  Kampf  für  die  Priesterherrschaft  hineingezwungen  wurde.  Ihres
blauen  Blutes  froh  schauten  die  Basken  von  alters  her  mit  der  gleichen
Verachtung  auf  die  Franzosen  wie  auf  die  Kastilianer  hernieder;  unter  dem
Schutze  ihrer  uralten  Fueros  führten  sie  ein  Sonderleben,  das  von  spanischen
  Beamten,  Steuern,  Zöllen  unbehelligt  blieb,  und  nun  sollten  die
Sonderrechte  der  vier  baskischen  Provinzen  durch  die  neue  liberale  Verfassung,
  welche  die  Königin-Regentin  im  April  1834  verkündigen  ließ,  mit
einem  Schlage  vernichtet  werden.  Wie  ein  Mann  erhob  sich  das  baskische
Volk  für  seine  Fueros  und  den  rechtmäßigen  König,  der  sie  bestätigt  hatte;
sieben  entsetzliche  Jahre  hindurch  widerstand  diese  halbe  Million  freier
Menschen  der  vereinigten  Macht  Spaniens  und  seiner  geheimen  Verbündeten.
  Eine  Zeitlang  nahmen  auch  die  Aragonier  und  die  Katalanen  an
dem  Kampfe  teil;  sie  konnten  es  nicht  verwinden,  daß  die  Kastilianer  der
Coronilla  von  Aragon  so  oft  ihre  Geringschätzung  bezeigten.  Doch  die  Hochburg
  des  Carlismus  blieb  das  tapfere  Baskenland,  und  der  einzige  große
Charakter,  der  sich  aus  dem  fürchterlichen  Einerlei  dieses  Gemetzels  emporhob,
  Zumalacarreguy  war  ein  Baske.  Abermals  erlebte  unser  bildungsstolzes
  Jahrhundert  einen  Krieg,  dessen  teuflische  Grausamkeit  dem  Agon  der
        <pb n="512" />
        504  IV.  8.  Stille  Jahre.

Hellenen  fast  gleichkam;  die  brütende  Wildheit  des  Volkes  der  Autodafés
und  der  Stiergefechte  entlud  sich  noch  einmal.  Die  Tausende  liberaler
Flüchtlinge,  welche  König  Ferdinand  einst  in  die  Fremde  getrieben,  fochten,
jetzt  heimgekehrt,  Mina  voran,  unter  den  Fahnen  der  Cristinos  und
kühlten  den  alten  Haß  im  Blute  der  Karlisten.  Die  Klöster  versilberten
ihre  unermeßlichen  Schätze  zum  Besten  des  katholischen  Königs,  bis  der
Tauschwert  der  Edelsteine  auf  dem  Amsterdamer  Diamantenmarkte  durch
das  übermäßige  Angebot  gedrückt  wurde.  Hüben  und  drüben  maßlose  Wut
und  die  ganze  Kunst  romanischer  Verlogenheit:  wenn  man  den  Kriegsbe—
richten  der  Cristinos  Glauben  schenkte,  so  waren  in  vier  Jahren  schon
mehr  Carlisten  getötet  worden,  als  das  gesamte  Baskenland  an  Ein—
wohnern  besaß.

Da  die  stille  Zeit  sonst  an  aufregenden  Ereignissen  nichts  bot,  so
warf  sich  der  verhaltene  Parteihaß  der  Nachbarvölker  auf  diese  scheußlichen
Kämpfe,  die  dem  Leben  Mitteleuropas  doch  ganz  fern  lagen.  Mit  Eifer
verschlang  man  die  Märchennachrichten  aus  den  Pyrenäen,  jeder  Liberale
mußte  sich  für  die  Cristinos  erklären.  Als  endlich,  nach  beschämenden
Niederlagen,  der  glückliche  Espartero  die  Truppen  der  Königin  zum  Siege
führte,  da  wurde  dieser  zweifelhafte  Held  von  den  gesamten  Liberalen
Europas  so  überschwenglich  gepriesen,  wie  einst  Bolivar  oder  Riego;  zu—
mal  in  Deutschland  schlug  die  fremdbrüderliche  Begeisterung  wieder  hohe
Wellen.  Mancher  liberale  kursächsische  Lehrer  quälte  seine  armen  Buben,
die  von  Dennewitz  und  der  Katzbach  kein  Wort  erfuhren,  mit  den  unaussprechlichen
  Namen  aller  der  Schlachtfelder,  auf  denen  der  unvergleichliche
Herzog  von  Victoria  gesiegt  haben  sollte.

Aber  auch  Don  Carlos  fand  warme  Verehrer,  an  den  Höfen,  unter
dem  Adel,  überall  wo  die  weitverzweigte  internationale  Legitimistenpartei
ihre  Genossen  hatte.  Moritz  von  Haber,  ein  Sohn  des  einflußreichen  jüdi—
schen  Hofbankiers  in  Karlsruhe,  diente  ihm  als  Geschäftsreisender.  Aus
allen  Ländern  eilten  ihm  Freiwillige  zu,  darunter  manche,  die  sich  dereinst
noch  einen  Namen  machen  sollten.  Aus  Frankreich  kam  Bazaine,  aus  Österreich
  der  abenteuernde  Prinz  Schwarzenberg,  der  sich  selbst  „den  Landsknecht“
nannte,  aus  Deutschland  der  Militärschriftstellervon  Rahden.  Auch  den  feurigen
  jungen  Augustvon  Göbenlittes  nicht  länger  in  der  friedlichen  Garnison
zu  Neu-Ruppin;  Tatendurst,  royalistische  Begeisterung  und  einleidenschaftlicher
  Haß  gegen  England  trieben  ihn  hinaus  in  das  Heer  der  Carlisten,  woa
er,  vom  Unglück  ebenso  beharrlich  verfolgt  wie  späterhin  vom  Glücke,  unter
namenlosen  Kämpfen  und  Leiden  schon  die  Heldengröße  des  künftigen  Feldherrn
  bewährte.  Am  meisten  Aufsehen  erregte  der  schöne,  übermütige
Wildfang  Fürst  Felig  Lichnowsky.  Der  hatte  unter  den  Berliner  Damen,
nebenbei  auch  unter  den  Juwelieren  und  Pfandleihern  so  ungewöhnliche  Verheerungen
  angerichtet,  daß  er  sich  in  der  Armee  nicht  mehr  halten  konnte.
Umsonst  versuchte  Prinz  Wilhelm  ihm  eine  Stelle  in  der  preußischen
        <pb n="513" />
        Deutsche  Carlisten.  505

Diplomatie  zu  verschaffen;  der  Prinz  ahnte,  wieviel  Geist  und  Mut
in  diesem  Tollkopf  lebte,  und  bat  seinen  königlichen  Vater  freimütig,
„daß  man  jugendlichen  Leichtsinn  nicht  ungerügt  hingehen  lassen  dürfe,
dagegen  aber  deshalb  einen  jungen  Mann  nicht  ganz  fallen  lassen  dürfe,
sondern  ihm  Anleitung  zum  Ergreifen  eines  besseren  Lebenswandels  gäbe.“*)
Die  sittenstrengen  Minister  Ancillon  und  Rochow  wollten  von  Nachsicht
nichts  hören.  Lichnowsky  mußte  ausscheiden  und  ging  zu  Don  Carlos,  der
ihn  rasch  zum  General  und  Generaladjutanten  beförderte.  Der  Anblick  des
kopflosen,  in  Hoffart  und  Lippendienst  ganz  erstarrten  Königs  ernüchterte
den  begeisterten  deutschen  Royalisten  bald;  er  begann  zu  fühlen,  wie  fremd
dies  hispanische  Wesen  unserem  freien  Weltsinne  war.  Im  Lager  der
Cristinos  fochten  nur  vereinzelte  Deutsche,  so  der  preußische  Ingenieur-Offizier
  Höfken;  der  lernte  freilich  die  spanische  Redlichkeit  so  gründlich
kennen,  daß  er  den  Staub  des  Landes  schnell  von  seinen  Füßen  schüttelte.

Das  Kriegsglück  schwankte  lange,  einmal  gelangten  die  Scharen  der
Carlisten  bis  dicht  vor  die  Tore  von  Madrid,  und  durch  den  langwierigen
Kampf  mußten  unausbleiblich  in  beiden  Lagern  die  extremen  Parteien
obenauf  kommen.  Don  Carlos  war  bald  nur  noch  ein  Werkzeug  in  den
Händen  fanatischer  Priester,  er  ernannte  die  allerheiligste  Jungfrau  dos
Dolores  zum  Feldmarschall  seines  Heeres.  In  Madrid  aber  wurden  die
Liberalen  von  den  radikalen  Exaltados  überwältigt,  bis  endlich  ein  fingerfertiger
  „Jongleur“,  wie  Ancillon  ihn  nannte'7),  der  börsenkundige  jüdische
Bankier  Mendizabal  ans  Ruder  kam  und  die  Aufhebung  aller  Klöster
durchsetzte  (1836).  Wunderbare  Gerechtigkeit  des  Schicksals:  ein  frecher
jüdischer  Spieler  führte  den  vernichtenden  Schlag  gegen  diese  spanische
Kirche,  die  sich  einst  durch  die  grausame  Vertreibung  der  fleißigen  Mauren
und  Juden  so  unvergeßlich  schwer  versündigt  hatte!  Nun  raste  der  Klostersturm
  durch  das  rechtgläubige  Land,  wo  überall  an  den  Pfeilern  der  Wallfahrtskirchen
  die  wächsernen  Ohren,  Nasen,  Brüste,  die  Weihgeschenke  eines
heidnischen  Götzendienstes,  in  dicken  Bündeln  hingen,  wo  jede  Vorbedingung
  eines  freien,  denkenden,  evangelischen  Christentums  fehlte  und  nur
die  Wahl  blieb  zwischen  der  stumpfsinnigen  Unterwerfung  und  der  frevelhaften
  Gotteslästerung.  Der  stärkste  Pfeiler  der  alten  Kirchenherrschaft
war  gebrochen.  In  dem  Gewirr  der  Verschwörungen,  Staatsstreiche,
Soldatenverschwörungen  ging  auch  die  neue  Verfassung  zu  Grunde;  der
heilige  Kodex  vom  Jahre  1812  trat  wieder  in  Kraft,  um  alsbald  durch
ein  drittes  Grundgesetz  verdrängt  zu  werden.

Derweil  diese  Greuel,  die  unvermeidlichen  Folgen  der  Leidensgeschichte
dreier  Jahrhunderte,  das  spanische  Land  heimsuchten,  trat  Palmerston
leichten  Herzens  alles  Völkerrecht  mit  Füßen.  Ein  englisches  Heer  wagte

 

*)  Prinz  Wilhelm  an  König  Friedrich  Wilhelm,  18.  Febr.  1837.
*7)  Ancillon  an  Maltzan,  13.  Juli  1836.
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        506  IV.  8.  Stille  Jahre.

er  nicht  nach  Spanien  zu  senden,  weil  er  weder  die  Ostmächte  reizen,  noch
diesen  willkommenen  Bürgerkrieg  verkürzen  wollte.  Aber  Englands  Schiffe
blockierten  den  Meerbusen  von  Biscaya,  sie  unterstützten  gelegentlich  die
Truppen  der  Regentin  in  den  Kämpfen  gegen  die  Heerhaufen  der  Basken
und  lieferten  zuweilen  eine  Schar  wehrloser  carlistischer  Gefangener  zur
Niedermetzelung  an  die  Cristinos  aus.  Das  Verbot  der  ausländischen
Werbungen  wurde  außer  Kraft  gesetzt  und  eine  sogenannte  spanische  Legion
gebildet,  welche  den  Cristinos  ganz  ebenso  zu  Hilfe  kommen  sollte,  wie
einst  Canning  die  südamerikanischen  Republiken  unter  der  Hand  durch
englische  Freiwillige  unterstützt  hatte.  Ihr  Offizierkorps  bestand  aus  vornehmen
  Abenteurern  und  vereinzelten  liberalen  Enthusiasten,  ihre  Mannschaft
  aus  dem  Auswurfe  des  Pöbels  von  London,  Glasgow,  Manchester;
Palmerston  aber  rühmte  sie  im  Parlamente  als  eine  Schar  von  hochsinnigen
Männern,  welche  nicht  durch  die  Aussicht  auf  Gewinn,  sondern  durch  eine
ehrenwerte  Begeisterung  für  die  konstitutionelle  Sache  angetrieben  würden.
In  den  roten  Röcken  des  königlichen  Heeres,  durch  englische  Drill-Sergeanten
  geschult,  mit  englischen  Fahnen  und  Tower-Gewehren  ausgerüstet,
segelten  diese  Leute  nach  dem  Baskenlande,  wo  sie  von  den  ergrimmten
Carlisten,  nach  mannigfachen  Wechselfällen,  schließlich  fast  allesamt  niedergehauen
  wurden.  Währenddem  versicherte  der  Minister  beharrlich,  das
britische  Heer  nehme  an  dem  spanischen  Kriege  durchaus  keinen  Anteil.
Wellington  aber  warnte  im  Oberhause  tief  empört:  „England  darf  seine
Ehre  nicht  beflecken.“  Zu  spät;  sie  war  schon  befleckt.  Die  britischen
Soldatengräber  an  den  Felsabhängen  der  Mota,  der  meerumbrandeten
Hafenfeste  von  S.  Sebastian,  verkündeten  weithin  Englands  Schande.
Doch  die  Schande  war  ein  gutes  Geschäft.  Durch  diesen  verhüllten
Krieg,  durch  Waffenlieferungen  und  geheime  Unterstützungen  fesselte  Palmerston
  die  Regentin  an  sich,  und  sie  gewährte  ihm  mehrmals  vorteilhafte
  Handelsverträge,  zum  Schaden  der  jungen  katalanischen  Industrie.
In  der  Regel  begünstigte  er  die  Exaltados,  Mendizabal  vornehmlich  war
ihm  ganz  ergeben;  denn  je  schärfer  sich  die  Gegensätze  zuspitzten,  um  so
länger  mußte  dieser  einträgliche  Bürgerkrieg  währen.  Im  Parlamente
ward  seine  Sprache  immer  übermütiger,  zuletzt  rein  demagogisch.  Er  erklärte
  offen,  schon  seines  Handels  wegen  müsse  England  die  Königin  Isabella
  begünstigen;  er  nannte  Don  Carlos  „einen  bloßen  Prätendenten,  der
einen  Thron  verlange,  auf  dem  er  nie  gesessen“,  und  die  Londoner  Börse,
die  in  den  fragwürdigen  Staatspapieren  der  Königin-Regentin  glänzende
Geschäfte  machte,  betrachtete  den  freisinnigen  Lord  mit  herzlichem  Wohlgefallen.
  Dem  uneingeweihten  Teile  des  Unterhauses  suchte  er  den
dynastischen  Zank  der  beiden  gleich  erbärmlichen  Bourbonenhäuser  als
einen  großen  Prinzipienkrieg  darzustellen,  und  sagte  am  19.  April  1837
geradezu:  „Es  ist  unerläßlich,  daß  in  jedem  Staate  die  Macht  bestehe,  im
Notfalle  das  Staatsoberhaupt  zu  wechseln.  Auf  dieses  Prinzip  wurde
        <pb n="515" />
        Spannung  zwischen  den  Westmächten.  507

unsere  Regierung  1688  gegründet,  derselbe  Grundsatz  hat  1830  die
neue  Regierung  in  Frankreich  geschaffen,  die  Regierung  Isabellas  beruht
auf  dem  nämlichen  Grundsatze.“  Also  verkündigte  er  leichtfertig  das  Recht
der  Revolution,  er  bestritt  das  Grundrecht  der  Monarchie,  die  Unabsetzbarkeit
  der  auf  eigenem  Rechte  ruhenden  Staatsgewalt.  Wenn  die  Liberalen,
  die  ja  fast  alle  wider  Wissen  einer  halbrepublikanischen  Staatstheorie
  huldigten,  diesen  Lehren  zujauchzten,  so  hatten  Graf  Maltzan  und
die  anderen  Diplomaten  der  alten  festgeordneten  Monarchien  des  Ostens
sicherlich  guten  Grund,  „die  unbegreifliche,  verabscheuungswürdige“  Rede
des  Lords  zu  verwünschen.)

Aber  auch  der  Tuilerienhof  wurde  durch  Englands  aufreizendes  Gebaren
  zur  Besinnung  gebracht.  Eine  festländische  Macht  war  nicht  in
der  Lage  sich  alles  zu  erlauben,  wie  das  unangreifbare  Inselreich;  sie
mußte  auch  fühlen,  daß  die  Machtverhältnisse  der  Staatengesellschaft  nicht
durch  hohle  Schlagworte  bestimmt  werden.  Ludwig  Philipp  kannte  die
Spanier  und  ihren  hoffärtigen  Fremdenhaß;  er  wußte,  daß  die  Intervention
  des  Jahres  1823  nur  durch  außerordentliche  Glücksfälle  gelungen
und  schließlich  doch  zu  Frankreichs  Schaden  ausgeschlagen  war.  Sollte
er  sich  in  diese  unübersehbaren  Wirren  einmischen,  auf  die  Gefahr  hin,
entweder  zwischen  zwei  Feuer  zu  geraten  oder  mit  den  spanischen  Exaltados
  gemeinsame  Sache  zu  machen,  mit  den  Gesinnungsgenossen  der
Pariser  Republikaner,  der  Feinde  seines  Hauses?  Wie  viel  klüger  doch,
wenn  er  versuchte  sich  den  Ostmächten  zu  nähern  und  also  die  Zukunft
seiner  Dynastie  zu  sichern.  Die  Quadrupel-Allianz  hatte  er  nur  ungern,
unter  behutsamen  Vorbehalten,  genehmigt,  und  für  ihre  Ausführung  tat
er  lediglich,  was  die  liberale  öffentliche  Meinung  gebieterisch  zu  fordern
schien.  Gleich  nach  der  Unterzeichnung  gestand  er  dem  österreichischen
Gesandten  Apponyi:  ganz  wider  Willen  sei  er  beigetreten,  und  niemals
sollten  französische  Truppen  den  Boden  Spaniens  betreten.“)  Er  überließ
  der  Regentin  die  algerische  Fremdenlegion,  die  von  den  Basken  bald
aufgerieben  wurde,  und  versperrte  den  Carlisten  die  Pyrenäengrenze.  Weiter
wollte  er  durchaus  nicht  gehen.  Nun,  da  er  sich  endlich  fest  im  Sattel
fühlte,  leitete  er  die  auswärtige  Politik  über  die  Köpfe  seiner  Minister  hinweg,
  nach  eigenem  Ermessen.  Die  mediterranischen  Interessen  der  beiden
Westmächte  ließen  sich  durch  schöne  Reden  nicht  in  Einklang  bringen,  in
Spanien  wie  im  Oriente  trat  der  natürliche  Gegensatz  grell  hervor,  die
gerühmte  entente  cordiale  erkaltete  sichtlich.

Auch  der  alte  Talleyrand,  der  den  Londoner  Hof  jetzt  gründlich  kennen
gelernt,  sagte  zu  Ludwig  Philipp:  die  britische  Allianz  hat  ihre  Dienste
getan,  wir  haben  von  England  nichts  mehr  zu  erwarten  als  die  Revo- 



*)  Maltzans  Berichte,  April  1837.
**)  Brockhausens  Bericht,  20.  Mai  1834.
        <pb n="516" />
        508  IV.  8.  Stille  Jahre.

lution.*“)  Als  Thiers  in  lärmender  Rede  verlangte,  Frankreich  müsse  sich
überall  mit  konstitutionellen  Staaten  umgeben,  da  war  der  König  über
seinen  kriegslustigen  Minister  kaum  minder  entrüstet  als  Ancillon,  der
zornig  ausrief:  „dieser  Mensch  hat  von  neuem  das  Banner  der  Propa—
ganda  aufgepflanzt!**)  Ludwig  Philipp  ruhte  nicht,  bis  Thiers  beseitigt
war,  und  ließ  nachher  durch  seinen  Kronprinzen  dem  Wiener  Hofe  ver—
sichern:  selbst  wenn  er  noch  zwanzig  Ministerwechsel  überstehen  müßte,
würde  er  sich  doch  nicht  in  das  spanische  Abenteuer  stürzen.  Je  dreister
die  Radikalen  in  Madrid  ihr  Haupt  erhoben,  um  so  höher  stieg  sein  Miß—
trauen  gegen  die  Cristinos  und  ihre  englischen  Gönner.  Metternich  hielt
ihn  schon  für  ganz  bekehrt  und  ließ  in  den  Tuilerien  vertraulich  anfragen,
ob  es  nicht  endlich  an  der  Zeit  sei,  das  salische  Gesetz  und  Don  Carlos
offen  anzuerkennen.*)  Auch  die  Gesandten  der  Kleinstaaten,  die  in  der
großen  Politik  immer  nur  läuten,  aber  nicht  zusammenschlagen  hörten,
sagten  jetzt  mit  gewichtiger  Amtsmiene:  „Ludwig  Philipp  istbekanntlich  für
Don  Carlos.“)Einen  solchen  Gesinnungswechsel  konnte  der  Thronräuber
  freilich  nicht  wagen;  indes  bemühte  er  sich  angelegentlich  um  das
Vertrauen  der  beiden  deutschen  Großmächte.  Er  begann  mit  Metternich
einen  geheimen  Briefwechsel  und  beteuerte,  nicht  immer  sehr  würdevoll,
seine  guten  Absichten,  wofür  ihn  der  Osterreicher  mit  weisen  Ermahnungen
belohnte.  „Ich  will  nichts  von  Herrn  Thiers  wissen“,  sagte  er  zu  dem
österreichischen  Geschäftsträger  Hügel,  „nichts  von  diesen  amerikanischen
Ideen,  welche  Europa  vergiften;  wenn  mich  nur  Preußen  und  Osterreich
kräftiger  unterstützten,  so  könnte  ich  viel  mehr  für  die  Sache  der  Ordnung
tun.“  Die  Diplomaten  sahen  bald,  wie  merklich  diese  commérage  politique
  der  beiden  alten  Herren  auf  die  Gesinnungen  des  Bürgerkönigs  einwirkte,
  und  Ancillon  freute  sich  herzlich,  daß  Ludwig  Philipp  an  Metternich
„einen  solchen  politischen  Prediger  gefunden  habe:  ein  wohltätiges  Phänomen
  in  der  Geschichte  der  Diplomatie!“  )

In  Wien  und  Berlin  wurden  die  Beteuerungen  der  Orleans  mit
herablassendem  Wohlgefallen  aufgenommen,  sie  verstärkten  nur  den  Un—
willen  über  Palmerstons  ruheloses  Wühlen.  „Während  man  in  Frankreich
die  Staatsgewalt  zu  befestigten  sucht“  —  meinte  Ancillon  —  „betreibt  man  in
England  offen,  ohne  Scham  und  Reue,  die  Revolution.“  Als  Palmerston
einmal  (1835),  in  einem  Augenblicke  der  Verlegenheit  versuchte,  sich  durch
die  Vermittlung  des  Königs  Leopold  von  Belgien  den  deutschen  Mächten

 

*)  Maltzans  Bericht,  3.  Juni  1835.
**)  Ancillon,  Weisung  an  Brockhausen,  18.  Dez.  1834.
*:7"*)  Maltzans  Bericht,  31.  Mai  1836.
#)  So  der  hannöversche  Gesandte  v.  Münchhausen  in  Berlin  (Bericht  v.  28.  September
  1837).
#—4)  Berichte  von  Maltzan,  Sept.  1837;  von  Werther,  18.Okt.;  Ancillon  an  Maltzan,
10.  Febr.  1837.
        <pb n="517" />
        Niederlage  des  Carlismus.  509

anzunähern  und  deren  Argwohn  gegen  Rußland  aufzustacheln,  da  erfuhr
er  die  schnödeste  Zurückweisung.  „Wenn  Palmerston  an  meine  Tür  klopft“,
sagte  Metternich  höhnisch,  „dann  muß  er  in  den  letzten  Zügen  liegen.“*
Nur  einem  Torykabinett  wollten  die  deutschen  Mächte  Vertrauen  schenken;
aber  die  Torys  gelangten  nur  einmal,  im  Herbst  1834,  auf  wenige  Monate
  ans  Ruder,  ohne  die  englische  Politik  in  andere  Bahnen  leiten  zu
können.  Palmerston  behauptete  sich  in  der  Herrschaft,  und  seit  er  in  seinen
Reden  den  Bund  der  freien  Nationen  verherrlichte,  trugen  ihn  die  Wellen
der  Volksgunst.

Also  von  England  mit  Eifer,  von  Frankreich  nur  lau  unterstützt,  errangen
  die  Cristinos  erst  im  Jahre  1839  entscheidende  Erfolge.  Elende
Ränke  und  Zwistigkeiten  hatten  die  Kraft  der  Carlisten  längst  geschwächt,
da  wurde  Don  Carlos  durch  den  Verrat  eines  seiner  Generale  gezwungen,
nach  Frankreich  zu  flüchten,  wo  er  in  Bourges,  dem  Wohnsitze  des  grollenden
  legitimistischen  Adels,  seinen  feierlich  steifen  Hofhalt  aufschlug.
Noch  ein  Jahr  lang  suchte  der  wilde  Cabrera,  dem  die  Cristinos  die  Mutter
erschossen  hatten,  den  Krieg  hinzuhalten;  jedoch  das  Baskenvolk  war  erschöpft
  von  dem  ungleichen  Kampfe,  weithin  durch  die  Berge  klang  der
Ruf  Paz  7  kueros.  Die  Regentin  entschloß  sich  endlich,  die  Sonderrechte
der  baskischen  Provinzen  zu  bestätigen,  und  nunmehr  wurde  die  Herrschaft
der  jungen  Königin  Isabella  im  ganzen  Lande  anerkannt.  Aber  dies  neue
Königtum  blieb  unrechtmäßig  von  Haus  aus  —  denn  die  Rechtsgründe  der
Cristinos  wogen  sehr  leicht  —  und  konnte  niemals  auf  die  Empfindung
angestammter  Treue  zählen.  Das  alte  Spanien  war  vernichtet,  ein  neues
nicht  begründet.  Der  Carlismus  schlummerte,  tot  war  er  nicht.  Von
der  verheißenen  Glückseligkeit  des  konstitutionellen  Lebens  zeigte  sich  keine
Spur.  Das  Heer  war  durch  Parteiung  zerrissen,  die  Verwaltung  durchaus
  verderbt.  In  den  Cortes  tobte  die  Amterjagd,  am  Hofe  rangen  die
Gesandten  Englands  und  Frankreichs  um  die  Herrschaft.  Wie  die  Spanier
  einst  für  die  Idee  des  katholischen  Weltreichs  sich  fast  verblutet  hatten,
so  boten  sie  jetzt  wieder  den  entsetzlichen  Anblick  einer  lediglich  politisierenden
  Nation.  In  dem  wüsten  Gezänk  der  Parteien  ging  alle  Kraft  dieses
verschwenderisch  begabten  Volkes  auf;  für  Kunst,  Forschung,  Volkswirtschaft,
  für  alle  schöpferische  Kultur  blieb  nichts  übrig.  Erst  nach  Jahrzehntern
  sollten  sichdie  schwachen  Anfänge  eines  gesünderen  Volkslebens  zeigen.

Was  mit  diesem  unheilvollen  Kriege  irgend  in  Berührung  kam,  verfiel
  notwendig  dem  Fluche  der  Unwahrheit.  Auch  die  Politik  der  Ostmächte
  blieb  davon  nicht  frei;  immerhin  verfuhren  sie  ehrlicher,  ruhiger
als  die  Westmächte.  Sie  standen  mit  ihren  Wünschen  auf  Don  Carlos'
Seite,  nicht  bloß  weil  er  der  legitime  König  war,  sondern  auch  weil  sie
noch  immer  auf  einen  Weltkrieg  gefaßt  sein  mußten  und  für  diesen  Fall

 

*)  Ancillon  an  Maltzan,  17.  Aug.;  Maltzans  Bericht,  12.  Juni  1835.
        <pb n="518" />
        510  IV.  8.  Stille  Jahre.

nur  auf  die  Bundesgenossenschaft  eines  carlistischen  Spaniens  zählen
konnten.  In  Berlin  sprach  sich  der  Kronprinz  besonders  lebhaft  für  Don
Carlos  aus;  sein  Vertrauter  Oberst  Radowitz  verteidigte  das  legitime
spanische  Thronfolgerecht  in  einer  Flugschrift.  Da  Palmerston  überdies
den  spanischen  Krieg  von  vornherein  als  einen  Kampf  der  Revolution  gegen
das  Fürstenrecht  anpries,  so  blieb  den  drei  Mächten  kaum  eine  Wahl.
Sie  riefen  ihre  Gesandten  aus  Madrid  ab  —  zum  schweren  Schaden  für
die  armen  Weber  des  Riesengebirges,  die  in  Spanien  ein  wichtiges  Absatzgebiet
  verloren;  sie  verboten  dem  Könige  von  Belgien,  Werbungen  für  die
Cristinos  zuzulassen;  jedoch  eine  förmliche  Anerkennung  Karls  V.  wagten  sie
nicht  auszusprechen,  weil  sie  als  Landmächte  nicht  ohne  Frankreichs  Beihilfe
  eine  Einmischung  versuchen  konnten.  Auf  eine  völlige  Umkehr  Ludwig
Philipps  hoffte  man  am  Berliner  Hofe  nicht;  man  kannte  seine  bedrängte
Lage  und  wußte,  „daß  er  die  nationale  Eitelkeit  in  dem  Glauben  erhalten
müsse,  als  ob  Frankreich  eine  Art  friedlicher  Diktatur  ausübe.“/#F)  Um  so
mehr  erwartete  man  von  den  Waffenerfolgen  der  Carlisten;  denn  Don
Carlos'  Agenten,  die  an  allen  deutschen  Höfen  ihr  Wesen  trieben,  hatten
dort  überall  die  Meinung  erweckt,  daß  der  legitime  König  auf  die  ungeheure
  Mehrheit  der  Nation  rechnen  dürfe.  Nach  jedem  Siege  der  Basken
beriet  man  insgeheim,  ob  man  nicht  jetzt  den  König  Karl  anerkennen
solle,  um  schließlich  immer  wieder  zu  beschließen,  daß  man  erst  seinen  Einzug
  in  Madrid  abwarten  müsse.  So  lief  denn  alles  hinaus  auf  einen
unfruchtbaren  Depeschenwechsel.  Als  die  englische  Regierung  sich  einmal
unterstand,  dem  Berliner  Hofe  die  Legitimität  der  Königin  Isabella  zu
erweisen,  wurde  sie  durch  ein  gründliches  Gutachten  des  Berliner  Auswärtigen
  Amts  siegreich  widerlegt.7)  Ancillon  fühlte  sich  bei  diesen  Wortgefechten
  wie  der  Fisch  im  Wasser.  Unaufhaltsam  predigte  er  dem  Tuilerienhofe
  in  lehrhaften  Noten  seine  Weisheit;  er  scheute  die  stärksten  Ausdrücke
nicht,  aber  „den  Ton  des  Popilius“  —  so  gestand  er  selbst  —  wollte  er
auf  keinen  Fall  anschlagen.)

Keiner  unter  den  drei  verbündeten  Monarchen  zeigte  sich  gegen  Don
Carlos  so  kühl  wie  Zar  Nikolaus.  Sein  Haß  galt  noch  immer  „dem
Straßenkönig  und  dem  Blusenkönig“,  wie  er  die  beiden  Gewalthaber  in
Paris  und  Brüssel  zu  nennen  liebte;  nach  wie  vor  hoffte  er  auf  einen
Weltkrieg,  der  alle  Schöpfungen  der  Juli-Revolution  mit  Stumpf  und  Stiel
vertilgen  sollte.  Neben  diesen  großen  Entwürfen  erschien  ihm  die  spanische
Bewegung  kaum  der  Beachtung  wert.  „Für  Don  Carlos  habe  ich  nur
Eisen,  aber  kein  Gold,“  sagte  er  hochmütig.#)  Als  echter  Sohn  des

*7)  Ancillon  an  Brockhausen,  14.  Juli  1834.
*)  Memorandum  on  Spain,  begutachtet  durch  Frhr.  v.  Miltitz,  19.  März  1839.
##)  Ancillon  an  Brockhausen,  23.  April  1835.
f)  An  diese  allen  Höfen  wohlbekannte  Außerung  des  Zaren  erinnert  Maltzan
in  seinem  Berichte  vom  14.  Jan.  1837.
        <pb n="519" />
        Die  Ostmächte  und  Don  Carlos.  511

Hauses  Holstein-Gottorp  hatte  er  aber  auch  bei  diesen  legitimistischen  Kraftreden
  seine  Hintergedanken.  Die  Schirmherrschaft  über  den  Sultan,  die
sich  Rußland  durch  die  Verträge  von  Adrianopel  und  Hunkiar  Iskelessi
errungen  hatte,  geriet  schon  ins  Wanken;  die  englische  Diplomatie  gewann
am  Bosporus  wieder  Boden,  und  der  Zar  wollte  den  gefährlichsten  Gegner
seiner  orientalischen  Pläne  nicht  ohne  Not  aufreizen.  Deshalb  berührte
er  die  spanischen  Händel  nur  ungern,  und  Metternich  konnte  gar  nicht
begreifen,  warum  Nikolaus  das  britische  Kabinett,  „die  schlechteste  aller
schlechten  Regierungen“,  so  rücksichtsvoll,  ja  zärtlich  behandelte.)
Unter  solchen  Umständen  vermochte  Don  Carlos  nicht  einmal  eine
erhebliche  Geldunterstützung  von  den  drei  Monarchen  zu  erlangen.  Die
Liberalen  freilich  glaubten  steif  und  fest,  daß  der  Krieg  der  Carlisten  wesentlich
  mit  dem  Gelde  der  Ostmächte  geführt  würde;  zumal  die  Osterreicher
erzählten  sich  Wunderdinge  von  den  ungeheuren  Summen,  die  alljährlich
nach  den  Pyrenäen  abströmen  sollten.  Nichts  konnte  irriger  sein.  Selbst
König  Friedrich  Wilhelm,  der  streng  carlistisch  gesinnt  und  über  die  Lauheit
  seines  Schwiegersohnes  sehr  ungehalten  war,  weigerte  sich  entschieden,
die  Bürgschaft  für  eine  carlistische  Anleihe  zu  übernehmen,  wie  der  alte
französische  Legitimist  Blacas  ihm  vorschlug;  so  offen  sollte  sein  Staat
nicht  Partei  nehmen.““)  Erst  nach  langem  Bitten  erklärte  er  sich  zu  einer
Barzahlung  bereit,  die  allenfalls  als  ein  Almosen  oder  als  ein  Beweis
persönlicher  Freundschaft  betrachtet  werden  konnte.  Auf  seinen  Befehl
mußte  die  Seehandlung  in  tiefem  Geheimnis  nach  und  nach  insgesamt
473  624  Tlr.  8  Sgr.  „zu  einem  besonderen  Zweck“  unverzinslich  vorschießen;
  die  Gelder  gingen,  zum  Teil  durch  Metternichs  Vermittlung,
als  Geschenk  an  Don  Carlos  ab  und  wurden  nachher  aus  dem  Staatsschatz
  ersetzt.)  Die  Summe  war  sehr  hoch  für  einen  knappen  Staatshaushalt,
  der  mit  51  Mill.  jährlich  seine  regelmäßigen  Ausgaben  bestreiten
sollte,  aber  lächerlich  gering  als  Beihilfe  zu  einem  siebenjährigen  Kriege,
welcher  sogar  die  Juwelenschätze  der  spanischen  Klöster  erschöpfte.  Nachher
zahlten  auch  die  Hofburg  und,  nach  langem  Sträuben,  selbst  Zar  Nikolaus,
  aber  beide  gaben  nur  etwa  ebensoviel  wie  der  König  von  Preußen,
so  daß  die  gesamten  Spenden  der  drei  Höfe  sich  auf  4  Mill.  Franken
belaufen  mochten.  Dabei  blieb  es.  Größere  Zahlungen  erlaubte  der
Zustand  der  preußischen  Finanzen  nicht  mehr,  und  kleine  Summen  wollte
man  nicht  geben,  weil  man  jetzt  schon  aus  schmerzlicher  Erfahrung  wußte,
daß  diese  regelmäßig  in  den  Taschen  der  carlistischen  Granden  verschwanden.
  Nach  der  Niederlage  der  Carlisten  wurde  in  der  Berliner  vornehmen
Welt  noch  einmal  für  die  Trümmer  des  geschlagenen  Heeres  gesammelt;

*)  Maltzans  Bericht,  26.  Dez.  1835.
**)  Lottum,  im  Namen  des  Königs,  an  Anecillon,  23.  April  1834.
*'“)  Kabinettsordres  an  Rother,  25.  Nov.  1836,  an  Lottum,  11.  Aug.  1838.  Rother
an  Lottum,  5.  März  1838.
        <pb n="520" />
        512  IV.  8.  Stille  Jahre.

Prinz  Karl  und  die  Minister  Wittgenstein,  Rochow,  Werther  beteiligten
sich,  doch  der  Ertrag  bezifferte  sich  nur  auf  1100  Taler.5)  Bedeutende
Zahlungen  leistete  unter  sämtlichen  Monarchen  allein  König  Karl  Albert
von  Sardinien,  der  sich  als  der  eifrigste  aller  Legitimisten  gebärdete  und
überdies  durch  seine  dynastischen  Interessen  mit  Don  Carlos  verbunden
war.  Die  Ostmächte  taten  nur  notdürftig,  was  der  Anstand  zu  fordern
  schien.  Indes  diese  schwächliche  Hilfe  genügte,  um  ihre  Gesinnungen
zu  verraten;  und  als  der  Carlismus  am  Boden  lag,  da  jauchzte  die  liberale
  Welt:  die  Heilige  Allianz  sei  durch  den  Bund  der  vier  freien  Nationen
aufs  Haupt  geschlagen.  —

So  trat  der  feine  und  scharfe  Gegensatz,  der  seit  der  Juli-Revolution
die  preußische  von  der  russischen  Politik  trennte,  in  allen  Fragen  erkennbar
  hervor.  Die  persönliche  Freundschaft  der  beiden  Höfe  blieb  dabei
unverändert.  Im  Herbst  1834  ging  Prinz  Wilhelm  nach  Petersburg,  um
der  Einweihung  der  Alexandersäule  beizuwohnen;  gleich  darauf  kam  der
Zar  mit  seinem  Thronfolger  nach  Berlin,  wo  er,  im  schlichten  Rock  die
Straßen  durchwandernd,  durch  Leutseligkeit  und  reiche  Einkäufe  die  Ladenbesitzer
  entzückte.  Seinen  Schwiegervater  überschüttete  er  mit  den  gewohnten
  zärtlichen  Schmeicheleien  und  beredete  ihn  zu  einem  seltsamen  theatralischen
  Unternehmen,  das  der  Quadrupel--Allianz  die  unverbrüchliche
Freundschaft  Preußens  und  Rußlands  handgreiflich  vor  die  Augen  stellen
sollte.  Im  September  1835  bezogen  die  russischen  und  einige  tausend
Mann  preußischer  Truppen  ein  gemeinsames  Lager  bei  Kalisch;  ein  russisches
  Korps  kam  zur  See  nach  Danzig,  um  durch  Westpreußen  nach  der
polnischen  Grenzstadt  zu  marschieren,  und  die  Danziger  ließen  am  Eingange
ihres  schönen  Ratskellers  neben  dem  Artushofe  das  lebensgroße  Konterfei
eines  acht  Fuß  langen  moskowitischen  Tambourmajors  abmalen,  der  den
Europäern  die  Größe  des  Zarenreichs  veranschaulichen  mußte.  In  Kalisch
ging  es  hoch  her.  Kaiser  und  Kaiserin  empfingen  den  König  mit  kindlicher
Ehrfurcht,  Nikolaus  küßte  ihm  wiederholt  die  Hände  und  die  Armel.
Tscherkessen  und  Kosaken  zeigten  ihre  barbarischen  Reiterkünste,  ein  russisches
  Grenadierregiment  verstand  sogar  den  Parademarsch  hüpfend  auszuführen;
  prächtige  Schmäuse  und  Feuerwerke  wechselten  ab  mit  den  kriegerischen
  Ubungen.  Damit  sein  Schwiegervater  sich  ganz  zu  Hause  fühle,
hatte  der  Zar  die  besten  Berliner  Schauspieler  kommen  lassen,  und  als
zum  Schluß  das  Kalischer  Schloß  erstürmt  wurde,  erschien  die  Zarin  in
hellen  Gewändern  auf  dem  Altane,  um  als  Friedensengel  dem  Kampfe
Einhalt  zu  gebieten.

Nachher  wurde  zu  Ehren  der  Castra  Calissiensia  Russo-Borussica
noch  eine  Denkmünze  geschlagen  mit  den  Bildern  der  beiden  Monarchen  und

 

*)  Berliner  Berichte  der  hannöverschen  Gesandten  v.  Münchhausen,  28.  Sept.  1837,
v.  Berger,  30.  Okt.  1839.
        <pb n="521" />
        Das  Lager  von  Kalisch.  513

zweier  Ritter,  welche  die  Fahnen  der  beiden  Nationen  trugen.  Trotz  alledem
  trat  gerade  bei  dieser  Heerschau  grell  zu  Tage,  daß  die  Verbrüderung
der  beiden  Reiche  lediglich  auf  dynastischen  Gefühlen  und  politischer  Berechnung,
  keineswegs  auf  den  Neigungen  der  Völker  beruhte.  Recht  befriedigt
  waren  von  allen  Preußen  nur  Oberst  von  Rauch,  der  Militärbevollmächtigte
  in  Petersburg,  des  Zaren  erklärter  Liebling,  der  fortan
durch  viele  Jahre  das  Haupt  der  Russenfreunde  blieb,  und  der  Herausgeber
des  Soldatenfreundes,  der  Schauspieler  Louis  Schneider,  ein  glühender
Verehrer  des  Zaren;  der  fühlte  sich  selig,  als  Nikolaus  „dem  königlich
preußischen  Unteroffizier  Leontin  Abrahamowitsch  Schneider“  eine  Vollmacht
  zur  Besichtigung  des  Lagers  gegeben  hatte,  und  sendete  der  Staatszeitung
  bedientenhafte  Berichte  über  die  moskowitischen  Herrlichkeiten.  Die
anderen  —  im  stillen  auch  der  König  selbst  —  fühlten  sehr  lebhaft,  daß
dies  nutzlose  militärische  Gepränge  ein  politischer  Fehler  war.  Eine  so
innige  Freundschaft,  wie  sie  hier  zur  Schau  getragen  wurde,  kann  zwischen
unabhängigen  Staaten  nur  während  eines  gemeinsamen  Krieges,  im  Frieden
niemals  bestehen.  Da  Preußen  nach  der  Meinung  der  Welt  der  schwächere
Teil  war,  so  setzte  er  sich  der  üblen  Nachrede  aus,  daß  der  Zar  in  Berlin
gebiete.  Die  liberale  Presse  säumte  nicht,  diese  Schwäche  auszubeuten.  Zugleich
  erging  sie  sich  in  pathetischen  Klagen  über  die  unsinnige  Verschwendung
  der  nordischen  Despoten;  wußte  man  doch,  daß  selbst  Fürst  Wittgenstein
  geäußert  hatte,  solche  Paradefeste  gehörten  in  die  Zeit  Augusts  des
Starken,  nicht  in  die  Gegenwart.  Daß  der  König  die  außerordentlichen
Kosten  auf  seine  Schatulle  übernahm,  blieb  den  Zeitungen  unbekannt.
Den  preußischen  Offizieren  ward  nicht  wohl  bei  den  beharrlichen
Freundschaftsversicherungen  des  Zaren,  der  ihnen  immer  wieder  beteuerte:
„Sie  glauben  gar  nicht,  wie  glücklich  ich  mich  unter  Ihnen  fühle.“  Nur
zu  gut  war  ihnen  bekannt,  welche  brutale  Härte  dieser  Liebenswürdige
unterweilen  zeigen  konnte,  und  sie  rühmten  gern,  wie  freimütig  ihr
General  Wrangel  kürzlich  den  tapferen  General  Karl  Nostitz  und  dessen
Kosaken  gegen  den  schimpfenden  Kaiser  in  Schutz  genommen  hatte;  das
sei  ein  ungerechter  Tadel,  hatte  der  Preuße  gesagt,  einen  solchen  kurzen
Paradegalopp  dürfe  man  ungeschulten  Steppenpferden  nicht  zumuten.  Sie
wollten  sich  auch  kein  Herz  fassen  zu  diesen  russischen  Kameraden,  die  entweder
  aller  Kultur  entbehrten  oder  durch  französische  Salonbildungglänzten.
Sie  bemerkten  bald  die  mangelhafte  Bewaffnung,  die  elende  Verpflegung,
die  unmenschliche  Mannszucht  in  vielen  russischen  Regimentern,  und  obwohl
  sie  sich  selbst  in  der  langen  Friedenszeit  an  manche  unlebendige
Manöprierkünste  gewöhnt  hatten,  so  sahen  sie  doch  mit  Verwunderung,  wie
der  Zar  jede  Bewegung  der  kämpfenden  Truppenteile  Zug  um  Zug
selber  leitete,  seine  Generale  nur  die  überbrachten  Befehle  mechanisch
weitergaben.  Noch  weniger  konnte  sich  ein  kameradschaftliches  Verhältnis
zwischen  den  Mannschaften  bilden,  obgleich  die  preußischen  Garden  beim

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  33
        <pb n="522" />
        514  IV.  8.  Stille  Jahre.

Einmarsch  von  den  russischen  umarmt  und  nach  der  widerlichen  slawischen
Sitte  abgeküßt  wurden:  hier  junge  Männer  aus  allen  Ständen  der  Nation,
dort  alte  Soldaten,  meist  ausgehoben  aus  jenen  zweifelhaften  Schichten
der  Gesellschaft,  welche  von  den  Behörden  für  „entbehrlich“  erklärt  wurden,
und  dazu  die  Verschiedenheit  der  Sprache,  der  Lebensgewohnheiten,  der
Ehrbegriffe.  Als  die  Preußen  von  Kalisch  über  die  nahe  Grenze  zurück—
kehrten,  hatten  sie  das  volle  Gefühl  der  überlegenheit;  die  Offiziere  ver—
bargen  ihren  Widerwillen  kaum,  und  manche  fragten  bitter:  warum  man  sie
gerade  hier  habe  Gastrollen  geben  lassen,  in  dieser  vormals  preußischen  Stadt,
wo  noch  am  Kadettenhause  und  anderen  öffentlichen  Gebäuden  die  leicht
übertünchten  Namenszüge  zweier  preußischer  Könige  zu  lesen  standen?  —

Die  politische  Haltung  der  beiden  Mächte  wurde  durch  dies  Verbrüderungsfest
  nicht  verändert.  Während  Nikolaus  den  Bürgerkönig  nach
wie  vor  mit  ausgesuchter  Ungezogenheit  behandelte,  befestigte  sich  Friedrich
Wilhelm  mehr  und  mehr  in  der  Uberzeugung,  daß  man  mit  den  neuen
französischen  Zuständen  nüchtern  rechnen  müsse.  Seit  den  Münchengrätzer
Verhandlungen  bezweifelten  die  kleinen  deutschen  Höfe  nicht  mehr,  daß
Preußen  fest  entschlossen  war,  nur  einen  deutschen  Krieg,  niemals  einen
legitimistischen  Prinzipienkrieg  zu  führen.)  Wahre  Achtung  konnte  der
Thronräuber  zu  Berlin  freilich  nicht  finden,  in  den  vertraulichen  Schreiben
der  preußischen  Diplomaten  wurde  er  immer  nur  Ludwig  Philipp,  fast  niemals
  König  genannt.  Aber  er  war  am  Ruder;  solange  er  herrschte,
schienen  Ordnung  und  Frieden  gesichert.  Platen  sprach  nur  die  allgemeine
  Meinung  der  gemäßigten  Parteien  aus,  da  er  sang:

Viel  hangt  an  ihm.  Nie  war  so  heilig
Irgendein  fürstliches  Haupt  als  seins  ist.

Die  konsewative  Gesinnung  des  Bürgerkönigs  ließ  wenig  zu  wünschen
übrig.  Man  wußte  in  Berlin  und  Wien  sehr  genau,  wie  absichtlich  er
die  ewigen  Ministerwechsel  des  Parlamentarismus  beförderte,  um  also  alle
Staatsmänner  zu  vernutzen  und  den  Franzosen  seine  eigene  Unentbehrlichkeit
  zu  erweisen..')  Seit  Fieschi  seine  Höllenmaschine  gegen  Ludwig
Philipp  gerichtet  hatte,  bekannte  sich  der  König  offen  zu  der  „Politik  des
Widerstandes“  und  ließ  durch  die  Septembergesetze  „die  Partei  der  Bewegung“
  streng  danieder  halten.  So  scharf  war  seit  Napoleon  keine
französische  Regierung  gegen  die  Unruhestifter  eingeschritten;  denn  jene
Bluttat  erschien  nicht  nur  schreckhaft  durch  ihre  damals  beispiellose,  heute
freilich  längst  überbotene  Roheit;  sie  bewies  auch,  daß  die  Radikalen
nicht  den  Monarchen  persönlich,  sondern  das  Königtum  selbst  auf  Tod
und  Leben  bekämpften.  Und  wie  haltlos,  wie  blasiert,  wie  unfähig  zum
Widerstande  gegen  neue  Revolutionen  zeigte  sich  die  Pariser  Gesellschaft

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  10.  Okt.  1833.
*)  Graf  Maltzans  Bericht,  21.  März  1837.
        <pb n="523" />
        Preußen  und  die  Orleans.  515

angesichts  eines  solchen  Verbrechens!  In  Scharen  strömten  die  skandalsüchtigen
  Großstädter  herbei,  um  für  zwei  Franken  Eintrittsgeld  eine
häßliche  Dirne  zu  betrachten,  die  sich  als  Geliebte  des  Banditen  Fieschi  öffentlich
  zur  Schau  stellte.

Unter  so  unheimlichen  Eindrücken  ward  Ludwig  Philipp  von  Tag  zu
Tag  besorgter  und  hörte  bereitwillig  auf  die  Ratschläge  Metternichs,  der
ihm  außer  den  üblichen  salbungsvollen  Ermahnungen  unterweilen  auch
eine  treffende  Bemerkung  sagte.  Einmal  fragte  ihn  der  Osterreicher,
ob  er  denn  nicht  sehe,  daß  in  Frankreich  eine  neue  Klassenherrschaft  entstanden
  sei;  wenn  die  Mittelklasse  selbst  regiere,  dann  höre  sie  eben  auf
der  Mittelstand  zu  sein.)  Für  Europa  wünschte  der  Bürgerkönig  nichts
sehnlicher  als  die  Wiederherstellung  des  alten  Aachener  Fünferbündnisses,
das  seine  Dynastie  nach  beiden  Seiten  hin  gedeckt  hätte,  und  in  diesem
Wunsche  begegnete  er  sich  mit  der  Friedensliebe  Friedrich  Wilhelms.“)  Aber
wie  ließ  sich  an  einen  Bund  der  fünf  Mächte  denken,  solange  der  Zar  seine
Schmähungen  gegen  das  Julikönigtum,  Palmerston  seine  revolutionären
Brandreden  fortsetzte?  Rußland  und  England  waren  die  Friedensstörer.  Am
meisten  empörte  den  König  von  Preußen,  daß  der  Londoner  Hof  unter  der
Hand  unternahm,  Österreich  zu  den  Westmächten  hinüberzuziehen;  er  verlangte
  und  erreichte  die  Abweisung  dieser  Versuche,  „damit  den  Prahlereien
des  englischen  Ministeriums  ein  für  allemal  ein  Ende  gemacht  werde“.)
England  gab  er  für  jetzt  preis;  mit  Frankreich  aber  wollte  er  in  ehrlicher
Freundschaft  leben,  solange  dort  eine  geordnete  Regierung  bestünde

Noch  immer  standen  die  Orleans  in  der  großen  Familie  der  europäischen
  Fürsten  wie  Geächtete  da;  nur  mit  dem  Koburger  in  Brüssel
unterhielten  sie  geselligen  Verkehr.  Bei  mehreren  Höfen  hatte  Ludwig
Philipp  schon  vergeblich  um  eine  Gemahlin  für  seinen  Thronfolger  geworben;
  überall  waren  ihm  Rußlands  Drohungen  in  den  Weg  getreten,
und  er  klagte  nachher:  „der  Zar  hat  meine  Familie  zu  einer  tatsächlichen
  Kastration  verdammen  wollen.“t)Friedrich  Wilhelm  sah  ein,
daß  dieser  Zustand  nicht  dauern  durfte;  nachdem  man  die  Orleans  einmal
anerkannt,  mußte  man  ihnen  auch  die  gesellschaftliche  Stellung  einräumen,
welche  der  Krone  Frankreichs  gebührte.  Er  erklärte  sich  also  gern  bereit,  die
jungen  französischen  Prinzen  in  seinem  Schlosse  zu  empfangen,  und  nachdem
  Metternich  im  Jahre  zuvor  den  unwillkommenen  Besuch  unter  allerhand
  Vorwänden  noch  glücklich  abgewendet  hatte,  unternahm  der  Herzog
von  Orleans  mit  seinem  Bruder  Nemours  im  Mai  1836  die  Reise  an
die  beiden  großen  deutschen  Höfe.  Der  Kronprinz  von  Preußen  schrieb
verzweifelnd:  „das  ist  so  schwer  für  mich,  daß  ich  weinen  möchte.“  Sein

*)  Maltzans  Bericht,  21.  Mai  1837.

**)  Maltzans  Bericht,  26.  März  1836.

**#)  Randbemerkung  des  Königs  zu  Maltzans  Bericht  v.  1.  Mai  1836.
))Maltzans  Berichte,  Sept.  1837.

 

—  □
337
        <pb n="524" />
        516  IV.  8.  Stille  Jahre.

Vater  aber  bestand  darauf,  daß  der  Anstand  streng  gewahrt  wurde,  und
kam  den  Gästen  mit  väterlicher  Güte  entgegen.  Die  Berliner  jubelten,
weil  die  Zeitungen  so  viel  Herrliches  von  dem  freien  Frankreich  erzählten.
Selbst  Ancillon,  den  der  König  zu  den  geheimen  Vorverhandlungen  nicht
zugezogen  hatte,  machte  gute  Miene  zum  bösen  Spiele  und  versicherte  dem
Wiener  Hofe,  die  jungen  Herren  hätten  manches  Vorurteil  entwaffnet.“)

In  der  Tat  benahnm  sich  der  französische  Thronfolger  als  ein  liebenswürdiger,
  gebildeter,  verständiger  Mann;  er  gefiel,  obwohl  man  seinen
lauernden  Augen  die  Falschheit  der  Orleans  anmerkte.  Noch  immer  die
Hoffnung  der  Kriegspartei,  hatte  er  doch  den  prahlerischen  Ton  des  Nationalgardisten
  schon  längst  abgelegt  und  bewegte  sich  in  gemessenen
höfischen  Formen,  in  fürstlicher  Haltung;  auf  dem  gefährlichen  Berliner
Boden  ließ  er  sich  gern  durch  Al.  Humboldt  leiten.  Beim  Abschied  von
dem  Könige  schien  er  tief  gerührt:  „mein  Vater“,  rief  er  aus,  „hat  mir
befohlen,  nicht  heimzukehren,  ohne  die  wohltätige  Hand  geküßt  zu  haben,
die  zwanzig  Jahre  lang  der  Welt  den  Frieden  bewahrt  hat.“  In  Wien
war  der  Empfang  viel  kühler;  die  Erzherzöge  hielten  sich  zurück,  ein  Teil
des  hohen  Adels  hatte  die  Stadt  verlassen.  Auf  den  Festen  verrieten  sich
unverkennbar  Steifheit,  Verlegenheit,  schlechte  Laune,  die  Fürstin  Metternich
trug  ihre  legitimistische  Gesinnung  mit  gewohnter  Hoffart  zur  Schau.“)
Dem  ungeachtet  wagte  der  Herzog  von  Orleans  um  die  Hand  der  Erzherzogin
  Therese,  der  Tochter  des  Erzherzogs  Karl,  anzuhalten  und  empfing
eine  höfliche  Absage.  Der  greise  Feldherr  selbst  hätte  gern  eingewilligt,
war  er  doch  niemals  ein  Feind  Frankreichs  gewesen.  Aber  der  gesamte
übrige  Hof  erklärte  sich  dawider,  und  nicht  bloß  aus  legitimistischem  Stolze;
die  österreichischen  Heiraten  galten  in  Frankreich  von  alters  her  für
unheilvoll,  und  mit  gutem  Grunde  glaubte  Metternich,  eine  solche  Familienverbindung
  könne  den  Julithron  eher  erschüttern  als  stützen.

Über  diesen  Mißerfolg  zeigte  sich  Ludwig  Philipp  dermaßen  aufgebracht,
  daß  man  in  Berlin  schon  zu  fürchten  begann,  er  werde  sich  von
den  deutschen  Mächten  abwenden  und  wieder  in  das  Fahrwasser  der  revolutionären
  Propaganda  einlenken.  Darum  entschloß  sich  König  Friedrich
Wilhelm,  wieder  ohne  Ancillons  Vorwissen,  dem  französischen  Thronfolger
eine  Gemahlin  aus  einem  mindermächtigen,  aber  vornehmen,  altfürstlichen
Hause  zu  verschaffen;  und  als  ihm  der  französische  Gesandte  Bresson  von
der  anmutigen  Prinzessin  Helene  von  Mecklenburg-Schwerin  sprach,  übernahm
  er  sofort  selbst  die  Vermittlung.  Metternich  fand  nichts  einzuwenden;
er  meinte  höhnisch,  diese  Braut  sei  politisch  völlig  geruchlos  (anodine).
Prinzessin  Helene  wardie  Schwester  von  Friedrich  Wilhelms  Schwiegersohne,
dem  lebenslustigen,  pracht=  und  kunstliebenden  Großherzog  Paul  Friedrich,

*)  Ancillon  an  Maltzan,  26.  Mai  1836.

**)  Maltzans  Bericht,  25.  Juni  1836.
*“)  Maltzans  Berichte,  Febr.  1837.
        <pb n="525" />
        Die  Heirat  des  Herzogs  von  Orleans.  517

der  soeben  in  Schwerin  die  Regierung  angetreten  hatte.  Der  Stolz  des
mecklenburgischen  Hauses,  das  schon  fünf  Königinnen  unter  seinen  Töchtern
zählte,  sträubte  sich  lange.  Da  ließ  der  König  seinem  Schwiegersohne  durch
Graf  Lottum  vorstellen:  seinen  persönlichen  Gefühlen  wolle  er  nichts  vorschreiben,
  aber  die  Heirat  aus  politischen  Gründen  auszuschlagen,  sei  ein
Fehler;  bis  jetzt  habe  die  Diplomatie  „mit  Glück  dahin  gewirkt“,  Ludwig
Philipp  zu  den  konservativen  Mächten  hinüberzuziehen;  weise  man  die
Werbung  ab,  so  erbittere  man  ihn  und  noch  mehr  den  reizbaren  Thronerben,
eben  dies  wünschten  die  deutschen  und  die  polnischen  Revolutionäre.“)  Hierauf
  wurde  Minister  Kamptz  als  Rechtsrat  nach  Schwerin  gesendet,  und
wie  gänzlich  umgewandelt  erschien  dort  plötzlich  dieser  gestrenge  Royalist,
der  sich  kürzlich  für  sein  altes  Wappen  die  neue  Devise:  Regi  et  principio
conservativo  gewählt  hatte.  Der  Befehl  seines  Königs  und  der  Wunsch,
dem  angestammten  mecklenburgischen  Hause  neuen  Glanz  zu  verschaffen,
bezauberten  ihn  völlig.  In  einer  vertraulich  verbreiteten  Schrift  stellte
er  Rechtssätze  auf,  die,  an  sich  unhaltbar,  in  seinem  Munde  ganz  ungeheuerlich
  klangen:  er  suchte  die  Quasi-Legitimität  der  Orleans  zu  beweisen,
da  Ludwig  Philipp  ein  legitimes  Thronfolgerecht  besessen  habe,  aber
freilich  noch  nicht  an  der  Reihe  gewesen  sei.

Dawider  erhob  sich  der  ehrliche  alte  Strelitzer  Minister  Aug.  von
Oertzen.)  Der  weilte,  auf  den  Tod  erkrankt,  in  Berlin  und  konnte  nicht
ruhig  sterben,  ehe  er  sein  Fürstenhaus  gewarnthatte.  „Schon  im  Privatleben“,
sagte  er  nach  seiner  patriarchalischen  Weise,  „entschließt  man  sich  nicht,  den
Genuß  sogenannter  Glücksgüter  zu  teilen,  wenn  die  Rechtmäßigkeit  ihrer
Erwerbung  irgend  zweideutig  erscheint.“  Er  widerlegte  die  Behauptungen
Kamptz'  in  einer  geharnischten  Denkschrift,  die  er  ebenfalls  unter  der  Hand
bei  Hofe  verbreiten  ließ.  „Bisher“,  so  äußerte  er,  „haben  Legitimität  und
Revolution  nur  nebeneinander  bestanden,  sie  haben  sich  gegenseitig  geduldet
  und  äußerlich  miteinander  Frieden  gehalten;  hinfort  werden  sie  sich
miteinander  vermischt  und  vermählt  haben.“  Daß  des  Königs  Schwager
bei  dieser  Arbeit  irgendwie  beteiligt  war,  galt  für  sicher;  in  der  diplomatischen
  Welt  hielt  man  ihn  sogar  für  den  eigentlichen  Verfasser.  Herzog
Karl  verhehlte  seine  Entrüstung  über  den  Heiratsplan  nicht;  „er  wäre  in
seiner  Wut  bald  zum  Teufel  gefahren,“  so  meinte  Wittgenstein,  der  selber
den  Befehlen  des  Königs  unbedingt  folgte.  Darauf  antwortete  Kamptz  durch
bissige  „Anmerkungen“,  die  sich  auf  das  Beispiel  der  Wasas,  der  Welfen,
Wilhelms  III.,  Napoleons  beriefen  und  den  Verfasser  der  Denkschrift  mit
der  äußersten  Geringschätzung  behandelten.  “)  Der  Streit  zwischen  den
höchsten  Würdenträgern  der  Monarchie  wurde  sehr  ärgerlich.  Herzog  Karl

*)  Lottum,  Promemoria  über  die  mecklenburgische  Heirat,  28.  Jan.  1837.
½)  E.  o.  III.  571.

*“)  „Bemerkungen“,  mecklenburgische  Denkschrift,  mit  „Anmerkungen“  von  Kamptz
(l#ithographiert,  Frühjahr  1837).
        <pb n="526" />
        518  IV.  8.  Stille  Jahre.

bekam  die  Ungnade  des  Königs  lebhaft  zu  empfinden;  er  verlangte  wieder
einmal,  wie  so  oft  schon,  seine  Entlassung  aus  dem  Staatsrate,  ein  Bruch
schien  unvermeidlich,  und  nach  allem,  was  geschehen,  war  es  fast  ein  Glück
für  ihn,  daß  er  bald  nachher  erkrankte  und  starb  (Sept.  1837).  Auch  der
Kronprinz  bestürmte  seinen  Vater  mit  Klagen.  Zar  Nikolaus  setzte  ebenfalls
alle  Hebel  ein,  er  sendete  seinen  Günstling  Oberst  Rauch  nach  Berlin  und
ließ  in  Schwerin  die  Prinzessin,  seine  Nichte,  beschwören,  daß  sie  von  ihrem
ausgesprochenen  Entschlusse  abstehen  möge  —  was  Ancillon  als  einen  ungehörigen
  Eingriff  in  deutsche  Angelegenheiten  entschieden  zurückweisen  mußte.*)

Bei  all  diesem  Getöse  behielt  der  alte  König  seinen  Gleichmut;  er
blieb  dabei,  daß  der  europäische  Friede  ein  solches  Opfer  verlange:  —  eine
preußische  Prinzessin  würde  er  den  Orleans  freilich  nicht  preisgegeben
haben.  Im  Mai  1837  fand  die  Braut  auf  der  Durchreise  nach  Paris  im
Potsdamer  Schlosse  freundliche  Aufnahme  und  gewann  sich  an  A.  Humboldt
  einen  Freund  für  das  Leben.  Im  Juni  wurde  die  Hochzeit  gefeiert
und  zugleich  in  Versailles  das  Museum  à  toutes  les  gloires  de  la  France
eröffnet,  eine  Sammlung,  deren  prahlerische  Schlachtenbilder  zu  dem  friedfertigen
  Wesen  des  Bürgerkönigtums  allerdings  wenig  stimmten.  Ludwig
Philipp  schwamm  in  Freuden,  er  ernannte  seinen  Gesandten  Bresson  zum
Pair;  denn  nunmehr  war  sein  Haus,  Dank  dem  Könige  von  Preußen,
feierlich  in  die  Gemeinschaft  des  europäischen  Fürstenstandes  aufgenommen.
Er  säumte  auch  nicht,  seine  Dankbarkeit  durch  Taten  zu  bewähren.  Im
Jahre  1838  wurden  die  Franzosen  aus  Ancona,  die  Österreicher  aus
Ferrara  zurückgerufen,  und  vorläufig  schien  jede  Kriegsgefahr  beseitigt.  —

Die  gleiche  Mäßigung  bewährte  Friedrich  Wilhelm  auch  bei  den  schweizerischen
  Händeln,  die  sein  Fürstentum  Neuenburg  noch  immer  beunruhigten.
  Nachdem  sieben  demokratische  Kantone  einen  Sonderbund  zum  Schutze
ihrer  neuen  Verfassungen  gebildet  hatten,  schlossen  die  Neuenburger  Royalisten
  mit  fünf  anderen  konservativen  Kantonen  den  Sarnerbund,  um
das  alte  Bundesrecht  aufrecht  zu  erhalten.  Der  Streit  verschärfte  sich
dergestalt,  daß  der  Neuenburger  Gesetzgebende  Körper  im  Sommer  1833
beschloß,  beim  Könige  förmlich  den  Austritt  aus  der  Eidgenossenschaft  zu
beantragen.  So  war  die  Meinung  der  großen  Mehrzahl  der  Gebildeten.
Unter  den  Massen  dagegen  besaß  die  schweizerische  radikale  Partei  der  sogenannten
  Patrioten  schon  starken  Anhang,  und  als  sie  sofort  eine  Gegenpetition
  veranstaltete,  fand  sie  leicht  einige  tausend  Unterschriften.  Der
König  ließ  diese  Petenten  kurz  bedeuten,  daß  er  nur  in  der  Meinung  der
gesetzmäßigen  Abgeordneten  die  Stimme  des  Volkes  erkennen  könne.  Die
Abgesandten  des  Gesetzgebenden  Körpers  hingegen,  an  ihrer  Spitze  der
feurige  Royalist  Baron  Chambrier,  wurden  in  Berlin  sehr  freundlich
aufgenommen,  sie  zeigten  dem  Könige  „ein  wahrhaft  kindliches  Vertrauen“,

 

*)  Münchhausens  Berichte,  21.  Febr.,  11.,  12.  April  1837.
        <pb n="527" />
        Neuenburger  Wirren.  519

wie  Ancillon  gerührt  erzählte.  Friedrich  Wilhelm  war  jedoch  nicht  gemeint,
auf  ihre  leidenschaftlichen  Vorschläge  ohne  weiteres  einzugehen;  denn  un—
möglich  konnte  dies  zwischen  Frankreich  und  der  Schweiz  eingepreßte  Jura—
ländchen  sich  als  europäische  Macht  behaupten.  Die  preußische  Regierung
verkannte  nicht,  wie  schwierig  die  Verhältnisse  des  kleinen  Fürstentums
sich  gestalten  mußten,  wenn  der  Radikalismus  in  der  Schweiz  auch  fernerhin
  überhandnahm  und  vielleicht  bald  eine  festere  Form  der  Bundeseinheit
begründet  wurde;  aber  sie  wußte  auch,  daß  Neuenburg  durch  seine  geographische
  Lage  wie  durch  eine  althistorische  Verbindung  auf  die  Schweiz
angewiesen  war,  und  verfiel  daher  auf  den  Gedanken,  ob  sie  dem
Ländchen  nicht  seine  frühere  Stellung  in  der  Eidgenossenschaft  wieder  verschaffen
  solle.  Wenn  Neuenburg  wieder  wie  vormals  ein  zugewandter  Ort
der  Schweiz  wurde,  ohne  Stimmrecht  auf  der  Tagsatzung,  nur  Geld  und
Truppen  für  die  Eidgenossen  stellte  und  dafür  von  diesen  militärisch  geschützt
  wurde,  dann  konnte  die  unheilvolle  Reibung  zwischen  Royalisten
und  Republikanern  wahrscheinlich  beendigt  werden.

Es  war  ein  staatsmännischer  Gedanke,  er  bot  vielleicht  das  einzige
Mittel,  um  die  unnatürliche  Doppelstellung  des  fürstlichen  Kantons  noch
für  längere  Zeit  zu  sichern;  er  widersprach  jedoch  der  bestehenden  und
von  allen  Großmächten  verbürgten  neuen  schweizerischen  Bundesverfassung.
Darum  fragte  Ancillon  bei  den  vier  Mächten  an,  ob  Preußen  auf  ihre
Unterstützung  rechnen  könne,  falls  die  Schweiz  sich  auf  solche  Verhandlungen
  einließe.  )  Rußland  erwiderte  sofort:  in  allem,  was  der  König  über
Neuenburg  beschließe,  dürfe  er  sich  auf  die  Zustimmung  des  Zaren  verlassen.
  )  Metternich  hingegen  hegte  Bedenken;  er  fand  den  Augenblick
ungünstig  und  wollte,  getreu  seiner  kurzsichtigen  konservativen  Politik,  an
den  Verträgen  von  1815  womöglich  gar  nichts  ändern.“*)  Unter  solchen
Umständen  war  von  den  Westmächten  auch  keine  Unterstützung  zu  erwarten.
Mittlerweile  begann  der  Zank  in  der  Schweiz  nachzulassen;  der  Sarnerbund
  unterwarf  sich  der  Tagsatzung,  die  Radikalen  vertagten  vorläufig  die
Ausführung  ihrer  Bundesreformpläne.  Der  Friede  schien  zurückzukehren;
der  König  gab  den  Plan  auf  und  suchte  seine  Getreuen  zu  beschwichtigen,
  aber  schon  nach  Jahresfrist  verlangte  der  Staatsrat  von  Neuenburg
  —  wieder  vergeblich  —  das  Verhältnis  zur  Schweiz  müsse  geändert
werden.)So  schleppten  sich  die  Dinge  hin.  Die  radikale  Mehrheit
der  Tagsatzung  konnte  sich  mit  den  royalistischen  Patriziern  Neuenburgs
schlechterdings  nicht  vertragen;  immer  wieder  mußte  der  preußische  Gesandte
  vermitteln  und  versöhnen.  —)  —

 

7)  Ancillon,  Weisungen  an  Brockhausen  und  Schöler,  22.  Okt.  1833.
»*)  Schölers  Bericht,  6.  Nov.  1833.
***)  Brockhausens  Bericht,  28.  Okt.  1833.

+)  Ancillon  an  Brockhausen,  25.  Sept.  1834.

+##)Die  Mémoires  politiqgues  des  Neuenburger  „Patrioten“  Louis  Grandpierre
        <pb n="528" />
        520  IV.  8.  Stille  Jahre.

Währenddem  begannen  die  Machtverhältnisse  in  der  Allianz  der  Ostmächte
  sich  zu  verändern  durch  den  Tod  des  Kaisers  Franz  (2.  März  1835).
Wenig  genug  hatte  der  alte  Herr  freilich  geleistet  in  diesen  letzten  Jahren,
wo  er,  mißtrauisch  gegen  sich  selber  wie  gegen  jedermann,  alle  Neuerungsvorschläge
  beiseite  zu  schieben  pflegte  mit  der  gelassenen  Bemerkung  „darüber
  muß  man  schlafen.“  Aber  die  laufenden  Geschäfte  erledigte  er  noch
mit  seiner  gewohnten  subalternen  Emsigkeit.  Er  allein  hielt  die  zahlreichen
neben=  und  übereinander  geschichteten  Zentralbehörden  dieses  unförmlichen
Staates  zusammen;  und  obwohl  er  Metternich  in  der  auswärtigen  Politik,
den  Grafen  Kolowrat  in  der  inneren  Verwaltung  ziemlich  frei  gewähren
ließ,  so  fiel  doch  keine  ernste  Entscheidung  gegen  seinen  Befehl,  der  immer
darauf  hinauskam,  daß  schlechterdings  nichts  geändert  werden  dürfe.  Was
sollte  jetzt  werden,  da  selbst  diese  mechanisch  leitende  und  hemmende  Kraft
des  monarchischen  Willens  fehlte?  Der  neue  Kaiser  Ferdinand  war  grundgutmütig,
  fromm,  wohltätig,  ehrlich,  sogar  unterrichtet  in  einigen  jener
Wissenschaften,  welche  mehr  den  Spieltrieb  als  den  Wahrheitsdrang  befriedigen,
  jedoch  ein  armer,  kaum  zurechnungsfähiger  epileptischer  Kranker,
zum  Wollen  wie  zum  Denken  gleich  unbrauchbar.  Darum  hatte  man
selbst  an  diesem  Hofe,  der  doch  an  traurige  Monarchen  gewöhnt  war,
ernstlich  erwogen,  ob  ein  solcher  Unglücklicher  regieren  dürfe.  Aber  sein
Bruder  Erzherzog  Franz  Karl  besaß,  obwohl  nicht  krank,  auch  nur  überaus
  bescheidene  Fähigkeiten,  und  dessen  Sohn  Franz  Joseph  war  noch  ein
kleines  Kind.  Ohne  die  Mitwirkung  des  ungarischen  Reichstags  ließ  sich
zudem  weder  eine  Abdankung  noch  eine  förmliche  Regentschaft  durchsetzen;
und  wer  sollte  unbotmäßigen  Reichsständen  so  schwierige  Fragen  vorzulegen
wagen?  Eben  in  diesen  Jahren  begann  der  magyarische  Adel  seine  nationale
  Bewegung:  er  wollte  sich  selber  die  Herrschaft  über  die  deutschslawisch-walachische
  Mehrheit  der  Bevölkerung  Ungarns  und  zugleich  der
Stephanskrone  die  volle  Selbständigkeit  neben  der  Kaiserkrone  sichern.
Schon  hatte  er  erreicht,  daß  die  magyarische  Sprache,  statt  des  altgewohnten
  neutralen  Lateins,  fortan  im  amtlichen  Verkehre  allein  angewendet
  werden  sollte;  und  als  der  Palatinus  Erzherzog  Joseph  erkrankte,
da  beschloß  die  Mehrheit  der  Abgeordneten  zu  Preßburg  insgeheim,  gegebenen
  Falles  sofort  den  Führer  der  aristokratischen  Opposition,  den
Grafen  Szechenyi  zum  Palatin  zu  erwählen.“)

In  solcher  Lage  schien  es  nicht  ratsam,  an  der  unbestreitbaren  Erbfolgeordnung
  irgend  zu  rütteln.  Der  bedauernswerte  Thronfolger  wurde
von  den  Ungarn  im  voraus  als  König  Ferdinand  V.  gekrönt")  und  bestieg
vier  Jahre  darauf  den  Kaiserthron.  Ein  Anblick  zum  Erbarmen,  wenn

 

(Neuchatel  1877)  —  ein  mehr  durch  groben  Parteihaß  als  durch  Zuverlässigkeit  ausgezeichnetes
  Buch  —  geben  über  alle  diese  Verhältnisse  sehr  wenig  Auskunft.

*)  Maltzans  Bericht,  8.  Febr.  1836.

*)  S.  o.  IV.  48.
        <pb n="529" />
        Kaiser  Ferdinand  J.  521

diese  gebrechliche  Gestalt  mit  dem  großen,  blöde  lächelnden  Wasserkopfe  in
die  Runde  der  Hofgesellschaft  eintrat  und  sich,  um  ja  keinem  den  Rücken
zuzuwenden,  wie  ein  Kreisel  um  ihre  eigene  Achse  drehte;  dann  faßte  die
Kaiserin  oder  ein  Hofwürdenträger  den  Kaiser  am  Frackschoß  und  führte
ihn  zu  einigen  der  anwesenden  Fremden,  denen  er  ein  paar  unverständliche
  Worte  zuraunte.  Als  man  den  Armen  gar  nötigte,  die  herkömmlichen
  öffentlichen  Audienzen  zu  halten,  da  sagte  bald  selbst  der  gemeine
Mann  in  Wien,  der  gute  Nandl  sei  ein  Trottel.  Ein  Glück  nur,  daß
der  neue  Kaiser  nichts  unterzeichnete,  was  ihm  nicht  seine  bestallten  obersten
  Räte  vorlegten;  diese  Regel  hatte  man  ihm  beigebracht,  und  er  hielt
redlich  daran  fest,  bis  auf  einen  einzigen,  sogleich  bereuten  Ausnahmefall.

Ein  solcher  Thronwechsel  erinnerte  an  die  Zustände  des  byzantinischen
Reichs.  Metternich  aber  versicherte  dem  preußischen  Hofe  erhaben:  alles
bleibe  unverändert,  Osterreichs  großartige  Ruhe  sei  eine  Lehre  für  alle
vom  Fortschritt  gepeinigten  Völker;')  niemals  sollten  ihm  die  revolutionären
Leidenschaften,  die  er  jetzt  gern  mit  einer  siebenten  Metapher  als  „moralische
Cholera“  bezeichnete,  dies  Reich  des  Friedens  verheeren.  Ancillon  stimmte
ihm  wie  gewöhnlich  zu  und  verstieg  sich  in  seinem  untertänigen  Eifer  sogar
zu  einer  historischen  Vergleichung,  deren  Verwegenheit  der  arme  Ferdinand
selbst  wohl  am  wenigsten  verstehen  konnte;  er  meinte,  von  dem  österreichischen
Staatsschiffe  könne  man  sagen:  „es  trägt  den  Cäsar  und  sein  Glück.“77)
Der  König  war  im  stillen  sehr  besorgt  und  sendete  sofort  seinen  Sohn,
den  Prinzen  Wilhelm  zu  dem  neuen  Kaiser,  um  also  die  Festigkeit  des
Bundes  der  Ostmächte  vor  der  Welt  zu  bekunden.  In  Wien  wurde  der
Prinz  bei  Hofe  wie  im  Volke  aufs  wärmste  begrüßt,  und  er  täuschte  sich
nicht  über  die  Gründe  dieser  Zärtlichkeit.  „Offener  und  glänzender“  —  so
schrieb  er  aufrichtig  —  „konnte  wohl  es  nicht  ausgesprochen  werden,  daß,
wenn  selbst  solcher  Herr  Kaiser  sei,  alle  Verhältnisse  zu  ihm  unverändert
bleiben  würden.“  In  den  kurzen  Tagen  des  Wiener  Aufenthalts  bemerkte
er  mit  seinen  hellen  Soldatenaugen  sogleich,  welche  Gefahren  dem  kaiserlosen
  Staate  drohten,  und  seine  Befürchtungen  fanden  durch  die  Gesandtschaftsberichte
  volle  Bestätigung.  Nach  dem  Tode  des  Freiherrn  von  Maltzahn
wurde  die  preußische  Gesandtschaft  fast  zwei  Jahre  lang  von  dem  Freiherrn
  von  Brockhausen  vorläufig  verwaltet,  bis  im  Mai  1835  der  neue  Gesandte
  Graf  Maltzan  ankam,  ein  geistreicher  Mann,  der  in  Hannover,
Darmstadt  und  an  anderen  kleinen  Höfen  die  deutschen  Verhältnisse  gründlich
  kennen  gelernt  hatte.  Beide  Diplomaten  zählten  zu  den  konservativen
Freunden  Osterreichs,  aber  sie  beobachteten  scharf  und  vergaben  der  Ehre
ihres  Staates  nichts.  Beide  meldeten  übereinstimmend,  welche  heillose
Verwirrung  in  der  Hofburg  herrschte.

*)  Brockhausens  Berichte,  4.,  9.  März  1835.
**)  Ancillon  an  Brockhausen,  16.  März  1835.
        <pb n="530" />
        522  IV.  8.  Stille  Jahre.

Obgleich  Kaiser  Franz  den  Zustand  seines  Sohnes  richtig  würdigte,
so  konnte  er  sich  doch  niemals  entschließen,  eine  bindende  Vorschrift  für
die  Formen  der  künftigen  Regierung  zu  geben.  Die  Wiener  freuten  sich
auf  sein  Testament,  wie  die  Kinder  auf  den  Weihnachtsbaum.  Sie  äußer—
ten  laut  ihre  Enttäuschung,  als  sie  endlich  bloß  die  väterlichen  Worte  zu
lesen  bekamen:  „Meine  Liebe  vermache  ich  Meinen  Untertanen;“  und
wer  den  Reichtum  des  kaiserlichen  Herzens  gekannt  hatte,  konnte  diesem
Vermächtnis  allerdings  nur  einen  bescheidenen  Wert  beilegen.  Noch  pein—
licher  überrascht  waren  die  Staatsmänner,  da  sich  in  dem  Testamente  nur
einige  ganz  allgemein  gehaltene  politische  Lehren  vorfanden,  obenan  natür—
lich  der  bewährte  Grundsatz:  „regiere  und  verändere  nicht.“  Im  einzelnen
wurde  dem  Thronfolger  lediglich  anempfohlen,  daß  er  sich  an  den  Rat
Metternichs  und  seines  Oheims  Ludwig  halten  möge.  Erzherzog  Ludwig
war  unter  den  zahlreichen  Brüdern  des  Kaisers  Franz  der  jüngste  und  weit—
aus  der  unfähigste;  darum  hatte  er  dem  Herzen  und  dem  Kopfe  des  Ver—
storbenen  immer  am  nächsten  gestanden.  Im  Kleinen  emsig,  im  Großen
völlig  urteilslos,  ähnelte  er  dem  alten  Kaiser  sehr  und  machte,  obwohl
er  erst  fünfzig  Jahre  zählte,  schon  den  Eindruck  eines  erstarrten  Greises.
Da  also  jede  feste  Vorschrift  fehlte,  so  suchte  Metternich,  entschlossen  und
gewandt,  die  Alleinherrschaft  an  sich  zu  reißen.  Er  fühlte  längst,  daß  die  ver—
kommene  Verwaltung  so  nicht  dauern  konnte,  und  seit  er  das  unheimliche
Schauspiel  des  erstarkenden  preußischen  Zollvereins  vor  Augen  sah,  hielt
er  einzelne  Reformen  für  unerläßlich.  Leider  fehlte  ihm  jede  Sachkenntnis.
Was  er  von  Neuerungen  plante,  konnte  wohl  den  allezeit  bereiten  Beifall
Ancillons  finden;')  im  Grunde  lief  doch  alles  auf  allgemeine  Redensarten
hinaus,  ganz  wie  seine  Reformvorschläge  vom  Jahre  1829.57)  Nur  für
die  Armee  erreichte  er  mehrere  Verbesserungen.  Sein  Liebling,  Graf  Clam-Martinitz,
  Berliner  Andenkens,  wurde  zum  Generaladjutanten  und  Chef
der  militärischen  Abteilung  des  Staatsrats  ernannt,  so  daß  der  berüchtigte
  bureaukratische  Hofkriegsrat  etwas  von  seiner  Macht  verlor.  Ein
tüchtiger  Offizier  von  streng  aristokratischer  Gesinnung,  bewirkte  Clam,  daß
einige  von  Radetzky  verfaßte  neue  Reglements  eingeführt  wurden;  freilich
zog  er  auch  in  dem  Heere  einen  Geist  des  Hochmuts  groß,  den  das  friedliche
  alte  Osterreich  nie  gekannt  hatte.  In  Mailand  aber  durfte  Feldmarschall
  Radetzky  fortan  ziemlich  frei  schalten,  und  die  Manöver,  die  er
mit  seinen  wohlgeschulten  Truppen,  den  besten  der  österreichischen  Armee,
bei  Verona  abzuhalten  pflegte,  fanden  bald  allgemeine  Anerkennung.

Gegen  die  Selbstherrschaft  Metternichs  erhob  sich  nun  ein  zweifacher
  mächtiger  Widerstand.  Graf  Kolowrat  wollte  sich  die  Machtstellung,
die  er  bisher  in  der  inneren  Verwaltung  behauptet  hatte,  nicht  durch  einen

*)  Ancillon  an  Maltzan,  5.  Jan.  1837.
*)  S.  o.  III.  747.
        <pb n="531" />
        Die  bayrischen  Schwestern.  Erste  Teplitzer  Zusammenkunft.  523

diplomatischen  Dilettanten  rauben  lassen.  Als  Gegner  Metternichs  galt
er  für  liberal;  in  Wahrheit  war  er  nur  ein  Bureaukrat  des  gemeinen
Schlages,  wohl  erfahren  in  allen  Künsten  der  geheimen  Polizei,  mäßigen
Reformen  nicht  abgeneigt  und,  wie  alle  Beamten  der  alten  österreichischen
Schule,  ein  entschiedener  Gegner  der  Klerikalen,  aber  kleinlich,  geizig,
schwunglos,  nur  durch  technische  Sachkenntnis,  nicht  durch  staatsmännische
Einsicht  dem  Nebenbuhler  überlegen.  Weit  mehr  bedeutete  der  stille  Un—
wille  der  kaiserlichen  Familie.  Nun,  da  der  Kaiser  fehlte,  waren  die  Erzherzöge
  nicht  mehr  gesonnen,  hinter  diesem  Rheinländer  und  seiner  unleidlich
  hochmütigen  Gemahlin  zurückzustehen;  den  Damen  des  Hofes  erschien
Metternich  überdies  als  Weltkind  verdächtig.  Die  Kaiserin-Witwe  Karoline
Auguste  und  ihre  Schwester  Sophie,  die  Gemahlin  des  Erzherzogs  Franz
Karl,  hielten  treu  zusammen;  sie  hatten  schon  den  alten  Kaiser  in  seinen
letzten  Jahren  bewogen,  sich  den  Jesuiten  gnädiger  zu  erweisen,  und  jetzt
richtete  die  gesamte  klerikale  Partei  in  Deutschland  ihre  hoffenden  Blicke
zu  ihnen  empor.

Von  diesen  Tagen  an  begann  die  stille,  verhängnisvolle  Wirksamkeit
der  fünf  bayrischen  Schwestern.  Die  beiden  österreichischen  Fürstinnen
standen  in  herzlichem  schwesterlichem  Verkehre  mit  der  Kronprinzessin  von
Preußen,  der  Königin  Marie  und  der  Prinzessin  Johann  von  Sachsen.
Alle  fünf  zeichneten  sich  aus  durch  reiche  Bildung  und  lebendiges  Verständnis
  für  ernste  Gedanken;  sie  konnten,  jede  nach  ihrer  Weise,  ungemein
liebenswürdig  erscheinen.  Prinzessin  Johann  fühlte  sich  glücklich  als  liebevolle
  Mutter  und  nahm  an  den  politischen  Geschäften  nur  selten  teil;
die  preußische  Kronprinzessin  durfte,  seit  sie  zur  evangelischen  Kirche  übergetreten
  war,  die  Bestrebungen  der  Klerikalen  nicht  mehr  offen  unterstützen;
allen  fünf  aber  war  jene  hochkonservative,  „bourbonische“  Gesinnung  gemein,
  welche  an  dem  Hofe  des  alten  Aufklärers  Max  Joseph  insgeheim
immer  gepflegt  wurde.  Durch  Ehrgeiz  und  Tatkraft  überragte  Erzherzogin
Sophie  die  anderen  Schwestern;  Maltzan  nannte  sie  einmal  den  Mann  der
kaiserlichen  Familie.“)  Sie  zeigte  einen  lebhaften  und  eigenwilligen  Geist,
der  an  der  Seite  eines  solchen  Gatten  nur  immer  selbständiger  werden
mußte,  und  meinte  sich  berufen,  den  verwaisten  Thron  zu  beherrschen.
Daß  ihr  die  Fürstin  Metternich  tief  zuwider  war,  ließ  sich  trotz  der  behutsam
  geschonten  höfischen  Formen  leicht  erkennen.

So  entspann  sich  in  der  Hofburg  ein  gefährlicher  stiller  Parteikampf,
und  als  die  beiden  verbündeten  Monarchen  im  September  1835,  gleich
nach  den  Kalischer  Manövern,  in  Teplitz  eintrafen,  um  den  neuen  Kaiser
zu  begrüßen,  empfingen  sie  beide  einen  niederschlagenden  Eindruck.  Wohl
wurde  das  russische  Denkmal  auf  dem  nahen  Kulmer  Schlachtfelde  gemeinsam
  eingeweiht,  und  Friedrich  Wilhelm  fühlte  sich  tief  gerührt,  da  er

 

*)  Maltzans  Berichte,  Jan.  1838.
        <pb n="532" />
        524  IV.  8.  Stille  Jahre.

allein  noch  übrig  war  von  den  drei  Monarchen  jener  großen  Tage.  Aber
irgendein  großes  Ergebnis  konnte  diese  Zusammenkunft  nicht  bringen.
Das  beste  blieb,  daß  der  Zar  mit  seinen  noch  immer  festgehaltenen  krie—
gerischen  Plänen  kaum  herausrücken  durfte?):  der  Anblick  Ferdinands  und
der  Ratlosigkeit  am  österreichischen  Hofe  war  gar  zu  kläglich.  Über  den
Austausch  trefflicher  Grundsätze  kam  man  nicht  hinaus;  und  Ancillon,  der
auf  solche  akademische  Erörterungen  hohen  Wert  legte,  verkündete  nachher
den  Gesandtschaften  triumphierend:  „Unsere  Haltung  vereinigt  in  sich  wahrhaft
  ungeheuere  materielle  Kräfte  und  die  der  Einigkeit  entspringende  moralische
  Macht;  sie  ist  gewaltig  und  furchtbar  gerade  durch  ihre  Ruhe,
sie  erlaubt  uns  die  Ereignisse  zu  beobachten  und  abzuwarten.““!V“])  Nesselrode
  meinte  freilich,  nach  russischer  Ansicht  sei  diese  Ruhe  nur  notgedrungen,
  mithin  ein  Zeichen  der  Schwäche.

Die  Friedenspolitik  des  Berliner  Hofes  trug  also  in  Teplitz  einen
neuen  Sieg  davon.  Selbst  Ludwig  Philipp  konnte  diese  harmlose  Zusammenkunft
  nicht  mit  Besorgnis  betrachten;  er  äußerte  nur  mit  halb
unterdrückter  Empfindlichkeit:  gern  hätte  er  selbst  teilgenommen,  noch  lieber
einem  Kongresse  aller  fünf  Mächte  beigewohnt.  “)  Weit  lebhafter  als  die
europäische  Politik  beschäftigte  den  Zaren  für  jetzt  die  Sorge  um  Osterreichs
  Zukunft.  In  erregten  Gesprächen  mit  Metternich  und  Clam  erklärte
er  unumwunden:  so  ohne  feste  Leitung  müsse  Osterreich  einer  unerwartet
ausbrechenden  italienischen  Revolution  sicher  erliegen.  Sein  Hintergedanke
dabei  war,  Metternichs  Macht  einzuschränken,  denn  trotz  der  in  Münchengrätz
  ausgetauschten  Zärtlichkeitsbeteuerungen  traute  er  dem  Staatskanzler
noch  nicht  ganz.p)  Als  diese  Unterredungen  fruchtlos  blieben,  reiste  er
plötzlich  in  höchster  Eile  nach  Wien,  angeblich,  um  der  Kaiserin-Witwe
seine  Teilnahme  auszusprechen.  Seine  unerwartete  Ankunft  erregte  auch
das  staunende  Aufsehen,  das  seiner  Eitelkeit  immer  schmeichelte,  jedoch
zu  einem  durchgreifenden  Entschlusse  konnte  er  die  Damen  des  Hofes  nicht
bewegen,  und  sichtlich  verstimmt  kehrte  er  nach  kurzem  Aufenthalt  zurück.

Also  blieb  die  kaiserliche  Regierung  noch  während  eines  vollen  Jahres
in  einem  rechtlich  ungeordneten,  chaotischen  Zustande.  Metternich  und
Kolowrat  rangen  miteinander  um  die  Herrschaft,  und  der  gewandte
Staatskanzler  erkannte  bald,  daß  er  sich  mit  den  frommen  Damen  verbünden
  mußte,  wenn  er  seinen  Nebenbuhler  besiegen  wollte.  Dieser  Entschluß
  fiel  ihm  um  so  leichter,  da  er  sich  neuerdings,  auf  das  Andringen
seiner  Gemahlin  Melanie,  den  Klerikalen  schon  merklich  genähert  hatte.
Auch  hegte  er  seit  dem  Erstarken  des  Zollvereins  einen  reizbaren  Argwohn

 

*)  Maltzans  Bericht,  27.  Okt.  1835.
*“)  Ancillon,  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften,  9.  Okt.  1835.
*##)  Maltzans  Bericht,  2.  Nov.  1835.
#)  An  diese  dem  Könige  wohlbekannten  Gespräche  erinnert  Maltzan  in  dem  Bericht
vom  18.  Dez.  1835.
        <pb n="533" />
        Streit  in  der  Hofburg.  Rückkehr  der  Jesuiten.  525

gegen  Preußens  Ehrgeiz;  mit  Maltzan  sprach  er  über  die  europäischen
Fragen  offenherzig,  über  Deutschland  sehr  wenig.“)  Er  hoffte  das  wan—
kende  Ansehen  des  alten  Kaiserstaates  zu  befestigen,  wenn  Osterreich  wieder
als  die  Schutzmacht  des  deutschen  Katholizismus  aufträte.  Darum  kam
er,  unbekümmert  um  Kolowrats  Widerspruch,  einem  alten  Herzenswunsche
der  beiden  bayrischen  Schwestern  gefällig  entgegen  und  erklärte  sich  bereit,
eine  geheime  Zusage  einzulösen,  welche  Kaiser  Franz  schon  vor  acht  Jahren
dem  General  des  Jesuitenordens  gegeben  hatte.  Zu  Maltzan  sagte  er
beschwichtigend:  die  Jesuiten  sind  ja  schon  längst  unter  uns,  als  kluge
Ligorianer.)  Im  März  1836  wurden  die  Jesuiten  wieder  zugelassen,
die  bisher  unter  ihrem  wahren  Namen  nur  in  Galizien  gehaust  und  dort,
durch  gehässige  Zänkereien  mit  den  vereinzelten  evangelischen  Gemeinden
des  Landes,  den  konfessionellen  Frieden  schon  arg  gestört  hatten.*“)  Sie
säumten  nicht,  dem  Rufe  zu  folgen;  in  Tirol,  in  Steiermark,  in  der  Lombardei,
  in  Wien  errichteten  sie  ihre  Häuser;  ihre  Lehrer  bedurften  keiner
Staatsprüfung,  ihre  jungen  Theologen  lebten  nach  der  ratio  studiorum
des  Ordens.  So  zog  die  Gesellschaft  Jesu  in  Osterreich  triumphierend  ein,
zur  selben  Zeit,  da  in  Preußen  schon  der  folgenschwere  Streit  zwischen
Staat  und  Kirche  begann;  und  je  schärfer  die  Gegensätze  in  Norddeutschland
sich  zuspitzten,  um  so  mehr  befestigte  sich  Metternich  in  seiner  neugewonnenen
klerikalen  Gesinnung,  zur  Herzensfreude  seiner  Gattin,  die  in  kirchlichen
Dingen  mit  ihrer  mächtigen  Feindin,  der  Erzherzogin  Sophie  durchaus  übereinstimmte.
  Den  Wienern  freilich,  zumal  den  leichtlebigen  Herren  vom  hohen
Adel,  war  dies  ungewohnte  pfäffische  Wesen  sehr  widerwärtig.  Der  witzige
Fürst  Dietrichstein  besang  in  einem  französischen  Gedichteden  jesuitenfreundlichen
  Staatskanzler;  er  feierte  die  Macht  des  ehelichen  und  des  päpstlichen
  Pantoffels:  Qui  sous  la  pantoufle  se  plait,  voudrait  nous  voir
tous  sous  la  mule.

Luch  bei  den  Beratungen  über  das  Heerwesen  unterlag  Kolowrat.  Er
wünschte,  dem  greisen  Erzherzog  Karl  den  Oberbefehl  zu  übertragen  und  den
Bestand  des  Heeres  herabzusetzen,  weil  durch  die  Rüstungen  der  letzten  Jahre
schon  ein  jährliches  Defizit  von  mindestens  30  Mill.  fl.  entstanden  war.  Metternich
  aber  wollte  weder  seinen  Vertrauten  Clam  fallen  lassen  noch  angesichts
  der  Kriegsgefahren  das  Heer  vermindern,  und  Erzherzog  Ludwig  gab
ihm  recht.  Als  Kolowrat  hierauf  das  starre  Prohibitivsystem,  zunächst  durch
eine  Erleichterung  der  Zuckerzölle,  zu  mildern  versuchte,  da  setzte  Erzherzog
Ludwig  die  bereits  erlassene  Verordnung  nachträglich  außer  Kraft.  Kolowrat
nahm  Urlaub,  er  dachte  seine  Entlassung  zu  fordern  und  wagte  es  doch
nicht  im  Ernst.  Da  auch  Metternich  die  Sachkenntnis  seines  Gegners  in

*)  Maltzans  Bericht,  26.  Dez.  1835.
*“)  Maltzans  Bericht,  8.  Febr.  1836.

***)  Entschließung  Sr.  k.  k.  Majestät  vom  19.  März  1836.  Maltzans  Bericht,
6.  April  1836.
        <pb n="534" />
        526  IV.  8.  Stille  Jahre.

Finanzsachen  nicht  entbehren  konnte,  so  kam  endlich,  nach  langem,  widerwärtigem
  Streite  ein  Vergleich  zustande.  Im  Dezember  1836  wurde
die  alte  Staatskonferenz  als  höchste  Behörde  der  Monarchie  neu  geordnet.
Mitglieder  waren,  außer  dem  Kaiser  und  seinem  Bruder,  den  niemand
beachtete:  Erzherzog  Ludwig,  Metternich  und  Kolowrat.  Diese  bildeten
fortan  das  regierende  Triumvirat,  so  spotteten  die  Wiener.  Metternichs
Anhänger  frohlockten,  und  er  selbst  meinte  stolz:  der  Zar  werde  jetzt
wohl  von  seinen  Vorurteilen  zurückkommen,  dies  Regierungssystem  sei
für  Österreich  das  einzig  mögliche.)  Seine  Freude  sollte  indes  nicht  lange
währen.  Erzherzog  Ludwig  zeigte  sich  im  Verneinen  und  im  Nichtstun
ebenso  halsstarrig  wie  sein  verstorbener  Bruder;  und  wenn  Metternich  gehofft
  hatte,  sich  des  Erzherzogs  gegen  Kolowrat  zu  bedienen,  so  mußten  die
beiden  erfahrenen  alten  Staatsmänner  bald  gegen  den  Erzherzog  gemeinsame
  Sache  machen.  Vergeblich;  jede  noch  so  bescheidene  Anderung,  die
sie  vorschlugen,  ward  an  Ludwigs  gemütlichem  Phlegma  zu  Schanden.

So  wurde  denn  wieder,  wie  zu  Franzens  Zeiten,  im  Innern  gar  nicht
regiert,  obwohl  die  Gärung  in  Italien,  in  Ungarn,  in  Böhmen  bedrohlich
wuchs.  Es  war,  als  ob  Kaiser  Franz  noch  dreizehn  Jahre  länger  gelebt
hätte;  nur  fehlte  der  dreiköpfigen  Gerontokratie  —  wie  man  sie  an  dan
Höfen  nannte  —  das  gesicherte  Ansehen,  das  der  alte  Kaiser  doch  immer
behauptet  hatte.  Selbst  in  der  vormals  so  harmlosen  Hauptstadt  erklang
jetzt  der  Tadel  oft  sehr  laut  und  höhnisch;  die  Spaziergänge  des  Wiener
Poeten  und  die  deutschen  liberalen  Zeitungen  waren,  den  Verboten  zum
Trotz,  in  jedermanns  Händen.  Um  das  Volk  durch  höfische  Pracht  zu
blenden,  führte  man  den  unglücklichen  Ferdinand  noch  zur  Krönung  nach
Prag,  dann  nach  Mailand.  Hier  begrüßten  ihn  huldigend  die  Fürsten
Italiens  (1838),  auch  ein  Teil  des  lombardischen  Adels  bezeigte  seine  Untertänigkeit.
  Die  gebildete  Jugend  aber  stand  grollend  abseits,  sie  ließ  sich
selbst  durch  das  Gnadengeschenk  der  Amnestie  nicht  versöhnen;  und  in
ihrem  Namen  verwünschte  G.  Giusti  in  einer  mächtigen  Satire  diese  kleinen
Despoten,  die  ihres  Volks  vergessend  vor  dem  Fremden  knieten:

Dem  Narren  gleich,  der  mit  den  Fäusten  schlägt,
Wenn  ein  Barmherz'ger  ihm  zu  Hilfe  rennt,
Das  Nessuskleid,  das  auf  dem  Leib  ihm  brennt,
Stolz  lächelnd  trägt!  —

Angesichts  dieser  Nichtigkeit  des  österreichischen  Staatswesens  wuchsder
Hochmut  des  Zaren  maßlos;  er  fühlte  sich  als  den  ersten  Mann  des  Ostbundes
  und  bekundete  oft  in  rücksichtslosen  Worten,  zum  Entsetzen  der  Diplomaten,
  wie  tief  erdiekaiserliche  Hofburg  verachtete.“)  Am  Wiener  Hofe  selbst
bestand  eine  kleine  russische  Partei.  Ihr  Haupt  war  Fürst  Alfred  Windisch- 



*)  Berichte  von  Bockelberg,  26.  Sept.,  von  Maltzan,  15.,  24.  Okt.,  13.,  25.  Nov.,
10.,  18.  Dez.  1836.
**)  Maltzans  Berichte,  4.  Okt.  1837  ff.
        <pb n="535" />
        Das  Triumvirat.  Zweite  Teplitzer  Zusammenkunst.  527

grätz,  ein  strenger,  hochmütiger  Soldat  von  hartkonservativen  Grundsätzen;
der  hatte  im  Jahre  1831  den  geheimen  Auftrag  erhalten,  nötigenfalls  mit
einer  Brigade  in  das  aufrührerische  Sachsen  einzurücken,  und  erfreute  sich
der  besonderen  Gunst  des  Zaren.  Gleichwohl  übte  Rußland  auf  die  innere
Verwaltung  des  Nachbarreichs  durchaus  keinen  Einfluß.  Geleitet  von  dem
greisen  Triumvirate  arbeitete  die  Maschine  in  der  alten  gedankenlosen
Weise  weiter;  Erzherzog  Ludwig  sagte  mit  türkischer  Gelassenheit  zu  jedem
Reformvorschlage  nein,  und  ein  strenges  Regiment,  wie  Nikolaus  cs
wünschte,  wäre  doch  auch  eine  Neuerung  gewesen.

Unterdessen  versuchte  Metternich  nach  wie  vor  den  drei  Monarchen  als
Mentor  zu  dienen.  Nachdem  er  im  Jahre  1837  den  König  von  Preußen
im  Teplitzer  Bade  besucht  hatte,  wußte  er's  im  Jahre  darauf  einzufädeln,
daß  die  beiden  nordischen  Herrscher  wieder  in  Teplitz  mit  ihm  zusammentrafen.
  Der  arme  Kaiser  Ferdinand  wurde  ferngehalten,  weil  er  das  letzte
Mal  eine  gar  so  armselige  Rolle  gespielt  hatte,  und  zum  Scheine  durch
seinen  Bruder  Franz  Karl  vertreten.*)  Hier  wie  bei  allen  diesen  Zusammenkünften
  wahrte  man  sorglich  den  Schein  der  Eintracht,  und  Metiernich  sagte
beim  Abschiede  verbindlich  zu  dem  Zaren:  „wenn  man  in  die  eine  Wagschale
  die  russische  Politik  legte,  in  die  andere  die  österreichische,  so  würde
das  Zünglein  nicht  schwanken.“  **)  In  Wahrheit  bestand  der  alte  Gegensatz
fort.  Die  Friedenspolitik  der  beiden  deutschen  Mächte  blieb  dem  Zaren
ein  Greuel.  Meine  religiöse  Erziehung,  so  beteuerte  er  dem  preußischen
Minister  Werther,  hat  mir  einen  tiefen  Abscheu  eingeflößt  wider  alle,  die
mit  frevelnder  Hand  die  geheiligten  Rechte  der  legitimen  Souveräne  antasten.
  Rußland  ist  so  groß  und  reich,  daß  es  sich  um  die  ganze  Welt
nicht  zu  kümmern  braucht.  Wenn  ich  es  könnte,  so  würde  ich  mein  Reich
mit  einer  Mauer  umschließen.  Aber  die  Anerkennung  Ludwig  Philipps
war  ein  Fehler,  nie  werde  ich  ihn  „Mein  Bruder“  nennen.  Einmal,  vielleicht
  erst  unter  dem  Herzog  von  Orleans,  wird  ein  Krieg  der  drei  konservativen
  Mächte  gegen  das  illegitime  Frankreich  doch  nötig  werden.  Für
jetzt  haben  wir  zwei  Dinge  zu  tun:  die  Revolution  zu  unterdrücken  und
zu  verhindern,  daß  die  neue  Ordnung  in  Frankreich  sich  befestige!  Darauf
  erging  er  sich  wieder  in  den  gewohnten  Zärtlichkeitsbeteuerungen:  ich
liebe  den  König  nicht  nur  wie  ein  Sohn,  „ich  verehre  ihn  auch,  als  wäre
ich  sein  Untertan  und  er  mein  Souverän!“  Der  König  ließ  sich  durch
diese  plumpen  Schmeicheleien  nicht  blenden,  sondern  sprach  nachdrücklich  sein
Bedauern  aus  über  die  unversöhnliche  Gesinnung  seines  Schwiegersohnes.“")

Nur  in  den  orientalischen  und  den  polnischen  Händeln  konnte  Nikolaus
auf  die  unbedingte  Unterstützung  seiner  Bundesgenossen  rechnen.  Obwohl

 

*)  Maltzans  Berichte,  Mai  1838.
**)  Maltzans  Bericht,  5.  Sept.  1838.
*  P  )  Werthers  Bericht  an  den  König,  31.  Mai  1838,  mit  Randbemerkungen  des
Königs.  Werther  an  Maltzan,  6.  Juni  1838.
        <pb n="536" />
        528  IV.  8.  Stille  Jahre.

Metternich  zuweilen  Rußlands  neugewonnene  Machtstellung  an  der  Donaumündung
  mit  einiger  Besorgnis  betrachtete  7),  so  beschwichtigie  er  doch
immer  wieder  sich  selbst  und  andere  durch  jene  leichtsinnigen  Hoffnungen,
die  er  seit  dem  Vertrage  von  Hunkiar  Iskelessi  gefaßt  hatte;  er  meinte,
die  orientalische  Frage  bestehe  nicht  mehr,  unter  des  Zaren  wohlwollendem
  Schutze  müsse  die  Pforte  wieder  zu  Kräften  kommen.  Sein  Internuntius
  in  Stambul  ging  mit  dem  russischen  Gesandten  stets  Hand  in
Hand  und  überließ  es  den  Diplomaten  der  Westmächte,  durch  kleine  Ränke
die  russische  Schirmherrschaft  zu  bekämpfen,  die  sich  seit  dem  letzten  Kriege
auch  über  Persien,  über  ganz  Vorderasien  erstreckte.

Noch  fester  hielten  die  Ostmächte  gegenüber  den  Polen  zusammen;
hier  standen  sie  einer  für  alle.  Was  sie  im  Jahre  1831,  nach  der  Niederwerfung
  des  polnischen  Aufruhrs  versucht  hatten,  um  auch  in  Krakau  die
Ordnung  wiederherzustellen,  erwies  sich  bald  als  verlorene  Arbeit.*)  Die
kleine  Republik  fuhr  fort,  ihre  Neutralität  beharrlich  zu  brechen,  die  polnischen
  Flüchtlinge  zu  beherbergen,  die  Nachbarlande  zu  beunruhigen;  und
wie  konnte  dieser  heillose  Zustand  sich  ändern,  solange  der  halbselbständige
  polnische  Kleinstaat  noch  bestand?  Daher  sprachen  die  drei  Schutzmächte
  schon  in  Münchengrätz  ihre  Meinung  dahin  aus,  daß  die  Bildung
dieses  Herdes  ewiger  Unruhen  ein  schwerer  Mißgriff  des  Wiener  Kongresses
gewesen  sei  und  auf  der  ersten  Teplitzer  Zusammenkunft  (1835)  beschlossen
sie  einmütig,  die  Republik  zunächst  durch  Waffengewalt  zu  beruhigen,  um
sie  sodann  bei  günstiger  Gelegenheit  zu  vernichten.  Es  war  der  einzige  greifbare
  Erfolg  der  unfruchtbaren  Teplitzer  Unterredungen.

Nach  allen  den  Umtrieben  der  Pariser  Propaganda  konnten  die  drei
Teilungsmächte  in  den  Polen  nur  noch  ihre  unversöhnlichen  Feinde  sehen.
Auf  der  Rückreise  von  Teplitz  hielt  Nikolaus  den  Vertretern  der  Stadt
Warschau  eine  drohende  Rede:  ihre  demütige  Ansprache,  so  herrschte  er
sie  an,  wolle  er  nicht  annehmen,  um  sie  nicht  zum  Lügen  zu  verführen;
Gehorsam,  Unterwerfung,  das  allein  verlange  er,  bei  Strafe  der  Vernichtung.
  Während  die  Presse  der  Westmächte  noch  in  Entrüstung  schwelgte
wegen  dieser  Worte  des  Zaren,  wurde  in  Berlin  am  14.  Okt.  1835  ein
in  Teplitz  verabredeter  geheimer  Vertrag  unterzeichnet,  der  rundweg  aussprach,
  der  Bestand  der  Krakauer  Republik  sei  für  ihr  eigenes  Volk  wie
für  die  Sicherheit  der  Nachbarstaaten  schädlich.  Demnach  verpflichteten  sich
die  Schutzmächte,  zu  erwägen,  wie  auf  den  freien  Wunsch  der  Republik
selber  die  Einverleibung  Krakaus  in  den  österreichischen  Staat  herbeigeführt
  und  der  Widerspruch  der  anderen  Mächte  beschwichtigt  werden  solle.
Zwingende  Gründe  der  Notwehr  rechtfertigten  diese  Verabredung:  aber
wie  grausam  verurteilte  die  Politik  der  starren  Legitimität  sich  selbst,

 

*)  Maltzans  Bericht,  Juli  1837.
*“)  S.  o.  IV.  89.
        <pb n="537" />
        Vertrag  über  die  Einverleibung  Krakaus.  529

wenn  eben  die  drei  Mächte,  welche  die  Unantastbarkeit  der  Wiener  Ver—
träge  auf  ihr  Panier  schrieben,  sich  zu  einem  solchen  Gewaltstreiche  entschlossen!
  Der  Wechsel  der  Dynastie  in  Frankreich,  ja  selbst  der  Abfall
der  südlichen  Niederlande  verletzte  die  Grundsätze  des  legitimen  Rechts
nicht  so  schwer,  wie  die  hier  geplante  gänzliche  Vernichtung  eines  europäischen
  Staates,  der  keineswegs,  wie  Metternich  behauptete,)  durch  die
drei  Schutzmächte  allein  geschaffen  war,  sondern  durch  den  Art.  6  der
Wiener  Kongreßakte,  durch  die  Zustimmung  aller  europäischen  Mächte.
Vernehmlicher  konnte  die  Staatsweisheit,  welche  dem  ewigen  Wandel  der
menschlichen  Dinge  durch  den  Buchstaben  der  Verträge  Halt  zu  gebieten
wähnte,  ihren  Bankbruch  nicht  ankündigen.

Darauf,  im  Frühjahr  1837,  besetzten  Truppen  der  Ostmächte  das
Krakauer  Gebiet.  Die  Flüchtlinge  verschwanden,  die  Behörden  und  die
Volksvertretung  wurden  umgestaltet,  und  unter  der  strengen  Aufsicht  von
Kommissären  der  drei  Schutzmächte  beruhigte  sich  die  Stadt  wieder,  so  daß
die  letzten  Russen  nach  einigen  Monaten  abziehen  konnten.  In  der  Presse
und  den  Parlamenten  der  Westmächte  ertönte  alsbald  wieder  der  herkömmliche
  polnische  Schmerzensschrei.  Die  Kabinette  aber  fühlten  beide,  wie
wenig  sich  gegen  diese  Besetzung  einwenden  ließ;  denn  das  neutrale  Krakan
war  durch  die  Verträge  ausdrücklich  verbunden,  Flüchtlingen  und  Verbrechern
  keine  Zuflucht  zu  gewähren,  und  hatte  diese  Verpflichtungen  mit
Füßen  getreten.  Daher  ließ  Ludwig  Philipp  in  Wien  unter  der  Hand  mitteilen,
  er  hoffe  die  leidige  Sache  still  zu  begraben.  Palmerston  glaubte,
aus  Furcht  vor  dem  Unterhause,  einen  Schritt  weitergehen  zu  müssen.
Er  versuchte  durch  Lord  William  Russell  dem  Berliner  Hofe  einen  förmlichen
  Protest  zu  übergeben,  und  als  Ancillon  die  Annahme  kurzerhand
verweigerte,  *)  sendete  er  den  drei  Ostmächten  eine  mit  Vorwürfen  und
Verwahrungen  stattlich  ausgeschmückte  Depesche  (15.  April).  Zugleich  verkündigte
  er  seine  Absicht,  in  Krakau  einen  englischen  Konsul  anzustellen,
der  dort  natürlich  nur  Unruhen  anzetteln  konnte.  Während  er  also  wieder
einmal  den  Beifall  der  liberalen  Welt  einerntete,  schrieb  er  vertraulich  an
Metternich:  England  könne  nicht  anders  verfahren,  indessen  werde  der
Handel  hoffentlich  keine  Folgen  haben;  und  dem  bayrischen  Gesandten  gestand
er  gar:  ich  würde  in  Krakau  ganz  wie  die  Teilungsmächte  handeln!)
Die  Folge  war,  daß  die  Ostmächte  Palmerstons  Einspruch  ebenso  schnöde
zurückwiesen,  wie  sie  einst  Englands  Proteste  gegen  die  Sechs  Artikel,  gegen
die  Besetzung  Frankfurts,  gegen  den  Vertrag  von  Hunkiar  Iskelessi  abgefertigt
  hatten;  und  gewohnt  wie  er  war,  vor  jedem  entschlossenen  Feinde  zurückzuweichen,
  nahm  der  Lord  die  Demütigung  gelassen  hin.  f)  Immerhin

*)  Metternich  an  Graf  Alfred  Potocki,  8.  Juli  1836.

**)  Ancillon  an  Maltzan,  1.  Mai  1836.

***)  Maltzans  Bericht,  28.  April;  Dönhoffs  Bericht,  München,  26.  Mai  1835.
)Maltzans  Bericht,  10.  Mai  1836.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschich  te.  V.  34
        <pb n="538" />
        530  IV.  8.  Stille  Jahre.

genügten  diese  Erfahrungen,  um  die  drei  Schutzmächte  besorgt  zu  stimmen.
Wenn  schon  die  vorübergehende  Besetzung  Krakaus  so  viel  Lärm  erregte,
wie  mußte  dann  gar  die  verabredete  Einverleibung  wirken?  Man  beschloß
also  bessere  Zeiten  abzuwarten,  und  der  Berliner  Vertrag  blieb  ein  un—
verbrüchliches  Geheimnis,  bis  er  nach  elf  Jahren  zur  allgemeinen  über—
raschung  plötzlich  ausgeführt  wurde.  —

Wie  Metternich,  trotz  seines  dringenden  Wunsches,  dem  Zaren  zu
gefallen,  doch  durch  die  Unbehilflichkeit  des  österreichischen  Staatswesens
zu  einer  Haltung  gezwungen  wurde,  welche  dem  moskowitischen  Selbst—
herrscher  nur  halb  genügte,  so  war  auch  König  Friedrich  Wilhelm  mit  nichten
geneigt,  sich  einer  fremden  Leitung  zu  fügen.  Seine  Politik  verfolgte  nur
den  bescheidenen  Zweck,  die  neuerrungene  wirtschaftliche  Einheit  der
Nation  durch  die  Erhaltung  des  Weltfriedens  und  den  Ausbau  der  Zoll—
vereinsverträge  zu  sichern;  sie  verfuhr  behutsam  und  bescheiden,  aber
preußisch  war  sie.  Im  Frühjahr  1837  starb  Ancillon  und  Metternich
rief  dem  getreuen  Verehrer  wehmütig  nach:  „mir  ist,  als  hätte  ich
die  Deckung  meiner  rechten  Flanke  verloren.“*)  An  seine  Stelle  trat
Werther,  der  vor  sechs  Jahren  in  richtiger  Selbsterkenntnis  den  Ministerposten
  abgelehnt  hatte;  '*)  und  es  zeigte  sich  bald,  daß  dieser  kluge  diplomatische
  Beobachter  zum  Befehlen  nicht  geschaffen  war.  Neue  Gedanken
vermochte  er  der  großen  Politik  Preußens  nicht  einzuflößen;  ihre  Unabhängigkeit
  jedoch  wahrte  er  weit  strenger  als  sein  Vorgänger,  weil  er  in
Paris  die  diplomatischen  Umtriebe  der  beiden  Kaiserhöfe  zur  Genüge  kennen
gelernt  hatte.  Das  Verhältnis  zu  der  Hofburg  blieb,  wie  streng  man  auch
die  freundschaftlichen  Formen  einhielt,  ziemlich  kalt.  Metternich  konnte  den
Ingrimm  über  Preußens  Handelspolitik  nicht  verwinden,  und  doch  vermochte
  er  nichts  dawider,  da  Erzherzog  Ludwig  zu  keiner  Verbesserung  des
Zollwesens  zu  bewegen  war.  Überall  in  Österreich  sagte  man  schon
gleichmütig,  seit  der  Stiftung  des  Zollvereins  habe  Preußen  die  Herrschaft
  in  Deutschland  erlangt.  **)  Als  Rotteck  im  Jahre  1838  nach  Wien
kam,  fragte  ihn  Metternich  gemütlich:  woher  kommt  dieser  wachsende  Einfluß
  Preußens?  Der  ehrliche  Liberale  antwortete:  Von  seiner  verständigen,
beharrlich  fortschreitenden  Verwaltung.  —  Und  wie  können  wir  dem  entgegenwirken?
  —  Wenn  Sie  dem  preußischen  Vorbilde  folgen!  Am  Ende
der  langen  Unterredung  waren  die  beiden  nur  darin  einig,  daß  sie  Preußens
  steigende  Macht  und  die  Bedrängnis  der  katholischen  Kirche  inbrünstig
  bedauerten.  J)

Ebensowenig  wie  der  Hofburg  gelang  es  dem  russischen  Kabinett,  die
preußische  Politik  zu  beherrschen.  Der  Zar  persönlich  wurde  vom  Hofe  wie

*)  Meternich  an  Trauttmansdorff,  5.  Mai  1837.
**)  S.  o.  IV.  193.
***)  Maltzans  Bericht,  29.  Juni  1837.

)  Maltzans  Bericht,  30.  Aug.  1838.
        <pb n="539" />
        Preußens  Verhältnis  zu  Rußland.  531

vom  Volke  mit  Ehrenbezeigungen  überhäuft.  Als  er  im  Jahre  1838  wieder
einmal  nach  Berlin  kam,  ernannte  ihn  der  untertänige  Magistrat  zum
Ehrenbürger  der  Hauptstadt,  was  den  boshaften  Großfürsten  Michael  zu  der
Außerung  veranlaßte:  „wenn  mein  Bruder  seine  Krone  niederlegen  sollte,  so
kann  ihn  niemand  hindern,  in  Berlin  Schornsteinfeger  zu  werden.“  Nikolaus
bedankte  sich  durch  eine  reiche  Geldspende  und  ließ  Unter  den  Linden  den
Russischen  Palast  erbauen,  um  vor  aller  Welt  zu  zeigen,  wie  heimisch  er
sich  an  der  Spree  fühle.  Aber  bei  diesem  Austausch  persönlicher  Höflichkeiten
  blieb  es  auch.  Daß  Preußen  in  der  polnischen  Frage  mit  Rußland
  Hand  in  Hand  ging,  ergab  sich  von  selbst  aus  der  natürlichen  Interessengemeinschaft
  der  beiden  Höfe.  Desgleichen  war  es  ein  altbewährter
Grundsatz  der  preußischen  Politik,  die  Russen  am  Bosporus  so  weit  als
irgend  möglich  frei  gewähren  zu  lassen.  Noch  zuversichtlicher  als  die  Hofburg
  glaubte  der  Berliner  Hof,  daß  die  Pforte  unter  Rußlands  freundlicher
  Schirmherrschaft  wieder  erstarken  würde,  und  als  der  Gesandte  in
Konstantinopel,  von  Martens  einmal  eigenmächtig  versuchte,  mit  den  Westmächten
  zusammenzugehen,  erhielt  er  sofort  eine  scharfe  Zurechtweisung.

In  allen  den  Fragen  hingegen,  welche  das  preußische  Interesse  unmittelbar
  berührten,  ging  der  Berliner  Hof  seines  eigenen  Weges.  Der
König  blieb  bei  seiner  wohlerwogenen  Meinung,  daß  Lord  Palmerston  der
eigentliche  Unruhestifter  in  Europa  sei  und  der  friedfertige  Tuilerienhof
die  Unterstützung  der  Ostmächte  verdiene;  die  leidenschaftlichen  Klagen  seines
Schwiegersohnes  über  die  Heirat  des  Herzogs  von  Orleans  ließen  ihn
kalt.  Diesen  Ansichten  seines  königlichen  Herrn  durfte  auch  Ancillon  nicht
zuwiderhandeln.  Der  erging  sich  wohl  gern  in  doktrinären  Betrachtungen
über  das  geheimnisvolle  Wort:  Legitimität,  das  man  „seinem  wohltätigen
Halbdunkel  nicht  entreißen  dürfe,  ganz  wie  man  fürchten  müsse,  die  Wurzeln
eines  Baumes  an  das  helle  Tageslicht  zu  bringen“;  aber  auf  diese  legitimistischen
  Erörterungen  ließ  er  sofort  die  höchst  illegitime  Behauptung
folgen:  „wir  dürfen  Ludwig  Philipp  nicht  mehr  fragen,  woher  er  kommt,
sondern  wohin  er  geht,  oder  vielmehr,  wir  müssen  ihm  immer  zeigen,  wohin
er  gehen  soll.“  )  Preußen  war  ehrlich  entschlossen,  mit  dem  Julikönigtum
als  einer  gegebenen  Tatsache  zu  rechnen;  und  seit  Werther  das  Auswärtige
Amt  übernommen  hatte,  blieb  das  Einvernehmen  zwischen  den  beiden  Höfen
mehrere  Jahre  hindurch  ganz  ungetrübt.  Werther  weigerte  sich  geradezu,
den  Zaren  zu  unterstützen,  als  dieser  unter  heftigen  Drohungen  strenge
Maßregeln  wider  die  polnischen  Flüchtlinge  in  Paris  verlangte;  er  meinte,
jede  Nachgiebigkeit  würde  den  Selbstherrscher  nur  zu  neuen  Torheiten
ermutigen.*“)  Diese  neuen  Torheiten  blieben  gleichwohl  nicht  aus.  Im
Jahre  1839  veranstaltete  Nikolaus  große  Manöver  an  der  Moskwa.  Er

 

*)  Ancillon  an  Maltzan,  31.  Jan.  1837.
*“)  Werther  an  Maltzan,  24.  Aug.,  9.  Okt.  1837.
84
        <pb n="540" />
        532  IV.  8.  Stille  Jahre.

führte  dort,  zum  stillen  Ergötzen  der  kriegserfahrenen  ausländischen  Zu—
schauer,  die  Schlacht  von  Borodino  noch  einmal  auf,  Zug  für  Zug,  aber
mit  einigen  selbsterfundenen  Änderungen,  welche  die  Fehler  Napoleons
und  Kutusows  berichtigen  sollten;  zugleich  erließ  er  an  sein  Heer  einen
prahlerischen  Tagesbefehl,  der  fast  wie  eine  Kriegserklärung  klang  und
nicht  bloß  den  französischen  Gesandten  zu  ernsten  Beschwerden  veranlaßte,
  sondern  auch  am  Berliner  Hofe  scharfen  Tadel  fand.)  Kein
Wunder  also,  daß  die  russischen  Diplomaten  beständig  über  Preußens
Kleinmut  klagten.

Über  die  innere  Politik  des  Nachbarstaates  urteilten  sie  freilich
anders.  Hier  fanden  sie  die  Haltung  des  preußischen  Beamtentums  halsstarrig,
  ja  stierköpfig;  denn  der  hochmütige  Ton,  den  sie  jetzt  nach  dem
Vorbilde  ihres  Herrschers  anzuschlagen  liebten,  machte  auf  die  nüchternen
Berliner  Geheimen  Räte  gar  keinen  Eindruck,  und  sobald  der  Zar  sich
unterstand,  über  die  inneren  Zustände  Preußens  zu  reden,  wurde  er  stets
nachdrücklich  in  seine  Schranken  zurückgewiesen.  Bei  den  Manövern  von
Wosnesensk  (1837)  sagte  er  zu  General  Natzmer,  er  empfehle  seinem
Schwiegervater  die  Veränderung  der  demokratischen,  revolutionären  Landwehr.
  Da  fuhr  der  alte  König  zornig  auf:  Ich  will  diese  Vorschläge  gar
nicht  hören.  Ich  bin  mit  meiner  Landwehr  im  Krieg  und  Frieden  zufrieden.
  Diese  russischen  Drohungen  mit  der  Revolution  dauern  schon
viele  Jahre,  sie  haben  ganz  andere  Gründe.  Ich  halte  Gesetz  und  Ordnung
  aufrecht  ohne  Rußlands  Hilfe  und  Ratschläge.  Möge  Kaiser  Nikolaus
  nur  dafür  sorgen,  daß  sich  in  Rußland  nicht  die  Soldatenmeutereien
von  1825  und  1830  erneuern!  Selbst  die  hochkonservative  Partei  war
dem  Zaren  keineswegs  unbedingt  ergeben;  ihr  Berliner  Wochenblatt
führte  vielmehr  einen  lebhaften  Federkrieg  gegen  die  Petersburger  Hofpublizisten,
  weil  eben  damals  die  ersten  Angriffe  des  Moskowitertums
gegen  die  Privilegien  der  baltischen  Provinzen  begannen,  und  die  preußischen
  Konservativen  dort  wie  überall  für  das  historische  Recht  eintraten.

Ganz  unversöhnlich  standen  die  handelspolitischen  Interessen  der  beiden
Nachbarn  einander  gegenüber.  Der  für  Preußen  so  ungünstige  Handelsvertrag
  von  1825  lief  jetzt  ab.“')  Man  verlängerte  ihn  noch  um  ein
Jahr,  bis  1836,  um  Zeit  für  neue  Unterhandlungen  zu  gewinnen.  Der
König  aber  gestand  seinem  Schwiegersohne  unumwunden,  ein  neuer  Handelsvertrag
  sei  nur  möglich  auf  der  Grundlage  ehrlicher  Gegenseitigkeit;
und  wie  konnte  diese  Gegenseitigkeit  bestehen  zwischen  zwei  Staaten  von  so
verschiedener  Gesittung?  In  Preußen  herrschte  ein  mildes  Zollgesetz,  das,
mit  Ausnahme  des  Salzes  und  der  Spielkarten,  keiner  einzigen  Ware
die  Einfuhr  verbot,  in  Rußland  ein  hartes  Prohibitivsystem,  so  lästig  für

 

*)  Bergers  Berichte,  26.  Sept.,  25.  Okt.  1839.
**)  S.  o.  III.  476.
        <pb n="541" />
        Preußisch-russischer  Handelsverkehr.  533

die  Nachbarn,  daß  die  erbitterten  Ostpreußen  zu  sagen  pflegten:  durch
seine  Grenzsperre  will  uns  Nikolaus  zwingen,  die  Vereinigung  mit  seinem
Reiche  zu  verlangen.  Die  preußische  Grenze  durfte  jedermann  an  allen
beliebigen  Stellen  überschreiten;  die  russische  war  verschlossen,  nur  an  den
sehr  weit  auseinander  liegenden  Zollämtern  fand  man  Einlaß  in  das  Zarenreich,
  und  sie  behandelten  zwar  die  Personen  nicht  ganz  unmenschlich,  doch
die  Waren  mit  ausgesuchter  Bosheit;  selbst  die  Durchfuhr  nach  Odessa,
die  noch  in  leidlicher  Blüte  und  darum  den  Moskowitern  besonders  verdächtig
  war,  erschwerten  sie  aufs  äußerste.  Auf  eine  Anderung  dieses
Systems  ließ  sich  nicht  hoffen;  denn  man  wußte  in  Berlin,  daß  der  Finanzminister
  Cancrin  und  einige  der  mächtigsten  Männer  des  Petersburger
Hofes  selbst  große  Fabriken  besaßen.*)  Darum  erklärten  sich  die  preußischen
Minister  einmütig  gegen  den  Abschluß  eines  neuen  Handelsvertrags;
wider  einen  solchen  Nachbarn  müsse  man  sich  wohl  oder  übel  selbst  zu
schützen  suchen.“)  Die  russischen  Unterhändler  baten  und  drängten;  aber
was  hatten  sie  zu  bieten?  Sie  versprachen  zwei  neue  Zollämter  zu  errichten
—  statt  der  zwanzig  oder  dreißig,  deren  der  Verkehr  noch  bedurfte  —;
sie  erboten  sich,  die  Zölle  auf  Eisen,  Leinwand  und  andere  preußische  Ausfuhrwaren,
  die  nahezu  250  %  des  Wertes  betrugen,  um  etwa  ein  Fünftel
herabzusetzen;  dafür  verlangten  sie,  daß  Preußen  seine  mäßigen  Durchfuhrzölle
  noch  erniedrigen  und  die  Durchfuhr  polnischer  Wolle  selbst  dann
gestatten  solle,  wenn  in  Polen  die  Viehseuche  herrsche.

Solche  Zumutungen  waren  für  einen  gesitteten  Staat  kaum  ernsthaft
  zu  nehmen.  Preußen  lehnte  alles  rundweg  ab,  und  fortan  ward
niemals  wieder  ein  Handelsvertrag  mit  Rußland  abgeschlossen.  Der  preußische
  Schleichhandel  blühte  wie  nie  zuvor  —  denn  was  konnte  man  aus
Rußland  nach  Preußen  hinüberschmuggeln?  Es  war  umsonst,  daß  der
Zar  den  Grenzbezirk  von  7  auf  13  Werst  verbreiterte  und  den  Grenzwächtern
  für  jeden  eingebrachten  bewaffneten  Pascher  150  Rubel  versprach.
Allen  Grenzbewohnern  erschien  der  Schmuggel  als  ein  gutes  Recht,  da
Rußland  sogar  den  altgewohnten  Durchfuhrhandel  nach  China  verboten
hatte.  Endlich,  im  Jahre  1838,  erklärte  sich  Preußen  bereit,  einen  Kommissär
  zur  Überwachung  des  Schleichhandels  nach  Memel  zu  senden.
Sobald  aber  Nikolaus  sich  freundnachbarlich  erbot,  auch  einen  russischen
Kommissär  nach  Memel  zu  schicken,  da  erwiderte  Werther  sofort:  nunmehr
werde  Preußen  gar  nichts  tun;  der  Schmuggel  sei  die  natürliche  Folge
des  unvernünftigen  russischen  Zollsystems  und  werde  überdies  durch  unredliche
  russische  Beamte  selbst  insgeheim  befördert.  Nikolaus  war  empört
über  diese  „ungehörige“  Bemerkung,  weil  er  ihre  Wahrheit  fühlte;  jedoch

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  12.  Febr.  1836.

*7*)  Promemoria,  den  Handelsvertrag  mit  Rußland  betr.,  1836.  (Vermutlich  von
Beuth.)
        <pb n="542" />
        534  IV.  8.  Stille  Jahre.

er  gab  nach  und  erbot  sich,  einen  preußischen  Kommissär  in  einen  russischen
  Grenzbezirk  einzulassen.  Auch  dies  wurde  rundweg  abgelehnt.  Fürst
Galitzin  und  Graf  Benckendorff,  die  der  Zar  nach  Berlin  schickte,  mußten
unverrichteter  Sache  heimkehren.  Auf  Nikolaus'  dringende  Bitten  sendete
der  König  einen  seiner  Flügeladjutanten,  um  gemeinsam  mit  einem  Adjutanten
  des  Zaren  die  Grenze  zu  bereisen.  Da  ergab  sich  denn,  daß  die
preußischen  Beamten  überall  ihre  Amtspflicht  erfüllt  hatten;  der  russische
Flügeladjutant  hingegen  benutzte  diese  Dienstreise,  um  selber  für  einige
tausend  Taler  französische  und  englische  Waren  in  sein  Vaterland  hinüberzupaschen.


Nach  dieser  Probe  moskowitischer  Zuverlässigkeit  wagte  der  Gesandte
Ribeaupierre  noch  zu  verlangen,  daß  jeder  preußische  Kaufmann,  der  im
Grenzbezirke  an  russische  Untertanen  zollpflichtige  Waren  verkaufe,  als
Schmuggler  bestraft  würde.  Der  Finanzminister  aber  erwiderte,  dann
würde  Preußen  ein  Vasallenstaat  Rußlands,  und  gab  nur  die  trockene  Versicherung,
  man  werde  jeden  auf  handhafter  Tat  ergriffenen  Schmuggler
ohne  Unterschied  bestrafen.)  Das  sagte  gar  nichts;  denn  da  Preußen
keine  Ausfuhrzölle  erhob,  so  ließ  man  auch  den  Ausfuhrverkehr  nicht  überwachen.
  Also  wurde,  zu  Nikolaus'  Entrüstung,  jeder  russische  Antrag  von
der  Hand  gewiesen.  Die  preußische  Regierung  wollte  ihren  Untertanen
die  Notwehr  gegen  den  barbarischen  Nachbarstaat  nicht  untersagen,  obgleich
  sie  sehr  wohl  wußte,  daß  dieser  Schleichhandel  auch  die  ostpreußische
Grenzbevölkerung  entsittlichte.  Als  Nesselrode  dem  Berliner  Hof  vorhielt,
Preußen  sorge  doch  für  die  Verhinderung  des  Schmuggels  in  den  Staaten
des  Zollvereins,  da  erfolgte  die  ironische  Antwort:  mit  Rußland  habe  der
König  keinen  Zollverein  geschlossen,  auch  fühle  er  sich  durchaus  nicht  verpflichtet,
  für  die  Durchführung  eines  ausländischen  Zollgesetzes  zu  sorgen.

Nun  versuchte  Nikolaus  (1840)  durch  eine  Eisenbahn  von  der  Memel
nach  Liebau  das  preußische  Gebiet  zu  umgehen;  sein  Schwiegervater  aber
befahl  alsbald,  die  Eisenbahnpapiere  dürften  an  der  Berliner  Börse  nicht
gehandelt  werden,  und  dadurch  empfing  das  Unternehmen  den  Todesstoß.
Oberpräsident  Schön  meinte  verächtlich:  warum  wolle  man  sich  so  sehr  ereifern?
  diese  Moskowiter  brächten  ja  doch  nichts  zustande;  seit  den
Zeiten  Katharinas  planten  sie  schon  einen  Kanal  von  der  Memel  nach
Liebau;  die  Chaussee  von  Tauroggen  nach  Mitau  hätten  sie  in  elf  Jahren
noch  nicht  vollendet,  obgleich  die  preußische  Strecke  bis  zur  Grenze  längst
gebaut  sei  und  Nikolaus  persönlich  die  Sache  betreibe.  *)  Der  gewiegte
Kenner  der  russischen  Verwaltung  sollte  recht  behalten;  die  anarchischen
Zustände  an  der  Grenze  blieben  durch  viele  Jahre  unverändert.  Die
Russen  benutzten  den  Vorteil,  welchen  die  Barbarei  vor  der  Zivilisation

 

*)  Stockhausens  Bericht,  10.  Aug.  1838.
**)  Schön  an  Lottum,  27.  März  1840.
        <pb n="543" />
        Zar  Nikolaus  in  Kreuth.  535

immer  voraus  hat;  sie  erlaubten  sich  zuweilen  nach  altem  Litauer  Reiterbrauche
  eine  freche  Grenzverletzung,  weil  sie,  namentlich  in  Schlesien,  fast
immer  auf  die  Langmut  des  preußischen  Beamtentums  zählen  konnten.
Doch  im  wesentlichen  hielt  der  König  das  Ansehen  seines  Staates  aufrecht;
  er  vermied  grundsätzlich  alles,  was  die  vertragsbrüchige  Nachbarmacht
  in  ihrer  Handelspolitik  fördern  konnte,  und  die  öffentliche  Meinung
stand  auf  seiner  Seite.  —

Auch  an  den  kleinen  deutschen  Höfen  errang  Rußland,  solange  der
alte  König  lebte,  nirgends  die  Herrschaft.  Sie  wünschten  wohl  alle  dem
Selbstherrscher  zu  gefallen;  aber  der  Zollverein,  dessen  Segnungen  sich
gerade  in  diesen  ersten  Jahren  mit  Händen  greifen  ließen,  band  sie  an
Preußen,  und  die  hochmütige  Gönnermiene  des  Zaren  beleidigte  ihren
Stolz.)Als  Großfürst  Michael  Deutschland  bereiste,  entwarf  er  seinem
kaiserlichen  Bruder  eine  trostlose  Schilderung  von  dem  Zustande  der  kleinen
deutschen  Armeen.  Das  Frankfurter  Kriegsheer  nannte  er  begreiflicherweise
un  peu  mince;  in  Nassau  mußte  er  erleben,  daß  der  Herzog  die  gesamten
  Beurlaubten  seines  Heeres  plötzlich  einberief,  um  nur  eine  leidliche
Parade  veranstalten  zu  können;  die  Württemberger  fand  er  schmutzig,  die
bayrischen  Truppen  mit  ihren  uralten  Stabsoffizieren  und  unvollständigen
Bataillonen  ganz  erbärmlich.  Infolge  dieses  Berichtes  bat  Nikolaus  die
deutschen  Großmächte,  sie  möchten  ihre  kleinen  Bundesgenossen  zur  Erfüllung
  ihrer  militärischen  Verpflichtungen  ernstlich  anhalten;  die  Sache  gehe
ihn  selber  sehr  nahe  an,  denn  seine  Russen  —  dieser  Lieblingssatz  durfte
natürlich  nicht  fehlen  —  würden  im  Kriegsfalle  die  Reserve  des  deutschen
Heeres  bilden.  “)  Solche  Mahnungen  machten  nur  böses  Blut,  zumal  bei
dem  empfindlichen  Könige  von  Bayern;  sie  fruchteten  gar  nichts,  denn  die
kleinen  Höfe  konnten,  wenn  sie  ihre  Truppen  vernachlässigten,  auf  den
Beifall  ihrer  haushälterischen  Landtage  zählen.

Wie  wenig  Liebe  der  Zar  erworben  hatte,  das  zeigte  sich  deutlich,
sobald  seine  Kinder  in  das  heiratsfähige  Alter  eintraten.  Als  die  kaiserliche
  Familie  im  Jahre  1838  über  Berlin  nach  dem  Wildbade  Kreuth  reiste,
da  wußte  an  den  Höfen  jedermann,  daß  jetzt  folgenreiche  Ehebündnisse
bevorstünden;  die  Diplomatie  sprach  laut  und  unehrerbietig  von  dem  großen
russischen  Heiratskongresse.  In  Kreuth  nahmen  die  Festlichkeiten  kein  Ende.
Drei  Kaiserinnen  waren  dort  versammelt,  außer  der  russischen  die  beiden
kaiserlichen  Witwen  von  Osterreich  und  von  Brasilien;  und  dazu  im
nahen  Tegernsee  die  Königin-Mutter  Karoline  mit  den  bayrischen  Herrschaften.
  Der  russische  Hof  entfaltete  eine  Pracht,  die  von  den  patriarchalischen
  Zuständen  des  stillen  Hochalpentals  widerwärtig  abstach.  Er

 

*)  Blittersdorffs  Bericht,  14.  Okt.  1838.
**)  Blittersdorffs  Bericht,  26.  Oktober  1835.  Ministerialschreiben  an  Maltzan,
29.  Juni  1837.
        <pb n="544" />
        536  IV.  8.  Stille  Jahre.

spendete  die  Imperialen  mit  vollen  Händen,  sagte  den  Bayern  überschwengliche
  Schmeicheleien,  ließ  in  den  Münchner  Kunstwerkstätten  großartige
Einkäufe  veranstalten,  und  fast  schien  es,  als  wolle  er  die  anderen  Fürstlichkeiten
  absichtlich  verdunkeln.  Sehr  vernehmlich  und  ohne  Zartgefühl  gab
Nikolaus  zu  erkennen,  daß  er  die  Hand  des  bayrischen  Kronprinzen  für  eine
seiner  Töchter  wünsche.  Kronprinz  Max  war  eine  zarte,  sinnige  Gelehrtennatur,
  er  lebte  ganz  der  Wissenschaft  und  zeigte,  wie  die  meisten  Wittelsbacher,
  wenig  Sinn  für  das  Kriegswesen;  die  Paradelust  des  Zaren  wurde
ihm  ungemütlich,  und  nach  langen  Verhandlungen  gestand  er  mit  deutschem
Gradsinn:  einen  solchen  Schwiegervater  könne  er  sich  nicht  wünschen)

Das  einzige  Ergebnis  der  verunglückten  Reise  war  eine  überaus  bescheidene
  Heirat,  die  in  den  Kreisen  der  strengen  Legitimisten  gerechtes
Befremden  erregte.  Eine  Schwester  der  verschmähten  Großfürstin  verlobte
sich  mit  dem  Herzog  von  Leuchtenberg,  einem  Napoleoniden  von  zweifelhafter
Ebenbürtigkeit.  So  traten  die  Beauharnais  in  das  russische  Kaiserhaus
ein,  und  fortan  galt  am  Petersburger  Hofe  der  sonderbare  Glaubenssatz,
daß  die  Napoleons  an  dem  legitimen  Rechte  weniger  gefrevelt  hätten  als
die  Orleans;  darum  wurde  auch  der  bisher  so  geringschätzig  behandelte
König  von  Schweden  Bernadotte  jetzt  von  Nikolaus  geflissentlich  ausgezeichnet
  und  sogar  mit  einem  Besuche  beehrt.  Das  zugleich  anmaßende
und  zudringliche  Wesen  der  Moskowiter  hatte  in  Süddeutschland  allgemein
mißfallen;  man  atmete  auf,  als  die  Gäste  abzogen.  Der  preußische  Gesandte
  Graf  Dönhoff  sprach  sich  darüber  freimütig  aus,  und  der  König
belobte  ihn  ausdrücklich  wegen  seiner  verständigen  Berichte.  *)  Dem  alten
Herrn  war  bei  dieser  prunkenden  Freierreise  überhaupt  nicht  wohl  zu
Mute.  Er  fand  das  Benehmen  seines  Schwiegersohnes  taktlos  und  verbot
seinem  Thronfolger  ausdrücklich,  nach  Kreuth  zu  reisen.  Er  mißbilligte,
daß  Nikolaus  sich  so  aufdringlich  um  die  Freundschaft  des  Münchener
Hofes  bewarb,  eben  jetzt,  da  Preußen  wegen  der  kirchlichen  Wirren  mit
König  Ludwig  verfeindet  war;  und  als  nun  gar  seine  Enkeltochter  mit
einem  Beauharnais  verlobt  wurde,  da  fühlte  er  sich  tief  gekränkt,  denn
nirgends  hatte  der  Name  der  Napoleoniden  einen  schlimmeren  Klang  als
in  Berlin.  Dieser  Hochzeit  durfte  keiner  seiner  Prinzen  beiwohnen;  er
selbst  ließ  sich,  zum  Kummer  des  Zaren,  nur  durch  seinen  Flügeladjutanten
  Major  Brauchitsch  vertreten.)  —

Alles  in  allem  war  die  Freundschaft  der  drei  Ostmächte  bei  weitem
nicht  mehr  so  innig  wie  zu  Anfang  der  zwanziger  Jahre.  Gleichwohl  entstand
  gerade  in  diesem  Jahrzehnt  die  Legende  von  der  Herrschaft  Rußlands
  im  Ostbunde;  denn  überall  verlangt  der  politische  Haß  nach  einem

*)  Dönhoffs  Bericht,  12.,  16.,  19.  Aug.,  17.  Sept.,  13.,  20.  Okt.  Frankenbergs
Bericht,  28.  Aug.  1838.
**)  Dönhoffs  Berichte,  14.,  27.  Nov.  1838.
'“)  Stockhausens  Bericht,  12.  Aug.  1839.
        <pb n="545" />
        Die  polnische  Legende.  537

Manne,  an  den  er  sich  anklammern  kann.  Da  Nikolaus  die  beiden
anderen  Monarchen  durch  Hochmut  und  Willenskraft  überragte,  so  dich—
teten  ihm  die  erbitterten  Liberalen  jetzt  schon  eine  Macht  an,  die  er  in
Wahrheit  erst  in  den  vierziger  Jahren,  durch  die  Willensschwäche  Friedrich
  Wilhelms  IV.,  und  auch  dann  niemals  vollständig  erlangt  hat.  Die
ersten  Urheber  dieser,  wie  so  vieler  anderen  politischen  Mythen  der  Zeit
waren  die  polnischen  Flüchtlinge.  Bezaubert  von  der  sarmatischen  Beredsamkeit
  vermochten  die  deutschen  Liberalen  gar  nicht  mehr  zu  begreifen,
daß  die  gemeinsame  polnische  Politik  der  Ostmächte  sich  aus  den  früheren
Ereignissen  mit  unerbittlicher  Notwendigkeit  ergab;  überall  witterten  sie
russische  Ränke  und  russisches  Gold.  Mit  Jubel  begrüßte  man  Platens
Gedicht  auf  „den  reisenden  Rubel“:

Seit  außer  Kurs  die  Tugend  ist,

Kursiert  der  Rubel  sehr!

Als  der  Dichter  diese  Zeilen  schrieb,  1833,  besaß  Rußland  gar  keine  Macht
über  Deutschland;  eben  damals,  nach  der  Münchengrätzer  Zusammenkunft,
  machte  Preußen  die  politischen  Pläne  des  Petersburger  Kabinetts  zu
Schanden.  Und  wenn  er  dann  zornig  ausrief:

Erst  gab's  nur  einen  Kotzebue,

Jetzt  gibt's  ein  ganzes  Schock  —
so  ließ  sich  wohl  fragen,  wer  denn  diese  neuen  Kotzebues  sein  sollten?
Doch  sicherlich  nicht  der  ehrliche  Stägemann  oder  die  anderen  preußischen
Beamten,  die  in  der  Staatszeitung  dem  verblendeten  Liberalismus  Vernunft
  zu  predigen  suchten?  Aber  solche  Fragen  warf  man  gar  nicht  auf;
man  schwärmte  für  den  Kampf  deutscher  Freiheit  gegen  moskowitische  Knechtschaft,
  und  dachte  sich  dabei  nicht  viel  mehr  als  der  Dichter  selbst,  der
Deutschlands  „künftigen“  Helden  mit  dem  Heilruf  begrüßte:

Dir,  Siegender,  möge  dann

Mongolenblut  aus  jeder  Locke

Uber  den  faltigen  Mantel  triefen!

Dieser  phantastische  Russenhaß  konnte  nur  die  Schwärmer  betören,
welcheaufdie  Schlagworte  des  polnisch-französischen  Radikalismus  schwuren.
Weit  verderblicher  wirkte  eine  andere  politische  Legende,  die  von  England
ausging;  sie  trat  in  staatsmännischem  Gewande  auf  und  verführte  gerade
die  gemäßigten,  die  denkenden  Liberalen.  Der  junge  englische  Diplomat
David  Urquhart  hatte  sich  einst  für  die  Hellenen  begeistert,  dann  aber  im
Verkehre  mit  vornehmen  Türken  eine  überaus  hoffnungsreiche  Ansicht  von
der  Lebenskraft  des  osmanischen  Reiches  gewonnen;  denn  die  Sünden  der
Herren  sind  andere  als  die  Sünden  der  Knechte,  unter  den  würdevollen,
sauberen,  ehrlichen  Türken  befand  er  sich  wohler  als  unter  den  gierigen
Raubvogelgesichtern  der  mißhandelten  Rajahvölker.  Also  kehrte  er  zurück
  zu  der  altenglischen  Ansicht,  daß  die  Herrschaft  des  Halbmonds  über
        <pb n="546" />
        538  IV.  8.  Stille  Jahre.

die  Christen  der  Balkanhalbinsel  eine  europäische  Notwendigkeit  sei  und
Rußlands  orientalische  Politik  mit  jedem  Mittel  bekämpft  werden  müsse.
Mit  der  Hartnäckigkeit  eines  religiösen  Fanatikers  vertiefte  er  sich  in  diesen
Gedankengang,  bis  er  endlich  zu  der  Überzeugung  gelangte,  daß  neben
der  Zukunft  Konstantinopels  alle  anderen  Interessen  Europas  verschwänden.
  Sein  Ziel  war  die  Weltherrschaft  des  britischen  Handels,  und  mit
wohltuender  Ehrlichkeit  sprach  er  aus:  „in  seiner  gegenwärtigen  mächtigen
Stellung  leidet  England  unter  allen  Ereignissen,  die  es  nicht  nach  seinem
Willen  zu  leiten  vermag.“  Alle  anderen  Völker  waren  also  lediglich  verpflichtet,
  die  britische  Weltmacht  zu  fördern,  und  mußten  es  als  eine  Gnade
betrachten,  wenn  ihnen  die  Meereskönigin  noch  irgendeine  Kolonie  gönnte.

Dergestalt  berührten  sich  Urquharts  Ansichten  mit  der  Meinung  Lord
Palmerstons,  der  damals  (1836)  im  Parlamente  rühmte,  wie  großmütig
sich  England  gegen  seine  verratenen  alten  Bundesgenossen  benommen  habe,
und  zufrieden  lächelnd  sagte:  „Wir  konnten  Holland  alles  nehmen  und
wir  haben  nur  das  Kap,  Ceylon  und  Surinam  behalten;  Java  haben
wir  wieder  herausgegeben.“  Aber  auf  die  Dauer  vermochte  der  geistreiche
Heißsporn  die  Politik  Palmerstons,  die  doch  immer  mit  den  Tatsachen
rechnete,  nicht  zu  ertragen;  er  wurde  bald  ein  leidenschaftlicher  Gegner  des
Lords,  bezichtigte  ihn  der  Feigheit  und  brandmarkte  ihn  endlich  gar  als
einen  geheimen  Bundesgenossen  des  Zaren.  In  allen  seinen  Schriften
lagen  Geist  und  Narrheit  dicht  beieinander.  Er  erkannte  scharfsichtig,
daß  die  Quadrupelallianz  ein  Fehler  war  und  die  Freundschaft  der  Westmächte
  unvermeidlich  schwächen  mußte;  aber  seine  fixe  Idee  ließ  ihn  niemals
  zu  einem  unbefangenen  Urteile  gelangen.  Überall  wähnte  er  Rußlands
  unterirdische  Arbeit  zu  entdecken;  sogar  den  Zollverein,  der  dem
fanatischen  Briten  natürlich  ein  Greuel  war,  sollte  Zar  Nikolaus  geschaffen
  haben,  um  Deutschland  erst  zu  zerspalten  und  dann  Rußlands
Diktatur  in  Mitteleuropa  zu  befestigen.

Zur  Verbreitung  dieser  seltsamen  Ansichten  ließ  Urquhart  in  den
Jahren  1833—37  das  Portfolio  erscheinen,  eine  Sammlung  geheimer
diplomatischer  Aktenstücke  mit  entsprechenden  Erläuterungen,  eine  der  wirksamsten
  politischen  Schriften  des  Jahrhunderts.  Durch  dies  Buch  wurde
in  den  gebildeten  Klassen  Mittel-=  und  Westeuropas  jene  grundfalsche  Anschauung
  der  orientalischen  Frage  begründet,  welche  fortan  zwei  Jahrzehnte
hindurch,  bis  zu  der  großen  Enttäuschung  des  Krimkriegs  vorherrschte.
Urquhart  wollte  zunächst  den  Ostbund  sprengen,  namentlich  Österreich,
das  in  England  noch  von  alten  Zeiten  her  als  natürlicher  Verbündeter  betrachtet
  wurde,  mit  Preußen  und  Rußland  entzweien.  Schlag  auf  Schlag
veröffentlichte  das  Portfolio  die  Depeschen  und  Denkschriften,  welche  Pozzo
di  Borgo  während  des  letzten  türkischen  Krieges  nach  Petersburg  gesendet
hatte;  die  Abschriften  waren  zur  Zeit  des  Warschauer  Aufruhrs  in  dem
Palaste  des  Großfürsten  Konstantin  aufgefunden  und  dem  gewandten  Her-
        <pb n="547" />
        Das  Portfolio.  539

ausgeber,  der  überall  in  Europa  gute  Verbindungen  unterhielt,  mitgeteilt
worden.*)  Diese  Enthüllungen  erregten  an  den  Höfen  ein  unbeschreibliches
  Aufsehen.  Mit  einem  Male  ward  klar,  auf  wie  schwachen  Füßen
der  Bund  der  Ostmächte  stand.  Daß  Metternich  in  den  Zeiten  des  Friedens
  von  Adrianopel  durchaus  feindliche  Absichten  gegen  Rußland  gehegt
hatte,  ließ  sich  jetzt  nicht  mehr  leugnen.  Vergeblich  versuchte  er  sich  vor  dem
Petersburger  Hofe  zu  rechtfertigen.  Pozzo,  der  mittlerweile  den  Gesandtschaftsposten
  in  London  angetreten  hatte,  wurde  von  dem  Zaren  geflissentlich,
  um  die  Hofburg  zu  kränken,  ausgezeichnet,  und  es  währte  sehr  lange,
bis  die  Verstimmung  zwischen  den  beiden  Kaiserhöfen  sich  legte.)
Noch  vollständiger  erreichte  Urquhart  seinen  zweiten  Zweck,  die  Bearbeitung
  der  öffentlichen  Meinung.  Offenbar  war  das  Portfolio  zumeist  für
Deutschland  bestimmt;  denn  hier  in  dem  Lande  der  schwärmerischen  Fremdbrüderlichkeit
  konnte  auch  die  neue  Heilslehre,  welche  dem  britischen  Kaufmann
  die  Weltherrschaft  sichern  sollte,  am  leichtesten  Eingang  finden.  In  der
Tat  wurde  die  Sammlung  sofort  in  Leipzig  übersetzt  und  blieb  viele  Jahre
hindurch  allen  liberalen  Zeitungen  ebenso  unentbehrlich  wie  das  Staatslexikon.
  Auf  das  überspannte  Philhellenentum  der  zwanziger  Jahre  folgte
eine  Zeit  der  Türkenschwärmerei.  Wer  jetzt  noch  auf  der  Höhe  der  Zeit
stehen  wollte,  mußte  mit  staatsmännischem  Nasenrümpfen  auf  das  himmelschreiende
  Elend  der  christlichen  Rajahvölker  herabschauen;  viele  der  liberalen
  Blätter  redeten,  als  ob  die  Eunuchen  und  die  Serailknaben  des
Sultans  die  Bannerträger  der  europäischen  Gesittung  wären.  Auch  diese
Verirrung,  die  sich  als  kühle  Realpolitik  gebärdete  und  dem  hochherzigen
deutschen  Idealismus  häßlicher  anstand  als  vormals  die  hellenische  Begeisterung,
  entsprang  im  Grunde  wie  jene  nur  den  unberechenbaren  Stimmungen
  des  Gemüts;  man  verherrlichte  die  Osmanen,  weil  man  den
russischen  Despoten  haßte  und  den  Briten  eine  niemals  erwiderte  Liebe
widmete.  Seit  man  zu  merken  anfing,  daß  Frankreich  statt  der  verheißenen
Freiheit  nur  die  Klassenherrschaft  der  Bourgeoisie  erlangt  hatte,  galt  England
  wieder  für  den  konstitutionellen  Musterstaat  und  folglich  für  Deutschlands
  wärmsten  Freund,  obgleich  die  Erfahrung  jedes  Tages  lehrte,  wie
gehässig  die  Briten  dem  besten  Werke  der  deutschen  Politik,  dem  Zollvereine
  entgegenwirkten.  Da  auch  die  zahlreichen  Freunde  und  Agenten  des
Hauses  Koburg  in  der  Stille  mithalfen,  so  fanden  die  Märchen  der  britischen
  Russophoben  bei  den  gebildeten  Deutschen  leicht  Glauben;  mancher
wackere  Patriot  beschäftigte  sich  so  liebevoll  mit  den  Schicksalen  des  Bosporus
  und  der  ostindischen  Kompagnie,  daß  er  des  Vaterlandes  fast  vergaß.
  Einer  unserer  gescheitesten  und  ehrlichsten  Publizisten,  C.  F.  Wurm
in  Hamburg  schrieb  für  das  Portfolio  als  Germanicus  Vindex  grimmige

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  12.  Febr.  1836.
**)  Maltzans  Berichte,  19.,  29.  Febr.,  5.  April,  27.  Juni  1836.
        <pb n="548" />
        540  IV.  8.  Stille  Jahre.

Artikel  wider  Preußens  Handelspolitik.  Die  klugen  Londoner  Kaufleute
hörten  mit  Herzenslust  auf  die  abstrakten  Freihandelslehren  des  gelehrten
Schwaben;  er  aber  hatte  sich  in  das  hanseatische  Weltbürgertum  schon
ganz  eingelebt,  er  fühlte  kaum,  wie  schwer  er  sich  an  Deutschland  ver—
sündigte,  wenn  er  in  einem  englischen  Organe  die  wirtschaftliche  Einheit
seiner  Nation  bekämpfte  und  das  Ausland  vor  Preußens  friedlichen  Er—
oberungen  warnte.

Von  deutschen  Dingen  verstand  Urquhart,  wie  alle  Briten,  sehr  wenig;
sein  gutes  Glück  spielte  ihm  aber  zwei  Schriften  von  Gustav  Kombst  in
die  Hände:  „Der  Deutsche  Bundestag  gegen  Ende  des  Jahres  1832“  und
„Authentische  Aktenstücke  aus  den  Archiven  des  deutschen  Bundes“.  Kombst
war  Beamter  bei  der  preußischen  Bundesgesandtschaft,  ein  gemeiner,  eitler,
wüster  Mensch;  die  Lebenserinnerungen,  die  er  nachher  als  Flüchtling
schrieb,  gewährten  einen  lehrreichen  Einblick  in  die  sittliche  Verwilderung
der  jungdeutschen  Radikalen.  Er  wurde  wegen  Ungehorsams  seines  Amtes
entlassen  und  stahl  zum  Abschied  aus  Naglers  Papieren  eine  Reihe  ge—
heimer  Aktenstücke,  die  er  sofort  in  Straßburg  mit  gesinnungstüchtigen
Zusätzen  drucken  ließ.  Die  Schriftstücke  waren  sämtlich  echt,  nur  die
Namen  der  Verfasser  hatte  der  unwissende  Herausgeber  oft  falsch  ange—
geben.  Daher  beschlossen  die  peinlich  überraschten  Regierungen  zu  schweigen;
die  beiden  Schriften  wurden  streng  verboten  und  verschwanden  bald  ganz
vom  Büchermarkte.)  Erst  Urquhart  brachte  sie  wieder  in  Umlauf,  indem
er  sie  im  Portfolio  großenteils  übersetzen  ließ.  Der  Lärm  war  gewaltig;
denn  der  Brite  hatte  nur  ausgewählt,  was  die  deutschen  Großmächte  vor
den  Liberalen  verdächtigen  mußte.  Also  ward  ihm  und  dem  englischen
Volke  die  Freude,  daß  die  Deutschen  sich  wieder  einmal  wegen  abgetaner
Dinge  untereinander  verklagten  und  verleumdeten.

Urquharts  Werk  rief  eine  lange  Reihe  russischer  Gegenschriften  hervor:
  so  die  Causeries  sur  le  Portfolio,  die  mit  kindlicher  Treuherzigkeit
die  harmlose  Friedensliebe  des  Petersburger  Hofes  rühmten,  und  das  vielbesprochene
  anonyme  Buch  „Die  europäische  Pentarchie“  (1839),  von  Goldmann,
  einem  jener  gewandten  polnischen  Juden,  welche  Rußland  gern  als
geheime  Agenten  gebrauchte.  Der  Pentarchist  versicherte  inbrünstig,  daß
er  „in  keiner  Verbindung  zu  irgendeiner  Regierung  stehe“,  und  in  der
Tat  scheint  das  an  plumpen  Erfindungen  sehr  reiche  Buch  wohl  auf
Geheiß  des  russischen  Hofes  geschrieben,  doch  nicht  vorher  in  Petersburg
geprüft  worden  zu  sein;  manche  seiner  Behauptungen  verrieten  nur  die
vorlaute  Zudringlichkeit  eines  betriebsamen  Strebers.  In  einer  Denkschrift
  „über  Deutschlands  Zustand  und  Zukunft“,  die  dem  Portfolio  verraten
  und  allgemein  für  ein  Werk  Nesselrodes  gehalten  wurde,  hatte
Goldmann  schon  vor  fünf  Jahren  den  Gedanken  ausgeführt,  daß  Ruß- 



*)  Berichte  von  Blittersdorff,  29.  Juli,  von  Maltzan,  7.  Aug.  1835.
        <pb n="549" />
        Der  Pentarchist.  541

land  der  wohlwollende  Protektor  der  kleinen  deutschen  Staaten  werden
müsse.“)  Denselben  Gedanken  entwickelte  auch  „die  Pentarchie“  in  vorsichtigen
  Andeutungen.  Schwerlich  hat  Zar  Nikolaus  selbst  diesen  Plänen
zugestimmt.  Er  wünschte  wohl,  wie  alle  Fürsten  des  Auslandes,  den  Fortbestand
  der  deutschen  Kleinstaaterei,  damit  die  Schwäche  Mitteleuropas
dauere,  und  jede  Untertänigkeit  unserer  Kleinfürsten  hieß  er  willkommen;
doch  er  war  zu  sehr  Soldat,  um  auf  diese  waffenlosen  Höfe  viel  Wert
zu  legen.  Sein  Übermut  trachtete  nach  Größerem,  er  hoffte  zur  rechten
Zeit  die  deutschen  Großmächte  selbst  in  den  Kampf  gegen  die  Revolution
zu  führen.

Indessen  die  Andeutungen  des  Pentarchisten  und  jener  angeblichen
Nesselrodischen  Denkschrift  genügten,  um  wieder  die  Welt  von  russophobischen
  Fabeln  hervorzurufen.  Alle  politischen  Halbwisser  schworen  darauf,
daß  die  Gesandten  des  Zaren  an  jedem  deutschen  Hofe  den  Ton  angäben;
und  Wurn  sprach  nur  die  vorherrschende  Ansicht  aus,  als  er  sagte,  der
russische  Einfluß  sei  in  Deutschland  überall  mit  Händen  zu  greifen.  Also
stritten  sich  Rußland  und  England  um  die  Beherrschung  unserer  öffentlichen
  Meinung,  und  beide  Teile  fanden  ergebene  Genossen.  Doch  nirgends
  erhob  sich  eine  deutsche  Stimme,  nirgends  ein  Mann,  der  dieser
zerrissenen  Nation  unbarmherzig  sagte,  daß  sie  von  dem  Golde  der  Briten
ebensowenig  zu  hoffen  hatte,  wie  von  den  Lanzen  der  Kosaken,  daß  sie
diese  kindische  Freemdbrüderlichkeit,  dies  würdelose  Kannegießern  über  die
Interessen  des  Auslandes  endlich  aufgeben  und  alle  ihre  Leidenschaft  auf
die  eine  hohe  Idee  richten  müsse,  die  seit  der  Neujahrsnacht  von  1834
kein  leerer  Traum  mehr  war:  auf  die  Idee  ihrer  Einheit.  —

 

Unterdessen  begann  sich  in  Preußens  inneren  Zuständen  bereits  jene
Abspannung  zu  zeigen,  welche  am  Ende  einer  langen  Regierung  fast  immer
eintritt.  Wohl  verdiente  der  festgeordnete  alte  Beamtenstaat  nicht  den
galligen  Tadel  der  Freunde  Varnhagens,  die  ihn  schon  seit  zwanzig
Jahren  beständig  auf  dem  Wege  von  Jena  nach  Auerstädt  zu  sehen  glaubten,
  und  noch  weniger  die  rohen  Schmähreden  der  Demagogen.  Seit  dem
Zollvereine  nahm  der  Preußenhaß  in  den  Kreisen  des  Radikalismus  gewaltig
  überhand.  Wer  für  Deutschlands  künftige  Einheit  schwärmte,  hielt
sich  verpflichtet,  die  werdende  Einheit,  den  lebendigen  deutschen  Staat  zu
beschimpfen;  und  niemand  unter  den  Flüchtlingen  verstand  mit  so  gesinnungstüchtiger
  Entrüstung,  mit  so  hagebüchener  Grobheit  zu  poltern,  wie
der  Rheinländer  Jakob  Venedey,  ein  ehrlicher  teutonischer  Träumer  von

 

*)  Als  Verfasser  dieser  Denkschrift  (Portfolio  Nr.  II.)  bekannte  sich  der  Pentarchist
späterhin  selbst  in  seinem  Buche:  Europas  Kabinette  und  Allianzen,  Leipzig  1862.
        <pb n="550" />
        542  IV.  8.  Stille  Jahre.

hohem  Selbstgefühl,  aber  geringer  Bildung  und  noch  geringerem  Ver—
stande.  Er  hatte  bei  den  Unruhen  des  Jahres  1833  mitgeholfen  und  trieb
sich  jetzt  unter  den  deutschen  Handwerkern  in  Paris  umher.  In  seinem
Buche  „Preußen  und  das  Preußentum“  (1839)  erklärte  er  kurzab:  „Der
Antigeist  der  Freiheit  hat  Preußen  geschaffen.  Preußen  wird  untergehen,
sobald  das  deutsche  Volk  erwacht.  Alle  Institutionen  Preußens  haben  nur
einen  Zweck,  den,  unter  dem  Scheine  des  Volkswohls,  der  Aufklärung,  des
Fortschritts  und  der  Freiheit,  die  Ausbeutung  der  Mehrzahl  des  Volks
durch  eine  bevorzugte  Minderzahl,  Verdummung,  Rückschritt,  Knechtssinn
und  Knechtschaft  zu  begründen.“  Solchen  Feinden  gegenüber  behielt  der
geistreiche  alte  Geheimrat  K.  Streckfuß  freilich  recht,  als  er  in  der  Schrift
„über  die  Garantien  der  preußischen  Zustände“  mit  dem  ganzen  Selbstgefühle
  des  preußischen  Beamten  ausführte:  dieser  Staat  der  Gerechtigkeit,
  der  Bildung,  der  Ehrlichkeit  und  der  kriegerischen  Kraft  brauche  weder
mit  Frankreich  noch  mit  England  den  Vergleich  zu  scheuen.  Er  irrte
nur,  wenn  er  zuversichtlich  hinzufügte:  „unsere  Zustände  sind  durch  sich
selbst  und  ihren  inneren  Zusammenhang  vollkommen  gesichert.“
Unverkennbar  nahte  ein  großer  Umschwung  langsam  heran.  Mit  seiner
letzten  großen  Tat,  mit  der  Schöpfung  des  Zollvereins  war  die  Lebenskraft
  des  alten  Systems  erschöpft.  Es  hielt  sich  nur  noch,  weil  überall  an
zweiter  Stelle  ausgezeichnete  Kräfte  tätig  waren;  aber  ihm  fehlte  die  feste
Leitung.  Der  König  alterte  sichtlich;  was  er  noch  an  Tatkraft  besaß,
ging  völlig  auf  in  den  peinlichen  diplomatischen  Händeln  um  die  Erhaltung
  des  Weltfriedens.  Seit  dem  Tode  von  Motz  und  Maassen  saß  im
Ministerium  niemand  mehr,  der  den  Namen  eines  Staatsmannes  verdiente.
  Die  Leitung  des  Staatsrats  erhielt  nach  dem  Tode  des  Herzogs
Karl  General  Müffling,  der  sein  Amt  ganz  in  dem  hochkonservativen  Sinne
seines  Vorgängers  führte,  aber  wenig  Einfluß  gewann,  da  der  Staatsrat
seine  alte  Macht  verloren  hatte.  Der  neue  Minister  des  Innern  von  Brenn
hatte  sich  als  sächsischer  Beamter  und  dann  als  Regierungspräsident  vortrefflich
  bewährt;  eigener  Gedanken  zeigte  er  so  wenig,  daß  bald  alle  Parteien
  ihn  für  einen  unfähigen  Minister  erklärten.“)  Die  Polizei  überließ
er  ganz  dem  berüchtigten  Demagogenverfolger  Geh.  Rat  Tzschoppe,  und
seitdem  begann  auch  im  Beamtentum  selber  ein  widerwärtiges  Spüren,
das  allen  guten  altpreußischen  Sitten  widersprach:  mancher  Subalterne
suchte  sich  bei  dem  Minister  lieb  Kind  zu  machen,  indem  er  die  Gesinnung
  seiner  Vorgesetzten  anschwärzte.“)  In  dem  Eckhause  der  Charlottenstraße,
  wo  Tzschoppe  zwei  Treppen  hoch  wohnte,  fanden  sich  alle  die
schroffen  Gegensätze  des  Berliner  Lebens  freundnachbarlich  beisammen.
Im  Erdgeschosse  arbeitete  Gans  bei  offenem  Fenster  an  seinem  Stehpulte,

*)  Herzog  Karl  v.  Mecklenburg  an  Wittgenstein,  8.  Juli  1831.
*.)  Nach  Kühnes  Auf#zeichnungen.
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        Brenn.  Rochow.  Alvensleben.  543

und  mancher  der  vorüberwandelnden  Bürger  warf  dem  stadtbekannten
Freiheitshelden  bewundernde  Blicke  zu.  Mitten  zwischen  den  beiden,  im
ersten  Stockwerk,  hauste  der  alte  Stägemann,  der,  selber  von  den  Polen—
freunden  arg  verleumdet,  im  königlichen  Kabinette  immer  bemüht  war,
jede  Verfolgung  von  den  Liberalen  abzuwenden;  wer  noch  auf  die  humane
alte  Berliner  Bildung  hielt,  freute  sich  an  dem  edlen  Greise,  und  zum
Jubelfeste  brachte  Chamisso  „dem  Kanzler  und  dem  Sänger  gleich  im
Einen“  seine  Huldigung  dar.  Nach  kaum  vier  Jahren  mußte  Brenn
zurücktreten.  Sein  Nachfolger  wurde  G.  A.  R.  von  Rochow,  ein  konservativer
  Aristokrat,  der  einst  die  altständischen  Anschauungen  lebhaft  ver—
teidigt  ?),  nachher  in  der  Selbstverwaltung  der  Provinzialstände  und  als
Staatsbeamter  ein  ungewöhnliches  Verwaltungstalent  betätigt  und  manches
  Vorurteil  abgestreift  hatte;  er  zeigte  sich  als  tüchtiger  Fachminister,
erwarb  sich  namentlich  um  das  Gefängniswesen  große  Verdienste  und  genoß
in  den  ersten  Jahren  allgemeiner  Anerkennung,  jedoch  über  die  bequemen
alten  Herren  Lottum,  Wittgenstein,  Altenstein  vermochte  der  kräftige,  jüngere
Amtsgenosse  nichts.

Auch  an  dem  neuen  Finanzminister  fand  er  keine  feste  Stütze.  Als
Maassen  starb,  wurde  im  Publikum  der  unermüdliche  Unterhändler  der
Zollvereinsverträge,  Kühne  allgemein  als  der  gegebene  Nachfolger  betrachtet.
Er  stand  aber  am  Hofe  des  Kronprinzen  im  Rufe  eines  Jakobiners,  weil
er  gegenüber  den  Ansprüchen  der  Mediatisierten  sehr  scharf  für  das  Recht
der  Staatseinheit  eingetreten  war,  und  hatte  auch  sonst,  dank  seiner
scharfen  Zunge,  zahlreiche  Feinde.  Nach  langen  Erwägungen  fiel  die  Wahl
des  Königs  auf  den  Grafen  Alvensleben,  denselben,  der  soeben  auf  den
Wiener  Konferenzen  den  Minister  des  Auswärtigen  vertreten  hatte.  Für
sein  neues  Amt  war  Alvensleben  keineswegs  geeignet.  Er  hatte  bisher
dem  Finanzwesen  fern  gestanden  und  besaß  weder  das  Talent  noch  den
Fleiß,  um  sich  in  ein  neues  Fach  einzuarbeiten.  Wie  die  meisten  Edelleute
  der  Altmark,  hegte  er  ein  stilles  Mißtrauen  gegen  die  liberalen  Beamten,
  die  mit  ihrer  Zollvereinspolitik  das  gewohnte  Getriebe  altpreußischer
Sparsamkeit  so  bedenklich  störten.  Daher  sah  sich  Kühne  aus  der  Vertrauensstellung,
  die  er  unter  Motz  und  Maassen  behauptet  hatte,  bald
hinausgedrängt.  Subalterne  Naturen,  wie  der  Generalsteuerdirektor
Kuhlmeyer  und  der  Geh.  Rat  Offelsmeier  waren  dem  neuen  Minister
bequemer;  sie  bestärkten  ihn  auch  in  seiner  Scheu  vor  der  Offentlichkeit.
Wie  oft  war  Motz,  schon  als  Oberpräsident,  gegen  den  Unfug  der  summarischen,
  nur  auf  Grund  zweifelhafter  Vermutungen  zusammengestellten
Budgets  aufgetreten."*)  Noch  kurz  vor  seinem  Tode  hatte  er  durch  ein
freimütiges  Rundschreiben  die  anderen  Minister  aufgefordert,  ihm  jetzt

 

*)  S.  o.  III.  227.
**)  Motz  an  Lottum,  21.  Dez.  1824.
        <pb n="552" />
        544  IV.  8.  Stille  Jahre.

endlich  ganz  genaue  Etats  vorzulegen,  damit  die  Preußen  „auch  ohne
konstitutionelle  Formen“  die  wirkliche  Lage  ihres  Staatshaushalts  kennen
lernten.  Damals  war  die  Reform  an  der  Ängstlichkeit  des  Grafen  Lottum
gescheitert,  und  seit  Alvensleben  am  Ruder  stand,  wagte  das  Finanzmini—
sterium,  zu  Kühnes  Verzweiflung,  selbst  nicht  mehr  auf  seine  wohlberech—
tigte  Forderung  zurückzukommen.

Und  doch  bestand  durchaus  kein  Grund,  mit  der  Wahrheit  hinter  dem
Berge  zu  halten.  In  den  Jahren  von  1830  bis  einschließlich  1840  be—
trugen  die  außerordentlichen  Ausgaben  —  außer  den  39,28  Mill.,  welche
die  Mobilmachung  der  Revolutionsjahre  verschlungen  hatte  —  27,8  Mill.
Taler,  wovon  beinahe  15  Mill.  für  die  Chausseebauten  daraufgingen.
Dies  ergab,  da  Rußland  die  Verpflegung  der  übergetretenen  Polen  mit
3,9  Mill.  vergütete,  insgesamt  für  elf  Jahre  einen  außerordentlichen  Aufwand
  von  63222527  Taler.  Die  Summe  war  keineswegs  bedenklich;
denn  unvermeidlich  mußten  sich  die  Bedürfnisse  des  Staatshaushalts  allmählich
  vermehren,  weil  der  Verkehr  wuchs  und  die  Bevölkerung  bis  zum
Jahre  1840  auf  nahezu  15  Mill.  Köpfe  stieg.  Der  Ertrag  der  neuen
Abgaben  überschritt  die  Voranschläge  des  Budgets  bei  weitem,  und  die
Generalstaatskasse  deckte  den  größten  Teil  der  außerordentlichen  Ausgaben
  (fast  41  Mill.)  aus  ihren  baren  Beständen:  über  25  Mill.  durch
die  Steuerüberschüsse,  über  15  Mill.  durch  den  Verkauf  von  Domänen
und  Grundzinsen.  Außerdem  wurden  in  diesen  elf  Jahren  mehr  als
31  Mill.  von  der  Staatsschuld  getilgt.')  Die  Schuld  verminderte  sich  in
den  Jahren  1820—33  von  217  auf  175  Mill.,  wovon  163  ½/  Mill.  verzinslich;
  die  verzinsliche  Staatsschuld  sank  dann  bis  zum  Jahre  1843
weiter  bis  auf  138  ½  Mill.,  die  Verzinsung  von  9,3  auf  7,74  Mill.  jährlich.
  *)  Gleichwohl  konnte  sich  Alvensleben  in  seiner  bureaukratischen  Angstlichkeit
  nicht  entschließen,  diese  durchaus  günstigen  Ergebnisse  vollständig
bekannt  zu  machen.  Der  veröffentlichte  Etat  für  1838  schloß  in  Einnahme
und  Ausgabe  mit  52,681  Mill.  netto  ab;  mit  Zurechnung  der  Erhebungsund
  Betriebskosten  stellte  sich  also  der  Bruttobetrag  der  Ausgaben  etwa
auf  84  Mill.  Niemand  hielt  diese  Zahlen  für  ganz  richtig;  denn  wer  sollte
glauben,  daß  sich  die  Ausgaben  seit  1820  wirklich  nur  um  1,8  Mill.  vermehrt
  hätten?  .

Selbst  die  Einheit  der  Finanzverwaltung,  welche  einst  Motz  nachs
schweren  Kämpfen  durchgesetzt  hatte,  ging  unter  Alvensleben  wieder  verloren.
  Den  strengen  Hallerianern  in  der  Umgebung  des  Kronprinzen  war
die  Veräußerung  entbehrlicher  Domänen  schon  längst  ein  Dorn  im  Auge,
obgleich  Motz  und  Maassen  dabei  sehr  behutsam  verfuhren  und  der  Ge- 



*)  Übersicht  über  die  außerordentlichen  Ausgaben  d.  J.  1830—40,  von  Rother,
Alvensleben,  Voß,  11.  Febr.  1841.

*“)  Rother,  Denkschrift  über  die  Verzinsung  der  Staatsschuld,  16.  Februar  1841.
Übersicht  über  die  Staatsschuld  1833—40,  für  die  Landtagsmitglieder.
        <pb n="553" />
        Witzleben  Kriegsminister.  545

samtertrag  des  Kammerguts  nicht  geschmälert  wurde.  Sie  beschuldigten
das  Finanzministerium,  durch  diese  Domänenverkäufe  werde  die  Selbstän—
digkeit  der  Krone  untergraben;  auch  Schön,  der  sich  selber  für  den  allein
berufenen  Finanzminister  hielt,  und  der  alte,  in  die  Oberrechnungskammer
verbannte  Ladenberg  stachelten  den  Kronprinzen  auf.5)  Zur  unglücklichen
Stunde  veröffentlichte  nun  der  Direktor  der  Domänenverwaltung  Geh.
Rat  Keßler  in  Rankes  Zeitschrift  einen  Aufsatz,  der  ziemlich  unverblümt
aussprach,  daß  der  Staat  mit  Ausnahme  der  Forsten  keines  Grundbesitzes
bedürfe.  Keßler  zählte,  wie  die  liberalen  Geheimen  Räte  fast  allesamt,
zu  den  unbedingten  Verehrern  Adam  Smiths,  die  beiden  Minister  verstanden
  jedoch  als  gewiegte  Praktiker  seinen  doktrinären  Eifer  zu  zügeln.
Sein  Aufsatz  erregte  am  Hofe  des  Kronprinzen  allgemeine  Entrüstung.
Als  Alvensleben  den  Ministerposten  erhielt,  mußte  er  sich's  gefallen  lassen,
daß  die  Verwaltung  der  Domänen  und  Forsten  unter  Ladenbergs  Leitung
dem  Hausministerium  zugeteilt  wurde.  Keßler  ging  als  Regierungspräsident
  nach  Arnsberg.  Ladenberg  aber  setzte  seinen  Stolz  darein,  das  Kammergut
  ganz  ungeschmälert  zu  erhalten;  er  gab  eine  Veräußerung  nur
noch  ausnahmsweise  zu,  wenn  etwa  in  Neuvorpommern  oder  Posen  kleine
Bauern  angesiedelt  werden  sollten.  Also  verlor  der  Finanzminister  die
freie  Verfügung  über  eine  wichtige  Einnahmequelle;  das  Handels=  und  Gewerbswesen
  wurde  ebenfalls  einer  selbständigen  Verwaltung,  unter  Rothers
Leitung,  zugewiesen,  und  der  alte  widerwärtige  Streit  der  Departements
entbrannte  von  neuem.  —

Ein  eigener  Unstern  waltete  auch  über  dem  Kriegsministerium.  Während
  der  Revolutionsjahre  trug  die  falsche  Sparsamkeit  des  Ministers
von  Hake  schlimme  Früchte:  die  Mobilmachung  ward  nur  darum  so  kostspielig,
  weil  man  jetzt  in  Eile  Vorräte  anschaffen  mußte,  die  schon  im
Frieden  hätten  vorhanden  sein  sollen.  Unter  den  Generalen  war  nur  eine
Stimme  der  Zufriedenheit,  als  Hake  (1833)  endlich  den  Abschied  nahm
und  Witzleben  sein  Nachfolger  wurde.  Alle  meinten,  daß  der  König  die
beste  Wahl  getroffen  habe;  auch  auf  die  Haltung  des  Gesamtministeriums
konnte  Witzlebens  furchtloser  Freisinn  nur  günstig  einwirken.  Die  übermäßige
  Arbeit  im  Kabinett  hatte  aber  die  Kräfte  des  erst  fünfzigjährigen
Generals  bereits  erschöpft,  als  er  die  ihm  gebührende  Stellung  erlangte.
Er  fühlte  sich  schon  krank,  da  er  sein  Amt  antrat,  und  bis  zu  seinem
Tode  (1837)  ward  er  nie  wieder  ganz  gesund.  So  sind  die  großen  Hoffnungen,
  welche  die  Armee  mit  gutem  Grunde  auf  den  hochverdienten  Mann
setzte,  doch  nicht  in  Erfüllung  gegangen,  und  sein  Nachfolger,  der  gelehrte
Ingenieurgeneral  von  Rauch  war  schon  zu  alt,  um  die  Kriegsverwaltung
mit  frischem  Geiste  zu  beseelen.

Die  schwere  Frage,  wie  die  allgemeine  Wehrpflicht  vollständig  verwirk- 



*)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  W.  35
        <pb n="554" />
        546  IV.  8.  Stille  Jahre.

licht  werden  sollte,  war  noch  immer  nicht  gelöst.  Da  die  Armeekorps  alle
gleich  stark  waren,  so  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  die  einzelnen  Provinzen,
  je  nach  der  Vermehrung  und  der  körperlichen  Tüchtigkeit  ihrer  Bevölkerung
  verschieden  belastet  wurden,  und  wiederholt  beschwerten  sich  die
Zivilbehörden  über  diese  Ungleichheit.  Auf  solche  Klagen  legte  der  König
mit  Recht  wenig  Wert;  er  meinte,  der  Übelstand  werde  „vollkommen
ausgeglichen“  durch  die  große  Erleichterung,  die  darin  liege,  daß  die  Mehrzahl
  der  Mannschaften  in  ihrer  Heimat  diene.  )  Weit  bedenklicher  erschien
  ihm,  wie  allen  seinen  Generalen,  die  übergroße  Zahl  der  Dienstpflichtigen,
  welche,  gegen  den  Sinn  und  Wortlaut  des  Gesetzes,  tatsächlich
zurückgestellt  werden  mußten.  Bisher  hatte  man  sich  damit  beholfen,  die
Überschüssigen  notdürftig  eine  kurze  Zeitlang  bei  der  Landwehr  auszubilden.
  Diese  „Landwehrrekruten“  bewährten  sich  leider  sehr  schlecht,  als
sie  während  der  polnischen  Wirren  an  die  Grenzen  berufen  wurden,  und
alle  Sachverständigen  stimmten  dahin  überein,  daß  die  Wehrpflichtigen
fortan  allesamt  durch  die  Schule  des  Heeres  gehen  müßten.  Aber  an
eine  Erhöhung  des  regelmäßigen  Militärbudgets  ließ  sich  jetzt  gar  nicht
denken,  nachdem  die  Rüstungen  der  Revolutionsjahre  so  große  Summen
verschlungen  hatten;  also  blieb  nur  noch  ein  überaus  gefährliches  Auskunftsmittel
  übrig,  die  Herabsetzung  der  Dienstzeit.  Unter  den  Laien
herrschte  noch  immer  die  Meinung,  daß  die  Handgriffe  des  Exerzierplatzes
sich  spielend  erlernen  ließen;  selbst  die  harmlosen  Reaubeschen  Jahrbücher
fragten:  warum  wolle  man  nicht  jedem  Wehrpflichtigen  gestatten,  sich  selber
auf  die  militärischen  Ubungen  vorzubereiten,  und  ihn  dann  befreien,  falls
er  gut  bestünde?  Auch  in  militärischen  Kreisen  wurden  seltsame  Vorschläge
  laut:  man  riet,  einen  Teil  der  Mannschaften  zwei  Jahre,  einen
anderen  sechs  Monate  dienen  zu  lassen,  so  daß  die  durchschnittliche  Dienstpflicht
  etwa  16  Monate  betrüge.

In  solcher  Lage  hielten  die  tüchtigsten  Generale,  Prinz  Wilhelm,  Witzleben,
  Natzmer,  Müffling  trotz  schwerer  Bedenken  für  ratsam,  den  Versuch
  der  zweijährigen  Dienstzeit  zu  empfehlen;  selbst  General  Boyen,  der
jetzt  endlich  die  Gunst  des  Königs  wieder  erlangt  hatte  und  zu  den  Verhandlungen
  zugezogen  wurde,  stimmte  dem  Vorschlage  bei.  Am  15.  Oktober
1833  bestimmte  der  Kriegsminister  durch  eine  vorläufige  Verfügung,  daß
die  Dienstzeit  bei  der  Linieninfanterie  fortan  zwei  Jahre  währen  solle,
bei  der  Fußartillerie  2½),  bei  der  Garde  und  allen  reitenden  Truppen,
wie  bisher,  drei  Jahre.  Die  Landwehrrekruten  fielen  hinweg,  dafür  traten
bei  der  Linie  mehr  Wehrpflichtige  ein.  Das  Bataillon  der  Linieninfanterie
zählte  nunmehr  im  Frieden  522  Mann:  200  aus  dem  ersten,  200  aus  dem
zweiten  Jahrgang,  dazu  122  Unteroffiziere  und  Kapitulanten.  So  ward  es
möglich,  trotz  der  vermehrten  Rekruteneinstellung  den  Aufwand  für  das

 

*)  Kabinettsordres  an  Brenn,  11.  Sept.  1832,  4.  Sept.  1833.
        <pb n="555" />
        Die  zweijährige  Dienstzeit.  547

Heer  fast  unverändert  zu  erhalten:  er  betrug  im  Jahre  1838  nahezu
23½  Mill.  Taler,  wenig  mehr  als  im  Jahre  1820.  Aber  dieser  finanzielle
Gewinn  wurde  durch  schwere  militärische  Nachteile  erkauft.  Die  Überzahl
der  Rekruten  nahm  die  Kräfte  der  Offiziere  und  Unteroffiziere  unmäßig  in
Anspruch.  Während  bisher,  unter  der  Regel  der  dreijährigen  Dienstzeit,
der  tüchtige  Infanterist  hoffen  konnte,  zum  Lohne  für  seine  gute  Führung
schon  bald  nach  Ablauf  seines  zweiten  Dienstjahres  beurlaubt  zu  werden,
fiel  dieser  Stachel  des  Ehrgeizes,  der  in  Volksheeren  besonders  wirksam
ist,  jetzt  hinweg,  da  jeder  ohne  Ausnahme  seine  zwei  Jahre  abdienen
mußte.  Sehr  bald  bemerkten  die  Generale,  daß  die  dreijährige  Lehrlingszeit,
  die  in  den  meisten  deutschen  Handwerken  bestand,  auch  im  Kriegerhandwerke
  der  Regel  nach  nicht  entbehrt  werden  konnte.  Namentlich  die
Felddienstübungen  erschienen  ihnen  oft  sehr  mangelhaft.  Während  der
einen  Hälfte  des  Jahres,  solange  die  Rekruten  noch  nicht  für  den  Felddienst
  reif  waren,  konnte  das  Bataillon  jetzt  nur  mit  250  Mann,  einem
Viertel  seiner  Kriegsstärke  ausrücken.  Ein  so  schwaches  Häuflein  war  aber
nur  eine  Kompagnie,  nicht  ein  Bataillon,  und  die  immer  nahe  liegende
Gefahr,  daß  Friedensübungen  ein  falsches  Bild  vom  wirklichen  Kriege
geben,  ließ  sich  unter  solchen  Umständen  kaum  vermeiden.  Die  günstigen
Erwartungen,  welche  der  Chef  des  Generalstabs,  General  Krauseneck  bei
der  Einführung  der  zweijährigen  Dienstzeit  gehegt  hatte,  erfüllten  sich  nicht.

Wohl  wurde  die  Ausbildung  des  einzelnen  Mannes  eifrig  gefördert
und  namentlich  das  Scheibenschießen  mit  einer  Sorgfalt  gepflegt,  welche
die  Bewunderung  der  französischen  Offiziere  erregte.  Jeden  Fortschritt  der
Technik  suchte  das  Kriegsministerium  gewissenhaft  zu  benutzen.  Das  preußische
  Heer  war  das  erste  in  Europa,  das  durchweg  mit  den  neuen  Perkussionsgewehren
  bewaffnet  wurde,  und  bereits  begann  man  Versuche  mit
dem  Zündnadelgewehre,  der  Erfindung  des  Fabrikanten  Dreyse  in  Sömmerda.
  In  den  Kadettenhäusern  hatte  ihr  langjähriger  Leiter,  der  Freund
des  Prinzen  Wilhelm,  General  Brause,  ein  kräftiges  Leben  erweckt;  sie
lieferten  der  Linie  fast  immer  guten  Ersatz.  Umso  schlimmer  stand  es  bei
der  Landwehr;  unter  ihren  3000  Offizieren  vermochte  wohl  nur  noch  die
Hälfte  strengen  militärischen  Anforderungen  zu  genügen,  da  die  Kriegserfahrenen
  nach  und  nach  ausschieden,  die  Landwehrübungen  um  der  Ersparnis
willen  sehr  verkürzt  wurden;  und  doch  konnte  eine  Truppe,  die  im  Frieden
nur  aus  Cadres  bestand,  ausgezeichneter  Offiziere  am  wenigsten  entbehren.

Früherhin  hatte  der  König  selbst  durch  sein  scharfes  Eingreifen  bei
den  Manövern  manchen  Mißstand  beseitigt;  jetzt  im  Alter  wurde  er  nachsichtiger
  und  zeigte  sich  mit  allem  zufrieden  —  nicht  zur  Freude  seines
Sohnes  Wilhelm,  der  seit  dem  Tode  des  Herzogs  Karl  das  Gardekorps
mit  unnachsichtlicher  Strenge  befehligte.  Erstorben  war  der  Geist  der
Befreiungskriege  nicht.  Das  erkannte  jedermann,  als  die  alten  freiwilligen
  Jäger  am  fünfundzwanzigsten  Jahrestage  des  Aufrufs  vom  3.  Febr.

35
        <pb n="556" />
        548  IV.  8.  Stille  Jahre.

ihre  Erinnerungsfeste  hielten.  Im  Gürzenich  zu  Köln  waren  ihrer  dreihundert
  versammelt,  General  Pfuel  kommandierte  den  Aufmarsch,  Immermann
  feierte  in  einem  schwungvollen  Festgedichte  die  silberne  Hochzeit  des
Volkes  in  Waffen:  „Borussia  blieb  frisch  und  schön,  und  unser  Mut
blieb  auch  bestehn.“  Als  darauf  der  alte  Arndt,  feierlich  eingeladen,  im
Saale  erschien,  da  drängten  sich  die  Generale  und  die  hohen  Beamten
mit  warmen  Grüßen  zu  dem  bescholtenen  Demagogen.  Gleichwohl  blieb
auch  dies  volkstümlichste  aller  Heere  von  der  Schlaffheit  der  langen
Friedenszeit  nicht  unberührt.  Geborene  Helden  wie  Hauptmann  Moltke
und  Leutnant  Göben  vermochten  das  mechanische  Einerlei  des  Garnisondienstes
  auf  die  Dauer  nicht  zu  ertragen  und  suchten  sich  im  Auslande
ein  Ziel  für  ihren  Tatendrang.  Gemeine  Naturen  verführte  die  ewige
Langeweile  zu  Verirrungen,  selbst  zu  Verbrechen.  Im  Jahre  1837  wurde
der  Fähnrich  von  Arnstedt  vom  Leibregimente,  der  seinen  Vorgesetzten
ermordet  hatte,  zu  Frankfurt  a.  O.  mit  dem  Beile  hingerichtet,  und  die
strenge,  durchaus  gerechte  Strafe  erregte  in  der  vornehmen  Frauenwelt
viel  schwächliches  Mitleid.  Ernste  Männer  aber  fühlten,  daß  sich  in
solchen  Freveln  nur  das  allgemeine  Leiden  der  müden  Zeit  verriet:  die
unbändige  Jugend  wußte  in  dem  eintönigen  Leben  gar  nichts  mehr  mit
sich  anzufangen.

Den  denkenden  älteren  Offizieren  hingegen  brachten  diese  stillen  Jahre
ein  unschätzbares  Geschenk,  das  nachgelassene  Buch  des  Generals  Clausewitz
  „Vom  Kriege“.  Es  war  das  theoretische  Vermächtnis  der  Befreiungskriege,
  das  Meisterwerk  der  Militärwissenschaft  des  Jahrhunderts.  Jene
politische  Auffassung  des  Krieges,  welche  Napoleon,  Scharnhorst,  Gneisenau
einst  durch  Taten  bewährt  hatten,  wurde  hier  mit  durchsichtiger  Klarheit
wissenschaftlich  begründet:  der  Krieg  ist  die  gewaltsame  Form  der  Politik,
das  Mittel,  um  dem  Feinde  unseren  politischen  Willen  aufzuzwingen,  sein
nächster  Zweck  also  die  Vernichtung  der  feindlichen  Streitmacht.  Aus
diesem  Vordersatze  ergab  sich  dann  Schlag  auf  Schlag  die  Unhaltbarkeit
jener  alten,  bisher  noch  immer  nicht  ganz  beseitigten  Doktrinen,  welche  in
kunstvollen  Manövern,  in  der  Besetzung  von  Wasserscheiden  und  Gebirgskämmen,
  in  der  Benutzung  der  inneren  Operationslinien  die  Aufgabe  des
Feldherrn  suchten.  Dann  und  wann  schien  Clausewitz  selbst  noch  in  diese
Anschauungen  einer  überwundenen  Vergangenheit  zurückzufallen  und  die
Verteidigung  als  die  sicherere  Form  des  Kampfes  zu  überschätzen;  schließlich
kam  er  doch  immer  wieder  auf  den  Satz  zurück,  daß  der  positive  Zweck
des  Krieges  sich  nur  durch  den  Angriff  erreichen  lasse.  Einen  von  vornherein
  gefaßten,  streng  festgehaltenen  Kriegsplan  erklärte  er  für  unmöglich,
weil  dem  Feldherrn  stets  der  lebendige  Wille  des  Feindes  gegenüberstehe;
jeder  Korpsführer  müsse  vielmehr  entschlossen  sein,  auf  eigene  Gefahr  den
Feind  aufzusuchen,  dem  Donner  der  Kanonen  entgegenzuziehen.  Das
schöne  Kapitel  über  den  Kriegsplan  und  „die  absolute  Gestalt  des  Krie-
        <pb n="557" />
        Clausewitz,  vom  Kriege.  549

ges“  klang  fast  wie  eine  Weissagung  der  Kämpfe  von  1870:  der  wahr—
haft  „kriegerische  Krieg“,  so  führte  er  hier  aus,  muß  auf  die  Zertrüm—
merung  der  feindlichen  Streitkraft  ausgehen,  zu  einem  solchen  Erfolge
gehört  ein  umfassender  Angriff  oder  eine  Schlacht  mit  verwandter  Front.
Nach  den  bisherigen  Erfahrungen  glaubte  Clausewitz  noch,  in  den  meisten
Fällen  würde  sich  der  Krieg  nur  beschränktere  Zwecke  setzen;  unmöglich
konnte  er  vorhersehen,  daß  dereinst  überall  nach  Preußens  Vorbilde  große
Nationalheere  entstehen,  und  dadurch  das  Ideal  des  absoluten  Kriegs  zur
Regel  werden  sollte.

Seine  Ideen  entsprachen  dem  natürlichen  Heldensinne  der  Deutschen
und  der  Verfassung  des  preußischen  Heeres,  die  in  allem  auf  rasche,  durchschlagende
  Entscheidungen  berechnet  war;  einfach  und  groß,  wie  die  Kriegskunst
  selbst,  drückten  sie  nur  mit  wissenschaftlicher  Schärfe  aus,  was  die
tüchtigeren  deutschen  Offiziere  längst  ahnten.  Darum  nahm  man  das
Buch  überall  mit  Bewunderung  auf;  mannigfache  populäre  Bearbeitungen
  —  so  die  Militärischen  Briefe  eines  Verstorbenen  von  dem  sächsischen
  Militärschriftsteller  Pönitz  —  machten  es  auch  den  mindergebildeten
Offizieren  zugänglich;  die  gesamte  deutsche  Kriegswissenschaft  nährte  sich
daran,  viele  seiner  Sätze  galten  bald  als  Gemeinplätze.  Also  wurden  die
Gedanken  der  napoleonischen  Kriegführung  im  preußischen  Generalstabe
unablässig  weitergebildet,  während  sie  bei  den  Franzosen  selbst  fast  in  Vergessenheit
  gerieten.  Das  französische  Heer  war  jetzt  in  gutem  Stande,  dem
auswärtigen  Feinde  gegenüber  unbedingt  zuverlässig,  trotz  der  Parteikämpfe,
welche  das  Offizierskorps  zerspalteten;  aber  die  Ausbildung  der  Mannschaften
  erfolgte  bei  weitem  nicht  so  gewissenhaft  wie  in  Preußen,  die
zahlreichen  altgedienten  Unteroffiziere  schadeten  durch  Trunksuchtundschlechte
Kasernensitten  fast  mehr,  als  sie  durch  ihre  technische  Fertigkeit  nützten,
und  durchaus  verderblich  wurden  dem  Geiste  des  Heeres  die  in  Algier  erfochtenen
  Siege.  Die  „afrikanischen“  Generale  erlangten  ein  unverdientes
Ansehen,  obgleich  ihre  rohe  Kriegführung  gegen  einen  gesitteten  Feind  offenbar
  nicht  genügen  konnte;  die  ohnehin  wenig  zuverlässige  Armeeverwaltung
gewöhnte  sich  in  Algier  an  Diebstahl  und  Unredlichkeit;  die  Truppen  verwilderten
  in  dem  Kampfe  wider  ein  barbarisches  Volk  und  wüteten,  als
sie  nachher  die  Arbeiteraufstände  in  Lyon  und  Paris  unterdrückten,  mit
teuflischer  Grausamkeit  gegen  ihre  eigenen  Landsleute.  Trotz  aller  Mißstände,
  welche  der  lange  Frieden  hervorrief,  blieb  Preußens  Heer  dem  französischen
  überlegen  durch  Treue,  Mannszucht,  Bildung,  Menschlichkeit  und
einen  frischen  kriegerischen  Sinn,  der  ohne  zu  prahlen  sich's  doch  zutraute,
die  alten  Siegesbahnen  in  das  Herz  des  feindlichen  Landes  wiederzufinden.  —

Unter  den  vielen  Enttäuschungen  seiner  alten  Tage  empfand  es  der
König  besonders  schwer,  daß  er  die  Umarbeitung  der  fridericianischen  Gesetzbücher,
  die  ihm  unter  allen  Reformen  am  nötigsten  schien,  nicht  mehr
erleben  sollte.  Derweil  Minister  Mühler  durch  seine  stramme  Justizver-
        <pb n="558" />
        550  IV.  8.  Stille  Jahre.

waltung  sich  in  den  alten  Provinzen  hohes  Ansehen  erwarb  und  selbst  die
verfallenen  Patrimonialgerichte,  soweit  dies  noch  möglich  war,  in  leidlichen
Stand  brachte,  rückte  das  große  Werk  der  Gesetzrevision  unter  Kamptzs
Leitung  nicht  von  der  Stelle.  An  Eifer  gebrach  es  weder  dem  schwergelehrten
  Minister,  noch  der  Kommission  ausgezeichneter  Juristen,  die  mit
ihm  zusammenarbeitete.  Binnen  acht  Jahren  wurden  die  Entwürfe  für
das  Strafgesetzbuch,  die  Prozeßordnung,  die  Gerichtsverfassung  und  die
Anfänge  des  bürgerlichen  Gesetzbuchs  vorgelegt,  dazu  die  ungeheure  Samm—
lung  der  Provinzialrechte,  ein  erstaunliches  Werk  deutschen  Gelehrten—
fleißes.  Doch  das  alles  blieb  nur  Vorarbeit,  Kamptz  verstand  nicht  zur
rechten  Zeit  abzuschließen.  Nur  ein  einziges,  die  Rechtspflege  wahrhaft
förderndes  Gesetz  kam  unter  seiner  Verwaltung  zustande  und  auch  dies
nur  auf  die  persönliche  Mahnung  des  Königs.  Der  Berliner  Rechtsan—
walt  Marchand  hatte  in  einer  Flugschrift  die  unendliche  Weitläufigkeit  der
Bagatellprozesse  geschildert  und  seine  Arbeit  dem  Monarchen  eingesendet.
Friedrich  Wilhelm  fühlte  sich  betroffen  durch  die  überzeugende,  gemeinver—
ständliche  Darstellung,  und  befahl  sofort  Abhilfe.  Im  Jahre  1833  er—
schien  die  Verordnung  über  den  summarischen  Prozeß,  die  für  einfache
Rechtsstreitigkeiten  ein  abgekürztes  mündliches  Verfahren,  wie  es  schon  in
Posen  bestand  7),  vorschrieb  und  also  den  Weg  zeigte  zur  Reform  des  gesamten
  Zivilprozesses.

Sonst  blieb  die  gewaltige  Arbeit  der  Gesetzrevision  unfruchtbar;  und
in  der  rheinischen  Justizoerwaltung,  die  ihm  übertragen  war,  stiftete  Kamptz
nur  Unfrieden.  Den  Rheinländern  schien  der  harte  Demagogenverfolger
von  vornherein  verdächtig.  Bald  brachte  er  auch  den  gesamten  preußischen
  Richterstand  gegen  sich  auf,  als  der  König  einen  Naumburger  Oberlandesgerichtsrat,
  der  wegen  eines  törichten  Trinkspruchs  auf  die  Polen
zu  einer  Freiheitsstrafe  verurteilt  worden  war,  aus  dem  Amte  entließ  und
Kamptz  mit  gewohntem  Ungestüm  dies  Verfahren  öffentlich  verteidigte.  Die
allerdings  schlecht  redigierten  und  nicht  ganz  unzweideutigen  Vorschriften  des
Allgemeinen  Landrechts  waren  bisher  immer  dahin  ausgelegt  worden,  daß
der  Richter  nur  durch  Urteil  und  Recht  entlassen  werden  könne;  nun  gar
am  Rheine  galt  die  Unabsetzbarkeit  der  Richter  für  ein  Bollwerk  der  Volksfreiheit.
  Seitdem  betrachteten  die  Rheinländer  ihren  Justizminister  als  ihren
geschworenen  Feind.  Sie  schalten  wieder  über  Kabinettsjustiz,  als  der  König
noch  zweimal,  wie  einst  im  Prozesse  Fonk,  ein  von  den  rheinischen  Geschworenen
  gefälltes  Todesurteil  nicht  bestätigte;  nimmer  wollten  sie  sich
darein  finden,  daß  der  Monarch  nach  preußischem  Rechte  nicht  bloß  begnadigen
  durfte,  sondern  auch  kraft  seiner  oberstrichterlichen  Gewalt  befugt
war,  jedem  Todesurteile  die  Bestätigung  zu  gewähren  oder  zu  versagen.)

 

*)  S.  o.  II.  222.
**)  Diesen  Umstand,  der  das  Verfahren  des  Königs  im  Prozeß  Fonk  erklärt,  habe
        <pb n="559" />
        Kampt  und  das  rheinische  Recht.  551

Aber  auch  zu  berechtigten  Beschwerden  gab  ihnen  Kamptz  reichlichen  An—
laß.  Dieser  seltsame  rheinische  Justizminister  hatte  seines  Hasses  gegen  den
Code  Napoleon  kein  Hehl  und  begann  wider  die  rheinischen  Gerichte  einen
kleinen  Krieg,  der  die  Provinz  nur  in  ihrer  Vorliebe  für  das  französische
Recht  bestärken  konnte.  Er  befahl  den  rheinischen  Oberprokuratoren,  gegen
alle  Erkenntnisse  der  Polizeigerichtshöfe  sofort  Einspruch  zu  erheben,  weil
man  sich  auf  diese  Gerichte  nicht  verlassen  könne*),  und  gebrauchte  das
ihm  zustehende  Recht  der  Strafmilderung  so  rücksichtslos,  daß  die  rheini—
schen  Richter  sich  in  ihrer  Amtsehre  beleidigt  fühlten;  denn  das  rheinische
Recht,  so  sagte  er  oft,  ist  mit  Blut  geschrieben.

Da  trat  ihm  der  Düsseldorfer  Oberprokurator  von  Ammon  in  den
Weg,  ein  tapferer  Liberaler,  der  seine  preußische  Gesinnung  als  Freiwilliger
im  Befreiungskriege  bewährt  hatte  und  in  den  rheinischen  Assisen  ein
Kleinod  deutscher  Volksfreiheit  sah.  Ammon  wendete  sich  an  den  König
selbst  und  beschwor  ihn,  „den  ministeriellen  Eingriffen  ein  Ziel  zu  setzen;“
wenn  er  das  fremde  Recht  verteidige,  so  geschehe  es  nur,  „weil  manche
fremde,  aber  ursprünglich  aus  deutscher  Wurzel  entsprossene  Justiz-Einrichtungen“
  besser  seien  als  die  heimischen.“)  Nun  entspann  sich  ein  langer,
gehässiger  Streit;  durch  mannigfache  Kränkungen  suchte  sich  Kamptz  an
dem  unbotmäßigen  Untergebenen  zu  rächen.  Der  König  aber  entschied
gegen  den  Minister;  er  nahm  ihm  das  Recht,  die  Strafurteile  zu  mildern?*),
  und  mißbilligte  ernstlich  die  gegen  Ammon  erwiesene  Härte.#,
Durch  solche  Händel  geriet  Kamptz  am  Rhein  dermaßen  in  Verruf,  daß
der  Oberpräsident  Bodelschwingh,  ein  Vetter  Ammons,  dem  Könige  endlich
  offen  aussprach,  dieser  Feind  des  rheinischen  Rechts  könne  nicht  länger
mehr  rheinischer  Justizminister  bleiben.  Kamptz  sträubte  sich  lange;  erst
auf  Bodelschwinghs  stürmisches  Zureden  legte  er  sein  rheinisches  Amt
nieder,  um  fortan  ausschließlich  den  Arbeiten  der  Gesetzrevision  zu  leben
(Dez.  1838).)

Nunmehr  übernahm  Mühler  die  Justizverwaltung  für  das  ganze  Staatsgebiet;
  für  das  rheinische  Recht  wurde  eine  besondere  Ministerialabteilung
gebildet  und  der  gefeierte  Kölner  Jurist  Ruppenthal  zu  ihrer  Leitung  berufen.
  Damit  war  unzweideutig  ausgesprochen,  was  sich  aus  den  fruchtlosen
  Arbeiten  der  Gesetzrevision  ohnehin  ergab,  daß  die  Rheinländer  ihr
Sonderrecht  noch  lange  behalten  würden.  Welch  ein  Wandel  der  Mei- 



ich  früher  (III.  384)  übersehen.  In  der  dritten  Auflage  ist  der  Irrtum  inzwischen  berichtigt
  worden.
*)  Kamptz,  Erlaß  an  die  rheinischen  Oberprokuratoren,  13.  Dez.  1834.
*“.)  Ammon,  Darstellung  der  rheinischen  Kriminalrechtspflege,  dem  Könige  übersendet
  1.  Febr.  1835.
***)  Kabinettsordre  vom  23.  März  1835.
+Kabinettsordres  an  Kamptz,  12.  Juli  1835;  an  Ammon,  19.  Okt.  1836.
##)  Berichte  von  Frankenberg,  6.  Dez.,  von  Berger,  6.  Dez.  1838.
        <pb n="560" />
        552  IV.  8.  Stille  Jahre.

nungen.  Nach  dem  Kriege  hätte  niemand  für  möglich  gehalten,  daß  die
Befreier  des  Rheinlandes  die  Gesetzgebung  des  fremden  Eroberers  auf  die
Dauer  bestehen  lassen  würden.  Jetzt  galt  sie  schon  fast  für  unantastbar,
so  mächtig  hatten  die  französischen  und  belgischen  Ideen  hier  im  Westen
um  sich  gegriffen.  Die  Regierung  stand  diesen  Zeitstimmungen  hilflos
gegenüber;  denn  ein  nationales,  den  Bedürfnissen  der  modernen  Gesell—
schaft  genügendes  Gesetzbuch  konnte,  bei  dem  unfertigen  Zustande  der  deutschen
  Rechtswissenschaft  und  der  Wucht  der  Parteivorurteile  hüben  wie
drüben,  unmöglich  bald  zustande  kommen.  Ammon  und  die  klügeren
rheinischen  Juristen  sahen  wohl  ein,  daß  mindestens  ein  gemeinsames
Strafgesetzbuch  für  die  Staatseinheit  der  Monarchie  unentbehrlich  sei  —
wenn  nur  das  rheinische  Schwurgericht  erhalten  bliebe.  Die  Masse  der
Laien  aber  wollte  jetzt  gar  nichts  mehr  geändert  sehen  und  selbst  den  Code
pénal  mit  allen  seinen  Härten  behalten,  weil  er  rheinisch  hieß.  Welch  ein
Lärm  im  Provinziallandtage,  als  einmal  die  dringend  nötige  Abänderung
des  Wasserrechts  und  ähnlicher  Bestimmungen  in  Frage  kam;  sogleich  fürchteten
  die  Abgeordneten  wieder  die  Herstellung  der  alten  kölnisch-trierischen
Sonderrechte,  und  nur  schwer  ließen  sie  sich  beschwichtigen.)  Alle  Beamte
berichteten  übereinstimmend,  der  Code  Napoleon  sei  „das  Lebenselement
der  Rheinländer“;  selbst  Minister  Rochow  hielt  es  für  bedenklich,  die  Gefühle
  der  Provinz  zu  verletzen,  obgleich  er  die  französische  Gesetzgebung
verabscheute.

In  der  Tat  war  der  Fortbestand  des  rheinischen  Rechts  vollkommen
gerechtfertigt,  solange  die  Krone  den  Rheinländern  zum  Ersatze  nur  ein
veraltetes  Gesetzbuch  zu  bieten  hatte.  Aber  bald  wich  die  Regierung  noch
weiter  zurück;  eingeschüchtert  durch  den  Trotz  des  rheinischen  Partikularismus,
  ließ  sie  den  Grundgedanken  der  Gesetzrevision  fallen  und  wagte
kaum  noch,  die  dringend  nötige  Rechtseinheit  der  Monarchie  mindestens
für  die  Zukunft  vorzubereiten.  Kamptz  und  seine  Räte  dachten  schon  an
zwei  neue  Gesetzbücher,  für  die  östlichen  und  die  westlichen  Provinzen;  und
der  Landtagsabschied  vom  Jahre  1839  sagte  schüchtern:  der  König  behalte
sich  vor,  unter  Mitwirkung  der  Provinzialstände  zu  bestimmen,  ob  dem
revidierten  Allgemeinen  Landrecht  nach  seiner  Vollendung  „auch  für  die
Rheinprovinz  Gültigkeit  erteilt  werden  solle“.  Zugleich  wurde  eine  amtliche
  Übersetzung  der  fünf  Codes  anbefohlen,  und  dies  kleine,  dicke  Buch
mit  den  blauweißroten  Streifen  auf  dem  Bandschnitt  blieb  fortan  die
politische  Bibel  jedes  echten  Rheinländers.  Siegreich  in  der  Verteidigung,
schritten  die  rheinischen  Juristen  alsbald  zum  Angriff  vor;  immer  lauter
und  dreister  erklang  der  Ruf:  die  Rechtseinheit  der  Monarchie  lasse  sich
sehr  leicht  herstellen,  wenn  der  zurückgebliebene  Osten  dem  vorgeschrittenen

 

*)  Bericht  des  Gf.  Anton  Stolberg  an  Lottum,  23.  Nov.  Kamptz  an  Lottum,
27.  Nov.  1833.
        <pb n="561" />
        Sondergeist  der  Rheinländer.  553

Westen  folge  und  die  französische  Gesetzgebung  bei  sich  einführe.  Kleri—
kale  und  liberale  Bestrebungen  fanden  sich  in  diesen  Kreisen  zusammen;
man  begeisterte  sich  für  „die  vier  Freiheiten“  des  belgischen  Musterlandes,
die  Freiheit  der  Kirche,  der  Schule,  der  Presse,  der  Vereine.  Die  alt—
ländischen  Beamten  traten  solchen  zuversichtlichen  Wünschen  nur  kleinlaut
entgegen,  weil  sie  alle  fühlten,  daß  die  öffentliche  Meinung  des  gesamten
Südens  und  Westens  hinter  den  Rheinländern  stand,  und  die  Krone  diese
wichtigste  ihrer  neuen  Provinzen  um  jeden  Preis  schonen  wollte.

Bei  seinen  Gebietserweiterungen  hat  Preußen  bis  zum  heutigen  Tage
oftmals  erfahren,  daß  die  jüngere  Generation,  die  immer  nur  Klagen  über
die  neue  Ordnung  gehört  hat,  sich  feindseliger  zu  dem  deutschen  Staate
stellt,  als  die  ältere  unter  dem  Drucke  der  alten  Zustände  aufgewachsene.
So  hatte  sich  auch  im  Rheinland  die  Stimmung  mit  den  Jahren  unver—
kennbar  verschlechtert.  An  einen  Abfall  dachte  freilich  niemand,  da  der
Wohlstand  der  Provinz  unter  den  Schwingen  des  Adlers  so  fröhlich  gedieh.
  Selbst  ein  Gefühl  dnyastischer  Anhänglichkeit  begann  sich  in  den
alten  Krummstabsgebieten  zu  regen,  als  der  Kronprinz  im  Herbst  1833,
sehr  zur  rechten  Zeit,  dies  sein  Lieblingsland  wieder  besuchte.  Da  eilte
alle  Welt  nach  Koblenz,  viele  wohl,  um  sich  an  den  Strahlen  der  aufgehenden
  Sonne  zu  wärmen,  aber  manche  auch  voll  ehrlicher  Treue.  Im
Ahrtal  war  den  Fluß  entlang  eine  neue  Landstraße  erbaut  und  bei  Altenahr
  durch  die  Grauwackenfelsen  der  Breitlei  ein  192  Fuß  langer  „Durchbruch“
  getrieben  worden;  die  Arbeit  hatte  ein  volles  Jahr  gewährt  und
fast  14  000  Taler  gekostet.  Nun  kam  der  Kronprinz,  um  den  Durchschlag
des  Tunnels  mit  anzusehen;  die  ganze  Provinz  feierte  den  großen  Tag,
die  Zeitungen  priesen  „dies  prachtvolle,  durch  Kunst  gefertigte  Naturgewölbe“,
  das  der  königlichen  Regierung  zu  so  hoher  Ehre  gereiche  —
wenige  Jahre  bevor  die  Eisenbahnen  alle  die  Herrlichkeiten  der  guten  alten
Zeit  in  Schatten  stellten.  Zum  Abschied  sendeten  die  Provinzialstände  dem
Thronfolger  einen  herzlichen  Gruß,  der  ebenso  warm  erwidert  wurde.
Gleichwohl  war  der  Sondergeist  im  Wachsen.  Wenn  die  Rheinländer
beim  Schoppen  saßen,  dann  sprachen  sie  gern  von  einem  rheinisch-westfälischen
  Vizekönigreich,  das  nach  dem  Code  Napoleon  regiert  und  mit
dem  junkerhaften  Osten  nur  locker  verbunden  werden  sollte.  Die  Streitigkeiten
  zwischen  den  Eingeborenen  und  den  „Prüß"“  nahmen  kein  Ende,
sie  drangen  selbst  in  die  friedlichen  Räume  der  Düsseldorfer  Akademie.
Dort  ward  sorgsam  nachgerechnet,  wie  viele  Bilder  der  Kunstverein  „den
Ostländern“  abgekauft  habe,  wie  viele  den  rheinisch-westfälischen  Malern;
und  an  diesem  kindischen  Zanke  beteiligte  sich  mit  zwei  Druckschriften
sogar  der  Richter  Fahne,  der  verdiente  Geschichtsforscher,  der  auf  seiner
Fahnenburg  am  Abhang  der  bergischen  Waldhügel  das  Künstlervolk  zu
fröhlichen  Festen  zu  versammeln  pflegte.

Im  Ministerium  fühlte  man  längst,  daß  die  Verwaltung  am  Rhein
        <pb n="562" />
        554  IV.  8.  Stille  Jahre.

doch  gar  zu  schlaff  und  nachsichtig  verfuhr.  Da  Ingerslebens  Nachfolger,
der  kränkliche  OberpräsidentPestel  sein  Amt  nicht  ausfüllte,  sowurde  Ernst  von
Bodelschwingh  (1834)  an  seine  Stelle  berufen,  ein  ausgezeichneter,  noch
kaum  vierzig  Jahre  alter  Beamter  von  gemäßigt  konservativen  Grundsätzen,
der  frühe  schon  die  Aufmerksamkeit  Steins  erregt  hatte  und  durch  seine
ungekünstelte  Einfachheit,  durch  Ernst,  Wohlwollen,  Umsicht,  hinreißende  Beredsamkeit
  den  Rheinländern  bald  so  wohl  gefiel,  daß  sie  ihm  sogar  seine
westfälische  Abstammung  und  seine  strenge  evangelische  Gläubigkeit  fast
verziehen.“)  Auch  an  die  Spitze  der  Regierungen  wurden  jüngere  rüstige
Männer  gestellt:  nach  Düsseldorf  kam  Graf  Anton  Stolberg,  der  Freund
des  Kronprinzen,  nach  Aachen  späterhin  Cuny.  Die  Provinzialstände  zeigten
sich  trotzdem  unwirsch,  mißtrauisch  gegen  alles,  was  aus  dem  Osten  kam.
Auf  dem  Landtage  von  1833  wurde  zwar  das  Verlangen  nach  Reichsständen
„mit  Entrüstung“  abgewiesen,  weil  man  bei  Lebzeiten  des  alten  Königs  doch
keinen  Erfolg  erwartete;  dem  königlichen  Kommissär,  dem  Grafen  Stolberg,
gelang  es  auch  durch  vertrauliches  Zureden,  einige  geplante  Anträge  auf
Preßfreiheit,  Offentlichkeit  der  Landtage,  Einführung  einer  Nationalgarde
still  zu  beseitigen.)  Als  er  aber  den  Entwurf  einer  Landgemeindeordnung
vorlegte  —  ein  wohlgemeintes  Gesetz,  das  die  Herrschaft  der  napoleonischen
Maires  endlich  brechen,  den  rheinischen  Dörfern  die  Selbstverwaltung
bringen  sollte  —  da  stieß  er  auf  unüberwindlichen  Widerstand.  Wir
wollen  keine  Trennung  von  Stadt  und  Land,  hieß  es  allgemein,  auch  die
neufranzösischen  Bürgermeistereien  müssen  bestehen  bleiben.

Die  Hauptbeschwerden  der  Provinz  richteten  sich  gegen  den  angeblichen
  Steuerdruck.  Da  fast  kein  Rheinländer  sich  herabließ,  die  alten
Provinzen  kennen  zu  lernen,  so  entstanden  allmählich  abenteuerliche  Vorstellungen
  über  die  Steuerfreiheit  der  Ritterhufen  des  Ostens,  die  in  Wahrheit
  sehr  wenig  bedeutete.  Jeder  Rheinländer  glaubte,  die  reichste  und
leistungsfähigste  Provinz  sei  zu  Gunsten  des  Ostens  überbürdet.  Die  Meinung
  war  ganz  ebenso  grundlos  wie  das  Geschrei  der  radikalen  Neuenburger
  über  die  preußischen  Erpressungen.  Aber  sie  bestand  und  sie  erhielt
  neue  Nahrung  durch  das  Buch  David  Hansemanns  „Preußen  und
Frankreich“  (1833).  Welch  ein  Mißgeschick,  daß  gerade  dieser  treue  preußische
  Patriot  auf  den  Einfall  kommen  mußte,  über  unverstandene  Verhältnisse
  mit  der  Sicherheit  des  Halbkenners  zu  schreiben,  und  also  seine
Landsleute  in  ihren  gehässigen  Vorurteilen  noch  bestärkte.  Hansemann
hatte  mit  großem  Fleiße  eine  Menge  statistischer  Tabellen  zusammengetragen;
  was  ihm  dann  noch  an  Kennnnissen  fehlte,  ersetzte  er  durch
„Schätzungen“  und  verfuhr  dabei  mit  einer  Leichtfertigkeit,  die  sich  der
kluge  Kaufherr  bei  den  Rechnungen  seines  eigenen  Geschäftes  sicherlich  nie

*)  Bericht  des  Gesamtministeriums  an  den  König,  25.  Juni,  mit  Separatvotum

des  Kronprinzen  vom  3.  Juli  1833.
**)  Stolbergs  Berichte  an  Lottum,  16.  Nov.,  an  den  König,  2.  Dez.  1833.
1
        <pb n="563" />
        Steuerklagen  der  westlichen  Provinzen.  555

erlaubt  hätte.  So  schätzte  er  „das  Haupt-Nationalvermögen“  der  Provinz
Sachsen  um  13  Mill.  Taler  höher  als  das  rheinische,  und  auf  Grund
dieser  ungeheuerlichen  Behauptung  ließ  sich  dann  die  Überbürdung  der
Rheinprovinz  leicht  erweisen.  Noch  rücksichtsloser  als  einst  in  seiner  Verfassungsdenkschrift*)
  vertrat  er  hier  die  Klassenselbstsucht  der  neuen  bürgerlichen
  Gesellschaft:  Schonung  des  Kapitals  erschien  geradezu  als  höchster
Zweck  des  Staates,  der  seinen  Haushalt  einfach  nach  der  Bequemlichkeit
der  Steuerzahler  einrichten  sollte.  Von  den  schon  so  knapp  bemessenen
Staatsausgaben  wollte  Hansemann  beinahe  eein  Drittel,  ziemlich  16½  -  Mill.,
sofort  streichen,  von  den  Heereskosten  allein  9  Mill.  Taler;  wurde  dann
noch  mit  der  Tilgung  der  Staatsschuld  fortgefahren,  so  konnte  bald  eine
gründliche  Steuererleichterung  eintreten,  auf  jeden  Fall  aber  sollte  die
reiche  Rheinprovinz  für  den  Kopf  der  Bevölkerung  einen  halben  Taler
weniger  Abgaben  zahlen  als  die  armen  Ostprovinzen!  Als  leuchtendes
Gegenbild  wurde  der  preußischen  Verwaltung  das  vorgeblich  wohlfeile  napoleonische
  Präfektursystem  vorgehalten;  denn  schon  war  ganz  vergessen,  wie
schwer  die  Provinz  einst  unter  den  Hungergehalten  und  der  dadurch  bedingten
  Unredlichkeit  der  französischen  Subalternbeamten  gelitten  hatte.

Die  vielgelesene  Schrift  gab  den  süddeutschen  Liberalen  ein  völlig  falsches
  Bild  von  den  preußischen  Zuständen;  im  Rheinland  wurde  sie  eine
Macht,  da  ihre  gewaltigen  Zahlenreihen  den  urteilslosen  Laien  unwiderleglich
  schienen.  Kaum  war  sie  herausgekommen,  so  erklärten  die  Provinzialstände,
  die  früher  nur  vermutete  Überbürdung  des  Rheinlands  sei
jetzt  zur  Gewißheit  geworden,  und  verlangten  kurzab,  daß  die  Grundsteuer
für  die  westlichen  Provinzen  sogleich  um  ein  Viertel  ermäßigt  würde.
Einige  Gegenschriften,  von  dem  freimütigen  alten  Benzenberg  und  dem
Bonner  Professor  Kaufmann,  machten  keinen  Eindruck;  selbst  eine  meisterhafte
  Denkschrift,  welche  Maassen  noch  kurz  vor  seinem  Tode  verfaßte,
beschwichtigte  die  erregten  Gemüter  nicht.  Auf  dem  nächsten  Landtage,
1837,  kehrten  die  alten,  törichten  Beschwerden  wieder,  und  da  auch  der
Klerus,  seit  er  den  belgischen  Priesterstaat  vor  Augen  sah,  seinen  Haß
gegen  das  evangelische  Königshaus  kaum  noch  verhehlte,  so  begann  die
Stimmung  in  der  Provinz  recht  bedenklich  zu  werden.  —

In  Westfalen  war  die  Klage  über  den  Steuerdruck  ebenfalls  allgemein.
Die  schwierige  Arbeit  der  Katastrierung,  die  den  westlichen  Provinzen  an
5  Mill.  Taler  kostete,  mußte  manche  wirkliche  oder  vermeintliche  Interessen
verletzen,  weil  eine  völlig  genaue  Abschätzung  des  beständig  wechselnden
Bodenwertes  unmöglich  ist.  Geh.  Rat  Rollhausen,  der  sie  leitete,  hieß
bei  den  Edelleuten  der  commissaire  général  und  konnte  oft  nur  durch
Vinckes  starke  Hand  gegen  grobe  Anfeindungen  beschützt  werden.  Auf  den
Landtagen  äußerte  sich  der  Groll  zuweilen  sehr  ungestüm,  seit  Stein  die
        <pb n="564" />
        556  IV.  8.  Stille  Jahre.

Abgeordneten  nicht  mehr  in  Zucht  hielt.  Wie  sich  späterhin  herausstellte,
zahlte  Westfalen  allerdings  mehr  Grundsteuer  vom  Reinertrage  als  die
Rheinprovinz,  aber  nicht  mehr  als  Sachsen  und  weniger  als  Schlesien.
Gleichwohl  behaupteten  die  Landstände  beharrlich,  die  Provinz  sei  um  ein
volles  Drittel  zu  hoch  eingeschätzt.  Der  Zorn  legte  sich  auch  nicht,  als
endlich,  1839,  nach  vollendeter  Katastrierung,  das  verständige  Grundsteuergesetz
  für  die  westlichen  Provinzen  erschien;  denn  die  Gesamtsamme  der
Grundsteuer  blieb  natürlich  unverändert,  da  die  Lage  des  Staatshaushalts
jeden  Steuererlaß  verbot.  Einig  in  der  Opposition,  hegten  die  beiden  westlichen
  Provinzen  doch,  nach  alter  Gewohnheit,  grundverschiedene  Gesinnungen.
Während  die  Rheinländer,  ihres  modernen  Codes  froh,  auf  die  reaktionären
Ostländer  herabschauten,  beargwöhnte  die  konservative  Mehrheit  der  Westfalen
  das  Berliner  Kabinett  wegen  seiner  jakobinischen  Neigungen.  Der
Entwurf  der  Landgemeindeordnung  wurde  auch  auf  dem  Münsterschen
Landtage  beanstandet,  aber  nur  weil  er  den  Westfalen  zu  liberal  schien;
sie  fanden  es  unerhört,  daß  fortan  alle  Einwohner  mit  selbständigem  Haushalt
  das  Stimmrecht  erhalten  sollten,  und  verlangten  von  jedem  Gemeindebürger
  „einen  angemessenen  Grundbesitz".

Die  Gesinnungen  des  Adels  bekundeten  sich  in  einer  Schrift  „über
die  Grundlagen  unserer  Verfassung“,  welche  der  Freiherr  Werner  von  Haxthausen
  während  des  Landtags  von  1833  unter  den  Abgeordneten  verbreiten
ließ.  Haxthausen  war  einer  der  Stifter  des  Tugendbundes,  hochbegeistert
für  Deutschlands  Größe,  edel,  geistvoll,  reichgebildet,  mit  Steffens  und  den
Brüdern  Grimm  nahe  befreundet,  aber  in  Politik  und  Religion  durchaus
Romantiker.  Er  forderte  die  alten  Landtage  von  Paderborn,  Münster,
Ravensberg  zurück,  er  verdammte  als  strenger  Katholik  die  Säkularisationen,
er  verwarf  das  gesamte  moderne  Staatsleben,  sogar  die  neue  Städteordnung,
  und  betrachtete  das  Beamtentum  als  eine  Schmarotzerpflanze,  die  der
kräftigen  westfälischen  Eiche  den  Saft  aussauge.  Wenn  ein  guter  Preuße
also  redete,  was  ließ  sich  vollends  von  den  vaterlandslosen  Domherrengeschlechtern
  des  Münsterlandes  erwarten?  Oder  gar  von  der  Klerisei,
die  hier  noch  dreister  als  am  Rhein  den  „protestantischen“  Behörden  ihre
Geringschätzung  zeigte?  Es  fehlte  nur  ein  Funke,  um  einen  gefährlichen
Brand  zu  entzünden.)  So  schwer  bestrafte  sich  die  unnatürliche,  durch
die  Provinzialstände  verschärfte  Trennung  der  Provinzen;  den  bürgerlichen
und  protestantischen  Elementen,  welche  Westfalen  in  seinen  Industriebezirken
  besaß,  fehlte  jede  Gelegenheit,  sich  mit  den  verwandten  Kräften
des  Ostens  zu  verständigen.  —

Den  westlichen  Provinzen  begegnete  die  Regierung  mit  Schonung,  in
Posen  aber  ging,  nach  allem,  was  man  an  den  Polen  erlebt,  selbst  die

 

*)  Tzschoppe  an  Wittgenstein,  3.  Sept.  1833,  mit  Stimmungsberichten  aus  Rheinland
  und  Westfalen.
        <pb n="565" />
        Flottwell  und  Grolman  in  Posen.  557

preußische  Langmut  zu  Ende.  Dahin  waren  jene  hoffnungsvollen  Tage,
da  die  deutschen  Beamten  mit  den  polnischen  Edelleuten  sich  in  dem  gastfreundlichen
  Hause  des  Fürsten-Statthalters  harmlos  zusammengefunden
hatten.  Fürst  Radziwill  fühlte  selbst,  wie  gänzlich  er  sich  über  die  Gesinnungen
  seiner  Landsleute  getäuscht;  er  legte  seine  Statthalterwürde  nieder
und  starb  bald  darauf.  Fortan  war  der  Oberpräsident  der  alleinige  höchste
Vertreter  der  Staatsgewalt,  und  auf  dies  wichtige  Amt  berief  der  König
den  tapferen  Mann,  der  dem  preußischen  Namen  in  den  Landen  des
weißen  Adlers  zuerst  ein  festes  Ansehen  verschaffen  sollte.  Oberpräsident
Flottwell  war  in  Ostpreußen  geboren,  zu  Königsberg  in  der  Schule  von
Kant  und  Kraus  erzogen  und  hatte  dann  unter  Schöns  Leitung  in  der
altpreußischen  Verwaltung  die  Polen  gründlich  kennen  gelernt.  Aufrichtig
sprach  er  aus,  das  alte  System  der  Nachsicht  und  der  Zugeständnisse
habe  sich  überlebt,  der  Adel  und  der  Klerus  seien  Preußens  geschworene
Feinde;z  nicht  die  Liebe,  nur  die  Achtung  der  Polen  könne  sich  eine  deutsche
Regierung  erwerben;  dies  werde  ihr  gelingen,  wenn  sie  ohne  Ungerechtigkeit
  die  deutsche  Kultur  fördere  und  damit  die  menschliche  Gesittung  der
Provinz  hebe.  Nicht  frei  von  der  Leidenschaftlichkeit  seines  edlen  Stammes,
  urteilte  er  doch  milder,  billiger  als  sein  Lehrer  Schön.  Er  wollte
strenge  Gesetze  für  die  meuterische  Provinz,  aber  mit  „sorgfältiger  Rücksicht“
  auf  die  bestehenden  Verhältnisse;  denn  der  Mangel  an  einer  solchen
Rücksicht  bringt  die  Regierung  in  die  Lage,  von  den  gegebenen  Vorschriften
abzuweichen  und  sich  dadurch  den  gerade  in  dieser  Provinz  sehr  gefährlichen
  Vorwurf  der  Inkonsequenz  und  Schlaffheit  in  der  Verwaltung  zuzuziehen“.)
  Durch  seinen  furchtlosen  Freimut  hatte  er  sich  das  persönliche
  Vertrauen  des  Königs  und  des  jungen  Prinzen  Wilhelm  erworben.
Da  alle  Slawen  jene  beiden  Tugenden,  welche  ihnen  selbst  die  Natur
versagt  hat,  Gradsinn  und  Festigkeit,  mit  stiller  Ehrfurcht  betrachten,  so
kam  er  im  persönlichen  Verkehre  selbst  mit  den  polnischen  Edelleuten  leidlich
  aus,  obgleich  sie  in  ihm  ihren  politischen  Todfeind  sahen.

Die  Deutschen  und  die  polnischen  Bauern  verehrten  ihn  als  ihren
Beschützer,  und  mit  ihm  seinen  Freund,  den  kommandierenden  General
Grolman,  der  von  den  Polen  fast  noch  grimmiger  gehaßt  wurde.  Grolmans
  freiem  Heldensinne  waren  die  Untreue  und  die  Undankbarkeit  dieser
„unwürdigen“  Provinz  ein  Greuel;  er  konnte  nicht,  wie  Gneisenau,  mit
vornehmer  Verachtung  über  die  krummen  Wege  der  Sarmaten  hinwegblicken,
  er  verabscheute  „diese  Bande  der  Gesetzlosigkeit,  der  Liederlichkeit
und  des  Schmutzes“  und  wollte  mit  dazu  helfen,  daß  „ihre  polnische
Natur  sich  zu  einer  menschlichen  ausbildets“  Was  kümmerte  es  ihn,  daß
die  Liberalen,  die  ihn  zur  Zeit  der  Karlsbader  Beschlüsse  auf  den  Schild
gehoben  hatten,  ihm  jetzt  reaktionäre  Gesinnung  vorwarfen?  Die  Armee

 

*)  Flottwell  an  Lottum,  24.  Juli  1832.
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        558  IV.  8.  Stille  Jahre.

betrachtete  ihn  seit  Gneisenaus  Tode  als  ihren  ersten  Mann.  Während
des  polnischen  Aufstandes  hatte  man  die  Landwehrzeughäuser  ausräumen
und  die  polnischen  Regimenter  aus  der  Provinz  entfernen  müssen;  auf
Grolmans  Rat  wurde  jetzt  bestimmt,  daß  die  niederschlesischen  Regimenter
des  fünften  Armeekorps  fortan  in  Posen,  die  Posener  regelmäßig  im  deutschen
  Schlesien  Garnison  erhielten.

Um  Neujahr  1833  ging  Flottwell  nach  Berlin,  um  dem  Ministerrate
  die  Ergebnisse  seiner  Beobachtungen  vorzulegen.  In  den  nächsten
Monaten  erschien  dann  Schlag  auf  Schlag  eine  Reihe  tief  einschneidender
Verordnungen.  Alle  Klöster  der  Provinz  wurden  säkularisiert,  die  Einkünfte
nebst  einem  erheblichen  Zuschusse  des  Staats  für  die  Schulen  und  die
geistlichen  Lehranstalten  verwendet.  Da  viele  Edelleute  durch  die  Teilnahme
  an  dem  Aufstande  ihr  Vermögen  zu  Grunde  gerichtet  hatten  und
zahlreiche  Landgüter  unter  den  Hammer  kamen,  so  wurde  dem  Oberpräsidenten
  1  Mill.  Taler  zur  Verfügung  gestellt,  um  diese  Güter  anzukaufen
und  an  „Erwerber  deutscher  Abkunft“  zu  veräußern.  Der  Erfolg  war
günstig,  etwa  dreißig  deutsche  Rittergutsbesitzer  kamen  neu  ins  Land;  an
eine  gründliche  Auskaufung  des  polnischen  Großgrundbesitzes,  wie  sie  Grolman
  dringend  anriet,  konnte  der  bedrängte  Staatshaushalt  freilich  nicht
denken.  Die  von  den  Kreisständen  erwählten  Landräte  hatten  sich  während
  der  Revolutionszeit  schlecht  bewährt,  manche  den  Aufruhr  unterstützt,
andere  ihr  Amt  gröblich  vernachlässigt;  daher  wurde  den  Kreisen  das  so
übel  benutzte  Wahlrecht  vorläufig  entzogen  und  den  Bezirksregierungen
übertragen.

Noch  schlimmer  stand  es  um  die  ländliche  Polizei.  Viele  der  adligen
Wojts  mißbrauchten  ihre  Amtsgewalt,  um  die  Bauern  zu  bedrücken;  Willkür
  und  Nachlässigkeit  überall;  es  kam  vor,  daß  der  Wojt  nicht  bloß  politische,
  sondern  selbst  gemeine  Verbrecher  vor  der  drohenden  Verfolgung
vertraulich  warnte.  Nachdem  ein  vermittelnder  Reformversuch  keine  Besserung
  gebracht,  entschloß  sich  die  Krone  endlich  (1836),  durch  einen  radikalen
  Eingriff  Wandel  zu  schaffen.  Die  Kreise  wurden  in  Distrikte  von
6—9000  Einwohnern  geteilt;  in  jedem  Distrikte  übernahm  ein  vom  Oberpräsidenten
  ernannter  königlicher  Kommissär,  unter  der  Aufsicht  des  Landrats,
  die  Polizeiverwaltung.  Unter  dem  Distriktskommissär  standen  mit
beschränkten  Befugnissen  die  kleinen  Ortsobrigkeiten.  Den  Schulzen  erwählte
  in  den  Dörfern,  welche  die  bäuerlichen  Lasten  noch  nicht  abgelöst
hatten,  der  Gutsherr,  in  den  bereits  regulierten  Ortschaften  die  Gesamtheit
  der  selbständigen  Grundbesitzer;  denn  Flottwell  wußte,  daß  der  polnische
  Bauer  seit  Jahrhunderten  gewöhnt  war,  in  dem  adligen  Pan  seine
Obrigkeit  zu  sehen,  und  diese  Meinung  erst  wenn  er  von  allen  Herrendiensten
befreit  sei,  aufgeben  würde.)  Die  130  Distriktskommissäre,  meist  alte  Offi= 



—

*)  Flottwell  an  Brenn,  21.  Juli  1832.
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        Reformen  in  Posen.  559

ziere  oder  Unteroffiziere,  und  ihre  vorgesetzten  Landräte  führten  fortan
ein  festes  bureaukratisches  Regiment,  sie  beschützten  den  Bauern  gegen  den
Edelmann,  sie  sicherten  die  Durchführung  der  Gesetze  bis  in  die  niedersten
Schichten  der  Gesellschaft  und  erwarben  sich  fast  überall  den  Haß  des
Adels,  die  Achtung  der  kleinen  Leute.  Der  strenge  Beamtenstaat  verdrängte
die  Adelsherrschaft.  Die  Selbstverwaltung  des  flachen  Landes  ward  nahezu
vernichtet;  wie  konnte  sie  auch  hier  gedeihen,  da  ihre  Vorbedingungen,
Treue  und  gesetzlicher  Sinn,  dem  polnischen  Adel  gänzlich  fehlten?

Auch  die  Gerichte  erhielten  eine  verbesserte  Einrichtung  und  den  gemessenen
  Befehl,  bei  polnischen  Eingaben  und  Verhandlungen  stets  eine
deutsche  Übersetzung  zu  verlangen.  Den  zahlreichen,  durch  den  Adel
schwer  bedrückten  Mediatstädten  brachte  das  an  Reformen  so  fruchtbare
Jahr  1833  die  Ablösung  der  grundherrlichen  Abgaben.  Die  Befreiung
vollzog  sich  sehr  rasch,  da  die  Krone  die  Ablösungskapitalien  vorschoß,
und  ihre  wohltätigen  Folgen  wurden  bald  selbst  an  den  Sitten  des
verkommenen  Kleinbürgertums  erkennbar;  denn  mit  jenen  Abgaben  fiel
auch  der  Getränkezwang,  eine  der  stärksten  Säulen  der  sarmatischen  Adelslibertät.
  Unter  der  polnischen  Republik  hatten  die  Edelleute  sich  wetteifernd
bemüht,  ihren  Dörfern  Stadtrecht  zu  verschaffen,  weil  sie  dann  selbst  das
Propinationsrecht,  den  Branntweinschank,  erhielten  und  diese  Befugnis
durch  die  Einrichtung  von  Jahrmärkten  kräftiglich  ausbeuten  konnten.  So
war  es  gekommen,  daß  die  Provinz  mit  ihren  1,1  Mill.  Einwohnern  145
Städte  zählte,  deren  Mehrzahl  ihr  Dasein  ausschließlich  dem  Branntwein
der  Grundherren  verdankte.  Dies  Unwesen  ward  nun  hinweggefegt;  und
da  die  Regierung  zugleich  in  allen  größeren  Städten  die  Städteordnung
einführte,  auch  durch  zahlreiche  neue  Bürgerschulen  für  einen  leidlichen
Unterricht  der  Jugend  sorgte,  so  gab  sich  Flottwell  der  Hoffnung  hin,  daß
mit  der  Zeit  hier  ein  selbstbewußter,  fleißiger  Mittelstand,  dem  altdeutschen
ähnlich,  entstehen  würde.

Durch  die  rasche  Beseitigung  der  grundherrlichen  Abgaben  in  den
Städten  wurde  auch  das  Ablösungswerk  auf  dem  flachen  Lande  beschleunigt.
  Im  Jahre  1837  waren  schon  21000  dienstpflichtige  Bauern  zu
freien  Eigentümern  geworden,  und  der  Segen  dieser  Reform  ließ  sich  mit
Händen  greifen;  schon  am  Anblick  der  Häuser  und  der  Felder  konnte  der
Wanderer  ein  reguliertes  Dorf  von  einem  zinspflichtigen  sofort  unterscheiden.
  Die  Ablösung  beschränkte  sich  hier,  wie  überall  seit  der  Deklaration
  vom  29.  Mai  1816,  auf  die  spannfähigen  Bauernstellen,  die  Ackernahrungen,
  weil  der  Staat  die  Großgrundbesitzer  der  im  Osten  unentbehrlichen
  Tagelöhnerscharen  nicht  ganz  berauben  wollte.  Im  übrigen
verfuhr  er  in  Posen  weit  schärfer  als  in  den  alten  Provinzen;  denn  auf
die  Klagen  des  allezeit  unzufriedenen  polnischen  Adels  gaben  die  Beamten
wenig,  und  auch  auf  die  Interessen  der  Pfandbriefgläubiger  brauchten  sie
hier  nicht,  wie  in  den  alten  Provinzen,  ängstliche  Rücksicht  zu  nehmen.
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        560  IV.  8.  Stille  Jahre.

Die  Pfandbriefsanstalt  war  in  Posen  noch  neu,  in  den  alten  Provinzen
aber  hatten  schon  Tausende  ihr  Vermögen  in  Pfandbriefen  angelegt,  und
die  Regierung  mußte  sich  dort  hüten,  den  ohnehin  durch  das  Sinken  der
Getreidepreise  schwer  erschütterten  Kredit  der  Großgrundbesitzer  ganz  zu
zerstören.

Mittlerweile  erhielten  auch  die  Juden,  die  damals  noch  gemeinhin
mit  den  Deutschen  gegen  die  Polen  zusammenhielten,  erweiterte  Rechte:  sie
sollten  Synagogen-Gemeinden  bilden  mit  Korporationsrechten  und  der  Verpflichtung,
  für  die  Jugenderziehung  zu  sorgen;  zum  Militärdienste  wurden
sie  fortan  zugelassen,  wenn  sie  nicht  vorzogen,  das  althergebrachte  Rekrutengeld
  zu  zahlen;  wer  sich  in  leidlich  geordneten  bürgerlichen  Verhältnissen
befand,  konnte  auch  die  förmliche  Naturalisation,  und  damit  den  Zutritt
zu  den  meisten  Gemeindeämtern  erlangen.  So  hoffte  die  Staatsgewalt
den  finsteren  Haß  gegen  die  Gojim,  der  auf  der  Lissaer  Judenschule  gepflegt
wurde,  allmählich  zu  überwinden;  doch  selbst  diese  vorsichtig  beschränkte
Reform  schritt  den  Ansichten  des  Landes  weit  voraus  und  rief  auf  dem
Landtage  heftigen  Widerspruch  hervor.  In  den  Dörfern  wurden  binnen
zehn  Jahren  über  zweihundert  Volksschulen  errichtet,  die  meisten  mit  polnischer
  Schulsprache  und  mangelhaftem  deutschem  Unterrichte  —  denn
weiter  wagte  auch  diese  wegen  ihrer  Strenge  verrufene  Regierung  noch
nicht  zu  gehen  —,  dazu  zwei  neue  Gymnasien  mit  geistlichen  Alumnaten,
ein  katholisches  Predigerseminar  und  eine  Reihe  evangelischer  Pfarreien.
Bei  seinem  Amtsantritt  fand  Flottwell  vier  Meilen  Chausseen  vor;  nach
einem  Jahrzehnt  war  das  große  Straßennetz,  das  die  Stadt  Posen  mit
Berlin,  Altpreußen,  Schlesien  verband,  nahezu  vollendet.

Noch  niemals  war  dies  Land  so  gerecht,  so  einsichtig,  so  sorgsam
regiert  worden;  doch  die  Nachsicht,  welche  der  König  den  Teilnehmern
an  dem  polnischen  Aufstande  erwies,  galt  dem  Adel  für  ein  Zeichen  der
Schwäche.))  Die  Begnadigten  traten  mit  herausforderndem  Trotze  auf,
dem  Kröbener  Kreise  mußte  die  Krone  wegen  grober  Gesetzwidrigkeiten
das  Wahlrecht  für  die  Provinzialstände  vorläufig  entziehen,  und  auf  dem
Landtage  von  1834  wurden  wieder  die  alten  maßlosen  Beschwerden  über
die  Vergewaltigung  der  polnischen  Sprache  vorgebracht.  Drei  Viertel  der
Ritterschaft  stimmten  dafür,  von  den  Abgeordneten  der  Städte  nur  zwei,
von  den  Bauern  nur  einer.  Da  verlangte  der  Adel  die  itio  in  partes,
die  nur  zur  Wahrung  der  ständischen  Sonderrechte  gestattet  war;  er
brachte  seine  Klage  eigenmächtig  vor  den  Thron,  obgleich  die  Mehrheit
Einspruch  erhob  und  feierlich  erklärte,  sie  wolle  „keine  politische  Absonderung“
  von  den  übrigen  Provinzen.  Der  König  aber  sprach  der  protestierenden
  Mehrheit  seine  Billigung  aus  und  erklärte  kurzab,  den  gesetzwidrigen
Antrag  der  Ritterschaft  betrachte  er  als  nicht  vorhanden.

 

—  9

*)  S.  o.  IV.  209.
        <pb n="569" />
        Nationale  Gegensätze  in  Posen.  561

Unablässig  waren  die  Verschwörer  am  Werke.  Unter  den  Flüchtlingen
in  Paris  hatte  die  Partei  der  Roten  das  Übergewicht  erlangt  und  einen
polnisch-demokratischen  Vereingegründetmit  Sektionen  und  Bundesgerichten,
mit  regelmäßigen  Abgaben  und  der  eidlichen  Verpflichtung  zu  unbedingtem
Gehorsam.  Seine  geheimen  Agenten  trieben  überall  ihr  Wesen,  in  den
Kasinos  zu  Posen,  Gnesen,  Samter  und  auf  allen  den  Adelsschlössern,
wo  sich  die  Edelleute  nach  altpolnischem  Brauche  zur  Winterszeit  wechselseitig
  zu  besuchen  pflegten,  bis  in  Küche  und  Keller  die  letzten  Vorräte
verzehrt  waren.  Nur  selten  erlangte  die  Regierung  einige  Kunde  von
diesem  unterirdischen  Treiben;')  und  wer  sollte  gar  alle  die  schlechten  Verführungskünste
  kennen,  denen  die  Pflichttreue  der  deutschen  Beamten  täglich
widerstehen  mußte?  Nicht  jeder  Richter  blieb  standhaft,  wenn  der  polnische
Edelmann  am  Vorabend  des  Prozeßtages  den  landesüblichen  „Vortermin“
hielt  und  durch  ein  gewaltiges  Zechgelage  die  Gemüter  der  Beamten  bearbeitete.
  Als  der  König  die  vom  polnischen  Aufstande  heimkehrenden  jungen
Beamten  und  Aspiranten  begnadigte,  versetzte  er  sie,  auf  den  Rat  seiner
Minister,  allesamt  in  andere  Provinzen?"*“)  und  sagte  dem  Provinziallandtage
  rundweg:  diese  verführten  jungen  Leute  müßten  sich  an  das
deutsche  Leben  gewöhnen,  die  Sitten  eines  gesetzliebenden  Volkes  erst  kennen
lernen.

Gefährlicher  als  alles  andere  blieb  doch  die  unversöhnliche  Feindseligkeit
  des  katholischen  Klerus,  an  dessen  Spitze  erst  der  eifrige  polnische
Patriot  Wolicki,  nachher  der  unberechenbar  schwache  Erzbischof  Dunin  stand.
Fast  in  jedem  Lande  gemischten  Volkstums  begünstigt  das  römische  Priestertum
  die  minder  gebildete  Sprache;  wie  viel  mehr  hier,  wo  das  Polnische
zugleich  die  Sprache  der  katholischen  Mehrheit  war.  Auch  die  deutschen
Priester  konnten  sich  der  vorherrschenden  Gesinnung  des  Klerus  so  wenig
entziehen,  daß  Flottwell,  nachdem  er  ein  halb  Jahr  im  Lande  war,  zum
Entsetzen  des  allezeit  vertrauensvollen  Ministers  Altenstein  ehrlich  eingestand:
  einen  ganz  zuverlässigen  Geistlichen  habe  ich  bisher  noch  nicht  gesehen.***)
  Alle  katholischen  Deutschen  saßen  zwischen  zwei  Stühlen.  Unter
den  Bambergern,  den  aus  Franken  eingewanderten  katholischen  Bauern,
wühlte  der  Klerus  schon  im  stillen,  vorerst  noch  ohne  sichtbaren  Erfolg;
und  wenn  ein  Deutscher  eine  Polin  heiratete,  so  ging  die  Nachkommenschaft
  regelmäßig  dem  Deutschtum  verloren,  weil  in  den  Ehen  der  Durchschnittsmenschen
  die  Frau  über  Volkstum  und  Glauben  der  Kinder  zu
entscheiden  pflegt.  Auch  die  sozialen  Verhältnisse  der  Bevölkerung  waren
den  Deutschen  nicht  günstig;  denn  die  Mehrzahl  der  Polen  gehörte  den

 

*)  Flottwells  Berichte  an  Brenn,  7.  Febr.,  11.  März  1832.  Tzschoppe  an  Flottwell,
  18.  Okt.  1834.

**)  Tzschoppes  Votum  über  die  Begnadigung  der  Beamten,  1832.

*#)  Flottwells  Bericht  an  Altenstein  und  Brenn,  17.  März;  Altenstein  an  Brenn,
8.  April  1831.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  36
        <pb n="570" />
        562  IV.  8.  Stille  Jahre.

niedersten  Schichten  der  Gesellschaft  an,  sie  rechtfertigte  hier  wie  überall
den  Namen  der  Proletarier  und  vermehrte  sich  schneller  als  der  deutsche
Mittelstand.

So  geschah  es,  daß  die  deutsche  Gesittung  trotz  der  beträchtlichen  Einwanderung
  doch  nur  langsam  vorwärts  schritt,  und  ungeduldige  Deutsche
schon  an  schärfere  Mittel  dachten.  General  Grolman  empfahl  gleich  nach
dem  polnischen  Aufstande  die  Vernichtung  der  Provinz  Posen,  dergestalt
daß  ihre  Trümmerstücke  den  drei  benachbarten  treuen  Provinzen  zugeteilt
würden;  und  der  vom  Bundestag  her  bekannte  Legationsrat  Küpfer,  ein
geborener  Posener,  riet  der  Krone,  unter  der  Oberleitung  einer  königlichen
Immediatkommission  eine  große  Aktiengesellschaft  zu  bilden,  welche  den  gesamten
  Grundsitz  des  polnischen  Adels  aufkaufen  sollte.')  Es  war  der
Schatten  kommender  Ereignisse;  das  gegenwärtige  Geschlecht  mit  seinem
knappen  Staatshaushalte  konnte  sich  so  kühner  Pläne  nicht  unterwinden.
Aber  der  Zustand  in  der  Provinz  ward  immer  unleidlicher.  Die  beiden
Nationen  haßten  sich  nicht  nur,  sie  verachteten  einander  auch;  wie  der
Deutsche  alle  Niedertracht  und  Unredlichkeit  mit  dem  Worte  „polnische
Wirtschaft“  bezeichnete,  so  konnte  sich  der  Pole  den  sparsamen  Ordnungssinn
  der  Deutschen  nur  aus  einem  angeborenen  Bedientengeiste  erklären.

Niemandempfanddiese  Verschärfungder  nationalen  Gegensätze  schmerzlicher
  als  die  wenigen  vornehmen  Polen,  welche  weder  ihr  Volkstum  verraten,
  noch  von  dem  preußischen  Staate  abfallen  wollten.  So  der  alte
tapfere  General  Chlapowski  und  der  bestgebildete  Mann  unter  den  preußischen
  Polen,  Graf  Eduard  Raczynski.  Wie  viele  Arbeit  hatte  der  kunstsinnige
  Graf  ausgewendet,  um  sein  Heimatland  zu  bilden  und  zu  schmücken;
er  hatte  der  Stadt  Posen  ihre  schöne  Bibliothek  und  ihre  Wasserleitung
geschenkt;  er  bemühte  sich,  durch  eine  landwirtschaftliche  Schule,  durch  eine
Zuckerfabrik,  durch  Verbesserungen  der  Technik  des  Landbaues  seine  Standesgenossen
  zu  geregelter  Tätigkeit  zu  ermutigen,  und  mußte  doch  erleben,
daß  seine  gesamte  Verwandtschaft  sich  in  Verschwörungspläne  verlor,  die
er  weder  fördern  noch  hindern  wollte.  Unter  so  schwierigen  Verhältnissen
führte  das  preußische  Beamtentum  den  Markmannenkrieg  für  unser  Volkstum,
  für  Recht  und  gute  Menschensitte,  und  bei  diesen  Kämpfen  war  ihm
Deutschlands  öffentliche  Meinung  entschieden  feindlich.  Wenn  eine  liberale
Zeitung  sich  ja  einmal  herabließ,  der  friedlichen  Eroberungen  in  der  deutschen
Ostmark  zu  gedenken,  so  brachte  sie  einen  Aufsatz  aus  der  Feder  eines  unzufriedenen
  polnischen  Edelmanns,  der  die  Befreiung  des  Posener  Landvolks
  als  eine  preußische  Gewalttat  verunglimpfte.  —

In  den  anderen  Provinzen  des  Ostens  wurde  das  Stilleben  dieser
Jahre  fast  allein  durch  kirchliche  Wirren  gestört.  In  Königsberg  hielt  die

*)  Küpfer,  Denkschrift  über  die  Germanisierung  des  Großherzogtums  Posen.  An
Lottum  überreicht  27.  Jan.  1838.
        <pb n="571" />
        Die  Königsberger  Mucker.  563

Sekte  des  mystischen  Theosophen  Schönherr  noch  immer  ihre  seltsamen  An—
dachtsübungen.  An  ihrer  Spitze  stand  jetzt  der  Prediger  Ebel,  ein  schöner,
feuriger,  beredter  Mann,  der  auf  die  Weiber  einen  unwiderstehlichen  Zauber
ausübte  und  in  geheimnisvollen  Andeutungen  von  der  Verklärung  der  irdi—
schen  Liebe  sprach;  mit  überströmender  süßlicher  Zärtlichkeit  pflegten  die
Gläubigen  einander  zu  begrüßen.  Ein  Kreis  angesehener  Männer  und
Frauen  aus  den  ersten  Geschlechtern  der  Provinz  scharte  sich  um  den  be—
geisterten  Schwärmer,  darunter  auch  zwei  Schwägerinnen  des  Oberpräsi—
denten  Schön;  der  aber  verabscheute  alles,  was  von  der  Kritik  der  reinen
Vernunft  abwich,  und  belegte  die  Gemeinde  der  Erweckten  mit  dem  Namen
der  „Mucker“.  Nicht  lange,  so  entstanden  finstere  Gerüchte  über  das  geheime
unzüchtige  Treiben  der  Mucker,  und  bei  der  tiefen,  heißen  Leidenschaftlichkeit
ostpreußischer  Naturen  schien  es  keineswegs  unmöglich,  daß  die  alte  rätselhafte
  Verwandtschaft  von  Sinnlichkeit  und  religiöser  Ekstase  sich  auch  bei
dieser  Sekte  gezeigt  hätte.  Es  fehlte  nicht  an  Verdachtsgründen;  doch  irgendein
  Beweis  lag  nicht  vor  und  ist  auch  bis  zum  heutigen  Tage  nicht  zu
erbringen.  Der  Hauptbelastungszeuge  war  erst  vor  kurzem  aus  der  Gemeinde
  ausgestoßen  worden  und  darum  schon  wenig  glaubwürdig.  Bei  der
Untersuchung  verfuhr  das  Konsistorium,  das  durchweg  aus  Schöns  rationalistischen
  Gesinnungsgenossen  bestand,  offenbar  parteiisch.  Der  Oberpräsident
  hielt  sich  in  seinem  Gewissen  verpflichtet,  die  verhaßte  Gemeinde
mit  Stumpf  und  Stiel  auszurotten;  er  trat  so  heftig  auf,  daß  die  Gläubigen
  ihn  mehrmals  in  Berlin  verklagten.  Die  Minister  aber  hielten  zu
ihm,  weil  nach  Altensteins  kirchenpolitischen  Grundsätzen  jede  Sektiererei
vom  Ubel  war.“)  In  letzter  Instanz  erklärte  das  Kammergericht  endlich
die  behaupteten  unzüchtigen  Handlungen  für  unerwiesen  und  verurteilte
den  Sektierer  Ebel  nur  wegen  Verletzung  seiner  geistlichen  Amtspflicht.“)

Sieben  Jahre  hindurch  beschäftigte  dieser  Muckerprozeß  die  ohnehin
erregte  Provinz  und  verbitterte  die  Gemüter  aufs  äußerste.  Nichts
konnte  der  werdenden  Opposition  willkommener  sein  als  ein  Skandal  unter
Geistlichen  und  Edelleuten.  Obwohl  Ebel  keineswegs  auf  dem  Boden  des
Augsburger  Bekenntnisses  stand  und  die  Orthodoxen  von  jeher  seine  erklärten
Feinde  waren,  so  wurden  sie  doch  von  dem  herrschenden  Rationalismus  der
Mitschuld  bezichtigt;  jeder  Kirchlichgesinnte  hieß  bei  den  aufgeklärten  Königsbergern
  ein  Mucker  und  Heuchler.  Der  Adelshaß  der  Liberalen  schwelgte
in  kühnen  Erfindungen  und  erzählte  Unglaubliches  von  der  Sittenverderbnis
der  ehrenfesten  ostpreußischen  Aristokratie.  Auch  die  Judenschaft  Königs- 



*)  Eingaben  an  das  Staatsministerium:  von  Frau  v.  Bardeleben,  18.  März,
vom  Prediger  Diestel,  11.  Nov.;  Altensteins  Votum,  29.  April  1837,  nebst  Voten  von
Mühler,  Rochow,  Rother.

*“)  Das  skandalsüchtige  Buch  von  W.  H.  Dixon,  Spiritual  Wives,  London  1868,
ist  reich  an  falschen  Angaben  und  für  den  Historiker  kaum  benutbar.
        <pb n="572" />
        564  IV.  8.  Stille  Jahre.

bergs,  die  bereits  ihre  Macht  zu  fühlen  begann  und  an  dem  Dr.  Jacoby
einen  schlagfertigen  Wortführer  besaß,  hatte  ihrer  Schadenfreude  kein  Hehl.
Schön  aber  war  nicht  der  Mann,  die  Parteien  zu  beschwichtigen.  Mit
dem  orthodoxen  neuen  Generalsuperintendenten  Sartorius  lebte  er  in
offener  Fehde,  und  selbst  der  milde,  bürgerfreundliche  kommandierende
General  von  Natzmer  mußte  über  den  liberalen  Oberpräsidenten  Beschwerde
führen,  als  dieser  einem  Landstande,  der  in  seiner  Landwehruniform  er—
schienen  war,  in  Gegenwart  eines  Generals  gesagt  hatte:  „Sie  können
den  Rock  des  freien  Mannes  tragen  und  tragen  den  Rock  eines
Dieners!“  Der  König  gab  dem  beleidigten  Offizierskorps  Genugtuung
durch  eine  Kabinettsordre  und  erteilte  dem  Oberpräsidenten  einen  sehr
milden  Verweis  wegen  seines  beständig  herausfordernden  Betragens,
„indem  Sie  sich  tadelnde  und  verunglimpfende  Urteile  über  die  An—
ordnungen  der  oberen  Behörden  und  Äußerungen  gestatten,  wodurch
der  Autorität  der  Regierung  Abbruch  geschieht  und  gegen  Ihre  Absicht
Mißvergnügen  in  der  Provinz  verbreitet  wird“.  Schön  dankte  gerührt
für  die  Gnade  des  Monarchen  und  beteuerte,  die  Unzufriedenheit  sei  in
Preußen  geringer  als  in  den  anderen  Provinzen.“)  Nichtsdestoweniger
fuhr  er  fort,  auf  alles,  was  in  Berlin  zustande  kam,  öffentlich  zu
schelten,  insbesondere  auf  den  Zollverein,  der  allerdings  dieser  abgelegenen
Provinz  wenig  Vorteil  brachte.  Er  wußte,  daß  der  König  seiner  bewährten
Treue  sehr  viel  nachsah,  und  ließ  es  sich  wohl  gefallen,  wenn  die  Liberalen
Ostpreußens  ihn  als  ihr  Parteihaupt  verherrlichten.  Der  altpreußische
Freiheitsstolz,  der  Zorn  über  die  Mucker  und  die  Grenzsperre,  die  Ungeduld
  tatenloser  Tage  und  die  allezeit  rege  Königsberger  Kritik  wirkten
zusammen;  die  alte  Krönungsstadt  wurde  der  Herd  einer  unmutigen,
geistreichen,  unersättlich  tadelsüchtigen  Opposition,  die  um  so  weiter  um  sich
griff,  da  sie  sich  noch  nicht  im  Handeln  bewähren  konnte.

Die  Mark  erlebte  einige  kirchliche  Wirren,  als  das  neue  Berliner
Gesangbuch  eingeführt  wurde,  das  Werk  einer  theologischen  Kommission,
der  auch  Schleiermacher  und  Bischof  Neander  angehörten.  Die  Auswahl
aus  dem  reichen  Liederschatze  der  evangelischen  Kirche  war  wohl  gelungen,
der  Wortlaut  der  alten  Gesänge  nur  an  wenigen  Stellen,  welche  dem
modernen  Geschmack  Anstoß  zu  geben  schienen,  mit  schonender  Hand  geändert,
  und  der  König  hoffte,  die  Gemeinden  würden  das  Buch  freiwillig
annehmen.  Altenstein  aber  versuchte  wieder  durch  Befehle  einzugreifen.
Da  nahn  sich  der  Kronprinz  des  Rechtes  der  Gemeinden  nachdrücklich  an;
er  verlangte,  daß  den  Gemeinden  „ihr  Schatz  von  Liedern,  der  recht  eigentlich
  ihr  Eigentum  sei“,  erhalten  bleibe:  „es  gibt  meiner  Überzeugung
zufolge  Dinge,  die  sich  ganz  von  selbst  verstehen  und  die  gar  keines  Ge-*)

  Schöns  Eingaben  an  den  König,  11.  Febr.,  11.  März.  Kabinettsordre  an  Schön,

25.  Febr.  1834.  Schöns  spätere  Erzählung  (Aus  den  Papieren  III.  125)  verdunkelt  den
wirklichen  Hergang.
        <pb n="573" />
        Das  neue  Gesangbuch.  565

setzes  bedürfen.“  Es  gelang  ihm  auch,  den  Streit  glimpflich  beizulegen.
Freilich  kam  sein  Eifer  für  die  Gewissensfreiheit  immer  nur  den  Altgläubigen
  zugute;  seinem  historischen  Sinne  war  das  Gesangbuch  nicht
altertümlich  genug.  „Ich  finde“  —  so  schrieb  er  —  „das  Buch  eben  als
Buch,  ohne  alle  Nebengedanken,  ein  gutes  Buch,  welches  hundert  Meilen
über  dem  skandalösen  früheren  neuen  Gesangbuche  steht.  Aber  als  Werk,
als  Produkt  aus  gegebenen  Größen,  finde  ich  es,  ohne  allen  Umschweif
zu  reden,  schlecht,  nicht  etwa  wegen  Mängel  an  der  Arbeit  daran,  wovon
ich  hier  nicht  reden  will,  sondern  ganz  allein  darum,  weil  nach  meiner
felsenfest  stehenden  Ansicht  und  Geschmack  der  Homer,  der  Mahabarat,  die
Nibelungen  usw.  usw.  nach  solchen  Grundsätzen  geändert,  wie  hier  die  alten
deutschen  Lieder,  und  zwar  von  der  Hand  eines  Erzengels,  notwendig  eine
Mißgeburt  werden  müssen.  Das  ist  so  ein  Grundsatz,  der  in  sich  eins
und  so  mit  meiner  Individualität  verwachsen  ist,  daß  sich  darüber  mit  mir
gar  nicht  streiten  läßt.“7)

Noch  weit  schmerzlicher  berührte  den  Kronprinzen  die  kleinliche  Bedrückung
  der  Altlutheraner;  er  hielt  sich  verpflichtet,  und  mit  Recht,  dem
befreundeten  Minister  offene  Opposition  anzukündigen.  Allerdings  bestand
kein  vernünftiger  Grund  für  den  Austritt  der  Altlutheraner  aus  der  unierten
Landeskirche;  denn  die  Union  ließ  die  Glaubenswahrheiten  unberührt,  und
auch  die  strenglutherischen  Kultusformen  konnten  ganz  unverändert  fortbestehen,
  da  die  Gemeinden  und  ihre  Geistlichen  zwischen  den  zahlreichen
altlutherischen  Formularen,  welche  der  Anhang  der  neuen  Agende  enthielt,
frei  wählen  durften.  Aber  wann  hätte  der  religiöse  Glaube  je  nach  Vernunftgründen
  gefragt?  Unterwarfen  sich  die  Altlutheraner  der  Agende,
so  erkannten  sie  die  Reformierten  als  ihre  evangelischen  Brüder  an,  was
der  Meinung  Luthers  unzweifelhaft  zuwiderlief;  und  zu  einem  solchen
Zugeständnis  konnte  sie  der  Staat  so  wenig  zwingen,  wie  er  die  Katholiken
  verhindern  konnte,  die  Protestanten  für  Ketzer  zu  halten.  Die  armen
verblendeten,  durch  fanatische  Prediger  aufgewiegelten  Menschen,  meist
kleine  Leute  aus  Schlesien,  hielten  sich  in  ihrem  Gewissen  verpflichtet,
keinerlei  kirchliche  Gemeinschaft  mit  den  Reformierten  einzugehen,  und  wie
beschränkt,  hart,  unduldsam  ihr  Glaubenseifer  auch  erscheinen  mochte,  sie
bewährten  sich  doch  als  die  Erben  jener  tapferen  alten  Schlesier,  welche
einst  den  kaiserlichen  Seligmachern  getrotzt  hatten.  Die  Breslauer  Altlutheraner
  glaubten  nur  dem  Gebote  Gottes  zu  gehorchen,  als  sie  den
König  um  Erlaubnis  baten,  unter  der  Führung  ihres  gottseligen  Predigers
  Scheibel  eine  selbständige  kleine  Kirche  zu  bilden.  Friedrich  Wilhelm
ließ  sie  abweisen;  er  meinte  wie  Altenstein,  die  Bittenden  behaupteten  ja,
selbst  Protestanten  zu  sein,  und  gehörten  mithin  von  Rechts  wegen  der  evangelischen
  Landeskirche  an.

—

*)  Kronprinz  Fr.  Wilhelm  an  Altenstein,  24.  Okt.  1829,  2.  Mai  1830.
        <pb n="574" />
        566  IV.  8.  Stille  Jahre.

Erbittert  durch  diese  Härte  schritten  die  Gottseligen  bald  zur  Verletzung
des  Gesetzes:  sie  ernannten  eigenmächtig  Repräsentanten,  sie  maßten  sich
die  Verwaltung  des  Kirchenvermögens  an,  ließen  durch  Unberechtigte  geist—
liche  Amtshandlungen  verrichten.  Umsonst  versuchte  Altenstein  durch  per—
sönliche  Ermahnungen  und  ausgesendete  Kommissäre  die  Aufgeregten  zu
beschwichtigen  —  was  er  selbst  für  einen  Beweis  ungewöhnlicher  Langmut
  hielt.  Umsonst  versicherte  eine  Kabinettsordre  vom  28.  Febr.  1834:
zur  Union  werde  niemand  gezwungen,  nur  die  Agende  müsse  als  unverbrüchliche
  Regel  in  der  Landeskirche  gelten.  Eine  solche  Halbheit  konnte
die  Widerspenstigen  nicht  gewinnen;  denn  unleugbar  war  die  Agende  nur
der  liturgische  Ausdruck  der  Union,  und  zum  Überfluß  wiederholte  der
König  streng:  „daß  die  Feinde  der  Union  sich  als  eine  besondere  Religionsgesellschaft
  konstituierten“,  dürfe  als  „unchristlich“  nicht  geduldet  werden.
  Da  die  alten  Rationalisten  noch  in  den  meisten  hohen  Kirchenämtern
saßen,  so  führten  die  Konsistorien  von  Stettin  und  Breslau  einen  unablässigen
  Krieg  gegen  alles,  was  sie  für  sektiererisch  hielten.  Dort  wurde  dem
Freiherrn  von  Senfft-Pilsach  untersagt,  vor  seiner  Herde  selbst  zu  predigen,
hier  den  Peylauern  verboten,  bei  den  Herrnhutern  im  nahen  Gnadenfrei
das  Abendmahl  zu  empfangen,  da  den  Judenmissionaren  durch  einen  unfreundlichen
  Konsistorialerlaß  die  Arbeit  erschwert.  Den  Pfarrer  Hirschfeld
wollte  das  Breslauer  Konsistorium  absetzen,  weil  er  zwar  die  Agende  annahm,
  aber  die  Formel  „Vater  Unser“  beibehielt.  Da  meinte  der  Kronprinz:
  „ihn  deshalb  aus  seinem  segensreich  geführten  Amte  zu  berstoßen,
wäre  geradezu  gräßlich;“  er  verlangte,  Altenstein  solle  die  Sache  „einschlafen
  lassen“.  Unablässig  nahm  er  sich  der  Verfolgten  an  und  sagte
dem  Minister  voraus,  dies  Zerren  und  Reizen  werde  den  sektiererischen
Geist  nur  stärken.)

So  kam  es  auch.  Seines  Breslauer  Amtes  entsetzt,  eröffnete  Scheibel
von  Sachsen  aus  einen  grimmigen  Federkrieg,  insbesondere  gegen  die
Schrift  des  Königs  über  die  Agendez  freilich  stellte  er  sich  an,  als  ob  er
den  Bischof  Eylert  für  den  Verfasser  hielte.  Er  tobte  so  lange,  bis  die
Führer  der  Orthodoxen,  Hengstenberg,  Hahn,  Olshausen  sich  förmlich  gegen
den  Separatismus  erklärten;  von  den  namhaften  Theologen  schloß  sich  nur
einer,  der  Hallenser  Guericke  den  Sektierern  an,  und  auch  er  versöhnte
sich  nach  einigen  Jahren  wieder  mit  der  Landeskirche.  Die  schlesischen  Altlutheraner
  aber  hielten  aus;  sie  beschlossen  auf  einer  Synode  zu  Breslau
(1835),  ihre  Sonderkirche  nimmer  aufzugeben.  Als  ein  unierter  Geistlicher
statt  des  abgesetzten  altlutherischen  in  der  Pfarrei  des  schlesischen  Dorfes
Hönigern  eingeführt  werden  sollte,  da  rottete  sich  die  gesamte  Gemeinde,
die  Frauen  voran,  schreiend  und  jammernd  vor  der  verschlossenen  Kirche

—  4

*)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Altenstein,  2.  Mai  1830,  30.  Dezember  1831,
26.  Juni  1833.
        <pb n="575" />
        Die  Altlutheraner.  567

zusammen;  Soldaten  mußten  die  Türe  sprengen  und  blieben  dann  noch
eine  Weile  auf  Einquartierung.  Bei  allen  diesen  traurigen  Vorgängen
handelte  die  Regierung  streng  nach  dem  Buchstaben  des  Gesetzes;  aber
wie  deutlich  zeigten  sie,  daß  die  Kirchenpolitik  des  alten  Territorialsystems
sich  gänzlich  überlebt  hatte.  Evangelische  Freiheit  war  nur  noch  möglich,
wenn  eine  neue  Kirchenverfassung  das  gute  Rucht  der  Gemeinden  sicherstellte.


Nach  langem  Streit  und  Leid  entschloß  sich  endlich  ein  Teil  der
Altlutheraner,  insgesamt  mehr  als  tausend  Köpfe,  zur  Auswanderung.
Ihren  Glauben  und  ihren  Kultus  tastete  niemand  an,  nur  das  evangelische
  Recht  der  Gemeindebildung  ward  ihnen  versagt,  und  so  wähnten
sie  für  die  Religion  zu  leiden,  während  doch  lediglich  ein  ungeheures  Mißverständnis
  und  ihr  unduldsamer  Haß  gegen  die  Reformierten  sie  aus  dem
Lande  trieben.  Welch  ein  Tag,  als  vierhundert  dieser  armen  Schlesier
auf  ihren  Spreekähnen  durch  Berlin  kamen  und  dann  die  Havel  abwärts
am  Potsdamer  Stadtschlosse  vor  den  Fenstern  des  Königs  vorüberfuhren;
ihre  lutherischen  Lieder  klangen  weithin  über  das  stille  Gewässer.  Schien
es  nicht,  als  ob  jene  Zeiten  des  großen  Kurfürsten  wiederkehrten,  da  Paul
Gerhardt,  auch  er  ein  Märtyrer  mehr  der  Unduldsamkeit  als  des  Glaubens,
  die  Mark  hatte  verlassen  müssen?  Was  aber  damals,  in  dem  harten
Jahrhundert  der  Religionskriege,  die  Not  erzwang,  das  hätte  jetzt,  in
weltlichen  Tagen,  eine  kluge  und  weitherzige  Kirchenpolitik  leicht  vermeiden
können.  Welch  ein  Widerspruch!  Friedrich  Wilhelm  fühlte  sich  als  den
Beschützer  des  evangelischen  Glaubens  in  Deutschland;  so  nannten  ihn
auch  der  fromme  G.  H.  Schubert  und  die  anderen  bayrischen  Protestanten,
denen  er  bei  allen  ihren  kirchlichen  Unternehmungen  gern  zu  Hilfe  kam.“)
Er  feierte  in  diesen  Tagen  tief  bewegt  den  dreihundertjährigen  Gedenktag
der  brandenburgischen  Reformation.  Und  doch  ward  unter  dem  frommen
Fürsten  eine  Verfolgung  möglich,  die  aller  evangelischen  Freiheit  widersprach.

Im  Lande  erzählte  man,  der  gute  König  wisse  nichts  von  dem
harten  Verfahren  seiner  Beamten.  Er  wußte  es  wohl.  Er  verfolgte  die
kirchlichen  Wirren  tief  bekümmert,  mit  gespannter  Aufmerksamkeit  und  ließ
sogar  den  Auswanderern  insgeheim  Unterstützung  spenden;  doch  an  seiner
Kirchenpolitik  ward  er  keinen  Augenblick  irr.  In  diesem  Jammer  bedrängter
  und  beirrter  Gewissen  sah  er  nur  eine  strafbare  Auflehnung  gegen
das  von  Gott  verordnete  Kirchenregiment  und  fragte  immer  wieder  ganz
verwundert:  wie  sind  solche  Verirrungen  möglich  in  einem  Lande  unbeschränkter
  Gewissensfreiheit?  Er  ahnte  nicht,  wie  die  deutschen  Nachbarn
über  diese  Verfolgungen  dachten.  Die  Lutheraner  in  Sachsen,  Mecklenburg,
  Bayern  hatten  bisher  auf  den  schwächlichen  Synkretismus  der  Union

 

*)  Eingaben  an  König  Friedrich  Wilhelm:  von  der  Münchner  Evangelischen  Gemeinde,
  14.  Jan.  1834;  von  G.  H.  Schubert,  10.  Jan.  1836.
        <pb n="576" />
        568  IV.  8.  Stille  Jahre.

gescholten.  Jetzt  konnten  sie  mit  einigem  Scheine  behaupten,  dies  edle
Unternehmen  evangelischer  Freiheit  sei  im  Grunde  nur  ein  Werk  der  Ge—
wissenstyrannei.  Das  Wachstum  der  Union  war  auf  lange  Zeit  hinaus
gehemmt.  Als  die  Tage  der  schlimmsten  Quälerei  überstanden  waren,  faßte
sich  der  Kronprinz  endlich  ein  Herz  und  verlangte  im  Staatsministerium,
von  Mühler  unterstützt  (1839):  den  Sektierern  müsse  „eine  Art  Anerken—
nung“  gewährt  werden;  verleihe  man  dann  der  evangelischen  Kirche  selbst
größere  Freiheit,  so  werde  „dies  Irrwesen  bald  in  sich  verfallen“.“)  Aber
solange  der  alte  Herr  lebte,  war  an  keine  Änderung  zu  denken.

Wie  ward  dem  frommen  Steffen  zu  Mute,  als  er  um  diese  Zeit
(1837),  noch  tief  erschüttert  von  dem  Abschied  seiner  lutherischen  Glaubensgenossen,
  das  Land  Tirol  bereiste,  und  ihm  droben  in  den  Alpen  ein
anderer  Auswandererzug  begegnete,  mit  hochbeladenen  Wagen,  Männer,
Weiber  und  Kinder,  über  vierhundert  Köpfe,  auch  zwölf  steinalte  Leute  von
mehr  als  siebzig  Jahren  zogen  mit.  Es  waren  die  protestantischen  Zillerthaler,
  die  letzte  Glaubenskolonie  der  Hohenzollern;  ein  tapferer  Bauer,
Johann  Fleidl  führte  sie  an.  Die  österreichische  Regierung  hatte  ihnen
den  Aufenthalt  in  dem  Lande  der  Glaubenseinheit  nicht  mehr  gestattet,  weil
die  fanatische  Klerisei  den  ehrenfesten  Lutheranern  unheimliche  sektiererische
Ausschweifungen  andichtete,  und  sie  endlich  aufgefordert,  ihren  Wohnsitz  in
ein  anderes  Kronland,  etwa  nach  Siebenbürgen,  zu  verlegen.  Daß  Tirol
deutsches  Bundesland  war,  kam  in  Wien  natürlich  nicht  in  Betracht;  auch
der  Bundestag  verlor  kein  Wort  über  die  offenbare  Verletzung  des  Art.  16
der  Bundesakte,  und  kein  deutscher  Publizist  warf  die  Frage  auf,  ob  dies
OÖsterreich  mit  seinen  Sonderrechten  wirklich  noch  zu  Deutschland  gehöre.
Unter  den  Evangelischen  des  Hochgebirges  aber  hatte  der  preußische  Name
noch  von  den  Zeiten  der  Salzburger  Emigranten  her  einen  guten  Klang;
nach  dem  nahen  Bayern  wollten  sie  nicht  ziehen,  weil  sie  der  ultramontanen
  Gesinnung  des  Münchner  Hofes  mit  Recht  mißtrauten.  Die
Zillerthaler  wendeten  sich  an  den  alten  König.  Er  verhandelte  mit  ihnen
durch  seinen  Hofprediger  Strauß  und  bot  ihnen  dann  eine  neue  Heimat
bei  Schmiedeberg,  am  schönen  Abhang  des  Riesengebirges,  wo  sie  das
schönere  alte  Heim  doch  nicht  so  schmerzlich  vermissen  sollten.“*)  Die  Kosten
der  Ansiedelung  in  dem  dichtbevölkerten  Schlesien  stellten  sich  freilich
sehr  hoch,  fast  fünfmal  höher  als  die  Zuschüsse,  welche  König  Friedrich  einst
seinen  Kolonisten  zu  bewilligen  pflegte.  Die  fromme,  hochherzige  Gräfin
Reden  trat  auf  Friedrich  Wilhelms  Befehl  an  die  Spitze  eines  Ausschusses,
der  den  Einwanderern  über  die  böse  Zeit  des  Überganges  hinweghalf,  und
nach  Jahresfrist  waren  sie  alle  in  den  drei  Dörfern  des  neuen  Zillerthales
untergebracht,  ein  treues,  arbeitssames  und  bei  allem  Glaubenseifer  lebens-—..



*)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Altenstein,  4.  Febr.  1839.
**)  Dönhoffs  Berichte,  18.,  28.  Mai,  1.  Juli  1837.
        <pb n="577" />
        Die  Zillerthaler.  569

frohes  Völkchen.  In  ihren  schmucken  Tiroler  Häusern,  mitten  unter  den
grünen  Matten  fühlten  sie  sich  bald  glücklich;  ihre  jungen  Leute  wurden
bei  den  Görlitzer  Jägern  gern  als  Rekruten  aufgenommen,  und  mancher
zog  nachher  in  die  norddeutsche  Ebene,  um  durch  die  heimische  Milchwirt—
schaft  sein  Glück  zu  suchen.  Mit  dem  königlichen  Hause  blieben  sie  immer
in  naher  Verbindung;  Prinz  Wilhelm  der  Ältere  und  die  Prinzessin
Marianne  kamen  aus  dem  nahen  Fischbach  oft  herüber,  und  außer  ihrer
Bibel  war  den  Exulanten  nichts  so  ehrwürdig  wie  das  Bild  des  alten
Königs  in  der  Gemeindeschule.  Gott  segne  den  König  Friedrich  Wilhelm  III.
—  so  lautete  die  Inschrift  auf  dem  Söller  des  ersten  Hauses  in  Mittel-Zillerthal.
  —

Die  Provinzialstände  der  östlichen  Provinzen  bereiteten  der  Regierung
wenig  Ungelegenheiten,  sie  besorgten  mit  treuem  Fleiße  ihre  unscheinbaren
Geschäfte.  Die  altständische  Opposition  gegen  die  Hardenbergische  Gesetzgebung
  regte  sich  noch  zuweilen,  aber  minder  lebhaft  als  in  früheren
Jahren,  und  als  die  langwierigen  Beratungen  über  den  Entwurf  der
neuen  Gewerbeordnung  begannen,  da  zeigte  sich's,  daß  die  Grundsätze  der
Freizügigkeit  und  der  Gewerbefreiheit  den  Preußen  schon  in  Fleisch  und
Blut  gedrungen  waren.  Die  Wiederherstellung  des  alten  Zunftzwanges
wagte  selbst  der  konservativste  aller  Landtage,  der  brandenburgische  nicht
zu  verlangen;  man  wünschte  nur  freie  Innungen  mit  strengerer  Zucht  für
Lehrlinge  und  Gesellen.  Die  Stände  fühlten  selbst,  wie  wenig  die  öffentliche
  Meinung  nach  ihnen  fragte,  und  beantragten  mehrmals,  in  Preußen,
Sachsen,  Schlesien,  daß  ihre  Verhandlungen  dem  Volke  zugänglicher  gemacht
  würden.  Die  neuen  Gedanken  freilich,  welche  im  Bürgertum  zu
gären  begannen,  konnten  in  dieser  Vertretung  des  Grundbesitzes  keinen
Ausdruck  finden;  ihre  still  wachsende  Macht  ließ  sich  nur  an  der  freieren
Sprache  der  Provinzialpresse  erraten.  Während  die  Berliner  Zeitungen
noch  in  dem  alten  Stumpfsinn  verharrten,  brachte  der  junge  Nationalökonom
  Schön  in  der  Schlesischen  Zeitung  schon  zuweilen  scharfe  Leitartikel
  über  innere  Angelegenheiten.  Mit  ihm  suchte  Frhr.  von  Vaerst  in  der
Breslauer  Zeitung  zu  wetteifern;  die  Königsberger  Zeitung  aber  diente
den  ostpreußischen  Liberalen  zum  Sprechsaal,  soweit  es  die  gestrenge  Zensur
erlaubte.  —

 

Sobald  ein  neuer  politischer  Gedanke  sich  im  Völkerleben  durchgesetzt
hat,  bewirkt  die  Kraft  des  Beharrens  regelmäßig  einen  Rückschlag  der
verletzten  Interessen  und  Meinungen.  Auch  dem  Zollvereine  sollte  diese
Erfahrung  nicht  ganz  erspart  bleiben.  Wohl  stieg  der  Gesamtertrag  der
neuen  Zölle  von  Jahr  zu  Jahr,  und  die  süddeutschen  Finanzmänner  hatten
guten  Grund,  sich  ihres  Entschlusses  zu  freuen.  Bayern,  das  aus  dem
bayrisch-württembergischen  Zollvereine  kaum  2  Mill.  fl.  jährlich  bezogen
        <pb n="578" />
        570  IV.  8.  Stille  Jahre.

hatte,  empfing  schon  im  ersten  Jahre  (1834)  von  dem  Deutschen  Zollvereine
  fast  das  Doppelte,  3,895  Mill.  fl.  Im  Jahre  1840  hatte  sich  die  zur
Verteilung  gelangende  Gesamteinnahme  des  Vereins  seit  1834  schon
um  mehr  als  die  Hälfte  gesteigert;  sie  war  von  12,18  auf  19,01  Mill.  Taler
gewachsen.  Und  wie  wenig  bedeuteten  diese  finanziellen  Gewinste  neben
dem  gewaltigen  Umschwunge,  der  sich  überraschend  schnell  in  der  Volkswirtschaft
  des  Südens  vollzog.  Preußens  altbefestigte  Großindustrie  gewann
durch  den  Zollverein  nur  ein  etwas  vergrößertes  Absatzgebiet.  Der  junge
süddeutsche  Gewerbfleiß  dagegen  erlangte  mit  einem  Male,  was  ihm  bisher
  ganz  gefehlt  hatte,  einen  weiten  freien  Markt,  er  erlangte  Zölle,  welche
zwei=  bis  viermal  höher  standen  als  die  bayrisch-württembergischen  und  in
der  Tat  einen  genügenden  Schutz  gewährten;  denn  seit  dem  Jahre  1818
hatten  sich  die  preußischen  Zölle  nur  wenig  geändert,  während  die  meisten
ausländischen  Fabrikwaren  im  Preise  erheblich  gesunken  waren.

Unter  so  günstigen  Anzeichen  erstarkte  die  wirtschaftliche  Tatkraft
des  Südens  zusehends.  Eine  Menge  neuer  Unternehmungen  entstanden;
um  Lahr,  Mannheim,  Ludwigshafen,  Eßlingen,  Augsburg,  Nürnberg  bildeten
  sich  ganze  Fabrikbezirke;  die  Süddeutschen  erfuhren  zum  ersten  Male,
was  man  im  Norden  schon  kannte,  daß  verwandte  Industriezweige  sich  an
einem  Orte  zusammenzudrängen  pflegen.  Während  der  Jahre  1834—42
stieg  die  Einfuhr  der  zur  Verarbeitung  bestimmten  rohen  Baumwolle  im
Zollvereine  auf  mehr  als  das  Doppelte,  von  121  000  auf  nahezu  243  000
Zentner.  Da  diese  neuen  Fabriken  noch  nicht  fest  auf  ihren  eigenen  Füßen
standen,  so  riefen  sie  nach  Schutz,  und  ganz  plötzlich  verschob  sich  die
Stellung  der  volkswirtschaftlichen  Parteien.  Vor  kurzem  erst  hatten  die
Süddeutschen  über  Preußens  hohe  Zölle  geklagt,  weil  man  in  Berlin  begreiflicherweise
  nicht  geneigt  war,  zugleich  mit  dem  Wagnis  des  Zollvereins
auch  eine  erhebliche  Herabsetzung  des  Zolltarifs  zu  versuchen.  Kaum  war
der  Verein  geschlossen,  so  erschien  sein  Zollschutz  schon  ungenügend.  Süddeutschland
  wurde  die  Wiege  einer  schutzzöllnerischen  Partei,  die  den  freihändlerischen
  Häfen  und  Handelsplätzen  des  Nordens  scharf  entgegentrat
und  schon  jetzt  stark  genug  war,  jede  Ermäßigung  der  Zölle  zu  verhindern.
Die  wenigen  Veränderungen,  welche  der  Zolltarif  in  den  dreißiger  Jahren
erlitt,  waren  fast  allesamt  Zollerhöhungen;  so  wurden  die  Zölle  auf
Leinenzwirn,  Seidenzwirn,  Garn,  gefärbte  Seide  etwas  heraufgesetzt,  offenbar
  um  den  Wünschen  der  süddeutschen  Fabrikanten  entgegenzukommen.
Es  rächte  sich  aber  jetzt,  daß  Süddeutschland  in  seiner  Gewerbegesetzgebung
so  weit  zurückgeblieben  war.  Selbst  manche  wohlberechtigte  Wünsche  der
Augsburger  und  Stuttgarter  Schutzzöllner  erschienen  den  Berliner  Geheimen
  Räten  verdächtig,  weil  der  Süden  für  das  klassische  Land  altväterischer,
  zünftlerischer  Vorurteile  galt.

Während  die  Produzenten  sich  also  sehr  rasch  in  den  Zollverein  einlebten
  und  nur  die  Milde  seiner  Gesetzgebung  beklagten,  begannen  auch
        <pb n="579" />
        Süddeutsche  Schutzzöllner.  Die  Münzkonvention.  571

die  süddeutschen  Kammern  von  ihrem  törichten  Widerstande  endlich  abzu—
lassen.  Die  beschämende  Niederlage  des  parlamentarischen  Liberalismus
ließ  sich  nicht  mehr  ableugnen;  wieviel  klüger,  weitsichtiger,  patriotischer
als  selbst  Paul  Pfizer  hatte  sich  doch  der  unpolitische  Geschäftsmann  Cotta
während  der  Entstehungsjahre  des  Zollvereins  gezeigt.  Im  badischen  Land—
tage  fiel  noch  manches  böse  Wort  über  das  Fabrikproletariat  und  die  zu—
nehmende  Teuerung,  über  wirkliche  oder  vermeintliche  Mißgriffe  der  Zoll—
politik*)  und  Preußen  warf  auf  den  Zollkonferenzen  schon  das  Bedenken
auf,  ob  man  den  Landtagen  gestatten  dürfe,  über  jede  Einzelheit  des  Zollwesens
  mitzuentscheiden.  Indes  hielten  beide  Teile  bald  für  klüger,  so
peinliche  Fragen  nicht  zu  berühren.  Die  Landtage  gewöhnten  sich,  die
Zollpolitik  den  Regierungen  allein  zu  überlassen,  und  in  der  Tat  verliefen
  die  drei  ersten  Zollkonferenzen  zu  München,  Dresden,  Berlin  allesamt
  friedlich,  nachdem  Kühne  in  München  zuerst  (1836)  den  rechten
Ton  wohlwollender,  sachlicher  Erörterung  angeschlagen  hatte.

Mehr  als  eine  verständige  Behandlung  der  laufenden  Geschäfte  ließ
sich  von  diesen  Versammlungen,  wo  das  liberum  veto  herrschte,  freilich
nicht  verlangen.  Daß  die  Einheit  des  Marktes  auch  die  Einheit  der  Münzen
und  Maße  bedinge,  wurde  erst  von  wenigen  eingesehen.  Selbst  Dahlmann
meinte  noch,  die  althistorischen  Münzen  zerstören,  heiße  den  Glauben  des
Volks  antasten;  weit  schädlicher  als  die  Mannigfaltigkeit  des  Geldes  erschien
  ihm  die  Verschiedenheit  der  deutschen  Staatsverfassungen.  Als  der
Wirrwarr  des  Münzwesens  in  den  Guldenländern  ganz  unerträglich  wurde,
beschlossen  die  süddeutschen  Regierungen  einen  Teil  der  unterwertigen
alten  Brabanter  Münzen  einzuziehen,  worauf  sich  sofort  der  Schreckensruf
erhob:  das  sei  der  erste  Schritt  zur  Einführung  des  preußischen  Talers,
den  freilich  jedermann  im  Verkehre  gern  annahm.  Das  kluge  Haus
Koburg  benutzte  diese  Gelegenheit,  um  seine  berüchtigten  Sechser  selber
in  Verruf  zu  erklären;  die  Bayern  aber  waren  über  diesen  Beweis  nachbarlicher
  Redlichkeit  sehr  aufgebracht  und  bezeigten  dem  Koburger  Herzog,
als  er  nach  München  kam,  auf  offener  Straße  ihren  Unwillen.“)  Ein
Jahr  nachher  (1838)  schlossen  die  Staaten  des  Zollvereins  eine  Münzkonvention,
  welche  mindestens  das  Wertverhältnis  zwischen  dem  Taler  und
dem  Gulden  feststellte.  Das  einzige  wirksame  Heilmittel,  die  allgemeine  Annahme
  der  Talerwährung,  war  unmöglich,  weil  die  Süddeutschen,  König
Ludwig  voran,  fast  allesamt  glaubten,  die  Wohlfeilheit  der  Guldenländer
rühre  von  ihrem  elenden  Münzwesen  her  und  würde  durch  den  unheimlichen
Taler  zerstört  werden.  Einem  so  mächtigen  Vorurteile  wagten  die  weiterblickenden
  Finanzmänner  nicht  zu  trotzen.  Nur  der  Doppeltaler,  gleich
3½  fl.,  im  Volke  Champagnertaler  genannt,  sollte  von  allen  Staaten

*)  Blittersdorff,  Weisung  an  Frankenberg,  24.  April  1839.
**)  Berichte  von  Galen,  Darmstadt,  26.  April  1837,  von  Dönhoff,  München,
11.  Mai,  16.  Juli,  16.  Juli,  25.  Dez.  1837,  19.  Dez.  1838.
        <pb n="580" />
        572  IV.  8.  Stille  Jahre.

geprägt  werden  und  blieb  fortan  durch  viele  Jahre  die  einzige  deutsche
Vereinsmünze.  Damit  war  nichts  gebessert.  Da  die  süddeutschen  Staaten
ihren  rheinischen  Gulden  noch  niemals  gemünzt  hatten  und  auch  jetzt  noch
stets  zu  wenig  Guldenstücke  prägen  ließen,  so  überschwemmten  unzählige
fremde  Münzen  ihr  Gebiet,  nicht  bloß  die  unaufhaltsamen  preußischen
Taler,  sondern  auch  alte  Brabanter  Kronentaler,  österreichische  und  fran—
zösische  Münzen;  wunderbar  geduldig  löste  das  Volk  täglich  schwierige
Rechenaufgaben  mit  Stücken  von  2  fl.  42  Kr.,  1  fl.  45  Kr.,  1  fl.  10  Kr.
Das  Papiergeld  vollends  und  die  Banknoten  galten  nur  in  ihren  Heimatstaaten
  als  gesetzliche  Zahlungsmittel,  und  doch  liefen  sie  in  allen  Vereinslanden
  um,  weil  der  Verkehr  ihrer  nicht  entbehren  konnte.  Wer  eine
Zahlung  in  Papier  annahm,  mußte  wohl  aufmerken,  daß  ihm  nicht  einige
jener  bedenklichen  „wilden“  Scheine  mit  untergeschoben  wurden,  welche
die  kleinen  Thüringer  Landesväter  im  Vertrauen  auf  die  Gutmütigkeit  der
Nachbarn  massenhaft  anzufertigen  liebten.

Aber  wieviel  auch  noch  an  der  Einheit  des  deutschen  Marktes  fehlte,
ein  ungeheuerer  Erfolg  war  doch  erreicht.  Was  Stein  einst  vergeblich
erstrebt  hatte,  als  er  während  des  Befreiungskrieges  den  Kriegsimpost  in
allen  deutschen  Häfen  einzuführen  suchte,  das  gemeinsame  Grenzzollwesen
bestand  jetzt  wirklich.  Eine  Masse  widrigen  Gezänks,  das  unsere  Macht
geschwächt  und  den  Charakter  des  Volkes  geschädigt  hatte,  war  mit  einem
Schlage  aus  der  Welt  geschafft.  Die  Nation  zeigte  sich  zufrieden;  sie
fühlte,  daß  die  Natur  der  Dinge  zu  ihrem  Rechte  gelangt  sei.  Von  dem
Zollkriege  der  alten  Sonderzollvereine  wollte  niemand  mehr  hören;  man
lächelte  nur,  als  Dr.  Emminghaus  zu  Weimar  jetzt  noch,  nach  der  Entscheidung,
  in  einer  gelehrten  Schrift  bewies,  nach  römischem  Rechte  seien
Sachsen  und  Thüringen  allerdings  befugt  gewesen,  den  mitteldeutschen
Handelsverein  zu  verlassen.  Die  Geschäftswelt  lebte  sich  in  die  neuen
Formen  der  Zollverwaltung  bald  ein  und  zeigte  den  Behörden  ein  ehrlich
erwidertes  Zutrauen.  Im  Jahre  1826  gewährte  die  Magdeburger  Provinzialsteuerdirektion
  den  großen  Firmen  nur  für  13  000  Taler  Zoll=  und
Steuerkredit;  nach  wenigen  Jahren  wuchs  diese  Summe  schon  auf  mehr
als  eine  Million,  und  sie  blieb  im  Steigen,  da  die  gestundeten  Beträge
stets  pünktlich  am  Verfallstage  eingingen.  Unterdessen  hatten  die  Kaufmannschaften
  der  großen  Plätze  des  Ostens  schon  während  der  zwanziger
Jahre  Korporationsrechte  erhalten  und  neuerdings  wurden  auch  in  den
Städten  der  westlichen  Provinzen  Handelskammerngebildet,  in  Elberfeld  und
Barmen  1831.  So  erlangte  der  Handelsstand  die  Mittel,  seine  Wünsche
und  Beschwerden  nachdrücklich  geltend  zu  machen.  Wie  lange  hatten  die
Deutschen  über  ihr  unfindbares  Bundesrecht  und  die  Nichtigkeiten  ihrer
kleinen  Landtage  ziellos  hin  und  her  gestritten.  Nunmehr  entstand  endlich
eine  wirkliche  und  wirksame  öffentliche  Meinung,  die  in  den  Interessenfragen
  der  nationalen  Handelspolitik  gebieterisch  ihr  Recht  forderte.
        <pb n="581" />
        Der  Zuckerkrieg.  573

Die  Stärke  dieser  neuen  Macht  offenbarte  sich  sofort  zur  Überraschung
des  Beamtentums,  als  der  Zollverein  seinen  ersten  Handelsvertrag  mit
dem  Auslande  schloß,  den  Vertrag  mit  den  Niederlanden  vom  21.  Januar
1839.  Seit  dem  Abfall  Belgiens  hofften  die  Holländer  jene  alte  Handelspolitik
  wiederherzustellen,  welche  ihnen  einst  zur  Zeit  des  römischen  Reichs
so  reichen  Gewinn  gebracht  hatte:  sie  dachten  Deutschland  mit  Kolonialwaren
  und  Fabrikaten  zu  versorgen  und  dafür  ihre  Rohstoffe  aus  dem
armen  Hinterlande  zu  beziehen.  Um  zunächst  den  deutschen  Zuckermarkt
zu  beherrschen,  stellten  sie  ein  Halbfabrikat  her,  den  Lumpenzucker,  der  bei
den  Zollämtern  als  Rohzucker  deklariert  wurde.  Aber  die  Zeit  war  nicht
mehr,  da  die  Deutschen  wähnten,  nur  auf  fremden  Krücken  gehen  zu  können;
der  Zollverein  setzte  sich  zur  Wehr  und  verfügte,  daß  der  Lumpenzucker  fortan
gleich  dem  raffinierten  Zucker,  mehr  als  doppelt  so  hoch  denn  bisher,  verzollt
werden  sollte  (1836).  Darauf  folgten  mehrjährige,  verwickelte  Unterhandlungen:
  Holland  gewährte  der  deutschen  Rheinschiffahrt  neue  willkommene
Erleichterungen  und  verlangte  dagegen  die  Herabsetzung  der  Zölle  auf
seinen  Lumpenzucker.  Der  König  der  Niederlande  selbst  und  seine  Tochter,
die  Prinzessin  Albrecht  von  Preußen  betrieben  das  Geschäft  mit  Feuereifer;
sie  meinten,  die  Oranier  dürften  jetzt  doch  einige  Rücksicht  erwarten,  nachdem
  man  ihnen  gegen  die  Belgier  keine  Hilfe  gewährt  habe.')  Graf
Alvensleben  gab  schließlich  nach  und  bewilligte,  daß  der  Zoll  auf  den  holländischen
  Lumpenzucker  bis  zur  Hälfte  ermäßigt  wurde;  er  befürchtete
sonst  einen  zu  großen  Ausfall  in  den  Zolleinnahmen,  und  gleich  ihm
ließen  sich  auch  die  anderen  Vereinsregierungen  durch  fiskalische  Erwägungen
  bestimmen.  Die  Entscheidung  erfolgte  erst  nach  heftigem  Streite,
einer  der  ersten  preußischen  Finanzmänner,  Geh.  Rat  Windhorn  nahm
deshalb  seinen  Abschied.  *")  Aber  kaum  war  sie  gefallen,  so  erhob  sich  ein
Sturm  in  der  gesamten  Presse;  alle  Welt  rief  entrüstet,  das  heiße  Deutschlands
  Interessen  dem  Auslande  opfern.  Die  deutschen  Siedereien  und
die  Rübenzuckerfabrikanten  beteuerten,  unter  solchen  Umständen  könnten
sie  den  holländischen  Wettbewerb  nicht  mehr  bestehen,  und  der  Erfolg  gab
ihnen  recht.  Die  zwei  großen  Stettiner  Siedereien  kamen  dem  Untergange
nahe;  auch  die  Hansestädte,  denen  der  Zollverein  die  gleiche  Vergünstigung
bewilligte,  vermochten  das  siegreiche  Holland  nicht  mehr  aus  dem  Felde  zu
schlagen.

Nur  zu  bald  lag  es  klar  am  Tage:  die  erste  diplomatische  Tat
der  neuen  nationalen  Handelspolitik  war  ein  schlimmer  Mißgriff  und
zugleich  eine  Verletzung  der  Grundsätze  des  Zollvereins,  der  sonst  alle
Differentialzölle  verwarf,  diesmal  aber  einem  unfreundlichen  Nachbarlande

—

*)  Berichte  von  Münchhausen,  23.  April,  3.  Juni  1837;  von  Frankenberg,  23.  April,
25.  Mai  1837,  6.  Dez.  1838,  25.  Jan.  1839;  von  Berger,  27.  März  1839.
*“)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
        <pb n="582" />
        574  IV.  8.  Stille  Jahre.

gefährliche  Vorzugsrechte  gewährte.  Die  Nation  hatte  mithin  guten  Grund
zur  Klage,  und  sie  sprach  ihren  Unwillen  so  entschieden  aus,  daß  die
Regierungen  sich  schon  nach  zwei  Jahren  genötigt  sahen,  den  unbe—
dachten  Vertrag  aufzukündigen.  Also  errang  die  öffentliche  Meinung  einen
ersten  wohlverdienten  Erfolg.  Nirgends  verriet  sich  ein  Gefühl  der  Über—
hebung,  obwohl  es  natürlich  nicht  an  scharfen  Ausfällen  auf  Mynheer  und
die  Politik  des  jusqu'  à  la  mer  fehlte;  überall  nur  das  gesunde  Selbst—
vertrauen  einer  starken  Nation,  die  endlich  Herr  im  Hause  sein  wollte.
Der  „Zuckerkrieg“  bewies,  wieviel  politisches  Urteil  und  nationalen  Stolz
dies  Volk  entfalten  konnte,  wenn  sich  ihm  nur  ein  ernsthafter  Gegenstand
darbot;  er  bewies  auch,  daß  der  Zollverein  schon  zu  einer  volkstüm—
lichen  Macht  geworden  war,  deren  Wohl  und  Wehe  jeden  berührte.  Mit
gutem  Grunde  sang  damals  Hoffmann  von  Fallersleben  den  Stiftern  des
Zollvereins  zu:

Denn  ihr  habt  ein  Band  gewoben

Um  das  deutsche  Vaterland,

Und  die  Herzen  hat  verbunden

Mehr  als  unser  Bund  dies  Band.

Selbst  den  Gegnern  begann  allmählich  einzuleuchten,  daß  eine  so
stetig  und  sicher  erstarkende  Gemeinschaft  sich  nicht  wieder  auflösen  konnte.
Wie  Österreich  seinen  Kampf  gegen  den  Zollverein  in  der  Stille  einstellte,
so  mußten  auch  die  stolzen  deutschen  Großbritannier  lernen,  mit  der  vollendeten
  Tatsache  zu  rechnen,  obgleich  ihr  gefeierter  Publizist  Rehberg  soeben
  noch  zuversichtlich  erklärt  hatte,  der  Zollanschluß  Sachsens  an  Preußen
sei  eine  bare  Unmöglichkeit.  Der  neue  hannöversche  Steuerverein  versuchte
  eine  Zeitlang  den  Schmuggel  von  Braunschweig  nach  dem  Zollvereinsgebiet
  zu  unterstützen;  doch  auf  Preußens  entschiedene  Forderung
wurde  der  Unfug  abgestellt,)  und  bald  fühlten  beide  Teile,  daß  sie  sich
weit  wohler  befanden,  wenn  sie  einander  gegenseitig  bei  der  Verfolgung
des  Schleichhandels  unterstützten.

Schwerer  gewöhnte  sich  England  an  die  neuen  deutschen  Zustände.
Palmerston  äußerte  sich  hoch  entrüstet  über  den  Zollverein,  als  auch  Frankfurt
  sich  den  Banden  der  britischen  Handelspolitik  entwand.  Da  erwiderte
ihm  der  befreundete  Hamburger  Syndikus  Sieveking:  an  alledem  sei
England  selbst  mitschuldig.“*)  In  der  Tat  hatten  die  britischen  Kornzölle
bei  dem  Ausbau  der  deutschen  Zolleinheit  als  unfreiwillige  Bundesgenossen
kräftig  mitgeholfen.  Hätte  England  nach  dem  Befreiungskriege  den  schutzlosen
  deutschen  Staaten  durch  kluge  Handelsverträge  die  Einfuhr  ihrer
Naturerzeugnisse  erleichtert,  so  wäre  der  überlegenen  britischen  Industrie
wohl  noch  für  lange  Zeit  die  Herrschaft  auf  dem  deutschen  Markte  gesichert,
  unserem  Gewerbefleiße  die  Selbständigkeit  erschwert  worden.  Der

*)  Frankenbergs  Bericht,  11.  Jan.  1836.
**)  Blittersdorffs  Bericht,  21.  Juli  1835.
        <pb n="583" />
        Mecklenburgisch-französischer  Handelsvertrag.  575

Kornzoll  bildete  aber  einen  der  Pfeiler,  auf  denen  die  alte  aristokratische
Parlamentsherrschaft  ruhte.  Er  blieb  bestehen  und  belastete  den  deutschen
Landbau  schwer,  den  Getreidehandel  insbesondere  durch  die  Wandelskala;
da  die  Zollsätze  sich  nach  den  Marktpreisen  veränderten  und  die  Schiffe
noch  sehr  langsam  segelten,  so  konnte  der  deutsche  Schiffer  den  Zoll  für
seine  Getreideladung  nie  voraus  berechnen.  Also  versagte  die  britische
Handelspolitik  den  Deutschen  das  einzige  wertvolle  Zugeständnis,  das  sie
ihnen  bieten  konnte,  und  hoffte  gleichwohl  die  Handelsherrschaft  über
Deutschland  zu  behaupten,  indem  sie  unsere  Zwietracht  schürte.  Nun  da
der  günstige  Augenblick  längst  versäumt  war,  trat  ihr  plötzlich  der  unangreifbare
  neue  nationale  Handelsbund  entgegen;  die  Deutschen  hatten  gelernt,
  sich  durch  vereinte  Kraft  zu  schützen,  die  Zeit  der  englisch-deutschen
Sonderbünde  war  dahin.  Noch  einmal  versuchten  England  und  Frankreich
  ihr  altes  Spiel  zu  erneuern.  Während  der  Zollkonferenzen  von  1839
erschienen  Palmerstons  Agent  Dr.  Bowring  und  der  vielgewandte  französische
  Konsul  Engelhardt  aus  Mainz  als  ungebetene  Gäste  in  Berlin,
um  durch  Lockungen  und  Verheißungen  einige  der  kleinen  Staaten,  vornehmlich
  Baden,  gegen  den  Zollverein  aufzuregen.  Sie  fanden  aber  eine
sehr  kühle  Aufnahme,  Bowrings  anmaßende  Zudringlichkeit  mißfiel  allgemein,
  beide  mußten  unverrichteter  Dinge  abziehen.)

Nur  Mecklenburg  gab  sich  noch  zum  Werkzeuge  ausländischer  Ränke
her,  weil  es  in  seinem  Sonderleben  verharren  wollte,  und  schloß  am
19.  Juli  1836  mit  Frankreich  einen  Handelsvertrag,  der  offenbar  den  Zweck
verfolgte,  den  französischen  Weinen  einen  einträglichen  Schleichhandel  nach
den  benachbarten  preußischen  Provinzen  zu  sichern.  Die  Vereinsregierungen
waren  empört;  König  Ludwig  schalt  heftig  auf  die  undeutsche  Gesinnung
der  Mecklenburger,  auch  Zar  Nikolaus  ließ  in  Schwerin  seinen  Unwillen
aussprechen,  weil  er  jede  Annäherung  an  den  Bürgerkönig  verabscheute)
Indessen  gelang  es  durch  sorgsame  Grenzbewachung  die  üblen  Folgen  des
Vertrags  von  dem  Zollvereine  abzuwenden.  Es  war  nicht  anders;  die
Westmächte  mußten  sich  darein  ergeben,  daß  sie  den  deutschen  Handelsbund
  nicht  mehr  auflockern,  sondern  nur  noch  Macht  gegen  Macht  mit
ihm  rechnen  konnten.  Und  wie  schwer  es  hielt,  von  einem  so  vielköpfigen,
so  mannigfaltige  Interessen  umschließenden  Vereine  Zugeständnisse  zu  erlangen,
  das  erfuhr  England  jetzt  schon  bei  vertraulichen  Vorverhandlungen.
Palmerston  ließ  in  Berlin  unter  der  Hand  die  Ermäßigung  der  englischen
Holzzölle  anbieten,  falls  der  Zollverein  seine  Zölle  auf  Baumwollwaren
herabsetze.  Ein  solcher  Vorschlag  wäre  früherhin,  solange  Preußen  allein
stand,  sicherlich  angenommen  worden;  jetzt  aber  lautete  die  kühle  Antwort:

 

*)  Berichte  von  Frankenberg,  19.  Juli,  von  Stockhausen,  10.  Aug.  1839.
**)  Berichte  von  Frankenberg,  3.  Nov.  1836,  von  Münchhausen,  14.  Febr.,  von
Dönhoff,  4.  März  1837.
        <pb n="584" />
        576  IV.  8.  Stille  Jahre.

die  Ermäßigung  der  Holzzölle  bringe  zunächst  dem  englischen  Schiffbau
selber  Vorteil,  in  Deutschland  nur  den  östlichen  Provinzen  Preußens,
und  diesen  wolle  man  die  Interessen  der  sächsischen  Baumwollindustrie
nicht  aufopfern.“)

Also  wuchs  das  neue  Deutschland  kräftig  heran,  zum  Schrecken  aller
Mächte,  die  auf  Mitteleuropas  Schwäche  zählten.  Und  doch  war  der
Bestand  des  Zollvereins  gerade  in  diesen  ersten  Jahren  seines  fröhlichen
Aufblühens  ernstlich  bedroht.  Diesmal  kam  die  Gefahr  aus  Preußen
selbst.  Das  fiskalische  Interesse,  das  durch  den  Idealismus  der  Politik
unleugbar  schwer  geschädigt  war,  erhob  sich  zur  Abwehr.  Die  für  Süddeutschland
  so  günstigen  Ergebnisse  der  Zollvereinsabrechnungen  brachten
den  preußischen  Staatskassen  zunächst  nur  Verluste;  die  Verteilung  der
Einnahmen  nach  der  Kopfzahl  erwies  sich  als  eine  offenbare  Ungerechtigkeit,
  zu  Preußens  Schaden.  Preußens  Zolleinnahmen  betrugen  im  Jahre
1833  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  20  Sgr.;  im  folgenden  Jahre,  nach
der  Gründung  des  Zollvereins  sanken  sie  fast  um  ein  Viertel,  aus  15½  Sgr.,
und  erst  im  Jahre  1838  wurde  der  frühere  Satz  annähernd  wieder  erreicht.
  In  fünf  Jahren  einer  unerhörten  Verkehrssteigerung  erlitt  Preußens
  Finanzverwaltung  also  nur  Einbußen.  Von  den  12,18  Mill.  Tlr.,
welche  der  Zollverein  in  seinem  ersten  Jahre  unter  die  Bundesgenossen
verteilte,  warf  Preußen  allein  8,99  Mill.  Tlr.  ein,  während  Bayern  nur
950  000,  Württemberg  nur  270  000  Tlr.  an  Reinertrag  eingenommen
hatte.  Und  dies  ungeheuerliche  Mißverhältnis  zwischen  den  Einnahmen
der  Verbündeten  steigerte  sich  sogar  mit  den  Jahren.  Bis  zum  Jahre  1840
wuchsen  die  Summen,  welche  Preußen  zur  Verteilung  einwarf,  fast  um
die  Hälfte,  bis  auf  12,95  Mill.,  während  Bayerns  reine  Einnahme  sich
nur  auf  1,21  Mill.  erhob,  das  Zolleinkammen  Württembergs  in  den  Jahren
1838—40  ziemlich  gleichmäßig  auf  der  Summe  von  427  000  Tlr.  verblieb.
Allein  in  dem  verkehrsreichen  Sachsen  stiegen  die  Einnahmen  noch  schneller
als  in  Preußen,  binnen  sieben  Jahren  von  1,07  auf  1,94  Mill.  Tlr.;
die  übrigen  Vereinsstaaten  erhielten  allesamt  von  Preußen  beständig
wachsende  Auszahlungen.

Angesichts  dieser  Tatsachen  ließ  sich  gar  nicht  leugnen,  daß  Preußens
Staatshaushalt  von  den  süddeutschen  Verbündeten  beständig  übervorteilt
wurde,  wenngleich  ein  Teil  der  in  Preußen  verzollten  Waren  späterhin
nach  dem  Süden  weitergehen  mochte,  und  mithin  eine  genaue  Abrechnung
unmöglich  war.  Minister  Rother,  der  seit  1835  das  Handelsamt  als  ein
selbständiges  Ministerium  verwaltete,  und  die  anderen  gestrengen  Finanzmänner
  der  alten  Schule  fragten  empört:  ob  jemals  ein  mächtiger  Staat
solche  Opfer  gebracht  habe  für  eine  erhabene  Idee?  Wo  waren  denn  die
erhofften  politischen  Vorteile  des  Zollvereins?  Wer  nur  von  oben  hin

2
V

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  31.  März  1836.
        <pb n="585" />
        Die  Finanzpartei  gegen  den  Zollverein.  577

sah,  konnte  sie  nirgends  entdecken;  die  Professoren  der  Staatswissenschaft
waren  mit  ihrem  Urteil  längst  im  reinen  und  diktierten  in  ihren  Kolle—
gien  allesamt,  der  Zollverein  sei  lediglich  ein  wirtschaftlicher  Bund,  ohne
jede  politische  Bedeutung.  Er  verhinderte  ja  nicht,  daß  die  Abstimmungen
der  Vereinsstaaten  am  Bundestage  oft  sehr  weit  auseinander  gingen,  daß
Preußen  und  Bayern  während  der  kirchlichen  Wirren  sich  scharf  befehdeten.
Bald  schloß  sich  Alvensleben  der  Meinung  Rothers  an;  desgleichen  Schön
und  Ladenberg,  die  alten  eigensinnigen  Gegner  der  Ideen  Eichhorns;  dazu
endlich  die  reaktionäre  Partei  am  Hofe,  die  von  deutscher  Politik  überhaupt
nichts  hören  wollte.“)  Sie  alle  schalten  auf  den  Süden,  der  so  wenig
Kolonialwaren  verzehrte,  auf  die  Leipziger  Meßprivilegien  und  den  im
Erzgebirge  noch  immer  blühenden  Paschhandel.  überall  in  Preußen,  wo
man  die  volkswirtschaftlichen  Segnungen  des  Zollvereins  nicht  unmittel—
bar  im  eigenen  Geschäfte  verspürte,  wurde  die  Klage  laut:  der  großmütige
König  lasse  sich  von  seinen  süddeutschen  Freunden  „auspumpen“.  Auch  der
junge  Otto  von  Bismarck  teilte  diese  im  Landadel  weit  verbreitete  Ansicht.

Nach  dem  Rechnungsabschluß  vom  Jahre  1834  erstattete  Alvensleben
dem  Könige  einen  Bericht,  der  den  alten  Herrn  tief  verstimmte.  Der
Minister  rechnete  „wie  ein  guter  Hausvater“  —  so  sagten  seine  altmär—
kischen  Verehrer  —  und  deutete  schon  an,  das  ungünstige  Ergebnis  des
Rechnungsjahres  sei  allein  dem  Zollvereine  zuzuschreiben.  Schon  damals
war  er  entschlossen,  den  Zollverein  versuchsweise  zu  kündigen,  um  bessere
Bedingungen  für  Preußens  Staatshaushalt  zu  erlangen.“*)  Der  Kron—
prinz  jedoch  trat  ihm  mit  warmer  patriotischer  Leidenschaft  entgegen,  und
Kühne  schrieb  in  Rankes  Zeitschrift  eine  Abhandlung  „über  den  deutschen
Zollverein“,  welche  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  des  Handelsbundes
in  das  rechte  Licht  stellte.  So  ward  die  Gefahr  für  jetzt  noch  abgewendet.
Die  Finanzpartei  aber  gab  sich  nicht  zufrieden;  sie  klagte  ganz  so  wie  sie
einst  über  das  neue  Zollgesetz  von  1819  und  den  Untergang  der  einträg—
licheren  alten  Akzise  geklagt  hatte.  Der  Generalsteuerdirektor  Kuhlmeyer
saß  grimmig  brütend  über  seinen  Tabellen,  und  Alvensleben  beteuerte:
„ich  bin  eher  Preuße  als  Deutscher.“  Im  Dezember  1839  überraschte  der
Minister  die  Vereinsregierungen  durch  eine  Denkschrift,  welche  sich  über
die  Fortdauer  des  Zollvereins  äußerte;  zum  mindesten  müsse  Preußen  einen
anderen  Maßstab  für  die  Verteilung  des  Weinzolles  verlangen,  da  der
ausländische  Wein  fast  ausschließlich  in  Preußen  verzehrt  wurde,  und  des—
gleichen  für  die  Verteilung  der  Branntweinsteuer.  Auch  die  junge  Rüben—
zuckerindustrie  wollte  der  hausväterliche  Minister  mit  einer  neuen  Abgabe
belegen  und  die  Steuer  womöglich  den  Einzelstaaten  zuweisen,  weil  nur
Preußen  einen  beträchtlichen  Rübenbau  besaß.  ***)

*)  Bergers  Bericht,  27.  Aug.  1839.
*“)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
***)  Bergers  Bericht,  4.  April  1839.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  37
        <pb n="586" />
        578  IV.  8.  Stille  Jahre.

Durch  diese  an  sich  keineswegs  unbilligen  Forderungen  wurde  doch
das  Dasein  des  Zollvereins  selbst  bedroht;  denn  erlangte  ein  Staat  Vor—
zugsrechte,  so  konnten  sie  auch  anderen  nicht  verweigert  werden,  und  dann
ging  die  Grundlage  dieses  Handelsbundes,  die  Gleichberechtigung  seiner
Mitglieder  verloren.  Alvensleben  fühlte  selbst,  was  auf  dem  Spiele  stand,
er  lud  den  Sachsen  Zeschau  und  den  Thüringer  Gersdorff  zu  einer  Unter—
redung  ein,  um  mit  ihnen  über  die  mögliche  Auflösung  des  Vereins  zu
verhandeln.  Da  faßte  sich  Kühne  ein  Herz  und  widerlegte  die  Bedenken
der  fiskalischen  Sparer  in  einer  beredten  Denkschrift  „über  die  bisherigen
Erträge  und  Erfolge  des  Zollvereins“.  Zum  Glück  war  soeben  der  Rech—
nungsabschluß  für  das  Jahr  1838  erschienen,  der  zuerst  wieder  auch  für
Preußen  günstig  lautete  und  zu  der  Hoffnung  berechtigte,  daß  die  Ausfälle
  der  letzten  Jahre  binnen  kurzem  gedeckt  sein  würden.  Da  der  Minister
den  ersten  Fachmann  des  Zollvereins  neuerdings  über  Zollsachen  gar  nicht
mehr  befragte,  so  beriet  sich  Kühne  mit  seinem  Freunde  Beuth  und  ließ,
allem  bureaukratischen  Brauche  zuwider,  seine  Denkschriftveröffentlichen.  Im
Mail840,  kurz  vor  dem  Tode  des  alten  Königs,  überreichte  er  sie  dem  Kronprinzen.
  Der  aber  sprach  dem  sonst  wenig  geliebten  liberalen  Geheimen
Rate  seine  herzliche  Zustimmung  aus:  nimmermehr  sollte  dies  Werk
langjähriger  Kämpfe,  der  erste  Anfang  der  praktischen  deutschen  Einheit,
die  beginnende  Blüte  der  nationalen  Wirtschaft  durch  fiskalischen  Kleinsinn
  zerstört  werden.  Also  ließ  sich  jetzt  schon  vorhersehen,  daß  der  Zollverein
  auch  diese  Krisis  überstehen  und  der  preußische  Staat  fortfahren
würde,  der  nationalen  Handelspolitik  schwere  Opfer  zu  bringen.  Auf  den
Dank  der  Nation  konnte  er  freilich  nicht  zählen.  Die  Zeitungen  kümmerten
  sich  noch  wenig  um  statistische  Tabellen,  und  der  liberale  Philister
lebte  nach  wie  vor  des  Glaubens,  daß  die  pfiffigen  Preußen  vom  Zollvereine
  den  Rahm  abschöpften.

Trotz  der  großen  Fortschritte  dieser  Jahre  blieb  Deutschland,  den  Westmächten
  gegenüber,  noch  immer  ein  armes  Land.  Der  Zinsfuß  stand
hoch,  auf  4½  bis  5  Prozent;  größere  Unternehmungen  mußten  ihre  Kapitalien
  oft  aus  England  entleihen,  wo  sie  für  2½  bis  3  Prozent  zu  erlangen
  waren.  Die  Berliner  Börse  war  für  das  Ausland  noch  kaum
vorhanden;  sie  handelte  fast  ausschließlich  mit  inländischen  Pfandbriefen,
nur  mit  den  spanischen  Papieren  wurde  zur  Zeit  des  Karlistenkrieges  eine
schwindelhafte  Spekulation  getrieben.  Der  gesamte  Verkehr  mit  dem
Auslande,  zumal  der  überseeische,  hing  noch,  völlig  ungeordnet,  von  tausend
  Zufällen  ab.  Wenn  der  alte  Goethe  seinem  getreuen  Carlyle  ein
Kästchen  mit  Geschenken  senden  wollte,  so  mußte  er  oft  monatelang  warten,
bis  ein  befreundeter  Hamburger  Reeder  ein  Schiff  nach  Edinburgh  abgehen
  ließ;  im  Winter  hörte  dieser  Verkehr  gänzlich  auf.  Und  dazu  die
schlechthin  unberechenbaren  Kosten.  Wer  sich  nicht  vorsah,  konnte  Wunder
erleben.  Im  Jahre  1834  kaufte  der  sächsische  Konsul  zu  Neuyork  im  Auf-
        <pb n="587" />
        Deutschlands  Armut.  579

trage  seiner  Regierung  die  neuesten  Schriften  über  das  amerikanische
Eisenbahnwesen;  die  Bücher  kosten  17½⅛  Tlr.,  als  aber  die  Kiste  endlich
  über  Havre  in  Sachsen  anlangte,  war  sie  mit  einer  Frachtrechnung
von  265  Tlr.  18  Gr.  3  Pf.  belastet.  Der  Schiffsverkehr  des  Zollvereins
unterlag  jenen  plötzlichen,  rätselhaften  Schwankungen,  welche  immer  das
Kennzeichen  unfertiger  Zustände  sind.  Im  Pillauer  Hafen  waren  im
Jahre  1830  mehr  als  tausend  Schiffe  ein-,  und  ebenso  viele  ausgegangen;
dann  sank  der  Verkehr  beständig,  im  Jahre  1834  liefen  nur  354  Schiffe
ein,  erst  gegen  das  Ende  des  Jahrzehnts  wurde  der  frühere  Stand  wieder
erreicht.  An  den  Odermündungen  erstarkte  die  Schifferei  nach  langem
Siechtum  wieder,  da  die  Getreideausfuhr  nach  England  und  Amerika  zunahm,
  und  die  Raubzüge  der  Barbaresken  seit  der  Eroberung  Algiers  aufhörten.
  Bisher  hatte  der  Stettiner  Reeder  seine  Schiffe  nie  über  Bordeaux
  hinaus  gehen  und  sie  regelmäßig  daheim  überwintern  lassen;  fortan
segelten  sie  zur  Winterszeit,  dank  den  Franzosen,  im  sicheren  Mittelmeere.
Auf  der  Elbe  fuhren  seit  1837  Dampfschiffe  zwischen  Magdeburg  und
Hamburg;  sie  beförderten  aber  bloß  Personen,  Güter  nur  nebenbei,  auch
die  kräftig  anwachsende  rheinische  Dampfschiffahrt  diente  noch  fast  ausschließlich
  dem  Personenverkehre.

Jetzt,  da  das  Verkehrsbedürfnis  überall  erwachte,  empfanden  die
Deutschen  sehr  schmerzlich,  daß  ihr  Land  in  dem  klassischen  Zeitalter  der
Kanalbauten,  im  siebzehnten  Jahrhundert  so  ganz  verarmt  und  hilflos
dagestanden  hatte.  Deutschland  besaß  keine  Kanäle  —  mit  einziger  Ausnahme
  der  Marken  und  ihrer  östlichen  Vorlande,  denen  die  Tatkraft  des
großen  Kurfürsten  und  des  großen  Königs  trotz  der  Ungunst  der  Zeiten
einige  brauchbare  künstliche  Wasserwege  geschenkt  hatte.  Der  größte  Teil
seines  weiten  Gebiets  sah  sich  also  allein  auf  den  Wagenverkehr  angewiesen,
und  die  Kosten  der  Verfrachtung  auf  der  Achse  stellten  sich  auch  auf  den
neuen  Chausseen  noch  so  hoch,  daß  umfängliche,  schwer  ins  Gewicht  fallende
Waren,  Steine,  Kohlen,  Holz,  selbst  das  Getreide  im  Binnenlande  nur
auf  kurze  Entfernungen  versendet  werden  konnten.  Das  reiche  Leipzig  entbehrte
  noch  immer  der  Bürgersteige,  weil  man  die  schweren  Granitplatten
aus  den  entlegenen  Steinbrüchen  nur  zu  unerschwinglichen  Preisen  herbeizuschaffen
  vermochte.  Was  frommten  der  Landwirtschaft  die  befreienden
  Agrargesetze,  was  der  Zollverein,  solange  ihre  Erzeugnisse  vom  großen
Verkehre  fast  ausgeschlossen  waren?  Durch  die  Fortschritte  der  Technik
war  der  Landbau  längst  zu  einem  kunstreichen  Gewerbe  geworden;  und
der  Sachse  F.  G.  Schulze  vertrat  bereits  die  Meinung,  die  der  alte  Thaer
noch  bekämpft  hatte,  daß  der  große  Landwirt  akademischer  Bildung  bedürfe.
  Er  gründete  in  Jena  1826,  dann  auf  dem  alten  Klostergute  Eldena
bei  Greifswald,  1834,  landwirtschaftliche  Lehranstalten,  die  mit  den  benachbarten
  Universitäten  in  Verbindung  standen.  Der  Sprit,  den  das
preußische  Zollgesetz  von  1818  noch  gar  nicht  kannte,  galt  jetzt  schon  für

37*
        <pb n="588" />
        580  IV.  8.  Stille  Jahre.

ein  wichtiges  Brennmittel,  die  Brennerei  ward  dem  Großgrundbesitzer  schon
wegen  der  Schlempe  und  des  Düngers  unentbehrlich.  Der  Rübenbau
nahm  zu,  und  Amtsrat  Koppe  zu  Wollup  im  Oderbruch,  seit  Thaers
Tode  wohl  der  erste  Landwirt  Norddeutschlands,  erwies  den  Theoretikern
der  Freihandelsschule  mit  schlagenden  Gründen,  daß  die  Erzeugung  eines
unentbehrlichen  Genußmittels  im  eigenen  Lande  doch  keine  Künstelei  sei,
sondern  eine  wirkliche  Vermehrung  des  Volksvermögens.  Gleichwohl  konnte
die  durchgebildete  Arbeitsteilung  des  Großbetriebs  in  die  Landwirtschaft
noch  nicht  recht  eindringen.  Jedes  große  Landgut  bildete  gleichsam  einen
isolierten  Staat,  der  durch  wohlberechneten  Fruchtwechsel,  durch  die  Verbindung
  von  Ackerbau  und  Viehzucht  die  verlorenen  Bodenkräfte  stets  selber
neu  zu  erzeugen  suchte.  In  dieser  Kunst,  ein  Landgut  durch  sich  selber
zu  unterhalten,  war  Koppe  der  anerkannte  Meister.  Für  den  großen
Markt  zu  arbeiten,  einzelne  Zweige  der  Landwirtschaft  mit  virtuoser  Einseitigkeit
  zu  pflegen  und  die  Dungstoffe  von  auswärts  herbeizuschaffen,
schien  selbst  dem  unternehmenden  Grundherrn  unmöglich  wegen  der  hohen
Frachtkosten.

Und  wie  dürftig,  eng,  kleinstädtisch  blieb  noch  immer  die  Industrie,
trotz  der  besseren  Zeiten.  An  Stahl  erzeugte  ganz  Preußen  im  Jahre
1826  nur  62  000  Ztr.,  an  Gußstahl  1832  gar  nur  94  Ztr.  Schienen
und  andere  Eisenwaren,  die  nur  mit  Cokes  hergestellt  werden  konnten,
kamen  aus  England,  weil  die  deutschen  Werke  meist  mit  den  Holzkohlen
aus  den  nahen  Waldungen  heizten  und  die  Fracht  für  die  Steinkohlen
nicht  zu  zahlen  vermochten.  Von  Westfalens  mächtigen  Steinkohlenlagern
wurde,  wieder  wegen  der  Frachtkosten,  nur  ein  kleiner  Teil  ausgebeutet.
Im  Bochumer  Revier  waren  130  Gruben  im  Betrieb,  400  ruhten;  so
rechnete  1833  Friedrich  Harkort,  der  beliebte  Volksmann  Westfalens.
Harkort  selbst  leitete  in  Wetter  an  der  Ruhr,  Aston  in  Magdeburg  eine
große  Maschinenfabrik.  Jedoch  im  Jahre  1837  besaß  Berlin  erst  29  Dampfmaschinen
  mit  392  Pferdekräften,  ganz  Preußen  ihrer  419  mit  7355  Pferdekräften;
  das  Wagnis  der  kostspieligen  Anschaffung  erschien  auch  mutigen
Gewerbtreibenden  oft  zu  groß.  Da  und  dort  versuchte  man  schon  eine
Gewerbeausstellung  zu  veranstalten,  aber  wie  schwach  war  die  Teilnahme;
viele  Fabrikanten  trauten  dem  neuen  Wesen  nicht  recht,  die  meisten  scheuten
sich  ihre  Werke  dem  rücksichtslosen  öffentlichen  Urteil  auszusetzen.  Die
Breslauer  Ausstellung  von  1832  fand  in  einem  Stockwerk  eines  mittelgroßen
  Hauses  genügend  Raum,  und  der  Ausschuß  bestimmte  100  Tlr.
für  den  Ankauf  der  auserlesenen  Prachtstücke.  Bis  gegen  das  Ende  des
Jahrzehntes  merkte  die  Masse  des  Volkes  noch  sehr  wenig  von  dem  Nahen
einer  neuen  Zeit.  Der  Bauer  ging  dreimal  jährlich  in  die  Stadt  auf
den  Jahrmarkt,  um  neue  Stiefel  oder  was  an  Werkzeug  fehlte,  einzukaufen;
  in  der  Tabaksbude  fand  er  den  Bedarf  für  seine  lange  Pfeife,
und  nebenan  hielt,  mit  der  Schwammütze  auf  dem  Kopfe,  der  vom  Volks-
        <pb n="589" />
        Die  ersten  Eisenbahnen.  581

liede  viel  besungene  „arme  Schwammann“  seine  Zündwaren  feil;  dann
gab  es  noch  Pulsnitzer,  Thorner  oder  Braunschweiger  Pfefferkuchen  für
die  Kinder,  und  wenn  es  hoch  herging,  zeigten  eine  starke  Dame  oder  ein
Affe  auf  dem  Kamel  ihre  Künste.  —

Erst  die  Eisenbahnen  rissen  die  Nation  aus  ihrem  wirtschaftlichen
Stilleben,  sie  vollendeten  erst,  was  der  Zollverein  nur  begonnen  hatte,
sie  griffen  in  alle  Lebensgewohnheiten  so  gewaltig  ein,  daß  Deutschland
schon  in  den  vierziger  Jahren  einen  völlig  veränderten  Anblick  darbot;
und  immer  wird  es  eine  frohe  Erinnerung  unseres  Volkes  bleiben,  wie
rasch,  tatkräftig,  entschlossen  dies  arme,  politisch  zersplitterte  Geschlecht  sich
der  weltumgestaltenden  neuen  Erfindung  bemächtigte.  Vieles  traf  zusammen,
  was  den  Deutschen  den  Entschluß  erschwerte.  Vor  wenigen
Jahren  erst  hatte  man  die  neuen  preußischen  Schnellposten  wie  ein  Wunderwerk
  angestaunt;  der  Chausseebau  war  überall  erst  im  Gange;  ganze
Landesteile,  selbst  das  reiche  Vorpommern,  entbehrten  noch  völlig  der
Steinstraßen.  Dies  neue  Straßennetz  auszubauen  und  mit  Schnellposten
auszustatten,  erschien  allen  als  die  nächste  Aufgabe;  und  sie  war  schwierig
genug,  da  der  Zollverein  die  Warenzüge  vielfach  verändert,  eine  Menge
neuer  Verkehrsbeziehungen  geschaffen  hatte.  Wer  hätte  es  nicht  für  tollkühn
  halten  sollen,  in  einer  solchen  Zeit  der  wirtschaftlichen  Umwälzung
auch  noch  eine  Erfindung  einzuführen,  welche  den  Postbetrieb  völlig  umzugestalten,
  die  Chausseen  zum  alten  Eisen  zu  werfen  drohte?

Nach  der  Eröffnung  der  Bahn  von  Liverpool  nach  Manchester  (1826)
begannen  in  England  wie  in  Nordamerika  große  Eisenbahnbauten.  Das
britische  Parlament  hielt  sich  aber  noch  lange  mißtrauisch  zurück:  sein
Komitee  erklärte  es  für  „unzulässig,  der  Eisenbahnen  wegen  Opfer  zu
bringen  oder  das  Nationalvermögen  zu  verschleudern.“  Auf  dem  Kontinente
  ging  Belgien  voran.  Hier  lagen  die  Verhältnisse  sehr  einfach.  Der
junge  Staat  bedurfte  durchaus  einer  Bahn  von  Antwerpen  nach  dem
Rheine,  um  seinen  Scheldehafen  gegen  den  Wettbewerb  der  feindseligen
Holländer  zu  decken;  da  die  reiche  Bourgeoisie  die  Kammern  vollständig  beherrschte,
  die  großen  Städte  allesamt  nahe  beieinander  lagen,  auch  der
Bau  in  der  Ebene  geringe  Schwierigkeiten  bot,  so  wurde  schon  1834  ein
Staatsbahnsystem  für  das  ganze  Land,  nach  Stephensons  Plänen,  beschlossen.
  Die  Franzosen  zauderten  lange;  selbst  der  sanguinische  Thiers
meinte  noch  im  Jahre  1830,  eine  Eisenbahn  könne  höchstens  zum  Spielzeug
  für  Großstädter  dienen.  Nachher  übernahmen  sie  sich  in  kühnen  Entwürfen,
  jedoch  die  Korruption  ihres  Parlamentarismus  verhinderte  rasches
Gelingen.  Die  großen  Gesellschaften,  die  allesamt  von  Paris  aus  nach
den  Grenzen  zu  ihre  Bahnen  bauen  wollten,  durften  während  langer
Jahre  keine  Teilstrecken  eröffnen,  weil  die  Regierung  aus  Furcht  vor
den  Wählern  keinen  Landesteil  bevorzugen  wollte.  So  geschah  es,  daß
Frankreich  noch  in  den  vierziger  Jahren  nur  eine  Eisenbahn  besaß,  die
        <pb n="590" />
        582  IV.  8.  Stille  Jahre.

kleine  Lustbahn,  welche  die  Pariser  in  die  Versailler  Gärten  führte,  und
erst  unter  der  Herrschaft  des  dritten  Napoleon  seine  großen  Bahnlinien
eröffnen  konnte,  zu  einer  Zeit,  da  die  deutschen  Hauptbahnen  schon  seit
einem  Jahrzehnte  im  Betriebe  waren.  Deutschland  schritt  in  diesem  friedlichen
  Wettkampfe  allen  Völkern  des  Festlandes,  mit  der  einzigen  Ausnahme
  Belgiens,  weit  voran,  dem  zentralisierten  Frankreich  so  gut  wie  dem
reichen  Holland.

Schon  im  Jahre  1828  hatte  Motz  an  eine  Eisenbahn  zwischen  den
Stromgebieten  des  Rheins  und  der  Weser  gedacht,  um  also  die  holländischen
  Rheinzölle  zu  umgehen  );  der  noch  gänzlich  unreise  Plan  ward
aber  aufgegeben,  sobald  die  Niederlande  in  dem  Zollstreite  zurückwichen.
Aus  demselben  Grunde,  um  Holland  zu  bekämpfen,  verlangte  der  westfälische
  Landtag  1831  eine  Bahn  von  Lippstadt  nach  Minden.  Zwei
Jahre  darauf  forderte  der  rheinische  Landtag  eine  Bahn  von  der  belgischen
Grenze  zum  Rheine  und  zum  Kohlenbecken  der  Ruhr,  eine  zweite  von
Elberfeld  nach  dem  Rheine;  die  Stände  wünschten,  der  Staat  solle  den
Bau  entweder  selbst  unternehmen,  oder  einer  Aktiengesellschaft  eine  Verzinsung
  von  4%  verbürgen.  Größer  gedacht  war  der  Plan  einer  Bahn
von  Köln  nach  Minden,  welchen  Friedrich  Harkort  in  einer  Druckschrift
begründete  und  den  westfälischen  Ständen  vorlegte.  Aber  wie  konnte  der
König  in  diesem  Augenblicke,  da  die  Verhandlungen  über  den  Zollverein
noch  schwebten,  sich  auf  so  weit  aussehende  Entwürfe  einlassen?  Er  erwiderte
  den  Rheinländern,  ihr  Handelsstand  würde,  so  hoffe  er,  selber  die
Mittel  für  jene  Bauten  zu  finden  wissen.  Unterdessen  hatte  der  rührige
Unternehmer  Gerstner  in  Böhmen  die  Budweis-Linzer  Eisenbahn  zustande
gebracht  (1828);  sie  diente  jedoch  lediglich  der  Abfuhr  des  Salzes  aus  dem
Salzkammergute,  wurde  nur  mit  Pferden  betrieben  und  konnte  als  große
Verkehrsstraße  nicht  benutzt  werden.  Eine  Menge  von  Projekten  tauchten
auf,  alle  noch  so  unklar  und  nebelhaft,  daß  selbst  der  unternehmende  russische
  Finanzminister  Cancrin  zu  Gerstner  spöttisch  sagte:  in  hundert  Jahren
werde  für  dergleichen  wohl  die  Zeit  kommen.  Die  Staatsmänner  klagten
sämtlich  über  die  tolle  „Eisenbahn-Manie".  Noch  war  man  ja  nicht  einmal
  über  die  technischen  Vorbedingungen  einig.  Hauptmann  von  Prittwitz
in  Posen,  einer  der  tüchtigsten  Ingenieure  des  deutschen  Heeres,  empfahl
statt  des  Stephensonschen  Systems  die  Anlage  „schwebender  Eisenbahnen“
in  der  Art  der  Drahlseilbahnen.  Vornehmlich  ward  bezweifelt,  ob  große
Bahnstrecken  in  dem  armen  Deutschland  überhaupt  einen  Ertrag  bringen
könnten;  die  meisten  glaubten,  nur  zwischen  nahe  benachbarten  größeren
Städten,  wie  Berlin  und  Potsdam,  würde  sich  die  Unternehmung  lohnen.

Mit  feuriger  Begeisterung,  wie  er  jeden  neuen  Gedanken  ergriff,
wendete  sich  König  Ludwig  von  Bayern  den  Eisenbahnplänen  zu.  Er  besaß

 

*)  S.  o.  III.  465.
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        Nürnberg-Fürther  Eisenbahn.  583

an  dem  Bergrat  Joseph  von  Baader,  dem  Bruder  des  Philosophen,  einen
geistreichen  Sachverständigen,  der  gern  in  kühnen  Plänen  schwelgte  und
sich  selbst  den  Veteran  des  deutschen  Eisenbahnwesens  nannte.  Er  ließ
sich  auch  nicht  beirren,  als  sein  Ober-Medizinal-Kollegium  ihm  beweglich
vorstellte,  der  Dampfbetrieb  werde  bei  den  Reisenden  wie  bei  den  Zu—
schauenden  unfehlbar  schwere  Gehirnerkrankungen  erzeugen,  und  damit
mindestens  die  Zuschauer  Schutz  fänden,  müsse  der  Bahnkörper  mit  einem
hohen  Bretterzaune  umgeben  werden.  Ludwig  sendete  seinen  Architekten
Klenze  nach  England,  Belgien  und  Frankreich,  um  sich  über  das  Eisenbahn—
wesen  zu  unterrichten,  und  hörte  es  gern,  wenn  ihm  Feldmarschall  Wrede
von  einem  bayrischen  Kriegsbahnnetze  sprach,  das  in  der  Festung  Ingolstadt
seinen  Mittelpunkt  finden  sollte.“)  Am  stärksten  lockte  ihn  der  Gedanke
einer  großen  Bahn  von  Lindau  nach  Hos,  die  sich  über  Leipzig  und  Magdeburg
  bis  Hamburg  fortsetzen,  den  Zollverein  zusammenhalten,  Deutschlands
  Hauptverkehr  in  der  Richtung  vom  Norden  nach  dem  Süden,  von
der  Elbe  zum  Bodensee  ablenken  sollte;  so  sollte  sein  Bayern  die  Vorhand
  im  nationalen  Handel  erlangen.  Er  ließ  deshalb  schon  in  Berlin
anfragen,  empfing  aber  zur  Antwort  nur  warmen  Dank  und  die  Versicherung,
  daß  man  den  bayrischen  Vorschlag  reiflich  erwägen  werde.**)  Von
einer  Eisenbahn  zwischen  Ulm  und  Augsburg  wollte  er  freilich  nichts  hören;
sie  konnte  den  schwäbischen  Nachbarn  bedenkliche  Vorteile  bringen.  Auch
einen  Schienenweg  zwischen  Würzburg  und  Frankfurt  fand  er  bedenklich:
das  würde  den  Verkehr  mit  den  gefährlichen  Franzosen  zu  sehr  erleichtern.
Nun  gar  der  Plan  einer  Bahn  zwischen  dem  Elsaß  und  der  Pfalz,  den
ihm  der  französischeGesandte  unablässig  anempfahl,  erweckte  sein  patriotisches
Mißtrauen;  so  nahe  an  die  Mainzer  Bundesfestung  wollte  er  die  Straßburger
  Garnison  nicht  heran  lassen.  *“)  Wichtiger  als  alle  Eisenbahnen
erschien  ihm  doch  der  so  lange  geplante  Ludwigskanal.  Der  große  Gedanke,
  das  Werk  Karls  des  Großen  zu  vollenden,  die  Nordsee  mit  dem
Schwarzen  Meere  zu  verbinden,  übte  auf  sein  romantisches  Gemüt  einen
unwiderstehlichen  Zauber;  und  als  nun  Rothschild  dienstbeflissen  8  Mill.  fl.
Kanalaktien  an  der  Börse  unterbrachte,  auch  der  Landtag  sich  dem  königlichen
  Lieblingsplane  willfährig  zeigte,  da  wurden  die  Eisenbahnpläne  über
der  Fossa  Carolina  bald  fast  vergessen.],)

Gleichwohl  erlebte  er  die  Genugtuung,  daß  in  seinem  Bayern  die
erste  deutsche  Dampfbahn  eröffnet  wurde,  die  Bahn  von  Nürnberg  nach
Fürth,  eine  Strecke  von  einer  Meile,  die  man  mit  Dampf  in  15,  mit
Pferden  in  25  Minuten  durchlaufen  konnte.  Sie  war  das  Werk  des
wackeren  Nürnberger  Bürgertums.  Joh.  Scharrer  brachte  das  Unter-*)

  Dönhoffs  Berichte,  7.  Dez.  1835,  25.  Juni  1836.

3)  Ancillon,  Weisung  an  Dönhoff,  13.  Febr.;  Dönhoffs  Berichte,  27.  Jan.,  3.Okt.1836.
37*)  Dönhoffs  Bericht,  29.  Mai  1837.

)  Dönhoffs  Berichte,  23.  Nov.  1835,  22.  Aug.  1836.
        <pb n="592" />
        584  IV.  8.  Stille  Jahre.

nehmen  in  Gang,  Plattner  verschaffte  das  Aktienkapital  von  175  000  fl.,
der  Ingenieur  Paul  Denis  leitete  den  Bau.  Die  Behörden  zeigten  sich
wenig  günstig,  weil  sie  für  den  Ludwigs-Kanal  fürchteten;  die  Ansbacher
Regierung  kaufte  nur  zwei  Aktien  zu  100  fl.  Erst  als  die  Unternehmer
auf  den  schlauen  Gedanken  kamen,  ihren  Schienenweg  Ludwigsbahn  zu
nennen,  wurde  die  amtliche  Welt  etwas  freundlicher.  Groß  war  der  Jubel,
als  am  7.  Dez.  1835  der  erste  Bahnzug  unter  Kanonendonner  abfuhr;
ein  Denkstein  und  ein  Geschichtstaler  verherrlichten  „Deutschlands  erste
Eisenbahn  mit  Dampfwagen“.  Aber  mit  dieser  kleinen,  nur  für  Personen
bestimmten  Stadtbahn,  die  sich  bald  mit  6  %  verzinste,  war  die  Frage
nach  der  Möglichkeit  großer  Eisenbahnen  noch  nicht  beantwortet.

Alle  diese  wohlgemeinten  Entwürfe  waren  doch  nur  auf  das  Wohl
einzelner  Städte  oder  Landschaften  berechnet,  und  fast  schien  es,  als  sollten
die  Deutschen  durch  den  Fluch  ihres  Partikularismus  verhindert  werden,
die  große  Erfindung  mit  großem  Sinne  zu  benutzen.  Da  trat  Friedrich
List  hervor  mit  dem  Plane  eines  zusammenhängenden,  ganz  Deutschland
umfassenden  Eisenbahnnetzes  und  zeigte  durch  die  Tat,  durch  die  glückliche
  Vollendung  einer  großen  Bahnlinie,  daß  sein  den  Durchschnittsmenschen
  fast  unfaßbares  Ideal  sich  verwirklichen  ließ.  Als  der  Bahnbrecher
  des  deutschen  Eisenbahnwesens  erwarb  er  sich  sein  größtes  Verdienst
  um  die  Nation,  seine  Stellung  in  der  vaterländischen  Geschichte.
Als  er  vor  Jahren  für  die  deutsche  Zolleinheit  gearbeitet,  hatte  er  doch
nur  mutig  ausgesprochen,  was  die  Mehrzahl  der  Zeitgenossen  schon  ersehnte,
  und  in  der  Wahl  der  Mittel  vielfach  fehlgegriffen;  jetzt  aber,  mit
seinen  Eisenbahnplänen,  eilte  er  allen  Landsleuten  weit  voraus  und  bewährte
  überall  die  geniale  Sicherheit  seines  Seherblicks.  Nach  seiner  Flucht
vom  Hohenasperge  hatte  er  mehrere  Jahre  in  Nordamerika  verbracht,  und
dort,  in  den  glücklichsten  Zeiten  der  jungen  Union,  ging  ihm  ein  neues
Licht  auf;  er  sah  das  gewaltige  Ringen  des  Menschengeistes  mit  der  Macht
der  Elemente,  eine  Kühnheit  der  Unternehmungslust,  wovon  sein  stilles
Vaterland  sich  noch  nichts  träumen  ließ;  er  sah  die  vornehmsten  und  höchstgebildeten
  Männer  der  Nation  ihre  beste  Kraft  der  Volkswirtschaft  widmen,
  was  daheim  im  Lande  der  Gelehrten  und  Beamten  ganz  unmöglich
war.  Derweil  er  in  den  Blauen  Bergen  nach  Kohlenminen  suchte,  träumte
der  arme  Flüchtling  von  einem  deutschen  Eisenbahnsystem  und  sagte:  „Im
Hintergrunde  aller  meiner  Pläne  liegt  Deutschland.“

Zur  Zeit  der  Juli-Revolution  kehrte  er  zurück,  ungastlich  empfangen
von  der  alten  Heimat.  Der  Hamburger  Senat  trug  Bedenken,  den  verrufenen
  Demagogen  als  amerikanischen  Konsul  anzuerkennen,  die  Kaufherren
  aber  zuckten  die  Achseln,  als  er  von  seinen  Bahnplänen  sprach;
denn  soeben  hatte  ihnen  der  Engländer  Elliot  bewiesen,  in  Deutschland  sei
nur  eine  einzige  Eisenbahn  möglich,  die  Bahn  von  Hamburg  nach  Hannover,
  und  daß  ein  Deutscher  gegen  einen  Briten  unmöglich  recht  haben
        <pb n="593" />
        Lists  deutscher  Eisenbahnplan.  585

konnte,  verstand  sich  in  dieser  Stadt  der  künstlichen  Engländer  ganz  von
selbst.  Bei  König  Ludwig  klopfte  er  ebenso  vergeblich  an;  er  suchte  ihm  zu
beweisen,  ein  Kanal  vermöge  doch  nur  gegebene  Punkte  zu  verbinden,  wäh—
rend  die  Eisenbahnen  ein  zusammenhängendes  Netz  bilden  könnten,  auch
sei  die  ersehnte  Verbindung  zwischen  der  Nordsee  und  dem  Schwarzen
Meere  ja  schon  längst  vorhanden,  der  beste  Weg  führe  durch  die  Straße
von  Gibraltar.  Zugleich  arbeitete  er  unermüdlich  für  die  Zeitungen  und
nannte  sich  selbst  gern  Dr.  Möser  den  Jüngeren;  seine  Kunst,  schwere
volkswirtschaftliche  Fragen  leicht,  lebendig,  anschaulich  zu  behandeln,  er—
innerte  in  der  Tat  an  Justus  Mösers  schalkhafte  Weise,  nur  daß  bei
dem  streitbaren  Schwaben  die  Leidenschaft  immer  wieder  durchbrach.  Wenig
gelehrt,  aber  reich  gebildet  und  im  Leben  erfahren,  überragte  er  alle  an—
deren  volkswirtschaftlichen  Publizisten  so  weit  wie  sein  Landsmann  Paul
Pfizer  die  politischen.  Die  herrschende  abstrakte  Freihandelsdoktrin,  die
sich  gleich  der  Naturrechtslehre  einen  durch  Naturgesetze  bedingten  Normalzustand
  der  Volkswirtschaft  konstruierte,  ward  ihm  immer  verhaßter.  Er
begann  schon  das  wirtschaftliche  Leben  historisch  zu  betrachten,  wie  Savigny
das  Recht,  und  suchte  die  Gesetze  der  Volkswirtschaftspolitik  aus  den  wechselnden
  sozialen  Zuständen  abzuleiten.

Ein  gütiges  Geschick  führte  ihn  endlich  nach  Leipzig,  eben  in  dem
Augenblicke,  da  die  Bürgerschaft  dem  Anschluß  an  den  Zollverein  entgegensah
  und,  ohne  Wasserstraßen  wie  sie  war,  ängstlich  nach  neuen  Verkehrswegen
  suchte.  Hier  oder  nirgends,  das  sah  er  auf  den  ersten  Blick,  mußte
der  Grundstein  des  deutschen  Eisenbahnnetzes  gelegt  werden;  wenn  hier
mit  den  Kapitalien  der  bedrängten  reichen  Handelsstadt  eine  große  Verkehrsbahn
  entstand,  so  konnte  ihr  in  dem  gewerbreichen  Lande  der  Erfolg
nicht  fehlen,  und  der  Anschluß  neuer  Bahnen  nach  dem  Norden  und  Westen
ergab  sich  dann  fast  von  selbst  aus  Leipzigs  zentraler  Lage.  Die  wohlwollende
  sächsische  Regierung  gestattete  ihm  den  Aufenthalt,  unbekümmert
um  die  Warnungen  der  Wiener  Hofburg  und  des  unversöhnlichen  Königs
von  Württemberg.)  Sofort  ließ  er  nun  sein  Büchlein  „über  ein  sächsisches
Eisenbahnsystem  als  Grundlage  eines  allgemeinen  deutschen  Eisenbahnsystems“
  (1833)  erscheinen.  In  großen  Zügen  entwarf  er  hier,  mit  wunderbarem
  Scharfblick  fast  überall  das  Rechte  treffend,  ein  Bild  von  dem
Eisenbahnwesen  der  Zukunft:  Lindau  und  Basel,  Bremen  und  Hamburg,
Stettin,  Danzig  und  Breslau  sollten  vorläufig  die  Endpunkte  des  deutschen
  Bahnnetzes  bilden,  ganz  wie  es  sich  nachher  erfüllte.  In  Berlin,
das  er  nur  oberflächlich  kannte,  sah  er  doch  schon  den  Mittelpunkt  des
deutschen  Verkehrs;  sechs  große  Bahnlinien,  die  allesamt  späterhin  gebaut
  worden  sind,  wollte  er  dort  einmünden  lassen.  Sein  Plan  galt  nur
dem  Zollvereine  und  dessen  Vorlanden;  Österreich  ließ  er,  mit  Ausnahme

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  20.  Jan.  1835.
        <pb n="594" />
        586  IV.  8.  Stille  Jahre.

der  einen  Linie  Dresden-Prag,  vorläufig  unberücksichtigt,  weil  er  einsah,
daß  dort  ganz  eigenartige  Verhältnisse  vorlagen.

Durch  diese  Schrift  wurden  vier  unternehmende  junge  Leipziger  Kaufleute
  für  den  Plan  der  Leipzig-Dresdener  Eisenbahn  gewonnen:  Wilhelm
Seyfferth,  A.  Dufour-Feronce,  C.  Lampe  und  der  Bruder  des  westfälischen
  Volksmannes,  Gustav  Harkort.  Sie  veranstalteten  eine  Versammlung,
  dann  eine  Eingabe  an  die  Regierung,  und  König  Friedrich  August
ging  gütig  und  einsichtig  auf  die  Pläne  ein.  Nun  erließ  List  einen  feurigen
  Aufruf  zur  Beteiligung  an  dieser  „Nationalangelegenheit".  Mit
der  Begeisterung  des  Reichsstädters  redete  er  von  der  neuen  Blütezeit,
die  unseren  alten  Städten  jetzt  kommen  werde;  seit  dem  glücklich  vollendeten
  Zollvereine  bedürften  die  Deutschen  nur  noch  des  wohlfeilen  und
schnellen  Transports,  „um  sich  auf  die  Stufe  der  gewerbfleißigsten  Nationen
der  Erde  emporzuschwingen“.  Für  das  Komitee,  das  sich  nunmehr  bildete,
erstattete  List  dem  Publikum  fortlaufende  Berichte,  und  hier  sprach  er  schon
zuversichtlich  aus,  was  den  meisten  noch  wie  Wahnsinn  klang:  „die  Eisenbahnen
  müssen  auf  den  großen  Routen  zum  ordinären  Transportmittel
werden.“  Er  meinte  sogar  hoffnungsvoll,  die  Eisenbahnen  würden  die
stehenden  Heere  beseitigen  oder  vermindern.  Glücklicherweise  unterschätzte
man  beträchtlich  die  Kosten,  sonst  wäre  das  Wagnis  in  der  armen  Zeit
schwerlich  begonnen  worden.  List,  der  wie  alle  Prophetennaturen  von  abenteuerndem
  Leichtsinn  nicht  frei  war,  meinte  mit  einer  halben,  höchstens  mit
einer  Million  Taler  auszukommen.  Das  vorsichtigere  Komitee  gab  für
1½  Mill.  Aktien  aus  und  mußte  sich  bald  überzeugen,  daß  man  der  dreifachen
  Summe  bedurfte.  Mittlerweile  war  aber  das  Unternehmen  schon
weit  gefördert,  niemand  wollte  mehr  zurück,  und  auch  „die  Drillinge“
fanden  jetzt  Abnehmer.

List  empfahl  den  geraden  Weg  über  Meißen  durch  das  schöne,  volkreiche
  Bergland  der  Mulde;  ein  englischer  Ingenieur  J.  Walker  warnte
jedoch  vor  den  Schwierigkeiten  einer  Gebirgsbahn,  und  man  wählte  den
Umweg  durch  die  Ebene  über  Riesa,  weil  man  der  jugendlichen  deutschen
Technik  nicht  zuviel  zumuten  wollte.  Dann  begann  das  schwere  Werk
des  Bodenankaufs,  das  der  Staat  durch  ein  verständiges,  den  Vorschlägen
Lists  entsprechendes  Enteignungsgesetz  erleichterte.  Zahllose  Prozesse  mußten
überstanden  werden.  Ein  Windmüller  klagte,  weil  ihm  die  Bahn  den
Wind  abfange,  ein  anderer,  weil  sie  die  Ackerflur  seiner  Bauern  und  dadurch
  seinen  Verdienst  geschmälert  habe;  in  einigen  Dörfern  leistete  das
Landvolk  sogar  tätlichen  Widerstand.  Unterdessen  leitete  Hauptmann
Kunz  den  Bau  umsichtig  und  tatkräftig.  Eine  Lokomotive,  der  Komet,
wurde  in  England  angekauft  und  eine  Weile  für  Geld  zur  Schau  gestellt;
auch  der  Wagenbauer  und  der  erste  Lokomotivenführer  kamen  aus  England.
  Im  April  1837  konnte  endlich  die  erste  Strecke  von  Leipzig  nach
einem  nahen  Dorfe  befahren  werden;  dicht  gedrängt  standen  die  Massen
        <pb n="595" />
        Der  Telegraph.  587

zu  beiden  Seiten  der  Bahn,  kein  lautes  Wort  ließ  sich  hören,  so  schreck—
haft  wirkte  der  unerhörte  Anblick.  Dann  mußte  „der  Einschnitt“  bei
Machern  ausgeschaufelt  werden,  durch  eine  Bodenwelle,  welche  der  Rei—
sende  heute  kaum  bemerkt;  von  weither  kamen  die  Fremden,  auch  der
länderkundige  Frhr.  von  Strombeck,  um  das  Wunderwerk  zu  betrachten  und
gründlich  zu  beschreiben.  Der  schwierigste  Kunstbau  der  Bahn,  der  Tunnel
bei  Oberau,  wurde  durch  Freiberger  Bergleute  ganz  nach  Bergmannsbrauch
  wie  ein  Stollen  von  vier  niedergesenkten  Schachten  aus  in  Angriff
  genommen;  als  alles  beendet  war,  bildeten  die  Knappen  in  ihrem
Paradeanzug,  mit  Fackeln  in  der  Hand,  im  Tunnel  Spalier,  um  den
ersten  durchbrausenden  Zug  mit  dem  alten  Glückauf-Ruf  des  Erzgebirges
zu  begrüßen.

„Die  Herrschaft  des  Geistes  über  die  materielle  Welt  schreitet  mit
einer  stets  beschleunigten  Kraft  vorwärts“,  so  schrieb  damals  Babbage,  der
Theoretiker  des  englischen  Maschinenwesens.  Ein  technischer  Fortschritt
folgte  dem  andern.  Im  Jahre  1839  brachte  Hossauer  das  erste  Daguerreotyp
  aus  Paris  in  den  Berliner  Gewerbeverein;  es  war  der  bescheidene
Anfang  einer  neuen  kulturfördernden  Industrie.  Die  eigentümliche  Wagelust
  des  Jahrhunderts  trat  immer  zuversichtlicher  auf,  hoffnungsvoll  sah
das  heranwachsende  Geschlecht  einer  unermeßlichen  Zukunft  entgegen.  Derweil
  die  Deutschen  sich  noch  an  ihrer  ersten  großen  Eisenbahn  abmühten,
versuchte  schon  eine  andere  folgenschwere  Erfindung,  die  deutsche  Erfindung
der  elektro-magnetischen  Telegraphie  sich  Raum  zu  schaffen.  Das  alte
optische  Telegraphenwesen  hatte  in  Preußen  während  der  jüngsten  Jahre
eine  hohe  Ausbildung  erlangt.  Auf  eine  Anfrage  aus  Berlin  traf  die
Antwort  aus  Koblenz  schon  binnen  vier  Stunden  ein,  freilich  nur  bei
hellem  Wetter.  Wenn  das  hohe  Balkengerüste  auf  dem  Turmhause
in  der  Dorotheenstraße  einmal  den  ganzen  Tag  hindurch  ununterbrochen
seine  rätselhaften  Bewegungen  ausführte,  dann  meinten  die  Berliner  bedenklich,
  die  Zeiten  würden  schlimm.  Aus  Petersburg  konnten  die  Nachrichten
  durch  den  Telegraphen  und  durch  Kuriere  in  fünfzig  Stunden  befördert
  werden,  und  man  hoffte  noch  auf  größere  Beschleunigung,  da  der
Zar  soeben  bei  Fraunhofer  in  München  450  Fernröhre  für  die  russischen
Telegraphen  bestellt  hatte.  Aber  der  optische  Telegraph  diente  ausschließlich
den  Behörden.  Ein  rascher  Nachrichtendienst  für  den  allgemeinen  Gebrauch
ward  erst  möglich,  als  der  junge  Wilhelm  Weber  nach  Göttingen  kam
und  Gauß  entzückt  ausrief:  der  Stahl  schlägt  auf  den  Stein.  Der  Physiker
  und  der  Mathematiker  verfolgten  selbander  die  geniale  Entdeckung
Soemmerings  weiter");  sieverbanden  den  lektro-magnetischen  Apparatihrer
Sternwarte  durch  einen  3000  Fuß  langen  Draht,  über  den  Turm  der
Johanniskirche  hinweg,  mit  dem  Physikalischen  Kabinett  (1833).  Ein  echt

 

*)  S.  o.  II.  83.
        <pb n="596" />
        588  IV.  8.  Stille  Jahre.

deutsches  Bild:  diese  gewaltige  Erfindung  zuerst  in  einer  stillen  Gelehrten—
stadt,  deren  behäbige  Bürgerschaft  sich  vom  Welthandel  gar  nichts  träumen
ließ!  Die  beiden  Gelehrten  behaupteten,  ihr  Telegraph  müsse  auch  auf
weite  Entfernungen,  Länder  und  Völker  verbindend,  mit  der  gleichen  Sicherheit
  wirken,  und  Wilhelm  Weber  erbot  sich  (1836),  neben  der  Leipzig-Dresdener
  Bahn,  zunächst  bis  Wurzen,  eine  Drahtleitung  anzulegen;  die
Kosten  des  Versuchs  schätzte  er  auf  2000  Tlr.  Das  sparsame  Komitee
wollte  aber  eine  solche  Summe  nicht  an  einen  zweifelhaften  Erfolg  wagen.
So  blieb  die  deutsche  Erfindung  liegen,  bis  die  Amerikaner  nach  Jahren
sich  ihrer  bemächtigten  und  sie  dem  Weltverkehre  dienstbar  machten.

Am  7.  April  1839  wurde  die  ganze  Bahn  eröffnet,  und  noch  lange
erzählte  sich  das  Volk  von  den  Abenteuern  dieser  ersten  Fahrten.  Auf
einer  Station  war  ein  Leipziger  Student  mitsamt  einem  unbezahlten
Glase  Bier  dem  Kellner  hohnlachend  davongefahren;  in  dem  gefürchteten
Tunnel  pflegten  die  Damen  reiferen  Alters  eine  Stecknadel  zwischen  die
Lippen  zu  nehmen,  um  sich  gegen  die  Liebkosungen  ausschweifender  Jünglinge
  zu  sichern.  Vorsichtige  Arzte  wollten  von  der  Tunnelfahrt,  die  fast
eine  Minute  währte,  überhaupt  nichts  hören;  sie  befürchteten,  bei  dem
plötzlichen  Luftwechsel  müsse  ältliche  Leute  der  Schlag  rühren,  und  allerdings
  waren  die  Wagen  der  dritten  Klasse  noch  unbedeckt,  die  der  zweiten
ohne  Fenster.  Daß  die  Schienen  und  die  Räder  durch  die  ungeheure
Reibung  notwendig  in  Brand  geraten  müßten,  war  die  allgemeine  Ansicht;
  erst  die  vollendete  Tatsache  schlug  alle  Befürchtungen  zu  Boden.
Der  Erfolg  übertraf  die  kühnsten  Erwartungen.  Erstaunlich  wie  diese
erste  große  Eisenbahn  auch  auf  den  benachbarten  Landstraßen  Mitteldeutschlands
  sofort  die  Reiselust  belebte;  im  Jahre  1828  beherbergten  die
Dresdner  Gasthöfe  7000  Fremde,  in  den  ersten  drei  Vierteljahren  1839
bereits  36000.  Schon  in  ihrem  ersten  Jahre  beförderte  die  Bahn  412000
Personen  und  3,85  Mill.  Meilen-Zentner.  Im  zweiten  Jahre  sank  der
Personenverkehr  um  ein  Geringes,  weil  sich  die  erste  Neugierde  etwas
gelegt  hatte;  der  Güterverkehr  aber  stieg  mit  einer  ganz  ungeahnten
Schnelligkeit.  Anfangs  waren  viele  Frachtfuhrleute  noch  gemächlich  auf
der  Landstraße  neben  dem  Dampfwagen  hingefahren,  weil  die  Spediteure
die  Kosten  des  Umladens  scheuten.  Erst  seit  die  Bahn  Anschlüsse  erhielt
und  die  Anfuhr  zu  den  Bahnhöfen  erleichterte,  riß  sie  auch  den  Güterverkehr
  an  sich,  und  nach  einer  Reihe  von  Jahren  ergab  sich,  daß  sie  von
den  Gütern  mehr  einnahm  als  von  den  Personen.  Dies  widersprach  allen
Vorhersagungenz  hatte  doch  selbst  der  berühmte  Arago  versichert,  eine  Eisenbahn
  könne  vielleicht  Personen,  doch  unmöglichgroße  Gütermassen  befördern.

Leider  erlebte  List  an  diesem  Triumphe  seiner  Idee  wenig  Freude.
Es  gibt  einsame  Genies,  die  wohl  durch  schöpferische  Gedanken  ihre  Nation
erwecken  und  erheben  können,  aber  nicht  fähig  sind,  mit  ihrer  vollsaftigen
ursprünglichen  Kraft  in  dem  alltäglichen  kleinen  Getriebe  des  öffentlichen
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        Leipzig-Dresdner  Eisenbahn.  589

Lebens  mitteninne  zu  wirken.  Ihnen  fällt  meist  ein  tragisches  Los.  Wie
einst  seinen  Genossen  in  der  württembergischen  Kammer,  so  wurde  List
auch  dem  Leipziger  Eisenbahn-Komitee  bald  lästig.  Die  Männer  des  Komitees
waren  durchweg  tüchtige,  und  keineswegs  engherzige  Geschäftsleute,  aber
sie  dachten  zunächst  an  die  Interessen  ihrer  guten  Stadt,  und  wenn  List
in  den  Generalversammlungen  von  der  großen  Eisenbahn  Prag-Hamburg
zu  reden  begann,  so  befürchteten  sie,  nicht  mit  Unrecht,  er  werde  die  ängstlichen
  Philister  abschrecken.  Der  frohmutige  Mann  bot,  wenn  er  mit
mächtigem  Lachen  seinen  Löwenkopf  schüttelte,  ein  Bild  urkräftigen  Behagens;
  doch  zuweilen  überfiel  ihn  eine  furchtbare  Hypochondrie,  und  dann
war  mit  seiner  unbändigen  Grobheit  kaum  auszukommen.  Also  schob
man  ihn  leise  zur  Seite  und  fand  ihn  ab  mit  einem  Ehrengeschenke  von
etwa  4000  Tlr.,  ohne  ihm  auch  nur  einen  Anteil  an  den  Aktien  zu
gewähren.  Die  braven  Leipziger  Kaufleute  glaubten  damit  durchaus  nicht
kleinlich  zu  handeln;  verfuhren  sie  doch  selber  höchst  uneigennübtzig,  ihre
vier  Direktoren  bezogen  750  Tlr.  Gehalt,  ihr  Präsident  1500.  Jenem
Engländer  freilich,  der  ihnen  den  Weg  durch  die  Ebene  empfahl,  zahlten
sie  für  seine  kurze  Reise  fast  7000  Tlr.;  denn  daß  ein  Brite  höher  gelohnt
  werden  müsse  als  ein  Deutscher,  bezweifelte  in  diesen  fremdbrüderlichen
  Tagen  niemand.  Wieviel  Unfug  stiftete  doch  die  deutsche  Ausländerei
  auch  im  Eisenbahnwesen  an.  Nur  aus  Nachahmungslust  wurde  die
allzu  schmale  Spurweite  der  Stephensonschen  Bahn  von  der  Leipzig-Dresdner
  Gesellschaft  und  nachher,  zum  Schaden  für  die  Nerven  der
Reisenden,  auch  von  den  anderen  deutschen  Bahnen  angenommen.  Und
welche  Flut  von  französischen  oder  französisch  klingenden  Wortungetümen
drang  jetzt  in  unsere  Sprache  ein,  die  doch  gerade  hier  ihre  schöpferische
Kraft  erproben  konnte.  Die  Deutschen  hatten  im  Eisenbahnwesen  von
den  Franzosen  nichts  zu  lernen,  sondern  schritten  ihnen  voran;  und  doch
redeten  sie  von  der  Kompagnie,  ihren  Billett-Expeditionen  und  Kondukteuren,
  von  Perrons,  Waggons,  Coupés  und  Extra-Convois;  es  war  leider
die  Zeit,  da  das  Junge  Deutschland  die  Zeitungssprache  von  Grund  aus
verfälscht  hatte.

Unerbittert  durch  seine  Leipziger  Erfahrungen  arbeitete  List  rastlos
weiter.  Er  gründete  ein  Eisenbahn-Journal,  das  sich  freilich  nicht  lange
halten  konnte,  weil  es  in  OÖsterreich  verboten  wurde,  und  zwang  durch
sein  Beispiel  die  Presse,  auf  die  so  lange  vernachlässigten  volkswirtschaftlichen
  Fragen  gründlich  einzugehen.  Um  seiner  Bahn  die  Fortsetzung  nach
Norden  zu  sichern,  begab  sich  List  1835  nach  Magdeburg,  und  die  Kaufmannschaft,
  die  erst  vor  sechs  Jahren  alle  Eisenbahnpläne  abgewiesen
hatte,  nahm  ihn  jetzt  mit  offenen  Armen  auf;  allen  voran  der  wackere
Oberbürgermeister  Francke,  einer  der  angesehensten  Bürger  der  Monarchie,
denn  wie  im  Süden  die  Abgeordneten,  so  galten  im  Norden  die  Gemeindebeamten,
  Kospoth  in  Breslau,  Bärensprung  in  Berlin,  Demiani  in  Görlitz,
        <pb n="598" />
        590  IV.  8.  Stille  Jahre.

als  die  eigentlichen  Volksmänner.  Die  Magdeburger  rühmten  sich:  unsere
Eisenbahn  nach  Leipzig  wird  die  erste  Bahn  der  Welt  sein,  welche  die
Grenzen  verschiedener  Staaten  durchschneidet!  Francke  trat  an  die  Spitze
eines  Ausschusses  und  sendete  nach  Berlin  eine  Eingabe,  welche  das  Mini—
sterium  zwang,  die  Eisenbahnfrage  ernstlich  ins  Auge  zu  fassen.  So
brachte  List  auch  in  Preußen  die  Kugel  ins  Rollen.

Mehrere  andere  Anfragen  lagen  bereits  vor,  wegen  der  Bahnen
Berlin-Potsdam,  Köln-Aachen,  Düsseldorf-Elberfeld,  Düsseldorf-Minden,
Berlin-Stettin,  und  es  ließ  sich  jetzt  schon  erkennen,  daß  der  preußische
Verkehr  vornehmlich  einer  rascheren  Verbindung  des  Ostens  mit  dem
Westen  bedurfte;  die  von  Bayern  befürwortete  nord-südliche  Linie  erschien
zunächst  noch  minder  dringend.  Minister  Rother  aber  konnte  zu  keinem
der  Entwürfe  ein  Zutrauen  fassen.  Während  fast  jedermann  noch  glaubte,
die  Eisenbahnen  seien  Wege  wie  andere  auch,  für  alle  benutzbar,  und
könnten  den  Unternehmern  nur  ein  hohes  Wegegeld  einbringen,  erkannte
der  welterfahrene  Bankdirektor  sogleich,  daß  die  Eisenbahngesellschaften  das
gesamte  Transportgeschäft  auf  ihren  Linien  an  sich  reißen  würden;  ein
solches  Vorrecht  wollte  er  Privatgenossenschaften  nicht  gewähren,  er  fürchtete
den  Mißbrauch  des  Monopols  und  einen  schlimmen  Aktienschwindel.  Aber
auch  der  Staatsbau  schien  ihm  nicht  ratsam,  denn  er  bezweifelte  noch
die  Einträglichkeit  der  Eisenbahnen  und  hielt  den  Staat  für  verpflichtet,
weder  die  Post  noch  die  bestehenden  Land=  und  Wasserstraßen  zu  schädigen.
Sogar  politische  Besorgnisse  stiegen  ihm  auf:  durch  die  Bahnen  nach  dem
Rhein,  nach  Bayern,  nach  Belgien  werde  Preußen  vom  Auslande  abhängig.
  Daher  schloß  er  seinen  Bericht  an  den  König  mit  der  Erklärung:
„die  Staatsregierung  hat  jetzt  noch  keine  Veranlassung,  Eisenbahnen,  welche
als  Handelsstraßen  dienen  sollen,  auf  eigene  Kosten  anzulegen,  durch  Beteiligung
  mit  verhältnismäßig  ansehnlichen  Summen  zu  unterstützen  oder
ihnen  andere  namhafte  Opfer  zu  bringen  und  Vorrechte  einzuräumen.“)

Verhielt  sich  Rother  nur  kühl  zuwartend,  so  trat  der  Generalpostmeister
  Nagler  als  entschiedener  Feind  der  Eisenbahnen  auf.  Er  hatte  seit
Jahren  das  Postwesen  mit  glänzendem  Erfolge  ausgebildet  und  hoffte  für
Seiner  Majestät  Fahrpost  noch  Größeres  zu  erreichen;  was  konnte  er  in
dieser  neuen  Erfindung  anderes  sehen  als  eine  schnöde  Gewerbsbeeinträchtigung?
  Auch  das  strenge  Rechtsgefühl  des  Beamtentums  erhob  mannigfache
  Bedenken.  Nach  dem  Gesetze  sollte  die  Enteignung  nur  ausnahmsweise,
  um  des  öffentlichen  Wohles  willen,  zugelassen  werden,  für  die  Chausseen
und  für  solche  Eisenbahnen,  welche  den  Staatszwecken  dienten,  wie  etwa
für  die  Magdeburg-Leipziger,  konnte  man  sie  also  mit  gutem  Gewissen  benutzen,
  so  meinten  die  alten  gestrengen  Richter.  Aber  war  es  statthaft,
das  Expropriationsrecht  auch  der  geplanten  Berlin-Potsdamer  Bahn  zu

 

*)  Rothers  Immediatbericht,  16.  Aug.  1835.
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        Beratungen  über  das  preußische  Eisenbahngesetz.  591

verleihen,  die  doch  nur  den  frivolen  Zweck  verfolgte,  den  Berlinern  das
Lustwandeln  in  den  Potsdamer  Gärten  zu  erleichtern?*)  Der  König  selbst
zeigte  sich  den  Eisenbahnen  anfangs  abgünstig;  er  war  zu  alt,  um  sich  noch
für  eine  Erfindung  zu  erwärmen,  welche  die  Freude  seiner  letzten  Jahre,
den  Chausseebau  zu  stören  drohte.  Auch  der  durchaus  demokratische  Cha—
rakter  dieses  neuen  Verkehrsmittels  kam  ihm  ungelegen.  Seit  Jahrtau—
senden  hatte  das  schnelle  Reisen  für  ein  natürliches  Vorrecht  der  Fürsten
und  der  Aristokratie  gegolten;  und  diese  uralten  Sitten  sollten  sich  jetzt
mit  einem  Schlage  ändern!  So  schlicht  bürgerlich  er  auch  dachte:  daß  er
mit  seinen  Berlinern  zusammen  in  demselben  Zuge  nach  Potsdam  fahren
sollte,  schien  ihm  doch  sehr  unanständig.

Der  Thronfolger  dagegen  schwärmte  für  die  Eisenbahnen,  noch  weit
feuriger  sogar  als  sein  Schwager  König  Ludwig.  Es  zählte  zu  den  vielen
Rätseln  dieses  so  seltsam  gemischten  reichen  Geistes,  daß  der  Kronprinz
die  nüchternen  Angelegenheiten  der  Volkswirtschaft,  die  seiner  romantischen
Weltanschauung  so  fern  zu  liegen  schienen,  immer  mit  besonderem  Eifer
verfolgte  und  überraschend  richtig  beurteilte.  Wie  er  den  Zollverein  stets
gegen  die  Sparsamkeit  der  Finanzpartei  verteidigt  hatte,  so  glaubte  er
auch  fest  an  die  große  Zukunft  der  Eisenbahnen;  er  wollte  die  Bahnen  am
liebsten  von  Staats  wegen  bauen  oder  doch  die  Privatbahnen  durch  Zinsgarantien,
  durch  die  erleichterte  Enteignung  und  andere  Vorrechte  unterstützen.
  Da  der  Thronfolger  so  stürmisch  drängte  und  die  Anfragen  der
Eisenbahngesellschaften  sich  mehrten,  so  befahl  der  König  eine  gründliche
Beratung  über  ein  umfassendes  Eisenbahngesetz,  das  die  Stellung  der
Staatsgewalt  zu  der  neuen  Erfindung  endgültig  regeln  sollte.

Die  Verhandlungen  währten  sehr  lange.  Eine  Kommission  aus  Räten
aller  Ministerien  ward  gebildet;  der  Kriegsminister  sendete  einen  seiner
besten  Offiziere,  den  gelehrten  Oberst  Peucker.  Dann  beriet  das  Staatsministerium,
  endlich  noch  der  Staatsrat.  Der  Streit  ward  sehr  lebhaft;
die  alten  Minister  hegten  Zweifel,  die  jüngeren,  Rochow,  Mühler,  Alvensleben
  hielten  zu  dem  Kronprinzen,  weil  sie  der  Zukunft  vertrauten.  Es  kam
soweit,  daß  Rother  nach  einem  heftigen  Wortwechsel  mit  dem  Thronfolger  im
April  1837  die  Leitung  der  Handelspolitik  niederlegte.  Er  beschränkte  seine
Tätigkeit  fortan  auf  die  Seehandlung  und  auf  die  Bank,  die  er  seit
Frieses  Abgang  übernommen  hatte;  das  Handelsamt  wurde  wieder  mit
dem  Finanzministerium  vereinigt.)  Der  Gegenstand  war  noch  so  neu,
so  unberechenbar,  so  gänzlich  unerprobt,  daß  niemand  sich  einen  Sachkenner
  nennen  durfte,  und  die  tüchtigsten  Männer  in  ihren  Meinungen  sehr
weit  auseinander  gingen.  Der  geniale  Beuth,  der  doch  noch  in  seinen

 

*)  Frankenbergs  Bericht,  4.  Febr.  1836.

*#)  Berichte  von  Münchhausen,  8.,  11.  April,  von  Frankenberg,  11.  April,  11.  September
  1837.
        <pb n="600" />
        592  IV.  8.  Stiille  Jahre.

besten  Jahren  stand  und  sonst  jeden  technischen  Fortschritt  mit  Feuereifer
begünstigte,  betrachtete  die  Eisenbahnen  sehr  mißtrauisch.  Ihr  erklärter
Gegner  aber  war  General  Aster,  der  erste  militärische  Ingenieur  des  Zeitalters,
  obwohl  er  doch  selbst  bei  seinen  Festungsbauten  schon  oft  kleine  Eisenbahnen
  in  Betrieb  gesetzt  hatte.  Er  meinte:  „die  Eisenbahnen  halten  wegen
der  Kostbarkeit  der  Anlage  und  einer  ziemlichen  Ausschließlichkeit  des  Gebrauchs
  mit  anderen  weit  wohlfeileren  und  in  ihrer  Anwendung  teilbaren
Erfindungen,  wie  z.  B.  Buchdruck  und  Schießpulver,  den  Vergleich  nicht
aus.“  Militärisch  brauchbar  seien  sie  nur  dort,  „wo  zufällig  die  Wege
für  den  Krieg  mit  denen  für  die  Industrie  angelegten  Bahnen  zusammenpassen;“
  ein  Eisenbahnnetz  nütze  militärisch  nichts,  weil  es  von  der  leidenden
  Partei  bald  außer  Betrieb  gesetzt  würde,  auch  der  aktiven  Partei  zu
wenig  Sicherheit  gewähre;  und  woher  sollten  die  Mittel  kommen,  um  die
zerstörten  Eisenbahnen  nach  dem  Kriege  wiederherzustellen?*)  Savigny
erwiderte  dem  General  —  wohl  nicht  ohne  Zutun  des  Kronprinzen,
der  wieder  von  Kühne  Ratschläge  empfing:  man  beabsichtige  lange,  ununterbrochene
  Eisenbahnlinien,  etwa  von  Berlin  zum  Rheine,  und  diese
würden  einem  im  Westen  kämpfenden  Heere  sicherlich  Vorteil  bringen.)

Mit  der  ganzen  Feierlichkeit  seiner  Amtsmiene  trat  Nagler  für  sein
bedrohtes  Postwesen  ein  und  versicherte:  „das  gänzliche  Lostrennen  und
Emanzipiereneineshöchstbeschränkten  und  untergeordneten  Kommunikationsmittels
  —  der  Eisenbahnen  —  von  einer  Staats-Institution  wie  die  Post,
welche  die  wichtigsten  Zweige  der  Kommunikation  für  das  Ganze  leitet
und  fördert,  kann  nur  höchst  nachteilig  sein  und  muß  den  richtigen
Standpunkt  ganz  verrücken.“““)  Noch  einmal,  in  einer  großen  Denkschrift
legte  er  dem  Könige  ans  Herz,  „daß  das  Postinteresse  den  Eisenbahnunternehmungen
  nicht  aufgeopfert  werden  dürfe.“*)  Nach  langen  Kämpfen
begannen  sich  die  Meinungen  doch  zu  klären.  Den  Staatsbau  empfahl
unter  den  hohen  Beamten  niemand,  obgleich  David  Hansemann  noch
während  der  Beratungen  in  einer  beredten  Flugschrift  dringend  vor  den
Gefahren  der  Privateisenbahnen  warnte.  Ein  solches  Wagnis  erschien
zu  groß  für  die  beschränkten  Finanzen.  Darum  ward  auch  die  schwere
Frage,  ob  die  Krone  ohne  Reichsstände  große  Anleihen  aufnehmen  könne,
für  jetzt  noch  gar  nicht  erwogen.  Andererseits  wollte  der  König  auch  nicht
den  Privatgesellschaften  ein  gemeinschädliches  Monopol  gewähren;  er  erklärte
  ausdrücklich:  „daß  sie  zu  ewigen  Zeiten  im  Genuß  der  ihnen  eingeräumten
  Vorrechte  verbleiben,  ist  weder  beabsichtigt  noch  zulässig.“)

 

*)  Aster,  Bedenken  über  das  Referat  des  Justizministeriums,  10.  April;  Asters
Separatvotum,  30.  April  1838.  Frankenbergs  Bericht,  14,  Juni  1837.
*4)  Savigny,  Erwiderung  auf  die  Bedenken  des  Generals  Aster,  12.  April  1838.
***)  Bericht  des  Staatsministeriums  an  den  König,  1.  Juli  1837.
)  Nagler,  Denkschriftüber  die  Verhältnisseder  Post  zu  den  Eisenbahnen,  April  1838.
+#)  Kabinettsordre  an  Müffling,  12.  Sept.  1838.
        <pb n="601" />
        Das  preußische  Eisenbahngesetz.  593

Aus  solchen  Erwägungen  entstand,  noch  bevor  die  erste  große  deutsche
Eisenbahn  vollendet  war,  das  preußische  Eisenbahngesetz  vom  3.  Nov.  1838,
eines  der  letzten  denkwürdigen  Werke  des  alten  Beamtenstaates,  ein  Gesetz,
das  zur  Regelung  ganz  unbekannter  Verhältnisse  bestimmt  war,  und  doch
ein  halbes  Jahrhundert  voll  ungeahnter  Wandlungen  lebenskräftig  überdauert
  hat.5)  Seine  Stärke  lag  darin,  daß  die  Staatsgewalt  sich  ein  sehr
weit  ausgedehntes  Aufsichtsrecht  über  die  Privatbahnen,  auch  die  Möglichkeit
  eines  künftigen  Staatseisenbahnsystems  vorbehielt  und  doch  sich  weislich
hütete,  durch  gehäufte  Einzelvorschriften  einer  noch  nicht  übersehbaren  Entwicklung
  vorzugreifen.  Alle  Eisenbahnen  unterlagen  der  königlichen  Genehmigung,
  desgleichen  im  einzelnen  die  Bahnlinie,  der  Bau  der  Bahn  und
seine  Fristen,  die  Einrichtung  der  Wagen  und  Maschinen;  siemußten  jederzeit
in  sicherem  und  dem  Zwecke  entsprechenden  Zustande  erhalten  werden.  Der
Staat  erteilte  ihnen  das  Recht  der  Enteignung,  wie  den  Chausseen,  er
prüfte  ihre  Rechnungen  und  beaufsichtigte  sie  durch  ständige  Kommissäre.
Er  behielt  sich  vor,  die  Bahnen  nach  dreißig  Jahren  anzukaufen,  und  belegte
  sie  mit  einer  noch  näher  zu  bestimmenden  Steuer,  welche  teils  zur
Amortisation  des  Aktienkapitals,  teils  zur  Entschädigung  der  Post  dienen
sollte.  Die  Höhe  dieser  Entschädigung  blieb  auch  noch  vorbehalten;  vorläufig
  schloß  man  mit  den  einzelnen  Bahnen  besondere  Verträge  und  verpflichtete
  alle  zur  unentgeltlichen  Beförderung  der  Postsendungen  —  eine
wohlberechtigte  Vorschrift,  welche  allein  der  Post  ermöglichte,  auch  unter
veränderten  Verhältnissen  ihre  kulturfördernde  Arbeit  zu  vollziehen,  doch
freilich  in  der  Folge  zahlreiche,  noch  heute  nicht  beendigte  Zwistigkeiten
hervorrufen  sollte.  Außerdem  behielt  die  Krone  das  Recht,  die  Bestimmungen
  des  Gesetzes  nach  freiem  Ermessen  abzuändern  oder  zu  ergänzen,
und  die  bestehenden  Gesellschaften  mußten  sich  im  voraus  solchen  Anderungen
  unterwerfen.  Also  war  dem  Monopolgeiste  ein  starker  Riegel  vorgeschoben.
  Die  Geschäftswelt  klagte  über  die  unmäßige  Bevormundung;
Hansemann  veröffentlichte  eine  scharfe  Kritik  und  beschwor  die  Regierung,
die  Kapitalien  des  In=  und  Auslandes  nicht  abzuschrecken.  Aber  die  dehnbaren
  Vorschriften  wurden  verständig  gehandhabt,  und  sie  genügten  für
eine  Reihe  von  Jahren,  solange  der  Staat  noch  nicht  in  der  Lage  war,
selber  den  Bahnbetrieb  zu  übernehmen.

Inzwischen  hatte  auch  in  Preußen  der  Bahnbau  begonnen.  Zuerst
wurde  die  kleine  Strecke  von  Düsseldorf  nach  Erkrath  eröffnet;  dann  folgte,
noch  im  Jahre  1838,  die  Berlin-Potsdamer  Bahn,  und  groß  war  das
Erstaunen,  als  dort  täglich  2000,  an  Festtagen  sogar  4000  Menschen  verkehrten.
  Schon  nach  Jahresfrist  mußte  man  dieser  Gesellschaft  gestatten,
daß  ihre  Züge  auch  in  der  Dunkelheit  fahren  durften,  natürlich  langsam
und  unter  mannigfachen  Vorsichtsmaßregeln.  Dem  Könige  war  das  neue

.“

*)  Kabinettsordre  an  Müffling,  3.  Nov.  1838.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  38
        <pb n="602" />
        594  IV.  8.  Stille  Jahre.

Wesen  noch  immer  nicht  recht  geheuer;  er  fuhr  noch  eine  Zeitlang  in
seinem  Wagen  neben  der  Bahn  her.  Dann  merkte  er  doch,  daß  selbst
seine  edlen  Trakehner  Rappen  mit  der  Lokomotive  nicht  Schritt  halten
konnten,  und  eines  Tages  erfuhren  die  Berliner  zu  ihrer  freudigen  Überraschung,
  Seine  Majestät  sei  heute  früh  mit  dem  Bahnzuge  nach  Potsdam
gereist.  Die  Magdeburger  Kaufmannschaft  rührte  sich  kräftig.  Derweil
die  Leipziger  Bahn  in  Angriff  genommen  wurde,  begannen  schon  erfolgreiche
  Vorarbeiten  für  eine  zweite  Linie  über  Köthen  nach  Berlin  und  zugleich
  Verhandlungen  wegen  einer  dritten  Bahn  nach  Hamburg.  Dort
freilich  zeigte  sich  der  Senat  sehr  ängstlich,  er  fürchtete  die  Abnahme  der
Elbschiffahrt  und  die  Verarmung  der  Schiffer.)

Sehr  lange  währten  die  Vorbereitungen  für  die  wichtige  Bahn  von
Köln  zur  belgischen  Grenze.  Da  mußten  sich  erst  zwei  streitende  Gesellschaften
  verschmelzen.  Dazwischen  hinein  spielten  widerwärtige  Verhandlungen
  mit  dem  Brüsseler  Hofe,  der  damals,  aufgestachelt  durch  die  Westmächte,
  dem  preußischen  Nachbarn  eine  wenig  freundliche  Gesinnung  zeigte
und,  dem  Geiste  der  Neutralität  zuwider,  schon  an  eine  umfassende  Befestigung
  seiner  Ostgrenze  dachte.  Der  König  schrieb  deshalb  selbst  an
König  Leopold  und  drohte  mit  dem  Abbruch  der  diplomatischen  Verbindungen
  (1837).  Trotzdem  ließ  er,  auf  Werthers  verständigen  Rat  und
die  dringenden  Bitten  König  Ludwigs  von  Bayern,  den  Plan  der  Köln-Antwerpener
  Eisenbahn  nicht  fallen.  Die  Bahn  war  zu  wertvoll,  nicht
bloß  für  den  Handel  der  Rheinlande,  sondern  auch  für  die  deutsche  Politik:
sie  sollte  Hollands  allzeit  unberechenbare  Zölle  umgehen  und  das  belgische
Land  fester  an  Deutschland  anschließen,  da  die  Brüssel-Pariser  Eisenbahn
immer  noch  nicht  fertig  wurde.##)  Endlich  lenkte  Belgien  ein,  und  man  ward
handelseinig.  Im  August  1839,  am  Vorabend  des  königlichen  Geburtstages,
  eröffnete  Ammon,  der  Vorsitzende  der  neuen  Gesellschaft,  die  erste
Bahnstrecke.  Er  wußte,  wie  lebhaft  Rother  und  mehrere  der  anderen
Minister  die  Abhängigkeit  vom  Auslande  fürchteten,  und  sagte  darum  in
seiner  Festrede  stolz:  „die  deutsche  Treue  beruht  auf  festem  Grunde,  auf
der  angestammten  Liebe  zu  König  und  Vaterland,  auf  der  klaren  Erkenntnis
unserer  nationalen  Vorzüge,  unserer  sittlichen  Volkswürde.“  Unterdessen
berieten  die  Kölner  schon  über  die  unentbehrliche  große  Eisenbahn  nach
dem  Osten,  nach  Minden  und  Magdeburg.

Ungeheuer  war  der  Umschwung.  Die  Eisenverzehrung  des  Zollvereins
  stieg  in  den  Jahren  1834—1841  von  10,6  auf  18,1  Pfund  für  den
Kopf  der  Bevölkerung,  an  Schienen,  Roh-,  Stab=  und  Schmiedeeisen  wurden
  im  Jahre  1834  erst  367000  Ztr.  eingeführt,  1840  schon  1,203  Mill.;

 

*)  Bergers  Bericht,  24.  Nov.  1838.
*“)  Werthers  Berichte  an  den  König,  27.  Juni,  7.  Okt.;  Berichte  von  Münchhausen,
  23.  April,  von  Dönhoff,  29.  Mai  1837.
        <pb n="603" />
        Süddeutsche  Eisenbahnen.  595

denn  leider  mußte  man  die  Schienen  noch  aus  dem  Auslande  beziehen.
Wie  die  Welt  sich  verwandelte,  das  lehrte  das  tragikomische  Beispiel  des
Generalpostmeisters  Nagler.  Dieser  Todfeind  der  Eisenbahnen  wollte  jetzt,
nach  seiner  Niederlage  (1839),  selber  mit  den  Mitteln  der  königlichen  Post
eine  Bahn  von  Halle  durch  die  Goldene  Aue  nach  Kassel  bauen,  mit
Zweigbahnen  nach  Erfurt,  Weimar,  Gotha,  und  sie  zum  Besten  des  Post—
fiskus  verwalten.  Rother  empfahl  den  Plan  dem  Könige  aufs  wärmste,
da  Post  und  Eisenbahnen  eigentlich  denselben  Zweck  verfolgten.  Die  anderen
  Minister  jedoch  erklärten  sich  dawider.  Sie  wollten  das  Monopol
der  Post  nicht  noch  erweitern;  und  welch  eine  partikularistische  Torheit,
die  uralte  Handelsstraße,  die  durch  das  innere  Thüringen  über  Erfurt
und  Gotha  führte,  absichtlich  zu  umgehen,  bloß  weil  der  Weg  durch  die
Goldene  Aue  mehr  preußisches  Gebiet  berührte!7)

Als  nunmehr  auch  Frankfurt  in  die  Eisenbahnbewegung  eintrat,
da  zeigten  sich  schon  die  dunklen  Schattenseiten  der  neuen  Erfindung.
Eine  Uneigennützigkeit,  wie  sie  die  Leipziger  und  die  Magdeburger  Kaufleute
  bewiesen  hatten,  ließ  sich  von  der  Residenzstadt  Rothschilds  nicht
erwarten;  dort  wurde  der  Kaufmannsgeist  nicht  durch  eine  monarchische
Gewalt  gezähmt.  Schon  die  Frage,  auf  welchem  Ufer  des  Mains  die  geplante
  Frankfurt-Mainzer  Eisenbahn  angelegt  werden  sollte,  verursachte
ärgerlichen  Zwist.  Nassau  verlangte  den  Bau  auf  dem  dichter  bevölkerten
rechten  Mainufer,  Hessen  begünstigte  sein  linkes  Ufer;  und  der  Bundestag
  erlaubte  nicht,  daß  die  Mainzer  Festungsbehörden  sich  unmittelbar  mit
der  Gesellschaft  verständigten,  obwohl  der  Festungsingenieur,  der  preußische
Major  Pientka  sogleich  ein  treffliches  Gutachten  abgegeben  hatte.*)  Nach
langem  Streite  ward  endlich  beschlossen,  die  Bahn  auf  dem  rechten  Ufer
zwischen  Frankfurt  und  Castel  auszuführen  (1838);  denn  eine  Überbrückung
des  Rheins  galt  noch  für  unmöglich.  Nun  bot  das  gefällige  Komitee  dem
hessischen  Minister  du  Thil  Aktien  zum  Kaufe  an.  Du  Thil  weigerte  sich,
und  auch  Großherzog  Ludwig  erklärte:  „ich  weise  das  weit  weg,“  sobald  ihn
sein  erfahrener  Minister  über  die  menschenfreundlichen  Absichten  der  Unternehmer
  aufgeklärt  hatte.  Nur  der  Geh.  Rat  Knapp  ging  in  die  Falle
und  mußte  dann,  nach  einer  heftigen  Interpellation  in  der  Kammer,  aus
dem  hessischen  Ministerium  ausscheiden.  Nachher  wollte  Rothschild  die  hessische
  Regierung  zwingen,  den  Plan  binnen  sechs  Wochen  zu  genehmigen,
weil  er  für  seine  Spekulationen  den  Zeitpunkt  der  Ausgabe  der  Aktien
genau  vorher  wissen  mußte.  Auch  diese  Zumutung  wies  du  Thil  entrüstet
zurück.  So  hielt  sich  Hessen  die  Frankfurter  Börsenmänner  tapfer  vom
Leibe.  In  Nassau  aber  war  der  Präsident  Magdeburg  „Komitee  und  Re-*7)

  Rother,  Denkschrift  über  die  Eisenbahnen,  dem  Könige  eingereicht  Dez.  1839.
Frankenbergs  Bericht,  25.  Nov.  1839.

**)  Berichte  von  Galen,  15.  März,  3.  Juni,  von  Sydow,  7.  November  1837,  von
Schöler,  22.  Juni  1838.

 

387
        <pb n="604" />
        596  IV.  8.  Stille  Jahre.

gierung  in  einer  Person“,  und  der  Frankfurter  Senat  erließ  ein,  wie  du
Thil  sagte,  „haarsträubendes“  Expropriationsgesetz,  das  den  Grundbesitzern
eine  viermal  höhere  Entschädigung  gewährte  als  das  hessische.  Als  die
Taunusbahn  endlich  eröffnet  war,  wurde  sie  gut  verwaltet;  sie  verlangte
aber  unbillige  Preise,  die  höchsten  in  Deutschland.  Umsonst  versuchte  du
Thil  den  Unfug  abzustellen.  Er  scheiterte  an  dem  Widerspruche  Frank—
furts;  „denn  in  dieser  Republik“,  so  sagte  er  schwermütig,  „ist  es  einge—
führt,  daß  stets  eine  Hand  die  andere  wäscht,  und  überdies  waren  zu  viele
Senatoren  beteiligt.“*)  Diese  Frankfurter  Erfahrungen  blieben  in  Baden
unvergessen.  Dori  berief  die  Regierung  eine  Notabeln-Versammlung,  um
über  den  Plan  einer  Eisenbahn  von  Mannheim  nach  Basel  zu  beraten.
Der  Gedanke  fand  Anklang  und  Nebenius  erwies  den  Notabeln  in  einer
trefflichen  Denkschrift,  die  auch  den  anfangs  widerstrebenden  Finanzminister
Böckh  überzeugte,  daß  der  Staat,  um  den  Aktienschwindel  und  den  Ein—
fluß  der  Börse  fernzuhalten,  die  Bahn  selber  bauen  müsse.  **)  Es  war
das  erste  Programm  des  deutschen  Staats-Eisenbahnwesens.

Die  Größe  der  beginnenden  sozialen  Umwälzung  ließ  sich  am  sicher—
sten  daran  erkennen,  daß  schlechterdings  niemand  ihre  Folgen  genau  vor—
hergesehen  hatte.  Nicht  bloß  der  Gesamtverkehr  wuchs  über  alle  Vor—
hersagungen  hinaus;  hatten  doch  selbst  mutige  Männer  höchstens  gehofft,
die  Eisenbahnen  würden  den  Chausseen  etwa  ebenso  weit  überlegen  sein
wie  diese  vormals  den  alten  Landwegen.  Auch  im  einzelnen  kam  fast
alles  anders,  als  die  klügsten  Leute  erwarteten.  Der  Betrieb  der  Eisen—
bahnen  war  unzweifelhaft  ein  Monopol,  und  jener  Paragraph  des  preu—
ßischen  Eisenbahngesetzes,  welcher  auch  anderen,  nicht  zur  Gesellschaft  Ge—
hörigen  den  Transport  gestatten  wollte,  erwies  sich  sogleich  als  ein  toter
Buchstabe.  Die  Güter  brachten  mehr  ein  als  die  Personen,  der  Lokal—
verkehr  mehr  als  der  große,  die  dritte  Wagenklasse  mehr  als  die  beiden
ersten  zusammen;  und  wie  verwundert  hatte  man  noch  vor  kurzem  dem
wackeren  Friedrich  Harkort  zugehört,  als  er  voraussagte,  der  kleine  Mann
würde  die  Eisenbahnkassen  füllen  wie  den  Steuersäckel,  schon  um  Arbeits—
lohn  zu  gewinnen,  das  Fußwandern  aufgeben.  Die  Gewerbsstraßen  trennten
sich  nicht  ab  von  den  Kriegsstraßen,  wie  Aster  fürchtete,  sondern  sie  zwangen
den  Krieg,  ihren  Bahnen  zu  folgen.  Auch  der  Pferdebestand  nahm  nicht
ab,  wie  jedermann  glaubte;  sondern  die  Deutschen  erfuhren,  daß  in  einem
fleißigen  Volke  jedes  befriedigte  Bedürfnis  neue  Bedürfnisse  in  unendlicher
Folge  weckt:  die  Nebenstraßen  beschäftigten  fortan  mehr  Pferde  als  früher
die  Hauptstraßen.

Nun  da  die  Macht  des  Raumes  überwunden  ward,  begann  die  Welt
auch  erst  den  Wert  der  Zeit  zu  schätzen,  ja  zu  überschätzen.  Ein  hastiges,

 

*)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.
**)  Otterstedts  Bericht,  23.  Dez.  1837.
        <pb n="605" />
        Erste  Wirkungen  der  Eisenbahnen.  597

atemloses  Treiben  nahm  überhand,  eine  fieberische  Begehrlichkeit  nach
dem  Neuen  und  Unbekannten,  ein  Drang  nach  Genuß  und  Gewinn,  der
von  dem  überspannten  Idealismus  des  älteren  Geschlechts  unheimlich  ab—
stach.  Die  Geselligkeit  verödete.  Je  mehr  die  Zahl  der  Briefe  zunahm,
um  so  dürftiger  wurde  ihr  Inhalt,  und  seit  die  Zeitungen  sich  mehrten,
schrieb  der  gebildete  Mann  fast  nur  noch  Geschäftsbriefe.  Der  anschwel—
lende  Verkehr  wirbelte  alle  Stände  dermaßen  durcheinander,  daß  der
Kastendünkel  sich  kaum  mehr  halten  konnte.  Die  Gesellschaft  demokrati—
sierte  sich,  die  Umgangssprache  ward  kürzer,  geschäftlicher,  aber  auch  grob
und  ungemütlich.  Der  Durchschnittsmensch  empfing  eine  Masse  neuer
Eindrücke  und  Kenntnisse,  doch  je  mehr  sie  sich  drängten,  um  so  weniger
hafteten  sie.  Das  neue  Geschlecht  krankte  an  einer  vielseitigen,  oberfläch—
lichen  Bildung,  an  übersättigung,  Zerstreutheit,  Anmaßung.  Die  großen
Städte  wuchsen  unaufhaltsam,  manche  der  kleinen  sanken,  eine  krampfhafte
Lust  an  den  großstädtischen  Genüssen  verbreitete  sich  weithin  im  Volke,
und  mit  der  Macht  der  Massenkapitalien  stieg  auch  das  Massenelend.

Für  das  zerrissene  Deutschland  war  der  Segen  dieser  neuen  Ver—
hältnisse  doch  ungleich  größer  als  ihre  Nachteile.  Der  schreiende  Wider—
spruch  geistiger  Größe  und  wirtschaftlicher  Armseligkeit  konnte  nicht  fort—
dauern,  ohne  den  Charakter  des  Volkes  zu  gefährden.  Die  werdende  poli—
tische  Macht  des  neuen  Deutschlands  bedurfte  des  Wohlstandes  und  der
kecken  Unternehmungslust,  das  verhockte  und  verstockte  Treiben  der  Klein—
städter  einer  kräftigen  Aufrüttelung.  Der  unwürdige  polizeiliche  Druck,
der  auf  dem  deutschen  Leben  lag,  konnte  weder  durch  Kammerreden  noch
durch  Zeitungsartikel  überwunden  werden,  sondern  nur  durch  die  physische
Macht  eines  aller  Überwachung  spottenden  gewaltigen  Verkehrs.  Seit
man  das  engere  Vaterland  in  drei  Stunden  durchfuhr,  kam  auch  dem
schlichten  Manne  die  ganze  verlogene  Niedertracht  der  Kleinstaaterei  zum
Bewußtsein,  und  er  begann  zu  ahnen,  was  es  heiße,  eine  große  Nation
zu  sein.  Die  Grenzen  der  Stämme  und  der  Staaten  verloren  ihre  trennende
  Macht,  zahllose  nachbarliche  Vorurteile  schliffen  sich  ab,  und  die
Deutschen  erlangten  allmählich,  was  ihnen  vor  allem  fehlte,  das  Glück,
einander  kennen  zu  lernen.  Darum  nannte  der  deutsch-ungarische  Poet
Karl  Beck,  in  dem  Feuilletonstile  der  Zeit,  die  Eisenbahnaktien  „Wechsel
ausgestellt  auf  Deutschlands  Einheit“.  Auch  dem  Auslande  gegenüber  bewährte
  sich  dies  erstarkende  Selbstgefühl.  Die  ersten  Eisenbahnen  wurden
noch  zum  guten  Teile  mit  englischem  Kapital  erbaut.  Nach  und  nach  versuchte
  der  deutsche  Geldmarkt  selbständiger  zu  werden  und,  was  unendlich
mehr  bedeutete,  seit  die  deutschen  Eisenwerke  wohlfeilere  Kohlen  erhielten,
begannen  sie  die  englischen  Schienen  zu  verdrängen.  Erst  durch  die  billigen
Eisenbahnfrachten  gelangte  die  Nation  wirklich  in  Besitz  ihrer  Eisen=  und
Kohlenschätze.  Wieder  einmal  bewährte  sich  das  alte  heilsame  Gesetz  des
historischen  Undanks.  Deutschland  hatte  von  England  gelernt  und  schob
        <pb n="606" />
        598  IV.  8.  Stille  Jahre.

nun,  rasch  erstarkend,  den  Lehrer  zur  Seite.  Große  Fabriken  entstanden,
die  den  Bahnen  ihre  Wagen  und  Maschinen  bauten.  In  Berlin  gründete
der  junge  Schlesier  Borsig,  nachdem  er  eine  Zeitlang  die  Eisengießerei
der  Firma  Egells  geleitet,  eine  Maschinenfabrik  für  den  Bau  von  Loko—
motiven;  mit  50  Arbeitern  begann  er,  nach  wenig  Jahren  beschäftigte
er  ihrer  schon  tausend;  er  wußte,  daß  dem  Mutigen  die  Welt  gehört.
In  Nürnberg  erweiterte  sich  die  kleine  Wagenbauanstalt  der  Fürther
Eisenbahn  zu  der  großen  Fabrik  von  Klett  und  Cramer.  Ein  neuer
Stand  von  Ingenieuren  und  Eisenbahntechnikern  kam  empor,  sehr  reich
an  Talenten,  unternehmend,  stolz  im  Bewußtsein  einer  großen  Kultur—
aufgabe.  Es  war  eine  schöne  friedliche  Arbeit  nationaler  Befreiung;  erst
im  nächsten  Jahrzehnt  sollte  sie  ihre  ganze  Stärke  offenbaren.  —

 

Unter  jeder  großen  Umgestaltung  des  sozialen  Lebens  müssen  einzelne
Klassen  und  Gewerbe  unfehlbar  leiden.  Eben  in  diesen  hoffnungsvollen
ersten  Jahren  des  Zollvereins  und  der  Eisenbahnen  bekundeten  sich  schon
die  Anzeichen  des  beginnenden  Massenelends.  An  dem  allgemeinen  Auf—
schwunge  der  Volkswirtschaft  nahm  auch  das  Kleingewerbe  teil.  Doch
nur  die  Zahl  der  Gehilfen  wuchs  beträchtlich,  die  der  Meister  wenig;  ein
selbständiges  Geschäft  zu  behaupten  ward  bei  dem  verschärften  Wettbewerbe
immer  schwieriger.  Die  Kleingewerbe  der  Seifensieder,  der  Gerber,  der
Töpfer,  der  Handschuhmacher  gingen  schon  zurück,  weil  sie  den  Kampf  mit
den  großen  Fabriken  nicht  aushalten  konnten.  Die  Berliner  Stadtverordneten
  klagten,  daß  die  Kosten  ihrer  Armenverwaltung  in  den  Jahren
1821—38  von  104  000  auf  fast  374  000  Tlr.,  weit  schneller  als  die
Bevölkerung,  gestiegen  seien.  Während  die  höheren  Stände  den  ärmlichen
Gewohnheiten  der  Kriegsjahre  nach  und  nach  entwuchsen,  lebte  der  kleine
Mann  kaum  besser  denn  zuvor;  in  vielen  großen  Städten  nahm  die
Fleischverzehrung  durchschnittlich  ab.  Das  Wachstum  der  Städte  verhalf
  manchem  Hausbesitzer  plötzlich  zu  Reichtum,  doch  die  Mieten,  vornehmlich
  die  kleinen  Wohnungen,  wurden  unerschwinglich.  Großen  Talenten,
  wie  Borsig,  eröffnete  die  junge  Großindustrie  eine  glänzende  Laufbahn;
der  Durchschnitt  der  Arbeiter  aber  befand  sich  in  hilfloser  Lage.  Der  neue
Stand  der  Fabrikanten,  der  sich  soeben  erst  selbst  seine  Stellung  in  der
aristokratischen  alten  Gesellschaft  erobert  hatte,  gebrauchte  seine  Macht  noch
mit  der  ganzen  Rücksichtslosigkeit  des  Emporkömmlings.  Es  waren  die
Tage,  da  die  englischen  Fabrikanten  sich  in  ihren  Versammlungen  gegen
ihre  Arbeiter  geradezu  verschworen,  einen  höchsten  Satz  für  den  Arbeitslohn,
  einen  niedersten  für  den  Preis  der  Waren  untereinander  verabredeten.
  Die  durch  Ricardo  und  Say  im  Geiste  der  reinen  Kapitalsherrschaft
  weitergebildete  Lehre  Adam  Smiths  herrschte  noch  überall;  das  Elend
        <pb n="607" />
        Das  Proletariat.  599

der  Arbeiter  galt  für  ein  unwandelbares  Naturgesetz,  von  Pflichten  der
Arbeitgeber  war  kaum  die  Rede.

Auch  die  Staatsgewalt,  die  in  Preußen  so  oft  schon  durch  ihre  zwin—
gende  Gerechtigkeit  soziale  Mißverhältnisse  ausgeglichen  hatte,  beachtete  diese
neuen  Zustände  noch  wenig;  denn  überall  lebt  der  Staat  langsamer  als
die  Gesellschaft,  er  vermag  ihren  Wandlungen  nur  zu  folgen.  Was  die
Regierung  durch  ihre  Schutzzölle,  ihre  technischen  Lehranstalten,  durch  die
Darlehen  der  Bank  und  der  Seehandlung  für  den  Gewerbfleiß  tat,  kam
unmittelbar  fast  allein  den  Unternehmern  zugute.  Zumal  die  Not  der
Hausindustrie  in  den  Hungergebirgen  Mitteldeutschlands  blieb  den  Blicken
der  Behörden  noch  beinah  ganz  verborgen.  Dort  war  das  Elend  schon  sehr
groß,  Tausende  fleißiger  Menschen  litten  unter  den  unberechenbaren  Preis—
schwankungen  des  Weltmarktes;  in  den  armen  Weberdörfern  am  Landes—
huter  Kamme  ließ  sich  schon  bemerken,  wie  die  durchschnittliche  Lebens—
dauer  von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt  abnahm.  Alle  diese  sozialen  Gefahren
waren  erst  im  Werden;  selbst  in  Englands  unvergleichlich  höher  entwickelter
Industrie  gelangten  die  Arbeiter  erst  nach  dem  Siege  der  Reformbill  auf
den  Gedanken,  eine  eigene  Arbeiterpartei  zu  bilden.  Doch  unverkennbar
nahte  die  Zeit  heran,  da  die  arbeitenden  Massen  durch  den  Druck  un—
verschuldeter  Not  zum  Selbstbewußtsein  erwachen,  ganz  neue  Ansprüche
an  Staat  und  Gesellschaft  erheben  mußten.

Einer  der  ersten,  welche  diesen  Wandel  der  Dinge  erkannten,  war
der  an  guten  Einfällen  allezeit  reiche  Philosoph  Franzvon  Baader  in  München.
Er  veröffentlichte  schon  im  Jahre  1835  eine  Flugschrift  über  „das  Mißverhältnis
  der  Vermögenslosen  oder  Proletairs“  —  so  sagte  er  mit  einem
bezeichnenden  Fremdwort,  denn  seine  besten  Gedanken  schöpfte  er  aus  der
Beobachtung  der  reicheren  Volkswirtschaft  Westeuropas.  Er  sah  voraus,
  daß  die  sozialen  Fragen  für  die  moderne  Welt  bald  noch  mehr  bedeuten
  würden  als  die  politischen,  und  verlangte,  der  Staat  müsse  die
Verhältnisse  der  Arbeiter  ordnen,  nicht  aus  Wohltätigkeit  oder  polizeilicher
Vorsicht,  sondern  um  des  Rechtes  willen;  als  die  berufenen  Vertreter  des
Arbeiterstandes  betrachteteer  freilich,  nach  seiner  katholischen  Weltanschauung,
die  Priester.  Mittlerweile  drangen  auch  die  Ideen  des  französischen  Sozialismus
  langsam  nach  Deutschland  hinüber.  Wie  Heine  eine  Zeitlang
mit  dem  Vater  Enfantin  zusammenging,  so  schrieb  Börne  Beiträge  für
Raspails  sozialistische  Zeitschrift  Le  Rékormateur.  Den  anderen  Jungdeutschen
  mußte  die  bestehende  Eigentumsordnung  schon  darum  widerwärtig
  erscheinen,  weil  sie  die  Ehe  bekämpften  und  überall  Tisch  und  Bett
zusammengehören;  war  doch  bereits  ihr  Liebling  Heinse  in  seinem  Ardinghello
  zu  dem  Ideale  der  Güter=  und  Weibergemeinschaft  gelangt.  Wienbarg
  namentlich  erging  sich  gern  im  Preise  der  „heiligen  Armut“  und
verdammte  die  Aristokratie  des  Reichtums  fast  noch  härter  als  den  Geburtsadel:
  „Alle  Rosen  der  Welt  werden  die  Beute  eines  windigen  Ge-
        <pb n="608" />
        600  IV.  8.  Stille  Jahre.

schlechts  von  Stockjobbern  und  bevorrechteten  Lakaien.“  Solche  Schlagworte
  der  Feuilletons  waren  freilich  nur  Pariser  Reminiszenzen;  sie  verrieten
  mehr  den  ästhetischen  Widerwillen  gegen  die  Prosa  des  Bürgertums
als  eine  durchgebildete  Überzeugung.  Zum  entschiedenen  Sozialismus
bekannte  sich  unter  den  Schriftstellern  des  Jungen  Deutschlands  nur  einer:
Georg  Büchner.

Das  Verständnis  für  den  Ernst  der  sozialen  Frage  war  unter  den
Gebildeten  noch  kaum  erwacht;  wie  ein  Träumer  wurde  der  junge  Referendar
  Schulze  aus  Delitzsch  von  seinen  Amtsgenossen  in  Naumburg  angesehen,
  wenn  er  ihnen  seine  stark  sozialistisch  gefärbten  Ansichten  über  die
Zukunft  des  Arbeiterstandes  vortrug.  Wer  aber  in  die  Tiefen  der  Literatur
  niederblickte,  konnte  nicht  verkennen,  daß  es  zu  Ende  ging  mit  dem
friedlichen  Stilleben  der  arbeitenden  Massen;  denn  allezeit  lassen  sich  die
Wandlungen  des  sozialen  Lebens  aus  den  Werken  jener  kleinen  Schriftsteller,
  welche  nur  die  Meinung  aller  Welt  wiedergeben,  am  sichersten
erraten.  Bisher  hatten  die  Schriftsteller  der  Leihbibliotheken  den  Unterschied
  der  Stände  wenig  beachtet;  nur  die  Mißheirat,  der  natürliche  Liebling
  aller  Putzmacherinnen  und  Ladenfräulein,  bot  allezeit  einen  willkommenen
  Romanstoff.  Wie  anders  jetzt.  Nichts  harmloser  als  die  beliebten,
fromm  gemütlichen  Jugendschriften  des  Dresdner  Schullehrers  Gustav
Nieritz;  und  doch,  welch  ein  tiefer  sozialer  Groll  verbarg  sich  darin:  die
armen  Steindreher  und  Spitzenklöpplerinnen  des  Erzgebirges  vertraten
überall  die  mißhandelte  Tugend,  die  Edelleute  und  Fabrikanten  das  hartherzige
  Laster,  und  fast  schien  es,  als  ob  Reichtum  eine  Sünde  wäre.
So  spiegelte  sich  das  Leben  in  den  Augen  der  bedrückten  kleinen  Leute.
Derber  und  trotziger  redete  Adolf  Glasbrenner  in  seinen  Flugblättern:
„Berlin  wie  es  ist  —  und  trinkt“,  ein  fröhlicher  Gesell,  dem  man  gleich
ansah,  daß  er  wirklich  mit  Spreewasser  getauft  war  und  nicht,  wie  einst
Saphir,  seine  Berliner  Witze  erkünstelte.  Da  tauschten  der  Eckensteher
Nante,  die  Droschkenkutscher,  die  Budiker,  die  Dienstmädchen  ihre  Gedanken
über  Welt  und  Zeit  aus;  die  Politik  berührten  sie  selten,  aber  allen  Widersprüchen
  und  Lächerlichkeiten  des  sozialen  Lebens  gingen  sie  mit  ihren
scharfen  Zungen  zu  Leibe,  dreist,  vorlaut,  aufgeklärt,  immer  feste  auf  die
Weste,  immer  in  der  stolzen  Zuversicht,  daß  der  richtige  Berliner  alles
macht,  was  gemacht  werden  kann.  Der  Witz  ist  jederzeit  demokratisch,  weil
er  alles  gleichstellt.  Das  erstarkende  Selbstgefühl  der  Massen  sprach  aus
diesen  Berliner  Sittenbildern  ebenso  vernehmlich  wie  einst  aus  dem  Eulenspiegel
  und  den  Grobiansschriften  des  Zeitalters  der  Reformation.

Noch  blieb  der  soziale  Friede  überall  ungestört;  nur  die  Pforzheimer
Goldarbeiter  wagten  einmal  (1839)  wegen  Verlängerung  der  Arbeitszeit
einen  Aufruhr,  den  die  Truppen  niederschlagen  mußten.  Was  sich  aber
von  langer  Hand  her  vorbereitete,  das  lehrte  die  Haltung  der  deutschen
Arbeiter  im  Auslande.  Die  große  Mehrzahl  der  deutschen  Handwerks-
        <pb n="609" />
        Mazzini  in  der  Schweiz.  601

burschen  in  Paris  und  der  Schweiz  ging  nach  und  nach  in  das  Lager  des
extremen  Radikalismus  über.  Ein  solcher  Umschwung  ließ  sich  nur  durch
das  soziale  Unbehagen  erklären,  da  politische  Sorgen  diese  Volksschichten
wenig  bekümmern.  Handwerksgesellen  bildeten  den  Stamm  des  Jungen
Deutschlands,  das  sich  im  Jahre  1834  mit  Mazzinis  Jungem  Europa
förmlich  verbrüderte  und  den  Wahlspruch  führte:  Freiheit,  Gleichheit,  Humanität.
  Mazzini  selbst  stand  freilich  auf  einer  Höhe,  welche  die  Blicke  der
kleinen  Leute  kaum  erreichen  konnten.  Sein  leitender  Gedanke  war  die
Idee  der  Nationalität,  und  weil  er  diese  lebendige  Macht  des  neuen  Jahrhunderts
  mit  Leidenschaft  ergriff,  darum  wirkte  er  tiefer,  dauerhafter  als
alle  anderen  Demagogen  des  Zeitalters.  Er  sagte  sich  feierlich  los  von
dem  Weltbürgertum  der  alten  Carbonari  und  ihrer  Pariser  Hohen  Venta.
In  der  Schrift  Foi  et  Avenir,  die  er  zur  Antwort  auf  die  französischen
Septembergesetze  (1835)  erscheinen  ließ,  verherrlichte  er  zwar  den  Aufruhr,
den  Kampf  bis  aufs  Messer  wider  die  bestehenden  Gewalten,  den  Bund
der  Unterdrückten  gegen  die  Unterdrücker;  aber  nicht  die  Menschenrechte
der  Jakobiner  sollten  den  Bürger  begeistern,  sondern  der  Gedanke  der
Pflicht,  der  Hingebung,  des  Martyriums  für  das  Vaterland;  nicht  die
individualistische  Demokratie  von  1789  sollte  die  Freiheit  verwirklichen,
sondern  ein  soziales  Regiment,  das  jede  Menschenkraft  in  den  Dienst  des
Volkes,  des  Königs  der  Zukunft  zwinge.  Die  französische  Revolution  erdrückt
  uns,  so  rief  er  aus,  wir  äffen  bisher  nur  dem  Gebaren  unserer
Bäter  nach  und  müssen  uns  als  religiöse  Partei  wieder  erheben;  „wir
glauben  an  die  heilige  Allianz  der  Völker,  wir  glauben  an  die  Freiheit
und  Gleichheit  der  Völker,  wir  glauben  an  die  Nationalität,  das  Gewissen
der  Völker,  wir  glauben  an  das  heilige  Vaterland.  Glauben  und  Tat!
Uns  gehört  die  Zukunft!“  Dies  mystische  Evangelium  der  Verbrüderung
gleichberechtigter  Völker  drang  in  mannigfachen  Bearbeitungen  weithin
durch  die  Welt  und  entflammte  nicht  bloß  die  Italiener,  sondern  auch  die
unfertigen  Nationen  des  Ostens,  Magyaren,  Tschechen,  Serben,  Rumänier.

Als  Mittel  zum  Zweck  hieß  Mazzini  jede  Aufwiegelung  willkommen;
er  hatte  nichts  dawider,  wenn  die  Gebildeten  unter  den  deutschen  Flüchtlingen,
  die  sich  in  Biel  und  Zürich  zusammenfanden,  ihre  Landsleute  aus
dem  Handwerkerstande  durch  rohe  Brandschriften  bearbeiteten.  Es  waren
meist  alte  Burschenschafter  aus  der  Schule  der  Unbedingten:  der  Göttinger
Rauschenplatt,  der  Frankfurter  Sauerwein,  dann  der  Braunschweiger  Fein
und  der  Hesse  Karl  Becker,  beide  berühmt  als  cynische  Weltweise,  denen
das  Waschbecken  und  die  Seife  ebenso  verächtlich  schienen  wie  das  Halstuch
  und  die  Weste.  Auch  der  Bundestagsdieb  Gustav  Kombst  fand  sich
ein  und  erklärte,  ganz  im  Geiste  Follens:  wir  Revolutionäre  benutzen  jedes
Mittel,  was  unserer  Überzeugung  nicht  widerspricht.  In  diesen  Kreisen
entstand  eine  Zeitschrift  „das  Nordlicht“,  deren  Sprache  an  Deutlichkeit
nichts  zu  wünschen  übrig  ließ:  „Ihr  Arbeiter,  Handwerker  und  Bauern,
        <pb n="610" />
        602  IV.  8.  Stille  Jahre.

ihr  seid  der  Kern  des  Volkes.  Schüttelt  sie  ab,  die  Fesseln,  die  arbeitsscheue
  Müßiggänger  euch  schmiedeten.  Der  eine  kommt  ebensowenig  mit
Stiefeln  und  Sporen  zur  Welt,  wie  die  anderen  mit  Sattel  und  Zaum.
Nur  Vorurteil  und  Willkür  schaffen  Herren  und  Knechte.  Der  Fürst
führt  nicht  weniger  seinen  Steiß  bei  sich  als  die  anderen.“  Ein  massenhaft
  verbreitetes  Gedicht  „Hundert  deutsche  Handwerker“,  mit  dem  Bilde
eines  Gehenkten  auf  dem  Umschlage,  führte  der  Reihe  nach  die  Handwerker
  vor,  wie  sie  bereit  standen,  jeder  mit  seinem  Werkzeuge,  die  Fürsten
  einzusperren,  zu  hängen,  zu  köpfen:

Ich  bin  der  Hufschmied  Kilian,

Werd'  einen  Käfig  schmieden,

Drein  man  die  Fürsten  setzen  kann,

Wenn  sie  vom  Thron  geschieden.

Das  sei  die  Volksmenagerie

Der  aufgelösten  Monarchie.
Wehmütiger  erklang  der  Galgenhumor  in  dem  „Liede  der  Verfolgten“
des  gutmütigen,  verbummelten  Dichterleins  Sauerwein:

Wenn  die  Fürsten  fragen:

Was  macht  Absalon?

Lasset  ihnen  sagen:

Ei,  der  hänget  schon  —

Doch  an  keinem  Baume

Und  an  keinem  Strick,

Sondern  an  dem  Traume

Einer  Republik

Nichts  blieb  ihm  auf  Erden

Als  Verzweiflungsstreich'

Und  Soldat  zu  werden

Für  ein  freies  Reich.

Gebt  nur  eure  großen

Purpurmäntel  her.

Das  gibt  gute  Hosen

Für  das  Freiheitsheer.

Eine  Flugschrift  „Geisterstimme  der  Gemordeten  an  Fränzchen,  Fritzchen,
  Nickel  und  deren  Verbündete“  rechnete  den  Deutschen  die  300  oder
600  Mill.  fl.  ihrer  Staatsausgaben  vor  —  Genaueres  wußte  der  gesinnungstüchtige
  Statistiker  nicht  anzugeben:  „Der  Engländer  zahlt  seine
Weltherrschaft,  seine  Freiheit,  der  Franzose  seinen  Ruhm,  seine  Gleichheit,
der  Deutsche  seine  Knechtschaft  und  seine  Schande.  Das  ist  der  Unterschied.“
  Durch  seine  geckenhafte  Prahlerei  tat  sich  unter  den  Verschwörern
der  Nordfriese  Harro  Harring  hervor;  er  nannte  sich  „Rebell  aus  Überzeugung“,
  verachtete  Goethe  als  den  „besternten  Hofkoloß  der  Poesie“  und
bezeichnete  in  der  Vorrede  einer  seiner  zahlreichen  Gedichtsammlungen  seine
eigene  historische  Stellung  also:  „Die  deutsche  Bewegungspartei  besteht
jetzt  aus  Studenten  und  Handwerksburschen,  und  der  Sänger  dieser  Zeit-
        <pb n="611" />
        Deutsche  Flüchtlinge  in  der  Schweiz.  603

periode  ist  Harro  Harring.“  Ihm  verdanken  die  Flüchtlinge  das  vielge—
sungene  Lied:

Dreiunddreißig,  Vierunddreißig,

Seid  auf  euren  Kopf  bedacht,

Wenn  das  Volk  einst  grimm  und  beißig

Der  Geduld  ein  Ende  macht!

Das  Treiben  wurde  so  zuchtlos,  daß  der  besonnene  Karl  Mathy,  den
die  Torheit  der  badischen  Demagogenverfolger  auch  in  die  Schweiz  ver—
schlagen  hatte,  sich  bald  ganz  zurückzog.  Mathy  schrieb  als  Flüchtling  eine
ruhig  und  sachlich  gehaltene  Preisschrift  über  die  Aufhebung  des  Zehnten,
und  pries  sich  glücklich,  als  er  in  einer  Lehrerstelle  bei  Solothurn  vor—
läufig  eine  friedliche  Unterkunft  fand.

Den  vertriebenen  Polen  war  mit  den  frechen  Worten  nicht  genug
getan;  sie  brüteten  über  neuen  Aufstandsplänen,  und  obgleich  sie,  be—
fangen  in  der  phantastischen  Selbsttäuschung  der  Flüchtlinge,  ihre  Macht
stark  überschätzten,  so  vermochten  ihre  tollen  Anschläge  den  Nachbarstaaten
doch  ernste  Ungelegenheiten  zu  bereiten.  In  diesem  Jahrhundert  der  bürger—
lichen  Kämpfe  war  der  Bestand  eines  gastfreien  Staates,  der  allen  ge—
schlagenen  Parteien  ein  Asyl  bot,  eine  europäische  Notwendigkeit.  Wenn
die  Schweiz  ihre  Neutralität  gewissenhaft  einhielt  und  den  Flüchtlingen
jedes  feindselige  Unternehmen  gegen  die  Nachbarn  streng  untersagte,  so
konnte  sie  in  der  neuen  Staatengesellschaft  eine  ebenso  würdige  Rolle
spielen  wie  einst  die  Republik  der  Niederlande  im  Zeitalter  der  Religions—
kriege.  Allein  für  diese  Ehrenpflicht  der  Eidgenossen  zeigte  die  radikale
Partei,  die  in  der  Tagsatzung  herrschte,  keinen  Sinn;  vergeblich  mahnten
Neuenburg  und  die  anderen  konservativen  Kantone  an  die  Wiener  Ver—
träge.  Im  Jahre  1834  unternahmen  einige  hundert  Flüchtlinge,  ge—
führt  von  dem  polnischen  General  Ramorino,  einen  Einbruch  in  Savoyen;
auch  mehrere  Deutsche  waren  mit  im  Haufen,  so  der  allezeit  wagelustige
Rauschenplatt  und  die  Gebrüder  Breidenstein.  Die  Empörung  wurde  rasch
niedergeworfen,  aber  ohne  die  Pflichtvergessenheit  der  schweizerischen  Be—
hörden  hätte  sie  gar  nicht  beginnen  können.  Währenddem  kamen  bedenk—
liche  Nachrichten  über  verdächtige  Bewegungen  an  der  deutschen  Grenze.
Bayern  und  Baden  fürchteten  einen  Handstreich  und  trafen  Vorsichts—
maßregeln;  ihre  Besorgnisse  mochten  übertrieben  sein,  grundlos  waren  sie
nicht.)  Auf  einer  Versammlung  der  deutschen  Arbeiter  im  Steinhölzli
bei  Bern  wurden  die  Fahnen  der  süddeutschen  Staaten  in  den  Kot  gestampft
  und  das  schwarzrotgoldene  Banner  feierlich  emporgehoben,  während
  die  Menge  sang:

Den  Kopf,  der  frech  sich  aus  dem  Vokk  erhebt,
Den  trifft  des  Volkes  Beil.

 

*7)  Erlaß  des  bad.  Ministers  Winter  an  die  Kreisregierungen,  28.  April;  Dönhoffs
Bericht,  München,  3.  April  1834.
        <pb n="612" />
        604  IV.  8.  Stille  Jahre.

Unmöglich  konnten  die  Nachbarstaaten  ruhig  zuwarten,  bis  diese  wüsten
Gesellen  einen  neuen  Ausfall  wagten.  Da  der  Wiener  Hof  für  die  Sicher—
heit  der  Lombardei  fürchtete,  so  erhob  zunächst  der  österreichische  Gesandte
Graf  Bombelles  Beschwerde  und  erwarb  sich  dadurch  bei  den  Flüchtlingen
den  Beinamen  des  neuen  Geßlers.  Dann  verlangte  der  Deutsche  Bundes—
tag  durch  eine  auf  den  Wiener  Ministerkonferenzen  sorgfältig  vorberatene
Note*)  die  Ausweisung  aller  der  Deutschen,  welche  mittelbar  oder  unmittelbar
  die  Ruhe  der  Bundesstaaten  zu  stören  suchten  (6.  März).  Die
Tagsatzung  gab  eine  ausweichende  Antwort;  die  Schweizer  Radikalen  tobten
wider  die  Tyrannen,  am  lautesten  der  Berner  Professor  L.  Snell,  der
vor  Jahren  dem  Kreise  der  Unbedingten  nahe  gestanden  und  mittlerweile
das  Schweizer  Bürgerrecht  erworben  hatte.  Ihm,  wie  so  vielen  anderen
verlorenen  Söhnen  Deutschlands,  gereichte  es  immer  zur  Freude,  wenn
er  sein  altes  Nest  beschmutzen  konnte.  In  einer  hochpathetischen  Schrift
„das  verletzte  Völkerrecht  an  der  Eidgenossenschaft“  schilderte  er  den  Kampf
der  freien  Schweiz  wider  die  heilige  Allianz:  denn  daß  die  Eidgenossen
selber  der  Heiligen  Allianz  angehörten,  war  diesem  Völkerrechtslehrer  ganz
unbekannt.  Ich  könnte,  so  rief  er  aus,  in  einem  großen  Königreiche  ein
reicher  und  angesehener  Sklave  sein,  aber  ich  habe  meine  Menschenwürde
in  die  Republik  gerettet;  in  der  Monarchie  ist  die  erste  Pflicht  des  Menschen
  zu  schweigen,  in  einem  freien  Lande  soll  er  seine  Stimme  erheben
—  und  was  der  Großsprecherei  mehr  war.  Auch  Lord  Palmerston  versuchte
durch  ein  Rundschreiben  an  die  deutschen  Höfe  sich  in  diese  Händel  einzumischen.
  Das  Verhalten  der  Schweiz  wagte  er  selbst  nicht  zu  verteidigen,
  da  sie  so  offenbar  unrecht  hatte,  er  warnte  die  Deutschen  nur  vor
Zwangsmaßregeln;  dann  ließ  sich  hoffen,  daß  der  angenehme  Unfrieden
an  der  Schweizer  Grenze  noch  recht  lange  währte.)

Der  Bundestag  ließ  sich  nicht  beirren.  Er  erneuerte  seine  Forderungen
  in  einer  schärferen  Note  (1.  Mai);  auch  ÖOsterreich  und  die  süddeutschen
  Grenznachbarn  wiederholten  ihre  Beschwerden.  Der  badische
Geschäftsträger  Dusch,  der  diese  Schriftstücke  überbrachte,  mußte,  obwohl
den  Schweizern  wohlgesinnt,  eine  sehr  scharfe  Sprache  führen.  Zugleich
wurde  an  der  Grenze  eine  strenge  Bewachung  angeordnet,  und  im  Notfall
  wollte  man  sogar  die  Handelssperre  verkündigen.  )  Da  entfiel  der
Tagsatzung  der  Mut.  Sie  schickte  eine  Gesandtschaft  nach  Chambery,  um
sich  vor  dem  tiefbeleidigten  Könige  Karl  Albert  zu  entschuldigen,  und  erwiderte
  dem  Deutschen  Bunde  (24.  Juni),  daß  sie  alle  Flüchtlinge,  welche
die  Ruhe  anderer  Staaten  störten,  hinwegweisen  werde.  Dem  Wiener

 

*)  Brockhausens  Berichte,  25.,  28.  Febr.;  Ancillon  an  Brockhausen,  7.  März  1834.
*“)  Dönhoffs  Bericht,  27.  April  1834.
**“)  Brockhausens  Berichte,  29.  März,  17.  Mai;  Brockhausen  an  Olfers  in  Bern,
6.  Juni  1834.
        <pb n="613" />
        Die  Schweizer  Flüchtlingshatz.  605

Hofe  beteuerten  der  Vorort  Zürich  und  der  Kanton  Bern  ihre  guten
Vorsätze  in  einem  Tone,  welcher  sehr  wenig  republikanischen  Stolz  verriet.)
  Nun  begann  die  berüchtigte  Schweizer  „Flüchtlingshatz“.  Nach  Lust
und  Laune,  wie  es  den  geängsteten  Kantonalbehörden  gerade  einfiel,  wurden
  die  Flüchtlinge,  schuldige  und  unschuldige,  verhört,  eingesperrt,  unter
Aussicht  gestellt,  ihre  Habe  durchsucht,  ihre  Briefe  erbrochen;  selbst  manche
Schweizerbürger  griff  man  mit  auf,  und  Mathy  gestand  ehrlich,  in  Deutschland
  pflege  man  mit  den  Demagogen  menschlicher  umzugehen.  Die  beiden
Breidenstein  und  viele  andere  mußten  die  Schweiz  verlassen.  Auch  Rauschenplatt
  zog  grimmig  von  dannen;  der  tatendurstige  kleine  Mann  hatte
in  jüngster  Zeit  noch  versucht,  in  dem  Baseler  Judendörfchen  Dipflingen
unter  dem  Schatten  eines  mächtigen  Freiheitsbaumes  eine  unabhängige
Republik  einzurichten.

Eine  so  planlose  und  willkürliche  Verfolgung  konnte  die  Ordnung
nicht  herstellen.  Die  Mehrzahl  der  Flüchtlinge,  sogar  viele  der  Genossen
des  Savoyerzuges  blieben  im  Lande;  in  Zürich,  Bern,  Genf,  Lausanne,
Liestal  entstanden  deutsche  Lesevereine,  welche  die  Handwerksburschen  in  die
Lehren  des  Radikalismus  einführten,  die  geheime  Presse  unterstützten  und
den  „Brüdern“"  daheim  in  vertrauten  Briefen  ankündigten,  daß  „der  große
Volksschmaus  losgehen“  werde.  Mehrere  Jahre  hindurch  mußten  die  deutschen
  Garnisonen  in  der  Nähe  des  Bodensees  beständig  auf  einen  neuen
Ausfall  der  polnischen  Legion  gefaßt  bleiben.*)  Der  Depeschenwechsel  mit
der  Tagsatzung  wurde  sehr  widerwärtig;  denn  die  aristokratische  alte
Schweiz  hatte  immer  auf  würdige  Formen  gehalten,  die  Sprache  der  neuen
Demokratie  schwankte  zwischen  Kleinmut  und  plumper  Grobheit.  *“)  Der
Bundestag  half  sich  nach  seiner  Weise  durch  törichte  Verbote.  Er  untersagte
  den  Besuch  der  beiden  neuen  Universitäten  Bern  und  Zürich;  und
allerdings  waren  sogleich  einige  der  eifrigsten  deutschen  Demagogen,  Siebenpfeiffer,
  Hundeshagen,  Snell  auf  die  Berner  Lehrstühle  berufen  worden.
Er  untersagte  den  Handwerksburschen  nach  solchen  Ländern  zu  wandern,
wo  politische  Arbeiterbünde  bestünden  (1835);  aber  die  Ausführung  blieb
den  Einzelstaaten  überlassen,  und  Baden  sah  sich  zu  Metternichs  Entrüstung
  bald  genötigt,  seinen  Handwerkern  den  unentbehrlichen  Verkehr
mit  den  Schweizer  Nachbarn  wieder  freizugeben.  )

Da  man  sich  auf  die  Behörden  der  Eidgenossen  nicht  verlassen  konnte,
so  unterhielt  Osterreich  in  der  Schweiz  eine  Menge  geheimer  Agenten,  die
auch  den  Bundestag,  den  badischen  und  andere  deutsche  Höfe  mit  zweifel- 



*)  Schreiben  des  Regierungsrates  von  Bern,  21.  Nov.,  des  Vororts  Zürich
27.  Nov.  1834,  an  den  Geschäftsträger  Effinger  in  Wien.
**“)  Berichte  von  Frankenberg,  7.  Februar,  22.  Juni;  von  Dönhoff,  7.  Februar,
4.  März  1835
*  #)  Blittersdorff  an  Frankenberg,  30.  Juli  1838.
1)  Frankenbergs  Bericht,  5.  Aug.  1835.
        <pb n="614" />
        606  IV.  8.  Stille  Jahre.

haften  Nachrichten  versorgten?),  und  eifrig  suchten  die  gehetzten  Flüchtlinge
nach  Verrätern  im  eigenen  Lager.  Welch  ein  Lärm,  als  ein  jüdischer
Student  Lessing  aus  der  Mark  im  Jahre  1835  zu  Zürich  ermordet  wurde,
ein  gemeiner  Mensch,  der  sich  unter  den  Geheimbündlern  umhertrieb  und
bei  vielen  für  einen  Späher  galt.  Die  von  dem  Züricher  Gerichte  musterhaft
  schlecht  geführte  Untersuchung  brachte  kein  Ergebnis.  Sie  erwies  weder,
daß  Lessing  ein  preußischer  Spion  gewesen,  noch  daß  er  politischer  Rachsucht
zum  Opfer  gefallen  war;  manche  Anzeichen  deuteten  vielmehr  auf  ein  gemeines
  Verbrechen,  der  Leichnam  war  beraubt,  in  der  Nähe  eines  verrufenen
Hauses  aufgefunden  worden.  Trotzdem  behaupteten  die  Schweizer  Zeitungen
  und  zahlreiche  Flugschriften  mit  der  höchsten  Zuversicht,  die  teuflischen
  Anschläge  der  preußischen  Regierung  lägen  nunmehr  klar  zu  Tage.
Auch  mit  Frankreich  geriet  die  Tagsatzung  in  Streit,  als  Prinz  Ludwig
Napoleon  den  Aufruhr  in  Straßburg  versucht  hatte  und  dann,  zur  Auswanderungnach
  Amerika  begnadigt,  gleichwohl  in  sein  schweizerisches  Schlößchen
  Arenenberg  zurückgekehrt  war  (1838).  Der  Bürgerkönig  verlangte
sofort  seine  Entfernung  und  ließ  schon  Truppen  an  der  Ostgrenze  zusammenziehen.
  Osterreich,  Preußen,  Baden  unterstützten  Frankreichs  Forderung?),
während  die  Schweizer  Presse  wieder  einmal  mit  Tell  und  Winkelried
prahlte  und  den  Tyrannen  versicherte:  „Königsblut  und  Bauernblut,  es
ist  beides  gleich  rot.“  Der  kluge  Prätendent  aber  wartete  gemächlich  ab,
bis  diese  diplomatische  Zwistigkeit  seinen  Namen  wieder  in  den  Mund  der
Leute  gebracht  hatte;  dann  ging  er  nach  England  und  erklärte  der  Tagsatzung
  in  einem  großmütigen  Briefe,  er  wolle  nicht  durch  längeres  Verweilen
  die  Sicherheit  seiner  zweiten  Heimat  gefährden.  Also  blieb  das
Verhältnis  zwischen  Deutschland  und  der  Schweiz,  durch  die  Schuld  beider
  Teile,  lange  sehr  unerquicklich;  die  deutschen  Höfe  zeigten  übermäßige
Angstlichkeit,  die  Eidgenossen  wenig  Treue  in  der  Erfüllung  ihrer  Vertragspflichten.


Unter  den  13  000  Flüchtlingen  aller  Länder,  die  in  Frankreich  zusammengeschneit
  waren,  spielten  die  Deutschen  nur  eine  bescheidene  Rolle,
obgleich  sie  die  Bildung  revolutionärer  Geheimbünde  fast  so  eifrig  wie  die
Polen  betrieben.  Als  der  Hambacher  Preßverein  in  Paris  durch  die  französische
  Regierung  aufgelöst  wurde,  entstand  sogleich  der  Bund  der  Geächteten,
  der  „den  Hambacher  Geist“  unter  neuen  Formen  pflegen  sollte.
Er  zerfiel,  nach  dem  Vorbilde  der  Carbonari,  in  „Zelte“  von  je  fünf
Mitgliedern;  die  Eingeweihten  bildeten  „den  Berg“,  an  der  Spitze  des
Ganzen  stand  der  Pariser  „Brennpunkt“.  Durch  die  aus  Paris  heimgekehrten
  Handwerker  wurden  auch  in  Berlin,  Frankfurt,  Mainz,  in  vielen
anderen  Städten  Mitteldeutschlands  Zelte  errichtet;  die  preußischen  Be- 



*)  Türckheim  an  Frankenberg,  19.  März,  16.  Juli  1835.
**)  Blittersdorff  an  Frankenberg,  30.  Juli  1838.
        <pb n="615" />
        Die  Geächteten  in  Paris.  607

hörden  glaubten,  es  gebe  ihrer  zweihundert.)  Metternich  pflegte  die  Demagogen
  jetzt  nur  noch  die  Alten  vom  Berge  zu  nennen,  und  allerdings,
wer  die  Programme  dieser  Geheimbündler  wörtlich  nahm,  konnte  nicht  bezweifeln,
  daß  sie  auf  den  Fürstenmord  und  die  allgemeine  Revolution  ausgingen.


Das  „Glaubensbekenntnis  eines  Geächteten“  und  dessen  Umschreibung,
  „die  Erklärung  der  Menschen=  und  Bürgerrechte“  begannen  mit
dem  Satze:  „Der  Herr  schuf  alle  Menschen  nach  seinem  Bilde,  er  schuf
sie  alle  gleich.  Sonach  bleibt  nur  die  demokratische  Republik  übrig.“  Sie
verherrlichten  den  Widerstand,  der  die  Unterdrücker  zu  Boden  schlage,  als
„die  heiligste  und  dringendste  Pflicht  der  Bürger“  und  sagten  schon,  freilich
  nur  in  bescheidenen  Andeutungen:  die  Gleichheit  der  Rechte  fordere
auch  „Annäherung  der  Gleichheit  in  den  äußeren  Verhältnissen“,  also
Steuerfreiheit  der  kleinen  Leute,  Progressivsteuer,  öffentliche  Unterstützung
der  Arbeiter.  Zu  den  Mitgliedern  zählte  auch  der  Student  Carl  von  Bruhn,
in  späteren  Jahren  ein  eifriger  Genosse  Lassalles.  Die  Zeitschrift  des  Vereins
  „Der  Geächtete“  wurde  von  Jakob  Venedey  herausgegeben,  der  selber
nicht  der  extremen  Richtung  der  Demokratie  angehörte,  aber  nach  der  Weise
beschränkter  Köpfe  jedes  rohe  Wort  seiner  Mitarbeiter  willkommen  hieß.
Er  glaubte,  wie  sein  Abgott  Börne,  die  Vaterlandsliebe  durch  unbändiges
Schimpfen  betätigen  zu  müssen:  „Deutschland  war  seit  Jahrhunderten
das  Land,  von  dem  die  Sklaverei  über  Europa  ausging,  und  es  ist  noch
heute  also.“  An  der  Knechtschaft  der  Polen,  der  Ungarn,  der  Italiener,
sogar  der  Griechen  und  Spanier  sollten  allein  die  Deutschen  schuld  sein;
doch  „die  unendliche  Staatsschuld  wird  abgetragen  und  die  Schande  Deutschlands
  gesühnt,  gerächt  werden“.  So  wunderbar  hatten  sich  die  Zeiten
geändert:  diesem  neuen  Burschenschafter  erschien  der  Befreiungskrieg  als
eine  Narrheit;  mit  wütenden  Schmähungen  schalt  er  auf  Arndt  und  die
anderen  Freiwilligen  von  1813,  die  jetzt  nur  Knechte  des  Absolutismus
seien.

In  dem  nichtsnutzigen  Müßiggange  dieses  Verschwörerlebens  konnten
persönliche  Zänkereien  nicht  ausbleiben.  Nicht  lange,  so  sonderte  sich  von
dem  Bunde  der  Geächteten  ein  Bund  der  Gerechten  ab,  nachher  noch  ein
Bund  der  Deutschen  und  ein  Bund  der  Kommunisten.  Um  das  Jahr
1836  ging  einer  der  Genossen,  Schapper,  nach  London  und  stiftete  dort
den  radikalen  Arbeiterverein,  der  noch  heute  als  Brutnest  der  Sozialdemokratie
  besteht.  Das  Junge  Deutschland  verlegte  seinen  Hauptsitz  aus
der  Schweiz  ebenfalls  an  die  Themse,  und  da  England  alle  politischen  Verschwörungen
  gegen  das  Ausland  grundsätzlich  unverfolgt  ließ,  so  entstand
dort  nach  und  nach  noch  eine  Anzahl  anderer  deutscher  Geheimbünde,  die  mit
Mazzinis  Jungem  Italien,  mit  der  französischen  Gesellschaft  der  Menschen- 



*)  Mühlers  Denkschrift  über  den  Bund  der  Geächteten,  12.  Nov.  1840.
        <pb n="616" />
        608  IV.  8.  Stille  Jahre.

rechte,  der  Demokratischen  Gesellschaft  der  Polen  im  Verkehr  blieben.)
Machtlos  für  den  Augenblick,  wurden  die  Geheimbündler  doch  für  die  Zukunft
  bedeutsam;  ihre  langjährige,  still  wühlende  Arbeit  half  die  Aufstände
des  Jahres  1848  vorbereiten.

Mittlerweile  zogen  einzelne  anschlägige  Köpfe  aus  der  Lehre  der  unbedingten
  Gleichheit  schon  die  letzten,  den  Begierden  der  Masse  einleuchtenden
  Folgerungen.  Bereits  zur  Zeit  der  Juli-Revolution  hatte  der  erfindungsreiche
  Techniker  Hall  —  derselbe,  der  in  späterer  Zeit  durch  das
Gallisieren  des  Weines  bekannt  wurde  —  den  Plan  entwickelt,  die  Macht
des  großen  Kapitals  durch  die  Assoziation  des  kleinen  zu  bekämpfen.  Seine
Worte  verhallten  noch  ungehört.  Ganz  anderen  Anklang  fand  nachher
der  erste  Apostel  des  reinen  Kommunismus  im  neuen  Deutschland,  der
Schneider  Wilhelm  Weitling.  Der  war  zu  Magdeburg  in  den  gedrückten
Verhältnissen  des  kleinen  Handwerks  aufgewachsen;  dann  fügte  es  der
Humor  des  Schicksals,  daß  der  hübsche,  gescheite  Schneidergesell  im  Liebeswettstreit
  um  ein  Mädchen  einen  Erzherzog  ausstach.  So  lernte  er  die
Schwächen  und  die  Rachsucht  der  Mächtigen  der  Erde  aus  der  Nähe  kennen.
In  Paris  ward  er  in  die  Lehren  Cabets  und  Fouriers  eingeweiht  und
ging  alsdann  in  die  Schweiz,  um  die  deutschen  Arbeiter  zu  entflammen.
Sein  Büchlein  „Die  Menschheit  wie  sie  ist  und  wie  sie  sein  sollte“  (1838)
war  auf  Fassungskraft  und  Neigung  der  Massen  wohl  berechnet  und  nicht
ohne  Begeisterung  geschrieben,  obgleich  das  gute  Essen  und  Trinken  unter
seinen  Zukunftsidealen  einen  unbillig  breiten  Raum  einnahm.  Ausgehend
von  der  apostolischen  Einfachheit  des  ältesten  Christentums  versicherte  er
kurzab:  „reich  und  mächtig  sein  heißt  ungerecht  sein“  und  forderte  zum
Besten  der  Arbeiter,  „der  nützlichsten  Menschen  des  Erdbodens,  den  Zustand
  der  gesellschaftlichen  Gleichheit,“  dergestalt,  daß  selbst  die  beiden
Geschlechter  gleich  erzogen  würden.  In  fünf,  späterhin  in  drei  täglichen
Arbeitsstunden  sollte  die  Gesellschaft  ihre  gemeinsamen  Aufgaben  erledigen;
indes  stand  jedem  frei,  sich  durch  außerordentliche  Arbeiten,  durch  „Kommerzstunden“
  noch  besondere  Genüsse  zu  verschaffen.  So  werde  „die  Welt
sich  in  einen  Garten  und  die  Menschheit  in  eine  Familie  verwandeln“.  So
liebliche  Bilder  mußten  wohl  manchen  beladenen  kleinen  Mann  betören;
der  Prophet  redete  scheinbar  ganz  harmlos  und  vermied  die  Frage,  wie
der  große  Umsturz  möglich  werden  solle.

Auch  die  Auswanderung  nach  Nordamerika  wurde  durch  den  Unfrieden
der  Revolutionsjahre  mächtig  gefördert.  In  dem  Jahrzehnt  bis  1840
nahmen  die  Vereinigten  Staaten  etwa  182  000  deutschredende  Auswanderer
  auf,  zwölfmal  mehr  als  im  vergangenen  Jahrzehnt;  die  Jahresziffer
sank  seit  1832  nicht  mehr  unter  10  000,  im  Jahre  1840  stieg  sie  auf

 

*)  Hans  (d.  h.  Kand.  Curtmann  aus  Hessen)  an  Rauschenplatt,  London,  29.  September
  1836.  Polizeibericht  aus  London  an  die  Bundeszentralbehörde,  18.  Aug.  1837.
        <pb n="617" />
        Weitling.  Amerikanische  Auswanderung.  609

34000  Köpfe.  Manchen  dieser  Heimatlosen  fiel  ein  trauriges  Los,  und
fast  alle  erprobten  die  Wahrheit  des  Sprichworts:  Niemand  hat  in  Amerika
Erfolg,  ehe  er  sein  letztes  europäisches  Geld  verloren  hat.  Aber  die  Enttäuschten
  schwiegen  aus  Scham,  während  die  Glücklichen  mit  dem  ganzen
Stolze  der  selfmade  men  ihre  Erfolge  den  daheimgebliebenen  Verwandten
anzupreisen  pflegten.  Es  gibt  im  Völkerleben  Zeiten  der  Seßhaftigkeit,
und  wieder  andere,  in  denen  der  Wandertrieb  wie  eine  dunkle  elementarische
  Macht  auf  das  Gemüt  der  Menschen  wirkt.  Wie  einst  das  Lied
„Naar  Oostland  wille  wi  varen“  verführerisch  durch  die  Dörfer  Flanderns
  klang,  so  träumten  jetzt  Unzählige  von  dem  märchenhaften  Glück,
das  jenseits  des  großen  Wassers  jedem  Tüchtigen  winken  sollte;  und  so
wenig  nüchterne  Belehrung  die  Kreuzfahrer  von  der  heiligen  Reise  zurückhalten
  konnte,  ebensowenig  vermochten  jetzt  Vernunftgründe  gegen  die
unbestimmte  Sehnsucht  nach  dem  Westen.  Einem  Volke  ohne  durchgebildete
  Staatsgesinnung,  das  in  der  Staatsgewalt  nur  den  polizeilichen
Dränger  und  Vormund  sah,  mußte  diese  junge  Welt,  wo  man  den  Staat
kaum  bemerkte,  unwiderstehlich  verlockend  erscheinen.

Dort  in  der  Fremde  erfuhren  die  Deutschen  täglich,  wie  stark  die
innere  Einheit  unseres  Volkstums  ist.  Alle  Auswanderer  deutscher  Zunge,
auch  die  Elsaß-Lothringer,  die  Schweizer,  die  Osterreicher  schlossen  sich
unwillkürlich  als  Landsleute  aneinander,  während  die  Schotten  und  Iren
den  Engländern  fern  blieben.  Die  politischen  Flüchtlinge  aus  den  höheren
Ständen  waren  ihre  natürlichen  Führer;  unverkennbar  hob  sich  ihr  Bildungsstand
  und  ihr  Ansehen  unter  den  Eingeborenen.  Von  den  Gießener
Radikalen  kamen  Paul  Follen  und  Friedrich  Münch,  ein  grundehrlicher
Mann  von  ungewöhnlicher  Tatkraft;  von  den  Frankfurter  Verschwörern
Gustav  Körner  und  die  beiden  Bunsen;  aus  der  Pfalz  die  angesehenen
Geschlechter  Hilgard  und  Engelmann.  J.  G.  Wesselhöft,  aus  der  Thüringer
  Burschenschafterfamilie,  ließ  in  Philadelphia  das  größte  deutsche
Blatt  der  Union,  „Die  alte  und  die  neue  Welt“  erscheinen.  Im  fernen
Westen,  wo  die  Deutschen  sich  besonders  zahlreich  angesiedelt  hatten,  gab
ein  anderer  Jenenser  Burschenschafter,  W.  Weber,  eine  deutsche  Zeitung
heraus,  die  den  Lynchgerichten,  der  Mißhandlung  der  Neger  und  anderen
Sünden  amerikanischer  Herzenshärtigkeit  oft  tapfer  entgegentrat.  Dem
alten  Vaterlande  gingen  alle  diese  tüchtigen  Kräfte  unrettbar  verloren.
Die  republikanische  Gesinnung,  die  sich  in  den  Briefen  der  Ausgewanderten
  aussprach,  mußte  daheim,  im  monarchischen  Deutschland,  die  Begriffe
  verwirren  und  namentlich  den  törichten  Haß  gegen  die  stehenden
Heere  verstärken.  Allgemein,  selbst  in  gemäßigt  liberalen  Blättern  wurde
behauptet,  dies  glückliche  Amerika  schütze  sich  ganz  von  selbst,  durch  seine
Freiheit  und  durch  die  Ehrlichkeit,  die  man  seiner  Verwaltung  seltsamerweise
  andichtete;  niemand  bemerkte  die  einfache  Tatsache,  daß  die  Union
keine  gefährlichen  Nachbarn  besaß  und  darum  keiner  Truppen  bedurfte.  —

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  39
        <pb n="618" />
        610  IV.  8.  Stille  Jahre.

Unterdessen  betrieb  die  deutsche  Polizei  unverdrossen  den  Vernichtungskrieg
  gegen  die  daheim  gebliebenen  Demagogen.  Das  Paßwesen,  das  einst
die  Jakobiner  zuerst  als  eine  Waffe  gegen  politische  Feinde  benutzt  hatten,
erlangte  durch  die  Gegner  der  Revolution  seine  höchste  Ausbildung;  selbst
die  Lohnkutscher  durften  keinen  Reisenden  mehr  befördern,  wenn  er  sich
nicht  über  seine  Person  auswies.  Überall  spürten  geheime  Agenten  und
fahndeten  auf  verdächtige  Briefe,  auf  dreifarbige  Abzeichen,  zuweilen  auch
auf  republikanische  Vollbärte.  In  Bayern,  dessen  geheime  Polizei  von  dem
Kabinettsrat  Grandauer  ihre  Weisungen  empfing,  wurden  einmal  zwei
solcher  Leute  zu  gleicher  Zeit  als  gemeine  Betrüger  entlarvt.  Ein  Bundesbeschluß
  (1836)  verpflichtete  alle  Regierungen,  feindseligellnternehmungen
gegen  den  Bund  als  Hochverrat  zu  bestrafen  und  einander  gegenseitig
die  politischen  Verbrecher  auszuliefern.  Nachdem  die  letzte  radikale  Zeitung,
  die  Neckarzeitung  in  Stuttgart  unterdrückt  war,  ging  man  gegen  die
Bücher  vor;  die  freie  Stadt  Frankfurt  verbot  sogar  Sismondis  Untersuchungen
  über  die  Verfassung  freier  Staaten.

In  der  Anarchie  dieses  Staatenbundes  konnte  es  gleichwohl  nicht  ausbleiben,
  daß  die  Zensoren  nach  sehr  verschiedenen  Grundsätzen  verfuhren;
und  wenn  Verfasser  und  Verleger  sich  den  Zensurvorschriften  unterworfen
hatten,  dann  blieben  sie,  nach  §  7  des  Karlsbader  Preßgesetzes,  „von  aller
weiteren  Verantwortung  frei.“  Als  nun  die  kurhessische  Zensur  eine  sehr
radikale  „Petition  deutscher  Bürger  gegen  die  Preßsklaverei“  unbeanstandet
durchgelassen  hatte,  da  behauptete  Blittersdorff  im  Bundestage  (1834):
jene  Vorschrift  des  Preßgesetzes  besage  lediglich,  daß  der  Bund  die  Schuldigen
  nicht  mehr  zur  Verantwortung  ziehen  dürfe;  den  Landesregierungen
stehe  immer  noch  frei,  die  Verfasser  zensierter  Schriften  vor  Gericht  zu
stellen.  Die  Mehrzahl  der  Bundesgesandten,  auch  der  bayrische,  stimmte
dieser  ungeheuerlichen  Auslegung  zu.  Da  erklärte  der  Präsidialgesandte
mit  überraschender  Ehrlichkeit:  zu  einem  solchen  Schlusse  sei  „nur  mittels
einer  gründlichen  und  weitläufigen  Deduzierung  zu  gelangen“.  Der
Wiener  Hof  verlangte  mehr:  er  wollte  durch  ein  förmliches  neues  Bundesgesetz
  alle  Schrecken  der  Zensur  und  der  gerichtlichen  Verfolgung,  der  Prävention
  und  der  Repression  zugleich  über  die  deutschen  Schriftsteller  verhängen.
  Dazu  konnten  sich  die  Mittelstaaten  doch  nicht  entschließen;  sie
halfen  sich  nach  alter  Gewohnheit,  ihre  Instruktionen  blieben  aus,  und
ein  Bundesbeschluß  kam  nicht  zustande.  Die  Selbstgenügsamkeit  des
alten  Beamtenstaates  verschmähte  aber  auch,  den  Liberalismus  durch  kleine
volkstümliche  konservative  Blätter  zu  bekämpfen,  wie  Otterstedt  dem  preußischen
  Hofe  vorschlug.  Die  Regierungen  meinten  genug  zu  tun,  wenn
sie  die  Zensur  kräftig  handhabten  und  ihre  langweiligen,  wenig  gelesenen,
vornehmen  Staatszeitungen  erscheinen  ließen.)

 

*)  Otterstedt,  meine  Wahrnehmungen  von  dem  Wartburgfeste  bis  zum  heutigen
Tage.  Dem  Könige  übersendet  14.  April  1833.
        <pb n="619" />
        Preußische  Demagogen.  611

Insgesamt  wurden  etwa  1800  Personen  wegen  der  Umtriebe  der
Revolutionsjahre  in  Untersuchung  gezogen.  Die  neue  Bundeszentral—
behörde  nahm  von  allem  Kenntnis;  sie  zählte  mehrere  ausgezeichnete  Rich—
ter  in  ihren  Reihen;  Preußen  namentlich  war  durch  Eichmann,  nachher
durch  Mathis  und  Strampff  sehr  gut  vertreten.  Die  Geschäfte  gingen
jedoch  langsam,  denn  viele  Regierungen  zeigten  sich  saumselig,  die  einen
aus  Zorn,  die  anderen  aus  Trägheit.“)  Nach  mehreren  Jahren  (1835)
beantragte  Baden  in  Berlin  die  Auflösung  der  Behörde,  da  sie  jetzt  in
stillerer  Zeit  nur  noch  die  Gemüter  aufreizen  könne.  Der  preußische  Hof
aber  bestand  darauf,  erst  müsse  öffentlich  Rechenschaft  abgelegt  werden.  **)
Im  Jahre  1839  erschien  endlich  die  „Darlegung  der  Hauptresultate“  der
politischen  Untersuchungen,  ein  Bericht,  der  sich  vor  den  Arbeiten  der  alten
schwarzen  Kommission  immerhin  durch  Ehrlichkeit  auszeichnete;  denn  diesmal
  lagen  wirklich  ernste  Tatsachen  vor.  Niemand  konnte  leugnen,  daß
die  Verschwörer  von  1833  mit  den  Emissären  Lafayettes  und  der  polnischen
  Propaganda  in  Verbindung  gestanden  hatten;  und  dieser  geheime  internationale
  Verkehr  währte  fort,  noch  im  Jahre  1839  gründeten  die  Pariser
Radikalen  eine  literarische  Korrespondenz  zur  Vertretung  der  französischen
Interessen  in  Deutschland.)  Daneben  fehlte  es  freilich  nicht  an  Zügen
kindischer  Angstlichkeit:  daß  ein  Küfer  bei  den  Handwerksburschen  Stückfaß
  hieß,  ein  Schornsteinfeger  Schwarzkünstler,  ein  dritter  Geselle  gar
den  schrecklichen  Kriegsnamen  Ochs  führte,  schien  den  Frankfurter  Demagogenverfolgern
  hochbedenklich.

In  Preußen  war  alles  ruhig  geblieben,  und  das  Kammergericht,  das
unter  der  Oberaufsicht  einer  Ministerialkommission  die  Untersuchung
führte,  mußte  sich  fast  allein  an  die  unglücklichen  Studenten  halten.  Kamptz
verfügte  als  rheinischer  Justizminister,  daß  niemand  eine  Richterstelle  erlangen
  dürfe,  der  jemals  einer  Burschenschaft  angehört  habe.  Gegen  die
Verhafteten  selbst  zeigte  er  sich  wieder  sehr  freundlich,  freundlicher  mindestens
  als  sein  Amtsgenosse  Rochow  oder  der  gestrenge  Präsident  des
Kammergerichts  von  Kleist;  am  härtesten  verfuhren  der  berüchtigte  Tzschoppe
und  der  Untersuchungsrichter  Dambach.  Vor  dies  Tribunal  kam  unnachsichtlich
  jeder  Burschenschafter,  der  den  preußischen  Behörden  in  die  Hände
fiel,  selbst  wenn  er  ein  Ausländer  war  und  nie  in  Preußen  studiert  hatte.
Dem  Berliner  Polizeidirektor  Dunker,  den  alle  Spitzbuben  wie  den  Satan
fürchteten,  ging  es  fast  wider  die  Amtsehre,  daß  er  sich  jetzt  mit  so  vielen
anständigen  Leuten  befassen  sollte.  Auch  Heinrich  Laube  mußte  einige
Monate  in  harter  Haft  verbringen,  nicht  wegen  seiner  literarischen  Sünden,
  sondern  weil  er  vor  langen  Jahren  in  die  Hallenser  Burschenschaft
eingetreten  war.  Im  Jahre  1836  endlich  sprach  das  Kammergericht  sein

.Bilittersdorffs  Berichte,  3.  Mai,  5.  Juli  1835.
**)  Frankenbergs  Berichte,  26.  März,  21.  April  1835,  9.  April  1836.
eo.)  Strampff,  Bericht  an  die  preuß.  Ministerialkommission,  Frankfurt,  26.Febr.  180.
307
        <pb n="620" />
        612  IV.  8.  Stille  Jahre.

Urteil  über  204  Studenten.  192  wurden  verurteilt,  ihrer  viele  zum
Tode.  An  die  Möglichkeit  solcher  Hinrichtungen  glaubte  aber  niemand
mehr;  der  König  verwandelte  die  Strafe  erst  in  dreißigjährige,  dann  in
achtjährige  Festungshaft;  gänzlich  begnadigt  wurden  nur  wenige.  Kamptz
pflegte  zu  sagen:  Burschenschaft  ist  Burschenschaft;  darum  durften  auch
der  junge  Historiker  Max  Duncker  und  die  anderen  gut  königlich  gesinnten
Bonner  Burschenschafter  dem  Gefängnis  nicht  entgehen.

Nicht  ganz  so  unschuldig  war  der  engere  Kreis  der  Jenenser  Ger—
mania,  dort  wurden  sehr  verwegene  Reden  geführt  und  wohl  auch  mit
den  Flüchtlingen  törichte  Briefe  gewechselt.  Doch  die  Mehrzahl  auch  dieser
Burschenschaft  bestand  aus  harmlosen  jungen  Leuten,  die  sich  ganz  zufrieden
  fühlten,  wenn  sie  nur  die  Farben  des  einigen  Deutschlands  auf
der  Brust  trugen.  Zu  ihnen  zählte  der  Mecklenburger  Fritz  Reuter.  Der
hatte  seine  ganze  Zeit  gewissenhaft  auf  der  Kneipe  oder  auf  Spritzfahrten
verbracht  und  wußte  von  den  ruchlosen  Anschlägen  seiner  eingeweihten  Genossen
  so  gar  nichts,  daß  der  Untersuchungsrichter  ihn  anfangs  für  einen
ungewöhnlich  verstockten  Verbrecher  hielt;  erst  allmählich  wurde  Dambach
milder  gestimmt  und  sagte:  „gefährlich  scheint  er  nicht  als  Anhänger
staatsverderblicher  Lehren,  sondern  als  Taugenichts.“  Sieben  Jahre  hindurch
  wurde  dem  Armen  „der  lebendige  Strom  seines  Lebenswegs  zu
einem  See  aufgestaut“;  erst  lange  nach  seiner  Befreiung  entschloß  er  sich,
die  Erinnerungen  „ut  mine  Festungstid“  niederzuschreiben,  und  der  treuherzige,
  durch  Tränen  lächelnde  Humor  seiner  harmlosen  Erzählung  beleuchtet
  den  Aberwitz  dieser  Demagogenjagd  fast  noch  greller,  als  der  salbungsvolle
  religiöse  Ernst  der  Kerkergeschichte  Silvio  Pellicos,  le  mie  prigioni.
  Solche  Martern,  wie  sie  die  Grausamkeit  des  Kaisers  Franz  über
Pellico  verhängte,  blieben  den  preußischen  Demagogen  freilich  erspart;
aber  wie  viele  der  jungen  Männer  verkamen  in  dem  zwecklosen  Einerlei
des  Gefängnislebens.  Manche  gingen  unter  in  Trunk  und  Müßiggang,
manche  verbitterten  für  immer;  nur  wenige  vermochten  sich  so  gewaltsam
zu  überwinden,  wie  Max  Duncker,  der  bald  einsah,  daß  auch  das  unvernünftige
  Gesetz  Gehorsam  erheische,  und  ruhig  sagte:  mit  Recht  mußte  ich  büßen,
weil  ich  mich  gegen  das  Gesetz  des  Staates  verfehlt  hatte.

Nachhaltigerevolutionäre  Leidenschaftzeigten  diese  gutherzigen  deutschen
Naturen  sehr  selten;  selbst  den  erklärten  Radikalen  füllte  die  Politik  doch
nicht  das  ganze  Leben  aus.  Da  war  keiner,  der,  wie  einst  der  gefangene
Mazzini  in  seinem  Adlerneste  bei  Savona  hoch  über  dem  Mittelmeer,  Tag
für  Tag  nur  an  die  Befreiung  seines  Vaterlandes  gedacht  hätte.  Wie
drohend,  wie  aufrührerisch  hatte  einst  Wilhelm  Cornelius  in  seinem  Straßburger
  „Konstitutionellen  Deutschland“  geredet*);  alser  nach  einigen  Jahren
Haft  die  Festung  Graudenz  verließ,  erschien  er  wie  ausgetauscht  und  schrieb

 

*)  S.  o.  IV.  227.  233.
        <pb n="621" />
        Die  Abbitten  vor  König  Ludwigs  Bilde.  613

für  das  Bilderwerk  „Das  malerische  und  romantische  Deutschland“  den
Band  über  dieOstsee,  ein  unschuldiges  Reisegeplauder,  das  zumeist  von  Landschaften,
  Mondschein  und  lieblichen  Mädchen  handelte.  Wer  den  Durch—
schnitt  unserer  Demagogen,  der  wirklichen  wie  der  vermeintlichen,  furchtlos
betrachtete,  der  mußte  einsehen,  daß  die  Tatkraft  des  germanischen  Cha—
rakters  in  den  Geheimbünden  nicht  zu  Tage  trat,  und  eine  Revolution
von  unten  den  Bundestag  schwerlich  überwältigen  konnte.

Weit  härter  als  in  Preußen  wütete  diesmal  die  Verfolgung  in  Bayern,
denn  König  Ludwig  glaubte  von  den  Liberalen,  die  ihn  einst  vergöttert
hatten,  verraten  zu  sein.  Jetzt  kannte  er  keine  Schonung  mehr;  er  ließ
sogar  Wirts  Frau  verfolgen,  weil  sie  die  Verteidigungsrede  ihres  Gatten
verbreitet  hatte,  gab  den  Richtern  durch  Handschreiben  Anweisungen,  wie
sie  urteilen  sollten,  und  ward  auch  nicht  milder  gestimmt,  als  der  trau—
rige  Kerkertod  eines  preußischen  Studenten  Kolligs  ganz  München  mit
Schrecken  erfüllte.“)  Ein  Sendschreiben  „Stimme  aus  dem  Kerker  an  König
Ludwig“  von  dem  radikalen  Journalisten  Coremans  erbitterte  den  Mon—
archen  tief;  darin  stand  zu  lesen,  durch  seine  Gedichte  habe  sich  der  könig—
liche  Poet  „selbst  zum  ersten  Opponenten  im  Lande  erklärt“.  Unter  den
142  bayrischen  Demagogen,  die  im  Jahre  1834  ihres  Urteils  harrten,
war  auch  der  Würzburger  Altbürgermeister  Behr,  vor  Zeiten  Ludwigs  Vertrauter.
  Der  hatte  in  einer  wortreichen  „Dringenden  Erinnerung“  den
Landtag  von  1831  aufgefordert,  die  Revision  der  Verfassung  und  die  Ver—
eidigung  des  Heeres  zu  beantragen;  die  Schrift  enthielt  viel  Torheit,  aber
kein  strafbares  Wort.  Gleichwohl  wurde  der  zweiundsechzigjährige  Mann
verurteilt,  vor  dem  Bilde  des  Königs  knieend  Abbitte  zu  leisten  —  eine  empörende
  Strafe,  die  dem  gekrönten  Dichter  besonders  nötig  schien  —  und
dann  zu  vieljähriger  Haft  auf  die  Passauer  Festung  geführt.  Ein  Gnadengesuch
  schlug  der  König  ab,  gerade  weil  er  dem  Verurteilten  früher  soviel
Vertrauen  erzeigt  habe.**)  Dieselbe  schimpfliche  Strafe  mußte  der  arglos
geschwätzige  Dr.  Eisenmann  erleiden;  in  seiner  Wohnung  wollte  die  Polizei
einen  Sammetmantel  gefunden  haben,  den  sie  für  das  Krönungskleid  des
künftigen  Frankenherzogs  hielt.  Beiden  Unglücklichen  wurde  im  Kerker  die
Kraft  des  Leibes  und  der  Seele  gebrochen.  Vergeblich  bat  der  Landtag
um  Amnestie  für  die  politischen  Verbrecher,  und  mit  begreiflichem  Ingrimm
donnerte  die  Flüchtlingspresse  wider  das  orientalische  Strafverfahren  des
bayrischen  Sultans.  Da  Ludwig  gar  so  hart  verfuhr,  so  betrachtete  man
selbst  Okens  Entlassung,  die  allein  in  der  Unverträglichkeit  des  Naturforschers
  ihren  Grund  hatte,  als  eine  politische  Gewalttat.  Eine  Ode
von  Schultheiß  sagte:  der  Dichterfürst

Trieb  aber  lichtscheu  bald  den  Lichtheld=Achtlos
  hinweg  aus  der  finstern  Mönchsstadt.

*)  Dönhoffs  Bericht,  17.  Dez.  1837.
**)  Dönhoffs  Bericht,  25.  Juni  1836.
        <pb n="622" />
        614  IV.  8.  Stille  Jahre.

Wegen  des  einen  Wortes  „lichtscheu“  wurde  der  junge  Poet  verurteilt,
vor  dem  Bilde  des  Königs  zu  knieen  und  sieben  Wochen  Haft  auszuhalten,
obgleich  das  Gedicht  noch  gar  nicht  gedruckt,  sondern  in  einem  erbrochenen
Briefe  aufgefunden  war.

Am  längsten  währten  die  Untersuchungen  im  Großherzogtum  Hessen.
In  dem  gelobten  Lande  der  Kleinstaaterei  um  Frankfurt  hatte  der  Radikalismus
  allmählich  eine  Macht  erlangt,  wie  nirgendwo  sonst  in  Deutschland;
  die  Willkür  der  freien  Stadt  gegen  ihre  Bauern,  die  Mißregierung
in  Kurhessen  und  Nassau,  die  bureaukratische  Strenge  in  Darmstadt  und
nicht  zuletzt  der  erbauliche  Anblick  des  Bundestages  mußten  das  Volk  aufregen.
  Daß  Büchner  und  die  oberhessischen  Verschwörer  im  Jahre  1833
auf  den  Umsturz  alles  Bestehenden  ausgegangen  waren,  lag  klar  zu  Tages):
desgleichen,  daß  dort  noch  lange  nach  dem  Frankfurter  Wachensturme  ein
„Männerbund“  von  streng  revolutionärer  Richtung  sein  Unwesen  getrieben
hatte.  Der  Darmstädter  Hof  führte  die  Untersuchung  mit  leidenschaftlichem
  Eifer.  Großherzog  Ludwig  unterschrieb  eigenhändig  zwei  geheime
Aktenstücke,  welche  den  Denunzianten  Straflosigkeit  „und  selbst  Unsere
Erkenntlichkeit“  zusicherten;  du  Thil  aber  verstand,  ganz  wie  die  bayrische
Regierung,  durch  rechtzeitige  Versetzungen  dafür  zu  sorgen,  daß  die  Mehrheit
  der  Richter  in  politischen  Prozessen  immer  aus  Anhängern  des  Ministeriums
  bestand.“)  Viele  der  Angeklagten  waren  entflohen,  auch  der  Gymnasiallehrer
  Schüler,  der  sich  dann  in  der  Schweiz  als  eifriges  Mitglied
dem  Jungen  Deutschland  anschloß.  Die  noch  übrigen  dreißig  wurden
im  Dezember  1838  sämtlich  bis  auf  fünf  verurteilt,  und  der  Großherzog
  erließ  ihnen  allen  die  Freiheitsstrafen.  Aber  wie  furchtbar  war
ihnen  in  der  langen  Untersuchungshaft  mitgespielt  worden;  der  namhafteste
  von  allen,  der  Pfarrer  Ludwig  Weidig  hatte  seine  Qualen  selbst  ein
Ende  gemacht.

Weidig  genoß  allgemeine  Achtung  als  rechtschaffner  Mann,  als  tüchtiger
  Lehrer  und  Prediger,  auch  seine  politischen  Hoffnungen  gingen  nicht
über  ein  parlamentarisches  deutsches  Kaisertum  hinaus.  Allein  er  hatte
nicht  umsonst  dem  Bunde  der  Unbedingten  als  älterer  Genosse  angchört;
wenn  ein  Zwiespalt  zwischen  Staat  und  Volk  entstünde,  dann  hielt  er,  „um
des  Sieges  der  Wahrheit  willen,“  jedes,  schlechthin  jedes  Mittel  für  erlaubt,
  darum  trug  er  auch  kein  Bedenken,  bei  Büchners  sozialistischem
Hessischen  Landboten  mitzuwirken.  Durch  solche  Grundsätze  vergiftete  er
die  Jugend,  die  er  mit  dämonischer  Beredsamkeit  an  sich  zu  fesseln  wußte.
Beständig  empfing  er  die  Besuche  polnischer  und  französischer  Emissäre;  das
kleine  Butzbach  blieb,  solange  er  dort  als  Rektor  wirkte,  der  Mittelpunkt
einer  geheimnisvollen  Wühlerei.  Die  Regierung  betrachtete  ihn  als  ihren

*)  S.  v.  IV.  310.
*4)  Ich  benutze  hier  mehrfach  die  Aufzeichnungen  des  späteren  großh.  hess.  Gesandten
Frhrn.  v.  Lepel,  die  mir  sein  Sohn,  Herr  Oberst  Frhr.  v.  Lepel  freundlichst  mitgeteilt  hat.
        <pb n="623" />
        Prozeß  Weidig.  615

Todfeind,  obgleich  er  die  Teilnahme  an  dem  hoffnungslosen  Frankfurter
Attentate  klüglich  abgelehnt  hatte,  und  bestellte  ihm  zum  Untersuchungsrichter
den  Gerichtsrat  Georgi,  einen  brutalen  Mann,  der  nach  dem  Zeugnis  der
Gerichtsärzte  am  Delirium  tremens  litt.  Durch  die  endlosen  Verhöre  geriet
  der  ohnehin  leidenschaftliche  Angeklagte  in  eine  fieberische  Aufregung.
Zuweilen  schien  er  wie  tobsüchtig;  er  sagte  dreiste  Unwahrheiten  und  benahm
  sich  so  widerspenstig,  daß  Georgi  ihn  mit  Körperstrafen  bedrohte;
einmal  stürzte  er  rasend  mit  einem  Messer  auf  seinen  Peiniger  los.  Darauf
  wurde  er  allem  Anschein  nach  mit  dem  Farrenschwanz  geprügelt;
anders  ließen  sich  die  Striemen,  die  man  späterhin  an  seiner  Leiche  entdeckte,
  kaum  erklären.  Als  der  Gefängniswärter  bald  nachher,  am  23.  Febr.
1837,  in  die  Zelle  tritt,  findet  er  Weidig  im  Blute  schwimmend,  aber  noch
lebend  auf  dem  Bette  liegen.  Der  rohe  Mensch  wirft  erschrocken  die  Tür
zu  und  eilt  zu  Georgi.  Der  kommt,  betrachtet  sich  den  Jammer,  befiehlt
den  Arzt  zu  rufen  und  geht  von  dannen.  Nach  anderthalb  Stunden  endlich
  erscheint  der  Arzt,  gerade  als  der  Unselige  den  Geist  aufgibt.  Weidig
hatte  sich  mit  einem  Glasscherben  die  Adern  an  Armen  und  Füßen,  zuletzt
  den  Hals  durchschnitten,  und  es  blieb,  wenn  auch  unwahrscheinlich,  so
doch  denkbar,  daß  ihm  der  tödliche  Schnitt  erst  während  jener  letzten  anderthalb
  Stunden  gelungen  war.

Ein  Schrei  des  Entsetzens  ging  durch  das  Land;  der  Haß  der  Parteien
  flammte  auf.  Manche  der  Liberalen  versicherten,  der  Unglückliche
sei  durch  fremde  Hand  ermordet  worden,  was  nach  Lage  der  Umstände
rein  unmöglich  war.  Weidigs  zahlreiche  Freunde  und  Schüler  verherrlichten
  ihn  nicht  nur  als  ein  Opfer  barbarischer  Rechtspflege;  sie  behaupteten
  auch,  er  habe  an  den  Umtrieben  der  Verschwörer  niemals  teilgenommen,
  und  sie  fanden  Glauben  bei  vielen,  denn  nicht  leicht  entschließen
sich  die  Deutschen  zu  der  Erkenntnis,  daß  persönlich  ehrenhafte  Männer
in  der  Politik  verschlagen  und  gewissenlos  handeln  können.  Wilhelm  Schulz
und  Welcker  bemächtigten  sich  des  grauenhaften  Falles,  um  die  Nichtswürdigkeit
  des  geheimen  Verfahrens  nachzuweisen.  Die  gesamte  deutsche
Presse  geriet  in  Bewegung.  Die  Züricher  medizinische  Fakultät,  die  immer
bereit  stand,  Deutschlands  Blößen  aufzudecken,  erwies  in  einem  Gutachten,
Weidig  sei  geprügelt  worden;  den  Leichnam  selbst  in  Augenschein  zu  nehmen,
hatte  freilich  keiner  dieser  gesinnungstüchtigen  Gelehrten  für  nötig  gehalten.
  Auch  unter  den  hessischen  Richtern  regte  sich  die  Scham.  Der
Hofgerichtsrat  Freiherr  von  Lepel,  der  weder  zu  den  liberalen  Parteimännern
gehörte  noch  an  Weidigs  politische  Unschuld  glaubte,  aber  immer  ehrenhaft
  für  die  Unabhängigkeit  der  Gerichte  eingetreten  war,  verlangte  in
einem  Referate  strenge  Untersuchung  gegen  diese  „höchst  schuldvolle,  kaum
erklärliche  Vernachlässigung,  welche  das  Vertrauen  in  die  Justiz  notwendig
gefährden“  müsse.  Georgi  erwiderte  grob:  „dem  Gerichtspersonal  wird
wohl  niemand  zumuten  wollen,  bei  einem  solchen  gefährlichen  Individuum
        <pb n="624" />
        616  IV.  8.  Stille  Jahre.

selbst  Wache  zu  halten;“  und  du  Thil  unterstützte  ihn  mit  voller  Kraft.
Der  kluge  Minister  hatte  sich  in  dem  ewigen  Kampfe  mit  den  Liberalen
schon  dermaßen  verhärtet,  daß  er  ihnen  schlechterdings  nichts  mehr  glauben
wollte.  Er  schilderte  Georgi  dem  preußischen  Geschäftsträger  als  einen
schändlich  verleumdeten  Märtyrer  der  guten  Sache;  die  beiden  Gerichts—
ärzte  hätten  sich  nur  durch  die  liberalen  Abgeordneten  verführen  lassen,
ein  unwahres  Gutachten  über  Georgis  Säuferkrankheit  abzugeben.“)  Noch
mehr,  als  sein  Schützling  die  Stirn  hatte,  sich  um  einen  Sitz  in  der
Kammer  zu  bewerben,  gewährte  er  ihm  den  stillen  Beistand  der  Behörden.
Georgi  wurde  gewählt,  und  Gutzkow  sang:

Deutschland,  glückliches  Land,  wo  der  Wahnsinn  sitzt  zu  Gerichte,

Und  in  dem  ständischen  Saal  taumelnd  ein  Trunkenbold  lallt!

Die  Inschrift  auf  Weidigs  Grab  ließen  die  Behörden  verkitten,  weil
sie  den  Toten  als  heiligen  Streiter  rühmte.  Unbelehrbar  blieb  du  Thil
bei  seiner  Ansicht.  Noch  lange  Jahre  nachher  schrieb  er  in  seinen  Denk—
würdigkeiten,  als  er  Weidigs  wütenden  Anfall  auf  Georgi  erwähnt  hatte:
„Man  kann  sehen,  was  der  Parteigeist  bewirkt,  wenn  man  weiß,  daß  jenes
Ungeheuer,  das  sich  am  Ende  selbst  entleibt  hat,  als  Märtyrer  betrachtet,  fast
vergöttert  worden  ist,  und  daß  man  ihm  ein  Denkmal  gesetzt  hat.“  Aber
mit  solchem  Hochmut  bureaukratischer  Selbstgerechtigkeit  ließ  sich  der  blu—
tige  Schatten  nicht  bannen.  Das  Gerücht  ließ  nicht  ab,  die  Schriften
über  den  gräßlichen  Vorgang  mehrten  sich;  die  öffentliche  Meinung  forderte
stürmisch,  das  Geheimnis  müsse  gänzlich  aufgedeckt  werden.  Als  nun
in  Kurhessen  eine  geheime  politische  Untersuchung  gegen  Sylvester  Jordan
eingeleitet  wurde,  erst  1839,  eben  zu  der  Zeit,  da  die  Demagogenverfolgung
überall  sonst  einzuschlafen  begann,  da  erzählte  man  sich  bald,  auch  dieser
Volksmann  werde  mit  der  gleichen  Grausamkeit  behandelt.  Der  Unwille
ward  allgemein.  Die  beiden  Prozesse  Weidig  und  Jordan  sollten  in  der
deutschen  Geschichte  eine  große  Bedeutung  erlangen,  sie  gaben  dem  ge—
heimen  Strafverfahren  den  Todesstoß.  —

 

Wie  konnten  in  so  schwüler  Luft  Vertrauen  und  Frieden  gedeihen!
Die  Verwaltung  im  Großherzogtum  Hessen  arbeitete  unter  du  Thils  ein—
sichtiger  Leitung  vortrefflich.  Für  Schulwesen  und  Straßenbau  geschah
sehr  viel;  der  Ertrag  des  landesfürstlichen  Kammergutes  vermehrte  sich
beträchtlich,  obgleich  ein  Drittel  der  Domänen  an  den  Staat  abgetreten
war.  Die  Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten  wurde  so  gerecht  durchgeführt,
daß  selbst  die  Mediatisierten,  die  überall  sonst  in  Süddeutschland  über  die
neuen  Agrargesetze  klagten,  hier  allein  zufrieden  waren;  die  Solms  und

—  —

*)  Sydows  Berichte,  23.  Aug.,  7.  Nov.  1837.
        <pb n="625" />
        Du  Thils  Herrschaft  in  Darmstadt.  617

Erbach  benutzten  die  Ablösungsgelder,  um  ihren  Grundbesitz  zu  vergrößern,
aber  auch  ihre  Gutsuntertanen  freuten  sich  der  Erleichterung.  Den  Par—
tikularismus  hatte  du  Thil  immer  verachtet,  und  nach  den  Wiener  Minister—
konferenzen  war  er  mehr  denn  je  davon  überzeugt,  daß  dies  zerfahrene
deutsche  Wesen  einer  festen  Leitung  bedürfe;  im  stillen  wünschte  er  einen
Kaiser,  der  ohne  Parlament,  mit  Beirat  eines  Reichstags  deutscher  Fürsten,
die  Nation  führen  sollte.  Und  dieser  gescheite  Mann,  der  die  meisten
Minister  der  kleinen  Staaten  weit  übersah,  war  gleichwohl  kleinlich  mißtrauisch
  wider  die  liberale  Partei,  empfindlich  gegen  jede  freimütige  Kritik,
ganz  durchdrungen  von  jenem  unnahbaren  Dünkel,  der  das  alte  Beamtentum
  auszeichnete.  In  der  Hofburg  galt  er  für  den  zuverlässigsten  aller
kleinen  Minister.  Als  Metternich  1834  eine  geheime  Zentralstelle  in  Süddeutschland
  einrichtete  für  die  zahlreichen  Agenten,  welche  der  Wiener  Hof
in  Italien  und  der  Schweiz,  in  Belgien  und  dem  deutschen  Süden  unterhielt,
  da  wurde  du  Thil  in  das  Geheimnis  eingeweiht  und  empfing  fortan
regelmäßige  Berichte,  während  die  anderen  deutschen  Höfe  nur  zuweilen
einer  vertraulichen  Mitteilung  gewürdigt  wurden.  Die  niederen  Agenten
hielt  er  selbst  gutenteils  für  zweideutige  Glücksritter;  ihm  genügte,  daß
der  k.  k.  Oberbeamte,  der  von  Zeit  zu  Zeit  in  Darmstadt  vorsprach,  sich
wie  ein  feingebildeter  Mann  benahm  und  jedes  Geldgeschenk  zurückwies.)
Auf  Preußens  Freundschaft  konnte  sich  der  Mitbegründer  des  Zollvereins
immer  verlassen.  Als  er  den  Landtag  von  1833  auflöste,  sprach  ihm  Ancillon
  seine  warme  Zustimmung  aus.)

Der  neue  Landtag  von  1834  zeigte  sich  nicht  gefügiger.  Auch  diesmal
  hatte  die  Opposition  die  Mehrheit  erlangt,  und  sie  trat,  unter  der
Führung  Heinrich  von  Gagerns,  so  scharf  auf,  daß  einige  ängstliche  Mitglieder
  der  Minderheit  den  Ministern  erklärten,  sie  wagten  kaum  noch  in
der  Kammer  zu  erscheinen,  weil  jedes  ihrer  Worte  verhöhnt  würde.
Währenddem  verweilte  du  Thil  auf  den  Wiener  Konferenzen.  Sobald  er
zu  bemerken  glaubte,  daß  Hofmann  und  die  anderen  Minister  sich  zu  nachgiebig
  zeigten,  erbat  er  sich  die  Erlaubnis  zur  Rückkehr.  Seine  Taubheit
verhinderte  ihn,  im  Landtage  selbst  zu  erscheinen;  er  kannte  seine  Gegner
kaum,  traute  ihnen  das  Argste  zu  und  riet  dem  Großherzog  abermals
zur  Auflösung  der  Kammer.  Ein  Anlaß  fand  sich  bald  genug.  Die  Liberalen
  stellten  einen  Antrag  auf  Wahrung  der  Selbständigkeit  des  Richterstandes
  und  trafen  damit  die  wunde  Stelle  des  Regierungssystems.  Gagern
erwies  in  hochpathetischer  Rede,  daß  die  Gerichte  zu  Gunsten  einer
Partei  zusammengesetzt  würden;  diese  Partei,  so  fuhr  er  fort,  verstehe  das
konstitutionelle  Prinzip  nicht,  sie  werde  vorzugsweise  durch  das  gegenwärtige
  Ministerium  vertreten.  Da  erhob  sich  zornglühend  der  Staats- 



*)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.
**)  Ancillon,  Weisung  an  Arnim,  11.  Nov.  1833.
        <pb n="626" />
        618  IV.  8.  Stille  Jahre.

rat  Knapp  —  denn  der  Name:  Partei  hatte  in  den  Kreisen  des  Beamten—
tums  noch  einen  bösen  Klang  —  und  verlangte,  daß  der  Redner  zur
Ordnung  gerufen  würde.  Als  die  Mehrheit  dies  Begehren  abschlug,  ver—
ließen  die  Regierungskommissäre  den  Saal,  und  am  nächsten  Tage  wurde
die  Kammer  aufgelöst  (25.  Okt.).  Du  Thil  war  von  seinem  Rechte  tief
überzeugt  und  sagte  in  einer  Proklamation  an  das  Volk:  „Ein  Mitglied
der  zweiten  Kammer  erlaubte  sich  einen  so  beleidigenden  und  herabwür—
digenden  Ausfall,  daß  dadurch  das  Ansehen  und  die  Achtung,  die  jede
Regierung  anzusprechen  hat,  im  höchsten  Grade  gefährdet  war.“

Der  preußische  Geschäftsträger  Heinrich  von  Arnim,  der  noch  ganz  in
den  politischen  Anschauungen  seines  Freundes,  des  Kronprinzen  lebte,  schrieb
frohlockend:  „nach  der  gottvergessenen  Idee  der  Volkssouveränität“  bedeute
die  Auflösung  des  Landtages  eine  Appellationa  n  das  Volk;  durch  die  wiederholte
  Auflösung  sei  dieser  Wahn  jetzt  tatsächlich  widerlegt.  Auch  Ancillon
erklärte  sich  einverstanden?),  und  in  der  Tat  war  nunmehr  „der  Hydra
der  Kopf  abgeschlagen“,  wie  du  Thil  sagte.  Die  neuen  Wahlen  fielen  zu
Gunsten  der  Regierung  aus,  und  vierzehn  Jahre  hindurch  gebot  der  dauerhafteste
  aller  deutschen  konstitutionellen  Minister  fortan  über  eine  ergebene
  Mehrheit.  Selbst  die  Enthüllung  des  Thorwaldsenschen  Gutenberg-Standbildes
  in  Mainz  (1837),  ein  Fest,  vor  dem  sich  der  Hof  lebhaft
  fürchtete,  verlief  in  Frieden,  obwohl  viele  unheimliche  Demagogen  herbeigekommen
  waren.  Die  Macht  der  Regierung  schien  für  den  Augenblick
so  fest  zu  stehen,  daß  im  Jahre  1838  zwei  Führer  der  Opposition,  Gagern
und  Langer,  entmutigt  aus  der  Kammer  austraten.  —

Weit  ernster  war  die  Lage  in  Kurhessen.  Wie  richtig  hatte  doch
Motz  über  seine  Heimat  geurteilt,  als  er  einst,  lange  vor  den  Julitagen,
voraussagte,  von  Braunschweig  und  Kurhessen  würde  die  deutsche  Revolution
  ausgehen.  In  Braunschweig  war  jetzt  das  Feuer  gelöscht,  das  Kurfürstentum
  blieb  des  Deutschen  Bundes  Unglückskind.  Selbst  der  neue
preußische  Gesandte,  Frhr.  von  Canitz,  der  dem  geistreichen  Berliner  Freundeskreise
  des  Kronprinzen  angehörte  und  als  geborener  Hesse  gern  nachsichtig
  urteilte,  mußte  schließlich  gestehen:  das  Land  sei  nicht  schlecht  gesinnt,
  die  Opposition  ungefährlich;  die  einzige  Gefahr  liege  in  der  Person
des  Prinzregenten,  die  dem  Braunschweiger  Karl  nur  zu  ähnlich  sei,  in
seinem  boshaften,  mißtrauischen  Charakter,  in  seiner  „Lust,  allen  wehe  zu
tun,  die  sich  nicht  schützen  können.“**)  Sehr  schwer  bestraften  sich  die
unfürstlichen  Familienverhältnisse  des  Regenten.  „Er  hat  uns  nur  in
Pachtung,“  sagte  man  im  Volke;  niemand  traute  ihm  landesväterliche
Liebe  zu,  weil  er  die  Herrschaft  doch  nicht  auf  seine  Nachkommen  vererben
könne.  Dieser  Verdacht  mußte  wachsen,  als  der  Kurprinz  von  den  Land-—.



*)  Arnims  Berichte,  24.,  27.  Okt.;  Ancillon,  Weisung  an  Arnim,  6.  Nov.  1834.
**)  Canitz'  Berichte,  3.  Okt.  1836,  19.  Aug.  1837.
        <pb n="627" />
        Hassenpflug.  619

ständen  die  Bewilligung  einer  Dotation  für  seine  unebenbürtigen  Kinder
forderte  und  deutlich  zu  verstehen  gab,  für  solchen  Preis  wolle  er  sich
gern  etwas  von  dem  Militärbudget  abhandeln  lassen.“)  Die  Verhand—
lungen  zerschlugen  sich.  Die  Ritterschaft  aber  verstand  ihren  Vorteil
wahrzunehmen,  sie  nahm  die  Grafen  von  Schaumburg  in  ihre  Korpo—
ration  auf,  so  daß  ihnen  fortan  heimfallende  Ritterlehen  übertragen  wer—
den  konnten,  und  empfing  dafür  von  dem  dankbaren  Vater  mannigfache
Begünstigungen  im  Staats-  und  Hofdienste.  Währenddem  fuhr  der  Kur—
prinz  fort,  seine  Mutter  durch  kleinliche  Bosheit  zu  mißhandeln.  Er  ließ
den  Salon  neben  ihrer  Theaterloge  abbrechen  und  erwiderte  auf  ihre  Beschwerde,
  er  sei  ja  selbst  bei  ihr  nicht  hoffähig.  Nichts  liebloser  als  seine
Briefe  an  die  Kurfürstin;  als  er  ihr  einen  Kammerherrn,  den  sie  hochschätzte,
  wegnahm,  schrieb  er  ihr  trocken:  „übrigens  besitzest  Du  kein  Rechtsmittel,
  ihn  in  Deinem  Dienste  beizubehalten.““*)  Erst  nach  vieljährigem
Streite  überwand  die  stolze  Fürstin  ihren  Widerwillen,  auf  die  dringenden
Bitten  des  preußischen  Gesandten,  und  entschloß  sich,  den  Besuch  ihrer
Schwiegertochter  zu  empfangen.  Seitdem  wurde  mindestens  der  äußere
Anstand  bei  Hofe  wiederhergestellt.  )

Hassenpflug,  der  jetzt  die  Seele  der  Regierung  war,  hatte  einst  als
Freiwilliger  gegen  Frankreich  gefochten  und  in  Göttingen  einer  Verbindung
angehört,  welche  den  patriotischen  Ideen  der  späteren  Burschenschaft  nahe
stand.  Frühe  schon  wendete  er  sich  den  Lehren  Hallers  zu,  sein  scharfer
juristischer  Verstand  schrak  selbst  vor  den  letzten  Folgesätzen  des  Systems
der  Restauration  nicht  zurück.  Geistreich,  vielseitig  unterrichtet,  zeigte  er
in  den  ersten,  besseren  Jahren  seines  Wirkens  lebhaften  Eifer  für  die
Blüte  der  Wissenschaften  in  Marburg.  Der  Verkehr  mit  seinen  Schwägern,
  den  Brüdern  Grimm,  die  ihn  auch  mit  Dahlmann  zusammenbrachten,
  hatte  ihn  gewöhnt,  sich  auf  den  Höhen  der  Bildung  zu  bewegen.
Die  beiden,  allerdings  kindlich  gutherzigen,  großen  Gelehrten  hielten  ihn
damals  noch  für  durchaus  redlich,  nur  fanden  sie  ihn  „nicht  frei  von
Einseitigkeit  und  Überspannung“  und  nannten  es  unrecht,  daß  er  seiner
eigenen  Überzeugung  zuwider  die  Rolle  eines  konstitutionellen  Ministers
übernommen  habe.  Er  verhehlte  gar  nicht,  daß  er  die  Verfassung  als  „ein
Werk  der  Revolution“  verabscheute  und  entschlossen  war,  sie  durch  die
allerstrengste  Auslegung  mit  dem  monarchischen  Prinzip  in  Einklang  zu
bringen.  Während  dieser  Kämpfe  ward  er  immer  härter,  schroffer,  gewissenloser;
  in  seinem  schönen,  geistreichen  Gesichte  ließen  sich  bald  die  verkniffenen
Züge  des  Fanatismus  und  der  Herrschsucht  erkennen.  Wenn  er  scharf,
höhnisch,  mit  herausforderndem  Hochmut  auf  die  tobende  Kammer  ein-—a



*)  Canitz'  Berichte,  12.  Juli,  23.  Aug.  1834.
*“)  Kurprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Kurfürstin  Auguste,  30.  Nov.  1836.
*#“)  Canitz'  Berichte,  28.  Jan.,  18.  Febr.  1837.
        <pb n="628" />
        620  IV.  8.  Stille  Jahre.

redete,  dann  schien  es,  als  geize  er  nach  dem  Ruhme  eines  hessischen  Straf—
ford;  und  in  der  Tat  verkündete  das  Berliner  Wochenblatt,  das  er  durch
seine  Getreuen  mit  Beiträgen  versorgte:  hier  in  Hessen  werde  der  geheime
Krieg  zwischen  Fürstenrecht  und  Revolution  endlich  zum  Austrage  kommen.
So  erwarb  er  sich  bald  den  Beinamen  des  Hessenfluchs.  Die  Liberalen
haßten  ihn  um  so  grimmiger,  weil  sie  seine  Begabung  nicht  bestreiten
konnten;  er  erledigte  die  Geschäfte  leicht,  ohne  kleinliche  Pedanterei  und
zeigte  eine  glückliche  Hand  in  der  Auswahl  seiner  Werkzeuge.  Ganz  unerträglich
  war  ihm  der  stehende  Ausschuß  des  Landtags,  „diese  verkehrteste
Ausgeburt  der  neuen  Verfassung“;  der  Landtag  aber  erklärte  gerade  diese
ständische  Nebenregierung,  die  sich  mit  der  modernen  Staatseinheit  in  der
Tat  nicht  vertrug,  feierlich  für  „das  Palladium“  der  hessischen  Freiheit.

Zunächst  dachte  der  Minister  den  alten  Übelstand  des  deutschen
Repräsentativsystems,  die  Beamten-Opposition  auf  dem  Landtage,  zu  beseitigen;
  Jordan  vornehmlich,  der  Vater  der  Verfassung,  sollte  entfernt
werden.  Darum  verweigerte  die  Regierung,  als  für  den  Landtag  von
1833  gewählt  wurde,  jedem  des  Liberalismus  irgend  verdächtigen  Beamten
unnachsichtlich  die  Erlaubnis  zur  Annahme  der  Wahl.  Jordan  aber,  der
Abgeordnete  der  Universität  Marburg,  suchte  die  Genehmigung  des  Ministeriums
  nicht  nach,  sondern  trat  in  gutem  Glauben  ein;  hatte  er  doch
schon  früher,  ohne  um  Erlaubnis  zu  bitten,  sechzehn  Monate  lang  die
Hochschule  im  Landtage  vertreten.  Als  die  Urheber  der  Verfassung  einst
der  Regierung  das  Recht  der  Urlaubsverweigerung  zugestanden,  hatten
sie  unzweifelhaft  nicht  beabsichtigt,  daß  sich  dies  Recht  auch  auf  den  Abgeordneten
  der  Universität  erstrecken  sollte;  denn  er  mußte  ein  Professor
sein,  er  vertrat  eine  Korporation,  welche  seit  drei  Jahrhunderten,  kraft
ihrer  Prälatenwürde,  immer  frei  aus  ihrer  Mitte  gewählt  hatte;  durfte  die
Regierung  auch  ihm  die  Erlaubnis  zum  Besuche  des  Landtags  nach  Belieben
  versagen,  so  ging  das  alte  Wahlrecht  der  Universität  tatsächlich  auf
das  Ministerium  über.  Aber  diese  in  Wahrheit  selbstverständliche  Ausnahme
  von  der  Regel  war  in  der  Verfassung  nicht  ausdrücklich  ausgesprochen;
  der  Art.  71  verpflichtete  alle  Staatsdiener  ohne  Unterschied,  nach
ihrer  Erwählung  die  Genehmigung  der  vorgesetzten  Behörde  einzuholen.
Der  verschlagene  Minister  konnte  sich  also  auf  den  Buchstaben  des  Grundgesetzes
  berufen,  als  er  von  der  Kammer  verlangte,  sie  solle  den  Professor
  Jordan,  der  keine  Erlaubnis  erhalten  habe,  von  ihren  Sitzungen
ausschließen.  Der  Landtag  lehnte  das  Ansinnen  ab,  dessen  eigentlichen
Zweck  jedermann  durchschaute,  und  wurde  sofort  aufgelöst.

Fortan  blieb  jede  Versöhnung  unmöglich.  Der  Haß  gegen  den  Minister
  ward  so  maßlos,  daß  selbst  der  befreundete  Canitz  zuweilen  meinte,
Hassenpflug  müsse  um  des  Friedens  willen  zurücktreten.)  Der  aber  hielt

—s---—

*)  Canitz'  Berichte,  2.  Juli  1833  ff.
        <pb n="629" />
        Hassenpflug  und  der  Landtag.  621

aus  und  erreichte  wirklich,  daß  der  Landtag  von  liberalen  Staatsdienern
fast  ganz  gesäubert  wurde;  was  verschlug  es  auch  diesem  Tausendkünstler,
daß  die  Verfassung  vorschrieb,  der  Urlaub  dürfe  „nicht  ohne  erhebliche  Ur—
sache“  versagt  werden?  Nach  Jordans  Ausscheiden  fand  die  Opposition
bald  neue  mutige  Führer  an  dem  wackeren  Bürgermeister  Schomburg,
der  als  Landtagspräsident  die  stürmischen  Verhandlungen  mit  würdigem
Ernst  leitete,  sowie  an  den  Juristen  Wippermann  und  Schwarzenberg,  die
ungleich  heftiger  auftraten.  Der  Zank  nahm  kein  Ende.  Von  vier  Land—
tagen  wurden  unter  Hassenpflugs  Regiment  zwei  aufgelöst,  einer  einfach
„entlassen“  —  in  Formen,  welche  die  Verfassung  nicht  kannte  —,  nur
ein  einziger  gelangte  zum  ordnungsmäßigen  Schluß.  Waren  die  Stände
nicht  versammelt,  so  kämpfte  der  Minister,  noch  leidenschaftlicher,  mit  ihrem
Ausschuß.  Hartnäckig,  mit  der  Kunst  des  vollendeten  Sophisten,  bestritt
er  ihnen  jedes  Recht,  das  nur  irgend  angezweifelt  werden  konnte.  Als
die  Budget-Kommission  einmal  mehrere  Streichungen  vorschlug,  richtete
die  Regierung  eine  förmliche  Beschwerdeschrift  an  die  Kammer  und  be—
schuldigte  den  Landtag,  der  noch  gar  keinen  Beschluß  gefaßt  hatte,  der
Überschreitung  seiner  Befugnisse.  Zudem  wurde  im  Lande  jede  Regung
des  öffentlichen  Lebens  durch  harte  Polizeigewalt  daniedergehalten,  obgleich
  die  Unruhe  der  Revolutionsjahre  längst  einer  tiefen  Abspannung
gewichen  war.  Das  dreihundertjährige  Jubelfest  des  Schmalkaldener  Bundes
  durfte  —  hier  in  der  Heimat  Philipps  des  Großmütigen  —  nicht
stattfinden,  weil  jener  aufrührerische  Bund  wider  die  Obrigkeit  den  Hessen
nicht  zur  Ehre  gereiche.  Eines  Tags  erschien  der  Minister  feierlich  im
Landtage,  um  die  Abgeordneten  an  ihre  vaterländischen  Pflichten  zu  mahnen
und  die  Erlaubnis  zur  Verfolgung  eines  Hochverräters  zu  erbitten.  Alles
harrte  gespannt  auf  den  Namen  des  Frevlers;  da  nannte  Hassenpflug
einen  der  gutmütigsten  Philister  des  Hauses,  den  Gastwirt  Salzmann.
Der  wurde  beschuldigt,  auf  seiner  Kegelbahn  in  Nauheim  das  aufrührerische
  Gerede  eines  Genossen  von  Weidig  ruhig  mit  angehört  zu  haben,
und  selbst  dieser  Hochverrat  konnte  nachher  nicht  erwiesen  werden.
Unter  solchen  unfruchtbaren  Wortgefechten  stockten  die  Geschäfte.  Alle
diese  Jahre  hindurch  kam  nur  noch  ein  wichtiges  Gesetz  zustande,  das
verständige  Gemeindegesetz  von  1834.  Die  Landstände  wurden  durch  die
ewige  Zänkerei  empfindlich,  gereizt,  kleinlich.  Sie  beschwerten  sich  über
Amtsehrenbeleidigung,  weil  sie  einmal  bei  einer  öffentlichen  Feierlichkeit
zur  linken  Hand  des  Regenten  gestanden  hatten;  sie  markteten  um  jeden
Flügeladjutanten,  genau  nach  den  Weisheitslehren  des  Staatslexikons,
und  wollten  einst  sogar  den  Gehalt  des  Zollvereinsbevollmächtigten  streichen
—  ein  offenbarer  Vertragsbruch,  der  noch  glücklich  abgewendet  wurde.  Um
die  Verwirrung  zu  vollenden,  ließ  der  Prinzregent  auch  noch  an  den  Ministern
  seine  Launen  aus.  Es  wurde  fast  zur  Regel,  daß  Meisterlin,  Motz,
Trott  und  die  anderen  Ministerialvorstände,  die  neben  Hassenpflug  wenig
        <pb n="630" />
        622  IV.  8.  Stille  Jahre.

bedeuteten,  nur  kurze  Zeit  im  Amte  blieben;  dann  verschwanden  sie  plötz—
lich  aus  rätselhaften  Gründen,  manche  kehrten  späterhin  wieder  in  das
Ministerium  zurück.  In  Berlin  hatte  man  nachgerade  verlernt,  sich  über
dies  Regierungssystem  zu  verwundern.  Ancillon  meinte,  dergleichen  Ent—
lassungen  bedeuteten  nach  hessischen  Verhältnissen  gar  nichts,  und  fügte
die  weise  Lehre  hinzu:  blinde  Nachgiebigkeit  schützt  nicht  vor  der  Ungnade
eines  willkürlichen  Fürsten.  Wie  verführerisch  mußte  in  einem  solchen
Lande  jener  törichte  Artikel  100  des  Grundgesetzes  erscheinen,  der  die
Stände  verpflichtete,  die  Minister  wegen  Verletzung  der  Verfassung  anzuklagen.
  Die  Landstände  sahen  —  so  sagte  eine  ihrer  Klageschriften  —  daß
Hassenpflug  „gegen  das  lebendige  Wirken  und  die  gesetzliche  Entwicklung
der  Verfassung  unermüdlich  ankämpfte.“  Doch  so  gewiß  er  den  Geist  der
Verfassung  zu  zerstören  suchte,  ihren  Wortlaut  zu  verletzen  hütete  er  sich
klüglich;  eine  rechtliche  Verschuldung  ließ  sich  ihm  nicht  nachweisen.  Gleichwohl
  verklagte  ihn  der  Landtag  viermal  vor  dem  Oberappellationsgerichte;
die  eine  der  Anklageschriften  zählte  allein  dreizehn  angebliche  Verfassungsverletzungen
  auf:  das  Verfahren  gegen  Jordan,  die  Urlaubsverweigerungen,
die  Landtagsauflösungen  ohne  Landtagsabschied,  dazu  eine  Menge  unerheblicher
  Dinge,  sogar  die  verspätete  Einstellung  der  Rekruten.

Zum  ersten  Male  seit  dem  Bestande  der  neuen  Verfassungen  unternahm
  ein  deutscher  Landtag  die  zweischneidige  Waffe  der  Ministeranklage
zu  gebrauchen,  und  es  wurde  verhängnisvoll  für  die  Zukunft  unseres  Parlamentarismus,
  daß  dieser  erste  Versuch  jämmerlich  mißlang.  Der  Tübinger
Staatsrechtslehrer  Robert  Mohl  übernahm  die  Verteidigung  des  Ministers,
  den  er  sicherlich  nicht  liebte.  Mohl  hatte  sich  schon  als  junger  Mann
durch  seinen  wissenschaftlichen  Freimut  die  Ungnade  des  Bundestages  zugezogen
  und  seine  konstitutionelle  Gesinnung  soeben  wieder  in  dem  trefflichen
  Lehrbuche  des  Württembergischen  Staatsrechts  bewährt,  doch  er  verschmähte,
  den  Launen  der  öffentlichen  Meinung  zu  folgen,  und  er  erkannte,
daß  die  deutschen  Landtage  unbedacht  ihr  eigenes  Ansehen  untergruben,
wenn  sie  politische  Machtfragen  und  Meinungsverschiedenheiten  auf  dem
Rechtswege  zu  entscheiden  suchten.  In  seiner  Verteidigungsschrift  sprach
er  sehr  scharf  wider  die  Rechtsverdrehungen  der  Liberalen;  er  beschwor  die
Richter,  „Hessens  Verfassung  freizuhalten  von  solchem  Widersinn,  solcher
Barbarei  und  solcher,  die  Bekleidung  jedes  höheren  Staatsamtes  jedem
unmöglich  machenden  Auslegung.“  Das  Oberappellationsgericht,  das  zum
guten  Teile  aus  Liberalen  bestand  und  so  oft  schon  fürstlicher  Willkür
tapfer  entgegengetreten  war,  zeigte  diesmal  auch  nach  unten  hin  eine  ehrenwerte
  Selbständigkeit.  Hassenpflug  wurde  in  allen  vier  Fällen  freigesprochen
  und  veröffentlichte,  zur  Beschämung  des  Landtags,  sämtliche
Aktenstücke,  die  allerdings  nur  den  Juristen,  nicht  den  Politikern  seine  Unschuld
  darlegten.  Der  preußische  Hof  hielt  sich  von  diesem  Streite,  wie
von  allen  den  inneren  Zwistigkeiten  der  kleinen  Staaten,  behutsam  zurück.
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        Die  Rotenburger  Quart.  623

Als  der  Kurprinz  einmal  seinem  königlichen  Oheim  einen  Plan  einsendete,
der  die  Landstände  zur  Zurücknahme  der  Anklagen  bewegen  sollte,  da  ließ
der  König  antworten:  er  wünsche  nicht,  daß  sein  Neffe  mit  ihm  oder  dem
Kaiser  von  Osterreich  über  solche  Dinge  unmittelbar  Briefe  wechsle,
beide  Höfe  könnten  als  Bundesmächte  doch  nur  gemeinsam  handeln;  so
würde  auch  am  sichersten  „jeder  Anschein  einer  Verkennung  der  Grundsätze
der  Verfassung  vermieden“.)

Die  Prozesse  gegen  Hassenpflug  währten  in  das  vierte  Jahr  hinein,
bis  zum  Januar  1836,  ohne  das  Land  sonderlich  aufzuregen.  Mittlerweile
  war  aber  schon  ein  neuer,  dem  Volke  verständlicherer  Kampf  ausgebrochen.
  Wieder  einmal  geriet  die  Habsucht  dieses  Fürstenhauses  in
Streit  mit  dem  eigenen  Lande.  Um  Neujahr  1835  erlosch  die  Nebenlinie
  Hessen-Rotenburg,  die  ein  Viertel  der  alten  Landgrafenschaft,  die  Rotenburger
  Quart  mit  225  000  Tlr.  jährlicher  Einkünfte  besaß  und  dort  die
Patrimonialgerichtsbarkeit  nebst  anderen  niederen  Regierungsrechten  ausübte.
  Eine  Weile  blieb  es  noch  zweifelhaft,  ob  dieser  reiche  Besitz  wirklich
  heimgefallen  sei;  denn  die  Witwe  des  letzten  Rotenburgers,  Landgräfin
Eleonore  meldete  aus  ihrem  einsamen  Schlosse  Zembowitz  in  Schlesien,
daß  sie  sich  Mutter  fühle.  Alsbald  argwöhnte  der  mißtrauische  Kurprinz,
daß  man  einen  Erben  unterschieben  wolle,  obgleich  die  Landgräfin  sich  von
freien  Stücken  bereit  erklärte,  ihr  Wochenbett  zu  Rotenburg  in  Hessen  abzuwarten.
  Er  erbat  sich  durch  seinen  Gesandten  vom  Berliner  Hofe  die
Anordnung  der  üblichen  Sicherheitsmaßregeln.  Nach  deutschem  Fürstenrechte
  ließ  sich  dies  unanständige  Verlangen  nicht  abweisen.  Das  Pupillen-Kollegium
  in  Ratibor  ernannte  nunmehr  einen  Landrat  zum  Curator
  ventris  für  die  Witwe;  der  mußte  die  Landgräfin  nach  dem  Schlosse
Rotenburg  geleiten.  Dort  hatte  der  Kurprinz  alle  Zugänge  vermauern
lassen;  der  eine,  der  offen  blieb,  wurde  streng  bewacht.  Die  arme  Landgräfin,
  die  unzweifelhaft  in  gutem  Glauben  war,  bat  den  König  von
Preußen  für  alle  Fälle  um  Schutz,  weil  dem  Kurprinzen  kein  Fürstenwort
heilig  sei;  da  stellte  sich  endlich  heraus,  daß  sie  sich  über  ihren  Zustand
getäuscht  hatte.)

Nachdem  der  Prinzregent  seinen  Verwandten  seine  ritterliche  Gesinnung
  gezeigt  hatte,  ließ  er  die  Rotenburger  Quart  für  sein  Hausfideikommiß
  einziehen;  die  Kosten  der  Verwaltung  und  der  Gerichtsbarkeit  überwies
  er  kurzerhand  dem  Staate  und  erbot  sich  großmütig,  1500  Tlr.
jährlich  zuzuschießen.  Zugleich  versuchte  er  auch  die  großen  preußischen
Besitzungen  des  Hauses  Rotenburg,  die  Fürstentümer  Ratibor  und  Corvey,
welche  der  verstorbene  Landgraf  seinen  Neffen,  den  Prinzen  von  Hohenlohe

 

*7)  Entwurf  für  ein  Reskript  des  Kurprinzen  an  den  Landtag,  2.  Juli;  Ancillon,
Weisungen  an  Canitz,  16.,  17.  Juli  1833.

**)  Landgräfin  Eleonore  von  Hessen-Rotenburg  an  Ancillon,  12.  Aug.,  an  Canitz,
Aug.  1835.  Kabinettsordre  an  Ancillon,  28.  Aug.  1835.
        <pb n="632" />
        624  IV.  8.  Stille  Jahre.

vermacht  hatte,  widerrechtlich  an  sich  zu  reißen.  In  Preußen  wurden  seine
Ansprüche  natürlich  abgewiesen,  umso  hartnäckiger  behauptete  er  sie  in  Hessen.
Da  die  Verfassung  alle  Domänen  für  Staatsgüter  erklärt  hatte,  so  ver—
stand  es  sich  von  selbst,  daß  auch  die  heimgefallenen  Rotenburger  Domänen,
durchweg  säkularisierte  Kirchengüter,  dem  Staate  gehörten,  und  das  kur—
fürstliche  Haus  höchstens  eine  entsprechende  Erhöhung  der  Zivilliste  fordern
konnte.  Darüber  waren  auf  dem  Landtage  von  1830,  als  das  Landesvermögen
  geteilt  wurde,  die  Vertreter  der  Regierung  mit  den  Landständen
  vollkommen  einig  gewesen.  Auch  jetzt  erklärte  der  Landtag  mit  erdrückender
  Mehrheit,  die  Rotenburger  Quart  gehöre  dem  Staate.  Die
treuen  bäuerlichen  Abgeordneten  zeigten  sich  besonders  eifrig;  sie  sagten,
jetzt  sei  doch  dem  Kurhause  endlich  genug  gezahlt  worden.  Doch  leider
enthielt  die  Verfassung  keine  Vorschrift  über  die  Streitfrage,  und  so  konnte
der  landesübliche  Zank  von  neuem  beginnen.  Der  Kurprinz  blieb  vorläufig
  im  Besitze  und  ließ  im  Verlaufe  der  Händel  einmal  eine  höchst  verdächtige
  Außerung  fallen.  Er  schrieb  den  Ständen  (1837):  für  den  Fall
seiner  eigenen  Thronbesteigung  behalte  er  sich  noch  eine  besondere  Erklärung
  über  „Unsere  Domänen“  vor.  Sollte  das  heißen,  daß  er  als
Kurfürst  die  ganze  Vereinbarung  vom  Jahre  1830  wieder  in  Frage  stellen
und  auch  die  kurhessischen  Domänen  für  sich  verlangen  wolle?  Niemand
wußte  es;  die  Aussicht  in  die  Zukunft  ward  immer  düsterer.

Sie  lichtete  sich  auch  nicht,  als  Hassenpflug  von  dem  unvermeidlichen
Schicksal  aller  hessischen  Minister  ereilt  wurde.  Er  hatte  seine  Schuldigkeit
  getan  und  begann  dem  Prinzregenten  durch  seine  Herrschsucht  wie
durch  seine  Überlegenheit  lästig  zu  werden.  Auf  einen  Vorschlag,  den
der  Minister  mit  dem  Besten  der  Untertanen  begründete,  erwiderte  der
Regent  unwirsch:  „Ach  was!  Bestes  der  Untertanen!  Da  mag  man  noch
so  viel  tun,  da  wird  doch  nicht  dafür  gedankt,  und  dann  denkt  niemand
dabei  an  Uns,  es  heißt  doch,  die  Minister  haben's  getan.“  Man  merkte
bald,  daß  der  Kurprinz  die  Gelegenheit  zum  Bruche  suchte.  Sie  fand  sich
auch  schnell:  es  gab  Streit  über  den  Ministergehalt,  und  nachher  wurden
gar  einige  Hengste  aus  dem  Landesgestüt,  ohne  Anfrage  beim  Prinzregenten,
zum  Verkauf  ausgemustert.  Das  genügte.  Durch  schnöde  Verweise  beleidigt,
  forderte  Hassenpflug  zweimal  seine  Entlassung.  Am  1.  Juli  1837
wurde  er  aufgefordert,  das  Ministerium  des  Innern  aufzugeben,  das  Justizministerium
  zu  behalten;  als  er  dies  Schreiben  zurückschickte,  erhielt  er  ungnädigen
  Abschied.  Das  war  der  Dank  für  den  Mann,  der  so  lange  die
eigensten  Gedanken  des  Prinzregenten  mit  tollkühner  Dreistigkeit  verteidigt
  hatte.  Hassenpflug  war  während  der  letzten  Wochen,  wohl  um  sich
einen  neuen  Rückhalt  zu  suchen,  im  Landtage  etwas  milder  aufgetreten.
Darum  fühlte  er  sich  gedrungen,  dem  Könige  von  Preußen  in  einer  ausführlichen
  Denkschrift  die  wahren  Gründe  seiner  Entlassung  darzulegen.
Nimmermehr  wollte  er  sich  dem  Verdachte  aussetzen,  „als  wäre  ein  Aus-
        <pb n="633" />
        Die  schwäbischen  Liberalen.  625

prägen  hyperkonstitutioneller  Ideen  in  meinem  Verfahren  enthalten;  das
wäre  für  mich  die  schwerste  aller  Anklagen.“)

An  Hassenpflugs  Stelle  führte  nunmehr  Staatsrat  Scheffer  das  Wort
für  die  Regierung.  Der  hatte  sich  während  der  Revolutionsjahre  durch
radikalen  Übermut  ausgezeichnet;  jetzt  sprach  er  ganz  im  Sinne  seines
Vorgängers,  nur  ohne  dessen  Geist  und  Gewandtheit.  Der  Streit  um  die
Rotenburger  Quart  währte  fort.  Im  Jahre  1838  wurden  zwei  Landtage
aufgelöst,  weil  sie  die  Einkünfte  der  Quart  den  Einnahmen  des  Staatsbudgets
hinzurechnen  wollten.  Darauf  wendeten  sich  die  Stände  nach  Frankfurt,
um  die  Einberufung  des  Bundesschiedsgerichts  zu  erbitten.  Der  Bundestag
  wies  sie  ab,  da  das  hessische  Kompromißgericht  noch  nicht  gesprochen
habe.  Die  Abweisung  war  der  Form  nach  unanfechtbar  —  schade  nur,  daß
der  Prinzregent  die  Einberufung  des  Kompromißgerichts  niemals  zugeben
wollte.  Als  nun  gar  noch  Jordan  wegen  demagogischer  Umtriebe  ins  Gefängnis
  geworfen  wurde,  da  fragten  die  Hessen  schmerzlich,  wo  die  Segnungen
  der  liberalsten  aller  deutschen  Verfassungen  geblieben  seien.  —

In  Württemberg  hingegen  erlangten  König  und  Beamtentum  fast
unmerklich  ihre  alte  Macht  wieder.  Der  vormals  verabscheute  Führer  des
liberalen  „reinen  Deutschlands“  wurde  jetzt  an  den  großen  Höfen,  mit
besserem  Grunde,  als  der  erfahrene  Nestor  der  konstitutionellen  Fürsten  belobt:
  Niemand  verstehe  wie  er,  mit  den  Landständen  ohne  Geräusch  fertig
zu  werden.  Bei  den  Neuwahlen,  nach  der  Auflösung  des  vergeblichen
Landtags  von  1833,  ließ  Staatsrat  Schlayer  alle  Minen  springen.  Als
den  liberalen  Beamten  der  Urlaub  verweigert  wurde,  forderte  Ludwig
Uhland  die  Entlassung  aus  seiner  Tübinger  Professur,  und  die  Regierung
entblödete  sich  nicht,  dem  größten  aller  lebenden  Schwaben  den  Abschied  mit
dem  höhnischen  Zusatz  „sehr  gern“  zu  erteilen.  Auch  der  junge  Kriegsrat
  Friedrich  Römer  legte  sein  Staatsamt  nieder,  um  in  den  Stuttgarter
Halbrundsaal  einzutreten,  wo  er  sich  als  das  erste  praktische  Talent  der
Opposition  bewährte.  Die  Liberalen  blieben  in  der  Minderheit  und  sie
fühlten  bald  selbst,  wie  wenig  das  ermüdete  Land  noch  nach  dem  Kampfe
wider  die  Bundesschlüsse  fragte.  Uhland  sagte  einmal  herb:  „Ich  spreche
dem  Volke  das  Recht  ab,  über  etwas  unzufrieden  zu  sein,  was  eine  von
ihm  gewählte  Kammer  beschlossen  hat.  Es  hat  sie  ja  selbst  so  gewählt.“
Ein  Antrag  auf  Herstellung  der  Preßfreiheit  wurde  zwar  angenommen,
und  Uhland  sprach  dabei  die  Hoffnung  aus:  wenn  jetzt  alle  Landtage  ihre
Pflicht  täten,  so  würde  dereinst  eine  deutsche  Nationalversammlung  die
Volksrechte  noch  wirksamer  wahren.  Doch  was  halfen  Worte  gegen  die
anerkannten  Bundesgesetze?  Pfizer  versuchte  noch  mehrmals  das  Verhältnis
  zwischen  Bundesrecht  und  Landesrecht  zur  Sprache  zu  bringen.  Er

 

*)  Hassenpflug,  kurze  Darstellung  der  Gründe  meines  Austritts  aus  dem  kurhessischen
  Staatsdienste.  (Dem  Könige  übersendet  durch  Heinrich  v.  Arnim,  11.Dez.  1837.)
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  40
        <pb n="634" />
        626  IV.  8.  Stille  Jahre.

verlangte  in  feuriger  Rede:  jeder  Landtag  müsse  die  gemeinsamen  deut—
schen  Angelegenheiten  als  wahrhafte  Landesangelegenheiten  betrachten;  dann
werde  die  Nation  sich  als  Nation  erkennen  und  nicht  länger  vor  den  Aus—
ländern  zu  erröten  brauchen.  Allein  die  Teilnahme  blieb  lau;  als  er
seine  Anträge  zum  vierten  Male  einbrachte,  begrub  man  sie  stillschweigend
in  den  Akten.  Auch  Römers  tief  durchdachte  Reden  gegen  das  neue,  überaus
harte  Strafgesetzbuch  fanden  wenig  Anklang.

Die  Opposition  stand  aussichtslos  im  Winkel  und  verfiel  allmählich,
wie  vormals  die  Altrechtler,  jenem  pessimistischen  Trotze,  der  die  tiefen
schwäbischen  Gemüter  so  leicht  betört.  In  einer  geistreichen  Schrift  über
das  Recht  der  Steuerverwilligung  (1836)  erwies  Pfizer,  dies  Recht  müsse
den  Landständen  als  Mittel  dienen,  „um  auf  die  vollziehende  Gewalt  Einfluß
  zu  gewinnen  und  Anderungen  im  Regierungssystem  zu  bewirken.“
Es  war  die  altständische  Ansicht  vom  power  of  the  purse,  eine  grob
naturalistische,  mit  der  Staatseinheit  schlechthin  unvereinbare  Lehre,  welche
das  Wesen  der  Freiheit  im  beständigen  Kampfe  gegen  die  Regierung  suchte.
Diese  staatsfeindliche  Doktrin,  die  einst  den  alten  Ständen  Mecklenburgs
und  Württembergs  zum  Leitstern  gedient  hatte,  wurde  jetzt  von  dem  ersten
Publizisten  des  deutschen  Liberalismus  als  Grundsatz  des  modernen  konstitutionellen
  Staatsrechts  aufgestellt,  und  seine  gemäßigt  liberalen  Freunde
schlossen  sich  ihm  an.  Sie  stimmten  allesamt  gegen  das  Budget,  weil
sie  wußten,  daß  die  Mehrheit  es  doch  bewilligen  würde,  und  sprachen  selbst
feierlich  aus,  durch  ihr  Nein  wollten  sie  nur  Verwahrung  einlegen  wider
„eindem  konstitutionellen  Prinzip  sowenigentsprechendes  Regierungssystem“.
Doch  unmöglich  konnten  ehrliche,  geistvolle  Männer  bei  Abstimmungen,
die  nicht  ernst  gemeint  waren,  sich  auf  die  Dauer  beruhigen.  Was  mußte
Pfizer  empfinden,  wenn  er  gegen  den  Zollverein  stimmte  oder  gar  den  unsinnigen
  Satz  verteidigte:  Landesrecht  geht  vor  Bundesrecht!  Er  täuschte
sich  nicht  über  die  Unwahrheit  eines  politischen  Kampfes  ohne  Mittelpunkt
und  Ziel;  von  den  Portfolio-Träumen  seines  Freundes  Wurm  wollte  er
auch  nichts  hören,  weil  er  die  Selbstsucht  der  britischen  Staatskunst  durchschaute.
  Überdies  hatte  er  an  sich  selbst  erfahren,  daß  nur  Männer,
welche  ganz  im  parlamentarischen  Leben  aufgehen,  in  der  Volksvertretung
wahrhaft  mächtig  werden,  nicht  aber  Publizisten  oder  Denker,  die  auf  anderen
  Gebieten  ihren  Namen  sich  erworben  haben.  Selbst  Uhland,  dessen
politischer  Blick  nicht  so  weit  reichte,  erkannte  beschämt  die  Ohnmacht  dieser
kleinen  Landtage  und  sagte:  „Wir  stehen  an  der  Grenze  einer  lebendigen
Wirksamkeit  auf  diesem  Wege.  Der  Bündel  ist  nicht  zustande  gekommen,
das  Beil  hat  kein  Heft,  und  die  Stäbe  liegen  geknickt  umher.“  Das  Land
regte  sich  nicht,  und  es  klang  fast  wie  Hohn,  wenn  Wurm  und  seine
Genossen  im  Portfolio  rühmten:  der  Stuttgarter  Hof  sei  russisch,  die
Opposition  allein  vertrete  die  wirkliche  Meinung  des  Volks,  das  nach
einem  Bunde  mit  den  Westmächten  verlange.
        <pb n="635" />
        Rücktritt  der  württembergischen  Opposition.  627

Verstimmt  und  entmutigt  beschlossen  die  Führer  der  Liberalen  1838,
den  parlamentarischen  Kampf  vorläufig  aufzugeben;  Pfizer,  Uhland,  Schott,
Römer,  Wolfgang  Menzel  ließen  sich  nicht  wieder  wählen.  In  einem
Briefe  an  einen  seiner  Geißlinger  Wähler  sprach  F.  Römer  die  Verzweif—
lung  und  Erbitterung,  welche  den  süddeutschen  Liberalismus  ergriffen
hatte,  stürmisch  aus.  Da  hieß  es:  „Gerade  die  Starrheit,  womit  ich
auf  demjenigen  beharre,  was  ich  für  recht  halte,  macht  mich  zum  württem—
bergischen  Volksvertreter  gänzlich  unfähig.  Kann  man  es  mit  dem  be—
stehenden  Rechte  der  Steuerverweigerung  in  Einklang  bringen,  einer  Re—
gierung,  welche  dem  Volke  gerade  diejenigen  Mittel  vorenthält,  die  allein
geeignet  sind,  den  Sinn  für  einen  verfassungsmäßigen  Rechtszustand  zu
wecken  und  zu  erhalten,  kann  man  es,  sage  ich,  mit  jenem  Rechte  in  Ein—
klang  bringen,  einer  solchen  Regierung  das  Geld  zu  verwilligen,  womit
der  Zensor  belohnt  wird,  weil  er  diejenigen  Stellen  streicht,  welche  sich
auf  die  Rechte  der  Staatsbürger  beziehen?  —  das  Geld  zu  verwilligen,
womit  der  Polizeibeamte  bezahlt  wird,  weil  er  gegen  politische  Versamm—
lungen  einschreitet?  —  das  Geld  zu  verwilligen,  womit  der  Richter  be—
soldet  wird,  weil  er  den  Widerstand  gegen  solche  Verfügungen  bestraft?
So  scheiterten  alle  Versuche,  einen  besseren  Zustand  zu  begründen,  an  der
Furcht  vor  dem  Bunde!“*)

Solche  Verzichte  bestrafen  sich  in  der  Politik  unfehlbar.  Die  neue
Kammer  von  1839  bestand  zumeist  aus  ergebenen  Beamten  und  Schultheißen;
  man  nannte  sie  die  Amtsversammlung,  und  ganz  ungestört  konnte
Schlayer  fortan  mit  dem  Heere  seiner  Schreiber  schalten.  Er  verfuhr  verständig
  und  sparsam;  nur  eine  Minderung  der  Überzahl  der  Generale  wagte
er  dem  Großmachtsstolze  seines  Monarchen  nicht  zuzumuten.  König  Wilhelm
  nannte  sich  selbst  gern  einen  alten  Praktiker  und  sorgte  eifrig  für  den
Landbau;  sein  Liebling,  die  landwirtschaftliche  Akademie  zu  Hohenheim  besaß,
  auch  nachdem  der  verdiente  Schwerz  abgegangen  war,  immer  treffliche
Lehrer.  Die  völlige  Entlastung  des  Bodens  vermochte  er  freilich  nicht  durchzusetzen;
  denn  seine  Regierung  konnte,  obgleich  Schlayer  sie  als  ein  „bürgerliches
  Ministerium“  rühmte,  des  Beistandes  der  ersten  Kammer  gegen
die  Liberalen  nicht  entbehren,  und  die  Engherzigkeit  der  Standesherren
wollte  von  befreienden  Agrargesetzen  nichts  hören.  Mit  Mühe  wurde  die
Ablösung  der  Fronden  und  Beden,  gegen  eine  sehr  hohe  Entschädigung,
erreicht;  die  Zehnten  blieben  bestehen,  zum  Leidwesen  des  Königs.  Die
Demagogenverfolgung  betrieb  er  als  nüchterner  Geschäftsmann  nicht  sehr
eifrig.  Die  Presse  dagegen  ward  unerbittlich  bedrückt;  sie  durfte  sogar  die
Zensurlücken  nicht  mehr  durch  Gedankenstriche  andeuten.  Die  große  Treibjagd
  des  Bundestages  hatte  in  Schwaben  nur  noch  zwei  politische  Blätter
am  Leben  gelassen:  den  Beobachter,  der  das  Geschäft  des  unterdrückten

*)  F.  Römers  Schreiben  an  einen  seiner  Geißlinger  Wähler,  1.  Nov.  1838.
S.  Beil.  XXIII.
        <pb n="636" />
        628  IV.  8.  Stille  Jahre.

radikalen  Hochwächters  fortzusetzen  suchte,  und  den  gemäßigten,  zuweilen
von  der  Regierung  selbst  benutzten  Schwäbischen  Merkur.  Die  Zensoren
aber  pflegten  —  so  rechtlos  war  die  Presse  —  das  Oppositionsblatt  nachsichtiger
  zu  behandeln  als  die  befreundete  Zeitung;  denn  was  dort  unbedenklich
  erschien,  hätte  hier  leicht  Aufsehen  erregen  können.  So  schien  dies
stramme  bureaukratische  Regiment  noch  auf  lange  hinaus  gesichert;  und
zuversichtlich  sagte  Schlayer  im  Landtage,  zehn  Jahre  vor  der  März-Revolution:
  „Wann  war  Württembergs  Zustand  besser  als  jetzt?“  Ahnliche
Außerungen  der  Selbstzufriedenheit  ließen  sich  auch  auf  den  Ministerbänken
  anderer  Kleinstaaten  vernehmen.  In  der  Enge  ihres  Berufslebens
vermochten  diese  pflichtgetreuen  Beamten  nicht  mehr  zu  begreifen,  daß  die
Wohltaten  eines  langen  Friedens  und  einer  geordneten  Verwaltung  ein
edles  Volk  doch  nicht  über  die  schimpfliche  Zerrissenheit  seines  Gesamtstaates
  trösten  kann.  —

Während  in  Württemberg  das  alte  System  sich  nur  wieder  häuslich
einrichtete,  bekundeten  sich  in  Baden  bald  die  ersten  Anzeichen  einer  gefährlichen
  Reaktion.  Solange  Winter  lebte,  konnte  der  innere  Friede
freilich  nicht  ernstlich  gestört  werden.  Der  wackere  Minister  zählte  zu  jenen
glücklichen  Naturen,  denen  niemand  gram  wird;  seine  derbe  Offenherzigkeit
  war  den  Oberländern  unwiderstehlich.  Er  hatte  auf  Befehl  des  Bundestages
  das  neue  Preßgesetz  aufgehoben;  er  hatte  die  Universität  Freiburg
geschlossen  und  ihre  liberalen  Professoren  abgesetzt;  er  verweigerte  die  Bestätigung,
  als  die  Freiburger  nachher  ihren  Rotteck  zum  Bürgermeister
wählten.  Gleichwohl  ward  er  in  dem  liberalen  Ländchen  immer  beliebter,
volkstümlicher  fast  als  die  Führer  der  Opposition;  selbst  Rotteck  und
Welcker,  denen  er  so  viel  Leides  angetan,  verkehrten  mit  ihm  freundlich,
fast  herzlich.  Niemand  wollte  glauben,  daß  er  jene  Taten  der  Unterdrückung
  aus  freiem  Antriebe  beschlossen  hätte;  sagte  er  doch  selbst  oft:
„ich  fürchte  die  oben  mehr  als  die  unten.“  Das  kleinliche  Mittel  der
Urlaubsverweigerung  verschmähte  er  stets.  Aber  allen  erwählten  Beamten
schärfte  er  ein:  sie  sollten  auch  als  Abgeordnete  ihrer  Staatsdienerpflicht
eingedenk  sein;  wo  nicht,  so  würde  er  nicht  anstehen,  ihnen  den  Urlaub
zu  entziehen.  Andere  Abgeordnete  bat  er  brieflich  um  Mäßigung,  mit  schonungsloser
  Aufrichtigkeit.  An  Rotteck  schrieb  er  einst:  „Meinen  Sie,  irgend
jemand  glaube,  daß  Sie  gegen  den  Zollverein  seien,  weil  Sie  ihn  für
schädlich  halten?  Kein  Mensch  glaubt  es,  weil  er  an  und  für  sich  Ihrem
System  entspricht.  Sie  tun  es  aus  Haß  gegen  Preußen,  um,  wenn  Sie
reussieren,  die  Hand  emporhalten  und  sagen  zu  können:  Ihr  Preußen,
ihr  habt  den  Hofrat  von  Rotteck  verfolgt,  gekränkt,  seine  Schriften  verboten,
selbst  ehe  sie  noch  gedruckt  waren;  ihr  habt  ihn  wie  einen  Wurm  zertreten,
  aber  dieser  Hofrat  von  Rotteck  ist  doch  eine  Macht!  Sie  spielen
hiernach  die  Rolle  O'Connells,  nur  ist  Ihnen  das  Terrain  nicht  günstig  —
Sie  haben  kein  Irland.  Und  dessen  allen  ungeachtet,  da  Sie  als  ent-
        <pb n="637" />
        Rotteck  über  den  Zustand  des  Vaterlandes.  629

schiedener  Feind,  nicht  bloß  Opponent  der  Regierung  auftreten,  verlangen
Sie  noch  schonlich  behandelt  zu  werden?  Nein,  Herr  Hofrat!  So  sanft—
mütig  können  und  dürfen  wir  uns  nicht  benehmen,  nicht  aus  Persönlich—
keit  oder  Rachsucht,  nein,  sondern  im  Interesse  der  Regierung  gegen  innen
und  außen.“  So  grob,  so  ungerecht  sogar  durfte  er  reden  —  denn  Rot—
tecks  Preußenhaß  entsprang  wirklich  nicht  persönlicher  Empfindlichkeit,
sondern  dem  doktrinären  Starrsinn  —  und  doch  verargte  es  ihm  niemand.

Einem  solchen  Manne  konnte  es  nicht  schwer  fallen,  die  liberale  Partei
zu  zerspalten,  ihre  gemäßigten  Mitglieder  an  sich  zu  ziehen;  ohnehin  be—
gann  die  Erregung  der  Revolutionsjahre  schon  zu  schwinden.  Seinem
Schwager,  dem  liberalen  Fürsten  von  Fürstenberg  redete  der  Großherzog
persönlich  zu,  auf  Otterstedts  Bitten,  und  der  Fürst  blieb  schließlich  eine
Weile  den  Kammerverhandlungen  fern.“)  So  verliefen  denn  die  Land—
tage  von  1833  und  35  in  leidlichem  Frieden.  Wohl  versuchte  Rotteck  in
einer  feierlichen  Motion  ein  videant  consules  auszusprechen;  er  verlangte
eine  Kommission,  „um  den  Zustand  des  Vaterlandes  in  Erwägung  zu
ziehen“,  eine  Rechtsverwahrung  wider  die  Bundesbeschlüsse,  obgleich  der
Großherzog  in  gemütlicher  Ansprache  den  Abgeordneten  versichert  hatte,
daß  schlechterdings  keine  Verletzung  der  Verfassung  beabsichtigt  sei.  Die
Kammer  aber  verwies  den  Antrag  in  die  Abteilungen  zur  stillen  Bestattung,
  und  Winter  verbot  die  Veröffentlichung;  nur  in  den  Protokollen,
wo  niemand  sie  las,  durfte  die  Motion  gedruckt  werden.  Dann  kam
Welcker  mit  einer  ähnlichen  Motion  und  redete  gewaltig  über  „den  fünfzigjährigen,
  blutigen,  organischen  Prinzipienkampf  zwischen  Volksfreiheit  und
schrankenloser  Herrschergewalt“.  Sogar  die  Schatten  aus  dem  Teutoburger
  Walde  beschwor  er  herauf  und  weissagte:  wenn  Fürst  und  Volk
einig  seien,  dann  müsse  „der  neue  Gegner  deutscher  Freiheit“  ebenso  unfehlbar
  unterliegen  wie  einst  Varus  mit  seinen  Legionen;  soweit  sich  der
Rede  dunkler  Sinn  erraten  ließ,  schien  der  König  von  Preußen  dieser
andere  Varus  zu  sein.  Auch  dies  blieb  vergeblich.  Als  Rotteck  1835
noch  einmal  eine  Motion  auf  Sicherstellung  der  Verfassung  einbrachte,
blieben  die  Hörer  kalt,  und  der  Antrag  wurde  nicht  einmal  in  das  Protokoll
  aufgenommen;  der  tapfere  Mann  hielt  unerschütterlich  bei  der  Stange
aus  und  bemerkte  nicht  den  Wandel  der  Zeiten.  Starken  Anforderungen
war  der  Bürgermut  dieses  badischen  Liberalismus  keineswegs  gewachsen.
Sobald  die  liberalen  Städte  Freiburg  und  Mannheim  das  Mißwollen  der
Regierung  bemerkten,  suchten  sie  alsbald  durch  glänzende  Geburtstagsfeiern
ihre  badische  Vaterlandsliebe  zu  erweisen.  Als  der  Kronprinz  von  Preußen
nach  Heidelberg  kam,  wurde  er  zu  seiner  großen  Verwunderung  schon
draußen  in  Handschuhsheim  von  berittenen  Fackelträgern  empfangen.  Vor
seinem  Gasthofe  paradierte  dann  die  Bürgergarde.  Abgesandte  der  Stadt

—

*)  Otterstedts  Berichte,  16.  Mai  1833,  22.  April  1835.
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        630  IV.  8.  Stille  Jahre.

und  der  Universität  beteuerten  ihm  wetteifernd  ihre  Ergebenheit;  denn
die  preußische  Regierung  hatte  kürzlich  die  Torheit  begangen,  ihren  Unter—
tanen  den  Besuch  der  Heidelberger  Hochschule  zu  verbieten,  und  die  Preußen
bildeten  den  Stamm  der  studierenden  „Ausländer“,  von  denen  die  liebliche
Neckarstadt  damals  noch  lebte.“)

Die  Verdienste  der  Regierung  ließen  sich  nicht  in  Abrede  stellen.  Die
Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten  gelang  zur  Befriedigung  der  Pflichtigen,
ein  verständiges  Volksschulgesetz  ordnete  den  Elementarunterricht;  die  neue
große  Polytechnische  Anstalt  in  Karlsruhe  erlangte  rasch  einen  guten  Ruf;
Mannheim  erhielt  seinen  Rheinhafen,  ein  unschätzbares  Geschenk  eben
jetzt,  da  die  Stadt  in  den  großen  Verkehr  des  Zollvereins  eintrat;  die  schon
im  letzten  Jahrzehnt  nach  den  kühnen  Plänen  des  Obersten  Tulla  begonnene
  Korrektion  des  Rheines  schritt  rüstig  vorwärts,  obgleich  die  Bauern
der  Uferdörfer  sich  zuweilen  tätlich  widersetzten;  auch  die  wilden  Schwarzwaldflüsse
  Elz  und  Dreisam  wurden  gebändigt.  Die  Verwaltung  erwarb
sich  durch  ihre  einsichtige  Tätigkeit  so  allgemeines  Vertrauen,  daß  Winter
sogar  eine  Abänderung  des  neuen  allzu  radikalen  Gemeindegesetzes  beim
Landtage  durchsetzen  konnte.

Seit  dem  Herbste  1835  begann  man  jedoch  schon  zu  fürchten,  daß
dieser  Waffenstillstand  der  Parteien  nicht  lange  dauern  werde.  Freiherr
von  Türckheim  forderte  seine  Entlassung.  Er  hatte  sich  allezeit  als  treuer
Patriot  gezeigt  und  noch  kürzlich  dem  Tuilerienhofe  mutig  die  Zähne  gewiesen,
  als  dieser  während  der  Schweizer  Wirren  den  Karlsruher  Hof  zu
bedrohen  wagte;  zuletzt  ward  ihm  die  peinliche  Mittelstellung  zwischen  dem
Bundestage  und  den  Kammern  doch  verleidet.  Sein  Nachfolger  wurde
Blittersdorff,  weil  sich  niemand  sonst  fand,  und  weil  Minister  Reizenstein,
  der  sich  mit  den  Jahren  den  Liberalen  immer  mehr  entfremdete,  der
Hofburg  einen  unzweideutigen  Beweis  badischer  Bundestreue  geben  wollte.
Graf  Münch,  Blittersdorffs  Frankfurter  Gönner,  und  der  Gesandte  in
Wien,  General  Tettenborn  hatten  insgeheim  nachgeholfen.*)  An  Feindseligkeiten
  gegen  Preußen  dachte  der  Großherzog  sicherlich  nicht;  er  bewahrte
dem  alten  Könige  treue  Ergebenheit  und  vergoß  Tränen  der  Rührung,
als  er  zum  Chef  eines  preußischen  Regiments  ernannt  wurde.  **)  Indes
zeigten  sich  bald  die  Hintergedanken  des  neuen  Ministers.  Sein  Ideal
war  eine  starke,  durch  Osterreich  geleitete  Bundesgewalt,  die  den  Landtagen
  unerbittlich  den  Daumen  aufs  Auge  setzen  sollte.  In  der  Stille
näherte  sich  der  ungläubige  Weltmann  schon  den  Klerikalen,  denn  sie  waren
in  Süddeutschland  die  einzig  mögliche  Stütze  des  Absolutismus,  und  der
Wiener  Hof  hatte  mit  ihnen  bereits  seinen  Frieden  geschlossen.  Neben

—  —

*)  Otterstedts  Bericht,  26.  Nov.  1833.
*“)  Dönhoffs  Bericht,  9.  Nov.  1835.
v’*.  )  Otterstedts  Bericht,  8.  Jan.  1833.
        <pb n="639" />
        Winters  Tod.  Blittersdorff.  631

dem  volksbeliebten  Minister  des  Innern  kam  Blittersdorff  vorerst  noch
nicht  auf.

Da  starb  Winter  plötzlich  in  der  Kraft  der  Jahre  (März  1837).  Von
allen  Diplomaten  folgte  allein  der  preußische  Gesandte  seinem  Sarge;  bei
den  anderen  Höfen  hatte  der  Minister  immer  im  Geruche  des  Demagogen
gestanden.  Das  Land  beweinte  ihn  aufrichtig  und  ehrte  ihn  späterhin  durch
ein  Denkmal;  an  seinem  Namen  haftete  fortan  die  Erinnerung  der  glück—
lichsten  Zeiten  des  badischen  Landtagslebens,  obgleich  er  den  Häuptlingen
des  Liberalismus  so  scharf  entgegengetreten  war.  Staatsrat  Nebenius,
der  jetzt  das  erledigte  Amt  übernahm,  hatte  bei  allen  Reformen  der  jüng—
sten  Jahre  tätig  und  sachkundig  mitgewirkt.  Aber  zu  regieren  verstand
er  nicht.  Dem  Volke  blieb  der  stille,  geistvolle  Gelehrte  fremd,  und  gegen
Blittersdorffs  brennenden  Ehrgeiz  konnte  der  Schüchterne  mit  seiner  nach—
giebigen  Milde  wenig  ausrichten.  Er  war  der  Verfasser  der  neuen  Dienst—
pragmatik,  die  den  Beamten  eine  sehr  wenig,  unleugbar  allzu  wenig  be—
schränkte  Selbständigkeit  einräumte.  Der  hochfahrende  Diplomat  aber
sah,  wie  Metternich,  in  dieser  Unabhängigkeit  der  Staatsdiener  das  schlimmste
aller  Übel;  er  nannte  das  Beamtentum  ein  totes  Werkzeug,  das  man
nach  Belieben  müsse  zerbrechen  oder  wegwerfen  können.  Wie  sollten  diese
beiden  Männer  sich  vertragen?  Man  erzählte  bald,  der  Jüngere  habe
schon  ungeduldig  ausgerufen:  er  oder  ich!  Blittersdorff  fürchtete,  die  Liberalen
  würden  sich  Nebenius  „zu  einem  zweiten  Winter  nachziehen“.  Bei
der  gutmütigen  Schwäche  des  Großherzogs  durfte  Blittersdorffs  Tatkraft
  wohl  auf  den  Sieg  rechnen;  und  dann  wurde  der  evangelische  Hof
in  das  Fahrwasser  der  Klerikalen  getrieben,  dann  mußten  die  kaum  beschwichtigten
  parlamentarischen  Kämpfe  heftiger  denn  zuvor  sich  erneuern.  —

In  dieselben  unheilvollen  Bahnen  begann  jetzt  auch  Bayerns  Politik
einzulenken.  Nirgends  erschien  der  Umschwung  der  Stimmungen  so  auffällig.
  Der  Landtag,  der  vor  drei  Jahren  dem  Könige  Ludwig  so  viel
Herzeleid  bereitet  hatte,  benahm  sich  überaus  gefügig  und  bescheiden,  als
er  im  Jahre  1834  wieder  zusammentrat,  er  erwählte  sich  einen  Minister
zum  Präsidenten,  und  kein  Journalist  wagte  wieder,  wie  einst  Wirth,  die
Abgeordneten  aufzuwiegeln.  So  kränkenden  Verhandlungen,  wie  sie  der
letzte  Landtag  über  das  königliche  Einkommen  geführt  hatte,  wollte  sich  der
Monarch  nimmer  wieder  aussetzen.  Er  verlangte  vielmehr,  daß  ihm  aus
den  Domänen  ein  selbständiges  Krongut  ausgeschieden  würde,  und  erst  als
seine  eigenen  Minister  dies  für  unmöglich  erklärten,  wollte  er  sich  mit
einer  ständigen  Zivilliste  begnügen.  Dieser  Herzenswunsch  ward  ihm  auch
erfüllt.  Unter  brausenden  Hochrufen  bewilligten  die  Stände  dem  königlichen
  Hause  für  alle  Zeiten  ein  Jahreseinkommen,  das  sich  mit  Einschluß
der  Apanagen  auf  etwa  3  Mill.  fl.,  ein  Zehntel  der  gesamten  Staatsausgaben
  belief.  Keine  andere  deutsche  Dynastie  ward  verhältnismäßig
so  reich  ausgestattet,  das  preußische  Königshaus  begnügte  sich  mit  einem
        <pb n="640" />
        632  IV.  8.  Stille  Jahre.

knappen  Zwanzigstel  der  Staatseinkünfte.  Ebenso  bereitwillig  genehmigte
der  Landtag  den  außerordentlichen  Aufwand  für  den  Ludwigskanal,  für
die  prächtige  Bibliothek  und  für  die  bayrische  Zentralfestung  Ingolstadt,
die  dem  patriotischen  Wittelsbacher  doch  weit  näher  am  Herzen  lag  als  die
Befestigung  des  deutschen  Oberrheins.

Einträchtig  fanden  sich  Krone  und  Landtag  zusammen,  als  das  Niederlassungsgesetz
  vom  Jahre  1825  wieder  zur  Sprache  kam.“)  Die  beschränkte
Freizügigkeit,  welche  dies  Gesetz  gewährte,  hatte  unter  den  Pfahlbürgern
des  Landes  viel  böses  Blut  erregt;  zahlreiche  Petitionen  dawider  waren
eingelaufen.  Die  Kammer  aber  ahnte  noch  gar  nichts  von  den  drohenden
sozialen  Gefahren  der  Zeit;  roh  und  herzlos  äußerte  sich  der  Hochmut
der  besitzenden  Klassen  „über  das  heillose  Gesindel“  der  Nichtbesitzenden.
Wie  viel  menschlicher  und  gerechter  wurden  diese  Fragen  zur  selben  Zeit
auf  dem  brandenburgischen  Landtage  behandelt;  wie  weit  stand  der  Süden
in  seiner  volkswirtschaftlichen  Bildung  noch  hinter  dem  Norden  zurück.
Nach  stürmischen  Debatten  kam  ein  neues  Gesetz  zustande,  das  für  die
Niederlassung  einen  ziemlich  hohen  Zensus  vorschrieb;  außerdem  erhielten
die  Gemeinden  noch  ein  „absolutes  Veto“  gegen  die  Neuanziehenden,  und
frohlockend  rief  ein  Abgeordneter:  diese  scharfe  Waffe  denken  wir  kräftig  zu
gebrauchen.  Niemand  fragte,  was  nun  aus  den  vogelfreien  Armen  werden
  sollte.  Das  Gesetz  stand  in  offenbarem  Widerspruche  zu  der  Verkehrsfreiheit
  des  neubegründeten  Zollvereins,  aber  es  entsprach  der  vorherrschenden
  Stimmung  des  Volkes.  Über  ein  neues  Gewerbegesetz  konnte  man
sich  noch  nicht  einigen;  indessen  half  die  Regierung  durch  Verordnungen
nach  und  unterband  den  freien  Wettbewerb  dermaßen,  daß  Bayerns  Handwerke
  noch  langehin  weit  hinter  den  norddeutschen  zurückblieben.

Bei  allen  diesen  Beratungen  leistete  die  glatte,  einschmeichelnde  Beredsamkeit
  des  neuen  Ministers,  des  Fürsten  Wallerstein,  treffliche  Dienste;
König  Ludwig  war  entzückt  von  dem  Vielgewandten  und  überhäufte  ihn
mit  Gnaden.  Wallerstein  pflegte  seinen  „Enthusiasmus  für  freie  Institutionen“
  dann  immer  am  feurigsten  zu  beteuern,  wenn  er  eine  illiberale
Maßregel  verteidigte.  Feurig,  beredt,  nie  verlegen,  überreich  an  Einfällen
und  Plänen,  ein  feiner  Kunstkenner  und  eifriger  Förderer  des  Landbaus,
mußte  der  glänzende  Kavalier,  der  so  gern  lebte  und  leben  ließ,  die  Liberalen
  wohl  bezaubern,  solange  sie  seine  windige  Eitelkeit  noch  nicht  durchschauten.
  Sie  bewunderten  ihn,  schon  weil  die  Ultramontanen  den  leichtfertigen
  Freigeist  haßten,  und  weil  er  eine  Mißheirat  geschlossen  hatte  —
ein  Verdienst,  das  der  adelsfeindliche  Liberalismus  jener  Tage  sehr  hoch
anschlug.  Den  Lapidarstil  bajuvarischer  Selbstberäucherung  handhabte  er
fast  so  kühn,  wie  der  König  selbst.  Wie  prächtig  klang  es,  wenn  er  sagte:
„Die  athletenmäßig  erwachte  menschliche  Intelligenz,  bei  augenblicklicher

 

*)  S.  III.  348.
        <pb n="641" />
        Ministerium  Wallerstein.  633

Rast  der  politischen  Gegensätze  in  breiten  Strömen  dem  Gebiete  der  exakten
und  technischen  Bestrebungen  sich  zuwendend,  hat  in  unserem  Staate  keine
hemmenden  Dämme  gefunden.““*)  In  den  Geschäften  zeigte  sich  der  Fürst
tätig  und  geschickt,  nur  daß  er  es  mit  der  Wahrheit  seiner  Berichte  nicht
immer  sehr  genau  nahm.  Als  die  Cholera  in  München  einzog,  hielt  er  sich
tapfer  und  erlaubte  keinem  Beamten,  von  der  Stelle  zu  weichen.  Genug,
König  Ludwig  konnte  mit  der  kürzesten  und  friedlichsten  Ständeversammlung,
  die  er  je  erlebt,  wohl  zufrieden  sein  und  ließ  zum  Abschied  einen
Geschichtstaler  prägen  mit  der  kranzgeschmückten  Inschrift:  „Der  Landtag
von  1834.  Ehre  dem  Ehre  gebühret.“  Überhaupt  hielt  niemand  auf  der
Welt  die  Regierung  dieses  Fürsten  für  so  denkwürdig  wie  er  selbst.  In
jedem  Jahre  pflegte  er  durchschnittlich  zwei  historische  Münzen  auszugeben;
sei  es  daß  ein  Handelsvertrag  geschlossen  oder  ein  neuer  Orden  gestiftet
war,  sei  es  daß  man  Gold  in  der  Donau  gefunden  hatte,  jede  bajuvarische
Großtat,  auch  jedes  Denkmal,  das  er  enthüllen  ließ,  mußte  auf  geschmackvollen
  Geschichtstalern  verewigt  werden.

Trotzdem  war  König  Ludwig  keineswegs  gemeint,  zu  den  konstitutionellen
  Idealen  seiner  Jugend  zurückzukehren.  Die  bitteren  Erinnerungen
des  Landtags  von  1831  konnte  er  nimmer  verwinden;  die  Verfassung  war
ihm  nur  ein  notwendiges  Übel,  sein  despotischer  Eigenwille  scheute  kaum
noch  die  Schranken  des  formalen  Rechts.  Hatte  er  einmal  einen  seiner
Minister,  Schenk,  dem  Widerstande  des  Landtags  geopfert,  so  sollten  sie
fortan  alle  nur  noch  die  blinden  Werkzeuge  seines  persönlichen  Beliebens
sein.  Von  ihm  allein  ging  alles  aus;  darum  durften  auch  die  Zeitungen
nicht  mehr  von  dem  Könige  und  der  Regierung,  wie  von  zwei  getrennten
Mächten  reden.  Hartnäckig  blieb  er  dabei,  daß  die  Armee  ihre  notwendigen
  Ausgaben  zum  Besten  der  Walhallen  und  Obelisken  „erübrigen“
mußte.  Von  den  Stabsoffizieren  war  schon  die  größere  Hälfte  nicht  mehr
dienstfähig,  und  trotz  der  dringenden  Vorstellungen  des  Kriegsministers
verblieb  sogar  der  siebenundachtzigjährige  Artillerie-Kommandant,  der  seit
zwei  Jahrzehnten  kein  Pferd  mehr  bestiegen  hatte,  auf  seinem  Posten,  obgleich
  Bayern  an  General  Zoller  einen  ausgezeichneten  Fachmann  besaß,
der  die  junge  Waffe  der  reitenden  Artillerie  vortrefflich  ausbildete.  Seit  vierzehn
  Jahren  hatten  die  Truppen  kein  Manöver  mehr  abgehalten,  und  als
sie  nun  endlich  zu  einem  Übungslager  auf  dem  Lechfelde  versammelt  wurden,
da  erschien  dies  Ereignis  so  märchenhaft,  daß  die  gute  Stadt  Augsburg,
nach  dem  Vorbilde  des  Königs,  eine  historische  Münze  zum  ewigen  Gedächtnis
  prägen  ließ.  Lerchenfeld  wurde  schon  nach  Jahresfrist  aus  dem
Finanzministerium  abermals  entfernt;  er  hatte  seiner  Pflicht  gemäß  Einspruch
  erhoben,  als  der  König,  ohne  ihn  zu  fragen,  auf  Staatskosten  einen

 

*)  Fürst  v.  Ottingen-Wallerstein  an  den  Ausschuß  des  bayrischen  polytechnischen
Vereins,  18.  Nov.  1838.
        <pb n="642" />
        634  IV.  8.  Stille  Jahre.

stilvollen  Palast  für  das  Münchner  Postamt  ankaufte,  und  mußte  nun
als  Gesandter  nach  Wien  gehen,  angeblich,  um  dort  über  einen  Handels—
vertrag,  der  nie  zustande  kam,  zu  unterhandeln.  Der  preußische  Ge—
sandte  aber  schrieb:  daran  läßt  sich  erkennen,  „wie  hier  die  konstitutionelle
Verantwortlichkeit  der  Minister  verstanden  wird.“*)

Mit  der  launischen  Willkür  des  Königs  wuchs  auch  seine  Vorliebe
für  die  Klerikalen.  Während  er  den  Protestanten  verbot,  nach  preußischer
Weise  den  Namen  der  evangelischen  Kirche  zu  führen,  erlaubte  er  den
römischen  Priestern  das  Sanktissimum  überall,  sogar  in  protestantischen
Städten,  durch  die  Straßen  zu  tragen,  und  befahl,  daß  Reiter  und  Wagen
davor  anhalten  sollten.  Die  Klöster  mehrten  sich  von  Jahr  zu  Jahr;  im
Juli  1837  bestanden  ihrer  schon  85;  die  Zusage  des  Konkordats,  welche
die  Wiederherstellung  „einiger“  Klöster  verhieß,  war  also  längst  erfüllt.
Der  aufopfernden  Liebestätigkeit  der  barmherzigen  Schwestern  versagten
auch  die  Protestanten  ihre  Anerkennung  nicht;  die  terminierenden  Bettel—
mönche  aber  gerieten  häufig  in  Streit  mit  den  Polizeibeamten,  die  nach
ihrer  Amtspflicht  das  Betteln  und  Strolchen  zu  untersagen  hatten.  In
Augsburg  übergab  der  König  das  Gymnasium  den  Benediktinern  und
feierte  diese  Tat  durch  einen  Geschichtstaler,  der  die  Bavaria  darstellte,
wie  sie  zwei  Knaben  einem  Mönche  zuführte.  Dann  befahl  Wallerstein
durch  eine  Verordnung,  daß  bei  der  Besetzung  der  Gymnasial-Lehrerstellen
die  Geistlichen  vorzugsweise  berücksichtigt  werden  sollten.  Er  tat  es  aus
Nachgiebigkeit  gegen  den  König;  im  stillen  war  der  schmiegsame  Minister
von  der  Überlegenheit  des  weltlichen  Unterrichts  überzeugt  und  freute  sich
herzlich,  als  der  Führer  der  klassischen  Pädagogen,  Thiersch  in  der  Pfalz
einige  neue  Lateinschulen  einrichtete.  Wo  das  Mönchtum  blühte,  durften
auch  die  Mirakel  nicht  fehlen.  In  der  Nachbarschaft  Münchens  tauchte  eine
Blutschwitzerin  Maria  Mörl  auf,  und  zahlreiche  Andächtige  strömten  herbei,
um  die  Wundenmale  Christi  am  Leibe  der  heiligen  Frau  zu  betrachten.

Unterdessen  hatte  der  Papst  (1832)  ein  strenges  Breve  über  die  ge—
mischten  Ehen  erlassen.  Auf  die  Bitten  des  ehrwürdigen  Bamberger  Erz—
bischofs  Frhrn.  von  Frauenburg  und  anderer  Prälaten  wurden  diese  harten
Vorschriften  zwar  durch  eine  Instruktion  etwas  gemildert;  indes  blieb  fortan
Regel,  daß  der  römische  Priester  die  katholische  Erziehung  aller  Kinder  ver—
langte  und  anderenfalls  höchstens  die  passive  Assistenz  leistete.  In  den  paritätischen
  fränkischen  Landschaften,  wo  auf  16  neue  Ehen  oft  14  Mischehen
kamen,  äußerte  sich  der  Unwille  sehr  laut.  Als  aber  das  lutherische  Konsistorium,
  um  seine  Gegenmaßregeln  zu  treffen,  sich  von  der  Regierung  die
Mitteilung  jener  beiden  Breven  erbat,  da  wurde  ihm  sein  Gesuch  mehrmals
  abgeschlagen..)  Die  Aussichten  verdüsterten  sich  noch  mehr,  als

 

*)  Dönhoffs  Berichte,  27.  Sept.  1834,  7.  Jan.  1835.
*“)  Dönhoffs  Berichte,  31.  Mai  1834,  20.  März  1835.
        <pb n="643" />
        Die  bayrischen  Klerikalen.  635

der  Nuntius  Graf  Mercy  d'Argenteau  im  Frühjahr  1837  abberufen  wurde;
er  hatte  sich  zehn  Jahre  hindurch  redlich  bemüht,  soweit  er  durfte,  den
konfessionellen  Frieden  zu  wahren.*)  Lange  vorher  schon  hatte  Hormayr,
der  boshafteste  und  händelsüchtigste  unter  allen  Gegnern  der  Ultramontanen,
  die  Gunst  des  Königs  verloren  und  mit  dem  unschädlichen  hannöverschen
  Gesandtschaftsposten  vorlieb  nehmen  müssen.  Auch  die  wiederholten
  römischen  Reisen  des  Königs  und  die  häufigen  Besuche  seiner
Schwester,  der  Kaiserin-Witwe  Karoline  Auguste  mußten  den  Argwohn
der  Protestanten  erregen.

Unter  den  klerikalen  Gelehrten  tat  sich  Nepomuk  Ringseis  durch
tapferen  Freimut  hervor;  gram  konnte  man  ihm  nicht  werden,  da  er
trotz  seiner  hartkonfessionellen  Gesinnung  doch  jedem  mit  menschlichem
Wohlwollen  begegnete  und  trotz  seiner  phantastischen  Theorien  als  praktischer
  Arzt  Ausgezeichnetes  leistete.  Er  hatte  beim  Könige  die  Zulassung
der  barmherzigen  Schwestern  durchgesetzt;  dann  hielt  er  als  Rektor  der
„christlichen  und  legitimen“  Münchner  Hochschule  (1833)  eine  Rede  „über
den  revolutionären  Geist  der  Universitäten“,  die  jede  Beschränkung  der
Lehrfreiheit  entschieden  zurückwies  und  den  Höfen  ehrlich  heraussagte,  sie
selbst  seien  mitschuldig  an  den  Sünden  der  Revolution.  Das  Idealbild
des  ständisch  gegliederten  christlich-germanischen  Staates,  das  der  Redner
entwarf,  hatte  freilich  gar  nichts  gemein  mit  der  demokratischen  Gesellschaft
des  neuen  Jahrhunderts,  und  mit  gerechter  Besorgnis  fragten  die  Liberalen,
  was  von  einer  Partei  zu  erwarten  sei,  deren  freiester  Kopf  also  sprach?
Der  Münchner  ultramontane  Kreis,  dem  das  Volk  aller  Verwahrungen
ungeachtet  hartnäckig  den  Namen  der  Kongregation  beilegte,  gewann  mittlerweile
  einen  mächtigen  Zuwachs  an  dem  gelehrten  Rechtshistoriker  Phillips,
einem  Königsberger  von  englischer  Abstammung,  der  gleich  seinem  Freunde
Jarcke  zur  römischen  Kirche  übergetreten  war  und  seinen  Fanatismus
hinter  feinen  gesellschaftlichen  Formen  zu  verbergen  wußte.  Clemens  Brentano
  schlug  ebenfalls  sein  Wanderzelt  an  der  Isar  auf,  und  während  der
Landtage  erschien  auch  der  Abgeordnete  der  Würzburger  Hochschule  Frhr.
von  Moy,  ein  sanfter,  liebenswürdiger  Gelehrter  von  hart  klerikaler  Gesinnung.


Ein  Teil  der  Bischöfe  bekannte  sich  noch  zu  den  duldsamen  Anschauungen
  des  frommen  Sailer;  doch  seit  dem  Jahre  1836  gewann  die
ultramontane  Partei  auch  unter  den  Prälaten  die  Oberhand.  Ihr  Haupt
wurde  der  neue  Bischof  von  Eichstädt,  Graf  Reisach,  ein  wohlunterrichteter,
  der  Herrschaft  gewohnter  Jesuit,  erfahren  in  der  mönchischen  Askese
wie  in  allen  höfischen  Künsten.  Reisach  hatte  seine  geistliche  Erziehung
im  Germanicum  empfangen  und  dann  als  Studien-Rektor  der  römischen
Propaganda  die  besondere  Gunst  des  neuen  Papstes  Gregor  XVI.  er- 



*)  Dönhoffs  Berichte,  30.  Okt.  1834,  16.  April  1837.
        <pb n="644" />
        636  IV.  8.  Stille  Jahre.

langt.  Sobald  er  den  Hirtenstab  des  heiligen  Wilibald  in  Händen  hielt,
errichtete  er  sofort  ein  Knabenseminar  —  eine  jener  gemeinschädlichen,  auf
die  Knechtung  der  kindlichen  Gemüter  berechneten  Anstalten,  welche  bis—
her  noch  in  keinem  der  paritätischen  deutschen  Staaten  Einlaß  gefunden
hatten.  Wie  hoch  die  Hoffnungen  der  Ultramontanen  gestiegen  waren,  das
erhellte  am  sichersten  aus  der  gedämpften,  fast  diplomatischen  Redeweise
des  alten  Kämpen  Görres,  der  jetzt  außer  einem  phantastischen  Buche  über
die  christliche  Mystik  auch  zahlreiche  Flugschriften  und  Artikel  in  der  kleri—
kalen  Zeitschrift  „Eos“  veröffentlichte.  Seinen  Berserkerhaß  ergoß  er  aus—
schließlich  auf  die  Liberalen;  das  Ministerium  Wallerstein  bekämpfte  er  als
ein  System  des  Juste-Milieu  mit  auffälliger  Milde,  und  von  der  Person
des  Königs  redete  er  stets  im  Tone  der  Ehrfurcht.  Es  war  ersichtlich  die
Sprache  einer  Partei,  die  sich  schon  anschickte,  die  Herrschaft  anzutreten.

Zunächst  blieben  aber  König  Ludwigs  Gedanken  ganz  in  die  Ferne
gerichtet.  Sein  alter  Traum,  der  Plan  eines  bayrisch-griechischen  Staates,
schien  jetzt  wirklich  in  Erfüllung  zu  gehen.  Seit  Griechenlands  Unab—
hängigkeit  gesichert  war  (1827),  hatte  Kapodistrias,  der  Vertraute  des  Zaren
Alexander,  der  einzige  Hellene  von  europäischem  Namen,  die  Leitung  des
jungen  Staates  übernommen;  doch  in  den  wüsten  Parteikämpfen  des  gänzlich
  verarmten  und  maßlos  begehrlichen  Volkes  vermochte  der  wohlmeinende
Kybernetes  sich  kaum  zu  halten.  Die  Kapitäne  der  alten  Freiheitskämpfer
erhoben  sich  wider  ihn  und  fanden,  da  er  sich  auf  Rußland  zu  stützen
suchte,  bei  den  Gesandten  der  Westmächte  geheime  Hilfe.  Nun  beschlossen
die  drei  Schutzmächte  (Febr.  1830),  daß  Griechenland  einen  selbständigen
Staat  unter  einem  Fürsten  aus  souveränem  Hause  bilden  sollte.  Aber  der
erwählte  Thronkandidat  Leopold  von  Koburg  lehnte  ab,  bald  darauf  wurde
Kapodistrias  meuchlings  ermordet  (1831),  und  die  scheußliche  Anarchie,  die
nun  hereinbrach,  zeigte  genugsam,  was  man  an  ihm  verlor.  Als  nach
Jahren  die  Leidenschaften  sich  beruhigten,  gestanden  die  Hellenen  selber,  daß
sie  doch  niemals  einen  besseren  Herrscher  gesehen  hatten,  als  den  vielverleumdeten
  Baba  Jannis.

In  dieser  Zeit  allgemeiner  Verwirrung  bereiste  Friedrich  Thiersch  das
Land.  Als  glühender  Bewunderer  der  Hellenen  war  der  liebenswürdige
Gelehrte  überall  wohlgelitten,  und  er  benutzte  diese  Volksgunst,  um  zu  verwirklichen,
  was  er  seit  Jahren  geplant,  und  den  Sohn  des  gekrönten  Philhellenen,
  den  Prinzen  Otto  von  Bayern  als  König  der  Hellenen  zu  empfehlen.
  Der  Vorschlag  fand  freundliche  Aufnahme,  König  Ludwigs  Zustimmung
  verstand  sich  von  selbst,  und  da  die  Schutzmächte  keinen  anderen
Rat  wußten,  so  übertrugen  sie  am  7.  Mai  1832  dem  jungen  Prinzen
die  Herrschergewalt,  die  ihm  nachher  durch  den  einstimmigen  Beschluß  der
griechischen  Nationalversammlung  feierlich  bestätigt  wurde.  König  Ludwig
schwamm  in  Freuden.  Wieviel  Geld  und  wieviel  Lieder  hatte  er  schon
den  Hellenen  gespendet;  wie  oft,  wenn  er  sein  Land  durchreiste,  hatte  er
        <pb n="645" />
        Die  Bayern  in  Griechenland.  637

sich  jeden  Empfang  verbeten  und  den  Bayern  anbefohlen,  die  Kosten  der
Ehrenpforten  und  Kränze  den  griechischen  Kämpfern  zu  widmen.  Nun
sah  er  das  Land  seiner  Sehnsucht  befreit  und  zugleich  den  Stolz  seines
Hauses  befriedigt.  Er  träumte  schon  von  einer  wittelsbachischen  Großmacht,
  die  sich,  allerdings  nicht  ohne  Unterbrechung,  vom  Fichtelgebirge
bis  zum  Kap  Matapan  erstrecken  sollte,  und  willigte  nur  ungern  darein,
daß  sein  Sohn  auf  die  bayrische  Thronfolge  verzichten  mußte.*)  Da  ein
Geschichtstaler  für  einen  solchen  Erfolg  offenbar  nicht  ausreichte,  so  wurden
  ihrer  drei  geprägt.  Auch  im  bayrischen  Lande  herrschte  anfangs  starke
Begeisterung,  als  die  drei  Abgesandten  der  Hellenen  in  ihrer  malerischen
Nationaltracht  auf  dem  Münchner  Oktoberfeste  erschienen.  Mancher  brave
Brauer  schmückte  sein  Wirtshaus  mit  der  Inschrift  „zur  Stadt  Nauplia“.
Die  nach  Hellas  ausziehenden  Grenadiere  sangen  ein  stolzes  Lied:  „Ich
bin  ein  Bayer,  stamm'  von  tapfern  Ahnen,“  das  mit  den  Worten  schloß:
„wir  sind  ja  Bayern,  laßt  uns  Bayern  sein;“  und  da  das  Preußenlied
im  Süden  noch  fast  unbekannt  war,  so  hielt  man  dies  Gedicht  für  ein
echtes  bajuvarisches  Naturgewächs.

Die  anderen  Deutschen  lachten  freilich  nur  über  die  wunderliche  dynastische
  Schrulle  des  Bayernkönigs.  Solange  die  Hellenen  noch  für  ihre
Freiheit  fochten,  wirkten  ihre  Geschicke  auch  auf  Deutschland  zurück,  weil
der  Agon  den  ersten  Stoß  führte  gegen  das  System  der  starren  Legitimität,
und  weil  die  deutschen  Philhellenen  aus  diesen  Kämpfen  eine  kräftige  Begeisterung
  für  das  Recht  der  nationalen  Selbstbestimmung  heimbrachten.
Seit  Griechenland  dem  wittelsbachischen  Hause  verfiel,  war  es  für  uns
lediglich  ein  entlegenes,  kleines  Land,  nur  noch  darum  bedeutsam,  weil  die
hellenische  Staatskunst  der  Krone  Bayern  die  Briten,  Russen  und  Franzosen
  bestärken  mußte  in  der  hergebrachten  Meinung,  daß  die  Deutschen
für  die  Politik  verloren  seien.  In  der  Tat  stand  das  Verhalten  des
philhellenischen  Königs  wenig  im  Einklang  mit  dem  Namen  „des  Landes
der  Weisen“,  welchen  die  lernbegierigen  Griechen  dem  gelehrten  Deutschland
  beizulegen  liebten.

Prinz  Otto  war  noch  unmündig,  ein  gutmütiger,  sittsamer  junger
Mann,  aber  wenig  begabt,  unentschlossen,  mißtrauisch,  schüchtern;  niemals
erhob  sich  sein  linkisches  Wesen  zu  jenem  sicheren  Selbstgefühle,  das  die
Orientalen  vor  allem  von  ihren  Herrschern  verlangen.  Bis  zu  seiner
Volljährigkeit  mußte  ihm  eine  Regentschaft  beigegeben  werden,  und  König
Ludwig  meinte  sehr  klug  zu  handeln,  wenn  er  mit  dieser  wichtigen  Aufgabe
  Männer  betraute,  welche  ganz  außerhalb  der  griechischen  Parteikämpfe
stünden,  also  treue  Bayern.  Er  ernannte  zu  Regenten  seinen  erst  kürzlich
  in  Ungnaden  entlassenen  Minister  Grafen  Armansperg,  den  gelehrten
Professor  Maurer  und  den  alten  Philhellenen  General  Heideck;  von  allen

 

*)  Dönhoffs  Bericht,  19.  Mai  1832.
        <pb n="646" />
        638  IV.  8.  Stille  Jahre.

dreien  war  nur  Heideck  des  griechischen  Landes  und  seiner  Sprache
einigermaßen  kundig.  „Was  ich  in  Ihre  Hände  lege“  —  schrieb  Ludwig
an  Armansperg  —  „ist  nicht  bloß  ein  persönliches,  es  ist  ein  Interesse  des
bayrischen  Hauses,  des  bayrischen  Volks,  ein  welthistorisches  Interesse.“
Auch  eine  Schar  von  Unterbeamten  zog  mit  hinüber.  Darunter  befanden
sich  —  wie  dies  bei  jeder  plötzlichen  Verschiebung  im  Beamtentum  zu
geschehen  pflegt  —  einzelne  hochstrebende  Idealisten,  aber  noch  mehr  unbrauchbare
  Leute,  die  daheim  nicht  vorwärtskamen;  sie  glaubten  das  Glück
der  Hellenen  dann  am  sichersten  zu  begründen,  wenn  sie  ihnen  einen  Eurotaskreis
  und  einen  Ilissuskreis  getreu  nach  dem  Vorbilde  des  heimischen
Rezatkreises  und  Isarkreises  einrichteten.  Wohl  kamen  einige  Tage  fröhlicher
  Hoffnung:  als  der  junge  König,  leider  nicht  auf  deutschen  Schiffen,
sondern  nur  als  Gast  auf  der  Flotte  der  Schutzmächte,  an  der  malerischen
Felsenküste  von  Nauplia  landete  (3.  Februar  1833)  —  ein  prächtiges  Schauspiel,
  das  der  eigens  dazu  abgesandte  Peter  Heß  auf  einem  seiner  besten
Gemälde  verewigte  —  und  dann  wieder,  als  die  letzten  Türken  das  Kastron
von  Athen  räumten  und  die  Hellblauen  mit  den  Raupenhelmen  triumphierend
in  der  Akropolis  einzogen.  Doch  nur  zu  bald  zeigte  sich  der  Widersinn
dieser  Verbindung  zweier  Länder,  die  miteinander  schlechterdings  nichts
gemein  hatten  als  die  zufällige  Gleichheit  der  blauweißen  Landesfarben.
Die  Regentschaft  fand  den  Boden  bereits  besetzt  durch  die  Residenten
  der  drei  Schutzmächte,  die  sich  hier,  ganz  wie  ihre  vornehmeren
Genossen  am  Bosporus,  schon  einen  diplomatischen  Blocksberg  eingerichtet
hatten  und,  ganz  wie  jene,  in  endlosen  Ränkespielen  einander  befehdeten.
Da  sie  längst  Bescheid  wußten,  die  treuherzige  Regentschaft  aber  den  eigentlichen
  Grund  aller  orientalischen  Parteikämpfe,  die  Begehrlichkeit,  noch  nicht
durchschaut  hatte,  so  geschah  es  bald,  daß  jeder  der  drei  Gesandten  einen
der  bayrischen  Regenten  für  sich  gewann.  Armansperg  ging  mit  England,
Heideck  mit  Rußland,  Maurer  und  sein  getreuer  Geh.  Rat  Abel  mit
Frankreich.  Die  Zwietracht  ward  vollkommen,  als  nachher  auch  noch  der
neue  österreichische  Gesandte  Prokesch  sich  einmischte.  Der  preußische  Hof
hielt  sich  diesen  Ränken  meist  fern;  er  blieb  aber  der  Meinung,  daß
Armanspergs  englische  Politik  immerhin  noch  am  wenigsten  schade,  denn
Rußlands  Einfluß  würde  die  Eifersucht  der  Westmächte,  Frankreichs  Einfluß
  die  revolutionären  Leidenschaften  aufstacheln.“')  Der  diplomatische
Zank  war  um  so  gefährlicher,  da  die  Schutzmächte  die  wirtschaftliche  Zukunft
  des  völlig  ausgeraubten  jungen  Staates  in  ihrer  Hand  hielten;  sie
hatten  zu  Gunsten  Griechenlands  eine  Anleihe  von  60  Mill.  Franken  aufgenommen,
  wovon  erst  zwei  Drittel  ausgezahlt  waren,  und  sobald  die
Haltung  der  Regentschaft  einer  der  drei  Mächte  mißfiel,  erging  sofort  die
barsche  Drohung,  nunmehr  müsse  man  die  Zahlungen  einstellen.

 

*)  Ancillon,  Weisung  an  Dönhoff,  28.  Mai  1835.
        <pb n="647" />
        Otto,  König  der  Hellenen.  639

Also  eingepreßt  zwischen  den  hadernden  Schutzmächten  und  den  furchtbar
  erbitterten  griechischen  Parteien,  mühten  sich  die  Regenten  vergeblich
ab,  eine  geregelte  Verwaltung  herzustellen;  zahlreiche  Verordnungen  erschienen,
  alle  nach  bayrischem  Muster,  und  Maurer  verfertigte  mit  dem
eisernen  Fleiße  des  deutschen  Professors  mehrere  schöne  Gesetzbücher.  Aber
der  in  unfertigen  Völkern  immer  reizbare  Nationalstolz  wollte  von  den
Bavaresi  bald  nichts  mehr  hören;  die  fleißigen  deutschen  Beamten  blieben
dem  Lande  so  fremd,  daß  heute  selbst  Armanspergs  Name  unter  den
Hellenen  fast  verschollen  ist.  Wie  wenig  sie  dies  Volk  kannten,  das  zeigte
sich  bei  dem  langen  Streite  über  die  Verfassung.  Gewiß  war  ein  einsichtiger
  Absolutismus  für  die  Kulturstufe  der  Hellenen  die  beste  Staatsform;
  aber  dazu  gehörte  ein  Monarch,  der  durch  persönliche  Größe  oder
durch  ein  unantastbares  historisches  Recht  alle  Untertanen  überragte.
König  Ottos  Nichtigkeit  konnte  in  einer  fremden  Nation  keine  Ehrfurcht
erzwingen,  und  sein  Thronrecht  verdankte  er,  wie  er  selbst  gestand,  nächst
dem  Vertrauen  der  Schutzmächte  „der  freien  Wahl  des  hellenischen  Volks“.
Eine  also  begründete  Dynastie  durfte,  wie  schwer  das  auch  halten  mochte,
diesem  durchaus  demokratischen  Volke  das  Recht  der  verfassungsmäßigen
Mitberatung  nicht  ganz  versagen.  König  Ludwig  jedoch  riet  dem  Sohne
dringend  ab.  Alles  konstitutionelle  Wesen  war  ihm  verleidet,  und  er
schrieb:  „Nicht  zu  reiflich  überdacht  kann  die  Einführung  einer  Verfassung
werden.  Es  ist  die  Höhle  des  Löwen,  aus  der  keine  Fußtapfen  gehen;
sie  hat  Folgen,  die  man  gar  nicht  voraussieht.  O  möchte  doch  die  traurigen
  auch  hierin  gemachten  Erfahrungen  Bayerns  Hellas  zu  Rate  ziehen,
indem  es  die  Fehler  vermeidet,  die  begangen  wurden.“  Sein  Rat  schlug
durch,  und  der  unfähige  junge  Fremdling  regierte  weiter  als  absoluter
Herr  —  ein  Zustand,  der  doch  noch  unleidlicher  war  als  die  Sünden  eines
verfrühten  Parlamentarismus.  So  bildete  sich  bald  eine  starke  liberale
Opposition;  sie  fand,  da  Palmerston  hier  wie  überall  das  konstitutionelle
Banner  aufpflanzen  ließ,  geheime  Hilfe  bei  dem  englischen  Gesandten,
derweil  die  Vertreter  Rußlands  und  ÖOsterreichs  den  jungen  Wittelsbacher
  in  seinen  absolutistischen  Grundsätzen  bestärkten.

Noch  schwerer  verletzten  die  Bavaresi  das  religiöse  Gefühl  des  orthodoxen
  Volkes.  Viele  Klöster  wurden  aufgehoben  —  diesmal  gegen  den
Rat  König  Ludwigs  —  die  Zahl  der  Bischöfe  verringert,  die  Landeskirche
von  dem  Patriarchen  von  Konstantinopel  abgetrennt;  und  doch  gebot  die
Klugheit,  die  uralte  kirchliche  Gemeinschaft  der  Orthodoxen  auf  der  Balkan--halbinsel
  sorgfältig  zu  schonen,  wenn  anders  die  Hoffnungen  der  Griechen
auf  die  Kaiserkrone  von  Byzanz  sich  je  erfüllen  sollten.  Für  diese  stolzen
nationalen  Wünsche  zeigten  die  friedfertigen,  im  Lande  der  Pinakotheken
und  Glyptotheken  aufgewachsenen  Regenten  gar  kein  Verständnis.  Offenbar
  hatte  der  Agon  der  Hellenen  sein  Ziel  noch  nicht  erreicht;  die  Nation
vermochte  in  den  allzu  engen  Grenzen  kaum  zu  atmen,  sie  mußte  danach
        <pb n="648" />
        640  IV.  8.  Stille  Jahre.

trachten,  dereinst  noch  die  ganze,  von  hellenischer  Kultur  beherrschte  Südhälfte
  der  Halbinsel  an  sich  zu  reißen.  Solche  Kränze  winken  nur  dem
Helden.  Durch  das  Schwert  geschaffen,  konnte  der  junge  Staat  auch  nur
durch  das  Schwert  erhalten  werden;  und  der  Stamm  seiner  nationalen
Wehrkraft  bestand  bereits  in  den  kampfgewohnten  Banden  der  Palikaren.
Es  war  ein  wildes  Kriegsvolk,  sehr  kunstfertig  im  Abschneiden  der  Ohren
und  Nasen;  die  treuen,  tapferen  Männer  wünschten  sehnlich,  ihrem  Basileus
  um  geringen  Sold  zu  dienen,  und  wenn  man  sie  nicht  allzu  streng
mit  den  Reglements  der  europäischen  Exerzierplätze  plagte,  so  ließ  sich  aus
ihnen  leicht  ein  tüchtiges  Heer  bilden.  Die  Regentschaft  aber  fürchtete
sich  vor  den  barbarischen  Unholden,  König  Otto  schlug  ihnen  ihre  Bitten
ab,  und  so  wanderten  denn  5000  schwerbewaffnete  Palikaren  zornmutig
über  die  türkische  Grenze,  um  dort  im  Gebirge  das  alte  Klephten-Handwerk
  von  neuem  zu  ergreifen.  Dergestalt  wurde  das  streitbare  Land  durch
die  Angstlichkeit  seiner  eigenen  Regierung  entwaffnet.  Ein  Korps  von
3500  Bayern  mußte  vorläufig  die  Ordnung  aufrecht  halten,  und  die
Wackeren  hatten  hart  zu  arbeiten,  bald  im  Kampfe  gegen  die  Klephten,
bald  im  Sonnenbrande  beim  Bau  der  Piräusstraße;  der  giftige  Rakischnaps
  und  der  schlechte  geharzte  Wein  gaben  keinen  Ersatz  für  das  edle
heimische  Bier.  Nach  einem  Jahre  zogen  die  bayrischen  Truppen  heim.
Nun  ward  aus  Eingeborenen  und  aus  geworbenen  Bayern  ein  winziges
reguläres  Heer  von  zweifelhafter  Kriegstüchtigkeit  gebildet.  Da  ein  Kleinstaat
  ohne  Geld  und  Waffen  der  Tapferkeit  keinen  Raum  mehr  bot,  so
gelangten  die  beiden  anderen  vorherrschenden  Triebe  des  hellenischen  Volksgeistes,
  der  Handelssinn  und  der  Wissensdrang,  zur  alleinigen  Herrschaft.
Das  Heldenvolk  der  Türkenbesieger  verwandelte  sich  wunderbar  schnell  in
eine  Nation  von  Kaufleuten  und  Gelehrten.  Griechenland  konnte  bei  den
Todeszuckungen  des  türkischen  Reichs  kein  Wort  mehr  mitsprechen,  und
die  einzige  naturgemäße  Lösung  der  orientalischen  Frage,  die  Wiederherstellung
  des  byzantinischen  Kaisertums  blieb  zum  Unheil  für  die  Welt
noch  lange  völlig  aussichtslos.

Währenddem  war  der  Eifer  der  Bayern  längst  erkaltet;  in  München
nannte  man  das  Land  der  Hellenen  die  bayrische  Botany-Bai,  denn  bloß
vom  blauen  Himmel  und  von  schönen  Landschaften  vermochten  Germanen
nicht  zu  leben.  König  Ludwig  besuchte  noch  selbst  das  geliebte  Volk  und
legte  unter  schallenden  Zitorufen  den  Grundstein  für  das  athenische  Königsschloß.
  Auch  König  Otto  kam  einmal  in  die  alte  Heimat,  gastlich
empfangen  von  der  Muse  der  Charlotte  Birch-Pfeiffer,  die  ihm  ein  Festspiel
  „der  Liebe  Streit“  widmete.  Da  war  es  denn  sehr  rührsam  anzuhören,
  wie  sich  Bavaria  und  Hellas  um  ihren  unvergleichlichen  Otto  stritten;
zuletzt  fielen  die  beiden  kampflustigen  Frauen  einander  versöhnt  in  die
Arme.  Trotzdem  wollte  das  Feuer  nicht  wieder  aufflammen;  wer  irgend
konnte  von  den  bayrischen  Beamten  in  Hellas,  kehrte  schleunigst  heim.  Nach-
        <pb n="649" />
        Sturz  des  Ministeriums  Wallerstein.  641

dem  König  Otto  seine  Volljährigkeit  erlangt,  wurde  die  Regentschaft  auf—
gelöst  und  Armansperg  trat  als  Großkanzler  an  die  Spitze  eines  helle—
nischen  Ministeriums,  er  legte  aber  seine  Würde  bald  entmutigt  nieder.
Auch  sein  Nachfolger  Ignaz  Rudhart,  der  beliebte  liberale  Landtagsredner,
gab  schon  nach  Jahresfrist  das  undankbare  Amt  auf  (1837),  obgleich  er  sich
unter  allen  den  bayrischen  Staatsmännern,  die  in  Griechenland  wirkten,  am
besten  bewährte  und  gegen  den  anmaßenden  englischen  Gesandten  manchen
Strauß  tapfer  bestand.  Er  starb  auf  der  Heimreise.  Der  Traum  vom
bayrischen  Hellas  war  ausgeträumt,  König  Otto  regierte  fortan  allein  mit
griechischen  Beamten.  Bayerns  Finanzen  hatten  freilich  durch  die  wittels—
bachischen  Großmachtsträume  schwere  Einbußen  erlitten.  Wie  viel?  —  das
wußte  niemand  genau,  da  der  König  die  Erübrigungen  des  Staatshaushalts
sich  zur  freien  Verfügung  vorbehielt.  Gewiß  ist  nur,  daß  nach  und  nach
sehr  bedeutende  Vorschüsse,  mindestens  3—5  Mill.  Franken,  an  Griechenland
gegeben  wurden;  einen  Rest,  der  schließlich  ungedeckt  blieb,  bezahlte  König
Ludwig  noch  nach  seiner  Abdankung  ehrenhaft  aus  seiner  eigenen  Tasche.
Als  der  Pfälzer  Kolb  zwei  geharnischte  Flugschriften  wider  dies  sonderbare
konstitutionelle  Finanzwesen  hinaussandte,  wurden  beide  Büchlein  sofort
verboten.

Mittlerweile  trat  der  Landtag  im  Jahre  1837  nochmals  zusammen,
und  alles  ließ  sich  wieder  so  friedlich  an  wie  vor  drei  Jahren.  Als  der
neue  Finanzminister  Wirschinger  aber  den  Etat  vorlegte,  da  mußten  auch
die  Arglosen  erkennen,  daß  die  Einnahmen  zu  niedrig  berechnet  waren.
Die  Einkünfte  aus  dem  Zollvereine  stimmten  schlechterdings  nicht  überein
mit  den  richtigen  Angaben,  welche  die  Regierungen  von  Sachsen,  Hessen,
Württemberg  ihren  Landtagen  gemacht  hatten.  Die  Kammer  entschloß  sich
also  die  Einnahmen,  mit  Zurechnung  einiger  der  beliebten  „Erübrigungen“
um  etwa  ½  Mill.  fl.  höher  anzusetzen,  sie  erhöhte  demgemäß  auch  die  Ausgaben
  für  die  Schulen  und  die  fündlich  vernachlässigten  Landstraßen.  Das
Verfahren  war  ungewöhnlich,  doch  selbst  der  gefügige  Wallerstein  konnte
nicht  umhin,  zu  gestehen,  daß  die  Abgeordneten  nur  ihre  Pflicht  getan
hätten.  Der  König  aber  fühlte  sich  tief  beleidigt,  und  Metternich,  der  im
Juli  München  besuchte,  bestärkte  ihn  in  seinem  Grolle,  wie  der  preußische
Gesandte  nachher  von  guter  Hand  erfuhr.“)  Ludwig  war  tief  verstimmt
über  sein  mißratenes  griechisches  Unternehmen;  nichts  gelang  ihm,  überall
glaubte  er  verkannt  zu  werden.  In  der  Tat  behandelte  ihn  die  liberale
Presse  zuweilen  ungerecht.  Als  er  in  diesen  Tagen  auf  den  glücklichen
Einfall  geriet,  die  abgeschmackten  französischen  Departementsnamen
Donaukreis  und  Rezatkreis  zu  beseitigen  und  die  althistorischen  Stammesnamen
  Schwaben,  Pfalz,  Niederbayern  wieder  einzuführen  —  ein  Entschluß,
  der  wieder  durch  einen  Geschichtstaler  verherrlicht  wurde  —  da

 

*)  Dönhoffs  Berichte,  1.,  11.  März  1838.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  41
        <pb n="650" />
        642  IV.  8.  Stille  Jahre.

spotteten  die  Zeitungen  über  die  romantischen  Neigungen  des  Wittels—
bachers.

Sein  Unmut  wuchs,  als  die  Kammer,  deren  große  Mehrheit  aus
guten  Katholiken  bestand,  in  ehrerbietiger  Form  die  Bitte  aussprach,  die
Krone  möge  mit  der  beständigen  Vermehrung  der  Klöster  endlich  einhalten,
die  Stiftungsgelder  nicht  mehr  widerrechtlich  für  Klosterzwecke  verwenden,
auch  das  Terminieren  der  Bettelmönche  verbieten.  Der  stille  Groll  des
Landes  über  die  wachsende  Macht  der  Klerikalen  kam  hier  zum  Durchbruch,
  und  vergeblich  suchte  der  kürzlich  aus  Griechenland  heimgekehrte
Ministerialrat  Abel  mit  ultramontanem  Feuereifer  den  Antrag  zu  bekämpfen;
  sein  Vorgesetzter  Fürst  Wallerstein  gab  deutlich  zu  verstehen,  daß
er  die  Ansicht  der  Mehrheit  teile.  Nun  riß  dem  Könige  die  Geduld;  er
schloß  sich  ab,  sprach  und  hörte  niemand.  Wohin  war  es  doch  gekommen  mit
dem  begeisterten  Fürsten,  der  sich  einst  rühmte,  über  einem  freien  Volke  zu
schalten!  Im  Ministerrate  mußte  Wallerstein  von  seinem  alten  Gegner,
dem  Feldmarschall  Wrede  heftige  Vorwürfe  hören.  Am  1.  November  erhielt
  er  plötzlich  den  Abschied,  unter  Anerkennung  „der  Verdienste,  die  er
sich  vor  dem  Landtage  von  1837  erworben“  habe.  Abel  wurde  sein  Nachfolger.
  Die  erste  Tat  des  neuen  Ministers  war  ein  ungnädiger  Landtagsabschied,
  der  den  Ständen  „mancherlei  Verirrungen  in  das  Gebiet  der
königlichen  Rechte“  vorwarf.  So  trat  die  klerikale  Partei  zum  ersten
Male  an  das  Staatsruder  des  Königreichs  Bayern,  und  sie  sorgte  bald
selbst  dafür,  daß  die  Wiederkehr  ihrer  unvergeßlichen  Herrschaft  auf  Jahrzehnte
  hinaus  unmöglich  ward.  —
        <pb n="651" />
        Neunter  Abschnitt.

 

Der  welfische  Staatsstreich.

Trotz  der  allgemeinen  Ermattung  und  trotz  seiner  parlamentarischen
Niederlagen  blieb  der  Liberalismus  im  Wachstum.  Seine  sozialen  Ideen
verbreiteten  sich  in  der  Stille,  sie  wurden  allmählich  zu  Standesvorurteilen
  des  gebildeten  Bürgertums,  das  sich  jetzt,  seit  zu  dem  Wissen
der  neue  Wohlstand  hinzukam,  ganz  unbedenklich  für  den  Kern  der  Nation
hielt.  Die  scheinbare  gesellschaftliche  Gleichheit  der  Franzosen  und  das  Gesetzbuch
  der  durchgebildeten  Geldwirtschaft,  der  Code  Napoleon,  fanden
Bewunderung  nicht  bloß  im  Südwesten,  auch  in  Thüringen,  in  Sachsen,
in  den  Städten  der  alten  preußischen  Provinzen.  In  diese  demokratisierte,
den  alten  Standesunterschieden  entfremdete  Gesellschaft  schlug  nun  eine
Gewalttat  hinein,  welche  auch  die  schlummernden  politischen  Leidenschaften
wieder  erweckte  und  von  der  häßlichen  Lüge  des  deutschen  Bundesrechts
den  letzten  Schleier  hinwegriß,  ein  Staatsstreich,  so  frevelhaft,  so  unentschuldbar,
  so  gemeinverständlich  in  seiner  Roheit,  daß  der  sittliche  Ekel  fast
alle  irgend  selbständigen  Männer  zum  Widerspruche  zwang  und  den  Reihen
der  liberalen  Opposition  mit  einem  Male  neue  Kräfte  zuführte.

Am  20.  Juni  1837  starb  König  Wilhelm  IV.,  und  da  nach  deutschem
Rechte  der  Mannesstamm  den  Weibern  vorging,  so  zerriß  jetzt,  zum  Segen
für  beide  Teile,  das  unnatürliche  Band,  das  die  kurbraunschweigischen
Lande  durch  vier  Menschenalter  an  Großbritannien  gekettet  hatte.  Für
die  Briten  hatte  diese  Verbindung  längst  allen  Wert  verloren.  Die  hannöverschen
  Truppen  für  englische  Zwecke  zu  verwenden,  war  unter  dem
Deutschen  Bund  kaum  noch  möglich;  seit  der  Entstehung  des  preußischen
Volksheeres  bedeutete  die  kleine  Armee  ohnehin  nicht  mehr  so  viel  wie  im
alten  Jahrhundert.  Seit  der  Zollverein  gesichert  war,  konnte  auch  die
handelspolitische  Dienstbarkeit  Hannovers  den  Engländern  nichts  mehr
nützen.  Einzelne  kleine  Gewinste  vermochte  Palmerstons  geschickte  Hand
wohl  noch  aus  dem  deutschen  Nebenlande  herauszuschlagen;  mit  Hannovers
  Hilfe  hatte  er  vor  kurzem  die  Bundesexekution  in  Luxemburg
vereitelt.  In  der  Regel  empfand  er  die  Doppelstellung  der  Krone  nur
als  eine  Last;  wenn  der  König  von  Hannover  andere  Wege  ging  als  der

41*
        <pb n="652" />
        644  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

König  von  England  und  die  Bundespolitik  der  Hofburg  unterstützte,  dann
mußte  die  britische  Staatskunst  vor  den  Augen  der  Welt  noch  treuloser
erscheinen,  als  sie  wirklich  war.  Gesättigt  von  den  Erfolgen  des  napo—
leonischen  Zeitalters,  hatte  sich  der  Ehrgeiz  der  Nation  seit  einigen  Jahren
fast  ausschließlich  den  überseeischen  Interessen,  dem  Oriente  und  den  Ko—
lonien,  zugewendet.  Die  öffentliche  Meinung  verstand  den  Grundsatz  der
Nicht-Einmischung,  der  von  Palmerston  so  mannigfach  ausgelegt  wurde,
in  buchstäblichem  Sinne;  sie  wollte  von  den  festländischen  Wirren  wenig
hören,  sie  verlangte,  daß  England  wieder  ein  Inselreich  würde,  und  schon
darum  hieß  sie  die  Trennung  von  Hannover  willkommen.

Mit  der  Thronbesteigung  der  Königin  Viktoria  errang  die  Politik  der
Reform  für  lange  Zeit  einen  vollständigen  Sieg.  Die  unerfahrene  junge
Fürstin  sah  sich  außerstande,  die  schattenhafte  monarchische  Gewalt  durch
die  Kraft  eines  selbständigen  Willens  neu  zu  beleben,  sie  konnte  sich  nur
von  dem  Strome  der  vorherrschenden  nationalen  Gesinnung  treiben  und
tragen  lassen.  König  Wilhelm  war  den  liberalen  Ideen  halb  widerstrebend
gefolgt,  Viktoria  gehörte  ihnen  schon  durch  die  Geburt  an,  da  ihr  väter—
liches  Haus  mit  den  Hochtorys  stets  in  Feindschaft  gelebt  hatte.  Sie
überließ  sich  willig  der  Führung  des  Hauptes  der  Whigpartei,  Lord
Melbourne,  und  wurde  zugleich  von  ihrem  Oheim  König  Leopold  mit
politischen  Ratschlägen  unterstützt.  Der  kluge  Koburger  arbeitete  bereits
seit  Jahresfrist  an  einem  neuen  Heiratsplane,  der  seinem  Hause  die
dritte  Königskrone  einbringen  sollte;  er  dachte  seinem  Neffen  Albert  die
Stellung  des  englischen  Prinz-Gemahls,  die  er  einst  für  sich  selber  erhofft
hatte,  zu  verschaffen.  Um  sich  auf  sein  hohes  Amt  vorzubereiten,  mußte
der  junge  Prinz  ein  Jahr  in  Brüssel  verleben,  denn  in  Berlin,  so  meinte
Stockmar,  könne  man  nichts  lernen,  Preußens  Haltung  gegen  Deutschland
sei  „weder  politisch  noch  ehrlich“.  Durch  die  koburgische  Verwandtschaft
wurde  die  Königin  auch  dem  Tuilerienhofe  näher  geführt;  das  gelockerte
Bündnis  der  Westmächte  schien  sich  wieder  zu  befestigen,  mit  donnernden
Hochrufen  empfing  das  Londoner  Volk  bei  der  Krönung  den  französischen
Botschafter  Marschall  Soult,  der  sich  in  Spanien  so  oft  mit  den  Briten
gemessen  hatte.  Die  Reformbill  hatte  den  Umbau  des  alten  aristokra—
tischen  Staatswesens  nicht  vollendet,  sondern  erst  begonnen;  eine  Zeit
großer  sozialer  Neugestaltungen  nahte  unverkennbar  heran.  Das  ahnte
jedermann,  als  die  Königin  in  den  ersten  Tagen  ihrer  Regierung  den
reichen,  menschenfreundlichen  Moses  Montefiore  als  Sheriff  von  London
in  den  Ritterstand  erhob  —  den  ersten  Juden,  dem  solche  Ehre  widerfuhr.

Während  also  in  England  unter  einem  willenlosen  Königtum  die
öffentliche  Meinung  ihre  unbeschränkte  Herrschaft  antrat,  erhoffte  das  han—
növerische  Volk  von  der  Gnade  des  einheimischen  Landesherrn  ein  unbe—
stimmtes  Glück.  Unablässig  arbeiteten  die  schöpferischen  Kräfte  der  neuen
deutschen  Geschichte  an  der  Zerstörung  der  seit  zwei  Jahrhunderten  ein—
        <pb n="653" />
        Trennung  von  England  und  Hannover.  645

gedrungenen  Fremdherrschaft.  Was  in  Pommern,  in  Preußen,  in  Schlesien
nur  unter  schweren  Opfern  und  Kämpfen  erreicht  war,  das  gelang  in
Hannover  durch  die  Gunst  des  Zufalls,  und  alsbald  zeigte  sich,  wie  wenig
die  lange  Verbindung  mit  dem  Auslande  den  Kern  des  niedersächsischen
Volkstums  verändert  hatte.  Die  starke  englische  Kolonie  in  der  Stadt
Hannover,  einige  britische  Sitten  und  Familienverbindungen  in  der  vor—
nehmen  Gesellschaft,  dazu  die  kriegerischen  Erinnerungen  der  Veteranen
und  ein  hohes  Maß  von  Selbstgenügsamkeit,  das  war  in  Wahrheit  alles,
was  von  dem  ausländischen  Wesen  noch  übrig  blieb.  Ohne  Kummer  gaben
die  Hannoveraner  den  Namen  der  deutschen  Großbritannier  auf,  um  fortan
sich  selbst  und  ihrem  endlich  sichtbaren  Könige  zu  leben.

Ein  Glück  nur,  daß  sie  trotz  ihrer  britischen  Neigungen  selten  eng—
lische  Zeitungen  lasen  und  von  dem  schlimmen  Rufe  ihres  neuen  Herr—
schers  wenig  wußten.  Mit  der  einzigen  Ausnahme  des  Selbstmords  hat
der  Herzog  von  Cumberland  schon  jedes  erdenkliche  Verbrechen  begangen
—  so  schrieb  um  jene  Zeit  ein  radikales  englisches  Blatt  und  sprach  damit
nur  in  pöbelhaften  Formen  aus,  welchen  furchtbaren  Haß  dieser  unbelieb—
teste  aller  englischen  Prinzen  im  Verlaufe  eines  sechsundsechzigjährigen
Lebens  auf  sich  geladen  hatte.  König  Ernst  August  war  der  begabteste
unter  den  sieben  Söhnen  Georgs  III.,  aber  schlecht  erzogen,  nicht  bloß
aller  Bildung  bar,  sondern  ein  abgesagter  Feind  der  Wissenschaft,  die  er
„dem  Federvieh  der  Tintenkleckser“  überließ;  nur  wer  wohl  geboren,  wohl
gekleidet  und  mäßig  gelehrt  war,  galt  ihm,  wie  einst  den  Römern,  für
einen  anständigen  Mann.  Auf  der  Göttinger  Hochschule  hatte  er  nicht
einmal  die  deutsche  Sprache  gelernt,  um  so  gründlicher  die  Reitkunst.  Als
er  dann  in  den  niederländischen  Feldzügen  ein  hannöversches  Dragonerregiment
  befehligte,  zeigte  er  sich  sehr  tapfer,  aber  auch  so  roh  und  grausam,
  daß  Scharnhorst  seinen  Abscheu  kaum  bezwingen  konnte.  Wiederholt
verbot  er  seinen  Reitern,  ihm  die  verfluchten  französischen  Republikaner
gefangen  einzubringen;  alles  wollte  er  niedersäbeln,  in  einem  wilden  Handgemenge
  verlor  er  selbst  ein  Auge.  An  den  napoleonischen  Kriegen  beteiligte
  er  sich  nicht,  nur  in  den  Tagen  der  Schlacht  von  Kulm  erschien
er  für  kurze  Zeit  im  Hauptquartier  der  Verbündeten.  Trotz  dieser  geringen
  Kriegserfahrung  betrieb  er  das  Soldatenhandwerk  mit  leidenschaftlichem
  Eifer,  und  unbeschreiblich  war  seine  Freude,  als  König  Friedrich
Wilhelm  ihn  zum  Chef  der  roten  Zieten-Husaren  ernannte.  Neben  dem
steifen  Dünkel  des  englischen  Lords  behielt  er  doch  immer  etwas  von  der
naturwüchsigen  Frische  des  deutschen  Reiteroffiziers.

Im  Oberhause  ward  er  rasch  ein  gefürchteter  Führer  der  Hochtorys;
bald  drohend  und  lärmend,  bald  schlau  belügend,  bald  leise  hetzend,  wußte
er  seine  Leute  bei  der  Stange  zu  halten.  Nur  die  hartreaktionären  Grundsätze
  Lord  Eldons  fanden  seinen  Beifall;  selbst  den  eisernen  Herzog  hielt
er  für  einen  gefährlichen  Ränkeschmied,  weil  Wellington  sich  den  Forde-
        <pb n="654" />
        646  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

rungen  der  Zeit  doch  nicht  ganz  versagte.  Die  für  so  lange  Jahre  folgen—
reiche  Wiedererhebung  der  Torys  im  Jahre  1807  war  zum  guten  Teile
Cumberlands  Werk  und  blieb  ihm  bei  den  geschlagenen  Whigs  unver—
gessen.  In  den  folgenden  Jahren  bekämpfte  er  hartnäckig  jeden  Reform—
vorschlag,  am  heftigsten  die  Emanzipation  der  Katholiken;  denn  ganz  so
buchstabengläubig  wie  sein  Vater  hielt  er  es  für  einen  Eidbruch,  wenn
die  verfassungsmäßigen  Vorrechte  der  anglikanischen  Kirche  auf  verfassungs—
mäßigem  Wege  beschränkt  würden.  Er  wurde  Großmeister  des  reaktionären
Geheimbundes  der  Orangelogen,  der  unter  dem  Banner  „Thron  und  Kirche“
höchst  verdächtige  Zwecke  verfolgte  und  schon  durch  seine  Heimlichkeit  allen
guten  altenglischen  überlieferungen  widersprach;  manche  Heißsporne  unter
den  Verschworenen  hofften  im  Ernst,  den  reformfreundlichen  König  Wil—
helm  zu  beseitigen  und  Cumberland  auf  den  Thron  zu  erheben.  Als  die
Wühlerei  im  Parlamente  zur  Sprache  kam  und  der  Herzog  sich  genötigt
sah,  die  Logen  aufzulösen  (1836),  da  beteuerte  er  heilig,  vielleicht  mit
Recht,  von  solchen  Plänen  nichts  gehört  zu  haben.  Doch  wer  sollte  ihm
Glauben  schenken,  wenn  er,  der  Feldmarschall  und  Großmeister,  dann  auch
noch  behauptete,  ganz  ohne  sein  Wissen  seien  Offiziere  in  die  Logen  eingetreten?


Die  Briten  kannten  ihn  schon.  Aufrichtig  war  er  nur,  sobald  er  unter
Kameraden  gemeine  Witze  riß  oder  seine  Gegner  mit  schmutzigen  Schimpfreden
  überflutete.  Seine  geschmacklosen  Ausschweifungen  und  seine  tolle
Verschwendung  hätte  man  ihm  gern  verziehen,  wenn  sich  in  dem  wüsten
Treiben  auch  nur  ein  Zug  menschenfreundlichen  Humors  gezeigt  hätte.
Er  aber  fand  seine  Lust  daran,  den  Freund  gegen  den  Freund,  den  Gatten
gegen  die  Gattin,  die  Geliebte  gegen  den  Liebhaber  aufzustacheln.  Das
eine  kurzsichtige  Auge,  das  ihm  noch  geblieben  war,  bemerkte  jede  Unordnung,
  jede  Schwäche,  jede  Lächerlichkeit,  und  feige,  unritterlich  den  Vorteil
  seiner  hohen  Stellung  mißbrauchend,  hechelte  er  dann  mit  seiner
feinen  Stimme  seine  Opfer  durch;  schlagfertige  Erwiderungen,  wie  sie  der
große  Friedrich  und  alle  wahrhaft  witzigen  Spötter  liebten,  donnerte  er
mit  einem  Fluche  nieder.  Jedem  Menschen  trat  er  auf  die  Hühneraugen,
so  sagten  seine  eigenen  Brüder.  Wenn  er  einen  gebrechlichen,  greisen  Herrn
recht  lange  stehen  ließ  oder  einen  Feinschmecker  durch  eine  plötzliche  Einladung
  vom  leckeren  Mahle  hinwegscheuchte  oder  an  einer  hellgekleideten
alten  Dame  sich  den  Rücken  wärmte,  als  ob  er  sie  für  einen  weißen
Ofen  hielte,  dann  fühlte  er  sich  behaglich;  und  sein  getreuer  Reverend
Wilkinson,  den  er  nachher  als  Hofkaplan  nach  Hannover  berief,  bewunderte
  diese  brutalen  Witze  mit  so  bedientenhafter  Freude,  daß  die  Deutschen
glauben  mußten,  nach  englischer  Anschauung  bestehe  der  Lebensberuf  des
Fürsten  wirklich  im  Zertreten  von  Leichdörnern.  Eine  stattliche  Erscheinung,
  wenn  der  starke  große  Herzog  mit  dem  meisterhaft  gewichsten  grauen
Schnurr=  und  Backenbarte  auf  seinem  edlen  Rosse  dahergeritten  kam;
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        Ernst  August  und  seine  Gemahlin.  647

die  Husarenuniform  saß  ihm  wie  angegossen,  aber  in  den  scharfgeschnit—
tenen  soldatischen  Gesichtszügen  lag  ein  so  widerwärtiger  Ausdruck  von
Hohn  und  Härte,  daß  viele  den  unleugbar  schönen  Mann  für  abschreckend
häßlich  erklärten.  Wie  oft  warnte  der  Dichter  der  Whigs,  Thomas  Moore
die  englischen  Mädchen  vor  der  bärbeißigen  Larve  (grim  phiz)  des  öden
galoppierenden  Herzogs:

Der  edle  Prinz,  es  trifft  sich  gut,

Gleicht  gar  so  sehr  in  Fleisch  und  Blut

Dem  Chef  des  Hauses  Beelzebub!

Während  der  letzten  Jahre  pflegte  er  bald  in  Berlin,  bald  in  London

Hof  zu  halten.  In  Preußen  galt  er  wenig;  man  erzählte  nur  beiläufig,
daß  er  in  den  reaktionären  Kreisen  der  mecklenburgischen  Partei  sehr  laut
zu  reden  liebte.  In  England  wurde  seine  Stellung  immer  peinlicher,  seit
die  Whigs  wieder  obenauf  kamen.  Er  haßte  den  König,  der  ihn  zwang,
die  Reformbill  ohne  Widerstand  hinzunehmen  und  ihm  bei  der  Besetzung
der  hannöverschen  Vizekönigsstelle  den  jüngeren  Bruder  Cambridge  vorzog;
  er  haßte  noch  bitterer  seine  junge  Nichte,  die  ihm  den  Weg  zum  längst
erhofften  Throne  vertrat;  und  trotz  seiner  cynischen  Menschenverachtung
wurmte  es  ihn  tief,  daß  die  Londoner  Gesellschaft  ihm  schlechthin  alles
zutraute,  greuliche,  längst  widerlegte  Skandalgeschichten  aus  seiner  Jugendzeit
  immer  wieder  auftauchten.  Die  ihn  näher  kannten,  wußten  wohl,  daß
Ernst  August  auch  ungewöhnliche  Herrschergaben  besaß.  Wenn  es  ihm  ernst
war,  dann  arbeitete  er  mit  eisernem  Fleiße,  wachsam,  sicher,  sorgfältig;
sein  scharfer  natürlicher  Geschäftsverstand  ersetzte  vollauf  die  mangelnde
Bildung,  und  wo  der  Vorteil  seines  Hauses  nicht  ins  Spiel  kam,  zeigte
er  sich  sogar  gerecht.  Selbst  sein  Gemüt  war  doch  nicht  ganz  verödet,
wie  hätte  er  sonst  seine  Gemahlin  Friederike  so  zärtlich  lieben  können.  Die
schöne  Schwester  der  Königin  Luise  hatte  schon  zwei  Gatten  beglückt,  den
Prinzen  Ludwig  von  Preußen,  nachher  den  Fürsten  von  Solms-Braunfels,
  und  im  Witwenstande  auch  noch  manche  süße  Stunde  verlebt.  In
ihrem  leichten,  lachenden,  liebreichen  Wesen  lag  ein  bestrickender  Zauber,
dem  selbst  der  sittenstrenge  König  Friedrich  Wilhelm  nicht  widerstand;  wenn
man  in  früheren  Jahren  seine  muntere  Schwägerin  bei  ihm  verklagte,
dann  sagte  er  ärgerlich:  Ach  was!  Andere  auch  nichts  taugen!  In  den
napoleonischen  Zeiten  hatte  sie  sich  stets  als  gute  Preußin  gezeigt  und
mit  den  Führern  der  Patrioten  fest  zusammengehalten.  Jetzt  war  sie  längst
gesetzter  geworden,  streng  kirchlich,  wohltätig,  eine  sorgsame  Gattin.  Ihre
dritte  Ehe  wurde  durch  die  Weihe  eines  großen  Schmerzes  geadelt.  Der
einzige  Sohn,  Prinz  Georg  konnte  von  der  Wiege  an  mit  dem  einen  Auge
nicht  sehen  und  verletzte  sich  dann,  als  er  einen  Geldbeutel  im  Kreise
wirbeln  ließ,  das  gesunde  Auge  so  schwer,  daß  er  rettungslos  dem  Erbleiden
  der  Welfen,  der  Blindheit  zu  verfallen  schien.  Dies  Unglück  bestärkte
  den  Vater  in  seiner  religiösen  Empfindung.  Der  alte  Eisenkopf
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        648  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

liebte  den  Gottesdienst,  nicht  bloß  aus  englischer  Gewohnheit;  nur  mußte
die  Predigt  kurz  sein,  kräftig,  ohne  Prunk  und  Salbung.  Er  fühlte  in
seiner  Weise  sehr  lebhaft  seine  Verantwortlichkeit  vor  Gott,  er  betete  still,
bevor  er  einen  schweren  politischen  Entschluß  faßte,  und  erlangte  dann
stets  die  tröstliche  Gewißheit,  daß  die  Wege  Gottes  mit  den  Ratschlüssen
des  Welfenhauses  genau  zusammenträfen.

So  war  der  seltsame  Sterbliche,  der  jetzt  einen  friedlichen,  ihm  fast
ganz  unbekannten  deutschen  Kleinstaat  regieren  sollte,  ein  geborener  Tyrann,
gewohnt,  sich  selber  alles,  anderen  nichts  zu  erlauben.  Suscipere  et
finire  hieß  sein  Wahlspruch.  Den  Deutschen  war  er  schon  darum  ein
furchtbarer  Gegner,  weil  sie  diesen  sonderbar  gemischten,  durchaus  englischen
  Charakter  nicht  sogleich  durchschauten.  In  Deutschland  ist  die
Grobheit  fast  immer  ehrlich.  Dem  polternden  alten  Husaren  traute  niemand
  eine  Falschheit  zu;  darum  konnte  er  auch  die  hannöverschen  Minister
so  leicht  überlisten,  als  er  einst  die  Annahme  des  Staatsgrundgesetzes  zusagte
  und  dann  wieder  hinausschob.*)  Erst  nachdem  das  Lügenspiel  vollendet
  war,  erkannte  unser  Volk,  wie  viel  durchtriebene  Arglist  sich  hinter  den
rohen  Formen  des  Briten  versteckte,  und  der  preußische  Gesandte,  Oberst
Canitz  merkte  dann  auch  bald,  daß  der  Welfe  selbst  seine  Wutausbrüche
zuweilen  erkünstelte,  um  andere  einzuschüchtern.

Gleich  nach  dem  Tode  seines  Bruders  huldigte  Ernst  August  knieend
der  neuen  Königin;  sonst  hätte  er  seine  Prinzenrechte  und  die  Apanage
von  21000  LK  verloren.  Dann  reiste  er  ab,  und  die  große  Mehrzahl
der  englischen  Zeitungen  geleitete  ihn  mit  dem  Segenswunsche:  hoffentlich
würde  man  einander  niemals  wiedersehen.  Er  war  jetzt  englischer  Thronfolger
  und  solange  Viktoria  kinderlos  blieb,  hielt  er  eigensinnig  die  Hoffnung
  fest,  ihr  plötzlicher  Tod  könnte  ihm  doch  noch  die  englische  Königswürde
  verschaffen??*);  hatte  doch  das  Parlament  für  diesen  Fall  schon  durch
ein  Gesetz  Vorsorge  getroffen.  Die  kleinere  Krone  aber,  die  ihm  vorläufig
genügen  mußte,  sollte  ganz  selbständig  dastehen:  unabhängig  nach  außen
—  darum  nannte  er  sich  fortan  mit  Stolz  einen  souveränen  deutschen
Fürsten,  obgleich  er  den  englischen  Sitten  treu  blieb  und  immer  nur  ein
gebrochenes  Deutsch  sprach  —  unabhängig  auch  im  Innern.  Bei  seinen
gelegentlichen  Besuchen  in  Hannover  hatte  er  das  bequeme  alte  Beamtenregiment,
  „das  Reich  der  Sekretäre“  oft  mit  ätzendem  Spotte  übergossen.
Er  wußte,  daß  diesem  Lande  vornehmlich  eine  starke  monarchische  Gewalt
not  tat,  und  er  dachte  sie  ihm  zu  bringen;  er  dachte  ihm  eine  andere
Verfassung  zu  geben  und  dann  nach  dieser  treulich  zu  regieren.  Dies
nannte  er  Ordnung,  und  beteuerte:  „Regierungswillkür  war  mir  immer
verhaßt!“

 

*)  S.  v.  IV.  165  ff.
*“)  Frankenbergs  Bericht,  1.  März  1838.
        <pb n="657" />
        Ernst  August  und  Schele.  649

Wie  die  neue  Verfassung  beschaffen  sein  sollte?  —  das  wußte  er
selbst  noch  nicht,  da  er  sich  um  das  Land  nie  bekümmert  hatte;  genug,
wenn  sie  die  Macht  der  Krone  befestigte.  Ein  anderes  Recht  außer  der
Satzung  seines  eigenen  Willens  erkannte  der  Welfe  nicht  an.  Gegen  die
Verfassungsgesetze  von  1814  und  1819  hatte  er  protestiert  —  allerdings
nur  heimtückisch,  in  der  Tasche;  das  Staatsgrundgesetz  hatte  er  nicht
förmlich  angenommen.  Folglich  hielt  er  sich  an  die  Gesetze  seiner  Vorfahren
  nicht  gebunden  und  rüstete  sich  wohlgemut  zu  einem  Staatsstreiche,
dessen  Frechheit  durch  keinerlei  Notstand  beschönigt  werden  konnte.  Wenn
der  neue  König  seiner  Pflicht  gemäß  die  zu  Recht  bestehende  Verfassung
beschwor,  dann  mochte  er  fast  alle  seine  Wünsche  auf  gesetzlichem  Wege
durchsetzen.  Das  Staatsgrundgesetz  bestand  erst  seit  vier  Jahren  und
hatte  noch  keine  tiefen  Wurzeln  geschlagen;  nicht  bloß  der  Adel  murrte,
auch  das  Volk  fand  wenig  Freude  an  den  langweiligen,  unfruchtbaren
Landtagsverhandlungen.  Die  durchaus  ergebene  erste  und  die  sehr  nachgiebige
  zweite  Kammer  ließ  sich  zu  einigen  Verfassungsänderungen  sicherlich
leicht  bewegen,  und  sobald  erst  ruhig  verhandelt  wurde,  dann  mußte  der
geschäftskluge  Welfe  bald  selbst  einsehen,  daß  die  Vereinigung  der  Steuerkasse
  mit  der  Domänenkasse,  die  er  jetzt  als  eine  demagogische  Neuerung
verwünschte,  nur  der  Krone  selbst  Vorteile  brachte.  Ihn  aber  verblendete
die  Leidenschaft.  Er  hatte  durch  Schele,  den  Führer  der  Adelspartei,  Wunderdinge
  gehört  über  den  Radikalismus  des  Staatsgrundgesetzes,  das  in
Wahrheit  die  Rechte  des  Königtums  sorgsamer  schonte  als  irgendeine
andere  der  neuen  deutschen  Verfassungen,  und  nannte  deshalb  den  Kabinettsrat
  Rose  den  hannöverschen  John  Russell.  Wie  er  die  englischen
Reformer  bekämpft  hatte,  so  hoffte  er  in  Hannover  „der  Demokratie  die
Flügel  zu  beschneiden“;  und  —  seltsam  genug  —  bei  dem  rohen  Rechtsbruche
  wirkte  auch  die  bornierte  Gewissenhaftigkeit  mit.  Nach  seiner  Auffassung
  des  politischen  Eides  konnte  Ernst  August  das  Staatsgrundgesetz
nicht  beschwören,  weil  er  sich  dann  verpflichtet  geglaubt  hätte,  keinen  Buchstaben
  mehr  daran  zu  ändern.  Um  sein  eigenes  Gewissen  zu  sichern,  hielt
er  sich  berechtigt,  die  Gewissen  seiner  Untertanen  zu  bedrängen.  Also
stürmte  er  blindlings  hinein  in  die  Bahn  des  Unrechts  —  denn  ich  bin
ein  Bock,  so  gestand  er  selbst  —  und  getröstete  sich  des  altenglischen  Glaubens,
  daß  die  Deutschen  zwar  die  besten  Soldaten  der  Welt  seien,  aber
von  ihren  Fürsten  alles  gelassen  hinnähmen.

Drei  Tage  vor  seiner  Ankunft  schritt  die  Bürgerschaft  von  Hannover
abends  in  langem,  schweigendem  Zuge  hinaus  nach  dem  Schlosse  Montbrillant,
  um  von  dem  geliebten  Herzog  von  Cambridge  Abschied  zu  nehmen.
Ihrem  Wortführer,  dem  Bürgermeister  Rumann,  und  dem  guten  Vizekönige
versagte  fast  die  Stimme;  alles  fühlte,  die  gemächliche  alte  Zeit  ging  zu
Ende.  Am  Abend  des  28.  Juni  zog  der  neue  König  ein,  beantwortete  die
Anrede  des  Bürgermeisters  mit  kurzen,  wenig  freundlichen  Worten  und
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        650  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

behielt  die  überreichten  silbernen  Schlüssel  der  Stadt  bei  sich;  so  tat  er
fortan  immer,  in  seiner  Hut  sollte  das  Land  sicher  aufgehoben  sein.  Ohne
die  Beleuchtung  der  Hauptstadt  eines  Blickes  zu  würdigen,  arbeitete  Ernst
August  bis  in  die  Nacht  hinein  zusammen  mit  Schele.  Der  Name  dieses
reaktionären  Heißsporns  sagte  alles;  und  wenn  man  ihn  nur  für  einen
ehrlichen  Fanatiker  hätte  halten  können!  Er  war  aber  einst  trotz  seiner
legitimistischen  Gesinnung  freiwillig  in  den  Staatsrat  des  Königs  Jerome
eingetreten;  Vertrauen  fand  er  nirgends.  Am  nächsten  Tage  versammelte
sich  der  Landtag;  jedermann  erwartete,  der  König  werde  nunmehr,  wie
das  Staatsgrundgesetz  vorschrieb,  durch  ein  Patent  seinen  Regierungsantritt
  anzeigen  und  die  Aufrechthaltung  der  Verfassung  geloben.  Statt
dessen  erschien  plötzlich  eine  königliche  Verordnung,  welche  die  Landstände
vertagte.  Die  erste  Kammer  gehorchte  alsbald  dem  Befehle,  in  der  zweiten
fragte  der  Vorsitzende  Rumann  sichtlich  betroffen,  ob  niemand  etwas  zu
dem  verlesenen  Aktenstücke  zu  bemerken  habe.  Da  erhob  sich  Stüve,  noch
völlig  ratlos;  er  hatte  einen  Staatsstreich  für  unmöglich  gehalten,  weil
er  mit  seinem  Machiavelli  glaubte,  daß  die  Menschen  weder  ganz  gut,
noch  ganz  böse  zu  sein  verstehen.)  In  seiner  Verwirrung  brachte  er  nur
die  Worte  hervor,  Seine  Majestät  habe  die  Regierung  wohl  noch  nicht
angetreten.  Er  hoffte,  andere  Abgeordnete  würden  ihm  beistehen.  Aber
alles  schwieg  bestürzt:  ein  rechtsgültiger  Beschluß  war  ohnedieerste  Kammer
unmöglich,  und  wer  konnte  denn  wissen,  ob  nicht,  derweil  man  hier  saß,
das  königliche  Patent  schon  erschienen  war?  Auch  die  zweite  Kammer  ging
ruhig  auseinander.

Dergestalt  hatte  der  schlaue  Welfe  durch  eine  wohlberechnete  Überraschung
  die  Stände  verhindert,  das  Recht  des  Landes  feierlich  zu  verwahren.
  Inzwischen  wurde  Schele  zum  Kabinettsminister  ernannt,  und
obwohl  er  selbst  schon  als  Geheimer  Rat  den  Verfassungseid  geleistet  hatte,
so  ließ  er  sich's  doch  wohl  gefallen,  daß  der  König  aus  seinem  neuen  Diensteide
  die  Verpflichtung  auf  das  Staatsgrundgesetz  eigenhändig  ausstrich.
Schele  blieb  vor  der  Hand  der  einzige  vertraute  Ratgeber  des  Welfen.
Auf  Münsters  Beistand  war  nicht  zu  rechnen;  der  Graf  dachte  doch  zu
vornehm,  um  sich  an  dem  Gewaltstreiche  selbst  zu  beteiligen,  wenngleich  er
die  Demütigung  seiner  alten  Gegner  nicht  ohne  Schadenfreude  betrachtete,
und  war  überdies  mit  Cumberlands  Eigenwillen  niemals  gut  ausgekommen.
Der  neue  Minister  riet  nun,  der  König  möge  sofort  den  Landtag  auflösen
  und  die  alte  Verfassung  von  1819  wieder  in  Kraft  setzen,  so  gewinne
man  alsbald  einen  festen  Rechtsboden..“)  Dazu  konnte  sich  Ernst  August
nicht  verstehen.  Sogleich  nach  seiner  Ankunft  aus  der  Fremde  die  ge- 



*)  Nach  der  oben  angeführten  Biographie  Stüves.
*)  So  erzählt  Schele  selbst  in  den  Randbemerkungen  zu  den  Berichten  seines  Sohnes
v.  1.  und  18.  Aug.  1837.
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        Das  erste  Patent.  651

samte  Verfassung  über  den  Haufen  zu  werfen,  schien  ihm  doch  unmöglich;
er  brauchte  Bedenkzeit,  um  die  unbekannten  Verhältnisse  zu  übersehen.  Auch
wußte  er  schon,  daß  eine  neue  Anleihe  von  3  Mill.  Tlr.  bevorstand,  und
die  Schuldverschreibungen  ohne  die  Unterschrift  der  landständischen  Kom—
mission  nichts  galten.  Darum  wollte  er,  ohne  die  Verfassung  selbst  anzu—
erkennen,  dochden  gegenwärtigen  Landtag  beibehalten  und  mit  ihm  späterhin
über  die  notwendigen  Änderungen  gütlich  verhandeln.“)  Der  Gedanke
war  eine  staatsrechtliche  Ungeheuerlichkeit;  denn  erkannte  der  Monarch  das
Staatsgrundgesetz  nicht  an,  so  konnte  er  auch  die  Landstände,  die  nur
kraft  dieses  Gesetzes  bestanden,  nicht  einberufen.  Aber  was  vermochten
juristische  Gründe  über  den  alten  Reitersmann?  Er  meinte,  in  seinem
Rechte  zu  sein,  und  sagte  in  gutem  Glauben  zu  dem  englischen  Gesandten
Lord  William  Russell,  der  aus  Berlin  herüberkam:  ich  beabsichtige  einige
Veränderungen,  aber  langsam  und  auf  gesetzliche  Weise.**)

Am  3.  Juli  unterzeichnete  er  ein  Patent,  das  den  getreuen  Untertanen
zu  wissen  gab,  der  König  halte  das  Staatsgrundgesetz  nicht  für  bindend  und
in  vielen  Bestimmungen  für  ungenügend;  er  wolle  daher  prüfen  lassen,  inwiefern
  Abänderungen  nötig  seien  und  dann  seine  Entschließung  dem  Landtage
eröffnen.  Daneben  stand  noch  —  offenbar  als  ein  Zugeständnis  an  Scheles
ursprüngliche  Absicht  —  die  vieldeutige  Bestimmung:  es  solle  auch  erwogen
werden,  ob  man  nicht  zu  der  glücklichen  alten  angeerbten  Landesverfassung
zurückkehren  solle.  Tags  darauf  wurde  das  Patent  durch  Schele  den
anderen  Ministern  vorgelegt.  Diese  beanstandeten  einzelne  Stellen  und
verlangten  namentlich,  daß  ausdrücklich  gesagt  würde,  der  König  beabsichtige
nur  verfassungsmäßige  Anderungen.  Ernst  August  erwiderte  barsch:  „ich
fühle  es  Meine  Würde  nicht  gemäß"  darauf  einzugehen,  und  die  Minister
unterwarfen  sich.  )  Sie  nahmen  es  auch  geduldig  hin,  daß  ihnen  ein
nicht  auf  die  Verfassung  beeidigter  Minister  an  die  Seite  gestellt  wurde,
und  dieser  allein  dem  Monarchen  Vortrag  hielt.  Nachher  (14.  Juli)  erstatteten
  sie  auf  Befehl  des  Königs  noch  ein  Gutachten  über  die  Verfassungsfrage
  und  gelangten,  wie  sich  von  selbst  verstand,  zu  dem  Ergebnis,
das  Staatsgrundgesetz  bestehe  zu  Recht,  könne  also  auch  nur  auf  verfassungsmäßige
  Weise  abgeändert  werden.  k)  Damit  glaubten  sie  ihre  Pflicht
erfüllt  zu  haben.  Ein  vollendeter  Verfassungsbruch  lag  ja  noch  nicht  vor,
und  warum  sollten  sieauch,  allen  Grundsätzen  kurhannöverscher  Anständigkeit
zuwider,  ohne  Not  Ombrage  erregen?  Sie  blieben  behaglich  im  Amte

 

*)  Dies  alles  berichtete  Schele  der  Jüngere  im  Auftrage  Ernst  Augusts  an  Bodenhausen,
  18.  Aug.  1837.
**)  Frankenbergs  Berichte,  Juli  1837.
**#)  K.  Ernst  August  an  Schele,  7.  Juli;  Schele  an  das  Kabinettsministerium,
7.  Juli  1837.
+)  Gutachten  des  Staatsministeriums,  14.  Juli  1837,  gez.:  Stralenheim,  Alten
Schulte,  v.  d.  Wisch;  gegengez.:  Falcke.
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        652  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

und  beruhigten  sich  mit  dem  Troste,  daß  sie  den  Unzufriedenen  kein  böses
Beispiel  geben  dürften.  Nur  Ompteda,  der  deutsche  Minister  in  London,
forderte  seine  Entlassung  und  erhielt  sie  in  Gnaden,  da  sein  Amt  durch
die  Thronbesteigung  von  selbst  hinwegfiel;  für  Männer  seines  Schlages
war  unter  diesem  Welfen  kein  Platz.*)

Demnach  erschien  das  Patent  unverändert,  und  so  viel  ging  aus  den
gewundenen  Sätzen  doch  klar  hervor,  daß  der  König,  ohne  irgendeinen
Grund  anzugeben,  die  Verfassungsgesetze  seiner  Vorfahren  kurzerhand  für
unverbindlich  erklärte.  Ward  ihm  dies  gestattet,  dann  stand  keine  deutsche
Verfassung  mehr  fest.  Daher  erhob  sich  sofort  ein  Sturm  in  der  gesamten
  deutschen  Presse.  Mit  der  einzigen  Ausnahme  der  von  Schele
beeinflußten  unsauberen  Hannöverschen  Landesblätter  war  alle  Welt  derselben
  Meinung.  Die  Nation  empfand  es  wie  einen  Faustschlag  ins  Angesicht,
  daß  dieser  Fremdling  sich  erdreisten  wollte,  nach  seinem  Gutdünken
zu  entscheiden,  ob  in  einem  gesetzlich  geordneten  deutschen  Lande  die  gegenwärtige
  Verfassung  bestehen  sollte  oder  die  ältere  oder  vielleicht  auch  eine
dritte.  Der  Hamburger  Wurm  verdammte  in  einer  scharfen  Flugschrift
die  neue  welfische  Staatslehre;  zahlreiche  anonyme  Büchlein  und  die  allezeit
behutsame  Augsburger  Allgemeine  Zeitung  redeten  im  gleichen  Tone.  Das
stille  Berlin  sogar  geriet  in  Bewegung:  Gans  lärmte  auf  dem  Katheder,
Dr.  Friedenburg  in  der  sonst  so  harmlosen  Vossischen  Zeitung;  selbst  das
mit  Schele  befreundete  Berliner  Wochenblatt  wagte  nur  „die  männliche
Offenheit“  des  Welfen  zu  loben  und  die  Hoffnung  auszusprechen,  daß  die
notwendigen  Verfassungsveränderungen  ohne  Rechtsverletzung  gelingen
möchten.  Die  beste  der  Gegenschriften  stammte  aus  der  Feder  des  wackeren
weimarischen  Ministers  von  Gersdorff;  leider  wurde  sie  nur  anonym,  in
25  Exemplaren  gedruckt,  so  stark  war  schon  die  Furcht  der  kleinen  Höfe
vor  dem  brutalen  Welfen.*)  Sie  war  in  ruhigem  Geschäftsstile  gehalten
und  zeigte  unwiderleglich,  daß  der  Bundestag  einst,  ohne  nach  der  Zustimmung
  der  Agnaten  zu  fragen,  die  Bürgschaft  für  die  weimarische  Verfassung
  übernommen,  daß  Hannover  selbst  am  15.  Okt.  1830  bei  den
Frankfurter  Verhandlungen  über  die  braunschweigische  Verfassung  nachdrücklich
  erklärt  hatte:  eine  in  anerkannter  Wirksamkeit  bestehende  Verfassung
  bedürfe  nicht  erst  der  Zustimmung  des  neuen  Regenten,  denn
sonst  hinge  es  nur  von  dessen  Willkür  ab,  „geheiligte  Rechte  nach  Gutdünken
  zu  vernichten“.

Auch  alle  die  Landtage,  die  gerade  versammelt  waren,  regten  sich
sogleich,  weil  sie  sich  in  ihrem  eigenen  Rechte  bedroht  sahen.  In  Karlsruhe
verlangten  Itzstein,  Rotteck,  Duttlinger,  daß  man  am  Bundestage  Ein- 



*)  Canitz'  Berichte,  15.  Okt.,  9.  Nov.  1837.

**)  „Ansicht  des  Verhältnisses  der  Erklärung  S.  Maj.  des  Königs  von  Hannover“
usw.,  Weimar  1837.  Den  Verfasser  nennt,  offenbar  richtig,  Münchhausen  in  seinem
Berichte  v.  16.  Okt.  1837.
        <pb n="661" />
        Erste  Wirkungen  des  Patents.  653

spruch  erhebe,  und  einstimmig  pflichtete  ihnen  die  Kammer  bei.  Blittersdorff
selbst  widersprach  in  der  Sache  nicht,  obwohl  er  die  Kompetenz  des  Land—
tages  bestritt.  In  diplomatischen  Kreisen  nannte  er  den  welfischen  Staats—
streich  beim  rechten  Namen  und  sagte  voraus,  welch  ein  unheimliches  Miß—
trauen  nunmehr  in  der  Nation  überhandnehmen  würde.?)  Der  sächsische
und  der  bayrische  Landtag  schlossen  sich  dem  badischen  an.  Auch  in  Dresden
suchten  die  Minister  nur  mit  verlegenen  Worten  zu  beschwichtigen.  Einen
Verteidiger  fand  Ernst  August  nirgends,  und  er  verstärkte  nur  den  allgemeinen
  Unmut,  als  er  dem  sächsischen  Hofe  die  herrische  Erklärung
zusandte:  er  könne  „keiner  Regierung,  geschweige  denn  einer  Ständeversammlung
  gestatten“,  sich  in  hannöversche  Angelegenheiten  einzumischen.)
Besser  gelang  ihm,  die  Zudringlichkeit  des  Auslands  abzuweisen.  Die
englischen  Wahlen  standen  vor  der  Tür,  die  Whigs  beeilten  sich,  den  Gewaltstreich
  des  alten  Toryhäuptlings  auszubeuten,  mit  glänzendem  Erfolge,
wie  sich  bald  zeigte.  Palmerston  wollte  auch  nicht  zurückbleiben.  Er  wußte
schon,  daß  die  Pariser  Presse  bereits  von  einer  deutschen  Juli-Revolution
sprach  und  die  französische  Regierung  an  eine  gemeinsame  Kundgebung  der
liberalen  Westmächte  dachte.  Zunächst  fragte  er  bei  Ompteda  vertraulich
an,  wie  der  Rechtsboden  des  Staatsgrundgesetzes  eigentlich  beschaffen  sei.
Da  empfing  er  aus  Hannover  die  schroffe  Antwort:  man  verweigere  amtlich
alle  Auskunft  „über  einen  Gegenstand,  welche  jeder  nichtdeutschen  Regierung
fremd  sei“.  Mittlerweile  hatte  der  preußische  Gesandte  dem  Lord  Melbourne
das  Zwecklose  und  Ungehörige  dieser  Einmischung  ernstlich  vorgehalten.
Palmerston  erschrak  und  ließ  durch  seinen  Unterstaatssekretär  Fox  die
demütige  Versicherung  abgeben,  er  habe  Se.  Mazestät  nicht  beleidigen
wollen.*?)  Auch  die  französischen  Minister  ließen  den  Plan  fallen;  denn
der  Bürgerkönig  meinte,  ein  solcher  Schritt  würde  allen  Regierungen  Ungelegenheiten
  bereiten  und  nur  den  Radikalismus  ermutigen,  auch  scheine
die  Sache  doch  nur  auf  einen  elenden  Geldstreit  hinauszulaufen.  )
Gegen  die  beiden  deutschen  Großmächte  zeigte  sich  Ernst  August  sehr
verbindlich.  Er  wünschte  sich  ihren  Beistand  für  alle  Fälle  zu  sichern  und
sagte  zu  dem  preußischen  Gesandten  beim  ersten  Empfange:  „ich  werde  die
viele  Gnade,  welche  der  König  für  mich  gehabt  hat,  nie  vergessen,  und  es
wird  stets  mein  Stolz  sein,  mich  auch  künftig  zu  seiner  Armee  zu  zählen.“
Aber  irgendeinen  Einfluß  auf  den  Willen  des  alten  Eisenkopfes  konnte
niemand,  auch  der  Freund  nicht,  gewinnen.  Er  hatte  sich  vermessen,  aus

1

 

*)  Blittersdorff,  Weisung  an  Frankenberg,  5.  Sept.  1837.
**)  Schele  d.  J.,  im  Auftrag  des  Königs,  an  Münchhausen,  22.  Aug.  1837.
*““)  Palmerston  an  Ompteda,  17.  Juli;  Schele  d.  J.,  Weisung  an  Geh.  Rat
Lichtenberg  in  London,  25.  Juli;  Lichtenbergs  Bericht,  8.  Aug.;  Metternich  an  Maltzan,
6.  Aug.  1837.
+)  Hügels  Bericht  an  Metternich,  Paris  1.  Aug.;  Werthers  Weisungen  an  Maltzan,
3.  Aug.,  15.  Sept.  1837.
        <pb n="662" />
        654  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

dem  offenbaren  Unrecht  einen  neuen  Rechtszustand  hervorgehen  zu  lassen,
daher  wurden  seine  Entschließungen  bald  unberechenbar.  Da  sein  Staatsministerium
  sich  für  die  Rechtsgültigkeit  des  Staatsgrundgesetzes  ausgesprochen
  hatte,  so  berief  er  am  nächsten  Tage  (15.  Juli)  eine  besondere
Kommission,  welche  die  Rechtsfrage  von  neuem  prüfen  sollte.  Sie  bestand
  aus  Schele  und  drei  anderen  hohen  Beamten,  Graf  Wedel,  Jacobi,
von  Bothmer,  und  gelangte  nach  kaum  vierzehn  Tagen  schon  zu  dem  Schlusse:
der  König  möge  den  gegenwärtigen  Ständen  erklären,  daß  er  unter  gewissen
  Bedingungen  das  Staatsgrundgesetz  annehmen  wolle.*)  Mit  diesem
Rate  war  dem  Welfen  wieder  nicht  gedient.  In  seinen  Gesprächen  mit
Schele,  der  in  der  Kommission  überstimmt  worden  war,  hatte  er  sich  bereits
  einen  neuen  Plan  gebildet:  er  dachte  jetzt  die  gegenwärtigen  Stände
einzuberufen  und  ihnen  dann  zuzumuten,  daß  sie  die  alte  Verfassung  von
1819  wieder  einführten.*“*)  Dieser  zweite  Plan  war  fast  noch  ungeheuerlicher
  als  der  erste,  denn  gegen  die  Verfassung  von  1819  hatte  Ernst  August
ja  selbst,  allerdings  nur  heimlich,  protestiert!

Was  ließ  sich  wider  den  Starrsinn  und  die  unergründliche  Verlogenheit
eines  solchen  Mannes  mit  friedlichen  Mitteln  ausrichten?  Der  preußische
Gesandte  Canitz  tat  sein  Bestes.  Er  beschwor  den  Welfen  gleich  bei  der
ersten  Audienz,  „jeden  Schein  von  unrechtmäßiger  Gewalt  zu  vermeiden“,
und  erläuterte  seine  Ansicht  als  Kavallerist:  bei  einer  Reiterattacke  dürfe
man  dem  Feinde  nie  die  Flanke  bieten.  Ernst  August  stimmte  zu  und
versicherte:  ich  werde  mich  schon  vorsehen.  Canitz  war  in  schwieriger  Lage:
er  wollte  sich  das  Vertrauen  Scheles,  den  er  für  ehrlich  hielt,  nicht  verscherzen,
  um  nicht  jeden  Einfluß  zu  verlieren;  und  doch  konnte  sich  der
streng  konservative  Diplomat  nicht  verbergen,  daß  hier  in  Hannover  die
Gefahr  nicht  von  der  Nachgiebigkeit,  sondern  von  der  Willkür  des  Fürsten
drohte,  daß  die  konstitutionellen  Formen  doch  den  Vorzug  besäßen,  die  in
kleinen  Staaten  besonders  schwer  drückende  Tyrannei  zu  verhindern,  daß
die  von  den  Welfen  zurückgewünschte  alte  Kassentrennung  allein  der  Krone
selbst  Schaden  gebracht  hätte.  In  solchem  Sinne  äußerte  er  sich  *),  immer
sehr  behutsam,  denn  der  preußische  Hof  wußte  noch  gar  nicht,  was  Ernst
August  eigentlich  beabsichtigte  —  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  es  der
Welfe  selbst  noch  nicht  wußte.  )  Aber  sogar  diese  vorsichtigen  Andeutungen
  machten  den  alten  Herrn  ungeduldig:  er  zeigte  sich  bald  verstimmt
und  behandelte  den  preußischen  Gesandten  so  kühl,  wie  es  die  Freundschaft
der  beiden  Höfe  irgend  erlaubte.

Im  Hochsommer  reiste  Ernst  August  zur  Kur  nach  Karlsbad.  Er

*)  Schele  an  den  Kanzleidirektor  Graf  Wedel  und  die  Oberjustizräte  Jacobi  und
v.  Bothmer,  15.  Juli;  Gutachten  der  Kommission,  28.  Juli  1837.
**)  Canitz'  Bericht,  17.  Juli  1837.
/#)  Canitz'  Berichte,  1.,  11.  Juli,  11.  Sept.  1837  ff.
+)  Münchhausens  Bericht,  13.  Juli  1837.
        <pb n="663" />
        Besprechung  in  Königswarth.  655

hoffte  dort  mit  Metternich  und  einem  der  preußischen  Staatsmänner  zu
sprechen.  Da  er  mit  seinem  getreuen  Ratgeber  noch  nicht  handelseinig  war,
so  ließ  er  sich,  zu  Scheles  Arger,  nicht  von  dem  Minister  selbst  begleiten,
sondern  von  dessen  Sohne;  dieser  junge  Mann  führte  den  wohllautenden
Titel  Legationsrat,  welchen  die  Mittelstaaten  den  unbrauchbaren  Söhnen
ihres  Adels  anzuheften  liebten.  Metternich,  der  durch  die  hannöverschen
Nachrichten  kaum  minder  peinlich  betroffen  war  als  der  Berliner  Hof,
hatte  sich  unterdessen  in  Teplitz  mit  König  Friedrich  Wilhelm  und  Minister
Werther  besprochen.  Die  beiden  Kabinette  beschlossen,  in  der  heiklen  Sache
gemeinsam  vorzugehen;  sie  wollten  sich  aber  auch  nicht  vorzeitig  die  Hände
binden,  sondern  zunächst  nur  vertrauliche  persönliche  Ratschläge  erteilen.)
Demgemäß  schrieben  Metternich  und  Werther  beide  (7.  Aug.)  an  den  älteren
Schele,  der  ihnen  eine  Denkschrift  über  das  Patent  gesendet  hatte.  Der
Preuße  mahnte  freundschaftlich,  man  möge  in  Hannover  alles  vermeiden,
was  den  Bundestag  zum  Einschreiten  zwingen  könnte.  Der  Osterreicher
versicherte  ebenso  behutsam,  „jedes  rechtmäßige  Streben“  nach  Befestigung
des  monarchischen  Prinzips  sei  willkommen;  man  dürfe  aber  nicht  vergessen,
  daß  die  konstitutionellen  Bundesregierungen  sich  auf  den  Wiener
Konferenzen  von  1834  sehr  entschieden  für  die  Unverbrüchlichkeit  der  bestehenden
  Verfassungen  ausgesprochen  hätten;  er  schloß  mit  dem  Wunsche,
daß  es  gelingen  möge,  „die  Verfassungsänderungen  im  ruhigen,  friedlichen
Wege,  unter  Beachtung  aller  jener  Rücksichten,  die  einmal  nicht  umgangen
werden  können,  in  das  Leben  zu  rufen.“)

So  war  die  Stimmung  der  Höfe,  als  Maltzan  und  bald  nachher
Metternich  bei  dem  Könige  in  Karlsbad  vorsprachen.  Beide  waren  freudig
überrascht,  den  gefürchteten  Welfen  so  ruhig,  einsichtig,  maßvoll  reden
zu  hören;  er  versprach  bestimmt,  nur  auf  gesetzlichem  Wege  vorzugehen),
und  da  sie  beide  von  den  früheren  Verhandlungen  nichts  kannten,  so
mußten  sie  ihm  auch  Glauben  schenken,  als  er  heilig  beteuerte,  daß  er
gegen  das  Staatsgrundgesetz  von  vornherein  protestiert  hätte.  Wer  konnte
auch  für  möglich  halten,  daß  ein  deutscher  Fürst  so  schamlos  löge?  Nunmehr
  war  Metternich,  dessen  staatsrechtliche  Kenntnisse  nicht  sehr  weit
reichten,  fest  davon  überzeugt,  daß  Ernst  August  an  das  Staatsgrundgesetz
  nicht  gebunden  sei;  er  rechnete  es  dem  Welfen  sogar  zur  Ehre  an,
daß  er  die  Verpflichtung  auf  dies  Gesetz  so  ritterlich  von  der  Hand  gewiesen
  hatte.

Aber  wie  nun  friedlich  weiter  kommen  auf  der  Bahn  des  Unrechts,
das  durchaus  Recht  sein  sollte?  Gleich  nach  den  Karlsbader  Gesprächen
wurde  auf  Metternichs  Schlosse  Königswarth  eine  lange  Beratung  gehalten
  (11.  August).  Teilnehmer  waren  außer  dem  Schloßherrn  selbst:

*)  Metternich,  Weisung  an  Trauttmansdorff,  28.  Juli  1837.
*“)  Werther  an  Schele,  7.  Aug.;  Metternich  an  Schele,  7.  Aug.  1837.
**#*)  Maltzans  Bericht,  7.  August.  Metternich  an  Trauttmansdorff,  12.  Aug.  1837.
        <pb n="664" />
        656  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Münch,  Hofrat  Werner,  Maltzan,  der  jüngere  Schele  und  der  hannö—
versche  Gesandte  in  Wien,  Bodenhausen.  Der  einzige  Weg,  der  aus  dem
Labyrinthe  herausführte,  schien  jetzt  ungangbar.  Nachdem  das  Patent  er—
schienen,  konnte  Ernst  August  nicht  mehr  das  Staatsgrundgesetz  annehmen
und  dann  versuchen,  ob  bei  dem  rechtmäßigen  Landtage  einige  Änderungen
durchzusetzen  seien.  In  eine  solche  Demütigung  hätte  der  stolze  Welfe
nie  gewilligt.  Da  war  es  denn  fast  lächerlich,  wie  Metternich  sich  drehte
und  wendete,  um  den  welfischen  Bevollmächtigten  zu  erweisen,  daß  aus  dem
Staatsstreiche  doch  noch  ein  Staatsrecht  entstehen  könne.  Er  zeigte  ihnen:
wolle  man  zurück  zu  der  alten  Verfassung,  so  müsse  man  auch  die  Stände
von  1819  einberufen;  versammle  man  aber  angekündigtermaßen  die  gegenwärtigen
  Stände,  so  dürfe  man  ihnen  auch  nur  das  Staatsgrundgesetz  zur
Abänderung  vorlegen,  denn  unmöglich  könnten  in  einem  Staate  zwei  Ver—
fassungen  zugleich  bestehen.  Die  beiden  Hannoveraner,  die  sich  allerdings
keineswegs  durch  diplomatischen  Scharfsinn  auszeichneten,  wurden  aus  den
gewundenen  Sätzen  nicht  klug  und  mißverstanden  den  Sinn  so  gänzlich,  daß
Metternich  sich  nachher  genötigt  sah,  wider  ihre  Berichte  eine  Entgegnung
zu  schreiben.“)  Die  Beratung  brachte  kein  Ergebnis.  Nur  so  viel  war
deutlich,  daß  der  Osterreicher  den  ganzen  Streit  sehr  ungern  sah  und  ihn
womöglich  dem  Bundestage  fernhalten  wollte.  Darum  brauchte  Ernst
August  doch  nicht  an  der  Hilfe  der  Hofburg  zu  verzweifeln;  denn  Metter—
nich  sprach  durchweg  im  Tone  des  besorgten  treuen  Freundes  und  sagte
noch  nach  der  Königswarther  Unterredung  zu  Maltzan:  der  König  hat
ganz  recht,  er  geht  nicht  einmal  so  weit,  als  er  gehen  dürfte;  wenn  ich
selbst,  der  ich  von  Geburt  an  versöhnliche  Neigungen  hege,  dies  bezeuge,
so  ist  damit  alles  gesagt.  Überdies  hatte  der  Wiener  Hofpublizist  Jarcke
bereits  Befehl  erhalten,  den  Welfen  mit  seiner  Feder  zu  unterstützen.)

An  die  süddeutschen  Höfe  wurde  der  Bundesgesandte  Stralenheim
gesendet,  um  sie  für  Hannover  günstig  zu  stimmen.  Er  bestach  unterwegs
die  ultramontane  Neue  Würzburger  Zeitung  mit  hundert  Dukaten;  Robert
Peel  aber,  den  er  in  Stuttgart  sprach,  versagte  ihm  rundweg  jeden  Beistand
  im  Parlamente,  und  die  Kabinette  speisten  ihn  mit  unverfänglichen
Worten  ab.  Nur  von  dem  Könige  von  Württemberg,  der  wieder  einmal
mit  seinem  Landtage  unzufrieden  war,  glaubte  Stralenheim  ein  freundliches
  Versprechen  erhalten  zu  haben  —  eine  wunderliche  Täuschung,  die
sich  nur  aus  der  Unfähigkeit  des  welfischen  Diplomaten  erklärte.*“)  Der
nachtragende  König  Wilhelm  hegte  gegen  Ernst  August  eine  alte  Abneigung,
er  führte  mit  der  Krone  Hannover  seit  Jahren  einen  ärgerlichen  Rang- 



*)  Schele  d.  J.,  Notatum,  Königswarth,  11.  Aug.,  Bodenhausens  Bericht,  14.  Aug.,
Metternich  an  Trauttmansdorff,  7.  Sept.,  nebst  einer  Aufzeichnung  für  Bodenhausen
wom  11.  Sept.  1837.

**)  Berichte  von  Maltzan,  16.  Aug.,  von  Bodenhausen,  1.  Sept.  1837.

*  2)  Stralenheims  Berichte,  27.,  31.  Okt.  1837  ff.
        <pb n="665" />
        Aufhebung  des  Staatsgrundgesetzes.  657

streit  und  war  viel  zu  klug,  um  einen  mutwilligen  Rechtsbruch  zu  begünstigen.


Die  Zurückhaltung  der  Höfe  ließ  sich  wohl  begreifen;  sie  wußten  nicht,
wo  der  Welfe  hinaus  wollte.  Auch  in  Hannover  blieb  alles  still.  Man
fühlte  sich  gedrückt  und  verstimmt,  aber  selbst  die  Abgeordneten  taten
nichts.  Als  die  Georgia  Augusta  im  September  das  Jubelfest  ihres
hundertjährigen  Bestehens  feierte,  und  fast  alle  namhaften  Männer  des
Landes  in  Göttingen  zusammentrafen,  bot  sich  fast  von  selbst  die  Gelegenheit,
  gemeinsame  Schritte  zur  Abwehr  des  drohenden  Staatsstreichs  zu
besprechen.  Auch  dies  ward  versäumt.  Man  schmauste  über  Gräbern,
sagte  Dahlmann  bitter.  Das  Fest  verlief  mit  der  gewohnten  akademischen
Pracht,  Alexander  Humboldt  empfing  die  Huldigungen  aller  Fakultäten,
und  die  Philologen  verabredeten  sich  nach  dem  Vorbilde  der  Naturforscher,
regelmäßig  wiederkehrende  Wanderversammlungen  zu  halten.  Auch  der
König  erschien  auf  einen  Tag  und  bemühte  sich  wenig,  der  Professorenwelt
  seine  Verachtung  zu  verbergen.  Als  die  Bürgerschaft  vor  der  neuen
Aula  das  Standbild  seines  verstorbenen  Bruders  einweihte,  drehte  er  in
dem  Augenblicke,  da  die  Hülle  fiel,  mit  scharfer  Wendung  dem  Denkmal
den  Rücken  zu?');  die  philosophische  Fakultät  aber  erhielt  einen  schnöden
Verweis,  weil  sie  Stüve  zum  Ehren-Doktor  ernannt  hatte.

Mit  seinen  politischen  Plänen  war  Ernst  August  noch  immer  nicht
im  reinen.  Je  länger  er  zögerte,  um  so  gewisser  ward  es,  daß  ihm  der
gegenwärtige  Landtag  keine  wichtige  Verfassungsänderung  mehr  bewilligen
konnte.  Da  bot  sich  ein  Helfer.  Weil  die  Gutachten  des  Ministeriums
und  der  Kommission  nicht  nach  Wunsch  ausgefallen  waren,  so  wurde  der
Kanzleidirektor  Leist  mit  einer  dritten  Prüfung  der  Rechtsfrage  beauftragt,
ein  gelehrter  alter  Reichsjurist,  der  einst,  wie  Schele,  in  westfälische  Dienste
gegangen  und  auf  höheren  Befehl  zu  jeder  Rechtsverdrehung  gern  bereit
war.  Der  bewies  jetzt,  das  Staatsgrundgesetz  sei  ungültig,  weil  die  Zustimmung
  der  Agnaten  fehle  und  König  Wilhelm  IV.  nachträglich  noch
einige  Paragraphen  einseitig  geändert  habe.““)  Nun  endlich  begann  dem
Welfen  einzuleuchten,  daß  Scheles  ursprüngliche  Absicht  doch  das  Rechte
getroffen  hätte.  Am  1.  November  wurde  durch  ein  zweites  Patent  das
Staatsgrundgesetz  aufgehoben,  die  alte  Verfassung  von  1819  wieder  eingeführt,
  das  Beamtentum  —  oder,  wie  es  fortan  hieß:  die  königlichen
Diener  —  des  Verfassungseides  entbunden,  endlich,  als  ob  man  das  Volk
bestechen  wollte,  den  getreuen  Untertanen  die  Summe  von  100,000  Tlr.
jährlich  an  den  direkten  Steuern  erlassen.

So  maßte  sich  der  welfische  König  das  Recht  an,  seine  Beamten  eines
nicht  ihm  geleisteten  Eides  zu  entbinden  —  ein  Recht,  das  in  der  römischen

 

*)  Nach  der  Erzählung  eines  Augenzeugen.
*)  S.  o.  IV.  163.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  12
        <pb n="666" />
        658  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Kirche  nur  dem  Papste,  in  der  evangelischen  keinem  zusteht.  Auf  einen
solchen  Frevel  war  trotz  allem,  was  geschehen,  niemand  gefaßt.  An  jeden
einzelnen  Beamten  trat  jetzt  die  Frage  heran,  ob  er  sein  Gewissen  der
Gewalt  unterwerfen,  den  neuen  Diensteid  schwören  und  damit  den  alten
brechen  dürfe.  Während  das  Land  unter  dem  Schlage  noch  wie  betäubt
lag,  unterzeichneten  am  18.  November  sieben  der  namhaftesten  Göttinger
Professoren  eine  Vorstellung  an  das  Universitätskuratorium,  worin  sie  einfach
  erklärten,  daß  sie  sich  auch  jetzt  noch  an  ihren  Verfassungseid  gebunden
  hielten:  „Das  ganze  Gelingen  unserer  Wirksamkeit  beruht  nicht  sicherer
auf  dem  wissenschaftlichen  Werte  unserer  Lehren  als  auf  unserer  persönlichen
  Unbescholtenheit.  Sobald  wir  vor  der  studierenden  Jugend  als
Männer  erscheinen,  die  mit  ihren  Eiden  ein  leichtfertiges  Spiel  treiben,
ebensobald  ist  der  Segen  unserer  Wirksamkeit  dahin.  Und  was  würde
Sr.  Maj.  dem  Könige  der  Eid  unserer  Treue  und  Huldigung  bedeuten,
wenn  er  von  Männern  ausginge,  die  eben  erst  ihre  eidliche  Versicherung
freventlich  verletzt  haben?“  E.  Albrecht,  der  als  Lehrer  unvergleichliche,
als  Schriftsteller  leider  wenig  fruchtbare  Jurist,  hatte  den  Gedanken  zuerst
  bei  Dahlmann  angeregt?),  und  Dahlmann  darauf  die  Erklärung  aufgesetzt,
  die  unverkennbar  den  Ausdruck  eines  tiefen  sittlichen  Leidens  trug.
Es  war,  wie  ihr  Verfasser  sagte,  eine  Protestation  des  Gewissens,  nur
durch  den  Gegenstand  ein  politischer  Protest.  Nachher  unterzeichneten  noch
die  Gebrüder  Grimm,  Wilhelm  Weber,  Ewald  und  der  junge  Gervinus.
Von  allen  den  Sieben  hatten  bisher  nur  Dahlmann  und  Gervinus  am
politischen  Kampfe  teilgenommen,  und  auch  sie  standen  bei  den  Liberalen
der  Rotteck-Welckerschen  Schule  im  Rufe  übertriebener  Mäßigung.

Der  alte  Welfe  geriet  in  furchtbare  Wut,  als  er  von  dieser  Tat
erfuhr,  die  doch  nicht  einmal  offene  Widersetzlichkeit  war;  ihm  fehlte  jedes
menschliche  Verständnis  für  den  Edelsinn  der  Gegner.  Er  selbst  hatte
fünf  Monate  lang  geschwankt  und  erst  zwei  andere  Pläne  verworfen,  bevor
  er  die  Verfassung  umstieß;  aber  sobald  seine  Entscheidung  gefallen
war,  meinte  er  alles  erledigt  und  forderte  schweigenden  Gehorsam.  So
faßte  er  seine  königliche  Machtvollkommenheit  auf.  Alsbald  verfügte  er
(28.  Nov.)  eigenhändig  in  seinen  rohen  Schriftzügen:  er  habe  vernommen,
wie  „sich  die  Professoren  nach  erfolgter  Aufhebung  des  Staatsgrundgesetzes
dasselbe  gewissermaßen  noch  als  gültig  zu  betrachten  und  aufrecht  zu  erhalten
  herausnehmen“,  und  ersehe  daraus,  daß  sie  „augenfällig  eine  revolutionäre,
  hochverräterische  Tendenz  verfolgen,  welche  sie  persönlich  verantwortlich
  macht:  sie  scheinen  daher  der  Macht  des  peinlichen  Richters
verfallen“  zdemnach  sollten  die  Behörden  „diesemverbrecherischen  Beginnen“
steuern  und  die  Schuldigen  zur  Strafe  ziehen.“)  Schele  stimmte  freudig

*)  So  erzählte  Albrecht  sehr  bestimmt,  nachdem  er  die  etwas  abweichende  Darstellung

  von  Springer  (Dahlmann  IJ.  430)  gelesen  hatte.
*“)  K.  Ernst  August  an  Schele,  28.  Nov.  1837,  s.  Beilage  XXIV.
        <pb n="667" />
        Die  Göttinger  Sieben.  659

zu:  ein  abschreckendes  Beispiel  sei  nötig,  damit  die  übelwollenden  sich
nicht  an  die  Erklärung  der  Sieben  „als  an  ein  Panier“  anschlössen;  aber
statt  der  aussichtslosen  peinlichen  Untersuchung  empfahl  er  ein  kürzeres
Verfahren.  Vergeblich  baten  die  Minister  Arnswald  und  Stralenheim
als  Kuratoren  der  Universität,  man  möge  mindestens  die  Vorschriften  der
Bundesgesetze  achten  und  zunächst  den  Bericht  des  Regierungsbevollmäch—
tigten  einfordern.)

Ein  kurzes,  von  Leist  entworfenes  Reskript  verfügte  die  sofortige  Entsetzung
  der  Sieben,  und  der  König  befahl  nachträglich  noch  selbst,  daß
ihnen  ihr  Gehalt  nur  bis  zum  Tage  der  Entlassung  ausgezahlt  werden
dürfe.*)  Dahlmann,  Jakob  Grimm  und  Gervinus  erhielten  außerdem
die  Weisung,  das  Land  binnen  drei  Tagen  zu  verlassen,  weil  sie  die
Erklärung  einigen  Freunden  mitgeteilt  hatten.  Die  Studenten  hatten
das  Schriftstück  längst  überall  verbreitet,  sie  nahmen  nach  dem  schönen
Vorrechte  der  Jugend  ungescheut  Partei  für  die  gute  Sache  und  begrüßten
Dahlmann  als  „den  Mann  des  Wortes  und  der  Tat“z;  es  kam  schon
zu  Händeln  mit  der  bewaffneten  Macht.  Nur  einige  Söhne  des  hannöverschen
  Adels  schämten  sich  nicht,  den  Mißhandelten  das  Honorar  durch
den  Stiefelputzer  abzufordern.  In  der  Nacht,  bevor  die  drei  Verbannten,
von  Kürassieren  bewacht,  abreisten,  wanderten  die  Burschen  in  Scharen
hinaus  —  denn  den  Lohnkutschern  hatte  die  Polizeigewalt  zu  fahren  verboten
  —  und  drüben  in  Witzenhausen,  auf  dem  freieren  hessischen  Boden,
nahmen  sie  Abschied  von  ihren  Lehrern.  Als  der  kleine  Sohn  im  Grenzwirtshause
  sich  vor  Jakob  Grimms  majestätischem  Kopfe  hinter  dem
Rocke  der  Wirtin  versteckte,  sagte  die  Mutter  mitleidig:  gib  dem  Herrn
die  Hand,  es  sind  arme  Vertriebene.

Mit  alledem  war  Ernst  Augusts  Rachgier  noch  nicht  ersättigt.  Kaum
erfuhr  er,  daß  Dahlmanns  Berufung  nach  Rostock  im  Werke  sei,  so  ließ
er  alsbald  nach  Schwerin  und  Strelitz  schreiben,  was  dieser  Mecklenburger
alles  verbrochen  habe:  „Se.  Maj.  haben  geglaubt,  den  großherzoglichen
Höfen  Kenntnis  von  den  Handlungen  eines  Mannes  geben  zu  müssen,
der  in  einem  Lehramte  an  einer  Universität  nur  höchst  nachteilig  auf  die
studierende  Jugend  wirken  kann.“  Die  mecklenburgischen  Regierungen  fürchteten
  sich  vor  der  drohenden  Sprache  des  Welfen;  sie  beteuerten,  der
Wahrheit  zuwider,  die  Verhandlungen  seien  längst  abgebrochen,  und  erklärten,
  nunmehr  könne  von  der  Berufung  „natürlich  gar  nicht  die  Rede
sein“.**)  Auf  die  Nachricht,  daß  Jakob  Grimm  die  Seinigen  in  Göttingen
heimlich  besuchen  wolle,  erging  sofort  der  Befehl,  den  Verbrecher  durch

*)  Berichte  an  den  König:  von  Schele,  29.,  30.  Nov.,  von  dem  Universitätskuratorium,
  8.  Dez.  1837.
**)  Schele  an  das  Kuratorium,  31.  Jan.  1838.
zun)  Schele  an  die  Minister  v.  Lützow  in  Schwerin,  v.  Dewitz  in  Strelitz,  7.  Dez.
Die  Erwiderungen  beide  vom  16.  Dez.  1837.

 

42*
        <pb n="668" />
        660  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Landdragoner  über  die  Grenze  zu  schaffen.“)  Um  die  offenbare  Ungesetzlichkeit
  ihrer  Entlassung  auf  dem  einzigen  gerichtlichen  Wege,  der  ihnen
noch  offen  stand,  zu  erweisen,  klagten  die  Sieben  auf  Auszahlung  ihres
rückständigen  Gehalts  für  das  letzte  Halbjahr.  Da  befahl  der  König  der
Justizkanzlei  in  Hannover  durch  ein  Kabinettsschreiben  des  allezeit  willigen
Leist:  sie  solle  die  Klage  einfach  abweisen.  Als  der  redliche  Kanzleidirektor
von  Hinüber  sich  diesem  rechtswidrigen  Ansinnen  widersetzte,  da  befürchtete
Leist,  die  Justizkanzlei  würde  das  königliche  Kabinett  verurteilen,  oder  auch
die  Professoren  könnten  beim  Bundestage  wegen  verweigerter  Justiz  klagen.
Um  beides  zu  verhindern,  beschloß  man,  den  Kompetenzkonflikt  zu  erheben.
Die  Kommission,  welche  die  Kompetenzkonflikte  zu  entscheiden  hatte,  war
freilich  durch  die  Aufhebung  des  Staatsgrundgesetzes  vernichtet?“);  welches
Recht  stand  denn  noch  fest  in  dem  zerrütteten  Staate?  Indes  gelang  es,
die  Sache  so  lange  hinzuhalten,  bis  Ernst  August  einen  neuen  Staatsrat
  gebildet  hatte,  und  dieser  entschied  (1841):  das  Gericht  dürfe  die
Klage  nicht  annehmen,  weil  Entlassung  und  Gehaltsentziehung  zu  den
Hoheitsrechten  des  Landesherrn  gehörten.  Der  Welfe  hoffte  noch  lange,
die  Federfuchser  würden  sich  demütigen,  und  sagte  in  Alexander  Humboldts
  Gegenwart:  Professoren,  Huren  und  Ballettänzerinnen  kann  man
für  Geld  überall  haben.  Sobald  Schele  das  falsche  Gerücht  hörte,  daß
Albrecht  und  Ewald  das  Geschehene  bedauerten,  schrieb  er  sogleich  nach
Göttingen:  die  Wiederanstellung  sei  nicht  unmöglich,  falls  die  beiden  wirklich
  Reue  bezeigten.)

Leider  gab  die  Haltung  der  anderen  Professoren  dem  Könige  einigen
Grund,  so  niedrig  zu  denken  von  dem  Mute  der  Gelehrten.  Die  Gelehrsamkeit
  der  Georgia  Augusta  hatte  sich  den  Kämpfen  des  öffentlichen  Lebens
von  jeher  grundsätzlich  fern  gehalten;  manche  der  alten  Hofräte  empfanden
  es  wie  eine  Beleidigung  ihrer  Amtsehre,  daß  sie  jetzt  in  die  Wirren
der  Politik  hineingerissen  wurden.  Wenige  Tage  nachdem  die  Erklärung  der
Sieben  ruchbar  geworden,  fuhren  der  Prorektor  und  die  Dekane  nach  dem
Jagdschlosse  Rotenkirchen  im  Solling,  um  dem  Könige  untertänig  auszusprechen,
  „daß  sie  in  dem  Vertrauen  zu  den  landesväterlichen  Absichten
Sr.  Maj.  überall  nicht  wanken  und  niemals  Gesinnungen  hegen  werden,
welche  dem  entgegen  sind.“/J)  Sie  wagten  sogar  kein  Wort  der  Erwiderung,
als  die  amtliche  Hannöversche  Zeitung  nachher  dem  Prorektor  eine  völlig  gefälschte,
  die  Tat  der  Sieben  entschieden  verwerfende  Rede  unterschob.  Nur

 

*)  Bericht  des  Prorektors  Bergmann  an  das  k.  Kabinett,  30.  Dez.  1837.  Bescheid,
2.  Jan.  1838.
*  #)  Schreiben  der  Justizkanzlei  in  Hannover  an  das  k.  Kabinett,  26.  Nov.  Leist  an
Schele,  2.  Dez.  1838.
***)  Schele  an  Langenbeck,  28.  Dez.  1837.
+)  Aufzeichnung  des  Prorektors  Bergmann  und  der  vier  Dekane,  Rotenkirchen,
30.  Nov.  1837.
        <pb n="669" />
        Ernst  August  und  die  Sieben.  661

sechs  jüngere  Professoren,  Otfried  Müller  voran,  entschlossen  sich,  angeekelt
durch  dies  Übermaß  der  Lüge,  zu  der  öffentlichen  Erklärung,  daß  sie  den
Schritt  ihrer  entlassenen  Kollegen  nicht  mißbilligten.  Aber  niemand  wollte
sich  den  Sieben  rückhaltlos  anschließen.  Der  schon  durch  Rauschenplatts
Revolution  verdunkelte  Glanz  der  Universität  verblich  jetzt  gänzlich,  für  viele
Jahre;  die  auswärtigen  Studenten  mieden  den  verrufenen  Ort,  der  Ab—
gang  so  trefflicher  Lehrkräfte  ließ  sich  nicht  ersetzen.  Ernst  August  wünschte
vornehmlich  die  Lehrstühle  Dahlmanns  und  Albrechts  mit  ergebenen  Leuten
zu  besetzen,  damit  den  Studenten  die  neue  Lehre  von  der  unbeschränkten
Gewalt  des  alleinigen  Dienstherrn  eingeprägt  würde;  allein  solche  Gelehrte
waren  in  Deutschland  selten.  Der  Marburger  Vollgraff,  der  in  einigen
verworrenen  Schriften,  nicht  ohne  Geist  „die  Täuschungen  des  Repräsen—
tativsystems“  bloßgelegt  hatte,  genügte  doch  zu  wenig  den  hohen,  wissenschaftlichen
  Ansprüchen,  welche  das  Orakel  des  Kuratoriums,  der  greise
Historiker  Heeren  an  die  Lehrer  der  Georgia  Augusta  zu  stellen  pflegte,
und  man  wagte  nicht,  ihn  zu  rufen.*)  Umsonst  baten  die  Universität  und
die  Stadt  in  wiederholten  Eingaben  um  die  Rückkehr  der  Sieben.  Selbst
der  Gothaer  G.  Zimmermann,  der  einzige  namhafte  deutsche  Publizist,  der
in  die  Dienste  des  Welfenhofes  gegangen  war,  hielt  die  Rückberufung  für
nötig,  um  das  Land  und  die  tief  erbitterte  gelehrte  Welt  zu  beruhigen.
Ernst  August  blieb  unerbittlich.  Als  man  im  Herbst  1846  erzählte,  Dahlmann,
  Jakob  Grimm  und  Gervinus  wollten  auf  Besuch  nach  Göttingen
kommen,  entschied  der  Welfe  kurzab:  es  bleibe  bei  den  früheren  Befehlen.“")

Wie  gründlich  täuschte  er  sich,  als  er  in  der  ersten  Schadenfreude
zu  Canitz  sagte,  „diese  Leute  haben  meiner  Sache  eher  genützt  als  geschadet.“
  Es  währte  nicht  lange,  da  rief  er  zornig:  hätt'  ich  gewußt,  was
mir  die  sieben  Teufel  für  Not  machen  würden,  so  hätt'  ich  die  Sache
nicht  angefangen.  Seit  der  Juli-Revolution  hatte  kein  Ereignis  mehr  eine
solche  Aufregung  hervorgerufen.  Die  Frage  lag  so  einfach,  sie  berührte
so  unmittelbar  die  empfindlichste  Seite  des  deutschen  Gemüts,  die  Treue,
daß  die  schlichten  Leute  mit  ihrem  Urteil  rasch  fertig  wurden.  Der  Nation
war  zu  Muute,  als  sei  ein  englischer  Räuber  plötzlich  in  ihren  Garten
eingebrochen.  Der  burschikose  junge  Poet  Hoffmann  von  Fallersleben  sagte
nur  grob  heraus,  was  Tausende  empfanden,  als  er  sang:  „Frisch  Knüppel
aus  dem  Sack!  Aufs  Lumpenpack!  Aufs  Hundepack!“  Und  wer  noch
irgend  zweifelte,  den  mußten  die  Verteidigungsschriften  der  Sieben  gewinnen.
  Dahlmanns  Büchlein  „Zur  Verständigung“  war  ein  Meisterwerk
  deutscher  Publizistik;  die  leidenschaftlich  bewegte  Sprache  blieb  immer

*)  Bericht  des  Universitäts-Kuratoriums,  10.  März  1838.

**)  Eingaben  der  Stadt  Göttingen,  9.  März,  8.  Dez.;  der  Universität,  15.  März,
Prorektor  Gieseler  an  Schele,  14.  März;  Erwiderungen  aus  dem  k.  Kabinett,  24.  März,
22.  Dezember.  —  G.  Zimmermann  an  Schele,  9.  Dez.  1839.  —  Kabinettsschreiben  an
das  Kultusministerium,  29.  Okt.  1846.
        <pb n="670" />
        662  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

würdig  und  vornehm,  und  nirgends  verleugnete  sich  die  gemäßigte  Gesin—
nung  des  Monarchisten:  „Ich  kämpfe  für  den  unsterblichen  König,  für  den
gesetzmäßigen  Willen  der  Regierung,  wenn  ich  mit  den  Waffen  des  Ge—
setzes  dasbekämpfe,  was  in  der  Verleitung  des  Augenblicks  der  sterbliche
König  im  Widerspruch  mit  den  bestehenden  Gesetzen  beginnt.  ..  Ich  traue
nicht  dem  Mut  des  Liebeleeren  und  nicht  der  Liebe  des  Mutlosen.  Hier
gilt  es  Deutschland.  Kann  eine  Landesverfassung  vor  den  Augen  des
Bundes  wie  ein  Spielzeug  zerbrochen  werden,  eine  Verfassung,  von  der  es
unmöglich  ist,  zu  leugnen,  daß  sie  in  anerkannter  Wirksamkeit  bestanden
hat,  dann  ist  über  Deutschlands  nächste  Zukunft  entschieden,  aber  auch
über  die  Zukunft,  die  dieser  folgen  wird.“  Wie  Dahlmann  die  politische,
so  zeigte  Jakob  Grimm  die  menschliche  Niedertracht  des  Staatsstreichs  in
einem  Schriftchen,  das  mit  den  Worten  der  Nibelungen  anhob:  „war  sint
die  eide  komen?“  Albrecht  beleuchtete  die  Rechtsfrage  in  einer  scharfsinnigen
Erörterung,  die  um  so  stärker  wirken  mußte,  weil  der  große  Jurist  nie  ver—
hehlte,  daß  er  die  landläufigen  liberalen  Lehren  vom  sogenannten  Wider—
standsrechte  für  eitle  Zirkelschlüsse  hielt.  Auch  Gervinus  und  Ewald  sprachen
sich  freimütig  aus,  und  von  allen  Seiten  her  kam  ihnen  Beistand.
Georg  Beseler,  der  sich  als  Kampfgenosse  wider  die  Dänen  das  Vertrauen

  Dahlmanns  erworben  hatte  und  jetzt  an  der  Rostocker  Hochschule
lehrte,  rechtfertigte  die  Sieben  in  volkstümlichen  Briefen.  Anastasius  Grün
richtete  an  Jakob  Grimm  ein  begeistertes  Gedicht  und  wünschte,

Daß  bis  Hannover  hin  der  Sang  sich  schwänge  wundertönig

Ans  Ohr  des  Herzogs  Cumberland,  der  jetzt  Hannovers  König.

Versteht  er  auch  des  Deutschen  Lied  von  deutscher  Ehre  schwerlich,

Wird  sich  wohl  einer  finden  dort,  ihm's  zu  verwelschen  ehrlich.
Ein  Märchen  „Anno  1937“  schildert,  wie  die  Großmutter  dem  Enkel
von  dem  bösen  König,  dem  zerrissenen  Freiheitsbriefe,  den  Sieben  und
den  Dreien  erzählte,  und  der  Bube  verwundert  antwortete:  „das  kann
unmöglich  möglich  sein!“  Überall  hatten  die  Vertriebenen  Mühe,  sich
den  Huldigungen  und  Zuschriften  zu  entziehen.  Die  Bewegung  ergriff
alle  deutschen  Gaue,  bis  zu  den  fernen  Grenzmarken.  Die  Kieler  überschickten
  an  Dahlmann,  den  alten  Vorkämpfer  des  Holstenrechts,  eine  Dankadresse;
  die  Elbinger  Bürger  sprachen  ihrem  Landsmann  Albrecht  ihre
Zustimmung  aus  und  die  Königsberger  philosophische  Fakultät  sendete  ihm
ein  von  Lobeck  verfaßtes  Doktordiplom.  Ein  Hamburger  Reeder  ließ  in
Cuxhaven  ein  auf  Dahlmanns  Namen  getauftes  Schiff  vom  Stapel  laufen.
An  den  Fenstern  der  Spielwarenläden  sah  man  den  Witzenhausener  Abschied
  in  Bleifiguren  dargestellt,  auf  den  Jahrmärkten  wurden  Pfeifenköpfe
  mit  dem  Bilde  der  Sieben  feilgeboten.  Und  es  blieb  nicht  bei  den
Worten  und  Bildern.  Zum  ersten  Male  seit  dem  Befreiungskriege  veranstalteten
  die  Deutschen  wieder  eine  Geldsammlung  für  ihre  eigenen  politischen
  Zwecke;  in  den  letzten  zwanzig  Jahren  hatten  sie  nur  zu  Gunsten
        <pb n="671" />
        Sammlungen  für  die  Sieben.  663

der  Griechen  und  der  Polen  freiwillig  gesteuert.  In  Leipzig  entstand  der
Göttinger  Verein,  der  sich  bald  über  ganz  Deutschland  verzweigte  und  den
Sieben  bis  zu  ihrer  Wiederanstellung  ihren  alten  Gehalt  zahlte.  Einige
der  unternehmenden  Bürger,  welche  die  erste  Eisenbahn  bauten,  Gustav
Harkort  und  Dufour  standen  an  der  Spitze,  dazu  die  Besitzer  der  Weidmannschen
  Buchhandlung  Karl  Reimer  und  der  junge  Schweizer  Salomon
Hirzel;  in  Berlin  übernahm  Gans  die  Leitung,  in  Baden  Rotteck,  in
Königsberg  der  radikale  Jacoby,  in  Jena  der  streng  kirchlich  gesinnte  Buchhändler
  Frommann,  in  Marburg  sein  Gesinnungsgenosse  V.  A.  Huber.  Alle
guten  Kräfte  des  Bürgertums  fanden  sich  zusammen.

In  der  amtlichen  Welt  waren  die  Meinungen  geteilt.  Die  Taten
des  Welfen  in  Schutz  zu  nehmen,  wagte  fast  niemand;  nur  da  und  dort
jubelte  ein  übermütiger  Junker,  wie  der  Prinz  von  Noer,  das  sei  brav,
daß  man  die  Kerls  fortgejagt  habe.  Aber  nach  den  Anschauungen  des
alten  Beamtenstandes  erschien  das  kühne  Auftreten  einfacher  Professoren,  die
kein  obrigkeitliches  Amt  bekleideten,  als  eine  gefährliche  Anmaßung.  Selbst
Canitz,  der  das  Treiben  am  hannöverschen  Hofe  mit  wachsender  Sorge  betrachtete
  und  mit  seinen  Landsleuten,  den  Brüdern  Grimm  auf  freundlichem
  Fuße  stand,  meinte  doch  ängstlich:  die  Sieben  hätten  still  ihren  Abschied
  fordern  sollen,  ohne  die  Gewissen  anderer  zu  verwirren.)  Diesen
Kleinmut  der  Regierungen  verstand  der  Welfe  sehr  geschickt  auszubeuten;
er  wußte  aus  seiner  parlamentarischen  Erfahrung,  wie  viel  die  Frechheit
über  die  Menschen  vermag.  Seine  Gesandten  traten  mit  einer  Zuversicht
auf,  als  ob  sich  Hannover  durch  seinen  Staatsstreich  besondere  Ansprüche
auf  Dank  und  Dienst  aller  Kronen  erworben  hätte.  Als  Beselers  Schrift
erschienen  war,  sendete  Ernst  August  den  Prinzen  Solms  nach  Schwerin,
um  die  Bestrafung  des  Verfassers  zu  verlangen;  der  gutherzige  Großherzog
  Paul  Friedrich  ordnete  auch  eine  Untersuchung  an,  er  berief  aber
in  die  Kommission  drei  verständige  Männer,  die  natürlich  erklärten,  daß
keine  strafwürdige  Handlung  vorliege.  Sobald  er  hörte,  daß  einige  der
Sieben  in  Leipzig  Vorlesungen  halten  wollten,  verbot  Ernst  August  seinen
Untertanen  sofort  den  Besuch  der  Leipziger  Universität,  worauf  sich  denn
herausstellte,  daß  nur  ein  einziger  Hannoveraner  an  der  Pleiße  studierte.
Wo  immer  ein  Buch  zu  Gunsten  der  Sieben  oder  des  Staatsgrundgesetzes
  erschien,  erhoben  die  welfischen  Diplomaten  alsbald  Beschwerde;
der  Gesandte  General  von  Berger  in  Berlin,  ein  alter  Herr,  der  sich  sogar
unter  ihnen  durch  Beschränktheit  auszeichnete,  fand  es  immer  wieder  unbegreiflich,
  wie  die  Zensur  solchen  Produkten  „das  Ultimatum  erteilen
könne“!**)

Ganz  ohne  Erfolg  blieben  diese  Einschüchterungsversuche  nicht;  Dahl—
mann  und  Jakob  Grimm  mußten  ihre  Rechtfertigungsschriften,  zur  Schande

*)  Canitz'  Bericht,  27.  Nov.  1837.
**)  Bergers  Bericht,  29.  Sept.  1838.
        <pb n="672" />
        664  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Deutschlands,  in  der  Schweiz  erscheinen  lassen.  Am  willfährigsten  zeigte
sich  der  dänische  Hof,  weil  er  selbst  eine  streng  konservative  Politik  ver—
folgte  und  wohl  auch,  weil  er  einen  alten  Haß  gegen  Dahlmann  hegte.
Er  erteilte  den  Kieler  Professoren,  welche  den  Sieben  geschrieben  hatten,
einen  Verweis  und  forderte  die  Zensoren  Schleswig-Holsteins  zur  Wachsamkeit
  auf,  da  „unzeitiges  und  böswilliges  Aussprechen  der  öffentlichen  Meinung“
  den  Erfolg  der  in  Hannover  beabsichtigten  Maßregeln  gefährden
könne.)  In  Berlin  äußerte  sich  Eichhorn  sehr  freimütig;  er  hoffte,  der
König  würde  die  Brüder  Grimm,  vielleicht  auch  Dahlmann  oder  Albrecht
an  eine  preußische  Hochschule  berufen.  Bettina  von  Arnim  ergriff  den  Gedanken
  mit  ihrem  hochherzigen  Eifer  und  suchte,  unterstützt  von  ihrem
Schwager  Savigny,  den  Kronprinzen  dafür  zu  erwärmen.  Minister  Rochow
dachte  anders.  Auch  er  mißbilligte  das  Verfahren  des  welfischen  Hofes
und  war  sehr  unglücklich,  als  er  späterhin,  für  einige  dem  Sohne  der
Königin  Friederike  erwiesene  Gefälligkeiten,  den  Guelfen-Orden  erhielt;
für  einen  Bundesgenossen  Ernst  Augusts  wollte  er  durchaus  nicht  gelten.)
Aber  die  Einmischung  Unberufener  in  die  hohe  Politik  hielt  er  für  staatsgefährlich;
  nur  unter  der  Hand  durfte  in  Berlin  für  die  Sieben  gesammelt
  werden.  Da  übersendete  ihm  der  Kaufmann  Jakob  van  Riesen  die
Adresse,  welche  die  Elbinger  an  Albrecht  geschickt  hatten;  der  ehrliche  altpreußische
  Liberale  hoffte  arglos,  den  Minister  dadurch  für  Albrechts  Berufung
  günstig  zu  stimmen.  Rochow  brauste  auf;  er  glaubte  sich  verhöhnt
und  heftig,  wie  er  war,  unterzeichnete  er  eine  Antwort,  deren  maßloser
bureaukratischer  Hochmut  den  preußischen  Staat  vor  aller  Welt  bloßstellte.
Da  hieß  es:  „dem  Untertanen  ziemt  es  nicht,  die  Handlungen  des  Staatsoberhauptes
  an  den  Maßstab  seiner  beschränkten  Einsicht  anzulegen  und
sich  in  dünkelhaftem  Übermut  ein  öffentliches  Urteil  über  die  Rechtmäßigkeit
  derselben  anzumaßen.“  Die  Torheit  sollte  sich  schwer  bestrafen.
Die  Fama  gestaltete  aus  diesen  Sätzen  das  geflügelte  Wort  vom  „beschränkten
  Untertanenverstande“,  und  fortan  haftete  an  Rochows  Namen
unaustilgbar  der  Fluch  der  Lächerlichkeit.  Man  hielt  den  Minister  für
einen  ausbündigen  Narren,  obwohl  er  sich  eben  jetzt  bei  der  Beratung
des  Eisenbahngesetzes  sehr  verständig  und  neuen  Ideen  zugänglich  zeigte.

Den  konstitutionellen  Höfen  war  übel  zu  Mute.  Alle  Welt  rief,
jetzt  sei  es  an  ihnen,  durch  sofortige  Berufung  der  Sieben  den  alten  Ruhm
deutscher  akademischer  Gastfreiheit  von  neuem  zu  bewähren  und  dem  beleidigten
  Gewissen  der  Nation  Genugtuung  zu  geben.  Du  Thil  freilich
blieb  für  solche  Mahnungen  taub  und  schrieb  in  seine  Aufzeichnungen:
„mir  träumte  der  Teufel“,  als  Gervinus  sich  um  eine  Stelle  an  dem
heimischen  Darmstädter  Archiv  bewarb.  Als  entschiedene  Protestanten  konn-*)

  Rundschreiben  des  dänischen  Min.  d.  a.  A.  an  die  Gesandten  in  Deutschland,
16.  Jan.  1838.
*)Frankenbergs  Bericht,  1.  April  1840.
        <pb n="673" />
        Federkrieg  der  Sieben.  665

ten  die  Sieben  auch  von  Bayern  und  Baden  wenig  erwarten,  seit  dort  die
klerikale  Luft  wehte.  Der  gütige  König  Friedrich  August  von  Sachsen
dagegen  und  seine  Minister  wünschten  lebhaft,  die  zurzeit  etwas  erstarrte
Landesuniversität  durch  eine  großartige  Verstärkung  der  Lehrkräfte  zu  heben
—  wenn  sie  sich  nur  nicht  vor  der  Grobheit  des  Welfen,  vor  dem  Un—
willen  der  Hofburg  gar  so  sehr  gefürchtet  hätten.  Wie  viele  diplomatische
Widerwärtigkeiten  hatte  Minister  Lindenau  noch  vor  drei  Jahren  ertragen
müssen,  als  ihm  die  Zeitungen  eine  halb  erfundene  radikale  Äußerung  in
den  Mund  gelegt  hatten.“)  Solche  Erfahrungen  genügten,  um  den  ab—
hängigen  kleinen  Hof  behutsam  zu  stimmen.  Man  sagte  den  Sieben  in
Dresden  freundliche,  unzweifelhaft  ehrlich  gemeinte  Worte,  allein  man
wagte  nichts,  und  zornig  schrieb  Dahlmann  in  der  Vorrede  zu  Albrechts
Verteidigungsschrift:  „Solange  es  bei  uns  nicht  in  politischen  Dingen,
wie  seit  dem  Religionsfrieden  gottlob  in  den  kirchlichen,  ein  lebendiges
Nebeneinander  der  Glaubensbekenntnisse  gibt,  [solange  die  das  beste  Ge—
wissen  haben  könnten,  sich  gebärden,  als  ob  sie  das  schlechteste  hätten,  so—
lange  der  feigherzigste  Vorwand  genügt,  um  nur  alles  abzuweisen,  was  an
dem  trägen  Polster  der  Ruhe  rütteln  könnte,]  ebensolange  gibt  es  keinen
Boden  in  Deutschland,  auf  dem  einer  aufrecht  stehend  die  reifen  Früchte
politischer  Bildung  pflücken  könnte.“  Die  eingeklammerten  Worte  strich
ihm  der  Leipziger  Zensor,  Professor  Bülau,  ein  geistloser  Vielschreiber,  der
den  Sieben  nicht  an  die  Schultern  heranreichte  und  ihnen  nun  wie  Schulbuben
  das  Konzept  korrigierte.  Zu  solchem  Aberwitz  führte  das  Karlsbader
Preßgesetz.

Nach  langen  Erwägungen  erhielt  Albrecht  in  der  Stille  die  Erlaubnis,
  an  der  Leipziger  Universität  Vorlesungen  zu  halten;  nachher  empfing
er  auch  Gehalt,  als  geheimer  Professor,  wie  die  Kollegen  spotteten,  und
erst  nach  längerer  Zeit,  als  die  Luft  wieder  rein  war,  wurde  er  förmlich
angestellt.  Dahlmann  freilich  schien  den  Kursachsen  zu  gefährlich;  der
politische  Führer  der  Sieben  lebte  fortan  mehrere  Jahre  lang  ohne  Amt
in  Jena  und  leitete  von  dort  aus  unverdrossen  den  Federkrieg  wider  die
hannöverschen  Gewalthaber.  Unter  allen  deutschen  Fürsten  wagte  allein
König  Wilhelm  von  Württemberg  dem  Welfen  offen  entgegenzutreten.  Er
berief  Ewald  nach  Tübingen,  der  als  der  einzige  geborene  Hannoveraner
unter  den  Sieben  dem  welfischen  Hofe  besonders  verhaßt  war.  Natürlich
verbot  Ernst  August  seinen  Landeskindern  sofort  den  Besuch  der  schwäbischen
Hochschule.  Als  die  beiden  Könige  nachher  in  Berlin  zusammentrafen,
fragte  der  Welfe  grob:  Warum  haben  Sie  einen  Professor  angestellt,  den
ich  fortgejagt  habe?  Darauf  der  Württemberger:  „Ebendeswegen!“)

Der  welfische  Staatsstreich  rüttelte  die  halb  entschlummerte  öffentliche

*)  Schreiben  des  k.  sächs.  Min.  d.  a.  A.  an  den  Gesandten  v.  Uechtritz  in  Wien,
3.  Nov.  1834  usw.
*“)  Wangenheim  an  Hartmann,  13.  April  1839.
        <pb n="674" />
        666  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Meinung  wach  und  zwang  die  Deutschen,  ihre  politische  Leidenschaft  wieder
dem  Vaterlande  zuzuwenden.  Seit  dies  Schandmal  auf  Deutschlands
eigener  Stirn  brannte,  begann  die  Presse  die  Fragen  des  Bundesrechts
wieder  ernstlich  zu  erörtern,  die  früher  beliebten  weltbürgerlichen  Betrach—
tungen  über  die  Pariser  Kammern  und  die  orientalischen  Wirren  erschienen
jetzt  schal.  Leider  wurde  die  dringend  nötige  Klärung  unseres  verwor—
renen  Parteilebens  durch  diesen  wohlberechtigten  sittlichen  Unwillen  mehr
gehemmt  als  gefördert.  Die  wilden  Brandschriften  der  Flüchtlinge  aus
Frankreich  und  der  Schweiz  mußten  jedem  Besonnenen  zeigen,  daß  die
deutsche  Opposition  längst  zwei  grundverschiedene  Parteien  umschloß,  die
auf  die  Dauer  nicht  zusammenwirken  konnten.  Jetzt  aber  warf  eine  rein
menschliche  Entrüstung  alles,  was  nicht  schlechthin  servil  war,  Radikale,
Liberale,  gemäßigte  Konservative  wieder  in  einen  Haufen  zusammen.  Seit
es  auch  im  Norden  konstitutionelle  Märtyrer  gab,  verbreitete  sich  die
doktrinäre  Überschätzung  der  Verfassungsformen  weithin  über  Deutschland.
Dahlmanns  politischer  Takt  empfand  dies  sogleich.  Auf  den  Festgelagen,
mit  denen  man  ihn  ehrte,  betrachtete  er  ohne  Freude  die  radikalen  Feuilletonsschreiber,
  „mit  denen  wir  doch  nur  sehr  zufällig  in  dieselbe  Gesellschaft
geraten  sind.“  Den  Freunden  gestand  er:  ich  hoffe  bald  „die  Ahnlichkeit
  mit  so  vielen,  denen  ich  mich  in  keiner  Weise  verwandt  fühle,  abzustreifen.“
  Beides  gemeinsam,  das  Königtum  und  die  bürgerliche  Freiheit
macht  den  Staat  aus,  so  sagte  er  in  seinem  Dankschreiben  an  Johann
Jacoby;  „der  Staat  wäre  eine  ebenso  flache  und  frivole  Sache,  als  er  eine
tiefsinnige  und  heilige  ist,  wenn  er  nicht  gerade  diese  Verbindung  von
Dingen  zu  leisten  hätte,  die  allein  dem  oberflächlichen  Beobachter  unvereinbar
  scheinen.“  Herrliche  Worte,  nur  waren  sie  leider  an  eine  falsche
Adresse  gerichtet,  an  einen  Radikalen,  der  sie  entweder  nicht  verstand  oder
als  klägliche  Halbheit  verdammen  mußte.  Doch  wie  konnten  diese  Gegensätzc
  sich  scheiden,  solange  ein  gemeinsamer,  edler  Zorn  sie  zusammenhielt?
  Dahin  war  es  mit  uns  gekommen,  daß  die  härtesten  und  wirksamsten
  Anklagen  gegen  die  bestehenden  Gewalten  jetzt  von  treuen  Monarchisten
  ausgingen.

Die  Vertreibung  der  Sieben  verwirrte  und  verwischte  nicht  bloß  die
Parteigegensätze,  sie  begründete  auch  die  politische  Macht  des  deutschen
Professorentums,  die  erst  durch  den  Krieg  von  1866  gebrochen  werden
sollte.  Als  der  Streit  begann,  sagte  eine  englische  Zeitung:  In  Deutschland
  sind  die  Universitäten  auch  politische  Mittelpunkte,  welche  dem  übrigen
Lande  Impulse  geben;  die  Professoren  gelten  als  Magistrate,  beauftragt,
die  Rechte  des  Volkes  so  gut  wie  die  Grundsätze  der  Vernunft  zu  verteidigen.
  Das  Urteil  war  verfrüht,  denn  bisher  hatten  nur  die  Hochschulen
von  Jena,  Kiel,  Freiburg  für  kurze  Zeit  eine  politische  Rolle  gespielt,  doch
es  sollte  sehr  bald  durch  die  Tatsachen  gerechtfertigt  werden.  Aus  dem
Göttinger  Gewaltstreiche  entwickelte  sich  ein  großer  Kampf  der  deutschen
        <pb n="675" />
        Erhebung  des  Professorentums.  667

Gelehrtenwelt  wider  einen  Despoten,  der  seine  Geringschätzung  der  Wissen—
schaften  höhnisch  zur  Schau  trug;  keine  deutsche  Universität,  die  den  Sieben
nicht  irgendwie  ein  Zeichen  der  Zustimmung  gegeben  hätte.  In  diesem
Kampfe  war  alles  Recht  unzweifelhaft  auf  seiten  der  Gelehrten;  an  ihrer
Spitze  standen  tapfere,  makellose,  schuldlos  verfolgte  Männer,  während  der
Welfe  sich  nur  auf  gemeine  Knechte  und  auf  die  Angstlichkeit  der  deutschen
  Höfe  stützen  konnte.

Wenn  je  im  politischen  Streite  ein  moralischer  Sieg  erfochten  wurde,
so  war  es  hier.  Ein  solcher  Erfolg  mußte  das  ohnehin  starke  Selbstgefühl
  der  Gelehrten  mächtig  heben;  von  den  Sieben  blieben  fünf  als
Menschen  schlicht,  edel,  liebenswert,  in  Gervinus  aber  und  in  Ewald
verkörperte  sich  der  unausstehliche  Professorendünkel.  Die  einmal  erregte
politische  Leidenschaft  hielt  an;  die  Gelehrten  begannen  durch  Schriften
und  Reden  unmittelbar  an  der  politischen  Erziehung  der  Deutschen  zu
arbeiten,  und  da  sie  gewohnt  waren,  zur  ganzen  Nation  zu  reden,  so
drangen  ihre  Stimmen  weiter,  als  die  Reden  der  Landtagsabgeordneten.
Die  Gelehrtenversammlungen  der  nächsten  Jahre  wurden  zu  Vorparlamenten,
  in  denen  die  Nation  die  großen  Tagesfragen  erörterte,  und  als
nachher  das  wirkliche  Parlament  zusammentrat,  da  drangen  die  Gelehrten
in  Scharen  ein,  weil  sie  fast  die  einzigen  Männer  waren,  welche  ganz
Deutschland  kannte.  Es  war  eine  tragische,  durch  keines  Menschen  Willen
abzuwendende  Notwendigkeit,  daß  diese  idealistische  Nation,  indem  sie  von
den  Höhen  des  literarischen  Schaffens  langsam  zur  politischen  Arbeit  hinabstieg,
  auch  noch  die  Durchgangsstufe  der  Professorenpolitik  überschreiten
mußte.  Durch  dies  Übergewicht  des  Professorentums  wurde  der  doktrinäre
  Zug,  der  die  Politik  der  deutschen  Liberalen  von  jeher  auszeichnete,
ungebührlich  verstärkt,  und  es  entstand  auch  der  falsche  Schein,  als  ob
der  Liberalismus  die  Sache  der  Bildung  verträte,  während  in  Wahrheit
die  Helden  der  deutschen  Kunst  und  Wissenschaft,  Goethe,  Cornelius  und
Rauch,  Niebuhr,  Savigny  und  Ranke,  großenteils  dem  konservativen
Lager  angehörten.

Zu  Taten  vermochte  diese  Gelehrtenpolitik  sich  nicht  zu  erheben,  denn
in  der  Stille  der  wissenschaftlichen  Arbeit  bilden  sich  nicht  leicht  politische
Charaktere;  unter  den  Sieben  selbst  war  Dahlmann  der  einzige  politische
Kopf,  auch  er  mehr  ein  Denker  als  ein  Mann  der  Tat,  während  Gervinus'
staatsmännisches  Talent  nur  in  seiner  eigenen  Einbildung  beruhte,  und  die
übrigen  allesamt  gar  keinen  politischen  Ehrgeiz  hegten.  Aber  an  Ideen,
an  groß  und  tief  gedachten  Ideen,  war  dies  Menschenalter  des  politisierenden
  Professorentums  sehr  fruchtbar.  Bei  der  Lampe  deutscher  Gelehrten
sind  die  Pläne  für  die  Einheit  des  Vaterlands  zuerst  erdacht  worden,  welche
nachher  durch  die  schöpferischen  Hände  großer  Praktiker  ihre  Gestaltung
empfangen  sollten.  Die  deutsche  Wissenschaft  —  so  stark  und  unverwüstlich
  war  ihr  Wachstum  —  erlitt  durch  die  politische  Leidenschaft  der
        <pb n="676" />
        668  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Gelehrten  durchaus  keinen  Schaden.  Unter  der  Mehrheit  der  Göttinger
Professoren  befanden  sich  einige,  die  nicht  aus  Furcht,  sondern  grundsätzlich
den  Schritt  der  Sieben  verwarfen,  so  Herbart,  Hugo,  Gauß.  In  einer  nachgelassenen
  Schrift  „Die  Göttinger  Katastrophe“  hat  sich  Herbart  über  die
Gründe  seines  Verhaltens  freimütig  ausgesprochen;  er  glaubte,  der  tiefe
Ernst,  die  gesammelte  Stille  des  deutschen  akademischen  Lebens  würden
verschwinden,  sobald  die  Universitäten  sich  in  politische  Kämpfe  einließen.
Diese  im  Munde  des  strengen  Philosophen  wohl  begreifliche  Befürchtung
erwies  sich  als  irrig.  Die  Forscher  arbeiteten  rüstig  weiter,  und  die  Sieben
selber  gingen  ihnen  mit  gutem  Beispiele  voran.  Die  historische  Wissenschaft
  gewann  sogar  durch  die  politische  Tätigkeit  der  Gelehrten.  Ganz
wertlose  historische  Tendenzschriften  erschienen  während  der  nächsten  Jahre
selten,  seltener  sicherlich  als  in  dem  Zeitalter  des  Rotteck-Welckerschen  Liberalismus;
  wohl  aber  viele  tüchtige  Werke,  welche  den  Deutschen  ihre  Vergangenheit
  wissenschaftlich  erklärten.  Die  Blüte  der  politischen  Geschichtschreibung
  in  den  vierziger  und  fünfziger  Jahren,  die  Vertiefung  unserer
historischen  Selbsterkenntnis  ward  nur  darum  möglich,  weil  die  Historiker
der  Welt  der  politischen  Taten  so  nahe,  oft  allzu  nahe,  getreten  waren.  —

 

Dem  Verfassungskampfe  der  Hannoveraner  konnte  die  Tat  der  Sieben
nur  dann  Vorschub  leisten,  wenn  sie  Nachahmung  fand,  wenn  die  Mehrzahl
  der  Beamten  den  verfassungswidrigen  Diensteid  verweigerte,  wenn
die  Wahlen  für  den  unrechtmäßigen  Landtag  nicht  zustande  kamen  und
nach  Ablauf  der  gesetzlichen  Frist  auch  die  Steuerzahlung  unterblieb.  Aber
für  solchen  Einmut  passiven  Widerstandes  fehlten  alle  Vorbedingungen.
Es  war  das  Verhängnis  dieses  welfischen  Staatsstreichs,  daß  er  fast  alle
Gebrechen  der  bestehenden  Ordnung  an  den  Tag  brachte,  den  Aberwitz
der  Zensur  so  gut  wie  die  sittliche  Schwäche  des  alten  Beamtenstaats.
Die  Mißstimmung  reichte  bis  in  die  Kreise  des  Hofes  hinein.  Ernst
Augusts  Hofmarschall  Malortie  gestand  seinem  heißgeliebten  Herrn  traurig,
auf  diesem  Wege  könne  er  ihm  nicht  folgen,  und  der  Welfe  nahm  das  hin,
weil  er  den  treuen  Mann  nicht  entbehren  mochte.  Das  Oberappellationsgericht
  in  Celle  leistete  den  neuen  Diensteid  und  behielt  sich  die  Verpflichtung
  auf  das  Staatsgrundgesetz  ausdrücklich  vor.  Ahnlich  handelten
mehrere  Mittelgerichte  und  viele  einzelne  Beamte.  Schele  war  aber  jetzt
durch  die  Göttinger  Erfahrungen  gewitzigt,  er  legte  die  Vorbehalte  stillschweigend
  zu  den  Akten,  und  die  Protestierenden  gaben  sich  allesamt  zufrieden,
  wenn  sie  nur  insgeheim  ihr  Gewissen  gewahrt  hatten.  Entsetzlich
war  die  Selbstentwürdigung  der  Kabinettsminister;  sie  blieben  in  ihrer
Stellung,  nur  daß  sie  zu  Departementsministern  degradiert  und  ihr  alter
Gegner  Schele  ihnen  als  alleiniger  Kabinettsminister  vorgesetzt  wurde.
        <pb n="677" />
        Haltung  des  hannöverschen  Volkes.  669

Die  Masse  der  Beamten  erwies  sich  ebenso  unterwürfig;  sie  war  bereit,
wie  Dahlmann  sagte:  „Alles  zu  lassen,  was  ihr  Herz  hoch  hielt,  um  nur  mit
den  Ihren  das  bittere  Brot  der  Kränkung  essen  zu  dürfen.“  Ich  unterschreibe
  alles,  sagte  einer  verzweifelnd,  Hunde  sind  wir  ja  doch.  Auch  an
überzeugten  Absolutisten  fehlte  es  nicht;  der  Göttinger  Pandektist  Mühlenbruch
  brachte  auf  die  sieben  Narren  ein  Pereat  aus,  das  die  erbitterten
Studenten  an  seinen  Fensterscheiben  bestraften.  Manche  der  älteren  Beamten
  lebten  der  Meinung,  daß  der  Gehorsam  gegen  die  Krone  die  ältere
und  höhere  Pflicht  sei.  Hoppenstedt,  der  hochverdiente  Förderer  der  Georgia
Augusta,  legte  sich  die  Gewissensfrage  also  zurecht:  der  König  hat  einst  in
meinen  alten  Diensteid  die  Verpflichtung  auf  das  Staatsgrundgesetz  eingefügt,
  folglich  kann  er  sie  jetzt  wieder  streichen,  und  ich  bleibe  nach  wie
vor  sein  treuer  Diener.  Selbst  Rose,  der  Haupturheber  des  Staatsgrundgesetzes,
  ließ  sich  von  solchen  Erwägungen  bestimmen.  Diese  Demütigung
  schützte  den  verhaßten  Mann,  „der  den  Liberalismus  in  das
Ministerium  eingeführt  hatte“,  nicht  vor  der  Rache  des  Welfen.  Nach
wenigen  Monaten  erhielt  er  den  Abschied.  Die  Entlassung  erfolgte  in
ehrenvoller  Form,  weil  Rose  sich  mutig  erbot,  alle  seine  Schritte  vor  dem
Könige  persönlich  zu  rechtfertigen;  aber  der  Eintritt  in  den  Landtag  ward
ihm  ausdrücklich  untersagt,  und  als  er  nach  einigen  Jahren  aus  Braunschweig
  heimkehren  wollte,  da  erfuhr  er  zu  seinem  Erstaunen,  daß  der
Welfe  ihn  vorläufig  aus  dem  Königreiche  verbannt  hatte.

Im  Volke  zeigte  sich  die  Widerstandskraft  noch  schwächer.  Wie  oft
hatten  einst  Deutschlands  alte  Landstände,  in  Preußen  und  Brandenburg,
in  Magdeburg,  Mecklenburg  und  Württemberg,  mit  ausdauerndem  Mute
ihre  habenden  Freiheiten  verteidigt;  eben  jetzt  versuchten  die  Stände  Ostfrieslands,
  die  einen  hannöverschen  Staat  noch  kaum  anerkannten,  den
Wirrwarr  im  Welfenlande  auszunutzen  und  die  alten  preußischen  Sonderrechte
  ihrer  Landschaft  wieder  zu  erlangen.  Auf  solche  Treue  konnte  eine
moderne  Repräsentativverfassung,  welche  keinem  Stande  Vorrechte  gewährte,
kaum  rechnen,  am  wenigsten  hier,  wo  sie  den  Massen  noch  kaum  bekannt
war.  Der  Adel,  der  in  den  altständischen  Zeiten  immer  durch  zähe  Unerschrockenheit
  geglänzt  hatte,  hielt  jetzt  zu  dem  Landesherrn,  er  hoffte  von
der  Krone  die  Wiederherstellung  seiner  alten  Macht.  Die  Wähler  der
zweiten  Kammer  standen  vor  der  trostlosen  Frage,  wie  aus  der  Zerstörung
alles  Rechts  ein  neuer  Rechtszustand  hervorgehen  könne?  Sollte  man
wählen  und  also  den  Staatsstreich  scheinbar  billigen,  oder  das  Feld  ohne
Kampf  den  Liebedienern  der  Gewalt  überlassen?  Parteien  bestanden  noch
nicht,  eine  Verabredung  hatte  man  arglos  unterlassen;  begreiflich  also,  daß
die  Entschlüsse  der  Wählerschaften  sehr  verschieden  ausfielen.  Von  den
78  berechtigten  Wahlkorporationen  wählen  schließlich  doch  61,  die  meisten,
weil  sie  Schlimmeres  zu  verhindern  hofften,  andere,  weil  sie  auf  ihr  Wahlrecht
  nicht  verzichten  wollten  oder  den  Verlust  der  Garnison,  des  Gerichts,
        <pb n="678" />
        670  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

der  Landdrostei  befürchteten,  einige  auch  unter  ausdrücklicher  Verwahrung
des  Verfassungsrechts.

Als  der  Landtag  im  Februar  1838  eröffnet  wurde,  erschienen  in  der
zweiten  Kammer  48  Abgeordnete.  Die  Kammer  war  also  beschlußfähig,
aber  sie  bemerkte  sofort,  daß  der  König  nicht  einmal  auf  dem  Rechtsboden
vom  Jahre  1819,  den  er  angeblich  wiederherstellen  wollte,  ehrlich  bestand:
den  Landtag  von  1819  hatte  er  einberufen,  doch  nicht  das  von  der  alten
Verfassung  unzertrennliche  Kollegium  der  Schatzräte,  denn  Stüve  war
Schatzrat,  und  dieser  gefährliche  Mann  mußte  um  jeden  Preis  dem  Landtage
  fern  gehalten  werden.  Auch  der  den  Ständen  vorgelegte  Verfassungsentwurf
  wich  von  der  alten  Verfassung  mehrfach  ab.  Bodenlose  Willkür
überall,  und  dazu  die  nichtswürdigen,  jeden  redlichen  Mann  anwidernden
Rechtsverdrehungen  des  Vertreters  der  Regierung  Leist.  Mit  Entsetzen
bemerkte  Canitz,  daß  dieser  Landesvater  seinem  Volke  „eine  Schlinge“
drehte;  wenn  die  Abgeordneten  sich  auf  das  Staatsgrundgesetz  beriefen,
dann  hieß  es  kurzab:  Ihr  habt  durch  euer  Erscheinen  den  Rechtsboden
vom  Jahre  1819  schon  anerkannt.))  Der  Landtag  wußte  sich  nicht  zu
helfen,  die  Vermittlungsversuche  des  Syndikus  Lang  vermehrten  nur  die
allgemeine  Ratlosigkeit;  die  führerlose  Oppositon  verdiente  keineswegs
die  reichen  Lobsprüche,  welche  die  liberalen  Zeitungen  ihr  spendeten.
Das  Volk  aber  erfuhr  nichts  von  den  geheimen  Sitzungen.  Eine  Zeitlang
  war  die  Kammer  beschlußunfähig,  weil  viele  Mitglieder  die  Hoffnung
  aufgaben.  Endlich  trat  sie  in  die  Verfassungsberatung  ein,  sie
verlangte  jedoch  zugleich,  daß  die  neue  Verfassung  noch  dem  zu  Recht
bestehenden  Landtage  des  Staatsgrundgesetzes  vorgelegt  werden  müsse.
Diesen  Vorbehalt  wollte  Leist  natürlich  nicht  gelten  lassen,  und  der  untertänige
  Präsident  Jacobi  mahnte:  „man  muß  den  Mut  haben,  sich  über
den  Rechtspunkt  hinwegzusetzen.“  Die  Beschwichtigungen  fruchteten  nichts.
Die  Kammer  erklärte  ausdrücklich:  „daß  keine  Handlung  der  jetzt  versammelten
  Deputierten  rechtlich  Gültiges  zu  bewirken  imstande  sei,“  und
wurde  darauf  sofort  vertagt.  Nun  schien  nichts  mehr  übrig  zu  bleiben
als  eine  Vorstellung  an  den  Bundestag,  aber  auch  hierüber  einigten  sich
(28.  Juni)  nur  28  Mitglieder,  eine  Minderheit,  die  nicht  im  Namen  der
Kammer  zu  reden  befugt  war.

Währenddem  ward  es  im  Lande  lebendiger.  Die  Städte  Osnabrück,
Hannover,  Stade,  Lüneburg,  Hildesheim,  Harburg,  Celle,  Münden  sprachen
sich  in  Verwahrungen  und  Adressen  für  die  Rechtsgültigkeit  des  Staatsgrundgesetzes
  aus.  An  der  Spitze  dieser  volkstümlichen  Bewegung  stand
Stüve,  jetzt  Bürgermeister  von  Osnabrück,  und  wie  heillos  mußte  dies
Land  zerrüttet  sein,  wenn  ein  solcher  Mann  sich  zu  demagogischer  Tätigkeit
  gezwungen  sah.  Er  hatte  mitsamt  seinem  Magistrate,  nach  vergeb- 



*)  Canitz'  Bericht,  2.  Aug.  1838.
        <pb n="679" />
        Stüve  und  die  Opposition.  671

lichen  Gegenvorstellungen,  den  neuen  Huldigungsrevers  eingereicht,  doch
zugleich  vor  Notar  und  Zeugen  gegen  die  Aufhebung  des  Staatsgrund—
gesetzes  protestiert,  und  da  die  Regierung  immer  neue  Vorwände  ersann,
um  ihn  vom  Landtage  auszuschließen,  so  bewog  er  seine  Stadt,  sich  klagend
an  den  Bund  zu  wenden.  Andere  Städte  und  Wahlkorporationen  folgten
dem  Beispiele  Osnabrücks.  In  seiner  von  Dahlmann  herausgegebenen
„Verteidigung  des  Staatsgrundgesetzes“  wies  Stüve  überzeugend  nach,
daß  diese  verleumdete  Verfassung  in  Wahrheit  die  Rechte  der  Regierung
befestigt,  die  Macht  der  Krone  verstärkt  habe.  In  dem  Hannöverschen
Portfolio  sammelte  er,  unterstützt  von  dem  Rechtsanwalt  Detmold,  alle
die  Aktenstücke,  welche  die  Nation  über  die  Rechtsfrage  aufklären  konnten.
Auch  das  Leipziger  Deutsche  Staatsarchiv  wurde  von  ihm  und  seinen
Freunden  mit  Beiträgen  versorgt,  und  der  neue  „Deutsche  Curier“  in
Stuttgart  widmete  fast  die  Hälfte  seiner  Spalten  der  hannöverschen  Sache.
Diese  liberale  Wochenschrift  erfreute  sich,  da  sie  über  Schwaben  wenig
sagte,  der  besonderen  Nachsicht  der  württembergischen  Zensur;  daß  ihr  ge—
wandter  Herausgeber  A.  Weil  wahrscheinlich  auch  aus  den  geheimen  Fonds
der  französischen  Regierung  unterstützt  wurde,  blieb  den  Hannoveranern
unbekannt.

Da  die  Zeit  der  verfassungsmäßigen  Steuerverwilligung  zu  Neu—
jahr  1839  ablief,  so  richtete  Stüve  an  mehrere  juristische  Fakultäten  die
Anfrage,  ob  der  Osnabrücker  Magistrat  dann  noch  berechtigt  sei,  die  unbewilligten
  Staatssteuern  zu  erheben.  Die  Berliner  Fakultät  verweigerte
die  Antwort,  weil  den  preußischen  Spruchkollegien  untersagt  war,  sich  mit
politischen  Fragen  zu  befassen.  Aus  Jena  aber,  aus  Heidelberg  und
Tübingen  liefen  umfassende  Rechtsgutachten  ein,  welche  sich  übereinstimmend
dahin  aussprachen,  daß  die  Verfassung  von  1833  noch  zu  Recht  bestehe.
Das  von  dem  jungen  Germanisten  Reyscher  verfaßte  Tübinger  Gutachten
erörterte  sehr  ausführlich  die  Frage  der  Steuerverweigerung  und  sagte
manches  treffende  Wort;  im  Grunde  blieb  es  doch  ein  unmögliches  Unternehmen,
  mit  doktrinären  Rechtsgründen  nachzuweisen,  was  Rechtens  sei,  wenn
das  Recht  aufhörte.  Also  standen  die  verhaßten  Professoren  abermals  in
Waffen  wider  die  Welfen,  und  ganz  Deutschland  stimmte  ihrer  Beweisführung
  zu.  Selbst  mit  seiner  Hauptstadt  geriet  Ernst  August  in  Händel.
Sie  verweigerte  die  Neuwahl,  als  ihr  Abgeordneter  aus  dem  Landtage
ausgeschieden  war,  und  sendete  einen  Protest  an  den  Bundestag.  Darauf
ließ  der  König  den  Bürgermeister  Rumann  absetzen  und  eine  Untersuchung
gegen  den  Magistrat  einleiten,  der  an  Stüve  einen  schlagfertigen  Verteidiger
  fand.  Ein  Amtmann  wurde,  dem  Gesetze  zuwider,  an  die  Spitze
der  Stadtverwaltung  gestellt.  Die  Bürger  aber  drohten  den  Eindringling
zum  Fenster  hinauszuwerfen  und  zogen  an  einem  schwülen  Julitage  1839
in  hellen  Haufen  vor  das  Schloß;  sobald  der  alte  Welfe  sah,  daß  mit  den
verzweifelten  Leuten  nicht  zu  scherzen  sei,  gab  er  weislich  nach,  betraute
        <pb n="680" />
        672  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

den  Syndikus  mit  der  Leitung  der  Gemeindeverwaltung  und  beteuerte,
die  Paragraphen  der  Stadtverfassung  nicht  gekannt  zu  haben.  Gesinnungsgenossen
  besaß  er  noch  immer  nirgends.  Sogar  seine  alten  Freunde,  die
englischen  Hochtorys  fanden  diese  so  mutwillig  vom  Zaune  gebrochene
Gewalttat  empörend.  Außer  Zimmermann,  dessen  hochmütige  Sprache
mehr  erbitterte  als  überzeugte,  wagte  nur  noch  ein  Schriftsteller  für  den
Welfenhof  eine  Lanze  zu  brechen:  der  fanatische,  halbtolle  Legitimist  Graf
Corberon,  der  in  Dahlmann  und  Stüve  Sendboten  der  internationalen
Propaganda  zu  erkennen  glaubte.  Von  allen  größeren  deutschen  Zeitungen
hielt  allein  das  Berliner  Wochenblatt  bei  dem  Welfen  aus;  die  Zeitschrift
wußte  schon  nicht  mehr,  wie  dringend  sie  noch  kürzlich  vor  allen  gesetzwidrigen
  Verfassungsänderungen  gewarnt  hatte.

Trotz  alledem  schritt  Ernst  August  vorwärts.  Bei  der  Eröffnung  des
Staatsrates,  den  er  sich  nach  preußischem  Muster  gebildet  hatte,  verkündete
sein  Stiefsohn  Prinz  Bernhard  zu  Solms:  unter  der  glorreichen  Regierung
König  Ernst  Augusts,  in  der  patriarchalischen  christlich-germanischen  Monarchie
  sollten  „gleich  beschirmt  die  Rechte  des  Königs  von  Gottes  Gnaden,
des  Edlen,  des  Bürgers  und  des  Bauern,  in  organischer  Gliederung  nebeneinander
  jedes  in  eigener  Bahn,  Wurzel  fassen,  blühen  und  gedeihen“.
Und  diese  Zuversicht  war  nicht  grundlos.  Eine  leidenschaftliche  Volksüberzeugung,
  die  den  Welfen  erschrecken  konnte,  offenbarte  sich  nirgends.
Sobald  die  Rechtsgutachten  der  drei  Fakultäten  erschienen,  verweigerten
etwa  hundert  Osnabrücker  Bürger  die  Steuerzahlung  und  ließen  sich  dann
gemütlich  auspfänden.  Dabei  blieb  alles  ruhig.  Bei  seinen  Reisen  durch
das  Land  fand  der  König  überall  jubelnden  Empfang,  und  die  Deputationen
  der  Provinzialstände,  die  er  sich  bestellte,  schwelgten  in  Versicherungen
  der  Untertänigkeit.  Als  er  die  Garnison  von  Hildesheim  verminderte
  und  nachher  auf  einer  Reise  draußen  vor  dem  Tore,  ohne  die
Stadt  zu  berühren,  umspannen  ließ,  da  rotteten  sich  die  kleinen  Leute  vor
dem  Hause  des  liberalen  Bürgermeisters  Lüntzel  zusammen  und  sendeten
dem  erzürnten  Monarchen  eine  Ergebenheitsadresse.  Die  Hildesheimer
Zeitung  feierte  Ernst  August  als  „den  einzig  wahren  Bürgerkönig“,  und
selbst  Canitz  konnte  sich  der  Bemerkung  nicht  enthalten:  dies  sei  „ein  wohl
nicht  ganz  glücklich  gerichteter  Lobspruch“.)

Von  solchen  Philistern  stand  wenig  zu  fürchten,  und  nun  zeigte  sich
doch,  daß  der  alte  Welfe  nicht  bloß  ein  Tyrann  war.  In  allem,  was  die
Verfassungsfrage  nicht  berührte,  verfuhr  er  einsichtig  und  gewissenhaft.  Anspruchslos
  im  täglichen  Leben,  führte  er  einen  glänzenden,  wohlgeordneten
Hofhalt,  der  durch  Malorties  Buch  „der  Hofmarschall“  einen  europäischen
Ruf  erlangte;  trotz  allem  politischen  Groll  konnten  die  Bürger  Hannovers
nicht  leugnen,  daß  ihre  gute  Stadt  durch  den  anwesenden  König  viel

 

*)  Canitz'  Bericht,  16.  Dez.  1838.
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        Die  Osnabrücker  vor  dem  Bundestage.  673

gewann  und  jetzt  erst  anfing,  mit  anderen  deutschen  Residenzen  zu  wetteifern.
Die  Etikette  ward  freilich  unerbittlich  streng  gewahrt,  und  Ernst  August
ruhte  nicht,  bis  der  bayrische  Gesandte  Hormayr,  der  durch  seine  böse  Zunge
auch  hier  wieder  Unfrieden  stiftete,  in  die  Hansestädte  versetzt  wurde.  Die
Truppen  hatten  bisher  englische  Fahnen  geführt,  ganz  wie  einst  die  Kur—
sachsen  polnische  Feldzeichen  trugen.  Jetzt  wurden  die  neuen  weißgelben
Landesfarben  eingeführt,  eine  ganz  unhistorische,  allen  Gesetzen  der  Heraldik
widersprechende  Farbenzusammenstellung;  aus  den  Aktenbündeln  verschwand
der  rote  Faden,  der  red  tape  der  Briten.  Die  Infanterie  erhielt,  statt
der  englischen  roten,  blaue  preußische  Röcke,  und  die  Artillerie  verlor  ihren
Ehrenplatz  auf  dem  rechten  Flügel.  Groß  war  der  Jammer  über  diese
Neuerungen,  größer  fast  als  der  Schmerz  um  das  Staatsgrundgesetz;  selbst
der  kluge  alte  General  Sir  Julius  Hartmann  vermochte  sich  von  den
teueren  alten  Erinnerungszeichen  nur  schwer  zu  trennen,  und  König  Ludwig
von  Bayern  sang  in  einem  herzbrechenden  Klageliede:

Denn  der  Hannoveraner  ist  zu  denken

Getrennt  von  seinem  roten  Rocke  nicht.

Sie  ahnten  nicht,  daß  der  alte  Welfe  unbewußt  im  Dienste  des  nationalen
Gedankens  arbeitete.  Ernst  August  verdrängte  die  Ausländerei  und  zog
einen  hannöverschen  Partikularismus  groß,  aus  dem  vielleicht  dereinst  eine
deutsche  Gesinnung  erwachsen  konnte;  darum  war  die  Abschaffung  der  roten
Röcke  die  rühmlichste  Tat  seiner  ersten  Regierungsjahre.

Aus  eigener  Kraft  konnte  dies  halb  gleichgültige,  halb  ratlose  Volk
nicht  zu  seinem  Rechte  gelangen.  Stüve  fühlte  das  lebhaft  und  setzte
darum  seine  ganze  Hoffnung  auf  den  Deutschen  Bund;  durch  die  Petition
der  Stadt  Osnabrück  erzwang  er,  was  OÖsterreich  und  Preußen  so  ängstlich
zu  verhindern  gesucht  hatten.  Den  beiden  Großmächten  kam  der  vollendete
Staatsstreich  ganz  unerwartet.  Das  hatten  sie,  nachdem  Ernst  August  in
Karlsbad  so  versöhnlich  gesprochen,  unmöglich  voraussehen  können;  auch
der  englische  Gesandte  Sir  Fred.  Lamb  war  dort  in  Böhmen  von  dem
biderben  Welfen  völlig  überlistet  worden  und  fühlte  sich  jetzt  seinem  eigenen
Hofe  gegenüber  schmählich  bloßgestellt.')  Nachdem  das  Unglück  geschehen
war,  bemühte  sich  Canitz  redlich,  den  König  vor  weiteren  Gewaltsamkeiten
zu  warnen  und  ihm  eine  rasche  Verständigung  mit  dem  Landtage  zu  empfehlen.
  Er  sah  ganz  richtig,  daß  die  Mißstimmung  wuchs,  je  länger  die
Ungewißheit  währte,  daß  Leist  als  Regierungsbevollmächtigter  weder  Achtung
noch  Vertrauen  erwecken  konnte,  daß  der  Landtag  für  die  künftige  Volksvertretung
  wirksame  Rechte,  namentlich  das  Recht  der  Gesetzgebung,  fordern
mußte,  daß  „die  Autokratie"  nirgends  gefährlicher  war  als  in  diesem  Lande,
das  keinen  regierungsfähigen  Thronfolger  besaß.“)  Doch  einen  bestimmten

 

*)  Maltzans  Berichte,  16.  Nov.  1837  ff.
*)  Canitz'  Berichte,  17.  Nov.,  19.  Dez.  1837,  4.  Apr.,  12.  Mai,  28.  Juli  1838.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  43
        <pb n="682" />
        674  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Ratschlag  durfte  er  nicht  erteilen,  weil  man  in  Berlin  den  Eigensinn
Ernst  Augusts  kannte.  So  ward  er  dem  Welfen  nur  immer  unangenehmer;
„dies“,  meinte  der  badische  Gesandte,  „begegnet  jedem,  der  Sr.  Majestät
Vernunft  redet.“*)

Und  wie  unmöglich  blieb  es  doch,  von  einem  Fürsten,  dessen  ganze
Haltung  man  verdammen  mußte,  Mäßigung  im  offenbaren  Unrecht  zu
verlangen.  Auch  für  Ernst  August  galten  die  schönen  Worte,  welche
Dahlmann  der  Opposition  zurief:  „Alle  Mäßigung  beruht  auf  der  nicht
vollen  Anwendung  einer  Kraft,  die  man  ohne  Rechtsverletzung  auch  ganz
gebrauchen  dürfte.  Sobald  man  die  Kraft  der  Landesverfassungen  schließlich
in  bloße  Redensarten  auflöst,  verliert  die  Rede  von  Mäßigung  ihren
Sinn.“  An  den  kleinen  Höfen  war  die  Bestürzung  allgemein.  Sogar  der
holsteinische  Gesandte  Pechlin,  der  eifrigste  Reaktionär  des  Bundestags,
beschwor  den  Welfen,  mit  seinem  Landtage  schleunigst  abzuschließen,  sonst
könne  der  Bund  nicht  länger  schweigen.)  Von  allen  Fürsten  Europas
lobten  nur  zwei  den  Staatsstreich:  der  Kurprinz  von  Hessen,  der  seelenvergnügt
  zu  Canitz  sagte:  „jetzt  will  ich  meine  Verfassung  auch  ändern,“
aber  von  dem  Preußen  sogleich  zur  Ruhe  verwiesen  wurde  ?)  —  und
Kaiser  Nikolaus.  Der  Zar  traf  mit  Ernst  August  im  Sommer  1838
auf  den  preußischen  Manövern  zusammen  und  überhäufte  ihn  mit  Danksagungen.
  Wirklichen  Einfluß  gewann  auch  er  nicht;  wer  hätte  den  alten
Herrn  in  seinem  unermeßlichen  Welfendünkel  stören  können?

Nun  war  der  Handel  trotz  allen  Verzögerungen  doch  noch  vor  den
Bundestag  gelangt,  und  über  die  Rechtsfrage  konnten  ehrliche  Männer
kaum  streiten.  Daß  die  Verfassung  von  1833  in  anerkannter  Wirksamkeit
bestanden  hatte,  ließ  sich  nicht  leugnen;  folglich  war  der  Bund  nach  Art.  56
der  Schlußakte  verpflichtet,  sie  zu  schützen.  Wie  nachdrücklich  hatte  die
preußische  Regierung  einst  gegen  Karl  von  Braunschweig  den  Satz  verfochten,
  daß  der  Thronfolger  an  die  rechtmäßigen  Handlungen  des  Vorgängers
  gebunden  sei.  Durfte  sie  sich  jetzt  selber  ins  Gesicht  schlagen?
Staatsrechtlich  betrachtet,  war  Ernst  August  weit  schuldiger  als  Karl;  er
hatte  den  Staatsstreich,  welchen  dieser  nur  plante,  wirklich  vollführt,  und
auch  die  menschliche  Niedertracht  des  welterfahrenen  alten  Parlamentariers
wog  schwerer  als  die  halbnärrischen  Bubenstreiche  seines  Neffen.  Dennoch
schwankte  König  Friedrich  Wilhelm.  Er  wollte  seinen  Schwager  nicht
eigentlich  unterstützen  —  das  erlaubte  sein  Gewissen  nicht  —  aber  um
jeden  Preis  schonen,  und  Minister  Werther  fand,  trotz  seiner  besseren  Einsicht,
  nicht  den  Mut,  geradeswegs  zu  widersprechen.

Unzweifelhaft  wirkten  bei  dem  verhängnisvollen  Entschlusse  des
Königs  persönliche  Rücksichten  mit.  Er  liebte  den  Welfen  wenig,  doch  seine

*)  Frankenbergs  Bericht,  28.  Aug.  1838.
**)  Canitz'  Bericht,  2.  Aug.  1838.
*“#)  Canitz'  Bericht,  23.  Juli  1838.
        <pb n="683" />
        Gründe  für  Preußens  Verhalten.  675

teure  Schwägerin  Friederike  dem  Verderben  preiszugeben,  war  ihm  ein
furchtbarer  Gedanke;  Scheles  Schwager,  General  Müffling  und  die  an—
deren  Genossen  der  mecklenburgischen  Partei  setzten  auch  alle  Hebel  ein.
Den  Ausschlag  gab  indes  eine  ernste  politische  Besorgnis.  Wenn  der
Bundestag  dem  hannöverschen  Hofe  die  Wiederherstellung  des  Staatsgrundgesetzes
  anbefahl,  dann  war  völlig  sicher,  daß  der  alte  Welfe  sich  nicht
fügte,  sondern  entweder  der  Bundes-Exekution  mit  den  Waffen  entgegentrat
  —  den  Plan  hatte  er  bereits  entworfen  —  oder  die  Krone  niederlegte
  und  nach  England  heimkehrte.  Was  ward  dann  aus  Hannover?
Wer  sollte  für  den  unmündigen  blinden  Thronfolger  die  Regentschaft
führen?  Ganz  gewiß  keiner  der  beiden  Oheime;  denn  der  Herzog  von
Cambridge  fürchtete  sich  vor  dem  gewalttätigen  Bruder  nicht  weniger  als
der  Herzog  von  Sussex,  obgleich  beide  alte  Herren  den  Staatsstreich  mißbilligten.
  Ebenso  dachte  der  Herzog  von  Braunschweig,  der  ja  seines  eigenen
Thrones  nicht  ganz  sicher  war;  er  zeigte  sich  in  diesen  Händeln  ganz  als
Welfe  und  wollte  den  hannöverschen  Oheim  unter  keinen  Umständen  preisgeben.
  )  Demnach  drohten  dem  hannöverschen  Lande  unzweifelhaft  ernste
Wirren,  falls  das  gute  Recht  siegte.  Und  durfte  man  die  Grundlagen
des  monarchischen  Bundesrechts  untergraben,  einen  souveränen  deutschen
König  zur  Abdankung  zwingen?  Durfte  man  deshalb  das  ausdrücklich  verabredete
  Einvernehmen  mit  dem  Wiener  Hofe  preisgeben,  der  die  Taten
des  Welfen  auch  nicht  billigte,  aber  weit  milder  beurteilte  als  der  preußbische?
  Ein  Aufruhr,  der  wie  einst  der  braunschweigische,  mit  jedem  Mittel
gedämpft  werden  mußte,  war  in  Hannover  nicht  zu  besorgen.

Solche  Erwägungen  bestimmten  den  Entschluß  Friedrich  Wilhelms.
Wie  nichtig  erschienen  sie  neben  der  unabweisbaren  Forderung  der  Gerechtigkeit!
  Wenn  der  Bund  in  dieser  sonnenklaren  Sache  für  die  nackte  Gewalt
  Partei  nahm,  dann  mußte  die  Nation  an  ihm  verzweifeln;  und  wenn
der  preußische  Hof  hier  das  offenbare  Unrecht  unterstützte,  dann  verlor  er
mit  einem  Schlage  das  wohlverdiente  Ansehen,  das  er  sich  durch  die
kluge  Politik  dieser  letzten  zehn  Jahre  erworben  hatte.  Was  er  einst  für
die  Braunschweiger  getan,  lag  in  den  Archiven  vergraben;  diese  hannöverschen
  Händel  aber  konnten  nicht  verborgen  bleiben.  Durfte  er  den
noch  immer  nicht  ausgestorbenen  Verehrern  der  deutschen  Trias  erlauben,
daß  sie  den  alten  Sirenensang  wieder  anstimmten  und  der  Nation  versicherten,
  nur  bei  den  Mittelstaaten  fänden  Recht  und  Freiheit  der  Deutschen
  ehrlichen  Schutz?  Über  die  Gesinnung  der  konstitutionellen  Höfe
war  man  in  Berlin  wohl  unterrichtet.  Graf  Dönhoff  berichtete  ehrlich,
die  Süddeutschen  sagten  allgemein:  in  Hannover  kämpft  der  König  von
heute  mit  dem  von  gestern  und  das  monarchische  Prinzip  mit  sich  selber.

 

*)  Canitz'  Bericht,  11.  Febr.  1838.
*)  Dönhoffs  Bericht,  4.  Febr.  1839.
43
        <pb n="684" />
        676  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

überall,  wo  Kammern  tagten,  in  Kassel,  Dresden,  Darmstadt,  Stuttgart,
Braunschweig,  bekundeten  sie  ihre  Entrüstung  über  den  Staatsstreich;  besonderes
  Aufsehen  erregte  eine  Rede  des  Darmstädter  Abgeordneten  Glaubrech,
der  treffend  ausführte:  wenn  Ernst  August  die  Landesverfassung  aufheben
dürfe,  dann  könne  er  sich  auch  vom  Deutschen  Bunde  ungestraft  lossagen.
Zwei  Jahre  hindurch  spielten  diese  hannöverschen  Verhandlungen  in  den
deutschen  Landtagen  eine  ähnliche  Rolle,  wie  die  Polendebatten  in  den  Pariser
Kammern.  Unnmittelbar  bewirkten  sie  nichts;  die  Reden  des  sächsischen
Landtags  gab  ein  Patriot  heraus  mit  dem  stolzen  Vorwort:  „Sachsen  ist
nicht  zurückgeblieben,  aus  den  Sälen  der  Volksvertreter  tönen  weithin
durch  Deutschlands  Gauen  die  Riesenklänge  innigen,  tiefen  Mitgefühls.“

Immerhin  ertönten  die  Riesenklänge  so  stark,  daß  die  konstitutionellen
Fürsten  kaum  noch  eine  Wahl  hatten.  Mit  Ausnahme  des  hessischen  Kur—
prinzen  und  des  Braunschweiger  Welfen  gelangten  sie  alle  zu  der  Einsicht,
daß  dieser  Skandal  nicht  zu  dulden  sei.  König  Ludwig  schwankte  keinen
Augenblick.  Wie  stark  sich  auch  seine  politischen  Ansichten  geändert  hatten,
über  die  Unverbrüchlichkeit  der  Staatsgrundgesetze  dachte  er  noch  ganz  so,
wie  einst  als  Kronprinz.  Gerade  weil  es  ihm  selber  jetzt  hart  ankam,  seine
wenig  geliebte  Landesverfassung  zu  halten,  verlangte  er  auch  von  seinen
fürstlichen  Genossen  die  gleiche  Selbstüberwindung.  Unter  den  württem—
bergischen  Staatsmännern  waren  die  Ansichten  geteilt.  Graf  Bismarck,
der  Gesandte  in  Karlsruhe,  schrieb  seinem  alten  Freunde  Schele  sehr  zärt—
lich,  und  der  Hannoveraner  dankte  ihm  für  seine  „Teilnahme  an  unserer
guten  und  heiligen  Sache“.*)  Indes  König  Wilhelms  gesunder  Verstand
ließ  sich  nicht  irre  machen;  er  sagte  zu  du  Thil  halb  ärgerlich:  „Jeder  ist
sich  selbst  der  Nächste,  ich  kann  nicht  anders  handeln,“  und  nachdem  er
seinen  Entschluß  gefaßt,  trat  er  sehr  nachdrücklich  auf.  Auch  der  König
von  Sachsen  wollte  von  dem  Verfassungsbruche  nichts  hören;  er  reiste
plötzlich  nach  Dalmatien,  um  nur  nicht  bei  den  preußischen  Manövern
mit  dem  Welfen  zusammenzutreffen.  Blittersdorff  fühlte  lebhaft,  daß  alle
Hambacher  Reden  den  Regierungen  nicht  so  viel  schadeten  wie  die  hannöversche
  Sache,  und  sprach  diese  Ansicht  in  einem  Rundschreiben  an  die
badischen  Gesandtschaften  unzweideutig  aus.  Zur  Strafe  bekam  der  badische
Gesandte  Frankenberg  „einen  Tatzenschlag“  des  Welfen  zu  fühlen;  von
Berlin  herübergekommen,  mußte  er  in  Hannover  mehrere  Tage  warten,
bis  man  ihn  zur  Antrittsaudienz  zuließ.““)  Auch  du  Thil  konnte  sich,  wie
gründlich  er  auch  die  liberalen  Professoren  verabscheute,  doch  nicht  geradezu
für  den  Staatsstreich  erklären.  Also  waren  die  Staaten,  welche  den  Zollverein
  stützten,  im  wesentlichen  einig,  und  wenn  Preußen  die  Bundespolitik
  der  Hofburg  und  der  Welfen  ebenso  entschlossen  zu  bekämpfen

*)  Bismarck  an  Schele,  22.  Jan.;  Antwort  29.  Jan.  1838.

*.)  Blittersdorff,  Weisungen  an  Frankenberg,  Januar  1838;  Frankenbergs  Bericht,
1.  März  1838.
        <pb n="685" />
        Abweisung  der  Osnabrücker.  677

wagte  wie  ihre  Handelspolitik,  so  konnte  ihm  ein  glänzender  Erfolg  nicht
fehlen.  Der  König  aber  hatte  schon  anders  entschieden:  der  Welfe  sollte
geschont  werden.

Sobald  die  Osnabrücker  Beschwerde  dem  Bundestage  vorlag,  versuchte
der  hannöversche  Hof  die  Mitglieder  der  Reklamationskommission  für  die
sofortige  Abweisung  der  Petition  zu  gewinnen  und  bat  die  Wiener  Hof—
burg,  ihn  bei  seinen  geheimen  Bemühungen  zu  unterstützen.  Diese  Zu—
mutung  fand  selbst  Metternich  allzu  schamlos;  er  lehnte  sie  rundweg
ab,  schon  weil  er  für  die  Verhandlungen  des  engeren  Rats  freie  Hand
behalten  wollte.“)  Nunmehr  entfaltete  Stralenheim  in  verschiedenen  Denk—
schriften  und  Erklärungen  eine  sophistische  Kunst,  deren  schlechterdings  nur
die  Feder  des  alten  Leist  fähig  war.  Er  sollte  nachweisen,  daß  sein  König
den  Art.  56  der  Schlußakte  nicht  verletzt  habe,  und  drehte  einfach  den
Spieß  um,  indem  er  zeigte,  daß  dieser  Artikel  gerade  durch  den  hannöverschen
  Staatsstreich  verwirklicht  worden  sei!  Er  bewies  erstens:  zur  Zeit
der  Wiener  Schlußakte  hätte  in  Hannover  die  alte  Verfassung  von  1819
bestanden,  und  heute  sei  sie  wieder  ins  Leben  gerufen;  er  bewies  zweitens:
da  sich  ein  Landtag  zusammengefunden  habe,  so  bestehe  die  alte  Verfassung
in  anerkannter  Wirksamkeit;  er  bewies  drittens:  durch  das  Staatsgrundgesetz
  sei  die  alte  Verfassung  auf  unrechtmäßige  Weise  aufgehoben  und
folglich  jetzt  von  Rechts  wegen  wiederhergestellt  worden.  Solche  Advokatenkünste
  waren  selbst  im  Bundestage,  der  doch  schon  manche  juristische  Kühnheit
  erlebt  hatte,  ganz  unerhört.  Sie  verbitterten  allgemein,  und  die  Gönner
Hannovers  versuchten  nur  noch  die  Entscheidung  hinauszuschieben,  immer
in  der  stillen  Hoffnung,  daß  sich  Ernst  August  mittlerweile  mit  seinem
Landtage  einigen  und  den  Streit  aus  der  Welt  schaffen  würde.

Als  endlich  im  Juli  1838  zur  Abstimmung  geschritten  wurde,  brach
der  verhaltene  Groll  heftig  aus;  Vorwürfe  und  Verwahrungen,  selbst  persönliche
  Grobheiten  wurden  ausgetauscht.  Die  Brutalität  des  Welfen  schien
ansteckend  zu  wirken.  Bei  ruhigem  Blute  beschloß  man  nachher  diese
anzüglichen  Bemerkungen  wechselseitig  zurückzuziehen,  so  daß  die  Protokolle
  von  den  stürmischen  Auftritten  nichts  verrieten.  ")  Am  6.  Septbr.
entschieden  neun  Stimmen  gegen  sieben,  daß  die  Petition  des  Osnabrücker
Magistrats  wegen  mangelnder  Legitimation  der  Beschwerdeführer  zurückzuweisen
  sei.  Kurhessen  allein  enthielt  sich  der  Abstimmung,  weil  der
Prinzregent  mit  seinem  wackeren  Minister  Lepel  nicht  einig  war;  Hannover
aber  stimmte  dreist  in  eigener  Sache  mit.  Durch  diesen  Beschluß  war  noch
nichts  verdorben;  Stüve  selbst  erwartete  als  gewiegter  Jurist  kaum  eine
andere  Entscheidung,  denn  mit  guten  Gründen  ließ  sich  bezweifeln,  ob  eine
einzelne  Stadt  befugt  sei,  vor  dem  Bundestage  im  Namen  eines  ganzen

*)  Metternichs  Weisungen  an  Kuefstein  in  Hannover,  23.  April,  an  Trauttmans-=dorff,
  5.  Mai  1838.
**)  Schölers  Bericht,  31.  Aug.  1838.
        <pb n="686" />
        678  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Landes  zu  sprechen.  Der  Welfe  hatte  sein  eigenes  Volk  unritterlich  ent—
waffnet,  wie  Canitz  bitter  sagte,  er  hatte  durch  die  Auflösung  des  recht—
mäßigen  Landtags  die  einzige  Körperschaft  vernichtet,  welche  unzweifelhaft
berechtigt  war,  beim  Bundestage  die  Wiederherstellung  des  Staatsgrundgesetzes
  zu  verlangen.  Doch  unmöglich  konnte  der  ernste  Streit  mit  solchen
Formbedenken  erledigt  werden.  Wenn  das  hannöversche  Volk  nicht  reden
durfte,  so  war  doch  sicherlich  der  Bund  selbst  verpflichtet,  den  Art.  56  der
Schlußakte  aufrecht  zu  halten.

Demnach  sprach  der  Bundestag,  indem  er  die  Osnabrücker  abwies,
zugleich  die  Erwartung  aus,  daß  Hannover  noch  eine  weitere  Erklärung
über  seine  Verfassungsverhältnisse  abgeben  werde,  und  Stralenheim  versprach
  binnen  vier  bis  sechs  Wochen  dieser  Aufforderung  zu  genügen.  Die
entscheidende  Abstimmung  stand  also  noch  bevor.  Aber  die  Frist  verstrich;
Ernst  August  hoffte  noch  immer  die  Dinge  so  lange  hinzuhalten,  bis  er
die  Bundesversammlung  durch  die  vollendete  Tatsache  einer  neuen  hannöverschen
  Verfassung  zur  Seite  schieben  könnte.  Erst  am  29.  November,
in  dem  Augenblicke,  da  der  Bundestag  sich  auf  mehrere  Monate  vertagte,
zeigte  Stralenheim  an,  die  versprochene  Erklärung  sei  jetzt  den  Bundesregierungen
  zugegangen;  er  hatte  sie  während  der  Sitzung  den  Bundesgesandten
  ins  Haus  gesendet,  und  diese  konnten,  da  sie  weder  das  Aktenstück
selber  kannten,  noch  von  daheim  eine  Weisung  erhalten  hatten,  nicht  einmal
mehr  gegen  diese  Verhöhnung  des  Bundestags  sich  verwahren.  Es  war
unmöglich,  eine  schlechte  Sache  mit  schlechteren  Mitteln  zu  verteidigen.

Die  überraschte  Versammlung  trennte  sich  ohne  einen  Beschluß,  der
Unmut  vermochte  sich  nur  in  leidenschaftlichen  Gesprächen  zu  äußern.
General  Schöler  selbst,  den  das  welfische  Treiben  mehr  und  mehr  anwiderte,
  wagte  nur  wehmütig  den  dringenden  Wunsch  auszusprechen,  „daß
dieser  Vorgang  bei  dem  großen  Publikum  nicht  zur  Vermehrung  der  ohnehin
schon  so  weit  gehenden  Nichtachtung  des  Bundestags  beitragen  möge;“  er
befürchtete  sehr  schlimme  Folgen  für  Deutschland,  wenn  Ernst  August  sich
nicht  bald  mit  seinem  Lande  versöhne.)  Die  hannöversche  Erklärung  war
nicht  an  den  Bundestag  gerichtet,  sondern  an  die  einzelnen  Regierungen,
so  daß  sie  gar  nicht  in  die  Bundesprotokolle  aufgenommen  werden  durfte
und  selbst  der  immer  bedächtige  sächsische  Minister  Zeschau  eine  solche  Ungezogenheit
  ganz  unerträglich  fand..“)  Sie  bestand  aus  zwei  Denkschriften,
von  denen  die  eine  nochmals  behauptete,  die  Verfassung  von  1819  bestehe
zu  Recht,  weil  der  alte  Landtag  versammelt  sei.  Also  mußte  die  gutmütige
Nachgiebigkeit  seiner  Untertanen  dem  Welfen  in  der  Tat  als  eine  Schlinge
dienen,  wie  Canitz  vorausgesagt.  Die  zweite  Denkschrift  suchte  zu  beweisen,
  das  Staatsgrundgesetz  sei  ungültig,  wegen  seiner  formalen  Mängel

 

*7)  Schölers  Berichte,  30.  Nov.,  5.  Dez.  1838.
**)  Jordans  Bericht,  24.  Jan.  1839.
        <pb n="687" />
        Neue  Verhandlungen  in  Frankfurt.  679

und  wegen  seines  radikalen  Inhalts.  Darauf  folgten  scharfe  Ausfälle
gegen  das  süddeutsche  Repräsentativsystem,  das  den  Grundsätzen  des  deutschen
  Ständewesens  widerspreche  und  das  monarchische  Prinzip  zerstöre.
Offenbar  sollte  den  konstitutionellen  Kronen  die  Lust  vergehen,  ihrerseits
einen  Angriff  gegen  den  allein  monarchischen  Welfenhof  zu  wagen.

Die  langen  Ferien  boten  den  Regierungen  genügende  Frist,  um  diese
erstaunlichen  Aktenstücke  zu  durchdenken.  Am  28.  Febr.  1839  eröffnete
Schöler  die  Sitzungen  wieder,  aber  Münch  war  noch  immer  nicht  angekommen;
  jedermann  sah,  daß  Osterreich  wie  Hannover  die  Entscheidung
  vertagen  oder  vereiteln  wollte.')  Die  lange  Pause,  die  nun  eintrat,
benutzte  König  Friedrich  Wilhelm,  um  dem  Welfen  nochmals  ins  Gewissen
zu  reden:  „Erwägen  Ew.  Majestät,  daß  die  Stellung  Preußens  als  eines
Bundesstaats  ihm  Pflichten  auferlegt  und  ihm  Rücksichten  vorschreibt,  von
denen  es  sich  nicht  lossagen  kann,  ohne  von  den  Grundsätzen  abzuweichen,
welche  alle  deutschen  Fürsten  übereinstimmend  angenommen  haben.“**“)  Das
klang  fast,  als  ob  Preußen  nunmehr  entschlossen  sei,  die  unzweideutigen
Vorschriften  der  Schlußakte  zu  verteidigen.  Auf  den  Welfen  aber  konnten
so  sanfte,  rücksichtsvolle  Mahnungen  keinen  Eindruck  machen.  Er  glaubte
doch,  und  leider  mit  Recht,  daß  sein  gütiger  Schwager  ihn  bei  der  letzten
Entscheidung  nicht  im  Stich  lassen  würde.

Als  Münch  endlich  eingetroffen  war,  stellte  Bayern,  unterstützt  von
allen  süddeutschen  Höfen  und  von  beiden  Linien  des  sächsischen  Hauses,
am  26.  April  den  Antrag,  daß  Hannover  aufgefordert  werden  solle,
gemäß  dem  Art.  56  der  Schlußakte,  den  Rechtszustand  aufrecht  zu  halten
und  etwaige  Anderungen  nur  auf  verfassungsmäßigem  Wege  vorzunehmen.
  Der  Antrag  verlangte  nur,  was  schon  längst  hätte  geschehen
sollen,  aber  noch  einmal  wurde  dem  hannöverschen  Hofe  eine  Frist  bewilligt.*)
  Er  überschritt  sie,  wie  das  seine  Art  war,  und  reichte  erst  am
27.  Juni  eine  Denkschrift  ein,  die  alle  seine  früheren  Leistungen  noch
überbot.  Ihr  Verfasser  war  Geh.  Rat  Falcke,  ein  zierlicher,  eleganter
alter  Junggesell,  berühmt  durch  die  Schar  seiner  schönen  Hunde;  der
hatte  im  Jahre  1831  mit  Ernst  August  wegen  des  Staatsgrundgesetzes
verhandelt—)  und  nachher  jahrelang  neben  Rose  die  Regierung  des  Herzogs
  von  Cambridge  vor  dem  Landtage  vertreten.  Diese  Vergangenheit
hinderte  ihn  keineswegs,  sich  auch  dem  neuen  Gewalthaber  schmiegsam
unterzuordnen,  und  jetzt  wagte  er,  der  die  Verhandlungen  selbst  geführt
hatte,  dem  Bundestage  zu  beteuern,  daß  Ernst  August  über  das  Staatsgrundgesetz
  nicht  rechtzeitig  unterrichtet  worden  sei.  Die  Bundesregierungen
waren  freilich  nicht  in  der  Lage,  die  ganze  Verlogenheit  dieser  welfischen

*7)  Schölers  Bericht,  1.  März  1839.

**)  K.  Friedrich  Wilhelm  an  K.  Ernst  August,  20.  April  1839.
**#)  Schölers  Bericht,  27.  April  1839.
+  S.  o.  IV.  165.
        <pb n="688" />
        680  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Märchen  zu  erkennen,  indessen  fühlten  sie  alle  heraus,  daß  Hannover  ihnen
keinen  reinen  Wein  einschenkte;  auch  die  wiederholten  Schimpfreden  wider
„den  konstitutionellen  Schwindel  der  heutigen  Zeit“  konnten  die  süddeutschen
  Höfe  nur  beleidigen.  Stüve  widerlegte  die  Denkschrift  Falckes  durch
einen  trefflichen  Aufsatz  im  Hannöverschen  Portfolio.

Doch  was  galten  hier  Gründe?  Die  Mehrheit  war  entschlossen,  den
Welfen  nicht  preiszugeben,  weil  er  sonst  in  eine  ganz  unhaltbare  Stellung
geraten  müsse.  Als  endlich  abgestimmt  wurde,  da  beschlossen  am  5.  Sept.
zehn  Stimmen  gegen  sechs,  dem  bayrischen  Antrage  „keine  Folge  zu  geben“,
sie  sprachen  aber  zugleich  die  Erwartung  aus,  daß  König  Ernst  August
mit  seinen  Landständen  noch  eine  Vereinbarung  treffen  werde.  Mit  der
Mehrheit  stimmten  außer  den  Großmächten  und  den  beiden  welfischen
Höfen  Kurhessen,  Holstein,  Luxemburg,  Mecklenburg  und  die  zwei  Kurien
der  Allerkleinsten,  die  unter  der  Führung  des  getreuen  Leonhardi  gewöhnlich
  mit  Osterreich  gingen.  In  der  Minderheit  standen:  Bayern,  Sachsen,
Württemberg,  Baden,  die  Ernestiner  und  die  freien  Städte.  Nur  Hessen-Darmstadt
  versuchte  mit  einem  Vermittelungsantrag  mitten  durch  zu  gehen.
Die  Verhandlungen  waren  für  Hannover  wenig  schmeichelhaft;  selbst  der
österreichische  Gesandte  konnte  nicht  umhin  einzugestehen,  daß  „auch  sehr
ehrenwerte  Gesinnungen“  sich  für  das  Staatsgrundgesetz  aussprächen.
Der  Beschluß  selbst  lautete  so  unverfänglich  wie  möglich,  er  sagte  kein  Wort
der  Billigung  für  die  Taten  des  Welfen,  denn  dazu  wollte  sich  niemand
verstehen.

Wie  man  sich  auch  drehen  und  wenden  mochte,  die  furchtbare  Tatsache
  blieb  doch  bestehen,  daß  der  Bundestag  sich  pflichtwidrig  geweigert
hatte,  das  ganz  unzweifelhafte  Recht  eines  deutschen  Landes  zu  beschützen.
Von  einer  solchen  Schmach  konnte  die  längst  entwürdigte  deutsche  Zentralgewalt
  sich  nicht  mehr  erholen;  die  „Inkompetenz-Erklärung  des  Bundestags“,
  wie  das  Kauderwelsch  der  Zeitungen  sagte,  blieb  fortan  der  Lieblingsstoff
  für  alle  Unzufriedenen.  Und  an  diesem  schweren  Unrecht  war
Preußens  Regierung  mitschuldig.  Sie  hatte,  ihre  eigenen  Grundsätze,  ihre
natürlichen  Bundesgenossen  verleugnend,  zusammengewirkt  mit  den  alten
Feinden  ihrer  Handelspolitik  und  also  die  köstliche  Gelegenheit  versäumt,
„das  in  Wahrheit  verbündete  Deutschland“,  das  einst  Motz  in  dem  Zollvereine
  geahnt  hatte,  zu  befestigen  und  vor  der  Nation  zu  rechtfertigen.
Was  wollte  es  nach  diesem  verhängnisvollen  Fehler  bedeuten,  daß  Minister
Werther  sich  tief  verstimmt  zeigte  und  ernstlich  daran  dachte,  seinen  Abschied
  zu  verlangen?

Der  welfische  Hof  versäumte  nicht,  den  Bundesbeschluß  mit  gewohnter
Unredlichkeit  auszubeuten.  Er  verkündete  durch  eine  Bekanntmachung  vom
10.  Sept.,  daß  der  Bundestag  diese  Verfassung  von  1819  als  zu  Recht
bestehend  anerkannt  habe.  Gegen  diese  offenbare  Lüge  verwahrten  sich
wieder  Bayern  und  die  anderen  Staaten  der  Minderheit  in  sehr  heftigen
        <pb n="689" />
        Letzte  Entscheidung  des  Bundestags.  681

Erklärungen.“)  Darauf  verlangte  der  Welfe  auch  noch,  daß  die  Rechtsgutachten
  der  drei  Fakultäten  von  Bundes  wegen  verboten  würden;  die
Mehrheit  stimmte  zu,  doch  abermals  erhob  Bayern  Einspruch,  und  das
Ende  war,  daß  die  verbotene  Schrift  fast  überall  in  Deutschland  frei  um—
laufen  konnte.  Geflissentlich  gab  sich  der  hannöversche  Hof  den  Anschein,
als  ob  er  mit  dem  preußischen  in  einer  engen  Freundschaft  lebte,  welche
in  Wirklichkeit  nicht  bestand.  Nach  dem  Abschluß  eines  Handelsvertrages
zwischen  den  beiden  Nachbarstaaten  verlangte  Ernst  August  für  seinen
Minister  Schele  ausdrücklich  einen  preußischen  Orden,  was  als  Gegen—
leistung  nicht  abgeschlagen  werden  konnte,  und  er  erlebte  die  Genugtuung,
daß  die  kleinmeisterliche  Presse  diese  Auszeichnung  fast  ebenso  leidenschaftlich
besprach  wie  vormals  den  berühmten  roten  Adlerorden  des  Professors
Schmalz.  Noch  viele  Monate  hindurch  währte  der  hoffnungslose  Streit;
immer  wieder  überreichte  der  unermüdliche  Dr.  Hessenberg  Beschwerde—
schriften  hannöverscher  Städte,  und  es  hielt  schwer,  die  hadernden  Parteien
des  Bundestags  zusammenzuhalten.)

In  Wahrheit  ging  der  hannöversche  Verfassungsstreit  schon  zu  Ende.
Ohne  die  Hilfe  des  Bundes  —  das  hatte  Stüve  längst  vorausgesehen  —
konnte  die  schwache,  weithin  zerstreute  Oppositionspartei  nicht  mehr  auf
Erfolge  zählen.  Das  Volk  war  der  Händel  müde.  Die  Regierung  benutzte
  jedes  Mittel,  um  wieder  eine  vollzählige  Kammer  zustande  zu
bringen;  sie  scheute  sich  nicht,  sogar  die  Wahlen  der  Minderheit  der  Korporationen
  für  gültig  zu  erklären,  so  daß  selbst  der  Landtagsmarschall  Graf
Münster  sich  nicht  mehr  fügen  wollte.  Christiani  und  andere  liberale  Abgeordnete
  wurden  von  Polizei  wegen  aufgefordert,  im  Landtage  zuerscheinen,
widrigenfalls  die  Behörde  sie  aus  der  Stadt  Hannover  ausweisen  würde.
Dergestalt  erlebte  Deutschland  das  wunderbare  Schauspiel,  daß  man  seine
Volksvertreter  auf  dem  Schub  in  die  Kammer  brachte.  Durch  solche
Künste  ward  der  Landtag  endlich  beschlußfähig,  und  im  Sommer  1840
erklärte  er  sich  bereit,  auf  einen  neuen  Verfassungsentwurf  der  Regierung
  einzugehen.  Ernst  August  empfing  jetzt  seine  getreuen  Stände  sehr
freundlich  und  sagte:  „Ich  fühle  als  einen  Stein  vom  Herzen  zu  hören
das,  was  Sie  mir  sagen.“  Wenn  man  ihm  nur  seinen  Willen  tat,  war
er  ja  kein  Bösewicht.

Am  6.  August  1840  kam  das  Landesverfassungsgesetz  zustande.  Die
neue  Verfassung  gewährte  dem  Welfen  alles,  was  er  wünschte:  ein  den
Ständen  nicht  verantwortliches  Ministerium,  einen  Landtag  mit  sehr  beschränkter
  gesetzgeberischer  Befugnis,  und  vor  allem  die  längst  ersehnte
Kassentrennung.  Sie  bestimmte  auch,  was  ihm  fast  noch  wichtiger  war,  daß
nur  Geisteskrankheit  vom  Throne  ausschließen,  und  mithin  der  blinde

 

*)  Schölers  Bericht,  1.  Okt.  1839.
**)  Schölers  Bericht,  5.  März  1840.
        <pb n="690" />
        682  IV.  9.  Der  welfische  Staatsstreich.

Kronprinz,  dem  alten  Brauche  des  Welfenhauses  zuwider,  dereinst  die
Regierung  antreten  sollte.  Also  geschah  das  Wunderbare,  daß  ein  Fürst,
der  anfangs  selbst  nicht  wußte,  was  er  wollte,  von  keinem  einzigen  bedeu—
tenden  Manne  unterstützt,  gegen  das  Recht  und  gegen  die  öffentliche  Mei—
nung  schließlich  doch  seine  Macht  behauptete.  Der  Sieg  war  freilich  teuer
erkauft.  Unter  dem  Staatsgrundgesetze  herrschte  tiefer  Friede;  der  neue
Landtag,  den  sich  Ernst  August  gebildet  hatte,  lebte  in  ewigem  Hader  mit
der  Regierung,  und  bald  machte  der  Welfe  auch  die  unliebsame  Erfahrung,
  daß  seine  selbständige  königliche  Kasse  aus  der  Geldnot  nicht  herauskam.


Für  Deutschland  bedeuteten  diese  hannöverschen  Händel  fortan  wenig.
Unvergeßlich  aber  blieb  der  Nation  der  Bundesbeschluß  vom  5.  Sept.  1839.
Seitdem  begannen  auch  die  Gemäßigten  zu  fühlen,  daß  unter  dem  Deutschen
  Bunde  kein  Recht  mehr  fest  stand,  und  in  immer  weiteren  Kreisen
verbreitete  sich  die  Hoffnung  auf  einen  gewaltsamen  Umschwung,  der  mit
einem  Schlage  dem  deutschen  Elend  Wandel  schaffen  sollte.  —
        <pb n="691" />
        Zehnter  Abschnitt.

 

Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Seit  jenen  Tagen,  da  der  Freiherr  vom  Stein  den  Sultanismus  der
Könige  von  Napoleons  Gnaden  anklagte,  war  die  Zerrüttung  des  öffentlichen
  Rechts,  die  Zuchtlosigkeit  der  souveränen  Fürstengewalt  dem  kaiserlosen
  Deutschland  nicht  wieder  so  beschämend  vor  die  Augen  getreten  wie
in  den  Zeiten  des  welfischen  Staatsstreichs.  Ein  Frevel,  der  nicht  wie
einst  die  Gewalttaten  der  Rheinbundsfürsten  durch  das  Gebot  der  Selbsterhaltung
  entschuldigt  werden  konnte,  fand  in  Deutschland  keinen  Richter;
die  höchste  deutsche  Behörde  versagte  sich  feig  ihrer  Pflicht.  Was  man  an
den  Höfen  Ordnung  nannte,  war  in  Wahrheit  die  verewigte  Anarchie,
und  das  Verlangen  nach  einer  starken  nationalen  Zentralgewalt,  welche
die  Willkür  der  kleinen  Gewalthaber  bändigen  sollte,  entsprang  nicht  der
revolutionären  Leidenschaft,  sondern  dem  gesetzlichen  Sinne.  Wer  jetzt
noch  die  Stirn  hatte,  den  inkompetenten  Bundestag  zu  verteidigen,  konnte
sich  mit  denen  nicht  mehr  verständigen,  die  an  der  friedlichen  Entwicklung
dieses  entwürdigten  Bundes  verzweifelten.  Die  politischen  Parteien  bekämpften
  einander  so  unversöhnlich,  wie  in  der  Literatur  Heine  und  die
Schwaben,  Schlosser  und  Hurter,  Strauß  und  die  Orthodoxen.  Selbst
mutige  Männer  wie  Heinrich  Leo  fühlten  sich  schier  vom  Alpdruck  eines
beängstigenden  Traumes  gepeinigt,  wenn  sie  die  unheimliche  Gärung,  die
furchtbaren  Gegensätze  des  deutschen  Lebens  betrachteten.  Und  in  dieser
Welt  des  Unfriedens  entbrannte  auch  noch  ein  kirchenpolitischer  Streit,  der
alle  Leidenschaften  des  Dreißigjährigen  Krieges  wieder  zu  erwecken,  das
teuerste  Gut  der  Nation,  den  schwer  erkauften  Frieden  der  Glaubensbekenntnisse
  zu  vernichten  drohte.

Der  preußische  Staat  geriet  zum  ersten  Male  in  offenen  Krieg  mit
dem  wieder  erstarkten  Papsttum  und  mußte  nach  einem  kurzen  Waffengange
  den  Rückzug  antreten.  Er  kämpfte,  im  Geiste  seiner  Geschichte,  für
den  Gedanken  der  Parität,  aber  er  kämpfte  mit  den  Waffen  des  polizeilichen
Zwanges  und  einer  gänzlich  veralteten  Kirchenpolitik,  so  daß  er  vor  der
Welt  als  ein  Bedränger  der  Gewissensfreiheit  erschien  und  überdies  durch
das  Ungeschick  seiner  Diplomaten  in  den  Ruf  der  Zweizüngigkeit  kam.
        <pb n="692" />
        684  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Die  alte  Beamtenregierung  genügte  nicht  mehr.  In  derselben  Zeit,  da
sie  durch  das  Eisenbahngesetz  noch  einmal  ihre  alte  Geschäftstüchtigkeit  bewährte,
  zeigte  sie  sich  ängstlich  gegenüber  den  welfischen  Gewalttaten,  völlig
ratlos  gegenüber  der  römischen  Kirche.  Am  Ausgange  eines  Jahrzehntes,
das  der  Friedenspolitik  und  den  Zollvereinsplänen  der  Krone  Preußen  so
viel  verdankte,  wurde  unter  den  Freunden  schon  wieder  die  Besorgnis
laut,  ob  dieser  Staat  auch  auf  festen  Füßen  stehe;  die  Gegner  aber  scharten
sich  zu  einer  geschlossenen  Partei,  um  alles  wieder  in  Frage  zu  stellen,
was  die  lebendigen  Kräfte  deutscher  Geschichte  in  zwei  Jahrhunderten  geschaffen
  hatten.

Inmitten  der  Wirren  des  Aufruhrs  von  1831  hatte  der  neue  Papst
Gregor  XVI.  den  heiligen  Stuhl  bestiegen.  Solange  er  regierte,  mußte
er  mit  seinen  fremden  Söldnern  und  mit  dem  Landsturme  der  klerikalen
Partei,  den  Zenturien  der  Sanfedisten  beständig  auf  der  Wacht  stehen,  um
das  Hausgut  Petri  vor  den  Anschlägen  der  patriotischen  Verschwörer  zu
behüten.  Seit  lange  her  stand  der  Kirchenstaat  in  dem  Rufe,  daß  er  die
schlechteste  aller  Regierungen  Europas  besitze,  und  noch  niemals  hatte  er
diesem  Rufe  so  vollkommen  entsprochen  wie  jetzt,  da  die  heißblütigen
Romagnolen  schon  den  alten  Geusenruf  wiederholten:  lieber  türkisch  als
päpstlich.  Als  Papst,  wie  früherhin  als  General  der  Camaldulenser,  führte
Gregor  das  Leben  eines  vornehmen  Mönches;  beim  Gelage  unter  den
geistlichen  Amtsbrüdern  konnte  der  häßliche  Mann  mit  den  wurlstigen
Lippen  und  dem  großen  Fistelgeschwür  auf  der  roten  Nase  fast  liebenswürdig
  erscheinen,  wenn  er  seiner  satirischen  Laune  freien  Lauf  ließ.  Auch
seine  Weltanschauung  blieb  mönchisch;  noch  schroffer  und  härter  als  seine
beiden  Vorgänger  trat  er  der  weltlichen  Gewalt  entgegen.  Während  der
ersten  Jahre  ließ  er  sich  durch  die  behutsamen  Ratschläge  des  Staatssekretärs
  Bernetti,  der  noch  aus  Consalvis  staatskluger  Schule  stammte,
zuweilen  etwas  zügeln.  Aber  im  Januar  1836  erhielt  Bernetti  seine  Entlassung,
  und  sein  Nachfolger  wurde  Kardinal  Lambruschini,  das  Haupt
der  „Eiferer“,  der  genuesischen  Partei  im  Kardinalskollegium,  ein  Priester
von  strengem  Wandel,  herrisch,  leidenschaftlich,  schonungslos,  unbeugsam
in  den  Grundsätzen  des  harten  Papalsystems.  Er  hatte  einst  als  Nuntius
in  Paris  bei  dem  Staatsstreiche  Karls  X.  mitgeholfen  und  selbst  durch
den  Sturz  der  Bourbonen  nichts  gelernt.  Unterdessen  war  der  Niederländer
  Roothaan  an  die  Spitze  der  Gesellschaft  Jesu  getreten,  der  fähigste
aller  Jesuitengenerale  seit  den  Zeiten  Aquavivas,  ausgezeichnet  durch  Verschlagenheit,
  Welt=  und  Menschenkenntnis,  rastlosen  Tatendrang.  Seitdem
  ließ  sich  die  unterirdische  Wirksamkeit  der  Jesuiten  in  allen  Staaten
verspüren.  Auch  in  Preußen;  denn  obwohl  den  preußischen  Untertanen
seit  dem  Jahre  1827  der  Besuch  auswärtiger  Jesuitenschulen  verboten
war,  so  wußte  doch  am  Rhein  wie  in  Posen  jeder  Kundige,  daß  viele  der
preußischen  Theologen,  welche  die  Universität  München  bezogen,  dort  plötz-
        <pb n="693" />
        Gregor  XVI.  und  der  belgische  Klerus.  685

lich  verschwanden,  um  nachher  unter  den  Rotröcken  des  römischen  Ger—
manicums  wieder  aufzutauchen;  kehrten  sie  dann  heim,  so  waren  ihre
Münchner  Abgangszeugnisse,  dank  den  unbekannten  bayrischen  Gönnern,
stets  in  bester  Ordnung.

Durch  den  glänzenden  Sieg,  welchen  der  römische  Stuhl  auf  dem
alten  Schlachtfelde  der  Konfessionen,  in  Belgien  erfochten  hatte,  war  das
Selbstvertrauen  der  Klerikalen  überall  mächtig  angewachsen;  sie  nannten
sich  jetzt  selbst  die  ultramontane  Partei,  und  der  Name  ist  ihnen  fortan
geblieben.  Welch  ein  unermeßlicher  Vorteil,  daß  man  fortan  triumphierend
auf  jenes  Land  verweisen  konnte,  das  von  den  kurzsichtigen  Liberalen  als
ein  Musterstaat  gefeiert  wurde:  die  Alleinherrschaft  der  römischen  Kirche
war  also  mit  konstitutioneller  Freiheit  nicht  unvereinbar!  Der  belgische
Klerus  verleugnete  seine  hispanische  Schule  nicht;  seine  Sprache  gegen
die  evangelische  Kirche  ward  immer  dreister  und  drohender.  Einer  der
flandrischen  Bischöfe,  van  der  Velde,  warnte  seine  gläubige  Herde  in  einem
Hirtenbriefe  vor  den  Verführern,  welche  das  katholische  Volk  in  der  Fastenzeit
  zu  Tanzvergnügungen,  zum  Besuche  unzüchtiger  Schauspiele  und  zum
Lesen  der  heiligen  Bücher  in  der  Volkssprache  verleiteten;  durch  solche
Mittel  suchten  die  Bibelgesellschaften  die  Gewissen  zu  betören,  „wie  ihre
würdigen  Muster  im  sechzehnten  Jahrhundert  mit  so  sehr  zu  beklagendem
Erfolge  getan!“  Solange  die  französische  Revolution  den  Klerus  unterdrückte
  und  beraubte,  stand  die  Kurie  im  Lager  der  konservativen  Höfe;
jetzt  aber  erhoben  sich  überall  revolutionäre  Mächte,  welche  der  Kirche
günstig  schienen,  und  sofort  zeigte  sich,  daß  die  römische  Politik  nur  kirchliche
  Ziele  verfolgen  darf,  mithin  alle  politischen  Parteien  lediglich  als
Mittel  behandeln  kann.  In  Belgien  stand  die  Klerisei  an  der  Spitze  der
Rebellen,  und  sobald  sie  die  Teilung  der  Niederlande  durchgesetzt,  wußte
sie  alle  die  konstitutionellen  Freiheiten,  welche  der  römische  Stuhl  so  oft
verdammthatte,  die  Freiheit  der  parlamentarischen  Rednerbühne,  der  Presse,
der  Vereine  mit  großem  Geschick  für  ihre  Zwecke  auszunutzen.  In  Polen
wie  in  Irland  schürten  die  Ultramontanen  den  Aufruhr;  auch  in  Frankreich
  hielten  sie  sich  bereit,  jederzeit  mit  der  radikalen  Opposition  zusammenzugehen,
  weil  sie  trotz  der  Nachgiebigkeit,  welche  Ludwig  Philipp  ihnen  erwies,
  den  durchaus  unkirchlichen  Charakter  dieses  Bürgerkönigtums  richtig
erkannten.  Am  allerwenigsten  wollten  sie  die  alte  Pfaffengasse  des  deutschen
  Reichs  dem  Staate  gönnen,  den  sie  mit  Recht  für  die  Vormacht  des
festländischen  Protestantismus  hielten.  Allen  Rheinländern  war  wohlbekannt,
  daß  überall  geheime  Späher  des  römischen  Stuhles  und  der  belgischen
  Ultramontanen  das  Verhalten  des  Klerus  sorgfältig  belauerten  und
jeden  Mißgriff  der  Regierung  ausbeuteten;  manche  Heißsporne  empfahlen
die  Vereinigung  des  Rheinlands  mit  dem  katholischen  Belgien,  andere
wünschten  das  fromme  Haus  Wittelsbach,  das  zwei  Jahrhunderte  hindurch
in  Düsseldorf  und  in  Köln  geherrscht  hatte,  an  den  Rhein  zurückzuführen.
        <pb n="694" />
        686  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Derweil  diese  geheimen  ultramontanen  Umtriebe  die  ohnehin  ver—
stimmte  Rheinprovinz  beunruhigten,  war  die  Krone  Preußen  bemüht,  den
einzigen  Streit,  der  zwischen  ihr  und  dem  Papste  bestand,  endlich  zu  be—
seitigen.  Auf  Bunsens  Rat  hatte  sie  die  Torheit  begangen,  über  die
Behandlung  der  gemischten  Ehen,  in  Wahrheit  also  über  die  Gültigkeit
ihrer  eigenen  Landesgesetze,  mit  dem  römischen  Stuhle  zu  verhandeln  und
schließlich  das  Breve  vom  25.  März  1830  erlangt,  das  aus  der  Feder
des  Kardinals  Cappellari,  des  späteren  Papstes  Gregor  XVI.  stammte.*)
Bunsens  Eitelkeit  schmeichelte  sich,  dadurch  einen  glänzenden  Sieg  über  die
Kurie  davongetragen  zu  haben,  und  wohlgefällig  ließ  er  sich  vom  Erzbischof
  Spiegel  zu  seinen  „Triumph-Negotiationen“  Glück  wünschen.  Als
man  aber  in  Berlin  schärfer  prüfte,  entdeckte  man  bald,  daß  dies  Breve
schlechterdings  kein  unzweideutiges  Zugeständnis  an  die  Rechte  des  paritätischen
  Staates  enthielt;  denn  die  Kurie  darf  niemals  einen  Grundsatz
aufgeben,  sie  kann  höchstens  temporum  ratione  habita  eine  milde  Auslegung
  ihrer  unabänderlichen  Gesetze  stillschweigend  gestatten.  Dem  Könige
schienen  vornehmlich  zwei  Stellen  des  Breves  unannehmbar;  er  hielt  es
für  unchristlich  und  der  Würde  der  evangelischen  Kirche  widersprechend,
daß  die  katholische  Braut  vor  der  Todsünde  der  gemischten  Ehe  feierlich
verwarnt  werden  sollte;  und  wenn  er  sich  auch  zur  Not  mit  der  passiven
Assistenz  des  römischen  Priesters  begnügen  wollte,  so  verlangte  er  doch,
daß  die  kirchliche  Einsegnung  der  gemischten  Ehen  nicht  geradezu  verboten
würde.  Darum  ließ  er  das  Breve  nach  Rom  zurücksenden  (Febr.  1831),
und  Bunsen  bemühte  sich  nunmehr,  durch  langwierige  Verhandlungen  die
Kurie  umzustimmen.  Der  Versuch  scheiterte.  Rom  hatte  gesprochen,  und
eine  Milderung  ließ  sich  um  so  weniger  erwarten,  da  der  neue  Papst
Gregor  selber  der  Verfasser  des  Breves  war.

Trotzdem  verlor  der  allezeit  hoffnungsvolle  Gesandte  nicht  den  Mut.
Seit  er  im  Namen  der  europäischen  Mächte  den  Papst  zu  Reformen  im
Kirchenstaate  aufgefordert  hatte??*),  hielt  er  sich  für  den  ersten  Mann  der
römischen  Diplomatie,  seinem  Selbstvertrauen  schien  nichts  mehr  unerreichbar.
  Er  riet,  die  Krone  möge  sich  insgeheim  mit  den  Bischöfen  der  westlichen
  Provinzen  über  eine  milde  Auslegung  und  Handhabung  des  Breves
verständigen.  Also  mit  Hilfe  des  heimischen  Episkopats  die  Beschlüsse  des
römischen  Stuhles  zu  umgehen  erschien  als  ein  natürliches  Mittel  der
Notwehr;  die  Staatsgewalten  hatten  es  schon  oftmals  angewendet,  sobald
sie  sich  gezwungen  sahen,  die  unwandelbaren  Satzungen  der  Theokratie
mit  dem  ewigen  Wandel  der  weltlichen  Dinge  in  Einklang  zu  bringen.
Solche  immer  gefährliche  Versuche  waren  aber  bisher  nur  katholischen
Fürsten  gelungen,  die  sich  auf  ihr  Episkopat  unbedingt  verlassen  konnten;

 

*)  S.  o.  III.  415.
**)  S.  o.  IV.  68.
        <pb n="695" />
        Geheimer  Vertrag  über  die  gemischten  Ehen.  687

auch  ihnen  nur  in  der  alten  Zeit  vor  den  Säkularisationen,  als  die  Kirche
noch  reich,  der  vornehme  Klerus  noch  national  gesinnt  war  und  die  Ge—
heimnisse  der  Kabinette  sich  lange  bewahren  ließen.  Wie  durfte  der  evan—
gelische  König  Preußens  von  seinen  Landesbischöfen  eine  so  unverbrüchliche
Treue  erwarten,  jetzt,  da  jede  Möglichkeit  einer  Nationalkirche  geschwunden
war,  und  die  monarchische  Gewalt  des  Papstes  auch  über  den  Episkopat  fast
schrankenlos  gebot?  Nur  Bunsens  Leichtsinn  konnte  hoffen,  daß  in  dieser
Epoche  der  anonymen  Zeitungen  und  der  ultramontanen  Wühlerei  die
Vereinbarung  mit  den  Bischöfen  auf  die  Dauer  geheim  bleiben  würde,
eine  Vereinbarung,  die  offenbar  alle  Kraft  verlor,  sobald  sie  bekannt  ward.

Im  Frühjahr  1834  wurde  der  erfindungsreiche  Diplomat  nach  Berlin
berufen,  und  obwohl  die  alten  Minister  zu  seinen  kühnen  Plänen  den
Kopf  schüttelten,  so  bewahrten  ihm  doch  der  König  und  der  Kronprinz  ihr
unbeschränktes  Vertrauen.  Er  erhielt  den  Auftrag,  zunächst  mit  dem  Erzbischof
  Spiegel  zu  verhandeln,  und  fand  seinen  greisen  Gönner  zu  jeder
Nachgiebigkeit  bereit.  Der  milde,  weltkundige  Prälat  sah  voraus,  wie  vielen
Unfrieden  die  Forderung  der  katholischen  Kindererziehung  in  der  so  bunt
gemischten  Kölner  Erzdiözese  hervorrufen  mußte;  er  erkannte,  daß  nicht
bloß  die  evangelische  Kirche  beleidigt,  sondern  auch  die  persönliche  Ehre
jedes  evangelischen  Bräutigams  beschimpft  wurde,  wenn  man  ihm  die
unwürdige  Zumutung  stellte,  in  seinen  eigensten  und  heiligsten  Angelegen—
heiten  einem  fremden  Priester  ein  bindendes  Versprechen  zu  geben.  Doch
wie  vertrugen  sich  diese  verständigen  Ansichten  mit  dem  päpstlichen  Breve?
Aus  dessen  absichtlich  gewundenen  Sätzen  ließ  sich  mit  Sicherheit  nur  das
eine  herauslesen,  daß  dem  Priester  höchstens  die  passive  Assistenz  gestattet
sein  sollte,  falls  die  Brautleute  nicht  die  katholische  Erziehung  aller  Kinder
versprächen.  Der  Erzbischof  schwankte  lange  und  fühlte  sich  in  seinem
Gewissen  schwer  bedrängt.  Da  fand  sich  ein  geistlicher  Tausendkünstler
bereit,  Bunsens  dreiste  Dialektik  zu  unterstützen:  der  Domkapitular  München,
  ein  gelehrter  Kanonist,  der  in  diesen  letzten  Jahren  eine  große  und,
wie  selbst  der  Oberpräsident  Vincke  meinte,  nicht  immer  wohltätige  Macht
über  den  alternden  Kirchenfürsten  gewonnen  hatte.  )  Der  bewies  in
einem  schwer  gelehrten  Gutachten  —  denn  was  kann  römische  Hermeneutik
nicht  beweisen?  —  das  Breve  erlaube  alles,  was  nicht  ausdrücklich  darin
verboten  sei.

Nunmehr  war  Spiegels  Gewissen  beruhigt,  und  nach  kurzen  Verhandlungen
  unterzeichnete  er  mit  Bunsen  am  19.  Juni  1834  einen  geheimen
Vertrag,  welcher  alles  gewährte,  was  der  Staat  für  den  konfessionellen
Frieden  der  westlichen  Provinzen  zu  wünschen  hatte,  aber  weder  mit  dem
neuen  Breve  des  Papstes  noch  mit  den  alten  kanonischen  Vorschriften  übereinstimmte.
  Die  kirchliche  Einsegnung  der  gemischten  Ehen  sollte  fortan

 

*)  Vincke  an  Altenstein,  12.  Dez.  1835.
        <pb n="696" />
        688  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

die  Regel  bilden,  ohne  Rücksicht  auf  die  Erziehung  der  Kinder,  und  nur
wenn  die  katholische  Braut  einen  mutwilligen,  sträflichen  Leichtsinn  zeigte
—  „also  vernünftigerweise  niemals“,  wie  Bunsen  frohlockend  schrieb  —
mußte  sich  der  Priester  auf  die  passive  Assistenz  beschränken.  Für  diese
großen,  noch  keinem  Staate  gewährten  Zugeständnisse  gab  die  Krone  ein
Versprechen,  das  kaum  für  eine  Gegenleistung  gelten  konnte,  weil  König
und  Papst  sich  darüber  schon  seit  Jahren  geeinigt  hatten.  Sie  verhieß,  die
bürgerliche  Eheschließung,  die  dem  Monarchen  längst  ein  Greuel  war,  auf
dem  linken  Rheinufer  abzuschaffen;  und  in  der  Tat  legte  sie  im  Frühjahr
1837  dem  rheinischen  Provinziallandtage  einen  Gesetzentwurf  dieses  Inhalts
vor,  die  Stände  beanstandeten  ihn  aber,  zu  Friedrich  Wilhelms  großem
Leidwesen,  weil  die  bürgerlichen  und  die  kirchlichen  Ehegesetze  noch  nicht
im  Einklang  stünden.  Der  Erzbischof  übernahm,  seine  Suffraganen  für
den  geheimen  Vertrag  zu  gewinnen.  Er  brauchte  in  Paderborn  zwei,  in
Münster  drei  Tage,  um  die  kirchlichen  Bedenken  des  Bischofs  zu  über—
winden;  auch  der  greise  Bischof  Hommer  von  Trier  stimmte  zu,  und  der
Abrede  gemäß  erließen  die  vier  Prälaten  hierauf  gleichlautende  Instruk—
tionen  an  ihre  Generalvikariate.  Spiegel  hoffte  auf  die  ausgleichende  Macht
der  Zeit;  er  wollte  die  neue,  milde  übung  sich  erst  eine  Weile  friedlich
einbürgern  lassen  und  dann  zur  guten  Stunde  den  Papst  um  nachsichtige
Genehmigung  bitten.  Er  starb  aber  schon  am  2.  Aug.  1835,  und  nur
wenn  sich  ein  gleichgesinnter  Nachfolger  fand,  konnte  der  so  mühsam,  durch
so  zweideutige  Mittel  gewahrte  Friede  zwischen  Staat  und  Kirche  erhalten
bleiben.

Im  Kultusministerium  ahnte  man  gar  nichts  von  dem  Ernst  der
Lage.  Der  Referent  für  die  katholischen  Kirchensachen,  Geh.  Rat  Schmedding,
  war  unzweifelhaft  ein  preußischer  Patriot,  er  hatte  während  der  napoleonischen
  Zeiten  lockende  Einladungen  der  bergischen  Regierung  ausgeschlagen,
  um  im  Dienste  seines  Königs  von  der  Ems  nach  dem  Pregel  zu
gehen,  was  dem  Westfalen  nicht  leicht  fiel.  Er  bezweifelte  nie,  daß  die
Staatsgewalt  souverän,  der  reine  Dualismus  von  Staat  und  Kirche
unmöglich  sei,  und  bemühte  sich  eifrig,  die  kirchliche  Einsegnung  aller  gemischten
  Ehen  bei  dem  Klerus  durchzusetzen.“)  Gleichwohl  trat  er  mit  den
Jahren  der  mächtig  aufsteigenden  ultramontanen  Partei  immer  näher.
Schmedding  verabscheute  die  vornehmen  geistlichen  Lebemänner  der  alten
Generation  als  „ein  Geschmeiß  verweltlichter  Pfaffen“;  auch  die  Hermesianer
erschienen  ihm  bald  verdächtig,  nur  in  den  Lehren  der  Tübinger  katholischen
Schule,  die  soeben  in  Möhlers  Symbolik  ihr  reifstes  Werk  geschaffen  hatte,
fand  er  noch  unverfälschtechristliche  Wahrheit.  Der  Königbetrachtetehn  nicht
ohne  Argwohn  und  überging  ihn  bei  den  üblichen  Auszeichnungen.“)  Um

 

*)  Schmedding,  Promemoria  über  die  gemischten  Ehen,  12.  Mai  1830.
*“)  Schmedding  an  Altenstein,  5.  Dez.  1819,  23.  Mai  1821,  22.  Jan.  1826.
        <pb n="697" />
        Spiegels  Tod.  Trostes  Ernennung.  689

so  fester  stand  er  in  der  Gunst  seines  Ministers;  er  war  die  Seele  jener
Altensteinschen  Kirchenpolitik,  welche  die  römische  Kirche  nach  streng  katho—
lischen  Grundsätzen  von  Staats  wegen  zu  gängeln  suchte.  Mit  dem  Erzbischof
  Spiegel,  der  ihm  zu  weltlich  schien,  vertrug  er  sich  wenig,  und  in
Bunsen  haßte  er  begreiflicherweise  den  unberufenen  Nebenbuhler.

Durch  wiederholte  Reisen  suchte  er  sich  über  das  Leben  der  katholischen
Kirche  Deutschlands  zu  unterrichten.  Sie  führten  ihn  nach  Bamberg,  wo
er  den  milden  Erzbischof  Frauenburg  als  einen  Freund  Preußens  und  Bewahrer
  des  konfessionellen  Friedens  hochschätzen  lernte  7),  aber  auch  in  seine
Heimat,  nach  Münster.  Hier  fühlte  er  sich  ganz  bezaubert  durch  den
Verkehr  mit  dem  vormaligen  Generalvikar  Clemens  August  Droste-Vischering,
  dem  blindesten  aller  ultramontanen  Eiferer,  dem  einzigen  der  preußischen
  Prälaten,  der  bisher  offene  Auflehnung  gegen  die  Staatsgewalt
gewagt  hatte.  *)  Schon  vor  Jahren,  während  des  Kampfes  zwischen  Droste
und  der  Regierung,  war  Schmedding  der  Meinung  gewesen,  daß  die  Behörden
  zu  weit  gegangen  seien.“)  Als  er  nun  den  frommen  Priester
unter  den  barmherzigen  Schwestern  beten  sah,  als  er  sich  mit  ihm  „über
das  große  Thema  unserer  Zeit,  die  Wechselwirkung  von  Staat  und  Kirche“
unterredete  und  immer  nur  salbungsvolle  Antworten  erhielt,  da  glaubte
er,  dem  Entlassenen  sei  schweres  Unrecht  widerfahren,  und  er  freute  sich,
ihm  mindestens  die  Stelle  eines  Weihbischofs  wieder  verschaffen  zu  können.
Nach  der  Erledigung  des  Gnesener  erzbischöflichen  Stuhles,  im  Jahre
1826,  schlug  er  Droste  unbedenklich  als  Nachfolger  vor,  und  der  Antrag
ward  nur  deshalb  nicht  angenommen,  weil  Altenstein  auf  diese  Stelle  einen
Polen  berufen  wollte.)

Kaum  kam  die  Kunde  von  der  tödlichen  Erkrankung  des  Kölner  Erzbischofs,
  so  entwarf  Schmedding  schon  am  25.  Juli  1835,  noch  bevor  Graf
Spiegel  die  Augen  geschlossen  hatte,  mit  unanständiger  Eile  eine  Denkschrift,
welche  den  Münsterschen  Weihbischof  als  den  einzig  möglichen  Nachfolger
empfahl:  die  preußischen  Bischöfe  seien  allesamt  entweder  ungeneigt  oder
ungeeignet.  Von  den  anderen  deutschen  Prälaten  war  gar  keine  Rede;
dagegen  wurden  Drostes  gottseliger  Sinn,  sein  reiner  Wandel,  seine  Bildung
  an  Geist  und  Herz,  seine  reiche  seelsorgerische  Erfahrung  kräftig  gepriesen
  und  namentlich  hervorgehoben,  wie  er  in  den  letzten  Jahren  „als
ein  Engel  des  Friedens“  nur  für  tätiges  Christentum,  „also  zum  Besten
des  Staates“  gewirkt  habe.  —)  So  sollte  denn  in  einem  Augenblicke  schwieriger
  Verwicklungen  auf  die  erste  geistliche  Stelle  der  Monarchie  gerade  der

 

*)  Schmedding  an  Altenstein,  Bamberg,  29.  Sept.  1828.
S.  o.  III.  216.
*#)  Schmedding  an  Altenstein,  5.  Mai  1818.
4)  Schmedding  an  Altenstein,  2.  Okt.  1826.
)Schmedding,  geheimes  Promemoria,  die  Krankheit  des  Erzbischofs  von  Köln
betr.,  25.  Juli  1835.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  144
        <pb n="698" />
        690  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Mann  berufen  werden,  von  dem  sich  am  sichersten  voraussehen  ließ,  daß
er  jede  berechtigte  oder  unberechtigte  Anforderung  des  Staates  hartnäckig  abweisen
  würde.  Altenstein  aber  eignete  sich  Schmeddings  Vorschläge  wörtlich
an;  nur  den  „Engel  des  Friedens“  und  einige  ähnliche  Lobpreisungen,
die  doch  allzu  abenteuerlich  klangen,  strich  er  behutsam  aus.  Geh.  Rat
Nicolovius  erhob  dann  noch  einige  bescheidene  Einwendungen  wegen  der
mönchischen  Lebensweise  „des  edlen,  ernsten  Mannes,  die  bei  dem  Nachfolger
  eines  Grafen  Spiegel  nicht  wenig  auffallend  sein  würde“;  er  ließ  sich
jedoch  schnell  beschwichtigen.  Als  Vincke,  der  Droste  von  seinen  früheren
Kämpfen  her  kannte,  schwere  Besorgnisse  äußerte,  da  erwiderte  Altenstein,
er  habe  keinen  anderen  Kandidaten  gefunden,  und  schloß  gemütlich:  „der
Himmel  hat  es  bisher  gut  gestaltet,  und  ich  hoffe,  es  soll  auch  fernerhin
gut  gehen.“  7)

Sicherlich  hätte  weder  der  Minister  noch  sein  vortragender  Rat  ohne
höheren  Schutz  einen  so  ungeheuerlichen  Vorschlag  gewagt.  Der  König
alterte,  und  die  künftige  Regierung  warf  schon  ihre  Schatten  in  die  Gegenwart
hinein.  Der  Kronprinz  und  Prinz  Wilhelm  der  Altere  mit  seiner  frommen
Gemahlin  Marianne  hatten  neuerdings  Münster  besucht  und  sich  in  Drostes
Clemens-Hospitale  recht  von  Herzen  erbaut,  seine  Kasteiungen  bewundert,
seine  „Anleitung  zum  inneren  Gebete“,  dieer  für  diebarmherzigen  Schwestern
geschrieben,  wohlgefällig  entgegengenommen;  wie  so  viele  Protestanten  des
Nordostens  glaubten  sie  arglos,  dies  römische  Büßerwesen  sei  der  evangelischen
  Rechtgläubigkeit  verwandt.  Nur  einem  so  musterhaft  frommen
Priester  wollte  der  Kronprinz  den  Kölnischen  Stuhl  anvertrauen;  auch  hielt
er  es  für  eine  Ehrenpflicht  des  preußischen  Thrones,  die  alten  Donherrengeschlechter,
  die  einst  das  stiftische  Deutschland  beherrscht  hatten,  dadurch
zu  entschädigen,  daß  ihre  Söhne  die  großen  Prälaturen  des  Westens  erhielten.
  *)  Damit  war  für  Altenstein,  der  in  kirchlichen  Fragen  dem  Thronfolger
  stets  nachgab,  alles  entschieden.

Um  ganz  sicher  zu  gehen,  ließ  der  Minister  durch  einen  Münsterschen
Dom-Kapitular  anfragen,  ob  Droste  die  mit  Spiegel  getroffene  Übereinkunft
  einhalten  wolle.  Die  Antwort  bewies,  daß  der  beschauliche  Sohn  der
roten  Erde  trotz  seiner  weltverachtenden  Heiligkeit  durchaus  nicht  abgeneigt
  war,  den  Hirtenstab  des  Erzbischofs  zu  ergreifen.  Drost  beteuerte
(5.  Sept.),  er  wünsche  mit  allen  im  Frieden  zu  leben,  die  letzten  Jahre
seines  Lebens  noch  recht  zum  Wohltun  zu  verwenden;  gelange  er  je  zum
bischöflischen  Amte,  so  werde  er  sich  wohl  hüten,  jene  gemäß  dem  Breve  getroffene
  Vereinbarung  anzugreifen,  sondern  sie  im  Geiste  der  Liebe,  der
Friedfertigkeit  anwenden.  Nunmehr  war  Altenstein  beruhigt.  Er  versicherte

 

*)  Nicolovius'  Votum,  11.  Aug.  Altensteins  Antwort,  14.  Aug.  Altenstein  an
Vincke,  30.  Nov.  1835.

**)  Dies  erzählt  u.  a.  der  über  katholische  Dinge  immer  wohl  unterrichtete  Minister
du  Thil.
        <pb n="699" />
        Drostes  erste  Schritte.  691

dem  Monarchen,  dieser  Clemens  August  sei  ungleich  milder  gesinnt  als
sein  älterer  Bruder,  der  Bischof  von  Münster,  Kaspar  Maxs),  und  der
König  erteilte  seine  Genehmigung.  Kardinal  Lambruschini  aber,  der  seinen
Mann  kannte,  sagte  zu  Bunsen,  in  der  unwillkürlichen  Aufwallung  des
ersten  Erstaunens:  „Ist  Ihre  Regierung  toll?“  Und  der  gegen  den  Klerus
immer  nachsichtige  Oberpräsident  Bodelschwingh  meinte,  als  das  Domkapitel
  die  Wahl  vollzogen  hatte:  dies  sei  der  entsetzlichste  und  unverantwortlichste
  Mißgriff.

Ganz  ebenso  blind  und  störrisch,  ganz  ebenso  durchdrungen  von  dem
Bewußtsein  seines  göttlichen  Rechtes  wie  Ernst  August  von  Hannover,  schritt
Droste-Vischering  auf  sein  Ziel  los:  die  weltliche  Gewalt  war  für  ihn
einfach  nicht  vorhanden;  und  wenn  er  auch  weder  mit  der  Verlogenheit
noch  mit  der  Schlauheit  des  Welfen  wetteifern  konnte,  so  zeigte  er  sich  doch
ganz  ebenso  unbedenklich  in  der  Wahl  der  Mittel.  Wie  ward  plötzlich
alles  anders  in  dem  geistlichen  Palaste  bei  St.  Gereon,  sobald  der  neue
Oberhirt  im  Mai  1836  eingezogen  war.  Klösterliche  Stille  herrschte  in  den
Sälen,  wo  vordem  Spiegel  seine  heiteren,  aber  immer  ehrbaren  Gastmahle
gegeben  hatte.  Die  niederen  Kleriker,  die  bei  Spiegel  stets  einer  weltmännisch
  freundlichen  Aufnahme  sicher  waren,  behandelte  Droste  so  streng
und  mürrisch,  daß  sie  bald  klagten,  diese  Härte  widerspreche  den  kanonischen
Vorschriften;  in  der  Regel  durfte  sein  alter  westfälischer  Bedienter  keinen
Besuch  vorlassen.  Die  schöne,  dem  Dom-Kapitel  vermachte  Bibliothek  seines
Vorgängers  ließ  er  schleunigst  aus  dem  Hause  schaffen.  Mit  solcher  heidnischen
  Wissenschaft  wollte  er  nichts  zu  tun  haben;  außer  der  Tabakspfeife
  kannte  er  kein  irdisches  Bedürfnis.  Von  den  höheren  Geistlichen,
die  fast  allesamt  zu  Spiegels  Schule  gehörten,  hielt  sich  Droste  fern.
Sein  vertrauter  Ratgeber  war  der  junge  Kaplan  Michelis,  und  mit  Hilfe
dieses  ultramontanen  Heißsporns  gelang  es  ihm,  seine  Laufbahn  in  kurzen
anderthalb  Jahren  abzuschließen.

Mit  unverhohlener  Schadenfreude  begrüßten  die  belgischen  Blätter,
voran  das  ultramontane  Journal  de  Lièege,  den  Einzug  ihres  Gesinnungsgenossen.
  Gleich  nach  Spiegels  Tode  erschien  das  „Rote  Buch“,  ein  in
den  Kreisen  der  Aachener  Klerisei  entstandenes  Libell,  das  von  lügnerischen
Anschuldigungen  gegen  die  preußische  Krone  überfloß  und  den  Berliner
Staatsmännern  ehrgeizige  Pläne,  welche  ihnen  nur  zu  fremd  waren,  andichtete:
  „Preußen  und  Deutschland  scheinen  ihnen  schon  identisch.“  Als
das  Rote  Buch  in  Preußen  unterdrückt  wurde,  tat  sich  in  dem  belgischen
Städtchen  Sittard,  dicht  an  der  Grenze,  eine  Winkelpresse  auf,  welche
das  verbotene  Werk  nachdruckte  und  außerdem  noch  eine  Menge  aufrührerischer
  Flugschriften  in  der  Rheinprovinz  verbreitete.““)  Die  in  Sittard  ver- 



*)  Dies  rügte  der  König  späterhin,  in  einer  Randbemerkung  v.  Jan.  1838.
7*)  Rochows  Bericht  an  den  König,  24.  Mai  1837.

447
        <pb n="700" />
        692  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

legten  „Winterabend-Unterhaltungen  am  warmen  Ofen“  schilderten  den
Rheinländern,  wie  sie  allesamt  Sklaven  seien,  auf  preußisch  hinters  Licht
geführt,  wie  das  Land  vor  fünfundzwanzig  Jahren  mehr  Kronentaler
besessen  hätte  als  heute  Silbergroschen;  wenn  ein  Protestant  sich  auf  den
Glauben  seiner  Väter  berufe,  so  sei  dies  ganz  das  nämliche,  als  wenn  ein
schlechter  Kerl  sage:  meine  Eltern  waren  auch  schlechte  Kerle.  Dem  evangelischen
  Könige,  der  durch  Seelenverkauf  seine  Schwiegertochter  dem  wahren
Glauben  entfremdet  habe,  wurde  als  leuchtendes  Gegenbild  der  gerechte
katholische  „Kaiser  Fränzel  in  ÖOsterreich“  entgegengestellt.

Dem  wilden  klerikalen  Hasse,  der  sich  in  solchen  Schriften  aussprach,
boten  zunächst  die  Hermesianer  eine  willkommene  Zielscheibe.  Es  rächte
sich  jetzt,  daß  Spiegel,  zu  Altensteins  Leidwesen,  die  Schüler  von  Hermes
parteiisch  begünstigt  hatte.  Die  so  lange  zurückgesetzte  gegnerische  Partei
dürstete  nach  Rache;  sie  wußte,  daß  der  neue  Erzbischof  mit  Spiegel  wie
mit  Hermes  immer  in  Feindschaft  gelebt  hatte.  Er  selbst  berechnete  die
Zahl  der  Hermesianer  unter  dem  Klerus  seines  Erzbistums  auf  mehr
als  fünftausend,  und  dazu  gehörten  fast  alle  die  älteren,  der  Staatsgewalt
gehorsamen  Geistlichen.  Gleichwohl  war  diese  mächtige  Schule  schon  im
Sinken,  ganz  wie  der  alte  Rationalismus  innerhalb  der  evangelischen  Kirche.
Für  die  neuen  Ideen,  welche  die  Romantik  in  der  katholischen  Welt  geweckt
  hatte,  zeigten  die  Hermesianer  kein  Verständnis,  und  je  kräftiger  das
kirchliche  Bewußtsein  sich  wieder  regte,  um  so  weniger  konnte  ihm  eine
Theologie  genügen,  welche  die  römischen  Glaubenssätze  auf  die  rein  protestantische
  Lehre  Kants  zu  stützen  suchte.  Vor  Jahren  schon  hatte  der
ultramontane  Generalvikar  Fonck  in  Aachen  die  Bonner  Theologen  vor
dem  Königsberger  Philosophen  gewarnt,  was  der  Minister  freilich  als  eine
unbefugte  Einmischung  in  die  Wissenschaft  rügte.5)  Neuerdings  führte  die
Aschaffenburger  Kirchenzeitung  einen  heftigen  Federkrieg  gegen  die  Halbheiten
  der  Hermesianer,  und  nach  Hermes'  Tode  (1831)  versuchten  seine
Gegner,  den  römischen  Stuhl  zu  einem  Machtspruche  wider  die  Verstorbenen
  zu  bewegen.  Jarcke  in  Wien  betrieb  die  Denunziation  mit  dem
fanatischen  Eifer  des  Konvertiten,  die  Wiener  Redemtoristen  stellten  sogleich
  eine  Reihe  ketzerischer  Sätze  aus  Hermes'  Schriften  zusammen.  Dann
bereiste  Jarcke  das  Rheinland,  um  neue  Beweismittel  gegen  die  Bonner
Theologenschule  zu  sammeln;  er  beredete  seinen  Gönner  Metternich,  die
Anklage  in  Rom  durch  den  Gesandten  Graf  Lützow,  der  auch  zu  der  klerikalen
  Schar  der  evangelischen  Renegaten  gehörte,  insgeheim  zu  unterstützen.
  Die  Hände  des  Wiener  Hofpublizisten  ließen  sich  überall  spüren;
er  gab  in  diesen  Jahren  dem  Erbprinzen  von  Nassau  politischen  Unterricht,
  und  mit  solchem  Erfolge,  daß  die  Heimat  der  protestantischen  Oranier
nachher  für  lange  Zeit  den  klerikalen  Einflüssen  verfiel.  Nun  wurden  der

 

*)  Fonck  an  Prof.  Seber  in  Bonn,  18.  Juli;  Altenstein  an  Rehsues,  22.  Aug.  1823.
        <pb n="701" />
        Der  hermesianische  Streit.  693

Bonner  Arzt  Windischmann  und  mehrere  deutsche  Theologen  beauftragt,
ihre  Gutachten  dem  heiligen  Stuhle  einzureichen.“)

Graf  Reisach  in  Rom  und  der  Jesuit  Perone  erstatteten  den  Schlußbericht,
  und  im  September  1835,  bald  nach  Spiegels  Ableben,  wurden
die  Hauptsätze  der  Hermesianer  durch  ein  scharfes,  von  Gregor  XVI.  selbst
verfaßtes  päpstliches  Breve  als  der  Ketzerei  verdächtig  (haeresin  sapientes,)
verdammt.  Der  König  von  Preußen  trug  Bedenken,  seine  landesherrliche
Genehmigung  zu  erteilen.  Aber  in  diesem  Zeitalter  der  Offentlichkeit
hatte  das  Schwert  des  placet  längst  keine  Schneide  mehr.  Die  Verordnung
  des  Papstes  erschien  in  der  Aschaffenburger  Kirchenzeitung,  Freund
und  Feind  mußten  mit  der  vollendeten  Tatsache  rechnen.  Groß  war  der
Schrecken  unter  den  gemäßigten  Klerikern.  Bischof  Bausch  in  Limburg
richtete  an  den  Bonner  Braun,  der  mit  seinem  Amtsgenossen  Achterfeldt
für  das  Haupt  der  Hermesianer  galt,  einen  wehmütigen  Trostbrief  und  beteuerte,
  daß  in  seiner  Diözese  Hermes'  Schüler  „sich  durchaus  kirchlich
und  katholisch  benehmen,  sich  durch  einen  gesitteten  Lebenswandel  auszeichnen
und  empfehlen.“  Noch  heftiger  klagte  der  Wiener  Theolog  Pabst  über  dies
Urteil,  das  „unsere  nahe  wissenschaftliche  Ubermacht  über  den  Protestantismus“
  vernichte,  „den  respektabelsten  Teil  der  katholischen  Geistlichen
Deutschlands“  mit  schwerem  Kummer  treffe.“)  Metternich  aber  ermahnte
den  Papst  inständig,  gegen  die  Hermesianer  fest  zu  bleiben.**)  Um  dem
Papste  die  Unschuld  des  verstorbenen  Meisters  zu  erweisen,  ging  Braun
mit  seinem  Freunde  Elvenich  selbst  nach  Rom;  dort  wurden  die  beiden
an  den  Jesuitengeneral  gewiesen  und,  wie  vorauszusehen,  unverrichteter
Dinge  heimgeschickt.  So  mächtig  war  schon  der  Drang  nach  unbedingter
Einheit  in  der  erstarkenden  römischen  Kirche,  so  schwach  die  sittliche  Kraft
einer  wohlmeinenden  Gelehrtenschule,  welche  das  Unversöhnliche  versöhnen
wollte:  nach  kurzer  Frist  unterwarfen  sich  die  Hermesianer  allesamt,  mit
der  einzigen  Ausnahme  von  Braun  und  Achterfeldt.  Ein  Wort  des  Pontifex
  genügte,  um  den  Lehrer,  der  so  lange  im  deutschen  Westen  für  eine
Säule  der  Kirche  gegolten  hatte,  aus  der  Herde  der  Gläubigen  hinauszuweisen.


Daß  die  Krone  sich  in  diesen  rein  dogmatischen  Streit  nicht  einmischen
  durfte,  war  dem  Kultusminister  von  Haus  aus  unzweifelhaft.  Wohl
sprach  er  aus,  in  solchen  Händeln  entlade  sich  nur  der  alte  Haß,  welchen
der  römische  Stuhl  seit  Luthers  Tagen  gegen  die  deutschen  Universitäten
hege;  sein  Wunsch  ging  aber  nur  dahin,  daß  der  Kampf  mit  Ruhe  geführt
werde  und  womöglich  „sich  in  sich  selbst  verblute“,  denn  „theologisch  wahr

 

*7)  Dies  alles  ergab  sich  aus  den  Nachforschungen,  welche  Schmedding  bei  den
Bonner  Professoren  anstellen  ließ.  (Altenstein  an  Rehfues,  3.  Juni  1836;  Schmedding
an  Rehfues,  11.  Febr.,  Rehfues'  Bericht,  21.  Febr.  1837.)

*y)  Bischof  Bausch  an  Braun,  10.  Nov.;  Dr.  Papst  an  Braun,  7.  Okt.  1835.

**")  Metternich,  Weisung  an  Lützow,  10.  Juni  1837.
        <pb n="702" />
        694  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

oder  falsch  könne  von  einer  Staatsentscheidung  nicht  abhängen“.  Auf
keinen  Fall  wollte  er  sich  „einen  Eingriff  der  Staatsgewalt  in  das  Heiligtum
  des  Glaubens  oder  eine  Störung  der  ordnungsmäßigen  Bewegung
der  vorgesetzten  geistlichen  Autorität“  erlauben.“)  Sein  getreuer  Schmedding
  betrachtete  den  Handel  sogar  mit  schlecht  verhehlter  Schadenfreude  und
riet  einem  hermesianischen  Theologen  halb  spöttisch,  „die  Entwicklung  dieser
Tragikomödie  mit  Gelassenheit  abzuwarten.““)  Daher  ließ  Altenstein,  obgleich
  das  Breve  in  Preußen  noch  gar  nicht  veröffentlich  war,  die  beteiligten
  Bonner  Professoren  bei  dem  Kurator  Rehfues  zusammenrufen  und
ihnen  das  Versprechen  abnehmen,  daß  sie  über  Hermes  und  seine  Lehre
in  ihren  Vorlesungen  unverbrüchlich  schweigen  würden.

Weiter  konnte  der  Staat  in  seiner  Nachgiebigkeit  unmöglich  gehen.
Der  Erzbischof  war  befugt,  das  gesamte  innere  Leben  des  Bonner  Konvikts,
  das  amtlich  als  ein  Bestandteil  des  Kölnischen  Priesterseminars  angesehen
  wurde,  zu  leiten,  und  wenn  er  dies  Recht  ebenso  kräftig  handhabte
wie  sein  Vorgänger,  so  ließ  sich  die  hermesianische  Doktrin  aus  dem  theologischen
  Unterricht  kurzerhand  hinausfegen.  Droste  aber  wollte  nicht  bloß
die  Lehren,  sondern  auch  die  Personen  der  verhaßten  Hermesianer  beseitigen.
„Welchen  Weg  ich  einschlage“,  so  schrieb  er  an  Rehfues,  „darüber  bin  ich
mit  mir  noch  nicht  eins.  Das  aber  steht  fest,  daß  ich  das  Einschleichen  der
die  Staaten  so  sehr  beunruhigenden  Demagogie  in  die  Kirche  nicht  dulde
und  von  allen  katholischen  Priestern  meiner  Diözese,  welche  Stellung  immer
sie  einnehmen  mögen,  in  kirchlichen  Dingen  Gehorsam  fordere,  weil  ich
solchen  fordern  muß  und  sie  solchen  leisten  müssen.“  Als  ihn  Altenstein
wegen  eines  belgischen  Zeitungsartikels,  der  nur  aus  der  Kölnischen  Kanzlei
herrühren  konnte,  zur  Rede  stellte,  da  erwiderte  er  grob:  „Kaplan  Michelis
hat  Feinde,  doch  gewiß  keine  anderen  als  jene  Hermesianer,  deren  Dünkel
nicht  mit  seiner  Bescheidenheit  harmoniert.“  Es  war,  als  ob  er  Händel
suchte,  und  der  sanftmütige  Minister  bemerkte  zu  dem  Schreiben:  „dieser
Ton  kann  sehr  weit  führen,  und  es  ist  daher  die  Frage,  was  zu  tun.“)

Offenbar  beabsichtigte  der  Erzbischof,  das  Bonner  Konvikt,  das  die
Theologen  doch  in  einigen  Verkehr  mit  der  weltlichen  Wissenschaft  brachte,
ganz  zu  zerstören.  Früher,  schrieb  er  dem  Minister,  wurde  die  Theologie
hier  im  Kölnischen  Seminar  gelehrt;  „da  lernten  die  Alumnen  gewiß  nicht
so  viel  Vernunftbeweise,  aber  sie  lernten  Dogmatik,  Moral  usw.,  lernten
Theologie,  lernten,  was  sie  gebrauchen  können,  und  ich  danke  Gott,  daß  ich
noch  Geistliche  aus  dieser  Zeit  in  der  Erzdiözese  habe./F)  Er  wollte  weder
die  Bonner  Theologen  persönlich  vernehmen,  wie  Rehfues  ihm  vorschlug,

 

*)  Altenstein  an  Rehfues,  29.  Juni,  27.  Okt.  1836,  8.  Febr.  1837.
**)  Schmedding,  8.  März  1836,  an  einen  hermesianischen  Geistlichen,  dessen  Namen
ich  nicht  kenne.
*??*)  Droste  an  Rehfues,  6.  April  1837;  an  Altenstein,  16.  Dez.  1836.
7)  Droste  an  Altenstein,  22.  Dez.  1836.
        <pb n="703" />
        Droste  und  das  Bonner  Konvikt.  695

noch  einen  Kommissär  in  ihre  Kollegien  schicken,  denn  sie  würden  sich  nur
verstellen;  auch  das  streng  römische  Liebermannsche  Kompendium  nützenichts
als  Leitfaden  für  die  Vorlesungen,  da  die  Professoren  doch  nach  Belieben
darüber  redeten.  Während  er  also  sein  unbestrittenes  Aufsichtsrecht  auszuüben
  geflissentlich  verschmähte,  griff  er,  wie  um  die  Staatsgewalt  zu  verhöhnen,
  zu  gesetzwidrigen  Mitteln.  Zunächst  verbot  er  ein  Heft  der  von
den  Bonner  Hermesianern  herausgegebenen  Theologischen  Zeitschrift,  obgleich
  er  wissen  mußte,  daß  den  Bischöfen  nur  die  Zensur  über  Erbauungsschriften
  zustand.  Sodann  befahl  er  durch  den  Domdechanten  den  Bonner
Geistlichen,  ihren  Beichtkindern  das  Lesen  hermesianischer  Schriften  und  den
Besuch  hermesianischer  Vorlesungen  zu  verbieten.  Die  päpstliche  Verfügung
gilt,  so  schrieb  er,  und  niemand  darf  sich  damit  entschuldigen,  daß  sie  noch
nicht  veröffentlicht  ist,  weil,„wofern  jene  Entschuldigung  wirklich  entschuldigend
wäre,  die  weltliche  Macht  es  durchaus  in  ihrer  Gewalt  hätte,  die  Wirksamkeit
  des  vom  Heiland  angeordneten  centri  unitatis  völlig  zu  hemmen,
was  freilich  den  Hermesianern,  wie  allen  Sektierern,  die  sich  nur  vermittelst
der  weltlichen  Gewalt,  welche  niemals  in  Beziehung  auf  Gegenstände  vorliegender
  Art  Richter  sein  kann,  mithin,  sobald  sie  teilnimmt,  Partei  ist,
halten  können,  nicht  unlieb  sein  dürfte.“  Der  Stil  seiner  Briefe  entsprach
immer  genau  dem  rohen,  zänkischen  Inhalt  und  der  Plumpheit  der  Schriftzüge.
  Die  natürliche  Folge  jener  Verfügung  war,  daß  im  Konvikt  alle
Bande  der  Zucht  zerrissen;  die  Studenten  spalteten  sich  in  Parteien  und
denunzierten  ihre  Lehrer  bei  dem  Erzbischof,  der  solche  Anzeigen  unbedenklich
annahm.  Als  ihm  im  Sommer  1837  der  Lektionskatalog  für  das  nächste
Semester  vorgelegt  wurde,  strich  er  ohne  weitere  Nachfrage  sämtliche
theologische  Vorlesungen  aus;  nur  der  klerikale  Professor  Klee  durfte  Kolleg
halten.  Damit  war  die  zum  Besten  der  rheinischen  Kirche  errichtete  königliche
  Stiftung  zerstört;  die  Mehrzahl  der  Studenten  verließ  das  Konvikt
und  suchte  im  Kölner  Seminar  unterzukommen.  Endlich  ließ  Droste  seinen
jungen  Klerikern  noch  achtzehn  Thesen  zur  Unterschrift  vorlegen.  Die  letzte
der  Thesen  stellte  rundweg  jedes  Aufsichtsrecht  des  Staates  in  Abrede,  sie
enthielt  das  Versprechen,  daß  man  von  dem  Erzbischofe  nur  an  den  Papst
appellieren  wolle,  und  widersprach  so  unzweifelhaft  den  preußischen  Gesetzen,
daß  selbst  der  klerikale  Jurist  Walter,  amtlich  befragt,  sie  für  bedenklich
erklärte.  —

Dennoch  wollte  die  langmütige  Regierung  den  widersetzlichen  Prälaten
  schonen;  erst  der  wieder  ausbrechende  ernstere  Streit  um  die  gemischten
  Ehen  zwang  sie  zum  Bruche.  Kurz  bevor  Droste  sein  Amt  antrat,
  veröffentlichte  ein  klerikales  belgisches  Blatt  den  Hauptinhalt  jener
von  den  Bischöfen  an  die  Generalvikariate  erlassenen  geheimen  Instruktion;
die  Angaben  waren  im  wesentlichen  richtig,  nur  glaubte  der  anonyme  Einsender,
  das  Aktenstück  sei  eine  Weisung  Spiegels  an  seine  Suffraganen.
Welch  eine  Genugtuung  für  den  römischen  Stuhl.  Da  er  selbst  bei  allen
        <pb n="704" />
        696  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

seinen  diplomatischen  Verhandlungen  Hintergedanken  hegt  und  hegen  muß,
so  gereicht  es  ihm  stets  zur  besonderen  Freude,  wenn  er  einmal  auch  die
weltliche  Gewalt  auf  Schleichwegen  antrifft.  Mit  hoher  sittlicher  Ent—
rüstung  fragte  Kardinal  Lambruschini  den  preußischen  Gesandten  (15.  März
1836),  ob  diese  Weisung  nicht  den  Vorschriften  des  Breves  offenbar  zuwiderlaufe.
  Zugleich  sprach  er  die  Hoffnung  aus,  ein  päpstlicher  Nuntius
in  Berlin  könne  die  Wiederkehr  solcher  Irrungen  leicht  verhindern.  Dieser
letztere  Wunsch  wurde  sofort  entschieden  zurückgewiesen.  Auf  keinen  Fall
wollte  der  König  in  seiner  Hauptstadt  einen  römischen  Prälaten  dulden,
um  den  sich  die  Oppositionspartei  des  polnischen  und  westfälischen  Adels
vielleicht  versammeln  konnte;  Ancillon  meinte  sogar,  kein  souveräner  Staat
dürfe  einen  solchen  diplomatischen  Vertreter  einer  Kirchengemeinschaft  zulassen.
  Ebenso  offen  mußte  der  preußische  Hof,  wenn  er  richtig  rechnete,
auch  die  erste  Anfrage  wegen  der  Instruktion  beantworten.  Das  Geheimnis
  war  verraten,  und  nun  blieb  nur  übrig,  dem  Papste  ehrlich  herauszusagen:
  da  er  über  das  rätselhafte  Breve  keine  genügende  Erklärung
hätte  abgeben  wollen,  so  sei  die  Krone  genötigt  gewesen,  sich  mit  ihren
Landesbischöfen  zu  verständigen.  Bunsen  aber  dachte  auch  jetzt  noch  mit
seinen  beliebten  kleinen  Mitteln  durchzukommen  und  erlaubte  sich  eine
ebenso  unwürdige  als  törichte  Sophisterei.

In  seiner  Antwort  vom  16.  April  beteuerte  er  feierlich,  niemals  habe
Spiegel  eine  solche  Weisung  erlassen.  Die  Versicherung  war  buchstäblich
wahr,  der  Sache  nach  grundfalsch,  und  sie  ward  dadurch  nicht  edler,  daß
ein  Schwall  frommer,  tugendhafter  Redensarten  darauf  folgte;  in  solchen
Künsten  diplomatischer  Kanzelberedsamkeit  durfte  es  der  deutsche  Theolog
mit  dem  Kardinal  wohl  aufnehmen.  Was  nicht  ausbleiben  konnte,  geschah.
  Die  Kurie  ließ  unter  der  Hand  durch  ihre  Getreuen  am  Rhein
weitere  Nachforschungen  anstellen,  und  als  im  November  der  ehrwürdige
Bischof  von  Trier  auf  dem  Todesbette  lag,  unterschrieb  er,  wahrscheinlich
durch  seine  geistlichen  Umgebungen  überredet,  einen  reuigen  Brief,  der  den
heiligen  Vater  um  Verzeihung  bat  wegen  jener  geheimen  Instruktion.
Bald  darauf  kannte  der  römische  Stuhl  schon  den  vollständigen  Wortlaut
der  Vereinbarung  zwischen  Spiegel  und  Bunsen.  In  welchem  Lichte  stand
nun  Preußens  Krone  da!  Dank  den  Mißgriffen  ihres  römischen  Gesandten
geriet  diese  bei  allen  ihren  Schwächen  durchaus  ehrliche  Regierung  in
den  Ruf  der  Verräterei,  und  solche  Nachrede  war  nirgends  gefährlicher
als  am  Rhein,  wo  alle  Schoppenstecher  sich  längst  gewöhnt  hatten,  die
albernen  Witze  über  die  preußischen  Pfiffe  und  Kniffe  nachzusprechen.  Jetzt
schimpften  die  Rheinländer  auf  den  Lug-Bunsen  und  sagten:  wenn  er
weint,  dann  lügt  er!

Wer  hätte  nach  solchen  Erlebnissen  den  Erzbischof  zurückhalten  können
auf  seiner  abschüssigen  Bahn?  In  Köln  wie  einst  in  Münster  befahl  er  seinen
Geistlichen  ganz  unbedenklich,  keine  gemischte  Ehe  ohne  das  Versprechen
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        Bunsens  Ableugnungen.  Die  gemischten  Ehen.  697

katholischer  Kindererziehung  einzusegnen,  und  dem  Papste  gab  er  schon  im
September  1836  die  Zusage,  daß  er  dem  Breve  unverbrüchlich  nachkommen
werde.  Als  die  Regierung  ihm  vorhielt,  er  habe  doch  feierlich  gelobt,  die
Instruktion  im  Geiste  der  Liebe  zu  befolgen,  da  erteilte  er  die  uner—
wartete  Antwort,  diese  Instruktion  hätte  er  gar  nicht  gekannt.  Diese  in
jedem  anderen  Munde  lächerliche  Versicherung  wurde  von  der  Regierung
selbst  nicht  in  Zweifel  gezogen;  bei  dem  blinden  Fanatiker  war  vieles
möglich,  was  klügere  Männer  nie  gewagt  hätten.  Droste  lebte  ganz  in
kirchlichen  Vorstellungen  und  verachtete  von  Grund  aus  die  Staatsgewalt
des  protestantischen  Königs;  also  blieb  immerhin  denkbar,  daß  er  es  wirk—
lich  nicht  der  Mühe  wert  gehalten  hatte,  die  Instruktion,  deren  Befolgung
er  heilig  angelobte,  auch  nur  eines  Blickes  zu  würdigen.  Nach  den  ge—
wöhnlichen  Ansichten  menschlicher  Rechtschaffenheit  war  er  freilich  ver—
pflichtet,  seine  Würde  niederzulegen,  wenn  er  die  Bedingungen  nicht  zu
halten  vermochte,  unter  denen  sie  ihm  anvertraut  war.  Aber  wie  konn—
ten  solche  weltliche  Ehrbegriffe  den  Hochmut  des  Prälaten  beirren?  Wie
er  die  Dinge  ansah,  verdankte  er  sein  Amt  allein  der  Gnade  Gottes  und
des  heiligen  Stuhles;  daß  die  weltliche  Gewalt  dabei  auch  nur  mitgeredet
hatte,  erschien  ihm  schon  als  frevelhafte  Usurpation.  Dem  Minister  Rochow
erwiderte  er  trocken:  die  Kirche  sei  dem  Staate  gleichgeordnet,  jedes  Auf—
sichtsrecht  der  Staatsgewalt  unnütz  und  unbefugt;  über  Bildung,  Anstel—
lung,  Absetzung  der  Geistlichen  wie  der  theologischen  Professoren  habe  der
Bischof  allein  zu  entscheiden;  das  Konvikt  müsse  nach  Köln  verlegt  und
dort  auch  ein  erzbischöfliches  Knabenseminar  errichtet  werden.  Das  alles
im  Namen  der  katholischen  Kirchenfreiheit.

So  warf  er  kurzerhand  alle  Kirchengesetze  der  Monarchie  über  den
Haufen,  und  schon  im  Frühjahr  1837  ließ  der  preußische  Hof  der  Kurie
mitteilen,  daß  er  sich  vielleicht  gezwungen  sehen  würde,  den  Unbelehr—
baren,  der  freilich  nur  durch  die  Torheit  der  Regierung  sein  Amt  erlangt
hatte,  wieder  zu  entfernen.  Der  Sommer  verlief  über  vergeblichen  Vermitt—
lungsversuchen.  Umsonst  ging  Kardinal  Capaccini  nach  Köln,  ein  Kirchen—
fürst  von  milder  Gesinnung,  der  allerdings  kein  zuverlässiger  Bundes—
genosse  der  evangelischen  Krone  sein  konnte.  Nachher,  im  September,  suchten
auch  der  aus  Rom  herbeigerufene  Bunsen  und  Graf  Anton  Stolberg  „dem
versteinerten  Prälaten“  ins  Gewissen  zu  reden  und  ihm  zu  zeigen,  daß  er
entweder  sein  Amt  aufgeben  oder  die  Staatsgesetze,  die  er  förmlich  aner—
kannt  habe,  befolgen  müsse.“)  Alles  vergeblich.  Am  31.  Oktober  schrieb
Droste  dem  Minister:  an  die  Instruktion  halte  er  sich  nicht  gebunden,  so—
fern  sie  dem  Breve  widerspreche.  Eine  solche  Widersetzlichkeit  durfte  der
Staat  nicht  dulden.  Eine  Revolution  wünschten  die  Rheinländer  freilich
nicht,  sie  wußten  trotz  aller  Schmähungen  nur  zu  wohl,  wie  viel  sie  dem

 

7)  Berichte  an  den  König,  von  Bunsen,  15.,  23.  Sept.,  von  Stolberg,  20.Sept.  1837.
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        698  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

preußischen  Staate  verdankten.  Aber  ernste  Ruhestörungen  schienen  aller—
dings  zu  befürchten.  Ein  am  Tore  des  Doms  angeschlagener  Aufruf
mahnte  die  rheinischen  Katholiken,  das  protestantische  Joch  abzuschütteln,
die  belgischen  Emissäre  trieben  überall  ihr  Unwesen,  und  Droste  selbst
nahm  keinen  Anstand,  den  Kölnern  durch  die  Pfarrer  mitzuteilen,  daß  er
die  Rechte  der  Kirche  gegen  die  Anschläge  der  weltlichen  Gewalt  verteidigen
  wolle.  Sollte  man  warten,  bis  diese  Aufwiegelung  ihre  Früchte
trug?  Der  Oberpräsident  Bodelschwingh  versicherte  bestimmt,  daß  Droste
beabsichtige,  sich  im  Ornate  vor  dem  Hochaltare  des  Domes  gefangen
nehmen  zu  lassen,  um  dergestalt  das  der  Kirche  allezeit  vorteilhafte  Martyrium
  mit  geistlichem  Pomp  zu  vollenden.

Am  14.  November  wurde  ein  großer  Ministerrat  unter  dem  Vorsitze
  des  Königs  abgehalten.  Bunsen  wohnte  der  Beratung  bei.  Er  war,
gleich  seinem  Gönner,  dem  Kronprinzen,  zu  jeder  möglichen  Nachgiebigkeit
bereit  und  hatte  soeben  erst  durchgesetzt,  daß  jene  unbillige  alte  Verordnung,
  welche  die  Soldaten  allesamt  zum  Besuch  der  evangelischen  Kirchenparaden
  verpflichtete,  vom  Könige  aufgehoben  wurde;  aber  nach  allem,
was  geschehen,  glaubte  er  in  Rom  nichts  mehr  erreichen  zu  können,  wenn
nicht  der  Staat  zuvor  durch  Taten  sein  Ansehen  gewahrt  habe.  Dahin
war  es  gekommen  —  so  sagte  selbst  der  Freund  des  Kronprinzen,  Anton
Stolberg  —  „daß  sich  einfach  die  Frage  stellte,  ob  der  König  oder  der
Erzbischof  das  Ruder  der  Regierung  führen  solle.“)  Demnach  beschlossen
die  Minister,  den  Erzbischof  aus  seiner  Diözese  zu  entfernen,  wenn  er
sein  Amt  nicht  freiwillig  niederlege;  er  sollte  in  seine  Münstersche  Heimat,
  oder  falls  er  sich  hartnäckig  widersetze,  nach  einem  festen  Platze  abgeführt
  werden.*)  Der  Befehl  wurde  am  20.  November  durch  Bodelschwingh
  und  General  Pfuel  gewandt,  ohne  unnütze  Härte  ausgeführt;
Droste  verblieb  vorläufig  auf  der  Festung  Minden,  da  er  nicht  in  seine
Heimat  gehen  wollte.  Unzweifelhaft  gebrauchte  die  Krone  nur  ihr  gutes
Recht.  Da  die  altpreußische  Gesetzgebung  für  politische  Vergehen  auch
im  Rheinlande  galt,  so  war  der  König  ebenso  befugt  den  widersetzlichen  Erzbischof
  durch  einen  Verhaftsbefehl  unschädlich  zu  machen,  wie  einst  Friedrich
  der  Groß  von  Rechts  wegen  die  Fürstbischöfe  Sinzendorf  und  Schaffgotsch
  aus  Breslau  hatte  entfernen  lassen.  Aber  die  Zeit  war  verwandelt.
Dies  Recht  der  absoluten  Krone  lebte  nicht  mehr  im  Rechtsbewußtsein  des
Volkes,  sondern  erschien  bereits  als  Willkür;  und  was  noch  übler  war,
die  öffentliche  Meinung  mußte  glauben,  daß  der  Staat  katholische  Priester
zur  Spendung  des  Sakraments  der  Ehe,  das  die  Kirche  doch  nur  nach
ihrem  eigenen  Ermessen  gewähren  oder  versagen  kann,  durch  zwingenden
Befehl  nötigen  wolle.

 

*)  Stolberg  an  Cuny,  16.  Dez.  1837.
**)  Kabinettsordre  an  Bodelschwingh,  15.  Nov.  1837.
        <pb n="707" />
        Drostes  Abführung.  Die  Allokution.  699

Diesen  Vorteil  konnte  sich  die  Kurie  unmöglich  entgehen  lassen,  und
was  ihr  die  diplomatische  Klugheit  gebot,  befriedigte  zugleich  ihren  unauslöschlichen
  Haß.  Wohl  war  der  preußische  Staat  am  frühesten  unter  allen
protestantischen  Mächten  der  römischen  Kirche  gerecht  worden.  Dennoch
blieb  er  dem  Papsttum  der  Todfeind,  der  Hort  und  Halt  des  Protestantismus,
  seine  Krone  ruht  auf  einem  säkularisierten  Kirchenlande;  und  bot
sich  die  Gelegenheit,  das  Vaterland  Martin  Luthers  in  seinem  politischen
Kerne  anzugreifen,  dann  mußten  alle  die  so  lange  verhüllten  Empfindungen
des  Vatikans  zu  Tage  treten.  Sofort  nach  den  ersten  Kölnischen  Nachrichten
  versammelte  Gregor  die  Kardinäle,  ohne  auch  nur  die  ihm  aus
Berlin  zugesagten  näheren  Mitteilungen  abzuwarten,  und  sagte  am
10.  Dez.  in  einer  grimmigen  Allokution:  „Was  niemand  sich  vorstellen
oder  aussinnen  konnte,  was  auch  nur  leichthin  zu  mutmaßen  ein  Verbrechen
  gewesen  wäre,  das  ist  auf  wohlberechneten  Antrieb  der  weltlichen
Gewalt  geschehen.“  Darum  erhob  er  seine  Stimme,  „um  die  verletzte  kirchliche
  Freiheit,  die  verhöhnte  bischöfliche  Würde,  die  mit  Füßen  getretenen
Rechte  der  katholischen  Kirche  und  dieses  heiligen  Stuhles  öffentlich  klagend
zurückzufordern“.  Ein  Ton  urkräftigen  Behagens  klang  durch  diese  Verwünschungen;
  jedermann  fühlte,  hier  sprach  das  Herz  des  christlichen
Pontifex.  Seit  der  Wiederherstellung  des  Kirchenstaates  geschah  es  zum
ersten  Male,  daß  die  Kurie  einen  mächtigen  Staat  also  zu  beleidigen  wagte;
und  da  das  leere  Pathos  der  Allokutionen  noch  nicht,  wie  unter  Gregors
Nachfolger,  durch  beharrliche  Wiederholung  vernutzt  war,  so  hallten  die
Flüche  des  Papstes  weithin  in  der  katholischen  Welt  wieder.

Auf  solche  Beschimpfungen  gab  es  nur  eine  Antwort.  Die  Krone
Preußen  mußte  ihren  Gesandten  aus  Rom  abberufen  und,  ohne  den
Vatikan  eines  Wortes  zu  würdigen,  sofort  die  bürgerliche  Eheschließung
einführen  —  ein  entscheidender  Schlag,  worauf  man  in  Rom  am  wenigsten
gefaßt  war.  Dann  bot  die  Lage  des  verwaisten  Erzbistums  wenig  Schwierigkeiten.
  Die  Mehrheit  des  Kölner  Domkapitels  war  hermesianisch  gesinnt
und  folgte  den  Ratschlägen  jenes  Kapitulars  München,  welcher  einst  die
kunstvolle  Auslegung  des  Breves  verfaßt  hatte.  Das  Kapitel  übernahm
auf  Verlangen  der  Staatsgewalt  unbedenklich  die  vorläufige  Verwaltung
der  Diözese,  wählte  den  Domkapitular  Hüsgen  zum  Generalvikar  und  beschwerte
  sich  bei  der  Kurie,  natürlich  nicht  ohne  die  herkömmlichen  Wehklagen
über  die  Härte  des  gefangenen  Erzbischofs.  Ein  scharfer  Verweis  des
Papstes  hatte  keine  fühlbaren  Folgen.  Als  der  Nuntius  Spinelli  in  Brüssel
versuchte  die  Wahl  Hüsgens  für  unkanonisch,  seine  Fastenindulte  für  nichtig
zu  erklären,  da  schritt  der  König  mit  einem  scharfen  Verbote  ein,  und
die  Kurie  erwiderte  verlegen,  Spinelli  habe  ohne  Auftrag  gehandelt.)  Auch
die  Vorlesungen  am  Bonner  Konvikt  durften,  mit  Erlaubnis  des  Dom- 



*)  Rochows  Bericht  an  den  König,  5.  Apr.;  Kabinettsordre  v.  9.  Apr.  1838.
        <pb n="708" />
        700  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

kapitels,  wieder  eröffnet  werden,  da  die  Hermesianer  sich  der  dogmatischen
Entscheidung  des  Papstes  unterwarfen.*)  So  ließen  sich  die  Zustände  in
der  Erzdiözese  wohl  noch  eine  gute  Weile  hinhalten,  wenn  nur  der  Stein
des  Anstoßes,  der  Streit  um  die  gemischten  Ehen,  aus  dem  Wege  geräumt
wurde.

Die  Regel  der  kirchlichen  Eheschließung  wurde  in  einem  paritätischen
Staate  schlechterdings  unhaltbar,  sobald  die  Eintracht  zwischen  Papst  und
Krone  aufhörte.  Hielt  der  Staat  auch  dann  noch  an  dieser  Vorschrift  fest,  so
blieb  ihm  nur  die  Wahl,  ob  er  die  Gewissen  der  katholischen  Priester  tyrannisch
mißhandeln  oder  seine  eigenen  Gesetze  der  Willkür  der  Landesbischöfe  unterwerfen
  wollte.  Dem  preußischen  Hofe  und  der  Lehre  vomcchristlichen  Staate,
wie  sie  in  Berlin  aufgefaßt  wurde,  war  diese  Einsicht  fremd;  die  Frage  lag
überhaupt  noch  außerhalb  des  Ideenkreises  der  Zeit.  Kein  einziger  unter  den
unzähligen  Schriftstellern,  welche  den  Kölner  Bischofsstreit  besprachen,  erörterte
  die  Bedeutung  der  bürgerlichen  Ehe  mit  eindringlicher  Sachkenntnis.
Der  König  hielt  also  die  Fortdauer  der  kirchlichen  Eheschließung  für  ganz
selbstverständlich.  Nun  sah  er  seine  katholischen  Untertanen  von  schweren
Gewissensbedenken  gepeinigt,  und  er  mußte  anerkennen,  daß  die  bürgerliche
  Ordnung,  trotz  der  starken  Aufregung,  welche  namentlich  die  Frauen
ergriffen  hatte,  in  den  Rheinlanden  fast  ganz  ungestört  blieb.  Die  Gewissen
  zu  bedrängen  war  ihm  ja  niemals  in  den  Sinn  gekommen,  er
hatte  nur  nach  seiner  königlichen  Pflicht  die  freche  Verhöhnung  der  Landesgesetze
  verhindern  wollen.  Um  die  erregten  Gemüter  zu  beschwichtigen,
unterzeichnete  er  also  am  28.  Jan.  1838  eine  Kabinettsordre,  welche  in
milden  Worten  aussprach,  den  Geistlichen  sei  nur  untersagt,  „sich  ein
förmliches  Versprechen  für  die  Erziehung  der  Kinder  in  der  katholischen
Religion  geben  zu  lassen“;  bescheidene  Erkundigungen  blieben  den  Priestern
unverwehrt,  und  in  zweifelhaften  Fällen  sollten  die  Bischöfe  entscheiden,
„ohne  daß  ein  Verfahren  bei  den  Staatsbehörden  stattfände“.  Dieser
offenbar  wohlgemeinte  Erlaß  war  doch  nichts  anderes  als  ein  vollständiger
Rückzug  der  Staatsgewalt;  er  bewies  nur,  wie  wenig  man  in  Berlin  den
Sinn  des  Streites  zwischen  dem  souveränen  Staate  und  der  kirchlichen
Herrschsucht  verstand.  Den  Bischöfen  blieb  fortan  die  letzte  Entscheidung
über  die  gemischten  Ehen  vorbehalten.  Mehr  wollte  ja  Droste  selbst  nicht;
warum  hielt  man  also  den  ultramontanen  Heißsporn  noch  gefangen?

Noch  weit  schwerer  als  durch  diesen  Rückzug  ward  das  Ansehen  der
preußischen  Krone  durch  die  unglaubliche  Torheit  ihrer  Diplomaten  in
Rom  geschädigt.  Lambruschini  scheute  sich  nicht,  die  Allokution  dem  Legationsrat
  von  Buch,  der  den  abwesenden  Gesandten  vertrat,  zu  übersenden
—  eine  neue,  mutwillige  Beleidigung,  da  die  wutschnaubende  Anrede
des  Papstes  gar  nicht  an  den  preußischen  Hof  gerichtet  war.  Buch  war  ein

 

*)  Protokoll  des  Domkapitels,  27.  Nov.  1837.
        <pb n="709" />
        Rückzug  des  Staates.  Bunsen  in  Wien.  701

wackerer  märkischer  Edelmann,  so  durchaus  ehrlich,  daß  die  geriebenen
Monsignori  des  Vatikans  quello  barone  tedesco  als  eine  römische  Merk—
würdigkeit  betrachteten;  wie  die  meisten  seiner  brandenburgischen  Landsleute
hatte  er  vom  katholischen  Wesen  schlechterdings  keinen  Begriff  und  verwech—
selte  die  gewaltige  moralische  Kraft  dieser  Weltkirche  arglos  mit  der  lächerlichen
  Schwäche  des  Kirchenstaates.  In  seiner  Erwiderung  auf  die  Mitteilung
  des  Kardinal-Staatssekretärs  (12.  Dez.)  bedauerte  er  höflich,  daß  der
Papst  so  vorschnell  gehandelt  habe,  und  sprach  zugleich  die  Hoffnung  aus,
bei  besserer  Kenntnis  der  Tatsachen  „werde  der  römische  Hof  wohl  sein
Urteil  über  die  fragliche  Angelegenheit  berichtigen  und,  dem  Wunsche  der
königlichen  Regierung  willfahrend,  ihr  seinen  Beistand  leihen,  um  eine
geregelte  Verwaltung  im  Kölner  Bistum  herzustellen“.  Nach  erneuter
Prüfung  fand  er  diese  Antwort  doch  selbst  fragwürdig.  Er  sendete  Abschrift
  nach  Berlin  und  fügte  unschuldig  hinzu:  Meine  Erwiderung  wird
vielleicht  zu  schwach  scheinen;  aber  „die  Ehre  des  Königlichen  Gouvernements
  kann  schwerlich  darunter  leiden,  da  das  Benehmen  Preußens,  einem
so  ohnmächtigen  Gegner  wie  dem  päpstlichen  Hofe  gegenüber,  wohl  nie  als
ein  Zeichen  von  Furcht  und  Schwäche,  sondern  als  ein  Beweis  von  weiser
Mäßigung  betrachtet  werden  kann“.  Was  half  es,  daß  Minister  Werther
dem  gutmütigen  Geschäftsträger  nachträglich  einen  Verweis  erteilte?5)  Die
Kardinäle  erzählten  sich  triumphierend,  daß  Preußen  auf  grobe  Beschimpfungen
  mit  Höflichkeiten,  ja  mit  einer  Bitte  geantwortet  hatte.
Währenddem  reiste  Bunsen  auf  seinen  römischen  Posten  zurück.  So
wenig  kannten  die  Minister  den  Vatikan:  sie  ahnten  gar  nicht,  wie  der
römische  Stuhl  die  Verhaftung  des  Erzbischofs  aufnehmen  mußte,  und  da
der  Gesandte  noch  immer  seine  alte  stolze  Zuversicht  zur  Schau  trug,  so
begriffen  sie  nicht  einmal,  daß  Bunsen  nach  den  Enthüllungen  der  jüngsten
Monate  in  Rom  ein  unmöglicher  Mann  war.  Er  erhielt  Befehl,  die  Kurie
über  das  Verfahren  des  Königs  aufzuklären  und  mit  ihr  wegen  der  Wiederbesetzung
  des  Kölner  Stuhles  zu  verhandeln.  Ausdrücklich  ward  beschlossen,
„daß  auf  keine  Weise  je  wieder  an  ein  Abfinden  mit  dem  Erzbischof  und  an
ein  Wiederzulassen  desselben  in  seine  Wirksamkeit  zu  denken  sei.“  *)  Bunsen
nahm  den  Weg  über  Wien.  Dort  hatte  er  mit  Metternich  mehrere  lange
Unterredungen  und  mit  gewohnter  Selbstgefälligkeit  bildete  er  sich  wieder
ein,  den  Fürsten  fast  ganz  gewonnen  zu  haben.  Allerdings  befand  sich
der  Österreicher  in  einiger  Verlegenheit,  da  der  Preuße  ganz  bestimmt
versicherte,  Droste  würde  den  Kölner  Dom  niemals  wiedersehen.  Gegen
den  erklärten  Willen  des  befreundeten  Königs  von  Preußen  offen  vorzugehen,
  wagte  Metternich  nicht.  Wer  aber  den  Wiener  Hof  und  die  dort

 

*)  Buch  an  Lambruschini,  12.  Dez.  Buchs  Bericht  an  Werther,  14.  Dez.;  Werther,
Weisung  an  Bunsen,  29.  Dez.  1837.
**)  Bunsens  Denkschrift  über  die  Ministerkonferenzen  v.  9.  u.  10.  Nov.  1837.
        <pb n="710" />
        702  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

herrschende  klerikale  Gesinnung  näher  kannte,  mußte  sofort  bemerken,  daß
der  Staatskanzler  mit  allen  seinen  Wünschen  auf  seiten  der  Kurie  stand.
Seine  Gemahlin  Melanie,  die  Erzherzogin  Sophie  und  die  beiden  Kaiserinnen
  ergingen  sich  in  Wehklagen  über  die  Leiden  des  Kölnischen  Märtyrers.
Der  bisher  sehr  geringschätzig  behandelte  belgische  Gesandte  O'Sullivan
erlangte  plötzlich  hohe  Gunst  bei  dem  stolzen  kaiserlichen  Hofe,  weil  Belgien
die  feste  Burg  der  klerikalen  Partei  war.)

An  Maltzan  richtete  Metternich  bald  nach  Bunsens  Abreise  ein  langes
Schreiben  über  die  Kölnischen  Händel  (19.  Dez.)  und  schlug  darin  jenen
orakelhaften  Ton  an,  der  ihm  immer  zu  Gebote  stand,  wenn  er  seine  Gedanken
  verbergen  wollte:  „Dort,  wo  Krieg  im  echten  Sinne  des  Worts
möglich  ist,  stehen  die  Sachen  stets  weniger  böse,  als  dies  der  Fall  ist,  wo
sich  Gewalten  verzanken,  welchen  das  Schlachtfeld,  das  materielle  nämlich,
nicht  zu  Gebote  steht.  Krieg  kann  allerdings  aus  solchem  Gewebe  werden,
aber  den  führen  sonach  dritte.  JIch  fühle,  verzeihen  Sie  mir  den
Ausdruck,  die  Zukunft  in  der  Gegenwart  und  gebe  mich  sonach  mit  der
letzteren  nur  in  deren  direkten  Beziehungen  auf  die  erstere  ab.  Dies  tue
ich  auch  dermalen,  und  da  Leidenschaften  nur  der  Gegenwart  anheimfallen,
so  steht  mir  jede  Färbung  der  Art  stets  fremd,  ohne  daß  für  mich  auch
das  leiseste  Verdienst  aus  der  Tatsache  erflösse.“  So  ging  es  weiter:
lauter  selbstgefällige  allgemeine  Betrachtungen,  nirgends  eine  bestimmte
Zusage.*")  Als  Maltzan  darauf  den  Staatskanzler  bat,  Österreich  möge
die  Bemühungen  des  preußischen  Gesandten  in  Rom  kräftig  unterstützen,
da  erwiderte  Metternich:  das  können  wir  nicht;  wir  wollen  neutral  bleiben,
um  späterhin  für  eine  Aussöhnung  zu  wirken.*)  Noch  deutlicher  sagte
er  nachher  in  einem  Vortrage  an  seinen  Kaiser:  die  Kirchenpolitik  und
die  Handelspolitik  des  Berliner  Hofes  hingen  eng  zusammen,  durch  die
evangelische  Union  und  durch  den  Zollverein  suche  Preußen  die  Suprematie
im  Deutschen  Bunde  zu  erlangen.

Gleichwohl  war  er  kein  unbedingter  Gegner;  einen  förmlichen  Bruch
hätte  er,  nach  seinen  friedlichen  Neigungen,  gern  vermieden  gesehen.  Darum
gab  er  Bunsen  den  freundschaftlichen  Rat,  jetzt  nicht  nach  Rom  zu  gehen;
in  Wien  wußte  man  besser  als  in  Berlin,  welche  Luft  im  Vatikan  wehte.
Bunsen  ließ  sich  jedoch  in  seinem  kühnen  Tatendrange  nicht  aufhalten.
Er  reiste  weiter,  und  als  er  in  Ancona  anlangte,  fand  er  dort  die  Nachricht
  von  der  Allokution  des  Papstes.  Diese  dem  preußischen  Gesandten
völlig  unerwartete  Wendung  warf  alle  seine  Berechnungen  über  den  Haufen,
und  tat  er  bescheiden  seine  Pflicht,  so  mußte  er  zunächst  in  Berlin  anfragen,
  wie  er  sich  in  der  gänzlich  veränderten  Lage  zu  verhalten  habe.
Solche  Selbstverleugnung  war  ihm  fremd,  und  doch  fühlte  er  sich  durch

*)  Maltzans  Bericht,  21.  Dez.  1837.

*)  Metternich  an  Maltzan,  19.  Dez.  1837.
*“)  Maltzan  an  Bunsen,  6.  Jan.  1838.
        <pb n="711" />
        Die  Note  von  Ancona.  Abberufung  Bunsens.  703

die  herausfordernde  Sprache  der  Kurie  eingeschüchtert.  Am  17.  Dez.
schrieb  er  in  Ancona  eine  Note  an  Lambruschini,  welche  die  harmlosen
Torheiten  seines  Vertreters  Buch  noch  weit  überbot.  Er  stellte  sich  an,
als  ob  er  die  Allokution,  die  jetzt  in  jedem  Caféhause  auflag,  noch  nicht
genau  kenne,  und  sprach  die  Hoffnung  aus,  daß  sie  wohl  nicht  das  endgültige
  Urteil  des  Papstes  enthalten,  weitere  Verhandlungen  nicht  abschneiden
  solle.  Dann  versicherte  er  —  seinen  Weisungen  schnurstracks
zuwider  —  der  König  habe  den  Erzbischof  nur  auf  Zeit  (temporairement)
aus  Köln  entfernt  und  wolle  sich  als  klagender  Teil  (partie  plaignante)
dem  kanonischen  Urteil  des  Papstes  unterwerfen.  Welch  eine  Schmach
für  Preußen,  wenn  die  Kurie  auf  diese  Anerbietungen  einging!  Zum
Glück  war  Lambruschini  zu  hochmütig;  vielleicht  schenkte  er  auch  der  unerwarteten
  Demut  des  vordem  so  zuversichtlichen  Gesandten  keinen  Glauben.
Genug,  er  erwiderte  schroff:  zuerst  müsse  Droste  wieder  eingesetzt  werden,
dann  erst  könne  von  neuen  Verhandlungen  die  Rede  sein.

In  Rom  ward  dem  Gesandten  sogleich  mitgeteilt,  daß  der  Papst  ihn
nicht  empfangen  wolle  —  eine  Nachricht,  die  nur  ihn  selber  überraschte.
Zuerst  fühlte  er  sich  ganz  niedergeschmettert,  dann  raffte  er  sich  in  leichtfertiger
  Hoffnungsseligkeit  wieder  auf,  versuchte  nochmals  mit  Lambruschini
anzuknüpfen  und  erteilte  der  preußischen  Regierung  unerbetene  Ratschläge
für  ihre  Kirchenpolitik.  Aber  seine  Rolle  in  Rom  war  ausgespielt;  von
allen  den  Nadelstichen,  welche  einen  mißliebigen  Diplomaten  peinigen,  blieb
ihm  keiner  erspart.  Der  Papst  und  die  Kardinäle  zeigten  sich  ganz  unversöhnlich;
  selbst  Capaccini  fiel  in  Ungnade,  weil  er  in  den  Kölner  Händeln
zu  vermitteln  gesucht  hatte.')  Den  Ministern  in  Berlin  gingen  nun
endlich  die  Augen  auf;  sie  wußten,  daß  Metternich  mit  unverhohlener
Schadenfreude  von  der  Demütigung  des  gelehrten  preußischen  Diplomaten
  sprach.  Bunsen  erhielt  zuerst  den  Auftrag,  sich  jeder  weiteren  Erklärung
  zu  enthalten,  sodann  scharfe  Verweise  wegen  der  Übertretung  seiner
Instruktionen?“),  schließlich  den  gemessenen  Befehl,  die  Anerbietungen  seiner
Anconer  Note  förmlich  zurückzunehmen  (rétracter).  Auch  dieses  Auftrags
entledigte  er  sich  nicht  mit  der  Würde  eines  Mannes,  der  einen  begangenen
  schweren  Fehler  freimütig  eingesteht;  er  sagte  dem  Kardinal-Staatssekretär
  nur  in  gewundenen  Sätzen,  die  früheren  Vorschläge  seien  durch
die  Erwiderungen  des  römischen  Stuhls  jetzt  hinfällig  geworden.**)  So
blieb  sein  Verhalten  unaufrichtig  vom  Anfang  bis  zum  Ende.  Im  April
1838  ward  er  abberufen.  Die  wenigen  Prälaten,  die  noch  der  geistreichen
Geselligkeit  im  Palazzo  Caffarelli  dankbar  gedachten,  durften  nicht  wagen,
den  Scheidenden  zu  besuchen#);  sie  fürchteten  die  Ungnade  des  Papstes.

*)  Bunsens  Bericht,  10.  Jan.  1838.

**)  Werther  an  Bunsen,  19.  Jan.,  23.  März,  31.  Mai  1838.
7'7*  )  Bunsen  an  Lambruschini,  24.  April  1838.

+)  M.  Mariano  an  Bunsen,  22.  April  1838.
        <pb n="712" />
        704  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Es  rächte  sich  doch,  daß  man  in  diese  schwierige  Stellung  statt  eines
kühlen  Weltmannes  einen  evangelischen  Theologen  berufen  hatte,  der  den
harten  Machtkampf  zwischen  Staat  und  Kirche  nicht  bloß  mit  den  Augen
des  Politikers  betrachtete  und  darum  schon  der  Kurie  verdächtig  war.  So—
bald  Bunsen  seinen  Sturz  vorhersah,  wallte  die  theologische  Leidenschaft
in  ihm  auf,  und  er  sang,  vom  Kapitol  nach  St.  Peter  hinüber:

Schau,  hier  im  Fels,  an  dem  du  sollst  zerschellen,

Der  grollest  auf  dem  Zauberberge  drüben,

Ist  des  Geschickes  Nagel  eingetrieben,

Wie  sichs  gebührt,  an  Kapitoles  Schwellen

Und  hinter  ihm  kannst  meinen  Namen  finden.
So  maßlos  war  das  Selbstgefühl  des  Mannes:  in  dem  Augenblicke,  da
er  nach  selbstverschuldeten  diplomatischen  Niederlagen  das  Feld  räumen
mußte,  meinte  er  ein  anderer  Martin  Luther  zu  sein!  In  Berlin  wollte
man  ihn  vorerst  nicht  empfangen;  selbst  sein  Gönner  Wittgenstein  konnte
ihm  nur  väterlich  raten:  vergessen  Sie  Rom  und  alle  Unbilden!5)  Aber
sein  wunderbares  Glück  blieb  ihm  treu.  Der  König  und  der  Kronprinz
bewahrten  ihm  die  alte  Gunst;  sie  verziehen  ihm  Mißerfolge,  welche  jeden
anderen  Staatsmann  vernichtet  hätten.  Nach  kurzer  Zeit  schon  wurde
ihm,  zum  Erstaunen  der  diplomatischen  Welt,  der  Gesandtschaftsposten  in
der  Schweiz  anvertraut.  —

 

Am  Berliner  Hofe  herrschte  allgemeine  Beklommenheit,  der  Bankbruch
des  alten  Systems  der  Kirchenpolitik  kündigte  sich  an.  Wie  fest  hatte  der
König  auf  Bunsens  zuversichtliche  Ratschläge  gebaut.  Nun  kam  alles
anders,  nun  mußte  er  erleben,  wie  die  Wegführung  des  Erzbischofs  in
stiller  Zeit  mehr  Lärm  erregte  als  einst  die  Gefangennehmung  des  Papstes
in  den  aufgeregten  napoleonischen  Zeiten.  Daß  seine  katholischen  Untertanen
  ihm  Unduldsamkeit  und  Gewissenstyrannei  zutrauten,  bekümmerte
ihn  tief.  Er  kannte  die  Kurie  genugsam,  um  zu  wissen,  daß  man  von  ihr
nie  die  Aufopferung  eines  Grundsatzes,  sondern  nur  ein  stillschweigendes
Geschehenlassen  erwarten  dürfe  —  was  er  seinen  Ministern  beständig  einschärfte.
  Doch  viel  weiter  reichte  seine  Kenntnis  der  römischen  Dinge
nicht.  Da  er  den  Kirchenstreit  sehr  ernst  nahm,  so  befahl  er,  daß  die
drei  Minister,  des  Innern,  des  Auswärtigen,  des  Kultus  ihm  immer  gemeinsam
  darüber  berichten  sollten..“)  Leider  war  keiner  von  ihnen  der
Aufgabe  gewachsen.  Rochow  betrachtete  den  Handel,  nach  altbrandenburgischer
  Weise,  lediglich  als  eine  Frage  der  bureaukratischen  Ordnung.
Werther  besaß,  bei  größerer  Weltkenntnis,  auch  nur  Sinn  für  die  diplo- 



*)  Werther  an  Bunsen,  22.  Mai;  Wittgenstein  an  Bunsen,  1.  April,  27.  Mai,
10.  Juni  1838.
*)  Entscheidung  des  Königs  auf  Rochows  Bericht  v.  23.  Jan.  1838.
        <pb n="713" />
        Verlegenheit  am  preußischen  Hofe.  705

matische  Seite  der  Angelegenheit.  Altenstein  endlich,  dessen  Stimme  hier
am  schwersten  wog,  kränkelte  schon  längst  und  wankte  dem  Grabe  entgegen;
  die  Ratschläge  Schmeddings,  der  sich  die  Bedrängnis  der  Kirche
sehr  zu  Herzen  nahm,  konnten  ihn  unmöglich  ermutigen.

Seine  natürliche  Angstlichkeit,  man  merkte  es  bald,  wurde  noch  gesteigert
  durch  die  stille  Furcht  vor  dem  Thronfolger.  Während  der
Kronprinz  auf  das  evangelische  Kirchenregiment  längst  einen  sehr  fühlbaren
  Einfluß  ausübte,  wurde  er  der  katholischen  Kirchenpolitik  in  der
Regel  fern  gehalten,  zumal  jetzt,  nachdem  sich  die  Empfehlung  Droste-Vischerings
  so  übel  bewährt  hatte.  Als  um  diese  Zeit  General  Gröben  und
Oberst  Gerlach  von  Berlin  hinwegversetzt  wurden,  da  behauptete  man  allgemein,
  der  alte  Herr  wünsche  die  Romantiker  aus  der  Umgebung  seines
Sohnes  zu  entfernen.*?)  Weit  entfernt,  das  Benehmen  seines  Schützlings
zu  billigen,  sagte  der  Thronfolger  in  einem  bald  veröffentlichten  Schreiben
an  einen  rheinischen  Geistlichen  sehr  scharf,  hier  handle  es  sich  einfach  um
die  Erfüllung  eines  feierlich  gegebenen  Versprechens.  Die  unschickliche
Sprache  der  päpstlichen  Allokution  verletzte  sein  fürstliches  Selbstgefühl  so
tief,  daß  er  im  ersten  Unwillen  vorschlug,  der  König  möge  die  Zahlung  der
Dotation  andiekatholische  Kirche  vorläufig  einstellen.*)  Gleichwohl  äußerte
er  sich  mit  der  höchsten  Verachtung  über  das  schlechte,  elende,  verständnislose
  Benehmen  der  Regierung.  Was  er  eigentlich  wollte,  wußte  noch
niemand,  er  selbst  wohl  am  wenigsten;  nur  so  viel  war  sicher,  daß  er
den  Ansprüchen  des  Klerus  sehr  weit  entgegen  zu  kommen  dachte.  Dies
genügte,  um  den  greisen  Altenstein  mit  ernsten  Besorgnissen  zu  erfüllen.
So  geschah  es,  daß  diese  schwierige  Frage  mit  einer  in  Preußen  beispiellosen
  Schlaffheit  behandelt  wurde.  Fast  zu  jedem  Berichte  der  drei  Minister
  bemerkte  der  sonst  mit  Marginalnoten  sehr  sparsame  König  ärgerlich:
  „hätte  längst  geschehen  sollen;  warum  hat  man  nicht  früher  daran
gedacht;  sehr  zu  mißbilligen,  daß  dies  nicht  schon  angeordnet.“  Einmal
sagte  er  dem  Kultusminister  geradezu:  „Diese  an  sich  schon  verwirrte  und
unangenehme  Angelegenheit  wird  in  einer  Art  behandelt,  als  wenn  es
Absicht  wäre,  sie  recht  zu  verwickeln.“*

Schon  am  2.  Febr.  1838  beantragte  Werther  die  dringend  nötige
Abberufung  Bunsens,  und  nach  drei  Wochen  stimmte  der  König  zu.  J)
Dennoch  währte  es  noch  mehrere  Monate,  bis  der  unmögliche  Diplomat,
der  jetzt  in  Rom  nur  Schaden  stiften  konnte,  endlich  die  ewige  Stadt  verließ.
  Ebenso  schwerfällig  und  zögernd  verfuhr  man  auch  gegen  den  ge- 



*)  Bergers  Bericht,  6.  April  18838.
**)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Lottum,  2.  Febr.  1838.
*###)  Kabinettsordre  an  Altenstein,  29.  Febr.  1840.

)  Werthers  Bericht  an  den  König,  2.  Febr.  Kabinettsordre  an  die  drei  Minister,
27.  Febr.  1838.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  45
        <pb n="714" />
        706  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

fangenen  Erzbischof.  Der  saß  jetzt  in  leichter  Haft  in  einem  Bürgerhause
zu  Minden;  er  teilte  seine  Zeit  zwischen  geistlichen  übungen  und  stillen
Betrachtungen  bei  der  Tabakspfeife.  Seine  Wiedereinsetzung  war  undenkbar,
  gleich  undenkbar  aber  auch  ein  Verzicht  des  hartköpfigen  Prälaten.
Doch  was  nun?  Konnte  man  ihn  wirklich  des  Hochverrats  bezichtigen?
Altenstein  glaubte  dies  anfangs  ganz  bestimmt.  In  einem  Briefe  an  das
Kölner  Domkapitel  sagte  er,  Drostes  Handlungen  hingen  zusammen  mit
dem  feindseligen  Einfluß  von  zwei  revolutionären  Parteien,  und  in  einem,
zur  Belehrung  der  Rheinländer  bald  veröffentlichten  Schreiben  an  den  Oberpräsidenten
  Bodelschwingh  wiederholte  er  diesen  Vorwurf.  Die  Beschuldigung
  ließ  sich  nicht  erweisen.  Der  getreue  Kaplan  Michelis  hatte
unmittelbar  vor  der  Verhaftung  die  wichtigsten  Briefschaften  Drostes  verbrannt.
  Er  selbst  wurde  nachher  nach  Magdeburg  abgeführt,  und  es
fanden  sich  auch  einige  Briefe,  welche  seine  feindselige,  landesverräterische
Gesinnung  außer  Zweifel  stellten  und  darum  von  der  Regierung  sofort
bekannt  gemacht  wurden.  Doch  der  Tatbestand  des  versuchten  Hochverrats
  lag  nicht  vor;  um  so  weniger  durfte  man  annehmen,  daß  Drostes
heilige  Einfalt,  die  doch  nur  von  anderen  mißbraucht  werden  konnte,  sich
mit  politischen  Plänen  getragen  hätte.  Daß  er  sein  Amt  nicht  wieder  erlangen
  konnte,  fühlte  Droste  nachgerade  selbst;  aber  niemals  legte  er  sich
die  Frage  vor,  ob  er  nicht  seine  beschworene  Pflicht  gegen  die  Staatsgewalt
  verletzt  habe.

Ohne  jede  Spur  von  Reue  schrieb  er  im  August  1838  an  den  König,
um  sich  über  seine  Gefangenschaft  zu  beklagen:  „Ob  es  vor  Gott  gerecht
sei  und  zum  Guten  führen  könne,  wenn  Ew.  Maj.  jene  Zwangsgewalt,
welche  Gott  Eurer  Maj.  insbesondere  zur  Beschützung  jedes  Rechts,  also
auch  zur  Beschützung  der  katholischen  Kirche,  ihres  Episkopats  und  ihrer
Mitglieder  anvertraut  hat,  noch  fernerhin  gebrauchen,  um  mich  zu  verhindern,
  nach  Köln  zurückzukehren,  um  noch  fernerhin  die  von  Gott  geknüpfte
  Verbindung,  gleich  dem  ehelichen  Bande,  unter  Hirt  und  Herde,
unter  Vater  und  Kindern  zu  hemmen,  das  wollen  Ew.  Maj.  unter  Gottes
Beistand  allergnädigst  zu  erwägen  geruhen.“  Als  ihm  darauf  der  Regierungspräsident
  im  Namen  des  Königs  eröffnete,  seine  Gefangenschaft  sei
nach  dem  Gesetze  gerechtfertigt,  seine  Rückkehr  unmöglich,  da  erwiderte  der
Erzbischof:  vergeblich  habe  er  gehofft,  daß  Fürst  Metternich  den  König
umstimmen  würde;  jetzt  liege  ihm  nichts  mehr  an  einem  Amte,  das  er
nicht  mit  Freudigkeit  führen  könne;  nur  auf  vierundzwanzig  Stunden
wolle  er  nach  Köln  zurück,  um  dort  mit  Zustimmung  des  heiligen  Stuhls
seine  Würde  feierlich  niederzulegen.)  Dabei  blieb  er:  die  Krone  sollte

 

*)  Droste-Vischering,  Eingabe  an  den  König,  24.  Aug.  Schreiben  der  drei  Minister
  an  Reg.-Präsident  Richter  in  Minden,  31.  Aug.  Bericht  der  drei  Minister  an  den
König,  18.  Okt.  1838.
        <pb n="715" />
        Droste-Vichering  in  Westfalen.  707

sich  vor  ihm  demütigen  und,  indem  sie  ihm  den  Einzug  in  Köln  gestat—
tete,  ihr  Unrecht  förmlich  eingestehen.

Auf  solche  Zumutungen  einzugehen,  fiel  keinem  der  Minister  bei;
vielmehr  erwogen  sie,  ob  der  Prälat  nicht  durch  Urteil  und  Recht  ab—
gesetzt  werden  müsse.  Ohne  Zweifel  hatte  er  „den  Vorschriften  seines  Amtes
vorsätzlich  zuwider  gehandelt“  und  mußte  also  nach  dem  Allgemeinen  Land—
rechte  (Tl.  II  Tit.  20  §  333)  „sofort  kassiert  werden“.  Aber  war  der
Erzbischof  wirklich  nur  ein  Staatsbeamter?  Hatte  er  nicht  geglaubt,  die
Vorschriften  seines  Amtes  zu  erfüllen,  als  er  dem  päpstlichen  Breve  nachkam?
  Und  durfte  man  ihn  bestrafen,  als  er,  allerdings  eigenmächtig  und
wortbrüchig,  denselben  Rechtszustand  hatte  erzwingen  wollen,  der  soeben
durch  die  Kabinettsordre  vom  28.  Januar  1838  im  wesentlichen  anerkannt
war?  Jetzt  zeigte  sich,  daß  die  Vorschriften  des  Allgemeinen  Landrechts
nicht  mehr  im  Rechtsbewußtsein  des  Volkes,  auch  nicht  des  Richterstandes
lebten.  Kamptz  hielt  für  sicher,  daß  jedes  preußische  Gericht  den  Erzbischof
als  einen  pflichtvergessenen  Staatsdiener  verurteilen  würde;  Mühler  aber
zweifelte  daran.  Auf  Grund  dieser  Gutachten  ihrer  Amtsgenossen  gelangten
  die  drei  Minister  zu  dem  Ergebnis,  eine  gerichtliche  Untersuchung
scheine  zulässig,  aber  nicht  ratsam,  es  sei  denn,  daß  Droste  selbst  sie  verlange.))
  Nach  langwierigen  Beratungen  wurde  Droste  endlich  in  seine
Heimat  Darfeld  bei  Münster  verwiesen,  wo  er  still  seinen  mönchischen
Gewohnheiten  lebte.  Nach  alledem  mußte  das  katholische  Volk  wohl  zu
dem  Verdachte  gelangen,  die  Krone  selbst  glaube  nicht  an  ihr  Recht.  Der
westfälische,  nachher  auch  der  rheinische  Adel  schickten  bald  nach  Drostes
Wegführung  Abgesandte  in  die  Hauptstadt.  Überall,  auch  beim  Kronprinzen,
fanden  sie  verschlossene  Türen;  der  König  ließ  ihnen  sehr  ernstlich  die  Erwartung
  aussprechen,  daß  sie  nunmehr,  nachdem  sie  die  Tatsachen  kennen
gelernt,  sich  beruhigen  würden.)  Der  Gesandte  in  Brüssel,  Graf  Galen,
legte  sein  Amt  nieder,  weil  er  die  Ansichten  der  Regierung  nicht  mehr  vertreten
  könne;  der  junge  Referendar  Wilhelm  von  Ketteler,  der  sich  von  seinem
geistlichen  Berufe  noch  nichts  träumen  ließ,  trat  aus  dem  Staatsdienste;
der  allgemein  verehrte  Freiherr  Werner  von  Haxthausen  verließ  das  Land
und  schloß  sich  den  grimmigsten  Gegnern  Preußens  an.  Bedenklicher  war,
daß  die  Bischöfe  von  Paderborn  und  Münster  im  Januar  1838  erklärten,
nach  der  Allokution  des  Papstes  könnten  sie  sich  an  den  geheimen  Vertrag
  über  die  gemischten  Ehen  nicht  mehr  binden.  Als  sie  nachher  noch
eine  Fürbittefür  Drostewagten,  wurden  sievom  Könige  scharf  abgewiesen.)

 

*)  Bericht  der  drei  Minister,  8.  Mai,  nebst  Rechtsgutachten  von  Kamptz,  26.  Febr.,
von  Mühler,  18.  März  1839.
**)  Kabinettsordres  vom  9.  Jan.  1838,  zur  Erwiderung  auf  die  Eingaben  des  Ef.
Spee,  des  Frhrn.  v.  Mirbach  u.  a.  vom  26.  Dezember  1837.
*#)  Eingabe  der  Bischöfe  von  Münster  und  Paderborn  an  den  König,  15.Dez.  1838.
Bescheid,  8.  Januar  1839.

457
        <pb n="716" />
        708  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Bald  schlug  die  klerikale  Bewegung  auch  in  die  östlichen  Provinzen
hinüber,  wo  man  bisher  ohne  jedes  Bedenken  das  Gesetz  vom  Jahre  1803
befolgt  hatte.  Am  Rhein  war  die  Mehrzahl  der  Geistlichen  hermesianisch
gesinnt  und  dem  widersetzlichen  Erzbischof  abgeneigt.  In  Posen  wurde  der
Erzbischof  Martin  von  Dunin  durch  den  niederen  Klerus  fortgerissen,  ein
schwacher,  sehr  wenig  begabter,  nachgiebiger  Mann,  der  bisher  dem  Könige
eine  kriechende  Unterwürfigkeit  gezeigt  hatte  und  darum  auch  nicht  im—
stande  war,  zu  widerstehen,  als  jetzt  der  polnische  Adel  und  die  Kapläne
die  Allokution  des  Papstes  benutzten,  um  gegen  das  verhaßte  Deutschtum
vorzustürmen.  In  tiefem  Geheimnis,  nur  von  dem  Offizial  Brodziszewski
und  einigen  polnischen  Laien  beraten,  verfaßte  Dunin  im  Januar  1838
einen  Hirtenbrief,  der  den  Geistlichen  bei  Strafe  der  Absetzung  verbot,
gemischte  Ehen  ohne  das  Versprechen  katholischer  Kindererziehung  ein—
zusegnen.  In  Berlin  erfreute  sich  der  Schmiegsame  geringer  Achtung.
Gleichwohl  wurde  diese  mutwillige,  durch  nichts  veranlaßte  Störung  des
konfessionellen  Friedens  sehr  mild  beurteilt,  da  Dunin  sich  bisher  immer
ruhig  gehalten  hatte.  Die  Regierung  beschloß  ihn  wegen  Verletzung  der
Staatsgesetze  vor  Gericht  zu  stellen  und  seine  Verordnung  für  nichtig  zu
erklären.“)  Vorher  sollte  Oberpräsident  Flottwell  versuchen,  den  Erzbischof
zur  freiwilligen  Zurücknahme  des  Hirtenbriefs  zu  bewegen.  Der  glatte
Pole  schien  auch  anfangs  bereit;  nachher  nahm  er,  offenbar  aufgestachelt
durch  seine  adligen  Hintermänner,  alle  Zugeständnisse  wieder  zurück.  Der
ungestüme,  geradsinnige  Ostpreuße  aber  konnte  diese  Winkelzüge  nicht  mehr
mit  ansehen  und  rief:  Ich  verachte  Sie,  Sie  haben  mich  belogen.*)  Auch
die  wiederholten  freundschaftlichen  Vorstellungen  des  Gerichtspräsidenten
von  Frankenberg  fruchteten  nichts.  Dunin  stellte  jetzt  sogar  die  Justizhoheit
des  Staates  in  Abrede  und  erklärte,  daß  er  nur  einem  kanonischen  Gerichte
Rede  stehen  werde.  Nunmehr  fällte  das  Posener  Oberlandesgericht  seinen
Spruch;  er  lautete  auf  Amtsentsetzung  und  sechs  Monate  Festungshaft.

Der  Erzbischof  war  unterdessen  im  April  1839  nach  Berlin  gerufen
worden.  Erst  als  er  auch  hier  allen  Mahnungen  unzugänglich  blieb,  verkündigte
  man  ihm  das  Urteil  und  stellte  ihm  frei,  die  Gnade  des  Monarchen
anzurufen.  Darauf  schrieb  Dunin  einen  höchst  untertänigen,  nichtssagenden
  Brief,  den  der  König  in  seiner  Langmut  als  ein  Gnadengesuch
ansah  und  mit  dem  Erlaß  der  Festungsstrafe  beantwortete.  Vorläufig
sollte  er  ohne  Beschränkung  seiner  Freiheit  in  Berlin  bleiben,  bis  die  Angelegenheiten
  seiner  Diözese  geordnet  seien.*““)  Auf  Grund  der  bestehenden
Gesetze  konnte  man  ihn  unmöglich  milder  behandeln.  Aber  dies  harmlose
Mißgeschick  ihres  Oberhirten  genügte  den  polnischen  Edelleuten  nicht;  sie

 

*)  Bericht  der  drei  Minister,  29.  März,  Kabinettsordre  v.  12.  April  1838.
*“)  Flottwells  Berichte,  19.,  21.,  23.  April  1838.
***)  Dunin,  Eingabe  an  den  König,  23.  Apr.  Kabinettsordre  an  Dunin,  20.  Mai  1839.
        <pb n="717" />
        Erzbischof  Dunin.  709

brauchten  nach  dem  rheinischen  Muster  einen  kirchlichen  Märtyrer,  um
das  Landvolk  gegen  den  protestantischen  König  aufzuwiegeln  und  bereiteten
mit  gewohnter  schauspielerischer  Gewandtheit  ein  erschütterndes  Rührstück
vor.  Am  3.  Oktober  verschwand  der  Erzbischof  aus  Berlin  und  eilte  mit
untergelegten  Pferden,  die  ihm  seine  adligen  Freunde  stellten,  schnurstracks
nach  Posen;  dort  ward  er  vom  Grafen  Kwilecki  und  anderen  Edelleuten
empfangen  und  sofort  in  den  Dom  geleitet,  wo  er  zur  tiefen  Erbauung
der  Damen  vom  Sacré  Coeur  inbrünstig  betete.  In  einem  schwülstigen
Briefe  an  den  König  berief  er  sich  auf  das  „Beispiel  des  heiligen  Apostelfürsten
  Petrus,  des  großen  Weltapostels  Paulus  und  vieler  heiligen  Bischöfe
der  ersten  christlichen  Jahrhunderte“.  Auch  die  übrigen  Akteder  Komödie  verliefen
  genau  nach  dem  Plane  der  sarmatischen  Dramaturgen.  Am  Frühmorgen
  des  6.  Okt.  erschienen  die  Beamten,  um  die  unvermeidliche  Verhaftung
  vorzunehmen.  Der  erzbischöfliche  Palast  auf  der  stillen  Dom-Insel
war  fest  verriegelt  und  mußte  mit  großem  Lärm  geöffnet  werden.  Die
Eintretenden  empfing  Dunins  Schwester  Scholastica  mit  jenem  schrillen
Jammerschrei,  dessen  nur  polnische  Lungen  fähig  sind;  der  Erzbischof
aber  rief:  „Holen  Sie  Gendarmen!  Die  Welt  muß  wissen,  daß  ich  mit
Gewalt  von  hier  weggeführt  werde.“  Dann  wendete  er  sich  zu  dem  Hauptmann
  Hacke,  der  ihm  leise  die  Hand  auf  die  Schulter  legte:  „Sie  sind
zu  zart!“  Als  ihm  der  Polizeidirektor  den  Arm  bot,  um  ihn  die  Treppe
hinabzugeleiten,  sagte  er  nochmals:  „Das  ist  eine  Gefälligkeit,  das  ist  keine
Gewalt.  Fassen  Sie  mich  nur  an!“?)

Nun  wurde  er  nach  Kolberg  abgeführt  und  schrieb  von  dort  sogleich
an  den  König  im  alleruntertänigsten  Stile:  er  sehe  seine  Haft  als  eine
gerechte  Fügung  Gottes  an  und  bitte  nur,  ihm  eine  andere  Festung  anzuweisen,
  wo  sich  eine  katholische  Kirche  befinde,  „damit  ich  wenigstens  den
Trost  haben  könnte,  in  einem,  nach  dem  katholischen  Ritus  Gott  geweihten
Hause  für  das  Wohl  Ew.  K.  Majestät  und  für  meine  verwaiste  Herde
tagtäglich  und  inbrünstiglich  zu  beten.“  Als  ihn  aber  der  König  nunmehr
aufforderte,  wegen  der  vorläufigen  Verwaltung  des  Erzbistums  Vorschläge
zu  machen,  die  nan  gern  berücksichtigen  wolle,  da  ward  er  wieder  störrisch
und  antwortete:  meine  Vorschläge  gehen  dahin,  daß  ich  nach  Posen  und
mein  ebenfalls  entfernter  Offizial  Brodziszewski  nach  Gnesen  zurückkehren
muß.**)  Wie  häßlich  erschien  dies  bald  kriechende,  bald  trotzige  Benehmen
des  Polen  neben  der  ehrenhaften  Mannhaftigkeit  des  westfälischen  Starrkopfs.
  Die  Posener  Katholiken  veranstalteten  Kirchentrauer  und  andere
Kundgebungen  der  Wehmut;  die  Dekanate  der  Erzdiözese  erklärten  dem

 

*)  Protokoll  über  die  Verhaftung  des  Erzbischofs,  vom  Polizeirat  Bauer  u.  a.
6.  Okt.  1839.

*)  Dunins  Eingaben  an  den  König,  8.,  25.  Oktober.  Kabinettsordre  an  Dunin,
19.  Okt.  1839.
        <pb n="718" />
        710  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Ministerium  fast  allesamt  in  tief  unterwürfigen  Eingaben,  daß  sie  den
Weisungen  ihres  Oberhirten  folgen  müßten.  Unter  den  Deutschen  aber
konnte  Dunins  Schicksal  um  so  weniger  Teilnahme  erwecken,  da  er  in
den  süddeutschen  Zeitungen  einen  höchst  unziemlichen  Federkrieg  gegen  die
Regierung  unternommen  hatte,  und  die  polnischen  Grafen  Raczynski,
Grabowski,  Lubinski  —  natürlich  nur  als  harmlose  einzelne,  nicht  nach
Verabredung  —  jetzt  in  der  Hauptstadt  erschienen,  um  seine  Befreiung
zu  erbitten.  Seine  Amtsbrüder  freilich,  die  Bischöfe  Hatten  und  Ermeland
  und  Sedlag  von  Culm  gerieten  in  peinliche  Verlegenheit;  sie  waren
beide  gute  Preußen  und  bemühten  sich  auch  jetzt  noch  redlich,  den  kirchlichen
  Frieden  aufrecht  zu  erhalten,  während  das  blindgläubige  Landvolk
der  Marienburger  Gegend,  von  den  Kaplänen  aufgeregt,  schon  für  den
nächsten  Karfreitag  die  Wiederherstellung  Polens  erwartete.  Aber  nachdem
  der  Papst  so  vernehmlich  gesprochen  hatte  und  der  Erzbischof  von
Posen  vorangegangen  war,  konnten  sie  nicht  zurückbleiben,  denn  ein  zweifaches
  Eherecht  in  der  preußischen  Monarchie  war  offenbar  unmöglich.
Beide  verlangten  in  Rundschreiben  an  ihren  Klerus,  daß  bei  der  Einsegnung
  gemischter  Ehen  das  päpstliche  Breve  befolgt  werden  müsse,  und
die  Regierung  sah  sich  genötigt,  auch  diese  Hirtenbriefe  für  unverbindlich
zu  erklären.-)

Unter  allen  Bischöfen  der  Monarchie  war  nur  noch  einer,  der  das
Gesetz  vom  Jahre  1803  und  die  seitdem  bestehende  milde  Übung  auch
fernerhin  anerkennen  wollte:  der  Fürstbischof  von  Breslau,  Graf  Sedlnitzky,
ein  edler  Mann  von  milden,  aristokratischen  Formen,  feingebildet,  menschenfreundlich,
  wohltätig,  in  allem  ein  Muster  christlicher  Liebe,  aber  bei  weitem
  nicht  stark  genug,  um  den  Kampf  mit  dem  römischen  Stuhle  aufzunehmen.
  Er  stand  schon  damals  den  Anschauungen  der  evangelischen  Kirche
so  nahe,  daß  die  strengen  Katholiken  ihn  kaum  noch  zu  den  Ihrigen  rechnen
wollten.  Sobald  er  sich  weigerte,  dem  Beispiele  der  anderen  Bischöfe  zu
folgen,  ward  er  bei  der  Kurie  insgeheim  angeschwärzt.  Darauf  sendete  ihm
der  Papst,  das  königliche  Placet  umgehend,  durch  die  Vermittlung  zweier  vornehmer
  Damen  der  Provinz  ein  höchst  ungnädiges  Schreiben,  Gregor  tadelte
den  Fürstbischof  hart,  weil  er  die  Rechte  der  Kirche  saumselig  und  gleichsam
  schläfrig  verteidigt  habe,  und  forderte  ihn  auf,  das  durch  seine  Schuld
dem  gläubigen  Volke  zugefügte  Leid  zu  sühnen.  Friedfertig  und  ganz  ohne
Ehrgeiz,  wie  er  immer  gewesen,  wollte  Sedlnitzky  jetzt  sogleich  seine  Würde
niederlegen;  nur  auf  des  Königs  ausdrücklichen  Befehl  vertagte  er  diesen
Entschluß  noch'")  und  suchte  sich  vor  dem  heiligen  Stuhle  zu  rechtfertigen
(Juli  1839).  Zur  Antwort  kam  im  Mai  1840  ein  zweites  noch  schärferes

 

*)  Altenstein  an  Bischof  Hatten,  5.  Juli  1838.  Schöns  Berichte,  13.  April,  5.  Mai,
26.  Juli,  30.  Oktober  1838,  19.  April  1839.
*“)  Kabinettsordre  an  Sedlnitzky,  7.  Juli  1839.
        <pb n="719" />
        Haltung  der  Bischöfe.  Sedlnitzky.  711

Schreiben  des  Papstes,  das  den  Fürstbischof  kurzerhand  zur  Abdankung
aufforderte,  weil  er  sich  die  Gemüter  der  Gläubigen  ganz  entfremdet  hätte.
Einem  solchen  Befehle  wagte  der  gutmütige  Prälat  nicht  zu  widersprechen,
sein  Rücktritt  war  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit.  Die  ultramontane  Partei
im  schlesischen  Klerus  bekämpfte  ihn  mit  unverhohlenem  Hasse,  und  auf
seine  Herde  konnte  sich  der  längst  geschwächte  Episkopat  nicht  mehr  ver—
lassen.  So  wunderbar  hatte  sich,  zur  Überraschung  aller  Regierungen,
die  Stimmung  des  katholischen  Volkes  in  den  letzten  Jahrzehnten  verwandelt:
  wer  noch  gläubig  an  der  Kirche  hing,  hielt  unbedingt  zum  heiligen
Vater.

Wenn  Bunsen  einst  gehofft  hatte,  die  Kurie  mit  Hilfe  der  Landesbischöfe
  zu  bezwingen,  so  waren  seine  Pläne  nicht  nur  gescheitert,  sondern
ins  Gegenteil  umgeschlagen:  jetzt  führte  die  Kurie  den  gesamten  preußischen
  Episkopat  gegen  die  Krone  ins  Feld,  und  dieser  Streit  verwickelte
sich  so  seltsam,  daß  selbst  eifrige  Protestanten  nicht  mehr  mit  ungeteiltem
Herzen  auf  seiten  des  Königs  stehen  konnten.  Gewiß  mußte  jeder  treue
Preuße  billigen,  daß  die  Krone  offenbare  Widersetzlichkeit  gegen  die  Staatsgesetze
  nicht  dulden  wollte.  Ein  sachlicher  Widerspruch  aber  bestand  seit
der  Kabinettsordre  vom  28.  Januar  1838  nicht  mehr.  Die  Kurie  verlangte
das  Versprechen  der  katholischen  Kindererziehung  vor  jeder  kirchlichen
Trauung;  der  Staat  gestattete  den  Pfarrern  der  westlichen  Provinzen,
bescheidene  Erkundigungen  wegen  der  Kindererziehung  anzustellen,  und  überwies
  dann  die  letzte  Entscheidung  den  Bischöfen.  Wo  war  hier  ein  erheblicher
  Unterschied?  Die  Staatsgewalt  hatte  in  der  Rheinprovinz  den  Forderungen
  der  römischen  Kirche  nachgegeben  und  sie  konnte  selbst  nicht  mehr
wünschen,  daß  auf  die  Dauer  im  Osten  ein  anderes  Staatskirchenrecht
gelte  als  im  Westen.

Wie  sollte  eine  Regierung,  die  neben  einer  Fülle  von  Talenten  zweiten
Ranges  keinen  einzigen  beherrschenden  Kopf  besaß,  aus  solchen  Irrwegen
hinausgelangen?  Der  römische  Stuhl  ergriff  jede  Gelegenheit,  um  die
preußische  Krone  von  neuem  zu  reizen.  Als  der  König  gegen  Dunins
Widersetzlichkeit  zuerst  einschritt,  legte  Kardinal  Lambruschini  sofort  Verwahrung
  ein  wider  diesen  Mißbrauch  der  weltlichen  Gewalt.5)  Dann  hielt
der  Papst,  am  13.  September  1838,  eine  zweite  Allokution,  die  noch  gehässiger
  klang  als  die  erste  er  empfahl  Dunins  „unbesiegte  Mannhaftigkeit“
  allen  preußischen  Bischöfen  als  Vorbild  und  bestritt  sogar  das  alte
Recht  des  königlichen  Placet.  Im  Juli  1839  folgte  eine  dritte  Allokution
ähnlichen  Inhalts  und  alle  diese  feindseligen  Ansprachen  sendete  Lambruschini
  an  den  preußischen  Geschäftsträger.  Buch  erhielt  zwar  endlich  Befehl,
  derartige  Zusendungen  in  Zukunft  nicht  mehr  anzunehmen,  aber  der
diplomatische  Verkehr  ward  nicht  abgebrochen;  denn  Altenstein  warnte

 

*)  Lambruschini  an  Buch,  25.  Juli;  Buchs  Bericht,  25.  Juli  1838.
        <pb n="720" />
        712  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

vor  einer  offenen  „Kriegserklärung“,  und  der  König  stimmte  ihm  bei,  gegen
den  Rat  der  anderen  Minister.“)  So  mußte  Buch  ausharren,  obgleich
Verhandlungen  vorderhand  ganz  unmöglich  waren,  und  nur,  weil  er
persönlich  vom  Papste  hoch  geschätzt  wurde,  konnte  er  diesen  widerwärtigen
Zustand  eine  Weile  ertragen.

Der  König  fühlte  sich  tief  unglücklich  und  suchte  seine  Posener  Unter—
tanen  durch  eine  ernste  Ansprache  zu  beruhigen.  Er  hatte  die  unbestimmte
Empfindung,  daß  irgendetwas  geschehen  müsse,  und  seine  Minister  „im
Finstern  tappten“.  „Zur  legislativen  Feststellung  der  zweifelhaft  gewordenen
  staats=  und  kirchenrechtlichen  Verhältnisse“  bildete  er  schon  im  Februar
1838  eine  Kommission,  welcher  neben  anderen  hohen  Beamten  auch  der
Rechtshistoriker  K.  F.  Eichhorn  angehörte.*)  Ihre  Arbeiten  wurden  dann
im  Staatsrate  wie  im  Staatsministerium  begutachtet;  zur  weiteren  Beratung
  berief  man  noch  sechs  Oberpräsidenten  nach  Berlin,  denn  nur
zwei  von  den  acht  Provinzen,  Brandenburg  und  Pommern,  waren  von
dem  Kirchenstreite  unberührt  geblieben.  Nach  Jahresfrist  etwa  lagen  sechs
Gesetzentwürfe  fertig  vor,  darunter  zwei  Strafgesetze  wider  solche  Geistliche,
  welche  die  Kanzel  mißbrauchten  oder  den  öffentlichen  Frieden  störten,
und  ein  sehr  strenges  Gesetz  über  die  gemischten  Ehen,  das  nicht  nur,  nach
dem  Gesetze  vom  Jahre  1803,  die  Erziehung  aller  Kinder  im  Bekenntnis
des  Vaters  anbefahl,  sondern  auch  jede  Abweichung  von  dieser  Regel  unbedingt
  verbot:  selbst  die  freie  Übereinkunft  beider  Eltern  sollte  daran
nichts  ändern  dürfen  —  eine  furchtbar  harte  Vorschrift,  welche  in  vielen
Fällen  zu  schwerem  Gewissensdrucke  führen  mußte.  *7)  Der  leitende  Gedanke
  der  Entwürfe  war  die  Einheit  des  Staatskirchenrechts  für  die  gesamte
  Monarchie.

Aber  das  hohe  Beamtentum  selbst  zeigte  sich  keineswegs  einig.  Der
greise  Stägemann  und  die  Mehrzahl  der  Oberpräsidenten,  vornehmlich
Schön,  Flottwell,  Merckel,  standen  noch  ganz  auf  dem  Boden  des  alten
landrechtlichen  Territorialsystems  und  verlangten  dringend  die  sofortige
Einführung  der  sechs  Gesetze.  Erbittert  durch  seinen  langen  Kampf  gegen
die  Polen  empfahl  Flottwell  sogar  die  Zerteilung  des  Gnesener  Erzbistums,
  die  doch  ohne  die  Zustimmung  des  römischen  Stuhles  unmöglich
  war.  In  einer,  offenbar  von  Schön  verfaßten  Denkschrift  tadelten  die
Oberpräsidenten  scharf,  daß  der  Staat  mit  dem  Papste  überhaupt  verhandelt
  habe,  und  noch  schärfer  „Doktor  Bunsens  berüchtigte  Note  aus
Ancona“;  sie  sahen  in  diesem  Bischofsstreite  „den  Kampf  des  Lichtes  mit
der  Finsternis,  dessen  glorreiche  Führung  wie  früher  so  auch  jetzt  Euerer

 

*)  Berichte  der  drei  Minister,  10.  Nov.  1838;  3.  Nov.  1839.
37)  Kabinettsordre  vom  17.  Febr.  1838.
*#)  Gesetzentwürfe  über  die  gemischten  Ehen;  zur  Ergänzung  des  Allgemeinen  Landrechts,
  T.  II.  Tit.  11  §  66,  T.  II.  Tit.  20  §  151  u.  273  usw.
        <pb n="721" />
        Kirchenpolitische  Gesetzentwürfe.  713

k.  Maj.  erhabener  Leitung  vorbehalten  ist.“  Friedrich  Wilhelm  schrieb  an
den  Rand:  „d.  h.  mit  der  gehörigen  Vorsicht  und  ohne  gewisse  Grenzen  zu
überschreiten;“  im  übrigen  dankte  er  ihnen  für  ihren  „höchst  lobenswerten
Freimut“.*)  Er  ahnte  dunkel,  daß  die  Dinge  leider  so  einfach  nicht
lagen,  daß  die  Staatsgewalt  wirklich  nicht  für  das  Licht  kämpfte,  wenn  sie
katholische  Väter  schlechterdings  hindern  wollte,  ihre  Kinder  evangelisch  zu
erziehen.  Jenen  strengen  Territorialisten  traten  andere  namhafte  Beamte
gegenüber,  so  Geh.  Rat  Göschel,  der  hochkonservative  Hegelianer,  und
der  halbklerikale  Schmedding.  über  Schmeddings  eigentliche  Meinung
ließ  sich  schwer  ins  klare  kommen.  Die  rheinischen  Ultramontanen  trau—
ten  ihm  keineswegs;  Kaplan  Michelis  sagte  in  einem  jener  aufgefundenen
vertrauten  Briefe:  „er  war  von  jeher  unter  dem  Scheine  eines  guten
Katholiken  die  Pest  für  unsere  Kirchenfreiheit.“  Doch  mit  der  Behand—
lung  der  beiden  Erzbischöfe  war  er  durchaus  nicht  einverstanden;  er  fand
die  Verhaftung  Dunins  ebenso  ungerechtfertigt,  wie  die  Absetzung,  und
wünschte  an  den  Beratungen  über  die  Ausführung  des  Posener  Straf—
erkenntnisses  nicht  teilzunehmen.  Durch  Gelegenheitsgesetze  einem  augen—
blicklichen  Notstande  abzuhelfen,  hielt  er  für  verkehrt:  „Schwerlich  dürften
eigentliche  Gesetze  aus  der  reinen  hohen  Atmosphäre,  der  die  Gesetzgebung
  angehört,  in  den  tieferen  Dunstkreis  hinabzuziehen  und  als  Streitwaffe
  zu  gebrauchen  sein.“)

Da  die  Meinungen  unter  den  Beamten  so  weit  auseinandergingen
und  Altenstein  keinen  durchschlagenden  Entschluß  fand,  so  wurde  der
König  immer  unsicherer  und  verschob  die  Unterzeichnung  der  sechs  Gesetze.
Um  sich  genau  zu  unterrichten,  ließ  er  bei  den  befreundeten  deutschen
Höfen  Erkundigungen  über  ihre  Kirchenpolitik  einziehen.  Diese  wohlgemeinten
  Anfragen  sollten  für  Preußen  auf  lange  hinaus  verhängnisvoll
werden.  König  Wilhelm  von  Württemberg,  der  als  Voltairianer  diesen
leidigen  Pfaffenstreit  gern  aus  der  Welt  geschafft  hätte,  ging  auf  die  Fragen
des  preußischen  Gesandten  von  Rochow  eifrig  ein  und  sagte  ihm:  „Mit  einer
Macht  wie  diejenige  des  Papstes,  die  so  viele  heimliche  Alliierte  hat,  ist  bös
anzubinden;  jeder  katholische  Einwohner  ist  mehr  oder  weniger  ein  Agent
dieser  fremden  Macht;“  darum  müsse  vor  allem  das  Mißtrauen  des  katholischen
  Volks  gegen  die  evangelische  Dynastie  überwunden  werden;  dies
sei  nur  möglich,  wenn  man,  wie  in  Württemberg  und  Baden,  die  Aufsicht
  über  die  römische  Kirche  einem  besonderen  Kirchenrate  anvertraue,
der  ausschließlich  aus  katholischen  Mitgliedern  bestehe.  Sein  erfahrener
Minister  Schlayer  stimmte  ihm  lebhaft  bei.  Der  kluge  Württemberger
hatte  ganz  recht,  wenn  er  dem  Preußen  sagte:  in  Süddeutschland  kennt

 

*)  Denkschrift  der  sechs  Oberpräsidenten  vom  26.  Nov.  1838.
**)  Schmeddings  Denkschriften,  2.  März,  25.  April;  Schmedding  an  Altenstein,
20.  Juli  1839.
        <pb n="722" />
        714  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

man  Ronm  besser  als  bei  euch.  *)  Doch  leider  kannte  er  selber  die  preußischen
  Zustände  nicht.  Das  rein  politische  Recht  der  Kirchenhoheit  i  in  die
Hände  einer  konfessionellen  Behörde  zu  legen,  war  an  sich  ein  falscher  Ge—
danke,  und  wenn  eine  solche  übermäßige  Nachgiebigkeit  in  den  kleinen  Ver—
hältnissen  süddeutscher  Mittelstaaten  vielleicht  versöhnend  wirken  konnte,
so  stand  es  in  Preußen  doch  ganz  anders.  Wer  konnte  verhindern,  daß
der  polnische,  der  rheinische,  der  westfälische  Adel  sich  an  den  Berliner
Kirchenrat  herandrängten  und  die  unparteiische  Macht  der  staatlichen
Kirchenhoheit  völlig  verfälschten?  König  Friedrich  Wilhelm  aber  fand  die
Ratschläge  des  schwäbischen  Königs,  weil  sie  so  gerecht  und  unbefangen
schienen,  höchst  beachtenswert;  er  empfahl  sie  seinen  Ministern  und  schon
im  Frühjahr  1839  stand  der  Entschluß  fest,  eine  katholische  Abteilung
im  Kultusministerium  zu  bilden.  Die  Leitung  sollte,  zu  Schmeddings
Verzweiflung,  der  Unterstaatssekretär  Düesberg,  ein  katholischer  Westfale,
erhalten.

Währenddem  bemühte  sich  der  König  eifrig,  die  anderen  evangelischen
Fürsten  Deutschlands  zu  einem  gemeinsamen  Vorgehen  in  Rom  zu  be—
wegen.  Dies  war  es,  was  die  Kurie  am  meisten  fürchtete.  Sie  wünschte
vor  allem,  den  preußischen  Staat  zu  vereinzeln.  Der  fähigste  ihrer  deut—
schen  Parteigänger,  Bischof  Reisach  in  Eichstätt,  schrieb  schon  im  Januar
1838  vertraulich  an  seinen  Freund  Geissel  in  Speier:  es  ist  ein  Wende—
punkt  für  die  Kirche  in  Deutschland  eingetreten  und  darum  dringend  nötig,
andere  Regierungen  nicht  mit  in  den  preußischen  Krieg  hereinzuziehen.  In
der  Tat  verhielt  sich  der  Klerus  in  den  kleinen  Staaten  ganz  still  und
befolgte  unbedenklich  dieselben  Gesetze,  die  er  in  Preußen  als  tyrannisch
bekämpfte.  Wer  durfte  also  den  Schwachen  zumuten,  daß  sie  sich  ohne
Not  Verlegenheiten  bereiteten,  um  dem  Starken  zu  helfen?  Die  große
Mehrzahl  der  evangelischen  Fürsten  war  mit  dem  Verfahren  des  Berliner
Hofes  einverstanden;  der  Großherzog  von  Baden  dankte  dem  preußischen
Gesandten  aufs  wärmste  im  Namen  der  politischen  Ordnung  und  der
evangelischen  Kirche.  *)  Aber  an  irgendeine  Beihilfe  dachte  niemand.
Selbst  König  Ernst  August,  der  gerade  jetzt  das  Wohlwollen  seines  Schwagers
  am  wenigsten  entbehren  konnte,  befahl  seinem  Minister:  „Ich  bin
willens,  alle  möglichen  Mitteilungen  und  Erklärungen  an  den  preußischen
  Hof  zu  geben,  aber  mit  dieser  Bedingung,  daß  sie  bloß  als  private
Mitteilungen  sollen  angesehen  werden  und  nicht  öffentlich  bekannt  oder
publiziert  sollen  sein.“  Und  auf  eine  erneute  Anfrage  an  Canitz  erwiderte
Schele:  die  größte  Vorsicht  sei  nötig,  damit  nicht  in  den  Staaten,  welche
bisher  den  kirchlichen  Frieden  genossen  hätten,  eine  Spannung  der  Gemüter
  entstehe.)

*)  Rochows  Berichte,  Stuttgart,  27.  April,  18.  Nov.,  6.  Dez.  1839.

**)  Otterstedts  Bericht,  2.  Jan.  1838.
SEchele  an  Canitz,  18.  April  1838,  8.  Jan.  1839.
        <pb n="723" />
        Görres'  Athanasius.  715

Der  Versuch,  die  kleinen  Kronen  zur  Parteinahme  zu  bewegen,  schei—
terte  gänzlich,  und  er  mußte  scheitern,  weil  die  deutsche  Kirchenpolitik  seit
dem  Wiener  Kongresse  dem  nackten  Partikularismus  verfallen  war.  Auch
von  den  geplanten  Kirchengesetzen  kam  in  den  dritthalb  Jahren  bis  zum
Tode  des  Königs  nichts  mehr  zustande.  Die  beiden  Erzpbischöfe  durften
nicht  zurückkehren,  und  doch  hatte  die  Krone  in  dem  Streite  über  die  gemischten
  Ehen  schon  fast  alles  zugestanden,  was  der  römische  Stuhl  verlangte.
  Bedenkliche  Ruhestörungen  kamen  freilich  nicht  vor;  einige  kleine
Aufläufe  in  Münster  und  anderen  Orten  der  katholischen  Provinzen  bedeuteten
  wenig;  sie  bewiesen  nur,  daß  der  Klerus  den  armen  Leuten  beigebracht
  hatte,  der  König  wolle  sie  lutherisch  machen.  Gleichwohl  ward
die  Verwirrung  unerträglich.  Jedermann  fühlte,  die  Regierung  verfuhr
zugleich  zu  hart  und  zu  nachgiebig;  das  Steuerruder  der  Kirchenpolitik
war  ihrer  Hand  entfallen.  —

Beide  Höfe,  der  römische  wie  der  Berliner,  hielten  für  nötig,  ihr
Verhalten  durch  Staatsschriften  vor  der  öffentlichen  Meinung  zu  rechtfertigen.
  Der  Erfolg  dieser  Veröffentlichungen  war  für  Preußen  nicht
durchweg  günstig,  da  Bunsens  hinterhaltige  Politik  sich  unmöglich  entschuldigen
  ließ.  Auch  in  dem  allgemeinen  literarischen  Kampfe,  der  nun
entbrannte,  konnte  keine  Partei  sich  eines  vollständigen  Sieges  rühmen.
Die  Teilnahme  war  ungeheuer;  binnen  wenigen  Jahren  erschienen  an
zweihundert  Schriften  für  und  wider,  denn  ein  anderes  Mittel  der  Erörterung
  besaß  die  Nation  noch  nicht,  und  sie  fühlte,  daß  mit  dem  konfessionellen
  Frieden  die  Grundfesten  ihrer  Kultur  bedroht  waren.  Den
Streit  eröffnete  der  alte  Görres  mit  dem  Athanasius,  dem  wildesten  seiner
Bücher,  das  die  jacobinische  Heftigkeit  seiner  Jugendschriften  noch  überbot.
Was  war  aus  dem  Patrioten  des  Rheinischen  Merkurs  geworden!  Die
evangelische  Kirche  überhäufte  er  mit  wütenden  Schmähungen,  die  in  einem
paritätischen  Volke  fast  wie  ein  Aufruf  zum  Bürgerkriege  klangen:  nichts
mehr  wollte  er  in  ihr  sehen  als  das  narkotische  Gift  des  Pietismus  und
das  korrosive  Gift  des  Rationalismus.  Ebenso  dreist  suchte  er  den  Stammeshaß
  der  Rheinländer  wider  die  Altpreußen  aufzuwiegeln;  sein  alter
Ingrimm  gegen  „die  Litauer“  vom  rechten  Elbufer  brach  wieder  durch.
Die  Maßregeln  der  preußischen  Regierung  schilderte  er  als  „die  rohen  und
ungeschlachten  Ausbrüche  jenes  starren  Knochenmannes,  dem  man  zu  viel
Ehre  antut,  wenn  man  einen  Geist  ihn  nennt“,  und  gedachte  höhnend
der  Kämpfe  zwischen  Friedrich  Wilhelm  I.  und  dem  Kronprinzen  Friedrich.
Von  dem  Geiste  des  suum  cuique,  der  die  Geschichte  dieses  Staates
erfüllte  und  sich  auch  in  jenen  tragischen  Kämpfen  des  Königshauses
nicht  verleugnet  hatte,  wollte  Görres  nichts  wissen;  denn  auf  der  römischen
Kirche  ruhte  die  ganze  Ordnung  der  neuen  Welt,  darum  bedurfte  ihr
Priester  auch  gar  keiner  Entschuldigung,  wenn  er  sich  der  Staatsgewalt
widersetzte.
        <pb n="724" />
        716  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Ein  Heer  meist  anonymer  klerikaler  Schriftsteller  blies  in  dasselbe
Horn;  der  Nassauer  Lieber,  der  unter  dem  Namen  „eines  praktischen
Juristen“  schrieb,  zeichnete  sich  unter  ihnen  durch  Scharfsinn  und  Schroffheit
  besonders  aus.  Görres  selbst  führte  noch  in  mehreren  Flugschriften
seine  Nachhiebe.  In  der  Kunst  des  Verleumdens  aber  war  der  Herausgeber
  der  Neuen  Würzburger  Zeitung,  Zander,  allen  überlegen,  ein  jüdischer
  Renegat  aus  dem  Norden,  derselbe  Mensch,  der  sich  durch  König
Ernst  August  bestechen  ließ.  )  Sein  Blatt  triefte  von  Schmähungen  gegen
die  Hohenzollern;  in  diesen  Spalten  wurde  das  Kapital  der  antipreußischen
Schimpfreden  angesammelt,  mit  dem  die  ultramontane  Partei  durch  ein
halbes  Jahrhundert  hausgehalten  hat.  Den  vorläufigen  Abschluß  dieser
Literatur  bildete  ein  umfängliches  Buch  De  la  Prusse  et  sa  domination
  (Paris  1842),  von  Cazales,  einem  französischen  Legitimisten,  der  zu
München  lange  in  dem  Görresschen  Kreise  gelebt  hatte.  Hier  wurde  das
preußische  Regierungssystem  „ein  abgeschmacktes  Schaugerüste  von  Mißbräuchen,
  Dekreten,  thrannischen  oder  unmöglichen  Befehlen“  genannt  und
der  Kölnische  Bischofsstreit  eine  Erhebung  der  reinen  germanischen  Rasse
gegen  das  Slaventum  des  Nordostens.  Der  Franzose  scheute  sich  auch
nicht,  den  Bund  der  Kirche  mit  der  Demokratie  zu  fordern  und  in  der
Weise  Montalemberts,  aber  ohne  dessen  Geist,  den  Katholizismus  als  die
Sache  der  Freiheit  zu  verherrlichen.  Die  Buchhandlungen  von  Hurter  in
Schaffhausen  und  Manz  in  Regensburg,  sowie  einige  kleinere  Firmen  in
Würzburg  und  Freiburg  verbreiteten  fast  allwöchentlich  neue  Brandschriften
in  den  Rheinlanden.  Ein  in  Würzburg  verlegtes  neues  Rotes  Buch
„Rheinpreußisches“  gab  eine  haarsträubende  Schilderung  von  dem  Wüten
der  Preußen  am  Rheine  und  als  Zugabe  die  Erklärungen  des  Posener
Erzbischofs  Dunin.

Offenbar  ging  die  Absicht  der  Partei  auf  die  Losreißung  der  alten
Krummstabslande  von  dem  evangelischen  Herrscherhause.  Der  Historiker
Böhmer  in  Frankfurt,  der  allerdings  die  Gründung  des  Zollvereins  als
eine  persönliche  Beschimpfung  empfand,  konnte  gar  nicht  rührsam  genug
schildern,  wie  „diese  Fremden  in  der  eroberten  Provinz“  sich  häuslich  eingerichtet
  hätten;  er  nannte  die  Grenzfestung  Deutschlands,  den  Ehrenbreitstein,
  das  Zwing-Uri  des  Rheinlands  und  sang  ingrimmig:  „Die
Tochter  fremden  Freiers  Lohn,  in  die  Kaserne  muß  der  Sohn!“  Die
belgische  Presse  unterstützte  fast  einmütig  diese  Bestrebungen,  sie  empfahl
die  Bildung  einer  rheinisch-belgischen  Konföderation,  während  die  bayrischen
Ultramontanen  ihrem  Herrscherhause  die  rheinische  Königskrone  wünschten.
Ein  am  Rheine  massenhaft  verbreitetes  belgisches  Flugblatt  sagte:  „Stehet
auf  im  Namen  euerer  geschändeten  Religion,  im  Namen  euerer  Freiheit,
von  eueren  Henkern  mit  Füßen  getreten.  Fürchtet  den  Deutschen  Bund

 

*)  S.  o.  IV.  656.
        <pb n="725" />
        Süddeutschland  gegen  Preußen.  717

nicht!  Osterreich  und  Bayern  sind  geheime  Feinde  des  Königs  von  Preußen,
den  wir  gemeinsam  bekämpfen!“  Alle  solche  Anschläge  erschienen  lächerlich
gegenüber  der  ungeheueren  Anziehungskraft  des  preußischen  Staates  und
dem  höchst  ehrenwerten  gesetzlichen  Sinne  der  Rheinländer.  Jener  rohe
Kampf  zwischen  Beichtstuhl  und  Loge,  der  die  Geschichte  Belgiens  aus—
machte,  war  am  deutschen  Rhein  unmöglich,  weil  in  der  katholischen  Provinz
  auch  ein  starker,  kerngesunder  Protestantismus  blühte,  und  die  soziale
Freiheit  Preußens  mit  dem  bayrischen  Zunftzwange  zu  vertauschen,  konnte
den  klugen  rheinischen  Geschäftsleuten  nicht  beikommen.  Als  der  Kronprinz
im  Sommer  1838  die  Manöver  in  den  westlichen  Provinzen  abhielt,  gewann
  er  die  tröstliche  Gewißheit,  „daß  eine  fünfundzwanzigjährige  von  Gott
gesegnete  Regierung,  unter  welcher  das  Land  zu  nie  erhörter  Blüte  sich
entwickelt,  in  deutschen  Herzen  Dankbarkeit  erzeugt.“

Aber  fruchtlos  blieb  diese,  alle  Niedertracht  des  Partikularismus  aufregende
  klerikale  Wühlerei  keineswegs;  sie  erschwerte  auf  Jahre  hinaus  die
Verständigung  zwischen  dem  Westen  und  dem  Osten.  Und  wie  sie  in  Süddeutschland
  wirkte,  das  zeigte  ein  törichtes  Büchlein  Rottecks  über  den
Kölner  Streit.  Der  alte  Feind  Preußens  fühlte  sich  nur  gedrungen,  „gegen
die  Diktatur  der  Staatsgewalt  in  kirchlichen  Dingen  zu  protestieren“;  daß
der  Erzbischof  seinen  Eid  und  die  Staatsgesetze  mit  Füßen  getreten  hatte,
kam  vor  dem  Richterstuhle  des  abstrakten  Vernurftrechts  nicht  in  Betracht.
Den  sichersten  Maßstab  für  die  Stimmung  im  Süden  gab  die  Haltung
der  Augsburger  Allgemeinen  Zeitung.  Das  Blatt  schillerte  nach  seiner
Gewohnheit  in  allen  Farben.  Sein  gegenwärtiger  Eigentümer  Georg
von  Cotta  erbat  sich  von  Bunsen  geheime  Mitteilungen,  damit  die  Zeitung
„im  Interesse  Preußens  und  der  guten  Sache“  wirken  könne;?)  er  gestattete
  auch  dem  Münchner  Philologen  Thiersch  zuweilen,  einen  verständigen
  Artikel  zu  schreiben,  und  sah  sich  einmal  sogar  genötigt,  den  Wiener
Hof  um  Nachsicht  zu  bitten.  Gleichwohl  zeigte  sich  die  einflußreiche  Zeitung
dem  preußischen  Staate  so  entschieden  feindlich,  wie  bisher  schon  in  allen
großen  Fragen  der  deutschen  Politik,  mit  der  einzigen  Ausnahme  der  Zollvereinshändel.
  In  ihren  Spalten  erschien  zuerst  alles,  was  dem  Berliner
Hofe  schaden  konnte,  und  in  jedem  Wirtshause  des  Rheinlandes  ward  sie
eifrig  gelesen.

Unterdessen  sah  sich  Jarcke  genötigt,  auf  die  Teilnahme  am  Berliner
politischen  Wochenblatt  zu  verzichten.  In  dieser  Krisis  kam  an  den  Tag,  daß
die  evangelischen  Orthodoxen  Preußens  doch  von  anderem  Schlage  waren
als  die  Junghegelianer  behaupteten.  Das  Wochenblatt  verteidigte,  ganz  wie
Hengstenbergs  Evangelische  Kirchenzeitung,  mutig  die  Rechte  der  Staatsgewalt.
  Die  Geister  begannen  sich  zu  scheiden.  Darum  trat  Jarcke  aus,
und  auf  seinen  Rat  schuf  sich  die  junge  ultramontane  Partei  in  München

 

*)  Georg  von  Cotta  an  Bunsen,  30.  Dez.  1837.
        <pb n="726" />
        718  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

ein  eigenes  Organ,  das  den  bezeichnenden  Titel  erhielt:  Historisch-politische
Blätter  für  das  katholische  Deutschland.  Naiver  ließen  sich  die  friedens—
störerischen  Absichten  der  Partei  nicht  aussprechen.  Evangelische  Kirchen—
zeitungen  gab  es  längst,  so  gut  wie  katholische;  aber  ein  historisch-politisches
Blatt  für  das  evangelische  Deutschland  zu  schreiben,  war  unter  den  weitherzigen
  Protestanten  noch  keinem  in  den  Sinn  gekommen,  denn  da  die
evangelische  Kirche  sich  als  die  allgemeine  christliche  Kirche  ansieht  und  auch
darnach  handelt,  so  wendet  sich  jeder  gute  Protestant,  der  über  deutsche
Politik  redet,  an  alle  seine  Volksgenossen.  Die  ersten  Herausgeber  der
gelben  Blätter,  Phillips  und  Görres'  Sohn  Guido  verfuhren  nicht  ohne
Geschick  und  suchten  den  äußeren  Anstand  zu  wahren,  sie  vermieden  in
den  ersten  Heften  absichtlich,  die  Kölnischen  Wirren  zu  berühren.  Doch
hinter  den  gebildeten  Formen  verbargen  sie  einen  Fanatismus,  der  nicht
nur  den  kirchlichen,  sondern  selbst  den  bürgerlichen  Frieden  unmöglich
machen  mußte.  Ihre  evangelischen  Landsleute  erschienen  ihnen  nur  als
„die  von  der  Kirche  Getrennten“,  die  wofern  sie  „eines  guten  Willens  sind“,
zur  Kirche  zurückkehren  müßten,  und  den  tapfersten  aller  deutschen  Männer,
Martin  Luther  betrachteten  sie  als  „ein  psychologisches  Problem“,  das  sich
nur  aus  einer  Mischung  von  Hochmut  und  „hypochondrischer  Mutlosigkeit“
  erklären  lasse.  Das  akademische  Studium  der  Theologen  war  ihnen
ein  General,  so  gut  wie  die  Milde  des  Fürstbischofs  von  Breslau,  und  als
leuchtendes  Gegenbild  ward  der  preußischen  Krone  der  klosterfreundliche
Ludwig  von  Bayern  vorgehalten.

Dieser  geschlossenen  ultramontanen  Masse  gegenüber  fochten  die  Protestanten
  als  einzelne,  jeder  mit  seinen  eigenen  Waffen,  wie  es  die  evangelische
  Freiheit  bedingt.  In  leidenschaftlichen  literarischen  Kämpfen  läßt
sich  die  Bedeutung  der  einzelnen  Schriften  stets  an  der  Zahl  ihrer  Gegner
abmessen.  Diesmal  verdiente  Heinrich  Leo  den  Preis;  sein  Sendschreiben
an  Görres  erregte  ein  unbeschreibliches  Wutgeschrei  im  klerikalen  Lager;
denn  er  fand  das  treffende  Wort,  er  sagte  den  Gegnern  rund  heraus,  sie
seien  nicht  Katholiken,  sondern  „Welfen“,  in  ihrem  Treiben  offenbare  sich
nur  der  uralte  Haß  der  deutschen  Zuchtlosigkeit  gegen  jede  feste  und  gerechte
  Staatsbildung.  Der  Vorwurf  traf  um  so  schwerer,  weil  er  aus
dem  Munde  eines  Mannes  kam,  der  seine  Achtung  für  die  römische  Kirche
so  oft,  zuweilen  über  das  billige  Maß  hinaus,  bewiesen  hatte.  Viel  milder,
aber  auch  im  Geiste  des  positiven  Christentums  gehalten  waren  zwei  geistreiche
  Schriften  des  preußischen  Gesandten  Frhrn.  von  Canitz  in  Hannover.
Der  Jenenser  Theolog  Karl  Hase  schrieb  über  „die  beiden  Erzbischöfe“
eine  historische  Abhandlung,  deren  überlegene  Ruhe  den  erhitzten  Gegnern
ganz  unverständlich  war.  Der  Bonner  Kurator  Rehfues  schilderte  unter
dem  Namen  eines  Sammlers  historischer  Urkunden  „die  katholische  Kirche
in  der  preußischen  Rheinprovinz“;  er  wies  nach,  wie  der  König  auf  das
Recht  der  Bischofsernennung,  das  ihm  als  dem  Nachfolger  Napoleons
        <pb n="727" />
        Protestantische  Verteidiger  der  preußischen  Krone.  719

unzweifelhaft  zugestanden,  freiwillig  verzichtet  und  die  römische  Kirche  mit
einer  alle  katholischen  Fürsten  beschämenden  Hochherzigkeit  behandelt  habe.
Der  Theolog  Marheineke  in  Berlin  verfocht  die  Rechte  der  Staatsgewalt
nach  den  Grundsätzen  der  Hegelschen  Philosophie.

Zu  diesen  ernsthaften  Verteidigern  gesellten  sich  aber  auch  Bundesgenossen,
  welchedem  strenggläubigen  Königehöchstverdächtig  scheinen  mußten.
Die  kursächsischen  Rationalisten  zeigten  noch  einmal,  wie  wenig  sie  das  verwandelte
  kirchliche  Leben  der  Zeit  verstanden;  sie  sprachen  in  der  Leipziger
Allgemeinen  Zeitung  und  anderen  mitteldeutschen  Blättern  noch  ganz  in
der  alten  Weise  verächtlich  von  der  altersschwachen  Kreuzspinne,  die  zwischen
den  zerbrochenen  Säulen  des  Kolosseums  hause.  Der  alte  rheinländische
Burschenschafter  Carové  in  Heidelberg,  ein  liebenswürdiger,  für  Völkerglück
und  ewigen  Frieden  begeisterter  Enthusiast,  entwarf  in  einem  Buche  „Papismus
  und  Humanität“  ein  verschwommenes  Bild  von  der  kirchlichen  Eintracht
  der  Zukunft:  die  deutschen  Katholiken  sollten  sich  von  Rom  lossagen,
„sich  ihren  geistfreien  Brüdern  wieder  in  die  Arme  werfen“;  und  dabei
blieb  er  selbst  im  Schoße  der  römischen  Kirche.  Nun  gar  die  Genossen
des  Jungen  Deutschlands  benutzen  die  Gunst  der  Stunde,  um  ihre  erloschenen
  Lichtlein  an  den  Flammen  dieses  Kirchenstreits  wieder  anzuzünden
und  ihren  Haß  gegen  das  Christentum  ungestraft  auszusprechen:  nach
ihrer  Geschichtsphilosophie  waren  ja  die  Reformatoren  nur  Vorläufer  der
französischen  Revolution,  Bahnbrecher  der  jungdeutschen  Unzuchtslehre.
Wie  jubelten  die  Klerikalen  schadenfroh,  als  Th.  Mundt  in  seinem  Taschenbuche
  „Delphin“  sagte:  „König  Wenzel  liebte  Wein,  Weiber  und  Gesang.-wie
  Luther,  dessen  erste  Protestation  gegen  den  Katholizismus  mit  der  Liebe
zu  einer  Frau  begann;“  als  Ruges  Jahrbücher  den  wahren  Protestantismus
  für  die  Negation  alles  Kirchenglaubens  ausgaben;  als  Gutzkow  in
einer  gezierten  Schrift  „die  rote  Mütze  und  die  Kapuze“  den  preußischen
Staat  für  „den  Staat  der  Abstraktion“  erklärte  und  zufrieden  versicherte,
der  helle  Klang  des  Glöckleins  auf  den  Rheindampfschiffen  errege  heutzutage
mehr  Teilnahme  als  der  dumpfe  Glockenhall  vom  Kölner  Dome.  Vor
solchen  Freunden  mußten  die  Vertreter  des  christlichen  Staates  in  Berlin
wohl  besorgt  werden.

Die  Gegensätze  spitzten  sich  immer  schärfer  zu.  Von  den  nichtkatholischen
  Schriftstellern,  welche  die  Kurie  verteidigten  oder  entschuldigten,
traten  drei  bald  nachher  zur  römischen  Kirche  über:  der  Mecklenburger  Franz
von  Florencourt,  ein  ehrlicher,  federgewandter,  aber  ziemlich  verworrener
Publizist,  sodann  der  ostpreußische  Jude  Rintel  und  der  Jude  Jvel  Jacobi,
ein  zweifelhafter  Charakter,  dem  niemand  recht  traute.  Wer  jetzt  noch
zu  vermitteln  suchte,  erntete  Vorwürfe  von  beiden  Seiten.  Das  erfuhr
der  alte  Reichsfreiherr  Hans  Gagern,  als  er  in  einer  besänftigenden  „Ansprache
  an  die  Nation“  dem  Kölner  Prälaten  zurief:  „Sie  sind  Erzbischof,
Deutscher,  Europäer  und  Mensch!“  Für  Europa  und  die  Menschheit
        <pb n="728" />
        720  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

hatten  die  Klerikalen  vielleicht  noch  ein  Verständnis,  für  Deutschland  sicherlich
  nicht;  mit  Spott  und  Hohn  fertigten  sie  den  Gutmütigen  ab,  der
ihnen  sagte,  jeder  Priester  solle  ein  „Lichtfreund“  sein.

Die  praktische  Kirchenpolitik  konnte  aus  diesem  endlosen  Federkriege
wenig  Belehrung  schöpfen.  Die  Ultramontanen  verlangten  den  reinen
Dualismus  von  Staat  und  Kirche,  die  Vernichtung  der  staatlichen  Kirchenhoheit,
  den  Verzicht  des  Staates  auf  seine  Souveränität;  ihre  Gegner
glaubten,  daß  die  alleinseligmachende  Kirche  durch  Staatsgesetze  oder  auch
durch  literarische  Ermahnungen  zu  einer  Duldsamkeit,  welche  ihrem  Geiste
widersprach,  gezwungen  werden  könne.  Beides  war  in  einem  paritätischen
Volke  gleich  unmöglich.  Die  Klerikalen  hatten  jedoch  den  Vorteil,  daß
sie  sich  auf  das  Beispiel  Belgiens  berufen  durften,  das  freie,  denkende
Männer  freilich  anwidern  mußte,  aber  den  liberalen  Vorurteilen  der  Zeit
verlockend  schien.  Mit  den  Mitteln  des  alten  Territorialsystems  kam  der
Staat  nicht  mehr  weiter.  Die  Aufgabe  war,  das  innere  Leben  der  Kirche
einer  unleidlichen  Bevormundung  zu  entziehen,  aber  auch  der  Kirche  jeden
Übergriff  in  das  Gebiet  des  bürgerlichen  Rechts  unmöglich  zu  machen
und  das  unveräußerliche  Recht  der  staatlichen  Kirchenhoheit  festzuhalten.
Über  diese  schwierige  Grenzberichtigung  hatte  zurzeit  noch  niemand  ernstlich
  nachgedacht,  und  die  konfessionellen  Leidenschaften  hüben  wie  drüben
erschwerten  lediglich  die  Lösung  der  Frage.  Nur  eine  wichtige  und  fruchtbare
  Erkenntnis  blieb  aus  diesem  Bischofsstreite  zurück:  die  evangelische
Welt  konnte  nicht  mehr  in  der  alten  trügerischen  Sicherheit  dahinleben;
mit  Ausnahme  der  ganz  gedankenlosen  alten  Rationalisten  begriffen  jetzt
alle  Protestanten,  daß  die  wieder  erstarkte  römische  Kirche  eine  Macht  war,
arm  an  Ideen,  aber  reich  an  streitbaren  politischen  Kräften  und  festgewurzelt
in  den  Gefühlen  der  Massen.  Mit  dieser  Macht  hatte  der  paritätische
deutsche  Staat  fortan  zu  rechnen.

Unmöglich  konnten  die  benachbarten  katholischen  Mächte  diesen  Wirren
fern  bleiben.  Von  Brüssel  stand  am  wenigsten  zu  fürchten.  Das  Verhältnis
  zwischen  dem  preußischen  und  dem  belgischen  Hofe  blieb  allerdings
mehrere  Jahre  hindurch  sehr  unfreundlich');  die  Brabanter  Klerikalen  boten
alles  auf,  um  die  endgültige  Ausgleichung  mit  Holland,  die  eben  jetzt  bevorstand,
  zu  vereiteln  und  den  Weltkrieg  zu  entzünden,  der  sich  zunächst
gegen  das  ketzerische  Preußen  richten  sollte.  Mehrmals  gewann  es  den
Anschein,  als  ob  diese  Verblendeten  die  schwache  Regierung  mit  fortreißen
würden;?)  schließlich  vermochte  König  Leopolds  Klugheit  doch  zwischen
beiden  Parteien  hindurchzusteuern  und  den  Frieden  mit  dem  mächtigen
Nachbarn  aufrechtzuhalten.  Ganz  anders  stand  es  in  Bayern.  Welch  ein

 

*)  S.  v.  IV.  594.
**)  Bericht  des  Reg.-Präs.  v.  Cuny  an  Rochow,  19.  Nov.;  Abbé  Moens  an  Cuny,
Lüttich,  14.  Nov.  1838.
        <pb n="729" />
        Bayern  als  Schirmherr  der  Ultramontanen.  721

seltsames  Zusammentreffen!  In  denselben  Novembertagen  des  Jahres  1837,
da  Droste-Vischering  verhaftet  wurde,  trat  das  Ministerium  Abel  seine
Herrschaft  in  München  an.  An  die  Wiederherstellung  der  rheinischen  Herr—
schaft  des  Hauses  Wittelsbach  mag  König  Ludwig  wohl  nie  im  Ernst  gedacht
haben;  solche  Pläne  mußten  selbst  der  Phantasie  des  philhellenischen  Dichterkönigs
  allzu  verwegen  erscheinen.  Aber  jener  Gedanke,  den  ihm  einst  Görres
bei  seiner  Thronbesteigung  ans  Herz  gelegt  hatte,  erfüllte  ihn  jetzt  ganz
und  gar:  er  wollte  als  Nachfolger  des  gewaltigen  Kurfürsten  Maximilian
der  Schirmherr  des  deutschen  Katholizismus  werden.  Vor  diesem  Ideale
verblaßten  alle  die  anderen  Traditionen  seines  Hauses:  er  vergaß,  daß  er
auch  der  Erbe  der  evangelischen  Pfalzgrafen  war,  daß  sein  Bayern  —
wie  oft  hatte  er  es  doch  selbst  ausgesprochen!  —  nur  im  Bunde  mit  Preußen
sich  seine  Stellung  in  der  neuen  deutschen  Geschichte  erworben  hatte.  Kopfüber
  stürzte  er  sich  in  eine  klerikale  Weltanschauung,  die  seinem  freien
Sinne  ursprünglich  fremd  war;  sein  immerdar  launisches  Wesen  ward
nahezu  närrisch,  dem  Bewunderer  des  milden  Sailer  ließ  sich  jetzt  jede
klerikale  Tollheit  zutrauen.  Graf  Dönhoff  schrieb:  „ein  Fürst,  den  wir
von  ultraliberalen  zu  ultramontanen,  von  den  übertriebensten  konstitutionellen
  Vorstellungen  zur  ausgesprochenen  Willkürherrschaft  haben  übergehen
  sehen,  kann  auch  in  jeder  anderen  Hinsicht  noch  seine  Meinung
wechseln.“  Und  König  Friedrich  Wilhelm  bemerkte  dazu:  „ein  sehr  kurzes,
aber  sehr  treffendes  Bild  Sr.  Majestät.“/7)

Mit  schamloser  Parteilichkeit  begünstigte  der  Münchner  Hof  von  vornherein
  alle  Feinde  der  preußischen  Regierung.  Während  er  die  Schriften
von  Leo,  Marheineke,  Rehfues  konfiszieren  ließ  und  sich  in  Dresden  über
die  hartprotestantische  Sprache  der  Leipziger  Allgemeinen  Zeitung  beschwerte,
gestattete  er  der  Neuen  Würzburger  Zeitung  Majestätsbeleidigungen  gegen
die  Krone  Preußen,  die  in  diesem  Zeitalter  der  Zensur  ganz  unmöglich
schienen.  Jede  Dreistigkeit  ward  den  Ultramontanen  nachgesehen.  Den
Athanasius  nahm  König  Ludwig  aus  Görres'  eigenen  Händen  dankbar  entgegen
  und  belohnte  den  Verfasser  durch  einen  Orden,  den  die  Münchner
Studenten  mit  Jubelrufen  begrüßten;  in  dem  Buche  aber  stand  zu  lesen,
daß  die  Kinder  gemischter  Ehen  zwieschlächtige  Bastarde  seien,  und  Ludwig
selbst  lebte  in  gemischter  Ehe  wie  sein  Vater  König  Max  Joseph.  Am
Namenstage  der  evangelischen  Königin  Therese  veranstalteten  die  barfüßigen
Karmeliter  in  Würzburg,  „insgemein  Reuerer  genannt“,  einen  Gottesdienst
zu  Ehren  der  heiligen  und  seraphischen  Jungfrau  und  Mutter  Theresia
und  verkündeten  in  öffentlichen  Anschlägen:  „Wer  an  diesem  Tage  dort  um
Frieden  und  Eintracht  der  Fürsten  und  Potentaten,  um  Ausreutung  der
Ketzerei  und  um  Mehrung  der  christkatholischen  Kirche  bittet,  erhält  vollkommenen
  Ablaß.“  Für  diese  Verhöhnung  seiner  eigenen  Gemahlin  fand

 

*)  Dönhoffs  Bericht,  11.  März  1838.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  46
        <pb n="730" />
        722  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

der  König  kein  Wort  der  Rüge,  er,  der  die  Demagogen  vor  seinem  Bilde
knieen  ließ.  Unterdes  wurde  die  Schimpferei  des  Zanderschen  Blattes  so
unflätig,  daß  der  preußische  Gesandte  sich  ernstlich  beschweren  mußte.“)
Als  alle  Vorstellungen  vergeblich  blieben,  beschloß  der  preußische  Hof,  beim
Bundestage  das  Verbot  der  Neuen  Würzburger  Zeitung  zu  beantragen,
und  er  gewann  auch  in  vertraulichen  Vorbesprechungen  die  Zustimmung
sämtlicher  Bundesregierungen  zu  diesem,  nach  Lage  der  Gesetzgebung
durchaus  berechtigten  Antrage.  Nun  erst  lenkte  Bayern  ein.  Im  Juni  1838
erklärte  der  Gesandte  Graf  Luxburg,  ein  verständiger  Diplomat,  der  zu
Berlin  in  verdientem  Ansehen  stand  und  sich  jetzt  seines  eigenen  Hofes
im  stillen  schämte:  König  Ludwig  verdamme  „das  undeutsche  und  nichtswürdige
  Treiben“  des  Redakteurs  Ernst  Zander  und  habe  „den  freiwilligen
Entschluß“  gefaßt,  ihn  von  dem  Blatte  zu  entfernen.*)  Die  Zeitung  selbst
wurde  nicht  verboten.

Werther  beruhigte  sich  bei  dieser  halb  spöttischen  Genugtuung.  Er
wußte  nicht,  was  auch  der  Gesandte  Graf  Dönhoff  erst  nach  Monaten
erfuhr,  **)  daß  Minister  Abel  gleichzeitig  ein  vertrauliches  Entschuldigungsschreiben
  an  die  bayrischen  Bischöfe  richtete.  Da  hieß  es:  die  Neue  Würzburger
  Zeitung  habe  durch  ihre  Haltung  in  dem  Kölner  Streite  sich  den
allgemeinen  Beifall  aller  Gutgesinnten  erworben,  der  katholischen  Kirche
wesentliche  und  dankenswerte  Dienste  geleistet;  nur  durch  Zanders  Schmähartikel
  sei  die  Regierung  zum  Einschreiten  gezwungen  worden.  Gleichwohl
werde  der  König  unerschütterlich  bei  seinen  kirchlichen  Grundsätzen  verharren.
  „Allerhöchstdessen  Name  wird  in  der  Geschichte  fort  und  fort
neben  jenem  seines  großen  Vorvordern  Max  I.  erglänzen,  und  es  werden
späte  Enkel  noch  segnend  ihre  Dankgebete  zu  dem  Ewigen  dafür  emporsenden,
  daß  er  seiner  heiligen  Kirche  in  den  Zeiten  hoher  Bedrängnis  zum
zweiten  Male  einen  Schirmherrn  aus  dem  Wittelsbacher  Stamme  gegeben,
der  für  ihr  gutes  Recht  mit  unerschüttertem  Mute  eingestanden  ist  und
die  Verteidiger  derselben  um  sich  geschart,  ermutiget,  gekräftiget  und  siegreich
  zum  Ziele  geführt  hat.“  So  war  jetzt  wirklich  die  Gesinnung  König
Ludwigs.  Umsonst  hielten  der  verständige  Thronfolger  und  die  Königin-Witwe
  dem  verblendeten  Fürsten  vor,  was  es  auf  sich  habe,  die  blutigen
Schatten  der  finstersten  Zeit  deutscher  Geschichte  heraufzubeschwören.  )  Die
preußischen  Staatsmänner  aber  waren  peinlich  überrascht,  als  ihr  Kronprinz
  Friedrich  Wilhelm,  sobald  der  Streit  wegen  der  Würzburger  Zeitung
notdürftig  beigelegt  war,  den  bayrischen  Hof  in  Kreuth  besuchte  —  eine

 

*)  Dönhoffs  Berichte,  2.,  4.  Dez.  1837,  12.  März  1838.
*7*)  Luxburg  an  Werther,  18.  Juni;  Werther  an  Luxburg,  17.  Juni,  an  Otterstedt,
18.  Juni  1838.
*  W#)  Dönhoffs  Bericht,  5.  März  1839.
)Dönhoffs  Berichte,  13.  April  1838  ff.
        <pb n="731" />
        Die  Kniebeugung  in  Bayern.  723

Reise,  welche  der  alte  König  erst  streng  verboten  hatte  und  auch  jetzt  noch
sehr  ungern  sah.“)

Mittlerweile  bekam  auch  das  bayrische  Volk  zu  fühlen,  was  klerikale
Parteiherrschaft  ist.  Wie  maßlos  hatten  die  bayrischen  Ultramontanen  auf
die  preußischen  Kirchenparaden  gescholten;  auf  Befehl  König  Friedrich
Wilhelms  war  dieser  Mißbrauch  nunmehr  abgeschafft.  Zur  Erwiderung
gleichsam  befahl  König  Ludwig  durch  eine  Verordnung  vom  14.  Aug.  1838
den  bayrischen  Truppen,  daß  sie  auf  der  Wache  und  beim  Gottesdienste
vor  dem  Sanktissimum  niederknieen  sollten.  Die  Armee  bestand  zu  einem
vollen  Drittel  aus  evangelischen  Mannschaften,  und  ihnen  ward  eine  kirchliche
  Zeremonie  zugemutet,  welche  jeder  strenge  Protestant  als  sündhaften
Baalsdienst  verabscheuen  mußte!  Hier  verriet  sich  der  wahre  Geist  der
Partei,  welche  der  preußischen  Krone  gegenüber  die  Gewissensfreiheit  zu
verteidigen  behauptete.  Allgemein  war  die  Erbitterung  in  den  evangelischen
  Landesteilen;  ängstliche  Gemüter  fürchteten  schon,  aus  dem  Streite
zwischen  Staat  und  Kirche  werde  ein  Krieg  der  Konfessionen  hervorgehen.

Ein  neuer  Erfolg  gelang  den  Ultramontanen  in  Baden.  Im  Herbst
1836  wurde  Nebenius  aus  dem  Ministerium  verdrängt.  Blittersdorff  war
nunmehr  Herr  der  Lage,  und  sein  hartreaktionäres  System  konnte  sich  nur
durch  die  Beihilfe  der  klerikalen  Partei  behaupten.  Bei  Nebenius'  Sturze
hatte  der  österreichische  Gesandte  Graf  Dietrichstein  mitgewirkt;  )  überall
arbeiteten  die  Diplomaten  der  Hofburg  mit  den  Feinden  Preußens  behutsam
  zusammen.  Seit  Bunsens  Anconer  Note  glaubte  Metternich  nicht
mehr  recht  an  den  Ernst  der  preußischen  Kirchenpolitik.  In  einem  Augenblicke
  ehrlichen  Zornes  fragte  er  Maltzan:  „Wollen  Sie,  daß  ich  die  Rolle
des  Beschützers  der  katholischen  Kirche  an  Frankreich  oder  an  Bayern  überlasse?
  Das  eine  ist  unser  Nebenbuhler  in  Europa,  das  andere  der  ansehnlichste
  katholische  Staat  in  Deutschland.“**)  Die  beiden  bayrischen
Schwestern  in  Wien  freuten  sich  von  Herzen  der  Haltung  ihres  königlichen
Bruders;  der  Briefwechsel  der  Geschwister  war  nie  lebhafter  gewesen.
Ihrem  Einfluß  war  es  vermutlich  zu  verdanken,  daß  die  bisher  streng
verbotene  Neue  Würzburger  Zeitung,  sobald  sie  den  Kampf  gegen  Preußen
begann,  plötzlich  in  Osterreich  zugelassen  wurde.  Metternich  erteilte  dem
Vatikan  beständig  vertraute  Ratschläge,  und  Lambruschini  sagte  dankbar
zu  Graf  Lützow:  wir  überlassen  uns  gänzlich  der  weisen  Leitung  des  kaiserlichen
  Hofes.  Ganz  friedfertig  mochten  diese  Ratschläge  schwerlich  lauten,
aber  auch  nicht  offenbar  feindselig.  Als  Metternich  im  Juli  1838  mit  dem
Könige  wieder  in  Teplitz  zusammentraf,  erging  er  sich  nur  in  vorsichtigen  allgemeinen
  Betrachtungen;  die  Wiedereinsetzung  Drostes  wagte  er  der  Krone

 

*)  S.  o.  IV.  536.
*)  Otterstedts  Bericht,  15.  Okt.  1839.
*  )  Maltzans  Bericht,  5.  Jan.  1838.
467
        <pb n="732" />
        724  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Preußen  nicht  zuzumuten,  er  sagte  sanft:  in  diesem  Punkte  haben  beide
Teile  recht.*')  Offenbar  schwankte  er  zwischen  seinen,  durch  Fürstin
Melanie  genährten  klerikalen  Neigungen  und  seiner  staatsmännischen  Einsicht.
  Einen  Bruch  mit  den  Ostmächten  konnte  er  unmöglich  wünschen,
und  er  wußte,  daß  Zar  Nikolaus  die  Kirchenpolitik  seines  königlichen
Schwiegervaters  unbedingt  verteidigte;  auch  graute  ihm  vor  der  Berserkerwut
  der  Münchner  Fanatiker  und  mehr  noch  vor  den  revolutionären
Anschlägen  des  belgischen  Klerus.“)  Obgleich  er,  wie  alle  Söhne  der
rheinischen  Domherrengeschlechter,  die  preußische  Herrschaft  in  den  Krummstabslanden
  tief  verabscheute,  so  blieb  er  doch  nüchtern  genug,  um  die  Zustände
  dort  nicht  allzu  schwarz  zu  sehen.  Die  bayrischen  Klerikalen  hofften
allesamt  auf  eine  Schilderhebung  der  Rheinländer  oder  auf  irgendein
anderes  großes  Ereignis.  Metternich  urteilte  kühler,  und  der  Erfolg  gab
ihm  recht.  Die  großen  Ereignisse  blieben  aus,  die  provisorische  Verwaltung
  der  beiden  verwaisten  Erzbistümer  arbeitete  ruhig  weiter,  die
Krone  Preußens  stand  unangreifbar  da.

Und  doch  ward  durch  diesen  Bischofsstreit  eine  grundtiefe  Verwandlung
  des  deutschen  Parteilebens  bewirkt.  Seit  die  neue  ultramontane  Partei
sich  zusammenscharte,  begann  der  süddeutsche  Partikularismus  sich  zu  verändern.
  Bisher  hatte  er  liberale  Farben  getragen;  die  alten  Rheinbündler
und  nachher  die  Genossen  der  Rotteck-Welkerschen  Schule  sahen  verächtlich
hernieder  auf  das  zurückgebliebene  Preußen,  aber  auchauf  das  zurückgebliebene
Österreich.  Jetzt  wurden  plötzlich  die  halbverschollenen  österreichischen
Traditionen  des  deutschen  Südens  wieder  lebendig;  und  wenngleich  Metternich
sich  noch  zurückhielt,  so  mußte  doch  früher  oder  später  die  Zeit  kommen,
da  die  Wiener  Politik  sich  diesen  Vorteil  zunutze  machte.  Der  erste  Grund
war  gelegt  für  die  großdeutsche  Partei  der  kommenden  Jahre.  Auch  in
Preußen  bereitete  sich  eine  neue  Parteibildung  vor.  Die  rheinischen  Juristen,
die  schon  so  lange  für  die  Rechtsgleichheit  des  Code  Napoleon  stritten,
meinten  jetzt  auch  allein  zu  wissen,  was  wahre  Kirchenfreiheit  sei,  und  unmerklich
  begannen  ihre  belgischen  Anschauungen  den  Liberalismus  der  östlichen
  Provinzen  anzustecken.  Das  Schlimmste  blieb  doch,  daß  jedermann
fühlte,  die  alte  Regierung  habe  sich  überlebt.  Als  Maltzan  in  Florenz
mit  Kardinal  Capaccini  die  Kölnischen  Händel  besprach,  sagte  der  Welsche
mit  eigentümlichem  Lächeln:  „Wir  müssen  also  warten.“  77)

 

Ernst,  fast  düster  schloß  König  Friedrich  Wilhelms  vielgeprüftes  Leben.
Beinah  alle  die  reichbegabten  Männer,  die  ihm  einst  bei  der  Erhebung  und

 

*)  Geh.  Kabinettsrat  Müller,  Aufzeichnung  über  eine  Unterredung  mit  Fürst
Metternich,  Teplitz,  22.  Juli  1838.
**“)  Maltzans  Berichte,  21.  Jan.,  10.  März  1839.
*##)  Maltzans  Bericht,  6.  Okt.  1838.
        <pb n="733" />
        Friedrich  Wilhelms  letzte  Jahre.  725

Wiederbefestigung  des  Staates  zur  Seite  gestanden,  waren  vor  ihm  dahin—
gegangen.  In  diesen  letzten  Jahren  folgte  ein  Mißgriff  dem  andern.  Der
Bundestag  entwürdigte  sich  durch  die  hannöverschen  Beschlüsse  dermaßen,
daß  niemand  mehr  an  eine  friedliche  Zukunft  des  Deutschen  Bundes
glauben  konnte;  die  preußische  Kirchenpolitik  suchte  vergeblich  einen  Ausweg
aus  unleidlicher  Verwirrung;  und  im  Volke  stieß  das  gestrenge  alte
Beamtenregiment  auf  einen  stillen,  beständig  wachsenden  Widerwillen,  den
allein  die  Ehrfurcht  vor  dem  greisen  Monarchen  noch  danieder  hielt.  Als
Friedrich  von  Gagern  im  Jahre  1839  den  Berliner  Hof  besuchte,  da
gewann  er  den  Eindruck,  diese  Regierung  halte  sich  nur,  weil  das  Schicksal
sie  neuerdings  vor  allzu  heftigen  Stößen  bewahrt  habe.

Der  alte  König  selbst  verstand  die  Zeit  nicht  mehr.  Wie  er  den  treuen
Arndt,  der  doch  neuerdings  bei  den  Liberalen  als  reaktionärer  Franzosenfreund
  verrufen  war,  noch  immer  unversöhnlich  dem  Lehrstuhle  ferne
hielt,  so  wollte  er  auch  von  den  konstitutionellen  Ideen  jetzt  sogar  noch
weniger  hören  als  in  früheren  Jahren.

In  einem  um  das  Jahr  1838  niedergeschriebenen  Testamentsentwurfe
  verpflichtete  er  den  Thronfolger  zur  Aufrechterhaltung  der  Union,
der  Agende,  der  Konsistorialverfassung  und  erklärte  sodann  nachdrücklich,
daß  er  die  von  den  Vorfahren  ererbte  unbeschränkte  königliche  Gewalt
unbeschränkt  seinen  Nachfolgern  hinterlassen  wolle.  Die  Erfahrung  lehre,
daß  die  Fürsten,  welche  auf  einen  Teil  ihrer  Rechte  verzichteten,  oft  auch  den
anderen  Teil  einbüßten  und  selbst  die  Möglichkeit,  Gutes  zu  tun,  verlören.
  Seine  Untertanen  besäßen  in  den  Institutionen,  die  er  ihnen
aus  freiem  Willen  erteilt,  in  der  geregelten  Staatsverwaltung,  in  dem
Staatsrate,  in  den  Provinzialständen,  in  der  Städteordnung,  in  den
Kommunalverfassungen  die  Bürgschaft  für  ungestörte  Ordnung  und  Gesetzlichteit.
  Auf  dieser  Unbeschränktheit  der  königlichen  Gewalt  beruhe  vorzugsweise
  die  Stellung  Preußens  im  Staatensystem;  und  da  eine  Anderung
dieses  Grundpfeilers  der  Monarchie  letztere  selbst  wankend  machen  würde,
so  bestimme  er  hierdurch,  „daß  kein  königlicher  Regent  befugt  sein  soll,
ohne  Zuziehung  sämtlicher  Agnaten  in  dem  königlichen  Hause  irgendeine
  Anderung  oder  Einleitung  zu  treffen,  wodurch  eine  Veränderung  in
der  Verfassung  des  Staates,  namentlich  in  Beziehung  auf  die  ständischen
Verhältnisse  und  die  Beschränkung  der  königlichen  Gewalt  bewirkt  oder
begründet  werden  könnte.“  Im  Falle  der  Aufnahme  einer  neuen  Anleihe  —
so  fuhr  der  König  fort  —  werde  er  nach  der  Vorschrift  des  Staatsschuldengesetzes
  von  1820  handeln,  in  jedem  der  acht  Provinziallandtage
je  vier  Abgeordnete  wählen  lassen,  diese  Gewählten  durch  eine  gleiche
Anzahl  von  Mitgliedern  des  Staatsrats  verstärken  und  der  also  gebildeten
  reichsständischen  Versammlung  das  Anleihegesetz  —  aber  schlechterdings
  keine  andere  Frage  —  zur  Beratung  vorlegen.))  Durch  einen

*7)  Aufzeichnungen  K.  Friedrich  Wilhelms  für  sein  Testament.  S.  Beilage  XXV.
        <pb n="734" />
        726  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

Landtag  von  vierundsechzig  Köpfen  —  und  auch  nur  im  Notfalle  —
sollten  mithin  die  alten  Verheißungen,  die  einst  so  viel  Hoffnungen  erweckt
hatten,  erfüllt  werden.  Friedrich  Wilhelm  wollte  diese  Vorschriften  den
königlichen  Prinzen  als  ein  bindendes  Hausgesetz  auferlegen,  und  er  hatte
schon  den  Fürsten  Wittgenstein  beauftragt,  die  Aufzeichnungen  zu  einer
förmlichen  Urkunde  zusammenzustellen  —  ein  Befehl,  der  nur  durch  den
Tod  des  Monarchen  vereitelt  wurde.  Mit  solchen  Grundsätzen  ließ  sich
die  verwandelte  Welt  nicht  mehr  regieren.

Währenddem  begann  auch  in  der  europäischen  Politik  eine  gefährliche
Verwicklung.  Die  orientalische  Frage  entlud  sich  noch  einmal.  Unter  allen
den  Ratgebern,  welche  den  bedrängten  Sultan  umringten,  war  Preußen
allein  uneigennützig,  dank  seiner  geographischen  Lage,  und  darum  allein
ehrlich.  Dem  König  von  Preußen  verdankte  die  Pforte  den  immerhin
erträglichen  Friedensschluß  von  Adrianopel,  und  ihm  auch  die  einzige  Reform,
welche  dem  versinkenden  Staate  noch  halb  gelang.  Durch  Hauptmann
von  Moltkeund  einige  andere—ausgezeichnete  Offizieredes  preußischen  Generalstabs
  wurde  die  Kriegstüchtigkeit  des  türkischen  Heeres  wiederhergestellt.
Aber  noch  bevor  die  neue  Ordnung  vollendet  war,  entbrannte  der  Kampf  mit
Mehemed  Ali  von  neuem,  und  mit  einem  Male  gewann  es  den  Anschein,
als  sollte  der  seit  zehn  Jahren  so  mühsam  abgewendete  Weltkrieg  nun  doch
über  Europa  hereinbrechen.  So  drängten  sich  von  innen  und  außer  her
neue  Aufgaben  an  die  Krone  heran.  Der  greise  König  war  ihnen  nicht
mehr  gewachsen,  und  als  das  Schicksalsjahr  der  preußischen  Geschichte,  das
Jahr  40  heraufzog,  da  ahnte  manim  Volke  überall,  diese  lange  Regierung
gehe  zu  Ende.

Nur  an  dem  Schicksal  langlebiger  Männer  kann  das  befangene
Urteil  der  Menschen  zuweilen  deutlich  erkennen,  daß  dem  Sterblichen
wird,  was  er  verdient,  und  selten  hat  sich  das  Walten  der  göttlichen  Gerechtigkeit
  so  vernehmlich  offenbart  wie  in  dem  Leben  dieses  Königs.  Als
ein  Friedensfürst  hatte  er  einst  seine  Laufbahn  angetreten.  In  den  Bekenntnissen,
  die  er  als  Kronprinz  niederschrieb,  sagte  er  einfach:  „Das
größte  Glück  eines  Landes  besteht  zuverlässig  in  einem  fortdauernden
Frieden,“  und  obwohl  er  den  Wert  „einer  formidabeln  Armee“  sehr  hoch
anschlug,  so  wünschte  er  doch  aufrichtig,  diese  schreckliche  Waffe  niemals
gebrauchen  zu  müssen.  Ganz  so  waren  ihm  nach  einem  halben  Jahrhundert
  die  Lose  gefallen.  Er  war  der  erste  der  hohenzollernschen  Könige,
der  sein  Landgebiet  kleiner  hinterließ,  als  er  es  von  den  Vorfahren  überkommen
  hatte;  und  ob  Preußens  Stimme  im  Rate  der  Bölker  jetzt  ebenso
schwer  wog,  wie  in  den  Zeiten,  da  der  Ruhm  des  großen  Königs  noch
nachwirkte,  das  ward  im  Ausland  mindestens  bestritten.  Auch  der  Ruf
der  Unbesieglichkeit  der  schwarzweißen  Fahnen  war  trotz  der  strahlenden
Siege  des  Befreiungskrieges  nicht  wiederhergestellt;  denn  immer  noch
blieb  den  Nachbarn  der  Zweifel,  was  Preußen  ohne  Bundesgenossen  leisten
        <pb n="735" />
        Tod  König  Friedrich  Wilhelms.  727

könne.  Der  Glanz  des  preußischen  Namens  hatte  sich  unter  der  Herr—
schaft  dieses  schlichten  Landesvaters  nicht  erhöht,  aber  wie  wunderbar  war
die  innere  Kraft  des  Staates  gewachsen.  In  keinem  Staate  der  Welt
bestand  eine  so  menschliche,  so  sorgsame,  so  gerechte  Verwaltung,  in  keinem
eine  so  volkstümliche,  so  ganz  unerschöpfliche  Wehrbarkeit.  Das  deutsche
Sparta  war  zu  einem  Lande  der  Bildung  geworden,  einer  Bildung,  die
unendlich  weit  über  des  Königs  anerzogene  Nützlichkeitsbegriffe  hinaus—
reichte  und  doch  von  ihm  nach  seiner  gewissenhaften  Weise  gefördert  wurde.
In  glücklicher  Sicherheit  lagen  die  Fluren,  die  seit  zwei  Jahrhunderten
immer  und  immer  wieder  der  Hufschlag  fremder  Rosse  zerstampft  hatte;
eine  Gemeinschaft  der  Arbeit,  wie  sie  unsere  Geschichte  nie  gekannt,  ver—
band  die  Deutschen,  und  alle  wußten,  daß  ein  Rückfall  in  das  Elend  der
Fremdherrschaft  unmöglich  war,  daß  die  Nation  sich  wieder  selbst  ange—
hörte  und  nur  noch  vorwärts  schreiten  konnte.  Und  wie  fest  war  der
preußische  Staat  jetzt  mit  dem  Leben  der  Nation  verwachsen.  Auf  ihn,
auf  seine  Schuld  und  sein  Verdienst  schauten  grollend  oder  freudig  alle
Deutschen.  Ihm  dankten  sie  den  Frieden,  ihm  die  Anfänge  ihrer  Einheit;
  sein  Streit  mit  der  Kirche  berührte  jeden  wie  ein  persönliches  Erlebnis,
  und  nach  dem  hannöverschen  Staatsstreiche  wurde  Preußen  fast
härter  angeklagt  als  der  Welfe,  denn  alle  fühlten,  daß  dieser  Staat  berufen
  sei,  überall  das  deutsche  Recht  zu  beschirmen.

Im  Anfange  seiner  Regierung  ließ  Friedrich  Wilhelm  das  Schlütersche
Standbild  des  ersten  preußischen  Königs  in  Königsberg  aufstellen  und  widmete
  es  „dem  edlen  Volke  der  Preußentzum  ewigen  Denkmal  gegenseitiger
Liebe  und  Treue“.  Herrlicher,  als  er  es  damals  in  der  weichen  Gefühlsseligkeit
  seiner  Jugend  ahnte,  sollte  dies  Wort  sich  bewähren.  Als  die  Tage
des  selbstverschuldeten  Unglücks  kamen,  als  die  Preußen  mit  ihrem  Könige
den  Hohn  des  Erorberers  ertrugen,  mit  ihm  um  die  schöne  Königin  klagten,
als  er  dann,  getrieben  und  getragen  von  seinem  treuen  Volke,  die  Erhebung
wagte  und  endlich  dem  befreiten  Lande  so  viele  Jahre  friedlichen  Erstarkens
sicherte,  da  ward  in  der  ernsten,  strengen  Geschichte  dieses  Staates  eine
neue  sittliche  Kraft  lebendig,  die  Macht  der  Liebe.  Jeder  Landwehrmann,
der  mitgeholfen,  betrachtete  das  ruhmvoll  wiederhergestellte  Vaterland  fast
wie  ein  Werk  seiner  eigenen  Hände;  die  alte  preußische  Treue  wurde  freier,
bewußter,  inniger.  Dem  Könige  zeigte  das  Volk  der  alten  Provinzen  eine
zutrauliche  Herzlichkeit,  die  sich  unter  den  beiden  gewaltigen  Herrschern  des
achtzehnten  Jahrhunderts  nie  recht  herausgewagt  hatte.  Was  er  in  den
Jahren  der  Kriege  gefehlt,  war  vergessen;  man  rechnete  ihm  nur  zu,  was
er  gelitten,  und  erkannte  dankbar  an,  daß  er  mit  allen  Schwächen  und
Schranken  seines  Wesens  doch  für  die  stille  Arbeit  dieser  Friedensjahre
lange  der  rechte  Leiter  blieb,  daß  seine  unerschütterliche  Rechtschaffenheit
so  viele  Gegensätze  der  Stämme  und  der  Landschaften  freundlich  versöhnte.
Den  großen  Kurfürsten  stellte  Schlüter  als  einen  mächtigen  Cäsar  auf
        <pb n="736" />
        728  IV.  10.  Der  Kölnische  Bischofsstreit.

feurigem  Rosse  dar,  denn  in  solcher  Gestalt  lebte  der  kleine  Fürst  mit
der  großen  Seele  im  Gedächtnis  seines  Landes.  Bald  nach  dem  Tode  des
dritten  Friedrich  Wilhelm  schuf  Drake  das  andere  der  beiden  Hohenzollern—
denkmäler,  welche  das  Volk  allein  wirklich  liebt  und  täglich  betrachtet:
ein  Bild  der  Güte  und  der  Treue  erschien  der  anspruchslose  König  in
seinem  einfachen  Uniforms-Überrocke,  am  Rande  des  stillen  Gewässers,
inmitten  der  alten  Bäume  des  Tiergartens,  und  unter  seinen  Füßen
spielten  glückliche  Kinder.

Tief  und  aufrichtig  war  der  Schmerz,  als  sich  im  Frühjahr  1840
die  Kunde  von  der  Erkrankung  des  Königs  verbreitete.  Am  1.  Juni  ließ
er  noch  den  Grundstein  legen  für  das  so  lange  geplante  Standbild  Fried—
richs  des  Großen.  Der  Kronprinz  mußte  den  Vater  bei  der  Feier  ver—
treten;  nur  als  die  Trommler  drunten  anschlugen  und  die  zerschossenen
alten  Adlerfahnen  sich  senkten,  erschien  der  kranke  König  im  weißen  Nachtkleide
  auf  einen  Augenblick  an  seinem  Eckfenster.  So  sahen  ihn  die  Berliner
  zum  letzten  Male.  Am  Nachmittage  des  Pfingstfestes,  7.  Juni,  standen
die  Massen  dichtgedrängt  auf  dem  weiten  Platze  vor  dem  kleinen  Palaste
und  harrten  in  tiefem  Schweigen,  bis  von  der  Rampe  herunter  verkündigt
  wurde,  der  König  habe  vollendet.

Sobald  diese  beiden  Augen  sich  schlossen,  brachen  alle  die  lang  verhaltenen
  Klagen  und  Hoffnungen  der  Preußen  übermächtig  hervor,  sprudelnd
  und  schäumend  wie  das  flüssige  Metall,  wenn  der  Zapfen  ausgestoßen
  wird.  Eine  neue  Zeit  war  gekommen,  sie  forderte  neue  Männer.
        <pb n="737" />
        Beilagen.
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        <pb n="739" />
        XVI.  Bayerns  Politik  in  den  Jahren  1819  f.
Zu  Bd.  II.  583  f.  III.  762  f.

Zur  Ergänzung  und  Bekräftigung  meiner  Mitteilungen  über  die  bayrische  Politik
vor  und  nach  den  Karlsbader  Beschlüssen  gebe  ich  hier  noch  einige  Auszüge  aus  mehreren
neuerdings  aufgefundenen  Aktenstücken.  Es  sind  sämtlich  sogenannte  Dépêches  royales,
eigenhändig  unterzeichnet  von  König  Max  Joseph,  gegengezeichnet  von  dem  Minister  des
Auswärtigen,  dem  Grafen  Rechberg.

Die  erste  Depesche,  an  den  Gesandten  in  Berlin,  Generalleutnant  Gf.  Rechberg
gerichtet,  schildert  mit  grellen  Farben  die  demokratische  Bewegung  in  Süddeutschland  und
fährt  dann  fort  (30.  Mai  1819):

Tespère  pouvoir  clöturer  la  session  à  la  fin  du  mois  prochain.  II  M’est  pas
douteux  du’il  V  aurait  eu  pendant  cette  séance  un  eclat  formel,  si  ces  hommes
n’avaient  craint  de  perdre  leur  cause  en  se  démasquant  complètement;  ils  ont
dont  ajourné  T’exécution  de  leurs  plus  amples  projets,  espérant  due  dans
Tintervalle  de  trois  ans  jusqu'à  leur  réunion  le  système  représentatif  aura  pris
consistance  en  Allemagne.  Je  chercherai  à  déjouer  ces  projets  en  les  dissolvant
  par  un  acte  qui  annulera  toutes  les  résolutions  inconstitutionnelles  qu’is  ont
prises.  Six  années  s'écouleront  avant  due  le  budget  ne  doive  étre  voté,  et
encore  D’ont  is  le  droit  due  de  voter  Pimpöt  direct.  Cependant  il  est  douteux,
due  ces  précautions  suffiront;  et  dJe  crois  due  I’expérience  duc  JF’ai  faite  et  le
ton  due  prennent  les  états  de  Bade  doivent  faire  prendre  la  situation  de  I’Allemagne
  en  müre  considération  et  engager  les  Cours  à  convenir  à  Francfort  ou
partout  ailleurs  de  principes  uniformes  à  arréter  pour  due  T’art.  13  de  I’Acte
féderal  ne  fraie  point  la  voie  à  un  état  de  choses  qui  s'il  S'empire  ne  pourra
plus  étre  arrété.

Darauf  wird  der  Gesandte  beauftragt,  die  Ratschläge  Bernstorffs  wegen  dieser
Beratungen  der  deutschen  Höfe  einzuholen.  Also  ist  erwiesen,  daß  der  Münchner  Hof
die  Karlsbader  Konferenzen  mit  veranlaßt  hat.  —

Die  zweite  Depesche,  vom  13.  Dez.  1820,  an  den  Grafen  Bray  in  Wien  gerichtet,
gibt  wieder  ein  lebhaftes  Bild  von  dem  unruhigen  Geiste  in  Italien  und  Süddeutschland,
  zumal  in  Darmstadt,  wo  die  Kammern  sich  in  eine  konstituierende  Versammlung
verwandelt  hätten,  und  schließt:

C'’est  de  Troppau,  c'est  de  cette  union  des  puissances  qui  déjjà  a  été  victorieuse
  d’une  grande  révolution  du’il  faut  attendre  les  mesures  propres  à  consolider
  leur  ouvrage.  Le  dépit  due  cette  union  cause  aux  agitateurs  est  la
meilleure  preuve  de  son  efficacité.

Die  dritte  Depesche,  vom  27.  Dez.  1820,  an  General  Rechberg,  bekundet  ebenfalls
die  Freude  des  Münchner  Hofes  über  den  Troppauer  Kongreß  und  bespricht  alsdann
das  Manuskript  aus  Süddeutschland,  sowie  die  geheimen  Bestrebungen  der  württembergischen
  Regierung:  On  peut  à  peine  se  refuser  de  rapprocher  ces  différentes  cir-
        <pb n="740" />
        732  XVII.  Canning  und  Deutschland.

constances  avec  les  doutes,  les  suppositions  et  la  politique  du  parti  révolutionnaire
  en  Allemagne,  et  on  se  demande  duelle  peut  être  la  tendance  d’une  opinion
  aussi  peu  fondée  et  aussi  divergeante  de  celle  due  professent  les  autres
cours  d’Allemagne.

Demnach  wird  Rechberg  angewiesen,  das  Verhalten  Württembergs  in  Berlin  scharf
zu  beobachten.  —

 

XVII.  Canning  und  Deutschland.
Zu  Bd.  III.  264.  IV.  27.

Das  wunderliche  Bild  des  weitherzigen,  immer  neue  Welten  zur  Freiheit  aufrufenden
Kosmopoliten  Canning  würde  aus  der  deutschen  Geschichtschreibung  längst  verschwunden
sein,  wenn  man  bei  uns  die  Satiren  kennte,  welche  Canning  in  den  Jahren  1797  und  98
für  William  Giffords  Zeitschrift  The  Anti-Jacobin  schrieb.  Der  Anti-Jacobim  ist  in
Deutschland  schwer  aufzutreiben,  ich  habe  erst  nach  langem  Suchen  ein  Exemplar  in  der
Bibliothek  des  Königs  Georg  von  Hannover  aufgefunden.  Die  satirischen  Gedichte  aber,  die
er  enthält,  werden  unter  dem  Titel  The  poetry  of  the  Anti-Jacobim  in  England  noch
immer  viel  gelesen  und  neu  gedruckt;  sie  bildeten  vor  Jahren  eine  der  Quellen,  aus  denen
der  general  reader  seine  Ansicht  vom  deutschen  Leben  schöpfte.  Die  Satire  Cannings
The  Rovers  or  the  double  arrangement  nennt  Niebuhr  in  den  Vorlesungen  über  die
Geschichte  des  Revolutionszeitalters  „das  infamste  Pasquill,  das  je  auf  Deutschland  geschrieben
  ist,  fast  ebenso  niederträchtig  als  Bahrdt  mit  der  eisernen  Stirn“:  Liederlichkeit,
Blutschande,  Atheismus  würden  hier  als  Charakter  des  deutschen  Wesens  dargestellt,
überhaupt  verhöhne  der  Anti-Jacobin  „das  Würdigste  des  Auslandes  auf  das  schändlichste“.
  Niebuhr  urteilte  offenbar  nach  Jugenderinnerungen;  er  entsann  sich  noch,  wie
tief  es  ihn  einst  gekränkt  hatte,  die  ersten  Werke  unserer  werdenden  klassischen  Dichtung
durch  das  Toryblatt  beschimpft  zu  sehen.  Heute  sind  wir  weniger  reizbar,  aber  auch
wir  erstaunen  noch  über  die  insularische  Beschränktheit,  den  verständnislosen  Hochmut
des  Anti-Jacobin.  Canning  konnte  kein  Wort  deutsch,  wie  die  lächerlichen  deutschen  Zitate
beweisen.  Er  hat  allem  Anscheine  nach  selbst  die  Namen  von  Schiller  und  Goethe  nicht
gekannt,  sondern  nur  aus  Zeitungsartikeln  und  schlechten  Ubersetzungen  erfahren,  daß
in  Deutschland  einige  radikale  Dichter  ihr  Wesen  trieben;  er  ahnte  dunkel  die  Verwandtschaft
  zwischen  den  Ideen  der  Revolution  und  der  Schwärmerei  unserer  literarischen
Stürmer  und  Dränger.  Da  er  unter  den  Torys  Wunderdinge  über  das  gottlose  Göttinger
Burschenleben  gehört  hatte,  so  glaubte  er  im  Ernst,  daß  die  ganze  Studentenschaft  einer
deutschen  Hochschule,  begeistert  durch  „die  Räuber"  zur  Wegelagerung  auf  die  Landstraßen
hinausgezogen  sei.  Goethes  Stella,  die  bekanntlich  in  ihrer  ursprünglichen  Fassung  mit
einer  Bigamie  endigte,  Schillers  Räuber,  Kabale  und  Liebe  und  andere  dem  Briten  nur
dem  Namen  nach  bekannte  deutsche  Werke  boten  ihm  nun  den  Anlaß,  in  der  Parodie
The  Rovers  die  deutsche  Nation  als  eine  Lumpengesellschaft  zu  schildern,  die  jedem  erlaube
  „alles  zu  tun,  was,  wo,  wann  und  wie  er  wolle".  Nur  die  deutschen  Flüche!
ließ  er  zartfühlend  hinweg,  „weil  englische  Ohren  daran  noch  nicht  genugsam  gewöhnt
seien".  Das  Stück  ist  nicht  ohne  Witz,  an  einzelnen  Stellen  sogar  treffend,  aber  nur
eine  Burleske  des  gemeinen  Schlages,  im  Stile  unserer  heutigen  Witzblätter.  Frisches
Leben  zeigt  sich  fast  allein  in  den  eingewobenen  Schlemperliedern,  so  in  dem  bekannten,
von  der  englischen  Jugend  einst  viel  gesungenen:

Alas!  Mathilda  then  was  true.
At  least  I  thought  so  at  the  U-Niversity
  of  Gottingen.
        <pb n="741" />
        XVIII.  Der  Herzog  von  Cumberland  und  das  Staatsgrundgesetz.  733

Weit  ernster  und  bedeutender  ist  die  Satire  New  Morality.,.  Sie  bekämpft  mit
scharfen,  zuweilen  mit  gewaltigen  Worten  das  verschwommene  Weltbürgertum  der  revolutionären

  Parteien:
A  steady  patriot  of  the  World  alone,

The  friend  of  every  country  —  but  his  own.

Hier  tritt  Cannings  heiligstes  Gefühl  hervor:  der  schroffe,  in  seiner  Einseitigkeit  großartige
Nationalstolz,  die  Freude  an  dem  einen  Lande,  das  den  Mächten  des  Verderbens  furchtlos
  widerstehe:  ung  etenim  in  medlüs  gens  intemerata  ruinis.  Dieser  Gesinnung  ist
Canning  sein  Lebelang  treu  geblieben,  auch  als  späterhin  Scott  und  Byron  den  Briten
das  Verständnis  der  deutschen  Dichtung  erschlossen.  Seine  Größe  liegt  darin,  daß  er
das  gerade  Gegenteil  des  Weltbürgers  war,  zu  dem  ihn  seine  festländischen  Bewunderer
  stempeln  wollten.  Nur  weil  er  ganz  und  gar  englisch  empfand,  vermochte  er  der
Legitimitätspolitik  Metternichs  zu  widerstehen.  Die  schönen  in  seine  Reden  eingefügten
Worte  von  Völkerfreiheit  sollten  und  konnten  ihm  nur  als  ein  Mittel  dienen,  um  der
harten  englischen  Handelspolitik  den  Beifall  der  öffentlichen  Meinung  des  Festlandes  zu
gewinnen.  —

 

XVIII.  Der  Herzog  von  Cumberland  und  das
Staatsgrundgesetz.
Zu  Bd.  IV.  165.

(Zuerst  abgedruckt  in  den  Forschungen  zur  brandenb.  u.  preuß.  Geschichte.  Bd.  1.)

Das  politische  Urteil  über  den  Verfassungsbruch  König  Ernst  Augusts  von  Hannover
  kann  unter  rechtlichen  Männern  keinem  Streite  unterliegen.  Was  auch  überfeiner
Scharfsinn  zur  Entschuldigung  oder  Erklärung  vorbringen  mag,  es  bleibt  doch  dabei,  daß
die  kurze  Geschichte  des  selbständigen  Königreichs  Hannover  mit  einem  frevelhaften  Staatsstreiche
  begann;  und  wir  Preußen  beklagen  als  eine  der  trübsten  Erinnerungen  der  Geschichte
  des  Deutschen  Bundes,  daß  König  Friedrich  Wilhelm  III.  sich  nicht  entschließen
konnte,  dem  hannöverschen  Welfen  ebenso  fest  und  streng  entgegenzutreten,  wie  kurz  vorher
dem  braunschweigischen  Welfen  Herzog  Karl.  Schwieriger  erscheint  das  persönliche  Urteil.
Ist  Ernst  August  mindestens  als  ehrlicher  Fanatiker  verfahren?  Hat  er  gegen  das  Staatsgrundgesetz,
  das  er  als  König  umstieß,  schon  als  Thronfolger  bestimmten,  unzweideutigen
Widerspruch  eingelegt,  oder  hat  er  seinen  Rechtsbruch  durch  Hinterhaltigkeit  und  Winkelzüge
  vorbereitet?  Zuverlässige  Antwort  auf  diese  vielumstrittenen  Fragen  geben  einige
Briefschaften  mit  der  Aufschrift  „Erklärung  des  Herzogs  von  Cumberland  zum  Staatsgrundgesetz“,
  welche  ich  kürzlich  im  k.  Staatsarchiv  zu  Hannover  aufgefunden  habe  und
hier  nach  ihrem  wesentlichen  Inhalt  mitteile.

Die  bekannte,  vom  Geh.  Kabinettsrat  Falcke  verfaßte  Erklärung,  welche  Ernst  August
am  27.  Juni  1839  im  Bundestage  abgeben  ließ,  enthält  folgende  Versicherung:

„Der  König  Wilhelm  IV.  hatte  eine  vorgängige  Beratung  über  das  Staatsgrundgesetz
  mit  dem  präsumtiven  Thronerben  nicht  gewollt.  Die  Mitteilung  der  Verfassung
an  den  damaligen  Herzog  von  Cumberland  fand  auf  des  Königs  Befehl  nicht  früher  statt,
als  nachdem  die  königlichen  Entschließungen  über  Inhalt  und  Form  gefaßt
  worden  waren.  Eine  bei  der  ersten  Kenntnisnahme  von  dem  Thronerben  gemachte
  Ausstellung  mußte  schon  deshalb  unbeachtet  bleiben,  weil  eine  den  Ständen  gegebene
  Zusicherung  des  Königs  Willen  band.  Von  der  ersten  Berufung  der  allgemeinen
Ständeversammlung  des  Königreichs  auf  den  Grund  der  neuen  Verfassung,  behufs  der
Teilnahme  an  den  Sitzungen  der  ersten  Kammer,  am  16.  Oktober  1833  durch  ein  Mini-
        <pb n="742" />
        734  XVIII.  Der  Herzog  von  Cumberland  und  das  Staatsgrundgesetz.

sterialschreiben  in  Kenntnis  gesetzt,  erwiderte  der  jetzt  regierende  König  am  29.  desselben
Monats:  „Von  allem,  was  dieserhalb  vorgekommen,  sei  er  nicht  gehörig  unterrichtet
und  könne  sich  deshalb  auch  durch  das  neue  Gesetz  noch  nicht  gebunden  halten.“

Diese  kunstvoll  aus  Wahrheit  und  Dichtung  zusammengewobenen  Sätze  sollen  offenbar
  den  Eindruck  erwecken,  als  ob  der  Herzog  erst  kurz  vor  dem  Abschlusse  des  Staatsgrundgesetzes
  vom  26.  September  1833,  also  etwa  im  Sommer  1833,  davon  Kenntnis
erhalten  hätte.  Die  Wahrheit  aber  ist,  daß  König  Wilhelm  allerdings  „eine  vorgängige
Beratung“  mit  dem  Thronfolger  gehalten  hat,  und  zwar  schon  im  Oktober  1831,  unter
persönlicher  Mitwirkung  des  nämlichen  Geh.  Rats  Falcke,  der  nachher  die  Erklärung  für
den  Bundestag  verfertigte.  Bekanntlich  hatte  der  König,  auf  die  Bitte  des  Landtags
von  1831,  die  Gewährung  einer  neuen  Verfassung  zugesagt  und  zunächst  durch  die  Regierung
  und  ihre  Vertrauensmänner  (Rose,  Dahlmann  u.  a.)  einen  Entwurf  ausarbeiten
lassen,  der  im  Herbst  dem  Monarchen  zur  vorläufigen  Genehmigung  vorgelegt  wurde.
Dieser  Entwurf  ist  späterhin  durch  die  ständischen  Beratungen  mannigfach  umgestaltet
worden;  aber  er  enthielt  bereits  jene  entscheidende  Reform,  welche  dereinst  dem  Könige
Ernst  August  den  Hauptvorwand  für  seinen  Staatsstreich  bieten  sollte:  er  bestimmte  schon
die  dem  Landtage  versprochene  sogenannte  Kassenvereinigung,  die  Verschmelzung  der  königlichen
  Domänenkasse  mit  der  ständischen  Steuerkasse.  Der  König  befahl  nunmehr  dem
Minister  von  Ompteda  und  dem  Geh.  Rat  Falcke,  den  Verfassungsplan  dem  gerade  in
England  anwesenden  Thronfolger  mitzuteilen.  Nicht  ohne  Besorgnis  sah  er  der  Antwort
  des  Bruders  entgegen,  da  die  Verhandlungen  über  die  Reformbill  eben  damals
schwebten  und  der  Hochtory  Cumberland  das  Whigministerium  scharf  bekämpfte.  Wider
Erwarten  bekundete  aber  der  Herzog  mündlich  und  schriftlich  seine  wärmste  Anerkennung
für  den  Entwurf.

Am  30.  Oktober  1831  schrieb  er  aus  Kew  seinem  jüngeren  Bruder,  dem  Vizekönig
von  Hannover,  Herzog  von  Cambridge,  erzählte  ihm,  daß  er  durch  Ompteda  und  Falcke
den  Entwurf  erhalten  habe,  und  fuhr  fort:  I  must  say,  that  it  does  both  the  King
and  the  government  the  highest  honour  the  manner  in  wbich  they  have  drawn
up  their  proposals,  and  there  was  not  one  single  objection  that  1  could  find  or
alteration  to  propose  except  in  three  points.  Nun  zählt  er  seine  drei  Bedenken  auf
Er  verwirft  zum  ersten  die  Offentlichkeit  der  Landtagsverhandlungen,  weil  dann  die
demokratischen  Mitglieder  Reden  für  das  Publikum  halten  würden.  Es  genüge  nicht,
daß  die  Regierung  und  jedes  einzelne  Mitglied  die  Abhaltung  einer  geheimen  Sitzung
verlangen  dürfe;  denn  durch  solche  Anträge  errege  die  Regierung  nur  Unmut,  der  einzelne
  Abgeordnete  aber  werde  a  marked  man.  Zweitens  tadelt  der  Herzog  die  Bewilligung
  der  Tagegelder  an  die  Mitglieder  der  zweiten  Kammer,  wegen  der  Gefahr  der  Zeitvergeudung.
  Zum  dritten  verlangt  er,  daß  die  beurlaubten  Soldaten  den  Kriegsgesetzen
unterstellt  werden  sollten  —  ein  Bedenken,  das  eigentlich  gar  nicht  zur  Sache  gehörte,
da  der  Entwurf  diese  Frage  nur  mittelbar  berührte.  Dann  schließt  er:  These  are  the
only  three  points  I  have  to  remark  upon,  and  the  King,  whom  I  saw  on  Friday
and  who  had  heard  my  remarks  in  a  letter  from  Ompteda,  said:  „He  agreed
most  perfectly  and  entirely  with  me  and  had  stated  the  same  to  Ompteda.“  It
is  impossible  for  any  man  to  have  behaved  more  nobly  and  disinterestedlv  than
the  King  has  done  in  this  whole  business,  and  both  his  head  and  heart  have
shone  in  this  occasion.  Ernest.  —  Das  Lob  des  Edelsinnes  und  der  Uneigennützigkeit
des  Königs  hatte  guten  Grund;  denn  der  Verfassungsentwurf  bemaß  die  Krondotation
für  das  königliche  Haus  sehr  reichlich  und  bestimmte,  daß  sie  dem  im  Lande  wohnenden
Nachfolger  voll  gewährt  werden  sollte,  während  König  Wilhelm,  der  in  England  blieb,
sich  für  seine  Lebenszeit  mit  einer  geringeren  Rente  begnügte.

Am  folgenden  Tage  (Kew,  31.  Oktober  1831)  schrieb  der  Herzog  vertraulich  (private)
  an  den  König  selbst,  dankte  ihm  für  die  Sendung  von  Ompteda  und  Falcke  und
versicherte:  1  cannot  sufficiently  declare  my  perfect  satisfaction  in  all  and  every
        <pb n="743" />
        XVIII.  Der  Herzog  von  Cumberland  und  das  Staatsgrundgesetz.  735

point.  Niemand  hätte  edler  und  uneigennütziger  handeln  können  als  der  König,  proving
thus  that  Tour  sole  object  is  to  place  the  finances  of  the  country  of  Hanover
on  a  footing  that  Tour  successors  may  not  have  difficulties.  Darauf  kommt  er
wieder  auf  seine  drei  Bedenken  zurück,  erkennt  dankbar  an,  daß  der  König  hierin  mit  ihm
übereinstimme,  erwähnt  sodann,  daß  König  Ludwig  von  Bayern  selbst  nach  schmerzlichen
Erfahrungen  die  Offentlichkeit  der  Landtage  mißbillige,  und  bemerkt  über  die  Diäten:
hier  könne  man  vielleicht  nachgeben;  then  at  least  the  expence  must  fall  upon  the
country  and  not  on  the  sovereign,  and  with  such  restrictions  that  the  States
cannot  protract  the  business  in  order  to  be  paid  so  longer.  Endlich  setzte  er  mit
militärischer  Sachkenntnis  auseinander,  wie  man  es  künftig  mit  den  beurlaubten  Soldaten
  halten  solle.

Auf  diese  beiden  Briefe  bezieht  sich  offenbar  die  von  L.  Weiland  (Rede  auf  Dahlmann,
  Göttingen  1885,  S.  34)  mitgeteilte  Erzählung  Roses;  nur  daß  dem  Wiedererzähler
  Pertz  dabei  einige  kleine  Gedächtnisfehler  mit  untergelaufen  sind.

Der  wohlmeinende  König  war  überglücklich.  Sein  Thronfolger  hatte  gegen  den
Entwurf  nur  drei  Bedenken  erhoben,  von  denen  er  das  zweite  —  wegen  der  Diäten  —
selbst  für  unerheblich  erklärte,  während  das  dritte  —  wegen  der  beurlaubten  Soldaten  —
kaum  zur  Sache  gehörte:  dagegen  hatte  er  der  einzigen  Vorschrift  des  Entwurfs,  welche
vielleicht  der  Zustimmung  der  Agnaten  bedurfte,  der  Kassenvereinigung,  mit  überströmender
  Dankbarkeit  zugestimmt.  König  Wilhelm  meinte  also  fortan  gegen  weitere  Einsprüche
gesichert  zu  sein  und  antwortete  dem  Bruder  sehr  freundlich  (Brighton,  3.  Novbr.  1831).
Er  beteuerte,  daß  er  bei  dem  Entwurfe  besonders  an  die  Interessen  seiner  Nachfolger
gedacht  habe,  Lourself  and  VYour  promising  son.  It  had  appeared  to  Me  of  the
Utmost  importance  to  the  welfare  and  prosperity  of  the  country...  and  to  Tour
Oown  comfort  and  tranquillitt  that  Lou  should  be  fully  informed  of  what  has
been  proposed  to  Me.  Der  Verfassungsplan  sei  hervorgegangen  aus  einer  gerechten
und  liberalen,  aber  hoffentlich  nicht  furchtsamen  Betrachtung  der  Lage  Hannovers,  aus
den  allgemeinen  Umständen,  welche  den  Wunsch  nach  einer  Verfassung  hervorgerufen,
und  aus  der  Notwendigkeit,  die  Kundgebungen  der  öffentlichen  Meinung  einzelner
Klassen  zu  beachten.  Die  Bedenken  wegen  der  Offentlichkeit  und  der  Diäten  solle  Falcke
mit  dem  Vizekönig  und  dem  hannöverschen  Ministerium  nochmals  besprechen,  and  1
have  no  doubt  that  such  consideration  will  be  given  to  them  as  circumstances
may  seem  to  admit.  Auch  die  Stellung  der  beurlaubten  Soldaten  würde  noch  von
Sachverständigen  geprüft  werden.  Hierauf  ließ  der  König  die  zwischen  ihm  und  dem
Herzog  gewechselten  Briefe  durch  seinen  Sekretär,  Generalleutnant  Sir  Herbert  Taylor,
dem  Vizekönige  senden  (Brighton,  7.  November  1831):  His  Majest?)  considers  it  advisable
  that  Jour  R.  Highness  and  the  Hanoverian  government  should  be  in
Possession  of  these  doecuments,  and  He  trusts  they  will  prove  satisfactorv  to  vou.

Die  hannöversche  Regierung  befolgte  die  Befehle  des  Königs  gewissenhaft.  Lediglich
aus  Rücksicht  für  den  Thronfolger  wurde  die  Zusage  der  Diäten  aus  der  Verfassung
gestrichen  und  in  ein  provisorisches  Reglement  verwiesen,  das  leicht  wieder  geändert  werden
konnte.  Die  Offentlichkeit  der  Landtagsverhandlungen  ließ  sich  allerdings  nicht  mehr
ganz  zurücknehmen,  da  der  König  sie  den  Ständen  bereits  versprochen  hatte;  sie  wurde
jedoch,  um  den  Thronfolger  zufrieden  zu  stellen,  dahin  abgeschwächt,  daß  die  Kammern
nur  berechtigt,  nicht  verpflichtet  sein  sollten,  Zuhörer  zuzulassen,  und  die  Folge  war,  daß
die  erste  Kammer  immer  geheim  tagte.  Damit  glaubten  die  Minister  dem  Herzoge,  dem
ja  gar  kein  Mitregierungsrecht  zustand,  jede  erdenkliche  Nachgiebigkeit  erwiesen  zu  haben
und  führten  fortan  unbesorgt  das  Verfassungswerk  weiter.  Der  Entwurf  wurde  im
November  1831  einer  aus  Vertretern  der  Regierung  und  der  Stände  gemischten  Kommission,
  dann  im  Mai  1832  dem  neuen  Landtage  und  schließlich  im  Frühjahre  1833  nach
mehrfacher  Umarbeitung  abermals  dem  Könige  vorgelegt.  Nachdem  die  also  mit  kurhannöverscher
  Gründlichkeit  bearbeitete  Verfassung  im  September  1833  veröffentlicht  war,
        <pb n="744" />
        736  XVIII.  Der  Herzog  von  Cumberland  und  das  Staatsgrundgesetz.

wurde  sie  von  dem  hannöverschen  Kabinettsministerium  am  16.  Oktober  1833  dem  Herzog
von  Cumberland  zugesendet,  nebst  der  Anfrage,  ob  er  geneigt  sei,  seinen  Sitz  in  der  ersten
Kammer  einzunehmen,  während  gleichzeitig  Minister  Ompteda  in  London  an  den  Herzog
von  Sussex  die  nämliche  Frage  stellte.  Sussex  erhob  keine  grundsätzlichen  Bedenken;
Cumberland  aber  antwortete  wie  folgt:

Berlin,  29.  Oktober  1833.  Meine  Herren!  Ich  habe  durch  den  Gesandten
von  Münchhausen  Ihr  Schreiben  vom  16.  d.  Mts.  erhalten  und  verfehle  nicht
Ihnen  für  diese  Mitteilung  meinen  Dank  zu  erstatten.  Jedoch  kann  ich  nicht
umhin  Ihnen  zu  sagen,  daß  ich  im  Jahre  1819  bei  meinem  seligen  Bruder
König  Georg  IV.  gegen  die  Einführung  der  allgemeinen  Stände  protestiert  habe,
da  diese  nach  meiner  Ansicht  nie  hätten  sollen  eingerichtet  werden  ohne  vorherige
Einwilligung  und  Zustimmung  aller  männlichen  Agnaten,  weil  dadurch  eine
totale  Veränderung  der  Verfassung  des  Landes  bewirkt  worden.  Von  allem,
was  weiter  vorgekommen,  bin  ich  nicht  genügend  unterrichtet  und  kann  mich
deshalb  auch  durch  das  neue  Gesetz  noch  nicht  gebunden  halten.

Ihr  ergebener
Ernst.

Die  Minister,  Stralenheim,  Alten,  Schulte,  von  der  Wisch,  waren  durchweg  Edelleute
  von  der  achtungswerten,  aber  geistlosen  althannöverschen  Schule.  Begreiflich  daher,
daß  sie  durch  diese  unerwartete  Erklärung  des  Thronfolgers  ganz  außer  Fassung  gerieten.
Alle  früheren  Außerungen  des  Herzogs  waren  nur  vertraulich  geschehen.  Jetzt,  in  dem
einzigen  förmlichen  Aktenstücke,  das  er  jemals  über  das  Staatsgrundgesetz  geschrieben  hat,
verweigerte  er  nicht  nur,  die  früheren  Verhandlungen  einfach  ableugnend,  vorläufig  seine
Zustimmung  zu  dem  neuen  Staatsgrundgesetze;  er  schien  sogar  —  soweit  seine  Worte
sich  deuten  ließen  —  zu  den  alten  Provinzialständen,  zu  dem  Zustande  vom  Jahre  1803
zurückkehren  zu  wollen;  denn  die  allgemeine  Ständeversammlung,  die  er  als  unrechtmäßig
  verwarf,  war  im  Jahre  1819  nur  verändert,  aber  schon  im  Jahre  1814,  zur
selben  Zeit,  da  die  Königskrone  Hannovers  entstand,  begründet  worden.  In  ihrer
Angst  wagten  die  Minister  nicht,  dem  Herzog  kurzweg  die  Frage  zu  stellen,  ob  er  das
Staatsgrundgesetz  anerkenne  oder  eine  förmliche  Rechtsverwahrung  einlegen  wolle.  Sie
schrieben  vielmehr  an  Ompteda,  den  hannöverschen  Minister  in  London  (14.  November
1833),  erzählten  ihm  das  Geschehene  und  bemerkten  dazu:  von  einem  früheren  Proteste
des  Herzogs  wüßten  sie  gar  nichts;  auch  hielten  sie  für  zweifelhaft,  ob  ein  solcher  Protest
im  Jahre  1819  überhaupt  noch  möglich  gewesen,  da  die  allgemeine  Ständeversammlung
des  Königreichs  schon  fünf  Jahre  früher  einberufen  worden  sei.  Nicht  minder  zweifelhaft
scheine  es,  ob  diese  Verfassungsänderungen  der  Zustimmung  der  Agnaten  bedürften;  bei
der  Union  der  Landschaften  Calenberg  und  Grubenhagen  im  Jahre  1801  habe  man  die
Agnaten  auch  nicht  befragt.  Zudem  lasse  sich  nicht  leugnen,  daß  die  alten  Provinzialstände
  größere,  für  die  Krone  gefährlichere  Rechte  besessen  hätten,  als  heute  der  allgemeine
Landtag.  Zum  Schluß  meinten  sie  harmlos,  die  Bemerkungen  des  Herzogs  schienen  sich
doch  wohl  nur  auf  die  Form,  nicht  auf  den  Inhalt  des  Staatsgrundgesetzes  zu  beziehen;
denn  aus  seinen  Gesprächen  mit  Ompteda  und  Falcke,  aus  seinen  Briefen  an  den  König
und  den  Herzog  von  Cambridge  gehe  klar  hervor,  daß  er  vor  zwei  Jahren  den  Verfassungsentwurf
  gebilligt  habe,  mit  einziger  Ausnahme  der  Bestimmungen  über  die  Offentlichkeit
  und  die  Diäten.

Der  König  zeigte  sich  über  die  Sinnesänderung  seines  Bruders  keineswegs  überrascht;
  er  wußte  längst,  daß  der  Herzog  mit  dem  Führer  der  hannöverschen  Adelspartei,
Freiherrn  von  Schele,  in  Verbindung  stand  und  sich  gegen  den  Gesandten  Münchhausen
sehr  feindselig  über  das  Staatsgrundgesetz  geäußert  hatte.  Als  ihm  Geh.  Legationsrat
Lichtenberg  am  28.  November  in  Brighton  Vortrag  hielt,  versicherte  er  bestimmt,  daß
er  weder  einen  Protest  des  Herzogs  aus  dem  Jahre  1819  kenne,  noch  von  mündlichen
        <pb n="745" />
        XVIII  Der  Herzog  von  Cumberland  und  das  Staatsgrundgesetz.  737

Erörterungen  zwischen  Cumberland  und  König  Georg  IV.  etwas  wisse.  Er  billigte  die
Meinung  der  Minister,  daß  ein  Protest  der  Agnaten  unzulässig  sei,  und  bemerkte  —  mit
deutlicher  Anspielung  auf  Cumberlands  bekannte  Schuldenlast  —  „wie  Allerhöchst-Sie
nicht  besorgten,  die  abweichenden  Ansichten  Sr.  k.  Hoheit  würden  dem  Lande  zum  Nachteil
  gereichen,  allerdings  aber  Sich  des  Gedankens  nicht  zu  erwehren  vermöchten,  es
würden  dieselben  eher  zum  Nachteil  als  zum  Vorteil  Sr.  k.  Hoheit  selbst  ausschlagen."“
Der  König  wünschte,  daß  der  Vizekönig  eine  angemessene,  ausgleichende  Erwiderung  an
den  Bruder  schreiben  sollte,  fügte  aber  hinzu,  „daß  Sie  ungern  gestehen  müßten,  einen
günstigen  Erfolg  davon  kaum  hoffen  zu  können“.  (Lichtenbergs  Bericht  an  das  Kabinettsministerium,
  3.  Dezember  1833.)

Hierauf  traten  die  hannöverschen  Minister  nochmals  in  Beratung  und  schrieben
an  Lichtenberg  (Ministerialschreiben  vom  13.  Dezember  1833):  „An  und  für  sich  können
wir  zwar  die  gedachte  Erwiderung  so  wenig  ihrer  Form  als  ihrem  Inhalt  nach  für  eine
eigentliche  Protestation  gegen  das  Staatsgrundgesetz  halten;  allein  wir  können  allerdings
die  Besorgnis  nicht  unterdrücken,  daß  diesem  Aktenstücke  früher  oder  später  eine  andere
Absicht  untergelegt  und  es  uns  zum  Vorwurf  gemacht  werden  könnte,  wenn  wir  dasselbe
mit  Stillschweigen  angenommen  hätten.“  Deshalb,  und  weil  eine  eigenhändige  Erwiderung
  des  Königs  der  Sache  mehr  Wichtigkeit  geben  würde,  als  sie  haben  solle,  hätten
die  Minister  sich  entschlossen,  dem  Thronfolger  selbst  zu  antworten,  und  hofften  auf  die
nachträgliche  Genehmigung  des  Königs.

Dies  Erwiderungsschreiben  des  Kabinettsministeriums  an  Cumberland  (vom  11.  Dezember
  1833  datiert)  war  überaus  zart  gehalten,  obgleich  man  wissen  mußte,  daß  der  Herzog
mittlerweile  dem  Vizekönig  (in  einem  Briefe  vom  29.  November)  erklärt  hatte,  er  werde
mehreren  Bestimmungen  des  Staatsgrundgesetzes,  namentlich  der  Kassenvereinigung,  nie
seine  Zustimmung  erteilen.  Die  Minister  begnügten  sich  dem  Herzog  zu  bemerken,  daß
die  Zustimmung  der  Agnaten  zwar  wünschenswert,  doch  nicht  notwendig  sei,  und  das
Staatsgrundgesetz  jetzt  überdies  unter  dem  Schutze  des  Art.  56  der  Schlußakte  des
Deutschen  Bundes  stehe.  Sie  bewiesen  ihm  sodann,  daß  die  königliche  Autorität  durch
die  Kassenvereinigung  nur  verstärkt  werde,  und  erinnerten  ihn  daran,  wie  sorgsam  sie
sein  Bedenken  wegen  der  Diäten  berücksichtigt  hätten:  „es  ist  uns  gelungen,  jede  desfallsige
  Bestimmung  aus  dem  Staatsgrundgesetze  zu  entfernen;“  auch  die  Offentlichkeit
des  Landtags  sei,  dem  Wunsche  des  Herzogs  gemäß,  wenigstens  stark  beschränkt  worden.
Damit  schlossen  sie.  Auch  jetzt  wagten  sie  nicht,  dem  Thronfolger  zu  sagen,  daß  sie
nunmehr  ein  unzweideutiges  Ja  oder  Nein  von  ihm  verlangen  müßten,  um  dann  nötigenfalls
  mit  Hilfe  des  Landtags  oder  des  Bundestags  weitere  Maßregeln  zu  ergreifen.

Der  König  sprach  zu  diesem  Schreiben  „seinen  ganzen  Beifall“  aus  (Lichtenbergs
Bericht,  17.  Januar  1834).  Der  Thronfolger  aber  erwiderte  nichts,  da  er  das  Schreiben
infolge  eines  Zufalls  nicht  erhalten  hatte.  Als  Cumberland  bald  nachher  wieder  nach
England  kam,  hielt  Geh.  Rat  Lichtenberg  am  24.  Januar,  27.  Februar  und  24.  März
drei  Unterredungen  mit  ihm  über  das  Staatsgrundgesetz,  wobei  er  dem  Herzog  eine
Abschrift  des  verlorenen  Schreibens  vorlas  (Lichtenbergs  Berichte  vom  28.  Februar  und
27.  März  1834).  In  diesen  Gesprächen  offenbarten  sich  die  Hintergedanken  des  Herzogs
ganz  unverkennbar.

Derselbe  Fürst,  der  vor  zwei  Jahren  das  Staatsgrundgesetz  bis  auf  drei  Punkte
gebilligt  hatte,  erklärte  jetzt:  „Ich  war  immer  gegen  eine  allgemeine  Ständeversammlung
des  Königreichs;  ich  habe  dies  1824  in  einer  Denkschrift  dem  Prinzregenten  gesagt  und
späterhin  mündlich  bei  ihm  dawider  protestiert;  ich  habe  deshalb  im  Jahre  1822  die
Ständeversammlung  nicht  empfangen,  als  sie  sich  mir  durch  den  Grafen  Merveldt  vorstellen
  lassen  wollte,  sondern  ihr  erwidert,  daß  ich  nur  die  einzelnen  als  Privatpersonen
empfangen  könne.  Meine  Ansicht  ist  also  notorisch.  Aus  der  Union  von  Calenberg  und
Grubenhagen  folgt  nicht,  daß  auch  die  ständische  Union  für  das  gesamte  Königreich
ohne  Einwilligung  der  Agnaten  eingeführt  werden  darf.  Warum  können  wir  nicht

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  47
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        738  XIX.  Prinz  Wilhelm  und  Prinzessin  Elise  Radziwill.

Provinzialstände  haben  wie  Preußen?  —  Das  alles  unter  der  feierlichen,  dem  alten
Soldaten  geläufigen  Beteuerung:  ich  spreche  meine  Ansicht  immer  frei  und  offen  aus,
ich  habe  immer  die  Sache,  nie  die  Person  im  Auge.  —  Nachdem  er  früherhin  erklärt
hatte  my  perfect  satisfaction  in  all  and  every  poeint,  except  in  three  points,
wagte  er  jetzt  zu  behaupten:  wenn  er  gegen  Ompteda  und  Falcke  nur  zwei  Punkte  hervorgehoben
  habe,  „so  werde  daraus  nie  der  Schluß  gezogen  werden  können,  daß  Sie  allem
übrigen  Ihren  Beifall  gegeben  hätten".  Am  anstößigsten  erschien  ihm  jetzt  die  Kassenvereinigung,
  die  er  früher  mit  so  inbrünstigem  Danke  begrüßt  hatte:  dadurch  werde  das
königliche  Einkommen  abhängig  von  der  Bewilligung  der  Stände.  Vergeblich  hielt  ihm
Lichtenberg  vor,  daß  die  Krone  vielmehr  erst  jetzt  durch  die  Krondotation  ein  völlig  selbständiges
  Einkommen  erhalte.  Auch  auf  seine  früheren  Einwände  kam  der  Herzog  wieder
zurück:  Wenn  man  keine  Diäten  bewilligt  hätte  und  die  Stände  wären  deshalb  nicht
zusammengekommen,  „so  würde  gerade  dadurch  das  Gouvernement  die  Gelegenheit  in
den  Händen  gehabt  haben,  die  Versammlung  nicht  ferner  zu  berufen  zu  brauchen“.  Dann
eiferte  er  noch  gegen  die  Offentlichkeit  des  Landtags  sowie  gegen  die  neue  Organisation
der  Kavallerie  und  ließ  sich  auch  nicht  beruhigen,  als  Lichtenberg  ihm  vorstellte,  der  Landtag
  dürfe  ja  das  Militärbudget  nur  in  Bausch  und  Bogen  bewilligen.  Selbst  der  ehrfurchtsvolle
  Geheime  Rat  vermochte  am  Schlusse  seiner  Berichte  nur  zu  sagen:  „daß,
wenn  der  untertänigst  gehorsamst  Unterzeichnete  überhaupt  wagen  darf  eine  Ansicht
über  den  Eindruck  anzudeuten,  welchen  die  lange  Unterredung  auf  Se.  k.  Hoheit  hervorbrachte,
  derselbe  wenigstens  kein  durchaus  ungünstiger  zu  sein  schien.“

Damit  schließen  die  Akten.  Das  Ministerium  beruhigte  sich  bei  diesem  „schien“
des  sanften  Lichtenberg  und  trieb  in  unbegreiflicher  Sorglosigkeit  dem  Staatsstreiche  entgegen.
  Die  welfische  Tragikomödie  fand  nachher  ihren  würdigen  Abschluß,  als  König
Ernst  August  seinem  Lande  eigenmächtig  dieselbe  Verfassung  vom  Jahre  1819  wieder  auferlegte,
  welche  der  Herzog  von  Cumberland  einst  als  völlig  widerrechtlich  verworfen  hatte.

Dem  Staatsgrundgesetze  folgte  am  19.  November  1836  das  Hausgesetz  für  das
königliche  Haus.  UÜber  dessen  Entstehung  weiß  ich  nichts  neues  zu  berichten.  Bekannt
ist  nur,  daß  Dahlmann,  der  dies  Hausgesetz  auszuarbeiten  hatte,  am  21.  April  1834
vom  Kabinettsministerium  die  amtliche  Mitteilung  erhielt:  die  Zustimmung  der  volljährigen
  königlichen  Prinzen  sei  erfolgt.  Ebenso  bekannt,  daß  der  Herzog  von  Cumberland
  am  18.  Dezember  1835  an  Geh.  Rat  Falcke  schrieb:  er  könne  als  ehrlicher  Mann
das  Hausgesetz,  das  so  fest  mit  dem  Staatsgrundgesetze  zusammenhänge,  für  jetzt  noch
nicht  unterzeichnen:  I  must  have  much  more  aid  and  advice  before  I  can  allow
myself  to  take  so  serious  a  step  as  vyou  propose  me  doing.  Da  jene  Versicherung
des  Ministeriums  unmöglich  ganz  grundlos  sein  kann,  so  drängt  sich  unabweisbar  die
Vermutung  auf,  daß  der  Herzog  beiden  Gesetzen  gegenüber  auf  dieselbe  Weise  verfahren
ist:  er  hat  zuerst  in  unverbindlicher  Form  seine  Zustimmung  gegeben,  um  nachher  —
nicht  ehrlich  zu  protestieren,  sondern  die  Entscheidung  ins  Ungewisse  hinauszuschieben.

 

XIX.  prinz  Wilhelm  und  Prinzessin  Elise  Radziwill.
Zu  Bd.  III.  393.  IV.  197.

Solange  Kaiser  Wilhelm  I.  lebte,  hielt  ich  für  schicklich,  über  seine  unglückliche
Jugendliebe  nur  das  Unentbehrliche  zu  sagen.  Heute  trage  ich  kein  Bedenken  mehr,
meinen  Lesern  aus  dem  Briefe  des  Prinzen  Wilhelm  vom  23.  Juni  1826  die  Stellen
mitzuteilen,  welche  ich  vor  Jahren  den  Tagebüchern  des  Generals  Witzleben  entnommen
habe.  Diese  Herzensgeschichte  des  Begründers  unserer  Einheit  hat  für  uns  Deutsche

1
        <pb n="747" />
        XIX.  Prinz  Wilhelm  und  Prinzessin  Elise  Radziwill.  739

eine  ähnliche  Bedeutung  wie  einst  die  Kämpfe  Friedrichs  II.  mit  seinem  Vater.  Der
Prinz  schreibt:

„..  Sie  haben,  teuerster  Vater,  die  Entscheidung  für  mein  Schicksal  gegeben,
die  ich  ahnden  mußte,  aber  mich  zu  ahnden  scheute,  solange  ein  Strahl  von  Hoffnung
mir  noch  blieb.  ..  Lesen  Sie  in  meinem  Herzen,  um  in  demselben  den  unaussprechlichen
  Dank  zu  finden,  der  es  belebt  für  alle  die  unzähligen  Beweise  Ihrer  Gnade,  Liebe
und  Langmut,  die  Sie  mir  in  diesen  bewegten  fünf  Jahren  gaben,  vor  allem  aber
noch  für  den  unbeschreiblich  tief  mich  ergriffen  habenden  Brief  vom  gestrigen  Tage.
Welchen  Eindruck  er  mir  gemacht,  bin  ich  nie  imstande  zu  schildern.  Ihre  väterliche
Gnade,  Liebe  und  Milde,  Ihre  liebevolle  Teilnahme  bei  dem  schweren  Geschick,  das  mich
trifft,  das  Vorhalten  meiner  Pflichten  in  meinem  Stande,  die  Anerkennung  der  Würdigkeit
  des  Gegenstandes,  dem  ich  meine  Neigung  geschenkt  habe,  die  Erinnerung  an  alle
Versuche,  welche  Ihre  Liebe  zu  Ihren  Kindern  Sie  unternehmen  ließ,  um  die  Wünsche
meines  Herzens  zu  erfüllen  —  alles,  alles  dies  in  den  Zeilen  zu  finden,  die  mein  Schicksal
  entschieden,  mischte  in  mein  erschüttertes  Herz  so  viel  Trost  und  so  unaussprechliches
Dankgefühl,  daß  ich  nur  durch  die  kindlichste  Liebe  und  durch  mein  ganzes  Verhalten  in
meinem  künftigen  Leben  imstande  sein  werde,  Ihnen,  teuerster  Vater,  meine  wahren
Gesinnungen  zu  betätigen.  Ich  werde  Ihr  Vertrauen  rechtfertigen,  und  durch  Bekämpfung
  meines  tiefen  Schmerzes  und  durch  Standhaftigkeit  in  dem  Unabänderlichen
in  dieser  schweren  Prüfung  bestehen.  Gottes  Beistand  werde  ich  anrufen.  Er  verließ
mich  in  so  viel  schmerzlichen  Augenblicken  meines  Lebens  nicht.  Er  wird  mich  auch
jetzt  nicht  verlassen..  Soschließe  ich  diese  wichtigen  Zeilen  zwar  mit  zerrissenem  Herzen,
aber  mit  einem  Herzen,  das  Ihnen,  teuerster  Vater,  inniger  denn  je  anhängt!  Denn
Ihre  väterliche  Liebe  war  nie  größer  als  in  der  Art  der  schweren  Entscheidung.“  —

Über  die  vielbestrittene  Rechtsfrage,  welche  in  dieser  Familiengeschichte  mitspielt,
wage  ich  eine  abschließende  Entscheidung  nicht  zu  geben.  Soweit  ich  aber  zu  urteilen
vermag,  glaube  ich  allerdings,  daß  die  Minister  das  Rechte  trafen,  als  sie  sich  gegen  die
Ebenbürtigkeit  der  Prinzessin  Radziwill  aussprachen.  Wohl  hatte  einst  Luise  Charlotte
Radziwill,  die  reiche  Erbin  der  Herrschaften  Tauroggen  und  Serrey,  den  Sohn  des
großen  Kurfürsten,  Markgraf  Ludwig,  nachher  in  zweiter  Ehe  den  Pfalzgrafen  Karl  Ludwig
  geheiratet,  und  weder  im  brandenburgischen  noch  im  pfälzischen  Hause  wurde  die
Ebenbürtigkeit  dieser  Ehen  je  bezweifelt.  Aber  seitdem  waren  schärfere  und  härtere  Rechtsbegriffe
  im  preußischen  Königshause  zur  Herrschaft  gelangt.  Friedrich  II.  verlangte  von
Kaiser  Karl  VII.  ausdrücklich,  „daß  alle  diejenigen  fürstlichen  Heiraten  schlechterdings
für  ungleich  zu  achten,  welche  mit  Personen  unter  dem  alten  reichsgräflichen  Sitz  und
Stimme  in  comitüs  habenden  Stande  kontrahiert  werden“.  Diese  Erklärung  des  Oberhauptes
  der  Dynastie  war  für  die  Nachfolger  bindend,  solange  sie  nicht  durch  ein  Hausgesetz
  beseitigt  war;  und  da  die  Fürsten  Radziwill  zwar  den  reichsfürstlichen  Titel,  aber
niemals  Sitz  und  Stimme  auf  den  Reichstagen  erlangt  hatten,  so  konnten  sie  fortan,
trotz  ihres  Reichtums  und  historischen  Ruhmes,  dem  preußischen  Königshause  nicht  mehr
für  ebenbürtig  gelten.  Prinz  Wilhelm  von  Preußen  war  selbst  dieser  Ansicht.  Er  bat
seinen  königlichen  Vater  in  einem  Briefe  aus  Petersburg  vom  12.  Februar  1826,  daß
Prinz  August  von  Preußen  oie  Prinzessin  Elisabeth  Radziwill,  um  ihr  die  Ebenbürtigkeit
zu  verschaffen,  an  Kindesstatt  annehmen,  und  die  Söhne  des  Königs  diese  Adoption  genehmigen
  sollten.  Dies  bezeugt  Fürst  Wittgenstein  in  einem  Schreiben  an  Graf  Bernstorff
  vom  28.  März  1826.  —

 

47
        <pb n="748" />
        740  XX.  Preußen  und  das  Bundeskriegswesen  1831.

XX.  Preußen  und  das  Bundeskriegswesen  1331.

Zu  Bd.  IV.  215.
(Zuerst  abgedruckt  in  den  Forschungen  zur  brandenb.  u.  preuß.  Geschichte.  Bd.  2.)

Als  J.  G.  Droysen  in  seinem  lehrreichen  Aufsatze  „Zur  Geschichte  der  preußischen
Politik  in  den  Jahren  1830—32“  )  zum  ersten  Male  eine  aktenmäßige  Darstellung  der
Bundezgeschichte  jener  Jahre  gab,  gelangte  er  zu  dem  Ergebnis,  daß  damals  „der  positive
  und  der  negative  Pol  deutscher  Geschichte,  das  System  des  engeren  Bundes  unter
Preußens  Führung  und  das  System  der  alten  Bundesverfassung  unter  österreichischem
Präsidium“,  in  aller  Schärfe  einander  gegenübergetreten  seien.  Wie  fern  es  mir  auch
liegt,  gegen  meinen  verstorbenen  Lehrer  und  Kollegen  eine  Polemik  zu  beginnen,  so  kann
ich  doch  nicht  verschweigen,  daß  ich  nach  Einsicht  der  Akten  diese  Auffassung  für  übertrieben
  halte  und  den  Verhandlungen,  welche  in  jener  Zeit  über  einen  möglichen  französischen
  Krieg  geführt  wurden,  eine  so  hohe  Bedeutung  nicht  beizumessen  vermag.

In  seinem  schönen  patriotischen  Eifer  war  Droysen  sehr  geneigt,  die  Ideen  unserer
modernen  nationalen  Politik  schon  in  älteren,  anders  empfindenden  Zeiten  aufzusuchen.
Augenscheinlich  ist  sein  Urteil  mitbestimmt  worden  durch  eine  nahe  liegende  und  doch
nicht  zutreffende  Vergleichung,  durch  die  Erinnerung  an  das  Jahr  1859.  Damals  hatte
Osterreich  in  Italien  schwere  Niederlagen  erlitten;  der  preußische  Hof  aber  durfte  nach
menschlichem  Ermessen  sicher  hoffen,  das  von  Truppen  ganz  entblößte  Frankreich  zu  besiegen.
  Er  war  also  in  der  Lage,  seine  Bedingungen  zu  stellen,  als  er,  einer  hochherzigen,
  unpolitischen  Regung  folgend,  dem  bedrängten  Nachbar  seine  Hilfe  anbot;  und
wenn  er  die  Führung  des  Bundesheeres  für  sich  verlangte,  so  konnte  er  auf  die  öffentliche
Meinung  in  Preußen  selbst  wie  in  einem  großen  Teile  des  übrigen  Deutschlands  zählen,
da  der  Gedanke  des  Engeren  Bundes  seit  dem  Jahre  1848  längst  tiefe  Wurzeln  geschlagen
  hatte.  Begreiflich  also,  daß  Osterreich  durch  den  Vertrag  von  Villafranca
die  Lombardei  dahingab,  um  dem  nordischen  Nebenbuhler  nur  nicht  eine  militärische
Führerstellung  einzuräumen,  die  bei  glücklichem  Verlaufe  des  Krieges  wahrscheinlich  Preußens
  dauernde  Hegemonie  in  Deutschland  begründet  hätte.  Wie  anders  die  Lage  im
Jahre  1831!  Auch  damals  hätte  Osterreich,  wenn  der  von  allen  Seiten  erwartete
Weltkrieg  hereinbrach,  den  besten  Teil  seiner  Kriegsmacht  gegen  die  Revolution  in  Italien
und  die  dort  vielleicht  einrückenden  französischen  Truppen  verwenden  müssen;  aber  die
schwerste  Last  und  die  schwerste  Gefahr  des  Krieges  fiel  auf  Preußen;  denn  die  Rheingrenze
  war  unzweifelhaft  das  letzte  Ziel  der  Pariser  Kriegspartei.  Dem  Wiener  Hofe
gegenüber  konnte  Preußen  also  nicht  nach  freiem  Ermessen  verfahren,  sondern  mußte  zufrieden
  sein,  wenn  Osterreich  überhaupt  in  der  Lage  war,  ein  Hilfsheer  auf  den  deutschen
Kriegsschauplatz  zu  senden.  Nimmt  man  hinzu,  daß  der  Gedanke  der  preußischen
Hegemonie  sich  weder  in  der  Nation  noch  am  Berliner  Hofe  irgendwie  zur  Klarheit  entwickelt
  hatte,  daß  der  einzige  Staatsmann  großen  Stiles,  Motz,  schon  im  Juni  1830
gestorben  war,  daß  weder  der  König  noch  Bernstorff  oder  Eichhorn  hohen  Ehrgeiz  hegte,
daß  das  Auswärtige  Amt  mit  der  Sicherung  des  Weltfriedens  und  der  schwierigen  Erweiterung
  des  Zollvereins  vollauf  beschäftigt  war,  so  läßt  sich  nicht  absehen,  woher  Preußens
  deutsche  Politik  die  Kraft  hätte  nehmen  sollen,  auch  noch  eine  schöpferische  Reform
des  Bundes-Heerwesens  zu  versuchen.

Der  Darsteller  der  alten  oder  der  mittelalterlichen  Geschichte  versucht  durch  einen
kombinierenden  Scharfsinn,  dessen  Rechnungen  jeder  unterrichtete  Leser  zu  folgen  vermag,
  aus  einer  lückenhaften  Überlieferung  ein  annähernd  vollständiges  Bild  des  Ge- 



*)  Zuerst  in  der  Zeitschrift  für  Preußische  Geschichte  1874,  dann  in  Droysens  Abhandlungen
  zur  neueren  Geschichte  1876.
        <pb n="749" />
        XX.  Preußen  und  das  Bundeskriegswesen  1831.  741

schehenen  zu  gewinnen.  Wer  die  neue  oder  gar  den  unübersehbaren  Stoff  der  neuesten
Geschichte  behandelt,  verrichtet  seine  schwerste  Arbeit,  bevor  er  zu  schreiben  anfängt,  un—
bemerkt  von  der  Mehrzahl  der  Leser;  er  muß  den  Wust  seiner  Aktenstücke  so  lange  durchdenken,
  bis  er  das  Große  von  dem  Kleinen  zu  unterscheiden  vermag  und  genau  weiß,
was  aus  dem  Durcheinander  diplomatischer  Einfälle,  Ränke  und  Seifenblasen  der  historischen
  Mitteilung  würdig  sei.  Versuchen  wir  den  rechten  Abstand  von  dem  Bilde  zu
gewinnen,  so  erscheint  der  Verlauf  jener  Verhandlungen  über  einen  möglichen  Bundeskrieg
  ziemlich  einfach,  ihr  historisches  Ergebnis  nicht  sehr  erheblich.

Die  deutsche  Kriegsverfassung  vom  Jahre  1821  war  ein  unter  Osterreichs  stiller
Beihilfe  errungener  Triumph  der  Mittelstaaten;  sie  gewährte  der  Eitelkeit  der  kleinen
Höfe  die  Genugtuung,  daß  sie  selbst  auf  dem  Papiere  mehr  Bundestruppen  stellten  als
jede  der  beiden  Großmächte:  vier  Korps  mit  120  000  Mann,  während  Osterreich  nur
drei  Korps  mit  97  000  Mann,  Preußen  auch  nur  drei  mit  80  000  Mann  zu  stellen  hatte.
An  die  Spitze  dieses  Bundesheeres  sollte  in  Kriegszeiten  ein  vom  Bundestage  ernannter
Bundesfeldherr  treten,  der,  wie  die  Stimmen  in  Frankfurt  standen,  nur  ein  Osterreicher
  oder  vielleicht  ein  kleiner  Prinz,  aber  unmöglich  ein  Preuße  sein  konnte.  An
die  förmliche  Beseitigung  dieser  aberwitzigen  Vorschriften  dachte  niemand,  am  wenigsten
der  preußische  Hof;  denn  schon  seit  dem  Anfang  der  zwanziger  Jahre  befolgte  Graf  Bernstorff
  den  wohlerwogenen  Grundsatz,  daß  alle  gemeinnützigen  Maßregeln  für  Deutschlands
  Sicherheit  und  Wohlfahrt  nicht  durch  den  Bund,  sondern  durch  Verabredungen
der  Einzelstaaten  bewirkt  werden  müßten.  Aber  auch  an  die  Ausführung  der  Kriegsverfassung
  ließ  sich  nicht  denken;  vielmehr  bestand  an  allen  Höfen  der  stillschweigende
Entschluß,  im  Kriegsfalle  nach  den  Umständen  zu  handeln  und  über  jene  leeren  Paragraphen
  hinwegzusehen.  Jedermann  wußte,  daß  Preußen  durch  jede  Bedrohung  des
Bundesgebietes  in  seinem  eigenen  Dasein  gefährdet  und  mithin  gezwungen  wurde,  seine
gesamten  neun  Armeekorps,  das  Dreifache  seines  Bundeskontingents,  auf  den  deutschen
Kriegsschauplatz  zu  werfen,  während  Osterreich  und  die  Kleinstaaten  vielleicht  nicht  einmal
  das  wenige  leisten  konnten,  was  ihnen  das  Bundesgesetz  vorschrieb.

Als  nun  die  Juli-Revolution  den  Deutschen  Bund  mit  Krieg  bedrohte,  da  hielten  sich
die  kleinen  Höfe  gegenüber  den  geheimen  Lockungen  der  französischen  Diplomatie  allesamt
ganz  untadelhaft,  die  einen  weil  sie  deutsch  dachten,  die  anderen  weil  sie  die  Revolution
haßten.  Viel  mehr  als  löbliche  Gesinnungen  hatten  sie  dem  Vaterlande  freilich  nicht
zu  bieten.  Südlich  von  Mainz  und  Würzburg  gab  es  keine  Festung,  weil  der  Bundestag
  sich  über  die  oberländischen  Bundesfestungen  nicht  hatte  einigen  können;  das  weite
Gebiet  vom  Böhmerwalde  bis  zum  Oberrhein  lag  jedem  Angriff  offen,  und  die  süddeutschen
  Truppen  waren  durch  die  Sparsamkeit  der  Landtage  so  arg  verwahrlost,  daß  sie
damals  unzweifelhaft  noch  weniger  geleistet  hätten  als  in  dem  Mainfeldzuge  von  1866.
Mit  dem  österreichischen  Heere  stand  es  kaum  besser;  die  Rüstungen  dort  schritten  sehr
langsam  vor,  und  bei  der  unheimlichen  Gärung  in  Italien  ließ  sich  schwer  absehen,  wie
viele  Truppen  die  Hofburg  für  den  Schutz  des  deutschen  Südwestens  übrig  behalten
würde.  In  solcher  Lage  waren  die  süddeutschen  Höfe  gern  bereit,  sich  nötigenfalls  durch
Preußen  retten  zu  lassen;  sie  besprachen  sich  vertraulich  mit  den  preußischen  Gesandten
über  mögliche  gemeinsame  Rüstungen.  Preußen  versuchte  nun  zunächst  den  Wiener  Hof
vorwärts  zu  treiben;  dort  herrschte  jedoch  eine  tiefe  Entmutigung,  die  erst  im  Herbst
1831,  nach  dem  Falle  Warschaus,  einer  frischeren  Stimmung  weichen  sollte.  Metternich
versprach,  den  Fürsten  Schönburg,  den  Gesandten  in  Stuttgart,  Zzu  näheren  Verhandlungen
  an  die  süddeutschen  Höfe  zu  senden;  aber  Schönburg  blieb  seit  dem  November
1830  monatelang  untätig  in  Wien.

Da  beschloß  man  zu  Berlin,  den  Vortritt  zu  übernehmen,  und  sendete  im  Dezember
den  General  von  Röder  in  die  Hofburg.  Im  Januar  1831  überreichte  der  General  seine
militärischen  Vorschläge  (politische  Aufträge  hatte  er  nicht).  Preußen  erklärte  sich  bereit,
gegebenen  Falles  mit  seiner  ganzen  Macht  in  den  Krieg  einzutreten,  und  verlangte,  daß
        <pb n="750" />
        742  XX.  Preußen  und  das  Bundeskriegswesen  1831.

drei  Heere  gebildet  würden:  ein  preußisch-norddeutsches  an  der  Mosel,  ein  süddeutsches,
durch  preußische  Truppen  verstärkt,  am  Ober=  und  Mittelrhein,  dazu  ein  österreichisches
Heer  in  Schwaben.  Diese  Vorschläge  gingen  über  alle  älteren  Forderungen  Preußens
sehr  weit  hinaus.  Drangen  sie  durch,  so  wurde  das  nördliche  Bundesheer  unmittelbar,
das  mittlere  wenigstens  mittelbar  preußischem  Befehle  unterstellt,  und  Osterreich  mußte
sich  mit  der  bescheidenen  Rolle  einer  Hilfsmacht  begnügen,  während  Preußen  bei  den
früheren  Verhandlungen  über  das  Bundeskriegswesen  immer  nur  die  Zweiteilung  des
Bundesheeres  gefordert  hatte,  so  daß  Osterreich  die  süddeutschen,  Preußen  die  norddeutschen
  Truppen  führen  sollte.  Aber  diese  neue  starke  Zumutung  war  rein  militärisch,
sie  wurde  ohne  jeden  politischen  Hintergedanken  ausgesprochen,  sie  bezog  sich  nur  auf  den
möglichen  nächsten  Feldzug;  und  da  Metternich  selbst  bezweifelte,  ob  Osterreich  an  dem
deutschen  Kriege  wirksamen  Anteil  nehmen  könne,  so  kam  er  anfangs  den  Vorschlägen
Röders  freundlich  entgegen.  Gleich  ihm  auch  Graf  Gyulay  mitsamt  dem  Hofkriegsrate.
  Nur  auf  die  Ernennung  eines  Bundesfeldherrn  wollte  Metternich  nicht  gern  verzichten;
  aber  auch  diesen  Gedanken  hielt  er  nicht  fest,  weil  der  alte  Erzherzog  Karl,  dem
man  diese  Würde  zudachte,  wenig  geneigt  war,  ein  so  peinliches  Amt  zu  übernehmen.
Erst  als  Feldmarschallleutnant  Langenau,  vor  Zeiten  Preußens  geschworener  Widersacher
  am  Bundestage,  zu  den  Beratungen  zugezogen  wurde,  da  erst  begannen  die
OÖsterreicher  sich  mißtrauisch  zu  zeigen.  Langenau  verlangte  die  Bildung  zweier  Bundesheere
  unter  dem  Oberbefehle  Osterreichs  und  Preußens.  Auch  dies  war  schon  ein  großes
Zugeständnis,  da  der  Wiener  Hof  früherhin  den  Plänen  des  militärischen  Dualismus
immer  insgeheim  widerstrebt  hatte.

Während  die  Wiener  Verhandlungen  also  ohne  Entscheidung  sich  hinzogen  und
Fürst  Schönburg  noch  immer  untätig  in  der  Hofburg  weilte,  entschloß  sich  König  Friedrich
Wilhelm,  unmittelbar  mit  den  süddeutschen  Bundesgenossen  zu  unterhandeln.  General
Rühle  von  Lilienstern  wurde  im  Februar  nach  München,  dann  zu  den  anderen  Höfen
des  Oberlandes  gesendet  und  dort  überall  sehr  herzlich  aufgenommen.  Man  brauchte
Norddeutschlands  Waffenhilfe,  man  mußte  bei  den  schwebenden  Zollvereinsverhandlungen
auf  Preußens  Freundschaft  rechnen;  überdies  hofften  Bayern  und  Baden,  ihren  Sponheimer
  Erbfolgestreit  durch  die  Vermittelung  des  Berliner  Hofes  auszutragen.  König
Ludwig  von  Bayern  schrieb  glückselig  nach  Berlin  (17.  März):  „Ew.  Kön.  Maj.  muß  ich
die  durch  General  Rühle  von  Liliensterns  Sendung  mir  verursachte  Freude  ausdrücken,
der  ich  bald  nach  der  vorjährigen  Pariser  Revolution  schon  Rücksprache  mit  Preußen  zu
nehmen  gewünscht  hatte.  Ich  kenne  kein  Nord=  und  kein  Süd-Teutschland,  nur  Teutschland
  bin  der  Überzeugung,  daß  bloß  in  festem  Anschließen  an  Preußen  Heil  zu
finden  ist.  Meiner  Ansicht  nach  haben  beide  Länder  (was  fast  bei  keinem  anderen  der
Fall)  in  nichts  entgegengesetzte  Interessen,  sondern  gemeinsame  Richtung.“  Die  süddeutschen
  Höfe  waren  mit  der  Bildung  von  drei  Heeren  ganz  einverstanden.  Sie  hielten
namentlich  für  unerläßlich,  daß  ihre  Truppen  nach  dem  Maine  zu  ihren  Rückzug  nehmen
müßten,  nicht  nach  dem  Lech,  wie  Langenau  vorschlug;  denn  sie  mißtrauten  allesamt
der  Leistungsfähigkeit,  manche  sogar  dem  guten  Willen  Osterreichs  und  hatten  die  bösen
Erfahrungen  der  Revolutionskriege  noch  in  frischer  Erinnerung.  Sie  beschlossen,  dem
Feldmarschall  Wrede  den  Befehl  über  das  bayrische  und  das  achte  Bundesarmeekorps
anzuvertrauen;  sie  taten  auch  einiges,  um  diesem  achten  Korps  eine  etwas  gleichmäßigere
Ordnung  zu  geben,  und  berieten  sich  vertraulich  über  Einzelheiten  des  möglichen  Feldzugsplanes.
  Aber  dabei  blieb  es  auch:  ernstlich  zu  rüsten  wagten  sie  nicht,  während
Österreich  jetzt  eifrig  sein  Heer  zu  verstärken  anfing,  der  größte  Teil  des  preußischen
Heeres  schon  zur  Bewachung  der  belgischen  wie  der  polnischen  Grenze  aufgeboten  war.

Mittlerweile  begann  die  Stimmung  in  der  Hofburg  etwas  gereizt  zu  werden,  und
dieser  Unmut  war  nicht  ganz  grundlos.  Gewiß  hatte  Osterreich  allein  durch  seine
Saumseligkeit  das  einseitige  Vorgehen  Preußens  verschuldet.  Aber  der  Bund  der  drei
großen  Ostmächte  bildete  nun  einmal  den  Grundstein  der  europäischen  Politik  Preußens;
        <pb n="751" />
        XX.  Preußen  und  das  Bundeskriegswesen  1831.  743

nur  im  Verein  mit  Osterreich  wollte  und  konnte  der  Berliner  Hof  den  Krieg  gegen
Frankreich  führen,  und  da  der  alte  Kaiserstaat  trotz  seiner  augenblicklichen  Schwäche  doch
ein  schwereres  Gewicht  in  die  Wagschale  warf  als  die  ganz  ungerüsteten  Kleinstaaten,  so
mußte  Kaiser  Franz  es  wohl  als  eine  Kränkung  empfinden,  daß  Preußen  über  seinen
Kopf  hinweg  mit  den  Süddeutschen  unterhandelte.  Die  preußischen  Generale  selbst  waren
über  diese  Frage  verschiedener  Meinung.  Der  Chef  des  Generalstabs,  General  Krauseneck,
der  den  liberalen  Ideen  nahe  stand,  erhoffte  irgend  ein  unbestimmtes  politisches  Glück
von  dem  Bunde  des  aufgeklärten  Preußens  mit  den  konstitutionellen  Südstaaten.  General
Clausewitz  dagegen,  der  immer  zuerst  die  europäische  Politik  ins  Auge  faßte,  meinte  entschieden:
  zunächst  müsse  man  mit  dem  mächtigen  Osterreich  ins  Reine  gelangen,  dann
würden  die  Kleinen  von  selber  kommen.  Von  einem  tiefen  grundsätzlichen  Gegensatze
war  bei  allen  diesen  kleinen  Mißhelligkeiten  gar  nicht  die  Rede.  Daß  Preußen  sich  unter
der  Hand  die  militärische  Hegemonie  erringen  wollte,  argwöhnte  in  Wien  niemand  —
aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  der  Berliner  Hof  solche  Absichten  nicht  hegte.  Selbst
in  den  vertrauten  Briefen  der  österreichischen  Staatsmänner  über  diese  militärischen  Verhandlungen
  findet  sich  kein  Wort  des  Argers,  das  sich  nur  von  fern  vergleichen  ließe  mit
den  leidenschaftlichen  und  wohlbegreiflichen  Zornreden,  welche  Metternich  über  die
preußische  Zollvereinspolitik  auszuschütten  pflegte.  Auch  Gentz  klagt  vor  seinem  getreuen
Rothschild  nur  über  die  Formfehler,  die  Rücksichtslosigkeit  des  preußischen  Verfahrens.
Man  war  verstimmt,  weil  Preußen  vorangeschritten  war,  und  suchte  jetzt  den  Vorsprung
wieder  einzuholen.

Im  April  kehrte  General  Röder  aus  Wien  heim,  ohne  einen  Abschluß  erreicht  zu
haben.  Kaiser  Franz  gab  ihm  einen  von  Zärtlichkeiten  überströmenden  Brief  an  den  König
mit  auf  den  Weg  (2.  April).  Darin  dankte  er  dem  Könige  für  das  Vertrauen,  das
ihm  durch  Röders  Sendung  erwiesen  sei,  und  fuhr  fort:  II  n’est  pas  une  de  mes
pensées  du’Elle  ne  connaisse,  tont  Comme  fF’ai  le  sentiment  de  ne  pas  me  tromper
sur  aucune  des  Siennes.  Plus  les  dangers  du  jour  sont  grands,  plus  je  Suis
convaincu  qdue  le  Salut  encore  possible  ne  peut  se  trouver  et  ne  se  trouvera
due  dans  l’union  la  plus  intime  et  T’union  la  plus  franche  et  la  plus  compléte
entre  nous  deux.  Der  Zweck  dieser  Beteuerungen  war  natürlich,  den  König  zu  mahnen,
daß  er  sich  zuerst  mit  dem  alten  Herzensfreunde  verständigen  möge.  In  ähnlichem  Sinne
schrieb  Metternich.  Zugleich  überbrachte  Fürst  Schönburg,  der  nunmehr  endlich  auf  seinen
Posten  zurückkehrte,  den  süddeutschen  Höfen  die  Einladung  zu  vertraulichen  militärischen
Beratungen  in  Wien.  König  Ludwig  aber  lehnte  das  Ansinnen  rundweg  ab.

In  Preußen  ließ  man  sich  durch  diese  Anzeichen  österreichischer  Empfindlichkeit  vorerst
nicht  stören;  war  man  doch  ganz  offen  und  ohne  jede  Feindseligkeit  gegen  die  Hofburg
verfahren.  Als  General  Witzleben  am  1.  Juli  die  Reiseberichte  Röders  und  Rühle's
dem  Auswärtigen  Amte  übersendete,  sagte  er  mit  warmen  Worten,  Preußen  müsse  das
Vertrauen  unserer  süddeutschen  Brüder  largement  erwidern,  das  wahre  deutsche  Interesse
werde  allemal  auch  ein  preußisches  sein,  —  und  schloß  arglos:  „Es  leidet  auch  keinen
Zweifel,  daß  man  sich  darüber  mit  Osterreich  leicht  wird  verständigen  können.“  Am
15.  August  faßte  Bernstorff  sodann,  in  zwei  Ministerialschreiben  an  seine  süddeutschen
Gesandtschaften,  die  Ergebnisse  von  Rühles  Sendung  zusammen  und  schlug  vor,  zur
endgültigen  Vereinbarung  möge  in  Wien,  Berlin  oder  Würzburg,  am  besten  wohl  in
Bayreuth,  eine  Konferenz  von  Offizieren  zusammentreten;  Osterreich,  Preußen,  Bayern
und  vielleicht  auch  noch  einige  Offiziere  der  kleineren  Staaten  sollten  daran  teilnehmen.
Am  21.  August  wurde  auch  Österreich  (durch  Weisung  an  Maltzan)  eingeladen.  Der
Minister  hoffte  also  offenbar,  Osterreich  würde  sich  den  Verabredungen,  welche  Rühle
mit  den  süddeutschen  Höfen  getroffen  hatte,  freundschaftlich  fügen  und  die  Aufstellung
von  drei  Heeren  bewilligen.

Aber  in  diesen  nämlichen  Augusttagen  hatte  sich  in  der  Stille  schon  eine  neue
Wendung  vorbereitet.  Als  der  König  im  Teplitzer  Bade  weilte,  besuchte  ihn  Hofrat
        <pb n="752" />
        744  XX.  Preußen  und  das  Bundeskriegswesen  1831.

von  Werner,  der  Vertraute  Metternichs,  und  bat  ihn,  zu  gestatten,  daß  ein  österreichischer
Offizier  nach  Berlin  käme,  um  zunächst  eine  Verständigung  zwischen  den  beiden  Großmächten
  herbeizuführen.  Peinlich  überrascht,  gab  der  König  doch  nach;  eine  solche  Bitte
des  alten  Bundesgenossen  ließ  sich  ohne  Beleidigung  kaum  abschlage:,  zumal  da  die
Kriegsgefahr  im  Augenblick  nicht  drohend  war.  Die  süddeutschen  Höfe  wurden  benachrichtigt,
  und  im  Septemberktraf  General  Graf  Clam  in  Berlin  ein,  um  mit  Bernstorff,
Krauseneck,  Röder  zu  unterhandeln.  Von  neuem  begann  der  alte  Streit:  Zweiteilung
oder  Dreiteilung  des  Bundesheeres?  Die  Verhandlungen  rückten  nicht  von  der  Stelle;
die  Schuld  lag,  soweit  ich  sehen  kann,  wesentlich  in  der  unausstehlichen  Persönlichkeit
des  k.  k.  Bevollmächtigten,  der  immer  redselig,  bald  anmaßend,  bald  freundschaftlich  zudringlich,
  das  Vertrauen  der  Preußen  schlechterdings  nicht  zu  gewinnen  verstand  und
den  kranken,  reizbaren  Bernstorff  schließlich  so  ganz  zur  Verzweiflung  brachte,  daß  der
Minister  im  März  1832  sich  von  der  Teilnahme  an  den  Verhandlungen  entbinden  ließ.
Clam  zählte,  wie  Prokesch  von  Osten,  zu  jenen  diplomatischen  Scheingrößen  des  alten
Österreichs,  welche  wohl  in  der  Hofburg  Bewunderung,  unter  deutschen  Männern
nur  Widerwillen  erregen  konnten.  Da  Krauseneck  und  Rühle  mit  dem  Österreicher
nicht  fertig  wurden,  soxgab  der  König  seinem  kaiserlichen  Freunde  einen  neuen  Beweis
seiner  Willfährigkeit  und  beauftragte  den  General  Knesebeck,  die  Verhandlungen  fortzuführen.
  Aber  auch  dieser  treu  ergebene  Verehrer  des  Wiener  Hofes  konnte  von  Preußens
bescheidenen  und  sachlich  wohlbegründeten  Forderungen  nur  wenig  nachlassen.  Auch  er
verlangte  die  Aufstellung  von  drei  Heeren;  nur  sollte  das  mittlere  Heer,  bei  Mainz,  die
Hauptarmee  bilden  und  zu  gleichen  Teilen  aus  Osterreichern,  Preußen  und  Kleinstaatstruppen
  bestehen.  So  hätte  OÖsterreich  doch  an  zweien  von  den  drei  Heeren  seinen  Anteil
  erhalten.

Diesem  Vermittelungsvorschlage  fügte  sich  Clam  endlich,  nachdem  die  Beratungen
den  ganzen  Winter  hindurch  gewährt  hatten,  und  nunmehr  wurden  zwei  süddeutsche
Generale  auf  den  Mai  1832  zur  Teilnahme  eingeladen.  Die  Süddeutschen  zeigten  sich
aber  zäher  als  Preußen  selbst;  sie  bestanden  auf  der  Annahme  des  ursprünglichen  preu-Hischen
  Planes,  weil-sie  nicht  für  möglich  hielten,  daß  Osterreich  die  deutsche  Mittelarmee
durch  beträchtliche  Truppenmassen  verstärken  könnte.  Im  Juni  wurden  auch  Sachsen
und  Hannover  zugezogen;  auch  sie  stimmten  den  Süddeutschen  zu,  und  nun  gab  OÖsterreich
  gänzlich  nach.  Beim  Abschluß  der  Verhandlungen,  die  sich  bis  zum  Dezember  1832
hinzogen,  errang  Preußen  einen  vollständigen  Sieg.  Seine  Pläne  wurden  fast  durchweg
angenommen.  Drei  Heere  sollten  gebildet  werden,  zwei  aus  Preußen  und  Bundestruppen
gemischte  am  Nieder=  und  Mittelrhein,  ein  österreichisches  am  Oberrhein.  Das  alles  war
freilich  nur  eine  Verabredung  für  einen  möglichen  Kriegsfall,  der  niemals  eintrat,  und
blieb  so  tief  geheim,  daß  selbst  der  Bundesgesandte  von  Leonhardi  in  seiner  halbamtlichen
Geschichte  der  Bundeskriegsverfassung  nichts  darüber  zu  sagen  wußte.

Betrachtet  man  diese  Verhandlungen  nüchtern,  so  läßt  sich  ein  tiefer  politischer  Sinn
darin  unmöglich  erkennen.  Droysen  behauptet  zwar,  Preußen  habe  „die  politische  Seite“
seiner  Entwürfe  geopfert,  um  die  militärische  zu  retten;  er  sagt  aber  nirgends,  worin
die  „politische  Seite“  bestanden  haben  solle,  und  auch  mir  ist  es  trotz  langem  Suchen
nicht  gelungen,  in  irgend  einem  der  preußischen  Aktenstücke  einen  politischen  Hintergedanken
zu  entdecken.  Der  Berliner  Hof  verfolgte  nur  die  bescheidene  Absicht,  den  nächsten  Bundeskrieg,
  wenn  er  kam,  also  einzuleiten,  daß  mindestens  für  die  Hauptmasse  des  Bundesheeres
  die  Einheit  der  Führung  notdürftig  gesichert  würde.  Darum  wollte  Preußen
das  Nordheer  unmittelbar,  die  zweite  Armee  mittelbar,  durch  seinen  Einfluß  auf  die  befreundeten
  Südstaaten,  leiten  und  nur  die  dritte  Armee  der  Führung  Osterreichs  anheimgeben.
  Dieser  bescheidene  militärische  Zweck  ward  auf  den  Berliner  Konferenzen,
nach  mannigfachen  Schwankungen,  vollständig  erreicht.  Einen  höheren  Ehrgeiz  konnte
Preußen  zurzeit  nicht  hegen;  denn  wer  durfte  für  möglich  halten,  daß  die  beiden  auf
ihre  Souveränität  gleich  eifersüchtigen  Könige  von  Bayern  und  Württemberg  oder  gar
        <pb n="753" />
        XXI.  König  Wilhelm  von  Württemberg  an  Minister  Wangenheim.  745

die  Kronen  Sachsen  und  Hannover  sich  der  dauernden  militärischen  Hegemonie  Preußens
freiwillig  fügen  würden?  Der  Rücktritt  Bernstorffs  im  Mai  1832  hing  mit  diesen
Militärverhandlungen  nicht  zusammen,  auch  nicht  mittelbar.  Er  erfolgte  einfach,  weil
der  schwer  erkrankte  Minister  sein  seit  Jahren  wiederholtes  Abschiedsgesuch  nochmals  erneuerte.
  Der  König  bewilligte  die  Entlassung  sehr  ungern,  unter  allen  Zeichen  seiner
Gnade,  und  behielt  sich  ausdrücklich  vor,  den  Rat  des  Grafen  auch  fernerhin  einzuholen.
Er  hat  von  diesem  Vorbehalte  auch  Gebrauch  gemacht;  es  war  wesentlich  Bernstorffs
Verdienst,  daß  Preußen  im  Jahre  1833,  zur  Zeit  der  Münchengrätzer  Zusammenkunft,
die  kriegerischen  Pläne  des  Zaren  Nikolaus  abermals  durchkreuzte.  Bernstorffs  Entlassung
  war  kein  Systemwechsel,  obgleich  sich  natürlich  die  schwächliche  Persönlichkeit  seines
Nachfolgers  Ancillon  sehr  bald  bemerkbar  machte;  der  König  behielt  die  Leitung  der  auswärtigen
  Angelegenheiten,  die  er  seit  der  Juli-Revolution  an  sich  genommen  hatte,  nach
wie  vor  in  seiner  Hand.

Historisch  bedeutsam  ist  in  diesen  militärischen  Verhandlungen  nur  die  still  wirkende
Naturgewalt  der  deutschen  Einheit.  Sobald  die  kleinen  Kronen  sich  ernstlich  bedroht
fühlen,  erkennen  sie  auch,  daß  nur  Preußen  sie  zu  schützen  vermag,  und  zeigen  sich  bereit,
dem  preußischen  Staate  für  die  Tage  der  Gefahr  einige  Vorrechte  zuzugestehen.  Aber
keine  Macht  der  Welt  kann  sie  bewegen,  nun  auch  den  logischen  Schluß  zu  ziehen  und
durch  Bundesbeschluß  die  unbrauchbare  Bundeskriegsverfassung  abzuändern.  So  ist  es
doch  eine  Notwendigkeit  gewesen,  daß  Preußens  Waffen  schließlich  dies  Bundesrecht,  das
einer  gesetzlichen  Entwicklung  nicht  fähig  war,  über  den  Haufen  werfen  mußten.

 

XXI.  fKönig  Wilhelm  von  Württemberg  an  Minister
Wangenheim.

Zu  Bd.  IV.  289.

9.  Sept.  1832.
Mein  Herr  von  Wangenheim!  Obschon-Ich  während  Ihrer  Laufbahn  als  Minister
mehrere  Gelegenheiten  hatte  über  Ihre  wenige  Diskretion  unzufrieden  zu  sein,  so  war
Ich  doch  weit  entfernt  ahnden  zu  können,  daß  Sie  Sich  beigehen  lassen  würden,  Meinen
Ihnen  eigenhändig  geschriebenen  vertrauten  Brief  ohne  Meine  Erlaubnis  öffentlich  bekannt
zu  machen.  Ich  kann  nicht  anders,  als  Ihnen  Meine  ganze  Indignation  über  ein  Verfahren,
  das  selbst  zwischen  Privatleuten  im  höchsten  Grade  unerlaubt  wäre,  zu  erkennen
zu  geben,  wie  viel  weniger  in  einem  Verhältnis,  in  dem  Sie  nie  aufgehört  haben  gegen
Mich  zu  stehen.  Ebenso  unangenehm  sind  Mir  die  Lobsprüche  gewesen,  die  Sie  über  denjenigen
  Teil  Meines  Briefes,  den  Sie  nicht  abgedruckt  haben,  beigefügt  haben,  indem
unter  den  wirklichen  Zeitumständen  jedes  günstige  Urteil  eines  Mannes,  der  zu  einer
Partei  gehört,  zu  der  Sie  Sich  öffentlich  bekannt  haben,  für  Mich  nur  höchst  beleidigend

sein  kann.  Wilhelm.

 

XXII.  Das  Frankfurter  Abttentat.

Zu  Bd.  IV.  299f.
Aus  der  Erzählung  des  Dr.  Eimer  folgen  hier  einige  Auszüge.  —  Auf  dem  Burschentag
  zu  Stuttgart  Weihnachten  1832  wurde  unseren  Delegierten  die  Mitteilung  gemacht,

es  sei  eine  Revolution  in  Deutschland  im  Werke  und  sei  dafür  kommendes  Frühjahr  in
Aussicht  genommen.  Dabei  zähle  man  auf  die  Beteiligung  der  Studenten  und  sollten
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        746  XXII.  Das  Frankfurter  Attentat.

sich  überall  die  Burschenschaften  darauf  vorbereiten.  Dies  taten  wir  nun  in  der  Weise,
daß  sich  aus  den  Entschiedensten  in  der  Verbindung  ein  politischer  Klub  bildete,  der
spezielle  Besprechungen  hielt  zu  obigem  Zweck.  Es  kamen  auch  zu  zwei  Malen  alte  Bur—
schenschafter  aus  Frankfurt,  Körner  und  K.  Bunsen,  zu  uns,  um  uns  über  den  Stand
der  Sache  Berichte  zu  bringen.  Es  seien,  hieß  es,  die  Burschenschaften  fast  aller  der  Uni—
versitäten  bereit  zum  Losschlagen.  Der  Frankfurter  Soldateska  sei  man  durch  den  Haupt—
mann  Jungmichel  sicher,  ebenso  seien  einige  württembergische  Regimenter,  speziell  in  Ludwigsburg
  gewonnen,  und  an  die  Spitze  würden  die  bewährtesten  deutschen  Volksmänner
treten.  Schließlich  wurde  uns  mitgeteilt,  am  3.  April  sollte  der  Aufstand  geschehen,
und  zwar  sollten  von  den  einzelnen  Universitäten  eine  Anzahl  Studenten  nach  Frankfurt
  kommen,  um  dort  den  Hauptcoup  zu  tun,  den  Bundestag  bei  voller  Sitzung  aufzuheben.
  Der  Bundestag  hatte  sich  in  letzter  Zeit  mehr  und  mehr  durch  Polizeiukase
—  Folgen  des  Hambacher  Festes  —,  durch  die  Bundesbeschlüsse  vom  Juni  1832,  zunächst
durch  Annullierung  des  badischen  Preßgesetzes,  verhaßt  gemacht.  In  den  letzten  Tagen
des  März  fuhr  ich  in  einer  Retourkutsche  nach  Frankfurt  in  Begleitung  von  drei  Heidelberger
  Studenten,  die  mir  unbekannt  und  die  in  die  Ferien  gingen.  Unterwegs  wurde
auch  politisiert,  wobei  einer  der  Studenten  in  höchst  auffallender  Weise  als  Aristokrat
und  Bundestags-Polizeimann  sich  gerierte  und  mit  uns  andern  in  Widerspruch  geriet.
Und  wirklich  wurde  er  auch  nachher  Aktuar  auf  dem  Polizeiamt  in  Frankfurt  und  hat
dieser  Frankfurter  Republikaner,  er  hieß  Stellwag,  als  er  mich  später  zu  Gesicht  bekam,
im  Spätjahr  1834,  sich  meiner  erinnert  und  in  gehässigster  Weise  gegen  mich  Aussagen
zu  Protokoll  gegeben,  die  mich  als  Revolutionär  belasten  sollten.  —

Ich  kam  zu  früh,  am  24.  oder  25.  März  nach  Frankfurt,  da  ich  etwa  bei  dortigen
Verwandten  verweilen,  oder  auch  nach  Nahern  und  Kehnel  zu  den  Pfarrers-Onkeln
gehen  konnte,  wo  man  mich  zu  einem  Besuch  während  der  Ferien  erwartete.  Ich  ging  aber
zunächst  zu  einigen  mir  dem  Namen  nach  bekannten  Verschworenen,  und  Buchhändler
Oehler  nahm  mich  mit  in  eine  Versammlung  der  Frankfurter  Revolutionäre,  wo  ich  mich
alsbald  überzeugte,  daß  die  Sache  auf  gar  schwachen  Füßen  stehe  und  der  Erfolg  sehr
zweifelhaft  sei.  Namentlich  schien  mir  das  Einverständnis  mit  dem  Militär  (man  hoffte
sogar  auf  Abfall  der  Mainzer)  sehr  prekär  und  am  gewissesten  stellte  sich  nur  die  Beteiligung
  von  kurhessischem  Landvolk  nördlich  von  Frankfurt  heraus,  wo  unter  der
Tätigkeit  eines  Advokaten,  Neuhoff,  eine  sehr  revolutionäre  Stimmung  herrschte.  Zunächst
  ergab  sich  bei  der  Besprechung,  daß  man  der  Beteiligung  der  Würzburger  und
Erlanger  Burschenschaften  nicht  sicher  sei,  und  erbot  ich  mich  schließlich  selbst  dahin  zu
reisen,  um  zu  sehen,  wie  es  dort  stehe.  Und  so  ging  ich  mit  der  Post  am  andern  Tag
nach  Würzburg,  wo  ich  im  Hause  des  R.  v.  Wels  wohnte.  Von  den  Würzburgern
wollten  einige  auf  den  3.  April  nach  Frankfurt  kommen;  sie  wollten  auch  sofort  einen
nach  Erlangen  schicken  mit  der  Aufforderung  der  Beteiligung.

Am  1.  April  kam  ich  wieder  nach  Frankfurt  zurück  und  beim  Aussteigen  aus  dem
Postwagen  liefen  mir  meine  Heidelberger  Bekannten,  die  eben  über  Rheinbayern  angekommen
  waren,  in  die  Hände,  und  wir  gingen  zusammen  um  Wohnung  zu  nehmen  in
den  Donnersberg.  Wir  wurden  aufgefordert,  am  2.  April  mittags  nach  Bockenheim  zu
kommen  in  ein  Gasthaus,  wo  wir  in  einem  oberen  Zimmer  allein  sein  könnten.  Dort  trafen
wir  Studenten  mit  einigen  Frankfurtern,  Dr.  Bunsen,  Körner  usw.  und  dem  Göttinger
Rauschenplatt  zusammen  und  es  wurden  die  Rollen  verteilt.  Wir  wurden,  etliche
dreißig  Studenten,  in  drei  Rotten  abgeteilt.  Wir  Heidelberger  sollten  unter  der  Führung
  von  Bunsen  von  der  Münze  aus,  wo  wir  uns  abends  zu  versammeln  hatten,  die
Hauptwache  nehmen.  Eine  zweite  Abteilung  sollte  die  Konstabler-Wache  stürmen  und
das  daneben  liegende  Zeughaus  öffnen,  um  die  zwei  Kanonen  und  Flinten  herauszuholen;
  zu  dieser  Abteilung  wurden  einzelne,  speziell  Bayern,  die  Artillerieschulen  durchgemacht,
  gewählt,  und  Patronen  für  die  Geschütze  waren  gefertigt.  Die  dritte  Rotte
hatte  einige  kleinere  Posten  zu  besetzen,  speziell  auch  den  Pfarrturm  mit  den  Frank-
        <pb n="755" />
        XXII.  Das  Frankfurter  Attentat.  747

furter  Metzgern  zu  öffnen  und  das  Sturmläuten  zu  besorgen.  Einzelne  Frankfurter
sollten  verschiedene  Herren  der  städtischen  Regierung  und  Polizei  arretieren.

Am  3.  abends  versammelten  wir  von  der  ersten  Rotte  uns  in  der  Wohnung
Bunsens,  in  der  Münze.  Wir  erhielten  dort  Flinten  und  eine  Anzahl  Patronen  und
Punkt  9  Uhr  brachen  wir,  etwa  15  Mann  hoch,  auf  über  den  Roßmarkt  zur  Haupt—
wache,  die  stärker  besetzt  war  als  gewöhnlich,  denn  die  Frankfurter  Behörden  hatten  Wind
bekommen,  es  solle  heute  losgeschlagen  werden.  Wir  stürzten  uns  sofort  auf  die  außer—
halb  aufgestellten  Flinten  und  nahmen  sie  weg;  es  fielen  einige  Schüsse.  Der  Leutnant,
der  auf  der  Wache  das  Kommando  hatte,  flüchtete  durch  ein  hinteres  Fenster,  als  wir
in  die  Stube  drangen.  Damit  war  hier  die  Sache  fertig.  Man  hörte  Sturmläuten.
Eine  Masse  Volk  sammelte  sich  vor  der  Hauptwache,  aber  niemand  ließ  sich  bewegen,  von
den  Flinten  zu  ergreifen  und  mit  uns  zu  helfen  an  der  Befreiung  Deutschlands.  Die
entwaffneten  Soldaten  verhielten  sich  ebenfalls  passiv.  Wir  warteten  nun  eine  Zeitlang
untätig  den  weiteren  Verlauf  der  Dinge  ab,  bis  wir  von  der  Zeil  her  Schüsse  hörten
und  sich  das  Gerücht  verbreitete,  es  rücke  Militär  heran.  Wir  zogen  nun  die  Zeil  hinab
gegen  die  Konstabler-Wache  und  hier  entspann  sich  ein  kleines  Gefecht;  es  wurde  herüber
und  hinüber  geschossen.  Die  Kanonen  konnten  glücklicherweise  nicht  verwendet  werden,
da  der  betreffende  Herr  den  Schlüssel  zum  Zeughaustor  nicht  fand.  Wir  paar  Stu—
denten,  die  noch  vor  der  Konstabler-Wache  beisammen  waren,  hielten  bald  für  geraten,
der  großen  Überzahl  zu  weichen.  Wir  gingen  die  Allerheiligenstraße  hinaus  bis  zum
Hanauer  Tor,  wo  alles  still  war;  hier  legten  wir  unsere  Flinten  vorläufig  in  einem
im  Bau  begriffenen  Hause  ab  und  gingen  wieder  gegen  die  Zeil  vor;  wir  fanden  die
Konstabler-Wache  stark  von  Militär  besetzt;  ebenso  die  Hauptwache;  Patrouillen  durchzogen
  die  Straßen  und  der  regierende  Bürgermeister  kam  in  offener  Chaise  daher  gefahren,
  an  das  Volk,  das  herbeigeströmt  war,  beruhigende  Reden  haltend.  Schließlich
ging  ich  etwa  halb  elf  in  den  Gasthof  zurück,  wo  ich  meine  Freunde  antraf.  Wir  berieten,
  was  tun,  und  waren  der  Ansicht,  ruhig  abzuwarten,  was  weiter  geschehe  und
für  uns  zu  tun  sei.  Ich  speziell  dachte  nicht  daran  mich  zu  verbergen,  was  ich  wohl
leicht  hätte  tun  können  bei  unseren  Ebenauvettern.  Wir  gingen  zu  Bett.  Als  ich  mich
auszog,  fand  sich  mein  linker  Hemdärmel  blutig  und  zerrissen.  In  einer  ziemlich  oberflächlichen
  Wunde  am  linken  Oberarm  stak  eine  breitgeschlagene  Kugel;  ich  hatte  einen
Prellschuß  erhalten  und  in  der  Aufregung  nichts  davon  gespürt.  Ich  ließ  mir  mittelst
Heftpflaster,  das  ich  bei  mir  trug,  die  Wunde  verbinden,  und  war  wenigstens  so  vorsichtig,
das  blutige  Hemd  in  den  Abtritt  zu  werfen.  Ich  schlief  gut.  Mitten  in  der  Nacht  geweckt,
  sah  ich  Polizeimänner  vor  meinem  Bett  stehen.  Ich  wurde  nach  meinem  Namen
  gefragt  und  nach  der  Absicht  meines  Hierseins.  Ich  gab  an,  ich  sei  auf  der
Reise  zu  Verwandten  im  Nassauischen.  Man  bedeutete  mir,  ich  sei  so  gut  wie  arretiert,
dürfe  einstweilen  nicht  weggehen.  Polizeidiener  bewachten  uns  in  den  Hausgängen.  Am
anderen  Morgen  wurden  wir  einzeln  abgeholt  und  auf  die  Konstabler-Wache  geführt.
Hier  ward  ich  in  ein  Gefängnis  gesperrt  aus  Mangel  an  Platz  zu  einem  wegen  Preßunfug
  inhaftierten  Frankfurter  Bürger  Namens  Rottenstein.  Dessen  Frau  brachte  ihm
täglich  Bier  und  mittags  Kaffee.  —  Er  teilte  dies,  so  wie  sein  Bett,  redlich  mit  mir.
Die  blecherne  Kaffeekanne  hatte  einen  doppelten  Boden,  und  derart  wurden  kleine  Bedürfnisse,
  Papier,  Bleistift  usw.  eingeschmuggelt,  und  ich  kam  in  Korrespondenz  mit
außen,  insbesondere  mit  einem  Fräulein  Stolze,  die  ich  nie  gesehen.  So  erhielten  wir
auch  Nadel  und  Faden,  womit  mir  Rottenstein  das  Loch  im  linken  Rockärmel  sehr  kunstgerecht
  zunähte.

Am  5.  April  sah  ich  von  meinem  Fenster  aus  (es  waren  noch  keine  Kasten  davor
angebracht)  eine  größere  Zahl  Bauern  die  Friedberger  Straße  her  unter  militärischer  Bedeckung
  einziehen.  Es  waren  das  die  Bauern,  meist  von  Bonames,  die  am  Abend  des
3.  April  das  Friedberger  Tor  gestürmt  hatten  und  jetzt  eingesteckt  wurden.  Unter  dem
warmen  Bedauern  für  diese  armen  Teufel,  die,  jedenfalls  ohne  zu  wissen  wie,  zu  Hochver-
        <pb n="756" />
        748  XXII.  Das  Frankfurter  Attentat.

rätern  wurden,  vergaß  ich  ganz  meine  eigene  Lage.  In  den  nun  folgenden  Verhören
gab  ich  natürlich  immer  an,  ich  sei  nach  Frankfurt  gekommen  auf  der  Reise  ins  Nassauische,
und  da  von  dort  und  von  Haus  dasselbe  gerichtlich  erhoben  wurde,  war  man  nahe
daran,  mich  frei  zu  lassen.  —

Anfang  Mai  wurde  Rottenstein  aus  der  Haft  entlassen;  die  Korrespondenz  speziell
mit  Fräulein  Stolze  erlitt  aber  keine  Unterbrechung,  da  der  Barbier,  der  zwei  bis  dreimal
  wöchentlich  zum  Rasieren  kam,  Zettelchen  heraus  und  herein  beförderte,  obschon  zwei
Soldaten  und  zwei  Wächter  immer  während  der  Operation  um  uns  herum  standen  und
aufpaßten,  und  da  in  den  ausgehöhlten  Stöpseln  in  den  beiden  Bierflaschen,  die  mir  von
Frankfurter  Wohltätern  täglich  zugeschickt  wurden,  immer  Brieschen  spediert  wurden.
Einmal  glaubte  ich  am  Benehmen  des  Gefangenwärters  zu  bemerken,  daß  er  auf  die
Stöpsel  der  Bierflaschen  fahnde,  und  ich  meldete  hinaus,  man  solle  diesen  Beförderungsmodus
  unterlassen  und  in  Zukunft  in  die  untere  Höhlung  im  Boden  dazu  geeigneter
Flaschen  die  Zettel  stecken  und  darüber  eine  Schicht  schwarzen  Pechs  decken.  So  geschah
es.  Noch  etwa  vierzehn  Tage  lang  wurde  derart  korrespondiert,  da  wurde  plötzlich  verboten,
  ich  dürfe  kein  Bier  mehr  zugeschickt  bekommen.  Und  im  Verhör  wurde  mir  ein
Stöpsel  vorgelegt,  in  denein  Zettelchen  unerheblichen  Inhalts  gesteckt  war,  das  ich  geschrieben
  haben  sollte.  Man  hatte  noch  vierzehn  Tage  lang  die  Flaschen  mit  den  Zettelchen
  im  Boden  aufedas  Verhöramt  bringen  lassen  und  befördert,  ohne  etwas  zu  finden.
Rottenstein  hatte  mir  einen  kleinen  Spiegel  zurückgelassen,  in  dessen  hinterer  seitlicher
Wand  ein  verborgener  Behälter  angebracht  war,  in  dem  ich  einen  Bleistift  mit  etwas
Papier  versteckt  hatte,  das  ich  derart  immer  bei  den  verschiedenen  Versetzungen  in  andere
Gefängnisse  wieder  erhielt.  —  Einmal  wurde  ein  Kirschkuchen  für  mich  ins  Gefängnis
geschickt,  in  den  eine  Uhrfedersäge  eingebacken  war.  Der  schlaue  Gefangenwärter  hatte
Verdacht,  durchschnitt  den  Kuchen  und  fand  die  Säge.  Ich  wußte  nichts  von  der  Sache
und  erfuhr  erst  später  davon.  —

Nach  einer  längeren  Schilderung  des  Kerkerlebens,  der  Verhöre,  der  wiederholten
Fluchtversuche  heißt  es  dann  weiter:

..  Gegen  das  Frühjahr  1834  wurde  ein  Befreiungsplan  in  großem  Maßstabe  in
Angriff  genommen.  Es  sollten  alle  gegen  die  Zeil  und  teilweise  die  Fahrgasse  Inhaftierten
  zugleich  ausbrechen.  Es  waren  unserer  acht  (zwischen  je  zwei  war  immer  eine
von  uns  nicht  besetzte  Zelle,  um  Kommunikation  zu  verhindern).  Im  Hof  war  ein
neuer  Abtritt  gebaut  und  da  fand  ich  unter  dem  Brillenbrett  über  der  Mauer  einen
Raum.  In  dies  Geheimfach  wurden  nun  von  unseren  Freunden  draußen  Uhrfedersägen
  und  die  dazu  nötigen  Monturen  niedergelegt,  wo  dann  ein  jeder  seinen  Bedarf
holen  konnte.  Und  in  der  Tat  gelang  es  allen  acht  in  einigen  Wochen  sämtliche
Gitter  zu  durchfeilen,  und  zwar  in  jedem  Gefängnis  zwei,  denn  ein  zweites,  nicht  leicht
zu  erreichendes  Gitter  war  noch  innerhalb  des  Fensterkastens  angebracht.  Als  alles  vorbereitet
  war,  wurde  die  Ausführung  auf  den  2.  Mai  abend  zehn  Uhr  festgesetzt.  Wegen
baulicher  Veränderungen  wurden  wir  zu  dieser  Zeit  nur  von  6—7  Uhr  ein  jeder  je
eine  halbe  Stunde  zum  Spazierengehen  in  den  Hof  geführt;  das  geschah  jeweils  nach
der  Reihe  und  ungeschickterweise  kam  die  Tour  an  diesem  Abend  gerade  an  uns.  Da
klopften  mir  die  drei  vorne  an  mir  inhaftierten  Genossen,  sie  sollten  in  den  Hof  geführt
werden,  könnten  aber  absolut  nicht,  da  sie  sonst  mit  ihrer  Arbeit  nicht  fertig  würden.
Da  es  nun  aufs  höchste  verdächtig  hätte  werden  müssen,  wenn  wir  alle  heute  nicht
spazieren  gehen  wollten,  worauf  sich  sonst  ein  jeder  so  sehr  gefreut,  und  da  ich  so  ziemlich
  fertig  war,  so  sagte  ich  den  andern,  ich  werde  gehen,  wenn  dazu  die  Reihe  an  mich
komme.  Ich  opferte  mich  für  sie.  Denn  als  ich  um  7  Uhr  in  mein  Gefängnis  zurückkam,
  ward  es  bald  dunkel;  ich  feilte  jetzt  zuerst  die  Gitter  vollends  durch,  dann  kam  ich
bei  stockfinsterer  Nacht  an  die  Bereitung  des  Stricks,  an  dem  ich  mich  hinablassen  wollte;
ich  verwendete  dazu  das  in  Riemen  gerissene  Bettuch  und  einige  Halstücher  und  Sacktücher.
  Gegen  9  Uhr  klopfte  mir  der  außen  an  mir  sitzende  Erlanger,  Pfretschner,  er
        <pb n="757" />
        XXIII.  Stimmungen  der  württembergischen  Opposition.  1838.  749

komme  nicht  durch  die  Gitteröffnungen  hindurch,  er  sei  zu  dick.  Als  ich  mit  allem  fertig
war,  stieg  ich  durch  die  Gitter  in  den  Kasten  vorm  Fenster,  machte  dann  das  Drahtgitter
  über  dem  Kasten  los  und  band  den  Strick  im  Kasten  sitzend  fest.  Während  der
ganzen  Zeit  besorgten  unsere  Freunde,  daß  fortwährend  Rollwagen  auf  der  Zeil  hin
und  herfuhren,  die  einen  argen  Lärm  machten,  damit  man  unsere  Arbeiten  nicht  hören
könne.  Weiter  bekamen  die  Soldaten  in  der  Wachtstube,  ich  weiß  nicht  unter  welchem
Vorwand,  so  reichlich  Wein  zu  trinken,  daß  sie  betrunken  wurden.  Jetzt,  als  die  Stunde
ausgeschlagen  hatte,  stieg  ich  aus  dem  Kasten  auf  das  Gesimse  und  hing  mich  an  den
Strick  —,  und  als  ich  am  zweiten  Tag  wieder  zum  Bewußtsein  kam,  sah  ich  mich  wieder
im  Gefängnis  mit  Kopsschmerz  und  Kopfwunden  und  einem  Bruch  des  Schenkelhalses.
Der  schlecht  gemachte  Strick  war  ganz  oben  gerissen  und  ich  war  auf  die  Straße  gestürzt.
Die  betrunkenen  Soldaten  hatten  mich  wahrscheinlich  noch  mißhandelt  und  hatten  blind
unter  die  herzugelaufene  Menge  geschossen,  einige  verwundet  und  einen  gegenüber  wohnenden
  Bürger  erschossen.  Nur  einem  von  uns  Studenten,  ich  hörte  Lizius,  gelang  die
Flucht;  die  andern  waren  zum  Teil  auch  herabgestürzt  und  alle  wieder  sofort  eingefangen
worden.  Ich  lag  nun  schwerkrank  zu  Bett  an  Hirnerschütterung,  massenhaftem  Blutbrechen
  usw.  Der  Hausarzt,  Physikus  Kestner,  behandelte  mich  sehr  sorgfältig;  mit
Zuzug  eines  Chirurgen  wurde  mir  eine  Hagedornsche  Maschine  an  den  gebrochenen
Fuß  gelegt,  und  ich  bekam  einen  Krankenwärter.  Am  6.  Mai  kam  mein  Bruder  nach
Frankfurt  und  tat  alle  möglichen  Schritte  mich  besuchen,  oder  nur  von  weitem  sehen
zu  dürfen.  Das  Appellationsgericht  beschloß  in  gar  nichts  zu  willfahren.  Mein  Bruder
  war  umsonst  gekommen.  Am  13.  Mai,  als  ich  außer  Gefahr  war,  wurde  ich  über
den  Fluchtversuch  verhört.  Ich  sollte  sagen,  woher  ich  die  Feilen  bekommen  usw.  —  ich
gab  darauf  keine  Antwort;  ebenso  machten  es  die  andern  Wieder--Inhaftierten  und  die
Untersuchung  ergab  gar  keinen  Anhaltspunkt  gegen  unsere  Freunde  draußen.  —  Die
Heilung  des  Knochenbruchs  ging  gut  vor  sich  und  nach  zwei  Monaten  konnte  ich  aufstehen
  und  Gehversuche  machen.  Der  Bruch  war  geheilt  mit  Verkürzung  des  Fußes  um
nur  etwa  einen  halben  Zoll,  was  später  sich  ausglich  —  ohne  Hinken.  Das  Appellationsgericht
  hatte  verfügt,  daß  den  Ausgebrochenen  über  Nacht  Ketten  angelegt  werden  sollten,
um  weitere  Fluchtversuche  zu  verhindern.  Wiederholt  hatte  die  Untersuchungsbehörde
beim  Arzt  angefragt,  ob  mir  noch  nicht  Ketten  angelegt  werden  könnten.  Jetzt  geschabh
das,  ich  bekam  Ketten  an  den  linken  Fuß  und  den  rechten  Arm  —  eine  abscheuliche
Barbarei;  denn  ich  mußte  erst  gehen  lernen  und  konnte  mindestens  noch  ein  Vierteljahr
lang  nur  mit  Krücken  gehen.  Und  die  nächtlichen  Ketten  blieben,  solang  ich  in  Frankfurt
  gefangen  war.

 

XXIII.  Stimmungen  der  württembergischen  Opposition.  1838.

Zu  Bd.  IV.  627  .

Die  Gesinnungen  der  schwäbischen  Liberalen  zu  Ende  der  dreißiger  Jahre  finden
beredten  Ausdruck  in  einem  Briefe,  welchen  Fr.  Römer  an  einen  seiner  Geißlinger  Wähler
richtete.  Die  Hauptstellen  lauten:

Geehrter  Herr!  .  lber  meine  Leistungen  brauche  ich  mich  nicht  besonders  zu
äußern,  da  Sie  wenigstens  meine  Abstimmungen  und  somit  den  Geist  meiner  Tätigkeit
aus  den  öffentlichen  Blättern  kennen  gelernt  haben  werden.  Ebenso  wenig  brauche
ich  Ihnen  die  Versicherung  zu  geben,  daß  meine  Abstimmungen  stets  die  Frucht  meiner
Überzeugung  gewesen  sind.

Ob  sie  auch  mit  den  Ansichten  meiner  Wähler  übereinstimmen?..  ich  weiß  es
nicht,  aber  ich  schmeichle  mir,  in  ihrem  Sinne  gesprochen  und  gehandelt  zu  haben.
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        750  XXIII.  Stimmungen  der  württembergischen  Opposition.  1838.

Wäre  es  aber  auch  anders,  hätte  ich  mich  nicht  nach  ihrem  Sinne  benommen,  —
so  würde  ich  gleichwohl  keine  meiner  Abstimmungen  zurücknehmen,  eben  weil  sie  aus
meiner  UÜberzeugung  hervorgegangen  sind.

Gerade  diese  Starrheit  aber,  womit  ich  auf  demjenigen  beharre,  was  ich  für  Recht
halte,  macht  mich  zum  württembergischen  Volksvertreter  gänzlich  unfähig.

Mögen  auch  die  politischen  Ansichten  der  Wahlmänner  des  Oberamtsbezirks  Geißlingen
  sein,  welche  sie  wollen,  —  so  viel  ist  jedenfalls  gewiß,  daß  die  Mehrzahl  des  Volks
meine  Ansichten  nicht  teilt.

Mein  Glaubensbekenntnis  stützt  sich  nämlich  auf  die  Überzeugung,  daß  die  Wiederherstellung
  oder  vielmehr  die  Herstellung  des  schon  seit  1819  gestörten  Rechtszustandes
die  erste  und  heiligste  Pflicht  des  Volksabgeordneten  sei  und  daß  es  nicht  nur  in  seiner
Befugnis,  sondern  selbst  in  der  von  ihm  übernommenen  eidlichen  Verpflichtung  liege,
einer  verfassungswidrigen  Regierung  die  Mittel  zu  entziehen,  womit  sie  ihr  gesetzwidriges
System  durchführt.

Zwar  stehen  dieser  Ansicht  die  Beschlüsse  des  deutschen  Bundes  entgegen,  allein
eben  deshalb  bekämpften  wir  sie  als  verfassungswidrig.

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  diese  hochwichtige  Frage  einer  weiteren  Beleuchtung  zu
unterwerfen:  aber  es  ist  Tatsache,  daß  sich  selbst  solche  Abgeordnete,  welche  sonst  für
freisinnig  gelten,  der  parlamentarischen  Erörterung  jener  Beschlüsse  widersetzten,  obgleich
sie  auf  unsere  verfassungsmäßigen  Verhältnisse  fortwährend  den  entschiedensten  Einfluß
ausüben.

Diese  Abgeordneten  handelten  sicherlich  im  Sinne  ihrer  Kommittenten,  allein  nicht
die  Ansicht  der  Kommittenten,  sondern  die  eigene  Überzeugung  soll  den  Abgeordneten
bei  seinen  Abstimmungen  leiten.  .Jch  bin  ferner  weit  entfernt,  äußerste  Mittel,  wie
Steuerverweigerung,  empfehlen  zu  wollen,  solange  man  die  Hoffnung  haben  kann,  daß
gelindere  Mittel  zum  Ziele  führen  werden.

Wenn  aber  zugegeben  werden  muß,  daß  sich  die  Regierung  in  allen  die  öffentlichen
Verhältnisse  betreffenden  Hauptpunkten  zu  irgend  einer  Nachgiebiqgkeit  nicht  nur  nicht
geneigt  zeigte,  sondern  daß  sie  vielmehr  die  Angriffe  der  Opposition  als  ebensoviele  böswillige
  Eingriffe  in  ihre  Rechtebezeichnete,  so  wird  hierdurch  zugleich  ausgesprochen,  daß
die  Anwendung  jenes  äußersten  Mittels  vollkommen  begründet  war.

Oder,  kann  man  es  mit  dem  bestehenden  Rechte  der  Steuerverweigerung  in  Einklang
  bringen,  einer  Regierung,  welche  dem  Volke  gerade  diejenigen  Mittel  vorenthält,
die  allein  geeignet  sind,  den  Sinn  für  einen  verfassungsmäßigen  Rechtszustand  zu  wecken
und  zu  erhalten,  kann  man  es,  sage  ich,  mit  jenem  Rechte  in  Einklang  bringen,  einer
solchen  Regierung  das  Geld  zu  verwilligen,  womit  der  Zensor  belohnt  wird,  weil  er  diejenigen
  Stellen  streicht,  welche  sich  auf  die  Rechte  der  Staatsbürger  beziehen;  —  das  Geld
zu  verwilligen,  womit  der  Polizeibeamte  bezahlt  wird,  weil  er  gegen  politische  Versammlungen
  einschreitet;  —  das  Geld  zu  verwilligen,  womit  der  Richter  besoldet  wird,  weil
er  den  Widerstand  gegen  solche  Verfügungen  bestraft?

Dem  Fungeachtet  erwarb  sich  die  Staatsverwaltung  den  Beifall  ihrer  Stände  in
so  hohem  Grade,  daß  die  Ansicht  der  Opposition  nicht  mehr  als  19  Stimmen  gewinnen
konnte!  Leider  mußte  ich  während  meiner  landständischen  Laufbahn  gar  häufig  die
Erfahrung  machen,  wie  der  deutsche  Bund  bei  fast  allen  Fragen  von  höherem  Interesse
gleich  einem  Popanz  vorgeschoben  wurde.  Wollte  die  Opposition  —  unter  Berufung
auf  den  tiefen  Frieden  —  das  Militär-Budget  herabsetzen,  so  rief  man  ihr  entgegen:  „der
Bund!“"“s  Suchte  sie  —  unter  Berufung  auf  die  diplomatische  Bedeutungslosigkeit  des
Königreichs  —  die  Kosten  für  auswärtige  Angelegenheiten  zu  verringern,  so  tönte  es
wieder:  „der  Bundl“  Eiferte  sie  unter  Berufung  auf  die  Verfassung  gegen  die  Zensur:
„der  Bund!“

Und  machtensie  gar  Angriffe  auf  den  Bund  selbst,  dreimal:  „der  Bund!“
        <pb n="759" />
        XXIII.  Stimmungen  der  württembergischen  Opposition.  1838.  751

So  scheiterten  alle  Versuche,  einen  besseren  Zustand  zu  begründen,  an  der  Furcht
vor  dem  Bunde  .  ..  Ich  weiß  wohl,  welche  Einwendungen  gegen  die  Grundsätze  der
Opposition  geltend  gemacht  werden.

Württemberg  ist  nach  den  Ansichten  —  selbst  mancher  Bessergesinnten  zu  unmächtig,
um  sich  dem  Einflusse  der  absoluten  Großstaaten  beim  Bunde  widersetzen  zu  können.

Indem  man  aber  unsere  Regierung  auf  solche  Art  entschuldigt,  bedenkt  man  auch,
daß  man  eben  hiermit  das  Verdammungsurteil  über  die  Kleinstaaten  ausspricht?  Denn
ein  Staat,  der  mit  dem  besten  Willen  nicht  imstande  ist,  dasjenige  zu  tun,  was  er
in  seinen  grundgesetzlichen  Bestimmungen  selbst  für  recht  erklärt  hat,  kann  vernünftigerweise
  keinen  Anspruch  auf  Existenz  machen.

Ich  halte  jedoch  die  obige  Einwendung  nicht  für  richtig.

Vielmehr  glaube  ich,  daß  weder  Osterreich  noch  Preußen  einschreiten  würden,  wenn
es  einer  der  konstitutionellen  Regierungen  Deutschlands  gefiele,  nach  den  Vorschriften  der
Verfassung  zu  regieren.  Denn  unter  welchem  Vorwande  sollte  eine  Einschreitung  stattfinden?
  Sie  wäre  eine  Gewalttat,  deren  Folgen  sicherlich  auf  ihre  Urheber  zurückfallen
würden.  Uberdies  fürchten  selbst  die  Großstaaten  gegenwärtig  nichts  mehr,  als  die  Veranlassung
  zu  einer  möglichen  Störung  des  Friedens.

Die  Rückkehr  zum  Gesetze  müßte  aber,  auch  dann,  wenn  sie  zunächst  auch  nur  von
Einem  Lande  ausginge,  auf  alle  übrigen  Verfassungsländer  günstig  zurückwirken,  weil
das  gegebene  Beispiel  den  Regierungen  und  Völkern  die  Möglichkeit  eines  geordneten
freisinnigen  Rechtszustandes  dartäte.

Ja  selbst  die  in  solcher  Richtung  laufenden  Bestrebungen  einer  einzelnen  Volks-Kammer
  mußten  sich  am  Ende  eines  siegreichen  Erfolges  erfreuen,  sobald  das  Ziel  nicht
nur  von  einer  schwachen  Minorität,  sondern  von  einer  imposanten  Majorität  mit  Beharrlichkeit
  verfolgt  würde.  Hierzu  sind  nun  freilich  in  Württemberg  keine  Aussichten
vorhanden  und  gerade  diese  traurige  Gewißheit  ist  es,  welche  die  Opposition  bestimmt,
fruchtlose  Versuche  nicht  wieder  zu  erneuern.

Zwar  wird  man  ihr  den  Vorwurf  machen,
„sie  verlasse  das  Volk;“  —
man  wird  ihr  zu  bedenken  geben,
„wenn  sie  auch  nicht  Gutes  zustande  bringen  könne,  so  vermöge  sie  doch
Schlimmes  zu  verhindern;"
man  wird  sie  darauf  aufmerksam  machen:
„ihre  Worte  seien  nicht  verloren;  wenn  sie  auch  nicht  im  Augenblicke
wirken,  so  werden  sie  doch  seiner  Zeit  Früchte  tragen;"
—  und  diejenigen,  welche  uns,  solange  wir  zu  wirken  suchten,  auf  jede  Art  verdächtigten
und  schmähten,  werden  sich  an  die  Spitze  der  Tadler  stellen;  aber  „die  Wohlmeinenden
mögen  bedenken,  daß  ohne  Offentlichkeit  nicht  einmal  eine  moralische  Wirksamkeit  möglich
ist.  Man  wende  mir  nicht  ein,  die  Sitzungen  der  Kammer  der  Abgeordneten  seien
öffentlich.  Denn  wer  partizipiert  an  dieser  Offentlichkeit?  Zehn  oder  fünfzig  Zuhörer
und  einige  Zeitungsschreiber,  deren  Berichte  aber  teils  wegen  der  Zensur,  teils  wegen
des  eigenen  Geschmacks  der  Berichterstatter  so  unvollkommen,  so  entstellt  und  wohl  auch
so  parteiisch  sind,  daß  es  in  vielen  Fällen  besser  wäre,  wenn  auf  diesem  Wege  von  den
Leistungen  der  Opposition  gar  nichts  ins  Publikum  gelangte.
Will  man  aber  falsch  dargestellte  Außerungen  berichtigen,  so  tritt  der  Zensor  entgegen,
  sobald  der  Gegenstand  der  Berichtigung  unter  die  verpönten  Dinge  gehört.
Somit  bleiben  von  der  gerühmten  Offentlichkeit  nur  noch  die  Protokolle  übrig.
Aber  wer  liest  diese?  Wem  kann  man  zumuten,  unter  einer  Masse  von  Spreu
die  Körner  zu  sucheno
Der  Sinn  für  das  Offentliche  hat  sich  nachgerade  so  abgestumpft,  daß  selbst  das
Gedächtnis  an  die  bessere  Vergangenheit  verschwunden  ist.  Man  braucht  sich  daher  nicht
mehr  von  einem  lästigen  Schamgefühle  meistern  zu  lassen,  sondern  kann  fortan  der  ur-
        <pb n="760" />
        752  XXIV.  Handschreiben  König  Ernst  Augusts.

sprünglichen  Neigung  ungescheut  folgen.  Deshalb  wird  jeder  Versuch,  die  Stellung  des
Bundes,  die  Verhältnisse  der  Presse,  die  Verordnungen  wider  politische  Vereine  und  Ver—
sammlungen,  die  Freiheit  der  landständischen  Wahlen,  kurz  solche  Dinge  zur  Sprache  zu
bringen,  welche  notwendige  Bedingungen  eines  konstitutionellen  Lebens  sind,  gleich  in
der  Geburt  erstickt  werden.  Wie  auch  der  Geist  der  Wähler  beschaffen  sein  mag,  so
wird  man  doch  behaupten  dürfen,  daß  auch  sie  die  Wahl  eines  landständischen  Abgeordneten
  nicht  als  ein  Recht  betrachten,  sondern  als  eine  Last.

Und  wie  sollten  sie  anders,  da  sie  seit  1819  noch  nicht  in  dem  Falle  gewesen  sind,
die  Segnungen  der  Verfassung  an  sich  selbst  zu  erkennen?  Die  gegenwärtige  Finanz-Verwaltung
  Württembergs  ist  geordnet,  Veruntreuungen  des  Staatseigentums  durch
die  Administration  sind  nicht  zu  besorgen,  die  Regierung  wünscht  das  Wohlsein  ihrer
Untertanen  und  wenn  es  diesen  erlaubt  wäre,  sich  in  politischen  Dingen  eine  selbständige,
eigene  Meinung  zu  bilden  und  solche  geltend  zu  machen,  so  wäre  für  den  Württemberger
als  solchen  kein  gerechter  Grund  zur  Klage  vorhanden.

Aber  diese  Beschwerde  ist  nicht  allgemein.  Denn  den  wenigsten  wohnt  das  Gefühl
ihrer  staatsbürgerlichen  Bedeutungslosigkeit  inne  und  eben  deshalb  haben  sie  in  dem  beschränkten
  Kreise,  worin  sie  sich  bewegen  dürfen,  kein  Verlangen  nach  einer  Opposition,
für  die  es  ohne  geistige  Freiheit  kein  materielles  Glück  gibt.

Von  dieser  Überzeugung  bin  ich  durchdrungen  und  sie  ist  es,  welche  meinen  jetzigen
Entschluß  hervorgerufen  hat.

Ich  werde  den  Geschicken  meines  Vaterlands  auch  ferner  meine  volle  Teilnahme
widmen,  ich  werde  da  nicht  fehlen,  wo  ich  hoffen  darf,  nützen  zu  können,  aber  ich  werde
unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  die  Wahl  zum  landständischen  Abgeordneten,  wenn
sie  auf  mich  fallen  sollte,  nicht  annehmen.

Stuttgart,  den  1.  November  1838.
F.  Römer.

 

XXIV.  Handschreiben  König  Ernst  Augusts.
Zu  Bd.  IV.  651.  658.

Ein  Schreiben  an  Schele  vom  7.  Juli  1837  über  die  Einwendungen,  welche  das
Staatsministerium  gegen  das  Patent  vom  5.  Juli  erhoben  hatte,  beginnt  also:

„Nachdem  Ich  habe  gehört  und  gelesen  die  Einwendungen..  fühle  ich  es  Meine
Würde  nicht  gemäß,  daß  in  Zweifel  zu  lassen,  was  ist  Meine  wahre  Meinung  und  Intention,
  und  deswegen  bleibt  es  bei  dem  von  mir  vollzogenen  Patent.“"

Über  die  Eingabe  der  Göttinger  Sieben  schreibt  der  König  an  Schele  (Rotenkirchen,
  28.  November  1837):

„Aus  ihrem  Inhalte  habe  ich  entnommen,  namentlich  aus  der  Stelle,  wo  sich  die
Professoren  nach  erfolgter  Aufhebung  des  Staatsgrundgesetzes  dasselbe  gewissermaßen  noch
als  gültig  zu  betrachten  und  aufrecht  zu  erhalten  herausnehmen  und  die  auf  verfassungsmäßigem
  Wege  von  Mir  und  den  Ständen  des  Jahres  1819  etwa  zu  vereinbarende
Verfassung  nicht  anerkennen  wollen,  daneben  auch  von  freventlicher  Verletzung  ihres
Eides  sprechen  —  daß  die  Professoren  augenfällig  eine  revolutionäre,  hochverräterische
Tendenz  verfolgen,  welche  sie  persönlich  verantwortlich  macht:  sic  scheinen  daher  der  Macht
des  peinlichen  Richters  verfallen,  und  zweifle  ich  nicht,  daß  von  allen  beteiligten  Behörden
  alles  werde  getan  werden,  um  diesem  verbrecherischen  Beginnen  nicht  allein  zu
steuern,  sondern  auch  die  Schuldigen  zur  Verantwortung  und  Strafe  zu  ziehen.“
        <pb n="761" />
        XXV.  Aus  den  Auszeichnungen  König  Friedrich  Wilhelms.  753

XXV.  Aus  den  Aufzeichnungen  fönig  Friedrich  Wilhelms.
Zu  Bd.  IV.  725.

..  Meine  Untertanen  besitzen  in  der  geregelten  Staats-Verwaltung,  in  dem
Staatsrate,  in  den  Provinzial-Ständen,  in  der  Städte-Ordnung,  in  den  Kommunal=Verfassungen,
  die  Garantie  für  die  ungestörte  Ordnung  und  Gesetzlichkeit;  ich  habe  ihnen
diese  Institutionen  aus  freiem  Willen  erteilt  und  die  Gewalt  und  Macht  des  Throns
unbeschränkt  erhalten.

Auf  dieser  Unbeschränktheit  der  Königlichen  Macht  beruht  vorzugsweise  die  Stellung,
welche  Preußen  in  dem  allgemeinen  Staatensystem  einnimmt,  und  da  eine  Anderung
dieses  Grundpfeilers  der  Monarchie,  letztere  selbst  nachteilig  berühren  und  wankend  machen
würde,  so  bestimme  ich  hierdurch,  daß  kein  künftiger  Regent  befugt  sein  soll,  ohne  Zuziehung
  sämtlicher  Agnaten  in  dem  Königlichen  Hause  eine  Anderung  oder  Einleitung
zu  treffen,  wodurch  eine  Veränderung  in  der  jetzigen  Verfassung  des  Staats,  namentlich
in  Beziehung  auf  die  ständischen  Verhältnisse  und  die  Beschränkung  der  Königl.  Macht
bewirkt  oder  begründet  werden  könnte.

In  der  Verordnung  vom  Jahre  1820  betreffend  das  Staatsschulden-Wesen  habe
ich  festgesetzt,  daß,  wenn  der  Staat  künftighin  zu  seiner  Erhaltung  oder  zur  Förderung
des  allgemeinen  Besten  in  die  Notwendigkeit  kommen  sollte,  zur  Aufnahme  eines  neuen
Darlehns  zu  schreiten,  solches  nur  mit  Zuziehung  und  unter  Mitgarantie  der  künftigen
Reichsstände  geschehen  könne.  Sollte,  solange  ich  die  Regierung  führe,  in  diesem  einen
nur  erwähnten  Falle  die  Notwendigkeit  eintreten,  eine  Reichsständische  Versammlung
zu  diesem  Behufe  zusammen  zu  rufen,  so  werde  ich  solche  aus  den  Provinzial-Ständen
entnehmen.  .  ..  Es  würde  aus  jedem  der  vier  Stände  der  Provinzial-Stände-Versammlung
  ein  Abgeordneter  nach  der  Mehrzahl  der  Stimmen  durch  das  Plenum  der  Versammlung
  gewählt  werden..  Den  Abgeordneten  der  Provinzial-Stände  wird  eine
gleiche  Anzahl  von  Mitgliedern  des  Staatsrats  nach  meiner  Wahl  beigegeben;  in  der
Versammlung,  deren  Präsident  ich  ernennen  werde,  wird  nach  dem  Geschäftsreglement
bei  dem  Staatsrat  verhandelt.  Andere  Fragen,  als  über  den  einen,  oben  erwähnten
Gegenstand,  werde  ich  einer  solchen  Versammlung  nie  vorlegen.  Ich  verpflichte
hierdurch  meine  Nachfolger  in  der  Krone,  nach  den  vorangegebenen  Bestimmungen  zu
verfahren.  Diese  Anordnungen  sollen  als  ein  Hausgesetz  betrachtet  werden.

 

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  48
        <pb n="762" />
        –  —  —  —.

Druck  von  August  Pries  in  Leipzig.

————————
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      </div>
    </body>
  </text>
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