<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Fünfter Teil. Bis zur März-Revolution.</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Heinrich von</forname>
            <surname>Treitschke</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>staa_ge_28</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        Staatengeschichte 
der neuesten Zeit. 
  
  
  
Ach undzwanzigster Band. 
H. v. Treitschke 
Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert 
Fünfter Teil. 
Fünfte Auflage 
Sechzehntes bis achtzehntes Tausend. 
  
·2—— — — —— — — 
Leipzig 
Verlag von S. Hirzel 
1908.
        <pb n="2" />
        <pb n="3" />
        Deutsche Geschichte 
im 
Neunzehnten Jahrhundert 
von 
Heinrich von Treitschke. 
Fünfter Teil. 
Bis zur März-Revolution. 
Fünfte Auflage 
Sechzehntes bis achtzehntes Tausend. 
  
–.S 
  
Leipzig 
Verlag von S. Hirzel 
1908.
        <pb n="4" />
        Das Recht der Übersetzung ist vorbehalten.
        <pb n="5" />
        Vorwort. 
—— — — — 
Durch ein langes Augenleiden ist die Fortsetzung dieses Buches ver— 
zögert worden, und ich will nur wünschen, daß man dem Bande nicht 
anmerke, wie schwer mir zuweilen die Arbeit fiel. 
Noch weit mehr als seine Vorgänger verdankt der vorliegende Band 
den Beiträgen freundlicher Leser. Ohne diesen gütigen Beistand, aus 
amtlichen Quellen allein hätte ich manche Ereignisse nicht verstehen können, 
und ich bitte auch für die Schilderung der Revolutionsjahre herzlich um 
solche Mitteilungen. Die Aufgabe wird immer schwieriger, je mehr die 
Erzählung sich der Gegenwart nähert. 
Ein Mangel läßt sich bei allem Fleiße nicht ganz beseitigen. Das 
Leben der breiten Massen des Volks bleibt in einem Zeitalter reflektierter 
Bildung immer geheimnisvoll, und wieviel der Historiker auch an wirt- 
schaftlichen, politischen, religiösen Erklärungsgründen vorbringen mag, zu- 
letzt kann er doch nur einfach die Tatsache feststellen, daß die Stimmung 
der Zeit reif wurde für eine Revolution. 
Die Geschichte dieser acht Jahre wirkt wie ein erschütterndes Trauer- 
spiel. Zuerst hohe Entwürfe, glänzende Hoffnungen, überschwengliche 
Träume, nachher fast überall ein klägliches Mißlingen, ein unvermeidlicher 
Zusammenbruch. Den tragischen Ernst, der im Stoffe selber liegt, darf 
der Darsteller nicht durch vornehmen Gleichmut künstlich zu verwischen 
suchen. 
Welchen Mißbrauch treibt man doch heute mit dem Ausspruch: sine 
ira et studio — einem Worte, das niemand weniger befolgt hat als 
sein Urheber. Gerecht soll der Historiker reden, freimütig, unbekümmert
        <pb n="6" />
        VI Vorwort. 
um die Empfindlichkeit der Höfe, ungeschreckt durch den heute viel mäch— 
tigeren Haß des gebildeten Pöbels. Aber so gewiß der Mensch nur ver— 
steht, was er liebt, ebenso gewiß kann nur ein starkes Herz, das die 
Geschicke des Vaterlandes wie selbsterlebtes Leid und Glück empfindet, der 
historischen Erzählung die innere Wahrheit geben. In dieser Macht des 
Gemüts, und nicht allein in der vollendeten Form, liegt die Größe der 
Geschichtschreiber des Altertums. — 
Berlin, 10. August 1894. 
Heinrich von Treitschke.
        <pb n="7" />
        Inhalt. 
——.— 
Fünftes Buch. 
König Friedrich Wilhelm der Vierte. 
1840—1848.5 
Seite 
Die frohen Tage der Erwarnng . ... 3 
Der König und seine Umgebungen . ....... ... ... 6 
Huldigung in Königsberg und Berlin 29 
mDie Kriegsgefahhhree ... 61 
Der Londoner Vertrag der vier Mächte.. ...... 61 
Bedrohung der Rheingrenze. Deutschlands Rüstunen 80 
Friedliche Lösung. Der Meerengen-Verttttgegagag 109 
Bistum Jerusalem. Preußen und Englnddd 120 
.Enttäuschung und Verwirrung .. . . . . 133 
Provinziallandtage von 1841. PRosen 138 
Neubildung des Ministeriums. Schön und Rocchhwmwm 154 
Kölner Domfest. Die Vereinigten Ausschüsee 168 
Der Kampf mit der Prssee 189 
Neues Leben in Berlinnnnn 213 
Das Ministerium Eichhon 229 
Provinziallandtage von 1843. Verfassungspläne des Königs. Arnims 
Rücktritt..·........................ 258 
.DieParteiunginderKirche................. 276 
Versöhnung Preußens mit dem Vatikan . ........... 277 
Die Ministerien Abel und Blitterdorrrr 305 
Der Deutschkatholizismus.. ..... ... 335 
Altlutheraner und freie Gemeinden 349 
Die erste preußische Generalsyonodododeee 361 
Realismus in Kunst und Wissenschft 370 
Die politische Pocsseee 372 
Roman und TDarnn: 383 
Die bildenden Küusteteteteee 395 
Historiker und Politiker 408 
Die neue Naturwissenscat . 423 
Weachstum und Siechtum der Volkswirtschft 433 
Erweiterung des Zollvereins. Luxemburg. Braunschwig 434 
Kampf zwischen Schutzzoll und Freihaneli 448 
Eisenbahnen und Geldmächte. Soziale Unruen 493
        <pb n="8" />
        VIII Inhalt. 
  
Seite 
7. Polen und Schleswig-Holsttien 524 
Europäische Lage seit dem Meerengen-Vertrgea 524 
Aufstände in Polen. Einverleibung Krakauauassss 540 
Der Offene Brief. Schleswig-Holsteins Erhebonnag ... 564 
8. Der Vereinigte Landtag 591 
Ständische Bewegung. Das Patent.. ........ 591 
Die Vereinigten Landstände und ihr Ausschuß . . .... . . .. 615 
9. Der Niedergang des Deutschen Bundess 649 
Verfall der monarchischen Gewalt in den Mittelstaaten 649 
Gelehrtenversammlungen. Preußens Bundesreformpliuin 684 
10. Vorboten der europäischen Revolutioon 702 
Auflockerung der Allianzen. Osterreich und JItalln 702 
Sonderbundskrieg. Preußen und Neuenbuttttgzg 725 
Beilagen. 
XXVI. Zur Geschichte der Burschenscaat # 745 
XXVII. Denkwürdigkeiten des Prinzen Emil von Hesen 753 
XXVIII. Die Ermordung des Studenten Lesiigen 755 
XXIX. Europäische Politik des Zaren Nikollss 756 
XXX. Römische Verhandlungen des Grafen Briilll 763 
XXXI. Das Märchen vom Flüchtling Heinnn 764 
XXXII. List an König Friedrich Willhen 766 
XXXIII. Graf Christian Bernstorff und Schleswigholsttin 767 
XXXIV. Der Prinz von Preußen und die Verfassungsplänen 769 
XXXV. Kühne an Bodelschwmihg-g-----= 773
        <pb n="9" />
        Fünftes Buch. 
  
König Friedrich Wilhelm der Vierte. 
1840—1848. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V.
        <pb n="10" />
        <pb n="11" />
        Erster Abschnitt. 
—— — — 
Die frohen Tage der Erwartung. 
Am 9. Juni 1840 versammelte Fürst Metternich die sämtlichen in 
Wien anwesenden deutschen Gesandten zu einem Festmahle und gedachte 
in bewegter Rede jenes schönen Bundes, der nunmehr seit einem Viertel- 
jahrhundert den Deutschen Glück und Frieden sichere. Fürstin Melanie 
weinte tiefgerührt; denn jeden Augenblick erwartete man aus Berlin die 
Kunde vom Tode des erkrankten Königs, und was mochte die herauf- 
steigende neue Zeit bringen? An der Tafel saß auch der Bundespräsi- 
dialgesandte Münch-Bellinghausen, der nach seiner Gewohnheit die letzten 
acht Arbeitsmonate an der Donau zugebracht hatte, um demnächst wäh- 
rend der heißen Jahreszeit die Ferien des Bundestags wieder zu unter- 
brechen. Mancher der Gäste sogar konnte sich der unmutigen Frage nicht 
enthalten, ob dieser von der Hofburg so geringschätzig behandelte Bund wohl 
eines Festes wert sei. ) In der Nation ward der Erinnerungstag des 
Deutschen Bundes nirgends beachtet, kaum daß da oder dort ein Zeitungs- 
blatt einen der landesüblichen bittern Scherze über das rote Frankfurter 
„Inkompetenzgebäude“ brachte. 
Wer sollte auch jubeln über die Saat des Unfriedens, die in diesen 
fünfund wanzig Friedensjahren aufgeschossen war? Schroffer, unversöhn- 
licher denn je traten die alten großen Gegensätze unserer Geschichte ein- 
ander entgegen. Während die deutsche Bundesverfassung nur durch die 
Freundschaft der beiden Großmächte aufrecht erhalten werden konnte und 
der Gesandte in Wien, Graf Maltzan, zur lebhaften Befriedigung des 
alten Königs, den Grundgedanken der korrekten preußischen Staatskunst 
in dem Satze zusammenfaßte: „nicht unter, aber stets mit Österreich“"), 
hatte derselbe Monarch bereits einen Weg eingeschlagen, welcher un- 
ausweichlich zur Trennung von Österreich führen mußte. Das stolze 
Werk dieser neu aufgenommenen friderizianischen Politik, der Zollverein, 
  
*) Maltzans Berichte, 9. Juni 1840 ff. 
**) Maltzans Berichte, Mai 1840. Randbemerkung des Königs: Gest bien cela 
Rien de plus correct. 
17
        <pb n="12" />
        4 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
stand schon so fest, die Gemeinschaft der Arbeit zwischen den Deutschen 
außerhalb Osterreichs erschien schon so unzerreißbar, daß Michel Chevalier 
eben jetzt, nach einer Reise durch Deutschland, bewundernd sagte: „In 
der europäischen Politik weiß ich nichts Merkwürdigeres als die Wieder— 
herstellung der Einheit Deutschlands. Welch ein prächtiges Schauspiel, 
das eines großen Volkes, dessen Trümmer sich nähern, das zur Natio— 
nalität, das heißt zum Leben, zurückkehrt!“ 
Der grelle Widerspruch zwischen diesem jungen vollsaftigen wirt— 
schaftlichen Leben und den Formen des starren, jeder Verbesserung spotten— 
den Bundesrechts mußte die öffentliche Meinung verwirren. Die einen 
träumten noch dahin in dem Stillleben eines gedankenlosen Partikularis— 
mus, der durch die großen Verhältnisse des neuen nationalen Marktes 
schon überwunden war; andere wiederholten noch wie vor zehn Jahren 
die Schlagworte des radikalen Weltbürgertums; in den besten Klassen 
des Volkes aber erwachte allmählich ein leidenschaftlicher, reizbarer Natio- 
nalstolz. Sie ahnten, daß hier eine ungeheuere Volkskraft durch tausend 
verfitzte und verschrobene politische Rücksichten künstlich unterbunden war. 
Verwegene Ansprüche, wie sie vordem nur vereinzelte Schwärmer gewagt 
hatten, wurden zum Zeitungsgespräche. Man begann zu fragen, warum 
dieser junge Zollverein nicht, wie einst die Hansa, seine Flagge auf dem 
Weltmeere entfalte und durch seine Orlogsschiffe beschütze, warum er nicht 
teilnehme an der Eroberung der transatlantischen Welt. Nach allen 
entfremdeten Tochterlanden unseres Volkes, bis nach Flensburg, bis nach 
Riga und Reval schweiften die verlangenden Blicke der patriotischen 
Schriftsteller; und als in diesem wechselreichen Sommer die Rheingrenze 
von neuem bedroht schien, da erhob sich mit elementarischer Gewalt ein 
Sturm nationalen Zornes, der deutlich bekundete, daß der Geist der Be- 
freiungskriege nicht erstorben war, daß die Zeiten der Erfüllung unserem 
ringenden Volke endlich nahten. Mit dem nationalen Stolze wuchsen 
auch die Freiheitshoffnungen. Nach so vielen Kämpfen und Enttäuschun- 
gen begannen sich die Liberalen um diese Zeit das theoretische Ideal des 
parlamentarischen Staates zu formen, das sie seitdem festhielten, bis mit 
dem Jahre 1866 der monarchische Staatsgedanke wieder erstarkte. Einer 
ihrer Führer, der Braunschweiger Karl Steinacker erklärte jetzt kurzab: 
„die Regierung im Repräsentativstaate ist immer die Darstellung der 
Majorität im Staate;“ der besonnene, wohlmeinende Mann ahnte nicht, 
daß er mit dieser Lehre dem Königtum jede selbständige Macht raubte 
und nur den Weg ebnete für die republikanischen Ideen, die unter den 
Flüchtlingen, unter der aufgeregten Jugend gewaltig überhandnahmen. 
Wie weitab von solchen beständig steigenden doktrinären Ansprüchen 
des Liberalismus lag die Wirklichkeit der deutschen Zustände: die über- 
aus bescheidene Macht der süddeutschen Landtage und die dreiste Willkür 
des Welfenkönigs, der ungestraft sein Landesrecht mit Füßen trat. Auch
        <pb n="13" />
        Gegensätze des deutschen Lebens. 5 
auf dem Gebiete der Theorie entstanden der liberalen Lehre einflußreiche 
Gegner. Unklare Erinnerungen aus Haller und den Werken der histo— 
rischen Rechtsschule lieferten dem jungen Fürsten Ludwig zu Solms— 
Lich den Stoff zu seinem Büchlein „Deutschland und die Repräsentativ— 
verfassungen“ (1838), einer Schrift, die in der vornehmen Welt, zumal 
am Berliner Hofe lebhafte Bewunderung erregte, von dem alten Hans 
Gagern aber mit dem treffenden Vorwurfe abgefertigt wurde: „Es kom- 
men uns, vorzüglich aus dem Norden, allerlei sophistische mystische Be- 
hauptungen zu, die wie die Nebel von den Sonnenstrahlen des natürlichen 
Verstandes zerstreut werden.“ Deutlich war in den verschwommenen Sätzen 
nur das eine, daß der fürstliche Verfasser die ganze neue Geschichte des 
deutschen Südens für eine große Verirrung ansah und ihr die preußi- 
schen Provinzialstände als lichtes Gegenbild entgegenhielt. Ebenso un- 
friedlich gestalteten sich die wirtschaftlichen Zustände. Kaum begann unter 
dem Schutze des Zollvereins die junge Großindustrie aufzublühen, so 
zeigte sich auch schon die finstere Schattenseite der neuen Verhältnisse; 
weithin durch die lange Kette der mitteldeutschen Hungergebirge erklang 
der Jammerruf der Arbeiter; die grimme Not stimmte die Massen emp- 
fänglich für kommunistische Träume. 
Einc schwere soziale Erschütterung schien im Anzuge, und sie drohte 
um so verheerender zu wirken, da auch das kirchliche Leben tief zerklüftet 
war. Derweil das römische Priestertum seit dem Kölnischen Bischofs- 
streite seine Macht täglich wachsen sah und der Glaubensernst der wieder- 
erwachten evangelischen Frömmigkeit sich in fruchtbaren Liebeswerken be- 
tätigte, verhöhnten die Kritiker der junghegelschen Schule jede Form des 
Christentums; der Bodensatz der alten Aufklärung wirbelte wieder empor, 
weite Kreise der Gebildeten vermochten noch gar nicht zu begreifen, daß 
es mit der Religion wieder Ernst ward. Als ein Zeichen der Zeit er- 
schien am hundertsten Gedenktage der Thronbesteigung die Jubelschrift 
„Friedrich der Große und seine Widersacher“ von dem jungen C. F. Köppen, 
ein geistreiches Buch, das die erhabene Sittlichkeit des schaffenden und 
wissenden Heros wider die moralischen Splitterrichter siegreich verteidigte, 
aber auch die katholischen Wölfe im Schafskleide, die protestantischen Schafe 
im Wolfskleide, die aus allen Pfützen quakenden glaubensseligen Frösche mit 
ätzendem Hohne überschüttete. Die reiche Gedankenarbeit dreier Genera- 
tionen, welche die Herrschaft der Ideen Voltaires in Deutschland gebrochen 
hatte, schien für diese radikale Jugend gar nicht vorhanden zu sein. Und 
welche Gegensätze endlich in der Literatur. Neben der strengen Forschung 
der historischen und der Naturwissenschaft trieb eine freche und flache Tages- 
schriftstellerei ihr Wesen, durch und durch tendenziös, in Vers und Prosa 
alle überlieferte Ordnung verspottend, immer nur auf den flüchtigen Er- 
folg des Augenblicks bedacht. 
Deutschland war in einem Zustande bedenklicher Gärung, und einer
        <pb n="14" />
        6 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
der wenigen Franzosen, welche den Schicksalen des Nachbarlandes mit Ver— 
ständnis folgten, Saint-René-Taillandier, meinte besorgt: solche Anarchie 
der Geister erinnere an die Zustände Frankreichs vor der Revolution. 
Aber in den deutschen Wirren offenbarte sich nicht wie einst in Frank— 
reich die Fäulnis einer sittlich zersetzten Gesellschaft, sondern der unklare 
Jünglingsmut eines edlen aufstrebenden Volkes, das seine Kraft zu 
fühlen begann. Wie leicht eine große Idee alle diese hadernden Köpfe 
unter einen Hut zwingen, alle diese durcheinander flutenden Gedanken, 
von denen keiner die Nation ganz beherrschte, völlig überschatten konnte, 
das lehrte jener wunderbare Einmut kriegerischer Begeisterung, der die 
Deutschen ergriff, als sie ihre Westmark gefährdet sahen. Wenn der Nach— 
folger Friedrich Wilhelms III. durch freien königlichen Entschluß, wie bis— 
her noch alle die großen Wendungen unserer Geschichte sich entschieden 
hatten, durch eine rechtzeitige weise Gewährung seine heimischen Verfassungs— 
händel schlichtete, wenn er also zugleich das Ansehen seiner Krone stärkte 
und die Kluft überbrückte, welche sein Preußen von den kleinen deutschen 
Staaten abschied, wenn er das edle Vermächtnis der Befreiungskriege, 
das erstarkte religiöse Leben treu behütete, ohne die freie Forschung von 
sich zu stoßen, dann durfte er wagen, die friderizianischen Gedanken in 
einem großen und freien Sinne wieder aufzunehmen, das Werk des Zoll— 
vereins zu vollenden und mit dem Degen in der Hand für den Staat, 
der das Arbeitsleben der Nation bereits beherrschte, auch die Leitung der 
deutschen Politik zu fordern. — 
Selten hat sich so fühlbar die alte Wahrheit bestätigt, daß Männer 
den Lauf der Zeiten beherrschen. Friedrich Wilhelm der Vierte blieb acht 
Jahre hindurch der Mann des Schicksals für Deutschland; die Kräfte, 
die er weckte, und weit mehr noch die Gegenkräfte, die er wider sich auf— 
rief, trieben unser Volk der Revolution entgegen. Aber selten auch ward 
so anschaulich, daß die Zeit sich ihre Männer bildet. Der rätselhafte 
Charakter des neuen Königs war selbst nur eine letzte feine Blüte der 
langen, kaum erst überwundenen Epoche ästhetischer Überschwenglichkeit; 
erst den tatkräftigeren Söhnen eines anderen abgehärteten Geschlechts, 
das die Greuel der Revolution durch die Gassen hatte rasen sehen, sollte 
gelingen, was diesen weichen Händen mißraten mußte. Eine so eigen- 
artige Ansicht von der Vollgewalt des Königtums, wie dieser Fürst sie 
in begeistertem Herzen hegte, hatte mit der frivolen Selbstvergötterung der 
Bourbonen, mit der gedankenlosen Ruheseligkeit der Wiener Hofburg gar 
nichts, mit der pfäffischen Königskunst der Stuarts auch nur wenig ge- 
mein; sie konnte, gleich dem künstlerischen Absolutismus König Ludwigs 
von Bayern, nur auf deutschem Boden erwachsen, nur auf dem Boden 
jener romantischen Weltanschauung, welche in der schrankenlosen Entfal- 
tung aller Gaben, in der Selbstgewißheit und dem Selbstgenusse des 
stolzen Ichs ihr Ideal fand. In der gedrückten und beengten Zeit rief
        <pb n="15" />
        Friedrich Wilhelms Anschauung vom Königtum. 7 
jedermann nach Freiheit, niemand lauter als der neue König. Aber vor 
allen wollte er selber frei sein, um auf den Höhen des Lebens sich aus— 
zuleben, die Fülle seiner königlichen Weisheit und Gestaltungskraft zu be— 
tätigen. Er glaubte an eine geheimnisvolle Erleuchtung, die den Königen 
vor allen anderen Sterblichen durch Gottes Gnade beschieden sei; er hegte 
ein warmes Zutrauen zu den Menschen und meinte die Zeit zu verstehen, 
weil er allem Schönen und Großen, was sie bot mit feinsinniger Empfäng— 
lichkeit, gefolgt war. Darum dachte er kraft seiner königlichen Vollgewalt 
seinem geliebten Volke mehr wahre Freiheit zu schenken, als jemals eine 
geschriebene Verfassung gewähren könne. 
Friedrich Wilhelm hatte das fünfundvierzigste Lebensjahr fast erreicht, 
und seine gedunsene Gestalt mit den geistreichen, aber schlaffen, bartlosen Ge— 
sichtszügen erschien trotz der jugendlich unruhigen Bewegungen schon etwas 
gealtert. Wie viel hatte er auch schon erlebt in diesen langen Jahren des 
Wartens, welche Huldigungen waren ihm zu teil geworden von jenen 
fernen Tagen an, da die alte Albertina den dreizehnjährigen Knaben zu 
ihrem Rektor erwählte, und am letzten Geburtstage seiner Mutter „des Vater- 
landes blühende Hoffnung“ durch eine Denkmünze geehrt wurde, bis herab 
zu den späteren Zeiten, da Goethe weissagte, dies große Talent müsse neue 
Talente wecken, und jedermann die Geisteshoheit des Kronprinzen bewun- 
derte. Seit langem schon führte er den Vorsitz im Staatsrate wie im Mi- 
nisterium und glaubte daher das ganze Getriebe des Staats zu übersehen. 
Sein Vater sorgte jedoch mit seinem schlichten Menschenverstande dafür, 
daß diese einem Thronfolger wenig angemessene glänzende Stellung nicht 
zu einer Mitregentschaft entartete. Der alte König war in seinem Hause 
weit mehr der Herr als im Staate; seine Kinder blickten zu ihm alle empor 
mit jener scheuen Ehrfurcht, welche ernste, wortkarge Bäter selbst begabteren 
Söhnen einzuflößen wissen. Der politische Einfluß des Kronprinzen reichte 
nicht sehr weit. Einzelnen Personen, zumal rechtgläubigen Geistlichen 
konnte er wohl durch seine Fürsprache vorwärts helfen; auch die wenig 
erheblichen Verhandlungen mit den Provinzialständen blieben fast aus- 
schließlich seiner Leitung überlassen. Aber alle entscheidenden Beschlüsse 
faßte der alte Herr so ganz nach eigenem Ermessen, daß der Thronfolger 
seine Ohnmacht bald sehr schmerzlich empfand und einen stillen, beständig 
wachsenden Groll gegen das alte Regiment faßte. 
Er haßte nicht nur die bureaukratische Formenstrenge, die er als 
„Diener-Anmaßung“ abzufertigen liebte, ohne ihre großen Vorzüge zu 
würdigen; er verabscheute noch mehr den ganzen Geist dieser Regierung, 
der ihm von der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts nur wenig 
abzuweichen schien. Wenn er als Kronprinz in Charlottenhof dicht unter 
dem Hügel von Sanssouci weilte, in der rosenumrankten Villa, die ihm 
der Vater geschenkt und Schinkel mit italienischer Anmut ausgeschmückt 
hatte, dann verglichen die Gäste zuweilen in erregten Gesprächen Ver-
        <pb n="16" />
        8 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
gangenheit und Zukunft. Das aufstrebende junge Geschlecht meinte der 
alten Zeit durch den Schwung, die Gläubigkeit, die Gemütstiefe, die 
Ironie der Romantik weit überlegen zu sein. Friedrich Wilhelms Herzens- 
freund Prinz Johann von Sachsen besang in feierlichen Trochäen die 
kalte Marmorpracht der Königssäle da droben: 
Ist es nicht, als ob es hier noch tönte, 
Jenes beißenden Jahrhunderts Witz? — 
und schilderte dann in hüpfenden Daktylen das Gartenhaus drunten mit 
seiner jugendlichen Fröhlichkeit: 
Hier fühlt man schlagen, was ewig dort fehlet, 
Neben dem Geist ein erwärmendes Herz. 
Bald nach seiner Thronbesteigung schlug der neue König selbst in 
dem Schlosse des großen Friedrich sein Hoflager auf, was keiner seiner 
beiden Vorgänger gewagt hatte. Die unausbleiblichen erdrückenden Ver- 
gleichungen erschreckten ihn nicht, denn er hoffte, daß jetzt zum zweiten 
Male von diesem „historischen Hügel“ herab ein neuer Geist sich über das 
Land ergießen würde, ein anderer freilich als der friderizianische, der Geist 
des christlichen Staates. In ernster Arbeit und schweren Seelenkämpfen 
hatte er die rationalistischen Lehren seiner Jugenderzieher längst über- 
wunden und den Glauben als die höchste Potenz der Vernunft begriffen. 
Unauslöschlich stand in seinem Herzen der Spruch des heiligen Augustin: 
das unwandelbare Licht Gottes war über mir, weil es mir das Dasein 
gegeben, und ich war unter ihm, weil es mich erschaffen hat. Daraus 
ergab sich ihm „der unaussprechliche Unterschied des Schöp- 
fers und Geschöpfes, daher auch der Wahnsinn, die Gottheit aus dem eigenen 
Wesen, als einem Analogon der GottheitlII zu konstruieren.“) 
Nichts war ihm darum hassenswürdiger als „die Drachensaat des Hegel- 
schen Pantheismus“; tiefsinniger als Hegel erkannte er, daß jedes Zeit- 
alter nicht bloß als eine Entwicklungsstufe für die Zukunft etwas bedeutet, 
sondern seinen selbständigen Wert, seine eigene Beziehung zu Gott hat. 
Die neue Zeit aber, die jetzt heraufgraute, sollte mit der Erbschaft der 
alten Aufklärung gründlich aufräumen, die Revolution durch die Freiheit, 
die fleischliche Freiheit durch die christliche, den mechanischen durch den 
christlichen Staat überwinden. 
Eine Welt herrlicher Pläne hatte er sich mit künstlerischer Phantasie 
schon ausgesonnen, und nun, da er der Herr war, drängte ihn sein liebe- 
volles Gemüt, das überall augenblicklich Freude bereiten, überall glück- 
liche Gesichter um sich sehen wollte, sie alle zu verwirklichen. Er dachte 
die provinzialständische Verfassung durch die Einberufung eines ständisch 
gegliederten Reichstags zu vollenden, nimmermehr durch eine papierene 
  
*) Bemerkungen des Kronprinzen zu Bunsens Abhandlung über Cherecht, Staat 
und Kirche.
        <pb n="17" />
        Friedrich Wilhelms Pläne. 9 
Konstitution; denn obwohl er allen politischen Theorien seine Verachtung 
auszusprechen liebte, so war er doch selbst ganz durchdrungen von einer 
unwandelbaren politischen Doktrin. Jener künstliche Gegensatz des revo- 
lutionären Repräsentativsystems und des legitimen Ständewesens, welchen 
Gentz einst in der Karlsbader Denkschrift vom Jahre 1819 geschildert 
hatte, erschien ihm als eine unumstößliche Wahrheit; wie die alte Natur- 
rechtslehre an ein abstraktes, über allen positiven Gesetzen erhabenes Ver- 
nunftrecht glaubte, so er an ein historisches Recht der Stände, das ohne 
Zutun der Staatsgewalt entstanden, auch von ihr nur anerkannt, nicht 
aufgehoben werden könne. Die Wahrheit, daß der rechtsbildende Gemeingeist 
der modernen Völker sich am stärksten in ihren Staatsgesetzen betätigt, ver- 
achtete er als eine Verirrung der hegelianischen Staatsvergötterer; von 
dieser „Staatsallmacht“ sollte seine christliche Monarchie sich allezeit fern 
halten. Hallers Staatslehre feierte jetzt, da ihr Urheber schon das siebzigste 
Jahr überschritten hatte, ihren höchsten Triumph, nur daß diesederbprosaische 
Machttheorie sich in der Seele Friedrich Wilhelms zu einem reichgeschmück- 
ten künstlerischen Bilde ausgestaltete: die Idee der Staatseinheit galt ihm 
gar nichts, genug wenn alle Stände und alle Landschaften seines weiten 
Reichs sich frei und farbenprächtig in ihrer historischen Eigenart entfalteten, 
auch die Wenden, auch die Litauer, die Kassuben, die Masuren sich un- 
gestört ihrer volkstümlichen Sprache und Sitte erfreuten. 
Alle Härten des alten Systems dachte er zu mildern; also Verzeihung 
für die Demagogen, auch für die Polen, die er als widerrechtlich Unter- 
drückte bemitleidete; Freiheit für die Presse, und vornehmlich für die Kirche. 
Den Groll der Katholiken über den Kölnischen Bischofsstreit hoffte er durch 
hochherzige Zugeständnisse zu versöhmnen. Die evangelische Landeskirche 
aber und die oberstbischöfliche Gewalt des Königtums betrachtete er kaum 
als zu Recht bestehend: wenn der Protestantismus nur erst alle ungläu- 
bigen Elemente ausgestoßen hätte, dann sollten sich die Gemeinden der 
Gläubigen aus eigener Kraft, ungestört von der Staatsgewalt, ihre Kirche 
neu erbauen, und also die unsichtbare Kirche sichtbar werden. Auch die 
knappe Sparsamkeit des alten Regiments betrachtete er längst mit Un- 
willen: um eine prächtige, geschmackvolle, des hohenzollerschen Namens 
würdige Hofhaltung hoffte er alles zu versammeln, was Deutschlands 
Kunst und Wissenschaft an großen Namen besaß. Schon als Kronprinz 
hatte er den Ausbau der Marienburg und des Kölner Doms gefördert, 
zu Castel auf der Felsplatte hoch über der Saar die Gruftkirche seiner 
lützelburgischen Ahnen, auf Stolzenfels das Rheinschloß der trierischen 
Kurfürsten stattlich hergestellt, auf Stahleck die Pfalzgrafenburg der 
Altvordern seiner Gemahlin wieder zugänglich gemacht; jetzt sollten über- 
all die halb zertrümmerten Bauten der deutschen Vorfahren prächtig auf- 
erstehen und zugleich den schöpferischen Talenten des jungen Künstler- 
geschlechts eine Fülle neuer Aufgaben gestellt werden. Jeder frischen Kraft
        <pb n="18" />
        10 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
des vaterländischen Lebens wollte der christliche Monarch sorgsam gerecht 
werden: dem Handel, dem Gewerbfleiß, dem Verkehre und nicht zuletzt 
den arbeitenden Massen, deren wachsende Macht er schon als Kronprinz, 
früher als die meisten Zeitgenossen, scharfsichtig würdigte. 
Von der überlieferten auswärtigen Politik war er nicht gemeint, sich 
gänzlich loszusagen; er betrachtete den Bund der Ostmächte als den Schutz- 
wall wider die Revolution, seine alte Verehrung für Metternichs Weis- 
heit hatte sich mit den Jahren nur gesteigert, und gegen den russischen 
Schwager zeigte er sich schwächer als sein Vorgänger. Der alte Herr 
hatte „den lieben Niks“ wie einen Sohn geliebt, aber ihn in seiner stillen 
Weise immer in Schranken gehalten. Dem neuen Könige war die Härte 
des Zaren tief zuwider, und vor Vertrauten äußerte er sich oft sehr bitter 
über „Seine Autokratische Majestät“, doch er empfand vor ihm jene geheime 
Furcht, welche der überlegene Wille dem überlegenen Geiste aufzwingt. 
Dabei fühlte er doch sehr lebhaft, daß seine innere Politik weder mit dem 
gemütlichen Seelenschlafe des alten Österreichs, noch mit der knechtischen 
Stille des Zarenreichs irgend etwas gemein haben durfte, und ersehnte 
die Zeit, da England wieder in den alten Vierbund eintreten, Preußen 
aber, gestärkt durch ein engeres Bündnis der beiden protestantischen 
Großmächte, etwas freiere Hand in Europa erhalten würde. Diesem stamm- 
verwandten Inselvolke widmete er seit einigen Jahren eine feurige durch 
Bunsens enthusiastische Briefe beständig geschürte Bewunderung. Mit 
Freuden nahm er wahr, wie die Anglomanie seit dem Ende der dreißiger 
Jahre überall in Mitteleuropa, bis nach Ungarn hinein, unter dem 
Adel überhandnahm, Trachten und Sitten der englischen Sportsmen 
von der vornehmen Welt eifrig nachgeahmt wurden. Er sah in der briti- 
schen Verfassung das Musterbild jener organischen Entwicklung, die er, 
in anderen Formen freilich, für seinen eigenen Staat erhoffte, und teilte 
die unter dem liberalen Adel wie im Bürgertum weit verbreitete Mei- 
nung, daß England unser natürlicher Bundesgenosse sei. Immerhin 
hatte er schon mehr politische Erfahrung gesammelt als die freiwilligen 
Staatsmänner des Liberalismus und erkannte wohl, daß die Verbindungen 
der Staaten nicht allein durch ihre innere Verwandtschaft bestimmt wer- 
den; nur wenn der alte Ostbund unerschütterlich fortbestehe, hielt er das 
engere Bündnis der zwei protestantischen Mächte für möglich. 
Noch lebhafter beschäftigte ihn Preußens deutsche Politik. Er rechnete 
nicht auf ein langes Leben und sagte bald nach seiner Thronbesteigung: 
ob diese kurze Regierung ruhmreich werde, das wisse er nicht, aber einen 
deutschen Charakter solle sie tragen. Da er „die Vorurteile“ des fride- 
rizianischen Zeitalters verachtete und dem alten Kaiserhause neidlos den 
Vortritt überließ, so hielt er den Deutschen Bund mitsamt der fried- 
lichen Zweiherrschaft für eine höchst segensreiche Einrichtung, und sein 
Ehrgeiz ging nur dahin, daß Preußen diese trefflichen Institutionen be-
        <pb n="19" />
        Europäische und deutsche Politik. 11 
leben, dem Bunde die wirksame Leitung des Heerwesens, der Verkehrs— 
verhältnisse, der Handelspolitik verschaffen müsse. Wie die erweiterte 
Bundesgewalt sich mit dem Zollvereine vertragen sollte, der doch ohne 
und gegen den Bund entstanden war — solche Fragen legte er sich kaum 
vor; denn sein preußisches Staatsgefühl blieb allezeit schwächer als die 
unbestimmte Begeisterung für Deutschlands Einigkeit, und der Gedanke, 
im Kampfe mit Osterreich die Führung der Nation für Preußen zu 
fordern, lag gänzlich außerhalb seines Gesichtskreises. Unter allen hohen— 
zollerschen Königen war er der friedfertigste, friedfertiger noch als sein 
Vater und darum auch der einzige, der nie einen ernsten Krieg geführt 
hat. Auf eines seiner Museen ließ er den alten Cäsarenspruch setzen: 
Melius bene imperare quam imperia ampliare — ein Wort, das dem 
Beherrscher eines Weltreiches wohl anstand, doch wahrlich nicht dem Könige 
eines jungen, unfertigen Staates mit lächerlichen Grenzen. Er war kein 
Mann des Degens; nur ungern bestieg der Kurzsichtige ein Roß, und 
wenngleich er bei den Manövern die Offiziere oft durch seine scharfsin- 
nigen kritischen Bemerkungen überraschte, so fühlten sie doch alle, daß er 
diese kriegerischen Pflichten nur aus Gewissenhaftigkeit, ohne Freude er- 
füllte. Sein Herz hing an dem Glücke des Friedens. Alle die friedlichen 
Segnungen aber, welche sein Volk unter der christlich-ständischen Mon- 
archie zu erwarten hatte, sollten allein ausgehen von der Weisheit der 
Krone; denn wie ein Patriarch des Alten Testaments verstand er seine 
Würde, recht eigentlich als eine väterliche von Gott selbst zur Erziehung 
der Völker eingesetzte Gewalt erschien ihm das Königtum. Auf die 
Person des Monarchen bezog er alles, was im Staate geschah. Der 
höchste Zweck der freien Presse war ihm „das Aufdecken von Miß- 
bräuchen und Unbilden, von denen Ich auf keinem anderen Wege unter- 
richtet werden dürfte“ ) und wenn er seinen Untertanen zürnte, dann 
sagte er drohend: „ungezogene Kinder zur rechten Zeit die Rute fühlen 
zu lassen, ist schon durch Salomon und Sirach empfohlen.“7) 
Wenn sich nur unter allen diesen vielverheißenden Plänen des Thron- 
folgers ein einziger völlig ausgereifter, staatsmännisch durchdachter Ent- 
wurf befunden hätte! Indes jene leidenschaftliche Lust am Erfolge, selbst 
am verkümmerten Erfolge, welche den Mann der Tat bezeichnet, war 
ihm völlig fremd. Er liebte an der Fülle seiner Gedanken wie an einem 
künstlerischen Spiele sich zu weiden, und in den langen Jahren des 
Harrens verlernte er fast zu fragen, wie alle diese Herrlichkeit ins Leben 
treten solle. Sogar den Plan der Befreiung der evangelischen Kirche, 
der ihm unter allen das Herz am stärksten bewegte, dachte er nur sieben 
Jahre lang mit ganzem Ernst zu fördern; zeige sich dann der Widerstand 
  
*) Marginalnote, 7. Juni 1843. 
**) Marginalnote, 10. Juni 1847.
        <pb n="20" />
        12 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
unüberwindlich, so wollte er das Buch zuschlagen. So sprach nicht ein 
geborener Herrscher, sondern ein phantasiereicher Kopf, der sich den Ein— 
drücken des Lebens mehr hingab, als sie selbst bestimmte, eine weiche Natur, 
die im Vertrauen auf Gott und die Menschen allezeit hoffte, die Dinge 
würden nach ihren Wünschen gehen und dann das Mißlingen nicht der 
eigenen Schwäche, sondern dem unerforschlichen Ratschlusse der Vor— 
sehung zuschrieb. Auf seinem Schreibtisch in Sanssouci standen neben— 
einander die Statuetten der Venus von Melos, des frommen Gellert, 
des Zaren Nikolaus, beredte Zeugen einer wunderbaren Empfänglichkeit, 
die in Kunst und Wissenschaft, in Staat und Kirche alles Bedeutende zu 
verstehen suchte, ohne irgendwo ganz heimisch zu werden. 
Im Gespräche mit den Helden des deutschen Geistes zeigte er eine 
so blendende Überlegenheit, daß Leopold Ranke staunend sagte: er ist 
unser aller Meister. Und doch war er kein Meister, sondern nur der 
größte aller jener geistreichen Dilettanten, an denen die vielgestaltige 
moderne Kultur so reich ist. Auf keinem der unzähligen Gebiete des 
geistigen Lebens, die sein ruheloser Geist zu umfassen strebte, zeigte er sich 
wahrhaft mächtig, wahrhaft schöpferisch, am wenigsten in seinem poli- 
tischen Berufe. In späteren Jahren wetterte einmal ein klagender Bauer, 
der von dem Monarchen an den Staat gewiesen wurde, über diesen 
„Racker von Staat“, und der König pflegte dies geflügelte Wort halb im 
Scherz zu wiederholen. In seinem Munde war es leider mehr als ein 
Scherzwort; die unerbittliche Regelmäßigkeit der Staatsgeschäfte widerte 
ihn ebenso tief an wie die Härte der politischen Machtkämpfe, obgleich er 
die Arbeiten seines königlichen Amts mit gewissenhaftem Fleiße, bis in die 
tiefe Nacht hinein besorgte. Immer atmete er auf, sobald er sich aus 
dieser Welt der Nüchternheit in sein eigenes reiches Ich zurückziehen konnte, 
und nie war er glücklicher, als wenn er, berauschend und berauscht, die Flut 
seiner Gedanken und Gefühle in begeisterter Rede ausströmen ließ. „Es 
ließ mir keine Ruh', ich mußte reden,“ so sagte er dann, durchaus ehr- 
lich, zu seinen Freunden.“) Nur die ihn nicht kannten, beschuldigten ihn 
einer schauspielernden Berechnung, welche seinem Charakter fern lag. Sein 
volles Herz auszuschütten, an der Pracht hoher Bilder, an dem Wohl- 
laut der heißgeliebten, mit Meisterhand gepflegten Muttersprache sich zu 
erfreuen, war ihm Bedürfnis. Die Wirkung dieser gesprochenen Selbst- 
bekenntnisse stellte er dem barmherzigen Himmel anheim, ganz anders als 
sein Ahnherr Friedrich, der, auch ein geborener Redner, immer zum 
Zwecke sprach, jeden Satz auf den Willen der Hörer berechnend, und nie 
vergaß, daß Königsworte nur, wenn sie Taten sind, in der Nachwelt fort- 
leben. Jenen unbewußten Schauspielerkünsten freilich, welche jedem be- 
gabten Redner nahe liegen, unterlag er oftmals; wenn er an froher 
  
*) K. Friedrich Wilhelm an Thile, 13. Juni 1846 usw.
        <pb n="21" />
        Selbstherrschaft des Königs. 13 
Tafelrunde in allen Augen den Abglanz seiner eigenen siegreichen Per— 
sönlichkeit widerstrahlen sah, dann sagte er oft mehr als in seinem 
Willen lag. 
Und seltsam, während sonst Naturen von so vielseitiger Empfänglich— 
keit sich anderen anzuschmiegen pflegen, stand Friedrich Wilhelm ganz auf 
eigenen Füßen. Hier lag das Rätsel dieses seltsamen Charakters, hier 
der Grund, warum er selbst von großen Köpfen so oft überschätzt wurde. 
In sorgloser Heiterkeit, ganz unantunlich, wie die Holländer sagen, schritt 
er durch das Leben; kraft der Weihe seines königlichen Amtes, kraft seiner 
persönlichen Begabung glaubte er alle Welt weit zu übersehen, und es 
gefiel ihm zuweilen, seine Absichten in ein ahnungsvolles Dunkel zu hüllen, 
durch halbe, unklare Worte die kleinen Sterblichen in Verwirrung zu 
setzen. Ohne durchgreifende Willenskraft, ohne praktischen Verstand, blieb 
er doch ein Selbstherrscher im vollen Sinne. Niemand beherrschte ihn; 
aller Glanz und alle Schmach seiner Regierung fiel auf ihn selbst allein 
zurück. Auf den Widerspruch seiner Räte ließ er wohl einen Lieblings- 
plan plötzlich fallen, und dann schien es eine Weile, als ob die Gedanken 
in diesem unruhigen Kopfe wechselten wie die Bilder im Wandelglase — 
bis sich endlich mit einem Male zeigte, daß der König an seinem ursprüng- 
lichen Plane mit einer seltsamen stillen Zähigkeit festgehalten hatte und, 
trotz allem, was dazwischen lag, zu ihm zurückkehrte. Er gab nichts auf und 
setzte wenig durch. Neigungen des Gemüts und fertige Doktrinen be- 
stimmten seine Entschlüsse; Gründe der politischen Zweckmäßigkeit konnten 
dawider nicht aufkommen. 
Und diese Unabhängigkeit von fremdem Urteile war ein Glück für 
den Monarchen; denn aller Menschenkenntnis bar zeigte er eine höchst 
unglückliche Hand in der Wahl seiner Ratgeber, eine wunderliche Nei- 
gung, bedeutende Männer an die falsche Stelle zu setzen oder sie durch 
unmögliche Zumutungen rasch zu vernutzen, so daß, außer den beiden 
persönlichen Vertrauten Thile und Stolberg, nur ein einziger seiner Mi- 
nister Eichhorn, die acht Jahre bis zur März-Revolution ganz bei ihm 
ausgehalten hat. In allem abweichend von der unzugänglichen Schüch- 
ternheit des Vaters, liebte er jedermanns Meinung zu befragen; in der 
Unterhaltung hörte er freimütigen Widerspruch gern, ja er schien ihn 
durch kecke Behauptungen fast herauszufordern. Den Freunden beteuerte 
er seine Zuneigung mit einer Überschwenglichkeit, die ihn oft in den 
Verdacht der Falschheit brachte, obwohl sie stets der unwillkürliche Aus- 
druck seiner Stimmung war. Feinsinnig erriet er alle Wünsche seiner 
Getreuen und erfüllte sie mit königlicher Freigebigkeit, zart und rücksichts- 
voll schonte er ihre menschlichen Schwächen. Wenn er gewinnen wollte, 
dann entfaltete er eine bezaubernde Liebenswürdigkeit und verschmähte 
selbst die kleinen weiblichen Künste des Schmollens nicht. Gleichwohl 
fühlte er sich durch seine königliche Würde so hoch erhoben, daß ihm die
        <pb n="22" />
        14 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
Personen im Grunde wenig galten. Mit erstaunlicher Kälte konnte er 
sich von altbewährten Vertrauten trennen, wenn sie ihre abweichende Mei— 
nung öffentlich kundgaben und ihm seine Zirkel störten. In jedem er— 
klärten politischen Gegner sah er einen persönlichen Feind, und nach der 
Weise aller Gemütsmenschen behandelte er dann die entfremdeten Freunde 
ebenso hart und ungerecht wie vordem zärtlich und liebevoll, obgleich er 
es oft als seinen heißesten Herzenswunsch aussprach, gegen jedermann 
streng gerecht zu sein. 
Nicht bloß seine äußere Erscheinung, auch sein edel, aber unglücklich 
angelegter Geist gemahnte an das Dichterbild des Hamlet. Wie reich war 
er an schönen, hohen Gedanken, und doch so unsicher in seinen Ent— 
schlüssen, daß seine Minister beim Schlusse einer Sitzung nie erraten 
konnten, ob er noch dieselbe Meinung hegen würde wie am Anfang. Seine 
Frömmigkeit kam aus den Tiefen eines gottbegeisterten Herzens, seine 
milde Hand schwelgte in den Werken einer jeden Schein verschmähenden 
christlichen Barmherzigkeit; und dieser Gütige konnte, wenn der Jähzorn 
ihn übermannte, sich bis zur Grausamkeit verfolgungssüchtig zeigen. Selber 
sittenstreng, urteilte er hart, fast prüde über lockeren Lebenswandel; das 
schloß nicht aus, daß er an saftigen Eulenspiegeleien und Berliner Straßen— 
witzen seine Freude fand. Wie groß war sein Wissen und sein Wissens— 
drang; aber die reinste Blüte aller Bildung, die Einfachheit des Fühlens 
und Denkens blieb ihm unverständlich und unerreichbar; überall suchte 
er das Absonderliche, weitab von der Heerstraße; immer mußte er witzig 
und geistreich sein, selbst wenn er durch einen paradoxen Einfall den Er— 
folg eines politischen Geschäfts gefährdete. Die männliche Kraft des Leibes 
und der Seele, welche allein so viele widersprechende Gaben im Einklang 
halten konnte, war ihm versagt, und zuweilen ließen sich schon die Spuren 
einer schlechthin krankhaften Anlage erkennen. 
Der alte König hatte immer, oft allzu ängstlich, die Gegensätze zu 
beschwichtigen versucht, immer gehandelt nach dem alten Grundsatze, daß 
die erste Pflicht jeder Regierung gebietet, bestimmte politische überliefe— 
rungen festzuhalten; zuletzt, in den Tagen seines erstarrenden Alters, war 
es dahin gekommen, daß Minister Alvensleben beruhigt sagte: wir kennen 
die Meinungen des Monarchen ganz genau und können unsere Berichte 
stets also abfassen, daß wir der Genehmigung sicher sind.“) Wie anders 
der neue Herrscher. Er beabsichtigte ebenfalls die Traditionen seiner alten 
Monarchie in Ehren zu halten; doch durch seine vielverheißenden Reden, 
durch die Fülle seiner Pläne, durch sein unstet abspringendes Wesen, durch 
das beständige Aussprechen persönlicher Gefühle wirkte er überall so 
aufregend und aufreizend, daß bald ein Sturm der Leidenschaften sein 
ruhiges Land durchtobte und er selbst dem Schicksal des Zauberlehrlings 
  
*) Nach Kühnes Aufzeichnungen.
        <pb n="23" />
        Friedrich Wilhelms Verhältnis zu seiner Zeit. 15 
verfiel. Die Schwäche jeder neuen Regierung, die Unberechenbarkeit aller 
Verhältnisse, währte unter dem vierten Friedrich Wilhelm nahezu acht 
Jahre, bis eine furchtbare Niederlage des Königtums die ganze Lage 
veränderte. Und wenn nur die Zeit und ihr königlicher Erwecker einander 
irgend verstanden hätten! Er aber hatte sich in einem seltsam verschlun— 
genen Entwicklungsgange so eigentümliche Ideale gebildet, daß er zu— 
weilen in den Worten, niemals in der Sache mit der Durchschnitts— 
meinung der Zeitgenossen übereinstimmen konnte; er redete eine andere 
Sprache als sein Volk. Man jauchzte ihm zu, weil er nach dem Wunsche 
aller Welt dem Zwange, der Stille des alten Systems ein Ende bereitete, 
und auch durch die Form seiner Reden schien er zu beweisen, daß niemand 
sich völlig von seiner Zeit lossagen kann; denn ganz wie die Poeten 
des jungen Deutschlands, die er so tief verabscheute, liebte er durch das 
Ungewöhnliche zu blenden und verschmähte Schlichtes schlicht zu sagen. 
Doch wenn er von Freiheit sprach, so meinte er sein althistorisches Stände— 
wesen, das nur die Macht des Beamtentums, nimmermehr die mon— 
archische Gewalt beschränken sollte, während seine Zuhörer an das Reprä— 
sentativsystem dachten, das man allmählich für die einzige eines gesitteten 
Volkes würdige Staatsform ansah. Wenn er die deutsche Einheit pries, 
so dachte er an den Deutschen Bund und dessen friedliche Fortbildung, der— 
weil die Gebildeten das ganze Treiben in der Eschenheimer Gasse schon 
längst als einen gespenstischen Mummenschanz verurteilten. Wenn er 
von der Selbständigkeit der Kirchen redete, so stimmte ihm jedermann 
zu, denn wer konnte dem Zauberworte der Freiheit widerstehen? — aber 
die christliche Gesinnung, die er für die freien Gemeinden der Gläubigen 
verlangte, war den Wortführern des Zeitgeistes völlig fremd, und alle die 
edlen Stiftungen seiner großartigen Wohltätigkeit, die von ihren Pfleg- 
lingen noch heute dankbar gesegnet werden, galten der Welt für Fröm- 
melei und Muckerei. Wenn er der Kunst und Wissenschaft freie Bahn 
versprach, so dachte er an die alte Naturphilosophie und die romantische 
Dichtung, geistige Mächte, welche das selbstgefällige neue Geschlecht längst 
überwunden zu haben glaubte. 
So ward die erste Zeit seiner Regierung eine lange Kette von Miß- 
verständnissen, und an dieser wechselseitigen Verkennung trug der König 
ebenso viel Schuld wie die unklar gärende Zeitstimmung, die ihn erst 
für ihren Helden hielt, um ihn dann mit der ganzen Bitterkeit der Ent- 
täuschung zu bekämpfen. Selbst General Gerlach, der getreue Freund 
und Diener, sagte zuweilen: „die Wege des Herrn sind wunderbar,“ und 
der nicht minder ergebene Bunsen schrieb neben die Klage des Königs: 
„niemand versteht mich, niemand begreift mich“ die verzweifelte Rand- 
bemerkung: „Wenn man ihn verstände, wie könnte man ihn begreifen!“ 
Friedrich Wilhelm vermochte nicht, wie sein ebenso phantasiereicher bayri- 
scher Schwager, durch despotische Härte und durchtriebene Schlauheit sich
        <pb n="24" />
        16 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
aus selbstverschuldeten Verwicklungen herauszufinden; er rieb sich auf in 
unfruchtbaren Versuchen, bis die Geschichte über ihn hinwegschritt. Weder 
zum herzhaften Genusse, noch zu herzhafter Tat besaß er die Kraft, und 
obwohl ihn die angeborene muntere Laune nie ganz verließ, so fühlte er 
sich doch innerlich unbefriedigt. Er erkannte bald mit Schmerz, daß ihm 
nichts gelinge, und die aufgeregte Zeit war nicht in der Stimmung, diesem 
stillen Leiden eines hochbegabten Geistes menschliche Teilnahme zu zollen. 
Der von dem Berufe des Königs von Gottes Gnaden so überschwenglich 
hoch dachte, mußte noch erleben, daß sein Regiment den Glauben an das 
Königtum in einem altmonarchischen Volke tief, zum Glück nicht für 
immer erschütterte. Es war, als wollte die Vorsehung diesem überbildeten 
und den Wert der Bildung maßlos überschätzenden Geschlechte an einem 
tragischen Beispiele zeigen, wie wenig in den Machtkämpfen des Staats- 
lebens Geist, Wissen, Edelsinn, Herzensgüte vermögen ohne die schlichte 
Kraft eines männlichen Willens. In dem großen Zusammenhange der 
deutschen Geschichte erscheint diese tief unglückliche Regierung doch als 
eine notwendige, heilsame Schickung; denn unter einem stärkeren Könige 
wäre der unvermeidliche Übergang der stolzen preußischen Monarchie zur 
konstitutionellen Staatsform schwerlich ohne furchtbare Kämpfe erfolgt. — 
Das Schicksal fügte, daß fast zu gleicher Zeit mehrere der wichtigsten 
Staatsämter durch Todesfälle erledigt wurden. Wenige Wochen vor dem 
alten Könige war Altenstein gestorben, schon etwas früher sein frommer 
Ratgeber Nicolovius. Noch ehe das Jahr zu Ende ging, starb der treue 
Stägemann, der so lange in allen vertraulichen Angelegenheiten die Feder 
für den Monarchen geführt hatte. Schinkel wurde in der Kraft seiner 
Jahre von einer schrecklichen Krankheit ergriffen, die seinen Geist um- 
nachtete und ihn bald dahinraffen sollte. Den Tod des Grafen Lottum 
und des Kriegsministers General Rauch erwartete man binnen kurzem; 
beide fühlten sich altersmüde. Der ebenfalls hochbejahrte Fürst Wittgen- 
stein hielt sich geflissentlich von den Geschäften zurück und äußerte bitter, 
mit dieser verwandelten Welt wolle er nichts mehr gemein haben. So 
war denn überall Raum für frische Kräfte, und aufjubelnd schrieb Peter 
Cornelius: „es naht eine Fest= und Frühlingszeit für ganz Deutschland!“ 
Deutschland hatte aber in diesem Vierteljahrhundert erstaunlich rasch ge- 
lebt, und durch die lange Regierungszeit des alten Königs wurde die 
natürliche Folge der Generationen verschoben. Die neuen Männer, welche 
jetzt in die Höhe kamen, gehörten nicht der Jugend an; sie waren zu- 
meist, gleich ihrem königlichen Gönner, aufgewachsen unter den bestimmen- 
den Eindrücken der Befreiungskriege, der Zeit der Restauration und der 
religiösen Erweckung; manche von ihnen bewahrten auch noch die Frei- 
heitsideale der ältesten Burschenschaft treu im Herzen. Das allerjüngste 
radikale Geschlecht jedoch belächelte sie schon als Reaktionäre, ihre christlich- 
germanischen Idcen erschienen der neuen Aufklärung der Junghegelianer
        <pb n="25" />
        Königin Elisabeth. 17 
sogar noch hassenswürdiger als die trocken verständige Bureaukratie des 
alten Systems. 
Unter allen stand Königin Elisabeth dem Herzen des Königs am 
nächsten. Ihr widmete er eine unbegrenzte Zärtlichkeit, fast über das 
Maß hinaus, das einem Herrscher erlaubt ist. Als er sich, von Tränen 
überströmt, ganz in Rührung zerfließend vom Todesbette seines Vaters 
erhob, sagte er zu ihr: „Jetzt stütze mich, Elise, nun bedarf ich der Kraft.“ 
Wenn er gepeinigt von der jeden Entschluß erschwerenden Überfülle seiner 
Gedanken, aufgeregt durch die Geschäfte zu ihr heimkehrte, dann empfing 
sie ihn immer gleich heiter, geistreich, liebevoll; nur wenn der Jähzorn ihn 
ganz aus der Fassung brachte, schaute sie ernsten Blicks im Zimmer um- 
her und sprach: „ich suche den König.“ Sein glückliches Haus suchte er sich 
so gemütlich einzurichten, als es die Fürstensitte erlaubt; zum Weihnachts- 
markte ging das königliche Paar selbst auf den Schloßplatz herunter, und 
am Silvesterabend mußte der Nachtwächter ins Schloß kommen, um mit 
seinem Horn das neue Jahr anzukündigen. Was der König seiner Ge- 
mahlin nur an den Augen absehen konnte, tat er mit Freuden. Hoch- 
herzig überwand sie den stillen Kummer über die kinderlose Ehe; sie ließ 
es sich nicht nehmen, ihren Neffen Friedrich Wilhelm, den vermutlichen 
Thronfolger, selbst über die Taufe zu halten und wurde dem Knaben eine 
zweite Mutter. Ihr höchstes Glück aber fand sie in unerschöpflichem Wohl- 
tun; sie half dem Gatten bei den unzähligen Unternehmungen seiner 
christlichen Milde und steuerte aus eigenen Mitteln sehr große Summen, 
mindestens 60 000 Taler jährlich bei; in allen den entlegenen Stadt- 
vierteln Berlins, wo die neu gegründeten Krankenhäuser und Kinderbewahr- 
anstalten sich erhoben, kannte jedermann den Wagen der Königin mit den 
vier Apfelschimmeln. Trotzdem war sie im Volke nicht beliebt. Die Katholiken 
des Westens verziehen ihr den Übertritt nie; in den hartprotestantischen 
alten Provinzen aber, zumal in Berlin, wo der Geist des Jesuitenriechers 
Biester noch immer umging, erzählte man überall, sogar in den Kreisen der 
Hofdienerschaft, mit der höchsten Bestimmtheit, die Königin sei im Herzen 
katholisch geblieben und wolle ihren Gemahl zur römischen Kirche bekehren. 
Das Gerücht ward eine Macht, schädlich für das Ansehen des Königs, und 
entbehrte doch jedes Grundes. Aus freier Überzeugung, nach ernstem 
Nachdenken war Elisabeth einst zum evangelischen Glauben übergetreten, 
und noch in späten Jahren sagte sie dem Papste Pius IX. mit ihrer 
gewohnten schönen Wahrhaftigkeit ins Gesicht: „wenn man zum Gemahl 
einen solchen König hat, der das Evangelium vorlebt, dann wird man im 
evangelischen Glauben gewiß.“ Freilich trug ihre kirchliche Gesinnung 
eine romantische Färbung, welche der Freigeisterei der Zeit verdächtig blieb; 
das Idceal der einen christlichen Kirche stand ihr so hoch wie ihrem Ge- 
mahl. Die streng legitimistischen Anschauungen der bayrischen Schwestern 
verleugnete sie nie; mit den Höfen von Wien, Dresden, München blieb 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 2
        <pb n="26" />
        18 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
sie in unablässigem Verkehre, und wenn sie das Ansehen des Königtums 
gefährdet glaubte, dann konnte die leutselige Fürstin manchem kalt und 
stolz erscheinen; daher schrieb man ihr einen verderblichen politischen Ein— 
fluß zu, obwohl sie während dieser ersten Jahre sich seltener als späterhin 
mit Staatsgeschäften befaßte. 
Etwas weiter reichte die politische Wirksamkeit des Grafen Anton 
Stolberg, der anfangs neben dem Fürsten Wittgenstein, nachher als dessen 
bestallter Nachfolger die Leitung des Hausministeriums übernahm. Er 
hatte schon bei Jena tapfer gefochten, darauf die Verfolgungen der könig— 
lich westfälischen Polizei glücklich überstanden — dank den treuen Harzern, 
die den Sohn des altbeliebten Harzgrafengeschlechts immer zu verstecken 
wußten — dann im Befreiungskriege mit dem älteren Prinzen Wilhelm, 
mit Gneisenau und York als treuer Waffengefährte Freundschaft ge— 
schlossen. Diese Kriegserinnerungen blieben ihm immer heilig; als er 
nach dem Frieden heimkehrte, um seinen Vater bei der Regierung der 
Grafschaft zu unterstützen, ließ er sogleich auf den Felsen des Ilsensteins 
den gefallenen Freunden zu Ehren ein eisernes Kreuz aufrichten. Erst 
weit später trat er in den Verwaltungsdienst und erwarb sich als Prä— 
sident in Düsseldorf wie in Magdeburg allgemeines Vertrauen durch jene 
vornehme und doch schlicht menschliche Liebenswürdigkeit, welche sein 
edles Geschlecht von jeher ausgezeichnet hat. Lebendiger als sein po— 
litischer Sinn war sein religiöses Gefühl. Er schloß sich früh den Krei— 
sen der „Erweckten“ an, unterstützte in Düsseldorf die beiden Wohl— 
täter des Niederrheins, den Grafen v. d. Recke und den Pastor Fliedner 
bei ihren Liebeswerken und übernahm die Leitung des neuen Diakonissen— 
vereins. Diese lautere, durchaus duldsame Frömmigkeit gewann ihm das 
Herz Friedrich Wilhelms. Alsbald nach dem Thronwechsel mußte „Graf 
Anton“ nach Charlottenhof übersiedeln, damit er dem Könige als ein 
getreuer Eckart immer zur Hand sei bei jeder Gewissensfrage der Politik, 
und er entsprach dem Vertrauen durch freimütige Offenheit. Aber, 
selbst ein Gemütsmensch und darum trotz seiner natürlichen Milde zu— 
weilen ungerecht, vermochte er den Stimmungen des Monarchen nicht 
das Gegengewicht zu halten; von seiner Geschäftskenntnis und der Schärfe 
seines Verstandes sprach er selber sehr bescheiden.“) Das religiöse Leben 
seines Hauses bewegte sich in Formen, welche den protestantischen Ge— 
wohnheiten widersprachen; wenn er allabendlich mit seinen frommen lieb— 
reichen Töchtern und dem gesamten Hausgesinde auf den Knieen lag, 
so waren im neuen Berlin nur wenige duldsam genug, um die ganz 
ungeheuchelte Inbrunst solcher Andachtsübungen zu achten. 
Diese kirchliche Strenge zeigte sich noch schärfer ausgeprägt in der 
Gesinnung des Generals v. Thile, der fortan als Kabinettsminister, wie 
  
*) Stolberg an Cuny, 12. Jan. 1841.
        <pb n="27" />
        Anton Stolberg. Thile. 19 
vordem Graf Lottum, die regelmäßigen politischen Vorträge hielt. Ein 
ernster gläubiger Sinn, redlich und ohne Wortprunk war in der preußi- 
schen Armee von jeher heimisch; fast alle ihre berühmten Führer meinten 
mit dem alten Dessauer: ein Soldat ohne Gottesfurcht ist nur ein Matz; 
sie taten unbefangen ihre Pflicht und stellten das ungewisse Schicksal des 
Kriegers demütig dem Herrn der Heerscharen anheim. Jetzt, unter 
einem theologisierenden friedfertigen Könige, gewann ein neuer, ganz un— 
preußischer Schlag von Offizieren die Gunst des Hofes, Männer, denen 
das Gebetbuch teuerer war als der Degen, Soldaten nicht ohne mili— 
tärisches Verdienst — denn alle hatten sie im letzten Kriege sich ritter— 
lich gehalten — aber ohne den rechten, die ganze Seele erfüllenden mili— 
tärischen Ehrgeiz. Ihre salbungsvolle Frömmigkeit erinnerte an Cromwells 
gottselige Dragoner; von der fürchterlichen Härte der Puritaner besaßen 
diese sanften romantischen Gläubigen freilich nichts. Zu ihnen zählte auch 
Thile. Dem unscheinbaren kleinen Manne sah man nicht sogleich an, wie 
brauchbar er in den Geschäften war, fleißig, gewissenhaft, federgewandt 
und, tat es not, auch beredsam. An seinem Charakter haftete kein Makel; 
in stillem Wohltun war er unermüdlich, selbst einen persönlichen Feind, 
der ins Unglück geraten war, unterstützte er jahrelang unerkannt aus 
seinen bescheidenen Mitteln. Befreundet mit Boyen und manchen an— 
deren Offizieren von freierer Richtung, hielt er sich den politischen Ex— 
tremen fern und scheute sich nicht, dem heißgeliebten Monarchen ehrlich zu 
widersprechen. Jedoch zu selbständigen staatsmännischen Ideen erhob er 
sich nicht, und nur zu oft ward sein politischer Blick getrübt durch eine 
überspannte, mystische Frömmigkeit, die ihm bei den Berliner Spöttern 
den Namen des Bibel-Thile verschaffte. Noch vor kurzem hatte er ernst- 
lich daran gedacht, als Missionär nach Australien oder Afrika zu gehen. 
Ebenso leidenschaftlich wie Friedrich Wilhelm verabscheute er jene neuen 
Philosophen, welche, wie man bei Hofe sagte, die Bibel hegelten und den 
Hegel bibelten; noch tiefer als der König war er durchdrungen von der 
Überzeugung, daß jetzt der entscheidende Kampf zwischen Glauben und 
Unglauben herannahte und neben diesem einen großen Gegensatze alle kon- 
fessionellen Unterschiede verschwänden. Er glaubte nicht nur an die gött- 
liche Führung der Geschichte mit einer fatalistischen Zuversicht, welche ihm 
leicht die freie Tatkraft hemmte; er glaubte auch an die unmittelbare 
Einwirkung der himmlischen Gnade auf die weltlichen Entschlüsse, und in 
solchen Augenblicken der Verzückung ward seine politische Haltung schlechthin 
unberechenbar. Als er einmal dem Grafen Stolberg seine Meinung 
über die Neuenburger Händel auseinandergesetzt hatte, schrieb er dem 
Freunde schon nach wenigen Stunden: „Heute früh sah ich nur mit 
dem Auge des natürlichen Menschen in der Sache und faßte sie nur 
von der sogenannten politischen Seite auf.“ Dafür wurde ich am Abend 
beschämt, als „mir die Worte entgegengetragen wurden, daß über alle 
27
        <pb n="28" />
        20 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
Macht von Roß und Reutern die Macht eines mit seinem König im 
Gebet vereinten Volkes steht. . . In Sachen des Gebets zählen nur die 
Beter, und wenn Gottes Wort wahr ist, so werden sie über die Spötter 
siegen.“ *) Mit diesen Sätzen begründete er eine Veränderung seines 
politischen Urteils. Ein solcher Mann konnte dem Könige wohl als 
pflichtgetreuer Gehilfe dienen, doch nimmermehr ihn ergänzen. 
In dem etwas eintönigen Verkehre mit diesen beiden alltäglichen 
Vertrauten fühlte sich der König immer erquickt, wenn ein anderer Freund 
aus dem alten Kreise der Wilhelmstraße, Oberst Joseph v. Radowitz in 
der Hauptstadt erschien. Dann rief er fröhlich: Petz ist wieder dal 
Radowitz stammte aus einem alten, wenig bekannten ungarischen Ge- 
schlechtec; sein Großvater erst war als Kriegsgefangener nach Preußen ge- 
kommen und dann in Deutschland geblieben. Der merkwürdig frühreife 
Knabe wurde für den westfälischen Dienst bestimmt und auf französi- 
schen Kriegsschulen ausgebildet. Mit fünfzehn Jahren war er schon Offizier, 
im Jahre darauf erwarb er sich bei Bautzen das Kreuz der Ehrenlegion, 
mit achtzehn Jahren übernahm er, nach der Auflösung des Königreichs West- 
falen, die erste Lehrerstelle für Kriegswissenschaften am Kasseler Kadetten- 
hause. Dann wurde er aus Hessen vertrieben, weil er für die mißhandelte 
Kurfürstin ritterlich eintrat, ') und fand ehrenvolle Aufnahme impreußischen 
Heere, wo er bei der Leitung der Militär-Bildungsanstalten und bei der 
Neugestaltung der Artillerie einsichtig mitwirkte. Der Glutblick der tief- 
liegenden kurzsichtigen Augen unter der hohen Stirn, die gebräunte und 
doch bleiche Hautfarbe, die feinen, von dunklem Schnurrbart überschatteten 
Lippen gaben seinem scharfgeschnittenen Kopfe ein fremdländisches Gepräge. 
Über seinem ganzen Wesen lag ein geheimnisvoller Zauber; die feierlich 
würdevolle Haltung der hohen, starken Gestalt verbot jede Vertraulichkeit. 
In Gesellschaften saß er gern abseits, zeichnend oder in einem Buche 
blätternd, bis er plötzlich eine geistreiche Bemerkung in das Gespräch ein- 
warf und den Plaudernden zeigte, daß er jedes Wort vernommen hatte. 
Leibliche Bedürfnisse schien er kaum zu kennen; er aß wenig, trank nur 
Wasser, und man merkte ihm an, daß er niemals jung gewesen war. 
Von früh auf beherrschte ihn ein unersättlicher Wissensdrang; Bücher 
waren seine einzige Leidenschaft, und in seinem starken Gedächtnis spei- 
cherte er allmählich eine erstaunliche Fülle vielseitiger Kenntnisse auf. Schon 
seine Jugendschrift über bie Ikonographie der Heiligen bewies, wie gründ- 
lich er in der Geschichte der Sitten, der Kunst, der Kirche bewandert war. 
In den Salons des Kronprinzen ward er bald ein unentbehrliches Orakel, 
das Berliner Wochenblatt verdankte ihm mehrere seiner besten Aufsätze. 
Obgleich er durch seine Verheiratung mit einer Gräfin Voß in die 
  
*) Thile an Stolberg, 8 Dez. 1846. 
*“) S. o. III. 532.
        <pb n="29" />
        Radowitz. 21 
Kreise des alten Landesadels eingetreten war, blieb er den strengen Alt— 
preußen noch lange als Fremdling verdächtig. Manche nannten den edlen, 
alle Ränkesucht mißachtenden Mann einen neuen Cagliostro, die meisten 
einen verkappten Jesuiten. Der eifrig protestantische, den konstitutionellen 
Ideen zugeneigte Kriegsminister Witzleben hielt endlich für nötig, diesen 
katholischen Legitimisten aus der Umgebung des Kronprinzen zu entfernen — 
um dieselbe Zeit, da auch General Gröben und Oberst Gerlach in die 
Provinz versetzt wurden. Der alte König genehmigte den Antrag, aber 
in seiner gerechten Weise: er ernannte den kaum vierzigjährigen Stabs- 
offizier zum Nachfolger des Generals Wolzogen bei der Militärkommission 
des Bundestags. Auch dort wurde Radowitz durch Fleiß und geistige 
Überlegenheit den bequemeren Amtsgenossen bald sehr lästig. Der Sohn 
einer gemischten Ehe und in der Kindheit evangelisch erzogen, hatte er 
sich erst in seinen reiferen Jugendjahren, mit wachem Bewußtsein der 
römischen Kirche zugewendet und in ihr so gänzlich seinen Frieden gefun- 
den, daß er kurzweg aussprach, jede Wahrheit sei katholisch. Sein ent- 
sagendes Denkerleben führte ihn zu einer mönchisch strengen Auffassung 
der sittlichen Welt. Niemals erkannte er, daß das sittliche Ideal der 
Protestanten, die Einheit des Denkens und des Wollens, dem schwachen 
Sterblichen weit schwerere Pflichten auferlegt als die Werkheiligkeit der 
Katholiken. In dem Cölibate sah er nicht ein Meisterstück päpstlicher 
Politik, ein klug ersonnenes Machtmittel, das den Klerus als eine ge- 
schlossene Priesterkaste von der bürgerlichen Gesellschaft abtrennen soll, 
sondern eine hohe sittliche Idee; den Kampf der Protestanten wider diese 
frevelhafte Verstümmelung der Natur konnte er sich nur aus der Fleisches- 
lust erklären, obgleich er selbst in einer glücklichen, mit Kindern gesegneten 
Ehe lebte. Bei solcher Gesinnung mußte er den Kölnischen Bischofsstreit 
mit tiefem Kummer betrachten. Die Freude an seinem neuen preußischen 
Vaterlande erlitt plötzlich einen schweren Stoß, und er pries es als eine 
gnädige Fügung, daß sein Amt ihn nicht nötigte, in diesem Kampfe 
öffentlich Farbe zu bekennen. 
Ebenso einseitig war auch, trotz aller Gelehrsamkeit, sein ästhetisches 
Urteil. Goethes warme Sinnlichkeit blieb ihm so unverständlich wie die 
gesamte Bildhauerkunst, weil sie in der Darstellung heidnischer Nackt- 
heit ihr Höchstes leistet, und den letzten Quell aller modernen Sünden 
suchte er in der großen Zeit des Cinquecento, in der Wiederbelebung des 
klassischen Heidentums. Daher verabscheute er, ganz in Hallers Sinne, 
die Revolution als ein teuflisches Prinzip und bekämpfte die gesamte 
neuere Staatslehre, weil sie den Staat nicht als den Schutzherrn, son- 
dern als den Schöpfer des Rechts betrachte. Noch war ihm nicht klar, 
daß der rechtsbildende Gemeingeist der modernen Völker sich gerade in 
ihrer Gesetzgebung ausspricht, und die historische Entwicklung des Rechts 
heute nicht mehr ohne die Mitwirkung frei geordneter Staatsgewalten
        <pb n="30" />
        22 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
erfolgen kann. Dem „pseudo-liberalen Getriebe“ des Beamtentums ebenso 
gründlich abgeneigt wie sein königlicher Herr, behauptete er stolz „den 
höheren Standpunkt, der sich erhebt über die Ansicht vom absoluten 
Staate.*) Er hoffte auf eine große christlich-germanische Monarchie 
— denn ob eine christlich-germanische Republik überhaupt möglich sei, 
schien ihm mindestens zweifelhaft — und so fest hielt ihn in diesen drei— 
ßiger Jahren der Bannkreis der Hallerschen Ideen noch umfangen, daß 
er sogar den Satz wiederholte, die Macht der Krone beruhe auf dem fürst— 
lichen Grundbesitze — eine doktrinäre Behauptung, die in Preußen, wo 
alle Domänen längst dem Staate gehörten, jeden Sinn verlor. 
Trotzdem ward er niemals zum Sklaven einer Theorie; scharfen 
Blickes schaute er in die Welt der Wirklichkeit, stets bereit seine Meinungen 
zu berichtigen. Er erkannte sehr früh — was sich freilich erst nach langen 
wirrenreichen Jahren als wahr erweisen sollte — daß die Herzenssehnsucht 
der Deutschen sich nicht eigentlich auf die konstitutionellen Formen richtete, 
sondern auf wirkliche politische Güter: auf Rechtssicherheit, Nationalität, 
Selbstverwaltung. Auch der soziale Untergrund der politischen Bewegung 
entging ihm nicht. Er sah, wie die Mittelklassen sich zur Herrschaft heran— 
drängten, und meinte, die Liberalen seien nur mächtig, weil sie sich als 
Vertreter des Volks gebärdeten; darum müsse die Krone durch eine 
schöpferische soziale Gesetzgebung beweisen, daß die Massen des Volks nur 
bei ihr Fürsorge und wirksamen Schutz finden könnten. Am schärfsten 
aber — weit richtiger als der König selbst oder irgend einer seiner Freunde 
— urteilte Radowitz über die deutsche Bundespolitik. Da er in der 
römischen Kirche nicht eine bildungsfeindliche Macht, sondern die Vollen— 
dung aller Kultur sah, so konnte er ohne gehässiges Vorurteil die öster— 
reichischen Zustände mit den preußischen vergleichen, und gleichwohl kam 
der strenge Katholik zu dem Schlusse: dies zur Sonne aufstrebende Preußen 
bedürfe des Lichtes, der österreichische Schwamm gedeihe nur im Schatten. 
Die geistlose Unfruchtbarkeit der in so mannigfache europäische Interessen 
verflochtenen und darum der deutschen Nation entfremdeten Wiener Politik 
durchschaute er ebenso scharfsinnig, wie die oberflächliche Halbbildung der 
österreichischen Völker, die dem platten Josephinismus und der liberalen 
Phrase gar kein Gegengewicht zu bieten hätten. Stolz hielt er diesem ver— 
sumpften Leben die gesunde, kerndeutsche Kraft des preußischen Volkes und 
Staates entgegen. Schon vor dem Thronwechsel (1839) sprach er aus, 
Preußen allein könne die Führung der Nation übernehmen, Deutschlands 
Fürsten und Völker müßten lernen, in Berlin die Verteidigung ihrer Rechte 
und Interessen zu suchen. Darum verlangte er Fortbildung des Zollvereins 
und vor allem Schutz der Rechte aller Deutschen durch die Krone Preußen 
— eine heilige Pflicht, welche leider in den hannoverschen Verfassungs— 
  
*) Radowitz an den König, 23. Juni 1844.
        <pb n="31" />
        Radowitzs Gespräche. Bunsen. 23 
händeln so sündlich verabsäumt worden sei. So begann ihm jetzt schon 
die Idee des preußischen Reiches deutscher Nation aufzudämmern, und er 
verhehlte nicht, daß er sich zuerst als einen Deutschen, dann erst als einen 
Preußen fühlte. Der König befragte und benutzte den alten Freund bei 
allen Fragen der deutschen Bundespolitik, doch er vermochte weder den 
Gedanken dieses Ratgebers ganz zu folgen, noch ihn an die entscheidende 
Stelle zu setzen. 
In den Gesprächen über Staat und Kirche (1846) faßte Radowitz 
seine politischen Ideen zusammen. Das anonyme Buch wurde von vielen 
für ein Werk des Königs selbst gehalten, obgleich die keusche Einfachheit 
dieser musterhaften Prosa mit dem aufgeregten Pathos Friedrich Wilhelms 
gar nichts gemein hatte. Es war seit Paul Pfizers Briefwechsel unzweifel- 
haft das bedeutendste Werk der deutschen Publizistik. Aber wie anders hatte 
einst der tapfere Schwabe verstanden, die erste Aufgabe des Publizisten zu 
erfüllen, den Willen der Leser auf ein festes Ziel zu richten; er benutzte die 
Form des Dialoges nur, um alle Einwendungen siegreich zu widerlegen, 
und schließlich mit höchster Bestimmtheit zu sagen, was er selber wollte: die 
Einheit Deutschlands unter Preußens Führung. In Radowitzs Gesprächen 
hingegen tauschten der hochkirchliche Offizier, der liberale Fabrikant, der 
strenge Bureaukrat, der jugendliche Sozialist ihre Ansichten aus, alle höf- 
lich, alle in sauber gewählten Worten. Dann trat Waldheim dazwischen, 
unverkennbar das Ebenbild des Verfassers, um mit staatsmännischer Ruhe 
jedem die Beschränktheit seiner Parteigesinnung nachzuweisen; über seine 
eigenen Meinungen äußerte er sich nur selten, kühl, zurückhaltend, un- 
maßgeblich. So hinterließ die Schrift doch den Eindruck einer geistreichen 
Hilflosigkeit, welche trotz oder wegen der Mannigfaltigkeit ihrer Gesichts- 
punkte schwer zu einem einfachen Entschlusse gelangte. Ihr fehlte die Macht 
der Begeisterung. Ihre Gedanken waren nicht aus einer Wurzel heraus 
mächtig emporgeschossen, sondern am Spalier gezogen, mehr ausgezeichnet 
durch edle Form als durch ursprüngliche Kraft. Sie bewies, wie frei und 
unbefangen ihr Verfasser dachte, der in der Tat, entwicklungsfähiger als 
der König, von der Unentbehrlichkeit der konstitutionellen Staatsform sich 
bald überzeugen sollte. Aber sie zeigte auch ihn angekränkelt von jenem 
vornehmen Dilettantismus, der sich wie ein Mehltau über alle Um- 
gebungen König Friedrich Wilhelms lagerte. Radowitz war von allem 
etwas, weder ganz Soldat, noch ganz Staatsmann, noch ganz Gelehrter; 
auch sein feiner und reicher, allen anderen preußischen Staatsmännern 
dieser Epoche überlegener Geist vermochte der Zeit nicht zu bieten, was 
sie brauchte: die furchtbare Einseitigkeit einer dämonischen Willenskraft. 
Wäre es mit Plänen, Einfällen, edlen Vorsätzen getan gewesen, 
dann hätte Bunsen der Zeit helfen können. Was kümmerte es ihn, daß 
die Berliner Geheimräte ihm den so kläglich mißlungenen Kampf gegen 
Rom nachtrugen und ihn, von wegen der Anconer Note, nur noch den
        <pb n="32" />
        24 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
Ritter von Ancona nannten? Der Gunst des neuen Königs war er 
sicher, und mit jugendlicher Wagelust spannte er an seinem glückhaften 
Schiffe alle Segel auf. Schon vor Jahren hatte er von der Regierung 
dieses Fürsten erhofft, daß sie das heilige Reich aufrichten werde: 
Was tausend Jahr' vergebens erstrebt das Vaterland, 
Wird rasch sich dann erheben von solches Bauherrn Hand! 
Nun sollte Berlin, bevor Größeres sich vollendete, zunächst ein deutscher 
Musenhof werden wie einst Weimar, und sofort begann der Eifrige einen 
Briefwechsel mit Gelehrten und Künstlern, um sie für die Hauptstadt zu 
gewinnen. Für sich selbst wünschte er, da der Berner Gesandtschafts- 
posten seinen Ansprüchen nicht genügte, den Vorsitz in einem großen Aus- 
schusse für Kirche und Unterricht; so konnte er, unbelästigt von den lang- 
weiligen Verwaltungsgeschäften, nach seiner Neigung anregen, belehren, 
Ideen wecken und fördern. 
Nicht ganz so nahe stand General v. Canitz dem Monarchen. Er 
hatte sich als Kriegsmann wie als militärischer Schriftsteller ausgezeichnet, 
dann aus Diebitschs Lager über den russisch-polnischen Krieg ebenso ein- 
sichtig als unparteiisch berichtet, endlich auf den schwierigen Gesandtschafts- 
posten zu Kassel und Hannover eine so selbständige Haltung eingenommen, 
daß er trotz seines feinen Taktes dem Unwillen des Kurprinzen und des 
Welfenkönigs nicht entgehen konnte. Eng befreundet mit den romantischen 
Genossen Clemens Brentanos und Sovignys, hielt er die Befreiung der 
Kirche von der Staatsgewalt und die Aufrichtung der ständischen Mon- 
archie für die beiden großen Aufgaben der neuen Regierung. Indessen 
hatte er nicht umsonst in dem unruhigen Kassel gelebt; er sah ein, daß 
Preußen, um die Politik des Zollvereins durchzuführen, sich auch in seinem 
inneren Leben den kleinen konstitutionellen Nachbarlanden annähern, mit- 
hin seinen Reichstag, allerdings einen ständisch gegliederten, schleunigst 
einberufen müsse. Harte Parteigesinnung blieb ihm fremd. Eine schöne 
vornehme Erscheinung, gesprächig, geistreich, sarkastisch, ließ er im Verkehre 
von seinen streng kirchlichen Grundsätzen gar nichts merken; die in diesem 
romantischen Kreise so gröblich verkannten Verdienste des preußischen Be- 
amtentums würdigte er gern; mit den Liberalen, sogar mit Varnhagen 
kam er freundlich aus. Unter allen den frommen Freunden des Königs 
zeigte er am meisten das unbefangene Wesen eines Weltmannes. 
Von anderem Schlage war General Graf Karl v. d. Gröben, der 
Schwiegersohn Dörnbergs, ein langer, hagerer altpreußischer Hüne, dem 
der weiße Mantel des Deutschen Ordens noch um die Schultern zu hängen 
schien. Dem Ritter ohne Furcht und Tadel ließ es keine Ruhe, bis er noch 
im hohen Alter die Pilgerfahrt in das gelobte Land unternehmen konnte. 
Wie freudig hatte er einst bei der Vorbereitung des Befreiungskrieges und an 
dem Kampfe selbst teilgenommen; mit Gneisenau und Arndt, mit Schenken- 
dorf und Görres war er so innig verbrüdert, daß er eine zeitlang sogar
        <pb n="33" />
        Canitz. Gröben. Die Gebrüder Gerlach. 25 
den Argwohn der Demagogenverfolger erregte.“) Die enthusiastische Kreuz- 
fahrergesinnung jener frommen Tage bewahrte er sein Leben lang. Was 
ihm an politischem Urteil abging, ersetzte er durch unverbrüchliche Treue 
gegen seinen christlichen König und durch eine allgemeine Menschenliebe, 
welche Gerechte und Ungerechte so ohne jeden Unterschied sanftmütig um— 
faßte, daß Königin Elisabeth einmal sagte: der gute Gröben wird uns 
nächstens von dem lieben, vortrefflichen Nero sprechen. 
Während Gröben nur das ritterliche Gefühl unbedingter Königstreue 
hegte, waren die drei Brüder v. Gerlach erklärte Hallerianer. Sie 
stammten von jenem hochangesehenen alten Kammerpräsidenten, der einst 
seine Kurmark gegen die napoleonischen Erpressungen unerschrocken ver- 
teidigt, nachher, verstimmt über die Reform der Verwaltung, den Staats- 
dienst verlassen und gleich darauf das Oberbürgermeisteramt von Berlin 
übernommen hatte.““) Der Mut, die Vaterlandsliebe, die konservative Ge- 
sinnung des Vaters vererbten sich auf die Söhne; zwei von ihnen trugen 
das eiserne Kreuz. Der zweite Sohn, der Gerichtspräsident Ludwig 
war ein gelehrter, scharfsinniger Jurist, gerecht nach oben wie nach 
unten, sehr eifersüchtig auf die Unabhängigkeit des Richterstandes. Wie 
weit ihn aber sein kirchlicher Feuereifer führen konnte, das hatte er schon 
vor Jahren gezeigt, als er die hallischen Rationalisten durch die rücksichts— 
lose Veröffentlichung ihrer Katheder-Aussprüche bekämpfte und dafür den 
Beifall seines kronprinzlichen Freundes fand. ***) Der christliche Staat, 
die freie rechtgläubige Kirche und vornehmlich die Zweiherrschaft der beiden 
Großmächte im Deutschen Bunde — diese Ideale standen ihm so uner— 
schütterlich fest, daß er sogar die Freunde Radowitz und Canitz wegen ihrer 
freieren Ansichten über Osterreich bald als Abtrünnige beargwöhnte und 
des radikalen „Germanismus“ beschuldigte. überhaupt urteilte er, wie 
sein Bruder Leopold, über politische und kirchliche Gegner mit fanatischer, 
unchristlicher Härte; er verhehlte nicht, daß ihm der Gegensatz der Mei— 
nungen noch wichtiger schien als selbst der Gegensatz der Nationalitäten. 
Von eigenen staatsmännischen Gedanken besaß sein wesentlich kritischer 
Geist wenig; er vermochte wohl die Sünden der gottlosen Zeit mit erbar— 
mungsloser Schärfe zu geißeln, doch, wenn es sich fragte, was zu tun sei, 
dann entdeckten der junge Otto v. Bismarck und die anderen praktischen 
Talente unter seinen Anhängern mit Erstaunen, daß der geistreiche Mann 
immer nur schulmeisterte und eigentlich an allem zu tadeln fand. Darum 
konnte er nur der gefürchtete Schriftsteller der hochkonservativen Partei 
werden, niemals ihr Führer. Und wie wenig stimmte doch die unzweifelhaft 
ernst gemeinte fromme Salbung seiner mit Bibelsprüchen überladenen poli— 
— — 
*) S. o. III. 116. 
*) S. o. I. 285. 
') S. o. III. 405.
        <pb n="34" />
        26 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
tischen Aufsätze zu dem sprudelnden Witze, der gewinnenden Munterkeit des 
liebenswürdigen Gesellschafters. Einige Spuren von diesem Dualismus 
altromantischer Ironie zeigten sich auch in dem Charakter des jüngsten 
Bruders, des Predigers Otto. Der waltete seines schweren Seelsorger- 
amtes unter den Berliner Armen mit apostolischer Hingebung, glaubens- 
froh, bibelfest, ein unermüdlicher Tröster und Erbarmer.) Zweimal 
trotzte er der angedrohten Amtsentsetzung, weil er leichtfertig Geschiedene 
nicht wieder trauen wollte. Und doch geschah es zuweilen zum Entsetzen 
der Stillen im Lande, daß er auf der Kanzel schöne Stellen aus Shake- 
speare vortrug; so seltsam vermischten sich in diesem geistreichen romanti- 
schen Kreise die religiösen und die ästhetischen Ideale. 
Am liebsten unter den drei Brüdern war dem Monarchen der älteste, 
der General Leopold. Er wurde schon aus seiner Provinzial-Garnison 
öfters an das Hoflager gerufen, dann nach Berlin zurückversetzt und dort 
bei allen wichtigen Entschließungen zu Rate gezogen; doch täuschte er 
sich nicht über seinen Einfluß und gestand offen, keiner der persönlichen 
Günstlinge des Königs besitze wirkliche Macht. Seine schönsten Erinne- 
rungen hafteten an dem schlesischen Hauptquartiere, dem er mit großer 
Auszeichnung angehört hatte;?**) nachher war er lange Adjutant des jün- 
geren Prinzen Wilhelm, der ihm auch späterhin, als ihre politischen Wege 
sich trennten, stets aufrichtige Hochachtung bewahrte. Ganz und gar kein 
Höfling, gab er selbst dem gefürchteten Zaren zur rechten Zeit eine derbe 
preußische Antwort; das knechtische Wesen und der schablonenhafte Ord- 
nungssinn der Moskowiter blieb ihm tief widerwärtig, obgleich er sie für 
Preußens natürliche Verbündete hielt. Das eigentümliche Selbstgefühl des 
Nomantikers erging sich gern in kühnen Paradoxen, Napoleon nannte er 
einen gutmütigen, übrigens etwas dummen Kerl. In seinen politischen 
Ansichten ging der grundgescheite, vielseitig gebildete Offizier fast noch 
weiter als sein Bruder Ludwig; unauslöschlichen Haß widmete er dem 
Despotismus der Mietlings-Offizianten, zu denen er doch eigentlich selbst 
gehörte. An Gottes unmittelbare Einwirkung auf die gekrönten Häupter 
glaubte er fest und sagte streng: Prätendenten, die der Allmächtige selbst 
aus ihrem hohen Amte gestrichen hat, gehören ins Feldlager oder ins 
Kloster, nicht in den Strudel höfischer Genüsse. Indes war auch er in 
der Kritik stärker als in eigenen politischen Gedanken. 
Eine mächtige Stütze fanden die Brüder an Ludwigs Schwager, 
dem Freiherrn Senfft v. Pilsach auf Gramenz, der im Hausministerium 
angestellt, auf den Domänen, mit erheblichen Kosten, aber nur selten mit 
Erfolg, großartige Entwässerungspläne ausführte. Über seine politische 
Wirksamkeit enthalten die amtlichen Papiere fast gar nichts. Gleichwohl 
  
*) S. o. IV. 495. 
#*) S. o. I. 477.
        <pb n="35" />
        Senfft v. Pilsach und die Erweckten. 27 
wußten alle Eingeweihten, daß der König auf das Urteil dieses Mannes, 
soweit er überhaupt einer fremden Meinung zu folgen vermochte, sehr 
großen Wert legte. Schon als Kronprinz hatte er sich des Freiherrn 
angenommen, als dieser, unbekümmert um die Verbote der rationalisti— 
schen Stettiner Regierung, seinen hinterpommerschen Bauern gottselige 
Predigten hielt, und in hellem Zorne geschrieben: „das Betragen dieser 
Regierung ist wirklich so ungeheuer dumm, daß es zum Erbarmen ist.“) 
Senfft kannte die Eigenart Friedrich Wilhelms ganz genau, er wußte 
seine vertraulichen Berichte und Gespräche stets der augenblicklichen Stim- 
mung des Monarchen anzupassen; er scheute sich auch nicht, dem Könige, 
oft sehr unverblümt, zu sagen, was man im Volke über ihn redete. 
Also, bald aufrichtig, bald berechnend, gewann er mit seiner zähen stillen 
Ausdauer doch einigen Boden, und immer kam sein Rat den Hochkon- 
servativen zu gute. Durch seinen und Ludwig Gerlachs gemeinsamen 
Schwager v. Thadden-Trieglaff unterhielt er regen Verkehr mit einem 
Kreise altgläubiger hinterpommerscher Edelleute, der sich durch christlichen 
Wandel und edle Wohltätigkeit ebenso sehr auszeichnete wie durch reak- 
tionäre Gesinnung. 
Auch was sonst noch dem Herzen des Königs nahe stand, trug hoch- 
kirchliche Farbe: so der Geheime Rat v. Voß-Buch, seit Jahren vor- 
tragender Rat des Kronprinzen und auch jetzt noch mit wichtigen Ar- 
beiten, namentlich im Justizwesen, betraut, nebenbei berühmt durch seine 
unvergleichlichen Junggesellen-Gastmähler; so Friedrich Wilhelms Jugend- 
gespiele, der Kammergerichtspräsident v. Kleist, von den Demagogen der 
blutige Kleist genannt, ein eiserner Ultra, der nachher den Abschied nahm, 
als er die neue Verfassung beschwören sollte; so der Hallerianer C. 
W. v. Lancizolle, vormals Lehrer des deutschen Staatsrechts für die 
königlichen Prinzen; so der gelehrte Jurist Götze, der kindlich fromme 
General Carl v. Röder u. a. m., die einst in den ersten Friedensjahren 
den Konventikeln der Erweckten oder dem Meikäfervereine der jungen 
Berliner Romantiker angehört hatten.““) Einen ehrbareren Hof hat es 
nie gegeben; Geist, Wissen, Edelsinn war in diesen Kreisen reichlich vor- 
handen, aber wenig Willenskraft, wenig Verständnis für die Bedürfnisse 
der Zeit. 
Wie ein Fremdling erschien in dieser christlichen Umgebung der regel- 
mäßige Genosse der königlichen Abendzirkel Alexander v. Humboldt. Der 
Geist zog den Geist an, der König und der große Gelehrte konnten von- 
einander nicht lassen, und unwillkürlich gedachten die Zeitgenossen der 
Freundschaft zwischen Friedrich und Voltaire — eine Vergleichung, die 
doch nur wenig zutraf. Voltaire hatte auf das ästhetische Urteil des 
  
*) Kronprinz Friedrich Wilhelm an Altenstein, 2. Mai 1830. 
*“ ) S. o. II. 27. 91.
        <pb n="36" />
        28 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
großen Königs entscheidend, auf seine philosophische ÜUberzeugung mit- 
bestimmend eingewirkt, der preußischen Politik wurde er unnachsichtlich 
immer fern gehalten. Humboldt konnte auf die längst fertige Weltan- 
schauung seines königlichen Freundes schon darum keinen Einfluß ge- 
winnen, weil er halb unter, halb über ihr stand. Dem Jünger der alten 
Aufklärung, der schon in seinen jungen Tagen den preußischen Beamten 
zu Baireuth für einen Jakobiner gegolten hatte, fehlte jedes Verständnis 
für das neue religiöse Leben, das den Deutschen tagte und von dem 
Könige so freudig begrüßt wurde; andererseits würdigte er weit unbe- 
fangener als Friedrich Wilhelm die liberalen Ideen des emporsteigenden 
Mittelstandes. Also fast in allem verschieden fanden sich die beiden nur 
zusammen in der leidenschaftlichen Freude des Forschens und Erkennens. 
Humboldt fühlte bald heraus, daß dieser König kein Mann des Handelns 
sei und das Glück, dessen er doch bedurfte, niemals finden würde; darum 
beschied er sich, auf dem einzigen Gebiete der Politik, das ihm offen blieb, 
Segen zu stiften, die mäcenatischen Neigungen des Königs zu nähren, 
alle aufstrebenden Kräfte deutscher Kunst und Wissenschaft wirksamer zu 
fördern, als es unter dem sparsamen, schwer zugänglichen alten Herrn 
möglich gewesen. Mit ungewöhnlicher Offenheit sprach er sich darüber ein- 
mal gegen Bunsen aus: „Ich habe die Schwachheit zu wollen, daß die, 
deren Talent ich früh erkannt und verehrt habe, etwas Großes hervor- 
bringen. Dadurch hält man sich gegenseitig in der Welt und trägt dazu 
bei, die Achtung vor geistigen Bestrebungen wie ein heiliges Feuer zu 
nähren und zu bewahren.“ 
Er wollte der anerkannte Fürst sein im Reiche des Wissens, aber 
diese Macht auch in großem Sinne gebrauchen, um das perikleische Staats- 
ideal zu verwirklichen, das ihm so hoch stand wie seinem Bruder Wilhelm; 
ohne die Pflege des Wahren und des Schönen war ihm selbst der stark- 
gerüstete und wohlgeordnete Staat wertlos. An allem, was Friedrich 
Wilhelm für die Wissenschaft tat, hatte Humboldt seinen reichen Anteil. 
Das alte Familienhaus in der Oranienburger Straße ward ein Wall- 
fahrtsort für alle jungen Talente. Dort fanden Hermann Helmholtz und 
manche andere vielverheißende Anfänger Rat und Hilfe. Dort saß der 
kleine Greis unter Türmen von Büchern, Karten, Briefen und Sen- 
dungen jeder Art, die ihm aus allen Teilen der Erde zuflogen — ihm 
gegenüber auf der grünen Wand die große Weltkarte — und schrieb die 
langen Nächte hindurch, über sein Knie gebückt, bald an seinem Kosmos, 
bald Entwürfe für wissenschaftliche Anstalten oder auch ungezählte Empfeh- 
lungsbriefe; es war, als ob alle Fäden aus dem unermeßlichen Reiche der 
Forschung in der Hand des alten Zauberers zusammenliefen. Der König 
überschüttete ihn mit Ehren und Geschenken, ohne doch hindern zu können, 
daß der aller Wirtschaft Unkundige schließlich der Schuldknecht seines 
eigenen Hausdieners wurde. In den Briefen an seinen teuersten Alexan-
        <pb n="37" />
        A. v. Humboldt bei Hofe. 29 
dros entfaltete Friedrich Wilhelm alle Zartheit, alle Wärme seines guten 
Herzens; als Humboldt erkrankte, saß er stundenlang an seinem Bette 
und las ihm vor. über alles sollte der alles Wissende Auskunft geben, 
bald über ein ernstes Problem, bald über ein müßiges Kuriosum, so über 
die Frage, warum die Produkte der Zahl 9 immer die Ziffersumme 9 ergeben. 
Wenn der König seinen Freund abends im Potsdamer Schloß besuchte, 
dann mußten die Diener mit den Windlichtern oft tief in die Nacht hinein 
warten, weil ihr Herr nach dem allerletzten Abschied das beglückende Ge- 
spräch noch auf der Treppe von neuem eröffnete. 
Minder liebenswert als bei solchen geistreichen Zwiegesprächen zeigte 
sich der große Gelehrte auf den Hoffesten, wo er, angetan mit der Kammer- 
herrn-Uniform und dem großen Bande des schwarzen Adlerordens, jedem 
nichtigen Menschen etwas Verbindliches sagte, oder auf den kleinen Tee- 
Abenden der königlichen Familie. Von Paris her war er gewöhnt, den 
Mittelpunkt des Salongesprächs zu bilden, und er konnte sich's nicht ver- 
sagen, auch hier in Sanssouci oder Charlottenburg aller Augen auf sich zu 
ziehen. Da stand er denn vor der mürrisch schweigenden Königin, die ihm 
immer mißtraute, vor neidischen Hofleuten und politischen Gegnern und 
berichtete aus neuen Büchern, aus Zeitschriften, aus eigenen Aufzeichnungen 
über die Höhe des Popocatepetl oder die Isothermen oder die Gefängnisse, 
immer geistvoll, immer lehrreich, aber der Mehrzahl der Anwesenden unver- 
ständlich. Der König allein hörte aufmerksam zu, und auch er war zuweilen 
zerstreut und blätterte in Zeichnungen. Für den verhaltenen Arger und 
die Langeweile dieser unerquicklichen Abende, die er doch nicht missen wollte, 
nahm Huwmboldt seine stille Rache; er trug dem Freunde Varnhagen, 
der jedes Schmutzbächlein wie ein Schwamm aufsog, allerhand boshaften 
Hofklatsch zu, lieblos selbst gegen den liebevollen König, und zeigte durch 
sein Medisieren, daß in den Hauptstädten, zumal in dem afterrednerischen 
Berlin, selbst der hochbegabte Mensch klein wird, wenn er die Dinge allzu 
nahe sieht. Eines freilich ging aus seinen gehässigen Berichten unzweifel- 
haft hervor: diesem so mannigfach bewegten Hofe fehlte der beherrschende 
Kopf. — 
  
„Lebt wohl nun, Freuden, Spiele, Töne! Mein höchster Gott ist 
meine Pflicht“ — so hatte vor hundert Jahren König Friedrich nach seiner 
Thronbesteigung an Voltaire geschrieben. Von dieser entschlossenen Sicher- 
heit des Ahnherrn zeigte der Nachkomme nichts. Friedrich Wilhelm war 
völlig fassungslos, als Zar Nikolaus, der noch in der letzten Stunde 
am Sterbebette des Schwiegervaters erschienen war, ihm den ersten Segens- 
wunsch zur Thronbesteigung aussprach; auch nachher brauchte er noch 
lange Zeit, um seinen Schmerz zu bewältigen und sich in der neuen Lage zu- 
rechtzufinden. „Ach“, schrieb er an Metternich, „wer Ihr warmes Herz 
mit Ihrem kalten Kopf vereinigte! Das ist das gewisse Mittel, immer
        <pb n="38" />
        30 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
recht zu behalten und richtig zu steuern. Ich fühle nur zu deutlich, daß 
dieser Verein mir abgeht, denn ich vermag mich nicht von dem Schlage 
zu erholen, der uns niedergeschmettert hat, und meine Lage erscheint mir 
wie ein Traum, aus welchem ich sehnlich das Erwachen wünsche.“ Das 
ganze Land teilte die Trauer des Königs. In feierlichem Schweigen 
standen die Massen, als in der Nacht des 11. Juni die Leiche den breiten 
Mittelweg der Linden entlang hinausgeführt wurde nach dem Charlotten- 
burger Mausoleum, wo der Verblichene neben seiner Luise ruhen wollte; 
die Laternen waren ausgelöscht, nur der Mond warf zuweilen aus den 
Wolken vortretend sein fahles Licht auf die schwarzen Wagen, die lautlos 
über den weichen Sandbogen dahinzogen. Auf allen Kanzeln von der Memel 
bis zur Aar wurde gepredigt über den Text „der Herr hat Dich gesegnet 
in allen Werken Deiner Hände“; die Stadt Berlin beschloß, dem Entschla- 
fenen, dem sie so viel verdankte, draußen auf einem waldigen Hügel ein 
Denkmal zu errichten, und nannte die Stelle ihm zu Ehren den Friedrichshain. 
Noch einmal wurde dann allen Preußen die Erinnerung an den Ver- 
storbenen lebendig, als der neue Monarch die beiden einzigen letztwilligen 
Verfügungen veröffentlichen ließ, welche der alte Herr, außer einer Vor- 
schrift über seine Bestattung, hinterlassen hatte. Er fügte den Außerungen 
des Vaters einige tief empfundene Worte hinzu; offenbar im Hinblick 
auf die Kriegsrüstungen der Franzosen, sagte er zuversichtlich: sollte 
je das Kleinod des teuer errungenen Friedens gefährdet werden, „so 
erhebt sich mein Volk auf meinen Ruf wie ein Mann, wie sein Volk sich 
auf seinen Ruf erhoben hat“. Die beiden Testamente waren schon vor 
dreizehn Jahren niedergeschrieben, lange bevor die Juli-Revolution das 
deutsche Leben erschütterte, und ganz in dem patriarchalischen Stile jener 
stillen Tage gehalten. Das eine, „mein letzter Wille“ überschrieben, er- 
ging sich in frommen Betrachtungen; das andere mit den Eingangsworten 
„auf Dich, meinen lieben Fritz“, warnte den Thronfolger vor Neuerungs- 
sucht und unpraktischen Theorien, aber auch von der zu weit getriebenen 
Vorliebe für das Alte, und mahnte ihn, den Bund mit Osterreich und 
Rußland „als den Schlußstein der großen europäischen Allianz zu be- 
trachten". Der Berliner Magistrat ließ diese Vermächtnisse des alten 
Königs für seine Bürgerschaft abdrucken, und noch viele Jahre hindurch 
hingen sie unter Glas und Rahmen in unzähligen preußischen Häusern. 
Aber die Zeit, der sie angehörten, war vorüber; mit diesem letzten Zolle 
der Dankbarkeit schien die Vergangenheit abgeschlossen; erwartungsvoll 
wendeten sich die Blicke dem neuen Herrscher zu. 
Das erste, was er von sich hören ließ, waren Kundgebungen des 
Herzens; die Härten früherer Tage auszugleichen, erschien ihm als heilige 
Pflicht. Allen den Abgesandten, die sich ihm nahten, sagte er freundliche, 
ermutigende Worte; sogar die Juden Berlins, die er sehr wenig liebte, 
empfingen oie Versicherung, daß er kein Anhänger der blinden Vorurteile
        <pb n="39" />
        Die Amnestie. 31 
früherer Jahrhunderte sei. Dann wurde General Boyen, der lange miß- 
handelte, durch ein überaus gnädiges Handschreiben in den Staatsrat 
zurückgerufen, und alle Welt betrachtete diese erste Tat der neuen Re- 
gierung als ein Zugeständnis an den Liberalismus. Gleich darauf durfte 
Arndt wieder in sein Lehramt eintreten; mit hellem Jubel begrüßten die 
Bonner Gelehrten den treuen Mann — nur A. W. Schlegel, der alte 
Feind, hielt sich abseits — und erwählten ihn sogleich zum Rektor für 
das nächste Jahr. Keinen Augenblick war er irre geworden an seinem 
Staate; mitten im Elend der unverschuldeten Verfolgung hatte er seinem 
Vaterlande zugesungen: 
Du wirst Jahrtausende durchblüh'n 
In deutscher Treue, deutschen Ehren. 
Wir Kurzen müssen hinnen zieh’n, 
Doch Liebe wird unsterblich währen. 
Nun ward ihm doch noch ein ehrenreiches, durch die Liebe seiner Deut- 
schen verklärtes Alter. Auch der alte Jahn wurde der polizeilichen Auf- 
sicht entledigt und nachträglich noch mit dem eisernen Kreuze geschmückt. 
Am 10. August unterzeichnete Friedrich Wilhelm eine Verordnung, welche 
allen politischen Verbrechern Amnestie gewährte, auch den Flüchtlingen, 
falls sie heimkehrten, Begnadigung versprach. Der Erlaß sollte erst einen 
Monat später, zur Feier der Huldigung veröffentlicht werden; das weiche 
Gemüt des Königs fand aber keine Ruhe, unverzüglich ließ er die Kerker 
öffnen und vielen der Befreiten gewährte er Anstellung im Staatsdienste. 
Diese Milde gereichte seinem Herzen zu hoher Ehre; denn an die Schuld 
der Mehrzahl der Gefangenen glaubte er ebenso fest wie sein Vater. Die 
düstere Zeit der politischen Verfolgungen ging also zu Ende, nicht ohne ein 
schauerliches Nachspiel. Zur selben Zeit, da die Demagogen frei kamen, 
verfiel der boshafteste ihrer Peiniger, Geheimer Rat Tzschoppe, in schwere 
Geisteskrankheit; der Unselige wähnte sich verfolgt von allen den Armen, 
denen er die Jugend verwüstet hatte, und starb bald nachher im Irrsinn. 
Leider zeigte sich auch schon jetzt, wie gefährlich die Herzensgüte des 
Monarchen wirken konnte. In einer Aufwallung brüderlicher Liebe betraute 
er den Prinzen Wilhelm, der den friderizianischen Titel eines Prinzen 
von Preußen erhielt, mit dem Vorsitze im Staatsministerium und im 
Staatsrate. Er hoffte, sein Bruder würde einfach in die Stellung ein— 
rücken, welche er selbst bisher als Kronprinz eingenommen hatte. Aber 
trotz seiner Ehrfurcht vor dem Träger der Krone konnte der Prinz von 
Preußen hinter dem nur wenig älteren Könige unmöglich ebenso bescheiden 
zurücktreten, wie es der alte Herr von seinen Söhnen verlangt hatte, 
der Gegensatz des Charakters und der Gesinnung, der die beiden Brüder 
trennte, mußte an den Tag kommen, und schon die nächsten Wochen lehrten, 
daß das Amt eines Ministerpräsidenten für einen Thronfolger zugleich zu 
niedrig und zu mächtig ist.
        <pb n="40" />
        32 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
Von vornherein war der König darüber im reinen, daß die land— 
ständische Verfassung nicht in ihrem gegenwärtigen unentschiedenen Zu— 
stande verbleiben durfte. Er ahnte, diese große Frage würde den eigent— 
lichen Inhalt seiner ersten Regierungsjahre bilden, und bei einiger Ent— 
schlossenheit schien ihre Lösung keineswegs unmöglich. Die Verheißungen 
des alten Königs, wie planlos und unbedacht sie auch waren, enthielten 
nichts, was die Macht der Krone in der gegenwärtigen Lage irgend be— 
drohen konnte. Nach der Verordnung vom 12. Mai 1815 war der Mon— 
arch verpflichtet, eine beratende, aus den Provinzialständen gewählte 
Landesrepräsentation einzuberufen; die Art der Erwählung konnte er als 
alleiniger Gesetzgeber frei bestimmen. Er war ferner verpflichtet, die 
Grundsätze, nach denen Preußens Regierung bisher geführt worden war, 
in einer schriftlichen Verfassungsurkunde auszusprechen, deren Form und 
Inhalt ihm ebenfalls frei gestellt blieb. Endlich hatte der alte König 
durch das Staatsschuldengesetz vom 17. Jan. 1820 versprochen, daß dem 
künftigen Reichstage über die Staatsschulden jährlich Rechnung abgelegt, 
neue Schulden nur mit seiner Genehmigung aufgenommen werden sollten. 
Auch hiermit war streng genommen nur gesagt, daß die Reichsstände in 
regelmäßiger Wiederkehr einberufen werden mußten; die alljährliche Rech- 
nungsablegung konnte ja, wenn man sich mit ihnen verständigte, auch 
vor einem Ausschusse des Reichstags stattfinden. Zum überfluß besaß 
der Monarch die unbestrittene Befugnis, die Gesetze seines Vorgängers, 
sofern sie nicht die Rechte der Staatsgläubiger unmittelbar berührten, 
durch neue Gesetze aufzuheben. 
Hier zeigte sich aber, daß ein konstitutioneller Fürst in vielen Fällen 
mächtiger ist als ein unbeschränkter Herrscher. Die Zurücknahme eines 
übereilten Versprechens, die im konstitutionellen Staate, wenn der Reichs- 
tag zustimmt, ohne jede Schwierigkeit erfolgt, mußte dem absoluten Könige 
als eine Verletzung der Ehrfurcht gegen seinen Vater, fast als eine sitt- 
liche Unmöglichkeit erscheinen. Friedrich Wilhelm fühlte sich in seinem 
Gewissen an die alten Verheißungen gebunden, und doch sträubten sich 
alle seine Neigungen und Doktrinen wider ihre wörtliche Ausführung. 
Ihr Kernpunkt lag offenbar in der Einberufung eines regelmäßig wieder- 
kehrenden Reichstags; trat dieser nur erst als eine stehende Institution 
zusammen, in wie bescheidenen Formen immer, so mußte er sich unfehl- 
bar weiter entwickeln. Durch die Bildung der Provinzialstände hatte einst 
nicht eigentlich die Reaktion, sondern der Partikularismus gesiegt. Um 
so nötiger war es jetzt, nachdem die Provinzen in einem Vierteljahr- 
hundert sich doch leidlich zusammengefunden hatten, dem Sondergeiste der 
Landschaften ein starkes Gegengewicht zu geben, dem ganzen Volke endlich 
ein gemeinsames Arbeitsfeld zu eröffnen, auf dem sich ein bewußtes Preu- 
ßentum, eine lebendige Staatsgesinnung betätigen konnte. 
Das war es, was Preußens Nachbarn vornehmlich befürchteten. Nicht
        <pb n="41" />
        Die Verfassungsfrage. 33 
bloß Fürst Metternich und Zar Nikolaus lauschten besorgt auf jede Nach— 
richt aus Berlin. Auch König Wilhelm von Württemberg beteuerte dem 
Gesandten Rochow beständig: er sei jetzt über das konstitutionelle Wesen 
ins klare gekommen und halte die preußischen Provinzialstände für die 
beste Form der Interessenvertretung.“) Die kleinen deutschen Fürsten dachten 
nur mit Zittern und Zagen an die Möglichkeit einer preußischen Verfassung. 
Bei dem bisherigen Zustande befanden sie sich allesamt recht behaglich, weil 
sie die Unzufriedenen daheim bald durch das abschreckende Beispiel des 
preußischen Absolutismus beschwichtigen, bald mit dem Unwillen der beiden 
Großmächte bedrohen konnten; was ward aus ihrer Souveränität, wenn 
ein preußischer Reichstag die Verfassungsherrlichkeit der Kleinen sofort in 
den Schatten stellte, wenn dies durch den Zollverein schon so mächtig 
erstarkte Preußen auch noch die Bühne des deutschen parlamentarischen 
Lebens wurde und den Deutschen täglich zeigte, welch ein Stolz es ist, 
einem mächtigen Staate anzugehören? 
Für diese einigende Kraft der Reichsstände besaß aber Friedrich Wil- 
helm gar kein Verständnis, weil ihm die Energie des preußischen Staats- 
gedankens fremd blieb. Er betrachtete die schöne Mannigfaltigkeit der 
Provinzialstände als einen Triumph des historischen Prinzips und warf 
noch in den dreißiger Jahren zuweilen die Frage auf, ob man nicht die 
alten Stände der Fürstentümer Magdeburg, Münster, Paderborn als 
Kommunallandtage wiederherstellen könne. Das stand ihm fest, daß die 
Provinziallandtage der Schwerpunkt der ständischen Verfassung Preußens 
bleiben sollten; nur in außerordentlichen Fällen dachte er sie allesamt 
nach Berlin zu berufen und also, ohne neue Wahl, einen Vereinigten 
Landtag zu bilden, der schon wegen seiner Schwerfälligkeit nur selten zu- 
sammentreten konnte. Diese Gedanken entwickelte er bereits als Kron- 
prinz vor Leopold Gerlach; an ihnen hielt er mit seiner stillen Hart- 
näckigkeit fest, bis er sie nach Jahren endlich verwirklichte. Noch andere, 
rein doktrinäre Bedenken gegen die alten Verheißungen konnte er nicht 
überwinden. Eine schriftliche Verfassungsurkunde, wie sie der Vater ver- 
sprochen, erinnerte den Sohn allzusehr an Rousseau und Rotteck-Welcker; 
niemals wollte er die freie Macht seiner Krone durch einen papiernen 
Vertrag beschränken. Ebenso anstößig schien ihm die Verheißung, daß die 
Reichsstände für alle Staatsschulden die Bürgschaft übernehmen sollten; in 
Kriegszeiten wollte er eine solche Beschränkung seiner monarchischen Ge- 
walt nicht dulden. Es war eine Sorge, die nur den überfeinen Scharf- 
sinn eines ganz unpraktischen Kopfes beunruhigen konnte. Denn für die 
ersten Ausgaben eines plötzlich hereinbrechenden Krieges boten der längst 
wieder gefüllte Staatsschatz, die reichlichen überschüsse der Verwaltung, 
dazu noch die Bank und die Seehandlung vollauf genügende Mittel; und 
  
*) Rochows Bericht, 29. Febr. 1840 ff. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 3
        <pb n="42" />
        34 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
war der Krieg erst im Gange, so ließ sich von der so oft, so glorreich be- 
währten Vaterlandsliebe der Preußen mit Sicherheit erwarten, daß ihr 
Reichstag notwendige Kriegsanleihen nicht verweigern würde. 
Von solchen Zweifeln gepeinigt, hatte Friedrich Wilhelm einen be- 
stimmten Entschluß noch nicht gefunden; nur das eine sagte ihm seine 
richtige Empfindung, daß der große Augenblick der Huldigung benutzt 
werden mußte, um durch einen freien königlichen Befehl die Verfassungs- 
frage sofort zu entscheiden. Da wurde ihm zur unglücklichen Stunde 
jener Testamentsentwurf übergeben, welchen der Vater kurz vor seinem 
Ableben dem Fürsten Wittgenstein anvertraut hatte.*) Darin war vor- 
geschrieben, daß nur im Falle der Aufnahme einer neuen Anleihe ein 
Vereinigter Landtag aus 32 Abgeordneten der Provinziallandtage und 
ebenso vielen Mitgliedern des Staatsrats gebildet werden dürfte; über- 
dies verlangte der alte Herr für jede Anderung der ständischen Verfassung 
die Zustimmung der Agnaten. Daß diese Aufzeichnungen im großen und 
ganzen der Ansicht des verstorbenen Königs entsprachen, ließ sich nicht 
bestreiten. Aber sie waren rechtlich unwirksam, da sie weder Unterschrift 
noch Datum trugen, und konnten nur als ein väterlicher Rat und 
Wunsch, nicht als ein bindendes Testament betrachtet werden, obgleich das 
Allgemeine Landrecht die letztwilligen Verordnungen der Mitglieder des 
königlichen Hauses als privilegierte Testamente von den üblichen Förm- 
lichkeiten befreite; denn immer blieb die Frage offen, ob die Willens- 
meinung des Monarchen genau wiedergegeben sei. Der neue König zwei- 
felte lange, wie er sich zu den Verfügungen des Vaters zu verhalten habe; 
er ließ alles, was sie über das Hausvermögen anordneten, gewissenhaft 
ausführen und teilte das Aktenstück seinen Brüdern mit. Da erwi- 
derte ihm der Prinz von Preußen sehr ernst, die Willensmeinung des 
Vaters müsse trotz ihrer mangelhaften Form unbedingt geachtet werden, 
ohne die Zustimmung aller erwachsenen königlichen Prinzen sei fortan jede 
Verfassungsänderung unzulässig. 
Alsogemahnt entschloß sich Friedrich Wilhelm, sofort bei der Huldigung 
die beabsichtigte Einberufung des seltsamen Landtags von 64 Mitglie- 
dern anzukündigen, obgleich eine neue Anleihe zur Zeit gar nicht nötig 
war; auch eine Übersicht des Staatshaushaltes wollte er den zur Huldi- 
gung versammelten Provinzialständen vorlegen und ihnen mitteilen, daß 
er seinem treuen Volke zur Morgengabe einen Steuererlaß zu gewähren 
denke. Durch solche freie Bewilligungen — so rechnete er — würden die 
Stände leicht gewonnen werden und sich gern entschließen, dafür auf die 
verheißene regelmäßige Berufung des Reichstags zu verzichten. Waren 
dergestalt die Befehle des Vaters mit Genehmigung der Agnaten aus- 
geführt, so konnte vielleicht später einmal, nach dem Ermessen der Krone, 
*) S. o. IV. 725. 753.
        <pb n="43" />
        Das Testament des alten Königs. 35 
ein großer Vereinigter Landtag, eine Versammlung aller Provinzialstände 
einberufen werden. über diesen letzteren Plan äußerte sich der König 
vorerst noch nicht, obwohl er ihn in der Stille unverbrüchlich festhielt. 
Was er aber für die Huldigung beabsichtigte, das gab er schon zu An- 
fang Juli seinen Ministern kund und sagte in seinem Handschreiben: er 
besitze noch nicht die Autorität und das Vertrauen, welche sein Vater sich 
einst durch eine lange, gesegnete Regierung erworben hätte, darum dürfe 
er die ständische Frage nicht unentschieden lassen. Auch Boyen, Voß, 
Leopold Gerlach nahmen teil an den Beratungen, die sich durch Wochen 
hinzogen und zumal den Prinzen von Preußen tief erregten. 
Für den Vorschlag des Königs erklärte sich nur einer der Befragten, 
General Boyen. Der alte Kriegsmann sah voraus, daß die erwartungs- 
volle Stille im Volke nicht mehr lange anhalten konnte, und sagte in 
einer Denkschrift vom 8. August: „In einem solchen zweifelhaften Falle 
ist es die Hauptfrage: soll die Regierung sich drängen lassen oder die 
Initiative ergreifen?“ Uberdies erwartete er bestimmt einen neuen Krieg 
gegen Frankreich, und wie er schon im Jahre 1808 die Berufung einer 
Ständeversammlung angeraten hatte, um die Krone zum Kampfe gegen 
Napoleon zu stärken, so verlangte er auch jetzt, daß unsere bewaffnete 
Macht „geistig höher“ stehen müsse als die Heerscharen der Propaganda. 
Darum betrachtete er „diesen durch eine sonderbare Kette von Verhält- 
nissen herbeigeführten Gedanken eines ständischen Ausschusses .. als das 
beste und einfachste Mittel für unsere inneren und äußeren Staatsver- 
hältnisse... Kann jemand noch ein besseres Mittel angeben, in Gottes 
Namen! Aber für die gesetzliche Lenkung des Volksgeistes muß etwas in 
Zeiten geschehen.“ In einem Begleitschreiben rief er dem Könige zu: 
„Wir stehen gegenwärtig am Rubicon, aber der Übergang hat nicht wie 
bei Cäsar die Zerstörung zum Zweck. Nein, das Ziel ist das mutige 
Erhalten und zeitgemäße Aufbauen der vaterländischen Einrichtungen. 
Dies ist die von der göttlichen Vorsehung Eurer Majestät zugewiesene 
Aufgabe!““) So klar der General das Ziel erkannte, ebenso schwer täuschte 
er sich über die Mittel und Wege. Eine Versammlung von 32 Provinzial- 
Abgeordneten war kein Reichstag, sondern nur ein ständischer Ausschuß, 
wie sie Boyen ja auch selbst nannte; durch eine so kümmerliche, fast 
spöttische Erfüllung des alten Königswortes konnten die Preußen weder 
befriedigt noch begeistert, sondern nur aufgereizt werden zur Forderung 
ihrer verbrieften Rechte. Diese Gefahr lag so nahe, daß selbst General 
Thile, der sich anfangs zu seinem Freunde Boyen gehalten hatte, bald 
bedenklich wurde, der Prinz von Preußen aber und die anderen Minister 
allesamt den Monarch dringend warnten. 
Dergestalt bewährte Friedrich Wilhelm jetzt schon seine verhängnis- 
  
*) Boyens Denkschrift nebst Begleitschreiben an den König, 8. Aug. 1840. 
37
        <pb n="44" />
        36 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
volle Neigung, die Geschäfte an der falschen Stelle anzufassen; in bester 
Absicht verwirrte und verwickelte er die Frage also, daß beide Teile 
zugleich recht und unrecht hatten. Die Mehrzahl der Minister be— 
trachtete die ständische Gesetzgebung der Monarchie als endgültig abge— 
schlossen und verwarf jede Neuerung. Rochow vornehmlich, der vor acht- 
zehn Jahren den Verhandlungen der Notabeln über die Errichtung der 
Provinzialstände beigewohnt ?7), versicherte in einer Denkschrift zuversicht- 
lich, damals hätte „man allseitig die allgemeine Verfassungsfrage für ab- 
getan gehalten“. In ähnlichem Sinne äußerte sich Gerlach, der nachdrück- 
lich hervorhob, daß die zur Huldigung einberufenen Stände sich unmöglich 
für befugt halten könnten, eine so wichtige Angelegenheit alsbald zu ent- 
scheiden.“) Vor diesem allgemeinen Widerspruche verlor der König den 
Mut. Er legte sich nicht die Frage vor, ob es nicht ratsam sei, statt 
der geplanten bedenklichen Halbheit vielmehr eine ganze Gewährung zu 
wagen und den Preußen sogleich bei der Huldigung die Einberufung eines 
wirklichen, mit allen verheißenen Rechten ausgestatteten Reichstags anzu- 
kündigen. Für solche Pläne konnte er an Radowitz oder Canitz freudige 
Helfer finden. Da er aber durchaus selbst regieren wollte und in seinen 
Räten immer nur gleichgültige Werkzeuge sah, so kostete es ihn auch 
wenig Überwindung, sich vorderhand noch mit Ministern zu behelfen, 
welche seinen reichsständischen Absichten widerstrebten. Schon halb ent- 
schlossen, die unbequemen Pläne vorerst zu vertagen, besuchte er den be- 
freundeten sächsischen Hof und traf dort in Pillnitz, am 13. August mit 
dem Fürsten Metternich zusammen. Er besprach sich mit ihm über die 
gemeinsamen Rüstungen gegen Frankreich, über die notwendige Reform 
der Bundesverfassung, nebenbei auch über die preußische Verfassungsfrage; 
und da der Österreicher, wie zu erwarten stand, den Bedenken der preu- 
ßischen Minister lebhaft beipflichtete, so ließ der König für jetzt von seinen 
Vorsätzen ab. Also versäumte er zum ersten Male eine wunderbar günstige 
Stunde; und oft genug hat er späterhin bitterlich geklagt: „ich beweine 
eine neue verlorene Gelegenheit, wie deren so viele!!] seit Jahren 
verloren sind.7*“*) Auch jetzt schon war er keineswegs mit sich zufrieden, 
sondern sagte traurig: „man wird sehen, welche üblen Folgen das haben 
wird.“ 
Der Testamentsentwurf des alten Königs blieb also unausgeführt 
und wurde auf Befehl des Nachfolgers fortan streng geheim gehalten. 
Nunmehr faßte Friedrich Wilhelm den Plan, die Befugnisse der Pro- 
vinzialstände Schritt für Schritt zu erweitern und dergestalt durch die 
belobte organische Entwicklung die dereinstige Berufung der Reichsstände 
*) S. o. III. 237. 
**) Rochows Denlschrift, 27. Juli; eine andere Denlschrift ohne Unterschrift, offen- 
bar von Gerlach, 4. Aug. 1840. 
***) König Friedrich Wilhelm an Thile, 10. Juni 1847.
        <pb n="45" />
        Stände, nicht Volksvertreter. 37 
vorzubereiten. Denn ganz etwas anderes als die süddeutschen Kammern 
sollte Preußens künftiger Reichstag werden, nicht eine Volksrepräsentation, 
sondern eine Versammlung von Ständen, welche ihre eigenen Rechte zu 
wahren hätten, eine im historischen Rechtsboden festgewurzelte Körperschaft, 
die eben deshalb weder den befreundeten Ostmächten Anstoß geben noch 
die preußische Monarchie dem Staate der Juli-Revolution in die Arme 
treiben könnte. Ganz und gar war der König erfüllt von jener alten Gentzi— 
schen Ständelehre, welche der Fürst von Solms-Lich den Höfen neuerdings 
wieder mundgerecht vorgesetzt hatte. Er übersah, daß der konstitutionelle 
bayrische Landtag doch auch nach dem Grundsatze der ständischen Gliederung 
gebildet war, und ahnte nicht, daß jeder preußische Reichstag, wenn er nur 
mehr war als ein kleiner Ausschuß, sich selbst für eine Volksvertretung 
ansehen, die öffentliche Meinung an den Tag bringen mußte. Weltkundiger 
als der König hatte Dahlmann schon vor Jahren diese notwendige Entwick— 
lung vorausgesagt, als er in einem der schönsten Kapitel seiner „Politik“ 
ausführte: dieselbe Macht der Geschichte, welche überall an die Stelle 
der Dienste das Geld, an die Stelle der Sitte die Einsicht, an die Stelle 
der Standesmeinung eine öffentliche Meinung gesetzt habe, sie nötige, 
auch die alten Landstände zusammenzurücken zu einer Volksvertretung. 
Solche Worte konnte der König nur für revolutionär ansehen, denn der 
Führer der Göttinger Sieben warnte zugleich vor einer Doktrin, welche 
„den Staat halb als Vaterhaus, halb als Kirche übertünchen“ wolle. 
Eben diese Idee des christlich-germanischen Patrimonialstaates war 
dem Monarchen heilig; sie wollte er verwirklichen — „auf Jahrhunderte 
hinaus“, wie Fürst Solms zuversichtlich meinte — im bewußten Gegen— 
satze zu den Staaten der Volkssouveränität und der papiernen Charten. 
Darum durfte ihm auch kein Untertan einreden in seine verborgenen 
Pläne. Im buchstäblichen Sinne verstand er die Mahnung, die ihm 
Leopold Gerlach in diesen Tagen zurief: jeder König wird unfähig zu 
regieren, wenn ihn das Volk nicht mehr für einen König von Gottes Gnaden 
hält. Wie zornig hatte er vor neun Jahren auf „diesen Pumpernickel- 
Lafayette“ gescholten, als die westfälischen Stände an das Verfassungs- 
versprechen zu erinnern wagten und der junge Fritz Harkort sich durch 
seine kühne Sprache hervortat. Das Volk sollte gehorsam abwarten, 
was des Königs Weisheit ihm schenken würde; nimmermehr wollte er sich 
drängen lassen. 
Leider bekundeten jetzt schon mannigfache Anzeichen, wie wenig diese 
Regierung einem anhaltenden Drängen zu widerstehen vermochte. Zu- 
gleich mit der Verfassungssache hatte Friedrich Wilhelm auch die zweite 
der beiden großen Fragen, welche ihm sein Vater ungelöst hinterlassen 
hatte, den Bischofsstreit, ernstlich ins Auge gefaßt. Er beschloß, durch 
eine Sendung nach Rom, durch unmittelbare Verhandlungen mit dem 
Papste den Zwist beizulegen, und gestattete schon am 13. Juli dem Erz-
        <pb n="46" />
        38 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
bischof Droste, aus seiner ländlichen Heimat nach Münster überzusiedeln; 
nach Köln wollte er den Urheber des Streites auf keinen Fall zurückkehren 
lassen. Den anderen der beiden Erzbischöfe hingegen, Dunin, der noch 
rechtskräftig verurteilt in Colberg gefangen saß, dachte er sogleich wieder 
in sein erzbischöfliches Amt einzusetzen. Welch ein Mißgriff! Dunin war 
nicht nur der schuldigere der beiden Prälaten, da er ganz ohne Not ein seit. 
Jahrzehnten anerkanntes Gesetz eigenmächtig aufgehoben hatte; er gehörte 
auch einer Provinz an, welche durch ihre Unbotmäßigkeit ebenso bekannt 
war wie das Rheinland durch seinen gesetzlichen Sinn und sich längst ge- 
wöhnt hatte, jede Tat königlicher Milde als deutsche Schwäche zu ver- 
spotten. Während am Rhein die Ruhe fast nirgends gestört wurde, nahmen 
in Posen die Kundgebungen lärmenden Zornes kein Ende: die Geistlichen 
verbreiteten ein Lied: „den Hirt und Vater raubt man seinen Kindern, 
den heil'gen Glauben will man uns entreißen.““) Gerade diesen schlech- 
testen Untertanen Preußens, den Polen widmete Friedrich Wilhelm eine 
schwärmerische Zärtlichkeit. Er konnte nie vergessen, daß Platen ihn einst 
in den Polenliedern um Schutz für „das Volk der Leiden“ angefleht und 
ihm zugerufen hatte: 
Triumphe sind wie Niederlagen, 
Wenn ihre Frucht besteht in Klagen. 
Im grenzenlosen Haß der Welt. 
Mit den Radziwills und Raczynskis verband ihn alte Freundschaft. Durch 
Großmut hoffte er die Großmütigen, die in Wahrheit nur begehrlich 
waren, zu versöhnen. 
Daher wurde schon am 17. Juli Geh. Rat Aulicke, ein hartkatho- 
lischer Westfale, der fortan in Preußens Kirchenpolitik noch lange eine 
verhängnisvolle Rolle spielen sollte, an den Gefangenen gesendet. Die 
verschmitzten Augen des glatten kleinen Polen leuchteten, er zerfloß in Dank- 
barkeit und versprach in einem höchst untertänigen Schreiben, fortan Treue 
und Frieden zu wahren. Darauf gestattete ihm der König die Rückkehr und 
sprach zugleich die Hoffnung aus: „Es wird Mich freuen, durch die Be- 
tätigung Ihrer gegen Mich ausgesprochenen Verheißungen Mich bald in 
den Stand gesetzt zu sehen, Sie an Meinem Hoflager zu empfangen.“) 
Die Heimkehr erfolgte, um Aufsehen zu vermeiden, am späten Abend des 
5. August; aber natürlich hatte einer der adligen Vertrauten des Erzbischofs, 
Lipski, die Nachricht schon vorher verbreitet, so gestaltete sich denn die Ein- 
fahrt zu einem brausenden Triumphzuge, und es frommte wenig, daß der 
König dem Herrn v. Lipski nachträglich seinen Unwillen aussprechen ließ. 
  
*) Bericht des Ministerialverwesers v. Ladenberg an den König, 3. Aug. 1840. 
*“) Instruktion für Aulicke, 17. Juli; Aulickes Bericht, 27. Juli; Dunin an den König, 
24. Juli; Kabinettsordre an Dunin, 29. Juli 1840. 
*“*) Ladenbergs Bericht an den König, 6. Aug.; Kabinettsordre an Ladenberg, 
7. Aug. 1840.
        <pb n="47" />
        Begnadigung Dunins. 39 
Am nächsten Tage erklangen in allen Kirchen des Erzbistums wieder die 
Glocken und die Orgeln, die wegen der Gefangenschaft des Oberhirten bis— 
her geschwiegen hatten. Die Stadt Posen veranstaltete eine große Erleuch— 
tung zur Feier der Amnestie für die politischen Verbrecher, und wochenlang 
strömten Tag für Tag Hunderte von Andächtigen zu dem befreiten Mär— 
tyrer. Dunin versäumte auch nicht in Gnesen einzuziehen, wo ihm die 
Bauern die Pferde vom Wagen spannten; einer Pilgerschar, die zu der 
schwarzen Mutter Gottes von Czenstochau, der Regina Regni Poloniae 
wallfahrtete, erteilte er feierlich seinen Segen. So verhöhnte der Be- 
gnadigte die deutsche Staatsgewalt ins Angesicht; der so lange durch Flott- 
wells Strenge niedergehaltene Deutschenhaß regte sich wieder, während 
dieser Saturnalien polnischer Siegestrunkenheit wurde der erste Keim ge- 
legt für die Aufstände der nächsten Jahre. Unterdessen ließ der ver- 
söhnliche Hirtenbrief, welchen Dunin dem Monarchen versprochen hatte, 
noch immer auf sich warten. Erst nach langen peinlichen Verhandlungen 
mit der Regierung ?) kam ein geschraubtes und gewundenes Rundschreiben 
zu stande (27. Aug.): den Geistlichen wurde zwar untersagt, das förmliche 
Versprechen katholischer Kindererziehung zu fordern, anderseits aber völlig 
frei gestellt, ihre Mitwirkung bei der Abschließung gemischter Ehen zu 
verweigern. Die Entscheidung über die gemischten Ehen lag also fortan 
ausschließlich in der Hand des römischen Klerus; in Posen wie vorher 
schon am Rhein hatte der Staat völlig nachgegeben.) 
Damit die Posener Verhältnisse wieder in ruhigen Gang tämen, ver- 
langte der König, daß die beiden alten Gegner, Dunin und der Oberpräsi- 
dent Flottwell sich versöhnen sollten. Flottwell erklärte sich auch bereit, 
die ihm anempfohlene Selbstverleugnung zu üben; der treue Mann ahnte 
schon, die Zeit des festen und gerechten deutschen Regimentes werde unter 
dem neuen Könige nicht mehr lange währen. Dunin dagegen weigerte sich 
den ersten Schritt zu tun, was ihm, dem Verurteilten, doch unzweifelhaft 
zukam. Der Oberpräsident, so versicherte er dem Könige, hätte ihn gar 
zu schlecht behandelt: „Die dadurch hervorgerufenen Gefühle auszutilgen 
vermag ich nicht, denn wenngleich Priester bin ich doch ein Mensch, und 
ein Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird.“ Zugleich fragte er ganz 
verwundert, warum man ihn noch immer nicht zum Krönungsfeste nach 
Königsberg eingeladen habe.*“*“) Vergeblich suchte ihn Oberst Willisen, 
ein dem Könige nahestehender, mit dem polnischen Adel eng befreundeter 
Offizier, mindestens zur Wahrung des äußeren Anstandes zu bewegen; 
vergeblich erinnerte ihn Minister Rochow, im Auftrage des Monarchen, 
an die Christenpflicht der Versöhnlichkeit. Dunin blieb bei seinem Trotze; 
  
*) Ladenberg an Dunin, 25. Aug. 1840. 
**) S. o. IV. 700. — 
*) Dunin an den König, 24. Aug.: an Ladenberg, 22. Aug. 1840.
        <pb n="48" />
        40 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
er hatte mit sarmatischer Schlauheit längst erkannt, daß er dieser Regierung 
alles bieten durfte.“) In der Tat ließ ihn der König zur Krönung an 
das Hoflager entbieten und gab sich der angenehmen Hoffnung hin, der 
Prälat würde den versäumten Besuch bei Flottwell späterhin noch nachholen. 
Dort in Königsberg umringte den Erzbischof alsbald der polnische Adel 
und begrüßte ihn als einen Vorkämpfer der Nation; mit höchster Dreistig- 
keit ward unter den Augen des Königs ausgesprochen, jetzt sei es Zeit, den 
Deutschen Flottwell zu stürzen. Die öffentliche Meinung zeigte sich in 
diesen polnischen Dingen völlig urteilslos; sie war längst gewöhnt, in 
jedem politischen Gegner der Regierung einen ehrwürdigen Märtyrer zu 
sehen, und pries dankbar die Milde des neuen Herrschers. 
Unterdessen wurden die Zurüstungen getroffen für die Huldigung 
in Königsberg. Sie sollte mit besonderer Feierlichkeit erfolgen; denn es 
geschah zum ersten Male, daß ein König von Preußen als völlig sou- 
veräner Herr aller seiner Lande den Thron bestieg. In dem alten 
Ordenslande hatte sich der verhaltene Parteihaß der letzten Jahre neuer- 
dings noch mehr verschärft, seit General Wrangel, als Nachfolger des 
fein gebildeten taktvollen Natzmer, an die Spitze des ersten Armee- 
korps getreten war. Die ostpreußischen Kürassiere fühlten sich hoch ge- 
ehrt, wieder unter die Befehle des kühnen Reitersmannes zu kommen, 
der sie einst im Befreiungskriege so ruhmvoll geführt hatte. Der Ober- 
präsident Schön aber vermochte in seinem Bildungshochmut weder die 
militärischen Verdienste noch die humoristische Gutmütigkeit des derben, 
polternden, streng konservativen Pommern zu würdigen; er verabscheute 
ihn ebenso gründlich wie den orthodoxen Generalsuperintendenten Sar- 
torius und nannte ihn „das öffentlich dastehende Standbild der Stupi- 
dität und Unkultur“. Der Haß der Männer ergriff auch die Frauen- 
welt Königsbergs: hier Schöns Freundin, die geistreiche, liebenswürdige, 
ganz demokratisch gesinnte Freiin Florentine v. Brederlow, dort seine 
feindliche Schwägerin Frau v. Bardeleben mit den Gottseligen des ver- 
rufenen Muckerkreises. Schöns Partei aber behauptete entschieden das 
Übergewicht. Durch seine langjährige Verwaltung fest mit dem Lande 
verwachsen, schien er vielen ehrwürdig, anderen schreckhaft, den meisten 
unentbehrlich; er beherrschte fast das gesamte Beamtentum und den 
größten Teil des Landadels, desgleichen die hierzulande weit verbreiteten 
Freimaurer und den ganzen Lehrerstand, der noch durchaus vom Geiste 
des alten Dinter erfüllt war. Mit den Gelehrten stand er von jeher 
auf gutem Fuße. Die akademische Jugend endlich verehrte ihn, nach 
der Legende der Provinz, als den bürgerlichen York, der auch in Zukunft 
der Vorkämpfer altpreußischer Freiheit bleiben müsse; denn seit kurzem 
war auf der Albertina das politische Leben etwas reger geworden, bei 
  
*) Willisens Bericht an den König, 12. Aug. Rochow an Dunin, 29. Aug. 1840.
        <pb n="49" />
        Schön und die Altpreußen. 41 
den alljährlichen Belle-Alliance-Festen auf dem Galtgarbenberge verherr— 
lichten Dickert, Falkson und andere jugendliche Redner die künftige preußi— 
sche Verfassung. Als nun die Kunde von dem Thronwechsel kam, da 
fanden die verhaltenen Wünsche den Atem wieder; die Provinz hoffte, 
alles werde jetzt anders und besser werden, die einen erwarteten ein 
unbestimmtes politisches Glück, andere eine Erleichterung des Druckes der 
russischen Grenzsperre, fast alle aber sahen in Schön den Staatsmann 
der Zukunft. 
Und mochte er es auch ableugnen, unmöglich konnte er selbst solchen 
Hoffnungen fremd bleiben. Wie oft hatte er, alle diese Jahre über, ein 
Kabinett, „das vor dem Volke stehe“, gefordert. Die bisherigen Minister 
schienen ihm allesamt verächtlich, am verächtlichsten Rochow, der sein un- 
glückliches Wort vom beschränkten Untertanenverstande der altpreußischen 
Stadt Elbing zugeschleudert und also den reizbaren Provinzialstolz töd- 
lich beleidigt hatte. Diesen Abscheu erwiderten die Beamten der Berliner 
Zentralstellen, ohne Unterschied der Partei, aus Herzensgrunde; sie alle 
hatten unter Schöns schroffer Tadelsucht viel gelitten und oft beklagt, daß 
der alte König ihm alles nachsah. Der liberale Kühne, der mit dem 
erklärten Gegner des Zollvereins in beständiger Fehde lebte, sagte in 
seinen Erinnerungsblättern geradezu: „Nie hat, soweit meine Bekannt- 
schaft reicht, das Prinzip der Lüge und Falschheit eine vollständigere Ver- 
körperung erlangt als in diesem Manne.“ War es nicht natürlich, daß 
Schön diese seine geschworenen Feinde durch Männer seines Vertrauens 
zu verdrängen hoffte? Mit dem neuen Könige verband ihn eine lang- 
jährige Freundschaft, die allerdings, wie vormals Friedrich Wilhelms Ver- 
hältnis zu Niebuhr, nicht auf wirklicher Gesinnungsgemeinschaft ruhte, also 
ernste Prüfungen schwerlich aushalten konnte. In seinen sittlichen Grund- 
anschauungen hatte der rationalistische Kantianer, der Gegner der histori- 
schen Schule mit demchristlich germanischen Monarchen wenig gemein. Seit 
seinen Kämpfen mit den Muckern war Schön in seinem Aufklärungs-Eifer 
immer fanatischer geworden und behauptete jetzt geradezu: „das rohe 
Gefühlsleben in den Formen der positiven Kirche schließt die Intelligenz 
aus;“ stolz stellte er der Heuchelei der Jesuiten, Herrnhuter und Pietisten, 
die ihm alle gleich galten, sein eigenes „einfaches Christentum“ ent- 
gegen, obwohl er in seiner Selbstüberhebung die christlichen Tugenden 
der Liebe, der Demut, der Wahrhaftigkeit mehr und mehr verlernte. Aber 
beide waren mit Niebuhr befreundet gewesen und erwärmten sich gern 
an den großen Erinnerungen des Befreiungskrieges, beide schwärmten für 
England, beide liebten leidenschaftlich das tapfere Volk des Ordenslandes 
und haßten die Bureaukratie der Hauptstadt; auch hatten sie schon oft zu- 
sammengearbeitet, bei dem Wiederaufbau der Marienburg und nachher i in 
den ständischen Angelegenheiten. Dem Kronprinzen war es immer eine 
Freude, wenn er, gestützt auf das Fürwort des Oberpräsidenten, die An-
        <pb n="50" />
        42 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
träge des preußischen Landtags im Staatsministerium verteidigen konnte; 
in den letzten Jahren glaubte er mit Schön ganz eines Sinnes zu sein, 
da sie beide, freilich aus sehr verschiedenen Gründen, die Kirchenpolitik 
der Krone entschieden mißbilligten. Er freute sich an den immer beleben— 
den Gesprächen des geistreichen, vielerfahrenen Staatsmannes und entwarf 
sich von ihm nach seiner Künstlerweise ein ideales Bild, ohne zu bemerken, 
wie dicht Freimut und Verschlagenheit, dynastische Treue und parteiische 
Willkür, Vaterlandsliebe und Eitelkeit in diesem seltsamen Geiste bei— 
einander lagen. Schöns Reformpläne gingen so weit nicht, wie die liberale 
Presse der kleinen Nachbarstaaten wähnte, die ihn jetzt beharrlich als 
Volksmann und antiken Charakter verherrlichte; ein preußischer Reichstag 
von etwa hundert Köpfen schien ihm genügend, bei der großen politischen 
Unerfahrenheit des Volks. Nur eine rasche Entscheidung hielt er mit Recht 
für notwendig. Zauderte die Krone, dann mußte sie durch den preußischen 
Landtag ehrerbietig an die alten Verheißungen erinnert werden. Von 
seinem geliebten Königsberg war einst die Befreiung des Landvolks und 
die Erhebung gegen Napoleon ausgegangen; warum sollte sich nicht noch- 
mals aus diesem eigentlichen Königreiche Preußen ein Strom des Lichtes 
über Seiner Majestät übrige Länder ergießen? 
Am 29. August hielt das Königspaar seinen Einzug in der alten 
Krönungsstadt. Die Schlächter ritten voran, nach dem Vorrechte, das sie 
sich hier, wie in Berlin, vor alters durch rühmliche Kriegstaten erkämpft 
hatten. Die anderen Innungen bildeten Spalier in den reichverzierten 
hochgiebligen Gassen, die Schiffe auf dem Pregel prangten im Flaggen- 
schmuck. Der König kam zu Roß neben dem Wagen seiner Gemahlin 
daher und beantwortete die Anrede des Bürgermeisters mit wohlgewählten 
herzlichen Worten. Stürmisch, endlos erklangen die Jubelrufe aus den 
Massen; die Kinder ließen sich nicht halten und drängten sich an den 
Herrscher heran, der gütig lächelnd die kleinen Krausköpfe streichelte; es 
schien, als könnte nie mehr ein Mißklang das patriarchalische Verhältnis 
zwischen Fürst und Volk stören. Die nächsten Tage verbrachte der König 
bei den Übungen der Truppen, auf Ausflügen in das schöne Samland 
und bei mannigfachen Festlichkeiten. Mittlerweile versammelten sich am 
5. Septbr. die preußischen Landstände. Sie waren durch eine Kabinetts- 
ordre v. 15. Juli einberufen und beauftragt, vor der Huldigung die bei- 
den Fragen zu beantworten: ob eine Bestätigung ständischer Privilegien 
zu beantragen und ob eine besondere Vertretung des Herrenstandes bei 
der Huldigung zu erwählen sei? Die erste dieser Fragen mußte, obwohl 
sie sich nur an althergebrachte Formeln anschloß, unter den gegenwärtigen 
Umständen den Eindruck machen, als wollte der König selbst die Stände 
zu einer Außerung über die Verfassungsfrage auffordern; Friedrich Wil- 
helm bemerkte die Gefahr nicht, weil er damals noch beabsichtigte, den 
Ständen selber die Berufung eines allgemeinen Landtags, nach den Plä-
        <pb n="51" />
        Der Königsberger Landtag. 43 
nen des Vaters, anzukündigen. Inzwischen hatte er seine Absicht geändert, 
und da er jetzt mit leeren Händen kam, so verschuldete er selbst, was er 
doch verhindern wollte: daß die Krone von ihrem treuen Volke gedrängt 
wurde. 
Schön eröffnete den Landtag als königlicher Kommissar. Er gedachte 
zunächst des verstorbenen Königs und der jedem ostpreußischen Herzen 
teueren Reformperiode, welche „den letzten Rest der Sklaverei“ vernichtet 
habe. In seiner klug berechneten Rede, die er überdies noch durch eine 
Denkschrift näher begründete, legte er sodann den Ständen die Antwort in 
den Mund, welche sie auf die Fragen des neuen Herrschers zu geben hätten: 
er riet ihnen, dem Könige, nach ihrem alten Ehrenrechte, das herkömm— 
liche Huldigungsgeschenk von 100 000 Gulden anzubieten, dagegen auf die 
Vertretung eines besonderen Herrenstandes zu verzichten, auch auf die 
Bestätigung ihrer alten, aus der trüben Zeit der Klöster und der Zünfte 
stammenden Privilegien keinen Wert zu legen. Diese Ratschläge des 
mächtigen Oberpräsidenten eigneten sich die Landstände fast wörtlich an. 
Da er durch Brünneck, die Brüder Auerswald und andere Getreue die 
Versammlung vollkommen beherrschte, so läßt sich mit Sicherheit annehmen, 
daß er auch an allem, was nun folgte, insgeheim teilnahm; den Schein 
der amtlichen Zurückhaltung wußte er freilich so vorsichtig zu wahren, daß 
er nachher jede Mitwirkung in Abrede stellen konnte. Der Kaufmann 
Heinrich aus Königsberg, ein wohlmeinender, gemäßigt liberaler Mann, 
der nur dies eine Mal eine Rolle in der Geschichte Preußens spielen und 
nachher bald wieder vergessen werden sollte, beantragte nunmehr, den König 
um die Erfüllung der alten Verfassungsversprechen zu bitten. Im Sinne 
dieses Antrags wurde darauf eine ständische Denkschrift ausgearbeitet. Die 
Feder führte der ritterschaftliche Abgeordnete Alfred v. Auerswald, ein 
Sohn jenes wackeren alten Oberpräsidenten, der einst, noch vor der be- 
freienden Gesetzgebung des Staates, zuerst die Hörigkeit auf seinen Gütern 
aufgehoben hatte. Wie sein Bruder, der jetzt als Oberbürgermeister der Lan- 
deshauptstadt ebenfalls dem Landtage angehörte, war Alfred Auerswald 
vor Jahren auf dem Schloßhofe der alten Königsberger Ordensburg der 
tägliche Spielgefährte der königlichen Prinzen gewesen und ihnen seitdem 
in treuer Freundschaft verbunden geblieben. 
In diesen Brüdern Auerswald, in dem zweiten Landtagsmarschall 
Saucken-Tarputschen, in Brünneck, Bardeleben und der großen Mehr- 
zahl der anderen adligen Landstände Altpreußens offenbarte sich zur all- 
gemeinen Überraschung eine neue politische Kraft, die man seither ganz 
übersehen hatte, weil sie sich im Stillleben der Provinziallandtage verlor. 
Die alten Adelsgeschlechter des Südens hatten bisher in ihrer großen 
Mehrzahl sich entweder dem neuen politischen Leben der Nation grollend 
ferngehalten oder sich der ultramontanen Partei angeschlossen, weil sie 
die Gewalttaten der rheinbündischen Tage nicht verschmerzen konnten;
        <pb n="52" />
        44 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
und es war nur menschlich, daß der starke Bürgerstolz der Oberdeutschen 
adlige und reaktionäre Gesinnung fast für gleichbedeutend hielt. Hier 
aber trat ein patriotischer Adel hervor, fest verwachsen mit seinem Staate, 
königstreu durch und durch, stolz auf die kriegerischen Erinnerungen der 
schwarz-weißen Fahnen des Deutschen Ordens und des Königreichs Preußen, 
und dabei altväterisch einfach, unabhängig, freimütig bis zur Schroffheit, 
bei weitem nicht so radikal wie die Kammerredner des Südens, immerhin 
sehr empfänglich für die liberalen Ideen des Zeitalters. Wer diesen Männern 
herzhaft in die Augen sah, der mußte erkennen, daß Preußen an gesunden 
konservativen Kräften genug besaß, um eine notwendige Reform getrost 
wagen zu können — wenn nur der König selber voranschritt. In den 
Verhandlungen des Landtags trat die politische Unreife der Zeit oft genug 
zu Tage; Heinrich selbst wußte in seinem Antrage zwischen der Asse- 
kurationsakte des großen Kurfürsten und den neuen königlichen Verhei- 
Pßungen, die doch auf einem ganz anderen staatsrechtlichen Boden standen, 
noch nicht scharf zu unterscheiden. Aber keine einzige unehrerbietige Auße- 
rung wurde laut, alle wetteiferten in Beteuerungen unverbrüchlicher Treue, 
und mitten unter unklaren, leeren Reden fiel doch schon das entscheidende 
Wort, worauf alles ankam: der preußische Reichstag werde dem Könige 
das sicherste und vielleicht einzige Mittel darbieten, die durch Raum, 
Sprache und Sitte vielfach getrennten Stämme seines Volks zu einen. 
Nach ernster, gründlicher Beratung genehmigte die Versammlung am 
7. Sept. mit 89 gegen 5, durchweg adlige, Stimmen die Denkschrift, 
welche den König um die Aufrechterhaltung und Vollendung der von seinem 
Vater neugegründeten verfassungsmäßigen Vertretung des Landes bat. Der 
Landtag gab sich der Hoffnung hin, daß Se. Majestät nicht anstehen würde, 
„das fortdauernde Bestehen der Provinzialstände, und in den Wegen des 
Vaters wandelnd, die verheißene Bildung einer Versammlung von Landes- 
repräsentanten Ihrem getreuen Volke allergnädigst zuzusichern“. Die Stände 
sagten nichts, was ihnen nicht zustand, sie gaben nur eine ehrerbietige 
Antwort auf eine königliche Frage, und wenn eine solche öffentliche Mahnung 
das Ansehen der Krone allerdings leicht gefährden konnte, so trug die 
Schuld der König selbst, der nicht verstanden hatte, zur rechten Zeit die 
rechte Entscheidung zu geben. Durch diesen Beschluß ward das Eis ge- 
brochen, der vor siebzehn Jahren notdürftig beschwichtigte preußische Ver- 
fassungskampf von neuem entfesselt. 
Am Hofe fühlte man dies sogleich. Allgemein war die Entrüstung. 
Der Prinz von Preußen, der noch ganz in den streng absolutistischen 
Grundsätzen des Vaters befangen war, richtete, sobald er von dem Vor- 
haben der Stände erfuhr, noch am 7. Sept. einen scharfen Brief an 
Schön: „Es ist in meinen Augen die höchste Illoyalität, einem neuen 
Souverän beim Antritt seiner Regierung Garantien abzufordern; und 
wenn selbst der selige König 1815 solche in Aussicht stellte, so blieb es
        <pb n="53" />
        Ständische Denkschrift. Landtagsabschied. 45 
seiner Weisheit sowohl als der seiner Nachfolger vorbehalten, die Zeit zu 
bestimmen, wenn sie in Ausführung kommen sollten. Daß der selige 
König außerdem seit Einführung der Provinzialstände an jener weiteren 
Ausdehnung der ständischen Verhältnisse nicht gearbeitet hat, beweist wohl, 
wie in allem, sein tiefer und richtiger praktischer Blick, der ihn in der 
Modernität solcher Institutionen ringsum im Auslande nur Nachteil, 
Unruhe, Unzufriedenheit erblicken ließ Anklang würde es bei allen 
finden, die Umsturz des Bestehenden wollen, die Selbstsuchts-Nährer sind 
und ihrer Eitelkeit frönen. Bei solchen Menschen populär zu sein, ist 
nicht meine und nicht der wahren Patrioten Sache.“ Schön antwortete 
beschwichtigend: der Prinz möge der Sache keine Wichtigkeit beilegen, die 
ständische Denkschrift enthalte nichts Gefährliches, überhaupt könne ein 
preußischer Landtag nie etwas beschließen, was dem Wohle des Königs 
zuwider sei.*') Mittlerweile setzte auch Minister Rochow alle Hebel ein, 
um den König gegen die Stände einzunehmen. 
Als Schön am folgenden Tage im Schlosse erschien, fand er den 
König sehr aufgebracht und schon halb entschlossen, den Landtag schnöde 
abzufertigen. Auf das Zureden des alten Freundes beruhigte sich Fried- 
rich Wilhelm allmählich und gestand: er wolle ja dasselbe wie die Stände, 
aber zur rechten Zeit und nach seinem eigenen freien Ermessen; er deutete 
auch einiges an von dem Plane eines großen Vereinigten Landtages, der 
ihn im stillen immer beschäftigte. Im Vorzimmer sagte Schön nachher 
zu Alexander Humboldt — wer will entscheiden, ob aus kluger Berech- 
nung, oder in der Freude der ersten Überraschung?: — „der König ist 
noch liberaler als ich.“ Diese Außerung wurde natürlich sofort über- 
all verbreitet, und Schön, der in diesen Tagen mannigfache Beweise 
königlicher Gnadc, den schwarzen Adlerorden und den Titel eines Staats- 
ministers empfing, galt bei allen Ostpreußen schon für den unvermeid- 
lichen Nachfolger des Ministers Rochow. Immerhin bewirkte Schöns 
Vermittlung, daß der Landtagsabschied v. 9. Sept. eine sehr freundliche 
Form erhielt.') Der König sagte darin: sein Vater habe, bewogen durch 
die in anderen Ländern wahrgenommenen Ergebnisse, sein königliches 
Wort in reifliche Erwägung gezogen und demgemäß beschlossen, „von den 
herrschenden Begriffen sogenannter allgemeiner Volksvertretungen sich fern 
haltend“, sein Wort einzulösen durch die Einführung der „provinzial= und 
kreisständischen Verfassung. „Dieses edle Werk treu zu pflegen und einer 
immer ersprießlicheren Entwicklung entgegen zu führen“, sei dem neuen 
  
*) Prinz v. Preußen an Schön, 7. Sept. 1840. Antwort 8. Sept. früh. 
**) Die Darstellung Schöns (Aus den Papieren III. 137) ist offenbar gefärbt und 
lückenhaft. Der wirkliche Hergang ergibt sich aus dem Briefe des Prinzen von Preußen 
aus den Andeutungen A. v. Auerswalds (Der preußiche Huldigungslandtag i. J. 1840, 
S. 32 f.), endlich aus den mündlichen Erzählungen Schöns an Frl. v. Brederlow, die 
mir von guter Hand mitgeteilt sind.
        <pb n="54" />
        46 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
Herrscher „eine der wichtigsten und teuersten Pflichten des königlichen 
Berufes“. 
Bitte des Landtags war also abgeschlagen, der König stellte 
nicht einmal für die Zukunft irgend etwas Bestimmtes in Aussicht, da. 
es ihm gegen die Ehre ging, sich von vorwitzigen Untertanen treiben 
zu lassen. Darum fühlte sich auch Zar Nikolaus sichtlich erleichtert; 
er dankte seinem Schwager, weil die dornige Verfassungsfrage „ein= für 
allemal“ abgetan sei.) Die Abweisung erfolgte jedoch in so gnädigem 
Tone, und Schön wußte seinen Landsleuten von den freisinnigen Ab- 
sichten des Monarchen so viel Herrliches zu erzählen, daß die Stände 
# in der Tat glaubten, der Landtagsabschied enthalte, weil er doch von der 
Entwicklung des Bestehenden spreche, mindestens eine halbe Gewährung. 
Sie begrüßten die Verlesung des Aktenstückes mit freudigen Hochrufen. 
So ward der Grund gelegt für ein verhängnisvolles wechselseitiges Miß- 
verständnis. Wer hätte auch jetzt, da der Jubel des beginnenden Hul- 
digungsfestes alles übertäubte, noch die Stimmung gewonnen zu ruhigem 
Nachdenken? Ohnehin konnte sich der Landtag keineswegs auf eine feste 
durchgebildete Volksüberzeugung stützen. Da Parteien noch nicht bestanden, 
so mochten sich manche der Landstände bei dem Beschlusse wenig gedacht 
haben, nur die Führer der Mehrheit waren sich ihres Zweckes bewußt. 
Aber auch die fünf Stimmen der Minderheit des Landtags besaßen in 
der Provinz einen starken Anhang. Siebenundzwanzig der zur Huldi- 
gung einberufenen adligen Grundbesitzer traten noch am 8. Sept., ge- 
führt von dem Grafen Dohna-Schlobitten zusammen, um gegen die Denk- 
schrift des Landtags Verwahrung einzulegen: sie seien, so versicherten sie 
dem Könige, mit den bestehenden Provinzialständen vollauf zufrieden und 
wünschten keine Neuerung. 
Im Volke fragte noch niemand nach diesen politischen Gegensätzen, 
alles dachte nur an den königlichen Gast und wie man ihn verherrlichen 
sollte. Am Abend des 9. Sept. gab die Provinz dem Monarchen ein 
prachtvolles Fest; in lebenden Bildern traten die großen Gestalten der 
reichen Landesgeschichte auf; Männer aller Stände und aller Richtungen 
wirkten einträchtig zusammen; der liberale Theolog Cäsar v. Lengerke 
hatte die begleitenden Verse gedichtet, die der junge Jurist Eduard Simson 
mit klangvoller Stimme vortrug. Am folgenden Tage versammelten sich 
die Deputierten der Provinzen Preußen und Posen zur Huldigung; mehr 
denn zwanzigtausend Menschen standen in dem weiten Hofe und an den 
Fenstern des Schlosses zusammengedrängt; der königliche Thron prangte 
auf einem Altane, von dem eine mächtige Freitreppe in den Hof hinab- 
führte. Der Kanzler und der Landtagsmarschall des Königreichs Preu- 
ßen hielten ihre Ansprachen in der herkömmlichen Weise; nur der 
  
*) Liebermanns Bericht, 29. Sept. 1840.
        <pb n="55" />
        Huldigung in Königsberg. 47 
Posener Landtagsmarschall Graf Poninski versagte sich's nicht sehr deutlich 
zu erinnern an „die erhabenen, väterlichen Worte des großen Königs“, der 
seinen polnischen Untertanen verheißen habe, ihnen Volkstümlichkeit und 
Sprache zu wahren. Als darauf die Eidesformel verlesen wurde, klang 
plötzlich durch die feierliche Stille grell und schneidend, wohl zehnmal 
wiederholt, der Warnungsruf eines wahnsinnigen Weibes: Schwört nicht, 
schwört nicht! Der unheimliche Eindruck der Störung ward aber sogleich 
vergessen, als der König vom Throne aufstand und, die Rechte feierlich 
erhoben, vor allem Volke gelobte, ein gerechter Richter, ein treuer, sorg— 
fältiger, barmherziger Fürst, ein christlicher König zu sein. Dann pries 
er in hochbegeisterten Worten dies Preußen, seine Wehrhaftigkeit ohne— 
gleichen und die Einheit von Fürst und Volk: „So wolle Gott unser 
preußisches Vaterland sich selbst, Deutschland und der Welt erhalten! 
Mannigfach und doch eines. Wie das edle Erz, das aus vielen Metallen 
zusammengeschmolzen, nur ein einziges edelstes ist, keinem anderen Roste 
unterworfen als dem verschönernden der Jahrhunderte.“ Unbeschreiblich 
war die Wirkung dieses rhetorischen Meisterwerkes, das wie alle Werke 
geborener Redner den Hörenden noch viel herrlicher erschien als später— 
hin den Lesenden; fast niemand fragte nüchtern, ob denn alle diese 
schwungvollen Beteuerungen, alle diese prächtigen Bilder irgend einen 
greifbaren politischen Inhalt hätten. Einer der neuen politischen Lyriker, 
der Student Rudolf Gottschall sang: 
Das Volk 
Steht wie Danae in heißem Wollustsehnen, Glutverlangen, 
Seiner Worte goldnen Regen in dem Schoße zu empfangen! 
Alles schwamm in Freuden, und noch einige Tage hindurch währte der 
bacchantische Taumel. 
Währenddem zeigte sich aber schon wieder die mühsam verhaltene poli— 
tische Feindseligkeit. Umsonst hatte Graf Poninski seine rührsamen Be— 
merkungen über die treuen Polen nicht ausgesprochen. Die polnischen Abge— 
ordneten berieten untereinander über eine Adresse an den König, und da 
sie, wie gewöhnlich, nicht einig wurden, so erbat sich Graf Eduard Raczynski 
als alter Freund Friedrich Wilhelms eine Audienz. Mit sarmatischer Fein— 
heit wußte er die weiche Stimmung der Königs, der jetzt ganz in Tränen 
der Rührung zerfloß, zu benutzen und hielt ihm noch einmal alle die schon 
so oft auf den Provinziallandtagen besprochenen Klagen der Polen vor: der 
weiße Adler und der Name eines Großherzogtums würden der Provinz 
versagt, das Deutschtum bevorzugt, die polnische Sprache in den Schulen 
wie bei den Behörden zurückgesetzt, von polnischen Beamten nur eine kleine 
Zahl angestellt. Es war, trotz der ehrerbietigen Form, eine scharfe An— 
klage gegen das Regiment des tapferen Flottwell.“) Der König verlangte 
  
*) Denkschriften von Grolman und Flottwell, 6.Okt., von Thile, 23. 29. Dez. 1840.
        <pb n="56" />
        48 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
zunächst genauere Beweise, doch man merkte ihm an, daß seine Polen ihn 
schon halb gewonnen hatten. 
Nicht ganz so gnädig behandelte er die preußischen Landstände, als 
sie ihm am 11. Sept. ihren treuherzigen Dank für den Landtagsabschied 
aussprechen ließen. Sie sagten in ihrer Adresse: „Fester noch, ist es 
möglich, als vorher ist das Demantband gezogen, welches um Preußens 
königlichen Herrscher und sein treues Volk sich schlingt.“ Der König aber 
hielt den Abgesandten eine lehrhafte, an feinen Bemerkungen reiche An— 
sprache, welche leider die allgemeine Verwirrung nur steigern konnte. 
Auf das lebhafteste versicherte er seinen Widerwillen gegen alle auf Per— 
gament geschriebenen Staatsgrundgesetze und hob hervor, England biete, 
kraft einer ganz eigenartigen Geschichte, das einzige Beispiel einer glück— 
lichen konstitutionellen Verfassung. So sagte er wohl, was er nicht wollte; 
was er selbst beabsichtigte, blieb im Dunkeln. Begreiflich daher, daß als- 
bald sehr verschiedene Berichte über seine Rede umliefen, und Rochow in 
der Königsberger Zeitung erklären ließ, die Worte des Königs seien miß- 
verstanden worden. Inzwischen reiste Friedrich Wilhelm ab, und nun ent- 
spann sich ein häßlicher Zeitungskrieg, an dem auch mehrere Mitglieder 
jener letzten ständischen Abgesandtschaft teilnahmen. Jedermann fühlte, 
daß Rochow und Schön hinter den Streitenden standen; die Nebenbuhler 
bekämpften einander durch die Federn dritter, beide mit der gleichen Hef- 
tigkeit persönlichen und politischen Hasses. Endlich erwirkte Rochow, 
daß ihn der König durch Kabinettsordre vom 4. Okt. beauftragte, die Königs- 
berger Verhandlungen bekannt zu machen, „um jeder irrigen Ansicht ent- 
gegenzutreten, als ob ich meine Zustimmung zu dem Antrage auf Ent- 
wicklung der Landesverfassung im Sinne der Verordnung vom 22. Mai 
1815 ausgesprochen hätte“. Die Ordre sagte im Grunde nur das näm- 
liche wie der Landtagsabschied, doch sie sagte es in scharfem, schneidendem 
Tone und zerstörte mit einem Schlage alle die holden Träume der Ost- 
preußen. Wie Schuppen fiel es ihnen von den Augen, sie glaubten sich 
in dem Könige getäuscht zu haben, und von Stund' an erhob die Oppo- 
sition, die während der Festtage fast verschwunden gewesen, wieder ihr 
Haupt. Schön aber, der die Hoffnung noch nicht aufgab, verbreitete ge- 
flissentlich das Gerücht, diese unzweifelhaft die Herzensmeinung Friedrich 
Wilhelms aussprechende Ordre habe Rochow dem Monarchen durch Über- 
raschung abgelistet. 
Außerhalb Ostpreußens bemerkte man von diesem unerquicklichen 
Nachspiele gar nichts; so gering war noch, dank den Provinzialständen, 
der politische Verkehr zwischen den Landesteilen der Monarchie. Die Ber- 
liner wollten sich nicht gedulden bis zu dem zweiten Huldigungsfeste, das 
in der Hauptstadt von den Vertretern aller deutschen Bundeslande des 
Königs abgehalten werden sollte, sondern verlangten das Herrscherpaar 
schon bei seiner Heimkehr festlich zu begrüßen, und Friedrich Wilhelm
        <pb n="57" />
        Einzug in Berlin. 49 
willfahrte dem Wunsche durch eines jener geistreichen, mehr blendenden 
als überzeugenden Schlagworte, mit denen er zu spielen liebte. Er 
meinte, sein Vater, der so viel für das Land getan, hätte bescheiden sein 
dürfen, er selber habe sich dies Recht noch nicht erworben. Der Einzug 
erfolgte am 21. Sept., vom Frankfurter Tore her, unter Glockengeläute 
und Kanonendonner, als ob der König aus einem siegreichen Kriege zu— 
rückkäme. Schwungvolle Reden und Gedichte beteuerten die unbegrenzte 
Ergebenheit „der getreuesten Stadt des Landes“. Ehrenpforten, Fahnen, 
Kränze allüberall, und in den Volksmassen ein rasender Jubel, wie ihn 
Berlin selbst bei der Rückkehr der Befreiungskämpfer nicht gehört hatte. 
Als der König, ganz erschöpft von dem Übermaße der Freuden, endlich 
die Schloßtreppe hinaufstieg, sagte er ahnungsvoll zum Oberbürgermeister 
Krausnick: „Das ist ja ein Taumel, eine wahre Trunkenheit. Wenn nur 
der Katzenjammer nicht nachkommt!“ 
Schon lange vor dem 15. Oktober, dem Tage der großen Huldigung 
trafen die Abgeordneten, alle froh erregt, in der Hauptstadt ein. In 
diesem heiteren geselligen Verkehr lernten sich die Vertreter der verschiedenen 
Provinzen zum ersten Male persönlich kennen und sie entdeckten mit freu- 
digem Erstaunen, daß sie trotz so mancher Unterschiede doch allesamt 
gute Preußen waren. Aber während die landschaftlichen Vorurteile sich 
abschliffen, bestanden die alten sozialen Gegensätze noch in ungeminderter 
Schärfe fort. Das zeigte sich bei einer geringfügigen Etikettenfrage. Die 
brandenburgische Ritterschaft besaß von alters her das Vorrecht, den Treu- 
cid persönlich in die Hand des Landesherrn abzuleisten, ein Recht, das 
sie noch bei der letzten Huldigung ausgeübt hatte. Da der König seine 
treuen Märker unmöglich eines alten Ehrenrechtes berauben konnte, so 
beschloß er, die sämtlichen Vertreter des Herrenstandes und der Ritter- 
schaft aus den sechs Provinzen in seinen Gemächern zu empfangen; die 
Abgeordneten der Städte und des Bauernstandes sollten nachher unter 
freiem Himmel, im Lustgarten huldigen, weil die Räume des Schlosses 
dafür nicht ausreichten. Die Anordnung war ganz harmlos gemeint; 
doch sie erregte unter den Vertretern der Städte eine lebhafte Entrüstung, 
die von der liberalen Presse außerhalb Preußens geflissentlich geschürt 
wurde. Durch eine solche Bevorzugung des Adels fühlte sich der Bürger- 
stolz beleidigt. Oberbürgermeister Francke von Magdeburg versuchte mit 
Hilfe des Grafen Stolberg zu vermitteln, und der König stellte den 
Städten frei, eine Deputation in das Schloß zu senden. Die märkischen 
Ritter andererseits erklärten, nach ihrem guten Rechte, sie würden wohl auf 
Befehl des Monarchen, doch nimmermehr freiwillig ein Privilegium 
ihres Landes aufgeben. Die Städter versammelten sich nunmehr zu 
einer Beratung im Grauen Kloster, und Rochow, der hier sehr mild 
und versöhnlich auftrat, bewog sie schließlich, sich bei der ursprünglichen 
Anordnung zu beruhigen. Aber während der Verhandlung fielen starke, 
v. Treitschke, Deutsche. Geschichte. V. 4
        <pb n="58" />
        50 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
fast drohende Worte, und man machte die überraschende, auch für die 
Zukunft bedeutsame Erfahrung, daß die Abgeordneten aus dem Westen, 
die man allgemein wegen ihres Radikalismus fürchtete, den ganzen Streit 
sehr leicht nahmen, während die Vertreter von Frankfurt, Breslau, Prenz- 
lau und anderen Städten der alten Provinzen ihren lang verhaltenen 
Adelshaß heftig aussprachen.?) 
Das alles verhallte bald in dem unermeßlichen Jubel des Huldigungs- 
festes. Der König nahm zunächst im Schlosse den Eid der Fürsten, der 
Geistlichkeit, der Ritterschaft entgegen und beteuerte ihnen, daß sie nicht 
eine sogenannte glorreiche Regierung zu erwarten hätten, die mit Ge- 
schützesdonner und Posaunenton die Nachwelt ruhmvoll erfülle, sondern 
eine einfache, väterliche, echt deutsche und christliche Regierung. Alsdann 
begab er sich auf den in Gold und Purpur prangenden Anbau des 
Schlosses, wo der Thron stand: gegenüber die flaggengeschmückten Tribünen 
für die Vertreter der Städte und des Bauernstandes; dazwischen tief unten 
die Innungen der getreuen Hauptstadt mit ihren Fahnen; ringsum an den 
Fenstern und auf den Dächern des mächtigen Platzes eine ungeheuere 
Menschenmasse, alles in musterhafter Ordnung. Noch bevor der Hul- 
digungseid den beiden untersten Ständen abgefordert wurde, stand der 
König vom Throne auf, um abermals, noch ausführlicher und eindring- 
licher als in Königsberg, zu seinem Volke zu reden. Er gelobte im Sinne 
des Vaters, als ein gerechter und friedfertiger König zu regieren, und 
fragte sodann alle die Anwesenden: „Wollen Sie mir helfen und bei- 
stehen, die Eigenschaften immer herrlicher zu entfalten, durch welche Preußen 
mit seinen vierzehn Millionen den Großmächten der Erde zugesellt ist? — 
nämlich: Ehre, Treue, Streben nach Licht, Recht und Wahrheit, Vorwärts- 
schreiten in Altersweisheit zugleich und heldenmütiger Jugendkraft? Wollen 
Sie in diesem Streben mich nicht verlassen noch versäumen, sondern 
treu mit mir ausharren durch gute und durch böse Tage — o, dann 
antworten Sie mir mit dem klaren, schönsten Laute der Muttersprache, 
antworten Sie mir ein ehrenfestes Jal“ Unbeschreiblich war der Ein- 
druck dieser Worte, in denen sich Friedrich Wilhelms Künstlerseele wie 
mit elementarischer Gewalt entlud. Der schönste Laut der Muttersprache 
ertönte aus Tausenden ehrlich begeisterter Herzen; selbst ein heftiger 
Regenschauer, der plötzlich herniederprasselte, störte die allgemeine Ver- 
zückung nicht. Und nun rief der König: „Dies Ja war für mich, das 
ist mein eigen, das lass' ich nicht, das verbindet uns unauflöslich in 
gegenseitiger Liebe und Treue, das gibt Mut, Kraft, Getrostheit, das 
werde ich in meiner Sterbestunde nicht vergessen!“ Darauf erst ward der 
gesetzliche Huldigungseid geleistet, und die stürmische Begeisterung dieses 
  
*) Nach den Aufzeichnungen Kühnes, der hier die sehr ausführlichen Mitteilungen 
seines vertrauten Freundes Francke wiedergibt.
        <pb n="59" />
        Huldigung in Berlin. 51 
unvergeßlichen Augenblicks hielt noch mehrere Tage hindurch an, bis zum 
Ende der prächtigen, überaus geschmackvollen Festlichkeiten. 
Was diese treuen Royalisten in Berlin erregte, war trotz der Ver- 
schiedenheit der politischen Gesinnung im Grunde doch nur derselbe Drang 
nach großen Worten und großen Empfindungen, der einst die Volks- 
redner des Hambacher Festes beseelt hatte. Die lyrische Stimmung der 
goldenen Tage unserer Dichtung war noch immer nicht verflogen. Die 
Berliner wie vordem die Hambacher Festgenossen wollten, nach einer stillen, 
allzu nüchternen Zeit, ihrem starken patriotischen Gefühle einmal Luft 
machen. Wie die staatlosen Pfälzer sich nach einem Vaterlande irgendwo# 
in den Wolken sehnten, so freuten sich die Preußen ihres glorreichen, 
waffengewaltigen Staates. Und wie einst in Hambach die treuherzige 
Begeisterung des deutschen Gemüts durch radikale Zuchtlosigkeit getrübt 
wurde, so ward jetzt in Berlin durch die mächtige Aufwallung wahr- 
haftiger Königstreue auch der ekle Bodensatz jener Bedientengesinnung 
emporgewirbelt, welche selbst in edlen Monarchien niemals völlig fehlt 
und bei Thronwechseln sich in ihrer ganzen Niedertracht zu zeigen pflegt. 
Manche der Festredner und Huldigungsdichter wußten gar kein Maß zu 
halten in ihren schmeichlerischen Lobsprüchen für einen König, dessen Taten 
alle noch der Zukunft angehörten. Salbungsvolle Theologen priesen den 
Chrysostomus auf dem Throne, und Ludwig Tieck sang gar: 
Was sind Triumpheszüge 
Der Cäsarn, aller der Imperatoren, 
In römischer Tyrannenzeit geboren 
Ja selbst des Heldenjünglings stolzer Siegeszug 
Der bis zum fernen Ganges seine Waffen trug? 
— Darf man sie wohl vergleichen 
Mit unsers Fürsten Zug durch seine Gauen, 
Wo Lieb' ihm und Vertrauen 
In Feld und Wald und Stadt in allen Reichen 
Entgegentrat, und Freudenträn' ihm glänzte, 
Und stark und männlich groß er sich bekränzte, 
Statt Lorbeer mit dem Laub der vaterländ'schen Eichen? 
Das Buch „der Preußen Huldigungsfest“, worin der alte Geheimrat 
Streckfuß die Festlichkeiten der beiden Hauptstädte und der Provinzen 
schilderte, konnte von freien Männern nur mit gemischten Gefühlen be- 
trachtet werden; es war der Untertänigkeit gar zu viel in allen diesen 
Kundgebungen preußischer Treue, und der wackere Verfasser selbst verfiel 
zuweilen in einen byzantinischen Ton, den sich unter dem nüchternen, 
jeder Schmeichelei unzugänglichen alten Könige niemand erlaubt hatte. 
Immerhin mußte jedermann beim Lesen dieser Festberichte empfin- 
den, wie stark und volksbeliebt Preußens Krone dastand. Graf Maltzan 
meldete aus Wien immer wieder, Metternich könne das Gefühl einer 
Eifersucht, „welche eigentlich dem vergangenen Jahrhundert angehören 
sollte“, nicht unterdrücken; vornehmlich beunruhigte den Staatskanzler die 
47
        <pb n="60" />
        52 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
Königsberger Rede des Posener Landtagsmarschalls, weil sie die Polen in 
Warschau und Lemberg aufwiegeln müsse. Der greise Erzherzog Karl 
hingegen sagte zu Maltzan hocherfreut: die Reden des Königs haben den 
öffentlichen Geist geweckt, „ich erhoffe davon das gemeinschaftliche Wohl 
des deutschen Vaterlandes.“*) Welch ein Abstand doch zwischen diesem fest- 
gewurzelten deutschen Königtum und der Monarchie der Juli-Revolu- 
tion! An dem nämlichen Tage, da dem preußischen Könige das jauch- 
zende Ja seiner Getreuen entgegenscholl, richtete in Paris ein Mordge- 
selle — es war seit zehn Jahren der fünfte — die tödliche Waffe gegen 
Ludwig Philipp. Und war es nicht auch ein Triumph für die Sache 
des Königtums, daß sie einen so glänzenden persönlichen Vertreter fand? 
Bisher hatten die Liberalen sich im alleinigen Besitze der Bildung und 
der Beredsamkeit gewähnt, da die trockenen Geschäftsmänner der kleinen 
Regierungen als Redner gegen die Wortführer der Opposition nur 
selten aufkamen. Jetzt trat ein gekröntes Haupt auf, das durch den Adel 
seiner Rede und die Fülle seiner Bildung den Liberalismus ganz zu ver- 
dunkeln schien. Die strengen Hallerianer frohlockten über die so plötz- 
lich wieder erstarkte Macht des Königtums von Gottes Gnaden. Nun 
endlich, rief das Berliner Wochenblatt, wird dem revolutionären Reprä- 
sentativsystem des Auslands etwas Positives entgegengestellt, der Patri- 
monialstaat: „Derjenige müßte den Irrlehren der neuzeitlichen Staatslehre 
bis zum Stumpfsinn verfallen sein, wer ein dürftiges Schreibwerk, was 
die Fürsten und Völker einander mißtrauisch gegenübergestellt, diesen im 
Angesicht Gottes und der Menschen übernommenen Verpflichtungen vor- 
ziehen wollte.“ 
Aber nach den unmäßigen Ubertreibungen der Huldigungstage 
mußte in einem verständigen Volke sehr bald der Rückschlag eintreten. 
Die Ernüchterung zeigte sich zuerst in den Kreisen der strammen Mon- 
archisten. Sie empfanden die überschwengliche Verherrlichung des Sohnes 
als eine Undankbarkeit gegen den Vater, und man bemerkte bald, wie 
nachdrücklich der Prinz von Preußen in seinen Anreden an die Offiziere 
immer wieder die unvergeßlichen Verdienste des verstorbenen Königs 
hervorhob.*) Eben diesen Männern, die mit ihren Schwüren kein Spiel 
treiben wollten, drängte sich unabweisbar die Frage auf: was es denn 
eigentlich bedeuten sollte, daß der neue König außer dem Huldigungs- 
eide, der ihm von Rechts wegen gebührte, noch ein zweites Versprechen 
gefordert hatte? Wer in solcher Weise ein freies Ja von seinen Unter- 
tanen erbat, der gab ihnen auch das gefährliche Recht, nein zu sagen. 
Und war denn wirklich durch jenes feierliche Ja eine neue, über die all- 
gemeine Untertanenpflicht hinausgehende Verbindlichkeit begründet wor- 
  
*) Maltzans Berichte, Okt. Nov. 1840. 
**) Bergers Bericht, 6. Jan. 1841.
        <pb n="61" />
        Eindruck der königlichen Reden. 53 
den? Der König selbst glaubte es fest; er meinte, durch jene Fragen, 
die er den Huldigenden gleichsam über den Kopf geworfen, sei eine ganz 
eigenartige Verbindung zwischen ihm und seinem Volke entstanden, höchst— 
persönlich! wie einst das Verhältnis der mittelalterlichen Fürsten zu ihren 
Fideles. Immer wieder kam er darauf zurück. Noch fünf Jahre später, 
als die Magdeburger Stadtbehörden scharf, aber in gesetzlicher Form, 
einer seiner kirchenpolitischen Anordnungen widersprachen, ließ er ihnen 
die zornige Frage stellen: „ob das die Erfüllung des feierlichen Hul- 
digungsversprechens sei, mir beizustehen, mir treu zu helfen auf meiner 
schweren Bahn 9/7) 
Jenes rührende Gelöbnis, das er doch nur plötzlich, fortgerissen von 
der Größe des Augenblicks, halb erzwungen hatte, bestärkte ihn also in 
der unseligen Neigung, politische Gegner als persönliche Feinde, ja als 
Abtrünnige oder Meineidige zu behandeln. Sobald man nur erst anfing 
ruhig nachzudenken, mußte jedermann einsehen, daß die hochtönenden 
Reden des Königs keinen einzigen politischen Gedanken enthielten: sie ver- 
kündeten nur den Anbruch einer neuen Zeit und sagten schlechterdings 
nicht, was diese Zukunft bringen sollte. Darum meinte der kluge schlesische 
Fabrikant Milde trocken, der König sei ein großer Komödiant — was er mit 
Absicht niemals war. Billiger urteilte Friedrich v. Gagern; er sagte: solche 
Pfarrerspredigten, Domines Pratjes, bezeichnen nicht den Mann der Tat! 
Der Wind der Volksgunst setzte plötzlich um, am raschesten in der Haupt- 
stadt. Die Berliner schämten sich, so viel Gefühl gezeigt zu haben, und 
nun da sie sich wieder auf sich selbst besannen, begannen sie dem Fürsten 
zu zürnen, der sie durch den Zauber seiner Persönlichkeit verführt hatte, 
ihre eingefleischte ungemütliche Altklugheit einmal zu verleugnen. Je 
stürmischer in den Festtagen der Enthusiasmus aufgebraust war, um so 
behaglicher entfalteten sich nunmehr alle Unarten des Berlinertums: 
die Klatscherei, das kleinliche Afterreden, das Besserwissen in allem und 
jedem. Mit einer Boshbeit, die an die schmählichen Zeiten des Tilsiter 
Friedens erinnerte, wurde alles, was von oben kam, bekrittelt, verhöhnt, 
heruntergerissen; und schon zeigten manche Schritte des Königs, wie 
unsicher er sich im Regiment fühlte. In Königsberg hatte er bei den 
üblichen Adelsverleihungen empfohlen, daß der neue Titel nur mitsamt 
dem Grundbesitze der Familie auf den ältesten Sohn übergehen sollte; 
er mußte jedoch, wie vormals sein Schwager Ludwig von Bayern, die 
Erfahrung machen, daß dieser wohlgemeinte Versuch, englischen Adelsbrauch 
in Deutschland einzubürgern, auf den unüberwindlichen Widerstand alt- 
nationaler Sitten und Unsitten stieß. Bereits bei der Berliner Huldigung 
sah er sich genötigt, die neue Anordnung abzuändern, weil die alten Edel- 
leute einen bloß an der Scholle haftenden Adelstitel nicht für voll an- 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 29. Mai 1846.
        <pb n="62" />
        54 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
sahen. Die Berliner aber begrüßten fortan jede Niederlage ihres Königs 
mit lauter Schadenfreude; sie verspotteten sich selbst wegen der Begeisterung 
der Huldigungstage und übersetzten die damals so oft gehörten Worte: „das 
gelobe und schwöre ich“ mit dem anmutigen Satze: „dat jlobe ik schwerlich.“ 
Die nächsten Wochen brachten einige wichtige Berufungen. Geh. 
Rat Eichhorn wurde zum Nachfolger Altensteins ernannt, und seine 
Beförderung befriedigte das Publikum; denn obwohl die in der Politik 
gründlich unwissenden Hauptstädter nie ein Wort davon erfahren hatten, 
was dieser Mann für die Geschichte des Zollvereins bedeutete, so wußten 
sie doch durch das Stadtgerede, daß er in Wien als Demagog verrufen 
war; und überdies besaß er ein Verdienst, das die Stadt der Intelligenz 
einem Minister sehr hoch anrechnete: er war bürgerlich. Auch die Be- 
rufung der Gebrüder Grimm an die Berliner Akademie fand allgemeine 
Zustimmung. Mit Albrecht ward ebenfalls verhandelt; er lehnte jedoch 
ab, aus Dankbarkeit gegen seine sächsischen Gönner. Man konnte nicht 
leugnen, daß der König die hochherzige Absicht hegte, die Mißhandlung 
der Göttinger Sieben zu sühnen. Die Freude währte nicht lange, denn 
zur selben Zeit ward der Schwager der Grimms, Hassenpflug an das 
Berliner Obertribunal berufen. Der hatte seit seinen hessischen Mißge- 
schicken erst in Sigmaringen, dann in Luxemburg als Minister gewirkt 
und sich in der Westmark redlich bemüht, die Unabhängigkeit des deutschen 
Großherzogtums gegenüber dem niederländischen Königreiche zu sichern. 
Niemand rechnete ihm das an; er war und blieb der öffentlichen Mei- 
nung der kurhessische Reaktionsminister. Obwohl er nur ein seiner großen 
juristischen Befähigung durchaus entsprechendes Richteramt erhielt und 
niemals auf den Gang der inneren preußischen Politik irgend eine Ein- 
wirkung ausübte, so befürchtete man doch sogleich das Argste, da er 
mit den Gerlachs befreundet war. Ein Gedicht kam in Umlauf, zu singen 
nach der Melodie des neuen Rheinliedes: 
Wir wollen ihn nicht haben, 
Den Herrn von Haß und Fluch! 
Scheinheiliger Gespiele 
Im frommen Höflingstroß, 
Der Stolberg, Gerlach, Thile, 
Der Radowitz und Voß. 
In solchem Tone redeten die Berliner schon über die Umgebung 
ihres Königs, als der tolle Jubel des Huldigungsfestes noch kaum verhallt 
war. Die Verse ließen zugleich erraten, wo der Grund dieser gehässigen 
Opposition lag. Politische Parteien kannte die Hauptstadt noch kaum, 
die sich noch immer mit Vorliebe über Ballettänzerinnen, Opern und 
Klaviervirtuosen unterhielt. Doch sie war die Stadt Nicolais, und ihre 
selbstgefällige Aufklärung, die sich nach Umständen mit jedem beliebigen 
christlichen oder jüdischen Mantel schmücken konnte, trug jetzt die Farben 
der Junghegelianer. Wer den Epigonen Hegels widersprach, war verfemt.
        <pb n="63" />
        Hassenpflug. Stahl. 55 
Das mußte der Münchner Julius Stahl erfahren, da er in diesen Tagen 
als Nachfolger des früh verstorbenen Gans den Lehrstuhl des Staats- 
rechts an der Universität übernahm. Ein getaufter Jude wie Gans, war 
er, anders als jener, von den Glaubenswahrheiten des Christentums 
tief durchdrungen und sah in der Burschenschaft, der er sich mit Be- 
geisterung anschloß, immer nur eine christlich-germanische Verbrüderung. 
Herangereift widerlegte er in dem ersten, kritischen Teile seiner Rechts- 
philosophie mit siegreicher dialektischer Kraft die Lehren des Naturrechts in 
allen ihren Verzweigungen und war jetzt eben dabei, das Ideal der stän- 
dischen Monarchie, das er keineswegs engherzig auffaßte, nach den An- 
schauungen der historischen Rechtsschule systematisch auszugestalten. Wenn 
er an seinem kleinen Tische saß, den Bleistift in der Hand, nichts vor 
sich als ein Blatt weißen Papieres, dann schien er die Gedanken allein 
aus sich heraus zu spinnen. Ein Zug von überfeinem Scharfsinn lag 
in ihm, auch eine fanatische Ader, die späterhin, als die Gegensätze sich 
schärfer zuspitzten, ihre Kraft zeigen sollte. Aber ernst und streng, ohne 
jeden persönlichen Ehrgeiz lebte er ganz der politischen Idee, die ihm die 
wahre schien; darum blieb er auch den Brüdern Grimm, die mit dem 
genialen Instinkt ihrer erhabenen Einfalt sich immer nur an reine Men- 
schen anschlossen, allezeit treu befreundet. Als Redner dem Vorgänger 
mindestens ebenbürtig, übertraf er ihn bei weitem durch Tiefsinn und 
Schärfe der Gedanken. Und wie pöbelhaft ward er empfangen; die 
Hegelianer hatten sich verschworen, den gefürchteten Gegner des Natur- 
rechts aus dem Hörsaale hinauszuscharren. Der schmächtige kleine Mann 
mit den glitzernden Augen und den blassen scharfgeschnittenen orienta- 
lischen Gesichtszügen hielt aber tapfer aus, Stunde für Stunde; er 
zwang die Hörer ihm zu lauschen und erreichte wirklich, daß seine Vor- 
lesungen durch lange Jahre die bestbesuchten der Hochschule blieben. 
Schlimmer als solche unliebsame Berufungen wirkte der Zustand 
unbefriedigter Erwartung. Man hatte nach allen den großen Worten 
der Huldigungsfeier so zuversichtlich gehofft, daß irgend etwas Außer- 
ordentliches sich ereignen müsse, und da nun zunächst gar nichts geschah, 
so wuchs, zum Erschrecken schnell, von Tag zu Tag die grämliche Ver- 
drießlichkeit. In diesen Tagen der Verstimmung unternahm Schön noch- 
mals dem Monarchen seine helfende Hand zu reichen. Er lebte mit Ro- 
chow in unaufhörlicher Fehde; der König aber, der als Selbstherrscher 
die Zwistigkeiten seiner Werkzeuge mit gutmütiger Geringschätzung zu be- 
trachten pflegte, suchte die Streitenden — so drückte er sich aus — immer 
wieder zusammenzuleimen, da er beide noch zu benutzen gedachte und die 
Königsberger Vorgänge sein Vertrauen auf Schön keineswegs erschüttert 
hatten. Mittlerweile erschien in einer Berliner Buchhandlung ein Bild 
des alten Königs, mit einer Ehrentafel seiner Großtaten, unter denen auch 
das von Schön verfaßte politische Testament Steins aus dem Jahre 1808
        <pb n="64" />
        56 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
prangte. Dies Testament bezeichnete Schön selbst als sein Lieblingskind, 
auf diesen Rechtstitel begründete er vornehmlich seinen historischen Ruhm. 
Als er im Jahre 1817 die Bildung eines konstitutionellen Ministeriums 
vorschlug, wurde dies längst vergessene Aktenstück zum ersten Male von 
unbekannter Hand in einem liberalen Blatte veröffentlicht*); und bei 
einiger Menschenkenntnis durfte man wohl vermuten, daß auch diesmal, 
bei der wiederholten feierlichen Vorführung des Lieblingskindes, jene liberalen 
Schriftsteller und jungen Freimaurer, welche jederzeit zu Schöns Ver- 
fügung standen, irgendwie mitgewirkt hatten. Die liberale Presse benutzte 
natürlich die willkommene Gelegenheit, um die undankbare Mitwelt an 
die Verdienste des ostpreußischen Staatsmannes zu erinnern; die Polizei- 
behörden aber wurden ängstlich und ließen das gefährliche Bild aus den 
Buchläden entfernen. Nunmehr sendete Schön dem Könige das Faksimile 
der Urkunde, das allerdings bewies, daß er selbst jene Abschiedsworte 
Steins im wesentlichen verfaßt hatte; in seinem begleitenden Briefe 
suchte er den doktrinären, unbestimmten Sätzen des Testamentes einen 
möglichst harmlosen Sinn unterzulegen. « 
So hatte er alles umsichtig für den Hauptschlag vorbereitet. We— 
nige Tage nachher schickte er dem Monarchen eine anonyme Schrift 
von sechs Druckseiten: Woher und Wohin? Ihr leitender Gedanke war 
entlehnt aus einem Artikel über das Preußentum, welchen Arnold Ruge 
kürzlich unter der Maske „eines Württembergers“ in den Deutschen Jahr— 
büchern veröffentlicht hatte. Schön hielt diesen Aufsatz für ein Werk von 
Strauß und eignete sich daraus die Behauptung an, daß Preußen als 
Staat bisher katholisch geblieben sei, von einem politischen Priesterstande 
geleitet werde. In starken Zügen führte er aus, der große Friedrich hätte 
einst ein „kaum denkfähiges Volk“ vorgefunden und durch seine Diener- 
schaft zu erziehen gesucht; diese Dienerschaft aber habe sich mit der Zeit 
überhoben, insbesondere den Grundadel durch eine unerträgliche Bevor- 
mundung erbittert, das ganze Volk am Gängelbande geleitet, die Städte- 
ordnung wie die Provinzialstände verkümmert, die Landwehr „dem Beam- 
ten-Militär“ näher gebracht. Deshalb seien die vor dem Volke stehenden 
begüterten Männer des Königsberger Landtages aufgetreten, um „General= 
Stände“ zu fordern, welche einen großen Teil der Verwaltung sich zu- 
eignen, die Zahl der Beamten vermindern, Verschwendungen entgegen- 
treten, die Landwehr wieder dem Volke annähern, allen Kabalen und 
Polizeikünsten ein schnelles Ende bereiten und, kraft ihrer Kenntnis der 
Volksverhältnisse, auch die Meinung des Volks stets für sich haben würden. 
„Nur durch General-Stände — so schlossen die Blätter — kann und wird 
in unserem Lande ein öffentliches Leben entstehen und gedeihen .. Wenn 
man die Zeit nicht nimmt, wie sie ist, und das Gute daraus ergreift und 
  
*) S. p. I. 330. II. 199 ff.
        <pb n="65" />
        Woher und Wohin? 57 
es in seiner Entwicklung fördert, dann straft die Zeit.“ In dieser nach— 
drücklichen Mahnung und in der Persönlichkeit des Verfassers lag die 
einzige Bedeutung der Blätter; von eigentümlichen Gedanken enthielten 
sie nichts, und obwohl die beständigen Ausfälle auf „die Dienerschaft“ un— 
verkennbar auf Friedrich Wilhelms persönliche Abneigung berechnet waren, 
so mußten doch der absprechende Ton der Darstellung, die hochmütige 
Verunglimpfung der gesamten Vergangenheit Preußens, und vollends 
gar die Berufung auf die heidnischen Junghegelianer den König in tiefster 
Seele verletzen. Darum meinte sein Vertrauter Geh. Rat v. Voß, als 
er mit Erstaunen den Namen des Verfassers erfahren hatte: „Ich fand 
die Schrift sehr albern und riet auf einen Querkopf von Gutsbesitzer. 
Aus Schöns Stellung heraus liegt aber in der Abfassung einer solchen 
Schrift etwas völlig Verrücktes, und das hat mir ganz melancholische 
Empfindungen gemacht.“ 2) 
Aber wie ungeschickt immer, diese Blätter waren zweifellos Schöns 
Ministerprogramm; er wollte dadurch entweder den König gewinnen, oder, 
wenn dies mißlang, durch die Forderung der Reichsstände ein weithin 
leuchtendes Panier aufstecken, das die zerfahrene, ratlose Opposition des 
Landes um sich sammeln sollte. Der Gedanke war wohl berechtigt, nur 
mit der Stellung eines Oberpräsidenten kaum vereinbar. Späterhin be- 
hauptete Schön freilich, sein Woher und Wohin? hätte nur als eine ge- 
schichtliche Urkunde dienen sollen, um den Kulturstand des Königreichs 
Preußen im Jahre 1840 der Nachwelt zu überliefern. Doch unmöglich 
konnte der welterfahrene alte Staatsmann glauben, eine solche Schrift von 
solchem Verfasser würde auf die Dauer geheim bleiben, nachdem sie in der 
Königsberger Hofbuchdruckerei gedruckt, an mehrere Archive verteilt und 
fünf Freunden von sehr verschiedener politischer Gesinnung vertraulich 
zugesendet worden war. Der König selbst hielt diese Geheimhaltung für 
undenkbar und antwortete dem Oberpräsidenten am 26. Dez. sehr offen- 
herzig, jetzt sei eine Prüfungszeit für ihre alte Freundschaft eingetreten. 
„Woher und Wohin? gefällt mir nicht.“ Das Woher, die historische 
Darstellung hätte so kurz nach dem Tode des alten Königs anders ge- 
faßt werden müssen; das Wohin aber „wird Ihren Freunden Leid, Ihren 
Feinden Frohlocken bereiten“. Dann hielt er ihm alle die unbedachten 
liberalen Redensarten der Schrift vor: daß die Landwehr wie ein Heer 
der Volksvertreter dem Heere der Krone entgegengestellt würde, daß die 
Generalstände sich die Verwaltung zueignen sollten: „die Perspektive ist 
ermutigend für mich!“ Darauf betonte er nochmals den Grundgedanken 
seiner über allem Untertanen-Vorwitz erhabenen Politik: „Ich fühle 
mich ganz und gar von Gottes Gnaden und werde mich so mit Seiner 
Hilfe bis zum Ende fühlen. Glauben Sie mir's auf mein königliches 
  
*7) Voß an Thile, 31. Dez. 1840.
        <pb n="66" />
        58 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
Wort: zu meiner Zeit wird sich kein Fürst, kein Bauernknecht, kein Bauern- 
knabe, kein Landtag und keine Judenschule etwas, was dermalen mit 
Recht oder Unrecht bei der Krone ist, zueignen, wenn ich es nicht 
zuvor gegeben habe.. Glanz und List überlasse ich ohne Neid so- 
genannten konstitutionellen Fürsten, die durch ein Stück Papier dem Volke 
gegenüber eine Fiktion, ein abstrakter Begriff geworden sind. Ein väter- 
liches Regiment ist deutscher Fürsten Art, und weil die Herrschaft mein 
väterliches Erbteil, mein Patrimonium ist, darum hab' ich ein Herz zu 
meinem Volke, darum kann ich und will ich unmündige Kinder leiten, 
entartete züchtigen, würdigen wohlgeratenen aber an der Verwaltung 
meines Gutes teilgeben, ihnen ihr eigenes Patrimonium anweisen und 
sie darin vor Diener-Anmaßung schützen.“ Endlich befahl er dem Freunde, 
die Schrift nicht in den nächsten ostpreußischen Landtag hineinzuwerfen, 
wo sie nur Unheil stiften könne; nachher möge sie immerhin erscheinen, 
doch nur unter Schöns eigenem Namen.“) 
Der Brief gereichte dem milden Herzen des Königs zur Ehre, nicht 
seinem politischen Verstande; denn verwarf er die Gedanken der Schrift, so 
durfte Schön nicht länger mehr an der Spitze einer Provinz bleiben, deren 
Stimmung täglich schwieriger ward. Doch im Grunde der Seele wünschte 
er ja selbst die von Schön verlangten Reichsstände, nur in anderer Weise, 
und da er den teueren Freund nicht kränken wollte, so entschied er end- 
lich, obgleich Schön zweimal seine Entlassung anbot, am 1. Jan. 1841, 
daß der Oberpräsident als sein Freund und Bevollmächtigter das amt 
des königlichen Kommissars bei dem nächsten Landtage übernehmen solle. 
Also blieb Schön im Amte, und über ihm stand Rochow. Der konnte 
sich das boshafte Vergnügen nicht versagen, dem Oberpräsidenten zu be- 
deuten: eine gefährliche Schrift Woher und Wohin? sei im Umlaufe, 
gegen den unbekannten Verfasser müsse man einschreiten, sobald man ihn 
erkundet habe. In einem groben Antwortschreiben bekannte sich Schön 
als Verfasser und beteuerte, die Schrift sei nicht für die Offentlichkeit 
bestimmt. “) Wie sollten diese beiden Todfeinde einträchtig zusammen- 
wirken? Die Verfassungsfrage erschien immer rätselhafter und verwor- 
rener. Auf den ersten Weckruf des preußischen Landtags war jetzt schon 
der zweite gefolgt, das Banner der Reichsstände flatterte in den Lüften, 
und wenn die Krone sich nicht rechtzeitig entschloß, so konnte keine Macht 
der Welt mehr hindern, daß eine in Preußen unerhörte Bewegung von 
unten her anhob. 
*) König Friedrich Wilhelm an Schön, 26. Dez. 1840. Aus diesem wichtigen Briefe 
werden in Schöns Papieren (III. 154) nur einige einleitende Worte mitgeteilt. Die 
Hauptsätze hat der Herausgeber unterdrückt. Sie stehen allerdings in gar zu grellem 
Widerspruche mit der dreisten Behauptung Schöns (III. 153)" der König hätte sich 
„im Geiste“ von Woher und Wohin? gegen Flottwell geäußert. 
**) Rochow an Schön 19. Dez., Antwort 23. Dez. 1840.
        <pb n="67" />
        Flottwells Sturz. 59 
Inzwischen begannen Poninskis Königsberger Rede und die Beschwer- 
den des Grafen Raczynski ihre Frucht zu tragen. Raczynski verbreitete 
unter dem polnischen Adel eine Bittschrift, welche seine mündlichen Auße- 
rungen wiederholte, und sendete zugleich dem Monarchen die Belege für 
seine Klage.)) Poninski aber, der bei der Huldigung den Grafentitel 
und mannigfache Gnadenbeweise erhalten hatte, bezeigte seinen Dank, 
indem er an der Spitze von fünfzehn anderen polnischen Edelleuten dem 
Minister Rochow die unglaubliche Zumutung stellte: der zu Recht be- 
stehende Posener Landtag müsse aufgelöst werden, damit bei den Neuwahlen 
auch die soeben begnadigten Hochverräter aus den dreißiger Jahren mit- 
wirken könnten.) 
Über diese polnischen Wirren wurde im Staatsministerium während 
der drei letzten Monate des Jahres gründlich verhandelt. General Grolman 
und Oberpräsident Flottwell erstatteten mit gewohntem Freimut einen aus- 
führlichen Bericht: nur der Adel und der Klerus seien feindlich gesinnt, 
die polnischen Bauern zufrieden, die Deutschen, die schon zwei Fünftel der 
Bevölkerung ausmachten, unverbrüchlich treu. Der Thronwechsel habe jedoch 
bei den Polen unsinnige Hoffnungen erweckt, welche durch die Triumphreisen 
des begnadigten Erzbischofs und sicherlich auch durch die Pariser Propaganda 
geflissentlich genährt würden. Dem gegenüber müsse das bewährte System 
der „allmählichen Germanisierung“ unerschütterlich aufrecht bleiben. Dem- 
nach baten sie den Monarchen, die Beschwerden des polnischen Adels rund- 
weg abzuweisen und sodann, kraft seines königlichen Rechtes, dem nächsten 
Posener Landtage zu befehlen, daß diese erledigte Sache nicht wieder be- 
rührt werden dürfe. Aus vollem Herzen stimmte der greise Stägemann 
den beiden zu. In einer Denkschrift, die er wenige Tage vor seinem 
Tode abfaßte, billigte er namentlich den durch die Regierung betriebenen 
Ankauf polnischer Rittergüter und sagte mit seinem alten Markmannen- 
stolze kurzab: man möge den Klagenden nur eröffnen, „daß ihre Ger- 
manisierung beabsichtigt werde“, und sie an den Treubruch des Jahres 
1830 erinnern. Selbst General Thile konnte nicht umhin, mit einigen 
Vorbehalten, sich den beiden anzuschließen. Wie durfte man auch im 
Ernst von einem Sprachenzwange in Posen reden? Die Verwaltungs- 
behörden schrieben an Polen deutsch, aber mit beigelegter polnischer Über- 
setzung. Vor Gericht wurden die Prozesse in der Sprache des Klägers 
verhandelt; nur wenn er des Deutschen vollkommen mächtig war, verlangte 
man, daß er sich der deutschen Sprache bediente; denn da die Polen sich dem 
Staatsdienste fern hielten, so konnten von 168 Richtern nur 54 fertig 
polnisch sprechen; ihrer 33 verstanden nur wenig, 81 gar kein polnisch) 
*) Raczynski, Eingabe an den König, 27. Nov. 1840. 
*') Rochow, Bericht an den König, 12. Dez. 1840. 
* Vv') Stägemann, Denkschrift über Posen, Nov. 1840. Die übrigen Denkschriften 
s. o. V. 47.
        <pb n="68" />
        60 V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. 
Trotzdem wollte Friedrich Wilhelm seine Großmut zeigen. In einem 
großen Kronrate am 23. Dez., dem auch Grolman und Flottwell bei— 
wohnten, wurde beschlossen, zwar die Eingabe Raczynskis unbeantwortet 
zu lassen, aber den Beschwerden der Polen insoweit abzuhelfen, daß 
der nächste Landtag keinen Grund mehr fände, sie zu erneuern.“) Das 
war Flottwells Sturz. Der tapfere Deutsche mit den feurigen tiefen 
Augen durfte sich's nicht bieten lassen, daß man die völlig bodenlosen 
Klagen seiner polnischen Feinde für halb begründet erklärte. Schon am 
31. Dez. wurde er, unter allen Zeichen königlicher Gnade, als Oberpräsident 
nach Sachsen versetzt. Die Polen hatten ihr Spiel gewonnen. Mit dieser 
Tat gutmütiger Schwäche endete das erste Jahr der neuen Regierung. 
Was aus solchen Widersprüchen noch hervorgehen würde, das ahnte nie— 
mand, nicht einmal Friedrich Wilhelms nächste Vertraute. Schweren 
Herzens schrieb um die Jahreswende Graf Anton Stolberg an den 
wackeren Präsidenten von Cuny in Aachen und beschwor den alten Freund, 
keinem der umlaufenden finsteren Gerüchte Glauben zu schenken, sondern 
„der religiösen, aber wahrhaft freisinnigen Richtung“ des Monarchen zu 
vertrauen. „Der König will und wird gehen (das ist sein eigener 
Ausdruck). Er wird als souveräner König ohne Charte gehen und die 
Bedürfnisse seiner Zeit erkennen, das halten, was er ausgesprochen in den 
unvergeßlichen Reden zu Königsberg und Berlin.“*“*“) Mehr wußte selbst 
Stolberg nicht zu sagen. 
Draußen im Reiche aber, wo man schon geblendet von dem neu 
aufstrahlenden Glanze der Krone Friedrichs die Augen niedergeschlagen 
hatte, begann der alte Preußenhaß wieder hohe Wellen zu werfen. Man 
rieb sich die Hände, weil die großen Dinge wieder einmal ein kleines 
Ende zu nehmen schienen. Recht aus dem Herzen der radikalen deutschen 
Jugend sang der geistreichste der neuen politischen Lyriker, der kosmopo- 
litische Nachtwächter Franz Dingelstedt, die höhnenden Gaselen: 
Ihr habt gepredigt, nun ein Jahr, die neue, treue, freie Zeit; 
Wann wird die Mär denn endlich wahr, die neue, treue, freie Zeit? 
Ihr saßt schon lange auf dem Ei und gackertet in alle Welt, 
Allein noch kroch nicht aus der Aar, die neue, treue, freie Zeit. 
Ein stolzes Wort habt ihr gewagt; nun eilt, daß es zu Ende kommt, 
Und macht uns andern offenbar die neue, treue, freie Zeit! — 
  
*) Protokoll über die Verhandlung vor Sr. Majestät, am 23. Dez. 1840. 
*7“) Stolberg an Cuny, 12. Jan. 1841.
        <pb n="69" />
        Zweiter Abschnitt. 
  
Die Kriegsgefahr. 
Wie der inneren so schien sich auch der europäischen Politik Preußens 
in dem hoffnungsvollen Jahre des Thronwechsels eine Zeit reicher Er— 
folge zu eröffnen. Auch diese Erwartungen blieben unerfüllt, nicht eigent— 
lich durch die Schuld des neuen Königs, sondern weil der Zustand des 
Weltteils für große Entscheidungen noch nicht reif und Preußen am 
wenigsten in der Lage war, die verschlungenen Machtverhältnisse Europas 
frei zu überblicken. Jedem Staate kommen Zeiten, wo ihn ein über— 
mächtiges Interesse zwingt, seinen Gesichtskreis zu verengern. Durch die 
unversöhnliche Rachsucht der Franzosen wurden Preußen und Frankreich 
während eines Vierteljahrhunderts auf einer Stelle festgebannt, beide 
Staaten waren verhindert, ihre natürliche Interessengemeinschaft zu er— 
kennen und der friedlichen Welteroberung, welche Englands Handelspolitik 
in der Stille einleitete, rechtzeitig entgegenzutreten. Solange die französi— 
schen Parteien allesamt die Vernichtung der so unbillig milden Pariser 
Verträge forderten, mußte der preußische Staat die Sicherung seiner 
Westgrenze als seine nächste, jeder anderen Rücksicht vorgehende Aufgabe 
betrachten; denn umringt von hilflosen kleinen Nachbarstaaten, allein an— 
gewiesen auf die zweifelhafte Hilfe der beiden weit entlegenen Kaisermächte 
sah er sich dem ersten Angriff allein preisgegeben. 
Bis an sein Ende, und nicht ohne Erfolg hatte der alte König sich 
bemüht diese Gefahren abzuwenden, ein leidliches Verhältnis zu dem 
neuen Machthaber Frankreichs herzustellen. Aber der Bürgerkönig stand 
selbst nicht fest genug, um den unberechenbaren Aufwallungen des National- 
hasses jederzeit Halt zu gebieten; und wie dankbar er auch die Freund— 
lichkeit des Königs von Preußen anerkannte, so sah er doch, scharfsinniger 
als die Mehrzahl seiner Landsleute, bestimmt voraus, daß dieser deutsche 
Staat dereinst Frankreichs gefährlichster Nebenbuhler werden müsse. Nicht 
Preußens, sondern Osterreichs Bundesgenossenschaft faßte er ins Auge, 
wenn er sich beharrlich um die Gunst der deutschen Mächte bemühte.
        <pb n="70" />
        62 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Zwischen Frankreich und Rußland ward die Kluft mit den Jahren 
immer breiter, obgleich die erstarkende altmoskowitische Partei am Peters- 
burger Hofe ein Bündnis der beiden Mächte gegen Deutschland dringend 
wünschte, und der Zar seinem preußischen Vertrauten Oberst Rauch oft 
gestand: außer mir selbst sind nur noch Nesselrode und Orlow aufrichtige 
Freunde der deutschen Allianz. Noch immer wollte Nikolaus sich nicht ent- 
schließen, dem französischen Thronräuber zu verzeihen; er fand es schamlos, 
daß Ludwig Philipp nach der Geburt seines Thronerben, des Grafen von 
Paris, von der Fortdauer seiner Rasse zu reden wagte, und konnte sich 
den ruhigen Schritt der preußischen Politik, die in Wahrheit von dem 
alten Könige selbst geleitet wurde, nur aus der Schwäche Ancillons — 
„Monsieur Vacillants““ — erklären. Halsstarrig blieb er bei seiner alten 
Meinung, daß der Weltkrieg gegen den Staat der Revolution noch kommen 
müsse. Die Lage Preußens malte er sich in den dunkelsten Farben, weil 
er sie also sehen wollte und immer noch mit der Hoffnung spielte, seine 
formidable russische Reserve würde dereinst die Deutschen aus den Klauen 
der Jakobiner retten. Während des Kölner Bischofsstreites erkannte er 
sogleich, daß Osterreich sich nicht als ehrlicher Freund Preußens zeigte, 
und meinte: nun werde Frankreich den günstigen Augenblick benutzen, 
um den Krieg alsbald auf dem rechten Rheinufer zu eröffnen. Das 
alles, so beteuerte er heilig, sagte er nur „aus kindlicher Verehrung für 
den geliebten Vater“. Rauch aber erwiderte stolz: kommt der Krieg, so 
werden wir selbst die Angreifer sein.) Unablässig, und in immer schärferem 
Tone wiederholte der Zar seine Beschwerden über die Umtriebe der pol- 
nischen Propaganda; mehrmals befahl er seinem Botschafter, Paris auf 
längere Zeit zu verlassen. Seine Ungezogenheit wurde so widerwärtig, 
daß Ludwig Philipp verzweifelnd ausrief: „ich werde mir meine Verbün- 
deten anderswo suchen.“ 
Als der alte König dies erfuhr, ließ er seinem Schwiegersohne sagen: 
„Ludwig Philipp hat zum öfteren die Neigung gezeigt, sich den Kon- 
tinentalmächten zu nähern und in ihrem Sinne zu handeln. Solange 
indessen der Kaiser seine Antipathien gegen ihn nicht zu überwinden im 
stande ist und sich hierüber unverhohlen, ganz offen, ausspricht, so lange 
wird auch auf Ludwig Philipp wenig zu rechnen sein und er allerdings an- 
dere Alliierte suchen müssen. Wollte der Kaiser aber an seiner vorgefaßten 
Meinung in etwas nachlassen, so wäre es auch ein großer Gewinn für 
die konservative Partei.“**“) Die Mahnung fand taube Ohren. Der Zar 
fuhr fort, dem Bürgerkönige bei jeder Gelegenheit seine Mißachtung zu 
zeigen, bis dieser endlich einen tiefen persönlichen Haß gegen den unver- 
söhnlichen Peiniger faßte. Nach Nikolaus' Meinung war Frankreich schlecht- 
  
*) Rauchs Bericht, 26. Dez. 1837. 
*“) Rauchs Bericht, 23. Juli 1837, nebst Randbemerkung des Königs.
        <pb n="71" />
        Englische Welteroberung. 63 
hin die Macht des Unheils, überall, sogar im Mittelmeer und im Oriente, 
wo die Interessen der beiden Mächte sich doch keineswegs feindlich be— 
rührten. Daß Rußland und Frankreich sich über irgend eine europäische 
Frage ehrlich verständigen könnten, schien vorderhand rein unmöglich; das 
unter seiner schwachen Greisenherrschaft mehr und mehr erstarrende Oster— 
reich tat auch gar nichts, die beiden Feinde zu versöhnen. 
Also herrschte auf dem Festlande wieder jener Zustand schleichenden 
Unfriedens, dessen England für seine Pläne bedurfte, und niemals hat 
sich die alte Wahrheit, daß Kaufmannspolitik die unsittlichste von allen 
ist, so grell gezeigt wie in diesen Jahren. Unbehelligt durch die hadern— 
den Großmächte durfte Palmerston, nach seiner unritterlichen Weise, den 
britischen übermut an den Schwachen auslassen. Mit Neapel begann 
er Streit wegen des sizilianischen Schwefelhandels, mit Portugal wegen 
der Opfer des letzten Bürgerkrieges, eines Krieges, welchen England selbst 
geflissentlich geschürt hatte. Mit Serbien schloß er einen Handelsvertrag 
und versuchte zugleich den Fürsten Milosch zur Aufhebung der Verfassung 
zu drängen. Mitten im Frieden wurde 1839 das Felsennest Aden geraubt, 
der Schlüssel zum Roten Meere, das Gibraltar des Ostens. Gleich 
darauf begann der Opiumkrieg, der scheußlichste von allen, welche jemals 
ein christliches Volk geführt hat; die Chinesen wurden gezwungen, den 
Opium-Schmuggel aus Ostindien zu dulden, und während England ihre 
Leiber vergiftete, suchte es ihre Seelen durch die Bekehrungspredigten 
seiner Missionäre zu retten. An stärkere Gegner wagte sich Palmerston nur 
mit den Waffen der Arglist. Jedermann ahnte, daß das neutrale England 
die Tscherkessen in ihrem Kampfe gegen Rußland insgeheim unterstützte; 
ruchbar ward das Geheimnis erst, als die Russen an der kankasischen 
Küste das mit Waffen befrachtete Schiff Vixen aufgriffen. Noch schwe- 
rere Sorgen erregte dem Londoner Hofe die Besetzung Algeriens, das 
letzte und beste Vermächtnis der französischen Bourbonen. Nach engli- 
scher Auffassung gehörte ganz Afrika von Rechts wegen den Briten. Selbst 
der friedfertige Lord Aberdeen sagte zu dem preußischen Gesandten höh- 
nisch: die Franzosen haben Algier „für immer“ mit Frankreich vereinigt; 
dies „für immer“ bedeutet: bis der Krieg erklärt wird, bis das erste 
englische Linienschiff im Hafen von Algier erscheint! Dieses schöne zu- 
kunftsreiche Pflanzungsland der Franzosen zu zerstören, war jedes Briten 
Herzenswunsch; darum konnte Frankreichs gefährlicher Feind, der helden- 
kühne Abdelkader jederzeit auf Englands geheimen Beistand zählen. 
Gegenüber einer solchen, völlig gewissenlosen, überall in der Welt 
hetzenden und bohrenden Handelspolitik erschienen alle anderen Kultur- 
völker als natürliche Bundesgenossen. England war der Hort der Bar- 
barei im Völkerrechte. England allein verschuldete, daß der Seekrieg, zur 
Schande der Menschheit, noch immer ein organisierter Seeraub blieb. 
Allen Völkern gemeinsam lag die Aufgabe ob, auch auf den Meeren das
        <pb n="72" />
        64 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Gleichgewicht der Mächte herzustellen, das auf dem Festlande längst be— 
stand, jenes heilsame Gleichgewicht, das keinem Staate ermöglichte, sich 
alles zu erlauben, und darum jedem ein menschliches Völkerrecht sicherte. 
Die Gesittung des Menschengeschlechts forderte, daß die vielgestaltige Herr— 
lichkeit der Weltgeschichte, die einst mit der Herrschaft der monosyllabischen 
Chinesen begonnen hatte, nicht in einem trostlosen Kreislaufe mit dem 
Reiche der monosyllabischen Briten endigen durfte. Sobald die orienta- 
lische Frage wieder in Fluß geriet, mußte eine weitschauende Staats- 
kunst danach trachten, die erdrückende Fremdherrschaft, welche Englands 
Flotten von Gibraltar, Malta, Korfu aus aufrecht hielten, zum mindesten 
einzuschränken, das Mittelmeer den mediterranischen Völkern zurückzugeben. 
Der preußische Staat aber besaß noch keine Flotte; er konnte und durfte sich 
zu einer so freien Anschauung jener weit entlegenen Händel nicht er- 
heben, solange er selbst die zerfahrene deutsche Welt kaum notdürftig 
zu schützen vermochte und eine italienische Großmacht noch nicht bestand. 
Der Friede zwischen Agypten und der Pforte wurde nach orienta- 
lischem Herkommen von beiden Seiten unredlich gehalten. Sultan Mach- 
mud dürstete nach Rache an dem meuterischen Vasallen, und der englische 
Gesandte, der rücksichtslose alte Heißsporn Lord Ponsonby bestärkte ihn in 
seinem Hasse, desgleichen dessen Legationssekretär Urquhart, der fanatische 
Türkenschwärmer. Mehemed Ali aber war durch das Kriegsglück ver- 
wöhnt und schaltete in seinen neu errungenen Paschaliks wie ein unab- 
hängiger Fürst. Er gewann die Freundschaft des Tuilerienhofes, der schon 
um Algeriens willen sich der ägyptischen Flotte versichern wollte, und die 
begeisterte Verehrung der Franzosen. Wundersame Märchen erzählten den 
Parisern von der genialen Herrscherkraft dieses Napoleons des Ostens, 
der als echter Orientale französische Sitte und Sprache überall bevorzugte; 
und bald galt es in Frankreich als ein politischer Glaubenssatz, daß nur 
Mehemed Ali in dem erstarrten Oriente ein neues Leben erwecken könne. 
In Deutschland war Fürst Pückler-Muskau des Paschas wärmster Bewun- 
derer. Der erregte allgemeines Aufsehen, als er von der Nilfahrt und 
den Wüstenritten heimgekehrt, im Fes auf arabischem Rosse durch die 
Straßen Wiens zog; bei Kaiser Ferdinand ward er erst vorgelassen, nach- 
dem er dem preußischen Gesandten versprochen hatte, diesen traurigen 
Hos, der allerdings einc naturgetreue Schilderung kaum vertrug, in seinen 
Reisebüchern nicht zu erwähnen.) Überall, in Wort und Schrift, ver- 
kündcte Semilasso den Ruhm des großen Agypters. 
In Wahrheit stand Mehemed Alis Macht bei weitem nicht mehr 
so sest wie zur Zeit des letzten Krieges. Die ungebändigten Völker Sy- 
riens ertrugen den Druck des aufgeklärten Despotismus schwerer als die 
leidsamen Fellahs am Nil; ein Aufstand schien nicht aussichtslos, und 
  
*) Maltzans Berichte, Jan. 1840.
        <pb n="73" />
        Der zweite türkisch-äghptische Krieg. 65 
zugleich ward Englands Feindschaft immer bedrohlicher. Seit den Tagen 
der Quadrupelallianz hegte Palmerston einen heißen, stillen Groll gegen 
die unzuverlässigen französischen Freunde. Wie oft war er damals von 
Talleyrand überlistet worden; 7) dies verzieh er nie, denn nach seiner An- 
schauung besaß allein die englische Diplomatie das Recht, ihre Bundes- 
genossen zu betrügen. Das gerühmte herzliche Einvernehmen der West- 
mächte bestand nur noch dem Namen nach. Obwohl der Lord von den 
Verhältnissen des Orients und der Kolonien sehr wenig wußte, so besaß 
er doch ein sicheres instinktives Gefühl für die Größe seines Landes; nie- 
mals glaubte er an die neue Lehre der Freihandelsschule Richard Cobdens, 
daß jede Kolonie sich vom Mutterlande losreißen müsse und Großbritannien 
durch seinen transatlantischen Besitz nur geschwächt würde. Er erkannte so- 
gleich, Englands Machtstellung im Mittelmeere sei verloren, wenn Mehemed 
Ali über die schwachen Zwischenländer hinweg den Franzosen in Algier 
die Hand reichte. Der schlaue Agypter wußte auch sehr wohl, wo er seine 
Feinde zu suchen hatte; geflissentlich erschwerte er den Briten den Verkehr 
mit Indien, er versperrte den wichtigen Handelsweg durch Vorderasien zum 
Euphrat und Orontes, bemächtigte sich des einträglichen Kaffeehandels im 
Roten Meere, begann in Syrien und Agypten Fabriken anzulegen, welche 
die englische Einfuhr schädigten. Diese Handelsinteressen bestimmten Eng- 
lands Haltung, ganz wie im Jahre 1830 bei der Preisgebung Hollands der 
Groll über die niederländische Zoll= und Kolonialpolitik den Ausschlag ge- 
geben hatte. Mit leidenschaftlichem Ungestüm suchte Palmerston die ge- 
fährliche Macht des Agypters zu vernichten oder doch zu schwächen; alles 
Gerede über den unaufhaltsamen Zerfall des türkischen Reichs erklärte er 
kurzab für nonsense. 
Schadenfroh konnte der Petersburger Hof abwarten, wie die Feind- 
schaft der beiden Westmächte im Oriente sich mehr und mehr verschärfte. 
Seit der Schließung der Dardanellenstraße beherrschte er das Schwarze 
Meer fast unumschränkt, und da er durch den Vertrag von Hunkiar= 
Iskelessi berechtigt war, seinem türkischen Schützling im Kriegsfalle Hilfe 
zu leisten, so betrachtete er nicht ohne Behagen, wie der Sultan und 
der Pascha sich zum Kampfe rüsteten. Mehrere Jahre hindurch standen 
die türkischen und die ägyptischen Truppen an der syrischen Grenze ein- 
ander gegenüber. Durch diese gewaltigen Heeresmassen wurden die armen 
Länder am oberen Euphrat völlig ausgesogen und die Kraft der beiden 
mohammedanischen Reiche dermaßen gelähmt, daß der in Petersburg er- 
sehnte Zusammenbruch vielleicht bald eintreten konnte. 
Von dem ermatteten Wiener Hofe hatten die Moskowiter wenig zu 
fürchten. Dessen ganze Weisheit lief noch immer darauf hinaus, daß der 
Sultan der legitime Herrscher, der Pascha ein fluchwürdiger Reformer und 
  
*) S. o. IV. 507 ff. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 5
        <pb n="74" />
        66 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Empörer sei. Metternich selbst empfand zuweilen die Last seiner Jahre und 
sagte mehrmals zu Maltzan: „In meinem Alter muß man zu erhalten, nicht 
zu schaffen suchen; es wäre töricht, eine Arbeit zu beginnen, die man wahr— 
scheinlich nicht mehr selbst beendigen kann.“?) Der alte unfruchtbare Streit 
zwischen dem Staatskanzler und dem Grafen Kolowrat währte fort, und 
da Erzherzog Ludwig noch immer jede Neuerung ablehnte, so kam unter 
der Herrschaft dieses traurigen Triumvirats keine einzige der geplanten 
Verwaltungsreformen zu stande. Der Staatshaushalt verharrte in der 
gewohnten Unordnung, auch nachdem der mit der Wiener Börse nahe be- 
freundete Finanzminister Eichhoff endlich den Abschied erhalten hatte. 
Die Armee litt, wie Graf Maltzan bedauernd sagte, „in fast unglaub- 
lichem Grade“ Mangel an allem, und eben jetzt, im Januar 1840, starb 
General Graf Clam, der einzige Mann, der im Staatsrate einiges für 
ihre Schlagfertigkeit getan hatte. Schlaffheit und gedankenlose Routine 
herrschten überall; nur das italienische Heer unter Radetzkys Führung 
zeigte sich kriegstüchtig. Noch niemals war das alte Osterreich für einen 
schweren Kampf weniger vorbereitet gewesen. Unter solchen Umständen 
konnte der greise König von Preußen, der für das stille Erstarken seines 
Landes so dringend des Friedens bedurfte, nur den bescheidenen Wunsch 
hegen, daß die Kriegsgefahr im Osten vorübergehen möchte. 
Gleichwohl geschah das Unausbleibliche. Im Frühjahr 1839 ver- 
mochte die Pforte die Wucht ihrer Rüstungen nicht mehr zu ertragen, der 
Sultan seinen Haß nicht mehr zu bändigen. Der Krieg brach aus und 
endigte mit einem Schlage. Die türkischen Truppen hatten dank der 
einsichtigen Tätigkeit der preußischen Generalstabsoffiziere schon einiges 
gelernt, aber auch in dem langen Lagerleben durch Krankheiten furcht- 
bar gelitten. Nur die Hälfte des großen kleinasiatischen Heeres war unter 
Hafiz Paschas Führung bei Nisib vereinigt, und diese Hälfte bestand zum 
guten Teile aus feindseligen Kurden, welche die Stunde des Abfalls er- 
sehnten. Hafiz hörte mehr auf die törichten Reden seiner Mollahs und 
Astrologen als auf den großen fränkischen Ratgeber, der ihm zur Seite 
stand. Er versäumte, wider den Rat des Hauptmanns Moltke, das Heer 
Ibrahim Paschas bei einem Umgehungsversuche zur rechten Zeit in der 
Flanke anzugreifen. Er verschmähte sodann, die Truppen an den Euphrat 
in die feste Stellung von Biredschik zurückzuführen; und der Preuße legte, 
das sichere Verderben voraussagend, sein Amt als Ratgeber förmlich 
nieder. Am nächsten Tage, 23. Juni, ward der Pascha von dem sieg- 
gewohnten ägyptischen Feldherrn in höchst ungünstiger Stellung ange- 
griffen; nach kurzem, wenig rühmlichen Widerstande stob sein Heer ausein- 
ander. Wie einst König Friedrich sein Feldherrnleben mit dem Fluchtritte 
von Mollwitz eröffnete, so begann der größte deutsche Krieger des neun- 
  
*) Maltzans Berichte, März 1810.
        <pb n="75" />
        Schlacht von Nisib. 67 
zehnten Jahrhunderts eine Siegeslaufbahn ohnegleichen, er selbst freilich 
schuldlos, mit der Niederlage von Nisib. An den Greueln dieses Rück- 
zugs lernte er, was die sittlichen Mächte im Kriege bedeuten; derweil er 
das unwegsame Land durchritt, behielt er immer noch Zeit und Gleich- 
mut, um seine geliebten Landkarten ebenso gewissenhaft zu ergänzen, wie 
er früherhin den einzigen treuen Plan von dem unübersehbaren Gassen- 
gewirr Konstantinopels gezeichnet hatte. Nach der Heimkehr sammelte er 
dann seine Briefe aus der Türkei und ließ das klassische Werk wie ein 
bescheidener Anfänger durch ein Vorwort Karl Ritters in die gelehrte 
Welt einführen; seine geistvolle ältere Schrift über Polen hatte ja nur 
wenig Leser gefunden. 
Die Niederlage war vollständig. Auch die anderen türkischen Trup- 
pen in Kleinasien lösten sich auf, obgleich der Sohn Mehemed Alis, dem 
eigenen Heere mißtrauend, seinen Sieg nicht zu verfolgen wagte. In- 
mitten dieser allgemeinen Verwirrung starb Sultan Machmud plötzlich, noch 
bevor die Schreckenskunde aus Nisib ihn erreichte — die letzte große tra- 
gische Gestalt der osmanischen Geschichte. Bis über die Kniee war er 
im Blute gewatet, um seinem Volke eine höhere Gesittung zu bringen, 
und verzweifelnd sank er ins Grab im Bewußtsein eines verfehlten Lebens. 
Die Zeitgenossen verglichen ihn gern mit Peter dem Großen, die Er- 
mordung der Janitscharen mit der Vernichtung der Strelitzen. Doch der 
geniale Barbar des Nordens beherrschte ein christliches und darum bei 
aller Roheit bildsames Volk. Die Osmanen blieben eine Reiterhorde des 
Ostens, geschaffen für die Zelte der Wüste, der Kultur gänzlich unzugäng- 
lich, bei den anderen mohammedanischen Völkern selbst wegen ihrer 
Stumpfheit verrufen; sie glichen jenen harmlosen wilden Hunden, welche 
Tags über in den Gassen Stambuls schlafen, bei Nacht den Unrat aus 
den Häusern fressen, aber sobald man sie ins Haus nimmt, jeder Erziehung 
trotzen und aus Sehnsucht nach der Freiheit bald dahinsterben. Nunmehr 
bestieg Abdul Medschid den Thron, Machmuds junger schwächlicher Sohn, 
der nie zum Manne heranreifte. Zur selben Zeit segelte die türkische 
Flotte von den Dardanellen südwärts, nicht ohne die geheime Mitwirkung 
des französischen Admirals Lalande, und vereinigte sich vor Alexandria 
mit den Schiffen des ägyptischen Rebellen. Also ohne Heer, ohne Flotte, 
ohne einen kräftigen Herrscher schien das osmanische Reich, zum dritten 
Male binnen elf Jahren, dem sicheren Untergange zu verfallen. Da 
die Integrität der Türkei von allen Großmächten — ehrlich oder nicht — 
für eine europäische Notwendigkeit erklärt war, so ergriff die Gesandten 
der fünf Mächte ein jäher Schrecken. Sie traten zusammen und auf 
das Andringen des österreichischen Internuntius Stürmer ermahnten sie 
die Pforte durch eine gemeinsame Note vom 27. Juli 1839, nicht eher 
mit dem Agypter abzuschließen, als bis Europa gesprochen hätte. Metter- 
nich triumphierte, er meinte die Türkei gerettet und das Schicksal des 
5 *
        <pb n="76" />
        68 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Ostens in seiner Hand zu haben; er nannte mit gewohnter Ruhmredig- 
keit diese Tat einen der größten diplomatischen Erfolge seines Lebens 
und schmeichelte sich mit der Hoffnung, nunmehr würde unter seiner 
Leitung ein europäischer Kongreß in Wien zusammentreten, der die orien- 
talischen Händel, natürlich zum Nachteil Mehemed Alis, beilegen sollte.) 
Anders dachte der König von Preußen. Er sah klar voraus, daß 
diese scheinbare Einigung Europas die Hintergedanken Rußlands, das 
Zerwürfnis zwischen den Westmächten sehr bald an den Tag bringen, 
vielleicht gar den allgemeinen Krieg hervorrufen mußte. Argerlich meinte 
er, die Mächte hätten besser getan, sich nicht zu übereilen, sondern dem 
Sultan die Verständigung mit dem Pascha zu überlassen.**) Weil er auf 
seine alten Tage keinenfalls den Frieden brechen, seinem Volke um dieser 
entlegenen Händel willen weder Subsidienzahlungen noch Kriegslasten 
auflegen wollte, so ließ er den großen Höfen mehrmals auf das bestimm- 
teste erklären: Preußen gewähre den Versuchen zur friedlichen Lösung der 
orientalischen Frage nur seinen moralischen Beistand (appui moral) und 
behalte sich die strengste Neutralität vor, falls die unmittelbar beteiligten 
Mächte zu den Waffen greifen sollten.*) Er hatte recht geahnt. Die 
Absichten der beiden Westmächte zeigten sich sofort als unvereinbar. Während 
Frankreich seinen ägyptischen Schützling schonen wollte, beabsichtigte Pal- 
merston den Sieger von Nisib für seinen Sieg zu bestrafen, ihn durch 
ein salomonisches Urteil Europas eines guten Teiles seiner alten Be- 
sitzungen zu berauben. 
Auch die Pforte blieb, trotz ihrer Schwäche, unversöhnlich und er- 
fand jetzt ein neues, sehr wirksames Kampfmittel wider Mehemed Ali. 
Der Minister des Auswärtigen Reschid Pascha hatte als Gesandter in 
London die Macht der Presse des Abendlandes kennen gelernt und als- 
bald begriffen, welchen Vorteil dem Agypter die brünstigen Lobeser- 
hebungen der französischen und vieler anderen liberalen Zeitungen ge- 
währten. Er riet daher dem jungen Sultan, durch ein feierliches 
Schauspiel den Europäern zu bekunden, daß der Großherr noch weit 
liberaler denke als der aufgeklärte Despot am Nil. Am 2. Nov. versam- 
melten sich die Großwürdenträger des Reichs und die Notabeln der Haupt- 
stadt in einem Hofe des alten Serails vor dem Kiosk von Gülhane, 
nahe jener alten Platane, in deren Schatten einst die meuterischen Janit- 
scharen zu beraten pflegten. Sobald der Hofastrolog mit seinem Astro- 
labium den günstigen Augenblick erkundet hatte, wurde der Hattischerif 
von Gülhane verlesen, eine mit alttürkischem und neufränkischem Wort- 
*) Maltzans Berichte, 1. Jan. 1840 ff. 
*“) König Friedrich Wilhelm, Randbemerkung zu Maltzans Bericht v. 23. April 1840. 
*4*) Bericht von Werther d. J., Geschäftsträger in London, 20. Dez. 1839, mit Rand- 
bemerkung des Königs. Minister Werther, Bericht an den König 15. Jan., dessen Weisung 
an Werther d. J. 20. Jan. 1840 nebst Randbemerkungen.
        <pb n="77" />
        Die liberale Türkei. 69 
schwall reich ausgestattete Urkunde, welche allen Untertanen des Sultans 
Sicherheit von Leib und Habe, Aufhebung der Steuerpacht, gerechte Ver— 
teilung der Abgaben und des Kriegsdienstes verhieß. Darauf beschwor 
der Sultan nebst den hohen Beamten seinen Gnadenerlaß, der natürlich 
niemals ausgeführt wurde, und die Batterien auf beiden Ufern des Bos- 
porus donnerten ihren Festgruß. 
Der Hattischerif eröffnete die lange Reihe jener „mit Honig beschrie- 
benen Papiere“, welche die klugen Moslemin fortan von Zeit zu Zeit 
den unbeschreiblich verachteten Franken vorzuhalten pflegten. Wunderbar 
schnell, mit orientalischer Findigkeit lebte der Diwan sich in neue politische 
Künste ein; er spielte fortan die liberale Macht und wußte bald durch 
die dienstwilligen Federn der befreundeten Gesandtschaften in Pera, bald 
durch einfache Bestechung die europäische Presse dermaßen zu beherrschen, 
daß die einst im Portfolio angeschlagenen Töne überall mächtig wieder- 
klangen. Schon seit dem Altertum waren die Stämme am Bosporus um 
ihrer Ruchlosigkeit willen verrufen. Hier lag Lesbos, die Heimat der un- 
natürlichen Wollust, hier Lampsakos, wo Aphrodite den schamlosesten ihrer 
Söhne, den Priapus gebar, hier die große Polis, wo der Auswurf dreier 
Weltteile stinkend zusammenrann, und mitteninne das barbarisch geschändete 
schönste Gotteshaus der morgenländischen Christenheit. In diesen Ländern, 
wo Menschenleben wenig, Menschenwürde nichts gilt, wo die Natur alle 
ihre Reize, die hellenischen, die byzantinischen, die orientalischen Völker 
ebenso verschwenderisch alle ihre Niedertracht entfaltet haben, wähnte die 
Presse des Abendlandes eine Heimstätte der Freiheit zu sehen; mit Aus- 
nahme der französischen verherrlichten jetzt alle europäischen Blätter den 
liberalen Sultan mitsamt seinem Hofastrologen. Der Agypter aber, der 
seine Leute kannte, sagte ingrimmig: dieser Hattischerif sei nichts weiter 
als ein gegen ihn gerichteter Schachzug. 
Mittlerweile vollzog Rußland eine längst vorbereitete diplomatische 
Schwenkung. Nikolaus hatte gleich nach seiner Thronbesteigung die Er- 
fahrung gemacht, daß er seine Zwecke im Oriente dann am sichersten 
erreichen konnte, wenn er sich mit dem gefährlichsten Gegner, mit England 
scheinbar verständigte.“') Persönlich hegte er, soweit ein Zar dies ver- 
mochte, fast eine Vorliebe für die Briten; während der letzten Jahre 
hatte er sich stets absichtlich gehütet, die revolutionäre Politik Palmerstons 
zu bemerken. Dies England mit Frankreich zu verfeinden, das herzliche 
Einvernehmen der Westmächte zu zerstören, den alten Vierbund der kon- 
servativen Mächte wiederherzustellen und also den verhaßten Staat der 
Revolution gänzlich zu vereinzeln, bis vielleicht der große Kreuzzug der 
Legitimität möglich würde — dahin gingen von langeher die Münsche 
des Zaren. Der Vertrag von Hunkiar-Iskelessi lief binnen kurzem ab; 
  
*) S. o. III 729.
        <pb n="78" />
        70 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
ihn zu erneuern schien unmöglich, da die Eifersucht der Westmächte längst 
erwacht war. Die friedliche Schutzherrschaft Rußlands in der Türkei ließ 
sich ja auch ohnedies behaupten, wenn man nur dem englischen Hofe und 
den beiden deutschen Mächten eine bescheidene Mitwirkung bei der Rettung 
des Sultans einräumte. Am Petersburger Hofe wünschte man die Macht 
des Ägypters also zu schwächen, daß er nie mehr hoffen konnte, als 
Hausmeier des Sultans das osmanische Reich von innen heraus zu ver— 
jüngen; man wollte ihn aber auch nicht ganz fallen lassen, weil sein 
halbselbständiger Staat doch immer ein Pfahl im Fleische der Türkei blieb. 
Seit der Schlacht von Nisib mußte auch Palmerston einsehen, daß man 
Mehemed Ali nicht vernichten konnte. Mithin bestand keine ernstliche Mei— 
nungsverschiedenheit zwischen den beiden Mächten; sie mußten sich nur noch 
verständigen über die beiden Fragen, welche Stücke syrischen Landes dem be- 
trogenen Sieger verbleiben, und wie die Großmächte im Notfalle ihre be- 
waffnete Einmischung ausführen sollten. Da Rußlands Streitkräfte durch 
die kaukasischen Kämpfe und einen Feldzug gegen Chiwa erheblich geschwächt 
waren, so wünschte Nikolaus im Augenblicke keinen europäischen Krieg; 
er hoffte vielmehr Frankreich friedlich zu besiegen, indem er sich erst mit 
England, dann mit den beiden deutschen Mächten vereinigte. 
Die Einladung zu der Wiener Konferenz lehnte er entschieden ab, 
weil er befürchtete, dort durch Osterreich und die Westmächte überstimmt 
zu werden. Metternich empfand diese Absage als eine schwere persfön- 
liche Beleidigung und erging sich in Schmähreden wider die Schwäche 
und die Torheit des Zaren — ganz wie im Jahre 1826, als sich Ruß- 
land und England über die griechische Frage verständigten. Auch dies- 
mal mußte er erfahren, daß in den orientalischen Händeln Rußland, nicht 
Osterreich die führende Macht des Ostbundes war. Im September 1839 
wurde einer der jüngeren russischen Diplomaten, Frhr. v. Brunnow nach 
London gesendet, ein sanfter, feiner, geschmeidiger Mann, der alsbald 
eine unbegrenzte Bewunderung für die Sitten der vornehmen Gesellschaft 
Englands zeigte, an ihrem Sport, ihren Bazaren und Wohltätigkeits- 
konzerten eifrig teilnahm. In der diplomatischen Welt hieß er der rus- 
sische Gentz; die Vergleichung traf freilich nicht zu, denn mit dem Geiste 
und der schriftstellerischen Größe des österreichischen Staatsmannes konnte 
er sich nicht von fern vergleichen, in den Künsten schlauer Unterhandlung 
war er ihm weit überlegen. Brunnow eröffnete dem britischen Minister: 
der Zar habe nichts dawider, wenn England durch seine Flotte den Agyp- 
ter zur Annahme eines billigen Friedens zwingen wolle, und würde dann 
nötigenfalls seine eigenen Truppen über Sinope durch Kleinasien gegen 
Ibrahim Pascha vorgehen lassen. Nicht ohne ein begreifliches Mißtrauen 
nahm Palmerston diese Anerbietungen entgegen; sie genügten ihm nicht, 
da ihm vor allem daran gelegen war, den Vertrag von Hunkiar-Iskelessi 
zu beseitigen, der britischen Flotte die Einfahrt durch die Dardanellen
        <pb n="79" />
        Brunnow in London. 71 
zu eröffnen. Gleichwohl hegte der Russe, als er unverrichteter Dinge ab— 
reisen mußte, die stille Uberzeugung, daß eine Verständigung wohl möglich 
sei. Auf der Heimkehr traf er am Rhein mit Metternich zusammen. Der 
Osterreicher zeigte sich mürrisch, übellaunig, sichtlich verletzt durch Ruß- 
lands einseitiges Vorgehen, aber in der Sache selbst nicht feindselig. Auch 
hier empfing Brunnow den Eindruck, die vier Mächte würden sich ohne 
Frankreich wohl einigen können, und Nesselrode sagte nachher befriedigt, 
mit diesem Johannisberger Gespräche sei die peinliche erste Epoche der 
orientalischen Frage abgeschlossen.?) 
In Petersburg mit neuen Weisungen versehen, kehrte Brunnow um 
Neujahr nach London zurück und überraschte den Lord durch die freund- 
liche Erklärung: sein Kaiser bestehe nicht mehr auf dem Vertrage von 
Hunkiar-Iskelessi, er wolle im Notfalle 15 000 Mann und acht Kriegs- 
schiffe zur Verteidigung Stambuls schicken, sei aber auch nicht dagegen, 
wenn die anderen Mächte dann je vier Schiffe in das Marmarameer 
sendeten. Zugleich ließ er durchblicken, was die russischen Diplomaten in 
Pera schon vorm Jahre angedeutet hatten: künftighin könnten vielleicht 
beide Meerengen in Friedenszeiten geschlossen werden. Damit war das 
Eis gebrochen, Palmerstons Mißtrauen beschwichtigt. Im Februar 1840 
vereinigten sich die Vertreter der großen Mächte in London zu förmlichen 
Konferenzen. Sie alle, mit einziger Ausnahme des französischen Gesandten, 
betrachteten die Erhaltung des osmanischen Reichs als ihre höchste Aufgabe 
und stimmten mit Brunnow darin überein, daß Mehemed Ali nur die erb- 
liche Herrschaft über Agypten, außerdem noch für seine Lebenszeit ein Stück 
Syriens, etwa das Paschalik Akkon behalten dürfte; widersetzte er sich, dann 
müßte man ihn durch die Waffen Europas zur Unterwerfung zwingen. Der 
Sieger sollte also einen Teil seines alten Besitzstandes dem Besiegten schen- 
ken! Die grobe Ungerechtigkeit dieses Schiedsspruchs der europäischen Mächte 
lag auf flacher Hand; selten hatte sich so deutlich gezeigt, mit wie wenig 
Weisheit die Welt regiert wird. Vom Rechte aber war in den schmutzigen 
orientalischen Händeln nie die Rede; hier handelte es sich nur um die Macht, 
diesmal um die Frage, ob Mehemed Ali stark genug sei, den erleuchteten 
Beschlüssen Europas zu widerstehen. Dergestalt hatte Rußland nochmals, 
wie einst vor der Schlacht von Navarin, durch eine plötzliche Annäherung 
an England die entscheidende Stellung in der orientalischen Politik erlangt. 
Metternich sah sich in die zweite Reihe gedrängt und meinte unmutig: 
nur die Germanen kennten den Begriff der Ehre, die Romanen über- 
trieben ihn bis zum point d'honneur, die Slawen hätten nicht einmal 
ein Wort dafür. Aber einer Staatskunst, welche die Erhaltung des türki- 
schen Reichs zu erstreben vorgab, konnte er unmöglich entgegentreten. 
Luch der Berliner Hof pflichtete den Anträgen Brunnows vorläufig bei, 
  
*) Liebermanns Bericht, 4. Jan. 1840.
        <pb n="80" />
        72 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
immer in der ehrlichen Hoffnung, daß Frankreich den anderen Mächten 
nicht widersprechen würde, immer mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß 
Preußen nur moralischen Beistand leisten könne.*) 
Unterdessen gestaltete sich Frankreichs Lage höchst bedrohlich. Auf— 
geregt durch die Pariser Presse schwärmte die gesamte Nation für den 
aufgeklärten Mehemed Ali. Als man nun erfuhr, daß die vier Mächte 
diesen Liebling Frankreichs ungerecht mißhandeln wollten, da ging ein 
Aufschrei des Zorns durch das Land. Alles rief: England hat uns 
verraten, die entente cordiale ist zerstört. *) In der Tat hatte der 
schlaue Bürgerkönig, der die auswärtige Politik über die Köpfe des Ministe- 
riums Soult hinweg leitete, diesmal sich von seinem persönlichen Hasse 
betören lassen und ganz falsch gerechnet. Da er mit dem Todfeinde 
Mehemed Alis, mit England sich über die orientalischen Wirren unmög- 
lich einigen konnte, so mußte er mit Rußland und den deutschen Mächten 
eine Verständigung suchen. Er konnte jedoch seinen Groll über die Hof- 
fahrt des Zaren nicht überwinden und richtete alle seine Pfeile gegen 
Rußland. Wieder und wieder mußte Soult in spitzigen Depeschen er- 
klären, die Integrität der Türkei sei nur ein leeres Wort, wenn ihr nicht 
auch die Unabhängigkeit — das wollte sagen: die Unabhängigkeit von 
Rußland — gesichert würde. Nesselrode rieb sich die Hände und gab 
eine hochmütige Antwort.**?“) Während Ludwig Philipp sich also in 
einen unfruchtbaren Federkrieg gegen den Zaren verbiß, bemerkte er kaum, 
wie England und Rußland einander näher traten. Da mit einem Male 
stand er zwischen zwei Feuern: der englische Freund war zu dem russi- 
schen Feinde übergegangen, und die Verständigung der beiden Mächte war 
in sehr rücksichtsloser Form geschehen, ohne daß man den französischen 
Gesandten auch nur einer genauen Mitteilung gewürdigt hätte. 
Die Stellung des Tuilerienhofes ward noch schwieriger, als im Februar 
1840 — wieder durch des Königs Schuld — das gemäßigte, bei den 
Höfen leidlich angesehene Ministerium Soult zusammenbrach. Ludwig Phi- 
lipp hatte einst — den uralten Gesetzen des Landes zuwider — das unge- 
heuere Vermögen der Orleans, das von Rechts wegen der Krone Frankreich 
gehörte, seinen Kindern abgetreten, und durfte jetzt nicht erwarten, daß die 
Nation geneigt sein würde, den so schmählich geretteten Reichtum des unge- 
liebten königlichen Hauses noch zu vermehren. Gleichwohl verlangte der 
König, als sein zweiter Sohn der Herzog von Nemours sich mit der reichen 
Prinzessin von Koburg-Kohary verlobt hatte, von den Kammern eine Jahres- 
rente für das junge Paar. Allgemein war der Unwille. Die Presse verdäch- 
*) Brunnow an Werther d. J. 23. Jan.; Min. Werther, Weisungen an Arnim 
in Paris, 22. Jan., an Werther d. J 27. 31. Jan. 1840. 
*“) Arnims Berichte, Paris 12. 16. 22. Jan. 1840. 
*“*) Soult, Weisung an Sebastiani, 25. Nov. Nesselrode, Weisung an Medem, 
26. Dez. 1839.
        <pb n="81" />
        Ministerium Thiers. 73 
tigte den persönlichen Charakter des Monarchen mit einer Unehrerbietigkeit, 
welche dies illegitime Königtum nicht ertragen konnte. Timon-Cormenin, 
seit Courriers Tode der wirksamste Publizist der Radikalen, schrieb die 
wütenden „Fragen eines Jakobiners“; er hielt den Franzosen vor, 
wie viel unfreier sie seien als die Preußen, denen ihr absoluter König die 
altherkömmliche Prinzessinnensteuer regelmäßig erlassen habe. Die Dota- 
tion ward verworfen, das Ministerium Soult trat zurück, und durch die 
liberale Opposition emporgehoben bildete Thiers am 1. März ein neues 
Kabinett — der Staatsmann, der von jeher dem Bürgerkönige besonders 
widerwärtig und in der gegenwärtigen Kriegsgefahr dreifach unwillkommen 
war. Auch die vier Mächte verhehlten ihr Mißtrauen nicht. Graf Maltzan 
schrieb aus Wien schwer besorgt: „die Grundsätze von 1830 sind wieder 
am Ruder,“) und der französische Gesandte auf der Londoner Konferenz 
sah sich fortan noch weniger rücksichtsvoll als bisher behandelt. Er fühlte, 
wie die vier hinter seinem Rücken berieten. 
Thiers stand bei den Höfen im Rufe eines radikalen Chauvinisten, 
weil er zur Zeit der Juli-Revolution für die reine Parlamentsherrschaft 
gearbeitet, während des Karlistenkrieges sehr übermütig geredet und durch 
seine Geschichtswerke die napoleonische Legende mächtig gefördert hatte. 
Indes war der kluge, bildsame Mann, obwohl noch weit entfernt von 
der ruhigen Weisheit seines Alters, doch schon durch die Erfahrung etwas 
gereift. Die peinliche diplomatische Lage, die er vorfand, war nicht durch 
ihn verschuldet, sondern durch den König. Als er die Regierung übernahm, 
hegte er noch keineswegs kriegerische Absichten; dem ungleichen Kampfe mit 
vier Großmächten dachte er sein leidenschaftlich geliebtes Vaterland nicht 
auszusetzen. Am wenigsten wollte er an dem englisch-französischen Bünd- 
nis rütteln, das ihm für den Hort der Bürgerfreiheit galt. Darum 
ließ er durch den Gesandten Guizot dem englischen Hofe ernst, aber 
freundschaftlich erklären: zur Integrität der Türkei gehöre die Macht 
des Paschas so gut wie die Macht des Sultans, und ohne Syrien könne 
der Agypter nicht bestehen. Nachdrücklich verwahrte er sich gegen die be- 
waffnete Einmischung Europas, die den alten Grundsätzen der Westmächte 
offenbar widerspreche. *7) Und allerdings bewährte Palmerston nur von 
neuem den grundsatzlosen Wankelmut seiner Staatskunst, wenn er, der 
so oft die Lehre der Nichteinmischung feierlich verkündigt hatte, jetzt zu 
den Ansichten des Troppauer Kongresses zurückkehrte und die gewaltsame 
Intervention der Großmächte wider den ägyptischen Rebellen empfahl. 
Thiers' Warnungen waren ehrlich gemeint; denn wie alle Franzosen 
überschätzte er die Macht Mehemed Alis bei weitem und fürchtete, der 
Pascha würde der Einmischung Europas einen so hartnäckigen Widerstand 
  
*) Maltzans Bericht, 4. März 1840. 
*“) Berichte von Bülow, London 17. März, 3. Apr., von Arnim, Paris 20. Apr. 1840.
        <pb n="82" />
        74 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
entgegensetzen, daß vielleicht die Türkei selbst darüber in Trümmer gehen 
könnte. Palmerston kannte die augenblickliche Lage besser, er versprach sich 
einen raschen Erfolg von den Zwangsmaßregeln gegen den Ägypter. Die 
Verhandlungen zogen sich durch mehrere Monate ohne Entscheidung dahin. 
Unterdessen klagten die Gesandten der drei Ostmächte laut und lauter 
über die „subversive“ Politik der Tuilerien, die Londoner Regierungsblätter 
sprachen von Frankreich in einem anmaßenden Tone, der von drüben 
ebenso kräftig erwidert wurde. Palmerston fühlte sich durch den hart— 
näckigen Widerspruch der Franzosen schwer gereizt und sagte in einem 
Artikel seines Morning Chronicle drohend: England würde sich gezwungen 
sehen, den alten Vierbund der konservativen Mächte zu erneuern. Brunnow, 
der mit seiner glatten, kühlen Freundlichkeit dem ungestümen Lord immer 
überlegen blieb, half in der Stille nach. Mehr und mehr befreundeten 
sich die Gesandten mit der russischen Ansicht, daß man die orientalische 
Frage auch zu vieren, ohne Frankreichs Mitwirkung, lösen könne. 
Dennoch zauderte Palmerston noch lange. Die schwache, von Lord 
Melbourne sehr schlaff geleitete Whig-Regierung hatte sich längst über— 
lebt. Schon vorm Jahre war sie durch das Parlament gestürzt und nur 
durch den lächerlichen Zwischenfall der sogenannten Schlafstubenfrage vor- 
läufig wieder aufgerichtet worden. Damals hatte die junge Königin zum 
ersten Male etwas gezeigt, was einem politischen Willen ähnlich sah, und 
sich entschieden geweigert, ihre whiggistischen Hosdamen, wie die Torys 
verlangten, zu entlassen. Nur dieser persönlichen Vorliebe der Monarchin 
verdankten die Whigs die Wiederherstellung ihrer Herrschaft, welche schon 
seit Jahren nicht mehr auf eine feste Mehrheit im Parlamente zählen 
konnte. Und dies altersmüde Kabinett war über die Fragen der großen 
Politik keineswegs eines Sinnes. Die Lords Holland, Clarendon und 
viele andere der nächsten Freunde und Amtsgenossen Palmerstons hielten 
einen Bruch mit Frankreich für rein undenkbar; auf der entente cor- 
diale oder ihrem Namen beruhte ja die ganze Stellung, welche England 
während des letzten Jahrzehntes in Europa eingenommen hatte. Selbst 
unter den Torys war die Meinung weit verbreitet, daß die Quadrupel- 
allianz der liberalen Weststaaten den Weltfrieden, das Gleichgewicht Euro- 
pas aufrecht erhalten habe und nimmermehr durch die Erneuerung des 
alten konservativen Vierbundes ersetzt werden dürfe. Also wurde Pal- 
merston zwischen den verschiedensten Bedenken hin und her geschleudert 
und gelangte immer wieder zu dem Schlusse: man müsse die Dinge hin- 
zuhalten suchen.*) Er hoffte kaum noch den Tuilerienhof umzustimmen 
und wollte doch den Bruch vermeiden. Noch am 11. Juni schrieb er 
dem drängenden österreichischen Bevollmächtigten Neumann: „Ich ziehe 
eine zeitweilige Verzögerung einem sofortigen schlechten Ende vor.“77) 
*) Bülows Berichte, 26. Mai, 26. Juni 1840. 
*“) Palmerston an Neumann, 11. Juni 1840.
        <pb n="83" />
        Verhandlungen der vier Mächte. H. v. Bülow. 75 
Um die Verwirrung zu vollenden, sendete Metternich von Zeit zu Zeit 
übellaunige Depeschen; der konnte sich gar nicht darüber trösten, daß die 
Entscheidung nicht mehr in seinen Händen lag, und fürchtete immer, Ruß- 
lands kopflose Politik würde sich in den englischen Netzen verfangen.“) 
Auch der türkische Gesandte Shekib Pascha vermehrte die Mißklänge dieses 
seltsamen Konzerts; er gehorchte blindlings den Ratschlägen des österreichi- 
schen Bevollmächtigten Neumann, der ausdrücklich beauftragt war, sich seiner 
zu bemächtigen (s'emparer). ) Da Lord Ponsonby die Pforte, trotz ihrer 
Niederlage, beständig zur Erneuerung des Krieges drängte, so zeigte sich 
der Türke sehr zuversichtlich und beschwor die Mächte um baldige Ver- 
urteilung des ägyptischen Rebellen.) 
Die Verwicklung ward unerträglich, beinahe lächerlich. Der preußi- 
sche Gesandte Heinrich von Bülow, der zu Anfang März 1840 nach langem 
Urlaub wieder in London eingetroffen war, schrieb im Juni, nachdem er 
sich viele Wochen hindurch vergeblich um die Aussöhnung der Streiten- 
den bemüht hatte, ganz verzweifelt: „Was ist unter solchen Umständen 
von dem Fortgang der hiesigen Verhandlungen zu erwarten? Schimpf 
und Schande! Man täte besser sie abzubrechen.“)Endlich einigten 
sich die Gesandten der drei Ostmächte zu einem letzten Versuche; sie ver- 
langten von Palmerston vertrauliche Beratungen ohne Frankreich, das 
man vorläufig doch nicht gewinnen könne. Seit dem 21. Juni ver- 
sammelten sich nunmehr die Gesandten der vier Mächte, hinter Guizots 
Rücken, zu regelmäßigen Sonntagssitzungen bei Palmerston; die Stille 
des englischen Sabbats kam dem Geheimnis zu statten. Der europäische 
Kongreß, zu dem man Frankreich förmlich eingeladen hatte, verwandelte 
sich also in eine geheime Konferenz der vier. Dies hinterrückige, aller- 
dings durch Frankreichs Haltung mitverschuldete Verfahren mußte den 
französischen Stolz tief verletzen, sobald es ruchbar ward. Die Gefahr 
eines europäischen Krieges rückte so nahe, daß der friedfertige Minister Wer- 
ther schwer erschrocken dem Gesandten Bülow sein Befremden aussprach und 
ihm nochmals einschärfte, auf jeden Fall der Krone Preußen die so oft aus- 
bedungene Neutralität vorzubehalten.) Die vier einigten sich in ihren 
Sonntagssitzungen über die Grundzüge eines Vertrags zur Rettung des 
Sultans, aber zum förmlichen Abschluß gelangte man noch immer nicht, 
weil Palmerston der Zustimmung seines Kabinetts nicht sicher war. I) 
Vergeblich mahnte Metternich in mehreren Depeschen: die Türkei könne 
den Zustand der Ungewißheit nicht länger mehr ertragen; komme man 
*) Maltzans Bericht, 2. Jan. Metternich an Trauttmannsdorff, 7. März 1840. 
**) Maltzans Bericht, 3. März 1840. 
*7*) Shekib Paschas identische Noten an die Gesandten der fünf Mächte, 2. Juni 1840. 
f) Bülows Berichte, 3. März ff. 12. Juni 1840. 
s Werther, Weisung an Bülow, 16. Juli 1840. 
#s#0 Bülows Berichte, 23. 30. Juni 1840.
        <pb n="84" />
        76 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
zu fünfen nicht weiter, so müsse man selbviert vorschreiten.) Die dritte 
Sonntagssitzung mußte verschoben werden, weil die britischen Minister 
noch keinen Beschluß gefaßt hatten. „Wir stehen auf Flugsand“ — sagte 
Bülow traurig. Guizot, der die Gefahr wohl ahnte, hielt sie doch nicht 
für nahe und verbrachte die kostbare Zeit in geistreicher Unterhaltung 
mit seiner plötzlich eingetroffenen russischen Freundin, der Fürstin Lieven. 
Der unschuldige Teil der vornehmen Gesellschaft glaubte, diese feine viel- 
gewandte Diplomatin, die beredsame Egeria der hohen Politik wollte ins- 
geheim für den Franzosen arbeiten. Wer moskowitische Verhältnisse kannte, 
mußte leicht erraten, daß sie mit Brunnow in Verbindung stand und den 
Auftrag hatte, jede Annäherung zwischen Guizot und Palmerston zu ver- 
hindern. 
Da faßte sich Bülow endlich das Herz zu einem entscheidenden Rat- 
schlag. Im Augenblicke besaß er nicht einmal eine gültige Vollmacht, da 
mittlerweile der Thronwechsel in Berlin eingetreten war; indes wußte er, 
daß der neue König noch friedlicher dachte als der alte, und sagte zu 
Neumann im Vertrauen: weil Preußen an Zwangsmaßregeln gegen 
Mehemed Ali niemals teilnehmen wird, darum fühle ich mich nicht ver- 
pflichtet, die anderen zurückzuhalten. Durch seinen langen Londoner Aufent- 
halt und die enge Freundschaft mit Palmerston hatte er sich in englische 
Anschauungen tiefer eingelebt, als einem Preußen geziemte; er betrachtete 
den Großtürken, nach der britischen Überlieferung, als heilig und hielt daher 
Frankreichs orientalische Politik, die doch ihre guten Gründe hatte, schlecht- 
hin für revolutionär. Demzufolge arbeitete der geistreiche Staatsmann, 
der in Petersburg des Liberalismus verdächtigt wurde, arglos der russi- 
schen Politik in die Hände; er half ihr die Westmächte zu entzweien, 
das osmanische Reich in einem Zustande hilfloser Schwäche vorläufig zu 
erhalten. Des ewigen Zauderns müde, wollte er endlich Taten sehen. 
Am 1. Juli, auf einem Lever der Königin zog ihn Lord Melbourne 
abseits und fragte ängstlich: Was raten Sie mir in der ägyptischen 
Sache? Bülow erwiderte: Habt Ihr genügende Streitkräfte im Mittel- 
meer? Auf die bejahende Antwort fuhr er lebhaft fort: Dann seid 
schnell und kühn! Sendet sofort die Flotte vor Alexandria, werfet die 
Truppen von Malta und den ionischen Inseln nach Beirut und an 
die syrische Küste, vo Mehemed Ali keinen Angriff erwartet. Vorher 
schließen wir hier zu vieren den Vertrag mit dem türkischen Gesandten 
ab, ohne die Ratifikationen abzuwarten. So wird Frankreich über- 
rascht und doch nicht unmittelbar beleidigt, der Pforte aber bleibt die 
gefährliche russische Hilfe erspart. But 1 say again, be quick and 
bold! — Bülow glaubte ganz sicher, Frankreich würde den ersten Arger 
bald überwinden und schließlich doch genehmigen, was nicht mehr zu än- 
  
*) Metiernich an Neumann, 24. 27. Juni 1840.
        <pb n="85" />
        Londoner Vertrag v. 15. Juli 1840. 77 
dern sei. Das alles sagte er, wie er selbst gestand, unbeauftragt und 
unvorbereitet.) 
So geschah das Seltsame: die friedfertigste aller Großmächte, die im 
Oriente gar kein eigenes Interesse zu wahren hatte, gab jetzt durch den 
Mund ihres Gesandten selber den verhängnisvollen Rat, welcher unfehl- 
bar einen Waffengang im Mittelmeer, vielleicht sogar einen europäischen 
Krieg heraufbeschwören mußte. Palmerston atmete auf. Der Gedanke, 
daß man ohne Rußlands Waffenhilfe, ohne offenbare Kränkung Frank- 
reichs zum Ziele gelangen könne, leuchtete seinen ängstlichen Amtsgenossen 
ein. Schon am 8. Juli konnte er den Vertretern der Ostmächte mit- 
teilen, daß er die Mehrheit im Kabinett gewonnen und dem türkischen 
Gesandten versprochen habe, England werde den Sultan mit den Waffen 
unterstützen.*) Für die Vorbereitung des Kampfes hatte Englands pu- 
nische Treue bereits gesorgt. Britische Agenten bereisten als Kaufleute 
verkleidet mit wohlgefüllten Beuteln die syrischen Gebirge und hetzten das 
Volk wider den gestrengen Pascha auf — eine offenkundige Tatsache, 
welche Palmerston späterhin mit gewohnter Dreistigkeit in Abrede stellte. 
Schon im Juli stand der ganze Libanon in Waffen. Nachher ließ auch 
Metternich, wie er dem Grafen Maltzan selbst erzählte, einen Sendboten 
zu den Maroniten abgehen, um ihnen Freiheit des christlichen Glaubens, 
Sicherheit von Hab und Leben zu verbürgen, falls sie für den Sultan 
gegen den rebellischen Pascha kämpften. *"*) Wenn Mehemed also zugleich 
durch die Aufständischen im Lande, durch die britische Flotte an der Küste 
bedrängt wurde, dann mußte seine Macht in Syrien rasch zusammen- 
brechen. Frohen Mutes schritten die vier Mächte zum Abschluß. Die 
Konferenzen drängten sich in rascher Folge, jetzt auch an den Wochentagen. 
Bülow empfing von allen Seiten Glückwünsche wegen seines klugen Rates 
und wiederholte mit Selbstgefühl die Worte: Be quick and bold! Man 
dachte, sobald man fertig sei, den Pariser Hof um nachträgliche Zustimmung 
oder doch um mittelbaren Beistand zu bitten.y) Der Österreicher Neu- 
mann versprach sofort, österreichische Kriegsschiffe sollten mit den britischen 
zusammenwirken. Brunnow war die Liebenswürdigkeit selbst; denn der 
Petersburger Hof hatte begreiflicherweise nichts dawider, wenn die befreun- 
deten Mächte auf ihre Kosten seine Geschäfte führen wollten. 
Am 15. Juli unterzeichneten die Gesandten der vier Mächte mit 
Shekib Pascha einen Vertrag, der nachher in der Presse den etwas über- 
*) Dieser merkwürdige Vorfall ist schon i. J. 1849 in den „Politischen Briefen und 
Charakteristiken aus der deutschen Gegenwart“ (von Usedom) S. 270 ziemlich genau 
erzählt, aber noch von keinem Historiker beachtet worden. Usedoms Mitteilungen werden 
bestätigt und ergänzt durch Bülows Bericht v. 3. Juli und Bülows Schreiben an 
Maltzan v. 9. Juli 1840. 
*“) Bülows Bericht, 10. Juli 1840. 
*7) Maltzans Bericht, 7. Sept. 1840. 
) Bülows Bericht, 14. Juli 1840.
        <pb n="86" />
        78 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
schwenglichen Beinamen des Londoner Quadrupel-Allianz-Vertrags erhielt. 
Der Sultan versprach, dem Pascha die erbliche Verwaltung Agyptens 
und für Lebenszeit das Paschalik Akkon zu überlassen; die vier Mächte 
verpflichteten sich, Mehemed Ali gemeinsam zur Annahme zu bewegen, und 
„behielten sich vor, zu diesem Zwecke zusammenzuwirken nach dem Maße der 
Machtmittel (moyens d'action), worüber jede von ihnen verfügen kann.“ 
Diese letzte Klausel hatte Bülow durchgesetzt, um nötigenfalls erklären zu 
können, daß Preußen gegen den Agypter überhaupt keine moyens d'action, 
außer der moralischen Unterstützung, besitze. Zunächst dachten England und 
Osterreich mit ihren Flotten einzuschreiten; rückten die Agypter durch 
Kleinasien vor, dann wollten die vier Mächte sich noch verabreden wegen 
gemeinsamer Sicherung Konstantinopels zu Lande und zur See. In Zu- 
kunft aber sollten beide Meerengen, Bosporus und Dardanellen, zu 
Friedenszeiten allen Nationen verschlossen bleiben. Damit gab der Zar 
den Vertrag von Hunkiar-Iskelessi auf. Dieser großmütige Verzicht be- 
deutete freilich wenig; denn der Vertrag ging ohnehin zu Ende, Rußland 
aber blieb auch jetzt noch der Beherrscher des Pontus und, nach seiner 
geographischen Stellung, der nächstberufene Beschützer Stambuls. Da 
Gefahr im Verzuge war, so nahmen die Gesandten, wie Bülow geraten 
hatte, alles auf ihren Kopf und verabredeten, ohne die Ratifikation ab- 
zuwarten, die sofortige Absendung der englisch-österreichischen Flotte. 
In Berlin erregten diese Nachrichten zugleich Freude und Besorgnis. 
Unzweifelhaft hatte Bülow seine Instruktionen eigenmächtig übertreten, ob- 
gleich er allerdings im Augenblicke des Abschlusses die beiden neuesten Wei- 
sungen noch nicht besaß, welche ihm ausdrücklich anbefahlen, einen Vierer- 
Vertrag nicht eher zu unterzeichnen, als bis die drei anderen Mächte die 
Neutralität Preußens für den Kriegsfall förmlich anerkannt hätten.“) 
Dem preußischen Hofe standen jetzt zwei Wege offen. Er mußte entweder 
den ungehorsamen Gesandten abrufen und die Ratifikation verweigern 
oder, wenn er das Geschehene billigte, den Vertrag kurzweg genehmigen 
und dessen gefährliche Folgen mutig auf sich nehmen. Einem stolzen 
Staate stand es wahrlich übel an, zuerst die anderen Mächte zu kühnen 
Taten zu ermuntern und dann sich selber für neutral zu erklären. Gleich- 
wohl glaubte der neue König diesen dritten Weg gehen zu können. Schon 
bei dieser ersten an ihn herantretenden großen Aufgabe europäischer Politik 
zeigte sich seine verhängnisvolle Vorliebe für unhaltbare diplomatische Stel- 
lungen, für alles, was vom schlichten Menschenverstande abwich. Er wollte 
Bülows eigenmächtige Schritte billigen; denn er hielt es für seine könig- 
liche Pflicht, den legitimen Sultan im Kampfe gegen den revolutionären 
Agypter zu unterstützen, und mit Freuden begrüßte er die Versöhnung 
seines geliebten Englands mit den Ostmächten. Bei dieser diplomatischen 
  
*) Werther, Weisungen an Bülow, 16. 18. Juli 1840.
        <pb n="87" />
        Preußens Vorbehalt. 79 
Wendung wurden ihm alle die teuren Erinnerungen des Befreiungs- 
krieges wieder lebendig. „Wir dürfen“, so ließ er nach Wien schreiben, 
„den ersten Vertrag nicht abschwächen, durch welchen das britische Kabinett 
sich offen von Frankreich getrennt und seinen Platz unter den konservativen 
Mächten wieder eingenommen hat.““*) Andererseits sah er wohl ein, daß 
Preußen die schwerste Last würde tragen müssen, falls ein allgemeiner 
Krieg ausbräche. Um dies Unheil von seinem Lande abzuwenden, ließ er 
allen Mächten bestimmt erklären, er halte fest an der friedlichen Politik 
seines Vaters. Die Klausel, welche Bülow dem Vertrag eingefügt, ge- 
nügte ihm nicht; er verlangte vielmehr, daß seinem Staate die Neutralität 
feierlich verbürgt werden müsse) 
Mit erklärlicher Verwunderung nahmen die drei befreundeten Mächte 
diese Mitteilungen entgegen. Palmerston meinte kurzweg, alle vier Mächte 
seien vertragsmäßig verpflichtet, nach dem Maße ihrer Machtmittel zu- 
sammenzuwirken, und ließ in Berlin anfragen, was demnach Preußen für 
die gemeinsame Sache zu tun gedenke."*“) Nesselrode sagte dem preußi- 
schen Gesandten Liebermann, der ihm im stillen nicht unrecht geben 
konnte, hoch entrüstet: das sei doch unerhört, daß Frankreichs zunächst 
bedrohter Nachbarstaat, nachdem er sich dem Vierbunde angeschlossen, noch 
neutral bleiben wolle; und der Zar warnte freundschaftlich, solche Vor- 
behalte erregten in England Geringschätzung.#p) Selbst Metternich konnte 
nicht umhin, im August bei der Pillnitzer Zusammenkunft dem Könige 
vorzustellen: eine förmliche Erklärung der Neutralität erwecke das Miß- 
trauen Englands, „das wir soeben zu unserem Banner bekehrt haben“; 
Thiers aber würde darin ein Zeichen der Schwäche des Vierbundes 
sehen.) So geschah es auch; denn kaum hatte der französische Minister 
etwas erfahren, so sagte er erleichtert: also nicht ein Vierbund, nur ein 
Dreibund steht uns gegenüber ! #) Mehrere Wochen hindurch währten 
diese geheimen Verhandlungen; sie erweckten bei allen Höfen den Eindruck, 
daß Preußens Diplomatie unter dem bescheidenen alten Regiment doch 
weit verständiger und fester geleitet worden war als unter dem prunkhaften 
neuen. Endlich ward ein Vermittlungsantrag Metternichs angenommen 
und am 14. August von den vier Mächten ein geheimes Protokoll 
unterzeichnet, kraft dessen Preußen sich für den Fall eines Krieges „voll- 
kommene Freiheit des Handelns und namentlich das Recht der strengsten 
Neutralität vorbehielt. J) Nun erst ratifizierte Preußen den Vertrag. 
*) Werther, Weisung an Maltzan, 24. Juli 1840. 
**) Werthers Bericht an den König, 22. Juli; Weisung an Bülow, 4. Aug. 1840. 
*FF) Werthers Bericht an den König, 28. Juli 1840. 
#) Liebermanns Berichte, 26. 29. Sept. 1840. 
f) König Friedrich Wilhelm an Werther, Pillnitz 12. Aug. 1840. 
fü 0) Maltzans Bericht, 26. Aug. 1840. · 
«f)GeheimesProtokolldervierMächte,London14.Aug.;nebstBriefenvonPal- 
merston, Neumann, Brunnow an Bülow, 14. Aug. 1840.
        <pb n="88" />
        — V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Das Protokoll sagte in seiner dehnbaren Fassung sehr wenig; denn führte 
der Londoner Vertrag zu einem europäischen Kriege, so konnte Preußen sich 
dem Streite unmöglich entziehen. Unvergeßlich aber blieb die traurige Er- 
fahrung, daß der Staat, der die verwegensten Ratschläge gab, sich im 
Handeln unter allen am kleinmütigsten zeigte. — 
  
Durch den Juli-Vertrag wurde der ägyptische Streit zu einer euro- 
päischen Frage, und mit einem Male sah sich Preußen, dem diese orien- 
talischen Händel so fern lagen, in die vorderste Reihe der Streitenden 
geschoben. Mit der einzigen Ausnahme Rußlands beabsichtigte keine der 
vier Mächte den französischen Stolz irgend zu kränken. Sie alle meinten, 
ihr eigenmächtiges Verfahren sei durch die beständig ausweichende, zuwar- 
tende Haltung der französischen Diplomatie vollauf gerechtfertigt; hatte 
doch Guizot in den letzten Tagen, als Palmerston ihn fragte, ob Frank- 
reich nicht mindestens die gänzliche Losreißung Agyptens verhindern wolle, 
nur achselzuckend geantwortet: alors comme alors! 7) Sie alle glaubten, 
wie Bülow sagte, Thiers würde gute Miene zum bösen Spiele machen, mit 
Anstand zurückweichen und sich wohl hüten, im Bunde mit dem ägyptischen 
Rebellen der offenbaren Übermacht zu trotzen.“) An dem nämlichen Tage, 
da der Vertrag unterzeichnet wurde, schrieb Palmerston mit ungewohnter 
Höflichkeit an Guizot: die vier Mächte hätten sich nur mit tiefem Bedauern, 
nur um doch etwas zu stande zu bringen, von Frankreich getrennt; sie hoff- 
ten, diese Trennung würde nur von kurzer Dauer sein und den Gefühlen 
aufrichtiger Freundschaft keinen Eintrag tunz sie hofften sogar, Frank- 
reich würde seinen großen Einfluß in Alexandria benutzen, um ihnen seinen 
moralischen Beistand zu leihen und Mehemed Ali zur Nachgiebigkeit zu 
bewegen.*57) Noch friedfertiger redete Preußen. Bülow schrieb nach Paris: 
„wir mußten uns der Form nach von Frankreich trennen, hoffen aber in 
der Sache selbst auf dessen hilfreiche Mitwirkung;“ und Minister Werther 
schlug vor, man möge den Tuilerienhof noch vor der Ratifikation des 
Vertrags zum Beitritt einladen, damit jeder Schein eines Zerwürfnisses 
vermieden würde.f) Der österreichische Staatskanzler hegte allerdings 
einen tiefen Haß gegen Thiers, „die wahre Verkörperung der Revolution 
von 1830.“ In seinen vertrauten Briefen schalt er maßlos auf „diese 
in jeder Hinsicht elende Persönlichkeit“, die alle schlechten Leidenschaften 
der Franzosen wachrufe und wie ein Trinker sich nur durch Branntwein 
stärken könne. Er sagte mit boshaftem Wortspiele: dieser Nichtswürdige 
wolle der Napoleon der Juli-Revolution werden und sie wie ein Tertian= 
  
*) Palmerston, Memorandum über seine Gespräche mit Guizot, 18—20. Juli 1840. 
*r) Bülow an Maltzan, 9. Juli 1840. 
**) Palmerston an Guizot, 15. Juli; Bülows Bericht 31. Juli 1840. 
1) Bülow an Arnim, 21. Juli; Werther an Bülow, 4. Aug. 1840.
        <pb n="89" />
        Kriegsrufe der Franzosen. 81 
fieber wiederkehren lassen (il veut la faire tourner en Thiers).“) Aber 
den Krieg gegen Frankreich wünschte auch er keineswegs. 
Wie wenig ahnte die Diplomatie in ihren feinen Berechnungen von 
der elementarischen Macht des französischen Nationalstolzes. Schon längst 
empfanden die Franzosen mit gerechtem Unmut, daß ihr Land seit der 
Juli-Revolution in Europa weniger galt als unter den Bourbonen, ihr 
Bürgerkönig sich würdelos um die Gunst der Ostmächte bewarb. Die 
Nation begann der Herrschaft des Großkapitals müde zu werden; Lamar— 
tine sprach nur das Herzensgeheimnis der großen Mehrzahl seiner Lands— 
leute aus, als er sagte: la France s'ennuie. Und nun ward der Liebling 
der Franzosen, der aufgeklärte, von der Pariser Presse vergötterte Refor— 
mator des Orients durch einen offenbar ungerechten Schiedsspruch Eu— 
ropas, ohne Frankreichs Vorwissen, verurteilt, durch ein hinterhaltiges 
Verfahren, das noch tiefer verletzen mußte als ein offener Bruch. Als 
die Nachrichten aus London allmählich bekannt wurden, bemächtigte sich 
der Nation eine furchtbare Aufregung, die allen Höfen ganz uner— 
wartet kam; nur das Petersburger Kabinett hatte mit dem Scharfblicke 
des Hasses alles vorausgesehen. Die Franzosen wähnten wieder, von 
einer Koalition bedroht zu sein; nach ihrer nationalen überlieferung, 
die in Thiers' Geschichtswerken einen so beredten Ausdruck fand, waren ja 
die Kriege des napoleonischen Zeitalters allesamt nicht durch Frankreich 
verschuldet worden, sondern durch die Herrschsucht der europäischen Koali- 
tionen. Da sie sich zur See den Briten nicht gewachsen fühlten, zu 
Lande aber den Sieg erhofften, so erklang durch das Land lauter und 
lauter der Ruf: An den Rhein, an den Rhein! Mit einem Male erfuhr 
Europa, daß Frankreich in einem Vierteljahrhundert noch immer nicht ge- 
lernt hatte, den Eintagsbau des napoleonischen Weltreichs als unwieder- 
bringlich verloren anzuerkennen. 
Thiers selbst sprach anfangs noch mit Mäßigung, da er weder an die 
Ausführung der geplanten Zwangsmaßregeln des Vierbundes noch an eine 
mögliche Niederlage Mehemed Alis glaubte. Er verhehlte den Mächten 
nicht, daß er den Frieden für gefährdet halte, mißbilligte offen die Feind- 
seligkeit wider den Agypter und behielt sich weiteres vor.“) Doch war 
er zu sehr Franzose, um der nationalen Stimmung auf die Dauer zu wider- 
stehen. Die öffentliche Meinung erhitzte sich von Tag zu Tage. Da die 
englische Presse einen unleidlich anmaßenden Ton anschlug und kurzweg die 
Unterwerfung Frankreichs unter die Befehle des Vierbundes forderte, so 
antworteten die Pariser Zeitungen mit revolutionären Drohungen, und selbst 
der Herzog von Broglie, der friedfertige Doktrinär meinte, jetzt müsse 
  
*) Metternich an Werther, 5. Aug. 1840. 
*) Arnims Bericht 23. Juli; Thiers' Denkschrift zur Antwort auf Palmerstons 
Schreiben, 15. Juli 1840. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 6
        <pb n="90" />
        82 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
der Krieg der Propaganda von neuem beginnen. Schon am 5. August 
sah sich Thiers genötigt, durch königliche Ordonnanz einen außerordent- 
lichen Kredit von 56 Mill. Fr. zu verlangen; bald darauf folgten neue 
Anleihen und Truppenaushebungen, alles trieb dem Kampfe zu. 
Mit steigender Angst betrachtete Ludwig Philipp dies kriegerische 
Treiben seines verhaßten Ministers. Auch er hatte Augenblicke, da er 
die beschämende Stellung seines Landes bitter empfand und zornig sagte, 
er würde wohl die rote Mütze aufsetzen müssen. Indes solche Wallungen 
gingen rasch vorüber. Der kluge Kaufmann wußte wohl, daß seine ille- 
gitime Dynastie einen siegreichen Feldherrn ebenso wenig ertragen konnte 
wie eine Niederlage. Der Ruf nach der Rheingrenze ließ ihn kalt, und wie 
ein Axiom wiederholte er den Satz: wer den allgemeinen Krieg anfängt, 
unterliegt unfehlbar. Er wünschte den Frieden um jeden Preis und sagte 
schon in den ersten Tagen zu dem österreichischen Botschafter: lieber wolle 
er sein Ministerium zerschmettern, als seine friedlichen Bahnen verlassen. 
Ihm graute vor dem Radikalismus, der unausbleiblich durch den Krieg 
emporkommen müsse; er wollte gar nicht begreifen, wie man seine harm- 
losen Absichten so sehr verkennen, wie man ihn der Gefahr aussetzen könne 
von der Revolution überflutet zu werden, und beschwor den jüngeren 
Werther, als den Vertreter der friedfertigsten Großmacht, für eine Ver- 
ständigung zu wirken: Europa sitzt auf einem Pulverfasse, solange Frank- 
reich vereinsamt dasteht!) Eben in diesen schwülen Wochen landete 
Prinz Ludwig Napoleon mit einer Handvoll Getreuer bei Boulogne und 
wagte einen zweiten Aufstandsversuch. Das Unternehmen scheiterte sofort, 
der kühne Abenteurer schien dem Fluche der Lächerlichkeit zu verfallen. 
Dem Könige aber war übel zu Mute; er ahnte, wie leicht sein geraubter 
Thron einem andern Räuber anheimfallen konnte. 
Die beiden deutschen Großmächte versäumten nicht, den Bürgerkönig 
in seinen löblichen Ansichten zu bestärken. Friedrich Wilhelm ließ — 
nicht ohne die halb unbewußte Selbsttäuschung rhetorischer Überschweng- 
lichkeit — inbrünstig versichern, seine persönlichen Gefühle für Ludwig 
Philipp seien ebenso unwandelbar wie seine Freundschaft für Frankreich. 
Metternich aber hielt für geraten, dem ängstlichen Orleans das Schreckge- 
spenst der Revolution vorzuhalten: wolle Thiers den Krieg, so müsse er 
die Politik des Konvents treiben, seinen eigenen König entthronen und 
Mehemed Ali auf den Herrschersitz der Sultane erheben.) 
Mit diesen Friedensmahnungen der deutschen Mächte stimmte die 
Haltung Rußlands und Englands wenig überein. Zar Nikolaus be- 
hauptete in Stambul, wie einst seine Großmutter in Warschau, eine 
  
*) Werther d. J., Berichte aus Paris, 26. Juli, 26. Aug. 1840. 
*“) Minister Werther, vertrauliche Weisung an Werther d. J., 8. Aug. Metternich, 
vertrauliche Weisung an Apponyi, 4. Aug. 1840.
        <pb n="91" />
        Rußland und England gegen Frankreich. 83 
wohlwollende Schutzherrschaft. Er traute sich's zu, diese Stellung, trotz 
einiger kleinen Zugeständnisse an die anderen Mächte, auch fernerhin auf— 
rechtzuhalten und also den türkischen, wie vormals den polnischen Schütz- 
ling langsam für die Vernichtung vorzubereiten. Das Schicksal Syriens 
kümmerte ihn wenig; für jetzt verfolgte er nur den einen Zweck, die beiden 
Westmächte gründlich und für immer zu entzweien. Darum hatte sich 
Brunnow, wie man in Berlin wohl bemerkte, während der letzten Wochen 
bescheiden zurückgehalten; er sah voraus, daß England und Frankreich 
sich doch nicht einigen würden. Jetzt aber, nachdem der Vierbund ge- 
schlossen war, trat der sanfte Mann wieder hervor und führte plötzlich 
eine sehr herausfordernde Sprache gegen den Tuilerienhof. Der Zar 
sprach nunmehr offen aus, die Vereinsamung und Demütigung des re- 
volutionären Frankreichs sei sein Ziel. Nesselrode erklärte hochmütig: 
wenn Frankreich sich jetzt noch erbieten sollte, mit den vier Mächten ge- 
meinsam zur Verteidigung Konstantinopels mitzuwirken, so müsse man 
dies Unterfangen als ein feindliches Unternehmen abweisen; ja er forderte 
den Sultan im voraus aufß, jeden solchen Versuch der französischen Flotte 
mit den Waffen zurückzuweisen.) Einige Wochen darauf enthüllte er 
der Wiener Hofburg ganz unzweideutig den leitenden Gedanken der rus- 
sischen Politik; er schrieb: „die gegenwärtigen Meinungsverschiedenheiten 
der beiden konstitutionellen Mächte dürfen nicht so vollständig ausgeglichen 
werden, daß wir Gefahr liefen, sie von neuem gegen die monarchischen 
Interessen verbündet zu sehen.““") 
Während Rußland also an der Zerstörung der entente cordiale 
arbeitete, dachte Palmerston nur an Englands mediterranische Herrschaft. 
Ungestüm, wie er war, fühlte er sich durch Frankreichs Widerspruch, den 
er schon in den spanischen Händeln so unliebsam empfunden hatte, tief 
verstimmt. Seine Sprache ward immer heftiger; er wollte Frankreich 
einschüchtern, der Zorn erweckte ihm eine blinde Hartnäckigkeit. „Die 
Absichten der vier Mächte“, schrieb er kurzweg nach Paris, „sind uneigen- 
nützig und gerecht“ — eine Behauptung, die den Franzosen wie Hohn 
klingen mußte, da so große englische Handelsinteressen auf dem Spiele 
standen. **“) In solcher Stimmung hörte Palmerston williger als sonst auf 
die Ratschläge Lord Ponsonbys, der stürmisch die Vernichtung des Agyp- 
ters forderte. 
Mehemed Aliverhandeltemittlerweile mit zwei Abgesandten von Thiers, 
erst mit einem Sohne Casimir Periers, dann mit einem Sohne Napoleons, 
dem Grafen Walewski, der damals dem Geschichtschreiber des Kaiserreichs 
sehr nahe stand, und erbot sich schließlich, einen guten Teil seines Be- 
*) Westphalens Bericht, Petersburg 7. Aug. Nesselrode, Weisung an Meyendorff 
in Berlin, 27. Juli, an Titow in Konstantinopel, 20. Juli 1840. 
**) Nesselrode, Weisung an Tatistschew in Wien, 10. Sept. 1840. 
*7) Palmerston an Bulwer, 31. Aug. 1840. 
  
67
        <pb n="92" />
        84 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
sitzes, Kreta, das wichtige Grenzland Adana sowie die heiligen Stätten 
Mekka und Medina dem Sultan auszuliefern, wenn ihm dafür Agypten 
erblich, Syrien auf Lebenszeit zur Verwaltung überlassen würde. Diese 
Anerbietungen klangen aus dem Munde des Siegers von Nisib nicht 
unbillig; der preußische Hof selbst fand sie befriedigend, doch den anderen 
Mächten genügten sie nicht, am wenigsten der Pforte.“) Seit der Sultan 
an dem Vierbunde wieder einen Rückhalt besaß, flammte der alte Haß 
der Osmanen wider den Agypter mächtig auf, und im September wurde 
Mehemed Ali, auf Lord Ponsonbys Andrängen, durch einen Ferman 
des Großherrn abgesetzt, obgleich der Diwan versprochen hatte, nicht 
einseitig ohne den Beirat Europas vorzugehen. Eine solche Gewalttat 
konnten die vier Mächte unmöglich billigen; sie mußte ebenso erfolglos 
bleiben, wie die Acht, welche Sultan Machmud vor acht Jahren über den 
ägyptischen Vasallen verhängt hatte. Immerhin bewies sie, daß der Streit 
der beiden orientalischen Herrscher nicht ohne Waffengewalt zu schlichten 
war. Die Gefahr des allgemeinen Krieges rückte näher. 
Wunderbar stark und von nachhaltigem Segen war die Rückwirkung 
dieser Ereignisse auf das deutsche Volksleben. Die Deutschen hatten von 
den verwickelten Londoner Unterhandlungen nur wenig erfahren und an 
die Möglichkeit eines europäischen Krieges kaum gedacht. Es traf sie wie 
ein Blitz vom hellen Himmel, als plötzlich bei der Einweihung der Juli- 
Säule auf dem Bastilleplatze die Marseillaise, diesmal in drohendem Ernst, 
erklang und alle französischen Blätter den Feldzug an den Rhein forderten. 
Daß Frankreich wegen einiger syrischen Paschaliks die deutsche Westmark 
bedrohen wollte, erschien allen als ein Beweis rasenden Übermuts, und 
sofort antwortete dem gallischen Kriegsgeschrei aus allen Gauen Deutsch- 
lands der alte Schlachtruf der Germanen: her, her! Deutschland war 
einig in dem Entschlusse, sein altes so glorreich wiedergewonnenes Erb- 
teil ritterlich zu behaupten. Die welschen Ideale des vergangenen Jahr- 
zehnts schienen wie weggeblasen, die Heldengestalten von Dennewitz und 
Leipzig traten den Deutschen wieder leuchtend vor die Augen; auch die 
ästhetische Begeisterung für das schöne Rheinland wirkte mit, die sich wäh- 
rend der jüngsten Jahre durch die Bilder der Düsseldorfer und die Lieder 
der letzten Romantiker in weiten Kreisen verbreitet hatte. In jedem an- 
deren Volke hätte sich ein solcher Entschluß von selbst verstanden; den 
Deutschen aber traute das Ausland nationalen Stolz nicht zu, und un- 
geheuer war der Eindruck, als hier plötzlich, ganz frei und naturwüchsig, 
an hundert Stellen zugleich der Volkszorn seine mächtige Stimme erhob. 
Man fühlte überall: diese Empfindung war tiefer, mächtiger als die 
Kriegsbegeisterung der Franzosen, die freilich auch aus dem Herzen kam, 
  
*) Thiers, Weisung an Bresson in Berlin, 27. Sept. Minister Werther, Bericht 
an den König, 23. Sept. 1840.
        <pb n="93" />
        Deutsche Kriegsbegeisterung. 85 
aber von der Pariser Presse künstlich gefördert und geleitet wurde. Sogar 
die allezeit streitlustigen Elsasser erschraken; die Straßburger Zeitungen 
sagten kleinmütig, auf das preußische Rheinland müsse Frankreich wohl 
für immer verzichten, nur die Pfalz sei noch zu gewinnen. 
Sofort stand außer Zweifel, daß die Deutschen diesen Krieg, wenn 
er kam, sogar noch einträchtiger führen würden als den Feldzug von 
Belle Alliance; denn gerade in den Landschaften, welche bisher für fran— 
zösische Ideen eine besondere Vorliebe gezeigt hatten, flammte das kriege— 
rische Feuer am hellsten. Wie oft hatten die preußischen Rheinländer 
beim Schoppen über den Ehrenbreitstein und die anderen „Zwing-Uris“ 
ihres Königs gespottet; jetzt fühlten sie alle dankbar, daß sie hinter diesen 
Bollwerken deutscher Freiheit so wohlgeborgen saßen. Den Süddeutschen 
aber fiel es schwer aufs Herz, wie gröblich ihre Regierungen und Land— 
tage sich durch falsche Sparsamkeit an dem großen Vaterlande versündigt 
hatten; sie sahen sich wehrlos und alle wendeten ihre Blicke hilfesuchend 
auf den neuen König von Preußen. Recht aus dem Herzen der verstän— 
digen Süddeutschen heraus sagte Nebenius in einer anonymen Flugschrift 
über „das südwestliche Deutschland und seine Stimmungen“: unser Süden 
bedürfe vor allem einer Landwehr nach preußischem Muster, damit er 
sich endlich aus eigner Kraft zu verteidigen lerne. Auch die bayrische 
Pfalz, vor acht Jahren noch die Heimstätte des wüsten Radikalismus, 
hielt sich so musterhaft, daß der Regierungspräsident Fürst Wrede den 
Pfälzern mit vollem Rechte sagen konnte, ihr Nationalsinn hätte ihn „mit 
wahrer Bewunderung erfüllt“.) Die tollen Reden des Hambacher Festes 
waren ja doch nur der unbestimmten Sehnsucht nach einem großen Vater- 
lande entsprungen; seitdem hatte die Langeweile des Bourgeois-Regiments 
die französischen Sympathien sehr abgekühlt, die unwiderstehliche Inter- 
essengemeinschaft des Zollvereins das deutsche Nationalgefühl mächtig 
gefördert; und sobald Not an Mann kam, zeigte sich sogleich, daß der 
Pfälzer ebenso gut ein Deutscher war wie der Märker oder der Pommer. 
In schönem Einmut hielten alle Stämme zusammen; höchstens im König- 
reich Sachsen und den anderen Kleinstaaten des Ostens, die sich nicht 
unmittelbar bedroht fühlten, erklang noch zuweilen schüchtern eine Stimme 
philisterhafter Friedensseligkeit.) 
Und wie das Volk so seine Fürsten. Von jener rheinbündischen 
Gesinnung, die noch im Jahre 1815 zu Stuttgart und Karlsruhe so dreist 
herausgetreten war, fand sich nirgends mehr eine Spur. Der gesamte hohe 
Adel der Nation scharte sich ehrenhaft um das Banner des Vaterlandes: 
von dem alten Welfen an, der als grimmiger Reaktionär den Vernichtungs- 
kampf wider die Revolution ersehnte, bis hinüber zu dem Teutschesten der 
  
*) Abschiedsschreiben des Reg.-Präs. Fürst Wrede an die Pfälzer, Speier, 30. Apr. 
1841. 
**) Jordans Bericht, Dresden 24. Okt. 1840.
        <pb n="94" />
        86 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Teutschen, König Ludwig von Bayern, der seine Vaterstadt Straßburg noch 
als die starke Bundesfestung unseres Südens zu begrüßen hoffte.“) Die 
französischen Gesandten in Deutschland fühlten sich wie verraten und ver- 
kauft, als sie in diesem gutherzigen, gastfreundlichen Volke auf einmal den 
Haß auflodern sahen. Graf Bresson in Berlin, ein bekannter Heißsporn, 
gebärdete sich wie ein Unsinniger; er klagte, Frankreich sei erniedrigt, 
entehrt, von Europa geächtet,*) und verkroch sich bei dem nächsten Hoffeste, 
um nur den König nicht sprechen zu müssen, hinter einem Fenstervorhang, 
wo man ihn ruhig stecken ließ. Der Gesandte in München wollte gar 
nicht verstehen, was man gegen ihn habe, da doch Frankreich immer das 
deutsche Gleichgewicht verteidigte; ***) der in Darmstadt bat um Schutz 
für sein Haus, weil er sich durch den Lärm der Presse persönlich bedroht 
glaubte.f)sOffenbar kam es den Franzosen ganz unerwartet, daß die 
Deutschen sich als eine Nation fühlten. 
Die öffentliche Meinung hielt sich ganz frei von dem fratzenhaften 
Franzosenhafse der Zeiten der alten Burschenschaft. Man wagte nicht 
einmal die Wiedereroberung des Elsasses zu fordern, sondern wollte nur 
tapfer das deutsche Hausrecht wahren. Major Moltke erwies freilich in 
einem beredten Aufsatze über die westliche Grenzfrage, „daß wenn Frank- 
reich und Deutschland je miteinander abrechnen, alles Soll auf seiner, 
alles Haben auf unserer Seite steht“, und sprach die Erwartung aus, 
in diesem Falle würde Deutschland „das Schwert nicht eher in die Scheide 
stecken, bis Frankreich seine ganze Schuld an uns bezahlt“ hätte. Solche 
Hoffnungen mochten in der Stille von vielen, zumal von preußischen 
Offizieren gehegt werden; in der Presse fanden sie nur sehr selten einen 
Widerhall. Mitten während des Kriegslärms wurden in Deutschland 
Sammlungen für die Überschwemmten zu Lyon veranstaltet, und weil die 
Empfindung der Nation so einfach war, darum fand sie auch ihren natür- 
lichen Ausdruck in den schlichten Worten eines Mannes aus dem Volke. 
Niklas Becker, ein junger Gerichtsschreiber im preußischen Rheinlande, 
dichtete in guter Stunde das Lied: 
Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, 
Ob sie wie gier'ge Raben sich heiser danach schrei'’n, 
Solang er ruhig wallend sein grünes Kleid noch trägt, 
Solang ein Ruder schallend in seine Wogen schlägt. 
Als die Kölner im Oktober ihrem neuen Könige huldigten, wurde dies 
Lied zum ersten Male gesungen, und feurige rheinische Patrioten, die noch 
halb unbewußt unter dem Einflusse der französischen Verbildung des letzten 
Jahrzehnts standen, schlugen vor, das Gedicht, als ein Gegenstück der 
*) Dönhoffs Bericht, München 10. Nov. 1840. 
*“) Minister Werther an Bülow, 10. Aug. 1840. 
*“.) Dönhoffs Bericht, 9. Dez. 1840. 
f) Nach du Thils Aufzeichnungen.
        <pb n="95" />
        Beckers Rheinlied. 87 
Marseillaise, die Colognaise zu nennen. Gewaltig war die Wirkung. 
Mehr als zweihundertmal wurde das Rheinlied in Musik gesetzt; und 
eben wegen dieser überschwenglichen Begeisterung konnte es nicht im Ge— 
dächtnis des Volkes dauern, da keine der unzähligen Melodien die anderen 
aus dem Felde zu schlagen vermochte. Ein Heer von Nachahmern stimmte 
in Beckers Weisen ein, unter ihnen auch ein unbekannter junger Schwabe 
Schneckenburger. Der dichtete in der Schweiz ein Lied „die Wacht am 
Rhein“, das als Dichtung dem Vorbilde weit nachstand. Doch bei einem 
Volksliede bedeutet die Melodie fast alles, der Text wenig; dank der 
kräftigen, volkstümlichen Komposition Wilhelms sollte Schneckenburgers 
Lied nach einem Menschenalter der rauschende Kriegsgesang der deutschen 
Sieger werden. Damals sprach niemand davon; alles schwärmte für 
Niklas Becker, dessen poetische Kraft freilich mit diesem einen glücklichen 
Wurfe erschöpft war. König Friedrich Wilhelm bewies ihm in Wort und 
Tat seine Anerkennung; Ludwig von Bayern sendete ihm als Pfalzgraf 
bei Rhein einen Ehrenbecher und schrieb: „Aus diesem vergoldeten, sil- 
bernen, von mir angegeben wordenen Pokal trinken Sie oft, das singend: 
Sie sollen ihn nicht haben!“ 
Von französischer Seite antwortete zuerst Lamartine mit einer „Mar- 
seillaise des Friedens“, die in den Träumen allgemeiner Menschenliebe 
schwelgte: 
Der Haß und Neid allein besitzt ein Vaterland, 
Die Bruderliebe kennt es nicht. 
Mit solcher Gefühlsseligkeit konnte der französische Übermut sich un- 
möglich zufrieden geben. Erst Alfred de Musset fand das rechte Wort 
für die nationale Empfindung, als er den Deutschen zurief: 
Wir hatten ihn schon, euren deutschen Fluß, 
Er fühlte im Nacken des Siegers Fuß — 
und sie höhnend aufforderte, im freien Rheine ihre Bedientenjacke zu 
waschen. In ähnlichem Tone pries Victor Hugo den Kyklopen Frank- 
reich und sein eines Auge, Paris; ein anderer Poet sang gar: nous 
l’aurons duand nous le voudrons — und mußte sich von den Deutschen 
an den Fuchs, dem die Trauben zu sauer schienen, erinnern lassen. 
Mehrere Monate hindurch währte dieser poetische Wettstreit, in dem die 
Deutschen entschieden die Oberhand behielten; von allen den drohenden 
und prahlenden Gesängen der Franzosen hielt keiner den Vergleich aus 
mit dem frischen Rheinweinliede Georg Herweghs: 
Wo solch ein Feuer noch gedeiht, 
Wo solch ein Wein noch Flammen speit, 
Da lassen wir in Ewigkeit 
Uns nimmermehr vertreiben! 
Stoßt an, stoßt an: der Rhein, 
Und wär's nur um den Wein, 
Der Rhein soll deutsch verbleiben!
        <pb n="96" />
        88 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Die Gesinnung der Nation sprach sich so unwiderstehlich aus, daß 
selbst Jakob Venedey, der Häuptling der Pariser „Geächteten“, der abge- 
sagte Feind Preußens, nicht umhin konnte, in seinem phrasenreichen Buche 
„der Rhein“ ehrlich einzugestehen, die Rheinfrage dürfe für deutsche Män— 
ner keine Frage sein. Sogar in Osterreich regte sich zuweilen das deutsche 
Blut. Auf den Straßen Wiens wurde das Rheinlied gesungen, und 
für den Österreichischen Beobachter, der vor kurzem noch die höchst- 
gefährliche Idee der deutschen Einheit so ingrimmig verfolgt hatte, schrieb 
jetzt der junge Liberale Franz Schuselka die „deutschen Worte eines Oster- 
reichers“. Von den Gegnern wagten sich nur einzelne mit der Sprache 
heraus; so W. Cornelius, der Demagog aus den Hambacher Zeiten, der 
ließ in einem bissigen Gedichte den Vater Rhein seinen Sängern antworten: 
„nennt mich weder deutsch noch frei.“ Heinrich Heine fühlte sich wie be- 
täubt, als der kunstvolle Prachtbau der welschen Phrasen des letzten Jahr- 
zehntes so jählings zusammenbrach und die verhaßten Teutonen sich so 
ungebärdig wider sein geliebtes Frankreich erhoben; indessen zog er vor, 
für jetzt noch klüglich zu schweigen. 
Der fremdbrüderliche Liberalismus der dreißiger Jahre war mit 
einem Schlage vernichtet. Niemand empfand dies schwerer als Rotteck, 
den die tragische Gerechtigkeit des Schicksals eben jetzt, im November 1840, 
inmitten der Lärmrufe der teutonischen Kriegsbegeisterung aus dem 
Leben abberief. Auf seine Weise hatte der ehrliche Doktrinär sein Vater- 
land immer geliebt; aber die Möglichkeit eines Krieges gegen das liberale 
Frankreich war ihm während der letzten Jahre ganz unfaßbar geworden. 
In der verwandelten Zeit fand er sich nicht mehr zurecht, und noch auf 
seinem Sterbebette fragte er traurig: in welche Hände wird nun das Ver- 
nunftrecht kommen? Er ahnte nicht, daß diese Hände sich niemals finden 
sollten. Die schöpferische Wissenschaft war über die Träume des Ver- 
nunftrechts längst hinweggeschritten, die verständigen Liberalen begannen 
schon, nach Dahlmanns Vorgang, ihre Ideale den gegebenen Zuständen 
anzupassen; die jungen Schwarmgeister aber, die noch an das Wahnbild 
eines unwandelbaren, in den Sternen geschriebenen Rechtes glaubten, 
gingen weit über Rotteck hinaus, sie hofften auf ein Reich der unbedingten 
Freiheit und Gleichheit. So starb der Führer des badischen Liberalismus 
zur rechten Zeit für seinen Ruhm, in einem Augenblicke, da er den Deut- 
schen nichts mehr sein konnte. 
Zum ersten Male seit unvordenklichen Zeiten war die deutsche Nation 
mit ihren Fürsten ganz einig, und Metternich, der jetzt im Alter die 
Dinge bequem zu nehmen liebte, meinte zufrieden, diese nationale Be- 
wegung sei ganz unberührt von den revolutionären Gedanken der Be- 
freiungskriege. Zar Nikolaus dagegen sagte besorgt zu dem preußischen 
Gesandten, es scheine ratsam, die stürmische nationale Gesinnung der 
Deutschen zu überwachen, denn sie äußere sich am lautesten in den Kreisen
        <pb n="97" />
        Niedergang des fremdbrüderlichen Liberalismus. 89 
der Männer, welche bisher die Regierungen bekämpft hätten.“) Der 
Russe sah schärfer als der Österreicher. Es war in der Tat der Geist 
von 1813, der aus allen diesen Gedichten, Reden und Zeitungsartikeln 
sprach; es war der Stolz einer endlich erwachenden starken Nation, der 
zum vollen Selbstbewußtsein gereift der Fremdherrschaft Osterreichs ebenso 
verderblich werden mußte wie die hohlen Formen der Bundesverfassung. 
Die Kugel stand auf scharfer Kante; ein leichter Stoß genügte, sie ins 
Rollen zu bringen. Der Krieg war erklärt, sobald Preußen eine ernste 
Anfrage wegen der französischen Rüstungen nach Paris ergehen ließ und 
sie veröffentlichte. 
Ein König von friderizianischer Kühnheit hätte dieser Versuchung 
schwerlich widerstanden. Alle die tapferen Männer des preußischen Heeres, 
welche seit Jahren schon den dritten punischen Krieg für unvermeidlich 
hielten, vereinigten sich in der Meinung, jetzt sei die rechte Zeit zum 
Schlagen. Der Prinz von Preußen lebte und webte in dem Gedanken 
des rheinischen Feldzugs. In ernster Rede mahnte er die Offiziere der 
Garde, den vaterländischen Sinn wach zu halten in dem Heere, „der 
Schöpfung des seligen Königs“, die sich mehr denn je das Vertrauen 
des befreundeten Auslandes erworben habe.) Er schrieb sich das Rhein- 
lied eigenhändig ab, und unter die Schlußworte: 
Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein, 
Bis — seine Flut begraben des letzten Manns Gebein 
setzte er jenen kühnen Federzug, der späterhin aus der Namensunterschrift 
des Sedansiegers der weiten Welt bekannt werden sollte. Auch Radowitz 
riet seinem geliebten Könige, sich jetzt durch einen verwegenen Entschluß 
eine Stellung ohnegleichen zu gewinnen. Die Lage schien für Preußen 
wunderbar günstig. Thiers hoffte zwar den Krieg in Italien zu beginnen, 
um dadurch Deutschland neutral zu halten; er war aber ganz außer 
stande, die gallische Kriegsbegier, sobald sie einmal entfesselt wurde, von 
ihrem eigentlichen Ziele, dem Rheinlande abzulenken, und mit vollem Rechte 
ließ daher die preußische Regierung in Paris erklären, sie müsse jeden 
Angriff auf Italien als einen Kriegsfall betrachten. Wenn Frankreich 
also gezwungen wurde, seine Streitkräfte zu teilen, so konnte nach mensch- 
lichem Ermessen den preußischen Waffen der Sieg nicht entgehen, trotz 
der voraussichtlich elenden Beihilfe der kleinen deutschen Bundesgenossen. 
Aber so wahrscheinlich der kriegerische Erfolg, ebenso gewiß war schließlich 
die diplomatische Niederlage; denn auch dieser Krieg hätte wie der Feld- 
zug von Belle Alliance unter dem Neide und der Halbheit aller Koali- 
tionskriege verkümmern müssen; er konnte nach aller Wahrscheinlichkeit 
nur damit enden, daß Preußen mit ungeheueren Opfern die persönliche 
  
*) Liebermanns Bericht, 23 Febr. 1841. 
*) Bergers Bericht, 6. Jan. 1841.
        <pb n="98" />
        90 V. 2 Die Kriegsgefahr. 
Rachsucht des Zaren befriedigt, Englands mediterranische Herrschaft be- 
festigt und für sich selbst nichts davon getragen hätte als einige wertlose 
Grenzplätze in Elsaß-Lothringen. 
König Friedrich Wilhelm ließ solche Erwägungen gar nicht an sich 
herankommen; für ihn hatte der Gedanke eines dritten Pariser Einzugs 
keinen Reiz. Er wollte den Frieden, nichts als den Frieden. Erst als 
die französischen Drohungen unsere Westgrenze gefährdeten, rüstete er sich 
zur Abwehr, und für diesen bescheidenen Zweck der Verteidigung Deutsch- 
lands arbeitete die preußische Politik, die sich in den internationalen Lon- 
doner Verhandlungen so schwächlich, so widerspruchsvoll gezeigt hatte, mit 
ehrenwerter Umsicht und Beharrlichkeit. Der König dachte die Gelegen- 
heit zu benutzen und mit dem Bundesheerwesen zugleich die gesamte 
deutsche Bundespolitik, die seinem Herzen so teuer blieb, neu zu beleben. 
„Zu Frankfurt“, so gestand er einem Vertrauten, „brau' ich mein Eigenstes; 
zu keiner Gesandtschaft steh' ich in so unmittelbarem Verhältnis als zu 
dieser.“*) Er wußte, wie eifrig sein Vater sich während der letzten Jahre 
bemüht hatte, in Frankfurt durch Radowitz eine Verbesserung der elenden 
Bundeskriegsverfassung zu bewirken, und wie kläglich alle diese Bemühun- 
gen an der Gleichgültigkeit OÖsterreichs gescheitert waren. Gerade in 
den Tagen des Thronwechsels berichtete Radowitz hoffnungslos über die 
Haltung der Hofburg: „Bei völliger Kenntnis und Einsicht in die vor- 
handenen Gebrechen ist dennoch das Interesse an deren Heilung nicht 
groß genug oder die Berücksichtigung anderweiter Motive zu vorwiegend.“““) 
Durch den Zauber seiner Beredsamkeit hoffte der neue König diesen Wider- 
stand zu überwinden; schon auf der Pillnitzer Zusammenkunft sagte er 
zu Metternich tiefbewegt, fortan müsse eine neue Zeit auch für die Bundes- 
politik kommen. Der Österreicher wich aber aus und vermied auch ferner- 
hin ängstlich jedes Gespräch über den Deutschen Bund. 
Metternich verbrachte den August und September in Königswart, 
wohin er die Gesandten aller Großmächte nebst dem päpstlichen Nuntius 
eingeladen hatte. Mit Spannung beobachtete die diplomatische Welt diesen 
geheimnisvollen Kongreß. Fleißiger denn je arbeitete Metternichs Feder; 
ungezählte Depeschen flogen aus seinem böhmischen Schlosse in alle Welt 
und sie klangen alle in hohem Tone. „Die Frage ist ganz einfach die 
des die Pforte zu seinem Vorteil fressen wollenden Paschas von Agypten,“ 
so schrieb er nach Frankfurt. Die orientalische Verwicklung war und 
blieb ihm nur ein Kampf zwischen der Revolution und dem legitimen 
Sultan; den Bürgerkönig suchte er zu erschrecken durch den Bericht eines 
k. k. Agenten, der seit Jahren allen Pariser revolutionären Klubs ange- 
hörte und bestimmt versicherte, die Radikalen planten einen neuen Streich 
*) König Friedrich Wilhelm an Rochow, 9. April 1842. 
**) Radowitz, Bericht an Werther, 2. Juni. Eichhorn an den Kriegsminister v. Rauch, 
9. Juli 1840.
        <pb n="99" />
        Preußens Verteidigungspläne. 91 
wider die Krone.“) In Wahrheit verbarg sich hinter diesem vielgeschäftigen 
Treiben nur die Angst. Der greise Staatskanzler wollte schlechterdings 
nicht an die Möglichkeit eines europäischen Krieges glauben, weil er seinem 
morschen Reiche nicht mehr die Kraft zutraute, solchen Gefahren zu wider- 
stehen; er beabsichtigte von vornherein, die dem Sultan verheißene Unter- 
stützung nur durch die Absendung einiger Kriegsschiffe, nimmermehr durch 
Landtruppen zu leisten, und zeigte eine sorglose Sicherheit, welche Graf 
Maltzan ganz unbegreiflich fand, da ja bekanntlich alle Rüstungen in 
Osterreich nur schwer und langsam zu stande kämen.“*) Endlich gingen 
dem Preußen die Augen auf. Am 11. Sept. gestand er seinem Monarchen: 
wir sind alle von Metternich betrogen, alle „in der possierlichsten Weise 
hineingefallen“; der Fürst hat uns nur in Königswart hingehalten, weil 
er nicht nach Wien gehen, unliebsame Erörterungen mit seinem überspar- 
samen, den gefährlichen Vierbund verabscheuenden Nebenbuhler Kolowrat 
vermeiden will.““) So stand es in der Tat. Metternich regierte Oster— 
reich nicht, er konnte auf die Unterstützung des Triumvirats nicht zählen; 
alle die verrosteten Räder der unförmlichen Staatsmaschine knarrten und 
knirschten. 
Wie hochbedenklich mußten einem solchen Hofe die immerhin etwas 
herzhafteren preußischen Verteidigungspläne erscheinen. Schon am 25. 
August erklärte Maltzan, sein Monarch halte für nötig, daß die beiden 
deutschen Großmächte sich über die gemeinsame Abwehr verständigten und 
dann die kleinen Höfe zur Mitwirkung aufforderten. Preußen könne binnen 
acht Wochen 200 O000 Mann am Rhein versammeln; wie viele Truppen 
denke Österreich in Vorarlberg aufzustellen? Dort standen augenblick- 
lich kaum 1000 Mann. Metternich antwortete „aufs höchste entzückt“ 
mit einigen allgemeinen Redensarten.) So ging es weiter, viele Wochen 
hindurch, ohne jedes Ergebnis. Noch in den ersten Oktobertagen sprach 
der Österreicher von bewaffneter Neutralität und schrieb an Neumann 
in London: eben weil Frankreich rüstet, dürfen die vier Mächte nicht 
rüsten. Maltzan sagte entsetzt: Welche Logik! Und Preußen ist Frank- 
reichs Nachbar! Er faßte sich ein Herz und schrieb nach Berlin: „Heute 
tauschen Osterreich und Preußen ihre Rollen. Der Geist des kaiserlichen 
Kabinetts ist wesentlich friedlich. Preußen dagegen, stark durch seine phy- 
sische und sittliche Kraft, überbietet Osterreich und ist offenbar berufen, 
die Bewegungen der beiden Großmächte und Deutschlands sowohl hervor- 
zurufen als zu leiten.“)Nach neuem lebhaftem Andrängen des preu- 
ßischen Hofes sendete Metternich am 9. Okt. an König Friedrich Wilhelm 
*) Metternich an Münch 9. Sept.; an Apponyi 20. Aug. 1840. 
*# ) Maltzans Berichte, 8. 26. 29. Aug. 1840. 
***) Maltzans Bericht, 11. Sept. 1840. 
7) Maltzans Bericht, 25. Aug. Metternich an Min. Werther, 26. Aug. 1840. 
f#) Maltzans Berichte, 3. 5. Okt. 1840.
        <pb n="100" />
        92 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
ein Schreiben, das, ohne bestimmte Zusagen zu geben, doch mindestens 
die Hoffnung erweckte, Preußen und Osterreich würden „als die ersten 
Glieder des Deutschen Bundes in geschlossener Stellung auftreten“. Auch 
dies blieben nur leere Worte, die Verhandlungen rückten nicht von der 
Stelle. Schon waren vier Monate seit dem Juli-Vertrage verflossen, Frank— 
reichs Rüstungen wurden immer gefährlicher, die Kriegsdrohungen der 
Pariser Presse immer lauter, und noch war für Deutschlands Verteidi— 
gung nur das eine geschehen, daß Preußen seine rheinischen Festungen 
in der Stille ausrüstete, die Mobilmachung des Heeres vorbereitete. 
Alles wartete auf den neuen König, und nun endlich sah er ein, daß 
er, die Ehrfurcht vor dem k. k. Erzhause überwindend, selber die Vorhand 
übernehmen mußte. Am 16. Novbr. erschienen in Wien General Grol- 
man, Preußens angesehenster Heerführer, und Oberst Radowitz, der unter- 
wegs den sächsischen Hof besucht hatte. Derweil die auswärtigen Diplo- 
maten noch ihre Anstalten trafen, um die erwarteten langwierigen Ver- 
handlungen zu belauschen, wurden die beiden Preußen schon nach zwei 
Tagen mit General Ficquelmont handelseins. Grolmans heldenhafter 
Gradsinn und Radowitzs umfassende Sachkenntnis ergänzten einander 
sehr glücklich. Sie setzten durch, daß jener preußische Kriegsplan vom 
Jahre 1831, der damals so peinliche Beratungen veranlaßt hatte, jetzt 
wieder aufgenommen wurde.?') Nur wollte man diesmal kühner ver- 
fahren und im Kriegsfalle sogleich zum Angriff schreiten. Also ein preu- 
ßisch-norddeutsches Heer abwärts von Mainz; ein süddeutsches, durch 
preußische Truppen verstärkt, am Oberrhein, endlich in Oberschwaben eine 
österreichische Reserve-Armee, deren Stärke Ficquelmont auf 150000 Mann 
anschlug.**) Diesen zuversichtlichen Zahlenangaben traute Grolman freilich 
ebenso wenig wie den Prahlereien Metternichs, der den kleinen deutschen 
Gesandten beharrlich versicherte, Osterreich sei vollkommen gerüstet; der Ge- 
neral wußte nur zu wohl, in welchem elenden Zustande sich das k. k. Heer 
befand, und wie dringend Radetzky, immer vergeblich, um Verstärkung 
mindestens der italienischen Armee flehte. *“) Indessen zog er vor, keinen 
Widerspruch zu erheben. Ihm genügte, daß die Hofburg, im Gefühl 
ihrer Ohnmacht, den Oberbefehl über die deutschen Kleinstaaten tatsäch- 
lich an Preußen überließ, auch auf den alten Lieblingsplan des k. k. Hof- 
kriegsrats, auf den Zug durch die Schweiz nicht mehr zurückkam. Von 
der lächerlichen Bundeskriegsverfassung war ohnehin, wie immer in Zeiten 
der Gefahr, gar nicht mehr die Rede. 
Da die günstigen Nachrichten vom orientalischen Kriegsschauplatze den 
Mut der Hofburg mittlerweile etwas gehoben hatten, so beschlossen die 
*) S. o. IV. 214. 740. 
*“) Werther, Weisung an Liebermann 3. Dez. Maltzans Berichte, 20. 24. Nov. 
1810. 
*") Maltzans Bericht, 24. Dez. 1840.
        <pb n="101" />
        Sendung von Grolman und Radowitz. 93 
beiden Mächte, durch ein Rundschreiben die deutschen Höfe zur Wachsam- 
keit aufzufordern und zugleich in Paris vertraulich wegen der französischen 
Rüstungen anzufragen. Bei alledem hegte man in Berlin wie in Wien 
noch durchaus friedliche Absichten. Der preußische Hof hatte dem fran- 
zösischen die Sendung der beiden Offiziere nach Wien schon im voraus 
freundschaftlich angezeigt und die Beteuerung hinzugefügt, durch die Ein- 
tracht des Deutschen Bundes werde die allgemeine Ruhe am besten ge- 
sichert.) Nur für den Fall, daß die Kriegspartei den friedlichen Bürger- 
könig überwältigte, wollte man sich gedeckt halten. Frankreichs Rüstungen 
bewirkten einen Zustand des „bewaffneten Friedens“ — so lautete der 
neue Modeausdruck der Diplomaten und der Zeitungen. Deutschland 
mußte auf der Wacht stehen. Diese unschuldige Absicht hatte der König 
durch die Sendung seiner Offiziere in der Tat erreicht, und mit hohem 
Selbstgefühle sagte Maltzan zu Metternich: unser Monarch achtet Öster- 
reichs Stellung in Deutschland, er ist jedoch unabänderlich entschlossen, 
den Deutschen Bund aus dem Zustande der Entwürdigung zu reißen 
und ihn „in die Reihe der Mächte wieder emporzuheben“.*) Friedrich 
Wilhelms dichterische Phantasie trug sich wirklich mit dem Wahne, daß 
der Deutsche Bund neben Österreich und Preußen noch eine selbständige 
Macht bilden und Deutschland also mit der Wucht dreier Großmächte in 
die Geschicke der Welt eingreifen würde. Metternichs Nüchternheit konnte 
diese traumhaften Vorstellungen von den Riesenkräften Bayerns und 
Darmstadts unmöglich teilen; er hielt jedoch für klug in den weihevollen 
Ton des preußischen Hofes einzustimmen und redete fortan in Gesprächen 
und Denkschriften hochpathetisch von „dem Deutschen Bunde, dem Staate 
des europäischen Festlandes, der unter allen nach dem Umfange seiner 
Machtmittel den ersten Rang einnehme“, im Kampf gegen Frankreichs 
bewaffneten Frieden die erste Rolle zu spielen berufen sei und als 
fünfte Macht dem Vierbunde beitreten müsse.*) 
Wie diese fünfte Macht in Wirklichkeit beschaffen war, das sollte 
Radowitz sofort erfahren, als er nunmehr die Höfe von München, Stutt- 
gart, Karlsruhe, Darmstadt, Wiesbaden besuchte, die allesamt schon 
durch die preußische Bundesgesandtschaft über die europäische Lage und 
die Kriegsgefahr unterrichtet waren.x) Etwas später kam auch, mit gleich- 
lautenden Weisungen versehen, General Heß, einer der tüchtigsten Sol- 
daten aus Radetzkys Schule. Überall wurde der Preuße mit offenen 
Armen aufgenommen, überall empfing er bundesfreundliche Zusagen und 
die vertrauliche Beteuerung, daß Süddeutschland weder der Kraft noch 
7*) Werther, Weisung an Arnim in Paris, 14. Nov. 1840. 
**) Maltzans Bericht, 27 Nov. 1840. 
*7“) Maltzans Bericht, 14. Dez. Metternichs Denkschrift über die europäische Lage, 
18. Dez. 1840. 
f) Sydows Bericht, Frankfurt 23. Okt. 1840.
        <pb n="102" />
        94 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
dem guten Willen des Wiener Hofes vertraue, also nur unter Preußens 
Führung kämpfen wolle.“) Graf Bismarck, der früherhin als Bona— 
partist verrufene württembergische Gesandte in Berlin, sprach jetzt be— 
geistert von dem Nationalkriege und drängte die Preußen zu raschem 
Handeln. König Ludwig von Bayern, der sich noch kürzlich, während 
des Kölner Bischofsstreites so gehässig gegen Preußen gezeigt hatte, erschien 
schon seit Jahresfrist wie verwandelt. Er merkte, daß er zu weit ge- 
gangen war, denn die für Bayern so überaus vorteilhaften Zollvereins- 
verträge liefen nächstens ab. Immer wieder beteuerte er jetzt dem preu- 
ßischen Gesandten: ich bin stets für Preußen gewesen und nur scheinbar 
von diesem Systeme abgewichen; noch brünstiger versicherte er seine Be- 
geisterung für den Zollverein — was den alten König Friedrich Wilhelm 
zu der trockenen Bemerkung veranlaßte: „das glaube ich wohl, da Bayern 
dabei so viel gewinnt, als Preußen verliert.“““) Nun vollends, da sein 
geliebter Schwager den preußischen Thron bestiegen hatte, sang der 
Wittelsbacher hochbegeistert: 
Herrlicher geht die Sonne jetzt auf, wird glänzend uns scheinen, 
Liebend belebender Kraft, Preußen und Deutschland zum Heil. 
Er schien jetzt ganz in der preußischen Politik aufzugehen, überhäufte 
Radowitz mit Ehren und gefiel sich darin, den Grafen Dönhoff vor den 
Augen des französischen Gesandten geflissentlich auszuzeichnen.) Auch 
in Hannover fand Radowitz warmen Empfang. Der alte Welfe war 
der erste der Bundesfürsten, der die Pferdeausfuhr nach Frankreich ver- 
bot und dadurch Preußen, nachher auch den Deutschen Bund zur Nach- 
folge zwang.“) 
Doch was leisteten die kleinen Höfe, die also von patriotischen 
Worten überflossen, für die Verteidigung des Vaterlandes? Unglaublich, 
wie dies neue Jahrzehnt konstitutioneller Kammerherrlichkeit die Wehr- 
kraft des deutschen Südens von Grund aus zerstört hatte. In Bayern 
zählte die Kompagnie auf Kriegsfuß 172 Mann, davon wurden 62 Mann 
gar nicht eingestellt; von den also verbleibenden 110 beurlaubte man 
nach der kurzen Exerzierzeit stets 85 Mann, so daß ein Infanteriebataillon 
während der längsten Zeit des Jahres 100 (Mißtrauische behaupteten 
sogar: nur 60) Mann unter der Fahne behielt. Und angesichts solcher 
Zustände meinte König Ludwig schon ein Großes zu tun, als er wegen 
der Kriegsgefahr zwei Batterien auf Kriegsfuß setzen und für sein ganzes 
Heer etwa 250 Pferde, statt der fehlenden 5000, ankaufen ließ.) Er 
*) Berichte von Rochow, 14. Dez., von Otterstedt 17. 21. Dez. 1840. 
**) Randbemerkung des Königs zu Dönhoffs Bericht v. 28. März 1840. 
*“) Dönhoffs Berichte, 15. Nov., 5. Dez. 1840. 
) Bergers Berichte 27. 29. Dez. 1840 HB. Febr. 1841. 
1) Bericht des Leg. Sekr. v. Canitz München 22. Okt. Dönhoffs Bericht 30. Nov. 
1810.
        <pb n="103" />
        Süddeutschlands Wehrlosigkeit. 95 
versprach den Mißbrauch der ständigen Beurlaubungen endlich abzustellen, 
kam aber nicht über den guten Vorsatz hinaus. Kaum besser stand es 
in Württemberg. Dort hatte das in zwei Bataillone eingeteilte Infan— 
terieregiment zur Sommerszeit 401, im Winter 307 Mann bei der Fahne. 
Aufgeregt durch die bedenklichen Pariser Nachrichten sprach König Wil— 
helm wieder viel von einer schwäbischen Landwehr; er meinte aber nicht 
das preußische Landwehrsystem, das seinen Landständen viel zu kost— 
spielig schien, sondern wollte nur durch ein Gesetz die Aushebung neuer, 
ganz unausgebildeter Mannschaften ermöglichen für den Fall, daß Linie 
und Reserve bereits ausgerückt wären. An die allgemeine Wehrpflicht, 
die von der Ritterschaft und vom Beamtentum verabscheut wurde, ließ 
sich vollends gar nicht denken; der Gesandte Rochow schrieb: „das Ein- 
steher-Wesen ist hier wie eine eherne Mauer“ und fand es „für einen 
Preußen kaum begreiflich“, wie sehr man sich hier vor der mißleiteten 
öffentlichen Meinung fürchte. ) In Baden geschah für das Heer sehr 
wenig, weil Minister Blittersdorff den Argwohn hegte, hinter allen diesen 
Kriegsvorbereitungen verbärgen sich nur Preußens hegemonische Gelüste. 
Auch in Darmstadt hielt du Thil alle Rüstungen für überflüssig; er 
hatte längst bemerkt, daß Osterreich nur mit halber Seele bei der Sache 
war, nur um Preußen nicht allein das Feld zu überlassen, an den mili- 
tärischen Verhandlungen teilnahm.““) Ohnehin glaubten diese Klein- 
staaten allesamt, ihren Bundespflichten schon überreichlich genügt zu haben; 
hatten sie doch im letzten Herbst am unteren Neckar gemeinsame Ma- 
növer des 8. Bundesarmeekorps veranstaltet, die erträglich ausfielen und 
als ein Beweis tatkräftiger Bundestreue selbst von dem preußischen 
Generalstabschef Krauseneck nachsichtig belobt wurden. **) Auch hinter 
patriotischen Bedenken wußte sich die Schlaffheit zu verschanzen; als 
Nesselrode, taktlos genug, die kleinen Höfe durch ein Rundschreiben zur 
Kriegsbereitschaft mahnen ließ, da hieß es überall: nimmermehr dürfe 
sich das stolze Deutschland von Rußland drängen lassen.) Radowitzs 
Rundreise brachte zunächst nur ein greifbares Ergebnis: die süddeutschen 
Staaten traten im Febr. 1841 zu Karlsruhe zusammen und beschlossen 
— aus Rücksicht auf Bayerns Stolz, zum großen Arger des ehrgeizigen 
Schwabenkönigs — den zukünftigen Oberbefehl über das zukünftige Süd- 
heer dem Prinzen Karl von Bayern zu übertragen. In Norddeutschland 
war selbst eine solche Einigung unerreichbar, da die kleinen Fürsten des 
10. Armeekorps allesamt Bedenken trugen, ihre Truppen dem verrufenen 
hannoverschen Welfen anzuvertrauen.#4), 
*) Rochows Berichte, 6. Dez. 1840, 17. Jan. 29. Juni 18. Juli 1841. 
**) Nach du Thils Aufzeichnungen. 
*7**) Berichte von Otterstedt, 21. 22. Sept., von Rochow 12. Sept. 1840. 
) Nesselrode, Rundschreiben an die Gesandtschaften in Deutschland, 2. Dez.1840. 
#) Berichte von Rochow 27. Febr., von Berger, 28 April 1841.
        <pb n="104" />
        96 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Der Bundestag trieb unterdessen trotz der schweren Zeiten seine 
gewohnte Kurzweil. Die Staaten der sechzehnten Kurie hatten bisher 
an dem reichen Frankfurter v. Leonhardi einen überaus wohlfeilen gemein— 
samen Bundesgesandten besessen, der die Geschäfte nur zu seinem Ver— 
gnügen führte, und zankten sich nunmehr, als dieser göttliche Philister 
gestorben war, mit solcher Ausdauer über den Gehalt des Nachfolgers, 
daß der Posten drei Jahre unbesetzt blieb. Der Landgraf von Homburg, 
der im Jahre 1817 dem Bunde nachträglich beigetreten war, forderte 
stürmisch das ihm gebührende Stimmrecht und erlangte endlich nach fünf— 
undzwanzigjährigen Kämpfen Einlaß in die sechzehnte Kurie. Die Erne— 
stiner konnten sich über den Vorrang bei der Unterschrift nicht einigen, 
und ihr neuer Bundesgesandter mußte daher mit vier gleichlautenden 
Vollmachten ausgerüstet werden.) Derweil man sich also vergnügte, 
suchte Graf Münch, unbekümmert um die dringenden Mahnungen des 
preußischen Gesandten mehrere Monate hindurch jede Beratung über die 
Kriegsbereitschaft des Bundes zu vereiteln. Er wußte wohl, daß diese 
Zögerung den stillen Wünschen fast aller kleinen Höfe entsprach; hatte 
doch selbst König Ludwig von Bayern in Berlin vorsichtig erklären lassen: 
erst wenn die Rüstung Süddeutschlands ganz vollendet sei, dürfe der 
Bund in Paris eine Anfrage stellen.) 
Endlich am 13. März 1841, acht Monate nach dem Juli-Vertrage, 
beantragte Münch, die Militärkommission solle aufgefordert werden, über 
die näheren Bedingungen der Kriegsbereitschaft ein Gutachten zu er- 
statten. Voran ging ein langer Vortrag, dessen hochpatriotischer Ton 
von dem dürftigen Inhalte lächerlich abstach: „die Pflicht sämtlicher 
deutschen Regierungen, für die Ehre des deutschen Namens sowie für 
die Sicherheit der Völker Deutschlands Sorge zu tragen, erheischt, daß 
überall die Wehrkraft der Bundesstaaten allen eintretenden Wechselfällen 
zu genügen im stande sei.“ Diese tiefsinnigen Worte hatte Metternich 
selbst in den Präsidialvortrag eingefügt, an der Stelle eines etwas schär- 
feren, von General Heß vorgeschlagenen Satzes.*“) Die Hofburg wollte 
alles vermeiden, was dem Souveränitätsdünkel der kleinen Höfe auch nur 
wie ein leiser Zwang erscheinen konnte. Natürlich wurde der Antrag, 
unter den üblichen Dankesbezeigungen gegen die allezeit fürsorgliche Prä- 
sidialmacht, pflichtschuldigst angenommen; die vertraulichen Eröffnungen 
in Paris überließ man den beiden Großmächten. Es stand noch immer 
wie in den Regensburger Zeiten. Der Bundestag durfte sich der ange- 
nehmen Erwartung hingeben, daß sein Beschluß gar keine Folgen haben, 
sondern entweder durch eine friedliche Wendung der europäischen Händel 
oder durch eine Kriegserklärung Frankreichs überholt werden würde. 
*) Berichte von Bülow, 15. Okt. 1841, von Schöler, 17. Okt. 1840. 
“) Gise, königliche Weisung an Lerchenfeld, 20. Dez. 1840. 
ot) Sydows Bericht, 13. März 1841.
        <pb n="105" />
        Einführung der Bundesinspektionen. 97 
Dem alten Könige war kurz vor seinem Tode noch einmal recht 
deutlich geworden, was von der Opferwilligkeit seiner deutschen Bundes— 
genossen zu erwarten sei. Damals (1839) hatte er mit einem Aufwande 
von Millionen drei seiner Armeekorps auf Kriegsfuß gesetzt, um den end— 
lichen Abschluß des schmählichen Luxemburgischen Streites zu erzwingen, 
und bei diesem Unternehmen, das doch allein der Sicherung des Bundes— 
gebietes galt, am Bunde keinerlei Unterstützung, nicht einmal durch 
Worte gefunden. Jetzt mußte sein Nachfolger, kaum auf den Thron 
gestiegen, schon die gleiche Erfahrung machen. Er konnte sich nicht mehr 
darüber täuschen, daß die kleinen Höfe gern bereit waren, sich durch Preu— 
ßens starken Arm aus der Not retten zu lassen, aber nicht im mindesten 
beabsichtigten, die schimpfliche Wehrlosigkeit, welche ein volles Drittel des 
tapfersten aller Völker daniederhielt, zu beseitigen. Trotz alledem hielt der 
neue König seine Bundesreformpläne fest; an der Bildsamkeit dieser treff— 
lichen Bundesverfassung wollte er nimmermehr verzweifeln. Am 6. Januar 
1841 sendete er an die Wiener Gesandtschaft einen Erlaß, worin er bestimmt 
aussprach, er werde allein vorgehen, falls Osterreich seine Mitwirkung ver— 
weigere.“) Diese Drohung wirkte für den Augenblick. Auf Preußens 
Andrängen beschloß der Bundestag (29. Juni), daß fortan aller drei 
Jahre Bundesinspektoren sich von dem Zustande der Streitkräfte der ver— 
bündeten Staaten überzeugen sollten,““) und noch im Herbste 1841 wurde 
die erste Bundesinspektion ins Werk gesetzt. 
Also doch endlich ein bescheidener Fortschritt, denn bisher waren 
nur die lächerlichen Truppen der Reserve-Infanteriedivision von Bundes 
wegen gemustert worden. Der Beschluß kam unter schweren Kämpfen zu 
stande; manche der wohl durchdachten Vorschläge des Obersten Radowitz, 
der jetzt seinen Sitz in der Bundesmilitärkommission wieder eingenommen 
hatte, mußten geopfert werden. Österreich zeigte eine wohlbegreifliche 
Scheu, sein aus so verschiedenen Völkerschaften gemischtes Heer dem Ur- 
teile von Ausländern zu unterwerfen. Die Mecklenburgischen Höfe 
hatten ihren Bundesgesandten Schack bereits angewiesen, gegen die Bundes- 
inspektion förmliche Verwahrung einzulegen, und gaben erst nach, als König 
Friedrich Wilhelm seine Verwandten in Strelitz persönlich besucht hatte. 
Ihre trotz der Bundesgesetze gänzlich verwahrlosten Reserven wollten die 
Kleinstaaten schlechterdings nicht mustern lassen; Mecklenburg erklärte 
entrüstet: „die jährliche Einberufung der Reserve wäre eine wahre Landes- 
kalamität.““?) Auch eine Bestimmung über die Dauer der jährlichen 
Übungszeit ließ sich nicht durchsetzen. „Spezielle Zeitbestimmungen, meinte 
Württemberg, würden hier nichts nützen, sondern schaden“, da alles auf 
  
*) Maltzans Berichte, Jan. 1841. 
**) Sydows Bericht, 24. Juni 1841. 
*)ESydows Berichte, 13. Mai, 4. Juni 1841. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 7
        <pb n="106" />
        98 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
die Intelligenz des Volksstammes ankommt und „die diesseitige Infanterie, 
wenn sie auch wenig Paradedressur haben mag, doch desto felddiensttüch- 
tiger erscheint.“) Nicht einmal zu gemeinsamen Vorschriften für den 
Wachtdienst und den militärischen Gruß wollte sich der Bundestag ver- 
stehen. 
Nachdem man sich also mit Müh und Not über einen möglichst 
inhaltlosen Beschluß geeinigt hatte, begann alsbald ein neuer Zank wegen 
der Frage, welche Staaten die Bundesinspektoren stellen sollten. König 
Wilhelm von Württemberg hatte sehr lange widerstrebt und sich erst durch 
das Zureden seines alten Waffengefährten FM. Latour davon überzeugen 
lassen, daß seiner Souveränität keine Gefahr drohe. Indes wollte er seine 
Schwaben weder durch Osterreich noch durch Hannover mustern lassen, 
weil er den alten tiefen Groll gegen die Hofburg noch nicht verwunden 
hatte und mit dem verhaßten Welfenkönige noch immer um den Vorrang 
stritt. Er erzwang auch, daß statt des Hannoveraners ein dänischer 
General nach Stuttgart kam; den Osterreicher aber erließ man ihm nicht, 
und er rächte sich nach seiner Weise, indem er den k. k. Feldmarschall- 
leutnant Sunstenau mit ausgesuchter Grobheit behandelte.) 
Auch dieser Streit hörte endlich auf, und jeder der zehn Inspektions- 
bezirke wurde wirklich von drei Generalen anderer Bundesstaaten besichtigt. 
Als aber die Berichte der Inspektoren einliefen, da zeigte sich's mit er- 
schreckender Klarheit, wie die große Lüge dieser Bundesverfassung alles, 
was mit ihr in Berührung kam, ansteckte und sogar die sprichwörtliche Ehr- 
lichkeit des deutschen Offizierstandes verdarb. Die inspizierenden Generale, 
unter denen sich viele Prinzen befanden, waren durch mannigfache poli- 
tische Rücksichten beengt; die meisten dachten auch mit stiller Angst an 
den Jammer ihres heimatlichen Heerwesens und verfuhren wie die Krähen, 
sie urteilten sanftmütig, um nicht ihr eigenes engeres Vaterland hartem 
Tadel auszusetzen. Sogar die preußischen Generale, die in den Klein- 
staaten durch ihre strenge Wachsamkeit und den Freimut ihrer Rügen 
überall Schrecken erregten, sprachen in den amtlichen Berichten doch bei 
weitem nicht so scharf wie in ihren vertrauten Briefen. Daher lobte 
die Bundesmilitärkommission, als sie nach fast zwei Jahren (Juli 1843) 
über das Gesamtergebnis der Inspektion berichtete, mit warmen Worten 
„den echt föderativen Geist“ der Regierungen und versicherte, es seien 
„die Armeekorps zum größeren Teil in ganz vollkommen kriegsver- 
fassungsmäßigem Stande“; der preußische Bundesgesandte aber bemerkte 
sarkastisch: zu einer zweiten Inspektion wird sich der Bundestag wohl 
schwerlich entschließen, da ja diese erste fast gar keine Mängel im Bundes- 
heere aufgefunden hat.**) Wer zwischen den Zeilen der höflichen Be- 
*) Sydows Bericht, 18. Juni 1841. 
*) Berichte von Rochow, 2. Okt., von Maltzan, Okt. 1841. 
**) Bülows Bericht, 15. Okt. 1841.
        <pb n="107" />
        Ergebnis der ersten Bundesinspektion. 99 
richte las, konnte solche Mängel, und darunter manche wundersame, aller- 
dings entdecken. 
In Bayern erhielten die Inspektoren, nach einer geheimen Weisung 
des Königs, keinerlei vertrauliche Mitteilungen von seiten der Militär- 
behörden.) Sie fanden dort eine Landwehrpflicht vor, welche sich bis 
zum sechzigsten Lebensjahre jedes Wehrfähigen erstreckte und natürlich nur 
auf dem Papiere stand; die Artillerie und Infanterie der Linie wurde 
nur aller zwei Jahre zu viermonatlichen Übungen einberufen. Der 
Präsenzstand war so niedrig, daß selbst die Bundesmilitärkommission den 
bescheidenen Wunsch nicht unterdrücken konnte, es möchte künftighin bei 
der Infanterie ein Sechstel der gemeinen Mannschaft stets im Dienste 
sein. Trotzdem erklärten die drei inspizierenden Generale (ein OÖster- 
reicher, ein Sachse, ein Darmstädter) dies Heer für sehr lobenswert. 
Über die Reiterei sagten sie liebevoll: Von der Friedenspräsenzstärke 
ist nur die Hälfte vorhanden, und die Leute dienen nur sechs Monate, 
„was spezielle Unvollkommenheiten mit Grund entschuldigen kann.“ Die 
naheliegende Frage, ob sich die sechsmonatliche Dienstzeit der bayri- 
schen Reiterei selbst entschuldigen lasse, übergingen sie mit Stillschwei- 
gen. Noch weniger sprachen sie von der Menge der gebrechlichen alten 
Stabsoffiziere, dem allgemeinen Übelstande dieser langen Friedenszeit, 
der nirgends greller hervortrat als in Bayern. Darum sagte Prinz 
Karl von Bayern traurig zum Grafen Dönhoff: der Bericht ist viel zu 
sanft, er wird auf König Ludwig keinen Eindruck machen.“) In Sachsen 
war das stehende Heer recht tüchtig, aber für die Reserve schlechterdings 
gar nicht vorgesorgt; und als die Bundesmilitärkommission dies leise zu 
rügen wagte, da erwiderte der Dresdner Hof spitzig: er könne sich nicht 
erklären, warum Sachsen in Frankfurt nicht dieselbe Berücksichtigung fände 
wie andere Bundesstaaten, die ebenso wenig für ihre Reserve getan 
hätten. 
In Luxemburg mußte die Musterung unterbleiben, weil ein Bundes- 
kontingent dort noch immer nicht bestand. Der König von Dänemark 
hatte sich geradezu geweigert, seine Holsten an gemeinsamen Übungen des 
10. Bundesarmeekorps teilnehmen zu lassen; er scheute den Vergleich mit 
den besser ausgerüsteten Hannoveranern, die freilich bisher auch noch nie- 
mals zu einem Divisions-Manöver zusammengetreten waren.“*) Völlig 
trostlos lauteten die Berichte des preußischen Generals Ditfurth über die 
Bückeburger und die Mehrzahl der anderen Kontingente, welche die Re- 
serve-Infanteriedivision des Bundes bilden sollten. Zog man schonungs- 
los die Summe, so waren die Bundesgesetze nur in einem einzigen Staate, 
  
*) Dönhoffs Bericht, 4. Okt. 1841. 
**) Berichte von Bülow, 17. Dez. 1841, von Dönhoff, 2. Nov. 1842. 
*““#) Bergers Bericht, 8. Mai 1841. 
77
        <pb n="108" />
        100 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
in Preußen ganz gewissenhaft ausgeführt worden. Hier genügte ein 
Drittel des Heeres, um diesen wahrlich bescheidenen Anforderungen zu ent— 
sprechen. Der alte König hatte sich immer geweigert, einen bestimmten 
Teil seines Heeres als Bundeskontingent zu bezeichnen, weil er alle 
seine Truppen schlichtweg für deutsche Soldaten hielt. Jetzt wurden drei 
von den neun Armeekorps für die Bundesinspektion bestimmt, und die 
Manöver in Schlesien verliefen so gut, daß selbst Erzherzog Ferdinand, 
der nach österreichischem Brauche jedem Volksheere mißtraute, ehrlich 
eingestehen mußte: nun erst habe ich meine Zweifel an dem preußischen 
Landwehrsystem aufgegeben.“) Da die Zusammensetzung der preußischen 
Armeekorps, infolge des Landwehrsystems, von den Ziffern der Bundes- 
kriegsverfassung ein wenig abwich, so befahl der König überdies im März 
1843, daß fortan fünf seiner Armeekorps das Bundeskontingent bilden 
sollten, damit den Bundesgesetzen bis auf den letzten Buchstaben genügt 
würde. 
Das war der Zustand der deutschen Wehrkraft in einer Zeit, da 
die Liberalen der kleinen Landtage beständig über die unerschwinglichen 
Heereskosten klagen; und doch hatte diese Opposition nicht unrecht, denn 
die Ausgaben für ein solches Heer waren wirklich Verschwendung. Am 
letzten Ende bewirkten Friedrich Wilhelms wohlgemeinte Anträge nur, 
daß einige der ganz gewissenlosen kleinen Höfe sich fortan aus Furcht 
vor den Bundesinspektionen ein wenig in acht nahmen. Doch mit so 
sanften Mitteln war die dreißigköpfige Anarchie nicht zu heilen; und 
dies konnte der König, als warmer Verehrer der unwandelbaren Bundes- 
verfassung, nicht begreifen. 
Etwas besser gelangen seine Bemühungen für die Bundesfestungen. 
Während der letzten Jahre hatte Bayern seine Festung Germersheim 
ausgebaut; nur der unentbehrliche Brückenkopf auf dem badischen rechten 
Rheinufer fehlte noch, weil Baden sich hartnäckig weigerte, die kleine 
Landstrecke abzutreten. Über den Zustand von Mainz erstattete der öster- 
reichische Gouverneur Landgraf von Hessen-Homburg, sobald das Kriegs- 
geschrei durchs Land ging, einen Bericht, der so beschämende Vorwürfe 
enthielt, daß die Bundesversammlung beschloß, ihn nicht in ihre Protokolle 
aufzunehmen. An der Rheinkehle, der wichtigsten Stelle des Platzes war 
die Mauer fast spurlos verschwunden — so versicherte der Landgraf — 
allerhand Gewerbetreibende hatten dort ihre Lager und Werkstätten 
aufgerichtet, „der Hauptschlüssel zu den deutschen Landen ist an seiner Kehle 
ein vollkommen offener Ort.“ Das Weissenauer Lager und die wenigen 
anderen neuen Festungswerke gereichten ihren österreichischen Erbauern 
nicht zur Ehre; den größten Teil der Festungsgelder hatte man ver- 
wendet, um Kasernen zu bauen und für die Amtswohnungen der kom- 
  
*7) Maltzans Berichte, Okt. 1841.
        <pb n="109" />
        Die süddeutschen Bundesfestungen. 101 
mandierenden Offiziere Möbel anzuschaffen, welche, dank der mangelhaften 
Kontrolle, schon wieder fast ganz zerstört waren. So schimpflich das alles 
war, Graf Münch meinte achselzuckend: ein Neubau könne für diesen 
Krieg doch nichts mehr nutzen und nur gefährliches Aufsehen erregen. 
Selbst Radowitz hielt für geraten, jetzt für Mainz nichts zu fordern, 
denn sonst wäre die Beratung über die süddeutschen Bundesfestungen, 
welche dem Könige zunächst am Herzen lag, nie zum Abschlusse gelangt.“) 
Seit dem Jahre 1836 ward diese so sündlich verschleppte Angelegen- 
heit wieder ernstlich besprochen. Die Parteien standen noch wie vor zwei 
Jahrzehnten. Während die Süddeutschen, nach Sinn und Wortlaut der 
Verträge, eine Bundesfestung „am Oberrhein“, also Rastatt verlangten, 
bestand Osterreich noch immer auf der Befestigung von Ulm. Der k. k. 
Hofkriegsrat wollte seine Kaiserstadt gegen die Gefahren eines neuen 
napoleonischen Donaufeldzuges decken und verfocht hartnäckig die doktri- 
näre Behauptung, daß die Franzosen den nächsten Krieg unfehlbar mit 
einem Zuge durch die Schweiz eröffnen, mithin die oberrheinischen Lande 
von vornherein umgehen würden. Diesen Ansichten, die nur zu leb- 
haft an den wundersamen Feldzugsplan von 1814 erinnerten, pflichtete 
in Berlin nur ein einziger namhafter Offizier bei: der immerdar öster- 
reichisch gesinnte Knesebeck. Alle andern Generale, voran der Kriegs- 
minister Rauch und der Generalstabschef Krauseneck standen auf der Seite 
der oberrheinischen Höfe. Krauseneck sagte mit preußischem Gradsinn: 
„die Süddeutschen wollen eine sie schützende Festung haben, ohne den 
Osterreichern dienstpflichtig zu werden; diese, welche die Revolution zum 
Gespenst machen, mit dem sie die Kabinette einschüchtern, wollen eine 
österreichische Festung mit deutschem Gelde erbaut wissen.“ Aber die 
süße Gewohnheit, deutsche Kräfte für österreichische Zwecke auszubeuten, 
war in Wien seit Jahrhunderten zu fest eingebürgert; der Hofkriegsrat 
blieb unbelehrbar. Daher kam Friedrich Wilhelm III. schon frühe zu der 
Einsicht, der unwürdige Streit lasse sich nur dann beilegen, wenn man 
beide Plätze, Ulm und Rastatt zugleich befestige. Auch General Aster 
meinte, es gebe keinen anderen Ausweg. Der Petersburger Hof, der es 
nun einmal nicht lassen konnte, die Verteidigung unserer Westgrenze wie 
seine eigene Sache zu behandeln, äußerte sich in gleichem Sinne gegen 
die deutschen Großmächte. 
Der alte Herr erlebte noch die Freude, daß die süddeutschen Staaten 
sich im April 1840, auf einer Konferenz zu Karlsruhe, über den preußi- 
schen Vermittlungsvorschlag einigten und auch Baden endlich ein Stück 
Landes für den Germersheimer Brückenkopf abtrat.*) Aber erst sein 
  
*) F. Z. M. Landgraf von Hessen-Homburg an das Bundespräsidium 21. Aug. 
Berichte von Schöler, 4., 12. Sept., von Sydow, 31. Okt. 1840. 
**) Dönhoffs Bericht, 25. April 1840.
        <pb n="110" />
        102 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Nachfolger brachte die Sache vor den Bundestag. Die kriegerische Stim— 
mung des Augenblicks geschickt benutzend, ließ der neue König den un- 
ermüdlichen Radowitz noch einmal an den süddeutschen Höfen umherreisen 
und versprach hochherzig, zu den noch bei Amschel Rothschild aufbe- 
wahrten französischen Kontributionsgeldern einen beträchtlichen Zuschuß 
zu leisten. Weil die für den Bau der vierten Bundesfestung bestimmten 
20 Mill. Fr. französischer Kontributionsgelder voraussichtlich für zwei 
Festungen nicht ausreichten, so erklärte er sich bereit, einen nicht unbedeu- 
tenden Beitrag (noch gegen 10 Mill. Fr.) zu zahlen, obgleich Preußen be- 
reits die niederrheinischen Festungen, gutenteils aus seinen eigenen Mit- 
teln, erbaut hatte. Also bewirkte er, daß die Bundesversammlung am 
26. März 1841 endlich den Bau beider Festungen beschloß. Ulm sollte 
als süddeutscher Hauptwaffenplatz dienen, Rastatt nur als Verbindungs- 
und Grenzfestung, aber zugleich auch als Waffenplatz für das achte Bundes- 
korps, obwohl bisher noch nie ein Staat auf den wundersamen Gedanken 
geraten war, seine Militärvorräte in einer Grenzfestung unterzubringen. 
Nur für ein solches, den Ansprüchen aller zusagendes Kompromiß konnte 
man die Mehrheit gewinnen. König Friedrich Wilhelm war überglücklich 
und ließ der Versammlung seine Freude über ihre föderative Gesinnung 
aussprechen. Geh. Rat v. Sydow aber, der nach dem Tode des Generals 
Schöler die Geschäfte der deutschen Bundesgesandtschaft führte, sagte weh- 
mütig voraus: „Auch die diesjährige Arbeitszeit wird ganz vorübergehen, 
ohne daß man in Ulm oder Rastatt eine Schaufel bewegt.“ ?) 
Er kannte seine Leute. Schon bei der Abstimmung hatte Herr v. Mieg 
einen der beliebten bayrischen Vorbehalte gestellt, da „die deutsch-patriotische 
Gesinnung“, welche König Ludwig bei dem Bau von Germersheim bewährt 
habe, besondere Rücksichten verdiene.**) Bald darauf verlangte er nach- 
drücklich, der Gouverneur von Ulm müsse abwechselnd von Bayern und 
von Württemberg ernannt werden; denn die alte Reichsstadt selbst war 
württembergisch, das kleine Neu-Ulm auf dem rechten Donauufer bayrisch. 
Dawider der Schwabenkönig hochentrüstet: er habe schon genug Opfer 
gebracht, indem er seine gute Stadt zur Bundesfestung hergegeben. Also 
entspann sich zwischen diesen beiden Königen, welche die liberale Partei 
vor Zeiten als die Bannerträger der nationalen Einheit gefeiert hatte, 
ein grimmiger Zank um das Kommando einer Festung, die noch gar 
nicht gebaut war. Dies Schauspiel freundnachbarlicher Eintracht ent- 
faltete seinen ganzen Reiz erst, als Mieg eine Zeitlang die württem- 
bergische Stimme führte und mithin genötigt war, sich selber die schwä- 
bischen Anzüglichkeiten vor dem Bundestage feierlich vorzulesen. Ein 
voreiliger Bundesbeschluß, erklärte Württemberg, könne die Verständigung 
  
*) Sydows Bericht, 22. Jan. 1841. 
**) Sydows Bericht, 27. März 1841.
        <pb n="111" />
        Ulm und Rastatt. 103 
nur erschweren.) In der Tat mußte Preußen wieder ins Mittel treten. 
Radowitz der vielgeplagte reiste im Januar 1842 nochmals nach Wien, 
München, Stuttgart und brachte mit unsäglicher Mühe einen Vergleich 
zu stande, kraft dessen Württemberg den Gouverneur, Bayern den Kom- 
mandanten der zukünftigen Festung ernennen sollte.) Ein Glück nur, 
daß der preußische Major Prittwitz, einer der tüchtigsten Ingenieure 
aus Asters Schule, sich durch sein anspruchsloses Wesen und unbestreit- 
bares Talent das persönliche Vertrauen König Wilhelms gewann; so 
ließ man ihn bei seinen Ulmer Bauplänen ziemlich frei gewähren. 
Im Oktober 1844 wurde der Grundstein für die beiden Festungen 
gelegt, und nunmehr schritt der Bau langsam, aber ununterbrochen vorwärts. 
Rothschild mußte die 20 Mill. Fr., die ihm so vielen Segen gebracht, nach 
und nach herauszahlen; er hatte sie in den letzten Jahren, auf Preußens 
Andringen, etwas höher als früher, mit 3—3½⅛½ Prozent verzinst; jetzt 
zog er bei jeder Rückzahlung ½ Prozent Provision ab, und der Bundes- 
tag ließ sich diese vertragswidrige Ubervorteilung gefallen, weil die Frank- 
furter Bankiers, die es mit dem mächtigen Hause nicht verderben wollten, 
inbrünstig beteuerten, günstigere Bedingungen könne niemand stellen.",) 
Das war das einzige wertvolle Geschenk, das der Deutsche Bund 
seinem begeisterten königlichen Verehrer verdankte, und es ward dargebracht 
mit einer Großmut, welche der wohlberechtigten Ansprüche Preußens gar 
nicht gedachte. Friedrich Wilhelm versuchte nicht einmal, für seine Truppen 
das Mitbesatzungsrecht in den oberdeutschen Bundesfestungen zu fordern, 
sondern bewilligte ganz unbedenklich, daß Osterreich im Frieden für Ulm 
einen Teil der Artillerie, für Rastatt die Pioniere, im Kriege für beide 
Festungen ein Drittel der Besatzung stellen sollte; ließ man die Oster- 
reicher also bis zum Oberrhein vorgehen, so schien der preußische Staat 
auf die Verteidigung Süddeutschlands, die er doch 1831 und 1840 für 
sich gefordert hatte, für die Zukunft freiwillig zu verzichten. Daß Rastatt 
jemals, so wie es im Jahre 1870 wirklich geschah, einen Angriff auf Straß- 
burg unterstützen könnte, ward noch gar nicht als möglich angenommen; 
nur Verteidigungszwecken sollte die neue Bundesfestung dienen und auch 
die Arbeiten der süddeutschen Generalstabsoffiziere erörterten immer nur 
die klägliche Frage, wohin man sich bei einem französischen Angriffe 
zurückziehen müsse. 
Seit im Frühjahr 1841 die Kriegsrufe der Franzosen schwächer wurden, 
ließ der politische Eifer der kleinen Höfe überall nach; sie alle priesen sich 
im stillen glücklich, daß der Deutsche Bund wieder in seine Nichtigkeit 
zurücksank. Baden hatte noch zu Anfang des Jahres einen recht ver- 
  
*) Bülows Bericht, Frankfurt 24. Dez. 1841. 
**) Rochows Bericht, 16. Febr. 1842. 
*““) Berichte von Bülow, 7. März 1842, von Dönhoff, 2. Febr. 1847.
        <pb n="112" />
        104 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
ständigen Landwehrplan für Süddeutschland ausarbeiten lassen, den ein— 
zigen, der die Landwehr aus geschulten alten Liniensoldaten bilden wollte 
und sich einigermaßen an das bewährte preußische Vorbild anschloß.“) 
Nach wenigen Monaten war von alledem keine Rede mehr, und Prinz 
Emil von Hessen sagte nachher traurig zu dem preußischen Bundesge— 
sandten: die beste Gelegenheit, das preußische Heerwesen im Süden einzu— 
führen, ist versäumt.“*) Metternich schrieb noch im Frühjahr triumphierend 
an den König von Württemberg: Durch das erwachte Nationalgefühl „hat 
sich die gediegenste der Mächte in innerer Kraft und Kopfzahl, der Deutsche 
Bund seit seinem Entstehen zum ersten Male auf dem Felde der euro— 
päischen Politik gezeigt. Die Erfahrung hat bewiesen, was der Bund zu 
sein vermag, wenn er einig dasteht.“ Die Antwort des Schwabenkönigs 
aber klang entschieden mißtrauisch: „Diese nämlichen Resultate werden 
sich stets wieder erneuern, solange die Grundregeln des Bundes — gleiche 
Rechte und gleiche Pflichten — beobachtet, und ebenso nur im deutschen 
Interesse solche Opfer verlangt werden, welche Regierungen und Völker 
bringen können.“ ***) Unter Freunden äußerte sich König Wilhelm noch 
weit schärfer; dem sächsischen Gesandten Nostiz-Jänkendorf klagte er: so 
weit ist selbst Napoleon nicht gegangen, daß er die Rheinbundstruppen ge— 
mustert hätte! ) 
Und wie sollten auch die kleinen Fürsten Vertrauen fassen, wenn 
die Hofburg, die alte Feindin der nationalen Idee, jetzt plötzlich das deutsche 
Nationalgefühl feierte! Der letzte Grund der deutschen Zerrissenheit lag 
in Wien. „Die moralischen Kräfte Osterreichs schlummern; alles, was 
sich dieser Luft nähert, wird davon angesteckt,“ so schrieb Maltzan, der 
Freund Metternichs um Neujahr 1841; und sein Nachfolger Canitz, der 
dem k. k. Staatskanzler noch näher stand, sagte ein Jahr nachher: „Man 
scheint hier zu glauben, daß die Maschine des Deutschen Bundes zer- 
brechen würde, sobald man versuchte, sie in Bewegung zu setzen. Da 
man immer fürchtet, zu viel zu tun, so liebt man gar nichts oder so 
wenig, als möglich zu tun.“ )Solange der König von Preußen diese 
Wahrheit nicht einsah, mußten alle seine hochherzigen Reformpläne ein 
Stückwerk bleiben. Er aber wollte sie nicht einsehen. Er ging darüber 
hinweg, daß die Allgemeine Zeitung den preußischen Staat eben jetzt in 
höchst gehässigen Artikeln befehdete, welche ersichtlich aus Metternichs 
nächster Umgebung herrührten; er fand es nicht einmal anstößig, daß Hof- 
  
*) Badische Denkschrift „über die Errichtung einer Landwehr in den verschiedenen 
süddeutschen Staaten“ 1841. 
**) Dönhoffs Bericht, 9. März 1843. 
***) Metternich an König Wilhelm von Würtiemberg, 26. April, Antwort 5. Mai 
1841. 
) Dönhoffs Bericht, 20. April 1844. 
) Berichte von Maltzan, 5. Jan. 1841, von Canitz, 26. Jan. 1842.
        <pb n="113" />
        Ende der Demagogenverfolgung. 105 
rat Berly, der Vertraute des Grafen Münch, in der Frankfurter Ober— 
postamtszeitung (3. April 1841) höhnisch sagte: Preußen denkt nicht „an 
das Schreckgespenst der deutschen Einheit“, das die Franzosen sich vor— 
halten; dergleichen mochte zur Zeit der Schlacht von Roßbach vielleicht 
zutreffen; Friedrich Wilhelm IV. aber weiß, daß Friedrich von Hohen— 
zollern in demselben Jahre Burggraf wurde, da Rudolf von Habsburg 
die Kaiserkrone empfing! 
Ganz ohne heilsame Nachwirkung blieb die schöne nationale Begeiste— 
rung dieser unruhigen Tage mit nichten; in den weltbürgerlichen Taumel 
des letzten Jahrzehnts konnte der deutsche Liberalismus nie wieder ganz 
zurückfallen. Aber sehr merklich war doch die Abkühlung, als die Kriegs— 
gefahr verschwand. Da alle Kriegsrufe, denen kein offener Kampf folgt, 
nachträglich komisch erscheinen, so säumten die Spötter nicht, an dem „de— 
fensiven Enthusiasmus“ Niklas Beckers ihren stumpfen Witz zu wetzen; 
unter den radikalen Philistern aber entstand die Meinung, jede deutsche 
Erhebung, die von den Fürsten gebilligt werde, sei von Haus aus ver— 
dorben. Unterdessen versank die Bundesmilitärkommission bald wieder 
in ihr gewohntes Scheinleben. Sie beriet gründlich über die Wieder— 
ersetzung eines vorzeitig zerrissenen Taues am Roten Brunnen zu Luxem— 
burg; sie brauchte Jahre, um Frieden zu stiften zwischen den hadernden 
Staaten des neunten Armeekorps. Für dieses hatte bisher vertragsmäßig 
das Königreich Sachsen allein die Pontoniere gestellt; da kam der hessische 
Prinzregent plötzlich auf den Einfall, daß sich auch Kurhessen den Genuß 
eines eigenen Brückentrains gestatten dürfe, und kündigte eigenmächtig 
den Vertrag. Der artige Dresdner Hof konnte darauf nicht umhin, „das 
lebhafte diesseitige Bedauern über die jenseitigen Absichten“ auszudrücken; 
Nassau und Luxemburg pflichteten ihm bei. Der Hesse aber erwiderte ent— 
rüstet: er glaube, noch Dank zu verdienen für seinen vaterländischen Eifer, 
denn sein Brückentrain sei 126 Fuß lang, während Kurhessen nach den 
Bundesgesetzen nur für 110 Fuß Brückenlänge zu sorgen habe.“) über 
solchen wichtigen Beratungen gerieten die Rügen der Bundes-Inspektoren 
fast überall in Vergessenheit. In Württemberg betrug der Präsenzstand 
der Kompagnie bald wieder nur 15 Mannz und sollte die Stuttgarter Gar- 
nison bei Eröffnung des Landtags Spalier bilden, dann mußten in Eile 
die Beurlaubten einberufen werden.) 
Auch auf den anderen Gebieten der Bundespolitik vermochte König 
Friedrich Wilhelm von seinen guten Absichten fast gar nichts durchzu- 
setzen. Er erreichte nur, da er selbst mit dem guten Beispiele der Am- 
nestie vorangegangen war, daß die Demagogenverfolgung endlich aufhörte 
und die Bundes-Zentralbehörde im August 1842 vertagt wurde — denn 
  
*) Dönhoffs Berichte, 17. Mai 1844 ff. 
**) Bericht von General v. Thun, Stuttgart 22. Jan. 1848.
        <pb n="114" />
        106 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
sie gänzlich aufzulösen, schien den Wiener Staatsmännern zu gefährlich. 
Er ließ dabei die Hoffnung aussprechen, die Heimkehr der Mitglieder der 
Zentralbehörde werde „als ein neues sicheres Zeichen einer günstigeren 
Gestaltung der Dinge und des Vertrauens der Regierungen“ in ganz 
Deutschland freudig begrüßt werden. Doch seine eigenen Beamten ver— 
mochten diese Hoffnungen nicht zu teilen. Nach dem Tode des trefflichen 
bayrischen Gesandten v. Mieg gestand Geh. Rat v. Sydow traurig: jetzt 
könne der Bundestag selbst sehr mäßigen Ansprüchen nicht mehr genügen, 
und nur noch durch einen durchgreifenden Personenwechsel neues Leben 
gewinnen.*) Geistreiche junge Männer, wie Adolf von Schack, der Sohn 
des mecklenburgischen Bundesgesandten, wurden durch die abschreckende 
Nichtigkeit des Frankfurter Diplomatenlebens in das Lager des Liberalis= 
mus hinübergescheucht. In der Hofburg betrachtete man diesen Jammer 
mit unverwüstlichem Gleichmut; ja Metternich kam, zur Verzweiflung 
König Friedrich Wilhelms, mehrmals zurück auf seinen alten Vorschlag: 
ob man nicht den ständigen Bundestag durch eine von Zeit zu Zeit wieder- 
kehrende Gesandtenkonferenz ersetzen solle? 
Wie weit die Deutschen noch von einem lebendigen, instinktiven Na- 
tionalgefühle entfernt waren, das lehrte mitten in diesen Tagen vater- 
ländischer Begeisterung ein aberwitziger Streit, der sich auf den viel- 
besungenen grünen Wogen des freien deutschen Rheines abspielte. In 
seiner inneren Politik konservativ bis zum Starrsinn, blieb Minister du 
Thil doch der beste Deutsche unter den süddeutschen Staatsmännern. Er 
hatte bei der Begründung des Zollvereins bewiesen, wie hoch er über 
allem partikularistischen Kleinsinne stand, und verhehlte keineswegs, daß 
er die Militärhoheit der kleinen Fürsten für einen gemeinschädlichen Miß- 
brauch hielt; aber — das war der Fluch dieser Bundesverfassung — so- 
lange die Souveränität der kleinen Staaten bestand, wollte er der Würde 
seines Großherzogs nicht das mindeste vergeben.**“) Dies gewaltige hessen- 
darmstädtische Selbstgefühl veranlaßte manche ergötzliche Zwistigkeiten. 
Darmstadt unterstand sich, einen Orden Philipps des Großmütigen zu 
stiften. In Kassel hingegen wurde der gemeinsame Stammvater der hessischen 
Häuser als ein kurhessischer Nationalheld betrachtet und die Selbstüber- 
hebung der jüngeren Linie allgemein verurteilt; es währte mehrere Jahre, 
bis der Zorn sich legte und kurhessische Beamte die Erlaubnis erhielten, 
den Orden zu tragen. Noch kräftiger regte sich der darmstädtische Stolz, 
als die neue Taunusbahn von Frankfurt über Castel nach Biebrich er- 
öffnet wurde. Die Bahn war, da sie durch ein Stück hessischen Gebietes 
führte, unter Mitwirkung du Thils zu stande gekommen. Es zeigte sich 
jedoch bald, daß sie den Mainzer Handel schädigte. Während die vordem 
  
*) Sydows Berichte, 7. Mai, 11. Juni 1842. 
**) Nach du Thils Aufzeichnungen.
        <pb n="115" />
        Der Biebricher Rheindamm. 107 
so schwunghafte Schiffahrt auf dem unteren Maine zu erlahmen begann, 
eröffnete die Nassauer Regierung zu Biebrich einen Freihafen, in der 
freundnachbarlichen Absicht, auch den Rheinverkehr des Mainzer Hafens 
an sich zu reißen, und ließ sodann Strombauten ausführen, welche das 
Fahrwasser von Mainz hinweg nach dem rechten Ufer ablenken sollten. 
Da der Bundestag seine Pflichten gegen die deutsche Schiffahrt 
gänzlich verabsäumt hatte, so beruhten alle Rechtsverhältnisse des Rhein— 
stroms lediglich auf Treu und Glauben, auf Verträgen zwischen den 
souveränen Uferstaaten, und niemand hätte für möglich gehalten, daß 
ein deutscher Staat sich erdreisten würde, den vereinbarten Talweg eigen— 
mächtig zu verändern. Um so lauter also der Zorn der benachteiligten 
Rheinhessen: Die Mainzer tobten: durch die Genehmigung der Taunus— 
bahn hätten die „garstigen Hackeln“ — so hießen die Darmstädter Be— 
amten nach den Tannenzapfen ihrer Nadelwälder — schon des Unheils 
genug angestiftet, nun sollten sie dem goldenen Mainz mindestens sein 
altes Fahrwasser retten. Denn die Dampfschiffahrt auf dem Rheine 
nahm neuerdings erfreulich zu, Preußen unterstützte sie durch Nachlaß 
an den Flußzöllen; schon begann man auch die Mosel mit Dampfern zu 
befahren; Anteil zu behalten an diesem neuen Verkehrsmittel, war für 
jede Rheinstadt eine Lebensfrage. Die Rheinschiffahrts-Kommission der 
Uferstaaten in Mainz vermochte nicht zu helfen; sie bemühte sich seit 
Jahren durch treufleißige Verhandlungen, bei denen Nassau und Darm— 
stadt stets als die ärgsten Zänker auftraten, einen gemeinsamen Tarif 
für die Flußzölle zu vereinbaren, was ihr im Jahre 1845 endlich gelang; 
doch eine obrigkeitliche Gewalt besaß sie nicht, sie konnte das souveräne 
Nassau nicht zwingen. Die Mainzer durch eine linksrheinische Eisenbahn 
zu entschädigen, war auch unmöglich; denn in militärischen Kreisen herrschte 
damals die ängstliche Meinung, daß eine Verbindungsbahn zwischen den 
großen Rheinfestungen nur den Franzosen die Eroberung des Landes er— 
leichtern würde, und noch viele Jahre hindurch blieb die kleine Bonn— 
Kölner Bahn die einzige Eisenbahn am linken Ufer. 
So geriet du Thil in arge Verlegenheit. Wie verächtlich auch der 
bureaukratische Hochmut der Darmstädter „Dienerschaft“ auf die öffent— 
liche Meinung herabzublicken pflegte: vor der ungestümen Beredsamkeit 
der liberalen Rheinhessen fürchtete man sich doch, denn sie gab auf 
den Landtagen oft den Ausschlag. Der hessische Minister versuchte zu— 
nächst durch dringende Vorstellungen und Beschwerden die nassauische 
Regierung zur Wiederherstellung des alten Talwegs zu bewegen. Als 
er immer nur höhnische Antworten erhielt, entschloß er sich endlich, das 
Faustrecht zu gebrauchen, und bereitete, mit eifriger Beihilfe der Rhein— 
hessen, einen Gewaltstreich vor. In der Nacht des 28. Febr. 1841 fuhr 
ein Zug von 103 schweren Rheinschiffen durch die geöffnete Mainzer 
Schiffbrücke talwärts; die Schiffer gaben den Festungsbehörden an, daß
        <pb n="116" />
        108 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
sie Steine zum Kölner Dombau führten, und sangen bei der Durchfahrt: 
„sie sollen ihn nicht haben“, wobei sie allerdings an die Nassauer, nicht 
an die Franzosen dachten. Nahe beim Biebricher Hafen hielt die Flotte 
plötzlich an, mehrere der Schiffe versanken angebohrt, die anderen löschten 
ihre Ladung in den Rhein, ein Offizier mit 20 Gendarmen behütete 
die Arbeiter, und nach wenigen Stunden war der rechte Rhein-Arm 
zwischen der Insel Petersau und dem Biebricher Ufer durch einen mäch— 
tigen Steindamm fast völlig abgesperrt.“) 
Mit heller Schadenfreude begrüßten die Rheinhessen am anderen Mor- 
gen das seltsame Bauwerk. Du Thil hatte sein ganzes Land hinter sich und 
rühmte sich noch im hohen Alter dieser darmstädtischen Heldentat. *) Unter 
dem heiligen Reiche hatte der Rhein solcher freundnachbarlicher Streiche 
ja schon viele gesehen. Wie oft waren damals die kurkölnischen oder die ber- 
gischen Bauern bei Nachtzeit auf Geheiß ihrer Amtleute ausgezogen, um 
die Faschinen am Ufer gegenüber zu zerstören. Die Nassauer aber schimpf- 
ten weidlich auf „unsere Nachbarn jenseits des neuen Steindammes“, die 
fremden Diplomaten am Bundestage höhnten, und alle Witzbolde des lusti- 
gen Rheinlands trieben ihren Schabernack mit diesem neuen Wasunger 
Kriege. Ein in der Frankfurter Gegend weitverbreitetes Lied besang die 
Steinleiden des alten Rheins mit einem cynischen Witze, der einer solchen 
Sache würdig war, und schloß mit der tröstlichen Versicherung: „Der 
Deutsche Bund verspricht von Herzen Ihm Hoffnung — Anno Sieben- 
zig. “ *?) Indes die Friedensstörung war doch allzu roh; selbst das gedul- 
dige k. k. Gouvernement in Mainz konnte nicht umhin, wegen Verletzung 
seiner Würde und Übertretung der Rayons-Vorschriften Klage zu erheben, 
da der hessische Kyklopenbau noch innerhalb des Festungsgebietes lag.#K) 
Die Bundesgesandten bemühten sich wetteifernd, den ärgerlichen Handel 
aus der Welt zu schaffen. Am gastlichen Tische des Grafen Münch traten 
die Minister der beiden streitenden Mächte, Graf Walderndorff und du 
Thil einander näher.)Der Hesse versprach, den Steindamm so weit 
hinwegzuräumen, daß zwei Dampfschiffe nebeneinander einlaufen könnten, 
verlangte aber um so nachdrücklicher die Wiederherstellung des alten 
Talwegs. Darüber entbrannte der Zwist sofort wieder, und erst nach 
dritthalb Jahren, im August 1843 kam unter Vermittlung des Bundes 
ein Vergleich zu stande, der im wesentlichen den Wünschen der Hessen 
  
*) Sydows Bericht, 4. März 1841. 
**) Nach du Thils Aufzeichnungen. 
*“) Offenes Sendschreiben an unfre Nachbarn jenseits des neuen Steindammes. 
Von einem Biebricher, als Mslkr. gedruckt Wiesbaden 1841 Fliegendes Blatt: „Selbst 
der so lange die Franzosen“ 2c. — sehr bissig, aber ganz unmitteilbar. 
) Bericht des k. k. Gouverneurs F. M. L. Graf Leiningen an das Bundesprä- 
sidium, Mainz 2. März 1841. 
f) Sydows Berichte, 1. 23. April 1841.
        <pb n="117" />
        Frankreichs Bedrängnis. 109 
entsprach.“) Du Thil machte die angenehme Erfahrung, daß unter diesem 
Bundestage Selbsthilfe am sichersten ihr Ziel erreichte. — 
  
Mittlerweile ging die europäische Krisis unter mannigfachen Schwan— 
kungen ihrer unvermeidlichen friedlichen Lösung entgegen. Keine der 
Großmächte, vielleicht mit Ausnahme Rußlands, wünschte in vollem Ernst 
den allgemeinen Krieg, sie alle wurden durch wechselseitiges Mißtrauen 
in Schach gehalten. Darum erklärten auch die vier Mächte am 17. Sept., 
in einem Zusatzprotokolle zum Juli-Vertrage, dem türkischen Gesandten 
feierlich, daß sie im Oriente weder besondere Vorteile noch Gebiets- 
erweiterungen für sich erstrebten.“) Gleichwohl geriet Thiers in die 
peinlichste Lage. Kühne Pläne für Frankreichs afrikanische Machtstellung 
hegte er nicht, die festländische Politik lag seinem Gedankenkreise näher. 
Aber eine öffentliche Beschämung Frankreichs konnte ein Mann von seiner 
Vergangenheit kaum ruhig hinnehmen, und tief empörte ihn die heuch- 
lerische Sprache in der Presse und den Denkschriften der vier Mächte. 
Ihr werft uns vor, so sagte er zu Apponyi, daß wir durch die Begün- 
stigung Mehemed Alis die Revolution nährten, und ihr selber hetzt 
durch eure Agenten die Völker Syriens zum Aufstande gegen ihren 
Paschal?) Doch wie sollte er den ungleichen Kampf wagen? Seine 
leisen Anfragen, ob nicht Preußen und der Deutsche Bund neutral bleiben 
würden, begegneten scharfer Ablehnung.) Der Turiner Hof, der anfangs 
an Neutralität dachte, empfing von Metternich die Zurechtweisung: „der 
Krieg ist nur möglich entweder mit niemand oder mit aller Welt.“# 
Fuhr das Schwert aus der Scheide, so stand Frankreich der geschlossenen 
Phalanx des legitimen Europas gegenüber. Thiers schwankte lange, der- 
weil er die Rüstungen eifrig fortsetzte; noch zu Ende Septembers war 
er mit sich nicht im reinen.]Die Presse aber erwies sich wieder als 
eine Macht des Unheils für das neue Frankreich, und Thiers am wenig- 
sten konnte ihrem wilden Drängen widerstehen, da er seine Laufbahn 
gutenteils den Zeitungen verdankte. Seine nächsten Freunde im Con- 
stitutionnel drohten: Wir haben ihn erhoben und wir lassen ihn fallen, 
wenn er Frankreich preisgibt; „die Gefahr der Schande ist für eine 
Regierung schlimmer als die Gefahren des Krieges.“ 
  
*) Berichte von Dönhoff, 16. Aug. 1842, 3. Aug. 1843. 
**) Metternich an Neumann, 5. Okt. Liebermanns Bericht, 3. Okt. 1840. 
**#) Werther d. J., Bericht aus Paris, 13. Sept. 1840. 
) Werther d. J., Pariser Bericht, 5. Okt. 1840. 
)Metternich an Schwarzenberg in Turin, 11. Okt., an Trauttmansdorff 
13. Okt. 1840. 
##) Werther d. J., Pariser Bericht, 30. Sept. 1840.
        <pb n="118" />
        110 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Nun kam noch die Nachricht, daß die englisch-österreichische Flotte 
den Angriff gegen die Küstenplätze Syriens begonnen und die Wider- 
standskraft der Agypter sich weit schwächer gezeigt hatte, als man in 
Paris hoffte. Da wallte das heiße Provenzalenblut des Ministers hoch 
auf; besser im Rheine als in der Gosse sterben, rief er zornig. Er ver- 
langte im Ministerrate, ohne durchzudringen, die sofortige Absendung 
der Flotte zum Schutze von Alexandria?), und redete in seinen Depeschen, 
als ob er den Krieg der revolutionären Propaganda eröffnen wollte. Der 
Bund der vier Mächte, so ließ er sich vernehmen, „ähnele nur zu sehr 
jenen Koalitionen, welche seit fünfzig Jahren Europa mit Blut bedeckt 
hätten“, und habe bereits den segensreichen Bund der Westmächte zer- 
stört. „Fraget die Völker von Cadix bis zu den Ufern der Oder und 
der Elbe! Fraget sie, und sie werden antworten, daß dieser Bund seit 
zehn Jahren den Frieden und die Unabhängigkeit der Staaten erhalten 
hat, ohne der Freiheit der Völker zu schaden.““*) Dabei hütete er sich 
noch immer, die diplomatischen Formen allzu gröblich zu verletzen. Den 
Chartisten Attwood, der mit einer Verbrüderungs-Gesandtschaft radikaler 
Briten nach Paris kam, weigerte er sich zu empfangen, weil ihm der 
englische Gesandte sagte, man werde dies in London übel aufnehmen.) 
Als aber die Kammern sich wieder versammelten, riet Thiers dem Könige, 
stolz aufzutreten und in der Thronrede zu sagen: er werde dem Frieden 
nicht das ihm von der Revolution anvertraute geheiligte Kleinod der na- 
tionalen Unabhängigkeit und Ehre opfern. 
Diesen Mißgriff hatte Ludwig Philipp nur abgewartet, um sich des 
verhaßten Ministers zu entledigen. Er verweigerte seine Zustimmung zu 
der gefährlichen Drohung. Darauf trat Thiers zurück, und am 29. Okt. 
bildete Guizot ein neues Kabinett, in der erklärten Absicht, die Versöh- 
nung mit den vier Mächten herbeizuführen.y) Der Bürgerkönig ver- 
leugnete all diese Zeit über seine Friedensseligkeit niemals und gestand 
bereits im September dem preußischen Geschäftsträger: ich betrachte den 
Kriegslärm als ein Mittel, um die längst nötige Vermehrung des Heeres 
und die Befestigung von Paris durchzusetzen. Dies embastillement de 
Paris — wie die Radikalen spotteten — hatte schon vor einem Viertel- 
jahrhundert der Kaiser F Franzden Bourbonen anempfohlen; Ludwig XVIII. 
war jedoch nicht darauf eingegangen, da er der Treue seiner Franzosen 
sicher zu sein glaubte. Jetzt nahm man die alten Entwürfe wieder auf: 
  
*) Werther d. J., Pariser Berichte. 6. 11. Okt. 1840. 
**) Thiers an Gujizot, 3. Okt., an Bresson, 9. Okt. 1840. 
**) Werther d. J., Pariser Bericht 17. Okt. 1840. 
)Die Behauptung H. Wageners (die Politik Friedrich Wilhelms IV. S. 28), 
daß der König von Preußen durch Absendung des Generals Dohna die friedliche Wen- 
dung der französischen Politik mit bewirkt hätte, beruht auf einer Verwechslung. Graf 
Dohna war 1840 gar nicht in Paris, sondern i. J. 1837, Zzum Besuche der Manöver.
        <pb n="119" />
        Rücktritt des Ministeriums Thiers. 111 
Ludwig Philipp, weil er sich gegen einen Pariser Straßenaufruhr decken 
wollte, Thiers, weil er weiter schauend erkannte, was die befestigte Haupt— 
stadt im Kriegsfalle für die Verteidigung dieses zentralisierten Landes 
leisten konnte.') Durch Thiers' volkstümlichen Namen wurde die libe- 
rale Presse für den anfangs wenig beliebten Plan gewonnen, und nach- 
dem dies Ziel erreicht war, konnte der König leichten Herzens den un- 
bequemen Mann fallen lassen. Das neue Friedensministerium war sein 
eigenstes Werk, und nach alter Gewohnheit suchte er nunmehr die vier 
Mächte zu einiger Nachgiebigkeit zu bewegen, indem er ihnen das Schreck- 
gespenst der Revolution vorhielt. „Wenn das gegenwärtige Kabinett fällt“, 
so schrieb er, „dann gebt euch keiner Täuschung hin: was dann folgt, ist 
der Krieg um jeden Preis und nachher ein vervollkommnetes 1793.“7) 
Auch sein Schwiegersohn König Leopold bemühte sich eifrig für den 
Frieden. Der hatte den Juli-Vertrag von Haus aus als einen Fehler 
betrachtet und sogleich an Metternich warnend geschrieben: „Bedenken Sie, 
welchen Zündstoff Sie in die Hände von Lord Ponsonby, Napier und 
anderen dieses Schlages gelegt haben.“ Auf der Freundschaft der West- 
mächte ruhte seine eigene Herrschaft; und da er richtig erkannte, daß die 
Friedensstörung diesmal von England und Rußland ausging, so eilte er 
schwer besorgt nach Windsor, um seine königliche Nichte vor diesem „mon- 
strösen“ Kriege zu warnen, und versuchte zugleich durch Bülow, der ihm 
von lange her nahe stand, auf Palmerston einzuwirken..““) Sobald das 
neue Kabinett in Paris gebildet war, beschwor er den Preußen (3. Nov.), 
die vier Mächte möchten dem französischen Hofe eine goldene Brücke 
bauen: Lassen wir das jetzige Ministerium fallen, so bekommen wir Thiers 
als Chef der gesamten Linken ins Ministerium, der unglückliche König 
muß sich dann unterwerfen, und ein Krieg und Unheil jeder Art ist un- 
fehlbar.“ Noch drängender schrieb er vier Tage darauf, „da man ja 
natürlich annehmen muß, daß man es mit Downing-Street und nicht 
mit Bedlam zu tun hat: Ihre Hand hat mit den trefflichen Traktat 
unterzeichnet; sie muß uns daher auch wieder von den Segnungen dieses 
Traktats befreien, an denen wir alle schlagähnlich daniederliegen. Lassen 
Sie mir das gute jetzige Ministerium umwerfen, so armiere ich hier ganz 
bestimmt, und das wird dann Deutschland auch zum Armieren encoura- 
gieren.“/T) 
Dies emsige Treiben des schlauen Koburgers mußte den vier Mächten 
hochverdächtig erscheinen, weil er offenbar nur sagte, was sein Schwieger- 
vater ihm eingab. Sie waren, als sie einst in so vielen Verträgen, 
*) Werthers d. J. Berichte, 16. 30. Sept. 1840. 
**) König Ludwig Philipp an König Leopold, 5. Nov. 1840. 
*"*) König Leopold an Metternich, mitgeteilt in Maltzans Bericht v. 21. Aug. 1840, 
Bülows Bericht, 21. Aug. 1840. 
f)König Leopold an Bülow 3. 7. Nov. 1840.
        <pb n="120" />
        112 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
zuletzt noch in dem Schlußvertrage vom 19. April 1839, die vollständige 
Neutralität Belgiens ausbedungen hatten, allesamt von der Voraus— 
setzung ausgegangen, daß die Unabhängigkeit des jungen Staates nur 
von Frankreich her bedroht werden könne. Nun erfuhren sie, auf wie 
lockerem Grunde alle diese papierenen Verheißungen standen; sie durften 
nicht dulden, daß dies neutrale Land sich erdreistete, als europäische Macht 
aufzutreten, und ließen daher in Brüssel sehr nachdrücklich erklären: in 
der gegenwärtigen Lage bedeute die bewaffnete Neutralität Belgiens nichts 
anders als den Anschluß an Frankreich, den Bruch aller europäischen 
Verträge.) 
Alle diese Wechselfälle beirrten den König von Preußen nicht in seiner 
fast unbedingten Friedfertigkeit. Mit einer Wärme, welche weit über das 
Maß seiner wirklichen Gefühle hinaus ging, beteuerte er dem Bürger- 
könige beständig seine persönliche Verehrung. Die Londoner Konferenz 
wünschte er nach Wien zu verlegen, wo man Frankreich zuziehen könne 
und den Übermut Palmerstons nicht zu fürchten habe. Als er damit 
nicht durchdrang, ließ er dem russischen Hofe aussprechen, wie viel Schmerz 
ihm persönlich die ablehnende Haltung Brunnows bereite.**) Noch deut- 
licher schrieb Werther nach Petersburg: Rußland lege dem Juli-Vertrage 
einen ausschließlichen und aufreizenden Sinn unter, welchen Osterreich 
und Preußen niemals billigen könnten; ihnen sei es nie eingefallen, Frank- 
reich für immer von den orientalischen Verhandlungen auszuschließen. 
Rußland stütze sich auf Wüsten und auf friedliche Nachbarn und könne 
sich daher wohl die Genugtuung gestatten, das Scheinbild des in Wahr- 
heit nicht mehr bestehenden Bundes der Westmächte zu zerstören. Preu- 
ßen dagegen, obwohl fest entschlossen, einen aufgezwungenen Verteidigungs- 
kampf mit voller Kraft zu führen, müsse den Frieden wünschen, da bei 
der Schwäche OÖsterreichs und der kleinen Staaten „die ganze Last eines 
deutschen Krieges auf Preußen fallen würde. Die Hilfe, welche uns Ruß- 
land leisten könnte, würde, wie die Erfahrung gelehrt hat, verspätet, un- 
vollständig und von tausend übelständen begleitet sein.“ An der Ver- 
nichtung Mehemed Alis wolle Preußen auf keinen Fall teilnehmen; 
sein Ziel sei die Erhaltung des osmanischen Reichs unter Mitwirkung 
Frankreichs.*“) Ganz ebenso friedlich äußerte sich Metternich, obwohl er 
seinen Abscheu gegen „Thiers' verworfene Persönlichkeit“ mit starken Worten 
bekundetez xf) in langen lehrhaften Depeschen versuchte er den Mächten 
zu zeigen, wie man Frankreich in das curopäische Konzert zurückführen könne. 
*) Schleinitzs Bericht, London 18. Sept. Liebermanns Bericht, Petersburg 23. 
Sept. 1840. 
**) König Friedrich Wilhelm an Min. Werther, 26. Aug., 7. Okt. 1840. 
*#*) Werther, geh. Weisung an Liebermann, 31. Okt., Bericht an den König, 9. Nov., 
Weisungen an Bülow, 9. 11. Nov. 1840. 
) Metternich an Werther, 3. Sept. 1840.
        <pb n="121" />
        Die Entscheidung im Mittelmeere. 113 
Dieser versöhnlichen Politik der deutschen Mächte widerstand der Peters- 
burger Hof lange mit hochmütiger Schroffheit. Nikolaus verhehlte nicht 
seine Schadenfreude über den Londoner Vertrag; er hoffte, dem französischen 
Thronräuber wo nicht eine Niederlage auf dem Schlachtfelde, so doch 
eine beschämende öffentliche Demütigung zu bereiten. Unter mannig- 
fachen Vorwänden lehnte Brunnow alle Vermittlungsvorschläge ab.-) 
Auf jeden Fall, meinte der Zar, müsse Frankreich den ersten Schritt 
zur Versöhnung tun; „wenn die Initiative für das französische Kabinett 
schwer ist, so ist sie für uns noch viel schwerer, und ganz gewiß werden 
wir sie nicht ergreifen.“) Und Nesselrode schrieb den deutschen Höfen: 
jeder Versöhnungsversuch wird Frankreichs Übermut nur steigern; jetzt 
ist die Zeit, „dem französischen Volke eine Lektion zu geben, die ihm ebenso 
nötig ist, wie sie für uns vorteilhaft sein wird;“ nach den Kriegsdrohun- 
gen der Franzosen können die vier Mächte heute vieles nicht mehr 
bewilligen, was früher annehmbar erschien.“) Fast ebenso herausfordernd 
redete zuweilen das englische Kabinett. Obgleich Palmerston anfangs, 
gleich den anderen Mächten, die Absetzung Mehemed Alis verurteilt hatte, 
so blieb er doch auf die Dauer nicht unempfänglich für die Berichte Pon- 
sonbys, der polternd und schmähend den fanatischen Haß des Diwans 
noch zu überbieten suchte. Derselbe Lord Feuerbrand, der in Europa jede 
mutwillige Empörung schadenfroh begünstigte, entblödete sich nicht, die 
Doktrin der starren Legitimität auf den Orient anzuwenden, wo für ein 
legitimes Recht gar kein Boden war, und meinte jetzt mit Ponsonby: 
man dürfe dem Sultan die jedem Souverän zustehende Befugnis, einen 
rebellischen Statthalter abzusetzen, nicht bestreiten. Der preußischen Re- 
gierung ließ er, da sie den Gewaltstreich des Sultans nach wie vor miß- 
billigte, mit gewohnter Ungeschliffenheit sagen: sie habe sich „nicht die 
Mühe gegeben, diese Sache und ihre Folgen zu ergründen.“) Bis zur 
Vernichtung Mehemed Alis wollte er allerdings nicht gehen; er wünschte 
vielmehr, der rebellische Pascha möge sich dem Oberlehnsherrn bald unter- 
werfen, um dann vom Sultan begnadigt und mit der Erbherrschaft über 
Agypten neu belehnt zu werden.-, 
Die Meinungsverschiedenheit im Schoße der vier Mächte begann schon 
bedrohlich zu werden; da fiel die Entscheidung auf dem orientalischen 
Kriegsschauplatze. Die Flotte der Verbündeten, mit einer Handvoll tür- 
kischer Truppen an Bord eroberte, nicht ohne die Beihilfe des englischen 
  
*) Berichte von Liebermann 3. Okt.; von Schleinitz, London, 5. 27. Okt., von 
Bülow 24. Okt. 1840. 
**) Liebermanns Bericht, 17. Okt. 1840. 
*“ #) Nesselrode an Tatistschew in Wien, 5. Okt. a. St., an Meyendorff in Berlin, 
12. 25. 31. Okt. a. St. 1840. 
1) Ponsonby an Palmerston 10. Sept. Will. Russell an Werther 20. Okt. 1840. 
f)Palmerston, Weisung an Ponsonby, 15. Okt. 1840. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 8
        <pb n="122" />
        114 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Goldes, die syrischen Küstenplätze Byblus, Beirut, Saida. Am 2. Nov. 
wurde nach kurzer Beschießung das Banner des Großherrn neben den 
Fahnen OÖsterreichs und Englands auf den Wällen der unbezwinglichen 
Festung Akkon aufgepflanzt. Der junge Erzherzog Friedrich, ein Sohn 
des Siegers von Aspern, zeichnete sich bei diesen Kämpfen rühmlich aus, 
und groß war die Freude in Wien, da die Welt jetzt zum ersten Male 
von einer Waffentat der österreichischen Flotte hörte. Währenddem tobte 
im Innern Syriens der Aufruhr, und die Verbündeten trugen kein Be- 
denken, die Empörer mit Waffen zu versehen. Also zugleich von der Küste 
und vom Binnenlande her bedroht entschloß sich Ibrahim Pascha die 
Trümmer seines zerrütteten Heeres nach Agypten zurückzuführen. Die 
Herrschaft seines Vaters über Syrien war vernichtet. Nun segelte Kom- 
modore Napier, der gefeierte britische Seeheld jener Tage, der auch in 
Syrien das Beste getan hatte, mit seinem Geschwader auf die Höhe von 
Alegandria und schloß dort am 27. Nov. mit dem erschreckten Pascha 
einen Vertrag, kraft dessen Mehemed Ali versprach, sich dem Sultan zu 
unterwerfen und die geraubte türkische Flotte wieder auszuliefern; dafür 
sollte er, mit Genehmigung der vier Mächte, als Vasall des Großherrn die 
ägyptische Erbherrschaft wieder erhalten. 
Die eigenmächtige Tat des tapferen Kommodores erregte an den 
Höfen allgemeine Verwunderung. Metternich schrieb entrüstet: „Das ist 
eine saubere Tollheit. Napier hat bewiesen, daß er sich trefflich aufs 
Fenstereinwerfen versteht, er versteht indessen auch die Vernunft in Stücke zu 
schlagen.““) Palmerston aber, dessen Übermut seit den syrischen Erfolgen 
sehr hoch gestiegen war, heuchelte wieder legitimistische Bedenklichkeiten; er 
sagte salbungsvoll: „es ist unvereinbar mit den Grundsätzen der englischen 
Regierung, einem Untertan eine politische Gewalt, welche ihm sein Souve- 
rän gewährt hat, förmlich zu verbürgen.“““) Bei ruhiger Prüfung mußte 
man doch allerseits zugeben, daß Napiers derber Seemannsverstand ge- 
nau die Lösung gefunden hatte, welche den Ergebnissen des kurzen Feld- 
zuges und den neuen Machtverhältnissen entsprach. Schon vor dem Vertrage 
von Alexandria, schon am 17. Nov. hatte Bülow, der unermüdliche Ver- 
mittler, auf der Londoner Konferenz durchgesetzt, daß man dem Pascha 
den erblichen Besitz Agyptens gewähren müsse. Ward im Oriente ein 
Waffenstillstand auf solche Bedingungen hin abgeschlossen, so konnte Frank- 
reich seine Zustimmung kaum mehr verweigern, weil Syrien doch für Mehe- 
med Ali verloren war, und das in Berlin so sehnlichst gewünschte Ein- 
verständnis aller europäischen Mächte stellte sich fast von selbst wieder 
her."*) 
*) II est à la fois un brise-raison. Metternich an Esterhazy, 21. Dez. 1840. 
**) Palmerston an die Lords der Admiralität, 15. Dez. Werthers Weisungen an 
Arnim, 17. Nov., an Bülow, 19. Nov 1840. 
***) Bülows Bericht, 17. Nov. Arnims Bericht, 22. Nov. 1840.
        <pb n="123" />
        Ministerium Guizot. 115 
Die Stellung Guizots und seines Friedenskabinetts blieb gleichwohl 
noch lange sehr peinlich. Seit Monaten befand sich das französische Volk 
in einem krampfhaften Zustande kriegerischer Aufregung. Alles jauchzte, 
da aus Algier die Nachricht kam von einem großen Siege, der bei Masa- 
gran über die Horden Abdel-Kaders erfochten sein sollte; und als sich 
die Siegesbotschaft bald nachher als eine plumpe Erfindung erwies, da 
wagte keine einzige Pariser Zeitung die Lüge zu widerlegen, jeder Fran- 
zose blieb fortan verpflichtet an die märchenhafte Heldentat zu glauben, 
deren Ruhm in allen großen Städten Frankreichs durch die neuen Rues de 
AIlasagran verewigt wurde. Also gestimmt konnte die Nation durch die wahr- 
lich bescheidenen syrischen Siege der Verbündeten nur noch mehr erbittert 
werden. Zumal die leichte Eroberung jenes Akkon, das einst einem Bona- 
parte widerstanden hatte, erschien den Pariser Boulevardiers wie eine persön- 
liche Beleidigung. Das Kriegsgeschrei hielt den ganzen Winter hindurch an 
und ward für die Regierung immer kränkender. Die öffentliche Meinung 
besänftigte sich auch nicht, als Ludwig Philipp die Asche Napoleons nach 
Paris zurückführen ließ und in dem pomphaften Leichenzuge mit einem Male 
die verschlissenen Uniformen der kaiserlichen Tage wieder auftauchten. Guizot 
freilich sagte in seiner verblendeten Selbstgewißheit: es war ein bloßes 
Schauspiel; Prinz Ludwig Napoleon aber, der im Schlosse zu Ham die 
Strafe für seinen zweiten abenteuerlichen Aufstandsversuch abbüßte, ahnte 
siegesfroh, daß die napoleonische Legende wieder Macht gewann über die 
Herzen der Franzosen. Diesem stolzen Volke konnte die Vergleichung der 
großen Vergangenheit mit der kleinen Gegenwart nur tief schmerzliche Ge- 
fühle erregen. Indes die Unmöglichkeit, das verlorene Syrien dem Lieblinge 
der Pariser zurückzugewinnen, lag klar am Tage, früher oder später mußte 
sich Frankreich in die vollendeten Tatsachen finden. 
Noch blieben auf der Londoner Konferenz große Schwierigkeiten zu 
überwinden. Von dem Osterreicher Neumann unterstützt tat Bülow 
sein Bestes, um den Knoten, den er selber mit geschürzt, wieder zu lösen. 
Palmerston zögerte, weil er sich zu tief in den Streit verbissen hatte, und 
der beständig durch Ponsonbys brutale Drohungen aufgestachelte Hoch- 
mut der Pforte wollte sich lange zu keinem Zugeständnis an den ägyp- 
tischen Rebellen bequemen.*) Am frühesten bekehrte sich Rußland zu den 
versöhnlichen Anschauungen der beiden deutschen Höfe. Mit ganz unge- 
wöhnlicher Freundlichkeit schrieb Nesselrode schon im Dezember nach Paris: 
er vertraue „der mutigen Offenheit“ Guizots, keine der vier Mächte 
wünsche Frankreich von dem allgemeinen Einverständnis auszuschließen) 
Müde des ewigen Zauderns der englischen Regierung, erklärte Bülow 
  
7) Bericht des k. k. Internuntius, 21. Dez. 1840. Werthers Weisung an Maltzan, 
21. Jan. 1841. 
*“) Nesselrodes Weisung an Pahlen, 25. Nov. 
D1340. 
8*
        <pb n="124" />
        116 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
endlich, gemeinsam mit dem Österreicher: die deutschen Mächte müßten 
dem Diwan ihren Beistand entziehen.) Diese Drohung wirkte. Nur 
vier Tage nachher (30. Jan. 1841) richteten die Gesandten der vier 
Mächte an Shekib Effendi eine gemeinsame Note, welche den Sultan 
dringend aufforderte, dem Pascha die erbliche Herrschaft über Agypten 
zu gewähren und dergestalt den Streit beizulegen.) 
„Unser großes Geschäft ist also nahezu beendigt“, schrieb Palmerston 
erleichtert; „noch bleibt uns übrig der Krieg gegen den bewaffneten 
Frieden.““*) Auch dieser Sorge sollten die vier Mächte bald enthoben 
werden. Aufs eifrigste bemühte sich König Leopold, der im Februar 
nochmals nach London kam, den Franzosen eine goldene Brücke zu bauen. 
Da Gusjzot mittlerweile die Gewißheit gewonnen hatte, daß die Kammern 
die Befestigung von Paris genehmigen würden, so durfte er jetzt unbe- 
denklich dem Protokolle zustimmen, das zwischen den vier Mächten am 
5. März vereinbart wurde und dem Pascha die erbliche Herrschaft über 
Agypten sowie den lebenslänglichen Besitz von Akkon beließ.f) Nun 
galt es nur noch, mit Frankreich gemeinsam einen Vertrag über die 
orientalischen Dinge abzuschließen, um die wiederhergestellte Eintracht 
Europas feierlich zu bekunden. Viel Neues konnte dies Abkommen aller- 
dings nicht bringen; denn obwohl alle Staatsmänner mit dem Ernste 
der Auguren die Unantastbarkeit der Türkei als „ein politisches Axiom“ 
bezeichneten, so wollte doch weder Frankreich noch Rußland eine förmliche 
Bürgschaft für den Bestand dieses Reichs übernehmen. Mit naiver 
Dreistigkeit bemerkte Brunnow, die häßlichsten Erinnerungen der mosko- 
witischen Politik wieder wach rufend: solche Bürgschaften seien nutzlos; das 
habe man seiner Zeit bei der Teilung Polens gesehen. )Der soge- 
nannte Meerengen-Vertrag, der am 15. Juli 1841 zwischen der Türkei 
und den vier Mächten vereinbart, gleich darauf auch von Frankreich an- 
genommen wurde, enthielt demnach, außer den Verabredungen über Mehe- 
med Ali, nur noch jene Zusage, welche der Petersburger Hof gleich beim 
Beginne der Verwicklung gegeben hatte: beide Meerengen, Bosporus 
und Dardanellen, sollten fortan in Friedenszeiten den Kriegsschiffen aller 
Nationen verschlossen bleiben. Somit ward der gefürchtete Vertrag von 
Hunkiar-Iskelessi noch kurz vor seinem Ablauf geopfert, und mit erha- 
benem Stolze priesen die russischen Diplomaten diesen neuen Beweis der 
versöhnlichen Großmut ihres Zaren. 
*) Bülows Bericht, 26. Jan. 1841. 
**) Note der vier Mächte an Shekib Effendi, 30. Jan. 1841. 
*#) Palmerston an Bülow, 1. Febr. 1841. 
) Protokoll der vier Mächte, 5. März; Weisung Guizots an Humann in Berlin, 
20. März 1841. 
#) Nesselrode an Meyendorff, 10. Dez. a. St. 1840. 
##t) Bülows Bericht, 23. Febr. 1841.
        <pb n="125" />
        Der Meerengenvertrag. 117 
Dergestalt nahm dieser große diplomatische Kampf, der langwie— 
rigste, welchen Europa seit dem belgischen Streite erlebt hatte, ein armseli— 
ges Ende. Im Grunde konnte sich nur der Sultan des Ausgangs freuen. 
Er war durch die vier Mächte vor den Folgen einer schmählichen Nieder— 
lage bewahrt worden und durfte nunmehr hoffen, unbelästigt durch einen 
tatkräftigen Hausmeier sein nichtiges Schlummerleben noch eine gute 
Weile fortzuführen. Selbst die Erbherrschaft des Rebellen am Nil ließ 
sich zur Not ertragen. Den Osmanen galt sie keineswegs für eine un— 
abänderliche Tatsache, weil Mehemed Alis Geschlecht nicht heilig war 
und der Orient ein gesichertes Thronfolgerecht kaum kennt. Die Fäul- 
nis des Reiches der Sultane hatte sich freilich so grell offenbart, daß 
sogar H. v. Moltke, der den Türken so viel edle Kraft geopfert hatte, jetzt 
in der Allgemeinen Zeitung rundweg aussprach, ein christlich-byzantinisches 
Reich müsse dereinst die Erbschaft am Bosporus antreten. Vorläufig je- 
doch stand der Halbmond auf der Kuppel der Hagia Sophia wieder fest, 
und bei der Eifersucht der Franken blieb es sehr zweifelhaft, wann jemals 
das Kreuz wieder über dem Christendome Justinians glänzen würde. Noch 
mehr, die Türkei war jetzt zum ersten Male in eine europäische Konferenz 
als vertragschließende Macht eingetreten und hatte also, vornehmlich 
durch Englands Schuld, in der Völkergesellschaft des Abendlandes eine 
Stellung erlangt, welche ihr in keiner Weise gebührte; denn das euro- 
päische Völkerrecht beruht auf der christlichen Idee der Verbrüderung der 
Nationen, der Koran hingegen kennt nur zwei Reiche auf Erden, das 
Reich des Islams und das Reich des Krieges, mithin darf ein moham- 
medanischer Staat die Grundgedanken völkerrechtlicher Gleichheit und 
Gegenseitigkeit nicht ehrlich anerkennen. Die vielverheißene Gleichberech- 
tigung der Rajahvölker mußte ein leeres Wort bleiben, weil die Herr- 
schaft der Gläubigen über die Ungläubigen eben das Wesen dieser un- 
wandelbaren theokratischen Verfassung ausmachte; noch immer diente kein 
einziger Christ im türkischen Heer, das ja ausdrücklich zur Knebelung der 
Christen bestimmt war. Die Aufnahme eines solchen Staates in die 
Rechtsgemeinschaft der christlichen Völker war eine häßliche Unwahrheit; 
sie wurde jedoch von der aufgeklärten liberalen Welt, die sich der christlichen 
Grundlagen unserer Kultur nur ungern erinnerte, als ein erfreulicher Fort- 
schritt der Gesittung gepriesen; praktisch schien sie darum erträglich, weil 
die Pforte im Gefühle ihrer Schwäche sich bald von einer, bald von meh- 
reren der christlichen Mächte leiten ließ. 
Wie man in Petersburg die Londoner Verträge ansah, das hat Nessel- 
rode 1850 ausgesprochen in einem Rechenschaftsberichte über die auswärtige 
Politik des letzten Vierteljahrhunderts, den er dem Zaren zum Regierungs- 
jubelfeste überreichte. Da schilderte er — aufrichtig wie er unter vier 
Augen sprechen durfte, und mit einer fast mongolischen Ruhmredigkeit: 
— erst die Juli-Revolution habe der Regierung des Kaisers „den wahren
        <pb n="126" />
        118 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Charakter aufgeprägt, der sie in der Zukunft auszeichnen würde.“ Seit— 
dem sei Nikolaus „für die Welt der Vertreter der monarchischen Idee, 
die Stütze der Grundsätze der Ordnung, der unparteiische Verteidiger 
des europäischen Gleichgewichts geworden,“ und, wenn auch oft gehemmt 
durch „die Furchtsamkeit“ seiner deutschen Verbündeten, doch endlich 1841 
dahin gelangt, das feindselige und verderbliche englisch-französische Bünd- 
nis zu sprengen. Über Rußlands orientalische Politik sagte er sehr deut- 
lich: „Indem Ew. Maj. sorgsam vermieden, sich durch eine Bürgschaft 
für den Länderbestand eines verfallenden Staates zu binden, um nicht 
im voraus die Zukunft Rußlands festzulegen, befolgten Sie immer den 
Grundsatz, für jetzt die Unantastbarkeit der ottomanischen Besitzungen zu 
wahren, da die Nachbarschaft dieses Staates, in dem Zustande verhält- 
nismäßiger Schwäche, worin ihn unsere früheren Eroberungen gelassen 
haben, unter den gegenwärtigen Umständen das für unsere politischen und 
Handels-Interessen günstigste Verhältnis darbietet. Sonderbare Wirkung 
des Wechsels, den das Glück in den gegenseitigen Beziehungen hervorge- 
bracht hat! Die Macht, die man früher als den natürlichen Feind der 
Türkei betrachtete, ist ihre festeste Stütze und ihr treuester Verbündeter 
geworden.“ Demgemäß hat Rußland zweimal den Sultan vor dem ägyp- 
tischen Rebellen gerettet. „Die zweite dieser Krisen, weniger glänzend 
vielleicht, hat besser gesicherte Ergebnisse herbeigeführt. Der Vertrag von 
Hunkiar-Iskelessi, wogegen Frankreich und England sich vergeblich verwahrt 
hatten, wurde scheinbar vernichtet, in Wahrheit unter einer anderen Form 
verewigt. Der neue, von allen Mächten anerkannte Vertrag, der an seine 
Stelle trat, untersagte den Kriegsschiffen die Einfahrt in die Dardanellen 
und sichert uns fortan gegen jeden Angriff von der Seeseite.“) 
Ganz so glänzend, wie diese prahlerische Denkschrift behauptete, waren 
Rußlands Erfolge nicht. Dem Zaren wurde freilich die Freude, daß der 
verhaßte Westbund sich eine Zeitlang spaltete; doch die Trennung war 
keineswegs unwiderruflich. Durch den Meerengenvertrag opferte der Peters- 
burger Hof zwar wenig oder nichts, da das Schwarze Meer jetzt fast so 
vollständig den Russen gehörte wie vor hundert Jahren den Osmanen; 
gleichwohl war seine Machtstellung in Pera erschüttert, der Diwan zeigte 
den unbedingten britischen Freunden mehr Vertrauen als dem trotz alles 
Selbstlobes immerdar zweifelhaften russischen Gönner. Und wie un- 
sicher blieb das neugegründete freundliche Einverständnis mit England. 
Nikolaus überhäufte den englischen Gesandten mit Artigkeiten und zeigte 
geflissentlich überall seine Vorliebe für britisches Wesen.*“) Solche gottor- 
pische Schauspielerkünste konnten doch den tiefen Gegensatz, welcher die 
beiden um Asiens Beherrschung ringenden Mächte trennte, nicht beseitigen. 
*) Nesselrode, Denkschrift über die auswärtige Politik i. d. J. 1825—50, St. Peters- 
burg, 20. Nov. a. St. 1850. S. Beilage 29. 
**) Liebermanns Berichte. 3. Sept. 1841 ff.
        <pb n="127" />
        Ergebnisse des Meerengenvertrags. 119 
Das mußte Brunnow erfahren, als er während der Londoner Konferenzen 
bei Wellington anklopfte, ob England und Rußland sich nicht in Freund- 
schaft über ihr asiatisches Machtgebiet verständigen könnten. Weder Palmer- 
ston noch der eiserne Herzog wollte sich auf solche Verhandlungen ein- 
lassen; denn augenblicklich drang England überall auf asiatischem Boden 
siegreich vor, in Syrien, in Afghanistan, in China, derweil die Russen 
gegen Chiwa einen unglücklichen Feldzug führten, und sich für die Zukunft 
die Hände zu binden, widersprach allem englischen Brauche.*) Also war 
der Zar mit Frankreich verfeindet, mit England und der Pforte nur 
lose verbunden, von der Hofburg beargwöhnt und selbst der preußischen 
Freundschaft nicht mehr so sicher wie vormals. 
Auch England erfreute sich keines ungetrübten Triumphes. Seine 
Herrschaft im Mittelmeere war freilich von neuem gesichert; aber Palmer- 
stons schnödes Verfahren hatte die Franzosen dermaßen aufgebracht, daß 
Ludwig Philipp den Lord geradezu als den Urheber des französischen Miß- 
geschicks bezeichnete, und selbst in Guizots kaltem Herzen ein Stachel zurück- 
blieb. Eine Vergeltung konnte also sehr bald eintreten; der jetzt von den 
Torys selbst für unentbehrlich gehaltene Bund der Westmächte war nur 
notdürftig wiederhergestellt. Auf Frankreichs inneren Frieden wirkten die 
orientalischen Händel wahrhaft verderblich ein. Was man auch zur Be- 
schwichtigung sagen mochte, die Nachgiebigkeit Ludwig Philipps in einer 
Sache, wo er doch keineswegs unrecht hatte, erschien nach so lauten und 
anhaltenden Kriegsdrohungen wie eine Demütigung Frankreichs. Die 
Deutschen vermochten trotz ihrer Friedfertigkeit den Spott doch nicht ganz zu 
verbeißen; als Thiers bald nach dem Meerengenvertrage durch Berlin kam, 
sangen die Studenten vor seinen Fenstern: sie sollen ihn nicht haben! Un- 
möglich durfte eine ehrgeizige Nation, die von jeher gewohnt war, die auswär- 
tige Politik mit argwöhnischer Wachsamkeit zu verfolgen, eine solche Nieder- 
lage verzeihen. Guizot handelte klug und verständig, da er einem hoffnungs- 
losen Kampfe auswich; allein nicht jederzeit ist Mäßigung die höchste Tugend 
des Staatsmannes, nicht jederzeit ist ihm erlaubt, die Vorurteile seiner Na- 
tion zu mißachten. Der Schimpfname „Ministerium des Auslandes“, der 
schon so vielen verhaßten Kabinetten beigelegt und immer wieder rasch ver- 
gessen worden war, blieb an Guizots Regierung haften; denn ganz sinnlos 
war er diesmal nicht. Durch die Gunst des Königs und die Machtmittel 
amtlicher Wahlbeherrschung behauptete sich das Friedensministerium viele 
Jahre hindurch am Ruder; im Volke ward es nie beliebt. Die Fran- 
zosen wußten nunmehr, daß die Orleans kein Herz für die Ehre des 
Landes besaßen, und einen solchen Makel konnte eine illegitime Dynastie 
schwerlich ertragen. Der Meerengenvertrag ward ein Nagel zum Sarge 
des Juli-Königtums. 
  
*) Bülows Bericht, 27. Nov. 1810.
        <pb n="128" />
        120 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Auch die wohlgemeinte Politik Preußens erntete in diesem diploma— 
tischen Spiele keine Lorbeeren. Friedrich Wilhelm hatte sich durch Pal— 
merston und Bülow unbedacht in einen Streit verwickeln lassen, welcher 
dem Machtgebiete seines Staates fern lag, und war alsdann den englisch— 
russischen Ränken so lange gefolgt, bis er endlich gezwungen wurde, sich 
unter mannigfachen, wenig rühmlichen Windungen aus einer selbstver— 
schuldeten falschen Stellung wieder hinauszuretten. Er wünschte auf— 
richtig den Bestand des Juli-Königtums, das er früher gehaßt hatte, jetzt 
aber als ein letztes Bollwerk der bürgerlichen Ordnung hoch schätzte; und 
doch half er selbst mit, durch den Juli-Vertrag die Grundlagen dieser Monar- 
chie zu erschüttern, eine neue französische Revolution vorzubereiten, welche 
ihre Brandfackel leicht nach Deutschland hinüberschleudern konnte. Als die 
Rheingrenze bedroht ward, erfüllte er ehrenhaft seine Pflicht gegen das 
Vaterland; aber wie unklar erschien seine hochherzige Bundespolitik. Wo 
war denn jener Deutsche Bund, der in den Depeschen der Hofburg als 
die erste der europäischen Mächte gefeiert wurde? Auf der Londoner Kon- 
ferenz besaß er nicht einmal einen Vertreter. Es zeigte sich zur Beschä- 
mung der Phantasten, daß für Europa ein Deutschland neben Osterreich 
und Preußen überhaupt nicht vorhanden war. Friedrich Wilhelms deut- 
sche Politik rechnete mit Faktoren, welche nirgends bestanden. Und zu 
alledem noch die klägliche Ohnmacht des altersschwachen Osterreichs, die 
sich durch Metternichs hochtrabende Denkschriften längst nicht mehr be- 
mänteln ließ. 
Nach dem großen Versöhnungsfeste des Meerengenvertrages war 
Europa tiefer denn jemals zerspaltet. Von den alten Allianzen stand 
keine mehr ganz fest, neue hatten sich nicht gebildet. Das Staatensystem 
der Wiener Verträge trieb ratlos einer furchtbaren Erschütterung ent- 
gegen, wenn sich nicht noch in der elften Stunde ein genialer Wille fand, 
der die zersplitterten Kräfte Mitteleuropas zu einer geschlossenen Macht 
zusammenballte. — 
  
Schwerlich wäre König Friedrich Wilhelm an die Gefahren eines 
allgemeinen Krieges so nahe herangetreten, wenn nicht die religiöse Be- 
geisterung bei seinen Entschlüssen mitgewirkt hätte. Indem er sich für 
die Unantastbarkeit der Türkenherrschaft aussprach, glaubte er, seltsam 
genug, den philhellenischen Gesinnungen seiner Jugend keineswegs untren 
zu werden. Das herrische Eingreifen der europäischen Mächte in die 
inneren Verhältnisse des Orients erschien ihm vielmehr wie eine Erneue- 
rung der Kreuzzüge, wie ein Sieg des Kreuzes über den Halbmond, und 
von vornherein sprach er die Erwartung aus, diese Gelegenheit müsse be- 
nutzt werden, um allen christlichen Kirchen auf dem Berge Zion eine 
Heimat zu sichern. Jerusalem war die heiligste Stätte der Christenheit,
        <pb n="129" />
        Bistum Jerusalem. 121 
freilich auch die Stätte, wo sich der Glaubenshaß der kirchlichen Parteien 
allezeit am rohesten bekundete; an jedem großen Kirchenfeste mußten in 
der Kapelle des heiligen Grabes die mohammedanischen Kawassen da- 
zwischen fahren, um mit ihren Stöcken und Krummsäbeln Frieden zu 
stiften unter den raufenden Mönchen der Lateiner und der Orthodoxen. 
Unter Mehemed Alis gestrengem Regimente war die Ordnung leidlich 
gewahrt worden; er hatte sogar den Judenmissionaren der Protestanten 
gestattet, ihre Tätigkeit im gelobten Lande zu beginnen. Jetzt da die 
Herrschaft der Pforte durch die christlichen Waffen wiederhergestellt wurde, 
machte man die demütigende Erfahrung, daß die Lage der Christen sich 
verschlechterte. 
Das rohe türkische Recht erkannte nur solche Kirchen an, welche sich 
um ein sichtbares Oberhaupt scharten, die Protestanten waren mithin recht- 
los. Darum verlangte Friedrich Wilhelm in einer Denkschrift, welche ihm 
sein Radowitz ausgearbeitet hatte: in Jerusalem sollten drei Residenten 
ihren Wohnsitz aufschlagen, um, mit Hilfe einer gemeinsamen Garnison 
der Großmächte, die Rechte der drei großen Kirchen Europas zu beschützen. 
Die Denkschrift hatte lediglich kirchliche Zwecke im Auge; an ein deutsch- 
christliches Fürstentum Palästina, wie es H. v. Moltke damals für mög- 
lich hielt, dachte der König nicht von fern. Rußland aber war keineswegs. 
gewillt, die Vorteile, deren die Orthodoxen von altersher in Vorderasien 
genossen, mit anderen Kirchen zu teilen. Freundlich warnte Nesselrode 
vor einem Unternehmen, das die Souveränität der Pforte anzutasten. 
drohe; er und Orlow meinten bedenklich: wenn man in Jerusalem ein 
religiöses Krakau schaffe, so würden die Verlegenheiten des Sultans 
nur wachsen. Auch Metternich schützte Besorgnisse vor wegen der poli- 
tischen Gefahren einer solchen kirchlichen Republik; in Wahrheit betrach- 
tete der Wiener Hof jedes Erstarken des Protestantismus ganz ebenso 
mißtrauisch wie der Petersburger. Nur Frankreich schien den preußischen 
Vorschlägen günstig.) 
Friedrich Wilhelm mußte daher einen Teil seiner Pläne fallen lassen 
und versuchte nur noch der evangelischen Kirche in Jerusalem die Gleich- 
berechtigung neben den Lateinern, den Griechen, den Armeniern zu ver- 
schaffen. Da die englische Staatskirche auf dem Berge Zion bereits 
Grundbesitz erworben und eine Gemeinde gebildet hatte, so wünschte der 
König, daß ein anglikanischer Bischof die Leitung des evangelischen Kirchen- 
lebens übernehme und von den deutschen Protestanten, die in Palästina 
zerstreut lebten, als sichtbares Oberhaupt anerkannt würde. Eine solche 
Unterordnung schien ihm mit der evangelischen Freiheit wohl vereinbar, 
weil er die durch Handauflegung geweihten Bischöfe als rechtmäßige Nach- 
  
*7) Nesselrode, Weisung an Meyendorff, 12. März; Berichte von Liebermann, 
9. Febr., Arnim in Paris, 12. Febr. 1841.
        <pb n="130" />
        122 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
folger der Apostel, ihr Amt als das wahrhaft katholische ansah, und gern 
war er bereit, die Hälfte der Kosten, ein Kapital von 15 000 Kx für dies 
anglikanische Bistum zu zahlen, wenn nur die englische Kirche der preu- 
ßischen „eine schwesterliche Stellung“ gestatten wolle. 
Mit diesen Aufträgen wurde Bunsen im Sommer 1841, als die 
orientalische Verwicklung eben zu Ende ging, nach London gesendet, und 
kühner noch als einst auf dem Kapitole erhoben sich jetzt die Hoffnungen 
des diplomatischen Theologen. Er sah die Arche der Kirche schon auf 
ihrem Ararat gelandet, die Christenheit im katholischen Apostolate wieder 
vereinigt, das jüdische Volk in seiner Heimat für den christlichen Glauben 
gewonnen und dadurch den Anfang gemacht zur Herstellung Israels — 
und das alles durch die jugendliche Kraft der evangelischen Kirche, denn 
„der Tod der beiden alten Kirchen“, so sagte er mit gewohnter Zuversicht, 
„ist nirgends sichtbarer als im gelobten Lande“. Der König selbst hielt 
für nötig, diese überschwenglichen Erwartungen etwas zu dämpfen; er 
meinte, für jetzt wäre es genug, wenn die Evangelischen den Türken gegen- 
über sich durch ein sichtbares Oberhaupt deckten, wenn eine evangelisch- 
deutsche Zunge sich im Oriente zusammenfände und diese evangelische 
Kirche vielleicht den Mittelpunkt bildete für die Juden-Christen. Palmer- 
ston aber empfing Bunsens Vorschläge zunächst mit Befremden. Als 
echter Brite witterte er böse Hintergedanken, da so plötzlich Irus kam, 
den Krösus zu beschenken; denn so stark der konfessionelle Ehrgeiz des 
Königs, ebenso schwach war der nationale. Nur die Machtstellung der 
evangelischen Gesamtheit lag ihm am Herzen, für seine preußische Landes- 
kirche forderte er gar nichts. Er ergab sich darein, daß die englische 
Staatskirche die in Preußen ordinierten Geistlichen nicht anerkannte, wäh- 
rend die preußische Kirche die anglikanische Ordination unbedenklich als 
rechtsgültig ansah; nur für sich persönlich als den Mitstifter forderte er 
das Recht, abwechselnd mit der Königin von England den Bischof von 
Jerusalem zu ernennen. 
Eine so überaus bescheidene schwesterliche Stellung konnte selbst der 
Erzbischof von Canterbury, der anfangs mit pharisäischem Dünkel über 
„die minder vollkommenen Einrichtungen“ des festländischen Protestantis- 
mus sprach, der deutschen evangelischen Kirche unmöglich versagen; waren 
doch zwei Deutsche, Nicolaysen und Pieritz, die ersten Bahnbrecher der 
Judenmission in Palästina und auch sonst überall in Vorderasien deutsch- 
cvangelische Missionäre tätig. Zum Glück eiferten Pusey, Newman, alle 
die fanatischen Kryptokatholiken unter den Anglikanern lebhaft wider die 
Pläne des Königs, und eben dieser Zorn der verhaßten Puseyiten-Partei 
ließ der öffentlichen Meinung die Annäherung an das ungläubige Deutsch- 
land minder verdächtig erscheinen. 
Im November 1841 wurde der erste evangelische Bischof von Jeru- 
salem durch den Erzbischof von Canterbury geweiht, ein Breslauer Jude,
        <pb n="131" />
        Verstimmung der deutschen Protestanten. 123 
der in der Taufe den Namen Alexander angenommen hatte und sein 
schwieriges Amt sehr würdig ausfüllte. Die Weihepredigt feierte den 
Bischofsitz auf Zion als die Erstlingsfrucht der Union aller Evangelischen. 
So schenkte Preußen dem neuen anglikanischen Bistum außer der Hälfte 
der Unterhaltungskosten auch die Person des Bischofs. Bunsen schwamm 
in Wonne; er glaubte wieder einmal einen großen diplomatischen Sieg 
errungen zu haben, da er die Briten zur Annahme der preußischen Ge— 
schenke bewogen hatte, und vernahm mit Entzücken, wie sein gottseliger 
Freund Lord Ashley Preußens christlichen Monarchen als „den besten 
und herrlichsten König dieser Welt“ pries. Nicht ohne Schadenfreude 
bemerkte er, daß die anderen Großmächte allesamt das evangelische Bis- 
tum mit scheelen Augen betrachteten.) Rußland und Frankreich bewarben 
sich seit dem Dardanellen-Vertrage wieder wetteifernd um Englands Gunst 
und konnten nicht wünschen, durch Preußen überboten zu werden, während 
Metternich von der Freundschaft der beiden protestantischen Großmächte 
unbestimmte Gefahren für die katholische Kirche befürchtete, und sein ge- 
treuer Neumann in London ängstlich sagte: Bunsen soll hier einen neuen 
schmalkaldischen Bund gründen. 
Aber auch die deutschen Protestanten zeigten sich mißtrauisch. Ganz 
vergeblich versuchten General Gerlach in der Augsburger Allgemeinen Zei- 
tung, Hengstenberg in seiner Kirchenzeitung das Werk ihres königlichen 
Gönners zu rechtfertigen.*) Geradezu abschreckend wirkte das weihevolle 
Büchlein über „das evangelische Bistum in Jerusalem“, das von Bunsen 
gemeinsam mit einem anderen theologischen Diplomaten, dem jungen 
Abeken ausgearbeitet war und über die unermeßliche Zukunft des christia- 
nisierten Palästinas mit einer Sicherheit redete, als ob die Weltgeschichte 
verpflichtet wäre, ihre Schauplätze niemals zu verändern. Die liberale 
Welt wollte sich zu kirchlichen Unternehmungen überhaupt kein Herz fassen: 
sie lächelte über die Berliner „diplomatische Romantik“ und fragte spöttisch, 
warum nur dieser König, der seine preußischen Juden so wenig liebe, für 
das Volk Gottes in der Urheimat so zärtlich sorge. Aber auch „sehr gut 
gesinnte Männer“ in Preußen und in Süddeutschland fanden, wie General 
Thile berichtete, die Unterordnung deutscher Gemeinden unter einen angli- 
kanischen Bischof höchst anstößig; das längst verbreitete Gerücht von den 
katholischen Neigungen des Königs schien jetzt seine volle Bestätigung zu 
empfangen. Als Bischof Alexander den ersten Jahrestag seines Einzugs 
in Jerusalem durch eine Danksagung feiern wollte und der König die 
Gemeinden seiner Landeskirche „in aller Freiheit“ zur Mitwirkung auffor- 
dern ließ, da zeigte sich nur an wenigen Orten aufrichtige Teilnahme) 
*) Bunsens Bericht, 6. Jan. 1842 ff. 
**) Thiles Bericht an den König, 14. Dez. 1841. 
*'#) Thiles Bericht an den König, 14. Aug. 1842. Kabinettsordre an Thile und 
Eichhorn, 9. Jan. 1843.
        <pb n="132" />
        124 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Da die evangelische Kirche sich auf dem Worte aufbaut, so gewährt sie 
der Persönlichkeit, mithin auch der volkstümlichen Eigenart der Prediger 
einen großen, oft allzu großen Spielraum; die Deutschen vermißten in 
den trockenen, schablonenhaften Ansprachen der Anglikaner gänzlich die 
durchgebildete homiletische Kunst ihrer heimischen Predigten. Die vorherr- 
schende Meinung der Landeskirche bekundeten zwei streng gläubige Theo- 
logen, Schneckenburger und Hundeshagen in einer geharnischten Schrift 
„das anglo-preußische Bistum zu St. Jakob“; sie nannten es unwürdig, 
daß Deutschlands Protestantismus hinter seiner jüngeren Schwester zurück- 
stehen solle: sei seine schlichte Wahrhaftigkeit etwa weniger christlich als 
die werkheilige Selbstbespiegelung jener Staatskirche, welche Milton schon 
mit der Diana von Ephesus verglichen hatte? 
Der König ließ sich durch alle solche Einwürfe nicht beirren, und er 
erlebte nach einigen Jahren die Freude, daß seine fromme Stiftung gedieh, 
weit bescheidener freilich, als Bunsen geträumt hatte. Die Judenmission 
fand im Vaterlande Israels begreiflicherweise einen sehr undankbaren 
Boden; indessen mehrte sich die Zahl der Protestanten nach und nach durch 
Einwanderung und vereinzelte Bekehrungen. Neben der Jakobskapelle auf 
Zion entstanden bald ein Hospital, ein Waisenhaus, eine treffliche Schule. 
Drei Gemeinden, eine deutsche, eine englische, eine arabische erkannten den 
Bischof als geistliches Oberhaupt an, ohne doch ihre Selbständigkeit aufzu- 
geben; die deutsche hielt ihren Gottesdienst nach der Liturgie, welche 
Bunsen einst auf dem Kapitol eingeführt hatte. Als Alexanders Nachfolger 
Bischof Gobat alles auf anglikanischen Fuß zu setzen versuchte, mußte er 
rasch wieder einlenken und sah sich genötigt, zuweilen selbst deutschen Gottes- 
dienst zu halten.') Also erblühte auf Zion ein gesundes evangelisches 
Kirchenleben, vielgestaltig und doch einträchtig, wie es der Idee des Pro- 
testantismus entspricht; und die Macht des jungen Bistums reichte bald 
weit genug, um den Protestanten überall in Vorderasien eine Stütze zu 
bieten. Auf die Dauer aber konnten die Deutschen unmöglich ertragen, 
daß ihren Geistlichen die Gleichberechtigung verweigert wurde; und da der 
britische Hochmut schlechterdings nicht nachgab, so sah sich die Krone 
Preußen nach einem halben Jahrhundert (1887) genötigt, das phan- 
tastische Unionsbistum aufzugeben, ihre Gemeinde auf Zion ganz selb- 
ständig auszugestalten. 
Als politischer Vertrag war das von Bunsen geschlossene Abkommen 
eine Ungeheuerlichkeit, weil England allein ohne jede Gegenleistung die 
Vorteile daraus zog, und erfahrene Diplomaten meinten schon: jetzt 
werde dem theologischen Eindringling doch endlich das Handwerk gelegt 
werden. Friedrich Wilhelm dachte anders. Politische Pläne hatte er bei 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 5. Okt. 1847. Heinrich v. Thile d. J., Be- 
richt an den König, Jerusalem, 3. April 1848.
        <pb n="133" />
        Bunsen Gesandter in London. 125 
diesen Verhandlungen überhaupt nicht verfolgt, sondern immer wieder be— 
scheiden gemahnt: „effacieren wir uns;“ und da er nun das christliche 
Liebeswerk, das ihm allein am Herzen lag, gesichert sah, so beschloß er 
seinen Unterhändler glänzend zu belohnen. Seit dem Herbst 1841 begann 
er die längst geplante Verschiebung im diplomatischen Korps durchzuführen. 
Minister Werther erhielt ein hohes Hofamt, und an seine Stelle trat 
Graf Maltzan, bisher Gesandter in Wien. Bülow, dessen Talente der 
König sehr hoch anschlug, wurde zum Danke nach Frankfurt versetzt, um 
frischen Zug in die Bundespolitik zu bringen. Bei der Ernennung des 
Nachfolgers zeigte Friedrich Wilhelm ein galantes Zartgefühl, wie es in 
der Geschichte der Diplomatie unerhört war; er ließ der jungen Königin 
selbst die Wahl zwischen drei Namen: Graf Arnim, Graf Dönhoff, 
Bunsen. Die Antwort konnte kaum zweifelhaft sein, da Bunsen während 
der jüngsten Verhandlungen allen englischen Wünschen so geschmeidig 
nachgegeben hatte. Nach Rücksprache mit der Königin erwiderte Lord Aber— 
deen: „wir können nichts Besseres tun, als zu behalten, was wir haben,“ 
also Bunsen; die beiden anderen Herren kennen wir nicht.“) 
Unmöglich konnte England eine bessere Wahl treffen, unmöglich 
Preußen eine schlechtere. Die schwächste der großen Mächte brauchte als 
Vertreter Männer von starkem preußischem Stolze, Männer, welche die 
Selbständigkeit ihres bei den älteren Großmächten noch kaum für voll 
angesehenen Staates rücksichtslos wahrten. Daran hatte es schon Bülow 
zuweilen fehlen lassen, da er sich mit den Jahren bis zur Selbstver- 
gessenheit in englische Anschauungen eingelebt hatte. Bunsen aber war 
bereits, als er sein Amt antrat, durch den Einfluß seiner britischen Gattin 
halb zum künstlichen Engländer geworden; mehrere seiner Kinder nahmen 
die Nationalität der Mutter an; das Unglück so vieler Diplomatenfami- 
lien, die internationale Verschwommenheit ließ sich von diesem Hause gar 
nicht abwenden. Welch eine Genugtuung für den selbstzufriedenen Mann, 
als er, so bald nach seinen römischen Niederlagen, aus dem stillen Land- 
hause auf dem Hubel bei Bern plötzlich nach dem stattlichen Prussia- 
House auf Carlton-Terrace versetzt wurde. Dort sah er in seiner näch- 
sten Nachbarschaft den Buckingham-Palast der Königin, den Westminster- 
palast des Parlaments, das Auswärtige Amt in Downingstreet, die alten 
Bäume des St. James-Parkes, überall die Zeugen einer großen Ge- 
schichte. Hellauf leuchtete das Flackerfeuer seiner leicht entzündlichen Be- 
geisterung; Staat und Kirche, Land und Leute der reichen Insel erschienen 
ihm in rosigem Lichte. Sein eigenes Amt hielt er für den wichtigsten 
diplomatischen Posten Preußens, und hoch beglückte ihn das Bewußtsein, 
  
*) Bericht des Gesandtschaftsverwesers Leg.-Rat v. Schleinitz an den König, 16. 
Nov. 1841. Persönliche Bedenken gegen die beiden anderen Vorgeschlagenen lagen nicht 
vor; die Erzählung in Stockmars Denkwürdigkeiten S. 385 ist nicht ganz richtig.
        <pb n="134" />
        126 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
daß er berufen sei, „die historische Allianz“ der beiden stammverwandten 
Nationen wieder fester zu schließen. Diese historische Allianz war seit 
dem Thronwechsel ein Lieblingswort der preußischen Diplomatie; niemand 
fragte, was der preußische Staat durch die englische Freundschaft einst 
gewonnen habe und ob er jetzt nicht stark genug sei, ihrer zu entraten. 
Hoffnungsselig wie einst in Rom betrachtete Bunsen auch in London 
jede persönliche Freundlichkeit, die ihm widerfuhr, als einen politischen 
Sieg und glaubte im Ernst, das ungemütlichste aller Völker durch Ge— 
mütlichkeit gewinnen zu können; er hoffte harmlos, die Briten würden der 
Erweiterung des Zollvereins nichts in den Weg legen und falls Deutsch— 
land Kolonien erwürbe, diese liebevoll mit ihrer Flotte beschützen Die 
Engländer betrachteten ihren glühenden Bewunderer mit stiller Ironie 
und versäumten nicht, seine unerwiderte Liebe sich zu nutze zu machen. 
Ritter Bunsen — so hieß er bei Hofe — wurde bald eine gefeierte 
Größe der Londoner Gesellschaft, ein Liebling der Zeitungsreporter. Er 
machte es möglich, neben der Unmasse seiner immer geistreichen, aber 
immer unpraktischen Depeschen und Denkschriften auch noch an seinem 
Buche über Ägyptens welthistorische Stellung zu schreiben und seine litur— 
gischen Studien fortzuführen. So stand er den diplomatischen, den ge— 
lehrten, den kirchlichen Kreisen Londons gleich nahe und konnte immer 
wieder mit gerechtem Selbstgefühle berichten, wie er einem Feste beim 
Lord Mayor oder beim Erzbischof von Canterbury als einziger Foreigner 
beigewohnt, wie sein in tadellosem Englisch gehaltener speech irgend 
eine Versammlung begeistert, wie die Universität Oxford, dankbarer als 
die deutschen Hochschulen, ihn durch ihren Doktorhut geehrt habe. Er be— 
nutzte diese glänzende gesellschaftliche Stellung, um für die Deutschen Lon— 
dons mannigfache gemeinnützige Anstalten zu gründen und zumal den 
jungen deutschen Gelehrten, die ihm bei seinen Arbeiten zur Hand gingen, 
vorwärts zu helfen. Nach der Meinung des großen Publikums gereichte 
es auch dem preußischen Staate zum Vorteil, daß von dem Prussian 
Minister in der Riesenstadt immer und überall die Rede war. In Wahr- 
heit brachte seine politische Wirksamkeit in London wie vormals in Rom 
dem Vaterlande nur Schaden. Auf die kalten englischen Geschäfts- 
männer konnte ein Enthusiast, der so leicht mit biederen Worten abzu- 
speisen war, unmöglich Einfluß gewinnen. Am preußischen Hofe aber 
wurden durch Bunsens sanguinische Berichte grundfalsche Vorstellungen 
von Englands deutscher Politik hervorgerufen, verhängnisvolle Irrtümer, 
welche sich späterhin, als Schleswig-Holsteins Schicksal auf dem Spiele 
stand, schwer bestrafen sollten. 
In Berlin war der Boden für solche gemütliche Selbsttäuschungen 
nur zu wohl vorbereitet. Friedrich Wilhelms alte, ursprünglich wohl 
durch Niebuhrs Vorträge geweckte Vorliebe für England hatte neuerdings 
noch an Wärme gewonnen, seit mit der jungen Königin an den vormals
        <pb n="135" />
        Prinz Albert. 127 
so leichtlebigen Hof eine bürgerliche Wohlanständigkeit eingezogen war, 
welche selbst der Sittenrichter-Strenge des preußischen Königspaares ge— 
nügte. Die wenigen entschiedenen Monarchisten, welche England noch 
besaß, hegten den verständigen Wunsch, daß Victoria sich mit ihrem fast 
gleich alten Vetter, dem Prinzen Georg von Cambridge vermählen möchte; 
dann konnte ein Wechsel der Dynastie, der das Ansehen der Krone immer 
schädigt, dem Lande erspart bleiben. Die Königin aber wollte gut bürger— 
lich ihrer Neigung folgen, und ihr Oheim König Leopold hatte schon dafür 
gesorgt, daß ihr Herz nicht weit von den Wegen des Hauses Koburg ab— 
irren konnte. Sein Neffe, der schöne, für die Brautfahrt sorgfältig vor— 
bereitete Prinz Albert errang sich die Hand Victorias, die so lange ver- 
geblich erstrebte Stellung eines englischen Prinzgemahls ward wirklich 
einem Koburger gewonnen, die vierte Königskrone stand den Wettinern 
in Aussicht, der luftige Bau der sächsischen Hauspolitik kam unter Dach. 
Prinz Albert bekam anfangs den Deutschenhaß der Briten schwer zu 
empfinden. Zahlreiche Zerrbilder stellten ihn dar inmitten seines bärtigen, 
rauchenden, biertrinkenden Gefolges; man bezweifelte boshaft, ob dieser 
Sohn des ältesten Bekennergeschlechtes der Protestanten evangelisch sei, 
da ja seine Vettern, die Koburg-Koharys sich der römischen Kirche zuge- 
wendet hatten; sein Jahreseinkommen ward vom Parlamente unanständig 
knapp bemessen, der Titel eines König-Gemahls, den ihm die zärtliche 
Gattin zudachte, stieß auf allgemeinen Widerspruch, und ein Mitglied des 
Geheimen Rats sagte höhnisch zu Bunsen: wir können ihn doch nicht 
gegebenen Falles König-Witwer nennen.) Selbst den Namen eines Prinz- 
gemahls gewährte man dem Deutschen erst nach Jahren, und Zeit seines 
Lebens gelang es ihm nie, das Mißtrauen des Inselvolkes gänzlich zu 
überwinden. 
Gleichwohl gewann er durch Klugheit, Takt, ernste gemeinnützige 
Tätigkeit nach und nach einigen Boden. Die Damen waren von vorn- 
herein für den schönen Prinzen, und die beiden großen Adelsparteien 
fanden es bald ratsam, sich seiner Unterstützung zu versichern.**) Die 
Briten freuten sich an dem wohlgeordneten Haushalt und dem Familien- 
glück der Königin, das alljährlich mit großer Pünktlichkeit, sobald die von 
den Naturgesetzen gebotene Zwischenzeit ablief, durch die Geburt eines 
Kindes verschönt wurde. Der Hof wurde endlich wieder eine soziale Macht, 
obgleich er nie mehr, wie einst in den Tagen der Stuarts, den Mittel- 
punkt des hauptstädtischen Lebens bilden konnte, und die gründlich fri- 
vole vornehme Gesellschaft Londons mußte sich mindestens in ihrer äußeren 
Haltung nach den ehrbaren höfischen Sitten richten. Zum ersten Male seit 
der Thronbesteigung der Welfen zeigte das königliche Haus wieder einiges 
  
*) Bunsens Bericht, 6. Jan. 1842. 
**) Bülows Bericht, 2. Juni 1840.
        <pb n="136" />
        128 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
Verständnis für das geistige Leben der Nation, eine Teilnahme, die aller- 
dings nicht in die Tiefe ging; denn Prinz Albert war, wie alle Koburger, 
ohne warmes religiöses Gefühl, eine schwunglose prosaische Natur, die 
sich leicht daran gewöhnte, nach englischer Weise alles very interesting 
zu finden; er hatte sich zu Brüssel tief eingelebt in die mechanische Welt- 
anschauung des Statistikers Quetelet, der alle Erscheinungen des sozialen 
Lebens, auch die sittlichen, aus dem Walten blinder Naturgesetze erklärte. 
Das Kunstgewerbe stand ihm höher als die Kunst, die Technik höher als 
die Wissenschaft, das Merkwürdige höher als das Ideale. Den eigen- 
tümlich trockenen Ton dieses sittsamen Hofes gaben späterhin Victorias 
„Blätter aus unserem Leben in den Hochlanden“ getreulich wieder, unbe- 
streitbar das langweiligste unter den vielgenannten Büchern des neunzehn- 
ten Jahrhunderts. 
Der Prinz betrachtete, gleich seinem Oheim Leopold, den Oranier 
Wilhelm III. als sein Muster, und obwohl er weder die Macht noch das 
Genie seines Vorbildes besaß, so wirkte er doch auf die Entwicklung der 
englischen Verfassung nachhaltig ein. Er gewöhnte die Krone, ohne Wider- 
spenstigkeit und unter Wahrung der äußeren Würde die neutrale Stellung 
einzunehmen, welche ihr nach dem Verlaufe der Geschichte dieses Landes 
allein noch zukam: die Stellung nicht über, sondern unter den Parteien. 
Als er nach England kam, fand er die Whigs noch am Ruder und die 
Königin ernstlich gewillt, die Freunde ihrer Jugend im Besitze der Macht 
zu erhalten. Albert selbst stand als Fremdling den Parteien unbefangener 
gegenüber und wurde von seinem getreuen Stockmar dringend ermahnt, 
sich diese Freiheit zu erhalten. Als nun die Whig-Regierung bald nach 
ihrem letzten Erfolge, dem Meerengenvertrage rettungslos zusammen- 
brach, da war er es, der die Königin bewog, den jetzt unvermeidlichen 
Torys mit Wohlwollen entgegenzukommen und selbst die Damen ihrer 
Umgebung aus den Reihen der herrschenden Partei zu wählen. In späteren 
Jahren trug er sich mehrmals mit der Absicht, die Macht der Krone zu 
verstärken, den persönlichen Willen des Monarchen nach deutscher Weise 
zur Geltung zu bringen. Sobald er jedoch die Unmöglichkeit solcher 
Pläne erkannte, gab er seiner Gemahlin den Rat, jedes Ministerium, 
das der Mehrheit im Parlamente sicher sei, ohne Hintergedanken zu unter- 
stützen. Der Rat wirkte, und die Krone ward nach und nach so an- 
spruchslos, daß die Königin nicht einmal mehr wagte, bei der Wahl der 
Personen für das Kabinett mitzureden, sondern dem leitenden Staats- 
manne der Mehrheit des Unterhauses die Bildung der neuen Regierung 
stets unbeschränkt überließ. 
Fortan herrschte Eintracht zwischen Krone und Parlament, während 
die früheren Könige des Welfenhauses unwillkommene Minister immer durch 
kleine Bosheiten zu schädigen gesucht hatten; und es ergab sich, daß eine 
klug beratene Frau die Rolle eines parlamentarischen Schattenkönigs fast
        <pb n="137" />
        Das englische Musterkönigtum. 129 
noch besser zu spielen vermag als ein Mann. Denn eine Fürstin darf, ohne 
Ärgernis zu erregen, mit der naiven Unbescheidenheit der Weiber alles, was 
unter ihrem Namen geschieht, für ihr eigenes Werk ausgeben, und die Galan— 
terie der Männer gestattet den Frauen, jederzeit über unverstandene Dinge 
zuversichtlich abzusprechen. Von diesen beiden Vorrechten ihres Geschlechtes 
machte Königin Victoria ausgiebigen Gebrauch. Sie sprach geläufig über 
alle Einzelheiten der Verwaltung, erzählte dem ironisch, aber ehrfurchtsvoll 
zuhörenden General Natzmer mit der größten Bestimmtheit von den Ver— 
besserungen, welche sie im Heerwesen eingeführt habe, und ließ sich gern eine 
andere Elisabeth nennen, obschon die Welfin mit der minder tugendhaften, 
aber großen Tochter des Hauses Tudor eigentlich nichts gemein hatte als den 
weiblichen Eigensinn. Also lernte das Königtum durch den Prinzgemahl, 
seine Nichtigkeit mit Anstand zu ertragen; dafür ward der Trägerin der 
Krone überall mit Worten tiefster Ergebenheit gehuldigt. Die Phrase 
der Untertänigkeit, constitutional cant der Briten blühte wie nie 
zuvor; wer aufrichtig genug war, die junge Königin nicht schön zu finden, 
lief Gefahr, von der vornehmen Welt für toll gehalten zu werden. 
Ein solches Schauspiel inneren Friedens mußte gerade die gemäßigten 
deutschen Liberalen mit Bewunderung erfüllen; enttäuscht durch das Ränke- 
spiel des Juli-Königtums begannen sie sich von den französischen Freiheits- 
gedanken der dreißiger Jahre abzuwenden und fanden nunmehr in dem 
Staate der Königin Victoria das konstitutionelle Ideal verwirklicht. Nur 
wenige bemerkten, wie der aristokratische Unterbau des altenglischen Par- 
lamentarismus seit der Reformbill zerbröckelte, wie die Entscheidung im 
Unterhause allmählich in die Hände der Schotten und der Iren kam, 
und also neue demokratische Umgestaltungen sich vorbereiteten. Zugleich 
erlebte Großbritannien eine Zeit beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwungs. 
Sein Gewerbefleiß erstarkte dermaßen, daß er sich nunmehr zutraute, alle 
Märkte der Welt zu beherrschen, und darum das Banner des Freihandels 
aufpflanzte. Eine gewaltige Auswanderung eroberte ihm weite Kolonien, 
welche, selbst wenn sie die politische Herrschaft des Mutterlandes vielleicht 
dereinst abschüttelten, doch seiner Gesittung unverloren blieben und also 
dem angelsächsischen Volkstum einen großen Vorsprung vor dem teuto- 
nischen sicherten; nicht lange, so lag in jedem Winkel des Erdballs ein 
Land, das die glückhaften Namen Victoria und Albert führte. Befangen 
in ihren Parteikämpfen und ihrer nachbarlichen Eifersucht beachteten die 
Völker des Festlandes kaum, wie also in aller Stille das größte Reich 
der Weltgeschichte heranwuchs. Ja die deutschen Anglomanen pflegten Eng- 
land als eine musterhaft friedfertige Macht zu preisen, die in ihrer Harm- 
losigkeit mit einem kleinen Söldnerheere auskomme; und doch war dies neue 
Karthago der einzige Staat Europas, der beständig, häufiger sogar als 
Rußland, Kriege führte, freilich Kriege, in denen das Gold noch mehr 
bedeutete als das Eisen. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 9
        <pb n="138" />
        130 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
An der Seite der Herrscherin eines solchen Weltreichs mußte ein 
kleiner deutscher Prinz in die nämliche Lage geraten wie eine ins Aus— 
land verheiratete Prinzessin: er konnte sein Volkstum nicht behaupten. 
Prinz Albert wurde bald ganz zum Engländer, obwohl er im Familien- 
kreise meistens deutsch sprach und die liebreiche Gemahlin, zum Entsetzen 
aller frommen Britenherzen, ihm sogar erlaubte, beim Fischessen ein silber- 
nes Messer zu benutzen. Als er wenige Jahre nach seiner Heirat Deutsch- 
land wieder besuchte, trug er die britischen Sitten geflissentlich zur Schau 
und hielt im grauen Sommer-Überrock die Heerschau über die Mainzer 
Garnison, so daß die preußischen Generale erzürnt fragten, ob dieser junge 
Wettiner denn gar nicht mehr wüßte, daß deutsche Fürsten die vaterlän- 
dischen Fahnen im Waffenschmucke ehrten. In dem kalten, freudlosen 
englischen Leben verlor er jene menschenfreundliche Heiterkeit, welche den 
gebildeten Deutschen auszeichnet, und wurde steif, pedantisch, in seinen 
Urteilen schroff und lieblos, so daß ihm auch die Arbeit in der Kinder- 
erziehung, die er mit großem Pflichteifer betrieb, nur bei einigen seiner 
Töchter, bei dem Thronfolger gar nicht gelang. Sein Selbstgefühl ward 
durch die berechneten Schmeicheleien der britischen Parteiführer und die 
harmlosen Lobeserhebungen der festländischen Konstitutionellen sehr hoch 
gesteigert. Auf seine durchlauchtigen Genossen daheim sah er mit Hoch- 
mut herab; er glaubte, die deutsche Politik besser als sie zu verstehen, 
obgleich er durch die lange Abwesenheit die Fühlung mit den vaterlän- 
dischen Dingen längst verloren hatte, und meinte, nichts Arges zu tun, 
wenn er die deutschen Fürsten in hofmeisterndem Tone aufforderte, allezeit 
den Wegen Englands zu folgen. Derselben Ansicht huldigte auch die 
Königin. Sie liebte ihren Gemahl so innig, daß sie auch sein Vaterland 
mit ins Herz schloß und nach Frauenart sich berechtigt glaubte, über dessen 
Wohl zu wachen. Wie ihre Vorfahren als Könige von Hannover, so 
wähnte sie als Herzogin zu Sachsen, dem Deutschen Bunde mit anzu- 
gehören, und die deutschen Höfe boten für die zarten Künste der Damen- 
politik einen ungleich dankbareren Boden als das englische Parlament. 
Zwischen London, Brüssel, Wiesbaden und Koburg wurde, mit Ab- 
zweigungen nach Paris und Lissabon, eine Kurierkette eingerichtet, welche 
die Vertrauten des Hauses Koburg in regelmäßigem Verkehr erhielt. 
Während die englische Presse in ihrem blinden Fremdenhasse den angeb- 
lichen „deutschen Einfluß“" am Londoner Hofe bekämpfte, konnte Deutschland 
mit besserem Rechte über englisch-koburgischen Einfluß klagen. Des Prinz- 
gemahls älterer Bruder, der gut deutsch gesinnte Herzog Ernst von Koburg 
empfand dies selbst sehr lebhaft; bald nachdem er seinen kleinen Thron 
bestiegen hatte, schrieb er dem Oheim Leopold: „wir müssen wieder ehrlich 
deutsch werden,“ denn bisher haben wir uns meist nur als Verwandte 
der großen Höfe des Westens gezeigt, darum gilt Koburg für ein Nest 
undeutscher Ränke und ultraliberaler Ideen. Doch leider blieb es bei
        <pb n="139" />
        Friedrich Wilhelms Anglomanie. 131 
den edlen Vorsätzen. Klugen Rechnern wie Leopold und Albert mußten 
die großen westeuropäischen Interessen ihrer weltbürgerlichen Dynastie wich— 
tiger erscheinen als das kleine deutsche Stammland; und noch oft sollten 
die Ratschläge der Koburger dem deutschen Volke schädlich werden, um 
so schädlicher, da dies überall vom Schicksal begünstigte Haus auch das 
seltene Glück hatte, nicht von gemeinen höfischen Schmeichlern, sondern 
von angesehenen und ehrlichen Schriftstellern literarisch verherrlicht zu 
werden. Alle die tüchtigen deutschen Gelehrten, welche sich in London 
der Gönnerschaft Bunsens und Stockmars erfreuten, wurden zu Aposteln 
der Koburgischen Legende und erzählten in gutem Glauben den Lands— 
leuten daheim, wie wunderbar der Prinzgemahl verstanden habe, zugleich 
ein ganzer Brite zu werden und ein ganzer Deutscher zu bleiben. 
Niemand hörte auf solche Erzählungen williger als König Friedrich 
Wilhelm. Er zeigte schon seine Thronbesteigung auch dem Prinzgemahl 
in einem eigenhändigen Briefe an, was die Königin hoch beglückte'), und 
erwies fortan dem jungen Paare beständig zarte Aufmerksamkeiten. Sein 
weltkundiger Vater hatte sich nie darüber getäuscht, daß Palmerston den 
Unfrieden auf dem Festlande absichtlich nährte."*) Er aber meinte wieder 
klüger zu sein und glaubte den Berichten Bülows, der ihm nach den 
Versicherungen englischer Staatsmänner treuherzig beteuerte, Palmerston 
sei nur durch die Schroffheit der Ostmächte wider seinen Wunsch ge- 
zwungen worden, sich von ihnen zu trennen, und mit dem Vierbunde 
von 1840 zu seinen ursprünglichen Ansichten zurückgekehrt.*) Als nun 
gar die Torys ans Ruder kamen, Lord Aberdeen, der altbewährte An- 
hänger Metternichs in das Auswärtige Amt wieder eintrat, da floß man 
in Berlin von Vertrauensseligkeit über. Ein Ministerialschreiben an die 
Gesandtschaft sagte: selbst unter den Whigs seien zwischen den beiden 
historisch verbundenen Mächten die Fäden niemals ganz abgerissen; um 
so herzlicher werde sich jetzt das Verhältnis zu Aberdeen gestalten.) Der 
Führer des neuen Kabinetts, Robert Peel gewann sich durch Gradsinn 
und ernste Frömmigkeit das Herz Friedrich Wilhelms; selbständig genug, 
um nötigenfalls die Dogmen der Partei zu verletzen, hielt er sich auch 
frei von nationaler Gehässigkeit und betrachtete Deutschland mit einiger 
Teilnahme. Wenn ihm Bunsen von dem Deutschen Bunde als einer 
Macht ersten Ranges sprach, dann war Peel so höflich, diese allerneueste 
Doktrin des Berliner Hofes mit seinen guten Wünschen zu begleiten. 
Als bald nachher dem neuen sächsisch-welfischen Königshause ein Thron- 
folger geboren wurde, da beschlossen die Eltern, auf Stockmars Rat, den 
König von Preußen durch eine klug berechnete Aufmerksamkeit in seiner 
*) Bülows Bericht, 7. Juli 1840. 
*“) S. o. IV. 515. 
*) Bülows Denkschrift über die innere Lage Großbritanniens, 17. Juli 1841. 
) Werther, Weisung an Schleinitz, 13. Sept. 1841. 
  
9*
        <pb n="140" />
        132 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
freundschaftlichen Gesinnung zu bestärken, und baten ihn zu Gevatter. 
Sie selbst legten, nach Koburgischen Grundsätzen, auf kirchliche Feier— 
lichkeiten wenig Wert. Friedrich Wilhelm hingegen sah in der Einladung 
ein feierliches Symbol des Bundes der beiden protestantischen Großmächte 
und erklärte sich bereit, zu der Taufe persönlich zu erscheinen. Aberdeen 
war außer sich vor Freude, wie Bunsen behauptete, desgleichen der edle, 
heroische neue Bischof von Jerusalem. Metternich aber befürchtete von 
dieser englischen Reise eine gefährliche Aufregung protestantischer Partei— 
leidenschaften, und Zar Nikolaus ließ dem Schwager besorglich vorstellen, 
unterwegs würde sich eine Zusammenkunft mit dem Blusenkönige Leopold 
oder einem der französischen Prinzen kaum vermeiden lassen.“) Im Januar 
1842 kam Friedrich Wilhelm auf dreizehn Tage nach England und wurde 
von der amtlichen Welt mit dem höchsten Glanze empfangen. Nur ein 
Teil der Presse schmähte auf den deutschen Spion, Idioten und Heuchler, 
und Lord Brougham sprach im Oberhause die höfliche Erwartung aus, 
der Preuße würde von Englands Freiheit etwas lernen, die Versprechungen 
seines Vaters endlich ausführen. Fest folgte auf Fest, feierliche Trink— 
sprüche verherrlichten die Freundschaft der beiden protestantischen Nationen. 
Victoria entfaltete ihre ganze Liebenswürdigkeit, schmückte ihren Gast eigen— 
händig mit dem Hosenbandorden und trug bei den Feierlichkeiten ein 
Armband mit seinem Bildnis. Auch ein junger Koburg-Kohary war zu- 
gegen, dem der unersättliche Brüsseler Ehestifter, wie jedermann bei Hofe 
erzählte, schon die Hand der Königin Isabella von Spanien zugedacht 
hatte. 
Der König zeigte sich hoch entzückt von allen den britischen Institu- 
tionen, die er doch daheim keineswegs nachahmen wollte, und wohnte 
der Eröffnung des Parlaments nicht als schlichter Zuschauer bei, son- 
dern — wunderlich genug — gleichsam als großbritannischer Reichsver- 
wandter, in vollem Schmuck auf einem besonderen Sitze, der ihm zwischen 
dem Throne der Königin und den Plätzen der Lords bereitet war. Er 
hörte den Gottesdienst in St. Paul mit großer Andacht und scheute 
nicht die beständigen dem deutsch-protestantischen Gefühle so widerwärtigen 
Kniebeugungen; er besuchte, begleitet von der gottseligen Quäkerin Mrs. 
Fry das Gefängnis von Newgate und bewunderte mit der Aufmerksamkeit 
des literarischen Feinschmeckers die Aufführung Shakespearischer Lustspiele 
in ihrer ursprünglichen Gestalt. So verging die kurze Frist sehr genuß- 
reich, aber ohne wirkliche Belehrung und ohne jedes politische Ergebnis. 
Den nüchternen britischen Staatsmännern gefiel Friedrich Wilhelms 
Reisebegleiter, der unerschöpflich mitteilsame Humboldt weit besser als 
sein Herr, der trotz seiner geistreichen Liebenswürdigkeit doch nicht den 
  
7) Berichte von Bunsen, 10. Dez. 1841, 7. Jan. 1842, von Liebermann, 28. Dez. 
1841.
        <pb n="141" />
        Die Taufreise nach England. 133 
Eindruck eines beherrschenden politischen Kopfes hinterließ. Stockmar 
erschrak geradezu über die phantastischen Einfälle des Königs, als ihm 
dieser sehr ausführlich und ernsthaft vorhielt, Belgien müsse um seiner 
Sicherheit willen durchaus in den Deutschen Bund eintreten — ein im 
Frieden schlechthin unausführbarer Plan, da ja Belgien auf Preußens 
eigenen Antrag von allen Großmächten als neutral anerkannt war. 
Unterwegs wurde, trotz der dringenden Einladungen des Gesandten 
Bresson, der französische Boden und jede Berührung mit den Orleans 
sorgfältig vermieden. Leopold von Belgien aber hatte, zur Entrüstung 
des Zaren, den deutschen Nachbarn schon auf der Hinreise in Ostende 
begrüßt; und da Friedrich Wilhelm den für den Zollverein wichtigen 
belgisch-luxemburgischen Grenzverkehr friedlich zu ordnen wünschte, so 
entschloß er sich schweren Herzens, seinem geliebten Vetter, dem neuen 
Könige Wilhelm II. der Niederlande einen Freundschaftsdienst zu erweisen 
und den belgischen Usurpator auf der Heimreise zu besuchen, in demselben 
Schlosse, das einst den oranischen Verwandten gehört hatte. „Je Vous 
porterai un véritable sacrifice“, schrieb er dem Oranier; „J irai le 
trouver en chemin (à Lacken! !! — 1 — 1 —III) pour le travailler.“) 
Trotz dieses Besuchs bei dem liberalen Belgier blieb die englische Reise den 
aufgeklärten Berlinern hoch verdächtig; sie meinten in ihrer Tadelsucht, der 
König sei drüben ganz in die Netze der Hochtorys und der Anglikaner 
geraten. In ihm aber klangen die religiösen Stimmungen dieser Tauf- 
fahrt noch lange nach. Nach einer schönen Zeichnung von Cornelius 
ließ er für sein Patenkind einen silbernen Glaubensschild fertigen, der 
in der Mitte einen Christuskopf, darunter die Darstellungen der beiden 
evangelischen Sakramente, an den Rändern neben dem Einzuge Jesu in 
Jerusalem auch ein Bild der Meerfahrt des Paten zeigte: da fuhr der 
christliche König in Pilgerhut und Muschelmantel auf einem Schiffe, das 
ein Engel lenkte und der gefesselte Höllengeist des Dampfes schnaubend 
vorwärts trieb, neben ihm Humboldt mit einem Olzweige in der Hand, 
Anton Stolberg und General Natzmer; drüben am Strande erwartete 
ihn Englands Schutzpatron, der heilige Georg, mit dem Prinzgemahl 
und Wellington — eine Zusammenstellung, welche dem Koburgischen Welt- 
kinde insgeheim wohl ebenso fragwürdig erscheinen mochte wie dem un- 
gläubigen deutschen Naturforscher und im radikalen Lager widerwärtige 
Hohnreden hervorrief. 
Auch das auswärtige Ministerium fuhr noch lange fort, dem bri- 
tischen Kabinett unerwiderte Zärtlichkeitsbeteuerungen zu senden, zumal 
seit Bülow dem schon nach wenigen Monaten unheilbar erkrankten Grafen 
Maltzan im Amte gefolgt war. Bülow blieb als Minister wie vordem 
  
*) König Friedrich Wilhelm an König Wilhelm II. der Niederlande, 29. Jan. 
1842.
        <pb n="142" />
        134 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
als Gesandter ein so unbedingter Verehrer Englands, daß Stockmar ihn 
befriedigt für den fähigsten aller preußischen Diplomaten erklärte. Auf 
die Nachricht von neuen asiatischen Erfolgen der Engländer ließ er durch 
Bunsen die Glückwünsche seines Hofes aussprechen und fügte hochentzückt 
hinzu: „mit Großbritannien verbunden durch die Bande einer langen 
Allianz und einer beständigen innigen Freundschaft, sind wir gewohnt, 
alles, was den Ruhm und das Wohlsein des britischen Reichs vermehrt, 
fast ebenso anzusehen, als wäre es uns selbst widerfahren.““) So un- 
eigennützig übernahmen diese Gemütspolitiker im Namen ihres ehren- 
haften deutschen Staates gleichsam die Mitverantwortlichkeit für Englands 
schmachvollen Opiumkrieg! Freilich war man in Berlin über die orientali- 
schen Dinge schlecht unterrichtet, da Bunsen seinen britischen Freunden alles 
glaubte und entrüstet heim berichtete, wie sündlich sein England wegen des 
Opiumhandels verleumdet worden sei.“') 
Sehr lange konnte diese Anglomanie, die doch nur den persönlichen 
Neigungen des Königs und seiner Vertrauten entsprach, unmöglich vor- 
halten. Zu einem politischen Bündnis der beiden Mächte lag gar kein 
Anlaß vor, ja ihre volkswirtschaftlichen Interessen gingen augenblicklich 
sehr weit auseinander. Sobald Preußen einige seiner Zölle um ein 
geringes erhöhte, zeigte sich Peel tief entrüstet, gleich als ob England, dessen 
eigene Zölle noch weit höher standen, in seinen Rechten gekränkt worden 
wäre; und wenngleich Bunsen friedfertig erwiderte: „der Zollverein ist noch 
immer der beste Kunde Euerer Industrie,“ so konnte doch sein königlicher 
Herr selbst nicht verkennen, daß der deutsche Gewerbefleiß danach trachten 
mußte, dieser Abhängigkeit zu entwachsen.*) Wie wenig dem englischen 
Volke an dem deutschen Bündnis gelegen war, das zeigte eben in diesen 
Jahren Macaulays Aufsatz über Friedrich den Großen. So hochmütig, 
so verständnislos, so roh hatten selbst die Franzosen, die den Philosophen 
von Sanssouci doch immer gelten ließen, noch nie über Preußen abge- 
sprochen, und der glänzende Essayist sagte hier wie überall nur, was der 
Durchschnitt seiner gebildeten Landsleute dachte. Auch Friedrich Wilhelms 
kunstsinniger Freund Graf Raczynski machte seine Erfahrungen an der 
britischen Selbstgenügsamkeit. Als er, bei Hofe freundlich ausgenommen, 
die Frage aufwarf, ob man nicht deutsche Künstler einladen solle zur Ein- 
führung der hierzulande noch fast unbekannten Freskomalerei, da wider- 
sprachen die englischen Maler sehr heftig, und Sir Morton Shee erwiderte 
stolz: unsere Schule ist die anerkannt erste der Welt.-) 
Mit der Zeit fühlte auch der König selber, wie fremd ihm im Grunde 
die ganz moderne Weltanschauung des Koburgischen Hauses war. Ein 
*) Bülow, Weisung an Bunsen, 5. Nov. 1842. 
**) Bunsens Bericht, 10. Dez. 1842. 
*?*) Bunsens Berichte, 25. Juli 1842 ff. 
)Bunsens Bericht, 6. Mai 1842.
        <pb n="143" />
        Der Koburgische Hoheitstitel. 135 
lächerlicher Titelstreit brachte ihm dies zum Bewußtsein. Schon längst 
strebten die ernestinischen Herzöge nach schöneren Titeln, weil sie bei der 
großen Rangerhöhung der rheinbündischen Zeiten leer ausgegangen waren. 
Seit das Haus Koburg so kühn emporgestiegen, meinte sich vornehmlich 
der alte Herzog von Koburg als Vater und Bruder gekrönter Häupter 
wohlberechtigt, den Namen eines Großherzogs oder einer königlichen Hoheit 
zu führen. Die englischen Verwandten unterstützten ihn dabei lebhaft'): 
denn die Koburger bewährten sich auch darin als treue Jünger der alten 
Aufklärung, daß sie zwar mit Worten gern über leere Standesunterschiede 
spotteten, in der Tat aber ihren Rang sehr eifersüchtig wahrten. Nach 
strengem Rechte konnte der Koburgische Herzenswunsch nur durch einen 
Bundesbeschluß erfüllt werden, weil der Bund über der Rangordnung 
seiner Mitglieder zu wachen, auch die Mediatisierten schon gewissenhaft in 
Durchlauchten und Erlauchten eingeteilt hatte. In Frankfurt aber lagen 
die Dinge höchst ungünstig. Der Präsidialhof war über das selbstbewußte 
Auftreten des Herzogs von Koburg-Kohary, der doch unzweifelhaft zu den 
Untertanen der Stephanskrone gehörte, längst sehr aufgebracht, seine 
Diplomaten redeten mit der äußersten Gehässigkeit über den Koburger 
Hof.**) Auch der König von Preußen wollte den althistorischen Titel 
Durchlaucht nicht gern ändern. Nun gar die kleineren Fürsten meinten 
sich allesamt, und manche mit Recht schwer beeinträchtigt; sie beruhigten 
sich auch nicht, als Koburg seine Ansprüche herabsetzte und nur noch den 
Titel Hoheit verlangte. Da wünschten Nassau und Braunschweig, von 
wegen ihrer größeren Macht, Großherzoge zu werden; in Baden, das ja 
einst den Kurhut getragen hatte, sprach man schon von der Annahme 
des Königstitels; der Kurfürst von Hessen dachte seiner verunglückten Katten- 
krone, der Großherzog von Darmstadt dem stolzen alten Mainzer Kurhute 
den Majestätstitel beizulegen; Homburg wollte landgräfliche, Schwarzburg 
fürstliche Hoheit heißen; der Fürst von Hechingen ließ die Hoheit für 
Nassau nicht gelten, weil sein Haus früher als Nassau in den Fürsten- 
rat des alten Reichstags gelangt war.***) So zeigte sich an einem ab- 
geschmackten und doch sehr heftigen, die Bundesgenossen tief verstimmenden 
Zwiste, daß jene ruhelose soziale Eitelkeit, welche beständig nach oben 
drängend, den Herrennamen zum Gemeingut aller, die Mädchen zu Fräu- 
lein, die schlichten Marschälle und Seneschälle zu Großwürdenträgern ge- 
macht hat, auch in demokratischen Jahrhunderten bei hoch und niedrig 
ihren Spuk treibt. 
Mittlerweile hatte der unternehmende junge Herzog Ernst II. die 
Regierung in Koburg angetreten. Er merkte bald, daß auf diesem Markte 
*) Bunsens Berichte, 8. Juli, 25. Aug. 1842. 
**) Bunsens Berichte, 5. 8. Nov. 1842. 
*“*) Berichte von Dönboff, 27. April ff.; von Radowitz, 19. Mai; Fürst v. Hohen- 
zollern-Hechingen an Dönhoff, 7. Mai 1844.
        <pb n="144" />
        136 V. 2. Die Kriegsgefahr. 
der Eitelkeiten nur vollendete Tatsachen entscheiden konnten, und schloß 
im April 1844 mit seinen Vettern von Meiningen und Altenburg einen 
Hausvertrag, kraft dessen die sächsischen Herzoge eigenmächtig den Titel 
Hoheit annahmen. Alles zürnte über diese Umgehung der Bundesgewalten, 
und auf Metternichs Befehl brachte Graf Münch am 20. Juni die Sache 
am Bundestage zur Sprache. Dringend verlangte er zugleich Wahrung 
des Geheimnisses, da die Verhandlungen sich von Haus aus sehr stürmisch 
anließen. Während mehrere Regierungen der selbstgeschaffenen neuen 
Hoheit die Anerkennung verweigern wollten, erklärte der Gesandte der 
ernestinischen Herzoge hochtrabend, jeder Bundesbeschluß in dieser Frage 
sei unzulässig, sei ein Eingriff in die Souveränitätsrechte. Eine solche 
Sprache schien dem Könige von Preußen, der den Bundestag so warm 
verehrte, ganz unerträglich. Er schrieb entrüstet: „Der Zustand dieser 
ebenso ridikülen als für die deutsche Sache und Einheit bedrohlichen Sache 
reduziert sich nach der letzten inqualifiablen Erklärung der sächsisch herzog- 
lichen Häuser auf die Frage, ob der Bund und in specie der Bundestag 
ein alter Esel ist, der sich solche Dinge bieten läßt.“ Er ließ sie sich bieten; 
denn ihm fehlte jede Macht, souveräne Fürsten zu zwingen, und die großen 
Höfe des Westens hatten sich inzwischen schon beeilt, die Koburger als 
Hoheiten zu begrüßen. Wohl wies der preußische Gesandte Graf Dönhoff 
die bundesfeindlichen Behauptungen der Ernestiner in scharfer Rede zurück; 
zuletzt mußte man sich doch in das Geschehene ergeben, und der Bund 
beschloß (16. Aug.), alle regierenden Herzoge Deutschlands fortan Hoheit 
zu benamsen.*.) Dann währte der Zank noch ein Jahr lang fort; Dön- 
hoff fürchtete schon, Frankreich könnte die Majestäts-Gelüste Badens und 
Hessens für einen neuen Rheinbund ausbeuten, bis sich endlich der kur- 
fürstliche und die großherzoglichen Höfe begnügten, die Titel ihrer Prinzen 
angemessen zu verschönern.) 
Friedrich Wilhelm brauchte lange, bis er dem Hause Koburg diesen 
Streich gegen die Würde seines geliebten Bundestags verzieh, und auch 
der englische Hof zeigte bald, daß er sich durch seinen kirchlichen und 
politischen Liberalismus wie durch seine Familieninteressen weit stärker zu 
dem Bürgerkönige hingezogen fühlte als zu dem Könige von Preußen. Die 
enge, durch die Heiraten Leopolds von Belgien und des Herzogs von 
Nemours begründete Verbindung der Häuser Orleans und Koburg wurde 
während der nächsten Jahre durch zwei neue Prinzenhochzeiten noch mehr 
befestigt, und im Herbst 1843 sahen die Franzosen, was seit Jahrhunderten 
unerhört war, den englischen Hof an ihrer Küste landen, um das Königs- 
paar im Schlosse Eu zu besuchen. Der lebhafte Verkehr, der sich nun- 
  
*) Dönhoffs Berichte, 20. 27. Juni, 16. August 1844 nebst Randbemerkungen des 
Königs. 
*“) Dönhoffs Bericht, 10. Juli 1845.
        <pb n="145" />
        Preußen, England und Frankreich. 137 
mehr zwischen den beiden bluts- und wahlverwandten Höfen entspann, 
wurde von den gemäßigten Parteien diesseits wie jenseits des Kanals 
nicht ungern gesehen; denn der alte Nationalhaß war wirklich erloschen, 
die Idee der Verbrüderung des freien Westens kam trotz mancher Ir— 
rungen immer wieder obenauf. Freilich standen an der Spitze beider 
Höfe kühle Kaufleute, die ihre dynastischen Sonderinteressen niemals aus 
den Augen verloren, und wie leicht konnten diese begehrlichen Hinter— 
gedanken eine Freundschaft sprengen, welche immer des Vertrauens ent— 
behrte. 
Preußen aber stand in der diplomatischen Welt so einsam wie seit 
Jahren nicht. Sein König hatte verstanden, in kurzer Zeit die alten 
Freunde Osterreich und Rußland mit Mißtrauen zu erfüllen; er hatte 
mit seinen Freundschaftswerbungen in England wenig Anklang gefunden, 
und kaum war die Kriegsgefahr vorüber, so bemerkte man bald, daß 
Preußen jetzt auch an den kleinen deutschen Höfen weniger geachtet war als 
einst unter dem alten Könige. Die ruhige Würde des Vaters erweckte 
Vertrauen, die bewegliche Geschäftigkeit des Sohnes Zweifel und Arg— 
wohn. —
        <pb n="146" />
        Dritter Abschnitt. 
  
Enttäuschung und Verwirrung. 
Während der drei letzten Jahre seiner Regierung hatte Friedrich 
Wilhelm III. die Provinziallandtage nicht mehr versammelt, weil er die 
Besprechung des Kölnischen Bischofsstreites vermeiden wollte. Der neue 
König berief sie allesamt schon auf das Frühjahr 1841 zur regelmäßigen 
Tagung; er hoffte — so ließ er ihnen aussprechen — „mit wahrer Freudig- 
keit auch für die ständischen Verhältnisse eine lebendigere Zeit zu beginnen.“ 
Da erinnerte ihn, gerade als die ersten Landtage zusammentraten, zum 
dritten Male ein Mahnruf aus Ostpreußen an die Verheißungen des 
Vaters. Im Februar erschienen die „Vier Fragen, beantwortet von einem 
Ostpreußen“ — eine den Ständen Altpreußens gewidmete Flugschrift, die 
der unklaren Sehnsucht der Liberalen endlich ein brauchbares Programm, 
ein handliches Schlagwort darbot. In scharfer, zuversichtlicher, beinah 
drohender Sprache forderte sie für dies längst mündige hochgebildete Volk 
„Offentlichkeit und wahre Vertretung“ statt der Beamtenallgewalt und 
der politischen Nichtigkeit aller selbständigen Bürger; sie behauptete frisch- 
weg, das Versprechen der Volksrepräsentation vom Mai 1815 sei gültiges 
Gesetz, und gelangte dann, ohne in die schwierigen Rechtsfragen tiefer 
einzugehen, mit der schnellfertigen Logik des Radikalismus zu dem ein- 
fachen Schlusse: Preußens Provinzialstände sollten „das, was sie bisher 
als Gunst erbeten, nunmehr als erwiesenes Recht in Anspruch nehmen.“ 
Otto Wigand in Leipzig, der unermüdliche Verleger der radikalen Partei 
hatte die Vier Fragen gedruckt; auf dem Titel stand aber der Name: 
Heinrich Hoff in Mannheim, eine Firma, die fortan oftmals von preu- 
ßischen Schriftstellern vorgeschoben wurde und in der nächsten Zeit als 
Herberge der Opposition eine ähnliche Rolle spielte wie vor zweihundert 
Jahren die holländische Scheinfirma Peter Hammer in Köln. 
Der ungenannte Verfasser war Johann Jacoby, ein jüdischer Arzt 
in Königsberg. Er gehörte schon zu dem neuen Geschlechte, das die Be- 
freiungskriege nicht mit Bewußtsein durchlebt hatte, seine Ideale der Juli-
        <pb n="147" />
        Jacobys Vier Fragen. 139 
Revolution und dem polnischen Aufstande verdankte. Jung war er nie ge— 
wesen, die Welt des Schönen blieb ihm so fremd wie das Spiel des 
Scherzes. In gebückter Haltung, und doch feierlich schritt der kahlköpfige 
kleine Mann daher, ein tiefer Ernst lag in den scharfgeschnittenen Gesichts— 
zügen, in den durchdringenden stechenden Blicken der großen blauen Augen. 
Alles verriet sogleich den sittenstrengen, fleißigen, bedürfnislosen Stuben— 
gelehrten. Obgleich er als spinozistischer Freidenker die Synagoge grund— 
sätzlich nie betrat, so meinte er sich doch berufen, im Namen seiner Glaubens- 
genossen zu reden, und schrieb schon als junger Mann ein geharnischtes 
Büchlein für die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten. Diese Schrift 
und eine zweite noch schärfere wider die preußische Zensur verschafften ihm 
bald ein hohes Ansehen unter den Liberalen Königsbergs; bei den Samm- 
lungen für die Göttinger Sieben erschien er schon wie ein Parteiführer. Da 
die Ostpreußen von allen Deutschen am besten verstehen, sich ihre Juden zu 
erziehen, so war auch Jacoby weit mehr Ostpreuße als Jude. Nur die 
vordringliche Dreistigkeit erinnerte an die orientalische Abstammung; den 
Grundzug seines Charakters bildete jener starre altpreußische Rechts= und 
Freiheitstrotz, der schon so viel Ruhm und so viel Elend, den Befreiungs- 
krieg so gut wie den Eidechsenbund und die polnische Herrschaft über das 
alte Ordensland gebracht hatte. Was er für Recht hielt, dabei blieb er, 
unerschrocken und unbelehrbar; wer anders dachte, war dem Fanatiker 
kaum mehr denn ein Tor oder ein Schurke. Auch den starken Provinzial- 
stolz teilte er mit seinen Landsleuten; sprach er von der Stadt, „wo einst 
Kant die Welt erleuchtete,“ dann klang durch seine allezeit ernsthafte Rede 
ein Ton hohenpriesterlicher Salbung. Von politischem Talente besaß er 
freilich gar nichts. Wie einst Bailly, Condorcet und so viele andere in 
das Staatsleben verschlagene radikale Naturforscher lebte er der Meinung, 
daß man in der Politik jener Sachkenntnis, welche die exakten Wissen- 
schaften verlangen, nicht bedürfe, sondern mit einigen abstrakten natur- 
rechtlichen Sätzen und etwas kecker Dialektik wohl auskomme. Darum 
konnte er sich nur in einer Zeit der Erwartungen, der Wünsche, der Pro- 
gramme einen Eintagsruhm erringen. Sobald die Tage des Bauens und 
Gestaltens kamen, da ward seine politische Unfruchtbarkeit offenbar, und 
die unaufhaltsame Logik seines harten Verstandes, der die Ehrfurcht vor 
der historischen Welt niemals lernte, trieb ihn dann von einer doktrinären 
Folgerung zur anderen, bis er endlich in einen bodenlosen, Vaterland und 
Gesittung zugleich zerstörenden Radikalismus versank. Unverkennbar stand 
ihm bei seinem Büchlein die Schrift von Sieyes OQu'estiee qduc le tiers 
Etat? vor Augen. Gleich dem Franzosen verstand er die Stimmungen 
des Augenblicks sicher zu treffen, gleich ihm schritt er hochmütig über die 
historische Welt hinweg, und der Gedanke, eine Revolution zu entfesseln, 
hatte auch für ihn keine Schrecken. 
Der König nannte die Vier Fragen sofort eine revolutionäre Schrift.
        <pb n="148" />
        140 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Ihm entging nicht, wie nahe sich ihre Gedanken mit Schöns Woher und 
Wohin? berührten, und da er den alten Freund noch immer zartfühlend 
schonen wollte, so schrieb er ihm vertraulich: der Verfasser solle unver— 
folgt bleiben, falls Schön ihn dem Monarchen nenne und seine Straflosig- 
keit verlange. Doch mittlerweile hatte Jacoby im Bewußtsein seiner Un— 
fehlbarkeit selbst die Flugschrift an den König gesendet, sich als Verfasser 
bekannt und sein Büchlein geradezu unter den Schutz der Krone gestellt. 
Dies nahm Friedrich Wilhelm für eine absichtliche Beleidigung, weil die 
scharfen Vorwürfe, persönlich überreicht, ihm noch schärfer klangen. Um 
sich nicht zu übereilen, berief er einige „Doktoren der Rechte“ zu sich — 
ein Titel, dem er hohen Wert beilegte — und erst, als diese sich für 
die Einleitung eines Strafverfahrens aussprachen, gab er Schön zu wissen, 
er habe „Jacobys Herausforderung angenommen“. Nunmehr blieben alle 
Fürbitten des liberalen Oberpräsidenten vergeblich. Die Untersuchung 
nahm ihren Anfang, der Bundestag verbot, auf Preußens Antrag, den 
Vertrieb der Schrift, die gleichwohl in aller Händen war; der Königs- 
berger aber gewann, ohne alle Opfer und Leiden, die Stellung des po- 
litischen Märtyrers, welche solchen Rechtsfanatikern besonders zusagt und 
ihre Macht verstärkt. 
Sehr tief wurmte den König, daß die Königsberger Judenschaft ihren 
beherzten Wortführer auf den Schild hob. „Getaufte Juden“, schrieb er 
an Schön, „zähle ich nicht zu meinen Ostpreußen. Das ist ein wahrer 
Trost für mich. Machen Sie nur, daß unbeschnittene Männer von alter 
Treue und die ein Herz zu mir haben, die Schmach gut machen, welche 
die Beschnittenen Ostpreußen angetan.““) In solchem Tone bekundete 
er fortan immer seinen Judenhaß; seine heftigen, der Würde des König- 
tums wenig geziemenden Außerungen wurden von der mächtig angewach- 
senen Schar der israelitischen Zeitungsschreiber emsig umhergetragen und 
erweckten in der gesamten Judenschaft eine unauslöschliche Rachgier, 
welche den Ruf seiner Regierung noch schwer schädigen sollte. 
Jacobys Schrift wurde an alle Provinziallandtage versendet, sie 
fand aber dort voxerst nur wenig Anklang; denn die Stände traten über- 
all in gehobener Stimmung zusammen. Durch die herzliche Sprache und 
die reichen Gewährungen seines Propositionsdekrets gewann der König das 
allgemeine Vertrauen für kurze Zeit wieder. Um seinen getreuen Pro- 
vinzialständen zu beweisen, wie ernstlich er sie ehre, welchen Wert er 
auf das Ersprießliche ihrer Wirksamkeit lege, gestattete er ihnen, ihre Pro- 
tokolle zu veröffentlichen, und verhieß, sie fortan regelmäßig aller zwei Jahre 
zu berufen. Für die Zwischenzeit sollten aus allen Landtagen Ausschüsse 
gewählt werden, damit der Monarch sich „ihres Rates bedienen und 
ihre Mitwirkung in wichtigen Landesangelegenheiten stattfinden lassen“ 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Schön, 23. 28. Febr., an Thile, 28. Febr. 1841.
        <pb n="149" />
        Verheißung der Vereinigten Ausschüsse. 141 
könne; auch behielt er sich vor, diese Ausschüsse je nach Umständen zu ge- 
meinsamer Beratung zu vereinigen. Dergestalt begann die von Friedrich 
Wilhelm so lang geplante organische Entwicklung der ständischen Institu- 
tionen. Er ahnte nicht, wie weit sie führen mußte. Die erweiterte Offent- 
lichkeit, die er den Landtagen gewährte, hatte er freilich sehr eng umgrenzt; 
denn er kannte alle Übelstände des konstitutionellen Systems nur zu ge- 
nau, er fürchtete die Eitelkeit der parlamentarischen Redner und wußte 
auch, wie selten die Zeitungen ein treues Bild von den Landtagsverhand- 
lungen geben; darum verbot er, die Namen der Redner zu erwähnen. 
Doch wie leicht ließ sich dies ängstliche Verbot umgehen. Die klugen 
Rheinländer wußten ihre Protokolle alsbald so einzurichten, daß jeder- 
mann auf die Hauptredner mit Fingern weisen konnte. Mit dem Ge- 
heimnis der Verhandlungen brach aber ein Grundpfeiler des alten Stände- 
wesens zusammen. Landtage, die sich dem Urteil der öffentlichen Meinung 
preisgaben, konnten sich auf die Dauer nicht mit unmaßgeblichen Rat- 
schlägen begnügen, sie mußten fordern, daß ihnen irgend ein Recht der 
Beschließung gewährt würde und die Räte der Krone ihnen persönlich 
Rede stünden. Mehrere Minister sagten dies dem Monarchen sogleich 
voraus; er hörte sie nicht. 
Noch unklarer blieb, was die Vereinigten Ausschüsse und ihre ver- 
heißene „Mitwirkung“ bedeuten sollten. Die Gesandten der kleinen Höfe 
sahen in ihrer Herzensangst schon das Schreckbild einer parlamentarischen 
Regierung emporsteigen.) Aber auch mancher ruhige Mann zog den 
bündigen Schluß: die Vereinigten Ausschüsse sollen aus den Provinzial- 
ständen gewählt werden, sie sind mithin nichts anders als die in der Ver- 
ordnung vom 22. Mai 1815 verheißene Repräsentation des Volks und 
können, sobald sie in Berlin zusammentreten, alle Rechte einer solchen 
verlangen. Der König hingegen betrachtete die Ausschüsse, deren Beru- 
fung ihm Rochow zuerst vorgeschlagen hatte, lediglich als ein Mittel, um 
seine Preußen nach und nach für einen künftigen Vereinigten Landtag 
zu erziehen. Seinem Schön erklärte er: „In den Ausschüssen hab' ich 
mir Elemente geschaffen, durch welche ich in den landtaglosen Jahren die 
wichtigsten Gesetze für die nächsten Landtage vorbereiten und Dinge all- 
gemeinen Interesses von den vorigen Landtagen her ausgleichen kann; 
mit einem Worte, die Möglichkeit, schon jetzt und sobald sich das Be- 
dürfnis zeigt, alle Vorteile der Generalstände zu genießen, ohne die Er- 
schütterungen, welche ihre plötzliche Einführung mit sich führt, befürchten 
zu müssen; und kommen die Fälle, die in des seligen Königs Gesetzen 
vorgesehen sind, wo ein Allgemeiner Landtag unumgänglich ist, so ist der 
Ideen-Austausch und das Beraten mit Männern aus allen Ländern 
nichts Ungewohntes mehr. Kurz, ich habe einen Bau begonnen, der ohne 
  
*) Bergers Bericht, 29. April 1841.
        <pb n="150" />
        142 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
die sündlichen Possen, die tiefe Unwahrheit und das häßliche Theaterspiel 
moderner Konstitutionen und Grundgesetz-Wische in die Region wahrer 
Freiheit hinaufreichen kann Heute, ich sage es getrost, können nur Ja— 
kobiner, Perücken oder Esel über meine ehrliche Liebe zur Freiheit in 
Zweifel sein . . . Den Ständen allen im Lande und denen von Preußen 
an der Spitze aller, wird die Wahl zwischen Israel und mir nicht schwer 
fallen. . . Den Reuigen, auch den Beschnittenen, werde ich mit Freuden 
die begnadigende Hand reichen.““) Die Stelle seines Briefes, welche er 
zwischen Kreuzen eingeschlossen hatte, befahl der König streng geheim zu 
halten. Er erwartete also, seine Untertanen würden ohne nur zu fragen 
sich unbedingt der Leitung seiner überlegenen Weisheit überlassen; und 
doch lagen seine Absichten in so rätselhaftem Dunkel, daß selbst Schön, 
der Empfänger des Briefes, sie gänzlich mißverstand und dem Monarchen 
hoffnungsvoll erwiderte: mit der Einberufung der Ausschüsse sei das Ver- 
fassungsversprechen vom Mai 1815 erfüllt. 
Im Volke konnte man noch weniger begreifen, wo hinaus diese ge- 
heimnisvolle Staatskunst wollte. Aber die alte Treue stand noch uner- 
schütterlich fest; man scheute sich der Krone vorzugreifen, und dem Könige 
ward die Freude, daß keiner seiner Provinziallandtage den Lockungen Is- 
raels Folge leistete. Mit gerührten Worten dankten sie ihm alle für seine 
Gewährungen. Die preußischen Stände wiesen eine in Jacobys Sinne 
gehaltene Petition von dreihundert Königsbergern kurzerhand ab, weil der 
König selbst schon im Begriffe stehe, die ständische Verfassung weiter aus- 
zubauen. In ähnlicher Weise ward eine Petition preußischer Grundbe- 
sitzer abgefertigt, die den Landtag aufforderte, seine Bitten vom vorigen 
September zu erneuern. Sie sprach schon sehr bitter von getrübten Hoff- 
nungen; zum Schluß erinnerte sie scharf mahnend an die Verse: „nicht 
Roß, nicht Reisige schützen die steile Höh', wo Fürsten stehn,“ und seitdem 
ward es in den Kreisen der aufgeregten Opposition üblich, diese Worte 
des Königsliedes wie eine Drohung gegen das königliche Haus zu richten.) 
Auch der schlesische Landtag ließ sich durch eine liberale, mit Zeitungs- 
schlagwörtern reichlich ausgeschmückte Petition der Breslauer Stadtbe- 
hörden nicht hinreißen, sondern beschloß mit allen gegen acht Stimmen, 
es lediglich der Weisheit des Königs anheimzustellen, ob, wann und auf 
welche Art die Reichsstände zu berufen seien. An der Verhandlung im 
Plenum beteiligten sich nur Vertreter der Städte, und sogar unter ihnen 
gestanden mehrere aufrichtig, der Wunsch nach Reichsständen sei noch 
keineswegs allgemein. 
Noch war der König in der Lage, den Verfassungsbau ganz nach 
— 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Schön, 9. März 1841. 
**) Protololl des preußischen Landtags vom 25. März; Bericht des Deputierten 
v. Below an den König, 25. März 1841. "
        <pb n="151" />
        Die Provinziallandtage von 1841. 143 
seinem Ermessen zu vollenden, wenn er nur rasch handelte und auf dem 
Boden des Rechts blieb. Aber die Stunde drängte. Selbst die Verhand— 
lungen dieser so überaus bescheidenen Stände zeigten, daß eine neue Zeit 
gekommen war, deren Ansprüche beständig wuchsen. Zum ersten Male 
seit langen Jahren bewies das Volk den Landtagen wieder lebhafte Teil— 
nahme, eine unerhörte Menge von Petitionen ward ihnen zugesandt; und 
wie sorgsam man sich auch hütete, die Gefühle des Königs zu verletzen, 
die beengenden Schranken der Geschäftsordnung ließen sich doch nicht ein— 
halten, immer wieder sprachen die Redner über allgemeine Landesange— 
legenheiten. 
Im Auslande erweckten schon die ersten leisen Regungen des neuen 
preußischen Parteilebens tiefen Argwohn; man wußte dort von altersher, 
obwohl man es ungern aussprach, daß das deutsche Volk gleich dem edlen 
Rosse seine Stärke nicht kannte. Schwer geängstigt hielt Metternich dem 
Grafen Maltzan vor: durch die Reden des Posenschen Landtags würden 
Osterreichs Tschechen und Polen aufgestachelt, während zugleich der ge— 
samte deutsche Liberalismus hoffend auf Preußen blicke; er wußte aus 
aufgefangenen Briefen, daß Rauschenplatt und andere Flüchtlinge den süd— 
deutschen Genossen vorläufig Ruhe empfahlen, weil der Erfolg in Berlin 
zuletzt nicht fehlen könne.“) Auch der französische Hof hielt den Sieg des 
konstitutionellen Systems, bei dem liberalen Geiste des preußischen Be— 
amtentums, für unvermeidlich.“s) Nun gar der Zar wähnte seinen 
Schwager schon ganz in den Klauen der Revolution; er empfing außer 
den verständigen Berichten seines Berliner Gesandten Meyendorff auch 
Meldungen von subalternen Agenten seiner geheimen Polizei, die dem 
Selbstherrscher gern nach dem Munde redeten, und sprach seine Besorg- 
nisse für Preußen laut vor dem Hofe aus. Ruhiger ward er erst, als 
der Prinz von Preußen zur Hochzeit des Großfürsten-Thronfolgers nach 
Petersburg kam und ihm die Preußischen Zustände nicht ohne Bedenken, 
aber ohne Furcht schilderte.) 
In der Tat bewiesen die Landtage wie in der Verfassungsfrage so auch 
in den Finanzsachen dem Könige ein wahrhaft kindliches Vertrauen. Fried- 
rich Wilhelm verlangte ihren Rat wegen eines Steuererlasses von etwa 
1½⅛ Mill. Tlr., den er seinem Volke zu gewähren dachte, falls die Kriegs- 
gefahr vorüberginge, und befahl darum, eine Übersicht der außerordent- 
lichen Ausgaben der jüngsten Zeit für die Stände zusammenzustellen. Die 
Minister Alvensleben und Rother unterzogen sich, mit Beihilfe des Geh. 
Rats Voß, dieser Aufgabe und berechneten (11. Febr.) den außerordent- 
lichen Aufwand der elf Jahre 1830—40 im ganzen auf 63222527 Taler. 
*) Maltzans Berichte, 6. April 1841 ff. 
*) Berichte des Ministerresidenten Rumpf an den Hamburger Senat, Paris, April 
1841. 
***) Liebermanns Berichte, 23. März, 11. Mai 1841.
        <pb n="152" />
        144 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Ausführliche Mitteilungen an die Landtage schienen ihnen gefährlich, weil 
man im In= und Auslande den Zustand der Finanzen, auf denen die 
Kraft Preußens doch vornehmlich beruhe, für günstiger halte, als er sei; 
und wie leicht könnten genaue Angaben über die Mobilmachungen oder 
die Chausseebauten den Argwohn des Auslandes, die Eifersucht der Provinzen 
erregen.5) Offenbar erschreckt durch diese Warnungen des alten Beamten- 
tums ließ der König noch im letzten Augenblicke reichlich 2 Mill. von 
der Rechnung absetzen, so daß die Propositionsdekrete vom 23. Febr. nur 
61 208590 Tlr. als außerordentlichen Aufwand angaben. 
Also erfuhren die getreuen Stände zum ersten Male von Amts wegen, 
was die Einsichtigeren freilich längst geahnt hatten: daß in Preußen schon 
seit langen Jahren neben dem veröffentlichten ordentlichen noch ein geheimes 
außerordentliches Budget bestand, und dies wurde ihnen auch jetzt nicht ein- 
mal in seiner Gesamtsumme vollständig mitgeteilt. Diesem Unwesen der 
doppelten Budgets hatte das Finanzministerium, zu Kühnes Verzweiflung, 
schon längst seine ganze Rechnungsweise angepaßt. Man berechnete die wahr- 
scheinlichen Einnahmen nicht nach dreijährigem Durchschnitte, sondern be- 
trachtete die Mehreinnahmen größtenteils als Ergebnisse vorübergehender 
günstiger Umstände, so daß, dank dem beständigen Wachstum des Volks- 
wohlstandes, regelmäßig bedeutende Überschüsse, im Jahre 1840 wieder 
6,8 Mill. Tlr., für außerordentliche Ausgaben verwendet werden konnten.) 
Der soeben veröffentlichte Etat für 1841 schloß in Einnahme und Aus- 
gabe wieder säuberlich mit 55 867.000 Tlr. ab, und unmöglich konnte 
man noch an die Richtigkeit dieser Zahlen glauben. Gleichwohl ergingen 
sich die Landtage allesamt nur in Danksagungen für den verheißenen 
Steuererlaß; niemand schien mehr zu wissen, daß der alte König die Be- 
kanntmachung der Etats einst ausdrücklich deshalb angeordnet hatte, da- 
mit jedermann sich von der Notwendigkeit der Abgabenlast selbst über- 
zeugen könnte. ) 
Durch Freimut und Selbstgefühl übertrafen die Preußen und die Rhein- 
länder alle anderen Provinzialstände; jene dachten mit Stolz an ihren 
Kant, diese an die Ideen von 89, die einen wie die anderen ließen sich's 
wohlgefallen, daß ihre beiden Provinzen von der süddeutschen Presse als 
die Bannerträger der Zivilisation im preußischen Staate gefeiert wurden. 
Aber selbst diese beiden Landtage wagten die Aufhebung der Zensur nicht 
förmlich zu verlangen, weil die Krone selbst schon einige Erleichterungen 
in Aussicht gestellt hatte. Die Preußen kleideten ihre Beschwerde über 
die harte Behandlung der Presse in so ehrfurchtsvolle Formen, daß der 
König sie durch Schöns Schwager Brünneck ausdrücklich beloben ließ. 
*) Ubersicht über die außerordentlichen Ausgaben der Jahre 1830—40. Von 
Rother, Alvensleben, Voß, 11. Febr. 1841. S. o. IV. 189. 544. 
*) Geh. Rat v. Patow, Denkschrift über den Steuererlaß, 4. April 1842. 
** ) S. o III. 84.
        <pb n="153" />
        Der Rheinische Provinziallandtag. 145 
In Düsseldorf beantragte Dr. Monheim, der Abgeordnete von Aachen, 
der Landtag möge von der Krone verlangen, daß sie den Erzbischof Droste 
entweder wieder einsetze oder vor Gericht stelle; der Antrag wurde jedoch 
nach lebhafter Verhandlung mit Zweidrittel-Mehrheit verworfen, wie vor— 
her schon ein ähnlicher Antrag im westfälischen Landtage. Die Stände 
beruhigten sich vorderhand, weil ihnen der König bei der Eröffnung 
so herzlich versichert hatte: er umfasse alle Untertanen beider Bekennt— 
nisse mit gleicher Liebe und hoffe den gestörten Einklang der Gemüter 
wiederherzustellen. Nur die Städte Aachen und Koblenz bekundeten durch 
feierlichen Empfang ihrer klerikalen Abgeordneten, wie tief die Pro— 
vinz den kirchenpolitischen Kampf empfand. über die zugestandene be— 
schränkte Offentlichkeit urteilten die Provinzen sehr verschieden. Wäh— 
rend die allezeit konservativen Brandenburger und Pommern sogar die 
Gewährungen des Königs bedenklich fanden und sich geradezu weigerten 
ihre Protokolle herauszugeben, baten die meisten anderen Landtage um 
erweiterte Offentlichkeit; eine Petition von tausend Einwohnern Kölns 
verlangte schon, daß der Zutritt zu den Ständesälen jedermann freistehen 
müsse. Noch etwas ungeduldiger trat das Selbstgefühl der Mittelklassen 
heraus: fast sämtliche Landtage wünschten, daß die so unbillig schwache 
Vertretung der Städter und der Bauern endlich verstärkt würde, und ver- 
langten auch die Wiederherstellung des Handelsministeriums, damit die 
Interessen der aufstrebenden Großindustrie zu ihrem Rechte kämen. 
In hoffnungsvoller Stimmung kehrten die Stände nach vollbrachter 
Arbeit heim. Wie peinlich aber wurden sie an den Unterschied von Sonst 
und Jetzt erinnert, als im Spätsommer und Herbst die Landtagsabschiede 
erschienen. Der alte König hatte seine getreuen Stände immer schlicht 
und trocken beschieden, ihre Wünsche indes, soweit es möglich schien, er- 
füllt; der neue Herr antwortete ihnen in gnädigen, gefühlvollen Worten, 
doch fast alle ihre bescheidenen Bitten schlug er rundweg ab, und auch 
jetzt noch sagte er ihnen nicht deutlich, was er eigentlich mit seinen stän- 
dischen Ausschüssen bezwecke. Nur das eine erfuhren sie, daß er nicht be- 
absichtigte, die Befugnisse der Provinziallandtage an die Ausschüsse zu über- 
tragen. Niemand ahnte, welchen Zielen die angekündigte organische Entwick- 
lung der ständischen Institutionen zuführen solle. Da begannen die kaum 
wieder erwachten Hoffnungen abermals zu schwinden, und auch mancher 
treu ergebene Mann ward besorgt: so mit verbundenen Augen konnte ein 
denkendes Volk seinem Herrscher nicht folgen. — 
Trotz und Anmaßung zeigte unter allen Landtagen allein der Posener; 
hier trug die widerspruchsvolle Schwäche des neuen Regiments schon arge 
Früchte. Der Landtag wurde am 28. Febr. noch durch Flottwell als 
königlichen Kommissar eröffnet; noch einmal mußte der polnische Adel dem 
verhaßten stolzen Deutschen in die flammenden Augen blicken. Auch in 
seinen Propositionsdekreten schien der König anzudeuten, daß er an dem 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 10
        <pb n="154" />
        146 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
bisherigen Systeme festhalte. Er gab den Ständen zu wissen, daß er die 
zahlreichen Beschwerden aus der Provinz ernstlich geprüft habe; die Ver- 
waltung sei aber streng nach den Gesetzen verfahren, und ihre wesent- 
lichen Grundsätze denke er nicht aufzugeben. Darauf hielt er den Polen 
vor: sie selber trügen die Hauptschuld an den Mißständen, da sie absicht- 
lich dem Staatsdienste wie dem höheren Lehramte fern blieben; und sei 
es denn nicht wider ihre eigene Ehre, wenn sie dem preußischen Be- 
amtentum zumuteten, an polnische Kandidaten geringere Anforderungen 
zu stellen? Zum Schluß sprach er die Hoffnung aus, daß der Landtag 
sich weitgehender Anträge enthalten würde. Doch wie sollten die Polen 
diese Warnungen beherzigen, da sie alle wußten, daß der gefürchtete Ober- 
präsident schon zu Neujahr nach Magdeburg versetzt war und nur noch 
die Geschäfte des gegenwärtigen Landtags abwickeln sollte? 
Die alte Festigkeit der deutschen Herrschaft war dahin: das lehrte 
außer so manchen weichmütigen vertraulichen Außerungen des Königs 
vornehmlich seine Kabinettsordre vom 15. Jan. über die Gerichtssprache. 
Seit 1817 bestand in Posen die Vorschrift, daß alle Zivilprozesse in der 
Sprache des Klägers, falls er aber beider Sprachen gleich mächtig sei, in 
deutscher Sprache verhandelt werden sollten — sicherlich eine sehr milde 
Bestimmung in einem wesentlich deutschen Staate, der nur mit Mühe pol- 
nisch redende Richter auftreiben konnte und für die polnischen Parteien 
stets eine Übersetzung der deutschen Akten anfertigen ließ. Der sarma- 
tische Adel indessen betrieb die Verhöhnung der preußischen Gesetze längst 
wie einen standesgemäßen Sport. So hatte auch der als gewandter deutscher 
Redner wohlbekannte Oberst Niegolewski sich das Vergnügen gestattet, 
seinem Landgerichte polnisch zu schreiben, und darum, da die Richter keinen 
Scherz verstanden, einen Prozeß sowie eine Vormundschaft verloren. Dies 
selbstverschuldete Mißgeschick seines Standesgenossen hatte Graf Raczynski 
dem Könige sehr rührsam geschildert, und daraufhin wurde durch jene 
Kabinettsordre befohlen, daß alle Zivilprozesse ohne Unterschied in der 
Sprache des Klägers zu verhandeln seien. Dem polnischen Edelmanne 
stand es also fortan frei, den königlichen Richtern ihre Amtssprache vor- 
zuschreiben. Zugleich wurden die Belohnungen für die polnisch lernenden 
deutschen Beamten abermals erhöht, alle Landräte und Bezirkskommis- 
säre der Provinz, auch die der deutschen Kreise, angehalten, ihren Ver- 
fügungen polnische Übersetzungen beizulegen. 
Seitdem jubelten die Polen, die Politik des Germanisierens sei zu Ende, 
und mit dreister Zuversicht begannen sie auf dem Landtage den An- 
sturm wider das Deutschtum. Gleich als der Landtagsmarschall Poninski 
die Sitzungen mit schwungvollen Worten einleitete, wurde der gesetzwidrige 
Antrag gestellt, diese Eröffnungsreden sollten künftighin in beiden Sprachen 
gehalten werden. Nun folgten die alten Beschwerden über die Begünstigung 
der deutschen Sprache. Glaubte man diesen Rednern, so war die Unwissen-
        <pb n="155" />
        Der Posener Provinziallandtag. 147 
heit und Faulheit der Polen ein Rechtstitel, kraft dessen ihrer Sprache die 
Herrschaft gebührte, denn unter den Deutschen verstehe der dritte oder vierte 
Mann, unter den Juden fast jeder auch polnisch, während von je sechs 
Polen nur einer deutsch rede. Daß diese zweisprachige Provinz einem Staate 
von elf Millionen Deutschen angehörte, kam gar nicht in Betracht. Vor 
acht Jahren schon hatte der alte König eine Summe von 16 000 Talern 
für die Errichtung eines Posenschen Konvikts an der Landesuniversität 
Breslau bewilligt, Erzbischof Dunin aber dies bereits angenommene Ge— 
schenk wieder zurückgewiesen und trotzig verlangt, seine Theologen, die mit 
seltenen Ausnahmen aller gesellschaftlichen und gelehrten Bildung ent— 
behrten, müßten in Rom, München, Wien oder Prag studieren. Der Be— 
such deutscher Hochschulen ward grundsätzlich verworfen. Die von dem 
neuen Könige berufenen Professoren der slawischen Sprachen in Berlin und 
Breslau fanden kaum Zuhörer, selbst um die soeben vermehrten Stipen- 
dien für polnische Studenten bewarben sich nur wenige. Angesichts solcher 
Tatsachen forderten die Landstände eine theologisch-philosophische Fakultät 
für die Stadt Posen, ferner für die Provinz mehrere Gymnasien mit 
vorherrschend polnischem Unterrichte, endlich polnische Schulsprache in den 
Elementarschulen aller der Ortschaften, wo die polnische Bevölkerung 
überwöge; zugleich rügten sie, daß die deutsche Regierung zufrieden sei, 
wenn die deutschen Schüler ein leichtes polnisches Buch geläufig über- 
setzen könnten. 
Der Landtag scheute sich nicht, das so frech mißbrauchte Recht der 
Erwählung der Landräte als einen Schutz für das Großherzogtum zu- 
rückzufordern, damit die Provinz sich durch ihre eigenen Beamten gegen 
die deutsche Krone verteidigen könnte. Er verlangte Aufhebung der Di- 
strikts-Rommissäre, deren Verdienste um die bürgerliche Ordnung er doch 
selbst anerkennen mußte; er erklärte, das Aufkaufen überschuldeter polnischer 
Güter durch die Regierung hätte die Herzen der Polen mit Wehmut er- 
füllt, und bat die Krone, sie möchte den Warschauischen Offizieren, welche 
an dem letzten Aufstande teilgenommen, ihre Pensionen wieder auszahlen. 
Allen diesen Anträgen der Ritterschaft schlossen sich die Vertreter der 
deutschen Städte und Dörfer „aus Rücksichten der Billigkeit“ an; so kräftig 
verstand der polnische Adel alle Künste der Einschüchterung anzuwenden, 
und so wirksam unterstützten ihn die deutschen liberalen Zeitungen, die 
noch immer ohne Sinn für die nationalen Machtkämpfe der Ostmark, jede 
Opposition, auch die der Feinde Deutschlands grundsätzlich verherrlichten. 
Worauf die Polen ausgingen, das verriet sich deutlich, als der Ober- 
bürgermeister Naumann von Posen, auf Andringen seiner Bürgerschaft, 
die Berufung der preußischen Reichsstände befürwortete; da klang es lär- 
mend von allen Seiten: als Polen stimmen wir dagegen. Die Frage 
wegen des Steuererlasses beantworteten die Polen mit der Bitte: der 
König möge lieber jeder Provinz eine Summe jährlich zu freier Ver- 
107
        <pb n="156" />
        148 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung 
wendung zuweisen. So in allem und jedem dachten sie für sich zu 
bleiben. 
Dies übermaß des Undanks fand selbst der langmütige Friedrich 
Wilhelm unerträglich. Erzürnt schrieb er seinen Ministern: der Landtag habe 
Mißbrauch getrieben mit dem Worte: polnische Nationalität, und solle 
daher nachdrücklich darüber belehrt werden, daß die Krone dieser Provinz 
keine politische Absonderung gestatten könne.“) Demgemäß sagte der Land— 
tagsabschied sehr ernst: das Großherzogtum sei eine Provinz wie alle 
andern, einverleibt der Monarchie, zu deren deutschem Kerne die Polen 
ganz ebenso stünden wie die Litauer oder die Wallonen; der nationale 
Gegensatz finde seinen Vereinigungspunkt in dem Namen Preußen. Die 
meisten Bitten des Landtags wurden abgeschlagen; die Kreisstände sollten 
das Recht der Landratswahl, die alten Offiziere ihre Pensionen erst wieder 
erhalten, wenn sie sich der Gnade würdig zeigten. 
Die deutsche liberale Presse wollte gar nicht begreifen, warum der 
freisinnige König die freisinnigen Polen so hart anließ. Am Peters— 
burger Hofe dagegen, wo die Posener Wirren mit wachsender Sorge ver— 
folgt wurden, atmete man befriedigt auf, der Zar zeigte dem preußischen 
Gesandten wieder eine lang vermißte Vertraulichkeit und Nesselrode dankte 
ihm herzlich für die würdige Abweisung des sarmatischen Übermutes.**) 
Die polnischen Edelleute klagten laut, in der Stille rieben sie sich zu— 
frieden die Hände; denn der Landtagsabschied enthielt unter vielen Ver— 
sagungen eine Gewährung und sie betraf gerade die wichtigste aller natio— 
nalen Beschwerden. Der König versprach nämlich, daß die von der Regierung 
aufgekauften überschuldeten Landgüter fürderhin auch an Polen veräußert 
werden sollten. Bisher hatte der Staat fast allein solche Güter angekauft, 
deren adlige Herren durch hochverräterische Umtriebe herabgekommen 
waren. Wenn er diese Besitzungen seiner geschworenen Feinde gegen reich— 
liche Zahlung an sich brachte und sie dann zuverlässigen Deutschen anver- 
traute, so arbeitete er nicht nur mit den mildesten Mitteln an dem großen 
Werke deutscher Kolonisation, das hier seit sechs Jahrhunderten im Gange 
war, er erwies auch den Polen selbst eine Wohltat, allerdings nicht dem 
Adel, wohl aber den kleinen Leuten; denn auf allen diesen verwahrlosten 
Gütern saßen dienstpflichtige Hintersassen, und bei jedem Verkaufe ließ 
Flottwell die bäuerlichen Lasten ablösen oder in billiger Weise neu ordnen. 
Das Verfahren des deutschen Beamtentums war so unanfechtbar, daß selbst 
General Thile, der den polnischen Neigungen seines königlichen Gönners 
so weit als möglich nachgab, nichts dawider einzuwenden wußte. Friedrich 
Wilhelm aber meinte, die Verwaltung hätte sich dieser friedlichen Ger- 
manisierungspolitik zu schämen, weil er den Märchen Glauben schenkte, die 
  
*) Kabinettsordre an das Staatsministerium, 12. Juni 1841. 
*) Liebermanns Berichte, 24. Aug., 28. Dez. 1841.
        <pb n="157" />
        Flottwells Denlschrift. 149 
im Palaste Radziwill umhergetragen wurden, und beteuerte kleinlaut, schon 
bisher seien diese Güter auch an polnische Erwerber verkauft worden, was 
aber nur in ganz seltenen Ausnahmefällen geschehen war;*) fortan, so 
verhieß er, würde jeder Unterschied zwischen den beiden Nationen hinweg— 
fallen. Wie sollte solche Nachgiebigkeit auf die Adelskreise wirken, deren 
Damen bei der Verhaftung Dunins Trauerkleider angelegt hatten, um 
sie beim Tode des alten Königs schleunigst wieder auszuziehen! 
Mittlerweile verließ Flottwell das Großherzogtum und übersandte 
dem Monarchen (15. März) noch eine Denkschrift über seine zehnjährige 
Verwaltung, ein herrliches Zeugnis für den Freimut, die Einsicht, die 
Tatkraft des alten Beamtentums. Ganz unumwunden sprach er hier 
aus, um der menschlichen Gesittung willen hätte er die deutsche Bildung 
befördert, die dem preußischen Staatsleben widerstrebenden polnischen Ge— 
wohnheiten zu bekämpfen gesucht; dann schilderte er mit gerechtem Selbst— 
gefühle, was alles in dieser schönsten Zeit der Posener Landesgeschichte 
geleistet worden. Wie nachdrücklich hatte vor wenigen Jahren der alte 
König seine getreuen Beamten belobt, als Flottwell ihm nachgewiesen, 
die scheinbare Zunahme der Vergehen in der Provinz sei nicht ein Zeichen 
wachsender Verwilderung, sondern ein Ergebnis des wachsamen Kampfes, 
welchen die neugebildeten dreißig Land- und Stadtgerichte mitsamt den 
neuen Distrikts-Kommissären wider die polnische Gesetzlosigkeit führten. So 
einfach vermochte der Sohn nicht zu handeln; seine Gutherzigkeit und 
seine Neigung für das Absonderliche verwickelten ihn stets in Widersprüche, 
welche den Verdacht der Falschheit hervorriefen. Er dankte dem scheiden— 
den Oberpräsidenten aufs wärmste für den Bericht, wie für seine kräftige 
patriotische Verwaltung, und verlieh ihm einen hohen Orden.**) Die pol— 
nischen Edelleute murrten, denn Flottwells Denkschrift ward ihnen, ver— 
mutlich aus den befreundeten Hofkreisen, bald verraten und erschien allen 
wie das frechste Selbstbekenntnis deutscher Zwingherrschaft. Doch zur 
nämlichen Zeit erklärte Friedrich Wilhelm dem neuen Oberpräsidenten 
Grafen Arnim-Boitzenburg seine bestimmte Absicht, dies soeben belobte 
alte Verwaltungssystem aufzugeben. 
Er wünschte womöglich alle Oberpräsidentenstellen der Monarchie 
mit vornehmen Grundherren zu besetzen, die nach der Weise englischer 
Lordleutnants den Adel der Landschaft in ihrem gastfreien Hause versammeln 
sollten. Da das durchaus in demokratischen Sitten aufgewachsene preu— 
ßische Volk wohl dem königlichen Beamten, doch keineswegs dem Edelmanne 
Ehrerbietung zu zeigen pflegte, so mußte dieser Plan schon in anderen 
Provinzen auf manches Hemmnis stoßen. Um wie viel mehr in Posen, 
wo nur der Adel und der Klerus unzuverlässig, die Mehrzahl der kleinen 
  
*) S. o. IV. 558. 
**) Kabinettsordre an Flottwell, 11. Mai 1841.
        <pb n="158" />
        150 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Leute treu ergeben war. Arnim wurde für diese Stelle ausgewählt, weil 
er mehrere der angesehensten Edelleute der Provinz von der Universität 
her kannte und als Regierungspräsident in Aachen mit den aufgeregten 
Katholiken gut ausgekommen war; zu der liebenswürdigen Gräfin sagte 
der König, sie solle ihm die Herzen der Polen gewinnen. Der neue 
Oberpräsident zeigte sich als trefflicher Geschäftsmann und hielt ein großes 
Haus; seine gemessene Ruhe behagte vielen mehr als das ungestüme 
Wesen Flottwells, der, wie er selbst gestand, gern mit jungen Pferden 
fuhr, seine raschen Entschlüsse am liebsten durch feurige junge Männer 
ausführen ließ. Das dem Monarchen überreichte Programm der neuen 
Verwaltung sagte behutsam: das Großherzogtum dürfe nur als Provinz 
behandelt, das Ziel der Germanisierung nie aus den Augen verloren 
werden, obwohl man die Polen schonen und allein edle Mittel anwenden 
wolle; denn das für Preußen wesentliche Deutschtum sei auch in Posen, 
wie Fürst Sulkowski selbst zugestehe, der Träger aller Kultur. Darum 
solle, unter Vermeidung jedes Zwanges, das Deutsche doch Staatssprache 
bleiben und in allen Schulen nach Bedarf als Haupt= oder Nebensprache 
gelehrt werden; der Kirche müsse man, unbekümmert um die öffentliche 
Meinung, nach dem Befehle des Königs ihr volles Recht gewähren, aber 
auch nicht mehr.) 
Selbst diese sanften Worte klangen dem Monarchen noch zu deutsch; 
er antwortete mit der Mahnung: „jeden Anschein einer versuchten Ver- 
drängung oder Beeinträchtigung des polnischen Elements durch das deutsche 
zu vermeiden.“)Mangelhaft unterrichtet, empfahl er seinem Oberprä- 
sidenten das löbliche Beispiel der Franzosen im Elsaß, während in Wahr- 
heit die Welschen gegen das Deutschtum weit schärfer vorgingen als die 
Deutschen gegen das Slawentum: längst waren in den elsasser Volks- 
schulen durchweg französische Lehrbücher eingeführt; jetzt verlangte die 
Pariser Regierung auch französische Sprache für den Religionsunterricht, 
so daß außer den Protestanten, die allezeit tapfer für ihre lutherische 
Bibel stritten, auch der schmiegsame Bischof Räß von Straßburg erbittert 
wurde und der Krone erwiderte, sein Gewissen verbiete ihm, die Religions- 
stunden anders als in der Muttersprache der Kinder erteilen zu lassen. 
Graf Arnim aber lernte bald durch schmerzliche Enttäuschungen, daß er 
das launische, nach Weiberart bald trotzende, bald schmeichelnde Polentum 
minder richtig beurteilt hatte als sein in dieser Grenzerwelt aufgewachsener 
Vorgänger. Die polnischen Jugendfreunde, von denen er so viel Hilfe 
erwartet hatte, zeigten ihm wie allen königlichen Beamten nur glatte Höf- 
lichkeit, doch weder Vertrauen noch guten Willen. Der kluge und edle 
*) Oberlandesgerichts-Präsident v. Franckenberg-Ludwigsdorfan Thile, 27. Aug. 1841. 
**) Graf Arnim, Denkschrift über die Verwaltung Posens, 30. Juni 1841 dem 
Könige überreicht. 
*“*) Kabinettsordre an Arnim, 21. Juli 1841.
        <pb n="159" />
        Graf Arnim in Posen. 151 
Mann stand nicht an, dem Könige seinen Irrtum zu bekennen. Bereits 
nach zwei Monaten berichtete er (14. Aug.): die Scheidewand zwischen 
Deutschen und Polen scheine doch weit schroffer, als er gedacht; „das 
Umlenken aus einer seit zehn Jahren verfolgten Bahn“ biete große 
Schwierigkeiten, da man die erprobten Werke jenes Jahrzehnts nicht um— 
stoßen wolle, und „Gott gebe, daß es nicht zu spät dazu ist.“ Hierzulande 
sei das Beamtentum alles, tüchtige Männer fehlten unter den Polen 
fast ganz, „die Aufrichtüng des gesunkenen Volkes“ lasse sich noch gar nicht 
absehen.)) Seitdem ward er wachsamer und begann nachzudenken über die 
Warnung des großen Friedrich: man darf den Polen keine Komplimente 
machen, das verdirbt sie nur. Aber noch bevor er sich in seinem schwie- 
rigen Amte ganz zurechtgefunden hatte, schon nach Jahresfrist, berief ihn 
der König auf einen Ministerposten. 
Durch so jähe Wechselfälle gewannen die polnischen Edelleute die 
tröstliche Uüberzeugung, daß keine starke Hand mehr das Steuer führte. 
An den Zwangsverkäufen ihrer Güter beteiligte sich der Staat nicht mehr, 
und freiwillig veräußerten sie nur noch selten eine Scholle an einen 
Deutschen; das Sprichwort kam auf: große Verräter verkaufen ihr Vater- 
land im ganzen, kleine morgenweise. Von den Volksschulen fürchteten 
sie auch nicht mehr viel, weil der König, um die römische Kirche ganz zu- 
frieden zu stellen, die Amter der Schulinspektoren häufig an polnische 
Priester übertragen ließ. Selbst das höhere Schulwesen hofften sie der- 
einst noch dem Polentum zu unterwerfen: war doch soeben ein polnischer 
Geistlicher zum Rektor des Posener Marien-Gymnasiums ernannt wor- 
den; und die Regierung hatte bewilligt, daß dort künftighin bloß polnisch, 
nur in den zwei obersten Klassen auch deutsch unterrichtet würde. Der 
König ahnte nicht, wie schwer er dadurch die gesellschaftliche Stellung 
seiner polnischen Schützlinge selber schädigte; ohne gründliche Kenntnis 
der deutschen Sprache konnte in Preußen ja längst niemand mehr zu irgend 
einer höheren bürgerlichen Wirksamkeit gelangen. Selbst ein polnischer Ju- 
gendbildungsverein, dessen eigentlicher Zweck keinem Deutschen in der Pro- 
vinz zweifelhaft blieb, wurde von der Regierung freundlich begünstigt. Nach 
alter Gewohnheit dankten die sarmatischen Edelleute der deutschen Schwäche 
durch Untreue und Verschwörungen. Daß diese Regierung mit Hochver- 
rätern streng umgehen würde, stand ja doch nicht zu befürchten: dem 
Landtagsabschied zuwider erhielten die warschauischen Offiziere allesamt 
bald nachher ihre verwirkten Pensionen wieder ausbezahlt. 
Zwar bestand, namentlich unter den reichen und bejahrten Grund- 
herren, eine kleine gemäßigte Partei, die auf das friedliche Erstarken des 
polnischen Volkstums hoffte. „Werden wir besser, gebildeter, reicher als 
die Deutschen“, so sagte Graf Eduard Raczynski, „dann sind wir die Herren 
  
*) Arnim, Bericht an den König, 14. Aug. 1841.
        <pb n="160" />
        152 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung 
in Posen.“ Und Eugen von Breza hatte den Mut, in einer Flugschrift 
über Posener Zustände auszusprechen: der beste Pole seit Kasimir dem 
Großen sei der Bauernbefreier Friedrich Wilhelm III. gewesen. Aber solche 
vereinzelte Stimmen wurden durch den Terrorismus der Revolutionäre 
rasch niedergedonnert; gegen Breza schrieb Aug. Hatzfeld eine höhnische 
Erwiderung, die unzweifelhaft die Meinung der polnischen Mehrheit wieder— 
gab. Die „Zentralisation“ der polnischen Propaganda in Paris und Ver— 
sailles unterhielt seit Jahren, durch Palmerston beschützt, mit den Posener 
Landsleuten einen geheimen Verkehr, den die englische Gesandtschaft in 
Berlin vermittelte*); und trotz der Beschwerden des preußischen Hofes hörte 
diese Verräterei der britischen Freunde, selbst als die Torys zur Regie— 
rung gelangten, nicht gänzlich auf. Auch unmittelbar wurden, mit Um— 
gehung der Post, regelmäßige Botschaften zwischen Paris und Posen aus- 
getauscht.) 
Gerade die Großpolen um Posen und Gnesen besaßen im höchsten 
Maße jenen tolldreisten, abenteuerlichen Sinn, welcher den Polen bei 
ihren östlichen Nachbarn den Namen der Hirnlosen verschafft hatte. Nach 
den Erfahrungen des Flottwellschen Regiments mußten sie auch wohl 
glauben, daß Gefahr im Verzuge sei, und das Deutschtum im polnischen 
Rom dereinst noch siegen könnte. Als Menschen, so sagten sie oft, befin- 
den wir uns besser, als Polen schlechter denn unsere Brüder in Galizien 
und Warschau. Seit dem Jahre 1842 suchte die Zentralisation grades- 
wegs einen neuen Aufstand vorzubereiten; sie gründete in Versailles eine 
eigene Kriegsschule, Mieroslawski und Wysocki hielten militärische Vor- 
träge, viele junge Polen besuchten französische Militärbildungsanstalten. 
Jedermann fühlte, daß ein Sturm in der Luft lag. Erzbischof Dunin, 
der kaum begnadigte, gebärdete sich wie der Herr des Landes; das ge- 
schmeidige Pfäfflein mit dem violetten Käppchen lächelte verständnisinnig, 
wenn ihm der Adel als dem Primas von Polen huldigte. Zum Dank 
für seine Befreiung ernannte er den Offizial Brodzizewski, den eigent- 
lichen Anstifter des Kirchenstreites *“*) zum Weihbischof von Gnesen und 
verlangte, daß alle Schulbücher der Provinz der erzbischöflichen Kurie zur 
Genehmigung eingereicht würden. Er wagte in seinen Rundschreiben 
an den Klerus die Regierung offen anzugreifen und beklagte sich vor 
dem Monarchen über „die unerhörte Arroganz“ der königlichen Beamten 
in so frechem Tone, daß ihm Eichhorn einen scharfen Verweis senden 
mußte.)Das persönliche Verhältnis zwischen Deutschen und Polen 
ward um so kälter, je leiser die Regierung auftrat; selbst Graf Raczynski, 
*) Rochow an Graf Maltzan, 29. Dez. 1841. 
**) Nagler an Minister Werther, 20. Mai 1841. 
***) S. o. IV. 708. 
1) Dunin, Eingabe an den König, 29. Jan.; Eichhorn an Dunin, 22. Febr., Be- 
richt an den König, 24. Febr. 1841.
        <pb n="161" />
        Gärung in Posen. 153 
den seine Standesgenossen wegen seines guten Einvernehmens mit den 
Deutschen beargwöhnten, warnte nachdrücklich, diese beiden Nationen sollten 
wohl friedlich nebeneinander leben, doch niemals sich vermischen. Unter 
sich waren die Polen keineswegs einig. Neben den Geheimbünden des 
Adels bildete sich ein radikaler Verein unter den Gewerbtreibenden der 
Provinzialhauptstadt und einem Teile jener müßigen Händler und Schenk— 
wirte, welche in den kleinen Städten den fehlenden Handwerkerstand 
vertraten; seine von Dr. Libelt herausgegebene Zeitschrift, das Jahr, stand 
den Lehren des Kommunismus nahe. Gegen die Deutschen aber hielten 
alle Parteien zusammen. Schon wurde die Losung ausgegeben, man 
dürfe nur bei Landsleuten kaufen, und in Posen ein Bazar auf Aktien 
gegründet, dessen Läden die Gesellschaft ausschließlich an Polen vermietete; 
auch für ein polnisches Theater ward gesammelt. 
Infolge der beständigen Warnungen der russischen Gesandtschaft 
erhielten die Landräte den Befehl, auf die geheimen Umtriebe der Polen 
scharf aufzumerken. Da sich indessen die moskowitischen Berichte zum Teil 
als falsch oder übertrieben erwiesen, so ließ sich die deutsche Gutmütigkeit 
bald wieder einschläfern. Ein berüchtigter Agent der Propaganda Trzemski 
wurde, als man ihn nach Jahren endlich einfing, wieder losgegeben, weil 
er sich auf die Amnestie des neuen Königs berief?); und über den gefähr- 
lichsten aller Preußenfeinde des Landes, Titus Dzialynski urteilte das 
Auswärtige Amt unschuldig: dieser Graf sei viel zu vornehm zum Ver- 
schwörer.*) Harmloser noch als seine Beamten war der König selbst. Als 
er im Sommer 1842 auf der Durchreise Posen berührte, da ließ er sich, 
wie man sagte, durch die Bitten der Radziwills bewegen, dort einige Tage 
zu verweilen, und die Polen bereiteten ihm eine jener lärmenden Hul- 
digungen, welche der flawischen Leichtlebigkeit gar nichts kosten. Entzückt 
schilderte er, wie man ihn über alle Erwartung gut empfangen und wie 
er beim Festmahle 205, meist adlige Magen habe füllen müssen.““*“) Nach 
dem kurzen Aufenthalte verlieh er zum Abschied noch 55 Orden an diese 
ungetreue Provinz, die er schon bei der Königsberger Huldigung mit Aus- 
zeichnungen überschüttet hatte; selbst Dunin wurde durch einen Orden geehrt. 
Dergestalt trieb man arglos dem großen Verrate der Polen entgegen. Ein 
genialer, seiner Macht sicherer Staatsmann darf wohl zuweilen abweichen 
von der alten Regel, daß die Staatsgewalt sich auf ihre Freunde, nicht 
auf ihre Feinde stützen soll. Eine schwache Regierung verrät nur ihre 
eigene Haltlosigkeit, wenn sie in kurzsichtiger Üüberschlauheit unbelehrbaren 
Gegnern zu schmeicheln versucht. So geschah es hier: die Polen wurden 
nicht gewonnen, die treuen Deutschen aber fühlten sich wie verraten und 
7) Schreiben des Justizministeriums an Rochow, 16. Okt. 1840. 
*“) Weisung des Auswärtigen Amts an Arnim in Paris, 8. Juni 1841. Val. 
IV. 62. 
**“) König Friedrich Wilhelm an Thile, Posen, 25. Juni 1842.
        <pb n="162" />
        154 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
verkauft, da sie den König die Politik Flottwells beloben und doch selbst 
den genau entgegengesetzten Weg einschlagen sahen. — 
  
Inzwischen wurde das Ministerium nach und nach völlig neu ge— 
staltet. Im März 1841 erhielt Boyen, trotz seiner siebzig Jahre, die 
Leitung der Kriegsverwaltung, zum Schrecken der alten mecklenburgisch— 
welfischen Partei, die er noch vor wenigen Jahren durch eine freimütige 
Schrift über Scharnhorst abermals gekränkt hatte. Der König ward nicht 
müde, den alten Herrn für die Unbill vergangener Jahre durch eine fast 
kindliche Verehrung und durch sinnig gewählte Auszeichnungen zu ent— 
schädigen. Er gab ihm sofort, nach dem Dienstalter, die erste Stelle im 
Ministerium, schmückte ihn am Grabe Gneisenaus zu Sommerschenburg, 
als dort das Denkmal des Helden enthüllt wurde, mit dem schwarzen 
Adlerorden, ernannte ihn zum Chef des ersten Infanterie-Regiments, in 
dem der General einst seine Soldatenlaufbahn begonnen hatte, ließ 
zum Jubelfeste seiner sechzigjährigen Dienstzeit eine schöne Denkmünze 
schlagen. Boyen aber täuschte sich nicht über die Bedeutung dieser Gnaden— 
beweise. Aufgewachsen in den Ideen Kants, klar, bestimmt, verständig 
in allem, auch in seiner innigen Frömmigkeit, fühlte er klug heraus, wie 
wenig er Friedrich Wilhelms romantischen Träumen zu folgen vermochte, und 
hielt sich der großen Politik in der Regel fern; nur zuweilen, wenn er einen 
verhängnisvollen Mißgriff befürchtete, warnte er den König mit seiner 
kräftigen ostpreußischen Treuherzigkeit. Auch in seinem eigenen Ministe- 
rium machte er bald die Erfahrung, daß er vor fünfundzwanzig Jahren, 
trotz der vielbeklagten Unentschlossenheit des alten Königs und trotz der 
Feindseligkeit der Maulwürfe, wie er seine Gegner nannte, doch weit rascher 
vorwärts gekommen war als jetzt. Gleich zu Anfang hatte er, wie der König 
sagte, „ein Stückchen Schwerenot“ mit dem Chef des Militärkabinetts 
General Lindheim, und es gelang ihm den rechthaberischen Gegner zu 
verdrängen, indem er offen aussprach: ich habe das Amt nur angenommen, 
„Um dem König einen Beweis meiner treuen Anhänglichkeit zu geben; so- 
bald ich aber sehe, daß meine Wirksamkeit gelähmt wird, so hat die Stelle 
keinen Wert für mich.“) 
Freie Hand jedoch gewann er dadurch noch nicht, denn der König er- 
schwerte ihm, wie allen übrigen Ministern das planvolle Arbeiten durch 
plötzliche Vorschläge und Entwürfe, die er dann oft ebenso plötzlich wieder 
aufgab. „Es liegen“, sagte Thile, „im Geiste Sr. Maj. noch so viele Keime 
für die raschere Entwicklung unserer Staatsverhältnisse in mannigfacher 
Nichtung.“ Selbst die Formen des Geschäftsganges standen nicht mehr 
  
*) Boyen an Thile, 28. März; König Friedrich Wilhelm an Thile, 25. 29. März 1841.
        <pb n="163" />
        Boyen. Kamnptz. 155 
fest. Friedrich Wilhelm ließ sich zwar, wie sein Vater, in der Regel von 
dem Kabinettsminister Vortrag halten, berief aber auch zuweilen kurzweg 
einen oder mehrere der andern Minister oder erschien unerwartet im 
Ministerrat; so überlastete er sich und fand schwer ein Ende.*) Um sich 
gegen die unberechenbaren Einfälle des Monarchen zu decken, versammelte 
Boyen häufiger, als er vordem pflegte, beratende Kommissionen, in deren 
schwerfälligen Verhandlungen mancher gute Plan stecken blieb. Dergestalt 
ward seine zweite Amtsführung, wenn auch nicht unfruchtbar, doch weit 
weniger erfolgreich als die erste. Er empfand oft schmerzlich die Last 
seiner Jahre, obgleich andere sich über seine jugendliche Frische verwunder- 
ten, und in seinen Augen noch immer jene verdeckte Glut brannte, die 
ihm einst den Namen des stillen Löwen verschafft hatte. Mehr als das 
Alter hemmte ihn die Unsicherheit seiner Stellung; alle Ratgeber Fried- 
rich Wilhelms überkam bald das drückende Gefühl, daß man in einer 
unmöglichen Zeit lebte. 
Auch im Justizministerium ward ein Personenwechsel unvermeidlich. 
Schon gleich nach seiner Thronbesteigung (29. Juni 1840) hatte der König 
einc dankenswerte Reform in der Rechtspflege herbeigeführt, indem er 
erklärte, es widerstrebe seinem Gefühl, die Todesurteile förmlich zu be- 
stätigen. Die Krone verzichtete also auf jede unmittelbare Ausübung ihrer 
alten oberstrichterlichen Gewalt, sie begnügte sich fortan mit dem Rechte 
der Begnadigung; wenn sie von diesem Rechte keinen Gebrauch machen 
wollte, dann befahl sie einfach, der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen, 
so daß die Unabhängigkeit der Gerichte jetzt auch in der Form streng ge- 
wahrt wurde. Dieser ersten Reform sollten größere folgen, vornehmlich 
eine Neugestaltung des Strafverfahrens. Wie hätte Friedrich Wilhelm 
für solche Pläne den alten, ihm persönlich widerwärtigen Kamptz gebrauchen 
können, der mit allem seinem Fleiße das Werk der Gesetzrevision kaum von 
der Stelle gebracht hatte und, befangen in der toten Gelehrsamkeit seines 
geliebten Reichskammergerichts, Offentlichkeit und Mündlichkeit als Re- 
liquien aus den Kinderzeiten der Rechtspflege bemitleidete? Vor kurzem 
erst, bei seinem Jubiläum waren dem Demagogenverfolger mannigfache Aus- 
zeichnungen, sogar das Ehrenbürgerrecht der Hauptstadt zu teil geworden. 
Er hielt sich für unentbehrlich, ging im Sommer 1841 wohlgemut nach 
Gastein, dem Jungbrunnen der Greise, und wollte seinen Augen kaum 
trauen, als ihm General Thile dorthin schrieb: bei seiner „Lebens= und 
Geistesfülle“ bedürfe der König jüngerer Diener. Kamptz sträubte sich 
noch heftiger denn vor drei Jahren, als man ihm die rheinische Justiz- 
verwaltung nahm?#); flehentlich bat er den General, selbst zu beurteilen, 
„ob ich jemals mit meinen Kräften zurückgeblieben bin“, und beschwor 
  
*) Thile, Bericht über die Vereinfachung des Geschäftsganges, 15. Febr. 1842. 
* ) S. o. IV. 551.
        <pb n="164" />
        156 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
den König, ihm die Arbeiten der Gesetzrevision zu lassen, da ihm „Gott 
diese Kräfte ungeschwächt erhalten habe“.) 
Alles vergeblich. Der König hatte die Stelle bereits seinem Freunde 
Savigny zugedacht und verlangte von diesem Vorschläge für eine zweck- 
mäßige Einrichtung der Gesetzrevision. Die Denkschrift, welche Savigny 
darauf (im Januar 1842) dem Monarchen überreichte, enthielt in vornehmer, 
gemessener Form eine entschiedene Absage der neuen historischen Rechts- 
lehre an die Wetzlarische Gelahrtheit des alten Jahrhunderts. Sie brach 
den Stab über Kamptzs gesamte Amtsführung und zeigte mit siegreicher 
Klarheit: gerade das Landrecht, gerade diese so ausführliche, so ins ein- 
zelne gehende Kodifikation habe den wissenschaftlichen Geist des trefflichen 
preußischen Richterstandes gelähmt; darum sei auch nicht, wie bisher immer, 
eine Umarbeitung des ganzen Landrechts zu erstreben, sondern zuvörderst 
eine Neugestaltung des Prozesses, damit die Richter in ihrer ganzen 
Tätigkeit freier gestellt, unabhängiger nach oben, entlastet von fremd- 
artigen Amtsgeschäften, wieder mit der Wissenschaft in lebendige Wechsel- 
wirkung träten. Am materiellen Rechte wollte Savigny nur verändern, 
was durch die Erfahrung widerlegt sei und den Bedürfnissen der heu- 
tigen Gesellschaft widerspreche. Er forderte also, wie sein Lieblingsschüler 
Ludwig v. Gerlach sagte, statt toter Kodifikation lebendige Legislation; 
und bei dem freudigen Verständnis, das Friedrich Wilhelm den Ideen 
seines Lehrers immer gewidmet hatte, schien die Hoffnung wohlberechtigt, 
daß Preußens Gesetzgebung sich fortan auf der Höhe der Wissenschaft 
halten würde. 
Als Savigny auf Grund jenes Programms im März den Minister- 
posten erhielt, da meinten fast alle guten Köpfe an den Hochschulen wie 
an den Gerichten, eine glücklichere Wahl hätte der König nicht treffen 
können; denn durch sein Wirken im Staatsrate und neuerdings durch 
sein System des heutigen römischen Rechts war der größte Rechtsgelehrte 
des Jahrhunderts auch bei den Praktikern zu hohem Ansehen gelangt. 
Schon Stein hatte einst vorausgesagt, der würde einst ein würdiger Nach- 
folger des Großkanzlers Carmer werden. Nur die Radikalen, die ihm seine 
Kämpfe gegen das Vernunftrecht nicht verzeihen konnten, ergingen sich in 
wohlfeilen Spöttereien über den Mann, der einst unserer Zeit den Beruf 
zur Gesetzgebung abgesprochen hätte und nun selbst das Ministerium der 
Gesetzrevision übernähme; sie hielten ihm vor, daß er, der Protestant, 
seinen Sohn streng katholisch erziehen ließ, daß er einst Gans bekämpft 
und Stahl beschützt hatte, daß er jetzt Gerlach sogleich in sein Ministerium 
berief; sie weissagten dem „christlich-germanischen Solon“ ein schlimmes 
Ende. Und seltsam, diesen Parteifanatikern gab der Erfolg schließlich mehr 
Recht als den Einsichtigen und Unbefangenen. Es zeigte sich bald, daß 
  
*) Thile an Kamptz, 5. Aug.; Kamptz an den König, 5. Okt., an Thilc, 5. Okt. 1841.
        <pb n="165" />
        Savigny. Alvensleben. Bodelschwingh. 157 
Friedrich Wilhelm auch diesmal wieder einen bedeutenden Mann an die 
falsche Stelle gesetzt hatte; Savignys Tätigkeit im Ministerrate beraubte 
die Wissenschaft auf einige Jahre einer unvergleichlichen Kraft und för— 
derte die preußische Gesetzgebung nur wenig. 
Leichter als Kamptz trennte sich Graf Alvensleben von seinem Amte. 
Er hatte vor Jahren der romantischen Maikäfergesellschaft der Gebrüder 
Gerlach angehört und wurde von diesen Jugendfreunden noch immer zu 
den zuverlässigen Gesinnungsgenossen gezählt. Durch seine lange Amts— 
führung war er jedoch an den geräuschlosen stetigen Gang des alten Re— 
giments gewöhnt und sagte zu Rochow von vornherein: jetzt sei für sie 
beide kein Platz mehr, der neue Herr wolle in allem allein regieren, selbst 
die Einzelheiten der Verwaltung durch oft willkürliche oder unpraktische 
Befehle regeln, und umgebe sich darum absichtlich nur mit Männern, 
die er weit übersehe. Längst entschlossen, sich bei rechter Gelegenheit zu- 
rückzuziehen, erhielt der Graf im Oktober 1841 einen scharfen Verweis, 
weil er bei den schwebenden Verhandlungen über die Zuckerzölle den Ab- 
sichten des Monarchen zuwider gehandelt hätte. Sofort verlangte er 
seinen Abschied.) Das hatte Friedrich Wilhelm nicht beabsichtigt; denn er 
schätzte Alvensleben sehr hoch, und war vorm Jahre schon nahe daran 
gewesen, ihm das wichtige Kultusministerium zu übertragen. Um den ge- 
kränkten Minister zu beschwichtigen, dachte der König in der ersten Ver- 
legenheit, alle Schuld an dem Streite auf den pedantischen alten General- 
steuerdirektor Kuhlmayer abzuwälzen. Da trat ihm Thile entgegen und 
sagte freimütig: das würde die erste wirkliche Ungerechtigkeit in der Re- 
gierungszeit Sr. Majestät sein, denn Kuhlmayer habe immer nur genau 
die Weisungen des Ministers befolgt.**) So blieb es denn dabei, daß 
Alvensleben aus der Finanzverwaltung austrat; mit ihm schied auch 
Kuhlmayer. 
Der König war jedoch nicht gesonnen, sich gänzlich von dem alten 
Freunde zu trennen; er ließ durch Leopold Gerlach, nachher durch die 
Königin mit ihm verhandeln, und Alvensleben entschloß sich endlich, als 
Kabinettsminister neben General Thile einen Teil der politischen Vorträge bei 
dem Monarchen zu übernehmen. Mittlerweile wurde der Oberpräsident 
v. Bodelschwingh zum Eintritt in das erledigte Amt aufgefordert, und 
nach den Anschauungen des alten Beamtentums betrachtete er es als 
seine Dienstpflicht, dem Rufe des Königs zu gehorchen, obgleich er sehr un- 
gern seinen schönen rheinischen Wirkungskreis verließ. *“) Im Mai 1842 
trat er das Amt an, unter ihm Geh. Rat Kühne als Generalsteuer- 
direktor. Endlich wieder schien ein frischerer Geist in die etwas erstarrte 
  
*) Nach Kühnes Aufzeichnungen. 
*)1Thiles Bericht an den König o. D. (Januar 1842). 
*77) Bodelschwingh an Thile, 25. Nov 1841.
        <pb n="166" />
        158 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Finanzverwaltung einzuziehen, da zwei so ausgezeichnete Beamte, beide noch 
im kräftigsten Alter, persönlich befreundet und in ihren handelspolitischen 
Grundsätzen ganz gleichgesinnt, die Zügel ergriffen. 
Ungleich wichtiger als alle diese Änderungen erschien der öffentlichen 
Meinung der hartnäckige Kampf zwischen Schön und Rochow. Dessen 
Ausgang, so glaubte alle Welt, mußte über den Charakter der neuen Re— 
gierung endlich entscheiden. Rochow galt nun einmal für den Banner— 
träger der Reaktion. Nicht ganz mit Recht. Eben jetzt vollendete er, 
durchaus nach den Wünschen des Provinziallandtages, die Landgemeindeord- 
nung für Westfalen vom 31. Okt. 1841, die an die Stelle von vier 
rheinbündisch-französischen Gemeindegesetzen trat und offenbar eine Mittel- 
linie einhalten sollte zwischen dem napoleonischen Verwaltungsdespotismus 
und der patriarchalischen Selbstverwaltung des Ostens. Die althistorischen 
Ortsgemeinden wurden wiederhergestellt, sofern sie eigenen Haushalt be- 
saßen; den Gemeindevorsteher ernannte der Landrat, nach französischem 
Brauche, die Gemeinderäte jedoch sollten fortan von den Meistbeerbten 
frei gewählt werden und erhielten erweiterte Befugnisse. Eine oder meh- 
rere Gemeinden bildeten einen Landesverwaltungsbezirk, das Amt, unter 
einem ernannten Amtmann. Die Rittergüter konnten in der Regel nur 
mit Zustimmung beider Teile aus dem Gemeindeverbande ausscheiden. 
Das Gesetz zeigte gar nichts von staatsmännischen Gedanken; es war 
der Notbehelf eines wohlmeinenden Beamtentums, das den im Westen 
vorherrschenden und darum liberal genannten Anschauungen nach Kräften 
entgegenzukommen suchte. Aber auch dies Zugeständnis an den Liberalis- 
mus vermochte den Haß, der auf Rochows Namen lastete, nicht zu sänf- 
tigen. Und ihm gegenüber stand Schön, der Abgott der Zeitungen. 
Der hatte die Verhandlungen des jüngsten ostpreußischen Landtags 
durch seine Getreuen sehr klug geleitet; denn er stand dem Könige per- 
sönlich dafür ein, daß unter den Ständen seines Lieblingslandes kein un- 
ehrerbietiges Wort fallen sollte. Nichtsdestoweniger fuhr er fort, die radi- 
kale Verstimmung, die in Königsberg seit dem Erscheinen der Vier Fragen 
überhandnahm, geflissentlich zu schüren durch seine maßlose Tadelsucht, 
durch sein hoffärtiges Absprechen über alles, was aus Berlin kam, neuer- 
dings auch durch geheimnisvolle Andeutungen über des Königs Ver- 
fassungspläne. Mehrmals warnte General Wrangel die Krone vor diesem 
aufreizenden Treiben des Oberpräsidenten; immer ward ihm die Antwort, 
dem Freunde des Königs sei nichts Arges zuzutrauen. Mit seinem Vor- 
gesetzten Rochow war Schön bereits seit dem Huldigungslandtage gänz- 
lich zerfallen. Jetzt sandte Rochow eine gehässige Anfrage wegen eines 
albernen radikalen Gedichts, das dem Oberpräsidenten zusang, er habe 
„das große Wort der Freiheit uns gelehrt.“ Schöns Erwiderungen 
wurden immer gröber; es schien, als ob er den Minister verhöhnen 
wollte. Zugleich verklagte er ihn, freimütig, aber ohne irgend einen Be-
        <pb n="167" />
        Westfälische Landgemeindeordnung. Schön und Rochow. 159 
weis beizubringen, vor dem Könige als einen gemeinschädlichen Staats— 
diener. In den Berliner Regierungskreisen äußerte man schon: wenn 
Rochow nur einen Funken von Klugheit besäße, so müßte er diesen 
Gegner fordern.)) Beide Feinde zeigten sich gleich herrschsüchtig, beide 
gleich wenig wählerisch in den Mitteln: während Schöns liberale Gefolg- 
schaft den Minister in den Blättern der Opposition schmähte, ließ Rochow, 
wie die Ostpreußen bald erfuhren?*), in seinem Bureau gehässige Artikel 
gegen den Oberpräsidenten schmieden und wußte manche davon sogar in 
der Augsburger und der Leipziger Allgemeinen Zeitung unterzubringen. 
Trotz dieses offenkundigen Skandales wünschte der beiden Gegnern 
gleich wohlgeneigte Monarch, beide im Amte zu halten; denn im stolzen 
Gefühle seiner Selbstherrlichkeit legte er auf die Streitigkeiten seiner Diener 
gar keinen Wert. Auch glaubte er keineswegs, daß eine grundsätzliche 
Feindschaft die beiden trennte. Hatte er doch als Kronprinz jahrelang mit 
beiden friedlich in der landständischen Kommission zusammen gearbeitet und 
von Rochow soeben noch Ratschläge für die Fortbildung der Ständeverfas- 
sung empfangen. Zwischen dem Könige und seinem alten ostpreußischen 
Freunde hatte sich nach und nach ein gefährliches gegenseitiges Mißverständ- 
nis gebildet, wie es nur zwischen so seltsamen Charakteren entstehen konnte. 
Da Schön alle, die nicht seines Sinnes waren, als „Männer der finsteren 
Zeit“ tief verachtete, so glaubte er wirklich, sein geliebter König würde nur 
durch die reaktionären Hofleute verhindert, die konstitutionellen Pläne aus- 
zuführen, die er doch in solcher Weise gar nicht hegte. Friedrich Wilhelm 
seinerseits wähnte, „der Schön“ lasse sich nur zuweilen „durch seinen jüdi- 
schen Freundepöbel“ zu liberalen Außerungen verleiten, die in Wahrheit die 
Herzensgesinnung des Kantianers wiedergaben. Wieder und wieder sendete 
er dem Freunde herzliche Briefe und mahnte ihn zur Versöhnlichkeit: das 
Minimissimum, das ich zu fordern berechtigt bin, ist eine Explikation mit 
Rochow, den Sie ungerecht beschuldigt haben; Ihnen fehlt die Liebe, die 
auch mit Gegnern für das Ganze zusammenwirkt. “) Gewandt eingehend 
auf diese ihm sonst wenig geläufige biblische Sprache erwiderte Schön: 
der Spruch „Und hätte ich die Liebe nicht“ stehe mit Flammenschrift in 
seinem Herzen. Dem Minister aber wollte er seine Hand nicht bieten. 
Vergeblich hielt ihm sein Landsmann Boyen in einem gemütlichen Schreiben 
vor: die Versöhnung mit Rochow sei zugleich die Versöhnung mit dem 
Monarchen, vergeblich versuchte des Königs vertrauter Adjutant, Oberst 
Below, einer der ersten Grundherren der Provinz, im Verein mit einigen 
anderen ostpreußischen Edelleuten den Erzürnten zu überreden.##) 
  
*) Nach Kühnes Aufzeichnungen. 
7*) Brünneck an Thile, 7. März; Oberst v. Below an den König, 7. April 1841. 
***) König Friedrich Wilhelm an Schön, 23. Febr. 1841. 
f) Boyen an Schön, 25. Aoril. Belows Bericht an den König, 24. März 1841.
        <pb n="168" />
        160 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Schön ließ sich über die Schärfe des vorhandenen Gegensatzes nicht 
täuschen; er blieb dabei, A und Non A könnten nicht zusammengehen. 
Zweimal erbat er seinen Abschied, offenbar weil er noch immer hoffte, 
den Gegner zu stürzen. Er wußte längst, daß der König mehrmals daran 
gedacht hatte, ihm das Handelsministerium zu übertragen — allerdings ein 
sonderbarer Einfall, da Schön zwar reiche technische Kenntnisse besaß, aber 
als unbelehrbarer Feind des Zollvereins in der Handelspolitik sicherlich 
Unheil angestiftet hätte — und erwar nicht nur bereit, diesem Rufe zu folgen, 
er traute sich's auch zu, den gesamten Ministerrat zu leiten. Immer 
wieder kam er in Briefen und Gesprächen auf den allein rettenden Ge— 
danken zurück: wir brauchen „ein reguliertes Ministerium“, an dessen 
Spitze „ein wissenschaftlich gebildeter Staatsmann mit voller Erfahrung“ 
stehen muß; und von solchen Staatsmännern besaß die Monarchie nach 
seiner Meinung nur einen einzigen! 
Mit leidenschaftlicher Erregung verfolgte die Provinz diese Kämpfe; 
denn von allen deutschen Stämmen halten die Ostpreußen, neben den 
Holsten, den Schwaben und den Schlesiern, am festesten untereinander 
zusammen; und Schön liebte, alle Vorwürfe, die ihm aus Berlin zu— 
kamen, als Verdächtigungen der Treue seines Heimatlandes aufzufassen, 
um sie dann mit hoher patriotischer Entrüstung zurückzuweisen.“) So 
erschien Rochow bald jedem stolzen Ostpreußen fast wie ein persönlicher 
Feind. Mittlerweile verbreitete sich in der Provinz plötzlich das Gerücht 
von zahlreichen Brieferbrechungen; Schön sprach darüber, als ob ein 
Zweifel gar nicht möglich wäre. Der König aber, der schon nach seiner 
Thronbesteigung, zum Kummer des alten Nagler, alle solche schlechte 
Künste streng untersagt hatte, sendete sofort den Obersten Below mit außer- 
ordentlichen Vollmachten in seine Heimat, um eine scharfe Untersuchung 
vorzunehmen. Sie brachte schlechterdings nichts Bedenkliches an den Tags-); 
indessen ließen sich die Altpreußen ihren Verdacht nicht nehmen. 
Nun begann auch die schwache konservative Partei der Provinz sich 
zu regen. Unter dem Vorsitze des übelberufenen Landrats v. Hake 
versammelten sich im Februar einige Grundbesitzer zu Preußisch-Holland, 
um zu erklären, daß sie die Adresse der Freunde Jacobys mißbilligten 
und dem absoluten Könige unbedingt vertrauten. Hocherfreut erwiderte 
Rochow einem der Teilnehmer, der Monarch habe die loyalen Grund- 
sätze der Versammlung mit Wohlgefallen ausgenommen.) Da liefen 
von verschiedenen Seiten Anzeigen gegen Hake ein; man beschuldigte ihn 
eines Kassendefekts, und Schön beeilte sich in einem grimmigen Berichte die 
Nichtswürdigkeit dieses politischen Gegners mit grellen Farben zu schildern. 
*) Kabinettsordre an Thile, 30. März; Thiles Bericht an den König, 31. März 
1841. 
*“) Kabinettsordre an Below, 10. März: Belows Bericht an Thile, 24. März 1841. 
*#) Rochow an Regierungsrat v. Bessel, 1. März 1841.
        <pb n="169" />
        Schöns Entlassung. 161 
Rochow aber versuchte anfangs den Handel mit Stillschweigen zu über— 
gehen und ward erst durch einen ausdrücklichen Befehl des erzürnten 
Monarchen gezwungen, die Untersuchung anzuordnen, die mit Hakes Ver— 
urteilung endigte.“) Seitdem war der König über die Parteilichkeit des 
Ministers ebenso ungehalten wie über die geheime Opposition des Ober- 
präsidenten. So schleppte sich der Streit noch durch Monate dahin. Schön 
triumphierte und versicherte dreist, in seiner treuen Provinz gäbe es keine 
Parteien, allein die winzige Partei des Verbrechers Hake ausgenommen. 
In Wahrheit war das Ordensland tief aufgewühlt, fast so erbittert wie vor 
zweihundert Jahren, als die edlen freien Preußen den märkischen De- 
spotismus bekämpften. Unerschütterlich fest stand die Sage, daß der König 
bei der Krönung konstitutionelle Zusagen gegeben und sie nachher zurück- 
genommen hätte; nichts aber verzeiht dieser kräftige Stamm schwerer als 
die Unbeständigkeit. Als Schön im Oktober den Sitzungen des Staatsrats 
beiwohnte, wollten ihm die Berliner Liberalen ein Ständchen bringen, was 
er nur mit Mühe verhinderte; bei seiner Heimkehr begrüßten ihn seine 
Königsberger Anhänger mit beflaggten Schiffen und erleuchteten Fenstern als 
den Helden des Landes, und die Königsberger Polizei meldete dem Ministe- 
rium beschwichtigend: allgemein sei die Teilnahme doch nicht gewesen.) 
So stand es bereits: die ostpreußischen Polizeibehörden erstatteten 
Bericht über ihren eigenen Oberpräsidenten! Daß solche Zustände nicht 
dauern konnten, mußte schließlich auch dem langmütigen Monarchen ein- 
leuchten. Als Schön im Januar 1842 zum dritten Male seinen Abschied 
erbat, nahm sich der König fast drei Monate Bedenkzeit und genehmigte 
endlich das Gesuch durch Kabinettsordre vom 31. März. Aber diese Ordre 
blieb tiefgeheim, auch der Zeitpunkt des Austritts noch vorbehalten, und 
weder der Oberpräsident noch die wenigen anderen Eingeweihten hielten 
die Entscheidung für unwiderruflich; Minister Alvensleben klagte bitter: 
„das Vertrauen des Königs zu Schön besteht nach wie vor.““) Noch im 
Mai reiste Schön, schwerlich ganz ohne Hoffnung, wieder nach Berlin zu 
den Verhandlungen des Staatsrats. Dort traf ihn die erschreckende Nach- 
richt, daß seine Abhandlung: Woher und Wohin? soeben auf dem Bücher- 
markte erschienen sei. Die Schrift war, wie sich kaum anders erwarten 
ließ, bei einem der fünf Freunde, denen Schön sie anvertraut, von un- 
befugter Hand abgeschrieben und einem radikalen Buchhändler verraten 
worden. f) Der Diogenes der deutschen Demagogen, der Flüchtling Georg 
Fein, Hambacher Angedenkens#,, ließ sie alsdann in seinem sicheren Straß- 
*) Schöns Bericht an Thile, 6C. Mai; König Friedrich Wilhelm an Thile, 10. Mai 
Rochows Bericht an den König, 13. Mai 1841. 
*) Königsberger Polizeibericht, 25. Okt. 1841. 
* #) Alvensleben an Thile, 22. Mai 1842. 
#) Rochows Berichte an den König, 21. Mai, 9. Juni 1842. 
###0 S. o. IV. 601. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 11
        <pb n="170" />
        162 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
burg zu billigem Preise erscheinen und fügte ein langes Nachwort hinzu, 
das in törichten Schmähungen gegen Preußens Staat und Regierung 
schwelgte. Da ward Friedrich Wilhelm geschildert als „ein höchst schlauer, 
lebensgewandter Aristokrat, der sich sowohl auf die Schwächen als auf die 
schönsten Eigenschaften des deutschen Volkes versteht und beide mit nicht 
gewöhnlicher Verstellungskunst für seine Herrscherzwecke zu benutzen und 
auszubeuten weiß.“ 
Sofort mußte Thile auf Befehl des Königs den Oberpräsidenten 
„wegen des Verrates seiner fatalen Schrift““) befragen, und Schön 
äußerte sich natürlich hoch entrüstet über Feins „Schändlichkeit.“ Gleich- 
wohl unterließ er, was die Pflicht des Anstands und der Treue ge- 
bieterisch erheischte; er erklärte nicht öffentlich, daß er an dem unbe- 
fugten Nachdruck keinen Anteil habe und das radikale Nachwort ent- 
schieden mißbillige. Der König in seinem arglosen Edelsinne mutete 
ihm eine solche Erklärung auch gar nicht zu, sondern untersagte jede Ver- 
folgung „des Woher und Wohin mit dem Drachenschwanze“, damit das 
Gericht des Publikums „unedles, ja ehrloses Gebaren nach Gebühr be- 
handeln“ könne.**) Wie gründlich täuschte er sich doch über die Urteils- 
fähigkeit der öffentlichen Meinung, die zwischen gemäßigter und radikaler 
Opposition noch keineswegs zu unterscheiden verstand. Da das Machwerk 
Feins unbehelligt umlief, so glaubten die Leser allesamt, der Straß- 
burgische Demagog und der Freund König Friedrich Wilhelms hegten im 
Grunde die nämliche Gesinnung. In solcher Gestalt dargeboten wirkte 
Schöns Abhandlung in der Tat wie eine Brandschrift, und sein Verbleiben 
im Amte wurde rein unmöglich. 
Und doch war Schön nicht ganz im Irrtum, wenn er von dem 
unberechenbaren Charakter des Königs bis zuletzt noch eine Sinnesän- 
derung erhoffte. Friedrich Wilhelm hatte mit dem alten Freunde noch 
nicht ganz gebrochen; und in demselben Augenblicke da er Schöns Ent- 
lassung genehmigte, strafte er zugleich dessen Feinde. Am 7. April wurde 
General Wrangel zu seinem schmerzlichen Erstaunen nach Stettin ver- 
setzt, weil der König meinte: der bärbeißige Soldat würde in Königsberg 
zu früh schießen lassen. Zugleich brach auch über Rochow das Verhäng- 
nis herein. Friedrich Wilhelm hielt sich verpflichtet, die offenbare Partei- 
lichkeit, welche der Minister während des langen Streites gezeigt hatte, 
nicht ungerügt zu lassen; es entging ihm nicht, daß Rochows offiziöse 
Zeitungsschreiber an der Zügellosigkeit der liberalen Presse mitschuldig 
waren; dennoch brachte er es nicht über das Herz, dem Freunde die ganze 
Wahrheit zu gestehen. Am 9. April sagte er dem Überraschten in einem 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 24. Mai 1842. 
*“) König Friedrich Wilhelm an Thile, 23. Mai; Randbemerkung des Königs zu 
Rochows Bericht vom 21. Mai 1842.
        <pb n="171" />
        Rochows Entlassung. 163 
liebevollen Briefe: er hätte erfahren, daß Rochow seiner Gesundheit 
halber auszutreten wünsche, und könne ihn nur unter Tränen scheiden 
sehen. „Ich habe“, so fuhr er fort, „den kalten Verstand zu Hilfe rufen 
müssen, und Sie wissen, lieber Freund, daß er nicht immer kommt, wenn 
ich ihn rufe. Er ist aber diesmal gottlob gekommen, und jetzt — 
billige ich Ihre Wünsche Es muß notwendig so eingerichtet 
werden, daß auch die Bosheit nicht behaupten könne, Sie würden Schön 
zum Opfer gebracht. Wenn Sie kurz nach Schöns Abgang Ihre Stel— 
lung verändern, so ist dies politisch gut und ersprießlich.“ Dann ließ er 
ihm die Wahl zwischen mehreren hohen Ämtern. Fünf Tage nachher 
sendete Rochow das ihm also aufgezwungene Entlassungsgesuch ein. Er 
fühlte sich tief verletzt durch die freundschaftlichen Worte, die ihm unter 
solchen Umständen fast wie Heuchelei erscheinen mußten, und sagte in seinem 
Begleitschreiben sehr deutlich, daß er die Gründe seines Sturzes wohl erraten 
hatte. Die schwierige Stellung, so schrieb er, ist unter den seit 1840 ein— 
getretenen Verhältnissen nur dann auszufüllen, wenn den Minister „der 
Besitz des Einverständnisses, des offenen Vertrauens und des Schutzes 
seines Souveräns dazu befähigt, einen bestimmt bezeichneten Weg konse— 
quent und mit frischem Mute zu verfolgen.“ Das Gesuch ward genehmigt, 
und zugleich verfügte der König, daß Rochow, da er kein anderes Amt 
annahm, den Sitz im Ministerium wie im Staatsrate behalten solle.) 
Auch diese Befehle wurden vorläufig noch streng geheim gehalten; 
und so konnte das Seltsame geschehen, daß Rochow, der seinen Abschied 
bereits in der Tasche hatte, noch über die Schrift des ebenfalls schon ent- 
lassenen Schön sein Gutachten abgeben mußte. Im Juni wagte der König 
endlich abzuschließen; am 3. wurde Schöns, am 13. Rochows Entlassung 
veröffentlicht; Schön erhielt die Würde eines Burggrafen von Marienburg, 
verlor aber seinen Sitz im Staatsministerium. So lagen denn beide 
Gegner am Boden, obschon beide noch bis zuletzt auf eine günstige Wen- 
dung gehofft hatten; und keine Partei wußte recht, ob sie klagen oder 
jubeln sollte. Zufrieden waren vorerst nur die Klerikalen, weil Schön und 
Rochow beide für Vertreter der alten harten Kirchenpolitik galten. Sehr 
bald zeigte sich jedoch, daß die wunderliche Entscheidung nur den Liberalen 
Schaden brachte. Als Nachfolger Schöns wurde Geh. Rat Bötticher 
berufen, ein tüchtiger Jurist, der sich in hohen Richterstellen bewährt 
hatte, in der Verwaltung aber nur wenig leistete und unter den Ost- 
preußen niemals ein gesichertes Ansehen erlangte; seine hochkonservative 
Gesinnung war allbekannt, und der König sprach bei seinem nächsten Be- 
suche auf Marienburg öffentlich aus, daß er ihn nur deshalb zum Ober- 
präsidenten ernannt hätte. Die Stelle des kommandierenden Generals er- 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Rochow, 9. April; zwei Eingaben Rochows an 
den König, 14. April; Thiles Bericht an den König, 24. April 1842. 
117
        <pb n="172" />
        164 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
hielt der mit Bötticher nahe befreundete Graf Friedrich Dohna, Scharn— 
horsts Schwiegersohn, ein alter treuer Genosse des Gerlach-Stolbergschen 
Kreises; er konnte, schon weil er dem altbeliebten ostpreußischen Grafen-Ge- 
schlechte angehörte, leichter als Wrangel in Königsberg Boden gewinnen 
und trat der Partei Schöns zwar in etwas milderen Formen, doch ebenso 
bestimmt entgegen wie sein Vorgänger. Zu Wrangel aber sagte der König 
noch in diesem Sommer vertraulich: er habe ihn leider einen Augenblick 
verkannt und jetzt erst durch bittere Erfahrungen gelernt, daß Schön mit 
seinen Freunden in der Tat sehr gefährlich wirke. 
Die Stimmung des entlassenen Oberpräsidenten verbitterte sich mehr 
und mehr. Er mahnte Boyen an das schöne Beispiel Esparteros, der die 
Garde aufgehoben habe, er empfahl den Freigeist Alexander Humboldt zum 
Kultusminister; er versicherte dreist, Preußen hätte drei Millionen Taler 
für Don Carlos bezahlt und fand des Scheltens wider die Rotte Korah gar 
kein Ende mehr. Die große Mehrzahl der Ostpreußen empfand Schöns Ver— 
abschiedung wie eine Beleidigung des Landes. Die Stadt Königsberg verlieh 
ihm alsbald das Ehrenbürgerrecht, die Ritterschaft wählte ihn zum Abgeord- 
neten für den Provinziallandtag; die Königsberger Hartungsche Zeitung, die 
jetzt anfing Leitartikel unter der Überschrift „Inländische Zustände“ zu 
bringen, verherrlichte den Gestürzten und schlug gegen die Krone einen ge- 
reizten, fast drohenden Ton an. Da fürchtete der König, Schön könnte auf 
dem nächsten Landtage die Führung der Opposition übernehmen. Um vorzu- 
beugen, sendete er ihm zu Weihnachten (21./27. Dez.) einen neun Folio- 
seiten langen Brief, eine feurige Ansprache, worin sich das alte noch immer 
nicht erloschene Freundschaftsgefühl mit verhaltenem Unwillen und schmei- 
chelnder Weiberschlauheit gar seltsam vermischte. Halb zweifelnd, halb ver- 
trauend sprach er die Erwartung aus, daß Schön unter den Landständen 
die Vergiftung der öffentlichen Meinung bekämpfen würde. „In meinem 
geliebten Ostpreußen allein herrscht schnöder Friedel! In dem Lande, 
welches Gott der Herr als ein Bollwerk teutschen Wesens in das slawische 
und sarmatische Wirrleben vorgeschoben hat, wird das teutsche Wort in 
Bann, ja in schimpfliche Bande getan durch eine Clique, die mit Fran- 
zosen-Sinn und Franzosen-Mitteln wirkt: mit Lüge! mit Lüge! . Sehen 
Sie, lieber Schön, die Lüge, vor der fürchteichmich.“ Dieser Clique, 
die doch unzweifelhaft zu seiner eigenen Partei gehörte, sollte Schön ent- 
gegentreten im Verein mit edlen treuen Männern und laut verkünden: „daß 
das Vorgeben dem König zu dienen, den König zu lieben 
eine infame Lüge ist, wenn man zugleich seine Regierungs- 
Maschine, die Ausführer seiner Absichten antastet undals 
Feindedes Volks unddes Lichtsdarstellt.“ Insbesondere sollte 
Schön die unter Mißbrauch seines Namens umhergetragene Lüge widerlegen, 
daß der König konstitutionelle Pläne hegte: „Ich will keine Felonie 
gegen meinen treuen Lehnsherrn reibern und weder von einem
        <pb n="173" />
        Schön und Dohna. 165 
menschlichen Tage noch von einem Stück Pergament die Rechte meiner 
Krone nehmen. Ich will nicht die Verfassung meines Landes ändern. 
Und alles dies, weil ich nicht darf.“ Darum verlangte er 
Schöns „Hilfe gegen das Streben der Dunkelmänner, Juden und Juden— 
genossen“ und trug ihm auf, das Schreiben den ostpreußischen Freunden 
zu zeigen. 
Er fühlte jedoch insgeheim, daß Schön diesem Befehle kaum nachkom— 
men konnte, ohne sich selbst bloßzustellen, und ließ daher Abschriften seines 
Briefes dem neuen Oberpräsidenten sowie anderen namhaften Männern 
der Provinz zugehen. Als ihm nun Bötticher meldete, daß Schön über 
„den köstlichen königlichen Brief“ beharrlich schwieg'), da geriet er in 
schweren Zorn. Vergeblich hielt ihm Schöns Schüler Flottwell vor: man 
dürfe die Ostpreußen nicht mit dem gewöhnlichen Maßstabe messen, da 
dort die Mehrzahl der einsichtigen und zugleich treu ergebenen Männer 
„durch die Ideen von Kant wie die Erde von den Strahlen der herbst- 
lichen Sonne auf eine wunderbare Weise erleuchtet, erwärmt, ja durch- 
glüht würde.““**) Neue Kundgebungen Jacobys und seiner Königsberger 
Freunde brachten den Unmut des Monarchen zum Ausbruch, und er 
wiederholte, was er zu Schön gesagt, noch nachdrücklicher in einem Briefe 
an General Dohna (24. Febr. 1843)./““) „Ich möchte“, schrieb er hier, 
„wie aus Rolands Horn einen Ruf an die edlen treuen Männer in 
Preußen ergehen lassen, sich um mich wie treue Lehensmänner zu scharen, 
die kleineren Übel über das anwachsende große, jammerschwangere Übel 
zu vergessen und auf meiner Seite den unblutigen geistigen Kampf zu 
kämpfen, der allein, aber gewiß den blutigen Kampf unmöglich macht 
Solch' Unglück ist für Preußen und für Königsberg insbesondere die Existenz 
und das Walten jener schnöden Judenclique mit ihrem schwanzläppischen 
und albernen Kläffer!! Die freche Rotte legt täglich durch Wort, Schrift 
und Bild die Axt an die Wurzel des teutschen Wesens; sie will nicht 
(wie ich) Veredlung und freies Nebeneinanderstellen der Stände, die allein 
ein teutsches Volk bilden; sie will Zusammensudeln aller Stände. Ich 
würde Gott, meinem Volke und mir selbst lügen, gäbe ich je eine Kon- 
stitution, eine Charte und meinem Volke mit ihnen die notwendigen 
Bedingungen zu endlosen Unwahrheiten: erlogene Unfehlbarkeit des Königs, 
unwahre Budgets, Lüge des Angriffs und der Verteidigung, Lüge des 
Lobes und des Tadels, Komödie vor und hinter den Kulissen, wie 
solches zum Schaden und zum Ekel in den konstitutionellen Staaten 
zu sehen ist, wo nur eine Wahrheit waltet: die, daß eine Partei sich 
*7) Böttichers Bericht an den König, 6. Jan. 1843. 
**) Flottwell an König Friedrich Wilhelm, Magdeburg, 24. Dez. 1842. 
***) Die beiden großen Briefe des Königs an Schön und Dohna sind vollständig 
abgedruckt in den „Aufzeichnungen über die Vergangenheit der Familie Dohna“ vom 
Grafen Siegmar Dohna. Tl. 4. Textheft B. Berlin 1885. (Manuskript).
        <pb n="174" />
        166 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
an die Stelle der anderen setzen will.“ General Dohna beeilte sich 
natürlich, diesen Brief überall zu verbreiten, und von konstitutionellen 
Plänen des Königs konnte fortan niemand mehr reden. 
Ein Jahr nach Schöns Entlassung, 8. Juni 1843, feierten die Ost— 
preußen den fünfzigsten Jahrestag seines Eintritts in den Staatsdienst. 
Einige angesehene Männer des Landes hatten eine Sammlung veran— 
staltet, und — so stark war schon die Macht der liberalen Legende — 
selbst aus Süddeutschland liefen Beiträge ein, obgleich der eingefleischte 
altpreußische Partikularist sich um die übrigen Deutschen nie viel geküm— 
mert hatte. Der Ertrag reichte aus, um Schöns Familiengut Arnau 
von Schulden zu entlasten; mit dem Überschusse wollte man ihm noch 
bei Lebzeiten ein Denkmal, einen Obelisken in Königsberg, errichten, ein 
in jener Zeit ganz unerhörter Plan, den der König genehmigte, doch ohne 
dem Jubilar sonst noch eine Gnade zu erweisen. Schön sträubte sich 
lange, dem Feste der Grundsteinlegung beizuwohnen, er wollte, wie er mit 
verblüffender Kindlichkeit sagte, keine Untreue gegen sich selbst begehen. 
Die Mitglieder des Festausschusses mußten ihn erst mehrfach durch Briefe 
und Besuche bedrängen, bis sie sich endlich rühmen konnten, „einmal im 
Leben seinen Entschluß geändert zu haben.“ Fast die ganze Provinz 
nahm teil, als nunmehr „großartiger Bürgertugend die Huldigung dar- 
gebracht“ wurde; nur die Strengkirchlichen und einige aus den konser- 
vativen Adelskreisen hielten sich fern. Nicht bloß der aufgeklärte Theolog 
Cäsar von Lengerke ließ seine den Liberalen allezeit gefällige Leier erklingen; 
selbst Eichendorff, der gut katholische Dichter, der während seiner Königs- 
berger Amtszeit das Land und dessen langjährigen Beherrscher lieben ge- 
lernt hatte, sendete „dem braven Schiffer“ seinen Festgruß: 
Und da die Brandung sich verlief, 
Die Wasser müde sanken, 
Gerettet hat er aus dem Tief 
Den Hort uns der Gedanken. 
Auch die Universität überreichte ihren Glückwunsch; denn fast überall 
war das Professorentum schon für den Liberalismus gewonnen. Die 
Hauptrede hielt Friedrich von Fahrenheid, der volksbeliebteste Mann vom 
liberalen ostpreußischen Adel, ein transzendentaler Pferdezüchter, wie Schön 
ihn nannte, vielseitig gebildet, menschenfreundlich, hochverdient um Wiesen- 
bau und Wettrennen. Bescheiden wies der Gefeierte die Lobsprüche von 
sich und sagte, durchaus nach dem Sinne der Ostpreußen: alles Verdienst 
seines ganz der Idee gewidmeten Lebens gebühre seinem großen Lehrer Kant. 
Es war ein großes Familienfest der Provinz, und auch fernerhin blieb der 
alte Herr bei der Mehrzahl seiner Landsleute in solchem Ansehen, daß jeder 
Zweifel an seiner Größe fast wie ein Landesverrat betrachtet wurde; 
denn in einer langen Amtsführung war sein Name unzertrennlich mit 
der Provinz verwachsen, die mannigfachen guten Früchte seines Wirkens
        <pb n="175" />
        Graf Arnim Minister des Inneren. 167 
mußte selbst sein Nachfolger Bötticher anerkennen?), und in seinem streit- 
baren Wesen zeigten sich scharf ausgeprägt viele Charakterzüge des ost- 
preußischen Volkstums, nur leider nicht der schönste: die Wahrhaftigkeit. 
Er zog sich nach seinem stillen Arnau im Pregeltale zurück, gründete 
den landwirtschaftlichen Zentralverein, dessen Vorsitz er übernahm, und 
war auch sonst vielfach für gemeinnützige Zwecke tätig. Noch lebhafter 
beschäftigte ihn die Sorge um den eigenen Nachruhm: unablässig bemühte 
er sich, bald junge Gelehrte ganz mit seinem Geiste zu durchtränken, bald 
älteren Historikern jene kunstvollen Geschichtsdarstellungen zu übermitteln, 
die er sich zu seiner eigenen Verherrlichung ersonnen und dann so un- 
zähligemal wiedererzählt hatte, daß er schließlich selbst daran glaubte. 
Zu einer großen politischen Wirksamkeit gelangte er nie mehr, obgleich 
der König ihm die persönliche Freundschaft mit rührender Treue be- 
wahrte. — 
An Rochows Stelle wurde Graf Arnim aus Posen berufen. Man 
begrüßte ihn mit großen Erwartungen; man glaubte allgemein, der kräf- 
tige, noch nicht vierzigjährige Mann, der sich auch sofort mit jungen 
Räten umgab, würde die gesamte Richtung des Kabinetts bestimmen. 
Ein Neffe Steins hatte Arnim seines aristokratischen Stolzes nie ein 
Hehl; er nannte es einen unschätzbaren Vorzug, daß sein Haus eine der 
Stätten sei, wo Recht gesprochen, wo das Unrecht gestraft, wo die Ord- 
nung geschützt würde. An den englischen Moden und Passionen, welche 
damals in die vornehme Welt Deutschlands und Österreichs einzudringen 
begannen, fand der Graf viel Freude; seine hohe, etwas steife, stets ele- 
gant gekleidete Gestalt erinnerte mehr an einen Lord als an den Sohn 
eines alten deutschen Kriegergeschlechtes; nicht ohne Herablassung schaute 
der blonde Kopf zwischen den mächtigen Vatermördern — wie man die 
neuen Hemdkragen nannte — auf die gewöhnlichen Sterblichen hernieder. 
Aber gleich seinem großen Oheim war er ganz durchdrungen von dem 
Grundsatze des Gleichgewichts der Rechte und der Pflichten; er verlangte, 
daß der preußische Adel sich eine Machtstellung durch politische Arbeit 
verdiene, und wünschte dringend baldige Berufung eines Reichstags auf 
den vorhandenen ständischen Grundlagen. Dem Könige konnten solche 
Gedanken, schon weil sie so einfach und zweckmäßig waren, unmöglich 
zusagen; in seinem selbstherrlichen Stolze hatte er es indes gar nicht 
für nötig gehalten, sich mit dem neuen Minister, der ihm persönlich ge- 
fiel und ja doch nur Werkzeug sein sollte, im voraus zu verständigen. 
Auch in ihren religiösen Anschauungen stimmten die beiden nicht zu- 
sammen, da Arnim zwar ein gläubiger Christ, doch jeder Art des Pietis- 
mus feind war und die alte staatskirchliche Politik Altensteins zwar be- 
hutsam weiterführen, doch keineswegs aufgeben wollte. Arnim übernahm 
  
*) Böttichers Bericht an Thile, 2. Juni 1844.
        <pb n="176" />
        168 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
sein Amt mit einem Gefühle der Entsagung. Er war bereit, den Tadel 
für alle Mißgriffe und Mißerfolge seines königlichen Herrn ritterlich auf 
sich zu nehmen; aber der große staatsmännische Ehrgeiz, der seinem Zeit— 
alter die Richtung geben will, blieb ihm fremd, und für einen so selb— 
ständigen Willen war in diesen Jahren auch kein Raum. 
Wie das neue System in Posen durch Arnims plötzliche Abberufung 
gestört wurde, so kam auch die für Frankfurt geplante unternehmende Bundes- 
politik sogleich wieder ins Stocken, da Graf Maltzan nach kurzer Amtsfüh- 
rung tödlich erkrankte, und nunmehr der Bundesgesandte Heinrich von Bülow 
im Frühjahr 1842 das Auswärtige Amt übernahm. In Petersburg und 
Wien ward diese Ernennung mit Mißtrauen aufgenommen, da der Freund 
Lord Palmerstons dort für einen schlimmen Liberalen galt; in Berlin 
erwartete man von dem geistreichen Manne, der einst an der Begrün- 
dung des Zollvereins so rührig teilgenommen hatte, eine entschlossene 
nationale Handelspolitik. Gleich darauf starb der alte Ladenberg, und 
Graf Stolberg übernahm neben dem Hausministerium noch die Verwal- 
tung der Domänen. Also war nach zwei Jahren das Staatsministerium 
endlich ganz neu gestaltet. In ihren alten Stellen blieben nur noch: der 
kränkelnde Nagler, der sich, ärgerlich über die neue Zeit, ganz auf sein 
Postfach beschränkte, der ebenfalls stark gealterte Rother und der Justiz- 
minister Mühler. — 
  
Der veränderte Charakter des Regiments offenbarte sich auch in 
der unruhigen Reiselust des neuen Herrschers, der gern unterwegs war, 
soweit es die mangelhaften Verkehrsmittel irgend erlaubten. Auf die 
Huldigungsreisen folgte im Spätsommer 1841 ein längerer Aufenthalt in 
Schlesien. Den Breslauer Stadtbehörden ließ der König sagen, daß er von 
ihnen weder ein Fest noch einen feierlichen Empfang annehmen wolle, weil 
sie beim schlesischen Landtage die Berufung der Reichsstände befürwortet 
und also „offene Opposition“ getrieben hätten. Die Breslauer antworteten 
ehrfurchtsvoll, das sei ihr gutes Recht gewesen, und als sie dann nochmals 
durch Abgesandte einluden, ließ der Zürnende sich besänftigen. Er wurde 
glänzend empfangen, freute sich tiefbewegt des patriotischen Jubels seiner 
treuen Schlesier, die zugleich den hundertsten Jahrestag ihrer Vereinigung 
mit Preußen feierten, und bezauberte wieder alle Herzen, als er zum Ab- 
schied in begeisterter Rede der alten Stadt „noch tausend Jahre wie diese 
hundert“ wünschte. Den Stadträten aber sagte er in einer Audienz: was 
ihm eine fünfundzwanzigjährige Erfahrung als unzweckmäßig gezeigt, das 
lasse er sich durch keine Macht der Erde abzwingen; sie sollten sich hüten, 
der Zeit vorzugreifen; was kommen solle, komme doch. So verlangte er 
wieder unbedingtes Vertrauen auf Pläne, deren Sinn niemand ent- 
rätseln konnte.
        <pb n="177" />
        Russische Reise. 169 
Von Schlesien eilte er nach Warschau, um mit Kaiser Nikolaus zu— 
sammenzutreffen. Mehrmals hatte der Zar neuerdings dem Berliner 
Hofe heilig beteuern lassen, die Annäherung an England solle der älteren. 
und engeren Freundschaft der drei Ostmächte keinen Abbruch tun; er 
bemühte sich auch, seinen Gast liebenswürdig zu empfangen. Aber die 
harmlosen Tage waren längst vorbei, da die Berliner immer den Zaren 
meinten, wenn sie von „dem Kaiser“ schlechthin sprachen. Wie das wieder 
emporkommende, von Nikolaus selbst begünstigte Altmoskowitertum gegen 
die kulturbringenden Westler, die Deutschen einen barbarischen Ingrimm 
zeigte, so war auch in Preußen die russische Kriegsgenossenschaft jetzt 
gründlich vergessen; der Zorn der Ostpreußen über „die chinesische Mauer“ 
der moskowitischen Nachbarn vereinigte sich mit dem alten Hasse der 
liberalen Polenfreunde, im Hohne gegen Rußland fanden sich fast alle 
Parteien zusammen. Unwillkürlich wurden auch die beiden Herrscher mit 
berührt von der veränderten öffentlichen Meinung ihrer Völker. Nikolaus 
war etwas gealtert, aber noch immer fühlte er sich als Gottes auser— 
lesenes Werkzeug, zum Vernichtungskampfe gegen die Revolution fest 
entschlossen, und seit sein Thronfolger kürzlich eine hessische Prinzessin ge— 
heiratet hatte, meinte er sich mehr denn je berufen, über Deutschlands 
Ruhe zu wachen; die unberechenbare Neuerungslust Friedrich Wilhelms 
blieb ihm verdächtig. Dem Künstlergemüte des Königs widerstand die 
harte menschenverachtende russische Zucht; er langweilte sich bei den Ka— 
sernengesprächen dieses Schwagers, der im vollen Ernste sagte, was un— 
schuldige Leute für eine boshafte Erdichtung hielten: nichts verdirbt ein 
Heer so sehr wie der Krieg. Die kurze Zusammenkunft brachte kein po— 
litisches Ergebnis, nicht einmal einen gründlichen Gedankenaustausch; 
immerhin erweckte sie dem Könige wieder alte teuere Jugenderinnerungen. 
Als er auf der Heimreise bei Kalisch das Denkmal für die Jahre 1813 
und 1835 erblickte, dessen Inschrift den Segen Gottes für das preußisch- 
russische Bündnis erflehte, da schritt er tief bewegt die Stufen hinauf und 
schrieb mit dem Finger „Amen“ unter die Zeilen — was ihm die liberale 
Welt sehr übel nahm. Im November besuchte er sodann den Münchener 
Hof. Bald nachher verlobte sich der vielumworbene Kronprinz Max von 
Bayern mit der schönen Prinzessin Marie von Preußen, einer Tochter des 
älteren Prinzen Wilhelm; und die dem Könige so teuere Freundschaft 
des bayrischen Hauses schien von neuem gesichert. 
Noch im selben Winter folgte die englische Reise. Um die doch recht 
bemerkbare Eifersucht des Zaren zu beschwichtigen, wurde dann der fünf- 
undzwanzigste Jahrestag seiner Ernennung zum Chef der brandenburgischen 
Kürassiere mit vielem Glanze gefeiert. Als Nikolaus die Abgesandten seines 
Regiments empfangen hatte, sagte er zu dem preußischen Gesandten nicht 
ohne Wehmut: das seien damals doch die glücklichsten Zeiten seines 
Lebens gewesen, die Tage der jungen Liebe und des zwanglosen Verkehrs
        <pb n="178" />
        170 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
mit den preußischen Schwägern.“) So unschuldig dachte die deutsche Welt 
jedoch nicht mehr. Die Königsberger Zeitung forderte stürmisch die Be- 
festigung Ostpreußens und sprach von einem möglichen Kriege gegen Ruß- 
land so deutlich, daß der russische Gesandte angewiesen wurde, sich über 
die Milde der preußischen Zensur zu beschweren. Unter solchen Umständen 
hielt Friedrich Wilhelm für ratsam, der silbernen Hochzeit des russischen 
Kaiserpaares im Juni 1842 selber beizuwohnen. Das Familienfest ver- 
lief in guter Freundschaft, Kaiserin Charlotte bemühte sich redlich, die 
beiden Schwäger in heiterer Stimmung zu erhalten. Doch unterdessen 
spielten hinter den Kulissen unerquickliche politische Verhandlungen. 
Die für Preußen so lästige, für Rußland so vorteilhafte Kartellkonven- 
tion war dem Ablaufe nahe, und die Königsberger Kaufmannschaft bat den 
König, den Vertrag nicht zu erneuern, worauf ihr der herrische, an Ro- 
chows Zeiten erinnernde Bescheid zuging: solche politische Fragen lägen 
über den Gesichtskreis der Untertanen hinaus. Indessen empfand Fried- 
rich Wilhelm selbst, wie berechtigt die Klagen seiner Ostpreußen waren. 
Er nahm die Kabinettsräte Uhden und Müller nach Petersburg mit, um 
in vertraulichen Unterhandlungen eine Milderung der Grenzsperre durch- 
zusetzen, und unterstützte beide mit der ganzen Macht seiner Beredsam- 
keit.) Ein befriedigender Abschluß wurde noch nicht erreicht, obgleich der 
Zar seinem königlichen Gaste zu Ehren die nach Sibirien verbannten 
preußischen Schmuggler begnadigte, und man trennte sich schließlich nicht 
ohne Verstimmung. Im August, bald nach der Heimkehr des Königs, 
befahl eine Kabinettsordre die Befestigung Königsbergs und des Städtchens 
Lötzen in der masurischen Seelandschaft; auch Memel und einige andere 
kleine Plätze an der Ostgrenze sollten Festungswerke erhalten. Der Plan 
war längst vorbereitet, denn unleugbar hatte der alte König über der Sorge 
um Deutschlands Westgrenze die Ostmarken militärisch vernachlässigt; das 
gesamte preußische Land östlich der Weichsellinie entbehrte der Festungen, 
und sobald General Boyen das Kriegsministerium übernahm, schritt er 
sofort daran, das seiner geliebten Heimat angetane Unrecht zu fühnen. 
Daß Preußen dem mächtigen polnischen Festungsdreieck der Russen einige 
Bollwerke entgegenstellte, konnte an der Newa billigerweise nicht befremden. 
In diesem Augenblicke aber erschien die Kabinettsordre wie eine Antwort 
auf den Petersburger Empfang, und man hielt das Verhältnis zwischen 
den beiden Nachbarhöfen überall für unfreundlicher, als es war. 
Auf der Heimreise verweilte der Monarch einige Tage in Königsberg. 
Er wußte, hier sei „im Volke ein Grund edelster Gesinnung und uralter 
Treue wie vielleicht in keinem anderen Lande“. Darum kam er in den 
ersten sechs Jahren seiner Regierung fünfmal nach Ostpreußen, in der aus- 
  
*) Liebermanns Bericht, 19. April 1842. 
**) Bülow an Rauch, 20. Aug. 1842.
        <pb n="179" />
        Die Königsberger Universität. 171 
gesprochenen Absicht, durch königliche Großmut, durch rückhaltlose Offen— 
heit dies geliebte Volk ganz für seine Krone zu erobern. Diesmal er— 
schien er verstimmt, nicht bloß wegen der anwachsenden Partei Jacobys, 
sondern auch wegen der Universität, die ihm als langjährigem Rektor 
besonders nahe stand. Vor kurzem war der Mecklenburger Hävernick, 
ein gelehrter Theolog von der strengsten Hengstenbergischen Schule, durch 
Minister Eichhorn nach Königsberg berufen worden, damit die Exegese 
des Alten Testaments nicht dem liberalen Lengerke allein überlassen 
bliebe. Hävernick stand im Geruche eines Denunzianten, denn als blut- 
junger Student hatte er einst der Epvangelischen Kirchenzeitung jene 
Kollegienhefte von Gesenius und Wegscheider mitgeteilt, aus denen nachher 
Gerlach sich die Waffen zur Bekämpfung der Hallischen Rationalisten 
schmiedete;) und trotz der langen Jahre seither wollte man ihm diesen 
häßlichen Streich jugendlicher Glaubenswut noch immer nicht verzeihen. 
Die Studentenschaft, die fast durchweg aus Ostpreußen, nebenbei noch 
aus einigen allezeit lärmlustigen Polen bestand, fühlte sich in ihrem Pro- 
vinzialstolze beleidigt und bereitete dem Neuberufenen einen so stürmischen 
Empfang, daß er auf lange hinaus seine Vorlesungen einstellen mußte; 
nachher brachten die jungen Leute seinem Gegner Lengerke als dem Ver- 
treter freier Wissenschaft ein Ständchen, und der Gefeierte erwiderte wohl- 
gefällig, diese Huldigung gelte nicht ihm, sondern dem Geiste seiner Lehre. 
Anfangs wollte Friedrich Wilhelm kaum glauben, daß „meine Studenten“ 
sich solcher Ungebühr erdreistet, „nein Senat“ sie ungestraft gelassen 
hätte; er drohte im ersten Zorne den Purpurmantel der Albertina abzu- 
legen.) Als er in Königsberg eintraf, hatte er sich schon etwas beruhigt; 
er belobte die Provinzialstände wegen der würdigen Haltung des Landtags, 
an die Dekane der Universität richtete er aber eine höchst ungnädige An- 
sprache, die in den Zeitungen sogleich dermaßen entstellt wurde, daß die 
Minister sich zu amtlichen Berichtigungen genötigt sahen. **) Der letzte 
Eindruck war sehr peinlich. Die Ostpreußen dankten dem Monarchen seine 
Liebe wenig. Sie fanden es unköniglich, daß er auch in kleinen Dingen 
regieren wollte; die beständige Väterlichkeit ward ihrem Selbstgefühle lästig. 
Glücklicher verlief gleich darauf die Reise des Königs in die westlichen 
Provinzen. Mochte er nun in Minden mit freundlichen Worten dem alten 
Vinckeden schwarzen Adlerorden überreichen oder den Ravensbergischen Geist- 
lichen einschärfen, alle Furcht vor der freien Forschung sei Glaubensschwäche, 
oder in Hamm „mit überfließendem Herzen“ auf das Wohl der treuen Graf- 
schaft Mark trinken, oder den Bürgern von Barmen danken für die einst dem 
Kronprinzen gewährte Gastfreundschaft: überall zeigte er sich gütig, hoch- 
gemut, enthusiastisch erregt; es war, als ob ihn ein wonniger Traum um- 
*) s. v. III. 405. 
**) König Friedrich Wilhelm an Schön, 6. Dez. 1841. 
**) Arnim an Thile, 19. Okt.; Stolberg an Arnim, 21. Okt. 1842.
        <pb n="180" />
        172 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
fange. Zu den Manövern der beiden deutschen Armeekorps sodann kamen 
Offiziere aus fast allen Ländern Europas, mehrere der benachbarten Fürsten 
erschienen persönlich; nur der Großherzog von Baden entschuldigte sein 
Ausbleiben, er durfte sich von den liberalen Kammerrednern nicht nachsagen 
lassen, daß er preußischen Ratschlägen folge.') Von den kriegerischen 
Übungen reiste der König alsdann zu dem Feste der zweiten Grundstein- 
legung des Kölner Doms. Auch Sulpiz Boisseree wollte an seinem Ehren- 
tage nicht fehlen, und wie erstaunte er, da er nach langjähriger Abwesen- 
heit die Heimat wiedersah; alles war anders geworden unter der preu- 
ßischen Herrschaft, die wieder aufgeblühten alten Städte und der mächtige 
Verkehr auf dem befreiten Strome, anders auch die Gesinnung des Volkes. 
Einst in den napoleonischen Zeiten hatten die Kölner über ihn die Ach- 
seln gezuckt, wenn er ihnen von der Erhaltung ihres ewigen Domes sprach, 
und es keineswegs befremdlich gefunden, daß der französische Bischof Ber- 
dollet die alte gotische Steinmasse ganz abzutragen dachte; jetzt drückten 
alle dem Herausgeber des Domwerkes freudig die Hand, alle meinten, 
den unvergleichlichen Bau wiederherzustellen, sei eine Ehrenpflicht der 
Provinz. Und daß es so stand, daß die Rheinländer ihrer eigenen großen 
Vorzeit wieder liebevoll in die Augen zu sehen wagten, das verdankten 
sie der Krone Preußen, die dies Land seinem halbwelschen Sonderdasein 
entrissen und in die Strömung des nationalen Lebens zurückgeleitet hatte. 
Gedanken, die aus der Literatur verschwinden, klingen in den Sitten 
der Gesellschaft oft noch lange nach; so waren auch die romantischen 
Stimmungen, obgleich die Chorführer der Dichtung längst andere Wege 
gingen, am Rheine noch sehr mächtig. Eben in diesen Jahren sang Karl 
Simrock unter dem Jubel seiner Landsleute die schalkhafte Warnung vor 
dem Rhein: 
An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, 
Mein Sohn, ich rate dir gut. 
Da geht dir das Leben zu lieblich ein, 
Da blüht dir zu freudig der Mut. 
Niemals früher waren die alten Gemäuer der rheinischen Schlösser so viel 
besucht und gepriesen worden wie jetzt, da die neuen Dampfbote täglich wein- 
seliges junges Volk, Maler aus Düsseldorf, Studenten aus Bonn, Sänger 
aus Köln rheinaufwärts führten. Prinz Friedrich von Preußen ließ den 
Rheinstein, Bethmann-Hollweg die Burg Rheineck wieder aufbauen, Graf 
Fürstenberg auf dem Apollinarisberge die weithin das Stromtal beherr- 
schende prächtige gotische Kirche errichten; auf den Mahnruf Ferdinand 
Freiligraths, der in Unkel beim roten Bleichert glückliche Dichtertage 
verträumte, wurden Sammlungen veranstaltet, um den eingestützten Fen- 
sterbogen der Burg Rolandseck herzustellen; bald nachher entstand auch 
der Königsstuhl von Rhense aus seinen Trümmern wieder. Aus diesen 
*) Radowitzs Bericht, 20. Aug. 1842.
        <pb n="181" />
        Der Kölner Dom. 173 
romanisch-ästhetischen Gefühlen war die Begeisterung für den Kölner Dom 
ursprünglich hervorgegangen; mit ihnen verbanden sich späterhin der rhei— 
nische Provinzialstolz und der katholische Glaubenseifer, die der Bischofs— 
streit so mächtig erregt hatte, und neuerdings, zumal seit dem Kriegslärm 
des Jahres 1840 auch das deutsche Nationalgefühl. Als Görres einst 
im Rheinischen Merkur aussprach, dieser unfertige Riesenbau sei ein Ver— 
mächtnis, das die großen alten Kaiserzeiten dem wiederbefreiten neuen 
Deutschland zur Vollendung hinterlassen hätten, da hörten ihn nur 
wenige. Jetzt sprach jedermann im gleichen Sinne: eben hier auf dem viel— 
umstrittenen linken Ufer wollte man den Welschen zeigen, was Kraft und 
Einmut der Germanen vermöchten. Wie die halbverschollene Kyffhäuser— 
sage erst in diesen Jahrzehnten durch Rückerts Gedicht neues Leben ge— 
wann, so kamen jetzt altertümlich klingende Domsagen in Umlauf, von 
denen sich das Mittelalter nichts hatte träumen lassen, allesamt echte 
Kinder der vaterländischen Sehnsucht des jüngsten Geschlechts: der alte 
Krahn auf dem Stummel des Turmes war „ein riesig Fragezeichen“, 
ein Symbol der Zerrissenheit des Vaterlandes; erst wenn er dereinst ver- 
schwunden war und die beiden Türme vollendet in die Lüfte ragten, 
dann sollte der Traum der Jahrhunderte, die Einheit Deutschlands in 
Erfüllung gehen. 
Und nun geschah, was einst Schenkendorf?') geweissagt: 
Und gefunden ist der Meister 
Und der alte Bann gelöst, 
In die Herzen, in die Geister 
Neue Lust zum Werk geflößt. 
Der Dombaumeister Zwirner, ein Schlesier aus Schinkels Schule über- 
reichte dem Könige einen wohldurchdachten fertigen Plan für den Ausbau 
des gesamten Domes, ein riesiges Unternehmen, daß selbst Beoisseree 
früherhin für unmöglich gehalten hatte. Unterdessen traten die Bürger 
Kölns zusammen, das Werk zu fördern. Anfangs konnten sie sich nicht 
einigen, weil manche eifrige Katholiken meinten: solange der Stuhl des 
Oberhirten im hohen Chore leer stehe, dürfe man keine Hand regen. Da 
trat der junge August Reichensperger ins Mittel, selbst ein strenger Kle- 
rikaler, aber zugleich ein guter Preuße und warmer Bewunderer der alten 
rheinischen Kunst; er mahnte seine Landsleute in einer beredten Flugschrift, 
alle Späne zu vergessen und den günstigen Augenblick des Thronwechsels 
zu benutzen. So ward der Widerstand überwunden und der große Dom- 
bauverein gegründet, der gleich der St. Peters-Brüderschaft des Mittel- 
alters für den Ausbau des Gotteshauses sammeln und arbeiten sollte. 
Nichts konnte dem Könige willkommener sein. Seit er einst, von Boisseree 
geführt, zum ersten Male durch das Steinlaubwerk des Chorumgangs ge- 
wandert war, alle diese Jahre hindurch hatte ihn die Hoffnung, den Wieder- 
*) Vg. o. II. 45.
        <pb n="182" />
        174 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
aufbau der Marienburg noch zu überbieten, in seinen Träumen beschäftigt. 
Er übernahm sofort das Protektorat des Domvereins und bestimmte 
50 000 Taler aus Staatsmitteln jährlich für den Fortbau. Die gleiche 
Summe etwa dachte man aus freiwilligen Beiträgen zu gewinnen; und 
da Zwirner die Gesamtkosten auf 5 Mill. anschlug, so hielten selbst 
hoffnungsvolle Schwärmer für wahrscheinlich, daß erst das zwanzigste 
Jahrhundert die gänzliche Vollendung erleben könnte. 
Am 4. September wurde der zweite Grundstein gelegt, fast volle 
sechshundert Jahre, nachdem einst Erzbischof Konrad von Hochstaden den 
Bau des hohen Chores begonnen hatte; die zerrissene Kette der Zeiten sollte 
sich wieder schließen. Der König besuchte zuerst den Gottesdienst in der 
protestantischen Kirche; denn heute am wenigsten wollte er seinen evange- 
lischen Glauben verbergen, dieser Bau war ihm ein Werk des Bruder- 
sinnes aller Bekenntnisse. Darauf fuhr er zum Hochamt in den Dom; 
und als er dann draußen im Freien, umgeben von der Schar seiner fürst- 
lichen Gäste, von der Klerisei und einem glänzenden Gefolge, von dem Dom- 
bauvereine und einer ungeheueren Zuschauermenge, den Hammer erhob, um 
den Grundstein zu legen, da entlud sich die Begeisterung seiner Künstler- 
seele wieder in einer prächtigen Rede: „Hier, wo der Grundstein liegt, dort 
mit jenen Türmen zugleich, sollen sich die schönsten Tore der ganzen Welt 
erheben. Deutschland baut sie, so mögen sie für Deutschland durch Gottes 
Gnade Tore einer neuen, großen, guten Zeit werden. Der Geist, der diese 
Tore baut . . . ist der Geist deutscher Einigkeit und Kraft. Ihm mögen 
die Kölner Dompforten Tore des herrlichsten Triumphes werden! Er baue, 
er vollende! Und das große Werk verkünde den spätesten Geschlechtern von 
einem durch die Einigkeit seiner Fürsten und Völker großen, mächtigen, ja 
den Frieden der Welt unblutig erzwingenden Deutschland! Der Dom von 
Köln, das bitte ich von Gott, rage über diese Stadt, rage über Deutschland, 
über Zeiten, reich an Menschenfrieden, reich an Gottesfrieden, bis an das 
Ende der Tage!“ Und mit der Sicherheit des geborenen Redners die Emp- 
findungen seiner rheinischen Hörer richtig herausfühlend, rief er zum Schluß 
„das tausendjährige Lob der Stadt: Alaf Köln!“ Ein unbeschreiblicher 
Jubel folgte diesen Worten, wie einst der Königsberger Rede; aufs neue 
erbrauste der Beifallssturm, als nunmehr der alte Krahn droben in Be— 
wegung geriet und der erste Baustein auf den Turm emporschwebte. 
Auch auf dem Festmahle nachher, das siebenhundert Gäste des Königs 
unter einem großen Zelte vereinigte, herrschte die helle Freude; alte Männer 
fielen einander weinend in die Arme und priesen sich glücklich, diesen Tag 
noch zu erleben, FriedrichWilhelm selbst überschüttete den aus dem Getümmel 
herangeholten Sulpiz Boisseree mit dankbarer Huld. Am Abend war die 
Stadt mit ihren malerischen Türmen festlich beleuchtet — ein unver— 
geßlicher Anblick für die Tausende, die auf reichbeflaggten Dampfern den 
Rhein auf und nieder fuhren.
        <pb n="183" />
        Das Domfest. 175 
Unter den namhaften Gästen war wohl nur einer, den die allgemeine 
Glückseligkeit kalt ließ: Fürst Metternich. Der stand, derweil der König redete, 
in dessen nächster Nähe und zog einen langen Kamm aus der Tasche, um 
sich bedächtiglich sein gelichtetes Haar vom Hinterkopf nach vorn zu strähnen. 
Nicht ohne Ironie betrachtete er jetzt seinen königlichen Verehrer, der 
alles in Unruhe bringe und immer sich selber ins Licht zu stellen suche; 
vor Vertrauten bespöttelte er diese Siege auf Schlachtfeldern, wo kein Blut 
vergossen würde, und meinte, man wisse nicht, ob der hohe Herr sich selbst 
oder andere mehr berausche. Leider lag ein Körnlein Wahrheit in diesem 
boshaften Urteile. Friedrich Wilhelms Reden waren, wie der Bildhauer 
Rietschel mit kongenialem Verständnis nachfühlte, echte Kunstwerke, nicht 
gemacht, sondern geworden, unmittelbare Ergießungen seines bewegten 
Inneren und eben darum, wie der Geist des Redners selbst, ohne klaren 
politischen Inhalt, jeder Deutung und Mißdeutung fähig. Gründlicher 
als hier in Köln war der königliche Redner noch niemals mißverstanden 
worden. Der junge Poet Robert Prutz sang ihm zu: 
Herr, die Geschichte drängt, die Räder rollen, 
Und wollt' es Gott, Gott selber hielt sie nicht ... 
So sprich das Wort zum zweiten Dombaufeste, 
Sprich aus das Wort: Konstitution! 
Und wenn auch nur ein kleiner Teil seiner Hörer so bestimmte liberale 
Wünsche hegen mochte, so glaubten doch alle, daß er mit seinen verhei— 
ßungsvollen Worten eine ganz neue Ordnung der Dinge ankündigen 
wolle, eine Zeit der Erfüllung, die dem Freiheits- und Einheitsdrange der 
Nation endlich gerecht werden müsse. Er aber meinte, das einige, den 
Frieden unblutig erzwingende Deutschland hätte sich ja schon vor zwei 
Jahren vor aller Welt bewährt, und dachte weder den Bundestag noch 
die Souveränität der kleinen Kronen jemals anzutasten. 
Sobald die Nation den wahren Sinn der königlichen Worte zu er— 
raten begann, mußte der patriotische Hoffnungsrausch der Festtage ver— 
fliegen. Aber die Begeisterung für den Dombau hielt an. Rascher, als 
man zu hoffen gewagt, schritt die Arbeit vorwärts. Meister Zwirners 
Bauhütte wurde eine hohe Schule der bildenden Künste für unseren 
Westen; Männer wie Statz und F. Schmidt gingen aus ihr hervor, 
große Talente, die das Werk der Vorfahren „nach Zirkels Kunst und 
Gerechtigkeit“ weiterführten und doch die überlieferten Formen, den Ge— 
fühlen des neuen Jahrhunderts gemäß, leise umbildeten; nur in den 
massenhaften Skulpturwerken des Bildhauers Fuchs verriet sich oft 
die Flüchtigkeit überhasteten Schaffens. Die reichsten Spenden gab wie 
billig das Rheinland, selbst die Studenten in Bonn hatten einen akade— 
mischen Domverein gebildet; aber auch aus Berlin und anderen entlegenen 
Städten kamen reiche Beiträge. Unter den Eifrigsten war König Ludwig 
von Bayern. Er sprach die Hoffnung aus, daß „seiner Bayern Mitwirkung“
        <pb n="184" />
        176 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
nicht fehlen werde, wo es gelte, „teutschem Sinn und teutscher Eintracht 
ein großartiges Denkmal zu setzen“, und bemühte sich einen Dombau— 
verein deutscher Fürsten zu bilden. Da dieser Plan an den protestan— 
tischen Bedenklichkeiten der Höfe von Stuttgart und Kassel scheiterte, so 
ging der Wittelsbacher allein vor und stellte der unter seiner Herrschaft 
wieder aufgeblühten Kunst der Glasmalerei eine würdige Aufgabe; die 
herrlichen Fenster, die er dem südlichen Seitenschiffe schenkte, konnten den 
Vergleich mit der glühenden Farbenpracht der Werke des Mittelalters 
beinahe aushalten. Es war ein schöner Wetteifer; die Mehrheit der Na— 
tion ließ sich in ihrer politischen Hochherzigkeit nicht beirren durch die 
leider sehr nahe liegende Frage: ob denn die Priester dieses Domes sich 
selbst bekennen würden zu dem Geiste christlicher Liebe, der den könig- 
lichen Protektor des Baues beseelte? 
Nur die alten Rationalisten und die jungen Atheisten überschütteten 
das Unternehmen mit Spott und Hohn. Der halbverschollene greise Bret- 
schneider in Gotha zeterte wider den Kölnischen Pfaffengeist, da ja Görres 
soeben in einer warmen und ausnahmsweise friedfertigen Schrift seinen 
alten Weckruf erneuert hatte. David Friedrich Strauß faßte einen grim- 
migen, geradezu persönlichen Haß wider den Dombau, denn nach seiner 
Meinung wohnte „der Gott in keinen Tempeln mehr“. Heine aber 
weissagte mit wiehernder Schadenfreude: 
Er wird nicht vollendet trotz allem Geschrei 
Der Raben und der Eulen, 
Die altertümlich gesinnt so gern 
In hohen Kirchtürmen weilen. 
Er weidete sich an dem Gedanken, daß man das Gotteshaus dereinst noch 
in einen Pferdestall verwandeln würde. So gänzlich hatte er an der 
Seine Fühlung mit seinem verlassenen Volke verloren. Die geborenen 
Franzosen dachten anders; ihrer viele gestanden mit stillem Neide: zu 
einem solchen Werke, dessen das zerrissene Deutschland sich erdreiste, würde 
romanischer Opfermut schwerlich ausreichen. 
Noch einige Wochen verweilte der König am Rhein, schwelgend 
in den historischen und künstlerischen Reizen des Landes. Überall riß 
er die warmherzigen Massen hin; selbst die gegen alles preußische Wesen 
noch sehr mißtrauischen Aachener fühlten sich geehrt, als er in gütiger 
Ansprache ihre Treue lobte. Darauf gab er in Brühl, dem lieblichen 
Rokokoschlosse der Kölnischen Kurfürsten seinen hohen Gästen nochmals ein 
Fest und feierte in seinen Trinksprüchen erst die beiden Helden des Be- 
freiungskrieges, die Könige von Württemberg und Niederland, alsdann, 
an die alte Waffenbrüderschaft erinnernd, den Erzherzog Johann, dessen 
Name „uns anwehe wie die Bergluft der Hochalpen“. In Deutschland 
war der greise Erzherzog so gut wie unbekannt, von den wenig glücklichen 
Kriegstaten seiner Jugendjahre sprach längst niemand mehr. In der
        <pb n="185" />
        Trinkspruch des Erzherzogs Johann. 177 
Hofburg dagegen galt er für verdächtig; das alte grundlose Märchen, daß 
er in den napoleonischen Tagen sich ein Alpenkönigreich Rhätien hätte 
schaffen wollen, fand dort noch immer Glauben. Seit Jahren lebte er 
dem Hofe fern in der Steiermark, ein rüstiger Landwirt und Gemsjäger, 
mit vielen Gelehrten und Künstlern befreundet, eifrig bemüht um die 
wissenschaftlichen Sammlungen der steirischen Hauptstadt. Er sah aus 
wie ein schlichter Bauersmann, und die seinem Hause eigentümliche Kunst 
der gemütlichen Anbiederung verstand er aus dem Grunde; auch wußte 
man, daß er sich unter Freunden zuweilen mit dem Unmute des gebil- 
deten Mannes über die Torheiten der k. k. Zensur äußerte. So gelangte 
er unverdientermaßen in den Ruf eines Oppositionsführers; noch lauter 
ward seine Freisinnigkeit gepriesen, als er sich in die Tochter eines ein- 
fachen Posthalters verliebte und dies wackere Kind heimführte, denn der 
gefühlvolle Liberalismus jener Tage schwärmte für Mißheiraten ganz so 
treuherzig wie die Putzmacherinnen und die Ladenmädchen. Auf den 
Trinkspruch des Königs dankte der Erzherzog tiefgerührt und schloß etwa 
also: „Solange Preußen und Osterreich, solange das übrige Deutsch- 
land, soweit die deutsche Zunge klingt, einig sind, werden wir unerschütterlich 
dastehen wie die Felsen unserer Berge.“ Wunderbar war die Wirkung 
dieser unschuldigen Worte; den Zeitgenossen schien es ganz unerhört, daß 
ein Erzherzog in Gegenwart Metternichs, und mit den Worten des ver- 
femten Arndtschen Vaterlandsliedes die Einigkeit Deutschlands gepriesen 
hatte. Sofort wurde der alte Herr ein berühmter Mann; die Zeitungen 
versicherten, er hätte gesagt: kein Österreich, kein Preußen mehr! ein 
einig Deutschland hoch und hehr, ein einig Deutschland fest wie seine 
Berge! In Nationen, die einer großen Entscheidung entgegenzittern, 
walten die Kräfte der Mythenbildung mit rätselhafter Stärke; sie 
warfen sich jetzt auf den Osterreicher und gestalteten ihn zu einem volks- 
tümlichen Helden, ganz wie die Italiener sich bald nachher ein phanta- 
stisches Idealbild von dem liberalen Papste Pius IX. aufbauten. Der 
neckische Humor der Weltgeschichte war damit noch nicht erschöpft; die 
Zeit sollte kommen, da Erzherzog Johann zur Belohnung für einen Trink- 
spruch, den er so nicht gehalten, an die Spitze der deutschen Nation 
berufen wurde. 
Nach dem Brühler Festmahle rastete Friedrich Wilhelm eine Weile 
auf seinem Stolzenfels. Dann ging er nach Trier, wo ihn die alten 
Erinnerungen wieder zu einer Rede begeisterten. Als er darauf nach Saar- 
brücken, an die äußerste Westgrenze seines Reiches kam, da stieg das Bild 
der fernen Ostmark vor seiner Seele auf, das Bild der anderen Grenzstadt, 
wo er erst vor zwei Monaten, von Rußland heimkehrend gelandet war. 
Für dies Memel hegte er stets eine Passion, wie er sagte; dort waren 
ihm einst frohe Knabentage vergangen, dort hatte er so oft am Strande 
geträumt, wenn die Dünenreihe der Nehrung im geheimnisvollen 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte V. 12
        <pb n="186" />
        178 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Dämmerscheine der langen nordischen Sommernächte wie ein goldgrüner 
Schleier über dem Meere lag. In sinnigen Worten faßte er jetzt zu— 
sammen, was er für den Osten wie für den Westen seiner Lande empfand, 
und trank auf das Wohl der beiden Städte Saarbrücken und Memel. 
So wand er sich Rose auf Rose in den Kranz seines Lebens. Er be— 
durfte des Glückes; in solchen Tagen poetischer Wanderfreuden sprühte 
er von Geist und Leben. Der Eindruck war so blendend, daß selbst der 
nüchterne König von Württemberg ganz bezaubert von den rheinischen 
Festen heimkam, und der Gesandte aus Stuttgart ehrlich berichtete: „wenn 
Seine Majestät überhaupt ein Herz für irgend jemand auf der Welt 
haben, so ist es Euerer Majestät zugewandt.“*) 
Auch außerhalb des Rheinlandes erwarb sich Friedrich Wilhelm durch 
diese Festreden für kurze Zeit wieder die Gunst des Volkes; denn überall 
in Deutschland herrschte während des heißen Sommers von 1842 eine 
gehobene patriotische Stimmung. Mehr noch als die Freude an dem 
großen rheinischen Nationalwerke beschäftigte die deutschen Herzen die ge— 
meinsame Teilnahme für das unglückliche Hamburg. Am 5. Mai, als 
man gerade die neue Eisenbahn nach Bergedorf festlich zu eröffnen dachte, 
wurde die Hansestadt von einem ungeheueren Brande heimgesucht. Drei 
und einen halben Tag hindurch wüteten die Flammen; an zweitausend 
Häuser, mehr als ein Fünftel der Stadt, sanken in Asche, darunter alle 
die prächtigen neuen Gebäude des Jungfernstiegs an dem Wasserbecken 
der Alster; fast zwanzigtausend Menschen verloren ihr Obdach, den Schaden 
schätzte man auf 45 Millionen Taler. Das grauenhafte Schauspiel 
erinnerte an die Sagen des Altertums. Ein Funkenregen, wie er einst 
auf Pompeji herabsank, wurde vom mißgünstigen Winde weithin über 
die Stadt getragen; in mächtigen Springquellen stieg der brennende Sprit 
aus den großen Weinlagern auf und nieder, das Wasser der Fleete mit 
blauen Flämmchen bedeckend; die schreckliche Hitze und ein feiner Staub, 
der wie glühendes Mehl in alle Poren drang, benahmen den Menschen 
fast die Sinne. Zu Anfang betrugen sich die Behörden schwach und 
kopflos; auch die Bürger zeigten die allen Großstädtern bei Feuerlärm 
eigentümliche Gleichgültigkeit und vertrauten blindlings auf ihre gerühm- 
ten Löschanstalten. Die Größe der Gefahr ward erst erkannt, als der 
hohe Turm der Nikolaikirche jählings auf das Kirchendach herabstürzte, 
mit seinen umherfliegenden Trümmern alle Häuser ringsum entzündend, 
und sein schönes Glockenspiel im Herabfallen wie in wahnsinniger Ver- 
zweiflung grelle Mißtöne erklingen ließ. Nun erst erlaubte der Senat, 
daß unter der Leitung des verdienten englischen Ingenieurs Lindley ganze 
Häuserreihen in die Luft gesprengt oder mit Kanonen zusammengeschossen 
wurden, sogar das ehrwürdige Rathaus, wo der Senat ein halbes Jahr- 
  
*) Rochows Bericht, 25. Sept. 1842.
        <pb n="187" />
        Brand von Hamburg. 179 
tausend hindurch getagt hatte. Am dritten Tage hatten sich die Bürger 
an die Gefahr gewöhnt und, obwohl auch ihre älteste Kirche, St. Petri 
noch in Trümmer fiel, doch die Hoffnung gewonnen, daß die Stadt nicht 
ganz verloren sei; mit wachsender Zuversicht und zuletzt in trefflicher 
Ordnung führten sie den Kampf zu Ende. 
Wie immer, wenn die Sterblichen vor der Macht der Elemente ihre 
Kleinheit fühlen, traten alle edlen und alle gemeinen Kräfte der mensch— 
lichen Natur zugleich zu Tage. Wenn die Pulverwagen durch die bren— 
nenden Straßen fuhren, dann setzten sich manche wackere Bürger-Artil— 
leristen freiwillig auf die Pulverfässer, um sie mit ihrem Leibe gegen die 
umherstiebenden Funken zu decken. Aber auch der berüchtigte Pöbel vom 
Hamburger Berge und Massen wüsten Gesindels vom Lande her waren 
zusammengeströmt; die Unholde umtanzten die Flammen mit viehischem 
Gejohle, hielten ihre Saufgelage in den brennenden Häusern, raubten, 
plünderten, zerstörten nach Herzenslust; und das Bürgermilitär, das sich 
überhaupt in dieser ernsten Probe weit besser hielt als sonst auf den 
Exerzierplätzen, mußte mehrmals, mit den Linientruppen vereint, den 
scheußlichen Banden Straßengefechte liefern. Selbst ruhige Männer 
wurden krankhaft aufgeregt durch den finsteren Argwohn, der bei solchem 
Unheil selten ausbleibt. Die Engländer steckten die Stadt an — so hieß 
es überall, denn die große Maschinenfabrik auf dem Grasbrook beschäf— 
tigte viele englische Arbeiter, die den einheimischen längst verhaßt waren; 
und manche Leute von englischem Aussehen, auch der junge Dichter Fried— 
rich Hebbel sahen sich von der erhitzten Menge schwer bedroht. In der 
langen Untersuchung nachher wurde jedoch kein einziger Fall von Brand- 
stiftung nachgewiesen, auch die erste Ursache des Unglücks blieb immer 
verborgen. Als die Gefahr überwunden war, da zeigte sich erst, was 
Deutschland an dem Reichtum und dem Bürgersinne seiner ersten Handels- 
stadt besaß. Schon nach wenigen Tagen erklärte man den benachbarten 
Regierungen zuversichtlich: für den Geldverlust könne die Stadt allein 
aufkommen..) Der Stolz der Kaufmannschaft, die neue Börse, war 
unter der Hut beherzter Männer unversehrt geblieben inmitten der Trüm- 
mer; die Bank hatte ihre Schätze gerettet und das Abschreiben nicht 
einen Tag lang eingestellt, auch in den Häfen war die Arbeit nicht gänz- 
lich unterbrochen worden. Salomon Heine, der reiche Oheim des Dichters 
setzte durch, daß der Disconto nicht über vier vom Hundert steigen durfte; 
zwanzig Firmen bildeten alsbald eine Darlehnsgesellschaft mit 12 Mil- 
lionen Mark Banco Capital, und im August schon konnte die Stadt eine 
große Anleihe zu 3 Prozent aufnehmen. Nun wurden die weiten Trümmer- 
felder abgeräumt, wobei man noch zehn Wochen nach dem großen Brande 
in manchen Kellern fortschwelendes Feuer fand, die zerstörten Straßen 
  
*) Thiles Bericht an den König, 16. Mai 1842. 
127
        <pb n="188" />
        180 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
schöner und stattlicher wieder aufgebaut, die Häfen erweitert, neue Ver— 
bindungen mit dem linken Elbufer eingerichtet. 
So erfüllte sich, was Schenkendorf in der Trübsal der napoleonischen 
Herrschaft vorhergesagt: man sah in jungen Ehren den Phönix Hamburg 
wieder. Doch die Not lehrt nicht bloß beten, sie lehrt auch in sich gehen 
und um sich blicken. Die politischen Gebrechen des unbehilflichen altvä— 
terischen Gemeinwesens waren in den Schreckenstagen doch gar zu fühl— 
bar geworden; bald nachher beschloß die angesehene Patriotische Gesell— 
schaft, auf den Antrag des Publizisten Wurm, des Doktors Kirchenpauer 
und anderer jüngerer Bürger, den Senat um Trennung von Rechtspflege 
und Verwaltung, um ein freieres Wahlverfahren in den städtischen Kolle— 
gien, endlich um Verbesserung des verwahrlosten Polizeiwesens zu bitten. 
Der alte Bürgermeister Bartels aber und die Mehrzahl der Senatoren 
erklärten diese bescheidenen Wünsche für jakobinisch, und da auch die Mehr- 
zahl der Bürgerschaft, ganz dahingenommen von wirtschaftlichen Sorgen, 
für politische Fragen jetzt keinen Sinn hatte, so kam von allen geplanten 
Reformen nur die eine zu stande, daß die Juden fortan überall in der 
Stadt, nicht wie bisher nur in bestimmten Stadtvierteln wohnen durften. 
Nach wenigen Jahren sollten sich diese politischen Unterlassungssünden 
schwer bestrafen. 
Bei dem Wiederaufbau der Stadt half die gesamte Nation brüder- 
lich mit. Schon während des Brandes eilten aus allen deutschen Nach- 
barstaaten Truppen und Löschmannschaften herbei, und auch nachher kam 
die beste Hilfe, wie billig, aus Deutschland, obgleich die gesamte gesittete 
Welt, namentlich das mit dem großen Freihafen der Elbe durch so mannig- 
fache Interessen verbundene Nordeuropa reiche Beiträge spendete. Vor- 
räte aller Art wurden elbabwärts gebracht, so daß die kleinen Leute in 
Hamburg, die nur wenig verloren, aber jetzt viel zu verdienen hatten, nach 
dem Brande fast besser lebten denn zuvor; an barem Gelde sendete das 
noch immer arme Binnenland in wenigen Monaten mehr denn 1,6 Mill. 
Mark Banco. Selbst im Süden, wo man die Hansestädte wegen ihrer 
Handelspolitik wenig liebte, bekundete sich das Mitgefühl in manchen 
rührenden Zügen; in Heidelberg bildeten sogar die Dienstmädchen einen 
Hilfsverein. Und alle diese Werke der Barmherzigkeit verklärte der pa- 
triotische Gedanke. Zahllose Gedichte und Aufrufe sprachen aus: durch 
den Kölner Dom und den Wiederaufbau Hamburgs müßten die Deutschen 
zeigen, daß sie als Landsleute in Freud und Leid zusammenstünden. Der 
Naturdrang der nationalen Einheit wallte kräftig auf, und ganz im Sinne 
seines Volkes sang Hoffmann von Fallersleben: 
Ja in Hamburgs Feuerscheine 
Tat uns Gott die Wahrheit kund, 
Und des Neubaus erste Steine 
Sind der neue deutsche Bund.
        <pb n="189" />
        Friedrich Wilhelm in Neuenburg. 181 
Auch der König von Preußen nahm an dem Werke der Barmherzigkeit 
freudig teil. Er half durch seine Truppen die Ordnung aufrecht halten, 
schickte den Oberpräsidenten Flottwell hinüber, um selbst nachzusehen, wo 
Hilfe not täte, spendete, wie die meisten anderen deutschen Fürsten ein großes 
Geldgeschenk, ließ überall in seinem Staate eine Haus- und Kirchenkollekte 
veranstalten, weil er glaubte, daß seine Preußen diese Not „als gemein— 
same Not empfinden würden“, und da die vom Bundestage so oft ver— 
folgte Buchhandlung von Hoffmann und Campe durch den Brand schwer 
gelitten hatte, so erlaubte er, daß ihre Verlagswerke, die in Preußen erst 
kürzlich wieder in Bausch und Bogen verboten worden waren, fortan frei 
umlaufen durften. Diese Gnade rechnete man ihm hoch an, weil sie der 
liberalen Sache zu gute kam, und nur wenige bedachten, welch eine Willkür 
doch in solcher Gemütlichkeit lag. 
Vom Rhein reiste der König zu seinen treuen Neuenburgern, die ihm 
vor kurzem jubelnd gehuldigt und dafür die altherkömmliche Zusage er- 
halten hatten, daß er die Landschaft nie veräußern, ihre Rechte allezeit 
wahren würde. Mit allem monarchischen Pomp empfing der Kanton 
seinen Fürsten; die Glocken läuteten, auf den Triumphbogen wehten preu- 
ßische und neuenburgische, nur selten ein schweizerisches Banner. Die 
amtliche Welt dachte durchaus royalistisch, vom jüngsten Leutnant bis hin- 
auf zu Baron Chambrier, dem einflußreichsten Manne des Fürstentums; 
auch die Massen bekundeten lebhafte Freude, denn die im stillen ange- 
wachsene, aber noch führerlose radikale Partei hielt sich scheu zurück. So emp- 
fing der König die allergünstigsten Eindrücke und sagte oft: auf keine meiner 
Untertanen bin ich so stolz. Er ahnte nicht, wie bald das Schicksal ihn 
fragen sollte, ob er der Mann sei, diesen Getreuen seinen Eid zu halten. — 
Während aller dieser Reisen beschäftigte den König fortwährend die 
Ausbildung der seinem Herzen so teuren ständischen Institutionen. Be- 
glückt durch den friedlichen Verlauf der letzten Landtage, hatte er bereits 
im Frühjahr die Absicht ausgesprochen, die neu gebildeten ständischen 
Ausschüsse, die noch in keiner Provinz ihre Tätigkeit begonnen hatten, 
schon in diesem Jahre insgesamt als Vereinigte Ausschüsse nach Berlin 
zu berufen. Ein zwingender Grund lag freilich nicht vor; man wußte 
nicht einmal, womit sich die Ausschüsse beschäftigen sollten. Friedrich 
Wilhelm fühlte sich jedoch in der Stimmung eines glücklichen Vaters, 
der es nicht erwarten kann, seinen wohlgeratenen Kindern eine frohe 
Überraschung zu bereiten. Als am 11. Juni das Staatsministerium 
mit der ständischen Kommission zu gemeinsamer Besprechung zusammen- 
trat, da zeigte sich fast jedermann ratlos. Niemand verstand recht, 
was diese Ausschüsse eigentlich bedeuteten. Sie waren, wie es die Ver- 
ordnung vom 22. Mai 1815 für die künftigen Reichsstände vorschrieb, 
„aus den Provinzialständen gewählt.“ Waren sie nun selber die damals 
verheißene Landesrepräsentation, oder sollten sie nur über Fragen, die der
        <pb n="190" />
        182 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Monarch ihnen nach freiem Ermessen vorlegte, unmaßgebliche Ratschläge 
erteilen? Der König meinte unzweifelhaft das letztere, er dachte nach 
seiner patriarchalischen Weise die Preußen erst durch die Schule der Aus— 
schuß-Beratungen zu erziehen, um ihnen späterhin noch größere ständische 
Rechte zu gewähren. Doch wer konnte die Ratschlüsse dieser geheimnis- 
vollen Staatskunst ergründen? 
Sehr nachdrücklich erklärte sich der Thronfolger wider das Vorhaben 
des Königs. Dem klaren Blicke des Prinzen von Preußen entging nicht, 
wie unbedacht man das Volk erregte und die Hoffnungen der anwachsen- 
den konstitutionellen Partei aufstachelte, wenn immer nur Tropfen für 
Tropfen kleine Gewährungen aus dem verborgenen Borne königlicher 
Gnade herniedersickerten. Ihm lag vornehmlich an einer ruhigen, stetigen 
Entwicklung. Darum, so sprach er, solle man nur erst die neuen Aus- 
schüsse der einzelnen Provinziallandtage in Wirksamkeit setzen und ab- 
warten, wie sie sich bewährten. Was könne eine verfrühte Berufung der 
Vereinigten Ausschüsse, ohne einen erheblichen Gegenstand der Beratung, 
anders bewirken als falsche Erwartungen? Besser also, man verschiebe 
die Einberufung, bis man wichtige Gesetzentwürfe vorzulegen habe; dann 
biete sich von selbst die rechte Gelegenheit, um die lange Reihe der stän- 
dischen Versprechungen endlich abzuschließen und ganz bestimmt zu erklären: 
„daß das Gebäude der ständischen Einrichtungen hiermit vollendet und eine 
weitere Konzession nicht zu erwarten sei.“ Die Meinung des Prinzen 
ging demnach dahin, daß die Vereinigten Ausschüsse, nachdem sie einmal 
leider durch den Befehl des Königs geschaffen waren, dereinst als die 
Versammlung der Reichsstände anerkannt und mit sehr bescheidenen Rechten 
ausgestattet werden sollten. In ähnlichem Sinne äußerte sich der zunächst 
beteiligte Minister des Innern Graf Arnim. Doch auf die Meinung 
der Minister kam in diesen Jahren wenig an. Der Monarch regierte 
nicht nur selbst; er verstand auch die Dinge also einzufädeln, daß seine 
Ratgeber zumeist vor halbvollendeten Tatsachen standen. So stimmte 
auch jetzt die große Mehrzahl der Versammelten dem königlichen Plane 
zu, manche mit der bescheidenen Erklärung: der Beschluß Sr. Majestät 
stehe ja fest und sei schon in weiteren Kreisen bekannt geworden. General 
Boyen meinte mit dem Freimute des alten Soldaten: die Vereinigten 
Ausschüsse würden immerhin die freiere Entfaltung des ständischen Lebens 
fördern und ganz könne sich Preußen dem Einflusse der benachbarten 
konstitutionellen Staaten nicht mehr entziehen.“) 
Eine Kabinettsordre vom 19. August entbot nunmehr die Vereinigten 
Ausschüsse zum 18. Okt. nach Berlin. In vieldeutigen Worten, ohne 
alle juristische Schärfe ward darin ausgesprochen: die Vereinigung der 
  
*) Protokoll der Sitzung des Staatsministeriums und der Ständischen Immediat- 
kommission vom 11. Juni; Arnim an Thile, 12. Juni 1842.
        <pb n="191" />
        Berufung der Vereinigten Ausschüsse. 183 
Ausschüsse ist eine Entwicklung der ständischen Institutionen, indem sie den 
ständischen Beirat der einzelnen Provinzen durch ein Element der Ein— 
heit ergänzt. Kein Wunder also, daß die Regierung ihrem Lose, über— 
all mißverstanden zu werden, auch diesmal verfiel. Fürst Solms-Lich, der 
begeisterte Verherrlicher der ständischen Monarchie, war zum Marschall 
der Vereinigten Ausschüsse ausersehen und erschien während der rhei— 
nischen Festtage auf dem Stolzenfels, um sich nähere Weisungen zu er— 
bitten. Wie erschrak der König, als dieser Getreue, der doch „gewiß kein 
Liberaler“ war, ihm in aller Unschuld gestand: man glaube allgemein, 
die Krone beabsichtige, vorsichtig zum konstitutionellen Systeme überzugehen; 
da scheine es doch ratsamer den Ausschüssen sogleich erweiterte Befugnisse 
zu gewähren: Petitionsrecht, Einsicht in den Staatshaushalt, Einberufung 
aller drei Jahre, beratende Mitwirkung bei den Landesgesetzen — und 
zugleich ausdrücklich zu erklären, die ständische Verfassung habe nunmehr 
ihren Schlußstein erhalten; sonst würden sich widerwärtige Adreßdebatten 
in den Ausschüssen kaum vermeiden lassen.) Auch Metternich, der auf 
dem rheinischen Schlosse ebenfalls befragt wurde, meinte bedenklich, man 
habe sich auf eine schiefe Ebene gewagt. Der König aber erwiderte, die 
Ausschüsse sollten weder selbst Reichsstände sein noch den Keim eines 
künftigen Reichstags bilden. Um alle Mißverständnisse abzuschneiden, be- 
auftragte er noch unterwegs den General Radowitz mit der Ausarbei- 
tung eines Manifestes, das den Ausschüssen bei ihrer Eröffnung vor- 
gelesen werden sollte. 
Gleich nach seiner Heimkehr, in den ersten Tagen des Oktobers, 
ließ er die Minister zusammentreten, um über diese Bekanntmachung zu 
beraten. Radowitzs Entwurf war sehr doktrinär gehalten. Er sagte 
über die Verfassungspläne des Königs nichts Bestimmtes, sondern bekun- 
dete lediglich, daß die Theoretiker der ständischen Monarchie nur wußten, 
was sie nicht wollten. „Wir werden“, hieß es da, „die deutsche fürstliche 
Herrschaft in diesem Reiche nicht in eine konstitutionelle Souveränität 
verwandeln, die königliche Herrschaft nicht der Herrschaft der Majoritäten 
unterwerfen.“ Der Ton klang so feindselig gegen alles konstitutionelle 
Leben, daß selbst General Thile meinte: wenn man also rede, dann könne 
man mit den süddeutschen Staaten nicht mehr im Frieden leben, selbst 
den Zollverein kaum noch aufrecht halten.“) Auch die anderen Minister 
fanden das Manifest bedenklich. Nur der Prinz von Preußen verlangte, 
obwohl auch ihn der Radowitzsche Entwurf nicht befriedigte, in lebhafter 
Rede, daß der Monarch jetzt zu den Preußen reden und deutlich angeben 
solle, ob die ständische Gesetzgebung endlich abgeschlossen sei, oder ob noch 
weitere Schritte bevorstünden. Im Volke, rief er aus, bestehen zwei Par- 
  
*) Bodelschwingh, P. M. zu der befohlenen Beratung über die Vereinigten Aus- 
schüsse, 28. Sept. 1842. 
*“) Radowitz, Entwurf zu einem Manifest an den Ausschußtag. Sept. 1842.
        <pb n="192" />
        184 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
teien, die eine voll Furcht, die andere voll Hoffnung; die Nation muß 
wissen, woran sie ist.“) Zuletzt beschloß man, die Versammlung zu 
eröffnen ohne ein Manifest und ohne eine feierliche Anrede des Mon- 
archen; denn die ständischen Entwürfe, mit denen der König sich noch 
trug, waren seinen Räten noch nicht mitgeteilt, und er wollte davon 
für jetzt nichts öffentlich verlauten lassen. 
Am Jahrestage der Leipziger Schlacht traten die Ausschüsse im Schlosse 
zu Berlin zusammen. Von der gehobenen Stimmung, welche der große 
Erinnerungstag erwecken sollte, zeigte sich keine Spur. Wohl sagte Arnim 
in seiner Eröffnungsrede, dies sei für immer ein glorreicher Tag in der 
Regierung des Königs. Die Versammlung aber fühlte sich unsicher, denn 
sie sahen keinen Rechtsboden unter ihren Füßen; um so ängstlicher mußte 
sie sich hüten, in die Rechte der Provinziallandtage oder des künftigen 
Reichstags einzugreifen. Sie bestand aus 98 Mitgliedern, 46 von den 
Standesherren und der Ritterschaft, 32 städtischen, 27 bäuerlichen Abge- 
ordneten. Jeder Überhebung war durch eine überaus kleinliche Geschäfts- 
ordnung vorgebeugt. Minister Bodelschwingh erlaubte den Ausschüssen nicht 
einmal, dem Monarchen in einer Adresse für die Einberufung zu danken; 
sie mußten ihren Dank in den Protokollen niederlegen. Diese wurden 
gedruckt und enthielten — wieder ein kleines Zugeständnis — sogar die 
Namen der Redner, aber sie durften nur zum Gebrauche der Mitglieder 
selbst dienen. Nach langem Suchen hatte das Ministerium endlich drei 
Fragen aufgefunden, welche den Ausschüssen zur Begutachtung vorgelegt 
wurden. Die erste betraf den beabsichtigten Steuererlaß von 2 Mill. Tlr. 
und war im Grunde überflüssig. Denn von vornherein hatte das Finanz- 
ministerium geraten, nur eine Steuer, die bei den kleinen Leuten ver- 
haßte Salzsteuer zu ermäßigen, damit der Beweis königlicher Gnade jedem 
in die Augen fiele"*); dieser Vorschlag war von der großen Mehrzahl der 
Provinziallandtage angenommen worden, und den Ausschüssen blieb nur 
übrig, das schon Beschlossene nochmals zu genehmigen. Noch weniger po- 
litische Bedeutung hatte die dritte Frage wegen der Benutzung der Privat- 
flüsse; dieser Gesetzentwurf konnte nur technische Erörterungen hervorrufen. 
Sehr peinlich aber war der Eindruck, als die Regierung ihre zweite 
Frage stellte: ob die Ausschüsse die baldige Ausführung eines umfassen- 
den, die Provinzen unter sich und mit der Hauptstadt verbindenden Eisen- 
bahnsystems für notwendig hielten? Die Frage wurde mit großer 
Mehrheit bejaht, seit dem glücklichen Gelingen der Leipzig-Dresdner 
Eisenbahn begannen den Preußen die Augen aufzugehen. Von allen 
Seiten ward anerkannt, das germanische Preußen müsse „der Führer 
  
*) Protokolle des Staatsministeriums, 6. 8. 10. Okt. 1842. 
** ) Denkschriften über den Steuererlaß, von Alvensleben Aug. 1840, von Patow 
24. Jan. 1842.
        <pb n="193" />
        Verhandlungen der Vereinigten Ausschüsse. 185 
der Zeit“ sein, das neue Verkehrsmittel solle das Gefühl der Einheit in 
den so weit entlegenen Provinzen erwecken, ihre Volkswirtschaft kräftigen, 
ihre militärische Verteidigung sichern; denn daß die Eisenbahnen mindestens 
Infanteriemassen befördern könnten, hielt man jetzt für möglich. Nur 
der brandenburgische Landtagsmarschall Rochow-Stülpe und einige andere 
seiner konservativen Landsleute wollten an den Nutzen der Neuerung noch 
nicht glauben, und Graf Raczynski meinte traurig, der kümmerliche Ge— 
werbefleiß der Städte Posens könnte den Wettbewerb, den die Eisenbahnen 
bringen würden, schwerlich ertragen. Nunmehr erhob sich die schwierigere 
Frage, was der Staat für den Bau der Eisenbahnen tun solle, und 
bei dieser Beratung ward allen fühlbar, in welcher Verwirrung sich 
das Staatsrecht des Landes befand. Die große Mehrheit der Ausschuß— 
Mitglieder — Graf Arnim selbst gestand dies späterhin ehrlich zu*) — 
wünschte im stillen, daß der Staat die Hauptlinien selbst bauen sollte; 
man fürchtete im Lande den Aktien-Wucher der Börsen und begriff 
nicht, woher die armen Ostprovinzen das genügende Privatkapital auf- 
treiben könnten. Die Regierung aber stand nicht auf der Höhe der Zeit; 
sie entbehrte eines staatsmännischen Sachverständigen, wie ihn die Badener 
an ihrem Nebenius besaßen; sie hielt den Staatsbau für ein zweifelhaftes 
Wagnis und fühlte sich zudem unfrei, weil sie Anleihen ohne Reichsstände 
nicht aufnehmen konnte. 
Darum erklärte Bodelschwingh auf das nachdrücklichste, die Regierung 
habe beschlossen, in den nächsten Jahren keine Eisenbahn selbst zu bauen, 
sie sei jedoch bereit, wie sie es bisher schon mehrmals getan, den Pri- 
vatbahnen für wenige Jahre eine mäßige Verzinsung des Anlagekapitals 
zu verbürgen. Eine solche Zinsengarantie war im Grunde auch nichts 
anderes als eine Vermehrung der Staatsschuld. Niemand wußte das 
besser als der kluge Generalsteuerdirektor Kühne**); indes mußte er schwei- 
gend mit anhören, wie sein vorgesetzter Minister die Versammlung dahin 
belehrte: zwischen einem Bürgen und einem Hauptschuldner bestehe doch 
ein großer Unterschied. Durch die bestimmte Weigerung des Ministers 
wurden die Ausschüsse verhindert, sich über den Staatsbau zu äußern, 
da sie ja nur vorgelegte Fragen beantworten sollten. Die Stimmung 
im Saale ward recht unbehaglich, obgleich man die ruhige Haltung be- 
wahrte; die Reden, die von den ungeübten Sprechern meist abgelesen 
wurden, klangen verlegen; auf allen lastete das drückende Gefühl, daß man 
seine wahre Meinung nicht sagen konnte. Ganz frei von der Leber weg 
sprach nur ein Heißsporn vom Rhein, Kaufmann Brust aus Boppard; 
der meinte, ohne die Reichsstände könne die Krone keine Zinsengarantie 
übernehmen, und verlangte erst genaue Mitteilungen über den Stand 
  
*) Arnim, Denkschrift über die ständischen Angelegenheiten, 13. Mai 1845. 
*) So gesteht er selbst in seinen Denkwürdigkeiten
        <pb n="194" />
        186 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
des Staatsschatzes und der Staatseinnahmen, bevor man sich über Finanz- 
sachen ausspräche. Niemand wollte ihm folgen, denn zur Lösung der großen 
Verfassungsfragen, die sich hier drohend ankündigten, hatte der Ausschuß- 
tag kein Recht. Viele fühlten, welch eine unglückliche Halbheit es doch war, 
wenn der Staat an den möglichsten Gewinsten der Eisenbahnen nicht 
teilnehmen, sondern nur für ihre Verluste aufkommen wollte. 
Gleichwohl wurde die Frage bejaht: ob die Regierung den Eisenbahn- 
bau mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, namentlich auch durch Zins- 
garantien fördern solle. Es war ein Notbehelf. Die Ausschüsse stimmten 
nur zu, weil sie nach der Erklärung des Ministers für jetzt auf Staatseisen- 
bahnen nicht rechnen konnten, und erwiesen ihm sodann noch die Gefällig- 
keit, diesen ganz unzweifelhaften Beweggrund ihres Beschlusses mit einer 
Mehrheit von drei Stimmen ausdrücklich in Abrede zu stellen. Da der 
Kabinettsminister General Thile wie sein Vorgänger General Lottum nach 
preußischem Soldatenbrauche in allen Geldsachen sehr genau war, so be- 
schlossen die Ausschüsse ferner: die Ausführung des Eisenbahnsystems er- 
scheine notwendig selbst unter dem Vorbehalte einer möglichen Wiederer- 
höhung der Steuern; doch zugleich baten sie den König, von diesem Vor- 
behalt abzusehen, „um nicht den wohltätigen Eindruck des Steuererlasses 
zu schwächen.“ 
So schwankten sie von einer Unklarheit zur anderen; ohne Anleihen, 
ohne Reichsstände kam dieser Staat keinen Schritt mehr vorwärts. Die 
Ostpreußen, die überhaupt am festesten zusammenhielten, zeigten sich sehr 
unwillig über die beengende Geschäftsordnung, die das Reden nur nach 
der Reihenfolge des Alphabets gestattete, und Rudolf von Auerswald gab 
der Gesinnung seiner Landsleute einen lebhaften Ausdruck. Als Graf 
Arnim zum Schluß im Namen des Königs vertraulich anfragte, ob die 
Provinzen nicht den Bau je einiger Strebepfeiler am Kölner Dome über- 
nehmen wollten, da wurde ihm in aller Ehrfurcht erwidert, es wäre wohl 
einfacher, wenn die Provinziallandtage oder ihre einzelnen Mitglieder zu 
freiwilligen Beiträgen aufforderten; eine Versammlung, der die Krone gar 
keine wirksamen Rechte zugestand, konnte doch unmöglich Geschenke be- 
willigen.) Am 10. Novbr., nach drei Wochen, wurde die Tagung ge- 
schlossen; der Erfolg war, wie der Prinz von Preußen vorausgesagt: die 
wenig fruchtbaren Verhandlungen hatten in der gärenden Zeit allerhand 
unbestimmte Hoffnungen erweckt und keine befriedigt. Zum Abschied be- 
rief der König die Ausschüsse zu sich, dankte ihnen herzlich und hielt ihnen 
alsdann in einer sonderbar lehrhaften Ansprache einen Hauptsatz der Haller- 
schen Doktrin vor: sie seien zugleich Vertreter ihrer eigenen ständischen 
Rechte und völlig unabhängige Ratgeber der Krone, also „keine Reprä- 
  
*) Berichte über die Verhandlungen der Vereinigten Ausschüsse, von Bodelschwingh 
21.—29. Okt.; von Arnim 3.—9. Nov. 1842.
        <pb n="195" />
        Schluß des Ausschußtages. 187 
sentanten des Windes der Meinung und der Tageslehren“. Mit Ver— 
wunderung folgten die Stände dieser dunklen Rede: glaubte der König 
wirklich, daß irgend ein Mann sich im politischen Leben dem Winde der 
Meinung ganz entziehen könne? oder wollte er nur den liberalen Tages— 
lehren Fehde ansagen? Verdrießlich und enttäuscht ging man ausein— 
ander. Die vertrauensvolle Stimmung der rheinischen Festtage war ver— 
schwunden, und sie kehrte nicht wieder. Das Beckersche Rheinlied ver— 
scholl in Deutschland bald gänzlich und tauchte erst nach langen Jahren 
in Belgien wieder auf, wo die Vlamen drohend den Franzosen zusangen: 
zy zullen hem niet temmen, den fieren vlaamschen Leeuw! — 
Noch während die Ausschüsse tagten, eröffnete der König neue Ver— 
handlungen über die Fortbildung der ständischen Institutionen. In einer 
Sitzung des Ministerrats, am 8. Nov. entwickelte er den Verfassungsplan, 
den er fortan mit stiller Zähigkeit festhielt, aber erst nach vollen vier 
Jahren ausführte. Er erkannte das Staatsschuldengesetz von 1820 als 
verbindlich an, und da er den „für Preußen unmöglichen konstitutionellen 
Weg nie zu betreten“ entschlossen war, so dachte er der Regel nach mit 
den Provinzialständen und ihrem Zentralorgane, den Vereinigten Aus— 
schüssen auszukommen. Würde aber in Friedenszeiten eine Anleihe oder 
die Erhöhung direkter Steuern unvermeidlich, dann wollte er die sämt— 
lichen Provinziallandtage als Vereinigten Landtag zusammenberufen — 
am besten wohl in eine harmlose Provinzialstadt, etwa nach Brandenburg; 
denn sein Lehrer Ancillon, der einst die Anfänge der französischen National— 
versammlung als Augenzeuge mit erlebt, hatte ihm oft beweglich vorge— 
stellt, wie tief die Drohungen eines hauptstädtischen Pöbels ein Parla— 
ment entwürdigen könnten. Diesem Vereinigten Landtage beabsichtigte er 
in solchen Notfällen das Recht der Steuerbewilligung einzuräumen. Er 
ging also hochherzig sehr weit über die Versprechungen seines Vaters hinaus. 
Sein Billigkeitsgefühl sträubte sich dawider, von einem Landtage, der keine 
Abgaben zu bewilligen hatte, die Bürgschaft für eine Anleihe zu verlangen; 
auch wußte er wohl, daß die Steuerbewilligung allezeit ein gutes Recht 
der alten deutschen Stände gewesen war. Während er dergestalt mit der 
einen Hand den Reichsständen neue Rechte schenkte, nahm er leider mit der 
anderen mehrere Verheißungen des alten Königs zurück. Er fürchtete den 
bei der günstigen Lage des Staatsschatzes höchst unwahrscheinlichen Fall, 
daß schon während der geheimen diplomatischen Vorbereitung für einen Krieg 
eine Anleihe nötig würde, und den fast undenkbaren Fall, daß seine Preußen 
ihm gar während des Krieges eine Anleihe verweigern könnten; darum dachte 
er den Ständen die Bürgschaft für Kriegsanleihen zu versagen. Ferner 
wollte er die Versammlung des Vereinigten Landtags ganz in seiner 
Hand behalten und sich zu keiner periodischen Berufung verpflichten, ob— 
gleich die Reichsstände auf Grund des Staatsschuldengesetzes alljährlich 
Rechenschaft von der Schuldenverwaltung verlangen durften. Auch dies
        <pb n="196" />
        188 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
war ein rein doktrinäres Bedenken; denn kam der Vereinigte Landtag 
einmal zusammen, so mußte er unfehlbar häufig wiederkehren, keine Macht 
der Welt konnte dies dann noch verhindern. Endlich scheute der König 
die Aufregung der Wahlen, obwohl doch die Erwählung der Vereinigten 
Ausschüsse soeben ganz ruhig verlaufen war, und wollte darum die Reichs— 
stände durch einfache Zusammenberufung aller Provinziallandtage bilden. 
Alle diese Abweichungen von den alten Gesetzen hoffte er aber auf 
streng rechtlichem Wege, mit Zustimmung seiner getreuen Stände selbst, 
durchzuführen, und stellte daher an den Ministerrat drei Fragen. Er— 
stens, kann man den Ständen, wenn man sie auf dem Provinzialland- 
tage oder in einem Vereinigten Landtage befragt und ihnen das Steuer- 
bewilligungsrecht zugesteht, die Anforderung stellen, daß sie auf die Zu- 
stimmung zu Kriegsanleihen verzichten? Zweitens, werden sie sich nicht 
für inkompetent erklären? Drittens, sind für den Fall eines plötzlich 
ausbrechenden Krieges genügende Mittel vorhanden? Die Befragten 
waren ebenso sehr verwundert über die halb freigebigen, halb kargen Ge- 
währungen des Monarchen, wie über die rechtlichen Schwierigkeiten, die 
er sich durch seinen künstlichen Plan selbst geschaffen hatte. Ganz ein- 
verstanden erklärte sich nur einer, Geh. Rat von Voß. Die große Mehr- 
zahl der Minister, Boyen, Thile, Bodelschwingh, Stolberg, Mühler, Eich- 
horn, Savigny, Bülow, ja selbst der greise Präsident des Staatsrats 
General Müffling hielten für unmöglich, daß ständische Körperschaften 
ihre eigene Macht freiwillig beschränken könnten; sie sagten dem Könige 
voraus, was nach vier Jahren eintraf: die Vereinigten Provinzialstände 
würden sich nicht für befugt halten, in die Rechte des verheißenen Reichs- 
tags einzugreifen. Nicht ganz so ablehnend, aber auch nicht zustimmend lau- 
teten die Gutachten von Rochow, Alvensleben, Rother, Arnim. Mehrere 
empfahlen die Berufung eines gewählten ständischen Ausschusses. Der 
Justizminister Mühler wagte sogar die ketzerische Behauptung: „Gegen eine 
Verfassungsurkunde des preußischen Staates läßt sich nichts erinnern. Eine 
solche Urkunde im Sinne des monarchischen Prinzips wäre die erste ihrer 
Art und würde dann zu den konstitutionellen Charten anderer Länder 
einen interessanten Gegensatz bilden.“ 
Der alte Rother sogar, der als treuer Diener des verstorbenen Königs 
nur dessen letzten Willen auszuführen, nur einen kleinen Ausschuß von 
32 Landständen und eben so vielen Staatsräten zu berufen vorschlug, 
fühlte sich doch gedrungen zu der bestimmten Erklärung: die Verwaltung 
der Staatsschulden lasse sich ohne irgend eine Mitwirkung von Ständen 
auf die Dauer nicht mehr weiterführen. Die Schuld, so führte er aus, 
sei seit 1820 um fast 68 Mill. Tlr., bis auf 138,86 Mill. vermindert 
worden und werde in einer nahen Zukunft nur noch 100 Mill. be- 
tragen. Tiefer aber dürfe sie nicht sinken; sonst triebe man das heimische 
Kapital in das Ausland oder in Schwindelgeschäfte; darum müsse das
        <pb n="197" />
        Beratungen über die künftige Verfassung. 189 
Staatsschuldengesetz mit ständischer Zustimmung rechtzeitig abgeändert und 
dann die Tilgung eingestellt werden.“) Selbst dieser Mann der alten 
Hardenbergischen Schule hatte also gelernt von der verwandelten Zeit. 
Die Meinung, daß Staatsschulden schlechthin vom übel seien, war einst 
in den knappen Jahren nach den Kriegen aufgekommen und durch Nebenius' 
klassisches Buch über den öffentlichen Kredit im deutschen Beamten— 
tum zur Herrschaft gelangt; jetzt da der Unternehmungsgeist erwachte, 
begannen schon viele Deutsche bewundernd auf England zu schauen, das 
bei seiner riesigen Staatsschuld doch immer reicher wurde. Freilich blieb 
Rother noch weit entfernt von der Einsicht, daß jetzt der rechte Augen— 
blick gekommen war, die preußische Staatsschuld durch produktive An— 
leihen für den Eisenbahnbau zu vergrößern. 
Die wohlgemeinten Gutachten der Minister konnten den König nur 
verwirren; denn sie wurden schriftlich eingereicht, nach und nach, ohne 
gemeinsame Vorberatung, manche erst nach Jahresfrist, und wichen im 
einzelnen weit voneinander ab. Es fehlte ein beherrschender staatsmänni— 
scher Kopf, der die Blicke der Amtsgenossen auf das Wesentliche ge— 
richtet und im Namen des Ministerrates den Monarchen gebeten hätte: 
er möge, statt zu künsteln, fest auf dem Boden der alten Gesetze bleiben, 
an denen er ja selbst als Kronprinz mitgebaut, und aus den Provinzial- 
ständen einen Reichstag wählen lassen, dessen Zahl und Zusammensetzung 
noch ganz in der Hand der Krone lagen. Ein solcher gemeinsamer Schritt 
der Minister war allerdings sehr schwer, bei der subalternen Stellung, 
welche Friedrich Wilhelm seinen Räten zuwies; sie beschieden sich alle, 
nur unmaßgebliche Ratschläge zu erteilen und überließen die Verant- 
wortung dem Monarchen allein. Verstimmt über die Bedenklichkeit der 
Minister legte der König nach seiner Weise die ärgerliche Sache vorläufig 
zur Seite und nahm sich im stillen vor, zu gelegener Stunde wieder 
auf seinen unwandelbaren Plan zurückzukommen. Bei der zwecklosen 
Berufung der Vereinigten Ausschüsse hatte er soeben alles überhastet; 
jetzt verlor er wieder eine köstliche Zeit, die Tatenscheu hielt dem Ge- 
fühle seiner königlichen Unfehlbarkeit die Wage. Im Ministerrate war 
fortan ein volles Jahr lang von der großen Zukunftsfrage der Monarchie 
gar nicht mehr die Rede. — 
  
Unter allen den Geschenken, welche Friedrich Wilhelm aus dem Füll- 
horn königlicher Gnade seinen Preußen zu spenden dachte, war ihm die 
Entfesselung der Presse besonders teuer. Er liebte die Freiheit nach 
seiner patriarchalischen Weise, er hoffte durch die Freiheit die Presse zu 
  
*) Vota der Minister auf die drei Fragen Sr. Majestät, vom 9. Nov. 1842 bis 
zum 15. Nov. 1843. «
        <pb n="198" />
        190 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
erziehen, sie emporzuheben aus ihrer geistlosen Verdumpfung. In die 
Zeiten seiner Thronbesteigung fiel das Jubelfest der Erfindung der Buch— 
druckerkunst. Der Tag wurde im Mittelpunkte des deutschen Buchhandels, 
in Leipzig glänzend gefeiert; begeisterte Redner sprachen die Hoffnung 
aus, daß die größte aller deutschen Erfindungen fortan unter dem Segen 
der Freiheit erst ihre volle Wirksamkeit entfalten würde; selbst der Fest— 
redner der Aula, der konservative Gottfried Hermann pries in elegantem 
Latein die Macht des freien Wortes. Für Preußen hatte die ängstliche 
alte Regierung alle öffentlichen Feierlichkeiten untersagt; der neue Herr 
begnügte sich, im August noch eine Nachfeier zu erlauben. Um den 
Wiener Hof nicht zu verletzen, ließ er es auch geschehen, daß der Bundes- 
tag im Juli 1841, nach einer Verabredung zwischen den beiden Groß- 
mächten?), die Gültigkeit der alten Bundesgesetze über die Presse und die 
Universitäten abermals um sechs Jahre verlängerte. Trotzdem hielt er 
seine Befreiungspläne fest; denn da er sein eigenes Herz eben so wenig 
kannte wie die Herzen anderer, so traute er sich's zu, den Lärm der 
Zeitungen gleichmütig zu ertragen. Er dachte vorerst der preußischen 
Presse innerhalb der Schranken des Bundesrechts eine freiere Bewegung 
zu gestatten und späterhin vielleicht den Bund selbst zur Abänderung 
seiner harten Gesetze zu bewegen. Darum wurde zunächst der unentbehr- 
liche Ratgeber für die Bundespolitik, Radowitz, zu einem Gutachten auf- 
gefordert; der ergriff den Gedanken mit Begeisterung und sprach die Hoff- 
nung aus: also würde sein königlicher Herr in dem Geiste der Nation 
selbst „den mächtigsten Verbündeten gegen die Apathie und den egoistischen 
Widerwillen der Kabinette“ finden. 
Darauf begannen, seit dem Herbst 1841, im Staatsministerium sehr 
langwierige Verhandlungen über ein neues Preßgesetz. Der Gedanke, 
die Presse einfach dem gemeinen Rechte zu unterwerfen, lag allen deutschen 
Regierungen noch ganz fern. Jedermann in diesen Kreisen glaubte noch 
an den alten Gentzischen Grundsatz, daß die gefährliche Macht der Zeitungen 
unter besondere Behörden gestellt werden müsse. Die freiesten Köpfe ver- 
langten nur eine milde Zensur und zum Schutze gegen die Mißgriffe 
dieser „Preßpolizei“ eine eigene „Preßjustiz“. Präsident Gerlach, der 
ebenfalls befragt wurde, erklärte mit dem Stolze des preußischen Richters: 
wolle man „die aufregende Maßregel“ einmal wagen, dann müsse das 
neue Preßgericht auch die ganze Selbständigkeit eines Tribunals er- 
halten.*) Über alles Weitere war man nicht einig, und man empfand 
bei diesen verworrenen Beratungen zum ersten Male, daß der neue 
Justizminister Savigny praktischen Aufgaben nicht gewachsen war. Der 
König wollte den Professoren die Zensurfreiheit, die ihnen vor alters 
  
*) Sydows Bericht, 12. Juni 1841. 
*“) Gerlachs Votum, 31. Dez. 1841.
        <pb n="199" />
        Milderung der Zensur. 191 
zugestanden, wiedergeben, er wollte die gleiche Freiheit auch anderen 
Standespersonen gewähren und diesen Begünstigten sogar erlauben, die 
Zensur über die Schriften anderer auszuüben. Da hielt ihm Thile ent— 
gegen: gerade unter den Gelehrten befänden sich so viele unchristliche 
Radikale.) Er dachte ferner zu verbieten, daß die Zeitungen ihn selber 
lobten, während sie die Regierung tadelten „und so die Person des Königs 
in einem Gegensatze mit dem Geiste seiner Administration erscheinen 
ließen“". Graf Arnim aber erwiderte ritterlich: die Minister dürften sich 
nicht hinter dem Monarchen verstecken. *) So zogen sich die Verhand- 
lungen durch viele Monate fruchtlos hin. 
Um doch etwas zu tun, gab der König den Provinzialbehörden durch 
ein Ministerialschreiben v. 24. Dez. 1841 zu wissen, daß er das Bedürf- 
nis einer freimütigen, anständigen Publizistik anerkenne, und forderte sie 
auf, die bestehenden Zensurgesetze milde zu handhaben; zugleich ward 
die Presse väterlich ermahnt, sich aller frivolen Feindseligkeiten und Ver- 
dächtigungen zu enthalten, auch nicht durch gehaltlose Tagesneuigkeiten 
und Klatschereien auf die Neugier ihrer Leser zu wirken. Trotz seines 
wunderlichen patriarchalischen Tones erregte dieser Erlaß allgemeine 
Freude; die geknebelten Schriftsteller atmeten auf und glaubten endlich den 
Tag der Freiheit zu sehen. Im Mai 1842 wurden sodann alle Bilder von 
der Zensur befreit; denn Friedrich Wilhelm lachte gern über geistreiche 
Karikaturen, und da die Bundesgesetze von einer Bilderzensur nicht sprachen, 
so wollte er den Zeichnern ihren harmlosen Scherz nicht verkümmern. 
Ein halbes Jahr später, am 4. Oktober, gab der König alle Bücher von 
mehr als zwanzig Druckbogen frei — was nach Bundesrecht erlaubt war. 
Gleich darauf befahl er den Behörden, unwahre Mitteilungen des schlechten 
Teils der Tagespresse augenblicklich in diesen Zeitungen selbst zu berichtigen: 
„Eben da, wo das Gift der Verführung eingeschenkt worden ist, muß es auch 
unschädlich gemacht werden . indem man die Redaktionen zwingt, das 
Urteil über sich selbst zu veröffentlichen.“ So fielen Stein auf Stein 
die alten Schranken, und alle Welt erwartete hoffnungsvoll das von der 
Regierung oft verheißene umfassende Preßgesetz. 
Mittlerweile begann die Milderung der Zensur schon ihre Früchte 
zu tragen. Es schien, als sollte mit dem Jahre 1842 eine Zeit der Blüte 
für die preußische Presse beginnen; und ein solcher Umschwung war 
dringend nötig, denn überall in Deutschland lastete auf den Schriftstellern 
der gleiche unerträgliche Druck, nur die Leipziger Zensur übte zuweilen ein 
klein wenig Schonung, um den großen Buchhandel nicht ganz zu verderben. 
Was verschlug es, daß einige Bundesstaaten nur die Schriften unter 
zwanzig Bogen, andere, wie Hannover, die Karlsbader Beschlüsse noch 
*“) Thiles Bericht an den König, 15. Nov. 1841. 
**“) Thiles Berichte an das Staatsministerium, 25. Aug., an den König, 7. Sept.. 
an das k. Kabinett, 12. Sept. 1842.
        <pb n="200" />
        192 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
überbietend, alle Drucksachen ohne Ausnahme der Zensur unterwarfen? 
Was nicht zensiert war, unterlag überall beliebigen Verboten, selbst die 
zensierten Zeitungen durften nachträglich noch konfisziert werden. Sogar 
vor gerichtlicher Verfolgung war der Verfasser einer zensierten Schrift nicht 
immer sicher: in Kassel wurde der schreibselige alte Sonderling Friedrich 
Murhard (1844) verhaftet und, den Bundesgesetzen zuwider,) zu schwerer 
Strafe verurteilt wegen eines Artikels im Rotteck-Welckerschen Staats- 
lexikon, der längst schon von der sächsischen Zensur gebilligt war. In 
dem Thurn= und Taxisschen und anderen kleinen Postgebieten mußten die 
Zeitungen auch noch fiskalische Mißhandlungen ertragen, da die Post 
ihnen die Versendungskosten ganz nach Willkür berechnete. 
Die Bayern rühmten sich gern, daß bei ihnen allein die Karlsbader 
Beschlüsse nicht vollständig ausgeführt würden; und allerdings ließ der 
Münchener Hof nach wie vor nur politische und statistische Zeitschriften 
zensieren, obgleich er doch selber einst am Bundestage die Verlängerung der 
Karlsbader Ausnahmegesetze durchgesetzt hatte. Indessen wußten seine Poli- 
zeibehörden auch Bücher aller Art durch Verbote so handfest niederzuhalten, 
daß die deutschen Nachbarn durchaus keinen Grund fanden, die Bayern zu 
beneiden. Außer einigen schüchternen liberalen Blättchen in Franken ge- 
diehen hierzulande nur die unschuldigen Landboten und Landbötinnen für 
den Bauersmann und die Schützlinge des Ministeriums Abel, die ultra- 
montanen Blätter, vom Schlage der Neuen Würzburger Zeitung und des 
Fränkischen Kuriers. In beiden Zeitungen trieb Zander sein Unwesen, ein 
feiler Jude, der erst zur evangelischen, dann zur katholischen Kirche über- 
getreten war. Diesen Getreuen gestattete die Regierung noch immer jede 
Schmährede wider Preußen; erst auf wiederholte Beschwerden des Berliner 
Hofs befahl sie durch Ministerial-Erlaß, daß für jetzt, solange die Verhand- 
lungen zwischen Berlin und Rom noch schwebten, „aus Rücksicht auf die 
katholische Kirche“ alle Aufreizungen vermieden werden sollten. *) Eine so 
sanfte Mahnung fruchtete bei den Würzburger Fanatikern wenig; und 
wenn man sich in Berlin nicht die Augen verschloß, so mußte man endlich 
einsehen, daß diese Partei nicht die Kirchenpolitik des alten Königs, sondern 
den preußischen Staat selber bekämpfte. 
Eine seltsame Ausnahmestellung nahm die Augsburger Allgemeine 
Zeitung ein, die sich diplomatisch zwischen der bayrischen und der öster- 
reichischen Zensur hindurchwinden mußte. Ihre beiden neuen Leiter, 
die Schwaben Mebold und Kolb hatten einst als Demagogen auf dem 
Hohenasperg zusammen gesessen, doch in ihren politischen Ansichten gingen 
die Freunde weit auseinander. Der gelehrte Historiker Mebold betrachtete 
die preußischen Dinge unbefangen. Kolb war ein feiner Kenner des gei- 
*) S. o. IV. 610. 
**) Werther, Verbalnote an Graf Lerchenfeld, 16. Febr.; Gise, Weisung an 
Lerchenfeld, 14. März 1841.
        <pb n="201" />
        Die süddeutschen Zeitungen. 193 
stigen Lebens, er erweiterte die Beilage zu einer Rundschau über die ge— 
samte europäische Literatur und förderte manches junge Talent durch 
wohlwollende, einsichtige Kritik; von den landschaftlichen Vorurteilen seiner 
Schwaben befreite er sich aber niemals, und sein Preußenhaß gab in der 
Redaktion fast immer den Ausschlag, weil sie ihr größtes Absatzgebiet, 
OÖsterreich nicht verlieren durfte. Die Zeitung wurde keineswegs, wie 
man im Norden oft argwöhnte, von Wien her bestochen — mit solchen 
Mitteln war dem reichen Hause Cotta nicht beizukommen —: sie brachte 
vielmehr selbst große Opfer, um die Hofburg bei guter Laune zu halten, 
zahlte glänzende Honorare an die Federn der k. k. Preßleitung, 4000 Gulden 
jährlich allein an den alternden Pilat, der nur noch selten schrieb, und 
nahm gehorsam alles auf, was ihr aus diesen Kreisen zukam. Metternich 
ward aber von Tag zu Tag mißtrauischer gegen Preußen, zumal der 
Zollvereins-Demagog Eichhorn blieb ihm unheimlich, und da er selbst 
die Maske der Freundschaft nicht abnehmen durfte, so ließ er durch seine 
Leute einen boshaften Federkrieg führen, der viel dazu beitrug, das An- 
sehen des neuen Königs in Süddeutschland zu untergraben. Die giftigen 
Artikel der Allgemeinen Zeitung „vom Main“ flossen meist aus den 
Federn der beiden Wiener Hofpublizisten Zedlitz und Jarcke; der Bundes- 
gesandte Graf Dönhoff wußte dies wohl und meinte traurig: so wird es 
schwer sein, „an ein wahres, aufrichtiges Zusammenwirken von Wien und 
Berlin glauben zu machen.“*) Als die preußische Presse sich zu heben be- 
gann, ließ Cotta der Hofburg melden, „daß die Allgemeine Zeitung, um 
bestehen zu können, sich nun ebenfalls auf ein liberales Feld werde stellen 
müssen.“ Metternich antwortete mit der verständlichen Drohung: wir 
werden uns danach richten.“) Seitdem schillerte die Zeitung noch mehr 
denn sonst in verschiedenen Farben, nur niemals in schwarz-weißen, und 
mit vollem Rechte betrachtete die preußische Regierung das mächtigste Blatt 
des Südens als ihren gefährlichsten Feind. 
In Württemberg erlaubten die Zensoren dem wackeren Schwäbischen 
Merkur, fast nur über wirtschaftliche Landesangelegenheiten frei zu reden. 
Auch Karl Weil, ein gewandter liberaler Publizist, der in Stuttgart erst den 
Deutschen Kurier, dann die Konstitutionellen Jahrbücher herausgab und sich 
vornehmlich der bedrückten Hannoveraner mit Eifer annahm, erlangte kein 
rechtes Ansehen, weil seine Beziehungen zum Hofe Ludwig Philipps mit 
gutem Grunde beargwöhnt wurden. Baden endlich, das gelobte Land der 
liberalen Musterverfassung, ward jetzt auch das Land der Muster-Zensur, 
wie K. Mathy im Landtage treffend sagte. Die badischen Zensoren wurden 
geradezu angewiesen, mißliebigen Blättern durch das Streichen der neuesten 
Nachrichten die Kundschaft zu entziehen; unter ihnen tat sich der Mannheimer 
*) Dönhoffs Bericht, 22. Juni 1842. 
**) So erzählt Metternich selbst in seiner Weisung an Trauttmansdorff, 14. Febr. 
1843. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 13
        <pb n="202" />
        194 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Zensor v. Uria-Sarachaja durch seinen ultramontanen Fanatismus beson- 
ders hervor. Er begann einen Vernichtungskampf gegen die Mannheimer 
Abendzeitung, ein radikales Blatt, das der Preuße Karl Grün erst von 
Mannheim aus, nachher, als man ihn aus Baden ausgewiesen, noch 
eine Weile vom linken pfalzbayrischen Rheinufer aus leitete. Alle deut- 
schen Regierungen zitterten vor Grüns groben Ausfällen; der preußische 
Hof mahnte den badischen, das Blatt zu verbieten, und erhielt die Ant- 
wort: Preußen sollte nur der Abendzeitung den Postdebit entziehen, dann 
ginge sie von selbst ein. Da ergab sich denn nach amtlicher Untersuchung, 
daß die gefürchtete Zeitung in ganz Preußen nur 134 Abonnenten zählte, 
in Berlin und den östlichen Provinzen ihrer 44. So kläglich stand es 
noch fast überall um den Absatz der Tagesblätter. Freilich wurden die 
spärlichen Exemplare in den Konditoreien und Klubs von sehr vielen und 
sehr andächtig gelesen, so daß sie mehr wirkten als heutzutage. Das 
Verbot unterblieb schließlich, weil man das Argernis scheute.“) 
Nun aber half Uria mit seinem unerbittlichen Rotstift aus und zähmte 
das Blatt binnen kurzem gänzlich. Hierauf wendete sich der kleine Wüterich 
gegen das Mannheimer Journal des Rechtsanwalts Gustav v. Struve, der 
damals noch zur gemäßigten liberalen Partei gehörte. Mochten die Schrift- 
steller des Mannheimer Journals dem Jesuitenorden seine wohlbekannten 
alten Fürstenmords-Lehren vorhalten oder die nicht mehr neue Behaup- 
tung aufstellen, der Gebietsumfang der Bundesstaaten Preußen, Baden 
und Waldeck sei doch recht ungleich, oder auch die poetische Gräfin Hahn- 
Hahn in anzüglichen Versen „Du adelstolze Ida“ anreden, oder einfach 
ankündigen, daß ein liberaler Professor öffentliche Vorträge über Experi- 
mentalphysik zu halten gedenke: — einerlei, Uria strich alles; oder wenn 
sich gar nichts streichen ließ, dann schrieb er mindestens eine grobe Be- 
merkung an den Rand des Zensur-Exemplars, als zum Beispiel: „ist 
zwar wieder eine Lüge, kann indessen passieren.“ Als die Regierung alle 
amtlichen Bekanntmachungen ausschließlich der wenig bekannten Mann- 
heimer Morgenzeitung überwies, und viele angesehene Einwohner, darunter 
Männer wie Karl Mathy und Fecht, öffentlich erklärten, sie würden trotz- 
dem das Blatt weder lesen noch halten, da wurde selbst diese Kundgebung 
vom Zensor unterdrückt, obschon sie kein beleidigendes Wort enthielt. In 
seiner Verzweiflung verfiel Struve endlich auf einen tollkühnen Anschlag. 
Er sammelte alle durch Uria gestrichenen Stellen seines Journals und 
ließ sie zu Mannheim selbst in drei zensurfreien Zwanzigbogen-Bänden 
mit roten Lettern drucken. Niemand wagte ihn zu hindern. Ein über- 
wältigender Anblick: diese drei Bände badischer Zensurstriche, denen die 
badischen Gerichte nichts anhaben konnten! Drastischer ließ sich der Aber- 
witz des Karlsbader Preßgesetzes nicht erweisen. 
*) Nagler an Thile, 4. März. Bülow, Weisung an Dönhoff, 26. Febr. Denk- 
schrift des Auswärtigen Amts. 9. Nov. 1844.
        <pb n="203" />
        Der Muster-Zensor. Norddeutsche Presse. 195 
Fast noch tiefer lag die norddeutsche Presse danieder. Die Leipziger 
Allgemeine Zeitung der Firma Brockhaus bemühte sich, nach dem Vor— 
bilde der Augsburger Allgemeinen, den Gebildeten aller Parteien des 
Nordens einen Sprechsaal zu eröffnen; indes klang in ihren Spalten der 
protestantisch-liberale Grundton noch weit vernehmlicher durch als der 
österreichische in dem süddeutschen Blatte. Sie brachte zahlreiche Bei— 
träge von Mundt, Buhl, Rutenberg und den anderen jungen liberalen 
Literaten, die sich in der berühmten roten Stube der Stehelyschen Konditorei 
zu Berlin versammelten. Diese Berliner Berichte lauteten immer boshafter, 
höhnischer, grimmiger, je mehr die Stimmung in Preußen sich verbitterte; 
auch viele preußische Beamte schütteten hier, gedeckt durch die Anonymität, 
ihren Unmut aus, nicht selten unter Verletzung des Amtsgeheimnisses. 
Also wurde die Zeitung allmählich zu einer Ablagerungsstätte für allen 
preußischen Skandal; und da ihr in Preußen der Postdebit zugesichert 
war, so geschah es wohl, daß unzufriedene Schlesier ihre Klagen nur 
deshalb nach Leipzig schickten, um die Artikel des erlaubten sächsischen 
Blattes nachher ungestraft in der Breslauer Zeitung nachzudrucken.“) 
Den Berliner Behörden war es eine ganz neue Erfahrung, daß preußische 
Zustände von einem nichtpreußischen Blatte so eifrig besprochen wurden; 
sie fürchteten sich vor diesen persönlichen Angriffen, und mancher Geheime 
Rat fragte, wenn er morgens sein Bureau betrat, angstvoll: was die Leip- 
ziger Allgemeine wieder gesagt hätte? Die stille Zeit war dahin, da die reiche 
Meßstadt ihre politische Bildung aus dem vielverspotteten „sächsischen Kin- 
derfreunde“, der unsäglich geistlosen amtlichen Leipziger Zeitung geschöpft 
hatte. Der Literatenkreis an der Pleiße vermehrte sich beständig durch 
mißvergnügte Zuzügler aus den Nachbarlanden; aus Osterreich kamen 
Schlesinger, Herloßsohn, Hartmann, Meißner. Wer unter diesen Halb- 
flüchtlingen etwas gelten wollte, mußte mindestens eine liberale Brand- 
schrift oder ein Sonett gegen Metternich geschmiedet haben. 
Auch Arnold Ruge siedelte nach Sachsen über, von den liberalen 
Hallensern zum Abschied noch mit begeisterten Huldigungen begrüßt, und 
ließ seine Hallischen Jahrbücher auch fernerhin bei dem getreuen O. Wi- 
gand erscheinen, aber unter dem neuen Namen der Deutschen Jahrbücher, 
damit die preußischen Behörden nichts mehr dreinzureden hätten. Einige 
dieser burschikosen Leipziger Literaten fanden ein Unterkommen bei Heinrich 
Laubes „Zeitung für die elegante Welt“ oder bei Robert Hellers „Rosen“; 
die meisten trieben Politik, keiner eifriger als der unstete kleine Böhme 
Ignaz Kuranda. Der hatte in Brüssel eine literarisch-politische Rundschau, 
die Grenzboten gegründet, um seine österreichischen Landsleute aus dem 
Schlummer zu rütteln, und verlegte diese Wochenschrift jetzt nach Leipzig, 
wo sie dem Wiener Hofe bald lästig wurde und mit der Zeit auch die 
  
*) General von Röder an Thile, 17. Aug. 1842. 
137
        <pb n="204" />
        196 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
preußischen Zustände scharf zu beobachten begann. Kurandas treuer Ge— 
hilfe war ein anderer böhmischer Jude, der kindlich gutherzige Jakob Kauf- 
mann, ein schüchterner Stubengelehrter von linkischem Wesen, dem man gar 
nicht ansah, wie klar und sicher er über politische Fragen urteilte. Ganz 
unerhört aber war es in diesem Lande des Preußenhasses, daß ein geborener 
Kursachse Karl Biedermann sich jetzt unterstand, eine „Deutsche Monats- 
schrift“ herauszugeben, welche den Gedanken Paul Pfizers, die preußische 
Hegemonie, allerdings ohne den Geist und Schwung des Schwaben, aber 
mit tapferem Freimut verteidigte. Die Monatsschrift zeigte Verständnis 
für das wirtschaftliche Leben und betrachtete den Zollverein als den Kern 
einer festeren deutschen Staatsbildung; freilich zählte sie nur 500 Abon- 
nenten, doch mehr hatten auch Ruges gefürchtete Jahrbücher nicht aufzu- 
weisen. 
Alle diese Plänkler der Tagesmeinung sahen sich durch den Unverstand 
der Zensurvorschriften zu verzweifelten Zigeunerstreichen gezwungen, zu 
listigen Umgehungen des Gesetzes, welche, vom Volke stets mit Schaden- 
freude begrüßt, das öffentliche Rechtsgefühl, die Würde der Obrigkeit 
erschüttern mußten. Wenn der Kölnischen Zeitung die Korrespondenzen 
„von der Murg“ gestrichen wurden, so erschienen die nämlichen Artikel 
wieder mit der Aufschrift „von der Leine“. Die in Osterreich streng 
verbotenen Grenzboten wanderten allwöchentlich in Kisten mit doppelten 
Böden oder als Umschläge und Einlagen erlaubter Bücher über die böh- 
mische Grenze; in die berüchtigten Freischeine der k. k. Zensur pflegten 
die Buchhändler ganze Reihen verbotener Bücher nachträglich einzuschalten. 
Kam in Leipzig ein gefährliches zensurfreies Zwanzigbogenbuch zur Aus- 
gabe, dann fuhr ein Wagen des Verlegers mit der gesamten Auflage 
vor dem Polizeihause vor; kaum war das gesetzliche Pflichtexemplar abge- 
liefert, so eilten die Pferde in rasendem Laufe durch die Gassen des Buch- 
händlerviertels, und im Nu verschwanden die Bücherpakete in den Kom- 
missionsgeschäften, bevor die Behörde noch Zeit fand, ein Verbot auszu- 
sprechen. 
Für die unglücklichen Zensoren schien kein Wort der Verachtung zu 
schlecht. In Preußen wie in den kleinen Staaten war es schon längst 
dahin gekommen, daß nur unbrauchbare ältere Beamte dies verhaßte 
Amt übernehmen wollten. Glauben Sie denn, ich könnte meine besten 
Räte zu Zensoren hergeben? — sagte der Oberpräsident der Rheinpro- 
vinz zu dem klagenden Verleger der Kölnischen Zeitung. Oft genug 
mußte man sich mit unerfahrenen Assessoren behelfen, die den Auftrag 
nicht ablehnen durften. Da geschah es einst zu Köln, daß zwei solche 
jugendliche Zensoren nach einem lustigen Gelage mit dem Nachtwächter 
Händel begannen; der eine war der geistreiche Graf Fritz Eulenburg, der 
also nicht ohne Geräusch seinen Einzug in die preußische Geschichte hielt. 
Obwohl die Missetat durch Versetzung und durch eine Geldstrafe gefühnt
        <pb n="205" />
        Die Leipziger Journalisten. 197 
wurde, so erhob doch die gesamte Presse ein herzbrechendes Geschrei, 
als wäre noch niemals ein germanischer Nachtwächter geprügelt worden; 
gesinnungstüchtige Liberale fragten feierlich: hat denn nicht der König 
selbst befohlen, daß „nur Männer von wissenschaftlicher Bildung und er— 
probter Rechtschaffenheit“ zu Zensoren ernannt werden dürfen? 
Die Zahl der deutschen Journalisten vermehrte sich in diesen Jahren 
beträchtlich. Viele aus dem Staatsdienste verdrängte liberale junge Männer 
flüchteten zu den Zeitungen, so der abgesetzte rheinländische Beamte Karl 
Heinzen und der entlassene preußische Leutnant Wilhelm Rüstow; dazu 
die wachsende Schar der gebildeten Juden, die von der Beamtenlauf— 
bahn ausgeschlossen, in der Journalistik das einzige Mittel sahen, auf den 
Staat einzuwirken, und sehr bald bemerkten, wie glücklich sich ihre na— 
türliche Begabung für die leichte Tagesschriftstellerei eignete. Fast alle 
die österreichischen Literaten in Leipzig waren Juden. Als der Jude A. 
Ochse-Stern der Kölnischen Zeitung ihre tadelnden Bemerkungen über 
seine „wehrlosen“ Stammverwandten verwies, da erwiderte der Verleger 
Dumont trocken: diese Wehrlosen sind Besitzer vieler rheinischen Zeitungen! 
Metternich aber schrieb sorgenvoll an die Gesandtschaft in Berlin: „Sieb- 
zehn deutsche Blätter werden heute — und unter den deutschen Produkten 
nicht die wenigst pikanten — von Judenjungen redigiert!“ 
Begreiflich, daß durch solche Elemente der Radikalismus und der 
Kirchenhaß der Presse oft gefördert wurden. Auch besonnene Journalisten 
gewöhnten sich in dem ewigen Kampfe gegen die Behörden an eine versteckte 
und daher um so boshaftere Gehässigkeit; sie wußten in kunstvollen Sätzen 
ihren Groll halb zu zeigen, halb zu verbergen, und mancher, der damals das 
Handwerk erlernte, konnte auch nachher in den Tagen der Preßfreiheit den 
anwinkenden Zensurstil nicht mehr ablegen. Indes war diese Generation 
deutscher Tagesschriftsteller noch ziemlich reich an wackeren Männern. Das 
Geschäft warf noch wenig ab, da die Deutschen in der Kunst der Anzeigen 
und Reklamen weit hinter den Völkern des Westens zurückgeblieben waren, 
und die Börse jetzt erst, seit der Wucher mit den neuen Eisenbahnaktien 
aufblühte, ihre Polypenarme nach den Zeitungen auszustrecken begann. 
Ein großer Teil der Tagesschriftsteller kämpfte ehrlich, ja enthusiastisch um 
der Sache willen, und nicht wenige unter ihnen betrieben ihre Arbeit mit 
jener frohmutigen, jugendlichen Pflichttreue, welche späterhin in Freytags 
Journalisten ihr Denkmal erhielt. Daneben gab es freilich auch einen 
eigentümlichen Menschenschlag von journalistischen Philistern, die sich 
demütig in die Willkür der Zensur ergeben hatten. Er blühte vornehmlich 
in Frankfurt, wo alle Bundesregierungen zugleich für die Knebelung der 
Presse sorgten. Dort erschien ein französisches Journal de Franckort für die 
diplomatische Welt; sodann die Oberpostamts-Zeitung des Hauses Thurn 
und Taxis, unter dem guten alten Hofrat Berly, der stets mit der Miene 
des Tiefeingeweihten einherging und unterweilen von der k. k. Gesandt-
        <pb n="206" />
        198 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
schaft seine Weisungen empfing, sonst aber getreulich seinen offen einge— 
standenen Grundsatz befolgte: das öffentliche Aussprechen einer Meinung 
ist immer ein Wagnis; dazu endlich noch das etwas liberaler gefärbte 
Frankfurter Journal, das sich mit der Oberpostamts-Zeitung durch einen 
förmlichen Vertrag dahin vereinbart hatte, daß sie einander gegenseitig 
weder bekämpfen noch auch nur erwähnen wollten. 
In solcher Lage mußten die Erleichterungen, welche König Friedrich 
Wilhelm der Presse verhieß, allgemeine Freude erregen. Der liberale 
Rheinländer L. Buhl begrüßte die kommende bessere Zeit sogleich mit 
einer begeisterten Schrift über „den Beruf der preußischen Presse“. Als 
eine der ersten Früchte der neuen Freiheit erschien das Buch von E. von 
Bülow-Cummerow „Preußen, seine Verfassung und Verwaltung“, das 
einen damals noch beispiellosen Absatz fand. Dieser alte rührige Vor- 
kämpfer des Großgrundbesitzes, der einst den Kreisordnungs-Plänen Har- 
denbergs so lebhaft entgegengetreten war,) hatte inzwischen die ritter- 
schaftliche Bank für Pommern gegründet und wollte auch jetzt noch die alt- 
ständischen Institutionen des flachen Landes, gutsherrliche Polizei und 
Patrimonialgerichtsbarkeit aufrechthalten. Um so mehr mußte es über- 
raschen, daß ein so konservativer Mann unumwunden aussprach: seit dem 
Thronwechsel befinde sich das Land in einer Krisis, die nur durch rasche 
Lösung der Verfassungsfrage beendigt werden könne. Er forderte zum 
mindesten regelmäßige Berufung der Vereinigten Ausschüsse zur Prüfung 
des Staatshaushalts und Bewilligung neuer Steuern. Mit Selbstgefühl 
sprach er von Preußens führender Stellung im Deutschen Bunde und sagte 
schon dreist: Osterreich gehöre eigentlich gar nicht zu Deutschland, wohl aber 
Holstein. Sein scharfer, oftmals ungerechter Tadel wider die Finanzver- 
waltung, namentlich wider die Domänenverkäufe empörte das Beamten- 
tum; Kühne schrieb dawider geharnischte Artikel in der Staatszeitung. 
Der König aber erwies dem unruhigen alten Herrn sein Wohlwollen; 
denn Angriffe des Landadels auf die Geheimen Räte kränkten ihn nicht, 
und noch wiegte er sich in dem hoffnungsvollen Wahne, daß er selber 
jeden Widerspruch ertragen könne. 
Am wenigsten bemerkte man in Berlin von der freieren Bewegung 
der Presse. Die Behörden zeigten sich hier besonders ängstlich; eine neue 
Zeitschrift L. Buhls, der Patriot, wurde schon nachwenigen Monatenverboten, 
obgleich sie kaum über die Durchschnittsmeinung des aufgeklärten Liberalis= 
mus hinausgegangen war. Die Vossische Zeitung begann schüchtern einige 
Leitartikel zu bringen, während die Spenersche ihre gewohnten Erörte- 
rungen über Straßenpflaster und Gaslaternen treufleißig fortsetzte. Noch 
war hier kein Boden für eine kräftige Publizistik; der politische Sinn der 
höheren Stände zeigte sich allein in der boshaften persönlichen Klatscherei 
  
*) S. o. III. 115.
        <pb n="207" />
        Bülow-Cummerow. Die Spottbilder. 199 
über den Hof und die Minister, sonst dachten sie nur an Theater, Kon- 
zerte, Literatur. In den Provinzen wurde Berlin gründlich gehaßt, schon 
weil der Instinkt des Partikularismus fühlte, daß die Stadt trotz alledem 
zur deutschen Hauptstadt heranwuchs. Ihres eigenen Bürgermutes froh 
verachteten die Rheinländer und die Ostpreußen den politischen Stumpf- 
sinn der Spreestadt; „die Berliner sind eben Berliner“, so klang es überall 
in den Zeitungen des Westens und des Ostens. In der Stille bereitete 
sich doch schon eine Wandlung vor. Die in Großstädten unvermeidliche 
Demokratisierung der Sitten wirkte auf die politische Gesinnung der 
niederen Stände zurück. Der Berliner Philister spottete über den Prunk 
des Hofes, den Hochmut der Offiziere, die Barschheit der Gendarmen, am 
liebsten über die Frömmigkeit der vornehmen Kirchgänger; Adolf Glas- 
brenners bildergeschmückte Flugschriften, die Lieblinge der kleinen Bürger 
redeten immer dreister, stachlicher, politischer. 
Überhaupt brachte die Aufhebung der Bilderzensur dem Könige bittere 
Enttäuschungen. Es war die Zeit, da Gavarni für den Pariser Charivari 
seine geistvollen Skizzen zeichnete. Scherzbilder und Rebus kamen auch 
in Deutschland in die Mode, und diese Eintagsfliegen fanden überall 
unmäßige Beachtung, weil ein ernsthaftes öffentliches Leben sich noch kaum 
entwickelt hatte. Unschuldige Gemüter ergötzten sich an dem neuen Witz- 
blatte der Münchener Maler, den Fliegenden Blättern: der dicke kleine 
Baron Beisele und sein hagerer Hofmeister Doktor Eisele, die beiden harm- 
losen Reisenden, die mit Frankfurter Kellnern, Berliner Geheimräten 
und bayrischen Knödelessern so viel schnurrige Abenteuer erlebten, wurden 
zu volkstümlichen Gestalten, in Zinn und Porzellan, in Zuckerguß und 
Schokolade unzähligemal nachgebildet. Doch daneben gelangten auch freche 
Karikaturen in Umlauf, denen die nachträglichen Verbote nichts mehr an- 
haben konnten. Es war der Fluch des persönlichen Regiments, daß die 
Satire ihre giftigsten Pfeile gegen den Monarchen selber richten mußte; seine 
Räte kamen glimpflicher davon, nur der vielverleumdete Kultusminister 
wurde als Eichhörnchen in mannigfachen Verzerrungen dargestellt. Da sah 
man den König, in der einen Hand die Ordre, in der andern die Kontre-Ordre, 
auf seiner Stirne stand zu lesen: Désordre; oder auch zwei Eckensteher, der 
Berliner Friede und der Bayer Lude hielten selbander ein hochromantisches 
Zwiegespräch; oder gar der große Friedrich schritt durch den Schnee, und 
seinen Fußstapfen folgte, schwankenden Ganges, mit zwei Champagner- 
flaschen in den Händen, der neue Herrscher, dazu die Inschrift: wie einer 
immer daneben trat! Dies letzte Bild bewies zugleich, wie tief sich die über- 
all zischelnde giftige Nachrede schon in die Volksmeinung eingefressen hatte. 
Friedrich Wilhelm war wie fast alle Hohenzollern ein starker Esser, jedoch 
im Trinken mäßig, weil er wenig Wein vertrug. Wenn er aber beim 
Mahle mit gerötetem Gesicht und unruhig zuckenden Armen einen Trink- 
spruch ausbrachte, darauf sein volles Glas auf einen Zug leerte und vor
        <pb n="208" />
        200 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
aller Augen die Nagelprobe machte, dann konnten ihn Fernstehende leicht 
für berauscht halten, und diese albernen Witzeleien wurden so beharrlich 
umhergetragen, daß schließlich fast ganz Deutschland an die Trunksucht 
des Königs glaubte. 
In Königsberg wagte die Hartungsche Zeitung nunmehr offen als 
Oppositionsblatt aufzutreten und gewann bald großen Einfluß auf die 
Stimmung der Provinz. Jacobys Getreue Crelinger, Jachmann, Wales- 
rode lieferten ihre Beiträge; der letztere fuhr zugleich fort in den „Unter- 
tänigen Reden“ und anderen humoristischen Flugschriften die preußischen 
Zustände durchzuhecheln. Die Zeitung schrieb über Politik nicht unver- 
ständig, über kirchliche Dinge sehr höhnisch, denn die friderizianische Auf- 
klärung galt ihr schlechthin für den Geist des preußischen Staates — 
und immer trug sie jenen erhabenen Tugenddünkel zur Schau, der die 
liberalen Volksredner allesamt auszeichnete. Als den Tagesblättern be- 
fohlen wurde, amtliche Berichtigungen aufzunehmen, da erwiderte sie stolz: 
dergleichen mag in Frankreich nötig sein, nicht bei uns, da „in# der 
inländischen Presse gegenwärtig ein gesunder Kern ist, neben dem absicht- 
liche Bosheiten und Lügen nicht bestehen können“. Auch die Schlesische 
Zeitung wagte jetzt etwas lauter zu reden. Sie war vor einem Jahr- 
hundert recht eigentlich unter den Flügeln des preußischen Adlers, gleich 
nach der Eroberung Schlesiens entstanden und hatte sich allezeit ehren- 
haft gehalten, besonnener als die jüngere Breslauer Zeitung, die sich schon 
radikalen Meinungen zuneigte; gleichwohl wurde sie durch die ängstlichen 
Behörden, selbst in diesem Jahre der milderen Zensur, beständig gequält, 
über die russische Grenzsperre durfte sie bald gar nichts mehr sagen. 
Alle anderen preußischen Blätter übertraf durch Geist und Kühnheit 
die neugegründete Rheinische Zeitung. Ihre Unternehmer, lauter begabte 
junge Männer, die zumeist den reichen Familien Kölns angehörten, Bür- 
gers, Dagobert Oppenheim, Mevissen, Rudolf Schramm, hatten sich um 
der Sache willen in fröhlicher Begeisterung zusammengeschart; sie wollten 
doch sehen, wie viel die Presse wagen dürfe, auf wirtschaftlichen Gewinn 
kam es ihnen nicht an; einig waren sie freilich nur in unbestimmten 
liberalen Hoffnungen und in der Verehrung für die Hegelsche Philoso- 
phie.“) Daher schlug der wissenschaftliche Teil des Blattes von Haus 
aus einen radikalen Ton an, die Gebrüder Bauer und die anderen frechen 
junghegelianischen Kritiker fanden hier ihre Verherrlichung; auch die Zeit- 
gedichte des Feuilletons redeten oft sehr dreist und weissagten die nahe 
Schlacht auf dem Walserfelde: „ja, es wird das Blut der Bösen in der 
Guten Schuhe schießen.“ Die politischen Artikel hingegen waren meistens 
frisch geschrieben, reich an guten Gedanken und keineswegs maßlos, obwohl 
die jugendliche Unerfahrenheit noch überall durchbrach. Die Zeitung 
  
*) Ich benutze hier u. a. eine Aufzeichnung des Herrn Geh. Rat von Mevissen in Köln.
        <pb n="209" />
        Rheinische Zeitung. 201 
verlangte nur Ausbau der ständischen Institutionen und, in einem ehr— 
furchtsvollen Artikel zum Dombaufeste, Aufhebung der Zensur; sie sprach 
mit einem kräftigen preußischen Stolze, wie er am Rhein noch selten war, 
und glaubte fest an die große Zukunft Deutschlands, das in Religion 
und Literatur dem Weltteil Gesetze gegeben habe und dereinst auch die 
Politik Europas beherrschen werde, „so lächerlich das heute klingen möge“. 
Die Augsburger Allgemeine Zeitung wehklagte schon: diese erwachende 
preußische Presse rede mit einer Zuversicht, als ob ihrem Staate die Hege— 
monie in Deutschland gebührte — worauf die Rheinische fröhlich erwiderte: 
die preußische Hegemonie ist nur das moralische Übergewicht, das aus 
dem Zollvereine, aus dem Geiste des Fortschritts und dem neuen Regie- 
rungssysteme entsteht. Wenn die Regierung diese Angst ihrer süddeut- 
schen Feinde richtig würdigte, dann mußte sie die übermütige und doch 
patriotische Jugend des mächtigen rheinischen Bürgertums durch Nachsicht 
zu gewinnen suchen. Der König aber fand den religiösen Radikalismus 
der Zeitung frevelhaft; auch ihre scharfen, wohlberechtigten Angriffe wider 
das Treiben der rheinischen Ultramontanen erschienen jetzt unbequem, seit 
sich der Wind in Berlin gedreht hatte. Darum wurde sie durch Zensur- 
striche und Verwarnungen arg mißhandelt. Da ihr Absatz trotzdem sehr rasch 
wuchs, so konnte es nicht ausbleiben, daß die Heißsporne unter den jungen 
Leuten die Oberhand erlangten: der Referendar Georg Jung, ein eleganter 
Lebemann, der die Opposition nach Heines Weise wie einen kurzweiligen 
Sport betrieb, und der jüngste unter allen, Karl Marx aus Trier, ein 
kräftiger Mann von vierundzwanzig Jahren, dem die dichten schwarzen 
Haare aus Wangen, Armen, Nase und Ohren quollen, herrisch, ungestüm, 
leidenschaftlich, voll unermeßlichen Selbstgefühles, aber tief ernst und ge- 
lehrt, ein rastloser Dialektiker, der mit seinem unerbittlichen jüdischen 
Scharfsinn jeden Satz der junghegelschen Lehre bis zu den letzten Folge- 
rungen durchführte und jetzt schon durch strenge volkswirtschaftliche Stu- 
dien seinen übergang zum Kommunismus vorbereitete. Unter Marxens 
Leitung begann die junge Zeitung bald sehr rücksichtslos zu reden; 
die Behörden betrachteten sie mit wachsender Besorgnis und hegten sogar 
den ganz törichten Argwohn, daß sie von Frankreich bezahlt würde.“) 
Die preußis chen Skandalgeschichten der Leipziger Allgemeinen Zeitung 
wurden bald gemein und schmutzig; in ihrer aussichtslosen Opposi- 
tionsstellung hatten sich die Liberalen ja längst gewöhnt, jeden Gegner wie 
einen knechtischen Liebediener zu behandeln, sie verfuhren in der literarischen 
Polemik meist unanständiger als die Konservativen, die in den Worten 
Maß hielten, weil sie ihre Feinde durch gewaltsamere Mittel niederwerfen 
konnten. Mittlerweile waren Ruges Jahrbücher auf ihren dialektischen Irr- 
fahrten bei der Selbstkritik des Liberalismus angelangt und stellten die 
  
*) Graf Arnims Bericht an Bülow, Paris, 30. Jan. 1843.
        <pb n="210" />
        202 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Forderung auf: daß die Kirche in der Schule aufgehen und mit dieser 
das Heerwesen sich verschmelzen müsse, dem Volke aber Selbstregierung 
und eigene Justiz gebühre. Das Programm der reinen Demokratie war 
verkündet. Auch die Zeitgedichte wählten die Person des Königs gern zur 
Zielscheibe; ein weit verbreitetes Ghasel des kosmopolitischen Nachtwächters 
höhnte: ein König soll nicht witzig sein, ein König soll nicht hitzig sein, 
nicht strenge gegen Itzig sein, „er wolle nicht in jedem Ding — hier 
schweig' ich — altenfritzig sein“. 
Diesen gewaltigen Ansturm der Opposition dachte Friedrich Wilhelm 
hochsinnig nur durch geistige Waffen abzuschlagen. Er verlangte von den 
Ministern und den Oberpräsidenten dringend, daß sie literarische Talente 
gewinnen, durch belehrende Leitartikel und rasche Bekanntmachung der 
Motive neuer Gesetze die Verdächtigungen bekämpfen sollten.“) Minister 
Eichhorn ging auf die Absichten des Monarchen eifrig ein, er dachte in 
Berlin und in jeder Provinz ein großes zuverlässiges und doch nicht un— 
freies konservatives Blatt zu gründen. Aber wie gänzlich war die Stim— 
mung im Lande umgeschlagen. Vor zehn Jahren hatte Preußen neben 
den beiden konservativen Zeitschriften Jarckes und Rankes keine einzige 
liberale Zeitung besessen, jetzt trug fast die gesamte Journalistik liberale 
Farben. Das Berliner politische Wochenblatt ging zu Neujahr 1842 ein. 
Die Zeitschrift war durch ihren legitimistischen ÜUbereifer sowie durch ihre 
geheimen Beziehungen zur russischen Gesandtschaft allmählich herabge- 
kommen,) und seit ihr rührigster Mitarbeiter Jarcke infolge des Kölner 
Bischofsstreites sich zurückzog, verlor sie Geist und Leben. Bald nach- 
her verschwanden auch die Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche 
Kritik, das Organ der Althegelianer; sie konnten den Wettkampf mit den 
zeitgemäßen Schriften des philosophischen Radikalismus nicht mehr aus- 
halten. Als der Minister sie für die Regierung zu gewinnen suchte, lagen 
sie schon im Sterben. So galt es denn neue Blätter zu schaffen, da 
die Staatszeitung auch unter der Leitung des neu berufenen tüchtigen 
Publizisten Zinkeisen jene öde Langweiligkeit nicht ablegte, welche in 
Deutschland fast allen amtlichen Blättern anhaftet. 
Unbeirrt durch kleinliche Parteirücksichten, hoffte Eichhorn die besten 
Federn der Nation für eine freimütige Verteidigung der preußischen Politik 
zu gewinnen. Er wollte bei Karl Reimer, dem gleichgesinnten Sohne des 
kürzlich verstorbenen hochangesehenen liberalen Buchhändlers, eine Zeitung 
erscheinen lassen, und General Thile empfahl dem Könige für die Redak- 
tion Dahlmann, „einen Mann von tadelfreier Gesinnung, dessen Name 
in Deutschland einen guten Klang hat“.*) Als aber Dahlmann, wie sich 
*) Kabinettsordre an das Staatsministerium, 16. Jan.; Thiles Bericht, 25. Aug. 
1842. 
**) S. o. IV. 203. 
*??) Thiles Bericht an den König, 22. Sept. 1842.
        <pb n="211" />
        Regierungsblätter. 203 
nicht anders erwarten ließ, Zensurfreiheit für das Blatt forderte, da trug 
man Bedenken das Bundesgesetz zu übertreten, obgleich doch schon im 
letzten Jahrzehnt die durch Pertz geleitete amtliche Hannoversche Zeitung, 
unbehelligt vom Bundestage, lange ohne Zensur erschienen war. Die Ver— 
handlungen zerschlugen sich; auch was später noch von ähnlichen Plänen 
auftauchte scheiterte an bureaukratischen Bedenklichkeiten. Man begnügte 
sich zunächst mit der Unterstützung der Literarischen Zeitung, die unter der 
Leitung von K. H. Brandes schon seit einigen Jahren bestand, und bald hieß 
es in der gelehrten Welt, leider nicht ohne Grund: wer an diesem Blatte mit 
arbeite, könne am sichersten auf Beförderung rechnen. Die Zeitung schrieb 
maßvoll, „in festem Vertrauen auf die unbesiegliche und ewige Jugend des 
christlich-deutschen Geistes“, und sagte wider die Flachheit der modischen 
Aufklärer manches treffende Wort; aber ein begeisterndes Ideal vermochte 
sie der liberalen Freiheitsschwärmerei nicht entgegenzustellen. Ihr schwer— 
fälliger Doktrinarismus konnte weder, wie einst das Politische Wochen— 
blatt, den legitimistischen Kreuzfahrersinn aufregen, noch den naturwüch— 
sigen monarchischen Instinkt des Volks, den Stolz auf das eiserne Kreuz 
und die schwarzweißen Fahnen wachrufen. 
Noch weniger bewährte sich nachher der Schwabe Victor Aimé Huber, 
der auf Radowitzs Empfehlung berufen wurde#), auch eines von den vielen 
Talenten, welche der König an falscher Stelle verbrauchte. Gedankenreich, 
ernst, tief-fromm, hatte Huber früher als die meisten Zeitgenossen den 
sozialen Hintergrund des modernen Parteiwesens, den Zusammenhang der 
liberalen Doktrin mit den Interessen des beweglichen Kapitals durchschaut. 
Aber die fruchtbaren sozialpolitischen Ideen, die ihm späterhin verdienten 
Ruhm schaffen sollten, waren noch nicht zur Reife gelangt, als er nach 
Berlin kam; er kannte die preußischen Zustände wenig und fühlte sich in 
der Polemik gegen den Liberalismus schon darum unsicher, weil er selbst 
die regelmäßige Berufung eines ständisch gegliederten Reichstags wünschte. 
Auf dem Berliner Katheder hatte der Unbeholfene ebenso wenig Erfolg, 
wie mit seiner Zeitschrift Janus, die vom Könige, anfangs sogar ohne 
Vorwissen der Minister, freigebig unterstützt wurde, auch von Leo, Gerlach, 
Stahl einige Beiträge empfing und gleichwohl nur einen winzigen Leser- 
kreis gewann. In Königsberg gab der gelehrte Statistiker F. W. Schubert, 
der dem gemäßigten Liberalismus nahe stand, eine konservative Zeitung 
heraus; auf den Westen sollte Professor Bercht, ein wohlmeinender, einst 
als Demagog verfolgter Patriot, durch seinen Rheinischen Beobachter ein- 
wirken. Doch beide Regierungsblätter gediehen nicht, weil das hohe 
Beamtentum alles Zeitungstreiben tief verachtete und sie weder mit 
Beiträgen noch mit Geldmitteln genugsam unterstützte. 
So blieb denn diese Regierung, die so hoch über ihrem Volke zu 
  
*7) Thiles Bericht an den König, 6. April 1843.
        <pb n="212" />
        204 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
stehen glaubte und die Preußen für neue Ideale erziehen wollte, fast ohne 
jede wirksame literarische Vertretung; und leider erwies ein plumper Lob— 
redner dem Königtum eben jetzt einen schlimmen Dienst. Nachdem der 
geistreiche Präsident von Hippel unlängst eine würdige und lehrreiche Bio— 
graphie des verstorbenen Königs veröffentlicht hatte, ließ der Bischof Eylert 
seine geschwätzigen „Beiträge zur Charakteristik Friedrich Wilhelms III.“ 
erscheinen. Es konnte nur Ekel erregen, wenn hier die schlichte Tüchtig— 
keit, der so viel gerechter Dank gebührte, durch untertänige Schmeichelei 
verzerrt und dem wortkargen Fürsten lange salbungsvolle Predigten in 
den Mund gelegt wurden. Fünf Bände hindurch war nur von Ihm und 
Er die Rede, während der Herrgott, dessen Namen der Bischof stark miß— 
brauchte, mit dem einfachen „er“ vorlieb nehmen mußte. Alte treue Diener 
des Entschlafenen mochten in diesem Wust von Anekdoten liebe Erinne— 
rungen wiederfinden; auf die radikale Jugend aber wirkte das Buch 
wie Gift, sie fühlte sich bestärkt in dem Wahne, daß monarchische Gesinnung 
mit byzantinischem Sklavengeiste Hand in Hand gehe. 
Da wurde die preußische Presse plötzlich durch die Torheit eines 
liberalen Wortführers in die alte Bedrängnis zurückgeschleudert. Der 
junge Schwabe Georg Herwegh war zur Zeit der Held des Tages; die 
feurig radikalen Gedichte eines Lebendigen fanden, überall verboten, überall 
begeisterte Leser. In einem dieser Lieder redete er den König von Preußen 
persönlich an, um für das deutsche Volk zu flehen wie einst Platen für die 
Polen. und bekundete den dunklen, ziellosen Tatendrang der Jugend also: 
Und frage nicht, wo Feinde sind, 
Die Feinde kommen mit dem Wind. 
Behüt' uns vor dem Frankenkind 
Und vor dem Zaren, deinem Schwager. 
Augenblicklich spielte Herwegh in der Schweiz den politischen Flüchtling. 
Irgend eine Unbill war ihm freilich daheim nie widerfahren; zuchtlos, 
wie er von früh auf gewesen, hatte er sich vielmehr dem württembergischen 
Waffendienste durch die Flucht entzogen. In der liberalen Welt stand 
aber der Haß gegen die Söldlinge schon so fest, daß sie dem Poeten diese 
Verletzung der allgemeinen Bürgerpflicht gar nicht verargte. Er selbst 
sang prahlend: 
Deserteur? Mit Stolz! Ich habe des Königes Fahne, 
Die mich gepreßt, mit des Volks soldlosem Banner vertauscht. 
Im Herbst 1842 unternahm er eine Triumphreise durch Deutschland; 
überall, in Weimar, Jena, Leipzig, Dresden bereiteten ihm die Liberalen 
einen glänzenden Empfang. Berauscht durch solche Huldigungen kam er 
nach Berlin und erbat sich durch seinen Schweizer Freund, den geistreichen 
Leibarzt Schönlein eine Audienz beim Könige. Friedrich Wilhelm schrieb 
darüber nachher an General Dohna: „Ich habe mich acht Tage besonnen, 
ob ich seinem Wunsche mich zu sehen entsprechen sollte“; ich tat es, weil
        <pb n="213" />
        Herwegh vor dem Könige. 205 
ich ihn für einen wahren, begeisterten Republikaner hielt; hätte ich gewußt, 
daß er Deserteur von einem württembergischen Infanterie-Regimente ist, 
„so hätt' ich ihn natürlich nie gesehen.“ Vor dem Angesichte der Majestät 
benahm sich der junge Schwabe linkisch, verlegen, demütig. Der König 
lobte sein poetisches Talent und bedauerte seine radikale Richtung; er 
wünschte ihm einen Tag von Damaskus — „dann erst wird Ihr Wirken 
außerordentlich groß sein“ — und schloß das kurze Gespräch mit den 
gütigen Worten: wir wollen ehrliche Feinde sein. Zum Dank brachte die 
Leipziger Allgemeine Zeitung einen gehässig entstellenden Bericht, worauf 
Friedrich Wilhelm befahl, in der amtlichen Berichtigung solle bemerkt 
werden: „Es verlautet, der König habe nach Lesung des Artikels gesagt: 
Ich erkenne das Machwerk derjenigen Juden, über deren zudringliche 
Freundschaft Herwegh klagte. — Das ist nämlich wörtlich geschehen!“s) Er 
ward noch unwilliger, als er Näheres über die Vergangenheit des Dichters 
erfuhr, und äußerte bitter: Ein Gedicht in den Zeitungen „scheint mir 
Herwegh zu verspotten wegen seines Nackenbeugens bei mir. Grand 
bien lui fasse “/73) 
Mittlerweile war der Poet nach Königsberg gegangen, und hier 
scharte sich um ihn die gesamte Opposition. Bei dem großen Festmahle 
spielte man die Marseillaise — was bei den liberalen Feierlichkeiten dieser 
Jahre schon ganz gewöhnlich war und den gedankenlosen Zuhörern kaum 
noch auffiel.**) Ein Festgruß des jungen Dichters Wilhelm Jordan 
feierte die Felsennacken der Männer Ostpreußens und sprach verächtlich 
von dem weichlichen Berlin, wo alles in tollem Veitstanz rase, wenn Fanny 
Elsler ihre Sylphenbeine schwinge: 
Der Eitelkeit und der Genußsucht Dämon 
Besessen hält dies üppige Korinth. 
Hier aber, Herwegh, hier ist Lacedämon, 
Wir rasen nicht, weil wir Spartaner sind. 
Die Phrase lag in der Luft, alles überbot sich in heroischem Pathos. Ein 
junger Mann, aus dem nachmals ein trefflicher Gelehrter geworden ist, 
erwiderte auf Jacobys Frage: „Sie sind Student?“ — feierlich: „Und 
in des Worts verwegenster Bedeutung“ — worauf er die erhabene Zu- 
rechtweisung erhielt: „Sagen Sie doch lieber: im Sinne der Tat.“ So- 
gar der kluge Rechtsanwalt Crelinger, ein hagerer Herr mit großer Juden- 
nase, dem man den feinen, verwöhnten Gelehrten sofort ansah, konnte 
dem allgemeinen Rausche nicht widerstehen und redete so gewaltig von dem 
Schwert an seiner Linken, daß seine Freunde selbst ihn nicht ohne Lächeln 
betrachten konnten. 
Der König war empört über „die Blutlieder“ dieses Festes. Wie 
*) Randbemerkung zu Thiles Bericht vom 28. Nov. 1842. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 8. Dez. 1842. 
###) Böttichers Bericht an Thile, 13. Dez 1842.
        <pb n="214" />
        206 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
ward ihm aber, als ihm der Dichter noch aus Königsberg einen höchst 
unziemlichen Brief zusendete. Herwegh beabsichtigte in der Schweiz eine 
für Deutschland bestimmte Zeitschrift herauszugeben; das Blatt wurde in 
Preußen eben jetzt im voraus verboten — was den Behörden gesetzlich 
freistand, aber gleich nach jener Audienz sich sehr gehässig ausnahm — 
und der Gekränkte richtete nun „ein Wort unter vier Augen“ an den 
Monarchen, „ohne eine Devotion zu heucheln, die ich nicht kenne, oder 
Gefühle, die ich nicht empfinde und nie empfinden werde“. Er klagte 
die Diener der Fürsten an, deren „alterndem Bewußtsein“ sein beschränkter 
Untertanenverstand, sein Bewußtsein einer neuen Zeit auf ewig wider- 
sprechen müsse; er beteuerte: „ich bin durch die Notwendigkeit meiner 
Natur Republikaner“, und drohte: „noch gibt es Menschen, die durch nichts 
zu schrecken sind, und ich rechne mich zu ihnen.“ Die kindischen Groß- 
sprechereien verdienen keine Beachtung. Zu Weihnachten jedoch wurde der 
den Königsberger Liberalen längst mitgeteilte Brief in der Leipziger All- 
gemeinen Zeitung abgedruckt, und also veröffentlicht erschien er wie eine 
freche Verhöhnung des Monarchen. 
Am Berliner Hofe war nur eine Stimme der Entrüstung. Man fand 
es auch menschlich niederträchtig, daß „ein Wort unter vier Augen“, nicht 
ohne die Mitschuld seines Urhebers, verraten wurde,) und hielt für nötig, 
mindestens auf einige Zeit „einen Belagerungszustand“ über die Presse zu 
verhängen. Zur Vorbereitung mußte die Literarische Zeitung eine laute 
Wehklage anstimmen: die Wortführer der Freiheit haben in einem Jahre 
die deutsche Presse um ihren hundertjährigen guten Ruf gebracht; durch 
Verkündigung der vollen Preßfreiheit würde der Staat eine außer seinem 
Bereiche stehende Macht anerkennen. Darauf wurde Herwegh aus Preußen 
ausgewiesen und die Leipziger Allgemeine Zeitung verboten, weil sie „eine 
Niederlage von Lügen, Entstellungen und böswilligen Angriffen“ geworden 
sei. In welche peinliche Lage geriet nun Graf Arnim-Beitzenburg. Er 
wünschte dringend die freiere Bewegung der Presse und war eben deshalb in 
den Rat der Krone berufen worden; jetzt sah er sich doch genötigt, als 
Minister des Innern bei allen Zwangsmaßregeln voranzugehen, auf 
seinen Namen sammelte sich der ganze Haß der Liberalen. Der König 
verlangte indes noch weitere Verbote. 
Auf den Schutz der Gerichte glaubte er sich nicht mehr verlassen zu 
können; denn gerade in diesen Tagen (Jan. 1843) wurde Johann Jacoby, 
der, einmal schon verurteilt, seine Vier Fragen in zwei Rechtfertigungs- 
schriften tapfer verteidigt hatte, von dem Ober-Appellationssenate des Kam- 
mergerichts endgültig freigesprochen. Das Urteil trug die Unterschrift des 
ehrwürdigen Präsidenten Grolman. Inden sehr ausführlichen Entscheidungs- 
— — 
*) Denkschrift über Herweghs Brief, Dez. 1842, o. N., wahrscheinlich von Ludw. 
v. Gerlach.
        <pb n="215" />
        Unterdrückung der Oppositionspresse. 207 
gründen äußerten sich die Richter mit einer Unerschrockenheit, wie sie dem 
alten Ruhme dieses Tribunals entsprach; sie erklärten, mit der Ehrfurcht 
vor dem Könige sei freimütiger Tadel der bestehenden Einrichtungen wohl 
vereinbar, und sagten geradezu, einem Schriftsteller dürfe man nicht ver— 
wehren, die Zensur die schlimmste Feindin der Presse zu nennen. Eine 
Abschrift dieser Urteilsgründe wurde dem Freigesprochenen, gemäß den 
Grundsätzen des geheimen Gerichtsverfahrens, nicht mitgeteilt, weil man 
voraus wußte, daß er alles sofort veröffentlichen würde. Auch der König 
verweigerte, trotz der dringenden Bitte Jacobys, die Erlaubnis dazu; ihm 
war diese Freisprechung rein unbegreiflich. 
Um so nötiger schien ihm also ein kräftiges Einschreiten der Ver- 
waltung. In den nämlichen Tagen wurden Ruges Deutsche Jahrbücher 
unterdrückt — fast gleichzeitig in Sachsen und in Preußen, nachher auch 
noch durch den Bundestag — weil sie den Liberalismus in Demokratis- 
mus auflösen, durch Herstellung des absoluten Staates zur Freiheit ge- 
langen wollten. Nach einer stürmischen Verhandlung genehmigte der säch- 
sische Landtag dies Verbot. Gleich darauf erhielt die Rheinische Zeitung 
den Befehl, daß sie vom 1. April an nicht mehr erscheinen dürfe, wegen 
ihrer Zügellosigkeit in Gesinnung und Ausdruck, ihrer subversiven Richtung 
gegen Staat und Kirche. Sie unterwarf sich mit den bitteren Worten: „das 
Unrecht, die falsche Basis der Rheinischen Zeitung war die Begeisterung für 
das junge Licht, welches nach langem Dunkel die Gipfel der Berge zu röten 
begann; aber es war nur das prophetische Leuchten, nicht die Morgen- 
röte eines neuen Tages für Deutschland.“ Im Februar 1843 wurde 
dann auch noch die den Bildern gewährte Zensurfreiheit zurückgenommen. 
Das Jahr der bedingten Preßfreiheit ging zu Ende, die einflußreichsten 
Organe des norddeutschen Liberalismus waren allesamt verstummt. Mit 
tiefem Unwillen nahm die Nation diese Verbote auf. An die unver- 
brüchliche Stille des alten Regiments hatte man sich schließlich gewöhnt; 
diese neue Regierung aber forderte das Volk beständig zu freimütigem, 
lautem Reden auf und verbot doch alles, was ihr nicht zusagte. Wer 
konnte das begreifen? Dazu der unausstehliche schulmeisternde Ton dieser 
Verbote, die den unterdrückten Zeitungen salbungsvoll ihr Sündenregister 
vorhielten! 
Und was am schlimmsten wirkte, der König selbst konnte es nicht 
lassen, in jede Kleinigkeit des Zeitungstreibens belehrend einzugreifen. 
Es zeigte sich bald: die dicke Haut, die zum Ertragen der Freiheit gehört, 
war diesem feinen reizbaren Geiste ganz versagt. Immer wieder beklagte 
er sich gegen seine Minister über die Königsberger Schandzeitung und ihre 
Hurenschwester am Rhein. Als ein ostpreußischer Gutsbesitzer Deutsch sich 
in Sachen des Elbinger Anzeigers beschwerte, da hielt ihm der Monarch 
in einem eigenhändigen Schreiben seine „schweren Irrtümer“ vor: „Gegen 
Trugbilder zu Felde zu ziehen, welche von einer Partei mißbraucht werden,
        <pb n="216" />
        208 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
um den unaufgeklärten Teil des Volks aufzuregen, ist mein Amt zu heilig 
und meine Liebe zur Wahrheit zu lebendig.““) Noch härter wurde 
Wilibald Alexis angelassen, als er sich seiner unschuldigen Vossischen Zei- 
tung gegen die Zensur annahm. „Mit Widerwillen“, schrieb ihm der König, 
„habe ich einen Mann von Ihrer Bildung und literarischen Bekanntheit 
in der Klasse derer gefunden, die es sich zum Geschäft machen, die Ver- 
waltung des Landes durch hohle Beurteilung ihres Tuns, durch unüber- 
legte Verdächtigung ihres nicht von ihnen begriffenen Geistes vor der 
großen meist urteilslosen Menge herabzusetzen und dadurch ihren schweren 
Beruf noch schwerer zu machen.“ Das Schreiben wurde bald bekannt, 
und selbst General Gerlach meinte traurig: den treuen, von den Liberalen 
so oft servil gescholtenen Dichter der Marken hätte man so nicht behan- 
deln sollen. 
Der König betrachtete alle diese Verbote nur als Ausnahmemaßregeln 
für den Augenblick und versammelte mittlerweile seine Minister, auch Ra- 
dowitz und Gerlach, häufig zu Beratungen über einen neuen Zensur- 
gesetz-Entwurf, den Graf Arnim ausgearbeitet hatte. ) Er hoffte dadurch 
— so erklärte er fröhlich — die Freiheit der Zukunft zu verkündigen und vor- 
zubereiten. An geistreichen Einfällen ließ er es auch diesmal nicht fehlen. So 
dachte er die Unterzeichnung aller politischen Artikel gesetzlich zu erzwingen; 
man sah jedoch bald ein, daß dieser gute Gedanke um zwanzig Jahre zu spät 
kam und die Anonymität sich in der Presse schon unausrottbar eingebürgert 
hatte.*) Desgleichen wollte er irgendwie öffentlich aussprechen, daß ihm 
begründete Mitteilungen der Presse über Beamtenwillkür immer willkommen 
seien; da stellte ihm Thile vor: man dürfe das Publikum nicht gleichsam 
zum Kampfe gegen das Beamtentum herausfordern.J)) Auch Metter- 
nich, der schon lange die Bewegung in der preußischen Presse kummervoll 
betrachtete, sendete seine Ratschläge durch die Gesandtschaft.##) Er blieb 
bei seiner alten Meinung, daß die moralische Gewalt der Presse nur durch 
vorbeugende Mittel zu regeln sei; denn — so schrieb er, den Wortschatz 
seiner Angstsprache wieder um ein Metapher bereichernd — „ist eine 
Brut giftiger Insekten einmal ausgeflogen, was nützt die Zerstörung des 
Nestes? Optimisten hoffen auf die Schwalben und Sperlinge; ich nicht.“ — 
Da sich ein Ende der Beratungen noch gar nicht absehen ließ, so 
wurden zunächst einige vorläufige Anordnungen erlassen. Am 4. Febr. 1843 
erhielten die Zensoren, weil sie die Befehle des Monarchen „gänzlich miß- 
verstanden“ hätten, eine neue, sehr strenge Instruktion; „was ich nicht 
*) Kabinettsordre an Deutsch, Jan. 1843. 
**) Arnims Schreiben an Eichhorn, Thile, Bülow, 18. Sept. 1842. 
**) Thile, Notiz für das Staatsministerium, Dez. 1842. 
1) Thiles Bericht an den König, 27. Jan. 1843. 
4) Canitzs Berichte, Wien, Febr. 1842 ff. Metternich an Trauttmansdorff, 
14. Febr. 1843.
        <pb n="217" />
        Das Ober-Zensurgericht. 209 
will“, sagte die Kabinettsordre, „ist die Auflösung der Wissenschaft und 
Literatur in Zeitungsschreiberei, die Gleichstellung beider in Würde und 
Ansprüchen.“ Zugleich einigte sich der Ministerrat nach lebhaften Kämpfen 
auch über die vorläufige Organisation der Zensur-Behörden. Der König 
selbst befahl, daß bei dem Ober-Zensurgericht, wie in den Ländern des münd- 
lichen Verfahrens, ein Staatsanwalt die Strafanträge stellen sollte. Für 
die Mitglieder dieses Gerichtshofes forderten die juristischen Räte der Krone 
allesamt gesicherte Selbständigkeit: Savigny verlangte ihre Anstellung auf 
Lebenszeit; Gerlach außerdem noch, daß sie nur nach veröffentlichten Lan- 
desgesetzen urteilen sollten, darin liege „das Wesen und die Bedingung 
aller Justiz“; Mühler endlich dachte sich das Ober-Zensurgericht als einen 
durch zwei Gelehrte zu verstärkenden Senat des Obertribunals, denn sein 
Zweck sei, die Presse vor der Willkür der Zensoren zu schützen, und „was 
man will, muß man ganz wollen“.?) Schließlich wurden die Rechtsbe- 
denken der Juristen durch die polizeiliche Angstlichkeit doch überstimmt; 
die Mehrzahl der Minister beruhigte sich bei dem Troste, daß die neue 
Einrichtung ja nur als ein Versuch gemeint sei. Die Verordnung vom 
23. Febr. 1843 setzte für die Zensurverwaltung Lokal= und Bezirkszensoren 
ein, unter der Leitung des Ministers des Innern, und übertrug die Preß- 
justiz einem Ober-Zensurgerichte, dessen Mitglieder—sieben Juristen und zwei 
Gelehrte — auf drei Jahre ernannt wurden und außer den Landesgesetzen 
auch die den Zensoren erteilten „speziellen Anweisungen befolgen“ sollten. 
Der beste Gedanke der königlichen Reformpläne fiel also zu Boden. 
Eine solche Behörde war kein unabhängiger Gerichtshof, sie unterschied 
sich nur wenig von dem alten Ober-Zensurkollegium, und mit dem Frei- 
mut des preußischen Richters erklärte Ludwig Gerlach sofort: er sehe sich 
außer stande, das ihm angetragene Präsidium dieses Zensurgerichts zu 
übernehmen.) Statt seiner erhielt Staatssekretär Bornemann den Vor- 
sitz, ein ausgezeichneter Jurist von entschieden liberaler Gesinnung; der 
meinte traurig, man müsse seinen ganzen Ruf dem Staatsinteresse zum 
Opfer bringen, und in der Tat ward er wegen seines verhaßten Amts 
bald überall als Reaktionär verlästert. Es war ein Kennzeichen dieser 
Regierung der Mißverständnisse, daß unter ihr niemand im rechten Lichte 
erschien. Am 30. Juni wurden dann noch einige Ergänzungen veröffent- 
licht, die im wesentlichen nur die alten Zensurvorschriften in etwas ver- 
änderter Fassung wiederholten. Mehr war für jetzt nicht zu erreichen. 
Ratlos, steuerlos schwankte die Regierung zwischen freisinnigen Wünschen 
und bureaukratischer Angst. 
Das neue Zensurgericht bewährte sich nicht. Derweil die Nation 
  
*7) Denkschriften von Gerlach, 15. Dez. 1842, von Mühler, 22. Febr. 1843. Saviqny 
an Thile, 23. Febr. 1843. 
*“) Gerlach an den König, 21. Febr. 1843. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 14
        <pb n="218" />
        210 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
ihren Abscheu gegen alles Zensurwesen täglich lauter bekundete, verbiß 
sich diese Behörde in einen Kampf wider das freie Wort; ihre Urteile, 
die anfangs glimpflich gelautet hatten, wurden allmählich, zumal seit 
Bornemann wieder ausgeschieden war, immer härter, ja sie klangen 
zuweilen so unsinnig, daß sie den Vergleich mit den Taten des Badeners 
Uria wohl aushalten konnten. Bei dem liberalen Königsberger Buch— 
händler Voigt erschienen schon seit längerer Zeit heftweise, von der Zensur 
ungehindert, die „Materialien zur Regierungsgeschichte Friedrich Wil— 
helms IV.“, eine dem Historiker noch heute willkommene Tageschronik, 
welche die Ereignisse der preußischen Zeitgeschichte ohne jede Zwischenrede 
aufzählte; nur an der Auswahl des Stoffs sowie an einzelnen ironischen 
Redewendungen konnte man erraten, daß der Sammler wohl dem Kreise 
Schöns und Jacobys angehören mochte. Gegen dies Buch beantragte 
der Staatsanwalt beim Ober-Zensurgerichte ein Debitsverbot (1845) und 
bot damit dem Verteidiger Anwalt Crelinger die heiß ersehnte Gelegen- 
heit, eine Regierung, die sich also vor der Erzählung ihrer eigenen Taten 
fürchtete, mit siegreichem Hohne zu bekämpfen. Trotzdem wurde das Ver- 
bot ausgesprochen, einfach wegen der „entschieden hervortretenden feind- 
seligen Tendenz“ der Schrift, und der Staat mußte dem Verleger, da 
das Heft mit inländischer Zensur gedruckt war, eine Entschädigung zahlen. 
Crelinger aber wurde zur Strafe in einen kleinen Ort versetzt und nahm 
seinen Abschied. 
Und wie fruchtlos blieb alle diese Härte und Willkür. Zwar die 
Leipziger Allgemeine war gebändigt; sie lebte nach einigen Monaten unter 
dem Namen der Deutschen Allgemeinen Zeitung wieder auf, und ihr neuer 
Herausgeber, der als Zensor wohlbekannte Professor Bülau vermied ängst- 
lich jedes kecke Wort. Auch Arnold Ruge gewann das Ansehen, das er 
durch seine Jahrbücher erlangt hatte, niemals wieder — wesentlich durch 
seine eigene Schuld. Er ging nach Frankreich und vermaß sich, „ein an- 
deres Volk zu machen“, eine das Jahrhundert beherrschende, eine welt- 
gewinnende Literatur der Aufklärung zu erzeugen; auf die Männer der 
strengen Wissenschaft, auf „die Bildung der Herren Twesten, Trendelen- 
burg und Ranke“ sah er aus Himmelshöhen ebenso verächtlich hernieder 
wie auf den „reaktionären Idealismus“ Arndts und Jahns. Im Herzen 
blieb der grundehrliche Polterer noch immer der Jüngling von Rügen, 
wie seine Jugendfreunde ihn nannten; er war nicht eigentlich verbittert, 
das erlaubte seine Gutmütigkeit nicht, nur der Rausch der absoluten Kritik 
trieb ihn zur dialektischen Vernichtung alles dessen, was deutschen Herzen 
heilig ist. Vor nicht gar langer Zeit war Börne in den alten Jahrbüchern 
der schamlose Thersites des deutschen Volkes genannt worden; und jetzt 
gründete Ruge in Paris die „Deutsch-französischen Jahrbücher“, deren 
Schmähreden jenen älteren Thersites fast noch überboten. Da hieß es: 
„Der deutsche Geist, soweit er zum Vorschein kommt, ist niederträchtig,
        <pb n="219" />
        Deutsch-französische Jahrbücher. Brüggemann. 211 
und ich trage kein Bedenken zu behaupten: wenn er nicht anders zum 
Vorschein kommt, so ist dies lediglich die Schuld seiner niederträchtigen 
Natur.“ Diese Lästerungen standen freilich in einem fingierten Brief— 
wechsel; sie gaben aber unzweifelhaft Ruges eigene Ansicht wieder, daß 
sein alter Freund Robert Prutz sich als treuer Patriot gedrungen fühlte, 
warnend zu widersprechen. „Wer ist noch patriotisch? Die Reaktion. 
Wer ist es nicht mehr? Die Freiheit. Das wahre Vaterland des 
Freiheit suchenden Menschen ist die Partei. Nur freie Männer haben 
keine Religion —“ in dem Labyrinthe solcher seichten und frechen Kraft- 
worte bewegte sich alles, was Ruge in den nächsten Jahren schrieb. Seine 
Deutsch-französischen Jahrbücher gerieten alsbald ins Stocken; von dem 
ersten Hefte wurde fast die ganze Auflage an der pfälzischen Grenze 
konfisziert, und manche der französischen Radikalen, die sich Ruge zu Mit- 
arbeitern ausersehen hatte, entsetzten sich über die gottlosen Doktrinen 
des deutschen Philosophen, dessen politische Unschädlichkeit sie nicht durch- 
schauten. Auch in Deutschland begann man, obschon der politische Ra- 
dikalismus beständig zunahm, der scholastischen Formeln der Junghege- 
lianer müde zu werden. Nachdem die souveräne Kritik jeden möglichen 
und unmöglichen Standpunkt überwunden hatte, wußte sie der Nation 
nichts mehr zu sagen; das junge Geschlecht aber verlangte nach praktischer 
Freiheit, nicht nach Gedankenspielen. 
Die Rheinische Zeitung hingegen wurde bald durch die Kölnische 
ersetzt. Dies alte, durch die Inserate der gewerbreichen westlichen Pro- 
vinzen wohlgesicherte Blatt war eine Zeitlang hinter der übermütigen 
jungen Nebenbuhlerin zurückgetreten und hob sich jetzt wieder schnell, da 
viele Mitarbeiter der unterdrückten Zeitung zu ihm übergingen. Der 
Verleger Joseph Dumont, ein kräftiger Altkölner voll reichsstädtischen 
Stolzes und preußischer Königstreue, machte plötzlich die Entdeckung, daß 
die Regierung einen seiner Hauptredakteure, Dr. Hermes bestochen hatte — 
was in Preußen ganz unerhört und sicherlich auch ohne Vorwissen des 
Monarchen geschehen war; er entließ den Mann sofort und vertraute 
seine Zeitung zuverlässigeren Händen an. Etwas später übernahm der 
Westfale K. H. Brüggemann die Leitung. Der hatte seine Hambacher 
Festrede und die Schwärmerei seiner Studentenjahre auf der Festung 
Posen abgebüßt; aber unverbittert durch die lange Haft, schrieb er nach- 
her (1843) das geistreiche Büchlein „Preußens Beruf in der deutschen 
Staatsentwicklung“, ein Programm der Münsche, welche das liberale 
Bürgertum des Westens bewegten: er verlangte ständische Vertretung 
ohne allgemeine Wahlen, Freiheit der Presse, des Handels, der Gewerbe, 
Selbstverwaltung der Gemeinden, Aufhebung aller Privilegien neben Aner- 
kennung der ständischen Unterschiede, und sprach schon die bestimmte Er- 
wartung aus, daß Preußen an die Spitze der deutschen Nation treten 
würde. Wenn der Minister Bodelschwingh für nötig hielt, diesen Ver- 
14*
        <pb n="220" />
        212 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
treter des gemäßigten Liberalismus vor „subversiv-kommunistischen Ten- 
denzen“ zu warnen, so bewies er damit nur, wie völlig die Regierung 
durch ihre Angst verblendet war: sie vermochte die grundverschiedenen 
Richtungen, die sich augenblicklich in der Opposition zusammenfanden, 
gar nicht mehr zu unterscheiden. Da Brüggemann sich als erfahrener Pu- 
blizist vor den Zensoren selten eine Blöße gab, auch dem kirchenfeindlichen 
Treiben der Junghegelianer fern blieb, so gewann die Kölnische Zei- 
tung starken Anhang. Mit ihren 9000 Abonnenten oder mehr wuchs sie 
bald zu einem großen Blatte heran und wurde der Regierung gerade 
durch ihre ruhigere Haltung fast noch lästiger als vordem die Rheinische 
Zeitung. 
Für die Leipziger Allgemeine aber boten die demokratischen Buchhand- 
lungen, die sich überall dicht vor der deutschen Südwestgrenze auftaten, 
der Skandalsucht der Lesewelt reichlichen Ersatz. In Winterthur hatte 
der Thüringer Julius Fröbel das Literarische Comptoir gegründet, das 
sich zuerst durch Herweghs Gedichte einen Namen erwarb. Mechrere 
wirkliche oder vorgebliche Flüchtlinge halfen mit, eine Zeitlang auch einer 
der Gebrüder Follen, der schöne Adolf, vormals von den Unbedingten 
als deutscher Kaiser gefeiert. Ein ehrenhafter, aber durchaus doktrinärer 
Demokrat, hielt Fröbel in den mannigfachen Wandlungen seiner poli- 
tischen Ansichten viele Jahre hindurch nur einen Gedanken unverbrüchlich 
fest, den Haß gegen Preußen; er sprach offen die Absicht aus, durch seinen 
wilden Verlag die Macht der Zensur für immer zu untergraben. Zu- 
gleich eröffnete Wirth, der Volksredner des Hambacher Festes, in Bellevue 
bei Konstanz die Druckerei der deutschen Volkshalle; ähnliche Unterneh- 
mungen entstanden in Straßburg, Bern, Zürich. 
Also aus sicherer Ferne prasselte ein Hagel radikaler Schriften über die 
deutsche Grenze herein. Alle wurden begierig gelesen; manche erregten gro- 
ßes Aufsehen, so eine aus Wahrheit und Dichtung gemischte Darstellung des 
Prozesses Weidig, so zwei von Schmutz starrende Bücher des jungen Schwaben, 
Joh. Scherr, das enthüllte Preußen und Württemberg i. J. 1844. Auch die 
kleinen deutschen Nachbarstaaten mußten manche Schmähschrift gegen Preu- 
ßen stillschweigend dulden, sie hatten den Mut schon verloren und waren 
froh, wenn sie sich ihrer eigenen Haut wehren konnten. Der Rheinländer 
Karl Heinzen, der roheste aller preußischen Demagogen, ließ seine unflätigen 
Bücher über die preußische Bureaukratie, die Opposition und wie sie sonst 
hießen, in Darmstadt drucken oder bei dem radikalen Buchhändler Hoff in 
Mannheim; nur wenn er offen Meuterei und Hochverrat predigte, wie in 
den „dreißig Kriegsartikeln“ für das deutsche Heer, dann nannte er einen 
beliebigen Druckort. Heinzen hatte nach einer abenteuerlichen Jugend als 
ein Schiffbrüchiger ein Unterkommen im preußischen Subalterndienste gefun- 
den und dort zwar die Demütigungen erfahren, die in solcher Lage keinem 
gebildeten Manne erspart bleiben, doch niemals ein Unrecht erlitten; gleich-
        <pb n="221" />
        Glanz des Hofes. Die Pickelhauben. 213 
wohl meinte er sich berechtigt, das preußische Beamtentum wie eine Aus- 
geburt der Hölle zu behandeln. Ein vielbelachtes Zerrbild stellte den 
König dar, wie er die Zeitungen mit Füßen trat und dazu rief: ich liebe 
eine gesinnungsvolle Opposition! Was wollte der preußische Hof gegen 
alle diese Freibeuter ausrichten? Er fühlte sich gänzlich waffenlos; auch 
seine Zensoren daheim konnten schließlich nicht mehr unterdrücken, was in 
der Luft lag. Der alte Preßzwang ward unhaltbar. Im Septbr. 1847 
sang ihm Minister Bodelschwingh selbst das Totenlied und gestand: „Die 
Zensur ist altersschwach, sie hat ausgedient;“ es fragt sich nur noch, 
wie sie zu ersetzen sei.) 
  
Die neue Zeit, die so oft verkündigte, zeigte sich einem jeden 
handgreiflich in der geschmackvollen Pracht des neuen Hofes. Der König 
liebte in reichen, vier= oder sechsspännigen Wagen daherzufahren; er gab 
der Hofdienerschaft schöne silberne, mit schwarzen Adlern gestickte Kragen 
an ihre Uniformen, den Pagen wieder die malerische rote Tracht aus den 
Zeiten Friedrichs I., den Marschällen der Landstände Marschallsstäbe, den 
Professoren der Universitäten würdige Talare; die Ritter vom schwarzen 
Adler ließ er im Kapitel wieder die roten Ordensmäntel anlegen und 
die Richter des Rheinlandes wollte er nicht anders als in der feierlichen 
Robe der französischen Magistratur vor sich sehen. Das alles war ihm 
mehr als Form; er hielt sich verpflichtet, das Königtum von Gottes Gna- 
den sowie alle seine Diener wieder in standesmäßigem Glanze auftreten 
zu lassen. Als ihm General Thile einmal vorstellte, die Einfachheit der 
preußischen Monarchen, namentlich Friedrich Wilhelms III. hätte allge- 
meine Ehrfurcht erweckt, die neuen glänzenden Formen würden vom Volke 
nicht verstanden, ja vielleicht für theatralisch gehalten werden, da dankte 
er dem treuen Freunde für seine Offenheit und erklärte: „Dennoch können 
offenbare Irrtümer mich in meinen Ansichten nicht wankend machen. 
Gewiß ist's, daß viel, sehr, sehr viel Anstand verloren gegangen ist. Das 
ist, weit entfernt mich zu veranlassen so fortzufahren, die Ursach, warum 
ich den Anstand und als solchen Zeichen verliehener Würden wieder ein- 
führe. Darum die Amtstracht des Magnifikus und der Professoren, 
darum die Amtstracht der Richter, darum den Marschällen Marschalls- 
stäbe. Bei der Landtags-Eröffnung werde ich mir, wie bei der Huldigung, 
die Reichs-Insignien vortragen lassen. Juum cuique“ 
Den breiten Massen dieses kriegerischen Volkes kam der Wandel der 
Zeiten erst ganz zum Bewußtsein, als in den Jahren 1842 und 43 das Heer 
  
*) Bodelschwingh, Denkschrift über die Presse, Sept. 1847. 
*“) Thile an König Friedrich Wilhelm, 18. März 1847, mit Randbemerkung.
        <pb n="222" />
        214 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
eine neue Kleidung erhielt: kleidsame Waffenröcke statt der abgeschmackten 
Fräcke, Helme statt der Tschakos. Eine Flut von Spötterei ergoß sich über 
die Pickelhauben, die mittelalterliche Erfindung königlicher Romantik. Sehr 
bald begann man doch zu fühlen, daß Friedrich Wilhelm seinen Trup— 
pen die zweckmäßigste und schönste Kleidung gegeben hatte, welche je ein 
modernes Heer getragen; er hielt mit seinem feinen künstlerischen Ge- 
schmacke glücklich die Mitte ein zwischen der Steifheit der altrussischen und 
der seiltänzerischen Buntheit der neufranzösischen Uniformen, und in einem 
glorreichen halben Jahrhundert ist diese Kleidung der Nation so vertraut 
geworden, als ob deutsche Krieger in anderer Tracht gar nicht auftreten 
könnten. 
Wie anders als unter dem alten Herrn erschienen nunmehr die 
Schlösser in Berlin und Potsdam, die sich so lange nur zu großen Hof- 
festen geöffnet hatten; jetzt drängten sich Maskenbälle, Konzerte, lebende 
Bilder, Theateraufführungen. Nicht selten bat sich der Monarch auch selbst 
zu Gaste im Palaste des Fürsten Radziwill, dem Sammelplatze des katho- 
lischen Adels, oder bei dem Grafen Pourtaleès, dem Grafen Redern, wo 
zuweilen Jenny Lind und Franz Liszt sich hören ließen, oder bei der 
schönen Herzogin von Sagan-Kurland, die in ihren reifen Jahren noch 
einen so bestrickenden Zauber auf Männerherzen ausübte, daß der viel- 
bewunderte Fürst Felix Lichnowsky ihr wie ein Schatten folgte. Das 
diplomatische Korps zeichnete sich aus durch eine große Zahl bedeutender 
Männer; da war der Amerikaner Wheaton, der gelehrte Kenner des 
Völkerrechts, der kluge hochgebildete Belgier Nothomb, und Lord Westmore- 
land, ein glühender Bewunderer der deutschen Musik; selbst die türkische 
Gesandtschaft besaß an ihrem Sekretär Davoud Oghlu einen gediegenen 
Gelehrten, der es in der deutschen Rechtsgeschichte mit den Deutschen 
selber aufnehmen konnte, und die Gattin des sardinischen Gesandten, 
des Grafen Rossi, Henriette Sontag entzückte jetzt die Gäste ihres 
Hauses wie vormals die Besucher des Königstädtischen Theaters, durch 
ihren herrlichen Gesang. 
Über diese reich bewegte vornehme Gesellschaft dachte Friedrich Wilhelm. 
das ganze Füllhorn deutscher Kunst und Wissenschaft auszuschütten. Er 
verhehlte nicht, daß er seinen bayrischen Schwager überbieten, Berlin zur 
Hauptstadt der nationalen Kultur erheben wollte, und der Wittelsbacher 
klagte bald bitterlich, die Berliner entführten ihm jedes große Talent. 
Dem Preußen fehlten aber die zähe Ausdauer und die berechnende Umsicht, 
welche den Bayern befähigten, alle seine Unternehmungen zu Ende zu 
führen, und während dieser seine Künstler nur selten durch ein Macht- 
wort in ihrer Arbeit störte, meinte jener selbst ein Künstler zu sein, dem 
freien Schaffen meisternd die Bahnen weisen zu können. Auf allen Ge- 
bieten der Kunst zugleich schienen dem Könige die edelsten Kräfte der Na- 
tion zu Gebote zu stehen. Welch ein Viergespann! — schrieb Bunsen
        <pb n="223" />
        Die Potsdamer Gärten. 215 
in schöner Freude — Schinkel, Cornelius, Rauch, Mendelssohn! Da 
trat das Unheil ein, das über den künstlerischen Charakter der neuen Re— 
gierung von vornherein entschied. Schinkel starb, der einzige Mann, der 
durch seine allseitige Bildung, seine unerschöpfliche Phantasie, seinen wesent— 
lich architektonischen Genius vielleicht vermocht hätte, dem verwandten, 
aber unstet ins Weite schweifenden Geiste des Monarchen Halt und Rich— 
tung zu geben. Unter den Baumeistern, mit denen sich Friedrich Wil— 
helm nunmehr begnügen mußte, waren viele treffliche Männer, doch kein 
wahrhaft beherrschender Kopf; und so wurde diesem königlichen Mäcenas, 
der so viel Geist und Geschmack, so viel Arbeit und Opfer für das Schöne 
aufwendete, doch das grausame Schicksal, daß er nur an einer Stelle, 
in Potsdam, Werke hinterließ, welche sein eigenstes Wesen der Nachwelt 
getreu überliefern. 
Lenné, der größte Gartenkünstler des Jahrhunderts, der auf dem 
Alten Zoll zu Bonn, im Hofgarten der kölnischen Kurfürsten aufgewachsen, 
schon unter dem alten Könige begonnen hatte den Berliner Tiergarten 
und die Parks von Potsdam zu verschönern, erhielt jetzt erst freie Hand 
für seine Entwürfe. Die moderne Technik bot die Mittel, um die präch- 
tigen Wasserkünste endlich auszuführen, mit denen Friedrich der Große 
immer vergeblich versucht hatte sein Sanssouci zu schmücken; und an 
dem Potsdamer Persius gewann sich Friedrich Wilhelm einen Architekten, 
der wohl vertraut mit der stillen Schönheit dieser Havellandschaften, 
seine Bauten in den Rahmen der Wälder und der Wiesen, der Hügel 
und der Seen sinnig einzufügen wußte. Also, durch das Zusammen- 
wirken aller Künste, ließ er hier vollenden und zu einem Ganzen abrunden, 
was seine Ahnen stückweise begonnen hatten. Die majestätische Kuppel 
der Potsdamer Nikolaikirche gab dem Landschaftsbilde seinen beherrschenden 
Mittelpunkt; am Fuße des Hügels von Sanssouci begann Persius das 
Lieblingswerk des Königs, die Friedenskirche, einen edlen Bau nach der 
Weise der altitalienischen Basiliken, der sich mit seinen Säulenhöfen und 
dem ragenden Campanile im stillen Weiher widerspiegelte, eine Heim- 
stätte gläubigen Friedens neben der sorgenlosen Weltlichkeit da droben. 
Hier in den meilenweiten Parkgeländen war Raum genug für die vielseitige 
Phantasie des königlichen Bauherrn, hier verlebte er in heller Künstler- 
freude seine besten Stunden, und hier allein, unter den schlichten Leuten 
der Haveldörfer ist er auch in den unglücklichen Jahren seiner Regierung 
immer volksbeliebt geblieben. Unablässig, bis zum Ende seiner gesunden 
Tage, ließ er hier bauen und bilden: dicht am Ufer des blauen Stromes 
die weihevolle kleine Heilandskirche; auf einsamer Waldhöhe das bayrische 
Häuschen für die Königin; in den Gebüschen und Baumgängen marmorne 
Exedren und leuchtende Statuen, unter denen auch Meister Lennés Herme 
nicht fehlen durfte; auf dem Pfingstberge die hohen Aussichtstürme, präch- 
tige Propyläen einer Villenanlage, die, groß gedacht wie eines Dichters
        <pb n="224" />
        216 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Traum, durch die Stürme der Revolution unterbrochen wurde; endlich 
in den letzten Jahren noch den reichen Palladio-Bau der Orangerie. 
Es waren Werke von allerlei Stil, dem eklektischen Geschmacke des Königs 
entsprechend, und sie hinterließen doch nicht den Eindruck stilloser Bunt- 
heit, weil sie auf weiten Räumen verteilt, zwischen den Bäumen einge- 
rahmt standen. Jeder Beschauer mußte fühlen, daß ein reicher und hoher 
Geist hier sinnvoll waltete. 
Für Berlin reichte eine solche, mehr schmückende und spielende als 
schöpferische Kunsttätigkeit nicht aus. Sollte der Kunst der Hauptstadt 
die verheißene neue Blütezeit erscheinen, so mußten monumentale Bauten 
von mächtiger Eigenart den Werken Schlüters und Schinkels gegenüber- 
treten, welche den architektonischen Charakter Berlins bisher bestimmt hatten, 
und dieser Aufgabe war weder der unruhige Geist Friedrich Wilhelms 
selbst gewachsen, noch das feine, geschmackvolle, zierliche Talent des Thü- 
ringers Stüler, der dem Monarchen fortan nach Persius' frühem Tode fast 
bei allen seinen Bauplänen zur Hand ging. Mit liebevollem Eifer und 
meist auch mit glücklichem Erfolge bemühte sich der König zunächst, die 
Bauwerke seiner Vorfahren zu vollenden und zu zieren. Dem Museum 
gab er auf Dach und Treppe reichen Skulpturenschmuck, wie den Treppen- 
wangen des Schauspielhauses, die Säulenhalle davor wurde mit den Fres- 
ken nach Schinkels Entwürfen geziert; über den Pfeilern der breiten 
Schloßbrücke ließ er schöne Marmorgruppen lernender und kämpfender 
Krieger aufrichten, unbekümmert um den prosaischen Spott seiner Berliner, 
die sich an diese nackten Puppen gar nicht gewöhnen wollten. An der neuen 
Terrasse vor dem Schlosse prangten die vom Zaren Nikolaus geschenkten 
Rossebändiger des edlen Baron Clodt; auch sie wurden von dem Witze der 
Hauptstädter als Bilder des gehemmten Fortschritts und des geförderten 
Rückschritts verhöhnt, während sich Rauch an der vollendeten Naturwahrheit 
der beiden Rosse kaum satt sehen konnte. Das abgebrannte Opernhaus 
Friedrichs des Großen wurde ganz nach Knobelsdorffs ursprünglichem 
Plane, nur reicher und stattlicher wiederhergestellt; die ebenfalls ein- 
geäscherten Mühlen über dem rauschenden Wehr der Spree standen in 
der Gestalt einer malerischen Ritterburg wieder auf. Dann erhielt auch die 
schwere etwas eintönige Masse des Hohenzollernschlosses selbst kräftigen 
Abschluß und deutliche Gliederung durch Stülers bestes Werk, die ge- 
waltige Schloßkuppel über dem römischen Triumphbogen. 
Alle diese Zier= und Umbauten galten dem Könige nur als Beiwerk zu 
der großen Umgestaltung, die er für die Mitte der Hauptstadt beabsichtigte. 
Er dachte die lange Spreeinsel hinter dem alten Museum in eine Weihestätte 
der Künste umzuwandeln, die durch Säulengänge von dem Treiben des All- 
tags abgetrennt, eine ganze Reihe von Musentempeln umschließen sollte, und 
wie er allezeit liebte sich in Plänen zu übernehmen, so schwelgte er jetzt in 
immer neuen Entwürfen für die Ausführung dieser entzückenden Idee. Was
        <pb n="225" />
        Neues Museum. Berliner Dom. 217 
von alledem schließlich zu stande kam, war doch nur ein Bruchteil und 
wenig erfreulich. In Schinkels altem und Stülers neuem Museum spiegelte 
sich der Charakter der Regierungen des dritten und des vierten Friedrich 
Wilhelm treulich wieder. Dort einfache Würde, ruhige Hoheit; hier ein 
anspruchsvoller alexandrinischer Prachtbau, der dem Auge nirgends ein 
Gesamtbild darbot, im Innern eine unübersehbare Fülle köstlicher Samm— 
lungen, die Räume trotz mannigfacher Einzelschönheiten bunt, unruhig, 
überladen, das Ganze mehr gelehrt als schön und in der Anlage so will— 
kürlich, daß unschuldige Beschauer das riesige Treppenhaus mit seinen 
Wandgemälden und Gipskolossen nicht für ein dienendes Glied, sondern 
für den Mittelpunkt des Gebäudes halten mußten. Der neue General- 
direktor, der strengultramontane Westfale Ignaz v. Olfers war ein ge- 
lehrter Kenner der kirchlichen Altertümer und sorgte unter des Königs 
unmittelbarer Leitung eifrig für die Vermehrung der Sammlungen; für 
die Kunst der Lebenden zeigte er kein Verständnis. Noch trauriger 
mißriet das zweite große Bauunternehmen des Königs. Er faßte den 
glücklichen Gedanken, an der Stelle des unscheinbaren friderizianischen 
Domes im Lustgarten eine reiche Kathedrale zu errichten, das prächtigste 
Gotteshaus der festländischen Protestanten, zum würdigen Abschluß des 
schönen Straßenzuges vom Brandenburger Tore her; doch die Jahre 
vergingen über Entwürfen und Gegenentwürfen, und zuletzt ward nichts 
vollendet als der kostspielige, in das Bett des Flusses hineingeschobene 
Unterbau der Chorabschlüsse, so daß die Berliner höhnten, hier wachse 
das teuerste Gras von Europa. 
Es war eine herbe Enttäuschung; denn dieser Dom sollte die Krone 
werden über den 300 Kirchen, welche der fromme Monarch in zwei Jahr- 
zehnten teils wiederherstellte, teils neu baute. Aus dem Gemäuer der 
römischen Basilika zu Trier erhob sich eine neue evangelische Kirche; der 
karolingische Kuppelbau im Aachener Münster entstand wieder in seiner 
alten Pracht; nahe seinem geliebten Erdmannsdorf, in dem Föhrenwalde 
auf halber Höhe der Schneekoppe, ließ der König das uralte romanische 
Holzkirchlein Wang aus Norwegen wieder aufrichten. Seine Neubauten 
verleugneten nirgends den feinen Geschmack des Bauherrn, indes erschienen 
die meisten nur wie leicht hingeworfene Zeichnungen eines geistreichen 
Dilettanten, ohne Kraft und künstlerische Durchbildung; die dürftigen Bet- 
säle im Inneren entsprachen dem zierlichen Außeren nur selten, während 
Schinkel als guter Protestant sich die evangelischen Gotteshäuser immer 
als Innenbauten gedacht hatte. Die eleganten kleinen Kirchen des neuen 
Berlins verschwanden fast zwischen den hohen Häusermassen, und eigentlich 
nur Sollers katholische Michaeliskirche erweckte den Eindruck eines bedeu- 
tenden Architekturbildes, wie sie so stattlich dastand an dem breiten Hafen 
des Engelbeckens, jenseits des Wassers der heitere Terrakottenbau von 
St. Thomas und die düstere Klosterburg des Diakonissenhauses Bethanien.
        <pb n="226" />
        218 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Das Mißgeschick des Dombaus wurde verhängnisvoll auch für die 
Entwicklung der Berliner Malerei. Mit hellem Frohlocken folgte Peter 
Cornelius, nachdem er mit seinem wittelsbachischen Gönner gebrochen 
hatte, dem Rufe Friedrich Wilhelms; er war auserwählt, die monumentale 
Malerei an der Spree einzubürgern, die Königsgruft der Hohenzollern, 
den Campo Santo, der sich neben dem Dome erheben sollte, mit biblischen 
Fresken auszuschmücken. Hoch begeistert, wie der König selbst, für ein 
allgemeines evangelisches Christentum, dachte er hier dasshristliche Epos, 
das er in der Münchener Ludwigskirche nur teilweis hatte vollenden können, 
zum herrlichen Abschluß zu bringen, den apokalyptischen Sagenkreis von den 
letzten Dingen, die geheimnisvolle Welt, wo Irdisches und Ewiges sich be- 
rühren, in grandiosen, jedes Christenherz erschütternden Bildern darzustellen. 
Da ward ihm die Höllenpein, die furchtbarste für einen schöpferischen Geist, 
Jahr für Jahr nur planen und planen zu müssen, denn die Wände, die 
er schmücken sollte, blieben unvollendet. Wie konnte es ihn trösten, daß 
ihm vor dem Brandenburger Tore, neben der lieblichen Villa seines 
Freundes, des Grafen Athanasius Raczynski ein würdiges Künstlerheim 
bereitet wurde? daß der König ihn mit Gnaden überschüttete, bei allen 
Prunkgeschenken und Denkmünzen dieser festlustigen Jahre nach seinem 
Griffel verlangte? Der jugendliche Schaffensdrang des Siebzigjährigen 
lechzte nach dem einen, was ihm jetzt das Leben war. Und da nun wieder 
Jahre um Jahre in vergeblichem Harren dahingingen, so zeichnete er still 
entsagend an seinen riesigen Kartons weiter, ohne Hoffnung, nur um der 
Stimme des eigenen Genius zu gehorchen. Anfangs mit hohen Ehren 
aufgenommen, lernte er bald den eigentümlichen demokratischen Geist des 
Berliner Lebens kennen, der im Grunde gar nichts gelten läßt und zwar 
junge Talente heilsam stacheln, stolze, gereifte Naturen aber leicht ver- 
stimmen kann. Auch die wohlweisen Kritiker der Hauptstadt fühlten schnell, 
daß dieser herrische kleine Mann mit den streng geschlossenen Lippen, den 
stechenden dunklen Augen unter der schwarzen Perücke nicht ihresgleichen 
war, und sie rächten sich nach ihrer Weise durch hämische Angriffe. 
Unter allen den mannigfachen Gestalten menschlicher Beschränktheit 
erscheint keine gedankenreichen Köpfen so unleidlich wie die Dummheit, die 
alles am besten weiß; und da diese Form der Dummheit in Berlin vor- 
herrschte, so wurde die ungemütliche Stadt dem großen Künstler verleidet. 
Hier fand er weder die schönheitsfrohe Welt seines geliebten Roms, noch 
die fröhliche Zecherlust der Münchener Kumpanei. Angeekelt durch die 
Berliner Aufklärung kehrte er im Alter zurück zu strengkatholischen An- 
schauungen, die er in früheren Tagen überwunden hatte. Unterdessen be- 
gann die Geschichte über ihn hinwegzuschreiten; die verwandelte Zeit ver- 
langte mit Recht von den Malern Farbenglanz und Naturwahrheit. Cor- 
nelius selbst mußte bezweifeln, ob sich unter dem jungen Geschlechte noch 
Künstler fänden, die seine Kartons je ausführen könnten oder wollten. Also
        <pb n="227" />
        Cornelius. Berliner Musik. 219 
beschied ihm ein hartes Schicksal, bei voller Schaffenskraft den eigenen 
Ruhm zu überleben, und diese Berliner Jahre, die ihm den Lohn für 
ein reiches Künstlerwirken hatten bringen sollen, gestalteten sich zu einer 
tragischen Leidenszeit. 
Ebenso wenig konnte Felix Mendelssohn-Bartholdy, der alsbald vom 
Könige glänzende Anträge erhielt, sich an der Spree wieder heimisch fühlen. 
Er hatte sich schon vor Jahren der Vaterstadt entfremdet, weil sie ihm die 
Direktion der Singakademie nicht anvertrauen wollte, und seitdem, durch 
die geniale Leitung der Gewandhauskonzerte, Leipzig zum Mittelpunkte 
des idealen deutschen Musiklebens erhoben. Zweifelnd, ungern kehrte er 
heim; die dankbare, harmlos empfängliche Hörerschaft, die ihm in Sachsen 
und auf den rheinischen Musikfesten zugejauchzt hatte, konnte er in der 
Stadt der kritischen Überbildung nicht wiederfinden. Nach seinem guten 
Rechte verlangte er ein Orchester und einen Chor, die sich seiner Herr- 
schaft fügen sollten; gleichwohl ward ihm kein bestimmter Wirkungskreis 
angewiesen, da der König zunächst nur planlos und ungeduldig, große 
Namen für Berlin gewinnen wollte; und so geriet der Vielgeliebte und 
Vielverwöhnte, den man überall sonst auf den Händen trug, bald in 
widerwärtige Händel mit der Amtseifersucht der königlichen Musikbe- 
hörden. Schon nach drei Jahren zog er sich verstimmt wieder in seine 
friedlichere Leipziger Tätigkeit zurück. 
Mittlerweile war Spontini dem Volkshasse erlegen, der sich seit Jahren 
gegen den herrischen Fremdling angesammelt hatte. Eine leidenschaftliche 
öffentliche Antwort auf die Angriffe Rellstabs und anderer Kritiker bewirkte, 
daß er wegen Majestätsbeleidigung verfolgt wurde. Der gütige Monarch 
schlug die Untersuchung nieder, weil er fühlte, daß der heißblütige, des 
Deutschen kaum mächtige Italiener den Sinn seiner Worte nicht rechterwogen 
hatte; der Groll des Publikums ließ sich aber jetzt nicht mehr bändigen. Ein 
pöbelhafter Theaterskandal verjagte Spontini von dem Pulte, auf dem er so 
lange als unumschränkter Herrscher gethront hatte. An seine Stelle wurde 
Giacomo Meyerbeer berufen. Dem Könige war es eine frohe Genugtuung, 
die großen Musiker, die Berlin unter seinen Söhnen besaß, beide zugleich an 
seinem Hofe zu sehen; er bedachte nur nicht, daß diese beiden grundverschiede- 
nen Naturen, die sich gerade durch das Bewußtsein der gemeinsamen Ab- 
stammung voneinander abgestoßen fühlten, unmöglich zusammenwirken 
konnten. Meyerbeer leitete eine Zeitlang die Oper mit großem Erfolge, er 
verherrlichte alle Hoffeste durch prächtige Märsche und Tänze, und da er auf 
seine Weise immer ein stolzer Preuße blieb, so komponierte er zur Wiederer- 
öffnung des eingeäscherten Opernhauses das Feldlager in Schlesien, die 
einzige nationale seiner Opern, ein Werk voll Feuer und Leben, in dem 
die kriegerische Begeisterung des friderizianischen Zeitalters kräftig wieder- 
hallte. In der Stadt kannte alle Welt den freundlichen kleinen Mann, 
der an jedem Mittag mit seinem roten Regenschirm im Tiergarten spa-
        <pb n="228" />
        220 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
zieren ging. Auf die Dauer ward ihm doch nicht wohl. Wie Mendels— 
sohns keuscher Künstlersinn sich nach der friedlichen Stille einer deutschen 
Mittelstadt zurücksehnte, so strebte dieser Virtuos des rauschenden Erfolges 
hinaus nach der großen Bühne der internationalen Kunst, die für ihn die 
natürliche Heimat war. Nach einigen Jahren schied auch er, um fortan 
wieder in Paris zu leben und die Vaterstadt nur alljährlich auf kurze 
Zeit zu besuchen. 
Seltsames Mißgeschick! Von dem glänzenden Viergespann, das 
Bunsen vor den Wagen des königlichen Kunstfreundes zu spannen hoffte, 
konnte nur einer im neuen Berlin seine ganze Stärke zeigen: Christian 
Rauch. Ihm blieb bis ins hohe Alter der stetig anhaltende Atemzug 
künstlerischer Kraft und nicht minder die treue Hingebung an das könig— 
liche Haus. Er arbeitete alle diese Jahre hindurch an dem Riesenwerke 
des Friedrichsdenkmals. Doch ein solches Unternehmen bedurfte langer 
Zeit; die Berliner bekamen von dem Altmeister lange nichts Neues mehr 
zu sehen außer dem schönen Grabmale des alten Königs, das neben dem 
Sarkophage der Königin Luise im Charlottenburger Mausoleum errichtet 
wurde. Was hatte man nicht alles erwartet von diesem hochsinnigen 
Fürsten, der, selbst ein Künstler, mit dem berühmtesten Kunstkenner der 
Zeit, dem Freiherrn v. Rumohr, nahe befreundet war. Nun ließ sich 
doch nicht mehr verkennen, daß in diesen acht Jahren von bleibenden 
Kunstwerken weniger zu stande kam als weiland unter dem nüchternen 
alten Herrn. Die krankhaft aufgeregte Tadelsucht spottete, diese Regierung 
sei auch darum echt modern, weil ihren großen Intentionen die verkümmerte 
Ausführung niemals entspräche. 
Wie die beiden ersten Musiker so wünschte Friedrich Wilhelm auch 
den namhaftesten Dichter unter den lebenden Berlinern in die Vaterstadt 
zurückzurufen. Ludwig Tieck kam, und der König zeigte sich sehr herzlich, 
eingedenk der Wonnen, die ihm einst in seiner Jugend die Märchenpracht 
des Phantasus bereitet hatte. Der Dichter erhielt seine verkaufte Biblio- 
thek durch des Königs Freigebigkeit zurückgeschenkt und im Parke von 
Sanssouci ein Haus angewiesen, damit er immer zur Hand wäre, wenn 
sein Gönner an einem stimmungsvollen Abend eine dramatische Vorlesung 
zu hören wünschte. Aber seine schöpferische Kraft war schon versiegt; die 
neue Zeit mit ihrem Lärm widerte den Romantiker so tief an, daß er nicht 
einmal die Eisenbahn nach Potsdam benutzen mochte, sondern in seinem 
Wagen daneben herfuhr. Vom Alter gebeugt verbrachte er den größten 
Teil dieser Berliner Jahre in hoffnungslosem Siechtum. Die Vor- 
lesungen bei Hofe wurden seltener und seltener, da der König nicht lange 
bei der Stange bleiben konnte. Selbst eine stille Gemeinde, wie sie in 
Dresden das Lesepult des Altmeisters umstanden hatte, ließ sich in dem 
unruhigen, zerstreuenden Treiben der Hauptstadt nicht zusammenbringen; 
bloß vereinzelte Besucher, treue Hausfreunde oder dann und wann ein
        <pb n="229" />
        Tieck und Rückert. 221 
junger Poet, freuten sich an seinem seelenvollen Gespräche und dem 
wunderbaren Blicke der dunklen Dichteraugen. 
Nur für dramaturgische Aufgaben nahm man seine Kraft noch mehrmals 
in Anspruch. Er richtete die Antigone des Sophokles für die Bühne ein, 
Mendelssohn setzte die erhabenen Chorgesänge in Musik, die Aufführung ge- 
lang über alle Erwartung, und in seiner dankbaren Freudeließ der König eine 
prächtige Medaille prägen, welche die Antigone mit der Urne und dazu über 
griechischen Versen die Bilder ihrer beiden Wiedererwecker zeigte. Auch Shake- 
speares Sommernachtstraum erweckte, wie ihn die beiden dem modernen 
Theater angepaßt hatten, allgemeinen Beifall. Als aber der König auch noch 
den Odipus auf Kolonos, dann sogar, gegen Tiecks eigenen Wunsch, den 
Gestiefelten Kater und den Blaubart aufführen ließ, da zeigte die ablehnende 
Haltung der Hörer, daß die Bühne sich zu gelehrten oder phantastischen 
Experimenten nicht hergeben darf. Vollends Racines Athalie, dies ein- 
tönige Stück, dessen salbungsvolles Pathos den Deutschen meist schon auf 
der Schulbank verleidet wird, brachte die Berliner fast zur Wut; sie 
witterten jetzt überall pfäffische Anschläge und riefen in Gegenwart des 
Hofes ungebärdig: wir wollen keine Predigten. Ein so genügsamer stand- 
hafter Theaterbesucher wie sein Vater konnte Friedrich Wilhelm, der selbst 
schon so viel gedacht und empfunden hatte, niemals werden, denn ideen- 
reichen Köpfen fällt das Hören immer schwerer als das Sehen; nur von 
Zeit zu Zeit reizte ihn das Außerordentliche, Seltsame, Fremdartige. Er 
sprach oft enthusiastisch von der Verjüngung des deutschen Theaters, je- 
doch die aufstrebenden dramatischen Talente, an denen die Zeit nicht arm 
war, ließen ihn kalt, weil sie allesamt zur Opposition gehörten. Also 
brachte seine Regierung auch der Bühne kein frisches Leben. Der neue 
aus München berufene Theaterdirektor v. Küstner waltete seines Amts 
mit Kraft und Eifer, er zeigte sich auch nicht unfreundlich gegen die jungen 
Poeten; die Herrscherin im königlichen Schauspielhause blieb doch nach 
wie vor die gute Charlotte Birch-Pfeiffer. 
Am allerwenigsten war Friedrich Rückert der Mann, um die Pläne 
einer Theaterreform, mit denen der König spielte, ins Leben einzuführen. 
Er warf sich, seit auch er nach Berlin berufen worden, mit jugendlichem 
Eifer auf dramatische Arbeiten, doch sie konnten seinem lyrischen Genius 
nicht gelingen; eine Tätigkeit, die ihn dem Bühnenleben näher gebracht 
hätte, ward ihm gar nicht angewiesen. So wurden ihm diese Berliner 
Jahre die traurigsten und die unfruchtbarsten seines Lebens. „Der in- 
dische Bramane, geboren auf der Flur“ fand den Hof und die vornehme 
Gesellschaft ebenso ungenießbar wie den Lärm der Großstadt und ihre 
reizlose Gegend; die Handvoll Zuhörer, die sich in der bescheidenen Wohnung 
auf der Behrenstraße zu den orientalistischen Kollegien des Dichters ein- 
fand, bot ihm auch keinen Trost, und er dankte Gott, als er nach einigen 
Jahren heimkehren durfte ins fränkische Hügelland, um wieder in länd-
        <pb n="230" />
        222 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
licher Stille zu bilden und zu dichten. Eine besondere Vorliebe hegte der 
König für den Schlesier August Kopisch, den fröhlichen Wanderer und 
Schwimmer, der einst die blaue Grotte von Capri entdeckt, auch dem Kron— 
prinzen in Neapel als Cicerone gedient und, halb Maler halb Poet, das 
geheimnisvolle Treiben der Kobolde und Heinzelmännchen, die glückselige 
Dummheit der deutschen Krähwinkelei, die Lust des Bechers und der Liebe 
in manchem schalkhaft anmutigen Gedichte besungen hatte. Der wurde 
jetzt im Hausministerium untergebracht und schrieb, lässig nach Künstler— 
weise, viele Jahre lang ein Buch über die Potsdamer Schlösser. 
Noch schlimmer fuhr der König mit dem jungen Ferdinand Freiligrath, 
der den Monarchen durch die funkelnde Pracht seiner Sprache bezaubert 
hatte und ein kleines Jahrgehalt angewiesen erhielt. Vor kurzem erst 
war Freiligrath den politischen Poeten entgegengetreten mit der schönen 
Mahnung: 
Der Dichter steht auf einer höh'ren Warte 
Als auf der Zinne der Partei — 
worauf ihm Herwegh dreist erwiderte: 
Ich hab' gewählt, ich habe mich entschieden, 
Und meinen Lorbeer flechte die Partei. 
Die Presse war aber bereits gewohnt, jeden der am preußischen Hofe aus- 
gezeichnet wurde, als einen Volksverräter zu brandmarken. Von allen 
Seiten wurde der „pensionärrische“ Poet mit gereimten und ungereimten 
Schmähungen beworfen; überall sang man die höhnischen Verse Hoff- 
manns v. Fallersleben: „wollte mir ein König geben Pension!“ Dieser 
albernen Entrüstung vermochte der erregbare Dichter nicht Trotz zu 
bieten; war er doch selbst, obwohl ein ganz unpolitischer Kopf, nach 
Anlage und Bildungsgang ein radikaler Schwarmgeist. Nach zwei 
Jahren schon fühlte er sich gedrungen, die Annahme des Jahrgelds zu 
verweigern, und fortan sang er selbst Zeitgedichte im Geiste der wildesten 
Opposition. Seltsam doch, wie unsicher und schwächlich die allseitige 
Empfänglichkeit des Königs sich oft zeigte. Die sentimentale Novelle 
Godwie Castle der ehrbaren Frau Henriette Paalzow fand bei Hofe 
unbegrenzte Bewunderung; auch der orthodoxe Pastor Wilhelm Meinhold 
erfreute sich der königlichen Gnade, ein abgesagter Feind der modernen 
„Vieh-Philosophie“, der in einem manierierten, altertümelnden Romane 
„die Bernsteinhexge“ einen scheußlichen Stoff aus der Zeit der Hexenver- 
brennungen nicht ohne realistisches Talent, aber roh und fanatisch dar- 
gestellt hatte. Ungetrübte Freude wurde dem Könige, bei allem, was er 
hochherzig zur Förderung der deutschen Poesie unternahm, eigentlich nur 
einmal: als er die edle Begabung Emanuel Geibels erkannte und dem 
Dankbaren durch gütige Unterstützung über einige bedrängte Jugendjahre 
hinweghalf. 
Ein Musenhof nach dem Vorbilde Rheinsbergs oder Weimars, wie
        <pb n="231" />
        Berliner Gesellschaft. 223 
ihn der König sich zuweilen erträumte, konnte unter solchen Umständen nicht 
entstehen. An Talent und Bildung war kein Mangel. Auf der Cantian— 
straße nahe den Museen, in dem berühmten braunen Saale des General— 
direktors v. Olfers versammelte sich allwöchentlich ein dichter Kreis von 
Künstlern, Gelehrten, Kennern, liebenswürdigen Frauen; die Hausfrau, 
Stägemanns Tochter Hedwig, brachte jedem ein freies menschliches Ver— 
ständnis entgegen und erweckte in der Gesellschaft eine Stimmung fröhlichen 
Behagens; sie wußte, wie ihre Töchter und der gelehrte Schwiegersohn 
Geh. Rat Abeken, alle die Feindschaft, die unter so vielen bedeutenden 
Männern nicht fehlen konnte, durch leichte Anmut niederzuhalten. In 
den unscheinbaren Salons des greisen Fräuleins Solmar fanden sich noch 
die letzten Vertreter einer älteren, bereits versinkenden literarischen Epoche 
zusammen. Und so gab es noch überall in der Hauptstadt einfache gast— 
liche Häuser, wo bei Butterbrot und Tee eine geistreiche, oft allzu geist— 
reiche Geselligkeit blühte: die jungen Rheinländer erfreuten sich meist der 
besonderen Gunst der Berliner Damen, weil sie als frische Naturburschen 
von den klugen Norddeutschen wohltätig abstachen. Aber all dies reiche 
Leben bewegte sich ganz selbständig, ohne jede Fühlung mit dem Hofe. 
Keiner der berühmten Neuberufenen trat dem Monarchen wirklich 
nahe; er sprach mit ihnen gelegentlich, immer gütig und geistvoll, doch 
sein zerstreuter, unruhiger Sinn mochte nicht lange bei den einzelnen ver— 
weilen. Bequemer als diese Größen war ihm eigentlich der vielbelesene 
Salon-Historiker Alfred v. Reumont, ein ultramontaner Diplomat, der, 
trotz seiner spaßhaften Häßlichkeit immer elegant und zierlich, allerhand 
literarische Leckerbissen nicht ohne Gewandtheit aufzutragen wußte. Auch 
wurde die Zeit doch zu ernst für eine poetisch-philosophische Tafelrunde: 
Friedrich war im Innern seines Staats der unangefochtene Herr gewesen, 
den Nachfolger bedrohten schwere politische und kirchliche Kämpfe, die ihm 
die unbefangene Freude an der Welt der Ideale störten. 
Schon längst empfand er es als einen Widerspruch im deutschen 
Leben, daß die Künstler und Gelehrten in keiner anderen Nation eine 
so bescheidene soziale Stellung einnahmen wie in dem Volke der Dichter 
und der Denker. Er wußte wohl, wie wenig alle äußeren Auszeichnungen 
das ideale Schaffen selbst fördern; doch er hielt sie, wie sein Humboldt, 
für unentbehrlich, um das banausische Publikum auf die Würde der geistigen 
Arbeit hinzuweisen — zumal in diesem eiteln Jahrhundert, das, trotz seiner 
Freiheitsreden, nach Rang und Titeln so begehrlich trachtet wie kein 
anderes Zeitalter seit dem Untergange des Byzantinerreichs. Selbst die 
Radikalen fühlten sich beschämt, und Hoffmann von Fallersleben sang 
ein bissiges Lied auf „Deutschlands Schmach und Schande“, als der 
bejahrte Jakob Grimm in diesen Togen seinen ersten Orden erhielt — 
und dieser Orden war das Kreuz der Ehrenlegion, das Guizot dem von 
allen deutschen Fürsten Vergessenen übersandte, um im Namen des
        <pb n="232" />
        224 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Königs der Franzosen deutsche Wissenschaft zu ehren. Das sollte anders 
werden. Friedrich Wilhelm beschloß, dem einzigen preußischen Orden, 
der noch nicht durch Verschwendung an Wert verloren hatte, dem fri- 
derizianischen Kriegsorden pour le meérite eine Friedensklasse hinzuzu- 
fügen, welche nur für dreißig hervorragende Gelehrte und Künstler als 
stimmfähige Ritter deutscher Nation bestimmt war, dazu noch für dreißig 
ausländische Ritter ohne Stimmrecht. Nach Todesfällen sollte der Orden 
künftighin, damit sein Ansehen ungeschmälert bliebe, nur auf Vorschlag 
der Ritter selbst verliehen werden. Offenbar schwebte dem Könige der 
Gedanke vor, die Symposien von Sanssouci in idealer Form zu erneuern. 
Humboldt, der natürlich zum Kanzler des Ordens ernannt wurde, fühlte 
sich so recht in seinem Element, als er dem Monarchen bei den ersten 
Ernennungen Ratschläge erteilen durfte; und in der Tat fiel die Wahl 
durchweg auf ausgezeichnete Männer. Einige Not bereitete der greise Bild- 
hauer Gottfried Schadow; der erklärte eigensinnig: ich nehme den Orden 
nur an, wenn mein Wilhelm — der Direktor der Düsseldorfer Akademie 
— ihn auch erhält. Da sagte ihm der König in seiner unerschöpflichen 
Gutherzigkeit zu, Wilhelm solle dereinst in des Vaters Stelle eintreten, 
und verfügte eigenhändig: Bei Papa Schadow muß der Sohn als erb- 
berechtigt angeführt werden. Der Sohn kann aber die Dekoration tragen 
ohne Stimmrecht.“ 7) 
Unter den dreißig Rittern war nur ein gänzlich unwürdiger: Metter- 
nich. Der hatte zwar vor Jahren dem jungen Leopold Ranke die ver- 
schlossenen Wiener Archive geöffnet, doch sonst niemals etwas Nennens- 
wertes für Deutschlands Kunst und Wissenschaft getan, sondern das 
geistige Leben der Nation durch die Karlsbader Beschlüsse nach Kräften 
geschädigt. Und gerade ihn betrachtete sein königlicher Bewunderer als eine 
hohe Zierde der neuen Stiftung;?**) er teilte ihm die Verleihung mit, in 
einem gemütlich witzelnden Briefe, als ob Metternich durch seinen Bei- 
tritt den anderen Rittern eine große Gunst erwiese, und bat ihn sogar 
den Orden zwar anzunehmen, doch niemals zu tragen, weil neben dem 
Goldenen Vließe dafür kein Platz bleibe. Das war der Ton nicht, in 
dem ein König von Preußen einem ausländischen Untertan eine seltene, 
ganz unverdiente Ehre ankündigen durfte. Friedrich Wilhelm ließ sich's 
nicht träumen, daß man in Wien noch keineswegs gemeint war, den preu- 
ßischen Staat als eine ebenbürtige Macht anzusehen, und ahnte kaum, wie 
seine herzliche Vertraulichkeit auf den hochmütigen k. k. Staatskanzler 
wirken mußte, der natürlich eine gewandte, hofmännische Antwort gab. 
Im folgenden Jahre feierte der König den Jahrestag des Verduner 
Vertrags, „das tausendjährige Jubiläum von Deutschland“, wie er es 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 26. Mai 1842. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 24. Mai 1842.
        <pb n="233" />
        Pour le mérite. Wissenschaftliche Unternehmungen. 225 
nannte,') durch die Stiftung eines Preises für Werke aus der vaterlän- 
dischen Geschichte. Die Festlichkeiten, die er sonst noch für diesen Tag 
anbefahl, beschränkten sich auf die Kirchen und Schulen; nur der Alt- 
teutsche Maßmann veranstaltete ein lärmendes Turnfest in der Hasenheide. 
Das Volk nahm wenig Anteil, denn was die Deutschen an Festlust be- 
saßen, war in den Kölnischen Jubeltagen draufgegangen. Die radikale 
Jugend fand den Rückblick auf dies Jahrtausend deutscher Geschichte wenig 
erfreulich, und selbst ein reifer Mann wie Kühne nannte das Fest „einen 
recht dummen Streich“. Unter dieser verbitterten Stimmung mußte auch 
der Ansbacher Bildhauer Ernst von Bandel leiden, ein stürmischer Teutone 
aus Maßmanns Freundeskreisen, der schon im Jahre 1838 den Plan ge- 
faßt hatte, auf der Grotenburg im Teutoburger Walde, inmitten der west- 
fälischen Gebirge, dem Cherusker Herman ein riesiges Denkmal zu er- 
richten. Er dachte dabei an den ewigen Kampf der Germanen wider 
die welsche, insbesondere die französische Tücke, und merkte nicht, daß er 
also den Franzosen einen neuen Vorwand gab, sich selber für Kultur- 
bringer, uns für Barbaren zu erklären. Unter schweren Opfern, mit 
einer wunderbaren Ausdauer, der seine künstlerische Begabung leider nicht 
von ferne gleichkam, lebte der begeisterte Patriot fortan diesem einen Ge- 
danken; denn immer wenn eine Nation sich auf sich selbst besinnt, wendet 
sie ihre andächtigen Blicke der fernsten Vorzeit zu. Um dieselbe Zeit, viel- 
leicht angeregt durch Bandels Werk, schlug der Dichter Niccolini den Ita- 
lienern vor, auf dem Gipfel des Mont Cenis ein Bild des Marius auf- 
zubauen, mit drohend gen Norden gerichtetem Schwerte, und darunter die 
Inschrift: Zurück ihr Barbaren! Das Unternehmen des tapferen Franken 
fand anfangs lebhaften Anklang und wurde auch durch reiche Spenden 
König Friedrich Wilhelms gefördert; jetzt aber erkaltete der Eifer, die un- 
geduldige Jugend wollte Taten sehen, und wirklich ist das Werk erst nach 
drei Jahrzehnten vollendet worden, als Deutschland auf große neue Siege 
zurückschauen konnte. 
Jener historische Preis war nur ein Glied aus einer langen Kette 
königlicher Geschenke an die Wissenschaft. Durch die Freigebigkeit der Krone 
erhielt Richard Lepsius die Mittel für die große vierjährige orientalische 
Reise, die der Agyptologie erst einen festen wissenschaftlichen Boden schaffen 
sollte. Ebenso wurde Karl Ritter bei seinen Reisen unterstützt; ihn liebte der 
König zärtlich, denn eine so wunderbare Verbindung von frommer Einfalt 
und tiefer Gelehrsamkeit fand sich in der modernen Welt nur selten. Die Aka- 
demie der Wissenschaften wurde beauftragt die sämtlichen Werke König Fried- 
richs herauszugeben, obgleich die gottseligen Fanatiker mindestens die Ge- 
dichte und die philosophischen Schriften des großen Freigeistes von der Ver- 
öffentlichung ausschließen wollten; zugleich begann Freiherr von Stillfried 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 29. März 1843. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 15
        <pb n="234" />
        226 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
die Urkundensammlung zur ältesten Geschichte des königlichen Hauses, die 
Monumenta Zollerana. Für Doves geniale Forschungen wurde das 
meteorologische Institut eingerichtet, das bald in ganz Norddeutschland 
seine Beobachtungsstationen anlegte. An die Spitze der Berliner Bibliothek 
kam Pertz, der Herausgeber der Monumenta Germaniae, der damals 
auf der Höhe seines Wirkens stand. 
Den Universitäten Berlin und Königsberg bewilligte der König so— 
gleich ein beträchtlich erhöhtes Einkommen; auch das arg vernachlässigte 
alte Greifswald sollte gehoben werden. Und wie viele glänzende Berufungen 
gleich in der ersten Zeit! Bald nach den Brüdern Grimm erhielt auch 
Dahlmann einen preußischen Lehrstuhl in Bonn angewiesen. Beim Ab— 
schied in Jena begrüßte ihn Robert Prutz mit einem Liede, das dem 
brausenden, ziellosen Tatendrange des jungen Geschlechts treuen Aus— 
druck gab: 
Es gilt dem kommenden Geschlechte, 
Es gilt dem künft'gen Morgenrot. 
Der Freiheit gilt es und dem Rechte, 
Es gilt dem Leben und dem Tod. 
Am Rhein wurde der Führer der Göttinger Sieben nicht minder freudig 
aufgenommen, und in seiner Antrittsvorlesung sagte er hoffnungsvoll: der 
Tadel der Nation gegen Preußens selbständige Politik werde erst verstummen 
„in der Fülle der Zeiten, vor dem unter Preußens Vorgange vollendeten 
Werke, vor Deutschlands großer Zukunft“. In die Berliner juristische 
Fakultät trat neben Stahl dessen Landsmann Puchta ein, der natürliche 
Nachfolger Savignys, ein tiefsinniger, in Schrift und Rede gleich ausge— 
zeichneter Lehrer des römischen Rechts; er gehörte einer gemäßigt konser— 
vativen Richtung an, doch als Freund Schellings, als Anhänger der histo— 
rischen Rechtsschule und streng kirchlicher Protestant erfuhr er, wie Stahl, 
in der Presse alsbald gehässige Anfeindungen. Nach seinem frühen Tode 
wurde der Schweizer Keller berufen, auch ein trefflicher Jurist, nur minder 
glücklich als Lehrer: er hatte einst in Zürich die Radikalen geführt, doch 
angeekelt von dem souveränen Unverstande, hielt er sich in Preußen zu 
der streng konservativen Partei. Als nun auch der milde, aber den Ra- 
tionalisten verhaßte Theolog Dorner neben Hävernick nach Königsberg 
berufen wurde, da hieß es allgemein, der König begünstige nur reaktionäre 
Gelehrte. Man dankte ihm auch nicht, daß er Maßmann, dem Bücher- 
verbrenner von der Wartburg, erlaubte, in Berlin einen großen Turnplatz 
einzurichten und nebenbei an der Universität verworrene germanistische 
Vorlesungen zu halten; die Burschenschafter aus der ältesten christlich- 
germanistischen Generation galten dem neuen Liberalismus allesamt für 
Dunkelmänner. Selbst der Baseler Protestant Gelzer, ein ernstgläubiger, 
keineswegs engherziger Literaturhistoriker wurde, kaum nach Berlin be- 
rufen, sofort als geheimer Jesuit verlästert.
        <pb n="235" />
        Dahlmann. Schelling und Paulus. 227 
Unter allen Neuberufenen erregte Schelling das größte Aufsehen. 
Er war ausdrücklich auserwählt, um den idealen Sinn und Zweck der 
neuen Regierung vor der gelehrten Welt zu vertreten; er sollte die Hegel— 
schen Popularphilosophen Vatke, Hotho, Benary, Michelet, die an der 
Berliner Universität noch die Lehre des Meisters in zeitgemäßer Ver— 
dünnung vortrugen und bei Hofe für Verderber der Jugend galten, auf 
das Haupt schlagen durch eine zugleich gläubige und streng wissenschaft— 
liche Philosophie. Seine Berufung wurde zugleich Parteisache. Sogar 
Humboldt, der vor zehn Jahren so bestimmt erklärt hatte, Schelling sei 
der einzig mögliche Nachfolger auf Hegels Lehrstuhl, verhielt sich jetzt 
kühl, fast feindselig; und unter dem Wehgeschrei der gesamten liberalen 
Welt hielt der siebenundsechzigjährige Philosoph seinen Einzug in Berlin, 
wo auch er nie wahrhaft heimisch werden sollte. Seit einem Menschen— 
alter hatte er außer einigen akademischen Reden nichts mehr veröffentlicht, 
als die wiederholte Ankündigung, daß „es jetzt ernst sei“ mit seinem so 
oft verheißenen großen theosophischen Werke, und einige hochmütige Aus— 
fälle gegen jüngere Philosophen, die ihm seine Ideen entwendet haben 
sollten. Schweren Herzens schied er von München, das für ihn doch 
der natürliche Boden war; denn er meinte sich von Gott erwählt, in 
der Hochburg der Hegelschen Schule als Lehrer der Zeit aufzutreten. 
Er vermaß sich, die Philosophie nicht aufzuheben, sondern zu ergänzen 
durch eine bisher für unmöglich gehaltene Wissenschaft, ihr in der Offen— 
barungsphilosophie eine Burg zu gründen, worin sie von nun an sicher 
wohnen sollte. Und wer durfte ihm bestreiten, daß er die neue historische 
Weltanschauung der Deutschen mit begründet und reich befruchtet hatte, 
daß Stahl und Puchta ihre wissenschaftliche überlegenheit, einem Gans 
oder Rotteck-Welcker gegenüber, gutenteils ihm verdankten? 
Als er nun die Vorlesungen über die Philosophie der Offenbarung 
begann, da drängte sich das gesamte gelehrte Berlin nach dem winkligen 
Auditorium maximum der Universität, die meisten feindselig, viele neu- 
gierig, einige in der unschuldigen Hoffnung, das größte Rätsel der Mensch- 
heit gelöst zu sehen. Der Adel der Sprache, die gewaltige Zuversicht der 
Rede, die sich zuweilen zu prophetischem Schwunge erhob, und manche 
geniale Gedankenblitze verrieten wohl noch den alten Meister; doch zeigte 
sich bald, daß die Uneingeweihten ganz recht hatten, wenn sie diese neue 
Wissenschaft für unmöglich erklärten. Schelling sagte selbst: „die Offen- 
barung muß etwas über die Vernunft hinausgehendes enthalten, etwas 
aber, das man ohne die Vernunft doch nicht hat.“ Aus diesem tiefsin- 
nigen Satze zog er jedoch nicht den Schluß, daß der Philosoph sich be- 
scheiden müsse, die Grenzen des Erkennens abzustecken, und kritisch festzu- 
stellen, wo die geheimnisvolle, der Vernunft nie ganz zugängliche Welt 
der subjektiven, innerlich erlebten Gemütswahrheiten beginnt; er unter- 
nahm vielmehr, die Offenbarung selbst vernünftig zu begreifen, womit 
157
        <pb n="236" />
        228 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
doch ihr Wesen aufgehoben wird, und geriet daher in mystische Phantasie— 
spiele, die um so rätselhafter klangen, weil der Philosoph den Gedanken— 
bau seines Systems ersichtlich noch nicht abgeschlossen hatte. Der gute 
Steffens, der bis zum Tode die Gabe behielt, alles zu begreifen, was er 
begreifen wollte, bemühte sich umsonst, den jüngeren Genossen die Worte 
des Meisters zu erklären. Das neue Gelehrtengeschlecht besaß schon den 
schönen Mut der Unwissenheit, dessen die voraussetzungslose Wissenschaft 
bedarf; der junge Historiker W. Wattenbach erwiderte dem schwärmenden 
Naturphilosophen ehrlich: ich habe gar nichts verstanden. 
Unterdessen rüstete sich Schellings nächster Landsmann, sein Tod— 
feind Paulus in Heidelberg zu einem vernichtenden Schlage. Er ließ die 
Vorlesungen insgeheim nachschreiben und gab sie plötzlich in einem dicken 
Bande heraus als „die endlich offenbar gewordene positive Philosophie 
der Offenbarung“ (1843); in einem Schwall polemischer Zusätze entfaltete 
der greise Rationalist die ganze Fülle seines Hohnes, seiner geschwätzigen 
Plattheit. Es war ein Bubenstreich, ohne Beispiel selbst in der wenig 
zarten Geschichte deutscher Gelehrtenkämpfe. Mit welcher heiligen Ent- 
rüstung war vor kurzem Hävernicks Berufung von den Liberalen gebrand- 
markt worden, weil dieser einst als junger Student einige Sätze aus 
den Kollegien der Hallenser Rationalisten an die Kirchenzeitung verraten 
hatte. Jetzt stahl ein welterfahrener, zweiundachtzigjähriger Professor einem 
Kollegen ein ganzes Heft, in der denkbar gehässigsten Absicht, um den 
Gegner sittlich zu vernichten; und fast die gesamte liberale Presse nahm 
Partei für den Dieb; Varnhagen jubelte und Heine feierte im Liede den edlen 
Räuber Kirchenrat Prometheus. Zu solcher Roheit war der Parteihaß 
schon angeschwollen. Schelling klagte wegen Nachdrucks; er meinte, der 
verstockte alte Sünder könne nur noch durch eine Geldstrafe empfindlich 
getroffen werden. Der aber erwiderte keck, sein Buch sei kein Nachdruck, son- 
dern ein Vordruck; und das Berliner Gericht sprach ihn frei, denn der Wort- 
laut des Gesetzes war nicht ganz unzweideutig, auch ließ sich eine gewinn- 
süchtige Absicht dem Angeklagten nicht zutrauen. Sicherlich wirkte aber 
auch eine unbewußte Parteilichkeit bei dem seltsamen Urteile mit; die 
vordem der öffentlichen Meinung so unzugänglichen preußischen Gerichte 
wurden jetzt schon leise in das liberale Fahrwasser hinübergetrieben, in 
den politischen Prozessen mehrten sich die Fälle unerwarteter, ja rätsel- 
hafter Freisprechungen. Aufs äußerste überrascht erklärte Schelling nun- 
mehr, wenn die Regierung ihn nicht schütze, so könne er nicht mehr lehren, 
und zog sich vom Katheder zurück. Also blieb auch diese Berufung, woran 
der König sein Herz gehängt hatte, ohne jede Frucht.
        <pb n="237" />
        Eichhorn und die Wissenschaft. 229 
Dieser große akademische Skandal offenbarte zum ersten Male den 
tiefen Abscheu, der sich in der gelehrten Welt binnen kurzem gegen den neuen 
Kultusminister angesammelt hatte. Eichhorns Bedeutung wurde bald von 
Freund und Feind empfunden. Der König sagte geradezu: „seine Erhal— 
tung ist für mich Selbsterhaltung,“*) und die Opposition pflegte das neue 
System schlichtweg als das Ministerium Eichhorn zu bezeichnen, da unser 
gelehrtes Volk längst gewöhnt war, den Geist einer Regierung nach ihrer 
Unterrichtsverwaltung zu beurteilen. Unter allen den hochbegabten Män— 
nern, welche der König an falscher Stelle vernutzte, hat keiner so schwer, 
so tragisch gelitten wie Eichhorn. Aus den Geschäften des Zollvereins, 
der zum guten Teile sein Werk war und gerade jetzt seiner kundigen 
Führung bedurfte, sah er sich in seinem zweiundsechzigsten Jahre heraus- 
geschleudert in eine grundverschiedene Tätigkeit; aus dem Ministerium, 
das die Schlagkraft des Staates vertritt, also von allen seinen Gliedern 
unbedingten Gehorsam fordern muß, trat er plötzlich hinüber zu der Leitung 
des geistigen Lebens, das seinen eigenen Gesetzen folgt und vom Staate 
nur mittelbar, mit schonender Hand gefördert werden kann. Wie sein 
Vorgänger Altenstein erfuhr er das gemeine Menschenschicksal, daß die Welt 
die Männer der Tat stets nach ihrer letzten Wirksamkeit beurteilt. Alten- 
stein hatte das Glück, daß man die schweren staatsmännischen Fehler seiner 
früheren Jahre über seinen großen Verdiensten um die preußischen Bil- 
dungsanstalten ganz vergaß. Eichhorn mußte erleben, daß schon die Mit- 
welt seines ruhmvollen Wirkens für unsere wirtschaftliche Einheit gar 
nicht mehr gedachte, sondern ihm nur die kampferfüllten, durch Schuld 
und Unglück verdorbenen, wenig fruchtbaren Jahre seines Alters anrechnete. 
So ward er einer der bestverleumdeten Männer des Jahrhunderts. 
Über seine Ernennung grollte nur die Wiener Hofburg, die dem 
Zollvereins-Demagogen allezeit gram blieb; die preußischen Gelehrten be- 
grüßten sie anfangs mit Freude, denn der hochgebildete, geistreiche, durch 
und durch edle Mann hatte einst als Syndikus der Berliner Universität 
das akademische Leben aus der Nähe kennen gelernt, dann jahrelang mit 
Schleiermacher und anderen namhaften Gelehrten freundschaftlich ver- 
kehrt. Und doch sollte gerade dieser Verkehr ihm verderblich werden. Zur 
Leitung des deutschen Unterrichtswesens gehört vor allem eine tiefe Ehr- 
furcht vor der Freiheit der Wissenschaft. Unsere Universitäten waren 
allezeit Republiken und werden es immer bleiben; der rücksichtslose Wahr- 
heitsmut der deutschen Gelehrten ist von einem oft unbequemen eigen- 
sinnigen Trotze fast unzertrennlich, der Lehrer verwächst mit seiner Lehre. 
Dies wußte Wilhelm Humboldt, weil er selbst ein großer Gelehrter war; 
er sagte rundweg, gelehrte Anstalten könnten nur von innen heraus wachsen, 
wie die Kristalle sich langsam in der Stille „ankandierten“. Auch Alten- 
stein empfand ähnlich, weil er noch zu den vornehmen Herren aus Harden- 
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 24. Jan. 1846.
        <pb n="238" />
        230 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
bergs fränkischer Schule gehörte; wenn die Geister aufeinander platzten, 
so wartete er meist gemächlich ab, welche Kraft sich als die lebendige er— 
weisen würde, und eigentlich nur bei der Begünstigung der Hegelschen 
Philosophie zeigte er sich als wissenschaftlicher Parteimann. Von dieser 
weltmännischen Gelassenheit Altensteins besaß Eichhorn gar nichts, ein 
ganzer Gelehrter wie Humboldt war er auch nicht; im Umgang mit seinen 
wissenschaftlichen Freunden hatte er sich jedoch eigentümliche Ansichten 
über Geist und Methode des akademischen Unterrichts gebildet, und diese 
unfertigen, halbgereiften Gedanken wollte er jetzt den gelehrten Republiken 
als bindende Vorschriften ebenso herrisch auferlegen, wie er einst im Aus— 
wärtigen Amte seinen Diplomaten Befehle erteilt hatte. Also verfiel 
auch er dem Fluche dieser Regierung, dem Dilettantismus. In den 
Zollvereinsgeschäften, die er von Grund aus beherrschte, hatte der beweg— 
liche kleine Mann seine natürliche Lebhaftigkeit immer gebändigt, so daß 
manche der törichten kleinen Regierungen allein durch seine überlegene 
Geduld gewonnen wurde; auf dem neuen Boden aber fühlte er sich nicht 
ganz sicher und wurde heftig, reizbar, rechthaberisch. Das schöne Ver— 
hältnis gegenseitigen Vertrauens, das unter Altensteins gütigem Regi— 
mente so lange zwischen dem Ministerium und den Universitäten be— 
standen hatte, verschwand binnen kurzem gänzlich, und die Gelehrten 
begannen bald ihren Vorgesetzten als einen herrschsüchtigen Schulmeister 
zu beargwöhnen. 
Auf diesem Gebiete verlor Eichhorn, was sein Vorgänger gewonnen 
hatte; in der Kirchenpolitik dagegen trat er eine sehr schlimme Erb— 
schaft an, und was ihm hier mißriet, ward mehr durch die Ungunst 
der Verhältnisse verdorben als durch seine eigenen Fehler. Aufgewachsen 
im strengen Luthertum, aber ein überzeugter Anhänger der evangelischen 
Union, dachte er über die Fragen der Kirchenhoheit freier, tiefsinniger, 
weitherziger als Altenstein. Die Aufsicht des Staates über die katholische 
Kirche wollte er auf das Unerläßliche beschränken, und für die Selbständig— 
keit der evangelischen Kirche, für die Reform ihrer Gemeinde= und Syno- 
dalverfassung hegte er seit Jahren wohlüberlegte Pläne, die sich erst nach 
einem Menschenalter ganz verwirklichen sollten. Doch solange die alten 
Gesetze und die oberstbischöflichen Befugnisse der Krone noch bestanden, 
hielt er sich gleich seinem Vorgänger auch verpflichtet, das innere Leben 
der evangelischen Kirche im evangelischen Sinne zu überwachen. Da er 
nun der neuen theologischen Kritik weit ferner stand als Altenstein und, 
hierin ganz Parteimann, die Hegelsche Philosophie noch lebhafter verab- 
scheute, als jener sie begünstigt hatte, so verwickelte er sich bald in 
Glaubensprozesse und Lehrverfolgungen, die seinen eigentlichen Absichten 
widersprachen und seinen Namen mit einem ungeheueren Hasse beluden. 
Von den persönlichen Freunden des Königs, von Bunsen wie von 
Radowitz wurde Eichhorn mit stillem Mißtrauen betrachtet; unter den
        <pb n="239" />
        Joh. Schulze. Eilers. 231 
Ministern besaß er nur an Thile und Savigny nahe Gesinnungsgenossen, 
und in seinem eigenen Departement fand er fast nur Gegner vor, er— 
klärte Hegelianer oder aufgeklärte Beamte von dem alten rationalistischen 
Schlage. Aus den Kreisen dieser unzufriedenen Geheimen Räte gingen 
nachher, unter Varnhagens eifriger Mitwirkung, viele der anonymen Zei— 
tungsartikel hervor, welche den Minister als einen beschränkten Pietisten ver- 
lästerten. Dem Monarchen entgingen diese Mißstände nicht. Wieder und 
wieder dachte er an die Berufung frischer Arbeitskräfte, schon weil er seinen 
Freund vom „Totarbeiten retten“ wollte;“*) schließlich scheute er sich doch, 
durch einen umfassenden Personenwechsel das Selbstgefühl der alten Beamten 
zu verletzen. So blieb denn der Staatsmann, der eine widerstrebende 
Welt zum lebendigen Christentum zurückführen sollte, fast ganz allein. 
Mit seinem Ministerialdirektor Ladenberg lebte er in offener Feindschaft; 
dem unermüdlichen Johannes Schulze entzog er sogleich einen Teil seiner 
Amtsgeschäfte, und schmerzlich genug vermißten die Professoren bald die 
kollegialische Freundlichkeit ihres feurig aufbrausenden und doch so wohl- 
wollenden loannes parvulus, der eben erst, durch die Berufung Ritschls 
nach Bonn, wieder einmal seinen Scharfblick bewährt hatte und auch 
mit Gegnern so gut auskam, daß Leo ihm dankbar die Italienische Ge- 
schichte widmete. 
Der einzige Geheime Rat, der dem Minister mit freudiger Zustim- 
mung half und demnach auch überall mitwirken mußte, war der neu be- 
rufene Pädagog Gerd Eilers, ein friesischer Bauernsohn, der als Knabe 
zu Schlossers Füßen gesessen und sich dann in einem erfahrungsreichen 
Leben den strengen lutherischen Glauben seines Vaterhauses, den Abscheu 
gegen alle philosophische Zweifelsucht treu bewahrt hatte. Ein ehrlicher, 
uneigennütziger Patriot, ein brauchbarer praktischer Schulmann von 
mannigfachen, allerdings ungleichmäßigen Kenntnissen, blieb Eilers doch 
immer ein unklarer Kopf, geschwätzig, formlos, verworren, wie seine chaotische 
Selbstbiographie, „meine Wanderung durchs Leben“. Über Menschen 
und Dinge urteilte er mit eigensinniger Willkür. Er verehrte Schlosser 
und Dahlmann, während er Gervinus, der zwischen beiden etwa in der 
Mitte stand, für einen gefährlichen Volksverderber hielt; er verdammte 
den süddeutschen Liberalismus, doch dem Bannerträger der Triaspolitik, 
Wangenheim zollte er warme Bewunderung. Alle diese rein subjektiven 
Ansichten vertrat er mit friesischer Schroffheit, und obwohl er als abge- 
sagter Feind der Metternichschen Politik die Demagogenverfolgungen, denen 
mehrere seiner nächsten Freunde zum Opfer gefallen waren, entrüstet verur- 
teilte, so hielt er doch für ganz natürlich, daß die Staatsgewalt alle, die 
nach seinem Ermessen offenbare Atheisten oder Revolutionäre waren, sich 
kurzerhand aus dem Wege räumte. Ein solcher Ratgeber konnte auf den 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 23. Febr. 1844.
        <pb n="240" />
        232 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Minister, der ihn sehr weit übersah, keinen wirklichen Einfluß gewinnen; 
und also ganz vereinsamt mußte Eichhorn, je heftiger die Tagesmeinung 
wider ihn anbrauste, nur um so tiefer in die einmal eingeschlagene Rich— 
tung hineingeraten. 
Die Berufungen neuer Lehrkräfte waren allesamt unter des Mi— 
nisters eifriger Mitwirkung, zum Teil auf seine Anregung zu stande 
gekommen; doch man dankte ihm für dies große Verdienst nur wenig, 
weil er von vornherein, allem akademischen Brauche zuwider, in die kleinen 
und kleinsten Angelegenheiten der Universitäten herrisch eingriff. Noch 
in den ersten hoffnungsvollen Monaten der neuen Regierung taten sich 
etwa 150 Hallenser Studenten, unter der Führung des wackeren jungen 
Theologen Rudolf Haym, zusammen, um den König, ihren Rektor, in 
einer kindlich ehrerbietigen Adresse zu bitten, daß er D. F. Strauß nach 
Halle berufen möge. Das Unternehmen mußte jedem, der die Meinungen 
des Monarchen kannte, wunderbar naiv erscheinen und war ebendeshalb 
unzweifelhaft harmlos; die jungen Leute gaben einfach ihrer Begeisterung 
für den Verfasser des Lebens Jesu einen etwas vorlauten Ausdruck. Auf— 
gestachelt waren sie nicht; der alte Rationalist Gesenius hatte sogar väter— 
lich abgemahnt.“) Dem Mirnister aber erschien die Bittschrift wie eine 
atheistische Freveltat, und er ruhte nicht, bis der akademische Senat 
die bereits gegen die Urheber verhängten Strafen noch verschärfte, worauf 
sich dann unausbleiblich ein gehässiger Zeitungskampf entspann. Ebenso 
hart beurteilte er die Königsberger Studenten, die den armen Hävernick 
ausgescharrt hatten, und der Senat der Albertina beschwerte sich bei dem 
Könige, natürlich umsonst, über den Minister. 
Seitdem stand die Meinung fest, „das Eichhörnchen“ begünstige überall 
den Pietismus, und bei der gereizten Stimmung der Zeit konnte es nicht 
ausbleiben, daß die Gegenpartei sich zu manchen Ungerechtigkeiten hinreißen 
ließ. Der Berliner akademische Senat verbot den Studenten aus Hengsten- 
bergs Schule, einen Verein zum Historischen Christus zu bilden; er be- 
gründete das Verbot mit der offenbar höhnischen Erklärung, sonst müßte 
man auch antichristliche Vereine gestatten, und der Minister sah sich ge- 
nötigt, diesmal zum Schutze der akademischen Freiheit einzuschreiten. 
Strafen und Entlassungen, die unter Altenstein nur selten vorkamen, 
wiederholten sich häufig und sie wurden allesamt als Zeichen der neuen 
Gewissenstyrannei angesehen. Man schalt sogar, als dem Bonner Privat- 
dozenten Bruno Bauer die Erlaubnis zum Lesen entzogen wurde. Der 
hatte in seiner Kritik der synoptischen Evangelischen den Boden des 
positiven Christentums so gänzlich verlassen, daß die Theologie, die doch 
keine reine Wissenschaft ist, ihn unmöglich noch in ihren Reihen dulden 
konnte. Der Minister ließ sich, bevor er einschritt, gewissenhaft von allen 
  
*) Ich benutze hier eine freundliche Mitteilung von R. Haym.
        <pb n="241" />
        Absetzungen. B. Bauer. Nauwerck. 233 
theologischen Fakultäten des Staates Gutachten erstatten, die er sofort 
veröffentlichte. Der Entlassene aber stiftete alsbald in Berlin mit seinem 
Bruder Edgar und einigen anderen Wortführern der souveränen Kritik 
einen Bund „der Freien“, der durch seine bodenlose Frechheit, seine 
Lästerungen, Zoten und Unflätereien selbst den Ekel des radikalen Ruge 
erregte. Gleichwohl wurde Bauer in allen Zeitungen als edler Dulder 
gepriesen. 
Leider konnte der König selbst in seiner nervösen Reizbarkeit die 
akademische Freiheit am wenigsten ertragen; er hatte sich ganz nach eigenem 
Ermessen eine Grenze vorgezeichnet, welche das freie Wort nicht über— 
schreiten sollte. Im Nov. 1843 schrieb er an Thile: „Lösen Sie mir das 
Rätsel, wie der p. Nauwerck, ein bekannter patentierter Revolutionär hier 
an der Universität Privatdozent geworden ist, und wie man ihm den 
Ich bin tief betrübt über diesen entsetzlichen Mißgriff, der den 
werdenden guten Geist der Studenten wieder sehr ernst gefährdet. Es 
muß endlich in meinem Geist verfahren werden. Revolutionäre dürfen 
in Preußen keine Freistätte unter den Fittichen der Regierung finden.“*) 
Nauwerck war ein gewöhnlicher radikaler Schwätzer, der mit Mühe ein 
mittelmäßiges Buch über die Geschichte des Bundestags zu stande 
brachte. Seine sofort gedruckte Antrittsvorlesung über die Teilnahme 
am Staat enthielt nicht viel mehr als Gemeinplätze, und wenn man dies 
dürftige Lichtlein ruhig brennen ließ, so wäre es wohl bald von selbst 
erloschen. Diesmal wagte Eichhorn, der solche Aufwallungen des Monar- 
chen schon oft beschwichtigt hatte, nicht zu widerstehen; Nauwerck mußte 
den Lehrstuhl verlassen und erlangte für einige Zeit einen ganz unver- 
dienten Ruhm. 
Weit härter noch bestrafte sich die Entlassung Hoffmanns von Fallers- 
leben in Breslau. Wer kannte ihn nicht, den frohmutigen fahrenden 
Sänger, der überall mit dabei war, wo man auf fremde Kosten Wein 
trinken konnte? Die Zeche zahlte er doch redlich; denn alles jubelte ihm 
zu, wenn der Recke mit kräftiger Stimme seine heiteren, wohlgereimten 
Gesellschaftslieder bald singend, bald deklamierend vortrug. Ein tüchtiger 
Germanist, deutsch durch und durch bis zur Ungerechtigkeit gegen alles 
Fremde, kannte er namentlich unser Volkslied aus dem Grunde und verstand 
sehr geschickt, scheinbar kunstlos seine eigenen Gedichte alten volksbeliebten 
Texten und Melodien einzufügen. Solche mutwillig über den Strang schla- 
gende Wildfänge kann ein großer Staat unter der Masse seiner Beamten 
noch am leichtesten ertragen, und von dem kunstsinnigen Könige ließ sich 
wohl einige Nachsicht erwarten für den weinseligen Poeten, der neben vielen 
leichten, mit der Lust des Zechens verwehenden Liedern dem deutschen 
  
*) König Friedrich Wilbelm an Thile, 30. Nov. 1843.
        <pb n="242" />
        234 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Volke doch auch Unvergängliches geschenkt hatte. Am Felsenstrande von 
Helgoland dichtete er nach der Haydnschen Melodie das Lied „Deutsch— 
land, Deutschland über alles, über alles in der Welt“, das den Grund— 
gedanken des Arndtschen Vaterlandsliedes einfacher, wärmer, lebendiger 
wiedergab und nach langen Jahren erst mit voller Macht auf die deutschen 
Gemüter wirken sollte. Ein andermal in guter Stunde schrieb er die 
einfältig schönen Zeilen: 
Treue Liebe bis zum Grabe 
Schwör' ich dir mit Herz und Hand. 
Was ich bin und was ich habe 
Dank'ich dir, mein- Vaterland! 
Ohne alle Kenntnis der Politik, aber durch sein ungebundenes Wander- 
leben radikal gestimmt, erfreute er seine Hörer zuweilen auch durch politische 
Gedichte, und der Beifall, den diese Improvisationen hervorriefen, berauschte 
ihn dermaßen, daß er sich zum Freiheitsdichter berufen fühlte. Seine „Un- 
politischen Lieder“ waren sehr reich an kräftigen Ausfällen; manche davon 
schmeichelten sich durch ihre leichte sangbare Form in jedes Ohr und 
machten rasch die Runde auf allen Studentenkneipen, so die burschikosen, 
einem alten Schnaderhüpfel nachgebildeten Verse: 
Ist denn gar kein Weg, 
Ist denn gar kein Steg, 
Der uns führt aus dieser Sklaverei? 
Eben wegen dieser volkstümlichen Wirksamkeit erschien das Büchlein, 
das schon die Feuerprobe der Hamburgischen Zensur bestanden hatte, den 
preußischen Behörden hochgefährlich. Durch Beschluß des Staatsmini- 
steriums wurde Hoffmann zu Neujahr 1844 seiner Professur enthoben; der 
König tat nichts, den grausamen Spruch zu mildern, und der Entlassene 
bereiste fortan die deutschen Städte als poetischer Wanderprediger des Ra- 
dikalismus. Überall, wo feurige Patrioten zusammen zechten, deklamierte 
er rührsam: 
Ich bin Professor gewesen, 
Nun bin ich abgesetzt. 
Einst konnt' ich Collegia lesen; 
Was aber kann ich jetzt? — 
worauf denn meist ein geharnischtes politisches Lied oder auch vergnügliche 
Bänkelsänger-Reime folgten. Die warmherzigen Pfälzer und Rheingauer 
konnten sich an ihm nicht satt hören, sie feierten ihn als ein Opfer des 
preußischen Despotismus. Nur bei den Holsten fand er üblen Empfang; 
ihre Zeitungen sagten barsch: hierzulande sei man zu ernsthaft für dies 
ewige Schim-schim-schim und Juch-jsuchhe. Als die Berliner Studenten 
seinen alten Freunden, den Brüdern Grimm einen Fackelzug brachten, da 
erschien Hoffmann plötzlich als ungeladener Gast an einem Fenster, und 
die jungen Leute, deren Anführer wohl mit im Geheimnis waren, be- 
grüßten auch ihn mit jauchzendem Zuruf; darauf Ausweisung des Heimat-
        <pb n="243" />
        Hoffmann von Fallersleben. 235 
losen, Untersuchung gegen die jugendlichen Ruhestörer und eine Zeitungs— 
erklärung der Brüder Grimm, die ihren königlichen Schirmherrn doch nicht 
verhöhnen durften, also öffentlich ihre Unschuld beteuerten. Seitdem blieb 
die Polizei dem Dichter auf den Hacken; auch aus anderen Städten ward 
er verwiesen, selbst in seinem Geburtslande Hannover durfte er sich nicht 
zeigen. Endlich fand er eine Zuflucht unter dem Schutze der ritter— 
schaftlichen Libertät Altmecklenburgs. Da ein mecklenburgisches Staats— 
bürgerrecht nicht bestand, jeder Rittergutsbesitzer aber befugt war, auf 
seinen Dörfern nach Belieben das Heimatsrecht zu erteilen, so entschloß 
sich der Führer der bürgerlichen Ritterschaft, der liberale Dr. Schnelle, 
den gehetzten Mann auf seinem Gute Buchholz als Ortsangehörigen — 
die liberalen Zeitungen logen: als Kuhhirten — aufzunehmen; und in 
diesem unangreifbaren Schnellischen Reiche konnte Hoffmann fortan immer 
sicher ausruhen, sobald er anderswo ausgewiesen wurde. So war das 
öffentliche Recht des Deutschen Bundes. Solche tragikomische Erbärmlich— 
keiten erweckten selbst im Auslande Spott und Hohn, und zuletzt fiel aller 
Haß auf Preußen zurück. 
Dem leicht erregbaren Selbstgefühle der Gelehrten erschienen diese 
Entlassungen fast noch erträglicher als die beständigen Ermahnungen und 
Verweise von oben her. Als der Hallenser Philosoph Hinrichs, ein sehr 
gemäßigter Liberaler, über Politik las, wurde er herrisch bedeutet, zu sol— 
chen Vorträgen sei er unfähig. Sogar Dahlmann, dessen erstes Auftreten 
zu Bonn Eichhorn selbst mit warmen Worten begrüßt hatte, erhielt nach— 
her einen schnöden Verweis, da er bei einem Fackelzuge einige ganz un— 
verfängliche Worte über die freien Hochschulen, den Stolz des zerstückelten 
Deutschlands sprach. So oft der pflichteifrige Minister auf einer seiner 
zahlreichen Dienstreisen eine Universität besuchte, erging er sich in lehr— 
haften Ansprachen. In Breslau erinnerte er an das credo ut intelli- 
gam; die Professoren in Münster mahnte er, religiöse Gesinnung mit 
wissenschaftlicher Gründlichkeit zu verbinden, die Bonnenser, das öffent- 
liche Recht auf das Studium der Vergangenheit zu stützen und also dä- 
monische Kräfte von sich fern zu halten. Er schien gar nicht mehr zu 
wissen, daß ihm doch nur die äußere Ordnung und Förderung der Uni- 
versitäten oblag, die Gelehrten aber über die Aufgaben der Wissenschaft 
sicherlich mehr nachgedacht hatten als er selbst. Mit vollem Rechte fühlte 
sich die gesamte Professorenschaft beleidigt, als Eichhorn dem Rationa- 
listen Wegscheider in Halle bei dessen Jubiläum nicht bloß die übliche Aus- 
zeichnung versagte, sondern den verdienten greisen Gelehrten zu seinem 
Ehrentage sogar brieflich wegen seiner kirchlichen Haltung wie einen Schul- 
buben abkanzelte. 
Auch wohlgemeinte Verfügungen des Ministers erschienen durch ihre 
verfehlte Form als lästige Bevormundungsversuche eines fahrigen Dilet- 
tantismus. Da Eichhorn richtig erkannte, daß die althergebrachten Katheder-
        <pb n="244" />
        236 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
monologe auf den Universitäten allzu sehr überwogen und manche Pro— 
fessoren die Erfindung der Buchdruckerkunst noch nicht zu kennen schienen, 
so befahl er (1843) durch einen Erlaß, wobei Eilers mit seinen derben 
Schulmeisterhänden offenbar mit geholfen hatte, daß die akademischen 
Lehrer Repetitorien und wiederholte Prüfungen mit ihren Vorlesungen 
verbinden sollten. Diese Häufung der Examina, deren Überzahl ja schon 
längst eine preußische Staatskrankheit war, drohte die akademische Freiheit 
zu vernichten; man glaubte überall, freilich mit Unrecht, Eichhorn wolle 
die freie Lehre durch mechanische Abrichtung, die Wissenschaft durch Kennt- 
nisse verdrängen. Der ruhige Dahlmann meinte entrüstet, so bis zu 
der Erbärmlichkeit österreichischer Unterrichtsanstalten ließen sich die deut- 
schen Universitäten nicht herabdrücken; Oberpräsident Bötticher sogar konnte 
sich den Stimmungen der Königsberger Gelehrten nicht ganz entziehen und 
klagte bitterlich über dies traurige „Vielregieren“.) An dem einmütigen 
Widerstande der akademischen Welt scheiterten Eichhorns Befehle. Was 
in ihnen berechtigt war, verwirklichte sich späterhin von innen heraus durch 
die natürliche Entwicklung des wissenschaftlichen Lebens, das seine Ge- 
brechen selbst am sichersten zu heilen vermag. Die Mediziner und Natur- 
forscher hatten von altersher praktische Ubungen abgehalten; philologische 
Seminare bestanden schon damals fast an allen preußischen Universitäten; 
die Historiker folgten, nachdem Ranke den Weg gewiesen; in Greifswald 
gründete G. Beseler eine juristische Gesellschaft, wie vorher schon Jacoby 
in Königsberg eine mathematische, Trendelenburg in Berlin eine philo- 
sophische. Aus diesen Keimen erwuchs allmählich in einem halben Jahr- 
hundert eine Fülle von Seminaren aller Art;z ein reich, fast überreich aus- 
gebildeter dialogischer Unterricht trat dem alten monologischen ergänzend 
an die Seite. 1 
Wie tief der Minister trotz seines edlen Willens sich die Gelehrten 
entfremdet hatte, das sollte dem Könige selbst greifbar vor die Augen treten 
bei der Jubelfeier der Albertina. Es war wieder ein Ehrentag und zugleich 
ein Verbrüderungsfest für unsere Nordostmark. In Scharen waren sie 
herbeigeströmt die alten Herren, die einst den Albertus auf der Mütze ge- 
tragen, und auf aller Lippen schwebten die Namen der beiden Männer, 
welche der Geschichte dieses Landes den Stempel ihres Wirkens am tiefsten 
eingeprägt hatten, die Namen Herzog Albrechts und Kants. Am Vor- 
abend dieses Festes, das unter Kants Gestirne stand, konnte Eichhorn 
sich nicht enthalten, die Professoren in strafendem Tone vor den Ver- 
irrungen des kritischen Geistes zu warnen. Der Rektor Burdach, ein be- 
redter, geistreicher Mediziner noch aus der alten halb naturphilosophischen 
Schule, antwortete sogleich unerschrocken, die Universität sei sich keiner 
Schuld bewußt. Bei den Festlichkeiten der nächsten Tage feierte der 
  
*) Bötticher an Thile, 2. Juni 1844.
        <pb n="245" />
        Jubelfeier der Albertina. 237 
greise Philolog Lobeck den Kritiker der reinen Vernunft, dem diese Hoch— 
schule ihren Ruhm verdanke, Burdach aber den volkstümlichsten Schul— 
mann der Provinz, den frommen alten Rationalisten Dinter, dessen Lehr— 
bücher die Regierung eben jetzt aus den Schulen entfernen ließ. Die 
Reden klangen wie eine Kriegserklärung gegen den Minister, und die 
brausenden Huldigungen, welche die Festgenossen den beiden Rednern dar— 
brachten, bewiesen genugsam, daß sie ihren Landsleuten aus der Seele ge— 
sprochen hatten. Als schließlich der Grundstein gelegt wurde für das neue 
Universitätsgebäude, führte der König die ersten Hammerschläge: „Vorwärts 
sei für und für die Losung unserer Hochschule“. In diesem Augenblicke 
trat die Sonne aus den Wolken hervor, und begeistert fuhr er fort: „Ihr 
Vorwärts sei das des Lichts der Sonne, das gleichmäßig ausgestrahlt die 
Finsternis wirklich erhellt, in tiefe Höhlen dringt, das Nachtgefieder ver- 
scheucht, Keime entwickelnd, Blüten entfaltend, Früchte reifend, Früchte, 
an deren Genusse die Menschen gesunden.“ Dann mahnte er zur Gottes- 
furcht, zu Taten der Ehre unter den Fittichen des Adlers, zu „eechter 
Treue, die da weiß, daß man dem Fürsten nicht dient, wenn man seine 
hohen Diener herabzieht“. Schöner, feuriger hatte er selten gesprochen; 
doch die Hörer blieben kalt, sie konnten die Schlußworte nicht verwinden. 
Große Redner fühlen immer selbst zuerst, ob ihr Wort gezündet hat; der 
König schied tief verstimmt, er wußte jetzt, daß seine geliebten Altpreußen 
ihn nicht mehr verstanden. Der alte Schlosser sprach nur die allgemeine 
Meinung der Gelehrten aus, da er sagte: Euer Minister hat mehr auf- 
geregt, als er bewältigen kann. — 
Die Universitäten hätte Eichhorn mit weiser Zurückhaltung wohl fried- 
lich leiten können; im Volksschulwesen hingegen fand er schwierige Auf- 
gaben vor, die sich ohne ernste Kämpfe nicht lösen ließen. Unzweifelhaft 
hatte Altensteins Verwaltung auf diesem Gebiete Großes geleistet: 38 
Lehrerseminare und etwa 30 000 Volksschulen waren in zwei Jahrzehnten 
neu gegründet oder umgestaltet worden; die Technik der Pädagogen konnte 
sich großer Fortschritte rühmen, die Lehrer besaßen durchschnittlich viel 
mehr Kenntnisse als die alten Unteroffiziere, welche Friedrich der Große 
als Schulmeister zu verwenden pflegte. Um gut zu lehren, muß man aus 
dem Vollen schöpfen, etwas mehr wissen, als was man lehrt — an diesem 
erprobten Grundsatz hielt Altenstein immer fest. Doch wie sein Johannes 
Schulze die Gymnasien mit einer Überfülle von Lehrfächern belud, eben- 
so, und in noch höherem Maße wurden die Lehrerseminare durch einen 
wohlmeinenden Bildungseifer überlastet, und man vergaß die nicht minder 
erprobte Wahrheit, daß der Schulmeister nicht zu viel wissen darf, wenn 
er nicht die Freude an seinem schönen anspruchslosen Berufe verlieren 
soll. Ein Stand, der gleichsam zwischen zwei Stühlen saß, der weder an 
der schlichten wirtschaftlichen Tätigkeit der Volksmassen, noch an dem 
schöpferischen Wirken der Gelehrten unmittelbar teilnahm, mußte, wenn
        <pb n="246" />
        238 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
ihm zu viele unverarbeitete Kenntnisse eingeprägt wurden, einer gefähr— 
lichen Halbbildung und Anmaßung verfallen. Schon in den zwanziger 
Jahren bemerkte Harnisch, der verdiente Direktor der Seminarien von 
Breslau und Weißenfels: die althergebrachten Sünden der Roheit und 
Dieberei würden unter seinen Zöglingen seltener, dafür nähmen Dünkel 
und Weltsinn überhand. 
Bedenklicher war, daß die Volksschule, die ja den großen Wandlungen 
der Ideen immer nur in einigem Abstande folgen kann, an dem erstar— 
kenden religiösen Leben der drei letzten Jahrzehnte kaum teilgenommen 
hatte. Sie stand noch immer unter der Herrschaft der Lehren Pestalozzis. 
Wohl war es einst eine schöne Zeit der Erweckung gewesen, als der edle 
schweizerische Sonderling den verknöcherten Schulunterricht auf die leben— 
dige Anschauung und Selbsttätigkeit zu begründen unternahm, als er in 
Lienhard und Gertrud, in dem Buche der Mütter die Erzieher lehrte, sich 
liebevoll in das Seelenleben ihrer Zöglinge zu versenken. Damals be— 
wunderten ihn fast alle namhaften Männer Deutschlands, die gläubigen 
Stein und Arndt so gut wie der radikale Fichte, und Königin Luise dankte 
ihm im Namen der Menschheit. Aber der Gedanke der abstrakten, allge— 
meinen Menschlichkeit, der ihn, den Illuminaten, den Ehrenbürger der 
französischen Republik begeisterte, konnte dem vertieften religiösen Gefühle, 
der schärferen historischen Kritik dieser neuen Tage längst nicht mehr ge— 
nügen. Alle praktische Humanität der modernen Geschichte — das begann 
man endlich zu begreifen — wurzelte, bewußt oder unbewußt, im Chri— 
stentum, in der Idee der Gotteskindschaft, in dem königlichen Gesetze der 
Liebe; der Herzenshärtigkeit der heidnischen Völker, die sich allesamt für 
die auserwählten ansahen, war sie immer fremd geblieben, wenngleich 
einzelne große Denker sie als ein theoretisches Ideal verherrlichten. Zu 
menschlicher Freiheit konnte die moderne Jugend nur durch eine christlich— 
religiöse Erziehung herangebildet werden; und dies galt vornehmlich von 
den Volksschulen, denn ein hellenisches Sittlichkeitsideal, wie es etwa einem 
Wilhelm Humboldt vorschwebte, war wesentlich aristokratisch und schloß die 
Banausen aus, denen nur die demokratische Moral des Christentums 
Trost und Frieden zu bringen vermochte. Pestalozzi selbst hatte diese 
Wahrheit allmählich begriffen und sich im Alter dem lebendigen Christen— 
glauben zugewendet. Die Mehrzahl seiner Schüler und Anhänger da— 
gegen hing noch immer an dem alten Wahne, daß man dem Baume der 
Menschenliebe seine christlichen Wurzeln abgraben und doch im Schatten 
seines Wipfels sich lagern könne. Ein freundlicher, bequemer Rationalismus 
herrschte in den Volksschulen vor; der Religionsunterricht behauptete keines- 
wegs überall seine natürliche Stellung in der Mitte des Lehrplans. Seit 
der Kabinettsordre vom 23. März 1829 wurde die Errichtung von Simultan- 
schulen immer begünstigt, wenn die Gemeinden sich darüber freiwillig einig- 
ten und für konfessionelle Schulen nicht die genügenden Mittel besaßen;
        <pb n="247" />
        Volksschulen. Diesterweg. 239 
indes war die Zahl dieser gemischten Volksschulen noch gering, am stärk— 
sten in den polnischen Landesteilen, da sie hier zur Verbreitung der 
deutschen Sprache mitwirkten, und man bemerkte bald, daß sie den kon— 
fessionellen Gegensatz öfter verschärften, als milderten. Wo sich kirchliche 
Gleichgültigkeit in den Volksschulen zeigte, da lag die Schuld meistens an 
der Gesinnung der Lehrer, zumal der evangelischen. 
Der anerkannt erste Mann des preußischen Volksschullehrerstandes 
war Adolf Diesterweg, der in Nassau-Siegen geboren, lange in Süddeutsch— 
land, dann in Elberfeld und Mörs erfolgreich gewirkt hatte, und seit 1832 
das Seminar für städtische Lehrer in Berlin, die Musterschule des 
Staates leitete, ein grundehrlicher Idealist, volkstümlich derb, arm, be- 
dürfnislos, mit vielen Kindern gesegnet, der geborene Schulmeister, mit 
Leib und Seele bei der Sache, durch keine Wiederholung je zu ermüden. 
Trotz seiner Lebhaftigkeit besaß er auch die größte aller Pädagogentugen- 
den, die Gabe sich in der Schule nie zu ärgern; er verstand wie wenige, 
seine Schüler zum eigenen Nachdenken zu zwingen, sie vom Konkreten zum 
Abstrakten hinaufzuleiten; sie hingen an dem Gestrengen mit leidenschaft- 
licher Liebe, und mancher unbeholfene Gymnasiallehrer konnte ihn um 
seine wirksame Lehrmethode beneiden. Unter Altenstein genoß er das volle 
Vertrauen der Schulbehörden und verfaßte in ihrem Auftrage den Weg- 
weiser zur Bildung für deutsche Lehrer. Höher hinauf durfte sich seine 
fruchtbare streitlustige Feder freilich nicht wagen. Als er auch „über das 
Verderben der deutschen Universitäten“ mit der ganzen Unfehlbarkeit des 
Schulmeisters schrieb, da wurde er von Leo und anderen Gelehrten in 
seine Schranken verwiesen; denn die Welt der klassischen Bildung blieb 
ihm unverständlich, und niemals konnte er begreifen, daß die akademische 
Freiheit Lehrer wie Lernende in edlerem Sinne erzieht als der Schul- 
zwang. 
Auch in seinem religiösen Denken vermochte er nicht, wie sein 
Vorbild Pestalozzi, fortzuschreiten mit der wachsenden Zeit; er ver- 
harrte vielmehr in dem Bannkreise des alten Rationalismus. Die 
trivialen Wundererklärungen der Dinterschen Schullehrerbibel schienen 
ihm allerdings gar zu platt. Er wünschte jedoch einen konfessionslosen 
Unterricht im vernunftgemäßen Christentum, einen Unterricht, der sich 
auf Gebet, biblische Geschichte, Sittenlehre beschränken, Katechismus und 
Gesangbuch verschmähen sollte, also in Wahrheit lediglich dem subjektiven 
Belieben des Schulmeisters anheimfallen mußte. Da er überall darauf 
ausging, seine Zöglinge selbst die Wahrheit finden zu lassen, so hielt er 
es für eine geistlose Abrichtung, wenn sie nach dem alten Schulgebrauch 
gezwungen wurden, halbverstandene Bibelverse und Gesangbuchlieder aus- 
wendig zu lernen, und auch die kirchenfeindliche Presse wähnte sehr klug 
zu handeln, wenn sie beständig gegen das öde Memorieren eiferte. Dieser 
weltliche Wissensdünkel vergaß ganz, daß religiöse Wahrheiten auch von
        <pb n="248" />
        240 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
dem reifen Manne nur geahnt, erst sobald er sie an sich selbst erlebt 
hat, wirklich begriffen werden, desgleichen, daß die erhabenen Sprüche 
biblischer Weisheit, einmal aufgenommen in das empfängliche Gedächtnis 
des Kindes, in der Stille mit dem Menschen fortleben, um dann plötzlich, 
in den Versuchungen und Unglücksfällen des Lebens, eine tröstende und 
erhebende Kraft zu zeigen, welche weder dem Einmaleins noch dem ABC 
noch den Kinderfabeln vom Ochs und Esel innewohnt. 
Diesterweg dachte zu klug, zu ruhig, um in dem Religionsunterrichte 
seines Seminars die hergebrachten Formen geradezu zu verlassen; doch eine 
lebendige Freude an der christlichen Offenbarung konnte er seinen Zöglingen 
nicht erwecken. Noch schädlicher wirkte die unmäßig hohe Vorstellung, die 
er in seinem stürmischen pädagogischen Feuereifer sich von der Würde des 
Lehrers gebildet hatte. Schlicht, wie er selbst war, wollte er auch seine 
Zöglinge aus dem Volke hervorgehen und im Volke wirken sehen; gleich— 
wohl hielt er, nach einem mißverstandenen Ausspruche Schleiermachers, den 
Lehrer für den wichtigsten Mann im Staate und verlangte, die der hand— 
werksmäßigen Schulmeisterei entwachsene, zur Wissenschaft erhobene Pä— 
dagogik müsse sich zur Kunst ausbilden. Was Wunder, daß die Schüler 
den Meister noch überboten und überall unter den Seminaristen die 
Schlagworte umliefen: Bildung macht frei, wer die Schule hat, hat die 
Zukunft; kühnere Köpfe weissagten bereits, die Schule würde dereinst die 
Kirche ganz verdrängen. Die Lehrer verwechselten den unschätzbaren Wert 
des heranwachsenden Geschlechts mit dem bescheidenen Werte der Dienste, 
welche sie dieser Jugend leisteten; weil der Besitz einiger Elementarkennt- 
nisse in der modernen Welt jedem so unerläßlich war wie einst in ein- 
facheren Zeiten die Waffentüchtigkeit, so hielten sie das Unentbehrliche für 
das Würdigste und Höchste. In den neuen Lehrerzeitungen und Lehrer- 
vereinen zeigte sich ungewöhnlich stark der dem ganzen Zeitalter eigentüm- 
liche Geist der sozialen Unruhe, der jeden drängte, sich über seinen Stand 
zu erheben; hier wurde mit dem Nürnberger Trichter oft geradezu ein 
Kultus getrieben, hier sprach man nur noch von den Herren Lehrern, und 
der schöne alte Name Schulmeister, der doch mehr und Besseres sagt, galt 
schon für ehrenrührig. 
Dies starke Selbstgefühl der Schulmeister stand in schreiendem 
Widerspruche zu ihrer gedrückten wirtschaftlichen Lage, die sich unter 
der sparsamen alten Regierung nur wenig gebessert hatte; Gehalte von 
50—100 Talern jährlich waren nicht selten, selbst die alte bettelhafte 
Unsitte des Reihetischs bestand noch in einzelnen abgelegenen Gegenden. 
Seit das Allgemeine Landrecht die Schulen für Veranstaltungen des 
Staates erklärt hatte, war der Schulmeister nicht mehr schlechtweg der 
Untergebene des Pfarrers, und schon geschah es zuweilen, daß er 
dem Geistlichen als Vorkämpfer der weltlichen Aufklärung trotzig ent- 
gegentrat. Von der Höhe seiner zur Wissenschaft erhobenen Pädagogik
        <pb n="249" />
        Die Schulmeister. 241 
wähnte er die Bauern weit zu übersehen, während diese ihn wegen seiner 
Armut verachteten, manche auch ganz richtig fühlten, daß zur Leitung 
einer großen Bauernwirtschaft viel mehr Kraft des Willens und des Ver— 
standes gehört als zum Einüben der ersten Schulkenntnisse. So wirkten 
mannigfache Verhältnisse zusammen, um den Volksschullehrern den be- 
scheidenen, zufriedenen Sinn zu stören, und die Opposition wußte sich 
dieser Verstimmung bald zu bemächtigen. In vielen Dörfern Schlesiens, 
Sachsens, Ostpreußens sammelte der radikale Schulmeister die unzufrie- 
denen kleinen Leute um sich und begann in aller Stille eine Wühler- 
arbeit, deren Früchte das Revolutionsjahr an den Tag brachte. Trotz der 
großen Fortschritte der pädagogischen Methode blieb es zweifelhaft, ob nicht 
die schulmeisternden Invaliden der friderizianischen Zeit, alles in allem, 
mehr Segen gestiftet hatten als ihre kenntnisreicheren Nachfolger. Sie 
hatten geholfen ein dürftig unterrichtetes, aber frommes, pflichtgetreues, 
zufriedenes Geschlecht zu erziehen; in der verbesserten Volksschule wirkten 
neben den aufbauenden auch zersetzende und zerstörende Kräfte. 
Solche Mißstände ließen sich schwer heilen, weil sie in dem gesamten 
geistigen und sozialen Zustande der Nation wurzelten. Aus manchem 
widerwärtigen Skandal lernte der neue Minister, wie der Geist des Dünkels 
in einem Teile des Lehrerstandes überhandnahm. Das große Schul- 
lehrerseminar in Breslau mußte gänzlich geschlossen werden, weil ganze 
Klassen der Zöglinge sich widersetzlich zeigten; und der schlesische Schul- 
meister Wander, einer der frechsten Radikalen, unterstand sich sogar, in 
einem anmaßlichen offenen Briefe den Minister zur vollständigen Neuge- 
staltung des Seminarunterrichts aufzufordern: durch den Besuch der Ober- 
realschulen und das Anhören akademischer Kollegien sollten die Lehrer des 
Volks künftighin würdig auf ihren hohen Beruf vorbereitet werden. Eich- 
horn hegte den wohlerwogenen Plan, ein Ober-Schulkollegium zu errichten, 
damit sich nach und nach eine feste, von dem Wechsel der Personen im 
Ministerium unabhängige Tradition bilden könnte. Er wollte ferner den 
Notstand unter den Lehrern durch beträchtliche Erhöhung der Gehalte 
beseitigen, den überladenen Lehrplan der Seminare vereinfachen, dem Re- 
ligionsunterrichte die herrschende Stellung in der Volksschule zurückgeben, 
so daß sich die anderen Lehrfächer daran anfügen sollten. Auch wünschte 
er, hierin ganz mit Diesterweg einig, die Seminare aus der zerstreuenden 
Unruhe der Großstädte hinweg zu verlegen. Diese gute Absicht trug freilich 
nicht immer die gehofften Früchte; denn in den kleinen Städten spielten die 
Seminare oft fast die Rolle einer Universität, die Musikaufführungen ihrer 
Schüler standen im Mittelpunkte des geselligen Lebens, und dies laute 
Treiben bildete keine glückliche Vorschule für junge Menschen aus dem Volke, 
die ihre Jahre vielleicht in der Stille eines Walddorfes verbringen sollten. 
Im Jahre 1844 beschränkte Eichhorn die Überzahl der Lehrbücher; Dinters 
Bibel und einige ähnliche Bücher wurden ganz verbannt. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 16
        <pb n="250" />
        242 V. 3 Enttäuschung und Verwirrung. 
Währenddem arbeiteten zahlreiche Federn an den neuen Lehrplänen, 
niemand eifriger als der Westfale D. W. Landfermann, Eilers Nachfolger 
in der Koblenzer Schulratsstelle, ein urkräftiger Teutone, der als Burschen- 
schafter schwere Verfolgungen erlitten hatte, im Unterrichtswesen gründlich 
erfahren, in der Politik gemäßigt liberal, aber wegen seines kirchlichen Ernstes 
ganz mit Unrecht als Pietist verrufen. Viele Jahre hindurch war der Um- 
schwung des religiösen Lebens in den Schulen so gänzlich unbemerkt geblieben, 
daß der streng kirchlich gesinnte Karl Ritter, der große Schüler Schnepfen- 
thals noch lange mit seinen Pestalozzischen Lehrern vertraulich verkehrte, 
ohne den inneren Gegensatz zu empfinden. Jetzt schieden sich die Geister; 
man begann einzusehen, daß die Wahrheiten des Christentums Kindern 
nur in der konkreten Form eines bestimmten Bekenntnisses überliefert 
werden können. In diesem Sinne waren Landfermanns Reformvor- 
schläge gehalten. Ohne die Schule der kirchlichen Obrigkeit zu unter- 
werfen, wollte er doch die Schulmeister auf das Bekenntnis ihrer Kirche 
verpflichten, der Bibel und dem Gesangbuch wieder ihr gutes Recht ein- 
räumen, eine nicht übermäßige Anzahl von Bibelsprüchen und Kirchen- 
liedern den evangelischen Kindern gründlich einprägen lassen, damit das 
junge Geschlecht wieder bibelfest würde und in das zerstreuende moderne 
Leben einen bleibenden Schatz der Erbauung mit hinübernähme. 
Doch alle diese Entwürfe blieben unausgeführt in dem Wirrwarr kirch- 
licher Kämpfe, der den Minister umtobte; man hörte nur zuweilen von Maß- 
regeln notwendiger Strenge gegen einzelne radikale Lehrer. Sie genügten, 
um das einmal feststehende Urteil über Eichhorns Verfolgungssucht zu be- 
kräftigen; und dies Urteil gelangte überall zur Herrschaft, als Diesterweg 
selbst dem neuen Systeme weichen mußte. Die Leitung des Hauptseminars 
konnte ein Mann, der den konfessionslosen Religionsunterricht erstrebte, 
unter dieser Regierung nicht mehr behalten. Aber Diesterwegs fleckenloser 
Charakter, seine untadelhafte Amtsführung, seine großen Verdienste er- 
heischten Schonung; die jetzt unvermeidliche Versetzung konnte sehr wohl in 
solchen Formen geschehen, daß er sich persönlich nicht verletzt fühlte; selbst 
Eilers meinte, man dürfe ihn doch nicht bestrafen wegen einer Gesinnung, 
die ihm unter Altenstein Dank und Ehren eingebracht hatte. Leider wollte 
der König von Schonung nichts hören; er verabscheute Diesterweg als 
einen Mann des Unglaubens und empfand es als eine persönliche Be- 
leidigung, daß der Seminardirektor auf einer großen Berliner Lehrerver- 
sammlung fast wie ein rationalistischer Gegenminister verherrlicht wurde. 
Als Diesterweg nach Pestalozzis hundertjährigem Geburtstag um Unter- 
stützung für ein ländliches Erziehungshaus nachsuchte, da schlug der König 
die Bitte vorläufig ab, mit der ungnädigen Bemerkung: bei der Feier 
habe sich ein dem frommen Sinne des Gefeierten durchaus fremder Geist 
offenbart. Bald darauf, im Frühjahr 1847 wurde Diesterweg an eine 
Blindenanstalt versetzt. Da er dieser Zumutung unmöglich entsprechen
        <pb n="251" />
        Entlassung Diesterwegs. Die Gymnasien. 243 
konnte, so trat er einstweilen in den Ruhestand, und der tief gekränkte 
Mann wendete sich fortan mit seiner einseitigen Strenge ganz dem Ra- 
dikalismus zu. Die unüberlegte Härte der Regierung rächte sich grau- 
sam; in allen Zeitungen begannen die ergrimmten Volksschullehrer einen 
anonymen Federkrieg, der den Namen Eichhorns ganz in Verruf brachte. 
Auch die Gymnasiallehrer betrachteten das neue Regiment mit Miß- 
trauen, da die Literarische Zeitung den heidnischen Geist des humanistischen 
Unterrichts in törichten Artikeln zu bekämpfen liebte. Die Besorgnis war 
freilich grundlos. Der König und sein Minister standen beide viel zu 
hoch, um die befreiende Macht der klassischen Bildung zu verkennen; sie 
ließen sich weder durch jenen christlichen Übereifer beirren noch durch die 
Plattheit der Nützlichkeitslehrer, die eben jetzt in einem Teile der libe- 
ralen Presse wieder sehr laut forderten, daß die deutsche Jugend nicht mehr 
zum selbständigen Denken erzogen, sondern durch das Einprägen mannig- 
faltiger Notizen für das praktische Leben abgerichtet werden sollte. 
Die Gymnasien blieben ungestört bei ihrem altbewährten Lehrplane, 
und Eichhorn erweiterte ihn durch die dankenswerte Wiedereinführung des 
Turnens. Nur der Religionsunterricht wurde gründlich umgestaltet. Erwar 
seit dem Anfang des Jahrhunderts auf den meisten evangelischen Gym- 
nasien Preußens und der Nachbarlande erteilt worden nach dem Lehr- 
buch des Hallenser Kanzlers Niemeyer, des gefeierten Pädagogen, der einst 
als Urenkel Franckes die Schulstiftungen seines Eltervaters lange Jahre 
hindurch geleitet, mehrere der ersten Beamten Preußens, Vincke, Bassewitz, 
Merckel, Bodelschwingh und viele andere namhafte Männer erzogen hatte. 
Das Lehrbuch zeigte alle Charakterzüge des alten Rationalismus, der jetzt zu 
Grabe ging: bürgerliche Ehrbarkeit, humane Milde, nüchterne Verstandes- 
dürre; und dieselbe Macht der Geschichte, welche vor Zeiten das Hallische 
Waisenhaus, das eigenste Werk des glaubensstarken Pietismus, in die 
Bahnen der Aufklärung hinübergeleitet hatte, mußte jetzt zu einem neuen 
Rückschlage führen. Dem wieder erstarkten religiösen Gefühle lonnte Nie- 
meyers moralisierende Trockenheit nicht mehr genügen. Eichhorn tat 
nur seine Pflicht, er hielt Schritt mit den lebendigen Kräften der evan- 
gelischen Kirche, als er nach dem Erscheinen der achtzehnten Auflage das 
veraltete Lehrbuch aus den Schulen entfernen ließ. Umsonst bemühte sich 
Herm. Agathon Niemeyer, der Nachfolger des alten Kanzlers in dem 
Franckischen Familienamte, das Buch seines Vaters gegen den Minister zu 
verteidigen. Auch andere Gymnasiallehrer, die sich einen Primaner ohne 
das Niemeyersche Lehrbuch gar nicht vorstellen konnten, betrachteten das 
Verbot als ein Anzeichen hereinbrechenden Geistesdrucks; und gereizt wie 
man war, verargte man dem Minister selbst notwendige Maßregeln dis- 
ziplinarischer Strenge. Oberlehrer Witt, einer von Schöns literarischen 
Schildknappen, wurde überall in der Presse wie ein Glaubensheld verherr- 
licht, weiler sich weigerte, aus der Redaktion der scharf oppositionellen Königs- 
16*
        <pb n="252" />
        244 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
berger Zeitung auszutreten, und dann durch gerichtlichen Spruch die ver— 
diente Strafe empfing. Neben dem Rechte der souveränen überzeugung 
sollte die Amtspflicht des Lehrers gar nichts mehr gelten. 
Also gelangte Eichhorn in seiner achtjährigen Unterrichtsverwaltung 
nirgends zu Neuschöpfungen, sondern nur zu vereinzelten Anläufen und 
Eingriffen, welche das Nahen eines neuen Systems verkündigen sollten; 
und diese Versuche genügten, um die gesamte Gelehrten- und Lehrerwelt, 
von Humboldt bis herab zu den Schulmeistern mit Groll zu erfüllen. 
Die Demagogenverfolgungen der früheren Tage erschienen nunmehr fast 
erträglich, da sie sich doch nur gegen vermeintliche Staatsverbrechen ge— 
richtet und die Lehre nicht berührt hatten; das aber war seit langem un— 
erhört und widersprach allen Lebensgewohnheiten der protestantischen Welt, 
daß jetzt von oben her versucht wurde, die Wissenschaft selber zu meistern 
und zu gängeln. Da man aus monarchischer Ehrfurcht den König selbst 
schonen und den geistreichen Fürsten auch nicht für einen entschiedenen 
Feind des untrüglichen Zeitgeistes halten wollte, so bildete sich in weiten 
Kreisen die grundfalsche Vorstellung: daß der Monarch durch die Rotte 
von Dunkelmännern, die ihn umgäbe, halb wider Wissen und Willen 
der Gegenwart entfremdet würde, und der Dunkelste dieser Dunkeln sollte 
Eichhorn sein. . 
In solchem Argwohn wurde die gelehrte Welt bestärkt durch die 
Wandlung, die sich allmählich in den strengkirchlichen Parteien vollzog. 
Hengstenberg hielt sich wie immer ganz unabhängig, er verhehlte nicht, 
daß ihm der neue Kultusminister viel zu liberal war. Gleichwohl galt 
seine Evangelische Kirchenzeitung überall für ein Organ des Ministeriums, 
und sie zeigte immer deutlicher, daß die neue, mit ihrem alten Feinde, 
dem Pietismus, versöhnte Orthodoxie geradeswegs zurückstrebte zu dem 
starren Luthertum des siebzehnten Jahrhunderts; jede theologische For- 
schung, die über diese Grenze hinausging, ward als ungläubig verdammt. 
So entstand, unnatürlich genug, eine breite Kluft zwischen dem kirchlichen 
Glauben und der modernen Wissenschaft. Denn wahrlich nicht bloß die 
radikalen Junghegelianer, sondern gerade die besten Köpfe der jungen em- 
pirischen Wissenschaft, die eben erst zur Freiheit voraussetzungslosen For- 
schens hindurchgedrungen waren, sträubten sich wider die Zumutung, 
daß sie zurückkehren sollten zu den Ideen einer der dumpfsten Zeiten deut- 
scher Geschichte; nicht darum hatten sie die Fesseln der philosophischen 
Scholastik gesprengt, um nun theologische Ketten zu tragen. Seit die 
Orthodoxie wider die freie Wissenschaft eiferte, verbreitete sich unter den 
Mittelklassen weiter denn jemals das alte, in der Geschichte der neuen 
deutschen Bildung so tief begründete Vorurteil, als ob der ernste Kirchen- 
glaube nur das Erbteil der Schwachköpfe, der Duckmäuser und der Heuchler 
wäre. Zudem forderten die neuen Lutheraner, wie die alten, für das 
geistliche Amt in der Kirche eine Herrscherstellung, welche sich mit der
        <pb n="253" />
        Pietismus. Praktisches Christentum. 245 
evangelischen Idee des Priestertums der Laien nicht mehr vertrug, und 
näherten sich also, trotz des tiefen Gegensatzes der sittlichen Grundgedanken, 
den hierarchischen Ansichten der Ultramontanen, während das gebildete 
Bürgertum bereits begann, die konstitutionellen Ideale der Zeit in das kirch- 
liche Leben hinüberzutragen und irgend eine Form des Repräsentativsystems 
für die evangelische Landeskirche erhoffte. Endlich zeigte der neue lutherische 
Pietismus, scheinbar mindestens, eine aristokratische Färbung, welche den 
stillen Adelshaß der bürgerlichen Klassen aufreizen mußte. Der alte 
Pietismus hatte seine feste Stütze an den kleinen Leuten gefunden, und 
solcher Stillen im Lande gab es noch immer viele, aber an der Spitze 
dieser Erweckten standen jetzt fast überall neben den Geistlichen fromme 
Edelleute. Da waren in Mecklenburg die Bernstorff, Oertzen, Bassewitz, 
am Riederrhein der edle Graf von der Recke, in Pommern die Below, 
Blankenburg, Kleist-Retzow, in Schlesien der adlige Kreis, der sich um 
die Prinzessin Marianne und die Gräfin Reden scharte. 
Nun gar in Berlin wurde die strengkirchliche Gesinnung, seit der Hof 
sie begünstigte, bald zur Modesache der vornehmen Welt, und neben der ehr- 
lichen Frömmigkeit trat auch oft eine scheinheilige Kopfhängerei zu Tage. Zu 
den Bibelstunden des Generals Thile drängte sich manches ehrgeizige Welt- 
kind; selbst in militärischen Kreisen sprach man allzuviel von Wiedergeburt 
und Erleuchtung, und an jedem Sonntag zog eine Schar strebsamer Leut- 
nants und Referendare, mit dem Gesangbuch in der Hand, zur Kirche, 
um sich nachher in der Habelschen Weinstube unter den Linden beim Früh- 
schoppen von der ausgestandenen geistlichen Mühsal zu erholen; der Volks- 
witz nannte diese jungen Herren die nassen Engel. Dies alles im Verein 
verstimmte die bürgerlichen Klassen; der echt protestantische Abscheu gegen 
jeden Schein von Gewissensdruck und der kirchenfeindliche Radikalismus 
der neuesten Literatur wirkten zusammen. Wer ein wissenschaftlich ge- 
schulter, gut bürgerlicher Liberaler war, hielt sich verpflichtet, den Geist der 
Finsternis am Hofe zu bekämpfen; der Name der Pietisten wurde bald 
zum Schimpfwort, und nach wenigen Jahren dieses christlichen Regiments 
zeigte sich die große Mehrheit der gebildeten Berliner wieder so ganz un- 
kirchlich gesinnt wie einst vor dem Jahre 1806. 
Ohne jedes Verständnis, nicht selten sogar mit frivolem Spott be- 
trachtete die liberale Welt alle die schönen Unternehmungen christlicher 
Liebe, in denen die strengen Schriftgläubigen ihre religiöse Tatkraft be- 
kundeten. In einer Zeit, da die Massen des Volks schon in Gärung ge- 
rieten und eine furchtbare soziale Revolution sich ankündigte, überließ 
man gedankenlos alle Arbeit des praktischen Christentums allein der or- 
thodox-pietistischen Partei. Während im alten Trappistenkloster zu Düssel- 
thal, inmitten der katholischen Welt, das Kinder-Rettungshaus des Grafen 
v. d. Recke fröhlich aufblühte, gründete nahebei in Kaiserswerth Pastor 
Fliedner (1836) das erste Diakonissenhaus, ein unscheinbarer kleiner Mann,
        <pb n="254" />
        246 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
der doch, wenn es galt für seine frommen Stiftungen zu bitten, eine hin— 
reißende Beredsamkeit entfalten konnte. Wie sein alter Gönner, der Frei— 
herr vom Stein, empfand er es längst als ein Gebrechen, daß der Prote— 
stantismus, von Männern in einem männischen Jahrhundert geschaffen, 
dem starken religiösen Gefühle der Frauen gar keine kirchliche Wirksam— 
keit zu bieten wußte; in frohem Gottvertrauen schritt er ans Werk, und 
aus dem bescheidenen Kaiserswerther Mutterhause ging allmählich die 
große evangelische Schwesterschaft der Diakonissen hervor, die im Laufe 
der Jahre Tausende frommer Frauen zur Armen= und Krankenpflege, zu 
allen Werken christlicher Barmherzigkeit heranrief. Noch höhere Aufgaben 
stellte sich Wichern, der Stifter des Rauhen Hauses. Er sah, wie kläglich 
die Massen in Groll und Elend verkamen, und wie gleichmütig die höheren 
Stände, betört durch die Lehre von der angeblichen Unwandelbarkeit der 
volkswirtschaftlichen Naturgesetze, ihre Pflichten gegen die leidenden Brüder 
verabsäumten. Wichtiger noch als die Heidenmission erschien ihm die Aufgabe 
der „inneren Mission“ — der Name begann seit 1842 aufzukommen — 
die im Vaterlande selbst den sittlichen und wirtschaftlichen Notstand der 
niederen Klassen lindern sollte. Jedes warme Christenherz, ohne Unter- 
schied der Parteien, wollte er für dies Liebeswerk gewinnen, und seine 
Schuld war es nicht, daß seine Pläne nur bei den Orthodogen, zunächst 
in Mecklenburg Anklang fanden. Die Berliner Armenpflege versuchte 
Otto v. Gerlach in christlichem Sinne neu zu gestalten, neben ihm der 
greise Baron Kottwitz, der sich glücklich pries noch die Anfänge dieser 
gottseligen Regierung zu erleben. Für die Reform des arg verwahrlosten 
Gefängniswesens wirkte seit Jahren schon Dr. Julius, ein warmher- 
ziger Hamburger Jude, der sich aus tiefer Überzeugung zum strengen 
Katholizismus bekehrt hatte; er wurde der Schöpfer der Gefängniskunde in 
Deutschland und verlangte vornehmlich die Einführung der in der libe- 
ralen Welt noch verrufenen Einzelhaft. 
Allen diesen frommen Werken folgte der König mit inniger Teilnahme; 
ihm war dabei zu Mute, „wie wenn der Saft in die Bäume tritt“. Schon 
als Kronprinz hatte er sich über den Zustand der Zuchthäuser und Gefäng- 
nisse Europas eifrig unterrichtet;?) jetzt berief er Julius als Hilfsarbeiter in 
sein Kabinett, und versuchte, leider vergeblich, den edlen Deutschamerikaner 
Franz Lieber, einen der beredtesten Verteidiger der Einzelhaft für die Leitung 
derpreußischen Strafanstalten zu gewinnen.“) Auch seine englische Freundin 
Elisabeth Fry, die fromme Trösterin der Gefangenen, wurde zum Besuch ge- 
laden; stundenlang saß sie in ihrer hohen weißen Quäkermütze predigend 
und lehrend zwischen der Königin und der Prinzessin Marianne; zu ihren 
öffentlichen Vorträgen drängte sich die vornehme Gesellschaft, die Zeitungen 
  
*) Bunsen an Kronprinz Friedrich Wilhelm, 1. April 1840. 
**“) König Friedrich Wilhelm an Thile, 8. Dez. 1844.
        <pb n="255" />
        Der Schwanenorden. 247 
hatten nur Spott dafür. Fliedner brachte die ersten Diakonissen nach 
Berlin, Wichern erhielt preußische Brüder für sein Rauhes Haus zuge— 
sendet, beide wurden oft um Ratschläge und Gutachten angegangen?), 
und freudig versprach Eichhorn seine Unterstützung für die Pläne der 
inneren Mission. 
Dem Könige genügte das nicht. Um den christlichen Charakter seiner 
Regierung feierlich zu bekunden, wollte er alle die Vereine, welche „das 
Christentum durch Leben und Tat bewiesen“, zu einer großen monar- 
chisch geleiteten Gesellschaft verbinden. Darum beschloß er den längst ver- 
schollenen Schwanenorden zu erneuern, eine freie geistliche Genossenschaft, 
welche sein Ahnherr Kurfürst Friedrich II. vor gerade vierhundert Jahren 
gestiftet hatte. Romantische Erinnerungen an die schönen Grabsteine der 
Schwanenritter in der Ansbacher Stiftskirche und an die prächtige Kapelle 
der geistlichen Adelsbrüderschaft zu Haßfurt mochten dabei wohl mitwirken. 
Zu Weihnachten 1843 verkündete er diese Absicht in einem hochpathetischen 
Patente, dessen altertümlich klingende Sätze er mit Eichhorn und Thile 
vereinbart hatte; der Thronfolger wurde erst nachträglich unterrichtet, offen- 
bar weil man seine nüchterne Kritik fürchtete.“) König und Königin über- 
nahmen das Großmeistertum des wiederhergestellten Ordens und hofften 
auf den Zutritt von „Männern und Frauen ohne Unterschied des Standes 
und Bekenntnisses“. Wie dieser Eintritt erfolgen, wie die bestehenden 
Vereine sich dem Orden angliedern sollten, darüber sagte das Patent nichts. 
Der edel gedachte Plan war leider nur ein unreifer Einfall, so nebelhaft, so- 
gestaltlos, daß selbst Wichern meinte, man müsse die Idee des Schwanen- 
ordens erst ins Deutsche unserer Tage übersetzen, und er erregte einen 
Sturm der Entrüstung in der öffentlichen Meinung. Nun schien es doch 
klar erwiesen, daß die Christlichkeit dieses Hofes allein einer phantastischen 
Schrulle entsprang. Ein mittelalterlicher Orden und noch dazu als höch- 
stes Ordenszeichen das Bild der heiligen Jungfrau über dem Schwane 
an goldener Kette hängend: — das vermochten die aufgeklärten Berliner 
nicht zu ertragen. Der Hohn und der Abscheu sprachen sich überall kräftig 
aus; weder Katholiken noch Protestanten konnten sich mit der seltsamen 
Stiftung befreunden. Sogar Bunsen wurde jetzt bedenklich; und er hatte 
vor kurzem noch diesen Orden schwärmerisch begrüßt als eine christliche 
Zentralgewalt, welche Rom vernichten müsse. Da verlor der König den 
Mut und gab den Schwanenorden stillschweigend auf. 
Nur einige der großen Stiftungen, die er unter seinem Orden hatte 
vereinigen wollen, kamen zu stande, obgleich die öffentliche Meinung, wie 
General Thile selbst gestand, „dem spezifisch christlichen Geiste“ dieser An- 
  
*) Wichern, Denkschrift über das Kloster zum Heiligen Grabe, 1844 usw. 
*“) König Friedrich Wilhelm an Thile, 19. Dez. Thile an den Prinzen von Preußen, 
27. Dez. 1843.
        <pb n="256" />
        248 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
stalten aufs äußerste widerstrebte.“) Im Herbst 1847 wurde das mit 
königlicher Freigebigkeit ausgestattete Krankenhaus Bethanien eröffnet. 
Fliedners Diakonissen zeigten hier zum ersten Male, was sie in großen 
Verhältnissen zu leisten vermochten; die erste Oberin Marianne von 
Rantzau und ihre Nachfolgerin Gräfin Anna Stolberg, des Ministers 
Tochter, warteten ihres schweren Amts in christlicher Treue, und nach 
mancher Enttäuschung zuletzt mit so günstigem Erfolge, daß die Spötter 
und die Zweifler verstummen mußten. Bald nachher kam der Bau des 
neuen Moabiter Zellengefängnisses zum Abschluß; die Anstalt sollte nach 
Julius' Grundsätzen geleitet werden, und auch sie mußte erst lange Jahre 
unfertiger Versuche und bitterer Anfeindung überstehen, bis ihre Wirk- 
samkeit allgemein anerkannt wurde. Mehr zu erreichen war in dieser 
gärenden Zeit unmöglich, die Regierung wagte nicht einmal, Wichern nach 
Preußen zu berufen. Erst als die Not wieder beten lehrte, als in den 
Kämpfen der Revolution die Verwilderung des armen Volks den besitzenden 
Klassen drohend unter die Augen trat und sie an alte Unterlassungssünden 
mahnte, da erst sollte der fruchtbare Gedanke der inneren Mission sich in 
mannigfachen christlichen Vereinen ausgestalten und Anhänger werben auch 
unter denen, welche bisher den Pietismus verhöhnt hatten. — 
Für jetzt freilich standen die Gegensätze einander noch ganz unvermittelt 
gegenüber. Das ungeheuerliche Durcheinander von Mißverständnissen und 
Mißerfolgen, von Versuchen und Enttäuschungen mußte zu einer Kata- 
strophe führen. Niemand vielleicht sah dies früher voraus als Bettina 
v. Arnim. Glückselig hatte sie bei der Thronbesteigung ihres königlichen 
Freundes „den Frühling des geliebten Preußenlandes“ begrüßt; doch schon 
nach wenigen Monaten sagte sie in tiefer Herzensangst mit dem Ahnungs- 
vermögen des genialen Weibes: „wir müssen den König retten.“ „Die 
Schmach der Geistesknechtschaft“, das glaubte sie fest, ging nicht von dem 
Könige aus; nur seine pergamentnen Staatsverwalter, Eichhorn und ihr 
Schwager Sovigny, den sie weit zu übersehen wähnte, beirrten ihn in 
seinen edlen Vorsätzen. Um ihn aus solchen Banden zu befreien, veröffent- 
lichte sie 1843 die wunderliche Schrift: „Dies Buch gehört dem Könige.“ 
Groß zu denken von dem Menschen, blieb ihr von jeher Bedürfnis; in 
jedem Kinde Gottes erkannte sie den geborenen Helden, wenn man ihm 
nur volle Freiheit gewähre. Diese optimistische Weltanschauung war frei- 
lich das genaue Gegenteil der stolzen Menschenverachtung, welche alle 
großen Staatsmänner, alle mächtigen politischen Denker ausgezeichnet hat; 
doch sie entsprach den gemütlichen Idealen der besten und uneigennützig- 
sten Männer der deutschen liberalen Partei. Also gelangte die romantische 
Schwester der hoch-klerikalen Gebrüder Brentano zu einem Liberalismus 
des Herzens. Wie sie einst für die Befreiungskriege der Tiroler und der 
Preußen geschwärmt hatte, so jetzt für den Kampf um die bürgerliche Frei- 
*) Thile, Denkschrift über Bethanien, Juni 1847.
        <pb n="257" />
        Bettinas Königsbuch. Prutzs Wochenstube. 249 
heit, und nach Frauenart erwarmte sie noch mehr, seit ihr die Ideen des 
neuen Geschlechts in Fleisch und Blut menschlich nahe traten. 
Nun da ihre Locken ergrauten und ihr Herz doch nicht altern wollte, 
wendete sie sich mit Vorliebe an die Jugend; den Studenten widmete sie mit 
dithyrambischer Weiherede ihr rührendes Erinnerungsbuch „die Günderode“. 
Geistreiche junge Männer verkehrten täglich mit ihr und begleiteten sie auf 
ihren Mondscheinwanderungen durch den Tiergarten: so der liebenswür— 
dige idealistische Ästhetiker Moritz Carriere, so H. B. Oppenheim, ein 
radikaler Publizist, der, als Schriftsteller sehr langweilig, im Gespräche, 
wie so viele junge Juden, durch einen Zug genialischer Frechheit bestach. 
Und ganz jugendlich, ganz phantastisch war denn auch das Idealbild des 
demokratischen hochherzigen Fürsten, das sie in ihrem Königsbuche ihrem 
erlauchten Freunde vorhielt: im Staate allenthalben nur Milde, Nachsicht, 
Verständnis; das Richtbeil begraben; die Freiheit jedes einzelnen durch 
die Freiheit aller verbürgt, da ein großer Monarch sich nicht wie ein 
Schulmeister in jeden Stank mischen dürfe; und über allem Hasse der 
Bekenntnisse die eine „schwebende Religion“ der Zukunft, bei deren fried— 
licher Schönheit jedes warme Menschenherz sich wohl fühlen sollte. Das 
alles wurde von Goethes Mutter, der Frau Rat in lebendigen Gesprächen 
verkündigt; dazwischen hinein hochpoetische Schilderungen, anmutige Er— 
zählungen von Königin Luise und von Weimars großen Tagen; das Ganze 
ein so formloses Durcheinander hoher menschenfreundlicher Gedanken und 
barocker Einfälle, daß der König enttäuscht sagte, er wisse mit dem Buche 
nichts anzufangen. Greifbaren Inhalt zeigte die Schrift nur in ihren 
letzten Abschnitten, die von den sozialen Aufgaben der Zeit handelten. Die 
edle Frau empfand das Elend des armen Volks ebenso tief wie die Dunkel— 
männer der inneren Mission, von denen sie doch nichts wissen wollte. 
Sie ließ sich's nicht verdrießen, mit ihren jungen Freunden die entsetzlichen 
Arbeiterkasernen des Berliner Vogtlandes zu besuchen, und erzählte nun, 
nichts verhüllend, was sie dort unter den arbeitslosen Webern erlebt hatte. 
Ergreifend klang ihre Mahnung: Wer ist des Königs Nächster? sein hun— 
gerndes Volk! 
Derber, handfester ging Robert Prutz dem neuen Regimente zu Leibe 
in seiner Politischen Wochenstube, einer aristophanischen Komödie, die, den 
Literaturdramen Platens nachgebildet, doch unwillkürlich darüber hinaus- 
strebte; denn die Literatur war jetzt so eng mit der Politik verflochten, 
mit einem Bilde des Bildes der Welt konnte ein heißblütiger junger Poet 
sich nicht mehr begnügen, er mußte versuchen, ein Weltenbild zu geben. 
Unsagbar traurig erschien das Bild der preußischen Welt, das sich hier 
entrollte. Ausgelassen und übermütig, nicht ohne die Ungerechtigkeit, die 
der komischen Muse erlaubt sein muß, aber mit entschiedenem satirischem 
Talente schilderte der Dichter in lustigen Zerrbildern und saftigen Späßen 
die vergeblichen Geburtswehen der Offenbarungsphilosophie, die glänzenden
        <pb n="258" />
        250 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
und doch so unfruchtbaren Berufungen, die ewigen Verheißungen, denen 
keine Tat folgte. Der boshafte Chorgesang 
Ach, daß der Schwanenorden 
Nicht fertig ist geworden — 
sprach den Grundgedanken des Gedichtes aus: allüberall nur ein großes 
Mißlingen, und zuletzt nur die Hoffnung, daß dereinst einmal ein Mann 
erstehen würde, Germanias wahrer Bräutigam, ein Rächer dem hoffenden 
Volke. Diese Keckheit verwickelte den Verfasser in eine Anklagewegen Maje- 
stätsbeleidigung; der König aber schlug großmütig das Verfahren nieder. — 
Wie getreu diese spöttische Dichtung die erbitterten, argwöhnischen 
Stimmungen der gebildeten Klassen widerspiegelte, das mußte Friedrich 
Wilhelm schmerzlich erfahren bei einer Reformarbeit, die ihm als heilige 
Pflicht erschien, bei dem Versuche die Ehegesetzgebung zu reinigen. Das 
Preußische Landrecht hatte mit der alten willkürlichen Theologenlehre, 
welche nur Ehebruch und bösliche Verlassung als biblische Scheidungs- 
gründe gelten ließ, gänzlich gebrochen und, im Geiste der neuen Aufklärung, 
die Ehescheidung sehr erleichtert, da der große König die Vermehrung 
der Bevölkerung grundsätzlich begünstigte. Die dehnbaren Vorschriften 
des Gesetzes wurden zudem von den Untergerichten, denen die Entschei- 
dung in der Regel überlassen blieb, so leichtfertig gehandhabt, daß die 
frivolen Scheidungsklagen auf Grund unüberwindlicher Abneigung oder 
gegenseitiger Einwilligung, die der Gesetzgeber nur in Ausnahmefällen 
hatte zulassen wollen, sich mehr und mehr häuften. Das Verfahren war 
meist ohne Ernst und Würde; der junge Referendar Otto v. Bismarck 
fühlte sich in tiefster Seele empört, als er auf dem Berliner Stadtgerichte 
mit ansehen mußte, wie gleichmütig man die tragischen Kämpfe des 
häuslichen Lebens abzutun pflegte. Die öffentliche Meinung fand an 
der bequemen Praxis der Gerichte wenig auszusetzen; denn bewußt oder 
unbewußt stand sie noch unter der Herrschaft des alten Vernunftrechts, 
das in der Ehe lediglich einen freien privatrechtlichen Vertrag sah, und aus 
der neuen Dichtung hatte sie die Lehre von dem schrankenlosen Rechte des 
Herzens geschöpft. Nur wenige erkannten, daß die Ehe die sittliche Grund- 
lage alles menschlichen Gemeinwesens ist und darum auch dem Staats- 
rechte und dem Kirchenrechte angehört. Zu diesen wenigen zählte der 
alte König, der mehrmals, sehr dringend noch in seinem letzten Regie- 
rungsjahre, das unbehilfliche Gesetzgebungsministerium zu einer Revision 
des Eherechts aufforderte. Damals ward auch der Kronprinz auf die 
schreienden Übelstände aufmerksam; er ließ sich von Bunsen ein umfäng- 
liches Gutachten erstatten; und unablässig drängte ihn Ludwig v. Gerlach 
zum Kampfe wider das Landrecht, das der gestrenge Hallerianer kurzab 
„der Feindschaft gegen Kirche, Ehe und Recht“ beschuldigte.") 
*) Bunsens Schrift ist oben V. 8 Anm. angeführt. Gerlachs Gutachten dar- 
über, o. D., Anfang 1840.
        <pb n="259" />
        Beratungen über die Ehescheidung. 251 
Nach dem Thronwechsel ward die Reform alsbald ernstlich erwogen; 
es galt, den christlichen Staat auf dem Boden des christlichen Hauswesens 
aufzubauen. Gerlach erhielt den Auftrag, unter Savignys Oberleitung 
den Entwurf eines Ehescheidungsgesetzes auszuarbeiten; er rühmte das 
Unternehmen als „eine Sr. Majestät persönlich eigene, die innersten, 
tiefsten Tendenzen der Regierung des Königs bezeichnende Maßregel“.*) 
Als gewiegter Kenner der Geschichte gab der Minister unbefangen zu, daß 
die Staatsgewalt weder Sittlichkeit erzwingen noch Unsittlichkeit verhüten 
könne; genug, wenn sie durch den Ernst ihrer Gesetze verhindere, daß die 
Begriffe des Volks von Recht und Unrecht, Gut und Böse sich verwirrten. 
Trotzdem genehmigte er den Entwurf seines Freundes, der in purita— 
nischem Eifer weit über diese Grundsätze hinausging. Gerlach wollte von 
den Scheidungsgründen des Landrechts ihrer elf aufheben, die Eheschei— 
dung in der Regel nur nach einer vorläufigen langen Trennung von 
Tisch und Bett gestatten, den Ehebruch auch ohne den Antrag des ver— 
letzten Gatten bestrafen; so blieb gar kein Raum mehr für das christliche 
Verzeihen und Erbarmen, das doch von solchen, mehr sittlichen als recht- 
lichen Streitfällen nicht ausgeschlossen werden darf. 
Kaun hatte Savigny diese Vorschläge im November 1842 dem Staats- 
ministerium unterbreitet, so wurden sie schon widerrechtlich in den Zeitungen 
veröffentlicht, gewiß nicht ohne die Mitschuld eines der unzufriedenen 
alten Geheimen Räte, die fast allesamt noch auf dem Boden des Land- 
rechts standen. Die Wirkung war furchtbar. Auf der ganzen Linie der 
liberalen Presse erscholl der Lärmruf: die Grundsätze Friedrichs des 
Großen werden preisgegeben, die Krone will die Unauflöslichkeit der Ehen 
anbefehlen. Der alte Argwohn gegen Friedrich Wilhelms katholische Nei- 
gungen sprach sich überall lebhaft aus; und, wie üblich, wurde Eichhorn 
wieder als der Urheber alles Unheils verlästert, obgleich er bei diesem 
Gesetze nur in zweiter Reihe mitwirkte. Die Königsberger Zeitung ver- 
herrlichte die Scheidungen auf Grund unüberwindlicher Abneigung also: 
„wir halten diese Bestimmung für die Blüte unserer Gesetzgebung, weil sie 
des freien Menschen würdig ist;“ sie sprach von „dem Schrei des Un- 
willens in der ganzen Nation“ und schalt so ungebärdig, daß der König 
das Blatt seinem Kabinettsminister sendete mit der entrüsteten Frage: 
„haben wir noch Richter, die nach dem Gesetze erkennen?"“#:#) Auch an 
frechen Gesellen fehlte es nicht, die nach den Lehren des Jungen Deutsch- 
lands das freie Konkubinat priesen und die Zwangsehe der Frömmler 
verhöhnten. Umsonst verteidigte Puchta die wohlberechtigten Grundgedanken 
des Entwurfs in einer geistvollen Flugschrift „die Ehescheidungsfrage“; 
seine ruhige Stimme verhallte in dem allgemeinen Toben. 
  
*) Gerlachs Votum, 15. Dez. 1842. 
*“) König Friedrich Wilhelm an Thile, 3. Dez. 1842.
        <pb n="260" />
        252 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Flehentlich beschwor Gerlach die Krone, daß sie sich an den Lärm 
nicht kehren möge: „Weicht man vor dem dreisten Geschrei der Zeitungen 
in dieser Sache zurück, bei welcher der König persönlich so beteiligt ist, 
ja scheint es auch nur so — so wird die schlechte Presse durch so ekla— 
tante Siege auf eine Weise ermutigt werden, deren Folgen sich nicht 
berechnen lassen.“ In gleichem Sinne sprach Savigny; er ahnte tief be- 
wegt, daß seine ganze Wirksamkeit gefährdet war, wenn sein erster großer 
Gesetzentwurf scheiterte.') General Boyen hingegen konnte sich des Ein- 
drucks nicht erwehren, daß aus den verworrenen, leidenschaftlichen Zorn- 
reden der Opposition doch auch ein gesundes protestantisches Gefühl sprach; 
es war ja der Unsegen dieser Regierung der Mißverständnisse, daß fast 
bei jedem Streite beide Teile recht hatten, und trotz seiner altväte- 
rischen Frömmigkeit blieb der greise Kriegsmann immer in Fühlung mit 
den Kantianern seiner ostpreußischen Heimat. Er hielt sich verpflichtet, 
den geliebten König zu warnen, „da ich, so wahr als Gott über mir ist, 
die Wendung, welche die Sache in der öffentlichen Meinung genommen 
hat, für höchst bedenklich ansehe“. Dann hielt er in seiner herzgewinnen- 
den, patriarchalischen Sprache dem Monarchen vor, daß die Erschwerung 
der Ehescheidungen doch nicht überall die Sittlichkeit fördere: „Zu einer 
vollständigen christlichen Ehe gehört auch häuslicher Friede und vor allem 
christliche Kinderzucht, und wo diesem beharrlich von einer Seite entgegen- 
gewirkt wird, da ist — Ehebruch.“ Nach einer langen erbaulichen Erör- 
terung mahnte er schließlich den König an das Beispiel Friedrichs des 
Großen, der auf den Wunsch einzelner Gemeinden die Einführung eines 
Gesangbuchs zurückgenommen und „dabei in wahrhaft christlichem Sinne 
gehandelt habe“. Im ersten Augenblicke fühlte sich Friedrich Wilhelm schwer 
betroffen durch die Warnungen „des lieben, treuen Mannes“.*) Auf 
Savignys Andringen beschloß er jedoch endlich, den Entwurf, den schon 
im Staatsministerium Graf Arnim lebhaft angegriffen hatte, zu er- 
neuter Prüfung dem Staatsrate vorzulegen. 
Fünf Monate hindurch verhandelte der Staatsrat nunmehr, seit 
dem Januar 1843, über das Gesetz. Die Beratungen wurden bald so 
stürmisch, daß der greise Vorsitzende General Müffling die Streitenden 
kaum im Zaume halten konnte, obgleich der König persönlich manchen Sit- 
zungen beiwohnte und seine Vorliebe für den Entwurf deutlich zu erkennen 
gab.)In vielem einverstanden, erklärte selbst der Prinz von Preußen 
die Verkündigung eines so unbeliebten Gesetzes für hochgefährlich. Am 
eifrigsten bekämpfte Präsident Scheller den Entwurf, ein Harzer, der einst 
*) Gerlach an Thile, 21. Nov. Thiles Bericht an den König, 22. Nov. 1842. 
**) Boyens Denkschrift über das Ehegesetz, Dez. 1842. König Friedrich Wilhelm 
an Thile, 22. Dez. 1842. 
**) Savigny an Thile, 23. Dez. 1842. 
f) Nach Kühnes Aufzeichnungen.
        <pb n="261" />
        Das Ehescheidungsgesetz. 253 
als Richter in den westlichen Provinzen das rheinische Recht und das 
öffentliche Verfahren schätzen gelernt hatte. Er ließ es sich nicht verdrießen, 
zweimal wöchentlich mit der Post von Frankfurt zu den Sitzungen hin— 
überzufahren; und es war ein Zeichen der Zeit, wie er und Gerlach sich 
miteinander maßen, beide gleich würdige Vertreter des altpreußischen 
Richterstandes, gelehrt, freimütig, beredt, beide, der Liberale wie der 
Romantiker, fest davon überzeugt, daß sie für die wahre Freiheit kämpften, 
und doch so grundverschieden in ihrer ganzen Weltanschauung. Scheller 
verlangte zum mindesten, daß die Zahl der Scheidungsgründe nicht all— 
zusehr beschränkt würde, damit der Richter der Mannigfaltigkeit der 
Lebensverhältnisse, die sich gerade in häuslichen Händeln überall aufdrängt, 
einigermaßen gerecht werden könne. Er wagte sogar zu behaupten, Ein— 
heit des Eherechts sei erst möglich, wenn man die bürgerliche Eheschließung 
einführe. Der beste Beweis für diese Ansicht, die in den alten Provinzen 
noch als ketzerisch galt, lag in dem neuen Gesetze selber: der Entwurf 
sollte bürgerliches Recht enthalten und gab doch Ausnahmevorschriften 
für die geschiedenen Katholiken, deren Trauung den Geistlichen aller Be— 
kenntnisse untersagt wurde. 
Mittlerweile fuhren die liberalen Zeitungen in ihren Zornreden fort, 
und Gerlach hielt für nötig, daß auch seine orthodoxen Gesinnungsge- 
nossen ihre Stimme erhöben. Unter der Hand ließ er seine Freunde 
wissen, der König würde sich freuen, wenn die Gläubigen für das christ- 
liche Eherecht einträten; und nicht lange, so wurden, vornehmlich von pom- 
merschen Geistlichen, zahlreiche Bittschriften eingesendet, welche die Annahme 
des Entwurfs empfahlen. Als aber der Prinz von Preußen erfuhr, wie man 
den Namen des Monarchen mißbraucht hatte, da wallte sein fürstliches 
Selbstgefühl hoch auf, und in einer Sitzung des Staatsrats stellte er 
den pommerschen Bischof Ritschl, der selbst allerdings an diesen Umtrieben 
nicht teilgenommen hatte, zornig zur Rede; er verlangte strenge Unter- 
suchung und schrieb dem Bruder: „ich hoffe, daß du Ernst zeigen wirst.)“ 
Nun kam Gerlachs Mitschuld bald zu Tage; der Heißsporn der Romantik 
konnte sich im Ministerium nicht mehr halten und wurde, nachdem man 
noch eine Weile gezaudert, im April 1844 unter allen Zeichen königlicher 
Gnade als Präsident des Oberlandesgerichts nach Magdeburg versetzt. 
Zur selben Zeit lag auch der Gesetzentwurf endlich fertig vor; er 
war im Staatsrate wesentlich gemildert und gleichwohl von der Mehrheit 
nur ungern angenommen worden, von einzelnen wohl nur aus Ehrfurcht 
vor dem Könige. Kühne, einer der heftigsten Gegner des Gesetzes, sagte 
grimmig: ein dicker, stickender Nebel der Heuchelei und der Beängstigung 
lag über den Verhandlungen. Jetzt erst erhob sich die peinlichste Frage. 
  
*) Eichhorn an Oberpräsident v. Bonin in Stettin, 29. März; Prinz von Preußen 
an den König, 2. April 1843.
        <pb n="262" />
        254 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Durfte man wagen, mit diesem im voraus verleumdeten und verlästerten 
Gesetze vor die Landtage zu treten? Nach der Verfassung mußte 
mindestens der materielle Teil des Entwurfs den Provinzialständen 
vorgelegt werden, weil er in das Personenrecht eingriff. Der König 
schwankte; im Ministerium konnte man sich nicht einigen, Graf Arnim 
namentlich beharrte bei seinem Widerspruche. Auch Bunsen, der doch 
ursprünglich das Unternehmen mit veranlaßt hatte, warnte jetzt, da er 
Berlin wieder besuchte, dringend vor der unheildrohenden öffentlichen 
Stimmung. Da vermochte Friedrich Wilhelm nicht mehr stand zu halten. 
Am 28. Juni 1844 wurde plötzlich der kleinere, formale Teil des Ge- 
setzes, der keiner ständischen Beratung bedurfte, als „Verordnung über 
das Verfahren in Ehesachen“ veröffentlicht. Es war unzweifelhaft der best- 
gelungene Teil des Werks, eine dankenswerte Reform, auch darum er- 
freulich, weil sie auf die Neugestaltung des gesamten Prozesses hin- 
deutete. Die Entscheidung der Scheidungsklagen wurde den Obergerichten 
übertragen, und das Verfahren so frei gestaltet, daß dem pflichtmäßigen 
Ermessen der Richter ein weiter Spielraum blieb; selbst an die Geständ- 
nisse der Parteien sollten sie, wegen der naheliegenden Gefahr der Kol= 
lusion, nicht unbedingt gebunden sein. Nach den Erfahrungen der Ober- 
gerichte dachte man, späterhin die Reform des materiellen Eherechts von 
neuem zu beginnen. Wie die Dinge lagen, war dieser halbe Erfolg fast 
unvermeidlich. Der König aber empfand es als eine Niederlage, daß er 
einen Lieblingsplan vor dem Toben einer doch sehr unklaren öffentlichen 
Meinung großenteils zurückziehen mußte. Zudem war Gerlach aus dem 
Rate der Krone verdrängt und Savignys Ansehen schwer erschüttert, 
da er nach dritthalbjähriger Arbeit nur ein so bescheidenes Ergebnis 
gewonnen hatte. 
Auch was der König sonst noch versuchte, um christliche Sitte zu be- 
leben, stieß überall auf unüberwindlichen Widerstand. Mit vollem 
Rechte fand er es anstößig, daß die bestehenden, sehr milden Vorschriften 
über die Sonntagsfeier so nachlässig gehandhabt wurden. Die Behörden 
zeigten wenig Sinn für das kirchliche Leben, noch weniger für die Be- 
drängnis des armen Volkes: was kümmerte sie der Geselle und der Ar- 
beiter, wenn der Ladenbesitzer oder der Fabrikant versicherte, sein Geschäft 
könne keine Unterbrechung ertragen? Die Zeit schien ganz vergessen zu 
haben, daß der Sabbat die größte soziale Wohltat war, welche das Volk 
Israel einst der menschlichen Kultur gebracht hatte. Wohl nicht ohne 
Vorwissen des Königs richteten die evangelischen Geistlichen Berlins in 
seinem ersten Regierungsjahre „ein Wort der Liebe“ an ihre Gemeinden, 
um ihnen die Heiligung des Feiertags ans Herz zu legen und sie wieder 
zu erinnern an die Schleiermachersche Lehre, daß alle Religion sich nur 
in der Gemeinschaft betätige. Leider erweckte diese warme Ansprache 
nur Mißtrauen. Die liberale Presse witterte alsbald Unrat; am lau-
        <pb n="263" />
        Sonntagsfeier. Rheinische Autonomen. 255 
testen lärmten die jüdischen Journalisten, weil ihre Leute zwar den jüdischen 
Sabbat streng einhielten, den christlichen Sonntag aber für ihre Geld— 
geschäfte mit den Bauern zu benutzen pflegten. Bald erzählte man allent— 
halben, der König und sein unheimlicher Helfershelfer Eichhorn wollten 
die harte, dem deutschen Gemüte unerträgliche englische Sonntagsfeier 
einführen. Für diese finstere Sitte hegte Friedrich Wilhelm allerdings, 
weil er alles Englische überschätzte, eine theoretische Vorliebe; doch war 
er keineswegs gesonnen, sie seinem Volke aufzuzwingen. Ganz leise, ohne 
Verletzung alter Gewohnheiten, wollte er die Zügel etwas fester anziehen; 
er verlangte nur, „daß die vorhandenen Bestimmungen in Kraft bleiben 
und das Dawiderhandeln endlich einmal bestraft werden solle“.?) Selbst 
diese wahrlich bescheidene Absicht konnte er, bei dem allgemeinen stillen 
Widerstreben, nicht durchsetzen. Ebenso gründlich ward er mißverstanden, 
als er einigen der strengeren Geistlichen Berlins auf ihren Wunsch er- 
laubte, ihre verwilderten Gemeindemitglieder im Hause zu besuchen, und 
dann den Plan faßte, eigene Hilfsgeistliche für diese ganz verabsäumten 
Pflichten der Seelsorge anzustellen. Da hieß es sofort, eine Sittenpolizei 
mit geheimen Angebern solle eingeführt werden, und diese Gerüchte wirkten 
so aufregend, daß der Prinz von Preußen selbst das Ministerium auf- 
forderte, ihnen öffentlich zu widersprechen.“) 
Wie konnte bei solcher Stimmung des Volks das neue Adelsgesetz 
gelingen, an dem der König sieben Jahre hindurch in der Stille beständig 
arbeiten ließ? Der Adel war der einzige der alten Geburtsstände, der 
sich in einer demokratisierten Gesellschaft unter lauter Berufsständen noch 
erhalten hatte, und gehörte doch zugleich selbst diesen neuen Berufsklassen, 
den höchsten wie den niedersten an; darum erschien er den neuen besitzen- 
den Klassen wie eine fremdartige, feindselige Macht oder auch wie eine 
Lächerlichkeit, und nichts konnte die öffentliche Meinung stärker beleidigen 
als eine Begünstigung adliger Standesrechte. Das mußte noch der alte 
König erfahren, als er (16. Jan. 1836) den Häuptern der alten rhei- 
nischen Reichsritterschaft, nachher auch noch den Häuptern einiger west- 
fälischen Geschlechter, das Recht erteilte, nach dem Brauche früherer 
Zeit wieder durch autonomische Bestimmungen über ihren Nachlaß zu 
verfügen. Diese Kabinettsordre, die man nicht einmal in der Gesetzsamm- 
lung abzudrucken wagte, war durch wiederholte Bitten der rheinischen Ritter- 
schaft veranlaßt“*) und bezweckte nur die alten Geschlechter im Besitze 
ihrer Stammgüter zu erhalten; sie kränkte keinen anderen Stand in 
seinen Rechten, da sie ja nur den jüngeren Söhnen des Adels selbst ihre 
Erbansprüche verkümmerte. Doch sie widersprach dem gemeinen Rechte, 
und wider jede soziale Ungleichheit, wider jede Gebundenheit des Grund- 
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 27. Nov. 1844. 
*#) Prinz von Preußen an Thile, 29. April, Antwort 1. Mai 1843. 
##) Eingaben rheinischer Ritter (Frhr. v. Mirbach u. Gen.) 1833 ff.
        <pb n="264" />
        256 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
besitzes sträubten sich die Rheinländer aufs äußerste.“) „Die rheinischen 
ritterbürtigen Autonomen“, wie man sie spottend nannte, bildeten nun— 
mehr eine Adelsgenossenschaft, welche die Streitigkeiten ihrer Genossen 
durch ein Standesgericht entschied und für ihre Söhne eine Ritteraka— 
demie in Bedburg gründete. Obwohl die Führer, Freiherr v. Mirbach 
und Graf Spee wegen ihrer gemeinnützigen Tätigkeit allgemein geachtet 
waren, so zeigten sich in dem geschlossenen Adelsvereine doch bald sehr 
unerfreuliche Gesinnungen: Kastenstolz, klerikaler Übereifer und ein rhei- 
nischer Partikularismus, der, allem preußischen Wesen feind, beständig 
nach dem geliebten Erzhause hinüberschielte. Als Mirbach dem Könige 
vorstellte: der Adel dürfe nicht aufgehen in dem Stande der Ritterguts- 
besitzer, weil er mit der Krone das Geburtsrecht gemein habe und darum 
sie stütze — da erschrak selbst Thile und mahnte besorgt: die Edelleute 
würden gut tun, wenn sie auch die Söhne anderer Grundherren in ihre 
Ritterakademie aufnähmen.) So kam es, daß der rheinische Provin- 
ziallandtag sich sofort sehr lebhaft wider die Sonderrechte der Ritterbürtigen 
erklärte; einer der besten rheinischen Juristen, Frhr. v. Mylius, selber ein 
alter Edelmann, stand voran im Kampfe für die Rechtsgleichheit. Die 
Aufregung im rheinischen Bürgertum hielt an, ein volles Jahrzehnt 
hindurch; sie wurde so stark, daß selbst der alte Arndt und ein junger 
Bonner Jurist von ebenso gemäßigter liberaler Gesinnung, H. Hälschner sich 
in streitbaren Flugschriften wider die ritterbürtigen Autonomen wendeten. 
Solche Erfahrungen mußten dem Könige zeigen, wie viel sozialen 
Unfrieden ein Adelsgesetz aufwühlen konnte. Und war denn die ersehnte 
Adelsreform wirklich so unerläßlich? Hinter dem Glanze und dem 
Reichtum der englischen Aristokratie blieben die kleinen landsässigen Ge- 
schlechter der alten Provinzen Preußens freilich unendlich weit zurück; 
aber so gewiß die Kraft des Adels in seiner politischen Tätigkeit liegt, 
ebenso gewiß brauchten sie, als ein monarchischer Adel, den Vergleich mit 
Englands parlamentarischem Adel nicht zu scheuen. Neben der Krone 
bedeuteten sie wenig, doch in ihrem Dienste hatten sie mitgewirkt an dem 
Heldentum einer großen Geschichte; sie bildeten noch immer den Kern 
des Offizierskorps, behaupteten sich durch eigenes Verdienst in den Reihen 
des Beamtentums, trugen in vielen Landesteilen die schwersten Pflichten 
der ländlichen Selbstverwaltung und ergänzten sich zumeist aus bürgerlichen, 
im Staatsdienste heraufgekommenen Familien, ganz so wie einst die alten 
Ministerialien selbst über die Gemeinfreien emporgestiegen waren. Bunt 
gemischt wie er war aus altem Grundadel, neuem Dienstadel und zahl- 
reichen schlechten Elementen durfte ein solcher Stand doch verlangen, daß die 
Krone ihm seine Traditionen nicht zerstörte, und zu diesen zählte der alte 
  
*) S. o. II. 274. 
**) Mirbach an Thile, 24. April; Antwort 3. Juli 1845.
        <pb n="265" />
        Das Adelsgesetz. 257 
deutsche Rechtssatz, daß jeder Sohn eines Edelmanns selbst ein Edelmann 
war. Davon wollten die preußischen Adligen ebenso wenig abgehen, wie 
sie sich dazu verstanden hätten, nach englischer Weise infolge eines Erb— 
falls ihre Namen zu wechseln. Eine Regierung, die sich ihres historischen 
Sinnes rühmte, durfte solche Tatsachen nicht verkennen; war sie klug, 
so mußte sie diesen Stand, der eigentlich gar keine soziale Organisation 
mehr besaß, sich selbst überlassen und zunächst abwarten, welche Geschlechter 
in den ewig wogenden Klassenkämpfen der neuen Gesellschaft durch Besitz 
und Verdienst ein aristokratisches Ansehen noch behaupten würden. Der 
König aber konnte sein englisches Ideal nicht aufgeben; er wollte durch- 
aus, wie er es schon bei den Adelserhebungen der Huldigungstage ver- 
geblich versucht hatte, einen eigentlichen Grundadel schaffen, der an dem 
befestigten Grundbesitze untrennbar haften sollte. Beharrlich künstelte er 
an diesen unfruchtbaren Plänen. Nach dem Grundsatze der ständischen 
Gliederung dachte er auch allen Edelleuten den Eintritt in niedere Be- 
rufsklassen zu untersagen, um also die Sitten des Standes zu heben. 
„Eine Hauptsache — so bestimmte er in einem Briefe an Thile — ist 
die Ablegung des Adels bei gewissen Hantierungen, vornehmlich und un- 
erläßlich aber beim Ergreifen des Komödianten-Handwerks.“ Indem er 
also schrieb, begann er doch selbst die Unausführbarkeit seiner Gedanken 
zu ahnen, und schon leise einlenkend fügte er in einer Nachschrift hinzu: 
den königlichen Hofschauspielern würde man den Adel schwerlich nehmen 
können.) 
Nach langen Vorbereitungen hielt er endlich am 10. Sept. 1846 
in Sanssouci einen Kronrat, zu dem nur die adlig geborenen Minister 
entboten waren. Hier erklärte sich der Prinz von Preußen, und mit ihm 
die große Mehrheit, sehr nachdrücklich gegen den Plan, die Vererbung des 
Adels auf einen Teil der Nachkommenschaft zu beschränken: das wider- 
spreche der nationalen Gewohnheit und müsse im Adel selbst bedenkliche 
Spaltungen bewirken.*“) Der Monarch ließ sich nicht überzeugen. Nach 
seinen Weisungen vollendete Savigny nunmehr, gegen Neujahr 1847, 
den Entwurf eines Adelsgesetzes, das neben dem alten Erbadel noch einen 
bedingt erblichen, an der Scholle haftenden Grundadel schaffen wollte; 
dazu drittens einen persönlichen Adel für hohes Verdienst und schließlich 
gar noch eine halbadlige Ritterschaft oder Gentry für die Söhne der 
Neugeadelten. 
So sollte denn Preußens niederer Adel, der doch gerade wegen seiner 
Überzahl in der öffentlichen Achtung gesunken war, noch um einige neue 
Klassen vermehrt werden; ja sogar die rheinbündische Institution des Per- 
sonaladels, die in Süddeutschland den Erbadel so tief heruntergebracht 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 4. Jan. 1847. 
*“) Protokoll über die Konferenz vor Sr. Maj., 10. Sept. 1846. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 
1.— 
I
        <pb n="266" />
        258 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
hatte, erschien dieser romantischen Staatskunst als ein Heilmittel. Solchen 
Sprüngen wollte selbst Thile nicht mehr folgen. Radowitz aber, dem 
der Entwurf nach Karlsruhe zugesendet wurde, antwortete mit schönem 
Freimut: „Euerer K. Majestät Anordnungen zur Belebung und Gliede— 
rung des Adels würden in den weitesten Kreisen nur auf Mißtrauen 
und Gehässigkeit stoßen, in dieser Atmosphäre aller Lebenskraft von vorn— 
herein ermangeln und statt des gehofften Nutzens nur neue Gefahren und 
Verlegenheiten bereiten.“*) Diese Warnung wirkte für den Augenblick. 
Die Entwürfe blieben vorläufig liegen, zum Glück für die Regierung; denn 
das Bürgertum war schon durch die umlaufenden Gerüchte erbittert 
worden und erzählte sich überall, der König wolle eine adlige Bank am 
Kammergericht errichten. Dann brach die Revolution herein und zwang 
den Adel, die Reformen, die ihm der Staat nicht bringen konnte, aus 
sich selbst heraus zu versuchen, soweit dies noch möglich war. Seitdem 
erst begannen die Geschlechter, die sich noch ein aristokratisches Gefühl 
bewahrt hatten, durch Familientage und Satzungen, durch Stiftungen 
und Familien-Geschichtswerke den erschlafften und oft entarteten Standes- 
geist wieder etwas zu kräftigen. — 
  
Hoch über allen diesen Gegensätzen stand doch die Frage der Zeit, der 
Kampf um die Reichsstände. Da die Vereinigten Ausschüsse so gar wenig 
geleistet hatten, so wendete sich die öffentliche Teilnahme wieder den Pro- 
vinzialständen zu, die für den März 1843 zu einer neuen Tagung ein- 
berufen waren. Eine Menge von Petitionen wurde vorbereitet; an ihrer 
unaufhaltsam wachsenden Masse ließ sich das Anschwellen der Volksbe- 
wegung ebenso sicher abmessen wie einst im Zeitalter der Reformation an 
der Zahl der neuen Drucke. Die große Mehrzahl kam aus den Städten; 
der Streit war ja zum guten Teile ein Kampf der bürgerlichen Inter- 
essen wider das Übergewicht des Grundbesitzes. Die schöne kleine Stadt 
Hirschberg am Abhang des Riesengebirges, die sich allezeit durch radikalen 
Widerspruchsgeist auszeichnete, wagte bereits die Nachbarstädte aufzufor- 
dern zur Mitunterzeichnung einer Petition, welche Vermehrung der bürger- 
lichen Abgeordneten und Erweiterung des städtischen Wahlrechts verlangte. 
Oberpräsident Merckel vereitelte für diesmal noch das nach dem bestehen- 
den Rechte unerlaubte Unternehmen; doch seitdem begann zwischen den 
liberalen Städten ein still geschäftiger politischer Verkehr, dessen Folgen 
sich bald zeigen sollten. Sobald die Landtage ihre Arbeit anfingen, 
mußte jedem Weltkundigen einleuchten, daß der alte Verfassungszustand 
sich schlechterdings nicht mehr halten ließ. Statt der vergeblich erwar- 
  
*) Thile an Radowitz, 28. Mai; Radowitz an den König, 13. Juni 1847.
        <pb n="267" />
        Adresse des Posener Landtags. 259 
teten einen reichsständischen Versammlung besaß Preußen ihrer acht, die 
im Wetteifer, unmaßgeblich, und eben deshalb oft leichtfertig, vorlaut, 
rücksichtslos, über alle erdenklichen Fragen der allgemeinen Gesetzgebung 
Gutachten abgaben oder Wünsche äußerten und durch dies achtfache Drein- 
reden schließlich jede Regierung unmöglich machen mußten. üÜberall 
schritten die Provinzialstände weit über ihre bescheidenen Befugnisse hin- 
aus; gleichwohl ließ sich der großen Mehrzahl weder ein zuchtloser Über- 
mut vorwerfen, noch eine förmliche Verletzung des Verfassungsrechts, 
denn alle allgemeinen Gesetze berührten mittelbar auch jede einzelne Pro- 
vinz insbesondere, und irgendwo mußten die Begehren der gärenden Zeit 
doch zu Worte kommen. 
Gleich im Anfang wurde des Königs weiches Herz schmerzlich berührt 
durch die Undankbarkeit seiner geliebten Polen. Die sarmatischen Edel- 
leute wollten den letzten Landtagsabschied, der ihnen so väterlich ihre 
Pflichten gegen den preußischen Staat vorgehalten hatte, nicht ruhig 
hinnehmen. Ermutigt durch die Schlaffheit der Regierung, entwarfen 
sie alsbald eine nach Form und Inhalt gleich ungehörige Adresse, welche 
dem Landesverrate, der Lossagung von Preußen sehr nahe kam. Da 
hieß es: „Sollen sie, gleich den in ihrer Nationalität nicht mehr bestehen- 
den litauisch und wallonisch redenden Untertanen, ihren Vereinigungs- 
punkt in dem Namen Preußen finden, so erblicken sie hierin eine Ge- 
fährdung jener Verheißung (v. J. 1815); sie fürchten, nicht mehr sein 
und sich nennen zu dürfen, was sie nach ihrer Sprache, ihren Sitten, 
ihren geschichtlichen Erinnerungen, was sie nach feierlich geschlossenen Ver- 
trägen und erteilten Zusicherungen sind: — Polen!“ Die Adresse wurde, 
nach polnischem Brauche, unter wüstem Geschrei hastig angenommen; 
viele wußten kaum, was man beschloß.“) Ohne die deutsche Minderheit 
auch nur einer Erwähnung zu würdigen, sprach die polnische Mehrheit 
kurzweg im Namen der gesamten Provinz; denn wie einst die alte sar- 
matische Adelsrepublik alle nicht-polnischen Nationalitäten grausam miß- 
handelt hatte, so stellte der Posener Adel jetzt, da er wieder zu hoffen 
wagte, die dreiste Behauptung auf: die Deutschen in Posen, deren Stamm 
sich dort seit sechshundert Jahren als Vorkämpfer der Gesittung behauptet 
hatte, seien einfach „Polen deutscher Abkunft“; gebe es doch auch in Breslau 
und Berlin einzelne Deutsche polnischer Abkunft. Solche Frechheiten 
konnte sich der König doch nicht bieten lassen. „Die Adresse der Posener 
Stände“, schrieb er zornig, „ist der Art, daß mir eine Antwort mit um- 
gehender Post ausnahmsweise gerechtfertigt scheint.“““) Eigenhändig ent- 
warf er eine scharfe Erwiderung, die, vom Staatsministerium fast un- 
verändert angenommen, am 12. März nach Posen abging. Sie sprach 
  
— — 
*) Bericht des Oberpräsidenten v. Beurmann an Graf Arnim, 9. März 1843. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile (o. D.), März 1843. 
17*
        <pb n="268" />
        260 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
den Landständen die hohe Mißbilligung des Monarchen aus und drohte: 
die Posener Stände würden nicht mehr regelmäßig versammelt werden, 
wenn es sich zeigen sollte, daß die in der Adresse ausgesprochenen Ge— 
sinnungen nicht bloß von einer Partei, sondern von dem Landtage selbst 
gehegt würden. Zar Nikolaus zeigte sich hoch erfreut und ließ dem 
Schwager sagen: nun würde er doch wohl Rußlands polnische Politik 
milder beurteilen.) 
In Posen aber erbitterte die Antwort nur ohne zu schrecken, denn 
niemand traute dem gutherzigen Könige zu, daß er seine Drohung aus- 
führen würde. Unbelehrt erging sich der Landtag nach wie vor in törichten 
Beschwerden und verlangte sogar die Errichtung einer Universität in 
Posen; die Absicht ließ sich leicht erraten, denn bisher hatte in Breslau 
wie in Berlin immer nur ein winziges Häuflein Polen studiert. Der 
neue Oberpräsident v. Beurmann trat, die Formen schonend, doch etwas 
fester auf als vor ihm Graf Arnim und gestand dem durchreisenden 
Zaren offen: seit er die Polen kennen gelernt, sehe er wohl ein, daß 
man sie nur mit Strenge beherrschen könne.*) Durch die Gutmütigkeit 
des Monarchen sah er sich jedoch überall gehemmt. Der polnische Adel 
merkte, was er sich unter dieser Regierung erlauben durfte; seine Kasinos 
und Leseklubs mehrten sich von Jahr zu Jahr; in den Agronomischen 
Vereinen suchte er sich den polnischen Bauern wieder zu nähern; sein 
Jagdklub veranstaltete in den weiten Wäldern Reit= und Schießübungen, 
und jeder der Genossen wußte, daß er sich rüsten sollte für den ersehnten 
Tag der Deutschenjagd. — 
Da die Regierung mit dem Beraten und Planen nie zu Ende kam, 
so vermochte sie den Provinziallandtagen nur ein wichtiges allgemeines 
Gesetz vorzulegen, das schon unter Kamptzs Leitung entworfene und seit- 
dem wieder mehrfach umgearbeitete Strafgesetzbuch. Und was konnte aus 
der achtfachen Besprechung eines so umfangreichen und bedeutsamen Ge- 
setzes anders hervorgehen als ein verwirrendes Durcheinander subjektiver 
Ansichten? Sehr mächtig zeigte sich die philanthropische Gefühlsseligkeit 
der liberalen Theorie, die zu den rüstigen Lebensgewohnheiten dieses Volkes 
in Waffen doch gar nicht stimmte; die allerdings strengen Strafen des 
Entwurfs fand man grausam, und schon forderten zahlreiche Stimmen 
die Abschaffung der Todesstrafe. Das eigentliche Hindernis der Verständi- 
gung bildete jedoch der veraltete Kriminalprozeß. Einführung der Schwur- 
gerichte und des öffentlich-mündlichen Verfahrens war jetzt der allgemeine 
Wunsch der liberalen Welt, und mindestens die letztere Forderung erkannte 
auch Savigny als berechtigt an; aber während der Minister die schwierige 
Reform bedachtsam vorbereitete, wurden die Provinzialstände von dem 
  
*) Liebermanns Bericht, 23. März 1843. 
*“) Liebermanns Bericht, 23. Okt. 1843.
        <pb n="269" />
        Partikularismus des Rheinischen Landtags. 261 
Strome der öffentlichen Meinung fortgerissen, da sie ja als bloß be— 
ratende Körperschaften gar keine Verantwortung trugen. Der preußische 
Landtag erklärte kurzab: die Reform des materiellen Strafrechts sei erst 
möglich, wenn zu gleicher Zeit das Strafverfahren umgestaltet würde, und 
die nämliche Ansicht ward auch auf anderen Landtagen laut. 
Nur die Rheinländer gingen ihres eigenen Weges; verwöhnt durch 
die unerschöpfliche Nachsicht der Regierung, wollten sie auch jetzt noch an 
ihrem ausländischen Sonderrechte festhalten. Offenbar sühnte die Krone nur 
eine alte schwere Unterlassungssünde, indem sie endlich das Strafgesetzbuch 
vorlegte; denn ohne Einheit des Strafrechts kann auf die Dauer weder ein 
geordneter Staat bestehen noch ein starkes politisches Gemeingefühl sich 
ausbilden; das Gewissen des Volks mußte irr werden an allem Rechte, 
wenn im Rheinlande andere Strafen verhängt wurden als in Westfalen. 
Kein denkender Mann am Rhein durfte sich dieser Einsicht verschließen, 
und zum Überfluß hatte der König mehrmals feierlich versichert, daß er 
der Provinz ihr hergebrachtes Gerichtsverfahren unter allen Umständen 
erhalten würde. Es bestand also gar kein vernünftiger Grund zu einem 
Kampfe wider das neue Strafgesetzbuch, das in vielen Bestimmungen 
milder, menschlicher war als der harte Code pénal. Aber die Legende, daß 
die Freiheit des Rheinlands mit dem rheinischen Rechte stehe und falle, 
stand schon unumstößlich fest. Einstimmig beschloß der Düsseldorfer Landtag 
die Krone zu bitten: sie möge für das Rheinland allein ein neues Straf- 
gesetzbuch auf Grund des Code Napoléon ausarbeiten lassen. Die Bitte 
war nicht allzu schlimm gemeint, sie entsprang unwillkürlich dem naiven 
Sondergeiste der Provinz; doch sie klang fast ebenso staatsfeindlich wie die 
Adresse des Posener Landtags, und das Argernis verschlimmerte sich noch, 
als die Stände, ihres Beschlusses froh, am 4. Juli ein großes Festmahl 
veranstalteten. Da ward in der Lust des Weines keck, fast höhnisch aus- 
gesprochen, diese Feier gelte dem Siege des rheinischen Rechts über das 
preußische, und nach einem heftigen Wortwechsel verließ der Oberpräsident 
v. Schaper samt den übrigen Beamten den Festsaal. 
Der König war empört über „diese unanständigen Auftritte“; es 
wurmte ihn gar zu tief, daß gerade die Polen und die Rheinländer, die 
er doch neben den Altpreußen stets bevorzugt hatte, sich ihm widersetzten. 
Im ersten Zorne ließ er (18. Juli) eine Kabinettsordre veröffentlichen, 
welche das Beamtentum vor der Teilnahme an solchen wertlosen De- 
monstrationen warnte: sie sind nur im stande Lärm zu erzeugen, ohne 
irgend einen Einfluß auf die Sache, auf Meine Entschließung und auf 
den Gang Meiner Regierung üben zu können.“ Die Rheinländer nahmen 
diese Rüge sehr übel auf; nach Landesbrauch konnten sie gar nicht be- 
greifen, warum man die beim Becher gesprochenen Worte so auf die Gold- 
wage legte; und nun wurden ihnen auch noch die Freudenfeste, die sie für 
ihre heimkehrenden Abgeordneten vorbereitet hatten, durch die Behörden
        <pb n="270" />
        262 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
untersagt. Graf Arnim, der vergeblich abgeraten hatte, berichtete nach 
einigen Monaten dem Monarchen, durchaus der Wahrheit gemäß: „Von 
jenem Augenblicke an wendete sich zuerst die Mißstimmung am Rhein, 
welche bis dahin nur gegen die Minister gerichtet war, auch gegen Ew. 
K. Maj. (ich kann dies mit Belegen dartun); und nicht bloß die Rhein— 
länder, sondern auch viele andere beklagten es, daß Ew. K. Maj. bei solcher 
Veranlassung von der Höhe des Thrones zwischen die Parteien getreten 
waren.“*) Die Bitte des Landtags wurde verdientermaßen abgeschlagen. 
Savigny hatte einen strengen Tadel beantragt gegen diese Partikularisten, 
die statt eines verbesserten deutschen Strafrechts vielmehr ein neues fran- 
zösisches Recht forderten;*) und demgemäß sagte der Landtags-Abschied 
schneidend: „Den Antrag der Stände weisen Wir um so entschiedener 
zurück, da Wir es Uns zu einer Hauptaufgabe gestellt haben, deutsches 
Wesen und deutschen Sinn in jeder Richtung zu stärken.“ 
Je weniger Gesetze die Krone vorlegte, um so eifriger berieten die 
Landtage über die eingelaufenen Petitionen und zahllose Anträge ihrer 
eigenen Mitglieder. Die Parteistellung der Provinzen war noch die alte. 
Am lautesten sprachen die Preußen, die Rheinländer, die Posener, auch 
die Bürger und Bauern Schlesiens traten schon sehr kräftig auf; schwächer 
zeigte sich die liberale Stimmung in Westfalen, ganz schwach in Pom- 
mern, Brandenburg und seltsamerweise auch in der Provinz Sachsen, 
deren Oppositionslust noch völlig in den kirchlichen Streitigkeiten aufging. 
Der Antrag auf Einführung von Reichsständen erlangte nur in zwei 
Provinzen die vorgeschriebene Zweidrittelmehrheit. Die Preußen und die 
Rheinländer wagten aber schon, der Krone den Weg vorzuzeichnen, der 
nach allem, was geschehen, als der einfachste erschien; sie baten, der König 
möge den vereinigten Ausschüssen die Rechte der Reichsstände zuweisen 
und also den Verfassungsbau abschließen. Dazu dann Bitten um Preß- 
freiheit, um mündliches Gerichtsverfahren, um Offentlichkeit der Provin- 
ziallandtage und der Stadtverordneten-Versammlungen, um Aufhebung 
der Patrimonialgerichte, um Vermehrung der städtischen und bäuerlichen 
Abgeordneten, um Erweiterung des Wahlrechts, um Emanzipation der 
Juden, — und so weiter in endloser Reihe, lauter Herzenswünsche des 
liberalen Bürgertums, manche in vier, fünf Landtagen fast gleichlautend 
ausgesprochen. 
Als Arnim dies Chaos überblickte, da konnte er sich schwerer Besorgnisse 
nicht erwehren und er gab der ständischen Immediatkommission zu er- 
wägen, ob man nicht das so gröblich mißbrauchte Petitionsrecht der Land- 
tage einschränken, den Druck ihrer Protokolle scharf überwachen und anderer- 
seits zur Belehrung des Volks, die Gesetzentwürfe immer rechtzeitig, vor 
  
*) Graf Arnim, Bericht an den König, 26. Mai 1844. 
**) Savigny, Entwurf zu einem Bescheide an den Rheinischen Landtag, Nov. 1843.
        <pb n="271" />
        Rheinische Gemeindeordnung. 263 
den ständischen Beratungen veröffentlichen solle.“) Die Kommission wagte 
jedoch keine Neuerung, weil man den Landtagen offenbare Ungesetzlichkeit 
nicht nachweisen konnte. So erschienen denn zum Jahresschlusse die acht 
Landtagsabschiede in der hergebrachten Form: die Anträge der Landtage 
waren alle einzeln beantwortet und, soweit sie allgemeine Landesangelegen— 
heiten betrafen, fast sämtlich abgelehnt, in einem schnöden, väterlich ver— 
weisenden Tone, der freie Männer beleidigen mußte. Immer wieder hieß 
es: Übereilte Beratungen sind nicht geeignet, einen Einfluß auf Unsere 
wohlerwogenen Absichten auszuüben; Wir werden Uns in der Ausführung 
Unserer wohlerwogenen Entschlüsse nicht hemmen lassen; Wir werden die 
Richtung, die Wir nach reiflicher Prüfung als gedeihlich erkannt haben, 
einhalten. Zählte man zusammen, so hatte die Krone an hundert An— 
träge ihrer getreuen Stände rundweg zurückgewiesen; und welche Re— 
gierung auf der Welt war stark genug, um aller zwei Jahre hundertmal 
feierlich nein zu sagen? 
Das einzige bleibende Ergebnis dieser unfruchtbaren Tagung war 
die Rheinische Gemeindeordnung, die nach so vielen vergeblichen Versuchen**) 
jetzt in neuer Fassung dem Provinziallandtage vorgelegt und dann am 
23. Juli 1845 veröffentlicht wurde. Mit ihr errangen der rheinische 
Sondergeist und der napoleonische Verwaltungsdespotismus, der hierzu— 
lande Freiheit hieß, einen vollständigen Sieg über die deutschrechtlichen 
Grundsätze der Krone. In Westfalen waren doch mindestens die Städte 
des Segens altländischer Selbstverwaltung teilhaftig geworden; am Rhein 
blieb jeder rechtliche Unterschied zwischen Stadt und Land beseitigt. In 
den Städten und in den ländlichen Bürgermeistereien schaltete, fast so un- 
umschränkt wie einst der Maire, der von der Regierung ernannte Bürger- 
meister; der aus den Meistbeerbten gebildete Gemeinderat besaß wenig 
mehr als die kümmerlichen Befugnisse eines französischen Conseils, da die 
Regierung jeden seiner Beschlüsse als ungesetzlich oder schädlich aufheben 
konnte. Das rheinische Gemeindewesen war weit unfreier als die altlän- 
dischen Städteordnungen, unfreier sogar als die altväterische gutsherrliche 
Selbstverwaltung. Doch dies bureaukratische Regiment entsprach der Be- 
quemlichkeit des Beamtentums und den Interessen der großen Gewerbtrei- 
benden, deren Fabriken teils auf dem Lande, teils in den Städten lagen; 
es entsprach den Gewohnheiten der Provinz und vornehmlich ihrem sozialen 
Gleichheitsdrange, der in der Trennung von Stadt und Land nur einen 
feudalen Mißbrauch sehen wollte. Jeder Unterschied von Grundherren, 
Städtern und Bauern sollte verschwinden in dem kahlen Begriffe des 
Staatsbürgertums. „Ich will es Euch nennen: Bürger heißt das 
*) Graf Arnim an die Immediatkommssion, 18. Sept. 1843, nebst drei Denk- 
schriften: über das Petitionsrecht, über die Veröffentlichung der Landtagsverhandlungen 
über das Verfahren der Verwaltung gegenüber den Landtagen. 
**) S. o. IV. 554.
        <pb n="272" />
        264 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung 
Wort!“ — so sagte einer der Redner des Landtags, unter jubelndem Bei- 
fall; und mancher der Rufer dachte dabei an den Citoyen der fran- 
zösischen Republik. Der Mehrzahl der Rheinländer gereichte es zu hoher 
Genugtuung, daß der Prüß ihrem hartnäckigen Liberalismus endlich doch 
so viel nachgegeben hatte; sie glaubten, dem Osten auch in ihrem Gemeinde- 
leben weit überlegen zu sein, und vernahmen nicht ohne Schadenfreude, 
wie der Monarch einigen altländischen Provinziallandtagen, die um Reform 
ihrer Landgemeindeordnungen baten, ungnädig erwiderte: er denke nichts 
zu ändern an dem geschichtlich erwachsenen Zustande „der Provinzen, 
welche das Glück gehabt hätten, daß die Grundlagen ihrer ländlichen 
Kommunalbverfassung nicht durch eine revolutionäre Gesetzgebung aufgelöst 
worden seien“. — 
Der König empfand schmerzlich, wie er die Fühlung mit seinem 
Volke nach und nach verlor. Es war ein Unheil, daß Preußen in diese 
große Krisis seines Verfassungslebens erst eintrat zu einer Zeit, da sich 
im übrigen Deutschland schon eine fertige Theorie des allgemeinen kon- 
stitutionellen Staatsrechts gebildet hatte, und je länger sich jetzt noch die 
Entscheidung verzögerte, um so höher mußten die Ansprüche der Libe- 
ralen steigen. Dennoch kam der König noch immer nicht ins reine mit 
den Verfassungsplänen, über denen er nun seit vierthalb Jahren brütete. 
Nur der Grundgedanke, die Berufung eines großen Vereinigten Landtags 
stand ihm unerschütterlich fest; über alles einzelne wußte er sich noch 
keinen Rat, und sein seltsam zerklüftetes Ministerium konnte ihm diesen 
Rat nicht bieten. Der Vorsitzende, der Prinz von Preußen erklärte sich 
entschieden gegen eine reichsständische Versammlung, die durch Steuer- 
verweigerungen die Wehrkraft, die ganze Machtstellung des Staates zu 
gefährden drohe. Aus vertraulichen Unterredungen ersah der König, daß 
er sich mit dem Bruder so leicht nicht verständigen könne, und der Thron- 
folger blieb fortan lange ohne nähere Kenntnis von den weiteren stän- 
dischen Plänen des Monarchen. Der Prinz dachte von früh auf ernst 
über die jedem Thronfolger gebotene Zurückhaltung, und niemals hätte 
er sich dazu herabgelassen, der Führer der konservativen Partei zu werden; 
dawider sträubten sich sein Fürstenstolz und seine Königstreue. Trotzdem 
konnte es nicht ausbleiben, daß alle Anhänger des alten absoluten Regi- 
ments auf ihn als ihr natürliches Haupt blickten. „Es steht“, sagte Graf 
Arnim traurig, „eine hochachtbare Überzeugung an der Spitze des Mini- 
steriums, welche es als den ihr gewordenen Beruf betrachtet, das Be- 
stehende mit der äußersten Festigkeit zu verteidigen.““) Das aufgeklärte 
Berlin, das den Prinzen bisher wenig beachtet hatte, begann nunmehr ihn 
zu beargwöhnen. Auch sein schlichtes soldatisches Wesen und die warme 
Verehrung, die ihm das Heer entgegenbrachte, schadeten jetzt seinem Rufe; 
  
*) Graf Arnim, Promemoria, 25. Mai 1845.
        <pb n="273" />
        Prinz von Preußen. Entlassung Alvenslebens und Mühlers. 265 
denn die neufranzösischen Schmähreden wider das Söldnerwesen drangen 
allmählich auch in Preußen ein; da alle Welt auf die Regierung schalt, 
so hielt man die schweigende Treue der Offiziere für servil, und mannig— 
fache häßliche Zänkereien bekundeten schon eine Feindschaft zwischen Heer 
und Bürgertum, die in vielen Rheinbundsstaaten wohl gute Gründe 
haben mochte, in dem Lande der allgemeinen Wehrpflicht aber schlechthin 
sinnlos war. Genug, die bösen Zungen ließen von dem Thronfolger 
nicht mehr ab: er sollte des Königs böser Dämon in der Politik sein, wie 
Eichhorn in den kirchlichen Dingen. Das schändliche Gerede fand schließ- 
lich fast überall Glauben; in solchen Zeiten, da die politische Leidenschaft 
schon erwacht ist, aber ein öffentliches Leben noch nicht besteht, wuchern 
ja die Legenden der Parteien immer am üppigsten auf. In Wahrheit 
besaß der Prinz, trotz seiner hohen Staatswürden, zur Zeit gar keinen 
politischen Einfluß; auch die zur Schau getragene Christlichkeit der neuen 
Gottseligen widerstand seinem einfachen Gradsinn. 
Zum großen Leidwesen des Königs verlangte im Frühjahr 1844 
Graf Alvensleben seine Entlassung aus dem Amte des Kabinettsministers, 
das er nur ein Jahr lang bekleidet hatte. Sein derber Geschäftsverstand 
konnte die Unruhe der pläneschmiedenden Planlosigkeit nicht mehr ertragen; 
und nicht bloß die von Humboldt verhöhnten Montmorencys des Havel- 
landes beklagten seinen Rücktritt, sondern auch Kühne und alle die er- 
fahrenen Beamten, die jetzt den strengen Ordnungssinn des alten Königs 
überall schmerzlich vermißten. *) An Alvenslebens Stelle trat Bodel- 
schwingh, der sich kaum erst im Finanzministerium eingerichtet hatte. Es 
war ein ewiges Kommen und Gehen. Für die Finanzen schlug Bodel- 
schwingh seinen treuen Gehilfen Kühne vor, unzweifelhaft den tüchtigsten 
unter den Fachmännern. Der König aber scheute die scharfe Zunge des 
freigeistigen alten Junggesellen und berief zum allgemeinen Erstaunen 
Flottwell — wieder einen bedeutenden Mann auf eine falsche Stelle. 
Flottwell hatte, seit er aus Posen verdrängt worden, in Magdeburg 
abermals sein glänzendes Verwaltungstalent bewährt; jedoch vom Finanz- 
wesen verstand er wenig, seine feurige, ungestüme Natur paßte nicht für 
diese Geschäfte, und die reichsständischen Pläne des Monarchen konnten 
an dem Schüler Schöns auch keine Stütze finden. Der Prinz von 
Preußen sagte betrübt: „Alvenslebens Ausscheiden ist mehr wie eine 
Kalamität, ebenso Bodelschwinghs Verlassen der Finanzen. Beide Stellen 
sind be-, aber nicht er setzt.““) 
Gleich darauf mußte noch einer der Minister des alten Königs, 
Mühler zurücktreten. Er konnte sich mit seinem nächsten Amtsgenossen 
Savigny nicht verständigen, er hatte gegen das Ehegesetz gestimmt, auch in 
  
*) Nach Kühnes Aufzeichnungen. 
**) Prinz von Preußen an Thile, 25. April 1844.
        <pb n="274" />
        266 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
der Verfassungssache seine strenge Rechtsansicht unerschrocken festgeharren. 
Der König wünschte ihn auf gute Art zu beseitigen, und bald fanden sich 
dienstbeflissene Leute, welche dem arglosen, leicht zu täuschenden Monarchen 
vorspiegelten: der greise noch sehr rüstige Präsident des Obertribunals 
Sack wünsche nach seinem Jubiläum, im nächsten Juli auszuscheiden. So 
erhielt denn der vornehmste Richter der Monarchie zu seinem Jubelfeste 
neben dem wohlverdienten hohen Orden zugleich die ganz unerwartete 
Mitteilung: der König würde ihm den Abschied gern erteilen, falls er 
altershalber darum bäte. Tief gekränkt trat er sofort zurück, und der 
gesamte Richterstand fühlte sich mit ihm beleidigt.) In dies erledigte 
Amt rückte Mühler ein; er behielt jedoch, wie Rochow, Sitz und Stimme 
im Staatsministerium, das also immer zahlreicher und bunter wurde. 
Das Ministerium der Justizverwaltung erhielt der Kabinettsrat Uhden; 
der König mochte wohl insgeheim hoffen, durch diesen seinen persönlichen 
Vertrauten den zaudernden, gelehrten Minister der Gesetzgebung zu ra- 
scherer Tätigkeit anzuspornen. 
Mittlerweile ward auch Graf Arnim seines Amtes müde. Hoffnungs- 
voll und fest entschlossen, seine ganze Kraft für die ständischen Pläne des 
Königs ritterlich einzusetzen, war er vor zwei Jahren in das Ministerium 
eingetreten, aber sofort in den unseligen Kampf mit der Presse verwickelt 
worden. Die ganze Gehässigkeit jener Zeitungsverbote haftete nunmehr 
an seinem Namen, obwohl er stets nur die Befehle seines königlichen 
Herrn ausgeführt hatte. Er fühlte das und fragte den Monarchen mehr- 
mals: werde ich nicht zu unbeliebt sein, um jetzt noch im Amte bleiben 
zu können, da die Zeit des Widerstandes vorüber ist und „eine Periode 
des besonnenen Fortschreitens“ beginnen soll? Noch schwerer bedrückte ihn, 
daß er sich von der Unausführbarkeit der Entwürfe des Königs sehr bald 
überzeugen mußte. Anfangs stand er der Verfassungsfrage, gleich allen 
seinen Amtsgenossen, noch ganz urteilslos gegenüber; er hatte Augen- 
blicke, da ihm die mecklenburgische Verfassung bewundernswert erschien, 
und wieder andere, da er, wie auch Radowitz?), sich der harmlosen Hoff- 
nung hingab, das regere Leben der Provinziallandtage würde den reichs- 
ständischen Gedanken bald ganz ersticken. Sobald er sich aber tiefer ein- 
arbeitete, gelangte er zu der nüchternen Erkenntnis, daß der Neubau der 
ständischen Verfassung auf einem festen unangreifbaren Rechtsboden ruhen 
müsse. Darum schlug er vor (Apr. 1844), aus den Virilstimmen des 
Herrenstandes und erwählten Abgeordneten der Provinziallandtage einen 
Reichstag von etwa 160 Köpfen zu bilden, der aller drei Jahre regel- 
mäßig zusammenträte, um über neue Steuern und Gesetze zu beraten, 
über neue Anleihen zu beschließen. So würden alle Verheißungen der 
*) So ist mir der einst vielbesprochene Vorfall von seiten der Familie des Prä- 
sidenten erläutert worden. 
**) Radowitzs Bericht, 22. Juli 1843.
        <pb n="275" />
        Arnims erstes Entlassungsgesuch. 267 
Gesetze von 1815—23 gewissenhaft eingelöst und jedes Rechtsbedenken 
abgeschnitten. Verteile man hingegen, nach der Absicht des Monarchen, 
die reichsständischen Befugnisse zwischen den Vereinigten Ausschüssen und 
einem Vereinigten Landtage, so würde das Volk weder jene noch diesen als 
Reichsstände gelten lassen; man hätte also „alle Nachteile der vollständigen 
Erfüllung jener Gesetze, ohne ihre Vorteile“. ) Es war die Sprache 
des gesunden Menschenverstandes, und ehe drei Jahre verflossen, sollten 
Arnims Weissagungen wörtlich in Erfüllung gehen. Dem Könige aber, 
der alles Hohe und Feine so geistvoll faßte, war gerade das Einfache, Platt- 
verständliche am wenigsten beizubringen. Arnims Vorschläge wurden ver- 
worfen, und darauf (17. Mai) erbat er seine Entlassung. In zwei Ein- 
gaben schilderte er zugleich sehr freimütig die Ursachen der gegenwärtigen 
Verwirrung: der König selbst hätte durch seine ersten Reden hohe Erwar- 
tungen erregt, aber dabei „einen anderen Entwicklungsgang vor Augen 
gehabt als die Mehrzahl derer, die diese Worte vernahmen“. So seien 
Mißverständnisse entstanden, dann heftige Angriffe, dann Unterdrückung 
und jetzt endlich allgemeines Mißtrauen. Dazu noch die Uneinigkeit im 
Ministerium und die eigentlich gegenstandslose, aber durch die Maß- 
regeln der Regierung selbst beförderte religiöse Aufregung.) 
Durch gütiges Zureden ließ sich Arnim endlich bewegen, sein Ab- 
schiedsgesuch für jetzt zurückzuziehen; und so begannen denn von neuem 
die geheimen Beratungen, endlos und zwecklos, weil der König von Haus 
aus entschlossen war, sich von Männern, die er so tief unter sich sah, in 
seinem Lieblingsplane nicht stören zu lassen. Auch Bunsen mußte bei 
seinem Berliner Aufenthalt sein Gutachten abgeben, und da ihm die Ar- 
beit durch seine gänzliche Unkenntnis der preußischen Verhältnisse sehr er- 
leichtert wurde, so entstiegen seiner schöpferischen Phantasie alsbald mehrere 
Denkschriften, welche nicht nur die ständische Verfassung, sondern auch 
das Krongut, die Kirchenpolitik, die Rechte des Beamtentums, die Neu- 
bildung des Adels nach englischem Muster behandelten. General Canitz, 
der ebenfalls von seinem Gesandtschaftsposten zur Beratung herbeigerufen 
wurde, unterzog diese luftigen Einfälle einer schneidenden Kritik, aber 
eigene Vorschläge wußte er nicht aufzustellen.) 
Da wurde der König durch ein gräßliches Erlebnis an den Ernst der 
Zeit gemahnt. Schon seit zwei Jahren waren im königlichen Kabinett zahl- 
reiche Anzeigen, auch Selbstanzeigen eingelaufen, welche von Mordanschlägen 
wider den Monarchen erzählten. Das alles erwies sich als leere Erfindung 
und war doch nicht ganz unwichtig; man konnte daraus abnehmen, wie 
leidenschaftlich, in Haß und Liebe, alle Welt sich mit diesem einen Manne 
beschäftigte. Nun sollte doch noch geschehen, was in der Geschichte Preußens 
*) Arnim, Denkschrift über die ständische Verfassung, April 1844. 
**) Arnim, Eingabe an den König, 26. Mai, nebst Denkschrift vom 25. Mai 1844. 
* #) Canitz an Thile, 24. Nov. 1844. Thile an Arnim, 5. April 1845.
        <pb n="276" />
        268 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
ohne jeden Vorgang war. Als der König am 26. Juli 1844 im Portale des 
Schlosses den Wagen bestieg, um nach Schlesien zu reisen, wurden plötz- 
lich aus nächster Nähe zwei Pistolenschüsse auf ihn abgefeuert. Die Schüsse 
trafen, der König aber trug, wunderbar genug, nur eine kaum bemerk- 
bare Verletzung davon, da die dichten Falten seines Mantels die Kraft 
der Kugeln geschwächt hatten. Der Mörder war der Alt-Bürgermeister 
von Storkow, Tschech, der Sohn eines geachteten Geistlichen, ein harter, 
tugendstolzer, in grauenhafter Selbstgerechtigkeit erstarrter Mensch, der 
fünfzig Jahre im sicheren Bewußtsein vollkommener Sündlosigkeit dahin 
gelebt hatte, weil er ja immer nur seiner Überzeugung folgte. Durch 
seine herrische Rechthaberei hatte er sich mit den Stadtverordneten und 
dem Landrate seines Städtchens in Händel verwickelt und schließlich ent- 
rüstet seinen Abschied verlangt. Als er darauf um eine Anstellung im 
Staatsdienste bat und ihm dies völlig grundlose Gesuch verdientermaßen 
abgeschlagen wurde, da wähnte er nicht nur sein eigenes Recht, sondern alle 
Gerechtigkeit im Staate zerstört. Er brachte seine Bitte bis zum Thron- 
folger, zur Königin, zum Könige. Auch hier abgewiesen, nahm er sich vor, 
als ein Gerechter im Namen Gottes die Strafe zu vollziehen an dem 
Monarchen. Ruhig, ohne alle Gewissensbedenken bereitete er die Tat 
vor und ließ zuletzt noch bei einem der Daguerreotypisten, die jetzt über- 
all in den deutschen Städten ihre Läden aufgeschlagen hatten, sein Bild 
aufnehmen: in hochtheatralischer Stellung, die Hand erhoben um Kraft 
von oben zu erflehen. Auch im Gefängnis bewahrte er unerschütterlich die 
Kälte des verstockten Fanatikers bei vollkommener Klarheit des Verstandes. 
Tschech hatte niemals einer Partei angehört. Seine Tat war ge- 
wiß kein eigentlich politisches Verbrechen, aber ebenso gewiß aus dem Geiste 
der Zeit heraus geboren. Aus ihr redete dieselbe freche, jede Obrigkeit, 
jede gegebene Ordnung des Menschenlebens verachtende subjektive Über- 
hebung, die sich seit den Zeiten der Jakobiner und der Unbedingten in 
allen Wandlungen des modernen Radikalismus bekundet hatte. Darum 
sprach auch das öffentliche Gewissen nach der Untat keineswegs sicher 
und einmütig. Zwar die große königstreue Mehrheit der Preußen zeigte 
sich tief empört; doch in zahllosen Gesprächen, Anspielungen, kunstvoll ver- 
hüllten Zeitungsartikeln ward auch eine widerliche Schadenfreude laut. 
Die Revolution kündigte sich schon an, die Obrigkeit begann ihre Würde, 
der Königsmord seine Schrecken zu verlieren. Ein in mannigfachen Les- 
arten verbreitetes Berliner Lied „war wohl je ein Mensch so frech wie 
der Bürgermeister Tschech?“ zog das unheimliche Ereignis in den Schmutz 
der Gasse herab; seine hämischen Witze über das fromme Königspaar 
klangen fast, als ob der Bänkelsänger bedauerte, daß „der verruchte Atten- 
täter“ nicht besser getroffen hätte. In den Brandschriften der Flüchtlinge 
vollends ward dies Bedauern ganz offen ausgesprochen; Karl Heinzen 
setzte auf die letzte Seite seines neuesten Pamphlets nur die eine groß
        <pb n="277" />
        Tschech. 269 
gedruckte Frage: „Tschech?!“ Friedrich Wilhelm hatte nach seiner Er— 
rettung, die er nur überirdischer Hilfe zuschrieb, von Erdmannsdorf aus 
das Bergkirchlein Wang besucht und dort tief zerknirscht, überwältigt von 
der Gnade Gottes, seine Dankgebete gehalten. In dieser weichen Stim— 
mung wollte er den Verbrecher gern begnadigen; er hielt es für unedel, 
gleichsam in eigener Sache zu richten. 
Diesmal aber zeigten sich seine Minister endlich einig; sie fühlten alle, 
wie schwach die Krone schon geworden war, und wie tief sie sich selbst er— 
niedrigte, wenn sie nicht mehr wagte, einem solchen Hochverrat mit dem 
ganzen Ernste des Gesetzes entgegenzutreten. In einem gemütvollen Briefe 
hielt der alte Boyen dem Monarchen zuerst diese Mahnung vor und sprach 
zugleich tief betrübt, freilich ohne einen greifbaren Ratschlag zu geben, über 
den allgemeinen Mißmut des Volks und die Fehler der Regierung: „Es 
ist der größte Irrtum, daß man den Entwicklungsgang der Zeit beliebig 
hemmen oder die öffentliche Meinung durch Verweise öffentlich schulmeistern 
könne.“*) Da der Prinz von Preußen nebst sämtlichen Ministern den 
Vorstellungen Boyens beipflichtete, und die Untersuchung gar nichts an den 
Tag brachte, was die Tat Tschechs irgendwie entschuldigen konnte, so sah 
Friedrich Wilhelm endlich ein, daß er der Justiz freien Lauf lassen mußte. 
Noch einmal verhieß er, im Dezember, dem Verurteilten die Begnadigung, 
falls er sein Unrecht bekennen wollte. Aber Tschech blieb trotzig. Unter 
strömenden Tränen unterzeichnete der König endlich das Todesurteil 
in einem großen Ministerrate und ließ dem Verbrecher dann noch durch 
seinen Vertrauten, den Präsidenten Kleist sagen, daß er für ihn als seinen 
christlichen Bruder beten würde. 
Die Strenge war nur zu nötig, denn in dem gebildeten Berlin 
herrschte, dank der giftigen Klatscherei dieser Jahre, eine Liederlichkeit 
der Empfindung, die allem Rechte Hohn sprach. Varnhagen und seine 
Freunde wollten gar nicht glauben, daß in diesem aufgeklärten Jahr— 
hundert die Barbarei einer solchen Hinrichtung möglich wäre; rühr— 
same Zeitungsartikel, die unverkennbar großenteils aus diesen Kreisen 
herstammten, erinnerten den König an das schöne Vorbild Ludwig Phi— 
lipps und Victorias, die in ähnlichen Fällen stets begnadigt hatten. Man 
wußte kaum noch, daß die Krone der Hohenzollern doch etwas anderes 
war als das Schattenkönigtum jener belobten Westländer. Als nun das 
Notwendige dennoch geschah, da nannte man den König blutbefleckt und 
der Pöbel schob wieder alle Schuld auf den Prinzen von Preußen. Ein 
offenbar von einem gebildeten Manne verfaßtes Berliner Gassenlied 
sagte: 
Ins Volk fiel's wie ein Donnerkeil, 
Daß Tschech mußt' fallen unterm Beil 
Der fromme König, ach so gut, 
*) Boyen an den Kömig, 3. Aug. 1844.
        <pb n="278" />
        270 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
Vergoß um nichts Märtyrerblut. 
Im Opernhause kann man's sehn: 
Der König, der muß flöten gehn. Hurra! 
Der mittellosen Tochter des Verbrechers nahm sich der König gnädig 
an; er ließ sie auf seine Kosten bei einem braven Pfarrer in Westfalen 
unterbringen. Das trotzige, ganz in den Gedanken des Vaters befangene 
Mädchen sah aber in der Wohltat nur eine Strafe. Von dem badischen 
Liberalen Hecker unterstützt, entfloh sie in das Elsaß, nachher in die Schweiz, 
wo sie durch Rauschenplatt und Dulk in die Geheimbünde der wildesten 
Demagogen eingeführt wurde und ein Buch über ihres Vaters Leben ver- 
faßte — eine der ruchlosesten Schriften dieser verworrenen Zeit: da ward 
der Königsmord wie die einfachste Sache von der Welt dargestellt, die gar 
keiner Erklärung bedurfte, und der gesetzmäßige Richterspruch wie ein grau- 
samer Frevel. Derweil die Schriften der Flüchtlinge sich in wütenden 
Schmähungen wider die Berliner Blutrichter ergingen, hielt Otto v. Ger- 
lach seiner armen Gemeinde in der Elisabethkirche eine erschütternde Pre- 
digt: es ist ein Bann unter Dir, Israel. Er hatte dem Verurteilten 
während seiner letzten Lebenstage beigestanden — so liebevoll, daß Tschech 
selbst die geistliche Hilfe nicht ganz ablehnte — und nach diesen frischen 
Eindrücken schilderte er nun mit dem Mute des treuen Seelsorgers das 
Verbrechen, wie es wirklich war: als eine Tat persönlicher Rachsucht und 
zugleich als ein Zeichen des unbotmäßigen Hochmuts dieser Tage. Die 
Rede enthielt kein unwahres, kein fanatisches Wort; als Gerlach sie je- 
doch auf den Wunsch der tief ergriffenen Hörer zum Drucke geben wollte, 
da verweigerten die ängstlichen Behörden die Erlaubnis. Sie befürchteten, 
die allgemeine Aufregung würde noch steigen, wenn ein tapferer Mann 
in die offenen Wunden der Zeit den Finger legte; daß die Schmäh-Ar- 
tikel der Demagogen überall über die Grenze drangen, vermochten sie frei- 
lich nicht zu hindern. Also wuchs die Ratlosigkeit der Regierung, und 
mit ihr die Frechheit der revolutionären Partei; noch weiter auf diesem 
Wege, und eine friedliche Lösung ward unmöglich. — 
Friedrich Wilhelm ahnte das selbst und begann nunmehr seine Ver- 
fassungspläne ernstlich auszuarbeiten. Auf einer Reise durch Osterreich 
besprach er sich darüber mit Metternich, der nachher noch durch den Ge- 
sandten Canitz genauere Mitteilungen erhielt, aber, wie sich voraussehen 
ließ, nmur mit ehrerbietigen Abmahnungen antwortete. Nicht eigentlich um 
den Rat des Osterreichers war es dem Könige zu tunz; er wünschte nur 
sein Herz auszuschütten vor dem verehrten Staatsmanne, den er für Preu- 
ßens wärmsten Freund hielt, ihm die Notwendigkeit der geplanten Refor- 
men unwiderleglich zu erweisen. Heimgekehrt brachte er seine Gedanken 
endlich zum Abschluß und erteilte am 24. Dez. 1844 dem Ministerrate 
seine Weisungen für das Verfassungswerk. Er wollte zum ersten die Pro- 
vinziallandtage erhalten mit dem Rechte der Beratung über Provinzial-
        <pb n="279" />
        Brief des Königs an Metternich. 271 
angelegenheiten; zum zweiten die Vereinigten Ausschüsse, die regelmäßig zur 
Beratung allgemeiner Gesetze zusammentreten sollten; zum dritten endlich 
dachte er von Zeit zu Zeit, nach seinem freien Ermessen, die sämtlichen 
Provinzialstände zu einem Vereinigten Landtage zusammenzurufen, der, 
nach dem uralten Rechte deutscher Stände, in Friedenszeiten neue Anleihen 
und Steuern zu bewilligen, vielleicht auch über einzelne allgemeine Ge— 
setze zu beraten hätte. Inmitten dieses großen Landtags sollte eine Art 
Oberhaus bestehen, gemeinsam beratend mit den anderen Ständekurien, 
aber gesondert beschließend. Im Jahre 1847 hoffte der König die Ver- 
einigten Landstände zuerst zu versammeln, vielleicht in dem stillen Bran- 
denburg. Das war sein alter Lieblingsgedanke, der noch aus Ancillons 
Lehrstunden herstammte. Was für schreckliche Demütigungen sollte der 
Arglose noch erleben, bis wirklich einmal ein preußisches Parlament in 
Brandenburg zusammentrat! 
Wer konnte die Hochherzigkeit Friedrich Wilhelms in diesen Entwürfen 
verkennen? Von freien Stücken ging er weit hinaus über die Verheißun- 
gen des Vaters; an ein Steuerbewilligungsrecht seiner bloß beratenden 
Stände hatte der alte Herr ja nie gedacht. Und doch, wie verwickelt, 
überladen, unhandlich war der ganze Plan: dies verhüllte Zweikammer- 
system, dieser übergroße Reichstag, der ja nicht einmal seiner regelmäßigen 
Wiederberufung sicher war, diese überfein ausgeklügelte Verteilung der 
reichsständischen Befugnisse an die Ausschüsse und an den Vereinigten 
Landtag — eine Künstelei, woraus unfehlbar die von Arnim vorherge- 
sagte allgemeine Begriffsverwirrung hervorgehen mußte. Am gefähr- 
lichsten blieb doch, daß der Entwurf des Königs mit den Verheißungen der 
älteren Gesetze nicht ganz übereinstimmte. Gelang es nicht noch, diesen 
unwesentlichen, aber willkürlichen Anderungen eine unangreifbare gesetz- 
liche Form zu geben, so drohte ein Rechtsstreit mit den künftigen Reichs- 
ständen, der sich durch den zähen juristischen Eigensinn der Deutschen 
bald verschärfen konnte. 
Mittlerweile hatte der König dem Fürsten Metternich seine Ab- 
sichten noch einmal erläutert, in einem langen, vertrauensvollen Schrei- 
ben, das ihn seit dem 8. Nov. fast fünf Wochen lang beschäftigte.) 
Hier stellte er die seltsame Behauptung auf, Preußen leide an einer 
dreifachen Krankheit, weil die drei Gesetze von 1815, 20, 23 einander 
widersprächen; in Wahrheit lag die Ursache der Krankheit allein in 
dem Doktrinarismus des Königs, der an dem Wortlaut jener Gesetze 
so lange deutelte und brütete, bis er darin Widersprüche entdeckte, die 
ein handfester, entschlossener Staatsmann kaum bemerkt hätte. Demnach 
*) Dieser Brief vom 8. Nov. bis 8. Dez. 1844 wurde im Aug. 1888 in der Köl- 
nischen Ztg. wortgetreu veröffentlicht. Es fehlen aber in diesem Abdruck einige Sätze 
des eigenhändigen Konzepts, die möglicherweise in der letzten Stunde noch gestrichen 
worden sind.
        <pb n="280" />
        272 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
beabsichtigte er, das erste Verheißungsgesetz von 1815 aufzuheben, weil 
darin der unzulässige Ausdruck „Landesrepräsentation“ vorkam; das Staats- 
schuldengesetz von 1820 wollte er „regulieren“, indem er den Reichsständen 
nur für Friedenszeiten das Recht der Bewilligung neuer Anleihen ein- 
räumte; das Provinzialständegesetz von 1823 hingegen dachte er vollständig 
zu erfüllen. Nach seiner Gewohnheit sagte er wieder sehr nachdrücklich, 
was er nicht wollte: „Ich will bestimmt und entschieden 1) keine Na- 
tionalrepräsentation, 2) keine Charte, 3) keine periodi- 
schen Fieber, d. h. periodischen Reichstage, 4) keine Reichs- 
tagswahlen . weil ich König von Preußen bleiben, weil ich Preußens 
Stellung in Europa nicht umwerfen will.“ Sohoffte er, „jedes fernere Be- 
gehren des Fortschritts nach den Theorien des Tages nach- 
drücklich und wohlgemut zurückzuweisen.“ Besonders erfreulich erschien 
ihm, daß durch die Berufung des Vereinigten Landtags die Vereinigten 
Ausschüsse — wie er auf eine frühere Warnung Metternichs anspielend 
sagte — „auf eine gerade Fläche gestellt“ würden und nicht mehr versuchen 
könnten, ihre Rechte zu erweitern: „Die arglistige Absicht, die periodischen 
Ausschußtage durch die eigene Schwere in die Reichstags-Kategorie hin- 
überrollen zu lassen, ist mausetot.“ Leider entging ihm, daß er seinen 
Vereinigten Landtag selbst auf eine schiefe Fläche gestellt hatte; denn un- 
ausbleiblich mußte eine so große, mit so bedeutsamen Rechten ausgestattete 
Versammlung zum mindesten ihre periodische Wiederkehr verlangen; an der 
Nichtberufung der Landtage waren ja die ständischen Verfassungen der 
preußischen Kronländer einst fast allesamt zu Grunde gegangen. 
Vergeblich bat Arnim den König, er möge seine Herzensergießung 
mindestens noch so lange zurückhalten, bis die Entscheidung in Preußen 
selbst gefallen sei: „wird nicht der österreichische Kanzler diese offene Schil- 
derung der preußischen Zustände aus der Feder des Monarchen zum 
Vorteil Österreichs und zur Schwächung des äußeren Ansehens Preußens 
ausbeuten und zu geeigneten Mitteilungen an andere Regierungen ver- 
wenden?“?) Der Brief an Metternich ging ab; und da der König doch 
fremden Einspruch nicht mehr beachten wollte, so nahm er keinen An- 
stand, auch den Zaren Nikolaus und den Nestor der deutschen konstitu- 
tionellen Fürsten, den König von Württemberg in seine Pläne einzuweihen. 
Metternich wiederholte zur Antwort nur seine alten Warnungen, und 
die beiden Monarchen erwiderten in demselben Sinne. König Wilhelm 
versicherte dem preußischen Gesandten beständig, wie gründlich er mit 
seinen konstitutionellen Jugendträumen aufgeräumt hätte: diese Institu- 
tionen, sagte er oft, sind ein ausländisches Gewächs, ich kann mich nur 
bemühen, sie so unschädlich zu machen als möglich.**) Nikolaus aber ge- 
  
*) Arnim an den König, 13. Dez. 1844. 
**) Rochows Berichte, Stuttgart, 5. Jan., 30. April 1845.
        <pb n="281" />
        Einspruch des Prinzen von Preußen. 273 
riet in heftigen Zorn, als er durch den getreuen Rauch zuerst von den 
Absichten des Schwagers erfuhr; er sah die Revolution schon dicht vor 
der Tür und sagte zu den Generalen, die zur Rekrutierung in die Pro— 
vinzen gingen: ich bedauere, meinem Volke so große Lasten auflegen zu 
müssen, aber die Vorgänge in meinem westlichen Nachbarlande zwingen 
mich, für alle Fälle mich bereit zu halten. In der Petersburger Gesellschaft 
brach der alte Deutschenhaß wieder durch; Nesselrode und die gesamte 
vornehme Welt jammerten über das preußische Demagogentum. Auch 
die Gesandten unserer kleinen Höfe beteuerten dem Kaiser nach ihrer 
bedientenhaften Gewohnheit: Preußen allein halte die deutsche Welt in 
Unruhe. Der Zar selbst konnte seinen Grimm so wenig bemeistern, 
daß er selbst auf der Reise dem preußischen Grenzpostmeister Nernst in 
Tilsit seinen nachbarlichen Kummer über die preußischen Neuerungen aus— 
sprach; zur Rede gestellt, mußte er nachher seine Außerungen verlegen 
ableugnen.) 
Alle diese Mahnungen von außen her ließen den König kalt. Auf das 
tiefste aber fühlte er sich gekränkt, als der Thronfolger, den man jetzt erst, 
im Dezember, über das Geschehene unterrichtet hatte, in einem eingehenden 
Schreiben sein Bedenken freimütig vortrug und zugleich daran erinnerte, 
daß, nach dem Testamente des Vaters, die Agnaten befragt werden müßten 
(Jan. 1845). Das hielt der König für eine Verletzung der Ehrfurcht. 
Sichtlich erregt erteilte er dem Prinzen einen scharfen, völlig unverdienten 
Verweis und erwiderte: er werde seine Pläne weiter ausarbeiten lassen, 
den Agnaten stehe ein Recht des Einspruchs nicht zu.*) Er fürchtete so- 
gar — ganz ohne Grund, wie sich bald zeigte — der Thronfolger würde 
eine förmliche Verwahrung einlegen, und ließ sich von Savigny darüber 
Bericht erstatten, auch von zwei namhaften Rechtslehrern (vermutlich von 
Heffter und dem Rechtshistoriker Eichhorn) Gutachten einfordern. Da 
jenes Testament nie vollzogen worden war, so stimmte der Bericht des 
Ministers mit den beiden Gutachten dahin überein, daß ein Protest der 
Agnaten gegen die ständische Gesetzgebung keinen rechtlichen Boden hätte. 
Dies wurde dem Prinzen von Preußen mitgeteilt, und seitdem blieb er 
von den Verfassungsberatungen lange ganz ausgeschlossen. 
Unterdessen fühlte auch Graf Arnim immer lebhafter, daß er dem 
Könige nicht mehr folgen konnte. Er hatte nach dem Plane des Mon- 
archen einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, wagte aber zugleich noch ein- 
mal seine eigenen Gedanken vorzulegen. Da die Berufung des Vereinigten 
Landtags nunmehr sicher war, so riet Arnim jetzt, sogleich ein klares 
Zweikammersystem einzuführen, den erhaltenden wie den bewegenden Ele- 
menten des Staatslebens ihr eigenes Organ zu schaffen; denn unver- 
*) Liebermanns Berichte, 4. Febr., 14. 18. März; Rochow, an Canitz, Petersburg 
19. 24. Aug. 1845. 
*“) In den Akten liegt nur ein undatierter Entwurf dieses Antwortschreibens. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 18
        <pb n="282" />
        274 V. 3. Enttäuschung und Verwirrung. 
kennbar drängen die Ideen des Westens in den Osten vor, da gelte es 
den Staat vor Überstürzung zu behüten. Für die zweite Kammer wünschte 
er das Wahlrecht dergestalt zu erweitern, daß auch die Intelligenz, der 
Handel, die Gewerbe ihre Vertretung fänden. Vor allem aber verlangte 
er wieder rechtliche Sicherheit für die neuen Institutionen, und darum 
eine regelmäßig wiederkehrende Berufung des Vereinigten Landtags; denn 
sonst würden Mißtrauen, Zweifel, übergriffe niemals aufhören.“) Der 
König aber verabscheute gerade die periodische Wiederkehr der Reichsstände 
als einen revolutionären Gedanken; er fürchtete, seine königliche Würde 
einzubüßen, wenn er diese Versammlung nicht ganz in seiner Hand be— 
hielte, und sagte bitter: Arnim hat mir einen Entwurf vorgelegt, wie ich 
ihn wohl von Flottwell, aber nicht von ihm erwartet hätte. Bei einem 
Vortrage am 21. Mai 1845 kam es zu lebhaften Erörterungen. Arnim 
entschloß sich, zum zweiten Male um seinen Abschied zu bitten. 
Sein Name stand eben jetzt im übelsten Rufe bei den Liberalen; denn 
gerade in diesen Maitagen wurden die gefeierten badischen Kammerredner 
Itzstein und Hecker aus Berlin ausgewiesen, als sie angeblich eine Er— 
holungsreise durch die preußischen Städte antreten wollten. In jener 
Zeit war es aber noch niemals vorgekommen, daß ein Süddeutscher in 
Berlin und Königsberg Erholung gesucht hätte. Selbst der minder 
radikale Welcker hatte vor vier Jahren, als er wirklich nur wegen eines 
Familienfestes nach Berlin kam, den Argwohn der Polizei erregt und 
nach einer urkräftigen Ständchen-Rede die Stadt eilig wieder verlassen 
müssen. Jetzt suchte man sogleich von Amts wegen zu erforschen, was 
die beiden im Schilde führten, und es ergab sich bald, daß sie in den 
Bürgervereinen der Städte aufregende Reden halten und Verbindungen 
anknüpfen wollten; Hecker war es ja, der die Tochter Tschechs auf ihrer 
Flucht zuerst unterstützte. Als Itzstein in Berlin mit dem schlesischen 
Grafen Reichenbach, einem fanatischen Radikalen, insgeheim zusammen— 
kam, offenbar um den Feldzugsplan zu verabreden, da befahl Arnim 
sofort die Ausweisung.“*) Die Verfügung war gesetzlich, da die Badener 
nach löblichem Bundesrecht in Preußen für Ausländer galten — aber 
auch sehr unklug; denn alsbald erklang durch die liberale Presse ein Wut— 
geschrei, das weit mehr schadete als die Redekunst der Ausgewiesenen. 
Eine angeblich in Koblenz gedruckte „Adresse deutscher Preußen“ dankte 
den beiden, „daß sie unserer vielgepriesenen Regierung eine eklatante Ge— 
legenheit gegeben haben, ihre wahre Gesinnung an den Tag zu legen. 
Sie ist dabei zum erstenmal ganz aufrichtig gewesen, sie hat zum ersten— 
mal ohne Paraphrase ihre Herzenssprache, nämlich russisch gesprochen.“ 
Johannes Scherr fügte seinem pöbelhaften Buche „das enthüllte Preußen“ 
  
*) Arnims Denkschriften vom 13. 14. 23. Mai 1845. 
*“) Arnim an Thile, 22. Mai 1845.
        <pb n="283" />
        Arnims Entlassung. 275 
schleunigst eine Nachrede hinzu: „Die Verjagung Itzsteins und Heckers 
aus Sandjerusalem und allen Borussenlanden — gewiß, diese brutale, 
allerhöchst befohlene Polizeiflegelei ist ein herrliches Präludium zu dem an— 
gekündigten Puppenspiel: Eine preußische Verfassung.“ Daheim wurden 
die beiden durch gesinnungstüchtige Zweckessen über ihr Mißgeschick ge— 
tröstet, gewaltige Trinksprüche verkündeten den Zorn der Patrioten über 
die preußische Tyrannei. Arnim glaubte, nur das Notwendige getan 
zu haben; in seiner ritterlichen Hingebung wollte er jedoch die Person des 
Monarchen gegen den öffentlichen Unwillen decken und bat daher, der 
König möge die Ausweisung nachträglich mißbilligen, um sich mit den 
Liberalen zu versöhnen, und hierauf ihn entlassen.“) Dies Anerbieten 
wurde natürlich abgelehnt; als aber Arnim nunmehr ausschied, da hieß 
es doch überall, er falle als das Opfer seiner reaktionären Gesinnung. 
Niemand ahnte, wie liberal dieser Verrufene sich in der Verfassungs— 
beratung gezeigt hatte. 
Der König nahm Arnims Rücktritt ungnädig auf; eine solche Selb— 
ständigkeit der Gesinnung wollte er als absoluter Herr auch seinen höchsten 
Dienern nicht gestatten.“*) Das erledigte Amt übernahm Bodelschwingh, 
der zugleich den Vortrag als Kabinettsminister behielt und also jetzt die 
mächtigste Stellung unter seinen Amtsgenossen erlangte; er nannte sich 
jedoch selbst nur bescheiden Sr. Majestät ersten Schreiber. Noch im Juli 
sollte eine kleine Kommission von durchaus ergebenen Männern zusammen— 
treten, um den Verfassungsplan genau nach den Weisungen des Monarchen 
auszuarbeiten. Der Prinz von Preußen war zur Seite geschoben, der 
widersprechende Minister entlassen. Nach den verlorenen fünf Jahren 
hoffte Friedrich Wilhelm nun endlich bald die Tage der Erfüllung zu 
erleben, durch seine große ständische Monarchie die konstitutionellen Miß— 
bildungen der Zeit zu beschämen. Sein Schiffsvolk schien willig, sein Ziel 
meinte er deutlich zu erkennen, und er traute sich's zu, daß ihm das 
Steuer nicht aus der starken Hand glitte. 
  
*) Thile an Bodelschwingh, 11. Juni 1845. 
*7) Thiles Bericht an den König, 8. Juli 1845. 
  
18*
        <pb n="284" />
        Vierter Abschnitt. 
  
Die Parteiung in der Kirche. 
Nichts in der Geschichte ist so geheimnisvoll wie das religiöse Leben 
der hochgebildeten Völker, welche das naive Gesamtgefühl, das lebendige 
Einverständnis zwischen den Höhen und den Tiefen der Gesellschaft längst 
verloren haben. Ihnen geschieht es zuweilen, daß alle Gottesfurcht, alle 
Andacht aus den Kreisen der Verstandesbildung zu verschwinden scheint, 
bis plötzlich aus den Massen des Volkes ungeahnte Kräfte freudigen 
Glaubens oder dumpfen Aberglaubens emporsteigen; aber es kommen 
auch Zeiten, da ein im Grunde glaubenloses, gleichgültiges Geschlecht 
lärmende kirchliche Kämpfe führt, denen das Gemüt des Volkes fremd 
bleibt. Eine solche Zeit ohne Glaubenskraft und doch voll kirchlichen 
Haders erschien jetzt den Deutschen. Ein volles Drittel der neuen lite— 
rarischen Erscheinungen dieser acht Jahre bestand aus kirchlichen Streit— 
schriften; gleichwohl war die große Mehrheit der gebildeten Klassen von 
Grund aus weltlich gesinnt. Von dem tiefen Glaubensernst der Be— 
freiungskriege zeigten sich nur noch wenige Spuren, erst die erschüttern— 
den Erfahrungen der Revolutionsjahre sollten ihn wieder erwecken. Die 
Ultramontanen allein bildeten eine festgeschlossene kirchliche Partei; und 
sie verfolgte wesentlich politische Zwecke, wie sie ja auch ihre neue Macht 
dem Kampfe gegen die Krone Preußen verdankte. Die rein lirchlichen 
Reformgedanken, mit denen sich Nitzsch und so manche andere Schüler 
Schleiermachers trugen, fanden unter den politisch erregten Zeitgenossen 
sehr wenig Verständnis. Auch der religiöse Radikalismus, der in beiden 
Kirchen mannigfache unglückliche Versuche neuer Sektenbildungen wagte, 
besaß keinen Boden im Volke, das nach den Streitigkeiten der Philosophen-= 
schulen nie gefragt hatte; er entsprang selten einer starken sittlichen Über- 
zeugung; öfter ward er nur, in natürlichem Rückschlage, durch den wach- 
senden Übermut der Ultramontanen oder durch die strengkirchliche Hal- 
tung der preußischen Regierung hervorgerufen; in den meisten Jällen 
aber diente er der politischen Opposition als Deckmantel für ihre welt-
        <pb n="285" />
        Der Zustand der preußischen Bistümer. 277 
lichen Pläne. Noch niemals seit dem Niedergange der alten Aufklärung 
war Deutschland an fruchtbaren religiösen Ideen so arm gewesen wie in 
diesem Jahrzehnt unablässigen kirchlichen Streites. 
Tragisches Schicksal, daß Friedrich Wilhelm in solcher Zeit das Ideal 
seines christlichen Staates zu verwirklichen unternahm. Zuvörderst wünschte 
er die Versöhnung mit dem Papste. Schon längst hatte er sich ein holdes 
Phantasiebild von der römischen Kirche ersonnen, das die landläufigen 
Selbsttäuschungen der gläubigen Protestanten unseres Nordostens noch 
weit überbot. Er glaubte fest, seit den Westfälischen Friedensschlüssen 
würde die Parität der Bekenntnisse in Deutschland von allen Seiten ehr- 
lich anerkannt, und vergaß die allbekannte Tatsache, daß der römische 
Stuhl jene Friedensschlüsse wieder und wieder feierlich verdammt hatte. 
Bei dem hohen Stande der Volksbildung hielt er eine ernste Störung 
des konfessionellen Friedens nicht mehr für möglich, obwohl die Kurie 
soeben erst, bei dem Streite über die gemischten Ehen, unzweideutig be- 
wiesen hatte, daß sie die evangelischen Christen nach wie vor als unreine 
Ketzer ansah. Daß die römische Klerisei je wieder in die Verweltlichung 
früherer Zeiten zurückfallen könnte, schien ihm undenkbar; und doch weis- 
sagten die französischen Klerikalen bereits — was sich auch wörtlich er- 
füllen sollte: — ihre von der Revolution ausgeplünderte Kirche würde jetzt 
in einem Jahrhundert mehr Reichtümer gewinnen, als sie vordem in 
sechzehnhundert Jahren erworben hätte. Auch die Mirakel, die Wallfahrten, 
die Ausstellung der Reliquien betrachtete der König nur als überlebte 
Mißbräuche, deren sich die römische Kirche bald ganz entledigen würde, 
obgleich sie augenscheinlich von Jahr zu Jahr mehr überhandnahmen. Vor 
den Bischöfen endlich hegte er eine tiefe, stille Verehrung; denn das ließ 
er sich nicht nehmen, daß dies heilige Amt durch die mystische Weihe der 
Handauflegung in gerader Linie von den Aposteln selbst herstammte. Voll 
arglosen Vertrauens trat er also an den Bischofsstreit heran und beschloß, 
da in der Tat kein anderer Ausweg mehr blieb, mit dem Vatikan 
unmittelbar zu verhandeln. 
Als er den Thron bestieg, befand sich die volle Hälfte der preußischen 
Bistümer in einem unsicheren Zustande, der nur durch das Einverständ- 
nis der weltlichen und der geistlichen Gewalt gebessert werden konnte. 
Droste-Vischering und Dunin waren noch aus ihren Dihzesen entfernt. 
In Trier hatte das Kapitel den Domherrn Arnoldi zum Bischof gewählt, 
der alte König aber die unzweifelhaft gesetzwidrige Wahl nicht genehmigt. 
In Breslau endlich war Fürstbischof Sedlnitzky, weil er die Gesetze 
des Staates befolgt hatte, vom Papste zur Abdankung aufgefordert wor- 
den, und es stand der Krone noch frei, den treuen Prälaten gegen eine 
so willkürliche Zumutung zu beschützen. Diese Fülle von Streitpunkten 
konnte dem Staate zum Vorteile gereichen, wenn er alle seine Karten 
vorsichtig in der Hand behielt und sich der alten Wahrheit erinnerte, daß
        <pb n="286" />
        278 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
man mit der zähen Hartnäckigkeit des römischen Stuhles immer Zug um 
Zug verhandeln muß. Friedrich Wilhelm aber verschmähte alles, was 
dem Markten und Feilschen glich. Er hielt es für königlich, alsbald durch 
eine freie Tat seiner Großmut der Kurie zu zeigen, wie wohl er es mit 
der Kirche meinte. Noch bevor die römischen Verhandlungen begannen, 
gab er seinen geliebten Polen ihren Erzbischof zurück, und wenige Tage 
später genehmigte er, sehr ungern freilich, auch Sedlnitzkys Abdankung. 
Dergestalt waren zwei der vier schwebenden Fragen schon im voraus zu 
Roms Gunsten entschieden. 
Zum Unterhändler wurde noch im Juni 1840 ein Jugendfreund 
des Königs, Oberstleutnant Graf Brühl bestimmt, ein in diplomatischen 
Geschäften noch ganz unerfahrener Offizier von liebenswürdigen Formen 
und vertrauenerweckendem Gradsinn. Brühl war überzeugter Katholik, 
doch keineswegs ultramontan gesinnt; mit dem milden Bischof Sedlnitzky 
unterhielt er von langeher freundschaftlichen Verkehr, und seine eigenen 
Töchter ließ er in dem evangelischen Bekenntnis der Mutter, einer Tochter 
Gneisenaus erziehen. Noch bei Lebzeiten des alten Königs fragte Sedl- 
nitzkty in Wittgensteins Auftrage bei ihm an, ob er nicht als Adjutant 
zu dem kranken Prinzen Heinrich nach Rom gehen wolle, um dort unter 
der Hand Verhandlungen mit dem Vatikan einzuleiten. Damals lehnte 
Brühl ab, weil er den harten Territorialismus der preußischen Kirchen- 
politik ebenso tief verabscheute wie die fanatischen Allokutionen der Kurie: 
„Altenstein mit den Seinen sowie Lambruschini mit seiner Clique sind 
einander wert.““) Jetzt nahm er den wiederholten Auftrag unbedenklich 
an: dem Rufe seines königlichen Freundes wollte er sich nicht entziehen, 
und seit dem Thronwechsel erschien die Unterhandlung auch nicht mehr 
aussichtslos. Er sollte sich in Rom zunächst aller bestimmten Aner- 
bietungen enthalten, aber der Kurie feierlich versichern, daß der König der 
römischen Kirche in Preußen alle nur mögliche Freiheit gewähren wolle, 
und schließlich „als einen ersten Beweis guten Willens“ verlangen: der 
Papst möge den Erzbischof von Köln — vielleicht als Kardinal — aus 
Deutschland abberufen, um alsdann mit der Krone gemeinsam die Ver- 
waltung des verwaisten Erzbistums endgültig zu ordnen?*); bliebe der 
römische Stuhl ganz unversöhnlich, dann müßte sich Preußen mit England 
und anderen protestantischen Mächten über eine gemeinsame Kirchenpolitik 
verständigen. Diese Drohung bedeutete freilich gar nichts; denn jeder- 
mann wußte, daß der Londoner Hof nie einen Finger regte, wenn er sich 
nicht in seinen eigenen Interessen bedroht glaubte, und in der Tat gab 
Palmerston, auf eine Anfrage des preußischen Gesandten, nur eine freund- 
liche, aber völlig nichtssagende Antwort.“) 
*) Sedlnitzky an Brühl, 20. 21. Febr. 1840, nebstBrühls Bemerkungen. 
**) Werthers Weisungen an Brühl, 10. 22. Juli, an, Buch, 22. Juli 1840. 
*') Bülows Bericht, London, 16. Aug., Werthers Bericht an den König, 26. Aug. 1840.
        <pb n="287" />
        Erste Sendung des Grafen Brühl. 279 
Nach der Rückkehr Dunins erwartete alle Welt auch die Wieder— 
einsetzung Droste-Vischerings, niemand zuversichtlicher als der greise Erz- 
bischof selbst. Der beteuerte, als ihm Minister Rochow einen abschlägigen 
Bescheid gab, in seinem fürchterlichen Deutsch kurzab: dies nimmt mir 
meine Hoffnung nicht, „da sie auf die erhabene Gesinnung Sr. Majestät 
ruht“; er schaffte sich schon Wagen und Pferde an, um triumphierend in 
seiner Metropole einzuziehen.) Seine Anhänger am Rhein überschüt- 
teten den Monarchen mit rührsamen Bittschriften, und nicht alle waren 
so tapfer wie die Erzeugerin des berühmten Kölnischen Wassers, die Kloster- 
frau Martin, die sich unbedenklich auf ihren Guttäter, den seligen König 
berief: manche versicherten treuherzig, sie würden „aus Furcht vor den 
Gegnern“ ihre Unterschrift erst später beifügen.) Friedrich Wilhelm 
aber beurteilte auch diese politische Machtfrage gemütlich, nicht als 
Staatsmann, sondern als guter Sohn. Dunin war durch gerichtlichen 
Spruch verurteilt und konnte also ohne weiteres begnadigt werden. 
Droste hingegen hatte den ganzen Streit begonnen und dann ohne Urteil 
und Recht, auf unmittelbaren Befehl des verstorbenen Monarchen sein 
Bistum verlassen müssen. Diesen Befehl des Vaters zurückzunehmen, 
erschien dem neuen Könige wie eine Verletzung der kindlichen Pietät, und 
da auch seine Minister allesamt den Polen unverdientermaßen milder 
beurteilten als den Westfalen, so mußte Brühl von vornherein erklären: 
nun und nimmermehr dürfte Droste zurückkehren, nur unter dieser Be- 
dingung sei Dunin begnadigt worden. Zum Glück stimmte Friedrich 
Wilhelms Gemütspolitik nahezu überein mit den nüchternen Berechnungen 
des Vatikans. Klüger als die preußische Regierung hatten die Kardinäle 
in dem Kölnischen Fanatiker von vornherein einen unbequemen deutschen 
Trotzkopf gesehen; nun war er durch sein Martyrium der Kirche nützlich 
geworden, und nur als Märtyrer vermochte er ihr auch fernerhin zu nützen. 
Gebrauchen konnte man ihn sonst nicht mehr, denn in den drei Jahren 
seines Exils hatten sich die Grobheit und der zänkische Eigensinn des 
kränkelnden Prälaten bis zum Unerträglichen gesteigert. Daher war 
man im stillen schon längst entschlossen, beim Friedensschlusse den getreuen 
Westfalen als Sündenbock mit vatikanischer Gemütsruhe abzuschlachten. 
Vorher aber mußte die Staatsgewalt noch einmal gründlich gedemütigt 
werden. 
Als Graf Brühl am 20. August die Unterhandlungen begann, da 
empfing ihn der Kardinal-Staatssekretär nicht feindselig, aber mit dem 
Hochmute des Siegers. Lambruschini donnerte in ungestümen Zornreden, 
die dem Preußen zuweilen theatralisch klangen, wider das staatstreue 
Kölnische Domkapitel, wider die Hermesianer, am heftigsten wider Bunsen; 
*) Rochow an Lottum, 6. Aug.; Droste-Vischering an Vincke, 14. Aug. 1840. 
*7) Eingaben an den König von Düsseldorfer Bürgern, 30. Jan.; von der Kloster- 
frau Martin, 17. Nov. 1841 usw.
        <pb n="288" />
        280 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
und allerdings mußte Brühl selbst nach Einsicht der Akten eingestehen: 
„der Mann war nicht wahr.“ Der mildere Kardinal Capaccini gab im 
Vertrauen zu, daß Droste für die Verwaltung des Erzbistums völlig 
ungeeignet sei; doch auch er meinte: zuerst müsse der Vertriebene feierlich. 
wieder eingesetzt werden, späterhin könne er dann vielleicht altershalber 
abdanken und den Kardinalshut erhalten. Um Vorwände waren die 
Monsignoren nicht verlegen. Bald sagten sie: das Domkapitel müsse für 
die Preisgebung seines Oberhirten gezüchtigt werden; bald wieder: die 
katholische Presse verlange diese Sühne; oder auch: der heilige Stuhl 
schulde eine Genugtuung dem schwer beleidigten Episkopate, der aller— 
dings überall, selbst in Amerika, den preußischen Kirchenstreit wachsam 
verfolgte und dem Märtyrer zu Münster zahlreiche Trostbriefe sendete. 
Die Absicht war klar: der ketzerische König sollte sich in den Staub werfen 
vor dem ungehorsamen Bischof — ganz wie es dieser selbst vor zwei Jahren 
verlangt hatte.“) Erfolglos blieb auch eine Fahrt nach dem schattigen 
Bergschlosse von Castel Gandolfo, wo der Papst seine Sommerfrische hielt. 
Gregor lebte ganz in seinem mönchischen Gedankenkreise; er verstand von 
Politik sogar noch weniger als Lambruschini, las nur eine Zeitung, den 
streng klerikalen Univers und glaubte alles, was darin stand. Er be— 
handelte den Abgesandten mit väterlichem Wohlwollen und sprach dankbar 
von der edlen Gesinnung des Königs; doch immer wieder brach der alte 
Mönchshaß gegen das ungläubige Deutschland durch; immer wieder hieß 
es: der Papst kann das nicht! Von „dem Papste“ redete Gregor stets 
wie von einem höheren Wesen, das mit seiner eigenen Person nichts ge— 
mein hätte; und wenn deutsche Protestanten oder orthodoxe Russen ihm 
versicherten, es gäbe nur ein Rom, dann pflegte er zu antworten: „Nun 
liebe Kinder, kommt herein; warum bleibt ihr draußen?“ — Nach drei 
peinlichen Wochen reiste Brühl heim, ohne jedes Ergebnis, aber mit der 
festen überzeugung, daß man im Vatikan selbst wünsche, den westfälischen 
Störenfried auf gute Art zu beseitigen.**) 
Seine Ahnung trog ihn nicht. Bald nach ihm kehrte auch Wilhelm 
Schadow von einer Romfahrt zurück, der berühmte Direktor der Düssel— 
dorfer Kunstakademie, der längst zur katholischen Kirche übergetreten 
war und, nach der Weise der Konvertiten, die allerstrengste klerikale Ge— 
sinnung betätigte. Schadow hatte in Rom mit Capaccini gesprochen und 
erbot sich jetzt, nach den Weisungen des Kardinals vertraulich mit Droste 
zu verhandeln, falls der König es gestatte. Friedrich Wilhelm genehmigte 
den sonderbaren Antrag, der ihm durch General Gröben gemeldet wurde, 
und fügte seinerseits die bestimmte Weisung hinzu: Droste dürfe nicht nach 
Köln zurückkehren, sondern müsse sich's gefallen lassen, daß der Papst 
  
*) S. o. IV. 706. 
**) Brühls Berichte, Rom, 20. Aug. bis 5. Sept. 1840.
        <pb n="289" />
        Verhandlungen mit Droste. 281 
ihm für seine Lebenszeit einen Koadjutor ernenne.*) Begleitet von dem 
Grafen Fürstenberg-Stammheim, einem der Wortführer des ultramon— 
tanen rheinischen Adels, reiste Schadow um Weihnachten nach Münster, 
und der Erfolg war, wie ihn jeder Menschenkenner vorauswissen mußte. 
Aus Ehrfurcht vor dem großen Märtyrer wagten die beiden klerikalen 
Abgesandten nicht einmal die Aufträge des Königs auszurichten; sie 
nahmen nur demütig die Willensmeinung des Erbosten entgegen und 
berichteten dann harmlos: Droste verlange unbedingt seine Wiederein— 
setzung, späterhin denke er sich bei Gelegenheit aus Köln zurückzuziehen. 
Mit der ganzen politischen Unschuld des Künstlers fügte Schadow hinzu: 
sehr wünschenswert erscheine auch die Beglaubigung eines Nuntius beim 
Bundestage; der könne unter OÖsterreichs Schutz die deutsche Kirche leiten, 
Preußen brauche dann nur noch einen Geschäftsträger für die laufenden 
Angelegenheiten in Rom zu unterhalten; so würde freilich „eine Art 
Staat im Staate“ entstehen, aber da doch alles Heil von der katholischen 
Kirche ausgehen müsse, so komme der Segen auch den Akatholiken zu Gute! 
Diese „saubere Bescherung“ erschien selbst dem gütigen Monarchen un— 
heimlich und er schrieb traurig: „Der Geist, der das Ganze durchweht, 
stimmt mich mutlos, nicht weil ich sehe, was ich lange weiß, daß die 
beiden Herolde verstockte Papisten sind, sondern weil die ganze Einleitung 
mir nun klar ist und von Capaccini (dem sanftesten, nachgiebigsten der 
päpstlichen Umgebung) wahrscheinlich noch so viel als möglich gemildert 
worden ist.“*) 
Unterdessen begann der Vatikan doch zu fühlen, daß er mit einer 
mächtigen Krone so nicht spielen durfte. Im Februar 1841 erschien mit 
Aufträgen des Papstes ein neuer Unterhändler bei Droste: der Bischof 
von Eichstädt, Graf Reisach. Auch dieser Name versprach nichts Gutes. 
Reisach war der weltkluge Führer der jesuitischen Partei in Bayern 
und machte dem Rufe zweideutiger Verschlagenheit, der noch von den 
napoleonischen Tagen her an seinem Hause haftete, alle Ehre. Unter 
ihm war das liebliche Städtchen im stillen Felsentale der Altmühl 
zu einem kleinen bayrischen Rom geworden; drunten im alten Dome 
lag das Grab des heiligen Willibald, droben in der Bergkirche sickerte 
aus dem Felsen das wundertätige Ol der heiligen Walpurgis; hier gab 
es Mirakel, soviel das Herz begehrte, und wieder wie einst in den Tagen 
des bayrischen Konkordats versammelte sich in dem stattlichen Residenz- 
schlosse des Bischofs ein Eichstädter Bund von handfesten Ultramontanen.““") 
In den Münchener Priesterkreisen erzählte man sich überall, wohl mit 
*) Gröbens Bericht an den König, 28. Okt.; Thiles Aufzeichnung über die Be- 
fehle des Königs, 5. Nov. 1840. 
**) Berichte von Fürstenberg und Schadow, 2. Jan., von Gröben, 3. Jan.; König 
Friedrich Wilhelm an Thile, 8. Jan. 1841. 
***) S. o. II. 346.
        <pb n="290" />
        282 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
gutem Grunde: daß Reisach vor fünf Jahren, in vertraulicher Zwiesprache 
bei der Tabakspfeife, den Kölnischen Erzbischof zum Kampfe gegen die 
Krone zuerst ermuntert hatte; und dieser Prälat sollte jetzt vermitteln! 
Der Bayer benutzte seinen Aufenthalt in Münster nebenbei, um den jungen, 
aus dem preußischen Staatsdienste ausgetretenen Wilhelm v. Ketteler für 
den Priesterstand anzuwerben. Bei Droste aber richtete er nichts aus. 
Von einem Verzichte wollte der störrische Greis nichts hören; weder der 
Kardinalspurpur noch das Leben in Rom hatte für ihn einen Reiz. Den 
Uneingeweihten blieb es immer dunkel, ob Reisach eigenmächtig die Ver- 
handlungen erschwert hatte oder ob er von Rom her angewiesen war, die 
Dinge noch in der Schwebe zu halten. 
Immerhin schienen diese geheimen Umtriebe anzudeuten, daß der 
römische Stuhl doch nicht ganz unnachgiebig bleiben wollte. Darum wurde 
Graf Brühl im Dezember 1840 zum zweiten Male nach Rom gesendet. 
Diesmal kam er mit vollen Händen: er konnte dem Vatikan die frohe 
Botschaft verkünden: daß der König sich von freien Stücken entschlossen 
habe, den Verkehr der Bischöfe mit dem Papste frei zu geben, das königliche 
Recht des Plazet einzuschränken und im Kultusministerium eine eigene 
katholische Abteilung zu bilden. Da die Staatsgewalt am Rheine wie 
in Posen schon nachgegeben hatte und ein zweifaches Staatskirchenrecht 
in Preußen unmöglich war, so sollten fortan in der ganzen Monarchie 
die gemischten Ehen nach dem berüchtigten päpstlichen Breve und nach 
dem Ermessen der Bischöfe behandelt werden.) Friedrich Wilhelm war 
sogar bereit, das freiere Wahlrecht, das den Domkapiteln des Westens 
nach der Zirkumskriptionsbulle zustand, auch den Bistümern des Ostens 
zu gewähren, obgleich die Krone hier bisher die Bischöfe tatsächlich allein 
ernannt hatte. Ganz von selbst verstand sich endlich nach den früheren 
Erklärungen, daß der Staat die Hermesianer nicht begünstigen wollte. 
In allem und jedem also war der König den Wünschen des Vatikans 
nicht entgegen-, sondern zuvorgekommen. Und für diese Fülle freiwilliger 
Gewährungen verlangte man ein einziges Zugeständnis. „Fest muß nur 
das eine bleiben: — so schrieb Eichhorn — keine Rückkehr des Erzbischofs 
nach Köln, wenn auch nur auf eine Minute, um ins Tor von Köln zu 
sehen 17!#) Brühls erste Reise war der Welt anfangs verborgen geblieben. 
Jetzt aber hatte sich das Gerücht überall verbreitet, und alsbald erbot sich 
der befreundete Turiner Hof zur Vermittlung; er wußte jedoch — gemäß 
den klerikalen Grundsätzen König Karl Alberts — nur vorzuschlagen, daß 
Droste auf kurze Zeit zurückkehren und dann sein Amt niederlegen solle. 
Die Vermittlung wurde mit Dank abgelehnt. ““) Friedrich Wilhelm war 
*) Ladenberg, Promemoria über die gemischten Ehen, 1. Sept. 1840. 
**“) Eichhorn an Thile, 12. Jan. 1841. 
*“ ) Truchseß-Waldburg, Bericht aus Turin, 12. Okt.; Werthers Bericht an den 
König, 25. Okt. 1840.
        <pb n="291" />
        Brühls zweite Sendung. 283 
entschlossen, dies Unternehmen, das er allein begonnen, auch allein zu 
vollenden. 
Aber auch die Gegner rüsteten sich. Bischof Laurens und die Jesuiten 
boten alles auf, um die Versöhnung zu hintertreiben; aus Wien kam 
Jarcke, aus München Guido Görres herbei.5) Sehr rührig arbeitete 
auch Frau v. Kimsky gegen Preußen, jene Somnambüle, welche einst den 
greisen Hardenberg mit ihren Gauklerkünsten betört und nachher, über- 
sättigt von den Freuden dieser Welt, sich in den Schoß der römischen 
Kirche geflüchtet hatte. Papst Gregor hielt dieses Weib alles Ernstes für 
eine fromme Heilige; freilich hatte der alte Kamaldulensermönch wohl 
nur wenig Gelegenheit gehabt, ehrbare Frauen kennen zu lernen. So 
tummelten sich denn wieder zahllose Ränke in dem berühmten „Lügen- 
stübchen“ des Vatikans, das die freien Geister des Cinquecento schon ver- 
spottet hatten; der Papst zauderte und schwankte, und der milde Capaccini 
sagte oft verzweifelnd zu Brühl: wer mag ihn jetzt wieder aufgestiftet 
haben? Was der österreichische Gesandte Graf Lützow insgeheim trieb, ließ 
sich nicht erkennen; doch schwerlich wirkte der bigotte Konvertit zu Preußens 
Gunsten. Aus der Ferne arbeitete auch des Königs Stieftante, Herzogin 
Julia von Köthen mitsamt ihrer Jesuitenschar gegen ihren Neffen. 
Unterdessen erhoben auch die Provinzialstände von Rheinland und West- 
falen ihre Stimme, sicherlich nicht ohne die geheime Mitwirkung der 
Freunde in Rom. In beiden Landtagen kam der Antrag auf Drostes 
Wiedereinsetzung zwar schließlich zu Falle; in Münster erklärten sich nur 
die sämtlichen Ritter und ein Bauer dafür, alle Fürsten und Herren, 
alle Vertreter der Städte und der Landgemeinden, mit Ausnahme jenes 
einen, stimmten dagegen. Aber wie frech erklang schon die Sprache der 
erstarkten ultramontanen Partei. Graf Westphalen sagte im Münsterschen 
Landtage: „meine Mitstände beschwöre ich es auch nicht einmal stillschweigend 
gutheißen zu wollen, als bedürfe es nur einer seidenen Schnur zur mora- 
lischen Selbsttötung eines dem Gouvernement mißfälligen Bürgers;“ und 
als seine königstreuen Landsleute sich wider diesen jakobinischen Ton 
verwahrten, da versicherte er dreist, mit der seidenen Schnur hätte er 
den verstorbenen König nicht beleidigen wollen. Bald nachher verließ 
er den preußischen Staat, da es ihm nicht gelang, sich vor der Krone zu 
rechtfertigen. 
Unter so bedenklichen Anzeichen begann Graf Brühl seine zweite 
Verhandlung, die sich durch fünftehalb Monate, bis in den Mai 1841 
hinzog. Indes hatten ihm die großen freiwilligen Gewährungen des 
Königs seinen Weg doch etwas geebnet. Die Kardinäle selbst gestanden 
jetzt, der starrköpfige alte Erzbischof, dem seine eigene bigotte Familie 
kaum mehr zu nahen wagte, könne in Köln nur Unheil stiften. Da fragte 
  
*) Major v. Moliere, Adjutant des Prinzen Heinrich, an Brühl, 18. Mai 1841.
        <pb n="292" />
        284 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Brühl, ob nicht der Papst selbst, im Einverständnis mit der Krone, so- 
fort einen zur Nachfolge berechtigten Koadjutor ernennen wolle — ein 
Ausweg, der dem Könige schon gleich nach seiner Thronbesteigung durch 
den staatstreuen Bonner Klerikalen Ferdinand Walter empfohlen worden 
war. Gregor ging darauf ein: so wurde ja das verhaßte Kölner Dom- 
kapitel ganz zur Seite geschoben. Nunmehr begann man nach vatika- 
nischem Brauche einander wechselseitig zu betasten und auszuforschen 
wegen eines möglichen Kandidaten. Nach mannigfachen Winkelzügen 
nannte Lambruschini den Jesuitenhäuptling Reisach, sodann den vertrauten 
Freund der Familie Droste, Professor Kellermann in Münster, endlich 
den jungen Münchener Domherrn Windischmann, den Sohn des Bonner 
Arztes, einen tüchtigen Orientalisten, der, mehr Gelehrter als Geistlicher, 
doch zu der strengen Jesuitenpartei gehörte und in Görres' gelben Blättern 
seine Feder tummelte. Alle drei erklärte Brühl für unmöglich; sein König 
wünschte den edlen, hochgebildeten Domkapitular Diepenbrock in Regens- 
burg; den aber wies die Kurie zurück. Über die Personenfrage hätte 
man sich doch einigen können, da beide Teile noch einen allerletzten 
Kandidaten in Bereitschaft hielten. Ganz unlösbar aber erschien wieder 
die Frage, ob Droste zurückkehren dürfe. Niemals! erklärte Brühl; nur 
auf wenige Tage! sagten die Monsignoren, obwohl sie selbst zugestanden, 
daß eine solche Rückkehr die Rheinländer aufregen, die Protestanten der 
alten Provinzen erbittern mußte. Dazwischen hinein kamen Adressen 
von den Getreuen am Rhein, die den heiligen Vater um Rückkehr ihres 
Oberhirten anflehten. Auch Droste selber schrieb — „in seiner eigentüm- 
lichen unhöflichen Weise“, wie Capaccini sagte: — an dem Purpur des 
Kardinals lag ihm nichts, nur Genugtuung wollte er haben; denn es 
stehe schlecht um die Kirche, wenn der Papst solche Unbill den Bischöfen 
widerfahren lasse. 
Brühl hielt sich tapfer und erfuhr aus endlosen Zerrungen und 
Zettelungen, wie richtig die Römer das Wesen der Theokratie beurteilten, 
wenn sie kurzab zu sagen pflegten: mit Priestern kann man nicht ver- 
handeln! Langsam, langsam zurückweichend gelangte die Kurie nach Mo- 
naten endlich zu dem Gegenvorschlage: Droste solle nur auf vierundzwanzig 
Stunden nach Köln kommen und nicht einmal um den Koadjutor einzusetzen, 
sondern lediglich um als envoyé du pape dem ernannten Koadjutor nach- 
träglich die Bischofsweihe zu erteilen. Dabei wollte man unwiderruflich 
bleiben. Dieser letzte Vorschlag bewies deutlich, daß es sich gar nicht 
mehr um die Wahrung kirchlicher Rechte handelte, sondern um eine mut- 
willige Verhöhnung der Krone Preußen. Niemand wußte dies besser 
als der gelehrte Kanonist Gregor; der aber stellte sich so verzweifelt an 
und sprach sein ewiges „der Papst kann nicht“ in so herzbrechendem Tone, 
daß der ehrliche Preuße sich endlich ganz zerknirscht fühlte. Der geistliche 
Despot, dessen nichtswürdige Regierung von allen seinen Untertanen
        <pb n="293" />
        Nachgiebigkeit der Krone. 285 
verflucht wurde, blieb in den Augen des gläubigen deutschen Katholiken 
doch immer der heilige Vater. Seinen Weisungen gemäß erklärte Brühl 
bis zuletzt: nun und nimmermehr dürfe der Erzbischof amtlich zurückkehren. 
An Thile aber schrieb er traurig: ich bin kein Diplomat, „ich kann mit dem 
Papste nicht feilschen“, ich vermag „den edlen Greis“ nicht mehr zu be— 
drängen, da mein Gewissen ihm recht gibt.“) So reiste er zum zweiten 
Male heim, wieder ohne Ergebnis. 
Der König, der schon während der Verhandlungen mehrmals ge— 
schwankt hatte, fühlte sich schmerzlich überrascht; er meinte: die Vorschläge 
des römischen Stuhls „erfordern eine sehr reife Prüfung, zumal der 
Konsequenzenmeines Neins.“ Nun kam auch noch ein Brief von 
seinem Oheim, dem Prinzen Heinrich, der sich seit langen Jahren tief in die 
römische Welt eingelebt hatte und bei vielen, wohl mit Unrecht, für einen ge- 
heimen Katholiken galt. Der kranke Prinz schrieb in seiner munteren, geist- 
reichen Weise: das sei doch das einfachste von der Welt, wenn Droste für 
einen Tag nach Köln käme und sich dann sogleich fortscheren müßte. 5) Nach 
qualvoller Überlegung entschloß sich der König, auch der letzten Zumutung 
des Vatikans zu willfahren. Er wollte wirklich erlauben, daß die rheinischen 
Ultramontanen auf dem Grabe seines edlen Vaters einen Tag hindurch 
ihre Triumphtänze abhielten. Droste sollte zur Bischofsweihe zurückkehren, 
und Brühl erhielt Befehl, mit neuen Weisungen versehen, zum dritten 
Male nach Rom zu gehen.?) 
Und noch eine neue Anmaßung des Papstes ließ der Monarch sich bieten. 
Eben jetzt, zu Ende Aprils, war der wackere Kölnische Generalvikar Hüsgen 
gestorben, der in diesen schweren Übergangsjahren die provisorische Ver- 
waltung des Erzbistums zur vollen Zufriedenheit des alten wie des 
neuen Königs geführt hatte. Das Domkapitel fragte zunächst beim Ober- 
präsidenten an, ob Droste wieder eintreten oder bei der Wiederbesetzung 
des Generalvikariats mitwirken dürfe. Auf die verneinende Antwort wurde 
die Neuwahl vollzogen, ganz in der nämlichen Weise wie 1837 nach 
Drostes Wegführung, und der neue Generalvikar Kanonikus Müller, ein 
würdiger, friedfertiger geistlicher Herr gleich seinem Vorgänger, erhielt von 
Seiten des Oberpräsidenten die Bestätigung. Der Papst aber sah in 
diesem Verfahren frevelhaften Ungehorsam, denn nicht einmal für die 
kurze Zeit bis zur nahen Ausgleichung wollte er dem vermaledeiten Dom- 
kapitel die provisorische Verwaltung, die er doch bisher geduldet hatte, 
erlauben. Er erklärte die Wahl für nichtig und ernannte seinerseits 
den Kanonikus Iven, den einzigen Ultramontanen im Domkapitel, der 
sich allein der Wahl enthalten hatte und dafür auch das besondere Lob 
*) Brühls Berichte, 26. Dez. 1840 bis 1. Mai 1841. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 13. Mai; Prinz Heinrich an den König, 
24. April 1841. 
7###) Thile an Brühl, 21. Mai, 22. Juni 1841.
        <pb n="294" />
        286 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
des heiligen Vaters empfing.) Währenddem erschien in dem Heerlager 
der Ultramontanen zu Würzburg eine von Hermann Müller verfaßte ano- 
nyme Schrift: Die Kölnische Kirche im Mai 1841 — ein wütendes Libell, 
das in Preußen wegen seiner frechen Schmähungen sofort verboten und 
gleichwohl auf Schleichwegen dem Könige in die Hände gespielt wurde. 
Der päpstliche Machtbefehl war offenbar gesetzwidrig, da Gregor nicht 
einmal für nötig gehalten hatte, den so grenzenlos nachgiebigen Monarchen 
vorher zu benachrichtigen. Der König versagte also dem Domherrn Iven 
die Anerkennung; aber eingeschüchtert durch die Drohungen der Kleri- 
kalen ließ er zugleich durch Brühl in Rom vertraulich aussprechen: unter 
Vorbehalt seiner landesherrlichen Rechte wolle er Ivens Amtsführung 
stillschweigend dulden! So wankte er von einem schwächlichen Zugeständ- 
nis zum andern.) 
Inzwischen hatte schon ein neuer Vermittler in die Unterhandlungen 
eingegriffen: König Ludwig von Bayern. Der Wittelsbacher wünschte jetzt 
aufrichtig die Aussöhnung, weil er den Berliner Schwager auf seine 
Weise liebte und bei der noch immer drohenden Kriegsgefahr jede Schwä- 
chung Preußens für bedenklich hielt, vornehmlich aber, weil er durch seine 
eigene Politik die bayrischen Liberalen und Protestanten tief verstimmt hatte 
und durch das Friedenswerk ihren Groll zu beschwichtigen hoffte; nur 
sollten auch sein getreuer Minister Abel und die Ultramontanen an der 
Ausgleichung ihre Freude haben. Er empfahl seinem Schwager den Bischof 
Geissel von Speier, den er unter seinen Landesbischöfen besonders hoch 
schätzte, zum Koadjutor für das Erzbistum und sagte: einen stärkeren 
Beweis seiner Freundschaft könnte er ihm unmöglich geben, als indem 
er ihm einen solchen Mann abträte. Den nämlichen Vorschlag hatte er, 
allem Anschein nach, schon vorher in Rom vertraulich aussprechen lassen; 
denn Geissel war jener letzte Kandidat, den sich die Kurie im stillen vor- 
behielt, schon im März deutete Capaccini, in einem Gespräche mit Brühl, 
vorsichtig auf diesen Namen hin. König Friedrich Wilhelm ging auf den 
Rat ein?*), und als Graf Brühl im Juli zum dritten Male nach Rom 
reiste, nahm er den Weg über München, um dort das Nähere zu be- 
sprechen. Darauf forderte König Ludwig den Bischof Geissel in einem 
schmeichelhaften Briefe auf, sich zur Annahme der Koadjutor-Stelle bereit 
zu erklären. Abel unterstützte die Bitten des Monarchen und sagte mit 
seiner gewohnten fanatischen Plumpheit rund heraus, was die Jesuiten 
von dem künftigen Kölnischen Oberhirten erwarteten. „Sie sollen“, so 
schrieb er, „indem Sie die katholische Kirche Preußens wieder in ihr gutes 
Recht einsetzen, durch die von da ausgehende, unabwendbare Rückwirkung 
*) Lambruschini an Brühl, 21. Mai; Breve des Papstes an Iven, 21. Mai 1841. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 2. Juni; Kabinettsordre an Eichhorn, 7. Juli; 
Brühls Bericht, 21. Juli 1841. 
**“) König Friedrich Wilhelm an Thiele, 2. Juni 1841.
        <pb n="295" />
        Dritte Sendung Brühls. 287 
auf die übrigen protestantischen Staaten in Deutschland auch dort jenen 
revolutionären Grundsätzen ein Ende machen, die aus der hehren Himmels— 
tochter die dienstbare Magd des modernen Staatstums herausbilden, sie 
entweihen und entwürdigen möchten.“ Wahrlich, es geschahen Zeichen 
und Wunder, seit die neue ultramontane Partei sich fest zusammen- 
geschlossen hatte. Wer hätte vordem für denkbar gehalten, daß ein deutscher 
Minister einen Priester geradeswegs zum Kampfe wider die Kirchenpolitik 
deutscher Regierungen auffordern könnte? Geissel antwortete zunächst 
vorsichtig ablehnend; aus den wohlgewählten Worten ließen sich jedoch 
seine ehrgeizigen Wünsche leicht herauslesen. 
In Rom wurde Brühl diesmal, nach den neuen großen Gewährungen 
des Königs, mit offenen Armen aufgenommen; und als er Geissel nannte, 
fand weder Lambruschini noch der Papst selber gegen diesen guten Namen 
etwas einzuwenden. Da mit einem Male ward ein neuer Pfeil aus dem 
unerschöpflichen Köcher vatikanischer Verhandlungskünste herausgeholt, ein 
schweres, ganz unüberwindliches Bedenken. Geissel war ja schon Bischof, 
also konnte er auch nicht durch Droste nachträglich die Bischofsweihe 
empfangen, und folglich — so schlossen die Monsignoren, alle früheren 
Abreden vergessend, mit verblüffender Unbefangenheit — folglich mußte 
er nicht durch den Papst, sondern durch Droste selbst in das Koadjutor- 
Amt eingesetzt werden, damit der alte Erzbischof doch irgend eine Genug- 
tuung erhielte. In Berlin hatte man sich jedoch gegen solche Über- 
fälle gerüstet. Brühl lehnte die Zumutung unbedingt ab, und als die 
Kurie nicht nachgab, erklärte er plötzlich: nun wohl, dann lassen wir 
Geissel fallen und verlangen den Domherrn Arnoldi in Trier — denselben 
Arnoldi, den einst der alte König als persona minus grata von dem 
Trierschen Bischofsstuhle ausgeschlossen hatte! Nach kurzem Zögern nahm 
Gregor diesen neuen Vorschlag an; über alles einzelne ward man schnell 
einig, und wenige Tage später meldete Brühl zufrieden: „Das Beschlossene 
ist unwiderruflich“; der Papst ernennt Arnoldi zum Koadjutor und sendet 
nachher den alten Erzbischof für einen Tag nach Köln, wo die Bischofs- 
weihe im Auftrage des heiligen Vaters vollzogen wird. In welche 
Widersprüche war doch der König durch seine Herzensgüte hineingedrängt 
worden. Aus Pietät gegen seinen Vater hatte er Drostes Rückkehr unter- 
sagt und jetzt wollte er doch gestatten, daß dieser von dem alten Könige 
wegen Ungehorsams weggewiesene Prälat auf vierundzwanzig Stunden 
zurückkam, um die Bischofsweihe dem neuen Kölnischen Koadjutor zu er- 
teilen, dem der alte Herr nicht einmal das bescheidene Bistum Trier 
hatte anvertrauen wollen! Hieß das nicht, das Andenken des Vaters 
zweimal beschimpfen? Eine schmachvolle Niederlage stand der Krone 
Preußen und der Person ihres Trägers bevor; denn so gewiß der Staat 
Macht ist, ebenso gewiß bleibt die Schwäche, auch die wohlmeinende 
Schwäche unter allen politischen Sünden die schwerste.
        <pb n="296" />
        288 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Daß diese Schande dem preußischen Staate erspart blieb, war allein 
dem Starrsinn Drostes zu verdanken. Bei dem hatten mittlerweile 
Schadow und Fürstenberg nochmals, und wieder vergeblich, ihre Über- 
redungskünste versucht. Der unbeugsame Westfale wurde den Monsig- 
noren immer lästiger und Capaccini meinte: ein Glück nur, daß er den 
Purpur verschmäht, er wäre ja im stande, hier mit Papst und Kardi- 
nälen Händel anzufangen! Gregor aber fühlte sich beunruhigt; denn 
er wußte wohl, daß der Papst nicht befugt ist, einem Bischof, ohne dessen 
Einwilligung, einen Koadjutor mit so ausgedehnten Befugnissen beizu- 
ordnen; und so unbedenklich er die Rechte der weltlichen Gewalt beein- 
trächtigte, ebenso gewissenhaft vermied er, das kanonische Recht zu verletzen. 
Er entschloß sich daher, den Erzbischof durch einen eigenhändigen Brief 
sehr nachdrücklich zur Anerkennung des Koadjutors aufzufordern, und 
sendete zugleich den Bischof Reisach zum zweiten Male nach Münster, 
diesmal mit den allerstrengsten Weisungen, so daß der bayrische Jesuit 
seine ganze Kraft einsetzen mußte. Nach einigen Wochen peinlichen Harrens 
meldete Reisach endlich: Droste habe sich den Befehlen des heiligen Vaters 
gänzlich unterworfen und wolle sogar einen Hirtenbrief erlassen, um seine 
Herde zum Gehorsam gegen den Koadjutor zu ermahnen. Nur die 
Reise nach Köln zur Bischofsweihe hatte der Alte entschieden abgelehnt, 
indem er seine schwache Gesundheit vorschützte.“') Offenbar ging es dem 
deutschen Freiherrn wider die Ehre, jetzt noch an einem frivolen vierund- 
zwanzigstündigen geistlichen Possenspiele teilzunehmen, nachdem ihn der 
Vatikan schnöde preisgegeben hatte; der Gegensatz deutscher Treue und 
welscher List zeigte sich vom Anfang bis zum Ende dieser Tragikomödie. 
Dergestalt rettete der vertriebene Erzbischof wider Willen seinen König 
vor einer selbstverschuldeten Demütigung. Im Vatikan aber änderte sich 
die Szene noch einmal, als die Nachrichten aus Münster einliefen. Ver- 
gessen und verschollen waren plötzlich alle die salbungsvollen Reden, mit 
denen man den Preußen früherhin weich gestimmt hatte. Die so inbrünstig 
verlangte Genugtuung für den beleidigten Episkopat wurde jetzt gar nicht 
mehr erwähnt, und da man doch endlich zum Abschluß kommen wollte, 
so schien es am einfachsten, wieder auf Geissel zurückzugreifen, der keiner 
Bischofsweihe bedurfte. Droste hatte nichts dawider; das wußte man 
schon aus Reisachs Berichten. Der Kardinal-Staatssekretär vollzog diese 
neue Schwenkung mit solcher Leichtigkeit, daß Brühl Verdacht schöpfte 
und richtig herauswitterte: Geissel wäre vielleicht schon von langer Hand her 
der eigentliche Kandidat Lambruschini, Reisachs und der Jesuiten ge- 
wesen. Ahnungsvoll fügte er hinzu: auf das Urteil des unklaren und 
in katholischen Dingen befangenen Königs Ludwig sei wohl wenig zu 
geben. Aber nach seinen Weisungen durfte er nicht mehr widersprechen. 
  
*) Brühls Berichte, 10. 16. Sept. 1841.
        <pb n="297" />
        Abschluß der Kölnischen Händel. 289 
MNun ging die Verhandlung, die wieder dritthalb Monate gewährt hatte, 
rasch zu Ende, und am 23. Sept. wurde die Ernennung Geissels förmlich 
verabredet, durch ein geheimes Übereinkommen, das zugleich die früheren 
Zusagen der preußischen Krone nochmals aufzählte. In Perugia ver- 
abschiedete sich Brühl von dem Papste. Gregor weilte dort in den hei- 
ligen Stätten Umbriens, um ein Gelübde einzulösen; er dankte dem Könige 
wie dem Unterhändler aufs wärmste und pries sich glücklich, nun in 
Frieden sterben zu können.“) 
Der Münchener Hof, der von dem Arnoldischen Zwischenspiele erst 
spät erfuhr, hatte sich mittlerweile eifrig bemüht, den Bischof von Speier 
zur Annahme des Koadjutor-Amtes zu bewegen. Geissel war mithin nicht 
unvorbereitet, als er jetzt die Anfrage des heiligen Stuhls und gleich 
darauf die Ernennung erhielt. Dann galt es noch das staatstreue Kölner 
Domkapitel zu gewinnen, und dieser peinlichen Aufgabe mußte sich Bodel- 
schwingh, damals noch Oberpräsident, unterziehen. Er fand die Mehr- 
zahl der Domherren aufgebracht über die Umgehung ihres Wahlrechts, 
und zugleich für die Zukunft schwer besorgt; denn sie fürchteten, nun- 
mehr von einem jungen kräftigen Manne in Drostes Geiste beherrscht zu 
werden. Nur mühsam konnte er sie beschwichtigen, indem er ihnen bewies, 
daß die Zirkumskriptionsbulle zwar ein Staatsgesetz, aber zwischen der 
Kronc und dem römischen Stuhle vereinbart sei, also auch durch gegen- 
seitiges Einverständnis suspendiert werden könne. Zuletzt beschloß das 
Kapitel, sich aus Gehorsam zu unterwerfen, jedoch ohne förmliche Bestim- 
mung.?*?*) Auch dem Könige blieb eine Tat persönlicher Selbstüberwindung 
nicht erspart. Dem römischen Abkommen gemäß gab er dem alten Erzbischof 
eine öffentliche Ehrenerklärung, worin bezeugt wurde, der einst gegen 
Droste erhobene Vorwurf „politisch-revolutionärer Umtriebe“ hätte sich 
als völlig grundlos erwiesen. Als Thile diesen von Eichhorn entworfenen, 
nachher noch durch den Monarchen eigenhändig stark umgestalteten Brief 
am Geburtstage des Königs zur Unterzeichnung übersendete, schrieb er 
weihevoll: „Nehmen Ew. Majestät das Geburtstagsgeschenk, das der Herr 
Ihnen heute durch den Friedensschluß mit dem Erzbischof machte, wie 
eine schöne Ankündigung der Friedensgedanken, die er mit Ihnen hat!““ 
Gewiß, der Friede war geschlossen. Aber um welchen Preis! In 
der Kölnischen Sache erlangte die Staatsgewalt einen halben Erfolg, in 
allen den anderen noch schwebenden kirchenpolitischen Händeln gab sie 
vollständig nach, sogar in dem Trierschen Bischofsstreite, wo sie das klare 
Recht für sich hatte. Der Domkapitular Arnoldi war ein frommer, mild- 
tätiger Geistlicher, als Kanzelredner sehr beliebt, gut römisch gesinnt, aber 
  
*7) Brühls Berichte, 21. Juli bis 25. Sept. 1841. 
*“) Bodelschwinghs Bericht an Thile, 4. Mai 1841. 
***) Thile an König Friedrich Wilhelm, 15. Okt. 1841. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 19
        <pb n="298" />
        290 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
kein Fanatiker, sondern weich, gutmütig, bestimmbar, also leicht zugänglich 
den Einflüsterungen jenes geheimnisvollen geistlichen Hofgesindes, das man 
im katholischen Deutschland den Küchen-Klerus zu nennen pflegt. Der 
alte König kannte den Mann, wohl aus Bodelschwinghs Berichten, und 
ließ ihn bei der Bischofswahl von 1839 als minder genehm bezeichnen. 
Dennoch wurde Arnoldi gewählt, den Bestimmungen des Breves von 1821 
offenbar zuwider, und die Krone versagte von Rechts wegen ihre Geneh— 
migung.*?) Der Papst aber war damals noch von wildem Hasse gegen 
Preußen erfüllt und behauptete, ohne sich auf Gründe einzulassen: die 
Wahl sei kanonisch. Nach dem Thronwechsel konnte der Handel bei gutem 
Willen sofort geschlichtet werden; denn Arnoldi, der wenig Ehrgeiz hegte, 
hatte schon am 1. Juni 1840 in aller Stille die Erklärung nach Rom 
gesandt: er wolle um des Friedens willen verzichten, falls der Papst es 
erlaube. Diese Erklärung wurde in Rom streng geheim gehalten, Brühl 
erfuhr keine Silbe davon; erst weit später merkte er, daß der Vatikan 
„ein Tauschgeschäft treiben wollte“ und die Triersche Frage absichtlich 
offen ließ, um in Köln desto sicherer seinen Willen durchzusetzen. *) Hart- 
näckig weigerte sich der Papst eine Neuwahl anzuordnen; er hatte sogar 
die Stirn zu behaupten, jenes zwischen der Krone und der Kurie verein- 
barte Breve enthalte keine bindenden Vorschriften.) 
Da wich der König zurück. Er forderte jetzt nur noch eine ordnungs- 
mäßige Neuwahlj; dabei wollte er dem Kapitel unbeschränkte Wahlfreiheit 
lassen und selbst Arnoldi nicht ausschließen; über den hatte er mittler- 
weile günstige Urteile gehört und meinte wieder klüger zu sein als sein 
Vorgänger. Der Ehrfurcht gegen seinen Vater glaubte er zu genügen, wenn 
er noch an einer wertlosen, fast lächerlichen Förmlichkeit festhielt. Eichhorn, 
der von dem ersten Verzichte auch nichts wußte, schrieb nunmehr freund- 
lich mahnend an den Trierschen Domherrn, worauf Arnoldi als guter 
Patriot im Januar 1841 eine zweite Verzichtserklärung — immer unter 
Vorbehalt der päpstlichen Genehmigung — nach Rom schickte.) Auch 
jetzt noch blieb der Papst unbeugsam, Brühl konnte in dieser Sache gar 
nichts erlangen. Erst im Februar 1842 genehmigte Gregor den Ver- 
zicht, aber ohne die frühere Wahl für nichtig zu erklären. Damit war der 
Form notdürftig genügt, und alsbald erlaubte der König dem Domkapitel, 
für die Neuwahl eine Kandidatenliste einzureichen. Also ganz ohne Not 
ein neues Zugeständnis, weit über die Landesgesetze hinaus! Wie viel 
Arbeit hatte einst Niebuhr aufwenden müssen, um die gefährlichen Listen- 
wahlen dem preußischen Staate fern zu halten und der Krone das Recht 
der unbedingten Exklusive zu sichern; darum polterte auch Lambruschini, 
*) Denkschrift von Bülow und Eichhorn an den König, 12. März 1842. 
**) Brühls Bericht, 15. März 1841. 
*#) S. o. III. 205 f. 
I) Arnoldi an Eichhorn, 19. Jan.; Brühls Bericht, 26. Febr. 1841.
        <pb n="299" />
        Arnoldi in Trier. 291 
gleich in seinem ersten Gespräche mit Brühl, zornmutig wider den großen 
Historiker. Und nun gab Friedrich Wilhelm das wohldurchdachte Werk 
seines verehrten Lehrers preis, allerdings nur für dies eine Mal. Dann 
kam, was kommen mußte. Auf der Kandidatenliste stand Arnoldis Name 
natürlich obenan, der König genehmigte sie ohne weiteres, und im Juni 
wurde Arnoldi gewählt. Noch nicht genug der Schwäche. Da der Neu— 
gewählte eine Stelle in dem üblichen Huldigungseide der Bischöfe bedenk— 
lich fand, so strich Friedrich Wilhelm sie eigenhändig aus, und im tiefsten 
Herzen fühlte er sich erquickt, als er dann, heimkehrend von dem Dom— 
baufeste, den Bischof von Trier in seiner Metropole begrüßte. Eine nahe 
Zukunft sollte lehren, wie richtig der alte König den Prälaten beurteilt 
hatte. 
Noch kläglicher fast endeten die Breslauer Wirren, und hieran trug 
der König weniger Schuld als die Friedfertigkeit des edlen, frommen 
Fürstbischofs, der von seinem Freunde Brühl sehr hart, aber leider nicht 
ganz ungerecht also geschildert wurde: „Sedlnitzky ist ein unverantwort— 
lich matter Mensch, kein Staatsmann, kein Bischof. O wäre er Kon— 
sistorial- und Schulrat geblieben!“ Kurz vor dem Thronwechsel war 
der Bischof durch ein Handschreiben des Papstes zur Abdankung aufge— 
fordert worden.*) Diese formlose Ermahnung bedeutete rechtlich gar nichts, 
da ihr weder ein kanonisches Verfahren noch eine Mitteilung an die 
Krone Preußen vorangegangen war. Trotzdem fühlte der Graf den Boden 
unter seinen Füßen wanken. Nachdem die Staatsgewalt in der Frage 
der gemischten Ehen nachgegeben hatte, konnte er doch nicht königlicher 
sein als der König und das alte Verfahren in Ehesachen noch aufrecht— 
halten. Volksbeliebt war er nicht. Die bigotten Polen Oberschlesiens 
kannten den stillen beschaulichen kleinen Herrn kaum, trotz seiner un— 
erschöpflichen Wohltätigkeit. Sein Domkapitel hatte sich unter seiner 
gutmütigen Leitung in Fraktionen zersplittert, und an der Spitze der 
rührigen ultramontanen Partei stand der weltkluge, ehrgeizige Domherr 
Förster, ein auch bei den Protestanten beliebter Kanzelredner, der früher— 
hin für liberal gegolten hatte, jetzt aber von dem Jesuitenpater Beckx 
Ratschläge empfing. Die klerikalen Heißsporne haßten den Bischof töd— 
lich, Ketteler nannte ihn einen Elenden, weil er dem Staate treu und 
gegen die Protestanten freundlich war. Eben jetzt, seit den letzten Jahren 
des alten Königs schwebte eine Verhandlung wegen der Rückgabe einiger 
der schlesischen Kirchen, welche einst unter Osterreichs Herrschaft den Pro— 
testanten geraubt worden waren, und zu dieser Untersuchung bot Sedl— 
nitzky die Hand mit einer Unbefangenheit, die seinem Rechtsgefühle zur 
Ehre gereichte, einem Bischof aber nach römischen Grundsätzen nie verziehen 
werden konnte. Die Kardinäle hielten ihn, da sie von Deutschland so 
  
*) S. o. IV. 710. 
19 *
        <pb n="300" />
        292 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
gar wenig wußten, für einen Hermesianer; in Wahrheit hatte er diese 
Schule stets bekämpft; dagegen hoffte er auf die Rückkehr aller Sekten 
zu der gereinigten katholischen Kirche, und dies Ideal des allgemeinen 
Christentums verstand er so ganz im Sinne der inneren Wiedergeburt, 
der Metanoia, daß er früher oder später noch weit über die Hermesianer 
hinausgehen und zur Erkenntnis der evangelischen Wahrheit gelangen 
mußte. 
So stand er vereinsamt. Nach seiner ganzen Anlage konnte er die 
Kraft seines Willens nur in der tiefen Gewissenhaftigkeit des religiösen 
Empfindens und Forschens, nicht in den Kämpfen des handelnden Lebens 
betätigen; niemand merkte ihm an, daß er wirklich ein Bruder des 
durch seine brutale Strenge in aller Welt berüchtigten Wiener Polizeipräsi— 
denten war. Nach ernster Selbstprüfung erwiderte er dem Papste, daß 
er bereit sei, das Amt niederzulegen, das er einst wider seinen Wunsch 
erhalten hatte. Dann ging er nach Berlin und beschwor den König um 
Genehmigung des Verzichtes: er könne nicht anders; bei der ultramontanen 
Gesinnung und der Eitelkeit eines großen Teiles seines Klerus dürfe 
er nicht mehr auf eine heilsame Wirksamkeit hoffen; auch wolle er nicht 
durch sein Verbleiben den Frieden zwischen Staat und Kirche erschweren.“) 
Friedrich Wilhelm zeigte sich sehr aufgebracht über die eigenmächtige Will- 
kür der Kurie. Doch wie konnte der Weiche den Weichen stützen? Er 
widerstrebte noch mehrere Tage lang; dann genehmigte er die Abdankung 
des Prälaten, dem nichts zur Last fiel als die treue Befolgung der alten 
Staatsgesetze, und ernannte den Grafen, mit dem Ausdruck wärmster 
Anerkennung, zu seinem Wirklichen Geheimen Rate (29. Juli). Dazu 
versicherte er mündlich, nur aus Pietät gegen seinen Vater bewillige er 
den Rücktritt; so wunderbar verstand er die Dinge immer anders zu 
sehen als andere Menschen. 
In einem rührenden Abschiedsschreiben an das Domkapitel sprach 
der Entlassene aus: er denke immer innig vereint zu bleiben mit allen 
denen, die an Christum wahrhaft glauben. Ein christliches Wort, aber 
sicherlich kein römisches. Männern von solcher Gesinnung bot die alte 
Kirche keine Stätte des Wirkens mehr. Das hatte schon Wessenberg 
erfahren, der denn auch nicht säumte, aus seinem Altensitze Konstanz 
dem Schicksalsgenossen seinen Gruß zu senden. Und noch stiller sogar 
als Wessenberg einst schied Sedlnitzky aus dem bischöflichen Amte. Fort- 
an lebte er in Berlin ganz der Mildtätigkeit und dem religiösen Nach- 
denken; die Predigten von Nitzsch, Stahn, Müllensiefen erschütterten ihn 
in den Tiefen der Seele; er fühlte, wo er das Wesen des Christentums 
zu suchen habe, und bald mochte er das Bischofskleid nicht mehr tragen. 
Als er endlich hochbejahrt den notwendigen Schluß aus seinen inneren 
  
*) Sedlnitzky an König Friedrich Wilhelm, 14. Juli 1840.
        <pb n="301" />
        Sedlnitzkys Abdankung. 293 
Erfahrungen zog und — dererste katholische Bischof seit dem Zeitalter der 
Reformation — mit der Gemeinde zum evangelischen Abendmahle ging 
(1862), da erregte dieser Übertritt außerhalb der theologischen Welt nur 
wenig Aufsehen. Ein frommer Christ, ein treuer Patriot, ein liebens- 
werter Mensch, aber kein Mann der bahnbrechenden Tat — so war 
er immer gewesen. Mit warmer Teilnahme, ohne jede Bitterkeit ge- 
dachte er auch fernerhin der alten Kirche, die ihn einst in seinem zwölften 
Lebensjahre zum Domherrn geweiht und dann so rauh behandelt hatte, 
den Evangelischen aber ward er teuer als ein Vorbild ernster tief inner- 
lich erlebter Frömmigkeit und durch ein Fülle milder Stiftungen, in denen 
sein Name noch heute gesegnet fortlebt. 
Nachdem der König diesen Mann so schnell hatte fallen lassen, be- 
fahl er auch noch die Verhandlungen wegen der geraubten evangelischen 
Kirchen sofort einzustellen. Was konnte es unter solchen Umständen 
frommen, daß Brühl beauftragt wurde, für die eigenmächtige Verdrängung 
Sedlnitzkys unzweideutige Genugtuung zu fordern? Einige erregte Ge- 
spräche mit Lambruschini waren die einzige Folge. Das Verweseramt in 
dem erledigten Bistum übernahm nunmehr, von der Krone nicht an- 
erkannt), aber geduldet, der Domherr Professor Ritter, ein wilder 
Ultramontaner, der den Christen nur die Wahl ließ zwischen Rom und 
Fr. David Strauß, und soeben in einer Schrift Irenikon kurzab be- 
hauptet hatte, die Kirche stehe über dem Staate. Da galt es denn die 
Neuwahl zu beschleunigen. Der Papst mahnte dazu, ohne bei der Krone 
anzufragen, und der König in seiner unerschöpflichen Gutmütigkeit ge- 
stattete dem Kapitel für diesmal, eine Kandidatenliste aufzustellen, was 
allem Recht und Brauch zuwiderlief.**) Zum Danke erlaubten sich die 
Domherren ein schmutziges Ränkespiel, wie es nur unter Klerikern möglich 
ist, und nannten schließlich nicht weniger als zwölf Kandidaten, von denen 
die Mehrzahl dem Domkapitel selbst angehörte; die hochwürdigen Kon- 
fratres hatten einander also wechselseitig gewählt.“*) Nun endlich begann 
Graf Brühl, der die Breslauer Verhältnisse genau kannte, Unrat zu 
wittern. Er fürchtete nicht gerade einen neuen Gewaltstreich des Papstes, 
„weil es weit mehr im Geiste der hiesigen Politik liegt, in eine unbewachte 
Offnung hineinzuschleichen, als keck Bresche zu legen und sie mit Gewalt 
zu erstürmen.“ Doch wenn das Kapitel sich nicht rechtzeitig einigte, so 
konnte der Papst nach dem Rechte der Devolution selber den Bischof er- 
nennen, und was ließ sich dann wieder erwarten? Darum riet Brühl 
dringend, die Krone müsse jetzt Ernst zeigen: mündliche Verhandlungen 
mit den einzelnen Domkapitularen nützen gar nichts, sie werden einfach 
*) Kabinettsordre an Eichhorn, 19. Dez. 1840. 
**) Gregor XVI., Breve an das Breslauer Domkapitel, 21. Nov. 1840; Kabinetts- 
ordre an Eichhorn, 24. Febr. 1841. 
**) Eichhorns Bericht an den Konig, 15. April 18141.
        <pb n="302" />
        294 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
abgeleugnet!*) In der Tat befahl der König höchst ungnädig eine kano— 
nische Wahl mit Stimmenmehrheit, das Domkapitel bat demütig um Ver— 
zeihung, und nach verschiedenen neuen Winkelzügen wurde schließlich 
(August 1841) der von der Krone als genehm bezeichnete Prälat Knauer 
gewählt, freilich ein hochbejahrter Herr, der dies zerrüttete Bistum 
schwerlich bemeistern konnte. **) 
In allem und jedem suchte der König die Gefühle des Papstes zart, 
fast ängstlich zu schonen. Als das Bistum Jerusalem gegründet wurde, da 
ließ er in Rom — was einem evangelischen Monarchen doch übel anstand 
— ausdrücklich versichern, damit sei keinerlei Feindseligkeit gegen die katho- 
lische Kirche beabsichtigt. **) Wie tief mußte es ihn also verwunden, daß 
ihm die Kurie überall, selbst in unpolitischen Dingen nur Mißtrauen und 
Mißwollen zeigte. Schon als Kronprinz hatte er den Wohnsitz der preu- 
ßischen Gesandtschaft, den Palast Caffarelli auf dem Kapitol durch Bunsen 
kaufen lassen. Gregor aber wollte nicht vergessen, daß Bunsen sich einst 
übermütig vermessen hatte, hier an dem Felsen des Kapitols solle die 
Macht des Papsttums zerschellen;é) ihm kochte das Blut, so oft er 
hinüberschaute nach dem Hügel drüben, wo die Ketzerei à la barbe du 
pape gepredigt wurde — so sagten die Kardinäle; auch war es den Ita- 
lienern nicht zu verdenken, wenn sie diese Stätte uralter nationaler Er- 
innerungen nur ungern im Besitze einer fremden Gesandtschaft sahen. 
Gleich nach Bunsens Abberufung beschwerte sich Lambruschini bei dem 
Residenten Buch heftig, weil die evangelische Gemeinde auch nicht zur 
Gesandtschaft gehörige Personen aufnähme, weil Preußen gewagt hätte, 
ohne Erlaubnis des Papstes sein archäologisches Institut auf dem tarpe- 
jischen Felsen, ja sogar ein evangelisches Krankenhaus zu gründen — 
und was der Klagen mehr war.LêsMit Mühe konnte Buch den Er- 
grimmten halb beschwichtigen. Nach dem Thronwechsel aber trat die Kurie 
plötzlich gar mit der Behauptung hervor: der Verkauf des Palastes 
Caffarelli bestehe nicht zu Recht. Da brauste der König auf, dem der 
Besitz dieser herrlichen Stelle recht eigentlich Herzenssache war. „Ich 
betrachte“, so schrieb er an Brühl, „den Palast als mein Eigentum. Er 
war bezahlt und übergeben. Nach den Gesetzen aller Länder ist er mein. 
Ebenso nach dem Gebrauche aller Länder, mit Ausnahme der Türkei 
und, wie die Erfahrung gelehrt hat, des päpstlichen Gebiets.“ Er ver- 
bot also jede Nachgiebigkeit, denn jetzt am wenigsten sei für ihn der Augen- 
blick zu neuen Opfern, da 9 Mill. Evangelische ihm schon zürnten wegen 
*) Brühls Berichte, 25. Febr., 19. Juli 1841. 
**) Kabinettsordres an Eichhorn, 23. April, 30. Juni; Eingabe des Domkapitels 
an Eichhorn, 16. Juni; Berichte des Oberpräsidenten Merckel, 19. Juni, 27. Aug. 1841. 
*“) Werther, Weisung an Brühl, 16. August 1841. 
S. o. III. 414; IV. 704. 
f#) Lambruschini an Buch, 10. Juni; Buchs Bericht, 23. Juni 1838.
        <pb n="303" />
        Palast Caffarelli. 295 
der beiden großen Opfer: der Rückkehr Dunins und der Abdankung 
Sedlnitzkys. „Dagegen“, so schloß er, „kann die Evakuation des Kapitols 
gar bald vor sich gehen, dann aber nicht um eine andere Wohnung, son— 
dern um keine jemals wieder zu beziehen, was vielleicht zur größten Satis- 
faktion beider Teile geschehen wird.““) Solche Drohungen aus dem 
Munde des gutherzigen Monarchen konnten wenig wirken, und leider 
stellte sich auch bald heraus, daß wieder einmal ein idealer Geniestreich 
Bunsens vorlag. Der phantasiereiche Diplomat hatte in Wahrheit nur 
einen Censo, einen kündbaren Rentenvertrag mit Vorkaufsrecht, abge- 
schlossen; überdies war ein Teil des Palastes Fideikommiß und der Eigen- 
tümer Herzog Caffarelli wurde bald nachher als Verschwender unter 
Kuratel gestellt. 7) Die Kurie besaß also der Waffen genug, um den Ver- 
trag anzufechten, und es bedurfte noch sehr langwieriger, widerwärtiger 
Unterhandlungen, bis die Krone Preußen sich endlich in Sicherheit ihres 
teuer erworbenen Besitztums erfreuen konnte. 
Ebenso zäh zeigten sich die beiden Erzbischöfe in Geldsachen. Dunin 
verlangte nachträglich Diäten für seinen Berliner Aufenthalt, den er einst 
auf Befehl des verstorbenen Königs angetreten, dann aber durch seine 
Flucht eigenmächtig abgebrochen hatte; die Kosten dieser Flucht stellte er 
großmütig nicht in Rechnung. Seine Forderung wurde bewilligt.) 
Hierdurch ermutigt, verlangte Droste nachher Erstattung der 12 000 Tlr., 
die ihm während der vier Jahre seine Abwesenheit zur Besoldung des 
Generalvikars von seinem Gehalte abgezogen worden waren. Das war 
mehr, als Bodelschwingh ertragen konnte; er beschwor den König, die 
Nachsicht gegen den Halsstarrigen nicht zu weit zu treiben. Auch Mühler 
und Eichhorn erklärten: ein Rechtsanspruch sei nicht zuzugeben, höchstens 
im Wege der Gnade könne die Erstattung erfolgen#f); und so geschah sie 
denn auch, Friedrich Wilhelms Großmut gegen die römische Kirche kannte 
keine Grenzen. Das Verfahren wider die beiden Erzbischöfe hatte ins- 
gesamt 21 754 Tlr. 25 Sgr. 3 Pf. gekostet. Indem der König diese 
Rechnung gut hieß, befahl er zugleich, daß man in Zukunft für geheime 
polizeiliche Dienste nicht Privatpersonen, sondern Beamte von ungewöhn- 
licher Ehrenhaftigkeit verwenden solle.—))Damit berührte er die faulste 
Stelle dieses unseligen Bischofsstreites, der das Volk der katholischen Pro- 
vinzen tief entsittlicht, ein ganzes Heer von Denunzianten hervorgerufen 
hatte. Capaccini selbst erzählte dem Grafen Brühl mit Ekel, was für 
nichtswürdige geheime Berichte über den preußischen Hof wie über einzelne 
Personen Tag für Tag im Vatikan einliefen.F) Um sich gegen dies 
*) König Friedrich Wilhelm an Brühl, 17. Sept. 1840. 
**) Brühls Bericht nebst Denkschrift, 6. Sept. 1841. 
*“*) Dunin an Eichhorn, 27. Mai; Eichhorns Bericht. 6. Juli 1841. 
) Berichte von Eichhorn 10. März, von Mühler und Eichhorn 15. Juni 1842. 
) Kabinettsordre an Wittgenstein, Bodelschwingh, Arnim, 1. Aug. 1842. 
f# ) Brühls Bericht, 3. Sept. 1840.
        <pb n="304" />
        296 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Treiben der Klerikalen zu decken, hatte auch die Regierung selbst oftmals 
unsaubere Mittel angewendet. 
Der neue Kölner Koadjutor Johannes Geissel teilte, wie die ge— 
ängsteten Domherren richtig gewittert hatten, durchaus die Gesinnungen 
Drostes; nur war er klüger, jünger, gewandter und darum für diese 
schwache Staatsgewalt weit gefährlicher. Er hatte schon in jungen Jahren 
an dem Mainzer „Katholiken“, der ersten Zeitschrift der wiedererstehenden 
ultramontanen Partei eifrig mitgearbeitet, ) nebenbei auch als Dillettant 
in Dichtkunst und Geschichte ein leichtes Formtalent bewährt und sodann 
die Diözese Speier sehr geschickt verwaltet. Als geborener Pfälzer kannte 
er dies überwiegend protestantische, alles Pfaffentum verabscheuende 
Volk genau und hütete sich, Unfrieden zu erregen. Eine stattliche Prälaten- 
gestalt, wohlbeleibt, mit funkelnden Augen, die zugleich Herrschsucht und 
Verschlagenheit verkündeten, wußte er seine Würde so wohl zu bewahren, 
daß er selbst während der abgeschmackten Umkleidungen beim Hochamte 
niemals lächerlich erschien; in Gesellschaft bewegte er sich mit der Frei- 
heit des lebensfrohen Weltmannes und verstand meisterhaft, das leichte 
Gespräch für diplomatische Berechnungen auszunutzen. Ein rechter Preuße 
ward er nie, weil er trotz der Gnade des Königs doch den protestantischen 
Geist dieses Staates herausfühlte; der Gottesstaat der alleinseligmachenden 
Kirche blieb sein Vaterland. Nach einer Unterredung mit Brühl, der 
von dem milden, grunddeutschen Sinne des Prälaten ganz entzückt war?), 
und nach einem peinlichen Besuche bei dem unwirschen alten Erzbischof 
erschien Geissel um Neujahr 1842 in Berlin, wo er mit hohen Ehren 
aufgenommen wurde und alsbald verlangte, den Huldigungseid in die 
Hand des Monarchen selbst abzulegen. Solche Förmlichkeiten hatte der 
alte König stets seinen Kommissaren überlassen, weil er es ungerecht fand, 
den katholischen Bischöfen, die an Würden und Ehren schon so viel mehr 
genossen als die Geistlichen der evangelischen Landeskirche, auch noch einen 
Vorzug zu gestatten, der keinem anderen Untertan der Krone eingeräumt 
wurde. Der Sohn aber gewährte die Bitte unbedenklich. 
In seinen Gesprächen mit dem Könige und dem Kultusminister wußte 
Geissel noch eine lange Reihe kirchlicher Anliegen wirksam vorzutragen. 
Er wünschte unter anderem unbeschränkte Herrschaft über das Priester- 
seminar und Entfernung der letzten Hermesianer von der rheinischen Hoch- 
schule; er verlangte sogar die Entlassung des Kurators der Bonner Universi- 
tät Rehfues, der während des Bischofsstreites die Eingriffe Drostes nach 
seiner Amtspflicht zurückgewiesen und nachher die Kirchenpolitik des alten 
Königs in einer verständigen, streng sachlich gehaltenen Flugschrift ver- 
teidigt hatte. **') Da Geissel diese Schrift doch nicht zu nennen wagte, 
*) S. o. III. 210. 
**) Brühls Bericht an den König, Koblenz, 8. Nov. 1841. 
***) S. o. IV. 718.
        <pb n="305" />
        Geissel. Freier Verkehr mit Rom. 297 
so berief er sich auf Rehfues' historische Romane, die sich über die Greuel 
des spanisch-italienischen Mönchslebens, der Wahrheit gemäß, sehr aufrichtig 
aussprachen. Dies genügte, und der geistvolle Romandichter mußte fortan 
auf seiner schönen Rosenburg bei Bonn in unfreiwilliger Muße leben. 
So weit war die Staatsgewalt bereits eingeschüchtert: ein protestantischer 
königlicher Kurator wurde entlassen, weil seine Dichtungen einem katholischen 
Bischof nicht gefielen. Am Hofe lobte jedermann den milden neuen Erz- 
bischof in partibus, der auch von dem Münchener Nuntius als „Friedens- 
apostel“ warm empfohlen wurde.) Geissels erster Hirtenbrief aber war, 
sanfter in der Form, doch ganz im Geiste des Vorgängers gehalten. Zu 
gleicher Zeit wurde die einst bei Drostes Verhaftung erlassene Bekannt- 
machung amtlich zurückgenommen; und nun erst, am 9. März sendete 
der griesgrämige alte Erzbischof, der bis zuletzt noch „preußische Kniffe“ 
befürchtet hatte, nachträglich auch seinen Hirtenbrief: dem Moyses, dem 
Freunde Gottes nachahmend“ hob er seine Hände betend zum Himmel 
und übergab die Herde dem neuen Oberhirten. 
Unterdessen hatte die Krone auch die anderen dem römischen Stuhle 
gegebenen Zusagen eingelöst. Zu Neujahr 1841 gewährte sie den Bischöfen 
freien Verkehr mit dem Papste und ermäßigte das Recht des Plazet 
dergestalt, daß fortan lediglich die den Staat berührenden Erlasse der 
kirchlichen Behörden der Anzeigepflicht unterlagen. Sie verzichtete damit 
lediglich auf veraltete, unwirksame Rechte; bei der Abdankung Sedlnitzkys 
hatte sie ja soeben erst mehrmals erfahren, wie leicht sich das Plazet in 
diesem Zeitalter freien Weltverkehrs umgehen ließ. Den Bischöfen brachte 
die neue Freiheit im Grunde nur Belästigungen; denn bisher hatte 
ihnen die königliche Gesandtschaft die allezeit umständlichen vatikanischen 
Geschäfte stets gut und pünktlich besorgt, jetzt mußten sie in Rom eigene 
Agenten dafür halten, die sich nicht immer bewährten.“) Immerhin 
blieb es eine kühne Tat hochherzigen Freisinns, daß der König freiwillig 
einem Hoheitsrechte entsagte, das von den meisten anderen Landesherren, 
auch den katholischen, noch festgehalten und von der vorherrschenden libe- 
ralen Staatslehre als unentbehrlich angesehen wurde. Mit der Be- 
teuerung ewiger Dankbarkeit und unverbrüchlicher Treue begrüßten seine 
Landesbischöfe diesen „großartigen Beweis königlichen Vertrauens.“ 
Weit folgenreicher wurde die Errichtung der katholischen Abteilung 
im Kultusministerium, am 14. Februar 1841. Dererste Vorschlag dazu 
war einst von Württemberg ausgegangen und von dem alten Könige 
genehmigt worden.) Der Nachfolger erweiterte den ursprünglichen Plan; 
*) Nuntius Viale Prela an Brühl, 11. Febr. 1842. 
**) Brühls Bericht, Rom 3. Aug. 1841 
*77) Dankbriefe an Eichhorn, von den Bischöfen und Bistumsverwesern von Münster 
13. Jan., Culm 13. Jan., Trier 16. Jan., Paderborn 18. Jan., Köln 20. Jan. 
1841 usw. ) S. o. IV. 713.
        <pb n="306" />
        298 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
er wollte, wie er seinem Kultusminister von vornherein erklärte, um 
beiden Kirchen Selbständigkeit zu gewähren, einerseits ein evangelisches 
Oberkonsistorium bilden, andererseits die katholischen Bischöfe zu regel— 
mäßigen Konferenzen in Berlin versammeln; daneben sollten die kleinen 
laufenden Geschäfte der Kirchenpolitik durch die neue katholische Ministerial- 
abteilung besorgt werden. Jenes Oberkonsistorium kam aber, dank den 
Parteikämpfen der evangelischen Kirche, in den nächsten Jahren noch nicht 
zu stande; mithin konnte auch die Bischofskonferenz noch nicht berufen 
werden, das hätte die Protestanten zu tief beleidigt. So ergab sich denn 
fast von selbst, daß die anfangs der Bischofskonferenz zugedachten Be- 
fugnisse tatsächlich auf die katholische Abteilung übergingen. Die Bischöfe 
behandelten diese Abteilung als eine kirchliche Behörde, sie traten mit 
den katholischen Geheimen Räten in vertraulichen Verkehr, sendeten 
ihnen Gutachten, Ratschläge, Weisungen, suchten die Pläne der Kirche 
unmittelbar im Ministerium selbst durchzusetzen. Dies geheime Treiben 
begann sofort, mit großer Dreistigkeit; denn schon während der ersten 
römischen Verhandlungen hatte Friedrich Wilhelm durch Graf Brühl die 
unglaubliche Zusicherung erteilen lassen: er würde, wenn das Verhältnis 
zur Kurie sich freundlich gestaltete, in die katholische Abteilung nur solche 
Männer berufen, die sich des Vertrauens des Papstes erfreuten.) Die 
Behörde also, welche die Hoheitsrechte der Krone Preußen gegenüber der 
Kirche zu wahren hatte, sollte aus Vertrauensmännern der römischen Kurie 
bestehen! Harmloser hatte noch nie ein Staat seine Souveränität dem 
römischen Stuhle preisgegeben. 
Den Vorsitz erhielt Unterstaatssekretär v. Düesberg, ein Jugendfreund 
und Waffengefährte des frommen Diepenbrock, also gut katholisch, aber 
nicht klerikal gesinnt; er behielt sein Amt jedoch nur kurze Zeit. Der 
alte Schmedding, der sich bei hochkirchlicher Gesinnung doch auch manche 
gute Traditionen des altpreußischen Beamtentums bewahrte, besaß keinen 
Einfluß. Die Seele der neuen Behörde war jener Westfale Aulicke, der 
schon die Verhandlungen wegen Dunins Rückkehr geführt hatte ?), ein 
erklärter Ultramontaner. Der fühlte sich stolz als der berufene Ver- 
treter der römischen Kirche und sagte klagenden Geistlichen oft geradezu: 
der Herr Bischof erlaubt das nicht. Das katholische Schulwesen leitete 
Cornelius' Schwager, Geh. Rat Th. Brüggemann aus Westfalen, ein 
ausgezeichneter Schulmann und treuer Patriot, beredt, geschäftsgewandt, 
hochgebildet. Er hatte sich einst zu den Hermesianern gehalten und von 
den rheinischen Ultramontanen manche Anfeindungen erfahren. Mit den 
Jahren wendete er sich gleich seinem großen Schwager streng römischen 
Anschauungen zu; es genügte ihm bald nicht mehr, daß die katholischen 
  
*) Brühls Bericht, Rom 1. Sept. 1840. 
*“) S. o. V. 38.
        <pb n="307" />
        Die katholische Abteilung. 299 
Schulen, die doch gerade in Preußen meist Schöpfungen des Staates waren, 
fast überall unter geistlichen Inspektoren standen, er verlangte für die Kirche 
sogar ein förmliches Recht der Schulaufsicht, das dem Landrechte wider- 
sprach. Mit der mächtigen Hilfe des Hofes wagte auch der katholische 
Adel Posens und der westlichen Provinzen einen Fuß in den Bügel zu 
setzen, und nicht lange, so saß er fest im Sattel des Ministeriums; im 
Palaste Radziwill wurden die meisten Maßregeln der katholischen Ab— 
teilung vorbereitet. 
Also bildete sich bald ein krankhafter, unwahrer Zustand, der früher 
oder später neue Kämpfe hervorrufen mußte: die grundsätzlich unduld— 
same Macht der alleinseligmachenden Kirche besaß eine eigene Vertretung 
mitten im Schoße dieser paritätischen Staatsregierung, die ohne kirchlichen 
Frieden nicht zu leben vermochte. Einen Nuntius freilich wollte der König 
keinenfalls in seiner Hauptstadt zulassen, obgleich man im Vatikan diesen 
Wunsch oft sehr lebhaft aussprach.“) Durfte ein evangelischer Monarch 
einem römischen Priester den Vortritt im diplomatischen Korps einräumen, 
den der Papst für seine Nuntien überall verlangte? durfte er dulden, daß 
sich die Unzufriedenen aus allen katholischen Provinzen um den Sendboten 
Roms scharten? Solche Fragen drängten sich selbst dem arglosen Fried— 
rich Wilhelm auf. Den Ausschlag gab, daß er den Plan seiner Bischofs- 
konferenzen noch immer festhielt; traten diese erst regelmäßig zusammen, 
so wurde der Nuntius überflüssig. Darum blieb der König diesmal un- 
erschütterlich; und als die Zeitungen der beunruhigten Protestanten gleich- 
wohl beständig von dem kommenden Nuntius redeten, da befahl er hoch- 
erzürnt, diese abscheulichen Gerüchte Schlag für Schlag zu widerlegen“.) 
Bei solcher Luft schoß der Weizen der ultramontanen Partei rasch 
in Halme. Die letzten Hermesianer wendeten sich noch einmal nach Rom; 
da Gregors Nachfolger Pius IX. jedoch das Verdammungsurteil seines 
Vorgängers bestätigte, so mußten sie fortan ihre Lehrtätigkeit einstellen. 
Der Staat konnte sie nur im Besitze ihres Amtes und Einkommens schützen, 
weil die dogmatische Streitfrage ihn nicht berührte; und so standen denn 
die beiden einzigen, die sich nicht unterwarfen, die Professoren Braun 
und Achterfeldt viele Jahre hindurch in jedem Bonner Lektionskataloge ver- 
zeichnet mit dem wehmütigen Zusatze: lectiones nullas habere pergent. 
Geissel aber begnügte sich nicht mit dem Rechte des Einspruchs, das den 
Bischöfen bei der Ernennung theologischer Professoren gesetzlich zustand; 
er behauptete schon bei seinem ersten Berliner Besuche, der Bischof sei 
befugt, den Professoren eine missio canonica zu erteilen, das will sagen: 
er wollte diese Staatsbeamten selbst ernennen und dem Staate lediglich 
erlauben, die Besoldungen zu zahlen. Die missio canonica war, wie 
  
*) Brühls Berichte, 3. Sept. 1840 ff. 
*') Entscheidung des Königs auf Thiles Bericht vom 8. März 1847.
        <pb n="308" />
        300 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Schmedding sagte, eine „formal nagelneue Erfindung“; sie widersprach nicht 
nur den Staatsgesetzen, sondern auch dem kanonischen Rechte, denn noch 
niemals hatte die Kirche bisher die Universitäten, die ja dem ganzen katho- 
lischen Deutschland dienen sollten, bloß als Diözesananstalten behandelt. 
Trotzdem und trotz den Bedenken Eichhorns fand der König die Zu- 
mutung ganz unverfänglich. Bald nachher beanspruchte der dankbare Dunin 
die Ernennung aller Religionslehrer in seiner Diözese, und auch dieser 
Anmaßung gab die Krone zuletzt im wesentlichen nach. Eine Kabinettsordre 
vom 6. Nov. 1846 bestimmte, daß der Minister sich mit dem Bischof 
über die Person jedes neu zu berufenden Religionslehrers verständigen, 
darauf der Bischof die kanonische Mission erteilen, und dann erst der 
Staat die Ernennung vollziehen solle. 
Über die Gesinnung des neuen rheinischen Oberhirten konnte bald 
kein Zweifel mehr bestehen. Geissel beeilte sich zwar als gewandter Hof- 
mann den murrenden rheinischen Adel zu beschwichtigen, dem der halbe 
Sieg in dem Bischofsstreite noch immer nicht genügte. Er weigerte sich 
aber Diepenbrock zu seinem Dompropste zu ernennen, obgleich ihn der 
König dringend darum ersuchen ließ*); der Regensburger Domherr war 
ihm zu friedfertig und wohl auch zu bedeutend für einen Untergebenen. 
Als vertraute Ratgeber dienten ihm erst jener Kanonikus Iven, dem der 
Payst einst eigenmächtig die Verwaltung des Erzbistums übertragen hatte, 
nachher der Weihbischof Baudri, beide erklärte Anhänger der strengen 
ultramontanen Partei. Von derselben Farbe war auch der auf Geissels 
Vorschlag ernannte neue Bischof von Speier, der Begründer des Mainzer 
„Katholiken“ Weis. Wie gänzlich verkannte doch der König die Zeichen 
der Zeit, wenn er arglos hoffte, die römische Kirche würde ihrer Ver- 
weltlichung bald entwachsen. Noch niemals seit den Zeiten Tezels hatte 
der Klerus unseres Westens so wie jetzt in pomphaften Festlichkeiten ge- 
schwelgt. Auf das Kölner Domfest folgte die Ausstellung des heiligen Rocks 
in Trier; dann wurden in Aachen die Windeln des Christkindleins dem gläu- 
bigen Volke gezeigt, bräunliche Fetzen, von denen selbst Baudri meinte, ihre 
Echtheit sei zweifelhaft, unzweifelhaft aber ihre Heiligkeit; darauf feierte man 
zu Münster mit unerhörtem Prunk das Jubiläum des greisen blinden 
Bischofs Caspar Max Droste, und überall war Geissel mit dabei. 
Der heranwachsende rheinische Klerus zeigte, dank den trefflichen 
Unterrichtsanstalten des preußischen Staates, mehr Bildung als das ältere 
Geschlecht, und seit dem Domfeste auch oft ein warmes Verständnis für die 
alte kirchliche Kunst; dem Erzbischof gegenüber bekundete er aber gar keinen 
eigenen Willen mehr. Die zahlreichen Sukkursalpfarrer des linken Rhein- 
ufers, die nach dem schlechten französischen Brauche keine festen kanonischen 
Pfründen besaßen, standen ganz in Geissels Hand; und auch die in ihrem 
  
*) Thile an Eichhorn, 24. Juni 1842.
        <pb n="309" />
        Diepenbrock. 301 
Amte besser gesicherten Pfarrer des rechten Ufers wußte er durch eiserne 
Disziplin niederzuhalten. Er gehörte nicht förmlich dem Jesuitenorden an 
wie sein Freund Reisach; doch in rein jesuitischem Geiste ließ er das Bonner 
Konvikt durch Professor Martin leiten. Die Seele der Bonner Fakultät 
war der aus Speier mit herübergekommene Schwabe Dieringer, ein Theolog 
von geringer wissenschaftlicher Bedeutung, aber unschätzbar als rühriger 
ultramontaner Parteimann. Da die katholische Abteilung des Ministe- 
riums gern ein Auge zudrückte, so entstand in der Stille eine Reihe von 
Klöstern ohne die gesetzlich notwendige Genehmigung des Landesherrn. 
Geissel wollte die politische Herrschaft, die der Klerus am Rhein so lange 
behauptet hatte, durch eine ebenso wirksame soziale Herrschaft ersetzen. 
Weithin über das Land spannte sich nach und nach ein dichtes Netz von 
katholischen Genossenschaften aller Art, die für Krankenpflege und Armen- 
versorgung manches Gute wirkten, immer aber ein hartes konfessionelles 
Gepräge trugen; bald traten auch rein gesellige, offen oder insgeheim von 
Geistlichen geleitete Vereine hinzu. Der Verkehr zwischen den beiden Kon- 
fessionen beschränkte sich mehr und mehr auf das geschäftliche Leben; der 
Haß gegen die Protestanten wurde den katholischen Familien durch die 
Beichtväter so nachdrücklich eingeschärft, daß nur noch selten evangelische 
Dienstboten bei katholischen Herrschaften Aufnahme fanden. 
Etwas erfreulicher gestalteten sich die kirchlichen Zustände in Schlesien. 
Da der neue Fürstbischof Knauer schon nach kurzer Zeit, 1844 starb, 
so wurde dem Könige die Freude, daß Melchior Diepenbrock den fürst- 
bischöflichen Stuhl bestieg, der edelste Charakter unter den deutschen Kirchen- 
fürsten dieser Zeit. Friedrich Wilhelm hatte den frommen Westfalen 
schon 1840 in Regensburg durch seinen Radowitz, bei Gelegenheit der 
militärischen Rundreise besuchen lassen und seitdem nicht mehr aus den 
Augen verloren. Wohl zeigte schon Diepenbrocks Einzug, wie gründlich 
das kirchliche Leben verwandelt war. Der katholische Adel bereitete dem 
Oberhirten prächtige Huldigungen, wie man sie unter preußischer Herr- 
schaft noch nie erlebt hatte. Und stolz genug schritt er einher, eine große, 
schlanke, würdevolle Gestalt mit schönen, schwärmerischen Augen; jede 
Miene verkündete, wie hoch erhoben er sich jetzt über allen Laien fühlte. 
Keine Macht der Welt konnte ihn in der strengsten Erfüllung seiner kirch- 
lichen Pflichten beirren: den Fürsten Hatzfeldt, an dessen Seite er soeben 
in Breslau eingefahren war, exkommunizierte er kaum zwei Jahre später, 
weil der Fürst sich inzwischen von seiner Gemahlin getrennt und eine 
neue Ehe geschlossen hatte. Auch die klerikalen Strömungen der Zeit 
ließen ihn nicht ganz unberührt; es währte nicht lange, so verlangte er 
wie Geissel das Recht, den theologischen Professoren der Landesuniversität 
die kanonische Mission zu erteilen. Aber unendlich höher als die Macht 
seiner Kirche stand ihm doch der lebendige Geist des Christentums. Als 
er nach der Bischofsweihe majestätisch vor den Altar trat und den Stab
        <pb n="310" />
        302 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
dröhnend auf die Marmorstufen stemmte, mit dem Ausrufe: Und so setze 
ich denn meinen Hirtenstab auf den ewigen Urfelsen, der da ist Christus 
— da meinten viele der anwesenden Protestanten, das klänge mehr evan— 
gelisch-christlich als römisch. Er war tief gläubig, ganz durchglüht von 
religiöser Empfindung, und dabei ein guter Preuße, der trotz seiner ge— 
mütlichen Anhänglichkeit an das Bayerland den alten königlichen Offizier 
nie verleugnete und seine Staatstreue auch in schwerer Zeit furchtlos 
bewährte. Die Branntweinpest unter den oberschlesischen Polen bekämpfte 
er nicht bloß durch Enthaltsamkeitsvereine, sondern durch das allein wirk— 
same Mittel, durch gesundes Bier, das er von herbeigerufenen bayrischen 
Brauern herstellen ließ; und als die Hungersnot im Gebirge ausbrach, 
da waren seine barmherzigen Brüder überall zur Stelle. Nach der Kon— 
fession wurde bei solchen Liebeswerken nie gefragt. Begreiflich, daß der 
König ihn liebte. Wenn er nach Erdmannsdorf kam, bat er den Fürst— 
bischof stets zu Gaste in den engsten Familienkreis, und obwohl Friedrich 
Wilhelm dem Protestantismus nie untreu werden wollte, so fiel es doch 
allgemein auf, daß er keinem evangelischen Geistlichen je so viel Ver— 
ehrung erwies wie diesem katholischen Prälaten. 
Die Niederlage der Krone in dem Kirchenstreite erregte unter den 
Protestanten nicht so allgemeinen Zorn, wie Friedrich Wilhelm selbst ge— 
fürchtet hatte. Die Staatsgesinnung war noch wenig durchgebildet, das 
Schlagwort der Kirchenfreiheit übte noch seinen berückenden Zauber; die 
Liberalen schalten wenig, weil ihre Lieblinge, die Rheinländer zufrieden 
waren und die Sonne ja noch immer im Westen aufging; dem jungen 
Radikalismus endlich schienen alle kirchlichen Fragen lächerlich. Indes 
fehlte es nicht ganz an warnenden Stimmen. Der treue Arndt, der am 
Rhein längst heimisch geworden und dort seinen anerzogenen schwedisch— 
lutherischen Vorurteilen entwachsen war, sagte doch jetzt in seinem Auf— 
satze „Ein paar deutsche Notabene“ rund heraus: „Die Jesuiten sind 
wieder da, und sie werden, wie immer, deutsche Liebe und deutsche Treue 
zerhadern und zersplittern!“ Als Graf Anton Stolberg im Mai 1844 
die westpreußischen Domänen bereist hatte, gestand er dem Monarchen 
ehrlich: die katholischen Polen träten hier überall höchst übermütig auf 
und sagten laut: heute muß man katholisch sein, um bei Hofe etwas zu 
gelten.“) Auch König Wilhelm von Württemberg zeigte sich besorgt; er 
erwog mit dem preußischen Gesandten Rochow oftmals die Frage, ob die 
protestantischen Fürsten Deutschlands nicht unter Preußens Führung zu— 
sammentreten sollten zur gemeinsamen Wahrung der Rechte ihrer Kirchen— 
hoheit. 
In der Tat hatte die ultramontane Partei schon fast alles erreicht, 
was ein paritätischer Staat irgend gewähren konnte. Einer ihrer Hitz- 
  
*) Stolbergs Bericht an den König, 16. Mai 1844.
        <pb n="311" />
        Triumph der Ultramontanen. 303 
köpfe, der konvertierte Franziskaner Gaßer, bereiste die süddeutschen Höfe 
und verkündete überall prahlerisch, am Berliner Hofe könne die römische 
Kirche alles durchsetzen. Die Klerikalen haben aber mit den radikalen 
Demokraten die Unersättlichkeit gemein, weil beide Parteien ein starres, dem 
ewigen Werden der Geschichte widersprechendes und darum unmögliches 
Prinzip vertreten. Noch immer nicht befriedigt forderten die Ultramontanen 
alsbald neue Rechte: zunächst die vor Jahren verheißene Ausstattung der 
Kirche mit liegenden Gründen. Auf dem rheinischen Landtage von 1843 
mahnten mehrere Redner stürmisch an das Versprechen Hardenbergs, das 
auch Bunsen in den letzten Tagen seiner römischen Wirksamkeit leichtfertig 
wieder in Erinnerung gebracht hatte; zum Glück war die alte Zusage jetzt 
unerfüllbar, da die Krone ohne Zustimmung der Reichsstände das Doma- 
nium nicht mehr schmälern durfte. Sodann verlangte man, daß an den 
beiden paritätischen Universitäten die Hälfte der Professoren, sogar der 
Mediziner stets aus Katholiken bestehen müsse — eine rein willkürliche und 
bei der geringen Anzahl der vorhandenen katholischen Gelehrten völlig un- 
ausführbare Forderung. Im letzten Hintergrunde stand endlich der Wunsch 
nach einer freien katholischen — das will sagen: ganz von der Kirche be- 
herrschten — Universität belgischen Stiles; um die eigentliche Absicht zu 
bemänteln, klagten die Ultramontanen beweglich, daß Bayern zwei katho- 
lische Universitäten besitze, das große Preußen keine einzige. Die Be- 
schwerde entbehrte jedes Grundes, da die beiden paritätischen Universitäten 
für die Bedürfnisse der katholischen Theologie vollkommen ausreichten. 
Aber bei einiger Klugheit konnte die Krone diesen immerhin wirksamen 
Anklagen leicht einen Riegel vorschieben, wenn sie die Münstersche Aka- 
demie, die von dem Fluche aller Halbheit doch nicht loskam, zu einer 
katholischen Staatsuniversität ausgestaltete und neben der katholisch-theo- 
logischen Fakultät dort noch drei weltliche, allen Bekenntnissen zugängliche 
Fakultäten einrichtete. Diese Waffe, die sich ganz von selbst darbot, wurde 
leider nicht gebraucht; offenbar fürchtete der König, daß die westfälischen 
Protestanten, die ja fast die Hälfte der Provinz ausmachten, sich dann 
ihrerseits beschweren würden. 
Wie mächtig das Selbstgefühl der Ultramontanen gewachsen war, 
das verkündete Görres 1842 in seiner Schrift: Kirche und Staat nach 
Ablauf der Kölner Irrung. Das Büchlein klang wie das Jubelgeheul 
eines die feindlichen Skalpe schwingenden Indianers. Der heißblütige 
Alte, dessen Leidenschaft mit den Jahren nur gewachsen war, redete jetzt 
geradezu von „dem rheinischen und westfälischen Adel katholischer Zunge!“ 
Kein Band der Volksgemeinschaft sollte zwischen den beiden Bekenntnissen 
mehr bestehen. Zum Abschluß seiner zahllosen politischen Wandelungen 
verherrlichte der Herausgeber des Rheinischen Merkurs nunmehrdie rhein- 
bündische Trias; er pries sein Bayern als den natürlichen Führer der kleinen 
Staaten, als die ausgleichende Macht zwischen den beiden Großmächten
        <pb n="312" />
        304 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
— dies Bayern, das eben jetzt wegen seiner ultramontanen Mißregierung 
fast von allen deutschen Höfen tief verabscheut wurde! 
Die letzten Ziele der Klerikalen enthüllte mit gewohnter Plumpheit der 
greise Clemens August Droste selbst in einem noch während seines Exils 
geschriebenen Buche „über den Frieden unter der Kirche und den Staaten“. 
Er führte hier nur näher aus, was er schon vor Jahren über „die Religions- 
freiheit der Katholiken“ geschrieben hatte. ) Das neue Buch war ebenso 
stümperhaft wie das alte, aber bedeutsam durch den Namen seines Verfassers, 
mehr noch durch seine erschreckende massive Offenherzigkeit, so daß Mar- 
heineke und andere evangelische Theologen sich gedrungen fühlten, sofort 
zu antworten. Hier wurde die römische Kirche kurzab für das Himmel- 
reich auf Erden erklärt und dem Staate nur ein Schutzrecht vergönnt, 
wie umgekehrt auch die Kirche befugt sein sollte, den Staat zu beschützen. 
Daraus ergab sich denn eine rein revolutionäre Staatslehre. Wie die 
Jakobiner einst ihre Menschenrechte allem positiven Rechte entgegengesetzt 
hatten, so unterschied Droste die mit der Natur des Staates gegebenen, 
auch die Kirche verpflichtenden „Staatsgesetze“ von den willkürlichen 
„Staaten= oder Landesgesetzen“ der Regenten, denen die Kirche keinen 
Gehorsam schulde. Frecher war die Doktrin der Revolution seit den 
Tagen des Konventes nicht mehr verkündet worden; denn mochten die 
einen betend ihre Hände falten und vor den Bildern der Heiligen knien, 
die anderen um den Freiheitsbaum tanzen — wer also ein erträumtes 
natürliches Recht über die Gesetze des lebendigen Staates stellte, zerstörte 
jedes Band der Treue und des Gehorsams im politischen Leben. Der 
Staat, so schloß Droste, muß der Kirche, der eigentlich die Herrschaft ge- 
bührt, mindestens die volle Gleichberechtigung gewähren, unbekümmert um 
die törichte Unzufriedenheit der Protestanten, die von ihrem Luther nur 
gelernt haben, der Unsittlichkeit, dem Vernunftstolze, dem Zweifel zu 
frönen. 
Mit diesem ehrlichen Glaubensbekenntnis trat der alte Kämpe der 
alleinseligmachenden Kirche von der politischen Bühne ab. Seinen Bischofs- 
sitz sah er niemals wieder, aber eine Pilgerfahrt nach Rom mochte er 
sich in seinem hohen Alter nicht versagen; dort wohnte er bei einem 
frommen westfälischen Buchdrucker und lebte, ohne nach den glänzenden 
Ehrenbezeigungen des Vatikans viel zu fragen, ganz seiner mönchischen 
Andacht. Und seltsam, dieser Mann, der in Prosa nie einen lesbaren 
Satz schreiben konnte, erlebte doch dann und wann Augenblicke poetischer 
Begeisterung. In solchen Stunden dichtete er das von den Kindern beider 
Bekenntnisse oft gesungene Lied „Stell' himmelwärts, stell' himmelwärts 
gleich einer Sonnenuhr dein Herz“; und noch deutlicher sprach der knor- 
rige Westfälinger sein innerstes Wesen aus in den Versen: 
  
*) S. o. III. 217.
        <pb n="313" />
        Drostes Ausgang. 305 
Es soll gleich einem Eichbaum stark 
Der Mann mit Stürmen ringen. 
Es soll ihm trotzig Bein und Mark 
Die Willenskraft durchdringen. 
Im Jahre 1845 starb er — eines jener blinden und dumpfen Werk— 
zeuge, welche die Vorsehung zuweilen für ihre unerforschlichen Pläne aus- 
wählt; unzweifelhaft ein historischer Charakter, denn mit seinem Namen 
verflicht sich das Gedächtnis einer der erfolgreichsten Wandelungen unseres 
Parteilebens. — 
  
Noch vernehmlicher als Drostes Buch redeten die Taten der ultra- 
montanen Partei in Bayern. Dort behauptete sie ein Jahrzehnt hindurch 
die unbeschränkte Herrschaft, und es gelang ihr, das Beste, was dieser 
Staat besaß, den kirchlichen Frieden von Grund aus zu verwüsten. „Lassen 
Sie Sich — so schrieb bald nach Sedlnitzkys Abdankung ein klerikaler 
Heißsporn des Breslauer Domkapitels — durch das Gerücht, in Bayern 
bereite sich eine kirchliche Reaktion vor, nicht irre machen. Die Wider- 
strebenden werden mit eisernen Ruten niedergehalten werden. Jetzt wo 
die weltliche und die kirchliche Macht den Entscheidungskampf auch hier 
in Deutschland beginnt, müssen die feindlichen Stützen brechen, und die 
Geschichte lehrt uns, daß der Sieg doch am Ende Rom bleibt.“) In 
der Tat war König Ludwig jetzt ganz in klerikalen Gedanken befangen. 
Nichts lag ihm ferner als der bewußte Plan, die Gleichberechtigung der 
Bekenntnisse zu stören, die er noch immer für ein Kleinod seines König- 
reichs ansah. Doch seit den pfälzischen Unruhen und dem stürmischen 
jüngsten Landtage hielt er die Rechte seiner Krone für gefährdet: „jetzt 
ist's noch Zeit; wie die Felswände an dem See ragen unerschütterlich, so 
stehe ich.“ Um die Krone zu retten, klammerte er sich fest an die neue 
politische Heilslehre der Klerikalen; in dem Kampfe zwischen Rom und der 
Revolution sah er fortan den Inhalt der Zeitgeschichte. Wenn er nach 
dem Vorbilde seines Ahnherrn, des Kurfürsten Max den deutschen Katho- 
lizismus mit starker Hand beschirmte, dann hoffte er nicht nur die Re- 
volution zu bändigen, sondern auch das zugleich geliebte und beargwöhnte 
Preußen zu überflügeln und nach dem mißlungenen griechischen Aben- 
teuer dem Hause Wittelsbach doch noch eine große europäische Macht- 
stellung zu gewinnen. 
Solange solche Ideen den unsteten Geist des Königs beherrschten, 
blieb Minister Abel für ihn der natürliche Ratgeber, ein geschäftskundiger, 
rastlos tätiger Bureaukrat von durchfahrender, brutaler Strenge, hart, 
  
*) Schreiben an den katholischen Propst von Berlin, 12. Juni 1841, von einem 
Mitglied des Breslauer Domkapitels (vermutlich Ritter). 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 20
        <pb n="314" />
        306 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
herrschsüchtig, rücksichtslos, im Landtage gefürchtet durch seine schlag— 
fertige, feurige Beredsamkeit. Aus Wetzlar gebürtig, war Abel einst als 
Rat der griechischen Regentschaft dem pfälzischen Protestanten Maurer 
bei seinen Reformgesetzen zur Hand gegangen und auch im Münchener 
Landtage für manche Forderungen des Liberalismus eingetreten. Noch 
erzählte man sich gern, wie stürmisch er damals mit seiner mächtigen 
Stimme gegen die Zensur gedonnert hatte, die morsche Krücke einer 
schwachen, die lähmende Fessel einer starken Regierung. Späterhin hatte 
er sich, tief erschüttert durch den Tod seiner geliebten frommen Gattin, 
von den alten Genossen schroff abgewendet und in der harten Autoritäts— 
lehre der Klerikalen seinen Frieden gefunden; bei grauendem Morgen, 
unbemerkt von der Welt, pflegte er fortan täglich vor einem Altare der 
Theatinerkirche betend zu knien. Zu keiner Zeit, schrieb er dem gleich— 
gesinnten Hurter, waren die Throne von so großen Gefahren umgeben, 
nur von der Kirche ist noch Heil und Rettung zu hoffen. Als er in die 
Regierung eintrat, da erschien es ihm wie ein Wink Gottes, daß fast im 
selben Augenblicke Droste-Vischering den Damm zerstieß und die ultra— 
montane Hochflut über Deutschland dahinrauschte. Er wollte kämpfen 
für Thron und Altar, so wie einst Haller diesen Kampf verstanden hatte. 
Was kümmerte es ihn in seinem fanatischen Tatendrange, daß er durch 
diese Politik das evangelische Drittel des bayrischen Volks gegen die Krone 
aufreizte und die Sicherheit aller deutschen protestantischen Dynastien ge— 
fährdete? Je ärger die Zustände im protestantischen Deutschland sich 
verwirrten, um so höher sollte das Gestirn der gläubigen Wittelsbacher 
steigen. Gewiß war Abel weit mehr ein Politiker als ein kirchlicher Eiferer, 
und da er überall den selbstherrlichen Willen seines katholischen Königs 
unerbittlich ausführte, so konnte es nicht fehlen, daß er unterweilen auch 
einzelne seiner klerikalen Freunde vor den Kopf stieß. Gleichwohl bewiesen 
die Ultramontanen schwarze Untreue, als sie den verhaßten und verrufenen 
Mann nach seinem endlichen Sturze in hellen Haufen verließen und 
verleugneten, als ob er nie zu ihnen gehört hätte. Denn ihm allein ver— 
dankten sie in Wahrheit, daß sie an der Isar eine Zeitlang so herrisch 
schalten konnten wie vormals in der Pfaffengasse des heiligen Reichs. 
Nirgends wußte man dies besser als in Rom. Sobald Abel ans 
Ruder kam, erkannte die Kurie sofort, jetzt sei der rechte Augenblick dem 
Klerus in Bayern ein ebenso behagliches Paradiesgärtlein einzurichten, 
wie in Belgien. Sie war sehr gut vertreten durch den Nuntius Viale 
Prela, einen geistreichen, liebenswürdigen Prälaten, der Deutschland kannte 
und liebte, aber als weltkluger Welscher über den Feuereifer seiner baju- 
varischen Gefolgschaft manchmal selbst erschrak. Nun fügte das gütige 
Schicksal, daß in den nächsten Jahren die meisten bayrischen Bistümer 
ihre Oberhirten verloren. Unter Abels freudiger Mitwirkung wurden über- 
all rüstige junge Kleriker von jesuitischer oder doch streng ultramontaner
        <pb n="315" />
        Abel und seine Anhänger. 307 
Gesinnung mit dem Hirtenstabe betraut: Weis in Speier, Stahl in 
Würzburg, Hoffstätter in Passau, Riedel in Regensburg. An der Spitze 
dieses jungen streitbaren Episkopats stand der Eichstädter Reisach; er wurde 
jetzt Koadjutor des greisen Erzbischofs von München, bald nachher dessen 
Nachfolger, und wie er einst mit großem theatralischem Erfolge, zur Er— 
bauung aller kindlichen Gemüter, als pilgernder Kuttenmann in seine 
Wilibaldstadt eingezogen war, ebenso gewandt bewegte er sich nunmehr in 
der vornehmen Gesellschaft der Hauptstadt. Auf dem Lehrstuhle des Kirchen— 
rechts in München stand Phillips, der preußische überläufer, der sein 
verlassenes Vaterland mit unauslöschlichem Hasse bekämpfte; er lehrte be— 
reits, den Konzilien gebühre nur eine beratende Stimme, da die Kirche 
nur durch Petrus Kirche sei, und näherte sich also Schritt für Schritt 
dem Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit, in dem die klerikale Dia- 
lektik zuletzt notwendig ausmünden mußte. Der aus Würzburg neu be- 
rufene Lehrer des Staatsrechts May verkündigte in anständigerer Form 
dieselbe Lehre von der Civitas Dei, welche Droste-Vischering in seiner 
letzten Streitschrift verfocht; alle Befugnisse der Kirchenhoheit, alle Maje- 
stätsrechte des Staates galten ihm nur für Erfindungen einer pseudo- 
liberalen Theorie. 
Nicht umsonst ließ der alte Görres den Schlachtruf erschallen: „Hammer 
oder Amboß ist die Losung des Jahrhunderts!“ Überall in der Welt 
erhoben die Klerikalen neue, bisher unerhörte Forderungen. Die Mün- 
chener gelben Blätter verlangten kurzab freie Verfügung der Kirche und 
ihrer Hirten über die gesamte Wissenschaft und den Unterricht; mit 
einem Fußtritt sollten alle Segnungen des weltlichen deutschen Schul- 
wesens, die Arbeit dreier Jahrhunderte über den Haufen geworfen werden. 
Zugleich begann Graf Montalembert in der französischen Pairskammer 
hochbegeistert seinen Kampf gegen die Staatsschule. Dem ritterlichen 
Schwärmer stand außer Zweifel, daß die katholische Kirche nur die Königin 
oder gar nichts sein könne. Da die Härte der napoleonischen Unterrichts- 
ordnung, die geistlose Gleichförmigkeit der Lyceen, die Pedanterei „der Man- 
darinen der Universität“ in der Tat viele Blößen darboten, so glaubte 
er wirklich für die Freiheit zu kämpfen, wenn er die Schulen wieder in 
das Joch des Klerus spannen wollte und die Söhne der Kreuzfahrer er- 
mahnte, nicht zurückzuweichen vor den Söhnen Voltaires. Durch Geburt 
und Bildung halb Engländer halb Franzose hatte sich Montalembert 
kürzlich mit einer Tochter des belgischen ultramontanen Parteiführers Felix 
v. Merode vermählt, und dieser eigentümliche weltbürgerliche Zug der 
römischen Partei zeigte sich auch in dem Münchener Kreise. In der Hof- 
gesellschaft glänzten neben den alteingebürgerten ultramontanen Geschlech- 
tern Löwenstein, Arco, Cetto, Deuxponts, Rechberg, Seinsheim auch der 
unglückliche Minister Karls X. Fürst Polignac, die gleichgesinnten Rohans 
und das karlistische Haus Lichnowsky. Fürst Felix Lichnowsky erfreute sich 
207
        <pb n="316" />
        308 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
der besonderen Gunst Abels; ungestraft durfte er den durchreisenden Herzog 
von Nassau, wegen eines persönlichen Streites, zum Zweikampf heraus- 
fordern und mit der Reitpeitsche bedrohen; es währte Monate bis der 
protestantische Herzog die Ausweisung seines hitzigen Gegners durchsetzte) 
Zu den aristokratischen gesellten sich aber auch demagogische Ele- 
mente; denn es lag im Wesen dieses Bundes der Vorkämpfer Roms, daß 
er wie die Grenzen aller Länder, so auch alle politischen Parteien durchschnitt. 
Der alte Görres, der selber seine radikalen Neigungen nie ganz überwand, 
empfing in seinem gastlichen Hause neben französischen Legitimisten auch 
schweizerische Jesuiten und polnische Revolutionäre; dazu die sehr bunt ge- 
mischte Schar der ultramontanen Literaten: den an die halbamtliche 
Münchener Zeitung neuberufenen streitbaren Historiker Höfler, die Mit- 
arbeiter der Augsburger Zeitschrift Sion, nicht zuletzt die Getreuen der 
gelben Blätter, die, sonst gegen jedermann kampflustig, doch über die Ge- 
brechen der bayrischen Verwaltung nur selten und behutsam sprachen, weil 
sie den unentbehrlichen mächtigen Minister schonen mußten. Harmloser 
war die heitere Tafelrunde, welche das reiche „Schweizerfräulein“, die von 
Clemens Brentano angebetete, mit Cornelius, Ringseis, Diepenbrock be- 
freundete fromme Konvertitin Emilie Linder um sich zu versammeln 
pflegte; hier freute man sich noch an dem feinen Duft und Schmelz der 
alten romantischen Bildung. Solche mildere Gesinnungen vermochten 
aber nicht aufzukommen gegen den fanatischen Übermut, der in der 
Münchener Kongregation vorherrschte. Mit tiefem Schmerz empfand 
Möhler diese Wandlungen, der erste wissenschaftliche Kopf der deutschen 
katholischen Theologie. Er war, kurz bevor Abel ans Ruder kam, nach 
München berufen worden und hatte soeben erst, als er seine Symbolik 
wider die Angriffe Christian Baurs verteidigte, genugsam bewiesen, daß 
er den ehrlichen wissenschaftlichen Streit selbst mit einem überlegenen 
Gegner nicht scheute. Doch in die Bahnen des politischen Kampfes wollte 
er seine Kirche nicht einlenken sehen; ihm graute vornehmlich vor der 
ultramontanen Presse, vor „dem Schweife literarischer Niederträchtigkeit"“, 
der sich an die Kongregation ansetzte. Abel wußte mit dem feinfühligen. 
Gelehrten nichts anzufangen und versetzte den Kränkelnden plötzlich als 
Domherrn nach Würzburg; da wurde Möhler (1838) durch einen frühen 
Tod aus einer unhaltbaren Lage befreit. 
Vor allem war es der wütende Haß gegen Preußen, was die bureau- 
kratischen, die demagogischen und die aristokratischen Kräfte dieser Partei 
zusammenhielt. Darum zählte auch zu ihren rührigsten Mitgliedern der 
österreichische Gesandte Graf Senfft-Pilsach, jener sächsische Minister, der 
einst im Befreiungskriege vergeblich versucht hatte, seinen König in die Wege 
der Wiener Politik hinüberzudrängen und, inzwischen längst von dem Glauben 
  
*) Dönhoffs Berichte, 30. April, 14. Mai, 16. Juni 1840.
        <pb n="317" />
        Osterreich und die bayrischen Klerikalen. 309 
seines altprotestantischen Geschlechts abgefallen, der besonderen Gunst des 
Metternichschen Hauses genoß. Er unterhielt Verbindungen mit den Kleri— 
kalen aller Länder und pflegte sich mit seinem Freunde Abel meist schon bei 
der stillen Morgenandacht in der Theatinerkirche zu besprechen. Auch Met— 
ternich selbst begann nunmehr, gleich den beiden bayrischen Schwestern in 
Wien, einen lebhaften Briefwechsel mit dem Münchener Hofe; die Eifersucht 
auf den Zollverein und das aufstrebende Preußen ließ ihm keine Ruhe, nur 
durch die römische Kirche glaubte er den nordischen Nebenbuhler noch bändigen 
zu können. Im Herbst 1841 verweilte er mehrere Tage in München, wo er 
mit dem König und dem Nuntius viel verkehrte, durch den getreuen Jarcke 
sich die Häuptlinge der Kongregation vorstellen ließ und darauf nach Biebrich 
und Stuttgart kirchenpolitische Weisungen aussendete. ) Erstaunlich, wie 
tief der Alternde sich jetzt in kirchliche Anschauungen einlebte, die seiner 
lustigen Jugend so fremd gewesen; er trug kein Bedenken mehr, die rein 
römische Ansicht auszusprechen: ein Staat mit überwiegend katholischer 
Bevölkerung stehe in der Kirche, weil diese ja die allgemeine sei! Unter 
den klerikalen Schriftstellern gefiel ihm namentlich der roheste, Hurter. 
Der war, nachdem er noch jahrelang für Rom gearbeitet und sogar ein 
geheimes Breve des Papstes persönlich dem Erzbischof von Freiburg über- 
bracht hatte, endlich durch eine ehrliche Anfrage seiner Schaffhäuser Amts- 
brüder gezwungen worden, sein so schamlos entweihtes evangelisches Kirchen- 
amt niederzulegen, und darauf — wieder erst nach mehreren Jahren — 
förmlich zum Katholizismus übergetreten. Abel fand an ihm jederzeit einen 
tätigen Helfer. Metternich aber sagte, als er Hurters Geschichtswerk 
gelesen, hoch entzückt: „der Verfasser ist mein Mann“ und berief ihn (1845) 
als k. k. Reichshistoriographen nach Wien, wo er zunächst die Geschichte 
Ferdinands II. schreiben sollte. Deutlicher ließ sich nicht aussprechen, daß 
die Hofburg mit den josephinischen Grundsätzen gänzlich gebrochen hatte. 
Einer solchen Partei gegenüber hatte Graf Dönhoff einen schweren 
Stand. Es konnte nicht ausbleiben, daß die bayrischen Protestanten, die 
den alten König so oft als den Beschützer des evangelischen Glaubens 
gefeiert hatten?*), sich jetzt in ihrer Bedrängnis oft an den preußischen 
Gesandten wendeten, und obgleich Dönhoff sich nach seiner Amtspflicht, so- 
weit es die Ehrlichkeit erlaubte, zurückzuhalten suchte, so wurde er doch 
von den Ultramontanen bald als das Haupt der protestantischen Opposition 
verlästert. Das Lamm trübte dem unschuldigen Wolfe das Wasser: während 
Abel den neuen Kölner Erzbischof geradezu zum Kampfe wider die Kirchen- 
politik der evangelischen Höfe aufforderte, beschuldigte er die Berliner Pie- 
tisten, die mit ihren heimischen Parteikämpfen wahrlich genug zu tun hatten: 
sie beanspruchten für die Krone Preußen die Schirmherrschaft über die bay- 
  
*) Dönhoffs Bericht, 9. Okt. 1841. 
**) S. o. IV. 567.
        <pb n="318" />
        310 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
rischen Protestanten. Unter den Berliner Pietisten war zunächst Eichhorn 
gemeint, dem alle Anhänger Osterreichs das Ärgste zutrauten. Leider 
blieb König Ludwig solchen Einflüsterungen nicht unzugänglich. Weil er 
selbst die Rolle des katholischen Kurfürsten Max spielen wollte, witterte 
er jetzt überall politische Umtriebe des Protestantismus; sogar die englischen 
Phantasien seines preußischen Schwagers erschienen ihm wie eine Be— 
drohung der römischen Kirche*), und um dem Bistum Jerusalem ein 
Gegengewicht zu bieten, sendete er in das gelobte Land einige bayrische Ge— 
lehrte, die sich dort mit geringem Erfolge bemühten, katholische Klöster und 
Hospitäler zu errichten. Als Dönhoff nachher an den Bundestag ver— 
setzt und sein Nachfolger Graf Bernstorff bei dem bayrischen Monarchen 
eingeführt wurde, da beklagte sich Ludwig bitter über die parteiische Haltung 
des bisherigen Gesandten. Bernstorff erwiderte mündlich und schriftlich: 
er würde sich niemals in das Treiben der bayrischen Parteien mischen, 
aber auch nicht seine Glaubensgenossen von sich stoßen, nicht die politischen 
und religiösen Sympathien seiner Regierung verleugnen, nicht darauf ver— 
zichten, leidenschaftliche Angriffe gegen evangelische Regierungen zurückzu— 
weisen. König Friedrich Wilhelm bemerkte dazu: „er hat wie ein Ehren— 
mann und rechter preußischer Gesandter gesprochen und geschrieben, und 
es soll ihm meine volle Zufriedenheit zu erkennen gegeben werden.“ Auch 
König Ludwig mußte die Offenheit des Preußen anerkennen.**) Trotz— 
dem und trotz der persönlichen Freundschaft der königlichen Schwäger blieb 
das Verhältnis der beiden Höfe getrübt. Es war der Fluch der ultramon- 
tanen Parteiherrschaft, daß sie nicht bloß Bayerns innere Entwicklung störte, 
sondern auch seine natürlichen Bundesgenossen abschreckte. 
Zum ersten Male wurde König Ludwig mißtrauisch gegen seine kleri- 
kalen Anhänger, als sein Hofprediger Eberhard (1841) in der Michaels- 
kirche eine Reihe von Predigten hielt, deren pöbelhafte Schmähungen fast 
darauf berechnet schienen, die massenhaft herbeigeströmten Hörer zum Kriege 
gegen die Protestanten aufzuwiegeln: da ward Luther ein elender Betrüger 
genannt, die evangelische Ehe Hurerei, die gemischte Ehe ein Sakrileg, die 
katholische Mutter, die ihr Kind protestantisch erziehen ließ, eine Frevlerin 
wider die Gesetze der Natur. Das Argernis war so schlimm, daß mehrere 
angesehene Protestanten — auch Thiersch war darunter — sich klagend 
an die Krone wendeten. Diepenbrock, der damals noch dem Regensburger 
Domkapitel angehörte, fand es unbegreiflich, wie man die Kanzel also zum 
Fechtboden herabwürdigen könne, und sein Freund, der greise, schon tödlich 
erkrankte Bischof Schwäbl hielt dem Münchener Eiferer in einem schönen 
Briefe die Pflichten der christlichen Liebe vor: „so redet nicht der Geist 
  
*) Dönhoffs Berichte, 20. Jan., 2. Febr. 1842. 
**) Bernstorffs Berichte, 31. Okt., 2. Nov.; Gise an Bernstorff, 2. Nov.; Mini- 
sterialschreiben an Bernstorff, 12. 13. Nov. 1845.
        <pb n="319" />
        Übermut der Klerikalen. 311 
aus der Höhe, sondern der Geist menschlicher Gereiztheit.“ Eberhard gab 
eine freche Antwort, die der Bischof auf seinem Sterbebette empfing. Da 
schritt der König selbst ein und verbot dem Hofprediger vorläufig die Kanzel 
der Michaelskirche: „wenn sie auch nicht verkürzt, so hat er verbittert 
doch des so würdigen Bischofs von Regensburg Tage letzte.“*) Nachher 
mußte Abel die Kreisregierungen durch ein Rundschreiben anweisen, daß 
sie die Predigten überwachen und weder Störungen des konfessionellen 
Friedens noch materialistische Lehren dulden sollten. Das Münchener 
erzbischöfliche Ordinariat aber, das insgeheim hinter Eberhard stand, ver- 
wahrte sich dawider und erklärte kurzab: die Behauptung des Rund- 
schreibens, daß die Grundlehren des Christentums allen Konfessionen ge- 
meinsam seien, führe zum Indifferentismus. Diesen Widerspruch nahm 
der gestrenge Minister schweigend hin. Nicht lange, so durfte auch Eber- 
hard seine Kanzel wieder besteigen; und mit ihm wetteifernd donnerte 
Hofstiftsprediger Wiser gegen die verstockten Herzen der Protestanten, die 
ja in Bayern überall die katholische Wahrheit lernen könnten. 
Nachhaltiger verstimmte den Monarchen die Haltung seines Klerus 
bei der Bestattung der Königin-Witwe Karoline (Nov. 1841). Mutter so 
vieler strengkatholischer Töchter, Wohltäterin der milden Stiftungen beider 
Bekenntnisse, hatte die edle Frau ihren evangelischen Glauben doch nie 
verleugnet und das altbewährte preußisch-bayrische Bündnis immer hoch 
geschätzt; noch im letzten Lebensjahre des alten Königs war sie zu ihm 
nach Potsdam gereist, um die gestörte Freundschaft beider Höfe wieder 
zu befestigen. *) Grundes genug für den Haß der Klerikalen. Die evan- 
gelische Geistlichkeit wollte die Leiche nach der Trauerfeier zu der Fürsten- 
gruft unter der Theatinerkirche geleiten, um sie dort auszusegnen. Dies 
entsprach dem allgemeinen Brauche; denn der segensreiche Grundsatz des 
Westfälischen Friedens, daß die deutschen Protestanten nicht als Häretiker 
behandelt werden dürften, war seit Montgelas' Zeiten auch in Bayern 
zur vollen Geltung gelangt, alle Protestanten Münchens beerdigten ihre 
Toten mit kirchlichen Ehren auf dem katholisch geweihten schönen Kirch- 
hofe der Stadt. Windischmann aber, der Heißsporn des Domkapitels ver- 
abredete sich in tiefem Geheimnis mit Abel.“*“) Darauf erließ der Erz- 
bischof ein Verbot; auch den barmherzigen Schwestern, die ihrer freigebigen 
Gönnerin zum Grabe zu folgen wünschten, wurde jede Teilnahme untersagt. 
So mußte denn die königliche Leiche bei strömendem Regen draußen vor 
der Türe der Theatinerkirche ausgesegnet werden; dann trug man sie 
rasch hinab, und die katholischen Priester standen im Frack dabei, ohne sich 
zu regen. Fast ebenso unanständig verlief der gesetzliche Trauergottesdienst 
in den anderen Bischofsstädten. Nur Bischof Richarz von Augsburg, ein 
*) König Ludwig an das Ministerium für Kirchenangelegenheiten, 19. Juli 1841. 
**) Dönhoffs Bericht, 8. Dez. 1839. 
***) Dönhoffs Bericht, 27. Nov. 1841.
        <pb n="320" />
        312 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Prälat aus der alten Schule, veranstaltete eine würdige Feier, freilich ohne 
Seelenmesse, und gestand dem Monarchen ehrlich: als treuer Untertan 
habe er nicht weniger tun können, aber auch nicht mehr, aus Rücksicht 
auf seinen Erzbischof; dann beteuerte er seine „Überzeugung, daß die- 
jenigen, die den konservativen Prinzipien in der Religion und im Leben 
mit Vernunft ergeben sind, Liebe, nicht Haß zu predigen und zu üben 
haben.“) 
Der König dankte dem Getreuen durch ein sogleich veröffentlichtes 
Belobungsschreiben; er wußte sicherlich nicht, daß sein eigener Minister den 
schmählichen Auftritt in München mit veranlaßt hatte, und erst weit später 
ward ihm kund, wie der heilige Vater selbst darüber dachte. Dem alten Ka- 
maldulensermönche hatte die Verhöhnung der protestantischen Königin eine 
rechte Herzensfreude bereitet. In solcher Stimmung richtete Gregor an den 
Augsburger Ketzerfreund ein strenges, doch nicht ganz ungnädiges Breve; er 
tadelte ihn, weil er sich nicht gescheut hätte, die Tote sogar den frommen 
Bitten der Gläubigen zu empfehlen, und schloß mit der väterlichen Mah- 
nung: der Bischof möge sein Unrecht sühnen, seine treuen Schafe beschützen 
„gegen den eitlen Trug jener Ohrenschmeichler, welche lügnerisch aus- 
breiten, ein dem katholischen Glauben und der katholischen Kirche fremder 
Mensch könne, wenn auch so gestorben, zum ewigen Leben gelangen.“ Um 
auch für die Zukunft vorzubauen, sendete der Papst bald nachher ein zweites 
Breve an den Propst des Benediktinerklosters Scheyern, das der König so- 
eben wiederhergestellt hatte; da hieß es: der heilige Stuhl könne diese 
Klosterstiftung nur dann bestätigen, wenn die vom Stifter ausbedungenen 
Trauerfeiern für das königliche Haus ausschließlich auf die Sterbetage der 
katholischen Wittelsbacher beschränkt würden.) So wagte die Kurie schon 
dem Fürstengeschlechte zu begegnen, das ihr unter allen in Deutschland 
stets die größte Hingebung gezeigt hatte. König Ludwig empfand diese 
Kränkungen sehr tief, obgleich er seine Stiefmutter nie geliebt hatte. Die 
ihm näher standen, merkten bald, daß er fortan seinen Minister mit stillem 
Argwohn betrachtete. 
Für jetzt konnte er freilich den kräftigen Diener nicht entbehren, der 
ihm so viele Erübrigungen für seine Bauten verschaffte und die Landstände 
so scharf im Zaum hielt. Im Auslande fragte man wohl spottend, warum 
doch der Segen der Überschüsse, den man sich in anderen Ländern sehn- 
lich wünschte, dem Münchener Landtage so viel Kummer bereitete. Die 
Bayern hatten jedoch guten Grund zur Klage; denn ihre Erübrigungen, 
die man für die letzten Jahre bis 1841 auf 29 Mill. Gulden schältzte, 
wurden nur ermöglicht durch die Verwahrlosung wichtiger Verwaltungs- 
  
*) Bischof Richarz an König Ludwig, 24. Nov. 1841. 
*7*) Gregor XVI., Breven an Bischof Peter von Augsburg, 13. Febr., an Propst 
Rupert von Scheyern, 9. Juli 1842.
        <pb n="321" />
        Abel und der Landtag. 313 
zweige. Das Heer verkam, die schlecht unterhaltenen bayrischen Landstraßen 
standen bei den süddeutschen Nachbarn in bösem Rufe; und wie das Unter- 
richtswesen daniederlag, das erfuhr der Landtag staunend, als die Ver- 
treter der drei Universitäten, der konservative Lutheraner Stahl und die 
Klerikalen Moy und Ringseis völlig übereinstimmend die Dürftigkeit ihrer 
Hochschulen schilderten. Am tapfersten sprach Stahl; der Verfassung ge- 
mäß bestritt er dem Ministerium rundweg das Recht, über die Erübrigungen 
nach Belieben zu verfügen. Zur Strafe befahl ihm Abel, das Fach des 
Staatsrechts aufzugeben und fortan Vorlesungen über Zivilprozeß zu halten. 
Diese höhnische Mißhandlung erleichterte ihm die Annahme des Rufs nach 
Preußen; sie hinderte freilich nicht, daß der freimütige Gelehrte von den 
aufgeklärten Berlinern sofort als ein Serviler beschimpft wurde. Die 
Universitäten aber sanken bald noch tiefer, weil Abel ihnen eine neue 
Studienordnung auferlegte mit übel ausgewählten Zwangskollegien und 
zahlreichen Zwischenprüfungen, die alle akademische Freiheit vernichten 
mußten; er wiegte sich in dem Wahne, daß die Künste ohne die freie 
Wissenschaft auf die Dauer blühen könnten. 
Der neue Landtag, der um Neujahr 1840 zusammentrat, verlief an- 
fangs still, da der König kein Bedenken trug, viele Abgeordnete persönlich 
unter Androhung seiner Ungnade zum Gehorsam zu ermahnen, andere 
durch Abels Barschheit eingeschüchtert wurden.) Wieder wie so oft schon 
hatte die Regierung einer langen Reihe von Staats= und Gemeinde- 
beamten den Urlaub für den Landtag verweigert; sie beanspruchte jetzt 
sogar das Recht, auch die Rechtsanwälte nach Belieben von der Kammer aus- 
zuschließen. Selbst darüber kam es nicht zum Bruch, und die heikle Streit- 
frage wegen der willkürlichen Verwendung der Erübrigungen wurde durch 
den plötzlichen Schluß des Landtags einfach abgeschnitten. Die evangelischen 
Abgeordneten, die fast ein Drittel der Kammer ausmachten, zeigten sich 
sehr versöhnlich; sie wollten den Landtag nicht zum Tummelplatze kon- 
fessionellen Zankes machen und beschlossen unter sich, ihre kirchlichen Be- 
schwerden in einer besonderen Denkschrift dem Könige selbst vorzutragen.) 
Die Beschwerdeschrift klagte über die parteiische Behandlung der gemischten 
Ehen; wurde doch sogar das erzwungene Versprechen katholischer Kinder- 
erziehung durch Abel für rechtsgültig erklärt. Sie wies ferner nach, wie 
die Regierung in Neuburg, Landshut, Perlach und anderen Orten die 
Bildung evangelischer Gemeinden verboten, auch Betsäle, die mit amt- 
licher Erlaubnis schon eröffnet waren, wieder geschlossen hatte; in Ingol- 
stadt versuchte die vom Klerus aufgewiegelte katholische Bürgerschaft selbst 
den Bau einer evangelischen Kirche zu hintertreiben. Sogar den Namen 
„evangelisch“ bezeichnete der Minister als unzulässig, als eine Beleidigung 
*) Dönhoffs Bericht, 6. Jan. 1840. 
**) Dönhoffs Bericht, 28. Febr., Vorstellung der unterzeichneten Mitglieder der 
protestantischen Kirche, Febr. 1840.
        <pb n="322" />
        314 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
der Katholiken; dies Wetzlarer Kind schien gar nicht mehr zu wissen, daß 
der Name „katholisch“ noch vor vierzig Jahren durch die alten Reichs- 
gesetze verboten gewesen war, während der Name des Corpus Evan- 
gelicorum amtliche Geltung hatte. Und diese kleinlichen Bedrückungen 
der Protestanten währten noch jahrelang fort unter demselben Könige, 
der eben jetzt, nach dem Vorbilde seines preußischen Schwagers, den Ver- 
kehr der Bischöfe mit dem römischen Stuhle freigab. 
Die heftigsten Beschwerden richteten sich aber gegen die den evan- 
gelischen Soldaten aufgezwungene Kniebeugung, eine unbegreiflich ge- 
hässige Neuerung, die sich wohl nur aus einer phantastischen Schrulle des 
Königs erklärte; Ludwig hatte einen begeisterten Zeitungsbericht über eine 
prächtige Kirchenfeier der französischen Truppen in Algier gelesen und 
meinte nichts Arges zu tun, wenn er ähnliche Zeremonien auch in seinem 
Heere einführte. Er bedachte nicht, welche widerwärtigen Erinnerungen der 
Wittelsbachischen Geschichte er damit wieder aufrührte; durch denselben 
Kniebeugungszwang hatte ja vor hundertundzwanzig Jahren Pfalzgraf 
Johann Philipp seine treuen Heidelberger dermaßen erbittert, daß er sich 
gezwungen sah, nach Mannheim überzusiedeln. Auch jetzt war der Unwille 
in der evangelischen Welt allgemein. Die Protestanten im Herzogtum 
Berg gedachten wieder der pfalzbayrischen Zeiten und des wirksamen 
Schutzes, den ihre Vorfahren stets bei Kurbrandenburg gefunden hatten. 
Ihre Kreissynoden, voran die Düsseldorfer, baten schon 1839 den König 
von Preußen um seine Vermittlung beim Münchener Hofe, was der alte 
Herr als gänzlich nutzlos ablehnte. In mehreren bayrischen Garnisonen 
kam es zu bedenklichen Auftritten; viele protestantische Offiziere und 
Soldaten erklärten, sie würden die schwere Sünde der Anbetung der Krea- 
tur auf sich laden, wenn sie vor dem Allerheiligsten niederknieten. Selbst 
Diepenbrock und manche andere wohlmeinende katholische Priester gestanden 
zu, daß die Protestanten hier das klare Recht für sich hätten. 
Unterdessen verwendete sich auch Graf Karl Giech, der einzige Protestant 
unter den Regierungspräsidenten, nachdrücklich für seine Glaubensgenossen, 
und da ihn Abel schnöde abfertigte, nahm er seinen Abschied. Vor dem 
Könige rechtfertigte er sich durch eine ehrerbietige Denkschrift, die unumwun- 
den alle Sünden des Abelschen Regimentes aufzählte: wie die Protestanten 
schon anfingen an der Gerechtigkeit der Krone zu zweifeln, die Kreisregie- 
rungen, dank dem Erübrigungssysteme, mit ihren ungenügenden Arbeits- 
kräften die wachsende Geschäftslast nicht mehr bewältigen könnten, die Be- 
amten und die Lehrer bei übervollen Staatskassen darben müßten..) Des 
Staatsdienstes entledigt ließ Giech sodann in Württemberg ein Büchlein über 
  
*) Gf. K. Giech, Darlegung der Motive meines Austritts aus dem Staatsdienste, 
Nürnberg, 12. Sept. 1840, lithographiert; späterhin abgedruckt in General v. Asters 
Betrachtungen und Urteilen (herausgegeben v. Eilers, Saarbrücken 1858) I. 251.
        <pb n="323" />
        Beschwerden der Protestanten. Abel und Wallerstein. 315 
die Kniebeugung der Protestanten erscheinen, das in Bayern sofort ver- 
boten, aber eifrig gelesen wurde. Nachher erbte er von seinem Bruder, 
dem Schwiegersohne Steins die Standesherrschaft Thurnau und blieb 
fortan viele Jahre lang eine Zierde des fränkischen Adels, vornehm zugleich 
und leutselig, feingebildet und lebenskundig, königstreu und freimütig. 
Der König nahm die Beschwerden der protestantischen Abgeordneten 
freundlich auf; doch merkte man ihm an, daß er nicht recht daran glaubte. 
Er meinte, die Katholiken könnten sich freuen, wenn sie in protestantischen 
Ländern ebenso gut behandelt würden, wie die Protestanten in Bayern. 
Sein Adel hatte ihm vorgespiegelt, hinter allen diesen Klagen verstecke sich 
nur die liberale Opposition.) Während die zweite Kammer fast jedem 
Streite behutsam auswich, begann sich unter den Reichsräten ein uner- 
warteter Widerstand zu regen. In einem Vierteljahrhundert parlamen- 
tarischen Lebens waren manche konstitutionelle Rechtsgrundsätze selbst diesem 
hochkonservativen Adel in Fleisch und Blut gedrungen; die Reichsräte 
klagten, jede Prüfung des Staatshaushalts würde zum leeren Schein, so- 
lange die Regierung mit den Erübrigungen nach Gutdünken schalte. Zu- 
dem pflegte Abel mit herausforderndem Übermut doktrinäre politische 
Sätze aufzustellen, die das süddeutsche Gefühl verletzten; er donnerte wider 
den modernen Staatsbegriff, er wollte den Namen Staatsministerium 
nicht hören, da man hierzulande nur königliche Minister kenne; er be- 
hauptete, die bayrische Verfassung sei ständisch, nicht repräsentativ, obwohl 
ihre Urheber von diesem neuerfundenen Unterschiede noch gar nichts ge- 
wußt hatten. 
Bei den Streitigkeiten. die sich aus solchen Anlässen ergaben, hielt 
Abels Amtsvorgänger immer die Hand im Spiele, Fürst Oettingen-Waller- 
stein, der einst als Abels Vorgesetzter von diesem tief untertänige Briefe 
empfangen hatte 27), jetzt aber, seit des Königs Ungnade auf ihm lastete, 
um so gröber behandelt wurde. In der Schlußsitzung der zweiten Kammer 
(10. April 1840) ließ sich Abel endlich zu einem Wutausbruche hinreißen, 
dessengleichen die deutschen Ständesäle noch nicht erlebt hatten. Die Ab- 
wesenheit Wallersteins unritterlich mißbrauchend, sprach er von den Schand- 
taten dieses tief gesunkenen Individuums und schmähte so unbändig, daß 
die Reichsräte sofort ihre Entrüstung über die unwürdige Beschimpfung 
ihres Mitgliedes feierlich aussprachen. Der preußische Gesandte meinte: 
nach einem solchen Vorfall müsse Abel unfehlbar zurücktreten; denn „die 
wahren monarchischen Grundsätze können nicht gewinnen, wenn sie ver- 
teidigt werden durch die religiöse und politische Heuchelei, ohne Redlichkeit 
und Gradsinn, ohne Anstand und Würde.““““) Es kam anders. Derweil 
der Landtag sich auflöste, traten der frühere und der gegenwärtige Minister 
*) Dönhoffs Bericht, 10. März 1840. 
**) Abel an Wallerstein, 1. Jan. 1837. 
*"*) Dönhoffs Bericht, 12. April 1840.
        <pb n="324" />
        316 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
der kirchlichen Angelegenheiten einander mit der Pistole in der Hand gegen- 
über; der Kriegsminister Gumppenberg und Präsident Graf Rechberg se- 
kundierten. Nachdem jeder der beiden Gegner einmal gefeuert hatte, nahm 
Abel noch auf dem Kampfplatze seine Beleidigungen zurück. Nachträglich 
behauptete er jedoch, diese Zurücknahme wäre nur mit Einschränkungen 
erfolgt. Nun entspann sich zwischen den vier hochgestellten Männern ein 
höchst unanständiger Briefwechsel; alle Zeitungen besprachen die Vorgänge 
bei dem Ministerduell auf das gründlichste. Und dies in einem Lande, 
dessen Presse von dem leitenden Minister öffentlich als Buhldirne gebrand- 
markt und durch eine eiserne Zensur niedergehalten wurde. Es war einer 
jener häßlichen Skandalfälle, welche gemeinhin dem Sturze eines ver- 
morschten politischen Systems voranzugehen pflegen. König Ludwig be- 
gnügte sich indes, dem Fürsten Wallerstein vor Zeugen sein Bedauern 
auszusprechen. Abel blieb im Amte, als wäre nichts geschehen. 
Entsetzlich, wie nunmehr die kirchliche Feindschaft in alles eindrang 
und dem Könige selbst seine besten Unternehmungen verdarb. Wohl er- 
lebte er selige Stunden, als im Oktober 1842 die Walhalla eröffnet 
wurde, der gewaltige, aus dem Dunkel deutscher Eichen weithin über das 
Donautal schimmernde griechische Tempel; im Giebelfelde prangte die 
Hermansschlacht, Schwanthalers schönstes Werk, bei dem sich der schnell- 
fertige Meister doch einmal Zeit gelassen hatte, in dem majestätischen Innen- 
raume Rauchs herrliche Viktorien inmitten der Büsten der großen Deutschen. 
Aber Luther und Melanchthon fehlten; sie zuzulassen konnte der katholische 
König sich jetzt nicht überwinden, obgleich Ernst Rietschel die Büste Luthers, 
auf Ludwigs eigene Bestellung, schon vor Jahren vollendet hatte. Deshalb 
begann sofort ein wüster Zank in Zeitungen und Flugschriften. Zu allem 
Unglück geriet Ludwig auch noch auf den Einfall, das köstliche Geschenk, das 
er der Nation darbot, mit einer Erläuterungsschrift zu begleiten. Nicht ver- 
geblich waren seinen Gedichten von so vielen bedeutenden Männern über- 
schwengliche Lobsprüche gespendet worden; selbst Rückert, der niemals schmei- 
chelnde, hatte ihm zugesungen, das sei recht, daß der Schutzherr aller 
Künste die Poesie im eigenen Herzen pflege: 
Die Poesie ist aller Künste Mund. 
Ihr ist des Menschen Sprache vorbehalten, 
Und sie allein tut dem Bewußtsein kund, 
Was unbewußt die andern schön gestalten. 
Ludwig glaubte jetzt wirklich ein großer Schriftsteller zu sein und schrieb 
das Büchlein „Walhallas Genossen“, kurze Lebensbeschreibungen der Helden 
Deutschlands, in dem geschraubten Lapidarstile seines Lieblingshistorikers 
Johannes Müller, mit einer starken Zutat königlicher Partizipialkonstruk- 
tionen. Im Vorworte erzählte er, wie er schon in den Tagen der tiefsten 
Schmach des Vaterlandes den Gedanken gefaßt hatte, „der fünfzig rühm- 
lichst ausgezeichneten Teutschen Bildnisse in Marmor verfertigen zu lassen.
        <pb n="325" />
        Die Walhalla. 317 
Später — so fuhr er fort — wurde die Zahl vermehrt, dann auf keine 
beschränkt und nur rühmlich ausgezeichneter Teutscher, fühlend, daß sagen 
zu wollen, welche die rühmlichsten, Anmaßung wäre, wie denn auch zu 
behaupten, daß es keine gäbe, die ebenso verdienten in Walhalla auf— 
genommen zu sein, und mehr noch als manche, die es sind. Rühmlich 
ausgezeichneten Teutschen steht als Denkmal und darum Walhalla, auf 
daß teutscher der Teutsche aus ihr trete, besser, als er gekommen.“ Solche 
Stilproben genügten um in der Presse, die überall gierig nach den Schwächen 
der Mächtigen ausspähte, ein unauslöschliches Hohngelächter zu erwecken. 
Die Deutschen vergaßen undankbar über dem abgeschmackten Beiwerk das 
Wesentliche und Große, sie fragten nicht mehr, wo denn sonst noch in der 
Welt ein solcher Kunstfreund lebte, so vaterlandsfroh, so hochherzig, so 
tatkräftig. 
Von der Walhalla fuhr der König nach Kehlheim, um dort auf 
einem anderen Felsen des Donautals den Grundstein zu legen für 
einen grandiosen Kuppelbau, der an die Schlachten der Befreiungskriege 
erinnern sollte, Deutschtum und bayrischer Partikularismus lagen aber 
in diesem wunderlichen Geiste dicht beieinander. Kaum hatte er dem 
großen Vaterlande seinen Zoll abgetragen, so ließ er in München den 
Bau einer bayrischen Spezial-Walhalla beginnen, mit der Kolossalstatue der 
Bavaria davor. Da wurden denn alle die großen Franken Hutten, Dürer, 
Vischer, die sich bei Lebzeiten von solcher Ehre nichts hatten träumen lassen, 
noch im Grabe unnachsichtlich zu Bayern ernannt und mit der deutschen 
Geschichte ein so tolles Spiel getrieben, wie wenn man heute von dem 
Preußen Goethe reden wollte. Also fand die liberale Welt stets neuen 
Stoff für wohlfeile Spötterei. Tieferen Mißmut erregten die unbedachten 
Reden, mit denen in München die Denkmäler des Kurfürsten Max und 
seines Tilly enthüllt wurden; in solchem Tone durfte man ein paritätisches 
Volk nicht an die düsteren Zeiten der Glaubenskriege erinnern. 
Noch immer täuschte sich der König über die Stimmung seines Landes 
wie über sein eignes Herz. Nicht im entferntesten war er gemeint, die 
milden Grundsätze seines geliebten Lehrers Bischof Sailer zu verlassen; 
vielmehr schärfte er dem neuen Bischof von Regensburg nachdrücklich ein: 
„daß Sie vorzüglich Sailer nachahmen, wünsche ich.“ Und doch hielt er 
den grausamen Kniebeugungszwang hartnäckig fest, mit einigen kleinen 
Erleichterungen, die ihm niemand dankte. Schon kam es so weit, daß 
ein Dekan Redtenbacher sich in einer gedruckten Ansprache geradeswegs 
an die Gewissen der protestantischen Soldaten wendete, um sie über die 
Sündhaftigkeit der papistischen Zeremonien zu belehren. Der unerschrockene 
Geistliche wurde gerichtlich verurteilt, der König aber mußte ihn begnadigen, 
aus Furcht vor dem Unwillen der Protestanten. Mittlerweile betrieben 
die Mönche und Nonnen, die jetzt überall in die Schulen und Wohl- 
tätigkeitsanstalten eindrangen, das Rettungswerk an den jungen Seelen,
        <pb n="326" />
        318 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
und mit solchem Erfolge, daß viele Schulkinder, auch mehrere Zöglinge 
des Münchener Blindenhauses in die römische Kirche einzutreten verlangten. 
Der Klerus nahm die minderjährigen Proselyten allesamt unbedenklich 
an, obgleich das der Verfassung angehängte Religionsedikt den Übertritt 
Unmündiger ausdrücklich verbot. Abel indes erklärte dreist, dies Verbot 
widerspreche der natürlichen Gewissensfreiheit und dem Konkordate. Also 
erweckte er mutwillig, bei einer höchst gehässigen Veranlassung, die alte 
noch niemals klar entschiedene Streitfrage: ob die Verfassung vorgehe oder 
das Konkordat? Drang seine Ansicht durch, dann verlor die protestantische 
Kirche Bayerns den Rechtsboden unter ihren Füßen. 
Ebenso roh zeigte sich die Parteilichkeit der Regierung, als der neue 
Gustav-Adolf-Verein sich in Bayern auszubreiten versuchte. Diese Stiftung 
war schon vor Jahren, nach der großen Erinnerungsfeier auf dem Lützener 
Schlachtfelde gegründet, aber erst seit 1841, infolge eines Aufrufs des 
Darmstädter Prälaten Zimmermann, reicher ausgestaltet worden. Sie 
sollte vornehmlich den Protestanten in der Diaspora beistehen, ihnen die 
Gründung neuer Kirchen und Gemeinden erleichtern, also, gemäß dem 
Geiste des Protestantismus, in voller Freiheit und bescheidener Form den 
riesigen Machtmitteln der römischen Propaganda entgegenwirken. Da jener 
Aufruf aus den Kreisen der liberalen Theologen kam und der gleichgesinnte 
Leipziger Superintendent Großmann bald an die Spitze trat, so betrachteten 
die Orthodoxen den Verein anfangs mit Mißtrauen. Hengstenberg nannte 
ihn mit gewohntem Fanatismus eine große Lüge; denn allerdings waren 
in den letzten Jahrzehnten die Unternehmungen evangelischer Werktätigkeit 
allesamt von den strengen Bibelgläubigen ausgegangen, und diese erste 
Regung kirchlicher Tatkraft unter den milder gesinnten Theologen eine 
ganz unerhörte Erscheinung. Auch König Friedrich Wilhelm blieb lange 
argwöhnisch, bis er endlich einsah, daß der Gustav-Adolf-Verein wirklich 
alle Parteien der evangelischen Kirche zum gemeinsamen Liebeswerke heran- 
rufen wollte. Da übernahm er selbst für Preußen das Protektorat der 
Stiftung. Freilich versicherte er zugleich seinen katholischen Landesbischöfen, 
daß damit keine Feindseligkeit gegen die römische Kirche gemeint sei — 
was viele gute Protestanten, selbst der getreue Anton Stolberg als un- 
königliche Schwäche beklagten. Seitdem nahm der Verein einen erfreu- 
lichen Aufschwung; das Vaterland der Reformation gab durch kräftige 
Unterstützung der bedrängten Glaubensgenossen die würdige Antwort auf 
die Übergriffe des römischen Stuhls. 
Leider war der Name der Gustav-Adolf-Stiftung unglücklich gewählt. 
Zerteilte Völker, die sich ihrer Einheit entgegensehnen, zeigen oft ein 
krankhaft reizbares Nationalgefühl; sie urteilen ungerecht über die Zeiten, 
da sie ausheimischen Gewalten unterlagen, und verkennen die Tatsache, 
daß jedes Kulturvolk Europas, selbst das englische Inselvolk, irgend einmal 
durch das Eingreifen großer Fremdlinge in seiner Entwicklung gefördert
        <pb n="327" />
        Die fränkischen Protestanten. 319 
worden ist. So war auch damals weit verbreitet eine ganz unhistorische 
Anschauung vom dreißigjährigen Kriege, die in den Geschichtswerken von 
Gfrörer und Barthold ihren wissenschaftlichen Ausdruck fand; man über— 
trug den Gegensatz der Welfen und der Ghibellinen in das Zeitalter der 
Religionskriege und verurteilte die Verteidiger des evangelischen Glaubens 
kurzweg als Rebellen gegen Kaiser und Reich. Begreiflich genug, daß 
diese pseudo-ghibellinische Geschichtsansicht dem glühenden Verehrer des 
Kurfürsten Max wohl gefiel. König Ludwig betrachtete die Gustav-Adolf- 
Stiftung schon um ihres Namens willen als offenbaren Landesverrat, 
die Ultramontanen nannten sie „die wahre Spottgeburt der Aufklärung 
und der deutschen Mißeinheit“. Der Verein wurde in Bayern streng 
verboten, die evangelischen Gemeinden durften nicht einmal Unterstützungen 
von ihm annehmen, derweil den römischen Proselytenwerbern Tür und 
Tor offen blieb. 
Nur so grobe und hartnäckige Ungerechtigkeit konnte bewirken, daß 
die alten Parteien sich zersetzten und die an konservativen Kräften so 
reichen fränkischen Protestanten allesamt in das Lager der ergrimmten 
Opposition hinüberzogen. In Erlangen war der alte Rationalismus zuerst 
durch die erweckenden Kanzelreden und die praktische Frömmigkeit des 
Predigers Krafft bekämpft, nachher durch Lehmus, Harleß, Höfling, Tho- 
masius und andere neuberufene Theologen völlig überwunden worden. 
Jetzt herrschte in der theologischen Fakultät eine strenge konfessionell-luthe- 
rische Gesinnung; die Erlanger stritten wider die evangelische Union so 
beharrlich, daß der Vorwurf preußischer Gesinnung, den der Minister 
gegen die Protestanten zu schleudern liebte, gerade hier am wenigsten zutraf. 
Dabei zeigten sie ernsten wissenschaftlichen Sinn und hielten sich ganz frei 
von pietistischer Kopfhängerei; das frische, anspruchslos fröhliche Burschen- 
leben, das diese kleine Hochschule jederzeit ausgezeichnet hatte, blieb ihr 
noch immer erhalten. Den leidsamen Lutheranern lag die Ehrfurcht vor 
der Obrigkeit tief im Blute; erst durch Abels offenbare Verfassungs- 
verletzungen gerieten sie in Harnisch, und fortan fühlten sie sich in statu 
confessionis. Wie einst in den Tagen des Augsburger Interims die hart- 
gläubigen Jenenser mehr Widerstandskraft gezeigt hatten als die Schüler 
des milden Melanchthon, so fanden jetzt die bayrischen Protestanten ihre 
beste Stütze an dem einseitigen, charakterfesten Konfessionalismus der Er- 
langer Theologen. An sie schlossen sich die ebenso konservativ gesinnten 
Edelleute, voran Graf Giech und Freiherr v. Rotenhan, dann die Nürn- 
berger, die sich der reichsstädtischen Zeiten und der Kämpfe gegen die 
katholischen bayrischen Nachbarn wieder zu erinnern begannen, endlich das 
gesamte protestantische Frankenland. 
Seit Stahls Abgange vertrat Harleß die Erlanger Universität im 
Landtage, der Herausgeber der streng lutherischen Zeitschrift für Prote- 
stantismus und Kirche, ein tapferer und weltkluger Gelehrter, sehr wirksam
        <pb n="328" />
        320 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
als Redner auf der Kanzel wie im Ständesaale. Er hatte schon 1839, 
sehr zur rechten Zeit, den Jesuitenspiegel herausgegeben, eine gemeinver- 
ständliche Darstellung der moralischen Kasuistik der Gesellschaft Jesu, und 
damit die Ultramontanen schwer gereizt, weil sein Büchlein durchweg aus 
unanfechtbaren Quellen geschöpft war. Nun versuchten die beiden prote- 
stantischen Generalsynoden von Ansbach-Baireuth mehrmals, die Be- 
schwerden ihrer Kirche vor den Thron zu bringen. Abel bestritt ihnen das 
Recht dazu und ließ, wieder ganz willkürlich, durch die königlichen Kom- 
missäre solche Verhandlungen verbieten. Da traten die Synodalen als 
einzelne zusammen — keiner von allen schloß sich aus — und sendeten ihre 
Bittschriften unmittelbar an den Monarchen. 
Unterdessen währte der literarische Streit fort. Harleß, Thiersch und 
die anderen Vorkämpfer der Protestanten bewahrten, im Bewußtsein ihres 
guten Rechts, noch einige Mäßigung. Die Klerikalen dagegen schlugen bald 
einen Ton an, wie er in den schwülen Zeiten vor dem dreißigjährigen Kriege 
üblich gewesen; sie behaupteten — was aus dem Munde gläubiger Katholiken 
wie Hohn klang — die Kniebeugung sei ja nur ein Gruß, eine Körper- 
bewegung, ohne Sinn, solange der Kniende sich nichts dabei denke. Durch 
pfäffische Gehässigkeit tat sich namentlich J. Döllinger hervor, der erste Ge- 
lehrte der Münchener theologischen Fakultät seit Möhlers Tode, ein scharf- 
sinniger und doch unfreier Geist, dessen mannigfache Häutungen damals noch 
niemand ahnen konnte. Er sagte in seinen Streitschriften gegen Harleß: 
auch er hätte sich mit den Werken der Wittenberger Reformatoren beschäftigt, 
„doch niemals ohne jene geistigen Verwahrungs= und Absperrungsmittel 
vorzukehren, wie wir sie körperlich anzuwenden pflegen, wenn wir unsern 
Weg durch einen unsauberen Ort oder eine stinkende Pfütze nehmen 
müssen.“ Die evangelische Freiheit der Protestanten war ihm eitel Tor- 
heit; geringschätzig verspottete er ihre „arme Kirche“, die sich vor dem Über- 
tritt der Minderjährigen fürchte, die nichts Festes anerkenne als Gottes 
Wort und, in unzählige Parteien zerspalten, das Ja und das Nein mit 
gleicher Zuversicht zu behaupten wisse. Nach diesem Federkriege und 
einigen heftigen Auftritten in der Kammer wurde Harleß plötzlich als 
Konsistorialrat nach Baireuth versetzt, damit er sein Erlangen nicht mehr 
im Landtage vertreten könnte. Da man seine Vorstellungen nicht be- 
achtete, so verlangte er den Abschied und folgte einem Rufe nach Leipzig. 
Wohin sollte diese Parteiregierung noch geraten, wenn sie Gegner wie 
Stahl und Harleß nicht mehr zu ertragen vermochte? 
Der wachsende Unmut der Franken zwang schließlich auch den kon- 
servativsten aller bayrischen Lutheraner, den Präsidenten des Münchener 
Oberkonsistoriums K. Roth, auf den Kampfplatz hinauszutreten. Dieser 
geistvolle, tief gelehrte, ganz von der klassischen Bildung seines Heimat- 
landes durchdrungene Schwabe hatte sich um die neue Blüte der Er- 
langer Universität große Verdienste erworben und im fränkischen Schul-
        <pb n="329" />
        Roth und die bayrischen Protestanten. 321 
wesen, nach Beseitigung des grob rationalistischen Schulrats Stephani, 
wieder ein kräftiges religiöses Leben erweckt. Neuerdings bemühte er 
sich eifrig, die pfälzische Unionskirche, deren Vereinigungsurkunde allein 
die heilige Schrift als Glaubensgrund und Lehrnorm gelten ließ, auch 
zur förmlichen Anerkennung der symbolischen Bücher zu bewegen; dies 
Unternehmen verwickelte ihn von neuem in Streit mit seinem alten 
Gegner Paulus und konnte ohne Gewissenszwang unmöglich gelingen, 
da der Rationalismus in den Gemeinden der Pfalz noch vorherrschte.*) 
Also in beständiger Reibung mit den Epigonen der Aufklärung gelangte 
er zu einem verhängnisvollen Irrtum, der im Norden häufiger vor— 
kommt als in dem besser erfahrenen Süden; er betrachtete die Ultramon— 
tanen als seine natürlichen Bundesgenossen im Kampfe gegen den Un— 
glauben. Der König zeichnete den hochverdienten Beamten geflissentlich 
aus, Abel wußte ihn stets zu beschwichtigen, und mit Schmerz bemerkte 
der preußische Gesandte, wie viel Unbill das Oberkonsistorium von den 
Klerikalen hinnahm.**) Endlich gingen dem glaubensstarken Präsidenten 
doch die Augen auf, und seit er die Bedrängnis seiner Kirche erkannt 
hatte, verteidigte er ihre Rechte mit kluger Entschlossenheit. Er war es, 
der das schlimmste kirchliche Ärgernis beseitigte; durch einen freimütigen 
Brief an den König erreichte er, daß der schon mehrmals gemilderte 
Kniebeugungsbefehl im Dez. 1845 gänzlich aufgehoben wurde. Sieben 
Jahre hindurch waren also, ohne Sinn und Zweck, die Gewissen der Prote- 
stanten geängstigt und gequält worden. Am letzten Ende gereichten diese 
Händel der protestantischen Kirche des Landes zum Segen. Sie hatte 
durch tapfere Bekenntnistreue ihr Gemeingefühl gekräftigt, viele Gleich- 
gültige wiedergewonnen, selbst die Gegner zur Achtung gezwungen; sobald 
die ultramontane Sturmflut verrauschte, gestaltete sich das Verhältnis 
der beiden Kirchen gerade in Bayern sehr friedlich. 
Mittlerweile war der Landtag von 1842 noch ohne heftige Stürme 
vorübergegangen. Die Abgeordneten klagten über die teueren Pracht- 
bauten, andererseits über die Verwahrlosung der Schulen und die Knau- 
serei dieser Regierung, die so viele wichtige Amter unbesetzt ließ, alte 
Beamte stets vor Ablauf des fünfzigsten Dienstjahres verabschiedete, um 
ihnen die volle Pension vorzuenthalten. Doch der böse Streit wegen der 
Erübrigungen wurde wieder durch das persönliche Einschreiten des Königs 
beseitigt. Ludwig glaubte nur sein Kronrecht auszuüben, wenn er über 
die Ersparnisse frei verfügte, und nachdem er mehrere Landstände münd- 
lich ermahnt, schrieb er einem Getreuen kurzab: „Da untunlich, alle 
gutgesinnten, mir ergebenen Abgeordneten kommen zu lassen, schreib' ich 
Ihnen, dem mir sehr ergebenen Auerweck, daß Sie können den anderen 
  
*) Vgl. o. II. 242. 
**) Dönhoffs Berichte, 2. Jan. 1840 ff. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 21
        <pb n="330" />
        322 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
lesen lassen, als wenn ich selbst mit ihnen gesprochen hätte, daß sie wirken 
sollen. Es gilt.“*) Dies genügte, der Landtag trennte sich in Frieden. 
Einige wüste Straßenaufläufe, die in der nächsten Zeit die Hauptstadt 
beunruhigten, hatten ihren Grund lediglich in den hohen Bierpreisen; 
bedenklich war nur, daß die Truppen den angestammten Durst auch nicht 
verleugnen konnten und dem Pöbel gegenüber schlechte Manneszucht hielten. 
Auch ernstere Anzeichen verrieten schon, daß die Regierung nicht 
mehr ganz fest stand. Die Liebe der Massen besaß der König längst nicht 
mehr; die kleinen Bürger schalten auf seine Baulust, auf seine wiederholten 
italienischen Reisen, auf die knappe Verwaltung und den ewigen kirchlichen 
Zank. An der Türe der Ludwigskirche fand man mehrmals ein freches 
Vater Unser angeschlagen, das den Vater des Bayerlandes bat: erlöse uns 
von dem Übel deiner Person. Als Abel im Staatsrate vorschlug, der 
König möge den protestantischen Synoden sein Mißfallen öffentlich aus- 
sprechen, da konnte der bisher Allmächtige schon nicht mehr durchdringen. 
Sein alter Freund von Griechenland her, der gelehrte Maurer, trat ihm 
entschieden entgegen; desgleichen der Kronprinz, den die Ultramontanen 
insgeheim wegen seiner preußischen Heirat und wegen seines Verkehrs mit 
norddeutschen Gelehrten haßten; ja selbst der streng katholische junge Prinz 
Luitpold verlangte, daß man den Protestanten ihr gutes Recht nicht ver- 
kümmere.) Da erschrak der König; Gerechtigkeit war ja sein Stolz und 
man hörte ihn einmal ausrufen: „mit Abel geht es nicht mehr.“ 
Noch im selben Jahre, Dez. 1845, trat der neu gewählte Landtag 
zusammen und er zeigte sich von Haus aus weit streitbarer als sein Vor- 
gänger. Wohl beteuerte die Adresse der zweiten Kammer inbrünstig: 
„Untertanen eines solchen Königs zu sein, ist der Bayern Stolz;“ der 
ludovizianische Lapidarstil wirkte ansteckend, ihn nachzuahmen gehörte zum 
Hofbrauch. Zum Präsidenten wurde jedoch Frhr. v. Rotenhan gewählt, 
der tapfere protestantische Franke, und da Abel sieben protestantischen 
Abgeordneten den Urlaub verweigert hatte, so kam es gleich anfangs zu 
heftigen Auftritten. Zwei liberale Aristokraten Frhr. v. Thon-Dittmer 
und Max v. Lerchenfeld standen an der Spitze der Opposition, entschlossene 
Männer von ungewöhnlicher Beredsamkeit. Die schärfsten Angriffe wider- 
fuhren dem Minister jedoch abermals im Hause der Reichsräte. Die 
unmäßige Begünstigung des Klosterwesens hatte selbst in dieser fast durch- 
aus katholischen Kammer Besorgnisse erweckt. Man zählte bereits 9 männ- 
liche, 14 weibliche Orden im Lande mit mindestens 132 Klöstern; Ge- 
naues wußte niemand. Die Nonnen gaben wenig Argernis; nur die 
Lehrschwestern machten sich oft unnütz durch seelenrettende Betriebsamkeit. 
Von den Mönchen genossen die Benediktiner hohes Ansehen; sie hatten sich 
  
*) K. Ludwig an den Abg. Auerweck, v. D. (Ende März 1842). 
**) Bericht des Ministerresidenten v. Küster, 28. Febr. 1845.
        <pb n="331" />
        Wrede und Wallerstein gegen Abel. 323 
vor Zeiten den Schottenmönchen des heiligen Kolumban angeschlossen und 
gleich diesen auf deutschem Boden immer deutsche Gesinnung gezeigt; ihre 
jetzt aus Österreich neu berufenen Brüder bemühten sich redlich, ihre 
dürftige klassische Bildung zu vervollständigen und erteilten auf den 
Gymnasien, die man ihnen anvertraute, leidlichen Unterricht. Bedenk- 
licher erschienen die Mönche von dem rätselhaften „dritten Orden“ des 
heiligen Franz und vornehmlich die der Gesellschaft Jesu affiliierten Re- 
demptoristen, die ungestört ihre Missionen halten durften, obgleich der 
König den Jesuiten selbst, trotz der wiederholten Bitten der Klerikalen, 
die Zulassung hartnäckig verweigerte. 
Fürst Wrede, des Feldmarschalls Sohn, ein stark verschuldeter, übel- 
beleumdeter Herr stellte nun diese und viele andere Beschwerden gegen die 
Regierung in einer förmlichen Anklageschrift zusammen, die er den Reichs- 
räten übergab; dem König aber schrieb er: Abel sei nahe daran, ihn um 
die Liebe eines großen Teiles seines Volks zu bringen. Da glaubte Fürst 
Wallerstein, jetzt könne er sich wieder in den Sattel schwingen. In einer 
schlau berechneten hochpathetischen Rede nannte er sich selbst den Ultra- 
montansten der Ultramontanen, den ergebensten aller Untertanen und 
stellte dann einen vorgeblichen Vermittelungsantrag, der doch auf Abels 
Sturz abzielte; er beantragte, die Regierung möge keinen geistlichen Orden 
zulassen, der den religiösen Frieden stören könne. In einem Briefe an den 
Vertrauten des Königs Frhrn. v. d. Tann warnte er zugleich die Krone 
vor der „nahen europäischen Krisis“; es gehe nicht mehr an, jeden 
Andersdenkenden als Feind anzusehen.) Wallersteins Antrag wurde 
von den Reichsräten mit allen gegen sechs Stimmen angenommen; der 
Kronprinz selbst sprach und stimmte dafür. 
In solcher Not griff Abel zu demagogischen Mitteln. Er ließ durch 
seine Beamten das katholische Volk aufwiegeln, und bald liefen aus allen 
Winkeln des Landes Adressen ein, die der gerechten Regierung Dank und 
Vertrauen aussprachen. Der König, der von seinem Minister noch immer 
nicht ganz lassen wollte, fühlte sich anfangs durch solche Vertrauensbeweise 
beglückt und schrieb den Augsburgern: „Großen Undank nicht selten er- 
fahrend, ist mir der Dank von Augsburgs katholischen Bürgern um so 
erfreulicher, der ich Katholiken und Protestanten in ihren verfassungs- 
mäßigen Rechten beschütze.“ Doch die Adressen mehrten und mehrten sich, 
und ihre pfäffische Frechheit überschritt alles Maß. Eine Eingabe aus 
München behauptete frischweg: „jeder Bayer“ verlange Freiheit für seine 
katholische Kirche, der schon seine Voreltern Gut und Blut geopfert hätten. 
Die Protestanten wurden also schon gar nicht mehr zu den Bayern gerechnet. 
Noch gröber redeten die ungezählten Flugschriften, die jetzt mit einem 
Male „gegen die neuen Kirchenfeinde und Klosterstürmer“ hervortraten: 
  
*) Fürst Ludwig v. Wallerstein an Frhrn. v. d. Tann, 19. Jan. 1846. 
217
        <pb n="332" />
        324 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
aus dem bayrischen Walde, von einem bayrischen Katholiken, von einem 
Pfarrer der Diözese Eichstädt, und wie die Verfasser sich sonst nannten. 
Da hieß es: die katholische Kirche ist in Bayern um ein halb Jahrtausend 
älter als das Haus Wittelsbach — oder auch: vergesset nicht, daß der 
größte und der körperlich kräftigste Teil des bayrischen Volkes für die 
römische Kirche zu kämpfen bereit ist! Höfler aber, bei weitem noch nicht 
der Wildeste unter den Klerikalen, sagte in einer Schrift über Wredes 
Anträge: wenn manche der hochgeborenen Reichsräte glaubten, die Mönche 
wären nicht im Geiste der Zeit, so meine das Volk vielmehr, der Adel 
sei nicht mehr im Geiste der Zeit; auf den Vorwurf, die Redemptoristen 
störten den kirchlichen Frieden, erwiderte er höhnisch: dieser Friede ist längst 
zerstört, seit Luthers Auftreten. Also suchte die Partei, da sie ihren Sturz 
nahe sah, sich durch terroristische Drohungen noch krampfhaft zu halten. 
Dem Könige indessen drängte sich nun doch die Frage auf, ob sein Haus 
sich auf solche geistliche Jakobiner stützen könne, und er verbat sich zunächst 
weitere Adressen. 
Hierauf gingen die Klerikalen im Landtage selbst zum Angriff vor. 
Es genügte ihnen nicht mehr, daß der Klerus das gesetzliche Verbot des 
Übertrittes Unmündiger beharrlich umging; sie verlangten jetzt Aufhebung 
des Verbots. Zur Unterstützung dieses Antrags wurde der greise Münchener 
Erzbischof Gebsattel von seinem streitbaren Kanonikus Windischmann auf- 
gestiftet. Der gutmütige Herr veröffentlichte noch kurz vor seinem Tode 
einen feierlichen Protest, der sich auf die Großtaten der heiligen Kinder 
Vitus und Agnes berief und dann zu dem bündigen Schlusse gelangte: 
da das Konkordat die vigens ecclesiae disciplina anerkenne, so müsse 
auch der Übertritt der Kinder gestattet werden. Dieser dreiste Versuch, 
das Konkordat über die Verfassung zu stellen, beunruhigte den König von 
neuem. In der Kammer drangen die Ultramontanen nicht durch. Die Libe- 
ralen ließen sich auch nicht schrecken, als Döllinger, jetzt der feurigste Redner 
der Regierungspartei, ihnen revolutionäre Absichten vorwarfs; sie witterten 
Morgenluft und wagten schon wieder Anträge auf Preßfreiheit und öffent- 
liches Gerichtsverfahren einzubringen. Die aufgeregten Verhandlungen 
wurden zwar im Mai 1846 durch das erprobte Mittel der plötzlichen 
Landtagsschließung abgeschnitten. Doch die Unruhe im Lande hielt an, 
Graf Bernstorff berichtete traurig: es geht nicht mehr weiter.) Ahnlich 
empfand der König selbst, er bereitete schon einen Systemwechsel vor. Gise 
und Schrenck, die unfähigen Minister des Auswärtigen und der Justiz 
wurden entlassen; der Kriegsminister Gumppenberg blieb freilich zunächst 
noch im Amte, obwohl die wüste Zuchtlosigkeit in den überfüllten Münchener 
Kasernen täglich zeigte, wie gewissenlos die Militärverwaltung ihre 
Pflichten verabsäumte. 
  
*) Bernstorffs Bericht, 13. Juni 1846.
        <pb n="333" />
        Rohmer. Beginnender Systemwechsel. 325 
Ein Zeichen der Zeit war es auch, daß Friedrich Rohmer, den man 
bisher oft in den Zirkeln der österreichischen Gesandtschaft gesehen hatte, 
den Ultramontanen den Handschuh hinwarf. Dieser seltsame Grübler, der 
halb Philosoph halb Abenteurer, halb vernünftig halb wahnsinnig, sich 
selber kurzweg für die größte Persönlichkeit der Menschengeschichte erklärte, 
irrte zur Zeit in Süddeutschland und der Schweiz umher, immer um— 
geben von einem kleinen Kreise jugendlicher Bewunderer, die seinem despo— 
tischen Wesen, dem diabolischen Reize seines Aztekenkopfes nicht widerstehen 
konnten und hingebend für seinen kostspieligen Unterhalt sorgten. Er brütete 
über den Bilder= und Zahlenspielen einer traumhaften Psychologie und 
über einer politischen Doktrin, die den Staat, nach der alten Unart der 
Naturphilosophen, als den vergrößerten menschlichen Körper betrachtete. 
Seine Schrift über die vier Parteien enthielt unter krausem Unsinn nur 
vereinzelte gute Gedanken; sie wurde wenig beachtet und bewirkte lediglich, 
daß Rohmers namhaftester Schüler, der Schweizer J. C. Bluntschli eine Zeit- 
lang auf phantastische Abwege geriet. Zuweilen vermochte Rohmer doch, aus 
dem geilen Dickicht seiner Theorien in das Tageslicht hinauszutreten, und 
dann zeigte er — wunderbar genug — sicheren politischen Instinkt, eine 
glückliche Gabe, die Dinge im Großen zu sehen und lebendig darzustellen. 
Die „Materialien zur Geschichte der neuesten Politik“, die er jetzt erscheinen 
ließ, unterwarfen das Treiben der bayrischen Ultramontanen einer un- 
barmherzigen, treffenden Kritik und wirkten um so stärker, da ihr Ver- 
fasser sich selbst als einen Konservativen bekannte. 
Als das Jahr 1846 zu Ende ging, hatte König Ludwig endlich ein- 
gesehen, daß auf die anderen Minister wenig ankam und allein Abels 
Kirchenpolitik den allgemeinen Unfrieden verschuldete. Im Dezember wurde 
die Verwaltung der Kirchenangelegenheiten dem Minister des Innern abge- 
nommen und dem gemäßigt konservativen neuen Justizminister, dem Sohne 
und Nachfolger des alten Frhrn. v. Schrenck, übertragen. Es war der 
Anfang des Endes. Wenn der König auf diesem Wege fortschritt und aus 
freiem politischem Entschlusse das völlig verbrauchte, grenzenlos verhaßte 
Ministerium ganz beseitigte, dann konnte die selbstverschuldete Niederlage 
der ultramontanen Parteiherrschaft dem ganzen Deutschland zum Heile 
gereichen. Da griffen unsaubere Hände ein, und dieser schuldbelasteten 
Regierung wurde noch das unverdiente Glück, daß sie umstrahlt von dem 
Heiligenscheine erhabener sittlicher Entrüstung, würdevoll von der Bühne 
abtreten konnte. — 
Derweil die Klerikalen in Bayern herrschten, begann in Baden ein 
weltlich reaktionäres Regiment, das ihnen mindestens befreundet war 
und unmittelbar ihre Zwecke förderte. Eine geschlossene ultramontane 
Partei hatte sich hierzulande noch nicht bilden können, obwohl die Klerisei 
des gesamten Südwestens im Stifte Neuburg bei Heidelberg, unter dem 
gastlichen Dache der Frau Rat Schlosser ihre geheimen Zusammen-
        <pb n="334" />
        326 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
künfte zu halten pflegte, und auch im Landtage, zumal in der ersten Kammer 
immer einzelne Männer von streng römischer Gesinnung saßen. Die 
Mehrzahl der Beamten und der gebildeten Laien war noch ganz erfüllt 
von den Grundsätzen der josephinischen Kirchenpolitik; unter den älteren 
Geistlichen fanden nicht nur Wessenbergs Ideen, sondern auch kühnere kirch— 
liche Reformgedanken starken Anhang. Nicht weniger als 160 geistliche 
Herren hatten i. J. 1831 die Petition um Abschaffung des Zölibats unter- 
zeichnet; noch neuerdings war im Oberlande der von dem liberalen Dekan 
Kuenzer geleitete Schaffhauser Verein entstanden, der alle kirchlichen Fragen 
mit ungebundenem Freimut besprach und, nach dem Vorbilde der Prote- 
stanten gemischte Synoden von Geistlichen und Laien auch für die katholische 
Kirche verlangte. Doch mittlerweile begann ein neuer, gut römisch gesinnter 
Klerus aufzuwachsen. Die Regierungen Badens und Württembergs unter- 
lagen beide dem tragischen Schicksal, daß sie sich durch ihre treue Fürsorge 
für die katholischen Fakultäten der Landesuniversitäten selbst ihre Feinde 
heranzogen. Die jungen, in Freiburg unter Hirscher und anderen keines- 
wegs ultramontanen Gelehrten gebildeten Kleriker besaßen mehr theologisches 
Wissen, mehr kirchlichen Sinn als das ältere Geschlecht, darum auch mehr 
priesterliches Selbstgefühl; die bureaukratische Kirchenhoheit der guten alten 
Zeit erschien ihnen unerträglich, und hier wie überall in Deutschland 
wurde der Klerus durch die Kölner Wirren zu neuen Ansprüchen ermutigt. 
Im Landtage brachte Frhr. v. Andlaw den Notstand der römischen 
Kirche schon mehrmals zur Sprache, und 1841 erschien als erstes kräftiges 
Lebenszeichen der werdenden ultramontanen Partei die anonyme Flug- 
schrift „die katholischen Zustände in Baden“. Ihr Verfasser war, wie sich 
erst nach seinem Tode herausstellte, der Archivdirektor Mone, ein den Histo- 
rikern durch seine voreiligen Hypothesen wohlbekannter gelehrter Viel- 
schreiber. Er redete, als ob die katholische Mehrheit des badischen Volkes durch 
die protestantischen Beamten der protestantischen Dynastie bedrückt würde. 
Allerdings waren die Durlacher — wie man die Beamtenfamilien der 
alten protestantischen Markgrafschaft Baden-Durlach noch zu nennen pflegte 
— in den höhern Staatsämtern stark vertreten, weil der katholische Adel 
des Oberlandes seine Söhne häufig in österreichischen Dienst schickte. An 
eine Bevorzugung der Protestanten aber dachte der gutmütige Großherzog 
nicht von fern; und wenn seine Behörden die Katechismen, die Gesang- 
bücher, die Fastengebote der katholischen Kirche argwöhnisch überwachten, so 
mußten doch die Evangelischen die gleiche Aufsicht ertragen. Der allwissende 
Bevormundungseifer lag im Wesen des Polizeistaats; die alte Doktrin, 
die in den Geistlichen nur Staatsdiener sah, wirkte noch überall nach. Im 
Einverständnis mit dem greisen Minister Reizenstein widerlegte Nebenius 
die Anklagen Mones durch eine würdige Gegenschrift; aber die Saat des 
Unfriedens war ausgestreut, die Kirche begann sich in die ihr allezeit vor- 
teilhafte Rolle der klagenden Dulderin einzuleben.
        <pb n="335" />
        Ministerium Blittersdorff. Rottecks Tod. 327 
Als Anhänger Österreichs und geschworener Feind Preußens stand 
Minister Blittersdorff den ultramontanen Bestrebungen nahe, wie er denn 
auch mit Abel immer vertrauten Verkehr unterhielt. Für seine nächsten 
Zwecke aber bedurfte er anderer Machtmittel. Er hoffte durch rücksichts— 
losen Gebrauch seiner bureaukratischen Amtsgewalt wiederherzustellen, was 
er das monarchische System nannte, das Beamtentum zu schweigendem 
Gehorsam zu zwingen und die Opposition im Landtage zu vernichten. 
„Ich werde es“, sagte er kurzab, „so weit treiben, als ich vermag.“ Weder 
der Großherzog noch die übrigen Minister schenkten dem Hoffärtigen volles 
Vertrauen; doch seine dreiste Zuversicht schüchterte sie ein, und nach der 
korrekten Wiener Doktrin war jeder deutsche Hof dem Bunde für das 
Wohlverhalten seiner Kammern verantwortlich, der Minister des Aus— 
wärtigen also befugt, die gesamte Haltung der Regierung zu beaufsichtigen. 
Gehässig, mit einem junkerhaften Übermut, der von Winters bürger- 
licher Gemütlichkeit widerlich abstach, trat Blittersdorff den Abgeordneten 
entgegen und verhehlte ihnen nicht, daß er, gewöhnt an die erhabenen 
Geschäfte des Bundestages, die badischen Kammerhändel als armselige 
Kleinmeisterei verachtete. Dies kränkte am tiefsten; denn nirgends in 
Deutschland war die Verfassung so fest mit dem Volke verwachsen, nirgends 
das Selbstgefühl der Abgeordneten so überkräftig. Da das Beamtentum 
und die Landstände im Drange der Volksbeglückung miteinander wett- 
eiferten, so wurden hier die Landtage sehr häufig, fast alljährlich einberufen 
und währten sehr lange; das Wahlrecht war wenig beschränkt, selbst die 
Masse des Volks verfolgte die Verhandlungen mit Spannung. Nach den 
Debatten über die Gründung des Zollvereins verkaufte man auf den 
Jahrmärkten des Schwarzwalds Pfeifenköpfe, worauf die Abstimmungen 
der Volksvertreter verzeichnet standen. Rottecks Hinscheiden wurde land- 
auf landab als ein nationales Unglück beklagt; die liberalen Zeitungen 
nannten ihn einmütig den ersten Volksmann des Jahrhunderts, auf 
seinem Grabsteine prangten die Schillerschen Verse: „Er ist hin, und 
alle Lust des Lebens wimmert hin in ein verlornes Ach!“ Maßlos wie 
die Bewunderung der Getreuen zeigte sich auch der Haß der Gegner. Als 
die Oberländer ihrem tapferen Landsmann ein Standbild errichten wollten, 
verbot König Ludwig von Bayern seinem Schwanthaler die Ausführung 
des Kunstwerks, weil „Rotteck nichtein Ehrendenkmal, sondern eine Schand- 
säule verdient“ hätte. Also ward durch Freund und Feind die von Welcker 
verkündigte „große badische Idee“ genährt, die Vorstellung, daß hier am 
Oberrhein der liberale Musterstaat Deutschlands bestände. 
Der Stolz dieser Volksvertretung, die wirklich auf der Höhe der 
Weltgeschichte zu stehen glaubte, schien der Regierung schon darum uner- 
träglich, weil fast die Hälfte der zweiten Kammer aus Staatsdienern be- 
stand und das ohnehin sehr unabhängig gestellte Beamtentum leicht dahin 
gelangen konnte, sich durch parlamentarischen Druck seine eigenen Vor-
        <pb n="336" />
        328 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
gesetzten zu unterwerfen. Blittersdorff beschloß daher, den Stier bei den 
Hörnern zu packen, und als die Kammern 1841 sich wieder versammelten, 
ließ er zweien der neugewählten Beamten den Urlaub versagen. Das war 
kein Rechtsbruch; denn die Verfassung sagte nirgends, daß Staatsdiener 
zum Eintritt in die Kammer keines Urlaubs bedürften, und die Regierung 
hatte zwar vor zwanzig Jahren um des Friedens willen einige Urlaubs— 
verweigerungen wieder zurückgenommen, auch seitdem dies kleinliche Macht— 
mittel nicht mehr angewendet, aber niemals förmlich darauf verzichtet.) 
So leichthin ließ sich gleichwohl die langjährige Übung nicht beseitigen. Die 
zweite Kammer fühlte sich in den Grundfesten ihrer Macht bedroht, da sie 
der sachkundigen liberalen Beamten nicht entbehren konnte, und erklärte 
die Urlaubsverweigerungen kurzerhand für verfassungswidrig. Da bewog 
Blittersdorff den Großherzog, persönlich einzugreifen. Die Kammern wurden 
vertagt, und in einem Manifeste sagte Leopold seinem Volke, daß er die 
Verirrungen seiner zweiten Kammer beklage, jedoch auf bessere Einsicht 
hoffe. Zu einer solchen landesherrlichen Botschaft, die doch keine gesetz— 
liche Anordnung enthielt, war der Großherzog unzweifelhaft berechtigt, 
wenn nicht der letzte Schatten monarchischer Gewalt verschwinden sollte. 
Indes nach der herrschenden vernunftrechtlichen Theorie galt es für aus— 
gemacht, daß der Souverän niemals ohne die Unterschrift seiner Minister 
irgend eine Willensäußerung wagen dürfte. Alsbald erhob sich ein mäch— 
tiges Wehegeschrei, und als der Landtag um Neujahr 1842 nochmals zu— 
sammentrat, führten der alte Itzstein und der grimmig polternde Welcker 
sofort ihr grobes Geschütz auf. Unter brausendem Jubel der Galerien 
wurde auch das Manifest des Großherzogs für verfassungswidrig erklärt. 
Die Auflösung des Landtags war die einzig mögliche Antwort, und 
nunmehr glaubte Blittersdorff sein Spiel gewonnen. Einen Wahlkampf, 
wie er jetzt über Baden hereinbrach, hatte Deutschland noch nicht erlebt. 
Seine lang nachwirkenden Folgen zeigten sich in der krankhaften Ver— 
bitterung des Parteilebens und vornehmlich in der Gesinnungslosigkeit 
des Beamtentums, das sich diesmal in seiner großen Mehrzahl knech- 
tisch den Winken des verhaßten Ministers fügte, also für die Zukunft die 
Kraft verlor, den Mächten des Umsturzes zu widerstehen. Alles ward 
aufgeboten, was sich an schlechten Künsten amtlicher Bedrohungen, Ein- 
schüchterungen und Verheißungen nur irgend ersinnen ließ, und die Oppo- 
sition antwortete mit gleichen Waffen. Mannheim und Konstanz waren 
ihre festen Burgen. Von dort erteilte Vater Itzstein seine Weisungen 
an die Wahlredner, von hier bearbeitete Jos. Fickler die oberländischen 
Bauern durch die demagogischen Artikel seiner Seeblätter. Und das alles, 
weil der Großherzog zwei Beamten den Urlaub versagt und nachher eine 
landesväterliche Ansprache an seine Badener gerichtet hatte! Indes lag 
  
*)) S. o. III. 50; W. 628.
        <pb n="337" />
        Neue Blütezeit des badischen Liberalismus. 329 
der Grund des allgemeinen Hasses tiefer: das Volk empfand dunkel, daß 
Blittersdorff in der Tat darauf ausging, die Landesverfassung, nötigen— 
falls mit Hilfe des Bundestages, umzugestalten. Wer die wüste Hetzerei 
dieser Wahlkämpfe nüchtern beobachtete, mußte schon ahnen, daß eine 
Revolution herannahte. 
Die Liberalen siegten vollständig, sie erlangten zum ersten Male seit 
langer Zeit wieder eine sichere Mehrheit in der zweiten Kammer, eine 
Mehrheit freilich, die mit den Gegnern auf Tod und Leben verfeindet war. 
Vater Itzstein machte seinem volkstümlichen Beinamen Ehre: er hatte 
trefflich verstanden, seiner Partei einen Nachwuchs heranzuziehen. Zu den 
alten Kämpen des Liberalismus gesellten sich jetzt der feurige, herrschsüchtige, 
von seinen Freunden Marat genannte Jurist Sander; dann der Mann— 
heimer Buchhändler Bassermann, ein warmherziger Vertreter des gebil— 
deten, besitzenden Bürgertums, der nur durch die rückhaltlose Offenheit 
seiner Reden in den Ruf radikaler Gesinnung kam; endlich, alle anderen 
überragend, Karl Mathy. Nach langen Jahren schließlich freigesprochen, 
hatte Mathy sein stilles Schulmeisteramt in der Schweiz verlassen und 
die alte Heimat wieder aufgesucht. In den Kreisen der Regierung galt 
er fast für den schlimmsten aller Demagogen; wenn er sich langsam erhob, 
mit seinen großen, ruhigen blauen Augen den Ministern gerade ins Ge— 
sicht sah und dann kalt in wohlerwogenen ironischen Sätzen ihnen seine 
Vorwürfe zuschleuderte, so verwundete er tiefer als Welckers pathetische 
Entrüstung. Und doch war er der einzige staatsmännische Kopf in den 
Reihen der Opposition; er besaß die Mäßigung, die der gründlichen Kennt- 
nis entspringt, er verschmähte die Phrase, sprach immer zur Sache, am 
liebsten über Finanzfragen und nur wenn ein Erfolg möglich schien. 
Dank dem wilden Ansturm Blittersdorffs erlebte der badische Libera- 
lismus jetzt nochmals eine Zeit der Blüte wie einst auf dem großen Land- 
tage von 1831. Was nützte es, daß die Minister beschlossen, den Verhand- 
lungen des neuen Landtags zunächst fern zu bleiben, damit die Opposition 
sich durch ihre Zornreden wider die leeren Regierungsbänke lächerlich machen 
sollte? Alle Welt sah darin nur ein Zeichen der Schwäche. Mathys 
vielgelesene Landtagszeitung verbreitete ausführliche, klug berechnete Mit- 
teilungen aus dem Ständesaale bis in die entlegensten Walddörfer. Weither, 
selbst aus Württemberg und der bayrischen Pfalz kamen die Neugierigen 
herbei; die Kammer ward zum Theater, und die Zuschauer spielten mit. 
Welch ein Fest, wenn der Präsident die überfüllten Galerien wegen grober 
Ruhestörung räumen ließ und bald nachher auf den Antrag eines libe- 
ralen Abgeordneten das souveräne Volk wieder eingelassen wurde, um den 
Lärm von neuem zu beginnen. Damen saßen auf den Stufen des Prä- 
sidentenstuhls, andere Gäste mitten im Saale, als Bassermann die ab- 
wesenden Minister, „die Beamten des Volks“ zur schuldigen Rechenschaft 
vorforderte, als ergrimmte Redner die schmutzige Wäsche des jüngsten Wahl-
        <pb n="338" />
        330 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
kampfs sorgsam ausbreiteten, die Verteidiger der Regierung selbst nur 
verlegene Worte der Entschuldigung vorzubringen wußten, und die Mehr— 
heit schließlich, auf Itzsteins Antrag, dem Ministerium ihre wohlverdiente 
Mißbilligung aussprach. Der Beschluß bedeutete rechtlich gar nichts, da 
die erste Kammer ihm nicht zustimmte; gleichwohl fühlte sich Großherzog 
Leopold schwer betroffen. Er merkte wohl, fast das ganze Land war einig 
in dem Rufe: fort mit Blittersdorff; und doch ging es ihm gegen seine 
fürstliche Ehre, dem Drängen der Stände nachzugeben. Blittersdorff blieb 
im Amte, ohne den Landtag eines Besuchs zu würdigen, und in begreif— 
lichem Unmut hielten die Liberalen noch manche zornige Rede über die 
großen Wünsche der Zeit: Preßfreiheit, Schwurgericht, Beschränkung der 
Polizeigewalt. Auch einzelne radikale Heißsporne ließen sich schon ver— 
nehmen, die offenbar weit über die Ziele der liberalen Führer hinaus— 
strebten, aber durch Itzsteins diplomatische Väterlichkeit noch bei der Stange 
gehalten wurden: so der unaufhaltsame burschikose Großsprecher Friedrich 
Hecker, so Bürgermeister Baum, der kurzab verlangte: wenn der Edelmann 
im Zuchthause den Adel verliere, dann müsse folgerecht der bürgerliche 
Verbrecher in den Adelstand degradiert werden. Als die Stände im Sep- 
tember auseinandergingen, mochte die grollende Opposition nicht zu der 
feierlichen Schlußsitzung erscheinen, und der preußische Gesandte Radowitz 
berichtete traurig: „So wurde dieser Landtag geschlossen unter dem Lebe- 
hoch weniger, dem Schweigen vieler, der peinlichen Stimmung der Mehr- 
zahl.“*) 
Trotzdem erweckten die großen Reden dieses unfruchtbaren Landtags 
weithin in der liberalen Welt begeisterte Freude. Robert Prutz sendete 
„Badens zweiter Kammer“ drei Jubellieder: 
Der Itzstein und der Welcker 
Die gehen kühn voran. 
Schon tummeln sich die Völker, 
Schon bricht der Morgen an. 
Im Lande selbst war der Zweckessen und Versammlungen kein Ende; die 
Opposition wußte sich aller öffentlichen Lustbarkeiten so geschickt zu bemäch— 
tigen, daß selbst die Kirchenfeste des Oberlandes daneben fast zurücktraten. 
Welcker, der vor kurzem erst seine Freiburger Professur wieder erhalten 
hatte, wurde nunmehr, zu Metternichs absonderlichem Wohlgefallen**), zum 
zweiten Male willkürlich abgesetzt und siedelte nach Heidelberg über. Dort 
in seiner Villa, jenseits des Neckars, über dem roten Steinbruche, wo einst 
der Mithrastempel der Römer gestanden hatte, pflegten sich die Liberalen zu 
ernsten Beratungen zu versammeln. Lustiger ging es in Hallgarten zu, 
wo Itzstein seine Sommerrast hielt; hier und in den weinseligen Nachbar— 
  
*) Radowitzs Bericht, 10. Sept. 1842. 
**) Metternich, Weisung an Trauttmansdorff, 19. Okt.; Otterstedts Bericht, 
6. Nov. 1841.
        <pb n="339" />
        Itzstein. Welcker. Haber. 331 
orten begrüßten sich die Badener mit den Gesinnungsgenossen aus Nassau 
und Hessen. Auf einem dieser Rheingaufeste stimmte Hoffmann von Fallers— 
leben, der Unvermeidliche sein „Willkommen Vater Itzstein“ an — ein 
Lied, das rasch die Runde durch Süddeutschland machte, weil es die red— 
selige Gesinnungstüchtigkeit der Zeit so gar unschuldig wiedergab: 
Laßt uns öffentlich besprechen 
Voller Männermut 
Unsre Leiden und Gebrechen, 
So wie Er es tut! 
Vaterland, freue dich! 
Deine Nacht wird immer heller. 
Itzstein unser Stern 
Leuchtet nah und fern! 
Bei dem Jubelfeste der badischen Verfassung 1843 beging die Regierung 
die unbegreifliche Torheit, sich aller amtlichen Teilnahme zu enthalten, 
und die Feier gestaltete sich zu einem lärmenden Triumphe der Opposition. 
Vater Itzstein verteilte seine Festredner über alle Städte des Landes; er 
selbst ging nach Griesbach, wo vor fünfundzwanzig Jahren das Grund— 
gesetz unterschrieben worden war, und die Bauern begrüßten ihn überall 
festlich als den Schirmherrn des Landesrechts. Alle die Weihereden, die 
nachher Mathy in einem umfänglichen Bande gesammelt herausgab, alle 
die Hochrufe auf die geliebte Verfassung klangen wie ein drohendes 
Schlachtgeschrei gegen Blittersdorff. 
Zu allem Unheil wurde der politische Streit auch noch durch einen 
widerwärtigen Hofskandal vergiftet. Der berüchtigte karlistische Agent Moritz 
v. Haber, ein verlorener Sohn des Hofbankhauses Salomon Haber, war 
kürzlich heimgekehrt, nachdem er sich lange im Auslande, bald als Jude 
bald als Katholik bald als Protestant umhergetrieben, und hatte zum all— 
gemeinen Erstaunen rasch das Vertrauen der stolzen, geistvollen Groß- 
herzogin Sophie gewonnen; er half ihr die zerrütteten Vermögensverhält- 
nisse ihres unglücklichen Bruders, des Prinzen von Wasa zu ordnen. Er 
stand in Verbindung mit dem Hause Rothschild und mit Benazet, dem 
verrufenen Pächter der Spielbank von Baden-Baden; auch mit Blitters- 
dorff verkehrte er vertraulich, da der Minister gewagte Geldgeschäfte liebte. 
Der Großherzog aber und seine Brüder betrachteten den verschmitzten 
Abenteurer mit erklärlichem Mißtrauen; das Zerwürfnis am Hofe ward 
bald offenkundig, die klatschsüchtige Residenz erzählte sich Wunder von 
Habers Verworfenheit und seinen reaktionären Plänen. Man nannte 
ihn die Geißel des Landes. Die Gesellschaft in Baden-Baden schloß ihn 
von ihren Festlichkeiten aus, und als Haber deshalb einen Leutnant v. Göler 
forderte, entschied das Ehrengericht, mit einem solchen Manne könne ein 
Offizier sich nicht schlagen. Da trat ein vornehmer Russe für Haber ein, 
und in dem Duelle, das nun folgte, fanden Göler und sein russischer 
Gegner beide den Tod. Diese Nachricht entflammte die Wut des Volkes,
        <pb n="340" />
        332 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
auch der alte Judenhaß mochte wohl mitwirken. Der Pöbel in Karlsruhe 
rottete sich zusammen und zerstörte das Habersche Haus; die Polizei 
tat wenig, die Truppen erschienen zu spät, und es ließ sich leicht er— 
kennen, daß eine mächtige Partei am Hofe dem Vertrauten der Groß— 
herzogin die Züchtigung gönnte.“) Die Regierung wußte sich nicht zu 
helfen. In ihrer Herzensangst verbot sie den Zeitungen, irgend etwas 
über die schmählichen Vorfälle zu drucken; und mit vernichtendem Hohne 
hielt ihr nachher Mathy im Landtage vor, wie gröblich sie erst durch 
Schwäche, dann durch Härte gesündigt hätte; er weissagte, auf den Karne— 
val dieser Staatsweisheit würde ein Aschermittwoch folgen. Noch nicht 
genug. Ein Offizier außer Dienst, Uria-Sarachaja beschloß den gefallenen 
Kameraden zu rächen und beschimpfte Haber in einem veröffentlichten 
Briefe dermaßen, daß ein zweites Duell unvermeidlich wurde. Haber er- 
schoß seinen Feind und entzog sich dann durch die Flucht einem dritten 
ihm noch angedrohten Zweikampfe. Nun brauste die Entrüstung von neuem 
auf, selbst die Bänkelsänger auf den Jahrmärkten besangen die gräßliche 
Mordgeschichte von den drei Blutopfern; in der rheinischen Presse fand 
der Günstling des Hauses Rothschild freilich auch manche tugendhafte 
Verteidiger. 
Während diese Händel noch schwebten, hatte Blittersdorff endlich ein- 
gesehen, daß seines Bleibens in dem feindseligen Lande nicht mehr sei. 
Im November 1843 ging er wieder als Bundesgesandter nach Frankfurt, 
um dort abermals auf eigene Faust österreichische Politik zu treiben. 
Aus seinem und aus Abels Regiment entnahmen die Süddeutschen die 
heilsame Erkenntnis, was von klerikaler oder halbklerikaler Parteiherr- 
schaft zu erwarten sei. Sein Rücktritt kam aber zu spät; der Mißmut 
hatte sich schon zu weit verbreitet. Der Finanzminister Böckh, der fortan 
die Leitung übernahm, vermochte trotz seiner fachmännischen Tüchtigkeit 
das Ansehen der Regierung nicht wiederherzustellen. Alles ging aus Rand 
und Band. 
Bei dem preußischen Hofe fand der Großherzog, der in seiner Hilf- 
losigkeit überall Rat suchte, keine wirksame Unterstützung. Der König 
hatte den alten, in Süddeutschland wohl bewanderten Gesandten Otter- 
stedt abberufen und seinen Freund Radowitz beauftragt, neben dem Frank- 
furter Posten auch die Karlsruher Gesandtschaftsstelle zu verwalten. 
Wieder ein unbegreiflicher Mißgriff. Radowitz kannte die Zustände des 
Südens gar nicht und vermochte sie auch nicht unbefangen zu beobachten, 
da er damals noch streng klerikale Ansichten hegte, mit Mone und dessen 
Hintermännern auf gutem Fuße stand. Durch seine überlegene Persönlichkeit 
gewann er am Hofe bald festen Boden. Der Großherzog besuchte ihn 
oft heimlich, und war der Preuße in Frankfurt, so schrieb Leopold ihm 
  
*) Radowißs Berichte, 6. 11. Sept. 1843.
        <pb n="341" />
        Blittersdorffs Sturz. 333 
Briefe oder ließ ihn durch seinen Flügeladjutanten Krieg mündlich be— 
fragen. Die Erwiderungen lauteten immer mild und ruhig. Radowitz 
warnte vor Staatsstreichen, er ermutigte den gequälten Fürsten zum 
Ausharren, wenn dieser unterweilen an Abdankung dachte, und ver— 
hehlte auch nicht, daß er Blittersdorff für einen unheilvollen Mann an— 
sah. Doch niemals begriff er, was die Verfassung für dies Land be— 
deutete. Das ganze bureaukratisch-konstitutionelle Staatsleben des Südens 
ekelte ihn an; „die Umwandlung deutsch-fürstlicher Herrschaften in moderne 
Souveränitäten“ blieb ihm der Urgrund alles Übels. Darum hielt er für 
ratsam, die Verfassung in wesentlichen Punkten umzugestalten, freilich 
nur mit gesetzlichen Mitteln — was doch bei der Stimmung des badischen 
Landes rein unmöglich war. Lebhaft empfahl er ein politisches Bünd- 
nis zwischen dem Hof und dem Erzbischof, damit eine konservative Partei 
„mit spezifisch katholischem Charakter“ sich bilden könne. Daß eine solche 
Partei der Krone Preußen feind sein mußte, ahnte er nicht.) 
Den Ultramontanen zerstörte Blittersdorffs Sturz manche stille 
Hoffnungen. Indes zeigte sich die Regierung so zerfahren und ratlos, daß 
man wohl noch einen Vorstoß wagen konnte. Vicari, der Nachfolger des 
friedfertigen Demeter auf dem erzbischöflichen Stuhle, war ein schwacher, 
freundlicher, leicht zu beherrschender Greis, und bald genug ließ sich die 
Wirksamkeit jener geheimnisvollen weltlichen und geistlichen Gäste erkennen, 
welche sich am Freiburger Münsterplatze zur wohlbesetzten Prälatentafel 
einzufinden pflegten. Von Rom her ermutigt, auch durch mehrere Peti- 
tionen der Seeschwaben aufgestachelt, befahl der Erzbischof plötzlich (1845), 
daß bei der Einsegnung gemischter Ehen fortan wie in Preußen die katho- 
lische Erziehung der Kinder gefordert werden müsse; und er setzte seinen 
Willen durch, obgleich die Regierung lebhaft widersprach, auch ein Teil 
des Klerus selbst bei dem milderen alten Brauche verharren wollte. So 
begann ein kirchenpolitischer Kampf, der sich durch ein Vierteljahrhundert 
hinziehen sollte. — 
Überall in der Welt nahm der römische Stuhl seine alten Ansprüche 
wieder auf, seit er in dem Kölnischen Handel so unerwartet gesiegt hatte. 
Auch Württemberg, das alle paritätischen Staaten Deutschlands bisher um 
seinen kirchlichen Frieden beneidet hatten, erlebte jetzt den ersten Ansturm 
der Ultramontanen. Hier wurde das alte staatskirchliche System, das in 
sämtlichen Staaten der oberrheinischen Kirchenprovinz herrschte, mit beson- 
derer Strenge gehandhabt. Die königliche Oberaufsichtsbehörde, der katho- 
lische Kirchenrat behütete alle Rechte der Kirchenhoheit so wachsam, daß 
König Wilhelm nach seinen Erfahrungen wohl berechtigt war, der Krone 
Preußen die Nachbildung dieser Behörde zu empfehlen. Selbst in das innere 
  
*) Radowitzs Berichte, 26. Mai, 18. Juli, 10. Sept. 1842. Dessen Denkschrift 
über Baden, 10. Dez. 1846.
        <pb n="342" />
        334 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
kirchliche Leben griff der Kirchenrat handfest ein; er ordnete Gottesdienst 
und Gebete an, er bestimmte die Länge der Predigten und der Homilien, 
er erteilte den geistlichen Weihen seine Zustimmung. Der Landesbischof, 
der in Rottenburg, absichtlich in der Nähe der strengprotestantischen alt— 
württembergischen Gebiete und der paritätischen Landesuniversität, seine 
sehr bescheidene Residenz angewiesen erhielt, besaß gar keine selbständige 
Disziplinargewalt über seinen Klerus und durfte keine einzige Pfründe im 
Lande vergeben, da die Krone kraft zweifelhafter Rechtstitel ein landes- 
herrliches Patronat beanspruchte; alle Erlasse seines Ordinariats bedurf- 
ten der Genehmigung des königlichen Kommissars. Der König zeigte sich in 
diesen Jahren höchst mißtrauisch gegen die römische Kirche. Evangelische 
Gesinnung lag dem sarkastischen Weltmanne fern, doch eine starke Staats- 
gewalt erschien ihm als der einzige Halt und Hort in der gärenden Zeit; 
darum sah er in den Klerikalen jeder Farbe nur geistliche Demagogen. Offen 
sprach er aus, daß er die Tübinger katholische Fakultät von den Schülern 
Möhlers reinigen wolle, und in der Tat ward ein ultramontaner Eiferer, 
Professor Mackauf eine stille Landpfarre versetzt.') Die nachgiebige Kirchen- 
politik Preußens erfüllte den König mit schwerer Besorgnis, dagegen begrüßte 
er freudig den Gustav-Adolf-Verein, dem er sogleich durch ein veröffent- 
lichtes Handschreiben seine Unterstützung zusagte. Wegen der kirchenpoliti- 
schen Streitfragen verlangte er mehrmals den Rat Wessenbergs. Dieser 
ehrwürdige alte Herr lebte freilich in Zeiten, die gewesen; er träumte noch 
immer den unmöglichen Traum einer deutschen Nationalkirche, deren Primat 
zwischen den Erzbischöfen von Köln, Freiburg, München wechseln sollte, und 
mahnte vornehmlich, das Plazet festzuhalten, auch in Sachen der gemischten 
Ehen nichts zu ändern — zwei Forderungen, die doch jetzt, nachdem 
die Krone Preußen nachgegeben, schon allen Boden verloren hatten.) 
Lange Jahre hindurch hatte der schlaffe greise Bischof Keller von Rotten- 
burg die gestrenge, aber fürsorglich wohlmeinende Vormundschaft des Staats 
geduldig ertragen; er gehörte noch zu der leidsamen alten Schule und war 
vor Jahren selbst Mitglied des Kirchenrats gewesen. Nach und nach begann 
die neue klerikale Partei ihm doch über den Kopf zu wachsen. Die dem 
Könige besonders verhaßten Repetenten des Tübinger Wilhelmsstifts) 
die katholischen Edelleute Oberschwabens und die jungen Kleriker, die sich 
hier wie zu Freiburg in die bischöfliche Kurie eindrängten, bestürmten ihn 
mit Forderungen. Er wurde in Rom angeschwärzt, erhielt drohende Mah- 
nungen aus dem Vatikan, und um dem Schicksal Sedlnitzkys zu ent- 
gehen, entschloß er sich endlich, dem Landtage von 1841/42 eine lange 
*) Rochows Berichte, 8. Jan., 9. 14. Febr. 1840. 
*“) Wessenberg, gutächtliche Ansichten über die katholischen Kirchenzustände in Deutsch- 
land, 21. Mai 1840; neuer Versuch zur Ausgleichung des Streites über die Einsegnung 
gemischter Ehen, Jan. 1841. 
*##) Rochows Bericht, 11. Jan. 1842.
        <pb n="343" />
        Klerikale Bewegung in Württemberg. 335 
Reihe von Beschwerden über die Bedrängnis der katholischen Kirche vor— 
zulegen. Die begleitende Denkschrift lautete so ungeschlacht, daß ihm 
Minister Schlayer auf den Kopf zusagte, dergleichen könnten nur junge 
Hitzköpfe geschrieben haben. 
Der Schlag war von langer Hand her vorbereitet; Graf Zeil hatte 
sich deswegen in München mit Abel und dem Nuntius verabredet.“) 
Aber auch die Gegner gerieten in Aufregung. Die tapferen Evangelischen 
in der Exulantenstadt Freudenstadt, die pietistischen Stundenleute von 
Calw und Kornthal, alle guten Altwürttemberger riefen erschrocken: jetzt 
wollen die Jesuiten die feste Burg des süddeutschen Protestantismus 
erstürmen. Nach leidenschaftlicher Beratung wurden die Beschwerden des 
Bischofs von der Kammer allesamt abgewiesen und nur eine ange- 
nommen: die Klage über die Beschränkung der Presse, eine Klage, die 
sich freilich in Kellers Munde seltsam ausnahm, da er früherhin immer 
gegen die gottlose Preßfreiheit geeifert hatte. Hier zeigte sich, wo die Stärke 
der Ultramontanen lag. Wenn sie das Zauberwort der Freiheit gegen 
die unleugbaren Härten des alten Polizeistaates geschickt ausspielten, dann 
konnte ihnen die Hilfe der Liberalen nicht fehlen. Trotz ihres Sieges 
fühlte sich die Regierung unsicher und suchte ihr Verhalten durch eine 
Denkschrift vor dem römischen Stuhle zu rechtfertigen. Bald darauf (1844) 
gewährte sie aus freien Stücken zwei kleine Erleichterungen. Der Bischof 
erhielt eine etwas erweiterte Disziplinargewalt und die Besetzung von fünf- 
zehn Pfarreien. Der alte Territorialismus hatte noch einen letzten Er- 
folg davon getragen, aber seine Tage waren gezählt. — 
  
Nicht bloß den Staatsgewalten hatte die römische Kirche große Zuge- 
ständnisse entrungen; sie bewährte ihre gewaltige Widerstandskraft auch 
gegen den Versuch einer Sektenbildung, die freilich von Haus aus hohl und 
geistlos, doch an dem unklaren politischen Freiheitsdrange der Zeit eine 
Stütze fand. Arnoldi, der einst von dem alten Könige zurückgewiesene, nun- 
mehr von dem Nachfolger begünstigte neue Bischof von Trier, geriet bald in 
die Hände der klerikalen Partei und veranstaltete im Sommer 1844 die 
Ausstellung des ungenähten heiligen Rocks — ein Schauspiel, das seit mehr 
als einem Menschenalter unterblieben war und jetzt, wie der alte Görres 
öffentlich aussprach, lediglich dazu dienen sollte, den Triumph der Kirche 
über den paritätischen Staat feierlich zu bekunden. Und dies pfäffische 
Blendwerk wurde gewagt, obwohl Papst Gregor erst vor einem Jahre den 
Benediktinern von Argenteuil in einem Breve bezeugt hatte, daß sie den hei- 
ligen Rock des Herrn in ihrem Altar verwahrten. Zum Überfluß bewiesen 
*) Dönhoffs Bericht, München 28. März 1842.
        <pb n="344" />
        336 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
noch zwei junge Bonner Professoren, der Orientalist J. Gildemeister und 
der Historiker H. v. Sybel in einer streitbaren, aber ernsten, streng wissen— 
schaftlichen Schrift über „den heiligen Rock zu Trier und die zwanzig 
anderen heiligen ungenähten Röcke“, welch ein Unfug die Jahrhunderte 
hindurch mit dieser gefälschten Reliquie getrieben worden war. Doch was 
vermochten Gründe wider den frommen Wahn? Was galt es den römischen 
Priestern, daß Nitzsch zu Bonn in einer herrlichen Predigt die Protestanten 
ermahnte, statt der toten Reliquie die Heilkraft des lebendigen Christus 
zu verehren, und mitleidig ausrief: o der Armen, denen das Evangelium 
nicht gepredigt wird! Binnen sieben Wochen strömten eine Million und 
hunderttausend Pilger nach Trier; in allen Städten und Dörfern des 
schönen Mosellandes läuteten die Glocken, so oft ein Zug von Wall— 
fahrern mit wehenden Kirchenfahnen herankam; die Gastwirte, die Bil— 
derkrämer, die Paramentenhändler der Bischofsstadt hielten eine goldene 
Ernte, und inbrünstig erklang im Dome das Stoßgebet: heiliger Rock, 
bitt' für uns! Auch die Mirakel blieben nicht aus. Eine Verwandte 
des alten Erzbischofs Droste-Vischering wähnte durch den Anblick des 
Rocks von einer Lähmung geheilt zu sein; und das Bänkelsängerlied 
spottete ihr nach: Du Rock bist ganz unnätig, drum bist du auch so 
gnädig! Ernste Protestanten konnten nur mit Besorgnis wahrnehmen, 
wie verblendet der Klerus gerade die alten Mißbräuche neu belebte, welche 
einst die Reformation unmittelbar veranlaßt hatten. 
Da erklang plötzlich ein gellender Widerspruch aus der Mitte der 
Priesterschaft selbst. Ein junger, vor kurzem wegen eines freigeistigen 
Zeitungsartikels suspendierter Kaplan zu Laurahütte in Oberschlesien, Jo- 
hannes Ronge, veröffentlichte in den radikalen Sächsischen Vaterlands- 
blättern ein Schreiben an Arnoldi, das den Bischof wegen seines „Götzen= 
festes“ scharf angriff und in dem Satze gipfelte: „Schon ergreift der Ge- 
schichtsschreiber den Griffel und übergibt Ihren Namen, Arnoldi, der 
Verachtung bei Mit= und Nachwelt und bezeichnet Sie als den Tetzel 
des neunzehnten Jahrhunderts.“ Diese Worte bewiesen schon genugsam, 
daß der eitle Mann, der sich so deutlich selber für einen neuen Luther aus- 
gab, nicht aus dem Holze der Reformatoren geschnitzt war. Ihn entflammte 
ein achtungswertes Gefühl jugendlicher Entrüstung wider das Schau- 
gepränge römischer Werkheiligkeit; doch von dem Ernste, dem Tiefsinn, der 
Selbstverleugnung des Glaubenshelden lag nichts in ihm. Sein Brief 
wiederholte lediglich alte Wahrheiten, die der Protestantismus längst 
kühner und würdiger ausgesprochen hatte; neu war daran nur der moderne 
journalistische Stil und das patriotische Pathos. „Erzürnen Sie nicht die 
Manen Ihrer Väter, welche das Kapitol zerbrachen, indem Sie die Engels- 
burg in Deutschland dulden“ — so rief er dem Bischof zu, und man 
konnte leicht erraten, daß er seine Weltanschauung gutenteils der Rotteck- 
schen Weltgeschichte verdankte.
        <pb n="345" />
        Ronge und der heilige Rock. 337 
Trotzdem rief Ronges Schreiben eine starke, freilich nicht nachhaltige 
Erregung hervor. Das Trierer Schauspiel erschien weiten Kreisen wie eine 
mutwillige Verhöhnung aller modernen Bildung; denn die Zeit wähnte 
sehr frei zu denken, und nur wenige helle Köpfe bemerkten schon, daß in 
diesem durch so mannigfache Gegensätze zerklüfteten Jahrhundert auch der 
rohe Autoritätsglaube hüben und drüben eine gewaltige Macht besaß, 
da die einen ebenso blind auf die Zeitungen und die Schlagworte der 
Tagespolitik schwuren, wie die anderen auf Heiligenbilder und Reliquien. 
In Schlesien zeigten die Ultramontanen seit Sedlnitzkys Sturz einen her- 
ausfordernden Hochmut, der das ohnehin unzufriedene Volk reizte; der 
Breslauer Pöbel verhöhnte nicht selten die geistlichen Herren auf der 
Straße, selbst Fürstbischof Diepenbrock ward einmal von Studenten öffent- 
lich beschimpft. Auch die unklaren reformatorischen Gedanken regten sich 
wieder, die aus der katholischen Kirche Schlesiens niemals ganz ver- 
schwunden waren,) gutmütige Vorstellungen von einer geläuterten Kirche, 
welche nicht römisch und doch katholisch sein sollte. Nach wenigen Wochen 
schon gründete Ronge eine Gemeinde, die sich von Rom förmlich lossagte. 
Sie bestand zumeist aus kleinen Leuten der Mittelklassen; aber auch zwei 
Männer von geachtetem wissenschaftlichem Namen schlossen sich an, erst 
der Kirchenrechtslehrer Professor Regenbrecht, dann der gelehrte, grund- 
ehrliche Pater Anton Theiner, beide den Klerikalen längst verhaßt als 
unerschrockene Kämpfer wider den Zölibat und andere römische Miß- 
bräuche. Unterdessen hatte auch Kaplan Czerski in Schneidemühl, ein 
wegen heimlicher Ehe verurteilter Priester, mit starkem Anhang die 
römische Kirche verlassen, und bald bildeten sich in zweiundzwanzig nord- 
deutschen Städten Dissidentengemeinden, die den widerspruchsvollen Namen 
der Deutschkatholiken annahmen. Im Süden war der Zulauf schwächer, 
da Osterreich und Bayern die neue Sekte mit äußerster Härte verfolgten. 
Das gläubige Landvolk hielt sich überall fern. Mehr als 60000 Be- 
kenner zählte der Deutschkatholizismus niemals, und die volle Hälfte 
gehörte Ronges schlesischer Heimat an. 
Im Vatikan war anfangs der Schrecken groß; denn wer mochte 
wissen, wohin ein Schisma auf diesem heißen Boden, in dem Vaterlande 
der einzigen siegreichen Ketzerei noch führen konnte? Der Klerus erhielt 
Befehl, mit weltkluger Mäßigung zu verfahren, und nur die abtrünnigen 
Priester wurden exkommuniziert. Die Evangelischen hingegen hießen Ronges 
Unternehmen willkommen; ihrer viele sahen ja das Wesen des Protestan- 
tismus allein in der Bekämpfung des Papsttums, und auch die Gläubigen 
lebten der Überzeugung, daß die evangelische Lehre die dem deutschen Ge- 
müte entsprechende Form des Christentums ist, sie hofften auf die kirchliche 
Wiedervereinigung der Nation. Fast in allen Städten, wo deutschkatholische 
Gemeinden entstanden, beeilten sich die Protestanten, ihnen die Rathaussäle 
*) S. o. III. 416 f. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 22
        <pb n="346" />
        338 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
oder auch ihre Gotteshäuser einzuräumen. Im März 1845 trat zu Leipzig 
ein Konzil zusammen, um Bekenntnis und Verfassung der neuen Sekte 
festzustellen, und hier zeigte sich alsbald die religiöse Schwäche der Be— 
wegung. Der Deutschkatholizismus krankte nicht nur an einem logischen 
Widerspruche, da er zugleich allgemeines und nationales Christentum sein 
wollte, sondern auch an einer schweren sittlichen Unwahrheit, denn er gab 
vor, zwischen den Katholiken und Protestanten mitteninne zu stehen, wäh— 
rend er in Wirklichkeit weit über den evangelischen Glauben hinausging 
und nur den extremen Sekten der Protestanten verwandt war. Erschienen 
doch in Königsberg zur Eröffnung des deutschkatholischen Gottesdienstes, 
freundlich eingeladen, sogar die Führer der liberalen Judenschaft, Jacoby, 
Falkson, Korsch. Auf dem Leipziger Konzile errang Ronge mit seinem 
radikalen Anhange den Sieg. Das Dogma wurde im Geiste des platten 
Rationalismus dermaßen vereinfacht, daß von christlichem Inhalt wenig 
übrig blieb; die Gemeinden erhielten eine fast unbeschränkte Selbständigkeit, 
ihrer viele gewährten, allem kirchlichen Brauche zuwider, sogar den Frauen 
das Stimmrecht. So weit wollte der immerhin etwas ernster gestimmte 
Czerski doch nicht gehen, den Glauben an die Göttlichkeit Christi gab er 
nicht auf; auch der wackere Pater Theiner zog sich bald zurück, entsetzt 
über Ronges windige Phrasen; und es ließ sich jetzt schon vorhersehen, 
daß diese gedankenlose Sektiererei an der gewaltigen Konsequenz der katho— 
lischen Kirche notwendig zerschellen mußte. 
Aber die fieberische politische Freiheitssehnsucht des Zeitalters klam— 
merte sich an jeden Strohhalm; alles hieß sie willkommen, was den alten 
Gewalten in Staat und Kirche irgend widerstrebte. Ulrich von Hutten war 
den Liberalen dieser Tage die Lieblingsgestalt der deutschen Geschichte; 
in seinem kühnen Freimut, seinem rhetorischen Pathos, seiner ungebundenen 
Lebensweise, seinen gestaltlosen vaterländischen Träumen meinten sie sich 
selber wiederzuerkennen. Und wie er einst von der Reformation die Auf— 
erstehung deutscher Macht und Herrlichkeit erhofft hatte, so wähnten jetzt 
Unzählige, dieser schlesische Kaplan würde der nahenden politischen Revo— 
lution eine Gasse brechen. Der philosophische Radikalismus trat für einige 
Zeit ganz in den Hintergrund, da sich mit einem Male die Aussicht auf 
große praktische Erfolge der geistigen Freiheit zu eröffnen schien. Viele 
liberale Zeitungen verherrlichten den Führer der Deutschkatholiken mit 
einer Inbrunst, die sich neben der Nichtigkeit des Mannes und der Dürf- 
tigleit seiner Erfolge hochkomisch ausnahm. Ein Rebus, der an allen 
Schaufenstern hing, sagte: 
Ronge, zweiter Luther du, 
Streite, streite wacker zul 
Nicht durch Rock und Narrenglocken 
Sollen uns die Pfaffen locken. 
Aberglaube, fliehe fort! 
Gleich dem Blitz trifft Ronges Wort.
        <pb n="347" />
        Deutschkatholische Bewegung. 339 
Wie hätte der Eitle solches Lob ertragen sollen? In neuen Send— 
schreiben, die er nunmehr an seine Glaubensgenossen, an die Geistlichen, 
an die Lehrer richtete, schlug er ganz den Ton des radikalen journalistischen 
Großsprechers an. Er prahlte, die Schlacht gegen das Römertum würde 
nicht mehr im Dunkel des Teutoburger Waldes, sondern auf den Höhen 
des germanischen Geistes geschlagen; er weissagte, die in der ersten Refor— 
mation verlorene Weltherrschaft Deutschlands solle jetzt durch die zweite 
Reformation wiedergewonnen werden, und verhieß seinen Genossen: „der un— 
austilgbare Dank der Geschichte wird Sie durch die Jahrhunderte tragen.“ 
Mit seinem getreuen Dowiat, einem feurigen radikalen Kraftredner 
bereiste er sodann die süddeutschen Städte, um überall auf Banketten und 
Zweckessen die Huldigungen der Opposition entgegenzunehmen. Ein ekel— 
hafter Anblick, wie der neue Luther im vierspännigen Wagen mit Ruge 
und Fröbel, den ungläubigen Demagogen, und mit Fickler, dem Volks— 
manne der liberalen Seeschwaben, aus Konstanz hinausfuhr zur Kirchen— 
feier auf dem nahen sichern Schweizerboden, und der dicke Fickler schmun— 
zelnd sagte: das hätt' ich nicht gedacht, daß ich noch einmal Apostel werden 
sollte. Nachher beim Festmahl rief Dowiat ein schmetterndes Pereat auf 
die Petersburg im Süden und die Petersburg im Norden; währenddem 
meldeten sich einige harmlose Konstanzer zum Eintritt in die neue Ge— 
meinde; Dowiat ging hinaus, um nach weihevoller Ansprache ihre Namen 
in sein Kirchenbuch einzutragen, und kehrte dann, sarkastisch lächelnd, zum 
Champagner zurück. Darum erklärte der fromme, von Rom so schwer ge— 
kränkte Wessenberg sehr nachdrücklich, daß er mit diesem frivolen Treiben 
nichts gemein haben wolle. Viele andere tüchtige Männer überschätzten die 
Bewegung; der alte Protestantenhaß gegen den römischen Antichrist wallte 
hoch auf, alles strebte hinaus aus der Stickluft dieser Tage der Erwartung. 
Sogar der scharfblickende Karl Mathy ließ sich, allerdings nicht lange, über 
die Bedeutung der kirchlichen Demagogen täuschen; war er doch selbst 
der Sohn eines römischen Priesters, der sich einst nach schweren Seelen- 
kämpfen in die evangelische Freiheit hinübergerettet hatte. 
Von selbst verstand sich, daß der unaufhaltsame alte Paulus „zur 
Rechtfertigung der Deutschkatholiken“ schrieb; er glaubte ihnen treuherzig, 
sie würden den Westfälischen Frieden ausführen, den Gegensatz der Be- 
kenntnisse in Deutschland versöhnen. Ebenso zuversichtlich begrüßte sein 
rationalistischer Gesinnungsgenosse Röhr in Weimar den neuen Kampf 
wider Rom. Aber auch Gervinus, der weltlichste unter den jüngeren 
Historikern wähnte sich berufen, von „der Mission der Deutschkatholiken“ 
Großes zu weissagen und in einer zweiten Streitschrift die protestantischen 
Geistlichen wegen ihrer besonnenen Zurückhaltung hart anzulassen. Er hielt 
es für ein Naturgesetz, daß Deutschland nach einer religiösen und einer 
literarischen Epoche jetzt eine politische Zeit erleben müsse; solcher Hoffnung 
voll begrüßte er die neue Sekte als den Keim einer großen nationalkirch- 
22
        <pb n="348" />
        340 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
lichen Union, die über das Dogma hinwegsehend, allein der Moral, der 
Duldsamkeit, der Abwehr ausheimischer Mächte leben sollte. Von der 
beseligenden Kraft der göttlichen Verheißung, von dem gemeindebildenden 
Drange des lebendigen Glaubens hatte er gar keine Ahnung. Zugleich 
zeichnete er hier zuerst die Umrisse einer neuen demokratischen Geschichts— 
philosophie, die noch viel Unheil in den Köpfen der Halbdenker anzurichten 
bestimmt war. Während die Weltgeschichte sich bisher immer durch die 
Wechselwirkung großer Persönlichkeiten und der allgemeinen Zustände fort— 
gebildet hatte, durch Männer, die aus den Trümmern alter Welten 
eine neue zu formen verstanden, sollte sie im neunzehnten Jahrhundert 
plötzlich ihren Charakter verändert haben und sich fortan ohne die Macht 
des Genius, allein durch die Meinungen und Leidenschaften der Massen 
weiter bewegen. So lautete die neueste Geschichtsoffenbarung; Otto v. 
Bismarck war gerade dreißig Jahre alt. Gervinus stand nicht an, weiter 
zu schließen: die Deutschkatholiken könnten eben darum auf die Zukunft 
zählen, weil sie so blutarm seien an bedeutenden Männern; und an diesem 
Satze hielt er eigenrichtig fest, obgleich doch gerade in der Kirchengeschichte 
die Macht der Persönlichkeit ganz überwältigend wirkt; denn noch nie und 
nirgends ist eine kräftige Religion oder Sekte anders entstanden als durch 
die erweckende Kraft gottbegeisterter Apostel und Propheten. 
Diese trocken politische Beurteilung kirchlicher Dinge war so undeutsch, 
daß selbst Gervinus' nächste Freunde darüber erschraken. Vor allen Dahl- 
mann. Er hegte, durchweg tiefsinniger und darum bescheidener als sein 
jüngerer Freund, von frühauf ein starkes religiöses Gefühl und empfand so 
schmerzlich wie einst Niebuhr, daß sein ganzer Bildungsgang ihn dem kirch- 
lichen Leben entfremdet hatte. Demütig sprach er aus: „Auf der Sittenlehre 
läßt sich keine Kirche gründen. Mir kommt es vor, daß diejenigen, welche 
sich an Christus selbst halten, die Kirche ausmachen. Wenn wir andern 
ein= und ausgehen, wir bringen Zug, aber keine Wärme hinein.“ Und 
der liberale Theolog Thudichum in Büdingen sagte in einer Gegenschrift 
ruhig: wo sei denn die aufbauende Kraft der neuen Sekte, da doch die 
römische wie die evangelische Kirche trotz allem Zeitungsgeschrei ganz un- 
erschüttert dastünde? Ahnlich äußerte sich der Führer der Vermittlungs- 
theologen, Ullmann in Heidelberg, ein feiner, sinniger, künstlerisch an- 
gelegter Geist. In seinem „Bedenken über die deutsch-katholische Bewegung“ 
fragte er zweifelnd: wie könne eine dauernde religiöse Gemeinschaft bestehen, 
wenn sie nicht wie aus einem Keime herauswüchse aus dem ursprüng- 
lichen, vollen Leben eines hervorragenden, geistig gewaltigen Einzelnen?— 
Die Zweifler behielten recht. Schon nach Jahresfrist war der Deutsch- 
katholizismus ganz verweltlicht, ganz in den Wirrwarr der radikalen Politik 
hinabgesunken. Die Ironie des Schicksals fügte, daß er nur im König- 
reich Sachsen tiefe Spuren seines Wirkens hinterlassen sollte, in dem ein- 
zigen der größeren deutschen Staaten, der fast gar keine Katholiken ent-
        <pb n="349" />
        Sachsen. Lindenaus Rücktritt. 341 
hielt und mithin für eine ernsthafte katholische Reformbewegung den denk- 
bar ungünstigsten Boden bildete. Die glücklichen ersten Jahre des sächsi- 
schen Verfassungslebens gingen zu Ende. Minister Lindenau, der Schöp- 
fer des Grundgesetzes fühlte sich nicht mehr sicher. In Wien war er sehr 
schlecht angeschrieben; denn er verhehlte nicht, daß er die Beschlüsse der 
Ministerkonferenzen von 1834 für bedenklich hielt; er wurde in den 
deutschen, den französischen, den englischen Zeitungen beständig als Geg- 
ner Metternichs gefeiert und hatte einmal eine sehr peinliche diploma- 
tische Auseinandersetzung mit den beiden deutschen Großmächten wegen 
ultraliberaler Außerungen, die ihm die Presse andichtete.) Am Hofe ver- 
zieh man ihm nie, daß er dem Könige geraten hatte, die Einkünfte des 
Kammergutes gegen eine Zivilliste hinzugeben, was nach der strengen 
Hallerschen Doktrin für eine Entwürdigung des Königtums galt.*) Die 
erste Kammer zeigte sich dem Minister feindlich; der Grundadel wollte 
weder in die Aufhebung der Patrimonialgerichte willigen, noch in ein 
billiges Wildschadengesetz, dessen die kunstvolle Landwirtschaft des dicht- 
bevölkerten Landes doch gar nicht entraten konnte. Auf der anderen Seite 
begann der Radikalismus, der hier seit Jahren unter dem Boden ar- 
beitete,) sichtlich zu erstarken, zuerst im Vogtlande. Neue Abgeordnete 
zogen in die Kammer ein, zunächst die Vogtländer Todt, Dieskau, Watz- 
dorf, wohlmeinende Liberale, die sich doch gedankenlos von der Strömung 
des Tages forttreiben ließen und bald zu der Forderung des Einkammer- 
systems gelangten. Zwischen diesen feindlichen Mächten wußte Lindenaus 
zarte Gelehrtennatur sich nicht zu behaupten; zum Bedauern aller Ein- 
sichtigen im Lande nahm er 1843 seinen Abschied. 
An die Spitze des Ministeriums trat nunmehr der Justizminister 
v. Könneritz, ein tüchtiger Jurist von hartkonservativer Gesinnung. Die 
neue Regierung war nicht geradezu reaktionär, aber dem Liberalismus 
feindlich, da jetzt ein anderer Wind von Berlin her wehte; und man merkte 
ihr rasch jene Ratlosigkeit an, welche gemeinhin revolutionären Be- 
wegungen vorangeht. Die Behörden verfuhren bald schwach, bald hart. 
Schwere Not brach herein, mehrere Städte wurden von großen Bränden 
heimgesucht; die Dürre des Jahres 1842, die Kartoffelkrankheit, die Ge- 
schäftsstockung in vielen großen Gewerbsbetrieben des Erzgebirges nährten 
die allgemein schleichende Unzufriedenheit. Auf dem Landtage verteidigte 
Minister Könneritz tapfer und beredt die völlig verlorene Sache des alten 
geheimen schriftlichen Strafprozesses; er stand fast allein, die Liberalen 
aber veranstalteten eine Sammlung, damit einer ihrer juristischen Führer, 
Braun die Länder des öffentlichen Verfahrens bereisen und sich über die 
*) Minister v. Minckwitz, Verbalnote für die Gesandten in Berlin und Wien, 
9. Dez. 1831. 
*“) Jordans Bericht, 25. Aug. 1843. 
* #) S. o. IV. 153.
        <pb n="350" />
        342 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Schwurgerichte belehren konnte. So erwachte plötzlich der politische Sinn 
in dem vordem so stillen Lande. Inzwischen verstärkte sich die Opposition 
durch neue Wahlen; Schaffrath, Joseph und einige andere Radikale er— 
schienen im Landtage, noch eine kleine Schar, maßlos in den Grund— 
sätzen, formlos im Auftreten. Selbst die allzeit getreue freie Bergstadt 
Freiberg begann zu grollen, als zwischen den Bergstudenten und der 
Garnison Zwistigkeiten entstanden, die durch rechtzeitige Strenge der Be- 
hörden leicht beigelegt werden konnten,) und die Regierung dann, nach 
einem unglücklichen Duell, volle zwei Drittel der Studentenschaft rele- 
gierte; das Land war eine Zeitlang nahe daran, seinen Stolz, die be- 
rühmte Bergakademie ganz zu verlieren. 
Und nun bewährte sich wieder, wie noch in allen unruhigen Zeiten der 
neueren sächsischen Geschichte, der alte Fluch des albertinischen Hauses: 
selber schuldlos mußten die Nachkommen noch immer unter dem unseligen 
Glaubenswechsel Augusts des Starken leiden. In dem wohlwollenden 
Charakter des Königs lag gar kein Zug konfessioneller Engherzigkeit, und 
im Vatikan kannte man den hartprotestantischen Boden Kursachsens zu 
gut, um die Hebel gerade hier einzusetzen. Trotzdem fühlte sich das Volk 
schwer beunruhigt durch den Übermut, den die ultramontane Partei 
im benachbarten Preußen und Bayern zur Schau trug; man glaubte 
allgemein, auch in Sachsen trieben die Klerikalen ihr Wesen, und bald 
hieß es, die Jesuiten seien im Lande. Ernsthafte Beschwerden lagen nicht 
vor. Die Erzbrüderschaft vom Herzen Jesu hatte in einer Ortschaft der 
Lausitz eine kleine Niederlassung gegründet, aber ohne Vorwissen der Re- 
gierung; dann fand man in der neuen katholischen Kirche zu Annaberg 
am Hochaltar den Namen des heiligen Ignatius und schloß daraus, ganz 
willkürlich, diese Kirche gehöre der Gesellschaft Jesu. Das war nahezu 
alles. Doch das Mißtrauen im Volke ließ sich nicht beschwichtigen und 
wendete sich mit unbegreiflicher Verblendung gegen den Prinzen Johann, 
der allerdings ein strengerer Katholik war als sein königlicher Bruder, aber 
in allen kirchenpolitischen Fragen stets eine untadelhafte Mäßigung ge- 
zeigt und soeben erst durchgesetzt hatte, daß die Kniebeugung der pro- 
testantischen Soldaten in der Dresdener Hofkirche abgestellt wurde. Der 
schändlich verleumdete Prinz sollte durchaus ein Jesuit sein, das glaubte 
jedermann bis zu den Schulkindern herunter, und jedermann nahm 
es für ein Zeichen des göttlichen Zornes wider den katholischen Hof, daß 
bei dem schweren Eisgange des Frühjahres 1845 das große goldene 
Kruzifix auf der Dresdener Brücke, für immer unauffindbar, in den Wellen 
versank. 
Nur diese krankhafte Jesuitenfurcht und die politische Verstimmung 
des Landes bewirkten, daß in dem kleinen Häuflein der sächsischen Katho- 
  
*) Jordans Bericht 19. Febr. 1845.
        <pb n="351" />
        Robert Blum. 343 
liken mehrere deutsch-katholische Gemeinden entstanden, die sich bald durch 
radikale Protestanten verstärkten und mit den freien Gemeinden der be- 
nachbarten preußischen Provinz in Verbindung traten. In Dresden über- 
nahm ein gewöhnlicher Schwätzer, der Stenograph Wigard, die Füh- 
rung, in Leipzig aber Robert Blum, neben Friedrich List das größte 
demagogische Talent dieser Tage. 
In Köln geboren, kleiner Leute Kind, hatte Blum vor Jahren als 
Chorknabe den Altardienst verrichtet und sich dann aus tiefer Armut tapfer 
in die Höhe gearbeitet, auch eine leidliche Bildung erlangt, die doch 
niemals weit über den Gesichtskreis des Kleinbürgertums hinausging, 
also dem schlichten Volke immer verständlich blieb. Die natürliche Be- 
redsamkeit der Rheinländer besaß er im höchsten Maße und dazu eine 
dämonische Gabe, die Menschen zu beherrschen. Wenn der breitschulterige, 
behagliche Bürger mit dem unschönen, aber klugen und gutmütigen Ge- 
sicht und den strahlenden braunen Augen zu sprechen anhob, immer aus 
tiefster Brust, meist hochpathetisch, zur rechten Zeit auch sentimental, dann 
fühlten die Handwerker und die Ladengehilfen: das ist unser Mann. Jetzt 
bekleidete er in Leipzig die bescheidene Stelle des Theaterkassierers und 
war doch schon eine Macht. Auf den jährlich wiederkehrenden Schiller- 
festen, die er eingerichtet hatte, feierte er den Dichter der Freiheit; mit 
den Führern der süddeutschen Oppositionsparteien stand er in regem Ver- 
kehr; die polnischen Flüchtlinge nahmen in seinem Hause Herberge, und 
in stiller Nacht feilte er selbst an dem Schlüssel, der den Aufständischen 
das Tor der Krakauer Zitadelle öffnen sollte. Bei allen Wahlen ent- 
faltete er eine rastlose Tätigkeit, die er selbst ehrlich als Wühlerei be- 
zeichnete. Auch mit gewandter Feder vertrat er die demokratischen Grund- 
sätze in seinem Volkstaschenbuche „Vorwärts“ und in den Sachsischen 
Vaterlandsblättern, einem sehr wirksamen Blättchen, das namentlich die 
Abderitenstreiche der Kleinstaaterei köstlich verhöhnte. An Stoff konnte 
es ja hier in der Mitte Deutschlands niemals fehlen. Da war in Alten- 
burg der hochmütige, verschwenderische Hof, in Reuß jüngerer Linie der 
halbtolle Fürst Heinrich LXXII. Die Erlasse dieses volksbeglückenden 
Patriarchen brauchte man nur nachzudrucken, um den Radikalen ein Fest 
zu bereiten. Seinen Garten in Osterstein öffnete er allen anständigen 
Fremden, aber „mit der Dunkelheit hört der Besuch auf. Warum? Weil 
dann die Begriffe Anständig und Unanständig sich verwirren.“ Und nach 
einem Feuer in Lobenstein ließ sich der zweiundsiebzigste Heinrich also ver- 
nehmen: „Mein Grundsatz ist: erst löschen und dann einpacken. Näm- 
lich so: wenn ein kleines Feuer schnell gelöscht wird, so schlafen dann die 
Leute ruhiger, als wenn durch Vernachlässigung desselben eine schlecht 
gebaute Stadt vielleicht drauf geht.“ 
Also unermüdlich in der Verbreitung demokratischer Ideen, begrüßte 
Blum es als einen willkommenen Zufall, daß er selbst katholisch getauft
        <pb n="352" />
        344 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
war, und bemächtigte sich sofort der Leipziger Deutschkatholiken; vor 
Freunden gestand er aufrichtig, diese kirchlichen Wirren dienten ihm nur 
zum Mittel für seine politischen Zwecke. Auf dem Leipziger Konzil hielt 
er, hinter einem verhängten Tische stehend, zündende Reden. Kam eine 
schwierige kanonische Frage vor, dann langte ihm der Historiker Wuttke, 
ein giftiger kleiner radikaler Molch, der nebenan hinter einem Haufen 
Bücher saß, unter dem Tischtuch einen Zettel herüber; ein Blick darauf 
genügte, und der Kirchenstifter sprach alsbald mit bewunderungswürdiger 
Geläufigkeit über das tridentinische Konzil, dessen Dasein er vordem wohl 
kaum gekannt hatte. 
Inzwischen ward die Regierung besorgt, da die freien Gemeinden 
Preußens ihre Sendboten nach Sachsen schickten und sich mit den Deutsch- 
katholiken verbrüderten. Am 17. Juni 1845 erklärten die mit der Wahrung 
des lutherischen Kirchenregiments beauftragten Minister, daß sie, eingedenk 
ihres Eides, Versammlungen oder Vereine, welche das Augsburgische Be- 
kenntnis in Frage stellten, nicht dulden könnten. Der Erlaß war schwer- 
lich bös gemeint, aber höchst ungeschickt, wie fast alles, was von Könneritz 
und dem neuen Minister des Innern Falkenstein ausging; verstand man 
ihn buchstäblich, so schien er in der Tat die Gewissensfreiheit zu be- 
schränken, den Austritt aus der lutherischen Landeskirche zu verbieten. 
Ganz deutlich sagte er aber, daß die sächsische Regierung, wie die preu- 
ßische, mit dem alten Rationalismus brechen wollte. Und diese behag- 
liche, bis zur Gleichgültigkeit duldsame Aufklärung herrschte im Volke, zu- 
mal in den Städten noch überall vor; ihr gefeierter Vertreter, der greise 
Ammon war noch immer Oberhofprediger. Darum erregte die Bekannt- 
machung der Minister allgemeinen Unwillen, und wieder schob man alle 
Schuld auf den gänzlich unbeteiligten Prinzen Johann. 
Die Gemüter waren erhitzt, die Behörden hatten schon mehrfache 
Warnungen erhalten; da kam der Prinz am 12. August nach Leipzig, um 
die Kommunalgarde zu mustern. Schon während der Truppenschau er- 
laubten sich die Zuschauer manche Frechheit; und als der Prinz nachher 
spät abends mit den Spitzen der Behörden bei Tafel saß, im Garten- 
hause des Preußischen Hofs am Roßplatze, da sammelte sich eine tobende 
Volksmasse auf dem weiten Platze. Die Menge sang „Eine feste Burg ist 
unser Gott“; dann ertönten Hochrufe auf Ronge und Czerski, wilde Lieder, 
Flüche und Schimpfreden, ein Hagel von Steinen schlug an die Fenster 
des Gasthofs. Niemand von den Behörden fand den Mut, dem Haufen 
mit einer kräftigen Ansprache entgegenzutreten. Erst als der Unfug sich be- 
drohlich steigerte, sendete man nach der Wachtmannschaft der Kommunal-= 
garde. Gleich darauf ließ der Stadtkommandant Oberst v. Buttlar, ein 
sehr tüchtiger Offizier, auf Verlangen der Zivilbehörde ein Bataillon seiner 
Truppen herbeirufen; die noch von den Dresdener Straßenkämpfen her 
beim Pöbel verhaßten schwarzen Schützen waren früher zur Stelle als
        <pb n="353" />
        Straßenkampf in Leipzig. 345 
die behagliche Bürgerwehr. Um seine Furchtlosigkeit zu beweisen, kam 
der Prinz selbst einen Augenblick heraus und verlangte, daß man für die 
Räumung des Platzes sorgte, dann kehrte er zu seinen Gästen in den 
Gartensaal zurück, ohne zu ahnen, was sich nun begeben sollte.“) Unter— 
dessen hatten die Schützen ohne Gewalttätigkeit den Haufen von dem Platze 
größtenteils hinweggedrängt. Jetzt staute sich die Menge in den Baum— 
gängen der Promenaden, die den Roßplatz umsäumten. Abermals Stein— 
würfe, abermals Geschrei und Toben; wiederholte Aufforderungen zum 
Auseinandergehen verhallten ungehört oder unbeachtet; da feuern zwei 
Pelotons der Schützen in die dichtgedrängte Menge hinein, sieben aus der 
Menge werden getötet, mehrere verwundet. Es war eine unglückselige 
Übereilung, ganz gewiß nicht planvoll vorbereitet; aber auch nicht entschul- 
digt durch drängende Not; allem Anschein nach hatten zwei Offiziere in- 
mitten der wüsten Verwirrung, im abendlichen Dunkel den Überblick ver- 
loren und die augenblickliche Gefahr zu hoch angeschlagen. Als die Kom- 
munalgarde endlich durch Generalmarsch aufgeboten wurde, da verliefen 
sich die Massen, aber ein tiefer Groll blieb in den Herzen der Bürger- 
schaft zurück. Der durch den blutigen Vorfall schmerzlich überraschte Prinz 
Johann sollte wieder an allem die Schuld tragen, und als er am Früh- 
morgen abreiste, wurde sein Wagen mit Flüchen und Steinwürfen verfolgt. 
Alle Parteien überschätzten das traurige Ereignis, denn das Vor- 
gefühl einer großen Entscheidung zitterte durch die Welt. Freiligrath sang 
die volltönende Ode auf Leipzigs Tote: 
Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht, 
Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. 
Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht 
Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert — 
prächtige Verse, die sich neben der nüchternen Wirklichkeit doch fast lächer- 
lich ausnahmen. Ebenso aufgeregt betrachtete man in Wien diese Pöbel- 
unruhen, denen die wackere Bürgerschaft der Meßstadt ganz fern ge- 
blieben war. Metternich sah die seit einem Menschenalter befürchtete 
Revolution jetzt mit Riesenschritten herannahen und hatte schon im April 
seinen Diplomaten geschrieben: „Tritt das Übel einmal deutlich aus dem 
Verstecke, in dem es sich hält, hervor, dann werden die Regierungen sich 
zu erheben bemüßigt sein, aber Freischaren gegenüberstehen, denen die 
geregelte Macht in die Länge nur schwer zu widerstehen vermag.“*) 
Ganz im Sinne des Meisters berichtete nunmehr der k. k. Generalkonsul 
Hübner in Leipzig, ein kluger, ehrgeiziger Reaktionär, der in der Gesell- 
*) So berichtet der Prinz selbst (Falkenstein, König Johann von Sachsen S. 160). 
Seine Erzählung ist, wie sich von selbst versteht, in allem Wesentlichen zuverlässig; doch 
stammt sie unverkennbar erst aus späterer Zeit und enthält daher einige leicht erklärliche 
kleine Ungenauigkeiten. 
**) Metternichs Denkschrift, 30. April 1845.
        <pb n="354" />
        346 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
schaft Jesu eine hohe Stellung einnahm: diese durch die Schwäche der Be- 
hörden verwöhnte „sogenannte Hauptstadt der Intelligenz“ sei neben 
Königsberg der Hauptsitz des deutschen Demagogentums; den Tumult 
hätten die Literaten veranlaßt und die Studenten als Werkzeuge ge- 
braucht; „hier ist alles zur Revolution reif, versöhnt wird hier niemand.“ 
Seine Schilderung war so grell, daß selbst das preußische Ministerium 
meinte, der Österreicher scheine doch nicht unbefangen.“) 
Am Morgen nach dem Blutvergießen zeigten sich die königlichen Be- 
hörden ganz gelähmt vom Schrecken, kein Soldat erschien in den Straßen. 
Die Studenten, die noch in der Nacht den Fechtboden erbrochen hatten, 
versahen im Verein mit der Kommunalgarde allein den Sicherheitsdienst. 
Nachmittags drängten sich Scharen von Bürgern und Studenten in das 
Schützenhaus, alles verwünschte den Prinzen, dem man eine berechnete 
Untat andichtete, und forderte Rache für das vergossene Blut. Da trat 
plötzlich Robert Blum in die furchtbar aufgeregte Versammlung. Er war 
am Tage zuvor verreist gewesen — was ihm jetzt sehr zum Vorteil 
gereichte — und geradeswegs vom Bahnhofe herbeigeeilt. Augenblicklich 
übersah er die Lage und begriff, daß die Zeit für neue Gewalttätigkeiten 
noch nicht gekommen war; in mächtiger, tief ergreifender Rede sprach 
er den Versammelten aus, eine Sühne müsse der Stadt werden, aber 
nur auf gesetzlichem Wege. Dann führte er diese erbitterten Tausende 
in ruhiger Ordnung nach dem Markte; kein Unfug befleckte, so rühmte 
Blum, „die wahrhafte Majestät dieser Volksversammlung“. Nach kurzer 
Frist verkündete er vom Altane des Rathauses herab, daß der Stadt- 
rat sich den Beschlüssen des Volks unterworfen habe, Abzug der Garnison 
und strenge Untersuchung vom Könige verlangen wolle. Vier Tage hin- 
durch beherrschte er die Stadt wie ein Diktator, die Behörden schienen 
verschwunden. Beim Begräbnis der Erschossenen erklangen wieder stür- 
mische Reden, doch die Ordnung blieb völlig ungestört; die Kommunal- 
garde hielt strenge Wacht, nach den Weisungen des Demagogen. 
Am Dresdener Hofe wußte man sich anfangs nicht zu helfen. Die 
Minister schöpften erst wieder Mut, als durch Blums Entschlossenheit die 
nächste Gefahr beseitigt war, und nun endlich griffen sie sehr scharf ein. 
In stiller Nacht wurden Truppen mit Geschützen nach Leipzig gesendet, und 
gedeckt durch diese bewaffnete Macht erschien am 17. als königlicher Kommis- 
sär der Geh. Rat v. Langenn, ein gelehrter Jurist, der sich in allen politi- 
schen Kämpfen als hochreaktionärer Parteimann benahm. Parteiisch verfuhr 
er auch hier. Er kündigte, wie billig, eine strenge Untersuchung gegen die 
Aufrührer an, erklärte aber zugleich, daß die Regierung die doch keines- 
wegs tadelfreien Maßregeln ihrer Organe vertreten würde. Die Stadt, 
  
*) Hübners Bericht an Metternich 27. Aug. Schreiben des preuß. Minist. des 
Innern an Canitz, 11. Okt. 1845.
        <pb n="355" />
        Leipzig und die Regierung. 347 
sagte er kurzab, hat eine Sühne nur zu geben, nicht zu fordern; und 
noch hochmütiger ermahnte nachher im Landtage Minister Falkenstein 
die Leipziger, sie sollten in sich gehen und sich wiederfinden. Die Be— 
kanntmachung über die Ergebnisse der kommissarischen Voruntersuchung 
erschien erst nach sechs Wochen und enthielt offenbare Unwahrheiten. 
Sie begnügte sich nicht mit der ganz unbestreitbaren Versicherung, daß 
Prinz Johann das Schießen nicht befohlen hatte, sondern leugnete sogar 
feierlich ab, daß er vor dem Feuern einmal auf den Platz hinausgekommen 
war — was doch gar nichts zur Sache tat und von dem Prinzen selber 
unbefangen eingestanden wurde. Solche liebedienerische Unaufrichtigkeiten 
mußten den Verdacht erwecken, daß die Regierung nicht mit gleichem Maße 
messe. Auch über das gerichtliche Verfahren nachher verlautete nur wenig 
Bestimmtes. Die radikalen Agenten, die wohl sicherlich insgeheim mit- 
gewirkt und den blinden Papistenhaß der Massen mißbraucht hatten, hiel- 
ten ihr Spiel wohl verdeckt; die zunächst beteiligten Offiziere aber wurden 
in der Stille aus Leipzig versetzt. 
So ließ die bureaukratische Seelenangst alles im Dunkel, wiewohl sie 
eigentlich nichts Fürchterliches zu verstecken hatte. Um so eifriger zeigte 
sie sich in kleinen polizeilichen Bosheiten. Mehrere der auswärtigen 
Schriftsteller wurden ausgewiesen, sogar der Königsberger Wilhelm Jordan, 
der schon das sächsische Staatsbürgerrecht besaß. Unablässig bestürmte 
der Dresdener Hof den Berliner um strenge Maßregeln gegen die an- 
geblich mitschuldigen Radikalen der Provinz Sachsen, namentlich gegen 
die Hallenser Studenten — obgleich ein sofort hinübergesendeter Pedell 
keinen einzigen Hallenser in Leipzig auffinden konnte.') Vornehmlich 
die Presse bereitete dem sächsischen Hofe schweren Kummer. Die Köl- 
nische, die Schlesische, die Magdeburgische Zeitung beeilten sich, ihren 
Lesern die Leipziger Mordnacht in greller Beleuchtung, nicht selten mit 
groben Entstellungen, vorzuführen. Der sächsische Gesandte Minckwitz 
brachte dem Minister in Berlin ganze Stöße ruchloser preußischer Zei- 
tungsartikel und bat flehentlich, die Besprechung der Leipziger Ereignisse 
ganz zu verbieten oder doch mindestens die Namen der frevelnden Kor- 
respondenten zu erforschen. Beides war unzulässig, nach den wahrlich nicht 
milden neuen Zensurverordnungen Preußens; auch merkte man in Berlin, 
daß die sächsischen Minister Rache nehmen wollten an einigen verdäch- 
tigen Schriftstellern in Leipzig. Vier Monate währte dies klägliche Jam- 
mergeschrei; dann endete es ohne jedes Ergebnis.) 
In solcher Lage begann der neue sächsische Landtag, lärmend und 
friedlos. Die Opposition erhob sogleich heftige Anklagen, ihr radikaler 
*) Min. v. Zeschau an den Geschäftsträger v. Bose in Berlin, 14. 17. Aug.; 
Kurator Pernice in Halle an Eichhorn, 16. 20. Aug. 1845. 
**) Verbalnoten an Canitz: von Bose, 20. 26. Aug., von Minckwitz, 10. 27. Sept. 
1845 usw. Canitz an Bodelschwingh, 20. Okt. 14. Dez. 1845.
        <pb n="356" />
        348 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Flügel verlangte sogar schon, infolge einer Petition Robert Blums Ver— 
minderung des Heeres und Vereidigung der Truppen auf die Verfassung. 
Für diesmal ward sie noch geschlagen; der Hof fühlte jedoch, wie die 
Zuversicht der Gegner unaufhaltsam anwuchs, und ließ den Nachbar- 
höfen aussprechen, nur feste Eintracht aller Kronen könne noch retten. 
Darauf versprach ihm Metternich die moralische Unterstützung Osterreichs; 
der preußische Gesandte aber, der alte Jordan, der doch sonst den Herr- 
gott gern einen guten Mann sein ließ, sagte sorgenvoll: „Ich fürchte, es 
dürfte die Zeit kommen, wo das appui moral nicht mehr ausreichen 
wird.““ 
In der Tat hatte Robert Blum seit jenen stürmischen Augusttagen 
eine gefährliche Macht erlangt. Es erfüllte sich, was der Osterreicher 
Hübner damals voraussagte: Blum hält die Ordnung aufrecht, und 
„diesen Dienst wird er sich teuer bezahlen lassen“. Die Regierung konnte 
ihm nichts anhaben, sie war dem klugen Demagogen sogar Dank schuldig. 
Das Volk betete ihn an, bei keinem Zweckessen, keiner politischen Versamm- 
lung durfte er fehlen; seine Freunde schürten überall die Mißstimmung, 
und es war wesentlich sein Werk, daß beim Ausbruch der Revolution 
Sachsen neben Baden als das radikalste aller deutschen Länder erschien. 
Seltsamerweise — so wenig kannten die Minister ihr eigenes Land — 
fand Blum in den kleinen Industriestädten mehr Anhänger als in Leipzig 
selbst. Zwar umgab ihn auch hier eine starke Partei, die er durch die 
Schillerfeste und seinen neugegründeten Redeübungsverein stets in Atem 
hielt; der Kern der reichen, gebildeten Bürgerschaft aber gehörte dem ge- 
mäßigten Liberalismus an, und als die Tage der Prüfung kamen, da hielt 
sich keine Stadt des Landes so ruhig, so gesetzlich, wie dies von der Re- 
gierung so schnöde behandelte Leipzig. 
Also blieb die deutschkatholische Bewegung für das religiöse Leben 
gänzlich unfruchtbar und bewirkte nur, daß die römische Kirche unangreif- 
barer denn je erschien. In den Landtagen wurde natürlich um die Dul- 
dung der neuen Sekte lebhaft gestritten; je liberaler eine Regierung war, 
um so freundlicher kam sie den Anhängern Ronges entgegen, so vornehm- 
lich der Braunschweiger Hof. Im badischen Landtage verlangte Pfarrer 
Zittel die völlige Religionsfreiheit und Rechtsgleichheit für alle christlichen 
Sekten. Ein echter Sohn des badischen Pfarrhauses, vielseitig gebildet, 
mild, fromm, ganz von Hebels menschenfreundlicher Weisheit erfüllt, hätte 
Zittel gern auch für die Juden alle bürgerlichen Rechte gefordert und stand 
davon nur ab, weil er den tiefen Abscheu seiner Bauern gegen die Güter- 
schlächter und Roßtäuscher kannte. Aber selbst mit seinem beschränkten An- 
trage vermochte er noch nicht durchzudringen, da die Ultramontanen im 
Oberlande Lärm schlugen und die Regierung bedenklich wurde. 
  
*) Jordans Bericht, 3. Nov. 1845.
        <pb n="357" />
        Preußen und die Deutschkatholiken. 349 
Sehr unsicher verfuhr die Krone Preußen gegen die neue Sekte. 
Zu Anfang begrüßte der König den Abfall Ronges geradezu mit Freude. 
Nach seiner Doktrin konnten ja beide Kirchen nur an innerer Kraft ge— 
winnen, wenn die Ungläubigen ausschieden. Ganz in seinem Sinne 
riet General Thile, die kleine, von Rom ausgestoßene Schneidemühler 
Gemeinde Czerskis so günstig als möglich zu stellen; das würde hof— 
fentlich auch die evangelischen Sektierer zum Austritt aus der Landeskirche 
ermutigen, „und der Weg zu einer Reinigung unserer Kirche kann sich 
dadurch vielleicht mit anbahnen“. Da die Schneidemühler sich ernst und 
ehrbar hielten, so war Friedrich Wilhelm sogar geneigt, sie als Augsburger 
Konfessionsverwandte anzuerkennen und ihnen sein Wohlgefallen auszu- 
sprechen.) Erst nach einem Gespräche mit dem Erzbischof Geissel auf 
Stolzenfels ward er mißtrauischer; er begann jetzt zu bemerken, wie der 
politische Radikalismus sich der Sekte bemächtigte, und als er gar erfuhr, 
daß Ronge in der evangelischen Kirche zu Jerschendorf erschienen war, um 
die Gemeinde zum Abfall zu verführen, da schrieb er zornig: „Heute 
hört man noch nichts von ernstlicher Untersuchung, viel weniger aber von 
Zukunft unserer Kirche derselbe Rechtsschutz gegen die neukatholischen Ein- 
griffe geleistet werde, dessen sich die römische Kirche bei uns erfreut.“) 
Nach vielfachen Erwägungen beschloß er endlich, die rechtliche Stellung 
der Deutschkatholiken und der protestantischen Dissidenten zugleich durch 
ein umfassendes Toleranz-Edikt zu regeln. — 
  
Dieser Entschluß rechtfertigte sich von selbst, denn auch die evangelische 
Kirche ward durch sektiererische Bewegungen erschüttert. Der ältesten und 
ehrwürdigsten dieser protestantischen Sekten, den Altlutheranern, suchte 
Friedrich Wilhelm von Haus aus durch milde Nachsicht gerecht zu werden, 
wie er ja schon als Kronprinz die harte Behandlung dieser Frommen 
stets verurteilt hatte.**#*) Er gestattete ihnen stillschweigend ungestörten 
Gottesdienst und die Heimkehr der ausgewanderten Prediger. Die gesetz- 
liche Anerkennung der Sekte wagte er jedoch erst nach Jahren auszusprechen, 
weil der Prinz von Preußen ernst und beharrlich widerstand. Immer 
voll Pietät für den Vater, verlangte der Thronfolger, daß man die An- 
ordnungen der früheren Regierung nicht förmlich zurücknehmen, sondern 
die Behörden lediglich zur Duldung der Altlutheraner anweisen solle. 
So in allem und jedem zeigte sich der Gegensatz der beiden Brüder. 
  
*) Thiles Denkschrift über Schneidemühl, 11. Jan.; Thile an Uhden und Eich- 
horn und Bericht an den König, 6. Sept. 1845. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 4. Juli 1846. 
**) S. o. IV. 565 ff.
        <pb n="358" />
        350 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Der getreue Thile fürchtete schon, daß der Thronfolger durch die Kraft 
seines Charakters die Herrschaft im Ministerrate erlangen könnte, und 
warnte: „Der Prinz hat in hohem Grade die Gabe der Ausdauer und 
Energie in dem, was er will und verfolgt, und jede Erfahrung, daß er auf 
dem Wege des beharrlichen Widerspruchs seinen Zweck erreicht, wird ihn 
darin nur bestärken.“*) 
Schließlich erlangte der Thronfolger doch so viel, daß, statt eines Ge- 
setzes, am 23. Juli 1845 nur eine „General-Konzession“ veröffentlicht 
wurde.**) Sie sicherte den Altlutheranern alle bürgerlichen Rechte zu, ge- 
stattete ihnen die Bildung von Kirchengemeinden unter einem gemeinsamen 
Vorstande, erklärte ihre Taufen und Trauungen für rechtsgültig, sobald 
sie den Gerichten angezeigt würden; nur der Name Kirche sollte den Bet— 
häusern versagt bleiben. Welch ein Widerspruch, daß also eine Kirche, 
die doch älter war als die unierte Landeskirche selbst, jetzt nachträglich eine 
bedingte Anerkennung erhielt! Immerhin ward den Bedrängten endlich 
eine Sühne alten Unrechts; sie bildeten, etwa 50 000 Köpfe stark, nun- 
mehr eine Kirchengemeinschaft mit dem Mittelpunkte Breslau, die sich in 
ihrem frommen Stillleben sehr engherzig zeigte und sogar die „gemischten 
Ehen“ von Lutheranern und unierten Evangelischen zwar nicht geradezu 
verbot, doch für seelengefährlich erklärte. Alles was einst Thomasius vor 
anderthalb Jahrhunderten über diese Ehefragen geschrieben, und der ganze 
große Wandel der Zeiten seitdem war für den konfessionellen Starrsinn 
nicht vorhanden. Bald darauf erwachte der lutherische Sondergeist auch 
in der unierten Kirche selbst; Superintendent Otto und andere streng 
lutherische Geistliche von den Odermündungen unternahmen, innerhalb 
der Union eine geschlossene altpommersche Landeskirche zu bilden. 
Weit gefährlicher erschienen dem Könige die radikalen Protestanten, 
die jetzt in der alten Heimat der Aufklärung, der Provinz Sachsen ihre 
Stimmen erhoben. Hier begann das kirchliche Zerwürfnis schon in den 
letzten Tagen des Ministeriums Altenstein. Bischof Dräseke, der gewaltige 
Kirchenredner, geriet in einen heftigen Kanzelstreit mit dem Prediger Sin- 
tenis, der die Anbetung Christi feierlich verdammt hatte. Wie ein Mann 
traten die Berliner Orthodoxen für den Bischof ein, obgleich er keines- 
wegs zu ihrer Partei gehörte. In der Provinz dagegen mindestens unter 
den älteren Geistlichen und im Kleinbürgertum, herrschte noch durchaus 
die Schule der rationalistischen Hallenser Wegscheider und Gesenius; der 
vor kurzem noch hochgefeierte Bischof sah sich plötzlich in Zeitungen und 
Flugschriften schonungslos angegriffen. Da suchte Eichhorn den Frieden 
herzustellen, indem er beiden Gegnern Stillschweigen gebot. Eine solche 
Demütigung wollte der stolze Prälat nicht ertragen; er fühlte, daß er 
  
*) Thiles Bericht an den König, 17. März 1845. 
**) Thile an Bodelschwingh, 14. Juli 1845.
        <pb n="359" />
        Altlutheraner. Lichtfreunde. 351 
die Herrschaft über seine Herde verloren hatte, legte sein Amt nieder und 
zog sich, ein gebeugter Mann, nach Potsdam zurück, wo ihn des Königs 
Gnade doch nicht über den tiefen Fall zu trösten vermochte. Seitdem 
schwoll das Selbstgefühl der Rationalisten mächtig an, und wie einst Alten— 
steins harte Unionspolitik den Sektengeist der Altlutheraner gestachelt 
hatte, so wurde jetzt der Radikalismus aufgereizt durch die streng kirchliche 
Haltung Eichhorns und des neuen Magdeburgischen Konsistorialpräsi- 
denten Göschel. Seit 1841 vereinigte sich eine starke Anzahl von ratio- 
nalistischen Geistlichen zu regelmäßigen Versammlungen, um die Neugestal- 
tung der Kirche im Sinne eines einfachen, vernunftgemäßen evangelischen 
Christentums zu besprechen; sie nannten sich selbst die protestantischen 
Freunde, von den Gegnern wurden sie als Lichtfreunde verspottet. Bald 
traten auch Laien hinzu, der Zulauf wuchs von Jahr zu Jahr. Die Eisen- 
bahnen bewährten sich hier zum ersten Male als eine demokratische Macht, 
die neuen Bahnlinien zwischen Saale, Elbe und Mulde führten Tausende 
herbei; auf dem weiten Köthener Bahnhofe tagten mehrmals große Volks- 
versammlungen der Lichtfreunde, die bei Bier und Tabak über die Zukunft 
des Christentums verhandelten. 
Die Führer dieser Bewegung zeichneten sich durch ehrliche Recht- 
schaffenheit und religiösen Ernst sehr vorteilhaft aus vor den windigen 
Helden des Deutschkatholizismus. Leberecht Uhlich hatte einst als Köthe- 
ner Landprediger seine protestantische Gesinnung, dem katholischen Hofe 
gegenüber, freimütig behauptet und dann in einem Magdeburgischen 
Dorfe sein Pfarramt mit solchem Eifer verwaltet, daß er eine Zeitlang 
gar in den Ruf des Pietismus geriet, weil die meisten anderen Ratio- 
nalisten sich um die Pflichten der Seelsorge wenig zu bekümmern pflegten. 
Als er jetzt eine Predigerstelle in der Stadt Magdeburg erhielt, strömten 
ihm die kleinen Bürger freudig zu. Sie glaubten ihm, denn er redete 
ihre Sprache und lebte mit ihnen, wie er auch seine Söhne zu schlichten 
Handwerkern erzog; die lärmenden Volksversammlungen schwiegen sofort, 
wenn der derbe grobknochige Mann mit den ernsten treuherzigen Augen 
seine starke Stimme erhob. Daß er selber noch fest auf dem Boden seiner 
geliebten evangelischen Kirche stände, war dem ehrlichen Rationalisten ganz 
unzweifelhaft; er predigte ja noch immer dieselben Grundsätze, die er einst 
bei Wegscheider auf der königlichen Universität gelernt hatte, und konnte 
gar nicht begreifen, warum ihm das jetzt zum Vorwurfe gereichen sollte. 
Ebenso grundehrlich war der Hallenser Pfarrer Wislicenus, ein hart- 
verständiger Kopf, der sich mit den Kämpfen der neuen Theologie doch 
etwas ernstlicher als Uhlich beschäftigt und darum auch einige Gedanken 
der Junghegelianer aufgenommen hatte. 
Diesen beiden Führern folgten viele hilflose, einfältig fromme Men- 
schen, denen das Herz schwer ward, weil sich der Widerspruch zwischen der 
christlichen Offenbarung und den landläufigen Lehrsätzen moderner Natur-
        <pb n="360" />
        352 V. 4. Die Parteiung in der Kirche 
und Geschichtsforschung doch gar nicht wegleugnen ließ. Sehr tief wurzelte 
in den Massen jener alte gutmütige Rationalismus, der, nach der Weise 
des bekannten „vergnügten“ Katechismus der Holsten, die sittliche Aufgabe 
der Menschheit in einem vergnügten, bürgerlich achtbaren Leben suchte. 
Den frommen westpreußischen Dichter Bogumil Goltz faßte geradezu ein 
Schauder, wenn er dies so ganz im Diesseits aufgehende, aller Heiligung 
entfremdete Geschlecht betrachtete, und er verkündete seine Warnungen in 
einer geistvollen, leider formlosen Schrift: Deutschlands Entartung in 
der lichtfreundlichen und modernen Lebensart. Hinter den Rationalisten 
stand die breite Masse der Unzufriedenen. Irgendwie mußte sich der 
Groll über die Stockung des öffentlichen Lebens doch Luft machen. Hier 
in den alten Lutherlanden warf er sich zunächst auf die kirchlichen Fragen. 
Dies Land alter Kultur und starker geistiger Regsamkeit trat später 
als alle andern preußischen Provinzen in die Kämpfe des Staatslebens 
ein. Als aber die politische Leidenschaft dann endlich erwachte, da 
verschwand die religiöse Parteiung ebenso schnell, wie sie gekommen war, 
weil sie doch mehr in dem unbestimmten Gefühle allgemeinen Mißmuts 
als in der Empörung des Gewissens ihre Wurzeln hatte. Zur selben 
Zeit entbrannte auch in Königsberg der kirchliche Streit: der Divisions— 
prediger Rupp bekämpfte vor seinen Soldaten das athanasianische Glau— 
bensbekenntnis und wurde dafür von Jacobys Judenkreise mit schaden— 
frohem Lobe überschüttet, von dem Konsistorium aber, auf Andringen des 
frommen Generals Dohna, zur Rechenschaft gezogen. Auch Rupp war ein 
sehr achtungswerter, im Grunde des Herzens christlich gesinnter Geistlicher, 
höher gebildet als die beiden Sachsen; der rücksichtslose Wahrheitsdrang, 
der so tief im Wesen des Protestantismus liegt, verleitete ihn, die Kanzel 
mit dem Katheder zu verwechseln und seiner Herde statt des Brotes der 
Erbauung den Stein theologischer Kritik zu bieten. 
Der Kampf ward heftiger, als Wislicenus auf einer Köthener Ver— 
sammlung (1844) die Frage stellte: ob Schrift, ob Geist? — und rund— 
weg antwortete: unsere Lehre ist nicht schriftgemäß. Da erhoben sich die 
Hallenser Orthodoxen, die dort in der theologischen Fakultät den alters- 
schwachen Rationalismus schon fast ganz überwunden hatten: voran Gue- 
ricke, der einst verfolgte, erst kürzlich wieder eingesetzte strenge Lutheraner, 
ein Mann ohne alle Menschenfurcht, in der Politik fast radikal, in seinem 
religiösen Wunderglauben so folgerecht, daß ihm selbst Bileams redender 
Esel keine Bedenken erregte. Nachher hielt Tholuck Zeitpredigten wider 
den Unglauben, tapfer und beredt, aus der Fülle seines frommen Ge- 
mütes heraus, aber auch hart und ungerecht gegen die Weltanschauung des 
friderizianischen Zeitalters. Unterdessen begann Hengstenbergs Kirchen- 
zeitung Lärm zu schlagen; Hunderte von Geistlichen, Pastor Büchsel voran, 
erklärten in ihren Spalten, daß sie dem ungläubigen Wislicenus die 
Pastoralgemeinschaft aufsagen müßten. So wunderlich hatten die Zeiten
        <pb n="361" />
        Friedrich Wilhelm und die Lichtfreunde. 353 
sich verändert, der feierliche Kirchenbann erschien jetzt in der leichtfertigen 
Gestalt von Zeitungsartikeln. Gegenerklärungen blieben nicht aus, sie 
trugen weit mehr Unterschriften, aber meist von Laien; auch manche er— 
klärte Feinde des Christentums nahmen teil, um der Kirche doch einmal 
einen Schlag zu versetzen. 
Zu früheren Zeiten hatte Deutschlands evangelische Kirche unter der 
milden Leitung ihrer Landesherren solche sektiererische Bewegungen fast 
immer niederzuhalten vermocht. Es war ihr Ruhm, daß sie die not- 
wendigen radikalen Elemente des Protestantismus nicht, wie Englands 
pharisäische Staatskirche, als Dissenters ausgestoßen, sondern meist lang- 
mütig ertragen und dadurch immer wieder besänftigt hatte. Jetzt am 
wenigsten war die Zeit, mit solchen schönen Traditionen zu brechen. Der 
Rationalismus hatte hundert Jahre lang die Kanzeln beherrscht, er besaß 
unbestritten ein historisches Recht; nun da er alterte und vermorschte, 
konnten seine an Geist und Glaubenskraft armen Epigonen der Kirche 
nicht mehr gefährlich werden. Das deutsche Gewissen rang danach, die 
neue wissenschaftliche Weltanschauung mit der ewigen Wahrheit des 
Christentums zu versöhnen; selbst der fromme Twesten gestand traurig 
seinem gleichgesinnten Freunde Perthes: wir Gläubigen haben eigentlich 
mehr Sehnsucht nach Glauben als wirklichen Glauben. In solchen Tagen 
des Zweifels und der Gärung, in diesem unverkennbar weltlichen Zeit- 
alter mußte die Kirche sich vor jedem unbedachten Eingriff hüten, werdende 
Gedanken und Parteibildungen in Freiheit ausreifen lassen. 
Ganz anders empfand König Friedrich Wilhelm. Mit Unrecht warfen 
ihm die Gegner vor, daß er sich betören ließe durch das Vorbild der 
anglikanischen Kirche, deren Schwächen er sehr wohl erkannte. Aus seinen 
eigensten Gemütserfahrungen, aus seinem ganzen Sein und Denken viel- 
mehr ergab sich ihm die Überzeugung, daß die lebendige Kirche nur aus 
Gläubigen bestehen dürfe — ein hohes Ideal, das sich freilich in der 
Gebrechlichkeit dieser Welt noch nie und nirgends verwirklicht hatte. So- 
lange die gegenwärtige Kirchenverfassung bestand, wollte er, wie sein ge- 
treuer Thile sich ausdrückte, zwar nicht das centrum auctoritatis, wohl 
aber das centrum unitatis für die evangelische Landeskirche bleiben; und 
diese Pflicht des Kirchenhauptes — oft genug sprach er es gegen Eichhorn 
aus — stand ihm unendlich höher als etwa die Sorge für die auswärtige 
Politik seines Staates. Er meinte im Geiste evangelischer Freiheit zu 
handeln und seinen irrenden Brüdern selbst einen christlichen Liebesdienst 
zu erweisen, wenn er ihnen, um sie vor Heuchelei zu bewahren, die Pforte 
der Kirche zum Austritt weit auftat. Ihn quälte dabei nur das eine 
Bedenken, ob man nicht die Versuchung zum Abfall befördere, wenn man 
das Ausscheiden allzu sehr erleichtere. Daher erklärte Eichhorn den 
Magdeburger Lichtfreunden von vornherein: sie hätten nur die Wahl, 
entweder auszutreten oder ihre kirchlichen Reformpläne aufzugeben. In 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 23
        <pb n="362" />
        354 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
einer langen Denkschrift, die des Königs vollen Beifall fand, führte Thile 
aus: das Bekenntnis bilde den einzigen Boden für das staatsrechtliche 
Dasein der evangelischen Kirche; träte selbst die Hälfte ihrer Mitglieder 
aus, so würde die andere Hälfte um so fester zusammenhalten, wie das 
Beispiel der Altlutheraner bewiese. Nicht wir, so schloß er, wollen richten, 
wer noch evangelisch sei, sondern nur denen die Tür öffnen, die sich 
selbst für abgefallen bekennen.“) 
Von solchem Bekenntnis waren die Lichtfreunde jedoch weit entfernt; 
sie behaupteten vielmehr gute evangelische Christen zu sein. Freiheit in 
der Kirche, nicht außer der Kirche! — so lautete ihr Feldgeschrei. Die 
katholische Kirche begnügte sich neuerdings, gleich der weltlichen Staats- 
gewalt, meist mit dem äußerlichen Gehorsam, mit der Befolgung ihrer 
Satzungen und Formen, und erwies durch diese mehr politische als kirch- 
liche Behandlung des religiösen Lebens doch den Zweifelnden und Schwan- 
kenden einige Schonung. Der Protestantismus hingegen, der den Glauben 
so viel tiefsinniger und innerlicher auffaßte, mußte eben deshalb sofort zu 
den Machtmitteln des Gewissensdrucks greifen, wenn er versuchte, die 
Treuen von den Ungetreuen zu scheiden. Also geschah es, daß dieser König, 
der die Gewissensfreiheit so hoch hielt, gehässige Lehrprozesse gegen die 
Lichtfreunde einleiten ließ, damit sie selbst ihren Unglauben eingestünden 
und dann der Freiheit des Unglaubens preisgegeben würden. Nach dem 
bestehenden Kirchenrechte war er dazu unzweifelhaft befugt. Er verkannte 
jedoch, daß solche Religionsgespräche niemals ein überzeugendes Ergebnis 
haben, weil die Gemütswahrheiten des Glaubens nur erlebt, nicht be- 
wiesen werden können; er verkannte, daß nicht jedem Menschen der gleiche 
Drang und die gleiche Kraft des Glaubens verliehen ist; und wie er alles 
persönlich nahm, so betrachtete er die Geistlichen, die ihm „der Apostasie 
vom christlichen Glauben“ schuldig schienen, kurzweg als Eidvergessene.) 
So mußten denn der ehrwürdige strenglutherische Superintendent Heubner, 
Twesten und andere Theologen in Wittenberg, ganz nach der Weise des 
siebzehnten Jahrhunderts, ein Kolloquium mit Wislicenus abhalten; auch 
Rupp in Königsberg und Archidiakonus Krause in Breslau wurden solchen 
Verhören unterworfen. Alle Angeschuldigten behaupteten, daß sie durch 
ihre Auslegung der Dogmen nur das gute Recht evangelischer Freiheit 
betätigt hätten.) 
Mittlerweile tobte der Kampf zwischen Hengstenberg und den Licht- 
freunden weiter, und zum Kummer des Königs erklärte sich jetzt auch eine 
unbestreitbar kirchlich gesinnte Mittelpartei wider die Verfolgungssucht der 
Orthodoxen. Bischof Dräseke, der soeben erst durch die sächsischen Rationa- 
*) Thiles Denkschrift über Lichtfreunde, 16. Aug. 1845. 
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 29. Nov. 1845. 
*“*) Snethlage und Twesten, Bericht über das Wittenberger Kolloquium, 16. Mai 
1845.
        <pb n="363" />
        Die Stadträte gegen die Orthodoxen. 355 
listen so schwer verunglimpfte, und der allezeit untertänige greise Bischof 
Eylert unterzeichneten (Aug. 1845) eine von den Schülern Schleiermachers 
in Berlin entworfene Adresse an den Monarchen, welche zwar die Ver- 
irrungen der Lichtfreunde beklagte, aber auch vor willkürlichen Aus- 
schließungen dringend warnte: nur unter lebendiger Teilnahme der Ge- 
meinden solle die Kirche sich selbst gestalten und ihre Lehrformeln!e in christ- 
lichem Sinne frei entwickeln. Weit gröber lautete eine bald nachher vom 
Berliner Magistrat beschlossene Adresse. Alle diese Jahre hindurch hatte die 
Stadt Nicolais lediglich durch Witze und Klatschereien in die Kämpfe des 
öffentlichen Lebens eingegriffen; erst als sie die Grundsätze der Aufklärung 
bedroht glaubte, geriet sie in Aufregung. Mit begreiflicher Verwunde- 
rung berichteten die ausländischen Zeitungen, wie dieser Magistrat, der 
doch nur als Patron an kirchlichen Dingen teilnahm und die Pflichten 
des Kirchenpatronats immer sehr leicht genommen hatte, jetzt plötzlich in die 
theologische Polemik hineingeriet und die Zeitungen Hengstenbergs wegen 
ihres „katholischen Prinzips“ vor dem Monarchen feierlich verklagte. 
Einen solchen theologisierenden Stadtrat hatte die Welt seit den Zeiten der 
Puritaner nicht mehr gesehen, und wahrlich kein Hauch von dem Glaubens- 
ernste jener Gottseligen wehte im Berliner Rathause; es war allein die 
werdende politische Opposition, die sich hinter der theologischen Hülle 
verbarg. Als der König auf einer Reise durch Pommern von dieser 
„frechen Adresse“ erfuhr, geriet er in heftigen Zorn und bestand darauf, 
ihre Urheber müßten sie ihm persönlich überreichen.) Nach seiner Heim- 
kehr, am 2. Okt. fuhren die Stadtbehörden Berlins in einem langen Zuge 
von Staatswagen zum Schlosse, wo ihnen ein sehr ungnädiger Empfang 
wurde. Der König verwies ihnen, daß ihre Eingabe nur die Treuen tadle, 
nicht auch die Eidbrecher, und schloß mit der Versicherung, er würde den 
Tag segnen, wo er „das Kirchenregiment in die rechten Hände zurückgeben“ 
könne. Wen er unter diesen rechten Händen meinte, das blieb den Ber- 
linern vorderhand noch dunkel. Ebenso streng wurden zwei Adressen der 
Städte Breslau und Königsberg abgefertigt, und tief besorgt meinte Bodel- 
schwingh: „Lieber wäre es mir freilich, Se. Majestät überließe in ähn- 
lichen Fällen den Ministern die Bescheidung.““) 
Indem der König so ganz persönlich in die kirchlichen Parteikämpfe 
eingriff, setzte er sich den ärgsten Verdächtigungen aus, da der beschränkte 
Hochmut der modernen Aufklärung an die Ehrlichkeit der Gegner niemals 
glauben will. Er ahnte das selbst und sagte in diesen Tagen bitter — so 
erzählte man überall und wohl mit gutem Grunde: — bei der Huldigung 
wollten mich die Berliner vor Liebe aufessen, heute tut es ihnen leid, daß 
sie es nicht getan haben. Die Sache der Lichtfreunde erschien jetzt schon 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Bodelschwingh, 10. 11. 13. Sept. 1845. 
**) Bodelschwingh an Thile, 29. Jan. 1846. 
23*
        <pb n="364" />
        356 V. 4. Die Parteiung in der Kirche 
vielen als die Sache der evangelischen Freiheit; in solchem Sinne redete 
ein Aufruf aus Halle, der die Unterschriften Max Dunckers, des Philo— 
sophen Hinrichs und vieler anderen gemäßigten Männer trug. Selbst der 
alte Marheineke — so seltsam verwirrten sich die Parteien — hieß jetzt 
ein Liberaler, weil er Eichhorns Kirchenpolitik literarisch bekämpfte, auch 
als Hegelianer den Rationalisten nahe stand; und er hatte doch einst im 
Namen der allmächtigen Staatsgewalt die liturgischen Schriften Schleier— 
machers ebenso lebhaft befehdet. Neue Verfolgungen schärften den Un— 
willen. In Breslau wurde Konsistorialrat David Schulz entlassen, weil 
er die Adresse der Stadt mit unterschrieben hatte; in Magdeburg konnte 
Erler, ein weit milderer Rationalist, die Bestätigung als Superintendent 
nicht erlangen, weil er an Versammlungen der Lichtfreunde teilgenommen 
und dadurch das Vertrauen des Königs verloren hatte;*) in Halle 
mußte Karl Schwarz, ein gelehrter, keineswegs unkirchlicher junger Theo- 
log, seine Vorlesungen einstweilen, bis auf bessere Erkenntnis, einstellen; 
in Königsberg schloß die reformierte Gemeinde selbst ihre Kirche, nach- 
dem das Konsistorium statt des Pfarrers Detroit, der die Symbole nicht 
verlesen wollte, einen anderen Geistlichen berufen hatte, und als der Ber- 
liner Michelet den Vorfall in einem parteiischen Zeitungsartikel besprach, 
da wurde selbst dieser schon längst unschädliche, ganz in seinen dialektischen 
Formeln eingerostete Hegelianer mit Absetzung bedroht. Das alles geschah 
auf ausdrücklichen Befehl des Königs, der eigenhändig verfügte: „Die 
Frechheit der Feinde des Evangelii wird nachgerade zu arg. Esmuß und 
es soll aufs würdigste und aller-entschiedenste gegen sie eingeschritten 
werden, sowohl in Königsberg, als in Halle, Magdeburg, Nordhausen, 
Berlin oder wo immer der Abfall von Gott vorbereitet wird, um bald vom 
König abfallen zu können.“ *“) Der Partei Hengstenbergs genügten diese 
kleinen Quälereien noch nicht, und auf der weiten Welt fand Friedrich 
Wilhelms Kirchenpolitik nur einen einzigen namhaften Verteidiger: 
Thomas Carlyle, den Namensvetter des Historikers, einen der zwölf Apostel 
der schottischen Irvingianer, der in seiner Schrift „Deutschlands mora- 
lische Phänomene“ den christlichen Monarchen nicht ohne Geist, aber ohne 
Sachkenntnis verherrlichte. 
Die krankhafte, unsern Tagen fast unbegreifliche Reizbarkeit der Zeit 
zeigte sich grell, als Friedrich v. Raumer im Jan. 1847 in Gegenwart 
des Königs eine akademische Gedächtnisrede auf Friedrich II. hielt. Der 
nach Form und Inhalt gleich wertlose Vortrag war ersichtlich veranlaßt 
durch Tholucks Predigt über den großen König und sollte wohl auch der 
gegenwärtigen Regierung einige leise Mahnungen andeuten; diese polemische 
Absicht ließ sich aber kaum bemerken, da der Redner in platter Behaglich- 
  
*) Zwei Kabinettsordres an Eichhorn, Ende Dez. 1845. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 4. Jan. 1847.
        <pb n="365" />
        Verhandlungen über das Toleranzedikt. 357 
keit immer nur den einen Gedanken, daß jeder nach seiner Fasson selig 
werden müsse, hin und her wendete. Gleichwohl suchten die erregten 
Hörer in jedem unschuldigen Worte eine Anzüglichkeit; auf den Bänken 
hinter dem Monarchen wurde laut gelacht, als Raumer von den gut- 
mütigen eigensinnigen Fürsten sprach, die in allem nach ihrer Über- 
zeugung regieren wollten, und von den größeren, welche den Wert der 
Persönlichkeit anerkännten. Voll Unwillens verließ der Hof den Saal. 
Die Akademie benahm sich wieder ebenso klein, wie vor Jahren, als sie 
Hegel den Einlaß verweigerte; wie damals durch persönliche Bosheit so 
ward sie jetzt durch klägliche Angst betört und richtete ein höchst unter- 
täniges, würdeloses Entschuldigungsschreiben an den Monarchen. Selbst 
Humboldt war Hofmann genug, die langweilige Rede „maßlos“ zu nennen. 
Darauf erklärte Raumer seinen Austritt, obgleich Friedrich Wilhelm sich 
bald wieder besänftigt hatte und über die „Excusen“ seiner Akademiker 
mutwillig scherzte.") 
So von allen Seiten her angefeindet, beschäftigte sich der König nur 
um so eifriger mit dem Toleranzedikte, das die Welt über die beiden 
Grundgedanken seiner Kirchenpolitik aufklären sollte: er dachte im Staate 
jedem die altpreußische Gewissensfreiheit zu sichern, aber zugleich die evan- 
gelische Kirche von allen erklärten Ungläubigen zu reinigen. Fast zwei 
Jahre lang, seit dem Juli 1845, wurde darüber beraten, im Staats- 
ministerium, im Staatsrate, auch mit mehreren Theologen. Von vorn- 
herein stellte der König die Regel auf, das Kirchenvermögen gehöre der ge- 
samten Kirche, nicht der einzelnen Gemeinde, und dürfe daher niemals von 
den Dissidenten beansprucht werden: — einen rechtlich unhaltbaren, hoch- 
gefährlichen Grundsatz, der den alten Anmaßungen der römischen Kurie ent- 
gegenkam und, bis in seine letzten Forderungen durchgeführt, die Ordens- 
herrschaft im Herzogtum Preußen hätte wiederherstellen müssen.*) Beson- 
dere Schwierigkeiten bot die Frage der Hürgerlichen Eheschließung. Der im 
Kölnischen Bischofsstreite bewährte Starrsinn der katholischen Priester, die 
neuen Sektenbildungen, die mit der Freizügigkeit anwachsende konfessionelle 
Mischung der Bevölkerung, die kirchliche Gleichgültigkeit breiter Volks- 
schichten — kurz, alle Erfahrungen der jüngsten Jahre zwangen den Staat 
geradezu, die Zivilehe in irgendwelcher Form einzuführen. Griff die Krone 
rechtzeitig durch, dann konnte die unabweisbare Reform noch sehr wohl ohne 
Verletzung der frommen kirchlichen Gefühle dergestalt erfolgen, daß die 
bürgerliche Eheschließung nur aushilfsweise eintrat, falls die kirchliche Trau- 
ung durch anerkannte Geistliche entweder verweigert oder verschmäht wurde. 
Dem Könige wurden solche Gedanken aufgedrängt durch einen häß- 
)) König Friedrich Wilhelm, Entwurf für die Antwort an die Akademie, 7. März 
1847. 
**) Thile an Eichhorn, Savigny, Bodelschwingh, Uhden, 13. Juni 1845.
        <pb n="366" />
        358 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
lichen Vorfall, der ihn in seinen heiligsten Gefühlen verletzte. Der junge 
Dr. Falkson in Königsberg, ein achtungswerter, gemäßigt liberaler Mann 
aus Jakobys Freundeskreise wollte ein Christenmädchen heiraten und 
doch Jude bleiben, obgleich er dem positiven Glauben seiner Stamm— 
genossen fern stand. Eine solche Ehe war verboten, durch eine ganz un— 
zweideutige, von allen Gerichten stets übereinstimmend ausgelegte Vor- 
schrift des Allgemeinen Landrechts (Tl. 2. Tit. 1. 8 36). Selbst Rupp, der 
Prediger der freien Gemeinde, verweigerte die Trauung; alle guten Pro- 
testanten nannten es eine Unverschämtheit, daß dieser Jude, aus rein per- 
sönlichen Gründen, sich den Segen der evangelischen Kirche zu erschleichen 
suchte. Da die Krone trotz wiederholter Eingaben das Recht nicht beugen 
wollte, so ließ sich Falkson in Hull durch einen anglikanischen Geistlichen 
trauen. Darin sah der König, mit gutem Grunde, „eine freche Verhöhnung 
der Landesgesetze“, und verfügte: „Die Ehe kann nur bestehen, wenn sie 
sich gerichtlich verpflichten, ihre Kinder christlich taufen und erziehen zu 
lassen; wollen sie das nicht, so muß man sie engagieren, dahin auszu- 
wandern, wo sie sich haben trauen lassen. Hier im Lande jedoch 
dürfen sie dann nicht vierundzwanzig Stunden zusammenbleiben, oder viel- 
mehr, ihre Progenitur muß im voraus als Bastarde erklärt werden.“ 
Bunsen erhielt darauf Befehl, in England nachzuforschen, auch vielleicht 
von dem Primas eine Nichtigkeitserklärung zu erlangen. Dort ließ sich 
nichts erreichen; denn die anglikanische Kirche fühlte sich von jeher dem 
Judentum näher verwandt als der deutsche Protestantismus. Nun endlich 
mußten die preußischen Gerichte einschreiten ), obwohl der König ihrem 
Liberalismus wenig traute. „Unsere Gerichte“, schrieb er an Bunsen, „sind 
in allen kirchlichen Dingen mehr wie schlecht, d. h. zugleich ignorant und 
entschlossen, alle Gesetzesstellen auf das möglichst Unkirchlichste zu inter- 
pretieren.“ Sein Mißtrauen rechtfertigte sich nicht. Falksons Ehe wurde, 
dem Gesetze gemäß, in zwei Instanzen für nichtig erklärt, und das ge- 
richtliche Verfahren erst eingestellt, als die Verfassung von 1848 den 
Rechtsboden verändert hatte. 
Mitten in seiner zornigen Aufregung fühlte der König doch, daß die 
bestehenden Gesetze der verwandelten Zeit nicht mehr genügten. Seinem 
Bunsen gestand er: „Ich gehe mit dem Projekte (aber nur in gremio) 
schwanger, dergleichen gemischte, säuische und apostatische Ehen nicht zu 
verbieten für die Zukunft... dagegen den Christen das Getrautwerden 
in der Synagoge, den Juden dasselbe in der Kirche streng zu verbieten; 
die Schließung solcher Ehen aber vor den Richter zu verweisen, wie das 
geschehen soll mit den Ehen aller derer, die aus der Landeskirche aus- 
treten. Ich bin überhaupt ein großer Freund, nicht der Zivilehe im fran- 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 27. Aug. 1846, 10. Febr. 1847. Bunsens 
Berichte, 25. Jan. 1847 ff.
        <pb n="367" />
        Das Religions-Patent. 359 
zösischen Sinne, wohl aber der Erklärung einer legitimen Ehe vor dem 
Richter.“ Eifrig kam er auf diese Idee einer „Quasi-Zivilehe“ zurück, nur 
sollte sie mit den Institutionen des „revolutionären Frankreichs“ schlech— 
terdings nichts gemein haben.*) Bald zeigte sich aber, daß er über solche 
Dinge weit freier dachte als die Mehrzahl seiner Räte; darum beschloß 
er, die große Prinzipienfrage der bürgerlichen Eheschließung vorläufig 
ruhen zu lassen und zunächst nur für die Trauungen der Dissidenten 
mildere Vorschriften zu geben. Auch dabei stieß er auf lebhaften Wider- 
spruch. Mehrere der Minister fanden die Pläne des Monarchen von 
Haus aus viel zu weitherzig; Hofprediger Snethlage, ein gläubiger, keines- 
wegs fanatischer Westfale, der sich bald des Königs persönliches Ver- 
trauen gewann, verlangte zum mindesten, daß die bürgerliche Eheschließung 
der kirchlichen Einsegnung der Dissidenten immer vorangehen müßte, 
damit der christliche Staat nicht in die Lage käme, die Zeremonien der 
Sektierer mittelbar anzuerkennen. 
Nach sehr weitläufigen Verhandlungen einigte man sich dahin, daß 
die Brautleute der geduldeten Sekten zunächst gerichtlich aufgeboten, dann 
nach dem Brauche ihrer Sekte eingesegnet werden und schließlich durch die 
Eintragung in die Register der Gerichte die bürgerliche Anerkennung ihrer 
Ehe erlangen sollten. *“) Im übrigen schloß sich der von Eichhorn vorge- 
legte Entwurf des Religionspatentes eng an die Vorschriften des Allge- 
meinen Landrechts an..““) Gleichwohl erschien er manchen Orthodoxen 
wie eine gefährliche Neuerung. Präsident Gerlach widersprach im Staats- 
rate entschieden — denn „man darf nicht alles, was sich Kirche und Trau- 
ung nennt, auch als solche unbesehens gelten lassen“ — und beschwor noch 
im letzten Augenblicke seinen königlichen Freund flehentlich, dies unselige, 
die Abtrünnigkeit fördernde Gesetz nicht zu veröffentlichen.X) Der König 
blieb standhaft. Am 30. März 1847 wurde das Patent über die Bildung 
neuer Religionsgesellschaften unterzeichnet, das allen Ausgetretenen den 
Genuß der bürgerlichen Rechte und Ehren zusicherte, sobald ihre neue 
Religionsgemeinschaft vom Staate genehmigt würde. Solche Sekten, welche 
sich mit einer der beiden großen Religionsparteien des Westfälischen 
Friedens „in wesentlicher ÜUbereinstimmung befänden“, sollten, gleich den 
Altlutheranern, befugt sein, ihre Amtshandlungen mit voller rechtlicher 
Wirkung vorzunehmen; andere Sekten wurden nur geduldet und mußten 
sich den neuen Vorschriften über die Quasi-Zivilehe unterwerfen. 
*) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 16. Jan., 10. 12. Febr. 1847. 
er) Thiles Bericht, 15. Juli 1845. König Friedrich Wilhelm an Thile, 13. Dez.; 
Protokoll der Ministerkonferenz, 13. Dez.; Snethlage an Thile, 14. 16. Dez.; Thiles 
Antwort, 16. Dez. 1846. 
###) Eichhorn, Motive und Denkschrift zum Religionspatente, 15. Juli, 14. Dez. 1845. 
)Ludwig v. Gerlach an König Friedrich Wilhelm, 14. Dez. 1846, 23. Febr., 
30. März 1847. Ministerialprotokoll, 20. Dez. 1846.
        <pb n="368" />
        360 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Das Patent brachte endlich Klarheit in verdunkelte Rechtsverhält— 
nisse. Gleichwohl erntete der König keinen Dank dafür; denn man 
fürchtete allgemein, daß die den Dissidenten so großmütig gewährte Frei— 
heit zugleich als ein Mittel dienen sollte, um das doktrinäre Ideal einer 
sichtbaren Kirche von Gläubigen zu verwirklichen und die Zweifelnden aus 
der Landeskirche zu verdrängen. So geschah es auch. Rupp, Uhlich, Wisli- 
cenus hatten sich inzwischen mit ihren Anhängern zu freien Gemeinden 
zusammengetan; gleich ihnen der Prediger Baltzer in Nordhausen, auch 
er ein grundguter, herzensfrommer Mann, bekannt durch sein phrasen- 
reiches Gedicht: 
Luthers Geist er macht euch frei 
Von des Wahnes Tyranneil 
Sie alle sahen sich nunmehr gezwungen, die Landeskirche zu verlassen; 
Rupp ward auch aus dem Gustav Adolf-Vereine ausgeschlossen, weil ihn die 
Mehrheit nicht mehr für einen Christen gelten ließ. Gegen Uhlich war 
der König besonders aufgebracht; er nannte ihn undankbar, da er ihm doch 
„unerhörte Schonung“ erwiesen, seine Berufung nach Magdeburg nicht 
gehindert hätte.) 
Die Magdeburgische Gemeinschaft schien anfangs kräftig zu gedeihen, 
sie zählte 5000 Köpfe und war nicht arm an Werken christlicher Liebe. 
Bald aber erfüllte sich auch an ihr wie an allen anderen freien Ge- 
meinden die alte Wahrheit, daß sich eine Kirche nicht auf Verneinungen 
aufbauen läßt. Zumal im deutschen Volke, das für die Sektiererei 
niemals viel Sinn gehegt hat, konnten sich kleine Sonderkirchen immer 
nur dann behaupten, wenn sie durch die Kraft mystischer Verzückung, be- 
geisterter Glaubensinbrunst getragen wurden. Von alledem zeigte sich 
hier keine Spur. Die rohe Kritik des ungeschulten Verstandes drängte die 
freien Gemeinden von einem Nein zum andern. Manche verzichteten 
bald auf jedes Bekenntnis, andere auf die Sakramente; in Magdeburg 
wirkte eine Zeitlang ein ungetaufter Jude mit; Wislicenus' Hallische Ge- 
meinde gab selbst den Namen einer kirchlichen Gemeinschaft auf und hielt 
ihre Versammlungen unter den heiteren Klängen der Pickelflöte. 
Da die Volksversammlungen der Lichtfreunde schon im August 1845, 
nach dem Vorgange Sachsens, verboten wurden, soverschwand die neugierige 
Teilnahme des großen Publikums schnell, und als nunmehr die Politik 
alle Leidenschaften der Zeit in Anspruch nahm, da wurden auch die freien 
Gemeinden in die Wirbel der politischen Organisation hineingerissen. Das 
Strohfeuer der religiösen Erregung verflackerte, die Mehrzahl der Genossen 
ging in das demokratische Lager über. Uhlichs Freund, der nach Bremen 
übergesiedelte Prediger Dulon ward ein Apostel des wilden Radikalismus, 
während Uhlich selbst auch in der Politik seine kleinbürgerliche Ehrbarkeit 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Eichhorn, 3. Juni 1846, an Thile, 19. April 1847.
        <pb n="369" />
        Kirchenverfassungspläne des Königs. 361 
nicht ganz verleugnete. Nach wenigen Jahren blieb von den Lichtfreunden 
nichts übrig als ein Häuflein von kleinen deistischen oder atheistischen 
Vereinen, die für das religiöse Leben der Nation nicht das geringste 
leisteten. Also bereiteten diese Dissidenten, ganz wie die Deutschkatholiken, 
zuletzt nur ihren unbedingten Gegnern einen Triumph. Hengstenberg schien 
recht zu behalten, wenn er voraussagte, daß jeder Abfall vom strengen 
Bekenntnis notwendig zur Anarchie führe. Wer freier und milder ur- 
teilte, wie der tief fromme Bethmann-Hollweg, mußte freilich zugestehen, 
daß auch der König und sein Kirchenregiment an diesem Jammer eine 
Mitschuld trugen. Mit etwas mehr Weisheit und christlicher Geduld 
hätte man „den armen, unglücklichen uhlich“ so wie viele andere seiner 
gleich redlichen Gesinnungsgenossen wohl in der Landeskirche festhalten 
und also vielkeicht vor radikalen Verirrungen bewahren können. — 
  
Wer „die rechten Hände“ waren, denen der König dereinst seine 
Kirchengewalt anvertrauen wollte, das wußten seine Vertrauten längst. 
Schon vor seiner Thronbesteigung hatte er in einem ausführlichen Briefe 
an Bunsen dargestellt, wie Preußens evangelische Kirche sich aus sich 
selbst heraus, nach dem Vorbilde der christlichen Urkirche, neu gestalten 
sollte. Er wollte Bischöfe, die nach altchristlichem Brauche sich unmittel- 
bar an der Seelsorge beteiligten, mithin bescheidene kleine Bistümer, 
„Kirchen“, etwa so groß wie die bestehenden Sprengel der Superinten- 
denten, für ganz Preußen ungefähr 350. Die Bischöfe sollten allesamt 
durch Handauflegung eine ganz unanfechtbare apostolische Weihe emp- 
fangen, die ersten also durch englische oder schwedische Bischöfe eingesegnet 
werden und dann den empfangenen Segen weiter spenden; von dieser katho- 
lischen Vorstellung kam Friedrich Wilhelm nicht los, und schlechterdings 
nicht wollte er zugestehen, daß sie den Grundgedanken des Protestantismus 
widersprach. Darunter Presbyterien von Pfarrern und Laien, die aber 
auch Kirchendiener, nicht Repräsentanten sein sollten; dann noch altar- 
dienende, armenpflegende Diakonen, zu unterst die Gemeinden der Gläu- 
bigen, der am Wort und Sakrament wirklich Teilnehmenden. Über den 
Bischöfen etwa dreizehn Metropolitane in den althistorischen Bischofssitzen 
des evangelischen Preußens, mit Kapiteln, denen die Befugnisse der bis- 
herigen Konsistorien übertragen würden. An höchster Stelle endlich der 
Fürst Erzbischof von Magdeburg, der Primas Germaniens, mit einem 
Primatialkapitel, das an die Stelle des Kultusministers treten sollte. 
Dem Monarchen verbliebe dann nur noch die äußere Schirmherrschaft 
und das Recht, die Beschlüsse der großen Landessynoden zu bestätigen. 
Die Unausführbarkeit dieses Planes sprang in die Augen; Friedrich 
Wilhelm selbst rechnete ihn zu seinen zahlreichen Sommernachtsträumen.
        <pb n="370" />
        362 .V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Eichhorn hingegen erkannte als erfahrener Geschäftsmann den Weg, der 
allein zur Aufhebung des alten harten Territorialsystems führen konnte. 
Es gelang ihm zwar nicht, den Monarchen von seinen geheimen Lieb- 
lingsgedanken abzubringen — denn wer hätte das je vermocht? — wohl 
aber bewog er ihn, die Selbständigkeit der Landeskirche zunächst durch 
freiere Ausbildung ihrer bestehenden Institutionen vorzubereiten. So 
wurden denn seit 1841 die im Osten fast verschwundenen Kreissynoden 
neu belebt, 1844 die Provinzialsynoden einberufen. Im folgenden Jahre 
erhielten die Konsistorien erweiterte Befugnisse und eigene Präsidenten, 
während sie bisher fast nur die Prüfung der Kandidaten selbständig be- 
sorgt, die Regierungen aber die eigentlich kirchliche Verwaltung geleitet 
hatten. 
Das alles geschah unter dem stillen Widerstande der Mehrzahl der 
Minister; Graf Arnim und die anderen unter seinen Amtsgenossen, welche 
gleich ihm früher an der Spitze einer Regierung gestanden hatten, konnten 
sich, nach der alten bureaukratischen Überlieferung, unabhängige kirch- 
liche Behörden gar nicht vorstellen. Bedenklicher war, daß der Monarch 
selbst die gesunde, freie kirchliche Selbstverwaltung, die in Rheinland 
und Westfalen aufzublühen begann, sehr mißtrauisch betrachtete.“) Diese 
Presbyterien waren ihm zu modern, sie erinnerten ihn zu sehr an das 
gottlose Repräsentativsystem. Nicht ihnen wollte er die Kirchenzucht an- 
vertrauen, sondern allein der gläubigen Gemeinde, der „Kirche"“. Ver- 
geblich wendete Thile ein, solche ganz im Glauben einige Gemeinden be- 
stünden heute nur noch selten.*) Friedrich Wilhelm blieb dabei, die große 
Idee des evangelischen Priestertums würde geschändet, wenn auch Gleich- 
gültige und Ungläubige an den Wahlen und den Amtern teilnähmen; 
niemals begriff er, daß diese idealistische Doktrin nicht ohne Heuchelei und 
unevangelischen Zwang verwirklicht werden konnte. Andererseits wollte 
er, aus Scheu vor der römischen Kirche, den Presbyterien des Westens 
nicht einmal eine berechtigte kirchliche Notwehr gestatten; er untersagte 
ihnen, pflichtvergessene Hausväter, die ihre Kinder allesamt katholisch 
erziehen ließen, von den kirchlichen Amtern auszuschließen. 
Doch die Zeit drängte. Angesichts der überhandnehmenden Sektiererei 
und des gewaltigen Aufschwungs der ultramontanen Partei mußten die 
evangelischen Landeskirchen Deutschlands versuchen, sich innerlich zu kräf- 
tigen und sich untereinander fester zusammenzuschließen. Niemand empfand 
dies früher als der ganz unkirchlich gesinnte, aber politisch kluge König von 
Württemberg. Die klerikalen Umtriebe in seinem eigenen Lande und die 
ultramontane Politik des verhaßten bayrischen Nachbarhofes beunruhigten 
ihn schwer. Schon am 28. April 1843 übersendete er dem Gesandten 
  
*) S. o. III. 403. 
*7) Thile an Eichhorn, 15. Juni 1844.
        <pb n="371" />
        Evangelische Konferenz in Berlin. 363 
Rochow mit einem eigenhändigen Briefe eine Denkschrift, welche der preu— 
ßischen Regierung vorschlug, ein neues Corpus Evangelicorum am Bundes- 
tage zu bilden: die evangelischen Höfe sollten sich vereinbaren über eine 
gemeinsame Kirchenpolitik, insbesondere über die Abwehr römischer Über- 
griffe. In solcher Gestalt schien der württembergische Antrag unan- 
nehmbar. Das Corpus Evangelicorum hatte den Protestanten einst als 
Schutzwehr gegen die katholische Mehrheit der alten Reichstage gedient; 
jetzt da nur noch sechs der regierenden Fürsten katholisch waren, drohte 
ein solcher Bund im Bunde nur Unfrieden zu erregen; und wie konnten 
die evangelischen Höfe unbedingt füreinander einstehen, da ihre Kirchen- 
politik sich doch auf so verschiedenen Bahnen bewegte? Daher gab der 
König durch das Auswärtige Amt eine vorsichtig ablehnende Antwort; zu 
Verhandlungen über das evangelische Kirchenwesen erklärte er sich jedoch 
bereit.*) So leicht ließ sich der besorgte Schwabenkönig nicht abweisen. 
Er war über die Umtriebe der Ultramontanen gut unterrichtet; er wußte, 
daß die Getreuen der Münchener Kongregation überall in der Welt, selbst 
in Irland geschäftig arbeiteten; er mußte erleben, daß eine Verfügung 
seines eigenen Konsistoriums, welche die evangelischen Geistlichen zur kirch- 
lichen Treue, aber auch zur Sanftmut gegen die Andersgläubigen er- 
mahnte, von den bayrischen klerikalen Blättern höhnisch angegriffen wurde. 
Solchen Feinden gegenüber hielt er für nötig, daß die evangelischen Kronen 
am Bundestage gemeinsam die bedrängte Lage der Protestanten in Öster- 
reich und Bayern, die bedrohlichen Anmaßungen der römischen Kirche zur 
Sprache brächten. In Berlin aber suchte man alles zu vermeiden, was den 
Vatikan reizen konnte; einen Antrag beim Bunde wollte König Friedrich 
Wilhelm höchstens als „.ultima ratio“ zulassen..“) Also nochmals abge- 
wiesen, ermäßigte der König von Württemberg seine Wünsche und verlangte 
nur noch, auf den Rat seines Oberhofpredigers Grüneisen, daß Preußen 
die evangelischen Regierungen zu Beratungen über die Kirchenverfassung 
einladen sollte. Diese Idee der „inneren Unierung" der deutschen Landes- 
kirchen hatte Eichhorn schon im Anfang der langwierigen Verhandlungen 
ausgesprochen; jetzt wurde sie von Ullmann auch vor der Lesewelt ver- 
treten in dem Büchlein „für die Zukunft der evangelischen Kirche Deutsch- 
lands“, das der König von Preußen mit großer Befriedigung las.) 
So ward denn das alte, niemals ganz verschwundene Idealbild der 
deutschen evangelischen Nationalkirche wieder lebendig, leider in Tagen, die 
es unmöglich ausgestalten konnten. Auf Preußens Einladung versam- 
melten sich nunmehr, um Neujahr 1846 die Abgesandten der sämtlichen 
protestantischen Regierungen Deutschlands zu einer freien „Evangelischen 
*) Berichte an den König, von Bülow, von Thile, 27. Mai 1843. 
**) Rochows Berichte, Stuttgart, 14. Juni, 17. Nov. 1844. 
5#½*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 20. Febr., 11. Nov. 1845. Vgl. den treff- 
lichen Aufsatz von O. Mejer über Minister Eichhorn (Biographisches. S. 319 ff.).
        <pb n="372" />
        364 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
Konferenz“ in Berlin. Durch persönliche Würde, tiefen Glaubensernst 
und umfassende juristische Sachkenntnis erlangte Bethmann-Hollweg bald 
die Stellung des Führers unter den Tagenden. Gleichwohl ließ sich an 
einen augenblicklichen Erfolg gar nicht denken, da die kirchlichen Zustände 
der einzelnen Lande sich durch eine wirrenreiche Geschichte so grundver— 
schieden gestaltet hatten und auch der partikularistische Eigensinn kräftig 
heraustrat. Die bischöflichen „Kirchen“ Friedrich Wilhelms mit ihren 
Presbytern und Diakonen fanden in der Versammlung gar keinen An- 
klang, während er wiederum den von Württemberg vorgelegten Verfas- 
sungsentwurf nicht billigen mochte.“) Nach sechs Wochen endeten die Be- 
ratungen ohne ein bestimmtes Ergebnis. Ganz ohne Folgen blieb der 
verfrühte Versuch doch nicht. Aus dieser Versammlung gingen die 
Eisenacher Konferenzen hervor, die sich in späteren Jahren regelmäßig 
unter Bethmann-Hollwegs Leitung vereinigten und zur Klärung des 
wieder erstarkten kirchlichen Lebens manches beitrugen. 
Nach solchem Mißerfolge schien es um so ratsamer, zunächst die 
Verfassung der preußischen Landeskirche unter Dach zu bringen. Auf 
Pfingsten 1846 berief der König die erste evangelische Generalsynode. 
Sie bestand aus 37 Geistlichen und 38 Laien — aus den General- 
superintendenten, aus Vertretern der theologischen und juristischen Fakul- 
täten und einigen durch die Kirchenbehörden der Provinzen vorgeschlagenen 
Mitgliedern geistlichen und weltlichen Standes; sie erschien mithin als eine 
Notabelnversammlung, welche zwar nicht den Willen der Kirche förmlich 
aussprechen konnte, aber durch Ansehen, Einsicht, Erfahrung wohl be- 
fähigt war, die künftige Kirchenverfassung vorzubereiten. Mehr verlangte 
Friedrich Wilhelm auch nicht; er ließ noch keinen Verfassungsplan aus- 
arbeiten, sondern erwartete zunächst nur, daß die Berufenen „sich aus- 
sprächen“. Aber wie gehässig wurden seine edlen Absichten wieder miß- 
deutet. Das Bürgertum der großen Städte des Ostens war durch den 
lichtfreundlichen Adressensturm stark erregt; um Ronge zu ehren, hatten 
die Berliner sogar Volksversammlungen unter den Zelten abzuhalten 
gewagt. Nach all dem wirren freigeisterischen Gerede dieser Jahre hatte 
man für die kirchlichen Pläne des Monarchen nur noch Hohn und freche 
Witze. Als die Erzbilder der Rossebändiger auf der neuen Schloßterrasse 
aufgestellt wurden, da hieß es überall, der König könne seinen Hengsten- 
berg gar nicht nahe genug bei sich haben; Varnhagen aber und sein Kreis 
verurteilten die Generalsynode schon im voraus als eine geistliche Spie- 
lerei der Weltlichen. Zehn Städte sendeten ihren zur Generalsynode ein- 
berufenen Mitbürgern Weisungen im Sinne der modischen Aufklärung; 
die Magdeburger erklärten ihrem Stadtrat Grubitz, sie könnten diese Ver- 
sammlung nicht als eine Vertretung der Landeskirche anerkennen, und 
  
*2D) Snethlage an Thile, 5. Febr.; Thiles Bericht an den König, 5. Febr. 1846.
        <pb n="373" />
        Die Evangelische Generalsynode. 365 
legten ihm auf, eine „aus freien Wahlen von unten“ hervorgehende Pres— 
byterial- und Synodalverfassung zu fordern. Dem Könige schnitt es tief 
ins Herz, daß gerade diese ehrwürdige Märtyrerstadt des Protestantismus, 
die er sich als Sitz des Fürsten Primas dachte, so reich an „Heiden“ war; 
er fand in dem Schreiben „modernes Mißverständnis oder wissentliche 
Unwissenheit, ja Aufforderung zum Ungehorsam“ und drohte im ersten 
Zorn, er würde sich „über das Gesetz stellen“, die städtischen Freiheiten 
suspendieren müssen.“) Schwer ließ er sich besänftigen; doch bald wurde 
die maßlose Tadelsucht der Opposition durch die Haltung der General— 
synode selbst tief beschämt. 
Eichhorn sagte in seiner würdevollen Eröffnungsrede: noch niemals 
seit den Zeiten der Reformation habe Deutschland eine solche Versamm— 
lung gesehen und noch niemals einen landesfürstlichen Schirmherrn, der 
die freie Entwicklung der Kirche so vertrauensvoll ermuntert hätte. In 
der Tat durften die deutschen Protestanten nach so vielen Erfolgen 
des Papsttums jetzt wieder einmal aufatmen und sich der überlegenen 
geistigen Kräfte dieser Kirchenversammlung erfreuen. Sie war die erste 
gemeinsame Vertretung aller preußischen Provinzen, gleichsam das kirch— 
liche Vorspiel des geplanten Vereinigten Landtags; und jener Zug vom 
Westen her, der die ganze Zeit durchwehte, mußte gerade hier seine volle 
Kraft zeigen, weil die rheinisch-westfälischen Protestanten in der Aus- 
bildung ihrer Kirchenverfassung dem Osten unzweifelhaft vorausgeeilt 
waren. Der alte Rationalismus war auf der Synode nur durch einen 
Mann vertreten, den Kanzler des Königreichs Preußen v. Wegnern, der 
mit bescheidenem Freimut sagte: von einem alten Ostpreußen könne man 
doch keine andere Gesinnung erwarten. Auch die streng Konfessionellen ge- 
boten nur über ein gutes Fünftel der Stimmen. Die große Mehrzahl ge- 
hörte zu den verschiedenen Parteien der Vermittlungstheologie, die sich 
allesamt auf Schleiermacher beriefen; darum wurde die Versammlung von 
Haus aus durch die Lichtfreunde ebenso heftig angefeindet wie durch Heng- 
stenbergs Kirchenzeitung, ein lutherischer Pastor des Wuppertals schimpfte 
sie kurzab eine Räubersynode. Das hochverehrte Haupt der Mehrheit war 
Nitzsch, der Wittenberger, der sich seit so vielen Jahren schon in die kirch- 
liche Selbstverwaltung des Westens eingelebt hatte und wie niemand sonst 
befähigt schien, die lutherischen Lande des Ostens mit den Grundgedanken 
der calvinischen Kirchenverfassung zu befreunden. Seine tiefe Gelehr- 
samkeit wurde ebenso allgemein anerkannt, wie sein frommer christlicher 
Sinn, der die Einheit der Lehre stets in der Person des Erlösers suchte. 
Der edle Mann erlebte jetzt die Tage seines höchsten Ruhmes, aber auch 
  
*) Schreiben der Magdeburger Stadtverordneten und Kirchenvorsteher an Stadt- 
rat Grubitz (mit Randbemerkungen des Königs), 16. Mai; König Friedrich Wilhelm an 
Thile, 29. Mai; Thiles Bericht, 18. Juni 1846.
        <pb n="374" />
        366 V. 4. Die Parteiung in der Kirche. 
den tragischen Wendepunkt seiner Wirksamkeit; denn es zeigte sich bald, 
daß wohl Eichhorn mit ihm übereinstimmte, doch nicht der König selbst. 
Friedrich Wilhelm begrüßte die Synode mit einer überschwenglichen 
Ansprache; er forderte sie auf, ihre Blicke über die Grenzen der Landes- 
kirche, ja selbst des evangelischen Bekenntnisses hinaus zu richten; im Geiste 
des ursprünglichen, apostolischen, allgemeinen Christentums sollte sie allen 
Christen sagen, daß Preußens evangelische Kirche die Gläubigen aller Be- 
kenntnisse zu ihrem heiligen Tische zulasse und nur der Unglaube von ihr 
scheide. Eine so scharfe Trennung der Gläubigen von den Ungläubigen 
konnten Nitzsch und seine Freunde unmöglich billigen; man bemerkte auch 
sogleich, wie sorgsam der König und sein General Thile jedes eingehende 
Gespräch mit dem verdächtigen Bonner Professor vermieden. 
Dies Mißtrauen des Monarchen steigerte sich noch, als nunmehr 
über die Lehrverpflichtung der Geistlichen beraten wurde. Die Union 
war einst nur darum durchgedrungen, weil sie lediglich eine Gemeinschaft 
des Kultus und der Sakramente, nicht eine vollständige Glaubensgemein- 
schaft darstellen wollte. Trotzdem versuchte die Generalsynode, eine Be- 
kenntnisformel für alle Geistlichen der Landeskirche aufzustellen; daneben 
sollte den einzelnen Gemeinden noch freistehen, ihre Prediger auf besondere 
Symbole zu verpflichten. Nitzsch wollte die Formel so weit fassen, daß 
jeder evangelische Christ sie annehmen, auch die lebendige Wissenschaft 
der Gegenwart nichts dawider einwenden könnte; selbst das apostolische 
Glaubensbekenntnis erschien ihm zu eng, und er entwarf, nach seiner 
subjektiven wissenschaftlichen Uberzeugung, eine noch einfachere Formel, 
welche freilich nur aus Bibelworten bestand, aber auch noch mannigfache 
Auslegungen zuließ. Das wohlgemeinte Unternehmen mußte mißlingen, 
weil sein gelehrter Urheber, trotz seiner reichen Erfahrungen im prak- 
tischen Kirchenleben, diesmal doch die Kraft des Volksglaubens doktrinär 
verkannte; die deutsche Theologie war ja die gelehrteste von allen und 
fühlte sich leicht versucht, die Macht der Wissenschaft in der Kirche zu 
überschätzen. Wagte man das Apostolicum zu vereinfachen, das älteste 
und ehrwürdigste Bekenntnis der gesamten Christenheit auch nur in der 
Form zu verändern, so wurden vielleicht einige hundert gebildete Männer 
befriedigt, die Radikalen aber nicht entwaffnet und Millionen schlicht gläu- 
biger Menschen, die doch für die Kirche genau so viel bedeuten wie die Ge- 
lehrten, in ihren frommen Gewissen beirrt. Nur ein glaubensstarker 
durch die freudige Zustimmung des gesamten evangelischen Volks ge- 
tragener und gehobener Reformator, doch wahrlich nicht dies zweifelnde 
und suchende Geschlecht durfte zu solchem Wagnis sich erkühnen. 
Sehr lebhaft traten die Konfessionellen wider den Antrag auf. Der 
pommersche Lutheraner v. Thadden-Trieglaff — ein konservativer Heiß- 
sporn, der bald nachher aus der Landeskirche ausschied — hatte keineswegs 
unrecht, als er die paradoxe Behauptung aufstellte, dieser Weg führe zur
        <pb n="375" />
        Das apostolische Glaubensbekenntnis. 367 
Hierarchie. Es war doch wirklich das von den Pietisten so oft bekämpfte 
„Papsttum der Wissenden“, das sich jetzt, in bester Absicht freilich, heraus- 
nahm, seinen kritisch geläuterten Glauben den protestantischen Gemeinden 
aufzuerlegen; wie die Bourgeoisie im französischen Staate, so suchte in 
der deutschen evangelischen Kirche die Intelligenz alle Herrschaft an sich 
zu reißen und verwechselte unbefangen sich selber mit dem gesamten 
Volke. Auch Stahl, der damals noch die Union als eine vollendete Tat- 
sache anerkannte, mahnte ernst: in Zeiten der Not dürfe die Kirche wohl 
schweigen, doch nicht zweideutig reden; ja selbst der mit Nitzsch persönlich 
und wissenschaftlich befreundete Twesten warnte, man solle das christliche 
Volk nicht durch die theologische Wissenschaft vergewaltigen. Für die An- 
träge sprachen beredt und geistvoll der Hallenser Julius Müller und der 
Königsberger Dorner. Die Anhänger der Schleiermacherschen Linken, 
Graf Schwerin und der Berliner Prediger Sydow erklärten sich anfangs 
im Namen der evangelischen Freiheit gegen jede bindende Lehrverpflich- 
tung; im Verlaufe der langen, höchst lebendigen und gedankenreichen Ver- 
handlungen traten sie jedoch den Ansichten Nitzschs näher. Schließlich 
wurde mit starker Mehrheit eine vereinfachte Ordinationsformel ange- 
nommen, die mit dem Geiste der Union doch nicht im Einklange stand, 
wie weitherzig man sie auch auslegen mochte. Mehrheitsbeschlüsse haben 
aber nur da Sinn und Wert, wo ein Entschluß für das handelnde Leben 
gefaßt werden muß und die Abstimmung erweisen soll, auf welcher Seite 
die stärkere Macht steht. In Glaubenssachen bedeutet die Mehrzahl so 
wenig wie in der Wissenschaft. Die konfessionelle Minderheit fühlte sich 
mit nichten überwunden, denn mit geistigen Waffen war sie nicht ge- 
schlagen; und wie konnte man gar hoffen, daß der König einer Ab- 
schwächung der alten Symbole jemals zustimmen würde? Hofprediger 
Strauß, ein gefühlvoller, allezeit begeisterter Pietist, der den Monarchen 
genau kannte, gab schon während der Beratungen deutlich zu verstehen, 
das alles sei verlorene Arbeit. 
Der unselige Streit um die Lehrverpflichtung wurde leider auch dem 
Hauptwerke der Generalsynode, dem Kirchenverfassungs-Entwurfe verderb- 
lich. Wie planlos und hilflos stand die Krone doch dieser großen Auf- 
gabe gegenüber. Von den kleinen bischöflichen „Kirchen“, die der König 
wünschte, war kaum die Rede. Eichhorn überließ vielmehr der Versammlung, 
ihre eigenen Vorschläge auszusprechen, und ganz von selbst vereinigte sich 
die große Mehrheit in dem Gedanken, die bestehende Ordnung weiter auszu- 
bauen: das Konsistorialsystem des Ostens wollte man nicht aufheben, sondern 
durch die presbyterialen und synodalen Institutionen des Westens ergänzen 
und beleben. Hier zeigte Nitzsch seine große organisatorische Begabung; 
Bethmann-Hollweg, der jetzt auch dem Rheinland angehörte, ging ihm 
zur Hand mit seiner gründlichen Rechtskenntnis, Landfermann mit 
seiner reichen, im Westen angesammelten Erfahrung. So entstand ein
        <pb n="376" />
        368 V. 1. Die Parteiung in der Kirche 
tief durchdachter, wohl ausführbarer Entwurf. Die Konsistorien sollten 
fortbestehen und über ihnen noch ein Oberkonsistorium errichtet werden 
als höchste Kirchenbehörde zur Wahrung der Disziplin und Beratung. des 
Landesherrn. In jeder Gemeinde ein Presbyterium, das von allen christ- 
lichen Hausvätern, nach unmaßgeblichen Vorschlägen der Kirchenvorstände, 
frei gewählt würde. Darüber Kreis= und Provinzialsynoden, dann end- 
lich die Generalsynode, sie alle aus geistlichen und weltlichen Mitgliedern 
gemischt, aber keineswegs nach den Grundsätzen des politischen Repräsen- 
tativsystems eingerichtet, sondern also gebildet, daß der Regel nach nur 
sachkundige, im Kirchendienst erprobte Männer ihnen angehören konnten. 
Dergestalt suchte man den Gemeinden ihr gutes Recht zu geben und 
doch die völlig Gleichgültigen oder Unerfahrenen von den Synoden fern 
zu halten. Die Grundgedanken dieser Reform erwiesen sich so dauerhaft, 
so lebenskräftig, daß Emil Herrmann sie mit geringen Anderungen wieder 
aufnahm, als er ein Menschenalter später den Neubau der Kirchenver- 
fassung endlich zum Abschluß brachte.“) 
Für jetzt stand freilich nichts zu hoffen. Drei Monate hindurch 
waren die Synodalen fast Tag für Tag die hundert Stufen hinaufge- 
klommen, um droben in der alten Schloßkapelle, unbekümmert um die 
glühende Sommerhitze dieses gesegneten Weinjahres, ihre langen müh- 
seligen Sitzungen zu halten; da wurde die Versammlung am 29. August 
ohne einen Bescheid vertagt. Friedrich Wilhelm scherzte zuweilen selbst 
über seine oberstbischöfliche Gewalt, die er so gern den „rechten Händen“ 
übergeben wollte. Als er, von Staatsgeschäften überhäuft, die Synode 
mit jener unvorbereiteten Ansprache begrüßt hatte, die ihn selber nicht 
befriedigte, da schrieb er spöttisch: ein neuer Beweis, daß unser sum- 
hielt er sich verpflichtet, diese Gewale solange sie ihm noch zustand, 
rücksichtslos auszuüben, und nach seiner Überzeugung gereichten die Be- 
schlüsse der Generalsynode wahrlich nicht zum Heile der Kirche: die neue 
Ordinationsformel schien ihm unchristlich, und darum betrachtete er auch 
den Verfassungsentwurf mit Argwohn. Nur ungern erlaubte er einige 
Monate später, auf Eichhorns dringende Bitten, daß Nitzsch als Probst 
nach Berlin berufen wurde; nach wie vor vermied er jede nähere Be- 
rührung mit dem Manne, den er für den Führer der kirchlichen Oppo- 
sition ansah, und niemals konnte Nitzsch in Berlin wieder eine so frucht- 
bare Wirksamkeit erlangen wie einst am Rhein. Ganz vergeblich bemühte 
sich der Minister um die Bestätigung der Synodalbeschlüsse. Inzwischen 
fuhr Hengstenberg mit seinen Anklagen fort, und der ehrwürdige alte 
  
*) Dies ergibt sich von selbst aus einer Vergleichung und ist mir auch von meinem 
verstorbenen Freunde E. Herrmann in manchen Gesprächen versichert worden. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 13. Juni 1846. v
        <pb n="377" />
        Verfassungsentwurf der Generalsynode. 369 
Goßner jammerte: die neue Lehrverpflichtung reiße die Mauern der Kirche 
nieder, so daß die Ungläubigen in Haufen eindringen könnten. Die 
liberale Presse andererseits zeigte sich gleichgültig oder hämisch, und im 
deutschen Auslande, wo die preußische Union längst in schlimmem Rufe 
stand, war der Göttinger Lücke fast der einzige namhafte Theolog, der sich 
warm für das Werk der Synode aussprach. Zuletzt blieb alles liegen; 
der König wollte die vertagte Generalsynode weder abermals einberufen 
noch mit einem abweisenden Bescheide auflösen. 
Von allen Institutionen des Verfassungsentwurfs trat nur eine einzige 
ins Leben: das Oberkonsistorium; denn dies sollte ja, nach den gehei— 
men Absichten des Monarchen, das Seitenstück werden zu der geplanten 
Konferenz der katholischen Bischöfe. So vereinzelt, so losgelöst von den 
synodalen Institutionen, erschien die neue oberste Kirchenbehörde nur wie 
eine Verstärkung des alten Konsistorialsystems, von dem man sich doch 
gerade befreien wollte, und wurde daher selbst von den gemäßigten Parteien 
sogleich als eine hierarchische Macht angefeindet. Im Februar 1848 trat sie 
zusammen, und nachdem sie eine einzige Sitzung abgehalten, war sie schon 
von den Wellen der Revolution hinweggespült. Also mißriet dem Könige 
alles; auch die Ruhigen konnten sich der bangen Ahnung nicht mehr er- 
wehren, daß ein Gewitter die schwüle Luft dieser Tage reinigen müsse. — 
  
v. Treitschke, Deutsche Geschichte V. 24
        <pb n="378" />
        Fünfter Abschnitt. 
  
Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
Treuer als die so oft durch politische Hintergedanken verdunkelten 
und verfälschten kirchlichen Kämpfe spiegelte die Literatur den Geist 
dieser weltlichen Tage wieder. Unverloren blieb ihr das beste Vermächtnis 
des Jungen Deutschlands, der Drang nach dem Wirklichen, nach dem 
modernen Leben; die politische Leidenschaft, die Ahnung eines nahenden 
großen Umschwungs zwang sich jedem ernsten Geiste so mächtig auf, daß 
selbst die strenge Wissenschaft sich der Tendenz nur selten ganz zu erwehren 
vermochte. Künstlerische Andacht konnte einem so friedlosen, aufgeregten 
Geschlechte nicht leicht fallen; gleichwohl begann der Formensinn un- 
verkennbar wieder zu erstarken nach der wüsten ästhetischen Verwilderung 
der dreißiger Jahre. Die Herrschaft des souveränen Feuilletons war ge- 
brochen; all der Wulst von eilfertigen Kritiken, Zeitbildern, Capriccios 
und Halbnovellen, die ganze trübe Vermischung von Poesie und Prosa, 
die im letzten Jahrzehnt für geistreich gegolten hatte, erschien jetzt schal 
und abgestanden. Wieder einmal bewährte sich die alte Erfahrung, daß die 
Zeit nichts verschont, was ohne sie geschaffen ist. Auch die witzelnde 
Frechheit des Judentums behauptete nicht mehr ihre Macht über die 
Leserwelt. Wohl hatte sich die Schar der jüdischen Journalisten ge- 
waltig vermehrt, und wenn ein junger Schriftsteller auf Zeitungsruhm 
ausging, so mußte er sich vor jeder Kränkung der orientalischen Eitelkeit 
sorgsam hüten; aber die alten literarischen Chorführer, Börne, Gans, 
die Rahel waren gestorben, Heine hatte seine Blütezeit längst hinter sich. 
Neue Talente kamen empor, fast alle deutschen Blutes, fast alle beseelt von 
einer jugendlichen lyrischen Begeisterung, welche dem Jungen Deutschland 
immer gefehlt hatte. Gleich ihren Vorgängern fühlten sie sich als Kämpfer 
der Freiheit und panzerten ihre Muse mit dem Waffenschmuck der poli- 
tischen Tendenz; doch zugleich erwachte wieder die Freude an Bild und 
Reim; Kritik und Witz genügten nicht mehr, die neuen Zeitpoeten schwelgten 
im Wohllaut des Verses und zeigten sich schon durch den Adel der Kunst- 
form dem Feuilletongeplauder des letzten Jahrzehntes überlegen.
        <pb n="379" />
        Neue Wendung in der Literatur. 371 
Die kräftigeren Geister des Jungen Deutschlands selbst hatten sich 
längst aus dem verzettelnden Eintagsschaffen hinausgesehnt, sie wendeten 
jetzt ihre gereifte und gesammelte Kraft der Bühne zu und mit ihnen 
viele von dem jüngeren Nachwuchs. Bühnengerechte, künstlerisch durch— 
dachte Dramen, manche wohl angekränkelt von der nervösen Unruhe der 
Zeit, aber manche auch lebendig, aus dem Herzen der Gegenwart heraus 
empfunden, brachten dem verfallenen Theater ein frischeres Leben, das 
leider durch die Stürme der Revolution nur zu bald zerstört werden 
sollte. Auch auf die Dichtung hatte die nationale Begeisterung des Jahres 
1840 erstaunlich tief eingewirkt. Ganz so gekräftigt war der deutsche 
Nationalstolz freilich noch nicht, wie König Ludwig meinte, als er in einem 
wunderlichen Gedichte den „Teutschen seit dem Jahre 40“ nachrühmte: 
„daß vorüber nun ist die Verblendung“. In einem Volke, das noch kaum 
die Anfänge einer ernsthaften Parteibildung besaß, konnte der wüste, ziel— 
lose Radikalismus nicht völlig aussterben. So schamlos aber wie vor 
zehn Jahren wagten sich das vaterlandlose Weltbürgertum und die 
knechtische Vergötterung Frankreichs nur noch selten heraus; die meisten 
der jungen Zeitpoeten schwärmten für ein mächtiges Vaterland, sie ahnten 
seine große Zukunft, und auch darum erschienen sie achtungswerter als 
die Schildknappen Börnes. 
An Geist und Empfindung war die Zeit nicht arm; eine heitere 
Sinnlichkeit belebte und erwärmte den geselligen Verkehr. Lieblichere 
Trachten als damals haben die Frauen in diesem geschmacklosen Jahr— 
hundert nie getragen: die Taille saß endlich einmal an der rechten Stelle; 
aus dem faltigen, nicht allzu stark aufgebauschten Rock hob sich die Ge— 
stalt schlank und leicht empor; das schlicht gescheitelte Haar, die nackten 
Arme, der frei, nicht frech entblößte Busen ließen die natürliche Schön- 
heit auch schön erscheinen. Von dem berückenden Liebreiz der genialen 
Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient und der Herzogin von Sagan, 
von den galanten Abenteuern des Fürsten Lichnowsky und des „Lands- 
knechts“ Schwarzenberg erzählte jedermann. Wenn die Münchener und 
die Düsseldorfer ihre farbenreichen Künstlerfeste hielten, wenn die jungen 
lyrischen Dichter in Unkel oder St. Goar oder im Bonner Maikäferbunde 
zusammentrafen, um das niemals ausgesungene Lob des Rheines zu singen, 
dann wallte die herzhafte Lebenslust fröhlich auf; selbst auf den ungezähl- 
ten Zweckessen und politischen Festbanketten erklangen mitten im Phrasen- 
schwall zeitgemäßer Stichwörter oftmals die herzbewegenden Reden einer 
tiefen, ursprünglichen Begeisterung. Die deutsche Welt glaubte noch an 
Ideale. Aber auch die dämonischen Mächte der frechen Unzucht und die 
Krankheit des Jahrhunderts, der Größenwahnsinn der halben Talente 
fanden freies Spiel in der allgemeinen Anarchie der Geister. Keine Partei 
blieb von ihnen verschont. In der Vermessenheit geistigen Hochmuts 
standen die liederlichen Schlemmgesellen des konservativ-liberalen kleinen 
24
        <pb n="380" />
        372 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
bayrischen Catilina Friedrich Rohmer nicht zurück hinter den Brüdern 
Bauer und den Berliner Freien, die einmal beim Saufgelage ein kräftiges 
Pereat Gott! gröhlten. Einer aus Rohmers Kreise, A. Widmann, schilderte 
seine Erlebnisse, sobald er aus dem Taumel erwacht war, in einem 
Romane „der Tannhäuser“; und als er drei Jahre später, 1850 in der 
Zeit der politischen Enttäuschung, sein geistreiches Buch herausgab, da 
konnten die ernüchterten Leser schon kaum mehr begreifen, daß man „dies 
neue Titanentum, das unserer Revolution vorausging“, jemals be- 
wundert hätte. 
In solchen Tagen besaß das halb poetische, halb patriotische Pathos 
der politischen Lyrik seine volle Berechtigung. Wenn die neuen Zeitpoeten 
in wohlgereimten Versen die Nation beschworen, fortan das Verseschweißen 
zu lassen, so bekundeten sie durch den wunderlichen Widerspruch nur, was 
dies tatenarme und tatendurstige Geschlecht wirklich empfand. Sie glaub- 
ten den Deutschen etwas völlig Neues zu bringen und betrachteten 
geringschätzig die von Heine so oft verhöhnte Jünglingspoesie des Be- 
freiungskriegs. Dennoch sind von ihren feiner und glätter durchgebildeten 
Gedichten nur sehr wenige so lebenskräftig bis zur Nachwelt durchgedrungen 
wie die kunstlosen Lieder Arndts und Körners, Schenkendorfs und Fou- 
qués. Die Dichter des großen Völkerkampfes besangen den Krieg, die 
einzige der künstlerischen Anschauung sofort vertraute politische Tätigkeit; 
sie erweckten durch ihre patriotische Begeisterung ewige, rein menschliche 
Gefühle, Waffenlust und Schlachtenzorn, Siegeshoffnung und Sieges- 
freude; sie verfolgten ein bestimmtes, dem schlichten Sinne verständliches 
Ziel, die Befreiung des Vaterlandes von den fremden Unterdrückern; sie 
dichteten mit dramatischer Wahrheit, oft recht eigentlich aus dem Steg- 
reife, fast im Angesichte des Feindes, und blieben bescheiden, weil in großer 
Zeit die Tat das Wort beschämt. Die modernen friedlichen Ideale konsti- 
tutioneller Freiheit, bürgerlicher Gleichberechtigung, nationaler Einheit 
boten hingegen einen weit spröderen Stoff, der nur durch mächtige Leiden- 
schaft, durch ungewöhnliche Größe des Urteils künstlerisch bezwungen und 
gestaltet werden konnte; das leichtere Talent lief hier immer Gefahr, 
in die Leere der phrasenhaften Allgemeinheit oder in den Kleinsinn 
des Parteihasses oder in die Prosa der rohen Satire zu verfallen. 
Und begreiflich genug, daß die neuen politischen Dichter sich selbst über- 
schätzten, denn vor glorreichen Taten brauchten ihre großen Wortenicht zu 
erröten; sie hielten sich für die gottbegnadeten Führer der Zeit, weil selbst 
die Männerwelt ihren Liedern freudig lauschte. So stürmische Huldigungen, 
wie sie Herwegh auf seiner Triumphreise erlebte, waren einem deutschen 
Dichter von ernsten Männern kaum je bereitet worden, und fast schien es, 
als sollte die Dichtung wieder stolz und breit in die Mitte unseres Volks- 
lebens treten. In Wahrheit war diese Begeisterung rein politisch. Die 
politischen Lieder klangen den Hörern wie verhaltene Parlamentsreden und
        <pb n="381" />
        Politische Lyrik. Herwegh. 373 
verfielen darum, wie die Worte des Staatsmannes und des Publizisten, 
dem Lose der Vergänglichkeit. Sobald die Politik in neue Bahnen ein— 
lenkte, erschienen sie überwunden und abgetan, während das reine Kunst— 
werk, eine Welt für sich selber, der Zeit zu trotzen vermag; und schon 
heute verstehen die Rückschauenden schwer, daß in der flüchtigen, doch nicht 
hohlen Erscheinung dieser Zeitgedichte die nationale Sehnsucht eines 
langsam zum politischen Wollen erstarkenden Geschlechtes ihren natür— 
lichen Ausdruck fand. 
Im Grunde war keiner der jungen Zeitpoeten an eigenen Gedanken 
und ursprünglicher Empfindung so arm wie der berühmteste von allen, 
Georg Herwegh. Man nannte ihn die Lerche des deutschen Völkerfrüh= 
lings, weil die Gedichte eines Lebendigen, zum ersten Male nach Anasta- 
sius Grüns Wiener Spaziergängen, die politische Begeisterung vom Aus- 
lande hinweg wieder zu den vaterländischen Kämpfen zurücklenkten. 
Schmetternd, sinnverwirrend erklangen diese ungestümen Weckrufe; prahle- 
rische, unmögliche Hyperbeln, die in den wohlgeglätteten Versen nur um so 
drastischer wirkten, verstärkten noch den Eindruck, als wollte ein rasender 
Titane ein versinkendes Volk zum letzten Verzweiflungskampfe aufbieten: 
Reißt die Kreuze aus der Erden! 
Alle sollen Schwerter werden, 
Gott im Himmel wird's verzeih'n! 
Doch der tiefe, ernste Inhalt fehlte. Fast überall nur eine fieberische Un- 
geduld, die aus der Langeweile der Gegenwart hinausdrängte und zornig 
drohend irgend eine unbestimmte Herrlichkeit, bald den Aufruhr schlechthin, 
bald den Krieg mit Russen und Franzosen, bald auch die Verbrüderung 
aller freien Völker forderte. Am glücklichsten zeigte sich die lyrische Be- 
gabung des Poeten in den eingestreuten unpolitischen Gedichten: wenn er 
die Todesahnung der ins Morgengrauen hinaussprengenden Reiter aus- 
sprach oder in einem sentimentalen, aber stimmungsvollen Klageliede sich 
wünschte, hinzugehen wie das Abendrot und wie der Tag in seinen letzten 
Gluten. Seine politischen Ideen hatte er fast durchweg aus Börnes Schrif- 
ten geschöpft, und unter den Kämpfern der deutschen Vorzeit stand ihm 
keiner höher als „unser Heiland“ Ulrich von Hutten. Das trotzige 
„Ich hab's gewagt“ des fahrenden Ritters hallte in unzähligen Gedichten 
und Zeitungsaufsätzen nach, der feurige, unklare politische Idealismus 
des sechzehnten Jahrhunderts sagte dieser unkirchlichen Zeit zu, während 
Luthers religiöse Gewissenskämpfe ihr fremd blieben. Mit dem gedanken- 
reichen Tiefsinn der Schwaben hatte Herweghs oberflächliche, schnell- 
fertige Keckheit nichts gemein; darum galt er auch in seiner Heimat 
weniger als im Norden, und der erste Kunstkenner Schwabens, Friedrich 
Vischer urteilte, selbst ein Radikaler, in seinen geistvollen „Kritischen 
Gängen“ sehr hart über die dürftige Gestaltungskraft dieses Dichters der 
hohen Worte. Herwegh gab sich früh aus; er zählte zu den Blendern,
        <pb n="382" />
        374 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
die sich in absteigender Linie entwickeln, der unmäßige Beifall war Gift 
für diese kleine eitle Seele. Die Radikalen hatten ihm nicht verargt, daß 
er, der Deserteur, in prahlenden Liedern nach „eines Streithengsts Bü- 
geln“ verlangte; aber seine herzbrechende Klage „mein ganzer Reichtum 
ist mein Lied“ vergaßen sie nicht, und als er jetzt, durch eine Heirat 
reich geworden, in ein träges, nichtsnutziges Wohlleben versank, da wen- 
deten sie sich doch erschrocken ab, denn der ekelhafte Anblick prassender 
Demagogen war den Deutschen noch neu. 
Von dichterischer Kraft blieb ihm bald nichts mehr als die Form- 
gewandtheit. Seine radikale Gesinnung erhitzte sich bis zur lästernden 
Frechheit, weil er zu faul, zu selbstisch war, um von der Zeit zu lernen. 
Schon vier Jahre vor der Revolution sang er die wüsten Verse: 
Keine Steuern, keine Zölle, 
Des Gedankens Freiverkehr! 
Keinen Teufel in der Hölle, 
Keinen Gott im Himmel mehr! 
Nieder mit dem Blutpokale, 
Drin der Kirche Wahnwitz kreist! 
Ein Kolumb zerbricht die Schale, 
Wenn er eine Welt beweist. 
Und während des polnischen Aufstandes von 1846 schrieb er wütend: 
Ich rufe den Empörern Sieg 
Und jede Schmach auf deutsche Fahnen! 
Als ihm dann endlich, nach kläglichen Heldentaten im Revolutionsjahre, 
ein gütiges Geschick beschied, die Tage deutschen Ruhmes zu erleben, da ist 
er noch lange keifend, schimpfend, höhnend hinter dem Siegeswagen des 
neuen deutschen Reiches dahergetaumelt, ein Trunkenbold der Phrase, ver- 
achtet von den Einsichtigen, vergessen von der Mehrheit der Nation. Neben 
Herweghs neuen Gedichten erschienen die losen Spottverse Hoffmanns 
v. Fallersleben, mit aller ihrer burschikosen Torheit, doch ehrlich und 
harmlos; und wie konnte man denn mit ihm rechten, der in guten Stunden 
seinem Volke so tief ins treue Herz blickte, der, selber ohne Haus und 
Herd, in seinen Kinderliedern das holde Dämmerglück der deutschen 
Kinderwelt so warm, so wahr, so einfältig, ohne einen einzigen falschen 
Ton moderner Niedlichkeit, besang? 
Aus feinerem Tone geformt war der dritte der beliebten Zeitpoeten, 
der kosmopolitische Nachtwächter Franz Dingelstedt. Man feierte ihn 
weniger laut als jene beiden, weil die jüdischen Zeitungskritiker ihm groll- 
ten und seine oft an Platens Formenstrenge erinnernden Gedichte sich 
nicht singen ließen. Dennoch übertraf er sie durch Geist und Witz, durch die 
scharfe Welt= und Menschenkenntnis, die dem politischen Dichter so un- 
entbehrlich ist wie dem Historiker. Die leeren Allgemeinheiten verschmähend 
suchte er die grellen Widersprüche des deutschen Lebens zu anschaulichen 
Bildern zu gestalten und schilderte bald mit übermütigem Spott die
        <pb n="383" />
        Dingelstedt. 375 
bayrische Pfaffenherrschaft oder die närrischen Despotenlaunen der Dutzend- 
fürsten und Taschenhöflein, bald in finsterer Ahnung das unheimliche 
Schicksal, das über den alten Welfen und seinen blinden Knaben herauf- 
zog. Sein bitterster Hohn galt „der Stadt der Bildung und des Tees, 
der Künste und der Nücken“, die eitle geistreiche Unfruchtbarkeit der 
Berliner Politik und Kunst ekelte ihn an. Ganz unbekümmert um die 
Judenschwärmerei seiner liberalen Freunde wagte der Nachtwächter frank 
herauszusagen, daß „Er, der Einzle, Einz'ge, Eine“, Rothschild schon in 
der Bundesstadt allmächtig schalte; er warnte die Deutschen, das ewig 
klagende Juda hätte schon längst zu Haufen sich gesammelt, 
Und halb um Gold, und halb mit Sklavenwitze 
Kauft es dem Zeitgeist ab sein Losungswort. 
Rücksichtslos war seine Muse, wie der Mann selber, aber niemals frech. 
In dankbarer Ehrfurcht beugte er sich vor Goethe, Platen, Chamisso; ein 
tiefes Heimweh klang durch seine Lieder, wenn er von dem stillen Liebreiz 
seines Wesertals oder von dem Freiheitstrotze seiner tapferen hessischen 
Landsleute sang; und den Frevlern, die in ihrem rasenden Parteihaß das 
Vaterland selber lästerten, erwiderte er einfach: 
Nein, wer mit deutscher Zunge spricht 
Ruft Deutschland niemals Wehe. 
Seine Dichterkraft völlig auszubilden, gelang diesem edel angelegten 
Geiste doch niemals. Ein Mensch von Fleisch und Blut, schön, schlank 
und liebenswert, sprudelnd von Lebenslust und Lebensmut, sehnte er sich 
hinaus aus der kleinbürgerlichen Enge seiner Jugend, er wollte die Welt 
sehen, in ihr herrschen, an ihrem Glanze sich sonnen. Als er dann, 
ohne seine liberale Gesinnung je zu verleugnen, eine Bibliothekarstelle am 
Stuttgarter Hofe erhielt, da mußte er wegen solcher Verhofräterei, wie 
Heine spottete, von den Uberzeugungsterroristen der liberalen Presse 
groben Unglimpf hören, wie auch Anastasius Grün ein Abtrünniger ge- 
scholten wurde, weil er nach dem Brauche seines Hauses den österreichi- 
schen Kämmerertitel annahm. Nachher gewann Dingelstedt als Leiter 
großer Hofbühnen eine Mittelstellung zwischen der Kunst und der vor- 
nehmen Gesellschaft, wie sie seiner Neigung zusagte; er erwarb sich hohe 
Verdienste um die Bühne, doch zu eigenem Schaffen konnte er sich in 
dem weltmännischen Treiben nur noch selten sammeln. 
Diesen Bannerträgern folgte ein ganzes Heer von Zeitpoeten. Die 
Oyrik, die so lange in den Taschenbüchern der Damenwelt ein stilles tränen- 
seliges Dasein geführt hatte, drängte sich lärmend auf den Markt hinaus; 
fast keine Zeitung, die nicht manchmal einen gereimten Leitartikel brachte. 
Meist wurde die Poesie durch die Tendenz gänzlich übertäubt; das Vater- 
land, so hieß es kurzab, „das will von der Dichterinnung statt dem ver- 
brauchten Leiertand nur Mut und biedre Gesinnung.“ Der Ton war 
fast überall radikal, da die Kunst keine Vermittlung verträgt. Einer
        <pb n="384" />
        376 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
aus der rasch anwachsenden Schar unzufriedener Leutnants, die aus 
dem langweiligen Garnisonsdienste zur Schriftstellerei übergingen, der 
hochherzige Enthusiast Friedrich von Sallet, dem leider das Pathos statt 
der Schönheit galt, nahm der großen Mehrzahl der jungen Stürmer das 
Wort von den Lippen, als er, noch immer im barschen Tone des mili- 
tärischen Kommandos, kurzab fragte: 
Für Fürstenmacht? Für Volkesrecht? 
Für Geisteslicht? Für Pfaffendunkel? 
Republikaner oder Knecht? 
Ja oder nein! Nur kein Gemunkel! - 
Entweder oder! 
Ganz unwillkürlich ward auch Ferdinand Freiligrath in die Wirbel der 
Tendenzpoesie hineingerissen, ein westfälischer Seelenmensch mit treu— 
herzigen Kinderaugen, der zuerst durch die virtuose Behandlung fremd— 
ländischer Stoffe Aufsehen erregt hatte. Seine Jugendgedichte vom Ritt 
des Löwen auf der Giraffe, vom Mohrenfürsten, vom Banditenbegräbnis 
schilderten fast durchweg fertige Situationen ohne dramatische Bewegung, 
aber mit glühender Farbenpracht, in markiger, packender Sprache; und 
wie sonderbar sich auch der Baobab, das Gnu, die Karroo und all der 
andere ausländische Flitter in den deutschen Versen ausnahmen, so fühlte 
der Hörer doch, daß alles selbsterlebt war, erlebt von einem tiefen deut— 
schen Gemüte. Wenn der junge Poet in seinem weltabgeschiedenen hei— 
mischen Städtchen hinter dem Ladentische stand oder nachher als Kauf— 
mannsdiener in Amsterdam die mächtigen Ostindienfahrer an der Buiten— 
kant landen sah, da ergriff ihn die Sehnsucht nach der Märchenwelt der 
weiten Ferne; die glänzenden Gemälde, die ihm dann im Augenblicke auf- 
stiegen, mußten auch augenblicklich von fröhlichen Freunden bestaunt werden, 
und er selbst freute sich so herzlich daran wie ein Knabe an den Wundern 
des Orbis pictus oder des Guckkastens. Das Ferne und Fremde trat ihm 
menschlich nahe, sobald es sich ihm zum Bilde gestaltete. Als ihm einmal 
in heller Sommernacht im Schlafzimmer ein Landsmann die alte Sage 
erzählte, daß westfälische Legionäre beim Kreuze Christi Wache gehalten 
und um des Heilands Kleid gewürfelt hätten, da stand ihm mit einem 
Male vor Augen, wie dort auf Golgatha die alte und die neue Weltge- 
schichte sich berührten; er sprang auf, schlug sich das Betttuch in male- 
rischen Falten um das Hemde und rief: „In Christi Mantel der Ger- 
mane!“ — den Schlußvers seines poetischen Gemäldes „die Kreuzigung“. 
Derselbe Drang nach dem Hohen, Großen, Wunderbaren führte ihn 
dann in die Reihen des allerwildesten Radikalismus, als die politische 
Begeisterung ihn ergriff; die wildschöne Siegerin mit roter Mütze und 
flatterndem Haar, die Revolution ward seine Göttin. Ehrlich im Hassen 
wie im Lieben, harmlos unerfahren in der Welt der Geschichte, konnte er 
nichts begreifen, was ihm Halbheit schien. Mit starker Leidenschaft, die
        <pb n="385" />
        Freiligrath. Lenau. 377 
auch den rohen Cynismus nicht verschmähte, trat er für diese Ideale ein; 
in seinem wuchtigen „trotz alledem und alledem“ hallten die Schlachtrufe 
Ulrichs von Hutten: Perrumpendum tandeml lacta est alea! ganz anders 
nach als in Herweghs zierlicheren Versen. Wenn er sich in seine radikalen 
Träume verlor, dann spielte seine erhitzte Phantasie selbst mit dem 
Bilde des Königsmords; er schilderte den „Proletarier-Maschinisten“, 
der den König von Preußen rheinauf zum Stolzenfels fährt und sich 
schon überlegt, ob er nicht das Dampfschiff mitsamt seiner erlauchten 
Last in die Luft sprengen solle: „der Dampf rumort, er aber sagt: 
heut, zornig Element, noch nicht!“ Dabei blieb er doch allezeit ein freund- 
licher frohmutiger Gesell und dichtete mitten unter den revolutionären 
Drohungen auch unschuldige Lieder vom Rhein und Wein und das 
tief empfundene „O lieb', solang du lieben kannst“, so daß er niemals 
bloß für einen Tendenzdichter gelten konnte. Sein gutes Herz be- 
wahrte ihn auch, trotz so manchem politischen Torenstreiche, vor der Ver- 
zweiflung am Vaterlande. „Herr Gott im Himmel, welche Wunderblume 
wird einst vor allen dieses Deutschland sein“, so sprach er ahnungsvoll, 
da er die Blüten am Baume der Menschheit betrachtete; und wenn 
er sein Deutschland einen Hamlet nannte — eine Vergleichung, die nun— 
mehr in Vers und Prosa unendlich oft wiederholt wurde — so fügte er 
doch bescheiden hinzu: 
Bin ich ja selbst ein Stück von dir, 
Du ew'ger Zauderer und Säumer! 
So konnte er leben mit den Lebendigen, und als nach Jahren alle seine 
republikanischen Ideale zertrümmert am Boden lagen, der Traum seiner 
Jugend durch monarchische Gewalten in Erfüllung ging, da jubelte er dank— 
bar, ohne Kleinsinn, der neuen Größe Deutschlands zu, und sein heller 
Dichtergruß antwortete der Trompete von Gravelotte. 
Nicht eigentlich durch die politische Leidenschaft, sondern durch die 
Sehnsucht nach geistiger Freiheit wurde auch der Deutsch-Ungar Nikolaus 
Lenau in das Heerlager der lyrischen Streiter geführt. Dem edlen, wahr- 
haftigen, liebevollen Träumer hing die Schwermut nachtend über der 
krausen Stirn und den feurig dunklen Augen; er versenkte sich in die 
Schauer der „ernsten, milden, träumerischen, unergründlich süßen Nacht“, 
er hörte das Schiff am See gespenstisch flüstern, er brütete finster über 
der Nichtigkeit des Lebens, „wie man's verraucht, verschläft, vergeigt und 
es dreimal verachtet“. Die Jugendgedichte, in denen er die öde schweigende 
Heide, das unendliche Meer, das Leid der jungen Liebe, die süße Todes- 
müdigkeit des Unglücks besang, waren zuweilen unklar und formlos, 
aber immer belebt durch eine tief und wahr empfundene elegische Stim- 
mung; sie klangen, als ob die Zigeuner seiner heimischen Pußten auf 
ihren Geigen eine traurige Weise spielten. In jungen Jahren ging 
er, die Freiheit suchend, nach Amerika, und als er dann schmerzlich ent-
        <pb n="386" />
        378 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
täuscht aus dem „Land voll träumerischem Trug“ heimgekehrt war, ver- 
suchte er sich an größeren Werken. 
In der lockeren, echt modernen Kunstform des lyrischen Epos, die in 
England seit Scott und Byron heimisch, den Deutschen noch wenig ver- 
traut war, konnte Lenaus allezeit schwärmerisch erregter und doch nach 
Gestaltung drängender Geist sich am freiesten entfalten. Die harmonische 
Schönheit der Goethischen Dichtung war ihm so unheimlich wie des Alt- 
meisters heitere Lebensweisheit; er wollte der Menschheit durch richtende 
und befreiende Worte das Bewußtsein ihrer Ewigkeit erwecken. Doch der 
Drang der Erkenntnis gereichte dem Grübler zum Fluche; furchtbare 
Zweifel zerrissen und zermarterten sein krankes Herz, sein Weltschmerz 
war ehrlich und endete im Wahnsinn. So ward auch der Zweifel, wie 
Lenau selbst gestand, der eigentliche Held seiner wirksamsten Dichtung, 
der Albigenser. Manche Auftritte des gräßlichen Glaubenskrieges führte 
er den Lesern mit erschütternder Gewalt vor die Seele; der Wechsel der 
bewegten Versmaße, gefährlich für die Einheit des Ganzen, gab den ein- 
zelnen Szenen lebendige Stimmung. Der schlichte evangelische Bibel- 
glaube aber, in dem doch gerade die ahnungsvolle Größe, der geistige 
Gehalt jenes ehrwürdigen mittelalterlichen Ketzertums enthalten ist, blieb 
dem katholischen Zweifler unverständlich; der Dichter strich von seinen 
Albigensern alle frische historische Farbe ab und zeichnete sie als die 
Vorkämpfer einer ziellosen Freigeisterei, einer modernen, schlechthin ver- 
neinenden Gesinnung. Und ganz nach dem Herzen seiner aufgeregten Leser, 
ein rechtes Zeichen der Zeit war denn auch die prächtige Schlußvision des 
Gedichts, welche die gesamte Weltgeschichte wie einen unendlichen Kampf 
der Freiheit wider dumpfen Zwang darstellte: 
Den Albigensern folgen die Hussiten 
Und zahlen blutig heim, was jene litten. 
Nach Huß und Ziska kommen Luther, Hutten, 
Die dreißig Jahre, die Cevennenstreiter, 
Die Stürme der Bastille — und so weiter! 
Mit wohlbegreiflichem Arger betrachtete Heinrich Heine diese Wand- 
lungen unseres geistigen Lebens. Das hohe Pathos der lyrischen Dema- 
gogen mußte dem ästhetischen Gefühle des geistreichen Schalks lächerlich 
erscheinen, und unmöglich konnte er der Weltgeschichte verzeihen, daß sie 
so ganz andere Wege ging, als er geweissagt. Die Deutschen, die hundert- 
mal beschimpften, wagten gegen „das aufrichtige und großmütige, bis zur 
Fanfaronade großmütige Frankreich“ ihren Willen zu behaupten und 
durchzusetzen, sie erdreisteten sich sogar, eine Nation zu werden — was 
ihnen Heine doch ein für allemal grinsend verboten hatte; und das 
ärgste von allem, das tödlich gehaßte Preußen stand jetzt im Vorder- 
grunde der deutschen Politik. Noch immer jammerte Heine in seinen 
Schriften kläglich über die schlaflosen Nächte des Exils, das er sich durch 
seine deutsche Vaterlandsliebe verdient haben wollte. Dabei bezog er
        <pb n="387" />
        Heine im Exil. 379 
wohlgemut seine Pension von König Ludwig Philipp, und da er sich von 
Frankreich bezahlen ließ, so bewarb er sich, ganz folgerichtig, auch um das 
französische Staatsbürgerrecht. Der ängstliche Guizot erschrak; denn nach 
den herzbrechenden Klagen des Dichters mußte er annehmen, daß Heine 
in Deutschland als ein fürchterlicher Hochverräter verfolgt würde. Um 
den Berliner Hof nicht zu beleidigen, ließ er zunächst durch den Ge— 
sandten Bresson vorsichtig anfragen: wie Heine zur preußischen Regierung 
stehe? und was man tun wolle, wenn er französischer Untertan würde? 
Darauf erfolgte (17. Febr. 1843) die kühle Antwort: unsere Behörden 
wissen gar nicht, ob Heine noch preußischer Untertan ist; sie haben vor 
Jahren seine Schriften verboten, aber gegen seine Person niemals irgend 
eine polizeiliche Maßregel angeordnet; will er sich in Frankreich natura— 
lisieren lassen, so finden wir nichts dawider einzuwenden, dann hat er 
gegen uns die Rechte eines Franzosen.“) Das war der Unglückliche, 
dessen gräßliches Martyrium den deutschen Zeitungsschreibern so viele 
blutige Tränen erpreßte! Da mithin Guizots einziges Bedenken aufs 
gründlichste beseitigt war, so läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit an- 
nehmen, daß Heine nunmehr wirklich ein Franzose wurde, obgleich er dies 
späterhin ableugnete; das Bürgerrecht des so unsäglich verabscheuten preu- 
ßischen Staates aufzugeben, konnte ihn doch keine Überwindung kosten, 
nachdem er längst schon französischen Sold empfing. Als Guizot kaum zwei 
Jahre darauf (Jan. 1845) sich entschloß, die sämtlichen Mitarbeiter der 
radikalen deutschen Zeitschrift Vorwärts auszuweisen, da wurde Heine, der 
auch zu den Mitarbeitern gehörte, ausdrücklich ausgenommen, weil er als 
naturalisierter Franzose nicht ausgewiesen werden konnte; und wer mag 
glauben, daß die französische Regierung, nach allem, was geschehen, die 
Staatsangehörigkeit eines ihr so nahe stehenden Mannes nicht gekannt 
haben sollte? 
Auf die Dauer konnte das leere Geplauder des Feuilletons dem 
Künstlersinne Heines doch nicht genügen; er sammelte sich wieder zu 
poetischer Arbeit, und manche seiner neuen Gedichte standen den älteren 
gleich. Selbst in dem Liederstrauße, den er unbefangen neun Pariser 
Straßendirnen zugleich darbot, dufteten einzelne frische Blüten. So dreist, 
so lebendig hatte er sein Evangelium von der Verklärung des Fleisches noch 
nie verkündigt, wie jetzt in den Versen: 
Vernichtet ist das Zweierlei, 
Das uns so lang betöret. 
Die dumme Leiberquälerei 
Hat endlich aufgehöret. 
Die Gesinnungstüchtigkeit der neuen politischen Lyrik, die ihn so wider- 
wärtig an die verhaßten teutonischen Gesänge des Befreiungskrieges er- 
  
*) Schreiben des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten an Graf Bresson, 
Berlin 17. Febr. 1843. Vgl. Beilage 31.
        <pb n="388" />
        380 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
innerte, dachte er zu überwinden durch den Atta Troll, einen Sommer- 
nachtstraum, der phantastisch sein sollte, zwecklos wie die Liebe, wie das 
Leben. Er überwand sie nicht, obwohl er zu ihrer Verhöhnung das glück- 
liche Schlagwort erfand „kein Genie, doch ein Charakter“; denn sein 
eigenes Gemüt empfand längst nicht mehr frei genug, um sich unbefangen 
im Spiele des Humors zu ergehen. Der Atta Troll wurde keineswegs, 
wie der Dichter meinte, das letzte freie Waldlied der Romantik, sondern 
gerade durch den bewußten Kampf wider die Tendenz selbst ein Tendenz- 
gedicht; ihm fehlte nicht nur, wie allen größeren Versuchen Heines, die 
geschlossene künstlerische Komposition, sondern auch die Einheit der Stim- 
mung. An dem dünnen Faden einer albernen, nicht einmal drolligen 
Bärengeschichte war allerhand feuilletonistischer Kleinkram aufgereiht: 
Landschaftsschilderungen aus den Pyrenäen, Zauberbilder von der Hexen- 
küche und der wilden Jagd, vornehmlich aber politische und literarische 
Bosheiten jeder Art. Reich an schönen Bildern und bestechenden über- 
mütigen Witzen wirkte das Ganze doch nicht heiter, nicht befreiend. 
Der Waldesduft der unschuldigen Märchenwelt vertrug sich nicht mit dem 
Schwefeläther journalistischer Polemik; die vierfüßigen Trochäen, die nur 
durch das heroische Pathos spanischer Grandezza Kraft und Feuer ge- 
winnen können, klangen hier, wo sie einem komischen Stoffe aufgezwängt 
wurden, eintönig, einschläfernd, wie das Geplätscher aus dem Brunnen- 
rohre. 
Weit freier und ehrlicher, aber auch noch schmutziger und frecher gab 
sich Heine in dem Wintermärchen: Deutschland (1844); er schrieb es nieder, 
nachdem er, völlig unbelästigt durch die Behörden, sein Vaterland noch 
einmal besucht hatte. Hier war alles Tendenzz hier zeigte sich, daß der 
Atta Troll durchaus nicht die prosaische Herabwürdigung der freien Kunst 
bekämpft hatte, sondern lediglich die politische Richtung der neuen Zeit- 
lyriker. Diese jungen Propheten fühlten sich zumeist doch stolz als Söhne 
eines großen Vaterlandes; Heines Tendenz aber blieb nach wie vor, 
alles deutsche Wesen zu verhöhnen, obgleich ihn dann und wann einmal 
ein leises Heimweh beschlich. Er hatte sich seiner Nation entfremdet 
und stand den neuen Ideen, welche Deutschland jetzt durchrauschten, 
ebenso verständnislos, ebenso reaktionär gegenüber, wie einst Nicolai 
und die Berliner Aufklärer unserer jugendlichen klassischen Dichtung. 
Was ihm auch im neuen Deutschland begegnen mochte, alles und jedes 
riß er in den Staub; auf jeder Seite des Wintermärchens kicherte er 
schadenfroh: es wird nichts daraus, es kann nichts daraus werden; und 
den Siegern von Dennewitz und Belle Alliance, die in ihrem neuen 
Helmschmucke so bald wieder zum dritten Male den alten Siegesweg nach 
Paris ziehen sollten, sang er weissagend die Warnung zu: „Des Mittel- 
alters schwerer Helm könnt' euch genieren im Laufen!“ Aber all dieser 
Hohn und Haß kam unzweifelhaft aus den Tiefen des Herzens. Auch
        <pb n="389" />
        Abtta Troll. Wintermärchen. Zeitgedichte. 381 
das leichte gereimte Versmaß mit seinen scheinbar kunstlosen und doch dem 
Genius unserer Sprache fein abgelauschten Hebungen und Senkungen 
gab dem Wintermärchen einen frechen Schwung, der den Künsteleien des 
Atta Troll fehlte; die alte Sprachgewalt war dem Dichter auch jetzt noch 
geblieben, und in Paris wollte man sein Französisch nie recht gelten lassen, 
denn wer einer Sprache gänzlich Meister ist, kann eine zweite fast niemals 
völlig beherrschen. Um den Besuch des alten Vaterlandes würdig abzu- 
schließen, fragte Heine zum Abschied nach der Zukunft Deutschlands und 
erblickte ihr Bild — im Nachtstuhle Karls des Großen: „es war, als fegte 
man den Mist aus sechsunddreißig Gruben!“ Gerade dies Gedicht, eines 
der geistreichsten und eigentümlichsten aus Heines Feder, mußte den 
Deutschen zeigen, was sie von diesem Juden trennte. Die arischen Völker 
haben ihren Thersites, ihren Loki; einen Ham, der seines Vaters Scham 
entblößt, kennen nur die Sagen der Orientalen. 
Daß ein englischer, ein französischer oder italienischer Jude sich je 
erfrecht hätte, sein Geburtsland dermaßen mit Unflat zu bewerfen, war 
schlechthin undenkbar. Der deutsche Nationalstolz aber, unfertig wie er 
war, bald überreizbar, bald stumpf, ertrug auch dies. Derweil die ernsten 
Männer sich angeekelt abwendeten, behielt Heine unter der radikalen 
Jugend noch immer Verehrer, und bald wagte er in seinen „Zeitgedichten“ 
jene Schmutzereien noch zu überbieten. Über dem stinkenden Sumpfe der 
„Lobgesänge auf König Ludwig von Bayern“ erglänzte noch dann und 
wann das Frrlicht eines schlechten Witzes; doch den Spottliedern auf 
Preußen und sein Herrscherhaus fehlte jeder Hauch künstlerischer An- 
mut, feinen Scherzes; hier erklang nur noch das „steiniget ihn, kreu- 
ziget ihn“, das blödsinnige Wutgeheul jüdischen Hasses. „Ihr sollt es 
ersäufen oder verbrennen“, so sprach er über Preußen, den Wechsel- 
balg, das Ungetüm, unter einem Aufwande sodomitischer Bilder, wie sie 
nur seiner unreinen Phantasie entsteigen konnten. Und wieder unter 
sodomitischen Schmutzreden schilderte er die Hohenzollern, das Geschlecht 
Friedrichs des Großen, also: 
Das Brutale in der Rede; 
Das Gelächter ein Gewiehrr; 
Stallgedanken, und das öde 
Fressen — jeder Zoll ein Tier! 
Nicht lange nachher verfiel er einer schrecklichen Krankheit, die ihn bis zum 
Tode an das Bett fesselte. Er ertrug sie standhaft — allerdings nicht 
ohne der Welt die Qualen seiner „Matratzengruft“ mit orientalischem 
Marktgeschrei zu verkündigen — und blieb der Alte, ein Dichter, der Schön- 
heit ebenso mächtig wie der Niedertracht. Sein letzter Ausgang, bevor 
er für immer der freien Luft entsagen mußte, führte ihn in den Louvre, 
zu der Stelle, wo das Standbild der Venus von Melos leuchtend aus 
der roten Wand heraustritt. Dort vor dem Bilde der Göttin, die ihm
        <pb n="390" />
        382 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
so viel Lust und so viel Leid geschenkt, brach er weinend zusammen — 
ein erschütternder Anblick für jeden, der Menschenschuld und Menschen— 
ruhm menschlich zu verstehen vermag. 
So klirrte und schwirrte es überall von streitbaren politischen Versen. 
Selbst Adolf Glaßbrenner, der Liebling und Erzieher des zungenfertigen 
demokratischen Berliner Kleinbürgertums, bestieg jetzt einmal das Flügel— 
roß. Sein neuer Reineke Fuchs spiegelte den Jesuitenhaß der nord— 
deutschen Lichtfreunde in burlesken Bildern und ausgelassenen Späßen 
wieder; doch über die feine Grenze, welche die Prosa von der Poesie, die 
grobe direkte Satire vom verklärenden Humor trennt, kam er nur selten 
hinaus. 
Unter den jungen Lyrikern war nur einer, der sich herausnahm, 
stolz, im Gefühle eines hohen künstlerischen Berufes, dem Radikalismus 
der Zeitpoeten und der Heinischen Frivolität zugleich entgegenzutreten: 
der Lübecker Emanuel Geibel. Aufgewachsen in der gesunden Luft eines 
frommen, hochgebildeten evangelischen Pfarrhauses, unter dem kräftigen 
Bürgertum und den großen historischen Erinnerungen seiner alten Hanse— 
stadt, stand er von frühan fest auf dem Boden des christlichen Glaubens: 
Mir quillt der Dichtung heil'ger Bronneng 
Am Felsen, der die Kirche trägt. 
Er hatte Italien durchwandert, mit seinem Freunde, dem Philologen 
Ernst Curtius auf den Inseln des Agäischen Meeres eine selige Zeit der 
Dichterwonne durchlebt, und noch lange nachher fiel es ihm schwer, die 
Flammenstrahlen der südlichen Sonne zu entbehren. Die reine Schön- 
heit, die er dort geatmet, den Formenadel seines Lieblings Platen 
wollte er der deutschen Lyrik durch ernste, keusche Dichtungen wieder 
bringen, im bewußten Gegensatze zu Heines spielender Formlosigkeit und 
zu der handgreiflichen Tendenz der politischen Dichter. Die Kritik wußte 
mit ihm zuerst nichts anzufangen; sie fällte das Urteil, das er selbst 
vorhergesagt: „und wer nicht mitschreit, heißt ein Knecht.“ Man nannte 
ihn den Poeten der Backfische, weil die Liebesgedichte seiner Jugend, ob- 
wohl allesamt erlebt in tiefem Seelenglück und Seelenleid, von senti- 
mentaler Weichheit nicht frei waren. Nachher kam doch die Zeit, da auch 
reise Männer sich an der getragenen Würde seiner gedankenreichen, form- 
vollendeten Terzinen und Sonette erfreuten. Die fortreißende Macht 
dramatischer Leidenschaft blieb ihm freilich ebenso versagt wie der Einblick 
in die tiefsten Abgründe des Seelenwesens. Fast zu gleicher Zeit versuchten 
sich Geibel und Heine an der Fabel vom Tannhäuser. Geibels Gedicht 
ward ein wohlabgerundetes kleines Kunstwerk, vom Anfang bis zum Ende 
durchklungen von demselben Tone warnender Wehmut, während Heine 
nach einem glücklichen Anfang sich den letzten Eindruck durch feuilleto- 
nistische Witzeleien selbst verdarb. Aber die Schauer der Wollust, die 
geheimnisvolle Macht der Weiberschönheit, die schon Vater Homer schreck-
        <pb n="391" />
        Geibel. Tieck. 383 
haft nannte, die sinnberückenden Zauberkünste der Teufelin des Venus— 
bergs, diese ganze dämonische, mit der Askese des Mittelalters so wirk— 
sam kontrastierende Welt der Sinnenglut, die der alten Sage doch allein 
Farbe und Leben gibt, verstand der lose Pariser Spötter unvergleichlich 
anschaulicher, feuriger, schöner auszugestalten als sein sittsamerer Gegner. 
Geibel haßte den Pöbel, den Gleichheitswahn des Radikalismus, 
„denn Sünde ward es, aus dem Schwarm zu ragen“, und mit einem 
ehrlichen „Gott helfe mir, ich kann nicht anders“ sagte er Herwegh 
ins Gesicht: daß deine Lieder Aufruhr läuten! „Zu baurn, zu bilden, 
zu versöhnen“ dünkte ihm ein besseres Amt als die Fackel Herostrats 
zu schwingen. Und doch glühte auch sein Herz für die Größe des Vater- 
landes, für ein freies Volk, das fest halten sollte an seinem Gott und 
seinem Recht. Aus den verworrenen Träumen der Zeit fand sein edler 
Sinn sicher die lebendigen Ideale heraus; den alten Kaisertraum seines 
Volkes bewahrte er sich in aller Enttäuschung so treu wie die Hoffnung 
auf den Staat Friedrichs des Großen; für die Rechte Schleswig-Hol- 
steins trat er zuerst unter allen deutschen Dichtern in die Schranken; der 
Konservative scheute sich nicht, auch den Italienern einen rettenden 
Odysseus, den Griechen die Befreiung des Bosporus zu weissagen, und 
nachdem seine ersten Zeitgedichte in dem wüsten Toben des Radikalismus 
fast verklungen waren, sollte er dereinst noch der glückliche Sängerherold 
des neuen Reiches werden. Damals freilich konnte selbst dieser milde, 
sinnige Dichtergeist sich der Ahnung furchtbarer Kämpfe nicht erwehren; 
er sah, wie der Hader der Parteien uns das Mark im Gebeine versengte, 
wie viel tausend Hungergesichter sich vor den Häusern der Reichen drängten, 
und sagte warnend: Deutschland ist todkrank, schlagt ihm eine Ader! — 
  
Wie eine Stimme aus dem Grabe erklang in diese modernen Kämpfe 
hinein der Roman Vittoria Accorombona, Ludwig Tiecks letzte Dichtung, 
kurz vor der Übersiedelung nach Berlin vollendet, wohl das reifste, das 
bestdurchdachte Kunstwerk des alten Meisters, eine in strengem historischem 
Stile gehaltene, selten durch Betrachtungen unterbrochene Erzählung von 
den Greueln des ausgehenden Cinquecento, von den Untaten jenes hoch- 
gebildeten Geschlechts, das jeden starken Menschen in die Wirbel der all- 
gemeinen politischen und sittlichen Zuchtlosigkeit hineinriß und sich so lange 
selbst zerfleischte, bis der bleischwere Schlummer der Fremdherrschaft über 
Italien hereinsank. Die Sinnlichkeit erschien hier immer heidnisch nackt, 
das Verbrechen berechnet, sicher, unbedenklich, die Schuld des einzelnen 
als die notwendige Schuld des Ganzen; das Gewissen schwieg, jeder 
Frevler sagte zu seinen Opfern kalt: cosa katta capo ha. Die Kritiker, 
die den alten Gegner des Jungen Deutschlands längst haßten, beeilten
        <pb n="392" />
        384 V. 5 Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
sich, dies ganz aus der Fülle geschichtlichen Lebens heraus empfundene, 
in seiner Art meisterhafte Gedicht mit einigen schnöden Bemerkungen über 
altromantischen Höllenspuk abzutun. 
Ganz grundlos war dieser ungerechte Tadel nicht. Die Gegenwart 
besaß doch schon zu viel eigenes Leben, sie verlangte mit Recht, ihre eigenen 
Empfindungen auch in der Schilderung einer fremden abenteuerlichen Welt 
wiederzufinden. Darum vornehmlich hatten Walter Scotts historische 
Romane, die allen verständlichen, in Deutschland eine so ungeheuere Ver— 
breitung gefunden, obgleich Tieck und die anderen Romantiker den größten 
Erzähler des Jahrhunderts kaum zu den Dichtern rechnen wollten. Unter 
Scotts zahlreichen Nachahmern waren manche Unterhaltungsschriftsteller 
gewöhnlichen Schlages, aber auch der geistreiche Schwabe Rehfues, dessen 
Roman Scipio Scicala den dumpfen Druck der spanischen Herrschaft in 
Neapel, das wilde Renegatentum der spanisch-türkischen Seekriege, die 
gräßliche Entartung des südländischen Priesterlebens so treu und lebendig 
schilderte, daß die Klerisei des Rheinlands für nötig hielt, den freimütigen 
Dichter aus Bonn zu entfernen.“) 
Sie alle überragte Willibald Alexis, ein in Berlin längst heimischer 
Schlesier aus hugenottischem Stamme. Er faßte sich das Herz, mit 
Scott selbst zu wetteifern, den historischen Roman, so wie es dem 
Schotten in seiner Heimat gelungen war, zum modernen National- 
epos zu erheben. Die Freude am Erzählen hatte er von den schle- 
sischen und französischen Altvordern geerbt; einem bewegten Geschäftsleben 
verdankte er eine reiche Menschenkenntnis. Schon 1832, lange bevor die 
Historiker sich des gewaltigen Stoffes ernstlich bemächtigt hatten, wagte 
er sich in dem Roman Cabanis an das friderizianische Zeitalter; und 
nicht bloß der schon von Lessing geschilderte Gegensatz kursächsischer Fein- 
heit und preußischer Schroffheit, auch die vielen anderen tragischen Gegen- 
sätze jener großen Tage, die engherzige Haustyrannei des Berliner Klein- 
bürgertums und die freie Heldengröße des Königs, die eiserne Manns- 
zucht des Heeres und die windigen Ränke abenteuernder Diplomaten 
erschienen hier lebendig ausgestaltet in Menschen von kräftiger Eigenart. 
Dann folgten Romane aus den askanischen und den ersten hohenzol- 
lernschen Zeiten, aus den Tagen, da die Reformation in die Marken ein- 
zog, endlich aus dem Zeitalter der Fremdherrschaft. Überall echt märkische 
Charaktere, knapp und scharf, treu und tapfer, nicht ganz so übermäßig sitt- 
sam wie die meisten Helden Scotts, Kerneichengewächs, aus dem sich wohl 
das Holz zu einer Großmacht schnitzen ließ. Und wie köstlich war die seit den 
Kräutersalat-Versen des guten Schmidt von Werneuchen und dem Spotte 
Goethes so viel verhöhnte märkische Landschaft verklärt: die im Abend- 
lichte glühenden roten Kiefernstämme, das mittägliche Schweigen der 
  
*) S. o. V. 296.
        <pb n="393" />
        Alexis. Auerbach. 385 
schwülen öden Heide, die blauen Seen mit dem einsam kreisenden Reiher 
darüber. Was im alten Berlin lebendig und naturwüchsig war, ist niemals 
treuer dargestellt worden, als von den beiden Halbfranzosen Chamisso und 
Häring. Ein fleißiger Künstler, bedachtsam sinnend und feilend, vermochte 
Alexis doch nicht jederzeit in so heiterer Sicherheit wie Scott über der Fülle 
seiner Gestalten zu stehen; und die große Schlußwirkung, gerade die Stärke 
des Schotten, fehlte bei ihm fast immer, da er die Einwirkung der Tieckschen 
Romantik nie ganz überwand und zuletzt oft wie im Traum die Zügel 
aus den Händen gleiten ließ. 
Gleichwohl blieben dies e vaterländischen Romane echte Perlen erzählen— 
der Dichtung, sie konnten in jedem guten deutschen Bürgerhause zugleich 
künstlerische und patriotische Freude erregen. Da zeigte sich aber, was 
es auf sich hat, ob eine Nation sich noch eins fühlt mit ihrer Geschichte. 
Die Schotten lebten und dachten allesamt mit ihrem nationalen Roman— 
dichter, sie hoben ihn frohlockend auf den Schild. Jeder Graham, Scott, 
Campbell, Douglas fühlte sich geehrt, wenn er die Genossen seines Clans 
in Sir Walters Romanen wiederfand. Dem deutschen Dichter, der 
allerdings nicht ganz so hoch stand, wurde von solchem Flammenmeere 
nationaler Begeisterung nicht einmal ein kümmerlicher Lichtstrahl zu teil. 
Die Deutschen außerhalb Brandenburgs wußten von der märkischen Vor— 
zeit noch schlechthin gar nichts; sie fanden es mühsam, sich auch nur hin— 
einzulesen in diese fremde Provinzialgeschichte. Die Brandenburger selbst 
wurden geistig beherrscht von dem durchaus lieblosen und geschichtslosen 
Berlinertum, sie haben sich um den eigentlich märkischen Dichter nie viel 
gekümmert. Und auch die Undankbarkeit der Hohenzollern sollte er gründ— 
lich kennen lernen, den unschönen Erbfehler des Herrscherhauses, von dem 
unter allen preußischen Königen allein Friedrich der Große und Kaiser 
Wilhelm I. ganz frei geblieben sind; soviel man weiß, hat der Dichter 
des Rolands von Berlin und der Hosen des Herrn v. Bredow in diesen 
Jahren von seinem kunstsinnigen Könige nie ein anderes Zeichen der Teil- 
nahme empfangen als jenen ungerechten Brief, der ihm die liberalen 
Harmlosigkeiten seiner Vossischen Zeitung strafend vorhielt.) 
Weit reicheren Beifall ernteten die Dorfgeschichten Berthold Auer- 
bachs, ein Buch, das den realistischen Zug, die demokratische Weltanschau- 
ung des neuen Geschlechts kräftig förderte und dadurch Bedeutung für 
die Zeitgeschichte gewann. Auerbach stammte aus einem jener jüdischen 
und halbjüdischen Dörfer, welche, eine seltene Ausnahme auf deutschem 
Boden, da und dort am oberen Neckar liegen. An Spinoza gebildet, 
hatte er sich als Dichter anfangs nur an jüdischen Stoffen versucht und 
trat nun plötzlich mit einem weiten Schritte aus dem Ghetto in das deutsche 
Volksleben hinüber. Seine kleinen Geschichten waren mit niederländischem 
— 
*) S. v. V. 208. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 25
        <pb n="394" />
        386 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
Fleiße sauber ausgemalt, gewissenhaft der Natur nachgebildet, frisch und 
kräftig, frei von gefühlsseliger Schönfärberei, so realistisch gehalten, daß 
selbst die Sprache beständig wechselte: der schwäbische Dialekt der Bauern- 
gespräche und sogar der Bauernbriefe hob sich grell, oft häßlich ab von 
dem Hochdeutsch der Erzählung und der allzu reichlich eingestreuten Re- 
flexionen. Auerbach hatte sein Manuskript der liberalen Bassermannschen 
Buchhandlung in Mannheim, der jetzt auch Karl Mathy angehörte, zuge- 
sendet, und Mathys treffliche Hausfrau fühlte sich glückselig, da sie die 
Blätter zuerst durchmusterte und dies neue Kleinod deutscher Dichtung 
gleichsam entdeckte. Auch Freiligrath, der allezeit neidlos empfängliche, 
rief begeistert: „das ist ein Buchl ich kann es dir nicht sagen, wie mich's 
gepackt hat recht in tiefster Seele“; und den Brüdern Grimm diente diese 
Fülle oberländischer, dem Volksmunde sorgsam abgelauschter Wörter und 
Redewendungen als eine willkommene Fundgrube sprachlicher Forschung. 
Der erste Erfolg der Dorfgeschichten war groß und wohlverdient. 
Übersättigt von den süßen Salonnovellen der Taschenbücher stürzten sich 
die Leser mit Behagen auf diese derbe Hausmannskost, und selbst die blasierte 
vornehme Welt fand eine Zeitlang den Tolpatsch originell, den Ivo pikant, 
das Vefele allerliebst. In der Gesellschaft wurde der junge Dichter wie 
ein fröhlicher Salon-Tiroler betrachtet; er erzählte auch im Gespräche 
meisterhaft, redete mit erstaunlicher Offenherzigkeit über seine Entwürfe 
und nahm jeden Beifall begierig auf; ein guter treuer Kamerad, ein warm- 
herziger liberaler Patriot, erwarb er sich viele Freunde und selbst sein 
stark jüdisch gefärbter Spinozismus schien, nach der Meinung jener Tage, 
von der vorherrschenden christlichen Aufklärung nicht sehr weit abzu- 
weichen. Zahlreiche Nachahmer, die sehr bald in Manier verfielen, bemäch- 
tigten sich sogleich der neu entdeckten Dorfwelt; aus allen dunklen Winkeln 
deutscher Erde, aus Oberschlesien und aus dem Ries, stieg in den näch- 
sten zehn Jahren ein Geschlecht von Tölpeln und Rüpeln empor, und je 
roher, je plumper die Bauern es trieben, desto lauter wurden sie be- 
wundert als aus dem Leben gegriffene Gestalten, desto lebhafter reizten 
sie das stoffliche, ethnographische Interesse der Leserwelt. Unleugbar lag 
eine erziehende Kraft in solchen einfachen Stoffen, die jeder Leser bis ins 
einzelne nachprüfen konnte; wer sich daran wagte, mußte der Natur treu 
bleiben. Seit die Dorfgeschichten aufkamen, wurden auch die nach schöneren 
Kränzen strebenden Dichter gezwungen zu einer genauen, andächtigen Beob- 
achtung des wirklichen Lebens, welche der deutschen Poesie nur zu oft fehlte. 
Als der Reiz der Neuheit verflog, da bemerkte man freilich, daß 
Auerbach selbst nicht gänzlich in und mit seinen Menschen lebte; eine so 
mächtige, so unvergeßliche Gestalt wie der Hofschulze im Münchhausen ge- 
lang ihm nie, obgleich er viel mehr berechnete Kunstmittel aufwendete 
als Immermann. Er spottete gern über die theoretisierenden Künstler, die 
das Ei hart sieden und hernach noch ausbrüten wollten. Im Grunde be-
        <pb n="395" />
        Dichtende Frauen. 387 
saß er selbst wenig naive Dichterkraft. Oft verfuhr er wie ein Gelehrter 
oder ein gebildeter Althändler, der die Prachtexemplare aus seiner Samm— 
lung vorwies und dann die Eigentümlichkeiten dieser merkwürdigen Stücke 
des Menschengeschlechts sinnig betrachtend erläuterte; ja einzelne Bauern 
waren, wenn man sie näher ansah, doch nur verkleidete Juden, denn wo 
das dämmernde Gemütsleben des Volks geschildert werden soll, da läßt 
sich die Stimme der Natur durch alle Kunstfertigkeit niemals ganz ersetzen. 
Dies fühlte man zuerst in der schönheitskundigen Heimat des Dichters 
selbst; Auerbach ist den württembergischen Schwaben, so herzensgut er es 
auch mit ihnen meinte, doch niemals so lieb geworden, wie den badischen 
ihr Hebel, der kein bewußter Künstler war, aber alschristlicher Landpfarrer 
mit dem christlichen Volke gelebt hatte. Nach und nach begann man auch 
wieder zu fühlen, daß die große Leidenschaft, um künstlerisch groß zu er- 
scheinen, eines weiten Hintergrundes bedarf, tragische Kämpfe in der Enge 
des Dorflebens meist quälend und bedrückend wirken, weil die scheußliche 
Prosa des Zuchthauses oder der rohen Mißhandlung immer dahinter lauert. 
Man erkannte allmählich, daß die bewunderten Naturkinder aus dem nie- 
deren Volke, gebunden wie sie sind durch starre Sitten und Ehrbegriffe, oft 
weniger frei, weniger menschlich empfinden als die Gebildeten, und der 
Dorfgeschichte mithin in der Romandichtung nur die Stelle gebührt, die 
ihr Immermann von Haus aus angewiesen hatte, die Stelle einer be- 
scheidenen Episode. Auerbach selbst blieb nur auf diesem seinem eigensten 
kleinen Gebiete schöpferisch; was er darüber hinaus versuchte, mißriet. 
Iln der beständig wachsenden Schar der Poeten gelangten auch einige 
Frauen zu Ansehen. Ganz im Geiste der demokratischen Aufklärung schrieb 
Fanny Lewald, eine vielseitig gebildete ostpreußische Jüdin von klarem, 
gradem Verstande, arm an Phantasie, mehr zur Kritik befähigt und zum 
sicheren Beobachten als zum künstlerischen Gestalten, dabei menschenfreund- 
lich, treu bemüht um die geistige und wirtschaftliche Hebung des weib- 
lichen Geschlechts, bürgerlich achtbar und wohlanständig. Nur zuweilen 
verriet sich bei ihr eine dem deutschen Gemüte unverständliche Empfin- 
dungsweise: ganz unbefangen erzählte sie, wie ihr hochverehrter Vater nach 
dem Rückzuge der Franzosen aus Moskau den elenden Flüchtlingen das in 
Rußland geraubte Kirchensilber abgekauft und in seiner Silberschmelze ver- 
jüngt hatte. In dem Tendenzromane Jenny verfocht sie die Emanzipation 
ihrer Stammgenossen, nicht ohne Geschick, aber auch nicht ohne gemachten 
und gezierten Judenschmerz; sie besaß das Talent, alle Dinge nur von einer 
Seite zu sehen, — jene gefährliche Gabe, welche die Juden zu so brauchbaren 
Rechtsanwälten macht. Wenn die Verlobung ihrer freigeisterischen, ohne 
Erfolg getauften Heldin mit einem gläubigen evangelischen Theologen noch 
zur rechten Zeit wieder auseinander ging, so war dies doch sittlich notwendig, 
heilsam für beide Teile, durchaus kein Beweis christlicher Unduldsamkeit; 
und wenn dieselbe reiche Jüdin schmelzend klagte: o Vaterland süß, Vater- 
25*
        <pb n="396" />
        388 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
land mein, könnt' ich nur im Tode vereinet dir sein — so hatten die 
christlichen Deutschen auch dies Herzeleid nicht verschuldet, sie verwehrten 
ihr ja keinswegs, nach Palästina heimzukehren. 
Zarter, reizender, weiblich liebenswürdiger erschien Fanny Lewalds 
Todfeindin, die Gräfin Ida Hahn-Hahn in ihren nachlässig hingeworfenen, 
mangelhaft durchgebildeten Salonromanen. Die anmutige Tochter des 
allbekannten mecklenburgischen Theatergrafen, der sein ganzes Leben und 
ein großes Vermögen an die Abenteuer wandernder Schauspielerbanden 
verschwendete, hatte von ihrem Vater die Wunderlichkeit und die schwär- 
merische Empfindung geerbt. Ihre „immense Seele“ sehnte sich ewig 
unbefriedigt nach „dem Rechten“; und es war Weiberlos, daß dies liebe- 
bedürftige Gemüt nach manchen holden Verirrungen endlich von Babylon 
nach Jerusalem pilgerte, in der Strenge des Klosters seinen Frieden suchte. 
Ihre Welt war der Adel, aber nicht die tüchtigen, auf der väterlichen 
Scholle hausenden oder unter den Fahnen ihres Fürsten kämpfenden Edel- 
leute, wie Alexis sie schilderte, sondern die eleganten Weltmänner der Re- 
sidenzen und der Bäder, fast alle geistreich, galant, eifrig beschäftigt mit 
der Erforschung großer Frauenseelen, so völlig unbekümmert um die Prosa 
des Lebens, daß sie von einem ihrer Helden bezeichnend sagen konnte: 
der ganze gestrige Abend war ihm wie Geld unter den Händen wegge- 
kommen. Aus manchen Liebesszenen sprach ein reines Gefühl süßer weib- 
licher Hingebung; zuletzt hinterließ das gesamte Treiben dieser vornehmen 
Gesellschaft doch den Eindruck zweckloser, eitler Müßigkeit. Von der Kritik 
unbarmherzig mißhandelt, wirkten die Romane der Gräfin fast wie Sa- 
tiren, sie stärkten den Adelshaß in dem demokratischen jungen Geschlechte. 
Hoch über diesen beiden vielgenannten Gegnerinnen stand, noch wenig 
beachtet, Annette Droste-Hülfshoff, unter Deutschlands schriftstellernden 
Frauen das stärkste Dichtertalent, dem nur leider die künstlerische Durch- 
bildung fehlte. Unier den Vorkiekern des Münsterlandes war sie geboren, 
unter den schweigsamen, blaßblonden, träumerisch blickenden Niedersachsen, 
denen die Gabe des zweiten Gesichts beschieden ist; dann verbrachte sie 
fast ihr ganzes Leben in romantischer Einsamkeit auf dem Rüschhaus und 
anderen stillen Heideschlössern der Heimat, zuletzt auf der alten Mers- 
burg am Bodensee, bei ihrem Schwager, dem letzten Ritter des heiligen 
römischen Reichs, dem sagenkundigen Freiherrn v. Laßberg') — eine jener 
hohen, edlen Frauen, die überall Liebe und Verehrung finden, ohne die 
Leidenschaft eines Mannes zu reizen. Von nonnenhafter Zartheit lag 
gar nichts in ihrem freien, starken Geiste; sie scheute den derben Humor so 
wenig wie den Ernst der Forschung oder die Pein des Zweifels und kehrte 
erst nach schweren innern Kämpfen zurück zu der katholischen Gesinnung, 
die ihr in die Wiege gebunden war. Mit ihrem Landsmann Freiligrath 
  
*) S. o. III. 699.
        <pb n="397" />
        Aufschwung der Dramatik. 389 
teilte sie die kindliche Freude am Großen, Herrlichen, Wunderbaren, und 
ganz westfälisch, kräftige Kinder der roten Erde waren auch ihre Ge— 
dichte und Erzählungen — meist einfache Stoffe, aus Gebirg und Moor, 
aus dem Alltagsleben, aus dem Kirchenjahre und der Geschichte der Heimat, 
aber alles verklärt durch die leidenschaftliche Macht einer immer selb— 
ständigen, ursprünglichen Empfindung. Das geheimnisvolle Traumleben 
der Natur, in der Landschaft wie in der fiebernden, bangenden Menschen— 
seele, war der Tochter der Heide von Kindesbeinen an vertraut und ihre 
männliche Sprachgewalt fand auch für das Geisterhafte stets den packenden, 
den entscheidenden Ausdruck. Leider verdarb sie den Eindruck ihrer Dich— 
tungen oft durch die ungelenke, ja rohe und inkorrekte Form; das Ge— 
heimnis der künstlerischen Komposition blieb ihr wie fast allen Weibern 
unfaßbar. Dem Streite des Tages stand Annette fern; nur selten wagte 
sie ein Wort der Warnung an den Vorwitz der Weltverbesserer oder an 
die friedlose Hast des neuen Geschlechts, das kaum noch fähig schien, Freud 
und Leid der vierundzwanzig Tagesstunden rein auszukosten: 
Vor uns die Hoffnung, hinter uns das Glück, 
Und unsre Morgen morden unsre Heute! — 
Frischere Blüten als die anderen Zweige der Dichtung trieb in diesen 
Jahren die dramatische Kunst. Zu lange schon kränkelte unser Theater 
an den Schultheorien der Romantiker. Feine Kennerkreise erlabten sich an 
Tiecks Shakespeare-Vorlesungen oder an gelehrten Lesedramen. Die miß— 
achtete Bühne aber, die doch leben, doch die Schaulust der Menge be— 
friedigen mußte, verfiel mehr und mehr dem Handwerkerfleiße schlechter 
Übersetzer.“) In solcher Lage erwarben sich die beiden kräftigsten Talente 
des eigentlichen Jungen Deutschlands, Laube und Gutzkow, ein großes Ver- 
dienst, als sie versuchten, dem deutschen Theater durch deutsche, streng 
bühnengerechte und doch nicht gehaltlose Werke wieder aufzuhelfen. Ihre 
Vorbilder konnten sie nur bei den Franzosen finden, bei dem einzigen Volke, 
dessen Theater damals wirklich lebte. Zum Glück besaß Frankreich keinen 
überlegenen dramatischen Genius, der die deutschen Schüler, wie Walter 
Scott unsere Romandichter, zu unfreier Nachahmung verführen konnte. 
Wohl aber ließ sich von Seribes vollendeter Technik vieles lernen; seine 
feinberechneten Intrigen vermochten allein dem deutschen Gemüte so wenig 
zu genügen wie die mageren, schablonenhaften, ganz durch die Handlung 
beherrschten, ja fast erdrückten Charaktere. Es galt, Dramen zu schaffen, 
deren Handlung ebenso spannend und erregend wirkte, aber aus dem Zu- 
sammenstoße der Charaktere notwendig hervorging. Und wie schwer war 
diese Aufgabe. Welch einen Schatz besaß Frankreich an seiner rein natio- 
nalen Bühne; seine Schauspieler hatten immer nur Franzosen darzu- 
stellen, Menschen, deren Art und Unart jedem Hörer verständlich war. 
  
*) S. o. IV. 451.
        <pb n="398" />
        390 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
Unsere Dichter und Übersetzer waren in ihrem weltbürgerlichen Drange so 
weit auf der Erde umhergefahren, daß sie den Schauspielern fast unmögliche 
Aufgaben stellten und ein nationaler Bühnenstil sich niemals bilden konnte. 
Uns fehlte die Hauptstadt, uns fehlten die allen gemeinsamen nationalen 
Gefühle; uns fehlte selbst die lebendige historische Erinnerung, denn den 
alten Fritz oder die Helden des Befreiungskriegs kannte man in Bayern 
fast ebenso wenig wie in Pommern die Kaiser unseres Mittelalters. 
Laubes gesunde, derbe, praktische Natur hatte die jungdeutsche Ziererei, 
die ihm nur von außen her angeflogen war, bald wieder abgeschüttelt. Er 
lebte sich mit gewissenhaftem Fleiße in die Theaterwelt ein, was seit langen 
Jahren außer Immermann kein ernster Dichter mehr für nötig gehalten 
hatte, und verkehrte freundschaftlich mit Schauspielern, denen er dankbar 
seine Stücke zu widmen pflegte. Ihm entging nicht, daß die Hörer wie die 
Schauspieler fast nur noch dem bürgerlichen Drama willige Empfänglich- 
keit entgegenbrachten; durch gemeinverständliche, jedem naheliegende Stoffe, 
grobe Züge, einfache Exposition hoffte er den verwilderten Geschmack des 
Publikums wieder an den Genuß dramatischer Kunstwerke zu gewöhnen. 
Seine Dramen waren mehr gemacht als gedichtet, da ihm der hohe poe- 
tische Schwung versagt blieb, aber wohl gebaut, lebendig, von einer kecken 
Frische, die den fröhlichen Weidmann verriet; ihr Gehalt niemals tief- 
sinnig, doch bedeutsam genug für gebildete Hörer. Die beiden beliebtesten, 
Gottsched und Gellert und die Karlsschüler, verdankten ihren Erfolg freilich 
einem ästhetischen Fehler, den erst ein späteres, tatenfrohes Geschlecht 
ganz durchschauen sollte. Der Dichter suchte nach volkstümlichen histo- 
rischen Stoffen, er pries sich glücklich, in Schiller einen Mann zu finden, 
den die Deutschen allesamt besser kannten als irgend einen politischen 
Helden, und übersah nur, daß die rein geistige Größe sich nicht in dra- 
matischer Handlung ausgestalten läßt. So entstand ihm ein Literatur- 
drama, eine Zwitterform, die den Stimmungen dieser Übergangszeit ent- 
sprach, aber minder berechtigt war als vormals die ganz von der Bühne 
absehenden dramatischen Satiren Platens. Die Literaturgeschichte diente 
hier der Bühnenkunst nur als Krücke, als ein unkünstlerisches Mittel für 
wohlfeile Effekte; der junge Schiller, der sich aus dem Zwange der 
Karlsschule losriß, entzückte die Hörer nicht durch die Macht der drama- 
tischen Tat, sondern weil sie von der Schulbank her wußten, daß dieser 
Jüngling dereinst noch den Wallenstein und den Tell schreiben würde. 
Mehr Geist und mehr Unruhe brachte Gutzkow dem Theater. Auch 
er war den Verirrungen seiner Jugend längst entwachsen und, scharf beob- 
achtend, auf der Bühne ganz heimisch geworden; er hegte den Ehrgeiz, 
daß seine Dramen zugleich als Waffen dienen sollten für den Kampf der 
Aufklärung gegen die Lüge, während Laube die Tendenz nur gelegentlich 
als ein Zugmittel benutzte. Und doch gerieten ihm gerade die Dramen 
am glücklichsten, in denen die Tendenz ganz zurücktrat; seinem skeptischen
        <pb n="399" />
        Laubes und Gutzkows Dramen. 391 
Verstande lag die feine Pointe des Lustspiels näher als das tragische 
Pathos. Im Urbild des Tartuffe schilderte er geistreich, mit allem Auf— 
wande bühnengerechter heiterer Überraschungen, das Los des komischen 
Dichters, den alle loben, solange sie sich nicht selbst von den Pfeilen seines 
Witzes getroffen fühlen; in Zopf und Schwert ebenso lebendig, mit dick 
aufgetragenen Farben, den Gegensatz altpreußischer Soldatenderbheit und 
feiner moderner Weltbildung. In diesem vaterländischen Drama klang 
sogar zuweilen ein gemütlicher Ton warmer Berlinischer Heimatliebe 
durch; die grob gezeichnete Gestalt Friedrich Wilhelms J. war doch lebendig 
genug, um in preußischen Herzen ein Gefühl launigen Behagens zu er— 
wecken, und selbst die ängstliche Berliner Theaterzensur mußte endlich ein— 
sehen, daß die alte engherzige Vorschrift, welche die Person des Fürsten— 
hauses von den Brettern ausschloß, nur der Sache des Königtums selber 
schadete: wenn die großen Hohenzollern auf der Bühne erschienen, so 
wurden sie dem Volke doch ungleich verständlicher als durch Denkmäler 
oder Gemälde. 
Gutzkows Trauerspiele dagegen verrieten überall, daß der nervöse, 
friedlose, unruhig grübelnde Dichter zur inneren Freiheit noch nicht ge— 
langt war. Im Richard Savage wurde ein tiefsinniger Stoff, der Wider- 
spruch zwischen dem natürlichen Gefühle und der gesellschaftlichen Heu- 
chelei, unter allerhand geistreichen Einfällen und gezierten Gesprächen 
so leichthin abgetan, daß der sittliche Gehalt der Fabel ganz verloren 
ging; im Patkul mußte die abstrakte Freiheitsrhetorik, im Wullenweber 
gar das Zeitungsschlagwort die tragische Leidenschaft ersetzen. In seinem 
hastigen Schaffen ließ er sich nicht Zeit zu der umständlichen Ausführung 
der Charaktere, die er doch selbst an Schiller bewunderte, und vermochte 
darum auch nicht so fest an seine Menschen zu glauben wie Schiller an 
den Max oder den Tell. Fast noch unsicherer sprach sein sittliches Gefühl 
im Uriel Acosta, der vielbewunderten Tragödie der freien Forschung: der 
Held war kein Denker, sondern ein Zweifler, kein Bekenner, sondern ein 
Schwächling, der nur durch die Verkettung der Umstände, nicht durch 
freien Entschluß vor schimpflichem Widerrufe bewahrt wurde. Aber in 
diesen Tagen der freien Gemeinden und des Deutschkatholizismus klang 
der Vers „die Überzeugung ist des Mannes Ehre“ ganz unwiderstehlich. 
Die Hörer vergaßen willig die Erbärmlichkeit des Helden, da das Stück 
doch in sehr wirksamen Szenen den Kampf des freien Gedankens wider 
das verknöcherte Dogma vorführte; und obschon die mächtige Judenschaft 
dem Dichter grollte, weil er nicht die landesüblichen christlichen Priester, 
sondern Rabbiner als Vorkämpfer des Gewissenszwanges auftreten ließ, 
so blieb das Stück gleichwohl ein Liebling der aufgeklärten Freigeister, und 
noch viele Jahre später pflegte die kirchliche Reaktion überall, wo sie 
siegte, mit Verboten gegen den Uriel einzuschreiten. 
Wie viel Verfehltes auch mit unterlief, das deutsche Theater besann
        <pb n="400" />
        392 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
sich doch wieder auf sich selber und wollte nicht mehr bloß vom Abhub 
fremder Tische zehren. Die jungen Dramatiker glaubten wieder an die 
Zukunft unserer Bühne; die Stücke Gutzkows und Laubes spiegelten 
das Leben der Zeit immerhin treuer wieder als die weit zierlicher aus- 
gefeilten Dramen des Osterreichers Halm, der, ganz undeutsch, an spa- 
nischen Vorbildern geschult, die erkünstelte Unnatur seiner Gestalten nur 
durch technisches Geschick und eine melodische, klangvolle Sprache erträg- 
lich machte. Für den täglichen Hausbedarf sorgte außer den Wiener Lust- 
spieldichtern jetzt auch der Leipziger Benedix, ein lustiger Naturbursch mit 
sehr leichtem Gepäck, höchst erfinderisch in derb komischen Situationen. 
Wenige Monate vor dem Ausbruch der Revolution erschien auch schon, 
in Kalischs erster Posse, die volkstümliche Gestalt Zwickauers auf der 
Berliner Bühne. Damit begannen die Blütezeiten der Berliner Posse, die, 
begünstigt durch die neue Redefreiheit, durch die politische Erregung, durch 
die unaufhaltsame Demokratisierung der Sitte, etwa anderthalb Jahr- 
zehnte währen sollten. Alle die lustigen Figuren aus dem niederen Ber- 
liner Volksleben, die bisher in Glaßbrenners Flugblättern ihr Wesen 
getrieben, traten jetzt auf die Bretter, alle schnippisch, vorlaut, witzig, 
selbstbewußt, nicht ohne derbe Gutmütigkeit, und wurden nicht müde, ein- 
ander zu schrauben, zu uzen, zu verhöhnen; unerbittlich fegte die freche 
Satire über die Höhen und Tiefen des sozialen Lebens dahin; leichte Musik 
und kecke Couplets erhöhten noch die komische Wirkung, und es war 
sicherlich ein Glück, daß diese überkluge Großstadt wieder lernte, so 
herzlich über sich selbst zu lachen. Freilich blieb die Berliner Posse, da 
sie so ganz naturwüchsig aus dem märkischen Sande aufstieg, auch allezeit 
grundprosaisch; für den romantischen Zauber, der einst die Possen Rai- 
munds verklärte, wehte die Luft an der Spree zu scharf. 
Der wieder erwachende Schaffensdrang der dramatischen Dichter be- 
lebte auch die Schauspielkunst. Einige Theater spielten sehr wacker. Die 
Dresdener Bühne, die eine Zeitlang durch Eduard Devrient einsichtsvoll 
geleitet wurde, besaß für das Drama an Emil Devrient und Marie 
Baier-Bürck, für die Oper an Tichatschek und Wilhelmine Schröder- 
Devrient zwei unvergleichliche Heldenpaare. Dort wirkte auch schon im 
Orchester der junge Richard Wagner; er errang soeben mit seinem Rienzi 
den ersten großen Erfolg und trug sich schon mit dem Plane, die Oper zu 
überbieten durch musikalische Tragödien, in denen Musik und Dichtung 
völlig verschmolzen und namentlich die dem rezitierenden Drama ver- 
sagten großartigen Massenwirkungen erreicht werden sollten. 
Eine ganz eigene Stelle, halb in der Zeit, halb außer ihr, wählte 
sich der Ditmarsche Friedrich Hebbel, ein ernster, gedankenschwerer, grüb- 
trische Nordländer, der in rauher Lebensschule eine düstere, fast hoffnungs- 
lose Ansicht von der Menschheit, von den Widersprüchen der modernen Ge- 
sellschaft, von der Geschichte Deutschlands gewonnen hatte. Er setzte sich
        <pb n="401" />
        Hebbel. 393 
die höchsten Ziele, suchte stets große sittliche Probleme dramatisch zu ge— 
stalten und entsprach dem realistischen Zuge des Zeitalters durch die un— 
erbittlich strenge, folgerechte, alle Phrase vers chmähende Durchbildung seiner 
Charaktere. Aber sein Schaffen war zu bewußt, seine Gestalten selbst wußten 
sich zu viel mit ihrer Eigenart, jedes ihrer Worte klang so scharf berechnet, 
daß ihnen die naive Freiheit, der Reiz des Unmittelbaren verloren ging; 
und obwohl die gedrungene Komposition, die mächtig aufsteigende Handlung, 
der erschütternde Schluß einen starken theatralischen Erfolg zu erzwingen 
schienen, so fehlte ihm doch der Sinn für das Gemeinverständliche, der 
alle Bühnenwirkung bedingt; die krankhaften, verschlungenen, bis zur Un- 
geheuerlichkeit seltsamen Seelenkämpfe, die er darzustellen liebte, konnten 
schlichte Hörer nur befremden. Verwirrend und berauschend wirkte sein 
erstes Drama Judith. Hebbel fühlte scharf heraus, daß diese von dem naiven 
Gattungsgefühle des Altertums schlechthin bewunderte epische Heldin uns 
Modernen als eine tragische Gestalt erscheinen muß, weil unser freies 
christliches Gewissen die blinde Hingebung des einzelnen an das Volks- 
ganze nicht mehr für eine unbedingte Pflicht ansieht, und erregte nun in 
der Seele des gräßlichen Weibes einen Sturm widersprechender Empfin- 
dungen, aus denen die nervöse Sinnlichkeit des Zeitalters zuletzt so über- 
mächtig hervortrat, daß ein reines tragisches Mitleid nicht mehr aufkam. 
Sein wirksamstes Drama war Maria Magdalena, ein bürgerliches 
Trauerspiel, das durch die Wucht der Leidenschaft, die gewaltsame Span- 
nung lebhaft an Kabale und Liebe erinnerte. Hier wagte Hebbel aus der 
Not eine Tugend zu machen; er wagte „die schreckliche Gebundenheit in der 
Einseitigkeit“", — jene Klippe, woran so viele bürgerliche Dramen und 
Dorfgeschichten scheiterten — selber zum Mittelpunkt des tragischen Kamp- 
fes zu erheben. An der Grausamkeit der kleinbürgerlichen Ehrbegriffe ließ 
er seine Heldin untergehen, und in dem harten, borstigen Meister Anton 
schuf er eine Gestalt, die sich dem alten Miller vergleichen durfte. Aber 
auch hier blieb zuletzt kein reiner Eindruck zurück, weil die Schuld der 
Heldin so unnatürlich, so seltsam erklügelt war. Nachher zog sich Hebbel 
verstimmt von der Bühne zurück, in eine bewußte und gewollte Verein- 
samung, die dem Dramatiker stets verderblich wird. Umgeben von einer 
kleinen Schar fanatischer Verehrer, die seinen Hochmut bis zum Über- 
maße steigerten, brütete er lange über einer neuen, unmöglichen Kunstform, 
der Tragikomödie. Erst nach vielen Jahren qualvollen Ringens fand 
er den Glauben an einfachere Ideale wieder und die Kraft zu dauernden 
Werken — ein großangelegter, tiefsinniger Dichtergeist, ein echter Sohn 
dieser Hohes suchenden, wenig vollendenden Tage. 
Die rechte Herzensfreudigkeit des glücklich schaffenden Dichters besaß 
unter allen den neuen Dramatikern nur einer, der Schlesier Gustav Freytag. 
Wie tapfer und bewußt er auch teilnahm an allen den geistigen und poli- 
tischen Kämpfen seiner hoch erregten Zeit, immer bewahrte er sich doch jene
        <pb n="402" />
        394 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
„gutmütige ins Reale verliebte Beschränktheit“, welche Goethe so oft das 
wahre Glück des Dichters nannte. Er liebte seine Menschen und lebte 
mit ihnen, er schien sie an sein Herz zu drücken, so daß sie ihm selbst und 
den Hörern unvergeßlich blieben, während man den dramatischen Ge- 
stalten der anderen oft die Berechnung, die Reflexion anmerkte. Darin lag 
schon der Reiz seines Erstlingsdramas, des Kunz von der Rosen; die 
noch lose aneinander gereihten Szenen bezauberten den Leser, weil die 
goldene Laune des Helden alles verklärte und der treuherzige Frohmut 
unseres sechzehnten Jahrhunderts jeden anheimelte. Vor den Brettern 
erkannte Freytag selbst, daß dies Stück noch kein Drama war, und nachdem 
er das Theater gründlich kennen gelernt, schenkte er ihm zwei bühnen- 
gerechte Schauspiele aus der modernen vornehmen Welt, Valentine und 
Graf Waldemar. Beide behandelten ein einfaches, aber schönes und ge- 
haltreiches Problem; sie zeigten, wie die wahre Liebe eine edle Natur 
von der Verbildung der großen Gesellschaft zur sittlichen Freiheit zurück- 
führt. Er erlaubte sich viel, weil seine heitere Anmut viel wagen durfte, 
doch niemals einen groben theatralischen Effekt. Stärker noch als der fest- 
gegliederte Aufbau seiner Dramen wirkten die Charaktere, diese so fest mit 
dem Gemüte des Dichters verwachsenen, so ganz in heimlicher Stille 
ausgereiften Gestalten, und der freie optimistische Humor, der selbst 
in den Spitzbuben noch das Menschliche zu finden wußte. 
An der Grenze, dicht neben den Slawen war er aufgewachsen, im 
sicheren Gefühle deutscher Überlegenheit, ein stolzer Preuße, ein rechter 
Markmanne; auf der Universität wendete er sich der germanistischen Wis- 
senschaft zu, und so grunddeutsch blieb seine Empfindung, daß ihn die fremd- 
brüderliche Schwärmerei jener Jahre nur anwidern konnte. Wohl lernte 
er dankbar aus englischen Romanen und französischen Dramen, doch seine 
eigenen Stoffe fand er unwillkürlich nur im Vaterlande. Hier war seine 
Welt, selbst der Wunsch, fremde Länder zu bereisen, regte sich ihm kaum 
jemals. Amerika, das in den engen Verhältnissen der Dorfgeschichten immer 
als das Eldorado der Freiheit erschien, spielte auch in seine Dichtungen zu- 
weilen hinein, doch nur wenn er einen seiner Helden durch einen roman- 
tischen Zug abenteuerlicher Keckheit von dem deutschen Stillleben dieser 
Friedensjahre wirksam abheben wollte. Die Tendenz verschmähte er grund- 
sätzlich; endlichen Zwecken, so sagte er stolz, sollten seine Kunstwerke nie- 
mals dienen. Und zu seinem Glücke besaß er auch die journalistische Feder- 
gewandtheit; er konnte seine literarischen und politischen Gedanken als 
Kritiker und Publizist in angemessener Form aussprechen, darum durfte 
das Schifflein seiner Dichtung, unbeschwert vom prosaischen Ballast, frei 
dahin segeln. Schon diese ersten Dramen verrieten, obwohl sie sich auf den 
Höhen der Gesellschaft bewegten, deutlich die bürgerlich-demokratische Ge- 
sinnung des Dichters; Bürgerliche vertraten die einfache sittliche Wahrheit, 
während der Adel fast nur seine Schattenseiten zeigte. Noch stand Freytag
        <pb n="403" />
        Freytag. 395 
mitten in seiner Entwicklung, seine Helden spielten noch übermütig mit 
dem Leben, ohne es handelnd zu beherrschen; die Zeit sollte noch kommen, 
da er der Lieblingsdichter des deutschen gebildeten Bürgertums wurde. 
Auffällig unterschied sich Freytag von den anderen Dramatikern auch 
durch den Adel seiner einfachen, reinen, seelenvollen Sprache. Wer diese 
Dramen las oder die Gedichte Geibels und Dingelstedts, oder die Prosa 
der Brüder Grimm, Rankes, Dahlmanns, Schellings, der mußte freudig 
erkennen, daß die frische Lebenskraft der jüngsten und bild samsten Kultur- 
sprache weder unter der Jätelust der urteutonischen Sprachreiniger, noch 
unter der fremdbrüderlichen Ziergärtnerei der Jungdeutschen ernstlich ge- 
litten hatte. Alle diese Schriftsteller schrieben gut deutsch, keiner dem 
andern gleich, und in der Freiheit des individuellen Stils lag unsere 
Stärke. Die straffen Saiten der alten herrlichen Goldharfe gaben noch 
vollen Klang, sie harrten immer nur des Meisters, der sie spielen konnte. 
Mit gerechtem Stolze rief Rückert unserer Sprache zu: 
Durch der Eichenwälder Bogen 
Bist du brausend hingezogen, 
Bis der letzte Wipfel barst. 
Durch der Fürstenschlösser Prangen 
Bist du klingend hergegangen, 
Und noch bist du, die du warst. — 
  
Die Poesie bleibt allezeit die eigentlich nationale Kunst. Wie ihre 
Sprache nur von den Volksgenossen ganz verstanden wird, so schöpft auch 
der Dichter die Ideale für sein bewußtes Wirken geradeswegs aus dem 
Leben seines eigenen Volks; alle großen christlichen Nationen, wie vieles 
sie auch dem Gedankenaustausche mit dem Auslande verdanken mochten, 
haben sich ihre klassische Dichtung wesentlich aus eigener Kraft geschaffen, 
auf sehr verschiedenen Altersstufen, manche in Zeiten, da die anderen 
Völker sämtlich brach lagen, aber alle dann, wenn ihnen die eigene Seele 
frei und reich ward. Das Gemüt ist national, Ohr und Auge sind 
Weltbürger. Die großen Epochen der Musik und der bildenden Künste, 
Gotik, Renaissance, Barock und Zopf gehören, trotz der Mannigfaltig- 
keit der nationalen Stile, allen Kulturvölkern an; aus der Gemeinsam- 
keit der Sitten und Trachten, des Verkehres und der Weltverhältnisse 
bildete sich jedes Jahrhundert bestimmte Tonempfindungen und Formen- 
typen aus, denen sich keine Nation ganz entziehen konnte. Und dieser 
weltbürgerliche Zug der bildenden Künste verleugnete sich auch nicht in 
dem neunzehnten Jahrhundert, das unstet suchend, hastig schaffend seinen 
eigenen Stil niemals recht zu finden vermochte. Der erhabene Idealismus, 
der einst unter den deutschen Malern in Rom zuerst erwacht war, hatte 
auch die französische Kunst nicht unberührt gelassen; doch schon nach zwei
        <pb n="404" />
        396 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft 
Jahrzehnten — so schnell, daß die Kunststile dieses unruhigen Zeitalters 
fast wie Moden erschienen — begann von Frankreich her der Rückschlag. 
Cornelius und seine Schüler hegten einen hocharistokratischen Stolz, 
der sich in diesem demokratisierten Jahrhundert nicht auf die Dauer behaup- 
ten konnte, sie betrachteten die Kunst als eine vom gemeinen Alltagsleben 
ganz abgetrennte Welt der Ideale, als einen Tempel, den niemand mit un- 
heiligen Sohlen, niemand ohne stille Sammlung betreten sollte; und wie 
sie in ihrem eigenen Schaffen die Technik gering schätzten neben der poeti- 
schen Erfindung, so fühlten sie sich auch hoch erhaben über allem Kunst- 
handwerk, während doch in wahrhaft schönheitsfrohen Zeiten die Kunst all- 
gegenwärtig wirkt, durch Schmuck und Gerät das Leben jedes Hauses ver- 
klärt. In Frankreich war das Kunstgewerbe nie so gänzlich zerstört worden 
wie in dem verarmten Deutschland, und nicht zufällig geschah es, daß 
dort die Malerei zuerst wieder versuchte, die Natur in jedem Zuge sorgsam 
nachzubilden, durch Farbenreiz das Auge zu entzücken. Auch in der 
Literatur aller Länder bekundete sich dieser der Grundstimmung der neuen 
Zeit entsprechende realistische Drang mächtig, nur daß ihn die Dichter nach 
ihrer nationalen Eigenart, in sehr verschiedenen Formen ausgestalteten. 
Der Malerei aber dienten die französischen Koloristen unmittelbar zum 
Vorbilde. Schon die Düsseldorfer Malerschule, die zuerst dem Idealismus 
der Cornelianer schüchtern entgegentrat, lernte viel von den Franzosen, 
und noch mehr verdankten ihnen die Belgier. Dort an der Schelde be- 
gann die bildende Kunst in derselben Zeit wieder aufzublühen, als das Land 
sich von der holländischen Herrschaft losriß; und da das zweisprachige Volk 
eine nationale Dichtung nie erlangen konnte, der flamische Dichter Hendrik 
Conscience doch nur für die Flamen schrieb, so hegten und pflegten alle Bel- 
gier im schönen Wetteifer ihre junge farbenreiche Malerei als die nationale 
Kunst: sie sollte die neu gewonnene Unabhängigkeit des Landes gleichsam 
geistig vor Europa rechtfertigen. Im Jahre 1843 machten zwei wirksam 
gemalte belgische Historienbilder, von Gallait und de Biefve, die Runde 
durch Deutschlands Städte und wurden überall unmäßig bewundert; an 
dieser Kraft der Farbe, an dieser naturgetreuen Charakteristik, so hieß ßes 
allgemein, sollte die deutsche Kunst sich ein Beispiel nehmen. Um dieselbe 
Zeit ward auch der größte der neufranzösischen Maler, Paul Delaroche 
den Deutschen näher bekannt durch sein lebensvolles Bild Napoleon in 
Fontainebleau. Die deutschen Kunstgelehrten, denen die spröde Strenge 
des alten Idealismus noch im Blute lag, stritten sich ernsthaft über die 
Frage, ob es auch ästhetisch erlaubt sei, daß dieser Cäsar, der nach langem 
Fluchtritt erschöpft und verzweifelnd auf dem Stuhle saß, wirklichen 
Schmutz an seinen Reitstiefeln trug. Die unbefangenen Beschauer aber 
dankten dem fremden Künstler, daß er ihnen das Große und Furchtbare 
so menschlich nahe brachte. Es war nicht anders, die Augen der Menschen 
begannen sich zu verwandeln, sie verlangten nach sinnlicher Wahrheit,
        <pb n="405" />
        Cornelius' letzte Werke 397 
nach natürlicher Kraft, nach lebendigem Können und fühlten sich beleidigt, 
wenn ihnen die künstlerische Idee formlos entgegentrat. 
Zu so ungünstiger Zeit betrat Cornelius den feindlichen Boden 
Berlins. Sein Abgang war für München ein unersetzlicher Verlust. 
Mochte auch der grollende Wittelsbacher trotzig sagen: „ich, ich der 
König bin die Kunst in München“ — es ergab sich doch bald, daß fast 
allein die herrische Persönlichkeit des großen Malers die Künstlergemeinde 
zusammengehalten hatte. Bald nach ihm verließen mehrere andere nam- 
hafte Künstler die Isarstadt; Zersplitterung und Mißmut zeigten sich 
überall; und es währte sehr lange, bis die Münchener Künstler das stolze 
Gefühl einer großen historischen Bestimmung, das Cornelius ihnen er- 
weckt hatte, einigermaßen wiederfanden. Aber auch der Meister selbst 
erlebte schmerzliche Enttäuschungen, bald nachdem er beim Scheiden den 
Gegnern stolz zugerufen hatte: 
Ich eile auf dem Hippogryph davon. 
Melkt nur die Kuh! Ich gönn' euch das Vergnügen. 
Gleich das erste Werk, mit dem er sich in seinem neuen Wohnsitz 
einführte, das abscheulich gemalte Olbild: Christus in der Vorhölle be- 
fremdete die Berliner, die an monumentale Malerei noch nicht gewöhnt 
waren und sich eben jetzt für die neuen belgischen Koloristen begeisterten. 
Als sodann jüngere Künstler unter seiner Oberleitung die Schinkelschen 
Fresken in der Vorhalle des Museums ausmalten, da konnten auch Unbe- 
fangene die Schwächen dieser in Ideen und theoretischen Programmen schwel- 
genden Kunstweise nicht mehr ableugnen. Die hochpoetischen Bilder der aus 
dem Chaos aufsteigenden Weltkräfte, der dem Himmelslichte zustrebenden 
hellenischen Kultur, wie entstellt erschienen sie hier durch grobe Verzeich- 
nungen und falsche Farben; wo war hier jener entsagende Künstlerfleiß, 
den einst der ungestüme Michelangelo betätigt hatte, als er die gewaltige 
Decke der sixtinischen Kapelle geduldig mit eigenen Händen malte? Wahre 
Freude konnte das tiefsinnige Werk nur dann erregen, wenn einmal abends 
bei festlicher Beleuchtung der prächtige Farbenteppich zwischen den hohen 
Säulen phantastisch herausstrahlte und die Mängel der einzelnen Ge- 
stalten in dem unsicheren Lichte verschwanden. Unterdessen zeichnete Cor- 
nelius an den Kartons für den nie vollendeten Campo Santo und be- 
schämte seine Neider, indem er rastlos wie ein Jüngling an sich selber 
arbeitend, auch die Formen immer sicherer zu beherrschen lernte. So 
mächtig hatte sich sein Genius noch nie offenbart wie jetzt in der dämo- 
nischen, zermalmenden Furchtbarkeit der apokalyptischen Reiter oder in der 
Mojestät des strafenden Erzengels auf den Trümmern Babels. 
Die alten Getreuen in Rom und München jauchzten ihm zu, so oft 
er ein Bruchstück seines großen Werks vor ihnen ausstellte. In Berlin 
blieben die Meinungen immer geteilt; und allerdings verstieg sich der 
Miister, als jede Hoffnung auf die malerische Vollendung seiner Entwürfe
        <pb n="406" />
        398 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
verschwand, zuletzt in eine erhabene Gedankenkunst, die, überreich an 
poetischer Erfindung, doch nur ihm selber angehörte. Ganz aus seinem per— 
sönlichen Gefühle heraus schuf er ein Epos mit eingeflochtenen Chorge— 
sängen, das über die Grenzen aller überlieferten Kunstgattungen verwegen 
hinwegschritt. Seine warmen Bewunderer Rauch und Rietschel verlangten 
beide, er sollte die schönen Gruppenbilder von den Seligsprechungen nicht in 
Farben ausführen lassen, sondern als Reliefs in weißem Marmor; und 
die beiden großen Bildhauer wußten doch genau, daß gerade das Relief 
der strengsten plastischen Formen bedarf und allen malerischen Reiz ver- 
schmähen muß. So stand Cornelius bald einsam in der verwandelten Welt; 
das Publikum, „das mit gleichem Appetit Häcksel und Ananas frißt“, 
hatte er von jeher verachtet und zu einem der neuen Koloristen sagte er 
kurzab: Sie haben vollkommen erreicht, was ich mich mein Lebenlang 
sorgfältig zu vermeiden bemüht habe. Als der Freund zweier Könige war 
er durch das Leben geschritten, und unbefangen, wahrlich nicht um zu 
schmeicheln, setzte er die Bildnisse der preußischen Königsfamilie in sein 
Gemälde von der Erwartung des jüngsten Gerichts; die Gesalbten des 
Herrn sollten das Leben der Menschheit leiten, bis dereinst der letzte aller 
Könige seine Krone in die Hände des Gekreuzigten niederlegte. Er wollte 
es nicht anders wissen, und ganz unbegreiflich blieben ihm die Ideen der 
Volksherrschaft, die jetzt über die Welt hereinbrachen. 
Wie viel leichter verstand Kaulbach, sich in die neue Zeit zu finden, 
der Vielgewandte, der kurz vor der Revolution nach Berlin berufen wurde, 
um für das Treppenhaus des neuen Museums Kolossalbilder aus der 
Geschichte der Menschheit zu malen. Seiner virtuosen Gewandtheit ge- 
lang es, die schon erkaltende Teilnahme für das Kolossale noch einmal 
zu beleben und ein volles Jahrzehnt hindurch blieb er, den Meister 
ganz verdunkelnd, der Lieblingskünstler der Berliner. Der unbefangene 
Tiefsinn der alten italienischen Historienmalerei, die den Geist der Ver- 
gangenheit einfach in den großen Taten großer Menschen künstlerisch 
auszugestalten suchte, erschien dem vielbelesenen Monarchen zu schlicht. 
Nicht der Wille und die Tat, sondern die Idee war ihm der Inhalt 
des historischen Lebens; er erging sich gern in geschichtsphilosophischen 
Betrachtungen, die er, ohne es selbst zu ahnen, doch dem gescholtenen 
Hegel verdankte, und in diesem Sinne. sollte auch Kaulbach den Ideenge- 
halt der Geschichte durch große symbolische Bilder darstellen. Die beiden 
ersten und schönsten dieser mächtigen Entwürfe, die Hunnenschlacht und 
die Zerstörung Babylons, zeigten noch die geschlossene Einheit einer dra- 
matischen Handlung, die späteren nur ein verwirrendes Durcheinander 
geistreicher Einfälle, bei denen sich der grübelnde Verstand allerhand denken 
mochte. Es war eine gelehrte Kunst, so alegandrinisch wie der unglück- 
selige Bau des Neuen Museums selber, ganz begreiflich nur mit Hilfe 
wissenschaftlicher Kommentare, und doch dem Durchschnittsmenschen ver-
        <pb n="407" />
        Kaulbachs Wandgemälde. 399 
ständlicher als Cornelius' Kartons; denn hier fühlte sich niemand bedrückt 
durch die Übermacht religiöser Begeisterung, hier redete überall ein ganz 
moderner, liberal aufgeklärter Geist, der, kühl bis ans Herz hinan, die 
Gestalten des Altertums, des Mittelalters, der Renaissance mit der 
gleichen Leichtigkeit aus dem Ärmel schüttelte und in den Bildern der 
erlösten, aus Babels Zwingburg fröhlich ausziehenden Völker auch den 
Freiheitsdrang der neuen Zeit unmittelbar zu befriedigen wußte. 
Besonders glücklich gelangen ihm erhabene allegorische Einzelfiguren, 
wie die Sage; die Gestalten der historischen Gruppenbilder dagegen wurden 
allmählich, da sie ja allesamt kein persönliches Leben führten, sondern 
nur Ideen darstellten, so schablonenhaft, daß man jedes Geschöpf der Kaul— 
bachschen Muse an dem süßlich verzogenen Munde, der immer einem 
liegenden Paragraphenzeichen glich, sofort erkennen konnte. Das alles 
aber war flott, frisch, wirksam gemalt; die Fruchtbarkeit des Künstlers 
schien unerschöpflich, die elegante gedämpfte Färbung der Wasserglas— 
malerei behagte dem modernen Geschmacke mehr als die Strenge des Fresko. 
Die Fülle der feinen Beziehungen und Anspielungen in diesen geschichts— 
philosophischen Gemälden gab reichen Stoff für das überbildete Geschwätz, 
das an der Spree geistreich hieß; der Berliner fühlte sich so grund— 
gescheit, wenn er in der unmöglichen Gruppe der friedlich aus dem 
brennenden Jerusalem hinwegflüchtenden Christen eine große Idee ent— 
deckte oder in dem Shakespeare auf dem Bilde des Reformationszeitalters 
das Gesicht eines bekannten Kunstkritikers wiedererkannte. 
Mancher Zug in Kaulbachs Charakter erinnerte an Heine oder Vol— 
taire. Den deutschen Dichter überragte er freilich weit durch seine mächtige 
Gestaltungskraft; hinter dem Franzosen stand er zurück, weil er nicht wie 
dieser die nationale Bildung eines reichen Jahrhunderts in sich ver— 
körperte, sondern nur eine flüchtige Erscheinungsform unserer liberalen 
Aufklärung. Der Schelm aber saß ihm stets im Nacken, er blieb immer 
der Künstler des Reineke Fuchs, der lebenskluge Menschenkenner und Men— 
schenverächter. Auch in diesen Jahren, da alle Welt seine idealen Ge— 
schichtsbilder anstaunte, bekundete sich sein Talent immer am stärksten und 
eigentümlichsten, wenn er in kleinen übermütigen humoristischen Zeich— 
nungen, die sich oft kaum vor das Vaterauge der Sittenpolizei hinauswagen 
durften, die Sinnlichkeit und die Narrheit der Welt verhöhnte. Leider hielt 
sich dieser satirische Drang nicht immer in seinen natürlichen Schranken. Als 
König Ludwig ihm die Außenwände der Neuen Pinakothek zur Bemalung 
übergab, da konnte Kaulbach der Versuchung nicht widerstehen, die gesamte 
neue Münchener Kunst, die doch seine eigene Mutter war, grausam zu 
verspotten, und beleidigte das künstlerische, wie das sittliche Feingefühl 
durch die widerliche Geschmacklosigkeit kolossaler Karikaturen. 
Mit wachsendem Widerwillen verfolgte Cornelius das ganze moderne 
Schaffen dieses abtrünnigen Schülers, und tief mußte es ihn wurmen,
        <pb n="408" />
        400 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
daß die monumentale Malerei, die er immer für die wahrhaft deutsche 
Kunst erklärt hatte, in allen diesen Jahren nur noch einen hochbegabten 
Jünger fand: den Rheinländer Alfred Rethel, der sich ganz unabhängig, 
mehr durch Dürer und Holbein als durch moderne Meister belehrt, zum 
Historienmaler hohen Stils herangebildet hatte und in seinen Kartons 
zur Geschichte Karls des Großen, tiefsinnig wie Cornelius, aber ohne jede 
symbolische Zutat, einfach die Männer und die Waffen selber reden ließ. 
Die Majestät ruhiger Männerschönheit verstand Rethel ebenso lebendig 
darzustellen wie den teuflischen Reiz der Sünde. Nur der ausdrückliche 
Befehl des Königs ermöglichte ihm, diese herrlichen Bilder im Aachener 
Rathaussaale auszuführen; der Stadtrat der alten Karolingerstadt — 
zu solchem Wahnsinn hatte sich der kirchliche Haß seit dem rheinischen 
Bischofsstreite schon gesteigert — wollte die gegebene Zusage zurücknehmen, 
weil der mitten im alten „Reiche von Aachen“ geborene Künstler zufällig 
Protestant war, was man seinen Gemälden doch nirgends anmerkte. 
Mittlerweile zog einer der treuesten Schüler von Cornelius, Julius 
Schnorr von Carolsfeld aus München hinweg, nachdem er noch den Zyklus 
seiner Nibelungenbilder vollendet hatte — dann immer glücklich, wenn 
ihm der ewig drängende König Ludwig einmal erlaubte, die üblichen Gewohn- 
heiten der verrufenen Münchener Eilkunst zu verlassen und seine groß- 
gedachten Entwürfe gründlich durchzubilden. Da ihm jetzt, in der sächsischen 
Heimat kein monumentales Gemälde mehr aufgetragen wurde, so begann 
er an dem lang vorbereiteten Unternehmen zu arbeiten, das allein unter 
allen Werken der Cornelianer sich die Gunst des Volks erwerben, diese 
hocharistokratische Kunst dem Verständnis der Massen näher bringen sollte: 
an seiner „Bibel in Bildern“. Ganz durchdrungen von dem Schillerschen 
Gedanken der ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts wollte er in 
kräftigen frischen Zügen dem Volke die heilige Weltgeschichte vor das Auge 
führen; der Holzschnitt galt ihm als ein Freskobild im kleinen, als eine 
Kunstform, die dem Zeichner erlaubte, sich an die großen Grundzüge der 
Handlung zu halten, und nach der Weise der alten Italiener gab er seinen 
heiligen Gestalten, den Realismus der malerischen Reisebeschreiber ver- 
schmähend, in Gewand und Gesicht den idealen, „urweltlichen“ Charakter, 
der sie nicht als Semiten, sondern als Träger allgemeingültiger, mensch- 
licher Empfindungen erscheinen ließ. So entstand in langen Jahren ein 
echtes Volksbuch, erhaben zugleich und gemeinverständlich, unverkennbar 
protestantisch und doch nach deutscher Art im Geiste des allgemeinen 
Christentums gehalten, das schönste Vermächtnis, das die alte idealistische 
Kunst in ihrem Niedergange noch unseren Mittelständen hinterlassen hat. 
Schwind, der dem alten Meister immer die Treue bewahrte, wußte 
doch als begeisterter Musiker sehr wohl, daß jeder nur singen kann, wie 
ihm der Schnabel gewachsen ist, und gestaltete sich aus den deutschen 
Märchen und Sagen seine eigene klassisch-romantische Bilderwelt. Auch
        <pb n="409" />
        Spaltung der Düsseldorfer Schule. 401 
Friedrich Preller in Weimar, des alten Goethe jüngster Schüler, war ein 
abgesagter Feind der neuen realistischen französischen Kunst, die von außen 
nach innen gehe, während der rechte Deutsche von innen nach außen 
wirken müsse. Auch er ging seine eigene Bahn; ihn entzückte die ideale 
Landschaft, die er stets als ein Ganzes, durch den Aufbau und den Fluß 
der Linien wirken ließ; zugleich verstand er der nackten menschlichen Ge- 
stalt so einfach kräftige, klassische Formen zu geben, wie nur sein Freund, 
der große Zeichner Genelli. Als er in Unteritalien die Stätten der Wander- 
fahrt des Odysseus durchzog, da bevölkerte seine Phantasie ganz von selbst 
Felsen, Wald und Meer mit den Bildern des homerischen Helden, die er 
sich nur in der feierlichen Größe dieser Natur denken konnte, und in 
mannigfachen Entwürfen bereitete er schon sein Lebenswerk vor, den Zyklus 
der erhabenen odysseischen Landschaften. 
Selbst an dem Stillleben der Düsseldorfer gingen die Kämpfe der Zeit 
nicht spurlos vorüber. Wie schnell war doch Wilhelm Schadow zum kirchlichen 
Parteimanne geworden, der Liebenswürdige, der früherhin so vielen grund— 
verschiedenen Talenten als verständnisvoller Lehrer die Wege geebnet hatte. 
Jetzt vergiftete pfäffischer Haß alles Leben am Rhein. Da der tapfere Lessing 
unbeirrt fortfuhr, die Helden der Reformationszeit in kräftigen historischen 
Bildern zu verherrlichen — immer lebendig und feurig, aber niemals mit be— 
wußter Parteilichkeit — so entstanden bald häßliche Zerwürfnisse in der fröh- 
lichen Kumpanei des Düsseldorfer Malkastens. Die neuen Nazarener scharten 
sich um Schadows Panier. Zu ihnen zählte Deger und manche andere be- 
gabte Künstler, die in den Fresken der Remagener Apollinariskirche viel 
Gefühl und viel technisches Geschick bekundeten; aber in allen ihren Werken 
verriet sich die beschränkte Einseitigkeit eines Sektengeistes, der dem freien 
deutschen Gemüte niemals zugesagt hat, und der neue Düsseldorfer Verein 
zur Verbreitung religiöser Bilder bemühte sich grundsätzlich, eine katho- 
lische, den Ketzern unverständliche Kunst zu fördern. Bei allem Zwist ging 
dem munteren Düsselvölkchen der Humor nicht aus; das zeigten Hasen- 
clevers derblustige Bilder von den Weinproben der rheinischen Schoppen- 
stecher. Am letzten Ende gereichte der notwendige Streit der Düssel- 
dorfer Schule zum Heile, er bewahrte sie vor Erstarrung. Außerhalb der 
Akademie Schadows entstanden fortan selbständige Malerwerkstätten. In 
ihnen wuchs nach und nach ein neues Geschlecht heran: Genremaler, die 
nicht ewig die taubenrunden und taubenfrommen altdüsseldorfischen Jung- 
frauengesichter malen, Landschafter, die nicht allezeit denselben Mondschein 
über denselben rheinischen Burgen erglänzen lassen wollten; sie freuten 
sich alle an der Farbenkraft und der lebendigen Charakteristik der belgisch- 
französischen Nachbarn. Die Jugend glaubte nicht mehr an den Kern- 
spruch Genellis: „der Fisch gehört ins Wasser, der Künstler nach Rom.“ 
Hatte doch Lessing selbst den Boden Italiens nie betreten. Man begann 
zu ahnen, daß die Formenwelt des Südens jetzt nach so langem innigem 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 26
        <pb n="410" />
        402 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
Verkehre jedem ernstlich gebildeten deutschen Maler in Fleisch und Blut 
gedrungen sein mußte und nunmehr eine ganz selbständige nordische Kunst 
möglich war. 
Unterdessen bewies ein bescheidener, lange kaum beachteter Meister, 
daß auch in dieser bildungsstolzen Zeit die volkstümliche Kunst mit ein- 
fachen Mitteln große Erfolge erringen konnte. Ludwig Richter war in 
dem stillvergnügten Philistertum einer armen Vorstadt Dresdens auf- 
gewachsen, in einer Welt von kleinbürgerlichen Originalen; die engen Ver- 
hältnisse bedrückten den kindlich frommen, genügsamen Jüngling wenig; 
war doch die Natur so reich und mild im heiteren Tale der Elbe, und wie 
wonnig ließ es sich träumen unter den Zweigen des alten Birnbaums im 
Garten, vor den üppigen Rosenbeeten. Nachher zu Rom schloß er Freund- 
schaft mit Koch und seinem Landsmanne Schnorr und versuchte sich in 
dieser strengen Schule an dem hohen Stile historischer Landschaften; 
als er aber dort einmal gedrängt wurde, rasch aus dem Kopfe ein Bild 
zu entwerfen, da zeichnete er unwillkürlich eine Schar sächsischer Land- 
leute, die mit ihren Kindern am Sonntag durchs hohe Korn zur Kirche 
zogen. Es war die Stimme des Herzens, die Ahnung seines Lebens- 
berufes. 6 
Als er dann wieder daheim im bescheidenen glücklichen Hause saß, 
da fühlte er bald, daß ihm das schlichte Bürgerkind, die deutsche Land- 
schaft doch viel traulicher zum Gemüte redete als die stolze Königs- 
tochter des Südens, und er begriff, warum der Welsche im Walde auf 
dem Bauche liegt, der Deutsche auf dem Rücken. Die Heimat mit ihrem 
Kleinleben ward ihm immer lieber, und er begann nunmehr für den 
Holzschnitt zu zeichnen — eine echt deutsche Kunstweise, die einst in 
Dürers Tagen weit tiefer als die Malerei auf unser Volk eingewirkt hatte, 
dann lange ganz vergessen und endlich in England zuerst wiederbelebt, 
neuerdings auch in Deutschland wieder tüchtige Vertreter fand. Naiv, 
wie er immer blieb, wendete er sich also von der großen zur kleinen Kunst, 
vom Erhabenen zum Schlichten, ohne sich's träumen zu lassen, daß diese 
Wendung doch durch die veränderte Zeitstimmung mitbedingt war. Ihm 
war die Kunst „ein wunderschöner Engel, der die Menschen, die eines 
guten Herzens sind, auf sonnige und blumige Stellen führt“, und mit 
seliger Freude schilderte er nun auf unzähligen Blättern das Treiben seines 
Volks: Studenten und Handwerksburschen, das Lebkuchenhäuschen des 
Volksmärchens und die frierenden Kinder, die auf dem Dresdener Striezel- 
markte ihre aus Backpflaumen geformten Schornsteinfeger verkaufen, vor 
allem doch das Glück des Hauses: den Weihnachtsbaum, die Punschbowle 
des Silvesterabends und die dampfende Kartoffelschüssel — was jeder 
kennt und jeder erlebt hat. 
Überall Glück und Frieden, auch ein Zug von jenem warmherzigen 
Spenerschen Pietismus, der unter den Stillen im kursächsischen Lande
        <pb n="411" />
        Ludwig Richter. 403 
noch fortlebte; niemand hätte erraten, daß Richter katholisch erzogen war 
und erst als Mann, dann freilich mit andächtigem Entzücken, die unver— 
fälschte Bibel kennen gelernt hatte. Die drolligen Philister seiner Heimat 
gelangen ihm immer, auch die Weiber und Kinder, die Engel und die 
Gnomen, seltener die kräftigen Männer, nun gar an die Heldengestalten 
unserer erhabenen Dichtung durfte er sich nicht heranwagen; das Kostüm 
beachtete er wenig, aber gern stellte er seine unschuldigen Menschen mitten 
hinein in eine anmutige Landschaft oder ließ den Rauch aus dem Schorn— 
stein des befriedeten Hauses sich hell abheben vom dunklen Tannenwalde 
dahinter. Der Beifall wuchs; in den fünfziger Jahren lagen Richters 
Holzschnitte fast auf jedem deutschen Familientische, strenge Kunstgelehrte 
schrieben Abhandlungen über seine Entwicklung, die Sammler drängten sich 
um jedes Blatt, das er irgend einmal für ein Kommersbuch, einen Volks— 
kalender, eine Märchensammlung gezeichnet hatte. So lebte er von Haß 
und Neid ganz unberührt, ein geliebter Hausfreund seines Volks, und 
noch im hohen Alter schritt er täglich, froh bewegt, seines Gottes voll, 
hinauf nach dem Waldrande über seinem Loschwitzer Weinbergshäuschen, 
um sich der lieblichen Landschaft zu erfreuen. Er bemerkte nicht mehr, 
daß noch bei seinen Lebzeiten der Kunstgeschmack dieses rastlosen Jahr— 
hunderts sich schon wieder veränderte. Das Geschlecht, das sich an Richters 
frommer Einfalt erbaute, war reich an literarischen und politischen Ge— 
danken, doch in seinen Lebensgewohnheiten noch sehr bescheiden; nachher 
wuchsen mit dem Wohlstande die Genußsucht, die Ansprüche an das Leben, 
der Drang nach sinnlicher Fülle des Daseins, und die verwandelte Zeit 
begann den unschuldig gemütlichen Idealismus langweilig und leer zu 
finden. Die Freude an Richters Holzschnitten verschwand zusehends — 
für lange, vielleicht für immer; denn in dem launischen Geschmackswechsel 
eines übersättigten Zeitalters können wohl elegante Kunstwerke, wie die 
so lange mißachteten Gemälde Watteaus wieder zu Ehren kommen; die 
genügsamen Menschen aber, die sich an den Kinderbildern des Dresdener 
Zeichners ergötzten, kehren so leicht nicht wieder. 
Über die idealistischen Anfänge unserer neuen Malerei sagte Schnorr 
einst: Wir hatten damals vollauf zu tun, um nach den Grundanschau- 
ungen der alten großen Meister des fünfzehnten Jahrhunderts wieder ar- 
beiten zu lernen; „es war uns unmöglich, alles auf einmal zu leisten, 
und wir glaubten die Weiterführung, namentlich die Ausbildung der Tech- 
nik in demselben Geiste, den Nachkommenden überlassen zu können.“ Aber 
alle Kunst ist Können, sie darf die Technik nicht als ein Beiwerk ansehen, 
das auch wegbleiben kann. Unsere Malerei bedurfte eines Künstlers, der, 
kräftiger als die Düsseldorfer, mit unerbittlichem Ernst, mit der Hand 
und dem Herzen zugleich die Wahrheit, nichts als die Wahrheit suchte 
und doch durch poetische Erfindsamkeit so hoch stand, daß ihn niemand 
wie einen Handwerker geringschätzen durfte. So, als ein Bahnbrecher 
26*
        <pb n="412" />
        404 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
des starken, mannhaften Realismus trat plötzlich Adolf Menzel auf, ein 
Schlesier, der schon seit seinen Jugendtagen, von wenigen gewürdigt, in 
Berlin einen harten Lebenskampf bestanden hatte. Italien kannte er nicht, 
und von den lebenden deutschen Meistern hatte keiner tief auf ihn einge- 
wirkt, nicht einmal der preußische Soldatenmaler Franz Krüger. Ganz 
selbständig schritt er seines Wegs, scharf um sich schauend in die wirkliche 
Welt, und sagte „den Schönheitsschwärmern“ ruhig: „Man muß gar nichts 
verlangen, dann wird man in allerwege überrascht.“ 
Als im Jahre 1839 die Geschichte Friedrichs des Großen von dem 
Kunsthistoriker Franz Kugler mit Menzels Zeichnungen erschien, da mochte 
die deutsche Wissenschaft wohl beschämt die Augen niederschlagen. Seit dem 
alten Archenholtz hatte sich kein namhafter Historiker mehr an den reichen 
Stoff herangewagt. Kugler selbst bot im Text nur eine muntere, wenig 
durchgeistigte Erzählung. Wie unwiderstehlich hingegen sprach aus diesen 
Holzschnitten das innerste Wesen einer großen Zeit. Schlachten und Hof- 
feste, Heldenzorn und Heldennot, Zerstörung und Siegesfreude, die ganze 
gewaltige Entwicklung des Königs selbst von den stürmischen Jugendtagen 
an bis zu der Zeit, da er beim Ende des sechsten Kriegsjahres noch am 
Rande des Abgrunds als kühner Fechter stand und wieder bis zu den 
letzten finsteren Jahren der einsamen Größe — das alles erschien hier 
in so überwältigender Wahrheit, daß Alexis'’ patriotische Romane daneben 
doch ganz verschwanden. Mit einem Male war das Werk da, und jeder 
treue Preuße, der sich darein versenkte, fragte unwillkürlich: warum ist es 
nicht immer da gewesen? Kein anderes Volk besaß ein solches nationales 
Erinnerungsbuch, das in seiner bescheidenen Gestalt in jedermanns Hände 
gelangen konnte und doch an tiefem historischem Gehalt so reich war 
wie die großen Doelen= und Regentenstücke der alten Niederländer. Und 
welch ein ungeheurer Fleiß verbarg sich hinter diesen kleinen Blättern. In 
sorgsamen Studien war der Abstand der Uniformknöpfe wie die Länge des 
Metallbeschlags an den Offiziersstöcken bis auf den Zoll vorher ausge- 
messen, und nachher erschien das peinlich Erforschte doch in voller künst- 
lerischer Lebendigkeit. Der Künstler wußte, daß alle wahrhaftige Geschichte 
grelle Farben trägt; er ließ sich's nicht verdrießen, selbst den Regiments- 
profoßen durch sein hartes Tagewerk hindurch zu verfolgen, und bildete ihn 
ab, wie er die Spießruten schneidet für die Strafen des nächsten Morgens. 
Vier Jahre nachher wurde die akademische Prachtausgabe der Werke 
Friedrichs vorbereitet; da verstand es sich schon von selbst, daß nur 
Menzel den Auftrag zur Ausführung der zweihundert Vignetten erhalten 
konnte. Dem Monarchen aber war offenbar nicht recht geheuer bei dem 
Realismus und der kriegerischen Kraft dieser friderizianischen Bilder; er 
besprach sich niemals mit dem Künstler, ließ sich niemals einen Entwurf 
vorlegen, obgleich er doch sonst so gern in der Kunst dilettierte. Während 
der sechsjährigen Arbeit erhielt Menzel vom Hofe nur die einzige Weisung,
        <pb n="413" />
        Adolf Menzel. 405 
daß keine Vignette die Höhe von 12 Zentimetern überschreiten dürfe.) 
So konnte er, gleich den Meistern unseres sechzehnten Jahrhunderts, die 
glückliche Freiheit des Holzschnittes ausgiebig benutzen und, wie jene, auf 
losen Blättern den ganzen Reichtum seiner Gedanken und Erfindungen 
entfalten; die dem entschlossenen Realismus immer drohende Gefahr der 
Überschreitung der Kunstgrenzen war ja in dieser fast schrankenlosen 
Darstellungsform nicht zu fürchten, und die Holzschneider Unzelmann, 
Vogel, Müller beherrschten die Technik schon so sicher, daß sie jeder Kühn- 
heit des Zeichners zu folgen vermochten. Die Bilder, mit denen er 
Friedrichs philosophische Aufsätze schmückte, verrieten deutlich, daß er selbst 
dem königlichen Freigeiste weit näher stand als dem romantischen Nach- 
fahren. Weibliche Anmut und gemütliche Beschaulichkeit lockten ihn nicht; 
sein Gebiet war das Denken und Schaffen der Männer. Durch seinen 
Stoff ward er tief in die Formenwelt des Barock= und Rokokostils ein- 
geführt; er liebte sie, ohne je in ihr unterzugehen; und wenn er an den 
Eingang der Geschichte Friedrichs das Bild des Schlüterschen Kurfürsten- 
denkmals mit dem alten Schlosse dahinter setzte, so war damit ebenso sehr 
ein ästhetischer wie ein historischer Gedanke ausgesprochen. Auch die reiche 
Kleinkunst dieser allzu hart gescholtenen Zeit brachte er durch seine Zeich- 
nungen zuerst wieder zu Ansehen. 
Eine Schule zu bilden, liegt nicht in der Neigung solcher starken, 
stolzen, durchaus eigenartigen Naturen; aber Menzels stille, mittelbare 
Wirksamkeit war ungeheuer, wenngleich sie sich erst langsam offenbarte. 
Als er nachher mit der Tafelrunde von Sanssouci die Reihe seiner 
großen Gemälde begann und darauf wieder, wie in seinen frühesten 
Jugendarbeiten, mitten hineingriff in das Leben der nächsten Gegen- 
wart, da konnte niemand mehr an seinen Werken vorübergehen; jeder 
Künstler sah sich gezwungen, einmal in diesen scharfen Spiegel zu schauen 
und sich zu fragen, ob er auch selbst noch wahr sei. Also brach für 
die deutsche Malerei eine neue Zeit an, reich an Erfolgen, späterhin 
auch reich an Verirrungen. Ganz deutsch in seinen Stoffen wie in seinen 
Empfindungen errang sich Menzel weit mehr, als es einem der alten 
Idealisten je gelungen war, die Bewunderung auch des Auslands; denn 
der Drang nach Lebenswahrheit, dem er einen so mächtigen Ausdruck gab, 
beherrschte die Gefühle des ganzen Zeitalters. 
Dasselbe Jahr, das Menzels Friedrichsbuch erscheinen sah, brachte 
auch der Bildnerkunst eine folgenreiche Entscheidung. Schon seit zwei 
Menschenaltern wurde in Berlin der Plan eines Denkmals für den großen 
König hin und her erwogen. Tassaert und Schadow, Schinkel und Rauch 
hatten in Vorschlägen gewetteifert, in der Mannigfaltigkeit dieser Pläne 
spiegelte sich der Wandel der Kunstempfindungen eines suchenden Jahr- 
  
*) Nach einer freundlichen Mitteilung von A. Menzel.
        <pb n="414" />
        406 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
hunderts treulich wieder. Als Rauch endlich mit der Ausführung beauf- 
tragt wurde, da sah er alsbald, daß Friedrichs stolze Wahrhaftigkeit sich 
mit klassischem Pomp sogar noch weniger vertrug als die schlichte Größe 
der Feldherren des Befreiungskrieges. Den alten Fritz, dessen Gestalt 
noch in aller Gedächtnis lebte, auf eine Trajanssäule stellen oder in einen 
Tempel oder als Triumphator auf eine Quadriga, wie noch Schinkel vor- 
geschlagen hatte, das hieß das Volksgefühl beleidigen; und von der volks- 
tümlichen Wirksamkeit der Kunst war Rauch ebenso tief überzeugt wie 
sein Liebling Rietschel, der dem Meister ermutigend schrieb: vom Volke 
begriffen werden, es erheben, begeistern, hierdurch erhält ein Kunstwerk 
die wahre Autorität. Auf Rauchs Antrag genehmigte der alte König ein 
halbes Jahr vor seinem Abscheiden die Errichtung eines großen Reiter- 
standbilds; es war die letzte gute Tat, die der anspruchslose und doch so 
still sinnige Mäcenas der deutschen Kunst erwies. Enthusiastisch ging der 
Nachfolger auf den Gedanken ein; er erlaubte, den Plan zu erweitern, 
am Sockel des Königsstandbilds den ganzen Heldenkreis der friderizianischen 
Zeiten in mächtigen Erzgestalten darzustellen und suchte dem Meister selbst 
bei der Komposition zu helfen. Künstler, Gelehrte, Offiziere wurden be- 
fragt, wer einen Platz auf dem Sockel verdiene. Die langwierigen Ver- 
handlungen erschienen fast wie ein historischer Familienrat des preu- 
ßischen Volks; man empfand die Macht einer noch in der Gegenwart fort- 
wirkenden großen Geschichte, alle die alten Soldatengeschlechter setzten ihren 
Stolz darein, daß ihre Ahnen auf dem nationalen Ehrendenkmal nicht 
fehlen sollten. 
Das geistvolle, dem Maler so willkommene Gesicht des großen Königs 
ließ sich unbeschattet vom Bildhauer kaum darstellen, da der Ausdruck 
ganz in den mächtigen Augen lag und das Profil nur zwei scharfe Linien 
zeigte. Darum mußte Rauch den Kopf Friedrichs mit dem Hute bedecken, 
wie die Hellenen den Zwiebelkopf ihres Perikles unter dem Helme ver- 
bargen. Als eine Erinnerung gleichsam an die früheren antikisierenden 
Entwürfe blieb nur der schwere Krönungsmantel, der dem Herrscher um 
die Schultern geschlagen zu dem Dreispitz, dem Krückstock, der Uniform 
wenig stimmte. Streng in der Tracht der Zeit wurden die Bildwerke 
des Sockels gehalten: die vier Reitergestalten der ersten Heerführer des 
Königs aus den Ecken hervorsprengend, dazwischen die dichte Schar der 
Generale, auf der Rückseite auch die Staatsmänner und Denker. Welch' 
eine Zumutung an den greisen Künstler, der soeben noch in der hellen 
Schönheit seiner Walhalla-Viktorien geschwelgt hatte, „diese sämtlich von 
einem Friseur mit gleicher Lockenzahl über dem Ohr frisierten Menschen“ 
mit ihrer häßlichen Tracht zu bekleiden; er fühlte sich zuweilen „geistig 
fertig“. Doch sein eiserner Wille hielt stand bei der ungeheueren Arbeit. 
Jedem der Köpfe, die er zumeist nur aus schlechten Bildnissen kannte, 
verstand er ein kräftiges persönliches Leben einzuhauchen; die bald ganz
        <pb n="415" />
        Rauchs Friedrichsdenkmal. Rietschel. 407 
frei, bald halbrund, bald flach aus dem Sockel heraustretenden Gestalten 
ordnete er so glücklich hinter= und nebeneinander, daß die Überzahl der 
Arme und Beine verdeckt blieb; die ruhige Gruppe der Männer des 
Friedens hob sich wirksam ab von den bewegteren der Kriegshelden. Das 
Werk reichte an die Majestät des Schlüterschen Kurfürstenstandbildes nicht 
ganz heran und erschien etwas steif durch den allzu hohen Aufbau; aber 
in diesem Jahrhundert war der deutschen Bildnerkunst noch nie eine so 
großartige Schöpfung gelungen. Leider konnte das Denkmal erst nach der 
Revolution enthüllt werden, vor einem verstimmten Geschlechte, das dem 
unglücklichen Könige für nichts mehr danken wollte. 
Gleich dem Meister wendete sich auch sein liebevoller Johannes, Ernst 
Rietschel, ohne die klassische Formenstrenge aufzugeben, einer schärfer 
charalterisierenden, realistischen Kunstweise zu. Der milde, fromme, kind- 
lich bescheidene Künstler ähnelte in manchen Charakterzügen seinem Freunde 
und Landsmanne Ludwig Richter. Nur war sein Geist weit freier, größer 
angelegt und durch eine harte Lebensschule gestählt. Wie ahnungsvoll 
hatte der blutarme Knabe einst von den Bergen seiner Lausitz hinüber- 
geschaut nach den fernen Türmen Dresdens; und als er dann in die er- 
sehnte Stadt des Glanzes und der Künste einzog, da kümmerte er wieder 
jahrelang hin, ratlos, führerlos, unter unfähigen Lehrern, in einer weichen 
romantischen Luft, oft ganz zerknirscht durch den Gedanken, daß der Bild- 
hauer für die Ewigkeit schaffen soll — bis ihm endlich Rauch eine neue 
Welt kraftvoller Schönheit aufschloß. Jetzt errang er zuerst einen durch- 
schlagenden Erfolg, als er in der Gruppe der Pieta einen tausendmal 
behandelten Stoff völlig neu und eigentümlich gestaltete, ebenso gemüt- 
voll wie die alten Nürnberger Meister, aber mit unvergleichlich reinerem 
Formensinne. 
Dann übertrugen ihm die Braunschweiger die Ausführung ihres 
Lessingstandbildes, und sofort machte er dieselbe Erfahrung wie Rauch 
beim Friedrichsdenkmal. Der Todfeind des gespreizten Römertums der 
französischen Tragödie konnte doch unmöglich in der Toga erscheinen, 
der stolze Verächter alles falschen Scheines unmöglich im Theatermantel. 
Rietschel entschloß sich also noch einen Schritt über den Meister hinaus 
zu wagen und den Helden selbst, so wie einst Schadow den alten Zieten, 
stark, schlicht und ehrlich, ohne jede schmückende Zutat, in der Tracht 
der Zeit hinzustellen, ein köstliches Bild deutschen Wahrheitstrotzes. Scha- 
dows Zieten war im Grunde nur eine akademische, zufällig in die Husaren- 
uniform gekleidete Gestalt; Rietschel ging darauf aus, daß Form und 
Inhalt seines Bildwerks vollkommen übereinstimmen sollten. Aus jeder 
Not ward ihm eine Tugend, den Haarbeutel benutzte er, um die freien 
Linien des wallenden Haares zu zeichnen, das enge kurze Beinkleid, um 
die gedrungene Kraft der Glieder zu zeigen. Auch dies lang und schwer 
durchdachte Werk gelangte erst nach den Stürmen der Revolution zum
        <pb n="416" />
        408 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
Abschluß. Also begann die Bildnerkunst auf die Höhe eines klassisch 
geschulten, dem Idealen nicht entfremdeten Realismus aufzusteigen; erst 
die Zukunft sollte erfahren, daß von diesem steilen Gipfel manche lockende 
Abwege niederwärts führten zur naturalistischen Roheit und malerischen 
Unruhe. 
An wahrhaft genialen Baumeistern besaß diese Zeit nur einen, Gott- 
fried Semper, und ihn versuchte König Friedrich Wilhelm seltsamer- 
weise niemals für sich zu gewinnen. Semper blieb in Dresden, und nach- 
dem der schöne Halbrundbau des Theaters mit dem reichen Bildnerschmucke 
Rietschels und Hähnels vollendet war, begann er den Bau des Neuen 
Museums, ein Werk, das alle architektonischen Unternehmungen des kunst- 
sinnigen Preußenkönigs leuchtend überstrahlte. Es war ein tollkühnes 
Unternehmen, die vierte, noch offene Seite des Zwingervierecks durch 
einen römischen Renaissancepalast auszufüllen; und doch fügte sich die 
reine, ruhige, an Bramante gemahnende Schönheit dieses Langbaues 
glücklich ein in die malerische Umgebung, sie hielt kräftig stand vor der 
überladenen Pracht der Rokoko-Pavillons gegenüber. Die heitere, warme 
Anmut der Innenräume stimmte jeden, der die schönste Galerie des 
Nordens betrat, sofort festlich und empfänglich. Auch dieser Bau und 
die verdiente Bewunderung, die er nach seiner späten Vollendung fand, 
bewiesen, wie unaufhaltsam dies erregte Geschlecht aus der klassischen Ein- 
fachheit der Schinkelschen Zeiten hinausstrebte. — 
  
Der frische politische Zug, der seit der Vertreibung der Göttinger 
Sieben die deutschen Hochschulen durchwehte, verstärkte sich noch von Jahr 
zu Jahr in diesem Zeitalter der ungeduldigen Erwartung; und es konnte 
nicht fehlen, daß die Gelehrten jetzt häufiger denn je zuvor mit den Waffen 
der Wissenschaft in den Kampf des Tages eintraten. Wie einst Fichte durch 
die Philosophie das Leben der Tat beherrschen wollte, ebenso, und mit 
demselben Pathos eines hohen sittlichen Berufes, faßte Dahlmann von 
jeher sein politisch-historisches Lehramt auf; er wollte aus den Tatsachen 
entwickeln, „wie man praktisch die Aufgaben der Staatskunst mehr oder 
minder glücklich gelöst“ habe, und also seinen Hörern den Weg zum eigenen 
Handeln weisen. Auf die Bitten seiner Freunde entschloß er sich jetzt, 
zwei seiner Kollegien, die Geschichte der englischen und der französischen 
Revolution in Buchform herauszugeben. In gedrungener Kürze, wie einst 
Micgnet, in einer markigen, das Gewissen erschütternden Sprache und mit 
erstaunlicher Kraft der Charakterzeichnung schilderte er hier die beiden 
großen Umwälzungen. Mignet freilich war so glücklich, die Geschichte seines 
Vaterlandes zu erzählen, und seine Schrift vermochte, auch nachdem sie 
wissenschaftlich überwunden war, als ein Erinnerungsbuch des nationalen
        <pb n="417" />
        Semper. Dahlmanns zwei Revolutionen. 409 
Ruhmes noch lange unter den Franzosen fortzuleben. Dahlmann sollte — 
so mühselig war noch der Entwicklungsgang deutscher Historiker — nie— 
mals dazu gelangen, die Geschichte des Volkes zu schreiben, dem doch all 
sein Denken galt, und die Darstellung der beiden ausländischen Revolu— 
tionen, die er jetzt seiner Nation vorhielt, damit sie die herbe Frucht der 
Selbsterkenntnis pflückte, konnte nur so lange das Herz der Deutschen 
fesseln, als sie selber noch glaubten, daß fremde Nationen ihnen einfach 
zum Vorbilde dienen müßten. In dieser kurzen Zeit aber, etwa ein Jahr— 
zehnt hindurch, wirkten die beiden Büchlein sehr stark und heilsam. Sie 
wurden die Sturmvögel der deutschen Revolution. 
Zum ersten Male gelang es dem ernsten, wortkargen Manne, auch 
die breiten Massen des gebildeten Mittelstandes hinzureißen. In unzähligen 
Landtags-Anträgen und -Reden der nächsten Jahre klangen Dahlmanns 
Kernworte wieder; und wie einstmals die Damen der Pariser Salons arglos 
gespielt hatten mit den Ideen Voltaires und Rousseaus, welche bald die 
alte französische Gesellschaft in ihren Flammen verzehren sollten, so wurden 
jetzt die zwei Revolutionen Dahlmanns nicht bloß von der liberalen Prin- 
zessin von Preußen, sondern auch an hochkonservativen deutschen Fürsten- 
höfen eifrig gelesen. Furchtbar ernst klang aus beiden Büchern das porro 
unum est necessarium heraus, die Forderung, daß Preußen zu kon- 
stitutionellen Einrichtungen übergehen müsse. „Unverrückt“, so hieß es 
kurzab, „weist der große Zuchtmeister der Welt immerfort auf dieselbe 
Aufgabe hin.“ Obgleich Dahlmann, ganz frei von Schlossers morali- 
sierender Strenge, auch die Gegner mit menschenfreundlichem Humor zu 
würdigen wußte, so sprach er doch seine politischen Ideen mit einem solchen 
Nachdruck aus, daß die Zweifelnden sich sittlich beschämt und entmutigt 
fühlen mußten. 
In der bewußten und gewollten Einseitigkeit dieser Grundgedanken lag 
gerade die Stärke der beiden Bücher; denn wer in den Zeiten großer vater— 
ländischer Kämpfe ganz unbefangen und leidenschaftslos zu bleiben vermag, 
der verdient nicht, sie zu erleben. Niebuhrs Vorlesungen über das Revo— 
lutionszeitalter, die fast zur selben Zeit gedruckt erschienen, ließen die 
Leserwelt kalt, denn aus ihnen redete die fast verschollene Gesinnung der 
Restaurationsjahre Dahlmann verkündete, was die Gegenwart stürmisch 
forderte. Den Zunftgelehrten bot er der Blößen genug. Wenn der Histo— 
riker immer nur einen Ausschnitt aus der Fülle des Geschehenen zu geben 
vermag, so war hier die Grenze doch sehr willkürlich gezogen: die aus— 
wärtige Politik und die sozialen Verhältnisse traten ganz zurück; beide 
Revolutionen erschienen nur wie Kämpfe um Verfassungsfragen. Die 
wenig selbständige Forschung entlehnte viel, hier von Guizot, dort von 
Droz; den Vorkämpfern der konstitutionell-monarchischen Gedanken ward 
übermäßige Bewunderung gezollt, Hampden erhielt die Stelle zugewiesen, 
die allein dem Protektor Cromwell gehört, und Mirabeau erschien auf
        <pb n="418" />
        410 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
einer Höhe, welche wohl seinem dämonischen Genie, doch nicht seiner 
politischen Tätigkeit gebührt. Trotz alledem bewiesen beide Schriften 
durch ihre mächtige Wirksamkeit, wie hoch das politische Denken und 
Wollen über der gelehrten Forschung steht; sie sprachen das rechte Wort 
zur rechten Zeit, sie zwangen auch die kleinmütigen deutschen Historiker, 
fortan mit ihrem politischen Urteil nicht mehr ängstlich hinter dem Berge 
zu halten, und erhoben den tapferen Verfasser für einige Jahre zum ver- 
ehrten politischen Führer unserer Gelehrtenwelt. Wie eine Weissagung 
klang sein Ausspruch, daß „die monarchische Unumschränktheit ihre unver- 
geßliche Zeit gehabt hat, gegenwärtig aber, verlassen von dem Glauben 
der Völker, ein so eitles Geräusch treibt, wie die klappernden Speichen 
eines Rades, dessen Nabe zerbrochen ist.“ 
Noch schärfer und kühner verkündete J. G. Droysen die Forderungen 
der Gegenwart in seiner Geschichte der Freiheitskriege. Aufgewachsen in 
einem stillen pommerschen Pfarrhause war Droysen früh in die Kreise 
der höchsten künstlerischen und wissenschaftlichen Bildung Berlins einge- 
treten und hatte seine vielseitige Begabung schon durch die geistvolle Über- 
setzung des Aschylus und Aristophanes bewährt, nachher durch die Ge- 
schichte Alexanders, ein Buch voll schöner jugendlicher Begeisterung, das 
freilich nach Hegels Weise den unterliegenden Parteien meist unrecht gab. 
Unter Freiheitskriegen verstand er die gesamte große Bewegung, welche 
seit der Erhebung Nordamerikas bis zu den Pariser Friedensschlüssen die 
gesittete Welt erschüttert hatte. Das Buch konnte und wollte nur ein 
erster Versuch sein, den Deutschen ein Bewußtsein von dem Ideengehalte 
dieser reichen Zeit zu erwecken. Die Darstellung der Tatsachen mußte 
mangelhaft bleiben, da die deutschen Archive noch verschlossen lagen; die 
Erzählung ward durch die Reflexion noch stark überwogen, die Geschichte 
erschien mehr als ein dialektischer Prozeß, denn als ein Kampf wollender 
Männer. Aber klar und lebendig trat das letzte Ziel der langen Ent- 
wicklung heraus: das nationale Preußen, das seinem Sondergeist ent- 
wachsend mehr und mehr im deutschen Namen untergehen müsse. Voll- 
ständig, erschöpfend wie in keinem anderen Buche dieser Jahre ward das 
ganze Programm des gemäßigten Liberalismus dahin zusammengefaßt: 
nationale Selbständigkeit und Einheit; grundgesetzliche Rechtssicherheit; ein 
wahrhaftes Staatsbürgertum, gegründet auf kommunaler und reichsstän- 
discher Freiheit; gerechte Autonomie in allen Lebenskreisen, deren Zweck 
nicht der Staat ist. In der Summe dieser Forderungen sah Droysen, da 
er von der Doktrin der Menschenrechte doch noch nicht ganz loskam, die 
königliche Vollfreiheit des sittlichen Menschen, und in dieser — nach Schöns 
bekanntem Ausspruch — den unerschütterlichen Pfeiler jedes Thrones. König 
Friedrich Wilhelm hatte sich in die Welt seiner ständischen Gliederung schon 
so tief eingesponnen, daß er selbst diese maßvoll und edel vorgetragenen 
Gedanken nicht mehr verwinden konnte. Den ersten Band des Buchs
        <pb n="419" />
        Droysen. Historische Satiren. 411 
nahm er mit kühlem Danke an, den zweiten ließ er ungnädig dem Ver- 
fasser zurücksenden.“) 
Dahlmann und Droysen gebrauchten nur das gute Recht des Histo- 
rikers, wenn sie aus den Erfahrungen der Vergangenheit ernste Lehren 
für die Gegenwart zu gewinnen suchten. Aber neben dieser berechtigten 
Tendenz wagte sich auch die unberechtigte des boshaften Anspielens und 
des versteckten Anwinkens hervor, ein schlechtes Handwerk, das sich mit 
der Würde der Geschichte nie verträgt. David Fr. Strauß hatte die 
letzten Jahre, tief daniedergedrückt durch seine unglückliche Ehe mit der 
schönen Sängerin Agnese Schebest, ganz untätig verbracht; und recht 
genesen war er auch noch nicht, als er, der ehelichen Fesseln endlich ledig, 
seine streitbare Feder wieder ergriff und den lange verhaltenen Groll wider 
König Friedrich Wilhelm in der Flugschrift „der Romantiker auf dem 
Throne der Cäsaren“ entlud. Das Beste daran war der witzige Titel, 
der denn auch genügte, der sehr wenig gelesenen Schrift einen in Zei- 
tungen und Büchern dauernden Ruhm zu verschaffen. Julianus, der ge- 
waltige Feldherr, der ernste, prosaische, ganz in politischen Sorgen auf- 
gehende Staatsmann wurde hier mit dem romantischen Preußenkönige 
verglichen, weil der gestrenge Römer die alte mit dem römischen Staate un- 
zertrennlich verwachsene Staatsreligion wiederherzustellen versucht hatte 
und das Christentum, nach Straußens Ansicht, heutzutage ebenso verlebt 
sein sollte wie damals das Heidentum. Nur der verblendete Haß konnte 
zwei in Art und Unart so grundverschiedene Charaktere nebeneinander 
stellen, und die frostigen Witze über den romantischen Dombau des Tempels 
von Jerusalem oder über Julians altgläubige Kabinettsordres ließen den 
abgeschmackten Einfall nur noch widerlicher erscheinen. 
Geistreicher, kräftiger als Strauß schwang einige Jahre nach der 
Revolution sein Landsmann, der Bonner Historiker Otto Abel die Geißel 
der Satire, indem er einen — dem preußischen Monarchen unverkenn— 
bar verwandten — Charakter schilderte, Theodat, den König der Ostgoten, 
den gelehrten Schwächling, der durch friedensselige Tatenscheu das glor— 
reiche Erbe großer Vorfahren zerstörte. Abel schrieb nicht mit der 
Bosheit des Parteihasses, sondern mit tiefem patriotischem Schmerze, 
er störte seine Erzählung durch kein einziges Wort unmittelbarer An— 
spielung, und noch heute, da die Halbwahrheit aller solcher historischen 
Vergleichungen von der ruhigeren Nachwelt längst durchschaut ist, kann 
seine Schrift als ein kleines Meisterstück historischer Charakteristik mit 
unbefangener Freude genossen werden. Was Strauß nur in einem übel— 
launigen Capriccio flüchtig andeutete, das führte der Berliner Historiker 
Adolf Schmidt in der ganzen Breite gelehrter Pedanterei schwerfällig 
aus. Seine „Geschichte der Denk- und Glaubensfreiheit“ unter den ersten 
  
*; Nach einer brieflichen Mitteilung von J. G. Droysen.
        <pb n="420" />
        412 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
Cäsaren behandelte „das Verhältnis der Monarchie zu den Wirkungen der 
Aufklärung, Monarchie und Kultus im Bunde gegen die Glaubensfreiheit“ 
— und was der plumpen Andeutungen mehr war. Friedrich Wilhelm und 
Tiberius, Eichhorn und Sejan erschienen hier wie nahe Gesinnungsver- 
wandte; die auf beiden Füßen hinkenden Vergleichungen, die hämischen 
Sticheleien und Nutzanwendungen verzerrten das Bild der Vergangenheit 
gänzlich, aber die von Parteihaß zerwühlte Zeit bewunderte selbst ein so 
giftiges Buch. 
Für das starke Selbstgefühl dieser konstitutionellen Gelehrten war es 
ein harter Schlag, daß der größte deutsche Historiker ihren Bestrebungen 
fast ebenso kühl gegenüberstand wie einst Erasmus den Kämpfen Luthers. 
Ranke genoß der persönlichen Freundschaft König Friedrich Wilhelms und 
folgte der neuen Regierung mit hoffnungsvollem Vertrauen. Jeder Ten- 
denz, zu allermeist der liberalen, abhold, vollendete er jetzt mit staunens- 
werter Fruchtbarkeit die deutsche Geschichte im Zeitalter der Reforma- 
tion, das wissenschaftlich wertvollste unter allen seinen bisherigen Werken. 
Wunderbar, wie wenig die Deutschen von dem folgenreichsten Jahrhundert 
ihrer Vorzeit noch kannten. Die Schriftsteller der Aufklärung hatten die 
Zeit der Reformation wenig beachtet oder sie wohl gar, wie König Friedrich 
tat, ins Platt-Alltägliche hinabgezogen; Schiller, dessen genialer In- 
stinkt die einzige Größe jenes Zeitalters sofort durchschaute, konnte die 
Tage Luthers nur mit einigen beiläufigen geistvollen Bemerkungen streifen, 
weil es der Stoff seiner beiden Geschichtswerke so verlangte. Seitdem 
blieb die Geschichte unseres sechzehnten Jahrhunderts vornehmlich den theo- 
logischen Kirchenhistorikern überlassen, die sich denn nach ihrer Weise die 
weltumgestaltende Bewegung als einen Kampf dogmatischer Systeme zu- 
rechtlegten. Ranke zuerst wagte die politische Geschichte des Zeitraums 
zu schreiben, auf Grund der Reichstagsakten sowie zahlreicher anderer 
archivalischer Fünde, und er hob die entscheidenden Männer, die bestimmen- 
den Tatsachen aus der Flucht der Erscheinungen so sicher heraus, daß 
er mit gerechtem Selbstgefühle sagen durfte, „spätere Entdeckungen würden 
zwar wohl das einzelne näher bestimmen, aber die Grundwahrnehmungen 
doch zuletzt bestätigen müssen.“ 
Die Mehrzahl der Leser kannte nur die den Aufklärern wie den 
Jesuiten gleich geläufige Behauptung, daß die Gier nach dem Kirchengute 
die Politik der deutschen Fürsten wesentlich bestimmt haben sollte; eine 
neue Welt ging ihnen auf, als ihnen hier das feine Geäder der diplomati- 
schen Verhandlungen bloßgelegt und im einzelnen nachgewiesen wurde, wie 
die politischen und die kirchlichen Gegensätze einander fort und fort bald 
bedingt, bald durchkreuzt hatten. Noch stärker fast als die Fülle der neuen 
Mitteilungen überraschte das selbständige Urteil, das längst bekannten, 
unverstandenen Tatsachen sofort ihre historische Stellung sicherte; wer 
hatte vordem je bemerkt, daß die eigentliche Kirchenspaltung, die Bildung
        <pb n="421" />
        Rankes Reformationsgeschichte. 413 
selbständiger Landeskirchen im Reiche, zuerst von den Altgläubigen aus— 
gegangen und die Evangelischen dem verhängnisvollen Beispiele der Gegner 
nur gefolgt waren? Auch hier behielt Ranke die Universalgeschichte stets 
im Auge; doch da zu Luthers Zeiten die den Weltteil beherrschende 
religiöse Bewegung in Deutschland entsprang „und zwar in der echten 
reinen Tiefe und eingeborenen Macht des deutschen Geistes“, so konnte 
er diesmal bei den Zuständen des Vaterlandes behaglich verweilen. Daß 
sein neues Werk in künstlerischer Abrundung der Geschichte der Päpste 
nicht ganz gleich kam, gestand er selbst; denn unter allen historischen 
Stoffen ist keiner so tiefsinnig, aber auch keiner so formlos wie die deutsche 
Geschichte. Auch fühlte sich Rankes aristokratische Natur an den feinge— 
bildeten Höfen Italiens offenbar heimischer als in dem vollsaftigen, derb 
humoristischen, bis zur Unfläterei männischen Volksleben unseres sech— 
zehnten Jahrhunderts. Die Massenbewegungen blieben ihm unheimlich; 
der Vernunft, die in den wilden sozialen Leidenschaften des Bauernkrieges 
lag, wurde er nicht ganz gerecht. 
Er äußerte zuweilen: ich möchte mein Selbst auslöschen, wenn ich 
die Dinge genau so sehen könnte, wie sie waren; und geistlose Schüler, 
die kein Selbst zu verlieren hatten, beeiferten sich dies Wort, das eben 
nur den tiefen Wahrheitsdrang des Meisters drastisch aussprach, wohlge— 
fällig umherzutragen, gleich als ob sie damit ihre eigene Blöße verdecken 
könnten. Doch unzweifelhaft wollte er nicht im Ernst behaupten, das 
physisch Unmögliche und sittlich Verwerfliche sei ein wissenschaftliches Ideal. 
In der Reformationsgeschichte war sein Selbst mit nichten ausgelöscht; 
seine warme und tiefe evangelische Überzeugung verleugnete sich nirgends, 
und obschon ihm der konservative alte Luther unverkennbar teuerer war 
als der radikale Himmelsstürmer der ersten Wittenberger Zeiten, so zeich- 
nete er doch die sittliche Größe der deutschen Reformatoren mit so sicherem 
Verständnis, daß die Ultramontanen ihn seitdem immer als einen gefähr- 
lichen Feind gehaßt haben. Eine einfache Stufenfolge menschlicher Entwick- 
lung schien ihm, wie seinem königlichen Freunde, unvereinbar mit der Ge- 
rechtigkeit Gottes, und wiewohl er zugab, daß die unerforschliche Schöpfer- 
kraft der Geschichte edle und unedle Völker, hoch und niedrig begabte Gene- 
rationen, darum auch große und kleine Zeiten hervorbringt, so blieb es 
doch sein Lebensglück, in jeder Zeit einen Strahl der göttlichen Vernunft 
aufzufinden. Diese recht eigentlich fromme Überzeugung gab allen seinen 
Werken einen Zug ruhiger Weisheit. 
Die Ausländer fanden es fast unbegreiflich, daß gerade ein deutscher 
Gelehrter unternahm, eine bisher ganz der Gottesgelahrtheit anheimgegebene 
Epoche politisch zu beurteilen. Daheim erlangte Ranke erst durch dies Werk 
die Stellung, welche ihm in der Weltliteratur schon durch die Geschichte 
der Päpste gesichert war. Allgemein war die Bewunderung freilich auch 
jetzt noch nicht. Wenn ein Buch erscheint, das nur einer schreiben konnte,
        <pb n="422" />
        414 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
dann regt sich überall die Scheelsucht gemeiner Seelen. In Völkern von 
altbefestigtem Stolze wird solcher Kleinsinn gebändigt durch den nationalen 
Instinkt, der sich den einen doch nicht rauben lassen will. In Deutschland 
bestand diese Schranke des Neides nicht. Mit philosophischem Selbstge— 
fühle blickten die Kritiker der Deutschen Jahrbücher auf Rankes „Halb— 
gedanken“ hernieder und belehrten ihn herablassend über historische Tat— 
sachen, deren Dasein sie selber erst aus seinem Werke erfahren hatten. 
Auch reichgebildete Männer konnten den liberalen Parteihaß nicht über— 
winden; in den Kreisen Humboldts und Varnhagens stellte man F. v. 
Raumer, ja sogar den treufleißigen, harmlosen Sammler Preuß weit 
über den Verfasser der Reformationsgeschichte. 
Die abgünstigen Urteile äußerten sich noch dreister, als darauf die 
Neun Bücher preußischer Geschichte erschienen. Nachdem Stenzel, der gründ— 
liche Kenner deutsch-slawischen Grenzerlebens, zuerst versucht hatte, die Ge- 
schichte des preußischen Staates von den ältesten Zeiten an gemeinverständ- 
lich, im Geiste des gemäßigten Liberalismus darzustellen, wagte sich Ranke 
an einen ihrer bedeutsamsten Abschnitte, an die Zeiten, da das absolute 
Königtum den Staat erst im Innern neu gestaltete, dann durch die beiden 
ersten schlesischen Kriege zur Großmacht emporhob, und wieder erschloß er 
dem historischen Urteil einen neuen Gesichtskreis. Zur Verwunderung 
seines königlichen Gönners bewies er zuerst, daß Friedrich Wilhelm I. der 
schöpferische Organisator unserer Verwaltung war, und sagte schon voraus, 
welch ein Schatz politischer Belehrung noch zu heben sei, wenn dereinst 
die Geschichte der preußischen Verwaltung im Zusammenhange, auf Grund 
umfassender Aktenforschung geschildert würde. Dies Urteil berührte sich 
zwar mit der Ansicht Schöns, der dem Wiederhersteller Litauens immer 
dankbare Verehrung bewahrte; die liberale Durchschnittsmeinung jedoch 
ließ sich das altüberlieferte Zerrbild des rohen, bildungslosen „Natur- 
menschen“ Friedrich Wilhelm so schnell nicht nehmen. Ohnehin zeigte 
die nach konstitutionellen Formen drängende Zeit wenig Sinn für die 
großen Tage königlicher Machtvollkommenheit. Das Buch erwärmte nie- 
mand; die elegante, kühl diplomatische Erzählung, die über Friedrichs I. 
auswärtige Politik und andere schwache Stellen unserer Geschichte leicht 
hinwegglitt, stand in auffälligem Gegensatze zu der grellen Lebenswahrheit 
der Menzelschen Zeichnungen. So ward denn dies Werk anfangs sehr 
undankbar ausgenommen; an ihm bewährte sich noch mehr als an den 
meisten anderen Schriften Rankes, daß seine neuen Ideen immer erst 
einer Reihe von Jahren bedurften, bis sie von der Nation ganz ver- 
standen wurden. i"« 
Rankes friedfertigen Geist wähnte man mit spöttischer Geringschätzung 
abfertigen zu können. Den überschwenglichen Haß der liberalen öffentlichen 
Meinung aber bekam Stahl zu empfinden, der tapfere Staatsrechtslehrer 
der strengkonservativen Richtung, der einzige große politische Kopf unter allen
        <pb n="423" />
        Stahls Rechtsphilosophie. 415 
Denkern jüdischen Blutes. Einem Volke, das seit Jahrhunderten seinen natio- 
nalen Staat verloren hatte, mußte die lebendige Staatsgesinnung fremd blei- 
ben; selbst die zwei politischen Schriften Spinozas verdankten ihren Ruhm 
nur ihrer mächtigen dialektischen Kraft, nicht der politischen Einsicht. Stahl 
dagegen wurde so ganz zum Christen und zum Preußen, daß seine Stamm- 
genossen ihn bald nicht mehr zu den Ihrigen zählen wollten. Er hatte 
sich, durchaus selbständig, an den Ideen der historischen Rechtsschule ge- 
bildet. In seiner Rechtsphilosophie widerlegte er zunächst die unlebendigen 
Abstraktionen der Naturrechtslehre und erwies schlagend, daß es überall 
nur ein positives, historisch gewordenes Recht geben kann. Nachdem er 
also die Gegner überwunden, unternahm er sodann, „auf der Grundlage 
christlicher Weltanschauung“ ein System der Staats= und Rechtslehre auf- 
zubauen, und hier verirrte sich sein scharfer und tiefer Geist doch in die 
Irrwege jener phantastischen Schellingschen Methode, welche dem Denker, 
sobald er sich zur Idee des Universums erhoben hätte, das Recht zusprach, 
die höchsten Probleme ohne Beweise, allein aus der Anschauung jener Idee 
heraus, zu erklären. Stahl erkannte, daß alles Recht seinen Inhalt aus 
dem nationalen Bewußtsein, sein Ansehen durch sich selbst empfängt, seinen 
letzten Grund jedoch nur in dem Gebote des lebendigen, persönlichen, das 
persönliche Leben der Geschichte beherrschenden Gottes haben kann, ganz 
wie das Gewissen der Völker und der einzelnen, das je nach Zeit und 
Ort so Verschiedenes aussagt, doch die allen gemeinsame Vorstellung von 
einem höchsten sittlichen Gute, vom Willen Gottes enthält. Allein er glaubte 
von diesem Ethos, diesem Gebote Gottes mehr zu wissen, als Sterblichen 
zu erkennen bestimmt ist; er schrieb dem menschlich notwendigen Staate 
zugleich einen göttlichen Charakter zu und wollte in den Geschicken des 
Staates eine mittelbare Einwirkung des göttlichen Willens erkennen, der- 
gestalt daß überall selbst die bestimmten Personen der Obrigkeit göttlicher 
Weihe teilhaftig sein sollten. So geriet er in das Gebiet des Unbeweis- 
baren und stellte gerade bei der Erörterung der politischen Grundbegriffe 
statt wissenschaftlicher Sätze oftmals nur willkürliche subjektive Behaup- 
tungen auf, die er freilich mit dem ganzen Nachdruck einer innerlich er- 
lebten religiösen Überzeugung vortrug. 
Aber wie gröblich verkannte man ihn doch, wenn man ihn darum 
einen Mystiker schalt. Wie er einst als bayrischer Abgeordneter die Rechte 
des Landtags tapfer verteidigt hatte, so blieb er sein Lebelang ein ab- 
gesagter Feind aller Staatsstreiche, aller polizeilichen Willkür. Ein ganz 
moderner Mensch bekämpfte er Adam Müllers theokratische Ideen ebenso 
entschieden wie Hallers altständische Staatslehre und erklärte geradehin, 
der innerste Lebenstrieb des Zeitalters bekunde sich überall in dem Drange, 
den Partikularismus der Stände durch die nationale Einheit, die patri- 
moniale Staatsanschauung durch die staatliche, konstitutionelle zu über- 
winden. Obwohl er den Traum eines Staatsideals verwarf, so hielt er
        <pb n="424" />
        416 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
doch die konstitutionelle Monarchie für die tiefsinnigste der bestehenden 
Staatsformen, wenn sie nur christlich sei, und mit ihr allein befaßten sich 
die Hauptabschnitte seiner Staatslehre; denn sein praktischer, ganz auf 
das Wirkliche gerichteter Geist verlangte nach den Kämpfen der Gegenwart. 
Gelehrte Untersuchungen über die Verfassungsformen der Vergangenheit 
reizten ihn nicht, auch hätte sein mäßiges historisches Wissen dazu schwerlich 
ausgereicht. Die Idee des christlichen Staates verstand er in einem großen 
und freien Sinne; er wollte keineswegs eine Staatskirche, sondern forderte 
nur, daß der Staat in Verfassung, Rechtspflege und Verwaltung die christ- 
liche Wahrheit befolgen, die Kirchen beschützen, in seinen öffentlichen Hand- 
lungen sich selbst zum Christentum bekennen und demnach den Nicht- 
christen zwar alle bürgerlichen, doch nicht die politischen Rechte und Amter 
einräumen solle. 
Als die Entscheidung der preußischen Verfassungskämpfe herannahte, 
verlangte Stahl (1845) in dem meisterhaft geschriebenen Büchlein über 
„das monarchische Prinzip“ beschließende, regelmäßig wiederkehrende 
Reichsstände, damit die Krone nicht durch die Macht der Ereignisse über- 
holt würde. Doch zugleich erwies er, welche Schranken der konstitutio- 
nellen Ideen durch Deutschlands monarchische Geschichte gesetzt sind, und 
mochte er auch über einzelne Fragen allzu ängstlich urteilen, so ver- 
diente er doch wahrlich nicht, daß Dahlmann ihn verspottete; denn welt- 
kundiger als Dahlmann selbst erkannte er gerade die gefährlichsten Irr- 
tümer der herrschenden liberalen Doktrin, Irrtümer, von denen sich erst 
ein späteres Geschlecht nach schweren Erfahrungen befreit hat. Er zeigte 
den Aberwitz des unbeschränkten Widerstandsrechts, die Unmöglichkeit einer 
allgemeinen Steuerverweigerung und erwies siegreich, daß Preußens demo- 
kratisierte Gesellschaft weder die Herrschaftder Parlamentsmehrheit ertragen, 
noch des persönlichen Willens der Krone entbehren kann; was er sodann 
über die Gefahren der reinen Kopfzahlwahlen sagte, beginnt erst heute 
ganz verstanden zu werden. Er wünschte einen ständisch gegliederten Reichs- 
tag, der alle die großen sozialen Gegensätze der modernen Gesellschaft in 
sich enthalten, insgesamt aber nicht die Interessen der einzelnen Stände, 
sondern die einige Nation vertreten sollte, und war also berechtigt, diese 
ständische Monarchie konstitutionell zu nennen. Unter den systematischen 
Theoretikern der hochkonservativen Parteien stand Stahl ebenso unver- 
gleichlich da wie Gentz unter ihren Publizisten. Die Zeit war jedoch nicht 
in der Stimmung, ihm gerecht zu werden. Schon der Name des christlichen 
Staates genügte, um die vom Judentum beherrschte Presse wider ihn 
aufzuregen; und allerdings beurteilte er die inner-kirchlichen Fragen von 
Haus aus weit weniger unbefangen als die politischen. Wohl infolge 
seiner bayrischen Erfahrungen verlangte er für den Lehrstand der evan- 
gelischen Kirche eine Macht, die sich mit der evangelischen Freiheit nicht 
mehr vertrug. Also beständig ankämpfend wider die öffentliche Meinung,
        <pb n="425" />
        Gervinus. 417 
nachher wider die Unzucht der Revolution wurde der gemäßigte Mann, 
der in der Polemik auch gehässige Feinde stets würdig behandelte, mehr 
und mehr in das Lager der Reaktion hinübergedrängt und gelangte schließ— 
lich so weit, daß ihm der Gegensatz von Legitimität und Revolution, von 
Glauben und Unglauben als der einzige Inhalt der wandelreichen Men— 
schengeschichte erschien — eine unlebendige Abstraktion, die er in solcher 
Härte früherhin nie ausgesprochen hatte. 
Wie durch eines Himmels Weite getrennt, stand diesem Denker G. G. 
Gervinus gegenüber, der jüngste der Göttinger Sieben, dessen Schriften die 
liberale Welt fast noch stärker ergriffen als Dahlmanns Zwei Revolutionen. 
Gervinus hatte seine Jugend als Kaufmann zu Darmstadt verlebt und sich 
nachher in Heidelberg, mächtig angeregt durch Schlossers moralisierende 
Geschichtsbehandlung, mit eisernem Fleiße zum Gelehrten herangebildet — 
ein reicher, vielseitiger, aber unharmonischer Geist, voll sittlichen Ernstes 
und doch lieblos, launenhaft, rechthaberisch; sprudelnd von Einfällen und 
doch ohne spekulativen Tiefsinn, voll künstlerischer Neigungen und doch 
ohne jedes Stilgefühl; voll patriotischer Leidenschaft und doch ohne poli- 
tisches Talent. Frei von Eigennutz und kleiner gesellschaftlicher Eitelkeit 
behandelte er weiche, anschmiegende junge Männer mit väterlichem Wohl- 
wollen; stärkere Naturen, die schon eigene Gedanken hegten, fühlten sich oft 
niedergedrückt in seiner Nähe. Er selbst erkannte die seltsamen Widersprüche 
seiner Begabung niemals; denn sein von Haus aus unbändiges Selbstge- 
fühl wurde noch verstärkt durch zwei Empfindungen, die einander gemeinhin 
auszuschließen pflegen: durch den Stolz des Autodidakten und den Zunft- 
dünkel des Professors. Als er sich dann durch sein tapferes Verhalten unter 
den Göttinger Sieben frühen Ruhm erworben hatte und nachher jahrelang 
fast ohne amtliche Tätigkeit dahinlebte, ohne Kinder, vergöttert von einer 
liebevollen Frau, verwöhnt durch die Freundschaft weit älterer und grö- 
ßerer Männer, Dahlmanns und der Brüder Grimm, da spanner sich immer 
tiefer ein in sein erhabenes sittliches Ich und gelangte zu einer doktrinären 
Unfehlbarkeit, die in einer Zeit weltverwandelnder Geschicke zuletzt not- 
wendig durch eine tragische Demütigung gezüchtigt werden mußte. 
Von früh auf hegte er den Ehrgeiz, durch wissenschaftliche Werke 
praktische Zwecke zu erreichen, die Nation zum sittlich-politischen Handeln 
anzuregen, und als er zuerst den Plan eines größeren Werkes faßte, da 
ließ er dem Verleger die Wahl zwischen einer Geschichte der neuesten Zeit, 
einer Politik und einer Literaturgeschichte. Der Buchhändler wählte das 
letzte, und so entstand das beste von Gervinus' Werken, die Geschichte der 
deutschen Dichtung, ein Buch von bleibendem Werte, das die Wissenschaft 
der deutschen Literaturgeschichte im Grunde erst geschaffen hat. Bisher 
hatte nur Goethe in Wahrheit und Dichtung von den Anfängen unserer 
klassischen Literatur ein wahrhaft historisches Bild gegeben. Sonst war 
die Geschichte deutscher Dichtung nur ästhetisch oder in lexikographischer 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 27
        <pb n="426" />
        418 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
Aufzählung behandelt worden, selbst Schlosser ließ die literarische Bewe- 
gung und die politischen Machtkämpfe noch ganz unvermittelt nebeneinander 
hergehen. Erst Gervinus versuchte die Wechselwirkung beider zu begreifen, 
den Stammbaum unserer literarischen Ideen nachzuweisen, das Werden 
der Dichtung im Zusammenhange mit den Schicksalen, den Taten, den 
Empfindungen der Nation, mithin in seiner Notwendigkeit aufzufassen. 
Indem er also Goethes Spuren folgte, zeigte er einen Weg, den keiner 
seiner zahlreichen Nachfolger ganz verlassen konnte, und gab auch ver- 
wandten Fächern eine heilsame Anregung. Um dieselbe Zeit unter- 
nahmen Schnaase und Kugler, beide noch suchend und mit stark sub- 
jektivem Urteil, die Kunstgeschichte als ein Ganzes darzustellen. Un- 
ausbleiblich mußten bei der ersten Bewältigung eines so massenhaften 
Stoffes viele Irrtümer mit unterlaufen, und ebenso unvermeidlich war 
der zweischneidige Erfolg dieser jungen Wissenschaft: den einen erweckte 
sie ein denkendes Bewußtsein unseres ästhetischen Werdeganges, die anderen 
bestärkte sie in der Modetorheit des Jahrhunderts der Konversations- 
lexika, in der Neigung, über ungelesene Bücher vorlaut abzusprechen. 
Leider krankte dies grundlegende Werk an barbarischer Formlosigkeit. 
Der Kritiker, der alle deutschen Schriftsteller, sogar einen Goethe, wegen 
ihres Stiles meisterte, konnte selber nicht deutsch schreiben: keuchend, 
zerzaust und zerfetzt kam der Leser wieder ins Freie, wenn er sich eine 
Weile durch das Dorngestrüpp der verfitzten Gervinusschen Sätze hindurch- 
gearbeitet hatte. Und welch ein unleidlicher griesgrämischer Ton klang 
durch das Werk. Die alte norddeutsche Todsünde der Tadelsucht fand in 
diesem Süddeutschen ihren nie übertroffenen Meister. 
Wessen er fähig war im Zanken und Schelten, das hatte er schon 
vor Jahren bewiesen durch sein abscheuliches Büchlein „über den Goethischen 
Briefwechsel“. Damals, wenige Jahre nach des Dichters Tode, meinte sich 
der dreißigjährige junge Mann berechtigt, „gegen die wunderliche Goetho- 
manie unserer Tage“, die doch nur in sehr engen Kreisen herrschte, zu 
Felde zu ziehen, und er wagte dem wahrhaftigsten aller Menschen vorzu- 
werfen, Goethes letzte Schriften und Briefe seien nur geschrieben, „um 
das Publikum zu mystifizieren“, gleich den Memoiren von St. Helena! 
Wenn der erste unserer Dichter also verleumdet wurde, was konnten die 
übrigen erwarten? Warmen Dank empfing eigentlich nur Lessing, der als ein 
Held der Aufklärung bei Gervinus ebenso hoch in Gunst stand wie bei seinem 
Lehrer Schlosser. Fast alle anderen Dichter mußten einen solchen Schwall 
von Ermahnungen und Ausstellungen über sich ergehen lassen, daß dem 
Leser die Freude an der oft treffenden, geistreichen Charakteristik ganz ver- 
gällt wurde; nun gar auf die Poeten der neuesten Zeit hagelten die Keulen- 
schläge hernieder. Alles malte er grau in grau. Er konnte keinen histo- 
rischen Charakter sich frei ausleben lassen; immer mußte er sich selber reden 
hören, immer die Dattel vom Feigenbaume fordern, immer wuchtig aus-
        <pb n="427" />
        Die Literaturgeschichte. 419 
sprechen, was dieser Mann eigentlich hätte tun oder werden sollen. Der 
ritterlichen Kampflust eines Hutten oder Lessing verzeiht der Leser alles, 
selbst wo sie unrecht haben; Gervinus' schulmeisternder Hochmut aber ver— 
letzte sogar noch tiefer als Schlossers sittenrichterlicher Eifer, der doch immer 
ein warmes Herz erkennen ließ. Klassische Werke befreien die Seele, 
das ist ihr sicherer Prüfstein; sie erheben den Leser, so daß er mit hellerem 
Kopfe oder mit frischerem Mute in diese schöne Welt hineinschaut. Ger— 
vinus' Buch weckte Verdruß und Ärger; das Beispiel seiner grausamen 
Härte wirkte schädlich auf ein Volk, das ohnehin starke Talente nur 
ungern anerkannte. Gerade die jungen, schaffensfrohen Dichter, die doch 
für ästhetische und literarische Werke den natürlichen Leserkreis bilden, ver— 
abscheuten Gervinus wie einen persönlichen Feind, wie einen Wüterich, der 
ihnen die zarten Kinder der Muse schon im Mutterleibe vergiften wollte. 
Wie anders verstand der junge Friedrich Vischer in seiner Asthetik pro- 
duktive Kritik zu üben und durch neue Anschauungen, aus der Fülle des 
Lebens heraus, zumeist die Künstler zu erfreuen. 
Das wissenschaftliche Gebrechen der Literaturgeschichte lag in ihren 
leichtfertigen Geschichtskonstruktionen. Gervinus stand der Philosophie 
ebenso fern wie dem religiösen Glauben; gleichwohl vermaß er sich, so recht 
im Gegensatz zu Rankes weiser Zurückhaltung, eine Geschichtsphilosophie 
aus dem Armel zu schütteln, welche den Lebensnerv der historischen Welt, 
die persönliche Freiheit zerstörte. Aus der Beobachtung wiederkehrender 
Ereignisse, die doch auch nicht wiederkehren konnten, aus geistreichen Paral- 
lelen und halbrichtigen Vergleichungen leitete er kurzweg historische Ge- 
setze ab. Und gerade das wichtigste dieser Gesetze, das dem ganzen Buche 
zu Grunde lag, war unzweifelhaft falsch. Gervinus behauptete, die Blüte- 
zeiten der Religion, der Literatur, der Politik folgten aufeinander im Laufe 
der Geschichte, während doch der Augenschein lehrt, daß Kunst und Dich- 
tung ihr eigenes, ursprüngliches Leben führen, das durch die politischen 
Schicksale wohl beeinflußt, aber nicht bedingt wird. Jedes Volk gestaltet 
sich seine ästhetischen Ideale unfehlbar aus, sobald ihm neue mächtige 
Gedanken Herz und Phantasie bewegen; die Engländer verdankten ihrer 
ungestörten nationalen Entwicklung das beneidenswerte Glück, daß sie 
sich immer in den Tagen ihres kriegerischen Ruhmes auch zu den höchsten 
Dichtertaten aufschwangen; Deutsche und Italiener dagegen vollendeten 
ihre klassischen Kunstwerke unter schweren politischen Mißgeschicken; andere 
Nationen wiederum fühlten sich nach großen kirchlichen oder politischen 
Kämpfen so erschöpft, daß ihre literarische Kraft eine Zeitlang erlahmte; 
und schließlich sind doch Kunst und Dichtung, wenngleich nicht jede Zeit 
das Größte schaffen konnte, allen Kulturvölkern immer so unentbehrlich 
geblieben wie das liebe Brot. Für diese freie und doch nicht gesetzlose 
Mannigfaltigkeit des historischen Lebens besaß Gervinus kein Verständnis; 
er wollte durchaus dem Seidenwurm zu spinnen verbieten und erklärte 
27*
        <pb n="428" />
        420 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
rundweg, daß die deutsche Dichtung seit den klassischen Tagen von Weimar 
ihre Lebenskraft verloren hätte. Darum behandelte er fast alle, die nach 
Schiller und Goethe noch zu dichten gewagt hatten, mit schnöder Un— 
gerechtigkeit; darum nannte er unsere gesamte neueste schöne Literatur 
einen giftigen, stagnierenden Sumpf — ein Jahr etwa, nachdem Immer— 
manns Münchhausen erschienen war — und faßte das Ergebnis seiner 
Forschungen dahin zusammen: „Unsere Dichtung hat ihre Zeit gehabt; 
und wenn nicht das deutsche Leben stillstehen soll, so müssen wir die Ta- 
lente, dic nun kein Ziel haben, auf die wirkliche Welt und den Staat 
locken, wo in neue Materie neuer Geist zu gießen ist.“ So seltsame 
Paradoxen trieb diese Epoche der Erwartungen hervor: während die Zeit- 
poeten unser Volk singend vor dem Singen warnten, schrieb dieser 
gestrenge Gelehrte fünf starke Bände historisch-literarischer Erörterungen, 
um schließlich zu beweisen, daß unsere alten ästhetischen Ideale heute 
nichts mehr bedeuteten. Unwissentlich bestärkte er also die jungen Lyriker, 
die er doch tief verachtete, in ihren politischen Tendenzen. 
Überhaupt galt sein Werk für eine politische Tat, ganz wie Schlosser 
der Moralist von der Masse der Lesewelt wesentlich als ein Prediger des 
demokratischen Despotenhasses gepriesen wurde. Gervinus' Geschichtskon- 
struktionen enthielten, trotz so mancher Übertreibung und Gewaltsamkeit, 
doch den wahren, zeitgemäßen Gedanken, daß dem neuen Geschlechte po- 
litische Leidenschaft und Tatkraft nötiger war als ästhetische Beschaulich- 
keit, und indem er diesen Gedanken unablässig nach allen Seiten hin und 
her wendete, half er an seinem Teile mit, unser Volk für den nationalen 
Staat zu erziehen. Von politischer Voraussicht besaß er freilich gar nichts; 
seine zahlreichen Weissagungen gingen fast niemals in Erfüllung. Die 
Verfassungsformen des inneren Staatslebens galten ihm mehr als die 
großen Machtverhältnisse der Staatengesellschaft, denen Ranke sich mit Vor- 
liebe zuwendete; und in Wahrheit kam er nie weit hinaus über den Ge- 
dankenkreis der süddeutschen liberalen Kammerredner. Daher hielt er es 
auch nie der Mühe wert, die beiden politischen Mächte, welche unsere Zu- 
kunft trugen, den preußischen Staat und den Zollverein gründlich kennen zu 
lernen, obgleich er für Preußen die bündische Hegemonie forderte. Doch 
wie durfte man auch eingehende, sachkundige Belehrungen verlangen von den 
unzähligen politischen Betrachtungen, die er nebenbei in seine Literatur- 
geschichte einwob? Hier genügte zunächst das starke patriotische Pathos. 
Schonungslos, mit dem ganzen Nachdruck seiner Selbstgewißheit hielt er 
den Deutschen beständig die Unhaltbarkeit ihrer politischen Zustände vor. 
Radikale Wahrheiten wirken aber am stärksten von den Lippen der Ge- 
mäßigten. Wenn dieser Mann, der tapfere Gegner Börnes und der 
jungdeutschen Radikalen, so grell, so unerbittlich die Schande unserer Zer- 
rissenheit schilderte, dann mußten die Leser sich an die Brust schlagen. 
Also wurde die Literaturgeschichte eine Macht in den politischen Kämpfen
        <pb n="429" />
        Grimms Geschichte der deutschen Sprache. 421 
des Tages, ein Schrecken für alle Reaktionäre; in der Entwicklung der deut— 
schen Wissenschaft behauptet sie eine noch höhere Stelle. 
Mit dem Zartsinne des liebevollen Freundes und doch sehr deutlich 
äußerte Jakob Grimm seine Bedenken gegen diese moralisch-politische Härte, 
die sogar in unserer alten Tierfabel mehr das sittliche Beispiel oder auch 
die Satire suchte als das weichere epische Leben; am wenigsten verzieh er 
dem Freunde die Ungerechtigkeit gegen Goethe, „der doch so gesungen hat, 
daß ohne ihn wir uns nicht einmal recht als Deutsche fühlen könnten.“ 
Grimm selbst gehörte einem anderen Geschlechte an. Er hatte einst als Mar- 
burger Student niemals eine Zeitung zu Gesicht bekommen und dann die po- 
litische Begeisterung des Befreiungskampfes in warmem Herzen mitempfun- 
den, doch sogleich nach den Kriegswirren sich zurückgewendet zur „stillen 
Förderung des Volks“, zur friedlichen gelehrten Forschung. So taten die 
Brüder auch jetzt wieder in ihrer neuen Berliner Freistätte; daß man sie 
wegen der Tat der Göttinger Sieben als politische Helden feierte, war ihnen 
selber lästig, sie hatten ja mur nach ihrem Gewissen, als eidestreue Männer 
gehandelt. Wo auf deutscher Erde hätten die beiden sich auch nicht heimisch 
fühlen sollen? Kinderhand ist leicht gefüllt; ihnen beiden blieb bis zum 
Grabe neben der Kraft reichen Schaffens die schlichte Einfalt, die frohe 
Dankbarkeit für jedes Glück des Lebens. Die roten Berge der hessischen 
Heimat vermißten sie freilich mit Schmerzen; aber dicht vor ihrem Hause 
rauschten die Wipfel der alten Bäume des Tiergartens; selbst an dem 
Goldfischteiche des Parks hatte Wilhelm seine kindliche Freude, und als 
er seiner Bettina das Märchenbuch von neuem zueignete, das er in jeder 
Auflage reicher und sinniger ausgestaltete, da lobte er die alte Freundin 
treuherzig, weil sie noch mit der Lust der ersten Jugend in den Kelch 
einer einfachen Blume schauen konnte. An beiden erfüllte sich, was Jakob 
seinem Neffen schrieb: „die, welche als Studenten toll und wild sind, pflegen 
später im Leben zahm und matt zu werden, während denen, die eifrig 
studieren, hernach auch die Kraft und die Freude nicht ausgeht.“ 7) 
Gerade bevor die Revolution begann, brachte Jakob das vierte seiner 
großen Werke noch unter Dach: die Geschichte der deutschen Sprache. 
Hier suchte er sich zu verständigen mit der vergleichenden Sprachwissen- 
schaft, die einst durch ihn selber mitbegründet, im Laufe der Jahre stark 
und selbständig aufgewachsen war. Er betrachtete das Verhältnis zwischen 
den Sprachen der zehn Urvölker, die er in Europa annahm, sodann die 
engere Verwandtschaft von Goten, Hochdeutschen, Niederdeutschen, Skan- 
dinaviern, „die sich, je höher man zurücksteigt, desto ähnlicher werden 
und alle gleichen Ursprungs sind.“ Mit tiefem Ernst, wie der Wächter 
eines nationalen Schatzes, hielt er seinen Landsleuten vor, was die 
Sprache auch für die Macht der Bölker bedeutet, denn wie unvergleichlich 
  
*) Jakob Grimm an Rudolf Grimm, 18. Nov. 1848.
        <pb n="430" />
        422 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
stünde heute das Germanentum in der Geschichte, wenn Goten, Bur— 
gunden, Franken, Langobarden in den eroberten Römerlanden sich ihre 
Muttersprache bewahrt hätten; den Deutschen aber, die an diesem Kleinod 
festhielten, blieb in allem Wandel der politischen Zerwürfnisse das Gefühl 
des gemeinsamen Volkstums unverloren, sonst hätten die Nachbarn der 
Donaukelten doch nicht Markmannen heißen können. In einzelnen Zügen 
poetischer Willkür verriet sich freilich der alte Romantiker. Die ferne 
Urzeit bezauberte sein Gemüt so mächtig, daß er die Welteroberung 
der wandernden Germanen fast höher schätzte als alles, was sie nachher 
im seßhaften Staatsleben noch geschaffen hatten; und aus dem Gemüte 
entsprang doch auch seine unerweisliche Behauptung, daß die getischen 
Völker des Altertums Goten gewesen wären, er konnte sich die Anfänge 
der germanischen Welt gar nicht groß und mächtig genug vorstellen. Unter— 
dessen arbeiteten die Brüder schon an einem neuen Werke, dem neuhoch— 
deutschen Wörterbuche. Die wackeren „Weidmänner“ Salomon Hirzel und 
Karl Reimer, die Besitzer der Weidmannschen Buchhandlung in Leipzig 
übernahmen den Verlag, zunächst um den Vertriebenen über die Sorgen 
der amtlosen Jahre hinwegzuhelfen, und bald waren mehr als achtzig 
sammelnde Mitarbeiter gewonnen. Was einst in Frankreich nur durch 
die Akademie, unter dem Schutze und Zwange einer allmächtigen Staats— 
gewalt gelungen war, wurde in Deutschland vorbereitet durch die freie 
Tätigkeit der Gelehrtenwelt; und im Geiste der Freiheit, ganz anders 
als die französische Akademie, entwarfen auch die Brüder den Plan für 
ihr Wörterbuch: sie wollten nicht die Sprache an starre Regeln binden, 
sondern sie durch Selbsterkenntnis zu freiem Leben kräftigen. 
Neben dem kühnen Finder Jakob Grimm wirkte in Berlin der scharfe 
Kritiker Karl Lachmann. Er bildete die lebendige Brücke zwischen der 
germanistischen und der klassischen Philologie, er erzog die jüngere Wissen— 
schaft in wenigen Jahrzehnten zu der strengen sicheren Methode, die sich 
die ältere erst durch die Arbeit von Jahrhunderten erworben hatte. Es 
war ein schönes Geben und Empfangen: die klassischen Philologen ihrer— 
seits lernten von den Germanisten, den antiken Volksdialekten, die man 
erst seit dem Erscheinen der Böckhschen Inschriftensammlung recht zu be— 
achten anfing, in eindringender Forschung nachzuspüren. Lachmann war 
durchaus wissenschaftlicher Parteimann, treu, gemütlich, heiter unter den 
Freunden, unerbittlich gegen die Feinde; er verlangte unbedingte Zustim— 
mung, auch wenn er mit überscharfer Kritik die Ilias oder die Nibelungen 
gewaltsam in einzelne Lieder zerstückelte, und wie er an sich selber die 
strengsten Anforderungen stellte, so verdammte er die wissenschaftlichen 
Irrtümer anderer als unsittliche Schwächen. Das junge Philologen— 
geschlecht, das unter seiner Einwirkung emporkam, trat schroffer, unduld— 
samer, hochmütiger auf als die ältere, noch in dem Jahrhundert der 
Humanität erwachsene Generation — und dies in einer Zeit, da die
        <pb n="431" />
        Lachmanns Schule. 423 
mit realistischen Notizen überlasteten Gymnasien schon nicht mehr ver— 
mochten, den klassischen Unterricht ganz auf seiner alten Höhe zu halten. 
Gleichwohl hat Lachmann der Gestrenge auch als Vermittler gewirkt. Er 
erreichte, daß der alte Gegensatz der Sach-Philologen und der Gramma— 
tiker sich auszugleichen begann; seine genaue Textkritik ruhte stets auf 
einem breiten Unterbau gründlicher historischer Untersuchungen, und un- 
willkürlich traten seine Schüler den philologischen Historikern näher als 
vordem die Schüler Gottfried Hermanns. 
Kaum siebzig Jahre waren vergangen, seit F. A. Wolf einst in 
Göttingen zuerst gewagt hatte, sich einen Studenten der Philologie zu 
nennen, und zu welch einem mächtigen, vielastigen Baume hatte sich der 
junge Setzling der Theologie seitdem ausgewachsen. Im Zeitalter der Re- 
naissance suchte man die moderne Welt unmittelbar durch die antike neu 
zu beleben. Palladio baute sein Olympisches Theater genau nach den 
Vorschriften des Vitruv, Machiavellis Bücher von der Kriegskunst hielten 
den Florentinern die römischen Kohorten als Musterbilder vor. Die deutsche 
Philologie hingegen strebte seit Niebuhr, das Altertum dem neuen Ge- 
schlechte lebendig zu vergegenwärtigen, sie suchte die antike Welt durch die 
moderne zu beleben und zu beleuchten, das Ferne und Fremde dem histo- 
rischen Verständnis der Gegenwart zu erschließen, indem sie die politischen, 
die wirtschaftlichen, die literarischen Verhältnisse der neuen Zeit zur 
Erklärung heranzog. Zu den beiden alten Heimstätten der Sprachwissen- 
schaft Berlin und Leipzig trat jetzt Bonn als dritte hinzu; in der rheini- 
schen Hochschule lebte der einst durch Niebuhr geweckte philologische Geist 
kräftig wieder auf, seit dort neben dem geistvollen Asthetiker Welcker der 
Thüringer Friedrich Ritschl seine reiche Lehrtätigkeit begann, ein strenger 
Kritiker und Hermeneutiker, der beste Kenner altlateinischer Dichtung. — 
  
Neben dem andauernden Glanze der historischen Wissenschaften ver- 
blich nach und nach das Gestirn der Spekulation. Die antike Philosophie 
stand hoch über dem Volksglauben, die christliche steht unter ihm; sie bildet 
Denker, nicht Weise, sie gelangt nicht hinaus über die erhabene Sittlich- 
keit der Evangelien. Darum verfiel sie fast immer, nach einer Zeit der 
Blüte, in einen trügerischen Hochmut, dem dann unausbleiblich ein 
Rückschlag folgen mußte. Übermütiger als in Deutschland hatte sie sich 
noch nirgends gezeigt; dahin war es mit ihr gekommen, daß sie auf dem 
eingeschlagenen Wege nichts mehr beweisen, sondern nur noch sich selber 
aufheben konnte. Derweil die letzten Hegelianer noch mit der alten Zu- 
versicht, aber von der Nation kaum beachtet, die Formeln des Systems 
wiederholten, stellte Feuerbach schon die Sätze auf: keine Philosophie, meine 
Philosophie; keine sinnliche Existenz ist keine Existenz — bis er endlich
        <pb n="432" />
        424 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
gar zu dem trostlosen Unsinn gelangte: der Mensch ist, was er ißt. Feuer- 
bachs edle Natur konnte einen idealistischen Zug niemals ganz verleugnen; 
er glaubte noch an eine Sittlichkeit, die den fremden Glückseligkeitstrieb 
mit dem eigenen vereinbaren sollte. Im Norden aber trieben allerlei 
Starkgeister ihre Marktschreierei, zuchtlose junge Leute, die nur den einen 
Ehrgeiz hegten, immer noch „weiter zu gehen“. Max Stirners Schrift 
„der einzige und sein Eigentum“ zertrümmerte Geist und Menschheit, 
Recht und Staat, Wahrheit und Tugend als Götzenbilder der Gedanken- 
knechtschaft und bekannte frei: „Mir geht nichts über Mich.“ Eine Sekte 
von Egoisten tat sich auf, die den Berliner Freien nahe stand; sie feierte 
ihre Gelage in der Kellergesellschaft zu Köthen und sandte, als die Re- 
volution ausbrach, ihre Getreuen auf die Barrikaden. Angesichts dieser 
allgemeinen Anarchie und Zersetzung erkannten die ernsten wissenschaft- 
lichen Köpfe unter den Philosophen, daß die Zeit für neue Systeme noch 
nicht gekommen war; Ritter, Zeller und andere tüchtige Gelehrte begannen 
die Geschichte der Philosophie gründlich auszubauen, denn die verwilderte 
Spekulation bedurfte zunächst der Selbstbesinnung. 
Die Nation war der Philosophie bis zum Ekel satt. Ihre gesamte 
Weltanschauung begann sich zu ändern, seit auch Deutschland mit der 
ganzen Kraft seines Genius eintrat in die große Bewegung, welche mit 
einem Male die Naturwissenschaften von Sieg zu Sieg führte. Wie weit 
waren sie doch, alle die Jahrtausende hindurch, zurückgeblieben hinter dem 
Reichtum der Geisteswissenschaften; wie kindlich unwissend standen die Alten 
vor der Natur, sie, die in Dichtung, Beredsamkeit, Philosophie, Geschicht- 
schreibung Unerreichbares schufen. Ein Grund dieser auffälligen Erschei- 
nung liegt in äußeren Verhältnissen. Wissenschaftlich genaue Beobachtung 
der Natur setzt einen hohen Stand der Technik voraus, der wieder nur 
das Ergebnis einer langen Geschichte sein kann; wie viele Jahrhunderte 
lang mußte die menschliche Kunstfertigkeit arbeiten, bis auch nur das 
einfache Instrument möglich wurde, mit dem wir die Wärme der Luft 
messen. Ein anderer Grund liegt tiefer, er liegt in der idealistischen Be- 
gabung des Menschengeschlechts. Alle Wissenschaften entstehen ursprüng- 
lich um des Nutzens willen, Erfahrungen und Geheimlehren werden von 
den Barbaren aufbewahrt, um den Zwecken des praktischen Lebens zu dienen; 
in bildsamen Völkern erwacht jedoch sehr früh der von Aristoteles verherr- 
lichte selbständige theoretische Trieb, der das Erkennen um des Erkennens 
willen sucht, und sobald er erwacht, wendet er sich immer zunächst der 
idealen Welt der Geisteswissenschaften zu. Wie alle edlen Völker früher 
Tempel bauen als stattliche Wohnhäuser, früher die hohe Kunst pflegen 
als die Kleinkunst für das tägliche Behagen, so verlangen sie auch immer 
zuerst, sich Rechenschaft zu geben über ihre Geschichte, ihr Recht, ihre 
Sprache, über die letzten Gründe alles Erkennens, bevor sie sich ernstlich 
an die Erforschung der Naturgesetze wagen. Diesen idealistischen Zug des
        <pb n="433" />
        Die neue Naturwissenschaft. 425 
Menschengeistes erkannte Goethe, der Pfleger und Verehrer der Natur— 
wissenschaften, unbefangen an, als er sagte: „das eigentliche Studium 
des Menschen ist der Mensch; und der Lehrer, der das Gefühl an einer 
einzigen guten Tat, an einem einzigen guten Gedicht erwecken kann, leistet 
mehr als einer, der uns ganze Reihen untergeordneter Naturbildungen der 
Gestalt und dem Namen nach überliefert.“ Die Naturwissenschaft kann 
sich nur dann in ihrer ganzen Kraft zeigen, wenn ihr die Geisteswissen— 
schaften von langer Hand her vorgearbeitet haben, wie auch die Sprache 
schon zur vollen Verstandesreife gelangt sein muß, um die Sätze der 
Naturerkenntnis bündig auszudrücken. Jetzt war ein solcher Zeitpunkt ein- 
getreten. 
Die Philosophie begann zu sinken, aber die Kraft und Geschmeidigkeit 
des Denkens, die sie der Nation einst geschenkt hatte, blieb auch den Gegnern 
unverloren, und die neue Bahn der empirischen, voraussetzungslosen For- 
schung war durch die Historiker schon gewiesen. Der wachsende Reichtum 
und die nicht minder schnell wachsende wirtschaftliche Not der Kultur- 
völker, die Fortschritte der Technik, die Bedürfnisse des regeren Verkehrs, 
die Verbindung mit den neuen Kolonialländern, die wie alle Kolonien der 
Vorzeit nur die materiellen Güter der alten Kultur gelten ließen, das alles 
im Verein weckte und schärfte den Drang, die Naturkräfte zu erkennen 
und zu benutzen, und wie immer in Zeiten großer Wandlungen rief die 
schöpferische Kraft der Geschichte zur rechten Zeit die rechten Männer hervor. 
So geschah es, daß die Naturwissenschaften in einem raschen Anlaufe, 
dessengleichen die Geschichte der menschlichen Erkenntnis kaum je ge- 
sehen hat, den weiten Vorsprung der Geisteswissenschaften plötzlich ein- 
holten. Die Nachbarvölker gingen bei dieser Umwandlung anfangs den 
Deutschen voran, denn unser Wohlstand und Verkehr erholte sich nur 
langsam von schweren Mißgeschicken, und die alte ästhetisch-philosophische 
Bildung, die auf deutschem Boden ihre größten Erfolge errungen hatte, 
sträubte sich noch lange gegen die neue Erfahrungswissenschaft. 
Als nun endlich auch die Deutschen zum Wettkampfe vortraten und 
sogleich durch einige Meisterwerke den alten wissenschaftlichen Ruhm der 
Nation bewährten, da bemächtigte sich vieler Köpfe ein materialistischer 
Rausch; die Halbgebildeten und manche der Gebildeten überschätzten die 
große Umwälzung, wie denn jede neue Idee, damit sie durchdringt, zuerst 
überschätzt werden muß. Die Naturwissenschaften erfüllen unmittelbar, 
was Baco von aller Erkenntnis forderte, sie geben Macht, ihre Ergebnisse 
fallen in die Sinne, verwandeln die Sitten und Lebensgewohnheiten. Und 
gerade in diesen vierziger Jahren, da die Deutschen ihre neuen Eisen- 
bahnen noch wie Wunderwerke bestaunten, verbreitete sich in weiten Kreisen 
der Wahn, daß die Weltgeschichte ihren alten Inhalt verloren hätte, 
die historische Größe der Nationen sich nicht mehr in Politik und Krieg, 
sondern in Maschinen und Dungmitteln offenbare — bis dann plötzlich
        <pb n="434" />
        426 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
in den Revolutionsjahren die Majestät des Staatsgedankens sich jedem 
wieder unwiderstehlich aufdrängte. Man redete leichthin von der Be- 
herrschung der Natur durch den Menschen, während doch der schwache 
Sterbliche sich begnügen muß, einzelne Kräfte der Natur, indem er sich 
ihren erkannten Gesetzen fügt, für seine Zwecke zu benutzen. Man rühmte 
sich, den Raum besiegt zu haben, obgleich dieser Sieg noch recht be- 
scheiden blieb: die Schnelligkeit des Rosses hatte der Mensch endlich 
übertroffen, allein jeder Hecht und jede Schwalbe beschämte ihn noch. 
Man sprach von den Fortschritten der Technik und der Erleichterung des 
Verkehrs, als ob sie selber die Kultur ausmachten, während sie doch nur 
die Mittel darbieten zur Förderung der Kultur; denn die unbestechliche 
Nachwelt wird dereinst nicht fragen, wie schnell wir uns Briefe senden 
konnten, sie wird fragen, ob wir uns große menschliche Gedanken mitzu- 
teilen wußten; sie wird auch nicht aufhören, neben dem Maßstabe der 
Nützlichkeit auch den Maßstab des Schönen und des Guten an die viel- 
gestaltige Geschichte anzulegen, und darum gewiß nicht das törichte Urteil 
fällen, daß eine hell leuchtende, aber geschmacklose moderne Gaskrone ein 
edleres Menschenwerk sei als eine schlecht brennende, aber schöne pompe- 
janische Lampe. 
Die Naturwissenschaft errang in der Forschung so große Erfolge 
und griff so mächtig in das praktische Leben ein, daß sie jetzt schon 
mit gutem Fug vom Staate eine gleichberechtigte Stellung neben den 
Geisteswissenschaften verlangen konnte; noch war ja alles erst im Wer- 
den, ein öffentliches physikalisches Laboratorium bestand noch nirgends, 
nur in Berlin hatte Magnus aus eigenen Mitteln schon eine solche An- 
stalt errichtet, die er den jungen Leuten hochherzig zur Benutzung ein- 
räumte. Doch in dem emsigen Getriebe der neuen Volkswirtschaft wuchs 
auch rasch ein Geschlecht von Nützlichkeitsfanatikern und Allerwelts-Fort- 
schrittsmännern empor, ein dem stillen alten Deutschland ganz unbekannter 
Menschenschlag, den die Münchener Künstler in ihren Maskenzügen und 
Witzblättern unter dem Bilde des Mister Vorwärts verspotteten. Diese 
Leute kannten England oder Amerika, sie beteiligten sich an allen den 
neuen, oft noch sehr schwindelhaften Eisenbahngesellschaften und Fabrik- 
unternehmungen, sie schätzten nur, was sich zählen, messen und wägen 
ließ. In diesen Kreisen zuerst ward der Ruf erhoben, den die unwissen- 
den Zeitungsschreiber gefällig wiederholten: die naturwissenschaftliche Bil- 
dung müsse zur allgemeinen Bildung werden und die sprachlich-historische 
Bildung, von der sich seit Jahrtausenden alle Kulturvölker ohne Aus- 
nahme genährt hatten, kurzerhand entthronen. Ahnliche Forderungen 
waren schon mehrmals in der Geschichte ausgesprochen worden: immer 
in Zeiten, da Staat und Sitte verfielen, im Altertum vornehmlich von 
den Epikureern, den Vertretern der politischen und sittlichen Ruheseligkeit, 
dann wieder im siebzehnten Jahrhundert; immer mit geringem Erfolge,
        <pb n="435" />
        Humboldts Kosmos. 427 
weil die Naturwissenschaften stets Fachwissenschaften sind und bleiben, ihre 
Schriften niemals so vollständig zum Gemeingut aller Gebildeten werden 
können wie die Werke der Geisteswissenschaften. 
Jetzt erhob Jakob Grimm seine warnende Stimme dawider in einer 
Versammlung der Germanisten. Er erwies kurz und schlagend, daß die 
Geisteswissenschaften darum die Grundlage der allgemeinen Bildung 
bleiben müssen, weil sie allein das ganze Menschenleben, auch die Welt der 
Phantasie und des Herzens umfassen; er zeigte, daß sie weltbürgerlich und 
national zugleich sind, die Naturwissenschaften weltbürgerlich schlechthin; 
und nur wo volkstümliche und allgemein menschliche Bildung einander 
durchdringen, entfaltet sich der ganze Reichtum der Weltgeschichte. Er er— 
kannte freudig an, was unser gesamtes Volksleben, und insonderheit seine 
geliebte Sprache, der exakten Forschung verdankte. Die jungen Natur— 
forscher schrieben meistens vortrefflich; ihre klare, bestimmte, einfache 
Prosa nahm den deutschen Geist, der sich so gern zu träumerischen 
Ahnungen versteigt, in eine strenge, heilsame Zucht; doch sie beherrschte 
nur einen kleinen Teil des unermeßlichen Sprachschatzes. Der Stil des 
Naturforschers, der immer von Gesetzen, Begriffen, Gattungen und Arten 
handelt, legt den Ton auf das starre Hauptwort und kann, in seiner Art 
vollendet, schließlich doch nicht wetteifern mit dem reicheren Stile des 
Historikers, der sich frei in der Welt des Werdens, der freien Taten 
umschaut und darum den Ton auf das erregende, Leben spendende Zeit— 
wort legt. Es blieb auch fernerhin bei dem alten Gesetze, daß die Kultur— 
sprachen fortgebildet werden zuvörderst durch den Volksmund und die 
Dichtung, sodann durch Redner, Historiker, Philosophen; die neuen von 
den exakten Wissenschaften geschaffenen Kunstausdrücke waren in ihrer 
Mehrzahl international und zeigten schon durch ihre willkürliche Form, 
daß sie nicht der Naturgewalt des Sprachgeistes, sondern verständiger 
Berechnung entsprangen. 
Vorderhand blieb die Überhebung, die sich unter den Lobrednern 
der realistischen Bildung schon hie und da kundgab, noch ganz ungefähr- 
lich. Mit gerechtem Stolze freute sich die Nation an den kühnen Ent- 
deckungen ihrer Naturforscher, und der greise Humboldt pries sich glück- 
lich, diesen neuen Tag noch zu erleben. Er hatte sein Lebelang, anfangs 
fast allein, festgehalten an der Methode der gewissenhaften Induktion; 
nun sah er befriedigt, daß die junge Generation schon gar nicht mehr 
anders atmen konnte als in der reinen Luft der bewußten Empirie. 
In dem Kosmos zog er jetzt die große Summe seines Lebens. Schon 
vor mehr als einem halben Jahrhundert, auf seiner Reise mit Georg 
Forster, hatte er sich zuerst die Frage vorgelegt, ob es wohl möglich sei, 
die gesamte Natur als ein geordnetes Ganzes zu begreifen und dar- 
zustellen. Als er dann Südamerika für die Wissenschaft entdeckte, den 
Teil der Erde, der unter allen dem Forscher die mannigfaltigsten Natur-
        <pb n="436" />
        428 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
bilder darbietet, und nachher noch auf neuen Reisen eine unvergleichliche 
Erfahrung sammelte, da reifte der Gedanke seiner Jugend langsam aus. 
In seinen ersten Berliner Vorlesungen zeichnete er schon die Umrisse 
für den Entwurf einer physischen Weltbeschreibung.) Dann verging 
wieder eine lange Zeit in umsichtiger Vorbereitung, und als endlich 
(1844), nach zehnjähriger Drucker-Arbeit, der erste Band des Kosmos 
erschien, da begrüßte ihn der König mit den Goethischen Versen: so 
halt' ich's endlich denn in meinen Händen und nenn' es in gewissem 
Sinne mein. 
Diesmal sprach Friedrich Wilhelm allen Deutschen aus der Seele, denn 
alle fühlten, daß nur ein Deutscher sich zu einer solchen Universalität des 
Wissens und des Denkens aufschwingen konnte. Humboldt sagte selbst von 
seinem Werke: „es muß eine Epoche der geistigen Entwicklung der Mensch- 
heit, in ihrem Wissen von der Natur darstellen.“ Er gab zuerst einen Über- 
blick über das Ganze der geschaffenen Welt, von den Himmelsräumen 
und ihren Nebelsternen an bis herab zu der Geographie der Felsenmoose. 
In dem zweiten, noch reicheren Bande entwarf er sodann, was noch nie- 
mand gewagt hatte, eine Geschichte der Weltanschauung. Er zeigte, wie 
das Bild der Welt die Jahrhunderte entlang sich im Verstande und im 
Gemüte der Menschheit widergespiegelt, wie Himmel und Erde sich nach 
und nach der Wissenschaft, dem Unternehmungsgeiste, dem künstlerischen 
Gefühle aufgeschlossen hatten. Da der Fortschritt des Menschengeschlechts 
sich allein im Bereiche der expansiven Zivilisation unzweifelhaft erweisen 
läßt, so behauptete hier der hoffnungsvolle Optimismus des alten Jahr- 
hunderts, dem Humboldts eigene Bildung entstammte, sein gutes Recht. 
Er schilderte mit wohltuender Wärme, wie es auf Erden, trotz „dem lästi- 
gen Kampfe des Wissens und des Glaubens“ doch immer heller geworden 
war, wie der Gesichtskreis der Menschheit sich beständig erweitert hatte 
und darum auch noch der Tag kommen müsse, da sie in vollem Ernst 
das kühne Seherwort der Renaissancezeit wiederholen dürfte: il mondo 
6 poco. 
Als er dann im dritten Bande sein Weltenbild im einzelnen auszu- 
malen begann, da schwoll ihm der Stoff unter den Händen an, weil das junge 
Geschlecht rastlos von Entdeckung zu Entdeckung aufstieg, und er sollte den 
Abschluß des Werkes nicht mehr erleben. Der Kosmos bezeichnete in der 
Tat eine Epoche unseres geistigen Lebens — in anderem Sinne aller- 
dings, als Humboldt selbst glaubte — er stand vor= und rückschauend auf 
der Grenze zweier Zeitalter. Er war, noch ganz im Geiste unserer klassi- 
schen Dichtungszeiten, als ein großes Kunstwerk gedacht, das durch die 
Pracht seiner reichen Schilderungen den Geist anregen, das ästhetische 
Gefühl befriedigen, „das Gemüt ergötzen sollte“; er war erfüllt von dem 
  
*) S. o. III. 432.
        <pb n="437" />
        Liebigs Agrikulturchemie. 129 
Drange nach allseitiger Bildung, der das alte Jahrhundert beseelt hatte, 
und von den Gefühlen einer milden Humanität, deren liebenswürdigen 
Selbsttäuschungen die neue Zeit schon zu entwachsen begann. Die hand— 
festen jungen Historiker konnten dem freundlichen Greise doch unmöglich 
beistimmen, wenn er die Rousseausche Behauptung aufstellte: „die Natur 
ist das Reich der Freiheit“ — oder wenn er aus der scharfsinnig erwie— 
senen Einheit des Menschengeschlechts sanft den Schluß zog: „es gibt 
bildsamere, höher gebildete, durch geistige Kultur veredelte, aber keine 
edleren Volksstämme; alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt.“ Und 
doch war dies Buch, das so lebhaft an die Zeiten Herders und Goethes 
gemahnte, zugleich ein ganz modernes Werk, eine tief durchdachte, um- 
fassende Enzyklopädie alles dessen, was die empirische Naturerkenntnis bis- 
her erforscht hatte. Begeisterte Verehrer nannten den Kosmos das hohe Lied 
der neuen Wissenschaft und sprachen kurzab von dem Zeitalter Alexander 
Humboldts. Die vereinzelten Stimmen besorgter Theologen, die vor dem 
unheiligen Geiste des Buches warnten, beirrten selbst den frommen König 
nicht und verstummten bald vor der allgemeinen Bewunderung. Das 
gesamte Europa fühlte, daß ein solches Buch nur einmal, und nur von 
einem Manne gewagt werden konnte. · 
Doch derweil Humboldt schrieb, verwandelte sich die Welt bereits 
wieder, und das so lange geplante Werk stand, als es endlich erschien, 
schon nicht mehr ganz im Einklange mit dem Geiste der Zeit. Die jungen 
Naturforscher raunten einander schon oft abschätzige, ungerechte Urteile über 
den Kosmos zu, zumal die Mathematiker, die dem Alten nicht verziehen, 
daß er für ihre Wissenschaft so wenig Sinn zeigte. Diese jugendlichen 
Stürmer und Dränger fragten nichts nach Beschreibungen noch nach 
historischen Rückblicken; sie verlangten Taten, Entdeckungen, Fünde, immer 
neue Fünde. Und wahrlich an großen Fünden war die Zeit nicht arm. 
Im Jahre 1840 ging aus dem kleinen Gießener Laboratorium eine Ent— 
deckung hervor, welche die Landwirtschaft aller Kulturvölker umgestalten 
sollte, und ihr Urheber war niemals hinter einem Pfluge dahergegangen. 
Liebig begründete die Lehre vom organischen Stoffwechsel und wendete sie 
an auf den Ackerbau; er wies nach, welche Stoffe die wachsende Pflanze 
der Luft entnimmt, welche dem Boden, und zeigte, daß es möglich sein 
müsse, durch natürlichen oder künstlichen Dünger dem Boden die entzogenen 
Stoffe vollständig zurückzugeben. Wie furchtbar hatte einst der Raubbau 
der alten Völker die schönsten Länder der Erde verwüstet; jetzt eröffnete 
sich die tröstliche Aussicht, daß die Bodenkraft der modernen Kulturländer 
bei rationellem Ackerbau allezeit unerschöpflich bleiben würde. Nach lang- 
jährigen heißen Kämpfen errang die Lehre vom Kreislauf des Lebens einen 
vollständigen Sieg. Stöckhardts chemische Feldpredigten und andere popu- 
lärc Schriften verbreiteten sie in weiten Kreisen; der künstliche Dünger, 
den noch der alte Thaer mit Mißtrauen betrachtet hatte, wurde den deut-
        <pb n="438" />
        430 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
schen Landwirten unentbehrlich. Und wie immer in der Wissenschaft ein 
Fund den anderen hervorruft, so gab Liebig bald neue, für Theorie und 
Praxis gleich wertvolle Aufschlüsse über Verbesserung und Erhaltung der 
Nahrungsmittel. Seine Schuld war es nicht, daß die neue Erkenntnis 
auch gröblich mißbraucht wurde. Bald nahm eine in aller Geschichte bei- 
spiellose Verfälschung der Lebensmittel überhand und schädigte die Gesund- 
heit wie die Sittlichkeit des Volkes so schwer, daß man ernstlich bezweifeln 
konnte, ob der Fortschritt der Chemie der Menschheit mehr Segen oder 
mehr Unsegen gebracht hatte. Der Gießener Chemiker erschien den fremden 
Nationen wie der Herold der deutschen Naturwissenschaft, und die Zeit 
kam, da der stolze leidenschaftliche Mann zuversichtlich sagen durfte: „ich 
werde meinen Gegnern durch neue wunderbare Dinge antworten.“ 
Zur selben Zeit, da Liebig über den organischen Stoffwechsel schrieb, 
begründete ein Schüler Johannes Müllers, der Rheinländer Schwann 
eine neue Theorie der organischen Entfaltung durch seine Zellenlehre. 
Er wies nach, daß Struktur und Wachstum der Tiere und der Pflanzen 
übereinstimmen, daß sämtliche Gewebe und Organe des tierischen Körpers 
aus Zellen hervorgehen. Der stille, bescheidene, kleine Mann, der bald 
nachher im katholischen Belgien eine neue Heimat fand und Tag für 
Tag inmitten der Marktweiber andächtig der Frühmesse beiwohnte, ließ 
seit jenem großen Wurfe wenig mehr von sich hören; aber durch den einen 
fruchtbaren Gedanken hatte er der gesamten Pathologie und den ver- 
wandten Wissenschaften neue Bahnen gewiesen. 
Auch der Ideenkreis der Physiker erweiterte sich inzwischen mächtig, 
als Dove das Gesetz der Winde fand, die Grundlage für die neue Wissen- 
schaft der Meteorologie. Der heitere, geistreiche Schlesier hatte sich in 
allen Kreisen der Berliner Gelehrtenwelt längst eingebürgert, und an der 
Universität durch seine lebensvollen Vorträge eine angesehene Stellung er- 
rungen; eine Zeitlang stand er den Hegelianern nahe und schrieb auch 
unterweilen in ihre wissenschaftlichen Jahrbücher; doch mit freier Sicher- 
heit trat er dem Hochmut der Philosophen entgegen, die ihm das Experi- 
ment als Handwerkerarbeit verbieten wollten, und je näher er Humboldt 
kennen lernte, um so mehr befestigte er sich in der Methode empirischer For- 
schung. Nun ward ihm die Freude, daß seine große Entdeckung fast ebenso 
stark wie Liebigs Erfindungen auf die Volkswirtschaft einwirkte. Auf Hum- 
boldts Verwendung entstand im Norden eine Anzahl meteorologische In- 
stitute, und man durfte hoffen, den Landwirten einen Anhalt für ihre 
Wetterberechnungen zu geben, die Schiffer auf hoher See vor drohenden 
Stürmen zu warnen. 
Der physikalischen Theorie gelang im Jahre 1847 eine entscheidende 
Tat. Hermann Helmholtz aus der Mark, ein junger Militärarzt, den 
die hochmütigen Offiziere des Gardehusarenregiments sehr geringschätzig 
behandelten, veröffentlichte die kleine Schrift „die Erhaltung der Kraft“",
        <pb n="439" />
        Schwann. Dove. Helmholtz. 431 
die den kühnen Versuch wagte, den Zusammenhang der gesamten Natur— 
kräfte nachzuweisen, die Physik als Bewegungslehre aufzufassen. Ähnliche 
Ideen hatte kurz zuvor, ohne daß Helmholtz darum wußte, der Heilbronner 
Arzt Robert Mayer ausgesprochen, einer jener unseligen, zwischen Genie 
und Wahnsinn schwankenden Geister, die unter den Erfindern und Ent— 
deckern nicht selten erscheinen. Ermutigt durch Humboldts Beifall, un— 
geschreckt durch den Spott und den Zweifel vieler anderen Fachgenossen, 
verfolgte Helmholtz den Gedanken weiter, und es gelang ihm, die noch 
vorherrschende halbmystische Vorstellung von einem Spiele verschiedener 
Naturkräfte zu verdrängen durch die klare Erkenntnis eines Kreislaufs 
der Bewegungen. Er erwies, daß die Natur einen unzerstörbaren und 
unverlierbaren Vorrat von Energie oder wirkungsfähiger Triebkraft ent— 
hält, die in mannigfachen Formen erscheinen kann, bald als gehobenes 
Gewicht, bald im Schwunge bewegter Massen, bald als Wärme oder 
chemische Verwandtschaft. Damit war der eigentliche Hauptgedanke der 
modernen Naturwissenschaft ausgesprochen, ein Gedanke ebenso folgenreich 
wie einst Newtons Gesetz der Schwere, und es ergab sich die Mög— 
lichkeit eines neuen, auf streng erweisbare Beobachtung gegründeten natur— 
philosophischen Systems, das freilich erst in einer unabsehbaren Zukunft 
sich runden konnte. Ein philosophischer Kopf, an Kant gebildet, hielt 
Helmholtz die Grundsätze des bewußten Empirismus immer fest, bis er 
schließlich zu der Erkenntnis gelangte, daß selbst die Axiome der Geo— 
metrie nur Erfahrungstatsachen sind, und Räume, in denen andere 
Gesetze gelten, sich wohl denken lassen. In allen diesen bahnbrechenden 
Köpfen der neuen Naturforschung blieb der alte schöne deutsche Idealismus 
noch lebendig; sie forschten im Bereiche der Erfahrung zu kühn zugleich und 
zu gewissenhaft, als daß sie sich je hätten vermessen sollen, die Schranken 
der Erfahrung zu leugnen. Erst ihre kleineren Nachfolger verfielen in 
materialistische Plattheit. 
Die Medizin wurde von dem Aufschwung der Naturwissenschaft vor— 
erst noch wenig berührt. Die große Mehrzahl der Hausärzte befolgte noch 
die alte rohe Praxis, die durch Brech= und Abführungsmittel, durch Brunnen— 
kuren, durch Haarseile und Fontanelle die gefürchteten bösen Säfte und 
Krankheitsstoffe aus dem Leibe hinauszutreiben suchte; kein Wunder, daß 
manche der mißhandelten Kranken sich zu den sanften Mittelchen Hahne- 
manns und seiner neuen homöopathischen Schule flüchteten. Und wie 
beschämend dürftig war doch noch die Kenntnis des menschlichen Körpers. 
Wie viele tausend Kadaver hatte man nun schon zerschnitten, und noch 
wußte niemand, zu welchen Funktionen eigentlich die Milz oder der 
Blinddarm bestimmt seien. Selbst Auge und Ohr blieben noch fast un- 
bekannt; die Arzte mußten erst abwarten, ob ihnen die Physiker vielleicht 
die Instrumente zur genauen Beobachtung dieser edlen Organe erfinden 
würden. Nur die Chirurgie hielt gleichen Schritt mit den Naturforschern:
        <pb n="440" />
        432 V. 5. Realismus in Kunst und Wissenschaft. 
man bewunderte allgemein die Muskeldurchschneidungen Stromeyers, und 
die Berliner Studenten berichteten stolz, wie glücklich ihr geliebter Lehrer 
Dieffenbach durch die neue Kunst der plastischen Chirurgie verstümmelte 
Glieder zu ergänzen wußte. 
Also begannen Kunst und Wissenschaft sich überall auf die Wirklich- 
keit des Lebens zu richten; doch nur zu bald sollte sich zeigen, daß die 
politische Bildung der Zeit noch sehr weit hinter der geistigen Bildung 
zurückstand. —
        <pb n="441" />
        Sechster Abschnitt. 
———— — — 
Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Die neue Weltanschauung, die sich in Kunst und Wissenschaft so 
lebhaft bekundete, wurde, bewußt oder unbewußt, durch die großen Wand- 
lungen des wirtschaftlichen Lebens mit bedingt. Kein Zeitraum der 
deutschen Geschichte bietet dem Nationalökonomen ein so wechselreiches Bild 
wie dies neunzehnte Jahrhundert, das in beispiellos rascher Folge zwei 
gewaltige Umwälzungen der volkswirtschaftlichen Zustände und Partei- 
gegensätze erlebte. Vor einem Menschenalter erst hatte in Preußen eine 
friedliche Revolution von oben her die feudalen Fesseln der alten Gesell- 
schaft zersprengt; damals glaubten fast alle hellen Köpfe der Nation, mit 
dem freien Wettbewerb der wirtschaftlichen Kräfte, mit dem unbeschränkten 
Eigentum und der ungestörten Arbeit jedes einzelnen sei der soziale 
Frieden und Fortschritt für alle Zukunft gesichert. Noch war die neuc 
wirtschaftliche Freiheit bei weitem nicht überall in Deutschland zum 
Siege gelangt; Gewerbsbetrieb, Heirat, Niederlassung unterlagen in den 
meisten Kleinstaaten noch ängstlichen Beschränkungen, welche Preußen nicht 
mehr kannte. Da begann schon in den vierziger Jahren eine Gegen- 
bewegung; sie wuchs langsam an, unter starken Rückschlägen, und erst nach 
langen Jahren, als die Deutschen sich ihren nationalen Staat geschaffen 
hatten, errang sie Erfolge. Wenn die Urheber des preußischen Zoll- 
gesetzes unschuldig gehofft hatten, der mäßige deutsche Zollschutz und das 
ehrliche Anerbieten der Gegenseitigkeit würden genügen, um nach und nach 
den ganzen Weltteil der allgemeinen Handelsfreiheit anzunähern, so er- 
wies sich diese Erwartung jetzt schon als irrig; der Zollverein geriet bald 
in schwere wirtschaftliche Machtkämpfe mit Völkern von älterem Reich- 
tum und stärkerem Selbstgefühl, und aus dem Lager seines jungen Ge- 
werbfleißes erklang, hier mit Recht, dort mit Unrecht der Ruf nach Schutz 
der nationalen Arbeit. Im Innern aber rief der freie Wettbewerb nicht 
die erhoffte gerechte Gesellschaftsordnung hervor, sondern neue gehässige 
Klassenkämpfe; das bewegliche Großkapital begann eine gefährliche Über- 
macht zu erlangen, breite Massen des rechtlich befreiten Volks versanken 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 28
        <pb n="442" />
        434 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
in eine wirtschaftliche Abhängigkeit, die oft schwerer empfunden wurde, 
als vormals die patriarchalische Unfreiheit der alten Gesellschaft, und bald 
von tobenden Anarchisten, bald von menschenfreundlichen Denkern wurde 
der Staat gemahnt, daß er mit seiner zwingenden Gerechtigkeit die 
Schwachen gegen die Starken beschützen müsse. 
Die riesigen Kapitalansammlungen, die völlig neuen wirtschaftlichen 
Mächte, die in diesem Zeitalter der Erfindungen jählings aufschossen, 
stellten an den Staat Anforderungen, von denen die Gesetzgeber der 
großen Reformzeit nichts geahnt hatten. Die alte Losung hieß: freie 
Selbsttätigkeit; jetzt erhob sich der Ruf nach erweiterter Wirksamkeit der 
Staatsgewalt. Beuth, Hoffmann, Kühne, alle die alten wohlverdienten 
Beamten, die einst dem Staatskanzler Hardenberg zur Hand gegangen 
waren, fühlten sich jetzt wie in einer fremden Welt, da ihnen fast alles 
bezweifelt und bestritten wurde, was sie für den idealen Inhalt ihres 
Lebens ansahen. Der König aber, der sich über die Umwälzung der 
wirtschaftlichen Verhältnisse keineswegs täuschte und in seinem weichen 
Herzen die Leiden der arbeitenden Klassen lebhaft mitempfand, besaß doch 
weder die Willenskraft noch die Sachkenntnis, um den Ansprüchen der 
verwandelten Zeit gerecht zu werden. So geschah es, daß in diesen Jahren 
der allgemeinen Enttäuschung auch die preußisch-deutsche Wirtschafts- 
politik, die in den beiden letzten Jahrzehnten des alten Königs stolz von 
Sieg zu Sieg vorgeschritten war, ihre feste Haltung verlor und, obgleich sie 
die großen Errungenschaften der vorigen Regierung nicht preisgab, doch 
aus Wirren und Kämpfen, aus Versuchen, Mißgriffen und Plänen selten 
herauskam. 
Die Fortdauer des Zollvereins war schon zur Zeit des Thronwechsels 
so gut wie gesichert, nachdem Kühne die Bedenken der sparsam rechnenden 
Finanzpartei widerlegt und der neue König noch als Kronprinz dieser 
Widerlegung freudig zugestimmt hatte.) Nun beseitigte Eichhorn, kurz 
bevor er sein altes Amt verließ, noch die letzten Einwendungen und nahm 
also einen würdigen Abschied von dem Vereine, dem er die besten Jahre 
seines Lebens gewidmet hatte. Am 8. Mai 1841 wurden die Zollvereins- 
verträge, mit unwesentlichen Anderungen, für zwölf Jahre erneuert, und 
alle die verbündeten kleinen Höfe sprachen lebhaft ihre Befriedigung aus. 
Keinem von ihnen war je der Wunsch aufgestiegen, den geschlossenen Bund 
zu lösen; die gute Sache hatte überall den guten Geist bündischer Ein- 
tracht erweckt, die Zollverwaltung zeigte sich in allen Vereinsstaaten gleich 
zuverlässig. Die wirtschaftlichen Segnungen des Zollvereins konnte nie- 
mand mehr verkennen. Rasch wie eine australische Ansiedlung blühte 
auf der öden RNheinschanze Mannheim gegenüber die junge Fabrilstadt 
Ludwigshafen empor, und die vormals so stillen Täler Westfalens 
  
*) S. o. IV. 578.
        <pb n="443" />
        Der Zollverein ohne Küste. 435 
hallten jetzt wider vom Klange der Eisenhämmer. Mit vollem Recht 
rühmten sich die Deutschen, daß ihre junge Zolleinheit ungleich mehr 
bedeutete als die längst gesicherte der benachbarten Einheitsstaaten; denn 
sie war errungen in schweren Kämpfen, sie mußte durch neue Kämpfe noch 
gesichert und erweitert werden, sie sollte den Eckstein bilden für unsere 
politische Einheit. Doch je klarer man endlich die vaterländische Bedeu- 
tung des Werkes erkannte, um so lebhafter forderte der seit der jüngsten 
Kriegsgefahr neuerstarkte Nationalstolz, der junge Handelsbund müsse sich 
auch die Gleichberechtigung neben den fremden Mächten erzwingen. 
Und wie unfertig und unförmlich erschien der Zollverein noch gegen- 
über dem Auslande. In Wahrheit blieb er noch immer ein Binnenland. 
Von seinen 1089 Grenzmeilen waren nur 129 Seegrenze; und diese pom- 
merisch-preußischen Küsten bildeten bloß für einen Teil der östlichen Pro- 
vinzen Preußens, nicht einmal für Berlin die natürliche Einfuhrstelle; sie 
besaßen im Jahre 1843 insgesamt erst 790 Schiffe mit einer Tragfähigkeit 
von 106.0000 Last, während der Zollverein im selben Jahre allein an Kolo- 
nialwaren 132000 Last einführte. Die große Mehrzahl der Zollvereins- 
schiffe eignete sich nur für die kurze Fahrt auf der Ostsee, die seit der 
Entdeckung Amerikas mehr und mehr ein Binnensee geworden war. Zu- 
dem wurde die lange Fahrt auch noch durch den Sundzoll erschwert, und 
selbst das kräftig aufstrebende Stettin beschäftigte im außereuropäischen 
Handel erst 24 Schiffe mit 3773 Last. So sah sich denn der mächtige 
Handelsbund mit seinen 25 Mill. Einwohnern fast allein auf die Schiff- 
fahrt des Auslandes angewiesen, vornehmlich auf das deutsche Ausland 
an der Nordsee, das man mit zarter Höflichkeit als Vorland des Zoll- 
vereins zu bezeichnen pflegte. Trotzdem wußten die europäischen Nach- 
barn sehr wohl, was sie von dieser unfertigen Macht zu fürchten hatten. 
Palmerston nahm, wie gewöhnlich, allen Engländern das Wort vom 
Munde, als er im Parlament die freundnachbarliche Hoffnung aussprach: 
der erste Festlandskrieg wird den Zollverein wieder auflösen. Der geist- 
reiche französische Nationalökonom Richelot weissagte traurig, die Deut- 
schen würden, wenn sie sich erst einigten, bald das erste Handelsvolk des 
Festlands werden; und bei allen seinen handelspolitischen Verhandlungen 
mit den Nachbarvölkern hatte Preußen eine feindselige Eifersucht zu be- 
kämpfen, deren Stärke unsere tadelsüchtigen Zeitungsschreiber nicht ahnten. 
In Amerika dagegen, in Rio wie in Neuyork, fragte man höhnisch: wo ist 
euer Deutschland? wir wissen nur von einer preußischen, einer kniphau- 
sener und noch sieben anderen Flaggen, die sich für deutsch ausgeben, aber 
alle verschiedenen Gesetzen gehorchen; wir kennen weder eine deutsche 
Flagge noch einen Konsul, der sie vertritt, noch ein Kriegsschiff, das sie ver- 
teidigt, und wenn die sogenannten deutschen Schiffe löschen, so tragen 
ihre Waren fast allesamt englische oder französische Etiketten. 
Der treffende Spott verwundete tief; denn traten die Vorhäfen am 
28“
        <pb n="444" />
        436 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
deutschen Meere dem vaterländischen Handelsbunde bei, dann gebot das 
geeinte Deutschland, ohne Osterreich, über die zweite Handelsmarine der 
Welt; Bremen allein besaß zur Zeit mehr große Schiffe von 500 Last 
und darüber, als das gesamte Frankreich, und eine Nation von solcher 
Stärke galt jenseits des Ozeans gar nichts. Die stärkste Handelsader 
des Zollvereins, der Rhein, war ihm ja längst unterbunden, da Holland, 
auf unabsehbare Zeit hinaus, sich von dem alten Vaterlande getrennt 
hatte. Um so heftiger ward also verlangt, daß mindestens die Nordsee— 
küsten von der Ems bis zur Elbe, Hannover und die Hansestädte sich 
endlich dem nationalen Handelsbunde einfügen müßten. Am lautesten 
erklang diese wohlbegründete Forderung in Süddeutschland, das soeben 
erst den Segen großer Verhältnisse kennen gelernt hatte und sich nun 
doch vom Weltmeer gänzlich abgetrennt sah. Jetzt zeigte sich aber, wie 
schon so oft in der Geschichte des Zollvereins, daß der norddeutsche Parti- 
kularismus noch weit schwerer zu überwinden ist als der süddeutsche. Die 
Finanznot allein hatte einst den Trotz der süddeutschen Höfe besiegt; diese 
Küstenlande der Nordsee hingegen wähnten sich in ihrem Sonderleben sehr 
glücklich zu befinden. Mit begreiflichem Stolze rechneten die Hanseaten 
den Binnenländern vor, wie mächtig ihre Städte ohne Deutschlands Hilfe 
aufgestiegen waren. Ohne den heilsamen Zwang einer gebietenden Reichs- 
gewalt ließ sich diesem selbstgefälligen Hansetrotze schwerlich die einfache 
Wahrheit beibringen, daß die deutschen Häsen im Bunde mit dem großen 
Vaterlande unzweifelhaft noch viel rascher aufblühen mußten. 
Die nächste Aufgabe des Zollvereins, die Abrundung seiner Grenzen bis 
zur See, schien zur Zeit fast unmöglich, und fast ebenso hoffnungslos war auch 
für jetzt das Verlangen nach einer Verfassungsänderung des Handelsbundes. 
Es ist die Größe der absoluten Monarchie, daß sie zuweilen eine Politik der 
Ideen durchzuführen vermag, während der Parlamentarismus immer und 
überall durch die Klasseninteressen der Gesellschaft beherrscht wird. Nur die 
absolute preußische Krone hatte die Idee der deutschen Handelseinheit ver- 
wirklichen, alle die weitverzweigten geheimen Verhandlungen, welche den 
Zollverein begründeten, zum glücklichen Ende führen können. Doch kaum 
bestand diese neue Einheit, so regten sich sofort die sozialen Interessen und 
wirtschaftlichen Gegensätze. Man verlangte stürmisch Offentlichkeit der 
Zollkonferenzen oder auch ein Zollparlament oder Notabelnversammlungen, 
damit jeder Gewerbszweig seine Anliegen vor der Nation vertreten könne. 
Aber wie sollten diese durchaus berechtigten und erklärlichen parlamenta- 
rischen Wünsche befriedigt werden, da der Zollverein doch kein Staat war? 
Also sah die führende Macht des Zollvereins eine Menge neuer, 
überaus schwieriger Pflichten vor sich. Zunächst gelang ihr eine kleine Er- 
weiterung des Zollgebiets. Nach neunjähriger Anarchie wurde das Groß- 
herzogtum Luxemburg jetzt endlich als ein souveräner deutscher Bundes- 
staat eingerichtet; es erhielt eine selbständige Regierung, am 12. Okt. 1841
        <pb n="445" />
        Verhandlung mit Luxemburg. 437 
auch eine bescheidene landständische Verfassung, an deren Entwürfen Hassen— 
pflug noch mitgearbeitet hatte*), und da die Landschaft nunmehr von dem 
verkleinerten Königreiche der Niederlande weit abgetrennt lag, so beantragte 
der König-Großherzog ihre Aufnahme in den Zollverein — zur Freude 
einiger klugen Fabrikanten, zum Entsetzen der mächtigen belgisch-franzö— 
sischen Partei, die sich noch immer mit dem wallonischen Luxemburg wieder 
zu vereinigen hoffte. Preußens Finanzen und Volkswirtschaft konnten 
durch den Anschluß des feindlichen Ländchens durchaus nichts gewinnen; 
zumal die Gerber in den Grenzstädten Malmedy und St. Veith fühlten 
sich bedroht und klagten so lange, bis ihnen ihr gütiger König eine Geld- 
entschädigung zahlen ließ. Nur das deutsche Pflichtgefühl und die politische 
Berechnung zwangen den Berliner Hof, sich auf die Verhandlungen ein- 
zulassen; denn wies er die luxemburgischen Anträge ab, so schloß sich das 
Ländchen entweder dem belgischen Zollwesen an, oder es entstand dicht 
vor den Toren des Zollvereins eine gefährliche Schmugglerfreistatt. Die 
Unterhandlungen zogen sich mehr als zwei Jahre hin. Die preußische 
Regierung wahrte eifersüchtig die nationale Unabhängigkeit des Zollvereins, 
sie wollte einem fremden Fürsten schlechterdings kein Stimmrecht im Rate 
des deutschen Handelsbundes einräumen. Sie bestand darauf, daß Luxem- 
burg auf den Zollkonferenzen durch Preußen vertreten würde; die Zoll- 
direktion des Großherzogtums sollte dem preußischen Finanzministerium 
unterstellt, auch ein Teil der Zollämter unter Mitwirkung der Zollvereins- 
staaten besetzt werden, da die Deutschen den gänzlich verwilderten luxem- 
burgischen Beamten nicht trauten. Auf diese Bedingungen hin ward am 
8. Aug. 1841 der Anschlußvertrag abgeschlossen, und verabredetermaßen 
kamen sogleich preußische Beamte nach Luxemburg, um das neue Zollwesen, 
zur Verhinderung von Unterschleifen, plötzlich einzuführen. 
Da erhob sich ein völlig unerwarteter Widerstand. Ganz ungleich 
seinem nüchternen Vater, war der neue König der Niederlande, Wilhelm II. 
ein unruhiger Kopf, phantastisch, erregbar, wetterwendisch, immer mit 
hohen Plänen beschäftigt, zugänglich allen Einflüsterungen. Er hatte einst 
als Prinz von Oranien in dem zehntägigen Feldzuge die belgischen Re- 
bellen zu Paaren getrieben und hoffte noch immer, ihnen dereinst ihren 
Raub wieder zu entreißen; darum begünstigte er die Katholiken und ver- 
kehrte gern mit belgischen Unzufriedenen; von dem glorreichen achtzig- 
jährigen Kriege, der doch die Größe des Hauses Oranien begründet hatte, 
wollte er gar nicht reden hören. Mit seinem fast gleichalterigen könig- 
lichen Vetter in Berlin war er von Kindesbeinen an innig befreundet. 
Friedrich Wilhelm aber behandelte die Oranier nach der alten Überliefe- 
rung wie preußische Prinzen; er sah in der Teilung der Niederlande 
eine den Hohenzollern selber angetane Schmach, und noch in den wirren 
  
") S. o. 318 f.; V. 54.
        <pb n="446" />
        438 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Träumen seiner Todeskrankheit hat ihn das Mißgeschick der oranischen 
Verwandten oft beschäftigt. Im Vertrauen auf die Herzensgüte seines 
preußischen Vetters wagte nun der niederländische König eine Tat un- 
erhörter Treulosigkeit; er hatte unterdessen einige Luxemburger von der 
preußenfeindlichen Partei insgeheim zu Rate gezogen und erklärte plötz- 
lich, ohne einen Grund anzugeben, daß er den Vertrag nicht ratifizieren 
könne. Vielleicht stand dabei noch ein abenteuerlicher Plan im Hinter- 
grunde. Eben in diesen Septembertagen wurde in belgischen Garnisonen 
eine orangistische Verschwörung entdeckt, an deren Spitze zwei Generale 
standen, und man argwöhnte in Brüssel wie im Haag, daß der König ge- 
glaubt hätte, jetzt sei die Zeit für eine Gegenrevolution gekommen.) Ge- 
nug, der Oranier versagte seine Genehmigung einem Vertrage, den seine 
Bevollmächtigten genau nach seinen eigenen Weisungen abgeschlossen 
hatten. Es war nicht geradehin ein Bruch des Völkerrechts, aber eine so 
unehrenhafte Verletzung des internationalen Anstandes, daß der alte Mi- 
nister des Auswärtigen, Verstolk van Soelen, sofort entrüstet seinen Ab- 
schied nahm und mehrere andere erfahrene Diplomaten dem Monarchen er- 
klärten, unter solchen Umständen könnten sie das Auswärtige Amt nicht 
übernehmen. 
Geschäftssachen unter Freunden geschäftlich nüchtern zu erledigen, 
widerstrebte dem weichen Gemüte König Friedrich Wilhelms immer. In 
einem brüderlichen Briefe hielt er „seinem lieben Wilhelm“ die Torheit und 
das Unrecht der plötzlichen Sinnesänderung vor und schloß treuherzig: 
„In Summa, die Nicht-Ratifikation wird uns sehr angenehm sein, aber sie 
wird ein Unglück für Luxemburg sein und eine unerschöpfliche Quelle von 
Katzenjammer (déboires) für dich!“ Diesen gemütlichen Ton suchte der 
Oranier schlau auszunutzen; er erwiderte „seinem lieben Fritz“ am 
15. Sept.: „ich sehe also mit wahrer Freude, daß du mir nicht nur nicht 
die Zunge herausstrecken wirst, sondern daß meine Nicht-Genehmigung 
dir sogar sehr angenehm sein wird, da sie deinen Untertanen Vorteil 
bringt.“ Darauf versicherte er, die Luxemburger würden erst nach langer 
Zeit zu Deutschen werden, und dann nur aus Interesse, wenn Deutsch- 
land ihre Unabhängigkeit nicht störte, sondern beschützte. 7) Gleich nachher 
erschien schon der niederländische Bundesgesandte v. Scherff in Berlin 
und erbat, daß Preußen und der Zollverein den Abfall König Wilhelms 
von dem geschlossenen Vertrage förmlich genehmigen möchten. Die durch- 
weg belgisch gesinnten Zeitungen Luxemburgs frohlockten schon: die un- 
natürliche Trennung der beiden Hälften des Landes würde jetzt endlich 
aufhören. 
*) Diese Frage ist noch nicht aufgeklärt. Selbst der immer gründlich unterrichtete 
de Bosch Kemper wagt darüber nur Vermutungen (Geschiedenis van Nederland na 
1830. IV. 50). 
*“*) König Wilhelm II. an König Friedrich Wilhelm, 15. Sept. 1841.
        <pb n="447" />
        Treulosigkeit König Wilhelms II. 439 
Da regte sich doch der preußische Stolz. General Dumoulin, der 
alte treue Grenzenhüter der Westmark beschwor das Auswärtige Amt, 
fest zu bleiben; der Anschlag gehe aus von jener Partei, welche seit Jahren 
danach trachte, „das Land systematisch ganz von Deutschland zu trennen 
und den letzten Keim deutscher Sitte darin zu vernichten“.*) Die Mah— 
nung wirkte. Minister Werther sprach dem Könige nachdrücklich aus: jede 
Nachgiebigkeit sei unmöglich, es handle sich um die hochpolitische Frage, 
ob Luxemburg sich an Deutschland oder an Frankreich und Belgien an— 
schließen solle. Nunmehr schrieb Friedrich Wilhelm wieder, diesmal sehr 
ernst, an den Oranier: „Ich muß also, teurer und vortrefflicher Wilhelm, 
jede Verantwortlichkeit für die von dir beabsichtigte Nichtgenehmigung 
gegenüber den anderen Regierungen des Zollvereins hier auf die feier— 
lichste Weise von mir ablehnen.“ Dann erinnerte er ihn an die feind— 
selige Politik der Niederlande, die schon seit Jahren so viel Mißtrauen 
in Deutschland erweckt hätte: „Ach, teurer Wilhelm, könntest du die 
große und schöne Rolle des Versöhners spielen!“?) Immer und immer 
schwankte Friedrich Wilhelm zwischen königlichem Pflichtgefühl und gut- 
mütiger Schwäche. Es tat ihm wehe, mit dem alten Freunde so ganz 
persönlich aneinander zu geraten. Darum wollte er jetzt den Streitfall, 
unter OÖsterreichs Vermittlung, dem Bundestage zur Entscheidung vor- 
legen, und erst durch die dringenden Vorstellungen des Auswärtigen Amts 
ließ er sich von diesem unglücklichen Gedanken, der unfehlbar alles ver- 
dorben hätte, wieder abbringen.“) 
Als der niederländische König einsah, daß die Preußen ihn nicht frei- 
Fgaben, versuchte er neue Winkelzüge und sendete zur Unterstützung Scherffs 
zwei luxemburgische Bevollmächtigte. Die beiden Luxemburger, Simons 
und Pescatore waren in Berlin als belgische Parteigänger und Feinde 
Deutschlands übel berüchtigt; sie erklärten, ihr König-Großherzog wolle 
den Vertrag genehmigen, doch nur auf ein Jahr und mit sechsmonat- 
licher Kündigung. Ein solcher Vorschlag aus solchem Munde war offenbar 
frivol. Nur Friedrich Wilhelm bemerkte die Arglist nicht; er dachte schon 
einzuwilligen, falls Luxemburg sich verpflichtete, in den nächsten vier Jahren 
weder mit Belgien noch mit Frankreich einen Handelsvertrag zu schließen. 
Seine Minister urteilten anders. Nachdem der widerliche Streit einige 
Wochen gewährt hatte, entwarfen Thile, Alvensleben, Maltzan einen ge- 
meinsamen Bericht und zeigten dem Monarchen, was auf flacher Hand 
lag: im ersten Jahre bringe eine Zollvereinigung immer mannigfache Ver- 
luste; der belgischen Partei in Luxemburg würde es also nicht an Vor- 
*) Dumoulin an Werther, 23. Sept. 1841. 
*“*) Werthers Bericht an den König, 29. Sept., König Friedrich Wilhelm an König 
Wilhelm II., 30. Sept. 1841. 
***) Stolberg an Thile, 1. Okt.; Schreiben des Auswärtigen Amts an Thile, 6. Okt. 
1841.
        <pb n="448" />
        440 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
wänden fehlen, um den Vertrag nach sechs Monaten zu kündigen und 
das ganze Werk über den Haufen zu werfen. Für Preußen aber stehe 
Großes auf dem Spiele. Ließe sich die Krone von einem schwachen Nach- 
barn also verhöhnen, dann müßten die Zollverbündeten alles Vertrauen zu 
Preußen verlieren, „und auf diesem Vertrauen allein — so schrieb Thile — 
ruht das ganze Gebäude des Zollvereins.““) Diese Gründe überzeugten 
den König. Er sendete die beiden Luxemburger heim und schrieb noch- 
mals sehr eindringlich an den Freund im Haag (12. Jan. 1842): „Der 
gegenwärtige Zustand ist und muß sein das physische und moralische Ver- 
deutschen Seite hin, so werden deine Feinde über Unbeständigkeit schreien; 
wendest du dich nach der anderen, der schlechten Seite, so wirst du 
ganz Deutschland gegen dich haben. Und das will etwas sagen, teuerer 
Wilhelm, seit dem Jahre 1840.“ 77) 
Nunmehr gab der Oranier sein Spiel verloren; er wußte, wie ver- 
ächtlich alle deutschen Höfe über ihn redeten, und er war klug genug, 
den unehrenhaften Handel jetzt rasch aus der Welt zu schaffen. Darum ant- 
wortete er freundlich und sendete seinem königlichen Vetter, der soeben die 
Taufreise nach England angetreten hatte, alsbald zwei neue Unterhändler 
nach London, die angesehenen niederländischen Diplomaten Rochussen und 
van Heekeren.“) Mit diesen beiden verhandelte der König persönlich in 
Bunsens Hause und genehmigte am 29. Jan. 1842 ein Protokoll, das den 
Augustvertrag wiederherstellte: Luxemburg trat, zunächst auf vier Jahre, 
dem Zollvereine bei, die Zahl der anzustellenden preußischen Beamten 
sollte so gering wie irgend möglich bemessen werden. Hocherfreut meldete 
er dies Ergebnis dem reuigen Vetter, und da bei dem Versöhnungsfeste 
auch das Opferlamm nicht fehlen durfte, so verhieß er zugleich in tiefem 
Geheimnis: sein Gesandter Graf Lottum, der sich mit preußischer Deut- 
lichkeit über den oranischen Biedersinn ausgesprochen hatte, würde nicht 
wieder in den Haag zurückkehren.], 
Nach solchen Wirren wurde die kleine Westmark dem Zollverein ein- 
verleibt, und kaum ein anderes deutsches Land hat aus der nationalen 
Handelseinheit größeren wirtschaftlichen Vorteil gezogen. Der lange 
Belagerungszustand in der Hauptstadt und die fast gesetzlose Verwaltung 
der provisorischen belgischen Behörden draußen hatte das Ländchen von 
Grund aus verwüstet; Handel und Wandel lagen danieder, nur der 
  
*) Berichte an den König, von Maltzan 28. Dez. 1841; von Maltzan, Alvens- 
leben und Thile, 3. Jan.; von Thile, 3. Jan. 1842. 
**) König Friedrich Wilhelm an König Wilhelm II., 12. Jan. 1842. 
***) König Wilhelm II. an König Friedrich Wilhelm, 25. Jan. 1842. 
) Protokoll, London, 29. Jan. 1842, gez. von Rochussen und Heekeren, genehmigt 
von König Friedrich Wilhelm. Bunsen an Thile, 29. Jan.; König Friedrich Wilhelm 
an König Wilhelm II., 29. Jan. 1842.
        <pb n="449" />
        Anschluß Luxemburgs. 441 
Schmuggel blühte. Nun entstand wieder ein geordneter Verkehr, das 
fleißige betriebsame Völkchen begann wieder zu hoffen und knüpfte bald 
einen Geschäftsverkehr mit den östlichen Nachbarn an, der sich zum Er— 
staunen der Luxemburger selbst als gesund und einträglich erwies. Nicht 
lange, so empfing das Großherzogtum mehr als eine halbe Million Franken 
jährlich aus den Kassen des Zollvereins, eine Summe, die über die be— 
scheidene Konsumtion des Ländchens sehr weit hinausging. Gleichwohl 
dankte niemand den Deutschen für solche Wohltaten. Die Luxemburger 
wollten nicht vergessen, wie kläglich der Deutsche Bund sie während der 
Revolutionsjahre preisgegeben hatte, sie haßten die Preußen, die Be— 
schirmer der Bundesfestung, als ihre natürlichen Feinde. Der Großherzog 
tat auch gar nichts, um das Land dem deutschen Leben zu befreunden. 
Rechtspflege, Verwaltung, Geldwesen blieben belgisch-französisch, sogar die 
Amtssprache blieb französisch in dem grunddeutschen Lande — lediglich zur 
Bequemlichkeit der verwelschten Beamten, die sämtlich auf französischen 
oder belgischen Hochschulen ihre Lehrzeit verlebt hatten und dann daheim 
alles aufboten, um die alten ehrlichen Ortsnamen Klerf und Siebenbrunn 
in Clervaux und Septfontaines zu verwandeln. Also mästete sich fortan 
an Deutschlands mächtigem Stamme die ekelhafte Schmarotzerpflanze der 
Nation luxembourgeoise, ein Blendlingsvolk ohne Vaterland und darum 
ohne Ehre. — 
Mittlerweile eröffnete sich dem Zollvereine ganz unerwartet eine 
glänzende Aussicht. Der hannoversche Steuerverein, der ihn bisher vom 
Deutschen Meere absperrte, drohte zu zerfallen. Der Steuerverein hatte 
anfangs dem großen Zollvereine mancherlei Feindseligkeit erwiesen und 
namentlich seine preußischen Enklaven sehr gehässig behandelt. Doch seit 
man sich im Jahre 1837 über ein Zollkartell geeinigt, lebten die beiden 
Vereine in leidlicher Freundschaft, wenngleich Hannover die Grenzbewachung 
ziemlich saumselig durchführte; und Preußen beschloß zunächst ruhig ab- 
zuwarten, ob nicht das beinahe ringsum von Zollvereinslanden umklam- 
merte Welfenreich freiwillig die Vereinigung beantragen würde. Darauf 
war freilich kaum zu hoffen. Die mäßigen Finanzzölle des Steuervereins 
brachten reichlichen Ertrag, wohlfeile englische Fabrikwaren überschwemmten 
das Land. Daß dieser übermächtige fremde Wettbewerb die hannoversche 
Industrie ganz daniederhielt, war dem alten Welfenkönige nur willkommen; 
er liebte die Fabriken nicht, und wie er selbst zum Frühstück sein englisches 
Mutton-Chop verspeiste, so fand er es auch hoch erfreulich, wenn seine Han- 
noveraner sich bemühten, die Lebensweise künstlicher Engländer zu führen. 
Sein Volk huldigte derselben Meinung und pflegte den armen Hunger- 
leidern im Zollvereine mitleidig vorzuwerfen, wie viel mehr Bordeauxwein, 
Zigarren und Kaffee man, dank den niedrigen Zöllen, im Steuervereine 
verzehre. Diese stolze Behauptung beruhte freilich auf zweifelhaften 
Schätzungen — denn nachdem Braunschweig späterhin dem Zollvereine
        <pb n="450" />
        442 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
beigetreten war, verminderte sich dort der Verbrauch der Kolonialwaren 
keineswegs — doch sie wurde allgemein geglaubt, und als die Binnen- 
länder den Anschluß des Steuervereins laut verlangten, da erschien in 
einer hannoverschen Zeitung ein trutziges Lied, das den ganzen Gedanken- 
reichtum des welfischen Nationalstolzes treu wiedergab: 
Wir wollen ihn nicht haben, 
Den preußischen Zollverein 
Wir wollen ferner brauchen 
Zum Punsch den echten Rak, 
Wir woll'n auch ferner schmauchen 
Ein gutes Blatt Tabak! 
Zu Anfang 1841 verhandelten die verbündeten Staaten in guter Ein- 
tracht über die Verlängerung der Steuervereins-Verträge. Da verlangte 
Braunschweig zuletzt noch, Hannover solle den mit Preußen gemeinsam 
begonnenen Bau der neuen Straße von Salzwedel nach Ülzen einstellen, 
weil dies Unternehmen die alte von Magdeburg über Braunschweig nach 
Lüneburg führende Straße zu schädigen drohte. Damit muteten die 
Braunschweiger dem welfischen Königshofe einen offenbaren Treubruch zu, 
denn jener Straßenbau war auf Hannovers eigenen Wunsch mit Preußen 
verabredet worden. Gleichwohl nahm der hannoversche Bevollmächtigte 
den Vorschlag an, seine Regierung genehmigte diesen Schritt ausdrück- 
lich, der Vertrag ward abgeschlossen, und es fehlte nur noch der Austausch 
der Ratifikationen. Bei näherer Erwägung fand der alte Welfe diese 
Klausel doch unanständig und verlangte nachträglich noch Anderungen. 
Er verfuhr also ähnlich wie der König-Großherzog von Luxemburg, nur 
konnte er für seinen verspäteten Gesinnungswechsel mindestens einen 
achtungswerten Grund anführen. Darob entbrannte nun der Herzog von 
Braunschweig in hellem Zorne. Ihm war der hoffärtige Ton, den die Han- 
noveraner gegen die kleineren Höfe anzuschlagen liebten, längst zuwider; 
jetzt meinte er durch die Wortbrüchigkeit der Nachbarn „seine Würde, sein 
Ansehen, sein Recht“ gefährdet, und in einem eigenhändigen Briefe kündigte 
er dem Welfenkönige an, daß er aus dem Steuervereine austrete. Hier- 
auf suchte er Hilfe bei Preußen — weil ihm ein gegen Preußen gerichteter 
feindseliger Anschlag mißlungen war! Eine so verwegene Schenkung war 
neu, selbst in der Geschichte des Zollvereins, die von kleinstaatlicher Dreistig- 
keit und preußischer Langmut gar viel zu erzählen wußte. In den letzten 
Märztagen erschien der Finanzdirektor v. Amsberg in Berlin, ein fähiger, 
in der Volkswirtschaftspolitik wohl bewanderter Staatsmann, der, freier 
gesinnt als sein Herzog, schon die Zollvereinigung des gesamten Vater- 
lands ins Auge faßte. Er überbrachte eine Zuschrift des braunschweigi- 
schen Staatsministeriums, welche trocken anzeigte, „daß plötzlich einge- 
tretene Hindernisse die Erneuerung unserer Steuervereinigungs-Berträge 
mit dem Königreich Hannover und dem Großherzogtum Oldenburg un-
        <pb n="451" />
        Braunschweigs Austritt aus dem Steuervereine. 443 
tunlich gemacht haben.“ Daraufhin erbat er sich die Aufnahme seines 
Herzogtums in den Zollverein.“) 
Der preußische Hof fühlte sich nicht berufen, den Sittenrichter zu 
spielen in diesem unerquicklichen Zwiste des Welfenhauses. Er befand sich 
vielmehr in der tragikomischen Lage, daß er das unwillkommene Anerbieten 
seines so rasch bekehrten neuen Freundes nicht von der Hand weisen 
durfte. Das braunschweigische Ländchen allein mit seinen verfitzten Gren- 
zen war durchaus kein Gewinn für den Zollverein. Minister Alvens- 
leben äußerte sich darüber zu dem hannoverschen Gesandten General 
Berger mit einer freundschaftlichen Offenheit, die der alte Soldat dankbar 
anerkannte, und bemühte sich sogar, die beiden Welfenhöfe miteinander zu 
versöhnen.) Vergeblich. Der erboste Braunschweiger erklärte: wenn 
man ihn nicht in den Zollverein aufnehme, dann bleibe er allein. Also 
drohte mitten im Zollvereine nochmals ein großes Nest des Schleichhan- 
dels zu entstehen, die Krämer in den kleinen Harzstädten sprachen schon 
frohlockend von der Wiederkehr der alten goldenen Zeit des Schmuggels. 
Diese Befürchtung zwang die Minister, dem Könige die Aufnahme Braun- 
schweigs zu empfehlen, aber unter der Voraussetzung, daß Hannover, „das 
wic Braunschweig dem Anschluß an den Zollverein entgegenreife“, sich min- 
destens zu Verhandlungen bereit erkläre.*) Hannover gab diese vorläufige 
Zusage, alle Staaten des Zollvereins stimmten freudig bei, alle erwarteten, 
die Kugel komme endlich ins Rollen. In der Tat schien es möglich, daß der 
Zollverein jetzt mit einem Male bis zu den Mündungen der Elbe, Weser 
und Ems vordrang und danach auch die Hansestädte zum Beitritt bewog. 
Das braunschweigische Land erstreckte sich nämlich in einem schmalen 
Streifen weit nach Westen, vom Harze bis zur Weser; trat also das ge- 
samte Herzogtum dem Zollvereine bei, dann wurden die Landschaften 
Göttingen und Grubenhagen, die man in Hannover mit dem erhabenen 
Namen der südlichen Provinzen schmückte, von der Hauptmasse des Welfen- 
Königreichs abgeschnitten, und der ohnehin lockere Steuerverein zerstückelt. 
Doch was fragte der alte Welfe nach der Volkswirtschaft? König 
Ernst August verfuhr bei diesen Verhandlungen von Haus aus unredlich: 
er knüpfte sie nur darum an, weil er hoffte, sich noch freien Verkehr mit 
seinen südlichen Provinzen zu sichern. Seinem Gesandten Kielmansegge 
in London schrieb er eigenhändig: ich bin gegen den Zollverein und werde 
selbst im äußersten Falle immer vermeiden, Englands Interessen zu schä- 
digen, „was man einem englischen Prinzen nicht übel nehmen kann“. 
Bei seinen wiederholten Besuchen in England versicherte er den Ministern 
*7) Berichte von Canitz, Hannover 2. April 1841, Wien 4. März 1844. Schreiben 
des braunschw. Staatsministeriums an das preußische Min. d. A. A., 28. März 1841. 
**) Bergers Berichte, 4. 7. 30. April 1841. 
* 7) Werthers Bericht an den König, 8. April, Kabinettsordre an Werther und Alvens- 
leben, 21. April 1841.
        <pb n="452" />
        444 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
beständig — das erfuhr der preußische Gesandte von Lord Aberdeen 
selbst —: keine Macht der Welt soll mich je zum Eintritt in den preu— 
ßischen Verein bewegen! Nun gar jetzt sich durch das verhaßte Braun— 
schweig gleichsam zwingen zu lassen — das ging ihm wider die Ehre. Die 
Briten bestärkten ihn, wie sich von selbst verstand, in solchen Vorsätzen, 
obgleich Aberdeen dem leichtgläubigen Bunsen treuherzig beteuerte: der 
Beitritt Hannovers würde die Partei des Freihandels im Zollvereine kräf— 
tigen und uns darum willkommen sein.*) Auf seine Hannoveraner konnte 
der Welfe sich verlassen. In der Presse des Landes polterte widerwärtig der 
breite niedersächsische Bauernhochmut, der ohne nach dem großen Vater- 
lande auch nur zu fragen, sich wohlgefällig seines gefüllten Magens 
rühmte, und die Hansen suchten diesen Trotz nach Kräften zu nähren. 
In Bremen, das allezeit mehr vaterländische Gesinnung zeigte als 
Hamburg, ward die Verbindung mit dem Zollvereine allerdings schon 
zuweilen erwogen; doch allein konnte die Weserstadt nichts wagen, sie 
mußte sonst fürchten, ihren gesamten Zwischenhandel an das reichere Ham- 
burg zu verlieren. Dort an der Elbe hatte sich in dem langen hansischen 
Sonderleben eine Gesinnung herausgebildet, die man ebenso wohl allzu 
weitherzig wie allzu engherzig nennen konnte, eine rein kaufmännische 
Auffassung des politischen Lebens, die in dem Staate nur den unbequemen 
Dränger, den natürlichen Feind des freien Handels sah und überdies 
mit republikanischem Dünkel auf die angebliche Unfreiheit der preußischen 
Monarchie herabblickte. Der hansische Handel hatte die Stellung einer 
Weltmacht behauptet in Zeiten, da das Vaterland tief daniederlag. Kein 
Wunder, daß man anfing, das eigene Verdienst zu überschätzen, und die 
doch leicht begreifliche Blüte dieser Emporien eines gewerbfleißigen, dicht- 
bevölkerten Hinterlandes allein aus der tiefen Weisheit ihrer Handels- 
politik herleitete. Man legte sich die Frage kaum noch vor, warum denn 
London und Liverpool, Neuyork und Marseille unter dem Schutze ihrer 
nationalen Zolllinien gediehen? warum an den Mündungen von Rhein, 
Maas und Schelde, ebenfalls hinter nationalen Zollschranken, eine ganze 
Reihe blühender Handelsstädte bestand? Die Natur selbst — das galt 
in Hamburg als ein Glaubenssatz — hatte Deutschland zu einer ewigen 
handelspolitischen Selbstverstümmelung bestimmt, sie hatte die Mündungen 
der Elbe, der Weser, der Trave so ganz absonderlich gestaltet, daß sie 
immerdar „eine Freiküste“ bleiben mußten. Eine Erklärung dieses Natur- 
wunders wußte freilich niemand zu geben. 
Der tiefste Grund des hamburgischen Partikularismus lag in der 
Schwerfälligkeit der Kaufleute, die sich nicht entschließen konnten, eine alt- 
gewohnte und meisterhaft betriebene Geschäftsweise rechtzeitig zu ändern. 
Sie betrachteten noch immer, wie in althansischer Zeit, den Zwischen- 
  
*) Bunsens Berichte, 28. Okt., 10. Dez. 1842, 26. März 1844.
        <pb n="453" />
        Hannover und die Hansestädte. 445 
handel als ihre wichtigste Erwerbsquelle, sie hatten ihre Vaterstadt zu 
einem großen freien Markte für alle skandinavischen Völker erhoben, und 
wollten nicht sehen, daß ihnen jetzt eine noch reichere Zukunft offen stand, 
wenn sie mit der neuerdings so mächtig angewachsenen Industrie des 
Hinterlandes in freien Verkehr traten; ihr nordischer Zwischenhandel 
konnte ja daneben, in einem wohlgeordneten Freihafen, ungestört fort— 
dauern. Eigensinnig wie vormals die Kaufleute von Leipzig und Frank— 
furt sträubten sie sich wider ihr eigenes Glück, ganz wie jene rühmten 
sie die Trennung vom Vaterlande als Handelsfreiheit und verachteten 
das weiter blickende preußische Beamtentum. Ihre Schriftsteller — nicht 
bloß die blinden Partikularisten des Hamburger Korrespondenten, sondern 
auch der gelehrte Patriot Wurm — hatten für die Idee der praktischen 
deutschen Einheit nur leere Worte. Wenn sie zuweilen sehnsuchtsvoll von 
der Zolleinigung des Vaterlandes sprachen, dann fügten sie stets den un— 
möglichen Vorbehalt hinzu: erst müsse Österreich beitreten; und wenn sie 
Preußens Bemühungen um die Einheit der Münzen und Maße herab— 
lassend lobten, dann fiel es ihnen doch gar nicht ein, daß Hamburg mit 
gutem Beispiele vorangehen, sein lächerliches zweifaches Münzwesen mit 
der erprobten Talerwährung vertauschen sollte. Es war nicht anders, die 
große Mehrheit des Volks an der Nordseeküste wollte ihr Sonderleben nicht 
aufgeben. Klefeker in Hamburg, Berg in Oldenburg, v. d. Horst in Han— 
nover und die wenigen anderen einsichtigen Publizisten, die zum Anschluß 
mahnten, richteten nichts aus gegen das allgemeine Vorurteil. 
König Friedrich Wilhelm hielt in diesen Jahren Hannover und Kur— 
hessen für die beiden nächsten Freunde Preußens im Deutschen Bunde, 
denn von Bayern her wurde seine Regierung heftig befehdet, und den 
übrigen Mittelstaaten traute er wenig Widerstandskraft gegen die Libe— 
ralen zu. Darum behandelte er seinen welfischen Oheim mit zarter 
Schonung und setzte sogar bei den widerstrebenden Braunschweigern durch, 
daß jener Harz- und Weserkreis, der das Welfenkönigreich durchschnitt, 
vorläufig noch zwei Jahre lang im Steuervereine verblieb, damit der 
hannoversche Hof Zeit gewönne, sich auf den Zollanschluß vorzubereiten. 
Die Hannoveraner zeigten sich für solche Freundlichkeit wenig dankbar; 
sie ließen viele Monate verstreichen, bis sie nach wiederholten Mahnungen 
die zugesagten Verhandlungen endlich begannen, und dann stellten sie 
alsbald zwei gleich unannehmbare Bedingungen. Sie verlangten, daß der 
Zollverein seine Zölle auf mehrere der einträglichsten Kolonialwaren be— 
trächtlich herabsetzte und außerdem noch dem Königreiche ein Präzipuum 
gewährte, einen erhöhten Anteil an den gemeinsamen Einnahmen, zur 
Entschädigung für die angeblich größere Konsumtion im Welfenlande. 
Den 2 Millionen Deutschen des Steuervereins zulieb' sollten also die 
28 Millionen des Zollvereins sich ihre ergiebigsten Finanzzölle verderben. 
Die zweite Forderung aber verstieß gegen den Grundgedanken des Zoll-
        <pb n="454" />
        446 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
vereins, die gleiche Verteilung der Einnahmen nach der Kopfzahl. Um 
dieses Grundsatzes willen hatte die preußische Regierung erst vor drei 
Jahren den unglücklichen Plan, für sich selber ein mäßiges Präzipuum zu 
beanspruchen, schleunig wieder aufgegeben. Wie durfte sie jetzt von ihren 
Zollverbündeten eine noch weit größere Vergünstigung für Hannover ver- 
langen, nachdem Braunschweig soeben, ohne ein Präzipuum zu fordern, 
eingetreten war? 
Den süddeutschen Höfen, die sich so eifrig bemühten, ihrer jungen 
Industrie verstärkten Zollschutz zu schaffen, mußten die hannoverschen 
Denkschriften wie Stimmen aus der verkehrten Welt klingen. Die Welfen- 
krone suchte den Nerv der Volkswirtschaft in der üppigen Konsumtion, 
sie rühmte stolz: der Anschluß des Steuervereins bringt dem Zollverein 
zwei Millionen so starker Konsumenten und so wenig bedeutender Fabri- 
kanten zu, wie sie bis jetzt im Zollvereine nicht vorhanden sind. Daß diese 
zwei Millionen durch den Zollverein erst freien Verkehr und die Möglich- 
keit einer eigenen Industrie erhalten sollten, kam daneben nicht in Be- 
tracht. Wohl mochte die Konsumtion von Kolonialwaren mindestens in 
den eigentlichen Küstenlanden Hannovers etwas höher stehen als in man- 
chen Teilen des Zollvereins; doch über die Geldfrage des Präzipuums 
ließ sich noch gar nicht verhandeln, solange die volkswirtschaftlichen An- 
sichten hüben und drüben so weit auseinander gingen. Zudem bewies 
die Welfenkrone überall ihren bösen Willen durch gehässige Anmaßung. 
Im Sommer 1843 überbrachte der hannoversche Finanzrat Witte Vor- 
schläge seines Hofes nach Berlin; er stellte dem preußischen Ministerium 
ohne weiteres die Wahl, anzunehmen oder abzulehnen, er behauptete 
ungescheut, der Zollverein wolle im Harz- und Weserkreise „ein Schmug- 
geldepot“ gegen Hannover einrichten und drohte mit empfindlichen Re- 
pressalien. Eine solche Sprache war in den stürmischen deutschen Zollver- 
handlungen doch nicht mehr gehört worden seit jenen fernen Tagen, da der 
Herzog von Köthen einst einen streitbaren Leutnant mit seinem Ultimatum 
nach Berlin geschickt hatte. Bülow erwiderte kurz, Wittes Zuschrift ge- 
statte ihm keine Antwort, und stellte dem Hannoveraner anheim, sofort 
abzureisen. 
Währenddem erhitzte sich auch der braunschweigische Hof mehr und 
mehr, der alte Haß der beiden Welfenlinien brach wieder durch. Der 
Landtag stand dem Herzog treu zur Seite; die Mehrzahl der Abgeordneten 
hatte doch endlich die nationale Bedeutung des Zollvereins begriffen, ihr 
wackerer Führer K. Steinacker sagte in seiner Streitschrift wider die Han- 
noveraner hoffnungsvoll: „Vaterland! der Namc war lange ein leeres 
Wort für uns. Jetzt aber wissen wir, daß wir ein Vaterland haben, 
ein Vaterland, welches im kräftigsten gesundesten Verjüngungsprozesse sich 
befindet.“ Wie würdig nahmen sich solche Worte aus neben den wüsten 
Schimpfreden des Gothaers Zimmermann, der einst schon den hannover-
        <pb n="455" />
        Anschluß Braunschweigs. 447 
schen Staatsstreich verteidigt hatte und jetzt wieder unter dem Namen 
eines Dr. Faber „Politische Dachpredigten“ zur Verteidigung Ernst 
Augusts schrieb. Der verhehlte gar nicht, daß der Welfenhof die Ge— 
sinnungen, aus denen einst der Mitteldeutsche Handelsverein entsprungen 
war, noch keineswegs aufgegeben hatte und den Zollverein selbst bekämpfte; 
er mahnte die Deutschen, Rücksicht zu nehmen auf das „mächtige Aus— 
land“, zumal auf England, und sagte plump: „Ich halte sämtliche Ver— 
teidiger einer zweiten Einheit Deutschlands, neben oder außer der im 
Bunde, entweder für gutmütige Häute oder schlaue Füchse.“ Diese groben 
Angriffe nötigten auch den Berliner Hof, sich noch offener als bisher über 
den nationalen Zweck seiner Handelspolitik auszusprechen. Die amtliche 
Preußische Allgemeine Zeitung erklärte rund heraus: Preußens Aufgabe 
im Zollvereine wird dann erfüllt sein, wenn der Zollverein das ganze 
Bundesgebiet umfaßt und also die im Art. 19 der Bundesakte verheißene 
Handelseinheit vollendet ist. Dabei ward freilich vorsichtig verschwiegen, 
daß Osterreich dem Zollvereine nicht beitreten sollte. An dieser unerläß— 
lichen Bedingung hielt auch König Friedrich Wilhelm für jetzt noch 
fest. Als sein Gesandter in Wien mit Metternich über den schwebenden 
Streit gesprochen hatte, erging aus Berlin sofort die gemessene Weisung: 
ein freundliches Wort Osterreichs in Hannover kann nichts schaden; doch 
irgend eine Vermittlung in Zollvereinssachen werden wir dem kaiserlichen 
Hofe nie erlauben.“) 
Nach fast drei Jahren, zu Anfang 1844 wurden die widerwärtigen 
Verhandlungen abgebrochen. Braunschweig trat nunmehr mit seinen sämt- 
lichen Kreisen dem Zollvereine bei, und der Steuerverein blieb bestehen, 
obgleich sein Gebiet zerrissen war. Abermals nach häßlichem Streite 
erneuerte man dann auch das Zollkartell. Die drei nächstbeteiligten 
Kabinette suchten ihr Verhalten durch veröffentlichte Staatsschriften zu 
rechtfertigen, und erbaulich war es nicht, wie die beiden ergrimmten 
Welfenhöfe ihre schwarze Wäsche vor aller Welt wuschen. Ruhiger redete 
die preußische Staatsschrift; ihre streng sachliche Darstellung überzeugte 
ganz Deutschland, nur nicht die unbelehrbaren Hannoveraner und Hansen. 
Ernst August aber hatte mittlerweile sein altes Vaterland wieder besucht 
und sogar, nach Ableistung des üblichen Eides, seinen Sitz im Oberhause 
wieder eingenommen, obgleich Aberdeen selbst ihm vorstellte, dazu hätte 
sich weder König Leopold noch Prinz Albert je herabgelassen. Sein Ver- 
hältnis zu dem englischen Hofe blieb sehr kühl, weil die Königin argwöhnte, 
ihr feindseliger Oheim würde die Lords gegen sie aufwiegeln. Indes 
verabredete er mit den Ministern insgeheim einen Schachzug gegen 
Preußen.) Am 22. Juli 1844 schloß er mit England einen Schiffahrts- 
  
*) Bülow, Weisung an Canitz, 17. März 1844. 
*##r) Bunsens Bericht, 10. Juni, 10. August 1843.
        <pb n="456" />
        448 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
vertrag, der ihm den Anschluß an den Zollverein auf Jahre hinaus un— 
möglich machte. Großbritannien gewährte der hannoverschen Flagge einige 
Begünstigungen, auch für die indirekte Fahrt, und erlangte für seine 
Schiffe eine Ermäßigung des berüchtigten Stader Elbzolles, den die Han— 
noveraner soeben wieder, auf den Dresdener Elbschiffahrtskonferenzen von 
1842, hartnäckig als einen Seezoll gegen ihre deutschen Landsleute be— 
hauptet hatten. Also blieb das deutsche Welfenkönigreich, auch nachdem 
es sich von der englischen Krone getrennt hatte, noch immer ein Brücken— 
kopf der britischen Handelspolitik auf dem Festlande. — 
  
Den dürftigen Erfolg dieser Verhandlungen mit den Welfenhöfen 
empfand man in Berlin sehr peinlich; denn Preußens Ansehen im Zoll— 
vereine war ohnehin schon erschüttert durch einen wirtschaftlichen Partei— 
kampf, der 1841 durch Lists Buch „das nationale System der politischen 
Okonomie“ eingeleitet wurde. Die einfache, damals noch viel verkannte 
Wahrheit, daß die Volkswirtschaftslehre eine historische Erfahrungswissen— 
schaft ist und folglich auch mit den praktischen Erfahrungen der Gegen— 
wart in beständiger Wechselwirkung steht, ließ sich gerade in dem Deutsch- 
land dieser Tage mit Händen greifen. In allen anderen Wissenschaften 
hatten wir uns längst unsere eigene Bahn gebrochen; nur die National- 
ökonomie verharrte noch in einem seltsamen Anachronismus, sie folgte noch 
fast blindlings den Lehren des Auslands, weil unser Wohlstand noch so 
jung, selbst die Einheit des nationalen Marktes noch nicht ganz errungen 
war, große wirtschaftliche Parteien sich erst zu bilden begannen. 
Die sensualistische Philosophie der Schotten war in Deutschland nie zu 
allgemeinem Ansehen gelangt und schon durch Kant wissenschaftlich über- 
wunden. Gleichwohl herrschte in der deutschen Volkswirtschaftslehre noch 
die Lehre Adam Smiths, die doch mit dem Sensualismus stand und 
fiel; sie war seitdem durch Ricardo und Say mit einseitiger Härte weiter- 
gebildet worden und durch Bastiats lebendige populäre Schriften auch 
in weitere Kreise eingedrungen. Sie hatte einst, da es galt, die alte 
feudale Gesellschaftsordnung zu zerstören, als eine zeitgemäße, befreiende 
Macht gewirkt;z jetzt lebte sie auf den deutschen Kathedern nur noch fort 
als einc gedankenlose Tradition. Ganz nach der unlebendigen Methode 
des alten Naturrechts, die doch längst kein tüchtiger Jurist mehr gelten 
ließ, pflegte der Nationalökonom seine Sätze in logischer Folge abzuleiten 
aus der Abstraktion des billig kaufenden und teuer verkaufenden Einzel- 
menschen. Aus dem Kampfe der Selbstsucht dieser Einzelwesen, aus dem 
freien Spiele der sozialen Kräfte sollte dann ganz von selbst die Har- 
monie aller Interessen, die gerechte und vernünftige Ordnung der Gesell- 
schaft hervorgehen; der tierische Trieb des Eigennutzes vollbrachte mithin
        <pb n="457" />
        Lists Nationales System. 449 
das Wunder, die Menschen über den Zustand der Tierheit zu erheben. 
Feinere Naturen, die das Undeutsche dieser Lehre empfanden, wollten 
mindestens der weitblickenden Selbstsucht eine solche Wunderkraft zu— 
schreiben, ohne zu bedenken, daß die Selbstsucht nicht weit blicken kann, 
von ihren Niederungen aus das Ganze des Volkslebens nicht zu übersehen 
vermag. Die Theorie beruhte auf einem unhistorischen Optimismus, 
der zwei Großmächte der Weltgeschichte, die Mächte der Dummheit und 
der Sünde ganz verkannte und folgerecht zu dem Schlusse gelangen mußte, 
durch die zunehmende Erkenntnis des eigenen Interesses würde das Ver- 
brechen von selbst aus der Menschheit verschwinden. Wohl lehrten auf 
den deutschen Universitäten Schmitthenner, Eiselen sowie einige andere 
wenig hervorragende Anhänger des Schutzzollsystems, und C. H. Rau 
in Heidelberg, ein besonnener Anhänger der Lehre Smiths, speicherte in 
seinen gründlichen Lehrbüchern ein reiches statistisches Material auf, um 
also aus der Fülle der Erfahrung heraus die einzelnen Sätze des Systems 
zu ergänzen oder einzuschränken. Vorherrschend blieb doch die Meinung, 
daß die Güterwelt überall und jederzeit unwandelbaren Naturgesetzen 
unterworfen sei. 
In dies Traumleben der theoretischen Abstraktion brach nun Lists 
Buch wie ein Wetterschlag herein. Mit dem ganzen Pathos seiner vater- 
ländischen Leidenschaft bekämpfte er den Individualismus und, was im 
Grunde dasselbe sagte, das Weltbürgertum der herrschenden Schule. 
Er zeigte, daß die Volkswirtschaft jeder Nation ein lebendiges Ganzes 
bildet, alle ihre Glieder aufeinander angewiesen sind und „die Individuen 
den größten Teil ihrer produktiven Kräfte von der politischen Organisa- 
tion der Regierung und der Macht der Nation empfangen“. Mit mäßigen 
historischen Kenntnissen, aber mit einem glücklichen historischen Bllicke, 
der trotzdem meistens das Wesentliche herausfand, schilderte er den wirt- 
schaftlichen Entwicklungsgang der großen Nationen, wie sie sich allesamt 
in harten Machtkämpfen mit dem Wettbewerb anderer Völker behauptet, 
ihren heimischen Gewerbfleiß durch Zölle und Monopole geschützt hatten. 
Auf dem Grunde dieser historischen Erfahrungen baute er nun sein 
eigenes Schutzzollsystem auf, das sich von dem alten Merkantilsystem wesent- 
lich unterschied: er suchte den Reichtum der Völker keineswegs in den edlen 
Metallen, aber er erkannte die von den Freihändlern abgeleugnete Be- 
deutung der Handelsbilanz wieder an, da sich an dem Werte und der 
Art der ein= und ausgeführten Waren allerdings die Höhe der wirt- 
schaftlichen Kultur eines Volks annähernd abschätzen läßt; er verlangte 
Schutzzölle als Mittel der Ermunterung und Erziehung, damit neue pro- 
duktive Kräfte, immerhin gegen die Aufopferung von Tauschwerten, ge- 
weckt würden, die Nationen des Festlands sich von dem Drucke der eng- 
lischen Handelsübermacht befreiten und schließlich dahin gelangten, „nur 
von denen zu kaufen, die von uns kaufen.“ Berauscht von dem Anblick 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 29
        <pb n="458" />
        450 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
der jugendlich aufstrebenden nordamerikanischen Welt, sah er in dem Wohl- 
stande zumal im industriellen Vermögen schlechthin alles und behauptete 
keck, in gleichem Verhältnis mit dem Reichtum wüchsen überall die 
Tätigkeit, die Bildung, ja sogar die Sittlichkeit der Nationen. Durch 
Wohlstand wollte er sein heißgeliebtes Volk zur Freiheit erziehen, ihm die 
Duckmäuserei, das Philistertum, die Wolkenkuckucksheimer Träume aus- 
treiben. „Auf der Ausbildung des deutschen Schutzsystems — das blieb 
der Grundgedanke — ruht die Unabhängigkeit und Zukunft der deutschen 
Nationalität.“ 
Diesmal täuschte sich sein Seherblick, der sonst selten irrte: Deutsch- 
land sollte ohne hohe Schutzzölle sich sein neues Reich erbauen und erst 
weit später, als seine politische Macht längst gesichert war, bei gänzlich 
veränderter Lage des Weltmarkts sich dem Schutzsollsysteme zuwenden. 
Dennoch war seine Schrift ein Markstein in der Geschichte unserer poli- 
tischen Bildung. Zum dritten Male regte der kühne Mann, wie einst 
bei der Begründung der Handelseinheit und des Eisenbahnwesens, durch 
einen weckenden Ruf sein Volk kräftig auf. Er zuerst in Deutschland er- 
schloß die Nationalökonomie, die man bisher fast wie eine Geheimlehre 
mathematischer Formeln gescheut hatte, durch lebendige, lichtvolle Dar- 
stellung dem Verständnis und der Teilnahme aller Gebildeten; er be- 
trachtete sie, grundsätzlich absehend von allen fertigen Doktrinen, allein 
von dem Standpunkte historischer Erkenntnis und praktischer Geschäfts- 
erfahrung; er erwies mit flammender Beredsamkeit und oft stark über- 
treibend, daß alle großen volkswirtschaftlichen Fragen nationale Macht- 
fragen sind, ihre Lösung über die Selbstbehauptung der Völker entscheidet. 
Dies letzte Verdienst war das größte; solche Wahrheiten konnten einem 
Volke, das gerade im Handel und Wandel seine fremdbrüderliche Schwach- 
heit zeigte, ausländische Waren würdelos bevorzugte, nicht laut, nicht 
scharf genug gesagt werden. Darum entsetzten sich auch alle Ausländer, 
die auf Deutschlands Schwäche rechneten, über Lists Werk. Die eng- 
lische Presse jammerte scheinheilig: wie sei es nur möglich, daß unter den 
humanen, gebildeten Deutschen eine so barbarische Gesinnung volkstüm- 
licher Ausschließlichkeit auftauche; und selbst Graf Camillo Cavour nannte, 
da er die Freihandelslehren noch kurzweg als die rette dottrine bewun- 
derte, das Buch des Schwaben eine krankhafte Ausgeburt des überspannten 
Nationalstolzes. 
Die Fachwissenschaft wurde von Lists Ideen zunächst nur wenig be- 
rührt; ihm selbst lag ja auch nichts ferner als der Ehrgeiz des Gelehrten. 
Es geschieht aber nicht selten, daß die schöpferische Kraft der Geschichte die 
notwendigen, der Zeit gemäßen Gedanken gleichzeitig aus ganz verschie- 
denen Quellen hervorspringen läßt. Unabhängig von List, allein durch 
wissenschaftliches Nachdenken hatte sich mittlerweile der junge Hannove- 
raner Wilhelm Roscher, der bald in Leipzig heimisch wurde, den Plan ge-
        <pb n="459" />
        W. Roscher. Das Zollvereinsblatt. 451 
bildet für seine reiche Gelehrtentätigkeit. Er wollte der Nationalökonomie 
das historische Verständnis erwecken, das die Rechtswissenschaft den Werken 
Savignys, Eichhorns, Niebuhrs verdankte. In einem kleinen Grundriß 
für Vorlesungen (1843) zeichnete er zuerst die Umrisse seiner historischen 
Methode; er faßte die Volkswirtschaft als eine Welt des Werdens auf 
und suchte überall zu zeigen, daß die Theorie nur relative Wahrheiten 
finden kann, daß dieselben Institutionen, die das jugendliche Volk erheben, 
dem gereiften zur Fessel werden. Ein Gelehrter von ausgebreitetem Wissen, 
ebenso bescheiden, gerecht, friedfertig, wie List trotzig, parteiisch, kampflustig 
war, stimmte Roscher auch in dem Streite des Tages keineswegs mit dem 
schwäbischen Agitator überein, da er den freihändlerischen Gedanken weit 
näher stand. Gemeinsam war den beiden nur der historische Sinn und 
die Erkenntnis der sittlichen Mächte des wirtschaftlichen Lebens. Wäh— 
rend Lists Buch einen leidenschaftlichen Parteikampf entzündete, machte 
Roschers Grundriß langsam, ganz in der Stille seinen Weg; aus den 
Anregungen, die hier zuerst gegeben wurden, ging nach und nach eine 
neue, realistisch-historische Auffassung der Volkswirtschaft hervor, und es 
entstand im Laufe der Jahre eine deutsche nationalökonomische Schule, 
die fest auf eigenen Füßen stehend sich dem Auslande bald überlegen 
zeigte. 
List säumte nicht, die Silberbarren seines „Nationalen Systems“ in 
kleine Münzen umzuprägen. Er gründete (1843) das Zollvereinsblatt, 
und um das Banner dieser streitbaren Zeitschrift scharte sich bald die 
gesamte Schutzzoll-Partei des Südens, vornehmlich der junge Stand der 
Fabrikanten und Techniker, der viele auf den neuen Gewerbschulen gut 
gebildete, tüchtige und rührige Männer in seinen Reihen zählte. In 
Baden drang die Bewegung tief ins Volk, weil dort die neuen Fabriken 
meist durch Aktiengesellschaften gegründet waren, viele Bauern und kleine 
Bürger sich am Aktienkaufe beteiligt hatten. Manche Forderungen der 
Partei waren sachlich wohl begründet, doch unverkennbar wirkte auch die 
kleinstädtische Weltanschauung mit. Preußens soziale Freiheit blieb den 
Süddeutschen noch versagt, und wie sie gewohnt waren, für Heirat und 
Niederlassung stets die Genehmigung der Obrigkeit einzuholen, so erwar— 
teten sie auch in der Handelspolitik alles Heil von oben. In Württem— 
berg zeichnete sich der Eßlinger Fabrikant Deffner durch seinen Eifer aus, 
in der badischen Kammer der feurige Redner Sander, am Rhein Berg— 
rat Böcking zu Saarbrücken. Das mächtige Bankhaus Haber in Karls— 
ruhe versorgte einen großen Teil der süddeutschen Zeitungen mit schutz- 
zöllnerischen Korrespondenzen, auch Cotta stellte die Allgemeine Zeitung 
und die Deutsche Vierteljahrsschrift der Schutzzoll-Partei zur Verfügung. 
Nicht lange, so galt es im Süden für ausgemacht, daß jeder Liberale 
ein Schutzzöllner, jeder Freihändler ein Reaktionär sein müsse. Wieder 
einmal zeigte sich, daß List wohl aufregen und beleben, doch nicht Maß 
29 *
        <pb n="460" />
        452 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
halten, nicht gestalten konnte. Wie er einst gegen das preußische Zoll- 
gesetz getobt hatte, das doch seine eigenen Ideale verwirklichte, so schalt 
er jetzt ungestüm auf die preußische Handelspolitik und untergrub das 
Vertrauen zu der führenden Macht des Zollvereins, obgleich er die Not- 
wendigkeit der preußischen Hegemonie wohl begriff. In seinem blinden 
Zorne bemerkte der edle Enthusiast nicht mehr, welche dämonischen Kräfte 
der Zwietracht und des Bruderhasses er entfesselte. Abel und die ganze 
Heerschar der bayrischen Ultramontanen stimmten ihm schadenfroh zu, 
und bald ließ sich auch schon der Ruf hören: statt des unfähigen Preußens 
müsse Österreich die Führung des Zollvereins übernehmen — eine For- 
derung, die von List selbst allerdings nie gebilligt wurde. 
Mißtrauen zwischen Nord und Süd war unter allen Gefahren, welche 
den Zollverein bedrohen konnten, die schwerste; denn das vertrauensvolle 
Einverständnis von Preußen-Hessen und Bayern-Württemberg hatte ihn 
einst begründet; zerriß dies Band, so ging der erste Anfang praktischer 
deutscher Einheit verloren. Es war die tragische Schuld in Lists stür- 
mischem Leben, daß dieser begeisterte Patriot, der das ganze Vaterland 
mit glühender Liebe umfaßte, doch die Kluft zwischen dem Süden und 
dem Norden gewaltsam erweiterte. Er betrieb die schutzzöllnerische Agi- 
tation, die ja ihre guten Gründe hatte, mit einer solchen Erbitterung, 
daß der im Süden schon halb verblaßte Preußenhaß mächtig wieder auf- 
brauste. Der Same des Unfriedens, der damals ausgestreut wurde, trug 
noch nach vielen Jahren arge Früchte; noch bis zum Jahre 1866 ließen 
sich in der süddeutschen Presse, zumal in den Blättern des Hauses Cotta 
die Nachklänge dieses rohen Schutzzöllnerhasses vernehmen. Nachdem 
Preußen nachweislich so große finanzielle Opfer für den Zollverein ge- 
bracht hatte, verbreitete man im Süden ein Witzbild, das die Dinge 
geradezu auf den Kopf stellte: die Kuh des Zollvereins wurde von dem 
geduldigen süddeutschen Michel festgehalten und von Preußen gemolken. 
List selbst scheute sich nicht, der preußischen Regierung vorzuwerfen, daß 
sie den Zollverein zu ihrem Vorteil ausbeute. Er erging sich — und 
mehr noch sein Anhang — in wüsten, demagogischen Anklagen. Er jam- 
merte, das wehrlose Deutschland würde von der Handelspolitik des Aus- 
lands ausgeplündert, und vergaß undankbar, daß der Zollverein die wirt- 
schaftliche Fremdherrschaft im wesentlichen doch schon gebrochen hatte, 
und jetzt nur noch in Frage stand, ob nicht einzelne Gewerbszweige eines 
stärkeren Schutzes bedürften. 
Diese trockene Geschäftsfrage, wie viel Zoll eine Ware zu ertragen 
vermöge, wurde mit einer Wut behandelt, als ob nur Landesverräter 
anderer Meinung sein könnten. Geborene Kämpfer lieben, sich ihre Feinde 
als Zerrgestalten vor die Augen zu halten. Wie Luther aus dem Coch- 
läus einen Rotzlöffel, aus dem Herzog von Braunschweig einen Hans 
Worscht machte, um dann diese Fratzen nach Herzenslust zu zerzausen, so
        <pb n="461" />
        Die süddeutschen Schutzzöllner. 453 
bekämpfte List in seinem „Nationalen Systeme“ neben der „Rechtspest“ der 
Pandekten ein mythologisches Ungeheuer, das er „die Schule“ nannte und 
jeder erdenklichen Sünde zieh. Neuerdings war sein Popanz die preußische 
„Bureaukratie“, dieser halborientalische Auswuchs, dies schlingpflanzen— 
artige „Unkraut“ des deutschen Staates; statt der Aktenweisheit des grünen 
Tisches sollte fortan die lebendige Erfahrung der Gewerbsleute den deut— 
schen Zollbund beherrschen. Gewiß bedurfte die einseitig bureaukratische 
Leitung des Zollvereins dringend der Ergänzung durch populare Kräfte; 
so einfach, wie List meinte, lagen die Dinge dennoch nicht. Wer hatte einst 
den Zollverein gegründet? Das deutsche Beamtentum im Kampfe mit 
der Torheit der Kaufleute und Fabrikanten. Und wer hinderte jetzt, daß 
er sich bis zu seinen natürlichen Grenzen ausbreitete? Nicht das Beamten- 
tum, sondern die geschäftskundigen Kaufleute der Hansestädte. 
List verschmähte, was doch die nächste Aufgabe jeder fruchtbaren 
Publizistik ist, sich hineinzudenken in die Lage des von ihm so grausam 
gescholtenen Staates. Die preußische Regierung sollte einen Verein leiten, 
der — was Süddeutschland selbst einst dringend verlangt hatte — seinen 
Tarif nur durch einstimmige Beschlüsse verändern durfte; sie konnte sich 
mithin keiner der wirtschaftlichen Parteien, die einander bekämpften, 
willenlos unterwerfen, sondern mußte zwischen ihnen zu vermitteln suchen, 
damit das Ganze nicht auseinander fiel. Da List sich um die preußischen 
Zustände leider nie recht bekümmert hatte, so kannte er auch die entschei- 
denden Männer nicht und wiederholte zuversichtlich, allein die Rücksicht 
auf England bestimme Preußens Handelspolitik. Der Vorwurf lag nahe; 
man wußte ja, wie schwärmerisch der neue Hof alles englische Wesen be- 
wunderte. Dennoch entbehrte der Verdacht jedes Grundes; denn die drei 
eifrigsten Anglomanen in den preußischen Regierungskreisen waren der 
König selbst, Bülow und Bunsen, und gerade diese drei hegten lebhafte 
Vorliebe für die Gedanken der Schutzzöllner. Kühne hingegen, Beuth 
und die anderen bureaukratischen Gegner der Zollerhöhung waren stramme 
Preußen, ganz frei von englischen Neigungen; wenn sie die Pläne Lists 
bekämpften, so geschah es nur, weil sie tief überzeugt an den Ideen der 
Hardenbergischen Zeiten festhielten und nicht einsehen konnten, daß ihr 
durch ein Vierteljahrhundert erprobtes Zollgesetz jetzt doch an vielen 
Stellen schadhaft wurde. 
Wer sollte es nicht menschlich finden, daß die unbändigen Schmähungen 
der süddeutschen Schutzzöllner auch auf der anderen Seite höchst unge- 
rechten Verdacht hervorriefen? Man konnte in Berlin nicht begreifen, 
warum der feurige Liberale List jetzt mit den Spießgesellen Metternichs 
und Abels zusammen ging; die preußischen Gesandten an den süddeut- 
schen Höfen glaubten allesamt, der makellos rechtschaffene Mann lasse 
sich von Österreich und Bayern bezahlen. Sogar der feine, geistreiche 
Canitz schrieb: „Verkaufen wird er seine Überzeugung wohl nicht, aber
        <pb n="462" />
        454 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
sie jedem leihen, der gut zahlt. Man gebe ihm Geld und zwar viel, so 
wird es ihm ziemlich gleichgültig sein, ob er Eisenbahnen oder Kolonien 
in Osterreich oder Preußen zu verwalten habe.“*) Kühne selbst wahrte 
seine Amtswürde und antwortete in der Staatszeitung nur auf die sach- 
lichen, nie auf die persönlichen Angriffe des süddeutschen Agitators. Um 
so heftiger äußerte er sich mündlich über „die Absurdität und Schlechtig- 
keit“ des Schwaben, über das tolle Treiben der „völlig verrückten Listschen 
Sünder“. Er begriff nicht, daß Lists Buch ganz neue, fruchtbare Ge- 
danken enthielt, er sah darin nur die Wiederholung alter Irrtümer und 
fand es „rätselhaft, wie dies so ganz hohle und verbrauchte Merkantil- 
system wieder aufleben konnte.“7) 
In Norddeutschland stimmte wohl die große Mehrzahl diesem verständ- 
nislosen Urteile zu. Hier wurde Lists Lehre fast allein von den Eisen- 
werksbesitzern Westfalens und einem Teile der schlesischen Fabrikanten 
willkommen geheißen. Die meisten der altbefestigten Fabriken sahen sich 
durch die bestehenden Zölle genugsam geschützt; die Handelsplätze vollends 
und die ackerbauenden Provinzen verlangten nach Freihandel. Während 
im Süden die schutzzöllnerische Gesinnung für freisinnig galt, herrschte 
im Nordosten, zumal in Altpreußen, die genau entgegengesetzte Meinung: 
wer ein fester Liberaler war und die befreiende soziale Gesetzgebung der 
Stein-Hardenbergischen Tage hochhielt, mußte auch den freien Handel 
fordern. Selbst der Landadel stimmte in der Wirtschaftspolitik mit seinen 
alten Gegnern, den Geheimen Räten überein; für seine Bodenfrüchte 
hatte er ja keinen erdrückenden fremden Wettbewerb zu fürchten, darum 
wünschte er Erleichterung der Konsumtion, vor allem wohlfeile Maschinen, 
um dic noch tief daniederliegende landwirtschaftliche Technik zu ver- 
bessern. Der halbwahre, in vielen Fällen falsche Satz, daß der Konsu- 
ment allein den ganzen Schutzzoll bezahlen müsse, wurde noch allgemein 
geglaubt, und niemand fragte, warum denn die englischen Produzenten 
so gar ängstlich vor jeder Erhöhung der deutschen Garn= und Eisenzölle 
warnten. Vergeblich rechnete Fritz Harkort, der Volksmann Westfalens, 
den Grundbesitzern vor: der Pächter einer westfälischen Domäne von 
1000 Morgen brauche im Jahre etwa 24 Ztr. Stabeisen und 1 Ztr. Stahl, 
er zahle mithin für jeden Morgen schlimmsten Falles 1 Sgr. Zoll und 
könne folglich durch eine mäßige Erhöhung der Eisenzölle nicht schwer ge- 
troffen werden. Erst in einer weit späteren Zeit, als der Ackerbau sich 
selbst durch die Getreideeinfuhr anderer Völker bedroht sah, begannen die 
Landwirte zu erkennen, daß in der Tat alle Zweige der nationalen Er- 
werbstätigkeit, trotz der Reibungen daheim, dem Auslande gegenüber eine 
lebendige Interessengemeinschaft bilden, wie List immer behauptet hatte. 
  
*) Canitz, Bemerkungen zu Bunsens Bericht vom 31. Juli 1846. 
**) Nach Kühnes Denkwürdigkeiten.
        <pb n="463" />
        Norddeutsche Freihändler. Prince Smith. 455 
Nach deutscher Weise wurde die Lehre der freien Konkurrenz bald 
zu einem geschlossenen Systeme ausgestaltet, und es bildete sich eine 
Schule radikaler Freihändler, die mit Richard Cobden und den Manchester- 
männern in Verbindung trat. An ihrer Spitze stand John Prince Smith, 
ein vornehmer Engländer, der von lange her in Preußen eingebürgert, 
zu Elbing mit dem handfesten Liberalen van Riesen Freundschaft ge- 
schlossen hatte und trotzdem alle rein politischen Fragen mit großer Gleich- 
gültigkeit betrachtete. Er wollte nichts sein als Freihändler und hielt sich 
zu den Liberalen nur, weil er durch sie seine wirtschaftlichen Ideale zu er- 
reichen hoffte. Beschränkt und sicher, ein echter Brite, sah er auf der 
weiten Welt nichts andres als Handel und Wandel; technische Entwürfe 
und Verbesserungen beschäftigten ihn unablässig; der Staat war ihm nicht 
mehr als der Produzent der wirtschaftlichen Sicherheit, und als solchen 
hatte er sein Preußen aufrichtig schätzen gelernt. Die allgemeine Handels- 
freiheit mußte — daran blieb ihm kein Zweifel — die Glückseligkeit aller 
Nationen und zuletzt den dauernden Völkerfrieden begründen; denn waren 
nur erst überall die Maschinen im Gange, dann konnte ja, wegen der 
Gefahr einer großen Handelskrisis, kein Staat mehr einen Krieg zu führen 
wagen. Solche Gedanken verbreitete er — in der persönlichen Polemik 
immer maßvoll, in seinen Lehrsätzen ganz unfehlbar — durch zahlreiche 
Flugschriften. Als er sodann nach Berlin übersiedelte, stiftete er einen 
freihändlerischen Verein, dem sich manche begeisterte junge Männer an- 
schlossen. 
In dieser Schwärmerei des trockenen Geschäftsverstandes lag ein 
eigentümlicher Reiz, der gerade deutsche Idealisten leicht bestricken konnte. 
Die Lehre von der ungehemmten Entfaltung aller wirtschaftlichen Kräfte 
berührte sich, freilich nur scheinbar, mit dem ästhetischen Idealismus 
Wilhelm Humboldts, der einst in seiner Jugendschrift das Recht der 
freien Persönlichkeit so warm gegen die zwingende Staatsgewalt verteidigt 
hatte; und wie verführerisch klang doch für edle Naturen der erhabene 
Satz, daß der gerechte Staat sich niemals durch die Klasseninteressen 
selbstsüchtiger Fabrikanten beirren lassen dürfe. Nur zu bald sollte sich 
zeigen, wie stark die Klasseninteressen der Kaufmannschaft und der Börse 
bei den Lehren der Freihändler selbst mitwirkten. Das abstrakte, vater- 
landslose Weltbürgertum ward in dem Vereine immer mächtiger; das 
radikale Gerede der Berliner Nichts-als-Freihändler bestätigte nachträglich 
alles, was List einst stark übertreibend „der Schule“ Adam Smiths 
vorgeworfen hatte. 
Der feste, sichere Wille, der allein so scharfe Parteigegensätze nieder- 
halten konnte, fehlte in Berlin leider gänzlich. Der König empfand dunkel, 
daß die Hilferufe der Schutzzöllner aus dem Süden doch nicht ganz un- 
berechtigt waren. Er hatte von jeher, zum Erstaunen seiner romantischen 
Freunde, viel Verständnis für volkswirtschaftliche Fragen gezeigt und, da
        <pb n="464" />
        456 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
er dem Beamtentum stets mißtraute, schon als Kronprinz oft beklagt, 
„daß die Masse der Erfahrung, die in dem Handel und Gewerbe treiben— 
den Publikum vorhanden ist, in den obersten Behörden gar keine Ver— 
tretung fand“.*) Darum gründete er, nach den Plänen seines Vaters, 
am 16. Januar 1842 das Landes-Okonomiekollegium, eine beratende tech- 
nische Behörde, die mit den landwirtschaftlichen Vereinen in Verbindung 
trat, in allen Provinzen namhafte Grundbesitzer als außerordentliche Mit- 
glieder anstellte und also wohlunterrichtet über die Lage des Landbaues 
ihre Gutachten abgab. Von ganzem Herzen erfreute er sich an der ersten, 
durch Beuth veranstalteten großen Gewerbeausstellung, die im Berliner 
Zeughause 1844 eröffnet wurde; zum Andenken ließ er eine schöne Schau- 
münze prägen mit dem Bilde der Germania und der Inschrift: Seid 
einig! Die wiederholten Bitten der Provinziallandtage um Wiederein- 
setzung eines Handelsministeriums hatten ihm längst gezeigt, daß er die 
Gewerbs= und Handelssachen nicht mehr allein dem Finanzminister und 
der oft rein fiskalischen Gesinnung seiner Räte überlassen durfte. 
Als ihm nun der aus London heimgekehrte Minister Bülow vor- 
schlug, ein Handelsamt nach dem Vorbilde des englischen Board of Trade 
zu gründen, da ging der König freudig auf den Gedanken ein. Den 
rechten Mann für die Leitung des neuen Amts glaubte er schon gefunden 
zu haben in dem Ministerresidenten zu Washington, dem Holsten Friedrich 
Ludwig von Rönne, der schon seit längerer Zeit auf Urlaub in Berlin 
weilte und hier, von Savigny, Bunsen und dem allezeit still tätigen Senfft 
v. Pilsach warm empfohlen, dem Monarchen bald näher trat. Rönne hatte 
in seinen diplomatischen Berichten die volkswirtschaftlichen Verhältnisse 
immer ausführlich besprochen und sich auch viele deutsche Fabrikanten durch 
wertvolle Geschäfts-Mitteilungen zu Dank verpflichtet; die Amerikaner be- 
hielten die stattliche Erscheinung des liebenswürdigen preußischen Resi- 
denten noch lange in gutem Andenken. Er schwärmte für den neuen König, 
aber auch für das freie Polen und für die Vereinigten Staaten, deren Bun- 
desverfassung er in Deutschland nachzubilden wünschte; und zu verwun- 
dern war es nicht, daß der leicht erregbare Enthusiast sich späterhin in die 
Irrwege einer unfruchtbaren liberalen Opposition verlor. Den Schutzzoll- 
Theorien Lists stimmte er begeistert zu, und mit dem wahlverwandten Bun- 
sen verhandelte er gern über deutsche Kolonien und gesamtdeutsche Schiff- 
fahrt — hochsinnige Pläne, denen nur leider für jetzt jeder Boden fehlte. 
Geistreich und vielseitig unterrichtet durfte er sich mit Kühnes reicher Er- 
fahrung und Geschäftskenntnis doch nicht von fern vergleichen. 
Da dem Könige das Einfache stets am fernsten lag, so konnte er sich 
nicht entschließen, nach den Wünschen der Provinziallandtage, das unter- 
gegangene Handelsministerium wieder ins Leben zu rufen; er fürchtete, 
  
*) So erzählt er selbst in einer Notiz für das Staatsministerium, März 1846.
        <pb n="465" />
        Das Handelsamt. Rönne. 457 
seltsam genug, dies würde „eine Erschwerung in den Gang der Staats— 
verwaltung bringen“.“*) Angeregt durch eine Denkschrift Rönnes entschied 
er sich für eine unglückliche Halbheit. Er wollte ein Handelsamt unter 
Rönnes Vorsitz bilden, das gleich dem Landes-Okonomiekollegium nur 
technische Gutachten erstatten, sachverständige Kaufleute und Gewerbtrei— 
bende zur Beratung zuziehen, auch mit den Handelskammern sich ver— 
ständigen sollte. Über die also begutachteten handelspolitischen Fragen 
entschied dann der Handelsrat, der aus fünf Ministern und dem Präsi— 
denten des Handelsamtes bestand und von Zeit zu Zeit unter dem Vor— 
sitze des Monarchen selbst zusammentrat. Das hohe Beamtentum er— 
kannte sogleich, daß damit eine Annäherung an das Schutzzollsystem be— 
zweckt wurde; auch fürchtete man, das Handelsamt könnte, wie vormals 
die Generalkontrolle, den Ministerien über den Kopf wachsen.**) Bodel— 
schwingh sah sogar in den wirtschaftlichen Notabeln den gefährlichen Keim 
einer „konstitutionellen Repräsentation“. Alle Minister widersprachen 
dem Plane lebhaft; nur Bülow trat für Rönne ein. **) Dem ungeachtet 
wurden am 7. Juni 1844 Handelsrat und Handelsamt gesetzlich ein— 
geführt. Die Schutzzollpartei begrüßte das neue Amt mit frohen Hoff— 
nungen x); doch bald mußte sie erfahren, welch ein Mißgriff der König 
in bester Meinung getan hatte. Da jetzt ein ernster sachlicher Gegen- 
satz vorlag und das begutachtende Handelsamt zudem keine gesicherte 
Stellung neben den entscheidenden Behörden einnahm, so brach die alte 
Krankheit des preußischen Beamtentums, der Krieg der Departements 
wieder heftig aus; die Feindschaft zwischen dem Finanzministerium und 
dem Handelsamte wurde landkundig, Rönne scheute sich nicht, sogar die 
Zeitungen gegen Kühne aufzuwiegeln, und man spottete laut, Preußens 
Handelspolitik sei zweiköpfig. — 
Weil der erste Handelsvertrag des Zollvereins mit dem Auslande, der 
niederländische, entschieden mißlungen und nach kurzer Zeit wieder auf- 
gekündigt worden war ##), so betrachteten die Süddeutschen fortan alle 
handelspolitischen Verhandlungen Preußens mit begreiflichem Mißtrauen. 
Ihr Argwohn stieg aufs höchste, als Preußen am 2. März 1841 einen 
Schiffahrtsvertrag mit England abgeschlossen hatte — mit diesem Eng- 
land, das in unserem Süden, wahrlich mit Recht, als der Todfeind der 
deutschen Handelseinheit verwünscht wurde. Da hieß es überall: das sei 
der erste Versuch, Deutschland ganz den Briten zu unterwerfen und unsere 
Schutzzölle le aufzuheben. Die Allgemeine Zeitung und fast alle Blätter des 
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 27. Aug. 1843. 
**) Nach Kühnes Denkwürdigkeiten. 
*““) Thiles erster Plan, Aug. 1843. Thiles Bericht an den König, 19. Nov. 1843. 
Bülows Berichte an den König, 17. Mai 1844. 
t) Rönne an König Friedrich Wilhelm, 16. Febr 1850. 
## ) S. o. IV. 573.
        <pb n="466" />
        458 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Südens tobten; List meinte zornig, jeder durch Preußen abgeschlossene 
Handelsvertrag sei ein öffentliches Unglück für den Zollverein. In Wahr— 
heit war dieser vielgeschmähte Vertrag sehr unschuldig, ja sogar vorteil— 
haft für Deutschland. England versprach, den Zollvereinsschiffen die Ver— 
günstigungen, welche ihnen bisher nur für die direkte Fahrt zustanden, 
künftighin auch für die indirekte Fahrt aus den sogenannten Vorhäfen 
des Zollvereins, aus den Nordseehäfen zwischen Elbe und Rhein, zu ge— 
währen. Die preußische Regierung hatte mithin einen kleinen Schritt 
vorwärts getan auf der Bahn der nationalen Handelseinheit; sie hatte 
erreicht, daß England anfing, das gesamte Deutschland in Sachen der 
Schiffahrt als ein handelspolitisches Ganzes zu behandeln. Dafür gab 
sie nur das selbstverständliche Versprechen, daß sie auch ihrerseits für 
die Dauer des Vertrags nichts ändern würde an ihrer Schiffahrtsgesetz- 
gebung, die allerdings weit liberaler war als die englische Navigations- 
akte und zwischen direkter und indirekter Fahrt keinen Unterschied kannte. 
Der wüste, ziellose Lärm bewies lediglich, wie viel schroffe Parteigegen- 
sätze der Zollverein in sich barg. König Friedrich Wilhelm schwankte 
einen Augenblick, dann fragte er Kühne um Rat und ließ sich überzeugen.) 
Darauf rechtfertigte der streitbare General-Steuerdirektor den englischen 
Vertrag in der Staatszeitung durch einen lichtvollen Aufsatz, der die 
Gegner zum Schweigen brachte. — 
Weit wichtiger wurden die langwierigen Zollverhandlungen mit Belgien. 
Hier galt es, nötigenfalls selbst durch wirtschaftliche Opfer, eine ernste 
politische Gefahr abzuwenden. Schon vor längerer Zeit hatte König Leo- 
pold in Berlin leise anfragen lassen, ob Belgien nicht in den Zollverein 
eintreten könne, und darauf die Antwort erhalten, der Zollverein solle ein 
ausschließlich deutscher Handelsbund bleiben.*) Es stellte sich bald heraus, 
daß jene Anfrage eine diplomatische Falle war; denn wäre die preußische 
Regierung auf das keineswegs ernstlich gemeinte Anerbieten irgendwie ein- 
gegangen, so hätte sie das Recht verloren, künftighin gegen einen franzö- 
sisch-belgischen Zollverein Einspruch zu erheben. Und dies für Deutschland 
bedrohliche Unternehmen wurde im Sommer 1841 wirklich in Angriff ge- 
nommen; man erfuhr in London, daß der Brüsseler Hof in Paris die 
Bildung eines Zollvereins, nach dem Vorbilde des deutschen, vorgeschlagen 
hatte. *“*“) Der Antrag ging, wie der König von Württemberg bald aus 
sicherster Quelle vernahm#), von Leopold persönlich aus, und Guizot konnte 
ihn nicht von der Hand weisen, da die Einverleibung Belgiens noch immer 
der Traum jedes Franzosen war und alle Nachbarmächte die Erfolge der 
preußischen Zollvereinspolitik mit Eifersucht betrachteten; ein Glück nur, 
*) Nach Kühnes Denkwürdigkeiten. 
**) Dieses Vorfalls gedenkt Bunsen in seinem Berichte vom 28. Febr. 1843. 
*"“) Schleinitzs Bericht, London 27. Juli 1841. 
) Rochows Bericht, Stuttgart 19. Jan. 1843.
        <pb n="467" />
        Plan eines belgisch-französischen Zollvereins. 459 
daß viele französische Fabrikanten den Wettbewerb Belgiens fürchteten und 
durch ihren Einspruch die Verhandlungen erschwerten. 
Wollte der Brüsseler Hof die ihm von allen Mächten verbürgte Neu— 
tralität gewissenhaft einhalten, so durfte er mit keiner Großmacht einen 
Zollverein schließen, am allerwenigsten mit Frankreich; denn was die 
Anwesenheit französischer Zollbeamten im Auslande bedeutete, das hatte 
Europa im Zeitalter der Kontinentalsperre zur Genüge erfahren. Sicher— 
lich konnte der kluge Koburger diese handgreifliche Wahrheit nicht ver— 
kennen. Wenn er den unmöglichen Gedanken eines belgisch-französischen 
Zollvereins aufwarf, so hegte er offenbar nur die Absicht, nach langem 
Schaukeln schließlich von beiden Nachbarn günstige Handelsverträge zu 
erlangen; war doch das belgische Zwischenland mit seinem umfänglichsten 
Verkehre auf Frankreich, mit seinen wertvollsten Erzeugnissen auf Deutsch- 
land angewiesen. Das abgefeimte kaufmännische Spiel währte drei volle 
Jahre hindurch, so daß Bunsen fast die Hälfte seiner Berichte diesen 
Nachrichten widmen mußte. Zuweilen verstieg sich der Koburger bis zu 
Drohungen; einmal sagte er gar: ich scheue nicht den Krieg mit den Ost- 
mächten, die mich gar zu schlecht behandelt haben, dann würde ich mich 
ganz in Frankreichs Arme werfen.“) 
Die preußische Regierung, als die zunächst beteiligte Macht, bot wider 
diese Zettelungen alles auf; sie verlangte, da der König sich in schwieriger 
Lage immer gern an das gesamte Europa wendete, daß die Bürgen der 
belgischen Neutralität auf einer Konferenz gemeinsam erklären sollten, ein 
neutraler Staat dürfe keinen Zollverein mit dem Auslande schließen. 
Sie erfuhr jedoch wieder einmal, wie wenig eine europäische Gesamt- 
bürgschaft bedeutet. Jede der Mächte suchte sich hinter den anderen zu 
verstecken; jede fürchtete durch eine förmliche Erklärung dem Ministerium 
Guizot Verlegenheiten zu bereiten und also den so mühsam gesicherten 
europäischen Frieden wieder zu gefährden. Den Grundsätzen Preußens 
stimmten sie wohl zu; doch von einer Konferenz wollten sie alle nichts 
wissen, und selbst Nesselrode sprach nur lau.*“) Metternich sendete ein- 
mal eine scharfe Depesche an den Botschafter in Paris und rühmte sich 
mit gewohntem Selbstgefühl gegen den preußischen Gesandten: „ich habe 
diesen Plan getötet;“.) nachher tat er nichts mehr, obwohl der Plan 
noch lange am Leben blieb. Aberdeen floß von freundschaftlichen Ver- 
sicherungen über, er beteuerte, daß er den König der Belgier mehrmals 
schriftlich und mündlich gewarnt hätte; im Notfalle wollte er sogar die 
Hand bieten zu einer gemeinsamen Erklärung der vier Mächte am Tui- 
lerienhofe; für jetzt schien ihm aber ein solcher Schritt nicht recht zeit- 
  
*) Bunsens Bericht, 11. Nov. 1842. 
*“) Liebermanns Berichte, 27. Dez. 1842, 11. Jan. 1843 ff. 
*###) Canitzs Bericht, 8. Dez. 1842.
        <pb n="468" />
        460 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
gemäß (less obvious).)) Überdies war der Lord mit Guizot persönlich 
befreundet; ein minder befangener Beobachter als Bunsen hätte auch leicht 
einsehen müssen, daß weder England noch Osterreich ernstlich beabsichtigen 
konnte, die Politik des deutschen Zollvereins zu unterstützen. Das Er- 
starken der Mitte Europas schien allen Mächten gleich bedrohlich. 
Der preußische Staat sah sich mithin auf seine eigene Kraft ange- 
wiesen, und er besaß, wie die Dinge lagen, nur eine Waffe, um den bel- 
gisch-französischen Zollverein zu verhindern: er mußte den Belgiern einen 
Handelsvertrag anbieten, der ihnen die Annahme des französischen Zoll- 
systems unmöglich machte. Zu diesem Zwecke wurden in Brüssel lang- 
wierige Unterhandlungen eingeleitet. Ihr Verlauf bewies, daß König Leo- 
pold und sein gewandter Minister Nothomb das Schreckbild des französi- 
schen Zollvereins wesentlich als ein Mittel benutzten, um auf Deutschland 
zu drücken. Als die Verhandlung begann, versicherte Leopold seinem 
Neffen zu Windsor inbrünstig, der französische Plan sei jetzt gänzlich aufge- 
geben; als sie nachher ins Stocken kam und Preußen sich sogar genötigt 
sah, die Zollbelästigungen des kleinen Nachbarlandes durch kräftige Retor- 
sionen zu beantworten, da tauchte der französische Zollvereinsgedanke plötz- 
lich wieder auf.*) Dem Koburgischen Voltenschläger konnte niemand so 
leicht in die Karten sehen, und da er auch auf Frankreichs Hilfe sicher rech- 
nen durfte, so befand sich Preußen in einer schwierigen diplomatischen Lage. 
Gesandter in Brüssel war Frhr. Heinrich v. Arnim, einer von den 
romantischen Jugendfreunden des Königs. Er hatte einst die Salons der 
Wilhelmstraße durch Geist und Witz, durch beredte Verteidigung der Hal- 
lerschen Staatslehre entzückt, neuerdings aber, belehrt durch die Erfahrung, 
sich liberaleren Anschauungen zugewendet. Von Deutschlands künftiger 
Macht und Herrlichkeit dachte er immer groß. Ebenso ehrgeizig als talent- 
voll verstand er in der vornehmen Welt scharf zu beobachten, auch mit Ge- 
lehrten gut auszukommen; begabte junge Männer fühlten sich von seiner 
anregenden Liebenswürdigkeit unwiderstehlich angezogen. Leider lag in 
seiner Natur ein phantastischer, halb närrischer Zug, der sich gemeinhin nur 
in sonderbaren naturphilosophischen Liebhabereien und in einem strengen 
Pietismus bekundete, zuweilen aber auch politisch gefährlich wurde. Arnim 
liebte die Häfen und die Fabriken zu bereisen und sagte stolz: „Nationalöko- 
nomie ist meine Spezialität,“ ) obwohl seine volkswirtschaftliche Sach- 
kenntnis nicht weit über das Wissen eines vornehmen Dilettanten hinaus- 
ging; er stand den Ideen Rönnes nahe und verkehrte auch mit List, der ein- 
mal selbst nach Brüssel hinüberkam, um bei den Verhandlungen mitzuwir- 
ken. Dem Minister Nothomb erklärte Arnim offen, aus politischen Gründen 
*) Bunsens Berichte, 12. Juli, 6. Dez. 1842. Aberdeen an Bunsen, 24. Mai 1842. 
**) Berichte aus London, von Bunsen 17. Juli 1843, von Thile d. J. 19. Aprik 
1847. 
**) Arnim an Canitz, 9. Juni 1847.
        <pb n="469" />
        H. v. Arnim. Preußisch-belgischer Handelsvertrag. 461 
müsse Preußen die Verständigung durchsetzen, und nach langen Mühen 
schloß er am 1. Sept. 1844 eigenmächtig den Handelsvertrag ab. Belgien 
erlangte die Herabsetzung der deutschen Eisenzölle, also eine wichtige Be- 
günstigung gerade für seine wallonischen, den deutschen Nachbarn bisher 
feindlichen Provinzen; der Zollverein aber erhielt die beruhigende Ge- 
wißheit, daß der kleine Nachbarstaat für die Dauer des Vertrags keinem 
Zollvereine beitreten konnte, außerdem wurde die schon früher zugestandene 
freie Durchfuhr für die Bahnlinie Aachen-Antwerpen abermals anerkannt. 
Einen wirtschaftlichen Vorteil errang Deutschland mithin durchaus nicht; 
die Begünstigung des belgischen Eisens widersprach nicht nur den Grund- 
sätzen des Zollvereins, der sonst keine Differentialzölle gewährte, sie schä- 
digte auch den deutschen Bergbau, der dem Wettbewerbe der älteren und 
reicheren belgischen Eisenwerke noch nicht gewachsen war. König Leopold 
hatte abermals seine kaufmännische Gewandtheit bewährt, und als er dann 
(1845) auch mit Frankreich einen günstigen Handelsvertrag schloß, da 
durfte er sich wohl rühmen, daß seine Schaukelpolitik reiche Zinsen trug. 
Die großen Erwartungen, welche Arnim von dem freien Antwerpener 
Durchfuhrhandel hegte, erfüllten sich nicht. Er hoffte, der Verkehr auf 
der Schelde würde sich wieder so reich gestalten, wie einst in den fernen 
Tagen, da die Hansen sich ihr mächtiges Deutsches Haus am Hafen er- 
baut hatten; Antwerpen sollte das Emporium des deutschen Westens 
werden, den Rheinhandel von Holland ablenken und also schließlich auch 
die Hansestädte zwingen, dem Zollvereine beizutreten. Er entwickelte diese 
Gedanken in einer geistreichen Denkschrift, welche unter dem Titel „Ein 
handelspolitisches Testament“ in zwölf Exemplaren gedruckt und, obwohl 
die Zeitungen sie gar nicht kannten, von allen Blättern der Schutzzoll- 
Partei höchlich gerühmt wurde. Arnims letzte Hoffnung war ein deut- 
sches Differentialzoll-System, das doch ohne eine zwingende Reichsgewalt 
und ohne die Mitwirkung der Hansestädte rein unmöglich blieb; und 
wieder, solange Deutschland den holländischen Handel nicht durch harte 
Unterscheidungszölle, zum Schaden unserer Rheinlande selbst, belästigte, 
konnte sich auch der große Verkehr nicht vom Rheine nach der Schelde 
hinüberziehen. Genug, der belgische Vertrag brachte dem Zollvereine un- 
mittelbar keinen Gewinn; gleichwohl empfing der Gesandte für sein eigen- 
mächtiges Verfahren das warme Lob seines Hofes. Mit gutem Grunde; 
die politische Notwendigkeit entschuldigte viel, die Vereinigung Belgiens 
mit dem französischen Zollsysteme mußte durchaus verhindert werden. 
Dies leuchtete auch den zollverbündeten Höfen ein; sie waren schon im 
voraus von der preußischen Regierung darauf hingewiesen worden, daß 
der Handelsvertrag nur durch Begünstigung des belgischen Eisens zu er- 
langen sei, und billigten nachträglich alles. König Ludwig vornehmlich 
freute sich, seinen geliebten Zollverein aus einer schweren Gefahr errettet 
zu sehen. Zum Glück zeigten sich selbst die süddeutschen Schutzzöllner
        <pb n="470" />
        462 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
versöhnlich; sie lobten den Vertrag, der doch ihren Grundsätzen zuwider- 
lief — weil List dabei mitgeholfen hatte. — 
Wenn Preußens Handelspolitik schon diesem kleinen westlichen Nach- 
barn gegenüber sich nicht frei bewegen konnte, so war sie vollends im Osten 
schwer bedrängt. Seit dem Jahre 1836, seit der alte König sich geweigert 
hatte, mit der vertragsbrüchigen Nachbarmacht einen neuen Handelsver- 
trag abzuschließen, verfuhren Preußen und Rußland an ihrer Grenze 
beide ganz nach Willkür; es bildete sich dort, wie König Friedrich Wilhelm 
selbst sagte, „ein unter benachbarten und befreundeten Völkern ganz un- 
gewöhnlicher Zustand.“) In seinen ersten Regierungsjahren hatte Zar 
Nikolaus die nationalen Gedanken der Moskowiter fast ebenso mißtrauisch 
betrachtet wie die liberalen Ideen, weil die Führer der gegen seinen Thron 
verschworenen Dekabristen ja allesamt altrussischen Adelsgeschlechtern 
angehörten; nach der Zerschmetterung des polnischen Aufruhrs näherte 
er sich jedoch mehr und mehr den Bestrebungen der moskowitischen Partei, 
die ohnehin seinem rohen Bildungshasse zusagten. Er wollte sein heiliges 
Rußland absperren von den Ideen wie von den Waren des verderbten 
Westens; seinem preußischen Vertrauten Rauch gestand er offen: ich muß 
die Grenze geschlossen halten, damit die polnischen Flüchtlinge nicht ihr 
revolutionäres Gift ins Land bringen.“) Das unterjochte Polen wurde 
im wesentlichen als eine russische Provinz behandelt, und schon begannen 
auch die ersten Angriffe auf die alten Landesprivilegien der treuen bal- 
tischen Provinzen. Hier in dieser halborientalischen Welt, wo die Religion 
die Menschen noch fester als der Staat aneinander bindet, war es ein 
furchtbarer Schlag für das lutherische Deutschtum der Ostseelande, daß 
jetzt Tausende von esthischen und lettischen Bauern durch gleißende Ver- 
sprechungen zur orthodoxen Kirche hinübergelockt, binnen wenigen Jahren 
zwanzig griechische Gotteshäuser auf den Krondomänen erbaut wurden. 
Die neuen, durch Cancrins Prohibitivsystem künstlich geförderten Fabriken 
siedelten sich meist um Moskau an, der Schwerpunkt des Reiches verschob 
sich nach dem Süden hin; eine neue Zeit kündigte sich an, die das Kultur- 
werk Peters des Großen zu zerstören drohte. Einheit der Sprache, des 
Rechtes, des Glaubens überall unter dem Zepter des weißen Zaren 
— so lautete jetzt die Losung, und sie entsprach unzweifelhaft der Ge- 
sinnung der herrschenden Klassen. 
In dem Jahrhundert der nationalen Ideen und Grundsätze mußte 
das grausame Gesetz des historischen Undanks, das fast alle Kulturvölker 
an sich erprobt haben, sehr wirksam hervortreten, zumeist zu Deutschlands 
Schaden. Wie die Deutschen einst selber, kaum herangereift, ihre Lehrer 
und Kulturbringer, die Römer aus dem Lande vertrieben hatten, so waren 
  
*) Kabinettsordre an Bülow, 7. Juni 1842. 
**) Rauchs Bericht an den König, 8. Dez. 1842.
        <pb n="471" />
        Moskowitischer Deutschenhaß. 463 
ihnen im sechzehnten Jahrhundert ihre eigenen Schüler, die skandinavischen 
Völker trotzig entgegengetreten, um sich selbst für mündig zu erklären und 
ein unabhängiges nationales Leben zu beginnen. Jetzt kam die Zeit, da 
auch die gesamte subgermanische Welt des Ostens, die ihre Gesittung fast 
ausschließlich den Deutschen verdankte, ihren germanischen Lehrmeistern 
zu entwachsen versuchte. Der erstarkende Nationalstolz der Magyaren 
und der Tschechen, der Russen und der Südslawen bekundete sich — das 
war der notwendige Lauf der Welt — in einem wütenden Deutschen— 
hasse. In Rußland nahmen auch schon die panslawistischen Ideen über— 
hand, phantastische Träume von einer Vereinigung aller slawischen Völker, 
die sich sämtlich dem weißen Zaren unterordnen sollten. Darum be— 
geisterte sich der russische Adel jetzt für ein Bündnis mit Frankreich, und 
dieser Gedanke, der schon unter Alexander I. mehrmals aufgetaucht war, 
fand nunmehr auch in Frankreich manche schwärmerische Anhänger. Man 
entsann sich wieder der Zeiten, da einst Pozzo di Borgo als russischer 
Gesandter und französischer Patriot dem Tuilerienhofe seine Ratschläge 
erteilt hatte. Lamartine, der in seinen überschwenglichen Reden doch zu- 
weilen ein Herzensgeheimnis seines Volkes prophetisch herausfühlte, 
nannte das französisch-russische Bündnis „den Schrei der Natur“, eine 
geographische Notwendigkeit. 
Die Nationen gleichen in ihrem Gemütsleben den einzelnen Menschen 
weit mehr, als die demokratische Volksschmeichelei zugeben will; die einen 
wie die anderen lassen sich oft auf lange hinaus durch fixe Ideen, durch 
unklare Wahnvorstellungen bezaubern. Rußland und Frankreich waren 
durch keinerlei Gemeinschaft der Interessen aufeinander angewiesen; nur 
ein einziges Mal, im siebenjährigen Kriege, hatten sie gemeinsam gegen 
Deutschland gefochten, und wahrhaftig nicht zu ihrem Ruhme. Was gleich- 
wohl den Gedanken eines französisch-russischen Bündnisses jetzt wieder be- 
lebte, war allein der Haß gegen das erstarkende Mitteleuropa; und da 
diese Empfindung im Westen wie im Osten die Gemüter wirklich be- 
herrschte, so konnte vielleicht dereinst noch eine Zeit kommen, wo der krank- 
hafte politische Plan sich verwirklichte. Bis zu diesem Außersten freilich 
wollte Nikolaus den Moskowitern nicht folgen. An dem Bunde der Ost- 
mächte hielt er noch immer ebenso fest wie seine vertrauten Ratgeber Nessel- 
rode und Orlow; den Haß gegen das Julikönigtum und die alte Vorliebe 
für das preußische Heer gab er auch niemals auf. Deshalb verhöhnten 
ihn die Panslawisten als einen deutschen Gottorper und benamsten ihn Karl 
Iwanowitsch — was ihnen nebenbei den Vorteil bot, auf ihren Zaren 
ebenso ungestraft zu schimpfen wie die radikale Jugend Preußens über 
ihren „Lehmann“ zu spotten pflegte. In der inneren Politik aber waltete 
unumschränkt das Moskowitertum mit seinem barbarischen Fremdenhasse. 
Mit den Jahren wurde die Unordnung an der Grenze doch den Russen 
selbst lästig. Cancrin zeigte sich, als er zur Zeit des Thronwechsels durch
        <pb n="472" />
        464 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Berlin kam, und nachher auch gegen den preußischen Gesandten sehr ver- 
bindlich, er wünschte einen neuen Handelsvertrag abzuschließen. Die 
Gelegenheit zu einem solchen Abkommen bot sich bald, da der Kartellver- 
trag über die Auslieferung der Flüchtlinge im Jahre 1842 ablief. Dies 
Kartell war für Rußland unschätzbar, weil die leibeigenen Soldaten sehr 
oft nach Preußen zu desertieren versuchten. Preußen dagegen empfand 
es nur als eine Belästigung; denn preußische Flüchtlinge gab es kaum, 
und die russischen wurden, sobald sie der Wachsamkeit der Grenzbehörden 
entgingen, als kräftige Feldarbeiter von den Grundbesitzern in Posen 
und Ostpreußen nicht ungern ausgenommen. Wenn der Berliner Hof 
gleichwohl die Erneuerung des Kartells nicht von der Hand wies, so durfte 
er sich für einen solchen Beweis freundnachbarlicher Gefälligkeit wohl die 
Erleichterung des Grenzverkehrs, die in den Ostprovinzen überall stürmisch 
gefordert wurde, und einige Zollermäßigungen ausbedingen. Deshalb 
wurden im Frühjahr 1842 Unterhandlungen eingeleitet und das Kartell 
noch vorläufig auf ein halbes Jahr verlängert.5) 
Als der König darauf im Juni selbst nach Petersburg kam??), da 
bereitete der Zar dem Gaste seines Hauses eine orientalische Überraschung, 
derengleichen im Abendlande kaum möglich war. Er erklärte, aus reiner 
Freundschaft für den König wolle er sofort den Grenzverkehr, wie Preußen 
wünschte, etwas erleichtern, auch mehrere neue Grenzämter einrichten und 
die Zölle auf einige preußische Waren, Seide, Baumwolle, Eisen ernie- 
drigen. Diese Gewährungen sollten sogleich durch einen Ukas eingeführt 
werden Gegenleistungen verlangte er nicht; vielmehr überließ er die 
Erneuerungen des Kartells und die Herabsetzung der Durchfuhrzölle für 
russisches Getreide vertrauensvoll „der Billigkeit und den freundschaft- 
lichen Gefühlen des Königs“. Die plumpe List konnte bei Friedrich Wil- 
helms argloser Hochherzigkeit vielleicht gelingen; doch zum Glück begleiteten 
ihn zwei nüchterne, geschäftskundige Unterhändler, die Kabinettsräte Uhden 
und Müller. Beide warnten dringend, und in Berlin erriet man sofort, 
wo der Zar hinaus wollte. Er rechnete — so schrieb General Thile — 
„daß es ihm durch die Form einer zuvorkommenden Generosität am sicher- 
sten gelingen würde, jede weitere Verhandlung zu umgehen und die Be- 
dingungen der Vereinigung einseitig zu normieren.“) 
Die preußische Regierung behandelte mithin die Gewährungen des 
Zaren, wie es sich zwischen zivilisierten Staaten ganz von selbst versteht, 
nur als Vorschläge und verlangte noch einige andere Zugeständnisse.-) 
Darüber geriet Nikolaus in Wut; es wurmte ihn gar zu tief, daß man 
ihn durchschaut hatte, grimmig schalt er auf den schnöden Undank der 
*) Boyen, Bülow, Rochow und Werther, Bericht an den König, 8. März 1842. 
**) S. o. V. 170. 
***) Thiles Bericht an den König, 22. Sept. 1842. 
)Bülow, Weisung an Rauch, 20. Aug. 1842.
        <pb n="473" />
        Die Petersburger Überraschung. 465 
Preußen. Nach wenigen Wochen lernte der Berliner Hof den Wert der 
russischen Großmut noch näher kennen; denn als der versprochene Ukas 
erschien, da ergab sich, daß die Zollerleichterungen ausdrücklich nur für 
preußische Waren, nicht für Waren des Zollvereins gelten sollten und 
folglich von Preußen nicht angenommen werden konnten. Allerdings hatte 
der Zollverein bisher alle russischen Zollverhandlungen allein durch 
Preußen als den einzigen Grenzstaat führen lassen. Da er aber den inneren 
Verkehr ganz frei ließ, so mußten alle der preußischen Ausfuhr gewährten 
Vorteile notwendig dem gesamten Zollvereine zu gute kommen, wie ja 
auch der russischen Einfuhr nach überschreitung der preußischen Grenze 
sofort das ganze deutsche Zollgebiet offen stand; die Behörden waren 
ohnehin nicht mehr in der Lage, mit Sicherheit preußische Ursprungsscheine 
auszufertigen. Unmöglich konnte sich ein Staatsmann von Cancrins 
Sachkenntnis über diese Verhältnisse täuschen; er beabsichtigte freundnach— 
barlich, neue Vergünstigungen von Preußen zu erpressen, auch wohl Un 
frieden im Innern des Zollvereins zu erregen. 
In der Tat erhoben die süddeutschen Zeitungen, sobald der Ukas 
bekannt wurde, ein heftiges Geschrei gegen Preußens treulose Selbstsucht. 
Wieder einmal ein ganz ungerechter Vorwurf gegen die Vormacht des 
Zollvereins. Der preußische Hof dachte keinen Augenblick an eine Preis- 
gebung seiner Zollverbündeten; er ließ vielmehr alsbald erwidern, daß er 
die russischen Gewährungen ablehne, wenn sie nicht dem ganzen Zollver- 
eine zu teil würden. Cancrin aber empfing diese Antwort, die doch gar 
nicht anders lauten konnte, mit so wohl gespielter entrüsteter Verwunde- 
rung, daß König Friedrich Wilhelm sich über die Heuchelei des Deutsch- 
Russen entsetzte und in hellem Zorne schrieb: „Ich möchte ihn anreden mit 
dem Schluß der Rede des Götz von Berlichingen an den Reichstrompeter!!! 
Die russische Verpuppung ist bei diesem Deutschen voll- 
endet.“) Nunmehr erklärte Nesselrode erhaben, sein Kaiser „zögere 
nicht, auf das Kartell zu verzichten und also ein neues Opfer allen denen, 
die er sich schon freiwillig auferlegt, hinzuzufügen.“) Mehrere Monate 
lang lebten hierauf die beiden Nachbarstaaten ohne jedes Vertragsverhält- 
nis; Preußen beschränkte sich auf die Auslieferung gemeiner Verbrecher.) 
Auch der Prinz von Preußen richtete nichts aus, als er im Dezember 
den russischen Schwager besuchte. Der Zar wetterte und tobte, er ver- 
fiel in seinem Grimm auf ungeheuerliche Verteidigungspläne, befahl alle 
Juden 50 Werst weit von der Grenze wegzuschaffen und dachte sogar, 
der Westgrenze entlang einen Landstreifen von der Breite eines Kilometers 
ganz wüst legen zu lassen, um also jede Flucht und jeden Schmuggel zu 
*) Randbemerkungen zu Bülows Schreiben an Thile vom 9. März 1843. 
**) Nesselrode an den stellvertretenden Gesandten v. Fonton in Berlin, 31. Aug. 1842. 
* *#) Weisung des Ministers des Innern an den Oberpräsidenten Bötticher, 16. Nov.; 
Kabinettsordre an Boyen, Bülow, Arnim, 23. Nov. 1842. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte V. 30
        <pb n="474" />
        466 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
verhindern.“) Dem Gesandten Liebermann, der freilich mit seiner recht- 
haberischen Taktlosigkeit den Erbosten nicht zu beschwichtigen verstand, 
zeigte er deutlich seine üble Laune; dem getreuen Rauch aber sagte er 
bitter: der wilde Russenhaß, der sich überall in Deutschland bekundet, macht 
mir jede Freundlichkeit gegen den Zollverein unmöglich.“) 
Endlich fühlte er, daß er mit solchem Trotze nicht weiter kam. Die 
Verhandlungen begannen von neuem, und die preußische Regierung ent— 
deckte einen Ausweg, der dem Zaren erlaubte, sich ohne förmlichen Wider— 
ruf zurückzuziehen. Liebermann mußte vorschlagen, der Kaiser brauche 
seinen Ukas nicht aufzuheben, er brauche nur zu befehlen, die preußischen 
Ursprungsscheine sollten genügen, wenn sie die einfache Versicherung ent— 
hielten, daß die eingeführten Waren aus dem freien Verkehre des In— 
lands — und dies bedeutete: aus dem Zollvereine — herstammten. 
Darauf erwiderte Cancrin mit einem Tugendstolze, der aus russischem 
Munde hoch ergötzlich klang: dieser Vorschlag ist etwas jesuitisch. ) Je- 
doch begann er bald einzusehen, daß dieser unsittliche Vorschlag ihm eine 
goldene Brücke baute. Im September 1843 kam Nikolaus selbst nach 
Preußen und fühlte sich ganz entzückt, als bei den Manövern zwei Armee- 
korps und 17 Reiterregimenter in den schönen neuen Helmen und Waffen- 
röcken vor ihm erschienen. Hier wurde nochmals wegen des Grenzverkehrs 
mit ihm verhandelt ), und nun endlich, im Januar 1844, bewilligte er 
die von Preußen geforderte freiere Fassung der Ursprungsscheine; die 
Waren aus dem Zollvereine wurden mithin, ohne daß man es förmlich 
aussprach, den preußischen gleich gestellt. Nachdem Preußen also den 
nächsten Zweck erreicht hatte, schrieb der König seinem Schwager zärtlich: 
„Du hast eine gute und große Tat vollbracht, indem Du die neue Form 
der Zollscheine anordnetest für die Waren, welche, nach Deinen Wohltaten 
vom vorigen Jahre, Deine Grenzen zu überschreiten wagen. Darum bin 
ich nicht mehr gezwungen, auf diese Wohltaten für meine Untertanen 
zu verzichten. Auch Deine Stellung, teuerster Freund, ist Deutschland 
gegenüber jetzt eine andere geworden, sie ist jetzt gut, sie ist, was sie sein 
soll; und viele Dinge, die ich im vergangenen Jahre nicht zu tun wagte, 
weil eine achtungswerte öffentliche Meinung sich ihnen widersetzte, sind 
heute tunlich, denn der Widerspruch des Publikums würde jetzt nicht 
mehr achtungswert sein und folglich von mir nicht beachtet werden.“##) 
Nunmehr kam man rascher vorwärts. Preußen setzte die Durchfuhrzölle 
für den Flußverkehr des russischen Getreides etwas herab und erneuerte 
am 20. Mai 1844 den Kartellvertrag. 
*) Berichte des Ministers Graf Arnim an den König, 19. Juli, 10. Aug. 1843. 
**) Berichte von Liebermann, 14. Nov., 20. Dez.; von Rauch, 30. Dez. 1842. 
***) Liebermanns Bericht, 21. April 1843. 
f) Bülow, Rundschreiben an die Gesandtschaften, 20. Sept. 1843. 
)König Friedrich Wilhelm an Kaiser Nikolaus, 4. Febr. 1844.
        <pb n="475" />
        Abschluß mit Rußland. 467 
Auch bei diesen Schlußverhandlungen ließen es die Moskowiter nicht 
an anmutigen Überraschungen fehlen. Der Zar hatte soeben befohlen, 
daß alle russischen Juden, wenn sie das Reich ohne Paß verließen, da- 
durch von Rechts wegen alsbald ihre Staatsangehörigkeit verlieren sollten, 
und verlangte nun unschuldig, Preußen möge im Kartellvertrage diese 
Verordnung als rechtsverbindlich anerkennen. So konnte Rußland, nach 
seinen bewährten Verwaltungsgrundsätzen, den minder liebenswerten Teil 
seiner Judenschaft einfach nach Preußen abschieben. Die Preußen verbaten 
sich jedoch diesen neuen Freundschaftsbeweis und setzten durch, daß die 
Juden in dem Kartellvertrage gar nicht erwähnt wurden. 
Das Gesamt-Ergebnis war für Preußen wenig erfreulich. Die russi- 
schen Gewährungen bedeuteten nicht viel, und dafür übernahm man wieder 
die lästigen Kartellpflichten zu Gunsten einer halbasiatischen Nachbarmacht. 
Der König brachte dies schwere Opfer, das den preußischen Staat allein 
traf, lediglich um Deutschlands willen, um seinen Zollverbündeten die 
Gleichberechtigung zu sichern; und doch ward ihm dieser schöne Beweis 
deutscher Treue von den beharrlich schmähenden schutzzöllnerischen Blättern 
des Südens niemals angerechnet. Indessen gestaltete sich der Grenzverkehr 
in den nächsten Jahren etwas menschlicher. Noch bessere Aussichten schienen 
sich zu erschließen, als Cancrin den Abschied nahm und bald darauf (1845) 
starb. Mit seinem gewaltigen Urheber — so hoffte alle Welt — mußte 
auch das verhaßte Prohibitivsystem fallen. Der beste Kenner der russi- 
schen Volkswirtschaft, Tengoborski, verlangte entschieden die Herabsetzung 
der drückenden Zölle und wurde jetzt häufig zu Nesselrode berufen. Niko- 
laus selbst äußerte sich zuweilen in ähnlichem Sinne, wenn er mit Gene- 
ral Rochow zur Parade ritt, dem neuen Gesandten, der ihm als hoch- 
konservativer alter Soldat weit besser gefiel als vordem Liebermann. Aber 
alle diese guten Absichten, die immerhin etwas mehr waren als leere Vor- 
spiegelungen, trugen keine Frucht. Das alte System blieb aufrecht; denn 
der Zar konnte sich nicht entschließen, einen fähigen Finanzmann in Can- 
crins Stelle zu berufen, und die mächtigen, bei den neuen Fabriken stark 
beteiligten Hoffamilien widerstrebten jeder Reform.“*) Darum kam Geh. 
Rat v. Patow, nach langen Beratungen mit Kühne, zu dem Schlusse: 
wir können keinen Vertrag mit dem Nachbar schließen, weil Ruß- 
land doch nichts gewährt oder nichts hält; „die Zeit der Handelsver- 
träge ist überhaupt vorüber, wie Sir Robert Peel sagt und zum Teil, 
weil er es sagt.“) 
Auch sonst im Auslande war Preußens Handelspolitik nicht glücklich. 
Ein mit den Vereinigten Staaten verabredeter Handelsvertrag wurde durch 
den amerikanischen Kongreß verworfen. Lange, widerwärtige Verhandlungen 
mit Dänemark bewirkten schließlich nur eine geringe Ermäßigung des Sund- 
*) Rochows Berichte, 11. Nov. 1845, 24. Sept., 4. Nov. 1846. 
**) Patow an Canitz, 21. Jan. 1847. 
  
30“
        <pb n="476" />
        468 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
zolls, da weder England noch Rußland noch Schweden den preußischen 
Hof ernstlich unterstützte, und mit wiehernder Schadenfreude begrüßten 
die stammverwandten Hansen das Mißgeschick ihrer Konkurrenten an der 
Ostsee. — 
Angesichts dieser geringen Erfolge der auswärtigen Verhandlungen 
verschärfte sich unausbleiblich der wirtschaftliche Parteikampf im Innern. 
Der Zollverein mußte jetzt seine Feuerprobe bestehen. Alle Krisen, die 
er späterhin noch überdauern sollte, wurden veranlaßt oder doch gefördert 
durch die politischen Hintergedanken der nach Österreich hinüberschauenden 
Mittelstaaten. Die erste und schwerste Krisis aber kam aus dem Volke. 
Abel mitsamt seinen ultramontanen Genossen hätte sicherlich den natio- 
nalen Handelsbund gern zerstört, es gelang ihm auch, den trefflichen, in 
Preußen beliebten Generalzolldirektor Bever zu beseitigen; König Ludwig 
jedoch gebot ihm Halt. Der Wittelsbacher blieb selbst in diesen Tagen 
seiner klerikalen Träume immer gut deutsch gesinnt, er zeigte sich durchaus 
versöhnlich und sagte zu dem preußischen Gesandtschaftsvertreter: der Zoll- 
verein ist unzerstörbar, viel wichtiger als der Deutsche Bund.“) Auch die 
anderen Höfe hegten keine feindseligen Pläne, sie wurden nur fortgerissen 
durch die ungestümen Wünsche ihrer Fabrikanten. Nord und Süd drohten 
sich zu trennen. Zu Preußen hielten alle norddeutschen Zollverbündeten 
und Darmstadt, zur Partei des Schutzzolls Baden, Württemberg, Nassau 
und — besonnener als die andern — Bayern. 
Leider lagen die Dinge so einfach nicht, wie Bodelschwingh annahm, 
da er zuversichtlich sagte: das Geschrei nach hohen Schutzzöllen ist künst- 
lich erzeugt; bei niedrigen Zöllen und blühenden Finanzen befindet sich 
die Mehrzahl des Volkes wohl.*) Der alte Tarif, der im ganzen noch 
genügte, schädigte unleugbar einzelne wichtige Gewerbszweige. Am schwer- 
sten litt die einst so blühende Leinenindustrie Schlesiens. Früherhin hatten 
die fronenden Bauern den Flachs der Rittergüter zu Leinengarn ver- 
sponnen. Seit der Aufhebung der Fronden verfiel der Flachsbau, man 
suchte sparsam Leinsamen und Flachs zugleich auf demselben Felde zu er- 
zeugen, was doch kaum möglich war, und als die unglücklichen Weber nun 
diesen schlechteren Flachs auf ihren altväterischen Webstühlen mühsam 
verarbeiteten, sahen sie sich plötzlich bedroht durch den überlegenen Wett- 
bewerb der mechanischen Spinnerei Englands, die im napoleonischen Zeit- 
alter, unter dem Schutze hoher Zölle, mächtig angewachsen war und alle 
neuen Erfindungen des Maschinenwesens findig ausnutzte. Zur Zeit, da 
das preußische Zollgesetz erschien, beherrschte die deutsche Leinenindustrie 
den inländischen Markt noch ganz und die neuen Zölle reichten aus. Bald 
wendete sich das Blatt; während die deutsche Ausfuhr sich um volle 
  
*) Küsters Bericht, 18. Dez. 1843. 
**) Bodelschwinghs Votum, 19. Nov. 1843.
        <pb n="477" />
        Forderungen der Schutzzollpartei. 469 
zwei Drittel verminderte, stieg die englische Einfuhr beständig, die des 
Leinengarns allein wuchs in fünf Jahren (1840—44) auf mehr als 
das Dreifache an, von 19000 auf 62000 Zitr. 
Die Regierung verhielt sich bei alledem fast ganz untätig; sie glaubte 
noch lange an die alte Unüberwindlichkeit der schlesischen Leinenwaren, 
und als sie von diesem Irrtum endlich zurückkam, da meinten die Geheimen 
Räte gleichmütig, gegen die Naturgesetze der Volkswirtschaft könne man 
nichts ausrichten. Und doch war gerade hier, inmitten eines blutarmen, 
bis zur Willenlosigkeit ermatteten Volkes friderizianische Bevormundung, 
durchgreifende Staatshilfe ganz am Platze: der Staat mußte Schutzzölle 
gewähren, Maschinen ankaufen, Spinnschulen und große mechanische Spin- 
nereien errichten, wenn diese halbverhungerten Menschen dem englischen 
Kapital nicht erliegen sollten. Merckel aber, der tüchtige, um das Wohl 
Schlesiens unablässig besorgte Oberpräsident, bemühte sich seit Jahren, die 
neuen Agrargesetze gegen den Widerstand der Grundherren durchzuführen, 
er lebte und webte in den Emanzipationsgedanken der Hardenbergischen 
Zeiten, Freiheit des Eigentums und der Arbeitskräfte blieb ihm das 
Höchste. Die schlesische Hausindustrie war längst frei, sie hatte einen Zunft- 
zwang nie gekannt; Merckel begriff nicht, was der Staat dort noch helfen 
solle, und wollte von dem Jammer im Riesengebirge nichts hören. Festge- 
bannt in seiner volkswirtschaftlichen Theorie verabsäumte er also seine 
staatsmännische Pflicht und verfiel, gleich vielen seiner besten Amtsgenossen, 
in eine tragische Schuld, weil er nicht rechtzeitig einsah, daß die befreiende 
Staatsgewalt in diesem Jahrhundert der wirtschaftlichen Wandlungen auch 
zu zwingen und zu schützen verstehen mußte. Die Ungunst der Verhältnisse 
des Weltmarktes und die langjährigen Unterlassungssünden der Regierung 
hatten jetzt das Elend der schlesischen Leinwandindustrie schon so hoch ge- 
steigert, daß Schutzzölle allein kaum noch viel helfen konnten. 
Luch die neuen, zum Teil sehr leichtfertig gegründeten Baumwoll- 
spinnereien des Südens verlangten heftig nach stärkerem Schutz, während 
die Baumwollwebereien den bestehenden Twistzoll, der etwa 6 Prozent vom 
Werte betrug, schon viel zu hoch fanden. So entbrannte der lange, leiden- 
schaftliche Kampf zwischen Spinnern und Webern. Jeder der verbündeten 
Höfe suchte, wie billig, das in seinem Lande überwiegende Interesse 
zu begünstigen; die sächsische Regierung trat an die Spitze der Freihandels- 
partei, weil die großen Baumwollfabriken des Erzgebirges fast ausschließ- 
lich englisches Baumwollengarn verarbeiteten. Im preußischen Finanz- 
ministerium bemühte man sich redlich, die beiden feindlichen Interessen 
gegeneinander abzuwägen und entschied sich endlich gegen die Erhöhung 
der Garnzölle, da Kühne berechnete, daß die Weberei im gesamten Zoll- 
vereine unvergleichlich mehr Arbeitskräfte beschäftigte als die Spinnerei. 
Aber so mechanisch, nach Zahlen allein, lassen sich die lebendigen Kräfte 
der nationalen Wirtschaft nicht abschätzen. Die stark übertriebenen
        <pb n="478" />
        470 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Forderungen der Spinner waren durchaus nicht ganz unberechtigt; wurde 
der Garnzoll erhöht, so erlitten die Weber zunächst wohl einige Einbuße, 
auf die Dauer gewannen sie doch selbst, wenn sie ihr Garn von der er— 
starkten vaterländischen Spinnerei beziehen konnten. 
Fast ebenso laut erschollen die Klagen aus den Reihen der Eisen— 
industrie. Die Nachfrage hatte sich seit dem beginnenden Eisenbahnbau 
ungeheuer gesteigert, und da die deutschen Werke, die noch gar nicht mit 
Koks zu arbeiten verstanden, ihr unmöglich entsprechen konnten, so verzehn- 
fachte sich die Einfuhr von Roheisen, Schienen und geschmiedetem Eisen, 
sie stieg in dem Jahrzehnte 1834—43 von 0,367 auf 3,698 Mill. Ztr. 
Der Wettbewerb Englands, dessen Eisen- und Kohlenwerke ja allesamt 
dicht nebeneinander lagen, zeigte seine ganze Macht zu Anfang der vier- 
ziger Jahre, als die englische Eisenindustrie, durch eine Krisis heimgesucht, 
ihre Erzeugnisse massenhaft auf das Festland warf; oft kam das englische 
Eisen als Ballast in Stettin oder Hamburg an und wurde dann wohl- 
feil auf den Flüssen landeinwärts versendet. Begreiflich also, daß die 
schlesischen und einige der westfälischen Bergwerke den König dringend 
um Zollschutz baten.*) Doch auch hier zeigte sich derselbe Gegensatz der 
Interessen wie in dem Kampfe zwischen Spinnern und Webern. Von 
ausländischem Roheisen wurden im Jahre 1843 schon 2,675 Mill. Ztr. — 
im Zollvereine verarbeitet — sechs Jahre vorher nur 0,40 Mill. Ztr. — 
und die großen Werke an der Ruhr, die an dieser kräftig aufblühenden 
Gewerbstätigkeit zumeist beteiligt waren, verbaten sich jeden Roheisenzoll 
ebenso entschieden, wie die zahllosen kleinen Scherenschleifer und Schwert- 
feger des bergischen Landes. 
Gegen diese drei schwachen Stellen des Zolltarifs richtete die Schutz- 
zoll-Partei zunächst ihre Angriffe. Siegte sie hier, so wollte sie weiter 
gehen; einer ihrer Heißsporne, Moritz Mohl, derselbe, der einst bei der 
Begründung des Zollvereins seinen wütenden Haß gegen Preußen ge- 
zeigt hatte **), schrieb in diesen Jahren ein gelehrtes Buch über Frankreichs 
Gewerbszustände, zur Verherrlichung des strengen Prohibitivsystems. Die 
Stimmung im Süden war tief erregt; selbst Nebenius, der allezeit be- 
hutsame, verlangte in einer Flugschrift über die Eisenzölle ganz unmäßige 
Zollsätze. Als die Zollkonferenz im Sommer 1842 zu Stuttgart zu- 
sammentrat, forderten Württemberg und Baden sogleich mehrere Zoller- 
höhungen, ein einstimmiger Beschluß ließ sich jedoch nicht erreichen. Der 
bisherige Tarif blieb also bestehen, man trennte sich im Unmut, die alte 
schöne Eintracht des Handelsbundes schien ganz zerstört. Nunmehr brach 
der Zorn in Süddeutschland so heftig aus, daß die Berliner Finanzpartei 
selbst für den Bestand des Zollvereins zu fürchten begann und darum 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 20. Febr. 1812. 
**) S. o. IV. 365.
        <pb n="479" />
        Die Krisis des Zollvereins. 471 
sich zu einiger Nachgiebigkeit entschloß.“) Nach neuen, überaus schwierigen 
Verhandlungen beschloß der Zollverein (1844), seinen Tarif etwas abzu- 
ändern: das bisher zollfreie Roheisen zahlte fortan 10 Sgr. vom Zentner, 
auch die Zölle auf Stab-, Schienen-, Schmiedeeisen, sowie auf Leinenzwirn 
wurden erhöht. Alsbald begann die Eiseneinfuhr zu sinken, doch war 
die Wirkung der neuen Zölle nicht ganz so stark, wie die Grubenbesitzer 
hofften, da Deutschland gleich nachher den Belgiern durch jenen not- 
gedrungenen Handelsvertrag Begünstigungen zugestehen mußte. 
Durch diesen halben Sieg wurde die Schutzzoll-Partei zu neuen An- 
griffen ermutigt, ihre Blätter sprachen täglich heftiger, selbst vor revo- 
lutionären Drohungen scheute sie sich nicht mehr. In einer Versammlung 
badischer Fabrikanten zu Karlsruhe sagte der radikale Schopfheimer Ab- 
geordnete Gottschalck: wenn der Zollverein keinen Zollschutz gewähre, dann 
sollten die Fabrikanten nur ihre Arbeiter verabschieden und diesen über- 
lassen, ihre Wünsche wirksamer vorzutragen! ?*) Kündigung des Zoll- 
vereins, Anschluß an Österreich! — so riefen die Verblendeten überall, 
sie wußten nicht mehr, was sie sagten. Cottas Allgemeine Zeitung ver- 
öffentlichte als gräßliche Enthüllung einige irgendwie verratene Berichte 
des englischen Gesandten Lord Westmoreland in Berlin; und obwohl der 
Lord eigentlich nur erzählte, daß die preußischen Minister ihm ihre ge- 
mäßigten handelspolitischen Grundsätze mit etwas überschwenglicher 
Freundlichkeit auseinandergesetzt hatten, so wurden doch diese nichtssagen- 
den, im diplomatischen Verkehre unvermeidlichen Höflichkeiten von List 
und seinen Leuten so gehässig ausgelegt, als wäre nunmehr klar erwiesen, 
daß Preußen den Befehlen Englands folgte. Alle Sünden deutscher Zank- 
sucht brachen wieder aus. 
Mittlerweile war das preußische Handelsamt gegründet worden, und 
Rönne kündigte, da er auf die Gunst des Monarchen baute, der Finanz- 
partei sofort offene Fehde an. Ohne bei dem Finanzministerium auch 
nur anzufragen??*), berief er im Frühjahr 1845 eine Versammlung von 
wirtschaftlichen Notabeln, die fast allesamt der Schutzzoll-Partei ange- 
hörten und mithin eifrig für Zollerhöhungen stimmten. Auch die radikalen 
Gegner rüsteten sich. Prince Smith widmete der nahenden Zoll-Konferenz 
ein Schriftchen, das kurz und gut alle Schutzzölle als „Teuerungszölle“ 
verdammte. In ähnlichem Sinne sprachen die ostpreußischen Stände; 
sie wurden jedoch im Landtagsabschiede sehr ernst dahin bedeutet, daß die 
Krone durch das alte Zollgesetz selbst verpflichtet sei, den Gewerbfleiß des 
Inlands zu schützen. Wie gern wäre Friedrich Wilhelm allen Interessen 
gerecht geworden, er quälte sich ab in gewissenhaften Erwägungen, doch 
7) Denkschrift des Finanzministeriums, 5. Jan.; Küsters Bericht, München, 21. Jan. 
1844.— 
*) Radowitzs Bericht, 28. Juni 1845. 
**) So versichert Kühne in seinen Denkwürdigkeiten.
        <pb n="480" />
        472 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
wo bot sich ein Ausweg aus diesem Gewoge der Parteien? Sein neuer 
Finanzminister Flottwell dachte im Herzen, wie damals fast alle Ost- 
preußen, streng freihändlerisch; Kühne wollte von dem bestehenden mäßigen 
Tarife nur im Notfall einige Sätze erhöhen; und neben den beiden stand 
der radikale Schutzzöllner Rönne. 
Unter so trüben Aussichten begann im Juli 1845 die Karlsruher 
Zollkonferenz, die unfriedlichste der gesamten Zollvereinsgeschichte. Sie 
währte unter wachsender Aufregung fast vier Monate. Eine Menge aus- 
ländischer Agenten war zur Stelle; die Engländer vornehmlich drängten 
sich so roh an die Bevollmächtigten heran, daß giftige Nachreden nicht 
ausbleiben konnten. Um des Friedens willen erklärte sich Preußen bereit, 
die Zölle auf Leinen-, Baumwoll- und Kammgarn etwa zu verdoppeln; 
noch in den letzten Tagen hatte der König seinen neuen Handelsrat nach 
Stettin berufen und ihm selber die Frage vorgelegt, „bis wohin wir den 
süddeutschen Begehren nachgeben können“.) Baden und Württemberg 
aber ließen sich fortreißen von dem wilden Ungestüm ihrer Schutzzoll- 
Partei, obgleich sie wußten, daß Sachsen und die meisten anderen der nord- 
deutschen Verbündeten die Nachgiebigkeit Preußens schon zu groß fanden; 
sie verlangten noch mehr und schließlich: alles oder nichts! Sie allein 
verschuldeten also, daß wieder kein Beschluß zu stande kam und die Kon- 
ferenz in arger Zwietracht auseinander ging. Die besonnenen An- 
hänger der nationalen Handelseinheit fühlten sich tief niedergeschlagen; die 
radikalen Freihändler und die Fremden triumphierten, ja der englische 
Gesandte Sir A. Malet erfrechte sich sogar, die Mitglieder der Kon- 
ferenz zu einem großen Siegesmahle einzuladen. Dies ward freilich durch 
Radowitz hintertrieben und nachher vom preußischen Hofe als eine An- 
maßung scharf zurückgewiesen.) 
Von neuem, und noch lauter denn zuvor, erhoben jetzt die entrüsteten 
Schutzzöllner ihren Schlachtruf. Im Stuttgarter Ständesaale wurden 
Metternichs Mautbeamte als Deutschlands natürliche Beschützer verherr- 
licht, die Preußen als Schleppträger Englands gebrandmarkt, obgleich Aber- 
deen gegen Bunsen beständig klagte: die Handelsbeziehungen sind das ein- 
zige, was uns von Preußen trennt ??*) — und gerade in diesen Tagen eine 
Depesche des Lords an Westmoreland bekannt wurde, die sich sehr gereizt 
über Preußens feindselige Handelspolitik aussprach. Dem Münchener 
Landtage schilderte der Abgeordnete Neuffer die alte Handelsknechtschaft der 
Deutschen, die jetzt durch Preußens Schuld wiederkehre. Lists Genossen 
in der Presse fanden kaum mehr Worte genug für die Dummheit, die 
Schlechtigkeit der deutschen „Bureaukratie“. Aber gerade dies Übermaß 
sinnloser Schmähungen zwang die Bureaukraten, die den Zollverein doch 
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 8. Juli 1845. 
*?) Canitz, Weisung an Radowitz, 10. Okt. 1844. 
*#„) Bunsens Berichte, 26. März 1844 ff.
        <pb n="481" />
        Karlsruher Zollkonferenz. Versöhnung. 173 
regierten, sich einander wieder zu nähern. Auf eine ernste Anfrage Preu- 
hens, ob der Zollverein fortbestehen solle, antworteten alle Regierungen 
versöhnlich. Eine treffliche Schrift Kühnes über die Entwicklung des Zoll- 
vereins seit 1834 zeigte auch dem großen Publikum anschaulich, was 
Deutschland an seinem Handelsbunde besaß. Man begann sich zu ver- 
ständigen, und als im Sommer 1846 die Zollkonferenz zu Berlin wieder 
zusammentrat, da meinte Canitz sarkastisch: „der Karlsruher Rausch scheint 
ausgeschlafen.“ Die Schutzzöllner freilich mußten für ihren lärmenden 
übermut büßen. Rönne, der das Getobe sogar durch Indiskretionen 
gefördert hatte, sah sich jetzt überall zurückgesetzt, er verlangte seine Ent- 
lassung, die der König jedoch nicht annehmen wollte; und die neuen 
Vermittlungsanträge, welche Geh. Rat v. Patow auf der Konferenz 
glücklich verteidigte, boten der Schutzzoll-Partei etwas weniger als vor- 
dem die Karlsruher Vorschläge. Es war die Fabel von den sibyllini- 
schen Büchern. Man einigte sich über eine Erhöhung der Garnzölle, 
die hinter den Wünschen der Schutzzoll-Partei weit zurückblieb. Die Re- 
gierungen aber atmeten auf; gleich ihnen die große Mehrheit der Na- 
tion; denn nachdem der Zollverein diese Gefahr überstanden hatte, war 
sein Bestand auf lange hinaus gesichert. Überdies wurden die Augen der 
Welt bald durch ernstere politische Kämpfe von den Tarifstreitigkeiten ab- 
gelenkt. — 
Zu der Wiederversöhnung der Zollverbündeten hatte die Unfähigkeit 
der Hofburg wider Willen mitgeholfen. Wenn die Fanatiker des Schutz- 
zolls in Süddeutschland beständig einen österreichischen Zollverein ver- 
langten, so mochten manche nur prahlen, viele meinten die Drohung ernst. 
Denn seit dem Kölnischen Bischofsstreite entstand im Süden ganz in der 
Stille eine österreichisch-großdeutsche Partei.*) Ihren Stamm bildeten die 
Klerikalen, dann die preußenfeindlichen Schutzzöllner, endlich die alten 
Domherrengeschlechter, die der fürstbischöflichen Herrlichkeit noch nicht ver- 
gessen konnten und ihre Söhne meist im österreichischen Dienste unter- 
brachten; erst späterhin schlossen sich auch demokratische Genossen an. List 
selber wollte so weit nicht gehen; unerschöpflich in Einfällen und Plänen 
stellte er jedoch die gefährliche Forderung auf, daß Bayern die Führung der 
deutschen Handelspolitik, dem Oriente und den Donauländern gegenüber, 
übernehmen müsse. Solcher Stimmungen konnte sich die österreichische 
Politik, wenn sie klug und kühn verfuhr, leicht bemächtigen. Im Kaiser- 
staate selbst wurde das harte, durch frechen Schmuggel überall durchbrochene 
Prohibitivsystem gründlich verabscheut. Einzelne Unzufriedene verlangten 
Anschluß an den deutschen Zollverein, am eifrigsten Graf Chotek, der 
Oberstburggraf von Böhmen; *“) der Graf fand jedoch in seiner eigenen 
  
*) S. o. IV. 721. 
*“) Canitzs Bericht, 2. Sept. 1812.
        <pb n="482" />
        474 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Heimat, dem wichtigsten Industrielande der Monarchie, wenig Zustim— 
mung, die böhmischen Fabrikanten fürchteten alle den deutschen Wettbewerb. 
Sogar der alternde Metternich empfand dunkel, daß man das ver— 
morschte Zollwesen zerbrechen mußte. Er hatte einst den werdenden Zoll— 
verein, als es schon viel zu spät war, zu vernichten gesucht. Jetzt gingen 
ihm die Augen auf. Als er im Sommer 1841 seinen Johannisberg wieder 
besuchte, da fiel ihm auf, wie überall in Deutschland unter dem Schutze 
der Handelseinheit Verkehr und Wohlstand emporwuchsen; er ahnte, dieser 
Zollverein würde bald unaufhaltsam um sich greifend das ganze Deutsch— 
land verschlingen, und nun endlich verfiel er auf die Frage, ob nicht Oster— 
reich selbst beitreten solle, um Preußen zu überflügeln. Abel und die 
anderen klerikalen Freunde in München hatten ihn ja so inbrünstig ver— 
sichert, ganz Süddeutschland wünsche diesen Beitritt, damit Preußens Hege— 
monie ein Gegengewicht erhielte. Doch zu Deutschlands Glück war Met— 
ternich in allen volkswirtschaftlichen Dingen noch immer ebenso unwis— 
send, wie vor Jahren, da Motz über seine handelspolitische Weisheit spottete. 
Alles Ernstes behauptete er: im alten deutschen Reiche „galten gleiche 
Handelsberechtigungen für alle Mitglieder desselben“; und ebenso gründ— 
lich wie die deutsche Handelsgeschichte kannte er auch die Verfassung des 
Zollvereins. Er verlangte lediglich eine Ermäßigung der erdrückenden Pro- 
hibitivzölle als „Anfang einer Einlenkung in das deutsche Zollsystem“ und 
begriff nicht, daß Osterreich sich durch diese armselige Reform dem Zoll- 
vereine kaum ebenso weit genähert hätte wie England oder Frankreich. Hell 
vor Augen stand ihm nur die Hoffnung, Preußen zu bekämpfen; alles 
andere war unklarer Dilettantismus. In solchem Sinne schrieb er an den 
neuen Leiter des Finanzwesens, den Hof-Kammerpräsidenten Kübeck, einen 
tätigen, brauchbaren Beamten, der als Plebejer von der öffentlichen Mei- 
nung anfangs mit großen Erwartungen empfangen wurde, doch bald genug 
zeigte, daß er weder das unsterbliche Defizit beseitigen noch einen schöpfe- 
rischen Gedanken finden konnte. Im November 1841 berieten die Mi- 
nister über eine mögliche Annäherung an Deutschland; aber die Entschei- 
dung wurde vertagt, denn der alte Todfeind jeder Reform, Erzherzog Lud- 
wig führte den Vorsitz, und im stillen sagte sich jeder, daß die nicht 
deutschen Kronländer solchen Plänen unmöglich folgen konnten. Als Kü- 
beck zwei Jahre darauf den Entwurf eines milderen Zollgesetzes vorlegte, 
da scheiterte alles an dem Widerspruche der böhmischen Fabrikanten. Das 
alte „taubstumme System“ — so nannte es Canitz — blieb unwandelbar 
im Zollwesen wie in der gesamten Verwaltung.*) Kamen unterweilen 
noch einzelne deutsche Verehrer OÖsterreichs nach Wien, um wegen mög- 
licher Handelserleichterungen anzufragen, dann empfing sie Metternich 
freundlich; zuletzt fand er doch immer, das sei Ideologie, und Canitz be- 
  
*) Canitzs Bericht, 13. Dez. 1843.
        <pb n="483" />
        Osterreichische Zollvereinspläne. 475 
merkte: „dies Wort ist dem Fürsten recht geläufig, er gebraucht es manch- 
mal statt jeder anderen Widerlegung oder Erklärung.“ ) 
Wie hilflos stand doch dies unförmliche Reich mit seinem Bölker- 
gemisch zwischen den beiden großen schicksalsverwandten Nationen, die sich 
in jugendlichem Selbstgefühl zu erheben begannen. Schon längst betrach- 
teten die Italiener den deutschen Zollverein mit schmerzlicher Bewunderung; 
und noch gab es einzelne gutmütige Patrioten, die nicht ganz an Öster- 
reich verzweifelten. Die Annali universali di statistica veröffentlichten 
(1843) einen Artikel Serristoris, der den italienischen Staaten riet, sich 
nach und nach ebenso an das österreichische Zollsystem anzuschließen, wie 
die deutschen Staaten das preußische Zollgesetz angenommen hätten. Und 
so wunderbar war die Welt schon verwandelt: dieser Aufsatz, der vor einem 
Vierteljahrhundert seinen Verfasser unfehlbar in den Kerker gebracht hätte, 
wurde jetzt im Osterreichischen Beobachter belobt und übersetzt. Aber wie 
klein, wie unfruchtbar, wie ängstlich zeigte sich Metternich auch hier. Er 
sah in der wirtschaftlichen Einigung Italiens nur ein Mittel, um die 
gefürchteten „Sekten“ zu bekämpfen, ganz wie vor zwanzig Jahren viele 
deutsche Kleinminister den Zollverein als einen Schutzwall gegen die na- 
tionale Einheit gepriesen hatten. Ein wirklicher Zollverband erschien ihm 
auch zu kühn; und allerdings konnte die berüchtigte k. k. Maut mit ihren 
bestechlichen Beamten und den riesigen venetianischen Schmuggelnieder- 
lagen unmöglich die Bewunderung der weltklugen Italiener erwecken. Die 
Hofburg begnügte sich also, den italienischen Staaten in tiefem Geheimnis 
einige Handelserleichterungen vorzuschlagen. Allein selbst der getreueste 
Hof der Halbinsel, der Hof von Neapel hegte gegen die k. k. Handelspolitik, 
die ihm schon manche ärgerliche Zollstreitigkeiten bereitet hatte, ein starkes 
Mißtrauen, und die Turiner Regierung lehnte sogar rundweg ab. Dort 
in Piemont regte sich schon mit Macht der nationale Gedanke. Wenn 
dort ein Zollverein zwischen Sardinien, Toskana und dem Kirchenstaate 
erwogen wurde, wenn die Grafen Petitti und Cavour ein italienisches 
Eisenbahnnetz empfahlen, so richteten alle diese Pläne ihre Spitze gegen 
Österreich. Was in Italien stark und edel war, bekämpfte den Wiener 
Hof. Jenseits der Alpen wie jenseits des Riesengebirges konnte der 
Kaiserstaat nur noch hemmen und stören, nichts mehr schaffen. — 
Von der nächsten Zukunft durfte die enttäuschte deutsche Schutzzoll- 
Partei überhaupt nur wenig erwarten. Der ganze Zug der Zeit war 
ihr ungünstig. Die unter dem Schirm ihrer Zölle und Schiffahrtsgesetze 
erstarkte erste Handelsmacht der Welt lenkte eben jetzt in die Bahnen 
des Freihandels ein. Englands Volkswirtschaft war, wie List bitter sagte, 
nunmehr so hoch gestiegen, daß sie die Leiter, die ihr emporgeholfen, ge- 
trost abbrechen konnte. Die Lehre von dem größten Wohlsein der größten 
  
*) Canitzs Bericht, 20. März 1843.
        <pb n="484" />
        476 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Zahl, diese einst durch den Vater des englischen Radikalismus Jeremias 
Bentham zuerst verkündigte Doktrin gewann im britischen Volke immer 
breiteren Boden; aus ihr ergab sich das Verlangen nach freiem Handel 
und wohlfeiler Konsumtion. Die Mittelklassen, die seit der Reformbill 
in das Parlament eingedrungen war, richteten ihre Angriffe zunächst 
gegen die Kornzölle, weil sie fühlten, daß die dem alten Adel noch ge- 
bliebene Macht zum Teil auf den Korngesetzen ruhte. Die breiten Massen 
der Arbeiter dagegen betrachteten diese zugleich politische und wirtschaft- 
liche Bewegung mit Argwohn; sie trauten dem Bürgertum noch weniger 
als den Grundherren und sie befürchteten von der Abschaffung der Korn- 
zölle ein Sinken der Arbeitslöhne, das allerdings von vielen Gegnern der 
Korngesetze insgeheim erhofft wurde. Seit dem Jahre 1839 begann die 
von Richard Cobden gestiftete Anti-Korngesetz-Liga durch Versammlungen, 
Zeitungen und Flugschriften, durch Reiseprediger und Massenpetitionen, 
durch Aufzüge und Gewerbeausstellungen das Bürgertum zu bearbeiten, 
die Fabrikanten versorgten sie mit gewaltigen Geldmitteln. Nach sechs 
Jahren rastloser Agitation hatte sie die große Mehrheit der Mittelklassen, 
zumal in Manchester und dem gewerbreichen Nordwesten für sich ge- 
wonnen, weithin durch das Land scholl der Ruf nach freiem Handel. 
In den Schriften der neuen Manchesterschule lebte das alte hierzu- 
lande noch niemals wissenschaftlich überwundene Naturrecht wieder auf, dessen 
Sätze, gleich allen unlebendigen Abstraktionen, von der materialistischen 
Plattheit ebenso leicht ausgebeutet werden konnten wie von dem überspannten 
Idealismus. Darum vermochte John Stuart Mill sich gleichzeitig für Wil- 
helm Humboldt und für den englischen Radikalismus zu begeistern. In den 
Formeln mit Humboldt übereinstimmend, und doch im denkbar schärfsten 
Gegensatz zu ihm, betrachtete Cobden den Staat als eine durch die Willkür 
der Einzelmenschen gegründete Versicherungsanstalt, die lediglich Geschäft 
und Arbeit vor gewaltsamen Störungen behüten und von den Versicherten 
möglichst niedrige Prämien verlangen sollte. Die Volkswirtschaft blieb 
ihm der einzige Inhalt des Menschenlebens, rasches Reisen der Muster- 
reiter und wohlfeile Kattunerzeugung der höchste Zweck jeder Kultur. In 
vollem Ernst sprach er aus, daß Stephenson und Watt für die Weltgeschichte 
unvergleichlich mehr bedeuteten als Cäsar oder Napoleon. Wurden nur erst 
überall Handel und Wandel ihrer natürlichen Freiheit überlassen, dann 
mußte sich jede Nation unfehlbar den Erwerbszweigen widmen, welche sie 
mit dem größten Gewinn betreiben konnte, jede arbeitete also allen anderen 
in die Hände durch eine Ausfuhr, die der Einfuhr immer genau entsprach; 
die Harmonie der Interessen stellte sich von selber her, der ruchlose Luxus 
der stehenden Heere hörte auf, die Schwerter verwandelten sich in Pflug- 
scharen nach der Weissagung des alten Propheten, und der ewige Friede 
brach an. Cobden liebte die Arbeiter aufrichtig, er wollte ihnen durch das 
billigere Brot eine Wohltat erweisen; er verteidigte sogar den Schulzwang,
        <pb n="485" />
        Die Manchesterschule. 477 
weil die arbeitenden „Hände“ in den Fabriken, nur wenn die Köpfe leidlich 
erleuchtet waren, die größte Gütermasse erzeugen konnten; Fabrikgesetze 
hingegen verwarf er als einen Eingriff in die persönliche Freiheit. 
Ein solches Evangelium des Mammonzsdienstes drohte die Menschheit 
zu verstümmeln, alles Heldentum, alles Schöne und Erhabene, alle Ideale 
des Gemüts zu vertilgen; dennoch zeigte die Lehre des Voluntarismus, 
des unbeschränkten, jeden Staatszwang ersetzenden sozialen Wettbewerbs 
einen Zug kühner Selbstgewißheit, der kräftige, unternehmende Männer 
bestechen mußte. War doch die ganze Gedankenbewegung des Revolutions- 
zeitalters von dem Kampfe der freien Persönlichkeit wider die Staats- 
gewalt ausgegangen. Auch Cobden empfand eine fast schwärmerische Be- 
geisterung für den nüchternen Gedanken des improvement, des materiellen 
Fortschritts, er hielt sich für den auserwählten Apostel des allgemeinen 
Völkerglücks. Freilich konnten seiner weltbürgerlichen Lehre, da sie von 
diesem selbstgefälligen, alle Ausländer verachtenden Inselvolke herkam, arg- 
listige kaufmännische Hintergedanken unmöglich fehlen. Er selbst zeigte für 
fremde Völker mehr Verständnis als die meisten seiner Landsleute, er be- 
wunderte Preußen, sogar die Einheit Deutschlands und Italiens war ihm 
nicht schreckhaft. Doch schon beim Beginn seiner öffentlichen Wirksam- 
keit sagte er trocken: „unser einziges Ziel sind die gerechten Interessen 
Englands, ohne Rücksicht auf die Zwecke anderer Nationen.“ Seine 
Doktrin vom allgemeinen freien Warenaustausch beruhte auf der still- 
schweigenden Voraussetzung, daß England die Großindustrie der weiten 
Welt beherrschen, anderen Völkern nur die Urproduktion sowie einzelne 
schwer zu verpflanzende Gewerbszweige überlassen müßte. Wie Canning 
und Palmerston einst die konstitutionelle Phrase, so schätzte Cobden die 
freihändlerische Phrase als einen einträglichen Ausfuhrartikel, der die 
Runde um den Erdkreis machen, alle Nationen für die Interessen der 
britischen Handelsherrschaft gewinnen sollte. Da die klugen Fabrikanten 
diesen geheimen Zweck der Freihandelslehren alsbald durchschauten, so 
schwoll die Bewegung unwiderstehlich an, bis der leitende Staatsmann 
Robert Peel sie nicht mehr aufhalten konnte. 
Obschon Peel als Sohn eines reichen, durch Fleiß und Klugheit 
emporgekommenen Baumwollspinners selbst dem Bürgertum angehörte, 
hatte er doch mit Cobdens Weltanschauung nicht das mindeste gemein. 
Gleich seinem Vater, dem die Arbeiter für unzählige Beweise werktätiger 
Menschenliebe immer dankbar blieben, stand er von jeher hoch über der 
Klassenselbstsucht der Fabrikanten. Er wuchs auf in den Gesinnungen der 
Torypartei, der Hochkirche, der altüberlieferten gediegenen klassischen Bil- 
dung, und sah in Pitt das Ideal des Staatsmannes; der ruhige, er- 
wägsame, vorsichtige Mann erschien wie ein geborener Konservativer. 
Und doch beschied ihm das Schicksal die Rolle des Reformers. Die rasch 
schreitende Zeit zwang ihn wieder und wieder die Ansichten seiner Partei
        <pb n="486" />
        478 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
sorgsam zu prüfen, und sobald er einsah, daß sie dem Wohle des Landes 
nicht mehr entsprachen, dann trat er stets mit hoher sittlicher Kühnheit 
für die erkannte neue Wahrheit ein, unbekümmert um den Widerspruch 
alter Freunde, unbekümmert um das engherzige Parteiherkommen, das sich 
Ethics of party nannte. Selten hat ein Staatsmann seine Meinung 
über große politische Fragen so oft verändert, ohne doch je sich selber un- 
treu zu werden. Schon als junger Mann wagte Peel im Parlamente, 
„der Autorität, der er immer gefolgt war“, seinem eigenen Vater zu 
widersprechen, die Wiederaufnahme der Barzahlungen von der Bank 
von England zu verlangen. Dann erkannte er, wie Wellington, die Not- 
wendigkeit der bisher von allen Torys bekämpften Emanzipation der 
Katholiken und verteidigte diese Reform, die für alle demokratischen 
Neuerungen der nächsten Jahrzehnte den Weg öffnete. Der Reformbill 
selbst widersetzte er sich gleichwohl hartnäckig, bis zum Ende; als aber die 
Entscheidung gefallen, die Mittelklasse in das Unterhaus eingezogen war, 
da konnte er sich nicht mehr verhehlen, daß der Schwerpunkt des alten 
aristokratischen Staatsbaues sich verschoben hatte. Jetzt als Minister ent- 
schloß er sich, der unaufhaltsamen Freihandelsbewegung nachzugeben und 
also die Politik der Reformbill weiterzuführen. 
Die Mehrzahl seiner Toryfreunde versagte sich ihm. Im Bunde mit 
den alten Gegnern, mit den Whigs und den Radikalen schritt er vorwärts, 
umbraust von den jubelnden Zurufen der Mittelklassen, ein Staatsmann, 
der die Zeit nicht mit schöpferischen Gedanken beherrschte, sondern ge- 
wissenhaft von ihr lernte, auch als Redner nicht glänzend, aber stark durch 
Rechtschaffenheit, Offenheit und durch den Mut, das Notwendige zu 
wollen. Die stolzen Herren vom alten Tory-Adel verwünschten den Baum- 
wollspinner, der trotz seines fürstlichen Reichtums doch immer ein Ple- 
bejer bliebe und seine Partei ehrlos verriete 7), und der junge Heißsporn 
der Torys Benjamin Disraeli sagte: eine solche konservative Regierung ist 
nur eine große Heuchelei. Aber schon begannen die Arbeiter sich den sozia- 
listischen Gedanken des Chartismus zuzuwenden, Riesenpetitionen um 
Erweiterung der Volksrechte bestürmten das Parlament. Der dumpfe 
Groll der Massen und der Notstand der Gewerbe im Nordwesten zwangen 
die Regierung zur Tat. 
Im Jahre 1842 wurden fast zwei Drittel aller Zollsätze des alten 
Tarifs aufgehoben oder herabgesetzt. Andere Zollermäßigungen folgten 
bald. Dann brachte (1845) eine schwere Mißernte unsägliches Elend über 
das Inselreich, zumal über Irland. Jedermann sah, Großbritannien war 
zu einem Industrielande geworden, der heimische Ackerbau reichte nicht 
mehr aus, um die mächtig angewachsene städtische Bevölkerung zu er- 
nähren. Nach solchen Erfahrungen wagte Peel den entscheidenden Schritt; 
  
*) Bunsens Bericht, 30. Jan. 1846.
        <pb n="487" />
        Aufhebung der englischen Kornzölle. 479 
im Mai 1846 wurden die Kornzölle aufgehoben. Die Lords stimmten 
zu, denn der eiserne Herzog warnte: fügen wir uns jetzt nicht freiwillig, 
dann wird das Oberhaus späterhin gezwungen oder vernichtet werden. 
So aussichtslos erschien jetzt schon jeder Widerstand gegen die aufstreben- 
den Mittelstände. Wenige Wochen nachher mußte Peel zurücktreten. Die 
alten Gegner hatten ihm zum Siege verholfen, nun rächten sich die 
geschlagenen Freunde. Löste er das Parlament auf, dann konnte er 
sicher einc starke Mehrheit erlangen, aber — so sagte er zu Bunsen — 
nur durch den Beistand der Radikalen, „und mit den Radikalen gehe ich 
nicht.“*). So schied er aus, ein Opfer des Parteigeistes, und noch lange 
feierte ihn das Bürgertum als den volkstümlichsten aller britischen Staats- 
männer. Er wußte, daß er, im Geiste seines edlen Vaters, den arbeitenden 
Klassen eine große Wohltat erwiesen, aber auch die Handelsmacht seines 
Landes befestigt hatte; denn die rücksichtslose nationale Selbstbehauptung 
war ihm ebenso heilig wie allen seinen Landsleuten. Für die Zwecke der 
Handelspolitik verschmähte auch er die kleinen Künste leerer Vorspiege- 
lungen nicht; sagte er doch einmal dem preußischen Gesandten: Ihr müßt 
euch mit uns über die Zollfragen verständigen, denn sonst könnte leicht ein 
französisch-amerikanisches Seebündnis die wirtschaftliche und politische 
Unabhängigkeit des Festlandes bedrohen!) 
Seine Erbschaft übernahmen die Whigs, und sie mußten fortan oft 
mit den Radikalen zusammengehen, obgleich ihre eigenen Führer fast alle- 
samt den stolzesten und vornehmsten Adelsgeschlechtern angehörten. Lord 
Palmerston, der wieder in das Auswärtige Amt eintrat, konnte also nun- 
mehr die alte Politik der heimlichen Friedensstörung mit verdoppelter 
Kraft fortsetzen, er konnte die Bären des Kontinents bald nach der libe- 
ralen, bald nach der freihändlerischen Pfeife tanzen lassen. Die Sieger 
gefielen sich in maßloser Selbstberäucherung. Cobden rief freudetrunken: 
„Freihandel ist das internationale Gesetz des Allmächtigen; nicht bloß 
England, sondern die ganze Welt ist für jetzt und für immer an dem 
Kampfe der Kornliga beteiligt.“ Seine Anhänger verglichen das Jahr 
1846 mit der Revolution von 1688. Und allerdings griff die Aufhebung 
der Korngesetze sehr tief in alle sozialen Verhältnisse ein, sie demokrati- 
sierte die Gesellschaft, wie einst die Reformbill den Staat. 
Wenn Cobden in Reden und Schriften den Grundherren stets versichert 
hatte, sie würden unter der Reform nicht leiden, so erwiesen sich diese Be- 
schwichtigungsversuche alsbald als Irrtum oder als berechnete Täuschung. 
Die Grundrente sank beträchtlich, und wie der englische Adel sich immer der 
Zeit zu fügen verstand, so erkannte er auch jetzt schnell, daß er seine Stellung 
über dem Bürgertum nur noch durch die Machtmittel des Bürgertums 
  
*) Bunsens Bericht, 10. Juli 1846. 
**) Bunsens Bericht, 26. Aug. 1844.
        <pb n="488" />
        480 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
selber einigermaßen behaupten konnte. Er begann, da der Grundbesitz 
nicht mehr genug abwarf, an Eisenbahnen, Banken, industriellen Unter- 
nehmungen aller Art teilzunehmen, und nicht lange, so betrieb der Sohn 
des Herzogs von Argyll, ohne Argernis zu erregen, eine einträgliche 
Weinhandlung. Die alten Ehrbegriffe und Vorurteile des Standes zer- 
stoben vor der Übermacht des Geldes, derweil der deutsche Adel arm, aber 
ritterlich blieb. Kaufmännische Luft durchwehte das gesamte Leben der 
Nation. Das unentbehrliche letzte Notmittel gegen die Verwilderung der 
Gesellschaft, das Duell kam außer Brauch und verschwand bald gänzlich; 
die Reitpeitsche verdrängte Degen und Pistole, und dieser Sieg der 
Roheit ward als ein Triumph der Aufklärung gefeiert. Bei aristokratischen 
Hochzeiten zählten die Zeitungen in einem genauen Konto sorgfältig auf, 
wic viel jeder Hochzeitsgast an Geschenken oder barem Gelde gespendet 
hatte; selbst die Jugend betrieb ihren Sport als Geschäft und lämpfte 
um wertvolle Preise, während die deutschen Studenten sich um der wirk- 
lichen oder vermeintlichen Ehre willen ihre Gesichter zerfetzten. Die Kluft 
zwischen den deutschen und den britischen Sitten erweiterte sich mehr und 
mehr. Was die Puritaner von Shakespeares fröhlichem altem England 
noch übrig gelassen hatten, ging nunmehr völlig unter in der Prosa des 
Geschäftslebens. Demgemäß wurde fortan auch die Haltung des Insel- 
reichs in der Staatengesellschaft noch mehr als bisher durch die Berech- 
nungen der Handelspolitik bestimmt. 
Der Umschwung in England erfüllte die Freihändler aller Länder 
mit Siegeszuversicht, ihre Lehren behaupteten während der nächsten zwei 
Jahrzehnte fast überall in der gesitteten Welt die Oberhand. Alle die 
neuen Erfindungen, deren das Jahrhundert sich rühmte, wirkten als völ- 
kerverbindende Mächte; sie durch Zollschranken zu hemmen, schien fast un- 
vernünftig. Es begann eine lange Zeit wechselseitiger Handelserleichte- 
rungen und sie förderte den Wohlstand. Nachher zeigte sich doch wieder, 
wie viel mehr der innere Markt bedeutet als der Weltverkehr; die Völker 
des Kontinents erfuhren, daß der freie Wettbewerb die Übermacht des 
Starken nicht ausgleicht, sondern erhöht, und die halbverschollenen Ideen 
Lists gewannen neues Ansehen. Zunächst folgte Nordamerika dem Bei- 
spiel Englands und erniedrigte einen Teil seiner Zölle. 
Deutschland hatte einst, als unsere Industrie noch in den Windeln lag, 
aus den britischen Kornzöllen Vorteil gezogen, denn sie verhinderten uns 
damals, mit dem übermächtigen Inselreiche gefährliche Verträge zu schließen; 
jetzt lasteten sie längst schon schwer auf dem deutschen Ackerbau und Getreide- 
handel. Ihre Aufhebung wurde also überall in Norddeutschland freudig 
begrüßt. Die Berliner Finanzpartei vernahm mit begreiflicher Genug- 
tuung, daß England endlich nachholte, was Preußen schon vor achtund- 
zwanzig Jahren gewagt hatte. Und wie liebenswert erschien den Deutschen 
Peels bürgerlich ehrenfestes Wesen; gerade seine stolze Selbständigkeit, die
        <pb n="489" />
        Triumph der Freihändler. 481 
ihn den Torys verdächtig machte, gefiel unserem noch nicht ganz vom 
Parteigeist beherrschten Volke. In Elbing, wo Prince Smith so lange 
gewirkt hatte, beschloß die Kaufmannschaft, dem Reformer einen Glück— 
wunsch zu senden. Peels Antwort zeigte, daß auch ehrliche Engländer, 
wenn sie mit Ausländern reden, ihren heimatlichen cant schwer aufgeben; 
er schrieb: „so finden wir im Handel das Mittel, die Zivilisation zu be— 
fördern, Eifersucht und nationale Vorurteile zu beschwichtigen und einen 
allgemeinen Frieden herbeizuführen, aus nationalem Interesse sowohl wie 
aus christlicher Pflicht.“ Inzwischen löste Cobden seine Liga auf und 
unternahm eine Triumphreise durch das Festland, um überall den Stamm 
einer internationalen Freihandelspartei anzusammeln. In Deutschland 
wurde der schlichte freundliche Mann sehr herzlich empfangen, am wärmsten 
in Hamburg. Dort feierte, dem großen Briten zu Ehren, der vaterlands— 
lose radikale Freihandel seine Saturnalien. Der Präsident der Kommerz— 
deputation Ruperti ließ „die Erzeugerin jeder anderen Freiheit, die Han— 
delsfreiheit“ hoch leben. Cobden pries die unvergleichliche Handelspolitik 
der Hansen, dann schloß er weihevoll: „lehret eure Nachbarn eurem Bei— 
spiel zu folgen“ — und gewiß konnte England sich Glück wünschen, wenn 
der Zollverein die Bahn hamburgischer Erbweisheit eingeschlagen hätte. 
Tief schmerzlich wurde Friedrich List durch die englischen Nachrichten 
berührt. Er hatte zwar selber, da er ja nur Schutz für die Industrie ver— 
langte, die Kornzölle stets bekämpft; dennoch fürchtete er — mit Unrecht, 
wie sich bald zeigte — die freihändlerische Wendung der britischen Politik 
würde der deutschen Volkswirtschaft Verderben bringen. Während die 
Kornliga ihren Cobden durch eine glänzende Dotation ehrte, belohnten 
die süddeutschen Fabrikanten ihren unermüdlichen Vorkämpfer nur sehr 
kärglich — nicht eigentlich aus Geiz, sondern aus kleinstädtischer Uner- 
fahrenheit, weil man in Deutschland eine solche Agitation kaum erst kannte, 
ihren Wert nicht zu schätzen wußte. Der edle Mann, den alle Gegner 
für bestochen hielten, kämpfte beständig mit Nahrungssorgen, und es 
war einer der vielen tragischen Widersprüche seines stürmischen Lebens, daß 
der Todfeind der Bureaukratie jetzt selbst versuchte, eine Stellung im Be- 
amtentum zu erlangen. Doch in der schwäbischen Heimat wie in Bayern 
speiste man ihn mit schmeichelhaften Worten ab; sein Feuergeist hätte 
sich in der geregelten Beamtentätigkeit auch schwerlich zurechtgefunden. 
So trieb er sich rastlos umher. Einmal kam er auch nach Österreich und 
suchte dann in einem Aufsatze zu erweisen, daß die reichen, dünn be- 
völkerten Länder der ungarischen Krone das natürliche Gebiet für die 
deutsche Auswanderung bildeten — lockende Gedanken, denen nur leider 
jeder historische Boden fehlte; denn die Zeit der großen Ostlandsfahrten 
war längst vorüber, den modernen Menschen trieb der Drang in die 
Ferne nach dem amerikanischen Westen. 
Als die Entscheidung in England herannahte, eilte List nach London, 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 31
        <pb n="490" />
        482 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
und es gelang ihm leicht, den sanguinischen, für neue Gedanken immer 
empfänglichen Bunsen ganz zu bezaubern.) Dort verfaßte er einen langen 
Aufsatz über die Allianz zwischen Großbritannien und Deutschland — eine 
seltsame Denkschrift, die sich nur aus seiner leidenschaftlichen patriotischen 
Besorgnis erklären ließ. Wer hatte schärfer als List die großartige Selbst- 
sucht der britischen Handelspolitik durchschaut? wer klarer erkannt, daß 
die Engländer in Deutschland ihren gefährlichsten Nebenbuhler sahen? Und 
dieser selbe Mann suchte jetzt die Briten zu gewinnen durch Lobreden, 
die der Insulaner als pflichtschuldigen Tribut der verachteten Foreigners 
stets kaltblütig hinnimmt; er zeigte ihnen, daß sie ihre Überlegenheit gegen 
Nordamerika und gegen eine drohende russisch-französische Allianz nur 
dann behaupten könnten, wenn sie sich fest mit Deutschland verbündeten; 
darum müßten sie, selber beim Freihandel verharrend, darein willigen, 
daß Deutschland durch hohe Schutzzölle des Zollvereins allmählich erstarkte. 
In dem Augenblick also, da die englische Regierung zum Freihandel 
überging, mutete er ihr zu, in Deutschland ein strenges Schutzzollsystem 
zu begünstigen, das seine Spitze doch nur gegen Großbritannien richten 
konnte. Wunderlicher hat ein genialer politischer Kopf kaum jemals geirrt. 
Diese Abhandlung sendete List an Peel und Palmerston, unbekümmert 
um das Kopfschütteln des preußischen Gesandten. Beide Staatsmänner ant- 
worteten, wie sich von selbst verstand, höflich ablehnend. Peel erinnerte an 
den Glaubenssatz der Freihändler, daß jede Nation die Waren erzeugen 
solle, die sie am billigsten hervorbringe; Palmerston aber sagte mit einer 
frommen Salbung, die dem alten Schalk ergötzlich anstand: „der Freihandel 
wie die Wohltätigkeit beginnt zu Hause.“ Zugleich wurde die Denkschrift 
nach Berlin geschickt, und List wagte, in einem begleitenden Briefe dem 
Könige seine Dienste anzubieten, obgleich seine Partei alle diese Jahre hin- 
durch die preußische Politik bis aufs Blut bekämpft hatte. „Es ist falsch“, so 
schrieb er, „wenn man mich für einen Gegner Preußens hält.“ Er glaube 
aber, „daß der Geist des erleuchteten Herrschers von Preußen nicht immer 
der Geist der preußischen Bureaukratie sei.“ Und „deshalb“, fuhr er fort, 
„bestehe ich getrost das Wagnis, in einer Sache, die das höchste Wohl des 
Vaterlandes in Frage stellt, von einer befangenen Bureaukratie an die 
glückliche Geistesfreiheit und Geistesstärke Ew. K. Majestät zu appellieren.“ 
Er schloß mit der Erklärung, „daß ich bereit sei, mit Freuden jede Bürde 
zu tragen, die Ew. K. Majestät in Ihrer Weisheit und zum Besten des 
Vaterlandes meinen Schultern aufzulasten für gut finden sollten.“) 
Brief und Denkschrift mußten dem Monarchen gefallen. Die Aus- 
fälle auf die Bureaukratie taten ihm wohl, und im Grunde des Herzens 
war er noch immer schutzzöllnerisch gesinnt, gleich dem Prinzen von 
  
* BuMunsens Berichte, 26. Juni, 31. Juli 1846. 
**) List an König Friedrich Wilhelm, 31. Juli 1846. S. Beilage 32.
        <pb n="491" />
        Lists Tod. 483 
Preußen. Nun wies ihm List nach, daß der Zollverein mit dem geliebten 
England auch dann in guter Freundschaft leben könnte, wenn er strenge 
Schutzzölle einführte. Was konnte ihm willkommener sein? Friedrich 
Wilhelmwünschte lebhaft, den durch Bunsen und Rönne warm empfohlenen 
Verfasser der Denkschrift im preußischen Dienste anzustellen, etwa als 
General--Inspektor der Eisenbahnen und Fabriken des Zollvereins oder 
als Leiter der deutschen Kolonisation in Posen, wie Bunsen vorschlug. 
Freilich konnte eine solche Ernennung nicht sogleich erfolgen, weil der Zwie- 
spalt im hohen Beamtentum noch fortwährte. Als Kühne eben in diesen 
Tagen für die nochmals erledigte Stelle des Finanzministers vorgeschlagen 
wurde, da verlangte der König, Kühne müsse sich erst mit List, der nach 
Berlin berufen werden sollte, über die Grundsätze der Handelspolitik ver- 
ständigen. Hierauf konnte sich Lists alter Gegner nicht einlassen, und 
diese Weigerung diente als Grund oder als Vorwand, um den liberalen 
Kandidaten, der sich ohnehin nicht der königlichen Gunst erfreute, vom 
Ministerrate fern zu halten.) 
Von allen diesen Plänen erfuhr List kein Wort. Er erhielt vor- 
läufig nur ein einfaches Dankschreiben aus Berlin und kehrte fast mut- 
los in die Heimat zurück. Hier übermannte ihn gänzlich die schreckliche 
Hypochondrie, die seinen fröhlichen Sinn schon so oft gemartert hatte. 
Er wähnte sich verfolgt von aller Welt, da ihm die Gegner seine groben 
Angriffe durch schmähliche Verleumdungen heimzahlten; er fühlte sich un- 
fähig zu jeder Arbeit und obwohl für seine nächste Zukunft noch hinrei- 
chend gesorgt war, so meinte er doch die Zeit nahen zu sehen, da seine 
Feder ihn und seine heißgeliebte Familie nicht mehr ernähren könnte. 
Völlig krank, von fieberhafter Unruhe gepackt unternahm er noch eine 
zwecklose Reise, und im November 1846 gab er sich in Kufstein selbst den 
Tod. Dies schauerliche Ende eines reichen Lebens erschütterte die ge- 
samte Nation. Auf dem Kufsteiner Kirchhofe, dicht an der deutschen 
Grenze, wurde „Deutschlands Friedrich List“ unter einem großen Grab- 
steine gebettet, Sammlungen der Parteifreunde sicherten den Unterhalt 
der Hinterlassenen, und manche klagende Stimme nannte ihn ein Opfer 
deutscher Undankbarkeit. In Wahrheit war sein Tod nur die Folge 
einer unheimlichen Krankheit, die ihm zuletzt die Freiheit des Willens 
benahm. Wer darf sagen, ob diese Prophetennatur, die nur wecken, er- 
regen, entflammen, nicht leiten konnte, in einem mächtigen Parlamente 
glücklicher gewirkt hätte? Das aber ist sicher: das Elend unserer Klein- 
staaterei, die einen großen politischen Charakter so gar nicht zu ertragen ver- 
mochte, hat ihm sein ganzes Leben vergällt und getrübt. Erst die Nachwelt 
würdigt ganz, was unvergänglich war in seinem Schaffen. — 
In allen diesen Zollvereinshändeln sprachen die beiden streitenden 
  
*) Nach Kühnes Aufzeichnungen. 
31*
        <pb n="492" />
        484 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Parteien das Verlangen nach nationaler Macht so stürmisch aus, daß 
sogar die selbstgenügsamen Hansen nicht umhin konnten, ihre patriotische 
Gesinnung irgendwie zu betätigen. Schon im Jahre 1841 entwarf 
Bürgermeister Smidt von Bremen den Plan eines deutschen Schiffahrts- 
bundes, der allen deutschen und österreichischen Schiffen, dem Auslande 
gegenüber, eine gemeinsame Heimat (country) sichern sollte. Smidt 
legte seine Entwürfe dem preußischen Hofe und dem Fürsten Metternich 
persönlich vor. Um sie zu verteidigen, bereiste sodann der hamburgische 
Bundesgesandte Karl Sieveking die deutschen Hauptstädte, ein treuer Patriot 
von hoher Bildung und ernster Frömmigkeit, der, mit Neander und Gene- 
ral Gerlach nahe befreundet, als Mitbegründer des Rauhen Hauses allen 
Kirchlichgesinnten teuer war. 
Leider bewies Smidts Denkschrift nur, wie doktrinär auch ein kluger 
Staatsmann künsteln kann, sobald er sich scheut, das Notwendige zu wollen. 
Daß der Bundestag die nationale Schiffahrt nicht zu beschützen vermochte, 
stand längst außer allem Zweifel; ward aber neben dem Deutschen Bunde 
und neben dem Zollvereine noch ein Schiffahrtsbund errichtet, so ver- 
wirrte sich die deutsche Politik, die dem Auslande jetzt schon kaum ver- 
ständlich war, bis zum Unerträglichen. Und war es nicht eine naive 
Zumutung, daß der Zollverein, der mit der einzigen Ausnahme Preußens 
nur aus Binnenstaaten bestand, durch seine Gesamtmacht der han- 
sischen Schiffahrt Begünstigungen verschaffen sollte — ohne jede handels- 
politische Gegenleistung? Nun gar der Vorschlag, auch Österreich in den 
Schiffahrtsbund aufzunehmen, erschien fast wie eine Bedrohung des Zoll- 
vereins selbst. Kurz und schlagend bemerkte Canitz: das einfache Mittel 
zur Begründung des Schiffahrtsbundes wäre der Eintritt der Hanse- 
städte in den Zollverein; aber dieser Unannehmlichkeit will man entgehen!?) 
Auch das preußische Auswärtige Amt wollte sich auf nichts einlassen, da 
Bülow noch auf den Anschluß der Nordseeküste hoffte; überdies, schrieb 
der Minister (28. März 1843), hat Preußen schon durchgesetzt, daß Eng- 
land die Vorhäfen im wesentlichen wie die Zollvereinshäfen behandelt, 
„es ist hierdurch ein Teil gewonnen (und wir glauben so viel als das 
Bedürfnis erfordert) von demjenigen, was der vorgeschlagene deutsche 
Schiffahrtsbund bezweckt.““*) 
Einige Jahre nachher (1845) nahm Rönne, der in immer neuen 
Entwürfen schwelgte, den also gescheiterten Plan wieder auf und verband 
damit den Vorschlag eines Differenzialzoll-Systems, wie es Arnim in seinem 
Testamente empfohlen hatte. Eine Denkschrift des preußischen Handels- 
amts verlangte, daß die deutschen Küstenstaaten zu einem Schiffahrts- 
bunde zusammenträten, um die deutsche Schiffahrt zu begünstigen, das 
  
*) Canitzs Berichte, März 1843. 
*“) Bülow, Weisung an Canitz, 28. März 1843.
        <pb n="493" />
        Deutscher Schiffahrtsbund. 485 
Ausland durch kräftige Retorsionen zur Milderung seiner Schiffahrts— 
gesetze zu nötigen und also die allgemeine Handelsfreiheit vorzubereiten. 
Freudig ging König Friedrich Wilhelm auf Rönnes Vorschläge ein; sein 
allezeit begeisterter Bunsen meinte schon, dieser Schiffahrtsbund würde die 
Briten zur Aufhebung der Navigations-Akte zwingen.) Inden Hansestädten 
vertrat der Bremische Senator Duckwitz die patriotischen Gedanken mit 
schönem Eifer; auch durch eine veröffentlichte Denkschrift verteidigte er 
Rönnes Pläne. Obgleich er selbst weiter blickte als seine Mitbürger, so 
konnte er sich doch nicht verbergen, daß die Hansen dem Zollvereine so 
bald nicht beitreten würden, und schrieb also an List beschwichtigend: 
die Schiffahrtssache sei viel wichtiger als „der elende Hader über Zoll- 
anschluß“. Auf diesen elenden Zollanschluß kam aber schlechterdings alles 
an; denn solange die Nordseeküste sich der nationalen Zollgemeinschaft 
versagte, schwebte der Schiffahrtsbund in der Luft. Mit vollem Rechte 
erwiderten Kühne, Beuth und die anderen erfahrenen Geschäftsmänner 
des Finanzministeriums: ein solcher Bund könnte höchstens die deutschen 
Schiffe einander gleichstellen, nicht aber ihre Ladungen, und dies sei doch 
das Wesentliche. Zudem hatte der Zollverein bisher alle Unterscheidungs- 
zölle verschmäht; der Gefahr feindseliger Retorsionen, welche ein Diffe- 
renzialzoll--System immer in sich birgt, konnte er sich doch nur aussetzen, 
wenn die Vorhäfen ihm wirklich gehorchten. 
Trotz dieser augenfälligen Bedenken verfolgte Rönne seine Pläne weiter; 
der Zwiespalt in der Leitung der preußischen Handelspolitik zeigte sich grell. 
Im Jahre 1847 verhandelte Geh. Rat v. Patow deshalb zu Bremen mit 
Duckwitz und jenem Hannoveraner Witte, den man erst kürzlich wegen grober 
Feindseligkeit aus Berlin hatte ausweisen müssen. Er versicherte mit warmen 
Worten, sein König wünschte durch den Schiffahrtsbund „das Prinzip 
der deutschen Einheit “ zu sichern. Doch mit löblicher Gesinnung allein 
ließ sich die harte Geschäftssache nicht bewältigen, schließlich scheiterte alles 
an dem entschiedenen Widerspruche Hamburgs. Die Senatoren Kirchen- 
pauer und Geffcken entwarfen eine gründliche Denkschrift über „das Diffe- 
renzialzoll-System“, die alsbald gedruckt und von der Freihandelspartei mit 
Jubel begrüßt wurde. Siegreich in der Kritik, wies sie nach, daß Ham- 
burgs Zwischenhandel, wie er war, Unterscheidungszölle in der Tat nicht 
ertragen konnte. Irgend einen Gegenvorschlag zum Schutze der deutschen 
Schiffahrt boten die Hamburger freilich nicht, denn nach ihrer Meinung 
war die schimpfliche Anarchie an unserer Nordseeküste ein beneidenswerter 
Zustand des „Freihandels“; und frohlockend verkündete Prince Smith im 
Berliner Freihandelsvereine, daß wieder einmal nichts zu stande ge- 
kommen war. 
Mittlerweile hatte die preußische Regierung in London sehr nachdrück- 
  
*) Bunsens Berichte, 31. Juli 1846, 11. Aug. 1847 ff.
        <pb n="494" />
        486 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
lich ähnliche Vergünstigungen, wie sie Hannover durch seinen Sonder— 
vertrag erlangt, auch für den Zollverein gefordert; sie verlangte, daß 
England alle Fahrten deutscher Schiffe in der gesamten Nord- und 
Ostsee als direkte Fahrten behandeln solle. Die Briten weigerten sich, 
denn inzwischen war Gladstone, der geschworene Feind Deutschlands in 
das Kabinett eingetreten. Da kündigte der Berliner Hof (1847) den Ver— 
trag von 1841, der einst die Süddeutschen so sehr erbittert hatte, und 
bewies damit abermals, daß er wirklich nicht gemeint war, sich von 
England ins Schlepptau nehmen zu lassen. Diese Kündigung erregte 
in Downingstreet heftigen Unwillen, und doch trug sie dazu bei, daß 
endlich ein Entschluß zur Reife kam, der ohnehin schon längst in dem 
neuen Whig-Kabinett erwogen wurde. Seit dem Beginne der Freihandels- 
politik ließ sich Cromwells Werk, die Navigationsakte kaum noch halten; 
die übermächtige englische Handelsflotte bedurfte auch nicht mehr dieser 
Stütze, die ihr volle zweihundert Jahre hindurch so große Dienste er- 
wiesen hatte. Um Weihnachten 1847 ward der Ministerrat einig; die 
Thronrede kündigte dem Parlamente an, daß die Navigationsakte demnächst 
fallen solle. Die deutsche Schiffahrt durfte also in naher Zukunft eine 
lange gewünschte Erleichterung erwarten. 
Ungeschreckt durch das Mißlingen seines Schiffahrtsbundes, brachte 
der unermüdliche Duckwitz doch noch ein für die deutsche Schiffahrt folgen- 
reiches Unternehmen zu stande. Wie kläglich lag unsere Ausfuhr noch 
danieder: als der unternehmende Fritz Harkort seinen Dampfer „Rhein“ 
geradeswegs von Köln nach London zu senden wagte (1837), da mußte er 
das Schiff, damit es nur die See halten konnte, mit Pflastersteinen füllen. 
Und was für lächerliche Kämpfe hatte Duckwitz vor wenigen Jahren erst 
gegen die bösen Welfischen Nachbarn führen müssen. Damals beabsichtigte 
er, auf der oberen Weser bis nach Hameln hinauf eine Dampfschiffahrt 
einzurichten; daß dies möglich war, hatte Harkort durch eine kühne Probe- 
fahrt schon bewiesen. Alle die landesüblichen kleinen Bedenken und Hinder- 
nisse waren endlich beseitigt; bei Liebenau aber, auf hannoverschem Ge- 
biete lagen mitten im Strombett einige Felsblöcke, die den Fluß für die 
gewöhnliche Fahrt der Dampfschiffe sperrten. Diese Liebenauer Steine zu 
sprengen, hielt die hannoversche Regierung für unmöglich; sie wollte auch 
an das aussichtslose Wagnis kein Geld verschwenden, weil der Flußver- 
kehr der Zollkasse weniger einbrachte als die Frachtfuhren auf den Land- 
straßen. Da erschien eines Tages bei Duckwitz einer von Harkorts Fahrt- 
genossen, der Schiffer Rolff aus Preußisch-Minden und erklärte dreist: 
„wenn Sie mir 250 Taler versprechen, so schaffe ich die Liebenauer 
Steine weg.“ Er empfing die Zusage und erwirkte sich auch die Erlaubnis 
des hannoverschen Amtmannes, der den tapferen Preußen für einen toll- 
dreisten Narren hielt. Nach einigen Wochen kam er wieder nach Bremen 
und meldete: „die Liebenauer Steine liegen hier im Hafen!“ So ward
        <pb n="495" />
        Transatlantische Dampfschiffahrt. 487 
die obere Weser befreit — für 250 Taler — und die Dampfschiffahrt 
konnte beginnen. Der welfische Hof aber verwand es nicht, daß ihm die 
Berechnungen seiner Handelspolitik so freventlich gestört wurden, und ließ 
gegen Rolff wegen verbotener Steine-Ausfuhr ein Strafverfahren ein- 
leiten, das erst nach längerer Zeit wieder eingestellt wurde. 
Diese Händel waren kaum beendet, da wagte Duckwitz schon, an eine 
transatlantische Dampfschiffahrt zu denken. Bisher war erst eine Dampfer- 
linie nach Nordamerika in regelmäßigem Betriebe, die von der englischen 
Regierung reichlich unterstützte Cunard-Linie zwischen Liverpool und Neu- 
hyork. Die schwachen Maschinen der Dampfer arbeiteten freilich noch 
so unsicher, daß viele Postverwaltungen vorzogen, bei günstigem Passat- 
winde rasche Segler zu benutzen; denn gerade in diesen Jahren erreichte 
die Segelschiffahrt ihren Höhepunkt, es war die Zeit der gerühmten ameri- 
kanischen Klipper. Als nunmehr die Vereinigten Staaten den Plan faßten, 
eine Dampferlinie nach dem Festlande Europas einzurichten und zu unter- 
stützen, da bewirkte der Konsul Man, angeregt durch Duckwitz und andere 
Bremer Kaufßfherren, daß die Weserstadt zum Zielpunkte dieser Linie ge- 
wählt wurde. Die Union verständigte sich darauf mit den deutschen 
Staaten, obgleich England kräftig entgegenzuwirken suchte. Zwei Dampfer, 
Washington und Hermann wurden ausgerüstet; Amerika zahlte 100 000 
Dollars Unterstützung für jedes Schiff, Deutschland insgesamt 286 000, 
davon Preußen und Bremen je 100 000 Dollars. Und wie reiche Zinsen 
trug dies Opfer, das die radikalen Freihändler für Verschwendung er- 
klärten. Der regelmäßige Verkehr rief ganz von selbst neue Geschäfts- 
verbindungen hervor; alle deutschen Postverwaltungen bedienten sich der Bre- 
mischen Dampfer, so daß sich hier zuerst der Keim eines gesamtdeutschen 
Postwesens zeigte; und binnen acht Jahren stieg der Wert, der über 
Bremen nach Nordamerika ausgeführten Industriewaren von 3,3 auf 
16 Mill. Tlr. Es war der bescheidene Anfang einer gewaltigen Ent- 
wickelung, die schließlich dahin führte, daß Deutschlands überseeischer 
Handel größer wurde als sein Handel mit dem europäischen Ausland. 
Und wie viele andere Unterlassungssünden noch, die man in der 
langen Zeit binnenländischer Verstockung kaum bemerkt hatte, erschienen 
jetzt als eine nationale Schmach; die Deutschen besannen sich wieder auf 
sich selber und gedachten ihrer alten Seeherrschaft. Die Publizisten, List 
voran, forderten ungeduldig eine deutsche Flagge; mit vollem Rechte, denn 
die Ausländer wußten kaum, daß es ein Deutschland gebe, und sogar 
unsere Seeleute, die sich mit den besten der Welt kühnlich messen durften, 
standen draußen doch in geringem Ansehen, zumal da sie, nach dem be- 
scheidenen alten deutschen Brauche, nur halb so hohen Lohn empfingen 
wie dic englischen. Ebenso lebhaft wurde die Einsetzung deutscher Konsuln 
verlangt; Preußen besaß ihrer zwar schon 230, doch fast durchweg nur kauf- 
männische Wahl-Konsuln, und sie durften andere Deutsche nicht vertreten.
        <pb n="496" />
        488 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschast. 
Am lautesten aber erklang der Ruf nach einer deutschen Kriegs— 
flotte. Vor einem Menschenalter noch hatte es jedermann ganz in der 
Ordnung gefunden, daß Preußen die in Antwerpen erbeuteten französischen 
Kriegsschiffe, als unnütz für Deutschland, einfach den Engländern schenkte; 
dann waren am Bundestage einmal einige verlorene Worte gefallen über 
die Ausrüstung deutscher Kriegsschiffe gegen die Barbaresken.“) Jetzt end— 
lich, seit der Zollverein das nationale Selbstgefühl gekräftigt hatte, er— 
kannten die Deutschen mit Scham, welche lächerliche Rolle ihre waffen— 
gewaltige Landmacht auf den Meeren spielte. Leider waren die Verhält— 
nisse den patriotischen Flottenplänen sehr ungünstig. Die Hansen, die auch 
in ihren überseeischen Kommanditen mit den Zollvereinsfirmen sehr 
schlechte Nachbarschaft hielten, hatten sich durch kaufmännisches Geschick 
eine leidliche Stellung in den meisten Staaten des Auslands gesichert, und 
da sie noch ganz in den überlieferungen der alten unwürdigen Neutra— 
litätspolitik befangen waren, so fühlten sie gar nicht, daß sie doch nur 
von der Gnade der Fremden lebten. Der Kaufmannsgeist ertötete den 
nationalen Stolz; an der Hamburger Börse bezweifelte niemand, daß eine 
deutsche Kriegsflotte den friedsamen Handel der Hansen nur stören könne. 
Dem preußischen Staate aber war der Sinn für den Wert der Seemacht 
allmählich ganz abhanden gekommen, da er seine kriegerische Kraft zu 
Lande, um Deutschlands willen, so übermäßig anspannen mußte. 
Das Wasser ist bekanntlich nicht unser Element — so sagte ein tüch— 
tiger Offizier in einer Denkschrift über die Flottenfrage. Mit Neuvor— 
pommern hatte Preußen auch einige schwedische Ruderschaluppen im 
Strelasunde übernommen; dazu noch zwei leibhaftige Seeoffiziere, die auf 
der Berliner Parade manchmal als ergötzliche Wundertiere Aufsehen er— 
regten. Unter dem alten Könige wurde der Plan einer Küstenflotte oft und 
gründlich erwogen, die Sparsamkeit der Minister vereitelte jedoch alle 
Hoffnungen. Der neue Monarch hatte als Kronprinz lange das pommersche 
Armeekorps befehligt und in Stettin den alten Oberpräsidenten Sack oft 
beweisen hören, daß sein Pommern nicht bloß des Küstenschutzes, sondern 
einer starken, die Ostsee beherrschenden preußischen Flotte bedürfe. Sacks 
Lehren fielen auf fruchtbaren Boden; Friedrich Wilhelm wurde seit dem 
großen Kurfürsten der erste Hohenzollersche Herrscher, der wieder ein 
Verständnis für die See zeigte. Freilich bloß das Verständnis des geist- 
reichen Dilettanten. 
Zur Zeit lebte in Preußen nur ein einziger vornehmer Mann, 
der das Seewesen in großem Sinne und mit dem Ernst des Fachmanns 
betrachtete: Prinz Adalbert, der General-Inspekteur der Artillerie. Wie 
oft entscheiden Jugendeindrücke über ein ganzes Leben. Als Prinz Adal- 
bert zu Fischbach am Fuße des Riesengebirges, unter den Augen seiner 
  
*) S. v. II. 175.
        <pb n="497" />
        Prinz Adalbert. Amazone. 489 
Eltern, des Prinzen Wilhelm und der frommen Prinzessin Marianne 
heranwuchs, da erzählte ihm ein Spielgefährte, Graf v. d. Gröben oft— 
mals von den Taten seines Ahnherrn, des afrikanischen Helden der 
Kurbrandenburger; auch der befreundete Nachbar Feldmarschall Gneisenau 
sprach gern von seinen amerikanischen Wanderfahrten. Seitdem träumte 
der feurige wagelustige Prinz von der weiten Ferne. Dann unternahm er 
große Seereisen, als Gast an Bord englischer, russischer, sardinischer Kriegs— 
schiffe, und lebte sich in den Beruf des Seemanns ein. Er lernte die Welt 
kennen und begriff, wie eng das binnenländische Leben seiner Heimat war. 
Für ein wachsendes Volk — so wiederholte er oft — kein Wohlstand ohne 
Ausbreitung, keine Ausbreitung ohne überseeische Politik, keine überseeische 
Politik ohne Flotte. Von Halbheiten wollte er jedoch nichts wissen; viel— 
mehr sagte er voraus, daß eine kleine Flotte den großen Seestaaten wie 
eine aufreizende Anmaßung erscheinen würde; wolle man den kühnen 
Wurf wagen, dann müsse Deutschlands Seemacht bald stark genug werden, 
um sich zur Schlacht auf die hohe See hinauszuwagen. Solchen Plänen 
seines jugendlichen Vetters hörte der König gern zu, aber die Bedenken 
der Minister vermochte er nicht zu besiegen. Zunächst befahl er nur (1842) 
den Bau des ersten königlich preußischen Kriegsschiffs, der Korvette Ama— 
zone, die befehligt von dem dänischen Kapitän Dirckinck-Holmfeld, zur Ein— 
übung der Navigationsschüler häufig die Ostsee, zuweilen auch den Ozean 
befuhr. Dies war, außer einigen königlichen Postdampfern in der Ostsee, 
vorläufig alles, was den Namen einer deutschen Marine verdiente; denn 
jedermann wußte, daß Osterreichs Flotte, die Erbin Venedigs den Zwecken 
deutscher Politik niemals dienen konnte. Sehnsüchtig wiederholten die 
Patrioten die Klage aus Freiligraths „Flottenträumen“: 
Sprach irgendwo in Deutschland eine Tanne: 
O könnt' ich hoch als deutscher Kriegsmast ragen! 
O könnt' ich stolz die junge Flotte tragen 
Des ein'gen Deutschlands in der Nordsee Banne! — 
Wie dringend Deutschland einer Seemacht bedurfte, das ward gerade 
jetzt sehr schmerzlich empfunden, da die anhaltende Auswanderung, die 
dem Vaterlande so ganz verloren ging, in weiten Kreisen das Verlangen 
nach deutschen Kolonien erweckte. Bunsen sprach darüber oft mit seinen 
englischen Freunden. Unermüdlich ließ er seine politischen Seifenblasen 
in die geduldige Luft steigen, Peel und Aberdeen standen freundlich lächelnd 
dabei, hielten ihm das Seifenbecken und schlugen den Schaum. Sobald 
sich das Gerücht von einer deutschen Nationalflagge verbreitete, sagte Aber— 
deen zärtlich: das ist ein ausgezeichneter Gedanke; Englands Interesse 
verlangt, daß sich zwischen der britischen und der französischen Marine 
einige Zwischen-Seemächte (des marines intermédiaires) bilden.*) Als 
Bunsen aber den leitenden Minister unschuldig fragte, ob England eine 
*) Bunsens Bericht, 20. Juni 1843.
        <pb n="498" />
        490 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
seiner Kolonien an Deutschland abtreten könne, um den Gefahren unserer 
Übervölkerung abzuhelfen, da erwiderte Peel: das ließe sich schwer aus- 
führen; warum wolle Deutschland nicht lieber Puerto Rico erwerben? 
Diese Insel war freilich viel zu klein, ihr tropisches Klima auch für starke 
europäische Ansiedlungen ganz ungeeignet; sie besaß jedoch den großen 
Vorzug, daß sie der Krone Spanien gehörte, die englische Großmut konnte 
sie mithin ohne schmerzliche Unkosten den Deutschen anbieten. 
Aus diesem Gewoge nebelhafter Entwürfe tauchte doch einmal ein Plan 
auf, der nicht völlig aussichtslos schien. Kalifornien, das wüste Land an 
der Südsee, dessen Goldschätze damals noch niemand ahnte, war zur Zeit 
fast herrenlos, die bankrotte Republik Mexiko schien nicht abgeneigt, das 
wertlose Besitztum für mäßigen Preis zu veräußern. Was konnte den 
ideenreichen Köpfen Rönnes und Bunsens willkommener sein? Beide hoff- 
ten dies kalifornische Land für Preußen zu erwerben und in der Bai von 
San Francisco einen großen Freihafen zu gründen. Aberdeen zeigte sich 
wieder sehr großmütig; er stimmte fröhlich zu und fragte, ob Preußen 
nicht gleich weiter nördlich ausgreifen und das Gebiet von Oregon dazu er- 
werben wolle. Allerdings mußte Bunsen wissen, daß die Vereinigten 
Staaten, nach der Monroe-Doktrin, eine europäische Kolonie auf ihrem 
Kontinente nicht dulden würden; er erfuhr sogar aus dem eigenen Munde 
des amerikanischen Staatssekretärs Mac Lane, daß die Unions-Regierung 
ernstlich beabsichtigte, die Wirren in Mittelamerika zu benutzen, um ihr 
eigenes Gebiet bis zur Meerenge von Panama auszudehnen. Trotzdem war 
die Erwerbung Kaliforniens nicht ganz undenkbar, wenn Preußen sich ins- 
geheim mit Mexiko verständigte und — seine Kolonie durch eine Seemacht 
beschützte! Auch dafür wußte Bunsen Rat; wann wäre er je um einen Ein- 
fall verlegen gewesen? Dänemark, der Todfeind der alten Hansa, der Un- 
terdrücker des Deutschtums in Schleswig, war doch Mitglied des Deutschen 
Bundes und konnte die Kosten seiner Flotte nur schwer erschwingen. Wes- 
halb sollte also der Dänenkönig nicht Großadmiral der neuen Hansa, des 
Zollvereins werden und als solcher die preußische Kolonie Kalifornien mit 
seinem Danebrog verteidigen? Dann genügten ein oder zwei preußische 
Bataillone, um das Land im Innern zu sichern. Diese Vorschläge ent- 
wickelte der preußische Gesandte seinem Amtsgenossen, dem Grafen Revent- 
low, einem eifrigen Dänen, der insgeheim den englischen Hof für die Ver- 
nichtung der Selbständigkeit Schleswigholsteins zu gewinnen suchte, doch 
mit Bunsen nahe befreundet war und auch jetzt die zärtlichen Worte nicht 
sparte. Das Auswärtige Amt aber konnte nicht umhin, die Berichte des 
erfindungsreichen Diplomaten am Rande mit einigen großen Fragezeichen 
zu schmücken, und Bunsen fühlte sich tief bekümmert, als seine Ideen 
von dem natürlichen Tode aller Seifenblasen ereilt wurden.“) 
  
*) Bunsens Berichte, 25. Aug. 1842, 30. Juli 1844, 5. März 1845, 18. Aug. 1846.
        <pb n="499" />
        Kolonien. Auswanderung. 491 
Auf solche Torheiten verfielen deutsche Diplomaten, weil sie ohne 
Flotte überseeische Politik treiben wollten; die Warnungen des Prinzen 
Adalbert bestätigten sich nur zu sehr. Auch der Hamburger Sieveking 
konnte gegen Englands Widerspruch nichts ausrichten, als er die neusee— 
ländischen Chatham-Inseln für Deutschland zu erwerben suchte. Zudem 
hatte sich das öffentliche Urteil über die Bedeutung kolonialen Besitzes 
noch keineswegs geklärt. Sehr tüchtige deutsche Männer hielten das Zeit— 
alter der Kolonialpolitik für überwunden und abgetan, derweil England 
fortfuhr, Jahr für Jahr neue zukunftsreiche Pflanzungsländer in allen 
Weltteilen zu erwerben; sie machten aus der Not eine Tugend und priesen 
Deutschland glücklich wegen der binnenländischen Beschränktheit seines po— 
litischen Lebens. Selbst der beredte Verteidiger der nationalen Handels— 
politik Heinrich v. Arnim behauptete: der Zollverein könne eben deswegen 
günstige Handelsverträge schließen, weil er glücklicherweise keine Kolonien 
besitze. Seit dem Abfall der Union und des spanischen Amerikas galt 
es im Lager der radikalen Freihändler für ausgemacht, daß jede zur Reife 
gelangte Kolonie sich unfehlbar von dem Mutterlande losreißen müsse. 
Man bemerkte nicht, daß jene beiden großen Revolutionen durch ganz eigen- 
artige historische Verhältnisse bedingt waren und sich nicht notwendig 
überall wiederholen mußten; man bemerkte noch weniger, wie Großes 
England und Spanien, trotz des politischen Abfalls ihrer Kolonien, durch 
die weite Verbreitung ihrer Nationalität, ihrer Sprache und Sitte in 
der Welt gewonnen hatten. Der Erdkreis war jetzt aufgedeckt, eine neue bar- 
barische Völkerwanderung nicht mehr zu befürchten; die Massenaristokratie 
der Europäer begann sich in die Herrschaft der überseeischen Welt zu teilen, 
und an diesem ungeheueren Kampfe, welcher die zweite Hälfte des Jahrhun- 
derts füllte, nahmen die Deutschen nur einen sehr bescheidenen Anteil. 
Die Auswanderung, die ihren Weg noch immer fast ausschließlich nach 
Nordamerika nahm, verdreifachte sich in kurzer Zeit, sie wuchs in den Jahren 
1840—47 von 34 000 auf 110 000 Köpfe. Auch Preußen, das sich bisher 
durch seine freie soziale Gesetzgebung leidlich geschützt hatte, blieb von der 
Bewegung nicht mehr unberührt; im Jahre 1846 wanderten mehr denn 
16 000 Preußen aus, die Mehrzahl aus den winzigen Landgütern des 
dichtbevölkerten Regierungsbezirks Trier. Da die Demagogenverfolgung 
vorläufig aufgehört hatte, so befanden sich jetzt unter den Ausziehenden nur 
wenige gebildete Männer; alle anderen überragte der Thüringer J. A. Röb- 
ling, ein genialer Ingenieur, der durch seine Drahtseilbahnen und Hänge- 
brücken bekannt, nachher durch die Überbrückung des Niagara und des 
East River weltberühmt wurde. Die kleinen Leute aus den süddeutschen 
Dörfern, die den Stamm der Auswanderer bildeten, mußten schon auf 
der Überfahrt viel leiden, weil die elenden Segelschiffe in den Hanse- 
städten keiner strengen Aufsicht unterlagen. Drüben verschwanden sie 
meist sehr schnell in dem übermächtigen fremden Volkstum; die Turn-
        <pb n="500" />
        192 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
und Gesangvereine, in denen sie noch ihre vaterländischen Erinnerungen 
pflegten, bedeuteten für die Politik gar nichts. Gerade in diesen Jahren 
zeigten die Yankees den deutschen Einwanderern fast nur Hohn und 
Verachtung. 
In Deutschland war man noch fast ratlos. Einige Redner in den 
süddeutschen Kammern empfahlen zwar die Auswanderung als letztes 
Heilmittel wider die angeblich drohende Übervölkerung. Mehrere be- 
drängte Gemeinden in Sachsen, Hessen, Baden gaben ihren Armen sogar 
Reisegeld und Wegzehrung für die Fahrt nach dem gelobten Westen. Die 
Regierungen aber erkannten, welchen unersetzlichen Verlust das Vaterland 
durch die Auswanderung erlitt, und Minister Bodelschwingh sagte ge- 
radezu: wir dürfen dies nationale Unglück mindestens nicht fördern. 
Andererseits fühlten sie alle, daß sie den unbändigen Wandertrieb nicht 
hemmen, höchstens die Agenten, deren verlockende Anzeigen schon in jedem 
Dorfwirtshause Süd= und Mitteldeutschlands aushingen, schärfer be- 
aufsichtigen konnten. Was sollte nun geschehen, um die Auswanderer zu 
beschützen und dem alten Volkstum zu erhalten? Eichhorn suchte die 
Frage in einer geistvollen Denkschrift zu beantworten (Febr. 1845). Der 
gewiegte Zollvereinspolitiker sah wohl ein, daß Deutschland ohne See- 
macht keine eigenen Kolonien erwerben konnte; trotzdem hoffte er, „die 
Auswanderung dem Vaterlande wieder nutzbar zu machen“, wenn sie, 
durch die preußischen Konsuln geleitet, sich in zusammenhängenden Massen 
ansiedelte und dann Kirche und Schule, unter Beihilfe des Mutterlandes, 
für die Erhaltung deutscher Sprache und Sitte wirkten. Selbst diese 
anspruchslosen Vorschläge schienen dem Auswärtigen Amte gefährlich, und 
leider waren seine Bedenken nicht ohne Grund. Niemand kann zwei 
Vaterländer haben, und es frommte wahrlich nicht, den Deutschen, die 
schon daheim in so unklaren politischen Verhältnissen lebten, den Ernst 
des Staatsgedankens noch mehr zu verdunkeln. Jede Nationalität wird 
zum Zwitter, wenn sie sich von ihrem Staate löst; über die abtrünnigen 
Söhne des Vaterlandes, die freiwillig amerikanische Bürger wurden, 
durfte Preußen keinerlei Schutzrecht ausüben, sobald die Unionsregierung, 
wie sich leicht voraussehen ließ, Einspruch erhob. 
Verwandte Gedanken regten sich unter den Auswanderern selbst. 
In Texas entstand ein freimaurerischer Orden Teutonia, der seine Mit- 
glieder zur Wahrung der nationalen Eigenart verpflichtete. Ein höheres 
Ziel setzte sich der „Verein zum Schutze der deutschen Einwanderung in 
Texas“; er hoffte eine selbständige Kolonie, vielleicht gar einen deutschen 
Staat zu gründen, weil Texas, von Mexiko losgerissen, noch nicht zu 
fester politischer Ordnung gelangt war. Die Herzoge von Nassau, Ko- 
burg, Meiningen, der Fürst von Rudolstadt, der Landgraf von Hom- 
burg sowie neunzehn Fürsten und Grafen vom mediatisierten Reichsadel 
gehörten ihm an; Fürst Leiningen, der vielgeschäftige Stiefbruder der
        <pb n="501" />
        Deutsche Einwanderer in Texas. 493 
Königin Victoria führte den Vorsitz. Das Vorbild des mildtätigen 
Friedrich Wilhelm hatte überall im hohen Adel philanthropischen Eifer er— 
weckt; man schwärmte für die Rettung der Notleidenden und suchte, vor— 
erst noch ohne Erfolg, die Hilfe des frommen Königs zu gewinnen.“) Leider 
ward das wohlgemeinte Unternehmen mit der ganzen Leichtfertigkeit ge- 
schäftsunkundiger vornehmer Herren eingeleitet; das Kapital von 80 000 
Dollars genügte nicht von ferne; auch die politische Berechnung erwies 
sich als falsch, da Texas schon 1845 in die Union eintrat. Prinz Karl 
von Solms-Braunfels, ein phantastischer, gutmütig prahlerischer junger 
Mann zog selbst hinüber, er gründete die Stadt Neu-Braunfels und eine 
Ortschaft Sophienburg, nach dem Namen einer deutschen Fürstin, die er 
glühend verehrte; doch lange hielt er nicht bei der Stange aus. Von 
den 5000 Auswanderern, die der Fürstenverein in den Jahren 1845 und 
1846 nach Texas führte, gingen mehr denn zwei Drittel elend zu Grunde; 
die 1500, welche endlich, unter der kräftigen Führung des Generalkommis- 
särs v. Meusebach, sich selber zu helfen lernten, wurden zu deutsch-eng- 
lischen Amerikanern, wie alle die anderen deutschen Einwanderer in der 
Union. Der klägliche Untergang dieses im Jahre 1847 aufgelösten Für- 
stenvereins war ein Unglück auch für die deutsche Politik; denn die Radi- 
kalen, die im stillen überall mit wachsendem Erfolge arbeiteten, bemäch- 
tigten sich schadenfroh der traurigen Vorfälle, und noch in den Volksver- 
sammlungen des Revolutionsjahres sprachen die Demagogen gern von 
den Tausenden wackerer Plebejer, die an der Fieberküste von Texas als 
Opfer fürstlichen Leichtsinns gefallen waren. Es stand nicht anders: so- 
lange Deutschland keine Reichsgewalt besaß, gingen alle seine Auswanderer 
dem Staate, die meisten auch dem Volkstum der Heimat verloren. — 
  
Gewaltig veränderte sich mittlerweile das volkswirtschaftliche Leben 
durch den fortschreitenden Eisenbahnbau. Die Notwendigkeit der neuen 
Erfindung zeigte sich schon jetzt so deutlich, daß der Widerspruch mehr 
und mehr verstummte. Unter den namhaften Politikern Europas blieben 
nur noch zwei unversöhnliche Widersacher: der Restaurator der Staats- 
wissenschaft K. L. v. Haller und der Deutschrusse Cancrin, der doch nicht 
hindern konnte, daß schon bei seinen Lebzeiten einige Bahnbauten in dem 
Zarenreiche begonnen wurden. Im preußischen Heere fanden die skeptischen 
Ansichten des Generals Aster nur noch wenig Anklang. H. v. Moltke, der 
jetzt heimgekehrt als Major im Generalstabe stand, trat sogar in den Ver- 
waltungsrat der Berlin-Hamburger Eisenbahn und beantwortete in einem 
lichtvollen Artikel der Deutschen Vierteljahrsschrift die Frage: „welche 
Rücksichten kommen bei der Wahl der Richtung von Eisenbahnen in Be- 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 5. Dez. 1843.
        <pb n="502" />
        494 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
tracht?“ Auch andere tüchtige Offiziere verlangten, daß die Regierung 
den Bau der Eisenbahnen nach einem durchdachten Plane leiten müsse.“) 
Da der König schon als Kronprinz ähnliche Meinungen gehegt hatte, so 
wurden im Staatsministerium (1842) die Grundzüge eines die gesamte 
Monarchie umfassenden Eisenbahnnetzes festgestellt; und immer wieder 
drängte sich die Erwägung auf, ob man nicht kurzweg Staatseisenbahnen 
bauen solle. 
Die Finanzen erfreuten sich einer beneidenswerten Blüte; das blieb 
immer die starke Seite der Regierung Friedrich Wilhelms. Die Staats- 
schuld sank bis zum Jahre 1847 auf 137 Mill. Tlr., die Staatsschuld- 
scheine standen sehr hoch im Kurse. Nach der glücklich vollendeten Ein- 
zichung der fünfprozentigen Papiere wagte man jetzt schon, die Verzinsung 
von 4 auf 3½ Proz., noch unter den landesüblichen Zinsfuß, herabzu- 
setzen, obwohl Graf Alvensleben in gerechter Besorgnis warnte, diese Po- 
litik der peinlichen Zinsenersparnis würde die Staatsgläubiger sehr hart 
reffen und das Privatkapital vielleicht zu schwindelhaften Unternehmun- 
gen verführen.“) Zugleich hob sich der Ertrag der Domänen in den 
Jahren 1833—48 von 4,2 auf 5,25 Mill. Tlr.; nach der knappsten Be- 
rechnung empfing der Staat aus seinem gesamten Vermögen eine Rente 
von 6,25 Mill. jährlich, während er nur noch eine Zinsenlast von 5 Mill. 
trug. Trotz des Steuererlasses wuchs auch das Einkommen aus den 
Abgaben beständig, und im Jahre 1847 bezog die Monarchie schon eine 
regelmäßige Gesamteinnahme von mehr denn 67 Mill. Tlr. Darum 
wurden Staatseisenbahnen, wie die Beratungen der Vereinigten Aus- 
schüsse deutlich erkennen ließen,*) in weiten Kreisen für unbedenklich 
und notwendig gehalten. Unmöglich konnte man doch behaupten, daß 
Privatbeamte den Eisenbahndienst, der nur strenge Ordnung und Ehrlich- 
keit verlangt, besser besorgen sollten als das bewährte Staatsbeamtentum; 
der Stachel des freien Wettbewerbs, der sonst die Privatunternehmungen 
zu großen Leistungen anspornt, fiel hier hinweg, da die Eisenbahnen 
tatsächlich ein Monopol besaßen. 
Nach alledem begann selbst der alte Minister Rother sich mit dem 
Gedanken des Staatsbaues zu befreunden. Als er einige Monate nach 
der Entlassung der Vereinigten Ausschüsse dem Ministerium (21. Febr. 
1843) eine große Denkschrift „zur Förderung des Eisenbahnbaues“ ein- 
reichte, da sprach er offen aus: an sich sei der Staatsbau wohl vorzuziehen, 
weil der Staat ohnehin schon Herr der Straßen sei, weil er besser verwalte 
als Aktiengesellschaften und bei dem günstigen Stand der Staatsschuld 
das Wagnis wohl auf sich nehmen könne. Dem gegenüber aber stand 
*) Generalmaior v. Röder an Thile, 12. Mai 1841, nebst Denkschrift des Majors 
Fischer über die Eisenbahnlinien. 
**) Alvensleben an Thile 12. März; Voß an Thile, 13. März 1842. 
*?7) S. o. V. 184 ff.
        <pb n="503" />
        Preußische Eisenbahnpolitik. Das Aktiengesetz. 495 
das alte unüberwindliche staatsrechtliche Bedenken: ohne Reichsstände 
durfte die Krone keine Anleihen aufnehmen, auch hatte sie den Provinzial= 
ständen bereits angekündigt, daß sie für jetzt auf Staatsbahnen verzichte. 
Deshalb allein empfahl Rother ein vermittelndes System, das offenbar 
den Übergang zu dem Staatsbahnsystem der Zukunft bilden sollte. Er 
verlangte, der Staat müsse die Hauptlinien unter seiner Leitung und Auf- 
sicht durch Aktiengesellschaften bauen lassen, und ihnen aus seinen regel- 
mäßigen Einnahmen 2 Mill. Tlr. jährlich zuschießen, auch nötigenfalls 
eine Verzinsung von 3⅛½ Prozent verbürgen, die Zinsen seiner eigenen 
Aktien aber nebst neuen Überschüssen in einem besonderen Eisenbahnfonds 
ansammeln, um späterhin, nach zwanzig Jahren etwa, die Bahnen selbst 
anzukaufen. Also erscheine der Staat immer nur als Gläubiger, nie als 
Schuldner, und das Staatsschuldengesetz von 1820 bleibe unverletzt.) Ob- 
wohl diese letzten Sätze sich mit guten Rechtsgründen anfechten ließen, 
und mehrere der andern Minister, zumal der sparsame Thile, die Pläne 
des klugen alten Herrn allzu kühn fanden, so drang er doch bei dem Mon- 
archen durch. Im wesentlichen nach seinen Vorschlägen wurde die Eisen- 
bahnpolitik während der nächsten Jahre gehandhabt. 
Das Privatkapital in den mittleren und den westlichen Provinzen 
zeigte sich gewagten Unternehmungen nur zu sehr geneigt. Jetzt zum 
ersten Male wurde Berlin von dem Fieber wüsten Aktienschwindels er- 
griffen, das seitdem noch so oft wiederkehren sollte. Das böse Beispiel gab 
England. Da die Geschäftswelt von der Überlegenheit großer Eisenbahnen 
noch nichts ahnte, so drängten sich in Großbritannien die Gründungen. 
In den zwölf Jahren bis 1844 waren dort 44 Eisenbahngesellschaften 
entstanden, in dem einen Jahre 1845 bildeten sich 118 neue; geplant waren 
ihrer noch 1263 mit einem angeblichen Kapitale von 562 Mill. Lstrl.-) 
und es bedurfte noch vieljähriger schlimmer Erfahrungen, bis sich endlich 
die große Nordostbahngesellschaft aus der Verschmelzung von 37 kleinen 
Bahnen bildete. Vor diesem Übermaße des Schwindels blieb Preußen 
freilich bewahrt, dank seiner Armut und der strengeren Staatsaufsicht. 
Immerhin ward der Tanz um das goldene Kalb ganz schamlos. Männer 
aus allen Ständen, selbst Offiziere in Uniform, berühmte Künstler und 
Gelehrte drängten sich täglich in das winklige Börsengebäude neben dem 
Dom, um mit den Aktien aller Länder zu schachern. Da wurden durch 
das Gesetz vom 24. März 1844 alle Zeitkäufe über inländische, alle Ge- 
schäfte über ausländische Aktienpromessen plötzlich verboten. Das von 
Bodelschwingh entworfene, strenge, aber notwendige Gesetz wirkte furchtbar, 
weil es ganz unvermutet von der absoluten Krone ausging, und keiner- 
lei ständische Verhandlungen die Geschäftswelt darauf vorbereitet hatten. 
*) Rother, Promemoria zur Förderung des Eisenbahnbaues, an Thile übersandt, 
21. Febr. 1843. 
**) Bunsens Bericht, 18. Nov. 1845.
        <pb n="504" />
        496 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Die Folge war, daß nach schweren Verlusten das Privatkapital sich scheu 
zurückzog und alle Börsen über Geldmangel klagten. 
Trotzdem schritt der Bahnbau vorwärts. Bis zum Jahre 1847 
wurden in Preußen 280 Meilen Eisenbahnen eröffnet und der Staat über- 
nahm eine Zinsbürgschaft für 29 Mill. Tlr. Es wurden vollendet oder 
der Vollendung nahe gebracht die großen Linien nach Stettin, nach der 
schlesisch-österreichischen Grenze, nach Sachsen und weiter westlich durch 
Thüringen. Nachdem Mecklenburg und Hamburg einen beträchtlichen Teil 
des Anlagekapitals — weit mehr als Preußen selbst — übernommen hatten 
und der kleinliche Widerspruch der Krone Dänemark endlich überwunden 
war, kam auch die Berlin-Hamburger Bahn zu stande. Besondere Schwie- 
rigkeiten bereitete die wichtige Verbindung Berlins mit den westlichen 
Provinzen. Ein Glück nur, daß im braunschweigischen Finanzwesen der 
rührige Direktor v. Amsberg fast unumschränkt schaltete. Der hatte schon 
seit den zwanziger Jahren, weit vorausschauend, große Pläne für ein 
nordwestdeutsches Eisenbahnsystem begonnen und dann, als er bei dem 
welfischen Königshofe nichts durchsetzen konnte, im Jahre 1838 die erste 
deutsche Staatsbahn, Braunschweig-Wolfenbüttel-Harzburg, gegründet. 
Die Bahn blühte schnell auf in dem verkehrsreichen Ländchen und bil- 
dete den Stamm der großen Straße zwischen Spree und Rhein. Im 
Osten schlossen sich preußische Linien an; es waren, nach der Weise dieser 
Zeit, mehrere kleine Gesellschaften, die sich erst mühsam untereinander 
verständigen mußten: die Magdeburg-Halberstädter und die bis nach Mag- 
deburg ausgedehnte Berlin-Potsdamer Bahn. Im Westen trat Hannover 
hinzu. König Ernst August sträubte sich lange, doch sobald er die Not- 
wendigkeit erkannte, betrieb er den Bahnbau mit gewohnter Tatkraft und 
bestand nur noch darauf, daß die Linie recht viel hannoversches Land durch- 
schneiden müsse. Preußen forderte eine Bahn von Hannover nordwestwärts 
über Neustadt, damit von Nienburg aus eine Zweigbahn nach Bremen er- 
baut und Westfalen also auf dem kürzesten Wege mit dem Weserplatze 
verbunden würde. Dem widersprach der Welfe; er verlangte die südliche 
Linie Hannover-Minden, um nachher von irgend einer hannoverschen Sta- 
tion aus eine sehr unbequeme, aber sehr lange und rein-welfische Bahn 
nach Bremen bauen zu können. Da man den störrischen Alten weder 
zwingen noch überzeugen konnte, so gab Preußen schließlich nach und be- 
willigte die Linie Braunschweig-Hannover-Minden.*) Daran schloß sich 
endlich die große Bahn von Minden nach Köln. So geschah es, daß die 
gewerbreiche Provinz Westfalen, deren Volksmann Harkort schon vor 
langen Jahren für den Bahnbau gekämpft hatte, erst sehr spät, seit 1847 
in den großen Eisenbahnverkehr eintrat. Ihre Fabriken und Bergwerke 
hatten unter der langen Säumnis schwer gelitten. 
*) Berichte an den König, von Thile, 3. März 1842, von Bodelschwingh, 29. März 
1843, von Flottwell und Canitz, 30. Okt. 1845.
        <pb n="505" />
        Anfänge des preußischen Staatsbahnwesens. 497 
Unterdessen mußte die preußische Regierung erfahren, daß sie mit 
der behutsamen Politik der Unterstützungen und Zinsgarantien nicht zum 
Ziele gelangte. Die neue französische Ostbahn begann eine große Linie bis 
zur preußischen Grenze bei Forbach; von der andern Seite her baute die 
pfälzische Ludwigsbahngesellschaft eine Bahn durch die Berge des West— 
richs bis gegen Neunkirchen hin. Kamen diese Bauten zum Abschluß, 
dann war eine Schienenverbindung zwischen Frankreich und Deutschland 
— die einzige unmittelbare, die damals möglich schien — fast vollständig 
hergestellt. Nur ein kleiner Streifen preußischen Gebietes trennte noch die 
beiden Endpunkte, und in ihm lagen die großen, zumeist dem Staate ge- 
hörigen Kohlengruben des Saarbrückener Beckens. Da war kein Zaudern 
möglich; die Krone entschloß sich (1847) zum Bau der ersten preußischen 
Staatsbahn, der kurzen, für die Volkswirtschaft hochwichtigen Saar- 
brückener Bahn. 
Diese kleine Strecke konnte zur Not noch ohne Anleihe, durch die 
reichen Überschüsse der Staatseinnahmen gebaut werden; doch mittlerweile 
trat eine neue, ungleich schwerere Aufgabe an den Staat heran. In dem 
geplanten Eisenbahnnetze fehlte noch ein wichtiges Glied, die große Ost- 
bahn nach Königsberg; und der König hielt es mit Recht für eine Ehren- 
pflicht, sein geliebtes, durch die Ungunst der geographischen Lage so schwer 
bedrängtes Altpreußen baldigst mit der Hauptstadt und dem großen mittel- 
europäischen Verkehre zu verbinden. Über die Richtung der Bahn wurde 
lange gestritten. Rönne, der immer seine absonderlichen Gedanken hegte, 
empfahl „wegen des Seeverkehrs“ die Linie von Stettin durch Hinter- 
pommern; er kannte unseren Osten wenig, er wußte nicht, daß Hinter- 
pommern wesentlich ein Binnenland ist, weil die Ostsee minder tief als 
andere Meere in das Leben ihrer Uferländer einwirkt. Der König schien 
anfangs den Vorschlägen dieses vertrauten Ratgebers geneigt. Seine 
Minister aber hatten von den Erfahrungen der jüngsten Jahre gelernt 
und sahen ein, daß die Eisenbahnen wo möglich dem Zuge der alten ver- 
kehrsreichen Handelswege folgen mußten; sie rieten daher, die Ostbahn 
über Landsberg die Warthe entlang nach Bromberg und alsdann ab- 
wärts am Weichseltale hin zu führen. Diese Meinung siegte, weil auch 
die ostpreußischen Landstände den König beschworen, seiner alten stolzen 
Weichselstädte nicht zu vergessen.*) Da versagte sich das Privatkapital. 
Die Eisenbahngesellschaft, der das große Bankhaus J. Mendelssohn und 
mehrere der angesehensten Männer Ostpreußens angehörten, erklärte plötz- 
lich: bei dem Geldmangel, der seit dem neuen Aktiengesetze die Börsen 
heimsuche, vermöchte sie die 32 oder 40 Mill. Tlr. für das gewaltige 
*) Rönnes Denkschrift über die Ostbahn, 14. Jan. 1845. Berichte an den König, 
von Rother 9. Dez. 1844, von Flottwell 16 Jan. 1845. König Friedrich Wilhelm an 
Flottwell 18. März, 17. Okt. 1845. Eingabe des preußischen Provinziallandtages an 
den König, 1. Febr. 1845. Protokoll des Staatsministers, 13. Nov. 1845. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 32
        <pb n="506" />
        498 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Unternehmen unmöglich aufzubringen. Jetzt blieb nichts übrig als ein 
verzweifelter Entschluß; nach so vielen Verheißungen und Vorarbeiten 
konnte die Krone nicht mehr zurück. Am 16. März 1847 beschloß das 
Staatsministerium: der Staat müsse nunmehr selber die Ostbahn bauen 
und von dem demnächst zusammentretenden Vereinigten Landtage sogleich 
eine große Anleihe verlangen. Der König genehmigte den Antrag; er 
ahnte nicht, wie seltsam das Schicksal seiner Ostbahn sich noch mit dem 
Verfassungskampfe verschlingen sollte.) 
Derweil Preußens Handelspolitik also beständig durch staatsrecht- 
liche Bedenken gehemmt wurde, brauchten die kleineren Bundesstaaten, dank 
ihren Verfassungen, solche Schwierigkeiten nicht zu überwinden. Sie er- 
freuten sich zudem blühender Finanzen, denn für die Verteidigung des 
Vaterlandes hatten sie allesamt Preußen allein sorgen lassen, Baden 
verwendete nur ein Fünftel seiner Staatsausgaben auf das Heerwesen. 
Darum konnten sie früher als Preußen den Staatseisenbahnbau wagen; 
die meisten von ihnen sahen sich sogar dazu gezwungen, weil das Privat- 
kapital in Süddeutschland und in Hannover weniger Unternehmungslust 
zeigte als in Preußen oder Sachsen. Nur Braunschweig und Baden er- 
kannten von Haus aus grundsätzlich die Vorzüge des Staatsbahnwesens. 
In Braunschweig spürte man überall die starke Hand Amsbergs, der in 
diesen Geschäften alle anderen deutschen Staatsmänner überragte. In Baden 
hatte Nebenius den Staatsbau durchgesetzt; die Ausführung entsprach 
jedoch dem frei gedachten Plane wenig. Obgleich dies Land seine handels- 
politische Bedeutung wesentlich dem Durchfuhrhandel verdankte, so drängten 
sich doch bald die kleinen örtlichen Interessen anspruchsvoll vor, und man 
gab den Schienen sogar eine von dem deutschen Normalmaße abweichende 
Spurweite, damit ja kein fremder Eisenbahnwagen in das Ländle hin- 
über käme. Die Schwäche des Staatseisenbahnsystems, die Parteilichkeit 
zeigte sich hier, in dem so lange durch politische Kämpfe zerrütteten kon- 
stitutionellen Musterstaate sehr häßlich. Lassen Sie sich Ihre Bahn durch 
Ihren liberalen Abgeordneten bauen! — so antwortete Blittersdorff den 
klagenden Gemeinderäten der verkehrsreichen Fabrikstadt Lahr, die seitab 
von der Staatsbahn liegen blieb. Die mit dem Großherzogtum Hessen 
verabredete Main-Neckar-Bahn wurde nicht geradeswegs an den dichtbe- 
völkerten Ortschaften der oberen Bergstraße vorbei nach Heidelberg geführt, 
aber auch nicht westwärts nach Mannheim, denn beide Städte standen 
in Ungnade wegen ihrer liberalen Gesinnung; man gründete vielmehr 
mitten zwischen beiden Orten in der sandigen Rheinebene den lächerlichen 
Knotenpunkt Friedrichsfelde. In Württemberg begann die Regierung seit 
1841 den Staatsbau, weil sie umgangen zu werden fürchtete und das 
*) Berichte an den König, von Rother 3. Jan. 1845, vom Staatsministerium 
16. März 1847.
        <pb n="507" />
        Eisenbahnen in den kleinen Staaten. 499 
Privatkapital sich mutlos zeigte. Sie verfuhr fortan mit großem Eifer, 
erklärte sich entschieden gegen „die Korruption, die neue Feudalität“ der 
Privateisenbahnen und wagte sogar, wenige Meilen von der Linie Augs— 
burg-Lindau eine Parallelbahn Ulm-Friedrichshafen zu bauen, damit 
Bayern den Verkehr des Bodensees nicht an sich risse. Auch in Bayern 
vermochten die kleinen Gesellschaften, welche die Teilstrecken der Linie 
Augsburg-Hof übernommen hatten, sich nicht zu halten, und der Staat 
mußte selbst eintreten; nur die wohlhabenden, unternehmenden Pfälzer 
bauten sich ihre Bahnen durch Privatgesellschaften. 
Die sächsische Regierung, die auf diesem Gebiete die reichsten Er- 
fahrungen besaß, wollte sich zunächst die Vorteile des Durchfuhrverkehrs 
sichern und entwarf einen wohldurchdachten Plan für Bahnverbindungen 
mit Schlesien, Böhmen, Bayern; doch selbst in diesem gewerbreichen Lande 
konnte das Privatkapital nur die einträgliche Leipzig-Dresdner Linie, nicht 
die anderen minder ergiebigen Bahnen festhalten, und nach einigen Jahren 
sah sich der Staat auch hier gezwungen, die Neubauten zu übernehmen. 
Hannover dagegen besaß, dank seiner erleuchteten Handelspolitik, noch gar 
keine großen industriellen Kapitalien und mußte daher von Haus aus den 
Staatsbau wagen. Er wurde eifrig, aber planlos betrieben; die beiden 
wichtigen Bahnen von Hamburg und Bremen mündeten nicht in der Haupt- 
stadt, sondern einige Stunden entfernt in Lehrte und Wunstorf. Man 
wußte noch nicht und konnte nur durch die Erfahrung lernen, was ein 
Knotenpunkt im Bahnverkehr bedeutet. Die Kurhessen trugen sich schon seit 
vielen Jahren mit großen Bauplänen, sie hofften, daß Kassel den Mittel- 
punkt des deutschen Eisenbahnnetzes bilden sollte. Der Prinzregent aber 
verzögerte alles durch Trägheit und bösen Willen. Endlich durfte eine 
Aktiengesellschaft zur Verbindung von Thüringen und Westfalen zu- 
sammentreten; sie gewann die Gnade des Landesherrn, weil sie den stolzen 
Namen der Friedrich-Wilhelms-Nordbahn annahm. Die Main-Weserbahn 
zwischen Kassel und Frankfurt sollte auf Staatskosten, gemeinsam mit 
Hessen-Darmstadt, gebaut werden; der Landtag bewilligte dazu eine An- 
leihe von 6 Mill. Tlr. Das Haus Rothschild, das diese Anleihe aufzu- 
legen hatte, überschritt die vereinbarte Summe um 750 000 Tlr. und 
beanspruchte diesen Überschuß von 12½ Prozent für sich selbst als sauer 
verdiente Provision. Es war ein öffentliches Geheimnis, wie der preu- 
ßische Gesandte Graf Galen sagte, daß der getreue Hofbankier sich mit dem 
Kurprinzen in den Gewinn teilte, „daß auf Kosten des Landes der Regent 
in jüdischer Gemeinschaft gute Geldgeschäfte machte.““) Darum richtete 
der ehrliche Abgeordnete Wippermann nichts aus, als er in der Kammer 
den Gaunerstreich Rothschilds zur Sprache brachte. 
Von Kiel nach Altona beförderte die königlich dänische Post auf der 
  
*) Galens Bericht, 1. Juli 1846.
        <pb n="508" />
        500 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
soeben erst vollendeten neuen Steinstraße täglich vier bis sechs Personen 
in dreizehn Stunden, und die schlichten Leute fragten ganz verwundert: 
was man denn noch mehr verlangen könne? — als in beiden Städten 
Vereine zur Begründung einer Eisenbahn zusammentraten. Der Plan 
schien anfangs fast aussichtslos; die Unternehmer baten sogar den Zaren 
Nikolaus, als dieser durch Holstein kam, um die Zeichnung einiger Aktien, 
damit das Werk durch den Zauber seines mächtigen Namens gefördert 
würde. Im Auftrage der Stadt Kiel ging dann Franz Hegewisch (1842) 
nach Kopenhagen und er behandelte seinen Gönner, den gescheiten, eitlen 
König Christian VIII. mit ärztlicher Klugheit; er legte ihm genaue Rech- 
nungen vor und dazu den Antrag, daß die Bahn den Namen „König 
Christian VIII. Ostseebahn“ führen solle. * Eine solche Lockung wirkte 
in Kopenhagen ebenso unwiderstehlich wie in Kassel. Die Bahn wurde 
genehmigt und schon nach zwei Jahren dem Verkehr übergeben. Freilich 
ahnte der König nicht, was sich seine treuen Holsten bei dem Unternehmen 
dachten; er zeigte sich sehr aufgebracht, als Hegewisch bald nachher auf 
dem Kieler ärztetage furchtlos sagte, dieser Schienenweg solle das un- 
geteilte Schleswig-Holstein fest mit dem deutschen Vaterlande verbinden. 
Um so mehr war er darauf bedacht, Lübeck niederzuhalten, die alte Feindin 
Dänemarks, die jetzt auch mit dem aufstrebenden Kiel einen scharfen Kon- 
kurrenzkampf führte. Weder eine Hamburg-Lübecker Bahn, noch eine 
Zweigbahn zum Anschluß an die Berlin-Hamburger Linie wollte er der 
verhaßten Stadt erlauben, und da auch Mecklenburg, ängstlich besorgt um 
seine eigenen Seeplätze Wismar und Rostock, einen Schienenweg nach 
Schwerin nicht gestattete, so blieb Lübeck, allein unter den Hansestädten, 
noch viele Jahre lang ohne Eisenbahnverbindung. 
Bald fühlten die Verwaltungen selbst, daß die naturwüchsige Anarchie 
dieser kleinen Linien doch einiger Ordnung bedurfte; es entstanden vier 
große Eisenbahnverbände: eine norddeutsche Gruppe mit Berlin, eine nieder- 
rheinische mit Köln, eine südwestliche mit Frankfurt, eine bayrische mit 
Augsburg als Mittelpunkt. Die Verbände verständigten sich über einige ge- 
meinsame Betriebsgrundsätze, vornehmlich über die Warenbeförderung; 
denn man begann jetzt schon zu begreifen, daß der Güterverkehr mehr be- 
deutete als der Personenverkehr, und die Tarifsätze der Eisenbahnen für 
viele Gewerbszweige wichtiger waren als die Schutzzölle. Trotz so mancher 
Mißgriffe und Torheiten blieb es doch ein erhebendes Schauspiel, wie 
tapfer dies Land ohne Hauptstadt dem zentralisierten, reicheren Frankreich 
vorausschritt. Was auch die Welschen prahlen mochten, die Sonne ging 
über Europa noch immer nicht im Westen auf. Im Volke regte sich zwar 
da und dort ein Widerstand. Viele bayrische Städtchen baten ihren König 
  
*) Hegewisch, Entwurf eines königl. Patents über die König Christian VIII. Ost- 
seebahn. März 1842.
        <pb n="509" />
        Telegraphie. Preußische Bank. 501 
dringend, sie mit der Eisenbahn zu verschonen; sie ahnten dunkel, daß 
die neue Erfindung mancher kleinen für Fabrikanlagen ungeeigneten Ort- 
schaft mehr Schaden als Nutzen bringen mußte. In der Presse wurden 
diese vereinzelten Gegner als törichte Schildbürger verspottet; denn fast 
überall sah man der neuen Zeit mit überschwenglichen Hoffnungen ent- 
gegen. Die Wünschelrute schien gefunden. Die Bürger des hannoverschen 
Pferdemarktes Peina sangen, als ihre Eisenbahn eröffnet wurde, beim Fest- 
mahle feierlich nach der Melodie des Landesvaters: „Peina bricht sich, 
Peina bricht sich eine neue Lebensbahn!“ 
Unterdessen hatten der Amerikaner Morse und der Engländer Wheat- 
stone die deutsche Erfindung der elektrischen Telegraphie weiter gebildet 
und für den täglichen Verkehr nutzbar gemacht. Es ward hohe Zeit. 
Der alte optische Telegraph arbeitete gar zu unsicher; in nebliger Winters- 
zeit geschah es wohl, daß ein Telegramm von London nach Berlin fünf 
Tage brauchte. Nun fand sich wieder ein deutsches technisches Genie, 
das die Arbeit der Fremden fortführte. Der preußische Artillerieleutnant 
Werner Siemens benutzte einen elastischen Pflanzenstoff, der jetzt zuerst 
in den Handel kam, die Guttapercha, um die Drähte der Telegraphen- 
leitungen zu umhüllen und zu isolieren; zwischen Berlin und Großbeeren 
unternahm er den ersten Versuch (1847) und legte also den Grund für 
das deutsche Telegraphennetz. Die neue Firma Siemens und Halske 
arbeitete bald für den Weltmarkt. — 
Unmöglich konnte die preußische Bank von diesem gewaltigen Um- 
schwunge des Verkehrslebens unberührt bleiben. Sie hatte sich im letzten 
Jahrzehnt, seit 1837, unter Rothers umsichtiger Leitung kräftig entwickelt, 
den gefährlichen Effektenhandel eingeschränkt, ihren Wechselverkehr strenger 
geordnet und das leidige Defizit, das ihr noch von den napoleonischen 
Zeiten her anhing, wieder um 3,4 Mill. Tlr. vermindert.) Ihr gesamter 
Umsatz stieg von 264,7 auf etwa 373,6 Mill. Tlr. Berlin war mit 
seinen 408 000 Einwohnern und 712 Großkaufleuten jetzt wirklich eine 
Großstadt, als Knotenpunkt der neuen Bahnen, als Handels= und In- 
dustrieplatz mächtig, sogar als Geldmarkt nicht mehr weit hinter Frank- 
furt zurück. Der Aktienschwindel, den der Staat leider durch die vor- 
eilige Herabsetzung seiner Schuldzinsen selbst genährt hatte, wirkte freilich 
mit; doch im wesentlichen waren die wachsenden Ansprüche an die Bank 
lediglich die natürliche Folge des erwachten Unternehmungsgeistes. Seit 
1838 hatte das Privatkapital über 100 Mill. Tlr. für die preußischen 
Eisenbahnen aufgebracht, sicherlich mehr, als der Staat selbst in so kurzer 
Zeit aufgewendet hätte. 
Wie sollte die Bank den Anforderungen ihres jetzt fast vervierfachten 
Lombard= und Wechselverkehrs auf die Dauer genügen mit 6 Mill. Kassen- 
  
*) S. O. III. 80 f.
        <pb n="510" />
        502 V 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
anweisungen und den 2 Mill. bar, die ihr der Staatsschatz überwiesen 
hatte? Rother verlangte darum, daß die Bank einen um 10 Mill. Tlr. 
vergrößerten Betriebsfonds erhalten und dafür Noten bis zu demselben 
Betrage ausgeben müsse. Praktiker durch und durch, war er vom Regi- 
mentsschreiber zum Minister aufgestiegen und mit der Geschäftswelt 
immer in Fühlung geblieben. Wie er einst, zum Entsetzen des zünftigen 
Beamtentums, den Bankier Schickler in die Staatsschuldenverwaltung 
berufen hatte, so erklärte er jetzt: die Bankverwaltung bedürfe für ihre 
Noten des allgemeinen Vertrauens, für ihre erweiterte Tätigkeit einer 
genauen Kenntnis der augenblicklichen Marktverhältnisse; darum müßten 
die 10 Mill. durch das Privatkapital aufgebracht und den Inhabern der 
Bank-Anteilscheine eine stimmberechtigte Vertretung eingeräumt werden. 
Die Bank sollte mithin eine durch einen königlichen Präsidenten geleitete 
Staatsanstalt bleiben — denn einer Privatbank wollte Rother die Depo- 
siten der Gerichte nimmermehr anvertrauen — doch zugleich so unab- 
hängig gestellt werden, daß sie durch den Ausschuß ihrer kaufmännischen 
Teilhaber gefährliche Zumutungen eines leichtsinnigen Finanzministers 
jederzeit abweisen konnte. 
Rothers Vorschläge erschienen schüchtern, fast ängstlich gegenüber den 
Bedürfnissen des so mächtig angeschwollenen Verkehres. Doch ihr Grund- 
gedanke war gesund, er entsprach dem volkstümlichen Geiste dieser Mon- 
archie, die ja immer ihr Bestes geleistet hatte, wenn ihre starke Staatsgewalt 
mit den freien Kräften der Nation zusammenwirkte. Gleichwohl erhob sich 
von allen Seiten her leidenschaftlicher Widerspruch gegen die Pläne des 
Bankpräsidenten. Schön polterte in Briefen, die fast nur noch aus 
Schimpfwörtern bestanden, wider die Unwissenheit, die Anmaßung, die 
durch Tollheit grandiose Verrücktheit des Kommis Rother und seiner 
Juden. Der Grimmige lebte immer noch in den traurigen Erinnerungen 
des Jahres 1806; er fürchtete, ein Bataillon Franzosen in Trier würde ge- 
nügen, um die 10 Mill. Banknoten sofort zu entwerten. Andererseits hatte 
der erfindungsreiche Bülow-Cummerow den Gedanken einer großen pri- 
vilegierten, aber vom Staate unabhängigen Nationalbank aufgebracht, die 
mit 25 Mill. Kapital ausgerüstet, Hypotheken-, Giro-, Zettelbank, alles 
in allem sein sollte. Er verteidigte seinen Plan in zahlreichen Schriften, 
die er alle durch die gewandte Feder seines Neffen Killisch v. Horn aus- 
arbeiten ließ, und erlangte die freudige Zustimmung Rönnes, dem nie- 
mals ein Plan zu nebelhaft war. Auch der Finanzminister Flottwell ließ 
sich überzeugen, er war Neuling im Bankwesen, wollte für den Staats- 
haushalt keine gefährlichen Verpflichtungen übernehmen und hörte gläubig 
zu, wenn ihm einige Berliner Börsenmänner Wunderdinge von der ge- 
planten Nationalbank erzählten. Der König selbst schien anfangs, wie so 
oft schon, ganz durch Rönnes feurige Beredsamkeit gewonnen zu sein. 
Dem alten Rother ward unheimlich zu Mute. Er fühlte längst,
        <pb n="511" />
        Rothers Bankreform. 503 
daß sein trocken geschäftliches Wesen den geistreichen Monarchen lang— 
weilte, und fragte sogar einmal ehrlich an, ob er das Vertrauen Sr. Maje— 
stät noch besitze. Darauf antwortete der König sofort sehr gnädig — denn 
er wußte wohl, daß er keinen treueren Diener besaß —: „schlagen Sie sich 
die Grillen aus dem Kopf und freuen Sie sich vielmehr des großen 
Vertrauens Ihres herzlich wohlgeneigten F. W.“ Zugleich schrieb er, so- 
eben aus dem Theater heimgekehrt, an Thile: „Hier, teuerster Thile, ein 
Brieflein des alten Rother, welcher raset. Beruhigen Sie ihn einstweilen 
und beweisen Sie ihm, daß er, chose incro vable, mit seiner 
Einbildungskraft durchgeht. Ich komme ganz durchbebt von klas- 
sisch-hellenischem Weh, von des alten schuldlosen Frevlers Odipus Laios' 
Sohnes donnerumhallt geheimnisvollem Ende.“ ) Trotzdem fühlte sich der 
Minister bedroht. Als im Dezember 1845 der Handelsrat versammelt 
wurde, um unter dem Vorsitze des Monarchen die Vorschläge Bülow- 
Cummerows zu vernehmen und alsdann zu entscheiden: ob Staatsbank 
oder Nationalbank? — da sagte Rother zu seinen Freunden bitter: ich 
werde nur mitberufen, weil ich ein alter Esel bin.“) Er sollte sehr an- 
genehm enttäuscht werden. Es war doch ein gar zu ungeheuerlicher Ge- 
danke, daß man diese Preußische Bank, die sich zum Ruhme der Monarchie 
aus hoffnungsloser Zerrüttung so ehrenhaft wieder emporgearbeitet hatte, 
mitsamt ihren erprobten Beamten und ihren alten Geschäftsbeziehungen 
jetzt plötzlich aufgeben wollte, um eine ganz neue Schöpfung zu wagen. 
Und welche Sicherheit bot das neue Unternehmen? Bülow selbst, der 
reiche, unabhängige Grundherr, hegte unzweifelhaft die besten Absichten, 
obgleich ihn die Berliner Geheimen Räte als einen gefährlichen Streber 
verleumdeten; er lebte nach dem guten Wahlspruche des zahlreichsten deut- 
schen Adelsgeschlechts: „alle Bülows ehrlich.“ Aber die von ihm gegründete 
Ritterschaftliche Privatbank in Stettin, welcher die Anfänge des pommer- 
schen Chausseebaus zu danken waren, stand niemals ganz fest; ihre Ge- 
schäftsführung zeichnete sich weder durch Klugheit noch durch Ordnung aus. 
Solche Erwägungen machten auf Friedrich Wilhelm tiefen Eindruck. 
An seinen übrigen Herrschergaben begann er jetzt schon oft zu zweifeln, doch 
als ein getreuer Haushalter wollte er immer erfunden werden; seine Pflich- 
ten gegen die Staatsfinanzen nahm er sehr ernst, und in diesen Ge- 
schäften ging auch sein Urteil selten fehl. Bülow-Cummerows Vorschläge 
wurden also verworfen, der Bankpräsident schlug den Finanzminister. 
Die peinliche Frage, ob die 10 Mill. Banknoten nicht eine ungesetzliche 
Vermehrung der Staatsschuld bedeuteten, blieb vorerst unerledigt. Sie 
ließ sich jetzt, da der Staat ja nicht alleiniger Eigentümer der Bank 
bleiben sollte, fast mit gleich guten Gründen bejahen oder verneinen; 
*) Rother an den König, 31. Okt.; König Friedrich Wilhelm an Rother 1. Nov., 
an Thile 1. Nov. 1845. 
**) Nach Kühnes Aufzeichnungen.
        <pb n="512" />
        504 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
der Wirrwarr des Verfassungsrechts — jedermann erfuhr es auf Schritt 
und Tritt — bedurfte endlich einer unzweideutigen Regelung. Am 11. April 
1846 befahl eine Kabinettsordre die Neugestaltung der Preußischen Bank, 
im wesentlichen nach Rothers Vorschlägen; am 5. Okt. erschien dem— 
gemäß die neue Bankordnung. Rother erlebte noch die Freude, daß seine 
Noten, die er mit der äußersten Vorsicht bankmäßig gedeckt hatte, überall, 
auch im Auslande, unbedenklich wie bares Geld angenommen wurden und 
selbst in den Stürmen des Jahres 1848 ruhig ihre Geltung behaupteten. 
Nach einer solchen Niederlage konnte Flottwell sich nicht mehr im 
Amte halten. Wie grausam wurde doch diesem ausgezeichneten Beamten 
durch die Wechselfälle der neuen Regierung mitgespielt. Der König hatte 
ihn erst, zum Dank für seine musterhafte Verwaltung, von Posen hinweg 
nach Magdeburg versetzt; er hatte ihn sodann zum Finanzminister ernannt, 
obgleich Flottwell sich selbst als Nicht-Fachmann bekannte, und nachher 
noch den Zweifelnden oftmals seines ungeschwächten Vertrauens ver- 
sichert.') Nun zeigte sich doch, wie berechtigt Flottwells eigner Zweifel 
gewesen. Er glaubte, trotzdem sich durch einen kühnen Schritt retten zu 
können. In einer langen Denkschrift (Juni 1846) schlug er dem Mon- 
archen eine Umgestaltung des Ministeriums vor, dergestalt, daß die Bank 
sowie alle Geldinstitute des Staates dem Finanzminister untergeordnet, 
Handel und Gewerbe, Bergwerke und Posten hingegen einem neuen Han- 
delsministerium überwiesen würden; denn in seiner gegenwärtigen Stel- 
lung sei der Finanzminister „vernichtet“. Dies war eine offene Kriegs- 
erklärung gegen Rother, dessen Pläne der König soeben erst angenommen 
hatte. Friedrich Wilhelm brauste auf; er sah in dem Vorgehen des Mi- 
nisters strafbaren Ungehorsam. Im Juli wurde Flottwell ungnädig ent- 
lassen und mußte noch froh sein, als er nachher die Stelle des Oberpräsi- 
denten in Westfalen erhielt.) 
Also war die Stelle des Finanzministers, zum dritten Male seit dem 
Thronwechsel erledigt; und da der einzige, der vielleicht als vierter er- 
folgreich eintreten konnte, Kühne, dem Monarchen mißfiel, so wurde nach 
langen Erwägungen der erst vorm Jahre entlassene Graf Arnim-Beoitzen 
burg zur Übernahme des Amtes aufgefordert. Der Graf erwiderte, 
wie vormals Flottwell: vom Finanzwesen verstehe er nichts. Nachdem er 
dies Bedenken, auf das Zureden des Königs, endlich aufgegeben hatte, 
erklärte er freimütig: seinen Widerspruch gegen die königlichen Verfas- 
sungspläne könne er nicht fallen lassen und sie darum auch nicht vor dem 
bevorstehenden Landtage verteidigen.*““) Seitdem war er unmöglich. Nun 
–– — — — — · 
*) Bodelschwingh an Flottwell, 26. Jan. 1845. 
**) Flottwell an Thile, 6. Juli; Thile, Bericht an den König 6. Juli, Denkschrift 
über das Promemoria des Finanzministers 22. Juli 1846. 
*“) Graf Arnim an Thile, 14. 25. 30 Juli; an den König, 30. Juli, 8. Aug.; Kabi- 
nettsordre an Arnim, 3. Aug. 1846.
        <pb n="513" />
        Die Bank-Ordnung. Flottwells Entlassung. 505 
wurde Geh. Rat v. Düesberg berufen, derselbe, der zuerst die Leitung 
der Katholischen Abteilung übernommen hatte, ein tüchtiger Jurist, aber 
auch kein Finanzmann. 
Die Reform der Preußischen Bank allein befriedigte die Masse der 
Kaufleute und Fabrikanten schon darum nicht, weil die Bank in den 
Provinzen nur erst wenige Kontore und Kommanditen besaß. Für West— 
falen berechnete Fritz Harkort den jährlichen Umschlag der fünf wichtig— 
tigsten Gewerbszweige — sicherlich noch zu niedrig — auf 16 Mill. Tlr.; 
und diese Provinz mit fast 1½ Mill. Einwohnern besaß erst drei kleine 
Bankiers, in Münster und Schwelm, sie mußte ihre Kreditgeschäfte durch 
Kölner Bankhäuser besorgen lassen. In Wort und Schrift verlangte nun 
Harkort eine Privatbank für seine Heimat; dann traf er (1845) in Berlin 
mit Industriellen aus Schlesien, Posen und dem Rheinlande zusammen, 
die Regierung schlug jedoch alle Bitten ab, weil sie zunächst ihre eigene 
Bank neu ordnen wollte. Ein neuer Stand von Kapitalisten und Staats- 
gläubigern wuchs heran; deshalb forderte der geistvolle Nationalökonom 
Rodbertus-Jagetzow eine große Hauptbank in Berlin mit vielen Filialen, 
deren Kapital zur einen Hälfte durch freie Zeichnung, zur anderen durch 
die Provinzen aufgebracht werden sollte. Auch ein ungeheures Schwindel- 
unternehmen zeigte, daß die alte übervorsichtige Bankpolitik sich nicht mehr 
halten ließ. In Dessau versuchte der Kölner Schulte eine Riesenbank zu 
gründen mit 100, späterhin gar 200 Mill. Tlr. Kapital, wofür ebenso 
viel Banknoten ausgegeben werden sollten. Da das Anhaltische Streit- 
ländchen noch von den Zeiten des Köthener Zollkrieges her an freundnach- 
barliche Ausbeutung der preußischen Umlande gewöhnt war, so willfahrte 
der Dessauer Hof dem Gesuch und zeigte sich tief gekränkt, als Preußen 
keine Filialen dieses Unternehmens dulden wollte. Späterhin schrumpfte 
diese wundersame Dessauer Bank zusammen zu einer Landesbank mit 
2½ Mill. Kapital. Für solche Zeichen der Zeit war der König nicht 
blind. Als er die neue Bankordnung genehmigte, beauftragte er zugleich 
Rother, einen Gesetzentwurf über die Privatbanken auszuarbeiten. Hier 
aber versagte die Kraft des Alten. Rother vermochte sich in den neuen 
Verkehr nicht recht zu finden und hegte, obwohl ihn Schön schändlicher- 
weise einen Judengenossen schimpfte, unüberwindliche Scheu vor den 
Gefahren des Bankschwindels. Privat-Zettelbanken wollte er überhaupt 
nicht dulden; und wenn ja eine Bankgesellschaft für Wechsel-, Lombard- 
und Depositenverkehr erlaubt würde, dann sollte fünf Meilen im Um- 
kreise keine zweite sich bilden dürfen. So ängstliche Vorschläge konnten 
unmöglich ausreichen, die Revolution schritt bald über sie hinweg. 
Auch in der Verwaltung der Seehandlung, die er einst selbst aus tiefem 
Verfalle gerettet hatte, wollte Rother jetzt nichts mehr ändern. Die Bank 
war für den Verkehr der kaufmännischen Welt bestimmt, die Seehandlung 
für die Geldgeschäfte des Staates, und sie leistete ihm treffliche Dienste,
        <pb n="514" />
        506 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
da sie ihn vor der kostspieligen unmittelbaren Mitwirkung der großen 
Bankhäuser bewahrte. Es war Rothers Verdienst, daß die Gebrüder 
Rothschild den preußischen Staat als einen fast unnahbaren Kunden immer 
mit scheelen Augen ansahen. Neben den Geschäften eines großen Staats- 
bankierhauses betrieb die Seehandlung, gemäß der friderizianischen Über- 
lieferung, auch einen ausgebreiteten Seehandel, und Rother freute sich 
seiner schönen fünf Schiffe, die in allen Häfen der Welt bewundert wurden; 
außerdem besaß sie noch mehrere Landgüter und Fabriken. Die also fest- 
gelegten Kapitalien brachten aber wenig ein und beeinträchtigten das 
Bankgeschäft, das jederzeit über leicht kündbares Kapital verfügen wollte. 
Sollte die Seehandlung ihren neuen Aufgaben als Staatsbankhaus ganz 
genügen, so mußte sie unbekümmert um ihren alten Namen, die Seehan- 
dels= und Fabrikgeschäfte aufgeben, und zu dieser radikalen Reform konnte 
sich Rother nicht entschließen. Der letzte Vertreter der alten Hardenbergi- 
schen Beamtenschule, stand er dicht vor der Schwelle einer neuen Zeit, die 
er nicht zu betreten wagte. Ihr Tor jedoch hatte er selbst aufgeschlossen 
durch seine Bankordnung. Die Preußische Bank brauchte noch zehn Jahre, 
bis sie, nach abermaliger Verstärkung ihres Betriebskapitals, in die Reihe 
der großen Banken Europas eintrat; die Grundlagen ihrer neuen Verfas- 
sung hingegen veränderten sich nicht. Auf dem Zusammenwirken der 
Staatsgewalt und des Privatkapitals beruht noch heute die deutsche 
Reichsbank. Und so bleibt dem wackeren Alten, der kein schöpferischer 
Geist wie Motz, aber ein großer Geschäftsmann war, eine ehrenvolle 
Stelle in der Geschichte des deutschen Beamtentums gesichert. — 
Die Wunden der Kriegsjahre waren endlich ausgeheilt, überall schritt 
die Industrie jetzt rascher vorwärts als in den letzten zwei Jahrzehnten. 
Seit dem Erscheinen des neuen Zollgesetzes bis zum Tode des alten Königs 
hatte sich in Preußen die Zahl der Grob-, Nagel= und Messerschmiede 
von 59 000 auf 79000, die der Webstühle für Baumwoll= und Halb- 
baumwollwaren von 14 000 auf 49 000 gehoben. Unter der neuen Re- 
gierung vermehrten sich binnen neun Jahren die Dampfmaschinen der 
Berliner Fabriken von 29 mit 392 Pferdekräften auf 193 mit 1265 
Pferdekräften, und die Kopfzahl der Berliner Metallarbeiter hob sich in 
13 Jahren von 3000 auf 4500. Schritt für Schritt suchte der deutsche 
Gewerbfleiß den weiten Vorsprung des Auslandes einzuholen. Als die 
Berlin-Anhaltische Eisenbahn gegründet wurde, bestellte sie in England 
15 Lokomotiven und nur 6 bei Borsig; der aber tat sein Bestes mitsamt 
seinen wohlgeschulten Leuten, die sich stolz als eine Aristokratie in der 
Berliner Arbeiterschaft fühlten, und in dem Jahrzehnt nach 1842 lieferte 
er der Bahn schon 19 Lokomotiven, England und Belgien zusammen nur 
noch 16. Zugleich begannen die Deutschen auch für den übrigen Eisenbahn- 
bedarf selbst zu sorgen, seit Caspar Harkort bei Hagen zuerst Eisenbahn- 
wagenräder gefertigt hatte.
        <pb n="515" />
        Veränderung der Lebensgewohnheiten. 507 
Allein sehr bald zeigte sich auch die Schattenseite des gewaltigen 
neuen Verkehrs. Unser Stolz war der starke wehrhafte Bauernstand. 
Deutschland besaß nach Verhältnis fast dreimal mehr Ackerland und 
sechsmal weniger unproduktiven Boden als Großbritannien, wo der Adel 
die Bauern großenteils ausgekauft hatte. Die Bevölkerung war in leid— 
lichem Gleichmaß über Stadt und Land verteilt; darum bewahrte sich 
das deutsche Leben noch immer einen Zug ursprünglicher Kraft und un— 
schuldiger Frische, dessen die urbane Kultur der südlichen und westlichen 
Nachbarvölker fast ganz entbehrte. Jetzt aber begann auch in Deutschland, 
erst langsam, dann unaufhaltsam anschwellend, der Zudrang zu den 
Städten. In Breslau entstand neben den Bahnhöfen nach kurzer Zeit ein 
neuer Stadtteil; in Hamburg, in Stettin, in Leipzig, selbst in dem stillen 
Dresden, wo man der Fremden halber die rauchenden Schlote ungern 
sah, wuchsen die Fabriken heran. Die Hast, die Genußsucht, die Un— 
zufriedenheit des großstädtischen Lebens verbreiteten sich weithin in die 
kleinen Ortschaften und über das flache Land. Und wie gründlich wurden 
alle Lebensgewohnheiten durch die Massenproduktion der jungen Groß— 
industrie verändert. Viele der gerühmten neuen Erfindungen, zumal in 
der Textilindustrie, waren ganz unnütz; sie förderten lediglich die Über- 
produktion, den wilden Kampf der Konkurrenz, den rastlosen Wechsel der 
Moden. Die derben alten Tuche, die sich der sparsame Bürgersmann 
nach vier Jahren noch einmal wenden ließ, kamen allmählich ab; die ele- 
ganten und wohlfeilen modernen Stoffe aber überdauerten selten einen 
Sommer. Der Düsseldorfer Maler wußte längst nicht mehr, womit er 
malte, und wenn er nachher die herrlich leuchtenden Farben seines Fabri- 
kanten unbegreiflich schnell verbleichen oder gar den Firnis abbröckeln 
sah, dann beneidete er die schlichten alten Meister, die ihre Farben noch 
selber rieben und sich's darum auch zutrauten, für die Zukunft zu malen. 
Der Schriftsteller desgleichen konnte sich der angenehmen Erwartung hin- 
geben, daß seine auf dem dünnen, glatten Maschinenpapiere wohlfeil und 
schnell gedruckten Werke in hundert Jahren buchstäblich unlesbar sein 
würden. 
Kurzlebig, vergänglich war alles, was die neue Industrie hervorbrachte, 
und es konnte nicht ausbleiben, daß diese Flüchtigkeit der wirtschaftlichen 
Arbeit auf die ganze Weltanschauung des Zeitalters zurückwirkte. Der 
große Ehrgeiz, der für die Dauer schaffen will, wird immer nur einzelne 
starke Geister beseelen; doch kaum jemals in der Geschichte ist die Lehre, 
daß der Mensch am Tage den Tag lebe, mit solcher Selbstgefälligkeit ver- 
kündigt worden, wie in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. 
Die gesamte radikale Literatur der Zeit predigte in mannigfachen Wen- 
dungen: mit der schweren alten Wissenschaft sei es vorbei, nur in der 
leichten Form der Publizistik könne das freie moderne Bewußtsein seinen 
Ausdruck finden, nur wer den Duft des frisch bedruckten Zeitungspapieres
        <pb n="516" />
        508 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
wie Morgenluft einatme, stehe auf der Höhe des Jahrhunderts. Ein neues 
Geschlecht begann heranzuwachsen, das von Ort zu Ort, von einem Ein- 
druck zum anderen hastete, schnell lernend und schneller vergessend, immer 
genießend, immer erwerbend, ganz in sich selbst und in das Diesseits ver- 
liebt, friedlos und freudlos. In Deutschland verrieten zunächst nur 
einzelne Anzeichen diese beginnende Umwandlung des sozialen Lebens. 
Die Macht der materiellen Interessen fand noch ein starkes Gegengewicht 
an dem hohen Idealismus der politischen Einheitskämpfe; und erst weit 
später, als die nationale Sehnsucht ihr Ziel erreicht hatte, sollte auch 
über Mitteleuropa ein Zeitalter des vorherrschenden Erwerbes und Ge- 
nusses hereinbrechen. 
Sehr schwer litt unter den veränderten Verkehrsverhältnissen das 
deutsche Haus und seine Hüterin, die Frau. Unsere wechselreiche Geschichte 
hatte nach dem dreißigjährigen Kriege und sonst noch mehrmals Zeiten 
gesehen, da die Frau höher stand als der Mann und das verwilderte 
Männervolk an der guten Sitte des Hauses wieder gesundete; jetzt kamen 
Tage, da die Frau sich in der verwandelten Welt schwerer zurecht fand 
als der Mann und an ihrem natürlichen Berufe irr wurde. Die alte 
vorsorgliche Wirtschaftsweise, die das ehrenfeste Bürgerhaus für die 
Winterszeit mit reichen Vorräten auszustatten pflegte, verbot sich jetzt 
von selbst; die weibliche Handarbeit im Hause verlor Sinn und Wert, seit 
man Wäsche und Kleider im Laden fertig kaufte. Das patriarchalische 
Verhältnis zwischen Herrschaft und Gesinde ging zu Grunde, der Wander- 
trieb der Zeit ergriff auch die Dienstboten. Also kam den Frauen ein 
guter Teil ihrer gewohnten stillen Wirksamkeit abhanden, sie fühlten 
sich unglücklich in einem halb zwecklosen Leben. Da überdies die Ehe- 
schließung in den höheren Ständen durch den sinkenden Geldwert und 
die verwickelten Erwerbsverhältnisse erschwert wurde, so wuchs die Zahl 
der unbefriedigten, der kranken und nervösen Frauen beständig an. Rat- 
los stand die Welt vor einer „Frauenfrage“, welche die einfache Vorzeit 
nicht gekannt hatte. Frauen drängten sich mit dilettierender Geschäftigkeit 
in männliche Berufe, und ganz wie einst in den Zeiten der Sittenver- 
derbnis des klassischen Altertums stiegen aus dem Schlamme der üÜber- 
bildung die Lehren der Weiber-Emanzipation empor. 
Unnatürlich früh entstanden, obgleich der allgemeine Wohlstand noch 
recht bescheiden blieb, schon einzelne riesige Vermögen. Der Reichtum 
des Hauses Rothschild überbot bei weitem alles, was die römische Kaiser- 
zeit an ungesunden Kapitalanhäufungen gesehen hatte. Es lag im Wesen 
der neuen Großindustrie, daß sie, um nur zu bestehen, beständig nach 
Erweiterung trachten mußte. Diesen Wandlungen des sozialen Lebens 
vermochte der Staat, der ja immer langsamer lebt als die Gesellschaft, 
längst nicht mehr zu folgen. Von solchen Vermögen, wie sie jetzt über 
Nacht aufwuchsen, hatten sich Hardenberg und Hoffmann nichts träumen
        <pb n="517" />
        Die neuen Kapitalmächte. 509 
lassen, als sie vor einem Vierteljahrhundert mit hausväterlicher Sorgsam— 
keit ihrem verarmten Volke die neuen Steuern auferlegten. In dem reichen 
Köln entrichteten um 1845 nur fünf Firmen die höchste Gewerbesteuer 
mit 260 Tlr., und darunter waren die weltbekannten Bankhäuser Sal. 
Oppenheim und Schaaffhausen; die größte der beiden Rhein-Dampfschiffs- 
gesellschaften zahlte nur 91 Tlr. Nun gar die bescheidenen höchsten Sätze 
der Klassensteuer erschienen diesen Vermögen gegenüber wie Hohn, und mit 
gerechtem Groll sah der kleine Mann, wie unbillig der Reichtum bevorzugt 
wurde. Dic neuen Kapitalmächte zeigten gar nichts von jener großartigen, 
gemeinnützigen, ganze Städte schmückenden und darum versöhnenden Frei- 
gebigkeit, welche den reichen Leuten des klassischen Altertums durch die 
Volkssitte aufgezwungen wurde. Sie benutzten nicht nur rücksichtslos ihre 
Uberlegenheit auf dem Markte, sie begannen auch schon, dem Gesetze 
trotzend, sich gegen die Arbeitskräfte zu verschwören; es kam an den Tag, 
daß die Bonn-Kölner und die Leipzig-Dresdner Eisenbahngesellschaft sich 
zur Aussperrung mißliebiger Arbeiter verabredet hatten. 
Man bemerkte auch bereits die ersten Anfänge einer internationalen 
Verbindung zwischen den großen Geldmächten. Im Mittelalter hatten 
zuweilen deutsche und französische Ritter gemeinsam gegen das Bürger- 
tum gefochten, im sechzehnten Jahrhundert die Religionsparteien aller 
Länder unbedenklich die Hilfe der fremden Glaubensgenossen angerufen 
wider die andersgläubigen Landsleute. Es war der Ruhm der neuesten 
Geschichte, daß die Eigenart des Volkstums sich überall stark und be- 
wußt ausbildete, daß die nationalen Gegensätze allmählich gewichtiger 
wurden als die Gegensätze der politischen, der ständischen, der kirchlichen 
Parteiung; die eigentümliche Größe der modernen Kultur lag in der 
Mannigfaltigkeit ihrer nationalen Gebilde. In dieser gesunden, natür- 
lichen Entwicklung trat nun plötzlich ein unheilvoller Rückschlag ein. Die 
Börsenmächte aller Kulturländer begannen sich in der Stille über das 
gemeinsame Geldinteresse zu verständigen, und die neue internationale 
Partei des Großkapitals fand ihre natürliche Stütze an dem vaterlands- 
losen Judentum. Einer der Führer der europäischen Judenschaft, der 
radikale Abgeordnete Cremieux in Paris verkündete bereits triumphierend, 
welche Riesenschritte Israel getan habe; und der französische Ultramontane 
A. Toussenel veröffentlichte schon 1847 sein warnendes Buch Les Juifs 
rois de l’époque. Die wertlose, an törichten Behauptungen überreiche 
Schrift zeigte immerhin, daß ihr fanatischer Verfasser ein scharfes Witte- 
rungsvermögen besaß. 
Diesen Kapitalmächten stand die Masse der Arbeiter fast hilflos gegen- 
über. Wohl erschienen die sozialen Mißstände in der noch unfertigen deut- 
schen Großindustrie bei weitem nicht so entsetzlich wie in Frankreich oder 
England der verzweifelte Schlachtruf der französischen Arbeiter: „kämpfend 
sterben oder arbeitend leben“ fand in Deutschland noch keinen Widerhall.
        <pb n="518" />
        510 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
Doch über Hungerlöhne, Kinderarbeit, Mißhandlung und Ausbeutung der 
Leute wurde schon laut geklagt, viele deutsche Fabrikanten hatten schon 
das schändliche englische Trucksystem, die Ablöhnung der Arbeiter durch 
Waren eingeführt; und als der wackere Breslauer Wolff (1843) das 
grauenhafte Elend in den Arbeiterwohnungen der „Kasematten“ seiner 
Vaterstadt schilderte, da erkannte man mit Schrecken, daß auch Deutsch- 
land schon Höhlen des Jammers besaß, die sich mit der Pariser Rue de 
la misère oder dem Impasse des cloaques vergleichen konnten. Den be- 
sitzenden Ständen fehlte noch fast jedes Verständnis für die Empfindungen 
der Masse. Mancher Fabrikant im Erzgebirge erzählte unbefangen, ohne 
sich etwas Schlimmes dabei zu denken: sein Arbeiterstamm vermehre sich 
durch Inzucht in den neuerbauten Arbeiterkasernen; dort mochten die Leute 
nach Belieben in wilder Ehe beisammen leben, die nachsichtigen Behörden 
kümmerten sich nicht darum. Welche Kluft die Höhen und die Tiefen 
der Gesellschaft trennte, das zeigte sich grell an dem Schicksal der Dorf- 
geschichten. Die Verfasser dieser so volksfreundlich gemeinten Dichtungen 
machten allesamt die tragikomische Erfahrung, daß ihre Werke dem nie- 
deren Volke ganz unverständlich blieben, weil der kleine Mann nur Schrift- 
deutsch lesen kann. Not und Trägheit setzten den Erziehungsversuchen 
der Staatsgewalt einen ungeheueren Widerstand entgegen. Nach so langen 
Jahren eifriger Arbeit war die preußische Unterrichtsverwaltung doch erst 
dahin gelangt, daß in Posen 61, in der Rheinprovinz 80 Prozent der 
schulpflichtigen Kinder die Schule besuchten, nur in der Provinz Sachsen 
schon 93 Prozent; und gerade die großen Fabrikstädte zeichneten sich durch 
die Verwahrlosung der Jugend bedenklich aus: in Elberfeld gingen nur 
79, in Aachen gar nur 37 Prozent der Kinder zur Schule. 
Der König betrachtete die Beschützung der kleinen Leute als heilige 
Christenpflicht; Parteilichkeit für das Großkapital lag seiner politischen 
Gesinnung fern, wieder und wieder beschäftigte ihn die Frage, ob er nicht 
in seinem geplanten Vereinigten Landtage den Arbeitern eine besondere 
ständische Vertretung gewähren solle. Er freute sich herzlich und bewil- 
ligte reiche Unterstützungen, als in Berlin nach der Gewerbeausstellung 
von 1844 ein „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ zusammen- 
trat, der durch Volks-Sparkassen, Schulen, gemeinnützige Schriften zu 
wirken suchte. In vielen großen Städten entstanden dann ähnliche Ver- 
eine; Barmherzigkeit gegen die Armen war die Losung, die von dem 
frommen Hofe ausging. Doch leider fehlte dem Monarchen alle Kenntnis 
des praktischen Lebens; seine Beamten aber hielten fast allesamt noch 
das Anwachsen der neuen Großindustrie für einen Kulturfortschritt schlecht- 
hin und scheuten sich, die Unternehmer zu belästigen. An eine irgend ernst- 
hafte Beaufsichtigung der Fabriken wagte man noch kaum zu denken. 
Als die Provinzialstände von Rheinland und Westfalen (1843) ein Ge- 
setz gegen das Trucksystem verlangten, da erwiderte die Krone: im Not-
        <pb n="519" />
        Arbeiternot. Ländliches Proletariat. 511 
fall sei sie dazu bereit; es erschien ihr jedoch sehr „zweifelhaft“, ob der 
Gesetzgeber hier schützen könne, „ohne durch zu tiefes Eingreifen in die 
privatrechtlichen Verhältnisse der Existenz der Arbeiter, besonders in Zeiten 
gedrückten Fabrikbetriebs, zu gefährden“; sie gab sich vielmehr der unschul- 
digen Hoffnung hin, „das wucherische Benehmen einzelner Fabrikherren 
würde, gebrandmarkt durch die öffentliche Meinung, endlich ganz aufhören.“ 
Die in England längst gewährte Freiheit der Assoziation war in 
Deutschland, dank der Angstlichkeit der Bureaukratie, den Arbeitern überall 
versagt. Aus aller Welt zusammengeschneit, heimatlos und doch streng 
an Ort und Zeit gebunden, vereinzelt, ohne jede ständische Ordnung, 
ohne kameradschaftlichen Gemeinsinn, ohne Freude an dem Erzeugnis ihres 
Fleißes, das sie nicht, wie jeder schlichte Handwerker, stolz als ihrer Hände 
Werk betrachten konnten, gedankenlose Sklaven der Maschinen, nur man- 
gelhaft geschützt durch die hie und da neu gebildeten Fabrikgerichte, 
blieben die Arbeiter also ganz in der Hand der mächtigen Unternehmer, 
die ihnen nur den ausbedungenen Lohn zu zahlen brauchten und auch 
diesen, auf Grund der willkürlich auferlegten Kontrakte, nur zu oft 
schmälerten. Dem Gesetze zuwider versuchten die Bedrängten sich zuweilen 
schon durch Arbeitseinstellungen zu helfen, so die Kattunweber in Berlin, 
die Eisenbahnarbeiter bei Brandenburg und Vohwinkel. 
Auchauf dem flachen Lande des Nordostens zeigten sich krankhafte soziale 
Verhältnisse, seit man die zweischneidige Wirkung der Stein-Hardenbergischen 
Gesetzgebung zu fühlen begann. Wie zuversichtlich stellte Hardenberg einst 
an die Spitze seines Verfassungsplanes den Grundsatz: wir haben lauter 
freic Eigentümer; wie hoffnungsvoll sprach Sack von „dem zweiten und 
dem dritten Pommern“, das durch die Ansiedlung freier Bauern entstehen 
sollte. Und doch wie anders war alles gekommen. Der ländliche Mittel- 
stand freilich hatte durch die agrarischen Reformgesetze erheblich gewonnen; 
die Bauern waren jetzt persönlich frei, der grundherrlichen Abgaben ent- 
lastet und, nach Abtretung eines Teiles ihrer Besitzungen, unbeschränkte 
Eigentümer. Sobald der Preis des Getreides wieder stieg, gelangten ihrer 
viele zum Wohlstand, zumal die besonders günstig gestellten alten Domä- 
nenbauern; manche wurden reicher als die benachbarten Rittergutsbesitzer 
und begannen gleich diesen, ihren Boden nach den Grundsätzen des neuen 
rationellen Ackerbaues zu bewirtschaften. Die Besitzer der kleinen nicht 
spannfähigen Stellen hingegen sahen sich durch die Deklaration vom 
29. Mai 1816 von der Regulierung ausgeschlossen, weil die Krone damals 
Bedenken trug, die im Kriege so hart mitgenommenen Grundherren durch 
Entziehung der gewohnten Handdienste ganz zu Grunde zu richten.) Seit 
die Landgüter frei veräußert werden durften, fiel aber auch der alte wohl- 
tätige Bauernschutz hinweg, und die Gesetzgeber konnten kaum vorhersehen, 
  
) S. o. II. 189 (4. Aufl.), III. 381, IV. 559.
        <pb n="520" />
        512 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
wie furchtbar die Freiheit des Auskaufens gerade unter den armen Leuten auf- 
räumen sollte. Die Mehrzahl der kleinen Bauernstellen wurde nach und nach 
eingezogen, und während früherhin die Bauern, Kossäten, Häusler, Einlieger 
insgesamt dem einen Stande der bäuerlichen Gutsuntertanen angehört 
hatten, trennte sich jetzt die ländliche Bevölkerung allmählich in zwei Klassen. 
Tief unter den Bauern stand fortan ein ländliches Proletariat von 
freien, wirtschaftlich ganz ungesicherten Tagelöhnern. Der halbfreie kleine 
Gutsuntertan der alten Zeit war zwar an die Scholle gebunden, aber 
auch berechtigt, diese Scholle zu bebauen; er nahm auch teil an der Ge- 
meindenutzung und der Gutsherr half ihm zuweilen durch. Die neuen 
Tagelöhner besaßen an Boden wenig oder nichts. Selbst bei der Gemein- 
heitsteilung gingen die Armen leer aus, weil ihnen die Auftrift nur kraft 
alter Gewohnheit, nicht von Rechts wegen zustand, und sie llagten bitter- 
lich: jetzt werden die Bauern zu Edelleuten, wir zu Bettlern. Zudem 
waltete auch im Landvolke der Drang nach persönlicher Unabhängigkeit, 
der das ganze Jahrhundert wie eine unwiderstehliche Naturgewalt be- 
herrschte. Die Masse der Häusler und die der ganz besitzlosen Einlieger 
wuchs weit schneller an als die Zahl der neben dem Herrenhofe angesiedel- 
ten, oft besser versorgten Gutstagelöhner; man band sich nicht mehr gern 
für längere Zeit. Inzwischen nahmen die Kartoffelbrennerei und die Run- 
kelrübenwirtschaft überhand, die Schlempe wurde der großen Wirtschaft 
auf dürrem Sandboden bald unentbehrlich; die Arbeiter hatten in diesen 
neuen landwirtschaftlichen Industriezweigen oft noch schwerer zu leiden 
als ihre Genossen in den städtischen Fabriken. In der neuen Gesell- 
schaft fühlten sich die Tagelöhner haltlos, vereinzelt; die patriarchalische 
Gutsherrschaft bestand nicht mehr, und an den Beratungen der Dorf- 
gemeinde hatten sie keinen Anteil. Das Landvolk besitzt aber ein zähes 
Gedächtnis. Die längst entschwundenen Zeiten, da jedermann sich im 
reichen Walde mit Holz laden durfte, blieben noch überall in Deutsch- 
land unvergessen, und nirgends wollte der Landmann recht einsehen, daß 
Waldfrevel wie andere Vergehen bestraft werden sollten. So wußte auch 
der neue Stand der freien Tagelöhner sehr wohl, daß seine Vorfahren 
einst ein Stück Land für sich selber bebaut hatten. Er fühlte dunkel, 
daß er unrecht erlitten hatte, und allerdings war er das Opfer einer 
mittlerweile veralteten sozialpolitischen Denkweise; denn niemand kann 
gänzlich aus seiner Zeit heraus, die segensreichen Reformen Steins und 
Hardenbergs wurzelten doch in der Weltanschauung des achtzehnten Jahr- 
hunderts, das unter dem Volke immer nur die Mittelklassen verstand und 
von den arbeitenden Massen wenig wußte. Da auf dem Lande der Grund- 
besitz eines und alles ist, so war den Wünschen der grollenden Tagelöhner 
ein bestimmtes Ziel gewiesen, und als die Revolution hereinbrach, klang 
aus aller Munde wie ein Naturlaut die Forderung: der König muß 
uns Land verschreiben. —
        <pb n="521" />
        Deutsche Kommunisten in der Schweiz. 513 
In so bedrohlichen wirtschaftlichen Verhältnissen gediehen die Lehren 
der sozialen Zerstörung wie die Würmer im Aase. Die kommunistische 
Partei, die im Auslande ihren Herd, in Deutschland schon überall ihre 
geheimen Sendboten besaß, bekannte sich jetzt offen zu kosmopolitischen 
Plänen, sie verlangte den sozialen Umsturz überall in der Welt, wie ja 
auch die großen Geldmächte schon von Land zu Land ihre Fäden spannen. 
Die goldene und die rote Internationale, wie eine spätere Zeit sie 
nannte, begannen sich zu organisieren. Die Kommunisten sagten sich förm- 
lich los von dem politischen Radikalismus, aus dem sie einst selber hervor- 
gegangen waren; sie verhöhnten „den Samen Hambachs“, sie belachten 
„das konstitutionelle Eldorado“ und die deutsche Einheit, sie warfen selbst 
den cynischen Demagogen Fein, der soeben Schöns Woher und Wo- 
hin? herausgegeben hatte, geringschätzig zu den „liberalen Amphibien“. 
Unter den deutschen Handwerkern in der Schweiz führte der Schneider 
Weitling das große Wort, neben ihm ein sehr gewandter Agitator, der 
schwäbische Gerber Schmidt. Beide standen in Verbindung mit dem Fran- 
zosen Cabet, der das gelobte Land der Gütergemeinschaft, Ikarien mit- 
samt seinem Limonadenmeere so gar rührsam geschildert hatte. Sie 
gründeten überall radikale Arbeitervereine und berechneten schon hoff- 
nungsvoll, daß fortan alljährlich 600 Handwerksburschen aus der Schweiz 
heimkehren würden, um die Lehren des Kommunismus in Deutschland zu 
verbreiten. Auch Bakunin tauchte in diesen Kreisen zuerst auf, ein vor- 
nehmer Russe, der durch gewissenlose revolutionäre Tatkraft alle die 
anderen Demagogen übertraf. 
Weitling setzte seine schriftstellerische Tätigkeit fort und veröffentlichte 
neben anderen Brandschriften das Evangelium des armen Sünders, ein 
blasphemisches, an die Wiedertäufer erinnerndes Buch, das wieder ein- 
mal zeigte, wie nahe sich in den kommunistischen Träumen der weltver- 
achtende Idealismus und die gemeine Sinnlichkeit berühren. Da wurde 
die Gütergemeinschaft der Apostel zur Rechtfertigung der sozialen Revo- 
lution, ja sogar des gemeinen Diebstahls verwertet, Jesus galt für einen 
fröhlichen Lebemann, und die göttliche Macht der Liebe, die der Sünderin 
Magdalena verzieh, erschien als ein Freibrief für jegliche Unzucht. Das 
fanatische Schneiderlein hoffte alles Ernstes auf die Zustimmung La- 
mennais', der seit Jahren schon im Namen Gottes die bestehende Gesell- 
schaft als ein Werk Satans bekämpfte, und sah sich schmerzlich enttäuscht, 
als der katholische Sozialist entrüstet erwiderte, mit dieser fratzenhaften 
Verzerrung der evangelischen Wahrheit wolle er nichts gemein haben. 
Die Schweizer selbst wurden bald besorgt. Die Brandreden der Flücht- 
linge wider die Fürsten hatten sie gern ertragen, doch der Kampf gegen 
das Eigentum widerstrebte ihrem haushälterischen Ordnungssinne, ihre 
Zeitungen schalten heftig auf „diese deutschen Lausbuben“, und im Jahre 
1843 wurde Weitling aus der Eidgenossenschaft ausgewiesen. Im Auf- 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 33
        <pb n="522" />
        514 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
trage des Kantons Zürich schrieb dann der konservativ-liberale Bluntschli 
einen verständigen Bericht über die Kommunisten in der Schweiz. Die 
Veröffentlichung dieser Denkschrift bewirkte freilich, daß die Bestrebungen 
der Anarchisten erst jetzt in weiten Kreisen bekannt wurden und in den 
nächsten Monaten an dreihundert deutsche Handwerker der Pariser Kom— 
munistengesellschaft beitraten; einer ihrer Führer, Moses Heß dankte dem 
Züricher Juristen sogar in einer höhnischen Adresse, weil er der guten 
Sache so viele neue Anhänger gewonnen hätte.) 
Mittlerweile war in der Schweiz nochmals ein „Junges Deutschland“ 
zusammengetreten, und zum dritten Male erlangte dieser Name eine flüch- 
tige Bedeutung. Der neue Arbeiterbund hatte aber mit den Genossen 
Mazzinis kaum mehr gemein als mit der gleichnamigen deutschen Literaten- 
schule; er verschmähte alle nationalen Ideen und ging grundsätzlich darauf 
aus, den Massen den Glauben an das Bestehende, zumal den religiösen 
Glauben zu rauben. Von den älteren Verschwörern trat nur der Poet 
Harro Harring bei; der ging jetzt, gleich allen Genossen, in der Arbeiter- 
bluse einher und sang: 
Stürzet den Mammon, dann werden versinken 
Bald auch die Throne mitsamt ihrer Pracht! 
Die neuen Führer waren durchweg unbedeutende Menschen: ein 
philosophischer Schüler Ruges Döleke, ein Schlosser Standau, ein lang- 
bärtiger feierlich blickender Prophet Kuhlmann, ein windiger Hamburger 
Kaufmannsdiener W. Marr, der nachher, ausgewiesen, seine schweizerischen 
Heldentaten in einem umfänglichen Buche selbst verherrlichte. Gleich- 
wohl fanden die Demagogen starken Anhang. Der genossenschaftliche Sinn, 
der so tief im deutschen Wesen wurzelt und weder in den verfallenden 
alten Zünften noch in den neuen Fabriken Befriedigung fand, konnte 
sich in den kommunistischen Vereinen betätigen. Auf ihren Rede= und 
Leseabenden zeigten die Arbeiter viel achtungswerten Bildungsdrang, 
aber wie schändlich ward er mißleitet durch die Apostel eines den Staat 
und jede gesellschaftliche Ordnung leugnenden „Anarchismus“. So nannte 
Marr selber seine Doktrin. Ihre atheistischen Grundsätze schöpften die 
Genossen aus „Feuerbachs Religion der Zukunft“, einem Buche, das durch 
seine schöne Sprache und durch den idealistischen Schwung eines nicht 
unedlen Gemüts gerade die Halbgebildeten bezaubern mußte. 
Die Häuptlinge der schweizerischen Anarchisten empfingen geheime 
Weisungen aus Paris durch den Dr. Ewerbeck.*) Dort an der Seine be- 
stand ein ganzes Nest von kommunistischen Geheimbünden, die sich zumeist 
von der alten Gesellschaft der Menschenrechte abgezweigt hatten. Längst 
  
*) Graf Arnims Bericht, Paris 26. Sept. 1843. 
*) Schreiben des Pariser Polizeipräfekten Delessart an den preußischen Gesandten 
Graf Arnim, 16. Mai 1845.
        <pb n="523" />
        Deutsche Kommunisten in Paris. 515 
verflogen war die religiöse Begeisterung der alten St. Simonisten, längst 
überwunden ihre idealistische Forderung: jedem nach seiner Fähigkeit, 
jeder Fähigkeit nach ihren Leistungen. Das junge Geschlecht sagte kurz— 
ab: jedem nach seinen Bedürfnissen; nur die Milderen begnügten sich mit 
der vieldeutigen „Organisation der Arbeit“. Da der Geldbeutel unter dem 
Bürgerkönigtum alles war und die Charte jedes politische Recht an einen 
hohen Zensus knüpfte, so mußte die radikale Opposition unausbleiblich 
ihre Angriffe wider das Eigentum selber richten. Ein wütender Haß 
gegen die besitzenden Klassen beseelte alle diese Parteien, mochten sie sich 
nun Cabetisten, Egalitäre oder Reformisten nennen; und auch darin zeigte 
sich der französische Charakter der Bewegung, daß der Name Bourgeoisie 
längst zum Schimpfwort geworden war, während der Name des deutschen 
Bürgertums, trotz allen Schmähungen der Radikalen, noch immer in 
Ehren blieb. In wunderbarer doktrinärer Verblendung wollte Guizot 
von allen den Anzeichen einer furchtbaren sozialen Revolution nichts be- 
merken; er wähnte das Volk zufrieden, weil er jederzeit auf die Zu- 
stimmung der ergebenen Kammermehrheit, des pays légal sicher zählen 
konnte; er bestritt sogar, daß ein vierter Stand bestände, da ja sein ge- 
liebter Tiers-état nach unten hin rechtlich nicht abgeschlossen war. Ganz so 
selbstgefällig wie der leitende Staatsmann selbst versicherte das Ministerium 
des Innern dem preußischen Gesandten: bei „dem lichten und positiven 
Geiste der Franzosen“ fänden die Lehren Proudhons, Cabets, Constants 
wenig Anklang; die deutschen Arbeiter zeigten sich empfänglicher, denn sie 
liebten humane und philosophische Träumerei, auch die Lehren der Wieder- 
täufer und der Illuminaten wirkten unter ihnen noch nach. Was die fran- 
zösische Polizei im einzelnen über den deutschen Kommunistenbund zu berich- 
ten wußte, bedeutete nicht viel: sie gab nur an, daß der Verein Hunderte von 
Mitgliedern zählte, darunter viele Juden und namentlich Arbeiter der feine- 
ren Berufszweige, Setzer, Mechaniker, Elfenbeindreher; unter den deutschen 
Landschaften waren Kursachsen, Thüringen und die Pfalz stark vertreten.) 
Einige der in Paris zusammengeströmten deutschen Literaten, Ruge, 
Marx, Börnstein, Bernays, Heß, Heine begannen eine Zeitschrift des inter- 
nationalen Radikalismus, den Vorwärts; es waren, bezeichnend genug, 
lauter Juden, mit der einzigen Ausnahme Ruges. Der Vorwärts brachte 
mehrere der schmutzigsten Zeitgedichte Heines, er verherrlichte in Vers und 
Prosa den Königsmörder Tschech und erfand für den König von Preußen 
den Namen: Knäs von Rußland — einen Titel, der wegen seiner Albernheit 
von der gesamten radikalen Welt alsbald freudig nachgesprochen wurde. 
Kaum ins Leben getreten, ward die Zeitschrift schon durch Guizot unterdrückt. 
Auch ihre Mitarbeiter hielten nicht lange bei einander aus. Als Heine 
*) Renseignements sur le Communisme Allemand, ausgearbeitet in der Polizei- 
abteilung des französischen Ministeriums des Innern, 17. Juni 1845 durch Graf Arnim 
nach Berlin gesendet. 
203 * 
05
        <pb n="524" />
        516 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
einmal mit Weitling zufällig zusammentraf und von dem Schneider wie ein 
biderber Kamerad angeredet wurde, da fühlte er sich tief gedemütigt „beim 
Handwerksgruße des ungläubigen Gnotentums“. In Wahrheit war der 
Gnote gläubiger als der Dichter, der mit allen seinen Überzeugungen 
nur geistreich spielte; aber Heines künstlerische Empfindung konnte den 
Verkehr mit der Hefe der Gesellschaft nicht ertragen, und bald zog er 
sich vorsichtig zurück. Auch Ruge erschrak, als er die letzten Ziele seiner 
Pariser Kumpanei endlich erkannte. Wie viele Standpunkte hatte der 
Hohepriester der Junghegelianer mit seiner behenden Dialektik nun schon 
überwunden; über den Standpunkt der selbständigen Persönlichkeit und 
ihres Eigentums kam er doch nicht hinaus, obgleich er selber arm blieb. 
Sein derber pommerscher Menschenverstand und das reizbare Ehrgefühl des 
alten Burschenschafters bewahrten ihn vor dem Alleräußersten, und so- 
bald er seine Leute durchschaut hatte, schrieb er mit gewohnter Kampf- 
lust gegen „die Verrücktheit der Theorie und den Schmutz der Gesinnung 
des Rabbi Moses Heß". Sogar Heinzen, das große Schimpftalent der 
Demagogen wollte den Kommunisten nicht mehr folgen, als sie den logi- 
schen Schluß aus seinen eigenen Lehren zogen. Der politische und der 
soziale Radikalismus begannen sich zu scheiden. 
Die kräftigste Hilfe kam den Kommunisten aus England. Dort hatten 
die schändlich bedrückten Arbeiter schon 1835 den mächtigen Chartisten- 
bund gebildet. Die große Volkscharte forderte zunächst nur politische 
Rechte: das allgemeine Stimmrecht mit allem, was dazu gehört. Doch 
jedermann wußte, daß die gerühmten sechs Punkte der Charte nur die 
Mittel bieten sollten, um das wirtschaftliche Leben gänzlich umzugestalten; 
und schon nach drei Jahren sprach der Methodistenprediger Stephens das 
entscheidende Wort: der Chartismus ist eine Messer= und Gabelfrage. In 
der Arbeiter-Marseillaise der Chartisten wurde König Dampf verflucht, 
„ein Tyrann, den der weiße Sklave kennt.“ Um die Macht und die 
Niedertracht der modernen Großindustrie an der Quelle kennen zu lernen, 
ging der junge Rheinländer Fr. Engels, neben Marx der beste Kopf der 
deutschen Kommunisten, nach London und schrieb sodann, im einzelnen 
parteiisch übertreibend, im wesentlichen wahrheitsgetreu, ein geistreiches, 
gründliches Buch über „die Lage der arbeitenden Klassen in England“ 
(1843). Die drastische Schilderung namenlosen Elends wirkte tief er- 
greisend; sie schloß mit der Weissagung einer nahen sozialen Revolu- 
tion, die in England allerdings drohte, jedoch durch den starken Selbst- 
erhaltungstrieb des altbefestigten Staatswesens noch glücklich abgewendet 
wurde. Späterhin traten Engels und Marx in den großen internatio- 
nalen Arbeiterbund, der einst durch den Deutschen Schapper in London 
gestiftet und mittlerweile stark angewachsen war.*) Marx war jetzt schon 
  
*) S. o. IV. 607.
        <pb n="525" />
        Engels. Marx. Heß. 517 
so weit, daß er Religion, Staat, Recht, jede göttliche und menschliche Ord— 
nung verwarf. Zu Anfang 1848 entwarfen die beiden Freunde gemein— 
sam das Manifest der kommunistischen Partei, das den Umsturz der Ge— 
sellschaft, Enteignung der Grundeigentümer, Abschaffung des Erbrechts 
forderte und rundweg aussprach: wir unterstützen jede revolutionäre Be— 
wegung! Das Kernwort lautete: „Proletarier aller Länder, vereinigt 
euch!“ Das Programm des internationalen Umsturzes war aufgestellt, 
und seine Urheber waren zwei vaterlandslose Deutsche. 
Die deutsche gelehrte Welt wurde auf diese Bewegung zuerst aufmerk— 
sam, als der Schleswigholsteiner Lorenz Stein (1842) sein gedankenreiches 
historisch-kritisches Werk über den Sozialismus und Kommunismus er— 
scheinen ließ. Der große Haufe der Leserwelt wußte freilich mit dem schwer— 
fälligen, scholastisch gehaltenen Buche nichts anzufangen. Er verlangte nach 
leichterer Kost und er fand sie in dem Gesellschaftsspiegel, den der aus 
Paris entwichene rheinische Jude Moses Heß eine Zeitlang in dem frommen 
Wuppertale erscheinen ließ. Dies „Organ für Vertretung der besitzlosen 
Volksklassen“ fand „die einzige Ursache unserer gesamten Leiden in der 
freien Konkurrenz“ und brachte neben törichten radikalen Brandreden auch 
manche nur allzu wahre Schilderung aus dem Fabrikleben der westlichen 
Provinzen. Ahnlich redete O. Lüning in seinem Westfälischen Dampfboot 
und Karl Grün, der aus Baden Vertriebene, in der Trierschen Zeitung. 
Überall in den Heimatlanden von Marx und Engels wurden die Ge- 
danken der sozialen Revolution umhergetragen; in Köln besaß die Partei 
allem Anschein nach eine geheime Presse. Die Zensoren aber erwiesen den 
Organen des westdeutschen Sozialismus mehr Nachsicht als den Blättern 
der politischen Opposition; sie ahnten nicht, was der kleine Mann bei den 
leicht verhüllten Anpreisungen der Gütergemeinschaft empfand. 
Selbst in dem reichen rheinischen Bürgertum, das im Volke noch 
immer der kölnische Klüngel hieß, bekundete sich zuweilen eine schwächliche, 
freilich nur theoretische Vorliebe für den sozialen Radikalismus. Als in Köln 
ein Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen, nach dem Muster Berlins, 
gebildet werden sollte, da erklärte Assessor Jung, der Mitarbeiter der unter- 
gegangenen Rheinischen Zeitung: dieser Name ist beleidigend, denn wir 
alle sind Arbeiter — eine Behauptung, die aus dem Munde des ver- 
wöhnten Lebemanns allerdings seltsam klang. Er verlangte den Namen: 
Allgemeiner Hilfs= und Bildungsverein; bei der Verhandlung darüber 
wurden die Schlagwörter der kommunistischen Zeitschriften so häufig wieder- 
holt, daß Ludolf Camphausen und einige andere gemäßigte Liberale sofort 
zurücktraten. In Berlin, in Hamburg, Kiel, Magdeburg entstanden Ar- 
beitervereine, in denen das Selbstgefühl des jungen vierten Standes kräftig 
redete; daneben wirkten überall in den größeren Städten tiefgeheime Ver- 
eine, wo man kommunistische Schriften vorlas, überall kleine Meister 
und Gesellen, die sich den Vertrauten als Sendboten der Pariser Marianne
        <pb n="526" />
        518 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
oder anderer ausländischer Geheimbünde zu erkennen gaben. Der ganze 
Umfang dieser weitverzweigten unterirdischen Wühlerei wird wohl immer 
im Dunkel bleiben; wie erfolgreich sie aber arbeitete, das erwiesen die 
Barrikadenkämpfe des Revolutionsjahres. Auch die Zeitpoeten Freiligrath, 
Wilhelm Jordan, Karl Beck besangen jetzt schon öfter das soziale Elend 
als den politischen Freiheitskampf; der Deutschböhme Alfred Meißner 
klagte: 
"6 Denn alle wollen Gold und Metzen, 
Paläste, Tafeln, Pferd'’ und Hetzen, 
Das arme Volk will schwarzes Brot! 
Weit größere Verbreitung fanden die schlechten Übersetzungen der 
neuesten aus Schmutz und Blut gemischten französischen Poesie. Die 
Weltweisheit dieser sozialen Dichtung ließ sich mit dem denkbar geringsten 
geistigen Aufwande verstehen, man brauchte nur alle Begriffe einfach auf 
den Kopf zu stellen: Gott ist die Sünde, die Ehe ist Unzucht, Eigentum 
ist Diebstahl. Eugen Sues Ewiger Jude und die Geheimnisse von 
Paris wurden in Deutschland massenhaft gelesen; die ekelhaften Bilder 
des weichherzigen Gurgelabschneiders, der tugendhaften Bordelldirne, des 
ehrlichen Spitzbuben und des grausamen Wucherers vergifteten Unzähligen 
die Phantasie. Fast der gleiche romanhafte Reiz lockte die Deutschen auch 
zu Louis Blancs Geschichte der zehn Jahre, die in einem Jahre dreimal 
übersetzt wurde. Ein mittelmäßiger, gedankenarmer Kopf, aber ein ge- 
wandter Erzähler, wußte L. Blanc die Geldherrschaft der Bourgeoisie mit 
allen Sünden ihrer Hartherzigkeit anschaulich darzustellen und die em- 
pörten Leser dann zu trösten durch das unbestimmte Idealbild einer zu- 
künftigen Organisation der Arbeit, bei dem sich jeder jedes denken konnte. 
Auch ein Gegner der Radikalen, Lamartine förderte arglos die Bestre- 
bungen der Umsturzpartei. Seine Geschichte der Girondisten verklärte die 
häßliche Prosa der Revolutionskämpfe durch den Zauber hochpoctischer 
Schilderungen und trieb mit dem politischen Verbrechen einen sentimen: 
talen Götzendienst, der den deutschen Halbgebildeten besser zusagte als der 
historische Ernst Niebuhrs, Carlyles oder Dahlmanns. 
Derweil also der soziale Unfriede durch unzählige Agenten und 
Schriften geschürt wurde, erlebte Deutschland auch schon einzelne Fälle 
gräßlicher Massennot. In Berlin lebten um 1847 etwa 10 000 Almosen 
empfänger und 30 000 polizeilich überwachte Personen, während die Zahl 
der wirklich leistungsfähigen Bürger nur auf 20 000 geschätzt wurde. Ost- 
preußen kam seit den großen Überschwemmungen des Jahres 1845 und 
wiederholten Mißernten gar nicht mehr aus dem Notstande heraus. 
Minister Flottwell bemühte sich zwar redlich, das Elend in seiner geliebten 
Heimat zu lindern; mehr als eine Mill. Tlr. wurde nach und nach 
zur Unterstützung dieser einen Provinz aufgewendet, leider planlos und 
mit geringem Erfolge.
        <pb n="527" />
        Die schlesischen Weber. 519 
Im schlesischen Gebirge wagten die verzweifelten Weber offenen Auf- 
ruhr. Die Gewerbefreiheit hatte dies zunftfreie Gewerbe zwar nicht un- 
mittelbar geschädigt, wohl aber mittelbar; denn die Zahl der freien 
Hausweber war seit den neuen Reformgesetzen stark angewachsen, des- 
gleichen die Zahl der Kaufleute und Fabrikanten, und der scharfe Kon- 
kurrenzkampf verführte die Unternehmer zu einer grausamen Hartherzig- 
keit, die unter einem so gutmütigen Menschenschlage teuflisch schien. 
Ungeheuer war die Macht der Trägheit in diesem entkräfteten, hoffnungs- 
losen Völkchen; die Weber widersetzten sich oft der Einführung verbesserter 
Arbeitsmethoden, sie entschlossen sich schwer zu anderen, lohnenden Be- 
schäftigungen überzugehen, sie trieben in den Rüben= und Kartoffelfeldern 
der benachbarten Grundherren unglaubliche Dieberei, und aus ihren 
überschuldeten Häuschen mochten sie nicht heraus, auch wenn sie anders- 
wo besser und billiger wohnen konnten. Die habgierigen Kaufleute aber 
wollten ihre Waren lieber zu Spottpreisen von halbverhungerten Haus- 
arbeitern beziehen als aus wohlgeordneten Fabriken. Dem Könige zitterte 
das Herz, als er bei seinen Besuchen in Erdmannsdorf etwas — leider 
nur zu wenig — von diesem Elend kennen lernte; er ließ dort und in 
einigen anderen Orten des Gebirges durch die Seehandlung große Spinne- 
reien errichten, bei denen mancher Unglückliche unterkam. In Breslau 
bildeten die Grafen Dyhrn, York, Zieten und der Dichter Gustav Freytag 
einen Hilfsverein, der sich bald in zahlreichen Ortsvereinen über die 
Provinz verzweigte. Das alles vermochte nichts gegen den gräßlichen 
Jammer. Oberpräsident Merckel aber und seine Regierungsräte wollten 
das Dasein eines Notstandes gar nicht eingestehen; sie glaubten felsen- 
fest an die Heilkraft der volkswirtschaftlichen Naturgesetze, die durch 
Angebot und Nachfrage alles Leid von selber aufheben müßten, und wit- 
terten sogar in dem Breslauer Hilfsvereine gemeinschädliche Absichten. 
Ihr Mißtrauen ward erst beschwichtigt, als der Verein vorsorglich militä- 
rische Hilfe anrief und den kommandierenden General, den wackeren 
Grafen Brandenburg in seinen Vorstand erwählte. Erstaunlich doch, wie 
diese alten in der Schule des Allgemeinen Landrechts aufgewachsenen Be- 
amten so ganz vergaßen, daß der friderizianische Staat auf einer mon- 
archischen Organisation der Arbeit beruht hatte und das Landrecht selbst 
ein Recht auf Arbeit ausdrücklich anerkannte. 
Im Frühling 1844 hörte man in den großen Weberdörfern des 
Gebirges überall ein neues Volkslied, das Blutgericht singen: 
Ihr Schurken all, ihr Satansbrut, 
Ihr höllischen Dämone, 
Ihr freßt den Armen Hab und Gut, 
Und Fluch wird euch zum Lohne! 
An einem Junitage wurde das Haus der Firma Zwanziger in Peters- 
waldau von den Webern zerstört, und noch zwei Tage lang hauste das
        <pb n="528" />
        520 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
ergrimmte Volk, alles zertrümmernd, selten raubend, in den Fabriken 
der Nachbarorte. Und es war wirklich nur die Raserei der Not, was 
diese Tobenden verblendete; von den Schriften der Kommunisten hatten die 
Armen, die sich abends ihre kalte Stube mit einem Kienspan erleuch- 
teten, nie ein Wort gelesen. Zu spät erkannte Merckel, wie gründlich er 
sich über die Lage getäuscht hatte. Er eilte selbst herbei; Truppen stellten, 
nicht ohne Blutvergießen, die Ordnung her, 83 Gefangene wurden ab- 
geführt, die Hauptschuldigen zu schweren Strafen verurteilt. Nun sen- 
dete die Krone einen Generalbevollmächtigten, Geh. Rat v. Minutoli, 
zur Untersuchung des Notstandes, ließ durch die Seehandlung neue 
Spinnereien errichten, die Erwerblosen bei großen Straßenbauten beschäf- 
tigen, daneben auch mannigfache bare Unterstützungen verteilen. 
Doch die Überlegenheit des englischen Wettbewerbs war nach so 
vielen Unterlassungssünden nicht mehr zu besiegen, auf die Selbsthilfe der 
Arbeiter konnte man ebenso wenig zählen, wie auf die Einsicht der Unter- 
nehmer; die Lage der Weber blieb fast so elend wie zuvor. So war den 
Angriffen des Radikalismus Tür und Tor geöffnet, und der König befahl 
strenge Wachsamkeit wider die schlesischen Blätter, „in welchen das Be- 
streben, die unteren gegen die höheren Stände, die Armen gegen die 
Wohlhabenden aufzuregen, nicht zu verkennen ist.““) In Breslau erschien 
ein halbkommunistisches Blatt, der Volksspiegel; der anrüchige Literat 
Pelz verfaßte unter dem Namen Treumund Welp aufregende Schriften, 
und der Düsseldorfer Maler Karl Hübner aus Ostpreußen ließ in Berlin 
ein Tendenzgemälde „die schlesischen Weber“ ausstellen, dem nachher ähn- 
liche, grob handgreifliche Bilder von Auspfändungen und Wilddieben 
folgten. Heine aber benutzte die Gelegenheit, um wieder einmal seinen 
Groll an dem Monarchen auszulassen, der sich doch während dieser 
traurigen Wirren weit volksfreundlicher gezeigt hatte als sein Beamten- 
tum. Er sang das Weberlied: 
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, 
Den unser Elend nicht konnte erweichen, 
Der den letzten Groschen von uns erpreßt 
Und uns wie Hunde erschießen läßt. 
Wir weben, wir weben! 
Einige Monate nachher, im Frühjahr 1845 wurde im Hirschberger Tale 
eine Eidgenossenschaft entdeckt, die auf den Umsturz von Staat und Gesell- 
schaft hinarbeitete. An ihrer Spitze stand ein Tischler Wurm zu Warmbrunn. 
Auch er gehörte keinem der auswärtigen Geheimbünde an; er kannte je- 
doch ihre Schriften und hatte ganz in ihrem Sinne eine Proklamation ent- 
worfen, um die Gebirgsbewohner aufzurufen gegen „die Unterdrücker der 
arbeitenden Klassen — jene verächtliche Klasse von Menschen, die man 
den Adel nennt, deren Ursprung in den finstersten Zeiten der Barbarei 
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, o. D.
        <pb n="529" />
        Merckels Entlassung. Die Notjahre. 521 
ist, deren Vorfahren die Rolle der Straßenräuber, der Mordbrenner so 
schön spielten. . . Wenn die Statuen der Könige in Trümmer stürzen, wird 
euer Name sich mischen in den Sturm der Elemente und wie Donnergebrüll 
den letzten Tyrannen erschrecken, in der Mitte seiner gezwungenen Schar— 
wächter, vom Lager, daß er zittere vor der erwachten Menschheit und 
fliehe wie ein Knabe.“ Der König sendete sofort den Geh. Rat Mathis 
als Kommissar hinüber; in dessen Gefolge befand sich der junge schlaue 
Referendar Stieber, der hier zum ersten Male seinen polizeilichen Spür— 
sinn bewährte. Im Verdachte der Mitwissenschaft stand außer dem un— 
ermüdlichen demagogischen Schulmeister Wander 7) vornehmlich der Fabri— 
kant Schlöffel in Eichberg, ein grimmiger Radikaler, der mit den Schweizer 
Flüchtlingen viel verkehrte. Der greise Oberpräsident aber wollte dem ange- 
sehenen Fabrikanten eine solche Torheit doch nicht zutrauen; er behandelte 
Schlöffel gütig, hielt ihn nur kurze Zeit in Haft. Deshalb entspann sich 
zwischen Merckel und Mathis ein heftiger Streit, und der König, der schon 
über die saumselige Behandlung der Webernöte aufgebracht war, verfügte 
nunmehr die Entlassung des Oberpräsidenten. Merckel hatte ihn früher ge- 
beten, er möge es ihm selber sagen, wenn er zu seiner physischen oder 
moralischen Kraft kein Vertrauen mehr hege. Nun mußte der Minister des 
Innern kurzweg schreiben: dieser Zeitpunkt ist jetzt eingetreten, Se. 
Majestät sind von der Unzulässigkeit der bisherigen Verwaltung des Ober- 
präsidiums ganz überzeugt.7) So trat der Mann zurück, der seit mehr 
denn einem Menschenalter allen Schlesiern für das natürliche Haupt der 
Provinz galt und namentlich während seiner zweiten Amtsführung sich 
das allgemeine Vertrauen erworben hatte. Jetzt feierte man ihn, begreif- 
lich genug, als ein Opfer der Reaktion. In einem gerührten Abschieds- 
schreiben dankte er für die zahllosen Beweise der Liebe seiner schlesischen 
„Vaterlandsgenossen“. Der Erfolg der Untersuchung schien ihm recht zu 
geben. Schlöffel wurde freigesprochen, da sich nichts Sicheres erweisen 
ließ; nur Wurm mußte, zum Tode verurteilt, ins Zuchthaus gehen. 
Dann brach über ganz Deutschland eine jener schweren Teuerungs- 
zeiten herein, welche in der Geschichte fast regelmäßig den Revolutionen vor- 
angehen. Die Ernte der Jahre 1846 und 47 mißriet so gänzlich, daß 
der Zollverein, dessen Getreidehandel sonst immer eine starke Mehrausfuhr 
aufwies, im ersten Jahre fast 2,9 Mill., im zweiten 5 Mill. Scheffel Roggen 
mehr, als die Ausfuhr betrug, einführen mußte. Am durchschnittlichen 
Ertrage der Roggenernte fehlte in Mitteldeutschland fast ein Viertel. Und 
was für unnatürliche Zustände in den einzelnen Landesteilen! Die halb- 
verhungerten Ostpreußen mußten, weil sie selber nicht zahlen konnten, den 
*) S. o. V. 241. 
**) Kabinettsordre an Geh. Rat Mathis, 18. März; Schlöffel an Merckel, 18. März, 
Antwort 19. März; Berichte an den König, vom Minister Graf Arnim 24. März, von 
Mathis 9. April; Thile, Weisung an Graf Arnim, 26. April 1845.
        <pb n="530" />
        522 V. 6. Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft. 
größten Teil ihrer dürftigen Ernte in das Ausland verkaufen. Bei dem 
allgemeinen Elend zeigte sich der Bundestag wieder ebenso nichtig wie 
vor dreißig Jahren, und wieder wie damals verbot Osterreich bundes- 
freundlich sofort die Getreide-Ausfuhr nach den deutschen Nachbarländern. 
Aber auch der Zollverein einigte sich nicht rechtzeitig über gemeinsame 
Maßregeln; man fühlte nur zu schmerzlich, daß der alte König, Motz und 
Eichhorn nicht mehr umsichtig den nationalen Handelsbund behüteten. 
Jeder Bundesstaat handelte auf eigene Faust, am klügsten das Königreich 
Sachsen, das die Ausfuhrverbote des österreichischen Nachbarn nicht er- 
widerte, sondern mit mäßigen Getreide-Einkäufen und einer sehr milden 
Beaufsichtigung des Bäckergewerbes leidlich auskam. Hier allein blieb die 
Ruhe ganz ungestört. Fast überall sonst in den größeren Städten, selbst 
in dem stillen Stettin mußten Zusammenrottungen der hungernden kleinen 
Leute mehr oder minder gewaltsam auseinander getrieben werden. Viel 
zu denken gaben die Unruhen, welche Berlin im April 1847 drei Tage 
hintereinander heimsuchten. Sie wurden durch die Schlaffheit des greisen 
(Gouverneurs Müffling genährt, dann durch das entschlossene Eingreifen 
des Generals Prittwitz und seiner Kürassiere gestillt. Es fiel doch auf, 
wie viele wohlgekleidete Männer sich unter dem hungernden Pöbel um- 
hertrieben; die zahlreichen Verwundeten hielten sich allesamt versteckt, 
kein einziger meldete sich in den öffentlichen Krankenhäusern. Man konnte 
sich des Verdachtes kaum erwehren, daß eine verschworene Umsturzpartei 
die gute Stunde benutzt hatte, um die Widerstandskraft der Staatsgewalt 
einmal auf die Probe zu stellen. Erschreckt durch diese Unruhen, ließ der 
König, um den Armen das unentbehrlichste Nahrungsmittel zu erhalten, 
für einige Zeit die Ausfuhr der Kartoffeln und die Branntweinbrennerei 
untersagen — ein Verbot, das nichts nützte, sondern, wie Kühne vorher- 
sagte, die allgemeine Besorgnis nur steigerte. Der hessische Minister du 
Thil ließ in Holland Getreide einkaufen und verschaffte sich dazu Kredit- 
briefe vom Hause Rothschild. Als aber die Mehrzahl der holländischen 
Verkäufer vorzog, sich in Mainz bar bezahlen zu lassen, da wollte der 
menschenfreundliche Rothschild aus der ungewöhnlichen Landesnot auch 
noch einen ungewöhnlichen Gewinn ziehen und verlangte Entschädigung 
für die unbenutzten Kreditbriefe — was du Thil als „eine Unverschämt- 
heit“ rundweg zurückwies.) Also half sich jeder Landesherr, wie er konnte; 
im Volke blieb viel dumpfer Mißmut zurück. 
Nur an einer Stelle Deutschlands wütete verheerend die Hungers- 
not: unter den Wasserpolen Oberschlesiens. Diese blutarmen Berg- 
arbeiter hatten drei Jahre nacheinander die Kartoffelernte mißraten sehen, 
sie hatten „die Bergmannskuh“, die Ziege längst geschlachtet, sie waren 
entnerot durch die Branntweinspest. Nun da sie schon alle Hoffnung 
S –.# — 
*) Nach du Thils Aufzeichnungen.
        <pb n="531" />
        Hungersnot in Oberschlesien. 523 
fahren ließen, wurde zugleich von Galizien her der Typhus eingeschleppt. 
Der Schnitter Tod heimste seine furchtbare Ernte ein, die unwissenden 
ratlosen Menschen verschlossen sich stumm verzweifelnd in ihren Häuschen. 
Alles war wie gelähmt, kein einziger Pfarrer berichtete dem edlen Fürst- 
bischof Diepenbrock von dem entsetzlichen Jammer. Als endlich doch die 
Schreckenskunde nach Breslau gelangte, da kam Hilfe, aber sie kam zu 
spät. Die Barmherzigen Brüder und Schwestern durchzogen die Dörfer, 
an freiwilligen Beiträgen liefen 360 000 Tlr. ein, weit mehr als die 
Weber des Gebirges erhalten hatten. Doch in den Kreisen Pleß, Rybnik, 
Ratibor mußten Staat und Gemeinden während der nächsten Jahre 4000 
hilflose Waisenkinder versorgen; im Kreise Pleß allein waren im Jahre 
1847 über 6800 Menschen gestorben, fast dreimal mehr als sonst in 
Jahresfrist, und darunter wohl 900 vor Hunger. Die neue Zeit und ihr 
König Dampf hielten auch in Deutschland ihren Einzug über Leichen- 
Wenn der-politische Unmut der Gebildeten und der soziale Groll der 
Armen sich dereinst zu gemeinsamem Kampfe zusammenfanden, dann 
war die alte Ordnung der Dinge verloren. —
        <pb n="532" />
        Siebenter Abschnitt. 
  
Polen und Schleswigholstein. 
Seit der Meerengen-Vertrag den Weltfrieden notdürftig hergestellt 
und zugleich alle die alten Allianzen gelockert hatte, blieb die diplomatische 
Welt mehrere Jahre hindurch fast unbeweglich. In den Kolonien betrieb 
England, in Innerasien Rußland unausgesetzt die alte Eroberungspolitik; 
in Europa aber suchten alle Mächte behutsam den Frieden zu wahren. 
Die einen lähmte die Ahnung der nahenden Revolution, die anderen die 
Angst vor den Kriegswirren, welche der Tod des alternden Bürgerkönigs 
heraufzuführen drohte. Wie unberechenbar die Zukunft dieser geraubten 
Krone war, das fühlten alle tief erschreckt, als der Herzog von Orleans 
im Juli 1842 aus dem Wagen stürzte und starb. Aufrichtig beweinten die 
Franzosen ihren Thronfolger. In seinem Testamente ermahnte er seinen 
Erben, allezeit ein Katholik, ein ergebener Sohn Frankreichs und der Re— 
volution zu bleiben, auch wenn er nie die Krone tragen sollte; und so als 
ein echter Vertreter des modernen militärisch-liberalen französischen Geistes 
hatte er sich selber immer gehalten. Eine Welt von ehrgeizigen Hoffnungen 
ging mit ihm zu Grabe, und Alfred de Musset sang: „doch eine Seite bleibt 
in der Geschichte leer, ein ganz Jahrhundert, ach, voll Ruhmes kommt 
nicht mehr!“ Nach heftigen parlamentarischen Kämpfen wurde die Regent- 
schaft für den Fall der Thronbesteigung des minderjährigen Grafen von 
Paris dem ältesten Oheim, dem Herzog von Nemours übertragen. Diesem 
Lieblingssohne Ludwig Philipps konnte niemand, wie dem Verstorbenen, 
kühne kriegerische Pläne zutrauen; das Volk aber liebte den ernsten, steifen, 
konservativen Prinzen wenig, und wer durfte hoffen, daß eine solche Re- 
gentschaft sich halten oder die nationalen Leidenschaften bändigen würde? 
Je dunkler also die Aussichten des Julikönigtums erschienen, um so 
ängstlicher vermieden die Mächte alles, was den Bestand dieser gebrech- 
lichen Dynastie irgend gefährden konnte. Darum wurde König Friedrich 
Wilhelm von den verbündeten Höfen nur mit leeren Worten unterstützt, 
als er das rechtswidrige Unternehmen des belgisch-französischen Zoll- 
vereins bekämpfte und schließlich vernichtete. Ebenso vereinsamt stand er
        <pb n="533" />
        Verfall des Julikönigtums. Belgische Festungen. 525 
auch, als er die Mächte aufforderte, die seit zwölf Jahren vertragsmäßig 
ausbedungene Schleifung der südbelgischen Festungen, die das kleine König- 
reich gar nicht verteidigen konnte, nunmehr endlich durchzusetzen. ) Diesen 
„infamen Festungsvertrag“ hatte die Pariser Presse seit Jahren immer 
wieder für null und nichtig erklärt. Die Franzosen betrachteten es als 
ihr gutes Recht, daß ihnen im Kriegsfalle die festen Plätze des neutralen 
Belgiens ohne Widerstand geöffnet würden; und — so friedensselig war 
die Welt — als Preußen jetzt an die alte unbestreitbare Vertragspflicht 
erinnerte, da zeigten sich Aberdeen, Metternich, Nesselrode allesamt sehr 
unlustig. Um Preußens willen wollten sie den Tuilerienhof nicht 
kränken..) König Leopold aber beschwor die Mächte (31. März 1845), 
sie möchten ihn nur jetzt nicht an die Verträge mahnen, ihm nur jetzt 
nicht aus lauter Freundschaft Händel bereiten mit den französischen Nach- 
barn und den Parteien daheim. „Bisher“, so schloß er, „hat man mir 
freundlich gestattet, selber zu entscheiden, wann die Ausführung der Maß- 
regel zeitgemäß wäre, und ich wünsche sehr, daß man auch diesmal 
ebenso verfahren möge.“ ***) Die Mächte erhörten seine Bitte, und der 
kluge Koburger wußte dafür zu sorgen, daß der rechte Zeitpunkt für die 
Erfüllung der Verträge niemals eintrat. 
In solchen Zeiten, da die großen politischen Gegensätze ruhen und 
kein fruchtbarer neuer Gedanke eine entschiedene Parteistellung erzwingt, 
pflegt das kleine diplomatische Ränkespiel zu blühen. Trotz der Legende 
von dem Bunde des freien Westens und trotz der persönlichen Vertrau- 
lichkeit der beiden Königshöfe stellte sich das belobte herzliche Einvernehmen 
zwischen England und Frankreich nie wieder vollständig her. Diesseits wie 
jenseits des Kanals hatten die letzten Kämpfe ihren Stachel zurückgelassen, 
die natürliche Eifersucht brach überall hervor. Sie zeigte sich, als Eng- 
land das Recht, verdächtige Sklavenschiffe zu durchsuchen, verlangte, und 
wieder als die Missionäre der beiden Nationen auf den Inseln der Süd- 
see sich befehdeten, und nochmals, als Frankreich einen Streit mit den 
bösen marokkanischen Nachbarn, um nur Englands Einmischung zu ver- 
hindern, durch einen milden Friedensschluß schleunig beilegte. Alle diese 
kleinen Händel wurden durch den Parteihaß der Franzosen mit maß- 
loser Übertreibung ausgebeutet; die Pariser Presse blieb dabei, dies Mi- 
nisterium des Auslands wage nirgends den Fremden die Zähne zu zeigen. 
Und allerdings pflegte Guizot die berechtigten wie die unberechtigten Auf- 
wallungen der nationalen Empfindlichkeit mit wegwerfender Verachtung 
abzufertigen; seinen Hörern war dabei zu Mute, als ob er selbst die 
Fragen der auswärtigen Politik nur mit kalter Hundsnase obenhin be- 
*) S. o. IV. 80. 
**) Berichte von Liebermann, 27. März 1844; von Bunsen, 18. 31. März 1845. 
Brunnow an Nesselrode, 8 April 1845. 
*77*) König Leopold von Belgien an v. d. Weyer in London, 31. März 1845.
        <pb n="534" />
        526 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
schnoberte. Auch in England bekundete sich eine gereizte, mißtrauische 
Stimmung, seit Palmerston (1846) wieder in das Auswärtige Amt ein— 
getreten war. Der Lord konnte seine Streitigkeiten mit Talleyrand nie 
vergessen, überall in der Welt witterte er Pariser Ränke, sogar das lang— 
same Anwachsen der französischen Seemacht schien ihm bedrohlich. Wie 
zornig klagte Bunsen, als die Mittelmeermacht Frankreich sich in ihrem 
Hafen Toulon einige neue Kriegsschiffe erbaute; er meinte, „es wäre eine 
Wohltat für Europa, wenn England die Anmaßung der Bourbonen im 
Mittelmeere demütigte!“ An der mediterranischen Fremdherrschaft der 
Briten fand dieser Deutsch-Engländer nichts auszusetzen.) 
Das Bündnis der Westmächte wankte; um so lebhafter bewarb sich 
Guizot daher um das Wohlwollen des Wiener Hofes. Eifrig, und nicht 
immer würdevoll beteuerte er der Hofburg seine konservative Gesinnung: 
er wollte mit allen Mächten gemeinsam die Anarchie bekämpfen, in Italien 
die Revolution niederhalten, in Spanien die Monarchie wiederaufrichten; 
er bat dringend, man möge in Wien die Bedeutung der entente cordiale 
der Westmächte nicht mißverstehen, nicht die „reinen Monarchien“ den 
konstitutionellen feindlich gegenüberstellen. Nicht ohne Schadenfreude emp- 
fing Metternich solche beflissene Versicherungen, unter Freunden spottete 
er wohl: diese Westmächte nennen sich also selber unreine Monarchien!) 
Gleichwohl fühlte er sich durch eine geheime Wahlverwandtschaft zu dem 
bekehrten französischen Doktrinär hingezogen, das alternde Julikönigtum 
wurde dem österreichischen Regierungssysteme immer ähnlicher. Ganz so 
tugendstolz wie Metternich nannte Guizot seine Politik des Widerstandes 
unc politique un peu grande seulement, und ganz so starr wie dieser 
behauptete er seine pensée immuable. Erhaltung des Bestehenden — 
so lautete der Wahlspruch in den Tuilerien wie in der Hofburg, und bald 
wußte jedermann in der diplomatischen Welt, daß Metternich das einst 
vcrabscheute Bürgerkönigtum jetzt als eine Stütze der europäischen Ord- 
nung behutsam zu schonen suchte. 
Derweil Österreich und Frankreich also einander näher traten, be- 
mühte sich Zar Nikolaus, die neue Freundschaft mit England zu befestigen. 
Wohl war er entschlossen, das sogenannte legitime Recht auch in Österreich 
zu verteidigen; und niemals beirrte ihn die naheliegende Frage, ob er nicht 
die nationalen Gegensätze des Nachbarreichs für panslawistische Zwecke aus- 
beuten solle. Als ihm Metternich (1837) die Möglichkeit einer ungarischen 
Revolution vertraulich vorstellen ließ, da befahl er seinem Kanzler: 
„Danken Sie dem Grafen Ficquelmont für diese wichtige Mitteilung. Ich 
bitte Gott, daß er Österreich die Prüfung, die sich vorbereitet, ersparen 
möge. Ich hoffe, die Maßregeln sind gut getroffen, aber in jedem Falle 
*) Bunsens Bericht, 18. Febr. 1847. 
**) Guizot an Flahault, April 1844. Canitzs Bericht, 20. April 1844.
        <pb n="535" />
        Verschiebung der alten Allianzen. 527 
kann Österreich auf Rußland zählen“ —“*) ein Versprechen, das er zwölf 
Jahre später ritterlich einlöste. Doch ein rückhaltloses Vertrauen zu Met- 
ternich hatte er nie gehegt, weil er ihm, sicherlich mit Unrecht, eine ge- 
heime Mitschuld an dem Dekabristenaufstande und der polnischen Revo- 
lution beimaß. Neuerdings fühlte er sich auch persönlich verletzt. Er 
wünschte, seine schöne Tochter Olga mit dem geistreichen jungen Erzherzog 
Stephan zu verheiraten, und sendete deshalb sogar seinen Vertrauten 
Orlow an die Donau (1844); der österreichische Hof aber verlangte, 
stolzer als die deutschen protestantischen Fürsten, daß die Großfürstin 
zur katholischen Kirche übertreten müsse. Daran scheiterte alles, und 
Nikolaus sah sich, da das Geheimnis schlecht gewahrt wurde, ärgerlichen 
hämischen Nachreden ausgesetzt. *) Gegen Frankreich bewahrte er noch 
den alten Groll, und seinem preußischen Schwager traute er wenig, schon 
wegen der reichsständischen Pläne; überhaupt hatte Preußen das hohe 
Ansehen, das ihm der alte König in den letzten Jahren verschafft, längst 
eingebüßt, keine der großen Mächte bemühte sich ernstlich um die Freund- 
schaft des unberechenbaren neuen Monarchen. 
Für die orientalischen Entwürfe, die den Zaren noch immer unaus- 
gesetzt beschäftigten, erschien ihm England als der einzige wertvolle Bundes- 
genosse; war diese Macht gewonnen, dann folgten die beiden Ostmächte 
von selbst und Frankreich blieb wieder zur Seite liegen. Schon zweimal, 
in den Tagen der Navariner Schlacht und soeben wieder durch Brunnows 
Sendung, hatte er die Briten zur Mitwirkung bei seiner orientalischen 
Politik verführt; er traute sichs zu, nunmehr auch eine Verständigung 
über die Zukunft des osmanischen Reiches zu bewirken. Bald nach dem 
Meerengen-Vertrage überraschte er die Hofburg durch die Anfrage, ob man 
nicht wohl tue, dem englischen Hofe einen Beweis rückhaltlosen Ver- 
trauens zu geben: der geheime Münchengrätzer Vertrag, der die beiden 
Kaisermächte verpflichtete, beim Untergange der Türkei nach gemeinsamem 
Plane zu handeln, sollte dem Londoner Kabinett mitgeteilt werden.) 
Metternich aber widersprach; er fürchtete offenbar, eine solche unerwartete 
Aufrichtigkeit würde den Argwohn der Briten nur verschärfen, und über- 
dies hatte er ja selbst jenem Vertrage nur zugestimmt, um Rußland im 
Oriente zu überwachen. Darauf entschloß sich Nikolaus, durch den Zauber 
seiner persönlichen Erscheinung zu wirken. Im Mai 1844 verbreitete sich 
zu Petersburg das Gerücht, der Zar beabsichtige eine große Reise. Ehe 
man noch etwas über das Ziel der Fahrt vernahm, erschien er schon 
  
*) Brunnow, Aperçu général de nos relations avec les puissances de P’Europe 
Ich kenne aus diesem Apercu nur einige Zitate, welche V. Hehn in seiner Denkschrift 
„Einblick in die Auswärtige Politik des Kaisers Nikolaus“ (Petersburg, März 1857) mit- 
teilt. 
**“) Liebermanns Berichte über Orlows Sendung, 6. Febr. 1844 ff. 
***) S. o. IV. 330.
        <pb n="536" />
        528 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
selber bei den königlichen Verwandten in Potsdam, nach seiner Gewohnheit 
alle überraschend, und fuhr am nächsten Morgen weiter, um die Königin 
Victoria zu besuchen. 
In England wurde der unerwartete Gast mit Ehrenbezeigungen über— 
schüttet. Man erlaubte ihm sogar, allem britischen Hofbrauche zuwider, 
in Uniform zu erscheinen; denn in bürgerlicher Kleidung fühlte er sich 
unbehaglich, als ob man ihm die Haut abgezogen hätte. Die Damen 
der vornehmen Welt wollten gerade in diesen Tagen, wie alljährlich, einen 
großen Polenball abhalten mit einer Sammlung zum Besten der Flücht— 
linge; nun fragten sie sich ängstlich, ob man unter den Augen des Zaren 
eine solche Feindseligkeit wagen dürfe. Da richtete Brunnow ein sanftes 
Brieflein an die Lady Patroneß, die Herzogin von Somerset: „ich bin 
von Sr. Majestät beauftragt, mich mit jeder Summe zu unterschreiben, 
deren Sie für Ihren wohltätigen Zweck etwa noch zu bedürfen glauben.“*) 
So ward die politische Absicht des Festes vereitelt, in aller Höflichkeit und 
zur großen Entrüstung der polnischen Flüchtlinge. Nikolaus erwies der 
jungen Königin ritterliche Ehrfurcht, ihren Kindern väterliche Zärtlichkeit, 
er pries begeistert die Reize Windsors und des englischen Landlebens. 
Immer sprach er im Tone des offenherzigen Biedermannes: ich weiß es 
wohl, man nennt mich einen Schauspieler, ich sage aber meine Meinung 
stets gerade heraus. Dem Lord Aberdeen beteuerte er gemütlich: ich 
habe den Bund der Westmächte niemals beargwöhnt, sondern ihn immer 
für eine Bürgschaft des Weltfriedens gehalten. 
Wie konnte er hoffen, die nüchternen englischen Rechner durch solche 
Künste zu täuschen? Und was sollten sie gar denken, wenn er ihnen sagte: 
ihr haltet die Türkei für todkrank; ich glaube, sie ist schon tot, also müssen 
wir uns über das Schicksal ihrer Trümmer verständigen. Ich will keine Er- 
oberungen; der Besitz Konstantinopels würde leicht die Einheit Rußlands, 
die Zukunft der russischen Nation gefährden. Aber ein byzantinisches Reich, 
wie es König Otto und die Griechen zu erhoffen scheinen, kann ich nicht 
dulden. Das hieße mich selbst vernichten vor meinem Volke und meiner 
Kirche. Zu irgend einem anderen Abkommen bin ich bereit, und ich hoffe, 
daß England mich dabei gegen Frankreich unterstützen wird. Der gradsinnige 
Peel und der gutmütig beschränkte Aberdeen glaubten wirklich, der Zar 
sage die Wahrheit; doch auch sie fühlten, wie Prinz Albert und Wellington, 
den eigentlichen Sinn seiner Worte heraus. Sie erkannten, daß Rußland 
unter keinen Umständen eine selbständige Macht auf der Balkanhalbinsel 
zu dulden gewillt sei; und da England stillschweigend entschlossen war, die 
Bosporuslande nötigenfalls mittelbar oder unmittelbar sich selber anzu- 
eignen, so führten die höfischen Gespräche nur zum Austausch nichtssagen- 
der Artigkeiten. *) H. v. Moltke schrieb in diesen Jahren: die Teilung 
*) Brunnow an die Herzogin v. Somerset, 5. Juli 1844. 
**) Berichte von Thile, London 7. 10. Juni, von Bunsen, 2. Sept. 1844.
        <pb n="537" />
        Fürstenbesuche in England. 529 
der Türkei sei wie die Teilung eines Diamantrings; es frage sich allein, 
wer den Diamanten Stambul erhalten solle. Ebenso dachten die bri— 
tischen Staatsmänner. Ein Versprechen für die Zukunft wollten sie 
schlechterdings nicht geben, was der Zar bei besserer Kenntnis der eng- 
lischen Politik wohl hätte voraussehen müssen. Seine Reise verfehlte 
ihren Zweck, und wenn ein russisches Rundschreiben nachher von dem 
glücklich erzielten Einvernehmen sprach, so sollten die vieldeutigen Worte 
nur die erlittene Niederlage verhüllen. 
Und nicht bloß in den orientalischen Verhandlungen verriet sich der 
Gegensatz, der beide Höfe trennte. Ganz so schroff wie vormals redete 
Nikolaus allerdings nicht mehr über das Recht der Legitimität; Don Car- 
los und Heinrich V. waren ihm ja beide widerwärtig wegen ihrer per- 
sönlichen Nichtigkeit und ihrer klerikalen Gesinnung. Doch trotz der deut- 
lichen Winke der Königin Victoria wollte er sich auch jetzt noch nicht ent- 
schließen, mit ihrem belgischen Oheim einen regelmäßigen diplomatischen 
Verkehr anzuknüpfen; denn König Leopold hatte ihn erst kürzlich wieder 
scharf gereizt durch die Aufnahme polnischer Offiziere in das belgische 
Heer. Nach der Heimkehr versicherte Nesselrode den fremden Gesandten 
stolz: nunmehr sei die entente cordiale für immer ein leeres Wort.“) 
In Wahrheit wurde die längst schon unsichere Freundschaft der Westmächte 
durch die Reise des Zaren weder erschüttert noch gestärkt. Ludwig Philipp 
witterte gleichwohl Unrat und nach seiner plebejischen Weise beeilte er 
sich ebenfalls zu „seiner Victoria“ hinüberzufahren. Nachdem mittlerweile 
der Prinz von Preußen dem englischen Hofe einen anspruchslos freund- 
schaftlichen, ganz unpolitischen Besuch abgestattet hatte, erschien im Oktober 
auch der Bürgerkönig. Auch er wurde hochgeehrt, sogar mit dem Hosen- 
band-Orden geschmückt; der Lordmayor und die Aldermen von London 
erfreuten sich seiner biderben Ansprachen und seiner kräftigen Handschütte- 
lungen. Dem stolzen Adel aber gefiel er weniger als der Zar, dessen 
Reise doch schon durch ihre soldatische Keckheit Bewunderung erregt hatte. 
Die parlamentarischen Staatsmänner überlief es kalt, wenn der redselige 
Orleans ihnen selbstgefällig erzählte, wie viele Minister er nun schon er- 
hoben und wieder zu Falle gebracht hätte. Robert Peel meinte: er ist 
ein sehr schlauer und gewandter König, sein System mag gut sein für 
Frankreich, nicht für England.) 
Nach Frauenart fühlte sich Königin Victoria durch alle diese Hul- 
digungsreisen lebhaft geschmeichelt; sie meinte gerührt, so viele Freunde 
verdanke sie ihrem geliebten Gatten und dem guten Rufe ihrer glücklichen 
Ehe. Wie wenig indes die Höflichkeit der Fürsten für die Politik bedeutete, 
das lehrte der rastlose diplomatische Kampf im Osten, auf den alten 
  
*) Liebermanns Bericht, 26. Okt. 1844. 
*#*) Bunsens Bericht, 16. Okt. 1844. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 34
        <pb n="538" />
        530 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
Tummelplätzen des internationalen Ränkespiels. Was mußte das unglück- 
liche Griechenland leiden unter dem ewigen Gezänk der drei Mächte, die 
sich wie zum Hohne die puissances créatrices, die Erzeuger des jungen 
Königreichs nannten. Dem Zaren war die Selbständigkeit des Rebellen- 
staates und seines katholischen Herrscherhauses von vornherein wider- 
wärtig. Dem König Otto hatte er selbst durch die Zusendung eines kaiser- 
lichen Generaladjutanten, die doch sonst überall im Oriente als unfehl- 
bares Überredungsmittel wirkte, nicht für die orthodoxe Kirche zu ge- 
winnen vermocht; und seit der Kronprinz von Bayern gar die Hand 
seiner Tochter Olga verschmäht hatte 7), hegte er einen tiefen Groll gegen 
alle Wittelsbacher. 
Auch wußte die wohl erfahrene russische Diplomatie genau, daß ein 
großer nationaler Staat auf der Balkanhalbinsel, wenn er überhaupt 
möglich war, nur durch das hellenische Volkstum geschaffen werden konnte. 
Welche Lebenskraft bewährte doch immer noch, trotz der starken Blutver- 
mischung und trotz der politischen Ohnmacht dies unverwüstliche Hellenen- 
tum, das einst sogar gegen die weltherrschende Roma seine Kultur im Ost- 
becken des Mittelmeeres behauptet hatte. Die meisten der großen Kaufleute 
in den Hafenplätzen des Osmanenreiches waren Griechen; sie arbeiteten, 
wagten und sparten, derweil die Türken in Trägheit verkamen; sie bildeten 
eine große stille Verschwörung mit den Landsleuten im kleinen Mutter- 
lande, die beständig eine Erweiterung ihrer unerträglich engen Grenzen ver- 
langten. Selbst die zäheste Nationalität des Abendlandes, die italienische, 
widerstand ihnen nicht, alle die alten venetianischen Geschlechter auf den 
ionischen und den kykladischen Inseln wurden nach und nach zu Byzantinern. 
Da der Zar sich selber als den rechtmäßigen Erben des Doppeladlers von 
Byzanz betrachtete, so sah er sich demnach gezwungen zu einer arglistigen 
Politik, welche, sobald sie durchschaut war, die Hellenen mit unauslösch- 
lichem Groll erfüllen mußte. Er ließ einerseits, um die Türkei zu schwächen, 
die ohnmächtige Ländergier der Griechen insgeheim aufstacheln und suchte 
andererseits die Macht des jungen Königtums zu untergraben. Dies 
Doppelspiel betrieb mit unheimlicher Gewandtheit der russische Gesandte 
Katakazi, ein Grieche, der sich der besonderen Gunst Nesselrodes erfreute.?) 
Katakazi unterhielt geheimen Verkehr mit der orthodoxen Partei der Nap- 
pisten, die ihre begehrlichen Blicke zunächst auf Thessalien warf; seine 
Berichte sprachen mit äußerster Geringschätzung von König Otto, von 
dessen Umgebung, von dem gesamten griechischen Staatswesen.) 
Ebenso feindselig zeigte sich England, freilich aus ganz verschiedenen 
Gründen. Sämtliche Parteien des Inselreichs, vor allen die Whigs, 
glaubten jetzt wieder an die Unantastbarkeit der Osmanenherrschaft; die 
*) S. o. IV. 536. 
**) Liebermanns Bericht, 21. Nov. 1843. 
*7#) Katakazis Berichte, 26. April, 27. Mai 1842 ff.
        <pb n="539" />
        Griechenland und die Schutzmächte. 531 
philhellenischen Träume waren verflogen, das junge, durch England selbst 
mitgeschaffene Königreich wurde als ein Pfahl im Fleische der heiligen 
Türkei tödlich gehaßt. Als ein getreuer Vertreter dieses eingefleischten 
Nationalhasses erschien in Athen, durch Palmerston gesendet, Sir E. Lyons. 
Der rohe Seemann begegnete dem Hofe mit einer Anmaßung, die sogar 
über das Maß englischer Anmut weit hinausging, er blieb selbst der 
Geburtstagsfeier des Königs fern?), er verlangte hartnäckig die pünkt- 
liche Verzinsung der Anleihe, welche die drei Schutzmächte bei Rothschild 
aufgenommen hatten, obgleich er wußte, daß dies blutarme Land solchen 
Forderungen unmöglich genügen konnte, und bald erzählte sich alle Welt, 
daß er insgeheim die konstitutionelle Partei der Griechen aufwiegelte. 
Palmerston scheute sich längst nicht mehr, offen auszusprechen, England 
habe den Beruf, überall, namentlich in dem absolutistischen Südeuropa, 
die konstitutionellen Bestrebungen zu fördern; dann wird — so sagte er 
mit gewohnter Selbstgefälligkeit, „die nationale Partei überall von selbst 
die englische Partei sein“.) In dieser unziemlichen Stellung eines ge- 
heimen griechischen Parteihauptes verblieb Lyons selbst während der fünf- 
jährigen Tory-Regierung. Aberdeen wollte den gefährlichen Zänker nicht 
abrufen; ihm war es willkommen, wenn Griechenland sich durch inneren 
Hader schwächte. Auch der französische Gesandte Piscatori nahm an den 
Umtrieben der konstitutionellen Partei eifrig teil, schon weil er dem 
Briten nicht den Vortritt überlassen durfte; immerhin bewies Frankreich 
allein unter den drei Schutzmächten dem mißhandelten Schützling noch 
einiges Wohlwollen und suchte ihm namentlich die Finanznot großmütig 
zu erleichtern. 
Bei solchem Gewirr heimischer und ausländischer Ränke fühlte sich 
König Otto völlig haltlos. Herrschergaben fehlten ihm so gänzlich, daß 
schon vor Jahren Armansperg und die englische Partei ernstlich daran 
gedacht hatten, ihn auf Grund eines ärztlichen Gutachtens für regierungs- 
unfähig zu erklären. Nirgends besaß er persönliche Anhänger; die Hellenen 
schalten noch immer auf die Bavaresi, obgleich alle Bayern, bis auf einige 
Vertraute und Diener des Königs, längst heimgezogen waren. Auch seine 
Gemahlin, die schöne, geistvolle, ehrgeizige Amalie von Oldenburg wurde 
dem demokratischen Volke bald unleidlich, weil sie ihre königliche Würde 
sehr hoch hielt. Wie aussichtslos hatte sich doch die Lage dieses einst von 
ganz Europa verherrlichten und jetzt überall mißachteten Staates gestaltet. 
Seine Hauptstadt blühte auf, ihre junge Universität wurde von den Söhnen 
des lernbegierigen Volkes fast allzu eifrig besucht, die reichen Griechen im 
Auslande schmückten wetteifernd das wiedererstandene Athen mit Pracht- 
gebäuden. Aber je rascher hier ein neuer Mittelpunkt hellenischer Kultur 
* Liebermanns Bericht, 18. Juli 1842. 
*“ Bunsens Bericht, 6. April 1847. 
34*
        <pb n="540" />
        532 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
emporwuchs, um so widersinniger erschien das Verlangen nach einer 
anderen Metropole, und doch konnte das erhoffte Byzantinerreich seine 
Hauptstadt nur am Bosporus finden, alle Griechen in der großen Polis 
blickten verächtlich auf das kleine Athen hernieder. Der kriegerische Geist 
war völlig erloschen; für die Verstärkung des erbärmlichen Heeres hatten 
jene großen Kaufherren, welche für Akademien und Bibliotheken Mil— 
lionen spendeten, keine Drachme übrig. Ohne Geld und Waffen konnte 
der König, wie lebhaft er es auch selber wünschte, dem nationalen Ehrgeiz 
unmöglich entsprechen. 
An dem österreichischen Gesandten, dem eitlen, federgewandten Prokesch 
v. Osten fand er auch keine feste Stütze; denn Metternich wollte von dem 
verabscheuten Staate der Revolution noch immer nichts hören, er sagte 
scharf: „ich preise mich glücklich, weil ich an der Schöpfung dieser poli- 
tischen Mißgeburt gar keinen Anteil genommen habe.“*7) Der einzige 
zuverlässige diplomatische Ratgeber Ottos blieb der preußische Gesandte 
Brassier de St. Simon, ein leichtlebiger, feingebildeter Weltmann, der einst 
den Berliner Hof durch seine geistreichen Gespräche entzückt hatte, als 
Dichter der Barkarole „Das Schiff streicht durch die Wellen“ auch in wei- 
teren Kreisen bekannt war. Nebenbei trieb er somnambüle Zauberei, wie ja 
fast alle preußischen Diplomaten dieser politischen Dilettantenzeit, Bunsen, 
H. v. Arnim und andere, sich mit Homöopathie, Magnetismus und ähn- 
lichen brotlosen Künsten vergnügten. Schon der alte König hatte die grie- 
chische Politik der Wittelsbacher immer unterstützt und vor Jahren seinem 
Neffen Adalbert die Annahme der hellenischen Krone untersagt, weil er den 
bayrischen Verwandten ihre Zirkel nicht stören wollte. Der Nachfolger war 
der philhellenischen Jugendträume noch immer eingedenk: er freute sich, daß 
sein Gesandter dem geliebten Neffen treu zur Seite stand"*), und vernahm 
es gern, wenn König Ludwig immer wieder dankbar aussprach: Preußen 
allein zeigt sich in diesen schweren Tagen als Bayerns ehrlicher Freund.*7) 
Freilich galt der preußische Staat, da er nicht einmal ein Kriegsschiff 
in den Piräus senden konnte, bei den Griechen sehr wenig. Brassier 
erwarb sich durch sein vertrautes Verhältnis zum Hofe nur den Haß 
der Parteihäupter, und leider zeichneten sich auch die Ratschläge, die 
aus Potsdam kamen, keineswegs durch Weisheit aus. Wie die Dinge 
lagen, durfte König Otto, der doch nur von Volkes Gnaden regierte, den 
Hellenen die ersehnte Verfassung nicht länger vorenthalten; je früher er 
den notwendigen Schritt freiwillig wagte, um so sicherer konnte er hoffen, 
die monarchische Macht notdürftig aufrecht zu halten. Der Vater in 
München aber und der Oheim in Sanssouci beschworen ihn beide, der 
konstitutionellen Partei nichts zuzugestehen. 
„)Canitzs Bericht, 18. Okt. 1843. 
*“#) König Friedrich Wilhelm, Marginalnote für Thile, 6. Dez. 1845. 
*7*) Küsters Berichte, München, 21. Jan., 30. März 1844.
        <pb n="541" />
        Revolution in Athen. 533 
So ging eine köstliche Zeit verloren, die Gesandten der drei Schutz- 
mächte hetzten und wühlten ungestört. Am 15. Sept. 1843 brach endlich 
eine Soldatenmeuterei aus. Oberst Kalergis, ein erklärter Anhänger der 
russischen Partei, führte seine Truppe gegen das Schloß, und der er- 
schreckte König ließ sich das Versprechen einer Verfassung abtrotzen. Als- 
bald ward die Verheißung vom Altane des Palastes herab verkündigt, 
unter donnernden Zitorufen, in Gegenwart der fremden Gesandten. Be- 
amte und Heer beschworen im voraus das Syntagma, dann trat eine 
Nationalversammlung zusammen, um die beschworene Verfassung nach- 
träglich zu schaffen. Gewiß stand Katakazi hinter der Verschwörung, auch 
Lyons und Piscatori hatten nachgeholfen; und ebenso gewiß wollten die 
Empörer den katholischen König entthronen, eine Absicht, die nur durch die 
rasche Zusage der Verfassung vereitelt wurde. Da der Aufruhr mithin 
seinen eigentlichen Zweck verfehlt hatte, und der Zar vor der Welt doch 
unmöglich als Beschützer einer Konstitution erscheinen durfte, so wurde 
Katakazi unter lauten Kundgebungen des kaiserlichen Zornes abberufen, 
nachher aber in Rußland ganz unbehelligt gelassen. Der Petersburger Hof 
gab sich fortan den Anschein, als ob er mit diesen verworfenen Hellenen 
nichts mehr zu tun haben wollte; er ließ sich in Athen nur noch durch 
einen Residenten vertreten, und Nesselrode sagte sardonisch lächelnd: die 
griechische Verfassung wird ganz abscheulich, aber eine, die norwegische, ist 
doch noch schlechter.) Inzwischen brachen über das unselige Land alle 
Plagen der parlamentarischen Korruption herein. Die natürliche Bered- 
samkeit der Hellenen entlud sich in endlosen Wortkämpfen; eine Schar 
von Palikaren mußte das Haus der Nationalversammlung bewachen, um 
die Masse der Gunstjäger und Stellensucher, die sich schreiend und mark- 
tend an die Volksvertreter herandrängten, in Ordnung zu halten. 
Wie zu erwarten stand, geriet das neue Syntagma ganz nach dem 
Sinne des unerfahrenen Radikalismus, nach der doktrinären Pariser 
Schablone. Der russische Ursprung dieser unsauberen Revolution verriet 
sich jedoch sehr deutlich in dem einstimmig angenommenen Artikel, der von 
den künftigen Königen das griechische Glaubensbekenntnis verlangte. Aller- 
dings konnte hier in den Heimatlanden des Cäsaropapismus nur ein 
orthodoxer König als ein wahrhaft nationaler Fürst gelten; dem Hause 
Wittelsbach war aber das Thronfolgerecht schon ohne konfessionelle Be- 
schränkungen übertragen, durch die Verträge der Schutzmächte und durch 
die Zustimmung des hellenischen Volks. Wie durfte man solche Verträge 
jetzt einseitig ändern? König Ottos Ehe blieb kinderlos; der ersehnte 
Konstantinos kam nie zur Welt. Prinz Luitpold, der nächstberechtigte 
Bruder, erklärte als treuer Katholik entschieden, daß er weder selbst über- 
treten, noch seinen Söhnen einen Glaubenswechsel gestatten würde; 
*) Liebermanns Bericht, 16. April 1844. 
**) Küsters Bericht, München, 30. März 1844.
        <pb n="542" />
        534 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
und der bekümmerte Vater König Ludwig sendete den Fürsten Wallerstein 
nach London und Paris, um irgend eine Bürgschaft für das Erbfolge— 
recht der Wittelsbacher, sowie für die monarchische Gewalt der griechischen 
Krone zu erlangen. Beide Westmächte gaben nur unbestimmte Zusiche— 
rungen, und die Fortsetzung der diplomatischen Reise bis nach Athen unter— 
blieb schließlich, weil Wallerstein selbst einsah, daß die Anwesenheit eines 
Bavaresen die erhitzten Hellenen noch mehr reizen würde.“) Unterdessen 
waren die drei Schutzmächte zu einer Konferenz zusammengetreten; und 
hier sagte Brunnow unschuldig: durch den nachträglichen Beschluß über 
das orthodoxe Bekenntnis der Hellenenkönige würde das Erbfolgerecht der 
Wittelsbacher doch nicht beeinträchtigt. Er begriff gar nicht, wie man der 
griechischen Nationalversammlung das Recht zu solchen Beschlüssen be— 
streiten könne. Ebenso unschuldig schrieb Nesselrode nach München: 
„Haben nicht alle unsere Verhandlungen den Zweck gehabt, den Thron 
Griechenlands den Nachkommen des Königs von Bayern zu sichern? 
Und würde dieser Gedanke nicht eine neue Verbürgung erhalten, wenn man 
bestimmte, daß der künftige Souverän sich mit seinem Volke durch die 
Bande des gleichen Glaubens vereinigen muß? An dem Kaiser von Ruß- 
land ist es sicherlich nicht, eine Notwendigkeit zu bestreiten, worüber alle 
Griechen einstimmig sind.“?) 
Die Konferenz wußte sich nicht zu helfen, und schließlich riet ihr 
der König von Preußen, der jeden Eingriff in die Rechte des bayrischen 
Hauses verhindern wollte, die Schutzmächte möchten die förmliche Ent- 
scheidung der konfessionellen Frage vorläufig vertagen.*) So geschah es 
auch. Die Schutzmächte begnügten sich, einige fromme Münsche für die 
Wiederherstellung der Ordnung in Hellas kundzugeben; um so nachdrück- 
licher sprachen sie die Erwartung aus, daß ihr Schützling seine Geldver- 
pflichtungen erfüllen und auf alle Gebietserweiterungen verzichten müsse. 
Ihr gemeinsames Kind sollte in seiner Nichtigkeit verharren — in diesem 
Gedanken fanden sich die drei liebevollen Erzeugermächte zusammen; und 
salbungsvoll schrieb Aberdeen seinem russischen Freunde: wichtig ist nur, 
jeden Angriff der Griechen auf die Türkei zu verhindern, darum wollen 
wir uns beiderseits dem hellenischen Parteitreiben fern halten „und wahr 
gegeneinander bleiben, mein teuerer Brunnow“.T) England und Ruß- 
land forderten nunmehr die Abtragung der Schulden so ungestüm, daß 
der griechische Finanzminister der Nationalversammlung erklären mußte, 
ein Budget könne er überhaupt nicht vorlegen, und König Otto sich schließlich 
genötigt sah, sein Heer auf 5000 Mann herabzusetzen. Mehr — meinte 
*) Liebermanns Berichte, 26. Dez. 1843, 23. Jan., 13. Juli 1844. 
**) Bunsens Bericht, 23. Febr. Nesselrode, Weisung an Viollier in München, 
22. Febr. (a. St.) 1844. 
***) Thiles Bericht, London, 18. April 1844. 
I7) Aberdeen an Brunnow, 18. Okt. 1844.
        <pb n="543" />
        Griechenland und die Wittelsbacher. 535 
Aberdeen — brauchen die Hellenen nicht, als eine Schutztruppe für den 
inneren Sicherheitsdienst; und noch deutlicher sagte nachher Palmerston: 
wir wollen diesem Volke seine byzantinischen Gelüste für immer aus— 
treiben!*) Die neue Verfassung, mitsamt dem Artikel über die orthodoxe 
Thronfolge blieb unverändert, stillschweigend anerkannt von den Schutz- 
mächten. Also hatte Rußland die verschmähte Olga gerächt und sein Spiel 
mindestens halb gewonnen. Die Wittelsbacher waren zwar nicht entthront, 
doch jedermann mußte voraussehen, daß König Otto besten Falls nur 
noch auf Lebenszeit regieren und sein Bruder Luitpold niemals die Krone 
der Hellenen tragen würde. Mit vollem Rechte lärmten daher die bayri- 
schen Zeitungen, am lautesten die ultramontanen, wider die Feindseligkeit 
der Moskowiter. Nesselrode zählte aber zu jenen ehrlichen Leuten, denen 
sich nichts beweisen läßt; er forderte Genugtuung, drohte mit Abbruch 
des diplomatischen Verkehrs. Endlich ließ sich der Münchener Hof zu 
einigen Entschuldigungen herbei und verbot seinen Zeitungen, auf Ruß- 
land zu schelten.) 
In Griechenland kämpften die Anhänger der drei Schutzmächte noch 
lange miteinander. Brassier de St. Simon wurde abberufen, weil die Uhr 
des Absolutismus abgelaufen war. England suchte seine Schuldforderungen 
mit der äußersten Gehässigkeit, einmal sogar durch die Absendung von 
Kriegsschiffen einzutreiben. Die Russen sahen diesen rohen Mahnungen 
mit stiller Schadenfreude zu; König Friedrich Wilhelm aber, der freilich 
nicht helfen konnte, beklagte bitterlich, wie die Mächte das unselige Land 
also durch die britische Habgier zu Grunde richten ließen.*“) Zuletzt er- 
rang Kolettis, der Führer der französischen Partei einen vollständigen 
Sieg. Palmerston schäumte vor Zorn, als er diesen Triumph Guizots er- 
fuhr. Er überhäufte die griechische wie die bayrische Regierung mit groben 
Schmähungen und suchte auch Preußen gegen die beiden Wittelsbachischen 
Höfe aufzuregen. „Das Königreich Griechenland“, schrieb er nach Berlin, 
„ist von den drei Mächten nicht geschaffen worden für die persönlichen Vor- 
teile und Vergnügungen eines bayrischen Prinzen, sondern ein bayrischer 
Prinz ist von den drei Mächten zum König von Griechenland erwählt 
worden, um die griechische Nation zu beglücken und ihr zu nützen“. Es 
wird noch dahin kommen, daß König Otto „durch unfähige, bestechliche und 
tyrannische Minister den Griechen ein System der Mißregierung und 
Unterdrückung auferlegt, das die Stellung eines Untertanen des Königs 
von Griechenland weniger erträglich macht, als die Stellung eines Rajahs 
des Sultans.“ xF) Canitz erwiderte trocken: „uns liegt nur an der Un- 
abhängigkeit Griechenlands, darum wollen wir seine Regierung nicht stören; 
*) Bunsens Berichte, 11. März 1845, 5. März 1847. 
**) Gise an Viollier, 7. Dez. Weisung an Graf Bray in Petersburg 7. Dez. 1843. 
*“*) Canitz, Weisung an Rochow, 3. Sept. 1846. 
#) Palmerston an Westmoreland, 18. Mai 1847.
        <pb n="544" />
        536 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
ehe man so heftige Vorwürfe erhebt, müßte man wenigstens die Stimme 
der griechischen Nation hören.“*) In Athen erregten Palmerstons Wut— 
ausbrüche und die wachsende Anmaßung seines Gesandten Lyons nur 
Widerwillen. 
Kolettis behauptete sich, und unter seiner mehrjährigen Regierung 
drang die französische Gesinnung den Hellenen in Fleisch und Blut. Den 
deutschen Philologen, zumal dem geistvollen Otfried Müller, der auf dem 
Hügel von Kolonos sein frühes Grab fand, widmeten sie wohl einige Hoch— 
achtung; ihre Liebe aber schenkten sie, wie alle Orientalen, den Pariser 
Sitten. Der Tuilerienhof beeiferte sich auch, durch seine freundliche Hal— 
tung solche Empfindung zu bestärken, und ganz unwiderstehlich erschien 
diesem halbgesitteten Volke die Macht der französischen liberalen Phrase. 
Die beiden Hauptplätze Athens hießen nach dem Pariser Muster der Ein— 
trachtsplatz und der Verfassungsplatz, man lustwandelte abends von der 
Homonoia zum Syntagma. Doch die Eintracht stand auf ebenso schwachen 
Füßen wie das Grundgesetz. Die politische Kraft der Hellenen war durch 
die berechnete Grausamkeit der Schutzmächte, durch inneren Zwist und 
kaufmännische Waffenscheu auf lange hinaus geschwächt, und die sanfte 
Schirmherrschaft, welche der französische Gesandte fortan im Schatten der 
Akropolis ausübte, bedeutete für Europa sehr wenig. 
In Athen konnten England und Rußland den Schein der Freund- 
schaft wahren, weil beide das Verderben ihres Schützlings planten. Sonst 
ließ sich die natürliche Nebenbuhlerschaft der beiden Mächte nirgends mehr 
im Oriente ganz verhüllen. Nesselrode wiederholte beständig die friedfer- 
tigen Beteuerungen, die er schon vor Jahren dem britischen Kabinett ge- 
geben hatte: „die Politik des Kaisers im Oriente wird von denselben 
Grundsätzen beherrscht, welche sie in Europa leiten. Entfernt von jedem Er- 
oberungsplane hat diese Politik zum einzigen Zweck die Aufrechterhaltung 
der Rechte Rußlands und die Achtung vor den durch andere Mächte er- 
worbenen legitimen Rechten. Der Gedanke, die Ruhe der englischen Be- 
sitzungen in Indien auch nur zu stören, ist dem Geiste unseres erhabenen 
Herrn niemals nahe getreten.“**) Wenn solche Versicherungen in London 
eintrafen, dann sagte Robert Peel schwermütig: man darf im öffentlichen 
Interesse nicht annehmen, daß Rußland seine Versprechungen nicht halten 
wird. Mittlerweile eroberten die Heere des Zaren nach und nach den 
Kaukasus, und seit das Waffenglück ihnen günstig wurde, zeigte die Nation 
lebhafte Freude an dem Kriege. Das Kaspische Meer war bereits ein 
moskowitischer Binnensee; russische Dampfer, mit persischen Kohlen geheizt, 
befuhren seine Gewässer, und also im Rücken gedeckt, drangen die nordischen 
Eroberer weiter und weiter in die transkaspischen Gebiete. Die wieder- 
  
*) Canitz an Westmoreland, 30. Mai 1877. 
**) Nesselrode an Pozzo di Borgo, 20. Okt. 1838.
        <pb n="545" />
        Die Türkei und die Mächte. Stratford Canning. 537 
holte Anfrage des Petersburger Hofes, ob man sich über die Abgrenzung 
der beiden asiatischen Machtbereiche friedlich verständigen könne, wurde in 
London stets zürückgewiesen, weil die Briten dort im Osten ebenso uner— 
sättlich um sich griffen wie ihre Nebenbuhler. 
In der Türkei ließ sich dem russischen Hofe sein vertragsmäßiges 
Schutzrecht über die christlichen Vasallenstaaten nicht mehr bestreiten, und 
Nikolaus gebrauchte es mit hartem Übermute. Als die Serben (1842) 
ihren Fürsten Michael Obrenowitsch abgesetzt und den Alexander Kara- 
georgewitsch auf den Thron erhoben hatten, da schrieb der Zar dem Sultan 
eigenhändig: „Es ist mir sehr schmerzlich zu sehen, wie die Hohe Pforte 
von dem Wege, welchen die bestimmtesten Satzungen unserer Verträge ihr 
vorzeichnen, sich entfernt, wie sie der billigen Rücksichten vergißt, die eine 
Macht mit Recht erwarten konnte, welche soeben erst dem Osmanischen 
Reiche inmitten der es umringenden Gefahren so glänzende Dienste ge- 
leistet hat — und dies um den Triumph der Revolution anzuerkennen, 
um die Wahl eines Fürsten zu genehmigen, welchen aufrührerische Unter- 
tanen die Frechheit gehabt haben mit den Waffen in der Hand auszu- 
rufen, endlich um dem gefährlichsten Beispiel bie verhängnisvollste Ermu- 
tigung zu geben!“ Der ganze Wortschwall bezweckte lediglich, die Pforte 
nachdrücklich an ihre Abhängigkeit zu erinnern; der serbische Thronwechsel 
selbst war dem russischen Hofe gleichgültig. Der geängstigte Padischah 
mußte nunmehr den entthronten Fürsten feierlich absetzen; dann wurde 
der neue Fürst, der inzwischen abgedankt hatte, abermals gewählt. Öster- 
reich aber wagte so wenig wie die Westmächte dies höhnische Possenspiel 
zu verhindern.) 
Am Bosporus selbst war die russische Diplomatie weniger glücklich. 
Als Gönner der Agypter und der Griechen mußte Frankreich der Pforte 
immer verdächtig bleiben. Österreich und Preußen vermochten in Pera nicht 
viel; Metternich war ganz zufrieden, wenn sein geliebter Großtürke nur un- 
behelligt blieb, er sagte beruhigt: „der Fall der Türkei ist nicht so nahe, wie 
man glaubt.“““*) Die aufdringlichen russischen Beschützer aber wurden aus 
der Gunst des Sultans bald ganz verdrängt durch den neuen britischen Ge- 
sandten Stratford Canning, den tüchtigsten Mann, welcher England je im 
Oriente vertreten hat. Ein geborener Herrscher, menschenkundig, fest, wil- 
lenskräftig und doch nicht so ungestüm wie sein Vorgänger Ponsonby, hieß 
Stratford bei den Osmanen der große Elchi, der erste aller Gesandten, und 
bemächtigte sich gänzlich des nichtigen jungen Padischah, von dem er auf- 
richtig sagte: ein Mündel ist mir lieber als ein Nebenbuhler; die Pforte 
vermag ihren eigenen Vorteil nicht zu beurteilen. Gleich vielen seiner 
Landsleute hatte er einst philhellenische Träume gehegt und dann enttäuscht 
*) Zar Nikolaus an Sultan Abdul Mod#schid, 19. Okt. (a. St.) 1842. Canitzs Be- 
richt, Wien, 7. Aug. 1843. 
*“*) Canitzs Bericht, 13. Dez. 1843.
        <pb n="546" />
        538 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
sich die Meinung gebildet, daß die Türkei von innen heraus verjüngt, der 
christlichen Kultur angenähert werden müsse. Mit Hilfe seines Freundes 
Reschid Pascha erreichte er auch einzelne kleine Milderungen der barbari— 
schen Gesetze: die Folter ward abgeschafft, und der Großherr versprach min- 
destens, daß der Übertritt zum Christentum nicht mehr mit dem Tode be- 
straft, Christenkinder nicht mehr gewaltsam dem Islam zugeführt werden 
sollten. Das alles änderte freilich gar nichts an dem Wesen dieser orienta- 
lischen Theokratie, an der hoffnungslosen Knechtschaft der Rajah-Völker. 
Die russenfeindliche liberale Presse Europas aber verherrlichte mit treu- 
fleißiger Begeisterung alle die Wundertaten der türkisch-englischen Reform- 
politik. Unermeßlich war der Jubel, als ein diplomatisches Prunkmahl ab- 
gehalten wurde im Palaste Beglerbeg, in jenen üppigen Kuppelsälen, wo 
der Harem des Padischahs sich morgens in Gegenwart seines erhabenen 
Gebieters zu baden pflegte, und der große Elchi den Trinkspruch aus- 
brachte: die Zivilisation und der Fortschritt in der Türkei, die entente 
cordiale überall, vornehmlich zwischen Abendland und Morgenland! Nach 
langen Jahren erst sollte Stratford selbst erkennen, daß er edle Kraft an 
ein unmögliches Unternehmen verschwendet hatte, daß die Sitten des 
Harems sich mit der christlichen Kultur doch nicht so leicht vereinigen ließen. 
Vorläufig behauptete der englische Gesandte am Goldenen Horn eine Herr- 
schaft, die nur selten durch das Erscheinen eines russischen Generaladjutan- 
ten unliebsam gestört wurde. Zar Nikolaus wartete seiner Stunde, da er 
wohl einsah, daß seine Diplomaten es mit Stratfords überlegener Persön- 
lichkeit nicht aufnehmen konnten. Er sagte grimmig: ich tue nichts gegen 
den Bosporus, solange England und Frankreich sich ruhig halten; wagen 
sie aber etwas, „dann werde ich gewiß der erste in Konstantinopel sein und 
nicht loslassen.“7?) 
In Deutschland ward das öffentliche Urteil zugleich berichtigt und ver- 
wirrt durch die Fragmente aus dem Orient von dem Tiroler Jakob Fall- 
merayer, ein geistreiches Buch, das den allgemeinen Russenhaß noch stärker 
aufreizte als vordem Urquharts Portfolio. „Der Kampf zwischen Licht 
und Finsternis, zwischen persönlicher Freiheit und schmachvollem Russen- 
tum, zwischen pfäffisch-demütiger Niederträchtigkeit und freier sittlicher 
Würde“ erschien dem Fragmentisten als der Inhalt der neuen Geschichte. 
Fallmerayer war auf seinen weiten orientalischen Reisen und durch gründ- 
liche Erforschung der byzantinischen Geschichte zu der Überzeugung ge- 
langt, daß geistliche Allmacht und menschliche Erniedrigung überall zu- 
sammengehen = einer Ansicht, die sich dort in den Landen des Islams 
und des Cäsaropapismus allerdings jedem freien Geiste von selber auf- 
drängt; er bewunderte Konstantinopel als „die Metropolis des Erdbodens, 
wo die Lose für Europas Zukunft geschrieben würden.“ Der phantastische 
— — — 
*) Rochows Bericht, 30. Dez. 1846.
        <pb n="547" />
        Fallmerayers Fragmente. 539 
Rausch, der die Gesandten in Pera so oft ergreift, überwältigte auch ihn: 
er wollte auf der weiten Welt nichts mehr sehen als die orientalische Frage. 
Da nun das dem Fragmentisten ganz unbekannte Preußen der pro- 
saischen Meinung war, daß die Lose Europas schon seit vierzehnhundert 
Jahren nicht mehr am Bosporus geschrieben würden und sich demnach an 
dem diplomatischen Ränkespiele der Metropolis nur wenig beteiligte, so 
glaubte er, Deutschland sei in schmähliche Ohnmacht versunken. Ebenso 
hoffnungslos urteilte er über die Neugriechen. Mit einem großen Auf- 
wande historischer Gelehrsamkeit erklärte er sie für ein elendes flawisch- 
schkypetarisches Mischvolk. Ihm entging ganz, daß die Nationalität durch- 
aus nicht allein durch die Reinheit des Blutes bedingt ist. Fast überall 
in Europa hatte nach den großen Völkerwanderungen die überlegene Kultur 
der Besiegten ihre Rache genommen an den barbarischen Siegern; die Sla- 
wen waren auf hellenischem Boden ganz ebenso zu Byzantinern geworden, 
wie die Goten, Langobarden und Burgunden aufs Römerboden zu Ro- 
manen wurden. Die Hellenen haßten ihren Lästerer tödlich, und König 
Ludwig fand es ruchlos, daß ein in Bayern längst eingebürgerter Ge- 
lehrter in der bayrischen Allgemeinen Zeitung das Lieblingsvolk der 
Wittelsbacher also um allen Kredit brachte. Russenhaß, Griechenhaß, Zorn 
über Deutschlands Schwäche, Entrüstung wider den Vibius Egnatius 
Tartuffius des Priestertums — das waren die vorherrschenden Emp- 
findungen des Fragmentisten. Er nannte sich gern einen Mann von Welt, 
weil er in Frankreich, in Rußland, in Pera viel in vornehmen Kreisen ver- 
kehrt hatte, und spottete über die doktrinäre philhellenische Schwärmerei 
der deutschen Philologen. In Wahrheit war er selbst ein ganz unpolitischer 
Kopf, der die Wirkung seiner Worte nicht zu berechnen verstand. Wenn 
er die Hellenen schonungslos verunglimpfte, so arbeitete er doch den ver- 
haßten Russen in die Hände; auch seine Spöttereien über Egnatius Tar- 
tuffius konnten dem Zaren, der ja überall, namentlich in Bayern die Ultra- 
montanen bekämpfte, nur Freude bereiten. Aber er war zugleich ein Stück 
Poet, und darin lag seine Stärke. Der funkelnde, etwas überladene Stil 
der Fragmente sprühte von Geist und Leben. Die herrlichen hochromanti- 
schen Schilderungen des Komnenenschlosses von Trapezunt, der Wald- 
einsamkeit am Pontus, der lorbeerumrauschten Klöster auf dem heiligen 
Berge Athos blieben dem Leser unvergeßlich, und mit der Süßigkeit dieser 
Landschaftsdichtungen schlürfte er auch das geistreiche politische Kauder- 
welsch des Fragmentisten begierig ein, das im Grunde doch nur sagte: der 
Tod ist von den Sünden des Lebens frei, folglich steht der Türke hoch über 
den Rajah-Völkern. Da das freie England in Pera herrschte, so gaben sich 
die deutschen Liberalen der tröstlichen Hoffnung hin, die Stadt Konstantins 
sei vorläufig noch wohl geborgen in den Händen des Großtürken und 
seiner aufgeklärten Eunuchen. —
        <pb n="548" />
        540 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
Aus diesem ziellosen Gewoge diplomatischer Kämpfe erhob sich endlich 
wieder eine festere Parteibildung, seit die geheime Arbeit der polnischen 
Verschwörer die drei Ostmächte zu gemeinsamem Handeln zwang. Die 
gastfreundliche Unterstützung, welche dieser erklärten Umsturzpartei in 
England, Belgien und der Schweiz, vornehmlich in Frankreich gewährt 
wurde, sprach allem Völkerrechte Hohn. Mit erstaunlicher Dreistigkeit 
pflegte der Tuilerienhof von den Berliner Ministerien Mitteilungen zu 
erbitten über preußische Untertanen, die in Paris als polnische Märtyrer 
Unterstützung aus den geheimen Fonds verlangten. Canitz meinte zornig: 
„Es ist eine eigene Forderung, die jetzt so oft wiederholt wird, daß die 
preußische Regierung Anweisungen und Legitimationen für Verräter er- 
teilen soll.“ Gleichwohl wurde die gewünschte Auskunft selten verweigert, 
weil man auf solche Weise genaue Nachrichten über die Personen der Ver- 
räter erhielt.*) Viele der sogenannten Geächteten lebten, gänzlich unver- 
folgt, aus freiem Willen in der Verbannung, um die jedem polnischen 
Herzen unwiderstehlichen Reize der Pariser Geselligkeit zu genießen oder 
um das schlechte Handwerk der Verschwörung unter französischem Schutze 
sicherer zu treiben. Die drei namhaftesten polnischen Dichter der Zeit, 
Mickiewicz, Krasinski, Stowaski spielten allesamt, gefühlvoll wie Heinrich 
Heine, die Rolle freiwilliger Flüchtlinge. 
In den Kreisen solcher Ausgewanderten erlangen aber die extremen 
Parteien stets die Oberhand. Die aristokratische Fraktion, die Gesellschaft 
vom 3. Mai verehrte noch immer den greisen Fürsten Czartoryski als ihren 
König Adam I. Czartoryski selbst hielt sich behutsam zurück. Er empfing 
im Palaste Lambert die polnischen Flüchtlinge mit fürstlicher Gastfreund- 
schaft und nahm auch zuweilen die Huldigungen der Pariser Studenten 
und Journalisten entgegen. Alljährlich am 29. Nov. zur Feier der großen 
Woche hielt er seinen Landsleuten eine wohlgesetzte Rede, um sie auf den 
dereinstigen allgemeinen nationalen Aufstand zu vertrösten, aber auch vor 
radikaler Überstürzung zu warnen. Seine Partei besaß an den Grafen 
Zamoyski und Walewski zwei rührige, beharrlich umherreisende Agenten, 
an dem schlauen, reichen Grafen Titus Dzialynski in Posen einen mächti- 
gen geheimen Verbündeten. Sie unterhielt Verkehr mit dem internationalen 
Priesterkreise zu München?*), auch mit dem Posener hohen Klerus, der seit 
den wohlfeilen Triumphen des Erzbischofs Dunin seine revolutionäre Ge- 
sinnung kaum noch verbarg und unter den Bauern das Lied verbreiten ließ: 
Sammelt scharenweis euch alle! 
Unser Feind, der Deutsche falle! 
Ich der Propst verspreche euch 
Fest dafür das Himmelreich! 
*) Canitz, Bemerkung zu der Note des Marquis de Dalmatie, 24. Nov.; Bodel- 
schwingh an Canitz, 21. Dez. 1846. 
") Notice sur I’émigration polonaise, aus dem Departement des Grafen Orlow, 
durch Rochow nach Berlin übersendet 26. Dez. 1846 — nur mit Vorsicht zu benutzen.
        <pb n="549" />
        Mieroslaweki und die polnische Emigration. 541 
Die Masse der Schlachtizen aber und die kleinen Pfarrer wollten 
sich zu den vornehmen Magnaten kein Herz fassen. Nach wüsten Kämpfen 
zwischen sechs verschiedenen Parteien blieb die Demokratische Gesellschaft 
obenauf, das Organ der Versailler Zentralisation. Sie bekannte sich zu 
„rein demokratisch-philosophischen Grundsätzen“, radikalen Lehren der 
Junghegelianer, die dem Kommunismus nahe kamen, und schrieb nicht 
bloß den Aufruhr, sondern die soziale Revolution auf ihr Banner. In 
dem wiederhergestellten Polenreiche von 1772 sollten alle sozialen Unter- 
schiede verschwinden, alle Polen wollten Brüder sein, Kinder eines Vaters, 
Gottes, einer Mutter, des Vaterlandes. Die alte natürliche Wahlver- 
wandtschaft zwischen der polnischen Adelslibertät und dem modernen Radi- 
kalismus trat wieder zu Tage. Gelehrig ging der Posener adlige Pan 
auf diese demagogischen Schlagwörter ein; wenn er in den Agronomischen, 
den Unterstützungs-, den Lese-Vereinen mit den Bauern, die ihm sonst 
die Kniee zu küssen pflegten, kameradschaftlich zusammensaß, dann ver- 
langte er liebreich, daß man ihn fortan nicht mehr Graf, sondern Bruder 
nennen solle. Auch den kirchlichen Fanatismus verschmähten die Demo- 
kraten nicht. Da der Bischofsstreit beigelegt war, so schalt man auf die 
Duldung, welche der König den Deutschkatholiken in Schneidemühl ge- 
währte. Es kam dort sogar zu blutigen Händeln, und immer wieder 
warnten die Kapläne das Bauernvolk: der Preuße will uns die Religion 
rauben! 
Die Seele der Demokratischen Gesellschaft war Ludwig von Mieros- 
lawski, ein echter Vertreter des vornehmen internationalen Demagogen- 
tums, in Frankreich geboren und der französischen Sprache mächtiger als 
der polnischen, nachher im Kriege gegen Rußland geschult; ein leichtes Ta- 
lent, nicht ganz ohne mathematisch-militärische Kenntnisse, aber noch mehr 
bewundert als Redner und Improvisator, ritterlich, eitel, geschwätzig, lie- 
benswürdig, nach Sarmatenart bald sanft, bald gewalttätig, ein Freund der 
Weiber, des Tanzes, der Toilettenkünste, so durch und durch frivol, daß er 
in einem Atem die Jungfrau Maria, das polnische Vaterland und seine 
eigene Geliebte hoch leben ließ. Daneben bestand noch eine eigentliche kom- 
munistische Partei, die in Posen durch die Schriftsteller der Stefanskischen 
BuMchhandlung vertreten wurde. Kommunismus konnte dort im Osten, wo 
das bewegliche Kapital so selten war, nichts anders bedeuten als Acker- 
verteilung. Dies Zauberwort zündete in Posen nur selten; denn hier 
waren die bäuerlichen Verhältnisse durch die Gerechtigkeit einer wohlwol- 
lenden Regierung leidlich geordnet und der Bauer vernahm die freundlichen 
Reden der vordem so hochmütigen Edelleute mit Argwohn, schon weil 
er im Verkehre mit den Schacherjuden die Lebensregel gelernt hatte: wer 
mir schmeichelt, will mich betrügen. Furchtbar aber, und ganz anders als 
die kurzsichtigen Demagogen wähnten, wirkte die kommunistische Propa- 
ganda in Galizien, wo das Landvolk längst über die schweren Roboten
        <pb n="550" />
        542 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
und Grundlasten murrte und nunmehr an den grausamen adligen Herren 
blutige Rache zu nehmen hoffte. 
Diese rastlosen, von dem gutmütigen Statthalter, dem Erzherzog Fer- 
dinand kaum bemerkten Umtriebe, die geheimen Sendboten, die in der 
letzten Freistätte des Polentums, in Krakau beständig aus= und eingingen, 
und zu allermeist die freche Sprache des Posener Landtags beunruhigten 
den Wiener Hof lebhaft. Schon im Sommer 1842 fragte Metternich bei 
den anderen Teilungsmächten vertraulich an, ob es nicht ratsam sei, jetzt 
auf den geheimen Vertrag vom 14. Okt. 1835 zurückzukommen und das 
Krakauer Gebiet mindestens in die Zolllinie OÖsterreichs aufzunehmen.“ 
Ehrlich verfuhr er dabei nicht; die vollständige Ausführung jenes Vertrags, 
die gänzliche Einverleibung der Republik in den Kaiserstaat, erklärte 
er unter den gegenwärtigen Verhältnissen für „eine Narrheit“, der preu- 
ßische Gesandte Canitz merkte aber bald, daß diese Narrheit gerade Oster- 
reichs Wunsch war.*) Mit Entsetzen wies König Friedrich Wilhelm solche 
Anschläge wider sein geliebtes Polen zurück, und da er als Kronprinz von 
diplomatischen Geheimnissen wenig erfahren hatte, so wollte er nicht ein- 
mal glauben, daß jemals ein so schändlicher Vertrag förmlich abgeschlossen 
worden sei. Sein Petersburger Gesandter Liebermann, der einst bei 
jenen Geschäften mitgeholfen hatte, belehrte ihn freilich eines Besseren; 
gleichwohl hielt er seinen Widerspruch aufrecht und forderte entschieden, 
die alte Verabredung müsse für immer vergessen, die Unabhängigkeit 
Krakaus gewissenhaft geachtet werden. Zar Nikolaus, der mit Metternich 
ganz übereinstimmte, wollte doch den Schwager augenblicklich nicht drän- 
gen; so vertagte denn der Wiener Hof vorläufig die Ausführung seines 
Vorhabens ***), und Canitz berichtete in heller Freude: „Der Schlag ist 
abgewehrt. Die Stimme eines seiner erlauchten Beschützer hat das bedrohte 
Dasein des armen Schützlings gerettet, die Teilung Polens wird nicht 
kleinlich wiederholt werden durch die Erdrückung seiner letzten Trümmer. 
Dieser Plan ist verdientermaßen getötet und begraben.“) 
Nur zu bald sollte diesen gutmütigen Hoffnungen die Enttäuschung 
folgen. Die Russen versäumten keine Gelegenheit, die ruchlosen Pläne 
der Polen anzuschwärzen. Als Nikolaus im Oktober 1843 durch Posen 
kam, da wurde, so hieß es, ein Flintenschuß auf einen Wagen des kaiser- 
lichen Gefolges abgefeuert. Der Zar glaubte wirklich einer Lebensgefahr 
entgangen zu sein, und sein Hof bejammerte laut I’horrible attentat de 
Posen. Die Schandtat blieb trotz eifriger Nachforschungen unentdeckt, 
sie bestand wohl nur in der Phantasie der Moskowiter.s) Schon im 
*) S. o. IV. 528. 
*) Canitzs Bericht, 8. Dez. 1812. 
**) Liebermanns Bericht, 14. Nov. 1843. 
) Canitzs Bericht, Jan. 1843. 
f.) Liebermanns Berichte, 10. 14. 23. Okt. 1813.
        <pb n="551" />
        Aufruhr in Posen. 543 
Januar des nächsten Jahres aber wurden in Posen einige Rädelsführer 
der großen Pariser Verschwörung verhaftet, und seit sie die Wachsamkeit 
der Behörden erkannten, verlangten die anderen Eingeweihten stürmisch 
den sofortigen Beginn des Kampfes. Um die Ungeduldigen zu beschwich— 
tigen, eilte Mieroslawski selbst im März 1845 aus Paris herbei; er sah 
jedoch bald, daß er die Leidenschaft nicht mehr bändigen konnte, und als er 
im Dezember nach Posen zurückkehrte, da beschloß er, nach einer geheimen 
Beratung in Krakau, das tolle, so lange geplante Unternehmen alsbald ins 
Werk zu setzen. Da das Königreich Polen unter den eisernen Griffen 
seines Statthalters Paskiewitsch wie erwürgt da lag, so sollte diesmal der 
Aufstand in Posen und Galizien beginnen, dann aber gleich der Lawine 
wachsend über das Königreich, über Litauen und Kleinrußland, bis zur 
Düna und zum Dniepr sich ausbreiten — denn wo war eine Schranke 
für Mieroslawskis Einbildungskraft? 
In Krakau wurden die Rollen verteilt, die Befehlshaber für jede 
der aufständischen Landschaften ernannt; um Mitte Februar 1846 wollte 
man überall gleichzeitig losschlagen. Sogar Czartoryskis aristokratische 
Partei wagte jetzt dem Sturme der nationalen Begeisterung nicht mehr 
zu widerstehen. Auf ihre Bitte erklärte König Adam, er wolle nur das 
Haupt der Emigration sein und überlasse der Nation, über ihre künftige 
Verfassung selbst zu entscheiden. Mehr als schöne Worte wußte der müde, 
ganz in Entsagung versunkene alte Fürst seinem Volke freilich nicht zu 
bieten. 
Indessen war Oberpräsident Beurmann durch einige neue Verhaf- 
tungen den Umtrieben auf die Spur gekommen. Als die Posener Ver- 
schworenen am 14. Febr. sich in ihren Bazar begaben, um bei einem 
großen Mittagsmahle die letzten Verabredungen zu treffen, da erfuhren 
sie schon, daß alles entdeckt war. Der entschlossene Kommandant General 
Steinäcker hatte soeben die Festung schließen, einige verdächtige Unter- 
offiziere verhaften lassen; inzwischen wurde Mieroslawski selbst in einem 
Städtchen der Provinz aufgegriffen und gefesselt nach Posen abgeführt. 
In der folgenden Woche zog ein Haufe Bauern, den ein Karmeliter- 
mönch zum Glaubenskriege aufgestachelt hatte, bei Nacht gegen Preußisch- 
Stargard; sobald die Leute jedoch merkten, daß sie wider die Obrigkeit 
kämpfen sollten, liefen sie auseinander. Als am 3. März aufregende 
Nachrichten aus Krakau eingelaufen waren, flammte das Kriegsfeuer 
noch einmal empor. Der junge Hitzkopf Dr. v. Niegolewski und ein Ober- 
förster des Grafen Dzialynski unternahmen einen nächtlichen Handstreich 
gegen die Posener Zitadelle, das Fort Winiary, aber schon an der Brücke 
der Wallischei wurde die Bande angehalten und großenteils gefangen. 
Das war das lächerliche Ende einer weitverzweigten Verschwörung, wo- 
bei die Demagogen in Paris, London, Brüssel, Leipzig mitgewirkt und 
die Gesandtschaften der Westmächte schmähliche Botendienste geleistet
        <pb n="552" />
        544 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
hatten. Die Behörden verfuhren überall wachsam, fest und ohne unnütze 
Härte, so daß der König nachher dem Oberpräsidenten Beurmann wohl— 
verdienten Dank aussprach*), die Truppen blieben unverbrüchlich treu, bis 
auf eine Handvoll Leutnants und Unteroffiziere. Eine schon im Januar 
eingesetzte Untersuchungskommission ließ zahlreiche Verhaftungen vor— 
nehmen, und nachdem der Belagerungszustand verkündet war, schien die 
Provinz sich schnell zu beruhigen. Dem leichten, fast unblutigen Siege 
entsprangen aber sofort neue Gefahren. Die Verschwörung war sehr weit 
verbreitet, der Demokratische Verein zählte mindestens 3000 Mitglieder, 
dazu in der Provinz noch eine Menge halbeingeweihter Genossen, und da 
die Verräter die Schärfe der preußischen Waffen nicht ernstlich gefühlt 
hatten, so glomm das Feuer unter der Asche fort. Auch im russischen 
Polen wurden nur einige kleine Aufstandsversuche gewagt und alsbald 
grausam niedergeschlagen. 
Weit gewaltsamer verlief der Aufruhr in Galizien. Am 18. Febr. 
rückte General Collin mit 1000 Mann Osterreichern in Krakau ein, weil 
die republikanischen Behörden selbst erklärt hatten, sie vermöchten sich nicht 
zu verteidigen. Als der Aufruhr drei Tage später wirklich ausbrach, da 
verlor der kaiserliche General die Besinnung und räumte die Stadt, die 
er mit einigem Mute wohl halten konnte; mit ihm flohen auch die recht- 
mäßige Regierung und die Residenten der drei Schutzmächte. Die elende 
Republil gab sich selber auf, in ihrem Gebiete schaltete einige Tage lang 
der Diktator Tyssowski mit seinen Banden. Der Diktator verkündete sofort 
allen Polen in einem Manifeste: die Stunde der Empörung hat geschlagen, 
und forderte alle auf, der nationalen Regierung der polnischen Republik 
unbedingten Gehorsam zu schwören. Krakau sollte den Mittelpunkt des 
wiederauferstehenden Polenreichs bilden. Da kamen die österreichischen 
Truppen nochmals heran, diesmal in größerer Anzahl und verstärkt durch 
Bauernscharen; bald wurden die Aufständischen geworfen. Oberst Benedek, 
der Falke von der Weichsel legte in diesen Gefechten den Grund für seinen 
militärischen Ruhm. Am 3. März war die Stadt wieder in den Händen 
der Österreicher; alsbald ließen auch die beiden anderen Schutzmächte 
Truppen einrücken, die letzten Flüchtlinge der aufständischen Scharen er- 
gaben sich den Preußen, eine von den drei Residenten beaufsichtigte Re- 
gierung stellte die Ordnung her. In den benachbarten Strichen Galiziens 
tobte unterdessen ein gräßlicher Bauernkrieg. Hier hatten sich die Agenten 
der polnischen Revolution selber die Rute gebunden. Nicht umsonst war 
den Bauern seit Jahren das Traumbild kommunistischer Glückseligkeit vor- 
gespiegelt worden. Jetzt kochte die Wut der mißhandelten Fröner auf, 
sie ergoß sich aber nicht gegen die kaiserlichen Behörden, die der Bauer 
wenig kannte, sondern gegen die nächsten Bedrücker, die Grundherren und 
  
*) Kabinettsordre an Beurmann, 8. Okt. 1846.
        <pb n="553" />
        Aufruhr in Krakau und Galizien. 545 
ihre hartherzigen Verwalter, die Mandatare. Im östlichen Galizien, wo 
nur die Edelleute Polen waren, die Bauern aber dem orthodoxen rot- 
russischen Volksstamme angehörten, wurde der Adelshaß noch durch kirch- 
liche und nationale Feindseligkeit verschärft; „ins Verderben soll der 
stolze Pole stürzen“, sagte ein Volkslied der Ruthenen. So brausten denn 
Mordbrand und Plünderung über die Edelhöfe dahin; ein ausgedienter 
Soldat Szela führte die wütenden Haufen an. 
Es war ein echt sarmatisches Schauspiel. Wie einst in den alten 
polnischen Reichstagen die Anarchie des Liberum Veto an der ärgeren 
Anarchie der bewaffneten Konföderationen ihre Schranke gefunden hatte, 
so wurde jetzt die Verschwörung der Edelleute durch die Raserei der Ro- 
botpflichtigen gebändigt. In der Hofburg war alles vom Schrecken ge- 
lähmt. Selbst die Regimenter zeigten sich nicht durchweg zuverlässig, bis 
in die Kreise der Offiziere war der Verrat eingedrungen. Die Behörden 
wußten sich nicht zu helfen und ließen die Mordbanden gewähren; der 
Kreishauptmann in Tarnow zahlte den Bauern sogar Geldpreise für jeden 
Edelmann, den sie gefangen einbrachten. Gewiß hatte der Wiener Hof 
die Zahlung dieser Blutgelder nicht selber anbefohlen, schon weil ihm der 
Mut fehlte; doch die Schande blieb an ihm haften, daß er die politische 
Revolution nur durch stillschweigende Duldung der sozialen Revolution 
bezwungen hatte. Nach einigen entsetzlichen Tagen verrauchte der Blut- 
durst; die Bauern kehrten heim, zufrieden in dem Gedanken, daß der rote 
Hahn so vielen Edelleuten aufs Dach geflogen war. Das alte System 
war mit seiner Weisheit am Ende. Metternich schrieb erleichtert: „der 
größte, der dickste und durch eine Anzahl von Umständen am meisten be- 
günstigte Versuch der Umsturzpartei hat gescheitert;““7) aber nach solchen 
Greueln wußte er dem zerrütteten Kronlande keine andere Sühne zu 
bieten als die Entlassung des kopflosen Statthalters und ein ganz un- 
genügendes Gesetz über die freiwillige Ablösung der Roboten. 
Der Aufruhr war besiegt, die Ruheseligen atmeten auf. Wer weiter 
sah, mußte ahnen, daß eine schwierige diplomatische Verwicklung bevorstand. 
Selbst der alte Welfenkönig bemerkte zu einem siegesfrohen Berichte seines 
Berliner Gesandten: „Ich bin nicht der Meinung, daß alles vorbei ist. 
Nun ist erst die politische Frage: was soll mit diese Republik werden ?“7) 
In der Tat kam der Wiener Hos, sobald die erste Angst überstanden war, 
unverzüglich auf seine alten Pläne zurück; das Brutnest aller pol- 
nischen Aufstände, die Republik Krakau sollte verschwinden, und gewiß 
ließ sich den Ostmächten jetzt nicht mehr zumuten, daß sie diesen traurigen 
Staat, nachdem er tatsächlich zerstört war, künstlich wieder aufrichten 
sollten. Schon am 25. Februar teilte Metternich seinen Vorschlag dem 
  
*) Metternich an Canitz, 20. März 1846. 
**) König Ernst August, Marginalnote zu Knyphausens Bericht vom 8. März 1846. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 35
        <pb n="554" />
        546 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
russischen Gesandten Medem mit und fügte hochmütig hinzu: wenn Preußen 
widerspricht, so gehen wir darüber hinweg (nous nous passerons de la 
Prusse). So rücksichtslos wollte der Zar doch nicht verfahren. Er schrieb 
seinem Schwager: nach allem, was geschehen, müsse man sich freundschaft— 
lich über die unumgängliche Vernichtung Krakaus verständigen, „um ein— 
mal für allemal die verbrecherischen Anschläge zu vernichten;“ darum solle 
sein General Graf Berg, ein ehrenhafter, in Preußen wohlbekannter Deut— 
scher demnächst nach Berlin kommen.) Auf Nikolaus' Wunsch kündigte 
auch Kaiser Ferdinand an, daß er seinen erprobten Unterhändler, den 
General Ficquelmont in die preußische Hauptstadt absenden wolle, und zu- 
gleich suchte Metternich das weiche Gemüt seines königlichen Freundes 
durch einen lehrhaften Brief zu bearbeiten: „Zu meiner moralischen 
Gestaltung gehört nebst manch anderen Hin= und Abneigungen die Hin- 
neigung zu den Sachen und die Scheue vor schalen oder gediegen schei- 
nenden, aber in der Tat leeren Worten. Zu den letzteren gehört heute 
der Nationalismus und dessen direkte Anwendung auf den Polonismus. 
Mit den beiden Worten kann der gesamte Stand aller Weltreiche bis 
zu den kleinsten politischen Körpern nicht nur in Frage gestellt, sondern 
aus doktrinellen Gründen über den Haufen geworfen werden.“ ) 
Als die beiden Bevollmächtigten im April zu Berlin eintrafen, fanden 
sie das Auswärtige Amt schon wieder in anderen Händen. Minister 
Bülow war an einem Gehirnleiden unheilbar erkrankt, und General Ca- 
nitz, der bereits seit Monaten in Berlin weilte, um bei den reichsständischen 
Plänen des Königs Rat zu erteilen, hatte ganz unvermutet die erledigte 
Stelle erhalten. Welche boshafte Tücke des Schicksals! Vor kurzem erst 
hatte Canitz als Gesandter in Wien eine neue Teilung Polens für un- 
zulässig erklärt, und nun mußte er selbst dabei mitwirken. Die Lehren 
Metternichs von der revolutionären Wirksamkeit des „Nationalismus“ er- 
kannte er ebenso wenig an wie sein König; doch mußte er zugeben, daß 
die Radikalen das Polentum mißbraucht und gefälscht hatten, *) und da 
die Wiederherstellung eines Kleinstaates, der seit einem Menschenalter die 
Pflichten seiner Neutralität schmählich verletzt hatte, offenbar unmöglich 
war, so genehmigte Preußen in einem geheimen Protokoll vom 15. April 
die Vorschläge der beiden Kaiserhöfe. Die Republik Krakau sollte dem 
österreichischen Staate einverleibt werden, weil sie sich selbst vernichtet habe. 
Diesen Rechtsgrund hatte Canitz angegeben, denn er wollte jede Er- 
wähnung des geheimen Vertrags von 1835 vermeiden. In welchem Lichte, 
so sagte er späterhin, ständen wir vor der Welt da, wenn man erführe, daß 
wir die Vernichtung Krakaus schon vor elf Jahren beschlossen und diesen 
*) Zar Nikolaus an König Friedrich Wilhelm, 5. März 1846. 
**) Schreiben an König Friedrich Wilhelm von Kaiser Ferdinand 29. März, von 
Metternich 29. März 1846. 
***) Canitz, Observations confidentielles, April 1846.
        <pb n="555" />
        Das Berliner Protokoll über Krakau. 547 
Beschluß immer feierlich abgeleugnet haben?*) Auf Canitzs Antrag wurde 
in das Protokoll der Art. 2 ausgenommen: „Diese Einverleibung wird 
erst ausgeführt werden, nachdem alles, was damit zusammenhängt, geregelt 
ist, hinsichtlich der Beziehungen der drei hohen vertragschließenden Parteien 
unter sich und zu den anderen Mächten. Dies wird geschehen durch eine 
Beratung der nach Wien berufenen Konferenz.“ General Berg erklärte 
aber bestimmt und ohne Widerspruch: das solle keineswegs bedeuten, daß 
„die anderen Mächte“ förmlich zustimmen müßten; vielmehr verwahrten 
sich die drei Schutzmächte ausdrücklich ihr Recht, das Beschlossene unbe- 
dingt auszuführen.“) So schien man einig, und frohen Muts sahen die 
beiden Kaisermächte der Wiener Konferenz entgegen, die in kürzester Frist 
zusammentreten sollte. Nesselrode dankte der preußischen Regierung leb- 
haft, weil sie jede „peinliche Verhandlung“ vermieden hätte. Er schrieb so 
ungemein herzlich, daß Canitz verwundert sagte: Die Russen scheinen ja 
ganz überrascht, uns so nachgiebig gefunden zu haben.) 
Allerdings hatte der Zar guten Grund zu freudiger Überraschung. 
Der Aprilvertrag, den der königliche Gönner des Polentums doch nur 
widerstrebend genehmigt hatte, mußte nicht bloß die liberale öffentliche 
Meinung gegen den Berliner Hof aufbringen, er bedrohte auch die 
Volkswirtschaft Preußens mit schweren Verlusten. Die Krakauer. Re- 
publik war auf Grund der Wiener Verträge ein Freihandelsgebiet, und 
die Breslauer Kaufleute wußten diesen Vorteil gründlich auszunutzen. 
Sie unterhielten in der Republik ihre Kommanditen und sendeten dahin 
außer deutschen Erzeugnissen auch Massen von Kolonialwaren, die von 
den Seeplätzen her, nur mit den leichten Durchfuhrzöllen des Zollvereins 
beschwert, geradeswegs nach der Weichselstadt durchgingen. In Krakau selbst 
verblieb nur ein kleiner Teil dieser Einfuhr; alles übrige wurde von den 
Juden, welche den zuchtlosen Kleinstaat wie ein anderes Land Gosen ver- 
ehrten, nach dem österreichischen und dem russischen Polen hinüberge- 
schmuggelt. Das Geschäft blühte. Von 92000 Zentnern Durchfuhrgut, 
welche im Jahre 1844 die schlesische Grenze überschritten, gingen fast 
78000 über Neu-Berun nach Krakau, von der gesamten schlesischen Aus- 
fuhr etwa die Hälfte; ein einziges großes Breslauer Haus berechnete 
seinen jährlichen Umsatz in der Republik auf 0,9 Mill. Tlr. Der Zoll- 
verein, der weder mit Rußland noch mit Österreich in Zoll-Kartell stand, 
fand sich nicht bewogen, diesen Handel zu stören; er gewann ja nur an 
den Durchfuhrzöllen, und daß die Waren aus den Krakauer Freilagern 
wieder über die wohlbewachte deutsche Zollgrenze zurückgepascht wurden, 
geschah doch ziemlich selten. 
*) Canitz, Weisung an Rochow, 24. Jan. 1847. 
*7y) Proces verbal zum Berliner Protokoll vom 15. April 1846., 
*““) Nesselrode, Weisung an Meyendorff, 20. April; Canitz, Weisung an Rochow, 
3. Mai 1846. 
  
357
        <pb n="556" />
        548 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
Sobald aber das Gebiet der Republik in die österreichische Zolllinie 
eingeschlossen wurde, konnte dieser altgewohnte Geschäftsbetrieb unmöglich 
fortdauern. Die preußische Regierung durfte also der Einverleibung erst 
dann endgültig zustimmen, wenn dem deutschen Handel vorher mindestens 
einige Entschädigung für die drohenden Verluste unzweideutig zugesichert 
wurde; sie mußte ihre Bedingungen schnell und entschieden aufstellen, weil 
der gefährdete Verkehr doch großenteils Schmuggelhandel war, nachträg— 
liche Beschwerden also gewiß nichts erreichen konnten. Canitz fühlte dies 
auch und ließ alsbald von den sachverständigen Handelspolitikern eine 
Denkschrift ausarbeiten, die zu dem Schlusse gelangte, drei Zusicherungen 
mindestens müsse Preußen fordern: zum ersten einen Packhof in Krakau 
mit milder Kontrolle, zum zweiten Fortdauer der bisherigen niedrigen 
Durchfuhrzölle im Krakauer Gebiete, zum dritten schleunige Vollendung 
der längst verheißenen Krakau-Breslauer Eisenbahn nebst Erleichterungen 
für den Durchfuhrverkehr.“) Diese überaus bescheidenen Bedingungen 
genügten durchaus nicht, um die schlesischen Geschäftsleute, die seit einem 
Menschenalter große Kapitalien in dem Krakauer Freihandelsgebiete an— 
gelegt hatten, für ihre Einbuße schadlos zu halten, und die Denkschrift 
selbst gestand, man könne auch noch weit mehr verlangen. Sollte Preußen 
einen für Krieg und Handel gleich wichtigen Straßenknotenpunkt dicht an 
seiner Grenze ohne jeden Rechtsgrund den Osterreichern übergeben und 
dafür zum Danke sich den altgewohnten schlesischen Handelszug zerstören 
lassen? 
Da die Einverleibung Krakaus ohne Preußens endgültige Zustim— 
mung unmöglich war, so konnte der Berliner Hof jetzt einige der Forde— 
rungen durchsetzen, welche die bedrängte, zwischen dem Auslande einge— 
klemmte schlesische Provinz schon seit Jahren aufstellte: freien Verkehr für 
die alltäglichen Unterhaltungsmittel in den Grenzorten, freie Einfuhr der 
schlesischen Leinengarne, die in Böhmen verwebt und dann zurückgesendet 
wurden, vor allem aber Herabsetzung einiger Prohibitivzölle, namentlich 
für Gewebe. Doch dazu gehörte volkswirtschaftliche Sachkenntnis, und 
jetzt rächte sich's wieder, daß der erste Diplomat des Zollvereins, Eich- 
horn in das Kultusministerium versetzt war. Von den obersten Räten 
des Auswärtigen Amts vermochte keiner die handelspolitischen Folgen der 
Einverleibung sicher zu beurteilen. Die Kaufmannschaften oder die zu- 
nächst beteiligten Gewerbetreibenden wollte man auch nicht befragen, weil 
der Aprilvertrag ja zunächst tief geheim bleiben sollte. So geschah es, 
daß Canitz die handelspolitische Frage, die er durch rechtzeitiges Drängen 
sicher entscheiden konnte, vorläufig in der Schwebe hielt. 
An Zeit fehlte es wahrlich nicht; denn der Wiener Hof, der anfangs 
*) Promemoria über die Wichtigkeit der dermaligen politischen Verhältnisse der 
freien Stadt Krakau für den schlesischen Handel. 30. April 1846. (Vermutlich aus dem 
Handelsamte.)
        <pb n="557" />
        Krakauer Freihandel. Graf Arnim in Wien. 549 
so eifrig vorgegangen war, zeigte sich jetzt sehr bedachtsam, weil er den Ein- 
spruch der Westmächte fürchtete. Preußen und Rußland zogen ihre Truppen 
aus Krakau zurück, auch die drei Residenten kehrten heim, die Stadt wurde 
vorläufig von österreichischen Regimentern bewacht; denn die drei Mächte, 
die sich, etwa mit dem gleichen Rechte wie die Schutzmächte Griechenlands, 
les puissances créatrices et protectrices de Cracovie nannten, wollten 
der Welt unzweifelhaft beweisen, daß ihr Schützling augenblicklich gar keine 
Regierung mehr besäße.“) Gleichwohl ließ Metternich den ganzen Sommer 
verstreichen, ohne die Gesandten Preußens und Rußlands zu der verab- 
redeten Konferenz zu berufen; er sagte weise: zum Bekennen der Grund- 
sätze bin ich immer rasch bereit, aber zum Handeln warte ich die rechte 
Zeit ab.) 
Im Juli besuchte König Friedrich Wilhelm den österreichischen 
Staatskanzler auf der Durchreise in Königswart, und hier bot sich ganz 
von selbst die Gelegenheit, Preußens handelspolitische Forderungen unbe- 
dingt und nachdrücklich auszusprechen. Sie blieb unbenutzt; das politische 
Gespräch bewegte sich nur um die preußische Verfassungsfrage. Erst nachher, 
am 28. August, sendete der König an Metternich einen jener unglück- 
lichen, gemütvollen Briefe, wodurch er schon so oft klare diplomatische 
Geschäftssachen verdunkelt hatte. Er wünsche, so schrieb er, in Krakan 
den bestehenden Zustand, also auch die Handelsfreiheit bis zu einer neuen 
Übereinkunft zu erhalten, er wolle jedoch „im Vertrage bleiben und nicht 
abspringen“ und überlasse dem Wiener Hofe vertrauensvoll, den rechten 
Zeitpunkt für die Einverleibung zu bestimmen. Metternich antwortete 
(27. Sept.) mit einigen nichtssagenden Beteuerungen: „Heute ist der 
Moment der Handlung noch nicht gekommen. Ich habe die Herren noch 
nicht einmal um mich versammelt und bitte Ew. Maj., Sich auf jeden Fall 
auf mich zu verlassen, denn ich gehöre nicht zu denjenigen, welche Ver- 
trauen zu mißbrauchen die Gefahr laufen.“) 
Zu allem Unglück war Preußen augenblicklich in Wien wieder so 
schlecht vertreten wie einst in den bösen Tagen des Fürsten Hatzfeldt. Unter 
einer schwachen Regierung pflegt die Diplomatie Nationalstolz und Selbst- 
vertrauen schnell zu verlieren, nirgends schneller als im fremdbrüderlichen 
Deutschland. Canitzs Nachfolger, Graf Arnim, ein behaglicher Lebemann 
und Feinschmecker, bekannt unter dem Namen des Kuchen-Arnims, hatte 
als Gesandter in Paris viele Freundlichkeit erfahren, weil er dem Bürger- 
könige immer nach dem Munde sprach; jetzt an der Donau befreundete 
er sich ebenso rasch mit der k. k. Politik. Alltäglich erschien er morgens und 
abends in der Staatskanzlei, jeder Ausspruch Metternichs war ihm heilig. 
Arnim wurde angewiesen, zunächst die drei Punkte jener Denkschrift — 
*) Canitz, Weisung an Rochow, 24. Juni 1846. 
**) Graf Arnims Bericht, 21. Sept. 1846. 
7' ) Metternich an König Friedrich Wilhelm, 27. Sept. 1846.
        <pb n="558" />
        550 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
den Krakauer Packhof, die freie Durchfuhr, die Eisenbahn — durchzusetzen, 
sodann in gründlicher Verhandlung noch andere Entschädigungen für den 
preußischen Verkehr auszubedingen; der endgültigen Einverleibung sollte 
er keinesfalls eher zustimmen, als wenn die handelspolitische Frage zu 
Preußens Befriedigung geordnet sei. Er verstand aber von volkswirt— 
schaftlichen Dingen nicht das mindeste und tat auch gar nichts, um sich 
zu belehren. 
Zu Ende Oktobers erklärte Metternich plötzlich, nachdem er dem drän— 
genden russischen Gesandten so lange widerstanden hatte: jetzt sei der rechte 
Augenblick für die Einverleibung gekommen. Die Zeit war gut gewählt, 
denn die Westmächte hatten sich eben in diesen Tagen wegen der spanischen 
Thronfolgefrage dermaßen entzweit, daß ein gemeinsamer tatkräftiger 
Widerspruch von ihnen nicht zu erwarten stand; überdies meldete der kom— 
mandierende k. k. General aus Krakau in einem kläglichen Berichte, der na— 
türlich bestellte Arbeit war: die Ordnung lasse sich schlechterdings nicht mehr 
aufrecht halten, die förmliche Einverleibung nicht länger mehr hinausschieben. 
Je ängstlicher der Wiener Hof bisher gezögert hatte, um so rascher schritt 
er nunmehr ans Werk: er hoffte, durch die vollendete Tatsache zugleich die 
Westmächte zu überraschen und das arglose Preußen zu betrügen. Was war 
die Geschichte des Zollvereins anders als eine Kette österreichischer Nieder— 
lagen? Jetzt galt es, Rache zu nehmen für so viele Schmach und dem 
preußischen Nebenbuhler gerade auf dem handelspolitischen Gebiete, wo er 
bisher immer siegreich gewesen, eine empfindliche Beschämung zu bereiten. 
Durch diese fröhliche Hoffnung fühlte sich Metternich wie verjüngt; 
mit ungewohnter Entschlossenheit bereitete er Schlag auf Schlag die Ent- 
scheidung vor. In den ersten Novembertagen berief er Arnim und Medem 
zur Konferenz. Am 6. Nov. gab er dem Preußen die schriftliche Zusicherung, 
daß Osterreich die drei Punkte jener Denkschrift annehme. ) Über alles 
Weitere — so sagte er gemütlich, und der Russe stimmte zu — könnten 
Osterreich und Preußen sich ja späterhin noch verständigen. Arnim ließ 
sich durch dies sanfte Gerede gewinnen, obgleich er soeben noch aus Berlin 
die erneute Weisung erhalten hatte, er solle die Einverleibung ablehnen, 
solange nicht die Zusagen des April-Protokolls erfüllt und die Handels- 
fragen geordnet wären.') Noch am selben Tage unterzeichneten die drei 
Bevollmächtigten ein Protokoll, das nochmals aussprach, die Schutzmächte 
befänden sich in „der Notwendigkeit, eine Schöpfung nicht wieder ins Leben 
zu rufen und nicht wieder herzustellen, welche, nachdem sie die Langmut 
ihrer Begründer erschöpft, sich selber aufgelöst hat.“ Daraufhin wurde 
der Vertrag vom 3. Mai 1815, der die Republik begründet hatte, zurück- 
genommen und förmlich verfügt, daß ihr Gebiet, wie vor dem Jahre 1809, 
  
*) Metternich an Arnim, 6. Nov. 1846. 
**) Canitz, Weisung an Arnim, 31. Okt. 1846.
        <pb n="559" />
        Wiener Vertrag. Einverleibung Krakaus. 551 
wieder mit der österreichischen Monarchie vereinigt werden sollte.) 
Wenige Tage nachher verkündigte Kaiser Ferdinand öffentlich die Besitz- 
ergreifung und im Januar wurde das k. k. Mautsystem im Krakauer Ge- 
biete eingeführt. Die preußische Regierung war plump überlistet und sah 
sich zudem dem gerechten Vorwurfe ausgesetzt, daß sie die Interessen ihres 
Landes töricht preisgegeben hätte. 
Die einzig mögliche Antwort auf ein so unerhörtes Verfahren war 
die Abberufung des pflichtvergessenen Gesandten. An Arnims nichtige 
Unterschrift brauchte sich die Krone nicht zu binden; freilich hatte sie ihre 
schärfste Waffe schon selbst aus der Hand gegeben, da ihre Truppen im 
Sommer aus Krakau abgezogen waren. Der König fand es unritter- 
lich, die Zwietracht im Lager der Ostmächte vor aller Welt zu bekunden, 
eben jetzt, da die gesamte öffentliche Meinung Westeuropas über die neue 
Teilung Polens zürnte. Graf Arnim blieb, streng getadelt, auf seinem 
Posten; er bat flehentlich um Verzeihung und suchte sich zu entschuldigen, 
indem er alle die Märchen über den Krakauer Handel, die ihm die Oster- 
reicher vortrugen, gedankenlos nachsprach. Man sagt mir nach, so schrieb 
er gemütsruhig, daß Metternich mich in der Tasche hätte; das hat man 
aber auch von allen früheren preußischen Gesandten hier behauptet. *) Er 
erhielt Befehl, sofort Verwahrung einzulegen und sich weitere Anträge vor- 
zubehalten. Aber die Unterschrift wurde nicht zurückgezogen, das Wiener 
Protokoll bestand mithin zu Recht. Das Spiel war verloren; verspätete 
Beschwerden konnten nur zu neuen Beschämungen führen. Als bewährter 
Diplomat war Canitz anfangs mit großen Hoffnungen begrüßt worden; 
jetzt zeigte sich doch, daß der König auch diesmal nicht den rechten Mann 
gefunden hatte. Der geistreiche Minister begann seine neue Laufbahn mit 
einer schimpflichen Niederlage, und während seiner gesamten Tätigkeit 
im Auswärtigen Amte sollte ihn das Unglück unablässig verfolgen. 
Der Zar stand in diesem Streite von vornherein auf seiten Öster- 
reichs. Ihm lag allein an der Bändigung des Polentums; was kümmer- 
ten ihn die Interessen der Volkswirtschaft? Ich weiß es wohl, sagte er 
zu Rauch, die preußischen wie die russischen Untertanen müssen unter der 
Einverleibung leiden, aber Geldrücksichten gelten nichts neben der politischen 
Notwendigkeit. „Bei seiner Freundschaft“ beschwor er den König, diesen 
Zank nicht weiter zu treiben, die Eintracht der Ostmächte nicht zu stören. 
Wie zum Hohne fügte er hinzu, Preußen hätte seine Forderungen früher 
durchsetzen sollen — obgleich sein eigener Gesandter auf der Wiener Kon- 
ferenz soeben geraten hatte, die deutschen Mächte möchten sich über die 
Handelsfrage nachträglich verständigen !?) Also von beiden Kaisermächten 
*) Protokoll der Wiener Konferenz vom 6. Nov. 1846. 
**) Graf Arnim, Bericht an den König, 7. Nov. 1846, an Canitz, 10. Jan. 1847. 
*“*) Rauchs Bericht an den König, 8. Jan. 1847. Nesselrode, Weisung an Meyen- 
dorff, 31. Dez. a. St. 1846.
        <pb n="560" />
        552 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
mißhandelt, erging sich Canitz in leeren Drohungen: Sollte die Grenz- 
sperre wirklich eintreten, „so würde nichts übrig bleiben als ein Appell an 
die Mit- und Nachwelt durch offene Darlegung der Verhandlungen“. 
Und als das Gefürchtete doch geschah, da jammerte er wie ein unschuldig 
bestrafter Musterschüler: „Trotz diesem Verfahren, welches wir uns gegen 
keinen mediatisierten Fürsten erlauben würden, haben wir den Fremden 
gegenüber treulich festgehalten, weil wir Europa nicht den Skandal und 
unseren Feinden nicht den Triumph geben wollten, daß man uns so schmäh— 
lich behandelt hätte.“*) Metternich konnte seine Schadenfreude kaum ver— 
bergen. Er schrieb an den Gesandten in Berlin scheinbar verwundert 
(7. Jan. 1847): was denn die Preußen eigentlich noch wollten? Öster- 
reich hätte ja die drei Punkte jener preußischen Denkschrift angenommen 
und damit alles erledigt. Wir sind, meinte er trocken, zu gar keiner Ent- 
schädigung verpflichtet, da die Handelsverluste sich notwendig aus der Ein- 
verleibung ergeben. Darauf erwiderte Canitz: „man kann uns den Vor- 
wurf der Unvorsichtigkeit machen; wir hätten die königlichen Truppen nicht 
zu früh zurückziehen, wir hätten in die Besitznahme nicht einwilligen 
sollen;“ jedoch wir haben uns auf die Ehrenhaftigkeit des Staatskanzlers 
verlassen, der unserem Monarchen versprochen hatte, sein Vertrauen nicht 
mißbrauchen zu wollen.) 
Im diplomatischen Verkehre ist aber Unklugheit nicht bloß ein Ver- 
standesfehler, sondern ein sittliches Verbrechen. Metternich konnte diese 
unwürdigen Klagen nur mit geringschätzigem Hohne vernehmen. Unter- 
dessen brach in Preußen, seit die Einverleibung bekannt wurde, ein Sturm 
der Entrüstung aus. Die Berliner Kaufmannschaft, die Breslauer Bürger, 
auch die großen Hüttenbesitzer Schlesiens, die Grafen Hochberg und Renard, 
beschworen den Minister, für den zerstörten Krakauer Handel mindestens 
einige Zoll-Erleichterungen zu verlangen. Das Handelsamt stimmte ihnen 
bei; die Zollvereinsregierungen sprachen ebenfalls ihre Besorgnisse aus. 
Der Oberbürgermeister von Breslau, Pinder eilte sogar nach Wien, um die 
Interessen seiner Bürgerschaft zu vertreten. Dort war im Dezember auch 
ein Unterhändler des Auswärtigen Amtes eingetroffen, Legationsrat von 
Kamptz, der ganz aus der Art geschlagene Neffe des alten Demagogen- 
verfolgers, ein junger Beamter von gründlicher handelspolitischer Sach- 
kenntnis und freier nationaler Gesinnung. Der Unglückliche sollte nach- 
träglich erlangen, was leider schon verloren war; er wurde von vornherein 
mit einer Ungezogenheit behandelt, wie man sie unter dem alten Könige 
nie gewagt hatte, und bald sogar als Demagog verdächtigt. Zur Unter- 
handlung verwendete Metternich erst den aller Handelspolitik unkundigen 
Bundesgesandten Münch, den geschworenen Preußenfeind, der, ohne sich 
*) Canitz an Arnim, 24. Nov., an Rochow, 26. Dez. 1846. 
**) Metternich, Weisung an Trauttmansdorff, 7. Jan.; Canitz, Weisung an Arnim, 
13. Jan. 1847.
        <pb n="561" />
        Streit um die Krakauer Maut 553 
auf irgend eine sachliche Erörterung einzulassen, immer beteuerte: „Oster-— 
reich und Preußen gespannt, das heißt die Welt aus ihren Fugen treiben“ 
— nachher den Dr. Hock, einen tüchtigen Nationalökonomen, der aber im 
Staatsdienste noch eine so untergeordnete Stellung einnahm, daß er wich— 
tige Geschäfte unmöglich abschließen konnte. Kamptz merkte bald: man 
wollte ihn nur hinhalten. Er fragte bitter: „ob es Preußens Aufgabe ist, 
sich mit den Ansichten an der Donau und Newa, selbst auf Kosten des 
inneren häuslichen Friedens und des Vertrauens der übrigen deutschen 
Staaten, unter allen Umständen konform zu halten .. Wahrlich, wir 
haben noch viel zu tun, wenn wir das wieder werden wollen, was wir 
gewesen sind.“ Nach fast zwei Monaten, zu Ende Januar 1847, reiste 
Kamptz unverrichteter Dinge heim; er fürchtete geradezu, bei längerem 
Verweilen ausgewiesen zu werden.) Im Auswärtigen Amte wurde noch- 
mals erwogen, ob man nicht Arnim abberufen, den diplomatischen Verkehr 
mit dem Wiener Hofe abbrechen solle; ) aber was konnte das alles noch 
fruchten, nachdem das Wiener Protokoll unterzeichnet, die Einverleibung 
Krakaus vollzogen war? 
Nach einigen Wochen peinlicher Spannung fand Metternich das rechte 
Mittel, um die erzürnten Preußen zu beschwichtigen. Seit langem schon 
plagte ihn der Berliner Hof mit Plänen für deutsche Bundesreform, für 
deutsches Post-, Maß= und Münzwesen — lauter Gedanken, die der 
Staatskanzler als Utopien des „Nationalismus“ still belächelte, aber auch 
nicht geradehin ablehnen wollte. Nun schickte er im März 1847 seinen ver- 
trauten Hofrat v. Werner nach Berlin, um eine ganz allgemein gehaltene 
Denkschrift über eine mögliche deutsch-österreichische Handelseinigung vor- 
zulegen. Das Auswärtige Amt war angenehm überrascht. Selbst Kamptz 
der tiefgekränkte riet: jetzt müsse man zuerst diese wichtige nationale 
Frage erledigen; gelinge das, dann falle die Krakauer Sache von selbst 
hinweg. Canitz aber schrieb glückselig an Werner: „senden Sie uns bald 
einen Mann hierher, mit dem wir über die Verkehrsverhältnisse im all- 
gemeinen verhandeln können, so soll er von Krakau gar nichts zu hören 
bekommen.““ ) Die große Handelseinigung ging, wie Metternich voraus- 
gesehen, den Weg aller Bundesreformen, sie löste sich bald in Rauch auf; 
aber der Krakauer Streit war begraben. 
Der Wiener Hof hielt sein Mautwesen, das einer Grenzsperre nahe 
kam, aufrecht, er erfüllte sogar die drei bescheidenen der preußischen Re- 
gierung gewährten Bedingungen unredlich: da fortan alle für Osterreich 
bestimmten Waren sofort an der Grenze verzollt wurden, so verlor das 
  
*) Kamptz, Promemoria für Münch, 26. Dez. 1846; Berichte an Canitz, 10. 25. Jan. 
1847. 
**) Geh. Rat v. Patow, Berichte an Canitz, 13. 25. Jan. 1847. 
**) Metternich, Weisung an Werner, 29. März; Kamptzs Denkschrift, 3. April; Canitz 
an Werner, 8. April 1847.
        <pb n="562" />
        554 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
Krakauer Freilager jeden Wert für den schlesischen Handel. Die deutschen 
Kaufleute schlossen zumeist ihre Kommanditen, und die alte Krönungsstadt, 
diese herrliche Schöpfung des deutschen Bürgertums, die mit ihren Erker- 
bauten so lebhaft an die ostdeutschen Städte Leipzig, Eger, Breslau er- 
innerte, in ihren Kirchen noch die Königsgräber von Veit Stoß und so 
viele andere Denkmäler deutscher Kunst bewahrte, verfiel jetzt ganz den 
Polen und den Juden. Die Vernichtung der letzten Heimstädte sar- 
matischer Unabhängigkeit beförderte also am letzten Ende das Erstarken des 
polnischen Volkstums. Schlesien aber berechnete seinen Verlust auf Mil- 
lionen, und der Unmut hallte noch in den Bewegungen des Revo- 
lutionsjahres nach. Ebenso schwach zeigte sich der Berliner Hof auch gegen 
Rußland. Paskiewitsch, der brutale Statthalter in Warschau verlangte 
1846, daß ihm künftighin polnische Staatsverbrecher kurzerhand auf das 
Gesuch der russischen Gesandtschaft hin ausgeliefert werden sollten. Die 
preußische Regierung verweigerte die vertragsmäßige Auslieferung nicht, 
sie forderte nur für jeden einzelnen Fall ein rechtskräftiges Urteil oder 
eine gerichtliche Anklageschrift. Nach langem Sträuben gewährte sie jedoch 
selbst dies letzte Zugeständnis, das einem solchen Nachbarn gegenüber mehr 
als leichtsinnig war. Und das alles geschah unter einem Monarchen, der 
die Polen bis zur Schwärmerei liebte. — 
Gegen das Ausland hielten die drei Teilungsmächte einträchtig zu- 
sammen, weil sie wohl fühlten, daß sie nicht auf unantastbarem Rechtsboden 
standen. Allerdings war das Krakauer Gebiet während des Befreiungs- 
krieges durch Rußland erobert und dann, weil man sich nicht anders zu 
einigen wußte, durch die drei Teilungsmächte allein als eine neutrale Re- 
publik neu gestaltet worden; aber die Haupt-Artikel des Vertrages über die 
Neutralität und Unabhängigkeit Krakaus hatten nachträglich auch Aufnahme 
in die Schlußakte des Wiener Kongresses (Art. 6 ff.) gefunden. Was be- 
deutete dies für das Völkerrecht? Die Ostmächte behaupteten, der von 
ihnen geschaffene Freistaat könne auch durch sie allein vernichtet werden; 
die anderen Unterzeichner der Kongreßakte dürften nur verlangen, über 
solche Anderungen amtliche Nachricht zu erhalten. Diese auch von dem 
konservativen Bonner Juristen Perthes in einer verständigen Druckschrift 
verteidigte Ansicht entsprach dem Völkerrechte; denn die Kongreßakte ent- 
hielt auch noch eine Menge anderer Einzelverträge, von denen mehrere 
schon durch freiwillige Übereinkunft der Vertragschließenden anstandslos 
abgeändert worden waren; überdies stand der Krone Frankreich gewiß 
kein Einspruchsrecht zu, weil die Sieger sich im Pariser Frieden ausdrück- 
lich vorbehalten hatten, über die Verteilung der eroberten Gebiete allein 
ohne Frankreichs Mitwirkung zu entscheiden. Immerhin ließen sich mit 
einigem Scheine Rechtsbedenken erheben, da die Unabhängigkeit Krakaus 
doch in den Wiener Verträgen verbürgt war. Um so unanfechtbarer 
waren die politischen Gründe, welche die Ostmächte zwangen, einer diplo-
        <pb n="563" />
        Krakau und die Westmächte. 555 
matischen Mißgeburt, die man niemals hätte schaffen sollen, endlich den 
Garaus zu machen; und mit gutem Grunde wiederholte Metternich be— 
ständig: stat pro voluntate necessitas. 
Wenn die Westmächte gegen solche Notwendigkeit die Heiligkeit der 
Wiener Verträge anriefen, so handelten sie von Haus aus unredlich; denn 
diese Verträge hatte Frankreich durch die Juli-Revolution, England durch 
die Anerkennung Belgiens gröblich verletzt, und kein denkender Kopf durfte 
jetzt noch verkennen, daß die Weltgeschichte vor dieser papierenen Schranke 
nicht ewig still halten konnte. Und wie frech hatten beide Westmächte gegen 
das Völkerrecht gesündigt durch die langjährige Begünstigung der polnischen 
Verschwörer. Dafür gab es gar keine Entschuldigung. Die Versailler Zen— 
tralisation trieb ihr Unwesen ungescheut dicht vor der Tür der Tuilerien — 
was die konservativen Pariser Blätter selbst rügten — und vor kurzem erst 
hatte der ehrliche Radikale Duncombe im Parlamente enthüllt, daß die eng— 
lische Regierung das Recht der Brieferbrechung nicht nur besaß, sondern 
auch handfest ausübte 7); es lag also allein an ihrem bösen Willen, wenn 
die polnischen Rebellen unbehelligt blieben. Schon im März 1846, gleich 
nach der Besetzung Krakaus mahnte Guizot die drei Höfe salbungsvoll an 
„die Achtung vor den Verträgen, eine der festesten Grundlagen der kon- 
servativen Politik.“ *) Nach der Einverleibung legte er (4. Dez.) im 
Namen Frankreichs feierliche Verwahrung ein: „Frankreich könnte sich 
einer Tat freuen, welche ihm nach dem Rechte der Gegenseitigkeit erlauben 
würde, künftighin nur noch der weitsichtigen Berechnung seiner Interessen 
zu folgen. Und doch ist es Frankreich, das an die treue Beobachtung der 
Verträge die Mächte erinnert, welche daraus die größten Vorteile gezogen 
haben“ — und so weiter noch ein langer Wortschwall.**) Mit vollem 
Rechte spottete Canitz über diese „rauhe Rechtschaffenheit“. Er wußte, 
welche unsauberen Ränke der tugendstolze französische Minister soeben in 
Madrid trieb; er wußte auch, wie Ludwig Philipp selbst über Guizots 
Sittenpredigten dachte. Eifriger denn je bewarb sich der Bürgerkönig 
jetzt um die Gunst des Wiener Hofes, da er in Spanien mit Englands 
Feindschaft zu ringen hatte. Mit seiner gewohnten plebejischen Derbheit 
sagte er zu Apponyi: Ich habe nie etwas Dümmeres gesehen als die 
Republik Krakau. Sie war das Seitenstück zu jener lächerlichen Phrase 
von der polnischen Nationalität in unserer Kammer, welche meine Mi- 
nister trotz meinem Drängen nie zu bekämpfen den Mut hatten. ) 
Auch dem englischen Kabinett lagen die spanischen Händel weit näher 
als der Krakauer Streit, der ja gar kein britisches Interesse berührte. 
*) Bunsens Berichte, 17. Juni, 14. Dez. 1844. 
**) Guizot, Weisung an Rayneval in Petersburg, 24. März 1846. 
*#) Guizot, Weisung an den Marquis de Dalmatie, 4. Dez., nebst Begleitschreiben 
vom 5. Dez. 1846. 
) Apponyis Bericht, 23. Nov. 1846.
        <pb n="564" />
        556 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
Als ergebener Diener der öffentlichen Meinung mußte Palmerston freilich, 
da die Polen und die Juden zur Zeit die verwöhnten Lieblinge der Lon- 
doner Presse waren, sich an dem nationalen Sport beteiligen und sagte 
im Parlamente schon im August: wenn die Wiener Verträge an der 
Weichsel nichts mehr gelten sollen, dann gelten sie auch nichts am Rhein 
und am Po! Aber zu gleicher Zeit besprach er „als guter Freund“ mit 
Brunnow: was denn aus dieser Krakauer „Fliege“ werden solle. Man 
kam gemütlich dahin überein, England müsse protestieren, sobald die Ein— 
verleibung erfolgt sei, und der Russe schloß verbindlich: Sie brauchen eine 
parlamentarische Deckung; wir werden Ihnen seiner Zeit genügendes Ma— 
terial liefern.“) Tief erbittert durch Guizots spanische Umtriebe, wollte 
der Lord die zärtliche Freundschaft der Russen jetzt am wenigsten zurück— 
weisen. Auch der König von Preußen bemühte sich wieder eifrig, sein 
England zu den konservativen Mächten hinüberzuziehen, und ließ deshalb 
durch Leopold Ranke eine Denkschrift ausarbeiten; sein Wunsch war, man 
sollte sich mit dem Londoner Hofe noch vor der Einverleibung glatt ver— 
ständigen. Ganz so weit kam man doch nicht. Als die Wiener Konferenz 
ihre Beschlüsse gefaßt hatte, sprach Palmerston (23. Nov.) den Ostmächten 
sein Bedauern aus über eine Verletzung der Verträge, „die durch keine ge— 
nügende Notwendigkeit gerechtfertigt wäre.“ Die Sanftmut dieser Vor— 
würfe stach wunderlich ab von dem groben Tone, welchen der Lord sonst 
in seinen Protestnoten anzuschlagen liebte. Mit Frankreich zusammen— 
zugehen, kam ihm nicht in den Sinn. Vielmehr rühmte er sich vor Bunsen: 
„die drei Mächte werden sehen, wie freundschaftlich ich in der Krakauer 
Sache gehandelt und wie ernst ich die heimtückischen Vorschläge des 
französischen Kabinetts beantwortet habe.“**) 
Sogar der alte grimmige Russenfeind Lord Ponsonby sagte zu Met— 
ternich: man möge nur schnell handeln, durch die vollendete Tatsache 
der Einverleibung alles erledigen — und König Friedrich Wilhelm schrieb 
vergnügt an den Rand des Berichts: Noël! Nosl! Ouf!***) Nach alle— 
dem konnte das unvermeidliche parlamentarische Wehgeschrei die Ostmächte 
nicht mehr beunruhigen. Als die beiden Häuser im Januar 1847 wieder 
zusammentraten, zeigte Palmerston „seinem teueren Brunnow“ den Satz 
der Thronrede, der von Krakau handelte, und änderte auf Wunsch des 
Russen einige Worte. Die drei Gesandten fanden jedoch die Stelle, trotz 
der Milderung noch ziemlich scharf, und Brunnow schrieb dem Lord in 
Freundschaft: wir drei wollen lieber nicht (rather not) zur Eröffnung 
des Parlaments erscheinen, so vermeiden wir einen peinlichen Depeschen- 
wechsel.#) 
*) Brunnows Bericht, 28. Aug. 1846. 
**) Palmerston, Weisung an Westmoreland, 23. Nov. Bunsens Bericht, 26. Nov. 
***) Arnims Bericht, Wien, 9. Nov. 1846. 
4) Palmerston an Brunnow, 18. Jan. Brunnows Antwort, 19. Jan. 1847.
        <pb n="565" />
        Schwäche der Westmächte. 557 
Englischer als die englischen Minister zeigte sich Bunsen. Der glaubte 
alles, was die Londoner Presse sagte, und versicherte im Ernst, seit 
Napoleons Gewalttaten hätte nichts mehr die britische Nation so furcht- 
bar erbittert; er wußte nicht, daß Österreich die Krakauer Frage zuerst 
angeregt hatte, und klagte entrüstet, dieser vergiftete Bissen sei durch Ruß- 
land dem Wiener Hofe dargereicht.) Statt die reiflich erwogene Rechts- 
anschauung seiner Regierung gegen das Ausland treu zu verteidigen, 
schickte er nach Berlin eine lange Denkschrift, welche sich ganz dem ober- 
flächlichen Gerede der englischen Zeitungen anschloß und den Beweis zu 
führen suchte, daß alle Unterzeichner der Kongreßakte über Krakaus Zu- 
kunft zu entscheiden hätten.') Dem Vertrauten des Königs mußte man 
viel nachsehen. Die Fülle dieser freiwilligen Bunsenschen Denkschriften, 
die sich nicht bloß über England**), sondern über ganz Europa mit lehr- 
hafter Sicherheit aussprachen, wurde jedoch auf die Dauer dem lang- 
mütigen Minister furchtbar. Als praktischer Diplomat war er diesem 
Gesandten doch immer noch weit überlegen, und er schrieb endlich sanft: 
„Zuweilen wandelt mich der Gedanke an: ob nicht einstens einmal ein 
Historiker, wie z. B. Ranke, über unsere Akten kommen und nachsehen 
könnte, wie diese mit den Zeitungen übereinstimmen oder was noch außer- 
dem über die Geschichte unserer Tage zu finden wäre? Kämen nun einem 
solchen Manne die von Ew. Exz. über die englischen, französischen, spani- 
schen und polnischen Fragen eingereichten Denkschriften in die Hände, so würde 
er, nachdem er sich des Fundes erfreut und ihn exploitiert hätte, vielleicht 
doch auch danach fragen, was der damalige Minister der Ausw. A. dazu 
gesagt habe? Scheint es nicht zuweilen, als ob es not getan habe, den Ver- 
blendeten zu warnen, daß er nicht alles verderbe und Preußen aus einer 
glänzende Aussichten gewährenden Stellung in eine verzweiflungsvolle 
bringe, als ob er inmitten aller Gefahren, welche französische Eroberung, 
russische Unterdrückung, österreichische Hemmnisse und allseitiges Miß- 
trauen dem Vaterlande drohen, taubstumm und lahm da gestanden hätte /T) 
In solcher Lage konnten die Ostmächte stolz und sicher auftreten. 
Canitz entwickelte in einem Rundschreiben an die Gesandtschaften (29. Nov.), 
was den König zu seinem Verfahren bewogen habe. Er schloß mit der zu- 
versichtlichen Behauptung, daß in Posen gar kein Stoff zu einem Aufstande 
vorhanden, alle Unruhe nur von außen hereingetragen sei, und „daß 
es folglich für uns von der größten Wichtigkeit ist, einen Herd dieser 
Umtriebe an den Grenzen der preußischen Lande nicht zu dulden oder 
vollends ihn als Schutz= und Pflegebefohlenen neu wieder aufzubauen, 
*) Bunsens Berichte, 24. Nov., 15. Dez. 1846. 
**) Bunsen, Untersuchung über die Krakauer Frage vom materiellen Standpunkte. 
1846. 
*#V) Bunsen, Die Verwicklung inden inneren Zuständen Großbritanniens, 13.Juli 1843. 
)) Canitz an Bunsen, 13. Jan. 1847.
        <pb n="566" />
        558 V 7. Polen und Schleswigholstein. 
nachdem er sich im Übermaß rebellischer Frechheit selbst zerstört hatte“.) 
Ahnlich sagte Metternich in mehreren Rundschreiben, diese Republik habe 
ihre Begründer gezwungen, nur noch zu bedenken, was sie sich selbst und 
ihren Völkern schuldig seien; er stellte sogar die kühne Behauptung auf: 
„Die Kongreß-Akte wird infolge des Krakauer Ereignisses nur zu ge- 
winnen vermögen!“) Nesselrode betonte namentlich, daß die polnischen 
Flüchtlinge den Freistaat von vornherein verfälscht und darauf mit eigenen 
Händen zerstört hätten.**“) Als die drei Mächte dann nochmals (4. Jan. 
1847) in gleichlautenden Depeschen ihre Ansicht verteidigt hatten, war 
der diplomatische Kampf zu Ende. Die Redeschlachten, die nunmehr noch 
in Paris und London entbrannten, bedeuteten nichts mehr. Die Welt 
begann des polnischen Rührstücks satt zu werden; Lord Bentinck, Disraeli 
und einige andere beherzte Torys wagten auch schon einzugestehen, daß 
ihnen die politische Notwendigkeit des Gewaltstreiches einleuchtete. 
Trotz dieses leichten diplomatischen Erfolges fühlten sich die beiden 
deutschen Großmächte beunruhigt. Was sie auch sagen mochten — durch 
die gewaltsame Vernichtung eines allgemein anerkannten europäischen 
Staates wurde das unwandelbare legitime Recht, zu dem sie sich selber so 
oft feierlich bekannt hatten, gröber verletzt als durch irgend eine der Revo- 
lutionen und Gebietsveränderungen des letzten Menschenalters. Daher be- 
mächtigte sich der kleinen deutschen Höfe eine wohl begreifliche Angst. Auf 
festerem Rechtsboden als weiland Krakau standen Meiningen und Sonders- 
hausen nicht, und die Macht, sich selber zu behaupten, besaßen sie eben 
so wenig. Einige der kleinen Bundesgesandten befragten in ihrer Herzens- 
angst schon den Vertreter Frankreichs Chasseloup-Laubat.]) Metternich 
empfand selbst, in welche Widersprüche er geraten war. Um die er- 
schreckten Kleinen zu beschwichtigen und zugleich sich selber vor aller Welt 
das Zeugnis unwandelbarer Überzeugungstreue auszustellen, entwarf er 
nun einen Plan, den ihm nur die starre Selbstgerechtigkeit seines Greisen- 
alters eingeben konnte. Er verabredete mit Canitz nach langen Verhand- 
lungen eine Erklärung folgenden Inhalts: „Jeder rechtsgültig geschlossene 
Vertrag hat den Wert gegenseitig gelobter Treue. Ihre Mazjestäten 
können jedoch keineswegs einräumen, daß ein Vertrag bestehen könne ohne 
jene Verknüpfung gegenseitiger Rechte und Verbindlichkeiten, noch daß 
die Grenzen dieser Rechte und Verpflichtungen willkürlich über den Be- 
reich der Beteiligten hinaus erweitert oder durch Einmischung Nicht- 
beteiligter beschränkt oder verschoben werden dürfen.“ ) 
*) Canitz, Rundschreiben an die Gesandtschaften, 29. Nov. 1846. 
**) Metternich, Rundschreiben an die Gesandtschaften, 18. 29. Nov. 1846, nebst 
Denkschrift: die Beschlüsse der drei Mächte in Beziehung auf Krakau. 
####) Nesselrode, Rundschreiben an die Gesandtschaften, 20. Nov. a. St. 1846. 
)Dönhoffs Bericht, Frankfurt, 12. Dez. 1846. 
4) Metternich, Weisungen an Trauttmansdorff, 7. März, 8. April 1847.
        <pb n="567" />
        Der Bundestag und Krakau. 559 
Diese Erklärung sollte der Bundestag billigen, wie einst die Beschlüsse 
des Kongresses von Verona, obgleich der Deutsche Bund an den Krakauer 
Händeln unmittelbar gar nicht beteiligt war. Aber die Zeiten von Troppau 
und Verona waren vorüber. Mochte Canitz immerhin versichern, die Er— 
klärung erscheine nötig, weil „der Deutsche Bund für die Bewahrung des 
Völkerrechts eine sichere Stätte darbiete““*) — die deutschen Höfe fühlten 
doch richtig heraus, wie pharisäisch eine solche Verherrlichung gelobter 
Treue klang eben in dem Augenblicke, da die Wiener Verträge unzweifelhaft 
geändert wurden, und alle zitterten für ihr eigenes Dasein. Die bayrische 
Regierung wollte schließlich zustimmen, „da das Wesentliche des Deutschen 
Bundes vorzugsweise in der Gegenseitigkeit der Vertragsrechte begründet 
sei,“ aber sie fügte zugleich den unzweideutigen Wunsch hinzu: „daß eine 
spezielle Billigung dessen, was hinsichtlich des Freistaats Krakau geschehen, 
ausgeschlossen bleibe, und daß daher die Anerkennung der von Osterreich 
und Preußen aufgestellten Grundsätze nur in ihrer Anwendung auf dic 
Verhältnisse des Deutschen Bundes ausgesprochen werde.“##)Auch der 
sächsische Minister Zeschau sagte dem k. k. Gesandten Kuefstein aufrichtig: 
ich verkenne die Notwendigkeit des Geschehenen nicht; ich erwarte aber 
„die gegen Krakau angewendete Maßregel wird gegen keinen anderen Staat 
angewendet werden, und wäre er auch der kleinste.“ Darauf beteuerte 
ihm Metternich heilig, „die tiefe Ehrfurcht des Kaisers vor jedem urkund- 
lich verbrieften Rechte“ und sprach die Hoffnung aus, der Deutsche Bund 
würde „sich mit Osterreich und Preußen in der lauten Huldigung für die 
ewigen Grundsätze des Völkerrechts vereinigen“ — leere Worte, die dem 
ehrlichen Sachsen in solchem Augenblicke wie freche Heuchelei klingen 
mußten. ***) « 
Eanitz selbst schämte sich im stillen; er sagte traurig: wir können 
den Zollvereinsregierungen nicht von Vertragstreue sprechen, solange der 
Wiener Hof das Krakauer Zollwesen ganz nach Willkür handhabt.) Aus 
allen deutschen Landen meldeten die Gesandten übereinstimmend, wie 
schwierig die Stimmung sei; die Konservativen klagten überall noch lauter 
als die liberalen Polenfreunde, das alte System der unwandelbaren Legi- 
timität sprach sich ja selbst das Todesurteil.)Ganz einverstanden waren 
von allen Regierungen der Mittelstaaten nur vier: Hannover, die beiden 
Hessen und der König von Württemberg, der jetzt nur noch an die Be- 
kämpfung der Revolution dachte.F) Es bedurfte noch mannigfacher ver- 
*) Canitz, Rundschreiben an die deutschen Gesandtschaften, 7. April 1847. 
*“) Minister v. Maurer, Verbalnote an Bernstorff, 20. April; Weisung an den 
stellvertretenden Bundesgesandten Blittersdorff, 19. April 1847. 
*#) Metternich, Weisung an Kuefstein, 26. April 1847. 
Canitz an Graf Arnim, 12. März 1847. 
) Berichte von Radowitz, Karlsruhe 10. Dez., von Seckendorff, Hannover 14.Dez. 
1846, von Bernstorff, München 1. Febr., von Dönhoff, Frankfurt 24. April 1847. 
f##f) Thuns Bericht, Stuttgart 2. Mai 1847.
        <pb n="568" />
        560 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
traulicher Zureden, bis der Präsidialgesandte am 17. Juni 1847 endlich 
wagen konnte, die Erklärung der beiden Großmächte dem Bundestage förm— 
lich vorzulegen. Den Abstimmungen ließ sich zumeist deutlich anmerken, 
wie ungern sie gegeben wurden; der Beschluß lautete ganz unbestimmt da— 
hin, daß der Bund „die Darlegung der Grundsätze gewissenhafter Heilig— 
haltung der Verträge“ mit Dank und voller Zustimmung vernommen habe. 
Die gereizte Stimmung der Tagenden verschärfte sich noch, als der Vor- 
sitzende zum Schluß eine Zuschrift des russischen Gesandten verlas, welche 
die Zustimmung des Zaren zu den Grundsätzen der deutschen Großmächte 
erklärte. So ganz im Veroneser Stile wollte sich der Bundestag doch 
nicht mehr mißhandeln lassen. Er begnügte sich, ohne Dank „die volle 
Würdigung“ der Grundsätze des russischen Kaisers „auszudrücken“, und 
beschloß schließlich gar, diese Jdanze Verhandlung in einem geheimen Pro- 
tokolle zu vergraben.*) Die Veröffentlichung des Protokolls wurde den 
beiden Großmächten anheimgestellt. Sie erfolgte zwar, aber man beachtete 
sie kaum. Die Absichten des Wiener Hofes waren fast ganz vereitelt; 
statt einer feierlichen Zustimmung des gesamten Deutschlands hatte er 
nichts erreicht als eine fast ironisch klingende Erklärung über die Heilig- 
haltung der Verträge. Es ging abwärts; Metternichs Künste verfingen 
nicht mehr, nicht einmal am Bundestage. Bald nachher wurde das König- 
reich Polen in die russischen Zolllinien aufgenommen — eine Gewalttat, 
die sich aus den früheren Ereignissen notwendig ergab und der polnischen 
Volkswirtschaft sogar Vorteil brachte, aber auch von neuem bewies, was 
von der Vertragstreue der Ostmächte zu halten war. — 
Im ganzen Verlaufe dieser polnischen Unruhen hatten die drei Tei- 
lungsmächte ihren politischen Charakter unzweideutig offenbart. Im russi- 
schen Polen regierte die Faust; die wenigen, die sich einer Schilderhebung 
erdreisteten, wurden gehenkt oder sie verschwanden — vielleicht in Sibirien. 
In Österreich sah die Regierung stumpfsinnig mit an, wie das wütende 
Landvolk die polnischen Rebellen totschlug. In Posen wurde der Auf- 
stand fast ohne Blutvergießen unterdrückt, und die Masse des Volkes blieb 
still. Auf Besitz und Bildung gestützt, schritt das Deutschtum, trotz allen 
polnischen Umtrieben noch immer unaufhaltsam vorwärts. Erst weit später, 
etwa seit 1861, trat der tragische Rückschlag ein. Durch Preußens Schu- 
len, Preußens Gewerbefreiheit, Preußens Agrargesetze erzogen, wuchs all- 
mählich in Stadt und Land ein polnischer Mittelstand empor, der seine 
Wohltäter mit dem unvermeidlichen historischen Undank belohnen sollte. 
Vorderhand schien das Deutschtum noch einer großen Zukunft sicher. 
Merkwürdig nun, wie die polnischen Wirren jetzt zum zweiten Male 
in die Geschichte der preußischen Justizgesetzgebung entscheidend eingriffen. 
Unter Friedrich Wilhelm II. war einst das längst zurückgelegte frideri- 
  
*) Dönhoffs Bericht, 17. Juni 1847.
        <pb n="569" />
        Offentliches Verfahren. Der Polenprozeß. 561 
zianische Allgemeine Landrecht schließlich nur darum veröffentlicht worden, 
weil die neuen, durch die Teilung Polens erworbenen Provinzen schlechter— 
dings sofort einer geordneten Rechtspflege bedurften. Dem jetzigen Könige 
lag das Schicksal der 254 angeklagten Polen, welche die Untersuchungs— 
kommission aus der Masse der Verhafteten ausgesondert hatte, schwer auf 
dem Herzen; er wollte ihnen die Wohltat einer öffentlichen und münd— 
lichen Verhandlung gewähren, um das Verfahren abzukürzen und vor 
aller Welt zu zeigen, daß in Preußen allein das Recht entscheide. Be— 
ratungen über die Einführung des öffentlichen Strafverfahrens schwebten 
in den beiden Justizministerien schon seit Jahren; aber erst der polnische 
Aufruhr erzwang die längst als notwendig erkannte Reform. Auf Wunsch 
des Monarchen ließ der zweite Justizminister Uhden, während Savigny 
in seinen gelehrten Forschungen versunken war, einen Gesetzentwurf aus— 
arbeiten, kraft dessen das öffentliche Verfahren zunächst bei den Berliner 
Gerichten eingeführt werden sollte. Unzweifelhaft war es freilich nicht, 
ob dies geplante Gesetz auf den Polenprozeß, der vor das Kammergericht 
gehörte, alsbald angewendet werden konnte; er war ja schon vor Monaten 
in Posen eingeleitet, und durfte man Gesetze mit rückwirkender Kraft er— 
lassen? Der Prinz von Preußen, dem jede Verdunkelung des Rechts 
entsetzlich war, sprach denn auch seine Bedenken lebhaft aus: „Dergleichen 
übereilte Schritte, die sogar nach Willkür aussehen, haben in unseren 
Tagen unberechenbaren Einfluß und sind aufs sorgfältigste zu vermeiden.“ 
In gleichem Sinne äußerte sich der alte Kammergerichts-Präsident Kleist.) 
Der König aber ward in seinen großmütigen Absichten nicht beirrt und 
unterzeichnete das Gesetz am 17. Juli 1846. Er wünschte die Entschei— 
dung zu beschleunigen, und seine Minister sahen voraus, daß die pol— 
nischen Verschwörer in der Achtung der Welt nur verlieren konnten, wenn 
sie sich öffentlich verantworten mußten.) 
Im März 1847 wurden die Ergebnisse der schwierigen Untersuchung 
dem Staatsanwalt des Kammergerichts mitgeteilt, und am 2. August be- 
gann im Saale des neuen Moabiter Zellengefängnisses der große Polen- 
prozeß, die erste öffentliche Gerichtsverhandlung in Preußens alten Pro- 
vinzen, ein Ereignis von „besonderer Bedeutung für uns, für Europa, 
für die Welt“, wie der Verteidiger Deycks pathetisch sagte. Die Zuhörer 
drängten sich in Massen schon zur frühen Morgenstunde herbei und er- 
wiesen nach Kräften den Angeklagten ihre Huld, da jeder aufgeklärte Ber- 
liner verpflichtet war, die polnischen Rebellen zu lieben. Der Hauptschul- 
dige Mieroslawski hatte sich schon in der Untersuchungshaft durch den 
klugen Polizeidirektor Duncker, den Schrecken der Berliner Spitzbuben, 
umfassende Geständnisse entlocken lassen und mußte nun vor dem Gerichte 
*) Prinz von Preußen an König Friedrich Wilhelm, 23. Mai; Kleists Promemoria, 
April 1846. 
**) Uhden, Denkschrift über den Polenprozeß, 8. Okt. 1847. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 36
        <pb n="570" />
        562 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
ziemlich aufrichtig reden, was ihm die Mitangeklagten sehr verargten. Der 
langmütige Gerichtshof erlaubte ihm sogar — gegen das Gesetz — fran- 
zösisch zu sprechen; denn dieser Führer der polnischen Nation war der 
polnischen Sprache wirklich nicht ganz mächtig und er berechnete schlau, 
daß eine französische Rede doch von einem Teile der beifallslustigen Zu- 
hörer verstanden würde, während ein polnischer Vortrag, satzweise ver- 
dolmetscht, alle langweilen mußte. Die prachtvollen Schlagworte, die er 
nunmehr mit hochtheatralischen Armbewegungen in fließendem Französisch 
vorbrachte, waren freilich mehr für polnische Schlachtizen geeignet, als 
für überkluge Berliner, die das alles schon aus den Zeitungen kannten. 
Da fehlte weder der verfluchte Mutterschoß, der der Unterdrückung ein 
Opfer gebar, noch der Rabe der Verleumdung auf dem polnischen Kreuze, 
noch die Nation, die ein ganzes Jahrhundert hindurch mit Galle und 
Essig getränkt am Kreuze schmachten mußte. Gegen Preußen hatte Mieros- 
lawski gar nichts Arges im Schilde geführt; die Einnahme der Festung 
Posen sollte ihm ja nur als Mittel dienen, um das russische Polen zu 
erobern. Sehr rührsam führte er aus, welche schöne Rolle die Preußen 
spielen könnten, wenn sie sich entschlössen, zur Entschädigung für die ihnen 
zugefallenen polnischen Länder, die übrigen den Polen zurückzuerobern: 
„Preußens Zukunft muß sich befreunden mit der Auferstehung einer 
Macht, welche einzig im stande ist, das drohende Ungeheuer des Pan- 
slawismus aufzuhalten.“ 
So stimmte dieser Todfeind Preußens das Sirenenlied an, das seit- 
dem bis zum heutigen Tage nach mannigfachen Weisen den gutmütigen 
Deutschen immer wieder vorgesungen wurde. Zum Glück richtete der 
Marquis Wielopolski eben jetzt an Metternich einen offenen Brief, der 
das genaue Gegenteil aussprach und, nach heftigen Anklagen gegen die 
elende österreichische Regierung, zu dem Schlusse gelangte: die Polen hätten 
nur dann noch eine Zukunft, wenn sie sich der großen Familie des Pan- 
slawismus anschlössen, wenn sie, statt ihr Land durch eine törichte Emi- 
gration zu schwächen, friedlich arbeitend daheim blieben, um sich zur 
rechten Zeit unter die Führung ihrer großmütigsten Feinde, der Ro- 
manows, unter das gemeinsame Banner des slawischen Volkstums zu 
stellen. Dieser offene Brief kam den demokratischen Posener Schlachtizen 
sehr ungelegen, aber bei den Magnaten des russischen Polens galt der reiche 
Marquis weit mehr als Mieroslawski, und auch unter dem Warschauer 
Kleinadel besaß der Panslawismus viele Anhänger. Welchem der beiden 
polnischen Apostel sollten die Deutschen nun Glauben schenken? Gegen 
solche Nachbarn war wachsame Strenge die einzig mögliche Politik. 
Mieroslawskis Schicksalsgenossen verscherzten sich das Mitleid, das 
politischen Verbrechern immer entgegenkommt, selber durch würdelose Ver- 
logenheit. Offenbar nach Verabredung leugneten sie fast alles ab, und die 
anfangs überfüllten Zuhörerbänke leerten sich gegen das Ende der Verhand-
        <pb n="571" />
        Verurteilung der Posener Aufständischen. 563 
lungen, die bis zum 17. Nov. währten, gänzlich. Das eintönige Schauspiel 
halsstarriger dummdreister Verneinung und gründlicher Überführung 
mußte deutsche Zuhörer zuletzt anwidern. Persönliche Teilnahme erregten 
nur Dr. Libelt, ein gescheiter, bleicher, kleiner Mann, den die Polen ihren 
Patriarchen nannten, und der feurige junge Niegolewski; sonst zeigten 
alle die gleiche flache Leichtfertigkeit. Bei manchen, die schon von dem 
alten Könige Begnadigung erbettelt und erhalten hatten, erschien die Un- 
treue schlechthin ekelhaft. Der Sachverhalt stellte sich klar heraus: un- 
zweifelhaft hatte eine weitverzweigte, ganz törichte, aber auch ganz ge- 
wissenlose Verschwörung den Plan verfolgt, Posen und Westpreußen von 
der Monarchie loszureißen. Der Präsident Koch und die übrigen Richter 
bewahrten eine ruhige Würde, die sich von dem leidenschaftlichen Tone 
der politischen Prozesse Frankreichs auffällig unterschied. Auch die Staats- 
anwaltschaft wurde durch den liberalen Geh. Rat Wentzel sehr stattlich 
vertreten. Unter den Verteidigern zeichnete sich Anwalt Deycks durch 
seine maßlose Sprache aus, er sagte geradezu, der preußische Staat hätte 
die Verbrecher wie das Verbrechen erst geschaffen. Ruhiger redeten An- 
walt Lewald, ein erklärter Gegner der „Germanisierungspolitik“, und der 
kluge Crelinger aus dem Jacobyschen Freundeskreise; sie alle suchten zu 
beweisen, daß die Polen nur dem Beispiele der Preußen selbst gefolgt seien, 
denn dank der liberalen Mythenbildung war die Tatsache schon halb 
vergessen, daß der deutsche Befreiungskrieg nicht ein Aufstand, sondern ein 
regelmäßiger Krieg gewesen war. Am 2. Dez. verkündete der Gerichtshof 
das Urteil. Er gab den Vorschriften des Allgemeinen Landrechts eine sehr 
milde, durchaus nicht unbestreitbare Auslegung und wollte keinen Hoch- 
verrat annehmen, weil die gewaltsame Abreißung einiger Landesteile doch 
nicht geradehin als Umwälzung der Staatsverfassung zu betrachten sei; 
darum erkannte er nur auf schweren Landesverrat. Acht der Angeklagten 
wurden zum Tode, 109 zu Zuchthaus= und Festungsstrafen verurteilt, 
116 wegen mangelhafter Beweise von der Untersuchung entbunden und 
nur 18 gänzlich freigesprochen. 
Wenn der König jetzt der Gerechtigkeit freien Lauf und mindestens 
dem frivolen Führer der Rebellen den Kopf vor die Füße legen ließ, so 
konnte er dem Lande Posen vielleicht Ströme unschuldigen Blutes ersparen. 
Mieroslawski selbst erwartete auch nichts anderes. Er bat nicht um Gnade, 
wie man bei Hofe hoffte, sondern sagte rund heraus: der König muß mich 
hinrichten lassen, ich habe mich zu schwer gegen ihn vergangen; läßt man 
uns frei, so fangen wir wieder an, ich wenigstens ganz gewiß! Zu solcher 
Strenge wollte der weichherzige Monarch sich nicht entschließen; er ahnte 
auch nicht, wie es in Posen stand, er wußte nicht, daß die durch die un- 
blutige Niederlage keineswegs entmutigten Polen sich die Hände rieben 
und zuversichtlich sagten: Blut läßt der gute König doch nicht fließen! 
Die Verurteilten blieben vorläufig in Haft, und schon nach wenigen 
36*
        <pb n="572" />
        564 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
Monaten sollte Preußen abermals erfahren, wie die Polen der deutschen 
Großmut dankten. — 
  
Über die polnischen Händel hatte sich Deutschlands öffentliche Mei- 
nung noch kein sicheres Urteil gebildet; nationaler Stolz und fremdbrüder- 
licher Schwachsinn hielten einander noch die Wage. Als aber jetzt auch 
unsere Nordmark durch die Gewaltstreiche des Auslandes bedroht wurde, 
da regte sich das jugendliche Selbstgefühl der Nation in schönem Ein- 
mut. Im Dezember 1839, kurz vor dem König von Preußen, war der 
greise Friedrich VI. von Dänemark gestorben, und hier wie dort begann 
mit dem Thronwechsel eine neue Zeit. Der Verstorbene war der erste 
rein dänisch gesinnte König des Inselreichs gewesen, aber ein ruheseliger 
Herr, dem die Parteien den Frieden seiner alten Tage nicht gern stören 
mochten. Unter seinem Nachfolger Christian VIII. brausten die mühsam 
verhaltenen nationalen Wünsche sofort kräftig auf. 
Auch König Christian, der Zögling Hoegh-Guldbergs, fühlte sich ganz 
als Däne, obgleich er den Wert deutscher Bildung wohl zu schätzen wußte. 
Ein schöner Welt= und Lebemann, Freund des Prunkes, der Tafel, des 
witzigen Gesprächs, bezauberte er alles durch seine einschmeichelnde Lie- 
benswürdigkeit, wenn ihn nicht einmal das hitzige Blut übermannte. 
Als langjähriger Präsident der Akademie hatte er sich große Verdienste 
um die Pflege der Künste erworben, die Naturforscher schätzten seine mine- 
ralogischen Schriften über den Vesuv; mit vielen Gelehrten wechselte er 
Briefe, Freiherr v. Rumohr, der Gastronom und Kunstkenner, behagte 
ihm am besten. Manche Züge dieses beweglichen, vielseitig empfänglichen 
Geistes erinnerten an Friedrich Wilhelm IV., der ihm auch persönlich 
teuer und durch den gemeinsamen Freund Rumohr nahe verbunden war. 
In den ersten Tagen der Hoffnung sagte Humboldt froh, zwei solche Könige 
seien würdig, sich gegenseitig zu schätzen. Aber an die umfassende Bil- 
dung und die Gedankenfülle Friedrich Wilhelms reichte der geistreiche 
Däne doch nicht heran; Dilettant in allem, besaß er auch die Herzensgüte 
des Deutschen nicht, und während dieser nur zuweilen durch die phan- 
tastische Uberschwenglichkeit seiner Reden den Eindruck der Schauspielerei 
erweckte, suchte König Christian wirklich durch berechnete Bühnenkünste 
zu blenden und zu berücken. Wenn er alljährlich in rotsamtener Phan- 
tasie-Uniform, bedeckt mit glitzernden Ordenssternen, zur Eröffnung der 
Sitzungen des obersten Gerichtshofes fuhr, dann erschien er ganz wie ein 
Theaterkönig. Die wohlfeilsten Effekte verschmähte er nicht: zu dem Stu- 
denten Rudolf Schleiden, der in Nyborg wegen eines harmlosen, unpo- 
litischen Duells auf der Festung saß, trat er plötzlich ins Zimmer, wie 
der Gott aus der Maschine, um feierlich die Begnadigung zu verkünden.
        <pb n="573" />
        Christian VIII. 565 
Niemand beherrschte ihn, denn er glaubte, etwas von der geheimnisvollen 
Königskunst, der Kingscraft der Stuarts zu besitzen, und sah mit stillem 
Hochmut auf die kleinen Sterblichen hernieder. Der Kabinettssekretär 
Adler, der ihn von Jugend an auf allen Irrwegen skandinavischer Politik 
begleitet hatte, blieb sein einziger Vertrauter. Vor kühnem Wagen und 
raschen Entschlüssen schrak er zurück, aber mit zäher Geduld hielt er seine 
geheimen Pläne fest, um sie, listig die Schwäche der Menschen benutzend, 
nach und nach zu verwirklichen. Ihm fehlte die Ehrfurcht vor dem Rechte, 
der Glaube an die sittlichen Mächte der Geschichte und darum auch das 
Verständnis für die nationalen Empfindungen seiner Völker. 
So war er trotz seiner diplomatischen Verschlagenheit doch kein 
Staatsmann; er dachte ein anderer Waldemar Attertag zu werden, und 
sein achtjähriges Regiment bereitete die Kämpfe vor, welche den dänischen 
Gesamtstaat zerschlagen sollten. Er hatte sich einst durch feines Spiel die 
norwegische Königskrone für wenige Monate errungen und damals, aller- 
dings nicht ganz freiwillig, die Verfassung unterzeichnet, welche fortan das 
Ideal aller liberalen Skandinavier blieb. Auch nachher stand er noch lange 
im Rufe radikaler Gesinnung, weil er auf einer Reise zufällig in die 
neapolitanische Revolution hineingeraten und dort den Verhandlungen der 
Carbonari nicht ohne Freude gefolgt war.) In reiferen Jahren gelangte er 
zu einer Weltanschauung, die sich mit den Ideen König Friedrich Wil- 
helms nahe berührte. Die Hegelsche Philosophie hielt er für gemeingefähr- 
lich, obgleich er selbst wenig religiöse Empfindung besaß; unschädlicher 
schienen ihm die frommen naturphilosophischen Träumereien seines Lands- 
manns Steffens. Als Erbe der dänischen Alleingewaltsherrscher wünschte 
er eine freie starke Krone, die durch ständischen Beirat nur wenig, nur so 
weit es die Stimme der Zeit durchaus verlangte, beschränkt werden durfte; 
und da die dänischen Provinzialstände den preußischen nachgebildet waren, 
so entschloß er sich auch, den ständischen Reformplänen seines preußischen 
Freundes Schritt für Schritt zu folgen. Wie dieser dachte er erst Ver- 
einigte Ausschüsse zu bilden, nachher einen Vereinigten Landtag für die 
gesamte Monarchie. In einem solchen Reichstage konnte der König teilend 
herrschen, er konnte die Parteien und die Nationen wider einander aus- 
spielen, den Radikalismus seiner Dänen durch die konservative Gesinnung 
der Schleswigholsteiner, das Deutschtum der Herzogtümer durch das 
Dänentum der Inseln niederhalten. 
Alle diese Entwürfe schwebten aber in der Luft, solange der Bestand 
des Gesamtstaates selber nicht gesichert war; die Sorge um die Thron- 
folge drängte sich dem König gebieterisch auf, seit die Augustenburger ihre 
Erbansprüche auf Schleswigholstein öffentlich angekündigt hatten.“) Chri- 
  
*) S. o. I. 665; III. 156. 
"“) S. o. W. 177.
        <pb n="574" />
        566 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
stians einziger Sohn Friedrich blieb kinderlos; auch die zweite Ehe des 
Kronprinzen mußte, gleich der ersten, nach wenigen Jahren getrennt werden, 
weil die Gemahlin die Roheit des Gatten nicht zu ertragen vermochte, und 
er weigerte sich, zum dritten Male eine fürstliche Heirat zu wagen.) Außer 
ihm lebte nur noch ein königlicher Prinz, der bejahrte kinderlose Bruder 
Christians. Starb Kronprinz Friedrich dereinst, dann erlosch nach mensch- 
lichem Ermessen die königliche Linie und der dänische Gesamtstaat barst 
auseinander; denn in den Herzogtümern gebührte die Thronfolge nach 
altem Landesrecht dem Mannesstamme, den Augustenburgern, in Däne- 
mark nach dem Königsgesetze dem Weiberstamme. Wenn der König diese 
Gefahr von seinem Reiche abwenden wollte, so mußte er die eine der 
beiden erbberechtigten Linien zu freiwilligem Verzicht bewegen, und nach 
den Überlieferungen seines Hauses wie nach allen Berechnungen der Staats- 
klugheit konnte er eine solche Zumutung nur dem Weiberstamme stellen. Im 
vergangenen Jahrhundert hatte der gesamte Norden, Rußland wie die drei 
Kronen Skandinaviens, dem Hause Holstein-Oldenburg angehört;z jetzt 
waren Schweden und Norwegen verloren, und es erschien wie ein dynasti- 
scher Selbstmord, wenn ein oldenburgischer König auch noch versuchte, ein 
dem Norden fremdes Fürstengeschlecht auf den dänischen Thron zu erheben. 
Nächster Erbe aus dem Weiberstamme war — möglicherweise, aber 
nicht gewiß, da die kognatische Erbfolge immer unsicherer bleibt als die 
agnatische — des Königs Schwager, der Gemahl der Prinzessin Charlotte, 
Landgraf Wilhelm und, nach dessen Ableben, sein Sohn, Landgraf Fried- 
rich von Hessen, ein eitler, leerer junger Mensch, der, ernsten Männern 
und ernsten Gesprächen abhold, seine Zeit in schalen Vergnügungen ver- 
geudete und in Kopenhagen gar nichts galt. Uberdies war Landgraf 
Friedrich auch rechtmäßiger Thronfolger in Hessen-Kassel, und wie konnte 
ein dänischer König wünschen, die schwierigen Verhältnisse seines Gesamt- 
staats durch eine Personal-Union mit Kurhessen noch mehr zu verwirren? 
Bei dem sprichwörtlichen Geize des Hauses Brabant schien es leineswegs 
unmöglich, den Hessen ihre noch nicht unzweifelhaften Erbansprüche mit 
einem guten Stück Geldes abzukaufen und also alle Länder der dänischen 
Monarchie unter dem Mannesstamme des Hauses Oldenburg zusammen- 
zuhalten. Verschaffte man dem Landgrafen durch die Gnade der deutschen 
Großmächte gar noch den Titel eines Königs von Hessen, die heiß ersehnte 
Kattenkrone, dann war nahezu sicher, daß er auf Dänemark verzichtete, 
während die Augustenburger wieder und wieder erklärt hatten, daß sie ihre 
Ansprüche auf Schleswigholstein niemals aufgeben würden.) 
So einfach lagen die Dinge, wenn der König unbefangen rechnete. 
— —„ — — — 
*) Schoultz-Ascheradens Bericht, 10. Mai 1846. 
**) Ich benutze hier u. a. eine Denkschrift des klugen und wohl unterrichteten Le- 
gationsrats Grafen v. Bülow (Notizen für Kopenhagen, für General von Gerlach, Berlin, 
Febr. 1848).
        <pb n="575" />
        Die dänische Erbfolge. 567 
Hier aber zeigte sich wieder, wie stark die leitenden Männer und ihre per— 
sönlichen Empfindungen in das Schicksal der Völker eingreifen. Christian 
hegte gegen den Herzog von Augustenburg einen tiefen, menschlich wohl 
entschuldbaren Haß und liebte ebenso herzlich seine ehrgeizige, ränke- 
süchtige Schwester, die abgesagte Feindin Schleswigholsteins, Landgräfin 
Charlotte. Ihr zu Liebe beschloß er, den Gesamtstaat unter dem Hause 
Hessen aufrecht zu halten. Was galt ihm das Recht? er traute sich's zu, 
das unmögliche Ziel auf krummen Wegen zu erreichen. Um den hessischen 
Verwandten einen mächtigen Schutz zu sichern, bewirkte er, daß Landgraf 
Friedrich eine Tochter des Zaren, Großfürstin Alexandrine heiratete. 
Der feine Plan wurde freilich durch das Schicksal vereitelt. Die Groß- 
fürstin starb nach kurzer Ehe, gleich nach dem Tode ihres einzigen Kindes 
und der Landgraf ließ alsbald die Versteigerung ihres Nachlasses an- 
kündigen; Nikolaus aber konnte den öffentlichen Skandal nur durch geheime 
Abkaufung verhindern, er vergaß dem Hessen dies Probestück unfürstlichen 
Geizes niemals und zeigte seitdem nur wenig Teilnahme für die An- 
sprüche des kinderlosen Schwiegersohnes. 
In der inneren Politik verfuhr der neue König zunächst sehr behut- 
sam: er wollte es mit keiner Partei ganz verderben und doch immer die 
Entscheidung in der eigenen Hand behalten. Die Bitten um Preßfreiheit 
und Erweiterung der ständischen Rechte, die ihm gleich nach der Thron- 
besteigung aus dem Königreiche wie aus den Herzogtümern zukamen, wies 
er gnädig zurück. Die alten Privilegien Schleswigholsteins wurden jedoch 
ausdrücklich bestätigt, und zum allgemeinen Erstaunen erhielt sogar der 
Bruder des Herzogs von Augustenburg, Prinz Friedrich v. Noer den Ehren- 
posten des Statthalters der Herzogtümer, der gut deutsch gesinnte Graf 
Joseph Reventlow-Criminil den Vorsitz in der schleswigholsteinischen Kanz- 
lei. Aber gleichzeitig bewiesen andere, wichtigere Maßregeln, daß Christian 
seine deutschen Lande Schritt für Schritt danisieren wollte. Die alten 
Regimenter wurden in Bataillone aufgelöst, die historischen Fahnen mit 
den herzoglichen Wappen überall durch den Danebrog verdrängt, ein Teil 
der schleswigholsteinischen Truppen nach Jütland und den Inseln verlegt. 
Die Offiziere sollten fortan nicht mehr in ihrem Regimente, sondern in 
der ganzen Armee aufrücken, und da die Deutschen ohnehin das Kopen- 
hagener Kadettenhaus nur selten besuchen wollten, so bestand binnen kurzem 
die große Mehrheit des Offizierkorps aus Dänen, wie auch die Marine 
durchweg dänische Offiziere besaß. Statt der dringend erbetenen Landes- 
bank erhielten die Herzogtümer nur eine Filiale der dänischen Reichs- 
bank in Flensburg; mehr wagte man nicht. Zugleich wurde das dänische 
Reichsbankgeld eingeführt, der König scheute sich jedoch, einen zwingenden 
Befehl auszusprechen; darum hielten die Schleswigholsteiner hartnäckig an 
ihren lübischen Schillingen fest und sendeten die dänischen Kupfermünzen 
in solchen Massen nach dem Teutoburger Walde, daß Bandel seinem Her-
        <pb n="576" />
        568 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
mann einen Arm anschmieden konnte. Während Preußen den Eintritt 
Schleswigholsteins in den Zollverein wünschte und deshalb mehrmals 
vertraulich anfragte, dachte Christian vielmehr die uralte Zollgrenze 
zwischen Jütland und den Herzogtümern aufzuheben, um also die wirt— 
schaftliche Einheit seines Gesamtstaats zu begründen; doch auch dieser 
Versuch gelangte nicht über Vorarbeiten hinaus. Ebenso wurde die ge— 
plante Errichtung einer gemeinsamen obersten Kirchen- und Schulbehörde 
bald wieder aufgegeben, weil die Deutschen widerstrebten. 
Wie wenig kannte der König seine Dänen, wenn er sie durch solches 
Tasten zu befriedigen wähnte. Gleich der Windsbraut raste die entfesselte 
nationale Leidenschaft über das Inselreich dahin. Es war, als ob das 
stolze, von seiner alten Macht schon so tief herabgesunkene kleine Volk 
den nahen letzten Sturz ahnte und sich mit krampfhafter Anstrengung auf 
der Höhe zu halten suchte. Wunderbar, wie diese im bürgerlichen Leben 
so achtbare dänische Nation jetzt in ihrem wilden Deutschenhasse alle 
Scham, allen Anstand verleugnete: als die Holsten (1840) ihren Volks— 
helden Gerhard den Großen, ein halb Jahrtausend nach seinem Tode, durch 
ein Standbild ehren wollten, da trat in Dänemark ein Verein zu— 
sammen, der alles Ernstes vorschlug, dem Mörder Gerhards dem Dänen 
Niels Ebbesen in Randers ein Denkmal zu setzen. Die junge Partei der 
Eiderdänen verbreitete sich bald über das ganze Land. Ein Dänemark von 
der Eider bis zum Sund, einig in Sprache, Sitte, Recht — so hieß die 
Losung. An Holstein wollten sich die Eiferer vorerst noch nicht heranwagen, 
weil sie den Widerspruch des deutschen Bundes fürchteten; vielleicht daß 
späterhin auch dies deutsche Land noch in den erstarkten dänischen Einheits— 
staat eintreten konnte. Schleswig aber sollte sofort einverleibt, gänzlich da— 
nisiert und als „Morgengabe“ Gammel Dannemarks dem Bunde der drei 
Kronen Skandinaviens dargebracht werden. Der alte Gedanke der Kal— 
marischen Union, der doch immer wieder an dem starken Nationalhasse der 
drei „Brudervölker“, an der Eifersucht ihrer Hauptstädte gescheitert war, 
erwachte aufs neue; mancher der jungen Schwärmer dachte insgeheim, 
das Haus Bernadotte des volksbeliebten, liberalen Königs Oskar von 
Schweden würde die Oberherrschaft in der skandinavischen Union erlangen. 
In dem Entschlusse, das Deutschtum Schleswigs auszurotten, die 
Verbindung der beiden deutschen Herzogtümer zu zerreißen, war die ganze 
Partei einig; und drohend rief Orla Lehmann: „Wir sind bereit, unser 
altes Dänemark sowohl gegen das hochverräterische Geschrei der Nord- 
albingier als gegen die seekranke Eroberungslust aller deutschen Vogel- 
fänger zu verteidigen. Und sollte es nötig sein, so wollen wir mit dem 
Schwerte den blutigen Beweis auf ihren Rücken schreiben: Dänemark will 
nicht!“ Aus Lehmanns Worten sprach die wilde Wut des Renegaten; 
er selbst war ein Schleswiger, der Sohn eines angesehenen schleswigholstei- 
nischen Beamten. Doch um ihn scharte sich bald alles, was Dänemarks
        <pb n="577" />
        Orla Lehmann und die Eiderdänen. 569 
Bürgertum an aufstrebenden Talenten besaß: die unruhige Studenten— 
schaft der Hauptstadt, die verschwiegerten und vervetterten Professoren— 
familien, die sich auch in ihrem Erwerbe beeinträchtigt sahen, weil die 
alte Nebenbuhlerin Kiel allein berechtigt war, die jungen Leute für die 
Ämter Schleswigholsteins vorzubilden, dann die Kaufleute und Reeder, 
denen die Zeitung Fädrelandet als beredtes Organ diente, endlich fast 
alle guten Köpfe aus den Kreisen der jüngeren Beamten und Offiziere. 
Der gelehrte Philolog Madvig, der Hauptmann Tscherning, die Theologen 
Clausen und Monrad zeichneten sich durch ihren Fanatismus aus; sie alle 
sprachen aus tiefer Überzeugung und mit dem frohen Bewußtsein, auf 
der Höhe der Zeit zu stehen. 
Wie die Eiderdänen über das historische Recht der deutschen Herzog- 
tümer dreist hinwegstürmten, so verlangten sie auch für ihren dänischen 
Einheitsstaat eine radikale Neugestaltung. Dieselben demokratischen Kräfte, 
welche vor hundertundachtzig Jahren durch die Kopenhagener Revolution 
das Königsgesetz geschaffen, den Adel der Krone unterworfen hatten, 
trachteten jetzt die Alleingewaltherrschaft des Königsgesetzes durch einen 
schrankenlosen Parlamentarismus zu verdrängen. Das Vorbild Norwegens 
und die Schriften der altbefreundeten Franzosen wirkten auf die Ideen 
dieser jungen skandinavischen Demokratie kräftig ein; mancher hoffte auch 
wohl im Herzen, einen Teil der Deutschen Schleswigholsteins durch 
den Zauber liberaler Glückseligkeit zu gewinnen. Da der Adelshaß im 
dänischen Landvolk tief eingewurzelt und der Name des königlichen „Volks- 
freundes“ Christians II. noch unvergessen war, so spendeten auch zahl- 
reiche Bauernversammlungen den Freiheitslehren der radikalen Haupt- 
stadt ihren Beifall. Die ganze Bewegung zeigte von Haus aus das lär- 
mende, rauschende Wesen, das der lebenslustigsten Stadt Nordeuropas 
zusagte. Zweckessen und Bankette, Versammlungen und Festgelage, Er- 
innerungsfeiern und Aufzüge drängten sich in rascher Folge; sogar die 
Totenfeier für Thorwaldsen wurde so ganz im Geiste des streitbaren 
Dänentums gehalten, daß die Schleswigholsteiner sich unmöglich beteiligen 
konnten. In Scharen zogen die Studenten über den Sund, um sich mit 
den schwedischen Kommilitonen zu verbrüdern; dann erwiderten die 
Schweden den Besuch, festlich begrüßt von Orla Lehmanns neuer Skan- 
dinavischer Gesellschaft. Auf der großen skandinavischen Naturforscher- 
versammlung feierte der Prinz von Canino, ein Napoleonide, der sich der 
internationalen Demokratie in die Arme geworfen hatte, die Union der 
drei Kronen des freien Nordens; und gewaltig brauste der Jubel auf, als 
einmal König Oskar selbst auf einige Tage herüberkam. 
Als Orla Lehmann seine öffentliche Tätigkeit begann (1837), da trat 
ihm der verdiente alte dänische Historiker Baden offen entgegen und mahnte 
den jungen Mann, er möge sich bei seinem gelehrten Vater unterrichten, 
um also zu lernen, daß es „eine Sünde“ sei, Schleswig von Holstein zu
        <pb n="578" />
        570 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
trennen. Solche Stimmen der Gerechtigkeit wagten sich nach wenigen 
Jahren schon kaum mehr zu äußern. Wohl bestand noch eine konservative 
Gesamtstaats-Partei, welche die Monarchie, gleichviel unter welchem Herr— 
scherhause, ungeschmälert erhalten und die Sonderrechte der Herzog— 
tümer wenn auch beschränken, so doch nicht zerstören wollte. Zu ihr 
gehörten fast alle die erfahrenen hohen Beamten, Dänen wie Deutsche; 
im Volke aber hatte sie keine Wurzeln. Führer ohne Heer, konnten diese 
Gesamtstaats-Männer sich nur auf den unberechenbaren König stützen, 
der einmal den Aufwiegler Orla Lehmann vor das sehr mild urteilende 
oberste Gericht stellen ließ und gleichzeitig anderen Wortführern der 
dänischen Propaganda sein Wohlgefallen aussprach. 
Das nächste Ziel der Eiderdänen war Nordschleswig. Um in diesem 
stillen Lande dänische Sprachen und Gesittung zu verbreiten, wurden in 
wenigen Jahren sechs verschiedene Vereine gegründet. Ein redefertiger 
Bauer Laurids Skau leitete die Umtriebe, er reiste rastlos zwischen Flens— 
burg und Kopenhagen hin und her, ward auch von dem Monarchen selbst 
gnädig empfangen; sieben Kopenhagener Demagogen, die man in Schles- 
wig das Siebengestirn nannte, standen ihm treu zur Seite. Der Erfolg 
blieb lange aus; die schwerfälligen, gutmütigen Bauern Nordschleswigs 
hatten ja gar keinen Grund, wider die Deutschen zu klagen, und ihr 
schwunghafter Viehhandel verband sie mit Hamburg. Nach und nach be- 
gann der Same des Unfriedens doch aufzusprießen. In der äußersten 
Nordostecke Schleswigs, auf der Skamlingsbank, einer schönen Waldhöhe 
am kleinen Belt, die von Jütland und den Inseln zu Schiff leicht erreicht 
werden konnte, pflegte Laurids Skau seine großen Volksfeste abzuhalten; 
und mancher harmlose Bauersmann fühlte sich bezaubert, wenn dort die 
dänischen Nationallieder erklangen oder der dreieinige Norden in feurigen 
Reden verherrlicht oder ein großer dänischer Patriot mit einem silbernen 
Trinkhorn beschenkt wurde. Die dänische Partei unter dem nordschles- 
wigschen Landvolke vermochte noch wenig, da dort alle Bildung deutsch 
war, aber sie wuchs langsam an. 
Unmöglich konnten die Landtage von dieser stürmischen nationalen 
Bewegung unberührt bleiben; schon bisher hatten sie, da sie aus direkten 
Wahlen hervorgingen, trotz ihrer beschränkten Befugnisse jeden Volks- 
wunsch treulich ausgesprochen. Wenn Preußen selbst, das so viel fester 
stand, mit seinen Provinziallandtagen kaum noch auskam, wie heillos 
mußte sich vollends die Lage dieses Mischreichs gestalten, seit seine beiden 
dänischen Landtage gegen die beiden deutschen ankämpften und der Welt 
abermals bewiesen, daß in nationalen Streitigkeiten die Völker stets 
unduldsamer sind als die Kabinette. Die Jüten begannen den Angriff. 
Als im Schleswiger Landtage (1842) ein dänisch gesinnter Abgeordneter, 
der schon oft gut deutsch gesprochen hatte, plötzlich dänisch zu reden be- 
gann und dafür zur Ordnung gerufen wurde, da legte der jütische
        <pb n="579" />
        Laurids Skau. Allgreen Ussings Antrag. 571 
Landtag zu Viborg eine feierliche Verwahrung ein, die ihm gar nicht 
zustand. Der Streit währte lange, schließlich befahl der König, daß die 
schleswigschen Landstände, nur wenn sie des Deutschen nicht mächtig wären, 
dänisch reden dürften, aber die Jüten wurden für ihren verfassungs— 
widrigen übergriff belobt, die Schleswiger wegen ihrer gesetzmäßigen 
Abwehr scharf getadelt. Nach mehrfachen ähnlichen Häkeleien unterstand 
sich der Kopenhagener Bürgermeister Allgreen Ussing (Okt. 1844) auf 
dem seeländischen Landtage in Rotschild zu beantragen: der König möge 
die erbliche Unzertrennlichkeit des dänischen Staats öffentlich aussprechen 
und jeden Angriff dawider verbieten. Der Vorschlag wurde mit allen 
gegen eine Stimme angenommen; auch Minister Oersted, Dänemarks 
erster Jurist, äußerte sich im wesentlichen zustimmend, obwohl der An— 
trag offenbar weit über die Befugnis beratender Provinzialstände hin— 
ausschritt. Damit kündigten die Dänen dem alten Landesrechte Schles— 
wigholsteins offene Fehde an; der Beschluß war um so bedenklicher, da 
er von einem gemäßigten Gesamtstaatsmanne, nicht von einem eider— 
dänischen Demokraten ausging. 
Diese Übergriffe der Nachbarn weckten mit einem Male die schlum- 
mernde politische Kraft Schleswigholsteins, die selbst durch Lornsens 
Kühnheit nur leise erregt worden war. Wie ruhig hatte man hier in 
dem Lande der glücklichen Ehen bisher dahingelebt, jeder zufrieden im 
eng bezirkten Kreise des Amtes und der Familie, jeder dem anderen be- 
kannt, jeder noch im hohen Alter glücklich, wenn man ihm nachsagen 
konnte, daß er einstmals im Examen „den zweiten Charakter mit rühm- 
licher Auszeichnung“ erlangt hatte. Als aber das „up ewig ungedeelt“ 
der alten Freiheitsbriefe frech bedroht wurde, da fuhr es wie ein Wetter- 
schlag in diese stille Welt, und Deutschland erfuhr staunend, wie viel 
starke Leidenschaft, wie viel Stolz und Talent in dem tapferen Grenzvolke 
lebte. Früherhin hatten die Schleswigholsteiner die Erbfolgefrage, die ja 
noch ganz fernab zu liegen schien, wenig beachtet; selbst Dahlmann und 
Falck lebten lange des Glaubens, daß Schleswig der Thronfolgeordnung 
des Königsgesetzes unterliege. Jetzt begann man einzusehen, daß gerade 
die Verschiedenheit der Thronfolge das rechtliche Mittel darbot, um das 
Deutschtum vor dänischer Tyrannei zu bewahren. Ganz zur rechten 
Zeit (1841) gab Georg Beseler das nachgelassene Werk Lornsens über 
die Unionsverfassung heraus, und mächtig mußte die große Weise des 
unvergeßlichen Mannes jedes deutsche Herz ergreifen: er verlangte ein 
selbständiges, nur durch Personalunion mit Dänemark verbundenes 
Schleswigholstein und dann, sobald die königliche Linie ausstürbe, den Ein- 
tritt der befreiten Nordmark in den Deutschen Bund. Nachher ver- 
öffentlichte der junge Jurist K. Samwer eine gründliche Untersuchung 
über „das Staatserbfolgerecht der Herzogtümer Schleswigholstein“. 
Seitdem vereinigten sich alle Deutschen in der Meinung, daß allein
        <pb n="580" />
        572 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
der Mannesstamm in den unzertrennlichen Herzogtümern erbberechtigt 
sei. Theodor Olshausen und seine radikalen Freunde hatten lange, ohne 
viel Anklang zu finden, im Kieler Korrespondenzblatte die seltsame, ganz 
unhistorische Ansicht vertreten, man müsse Schleswig opfern, um Holstein 
desto fester mit dem liberalen Deutschland zu verbinden; doch sobald die 
Angriffe der Dänen bedrohlich wurden, gaben diese „Neuholsteiner“ ehren- 
haft ihre Sondermeinung auf und scharten sich um das Banner des 
Landesrechts. Das ganze Volk war einig, bis auf einzelne Striche Nord- 
schleswigs; erstaunlich schnell drang die Bewegung bis in die Massen 
hinab. Schon im Juli 1844, noch bevor Allgreen Ussing auftrat, erklang 
auf dem schleswigschen Sängerfeste zum ersten Male das Lied von Chem- 
nitz: Schleswigholstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht! 
Aus den vier Farben Schleswigs und Holsteins wurde, mit Weglassung 
der gelben, die neue blauweißrote Farbe des einen meerumschlungenen 
Landes zusammengesetzt — denn drei Farben mußten es sein, ohne eine 
Trikolore konnte sich diese Zeit einen Freiheitskampf nicht vorstellen — 
und sie tauchte trotz der Verbote immer wieder auf. 
Das Land glaubte fest und ehrlich an seine Selbständigkeit und 
Unzertrennlichkeit, wie an das Thronfolgerecht des Mannesstammes und 
in der Tat standen die Erbansprüche der Augustenburger auf so sicherem 
Rechtsgrunde, als dies irgend möglich war bei Rechten, die in die ver- 
worrene Geschichte entlegener Jahrhunderte zurückreichten denn die alte 
Unteilbarkeit der Lande war von der Krone Dänemark unzählige Male 
feierlich bestätigt, das Königsgesetz dagegen und seine neue Erbfolgeordnung 
niemals in den Herzogtümern als Gesetz verkündet worden. Ernsthafte 
Rechtsbedenken ließen sich eigentlich nur wegen der Herrschaft Pinneberg 
und der Grafsschaft Rantzau erheben. Dieser Landstrich Holsteins, die 
Umgegend Altonas hatte an der verhängnisvollen Herzogswahl des Jahres 
1460 nicht mit teilgenommen; er hatte damals als freies Allod einer 
Seitenlinie der alten schauenburgischen Grafen angehört, war dann, bei 
deren Aussterben (1640), von der königlichen und der Gottorper Linie ge- 
meinsam angekauft worden, späterhin, nach mannigfachen Schicksals- 
wechseln, ganz unter die Herrschaft der königlichen Linie gekommen und 
schließlich, 1806, dem Herzogtum Holstein einverleibt worden. Hier hau- 
sten noch von altersher der Landdrost von Pinneberg und der Admini- 
strator der Grafschaft Rantzau, die reichsten unter dem reichen Beamten- 
tum des Landes, die man neben dem Amtmann von Reinbeck die drei 
Fürsten Holsteins nannte. Hier bot sich allerdings ein ergiebiges Feld 
für staatsrechtliche Doktordissertationen, hier ließ sich in gutem Glauben 
der beliebte Juristenbeweis führen, daß zwei ganz gleiche Dinge doch wie- 
der ganz verschieden sind. Es war aber nur menschlich, daß die Schleswig- 
holsteiner sich um den zweifelhaften verfitzten Rechtszustand dieses Länd- 
chens nicht kümmerten. In allem Wesentlichen hatten sie recht. Nur einzelne
        <pb n="581" />
        Widerstand der Herzogtümer. Die Augustenburger. 573 
ihrer Heißsporne schossen über das Ziel hinaus, indem sie gar noch be— 
haupteten, auch in Lauenburg erbe der Mannesstamm. Davon konnte 
im Ernst nicht die Rede sein, denn Lauenburg war als Entschädigung für 
Norwegen an Dänemark gekommen und stand mithin unzweifelhaft unter 
dem Thronfolgerechte der dänischen Krone. Die Lauenburger wußten dies 
selbst; sie waren in ihrem altständischen Stillleben niemals durch dänische 
Willkür gestört worden und ließen sich von den deutschen Nachbarn willig 
der Schwäche zeihen, weil sie sich an einem Kampfe, der ihr Landesrecht 
nicht berührte, nur wenig beteiligten. 
Der Zorn der Schleswigholsteiner entsprang dem gekränkten Rechts— 
sinne, er ward gestärkt und geadelt durch eine schöne vaterländische Empfin— 
dung, durch das stolze Gefühl, daß dies alte Landesrecht zugleich die Sache 
Deutschlands war. Dynastische Nebengedanken blieben der Volksbewegung 
fremd. Nichts konnte falscher sein, als die in der Kopenhagener Presse 
übliche Beschuldigung, das Haus Augustenburg hätte die Unruhen in den 
Herzogtümern angezettelt. Im Jahre 1786 hatte der jüngere Bernstorff, 
da die Zukunft des königlichen Hauses gefährdet schien, die Heirat zwischen 
Herzog Friedrich Christian von Augustenburg, dem Gönner Schillers, 
und einer Tochter Christians VII. zu stande gebracht; der kluge Staats— 
mann hoffte dadurch die beiden Linien zu vereinigen und also jeden Erb— 
folgestreit abzuschneiden. Die Besorgnisse, welche man damals hegte, ver- 
schwanden wieder, als bald nachher ein Thronfolger, der spätere König 
Christian VIII. geboren wurde. Doch seitdem galten die Augustenburger 
am Kopenhagener Hofe als heimliche Prätendenten und hatten unter der 
Feindseligkeit der Krone viel zu leiden. Sie wachten auch sehr mißtrauisch 
über ihren Rechten, sie verwahrten sich, als Holstein aus dem Verbande 
des heiligen Reichs ausschied — ein Schritt dynastischer Vorsicht, der 
späterhin über Gebühr gepriesen wurde;?) sie dachten sogar ernstlich daran, 
ihre Erbansprüche auf Oldenburg geltend zu machen, als Napoleon das 
Fürstenhaus dort entthront hatte.*) Aus jener dänischen Ehe stammten 
der gegenwärtige Herzog Christian August und sein Bruder Prinz Friedrich 
v. Noer. Söhne einer Dänin, Enkel einer Engländerin hatten sie beide 
einen Teil ihrer Jugend im Auslande verlebt und sich jene vaterlands- 
lose Gesinnung, welche so viele Mitglieder der großen europäischen Für- 
stengemeinschaft betört, von Grund aus angeeignet. Deutschland blieb 
ihnen immer gleichgültig, und den liberalen Zug der Zeit betrachteten sie 
mit Abscheu. Das Recht ihres Hauses war ihnen eines und alles. Darum 
blieben sie den dänischen Verwandten stets verdächtig, obgleich Christian VIII. 
aus aufrichtiger Neigung ihre Schwester geheiratet hatte und die gütige 
Königin Karoline Amalie zwischen den Schwägern immer zu vermitteln 
*) S. Beilage 33. 
**) Herzog Friedrich Christian v. Augustenburg an den Historiker D. H. Hegewisch, 
24. Dez. 1811.
        <pb n="582" />
        574 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
suchte. In vertrauten Briefen äußerte sich der Prinz von Noer aufs 
gröbste über „unser schwägerliches Schöpsgenie und die übrige Bagage, 
die meinetwegen zur Hölle fahren mag“. 
Der Herzog besaß eine gute Bildung, und die Gäste, die er auf 
Gravenstein oder Augustenburg empfing, rühmten die Liebenswürdigkeit 
seines ehrbaren Hauses; aber hinter gemessenen, weltmännischen Formen 
verbarg er eine hoffärtige Selbstgerechtigkeit, die in der langjährigen Ein- 
samkeit des Landlebens schließlich so mächtig anschwoll, daß er jede ab- 
weichende Meinung kurzweg für „blühenden Unsinn“ ansah. Vertrauen 
und Liebe fand er nirgends, obgleich er im Schleswiger Landtage taktvoll 
und verständig auftrat. Seine Gutsuntertanen im Sundewitt und auf 
Alsen haßten den strengen Grundherrn herzlich, sie waren die eifrigsten 
Dänen in ganz Nordschleswig. An die sittlichen Mächte des Völkerlebens 
glaubte er nicht fester als sein königlicher Schwager; der Zufall erschien 
seinem dürren Verstande als die bewegende Macht der Geschichte. 
Ebenso selbstgefällig dachte der Prinz von Noer; der trug seinen maß- 
losen Dünkel herausfordernd zur Schau, er ließ an niemand, nicht ein- 
mal an seinem Bruder, ein gutes Haar, und verletzte jedermann durch 
sein absprechendes, junkerhaftes Wesen. Noch nach dem Kriege rühmte er 
sich kurzab, „der einzigste konsequente Mensch in der schleswigholsteinischen 
Sache“ zu sein.*) Er prahlte mit seiner kriegerischen Tüchtigkeit und doch 
fehlte ihm jedes militärische Urteil, auf das preußische Heer sah er aus 
Himmelshöhen mitleidig hernieder. An unruhigem Ehrgeiz gebrach es ihm 
nicht. Die Statthalterwürde hatte er seit Jahren für sein Haus erstrebt; 
nachher wußte er freilich mit dem mehr glänzenden als einflußreichen 
Amte wenig anzufangen. Außer einigen persönlichen Freunden besaßen 
die Augustenburger durchaus keine Partei im Lande. Selbst K. Samwer 
war, als er seine erste Schrift über die Erbfolgefrage herausgab, dem 
Herzoge noch ganz unbekannt; ?*) er schrieb nach seiner ehrlichen juristi- 
schen Überzeugung und trat erst späterhin mit dem Augustenburgischen 
Hofe in Verkehr. Zwar verfaßte der Herzog selbst seit dem Ende der 
dreißiger Jahre eine Menge anonymer Schriften und Zeitungsartikel 
zur Verteidigung seiner Rechte, und noch manche andere Feder stand ihm 
zu Diensten. Aber diese emsige Schriftstellerei allein konnte nur wenig 
ausrichten. Auf die Massen der schlichten Bürger und Bauern wirkte 
der Name Augustenburg damals eher abschreckend als anspornend; sie 
waren, ohne viel nach den dynastischen Folgen zu fragen, schlechtweg 
begeistert für das alte deutsche Recht ihres Landes. 
Soeben erst, im Sommer 1844, hatte König Christian gewohnter- 
maßen das Seebad auf Föhr besucht und unterwegs aus dem herzlichen 
*5) Prinz v. Noer an Franz Hegewisch, 25. Dez. 1853. 
**) Dies ergebt sich unzweifelhaft aus den Briefen des Herzogs v. Augustenburg 
an Franz Hegewisch, 14. März, 3. April 1844.
        <pb n="583" />
        Das Kommissionsbedenken. Der offene Brief. 575 
Empfange, den ihm die Schleswigholsteiner überall bereiteten, zur Genüge 
lernen können, wie wenig dies treue Volk gemeint war, sich von seinem 
angestammten Herzog leichtfertig loszusagen. Da brachte Allgreen Ussings 
Antrag alles in Bewegung. Der Itzehoer Landtag war gerade versammelt. 
Graf Friedrich Reventlow, der Klosterpropst von Preetz, übernahm die 
Führung, ein hochgebildeter Aristokrat von der guten alten Holstenart, 
konservativ nach Erziehung und Neigung, aber unbefangen genug, um die 
Berechtigung des anwachsenden liberalen Bürgertums zu würdigen, eine 
stattliche Erscheinung, stolz und mild zugleich, ganz und gar ein Mann des 
Rechts. Auf seinen Vorschlag beschloß der Landtag eine Rechtsverwahrung, 
welche die drei Hauptsätze des schleswigholsteinischen Staatsrechts feierlich 
aussprach: die Selbständigkeit, die Unteilbarkeit der Herzogtümer und 
das Erbfolgerecht des Mannesstammes. Entrüstet wiesen die Stände die 
terroristische Anmaßung des seeländischen Landtags zurück, der selber ganz 
unbefugt über die Thronfolge der Herzogtümer Beschlüsse faßte, den 
Deutschen aber verbieten wollte, auch nur mitzusprechen; sie erinnerten 
warnend an Spanien, wo die leichtfertige Anderung der Erbfolgeordnung 
den Bürgerkrieg hervorgerufen hatte. Da der schleswigsche Landtag nicht 
versammelt war, so trat die Ritterschaft beider Herzogtümer unter der 
Führung des Grafen Reventlow-Preetz zusammen und bat den Monarchen 
in einer würdig gehaltenen Adresse um Wahrung des Landesrechts. Alles 
vergeblich. Zweimal versuchte der König in diesen Jahren, seinen Schwa- 
ger zu freiwilliger Entsagung zu bewegen. Der Herzog aber erwiderte, 
ein Verzicht könne nur der weiblichen Linie zugemutet werden; weiter 
ging er nicht, denn den Boden des urkundlichen Rechts wollte er nicht 
verlassen, auch fühlte er wohl, daß er eine Hoffnung auf die Königskrone 
mindestens nicht offen aussprechen durfte, weil die Dänen ihn allesamt 
tödlich haßten. 
Ermutigt durch den Antrag des Rotschilder Landtags glaubte Chri- 
stian nunmehr etwas wagen zu können und berief eine Kommission zur 
Erörterung der schleswigholsteinischen Erbfolgefrage. Drei Deutsche ge- 
hörten ihr an: der hochkonservative Bundesgesandte Pechlin, aus dem Aus- 
wärtigen Amte der Minister Graf Heinrich Reventlow-Criminil und 
sein Rat Dankwart, dazu als Vierter der vertraute Kabinettssekretär 
Adler. Keiner von ihnen war Fachmann im Staatsrechte. Nach langen 
Beratungen brachten die Vier ein „Kommissionsbedenken“ zu stande, 
das keinen bündigen Schluß enthielt. Sie meinten zwar, der weiblichen 
Linie gebühre das Erbfolgerecht in einem Teile der Herzogtümer, wider- 
rieten jedoch eine öffentliche Erklärung, solange nicht mit den Agnaten 
und den Großmächten verhandelt sei. Der König aber wollte vorwärts, 
in einer feurigen Rede sprach er dem Staatsrate diese Willensmeinung 
aus. Am 8. Juli 1846 verkündigte er sodann, um „unklaren und un- 
richtigen Vorstellungen entgegenzutreten“, durch einen Offenen Brief, daß
        <pb n="584" />
        576 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
er auf Grund des Kommissionsbedenkens das Erbrecht seiner königlichen 
Thronnachfolger in Schleswig aufrecht halten werde; in einzelnen Teilen 
Holsteins sei dies Erbrecht zweifelhaft, er hoffe jedoch, die Hindernisse zu 
beseitigen und „die vollständige Anerkennung der Integrität des dänischen 
Gesamtstaates zu Wege zu bringen“; im übrigen sollten die Rechte der 
Herzogtümer unangetastet bleiben. Das Kommissionsbedenken selbst wurde 
niemals vollständig veröffentlicht, weil es noch unbestimmter lautete als 
der Offenc Brief selbst. Was davon bekannt ward, ließ sich leicht wider- 
legen. Die Kommission berief sich vornehmlich auf die Tatsache, daß 
die Ritter und Beamten des gottorpischen Anteils von Schleswig, als 
dieser 1721 mit dem königlichen vereinigt wurde, dem Könige Friedrich IV. 
geschworen hatten, „ihm und seinen Erbsuccessoren in der Regierung 
secundum tenorem legis regiac treu, hold und gewärtig zu sein“; 
es lag aber auf der Hand, daß dieser schon nach seinem Wortlaute viel- 
deutige „gewöhnliche Erbhuldigungseid“, der noch dazu nur einmal im 
gottorpischen, niemals im königlichen Schleswig geleistet wurde, ohne die 
Zustimmung der Agnaten und der Landstände an dem Thronfolgerechte 
des Landes gar nichts hatte ändern können.) 
Der Offene Brief entsprach dem Charakter König Christians. Er 
war das Werk einer überfeinen Berechnung und eben deshalb eine un- 
kluge Halbheit; er sollte die Schleswigholsteiner freundlich zum Vertrauen 
auf die landesväterlichen Absichten ihres König-Herzogs ermahnen, aber 
er vergewaltigte das Recht Schleswigs, er drohte auch das Recht Hol- 
steins zu vergewaltigen und wirkte darum ebenso aufregend wie ein vollen- 
deter Staatsstreich. Bei den Dänen, die den geistreichen Epikureer bis- 
her wenig geliebt hatten, errang sich der König jetzt mit einem Male die 
allgemeine Volksgunst. Seinen Rotschilder Landständen dankte er für ihre 
patriotische Gesinnung und fügte nur einen sanften Tadel hinzu wegen 
der offenbaren Überschreitung ihrer Befugnisse. Unter den Deutschen da- 
gegen war die Entrüstung allgemein. Der Statthalter Prinz v. Noer 
legte sein Amt nieder, desgleichen der Präsident der deutschen Kanzlei 
Graf Joseph Reventlow, der Gesandte Reventlow-Altenhof und mehrere 
andere hohe Beamte; auch der Herzog von Glücksburg verzichtete auf seine 
Offiziersstelle. An die Spitze der Deutschen Kanzlei wurde nunmehr Graf 
Carl Moltke gestellt, ein gescheiter, strenger Absolutist, der sich grundsätzlich 
verpflichtet hielt, den Willen des Monarchen auszuführen. Der Statt- 
halterposten blieb unbesetzt, und ganz ohne Einrede schaltete also fortan der 
neue Präsident der schleswigholsteinischen Landesregierung v. Scheel, ein 
gemeiner Ehrgeiziger von niederer Abkunft, der sich zu allem hergab und 
überdies durch seine gallige Unfreundlichkeit die Deutschen abstieß. Den 
holsteinischen Ständen wurde sofort, noch im Juli, eröffnet, daß der 
  
*) S. o. III. 591.
        <pb n="585" />
        Schleswigholstein und der Offene Brief. 577 
König ihre letzten Beschlüsse mit gerechtem Befremden vernommen habe. 
Auf den Antrag des Grafen Reventlow-Preetz beschlossen sie sodann eine 
scharfe Adresse, und als Scheel diese Eingabe kurzerhand zurückwies, rich— 
teten sie zur Verwahrung des Landrechts eine Beschwerdeschrift an den 
Deutschen Bund. Nunmehr wollte ihnen Scheel alle weiteren Vorstel— 
lungen verbieten; da erklärten sämtliche Abgeordnete, bis auf sechs, ihren 
Austritt. Die Einberufung der Stellvertreter fruchtete nichts, der Land— 
tag war tatsächlich aufgelöst. 
Im Oktober versammelte sich auch der Landtag Schleswigs, und hier 
scharte sich alles um den Präsidenten Wilhelm Beseler wie in Itzehoe um 
Reventlow-Preetz. Wie immer in Zeiten ernster Volksbewegung fanden 
sich rasch die geborenen Führer. Beseler war Rechtsanwalt, ein stattlicher 
Mann von starkem Selbstgefühl und würdiger Haltung, zäh und tapfer, 
in seinen politischen Grundsätzen ebenso gemäßigt wie Reventlow, nur daß 
er dem bürgerlichen Liberalismus näher stand. Mehr als hundert Adressen 
aus dem Herzogtum liefen ein. Die meisten wurden persönlich überreicht, 
fast alle sprachen scharf gegen den Offenen Brief. Die Beratungen ver- 
liefen stürmisch, der Koogbesitzer Tiedemann und der Jurist Gülich be- 
kämpften freimütig das ganze System der Regierung. Dann beantragte 
der Herzog von Augustenburg eine Adresse, welche den König um die Ge- 
währung einer gemeinsamen schleswigholsteinischen Verfassung bitten 
sollte. Rechtzeitig überwand er also seinen Widerwillen gegen die liberalen 
Ideen; denn nach allem, was geschehen, ließ sich die Selbständigkeit der 
Herzogtümer unter beratenden Provinzialständen nicht mehr aufrecht 
halten. Der Antrag wurde mit allen gegen zwei Stimmen angenommen. 
Scheel aber erklärte, vor allen anderen Vorschlägen müßten zuerst die 
königlichen Propositionen beraten werden; offenbar beabsichtigte er, durch 
plötzliche Schließung des Landtags den Ständen ihr verfassungsmäßiges 
Petitionsrecht ganz zu verderben. Da er nicht nachgab, so verließ endlich 
der Herzog, unter feierlicher Verwahrung, den Saal, und ihm folgte die 
große Mehrheit der Versammlung. Damit war auch dieser Landtag auf- 
gelöst, die alte Provinzialstände-Verfassung brach von selbst zusammen. 
Das Land war ohne Vertretung; darum sendete die Ritterschaft, auf 
Reventlows Betrieb, nochmals eine Rechtsverwahrung an den König. 
Unterdessen hatte Christian wieder seine gewohnte Sommerreise durch 
die Herzogtümer unternommen, aber er fand ein verwandeltes Volk. 
Eisige Kälte überall, zu den Empfängen erschien fast niemand außer den 
Beamten; als er die Truppen musterte, da sangen die Volksmassen dicht 
neben ihm: Schleswigholstein meerumschlungen! Das wurmte ihn doch. 
An seinem Geburtstage, am 18. Septbr. erließ er einen zweiten Offenen 
Brief, der den Deutschen in gemütlich patriarchalischem Tone beteuerte, 
die Selbständigkeit Holsteins solle nicht im mindesten gefährdet, sondern 
durch die Unzertrennlichkeit der Monarchie nur gesichert werden. Was 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 37
        <pb n="586" />
        578 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
konnten diese leeren Worte wirken, da sie doch nichts zurücknahmen? Graf 
Reventlow-Preetz wurde im Schlosse Plön nicht vorgelassen, als er noch 
einmal herbeikam, um dem Monarchen die Augen zu öffnen; mit den auf- 
sässigen Landständen Holsteins wollte Christian nichts mehr zu schaffen 
haben. So hielt denn die Bewegung im Volke an. Schon im Juli beschloß 
eine große Volksversammlung in Neumünster, auf Antrag des Anwalts 
Lorentzen: das Land müsse festhalten an den drei Kernsätzen seines alten 
Rechts und nötigenfalls sich an Deutschland anschließen. Als Th. Ols- 
hausen eine zweite große Volkskundgebung bei Nortorf veranstalten wollte, 
wurde er gefangen nach Rendsburg abgeführt, die Nortorfer Versamm- 
lung ging vor der herannahenden bewaffneten Macht ruhig auseinander; 
Olshausen aber mußte wieder frei gegeben werden, und die Kieler begrüß- 
ten ihn bei der Heimkehr wie einen Triumphator. 
Der Herzog von Augustenburg hatte unmittelbar vor dem Erscheinen 
des Offenen Briefes den Kopenhagener Hof besucht, um seine Söhne vor- 
zustellen, und dort eine überraschend freundliche Aufnahme gefunden; der 
gnädige König ernannte sogar die beiden jungen Prinzen zu Oberstleut- 
nants, was die Dänen verstimmte und die deutsche Königin bösen Nachreden 
aussetzte.) In denselben Tagen aber bereitete Christian den Gewaltstreich 
gegen die Rechte seiner Agnaten heimlich vor. Als der unerwartete Schlag 
erfolgt war, legte der Herzog alsbald Verwahrung ein und sendete sodann 
eine Beschwerde an den Bundestag. Alle Prinzen der augustenburgischen 
und der glücksburgischen Linie schlossen sich ihm an. Nur der junge 
Prinz Christian von Glücksburg stellte sich auf die Seite des Königs; der 
hatte vor kurzem eine Tochter der Landgräfin Charlotte geheiratet und 
baute auf die Zukunft der hessischen Linie. Der Großherzog von Olden- 
burg behielt sich ebenfalls feierlich seine Erbansprüche vor. 
Auch die Kieler Universität trat sofort wieder auf den Kampfplatz. 
Sie besaß zwar in ihren Lehrkörpern noch zwei fanatische Dänen, Flor und 
Paulsen, während in Kopenhagen längst kein Gelehrter mehr ein Wort zu 
Gunsten der Herzogtümer wagte; aber die deutsche Gesinnung überwog 
durchaus. Dahlmann selbst, der nach seiner gewissenhaften Weise die schwie- 
rige Erbfolgefrage lieber noch vertagt und erst genauer geprüft hätte, konnte 
nun nicht mehr verkennen, daß der Offene Brief mit der Unteilbarkeit 
der Lande zugleich die gesamte Verfassung bedrohte, und erklärte sich offen 
für seine Landsleute. In seinem Sinne lehrten jetzt die jungen Historiker 
Waitz und Droysen; für das deutsche Recht im Norden einzustehen, galt 
als Ehrenpflicht unter den Kieler Gelehrten. Neun Professoren der Uni- 
versität, voran der alte Falck, veröffentlichten eine scharfe, in allem We- 
sentlichen siegreiche Widerlegung des Kommissionsbedenkens, und der König 
fühlte sich so unsicher, daß er ihnen nur einen sanften Verweis erteilen 
  
*) Schoultz v. Ascheradens Bericht, 28. Juni 1846.
        <pb n="587" />
        Die deutsche Nation und der Offene Brief. 579 
ließ. Zugleich setzte Samwer wieder seine scharfe Feder ein. Dirckinck- 
Holmfeld, der Historiograph Wegener und die anderen dänischen Publi- 
zisten sahen sich bald in die Enge getrieben; sie merkten selbst, wie wenig 
die Erbhuldigung des Jahres 1721 bedeutete, und suchten andere Aus- 
flüchte. Mit Maulwurfs-Eifer gruben diese Demokraten die unterlassenen 
Lehensmutungen der Sonderburger Linie aus, ja sie wollten den jungen 
augustenburgischen Prinzen sogar die Ebenbürtigkeit bestreiten, weil der 
Herzog und sein Bruder zwei Gräfinnen Danneskiold geehelicht hatten; 
und doch wußte jedermann, daß die Frage der Mißheirat allein nach den 
Hausgesetzen und dem Hausbrauche jeder einzelnen Dynastie beurteilt wer- 
den darf, und gerade im Hause Holstein-Oldenburg waren Ehen mit 
Frauen vom niederen Adel von jeher häufig vorgekommen. In Schleswig- 
holstein ließ sich niemand durch solche Fechterkünste beirren. Das Land 
hielt zusammen wie eine große Familie, die ihr Hausrecht wahrt, der ge- 
meinsame Kampf führte alle Stände in ungewohnter Herzlichkeit einander 
näher; und wenn die deutschen Nachbarn früherhin manchmal gutmütig 
über den Hahnenschritt der holsteinischen Normalmenschen gespottet hatten, 
so freuten sich jetzt alle an dem schönen Einmut ihrer Nordmark. 
Der Offene Brief regte die öffentliche Meinung in ganz Deutschland 
so mächtig auf wie vor sechs Jahren das Kriegsgeschrei der Franzosen. 
Damals aber hatte die Nation einem ebenbürtigen Feinde die stolze Stirn 
geboten; jetzt fühlte sie sich bitterlich beschämt, da ein winziger Nachbar 
deutsches Recht mit Füßen trat, ohne nach Deutschland auch nur zu 
fragen, und Geibel nahm allen das Wort vom Munde, als er sang: 
Mich will's bedünken fast gleich eimem Schwanke, 
Daß dieses Inselreich, das kleine, schwache, 
Aufbäumend wie ein zorn'ger Meeresdrache 
Sich wider uns erhebt zu grimmem Zanke. 
In einer Masse von Flugschriften und Gedichten, von Versammlungen 
und Reden entlud sich der Sturm. Die Heidelberger Gelehrten gingen 
voran, sic sendeten schon im Juli an W. Beseler eine von Gervinus 
verfaßte Adresse: „es gibt keine größere politische und nationale Sünde 
als die Selbstversäumnis.“ Da der ernste nationale Machtkampf zunächst 
in der Gestalt einer staatsrechtlich-historischen Streitfrage erschien, so trat 
das Professorentum wieder für einige Zeit in den Vordergrund des deut- 
schen Lebens. Hälschner in Bonn und viele andere Historiker und Juristen 
erörterten den Erbfolgekampf in gelehrten Streitschriften; der Berliner 
Helwing verteidigte sogar die wohlgemeinte, aber ganz haltlose Behaup- 
tung, daß die Erbfolge in den Herzogtümern dem Hause Brandenburg 
gebühre. Großes Aufsehen erregte General Radowitz durch sein Schriftchen: 
Wer erbt in Schleswig? Er verfocht ohne jeden Vorbehalt die Rechts- 
anschauung der Schleswigholsteiner, da er durch seine Verwandten, die 
Reventlows, die transalbingischen Verhältnisse gründlich kennen gelernt 
37“
        <pb n="588" />
        580 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
hatte, und zeigte hier zum ersten Male öffentlich, wie viel bildsamer er 
war als die anderen Vertrauten König Friedrich Wilhelms. Unter allen 
namhaften deutschen Rechtsgelehrten wagte nur einer den Dänenkönig 
zu verteidigen: Minister Kamptz, der alte Demagogenverfolger, dessen 
Name schon abschreckend wirken mußte. Der entfaltete in seinen „Be— 
merkungen über den Offenen Brief“ eine reiche, aber ganz verworrene 
Gelehrsamkeit; die Schleswigholsteiner erklärte er kurzweg für Rebellen, 
und daß Schleswig die Deutschen gar nichts anging, ergab sich ja schon 
aus der Bundesakte. 
Nach diesem Juristenstreit und den alten Pergamenten fragte die 
Nation wenig, sie kannte die Augustenburger gar nicht. Was die Deutschen 
entflammte, war das nationale Selbstgefühl. Geibel fand wieder das 
rechte Wort, als er den hohen Sinn des Kampfes dahin zusammenfaßte: 
Wir wollen keine Dänen sein, 
Wir wollen Deutsche bleiben. 
Und dies Gefühl bekundete sich in den leidenschaftlichen Beratungen der 
kleinen deutschen Landtage so übermächtig, daß selbst die Fürsten sich ihm 
nicht ganz entziehen konnten; ihr eigenes Heiligtum, das legitime Dynasten- 
recht wurde ja durch Dänemarks Gewaltstreiche nicht weniger bedroht als 
die nationale Ehre. Zudem reisten die holsteinischen Prinzen an den 
Höfen geschäftig umher; auch die Stände der Herzogtümer sendeten Tiede- 
mann und andere Vertrauensmänner zu den kleinen Regierungen, um 
ihnen das Landesrecht der Nordmark ans Herz zu legen. Besonders 
freundlich zeigte sich, seltsam genug, der alte Welfe. Der hatte bei den 
Lüneburger Manövern des zehnten Bundesarmeekorps selbst mit angehört, 
wie die holsteinischen Soldaten, wenn man sie Dänen nannte, heftig er- 
widerten: wir sind gute Deutsche; er schätzte den Augustenburger persönlich 
hoch und wurde durch seinen Berliner Gesandten, den Grafen Platen, 
dessen Verwandtschaft dem holsteinischen Adel angehörte, in seiner guten 
Gesinnung bestärkt.') Nach alledem schien den Beschwerden beim Bun- 
destage ein günstiger Erfolg sicher zu sein. 
Ganz anders dachten die großen Mächte. Sie bekannten sich alle 
zu dem unverbrüchlichen Glaubenssatze, die Integrität der dänischen Mon- 
archie sei notwendig für die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts. 
Unschuldige Leute mochten wohl verwundert fragen: warum denn Europas 
Gleichgewicht erschüttert werden sollte, wenn der kleine Staat am Sund 
und Belt von drittehalb auf anderthalb Millionen herabsänke? Wer tiefer 
blickte, konnte jedoch nicht verkennen, daß die Meinung der großen Höfe 
ernste Gründe hatte; sie wurzelte nicht bloß in der Ruheseligkeit der Zeit, 
sondern in der allgemeinen Angst vor Deutschlands Erstarken. Das von 
Dänemark losgerissene Schleswigholstein mußte — niemand bezweifelte 
  
*) Platens Berichte, 6. Juli 1847 ff.
        <pb n="589" />
        Dänemark und die Großmächte. 581 
es — sich fest an Deutschland anschließen, zu seiner Sicherung preußi- 
sche Truppen herbeirufen, vielleicht gar der preußischen Flotte, deren 
erstes Schiff soeben vom Stapel gelaufen war, den schönsten Hafen der 
Ostsee einräumen. Ein deutscher Kriegshafen in Kiel I— dieser eine 
Gedanke genügte, um jedes englische Herz zu empören. Aus Haß gegen 
Deutschland wurden Dänemarks Erbfeinde, die Briten jetzt freundliche 
Gönner des Kopenhagener Hofes. Gleich nach dem Erscheinen des Offenen 
Briefs schrieb die Times, damals noch das mächtige Organ der nationalen 
Meinung: „Die preußischen Staatsmänner können nicht freigesprochen 
werden von dem Vorwurfe, daß sie mit einer gewissen Bereitwilligkeit 
eine fieberische, der Ruhe eines Nachbarlandes gefährliche Aufregung leben- 
dig erhalten haben, weil es ihnen einfiel, die deutsche Nation ange- 
nehm zu unterhalten (to amuse), und weil sie vielleicht deren Aufmerksam- 
keit von anderen, weit mehr praktischen und der Heimat viel näher liegen- 
den Fragen ablenken wollten.“ Dann wurde Deutschland gewarnt vor der 
Ländergier, die schon in der neuen Welt gefährlich, im Herzen Europas 
verderblich wirke. Mit solcher Heuchelei wagte ein Volk, das sich Jahr 
für Jahr neue Kolonien aneignete, die Deutschen zu beschimpfen, weil sie 
bescheiden das Erbe ihrer Väter behaupten wollten! Die Regierung hielt 
sich noch zurück: sie wünschte zunächst nur, daß der dänische Gesamtstaat 
zusammenbliebe, gleichviel unter welchem Herrscherhause; denn sie be- 
trachtete ihn, wunderlich genug, als ein Bollwerk gegen Rußland! 
Etwas dreister wagte sich Frankreich, der alte treue Bundesgenosse 
Dänemarks hervor. Das Verhältnis zwischen den beiden Höfen war sehr 
herzlich. Ludwig Philipp sendete einmal den halbverschollenen alten 
Herzog Decazes, bourbonischen Andenkens, der zugleich dänischer Vasall 
war, als außerordentlichen Botschafter hinüber; der Dänenkönig fühlte 
sich sehr geschmeichelt und ernannte Guizot zum ersten bürgerlichen 
Ritter seines Elefantenordens. Unterdessen reiste der französische Ge- 
sandte Baron Billing zwischen Kopenhagen, Paris und London ge- 
heimnisvoll hin und her, um die Pläne König Christians zu befördern; 
er witterte heraus, sein Beobachtungsposten müsse jetzt zu einem Aktions- 
posten werden, und erhielt von Guizot Befehl, den Bestrebungen Preußens 
und Rußlands entgegenzuarbeiten, obgleich die beiden Ostseemächte hier 
am Sunde keineswegs zusammengingen.) Alle diese kleinen diplomatischen 
Zettelungen blieben zunächst ohne Folgen. Der Tuilerienhof betrachtete 
den dänischen Gesamtstaat als ein europäisches Heiligtum; von näheren 
Sorgen bedrängt, hatte er sich jedoch eine feste Ansicht über die Erb- 
folgefrage bisher noch nicht gebildet. 
Die Westmächte konnten in Schleswigholstein für sich selbst nichts 
verlangen. Der Petersburger Hof dagegen verriet schon deutlich, daß 
  
*) Schoultz v. Ascheradens Berichte, 16. Jan., 25. 30. Mai, 25. Juni 1846.
        <pb n="590" />
        582 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
er nicht abgeneigt war, bei einer Teilung der deutschen Herzogtümer 
herzhaft zuzugreifen. Die russischen Gottorper hatten zwar durch die 
Verträge von 1767 und 73 auf das längst verlorene Schleswig förmlich 
verzichtet und ihren Anteil an Holstein ausgetauscht gegen die Grafschaften 
Delmenhorst und Oldenburg, die nachher der jüngsten gottorpischen 
Linie überwiesen wurden. Doch wann war jemals ein russischer Vertrag 
zu stande gekommen, der nicht nachher irgendwo einen Haken zeigte? 
Jener Verzicht war erfolgt zu Gunsten des damaligen Königs von Däne- 
mark „und seiner Kronerben“. Wer diese Kronerben seien, wurde jetzt 
streitig. Folglich, so schlossen die Moskowiter mit ihrer eigentümlichen 
Logik, konnten Rußlands Ansprüche auf den gottorpischen Anteil an Hol- 
stein vielleicht wieder aufleben, und zu diesem Anteile gehörte erfreulicher- 
weise auch der Kieler Hafen! Dem preußischen Gesandten sagte Nesselrode 
mehrmals: wir glauben, auf Holstein Ansprüche zu haben; ich habe dem 
Kaiser abgeraten, sie aufzugeben, weil er die Rechte seiner Nachkommen 
nicht aufopfern darf und sich jedenfalls ein Kompensationsobjekt sichern 
muß.) Noch aufrichtiger redete eine Weisung des russischen Kanzlers an 
den Geschäftsträger in Kopenhagen. Hier belobte er den Offenen Brief 
als eine weise Maßregel und billigte durchaus die Rechtsanschauung des 
Dänenkönigs. Schleswig unterliege, nachdem das Haus Gottorp darauf 
verzichtet, dem dänischen Thronfolgerechte — so schrieb er zuversichtlich, ob- 
gleich die Gottorper ein Recht, das ihnen selber nicht zustand, doch sicher- 
lich auch nicht hatten abtreten können. Über Holstein müsse man allerdings 
noch verhandeln; indes würde der Zar sich aufrichtig freuen, die Ansprüche 
des Hauses Gottorp in Einklang zu bringen „mit den Lebensinteressen 
einer Monarchie, deren Aufrechterhaltung und Unteilbarkeit der König 
mit einer gerechten Besorgnis betrachtet, welche Se. Kais. Majestät in 
hohem Grade teilt“. 5) Auf Rußlands Beistand konnte sich Christian 
mithin verlassen, wenn er nötigenfalls dem Hause Gottorp irgend eine 
Entschädigung gewährte. Über die Ansprüche der Augustenburger äußerte 
sich der Zar vorläufig noch nicht abschließend, aber die Haltung der 
Schleswigholsteiner fand er revolutionär. 
Der Wiener Hofburg kam der transalbingische Streit sehr ungelegen; 
nach der Eigenart ihres Reiches hatte sie ja selbst nichts mehr zu fürchten 
als die Macht der nationalen Ideen. Von Deutschtum, Dänentum und 
anderen solchen „Tümern“ wollte Metternich gar nichts hören. Er war 
empört über das Gelichter der deutschen liberalen Partei und ihr Halli- 
Halloh, er fand die ganze schamlose Agitation künstlich, gemacht, revolu- 
tionär und wünschte vornehmlich Bestrafung der frechen Heidelberger 
Professoren. Aber auch der Krone Dänemark warf er vor, daß sie das 
  
*) Rochows Berichte, 6. 19. 27. Aug., 25. Sept. 1846. 
*7) Nesselrode, Weisung an den Geschäftsträger v. Ewers, 3./15. Aug. 1846.
        <pb n="591" />
        Preußens Haltung. Schoultz v. Ascheraden. 583 
liberale Ungeziefer seit Jahren karessiert und jetzt vor der Zeit unreife 
Pläne verlautbart habe, während man doch sonst die Gäste nicht in die 
Küche führe, sondern ihnen die Speisen fertig vorsetze. Von Berlin her ge- 
warnt, sah er jedoch ein, daß man die ungeheure Aufregung in Deutsch- 
land irgendwie beschwichtigen mußte; und da er, schon wegen der mög- 
lichen Verstärkung Preußens, den Zerfall des dänischen Gesamtstaats 
durchaus verhindern wollte, so gelangte er zu der Ansicht, das beste sei 
die Aufhebung des Königsgesetzes und die Thronfolge der Augustenburger 
in allen Kronlanden. Es war sicher der freundlichste Rat, der sich dem 
Dänenkönige geben ließ. Wenn nur die Menschen nicht Menschen wären! 
Wenn nur nicht der wilde Deutschenhaß der Dänen gerade diesen sichersten 
Ausweg ganz versperrt hätte! 
Wunderlich, fast tragikomisch erschien unter solchen Umständen die 
Haltung des Berliner Hofes. Alle Ausländer trauten ihm einen Ehrgeiz 
zu, der ihm durch die Geschichte des preußischen Staates geradezu auf- 
gezwungen wurde und gleichwohl dem sanften Gemüte dieses Königs ganz 
fern lag. Niemals hat Friedrich Wilhelm die Frage erwogen, ob die trans- 
albingischen Händel nicht benutzt werden sollten, um Preußens Macht- 
stellung an der Ostsee zu verstärken; er hielt für unmöglich, daß man ihm 
so verruchte Pläne auch nur andichten könnte. Wie er den leidlichen 
Ausgang des Kölnischen Bischofsstreites lediglich dem Trotze Droste-Vische- 
rings verdankte, so wurden auch die notwendigen Kämpfe, welche schließ- 
lich unsere Nordmark unter die Krone der Hohenzollern bringen sollten, 
nicht durch preußische Berechnung, sondern einzig und allein durch die 
Verblendung Christians VIII. und seiner Dänen herbeigeführt. Eine Re- 
gierung ohne Stolz und Tatkraft, welche grundsätzlich nie das Schwert 
ziehen will, kann sich vielleicht, durch die Macht alter Traditionen, noch eine 
Zeit lang ein tüchtiges Heer bewahren, ihr Auswärtiges Amt aber muß 
schnell entsittlicht werden. Welch einen jämmerlichen Anblick bot doch das 
diplomatische Korps des vierten Friedrich Wilhelm neben jenen kühnen, 
kriegerischen Gesandten, die einst die Befehle des großen Königs handfest 
vollstreckt hatten. General Rauch war ein guter Russe, obwohl ihm das 
preußische Gefühl nicht gänzlich fehlte, Bunsen war ein guter Engländer, 
Graf Arnim ein guter Osterreicher, aber sie alle überbot noch bei weitem 
Freiherr Schoultz von Ascheraden in Kopenhagen. Einen besseren Patrioten 
als diesen fremdbrüderlichen preußischen Gesandten hat Gammel Danne- 
mark unter seinen eigenen Landeskindern nie besessen. Schoultz war vor 
langen Jahren auf dem gleichgültigen Kopenhagener Gesandtschaftsposten 
versorgt worden, wo alle Höfe ihre diplomatischen Nullen unterzubringen 
pflegten, und behielt die Stelle leider auch, als sie plötzlich hochwichtig 
wurde. Er fühlte sich am Sunde ganz heimisch, glaubte den dänischen 
Ministern, die fast durchweg gebildete, liebenswürdige Männer waren, 
treulich aufs Wort und berichtete in seinem schauderhaften Französisch, das
        <pb n="592" />
        584 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
den König zuweilen zu sarkastischen Randbemerkungen veranlaßte, höchst 
gewissenhaft, was der Hof während des größten Teiles des Sommers, 
pendant la pluralité de l’éé, alles vorzunehmen gedenke.*) Als die 
schleswigholsteinischen Wirren begannen, zeigte er sich ungehalten über 
die Unbotmäßigkeit der Deutschen; von der unersättlichen Begehrlichkeit, 
der List, der berechneten Zurückhaltung des augustenburgischen „Präten- 
denten“ sprach er ganz so entrüstet wie seine dänischen Freunde; "7) und 
wenngleich er zuweilen auch die Gehässigkeit der Dänen bitter beklagte, so 
hatte er doch von dem Sinne des nationalen Kampfes gar keine Ahnung. 
Diese lächerlichen Gesandtschaftsberichte konnten das Urteil König 
Friedrich Wilhelms nicht beirren. Er bedauerte zwar den Haß zwischen 
Deutschen und Dänen, wie Canitz sagte, als „eine der ärgsten Tollheiten 
unseres erleuchteten Jahrhunderts“; ***) er wünschte von ganzem Herzen 
die Fortdauer des dänischen Gesamtstaates und wollte auch seinen könig- 
lichen Freund, der ihn soeben, bei einem Besuche in Kopenhagen, mit 
Zärtlichkeit überschüttet hatte, durchaus nicht kränken. Aber das Recht 
blieb ihm heilig. Schon im Jahre 1845 ließ er sich von den Juristen 
Eichhorn und Lancizolle ein Gutachten über die Erbfolgefrage erstatten, 
und obwohl diese Denkschrift sehr unsicher lautete, so überzeugte er sich 
doch nach und nach selber von dem besseren Rechte der Augustenburger. 
Wie Metternich hoffte er den Streit durch einen Verzicht der hessischen 
Linie und durch die Thronfolge der Agnaten im Gesamtstaate friedlich 
beizulegen: dann konnten die befreundeten Dänen unter Augustenburgi- 
schen Königen bis an das Ende aller Dinge in Kiel und Altona hausen. 
Freilich war die Übereinstimmung nicht vollständig, denn der Wiener 
Hof betrachtete die Integrität Dänemarks als das Wesentliche, der Ber- 
liner das deutsche Recht der Herzogtümer und der Agnaten. Im Not- 
falle — das deutete schon jenes Rechtsgutachten an — wollte Preußen 
selbst ein souveränes Schleswigholstein unter deutschem Fürstenhause an- 
erkennen. Die dänischen, nicht die holsteinischen Landstände, so meinte 
Canitz, haben den Streit angefangen. Die Dänen sind die Revolutionäre 
und zudem erfüllt von absurdem Hasse gegen Deutschland. Sie miß- 
brauchen unehrlich den Gedanken der Nationalität, um den politischen 
Frieden von oben her zu stören, wie die Polen von unten her. Wir wün- 
schen die Integrität der dänischen Monarchie, aber ohne Schädigung 
deutscher Rechte.# 
Zunächst hatte der Bundestag auf die holsteinischen Beschwerden zu 
antworten. Metternich behauptete zwar anfangs, diese Sache gehe den 
Bund gar nichts an, jedoch auf Canitzs lebhaftes Andrängen gab er nach 
*) Schoultz v. Ascheradens Bericht, 10. April 1847. 
**) Schoultz v. Ascheradens Bericht, 11. Dez. 1846. 
*) Canitz an Rochow, 9. Nov. 1845. 
#) Canitz an Rochow, 2. 21. Okt. 1847.
        <pb n="593" />
        Bundesbeschluß über den Offenen Brief. 585 
und genehmigte, daß ein Bundesbeschluß die Rechte Deutschlands in mil- 
der Form verwahren, aber zugleich dem unleidlichen Halli-Halloh der 
Liberalen scharf entgegentreten solle. Sein getreuer Münch, der ganz 
dänisch gesinnt war, mußte also, wie Canitz spottete, „diesmal aus dem 
magischen Kreise der Inkompetenz-Erklärungen hinaustreten“ und das Ge- 
schäft mit einer in Frankfurt ganz unerhörten Eile betreiben.*) Man konnte 
nicht anders. Die Landtage, die Presse, zahllose Eingaben aller Art be- 
stürmten den Bundestag. Als „ein ernstes Zeichen der Zeit“ erwähnte der 
preußische Bundesgesandte auch die Zuschrift eines begeisterten Berliner 
Studenten, der sich späterhin noch einen guten Namen machen sollte. 
Dieser junge Mann riet dem Bundestage, schleunigst einen Bundeskom- 
missär nach Kopenhagen zu senden, und entschuldigte seine Vermessenheit 
„mit dem Beispiel der Jungfrau von Orleans, die auch nur eine arme 
Schäferin gewesen sei, aber ihr Vaterland doch gerettet habe.“ ) 
Frhr. v. Pechlin, der dänische Bevollmächtigte, der im Herzensgrunde 
doch deutsch empfand und dem Offenen Briefe nur sehr ungern zugestimmt 
hatte, gab die versöhnlichsten Erklärungen: er beteuerte heilig, seinem Kö- 
nige sei nie in den Sinn gekommen, die Rechte des Deutschen Bundes zu 
verletzen; er gestand sogar zu, daß die beiden Herzogtümer alle öffentlichen 
Rechtsverhältnisse — bis auf die Provinzialstände und wenige andere In- 
stitutionen — miteinander gemein hätten. Da nun auch der Offene Brief 
selbst noch nichts anordnete, sondern nur die persönlichen Ansichten des 
Königs kundgab, so sprach der Bundestag am 17. Sept. die vertrauensvolle 
Erwartung aus: der König würde bei endgültiger Feststellung dieser Ver- 
hältnisse die Rechte aller und jeder, insbesondere die Rechte des Bundes, 
der Agnaten und der holsteinischen Landstände beachten. Zugleich forderte 
er die Regierungen auf, den leidenschaftlichen Ausbrüchen einer anerken- 
nenswerten patriotischen Gesinnung „gehörige Schranken zu setzen“. Alle 
stimmten zu, auch Pechlin selber. Nur Kurhessen wollte die Verwarnung 
der deutschen Patrioten schärfer gefaßt sehen; der Luxemburger endlich 
behauptete keine Weisungen zu haben, offenbar weil er fürchtete, bald 
könnte auch Luxemburg an die Reihe kommen. Wie matt und schüchtern 
der Beschluß auch klang, ganz leer war er nicht. Der Bundestag hatte sich, 
allen seinen Gewohnheiten entgegen, doch nicht wieder für unzuständig 
erklärt, er behielt sich doch ausdrücklich seine Rechte vor und erlangte also 
zum ersten Male einiges Lob bei den gemäßigten Parteien. 
König Christian merkte auch selbst, daß er mit der Politik des Offenen 
Briefes nicht mehr weiter kam; er fühlte sich tief unglücklich und konnte 
seine Stimmung sogar vor Schoultz-Ascheradens blöden Augen nicht ganz 
verbergen.***) Gegen den preußischen General Wrangel beklagte er sich 
*) Canitz an Rochow, 7. Sept. Dönhoffs Berichte, Frankfurt, 22. Aug., 2. Sept. 1846. 
77) Dönhoffs Bericht, 17. Sept. 1846. 
*““) Schoultz v. Ascheradens Bericht, 4. Nov. 1846.
        <pb n="594" />
        586 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
bitterlich: wie ihn die Deutschen so ganz verkennen könnten; niemals hätte 
er daran gedacht, Schleswigholstein von Deutschland loszureißen. Im 
Juni 1847 sendete er einen alten Freund, den Grafen Löwenstern, der 
seinem Könige diesen letzten Ritterdienst nicht verweigern mochte, nach 
Berlin, um wegen der Erbfolgefrage Rat einzuholen. Canitz erwiderte: 
das einzige Mittel, den Gesamtstaat zu erhalten, sei die Aufhebung des 
Königsgesetzes und das Königtum der Augustenburger. Das wies der 
alte Däne weit von sich; am Wiener Hofe aber wurde ihm, offenbar nach 
Verabredung, gleich nachher dieselbe Antwort erteilt.“') Nunmehr hoffte 
König Christian sein Ziel auf einem neuen, noch seltsameren Umwege zu 
erreichen; er wollte seinem Gesamtstaate — nach dem Vorbilde des 
Preußischen Vereinigten Landtags, dessen Verhandlungen er mit gespann- 
ter Aufmerksamkeit verfolgte — einen gemeinsamen Reichstag gewähren. 
Mit Hilfe der dänisch gesinnten Mehrheit dieses Reichstags dachte er dann 
späterhin die Thronfolge der weiblichen Linie im ganzen Reiche durchzu- 
setzen. In was für Künsteleien verlor sich wieder die Überklugheit des 
Monarchen. Nach allem, was geschehen, mußte die Thronfolgefrage jetzt 
vor der Verfassungsfrage entschieden werden; denn solange noch nicht fest 
stand, ob der Gesamtstaat selber fortdauern würde, konnten die Schles- 
wigholsteiner einer Gesamtstaatsverfassung doch schwerlich zustimmen. 
Während der nächsten Monate ließ der König seinen Verfassungsplan 
durch Carl Moltke und den unentbehrlichen Adler ausarbeiten. Da 
starb er plötzlich nach kurzer Krankheit am 20. Januar 1848, wohl der 
geistreichste aus der langen eintönigen Reihe der Oldenburgischen Könige, 
und doch ein Mann des Unheils, ein Herrscher, der die Macht seines 
Hauses selbst zerstörte, weil er das Recht seiner Völker mißachtete. 
Die Todesnachricht erschütterte das Land im Innersten. Die Dänen 
hofften, die Deutschen fürchteten alles von dem Thronfolger. Nach aller 
Wahrscheinlichkeit war Friedrich VII. der letzte König seines Stammes; 
denn er hatte damals schon ein Liebesverhältnis mit der Putzmacherin 
Rasmussen angeknüpft, und dies gemeine Weib, die natürliche Bundes- 
genossin der Kopenhagener Demokratie, hielt ihn so fest umstrickt, daß eine 
dritte fürstliche Heirat fast unmöglich schien. Mit albernem, läppischem 
Zeitvertreib brachte er seine Tage dahin und fühlte sich wohl in schlechter 
Gesellschaft, die freilich nicht murren durfte, wenn es ihm plötzlich einfiel, 
den Fürsten herauszukehren. Roh, ungebildet, grob sinnlich, jähzornig, 
nicht ohne Verstand und derben Humor, lernte er niemals ernsthaft zu 
arbeiten. Als eingefleischter Däne haßte er alles Fremde; die ausgelassene 
Lustigkeit der Matrosen, die in der C4°8s Halle und in den anderen Spe- 
lunken an der Kopenhagener Knüppelbrücke ihre Späße trieben, behagte 
  
*) Berichte von Graf Platen, Berlin, 11. Juni; von Graf Arnim, Wien, 14. Juni 
1847.
        <pb n="595" />
        Gesamtstaats-Pläne. Friedrich VII. 587 
ihm besser als das gemessene Wesen der Schleswigholsteiner. Den libe— 
ralen Ideen war er nicht feind, obgleich er eigentlich gar keine politischen 
Grundsätze besaß. Von seinem Vater hatte er nichts geerbt als die 
Furchtsamkeit und die unkriegerischen bequemen Gewohnheiten. Frisch und 
männlich erschien der Schwerfällige nur, sobald er an Bord eines Schiffes 
trat; wenn ihn irgend etwas begeistern konnte, so waren es die Erinne— 
rungen an die Seekönige des Nordens, und das alte Volkslied: König 
Christian stand am hohen Mast! 
Der alte König hatte noch während seiner letzten Krankheit in einem 
langen Briefe seine Ratschläge für die neue Regierung niedergelegt. Der 
Nachfolger zeigte sich zuerst ganz als guter Sohn; er ernannte, nach des 
Vaters Wunsche, den Grafen Carl Moltke zum Staatsminister und ver— 
kündete durch ein Manifest alsbald den Entschluß, die von seinem Vor— 
gänger „beabsichtigte Ordnung der öffentlichen Verhältnisse zu Ende zu 
bringen“. Die den politischen Verbrechern gewährte Amnestie mußte den 
Herzogtümern freilich wie Hohn klingen, weil dort keiner der zahlreichen 
Prozesse zu einer Verurteilung geführt hatte. Aber schon am 28. Jan. be- 
rief ein königliches Kanzlei-Patent 52 erfahrene Männer, je 26 aus dem 
Königreiche und aus Schleswigholstein, nach der Hauptstadt, um ihr Gut— 
achten abzugeben über die Gesamtstaatsverfassung des verstorbenen Mon— 
archen. Sechzehn davon ernannte der König selbst, die übrigen wurden vom 
Lande erwählt. Auch die Form war klug berechnet; das Patent sprach 
immer nur von „Unserem Königreich Dänemark und Unseren Herzog— 
tümern Schleswig und Holstein“, es schien also die staatsrechtliche Ver— 
bindung der beiden deutschen Lande stillschweigend anzuerkennen. Der Ver— 
fassungsplan schloß sich eng an das Vorbild Preußens an; die Provinzial- 
landtage blieben erhalten, doch über ihnen stand künftighin ein Gesamt- 
staats-Reichstag, der, bald im Königreiche, bald in den Herzogtümern ta- 
gend, über gemeinsame Gesetze und neue Steuern frei beschließen sollte. 
Es war das letzte Meisterstück des listigen alten Königs. Die scheinbare 
Gleichstellung der beiden ungleichen Hälften des Gesamtstaats sollte den 
Deutschen schmeicheln; und doch konnte die Krone hoffen, durch ihre sech- 
zehn Vertrauensmänner sowohl die Schleswigholsteiner wie die radikalen 
Eiderdänen niederzuhalten. Hätte König Christian noch gelebt, so war 
ein Erfolg, freilich nur für den Augenblick, vielleicht denkbar. Doch 
was ließ sich jetzt erwarten, unter einem Monarchen, dem die Dänen 
niemals Achtung, die Deutschen niemals Vertrauen schenken konnten? 
Sowie der alte König die Augen geschlossen hatte, trat die Kopenhage- 
ner Demokratie höchst ungebärdig auf. Eine Schrift der Professoren Clau- 
sen und Schouw verkündete sofort in ungestümer, drohender Sprache das 
eiderdänische Programm: Danisierung Schleswigs, Abtrennung Holsteins. 
Eine Versammlung von Stadtvertretern, die der alte Heißsporn Etatsrat 
Hvidt berufen hatte, sendete dem neuen Herrscher eine Deputation ins
        <pb n="596" />
        588 V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
Schloß, um sofortige Anderung der Verfassung zu verlangen. König Fried- 
rich ließ die Abgesandten nicht vor, aber zugleich berief er seinen Freund 
Bardenfleth, einen fanatischen Dänen, in das Ministerium. Die Eider- 
dänen witterten Morgenluft; sie verlangten stürmisch, die erfahrenen 
Männer müßten nach der Kopfzahl erwählt werden, also je fünf Dänen auf 
drei Deutsche. Die Schleswigholsteiner hingegen bemühten sich bis zum 
letzten Augenblicke, in den Schranken der Mäßigung zu verbleiben; sie 
wollten die dargebotene Hand des neuen König-Herzogs nicht von sich 
stoßen. Auf einer Zusammenkunft in Kiel, wo sich die Landtagsabgeord- 
neten beider Herzogtümer vollzählig einfanden, sprachen Reventlow und 
Beseler sehr besonnen; man beschloß (17. Febr.), die Wahl der erfahrenen 
Männer vorzunehmen. Aber jedem der Gewählten wurde anheimgegeben, 
das deutsche Recht nach Gewissenspflicht zu verwahren. An eine friedliche 
Verständigung glaubten nur noch wenige; Reventlow und Beseler hatten 
bereits im letzten Herbst die Möglichkeit eines offenen Kampfes zusammen 
erwogen. Schon die Einberufung dieser Versammlung selber, die doch 
nichts anderes war als ein Vereinigter Landtag Schleswigholsteins, zeigte 
deutlich, wie der alte Gesamtstaat aus den Fugen ging. Die Augusten- 
burger begannen alsbald die Brücken hinter sich abzubrechen. Bei 
Christians pomphaftem Begräbnis war keiner aus ihrer Linie zugegen; 
und als ihnen der neue Herrscher, allerdings gegen den Hausbrauch der 
letzten Jahrzehnte, die Erneuerung ihres Huldigungseides zumutete, da 
weigerte sich der Herzog sowohl wie der Prinz von Noer. König Friedrich 
sah in alledem berechnete Auflehnung.“) 
So gespannt war die Lage. Jeden Augenblick konnte die nationale 
Leidenschaft hüben oder drüben losbrechen und das blutige Spiel um 
Deutschlands Nordmark beginnen. Der König von Preußen bemerkte dies 
wohl. Er sendete bald nach dem Thronwechsel seinen vertrauten General 
Gerlach nach Kopenhagen, angeblich um sein Beileid auszusprechen, in 
Wahrheit um zu beobachten und nötigenfalls zu raten. Canitz ließ den Ge- 
neral durch den gescheiten Legationsrat Grafen Hans v. Bülow über die 
dänischen Verhältnisse genau unterrichten und erteilte ihm selbst (4. Febr.) 
ausführliche Weisungen, die nur von neuem bewiesen, wie harmlos ehr- 
lich die preußische Regierung verfuhr, aber auch, wie wenig sie den Ernst 
der Zeit und die Macht der nationalen Gegensätze verstand. Noch immer 
betrachtete Canitz den Streit zwischen Dänen und Deutschen als bare 
Torheit; er hielt Dänemark für Deutschlands natürlichen Verbündeten, 
da seine Flotte ja bei uns keinen Nebenbuhler zu fürchten hätte. Diesen 
Verbündeten wollte er nicht schwächen; darum verwarf er sowohl die Politik 
der Eiderdänen, die in blindem Deutschenhaß ihren eigenen Vorteil ver- 
kännten, wie den Plan Schleswig für Deutschland zu erobern, einen Plan, 
  
*) Schoultz v. Ascheradens Berichte, 19. 28. Febr. 1848.
        <pb n="597" />
        Erfahrene Männer. Gerlach von Kopenhagen. 589 
der „aus einer unrichtigen, wenigstens unklaren Auffassung des Begriffes 
der Nationalität entspringe“. Er wünschte nach wie vor die Integrität 
der dänischen Monarchie, womöglich unter dem augustenburgischen Herr— 
scherhause. Aber an den althistorischen Rechten der Herzogtümer hielt 
er fest: „wir müssen vorangehen; es ist eine von den seltenen Sachen, 
wo wir auf die Zustimmung der deutschen Bundesregierungen rechnen 
können.“7) 
Durch Unwetter aufgehalten, konnte Gerlach erst am 15. Febr. in der 
dänischen Hauptstadt eintreffen. Unterwegs hatte er Falck, Reventlow so- 
wie andere deutsche Patrioten gesprochen und fühlte sich angenehm über- 
rascht, in diesen Schleswigholsteinern, die doch mit allen deutschen „Wüh- 
lern“ verbündet waren, so konservative Männer kennen zu lernen. Diese 
unschuldigen Gespräche, bei denen er streng die Rolle des vorsichtigen Be- 
obachters einhielt, wurden ihm freilich von den Dänen als verräterische 
Umtriebe angerechnet. In Kopenhagen bemerkte er sogleich, wie alles aus 
Rand und Band ging. Er durchschaute die vollendete Nichtigkeit Fried- 
richs VII. und die Zwietracht seiner Räte, die Schwäche des einzigen 
deutschgesinnten Ministers Heinrich Reventlow; er begriff, daß die Verfas- 
sung unmöglich gelingen konnte, solange die Erbfolgefrage in der Schwebe 
blieb; er erkannte sogar, daß weder die Dänen noch die Deutschen mehr 
an die Integrität des alten Gesamtstaats glaubten. Aber wie scharfsinnig 
er auch im einzelnen urteilte, eine kühne nationale Politik hielt er für 
eine Träumerei der „Germanomanen“; an die Möglichkeit einer Macht- 
erweiterung Preußens dachte er niemals. Sein letzter Rat ging dahin: 
Preußen sollte sich zunächst mit Rußland und Österreich verständigen, da- 
mit nachher die dänische Thronfolge, wie einst die badische, durch eine euro- 
päische Entscheidung friedlich geregelt würde. Als Graf Reventlow-Preetz 
ihn bestimmt fragte: wird der Deutsche Bund uns Holsten schützen, falls 
Dänemark uns eine Verfassung aufzuzwingen oder Schleswig von uns los- 
zureißen wagt? — da antwortete der General ausweichend, Schleswig ge- 
höre ja nicht zum Bunde, und rechtfertigte sich vor seinem Monarchen also: 
„Ich glaube nicht, da der Fall mir wenigstens nicht klar ist, durch die 
Autorität des Abgesandten Ew. Maj. die Opposition der Herzogtümer 
verstärken zu dürfen.“) Wahrlich, Preußen durfte wie der Sohn des 
Laios sagen: so, gar nichts ahnend kam ich nun, wohin ich kam! Während- 
dem tobte die gesamte Presse Westeuropas wider la politique envahissante 
de IAllemagne; und über König Friedrich Wilhelm, den man aus seinen 
Reden doch endlich kennen mußte, urteilte Lamartine: das sei ein fürchter- 
licher Kraftmensch, „fähig, alles zu verstehen, alles zu versuchen, alles 
zu wagen!“ 
*) Canitz, Weisung an Gerlach, 4. Febr. 1848. 
**) Gerlachs Berichte an den König, 16. 19. 28. Febr., 1. März, an Canitz, 24. Febr. 
1848.
        <pb n="598" />
        590. V. 7. Polen und Schleswigholstein. 
Der preußische Abgesandte weilte schon seit zwei Wochen am Sunde 
und dachte noch länger zu bleiben; da kam am 2. März die Nachricht 
von dem Sturze des Juli-Königtums und zwang ihn zu schleuniger Heim- 
kehr. Kaum hatte er die Insel verlassen, so fand die Pariser Revolution 
in Kopenhagen einen donnernden Widerhall. Eine stürmische Volkser- 
hebung warf die Gesamtstaatspläne über den Haufen, führte die eider- 
dänische Partei ans Ruder und zwang den König Friedrich zu einer Ge- 
walttat, die seinen stillen Herzensmeinungen wohl entsprechen mochte. 
Mit einem Federzuge wurde die vierhundertjährige Einheit Schleswighol- 
steins vernichtet. Jetzt blieb keine Wahl mehr. Vor dem ehrlichen Radi- 
kalismus des Krieges mußte jede Halbheit verschwinden. Unsere Nord- 
mark stand vor der Frage: dänisch oder deutsch? —
        <pb n="599" />
        Achter Abschnitt. 
  
Der Vereinigte Landtag. 
Nach so vielen Enttäuschungen und Niederlagen blickte König Fried- 
rich Wilhelm noch immer sorglos, heiter in das Leben. Wie ein humo- 
ristischer Künstler verstand er, sobald der erste Zorn verraucht war, jedes 
Argernis mit einem guten oder schlechten Witze von sich abzuschütteln; 
und wenn er sich zuweilen selber anklagte, so erhob er sich stets wieder 
an dem Glauben, daß er kraft der göttlichen Weihe seiner Krone den 
Lauf der Welt besser übersähe als alle anderen Sterblichen. So schritt 
er über den Wolken dahin, im Wahne seiner königlichen Unfehlbarkeit. Und 
wie einsam war es um ihn geworden in kurzen fünf Jahren. An seine 
staatsmännische Weisheit glaubten nur noch wenige, bei jedem Schritte 
stieß er auf ein unüberwindliches Mißtrauen; Eichhorn und Bodelschwingh 
vernutzten ihre edle Kraft im aussichtslosen Kampfe wider eine öffentliche 
Meinung, die mit all ihrer Torheit doch eine lebendige Macht war. 
Der Volksgunst erfreute sich unter allen Ministern nur einer, Gene- 
ral Boyen. Der Organisator der Landwehr galt nach der volkstümlichen 
Legende zugleich für einen Märtyrer liberaler Überzeugungstreue, und 
sein tapferes Landwehrlied: „Recht, Licht und Schwert“, das der König 
doch selbst mit herzlicher Freude aufgenommen hatte, wurde von den Un- 
zufriedenen sogar zur Verhöhnung der Regierung mißbraucht. Als Eich- 
horn bei einem Berliner städtischen Feste einen Trinkspruch ausbrachte 
und auch auf kirchliche Dinge zu reden kam, da unterbrachen ihn die 
Hörer stürmisch; sie verlangten, daß Boyens Nationallied gespielt würde, 
und sangen dem Minister unter spöttischem Jubel die Verse zu: 
Erfülle treu die Bürgerpflicht, 
Dann kümmert mich dein Glaube nicht! 
Solche Auftritte kränkten den alten Helden tief, denn immer hatte er hoch 
über den Parteien gestanden. Je schmerzlicher er fühlte, daß seine rationa- 
listische Frömmigkeit von der kirchlichen Romantik des Königs weit abstand, 
um so ernster betätigte er überall seine streng monarchische Gesinnung. 
Vom Herde des Radikalismus flogen dann und wann schon einige Funken
        <pb n="600" />
        592 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
in die Armee hinüber; die Leutnants Anneke, Willich und einige andere 
junge Offiziere wurden entlassen, weil sie republikanische oder auch kom- 
munistische Lehren mit dreister Unbefangenheit verbreiteten. Sie fanden 
in der Presse begeisterte Fürsprecher, mehrere von ihnen tauchten nachher 
als Barrikadenkämpfer wieder auf. Bei diesen Untersuchungen zeigte sich 
Boyen stets unerbittlich, zum Erstaunen seiner liberalen Bewunderer; er 
wußte, was die Treue im Heere bedeutet. 
Seine zweite Amtsführung brachte der Armee — außer der neuen 
Uniformierung, die wesentlich des Königs eigenes Werk war — noch eine 
folgenreiche Reform: nach langjährigen Versuchen und Beratungen wurde 
(1847) beschlossen, das leichte Perkussionsgewehr, den Dreyseschen Zünd- 
nadel-Hinterlader nach und nach bei der gesamten Infanterie einzu- 
führen. Leicht war der Entschluß nicht. Zwar Boyen selbst, der alles 
in großem Stile trieb und die Gegenwart gern in ihrem historischen Zu- 
sammenhange auffaßte, erklärte zuversichtlich, diese Reform entspreche den 
alten Traditionen des preußischen Fußvolks, das ja immer, schon in den 
Tagen des Großen Kurfürsten und des alten Dessauers, durch rasches 
Feuern seine Überlegenheit gezeigt hatte; auch der leicht begeisterte König 
weissagte der neuen Waffe glänzende Erfolge für das Vaterland. Aber 
viele tüchtige Offiziere hegten ernste Bedenken; sie hielten für unzweifel- 
haft, daß eine mit so rasch feuernden Gewehren bewaffnete Truppe sich 
schon beim Beginn des Gefechts verschießen und bald wehrlos dastehen 
müsse, denn kein Führer sei im stande, die Mannschaft ganz in seiner 
Hand zu halten, ihre Blutleckerei oder auch ihre Furcht sicher zu bän- 
digen. Glücklicherweise wurde diese Meinung überall im Auslande ge- 
teilt. Niemand mochte dem preußischen Beispiele folgen, am wenigsten 
die kleinen deutschen Heere, denn die einen hemmte die Bequemlichkeit, 
die anderen das Mißtrauen gegen alles, was aus Preußen kam. So blieb 
dem preußischen Heere genügende Zeit, die neue Bewaffnung vollständig 
einzuführen und zugleich die Mannszucht des Fußvolks so streng und 
sicher durchzubilden, daß jeder Gemeine sein Gewehr mit ÜUberlegung hand- 
habte. Nach neunzehn Jahren sollte die Welt erfahren, welch ein Ver- 
mächtnis Boyen seinem Volke mit dieser Waffe hinterlassen hatte. 
Aus seiner altväterischen Höflichkeit klang noch der gefühlvolle Ton 
des Zeitalters der Befreiungskriege heraus. Überkluge Leute meinten 
wohl, der Alte hätte sich überlebt, und den raschen Wagemut seiner 
Jugend besaß er allerdings nicht mehr ganz, aber auf neue Ideen ging er 
noch immer freudig ein. Oberstleutnant Griesheim und andere Offiziere 
seines Ministeriums dienten ihm als einsichtige Gehilfen, und in den 
zahlreichen Kommissionsberatungen dieser Jahre erwarb er sich auch, trotz 
mancher Meinungsverschiedenheit, die Freundschaft und Bewunderung des 
Prinzen von Preußen. Unter des Prinzen entscheidender Mitwirkung 
ward ein vereinfachtes Exerzierreglement für die Infanterie vollendet;
        <pb n="601" />
        Boyens zweite Amtsführung. 593 
auch der fröhliche friderizianische Reitergeist belebte sich wieder und die 
steifen Paradekünste der langen Friedenszeit gerieten in Verruf, seit 
General Wrangel auf den Kavalleriemanövern von 1843 gezeigt hatte, 
was der weit ausholende Angriff großer Reitermassen zu leisten vermag. 
Inzwischen erhielt die Armee neue Kriegsartikel und ein wohl durch- 
dachtes Militärstrafgesetzbuch, woran die Räte des Justizministeriums 
und die Offiziere gemeinsam gearbeitet hatten. 
Die Organisation des Heeres aber, deren Mängel doch mit jedem 
Jahre greller hervortraten, blieb leider unverändert. Je stärker die Be- 
völkerung anwuchs, um so weiter entfernte man sich unwillkürlich von dem 
großen Grundsatze der allgemeinen Wehrpflicht. Die Masse der Reklama- 
tionen, welche bei den Mobilmachungen der dreißiger Jahre und nachher 
noch bei jeder Landwehrübung einliefen, bewies keineswegs, wie die 
Schwarzseher behaupteten, daß der opferfreudige Sinn im preußischen 
Volke erstorben war, sie war vielmehr nur die natürliche Folge der fehler- 
haften Heeresverfassung. Mußte der Landwehrmann nicht über Ungerech- 
tigkeit klagen, wenn er von Weib und Kind, von den dringenden Arbeiten 
seines Geschäfts hinweggerufen wurde, während Tausende jüngerer, wehr- 
kräftiger Männer dienstfrei blieben? Boyen entwickelte die Gedanken, die 
ihn bei seinem Wehrgesetze geleitet hatten, kurz vor seinem Rücktritt (1847) 
noch einmal in einer großen Denkschrift „Überblick der preußischen Heer- 
verfassung und ihrer Kosten seit dem Großen Kurfürsten“. Er wollte „ein 
von der übrigen Landesbewaffnung getrennt zu bewegendes stehendes 
Heer“, denn eine reine Linien-Armee sei, wegen der Masse der Beurlaub- 
ten, „vor erklärtem Kriege das unbeweglichste Ding von der Welt“. Er 
verlangte, dies stehende Heer müsse zu einem Viertel aus altgedienten Ka- 
pitulanten bestehen und so stark sein, daß bei dreijähriger Dienstzeit die 
gesamte Mannschaft der Landwehr in seinen Reihen ausgebildet würde. 
Aber wie wenig entsprach die Wirklichkeit diesen wohlberechtigten Grund- 
sätzen! Die stehende Armee war so schwach, daß sie getrennt von der 
Landwehr nicht wirksam bewegt werden konnte. Nicht zum Kriege, son- 
dern lediglich zur Bewachung seiner Grenzen hatte der Staat nach 1830, 
unter schwerer Schädigung der Volkswirtschaft, den größten Teil des ersten 
Aufgebots der Landwehr unter die Fahnen rufen müssen. Die Zahl der 
Kapitulanten wurde stark herabgesetzt, da bei dem steigenden Arbeitslohn 
der bürgerlichen Gewerbe der Soldatendienst so wenig lockend erschien; 
man verlangte ihrer nur noch 720 für die vier Linien-Infanterieregimenter 
jedes Armeekorps. Doch selbst diesen verringerten Anforderungen wurde 
nicht von fern genügt; das arme Ostpreußen, das noch die meisten schlecht 
gelohnten Arbeiter besaß, stellte für sein erstes Armeekorps (1847) nur 
449 Kapitulanten, das rheinische Armeekorps zählte ihrer gar nur 150. 
Zudem diente die Masse der Mannschaft jetzt nur noch zwei Jahre. Sehr 
ungern, „allein dem Drange der Umstände“ weichend, hatte der alte König 
v. Treltschke, deutsche Geschichte. V. 38
        <pb n="602" />
        594 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
einst dies leidige Auskunftsmittel falscher Sparsamkeit genehmigt und nach- 
her (1837) ausdrücklich verfügt, die Neuerung müsse aufhören, sobald „die 
Verhältnisse die allgemeine Verlängerung der Dienstzeit bei der Infanterie 
gestatteten“. Seine Befürchtungen rechtfertigten sich nur zu sehr. Die 
zweijährige Dienstzeit brachte zwar den doppelten Vorteil, daß nunmehr 
eine stärkere Anzahl von Wehrpflichtigen eingestellt und alle Landwehr- 
männer im stehenden Heere ausgebildet werden konnten, während im Jahre 
1831 noch die größere Hälfte der Landwehr aus mangelhaft oder gar nicht 
geschulten Landwehr-Rekruten bestanden hatte. Dafür sank die Kriegs- 
tüchtigkeit der Linie selbst; die faulen und unlustigen Leute ließen sich 
gehen, da sie wußten, daß sie doch allesamt nach zwei Jahren entlassen 
würden, die Offiziere erlagen fast der Last der Arbeit, seit sie Jahr für 
Jahr die Hälfte ihrer Kompagnie neu ausbilden mußten, und immer wie- 
der mahnte der Prinz von Preußen: die Erfahrung lehre, daß diese un- 
mäßig verkürzte Dienstzeit die Armee verderbe. 
Wohl stand das preußische Heer noch immer unter allen deutschen 
Kontingenten obenan; doch dies wollte leider nicht viel sagen. Sollte 
Preußen seiner großen Zukunft sicher entgegengehen, so mußte endlich ein- 
mal eine starke Ausgabe für das so lange kümmerlich behandelte Heer ge- 
wagt werden. Die Finanzen blühten, die wirtschaftliche Kraft des Volks 
war jetzt genugsam erstarkt. Solches vermochte freilich nur ein starker 
Wille, denn in diesem Staate hing das Heerwesen mit der gesamten Ver- 
fassung innig zusammen. Wenn die Krone den unseligen Verfassungsstreit 
rechtzeitig abschloß, so daß sie fortan den Eisenbahnbau durch unanfecht- 
bare Anleihen sichern konnte, dann boten ihr die reichen üÜberschüsse 
des Staatshaushalts und vielleicht noch ein mäßiger Steuerzuschlag voll- 
auf genügende Mittel, um die gesetzlich dreijährige Dienstzeit wieder ein- 
zuführen und das stehende Heer durch einige Jahrgänge der jüngsten Wehr- 
männer also zu verstärken, daß die Masse der Landwehr, ihrem ursprüng- 
lichen Berufe gemäß, der Regel nach nur in der Heimat zu dienen brauchte. 
An so kühne Reformgedanken wollte aber Boyen jetzt im hohen Alter 
nicht mehr herantreten. Ihm verdankte Preußen das Wehrgesetz, und zwei- 
mal im Leben einen so großen Wurf zu wagen, übersteigt fast die Kräfte 
eines Mannes. Der friedfertige König vollends war für verwegene mili- 
tärische Pläne ganz unzugänglich, er hatte sich heilig vorgenommen, 
die Steuern bei seinen Lebzeiten nie zu erhöhen; und nun gar die öffent- 
liche Meinung, die beständig über die schwere Militärlast klagte, hätte 
damals eine Verstärkung des Heeres geradezu als Wahnsinn betrachtet, 
sie bedurfte noch langer, wirrenreicher Jahre, bis sie das Notwendige 
endlich einsah. So blieb es denn bei der alten Ordnung, das stehende 
Heer vermehrte sich, trotz der stärkeren Einstellung, nicht um einen Mann. 
Die Ausgaben für das Heer stiegen in diesen acht Jahren von 25 auf 
mehr als 28 Mill. Tlr., weil die Neubewaffnung des Fußvolkes, die Um-
        <pb n="603" />
        Zweijährige Dienstzeit. Linie und Landwehr. 595 
arbeitung der Feldgeschütze, die dringend nötigen Soldzulagen für ältere 
Unteroffiziere großen Aufwand forderten. Dafür suchte man im einzelnen 
ängstlich, oft zum Schaden des Dienstes zu sparen. Sogar die Übungen 
der Linientruppen wurden verkürzt, und selbst für den Kriegsfall versprach 
man sich beträchtliche Ersparungen von einem neu ausgearbeiteten Mo— 
bilmachungsplane.7) Als der Kriegsminister zum zweiten Male zurücktrat, 
da war das Heer treu wie Gold und nach wie vor sehr tüchtig, aber in 
seiner Organisation so mangelhaft, daß ihm in unruhiger Zeit peinliche 
Erfahrungen nicht erspart bleiben konnten. 
Weil er seine Landwehr überschätzte, hatte Boyen einst zum ersten 
Male sein Amt aufgeben müssen, und seltsamerweise war er in zwanzig 
Friedensjahren von diesem alten Lieblingsgedanken noch nicht ganz los- 
gekommen. Nichts lag dem genialen Manne ferner als die laienhafte 
Schwärmerei für ein ungeschultes Volksheer. Wenn man ihn fragte, 
warum er nicht einfach die improvisierte Landwehr des Jahres 1813 bei- 
behalten habe, dann antwortete er scharf: „weil ich etwas Besseres wollte, 
als was die Not geboren hatte.“ Gleichwohl verlangte er, daß die Land- 
wehr, die doch jetzt nur aus gedienten Soldaten bestand, unabhängig neben 
der Linie stehen müsse. „Es liegt im Geiste der Landwehr,“ so sagte er 
noch in seiner letzten Denkschrift, „daß ihre Offiziere bis zum Hauptmann 
aus ihr selbst hervorgehen;“ jungen Leutnants von der Linie wollte er 
die Führung alter Wehrmänner nicht anvertrauen. Unter den fast durch- 
weg patriotisch und wissenschaftlich gebildeten Landwehroffizieren befanden 
sich aber nach so langer Friedenszeit nur noch wenige streng militärisch 
geschulte, und unter diesen wieder nur wenige, die sich jederzeit von den 
Pflichten ihres bürgerlichen Berufes befreien konnten, um der Fahne zu 
folgen. Da die Landwehr auch an brauchbaren Unteroffizieren Mangel litt, 
so bedurfte sie durchaus einer großen Zahl abkommandierter Linienoffiziere, 
zumal für die verantwortlichen Stellen der Kompagnieführer. Darum 
hatte der alte König immer, gegen Boyens Widerspruch, die geschlossene 
Einheit des Heeres, die feste Verbindung zwischen Linie und Landwehr 
zu wahren gesucht. Diese Meinung vertraten auch jetzt noch nachdrücklich 
der Prinz von Preußen und der vertraute General à la sSuite v. Forstner. 
Der neue König aber ließ den Kriegsminister gewähren, und Boyen er- 
nannte, im festen Vertrauen auf die bürgerliche „Intelligenz“, nach und 
nach eine große Anzahl von Landwehrhauptleuten — bis sich dann in den 
Revolutionsjahren herausstellte, daß gerade in den westlichen Provinzen, 
die sich so gern ihrer überlegenen Bildung rühmten, die Menge der unab- 
kömmlichen oder unverwendbaren Landwehroffiziere besonders groß war. 
Erstaunlich doch, wie der preußische Organisator auf diesem Gebiete 
  
*) General v. Reyher, Denkschrift über den Mobilmachungsplan (an Thile), 9. April 
1847. 
38“
        <pb n="604" />
        596 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
so ganz anders verfuhr als sein Vorbild Carnot. Der Franzose hatte einst 
das Heer gekräftigt durch die Vereinigung der Linie mit dem Volksauf- 
gebote, der Deutsche suchte beide streng auseinander zu halten. Er erwirkte 
sogar (1847) einen königlichen Befehl, kraft dessen auch die Landwehr- 
schwadronen künftighin nur im Notfalle durch Linienoffiziere befehligt 
werden sollten; und doch ließen sich rüstige Landwehrrittmeister noch weit 
schwerer auffinden als tüchtige Landwehrhauptleute. Er beförderte selbst 
einzelne Landwehroffiziere in die Stabsoffiziersstellen, was seit 1820 fast 
nie mehr geschehen war. Auch das übertriebene Lob, das er nach jedem 
Manöver den Landwehren spenden ließ, wirkte schädlich. In dieser Be- 
günstigung der Landwehr lag die Schwäche seiner zweiten Amtsführung, 
und es konnte nicht fehlen, daß die Linienoffiziere oft über ihn klagten; 
selbst General Canitz sprach von dem alten Kriegsminister mit der ärgsten 
Ungerechtigkeit. Ohnehin hatte der langweilige Frieden in der Armee viel 
böses Blut aufgeregt. Das Avancement stockte gänzlich; die Hauptleute 
waren im Durchschnitt älter als vor der Schlacht von Jena, zudem schlech- 
ter bezahlt und unvergleichlich stärker beschäftigt. Die Linienregimenter 
murrten, weil die Garde ihnen die von ihr selbst schlecht ausgebildeten 
Offiziere zusendete. Über den unmilitärischen Monarchen erlaubten sich 
selbst die jüngeren königlichen Prinzen zuweilen rücksichtslose Urteile.) 
Seit dem Tode Grolmans (1843) war der Prinz von Preußen die Hoff- 
nung der Armee, und von ihm wußte man doch auch, daß er mit dem 
königlichen Bruder wenig übereinstimmte, obschon er im Kreise der 
Offiziere stets eine gemessene Haltung bewahrte. 
Anhaltende Streitigkeiten zwischen dem Heere und dem Volke sind 
in einem Staate der allgemeinen Wehrpflicht stets ein Zeichen verschro- 
bener politischer Zustände, und in der Tat ließ es sich nur aus der 
krankhaften Verstimmung der Zeit erklären, daß unter der Verwaltung 
eines für liberal gehaltenen Kriegsministers Bürger und Soldaten häufiger 
als je zuvor miteinander in Händel gerieten. Einige Schuld trugen die 
Offiziere selbst. Der hochmütige Ton von 1806 wurde oft wieder laut, 
in Berlin gab der Gouverneur General Müßffling durch schnöde Behand- 
lung der Gemeindebehörden ein schlechtes Beispiel. Die größere Schuld 
trugen jedoch die Parteimänner der Opposition, die in selbstmörderischer 
Verblendung das Heer reizten und beschimpften, während die französischen 
Demagogen den Truppen klug zu schmeicheln wußten. Den Flugschriften 
der Flüchtlinge schien kein Schmähwort zu gemein für die Hundetreue 
der vertierten Söldlinge, aber auch die Blätter der gemäßigten Liberalen 
redeten vom Heere mit einer verständnislosen Gehässigkeit, die wir heute 
kaum noch begreifen. Da hießen die Kadettenhäuser „Mißgeburten einer 
  
*) General v. Thile II., Denkschrift über die Mißstimmung in der Armee, o. D. 
(etwa 1847).
        <pb n="605" />
        Streitigkeiten zwischen Heer und Bürgertum. 597 
fernen Zeit“, die Kasernen Freistätten des Lasters und der Menschen- 
quälerei, die Offiziere anmaßende Müßiggänger, das ganze Heerwesen ein 
leeres Spiel, das durch Bürgerwehren oder Milizen ersetzt werden müßte. 
Das alt hergebrachte Duzen, ja selbst der urgermanische Name der „Ge- 
meinen“ wurde als ehrenrührig und kränkend gebrandmarkt. Die preu- 
ßische Armee galt schon darum für besonders volksfeindlich, weil hier der 
von den Liberalen verlangte Verfassungseid der Truppen noch unmög- 
lich war. Zu dieser alten Forderung der Gesinnungstüchtigen traten 
jetzt neue hinzu: außer Reih und Glied sollten die Offiziere keine Uni- 
form, die Soldaten keine Waffe tragen, und — das war das belieb- 
teste Schlagwort des Tages — außer Dienst mußte überhaupt voll- 
kommene Gleichheit bestehen, wie angeblich in Frankreich, nur im Dienste 
durfte der Offizier Gehorsam und Gruß verlangen. Wenn manche Ra- 
dikale hofften, durch solches Gerede die Mannschaft wider ihre Führer auf- 
zuwiegeln, so sahen sie sich bald enttäuscht: das Band der Kameradschaft 
hielt fest, das ganze Heer fühlte sich beleidigt durch so mannigfache 
Zeichen einer Geringschätzung, welche gegenüber den verwahrlosten Trup- 
pen vieler Kleinstaaten wohl begreiflich, in Preußen aber nichts als 
grober Undank war. 
In Königsberg überwarf sich General Dohna mit der liberalen Bür- 
gerschaft noch schneller als sein Vorgänger Wrangel. Als einer seiner 
Leutnants einen Referendar wegen Majestätsbeleidigung in einem öffent- 
lichen Bürgergarten forderte und dann im Zweikampf erschoß, da nahm 
die gesamte Bürgerschaft für den Erschossenen Partei. Sie verlangte, 
daß den Offizieren der Besuch des Gartens verboten würde; der komman- 
dierende General, der seine Verachtung gegen die Anhänger Jacobys aller- 
dings sehr schroff aussprach, wechselte mit den Gemeindebehörden gereizte 
Erklärungen. Seit die Konservativen Königsbergs sich zur Bekämpfung 
der herrschenden „Jakobyner“ ein schlagfertiges Blatt, den „Freimütigen“ 
geschaffen hatten, wurde der allezeit harte Parteihaß der Ostpreußen maß- 
los heftig. Ahnliche Auftritte spielten in anderen Garnisonen; in Mainz, 
in Koblenz, in Köln versuchte man mißliebige Offiziere aus den Kasinos 
auszuschließen; es schien fast, als könnten des Königs Rock und das 
Bürgerkleid nicht mehr friedlich in einem Saale beisammen weilen. 
Auf der Kölnischen Kirmes (1847) mußten die Truppen den lärmen- 
den Pöbel mit der blanken Waffe auseinander treiben, wobei ein Faß- 
binder erstochen wurde; ein prächtiger Leichenzug verherrlichte den Ge- 
fallenen, die Bürger traten in Sektionen zusammen, um Zeugen zu 
vernehmen und die Ruhe zu sichern, was den ängstlichen Behörden schon 
als eine Erinnerung an die Pariser Revolutionszeit ganz ungehörig er- 
schien. Leider verschärfte der König selbst die Mißstimmung, indem er 
persönlich in diese armseligen Händel eingriff. Die Königsberger Stadt- 
vertreter berief er bei einem neuen Besuche Altpreußens (1845) selber zu
        <pb n="606" />
        598 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
sich und vermahnte sie scharf wegen jenes Duells: „sonst wird von dem, 
was man Gnade nennt, nicht mehr die Rede sein.“ Als sie sich vertei— 
digten, belehrte er sie durch den Oberpräsidenten also: „daß die ritterliche 
Treue gegen den Landesherrn auch in ihrer Übertreibung schön und herz- 
erwärmend sein kann, daß hingegen die auch noch so indirekte Schonung 
entgegengesetzter Tendenzen und die Verweigerung, die Hand zu einem 
edlen Werke des Friedens zu bieten, unschön und herzerkältend ist.“ 
Der „skandalöse Koblenzer Kasinobeschluß“ erbitterte ihn tief, und über 
die Kölner Zwistigkeiten schrieb er gar: „Sollte das Kanaillen-Pack die 
Oberhand im Kasino behalten, so müssen die Zivil= und Justizbehörden 
„alle“ auf dem Fleck ausscheiden. Wer etwa nicht will, zeigt dadurch eine 
so qualifizierte Gesinnung, daß die Erklärung im voraus gerechtfertigt ist: 
es werde ihr Verharren in einer solchen Gemeinschaft 
als ihr Abschiedsgesuch betrachtet werden. Hier gilt's Charakter 
und Energie zeigen.“ *) 
Für das Heer hatte Friedrich Wilhelm niemals eine große Umgestal- 
tung beabsichtigt. Die so lange vorbereitete Justizreform hingegen lag ihm 
nahe am Herzen, und wie wenig entsprach der große Gelehrte, dem er 
diese Aufgabe anvertraut hatte, seinen Erwartungen. Von der lebendigen 
Legislation, welche Savignys Freunde erwarteten, ließ sich wenig spüren: 
das Preßgesetz kam nicht zu stande, das Ehescheidungsgesetz blieb ein 
Bruchstück. Glänzende wissenschaftliche Namen, wie sie in solcher Fülle 
noch keinem modernen Gesetzgeber zu Gebote gestanden hatten, wurden nach 
und nach zur Mitarbeit herbeigerufen: C. F. Eichhorn, Puchta, Homeyer, 
Stahl, Heffter, Bethmann-Hollweg und andere; und doch wollte nichts 
gelingen. Niemals hat sich so unwiderleglich die Wahrheit erwiesen, daß 
alle Rechtspflege eine politische Tätigkeit ist und die Gelehrsamkeit allein 
für sie nicht ausreicht. Vor langen Jahren schon, alsbald nach dem Er- 
scheinen von Savignys klassischer Schrift über den Beruf zur Gesetz- 
gebung, war ihm sein Schwager Achim Arnim entgegengetreten, um das 
Recht der Gegenwart wider den Historiker zu verteidigen. Selber ganz 
von der romantischen Weltanschauung erfüllt, kannte Arnim doch als 
märkischer Edelmann und Gerichtsherr das Leben der kleinen Leute aus 
der Nähe und bat den gelehrten Schwager, er möge den praktischen Segen 
einer gemeinverständlichen, deutschen, modernen Gesetzgebung nicht unter- 
schätzen; im Preußischen halte selbst der Bauer das Rechtswesen nicht wie 
in den Ländern des gemeinen Rechts „für eine geheimnisvolle Geisterbe- 
schwörung und Glücksspielerei, sondern für etwas Treues, Ehrliches und 
sehr Würdiges“; gleich der lutherischen Bibel würde das Preußische Land- 
recht im Volke nicht eigentlich gelesen, wohl aber oft und mit gutem Erfolge 
nachgeschlagen. Solche Laien-Erfahrungen beirrten den genialen Juristen 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 22. Febr. 1847, 23. Febr. 1847.
        <pb n="607" />
        Die Disziplinargesetze. 599 
nicht. Er lebte sich immer tiefer ein in die Vorstellung, daß auf die gründliche 
wissenschaftliche Durchbildung des Richterstandes alles ankomme; er ver— 
kannte, daß es Zeiten gibt, wo die Gesetzfabrikation, die er so tief ver— 
achtete, zum notwendigen Übel wird, wo der rasche Wechsel aller sozialen 
Verhältnisse eine schlagfertige, ja seltst überhastete Tätigkeit der Gesetz- 
gebung geradezu erzwingt. Ihm fehlte die starke, das Leben gestaltende 
Willenskraft, die den Juristen zum Gesetzgeber macht, der praktische Ehrgeiz 
eines Schwarzenberg oder Svarez. Die mannigfachen Entwürfe, die er sich 
durch seine Räte ausarbeiten ließ, stießen stets auf seine Bedenken, weil 
das Vollkommene doch nicht erreicht war, und als er nach einigen Jahren 
selbst zu seinen geliebten wissenschaftlichen Untersuchungen zurückkehrte, da 
stockte die Arbeit in seinem Ministerium so gänzlich, daß der König sogar 
an der staatsmännischen Kraft des verehrten Lehrers zu verzweifeln begann. 
Zum Unglück wurde auch Savigny von der liberalen öffentlichen 
Meinung mit verunglimpft, als im Jahre 1844 die in Mühlers Mini- 
sterium ausgearbeiteten neuen Disziplinargesetze für das Beamtentum 
erschienen. Das preußische Landrecht sprach nur von der Unabsetzbarkeit 
der Richter, da in den friderizianischen Zeiten jeder Beamte nur für ein 
bestimmtes Amt ernannt wurde; auch die Charte der Franzosen verlangte 
nicht mehr; erst der Art. 100 der belgischen Verfassung stellte die Regel 
auf, daß der Richter nur mit seiner Einwilligung auf eine andere Stelle 
versetzt werden dürfe. Dieser völlig neue Grundsatz wurde aber, wie alles, 
was aus Belgien kam, von dem rheinischen Richterstande mit Frohlocken 
aufgenommen, dann durch den scharfen Westwind dieser Jahre auch in 
die alten Provinzen hinübergetragen. Da nun die neuen Disziplinar- 
gesetze dem Justizminister die Versetzung der Richter, im Interesse des 
Dienstes oder auch zur Strafe, erlaubten, so erhob der Stadtgerichtsrat 
Heinrich Simon in Breslau, ein Fanatiker des juristischen Formalismus, 
seine donnernde Stimme, um mit dialektischer Kunst und zeitgemäßem 
Pathos zu erweisen, diese Neuerung zerstöre einen Grundpfeiler preußischer 
Freiheit. Er nahm deshalb seinen Abschied und führte noch einen groben 
Federkrieg mit dem alten Kamptz, der, begreiflich genug, für das Mini- 
sterium auftrat. Ebenso begreiflich, daß die liberale Presse sich für Simon 
begeisterte. Unbekümmert um das preußische Landrecht, erklärte sie ihre 
vernunftrechtlichen Schlagwörter kurzerhand für geltendes Recht, und weil 
das Mißtrauen gegen jede Regierung für freisinnig galt, so ward dem 
unglücklichen Könige auch noch angedichtet, daß er die Rechtspflege ver- 
fälschen wolle. In Wahrheit blieb die Selbständigkeit des preußischen 
Richterstandes nach wie vor ganz unangetastet, ja sie wurde nicht. selten 
schon zu Parteizwecken mißbraucht, seit der Geist der Opposition in alle 
Kreise des Beamtentums unaufhaltsam eindrang. Als das Paderborner 
Oberlandesgericht den wegen eines radikalen Gedichtes angeklagten Publi- 
zisten Lüning freisprach, da fügten die pflichtvergessenen Richter ihrem
        <pb n="608" />
        600 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
höchst anfechtbaren Spruche Entscheidungsgründe hinzu, welche selbst eine 
boshafte Verhöhnung des Deutschen Bundes und der monarchischen Ord- 
nung enthielten; der König aber stieß das Urteil nicht um, weil er die 
oberstrichterliche Gewalt seiner Krone nicht mehr gebrauchen wollte, son- 
dern begnügte sich mit einem strengen Verweise. Indes blieb der ärger- 
liche Streit um die Disziplinargesetze nicht unfruchtbar für die Zukunft. 
Wie maßlos Simon auch übertrieb, alle Unbefangenen mußten doch 
einsehen, daß die Versetzbarkeit der Richter in Zeiten politischer Kämpfe 
leicht zur Willkür führen konnte; der belgische Verfassungssatz, der die 
Richter gegen unfreiwillige Versetzungen sicherte, wurde zu einem Gemein- 
gute der öffentlichen Meinung und bald nachher in die preußische Ver- 
fassung aufgenommen. 
Mittlerweile hatte Uhden das Ministerium der Justizverwaltung 
übernommen, ein Jurist von mäßiger Gelehrsamkeit, in der Politik ganz 
ebenso konservativ wie sein Lehrer Savigny, aber ein nüchterner Ge- 
schäftsmann, der immer auf das Nächste, das Erreichbare ausging, auch 
seine Leute klug zu wählen verstand und, seit er das handelspolitische 
Ränkespiel des Zaren so entschlossen durchkreuzt hatte, auf das Vertrauen 
des Königs sicher zählen konnte. Uhden berief sogleich in die erste Stelle 
des Departements den liberalen Bornemann, der im Frondienste des 
verhaßten Ober-Zensurgerichts seinen alten Überzeugungen treu geblieben 
war. Auch dieser gescheite, entschlossene Praktiker hatte einst, wie die 
Mehrzahl der preußischen Richter, zu Savignys Füßen gesessen, doch die 
tiefgründige Gelehrsamkeit des Meisters genügte ihm nicht. Nach so vielen 
Anläufen und Versuchen wollte er endlich Taten sehen; er gewann sich 
die Zustimmung seines Ministers und an dem liberalen jungen Assessor 
Friedberg einen rüstigen Helfer für die Ausarbeitung seiner Entwürfe. 
Bald begann zwischen den beiden Justizministern ein heftiger Streit, wie 
zwischen dem Handelsamte und dem Finanzministerium — eine Beamten- 
Anarchie, die nur unter einem so steuerlosen Regimente möglich war. 
Die handfesten Geschäftsmänner der Justizverwaltung bereiteten dem 
Minister der Gesetzgebung eine Niederlage nach der andern; denn der 
König drängte vorwärts, er entschied fast immer zu Ungunsten seines ge- 
lehrten Freundes. Wenige Tage nach jenem folgenreichen Gesetze über 
das Strafverfahren, das die Offentlichkeit des Polenprozesses ermöglichte, 
am 21. Juli 1846 unterzeichnete Friedrich Wilhelm auch eine Verordnung 
über die Vereinfachung des Zivilprozesses; sie war im gleichen Geiste ge- 
halten und ebenfalls ohne die Zustimmung des Ministers der Gesetz- 
gebung vollendet worden. Im April des nächsten Jahres folgte ein Ge- 
setz über die Kompetenzkonflikte, das den Ansichten Savignys geradezu 
widersprach. Die Justizreform kam langsam in Gang, die altländischen 
Juristen näherten sich mehr und mehr den Gedanken des Rheinischen 
Rechts. —
        <pb n="609" />
        Savigny und Uhden. Ständische Bewegung. 601 
Unterdessen schwoll die konstitutionelle Bewegung im Lande beständig 
an. Der König hatte im Jahre 1843 den Posener Landständen rundweg 
erwidert, daß er die Verordnung vom 22. Mai 1815 nicht als rechts- 
verbindlich ansehe, und dadurch wie durch sein rätselhaftes Zaudern die 
allgemeine Besorgnis nur gesteigert. Auf den Provinziallandtagen von 
1845 zeigte sich schon fast überall eine ungeduldige, gereizte Stimmung. 
In Münster sagte der junge Freiherr Georg v. Vincke, ein Sohn des 
alten Oberpräsidenten: Preußen müsse sich, wie im Zollvereine, so auch 
durch eine freie Verfassung „an die Spitze der deutschen Staaten stellen“; 
er sprach damit nur aus, was die Jugend überall dunkel erhoffte, der preu- 
ßische Ehrgeiz und der Liberalismus begannen sich zu verbünden. Sein 
Antrag, die Krone um Verleihung einer reichsständischen Verfassung zu 
bitten, erlangte zwar bei den konservativen Westfalen noch nicht die gesetz- 
liche Zweidrittelmehrheit, doch seine mächtige Rede hallte weit im Lande 
wider. Stärkere Zustimmung fand der gleiche Antrag bei den Ständen 
des Rheinlands; Beckerath, Camphausen, fast alle Führer des rheinischen 
Bürgertums traten lebhaft dafür ein, und vornehmlich sprach aus ihren 
Reden die stolze Zuversicht, daß die Institutionen des freien Rheinlands 
unter dem Schutze der Verfassung dem gesamten preußischen Staate zu teil 
werden müßten. Dem preußischen Landtage überreichten die radikalen 
Elbinger eine Petition, welche noch weit über die königlichen Verheißungen 
hinausging und in starkem, fast drohendem Tone eine alle Klassen um- 
fassende Landesrepräsentation forderte. Wie unwiderstehlich waren doch 
die Verfassungsgedanken in kurzen vier Jahren erstarkt. Alle Provinzial- 
landtage — nur Brandenburg und Pommern ausgenommen — berieten 
den Antrag auf Verleihung einer Gesamtstaats-Verfassung, und in allen 
sechs — mit der einzigen Ausnahme Sachsens — erlangte er die Mehrheit, 
die Zweidrittelmehrheit freilich nur in Preußen und Posen. Als man im 
Ministerium die Summe zog, da ergab sich, daß schon die große Mehr- 
zahl aller Provinzialabgeordneten für die reichsständische Idee gewonnen 
war, und man war ehrlich genug einzugestehen, daß viele aus der Minder- 
heit lediglich aus Ehrfurcht vor der Krone ihre wahre Meinung zurück- 
gehalten hatten.) Gleichwohl ließ der König, da niemand ihm vorgreifen 
durfte, alle solche Wünsche abermals kurz abweisen, desgleichen die Bitte 
der Schlesier um Preßfreiheit und die wiederholten Anträge auf Offentlich- 
keit der Landtagsverhandlungen. Er rühmte oft, kein Land der Welt be- 
sitze so ganz unabhängige Landstände, und in der Tat war alle Kor- 
ruption, alle Wahlverfälschung in Preußen noch ganz unbekannt; doch 
wenn er von seinen Ständen so hoch dachte, wie konnte er dann hoffen, 
daß sie sich auf die Dauer bei seinem beharrlich wiederholten achtfachen 
Nein beruhigen würden? 
— — 
  
—.— — 
*) Denkschrift des Ministeriums des Innern, 13. Mai 1845.
        <pb n="610" />
        602 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
Auch die Presse befaßte sich wieder lebhaft mit der Verfassungsfrage, 
seit Johann Jacoby dem jüngsten preußischen Provinziallandtage seine 
alten Forderungen in einer neuen Druckschrift vorgehalten hatte. Die 
Sprache des Königsberger Demagogen ward immer gehässiger. Wie ein 
zeternder Wucherer hielt er der Krone seinen Schuldschein vor; er be- 
hauptete, die Verordnung vom 22. Mai, die bekanntlich erst nach der 
Schlacht von Belle-Alliance erschienen war, sei dem preußischen Volke ge- 
geben worden als „Aufforderung zu neuem Kampfe“ und als Preis für 
frühere Opfer; er erdreistete sich sogar zu versichern, der alte König hätte, 
seiner Zusage ungeachtet, die provinzialständische Verfassung niemals den 
Eingesessenen der Provinzen zur Beratung vorgelegt. Die Notabeln- 
Versammlungen der Jahre 1822 und 23 waren diesem gefeierten Publi- 
zisten mithin ganz unbekannt. Überall in der Presse zeigte sich eine 
erschreckende Unkenntnis der preußischen Verfassungsgeschichte, so tief hatte 
das öffentliche Leben in den letzten Jahrzehnten geschlummert. Ein libe- 
raler Buchhändler veranstaltete eine Übersetzung der Schrift Benjamin 
Constants über den Triumph des konstitutionellen Prinzips in Preußen; 
weder der Verleger noch der Übersetzer noch die Leser wußten, daß dies 
Büchlein Constants selber nichts anderes war als eine Übersetzung der 
einst so viel genannten Benzenbergischen Schrift über Hardenbergs Staats- 
verwaltung.“) 
In solcher Lage erwarben sich die schlesischen Historiker Röpell und 
Wuttke immerhin ein Verdienst, als sie einige Aktenstücke zur Geschichte 
des verschollenen ersten preußischen Verfassungskampfes veröffentlichten. 
Daraus ließ sich für die Gegenwart doch mehr lernen als aus der Sam- 
melschrift des radikalen Nauwerk, der in wunderbarer politischer Unschuld 
alle die alten Freiheitsbriefe der Hochmeister und der Herzoge Preußens 
herausgab, um daraufhin die Notwendigkeit des Repräsentativsystems 
zu erweisen. Den Grundgedanken der liberalen Opposition sprach der 
Kammergerichtsrat W. v. Merckel drastisch aus, ein gemäßigter Mann, 
der in den späteren parlamentarischen Kämpfen stets den Mittelparteien 
angehörte. Er sagte in seiner Flugschrift „das Gerücht von einer Kon— 
stitution in Preußen“ (1845) kurzab: „bis jetzt gehören wir der Tat 
nach bloß der Gnade anderer, also dem Sachenrecht an.“ Wie unge- 
heuerlich auch dieser Satz erscheinen mochte, so dachte die liberale Jugend 
wirklich; sie empfand es als eine Beleidigung der Würde, der Freiheit, 
der Kultur des preußischen Volks, daß die Verfassung noch ausblieb, 
und in dieser sittlichen Entrüstung lag die Stärke der Opposition. 
Die Anhänger der ständischen Monarchie, die sich gegen Jacobys 
Genossen wendeten, der allezeit kampflustige Heinrich Leo, der Althege- 
lianer Henning, der geistreiche Bonner Geograph Mendelssohn befanden 
  
*) S. o. III. 227.
        <pb n="611" />
        Liberale Schriften und Versammlungen. 603 
sich von vornherein in einer ungünstigen Defensive; siegreich in der Kritik 
glaubten sie doch selbst nicht recht an die Lebenskraft der halbfertigen 
ständischen Institutionen. Nun gar die gelehrten Bücher des ehrlichen 
Lancizolle über Preußens Königtum und Landstände klangen schon fast 
wie eine Stimme aus dem Grabe; der treue Hallerianer sprach wie vor 
Zeiten Schmalz und Marwitz, von den verschiedenen „Staaten“ des könig- 
lichen Hauses, den modernen Staat und seine Rechtseinheit hielt er für 
eine leere Abstraktion. Schwereren Schaden brachte der Sache des Königs 
der alte Todfeind der Liberalen Kamptz, der jetzt im Ruhestande seiner 
schreibseligen Feder freien Lauf ließ und in einer ganzen Reihe staatsrecht- 
licher Abhandlungen, auch in einer wohlfeilen, für die Masse bestimmten 
Flugschrift „das wahre königliche Wort Friedrich Wilhelms III.“ immer 
wieder bewies: nichts, gar nichts hätte der alte König seinem Volke ver- 
sprochen. Wußte der ergraute Minister wirklich nicht mehr, daß Harden- 
berg, der Urheber der Verordnung vom 22. Mai, auf das bestimmteste 
erklärt hatte, diese Verordnung enthalte eine feierliche königliche Zusage?5) 
Möglich immerhin, daß er in seinem wilden Fanatismus die Wahrheit 
zu sagen glaubte; noch gewisser aber, daß die unsäglich groben Schriften 
des verwünschten Demagogenjägers, der sich eigenmächtig zum Verteidiger 
der Krone aufwarf, die Liberalen gegen den Monarchen selbst erbitterten. 
Zugleich bekundete sich der ungeduldige politische Tatendrang in unzäh- 
ligen Versammlungen. In Königsberg entstand ein großer Bürgerverein, 
der zum ersten Male die Handwerker mit den Gelehrten zusammenführte. 
Als er aufgelöst wurde, da zogen die Genossen, 6000 Köpfe oder mehr, all- 
wöchentlich nach dem Böttchershöschen draußen vor den Toren, und jeder, 
den der Geist trieb, hielt unter freiem Himmel eine europäische Rede. 
Als die Polizei auch dawider einschritt, ließ Jacoby eine grimmige „Pro- 
vokation auf rechtliches Gehör“ drucken. In Breslau versammelten sich 
die Liberalen auf den neuen Bahnhöfen, nachher in einer städtischen Res- 
source; auch hier fehlte es nicht an Auflösungen und Protesten, aber hinter 
diesen harmlosen Kundgebungen stand schon eine radikale Partei, die ein- 
mal, zur Feier des königlichen Geburtstags, durch zuchtlose Frechheit ihr 
Dasein bekundete. In Halle pflegte die ehrenfeste Bürgerschaft auf der 
Giebichensteiner Weintraube nationale Erinnerungstage zu feiern; die licht- 
freundliche Bewegung begann schon zu ebben, das politische Pathos aber 
erklang mächtig aus den begeisternden Reden Max Dunckers. In Stral- 
sund hielt der geistreiche Arzt v. Haselberg Vorträge über die Zu- 
stände der Gegenwart. Der Kölnische Karneval von 1844 war nichts als 
eine politische Satire auf die Regierung, die Zensur, die Gesetzbücher, und 
selbst der furchtlose, liberale General Friedrich Gagern fand, eine solche 
Anarchie der Geister und der Tendenzen könne nicht lange dauern. Und so 
  
*) S. o. III. 236.
        <pb n="612" />
        604 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
überall. Es ward hohe Zeit, dem erwachenden Bürgertum eine Bühne 
verantwortlicher politischer Tätigkeit zu eröffnen. — 
König Friedrich Wilhelm fühlte dies selbst, die Grundgedanken seines 
Verfassungsplanes standen auch schon seit langem fest, und gleichwohl ver- 
mochte er es noch immer nicht über sich, endlich einmal abzuschließen. 
Nachdem er im Sommer 1845 den widersprechenden Grafen Arnim ent- 
lassen und eine neue Verfassungskommission gebildet hatte, wollte er doch 
noch einmal Metternichs Meinung hören. Sehr ungern folgte der Oster- 
reicher dieser Einladung; er wußte jetzt längst, wie wenig die Ratschläge 
dritter über den König vermochten, und sah richtig voraus, daß die öffent- 
liche Meinung gleichwohl ihn selbst als Preußens bösen Genius verlästern 
würde. Im August trafen sich die beiden am Rhein, wo der König den 
Gegenbesuch der Königin Victoria empfing und seine Freude durch ein un- 
erhörtes Gepränge bekundete. Der große Zapfenstreich im Brühler Schloß- 
hofe, das prächtige Feuerwerk in Köln, die Enthüllung des Beethoven- 
Denkmals in Bonn und die tausend Salutschüsse, die von den Wällen 
des Ehrenbreitsteins und den Koblenzer Bergfesten herabdröhnten, erregten 
auch bei den verwöhnten britischen Gästen Verwunderung, und bis zu 
Tränen fühlte sich die Königin gerührt, als der erlauchte Schloßherr zu 
Brühl in einem begeisterten Trinkspruche das Wort feierte, das in bri- 
tischen und deutschen Herzen hell erklinge, wie einst auf dem Siegesfelde 
von Waterloo, so jetzt unter den Segnungen des Friedens am schönen 
Gestade des Rheins: Victorial Den Deutschen, natürlich mit Ausnahme 
des koburg-gothaischen Volkes, gefiel die also Verherrlichte wenig; die 
Rheinländer fanden sie „sehr englisch“, und dies war im Volksmunde 
keineswegs, wie am Berliner Hofe, ein Lobspruch. Auch Friedrich Wil- 
helm selber fühlte sich nachher etwas enttäuscht; er wünschte so sehnlich, 
sein geliebtes England fest mit den konservativen Ostmächten zu verbinden, 
und nun mußte er erleben, daß Victoria, nachdem sie noch die thürin- 
gische Heimat ihres Albert gesehen, auf der Heimreise plötzlich vom Wege 
abbog, um den Bürgerkönig zum zweiten Male in Eu zu besuchen. 
Während der rheinischen Feste hatte er mit Metternich, ja sogar mit 
Aberdeen mehrmals über seine Verfassungspläne geredet. Sein Herz 
drängte ihn, er mußte sich aussprechen; einen Rat konnte er von dem 
wohlmeinenden, geistlosen, aller deutschen Dinge unkundigen Lord doch 
unmöglich erwarten. Der Engländer gestand auch aufrichtig: ich bin aus 
den Worten des preußischen Monarchen nicht klug geworden. Metternich 
aber erkannte wieder, was er schon längst wußte, daß der König von dem 
Plane seines Vereinigten Landtags nicht mehr abzubringen war; er sah das 
alte Preußen schon vernichtet, das neue noch nicht gegründet; ihm war 
zu Mute, als erblicke er den Holbeinschen Totentanz, und zum Abschied 
weissagte er, was sich bald erfüllen sollte: „daß Ew. Majestät Ihre sechs- 
hundert Provinzialabgeordneten als solche einberufen und daß dieselben
        <pb n="613" />
        Letzte Beratungen der Verfassungskommission. 605 
als Reichsstände auseinander gehen werden.“ Vor einigen Diplomaten 
äußerte er zwar mit gewohnter Ruhmredigkeit: ich habe den preußischen 
Verfassungsplan getötet. In Wahrheit fühlte er sich beklommen. Die 
Nachrichten von den Leipziger Unruhen, die gerade während der Festlich— 
keiten auf Stolzenfels einliefen, bekümmerten ihn schwer; er sah darin „ein 
Vorpostengefecht“ der Revolution, eine neue Bestätigung seiner alten Be— 
hauptung, „daß das Feuer brennt und das Scheidewasser ätzt,“ und im 
November schrieb er warnend an Canitz: „Bei Ihnen ist schrecklich viel 
auf einmal in Angriff genommen, und wo dies stattfindet, besteht Gefahr. 
Die Dinge wachsen dem kräftigsten Menschen leicht über den Kopf. Ich 
weiß nun, daß man mir hierauf antworten wird: das preußische Volk 
ist ein anhängliches, überlegendes, nicht leicht verführbares; und dies eben 
ist es, was ich weder für das preußische noch für kein Volk der Erde — 
die Beduinenstämme etwa ausgenommen — als vollkommen richtig an— 
nehme, denn nur die Wüste und das freie Leben in ihr kann keinen Er— 
satz finden.“ Ich bin, so fuhr er fort, in meinem langen Leben „nie 
stehen geblieben, ich bin stets mit der Zeit gegangen“, aber noch niemals 
habe ich schwerere Gefahren erlebt, denn „heute steht die Revolution ent- 
körpert und durch die Zeit geglättet vor einer Generation wieder da, welche 
sie in der Periode der lebendigen Kämpfe nicht gekannt hat.“7) 
Die Verfassungskommission hielt unterdessen, im Juli, dann nochmals 
seit Ende Septembers, langwierige Beratungen. Fünf Minister, der Fürst 
v. Solms-Lich und der hochkonservative brandenburgische Landtagsmar- 
schall Rochow--Stülpe gehörten ihr an. Sie alle erklärten, Rochow allein 
ausgenommen,") allgemeine Landstände für notwendig; sie wünschten 
aber, der König möge statt einen unförmlichen Vereinigten Landtag zu 
berufen, vielmehr die schon vorhandenen Vereinigten Ausschüsse verstärken 
und mit reichsständischen Rechten ausstatten; so hätte sich alles weit ein- 
facher gestaltet. Besonders lebhaft warnte der alte Rother, „selbst bei zu 
besorgender Ungnade'“. Einstimmig verwahrte sich die Kommission gegen die 
Bildung eines gesonderten Herrenstandes, die der bisherigen Verfassung 
widerspreche.**) Doch was vermochten Kommissionsbedenken gegen Fried- 
rich Wilhelms selbstherrlichen Willen? Er hielt alle seine Pläne standhaft 
fest: den Vereinigten Landtag mitsamt der Herrenkurie, deren förmliche 
Einrichtung er sich für die Zukunft vorbehielt, sodann die ständische Ge- 
nehmigung aller Anleihen in Friedenszeiten, endlich das Recht der Be- 
willigung neuer Steuern. Dies alte Recht deutscher Landstände schien ihm 
ganz ungefährlich, denn an eine Erhöhung der direkten Steuern war, so 
meinte er, in einer absehbaren Zukunft niemals zu denken, die Zölle aber 
*) Metternich an Canitz, 25. Aug., 6. Nov. 1845. 
**) Rochow-Stülpe, Denkschrift an den König, 13. Juli 1845 
) Bericht der Immediatkommission an den König, 13. Okt.; Rother an Thile 
6. Nov. 1845.
        <pb n="614" />
        606 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
und die meisten indirekten Steuern waren durch die Zollvereinsverträge 
festgelegt. Nur in einem einzigen Punkte gab er seinen Räten nach: 
die Berufung der Reichsstände nach Brandenburg ließ er fallen; sie hätte 
Furcht verraten und zudem die Geschäfte unleidlich erschwert. 
Da erhob der Prinz von Preußen zum zweiten Male Einspruch. Der 
Thronfolger war den Beratungen der letzten Monate fern gehalten worden, 
aber genugsam darüber unterrichtet und fühlte sich nun durch sein Ge- 
wissen gedrängt, dem Könige in einem brüderlichen Briefe zu gestehen, 
„daß er sich seinen Plänen nicht anschließen könne“ (20. Nov.). Unerschüt- 
terlich in den Grundsätzen übertraf er den Bruder bei weitem durch eine 
geistige Beweglichkeit, die immer mit den Tatsachen zu rechnen wußte. 
Da er einsah, der Monarch würde die Dreiheit des Gesamtlandtags, 
der Vereinigten Ausschüsse und der Provinziallandtage doch nicht aufgeben, 
so stellte er sich entschlossen auf diesen neuen Boden und faßte nur noch 
die Frage ins Auge: wie das eine, was ihm das Wesen des preußischen 
Staates war, die lebendige Macht der Krone neben dieser ungefügen drei- 
fachen Gliederung ständischer Körperschaften noch bestehen solle? Seine 
beigelegte Denkschrift ging aus von der schwierigen Weltstellung, welche 
der Staat als Großmacht und als deutsches Bundesglied behaupten müsse; 
„alle Institutionen, die den konstitutionellen sich nähern oder in diese über- 
zugehen drohen, sind daher für Preußen unannehmbar.“ Um solcher Ge- 
fahr vorzubeugen, schlug er vor: der aus etwa 150 Abgeordneten der 
Provinziallandtage gebildete Allgemeine Landtag solle ausschließlich über 
den Staatshaushalt beraten, die Vereinigten Ausschüsse ebenso aus- 
schließlich über Gesetzentwürfe; dann könne die Beratung des Staats- 
haushalts nicht zur Erzwingung neuer Gesetze mißbraucht werden oder 
umgekehrt. Die doktrinäre Angst vor ständischer Verbürgung der Kriegs- 
anleihen fand er ganz unbegreiflich, weil er die Treue seiner Preußen 
kannte. Er sagte einfach: für den Beginn eines Krieges besitzt der Staat ge- 
nügende Mittel; „wird aber im Laufe des Krieges eine Anleihe not- 
wendig, so hat es nicht das geringste Bedenken, die Reichsstände zu be- 
rufen.“ Unverbrüchlich hielt er an den Gedanken seines Vaters fest, der 
jederzeit nur beratende Stände gewollt hatte. „Alle Beratungen aller 
drei ständischen Versammlungen“ — so schloß er — „sind durchaus 
konsultativ, von einem Bewilligungsrecht irgend einer Art darf nie 
die Rede sein.“) Dem Wunsche des Bruders willfahrend ließ der König 
diese Denkschrift durch die Kommission prüfen und ihm dann deren ab- 
lehnendes Gutachten zugehen.) 
Also sah sich der Thronfolger abermals zurückgewiesen. Gleichwohl 
kam das Verfassungswerk, das im Geiste des Königs schon so lange fest- 
  
*) Prinz v. Preußen an den König, 20. Nov. 1845, nebst Denkschrift. 
**) Bericht der Immediatkommission an den König, 8. Dez. 1845.
        <pb n="615" />
        Neuer Einspruch des Prinzen von Preußen. 607 
stand, noch immer nicht zum Abschluß. War es Unentschlossenheit, was 
den Monarchen hemmte? oder wollte er sein Volk absichtlich an die ge— 
priesene organische Entwicklung gewöhnen? Genug, erst im März 1846 
ließ er die Immediatkommission mit sämtlichen Staatsministern zu ge— 
meinsamen Sitzungen zusammentreten, und diese Beratungen währten, 
mehrfach unterbrochen, noch dreiviertel Jahre. Sogleich zum Beginn, 
am 11. März, stellte der Prinz als Vorsitzender die Frage, ob eine stän— 
dische Zentralvertretung notwendig sei, und gestand aufrichtig, er selber 
hätte sich von diesem Bedürfnis noch nicht ganz überzeugt. Nachdem so— 
dann alle Anwesenden bis auf zwei die Frage bejaht hatten, sprach er 
am Schlusse dieser entscheidenden Sitzung ebenso offen aus: nunmehr 
wolle er die Notwendigkeit anerkennen. Auch die Bildung eines Ver— 
einigten Landtags, die im vorigen Jahre nur von einem einzigen Minister, 
von Uhden gebilligt worden war, fand jetzt eine Mehrheit von 9 Stim- 
men. Der Prinz und noch sechs andere widersprachen.) Er blieb auch 
fernerhin fast mit allen seinen Anträgen in der Minderheit. Die meisten 
der übrigen Mitglieder unterdrückten ihre schweren Bedenken. Sie betrach- 
teten sich, nach den Uberlieferungen des alten Absolutismus, nicht als selb- 
ständige, verantwortliche Ratgeber, sondern hielten jeden grundsätzlichen 
Widerspruch für aussichtslos, nachdem der Monarch seine Willensmeinung 
ausgesprochen hatte. Am 17. Dez. 1846 waren die Beratungen nahezu 
beendigt, die Entwürfe des Königs im wesentlichen angenommen. 
Do zeigte der Prinz an, daß er dem Monarchen ein Sondergutachten 
einreichen würde. Er hatte im vergangenen Sommer den Petersburger 
Hof wieder besucht und dort Kaiser und Kaiserin aufs äußerste erschreckt 
durch die ruhige Erklärung, daß er die Fortbildung der ständischen In- 
stitutionen für notwendig hielte. ) Aber in den Mitteln, welche sein 
Bruder wählte, konnte er, zu seinem tiefen Schmerze, „nicht das Heil des 
Thrones und des Vaterlandes erblicken“. Noch am 17. Dez. beendete er 
eine umfängliche Denkschrift, welche zunächst nochmals auf die unlenksame 
Schwerfälligkeit einer Versammlung aller acht Provinziallandtage hinwies. 
Zugleich zeigte er scharfsinnig, was noch niemand bemerkt hatte, daß dieser 
Vereinigte Landtag unauflöslich sei; denn da der König allgemeine Wahlen, 
das Fieber der „Urwahlen“, wie man damals sagte, unter allen Umständen 
vermeiden wollte, so konnte er auch einen Vereinigten Landtag, der aus 
der Gesamtheit der acht Provinziallandtage bestand, unmöglich auflösen. 
„Somit stehet diese neue beratende preußische Ständeversammlung weit 
mächtiger da als die konstitutionellen Kammern anderer Staaten, welche 
alle sich für extreme Fälle die Auflösung und Neuwahlen vorbehalten 
haben.“ Darum verlangte der Prinz als starkes Gegengewicht zum mindesten 
*) Hauptbericht des Staatsministeriums und der Immediatkommission, 28. April 
1846. 
*“) Rochows Berichte, 1. 2. Juli, 25. Aug. 1846.
        <pb n="616" />
        608 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
ein aus den gesündesten aristokratischen Kräften des Landes gebildetes 
Oberhaus; sein Soldatenverstand konnte nicht begreifen, warum der König 
jetzt, da „eine ganz neue ständische Ara geschaffen wird“, sich immer noch 
zaudernd vorbehielt, über die Einrichtung der Herrenkurie Weiteres zu be- 
stimmen. Nur in einer gesondert tagenden Ersten Kammer — so schrieb 
er, sein eigenes Schicksal ahnend — würden die königlichen Prinzen einen 
angemessenen Platz finden; den Stürmen einer großen Versammlung, wo 
„alle Wirren der politischen Leidenschaft sich zügellos Luft machen,“ dürfe 
man sie nicht aussetzen. 
Zum zweiten warnte er nochmals vor dem Steuerbewilligungsrechte 
der Landstände; das heiße ein Majestätsrecht aufgeben, das seit dem 
Großen Kurfürsten dem preußischen Throne seine Selbständigkeit, dem 
Staate seine Macht gesichert habe. Zum dritten verlangte er wiederum, 
daß alle Finanzsachen ausschließlich dem Vereinigten Landtage zugewiesen 
würden. Zum vierten endlich warnte er vor den Gefahren des unbe- 
schränkten ständischen Petitionsrechts, das so leicht die europäische Macht- 
stellung des Staates und den Bestand seines Heeres schädigen könne. 
Hier erinnerte sich der Prinz offenbar des Streites, den er seit so vielen 
Jahren mit seinem Freunde Boyen führte, und lebhaft schilderte er nun, 
wie die Bewegungspartei in allen Ländern nach Abschaffung der stehenden 
Heere strebe, wie sie ihr Ziel auf Umwegen zu erreichen suche, zunächst 
Schwächung der Armee, kürzere Dienstzeit für die Linie, seltenere übungen 
für die Landwehr verlange. „Daher ist die Neigung unverkennbar, die 
Landwehr auf Kosten der Linie zu erheben und ihre Trennung von der 
Linie immer greller zu machen, und zu beweisen, daß die strenge militä- 
rische Form und Disziplin ihr nicht nötig sei und sie vielmehr die Stel- 
lung einer Nationalgarde einzunehmen habe .. Wenn Diskussionen und 
Petitionen gedachter Natur dem Vereinigten Landtage preisgegeben werden 
und die Presse noch mehr als bisher schon geschehen entfesselt wird, ist 
das Bestehen der preußischen Landwehr, wie sie zur wahren Ehre, zur 
Wohlfahrt und zum Ruhme des Vaterlandes vor zweiunddreißig Jahren 
geschaffen wurde, eine völlige Unmöglichkeit!!“ Kann aber der Staat 
nicht mehr seine Armee im Kriege verdoppeln oder verdreifachen, „so tritt 
Preußen auch von der Stelle, auf welche seine Armee es gestellt hat, 
herab.“ — So lebendig stand dem Prinzen schon vor Augen, was er 
nach fünfzehn Jahren selbst erleben und erkämpfen sollte. An die Mög- 
lichkeit seiner eigenen Thronbesteigung dachte er jedoch in jenen Tagen 
niemals. Vielmehr fuhr er fort: es sei seine Pflicht abzuraten, nicht 
von der Erfüllung der alten Verheißungen selbst, wohl aber von dem ein- 
geschlagenen Wege, der leicht dazu führen könne, daß demnächst eine Kon- 
stitution ertrotzt würde, und der König selbst hätte doch „oft ausgesprochen, 
daß eine Konstitution für Preußen unmöglich sei, weil es mit derselben 
aufhören würde Preußen zu sein ... Aber noch eine andere Pflicht nötigt
        <pb n="617" />
        Das Patent. 609 
mich dazu, es ist der Blick auf meinen Sohn! Nach dem unerforschlichen 
Ratschluß Gottes scheint es bestimmt zu sein, daß die Krone sich in meiner 
Linie vererben soll! Da ist es denn meine heilige Pflicht, darüber zu 
wachen, daß der Nachfolger auf dem Throne die Krone mit ungeschmälerten 
Rechten und mit der Würde und der Macht überkomme, wie ich sie heute 
vor mir sehe.“ Indem er abermals um die Befragung aller volljährigen 
Prinzen bat, schloß er „mit tiefbewegtem Herzen, Gottes gnädigen Bei- 
stand wünschend.“7) 
Der König aber war mit nichten gesonnen, sein Schiff so dicht vor 
dem Hafen noch zu wenden. Die vielfach übertriebenen Befürchtungen 
des Prinzen überzeugten ihn ebenso wenig wie die tiefen und wahren 
Gedanken, welche die Denkschrift enthielt; er glaubte ja den Bruder weit 
zu übersehen. Er verweigerte die förmliche Befragung der Agnaten, wie 
es sein gutes Recht war, und genehmigte endgültig die Entwürfe nach den 
Beschlüssen der Kommission. Sobald die Entscheidung des Monarchen ge- 
fallen war, gab der Prinz von Preußen gehorsam seinen Widerspruch auf. 
Entschlossen blickte er der Zukunft ins Gesicht und sagte in der Kommis- 
sion: „Ein neues Preußen wird sich bilden. Das alte geht mit Publizierung 
dieses Gesetzes zu Grabe. Möge das neue ebenso erhaben und groß 
werden, wie es das alte mit Ruhm und Ehre geworden ist!“ Um dem 
Testamentsentwurfe des Vaters und den Bitten des Bruders doch einiger- 
maßen zu genügen, berief der König dann noch die sämtlichen groß- 
jährigen Prinzen seines Hauses, um ihnen das Patent, lediglich zur Kennt- 
nisnahme, mitzuteilen. Alle fügten sich gehorsam. 
Am 3. Februar 1847, am Jahrestage des ersten Aufrufs von 1813, 
ließ Friedrich Wilhelm ein kurzes „Patent“ veröffentlichen, das die neuen, 
zum Ausbau des Staatsschuldengesetzes von 1820 und des Provinzial- 
ständegesetzes von 1823 beschlossenen „ständischen Einrichtungen“ ankün- 
digte. Der Verordnung vom 22. Mai war absichtlich nicht gedacht, weil 
der König sie für aufgehoben ansah. Dies Patent unterzeichnete der 
Monarch allein, denn er suchte auch in der Form „jede Ahnlichkeit mit 
einem Staatsgrundgesetze zu vermeiden“““*): er wollte sogar den Zeitungen 
verbieten, die Namen: Kammern, Volksvertreter, Pairs für die neuen 
Institutionen zu gebrauchen. Sein Landtag sollte durchaus etwas anderes 
sein als „eine Volksvertretung in dem modernen Wortsinne“, und nur 
mit Mühe erlangten die Minister, daß dies aufregende Verbot unter- 
blieb. *") 
Gleichzeitig mit dem Patente erschienen drei von dem Prinzen von 
*) Prinz von Preußen, Denkschrift vom 17. Dez. 1846 mit Nachschrift vom 4. Jan. 
1847. S. Beilage 34. 
* ) Kabinettsordre an das Staatsministerium und die Kommission, 7. Nov. 1846. 
*““) König Friedrich Wilhelm an Thile, 6. März, an Bodelschwingh und Uhden, 
13. März; Berichte von Thile, 8. März, von Bodelschwingh und Uhden, 20. März 1847. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 39
        <pb n="618" />
        610 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
Preußen und dem gesamten Staatsministerium gegengezeichnete königliche 
Verordnungen über den Vereinigten Landtag, den Vereinigten Ausschuß 
und die Staatsschuldendeputation. Danach sollten die gesamten Pro— 
vinzialstände künftighin zu einem Vereinigten Landtage zusammentreten, 
so oft der König sie in Friedenszeiten zur Genehmigung von Staats— 
anleihen oder zur Erhöhung der Steuern oder auch aus anderen Grün— 
den einberiefe. Der Vereinigte Landtag erhielt das Recht der freien Be— 
willigung neuer oder erhöhter Steuern und das Petitionsrecht in allen 
inneren Angelegenheiten; er hatte auch, wenn es dem Könige gefiel, über 
Gesetzentwürfe zu beraten. Innerhalb des Vereinigten Landtags ward 
ein Herrenstand eingerichtet, der vorläufig aus den königlichen Prinzen 
und den 72 vornehmsten Mitgliedern der Provinzialstände bestehen und 
späterhin, nach königlichem Ermessen, noch verstärkt werden sollte; er be— 
riet und beschloß über Finanzsachen mit den drei anderen Ständen gemein— 
sam, über alle anderen Angelegenheiten für sich allein. Daneben aber 
blieben die Vereinigten Ausschüsse fortbestehen; sie wurden fortan perio— 
disch, aller vier Jahre, versammelt und erhielten der Regel nach die 
neuen Gesetze zur Beratung vorgelegt, konnten auch in einzelnen Finanz— 
sachen den Vereinigten Landtag vertreten; und zudem behielt die Krone 
sich noch vor, allgemeine Gesetze nach Gutdünken den Provinziallandtagen 
vorzulegen. Die Genehmigung der Kriegsanleihen endlich und die regel— 
mäßige Prüfung der Staatsschulden-Rechnungen wurde einer ständi— 
schen Staatsschuldendeputation zugewiesen, die aus acht Mitgliedern — je 
einem für jeden Provinziallandtag — bestehen und jährlich mindestens 
einmal tagen sollte. 
Also traten des Königs ursprüngliche Entwürfe fast Wort für Wort 
ins Leben, die langen Verhandlungen seiner Räte hatten an diesem 
seinem eigensten Werke nichts Wesentliches geändert. Es war ein großer 
Schritt, größer als der König selbst glaubte. Friedrich Wilhelm wähnte 
die Zukunft seines Verfassungswerkes noch ganz in seiner Herrscherhand 
zu halten. Jedoch eine so starke ständische Vertretung mußte, einmal 
berufen, kraft ihrer eigenen Schwere fortbestehen, und sie besaß schon 
zwei verbriefte wirksame Rechte; denn ohne Eisenbahn-Anleihen konnte der 
Staat nicht mehr auskommen, und nach der gewaltigen Änderung aller 
sozialen Verhältnisse wurde auch eine Umgestaltung des Steuersystems, 
obgleich der König davon noch nichts ahnte, in naher Zukunft unvermeid- 
lich. Wider Wissen und Willen führte Friedrich Wilhelm seinen Staat 
in die Bahnen des konstitutionellen Lebens hinüber. 
Aber wie eigensinnig verdarb sich der Gesetzgeber sein edel gedachtes 
Werk durch Künstelei und Willkür! Schien es doch fast, als wollte er 
absichtlich Rechtsbedenken und Proteste hervorrufen. Weshalb wurde die 
Verordnung vom Mai 1815, die doch unzweifelhaft noch zu Recht bestand 
und den späteren ständischen Gesetzen keineswegs widersprach, fast mutwillig
        <pb n="619" />
        Wirkung des Patents. 611 
beseitigt? War der Ausdruck „Landesrepräsentation“, der in ihr vorkam 
und doch auch auf den Vereinigten Landtag paßte, wirklich so entsetzlich, 
daß man um dieses einen Wortes willen ein Gesetz stillschweigend umstoßen 
durfte? Und mußte nicht der Vereinigte Landtag, solange er seiner regel— 
mäßigen Wiederberufung nicht sicher war, selber bezweifeln, ob er sich für 
die gesetzmäßige Landesvertretung halten sollte? Und warum nicht ein 
klares Zweikammersystem statt eines Herrenstandes, der bald mit der Kurie 
der drei Stände, bald neben ihr tagen sollte? Diese Herrenkurie, an sich 
gewiß einer der glücklichsten politischen Gedanken des Königs, war doch 
leider nicht zum Abschluß gekommen und konnte, wie sie war, unmöglich für 
eine gerechte Vertretung der aristokratischen Kräfte des Landes gelten. Von 
ihren 72 Stimmen entfiel die größere Hälfte auf Schlesien und Rheinland 
allein; die große Provinz Preußen erhielt nur fünf Stimmen, Pommern 
gar nur eine einzige. Mit vollem Rechte fühlte sich also die treue Ritter- 
schaft der alten Provinzen zurückgesetzt und gekränkt. Vergeblich mahnte 
der Prinz von Preußen in seiner Denkschrift, man müsse die Aristokratie 
ganz gewinnen, indem man sie ehre; vergeblich bat Graf Arnim-Boitzen- 
burg noch in letzter Stunde um die Verstärkung des Herrenstandes 7); der 
König behielt sich geheimnisvoll seine Pläne für die Zukunft vor. Und wo- 
zu dann die wunderliche Bestimmung, daß die Gesetzentwürfe nach Belieben 
bald dem Vereinigten Landtage, bald dem Vereinigten Ausschusse, bald den 
Provinziallandtagen vorgelegt werden sollten? Offenbar wollte der König 
durch diese künstliche Verteilung der ständischen Rechte verhindern, daß 
eine der drei landständischen Körperschaften übermächtig würde. Er über- 
sah nur, daß die natürliche Gewissenlosigkeit jeder vielköpfigen ständischen 
Vertretung allein durch das Bewußtsein ernster Verantwortlichkeit gebän- 
digt werden kann; dies Gefühl ward aber den Landtagen und Ausschüssen 
geradezu genommen, wenn sie den Umfang ihrer eigenen Rechte nicht 
mit Sicherheit kannten. Und warum endlich noch die rechtswidrige und 
in Wahrheit nutzlose Verkümmerung des Rechtes der Anleihebewilligung? 
Alle diese Abweichungen von den alten Gesetzen erschienen so bedenk- 
lich, daß der hochherzige Entschluß des Monarchen und selbst die wichtige 
Gewährung des Steuerbewilligungsrechts nicht recht gewürdigt wurde. 
Obgleich das Patent jetzt nach dem langen Zaudern fast allen unerwartet 
kam, so zeigte sich doch nur selten die dankbare Freude, die der König erhofft 
hatte; die Stimmung blieb gedrückt und unsicher. Wohl sendete Max 
Duncker mit seinen getreuen Hallensern eine Dankadresse an den Thron, 
auch die Elbinger und die Thorner bekundeten ihre Freude und selbst der 
radikale Ruge meinte, die Preußen dürften diese erste Möglichkeit prak- 
tischen politischen Wirkens nicht aus der Hand geben. Am Rhein aber, 
in Schlesien und vornehmlich in Altpreußen verlangten viele Stimmen 
  
*) Graf Arnim-Boitzenburg an den König, 3. Jan. 1847. 
39 *
        <pb n="620" />
        612 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
Zurückweisung des ungenügenden königlichen Gnadengeschenks. Der Nei— 
denburger Kreistag faßte sogar den Beschluß, die Abgeordneten sollten 
sich für inkompetent erklären, solange ihnen nicht ihr Recht würde, und 
im Kreise Strasburg begann der zungenfertige junge Gutsbesitzer v. Hen- 
nig seine liberale Laufbahn mit einem ähnlichen Versuche.“) 
Das Lärmzeichen für diese Unversöhnlichen gab Heinrich Simon mit 
seiner Flugschrift: Annehmen oder Ablehnen? Er hatte bei dem Kampfe 
gegen die Disziplinargesetze Mut und Festigkeit, aber auch viel spitzfindige 
Advokatenkünste gezeigt; die Juristen schätzten seine brauchbaren, mehr 
durch Fülle als durch Vergeistigung des Stoffes ausgezeichneten Hand- 
bücher über preußisches Staatsrecht. Als Neffe des alten um die rhei- 
nische Rechtspflege hochverdienten Gerichtsrats Simon konnte er bei den 
Liberalen des Westens von vornherein freundliches Gehör erwarten; und 
da ihn die Juden, trotz der Taufe, noch immer zu ihren Leuten rechneten, 
so erfreute er sich in allen Zeitungen einer beflissenen Verherrlichung, 
welche selbst seinem hohen Selbstgefühle genügte. Doch muß auch in 
seiner Persönlichkeit ein eigentümlicher Reiz gelegen haben, der sich aus 
seinen trockenen juristischen Schriften nicht erraten läßt. Zwei feindliche 
Dichterinnen, Ida Hahn-Hahn die geliebte und Fanny Lewald die ver- 
schmähte, beteten ihn mit gleicher Inbrunst an, und selbst seinem Gegner 
Radowitz erschien er bei flüchtiger Reisebekanntschaft sofort als ein un- 
gewöhnlicher Mann. Seine neueste Schrift verdiente freilich ihren Ein- 
tagsruhm in keiner Weise, sie brachte nichts vor als das leere Entweder — 
Oder des Radikalismus. „Wir baten dich um Brot und du gibst uns 
einen Stein“ — so begann er gleich, und entwickelte dann die längst 
überwundene privatrechtliche Theorie, wonach die ständische Verfassung 
ein Vertrag zwischen Krone und Volk sein sollte. Er behauptete, was 
einem gewiegten Juristen doch kaum zu verzeihen war: das Patent „nehme 
dem Volke seine wenigen staatlichen Rechte“; er lobte sogar das suspen- 
sive Veto Norwegens, da „ein einzelner“ doch nicht mehr gelten dürfe 
als der Wille der Millionen, und mahnte den König, er möge brechen 
mit der Ansicht, daß ihm die Krone von Gott gegeben sei, und sich viel- 
mehr halten an den Wahlspruch: Volkes Stimme ist Gottes Stimme! 
Friedrich Wilhelm war empört, er verlangte im ersten Zorne Absetzung 
der Zensoren, die das „Verbrechen“ begangen hätten „solch Buch nicht 
konfiszieren zu lassen“ — bis sich dann herausstellte, daß die Schrift als 
zensurfreies Zwanzigbogenbuch in Leipzig erschienen war.*) Die grobe 
Handgreiflichkeit der Simonschen Vertragstheorie mußte viele Halbgebil- 
dete überzeugen. Zu weiterer Belehrung ließ dann Simons Verleger 
noch eine „Parallele der preußischen Verfassung mit den Verfassungen 
*) Berichte des Reg.-Präsidenten Wallach, 29. April, und v. Nordenflycht, 7. April 
1847 an Bodelschwingh. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 15. März 1847.
        <pb n="621" />
        Simon, Annehmen oder Ablehnen. Gervinus. 613 
von Kurhessen, Norwegen und Belgien“ drucken. Diese drei Staaten hatten 
bekanntlich dem „Zeitgeiste die ihm gebührenden Zugeständnisse gemacht“, 
und da der Zeitgeist alles, die Geschichte nichts galt, so konnte hier jeder 
gesinnungstüchtige Leser lernen, wie viel glücklicher der freie Kurhesse war 
als der geknechtete Preuße. Auch die Flüchtlinge warfen ein Libell „das 
Patent“ über die Grenze, das einfach erklärte: „Alle Hoffnungen sind 
betrogen, alle Täuschungen sind zu Ende. Keine Volksgeltung ohne Volks— 
herrschaft, keine Volksherrschaft ohne Republik! Recht oder — Blut!“ 
Bei der besonnenen Mehrheit des preußischen Volks konnte ein so 
törichter, so undankbarer Radikalismus doch nicht durchdringen. Auf 
einer Versammlung rheinischer Abgeordneten zu Köln wurde, wenn auch 
unter mannigfachen Bedenken, endlich beschlossen den Versuch einer Ver— 
ständigung zu wagen, und es zeigte sich bald, daß die Gesamtheit der 
Provinzialvertreter entschlossen war, in alter Treue dem Rufe des Königs 
zu folgen. Die süddeutschen Liberalen meinten ebenfalls, mit dem starren 
Verneinen sei nichts getan. Welcker sogar, der alte grimmige Feind 
Preußens, gelangte in einer unförmlichen, mit allen Schlagwörtern des 
verendenden Vernunftsrechts ausgeschmückten Abhandlung „Grundgesetz 
und Grundvertrag“ doch zu dem Schlusse, das preußische Volk müsse diese 
große Gelegenheit mit Freuden benutzen: „gründet die ganze Freiheit, wie 
auch die anderen freien Völker sie haben.“ Auch Gervinus fühlte sich 
wieder verpflichtet mitzureden, obgleich er von preußischen Dingen noch 
weniger als Welcker verstand. Ihm fehlte sogar, was der ehrlich polternde 
Welcker doch einigermaßen besaß, die erste Tugend des Publizisten: die 
Freiheit des Gemüts, die Sicherheit des fest dem Ziele zugewandten 
Willens. Schwelgend im Genusse seiner eigenen Vollkommenheit redete er 
immer nur über Dinge hin und sagte nicht, was er eigentlich wollte. 
In seinem übellaunigen Büchlein „das Patent vom 3. Februar“ über— 
schüttete er Preußen mit einem solchen Gallenergusse, daß sein unschuldiger 
Freund Jakob Grimm ganz erschrocken antwortete: wenn das alles wahr 
wäre, wenn bei uns wirklich nur Lug und Trug herrschten, dann müßte 
ich „um jeden Preis aus einem solchen Lande weichen“! Im Grunde lief 
der ganze Tadel darauf hinaus, daß Preußen unglücklicherweise Preußen 
war und nicht Hessen-Darmstadt oder Sachsen-Meiningen; und dabei 
glaubte Gervinus doch Preußens treuester Freund zu sein. So viel ließ 
sich aus der Masse der Scheltworte immerhin erraten, daß der Ge— 
strenge nicht geradezu das kahle Ablehnen empfehlen wollte; aber was 
er tun konnte, um die Aussöhnung der Parteien zu hintertreiben, das 
tat er durch sein Zanken redlich. Neben diesen vielgelesenen Schriften 
wurde der alte Restaurator Haller kaum beachtet, als er in einer Flug— 
schrift tief besorgt die Krone vor allzu freigebigen Gewährungen warnte. 
Also war die Partei der unbedingten Verneinung vorläufig über— 
wunden, doch wirkliche Eintracht mit nichten hergestellt. Diese Regierung
        <pb n="622" />
        614 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
der Mißverständnisse blieb ihrem Charakter treu: der König wähnte mit 
dem Patente für lange Zeit sein letztes Wort gesprochen zu haben, die 
öffentliche Meinung sah darin nur den ersten Anfang eines freieren 
politischen Lebens, und schon jetzt zeigte sich, daß der Gegensatz sich zu— 
spitzen mußte zu der einen Frage der periodischen Landtagsberufung. War 
der Vereinigte Landtag erst seiner regelmäßigen Wiederkehr sicher, dann 
konnte er sich mit Fug und Recht für die gesetzliche Landesvertretung an— 
sehen; die Vereinigten Ausschüsse verloren dann jede Bedeutung, und auch 
der Nebenstreit um die Kriegsanleihen und die Schuldendeputation ließ sich 
leichter erledigen. In der Forderung periodischer Reichsstände fanden sich 
drei ganz verschiedene Parteien zusammen: zunächst alle die besonnenen 
Männer, die der Unsicherheit des öffentlichen Rechts ein Ende machen 
wollten; sodann die entschiedenen Liberalen, die von einem vielköpfigen 
Parlamente für ihre Parteizwecke mehr erwarteten als von einem kleinen 
Ausschuß; dazu endlich die hohe Aristokratie, denn durch den Herrenstand 
des Vereinigten Landtags hoffte sie politische Macht zu gewinnen, während 
sie in den Vereinigten Ausschüssen nur durch wenige Stimmen vertreten 
war. Dies erkannte Kühne, er befürchtete eine Coalition monstreuse 
zwischen den extremen Liberalen und Aristokraten. Mündlich und brief— 
lich stellte er seinem alten Freunde Bodelschwingh vor: diese große Ver— 
sammlung würde nur dann in Frieden zu Ende gehen, wenn der König 
rechtzeitig, bevor man ihn zwänge, in der einen entscheidenden Frage 
nachgäbe und dem Vereinigten Landtage, ebenso wie schon den Vereinigten 
Ausschüssen, die periodische Einberufung zusagte.) 
Welch eine Last lag jetzt auf Bodelschwingh. Einst im Befreiungs- 
kriege hatte eine französische Kugel dem tapferen Kriegsmanne die Lunge 
durchbohrt, und gerade jetzt packte ihn wieder eine jener schweren Lungen- 
entzündungen, die ihn seitdem schon mehrmals heimgesucht hatten. Er 
rang mit dem Tode; den ganzen März hindurch blieb er unfähig zur 
Arbeit. Kaum halb genesen, raffte er sich dann auf, um heldenhaft, fast 
allein, selber ein parlamentarischer Neuling, dieser stürmischen Versamm- 
lung die Stirne zu bieten. Als Minister des Innern und Kabinetts- 
minister zugleich, mußte er die Sache der Krone zunächst vertreten, und 
es ergab sich auch bald, daß er allein unter allen Ministern ein ungewöhn- 
liches Rednertalent besaß. Er war ein Neffe jenes stolzen Freiherrn 
Bodelschwingh-Plettenberg, der einst so hartnäckig die ständischen Rechte 
der Grafschaft Mark verteidigt hatte, ein Liebling Steins und des alten 
Vincke, Westfale durch und durch, und hatte sich doch in den mannig- 
fachen Stellungen einer beispiellos raschen Beamtenlaufbahn überall Liebe, 
selbst in der bösen Zeit des Kölnischen Bischofsstreites die Achtung der 
Rheinländer gewonnen. Die älteren westfälischen Landsleute erinnerte 
  
*) Kühne an Bodelschwingh, 3. April 1847. S. Beilage 35.
        <pb n="623" />
        Bodelschwingh. 615 
sein ganzes Wesen an Justus Möser. Höchst unscheinbar gekleidet, fiel 
er sogleich auf durch seine hohe kriegerische Gestalt und durch den treu— 
herzigen Blick seiner offenen, großen Augen. Ursprüngliche Kraft, un— 
schuldige Frische sprach aus seinem ganzen Wesen, und General Gerlach, 
der den „liberalen Minister durchaus nicht liebte, sagte wohl: so un— 
gefähr muß Adam ausgesehen haben. Der letzte hervorragende Vertreter 
des alten absolutistischen Beamtentums, hielt er sich im Gewissen ver— 
pflichtet, die Willensmeinung des Königs, sofern sie nur dem Rechte nicht 
offenbar widersprach, mit der ganzen Selbstverleugnung eines altgermani— 
schen Vasallen zu verteidigen. Er hatte bei der Beratung des Patents 
wieder und wieder die Bedenken hervorgehoben, die ihm sein schlichter 
Geschäftsverstand aufdrängte; und auch jetzt erkannte er, nachdem der 
Unwille der ersten Überraschung überstanden war, im stillen sehr wohl, 
wie richtig Kühne urteilte. Aber der Monarch hatte gesprochen, an seinem 
Willen ließ sich nichts mehr ändern. Bei der Eröffnung des Vereinigten 
Landtags drückte Bodelschwingh dem treuen Freunde die Hand und sagte 
bewegt in seinem heimischen Platt: es geht nicht anders; wir sind davör, 
wir möt dadör.) “ — 
  
Als die Mitglieder des Vereinigten Landtags zu Anfang Aprils in 
Berlin eintrafen, da begann der erste große parlamentarische Kampf der 
deutschen Geschichte, ein Schauspiel, das alle die Händel der kleinen Land- 
tage ganz in den Schatten stellte, und zum allgemeinen Erstaunen ward 
offenbar, welche gewaltigen staatsbildenden Kräfte Deutschland in diesem 
Preußen besaß. Die Männer, die hier von der belgischen und der rus- 
sischen Grenze, von der Ostsee und den thüringischen Bergen her zu- 
sammenkamen, fühlten sich allesamt als Söhne eines Volkes, allein das 
kleine Häuflein der Polen ausgenommen, und trugen mit Stolz den 
Namen der Preußen. In der langen wohltätigen Stille der Herrschaft 
des verstorbenen Königs hatten der alte Stammeshaß und die landschaft- 
lichen Sonder-Erinnerungen viel von ihrer Schärfe verloren — ein Er- 
gebnis, das sich bei freierem öffentlichen Leben schwerlich so bald hätte 
erreichen lassen; dann waren, unter dem aufregenden Regimente des 
Nachfolgers, überall im Osten wie im Westen neue politische Ideen erwacht, 
aus denen leicht große gesamt-preußische Parteien hervorgehen konnten. 
Gleich bei den ersten Vorbesprechungen ward man inne, daß diese neuen 
Parteigegensätze zwar trennend, aber noch mehr verbindend wirkten; 
denn der Riß der Parteiung ging mitten durch alle Provinzen, die Mehr- 
heit der Rheinländer und der Ostpreußen bildeten den Kern der Oppo- 
sition, gerade die entlegensten Landesteile fanden sich in guter Freund- 
  
*) Nach Kühnes Aufzeichnungen.
        <pb n="624" />
        616 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
schaft zusammen. Die Provinzen wie die Stände des Vereinigten Land— 
tags besaßen das Recht, die Sonderung in Teile zu verlangen; aber 
von dieser gefährlichen Befugnis versuchten nur zweimal, ganz zu An— 
fang der Tagung, einzelne Heißsporne Gebrauch zu machen. Beide Male 
vergeblich. Der Landtag wollte ein untrennbares Ganzes bleiben; die 
Naturgewalt der nationalen Einheit, der Ernst des preußischen Staats— 
gedankens hielt alle Sondergelüste danieder. Das war es, was Metter— 
nich vor allem fürchtete. Er wußte wohl, daß Österreich und Frankreich 
die geborenen Feinde der deutschen Einheit waren, und warnte Guizot 
vor den großen Gefahren, welche dieser Landtag den beiden Höfen zu 
bereiten drohe; er stachelte die partikularistische Angst des Königs von 
Württemberg gegen das Deutschtum und den „alles oder nichts sagenden 
Begriff“ der Nationalität. Als festes Bollwerk wider das werdende 
Deutschland dort im Norden empfahl er den Deutschen Bund, die natür- 
liche Stütze des Partikularismus. 
Zum ersten Male, seit es ein Königreich Preußen gab, traten die 
Stände als eine selbständige Macht der Krone gegenüber; und wie stark 
und mannigfaltig erschien das nationale Leben, das hier plötzlich Sprache 
gewann, wie wenig hatte man draußen im Reich von den großen Verhält- 
nissen des wirklichen deutschen Staates gewußt. „Preußen hat wieder 
einen Adel“ — so sagte eine ehrliche liberale Zeitung ganz verwundert; 
denn das landläufige Zerrbild vom preußischen Junkertum paßte wahrhaf- 
tig nicht auf die tapferen, gebildeten, patriotischen Edelleute, die im Ver- 
einigten Landtage, manche als Wortführer des Liberalismus, alle gleich 
freimütig auftraten; viele von ihnen erklärten sich sogar bereit — frei- 
sinniger als der bayrische Adel — auf ihre Patrimonialgerichtsbarkeit zu 
verzichten. Fast noch mehr überraschte die Deutschen der Kleinstaaten das 
stolze Selbstgefühl des preußischen Bürgertums, das in der älteren Ge- 
schichte der Monarchie fast immer nur eine bescheidene Rolle gespielt hatte, 
jetzt aber, rasch erstarkt unter dem Schutze des Zollvereins, seine großen 
wirtschaftlichen Interessen nachdrücklich vertrat. Auch das alte streng 
protestantische Preußen war nicht mehr; die Parität der Bekenntnisse 
ward in den Formen überall sorgsam gewahrt, und die aufgeklärten Ber- 
liner Katholikenhasser wollten nicht begreifen, warum der Landtag das 
Fronleichnamsfest als einen Feiertag ehrte. 
Überhaupt kam ein neuer, freierer, großstädtischer Zug in das 
Berliner Leben, seit die Fürsten und Grafen des Westens, die schle- 
sischen Granden und der ostpreußische Adel, der bisher immer still da- 
heim geblieben war, alle bei Hofe erschienen und der König auch die 
Vertreter der Städte und der Landgemeinden zu seinen Festen lud; erst 
seit diesen Anfängen der parlamentarischen Kämpfe begann Berlin zur 
wirklichen Hauptstadt zu werden. Und wie reich war dieser erste Land- 
tag an rednerischen Talenten, an mutigen, erfahrenen, ehrenhaften
        <pb n="625" />
        Charakter des Vereinigten Landtags. 617 
Männern. Metternich selbst war erstaunt über die „parlamentarische Ge- 
diegenheit“ dieser jungen Versammlung; man wußte im Auslande nicht, 
daß die meisten der Abgeordneten keine Neulinge waren, sondern schon 
seit Jahren in der bescheidenen Schule der Provinziallandtage die Kunst 
der Rede und der parlamentarischen Taktik gelernt hatten und jetzt die 
Fülle der dort gesammelten Erfahrungen zur gemeinsamen Arbeit herbei- 
trugen. Noch überwog die schöne Beredsamkeit des Herzens, wie es in 
einer Zeit der Erwartung nicht anders sein konnte; aber auch die Leiden- 
schaft hielt sich fast immer in den Schranken der guten Sitte, und nie- 
mals wieder hat Preußen ein so würdevolles Parlament gesehen. Von 
dem Monarchen sprachen alle mit tiefer Ehrfurcht, manche mit über- 
schwenglicher Bewunderung, ein Redner der Opposition nannte Fried- 
rich II. den größten König, welcher Preußen vor dem Jahre 1847 be- 
herrscht hätte; bei Hofe galt der Name Friedrich der Große fast für un- 
schicklich, die neue Zeit friedlicher Weisheit sollte ja alle Kriegstaten der 
heldenhaften Altvordern verdunkeln. 
Von vornherein zeigten die Männer der Oppositionsparteien das Ge- 
fühl entschiedener Überlegenheit; sie trugen in sich das Bewußtsein einer 
großen Bestimmung, sie hofften den preußischen Staat durch die Aus- 
bildung der ständischen Institutionen mit dem übrigen Deutschland zu be- 
freunden und ihm also die Führung der Nation zu sichern. In den Sälen 
des Russischen und des Französischen Hofes, wo die Opposition, noch ganz 
ohne Fraktionszwang, ihre freien Vorbesprechungen zu halten pflegte, 
fanden sich auch manche Liberale von auswärts ein: Jacoby aus Königs- 
berg, Graf Reichenbach, H. Simon und Stein aus Schlesien, Biedermann 
aus Leipzig, Beseler und andere Schleswigholsteiner. Sie alle erwarteten 
von Preußens erstem Reichstage eine Wendung der deutschen Geschicke, 
auch der junge Julian Schmidt wurde durch die Bewegung dieser Tage 
von der Literatur zur Politik hinübergeführt. Zu den Sitzungen des 
Landtags selbst ließ der König keine Hörer zu, aber die Verhandlungen 
wurden vollständig gedruckt, jetzt endlich mit Nennung der Redner, und 
obgleich die noch unbeholfenen Stenographen ihren Bericht meistens erst 
nach acht Tagen fertig stellten, so folgten doch alle Gebildeten dem parla- 
mentarischen Kampfe mit reger Teilnahme. Die Kölnische Zeitung ließ 
sich ihre Berliner Zeitungspakete von Minden an durch eigene Stafetten 
zusenden, nur um den Rheinländern den Landtagsbericht einen Tag vor 
den anderen Blättern darzubieten. 
Neben der Zuversicht der Opposition erschien die Haltung der Re- 
gierung von Haus aus schwächlich und unsicher; die Minister befolgten 
getreulich die Befehle ihres königlichen Herrn, obgleich kein einziger unter 
ihnen mit den wunderlichen Plänen des Monarchen ganz einverstanden 
war. Und so fühlten sich auch die konservativen Abgeordneten, die im 
Englischen Hofe zusammenkamen, beim besten Willen die Krone zu unter-
        <pb n="626" />
        618 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
stützen, doch völlig ratlos. Wo war ein Ausweg aus diesem durch den 
Monarchen allein verschuldeten Rechtsgewirre? Der König hatte, den 
Rat des Grafen Arnim verschmähend, sich nicht auf den unangreifbaren 
Rechtsboden der Gesetze seines Vaters gestellt, sondern den Ständen 
einerseits alte Rechte genommen, andererseits neue, größere Rechte ge— 
schenkt; er hatte — daran hing alles — die Wiederberufung des Ver— 
einigten Landtags durchaus seinem eigenen Ermessen vorbehalten und 
also das ganze Verfassungswerk, das doch gerade abgeschlossen werden 
sollte, noch in der Schwebe gelassen. Und unmöglich konnte der absolute 
König, nach so großen freiwilligen Gewährungen, seine neue Gesetz- 
gebung auf den Wunsch der Stände sofort wieder ändern; das Ansehen 
der Krone und der persönliche Stolz Friedrich Wilhelms hätten unter 
solcher Nachgiebigkeit zu schwer gelitten. 
So stand denn dieser durch und durch königstreue, gemäßigte, be- 
sonnene Landtag vor einer fast unlösbaren Rechtsfrage. Die Abgeord- 
neten sagten sich: entweder sind wir die von dem alten Könige verheißene 
Landesrepräsentation, dann müssen wir auch alle ihre Rechte für uns 
verlangen; oder wir sind ein nach dem Belieben des neuen Herrschers 
berufener Ständetag, dann dürfen wir die Rechte der Landesrepräsentation 
nicht ausüben. Kühne Realpolitiker, wie der junge Deichhauptmann Otto 
v. Bismarck, der hier zuerst in das öffentliche Leben eintrat, mochten wohl 
über solche Skrupel lachen, denn mit voller Sicherheit ließ sich vorher- 
sehen, daß der Vereinigte Landtag zu einer dauernden Institution des 
Staates werden mußte; für den streng gesetzlichen Sinn der Mehrheit 
aber waren die Rechtsbedenken fast unüberwindlich. Und leider ward die 
Haltung der Opposition auch durch eine geheime Unwahrheit verdorben. 
Die Männer, die sich so streng auf den Rechtsboden beriefen, wollten in 
Wahrheit weit mehr, als die alten Gesetze verhießen. Sie trugen durch- 
aus kein Bedenken, das neue Steuerbewilligungsrecht, das ihnen der König, 
den alten Gesetzen zuwider, geschenkt hatte, gleichsam als gute Prise an- 
zunehmen, denn sie hofften insgeheim den Monarchen Schritt für Schritt 
auf neue Bahnen zu drängen. Die Mehrzahl der Rheinländer und viele 
Vertreter der großen Städte des Ostens dachten an eine Verfassung 
belgischen Stiles, die liberalen Edelleute an eine mächtige ständische Ver- 
sammlung. 
Allen diesen Bestrebungen hatte der König durch die willkürlich dilet- 
tantische Behandlung der Rechtsfragen selber Tür und Tor geöffnet. 
Das Wagnis seiner Politik war um so gefährlicher, da hinter den Ständen 
noch andere Mächte der Bewegung standen, welche weit über die Ziele 
des Landtags hinaus strebten. Die radikale Partei, deren Macht im 
Lande sich doch nicht mehr verkennen ließ, fand auf dem Landtage 
keinen einzigen Wortführer; nur dann und wann verriet sich in ein- 
zelnen Außerungen der bäuerlichen Abgeordneten ein tiefer, verhaltener
        <pb n="627" />
        Die Thronrede. 619 
sozialer Groll, der schlesische Erbschulze Krause meinte einmal, er und 
seine Standesgenossen hätten dreißig Jahre lang geschlafen, jetzt aber 
wären sie endlich zum Bewußtsein ihrer Rechte erwacht. Unvertreten 
war auch, nach dem Wahlgesetze, die breite Masse der städtischen Arbeiter, 
unvertreten endlich der mächtige Stand der eigentlichen Schriftgelehrten. 
Wenn die Krone mit einem Landtage, der ausschließlich die seßhaften, 
vermögenden, konservativen Elemente der Gesellschaft vertrat, sich nicht zu 
verständigen vermochte, dann war eine friedliche Entwicklung des politi- 
schen Lebens kaum noch zu erwarten. — 
Mit königlichem Pomp, die Reichs-Insignien voran, betrat Friedrich 
Wilhelm am 11. April den prachtvoll wiederhergestellten Weißen Saal 
des Schlosses, um den Landtag mit feierlicher Ansprache zu eröffnen. Alle 
königlichen Prinzen scharten sich um ihn; selbst der getreue Gesinnungs- 
genosse des russischen Schwagers, Prinz Karl, der, grollend über die 
„chambre monstre“, lange in Italien verweilt hatte, war im letzten 
Augenblicke auf Befehl des Monarchen noch herbeigeeilt.) Zum letzten 
Male — wie wenig konnte er das ahnen — redete der König hier mit 
der vollen Freiheit des unbeschränkten Herrschers zu seinem Volke, aus 
der Tiefe des Herzens heraus, aufrichtig, wie kaum je ein gekröntes Haupt 
gesprochen hat; es war, als wollte er sich selber an dem Schwung und 
dem Glanze seines reichen und doch so ganz unpolitischen Geistes weiden. 
Er erklärte, wie es die Kundigen nicht anders erwarten konnten, das Ver- 
fassungswerk seines Vaters nunmehr für vollendet und warnte die Stände, 
dies Werk „nicht gleich durch ungenügsame Neuerungslust in Frage zu 
stellen“; er legte ihnen, wie einst schon den Vereinigten Ausschüssen, ans 
Herz, daß sie nicht „Meinungen zu repräsentieren“, sondern nach altem 
deutschen Brauche ihre eigenen Rechte zu wahren hätten. Er erinnerte sie 
an die „Erbweisheit ohnegleichen“, welche die englische Verfassung, ohne 
ein Stück Papier geschaffen habe, und obgleich er soeben selbst das beschriebene 
Blatt des Patents hatte hinausgehen lassen, gab er das feierliche Ge- 
löbnis: „daß es keiner Macht der Erde je gelingen soll, mich zu bewegen, 
das natürliche, gerade bei uns durch seine innere Wahrheit so mächtig 
machende Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein konventionelles, kon- 
stitutionelles zu wandeln, und daß ich es nie und nimmermehr zugeben 
werde, daß sich zwischen unseren Herrgott im Himmel und dieses Land 
ein beschriebenes Blatt gleichsam als eine zweite Vorsehung eindränge, 
um uns mit seinen Paragraphen zu regieren und durch sie die alte Treue 
zu ersetzen.“ Sichtlich erregt sprach er von den Angriffen der Presse, 
die doch so tief unter ihm stand: „von allen Unwürdigkeiten, denen ich 
und mein Regiment seit sieben Jahren ausgesetzt gewesen, appellier' ich an 
mein Volk.“ Und indem er seine getreuen Stände aufforderte zum ge- 
  
*) Knyphausens Bericht, 11. April 1847.
        <pb n="628" />
        620 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
meinsamen Kampfe gegen die Untreue, die bösen Gelüste der Zeit, legte 
er das Bekenntnis ab: „Ich und mein Haus wir wollen dem Herrn dienen. 
Ja wahrhaftig!“ Für die Zukunft erhielten die Stände nur die väter— 
lich mahnende Zusage, daß der König sie zur Bewilligung neuer Steuern 
und Anleihen wieder berufen werde, und auch sonst noch, „wenn ich es 
für gut und nützlich halte, und ich werde es gern und öfter tun, wenn 
dieser Landtag mir den Beweis gibt, daß ich es könne, ohne höhere Re— 
gentenpflichten zu verletzen.“ 
Die Thronrede erschreckte und verwirrte die Hörer. Wohl empfand 
jedermann die Macht einer ungewöhnlichen Persönlichkeit; der politische 
Inhalt der hochtönenden, vielfach unklaren Sätze lief jedoch darauf hin- 
aus, daß der König seine deutschrechtlichen Stände vor jeder Annäherung 
an das konstitutionelle Kammerwesen der kleinen Nachbarstaaten streng 
bewahren und die Ausbildung dieser ganz eigenartigen Institutionen allein 
seiner eigenen Weisheit und Gnade vorbehalten wollte. Die Liberalen, 
die in dem Patente nur die Grundlage für weitere Verhandlungen sahen, 
fühlten sich tief niedergeschlagen. Manche der heißblütigen Ostpreußen 
wollten sofort abreisen, da doch keine Verständigung möglich sei, und nur 
durch das Zureden ihrer weltklugen rheinischen Freunde ließen sie sich 
zum Bleiben bewegen. Beim Beginn der ersten Sitzung erhob sich nun 
Graf Schwerin, ein Pommer aus dem altberühmten Soldatengeschlechte, 
eine breite, gedrungene Gestalt von ungezwungener Haltung, mit einem 
kräftigen biederen Gesichte, das durch die herabhängenden dunklen Haare 
den Ausdruck eines fast pietistischen Ernstes erhielt; er hatte sich als 
Schleiermachers Schwiegersohn mit Arndt und anderen patriotischen Ge- 
lehrten befreundet und schon auf der Generalsynode die Ideen eines milden 
kirchlichen Liberalismus freimütig vertreten. Er stellte den Antrag, die 
Stände sollten dem Monarchen in einer Adresse ihren Dank, aber auch 
ihre Rechtsbedenken aussprechen. Den Adreßentwurf verfaßte der gefeierte 
Redner des rheinischen Provinziallandtags, F. v. Beckerath aus Krefeld. 
Seine Wiege hatte, wie er gern erzählte, neben dem Webstuhle seines 
Vaters gestanden; ganz durch eigene Kraft war er zum reichen Kaufherrn 
geworden. Mennonit und nicht ohne einen Zug quäkerischer Salbung, 
der ihm trotz der politischen Meinungsverschiedenheit doch immer das 
Wohlwollen des frommen Königs sicherte, trug er seine gemäßigt liberalen 
Ansichten mit einem eigentümlichen lyrischen Pathos vor. Die Begeiste- 
rung stand ihm wohl an, sie kam aus tiefer Brust und verirrte sich nie 
gänzlich in Phrasen. „Hier, rief er aus, sei der Pulsschlag eines neuen 
verjüngten Preußens, eines Preußens, das umgeben von den Sympathien 
der deutschen Brüderstaaten, das deutsche Volk zu der Stelle hinan führen 
wird, die ihm unter den Kulturvölkern der Erde gebührt.“ 
Mit Besorgnis sah Graf Arnim, wie die rechtliche Unklarheit, deren 
Gefahren er selbst dem Könige so oft vorgestellt hatte, jetzt schon ihre
        <pb n="629" />
        Schwerin. Beckerath. Hansemann. Vincke. 621 
schlimmen Früchte trug. Beckeraths Adresse enthielt sehr ernste Rechts— 
verwahrungen. Wenn der König sie zurückwies, dann ging der Landtag, 
noch ehe er recht begonnen hatte, schon zu Ende; denn diese Versammlung 
war unauflösbar — das hatte der Prinz von Preußen seinem Bruder 
vorher gesagt, und alle fühlten bereits, wie wahr er gesprochen. Kam es 
zum Bruche zwischen der Krone und den Ständen, so fiel das Patent 
selbst, und der Staat trieb vielleicht gewaltsamen Erschütterungen ent— 
gegen. Darum hielt sich Arnim verpflichtet, ritterlich für die vergeblich 
gewarnte Krone einzutreten. Er brachte einen Gegenentwurf ein, der die 
Rechtsbedenken nur leise und schüchtern andeutete. In der langen Ver- 
handlung, die sich nunmehr entspann, traten schon die beiden Redner 
auf, welche die Regierung fortan als ihre gefährlichsten Feinde fürchtete: 
der bürgerlich Liberale Hansemann und Vincke der liberale Aristokrat. 
Hansemann hatte seine große geschäftliche Begabung neuerdings wieder in 
mannigfachen Eisenbahn-Unternehmungen bewährt; sein Ziel war die 
konstitutionelle Herrschaft der wohlhabenden Bourgeoisie, wie in Belgien. 
In ihm verkörperte sich die echt moderne kaufmännische Staatsansicht, die 
alle politischen Begriffe auf den Kopf stellte und eben deshalb in einer 
Zeit wachsenden Erwerbes und Genusses unaufhaltsam um sich griff: er 
betrachtete Heer und Beamtentum als lästige Kostgänger der Kaufleute und 
Fabrikanten, während doch Handel und Wandel, Geld und Tausch ohne 
den Staat, sein Recht und seine Waffen gar nicht auf der Welt wären 
und man also mit gleich guten Gründen behaupten konnte, daß die reichen 
Börsenmänner zum Teil durch die Arbeit der schlecht bezahlten Staats- 
diener ernährt würden. Im Landtage redete er sehr scharf, oft mit ple- 
bejischer Plumpheit, er stellte den Ständen kurzab die Wahl: „ob das 
Gefühl des Rechts in Ihnen lebt oder ob Sie nur von Vertrauen, von 
Gnade leben wollen.“ 
Ungleich mächtiger sprach Vincke, ein wohlbeleibter, stiernackiger junger 
Mann, dessen nachlässige Haltung und Kleidung doch den Edelmann nicht 
verkennen ließen; sein schwerer, von dichtem rotem Backenbart umrahmter 
Kopf zeigte eine imposante Häßlichkeit, wie sie so oft schon bedeutenden 
Rednern als Schild und Waffe gedient hat. Er war der größte aller 
Parlamentsredner der preußischen Geschichte, ganz unvergleichlich in der 
Kunst rascher, schlagfertiger Debatte, und dennoch kein schöpferischer staats- 
männischer Geist, ja nicht einmal ein gewandter Parteiführer. Im Kampfe, 
im Angriff allein lag seine Kraft. Wie ward ihm wohl, wenn er einen 
Redner der Gegenpartei lange mit den spöttischen Blicken seiner scharf 
hinter der Brille hervorlugenden Augen, mit höhnischen Gebärden und 
Zwischenrufen verfolgt hatte und dann aufsprang, beide Hände in den 
Hosentaschen, um den Unglücklichen mit scharfer Dialektik, mit grausamen 
Witzen und, tat es not, mit stürmischer Entrüstung zu zermalmen. Dem 
Könige blieb er stets verhaßt; denn Friedrich Wilhelm nahm alles per-
        <pb n="630" />
        622 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
sönlich und konnte sich nicht darein finden, den Sohn des getreuesten 
aller Westfalen in den Vorderreihen der Opposition zu sehen. Auch der 
Vater hatte in seinen letzten Lebensjahren die liberale Gesinnung des 
jungen Landrats und Landstands nicht ohne Sorgen betrachtet. Im 
Grunde des Herzens hegte der Sohn jedoch weit mehr aristokratischen 
Stolz als der schlichte volksfreundliche alte Oberpräsident. Er freute sich 
seines alten Geschlechtes und wollte gleich der langen Reihe seiner Ahnen 
allezeit „den Acker des Rechtes pflügen“. Freilich hatte er sich von seinem 
unantastbaren Rechtsboden ein ziemlich willkürliches Bild entworfen. Er 
betrachtete die ständischen Rechte als ein von den Vätern überkommenes 
Fideikommiß, als „ein eisernes Inventar, das wohl vermehrt, doch nicht 
vermindert“ werden dürfe. Darum nahm er das neu geschenkte Steuer— 
bewilligungsrecht kurzweg an und verlangte trotzdem die Erfüllung aller 
früheren Zusagen bis auf den letzten Buchstaben. Einen Dank wollte 
er in der Adresse überhaupt nicht aussprechen, sondern nur eine Rechts— 
verwahrung, da beides einander ausschlösse. Noch mehrere andere un— 
gewöhnlich begabte Redner erhoben ihre Stimme. So Mevissen, der Mit— 
begründer der Rheinischen Zeitung, der unterdessen viel gelernt hatte und 
ganz in Beckeraths Sinne ausführte: wenn nur erst der Vereinigte Land— 
tag alljährlich den gesamten Staatshaushalt prüfe, dann würden die 
Preußen nicht mehr mit Neid auf ihre kleinen Nachbarn schauen, sondern 
die Führung Deutschlands erlangen. So auf der anderen Seite Fürst Felix 
Lichnowsky, der kecke übermütige karlistische Abenteurer, der zum allge- 
meinen Erstaunen zwar für die Krone, aber durchaus nicht in reaktionärem 
Geiste sprach und wenn er auch hinter seinem Vorbilde Mirabeau weit 
zurückblieb, doch unverkennbar Talent, Mut, Tatkraft zeigte. 
Großen Eindruck machte eine kurze Ansprache des Prinzen von 
Preußen. Herausgefordert durch einen Vorwurf Hansemanns gab er als 
erster Untertan und erster Ratgeber des Königs die feierliche Versicherung: 
bei der Beratung der Verordnungen vom 3. Febr. hätten er und die 
anderen Räte der Krone durchaus kein Mißtrauen gehegt, wohl aber die 
Erwartung, daß „Freiheiten und Rechte der Stände niemals auf Unkosten 
der Rechte und Freiheiten der Krone“ gewährt werden sollten. Der Sinn 
seiner Rede war versöhnlich, aber ihr Ton klang diktatorisch; der Prinz 
sprach wie ein des Befehlens gewohnter General, und da der unwissende 
Haufe nicht einsah, daß der Thronfolger doch gar nicht anders auftreten 
durfte, so bemächtigte sich der niederträchtige Berliner Klatsch dieser ein- 
fachen Worte. Der Prinz war der Liebling des Heeres und darum schon 
allen Unzufriedenen verdächtig. Die längst verbreiteten Gerüchte von seiner 
reaktionären Gesinnung wurden durch Varnhagen in den Salons, durch 
allerhand Unbekannte beim Pöbel umhergetragen; er galt überall für den 
bösen Dämon seines Bruders, obgleich er zur Zeit gar keinen Einfluß 
besaß, sondern nur als ehrenhafter Soldat die Sache seines königlichen
        <pb n="631" />
        Die Adresse. Erklärung der Rechte. 623 
Herrn verteidigte. Bei den Straßenaufläufen dieser Apriltage warf ihm 
der Pöbel die Fenster ein; es war ein Schatten kommender Ereignisse, die 
liberalen Zeitungen entschuldigten die Heldentat mit der fragwürdigen 
Versicherung, der Anblick der Spiegelscheiben des bescheidenen prinzlichen 
Palastes hätte die armen Hungerleider gar zu schmerzlich an ihr eigenes 
Elend erinnert. 
Um die Parteien zu versöhnen, beantragte endlich Alfred v. Auers- 
wald eine neue, etwas schärfere Fassung des Arnimschen Adreßentwurfs. 
Der treue Mann, der dem Monarchen in jungen Jahren so nahe gestanden 
hatte, wollte einen Bruch mit der Krone durchaus vermeiden, jedoch auch 
seine Rechtsüberzeugung nicht aufgeben. In der also umgestalteten Adresse 
erklärten die Stände nach warmen Dankesworten: sie würden die Ehre 
und Kraft der Krone, aber auch die ständischen Rechte „beide als un- 
schätzbare Kleinode bewahren und pflegen“; demnach behielten sie sich vor, 
die Abweichungen des Patents von den früheren Gesetzen noch näher zu 
erörtern, und baten den Monarchen solche Widersprüche demnächst aus- 
zugleichen. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen; er 
gab den Verhandlungen des Landtags von vornherein ihr Gepräge: den 
Charakter einer ehrfurchtsvollen und besonnenen, aber festen und ent- 
schlossenen Oppositionspolitik. In gnädigem Tone ließ der König 
(22. April) antworten: „Die Gesetzgebung vom 3. Febr. ist in ihren 
Grundlagen unantastbar, wir betrachten sie aber deshalb nicht als abge- 
schlossen, vielmehr als bildungsfähig.“ Darum gab er den Ständen an- 
heim, weitere Anträge zu stellen, und verhieß sogar von freien Stücken, 
den Vereinigten Landtag spätestens in vier Jahren wieder zu versammeln. 
Also wich er schon selbst einen Schritt zurück, was ihm schwer genug 
fallen mußte, da er doch soeben erst seine Stände vor ungenügsamer Neu- 
lingshast gewarnt hatte. Zu dem Versprechen periodischer Einberufung 
konnte er sich gleichwohl nicht entschließen, und doch fühlten jetzt schon alle 
Unbefangenen, auch die auswärtigen Diplomaten, daß diese Zusage allein 
den unseligen Streit abzuschneiden vermochte. Sogar der hannoversche 
Gesandte Graf Knyphausen wagte in solchem Sinne zu berichten, was 
der alte Welfe freilich durch die Randbemerkung rügte: „Gelesen, bin 
aber gar nicht verständen mit die angeführten Wegen.“ 7) 
Die Rechtsfrage blieb also noch immer ungelöst, und Vincke hielt in 
seinem ungestümen Rechtstrotze nunmehr für geboten, daß der Landtag dem 
Könige eine feierliche „Erklärung der Rechte“ übergäbe. Offenbar schwebte 
ihm das Beispiel der Bill of rights vor Augen; Dahlmanns Geschichte der 
englischen Revolution war ja zur Zeit in jedermanns Händen. Aber wie 
wenig hatten die Zustände Preußens mit der englischen Geschichte gemein. 
Die englische Erklärung der Rechte wurde einem fremden Usurpator auf- 
  
*) Knyphausens Bericht, 19. April 1847.
        <pb n="632" />
        624 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
erlegt, der seine Krone der Revolution, dem Willen des britischen Volkes 
verdankte, während die Preußen einem legitimen, absoluten Könige gegen— 
überstanden, der sich soeben erst freiwillig großer Machtbefugnisse ent— 
äußert hatte. Die Briten verteidigten uralte, oft ausgeübte, durch Bür— 
gerkrieg und schweren parlamentarischen Kampf immer wieder errungene 
Rechte; Vincke vermochte sich nur auf die dürftigen, unzusammenhängen— 
den, noch niemals ausgeführten Verheißungen der leichtfertigen Harden— 
bergischen Gesetzgebung zu berufen. Darum war die englische Erklärung 
der Rechte eine weltgeschichtliche Tat, der Versuch, sie in Preußen nach- 
zubilden, fiel platt zur Erde. Wer unparteiisch draußen stand, konnte sich 
für diesen zweifelhaften Rechtsboden nicht leicht begeistern. Sogar Stüve, 
der zähe Verteidiger des strengen Rechts, fand in den Reden und Schrif- 
ten der unbedingten preußischen Opposition viel „Wortklauberei und 
Advokaten-Hokuspokus“, er spottete über „die eminenten Rechte, die 
man zu besitzen sich einbilde“. ) Im Landtage verweigerten selbst Becke- 
rath und Schwerin ihre Unterschrift zu dem seltsamen Aktenstücke, das in 
langer Reihe abgerissene Stellen der älteren Gesetze aufzählte. Nur 
138 Abgeordnete unterzeichneten, fast drei Viertel davon waren Rhein- 
länder oder Ostpreußen. Der Einmut also, der solchen Gewissensver- 
wahrungen doch allein Nachdruck gibt, fehlte gänzlich; und als die Herren- 
kurie sich weigerte, in die Beratung einzutreten, da mußte die Er- 
klärung der Rechte stillschweigend zurückgezogen werden. Vincke hatte 
zum ersten Male bewiesen, wie wenig er eine Partei zu leiten verstand. 
Sobald der Landtag nunmehr in die Geschäfte eintrat, fühlte er sich 
auf jedem Schritt durch juristische Bedenken gehemmt, da er nicht wußte, 
ob er sich selbst als die verheißene Landesrepräsentation ansehen sollte, 
und der offene Kampf brach aus, als die Regierung den Ständen zwei- 
mal die Übernahme finanzieller Verpflichtungen zumutete. Sie ver- 
langte zunächst die ständische Garantie für die neuen Landrentenbanken, 
welche die Ablösung der grundherrlichen Lasten erleichtern sollten. Sach- 
liche Bedenken gegen dies verständige Gesetz hegte nur ein kleiner Kreis 
konservativer Grundbesitzer, der die Berechtigten durch die Ablösung zu 
schädigen fürchtete; den Finanzen drohte auch keine Gefahr, da die Land- 
rentenbriefe ja der Sicherheit erster Hypotheken genossen. Unlösbar aber 
schien wieder die Rechtsfrage. Vincke eiferte: wie dürfen wir das Land 
mit neuen Verpflichtungen belasten, solange der Vereinigte Landtag nicht 
regelmäßig die Lage des Staatshaushalts prüft, und die Regierung ohne 
unser Wissen Schulden aufnehmen kann? Zum Unglück wagte Bodel- 
schwingh, der fast allein, kaum unterstützt von den schweigsamen anderen 
Ministern, mit bewunderungswürdiger Geduld die Sache der Krone ver- 
trat, jetzt die unhaltbare Behauptung aufzustellen: eine Bürgschaft dürfe 
  
*) Nach der früher erwähnten handschriftlichen Biographie Stüves.
        <pb n="633" />
        Landrentenbanken. Ostbahn. 625 
man doch nicht wie eine Schuld ansehen. Dasselbe hatte er schon vor 
vier Jahren den Vereinigten Ausschüssen gesagt, damals noch ohne leb— 
haften Widerspruch.*) Seitdem aber waren die staatsrechtlichen Fragen 
mannigfach erwogen und durchdacht worden; man erkannte allgemein, das 
Anleihebewilligungsrecht der Stände verliere jeden Wert, wenn es nicht 
ganz unzweideutig anerkannt würde. Der Minister sah sich also heftig 
angegriffen, manche der Abgeordneten gerieten in eine Aufregung, als ob 
die Krone sie böslich betrügen wollte, und der Gesetzentwurf ward ver- 
worfen. 
Ahnliche Kämpfe, aber ungleich heftiger und bedeutsamer, erneuerten 
sich, als die Regierung den soeben erst vollendeten Gesetzentwurf über die 
Ostbahn nach Königsberg vorlegte. Da das Privatkapital sich versagt 
hatte, so wollte die Krone selbst den gewaltigen Bau in die Hand nehmen?) 
und verlangte darum die ständische Bürgschaft für eine Anleihe von 
22—25½ Mill. Tlr. Die Notwendigkeit des großen Unternehmens 
konnte niemand bezweifeln. Es war für die Volkswirtschaft des bedrängten 
alten Ordenslandes, für die politische Einigung und die militärische 
Sicherheit der Monarchie geradezu eine Lebensfrage, daß der wilde 
Weichselstrom, der bisher nur bei Thorn eine elende, dem Verfalle nahe 
Pfahlbrücke trug, endlich bezwungen wurde und Ostpreußen zu jeder Jahres- 
zeit eine gesicherte Verbindung mit der Hauptmasse des Staates erhielt. 
Die Vorarbeiten waren längst im Gange; ein genialer Ingenieur, Bau- 
rat Lentze hatte schon seit Jahren die Pläne entworfen für die Über- 
brückung der Weichsel und der Nogat bei Dirschau und Marienburg. 
Brücken von so riesiger Spannweite kannte man in Europa, selbst in 
England noch nicht; die Bahn mußte auf weiter Strecke durch die Werder 
acht Fuß unter dem Wasserspiegel der beiden Ströme geführt werden, und 
schon waren an 8000 Arbeiter tätig, um die ungeheueren Deichbauten 
auszuführen. Und dies großartige, dem preußischen Staate zu hohem 
Ruhme gereichende Werk konnte vollendet werden, ohne die Steuerzahler 
irgend zu belasten; die 2 Mill. Tlr., die bereits als jährlicher Staats- 
zuschuß für den Eisenbahnbau angewiesen waren, genügten allein schon, 
um die Anleihe zu verzinsen und zu tilgen. Trotzdem schien die Bewilli- 
gung, wegen der leidlichen Verfassungsfrage, den Ständen ganz unmöglich. 
Die große Mehrheit der Ostpreußen setzte ihren Stolz darein, dem 
Lande zu beweisen, daß sie nicht um ihres Vorteils willen die ständischen 
Rechte preisgeben wollten. Einer ihrer angesehensten Edelleute, Saucken- 
Tarputschen, ein alter Kämpfer aus den Befreiungskriegen, dessen unver- 
brüchliche Treue der König selbst wohl kannte, erklärte feierlich: „Wenn 
ich auch alle Hütten meines Landes durch die Bewilligung des Anlehens 
  
*) S. o. V. 185. 
*) S. o. V. 497. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 40
        <pb n="634" />
        626 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
zu Schlössern verwandeln könnte, so würde ich in dem Glauben, daß 
mit leichtem und ruhigem Gewissen es sich glücklicher und behaglicher in 
einer Hütte, als mit einem beschwerten im Palaste selbst wohnen läßt, 
dagegen stimmen.“ Und wieder verteidigte Vincke in einer hinreißen- 
den Rede das, was er Recht nannte: „Es gibt Lagen in dem Leben 
der Staaten, wo der Patriot sein Haupt verhüllt, in sein Inneres zu- 
rückgeht und den festen Entschluß faßt, nur der inneren Stimme zu folgen, 
welche ihm zuruft: tue recht und scheue niemand!“ Hansemann aber 
benutzte die Gelegenheit, um auch den Kriegsschatz anzugreifen, der, nach 
seiner kaufmännischen Weltanschauung, dem Staate in Zeiten der Be- 
drängnis viel weniger nützte als eine gute Nationalbank, und beantragte, 
die Krone möge vorläufig 10 Mill. aus dem Staatsschatze für diesen Eisen- 
bahnbau verwenden. Dabei tat er den kühnen Ausspruch, der in der 
zartbesaiteten Geschäftswelt überall Widerhall fand und alsbald zum ge- 
flügelten Worte wurde: „in Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf.“ 
Und war denn das Recht, um dessentwillen so viel Pathos ver- 
schwendet wurde, wirklich so unzweifelhaft und so wertvoll? Konnten die 
Ostpreußen nach Vollendung der Ostbahn wirklich nicht mehr in ihren 
Hütten und Palästen mit ruhigem Gewissen schlafen — bloß weil der 
Vereinigte Landtag seine periodische Berufung zwar mit Gewißheit er- 
warten durfte, aber noch nicht förmlich zugesichert erhalten hatte und das 
Recht der Bewilligung von Kriegsanleihen noch nicht besaß? Durften 
die Stände wegen solcher Spitzfindigkeiten das Wohl des Landes mit 
Füßen treten und ein Gesetz, das sie selber vollkommen billigten, zurück- 
weisen? Otto v. Bismarck wenigstens vermochte diesem Rechtsfanatismus 
nicht zu folgen. Unter dem lauten Murren der Versammlung warf er 
den Gegnern vor, sie wollten „gleichsam ein Retentionsrecht an dem 
Rechte der Anleihebewilligung ausüben“; er fragte, ob sie es nicht selber 
„mit dem Namen der Erpressung brandmarken“ würden, wenn die 
Regierung ihre administrativen Wohltaten von dem politischen Verhalten 
der Provinzen abhängig machte? Die Warnung des jungen Feudalen, den 
man überall nur für einen Heißsporn der Reaktion ansah, fruchtete nichts. 
Die Anleihe wurde mit Zweidrittel-Mehrheit verworfen, obgleich der 
gesamte Herrenstand mit einer einzigen Ausnahme dafür stimmte. Da 
die Stände jedoch den Unsinn dieser Ablehnung selber fühlten, so fügten 
sie noch die völlig widersprechende Bitte hinzu: der König möge dem 
nächsten Landtage eine neue Proposition über die Ostbahn vorlegen 
und bis dahin die begonnenen Arbeiten fortsetzen lassen. 
Diese unselige Verhandlung entschied über das Schicksal des Land- 
tags. Sie brachte den König, der die ganze Verwirrung freilich selbst 
verschuldet hatte, Zzu der Einsicht, daß er sich mit seinen Ständen nicht 
verständigen könne. Wie hoffnungsvoll war er in die neue Laufbahn 
eingetreten. Soeben erst hatte er sich von Cornelius die Zeichnung für 
*
        <pb n="635" />
        Verwerfung der Ostbahn-Anleihe. 627 
eine schöne Denkmünze vorlegen lassen: da stand, umgeben von den vier 
Ständen, der Genius Preußens, mit der Gesetztafel des Patentes hoch in 
der Hand, und der Dämon der Empörung floh hinweg. Und jetzt lohnte 
ihm seine Lieblingsprovinz eine große königliche Wohltat mit schnöder Ver— 
neinung und verführte auch die anderen Provinzen zur Unbotmäßigkeit! 
Den Ehrennamen der „Preußen“ wollte er diesen Undankbaren in Schrift 
und Rede kaum noch gönnen. In höchstem Zorne schrieb er sofort (8. Juni) 
an Thile: „Es ist gut, daß den „Preußen die Strafe ihres wahnsinnigen 
Votierens gewaltiglich vors Angesicht gestellt werde. Es ist mein Wille, 
daß augenblicklich alle Arbeitenander Weichselbrücke und Eisen- 
bahn eingestellt werden. Mich macht das Verwerfen der Anleihe nicht 
kalt und nicht warm. Es soll aber die Preußen“ kalt und warm machen.“ 
Auch General Boyen war über das Verhalten seiner Landsleute entsetzt 
und stimmte mit dem Monarchen dahin überein: besser „eine Tat des 
Ernstes, welche den Ständen andere Taten des Ernstes und 
der Strenge ahnden läßt als eine Antwort ohne Tat auf eine Pe- 
tition viele Tage nach demgegebenen Skandal.“ Als einige der 
anderen Minister dem Monarchen vorstellten, Vertrauen erwecke Vertrauen, 
Gereiztheit erwecke Gereiztheit, da erwiderte er heftig: „Keiner der an- 
geführten Gründe faßt. Ernstes Handeln (nicht Reden) war nach meiner 
tiefsten überzeugung hier geboten. Es mußte dem erkrankenden Landtag 
und den in Ungesetzlichkeit ersoffenen „Preußen in specie ein Eimer kaltes 
Wasser über den Kopf gegossen werden. Trotz ihres Soffs wissen sie 
meisterlich das à propos zu treffen. Man muß mit derselben Waffe des 
à propos und zwar in der Realität der Staatsmacht sie bekämpfen.“) 
Der König beharrte bei seinem Willen. Lentze und seine Leute waren 
gerade in ihrem Maschinenhause feierlich versammelt, um zuzuschauen, wie 
das erste Eisenstück mit dem eingeformten Bergmannsgruße Glückauf! 
gegossen wurde; in diesem Augenblicke kam der königliche Befehl, alle 
Arbeiten sofort einzustellen. Welch ein Eindruck! Drei Jahre lang blieb 
der Brückenbau unterbrochen, nur die Deicharbeiten wurden fortgeführt. 
Die Provinz, die ja vor kurzem erst so dringend um den Bau der Ost- 
bahn gebeten, empfand den Schlag sehr schwer, und es zeigte sich un- 
zweideutig, daß die 18 Abgeordneten, welche für die Anleihe gestimmt 
hatten, mindestens unter den schlichten Leuten des flachen Landes mehr 
Anhänger besaßen als die 65 Verneinenden. Wer konnte auch die über- 
feinen Rechtsbedenken begreifen, die das Ordensland um eine solche Wohl- 
tat gebracht hatten? Volkstümlich, gemeinverständlich war die Haltung 
der Landtagsmehrheit nicht. Friedrich Wilhelm hatte jetzt alles Vertrauen 
zu seinen Ständen verloren, er mochte ihre Verhandlungen gar nicht mehr 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, 8. 10. Juni; Randbemerkung zu Thiles 
Denkschrift vom 10. Juni 1847. 
407
        <pb n="636" />
        628 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
lesen und auf den Hoffesten gab er den Mitgliedern der Opposition sehr 
deutlich seine Ungnade zu erkennen. Er wünschte nur noch raschen Ab— 
schluß der Beratungen, aber die Ehre einer persönlichen Ansprache wollte 
er den Undankbaren nicht mehr gönnen. — 
Noch viele andere hochwichtige Verhandlungen drängten sich in diesen 
elf kurzen Landtags-Wochen zusammen. Wenn der König gehofft hatte, 
bei seinen Lebzeiten würden die Stände ihr Steuerbewilligungsrecht nie— 
mals ausüben, so erwies sich diese Erwartung jetzt schon als irrig. Eine 
Erhöhung der Steuern war allerdings nicht nötig, wohl aber schien eine 
Veränderung des Steuersystems wünschenswert, und auch sie bedurfte 
jetzt der ständischen Zustimmung. Die Mahl= und Schlachtsteuer, die in 
den größeren Städten als Ersatz für die Klassensteuer diente, wurde in 
der Presse als eine Bedrückung der Armen schon von langeher heftig an- 
gefeindet; man verlangte statt ihrer die Besteuerung des Einkommens der 
höheren Stände, und dieser alte Lieblingsgedanke des rheinischen Liberalis= 
mus gewann neue Kraft, seit die Lehren der Sozialisten sich zu verbreiten 
begannen. Allerdings waren die übelstände, welche die Mahl= und 
Schlachtsteuer bewirkte, im ganzen Lande bekannt; die Belästigung des 
kleinen Verkehrs an den Stadttoren forderte den Unterschleif geradezu 
heraus, in manchen Städten kam jährlich schon auf 300, in einzelnen gar 
auf 200 Einwohner ein entdeckter Übertretungsfall. Gleichwohl hatte 
sich auch hier wieder die alte Erfahrung bewährt, daß eine theoretisch sehr 
anfechtbare Abgabe, wenn sie lange besteht und die Abwälzung sich voll- 
zogen hat, im praktischen Leben ohne sonderliche Beschwerde ertragen 
wird. Die kleinen Leute litten unter dieser verrufenen Steuer wenig oder 
gar nicht; vielmehr drängten sich die Arbeiter massenhaft gerade in die 
mahl= und schlachtsteuerpflichtigen Städte, weil ihnen die Steuer durch 
den höheren Arbeitslohn reichlich ersetzt wurde. Und war es denn so sicher, 
daß die Preise von Brot und Fleisch nach Aufhebung der Steuer be- 
trächtlich sinken mußten? Unbeschränkter Wettbewerb bestand wohl im 
großen Verkehr, doch nicht im Kleinhandel mit Lebensmitteln, welche der 
Regel nach in der Nachbarschaft der Kunden hergestellt wurden; fiel die 
Steuer hinweg, so war es für die geringe Zahl der städtischen Bäcker und 
Metzger offenbar vorteilhaft, wenn sie einander nicht gegenseitig unter- 
boten, sondern gemeinsam die Preise auf der alten Höhe zu halten suchten. 
Die Frage war sehr schwierig. Der erfahrene General-Steuerdirektor 
Kühne konnte sich von der unbedingten Notwendigkeit der Reform durch- 
aus nicht überzeugen. Aus politischen Gründen hielt er jedoch für ratsam, 
daß die Regierung aufregenden Anträgen der Stände selbst zuvorkäme 
durch einen Vorschlag, der als ein Zugeständnis an die liberale öffentliche 
Meinung freundlicher Aufnahme sicher war und, wenn er doch scheiterte, 
die bestehende Ordnung des Staatshaushalts nicht gefährden konnte. ) 
*) So gesteht Kühne in seinen Denkwürdigkeiten.
        <pb n="637" />
        Die Einkommensteuer. 629 
Der Versuch war ehrlich gemeint und fand die königliche Genehmigung. 
Die Regierung schlug dem Landtage die Aufhebung der Mahl= und Schlacht- 
steuer vor; zum Ersatze sollte die Klassensteuer für die ärmeren Stände 
auch in den Städten eingeführt, jedes Einkommen über 400 Tlr. aber 
mit einer sehr mäßigen Steuer — das fundierte mit 3, alles andere 
Einkommen mit 2 Proz. — belastet werden. Doch alsbald ergab sich, 
daß der zukunftsreiche Gedanke der Einkommensteuer, obwohl ihn die 
Presse so oft besprochen hatte, noch keineswegs zur allgemeinen Aner- 
kennung gelangt war. Vincke, Beckerath, Schwerin und mehrere andere 
Liberale erklärten sich dawider. Viele der Grundherren scheuten eine neue 
Belastung, die ihnen ohne jeden Entgelt zugemutet wurde; sie klagten 
nicht mit Unrecht, die Gesetzgebung der letzten Jahrzehnte sei zumeist dem 
beweglichen Kapital zu gute gekommen. Vornehmlich aber fürchtete man 
den fiskalischen Spürsinn, die Aufdeckung der wirtschaftlichen Verhältnisse 
jedes Haushalts; war doch auch in England die Einkommensteuer höchst 
unbeliebt, weil niemand gern die Behörden in seine Rechnungsbücher 
blicken ließ. Der beste politische Kopf der rheinischen Liberalen, Ludolf 
Camphausen, ein hoch aufgerichteter hagerer Mann mit scharfen Zügen 
und strengen großen Augen, verteidigte zwar die Vorschläge der Regierung 
in einer gedankenvollen Rede, und es war ein Zeichen der Zeit, wie 
unbefangen dieser reiche kölnische Kaufherr, der in der Zollpolitik ganz 
freihändlerisch dachte, den gesunden Kern der neuen sozialistischen Lehren 
würdigte. Er gestand — was die englische Manchesterschule durchaus 
nicht zugab — daß der Mensch, der lebe, auch das Recht habe zu leben, 
und die Gesellschaft dies Recht in weiterem Umfange als bisher aner- 
kennen müsse; er verlangte die Einkommensteuer, damit die kleinen Leute 
entlastet, die Wohlhabenden durch die Selbsteinschätzung fühlbar an ihre 
sozialen und politischen Pflichten erinnert würden. Die Mehrheit ließ 
sich jedoch nicht überzeugen; der Landtag begnügte sich mit der unbe- 
stimmten Bitte, die Regierung möge auf eine Erleichterung der Abgaben 
der ärmsten Klassen hinwirken. 
Heftigeren Streit erregte das neue Judengesetz. Obgleich Friedrich 
Wilhelm die Juden so wenig liebte und durch Jacobys Königsberger Ge- 
nossen unaufhörlich gereizt wurde, so hielt er doch für Königspflicht, auch 
ihnen gerecht zu werden. Er beschloß, das milde Hardenbergische Juden- 
gesetzvom Jahre 1812, das bisher nur in den alten Provinzen bestand, von 
den übrigen Provinziallandtagen aber als allzu liberal zurückgewiesen 
worden war,') mit einigen Abänderungen in dem gesamten Staatsge- 
biete einzuführen. Leider verleitete ihn seine Vorliebe für ständische Glie- 
derung dabei zu einem Mißgriff: er dachte die Judenschaften als Kor- 
porationen abzuschließen, was doch rein unmöglich war, da gerade die 
  
*) S. o. III. 378.
        <pb n="638" />
        630 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
gebildeten, germanisierten Juden nicht wünschen konnten, als eine selb— 
ständige Nation neben ihren deutschen Mitbürgern aufzutreten. Wurde 
dieser Fehler noch ausgemerzt, so bot der Gesetzentwurf den Juden in 
der Mehrzahl der neuen Provinzen unleugbar eine dankenswerte Er— 
leichterung. Sie erlangten fortan vollständige Gleichheit der bürgerlichen 
Rechte und Pflichten; nur die landständischen Rechte, die eigentlich 
obrigkeitlichen Ämter und ein Teil der Lehrerstellen blieben ihnen noch 
versagt. 
Preußens Judenschaft bestand aus sehr ungleichen Schichten. Zu ihr 
zählten die großen und kleinen Geschäftsleute, darunter viele hochgeachtete; 
sodann die buntgemischte Schar der Gelehrten, Ärzte und Literaten, die 
zum Teil durch ihre radikale Gesinnung den Behörden lästig, aber bürger— 
lich achtbar waren. Dazu endlich ein entsetzlicher Pöbel, der außer einigen 
ehrlichen armen Leuten eine Unzahl von Wucherern und Güterschlächtern, 
Trödlern und Roßtäuschern, Schnaps- und Bordellwirten, Faktoren und 
Schadchen, Hausierern und Schnorrern, Hehlern und Stehlern umfaßte; 
die deutsche Gaunersprache war ja mit hebräischen Worten überladen. 
Diese Hefe des Judentums saß vornehmlich im Großherzogtum Posen, 
in ihr hatte sich aller Schmutz der polnischen Geschichte abgelagert; deutsch 
war an diesen Leuten mit dem stinkenden Kaftan und den Locken des 
Gesetzes noch nichts als ihre abscheulich verhunzte Sprache. Darum hatte 
der preußische Staat die Judenschaft Posens von jeher nach besonderen 
Gesetzen behandelt und sie neuerdings (1833) förmlich in naturalisierte 
Juden und Schutzjuden eingeteilt. Der Schutzjude durfte weder das Bür- 
gerrecht in den Gemeinden erwerben noch in eine andere Provinz über- 
siedeln; wenn er aber ein ehrbares bürgerliches Gewerbe trieb oder ein 
kleines Landgut bewirtschaftete oder seine Wehrpflicht untadelhaft er- 
füllte oder auch nur von den Ortsbehörden ein Zeugnis der Würdigkeit 
erhielt, dann erlangte er leicht die Naturalisation und damit alle Rechte 
der Juden in den alten Provinzen. Diese auf Betrieb des liberalen Ober- 
präsidenten Flottwell ergangene Verordnung wirkte sehr wohltätig; die 
besseren der kleinen Posenschen Juden suchten sich an deutsche Sitte und 
geregelte Arbeit zu gewöhnen, um dadurch zur Naturalisation zu gelangen. 
Währte diese heilsame Beschränkung noch eine Reihe von Jahren hindurch, 
dann konnte man vielleicht hoffen, die jüdische Einwanderung nach Berlin 
und den Nachbarprovinzen, die sich auf die Dauer doch nicht abwenden ließ, 
einigermaßen zu regeln, so daß sie nicht zur offenbaren Landplage wurde. 
Die Schranke plötzlich hinwegzunehmen, war schon darum unratsam, weil 
die Juden aus dem russischen Polen, die noch viel tiefer standen als 
ihre Posener Stammgenossen, bereits gierig nachdrängten und ihr 
Einbruch schwer zu hindern war. Auch die Ausschließung der Juden 
von den Staatsämtern entsprach unzweifelhaft der im Volke vorherrschen— 
den Gesinnung, denn alle Obrigkeit bedarf des Ansehens und des Ver—
        <pb n="639" />
        Beratung über das Judengesetz. 631 
trauens, an die Gerechtigkeit eines jüdischen Richters aber wollten die 
Bauern schlechterdings nicht glauben. 
In den höheren Ständen dagegen war die Meinung neuerdings stark 
umgeschlagen. Vor zwanzig Jahren noch hatten nicht bloß die christlich— 
germanischen Burschenschafter und die konservativen preußischen Provin— 
zialstände, sondern auch die süddeutschen Liberalen die Gleichberechtigung 
der Juden entschieden bekämpft. Noch nach der Juli-Revolution (1831) 
veröffentlichte Paulus, das Haupt der liberalen Rationalisten, eine sehr 
scharfe Schrift gegen die „jüdische National-Absonderung“. Auch Rotteck, 
Welcker und ihre Freunde in der badischen Kammer verwarfen damals noch 
die völlige Gleichstellung — manche wohl nur, weil sie sich vor der entschie— 
denen Abneigung ihrer Wähler fürchteten. Aber nach und nach drang 
die abstrakte französische Lehre von dem gleichen Staatsbürgertum aller 
Einwohner auch in Deutschland vor; die jüdischen Zeitungsschreiber ver— 
breiteten sie geschäftig und wußten das klug ersonnene neue Schlagwort 
„Juden-Emanzipation“ geschickt zu verwerten, obgleich mindestens in den 
alten preußischen Provinzen eine Sklaverei der Israeliten nicht bestand. 
Kurhessen war das erste deutsche Land, das den Juden (1833) die un— 
bedingte Gleichberechtigung gewährte; der mit Amschel Rothschild so nahe 
befreundete Prinzregent wagte den Anträgen des liberalen Landtags nicht 
zu widersprechen. Dieser erste Versuch bewährte sich sehr schlecht. Gerade 
hier kam an den Tag, daß die Sünden des Wuchers und des Truges 
durchaus nicht bloß Folgen der Unfreiheit, sondern tief eingewurzelte, 
so leicht nicht zu überwindende jüdische Nationallaster waren; gerade 
hier, wo die Juden nach Belieben jeden Beruf ergreifen konnten, zeigten 
sie sich als grausame Blutsauger des armen Landvolks, und so wurde 
diese Wiege der deutschen Judenbefreiung sehr bald zur Heimstätte eines 
ganz fanatischen Judenhasses. Trotzdem hielt der Luftzug aus dem Westen 
an, das französische Recht wurde in weiten Kreisen als die geschriebene 
Vernunft angesehen; der reiche Breslauer Fabrikherr Milde, ein in Frank— 
reich und England gebildeter ehrlicher Vorkämpfer des neuen liberalen 
Bürgertums, verlangte im Vereinigten Landtage schon kurzweg, man solle 
nur einfach die napoleonischen Gesetzbücher mit geringen Änderungen in 
dem gesamten preußischen Staate einführen. 
Auch die Kirchenfeindschaft der radikalen Dichter und Philosophen 
kam den Wünschen der Juden entgegen. Geringschätzung aller religiösen 
Gefühle galt schon für das Kennzeichen starker Geister, und der ungeheuer- 
lichen Behauptung, daß der Protestantismus dem Judentum näher stehe 
als der katholischen Kirche, stimmten viele der liberalen Protestanten zu, 
welche das Wesen ihres Glaubens nur im Kampfe gegen Rom suchten. 
Argen Mißbrauch trieben die Verteidiger der Juden-Emanzipation mit dem 
großen Namen Lessings. Das herrliche Märchen von den drei Ringen, 
dessen tiefsinnige Ironie sich doch leicht erkennen läßt, da ja nur einer
        <pb n="640" />
        832 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
der Ringe echt ist, wurde ganz gedankenlos ausgelegt, als wäre Lessing 
selber ebenso stumpfsinnig gewesen wie seine Erklärer, als hätte er den 
gewalttätigen Islam oder das längst zur Mumie erstarrte Judentum wirk— 
lich der Religion der Liebe und der Freiheit gleich stellen wollen. In der 
Hauptstadt herrschte seit dem Adressensturme der Lichtfreunde wieder fast 
unumschränkt jene selbstgefällige Aufklärung, welche einst, zu Nicolais 
Zeiten, ihren Ausdruck gefunden hatte in den echt berlinischen Versen: 
„Daß Gott sei, lehrte Moses schon; doch den Beweis gab Moses Men— 
delssohn.“ Humboldt und sein Kreis wollten als unbedingte Verehrer 
der französischen Revolution in jeder Beschränkung der politischen Rechte 
der Israeliten nichts sehen als Glaubensdruck und finstere Barbarei. Leider 
kannte der große Reisende sein eigenes Vaterland weit weniger als Mexiko 
oder Sibirien. Er übersah, daß in Preußen nach Verhältnis mindestens 
achtmal mehr Juden lebten als in Frankreich, und daß diese Israeliten 
dem polnischen Stamme angehörten, nicht, wie damals noch die Mehrzahl 
der französischen Juden, dem bildsameren, den Abendländern näher stehen— 
den spanischen Judenstamme. Da er selbst mehr Weltbürger als Deutscher 
war, so entging ihm auch das allerwichtigste Bedenken: daß die Deutschen 
leider nicht jenen schönen instinktiven Nationalstolz besaßen, der in Frank— 
reich jedes fremde Volkstum zwang, sich der nationalen Sitte unbedingt zu 
unterwerfen. 
Unterdessen hatte das deutsche Judentum einen tapferen, beredten 
Vorkämpfer gefunden an dem Hamburgischen Juristen Gabriel Riesser, 
einem edlen, vaterländisch gesinnten Manne, dem seine Freunde nachrühm- 
ten, in ihm sei das Recht Gemüt geworden. Die Gleichberechtigung seiner 
Stammgenossen war ihm Herzenssache; seit dem Anfange der drei- 
ßiger Jahre vertrat er sie, oft heftig, aber immer ehrenhaft, in seiner 
Zeitschrift „der Jude“ und in zahlreichen Flugschriften. Selber ein ge- 
mäßigter Liberaler, faßte er mutig den Stier bei den Hörnern und be- 
kämpfte namentlich die badischen Liberalen. Er wußte wohl, daß seine 
Stammgenossen, nur wenn sie durchaus zu Deutschen wurden, das gleiche 
Recht verlangen durften; doch da er selbst so grunddeutsch empfand wie 
sein wackerer Freund M. Veit in Berlin und die anderen gebildeten Juden 
seines näheren Umgangs, so behauptete er kurzweg, die deutschen Juden 
hätten ihrer alten Nationalität schon längst entsagt. Hier lag die Schwäche 
seiner Ausführungen; er setzte voraus, was zu beweisen war. Wären alle 
deutschen Juden wirklich so gesinnt gewesen wie dieser begeisterte Patriot, 
dann hätte ihre Gleichberechtigung in unserem weitherzigen Volke keinen 
Widerstand gefunden. 
Die Landtagsverhandlungen litten, wie noch heute jeder Streit um 
die Judenfrage, unter einer rechtlichen Unklarheit. Jude im Sinne des 
Rechts war nur der Bekenner der mosaischen Religion; wer die vollstän- 
dige Gleichberechtigung der Juden bekämpfte, geriet also leicht in den
        <pb n="641" />
        G. Riesser. Der christliche Staat. 633 
falschen Schein, als ob er die religiöse Duldung, den alten Ruhm Preußens 
beeinträchtigen wollte. Und doch wurde die preußische Gesetzgebung den 
Juden gegenüber schon seit anderthalb Jahrhunderten allein durch weltlich— 
politische Gedanken bestimmt. Religiöse Skrupel waren es doch wahrhaftig 
nicht, welche den königlichen Freigeist Friedrich bewogen, den Namen Moses 
Mendelssohn von der Kandidatenliste der Akademie zu streichen; und wenn 
der Staat gegenwärtig die Posener Schutzjuden nur unter gewissen Be— 
dingungen naturalisierte, so verlangte er von ihnen doch durchaus keine 
Verleugnung religiöser Gesinnungen, er forderte nur, daß sie sich durch 
ehrliche Arbeit ernähren und die schwierige Kunst des Waschens und des 
Kämmens nicht gänzlich verabsäumen sollten. Die Staatsgewalt nahm an, 
und in der Regel mit Recht, daß ein Jude, sobald er sich taufen ließe, 
damit auch die Absicht bekundete, ganz zum Deutschen zu werden; sie 
glaubte, dies fremde, der Masse der deutschen Nation unzweifelhaft ver- 
haßte Volkstum sei bisher in seiner Gesittung noch nicht genugsam germa- 
nisiert, und man könne darum noch nicht wagen, christliche Deutsche unter 
den Befehl jüdischer Beamten zu stellen. Um diese rein politische Frage 
bewegte sich in Wahrheit der ganze Streit. Das Gesetz aber durfte die Juden 
nur als eine religiöse Gemeinschaft ansehen, weil eine andere rechtliche 
Grenze zwischen Deutschen und Juden sich ohne Willkür nicht feststellen 
ließ. Darum stützten sich die Verteidiger des bestehenden Rechts auf die 
Lehre vom christlichen Staate, die, wie geistvoll sie auch neuerdings in 
Stahls Schriften vertreten wurde, doch die Rechtsbegriffe nur noch mehr 
verwirren konnte. Denn so gewiß die Deutschen ein christliches Volk, ihr 
ganzes Leben und mithin auch ihre Gesetze von christlichem Geiste durch- 
drungen waren, ebenso gewiß war der deutsche Staat eine weltliche Ord- 
nung, die ihren eigenen Rechts= und Machtzwecken lebte und alle religiöse 
Tätigkeit grundsätzlich den Kirchen überließ. Überdies bestand das Christen- 
tum rechtlich nur in der Form bestimmter Konfessionen, geschlossener 
Kirchen, und da das paritätische Preußen keine Staatskirche kannte, so ver- 
loren sich die Verteidiger des christlichen Staates in unbestimmte, allge- 
meine Behauptungen, denen die Gegner mit ebenso allgemeinen Sätzen über 
Menschenrecht und Menschenwürde antworteten. Auch allerhand häßliche 
Nebenrücksichten spielten bei der Verhandlung mit; das Judentum hatte sich 
in die moderne Gesellschaft schon so tief eingefilzt, daß eine rein sachliche 
Behandlung der Frage längst nicht mehr möglich war. In der vornehmen 
Welt wußte jedermann, daß manche der Grundherren im Landtage jüdische 
Schuldknechte waren und ihre Abhängigkeit von den Berliner Bankiers, die 
hinter den Kulissen geschäftig arbeiteten, doch nicht gern verraten wollten.) 
So kam es, daß die lange Beratung über das Judengesetz nur wenig 
fruchtbare Gedanken zu Tage förderte. Im Namen des Christentums 
  
*7) Berichte von Knyphausen, 21. Mai, von Platen, 13. Juni 1847.
        <pb n="642" />
        634 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
mahnte Beckerath salbungsvoll: „Lassen Sie uns keinen, dem Gott das 
unvergängliche Siegel seines Ebenbildes auf die Stirn gedrückt hat, aus— 
schließen aus dem Kreise menschlicher Berechtigung!“ Aber das Menschen— 
recht bestritt den Juden niemand, sondern nur das Recht, Staatsämter 
in einem christlichen Volke zu bekleiden. Ebenso unglücklich sprach Minister 
Thile, als er endlich seine schweigsamen Lippen zu einer Rede, die einer 
Predigt glich, öffnete. Er meinte, der Jude könne niemals ein Deutscher, 
ein Preuße werden, sein Vaterland sei Zion — eine Behauptung, die 
doch nur auf die kleine Zahl der streng gläubigen Israeliten zutraf. Auch 
Eichhorn zeigte sich nicht als wirksamer Redner, als er die Idee deschrist— 
lichen Staates verteidigte. Diese christlichen Doktrinen überschüttete dann 
Vincke mit der Lauge seines Hohnes, in einer blendenden, aber höchst 
unklugen Rede, die geradezu darauf auszugehen schien, den frommen König 
in seinen heiligsten Gefühlen zu verletzen, und im Grunde nur flaches 
Gespött enthielt. Unter schallendem Gelächter führte er aus: ein christ— 
licher Staat sei doch unmöglich, da die Bibel sage: du sollst nicht töten 
— und was der Witze mehr war; daß dieselbe Bibel tief ernst von der 
Notwendigkeit des Krieges und der Hinrichtungen spricht, schien er gar 
nicht zu wissen. Mit der ganzen Dreistigkeit der Sarmaten empfahl nach- 
her der Pole Jaraczewski die Emanzipation der Juden, damit seine Heimat 
Posen von der üÜberzahl ihrer Israeliten entlastet würde; um die ge- 
duldigen deutschen Nachbarn zu beschwichtigen, sagte er tröstend: die Juden 
glichen dem Wasser, das aufgestaut leicht versumpfe und das Land ver- 
peste, aber frei durch die Gefilde dahinströmend alle seine wohltätigen 
Eigenschaften zeige. 
Der liberalen Mehrheit behagten die fröhlichen Weissagungen des 
Polen weit mehr als die Warnungen des Pommern v. Thadden--Trieg- 
laff, der, im schärfsten Gegensatze, „die Emanzipierung der Christen von 
den Juden“ verlangte und namentlich die Wirksamkeit jüdischer Lehrer 
in christlichen Schulen gefährlich fand. Thadden war eines jener Ori- 
ginale, wie sie in dem erregten Gemütsleben der Erweckten, der Stillen 
im Lande sich zuweilen ausbilden, ein gottseliger Kriegsmann aus den Be- 
freiungskämpfen, tief fromm, von kindlicher Sittenreinheit, mildtätig bis 
zur Verschwendung, aber ganz und gar kein Kopfhänger, vielmehr heiter, 
überaus witzig, vielbelesen, frei von Menschenfurcht und darum gern bereit, 
den Gegnern seiner hochlegitimistischen Gesinnung jeden Freimut zu ge- 
statten. Wer ihm näher trat, mußte den Patriarchen Hinterpommerns 
lieb gewinnen; die Liberalen aber hielten ihn kurzweg für einen Narren. 
Nicht viel höher schätzten sie seinen jungen Liebling Bismarck, der 
jetzt ebenfalls die Lehre vom christlichen Staate verteidigte. Naiv wie 
der Genius ist, bekannte sich Bismarck zu der naturwüchsigen Empfindung, 
die in der Masse des deutschen Landvolks unleugbar vorherrschte: „ich 
würde mich tief niedergedrückt und gebeugt fühlen, wenn ich mir als Re-
        <pb n="643" />
        Bismarck. Das neue Judengesetz. 635 
präsentanten der geheiligten Majestät des Königs einen Juden denke.“ 
Dann schlug er die tiefen Töne deutschen Stolzes an. Beckerath hatte 
nach seiner elegischen Weise von einem jüdischen Jüngling gesprochen, der 
im Befreiungskriege gefallen war und sich also, da die Juden noch immer 
nicht Minister werden konnten, umsonst aufgeopfert hatte. Gegen diese 
dünne Gefühlsseligkeit brach nun Bismarck gewaltig los: „Ich kann nicht 
glauben, daß ein Blut vergebens geflossen ist, welches für die deutsche 
Freiheit floß, und bisher steht die deutsche Freiheit nicht so niedrig im 
Preise, daß es nicht der Mühe lohnte dafür zu sterben, auch wenn man 
keine Emanzipation der Juden damit erreicht.“ Ein großes Opfer wollte 
er in einem solchen Tode überhaupt nicht sehen; vielmehr wünschte er 
den Deutschen „das stolze Gefühl der National-Ehre“, das den Engländern 
und Franzosen verbiete, ihre Gesetze dem Auslande nachzubilden. 
Auf diese Gedanken kam er auch in anderen Reden beharrlich zurück. 
Nichts empörte ihn tiefer als das liberale Märchen, daß die Preußen um 
der erhofften Verfassung willen den Freiheitskrieg geführt hätten. Für 
diesen Krieg, erwiderte er heftig, brauchte unser Volk keinen „anderen 
Grund als die Schmach, daß Fremde unserem Lande geboten“; wer das 
leugnet, „erweist der National-Ehre einen schlechten Dienst.“ Und als die 
Liberalen den jungen Mann, der ja die Befreiungskriege nicht mit erlebt 
hatte, von oben herunter abfertigten, da erwiderte er mit jenem mächtigen 
Selbstgefühle, dessen Berechtigung erst die Taten der Zukunft erweisen 
sollten: „Ich habe immer geglaubt, daß die Knechtschaft, die damals be- 
kämpft wurde, im Auslande gelegen habe; soeben bin ich aber belehrt 
worden, daß sie im Inland gelegen hat, und ich bin nicht sehr dankbar 
für diese Aufklärung.“ Über die Macht und Einheit des Vaterlandes 
hatte schon mancher Redner dieser reichbegabten Versammlung edel und 
warn gesprochen; aber so kühn, so sicher, mit einem solchen Teutonentrotze 
wie dieser verrufene märkische Junker sagte doch niemand sonst: Deutsch- 
land über alles! Es war die Stimme des Mannes, der einst das Werk 
der Staufer und der Hohenzollern vollenden sollte. 
Die Kurie der drei Stände verlangte noch einige Erweiterung der jü- 
dischen Rechte, sie wollte sogar die Juden Posens den übrigen sofort gleich 
stellen. Da die Herrenkurie jedoch diesem leichtsinnigen Beschlusse wider- 
sprach, so blieb die für alle Teile heilsame Sonderstellung der Posener 
Juden bestehen, und am 23. Juli 1847 wurde das neue Judengesetz ver- 
öffentlicht, das im wesentlichen dem Entwurfe der Regierung entsprach; 
nur der unglückliche Gedanke der Einrichtung inkorporierter Judenschaften 
war aufgegeben. Der milde und gerechte Geist des Gesetzes ließ sich gar 
nicht verkennen, wenn man die Zustände der deutschen Nachbarstaaten 
verglich: die sächsischen Juden durften ja nur in zwei Städten des Landes 
wohnen, die mecklenburgischen an manchen Orten nicht einmal übernachten. 
Aber der Dank blieb aus, die hochherzige Gewährung weckte nur neue
        <pb n="644" />
        636 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
Begehren. Die liberale Presse lärmte, sie forderte die Freiheit wie in 
Kurhessen, und schon ließ sich vorhersehen, daß die Gedanken des na— 
poleonischen Rechts über lang oder kurz den Sieg erringen würden. 
Auch die Polen verlangten von den Ständen „Erhaltung ihrer Na— 
tionalität und Sprache.“ Aber im Vereinigten Landtage zeigten dieselben 
Männer, die auf ihrem Provinziallandtage so oft zuchtlos getobt hatten, 
eine auffällige Bescheidenheit, Fürst Radziwill galt in der Herrenkurie so— 
gar für einen warmen Anhänger der Regierung. Die Mäßigung war schlau 
berechnet; denn der große Polenprozeß stand gerade vor der Tür, und die 
polnischen Abgeordneten fürchteten durch Kundgebung ihrer wahren Ge- 
sinnung das Schicksal ihrer angeklagten Landsleute zu erschweren. Die Li- 
beralen erwiesen den Polen, trotz der frechen Empörung des vergangenen 
Jahres, eine schwächliche, sentimentale Teilnahme. Vincke sprach wieder 
sehr schön und wieder sehr unklug, ohne jede Sachkenntnis; er empfahl 
Nachgiebigkeit, damit die Polen „sich ganz deutsch und preußisch fühlten“ — 
woran sie doch selber gar nicht dachten. Wie tief ward diese deutsche Fremd- 
brüderlichkeit beschämt, als der oberschlesische Pole Wodiczka jede Ge- 
sinnungsgemeinschaft mit den Posener Unzufriedenen feierlich zurückwies. 
Die Polen, rief er aus, sehen uns nicht als polnische Brüder an; und in 
der Tat waren die schlesischen Wasserpolaken von ihren sarmatischen Nach- 
barn durch die Verschiedenheit der Geschichte, der Sitten, des Dialekts 
scharf getrennt und der Krone Preußen dankbar ergeben. „Wir Oberschle- 
sier“, so schloß Wodiczka, „wollen nur als deutsche Brüder, als Preußen 
angesehen und behandelt werden.“ Der Landtag nahm die Petition der Po- 
sener an, obgleich er sich, nach dem Patente, mit Provinzialbeschwerden 
nicht befassen durfte. Der sechsjährige gemeinsame Kampf gegen die Regie- 
rung hatte die Provinziallandtage einander genähert, der Parteigeist über- 
wucherte den alten deutschen Markmannenstolz, die liberalen Polen zu be- 
günstigen galt jetzt selbst in Ostpreußen schon als eine liberale Ehrenpflicht. 
Der König aber, der seinen Polen auch nichts übel nahm, ließ die Bittsteller 
gnädig bedeuten, sie sollten ihren Antrag gehörigen Orts, bei ihrem Pro- 
vinziallandtage oder unmittelbar vor dem Throne einbringen, dann könnten 
sie wohlwollender Prüfung sicher sein. Nachher wurde die Mehrheit durch 
ihre Polenschwärmerei noch zu einem höchst unziemlichen Beschlusse ver- 
leitet: sie bat den König schon im voraus, gegen die gefangenen polnischen 
Verschwörer „nach Möglichkeit Gnade walten zu lassen“, obgleich doch erst 
der bevorstehende Polenprozeß erweisen konnte, wie schwer diese Rebellen 
sich gegen ihre milde Regierung vergangen hatten. Eine Besprechung ward 
absichtlich unterlassen, weil man die Gefühle der polnischen Abgeordneten, 
deren Freunde und Verwandte im Kerker saßen, zartsinnig schonen wollte. 
Wie hier, so wurden auch in vielen anderen Fällen die kleinlichen 
Vorschriften der Geschäftsordnung übertreten. Der König stand schon 
längst auf der schiefen Fläche, vor der ihn Metternich so oft gewarnt hatte.
        <pb n="645" />
        Polnische Klagen. Auswärtige Politik. 637 
Ein solcher Landtag, so zahlreich, so stark an Talenten, so tief bewegt von 
den Ideen einer unruhigen Zeit, mußte geradezu übergreifen, er mußte 
alles, was des Vaterlandes Wohl und Wehe berührte, zu besprechen suchen. 
Nach dem Patente sollte er sich nur mit inneren Angelegenheiten befassen; 
die Einverleibung Krakaus aber und die langjährige Unterbrechung des 
Handelsverkehres mit dem revolutionären Spanien hatten in mehreren 
Provinzen, zumal in Schlesien, Handel und Wandel schwer geschädigt, und 
wie konnte man diese Landesbeschwerden erörtern, ohne die europätische 
Politik zu berühren? Minister Canitz erkannte das selbst und versicherte 
den Ständen, eine taktvolle Besprechung der auswärtigen Angelegenheiten 
solle ihnen nicht verboten werden. Wie wenig ahnte er die Wirkung seiner 
leichthin gesprochenen Worte! Alles jubelte; man nahm an, die Krone 
wolle den Ständen freiwillig ein neues Recht gewähren. Auch der Mar- 
schall der Kurie der drei Stände, Rochow-Stülpe teilte diese Meinung. Er 
hatte vor kurzem noch in der Verfassungskommission alle reichsständischen 
Pläne des Königs hartnäckig bekämpft, er war nachher gleichwohl zum 
Landtagsmarschall ernannt worden und bemühte sich mit großer Selbst- 
verleugnung, sein schwieriges Amt unparteiisch zu handhaben. Jetzt er- 
klärte er einfach: bisher hätte er alle Petitionen über auswärtige Politik 
als unstatthaft zurückgewiesen, nunmehr würde er sie zulassen. 
Darüber gerieten nun der Hof und das gesamte konservative Lager 
in begreifliche Aufregung. Der Prinz von Preußen bestürmte seinen könig- 
lichen Bruder mit ernsten Vorstel lungen. Ohnehin kein Freund des sarka- 
stischen Canitz, lebte er ganz in den Gedanken preußischer Großmachts- 
politikl; und wohin trieb man, wenn dieser Landtag, der nur zu beraten 
hatte, also keinerlei Verantwortlichkeit trug, die europäische Politik der 
Krone jederzeit durch leichtfertige Petitionen stören durfte? Der alte Welfe, 
der dem preußischen Minister als einem Gegner des hannoverschen Staats- 
streichs noch von seiner Gesandtschaftszeit her grollte, schrieb hämisch: 
„Habe mich nicht geirrt auf Dummheit des Canitz.“*) Am Berliner Hofe 
sagte man laut: Canitz verdiene an demselben Stricke gehenkt zu werden, den 
er sich selber durch seine Rede gedreht hätte. König Friedrich Wilhelm 
wollte diesen Minister, der ihm besonders wert war, nicht fallen lassen; er 
fühlte auch, daß man dem Landtage die auswärtige Politik nicht gänzlich 
verschließen konnte. Aber solange er selbst in königlicher Weisheit noch 
nichts geändert hatte, sollten ihm die Stände keinen Schritt weit über 
die gewährten Rechte hinausgehen. Darum nannte er (20. Mai) die Rede 
des Landtagsmarschalls „funest“ und sagte: „Das ist gegen mein Gesetz 
vom 3. Febr. und muß coute que coute repariert werden.““*) Nach 
einem großen Ministerrate sah sich Canitz genötigt, vor dem Landtage 
*) Knyphausens Bericht, 22. Mai 1847, mit Randbemerkung König Ennst 
Augusts. 
**) König Friedrich Wilhelm an Thile, 20. Mai 1847.
        <pb n="646" />
        638 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
seiner ersten Rede eine stark einschränkende Auslegung zu geben. Aber 
die Schleußen waren geöffnet. Heftige Ausfälle gegen den Deutschen Bund, 
leidenschaftliche Klagen über die Zerrissenheit des Vaterlandes ließen sich 
nicht mehr verbieten. Eine Petition um Wahrung des deutschen Rechts 
in Schleswigholstein wurde sogar förmlich an eine Kommission verwiesen. 
Deren Bericht kam erst spät zu stande, erst in dem Augenblicke, da der Land— 
tag geschlossen werden sollte. Da erhob sich plötzlich Graf Schwerin und 
verlas eigenmächtig vor dem gesamten Landtage den Kommissionsbericht, 
der sich sehr warm für die Rechte Nordalbingiens aussprach. Die Ver— 
sammlung stimmte mit brausendem Zurufe bei, und obwohl der Landtags- 
marschall das ungesetzliche Verfahren nachträglich rügte, so vermochte er 
doch an der geschehenen Kundgebung nichts mehr zu ändern. 
Niemand konnte es hindern, alle die lange verhaltenen Wünsche der 
ungeduldigen Zeit wurden im Landtage laut. Die Stände verlangten 
Offentlichkeit der Beratungen der Stadtverordneten, und die Krone 
konnte nicht umhin, durch eine Kabinettsordre vom 23. Juli 1847 der 
Forderung zu entsprechen. Sie beschlossen einstimmig, auf Auerswalds 
Antrag, eine Bitte um Preßfreiheit; eine Debatte hielten sie für über— 
flüssig, denn über die Unmöglichkeit der Zensur waren schon alle Par- 
teien einig. Thadden-Trieglaff veröffentlichte bei dieser Gelegenheit eine 
ungehaltene Rede, die in dem Satze gipfelte: „die Preßfreiheit, aber 
der Galgen daneben!“ Die Rede enthielt in paradoxer Form manche 
gesunde Gedanken und fand den Beifall des Prinzen von Preußen. 
Der freimütige Sonderling sah die Zeit kommen, da die Menschen 
nicht mehr an Gott, wohl aber an ihre Zeitung glauben würden; 
er erkannte die allen demokratischen Epochen gemeinsame Gefahr der 
moralischen Feigheit, die sich in der Scheu vor jeder persönlichen Ver- 
antwortlichkeit, in dem Verlangen nach geheimen Wahlen und Anonymi- 
tät der Presse bekundet. Darum forderte er Aufhebung der Zensur, 
strenge Bestrafung der Preßvergehen, Unterzeichnung aller Artikel. Aber 
die Anonymität der Zeitungen war längst mit allen modernen Lebens- 
gewohnheiten verwachsen; die Rede wurde nur verhöhnt und erlangte 
schon wegen ihres herausfordernden Hauptsatzes ganz unverdientermaßen 
einen sprichwörtlichen Ruf als Probstück reaktionärer Narrheit. Auf 
diese Forderung der Preßfreiheit wußten die Vertreter der Krone nichts 
zu antworten, als daß der Bundestag zunächst sein Preßgesetz ändern 
würde. 
Sichtlich in Verlegenheit gerieten sie auch, als Hansemann mit komi- 
schem Pathos von der Rednerbühne herab dem Landtage erst das dünne 
Heft der preußischen Staatshaushalts-Übersicht, dann die dicken Bände 
des belgischen, des französischen, des dänischen Budgets vorzeigte. Wohl 
erwiderte Bodelschwingh der Wahrheit gemäß: wir haben nichts zu ver- 
bergen; die geheimen Fonds beziffern sich bei uns nicht, wie im konstitu-
        <pb n="647" />
        Schlußverhandlungen über das Patent. 639 
tionellen Frankreich auf Millionen, sondern auf 17000 Tlr. Aber diese 
im ganzen so sparsame, so peinlich rechtschaffene Finanzverwaltung hatte 
doch auf Befehl des alten Königs 473000 Tlr. an Don Carlos gezahlt, 
und was hinderte, daß Ahnliches oder Schlimmeres wieder geschah? Eine 
gründliche und genaue Prüfung des Staatshaushalts ließ sich den Ständen 
gar nicht mehr vorenthalten; das war ihr gutes Recht, wenn sie Steuern 
und Anleihen bewilligen sollten. Während also Wünsche, Beschwerden, 
Anträge jeder Art auf den Landtag einstürmten, verstand die Opposition 
doch sehr klug, alles zu vermeiden, was sie selber zerspalten konnte. Über 
die Dissidenten wurde sehr heftig geredet, jedoch über das Verhältnis des 
Staates zur römischen Kirche sprach niemand, weil die Liberalen aus 
dem Osten ihre rheinischen Genossen nicht reizen wollten. Das Elend 
der schlesischen Weber kam zur Sprache, der Prinz von Preußen, Fürst 
Lichnowsky und andere Mitglieder der Herrenkurie verwendeten sich lebhaft 
für die Erhöhung der Garnzölle; aber eine grundsätzliche Erörterung der 
Zollpolitik wurde behutsam vermieden, weil die schlesischen und die rhei- 
nischen Liberalen zum Teil Schutzzöllner waren, ihre Freunde aus den 
Küstenlanden allesamt Freihändler. 
Während der letzten Wochen der Tagung bewegten sich die Verhand- 
lungen wesentlich um die längst vorbereiteten Anträge auf Abänderung 
der Gesetze vom 3. Februar. In dieser Erweiterung der ständischen Rechte 
sahen viele Liberale die eigentliche Aufgabe des Landtags; die Unterzeichner 
der verunglückten Erklärung der Rechte suchten jetzt ihr Ziel auf einem 
anderen Wege zu erreichen. Die Stellung der Regierung war wieder sehr 
schwierig, ihr fehlte der sichere Rechtsboden. Savigny selbst mußte die Er- 
fahrung machen, daß der große akademische Redner parlamentarischer Er- 
folge nicht sicher ist; er überzeugte niemand, als er zu beweisen suchte, 
die früheren Gesetze verpflichteten den König nicht zur regelmäßigen Be- 
rufung der Reichsstände. Als die Minister dann gar behaupteten, die 
Krone hätte keine Garantie für die preußische Bank übernommen, da ver- 
wickelten sie sich in beschämende Widersprüche; auf der Banknote, die ein 
Abgeordneter entrüstet vorwies, stand doch deutlich zu lesen, daß sie von 
allen Behörden statt baren Geldes angenommen werden mußte, und der 
König selbst sah sich genötigt, dies zur Beruhigung seiner getreuen Stände 
nochmals zu bestätigen. Jedoch auch die Opposition bewegte sich im Kreise, 
wenn sie immer wieder die unklaren Verheißungen der Hardenbergischen 
Gesetze für unzweifelhaftes Recht erklärte. „So hoch der Himmel über 
der Erde“ — sagte Vincke — „so hoch steht das Recht über den Nütz- 
lichkeitsgründen. Möge die unparteiische Geschichte sagen: der erste Land- 
tag der Krone Preußen, insbesondere die Mitglieder der Kurie der Ritter- 
schaft, der Städte und der Landgemeinden, sie wurden als treue und 
fleißige Ackerer erfunden auf dem Bo#en des Rechts, sie sind von diesem 
Boden nicht um einen Fuß breit abgewichen; nicht um eines Nagels Dicke
        <pb n="648" />
        640 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
haben sie nachgegeben von ihrem guten Rechte; sie haben stets unabänder- 
lich beharrt bei dem alten deutschen Grundsatze unserer Väter: Recht muß 
doch Recht bleiben!“ Stürmischer Beifall folgte seinen Worten, aber die 
Gegner gewann er nicht. 
Es war ein trostloses Silbenstechen, treue Patrioten standen hüben 
und drüben; und dies ganz erbitterte und erbitternde Gezänk hätte der 
König durch eine klare, rechtlich unangreifbare Fassung seines Patents so 
leicht verhindern können. Die Notwendigkeit der periodischen Einberufung 
des Landtags stellte auch Bismarck nicht in Abrede. Ohne sie fehlte dem 
Landtage das gesicherte Dasein, und den böswilligen Gerüchten, die überall 
umliefen, blieb Tür und Tor geöffnet: die allwissenden Berliner be- 
haupteten ja schon längst, der Landtag sei nur eine „Pump-Anstalt“ für 
die geldbedürftige Krone und würde erst wiederkehren, wenn die Finanzen 
wieder Not litten. Aber der König hatte schon versprochen, die Ver- 
einigten Landstände in spätestens vier Jahren wieder zu berufen; jeder- 
mann sah voraus, daß diese Frist sich tatsächlich stark verkürzen würde, 
und unterdessen sollten ja auch noch die periodischen Vereinigten Aus- 
schüsse zusammentreten. War es klug, in solcher Lage den König zu 
drängen, ihn jetzt schon zur förmlichen Anderung seiner soeben verkündig- 
ten Gesetze zu nötigen? Darüber durften einsichtige Männer wohl ver- 
schiedene Meinungen hegen. Bismarck erklärte den Liberalen zu ihrem 
heftigen Unwillen, er könne die Meinung des preußischen Volks nicht in 
den Versammlungen des Königsberger Böttchershöfchens vertreten finden; 
er riet, man möge mindestens das Gras dieses Sommers über den Streit 
wachsen lassen, ehe man neue Forderungen stelle. Auch die Herrenkurie 
wollte sich, da die Rechtsfrage so dunkel war, nicht zu einer Rechtsverwah- 
rung verstehen, sondern nur zu Bitten an den König. Sie zeigten sich 
keineswegs engherzig; die Fürsten Wied, Lichnowsky, Lynar, die Grafen 
Dyhrn, Vork, Zieten sprachen entschieden aus, Preußens Herrenstand dürfe 
nimmermehr dem Beispiel des verblendeten bourbonischen Adels folgen. 
Bei der Mehrheit aber gab den Ausschlag das Ansehen des Prinzen von 
Preußen, der nochmals, unbekümmert um die Verleumdungen draußen, für 
seinen königlichen Bruder eintrat. Immer wieder mahnte er zum Ver- 
trauen: wenn es je einen König von Preußen geben könnte, der die stän- 
dischen Rechte willkürlich ändern wollte, „so glaube ich mit Stolz sagen 
zu können, daß ein solcher König nicht seiner Ahnen würdig dastehen würde. 
Daß ich diese Gesinnungen meinem Sohne einprägen und sie auf ihn ver- 
erben werde, diese Versicherung glaube ich geben zu können, und so Gott 
will, wird es so weiter gehen.“ So dachte er stets nur an seinen Sohn; 
seine eigene Zukunft ahnte er nicht. 
Nach langwierigen Verhandlungen kamen alle schärferen Anträge zu 
Falle, und die vier Kurien einigten sich über eine sehr bescheidene Petition: 
sie baten den König um periodische Einberufung des Landtags und dem-
        <pb n="649" />
        Wahl der Vereinigten Ausschüsse. 641 
gemäß um Beschränkung des Wirkungskreises der Vereinigten Ausschüsse; 
sie baten ihn endlich, „mit Beziehung auf die frühere Gesetzgebung und 
aus Gründen der Nützlichkeit und inneren Notwendigkeit“ die Wahl der 
Ausschüsse für jetzt auszusetzen. Eine schwüle Stimmung herrschte im 
Hause, und bei dem letzten Hoffeste auf Sanssouci gedachte Thadden— 
Trieglaff ahnungsvoll des Liedes: O Richard, o mon roi, tout l'univers 
t'abandonnel Des Königs Antwort lautete abschlägig, aber nicht ganz 
ungnädig, obgleich die Stände den Monarchen mittlerweile durch den un— 
glücklichen Beschluß über die Ostbahn bitter gereizt hatten. Im Stillen 
fühlte Friedrich Wilhelm längst, daß die periodische Berufung der Ver— 
einigten Stände nunmehr unvermeidlich war; vorher aber mußte alles, 
was er in den Verordnungen vom 3. Februar anbefohlen hatte, gehorsam 
ausgeführt werden, dann erst wollte er frei, ungedrängt, nach seiner könig— 
lichen Weisheit entscheiden. Deshalb versprach er, die Anträge auf perio— 
dische Einberufung des Landtags und auf Beschränkung der Ausschüsse 
„in sorgsame Erwägung zu ziehen“; dagegen sollten die Ausschüsse jetzt 
sogleich neu gewählt werden, da er ihnen demnächst den lange vorbereiteten 
Entwurf des neuen Strafgesetzbuchs zur Begutachtung vorlegen wollte. 
Diese königliche Botschaft erschien am 24. Juni. Schon zwei Tage 
darauf sollte der Landtag geschlossen werden, der König selbst war in— 
zwischen bereits in tiefem Unmut abgereist. Da galt es denn rasch zu 
entscheiden, ob man die Wahl vornehmen dürfe, und der Landtag endete, 
wie er begonnen, mit einem unfruchtbaren Rechtsstreite. Die Vereinigten 
Ausschüsse waren eine gänzlich verfehlte Künstelei — daran zweifelte eigent— 
lich niemand mehr — aber vor sechs Jahren durch die absolute Krone 
geschaffen, bestanden sie unzweifelhaft noch zu Recht; der Landtag selbst 
hatte das nicht bestritten und folglich war er auch zu der gesetzlichen Neu— 
wahl verpflichtet. Daß die Rechte des Landtags beeinträchtigt würden, 
wenn ein von ihm selbst erwählter Ausschuß ein unmaßgebliches Gutachten 
über das Strafgesetzbuch erstattete — diese spitzfindige Behauptung konnte 
sich nur auf gewaltsam herbeigezogene, dem Volke unverständliche Rechts— 
bedenken stützen. Da jedermann wußte, daß der König geneigt war, die 
periodische Einberufung des Landtags in einer nahen Zukunft zu bewilli— 
gen, so gebot schon die monarchische Ehrfurcht, daß man ihn nicht durch 
störrischen Eigensinn erbitterte; und wenn die Opposition nicht wählte, 
dann schloß sie sich ja selbst von den Vereinigten Ausschüssen aus. 
Alle diese handgreiflichen politischen Bedenken galten dem unaufhalt— 
samen „Abgeordneten der Grafschaft Mark“ gar nichts. In den stürmischen 
Vorberatungen verlangte Vincke kurzweg, man müsse sich der Wahl ent— 
halten. Das nannte er Recht. Der Ruhm der unbedingten Folgerichtigkeit, 
der von praktischen, dem Vaterlande dienenden Staatsmännern immer ge— 
ring geschätzt wird, war ihm eines und alles. Diesmal aber versagten 
sich seine ostpreußischen Freunde, die ihre strenge Rechtsgesinnung doch 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 41
        <pb n="650" />
        642 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
genugsam bewiesen hatten. Einstimmig erklärten sie, daß sie wählen würden, 
wenn auch unter Vorbehalt der Rechte des Landtags. Das Ergebnis war, 
daß nur 58 Abgeordnete sich der Wahl enthielten; darunter waren 
28 Rheinländer, Hansemann, Mevissen und ihre Anhänger, aber kein 
einziges Mitglied der Herrenkurie. 157 Mitglieder wählten unter ver— 
schiedenen Vorbehalten, die allesamt gesetzlich nichts bedeuteten; 284 wähl- 
ten unbedingt. Der Versuch, die Erklärung der Rechte zu wiederholen, 
war also kläglich gescheitert; Vincke hatte abermals seiner eigenen Partei 
eine Niederlage bereitet. Gleichwohl hinterließ diese vielbestrittene Wahl 
peinliche Eindrücke. Man trennte sich nicht gerade in Feindschaft, aber 
mit dem schmerzlichen Gefühle, daß köstliche Kräfte fast nutzlos vergeudet 
waren. Bodelschwingh selbst sprach, als er die Sitzungen schloß, tief be- 
wegt aus: „daß die Ergebnisse des Vereinigten Landtags weniger frucht- 
bringend für das Land gewesen sind, als sie es hätten sein können.“ Im 
Volke hatten die glänzenden Redner des Landtags viel Bewunderung ge- 
funden; ihnen gegenüber war das gefürchtete Beamtentum, da es eigent- 
lich nur durch Bodelschwingh und einige tüchtige Regierungskommissäre, 
wie Kühne, würdig vertreten wurde, sehr schwach erschienen, viel schwächer, 
als es wirklich war. Jedoch ein starkes, sicheres Gefühl, sei es des Hasses, 
sei es der Freude, konnten diese so geistreichen und doch so wunderlich 
verworrenen Verhandlungen nirgends erregen. Auch die Treuen wußten 
nicht mehr, woran sie sich halten sollten, und solcher ratloser Mißmut war 
zu allen Zeiten der fruchtbare Nährboden der Revolution. An dieser ge- 
fährlichen Verstimmung trug aber niemand größere Schuld als der König, 
der die Nation so ganz väterlich nach seinen unerforschlichen Ratschlüssen 
gängeln wollte. 
Die Schlußverhandlungen des Landtags steigerten den Unwillen 
Friedrich Wilhelms aufs Höchste. Er dachte alles Ernstes, die Abgeord- 
neten, welche die Wahl verweigert hatten, aus dem Landtage auszuschließen 
oder sie wegen Ungehorsams zu bestrafen. Die Oberpräsidenten der unzu- 
friedenen Provinzen aber stellten ihm allesamt dringend vor, solche Maß- 
regeln würden die Mißstimmung verschärfen, und so ward der Plan auf- 
gegeben.*) Besser begründet war der Zorn des Königs wider die Landräte 
Vincke, Bockum-Dolffs, Bardeleben, Platen, die sich unter den Liberalen 
hervorgetan hatten. Sobald es ernst ward mit dem ständischen Leben, 
mußte die Stellung der Regierungsbeamten im Landtage irgendwie ge- 
ordnet werden. Daß der Landrat Vincke, der Untergebene Bodelschwinghs 
als Führer einer unversöhnlichen, die gesamte Rechtsanschauung der Mi- 
nister bestreitenden Opposition aufgetreten war, ließ sich mit der Manns- 
zucht einer geordneten Verwaltung kaum noch vereinbaren. Auf königlichen 
  
*) Berichte an Bodelschwingh von den Oberpräsidenten Wedell, 17. Juli, Eich- 
mann, 8. Juli, Bötticher, 5. Aug. 1847.
        <pb n="651" />
        Ausgang des Landtags. 643 
Befehl wurden die vier Landräte also befragt, ob sie die Gesetze vom 
3. Februar als rechtsverbindlich ansähen und ihnen in ihrer Amtstätigkeit 
nachleben wollten. Alle vier versprachen, die ständischen Gesetze auszu— 
führen, solange es ihr Gewissen erlaube; Vincke fügte hinzu, nötigen— 
falls würde er rechtzeitig seine Entlassung nehmen. Schon diese Zusage 
bewies, daß der Rechtsboden, um den man stritt, seinen eigenen Vertei- 
digern nicht so ganz fest erschien. Nunmehr rieten die Minister, von 
weiteren Maßregeln abzusehen, da weder das Verhalten der Landräte 
auf dem Landtage noch ihre Gesinnung bestraft werden könnten. Der 
König ließ es dabei bewenden; doch befahl er Vincke zu bedeuten: „wie 
mir bei seinen sonstigen guten Eigenschaften und bei meinem besonderen 
Wohlwollen für seinen verstorbenen Vater eine Umkehr von seinen irrigen 
Ansichten doppelt erfreulich sein würde.“ Auch Bardeleben, dessen Ant- 
wort etwas unbestimmt gelautet hatte, erhielt noch eine besondere Ver- 
warnung: „ich will ihm Gelegenheit geben, meine wankend gewordene 
Achtung und mein völlig verlorenes Vertrauen wieder zu gewinnen.“ 7) 
So milde — weit milder als eine konstitutionelle Regierung verfahren 
darf — behandelte die absolute Krone ihre Verwaltungsbeamten; doch 
die wohlweise Väterlichkeit solcher Vermahnungen mußte stolze Männer 
fast noch schwerer kränken als eine Strafe. 
Bei allem Unmut hatte Friedrich Wilhelm keineswegs das Gefühl 
einer erlittenen Niederlage: Untertanen konnten ihn doch nicht besiegen. 
Vielmehr glaubte er noch immer, die Zukunft seines Verfassungswerkes 
fest in seiner königlichen Hand zu halten. In seiner Thronrede meinte 
er sich ganz unmißverständlich ausgesprochen zu haben. Daher schrieb 
er an Bunsen: „der sehr kurze Sinn der sehr langen Rede (die ich ge- 
sprochen, aber nicht gelesen habe) ist der: man wäre ein siebenfaches Rind- 
vieh, 1) eine Verfassung zu fordern, 2) ein noch viel größeres, eine Ver- 
fassung zu geben — wenn man schon eine hat. Darum die kurze Hin- 
deutung auf England. #lon chancellier vous dira le reste.“**“) Um den 
augenblicklichen Arger zu vergessen, überließ er sich ganz seiner unruhigen 
Reiselust. Er ging nach Breslau, wo das Reiterstandbild des großen Königs 
von Kiß enthüllt wurde, dann nach Pillnitz zu dem geliebten Schwager, dem 
Prinzen Johann von Sachsen. Freilich, die lustigen Zeiten kehrten nicht 
wieder, da Kronprinz „Dicky“ einst mit seinem Carissimo Sasso di Dante 
hier am Strande der Elbe „Urküche gegessen“ hatte.“**“) Indes der König 
fühlte sich wohlauf, und recht von Herzen freute er sich, als ihm hier eine 
Dankadresse von etwa vierzig Mitgliedern der märkischen Ritterschaft zukam, 
  
*) Kabinettsordre an das Staatsministerium, 24. Juli; Bericht des Staats-Min., 
10. Dez. 1847; Kabinettsordre an das Staats-Min., 4. Jan. 1848. 
**) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 13. April 1847. 
*) Kronprinz Friedrich Wilhelm an Prinz Johann von Sachsen, Dresden, 29. April 
1833. 
41*
        <pb n="652" />
        644 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
die er sogleich veröffentlichen ließ. ) Nun reiste er nach Ischl zu seiner 
leidenden Gemahlin, darauf nach Triest und Venedig, dann zurück an 
den Rhein. Dort verlebte er wieder einen seligen Tag, als er im stillen 
Waldtale von Altenberg den wiederhergestellten herrlichen Bergischen Dom 
dem Gottesdienste übergab und damit einen alten Herzenswunsch der Na- 
tion, den einst Goethe, Schinkel, Arndt, Harkort und so viele andere aus- 
gezeichnete Männer ausgesprochen hatten, hochherzig erfüllte. 
Derweil der König also seinen Mißmut zu vergessen suchte, emp- 
fanden seine näheren Freunde sehr schmerzlich das Mißlingen des reichs- 
ständischen Unternehmens. Niemand schmerzlicher als der treue Radowitz. 
Der war den Verhandlungen des Landtags mit Spannung gefolgt und 
hatte dann und wann aus der Ferne ein Heft „nicht gehaltener Reden“ 
in die Debatten hineingeworfen. Noch vor dem Schlusse der Tagung 
sah er ein, dies „verstimmte und mißtrauische Geschlecht sei unfähig, das 
Wort seines Königs zu verstehen“, und er schrieb ehrlich (13. Juni): „Ich 
habe mein Leben in historischen Studien zugebracht, aber keinen Regenten 
gefunden, der mit solcher Zusammensetzung des Herzens und Geistes, so 
unbefleckt von dem Unrate der politischen Irrlehre, so ernst und so freudig 
in seinem mühsamen Berufe, einen mächtigen Thron bestiegen hätte. Ew. 
Königl. Majestät wären der Mann Ihres Volks und der deutschen Nation 
geworden ... dann war der Boden fest gegründet, auf welchem das Ge- 
bäude der rechten ständischen Monarchie errichtet werden konnte. Es 
ist nicht geschehen. Sieben Jahre sind verflossen, die nicht wiederkehren. 
Im tiefsten Schmerze sorge ich, daß, weil das Mögliche nicht versucht 
worden, jetzt das Unmögliche unternommen werde.“?7) Er ahnte den Zu- 
sammenbruch, und die Stimmung im Lande ward allerdings bedrohlich. 
Der Landtag selbst ging ziemlich still auseinander. Die Opposition ver- 
sammelte sich noch einmal zu einem Bankett. Da wurden denn Adressen 
der liberalen Schwaben und der gesinnungstüchtigen Danziger verlesen, 
und die 138 Deklaranten gefeiert, die der König zu seinen letzten Hoffesten 
nicht mehr eingeladen hatte; Fürst Lichnowsky verherrlichte mit gellen- 
der Stimme die Eintracht der vier Kurien, Vincke trank auf das Wohl 
der Ostpreußen, die er für die Zukunft doch nicht missen konnte, obwohl 
sie ihn bei den Ausschußwahlen allesamt verlassen hatten. In der Hei- 
mat wurde nur einigen der Abgeordneten ein festlicher Empfang bereitet, 
weil das Volk sich über den gerühmten Rechtsboden dieses Landtags kein 
sicheres Urteil bilden konnte. 
Indessen verrieten viele Anzeichen, wie der innere Unfrieden zunahm. 
In der Presse redeten die enttäuschten Juden täglich frecher. Auf die 
Dankadresse der brandenburgischen Ritterschaft folgte alsbald eine sehr 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile, Pillnitz, 17. Juli 1847. 
**) Radowitz an König Friedrich Wilhelm, 13. Juni 1847.
        <pb n="653" />
        Mißstimmung im Lande. 645 
grobe, durch den ukermärkischen Liberalen v. Holtzendorff veranlaßte Ein— 
gabe märkischer Landleute, welche die Erfüllung der alten königlichen Ver— 
heißungen ungestüm forderte. Besonders gefährlich erschien die Mißstim— 
mung im Westen. Einer der rheinischen Landtagsabgeordneten, Sted— 
mann ließ als Manuskript ein Büchlein über das Staatsrecht der rheini— 
schen Herzogtümer drucken, das historisch nachweisen sollte, die Rhein— 
länder hätten früherhin „niemals ein geringeres Maß von persönlicher 
Freiheit und bürgerlicher Berechtigung genossen“ als unter der preußischen 
Herrschaft. Die Undankbarkeit dieser Westländer, denen der alte König 
das eiserne Joch Bonapartes vom Halse genommen hatte, wurde nach— 
gerade schamlos. In Mainz entstand ein großer „Rheinischer Verein“, der 
von Krefeld bis nach Karlsruhe hinauf seine Zweigverbände einrichtete 
und die unbedingte Aufrechterhaltung des französischen Rechts erstrebte. 
Ein „rheinischer Ausschuß zur Gründung der deutschen Republik“ ver— 
breitete massenhaft einen Aufruf „zur Vorbereitung“. Das Machwerk 
konnte, nach der Fülle der Schimpfwörter zu schließen, nur von Heinzen 
herrühren und schloß mit der Anrede an die Rheinländer: „die Preußen 
hinaus, oder nieder mit dem Berlinertum.“ 
Friedrich Wilhelm merkte von der dumpfen Luft im Lande sehr wenig. 
Auf Augenblicke beunruhigten ihn wohl die einlaufenden Berichte über 
demagogische Umtriebe, und zuweilen geschah es auch, daß lächerliche Klei— 
nigkeiten sein Gemüt tief aufregten. Als der Fürstbischof Diepenbrock ihn 
auf einen Königsmörder-Verein der Primaner des Neissischen Gymnasiums 
aufmerksam gemacht hatte, da schrieb er zerknirscht: „Ich fühle mich schul— 
dig, denn vor Gott bin ich für die Bevollmächtigten meiner Autorität 
verantwortlich. Ich steh' dem Diepenbrock wie ein dummer Junge gegen— 
über, der das nicht weiß, was er wissen soll, wenn er ein rechter König 
ist. Gott besser's!“*) Allein solche Stimmungen verflogen schnell. Noch 
immer glaubte er seiner Selbstherrlichkeit völlig sicher zu sein. Das zeigte 
sich deutlich, als General Boyen gleich nach dem Schlusse des Landtags 
seinen Abschied verlangte. Der alte Held erhielt als Feldmarschall das 
Kommando des Invalidenhauses und lebte nur noch wenige Monate (bis zum 
Febr. 1848); ein gütiges Geschick ersparte ihm die Niedertracht der Berliner 
Revolution noch zu erleben. Das durch Boyens Rücktritt erledigte Prä- 
sidium des Staatsministeriums konnte, nach der Meinung von Freund 
und Feind, niemand sonst erhalten als Bodelschwingh; als Kabinetts- 
minister und Minister des Innern zugleich besaß er ja schon die wichtigste 
Stellung im Ministerrate, und vor den Landständen hatte er fast allein 
tapfer den König vertreten. Aber für einen wirklichen Ministerpräsidenten 
war unter diesem Regimente kein Raum; Bodelschwingh selbst hätte sich 
solchen Ehrgeizes wohl kaum erdreistet. Savigny erhielt, nach dem Dienst- 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Thile und Bodelschwingh, 24. Jan. 1848.
        <pb n="654" />
        646 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
alter, das Amt, das in seinen Händen nur ein Ehrenamt sein konnte und 
sollte. 
So regierte der König in seiner Unumschränktheit weiter, und ganz 
unmöglich war es, ihn in dem Gange zu stören, den er sich für seine 
ständische Gesetzgebung vorgezeichnet hatte. Seine Umgebungen unter- 
standen sich kaum noch zu widersprechen. Höchstens der freimütige Gene- 
ral v. Forsiner wagte zuweilen, den angebeteten Monarchen über „seine 
Polen“ oder ähnliche Phantasiebilder aufzuklären*); und wenn der libe- 
rale Leibarzt, der große Kliniker Schönlein sich mit seiner durch den langen 
Schweizer Aufenthalt noch gestärkten fränkischen Derbheit einmal ein bur- 
schikoses Kraftwort erlaubte, dann lachte Friedrich Wilhelm gemütlich; er 
kannte das süddeutsche Sprichwort: die Bamberger rauchen keinen feinen! 
Der ostpreußische Graf Dohna-Lauck, wahrhaftig kein Liberaler, bat ihn im 
Nov. 1847 flehentlich, die periodische Einberufung des Landtags alsbald 
auszusprechen, noch bevor eine der vielen ständischen Körperschaften wieder 
zusammenträte, und zugleich ein einfaches Zweikammersystem einzuführen, 
so daß die Herrenkurie aus ihrer unerträglichen Mittelstellung heraus- 
käme. Dann würde die ständische Gesetzgebung endlich ihren Abschluß 
erhalten.“) Es waren dieselben einfachen Gedanken, welche Graf Arnim 
als Minister so oft verteidigt hatte. Die geheimnisvollen Pläne des Königs 
standen aber schon fest: zunächst sollten die Stände alles, was er an- 
befohlen, buchstäblich ausführen, dann erst wollte er den gehorsamen Kin- 
dern das letzte Geschenk seiner väterlichen Huld, die periodische Berufung 
des Landtags ankündigen. 
So geschah es auch. Die ständische Staatsschuldenkommission be- 
gann befohlenermaßen ihre Tätigkeit, und im Januar 1848 traten die 
Vereinigten Ausschüsse zur Beratung des Strafgesetzbuchs zusammen. 
Beckerath erklärte noch im letzten Augenblicke, daß er wegen seiner Rechts- 
bedenken fern bleiben müsse. Ludolf Camphausen aber erschien, versöhn- 
licher als die Mehrzahl seiner rheinischen Landsleute; und es machte tiefen 
Eindruck, als dieser königstreue, durch und durch preußtsch gesinnte Pa- 
triot den Verlauf der letzten Kämpfe in bewegter Rede, nicht unpar- 
teiisch, aber auch nicht ungerecht, also schilderte: „Als die Stände bis auf 
die äußerste Grenze vorrückten und, weit hinübergebogen, die Hand zur 
Ausgleichung darboten, ist diese Hand im Zorne zurückgestoßen worden. 
Ein Wort hätte hingereicht, den Verfassungsstreit in Preußen auf immer 
zu beendigen. Es ist nicht gesprochen worden. Die Folgen müssen ge- 
tragen werden. Die Geschichte aber wird richten zwischen uns und der 
Regierung!“ Im ganzen zeigte der Vereinigte Ausschuß große Mäßigung, 
er hielt sich streng an seine nächste Aufgabe. Der Entwurf des Straf- 
*7) Forstner an Oberstleutnant v. d. Goltz, 15. April 1846. 
*“) Graf Dohna-Lauck an Bodelschwingh, 28. Juli; dessen Denkschrift über „die 
gegenwärtige Lage der ständischen Verfassungsverhältnisse“, Nov. 1847.
        <pb n="655" />
        Verhandlungen der Vereinigten Ausschüsse. 647 
gesetzbuchs war ein ernstes, wohldurchdachtes Werk; nur einzelne seiner 
Bestimmungen mußten der Empfindung der Zeit allzu hart erscheinen, 
so die Vorschrift, daß die Todesstrafe in gewissen Fällen durch das Ab- 
hauen der rechten Hand und die Aufspießung des Kopfes verschärft werden 
sollte. Die Rheinländer aber hielten an ihrem Code Napoleon, der im 
Grunde weit strenger war, eigensinnig fest; ihr „Rheinischer Verein“ 
und ihre kleinen ultramontanen Blätter warnten einträchtig vor „der 
Schimäre der Verbrüderung, der Zentralisation.“ Sie wollten nicht sehen, 
daß es eine Schande war, wenn im Namen desselben Königs von Preußen 
hier eine Tat für straflos, dort für verbrecherisch erklärt wurde; der 
sittliche Wert eines gemeinsamen Strafgesetzbuchs blieb ihrem verbissenen 
Provinzialtrotze ganz unfaßbar. In der Kölnischen Zeitung veröffentlichte 
der geistreiche Bonner Jurist Ed. Böcking eine scharfe Kritik des Ent- 
wurfs, eine Arbeit, die gewiß nicht partikularistisch gemeint war, aber die 
Rheinländer in ihrem Widerstande bestärkte. Genug, das Gesetz wurde von 
der liberalen Presse, die den Rheinländern immer nach dem Munde redete, 
schon im voraus verlästert. Savigny hatte im Landtage nur sehr wenig ge- 
sprochen, jetzt führte er die Sache der Krone fast allein und verteidigte 
mit überlegener Ruhe Punkt für Punkt des verrufenen Gesetzes. Er 
zeigte, daß nur eine „mißverstandene Humanität“ die Todesstrafe oder 
die Prügelstrafe für Ehrlose bekämpfen könne; er erwies, daß Preußen als 
ein Glied der großen christlichen Staatengesellschaft verpflichtet sei, auch 
die im Auslande begangenen Verbrechen zu bestrafen — was die liberale 
Sanftmut noch bestritt. 
Als die Beratungen sich schon zum Ende neigten, kam plötzlich die 
Nachricht von dem Ausbruch der Pariser Februar-Revolution. Mit einem 
Schlage verwandelte sich die Welt, alle stillen Wünsche der letzten Jahre 
gewannen augenblicklich Sprache, und es war nur menschlich, daß der Aus- 
schuß nunmehr beschloß, das Strafgesetzbuch solle nicht eher verkündigt 
werden, als bis der Vereinigte Landtag auch über die beabsichtigte Reform 
des Strafprozesses beraten hätte. Schon der letzte Landtag hatte mit 
gutem Grunde verlangt, das in Berlin bereits eingeführte öffentlich-münd- 
liche Verfahren müßte der gesamten Monarchie zu teil werden. Jetzt 
schien auch diese Forderung schon überwunden. Das Schwurgericht, das 
so oft als Bollwerk der Volksfreiheit gefeierte, war in aller Munde, nur 
durch Geschworene glaubte man die gerechte Handhabung des Strafgesetzes 
sichern zu können. Savigny aber, der von dem nahenden Sturme noch 
nichts bemerkte, mahnte bedachtsam: über den Wert der Schwurgerichte 
gingen die Meinungen doch weit auseinander. 
Auch der König ahnte noch nicht, daß eine neue Zeit gekommen war. 
Er war zufrieden mit dem ruhigen Verhalten seiner Ausschüsse und schloß 
sie am 6. März persönlich mit einer gnädigen Ansprache. Freudig kün- 
digte er ihnen an: nachdem nunmehr allen seinen Befehlen genügt sei,
        <pb n="656" />
        648 V. 8. Der Vereinigte Landtag. 
wolle er, die Wünsche seiner getreuen Stände genehmigend, die periodische 
Einberufung des Vereinigten Landtags und demgemäß die Beschränkung 
der Wirksamkeit der Ausschüsse hiermit anordnen. So war das erlösende 
Wort endlich ausgesprochen — aber zu spät und darum vergeblich. Ein 
Jahr früher verkündigt, hätte diese königliche Entschließung den ganzen 
heillosen Verfassungskampf abgeschnitten und vielleicht sogar bewirkt, daß 
Preußen mit einem wohlgeordneten, rechtlich gesicherten Ständewesen der 
Anarchie Trotz bieten konnte. Jetzt erschien die verspätete Zusage, obwohl 
sie längst beschlossen war, nur wie ein abgedrungenes Zugeständnis. Nach 
wenigen Tagen schritt die Revolution auch über sie hinweg, und der stolze 
Herrscher, der seinem Volke Schritt für Schritt den Weg hatte vor— 
schreiben wollen, lag gedemütigt am Boden. —
        <pb n="657" />
        Neunter Abschnitt. 
.——–..— 
Der Uiedergang des Deutschen Gundes. 
Die großen Wandlungen der Geschichte kann der Denker wohl aus 
ihren Vorbedingungen und Nachwirkungen als notwendig begreifen. Doch 
niemals vermag er zu erweisen, warum der Umschwung so und nicht 
anders erfolgen, warum im entscheidenden Augenblicke diese und nicht 
andere Männer an entscheidender Stelle stehen mußten. Über der Welt 
der persönlichen Freiheit, über dem Kommen und Gehen der historischen 
Personen walten Gesetze, deren göttliche Vernunft wir zuweilen ahnen, 
aber nie ergründen. In Deutschland war die alte fürstliche Selbstherr- 
schaft längst zur Vernichtung reif, und der Übergang zu der notwen- 
digen neuen Ordnung der Dinge konnte noch immer auf friedlichen. 
Wegen erfolgen. Da fügte das Geschick, daß die beiden mächtigsten und 
geistvollsten Vertreter der monarchischen Vollgewalt, die beiden Herrscher, 
welche im Hochgenusse ihres königlichen Ichs wie trunken schwelgten, eben 
zu der Zeit, da eine Versöhnung möglich schien, sich ihrem Volke ent- 
fremdeten. Gewiß war es eine furchtbare, eine unausbleibliche Ironie des 
Schicksals, daß gerade die zwei ersten Männer des deutschen Fürstenstandes 
die Unzulänglichkeit des alten persönlichen Regiments gleichsam am eigenen 
Leibe erfahren mußten; die einzelnen Auftritte dieser Tragödie des deut- 
schen Absolutismus lassen sich jedoch nur aus persönlichen Erlebnissen 
und Empfindungen erklären. 
In Preußen hatte der König mit der Einberufung der Vereinigten 
Stände eine Bahn beschritten, welche fast unzweifelhaft zur geordneten 
ständischen Monarchie zu führen schien; doch ein rätselhafter Eigensinn 
verbot ihm, seinen hochsinnigen Zugeständnissen zur rechten Zeit die Ge- 
währ zu geben, die ihren Bestand allein sichern konnte; erst als es zu 
spät war, versprach er die periodische Einberufung des Landtags. In 
Bayern schienen sich zur nämlichen Zeit, um Neujahr 1847 die Verhält- 
nisse ebenso hoffnungsvoll zu gestalten. König Ludwig war aus seinen 
klerikalen Träumen erwacht. Er hatte während der letzten Monate aus 
dem demagogischen Getobe der Ultramontanen gelernt, daß diese Partei
        <pb n="658" />
        650 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
die Krone nicht stützen, sondern beherrschen und mißbrauchen wollte.) 
Schon waren zwei Mitglieder des verhaßten Ministeriums Abel ent- 
lassen; Abel selbst mußte die Verwaltung der kirchlichen Angelegenheiten 
abtreten und sagte schmerzlich: ich besitze das Vertrauen des Königs nicht 
mehr. Nicht umsonst hatte der Präsident der Reichsräte, Fürst Leiningen 
schon im Frühjahr den Monarchen gewarnt: beim Andauern der klerikalen 
Parteiherrschaft würde die Revolution in Bayern „ein gepflügtes Feld 
finden.“*) Verliefen die Dinge ruhig, so ließ sich mit Sicherheit hoffen, 
daß König Ludwig binnen kurzem auch Abel entlassen und die Staats- 
gewalt wieder in paritätischem Geiste handhaben würde. Der Haß gegen 
das rohe Parteiregiment der Ultramontanen war sehr hoch gestiegen. Ge- 
schah es doch, daß das Münchener Appellationsgericht einen wegen Duells 
zum Tode verurteilten jungen Polytechniker in zweiter Instanz nur mit 
kurzer Haft bestrafte und dabei ausdrücklich erklärte: größere Strenge er- 
scheine unbillig, nachdem man die beiden Duellanten Minister Abel und 
Wallerstein straflos gelassen hätte. 
Doch mittlerweile war ein Ereignis eingetreten, das die Stimmungen 
im Lande plötzlich verwandelte. Im Oktober 1846 erschien die Tänzerin 
Lola Montez auf dem Münchener Theater, ein verrufenes Weib, das schon 
in Ostindien, in England, in Paris, in Berlin, in Baden, überall selt- 
same Abenteuer erlebt hatte. Tochter eines schottischen oder irischen Vaters 
und einer kreolischen Mutter, besaß sie den Zauber nordischer und süd- 
ländischer Schönheit zugleich und verdiente es wohl, daß Stieler ihr Bild 
für die Schönheitsgalerie des Wittelsbachers malte. Eine Künstlerin war 
sie nicht; aber wenn sie in dem leidenschaftlichen Tanze El Ole allen 
Liebreiz ihrer üppigen und doch schlanken Glieder zeigte, dann widerstanden 
die Männer nicht leicht dem Glutblick dieser wundersamen Augen. Frech, 
schamlos, unersättlich in der Wollust, wie die Sempronia der katilinari- 
schen Verschwörung, verstand sie unter Freunden auch anmutig, ja geist- 
reich zu plaudern; sie tummelte sich gewandt auf feurigen Rossen, sang 
seelenvoll zur Zither, trug spanische Gedichte lebendig und mit wohl- 
tönender Stimme vor; ihren Feinden ging sie herzhaft zu Leibe, mit der 
Reitpeitsche oder auch mit Ohrfeigen. Den schönheitsfrohen König be- 
zauberte sie auf den ersten Blick vollständig; es war wirklich, so ge- 
stand er später selbst, als ob sie ihm einen Minnetrank gereicht hätte. 
Über ihr vergaß er die Welt, sich selber und seine königliche Würde; und 
da die wittelsbachische Muse niemals schweigen konnte, so gingen in der 
klatschsüchtigen Hauptstadt bald erstaunliche Dichtungen von Hand zu 
Hand, so ein Vers „auf Lolita“, der einen Pentameter vorstellen sollte: 
In der Spanierin sand Liebe im Leben ich nur; 
so ein anderes Kunstwerk: „Der Dichter, L. M. betreffend. Das Gewölke 
*) S. o. V. 323 ff. 
*) Fürst Leiningen, zwei Denkschriften über die Reichsräte, April 1846.
        <pb n="659" />
        Lola Montez. 651 
ist vergangen, und die Luft ist wieder blau;“ so noch ein Stück: „L. M. 
Wonnemeer die Seelen trinken, tönt zur Zither dein Gesang.“ 
Und seltsam, während eine Schar junger Wüstlinge die gefällige 
Schöne begehrlich umschwärmte, hielt sich die Neigung des Königs immer 
noch in gewissen Schranken. Sein alter Verehrer Fürstbischof Diepen- 
brock in Breslau hatte mit tiefem Schmerz von dem großen Münchener 
Argernis gehört und wagte den geliebten Monarchen geistlich zu ermahnen; 
der schöne priesterliche Freimut gegen die Gewaltigen dieser Welt ist ja 
unter den katholischen Prälaten, weil sie sich selbst für die Häupter des 
ersten aller Stände halten, weit häufiger als in der protestantischen Geist- 
lichkeit. Ludwig nahm die warnenden Worte, da er die edle Gesinnung 
des Schreibers kannte, ganz unbefangen auf und beteuerte auf sein 
Ehrenwort, daß er die letzte Liebesgunst von Lola nie verlangt hätte; eine 
Abschrift dieser Antwort ließ er sogar allen bayrischen Bischöfen zusenden. 
Dadurch erschien freilich die Macht des dämonischen Weibes nur um so 
rätselhafter, und Minister Canitz sagte, als ihm der bayrische Gesandte 
versicherte, diese Liebe sei platonisch, mit der Ruhe des erfahrenen Welt- 
mannes: „das wäre vollends Narrheit!“ 
Auffällig früh, schon wenige Tage nach Lolas Ankunft, verbreitete 
sich in München das unsinnige Gerücht, sie sei von den englischen Frei- 
maurern abgesendet, um die Jesuiten zu bekämpfen. Grundsätze, gute wie 
schlechte, waren ihr völlig unbekannt; aber sie wollte herrschen, sie wollte 
durch die Liebe des Königs auch politische Macht erlangen; und da sie 
mit ihrer Weiberschlauheit alsbald erkannte, das Ministerium Abel sei 
verloren, so mochte sie ihre Flagge nicht auf einem sinkenden Schiffe hissen. 
Auch war es ihr, nach ihren Lebensgewohnheiten, sicherlich unbequem, 
mit einer Priesterpartei zusammenzugehen, die doch einige Wahrung des 
äußeren Anstandes verlangen mußte. Ernste sittliche Bedenken hegten die 
ultramontanen Minister gewiß nicht. So viele Jahre hindurch hatten sie 
die mannigfachen galanten Abenteuer ihres liebebedürftigen Herrschers mit 
großer Gelassenheit ertragen; im feindlichen Lager behauptete man so- 
gar — freilich ohne sicheren Beweis — daß sie vergeblich unter der Hand 
versucht hätten, sich auch diesmal mit der neuen königlichen Geliebten 
zu verständigen. Gleichviel; schon nach kurzer Zeit gebärdete sich Lola 
als erklärte Feindin der Klerikalen, sie wollte die neue Esther sein, die 
das geknechtete Volk der Liberalen vom Druck erlöste, und schenkte sogar 
den nationalen Bestrebungen des deutschen Liberalismus ihre Gunst. Als 
Tiedemann und die anderen Abgesandten der schleswigholsteinischen Pa- 
trioten in diesen Herbsttagen von König Ludwig empfangen wurden, da 
bemerkten sie wohl, wie Lolas zierliche Füßchen unter dem Ofenschirm 
hervorragten.“) 
  
*7) Nach Tiedemanns Erzählung.
        <pb n="660" />
        652 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
So geschah das Argste, was geschehen konnte: der längst schon 
in ernstem Nachdenken gereifte Entschluß des Königs, mit dem ultra- 
montanen Parteiregimente zu brechen, wurde durch ein gemeines Weib 
gefördert und erschien, da er endlich zur Ausführung kam, als ein Werk 
unsauberer persönlicher Ränke. Sobald Lolas Parteistellung entschieden 
war, brachte die gesamte klerikale Presse Deutschlands, soweit es die 
Zensur irgend erlaubte, Tag für Tag Schmutzgeschichten vom Münchener 
Hofe; die Radikalen stimmten mit wiehernder Schadenfreude ein, wie 
glücklich fühlten sie sich, das Königtum so persönlich entwürdigen zu 
können, und bald redete alle Welt, als ob der bayrische Staat ganz aus den 
Fugen ginge. Die bayrische Presse freilich mußte unverbrüchlich schweigen. 
In Wahrheit lag noch gar keine politische Missetat vor, sondern nur die 
phantastische Herzensverirrung eines Fürsten, der nach allem, was er für 
Deutschlands Kunst, für den Zollverein, für das bayrische Land getan, 
doch gewiß ein menschliches Urteil verlangen durfte und gerade jetzt im 
Begriffe stand, sein Volk von einer gehässigen Parteiherrschaft zu befreien. 
Eben diese Gewißheit ihres nahen Sturzes erbitterte die Ultramontanen 
aufs äußerste. Sie ließen über Lolas tolle Streiche von Aufpassern 
genau Buch führen und versuchten noch einmal den König zu warnen 
durch den Minister Graf Seinsheim, der als alter Freund mit Ludwigs 
früheren Liebeshändeln sehr genau bekannt war. Seinsheim empfing 
darauf die scharfe Weisung, sich jeder Einmischung in die Privat-Ange- 
legenheiten des Hofes zu enthalten, und seitdem ward die Sprache der 
versinkenden Partei mit jedem Tage trotziger.) Im Januar 1847 über- 
nahm der Eichstädter Graf Reisach das Münchener Erzbistum. Sein erster 
Hirtenbrief war ein Meisterstück pfäffischer Gleisnerei und Herrschsucht; 
er mahnte die Gläubigen „euer Prüfstein in allen Dingen sei das Urteil 
der Kirche“, und sprach zugleich von den Tagen Max Josephs, von „den 
traurigen Zeiten der Zerstörung der Kirche Bayerns“, mit einer berech- 
neten Bosheit, welche den König tief verletzte. 
Unterdessen konnte die mit Geschenken überhäufte Lola ihre Begehr- 
lichkeit nicht mehr bändigen, sie erbat sich von ihrem hohen Beschützer 
die Erhebung in den Grafenstand, und er war verblendet genug, ihr diese 
Gnade zu versprechen. Wie töricht immer, ungesetzlich war seine Zusage 
nicht. Standeserhöhungen gehörten zu den unbestrittenen Prärogativen 
der Krone; auch galt der Grafentitel in Bayern nicht gar viel, seit Karl 
Theodor in den Zeiten seines Reichsvikariats so viele arme Ritter gegraft 
hatte. Als Ausländerin bedurfte Lola aber zugleich der Verleihung des 
Indigenats, und für diese unbedeutende Förmlichkeit, die gemeinhin ganz 
glatt ablief, verlangte das Gesetz zunächst die Befragung des Staatsrats, 
sodann die Unterschrift eines Ministers. Der Staatsrat wagte abzu- 
  
*) Bernstorffs Berichte, 14. Dez. 1846, 2. Febr. 1847.
        <pb n="661" />
        Memorandum des Ministeriums Abel. 653 
raten; an dies unmaßgebliche Gutachten war der König jedoch nicht ge- 
bunden, und der Hausminister Graf Bray, dessen Unterschrift erfordert 
wurde, hatte gerade einen langen Urlaub angetreten. Da traten die anderen 
vier Minister, Abel, Seinsheim, Gumppenberg, Schrenck, die an der 
Sache amtlich gar nicht beteiligt waren, zur Beratung zusammen, und Abel 
erkannte mit dem Scharfblick des erfahrenen Parteimannes, jetzt sei für 
ihn die rechte Stunde gekommen, um mit feierlicher Salbung, mit dem 
ganzen Schmerze tief gekränkter Tugend den längst gebotenen Abschied zu 
fordern. 
Statt dem Könige, wie ihr gutes Recht war, bescheiden vorzustellen, 
eine solche Standeserhöhung sei ein Argernis und müsse auch den Ruf 
der nicht unmittelbar beteiligten Minister schädigen, überreichten sie ihm 
am 11. Febr. 1847 ein langes, von Abel verfaßtes Memorandum, das 
in der Geschichte deutscher Monarchien ohne Beispiel dastand. Unter 
einem Schwall untertänigster Ergebenheitsversicherungen tadelten sie sein 
Verhältnis zu Lola mit einer Roheit, die der sechzigjährige Monarch von 
seinen Dienern nicht hinnehmen durfte. Sie behaupteten: „das National- 
gefühl ist auf das tiefste verletzt, weil Bayern sich von einer Fremden, 
deren Ruf in der öffentlichen Meinung gebrandmarkt ist, regiert glaubt“ 
— und doch hatte Lola bisher ihren Übermut wohl an einzelnen Po- 
lizeibeamten ausgelassen, aber auf den Gang der großen Staatsgeschäfte 
noch nirgends eingewirkt. Sie versicherten mit ungeheuerlicher Übertrei- 
bung: „Eine gleiche Stimmung besteht in Berchtesgaden und Passau, in 
Aschaffenburg und Zweibrücken, ja sie ist über ganz Europa verbreitet, ja 
sie ist ganz die gleiche in der Hütte des Armen wie in dem Palaste des 
Reichen. Es ist nicht bloß der Ruhm und das Glück der Regierung Ew. 
K. Majestät, es ist die Sache des Königtums, die auf dem Spiele steht.“ 
Sie wagten ihrem Könige sogar die offenbare Unwahrheit zu sagen: „auf 
die Länge würde auch die bewaffnete Macht“ dem allgemeinen Unwillen 
nicht widerstehen, „und wo soll noch eine Hilfe gefunden werden, wenn 
auch dieses ungeheure Übel einträte, wenn auch dieses Bollwerk schwankte.“ 
Allerdings herrschte in den Münchener Kasernen, dank der erbärmlichen 
Verwaltung des mitunterzeichneten Kriegsministers Gumppenberg, zur 
Zeit greuliche Unordnung; doch wer sollte glauben, daß diese lebens- 
lustigen, königstreuen bayrischen Soldaten ihrem noch immer geliebten 
„Ludwigel“ wegen einer anstößigen Liebesgeschichte den Fahneneid brechen 
könnten — wenn sie nicht etwa durch die Priester künstlich aufgewiegelt 
wurden? Dann drohten die Minister dem Monarchen auch noch mit den 
„unberechenbaren Folgen“ der Verhandlungen des „unter solchen Ein- 
drücken“ einzuberufenden nächsten Landtags, der in Wahrheit ziemlich 
still verlaufen sollte. Zum Schluß baten sie den König, falls er „ihr 
heißes Flehen nicht erhören“ wolle. um ihre Entlassung. 
Einige der Unterzeichner mochten vielleicht die Wirkung ihrer Worte
        <pb n="662" />
        654 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
nicht ganz übersehen. Abel jedoch, der seinen königlichen Herrn genau 
kannte, mußte wissen, daß eine so unehrerbietige, fast drohende Sprache 
den Selbstherrscher nur reizen konnte. Er wollte brechen und, wie Canitz 
sarkastisch bemerkte, den unvermeidlichen Rückzug mit allen kriegerischen 
Ehren antreten. Das Memorandum konnte ebenso wenig geheim bleiben 
wie vordem Schöns Büchlein Woher und Wohin; nach wenigen Tagen 
war es auch schon in jedermanns Händen, obgleich alle vier Minister 
heilig ihre Unschuld beteuerten, und wirkte nunmehr verderblicher als 
jemals eine demagogische Brandschrift. Auch mancher Unbefangene ließ 
sich durch den Biedermannston der hochpathetischen Tugendpredigt ge- 
winnen; ihre ganze Fassung war offenbar von Haus aus auf das große 
Publikum berechnet. Am Münchener Hofe aber blieb den Klerikalen dieser 
Beweis monarchischer Gesinnung unvergessen; keiner der wittelsbachischen 
Herrscher seitdem, wie weit auch sonst ihre Neigungen auseinander gingen, 
hat der ultramontanen Partei je wieder volles Vertrauen gezeigt. Am 
16. Febr. wurden die Minister sämtlich entlassen; mit ihnen zugleich 
mußte auch Hörmann ausscheiden, der Regierungspräsident von Ober- 
bayern, der sich schon vor Jahren in der Mainzer schwarzen Kommission 
und nachher wieder in München als unerbittlicher Demagogenverfolger 
ausgezeichnet hatte. Erst seit Abels Memorandum gewann Lola wirkliche 
politische Macht; war doch nunmehr alles bestätigt, was sie ihrem er- 
lauchten Gönner über die Herrschsucht der Ultramontanen gesagt. In 
ihrem törichten Übermute schrieb sie sogar an die Times: obgleich sie 
selber bei dem Ministerwechsel nicht mitgewirkt hätte, so glaube sie doch, 
daß der König durch gerechte Gründe dazu bestimmt worden sei! Mit 
Ingrimm wendete sich Ludwig von der Partei hinweg, die ihn so lange 
beherrscht hatte, und sagte in einem alsbald veröffentlichten Sonette: 
Ihr, die ihr knechten mich gewollt, erzittert! 
Ich preis’ es, das entscheidende Ereignis, 
Das eure Macht auf ewig hat zernichtet. 
Sein Zorn ward ganz unbändig, als jetzt auch die ultramontanen 
Gelehrten ihm entgegentraten. Einer ihrer Heißsporne, der ehrenhafte, 
tapfere, freimütige Lasaulx beantragte im Senate, die Universität möge 
den Ministern, die für die Sittlichkeit eingetreten wären, Dank und An- 
erkennung aussprechen, denn sie sei „die erste sittliche Korporation des 
Staates“ — ein Ehrenname, der nach katholischer Anschauung sicherlich 
allein der Kirche gebührte. Der Antrag war offenbar ungehörig, da die 
Universität mit dem politischen Streite nichts zu schaffen hatte, auch dem 
harten Bureaukraten Abel durchaus keinen Dank schuldete. Einige der Pro- 
fessoren stimmten zu, andere suchten zu vermitteln; ein Beschluß war noch 
nicht gefaßt, da wurden die Abstimmungen schon durch den untertänigen 
Rektor Weißbrod dem Hofe mitgeteilt, und nun ließ sich der König sogar 
durch Lolas Fürbitten nicht mehr halten. Sofort am 1. März wurde
        <pb n="663" />
        Abels Sturz. Mißhandlung der Universität. 655 
Lasaulx entlassen. Die Studenten, die den phantastischen Philologen doch 
als anregenden, beredten Lehrer liebten, eilten in Scharen hinaus, um 
von ihm Abschied zu nehmen, dann zogen sie vor das Haus Lolas, die 
den lärmenden Haufen drunten von ihrem Fenster her verhöhnte. Mitten 
im Getümmel erschien plötzlich der König, alles machte ihm ehrfurchtsvoll 
Platz; doch als er nach langer Frist von der Geliebten zurückkehrte, da 
brach die Frechheit des Pöbels los, und der Schöpfer des neuen Münchens 
wurde in dieser Stadt, die ihm alles verdankte, persönlich beschimpft. 
Kalt und ruhig, in königlicher Haltung, schritt er durch den johlenden 
Haufen. Nun fielen Schlag auf Schlag Gewaltstreiche gegen die Uni- 
versität, die an die Vertreibung der Göttinger Sieben erinnerten. Rasch 
nacheinander wurden die beiden Juristen Phillips und Moy beseitigt, 
dann der Historiker Höfler, dann Döllinger, Deutinger, Sepp, alle die 
klerikalen Gelehrten, welche Ludwig einst selber berufen hatte, um sein 
München zu einem katholischen Berlin zu erheben. So zertrümmerte 
er in blindem Unmut sein eigenes Werk. Unter den berühmten ultra- 
montanen Professoren blieben nur zwei verschont: der greise Görres — 
denn Ludwig befahl: den alten Mann laßt mir in Ruh' — und der getreue 
Nepomuk Ringseis. Der hatte sich entschieden für Lasaulxs Antrag aus- 
gesprochen; sein alter Freund aber meinte: „der Muckerl meint es gut, er 
hat mir schon oft bittere Wahrheiten gesagt.“ 
Im Sommer ging Ludwig nach seinem geliebten altfuldischen Schlosse 
Brückenau. Es bezeichnete seinen künstlerischen Sinn, daß er unter den 
vielen schönen Stellen seines Landes nicht die übermächtige, das Gemüt so 
leicht erdrückende Pracht der Alpenlandschaften bevorzugte, sondern die 
sanfte Anmut dieses stillen vom Waldgebirge der Rhön umschlossenen Wie- 
sengrundes: hier ließ sich's träumen und dichten. Seine Lola folgte ihm 
bald nach; Kürassiere ritten neben ihrem Wagen, um den katholischen Pöbel 
fern zu halten. Er selbst wurde, als er nachher in die Pfalz reiste, über- 
all mit der alten treuen Herzlichkeit aufgenommen. Unterwegs besuchte 
ihn der Bundesgesandte Graf Dönhoff, und wie erstaunte der Preuße, den 
König so verwandelt, so ganz umgetauscht zu finden: über alle die Männer, 
welche Ludwig einst in München gegen Dönhoff verteidigt hatte, sprach 
er jetzt mit der äußersten Heftigkeit.') Deem Würzburger Bischof Stahl 
hielt er eine ungnädige Rede, die er von zwei Flügeladjutanten nieder- 
schreiben ließ: „Der Beschützer der Kirche — als solcher bewies ich 
mich — ihr Wohltäter — keiner meiner Vorfahren machte aus eigenen 
Mitteln so viele Stiftungen — der wird von der ultrakirchlichen Partei 
so schändlich behandelt, daß sie den Jakobinern nichts übrig läßt. Die 
dem Papste feindliche Partei ist's auch mir. Seit Jahren gingen mir die 
Augen auf, immer mehr und mehr, und sollten auch alle hell sehenden 
  
*) Dönhoffs Bericht, Aschaffenburg, 20. Aug. 1847.
        <pb n="664" />
        656 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
um mich sich schließen, bleiben meine offen, solange ich lebe. Wenn 
irgend jemand mir Teueren ein Haar gekrümmt wird, werde ich keine 
Schonung mehr kennen. Daß in Würzburg Umtriebe stattfinden, ist mir 
bekannt. Ich sage nicht, daß Sie teilgenommen, aber damit Sie's sagen. 
Vor zwei Zeugen rede ich. Wüßte ich, daß Sie schuldig, ich würde es 
Ihnen sagen. Offen und gerad ist meine Art, und so hoffe ich zu sterben. 
Ich spreche nicht von Dankbarkeit und Pflichten gegen den Landesherrn, 
aber dumm, dumm ist's, sich so zu benehmen.“7) 
Die Leitung des neuen Ministeriums übernahm der Pfälzer Maurer, 
der einst in der griechischen Regentschaft mit Abel zusammengewirkt, da- 
heim aber den zur ultramontanen Partei übergegangenen alten Freund 
gänzlich aufgegeben hatte. Er war, zum Entsetzen der Klerikalen, der erste 
protestantische Minister Bayerns: so lange wirkten, trotz der rechtlich an- 
erkannten Gleichheit, die alten konfessionellen Erinnerungen noch in den 
meisten deutschen Staaten nach, in Preußen ward erst nach der Revo- 
lution der erste katholische Minister möglich. Mit dem Könige hatte 
Maurer schon als Kind in dem Rohrbacher Schlößchen bei Heidelberg oft 
zusammen gespielt. Mehr Gelehrter als Staatsmann, aber geschäfts- 
tüchtig, erfahren, arbeitsam, übernahm er das peinliche Amt nur aus 
Pflichtgefühl und mit der redlichen Absicht, die durch eine rohe Partei- 
herrschaft dem Lande geschlagenen Wunden zu heilen. Die Indigenats- 
Urkunde für Gräfin Lola Landsfeld mußte er freilich unterzeichnen, ob- 
gleich er eine solche Standeserhöhung erst kürzlich im Staatsrate selber 
für eine große „Kalamität“ erklärt hatte; doch jeden persönlichen Ver- 
kehr mit der neuen Gräfin verbat er sich ernstlich. Mit gesetzgeberischem 
Feuereifer, wie einst in Griechenland, arbeitete er nun an der lange ge- 
planten Justizreform und gewann den König für das öffentlich-mündliche 
Verfahren; nur von Geschworenen wollte Ludwig nichts hören. Die beiden 
so schwer mißhandelten Liberalen Behr und Eisenmann erlangten endlich 
ihre Freiheit wieder; die Universitäten erhielten eine neue, etwas verstän- 
digere Studienordnung, die Studenten erweiterte Rechte für ihre Ver- 
bindungen. Andererseits wurde die Missionstätigkeit der Redemtoristen 
beschränkt und den Nonnen die Ablegung der ewigen Gelübde erst in 
reiferem Lebensalter gestattet. Ergebene Anhänger nannten die neue, 
offenbar ehrliche Regierung schon das Ministerium der Morgenröte. 
Der Wiener Hof zeigte sich über das Unglück seiner bayrischen Freunde 
tief bekümmert. Sein Gesandter Graf Senfft, der so lange mit den 
Münchener Ultramontanen Hand in Hand gegangen war, gab Feste zu 
Ehren der gestürzten Minister, er bekam die Ungnade König Ludwigs stark 
zu fühlen und sah sich schließlich gezwungen, ohne Abschied zu verschwinden. 
Nachher ließ sich die Hofburg, da sie ihre üble Laune nicht bemeistern 
  
*) König Ludwig, Anrede an den Bischof von Würzburg, Aschaffenburg, Aug. 1847.
        <pb n="665" />
        Ministerium Maurer. 657 
konnte, eine Zeitlang nur durch Geschäftsträger vertreten.“) Den pro— 
testantischen deutschen Höfen ließ Ludwig die Gründe des Ministerwechsels 
vertraulich mitteilen und zugleich die Hoffnung aussprechen, nunmehr 
würde sich das Verhältnis zwischen den Bundesgenossen wieder freund- 
licher gestalten. Es ward hohe Zeit. Der Münchener Hof stand augen- 
blicklich ganz vereinsamt; alle mieden und beargwöhnten ihn, seit Abel 
sich erdreistet hatte, die Bischöfe geradeswegs zum Kampfe gegen die 
Kirchenpolitik der deutschen Regierungen aufzuwiegeln.*) Über ihre Vor- 
gänger sprachen die neuen Minister mit der größten Schärfe. In einer, 
dem preußischen Auswärtigen Amte mitgeteilten Weisung an den Ge- 
sandten Lerchenfeld schilderte Maurer die Politik Abels und fuhr fort: 
„das unsinnige und strafbare Treiben möchte ganz unbegreiflich erscheinen, 
wenn man nicht wüßte, daß S. Maj. der König schon seit längerer 
Zeit an eine Anderung des bisher befolgten Systems gedacht haben, welche 
nicht bloß den bayrischen Interessen, sondern auch denen des gesamten 
deutschen Vaterlandes mehr zusagen dürfte.“ ) Die meisten der kleinen 
Höfe antworteten sehr erfreut, auch die Westmächte und der den Ultra- 
montanen allezeit feindliche Zar bekundeten ihre Zufriedenheit; selbst 
der neue Papst äußerte sich wohlwollend, denn er wünschte kirchlichen 
Frieden. Der württembergische Resident Graf Degenfeld aber schrieb 
frohlockend an Thile, jetzt könne Preußen die diplomatische Herrschaft in 
München erlangen, und warf dem Grafen Bernstorff vor, daß er die 
Gunst der Stunde noch nicht benutzt hätte.#) 
Bernstorffs Zurückhaltung hatte gute Gründe, denn rücksichtslos zu- 
zugreifen, moralische Bedenken über politischen Zwecken zu vergessen, war 
Friedrich Wilhelms Weise nicht. Nirgends erregten die seltsamen Münchener 
Liebeswirren so viel Herzeleid wie bei dem bis zur Peinlichkeit sittenstrengen 
preußischen Königspaare. Dem Könige war überdies die neu empor- 
kommende liberalere Richtung fast ebenso zuwider wie die geschlagene ul- 
tramontane Partei, und seine Gemahlin empfand tiefes Mitleid mit ihrer 
armen Schwägerin der Königin Therese, die ihr hartes Los mit einer 
fast übermenschlichen Geduld ertrug. Auch Canitz konnte nicht umhin, mit 
dem eigentümlichen Tugendstolze dieses Hofes auszusprechen: sein eigener 
allergnädigster Herr hätte durch sein Verhalten gegen die römische Kirche 
das alte Wort bekräftigt: sui victoria indicat regem. Er freute sich des 
angekündigten Systemwechsels und der „Bekräftigung eines alten Bünd- 
nisses“", aber — so sagte er bedenklich — „die Veranlassung erscheint 
uns nicht geeignet, darin einen Sieg der Sache, die wir für die unserige 
halten, zu erkennen“. Noch deutlicher sprach er in einem Begleitschreiben 
*7) Berichte von Graf Arnim, 1. März, von Bernstorff, 4. Juni 1847. 
**) S. o. V. 287. 
* *) Maurer, Weisung an Graf Lerchenfeld, 1. März 1847. 
)Degenfeld an Thile, 15. Febr. 1847. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 42
        <pb n="666" />
        658 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
an Bernstorff (9. März): „Man bietet uns eine entente cordiale an, 
ohne uns Bedingungen zu machen; man gesteht, daß das bisherige Be- 
nehmen einer Anderung bedürfe, die uns nur erwünscht sein kann 
Ist aber das Verhältnis nicht einigermaßen dem zu vergleichen, wo ein 
in den Kot gefallener Freund seine Hand ausstreckt?“ Darum riet er, 
„die angebotene Gelegenheit zu benutzen, ohne uns jedoch in den Skandal 
verflechten zu lassen, damit jeder Schein vermieden werde, als wäre Lola 
Montez unsere Alliierte oder als drückten wir beide Augen zu, um gegen 
Herrn v. Abel &amp; Co. Vorteile zu gewinnen“.') Und als nun der un- 
glückliche Wittelsbacher tief und tiefer in die Netze seiner Geliebten hinein 
geriet, auch ihre politische Macht beständig zunahm, da schrieb Canitz 
(17. Aug.): „Es haben mehrere Könige mit Tänzerinnen gelebt; das ist 
nicht lobenswert, doch ist es möglich dabei zu bestehen, wenn die Ge- 
schichte in gehörigen Schranken bleibt. Aber diese Verknüpfung von Re- 
gierungssystem und Verliebtheit in eine vagabundierende Grazie, das ist 
eine neue Erscheinung; und damit zu bestehen, ist ebenso unmöglich, wie 
mit Sonetten in heutiger Zeit zu regieren. Der Würde des Königtums 
geschieht unberechenbar größerer Schaden durch solchen Unfug als durch 
allen den, welchen die Demagogen anzetteln.“) 
Das Urteil war sehr hart, aber nicht ungerecht. Das dämonische Weib 
verpestete allmählich das ganze Land, unter solchem Schutze erschienen 
auch die wohlmeinenden Minister Maurer, Zu Rhein, Zenetti in falschem 
Lichte. Die beiden Parteien der Ultramontanen und der „Lolamontanen“ 
bekämpften einander mit niederträchtigen Schmähungen. Lola selbst schrieb 
in die Allgemeine Zeitung: „Müde, die Zielscheibe so vieler heimlichen und 
öffentlichen, mündlichen, brieflichen und gedruckten Bosheiten zu sein, er- 
kläre ich jeden für einen ehrlosen Verleumder, der sich auf irgend eine Weise 
eine üble Nachrede gegen mich erlaubt, ohne sie beweisen zu können.“ Bei 
Hoffmann und Campe in Hamburg, den Verlegern der jungdeutschen Ra- 
dikalen, ließ P. Erdmann eine Verherrlichung der freien Liebe erscheinen: 
Lola Montez und die Jesuiten. Das Buch begann mit dem Satze: „die 
Welt ist noch keineswegs darüber im reinen, was denn eigentlich Sitt- 
lichkeit sei.“ und schloß mit einer Betrachtung über den Ausspruch aus 
Heinses Ardinghello: „wir können uns von dem Krebsschaden der Vor- 
urteile vieler Jahrtausende noch nicht heilen.“ Von der anderen Seite 
her kamen Brandschriften wie: „Lola Montez, oder das Mensch gehört 
dem Könige;"“ Ludwigs Sonett auf „das entscheidende Ereignis“ wurde 
unzähligemal parodiert, eines der Spottgedichte schloß: „die schlechtste Metze 
hat dich nun gerichtet.“ Die Schmutzerei ward unsagbar ekelhaft. Welche 
Verwirrung diese tollen bayrischen Händel überall in den Köpfen an- 
  
*) Canitz, Weisung an Bernstorff, nebst Begleitschreiben, 9. März 1847. 
**) Canitz an Bernstorff, 17. Aug. 1847.
        <pb n="667" />
        Lolamontane und Ultramontane. 659 
richteten, das mußte der einfältig ehrliche Polterer Jacob Venedey in Paris 
erfahren. Er schrieb als germanischer Tugendbold und Keuschheitswächter 
einen flegelhaften Aufsatz „die spanische Tänzerin und die deutsche Frei— 
heit.“ Da die deutschen Zeitungen, der Zensur halber, sein Machwerk 
nicht aufnehmen konnten, so wendete er sich an Marrast, den Heraus— 
geber des National. Der aber meinte trocken: die Freundin der Liberalen 
können wir nicht bekämpfen. Nun ging Venedey zu den Fourieristen Con— 
siderant und Cantagrel; sie lachten ihn aus: die deutschen Liberalen wären 
„absurd“, wenn sie sich an „die alte Moral“ hielten und nach dem Lebens— 
wandel ihrer Beschützerin fragten! Als der deutsche Demagog darauf mit 
dem ganzen Pathos des alten Burschenschafters ausrief: aus besudelten 
Händen nehme ich die Freiheit nicht an — da erwiderte ihm Cantagrel, 
der die Dame noch von ihren Pariser Zeiten her gründlich kannte, sieg— 
reich: o nein, Lolas Hände sind sehr rein und schön! Das alles ließ 
Venedey drucken; er ahnte nicht, wie lächerlich er sich machte. Und doch 
war es ein unheimliches Zeichen der Zeit, daß ein deutscher König, der 
Schirmherr der Kirche, also von den Predigern der „neuen Moral“ des 
Kommunismus in Schutz genommen wurde. 
Der Landtag, der im Oktober 1847 für kurze Zeit zusammentrat, um 
über eine neue Eisenbahn-Anleihe zu beschließen, hielt sich ruhig: denn 
über den Skandal, der alle Welt beschäftigte, durfte man auf der Redner— 
bühne nichts sagen. Auch waren die Liberalen aus den Provinzen, zumal 
die Pfälzer, herzlich froh, der verhaßten klerikalen Herrschaft endlich ent— 
ledigt zu sein, sie freuten sich des überall umhergetragenen königlichen 
Wortes: das Jesuiten-Regiment hat aufgehört in Bayern. Der Haß 
gegen die gestürzte Partei entlud sich nur in einigen stürmischen Auftritten. 
Von den Reichsräten verlangte Fürst Wrede kurzweg die Ausschließung 
des neuen Münchener Erzbischofs, der im Germanikum den Jesuiteneid 
geleistet hätte; Graf Reisach versicherte darauf, mit einer alle Sachkundigen 
erschreckenden Unschuld: daß er der Gesellschaft Jesu nicht angehöre. In der 
Adresse sprach die zweite Kammer den neuen Räten der Krone ihr Ver— 
trauen aus und zugleich die Hoffnung, daß „die großartige Schöpfung des 
Zollvereins zu einer noch vollständigeren Vereinigung aller deutschen 
Volksstämme führen möge“. Der also angeschlagene liberale Ton klang 
mächtig wieder, als ein Antrag auf Preßfreiheit beraten und schließlich 
selbst von den Reichsräten beinah einstimmig angenommen wurde. Der 
König willfahrte dem Wunsche, da die so oft besprochene Revision des 
Bundespreßgesetzes doch noch in weitem Felde lag, und verfügte am 
17. Dez. — dem Bundesrechte zuwider — daß fortan nur noch die 
Artikel über auswärtige Politik der Zensur unterliegen sollten. 
Aber ehe das Land noch dieses Geschenkes froh werden konnte, brach 
das Ministerium Maurer schon zusammen. Es war Ludwigs tragisches 
Verhängnis, daß ihm seine törichte Liebe jetzt auch seine wohldurchdachten 
42*
        <pb n="668" />
        660 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
Reformen verderben mußte. Seit der Heimkehr aus Brückenau gebärdete 
sich Lola frech als Herrscherin; sie hielt in der lieblichen Villa, die ihr 
der König auf der Barerstraße erbaut hatte, üppige Gelage, fuhr in präch— 
tigem Gespann durch die Straßen, und überall, wo sie sich zeigte, gab es 
Händel, die durch ergebene Geheimpolizisten und Gendarmen mühsam bei— 
gelegt wurden. Zunächst wünschte sie Aufnahme zu finden in der vor— 
nehmen Gesellschaft, doch alle Türen blieben ihr verschlossen; selbst ein 
Flügeladjutant des Königs, ein Sohn seines alten Jugendfreundes v. d. 
Tann weigerte sich, die Gräfin zu besuchen. Ludwig fluchte auf die Pfaffen 
und die alten Weiber, die seiner Geliebten das Leben vergällten, und da 
auch Maurer den geselligen Verkehr standhaft verweigerte, so mußte der 
Minister vor der Tänzerin weichen. Am 1. Dezember, alsbald nach 
Schluß des Landtags, trat eine neue Regierung zusammen, die sogleich 
den wohlverdienten Namen des Lola-Ministeriums erhielt. Fürst Oettin- 
gen-Wallerstein, der Unberechenbare, der in den letzten Jahren, über und 
über verschuldet, immer mehr zum Abenteurer geworden war, nahm 
keinen Anstand, an die Spitze dieses Kabinetts zu treten, der Leichtsinnige 
traute sich's zu, jede nähere Berührung mit der Tänzerin vermeiden zu 
können. Allgemeinen Abscheu erweckte sein neuer Amtsgenosse Berks, 
ein gemeiner Gesell und dreister Schwätzer, der sich bisher nur als Lolas 
Reisebegleiter Verdienste erworben hatte. Von nun an zeigte die bisher 
wesentlich durch die Ultramontanen geschürte Münchener Volksbewegung 
ein verändertes Wesen. Wohl schwoll die Wut der Klerikalen noch immer 
an, zumal da jetzt zwei ihrer schärfsten Gegner, Hormayr und Fallmerayer 
an das Archiv und die Universität berufen wurden; aber der Parteihaß 
war fortan schwächer als das Gefühl menschlichen Ekels. Die tolle 
Fremde trieb es zu arg, ihre dummdreiste spanische Hofart empörte 
schließlich jedermann ohne Unterschied der Partei, nur nicht das Ge- 
sindel ihrer Schmarotzer und den noch immer verblendeten König. Das 
Weib muß fort! — so sagte alle Welt, und es begann ein echt bay- 
risches Haberfeldtreiben, wobei die Erbosten ganz vergaßen, daß ihre 
Entrüstung auch den König traf, den sie doch nicht treffen sollte. 
An die Spitze dieser nunmehr ganz unpolitischen Opposition trat 
wieder die Universität. Froh der neugewährten Verbindungsfreiheit, 
hatten die Studenten die Austreibung so vieler beliebter Lehrer schon 
vergessen; da bemerkten eines Tages einige Korpsburschen der Palatia 
beim Durchwandeln der Barerstraße, daß zwei ihrer Leute vergnügt in 
der verrufenen Villa saßen und Lola sich die Pfälzermütze auf ihr schönes 
schwarzes Haar gestülpt hatte. Das ging den jungen Männern gegen 
die Ehre, denn ein ritterliches Gefühl für den makellosen Ruf ihrer 
Farben haben die deutschen Studentenverbindungen sich allezeit bewahrt. 
Die beiden Sünder wurden von ihrem Korps ausgeschlossen und traten 
alsbald mit einigen Geistesverwandten zu einem neuen Korps Alemannia
        <pb n="669" />
        Alemannia. Görres' Tod. 661 
zusammen, das seine Kneipe im Hinterhause der gräflichen Villa aufschlug. 
Es waren durchweg schöne Leute, auf Kosten ihrer Freundin elegant ge— 
kleidet, im übrigen ein nichtsnutziges, sittenloses Volk; und dieser Auswurf 
der Universität bildete fortan Lolas Leibwache, wenn sie die Straßen und 
die Kaffeehäuser durchzog. Die Alemannen zeigten sich jetzt prahlerisch, 
herausfordernd in den Hörsälen, wo man sie früher nie gesehen, aber so— 
bald eine rote Alemannenmütze auftauchte, begannen die Kommilitonen 
zu lärmen, zu zischen, zu pfeifen und verließen dann allesamt den Saal. 
Die Studentenschaft war Mann für Mann entschlossen, eine solche Rotte 
nicht mehr unter sich zu dulden; und nun erfrechte sich Minister Berks 
gar noch, auf einem Kommerse die Alemannen als Pfleger der Studien, 
der Humanität, der Sittlichkeit zu feiern, die Gefolgschaft Lolas der ver— 
dorbenen Jugend als Musterbild vorzuhalten. Das war mehr, als deutsche 
Burschen vertragen konnten; selbst Thiersch, der allbeliebte neue Rektor, 
vermochte durch seine väterlichen Anreden den Grimm der Jugend nicht 
mehr auf die Dauer zu bändigen. 
Mitten in diesen akademischen Wirren starb Görres (29. Jan. 1848). 
Glücklicher konnte er nicht enden, denn gerade jetzt ward er als unbeug— 
samer, freimütiger Feind einer verachteten Regierung überall gepriesen. 
Noch auf dem Sterbebette sagte er: „der Staat regiert, die Kirche pro— 
testiert.“ Auch die ehrlichen Gegner fühlten, daß dieser phantastische Geist 
auf seinen weiten Irrfahrten vom Jakobinertum bis zur klerikalen Partei 
doch eigentlich sich selber niemals untreu geworden war; für die Nation 
blieb er der gewaltige Redner des Rheinischen Merkurs. Sein Begräbnis 
gestaltete sich zu einer drohenden Kundgebung gegen das neue Regiment, 
und die ganz von Lola abhängige Polizei reizte Bürger und Studenten 
noch mehr auf durch allerhand plumpe Eingriffe. Am 7. Febr. 1848 
erfüllten lärmende Massen den stillen Platz vor dem neuen Universitäts- 
gebäude am Siegestore, die Alemannen traten ihren Feinden mit erstaun- 
licher Frechheit entgegen. Am 9. wiederholten sich die unruhigen Auf- 
tritte, diesmal heftiger; auf der langen Ludwigsstraße vom Siegestore 
bis zum Hofgarten tummelten sich tobende Volkshaufen, ein Alemanne 
zückte den Dolch gegen einen Kommilitonen und floh dann noch rechtzeitig 
mit seinen Gesellen. Da erschien plötzlich Lola selbst in den Arkaden des 
Hofgartens, wildes Geheul empfing sie, mit Kot und Steinen beworfen 
mußte sie in der nahen Theatinerkirche Schutz suchen. 
Nun hielt sich Ludwig nicht mehr. Noch am nämlichen Tage befahl 
er, die Universität sofort bis zum Winter zu schließen. Dieselbe Strafe 
hatte er schon vor siebzehn Jahren einmal über seine unruhigen Stu- 
denten verhängt.)) Damals war die UÜbereilung in der Stille wieder 
zurückgenommen worden; jetzt aber durchflog die Nachricht wie ein Lauf- 
  
*) S. o. IV. 241.
        <pb n="670" />
        662 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
feuer die erregte Stadt. Die Bürger murrten laut, viele lebten ja von 
den Professoren und Studenten; auf ihre dringenden Bitten wich der König 
einen Schritt zurück und versprach, die Universität bereits im Sommer 
wieder eröffnen zu lassen. Das genügte schon nicht mehr. Am 11. Febr. 
tagte eine große Bürgerversammlung auf dem Rathause, drunten auf 
dem Schrannenplatze stand das Volk Kopf an Kopf. Nach heftigen Reden 
wurde beschlossen, sofort eine neue Bitte dem Monarchen vorzutragen, 
die Masse drängte den Abgesandten zum Schlosse nach. Man fürchtete 
das Argste, da der Pöbel durch die Bierkrawalle der jüngsten Zeit schon 
an Unfug gewöhnt, auch über manche Roheit der Gendarmen erbittert 
war. Endlich trat Fürst Wallerstein in das Portal des Schlosses und 
verkündete, die Bitte sei genehmigt, die Vorlesungen an der Universität 
sollten sofort wieder beginnen. Zugleich erzählte er den Umstehenden, 
die Gräfin Landsfeld würde noch heute die Stadt verlassen. Unter wildem 
Freudengeschrei eilte nun die Masse nach der Barerstraße, um Lolas Ab— 
reise abzuwarten. Plötzlich ging der Torweg auf, und der Wagen der 
Gräfin jagte in rasendem Laufe davon. Der enttäuschte Pöbel stürmte 
sodann in die Villa und begann alles zu zerschlagen. Mit einem Male 
kam der König und befahl kurz mit lauter Stimme: schonet mein Eigen— 
tum! Augenblicklich ward alles still, die Häupter entblößten sich, einer 
aus dem Haufen hub an: „Heil unserm König, Heil“, und die Masse 
sang das Lied nach, derweil Ludwig schweigend hinwegschritt. 
So schien der Spuk verflogen, der wüste Zigeunertanz beendigt. 
Fromme Zeichendeuter erkannten schon den Finger Gottes, denn genau 
am Jahrestage des Abelschen Memorandums hatte die Unholdin das 
Feld räumen müssen. Alle Verständigen rechneten jetzt sicher auf inneren 
Frieden; sie wußten im voraus, daß die leichtlebigen Münchener ihrem 
Ludwig seine Wanderungen im Irrgarten der Liebe nicht splitterrichterlich 
nachtragen würden; leicht und ohne Kleinsinn zu verzeihen, war ja von 
jeher gut bayrische Art. Ludwig selbst dachte anders. Er hatte sich im 
Herzen von seiner Lola noch nicht losgesagt und hoffte noch immer auf 
ihre Wiederkehr; er empfand die gehässige Undankbarkeit seiner Mün— 
chener sehr bitter und fühlte sich durch die abgezwungenen Zugeständnisse 
so tief gedemütigt, daß er schon ernstlich die Frage erwog, ob er nicht 
die Krone seinem in jeder Hinsicht kleineren Thronfolger überlassen 
solle. Derweil er also noch mit sich selber kämpfte, kamen die Nachrichten 
von der Pariser Revolution. München geriet abermals in Bewegung, das 
schon erschütterte Ansehen des Thrones ward abermals bedroht, und in 
blindem Unmut entschloß sich Ludwig ganz ohne Not zu der Abdankung, 
die ein Unglück werden sollte für Deutschland und für Bayern. — 
Von diesen doch fast zufälligen Verirrungen und Parteikämpfen konn- 
ten sich die volksbeliebten Wittelsbacher immerhin bald wieder erholen. 
Weit tiefer und nachhaltiger wurde das Ansehen des deutschen Fürsten-
        <pb n="671" />
        Lolas Flucht. Der alte Kurfürst. 663 
standes geschädigt durch die fortschreitende Entartung des hessischen Kur— 
hauses. Wie viele Diplomaten ganz verschiedenen Schlages hatten nun 
schon den preußischen Hof in Kassel vertreten: erst Hänlein, der schwer— 
fällige Regensburger Reichsjurist, dann dessen lebenslustiger Sohn, darauf 
der sarkastische Canitz, der über seine geliebte hessische Heimat doch so mild 
wie möglich urteilte, dann Stach v. Goltzheim, ein beschränkter Kopf, jetzt 
endlich der streng klerikale westfälische Graf Galen, der einst wegen des 
Kölnischen Bischofsstreites aus dem diplomatischen Dienste ausgeschieden, 
unter dem neuen Könige jedoch wieder eingetreten war. In einem aber 
stimmten alle preußischen Gesandtschaftsberichte vollständig überein: in der 
Entrüstung über dies gewissenlose Fürstengeschlecht, das am Berliner Hofe 
doch stets als treuer Bundesgenosse betrachtet wurde. Der Kurprinz-Mit- 
regent schien selbst zu ahnen, wie die Nachwelt dereinst über ihn richten 
würde; er ließ alle wichtigen Akten über sein Regiment so sorgfältig be- 
seitigen, daß sich heute im Marburger Archiv schlechterdings nichts über 
diese Zeiten vorfindet. Mit gewaltsamer Selbstüberwindung bewahrte 
sich das hessische Volk seine dynastische Treue; zum höchsten Geburts- 
tage sang ein patriotischer Dichter: „ein Lebehoch erschall'“ im Jubeltone 
dem teuren Vater und dem teuren Sohne!“ Der teuere Sohn war aber 
dermaßen verhaßt, daß Stach v. Goltzheim tief betrübt gestehen mußte: 
ich kenne keinen einzigen aufrichtigen Anhänger und Verehrer des Kur- 
prinzen.“) Das Volk begann schon, sich nach dem Vater zurückzusehnen, 
der immer noch grollend außer Landes weilte. 
Als die unglückliche Kurfürstin Auguste starb und der alte Herr nun- 
mehr sofort seine Reichenbach heiratete (1841), da bat ihn der Kasseler 
Magistrat durch eine streng geheim gehaltene Adresse, er möge mit seiner 
ehelichen Gemahlin in seine Hauptstadt zurückkehren.“) Nicht lange darauf 
starb auch die Gräfin Reichenbach, und nun schloß der Kurfürst eine dritte 
Ehe mit einer Tochter des Landes, einer Freiin von Berlepsch, die zur 
Gräfin Bergen erhoben wurde. Da er mit dieser achtungswerten liebens- 
würdigen Frau fortan ganz ehrbar zu Frankfurt in seiner schönen Villa 
am Mainufer lebte und nur noch zuweilen einmal zu der nahen Homburger 
Spielbank hinüberfuhr, so waren die Kurhessen jetzt bereit, ihren gebesser- 
ten Landesvater mit offenen Armen aufzunehmen. Der Sohn aber zitterte 
vor der Rückkehr des Vaters, er bat die beiden Großmächte flehentlich 
um Schutz und reiste einmal selbst nach Schlesien zu König Friedrich 
Wilhelm, um sich der preußischen Hilfe zu versichern. Unnötige Angst. 
Der alte Kurfürst war mit nichten gemeint, sein Stillleben aufzugeben; 
die vielen Liebesbeweise aber, die ihm jetzt aus der Heimat zukamen, 
taten ihm wohl, in seinen letzten Jahren söhnte er sich mit den Land- 
  
*) Stachs Bericht, 4. Nov. 1841. 
**) Stachs Bericht, 21. Aug. 1841.
        <pb n="672" />
        664 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
ständen und der meuterischen Hauptstadt wieder leidlich aus. Unterdessen 
tat der Sohn das Menschenmögliche, um die Sehnsucht nach dem Vater 
wach zu halten. Die dem Lande geraubte Rotenburger Quart behielt er 
für sich,“) und nachdem der Bundestag sich für inkompetent erklärt hatte, 
fruchteten alle Klagen der Stände nichts mehr. 
Dem Landtage, der allerdings mehrmals wieder aussichtslose Minister- 
anklagen versuchte, trat Minister Scheffer mit Geringschätzung, noch höhni- 
scher fast als vordem Hassenpflug, entgegen. Er verlangte die Schlüssel 
des Ständehauses und ließ, als sie ihm verweigert wurden, die Türen 
erbrechen, die Schlösser verändern; er verjagte die neu angestellten Steno- 
graphen, obgleich die Verfassung öffentliche Beratungen verlangte; ein- 
mal löste er den Landtag mitten während einer Sitzung auf, mit den 
barschen Worten: meine Herren, Sie sind entlassen! Es war, als ob er 
Händel suchte und geflissentlich immer neue Streitfragen aufspürte. Ganz 
unerwartet stellte er die Forderung auf, daß jeder Abgeordnete der drei 
in der einen Kammer vereinigten Stände seinem Stande wirklich ange- 
hören müsse. Dies war in der Verfassung nicht vorgeschrieben und bis- 
her auch nicht befolgt worden. Doch die neue Berliner Lehre von der 
ständischen Gliederung hatte jetzt auch in Kassel ihre Gläubigen gefunden. 
Die Regierung behauptete hartnäckig, jeder Abgeordnete vertrete nur die 
Rechte seines Standes, und nach langem widerwärtigem Streit erreichte 
sie in der Tat, daß zwei Mißliebige dem Landtage fern bleiben mußten. 
Den Klerikalen war der Mitregent nicht hold; er selbst glaubte freilich 
nur an einen Gott, den Mammon, und liebte die reaktionären Pietisten, 
die sich an ihn herandrängten, sehr wenig, noch weniger aber die römische 
Kirche, die so leicht einen Staat im Staate bilden konnte. Darum hatte 
der Bischof von Fulda beständig, und meist mit Recht, über kleinliche bu- 
reaukratische Quälerei zu klagen. Am allerwenigsten jedoch wollte Friedrich 
Wilhelm von den neuen freigeisterischen Kirchen wissen. Metternich, um 
dessen Gunst er sich eifrig bemühte, weil er seiner Gemahlin den öster- 
reichischen Fürstenhut zu verschaffen hoffte, hatte ihn bei einem Besuche 
auf dem Johannisberge über die staatsgefährlichen Pläne der Deutsch- 
katholiken gründlich belehrt; und es war nur ein lächerlicher Zufall, daß 
eben jetzt die Bonner Gelehrten Sybel und Gildemeister, die das Märchen 
vom heiligen Rock so gründlich beleuchtet hatten, an die Marburger Uni- 
versität berufen wurden. Die literarischen Sünden der beiden waren ihm 
von seinen Räten sorgfältig verborgen worden.**) Der Kurprinz verfolgte 
die deutschkatholische Sekte streng, unbekümmert um die Vorstellungen 
des Landtags, verwehrte ihr durchaus Gemeinden zu bilden, obgleich sie 
im ganzen Lande kaum hundert Anhänger zählte; er ließ sogar auf dem 
  
*) S. v. IV. 623. 
1*8) Nach einer freundlichen Mitteilung von H. v. Sybel.
        <pb n="673" />
        Ministerium Scheffer. Prozeß Jordan. 665 
Hanauer Kirchhofe die Leiche eines unbescholtenen deutschkatholischen Bür— 
gers wieder ausgraben und dann an der Mauer verscharren. Die Narren— 
streiche der hessischen Zensur fanden jetzt, da man überall milder ward, 
nur noch in Osterreich ihresgleichen. Über die Geschenke, welche die 
Mutter des Kurprinzen der Stadt Kassel vermacht hatte, durften die längst 
gezähmten Zeitungen kein Wort sagen. Ein liberaler Marburger Buch- 
händler konnte von der Regierung nicht erlangen, daß sie ihm für eine 
geplante statistische Zeitschrift einen Zensor gab, und mußte schließlich, zum 
allgemeinen Ergötzen, eine „Klage auf Bestellung eines Zensors“ ein- 
reichen, denn ohne Zensur durfte das Blatt nicht erscheinen. Besonders 
aufreizend erschien der Polizei das alberne bei den jungdeutschen Radi- 
kalen beliebte Zerrbild des deutschen Michels. Wo immer dies Bild sich 
zeigte, in Zeitungen oder Flugschriften, da ward es unnachsichtlich kon- 
fisziert, und der witzige liberale Rechtsanwalt Friedrich Oetker sah sich 
genötigt, einmal im Auftrage mehrerer Buchhändler eine Beschwerdeschrift 
„wegen sieben deutscher Michel“ auszuarbeiten. 
Doch was wollten solche Lächerlichkeiten bedeuten neben dem furcht- 
baren, das ganze Land erregenden Schicksale Silvester Jordans. Viele 
Jahre lang hatten die Polizeibehörden insgeheim Stoff gesammelt, um dem 
Vater der hessischen Verfassung nachzuweisen, daß er bei dem Frank- 
furter Wachensturme und den anderen Verschwörungen jener längst ver- 
schollenen Tage mitgewirkt hätte; als sie endlich der Beweise genug zu 
haben glaubten, wurde Jordan (Aug. 1839) unter der Anklage des Hoch- 
verrats auf das Marburger Bergschloß abgeführt. Da saß er nun in 
langer, schwerer Haft und blickte hernieder auf die Stadt, die ihn einst 
mit fürstlichen Ehren empfangen hatte. Noch einmal fiel er in eine Grube, 
die er sich mit eigenen Händen gegraben. Er selber hatte einst, um ver- 
fassungsfeindliche Minister sicher zu knebeln, in die Verfassung den Art. 
126 hineingebracht, der bei Anklagen auf Verfassungsverletzung sowohl 
die Niederschlagung wie die Begnadigung untersagte; folglich konnte das 
Verfahren gegen ihn selbst, einmal begonnen, nicht mehr aufgehalten 
werden. Da seine Gesundheit in dem Turme droben schwer gelitten 
hatte, so erlaubte man ihm endlich, unter strenger Bewachung in der 
Stadt zu leben, doch erst im Jahre 1843 erfolgte der Richterspruch, der 
ihn „wegen Nichthinderung hochverräterischer Unternehmungen“ verur- 
teilte. Er appellierte, und das allezeit nach oben wie nach unten furcht- 
lose Oberappellationsgericht sprach ihn im Oktober 1845 gänzlich frei. 
Die Belastungszeugen waren meist verdächtige Leute, und ganz un- 
zweifelhaft ergab sich, daß die windigen deutschen und polnischen Dema- 
gogen, die zu jener Zeit bei ihm eingekehrt waren, seinen sowie viele andere 
geachtete Namen mißbraucht hatten, um neue Genossen zu werben. Von 
einigen törichten Anschlägen mochte er damals wohl gehört haben; doch wie 
durfte man ihn tadeln, wenn er diese hirnverbrannte Rederei keiner Be-
        <pb n="674" />
        666 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
achtung wert gehalten hatte? Und welch ein Ergebnis! Sieben Jahre nach 
dem angeblichen Verbrechen ward er gefangen gesetzt; darauf sechs Jahre 
schwerer Untersuchungshaft, und dann vollständige Freisprechung. Die 
Unhaltbarkeit des alten geheimen Verfahrens wurde durch diesen Prozeß, 
eben weil keine Gewalttätigkeit, keine Verletzung des formalen Rechts 
nachzuweisen war, noch deutlicher erwiesen als einst durch Weidigs un— 
heimliches Geschick. Eine ganze Schar liberaler Schriftsteller, voran der 
unaufhaltsame Welcker, bemächtigte sich auch alsbald des Hergangs, um 
die geheime Justiz zu brandmarken. Die „Wanderungen aus meinem 
Gefängnisse“, welche Jordan in seinem Bergschlosse schrieb, redeten noch 
in dem alten burschikos liberalen Tone gegen die stehenden Heere, gegen 
die Barbarei der Todesstrafe, gegen alle Halben und Vermittler. Doch 
als der Unglückliche endlich frei kam, da war er gebrochen an Leib und 
Seele, seine weiche Natur hatte so vielem Jammer doch nicht stand ge— 
halten, er zeigte sich fortan sehr friedfertig, fast bis zum Übermaße. 
Im November 1847 starb der alte Kurfürst, und unter gesunden 
Verhältnissen hätte der Kurhut ganz ebenso unmerklich auf den Sohn 
übergehen müssen, wie in Sachsen die Königskrone auf den ehrenhaften 
Mitregenten, den Prinzen Friedrich August übergegangen war. Der Kur— 
prinz hatte ja schon vor sechzehn Jahren die Regierungsgeschäfte über— 
nommen und damals eidlich gelobt, „die Staatsverfassung des Kurstaats 
aufrechtzuhalten“. Aber nach der neuen höfischen Doktrin, die im Welfen- 
reiche so glänzend gesiegt hatte, stand es jedem Fürsten frei, sobald er die 
Regierung kraft eigenen Rechtes antrat, die Landesverfassung anzuerkennen 
oder nicht. Niemand bekannte sich zu dieser Lehre freudiger als der neue 
Kurfürst; an den Verfassungseid, den er einst als Regent geleistet, fühlte 
er sich nicht mehr gebunden, ein Gewissen kannte er so wenig wie Fal- 
staff die Ehre. Seit Jahren schon plante er, bei seiner Thronbesteigung 
das verabscheute Staatsgrundgesetz über den Haufen zu werfen; wenn er 
sich nur nicht gar so sehr gefürchtet hätte! Diese Neigungen des Sohnes 
mochte der Vater wohl kennen. Schon im Jahre 1841, als er eben anfing, 
sich mit seinem Lande auszusöhnen, hinterlegte der Alte bei einem Frank- 
furter Anwalt ein testamentarisches Schreiben an seine Landstände, das 
„den Unwürdigen“ Verzeihung zusagte für „die Ausbrüche roher Leiden- 
schaft“ und zugleich den Landtag ermahnte, „den Geist des Widerspruchs, 
mit der Bezeichnung Opposition beschönigt, zu verbannen . und so 
die Aufrechthaltung der von Uns gegebenen Verfassung zu sichern.“ 
Der Wink war deutlich, und die Stände beeilten sich, den nachgelas- 
senen Brief, sobald er ihnen kund geworden, dem Nachfolger nebst einer 
Beileids-Adresse zu überreichen. Sie wurden jedoch nicht vorgelassen. Der 
neue Herr schwankte noch. Er forderte soeben von seinen Truppen einen 
neuen Fahneneid, für seine Person allein; da zeigte sich's, wie schwer die 
unsinnige liberale Erfindung des zweifachen Eides die Gewissen ehrenhafter
        <pb n="675" />
        Kurfürst Friedrich Wilhelm. Verfassungseid. 667 
Soldaten bedrücken mußte. Viele der Offiziere hatten vor Jahren den 
Verfassungseid nur mit Widerstreben geleistet; nun da er längst geschworen 
war, fühlten sie sich wieder von der anderen Seite her bedroht. Einige 
gingen zu den Obersten Urff und Gerland, den Kommandanten der Leib— 
garde und der Artillerie, um sich Rates zu erholen, und als diese beiden 
tapferen Männer dem Kurfürsten darauf die Bedenken ihrer Kameraden 
aussprachen, da empfingen sie den mürrischen Bescheid: natürlich bleibe 
der alte Verfassungseid in Kraft, die neue Verpflichtung bedeute ja nur, 
daß die Person des Landesherrn sich geändert hätte. ) Nunmehr leisteten 
die Truppen den Eid; der Kurfürst aber zeigte sich noch übellauniger, als 
sonst seine Art war, und ließ einige der Offiziere, die ihre Zweifel geäußert 
hatten, zur Strafe versetzen. Unterdessen begannen wieder jene häus- 
lichen Zänkereien, welche jeden Schicksalswechsel der hessischen Landes- 
geschichte unfehlbar begleiteten. Der alte Kurfürst hatte sein großes Ver- 
mögen außer Landes untergebracht, teils in Osterreich, teils bei Amschel 
Rothschild oder sonstwo in Frankfurt. Sein Sohn argwöhnte sofort, man 
könne ihm etwas vorenthalten, und sendete Gendarmen nach Frankfurt 
hinüber, worauf der Senat der freien Stadt entrüstet seine Souveränität 
verteidigte. Dann suchte Friedrich Wilhelm gegen Deines, den Vertrauens- 
mann seines Vaters, vorzugehen, der war aber schon längst österreichischer 
Untertan geworden; auch die Rechnungen über das Vermögen der Reichen- 
bachschen Kinder hatte der Alte vorsichtig verbrennen lassen, und da der 
Hausfideikommißfonds nicht angetastet war, so konnte der liebevolle Sohn 
nichts ausrichten. Nun schickte er Kommissäre in die Villa am Main, 
um die Gräfin Bergen daraus zu vertreiben, und befahl seinem Bundes- 
gesandten, schleunigst dort Wohnung zu nehmen, weil dieser, nach dem 
Rechte der Exterritorialität, so leicht nicht wieder verdrängt werden konnte; 
die tapfere Gräfin aber jagte die Eindringlinge hinaus und erwies ihnen 
durch ein vorgezeigtes Aktenstück, daß sie die rechtmäßige Erbin des Hauses 
war. So ging es weiter, immer im gewohnten kurhessischen Familien= 
stile. .) Kaiser Ferdinand, dem der alte Kurfürst die Oberaufsicht über 
die Ausführung des Testaments übertragen hatte, lehnte den Auftrag ab; 
denn Metternich fand es bedenklich, daß sich sein Herrscherhaus mit diesem 
kurhessischen Schmutze befassen sollte.**) Am Bundestage stand der neue 
Kurfürst in schlimmem Rufe, da er soeben einen widerlichen Streit mit 
Waldeck wegen angeblicher lehnsherrlicher Rechte begonnen hatte; die 
Bundesgesandten nahmen sämtlich an, daß er lediglich bezweckte, sich 
seine Ansprüche abkaufen zu lassen. , 
Die Entscheidung über die hessische Verfassung lag in Wien und 
*) Galens Berichte, 8. 11. Dez. 1847. 
*7*) Dönhoffs Berichte, Frankfurt, 20. Nov. 1847 ff. 
*##“) Berichte von Dönhoff 31. Dez., von Galen, 22. Dez. 1847. 
4) Dönhoffs Bericht, 22. April 1847.
        <pb n="676" />
        668 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
Berlin; denn ohne die sichere Hilfe der beiden Großmächte wollte der 
Kurfürst nichts wagen, von Metternich hatte er sich auch sogleich, wie schon 
oftmals früher, brieflich Rat erbeten. König Friedrich Wilhelm schwankte 
keinen Augenblick, er nannte den Hessen kurzweg einen bösen Mann und 
wollte mit diesen Umsturzplänen nichts zu schaffen haben. Einer Wieder- 
holung des welfischen Staatsstreichs war die aufgeregte Zeit wahrlich nicht 
günstig. Demgemäß sendete Canitz schon am 30. Nov. eine Weisung an 
Galen, die dem hessischen Hofe mitgeteilt wurde. Sie warnte dringend 
vor ungesetzlichen Schritten: fände der neue Herr einzelne Sätze der ra- 
dikalen Verfassung ganz unerträglich, so möge er den Bundestag um die 
Verbürgung des Grundgesetzes bitten; dann böte sich von selbst die Ge- 
legenheit, mit den Landständen über einige Veränderungen friedlich zu ver- 
handeln. Canitzs Rat war ebenso wohlgemeint, wie seine gleichzeitigen 
Mahnungen an den dänischen Hof; er konnte, rechtzeitig befolgt, dem 
hessischen Lande traurige Kämpfe ersparen. Doch in Kassel wie in Kopen- 
hagen waren die Menschen stärker als die Vernunftgründe. Einen bru- 
talen Staatsstreich mit Beihilfe der beiden Großmächte hätte der Kurfürst 
wohl gewagt, aber zu schwierigen Verhandlungen mit dem Bundestage 
und den Landständen zugleich besaß er weder den Mut, noch den Verstand, 
noch den guten Willen. In Canitzs Sinne sprach auch General Gerlach, 
der die Beileidsbezeigung des Königs überbrachte; der gewann einen sehr 
traurigen Eindruck vom Kasseler Hofe, er fürchtete, dieser Fürst hätte „ein 
böses Herz, absolutistische Gesinnung, Habsucht und Mangel an Liebe zu 
seinem Lande“. Noch während er in Kassel weilte, erschien, am 11. Dez., 
Hofrat Philippsberg aus Wien mit der Antwort Metternichs und einem 
begleitenden Gutachten. Diese österreichische Denkschrift stimmte fast wört- 
lich mit Canitzs Depesche überein und war also vermutlich mit dem 
Berliner Hofe verabredet. ) Welch ein Wandel der Zeiten! Im Jahre 
1831 hatte Metternich eine Bundesgarantie für diese radikale Verfassung 
entschieden zurückgewiesen), und ein an den Höfen allgemein geglaubtes 
Gerücht behauptete, daß er auch später noch mit dem Prinzregenten wegen 
eines Staatsstreiches verhandelt hätte. Und jetzt riet er dem neuen 
Kurfürsten selbst, die Bürgschaft des Bundes für das Grundgesetz nach- 
zusuchen, allerdings unter Bedingungen, die sich noch nicht absehen ließen. 
Von einem gewaltsamen Umsturz wollte er nichts mehr hören. Durch 
diese Erklärungen der beiden Großmächte war der hessische Staatsstreich 
vorläufig abgewendet; ein mahnender Brief, den der Prinzgemahl Albert 
am 12. Dez. an den König von Preußen sendete, traf erst lange nach der 
Entscheidung ein. 
Sichtlich enttäuscht beschied der Kurfürst wenige Stunden nach Ein- 
  
*) Galens Berichte, 4. 8. 11. 12. Dez. 1847. 
124) S. o. IV. 137.
        <pb n="677" />
        Hessische Staatsstreichspläne. Hannover. 669 
gang der österreichischen Antwort die Vertreter des Landtags zu sich, um 
ihre Beileidsadresse endlich entgegenzunehmen. Er empfing sie freundlich, 
und die Stände nahmen stillschweigend an, daß er den beim Antritt der 
Regentschaft geschworenen Eid auch jetzt noch als bindend ansähe. Dar- 
über sprach sich der neue Herr nicht offen aus, doch gab er zu verstehen, 
die Verfassung bedürfe einerseits der Sicherung, andererseits mehrerer 
Verbesserungen.') Seine Absicht war also, den Rat der Großmächte 
zu befolgen und die Bürgschaft des Bundestags nachzusuchen; er berief 
auch alsbald eine Kommission von drei Beamten, welche die notwendigen 
Abänderungen der Verfassung vorschlagen sollte. Aber die Arbeit stockte 
bald, es fehlten Einsicht und Ehrlichkeit. In diesem sonderbaren Zu- 
stande, unter einem verabscheuten Fürsten, den allein die Warnungen der 
Großmächte vom Eidbruche zurückgehalten hatten, wurde das unglückliche 
Land von den Stürmen der Revolution getroffen. — 
Der alte Welfe konnte unterdessen seines gelungenen Staatsstreichs 
nicht recht froh werden. Das neue Landesverfassungsgesetz war durch Lug 
und Trug endlich zu stande gekommen, und der gefährlichste Mann der Op- 
position, Stüve mußte dem Landtage fern bleiben, da er in einem gehäs- 
sigen politischen Prozesse wegen Verjährung des Vergehens zwar nicht ver- 
urteilt, aber auch nicht förmlich freigesprochen worden war. Folglich, so 
entschied die Regierung, war Stüve nicht mehr unbescholten. Dantons 
Grundsatz, daß jeder Verdächtige als schuldig zu behandeln sei, fand nir- 
gends treuere Schüler als an diesem reaktionären Hofe; auch nach seinem 
Siege verschmähte Ernst August die Geschlagenen durch eine Amnestie zu 
versöhnen. Sein Verhältnis zu dem neuen Landtage blieb immer unfreund- 
lich, schon weil der Staatsstreich sich sehr bald auch als eine staats- 
wirtschaftliche Torheit erwies. Die gewaltsam wiederhergestellte Kronkasse 
kam mit ihren Einkünften nicht aus und mußte immer wieder ständische 
Beihilfe erbitten, die nur unter heftigen Klagen gewährt wurde. Die 
liberalen Ideen der Zeit drangen unaufhaltsam selbst in diesen verstüm- 
melten Landtag ein; sogar einige Mitglieder der Lüneburgischen Ritterschaft 
verlangten jetzt — wer hätte das früher gedacht? — eine Vertretung des 
Bauernstandes. Das Volk schwieg mürrisch und war im Grunde nur 
mit einer Tat des Königs ganz zufrieden: mit seinem Kampfe wider den 
Zollverein. Im Partikularismus fanden sich der welfische und der han- 
noversche Eigensinn zusammen. „Man will eben nicht“ — so erklärte 
Stüve einfach die Stimmung des Landes — Hannover, Hildesheim, Celle 
fürchten sich vor Braunschweig, die Osteroder Tuchmacher vor Quedlin- 
burg, die Bremer und Lüneburger Bauern vor der Trennung von Ham- 
burg und Bremen.) Auch in anderen Fällen zeigte sich der Welfe höchst 
  
*) Galens Bericht, 16. Dez. 1847. 
**) Nach Stüves Biographie.
        <pb n="678" />
        670 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
ungebärdig gegen den preußischen Nachbarn. Ich empfange keinen katho— 
lischen Diplomaten aus Preußen — so sagte er trotzig, als ihm die Er- 
nennung des Grafen Westphalen zum preußischen Gesandten angekündigt 
wurde. Der eingefleischte Papistenhaß des alten Orangemannes mochte 
dabei wohl mitwirken; entscheidend blieb doch, daß Westphalen der Schwie- 
gersohn des verabscheuten Canitz war. Da König Friedrich Wilhelm nach 
preußischer Überlieferung sich diese grundsätzliche Verschmähung eines 
Katholiken nicht bieten lassen durfte, so mußte der Gesandtschaftsposten in 
Hannover längere Zeit unbesetzt bleiben.') Noch hochmütiger verfuhr 
Ernst August gegen die kleinen Nachbarfürsten. Wie tobte er, als der 
Kabinettsrat des Großherzogs von Oldenburg Starklof in einem Romane 
den Gedanken ausgeführt hatte: ein blinder Bauernsohn dürfe nirgends 
den väterlichen Hof erben, noch viel weniger also ein blinder Königssohn 
die Krone. Er ließ nicht ab, bis Starklof entlassen war. 
Dieser Roman verletzte ihn in seinen teuersten Gefühlen; denn das 
blieb sein besonderer Stolz, daß er, gegen die Gesetze der Natur, gegen 
das Reichsrecht, gegen den alten Hausbrauch der Welfen selbst, seinem 
Sohne die Krone gesichert hatte. So oft er verreiste, übertrug er dem 
Blinden die Regierungsgeschäfte; die Welt sollte wissen, im Welfenlande 
sei auch das Unmögliche möglich. Der Kronprinz zeigte sich jetzt schon 
als würdiger Abkomme der Stuarts, er sprach mit unheimlicher Selbst- 
überhebung von dem Lehen Gottes, das ihm dereinst zufallen würde, von 
der ewigen Dauer des Welfenreichs. Mit derselben lästerlichen Zuver- 
sicht, nur ohne Salbung redete der Vater. Im April 1847 wagten ihn 
seine getreuen Stände um Offentlichkeit der Landtagsverhandlungen an- 
zugehen; sogar die erste Kammer hatte beinahe einstimmig beigepflichtet, 
so weit war der Wind schon umgeschlagen. Da erschien am 21. April 
eine von Falcke gegengezeichnete königliche Antwort. Der alte Minister 
Scheele war mittlerweile gestorben, aber der allen welfischen Schriftstücken 
eigentümliche brutale Ton hatte sich nicht verändert. Mit einem Schwall 
ungnädiger Worte hielt der König seinen Ständen vor: die Offentlichkeit 
des Landtags würde nur unerreichbare Wünsche erwecken, eine erkünstelte 
öffentliche Meinung bilden, die Massen aufregen und verblenden. Dann 
schloß er: „Wir haben demnach unabänderlich beschlossen, eine Offent- 
lichkeit der Sitzungen der Kammern niemals zu gestatten.“ So sprach 
der Welfe sein Niemals — wenige Tage, nachdem König Friedrich Wil- 
helm dem Vereinigten Landtage sein Nie und nimmermehr! zugerufen 
hatte. Nur ein Jahr, und der Oheim wie der Neffe sollte erfahren, daß 
auch Könige dem lebendigen Gott seine Wege nicht vorschreiben können. 
Selbst das stille Mecklenburg blieb von der liberalen Zeitströmung 
nicht mehr unberührt. Die bürgerlichen Grundherren verlangten, mit 
  
*) Knyphausens Bericht, 7. Okt. 1847.
        <pb n="679" />
        Mecklenburg. Sachsen. 671 
guten Gründen, aber noch ganz vergeblich die vollständige Teilnahme an 
allen landständischen Rechten, die ihnen vom Adel bestritten wurde; und 
tief bekümmert klagte der alte Großherzog Georg von Strelitz seinem 
preußischen Neffen: „Sie wissen, daß unsere bürgerlichen Gutsbesitzer 
leider — wenigstens die bedeutende Mehrzahl derselben — zu der libe— 
ralen Partei gehören, welche immer mehr und mehr und um so schmerz— 
licher hervortritt, als die Fortschritte, die wir in wünschenswerten Dingen 
machen, keineswegs gleichen Schritt mit diesem sogenannten Fortschritt 
halten.“*) Die Sache der Bürgerlichen führte sehr würdig der Rostocker 
Germanist Georg Beseler, der Bruder des Schleswigholsteiners, für den 
Adel schrieb mit gewohnter Derbheit der alte Minister Kamptz, der den 
mecklenburgischen Edelmann nie vergessen konnte. Was dieser Adel unter 
wünschenswertem Fortschritt verstand, das zeigte ein Landtagsbeschluß, 
der die beiden Serenissimi um Preßfreiheit bat, weil die Frechheit der 
liberalen Zeitungen nicht durch schlaffe Zensur, sondern nur durch emp- 
findliche Strafen bekämpft werden könne. 
Ein ganz anderes und doch auch ein unheimliches Bild boten die 
sächsischen Zustände. Der gute König Friedrich August bemühte sich red- 
lich, den inneren Frieden wiederherzustellen, und von schwerem Druck ließ 
sich, einige Zeitungsverbote abgerechnet, auch nichts spüren. Aber der un- 
selige Leipziger Straßenkampf hatte im Volke sehr viel Groll zurückge- 
lassen. Die Opposition im Landtage, die von der nationalen Gesinnung 
des süddeutschen Liberalismus wenig besaß, bemühte sich, was ihr an Ta- 
lent fehlte, durch ungeschliffene Grobheit zu ersetzen; sie hintertrieb die 
dringend nötige, durch das Bundesgesetz gebotene Organisation der Armee- 
reserve, sie verlangte wiederholt, daß die Truppen auf die Verfassung ver- 
eidigt werden müßten, und suchte durch kleinliche, oft lächerliche Beschwer- 
den die Soldaten gegen ihre Vorgesetzten aufzuwiegeln. Ihrer besonderen 
Gunst erfreuten sich die Turnvereine, die in Sachsen bald ganz dem Radi- 
kalismus anheimfielen und zu einer Pflanzschule des Barrikadenkampfes 
wurden. Der Vorschlag, die militärische Volkserziehung durch die Turnerei 
zu ersetzen — ein Gedanke, dem der Prinz von Preußen sogar im preußi- 
schen Staatsministerium hatte entgegentreten müssen — war hierzulande 
gang und gäbe. Einmal ließ der Kriegsminister Nostitz-Wallwitz, ein kurz 
angebundener Soldat, ein Kommißbrot geradeswegs aus der Kaserne in die 
Kammersitzung bringen und zwang die Liberalen, sich persönlich von der 
Schmackhaftigkeit dieses unmäßig gescholtenen Leckerbissens zu überzeugen. 
Das war ein Lichtblick in dem unerquicklichen Einerlei dieser aufge- 
regten und doch inhaltlosen Landtagsverhandlungen. Unterdessen wuchs 
im Volke, gefördert durch Robert Blum und die Unzahl der Advokaten, 
eine unklare radikale Verstimmung, und auch in dem stillen Thüringen 
  
*) Großherzog Georg v. Strelitz an König Friedrich Wilhelm, 23. Sept. 1844.
        <pb n="680" />
        672 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
blühte die republikanische Phrase, ohne die dynastische Gesinnung im 
mindesten zu beeinträchtigen. In Weimar führten der wenig begabte, 
aber rechtschaffene Großherzog Karl Friedrich und seine edle wohltätige 
Gemahlin, die einst von Schiller besungene Maria Paulowna eine harm— 
lose patriarchalische Herrschaft, desgleichen in Meiningen Herzog Bern— 
hard Erich Freund, und in Gotha begann der junge Herzog Ernst II. mit 
großem Geräusch ein liberales Regiment, das dem Landadel schon viel zu 
weit ging. Wildschäden gab es freilich in Menge, und der Unterhalt so 
vieler Höfe verschlang ganz unverhältnismäßige Summen, doch dafür war 
auch das ganze Waldgebirge ein wohlgepflegter schöner Wildpark zur 
Freude des Volks, und von den Ausgaben der Höfe wurde doch ein großer 
Teil väterlich zum Wohle des Landes verwendet. Die Lächerlichkeit ihrer 
machtlosen Scheinstaaten empfanden die Thüringer durchaus nicht; was 
die Gemüter erregte, war ein unbestimmter, durch die Eintönigkeit der 
langen Friedenszeit genährter Tatendrang und eine vorlaute Zuchtlosig- 
keit, welche die schwachen Regierungen nicht zu bemeistern verstanden. — 
Weit reicher erschien das öffentliche Leben im Südwesten; dieser 
Winkel Deutschlands wurde für einige Jahre zum Herde der nationalen 
Idee. In Mürttemberg feierte König Wilhelm (1841) den fünfund- 
zwanzigsten Jahrestag seiner Thronbesteigung, und als er am Festtage 
allein durch die Straßen seiner Hauptstadt ritt, da umringte ihn das 
Volk mit donnerndem Jubel. Das ganze Land wetteiferte in freudigen 
Huldigungen, fast in jeder größeren Ortschaft ward eine Wilhelms- 
linde, eine Königseiche gepflanzt, in Stuttgart sollte zur Erinnerung eine 
hohe Trajanssäule vor dem Schlosse errichtet werden. Seitdem rechnete 
Wilhelm sicher auf die Dankbarkeit seines Volkes, die er sich auch durch 
die Wohltaten einer geordneten, sorgsamen Verwaltung verdient hatte; 
er wußte jetzt alles am besten, da kein anderer Fürst eine so reiche konsti- 
tutionelle Erfahrung besaß, und nannte seine Minister selbst zuweilen ge- 
ringschätzig „meine Doktrinäre“. Die deutschen Höfe schätzten ihn als 
einen klugen, der Herrschaft kundigen Fürsten, Vertrauen und Liebe 
fand er wenig. Mit dem preußischen Gesandten General Rochow, der 
hier im Süden weit nützlicher wirkte als späterhin in Rußland, verkehrte er 
sehr viel; er freute sich, daß sein Neffe Prinz August in der Berliner 
Garde so ganz zum Preußen geworden war, und wünschte lebhaft, Preu- 
hen möge statt des morschen Österreichs die Führung des Deutschen Bundes 
übernehmen. Rochow wußte jedoch, daß der Schwabenkönig dem öster- 
reichischen Gesandten gegenüber ganz ebenso gehässig über Preußen sprach, 
und berichtete freimütig: „in seinem Wesen ist die bekannte württember- 
gische Hausphysiognomie stets ausgeprägt.“?) 
Preßfreiheit, Volksbewaffnung, öffentliche Rechtspflege — so lautete 
  
*) Rochows Berichte, 12. Jan. 1840, 25. Sept. 1843 ff.
        <pb n="681" />
        Wilhelm von Württemberg und die Volkswünsche. 673 
das neue liberale Programm, das jetzt in Süddeutschland die Runde 
machte. König Wilhelm aber hatte mit den Gedanken seiner Jugend längst 
gebrochen und urteilte über diese Volkswünsche scharf: „ich bin durch 
eine lange Erfahrung von der Unausführbarkeit überzeugt.“ Zumal die 
Preßfreiheit war ihm ein Greuel; und allerdings sah er sich auch per— 
sönlich in den Brandschriften, die aus der Schweiz herüberflogen, schänd— 
lich angegriffen. Er unterhielt um jene Zeit ein zartes Verhältnis mit 
einer Schauspielerin Stubenrauch; die Sache war nicht der Rede wert, 
denn wie hätten Weiber diesen kalten, trockenen, selbstischen Mann je be— 
herrschen können? — die demagogischen Pamphletisten aber stimmten ein 
Wutgeschrei an, als ob auch Württemberg von einer Lola regiert würde. 
In den allerheftigsten Worten äußerte sich der König über diese feile Dirne, 
die Presse, die gleich dem Branntwein trinkenden Matrosen sich zuletzt nur 
noch beim Scheidewasser wohl fühle. „Nie und nimmer“, so sagte er im 
Nov. 1842 zu Rochow, könne man auf die Zensur verzichten, am wenigsten 
in den konstitutionellen Staaten; und als der Preuße einwarf, sachliche 
Besprechungen seien doch notwendig, da ward ihm die Antwort: nein, 
die Politik der Bundesstaaten kann nur in den Behörden der Regierungen 
liegen, wer den Zusammenhang nicht kennt, hat kein Urteil. So ward 
auch in Stuttgart ein Niemals! ausgesprochen, glücklicherweise nicht öffent— 
lich, und es sollte hier noch schneller als in Berlin und Hannover durch 
die Macht der Tatsachen widerlegt werden. Ganz in der kleinlichen Weise 
des Ministeriums Abel, das er doch selbst verabscheute, behandelte der 
König seine Zeitungen. Über württembergische Zustände durften sie kein 
freies Wort wagen, auf die Großmächte mochten sie ungestraft schelten, 
während die preußische Zensur angewiesen war, die Besprechungen aus- 
wärtiger Verhältnisse strenger zu behandeln als die Artikel über das In- 
land. Und dabei beklagte er sich beständig, wenn die schwäbischen Liberalen, 
die daheim nicht reden konnten, in der Kölnischen Zeitung oder in anderen 
preußischen Blättern ihre Empfindungen kundgaben. Rochow meinte: 
„man wünscht geschont zu werden, schont aber andere nicht; man klagt 
über andere und vergißt, daß man selbst zu Beschwerden Anlaß gibt.“) 
Des Königs einziger Vertrauter blieb sein alter Freund Frhr. v. 
Maucler, der als tatsächlich unverantwortlicher Präsident des bloß beraten- 
den Geheimen Rates bei den meisten Beamten-Ernennungen das entschei- 
dende Wort sprach. Die Verwaltung des Innern führte, umgeben von 
einem Stabe klug ausgewählter tüchtiger junger Räte, Minister Schlayer, 
noch immer in seiner alten streng bureaukratischen Weise, aber geschickt und 
sorgsam; an der Spitze des Justizwesens stand der gestrenge Prieser, der 
gleich manchen anderen verhaßten Beamten Süddeutschlands seine Schule 
in der Mainzer schwarzen Kommission durchgemacht hatte. Gehorsam 
  
*) Rochows Berichte, 30. Nov. 1842, 20. Febr. 1843. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 43
        <pb n="682" />
        674 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
und Ruhe ward unbedingt gefordert. Darum blieb der ungläubige, den 
Klerikalen so feindselige König auch den Tübinger Hegelianern immer 
gram; er hielt sie für Friedensstörer und verbot dem Asthetiker Vischer 
für einige Zeit die Vorlesungen, als die Geistlichkeit wegen der panthe— 
istischen Antrittsrede des neuen Professors Lärm schlug. Noch kleinlicher 
verfuhr er gegen Vischers Amtsgenossen Robert Mohl, der sich doch durch 
sein Württembergisches Staatsrecht als ein würdiger Nachkomme des alten 
J. J. Moser bewährt hatte. Mohl bewarb sich um einen Sitz in der 
Kammer und richtete an einen seiner Wähler ein nicht einmal für die 
große Offentlichkeit bestimmtes Schreiben, das die Gebrechen des Re— 
gierungssystems scharf beleuchtete; daraufhin wurde er an eine kleine 
Verwaltungsstelle versetzt, er forderte seinen Abschied und die Schwaben 
mußten ihren ersten Staatsrechtslehrer nach Heidelberg ziehen sehen. 
In den Landtagsverhandlungen hallten die hannoverschen Gewalt- 
taten noch lange nach. Der welfische Staatsstreich hatte die süddeutschen 
Konstitutionellen unbeschreiblich erbittert, und selbst Rochow, der mit 
Wolfgang Menzel vertraulich umging, konnte sich dieser Stimmung seiner 
Umgebungen nicht entziehen; er meinte, „es heiße mit dem deutschen 
Fürstenworte Hohn treiben“, wenn der Bund in einer solchen Sache 
gar nichts täte.') Der Bundestag blieb freilich unbelehrbar. Die schwä- 
bische Oppositionspartei bemerkte bald, welch einen Fehler sie durch ihren 
Rückzug aus der Kammer begangen hatte. Seit dem Jahre 1845 traten 
mehrere ihrer Mitglieder wieder ein, voran Römer, der erste Redner 
des Landtags. Er bekämpfte vornehmlich die Härte der Zensur und ge- 
langte bei diesen berechtigten Angriffen immer wieder zu dem unhaltbaren 
Schlusse, daß die Landesverfassung den Bundesgesetzen vorgehen müsse. 
Partikularist war er darum doch nicht; vielmehr unterhielt er mit den 
badischen und rheinischen Freunden lebhaften Verkehr und erwog mit 
ihnen, wie dem Jammer des Bundestags endlich abzuhelfen sei. Großen 
Unmut erregte im Lande die Verlobung des Kronprinzen Karl mit der 
bildschönen, in Bayern wie in Österreich verschmähten Großfürstin Olga. 
Der leere, nichtige, dem klugen Vater ganz ungleiche Thronfolger stand 
ohnehin in schlechtem Rufe; als die Großfürstin in mädchenhafter Über- 
schwenglichkeit ihm schrieb, sie hoffe seiner wert zu sein, da meinte Rochow, 
der die beiden Brautleute gründlich kannte: „Das ist zu viel! Ich kann 
ihr nicht Glück wünschen.“ Der König, der doch vor Jahren selbst eine 
Großfürstin heimgeführt hatte, gab jetzt, unter ganz veränderten Verhält- 
nissen, nur zögernd seine Einwilligung, und im Volke äußerte sich überall 
der Widerwille gegen diese russische Familienverbindung. Der Zar selber 
ließ sich durch den herkömmlichen Einzugsjubel keineswegs täuschen. Oft 
äußerte er ingrimmig zu Rochow: wir gelten in Deutschland heute gar 
  
— 
*) Rochow, Promemoria über die hannoversche Verfassung, März 1842.
        <pb n="683" />
        Römer. Stuttgarter Hungerkrawall. 675 
nichts, der Haß ist zu groß; ich werde mich in Stuttgart jedes politischen 
Ratschlages enthalten, das könnte nur schaden. Er urteilte richtig. 
Die von der Presse beständig gebrandmarkte moskowitische Oberherrschaft 
bestand zur Zeit nur in der Einbildung der Liberalen: weder König 
Friedrich Wilhelm noch der Bundestag noch die Höfe der Mittelstaaten 
ließen sich in ihrer inneren Politik durch Petersburger Machtsprüche leiten. 
Nikolaus tröstete sich über solche unliebsame Wahrnehmungen, indem er 
drohend sagte: „wenn man mich aber brauchen sollte, dann bin ich da 
und werde gern helfen!“*) In der Tat sollte nur zu bald, nach der 
Revolution, eine Zeit erscheinen, da der von den Liberalen so oft an 
die Wand gemalte moskowitische Teufel plötzlich lebendig wurde. 
Nun kamen die Hungerjahre, sie brachten dem zerstückelten, überschul- 
deten Kleingrundbesitze Württembergs zahllose Zwangsversteigerungen und 
entsetzliches Elend. Im Mai 1847 rottete sich der Stuttgarter Pöbel zu 
einem Hungerkrawall zusammen. Der König ritt hinaus, allein, wie einst 
an seinem Jubeltage, er dachte durch sein Erscheinen die Tobenden zu be- 
schwichtigen. Wie ward ihm aber, als ihn die Massen mit Verwünschungen 
und Steinwürfen empfingen. Rasch entschlossen führte er selbst seine 
Truppen zum Angriff vor, und der Auflauf wurde nicht ohne Blutver- 
gießen unterdrückt. Diese Stunde blieb dem Könige unvergeßlich; seit er 
die Launen der Volksgunst also durch persönlichen Schimpf erfahren hatte, 
befestigte er sich mehr und mehr in seiner harten Menschenverachtung. Tief 
empört sagte er nachher zu Radowitz: „Ein solcher Undank nach einer 
dreißigjährigen Regierung!“ Er glaubte fest — so blind war sein Zorn 
— daß Römer, Murschel und andere Liberale einen großen Aufstand 
beabsichtigt hätten, und bedauerte nur die Verräter nicht überführen zu 
können.*) Als Römer im Febr. 1848 diese Vorfälle im Landtage zur 
Sprache brachte und die Frage stellte, wann die Anwendung von Waffen- 
gewalt erlaubt sei, da wollten selbst viele seiner Freunde dem Führer der 
Opposition nicht mehr folgen, und Minister Schlayer erwiderte: das 
heiße sich gleichsam auf die Seite der Umsturzpartei stellen. Alle zitterten 
vor der Revolution. Nur wenige Tage, und sie brach auch über das 
Schwabenland herein. — 
In Baden hatte die Regierung seit Blittersdorffs Sturz für längere 
Zeit allen Halt verloren. Weder Böckh noch der gelehrte Nebenius, der 
wieder in das Ministerium zurückgerufen wurde, vermochte mit dem Land- 
tag auszukommen. Hinter und neben ihnen wirkten im hohen Beamtentum 
Männer von entschieden reaktionärer Gesinnung wie Rüdt v. Collenbach 
und Rettig; und dazu währten am Hofe die geheimen Zwistigkeiten fort, da 
Großherzog Leopold in seiner unentschlossenen Schwäche überall um Rat 
  
*) Rochows Berichte, Petersburg, 28. Jan., 4. Febr., 12. Aug., 14. Sept. 1846. 
**) Radowitzs Bericht, 27. Mai 1847. 
43“
        <pb n="684" />
        676 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
anfragte. Hier zuerst in Deutschland tauchte das Schreckwort „Kama— 
rilla“ auf, das nachher in den Zeiten der Revolution eine so große Rolle 
spielen sollte. Die Schwarzwälder Bauern dachten sich darunter irgend 
ein bösartiges Frauenzimmer. Was diese verrufene Kamarilla eigentlich 
trieb, das ließ sich aus der Masse der umlaufenden Klatschereien aller— 
dings nicht erkennen; gewiß war nur, daß die Großherzogin Sophie und 
der kommandierende General Markgraf Wilhelm einander bekämpften, 
desgleichen daß auch ultramontane Ränke sich zuweilen an diesen pro— 
testantischen Hof heranwagten. Mehrere der hohen Hofbeamten waren 
alte Emigranten. Als die beiden ältesten, noch sehr jugendlichen Söhne 
des Großherzogs 1843 den Wiener Hof besuchten, da sollte Jarcke als po- 
litischer Lehrer für sie angeworben werden; so hatte Blittersdorff ge— 
raten. Ihr Begleiter, Oberst Roggenbach aber erkundigte sich zunächst 
bei dem preußischen Gesandten Canitz; der Preuße schenkte ihm reinen 
Wein ein und erklärte es für durchaus unziemlich, die Erziehung protestan— 
tischer Prinzen diesem fanatischen Konvertiten anzuvertrauen, der schon 
den jungen Herzog von Nassau ganz in österreichisch-klerikalem Geiste 
unterrichtet hatte. So unterblieb der Versuch.“) 
Die Kammern zeigten, nachdem sie über Blittersdorff triumphiert, ein 
unermeßliches Selbstgefühl, sie glaubten an der Spitze der deutschen Nation 
zu stehen und nährten die Überhebung im Volke dermaßen, daß bald nach- 
her die badischen Demagogen alles Ernstes hoffen konnten, die deutsche Re— 
publik von dieser Ecke des Vaterlandes her dem übrigen Volke aufzuer— 
legen. Radowitz meinte: „Baden wird von der gesamten subversiven Partei 
Deutschlands als das Terrain betrachtet, auf welchem die Hauptschläge 
geschehen.“**) In diesen Tagen wurde das geheime Schlußprotokoll 
der Wiener Konferenzen von 1834 zuerst in einer deutsch-amerikanischen 
Zeitung veröffentlicht und, obgleich jene Beschlüsse fast ganz wirkungs— 
los geblieben waren, doch von der gesamten liberalen Welt mit Ab— 
scheu begrüßt. Welcker druckte sodann das unheimliche Aktenstück nochmals 
ab und dazu die vollständigen Protokolle der Karlsbader Konferenzen, die 
er aus Klübers Nachlaß erhalten hatte. Diese „Wichtigen Urkunden für 
den Rechtszustand der deutschen Nation“ (1844) blieben jahrelang die 
große Fundgrube für die liberale Zeitungspolemik und halfen vollends zer— 
stören, was von dem Ansehen des Bundestags noch übrig war. In einer 
donnernden Kammerrede übergab Welcker die Wiener Konferenzbeschlüsse 
feierlich „dem Gottesgerichte der öffentlichen Meinung“. Auch über die 
Mißhandlung Weidigs und Jordans, über die Zensur, über die geheimen 
Bundesprotokolle, über alles, was sonst noch faul war im Deutschen 
Bunde, erging er sich strafend in Schrift und Rede; es schien zuweilen, 
  
*7) Canitzs Bericht, 15. Jan. 1843. 
*“) Radowitzs Bericht, 19. April 1844.
        <pb n="685" />
        Ultramontane und Liberale in Baden. 677 
als ob der höchste Gerichtshof der deutschen Nation in der Karlsruher 
Kammer tagte. Mit demselben erhabenen Pathos, wie die großen Anliegen 
des deutschen Volkes, besprach man aber auch die kleinlichsten badischen 
Ortsbeschwerden, so die polizeiliche Abwandlung zweier Bürger, die im 
Wirtshause einen Polizeibeamten „scharf angeschaut und sich anzügliche 
Bemerkungen über seine Nase erlaubt hatten“. Der wohlmeinende liberale 
Minister v. Dusch erwiderte zwar auf die Warnungen des konservativen 
Nachbarn du Thil: „wir regieren mit der öffentlichen Meinung und durch 
sie.“) In Wahrheit hatte sich Blittersdorffs hartes bureaukratisches 
Regiment auch jetzt noch kaum geändert. Der Muster-Zensor Uria-Sarachaja 
erlaubte sich gerade damals, unter dem schwachen Ministerium Nebenius, 
die frechste Willkür. Mannigfache Roheiten der Polizeibehörden reiz- 
ten das Volk, zumal in Mannheim; dort war der Pöbel der Neckar- 
vorstadt, „der Neckarschleim“ ohnehin zu Unruhen geneigt, und einmal 
wurde sogar der Gemeinderat, als er einen keineswegs ungesetzlichen 
politischen Beschluß fassen wollte, durch die Truppen auseinander gejagt. 
Die Regierung schwankte zwischen halb liberalen Neigungen und polizei- 
licher Seelenangst; in den langen stürmischen Kammerverhandlungen 
kam schließlich nichts zu stande als das neue Strafgesetzbuch, ein tüch- 
tiges Werk des Staatsrats Jolly. 
Da stellte Zittel (Dez. 1845), angeregt durch die deutschkatholische 
Bewegung, seinen Antrag auf Gleichberechtigung der christlichen Religions- 
parteien.) Dieser unverfängliche Antrag, der kaum mehr verlangte, als 
was König Friedrich Wilhelm bald nachher den Dissidenten gewährte, bot 
nun der jungen klerikalen Partei den Vorwand, um ihre Kraft zu erproben 
und nach bayrischer Art eine mächtige Kundgebung des katholischen Volks- 
zornes zu veranstalten. Der vormals radikale Freiburger Professor Buß, 
der als Gelehrter gar nichts galt, aber durch seine freche Stirn schwache 
Leute zu erschrecken vermochte, leitete die pfäffische Wühlerarbeit im Ober- 
lande. Auch Major Hennenhofer, der verrufene Günstling des alten 
Großherzogs Ludwig, tauchte wieder aus der Vergessenheit auf, um den 
Klerikalen im Breisgau beizuspringen. Die Religion ist in Gefahr — 
oder: wollt ihr katholisch bleiben? — so erklang es in zahllosen Flug- 
schriften und Volksversammlungen. Die Schwarzwälder Bauern, die noch 
kaum aufatmeten von den wütenden Wahlkämpfen der Blittersdorffischen 
Zeit, sahen sich plötzlich in eine wilde kirchliche Aufregung hineingehetzt; 
es war, als ob alle Parteien des Landes sich verschworen hätten, dies er- 
regbare, aber gutherzige und keineswegs zuchtlose Volk nie mehr zur Be- 
sinnung kommen zu lassen. Auf der anderen Seite lärmten die Juden, 
die Deutschkatholiken, die werdende radikale Partei. Als der klerikale 
  
*) du Thils Aufzeichnungen, Wildbad, Mai 1846. 
**) S. o. V. 348.
        <pb n="686" />
        678 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
neue Erzbischof Vicari um diese Zeit zuerst nach Konstanz kam, da ge— 
rieten seine Anhänger mit den Gegnern in wüste Raufhändel. 
Erstaunt über den Sturm der klerikalen Petitionen aus dem Ober— 
lande, entschloß sich der Großherzog nunmehr zu einem unbegreiflichen 
Mißgriff. Er löste im Febr. 1846 die Kammer auf, ohne jeden genügen— 
den Grund, wohl in der Hoffnung die liberale Opposition zu schwächen. 
Die Rechnung trog gänzlich. Nach einem abermaligen heftigen Wahl— 
kampfe gewannen die Klerikalen nur einen einzigen neuen Abgeordneten, 
den unglücklichen Buß; der aber wurde durch Mathy an seine radikale 
Vergangenheit so nachdrücklich erinnert, und als er dreist ableugnete, 
so schmählich überführt, daß ihn die Kammer fortan kaum noch anhören 
mochte. Stärker denn je zuvor kehrten die Liberalen in den Landtag 
zurück, und sie traten, wie billig, der ratlosen Regierung sehr scharf 
entgegen. Mit der nahenden Revolution zu drohen, war in dieser Kammer 
schon von langeher üblich, Welcker vornehmlich pflegte solche Schreckbilder 
fast in jeder Rede vorzuführen. Jetzt aber warnte auch Mathy, der nie ein 
unbedachtes Wort sprach, als der Antrag auf Preßfreiheit zum neunten 
Male gestellt wurde: „Ich kann mich der Ahnung nicht entschlagen, daß 
diesem neunten Antrage nicht eine gleiche Anzahl folgen, daß die Zeit 
nicht mehr fern sein werde, wo über Tag oder Nacht, über Leben oder 
Tod die Entscheidung fällt.“ Mochte auch Nebenius diesen „unwürdigen 
Ton“ entrüstet zurückweisen, am Hofe selbst ahnte man doch endlich, 
daß die unverkennbar liberale Gesinnung des Landes nur durch ein 
liberales Ministerium befriedigt werden konnte. Das wohlhabende Land 
blieb von den Hungerkrawallen dieser Teuerungsjahre fast ganz verschont, 
gleichwohl fühlte jedermann die allgemeine Aufregung. Sogar Blitters- 
dorff äußerte sich von Frankfurt her in diesem Sinne; seine Hoffnung 
war freilich, die Liberalen würden ihre Unfähigkeit zum Regieren bald 
zeigen und dann, rasch vernutzt, einem reaktionären Ministerium weichen 
müssen. Auch Radowitz, dessen Rat der Großherzog immer wieder ein- 
holte, widersprach nicht geradezu, obgleich er auch jetzt noch in dem Wahne 
lebte, man könnte auf gesetzlichem Wege zu einer Verfassungsänderung 
gelangen.*) Entscheidend jedoch war, daß Nebenius selbst wünschte, das 
Ruder des Staates an kräftigere Hände abzugeben. 
So wurde denn endlich (Dez. 1846) Staatsrat Bekk, der schon seit 
einiger Zeit dem Ministerium angehörte, an die Spitze der Regierung 
gestellt, ein tüchtiger Jurist und wirksamer Kammerredner von gemäßigt 
liberaler, aufrichtig katholischer Gesinnung; er gehörte zu der alten guten 
Winterschen Beamtenschule und hatte sich durch Gerechtigkeit und Milde 
allgemeine Achtung erworben. Die gröbste Willkür der Zensoren und der 
Polizeibehörden hörte nunmehr auf; es war Bekks Verdienst, daß die Ge- 
  
*) Radowitzs Bericht, 10. Dez. 1846.
        <pb n="687" />
        Bekk. Trennung der Liberalen und Radikalen. 679 
bildeten endlich wieder einiges Vertrauen zu der Staatsgewalt gewannen 
— so weit dies in dem tief zerwühlten und zerklüfteten Lande noch mög— 
lich war. Ohne dies kurze versöhnende Regiment, das nur leider allzu 
spät eintrat, wäre Baden nach menschlichem Ermessen wohl schon im Früh— 
jahr 1848 ganz der Anarchie anheimgefallen. 
Bekks Regierung bewirkte, daß hier zuerst in Deutschland die liberale 
Partei sich von der radikalen abzulösen begann. überall sonst hatte man 
bisher alle, die dem herrschenden Systeme widerstrebten, ohne Unterschied 
zur Opposition gezählt. In Preußen wurden Dahlmann und Jacoby, 
Vincke und H. Simon noch allgemein als Gesinnungsgenossen angesehen, 
da die radikale Partei im Vereinigten Landtage gar nicht vertreten war, 
also noch nie Farbe bekannt hatte. Auch in Baden hatte der Liberalismus 
während der wilden Wahlkämpfe seine Bundesgenossen genommen, wo sie 
sich fanden: neben den erfahrenen Führern saßen jetzt im Landtage einige 
junge Demokraten, der gewandte Rabulist Brentano, der feurige Volks— 
redner Hecker, der noch von seinen Burschentagen her den Namen des 
Krassen führte, und andere. Sobald aber die Regierung selbst treu im 
Geiste der Verfassung zu handeln begann, da zeigte sich sofort, daß viele 
der gefürchteten älteren Kammerredner, die in Radowitzs Gesandtschafts— 
berichten fast allesamt als Demagogen erschienen, in Wahrheit sehr ge— 
mäßigte Ansichten hegten. Solange die Liberalen in einer aussichts— 
losen Opposition standen, hatten sie, begreiflich genug, oft über den Strang 
geschlagen. Jetzt gestand Bassermann, er sei des unfruchtbaren Wider— 
sprechens müde und würde sich freuen, eine ehrlich konstitutionelle Regie— 
rung zu unterstützen. Mathy aber sagte schon wenige Wochen nach dem 
Wahlkampfe von 1846: „das Volk ist bescheidener als jene Koterien, welche 
den Ausdruck seiner Gesinnungen bei den Wahlen zu fälschen bemüht 
waren.“ Auch Welcker war der Wüterich nicht, den die tiefbeleidigten 
Bundesgesandten verlästerten. Über die Gemeinplätze parlamentarischer 
Redner urteilt der ruhig Zurückschauende leicht ungerecht; Trivialität 
bleibt doch das sicherste Mittel, um einen politischen Gedanken zum Ge- 
meingute aller zu machen. Ohne die ewigen Wiederholungen der Kraftreden 
Welckers wäre die Überzeugung von der Unhaltbarkeit der alten Bundesver- 
fassung nicht so tief ins Volk gedrungen; über ein deutsches Parlament aber 
gingen die Wünsche des grimmigen Polterers selber nicht hinaus. Von 
den Neugewählten schloß sich vornehmlich der Mannheimer Anwalt v. Soi- 
ron, ein fähiger, beredter Jurist, diesem bürgerlichen Liberalismus an. 
Von der anderen Seite her eröffnete Struve den Streit, der bald 
mit der ganzen Gehässigkeit verfeindeter Brüder geführt wurde. Verbittert 
durch seinen langen Kampf gegen den Muster-Zensor hatte Struve sich 
dem wilden Radikalismus angeschlossen und donnerte nunmehr in seiner 
neuen Zeitschrift, dem Deutschen Zuschauer wider „die Halben“, 
die Paradehelden, die Kammermandarinen. Seine „Ganzen“ fanden
        <pb n="688" />
        680 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
Bundesgenossen an dem jungen Demagogen Karl Blind und vielen 
fremden Agenten, deren das Grenzland sich schwer erwehren konnte. Zu— 
gleich ward der Abhub der Schweizer und der Pariser Presse Tag für 
Tag über den Rhein gefahren. Das französische Kommunistenschimpfwort 
Bourgeois klang auch in Baden wieder, wo es doch gar keinen Sinn hatte, 
und auf einer radikalen Volksversammlung zu Offenburg (Sept. 1847) 
wurde außer den längst landesüblichen Volkswünschen auch schon die For— 
derung aufgestellt: Ausgleichung zwischen Kapital und Arbeit. Eine soziale 
Bewegung kündigte sich an. Völlig hoffnungslos sprach Radowitz über 
„die ganz infizierte Atmosphäre“ dieses Landes. Unheil erwartete er auch 
von den soeben wieder zugelassenen Freimaurerlogen, die allerdings in 
Baden, wie in allen katholischen Ländern, dem kirchlich-politischen Libera— 
lismus weit näher traten als im protestantischen Norden; dies konnte der 
König, nach den Traditionen seines Hauses, freilich nicht ruhig hinnehmen, 
und er rügte scharf: „Welche krasse Unkenntnis der wahren Tendenz der 
Maurerei!! Wer sie kennen lernen will, trete in sie ein !“*) Nach mannig- 
fachen Händeln und Versöhnungsversuchen maßen sich die beiden Parteien 
endlich im offenen Kampfe, bei den Ergänzungswahlen im Herbst 1847. 
Struve unterlag, mit ihm einige seiner radikalen Freunde. 
So begann die längst schon gebotene Klärung des Parteiwesens, auch 
sie leider viel zu spät, um die deutsche Nation noch rechtzeitig zu belehren. 
Niemand litt unter dem Windzuge dieser neuen Zeit schwerer als der alte 
Adam v. Itzstein, der so lange alle Kräfte der Opposition mit diploma- 
tischer Kunst zusammengehalten hatte. Jetzt mußte er die tüchtigsten 
Männer seiner Gefolgschaft rechts abschwenken sehen, während ihn selber 
die Wucht der tausendmal wiederholten radikalen Phrase nach links hin- 
überzog. Fortan war er ein toter Mann. Die Schärfe der neuen Partei- 
gegensätze zeigte sich noch einmal grell in den ersten Wochen des Jahres 
1848, als die drei größten Fabriken des Landes in Waghäusel, Ettlingen, 
Karlsruhe durch den Sturz des großen Bankhauses Haber und andere 
Unglücksfälle schwer gefährdet wurden und die Regierung vorschlug, ihnen 
durch eine Staatsunterstützung zu Hilfe zu kommen. Da verwendete sich 
Mathy, der vor kurzem noch so gefürchtete Demagog, lebhaft für den 
Antrag der Minister; Hecker aber überreichte eine Petition von 63 Ar- 
beitern, welche Macht gegen Macht den 63 Abgeordneten entgegentraten 
und sich jede Begünstigung des Großkapitals trutzig verbaten. Unterdessen 
berieten die Liberalen über die Zukunft des Deutschen Bundes. An dem 
nahen Zusammenbruche zweifelte niemand mehr, aber niemand wußte 
auch einen sicheren Weg der Rettung. Nur der eine Gedanke, den Welcker 
schon vor anderthalb Jahrzehnten in dieser Kammer ausgesprochen hatte, 
schien allen unzweifelhaft: ohne die Mitwirkung populärer Kräfte konnte 
  
*) Radowitzs Berichte, 4. Jan., 6. Aug. 1847.
        <pb n="689" />
        Bassermanns Antrag. du Thil. 681 
der Bundestag nicht mehr bestehen. Noch war die Revolution nicht aus— 
gebrochen, da begründete am 12. Febr. 1848 Bassermann mit einer tief 
ergreifenden Rede seinen Antrag auf Berufung des deutschen Parlaments: 
„Der Weltfriede steht auf zwei Augen. An der Seine und an der Donau 
neigen sich die Tage, und nur das Gute und das Rechte sind die Träger 
aller Herrschaft.“ — 
Mit freundnachbarlichem Groll betrachtete der dauerhafteste aller 
deutschen Minister, du Thil, diese Badener, die ihm namentlich durch 
die freche Mannheimer Presse sein stilleres Hessenland beständig aufwiegel- 
ten. Seit die Demagogenverfolgung endlich abgeschlossen war, regierte er 
ruhig in seiner alten Weise, verständig, ehrlich, sorgsam, aber im streng- 
sten bureaukratischen Geiste. Es war ihm gelungen, das dem Südwesten 
eigentümliche System des Beamten-Parlamentarismus zur denkbar höch- 
sten Ausbildung zu vervollkommnen. Im Jahre 1845 befanden sich unter 
den 50 Abgeordneten der zweiten Kammer 34 Staats= und 8 Gemeinde- 
Beamte; und da die Amtsdisziplin in Hessen weit kräftiger gehandhabt 
wurde als in Baden, so konnten die unglücklichen acht titellosen Volksver- 
treter wenig ausrichten. In der deutschen Politik, zumal in den Zoll- 
vereinshändeln hielt sich du Thil immer treu auf Preußens Seite. Selbst 
der liberale Hofprediger Zimmermann gewann sich den Beifall des Königs 
von Preußen, da er im Gustav-Adolf-Vereine für die Ausschließung des 
Freidenkers Rupp stimmte; und als dem Prälaten darauf „von einigen 
Lichtscheuen“ durch die Post eine tote Fledermaus zugesendet wurde, 
da befahl Friedrich Wilhelm: „Diese Anekdote muß in die Zeitung 
kommen, mit einem kurzen Wort über die Würdigkeit des Handelns und 
der Gesinnung der Pro-Ruppianer.“ ?) 
Leicht wurde dem klugen Minister seine preußische Haltung nicht. 
Denn Prinz Emil, der ungleich begabtere Bruder des wohlmeinenden Groß- 
herzogs Ludwigs II. hegte als alter napoleonischer General einen natür- 
lichen Widerwillen gegen das preußische Heer, zumal gegen dessen ersten 
Mann, den Prinz von Preußen. Mußte es sein, so wollte der hochkonser- 
vative Prinz sein Rheinbundsland immer noch lieber in Österreichs Obhut 
geben. Auch russische Ränke ließen sich spüren, seit die Prinzessin Marie 
den Großfürsten-Thronfolger geheiratet hatte. Der erklärte Günstling des 
Prinzen Emil, der rohe, ungebildete, im Stalle aufgewachsene, aber energi- 
sche und gescheite Prinz August Wittgenstein, der selber einem halbrussi- 
schen Geschlechte angehörte, vertrat bei Hofe mit Eifer die moskowitisch- 
reaktionären Gedanken. Hier allein und im nahen Nassau, dessen junger 
Herzog Adolf kürzlich eine Großfürstin heimgeführt hatte, behauptete Zar 
Nikolaus einige Macht, während der preußische Schwager allen Warnun- 
gen taub blieb und die anderen deutschen Höfe allesamt dem Petersburger 
  
*) Bockelbergs Bericht, 2. Nov. 1845, mit Randbemerkung.
        <pb n="690" />
        682 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
Kabinett ein ängstliches Mißtrauen zeigten. Unterdessen begann auch die 
ultramontane Partei ihre Netze im Großherzogtum auszuwerfen. du 
Thil hielt seine Augen offen; er freute sich aufrichtig, als ihm eines 
Tags aus Schaffhausen ohne Namen eine Flugschrift zugesendet wurde: 
„die Operationen der ultramontanen und absolutistischen Partei in Süd— 
deutschland “— ein Büchlein, das offenbar aus den Kreisen der liberalen 
Priesterschaft hervorgegangen war und mit gründlicher Sachkenntnis nach— 
wies, wie tief sich die klerikale Partei schon an den Höfen des Südens 
eingenistet hatte. In Hessen war der Kanzler Linde ihre beste Stütze. 
Der hatte, aus dem kurkölnischen Herzogtum Westfalen gebürtig, sein 
neues Vaterland Preußen bald unmutig verlassen und nach einer kurzen 
erfolgreichen juristischen Lehrtätigkeit das Kanzleramt der Universität 
Gießen sowie einige andere hohe Staatsämter erlangt. Er gründete die 
Gießener katholische Fakultät, die mit Freiburg und Tübingen wetteifernd 
sich um die wissenschaftliche Bildung des südwestdeutschen Klerus große 
Verdienste erwarb. Den strengen Ultramontanen blieb er stets verdächtig, 
weil er die Verehrung für seinen alten Lehrer Hermes nie ganz verleug- 
nete; und doch wirkte er mit ihnen zusammen, weil er sie als unversöhnliche 
Widersacher Preußens schätzte. Jeder starke Charakter zieht an und stößt 
ab, das gilt von den Staaten wie von dem einzelnen. Wie der preu- 
ßische Staat von jeher große Talente aus dem übrigen Deutschland an 
sich gezogen und mit seinem Geiste erfüllt hatte, so mußte er jetzt auch 
erleben, daß die klerikale Partei des Südens ihre wildesten Preußenfeinde 
allesamt aus Preußen selbst erhielt: Görres, Jarcke, Phillips, Linde. 
Als Erzherzog Max von Osterreich-Este, der reiche, im stillen mächtige 
Gönner der Jesuiten, den Südwesten bereiste, da war in Hessen sein erster 
Gang zu Linde, und du Thil meinte bitter: „er wußte, an wen er sich zu 
wenden hatte.“ Auch in Biebrich, wo Jarcke schon vorgearbeitet hatte, 
scharte sich um den Freiherrn v. Loé eine klerikale Hofpartei, die dem 
sogenannten „nassauischen Rattenkönige“, der Vetterschaft der mächtigen 
Familie Dungern, die Herrschaft zu entreißen trachtete. 
Zwischen so mannigfachen höfischen Parteien wußte du Thil sich 
tapfer zu behaupten; er besaß das volle Vertrauen des Großherzogs und 
verteidigte nach außen hin die Würde seines Fürstenhauses noch immer 
mit der alten Eifersucht. Welche Freude, als er nach vieljährigen Kämpfen 
endlich durchgesetzt hatte, daß Hessen-Homburg nicht einen Anteil an der 
Bundestagsstimme der Darmstädtischen Vettern enthielt, sondern mit einem 
Platze unter den Kleinen der sechzehnten Kurie vorlieb nehmen mußte; 
sonst wäre ja die großherzogliche Virilstimme zu einer Kuriatstimme „de- 
gradiert“ worden! Als den gefährlichsten Mann der liberalen Opposition 
fürchtete man den alten Präsidenten Jaup, der einst bei der Entstehung 
der Verfassung mitgeholfen hatte und jetzt schon längst als verdächtig 
zur Ruhe gesetzt war. Er galt bei Hofe, schon wegen der cynischen Ein-
        <pb n="691" />
        Hessische Ultramontane. Linde. Gagern. 683 
fachheit seiner Erscheinung, für einen argen Demagogen, obgleich seine 
Wünsche nicht über die Grenzen eines sehr bescheidenen Liberalismus hin— 
ausgingen, und es gelang, den Gefürchteten jahrelang der Kammer fern zu 
halten. Als er im Jahre 1847 doch gewählt wurde, da verweigerte die 
Regierung dem längst Verabschiedeten den Urlaub, und er sah sich vom 
Landtage wiederum ausgeschlossen. „Herr Jaup“, so sagte der Großher— 
zog einst zu du Thil, „wird mir nie als Minister aufgedrungen werden; 
kommt es dahin, so habe ich vorher abgedankt.“*) Er ahnte nicht, wie 
bald sich diese Weissagung buchstäblich erfüllen sollte. Durch die deutsch— 
katholische Bewegung kam der geheime höfische Parteikampf an den Tag. 
Prinz Emil und Linde verlangten scharfe Unterdrückung, Linde bekämpfte 
die neue Sekte auch in geharnischten Schriften. du Thil aber verfuhr 
milder, nach Preußens Vorbilde. Infolge dieser Zerwürfnisse nahm Linde 
endlich, im Dezember 1847 seinen Abschied — um bald nachher den Kampf 
gegen Preußen auf einer größeren Bühne von neuem zu beginnen. 
In dem stillen Landtage ward es erst wieder lebendiger, als die Re— 
gierung ein neues bürgerliches Gesetzbuch vorlegte, das großenteils, aber 
nicht vollständig dem Code Napoleon nachgebildet war. Grundes genug 
für die Rheinhessen, um den alten Haß gegen die rechtsrheinischen Starken— 
burger wieder einmal zu bekunden; nicht einen Buchstaben von dem hei— 
ligen Kodex des fremden Eroberers wollten sie missen. Gefördert durch den 
neuen Rheinischen Verein, begann eine starke politische Bewegung auf dem 
linken Ufer. Der Mainzer Gemeinderat schämte sich nicht, dem Groß— 
herzog in einer Petition zu sagen: der Code Napoleon verbinde die Rhein— 
hessen mit 50 Mill. Belgiern und Franzosen und müsse also auch auf 
dem rechten Ufer eingeführt werden. Da der Landtag gleichwohl den Ge— 
setzentwurf annahm, so fühlten sich die Rheinhessen tief beleidigt. Mainz 
zeigte sich wieder einmal als die Stadt der Klubisten, in allen Weinhäusern 
erklangen Hochrufe auf die Franzosen, und mit den Preußen der Bundes— 
garnison, die man als Feinde Frankreichs verabscheute, suchten die radi— 
kalen Schoppenstecher beständig Händel. Durch diesen rheinhessischen Streit 
wurde auch Heinrich v. Gagern in das öffentliche Leben zurückgeführt. 
Seit jenem Tage, da er die feierliche Frage gestellt hatte: „wo ist bei 
uns, was der Freiheit gleicht?“ — seit vollen zehn Jahren war er den 
Kammern fern geblieben. Jetzt trat er zunächst mit einer Druckschrift 
für „die Rechtsverfassung Rheinhessens“ ein. Es war doch ein Zeichen 
grundverderbter Zustände, daß dieser redliche deutsche Patriot das fremde 
Recht verteidigte. War die französische Rechtseinheit des linken Rhein- 
ufers vorzuziehen oder die halbfranzösische Rechtseinheit des hessen-darm- 
städtischen Reichs? — über diese Frage konnte man wohl streiten; in dem 
Chaos unserer Kleinstaaterei ward alles unklar. Nachher ließ sich Gagern 
  
*) Nach du Thils Aufzeichnungen.
        <pb n="692" />
        684 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
(1846) auch in den Landtag wählen, und da er sogleich mit dem Unter— 
suchungsrichter des Weidigschen Prozesses, dem allgemein verachteten 
Georgi in einen leidenschaftlichen persönlichen Zwist geriet, so scharte sich 
die schwache Opposition alsbald um den schönen ritterlichen Mann als 
um ihren natürlichen Führer. Er aber hatte nie verhehlt, daß er zuerst 
ein Deutscher sei, dann erst ein Hesse. Gleich seinem Freunde, dem Nier— 
steiner Wernher sah er den Zusammenbruch des Bundestags voraus und 
suchte sich mit den Gesinnungsgenossen der Nachbarlande über die Zukunft 
des großen Vaterlandes zu verständigen. — 
  
Derweil es also überall gärte und eigentlich niemand mehr an die 
Dauer der bestehenden Ordnung glaubte, sank der Bundestag tiefer und 
tiefer; es schien, als wollte er noch zuletzt beweisen, wie reif er zum Unter— 
gange sei. Seit die Kriegsgefahr verschwunden war, zeigten alle Bundes— 
staaten, mit der einzigen Ausnahme Preußens, wieder die alte frevelhafte 
Gleichgültigkeit gegen die Wehrbarkeit des Vaterlandes. Die zweite Bun— 
des-Inspektion im Jahre 1846 bewies nur, daß die erste wenig geholfen 
hatte; das luxemburgische Kontingent war noch immer „sehr weit davon 
entfernt, formiert zu sein“. Im übrigen gebar die neue Einrichtung nur 
neue unwürdige Zänkerei. Jeder Souverän, auch wenn er gar keinen 
General in seinem Vermögen hatte, verlangte nach dem Hochgenusse, an— 
dere Staaten zu inspizieren; selbst die Senate von Hamburg und Lübeck 
erklärten nachdrücklich: wir bilden mit Oldenburg eine Brigade und zahlen 
Zuschuß für den Brigadegeneral, folglich müssen wir „als an der Aktiv— 
Inspektion beteiligt, sei es auch nur durch ein et caetera hinter Olden— 
burg aufgeführt werden.“ Aber gegen dies et caetera verwahrte sich 
Oldenburg mit dem ganzen Stolze des Hauses Gottorp.) 
Auf den Toren und den Geschützen der neuen Bundesfestungen wollte 
König Friedrich Wilhelm Bundesfahnen und Bundeswappen anbringen 
lassen, und der Wiener Hof fand begreiflicherweise nichts dawider einzu- 
wenden, wenn das althistorische gelbschwarze Reichsbanner auf den Wällen 
von Ulm und Rastatt prangte. Ebenso begreiflich, daß König Ludwig von 
Bayern davon nichts hören wollte. Er schlug die schwarzrotgoldenen Farben 
der Burschenschaft vor, um also „der revolutionären Partei eine Waffe zu 
entreißen“““*); doch wußte er sicherlich im voraus, daß nunmehr gar nichts 
beschlossen wurde. Etwas günstiger verliefen die Beratungen über das 
Bundeswappen. Einige der Kleinen wünschten alle Schilder der achtund- 
dreißig Souveräne in einem schönen Kranze zu vereinigen mit der Um- 
  
*) Dönhoffs Berichte, 25. Juni, 6. Juli 1846. 
**) Dönhoffs Bericht, 24. Juni 1846.
        <pb n="693" />
        Bundeswappen. Spielbanken. 685 
schrift: „Eintracht tragt ein“; alsbald erwies sich aber, wie wenig dieser 
sinnige Wahlspruch zutraf. Die Reihenfolge der Wappenschilder war ja 
seit langem streitig, und die Einstimmigkeit, die für einen solchen „orga— 
nischen Beschluß“ verlangt wurde, mithin ganz undenkbar. So mußte man 
denn auf den Doppeladler zurückkommen, der in den Jahrhunderten des 
Verfalles dem alten Reiche als Wappen gedient hatte. Der bayrische 
Bundesgesandte Obercamp aber meinte: „der Adler war nie ein Zeichen 
deutscher Nationalität, sondern ein dem Heidentum entstammendes Symbol 
römischer Imperatorenwürde und Weltherrschaft.“ Nach langen Verhand— 
lungen gab Bayern endlich nach. Der Adler durfte jedoch weder Krone noch 
Zepter noch Schwert tragen, das hätte die Souveränität der Bundes— 
staaten zu schwer beeinträchtigt; und König Friedrich Wilhelm ließ dem 
Bundestage durch seinen Gesandten sagen: „auf den Schutzwällen des 
Bundes würde der entwaffnete Reichsadler den Franzosen zu vieler Kurz— 
weil Veranlassung geben; ich sei wahrhaft glücklich, daran unschuldig zu 
sein.“*) Als Preußen sich sodann erbot, die 1450 Mann, welche Waldeck 
und die beiden Lippe zur Kriegsbesatzung von Luxemburg zu senden hatten, 
selber zu stellen und dafür die drei Heere in die Festungen Wesel und 
Minden aufzunehmen, wo sie viel sicherer waren, auch durch ihre Un— 
zucht weniger Schaden anrichten konnten, da erklärten die drei Fürsten 
übereinstimmend: dieser Vorschlag sei „unangemessen“, denn in Luxem— 
burg ständen ihre Truppen unter einem Bundesgeneral — der freilich 
auch ein Preuße war — in Wesel und Minden dagegen „zur Disposition 
eines Nachbarstaats“.* 
Noch tiefer fühlten sich die Kleinen beleidigt, als König Friedrich 
Wilhelm sich bereit erklärte, die einzige preußische Spielbank, die Aachener 
aufzuheben und vom Bundestage für die Zukunft ein Verbot aller öffent- 
lichen Spielbanken verlangte. In allen den Badeorten der Frankfurter 
Umgegend blühten die Spielhöllen; die vornehmen Gauner Europas 
gaben sich hier ein Stelldichein, der Pariser Boulevardier rechnete Hom- 
bourg und Bade-Bade einfach zu Frankreich, und die östlichen Nachbarn 
spotteten nicht mit Unrecht, in diesen Spielbädern könne man die viel- 
gerühmte deutsche Sittlichkeit kennen lernen. Das Unwesen wurzelte sehr 
tief. Die Spielpächter Benazet in Baden und Blanc in Homburg zählten 
mit Rothschild, Cotta und Taxis zu den mächtigen Kaufhäusern, welche 
sich in der Eschenheimer Gasse besonderer Gunst erfreuten, sie waren mit 
Blittersdorff und anderen Bundesgenossen nahe befreundet, den kleinen 
Landesvätern brachten sie erkleckliche Einnahmen und von den Bewohnern 
der Badestädte wurden sie als Wohltäter der ganzen Umgegend wie 
Heilige verehrt. Der Gesandte Graf Dönhoff mußte also bald erfahren, in 
*) Dönhoffs Bericht, 7. Mai; Gise, Weisung an die Gesandtschaft in Berlin, 5. Juni 
1846. 
*7) Dönhoffs Bericht, 3. April 1847.
        <pb n="694" />
        686 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
welches Wespennest er gestochen hatte. Nassau wollte wohl die kleinen 
Spielhöllen in Schlangenbad und Schwalbach preisgeben, die große in 
Ems aber sollte fortbestehen, solange die Homburger dauere. Baden 
und Homburg wiesen das Ansinnen entrüstet zurück; vorher müßten erst 
alle Lottos und Staatslotterien vom deutschen Boden getilgt werden.“) 
Das Ende des mehrjährigen Zankes war, daß eine einzige der größeren 
deutschen Spielbanken unterging, die Köthener; und sie starb eines na— 
türlichen Todes, da das Land nach dem Erlöschen der Köthener Linie 
(1847) mit Dessau vereinigt wurde. Also verschwand das historisch merk— 
würdigste der deutschen Fürstentümer, das in seltener Vollständigkeit sämt— 
liche Reize germanischer Kleinstaaterei entfaltet hatte. Was war hier nicht 
alles binnen vierzig Jahren geleistet worden: erst der Moniteur de l'Em-— 
pire Anhaltin-Coethien, dann der große Schmuggelkrieg gegen Preußen, 
dann die Jesuitenstation mitten im altprotestantischen Lande, dann endlich 
die Spielbank; mehr konnten die Lobredner deutscher Vielherrschaft un— 
möglich verlangen. 
In solcher Nichtigkeit schleppten sich die Frankfurter Dinge dahin. 
Der Bundestag ist eine Leiche, ein Gaukelspiel, er ist der Indifferenzpunkt 
der deutschen Politik — so hieß es übereinstimmend in den Berichten der 
großen wie der kleinen Gesandten. Metternich aber, dem doch dieser Bund 
ganz unschätzbar sein mußte, fuhr fort, die Versammlung in der Eschen— 
heimer Gasse mit der äußersten Geringschätzung zu behandeln. Dem 
Grafen Münch rechneten seine Amtsgenossen nach, daß er von den 23 
Jahren seiner Präsidentschaft 13 in Wien, nur 10 in Frankfurt verbracht 
hatte, und für die jüngste Zeit stellte sich die Rechnung sogar noch un— 
günstiger. Allerorten in Deutschland — so gestanden die Bundesgesandten 
selber — ward über die Zukunft des Vaterlandes gesprochen, nur nicht 
in Frankfurt. Ein Rausch der Feste ging durch das deutsche Land, das 
doch zu jubeln so wenig Ursach hatte. Wie zur selben Zeit die schicksals— 
verwandten Italiener, so suchten die Deutschen in unzähligen brüderlichen 
Zusammenkünften ihrer nationalen Einheit froh zu werden. Den Natur- 
forschertagen folgten die Zusammenkünfte der Philologen, der Landwirte, 
der Anwälte, der Sänger, der Schriftsteller. Uberall wurde die neue Tri- 
kolore Schleswigholsteins mit Frohlocken begrüßt; und auch die vom Bun- 
destage verschmähte schwarzrotgoldene Fahne tauchte trotz der Verbote 
immer wieder auf, sie galt schon allgemein als das nationale Banner. 
Von lang nachwirkender Bedeutung waren unter diesen Versammlungen 
nur die beiden, zuerst durch den Schwaben L. Reyscher angeregten Ger- 
manistentage, die in Frankfurt 1846, ein Jahr darauf in Lübeck zusammen- 
traten. Sie wurden als „geistiger Landtag des deutschen Volks“ gepriesen, 
denn hier vereinigte sich die Blüte des Professorentums, das neuerdings 
  
*) Dönhoffs Berichte, 7. Jan. 1845 ff.
        <pb n="695" />
        Germanistentage. Heppenheimer Versammlung. 687 
durch den welfischen Staatsstreich und den schleswigholsteinischen Streit 
wieder ein hohes politisches Ansehen errungen hatte und nunmehr in 
gründlicher wissenschaftlicher Erörterung die großen politischen Lebens— 
fragen der Nation besprach. Eine andere Bühne stand den Deutschen noch 
nicht offen, und es war nur der Lauf der Welt, daß die Männer dieses 
geistigen Landtags nachher in allzu großer Zahl für das wirkliche Par— 
lament gewählt wurden. In Frankfurt ward die schleswigholsteinische Frage 
von Dahlmann, Waitz, Droysen so ernst und umsichtig beleuchtet, daß seit— 
dem ein Zweifel an dem guten Rechte unserer Nordmark kaum noch mög— 
lich schien. In Lübeck sodann gelangte der alte Streit um die Neugestaltung 
des Strafverfahrens zu einem vorläufigen theoretischen Abschluß; auch 
Georg Beseler, der kürzlich in seiner Schrift „Volksrecht und Juristenrecht“ 
die Ruheseligkeit der historischen Schule bekämpft und das altdeutsche 
Schöffengericht verteidigt hatte, bekehrte sich jetzt zu der sehr bestreit— 
baren, aber von der Mehrzahl gebilligten Ansicht Dahlmanns: das 
Schwurgericht sei das gediegenste politische Bildungsmittel für das Volk. 
So stimmten die Gelehrten mit den volkstümlichen Wünschen überein. 
Es waren doch glückliche Tage; eine schwärmerische, hoffnungsfrohe Be- 
geisterung verjüngte auch die Alten. Uhland meinte, die alten Kaiser 
sprängen leibhaftig aus ihren Rahmen heraus, als er im alten Römersaale 
die vaterländische Beredsamkeit der Tagenden anhörte; und im Lübecker 
Rathause fiel der greise Jakob Grimm dem Freunde Dahlmann überwältigt 
in die Arme mit dem Ausruf: er habe nie etwas so sehr geliebt wie sein 
Vaterland. Nur zu bald sollte die Zeit mit ehernen Sohlen über solche un- 
schuldige Gefühle hinwegschreiten. Die Gelehrten empfanden das selbst; 
sie verabredeten miteinander ein gemeinsames Werk über die neueste 
deutsche Geschichte, ein Unternehmen, das bestimmt war, der Nation das 
Bewußtsein ihrer jüngsten Entwicklung zu erwecken, ihr die Einsicht zu 
schärfen für kommende Taten. Auch dieser Plan ward nachher durch die 
Revolution vereitelt; nur einige Bruchstücke, das Leben Steins von Pertz 
und Wippermanns kurhessische Geschichte, kamen zu stande. 
Solche Versammlungen konnten nur vorbereiten; unmittelbar der 
Politik des Tages galten aber die vertraulichen Beratungen, welche alle 
diese Jahre hindurch zwischen den liberalen Abgeordneten Westdeutschlands 
gehalten wurden. Die Ratlosigkeit und die Zwietracht der Kronen zwangen 
die Nation, den Anstoß zu einer Bundesreform nur noch von unten 
her zu erwarten. Im Oktober 1847 versammelten sich zu Heppenheim 
mehrere der angesehensten Liberalen des Westens: Mathy, Bassermann, 
Soiron aus Baden, Römer aus Württemberg, Hergenhahn aus Nassau, 
Heinrich v. Gagern aus Hessen, Hansemann und Mevissen aus dem preu- 
hßischen Rheinlande; auch der alte Itzstein war erschienen, doch merkte 
er bald, daß seine Stimme unter diesen gemäßigten Liberalen nichts 
mehr galt. Hier wurde nun der Gedanke des deutschen Parlaments, der
        <pb n="696" />
        688 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
jetzt schon überall als Volkswunsch galt, ernstlich erwogen, und sobald man 
den Dingen näher trat, drängte sich auch schon gebieterisch die Frage der 
Zukunft hervor, die Frage: Preußen oder Osterreich? Mathy erwies mit 
seinem überlegenen Verstande: ein Reichstag ohne eine wirkliche Staats— 
gewalt sei ein Unding, ja er würde neben dem Bundestage die deutsche 
Anarchie nur vollenden; der Zollverein hingegen besitze schon eine gemein- 
same Verwaltung, eine leidliche Organisation, also müsse den Zollkon- 
ferenzen ein Zollparlament beigeordnet werden, das ernsthafte nationale 
Geschäfte ernsthaft beriete, ohne in leeren Phrasen unterzugehen. Es 
war ein befreiendes Wort. Verfolgte man diesen Weg weiter, so gelangte 
man unfehlbar zu der Erkenntnis, daß die deutsche Einheit nur unter 
Preußens Führung und mit Ausschluß Österreichs möglich war. Gagern 
stimmte dem Badener zu, desgleichen Hansemann, der schon den Rheini- 
schen Provinzialständen und dem Vereinigten Landtage die Berufung eines 
Zollparlaments empfohlen hatte, und man trennte sich in Eintracht. Als 
die Tagenden heimkehrten, da bemerkten sie freilich bald, daß der nüch- 
terne Gedanke des Zollparlaments den leidenschaftlich erregten, nach einem 
unbestimmten Glücke verlangenden Gemütern der Patrioten nicht genügte. 
Das deutsche Parlament blieb das einzige Schlagwort der Einheitspartei, 
das die Massen begeistern konnte. Darum stellte Bassermann im Karls- 
ruher Landtage seinen Antrag auf Berufung einer gesamtdeutschen Volks- 
vertretung, obgleich der einsichtige Mann wohl wußte, wie wenig dieser 
nebelhafte Vorschlag den Kern der Sache traf. 
Schon vorher, im Juli 1847, war ein Unternehmen begonnen worden, 
das den gemäßigten Liberalen für die nationale Politik die geistige Führung 
sichern sollte. Der Plan einer großen, für die gesamte Nation bestimmten 
Zeitung beschäftigte den König von Preußen seit seiner Thronbesteigung 
und wurde auch jetzt noch durch Professor Lohbauer wieder aufgenommen, 
doch er konnte unmöglich gelingen; denn wo ließen sich die Publizisten 
finden, die, wie Friedrich Wilhelm wünschte, zugleich ganz freimütig 
und ganz im Geiste des Berliner Hofes schrieben? Diesen alten Lieb- 
lingsgedanken rissen die badischen Liberalen dem Könige aus den Händen, 
sie beschlossen auf einer Durlacher Versammlung (1846) die Gründung 
einer großen „Deutschen Zeitung“. Bassermanns Buchhandlung in Mann- 
heim übernahm den Verlag, Gervinus die Leitung, und seinem unermüd- 
lichen Eifer gelang es bald, nicht nur beträchtliche, nach deutschen Ver- 
hältnissen ganz unerhörte Geldzeichnungen zu erlangen, sondern auch fast 
alle guten Namen des gemäßigten Liberalismus im Süden und Westen 
für die Mitarbeit anzuwerben. Nur Dahlmann hegte von Haus aus 
Bedenken; er blieb dabei, „daß auf preußischem Boden erscheinen muß, 
was in Preußen Wurzeln fassen soll,“ während Gervinus in seinem klein- 
staatlichen Dünkel glaubte, der Süden solle seinen konstitutionellen Geist 
von außen her in Preußen einpflanzen und, den Preußen nur die Aus-
        <pb n="697" />
        Deutsche Zeitung. 689 
führung überlassend, in der deutschen Politik stets vorangehen. Von den 
Radikalen schon im voraus als Professorenblatt verhöhnt, brachte die 
Deutsche Zeitung eine überraschende Fülle von ernsten, wohldurchdachten 
Leitartikeln; selbst ihre Korrespondenzen glichen oft mehr doktrinären Ab— 
handlungen als tatsächlichen Berichten, obgleich die Redaktion klagte: 
unsere Korrespondenz ist noch nicht überall ganz im Systeme. Von un— 
zähligen Staatsmännern, Abgeordneten, Gelehrten liefen treffliche Bei— 
träge ein. Unter den ersten Mitarbeitern bewährte sich namentlich Mathy 
als rühriges journalistisches Talent, neben ihm der Heidelberger Historiker 
Ludwig Häusser, ein junger Elsasser, in dem sich alle schönen Charakter— 
züge des süddeutschen Volkstums vereinigten: gesunder Menschenverstand, 
fröhliche Tatkraft, warme Begeisterung und eine selbst die Gegner zu— 
weilen gewinnende Liebenswürdigkeit. Nachher sind noch viele andere 
tüchtige Publizisten durch die Deutsche Zeitung für das journalistische 
Handwerk erzogen worden: Kruse, Aegidi, Heller, Marggraff. 
Die Deutsche Zeitung wirkte — so erfolgreich, wie späterhin nur 
noch die Kreuzzeitung — für die Durchbildung einer ganz bestimmten 
Parteigesinnung, aber freilich nur in einem engen Kreise. Fast alle die 
wackeren Gelehrten, welche nachher im Frankfurter Parlamente den Aus- 
schlag gaben, die Anhänger der konstitutionellen Monarchie und der preu- 
ßischen Hegemonie, verdankten den Artikeln dieses Blattes einen Teil ihrer 
politischen Bildung. Allein in die Masse der Lesewelt drang die Deutsche 
Zeitung niemals ein. Sie schwebte von vorn herein in der Luft, da 
sie weder einen landschaftlichen Boden unter den Füßen hatte noch die 
Klasseninteressen eines mächtigen Standes vertrat; der Ton ihrer Aufsätze 
war gewöhnlichen Lesern zu hoch, und den wirksamen Wucher mit auf- 
regenden Neuigkeiten verschmähte sie stolz. Das Schlimmste blieb doch, 
daß sie in Preußen selbst so wenig Mitarbeiter und Leser fand; sogar 
der alte Schön schrieb gar nichts, obgleich er seinen gefeierten Namen unter 
die Ankündigung des Blattes gesetzt hatte. Zu dem Heidelberger leiten- 
den Ausschuß gehörte auch Geh. Rat Fallenstein, ein alter Lützower Jäger, 
der nach einer entbehrungsreichen Jugend im preußischen Staatsdienste 
emporgestiegen und kürzlich unmutig ausgeschieden war, weil er sich mit 
Kühnes diktatorischem Wesen nicht vertragen konnte — einer jener seltenen 
Männer, welche mehr durch die Macht einer ursprünglichen Per- 
sönlichkeit als durch ihre Taten wirken, ein urkräftiger Teutone, fest, 
freimütig, bedürfnislos wie alle die Recken der Blücherschen Tage. Er 
blieb seinem Gervinus in treuer Freundschaft zugetan, und doch ward 
dem tapferen Preußen oft schwül zu Mute, wenn die Deutsche Zeitung 
das theoretisch geliebte Preußen Tag für Tag praktisch mißhandelte und 
ihm immer von außen her, meist ohne jede Sachkenntnis, Lehren der 
Weisheit und Tugend gab. Gervinus selbst entschuldigte sich cinmal: 
unser wärmerer Tadel gegen Preußen ist nur ein Zeichen unserer wärmeren 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 4
        <pb n="698" />
        690 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
Liebe; aber Liebe zu erweisen, verstand der ewig Ungnädige wenig. Auf 
die Dauer ging es nicht an, also außerhalb Preußens preußische Politik 
zu predigen, und es war doch nur menschlich, daß König Friedrich Wil- 
helm, der ohnehin den liberalen Ideen so fern stand, die allezeit tadelnden 
„Mannheimer und Heppenheimer“ als seine geschworenen Feinde be- 
trachtete. Preußen ist ein ganz deutscher Staat geworden — in diesem be- 
ständig wiederholten Satze lag das bleibende Verdienst der Deutschen Zei- 
tung, jedoch außerhalb der Gelehrtenwelt fand die neue Erkenntnis vor- 
erst nur wenig Anklang. 
Die Nichtigkeit des Bundestags erschien so hoffnungslos, daß selbst 
Blittersdorff jetzt auf Reformgedanken geriet. Reiner Partikularist war er 
ja nie gewesen, er wünschte eine starke Bundespolitik. In seinem unge- 
duldigen Ehrgeiz unternahm er einmal sogar mit dem Grafen Dönhoff 
anzuknüpfen und gab ihm zu verstehen, bei der vollendeten Gleichgültigkeit 
OÖsterreichs bleibe nichts mehr übrig als der Anschluß der kleinen Staaten 
an Preußen. Diese Schwenkung des alten Gegners war doch zu ver- 
dächtig; selbst der allezeit arglose König warnte seinen Gesandten: „das 
kann eine Falle sein, deren H. v. B. wohl fähig ist.“) Also von Preußen 
abgewiesen, wandte sich Blittersdorff wieder dem geliebten Osterreich zu 
und bestürmte seit dem Herbst 1847 den Grafen Münch mit einer langen 
Reihe von Denkschriften, die allesamt unfreiwillig und eben deshalb un- 
widerleglich erwiesen, daß die Hofburg ihre Herrschaft in Deutschland 
nur noch durch Betrug und Rechtsverdrehung zu erweitern vermochte. Mit 
dürren Worten gestand Blittersdorff ein, Österreich könne weder „ein 
nationales Deutschland mit zentraler Aktion“ dulden, noch selber in den 
Zollverein eintreten; folglich, so schloß er, müsse der Wiener Hof, mit 
gewandter Benutzung des nichtssagenden Art. 64 der Wiener Schlußakte, 
alle die zwischen den Bundesstaaten abgeschlossenen Sonderverträge über 
Zoll-, Münz-, Postwesen usw. „unter den Schutz des Bundestags“ stellen 
und dergestalt „die politische Leitung“ aller gemeinnützigen deutschen Be- 
strebungen, insbesondere des Zollvereins selber in die Hand nehmen. Welch 
ein naives Geständnis! Von den Pflichten des deutschen Zollverbandes 
sollte dic Hofburg frei bleiben, aber das Recht der Herrschaft gebührte 
ihr, damit nur ja niemals ,ein nationales Deutschland“ entstände! An- 
schaulicher ließ sich der Löwenvertrag, der zwischen Österreich und Deutsch- 
land bestand, nicht schildern. Zum Glück blieb das alles verlorene Ar- 
beit. Zu irgend einem kräftigen Entschlusse konnten sich weder Metternich 
selbst noch seine ebenso altersmüden Genossen aufraffen. Als du Thil 
dem Grafen Münch Bundesreformen oder mindestens strengere Hand- 
habung der bestehenden Bundesgesetze empfahl, da erwiderte der Öster- 
reicher: „Warum soll ich mich, nachdem ich mich so lange abgeplagt habe, 
  
*) Dönhoffs Bericht, 8. April 1845 mit Randbemerkung.
        <pb n="699" />
        Bundesreformpläne. Blittersdorff. Leiningen. 691 
zu guter Letzt vollends ganz unpopulär und verschrien machen?“ Der 
Hesse aber dachte ahnungsvoll: Après nous le déluge!7) 
Ehrlicher gemeint waren einige Reformvorschläge des Fürsten Karl 
v. Leiningen. Ein Halbbruder der Königin Victoria hatte er einen Teil 
seiner Jugend in England verlebt, mannigfache Erfahrungen und Kennt- 
nisse gesammelt und den Segen einer starken nationalen Einheit aus der 
Nähe kennen gelernt; ohnehin betrachtete er, gleich der Mehrzahl der me- 
diatisierten Fürsten, die deutschen Dynastien mit skeptischen Blicken, denn 
warum sollten die Häuser Lippe oder Reuß unantastbarer sein als Lei- 
ningen oder Fürstenberg? Seit er den Vorsitz im bayrischen Reichsrate 
mit gutem Anstande führte, glaubte er sich auch an die großen Aufgaben 
der nationalen Politik wagen zu können. Leider fehlten dem warm- 
herzigen Patrioten Ruhe, Stetigkeit, ausdauernder Fleiß; alle seine Arbeiten 
waren formlos, halb ausgereift, sie verrieten die lässige Hand des vor- 
nehmen Dilettanten. In einer schwungvollen Denkschrift mahnte er seine 
mediatisierten Standesgenossen, auf die verhaßten Abgaben und obrigkeit- 
lichen Rechte, die ihnen noch geblieben, rechtzeitig zu verzichten und sich 
dafür in den Landtagen eine politische Machtstellung zu sichern.*) In 
zwei anderen Aufsätzen betrachtete er sodann die deutsche Frage und er- 
klärte sich offen für Preußens Hegemonie; die Hofburg dachte er, soviel 
sich erraten ließ, mit einer Ehrenstellung abzufinden. Die einst so heiß 
erstrebte Souveränität der deutschen Dynastien — so führte er aus — sei 
einerseits durch den Zollverein, andererseits durch die Landstände und das 
Beamtentum, kurz durch die wachsende Macht des Mittelstandes schon 
so gründlich beeinträchtigt, daß sie auch noch stärkere Einschränkungen wohl 
ertragen könne; darum müßten die Fürsten sich der beiden bewegenden 
Elemente der Zeit, der Ideen der konstitutionellen Freiheit und der Na- 
tionalität bemächtigen, die Nation nach diesen Zielen hinführen, das Über- 
gewicht Preußens zugleich anerkennen und fest begrenzen. „Wie aber“, 
fuhr er nachdenklich fort, „wenn sich Preußen auch in politischer Beziehung 
an die Spitze der Ideen und Bestrebungen jenes schon so mächtigen 
Mittelstandes stellt und die Erreichung jenes Zieles, nach dem die deutsche 
Nation so mühselig strebte, ihr plötzlich als ganz nahe zeigt?“ 
Die eine dieser Denkschriften, die auch am Bundestage und an den 
kleinen Höfen bald bekannt wurden, sendete der Fürst seinem Schwager, dem 
Prinzen Albert, und der Prinz-Gemahl entschloß sich alsbald mit der gan- 
zen Dreistigkeit des künstlichen Engländers, den König Friedrich Wilhelm 
über deutsche Politik zu unterrichten. Wunderbar doch, in welchen holden 
Selbsttäuschungen diese glückhaften Koburger dahinlebten! Die lächerliche, 
*) du Thils Aufzeichnungen, Juni 1846. 
**7) Fürst von Leiningen, Denkschrift über die Mediatisierten, Frühjahr 1846. 
***) Fürst v. Leiningen, zwei Denkschriften über Deutschlands Lage, o. D., etwa im 
Januar und im Juli 1846 geschrieben. 
  
447
        <pb n="700" />
        692 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
nur durch eine heuchlerische Hof-Etikette notdürftig verdeckte Ohnmacht 
des englischen Königtums blieb ihnen ganz verborgen, und Herzog Ernst 
von Koburg meinte alles Ernstes, die Stellung seines Bruders sei „dem 
Könige von Preußen wohl gewachsen“! Die deutsche Fremdbrüderlichkeit 
aber ertrug willig eine Anmaßung, welche jedes andere Volk den ver— 
lorenen Söhnen des Vaterlandes stolz verbietet. Wie unsere Liberalen 
sich von den Deutsch-Amerikanern dankbar belehren ließen, so fanden es 
auch unsere Höfe nicht unwürdig, daß dieser Koburger, der seinem Vater— 
lande gleichmütig den Rücken gewendet hatte, immer noch in deutschen 
Dingen mitreden wollte. Was würde Königin Victoria gesagt haben, 
wenn König Friedrich Wilhelm ihr im Tone des Lehrers Anweisungen 
für die innere Politik Englands gegeben hätte? — diese einfache Frage 
legten sich die bescheidenen Deutschen noch nicht vor. Prinz Albert stand 
der partikularistischen Dynastengesinnung viel näher als sein deutscher 
Schwager, und namentlich der Gedanke der preußischen Hegemonie blieb 
ihm unheimlich. Darum eignete er sich einige gute Gedanken der Lei— 
ningenschen Denkschrift an, um ihnen sogleich behutsam die Spitze ab— 
zubrechen. Er verlangte, wie sein Schwager, das konstitutionelle Regi— 
ment und die deutsche Einheit, aber obgleich er selber zugab, daß Oster— 
reich jede Reform grundsätzlich hindere, so forderte er doch, Preußen müsse 
im Einverständnis mit Osterreich vorgehen und den Bundestag dermaßen 
stärken, daß alle die Zoll- und Post- und Münzwvereine in Frankfurt unter 
dem Schutze des Bundes vereinigt würden, allerdings mit Zuziehung 
gewählter Abgeordneten und mit voller Offentlichkeit. Seine Ratschläge 
stimmten also am letzten Ende mit Blittersdorffs österreichischen Denk— 
schriften überein; nur stellte er, in seltsamem Widerspruche, immer wieder 
die Bedingung, daß Preußen die Leitung der Frankfurter Reformpolitik 
allein in seiner Hand behalten müsse. Wie aber dies Wunder möglich 
werden, wie Preußen in Frankfurt jemals eine sichere Mehrheit erlangen 
sollte? — darauf gab der Prinz keine Antwort. Es war doch eine recht 
schwache Arbeit, diese im Vetternkreise vielgerühmte Denkschrift von Ard— 
verikie vom 11. Sept. 1847; sie bewies nur von neuem, daß ein vater— 
landsloser Mann vaterländische Politik nicht verstehen kann. 
Mit massiver Offenheit, da er ja hier am heimischen Hofe kein Blatt 
vor den Mund zu nehmen brauchte, erklärte sich Lord Palmerston wider 
die Pläne des Prinz-Gemahls. Er wünschte zwar den Deutschen alles 
Gute und wiederholte geläufig die zeitgemäßen Redensarten von dem na— 
türlichen Bunde zwischen England und Deutschland. Aber von deutscher 
Zolleinheit wollte er nichts hören; kein englischer Minister, so sagte er 
feierlich, könne jemals zugeben, daß Hannover und die Hansestädte dem 
Zollvereine beiträten, diese westdeutsche Freihandelsküste biete ja den 
Briten das einzige Mittel, um ihre Fabrikwaren nach Deutschland hinüber— 
zuschmuggeln. Schade nur, daß dies herzinnige englische Geständnis in
        <pb n="701" />
        Prinz Alberts Denkschrift. Preußens Absichten. 693 
Deutschland nicht bekannt wurde. Aber auch der getreue Stockmar, der 
zur Zeit in Koburg weilte, war unzufrieden; sein deutscher Stolz, den er 
trotz seiner seltsamen internationalen Stellung doch nie verleugnete, lehnte 
sich wider die Zudringlichkeit des Prinz-Gemahls auf, und er schrieb 
freimütig: wer sich so lange dem Vaterlande entfremdet hätte, der verliere 
das Recht mitzuraten. Dann redete er dem geliebten Zögling, dessen 
starren Dynastendünkel er wohl kannte, kräftig ins Gewissen: die deut— 
schen Fürstenhäuser bedürften heute vor allem ernster Selbsterkenntnis, 
denn sie hätten durch Verrat und Ungehorsam das alte Reich zerstört, 
das Vaterland zerrissen; sie würden von einem großen Teile der Nation 
als Feinde der deutschen Einheit gehaßt, sie müßten endlich einsehen, daß 
die anti-dynastische Gesinnung sich in immer weiteren Kreisen verbreite. 
Goldene Worte. Doch der Prinz ließ sich nicht beirren; er sendete seine 
und seines Schwagers Denkschriften durch Bunsens Vermittlung dem 
Berliner Hofe. 
Da ergab sich denn alsbald, daß der allein rettende Ruf: los von 
Österreich, daß die Rückkehr zur friderizianischen Politik von niemand 
tiefer verabscheut wurde als von König Friedrich Wilhelm selbst. Durch 
Leiningens Vorschläge wurde er, wie er an Bunsen schrieb, „fast empört. 
Der Schwager will Osterreich aus dem Bunde sachte entfernen, einen 
Bund im Bunde gegen den Bund (also Treubruchl), und dieser Wirt- 
schaft soll ich guasi gezwungen werden mich anzunehmen und den Wün- 
schen dieser Esel von Liberalen vorauseilend, das Banner des Fortschrittes 
erheben.“ Dies blieb seine heilige Überzeugung, und sie sollte für den 
Verlauf der deutschen Revolution verhängnisvoll werden. Durchaus nur 
als der Zweite, als kaiserlicher Feldhauptmann und Erzkämmerer wollte 
er in dem kaiserlosen Deutschen Bunde auftreten; was der große König 
einst darüber hinaus geplant hatte, war dem Nachkommen eitel Ver- 
rat; „ich will Österreich den Steigbügel halten,“ sagte er oft. Besser 
gefielen dem Könige die friedfertigen und unbestimmten Gedanken des 
Prinz-Gemahls, obgleich er eine scharfe Bemerkung über das Sitzen am 
Tische fern von Deutschland nicht unterdrücken konnte. Nur gegen zwei 
Vorschläge verwahrte er sich ernstlich. Auch er wollte die deutsche Freiheit, 
doch nimmermehr im Sinne der Liberalen. „Eine einzige wunderbare Kunst 
versteht der vulgäre Liberalismus à la Hansemann und Konsorten, die 
nämlich, ein Volk dumm und böse zu machen. Darin hat er, wie über- 
haupt in so vielem, von den Jesuiten gelernt und übertrifft sie bei weitem. 
Der Liberalismus, der namentlich jetzt Deutschland verstänkert, ist eine 
Gattungs-Religion, eine Durchgangs-Religion, die sich auf das Christen- 
tum aufsetzt, wie man einst Ludwig XVI. die Galeerensklaven-Mütze auf- 
setzte, um seine Salbung zu verwischen; und sie ist ein Aberglaube ver- 
öchtlichster Art, da sie eine Volkswillens-Anbetung als ihr Wesen predigt, 
ein Götzendienst hundertmal ärger als der des Baal und der Astarte, denn
        <pb n="702" />
        694 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
bei der Verehrung dieser war das Volk doch durch falsche Wunder und 
Gaukeleien verführt. Der Volksanbetung aber widersagt brüllend die 
Geschichte der Menschheit seit 6000 Jahren!!!“ Zum zweiten erklärte 
der König für unmöglich, daß Deutschlands Fürsten und Fürstchen je— 
mals etwas von ihren Souveränitätsrechten aufgeben könnten: „Das 
tun nun einmal die Herren nicht. Für den Bund sollten sie es aller— 
dings, für Preußen sollen sie es so wenig und noch weniger als für 
Osterreich.“*) Er glaubte also, seine Bundesreformpläne, die doch alle— 
samt eine starke Beschränkung der Territorialgewalten voraussetzten, 
würden sich ganz von selbst verwirklichen, durch die freie Übereinstimmung 
aller 38 Souveräne. 
In gleichem Sinne antwortete Canitz. Er spottete über „den Auf- 
satz, welcher als das beste Mittel zur Kräftigung des Deutschen Bundes 
die Amputation seines mächtigsten Gliedes anrät; diese Kur würde, wie 
manche allopathische Mixtur, viel schlimmer sein als das zu heilende 
Ubel.“ Dann gab er dem Vermittler Bunsen den deutlichen Wink: „daß 
unter allen jetzt lebenden Regenten keiner weniger fremder Ideenlie- 
feranten bedarf als der König unser allergnädigster Herr.“*) Die Be- 
rechtigung der durch den Vereinigten Landtag so mächtig angeregten Ideen 
der Nationalität und der ständischen Verfassung stellte er nicht in Ab- 
rede; doch leider seien sie durch Deutschlands innere Feinde zu einem 
Losungsworte der Umwälzung geworden; darum hoffe sein König, „daß 
die deutschen Fürsten im festen Zusammenhalten und Anschließen an die 
mächtige Stütze des Bundes keine Gefahr, sondern vielmehr die Gewähr 
für ihre eigenen Rechte erkennen mögen.“) 
So unsicher stand der preußische Hof der anschwellenden nationalen 
Bewegung gegenüber: voll guten Willens freilich, aber ohne Verständnis 
für die Macht der liberalen Ideen, und — was in der Politik aller Schande 
Anfang ist — ohne hohen Ehrgeiz. Mit der freien Zustimmung Oster- 
reichs und aller Souveräne hoffte der König „die teure Institution des 
Deutschen Bundes, die letzte Stütze der Zukunft“ — wie sein Radowitz 
sich ausdrückte — zur Erfüllung „ihrer welthistorischen Aufgabe“ in den 
Stand zu setzen. ) Unablässig brütete er über diesen Entwürfen; es lag 
aber in der Natur der Dinge, daß sie noch viel langsamer reiften als 
seine ständischen Pläne. Seit langem schon verhandelte Canitz mit Metter- 
nich über die Bundespolitik, bald brieflich, bald mündlich durch den Baron 
v. Werner, den die k. k. Staatskanzlei jetzt „wie das liebe Brot brauchte. 
Er gehört“, so schrieb sein greiser Gönner, „zu den Treuen, aber zugleich 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 11. Nov. 1847. 
**) Canitz an Bunsen, 9. Nov. 1847. 
*) Canitz an Radowitz, 16. Aug. 1847. 
)Radowitzs Bericht, 5. Jan. 1847.
        <pb n="703" />
        Preußens Verhandlungen mit Osterreich. 695 
zu den Intellektuellen. Er versteht mich und wird Sie also auch ver— 
stehen, und heute kommt es wohl mehr als nie auf Verständigung unter 
denen an, welche noch Kopf und Arme haben und nicht zu den Acephalen 
und den Paralytikern gehören.“*) In Wahrheit war Werner nur ein 
brauchbarer Bureaukrat des gewöhnlichen Schlages, ohne Ideen, ohne 
Tatkraft, und selbst ein größerer Mann konnte die breite Kluft, welche 
die beiden Staaten trennte, nicht mehr überbrücken. Noch immer geängstigt 
durch die Leipziger Unruhen, verlangte Metternich scharfe Maßregeln gegen 
die neuen Sekten. Canitz aber berief sich standhaft auf die bewährten 
Traditionen seiner Monarchie: „Die Glaubensfreiheit, wie sie in Preußen 
besteht, ist ein Produkt unserer Geschichte, in der die sechsundvierzigjährige 
Regierung Friedrichs II. ausradiert werden müßte, wenn wir ihren Begriff 
so interpretieren wollten, wie Kaiser Joseph II. ihn, von seinem Stand- 
punkt aus mit vollem Rechte, feststellte.“ 5 
Ebenso wenig konnte man sich über die Presse einigen. Der Oster- 
reicher forderte, um das tief erkrankte Deutschland zu heilen, unnach- 
sichtliche Durchführung des Karlsbader Preßgesetzes, das sich doch so 
unwirksam gezeigt hatte. Der Preuße erwiderte, indem er auf Metter- 
nichs „Lieblingsgleichnis“ ironisch einging: „Der Kranke wird nicht da- 
durch gesund, daß er an die Vorschriften erinnert wird, deren Befolgung 
ihn vor dem Fieber, das ihn schüttelt, hätte bewahren können.“) Canitz 
verlangte jetzt Preßfreiheit mit einem strengen Repressivsysteme, denn durch 
die kläglichen Erfahrungen des neuen Ober-Zensurgerichts hatten der König 
und Savigny endlich gelernt, daß man mit der Zensur nicht mehr aus- 
kam.) Auf das heftigste widersprach Metternich: In England und Frank- 
reich kenne ich keinen Staatsmann, der die Preßfreiheit nicht für ein Übel 
hält, „da sie ihrer Natur gemäß nur deren Lizenz zu sein vermag. Alle 
Maßregeln, welche dem Juste Milien zwischen dem Leben und dem Tode, 
welche also dem Siechtum angehören, bieten keinen Stoff zu Normal- 
gesetzen.“ Sein preußischer Freund aber antwortete: Unser Vorschlag ist 
ein Juste Milieu zwischen Leben und Tod nur in demselben Sinne, „wie es 
das menschliche Leben in dieser gebrechlichen Welt überhaupt ist. Es wäre 
ein allzu strenges Urteil über unser Vaterland, wenn man behaupten 
wollte, in Deutschland könne die Gewalt der Presse nur verderblich wirken, 
wenn eine strenge ängstliche Zensur sie nicht lähmte.“)-#Der greise, in 
seinen Gedanken jetzt ganz fest eingerostete Staatskanzler konnte den Wider- 
spruch der Preußen gar nicht begreifen. Nach erneutem Schriftenwechsel 
sendete er im Frühjahr 1847 seinen Hofrat Werner nach Berlin, um mit 
*) Metternich an Canitz, 25. Aug. 1845. 
**) Canitz an Metternich, 29. Aug. 1845, 14. Febr. 1846. 
*“ ) Canitz an Metternich, 1. Nov. 1845. 
7) Savigny an Thile, 28. März 1845. 
) Metternich an Canitz, 16. April, Antwort 26. April 1846.
        <pb n="704" />
        696 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
den bewährten Künsten österreichischer Anbiederung die preußischen Bun— 
desreformpläne und zugleich den Krakauer Streit zu beseitigen.*) 
Aber noch während Werner am preußischen Hofe verweilte, ließ Canitz 
durch ein Rundschreiben vom 4. April 1847 allen deutschen Regierungen 
den längst vorbereiteten Entwurf für ein Bundespreßgesetz zugehen. Da 
er die bundesgesetzliche Zensur in Preußen schlechterdings nicht mehr auf— 
rechthalten wollte und doch einsah, daß Österreich, Hannover, Kurhessen 
sich zu einer solchen Reform nie freiwillig entschließen würden, so lautete 
der § 1 seines Entwurfs ganz bescheiden: „Jedem deutschen Bundesstaate 
wird freigestellt, die Zensur aufzuheben und Preßfreiheit einzuführen.“ 
Dann wurden die „Garantien“ aufgezählt, welche die zur Preßfreiheit 
entschlossenen Staaten ihren Bundesgenossen zu geben hätten: ein strenges 
Konzessionswesen für Buchdrucker und Zeitungsherausgeber, harte Strafen 
für Preßvergehen, endlich noch ein rechtsgelehrtes Bundessyndikat, das 
nach freiem Ermessen gemeingefährliche Schriften für ganz Deutschland 
verbieten sollte. Wie ängstlich auch diese Beschränkungen erscheinen moch- 
ten, die Aufhebung der Zensur war doch, wenn sie gelang, eine entscheidende 
Tat; denn daß die übrigen Staaten, außer OÖsterreich, dem guten Bei- 
spiel Preußens bald folgen mußten, lag auf der Hand. Am Bundestage 
zeigten sich Sachsen, Baden, Weimar, selbst das konservative Darmstadt 
günstig gestimmt. Mit besonderem Eifer ging Württemberg auf die preu- 
ßischen Vorschläge ein. König Wilhelm hatte sich, wie er dem Grafen 
Dönhoff gestand, durch die leidenschaftlichen Klagen seines Landtags von 
der Unmöglichkeit der Zensur endlich überzeugen lassen; als erfahrener 
Soldat räumte er den verlorenen Posten und nahm das zornige Nie- 
mals! das er vor kurzem erst der Preßfreiheit entgegengeschleudert hatte, 
entschlossen zurück.') Er forderte nunmehr Aufhebung der Zensur und 
Einführung des Repressivsystems in ganz Deutschland. 
Aber wieder scheiterte alles an dem bösen Willen der Hofburg. Selt- 
sam, wie die Gedanken in dem Kopfe des alternden Staatskanzlers sich 
mehr und mehr verwirrten. Metternich pflegte gerade in diesen Tagen, 
da ihn die italienischen Unruhen lebhaft beschäftigten und die Franzosen 
sein Kaiserreich als eine italienische Macht bezeichneten, nachdrücklich und 
nicht ohne Gereiztheit zu versichern: „OÖsterreich ist ein Reich, das unter 
seiner Herrschaft Völker von verschiedener Nationalität umfaßt, aber als 
Reich hat es nur eine Nationalität. OÖsterreich ist deutsch“, so sagte er 
zum Grafen Arnim, „deutsch durch die Geschichte, durch den Kern seiner 
Provinzen, durch seine Zivilisation.““) Gleichwohl wähnte er, diese 
deutsche Macht erfülle ihre Pflichten gegen Deutschland am sichersten durch 
vollkommene Untätigkeit. Sein getreuer Münch schob die Verhandlung über 
7) S. o. V. 553. 
**) Dönhoffs Bericht, 15. Aug. 1847. 
“) Graf Arnims Bericht, 20. Juli 1847.
        <pb n="705" />
        Reformversuche am Bundestage. 697 
den preußischen Antrag von Monat zu Monat hinaus, und als sie im 
September endlich doch stattfand, da beantragte er, wie üblich, die Ein- 
holung von Instruktionen.*) Darüber mußten wieder viele Monate ver- 
gehen, und die vereinzelten Abstimmungen, welche nach und nach einliefen, 
bewiesen genugsam, daß man sich nicht einigen konnte. Bayern erklärte 
(Jan. 1848), ein Bundesgesetz scheine überflüssig, für Bayerns Presse 
genüge die freie bayrische Verfassung vollkommen. Also ward auch dies 
vaterländische Unternehmen in den großen Schiffbruch des Bundes hin- 
eingerissen. 
Nicht minder vergeblich arbeiteten Württemberg und Preußen selb- 
ander für eine andere nötige Verbesserung. König Wilhelm hatte während 
der Teuerung des letzten Winters erfahren, wie beklommen sich die stolze 
Hofburg vor der Offentlichkeit fühlte. Damals war dem nach Württem- 
berg bestimmten österreichischen Getreide der Ausgang auf der Donau 
plötzlich gesperrt, aber nach langem Streite augenblicklich frei gegeben 
worden, sobald Württemberg drohte den Hergang zu veröffentlichen. Auf 
Grund dieser Erfahrung entschloß sich der kluge Schwabenkönig, in Frank- 
furt (26. März 1847) die Veröffentlichung der wichtigsten Bundespro- 
tokolle zu beantragen. Wieder suchte Münch die Beratung hinzuhalten; 
Dönhoff aber erstattete im September einen Ausschußbericht, der noch 
über Württembergs bescheidenen Antrag hinausging. Der Preuße er- 
wähnte, daß selbst der Regensburger Reichstag seine Sitzungsberichte 
stets herausgegeben hatte, und verlangte kurzweg Rückkehr zu der alten 
Ordnung, wie sie vor dem Jahre 1824 bestanden: also die Offentlichkeit 
als Regel, mit Vorbehalt einzelner Ausnahmen. Der gesamte Ausschuß 
stimmte ihm zu — so mächtig drang der Luftzug der öffentlichen Mei- 
nung schon in den Bundestag ein. Nur Österreich widersprach. Münch ge- 
hörte dem Ausschuß selber an, hatte aber keiner einzigen Sitzung beige- 
wohnt. Jetzt erklärte er im Namen seines Hofes: die Geheimhaltung sei 
entschieden vorzuziehen, allerhöchstens könne man zugeben, daß die Pro- 
tokolle nach sorgfältiger Auswahl am Ende jeder Sitzungsperiode veröffent- 
licht würden, aber nicht in den Zeitungen, sondern in einer besonderen 
Sammlung. Nun wurde wieder die Einholung von Instruktionen be- 
schlossen, und der Antrag blieb liegen — bis zum Zusammenbruch. Die 
Könige von Preußen und Württemberg aber erfuhren handgreiflich den 
Unsegen des Bundesgeheimnisses; über alle ihre ehrlichen Reformbestre- 
bungen verlauteten in der Nation nur unbestimmte Gerüchte.) 
Auch außerhalb des Bundestags bemühte sich der Berliner Hof um ge- 
samtdeutsche Reformen. Auf seinen Betrieb versammelte sich zu Dresden 
im Spätjahr 1847 eine deutsche Postkonferenz, die aber wenig zu stande 
  
*) Dönhoffs Berichte, 23. Juli, 9. Sept. 1847. 
**) Dönhoffs Bericht, 13. Sept. 1847.
        <pb n="706" />
        698 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
brachte, weil die partikularistische Eifersucht sich noch nicht überzeugen ließ. 
Man blieb im wesentlichen bei den Sonder-Postverträgen, welche zu An- 
fang der vierziger Jahre zwischen Preußen, Bayern, Sachsen, Baden, 
Taxis abgeschlossen waren. Ungleich günstiger verlief die zur nämlichen 
Zeit, ebenfalls auf Preußens Aufforderung, berufene Wechselrechts-Kon- 
ferenz. Der Gedanke war schon seit einem Jahrzehnt von Württemberg 
auf den Zollkonferenzen angeregt, damals aber noch als unmöglich abge- 
wiesen worden. Jetzt konnte man die Bedürfnisse des so mächtig angewach- 
senen Handelsverkehrs doch nicht mehr ableugnen, und da diese Rechtsein- 
heit das Heiligtum der Souveränität durchaus nicht antastete, so wagte die 
preußische Regierung, nicht bloß die Zollverbündeten, sondern alle Bundes- 
staaten zu den Verhandlungen einzuladen. Zum Versammlungsort konnte 
nur Leipzig gewählt werden; denn hier in dem großen Meßplatze ließen 
sich die Mißstände der bestehenden Rechtszersplitterung an der Quelle 
kennen lernen; hier war auch neuerdings durch Einert, Treitschke und 
andere tüchtige Juristen eine neue Wechselrechtslehre ausgebildet worden, 
die sich vom römischen Rechte lossagte und den Anforderungen des mo- 
dernen Handels gerecht zu werden suchte. Ein preußischer Entwurf, bei 
dem Savigny selbst mitgewirkt hatte, wurde den Beratungen zu Grunde 
gelegt. Geh. Rat Bischoff, ein Harzer, der den alten Juristenruhm der 
Heimatlande Eicke von Repgows wieder einmal bewährte, verteidigte den 
Entwurf mit siegreichem Scharfsinn und gewandter Liebenswürdigkeit; 
auch der sächsische Bevollmächtigte, der geistreiche alte Präsident Einert 
half treulich mit, obgleich die Konferenz sich die Grundgedanken seiner 
Theorie nicht aneignen wollte. Schon am 9. Dez., nach einer Beratung 
von fünfzig Tagen, wurde die Deutsche Wechselordnung vollendet, ein Werk 
aus einem Gusse, wie es unter parlamentarischer Mitwirkung sicherlich 
nie gelungen wäre, ein Gesetz, das kurz und scharf, so wie es einst Sa- 
vigny in seiner Jugendschrift verlangte, nur die leitenden Rechtsgrund- 
sätze aufstellte, ohne sich in weitläufige Kasuistik zu verlieren. Es war ein 
juristisches Meisterwerk; wohl nur eine seiner Vorschriften, die ganz 
unbeschränkte allgemeine Wechselfähigkeit, ließ sich ernstlich anfechten. 
Eine boshafte Tücke des Schicksals fügte aber, daß dies einzige gute 
gesamtdeutsche Gesetz, das unter der Herrschaft des Bundestags je zu 
stande kam, nicht durch ihn verkündet wurde. Die Unruhen der nächsten 
Monate verhinderten den Abschluß, und erst im Herbst 1848 wurde die 
Wechselordnung durch die neuen Reichsgewalten bekannt gemacht, so daß 
sie den Uneingeweihten als ein Geschenk der Revolution erscheinen mußte. 
Der Bundestag hatte wieder seinen Lohn dahin. 
Das alles war in Friedrich Wilhelms Augen nur Vorarbeit für 
den umfassenden Bundesreformplan, den er zu Ende Novembers 1847 
durch General Radowitz dem Wiener Hofe überreichen ließ. Radowitz 
blieb in diesen deutschen Geschäften sein nächster Ratgeber, da die Minister
        <pb n="707" />
        Wechselrecht. Radowitzs Reformdenkschrift. 699 
ihre nüchternen Geschäftsbedenken, einige auch ihre Furcht nicht überwinden 
konnten, General Gerlach aber alle „Germanomanie“ bekämpfte. In einer 
großen Denkschrift vom 20. Nov. stellte Radowitz die Gedanken seines 
königlichen Herrn zusammen. Sie verurteilte in scharfen Worten das 
bisherige Bundessystem. Da hieß es rundweg: „Auf die Frage: was 
hat der Bund seit den 32 Jahren seines Bestehens, während eines beispiel- 
losen Friedens getan für Deutschlands Kräftigung und Förderung? — ist 
keine Antwort möglich. Die gewaltige Kraft der Gegenwart, die Natio- 
nalität ist die gefährlichste Waffe in den Händen der Feinde der öffent- 
lichen Ordnung geworden.“ Darum verlangte Preußen Kräftigung der 
Bundesgewalt nach drei Seiten hin. Zum ersten Sicherung der Wehr- 
haftigkeit des Bundes durch Inspektionen, gemeinsame Übungen, Verein- 
barung über die Reglements, das Kaliber usw. — aber ohne Umsturz 
der bestehenden Heeresverfassung. Zum zweiten gesicherten Rechtsschutz, 
also ein Bundesgericht für staatsrechtliche Streitigkeiten, Einheit des 
Strafrechts, des Handelsrechts, des Heimatsrechts mit voller Freizügigkeit. 
Zum dritten Förderung der materiellen Interessen durch Einheit der 
Münzen und Maße, durch eine Post= und Eisenbahn-Ordnung, durch 
Bundeskonsulate, endlich durch „Ausdehnung des Zollvereins auf den 
Bund“. 
Hochsinnig, gedankenreich, formvollendet wie alles, was aus Rado- 
witzs Feder floß, litt die Denkschrift doch an der traumhaften Unklarheit, 
welche die ganze Nation, mit sehr vereinzelten Ausnahmen, noch befangen 
hielt; sie lief doch hinaus auf die unmögliche Hoffnung, daß ein Bund 
von souveränen Staaten, zu denen drei undeutsche Mächte gehörten, die 
Macht einer nationalen Staatsgewalt ausüben sollte. Und konnte der 
König, der bisher der Hofburg jede Einmischung in seine Zollpolitik stand- 
haft verweigert hatte, jetzt im Ernst beabsichtigen, das größte Werk seines 
Vaters zu zerstören und den Zollverein, wie Metternich längst wünschte, 
dem Bundestage unterzuordnen? Und dies in einem Augenblicke, da die 
Hofburg sich soeben anschickte, die alten Zollschranken zwischen Ungarn und 
den deutsch-böhmischen Kronländern aufzuheben und mithin unzweideutig 
bekundete, daß Osterreich selbst dem Zollvereine nicht beitreten wollte? 
Friedrich Wilhelm ahnte auch dunkel, in welche Widersprüche er sich ver- 
wickelte. Darum ließ er in der Radowitzschen Denkschrift aussprechen, daß 
er zunächst eine Verständigung mit dem Wiener Hofe versuchen, und wenn 
sie gelänge, die genauere Verabredung über die geplanten Reformen ent- 
weder einem Fürstenkongresse oder dem Bundestage unter Österreichs Füh- 
rung überlassen wollte. Käme er in Wien nicht zum Ziele, dann dachte er 
sich, schweren Herzens freilich, allein an den Bundestag zu wenden. Miß- 
länge auch dieser Versuch, dann sollte Preußen „den Geist der Nation“ 
anrufen, die öffentliche Meinung über seine nationalen Pläne aufklären 
und mit den gleichgesinnten Bundesstaaten gemeinnützige Sonderverträge,
        <pb n="708" />
        700 V. 9. Der Niedergang des Deutschen Bundes. 
nach dem Vorbilde des Zollvereins abschließen, Verträge, welche späterhin 
dem gesamten Vaterlande zu gute kommen müßten. Also schien der 
König endlich zu begreifen, daß die Erfüllung der nationalen Einheits- 
wünsche jetzt die erste Pflicht konservativer Politik war; er schien sich 
den kühnen Gedanken zu nähern, welche zur selben Zeit Mathy in Hep- 
penheim aussprach. Aber es schien auch nur so. Friedrich Wilhelm wußte 
nichts, er wollte nichts wissen von der radikalen Schärfe der großen 
Gegensätze deutscher Politik, er wollte in tiefem Frieden, ohne mit OÖster- 
reich zu brechen, sein Ziel erreichen; er ahnte nicht, daß der Zollverein 
dem partikularistischen Grundgedanken der Bundesakte ebenso vollständig 
widersprach, wie einst der Schmalkaldener Bund dem Wesen des heiligen 
römischen Reichs, und die Hofburg folglich ein System preußisch-deutscher 
Sonderverträge unmöglich gelassen hinnehmen konnte. Die Schlacht von 
Pharsalus, die einst König Friedrich den Deutschen geweissagt hatte, mußte 
geschlagen werden, und niemand glaubte an diese Notwendigkeit weniger 
als Friedrichs Erbe. 
Mit solchen Aufträgen ging Radowitz nach Wien, wo man ihn mit 
der gewohnten nichtssagenden Höflichkeit aufnahm. Kaum begonnen wurden 
die Verhandlungen schon abgebrochen, da die italienischen Unruhen die 
Hofburg in Verlegenheit brachten. Als abgesagter Feind der frideriziani- 
schen Politik verabscheute Friedrich Wilhelm den „heidnischen“ Grundsatz 
des großen Königs, daß man die Bedrängnis des Gegners zum entscheiden- 
den Schlage benutzen müsse; auch hielt er das Haus Osterreich nicht für 
einen Gegner, sondern für einen treuen, nur leider etwas schwerfälligen 
Freund. Metternichs peinliche Lage zu mißbrauchen, schien ihm unchrist- 
lich. Außerdem hatte er Radowitz beauftragt, sich mit dem Staatskanzler 
über die gemeinsame Bekämpfung des schweizerischen Radikalismus zu 
verständigen; und diesen unseligen Interventionsgedanken hielten beide 
Mächte für so wichtig, daß die deutsche Politik dahinter zurückstehen mußte. 
Um die Schweizer Frage zuerst ins reine zu bringen, mußte der General 
im Dezember nach Berlin heimkehren und nachher noch nach Paris reisen. 
So ging für die deutsche Bundesreform wieder eine unschätzbare Zeit 
verloren. Erst im Februar 1848 nahm der König seine Bundespläne 
wieder auf. Am 1. März erhielt Radowitz die Weisung, nochmals nach 
Wien zu gehen und dort die sofortige Einberufung eines deutschen Fürsten- 
kongresses zu beantragen, der über die Bundesreform so wie über die 
Kriegsgefahr des Augenblicks beraten sollte. Da inzwischen die Nach- 
richten von der Pariser Revolution eingetroffen waren, so genehmigte 
Metternich am 10. März den preußischen Vorschlag. Aber schon nach 
wenigen Tagen stürzte das alte System in Wien wie in Berlin zusammen. 
Die letzte Möglichkeit einer friedlichen Bundesreform war versäumt, und 
da die Welt von den tiefgeheimen Verhandlungen dieses Winters kein 
Wort erfahren hatte, so erschien der längst geplante Fürstenkongreß wieder
        <pb n="709" />
        Radowitz in Wien. 701 
nur wie ein abgedrungenes Zugeständnis an die Revolution. Wie einst 
der dritte Friedrich Wilhelm durch alle die löblichen Pläne seiner ersten 
Regierungsjahre den Tag von Jena nicht hatte abwenden können, so 
mußte auch sein Sohn erfahren, daß Vorsätze und Entwürfe in dem 
harten Handwerk der Politik gar nichts bedeuten. Belastet mit einem 
nur halb verdienten schlimmen Rufe trat der König in die Zeit des Auf— 
ruhrs ein. —
        <pb n="710" />
        Zehnter Abschnitt. 
  
Vorboten der europäischen Nevolution. 
Wenn eine vermorschte politische Gewalt dem Untergange entgegen- 
reift, dann wird sie durch ein gerechtes Schicksal immer gezwungen, am 
Rande des Grabes ihre sittlichen Gebrechen noch einmal handgreiflich, 
sinnenfällig vor aller Welt zu offenbaren. Schwer hatte Europa seit den 
Länderverkäufen des napoleonischen Zeitalters und des Wiener Kongresses 
unter der Willkür dynastischer Politik gelitten, so schwer, daß die republi- 
kanischen Parteien, trotz der uralten monarchischen Uberlieferungen unseres 
Weltteils, einiges Recht gewannen. Nun sollte sich, kurz bevor das alte 
System stürzte, noch einmal zeigen, welcher Nichtswürdigkeiten die dyna- 
stische Staatskunst fähig war, und dies ekelhafte Schauspiel wurde auf- 
geführt von den beiden Fürstengeschlechtern, die sich selber für besonders 
freisinnig und volksfreundlich erklärten, von den Häusern Koburg und 
Orleans. Zufrieden in dem Wahne, daß die wachsende Verstandesbildung 
jeden Fortschritt der Menschheit in sich schließe, wähnte die neue Zeit 
allen früheren Jahrhunderten auch sittlich überlegen zu sein. Die Histo- 
riker redeten von jenem berüchtigten cynischen Briefwechsel, welchen einst 
Ferdinand der Katholische und der Tudor Heinrich VII. wegen der Ver- 
heiratung ihrer Kinder geführt hatten, mit einer Verwunderung, als wäre 
eine solche hochfürstliche Gaunerei nur unter den Zeitgenossen Machiavellis 
möglich gewesen. Jetzt mußten sie lernen, daß die Zivilisation wohl die 
Sitten verfeinert, aber an der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur gar 
nichts ändert; sie mußten zugestehen, daß jene beiden gewaltigen alten 
Tyrannen neben den modernen konstitutionellen Höfen von London, Paris 
und Madrid nur wie zwei unschuldige, kreiselspielende Knaben erschienen. 
Die Tage waren dahin, da die Welt sich an der glorreichen Qua- 
drupelallianz der freien Völker des Westens erbaut hatte. Jetzt da das 
unglückliche Spanien vom Bürgerkriege zerfleischt danieder lag, begann 
man überall zu fühlen, daß die mutwillige Zerstörung der monarchischen 
Thronfolge ein Verbrechen ist, weil sie den Grund alles Rechts vernichtet; 
und die Frage, wie das zerrüttete Land wieder eine gesicherte Dynastie
        <pb n="711" />
        Die Frage der spanischen Heiraten. 703 
erlangen sollte, beschäftigte alle Höfe. Metternich ergriff nun den nahe 
liegenden Gedanken, durch die Verheiratung der jugendlichen Königin 
Isabella mit Don Carlos' Sohne, dem Grafen Montemolin die beiden 
feindlichen bourbonischen Linien zu versöhnen und also die gestörte Legi— 
timität auf einem Umwege wiederherzustellen. Der greise Staatskanzler 
hegte und pflegte diesen Einfall mit Zärtlichkeit, er nannte ihn mon 
idée*) und König Friedrich Wilhelm erklärte als begeisterter Legitimist 
seine freudige Zustimmung. Der Plan war theoretisch ebenso vortreff— 
lich, wie der Vorschlag, den deutsch-dänischen Streit durch ein augusten— 
burgisches Königtum abzuschneiden, doch leider auch ebenso unausführ— 
bar; die beiden Parteien haßten einander zu ingrimmig, unmöglich 
konnte Don Carlos, obgleich er zu Gunsten seines Sohnes soeben ab— 
gedankt hatte, das Thronfolgerecht seiner Nichte förmlich anerkennen. 
Also mußte man nach einem anderen Stammhalter für Spanien 
suchen. Nach koburgischer Weltanschauung gebührte aber jede auf dem 
Erdkreise erledigte Krone von Rechts wegen den Genossen des großen 
Brüsseler Heiratsgeschäfts, und längst schon hielt König Leopold seinen 
Neffen, den Prinzen Leopold von Koburg-Kohary für den spanischen Thron 
bereit. Der wurde schon 1841, als Königin Isabella kaum elf Jahre alt 
war, den preußischen Gästen am Londoner Hofe allgemein als künftiger 
König von Spanien bezeichnet.“*) Ganz aussichtslos schienen diese An— 
schläge nicht; denn da das Haus Koburg nach so vielen glückhaften Hei— 
raten dem französischen Hofe ebenso nahe stand wie dem englischen, so 
konnte man wohl auf die Zustimmung Ludwig Philipps hoffen. Nur 
unter dieser Voraussetzung wollte der belgische König, der mit beiden West— 
mächten in Freundschaft leben mußte, diesen Heiratsentwürfen beipflichten. 
Am Tuilerienhofe erwachten dennoch bald Bedenken. Portugal wurde 
bereits von einem Koburger regiert und von der englischen Handelspolitik 
mit der äußersten Roheit mißhandelt; unwillkürlich regte sich die Be- 
fürchtung, daß ein koburgisches Königtum in Madrid die gesamte pyre- 
ndische Halbinsel der englischen Herrschaft überantworten müßte. 
Trotz ihrer liberalen Redensarten blieben die Höfe der Westmächte 
ganz befangen in den Gedanken der alten Kabinettspolitik. Im spanischen 
Erbfolgekriege hatte Europa einst Ströme von Blut nutzlos vergeudet, 
weil die Höfe glaubten, daß Spanien unter bourbonischen Königen zu 
einer französischen Provinz werden müsse — eine Annahme, die doch 
nachher keineswegs zutraf. So rechnete auch Ludwig Philipp, obgleich 
er Spanien kannte, durchaus nicht mit dem furchtbaren Fremdenhasse dieser 
Nation, der eine ausländische Herrschaft auf die Dauer rein unmöglich 
machte. Nach den Gefühlen des Volkes, dessen Schicksal entschieden werden 
  
*) Canitzs Bericht, 12. April 1845. 
*“) S. o. V. 132.
        <pb n="712" />
        704 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
sollte, fragte er so wenig wie der englische Hof; ihm genügte die Befürch— 
tung, daß ein Koburger in Madrid der französischen Diplomatie vielleicht 
lästig werden könnte. Andererseits verlockte ihn die Hoffnung, seiner ge— 
raubten Krone durch eine große bourbonische Familienverbindung Glanz 
und Herrlichkeit zu verschaffen. Feierlich berief er sich auf den Utrechter 
Frieden, kraft dessen nur ein Nachkomme Philipps V. die spanische Krone 
tragen durfte, und verlangte die Hand Isabellas für einen Bourbon aus 
dem spanischen oder dem neapolitanischen Königshause; die Schwester der 
Königin, Luise wünschte er mit seinem jüngsten Sohne, dem Herzog 
von Montpensier zu vermählen. Dawider verwahrte sich ebenso ent— 
schieden der englische Hof, denn nach dem Utrechter Vertrage hätten alle 
Bourbonen, die nicht zum Stamme Philipps V. gehörten, insbesondere 
die Orleans jedem Erbanspruche auf die spanische Krone entsagt! Welch 
ein Übermaß politischer Heuchelei! Der Utrechter Vertrag war ja längst 
in Fetzen gerissen, und durch wen? Durch die beiden Westmächte selbst! 
Sie hatten durch ihre Quadrupelallianz das auf dem Utrechter Vertrage 
ruhende salische Gesetz vernichtet, das den direkten Nachkommen Philipps V. 
ausschließlich die Thronfolge zuerkannte, und nun beriefen sich beide wett- 
eifernd auf diesen Vertrag, den sie selber zerstört hatten. Wahrlich, 
Metternich hatte guten Grund, über die vollendete Verlogenheit dieser 
konstitutionellen Musterhöfe zu spotten. 
So lagen die Dinge, als Königin Victoria nach ihrer deutschen Reise 
(1845) nochmals in dem gastlichen Schlosse Eu vorsprach. Sie hegte den 
weiblichen Wunsch, mit jedermann freundlich zu stehen, und wurde von 
dem Bürgerkönige mit väterlicher Zärtlichkeit behandelt. Da ließen sich 
denn die Königin und der Prinzgemahl — so gestand Prinz Albert selbst 
im tiefsten Vertrauen seinem Bruder dem Herzog Ernst — das unbe- 
dachte Versprechen abschmeicheln, daß sie allen ihren Einfluß gebrauchen 
würden, um eine Heirat zwischen Isabella und einem Bourbonen zu 
stande zu bringen.*) Dafür verhieß Ludwig Philipp, sein Sohn Mont- 
pensier solle mit der Infantin Luise erst später Hochzeit halten, nicht eher 
als bis Königin Isabella Kinder hätte — offenbar eine ganz sinnlose 
Zusage, die nur von neuem bewies, wie wenig diese liberalen Höfe von den 
Empfindungen der Völker verstanden; denn das ließ sich doch mit Sicher- 
heit erwarten, daß die Spanier, wenn die Ehe ihrer Königin kinderlos 
blieb, einstimmig und stürmisch die Verheiratung der jüngeren Schwester 
fordern mußten. Beide Teile hielten ihre sonderbaren Versprechungen 
unredlich. Prinz Albert hoffte, die bourbonische Heirat würde sich noch 
*) Diese Dinge hat erst Herzog Ernst von Koburg (Aus meinem Leben I. 151 f.) 
mit deutscher Ehrlichkeit aufgeklärt. Er gesteht, wie begreiflich, nicht die ganze Wahr- 
heit; aber er gesteht viel mehr als Stockmar, Bulwer, Martin und andere englisch-kobur- 
gische Berichterstatter, und er sagt genug, um unbefangenen Deutschen ein gerechtes Urteil 
zu ermöglichen.
        <pb n="713" />
        Französische und englische Heiratskandidaten. 705 
irgendwie zerschlagen, und arbeitete insgeheim für seinen Vetter. Im 
Frühjahr 1846 erschien der koburgische Freier Leopold — ganz zufällig 
— am Londoner Hofe und besuchte sodann — wieder ganz zufällig — 
mit seinem Vater die koburgischen Verwandten in Lissabon; zur selben 
Zeit unternahm Herzog Ernst von Koburg — wieder zufällig — eine Reise 
nach Spanien. Dem Bürgerkönige war es doch nicht zu verargen, daß 
er, ohnehin keine gläubige Seele, an so viele koburgische Zufälle nicht recht 
glauben wollte und sich nun auch seinerseits aller Zusagen entbunden hielt. 
Die gehoffte bourbonische Heirat ward aber durch die spanischen 
Parteihändel sehr erschwert. Seit dem Sturze der Karlisten war das 
Land in die beiden Heerlager der Progressisten und der Moderados zer— 
teilt. Espartero, der Führer der Progressisten, bekannte seine englische 
Gesinnung unverhohlen; er hatte die Garden aufgelöst — was der Ober— 
präsident Schön seinem Freunde Boyen als leuchtendes Vorbild liberaler 
Gesinnungstüchtigkeit anpries — er hatte die Königin Mutter Marie 
Christine persönlich gedemütigt, sie der Regentschaft beraubt und eine 
Zeitlang nach Frankreich vertrieben. Als Marie Christine dann aus 
dem Exile heimkehrte, blieb sie den Progressisten feind und hielt sich 
wenn auch nicht unbedingt, zu der französisch gesinnten Partei, dem Ge— 
neral Narvaez und seinen Moderados. Unter den drei bourbonischen 
Prinzen aber, welche allein auf die Hand Isabellas hoffen konnten, 
wurde der eine, ein neapolitanischer Bruder der Königin Mutter, bald 
als unmöglich aufgegeben. So blieben nur noch zwei spanische Infanten: 
der ältere, der beschränkt bigotte Herzog Franz von Cadix war ein fa— 
natischer Moderado, der jüngere Bruder, Herzog Heinrich von Sevilla, 
hatte sich sehr tief in progressistische Umtriebe eingelassen und sich durch 
seine radikale Frechheit mit beiden Königinnen gänzlich überworfen. Be— 
greiflich also, daß der Bürgerkönig den französisch gesinnten Moderado 
Franz begünstigte.*) 
So begann denn am Madrider Hofe ein wilder Parteikampf; die 
beiden Gesandten Bresson und Bulwer, beide gleich hitzig und gleich zank— 
süchtig, befehdeten einander mit allen erdenklichen schlechten Künsten. Und 
nun ward plötzlich noch ein dritter Faden in diesen verfitzten diploma— 
tischen Knäuel eingeflochten — durch Lord Palmerston, der soeben in das 
Kabinett eingetreten war. Wenn der Lord ruhig rechnete, so mußte er 
die koburgische Kandidatur unterstützen, die für England doch vielleicht 
vorteilhaft werden konnte. Körperlich war der frische, kräftige Koburger 
den beiden traurigen spanischen Infanten weit überlegen. Darum entschloß 
sich Marie Christine in einem Anfall mütterlicher Zärtlichkeit, ihre fran— 
zösischen Neigungen zu überwinden; sie schrieb selbst an den Herzog von 
*) Die Erzählung des Herzogs Ernst stimmt hier ganz überein mit einem offen- 
bar zuverlässigen Berichte, welcher dem preußischen Auswärtigen Amte am 25. Nov. 1846 
von einem Madrider Agenten erstattet wurde. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 45
        <pb n="714" />
        706 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
Koburg, um seinem Neffen die Hand ihrer Tochter förmlich anzubieten. 
Trat der junge Koburger nunmehr rasch entschlossen als Freiwerber auf, 
so konnte ihm der Sieg nicht fehlen. Palmerston aber hegte noch von 
den orientalischen Händeln her einen unversöhnlichen Haß gegen Ludwig 
Philipp und Guizot. Auf das Haus Koburg gab er nichts; der Prinz— 
gemahl war ihm eher widerwärtig, weil dessen höfischer Einfluß doch zu— 
weilen die Allmacht des Kabinetts zu beeinträchtigen drohte, und so schien 
ihm auch der koburgische Heiratskandidat als naher Verwandter Ludwig 
Philipps hochverdächtig. Er wollte Frankreich bekämpfen, um jeden Preis, 
und, gewohnt wie er war, nur mit dem nächsten Augenblicke zu rechnen, 
sprach er sich entschieden für den Herzog Heinrich von Sevilla aus, weil 
dieser zur Zeit von der englisch-progressistischen Partei unterstützt wurde. 
Dergestalt ward Englands Diplomatie gelähmt, das königliche Haus und 
das Auswärtige Amt verfolgten verschiedene Ziele; und alsbald zeigte sich, 
wie wenig die britische Krone für sich allein noch vermochte. Gegen Pal— 
merston und Ludwig Philipp zugleich wagten die Koburger nicht vorzu— 
gehen; nach langen Familienberatungen wurde Herzog Ernst bevollmäch— 
tigt, der Königin Mutter zu erwidern, daß die koburgische Heirat ange— 
sichts der französischen Feindschaft nicht ratsam scheine. Also war Prinz 
Leopold beseitigt, der doch vielleicht vermocht hätte, ein äußerlich an— 
ständiges Hauswesen am Madrider Hofe zu begründen und das tief ge— 
sunkene Ansehen des spanischen Königtums etwas zu heben. 
Zum ersten Male seit die Koburger die Politik der gesegneten Hy— 
menäen trieben, mußten sie einen fein eingefädelten Hochzeitsplan auf- 
geben; entscheidend war, daß der altbewährte Ehestifter des Hauses, König 
Leopold, im Wettstreite mit Frankreich seine untrüglichen Vermittlungs- 
künste nicht frei entfalten durfte. Aber auch Palmerston erlitt fast im 
selben Augenblick eine Niederlage. Mit brutaler Rücksichtslosigkeit hatte 
er der jungen Isabella einen Gatten seiner Wahl aufzuzwingen gedacht; 
doch beide Königinnen erklärten wie aus einem Munde, von dem Rebellen 
Heinrich von Sevilla wollten sie nichts hören. Mithin blieb nur noch 
der lächerlichste der drei Freier übrig, Ludwig Philipps Kandidat, Franz 
von Cadix; und nun enthüllte sich erst das allerschmutzigste Geheimnis 
dieser schmutzigen Händel. Der Jämmerling Franz, wie Isabella ihn 
nannte, konnte niemals auf Nachkommenschaft hoffen, schon der schrille 
Klang seiner Fistelstimme war der jungen Königin unerträglich. Ebendes- 
halb hatte ihn Ludwig Philipp auserkoren. Isabellas Ehe sollte kinderlos 
bleiben, damit nachher ihre Schwester Luise und die Nachkommen Montpen- 
siers die Krone erhielten. Dies üppige, von Sinnenlust glühende, blut- 
junge Weib, die Tochter einer Marie Christine, an einen Mann, der kein 
Mann war, anzuschmieden — zu einer solchen Teufelei hatten sich der 
ehrbare Bürgerkönig und sein tugendhafter Minister Guizot entschlossen. 
Sie siegten. Im Oktober 1846 wurde Isabella dem Infanten Franz
        <pb n="715" />
        Doppelhochzeit in Madrid. 707 
vermählt, der zur Verherrlichung des Possenspiels auch noch den Königs— 
titel erhielt. Noch am selben Tage, aber ein wenig später ließ sich die In— 
fantin Luise mit dem Herzog von Montpensier trauen, so daß der Tugend— 
held Guizot unschuldig versichern konnte, die beiden Hochzeiten hätten 
nicht gleichzeitig stattgefunden! Nun kam, was jeder Menschenkenner vor— 
aussehen mußte. Die junge Königin jagte ihren elenden Gatten schon 
nach wenigen Wochen aus dem Palaste und entschädigte sich sodann reich— 
lich mit verschiedenen Günstlingen; die Kinder blieben nicht aus, und da 
diese Sprößlinge ihr Thronfolgerecht doch nur von der Mutter herleiten 
konnten, so kam auf die Väter wenig an. Spaniens französische Gönner 
bewirkten also, daß diese Krone, die nach so vielen Freveln vornehmlich 
der sittlichen Kräftigung bedurfte, ganz in den Kot sank und das Ma— 
drider Schloß als eine Stätte geschmackloser Ausschweifungen allgemein 
verhöhnt wurde. Von einem politischen Einfluß des französisch gesinnten 
sogenannten Königs war keine Rede, Isabella schwankte haltlos zwischen 
den beiden hadernden Parteien: Montpensier aber und seine Söhne 
konnten als Fremdlinge niemals irgend ein Ansehen erlangen. Der 
nächste politische Zweck der mit so schnöden Mitteln erstrebten Doppel— 
heirat war mithin ganz verfehlt, und für den eitlen Glanz der großen 
bourbonischen Familienverbindung zeigte das konstitutionelle Frankreich 
auch nur wenig Sinn. 
Gewaltig wirkte die Komödie der spanischen Irrungen auf Europas 
gesamte Politik zurück. Die gerühmte Entente cordiale, die auch nach 
den orientalischen Wirren noch notdürftig zusammengehalten hatte, ging 
plötzlich ganz aus den Fugen. In offener Feindschaft standen die beiden 
Westmächte einander fortan gegenüber. Ludwig Philipp schloß sich noch 
enger als bisher der reaktionären Politik der Hofburg an; Palmerston 
aber zeigte sich jetzt erst ganz als Lord Feuerbrand, überall in der Welt 
suchte er den Aufruhr gegen die konservativen Mächte anzuschüren. Der 
heiligste politische Grundsatz aller Briten, der Satz, daß nur England 
berechtigt ist, andere Mächte zu belügen, war durch die abgefeimten Pa- 
riser Spieler gar zu gröblich verletzt worden, und mit der ganzen Ent- 
rüstung des betrogenen Betrügers ließ Palmerston nunmehr seine Presse 
wider die französische Treulosigkeit losfahren. Im Grunde hatten sich 
beide Höfe bei der gemeinsamen Mißhandlung ihres spanischen Schützlings 
gleich würdelos betragen, Frankreich allerdings noch etwas unsäuber- 
licher als England. Da der Tuilerienhof jedoch den Preis davon ge- 
tragen hatte, so erschien er den Unkundigen als der allein schuldige Teil; 
die wütenden Anklagen der englischen Zeitungen hinterließen selbst in 
Frankreich einen so starken Eindruck, daß der längst geschädigte Ruf des 
Juli-Königtums nun vollends zu Grunde ging, und das Selbstlob der 
Guizotschen Blätter „überall ist Frankreich geliebt und gefürchtet“ auch 
den Franzosen wie Hohn klang. 
45 *
        <pb n="716" />
        708 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
In seinem blinden Zorne verfiel Palmerston sogar auf den unge— 
heuerlichen Gedanken, die Ostmächte zur Verteidigung des Utrechter Ver— 
trages, den er selber einst frevelhaft zerrissen hatte, aufzufordern; sie 
sollten gemeinsam mit England erklären, das Haus Montpensier dürfe 
nie die spanische Krone tragen, die sich vielmehr fortan wieder nach dem 
salischen Gesetze im Mannesstamme des neuen Scheinkönigs vererben 
müsse!*) Das salische Gesetz erst unter allen Greueln des Bürgerkrieges 
aufheben und es dann für die unberechtigte Weiberlinie wieder einführen 
— das nannte man im frommen England Recht! Nicht ohne Ironie 
nahmen die Höfe des Ostens diese wundersame Einladung auf. Sie waren 
dem Utrechter Frieden nur allzu treu geblieben und hatten das Thron- 
folgerecht Isabellas noch immer nicht anerkannt. Wenn aber Palmerston 
jetzt behauptete, die spanische Doppelheirat sei das Frechste, was Frank- 
reichs Ländergier seit dem ersten Napoleon je gewagt, so konnten solche 
Übertreibungen doch nur Lächeln erregen; denn der Herzog von Mont- 
pensier war der jüngste von fünf Brüdern, die zum Teil schon Söhne 
besaßen, also lag die Möglichkeit, daß die Kronen Frankreichs und Spa- 
niens jemals auf einem Haupte vereinigt würden, noch ganz außerhalb 
aller menschlichen Berechnung. 
Der Zar, der von jeher die spanischen Wirren gering schätzte, meinte 
hochmütig: dieser Hochzeitszwist biete doch keinen Anlaß, um jetzt die 
illegitime Isabella anzuerkennen, und sein Nesselrode witterte sogleich 
heraus, daß der befremdliche Annäherungsversuch des englischen Hofes 
seinen Grund allein in Palmerstons augenblicklicher Gereiztheit hätte.?) 
Fast noch kühler hielt sich Metternich. Der wollte, wie Canitz bald er- 
riet, in Krakau als Löwe, in Spanien als Lamm auftreten, um den 
Bürgerkönig nur desto fester an sich zu ketten und in Italien wie in der 
Schweiz gemeinsam mit Frankreich zu handeln; er bewahrte also, wie 
er sich selbst rühmte, eine verständig abwartende Haltung.“") 
Etwas bereitwilliger zeigte sich der Berliner Hof, dem der getreue 
Bunsen andächtig berichtete: in Spanien mächtig, würde Frankreich auch 
am Po und am Rhein anmaßend auftreten, so versicherten alle englischen 
Minister.) Die Hoffnung auf die traumhafte englische Allianz war gerade 
jetzt in Berlin sehr lebendig; immer wieder sprach Canitz in seinen Weisun- 
gen von der Erneuerung des alten Vierbundes.#) Der König erklärte sehr 
lebhaft: „Montpensiers Kinder werden Orleans und Montpensiers 
und keine Infanten von Spanien sein; folglich können sie rechtlich 
nie in Spanien folgen;“ er ließ sich sodann noch durch Leopold Ranke 
*) Bunsens Bericht, 26. Okt. 1846. 
**“) Rochows Berichte, 22. Sept., 14. Dez. 1846. 
*"*“) Canitz an Rochow, 6. Dez 1846. 
) Bunsens Bericht, 11. Sept. 1846. 
f) Canitz an Rochow, 6. Dez., an H. v. Arnim in Paris, 13. Dez. 1846. 
  
"1
        <pb n="717" />
        Zerfall des Bundes der Westmächte. 709 
ein historisches Gutachten ausarbeiten, das dieser wohlbegründeten Rechts- 
ansicht durchaus zustimmte. ) Schließlich drang doch Canitz durch mit 
seinem nüchternen Rate: wir wollen nicht Frankreichs Vorgehen billigen, 
„aber auch uns nicht von Palmerston ins Schlepptau nehmen lassen“ 
in einer Sache, die England unter aller Kritik behandelt hat.“) Die 
Unsauberkeit dieser spanischen Händel mußte den stolzen Höfen des Ostens, 
die den politischen Anstand doch immer gewahrt hatten, durchaus ekelhaft 
erscheinen, und Canitz schrieb verächtlich: „Der Ehrenkönigstitel für den, 
wie man sagt, schlechten Beschäler der Königin von Spanien ist auch eine 
Geburt der Jetztzeit.“* 
Also ward Palmerston von den Ostmächten kalt abgewiesen, und nun- 
mehr entschloß er sich, wie er dem allezeit gläubigen Bunsen sagte, den 
diplomatischen Krieg gegen Frankreich auf einer breiteren Basis zu führen, 
auf der Basis der bürgerlichen und religiösen Freiheit, welche Canning vor 
zwanzig Jahren auf sein Banner geschrieben hätte.#)Seine Wut gegen 
Guizot zeigte sich in der Krakauer Zwistigkeit, wo er jeden gemeinsamen 
Protest der Westmächte hintertrieb, sie zeigte sich in Pera und Athen, wo 
die Gesandten der beiden Mächte beständig miteinander rangen, sie zeigte 
sich am deutlichsten in Portugal, wo Palmerston einen neuen Aufstand 
gegen die gute Königin Maria sogar mit den Waffen unterstützte und 
schließlich die grausame Handelsherrschaft Englands fester denn jemals 
aufrichtete. — 
Aber auch Mitteleuropa bot der Stellen genug, wo der Lord Feuer- 
brand die Minen der Revolution legen konnte. Gerade die Macht, die 
bisher in der Staatengesellschaft ein unnatürliches Übergewicht behauptet 
hatte, zeigte sich jetzt unter allen am schwächsten; in den anderen Groß- 
mächten bekämpften sich nur Parteien, in Österreich schien der Bestand 
des Gemeinwesens selber bedroht. Die alte Wahrheit, daß ein lebendiges 
Nationalgefühl die sicherste Grundlage aller politischen Freiheit bleibt, 
mußte sich an dem Völkergemisch des Donaureichs noch viel greller offen- 
baren als an dem dänischen Gesamtstaate; sobald der alte Absolutismus 
erschlaffte und die konstitutionellen Ideen sich regten, erwachten auch not- 
wendig die zentrifugalen Kräfte in diesem Gemeinwesen, von dem die Lom- 
barden sagten: es ist kein Staat, sondern nur eine Familie. Unter allen 
den Nationalitäten, welche dem Kaisertum angehörten, gebot keine, nicht 
einmal die Gesamtheit der Slawenstämme, auch nur über die Mehrheit 
der Kopfzahl, und unter allen waren nur zwei gut österreichisch gesinnt: 
die Deutschen, die doch kaum ein Viertel der Gesamtheit ausmachten, 
*) König Friedrich Wilhelm, Marginalnote für Thile, 25. Sept.; L. Ranke, Denk- 
schrift über den Utrechter Frieden, Nov. 1846. 
**) Canitz an Rochow, 21. Okt. 1846. 
*?"*) Canitz an Rochow, 31. Okt. 1846. 
) Bunsens Bericht, 6. April 1847.
        <pb n="718" />
        710 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
und das kleine Ruthenenvolk in Galizien. Während die subgermanischen 
Stämme der Magyaren, der Slawen, der Walachen, die ihre ganze Kul- 
tur den Deutschen verdankten, jetzt, zu jugendlichem Selbstgefühl erwacht, 
ihre alten Lehrer mit dem unvermeidlichen historischen Undank belohnten, 
besaßen die italienischen Provinzen längst ihre selbständige, der deutschen 
ebenbürtige Kultur, sie blieben dem Gesamtstaate ganz fremd und waren 
nicht einmal, wie die Donaulande, durch eine geographische Notwendig- 
keit auf die anderen Kronländer angewiesen. 
In Preußen hatte der kurze Vereinigte Landtag das Bewußtsein der 
Staatseinheit wunderbar gekräftigt; in Osterreich konnten dieselben Ge- 
danken, welche den nationalen Staat Preußen stärkten, dem Bestande des 
Reichs nur gefährlich werden. Diesen einfachen Unterschied verkannte 
Metternich ganz, da er von nationalen Empfindungen nichts wissen wollte; 
er betrachtete Preußen, OÖsterreich-Ungarn, Schweden-Norwegen, Däne- 
mark-Holstein als wesentlich gleichartig zusammengesetzte Staaten, deren 
Einheit nur durch die Gesamtregierung dargestellt würde. Freiherr 
v. Andrian aber, ein Tiroler Edelmann von gemäßigt-liberaler Gesinnung, 
der „die Hervorrufung einer österreichischen Nationalität“ dringend 
wünschte, sprach in seinem vielgelesenen Buche „Osterreich und dessen Zu- 
kunft“ (1841) ehrlich aus: was in Osterreich Macht hat, ist nicht das Volk 
und die öffentliche Meinung, nicht der Adel, auch nicht die Bureaukratie, 
am wenigsten von allen der Kaiser, sondern die Gewohnheit. So stand es 
wirklich. Das greisenhafte Triumvirat der Staatskonferenz, das im Namen 
des blödsinnigen Kaisers regierte, gab kaum noch ein Lebenszeichen von 
sich. Der bequeme Erzherzog Ludwig fand Metternichs lange lehrhafte 
Vorträge sehr lästig, Graf Kolowrat aber begegnete dem Staatskanzler 
mit einem Hasse, der sich kaum noch in den Schranken gesellschaftlicher 
Höflichkeit hielt. Nach stillschweigender Übereinkunft der Triumvirn 
wurden die Beratungen der Staatskonferenz immer seltener, die Dinge 
schleppten sich weiter ohne eine wirkliche Regierung. Die Nichtigkeit der 
Zentralgewalt war so unheilbar, daß der Statthalter des Küstenlandes, 
der geistreiche Graf Franz Stadion sich endlich entschloß, seinem Kron- 
lande auf eigene Faust die dringend nötige neue Gemeindeordnung zu 
verleihen, weil aus Wien doch keine Antwort kam. Zugleich wuchs am 
Hofe die Macht der streng ultramontan gesinnten Damen. Die beiden 
bayrischen Schwestern, die Kaiserin Witwe und die Erzherzogin Sophie 
gewannen auch die bescheidene Gemahlin des regierenden Kaisers für sich; 
sie bewirkten, daß die Verlobung des Erzherzogs Stephan mit der Groß- 
fürstin Olga nicht zu stande kam, weil sie keine akatholische Erzherzogin 
dulden wollten?); sie erzwangen, daß Metternich, ganz gegen seine früheren 
  
*7) Diese an den Höfen allgemein verbreitete Ansicht wird auch in du Thils Denk- 
würdigkeiten ausgesprochen.
        <pb n="719" />
        Osterreichs Nöte. 711 
Grundsätze, die Jesuiten in Innsbruck und anderen Städten zuließ; sie 
übergaben die Erziehung des jungen Thronfolgers, des Erzherzogs Franz 
Joseph, den klerikalen Grafen Bombelles und Grünne. 
Die althergebrachte Finanznot verschlimmerte sich beständig, da die 
geheime Polizei und die militärische Bewachung der Lombardei, Venedigs, 
Galiziens ungeheuere Summen verschlang und niemand die Steuerkraft der 
fruchtbaren Kronländer zu wecken verstand. Schon in den ersten fünfund- 
zwanzig Jahren seit dem Wiener Kongresse vermehrte sich die Staats- 
schuld, nach Abzug der Tilgungen, um 441 Mill. Gulden — ohne einen 
Krieg, ohne irgend welche produktive Staatsausgaben. Und so ging es 
weiter. Der getreue Wiener Rothschild, das große, durch die Getreide- 
aufkäufe der Teuerungsjahre unermeßlich bereicherte Bankhaus Sina und 
andere Börsenfürsten brachten den Staat in eine schimpfliche Knechtschaft, 
und die lachlustigen Wiener sprachen gern das neue Pariser Witzwort 
nach: die Börse hält den Staat, so wie der Strick den Gehenkten hält. 
Als die bedrängte Staatskonferenz den Aufkauf der Privateisenbahn-Aktien 
einzustellen beschloß, da erschien Rothschild mit einigen Genossen persönlich 
beim Erzherzog Ludwig und beteuerte, sie könnten die ausbedungenen 
Einzahlungen auf die letzte Anleihe nicht mehr leisten, ja sie müßten 
Hungers halber alle ihre k. k. Staatspapiere an der Börse verkaufen — 
worauf dann sofort der Beschluß gehorsam zurückgenommen wurde.“) 
Währenddem begann selbst der adlige niederösterreichische Landtag, 
in dem die Städte gar kein Stimmrecht besaßen, eigene Gedanken zu 
äußern. Die Zeit war nicht mehr, da jedermann behaglich das große 
Wort Bäuerles wiederholt hatte: 's gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur 
a Wien. Die liberalen Ideen aus Deutschland drangen unaußhaltsam ein, 
obschon eine wirkliche Kenntnis deutscher Zustände den Österreichern 
noch immer gänzlich fehlte; die Zollbehörden selber hatten ihre stille Freude 
daran, wenn die Grenzboten und der Rotteck-Welcker über die Grenze 
gepascht wurden. In den wissenschaftlich verwahrlosten Gelehrtenschulen 
herrschte ein ganz oppositioneller Geist, die Schüler wurden für die Stu- 
dentenpolitik der Revolutionszeit geradezu erzogen. Diesen volkstümlichen 
Stimmungen und zumal der zungenfertigen großstädtischen Kritik der 
Wiener konnten sich die Stände Niederösterreichs auf die Dauer nicht 
mehr entziehen. Seit 1845 etwa unterstanden sie sich zuweilen zu reden, 
was sice seit zweihundert Jahren nicht mehr gewagt hatten, sie verlangten 
eine landwirtschaftliche Kreditanstalt, dann eine angemessene Vertretung 
der Städte, endlich gar ein Recht des Beirats bei neuen Gesetzen. Das 
alles ward doch bekannt, obgleich die Zeitungen nichts melden durften, 
Metternich und seine Beamten sich in tiefes Schweigen hüllten. 
Canitz selbst, damals noch Gesandter, konnte sich nicht enthalten, dem 
  
*) Graf Arnims Bericht, 25. Sept. 1847.
        <pb n="720" />
        712 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
Fürsten vorzustellen: Müßiggang ist aller Laster Anfang, dies war bisher 
das Los der Landtage Osterreichs; diese ersten Regungen ständischen 
Willens sind ein Zeichen politischer Gesundung; eine konservative Politik 
muß die Rechte der Stände anerkennen und gesetzlich regeln, damit sie als 
Stütze, nicht als Hemmnis dienen.) Auf Augenblicke fühlte auch Metter- 
nich, daß man mit dem alten Systeme der Totenstille nicht mehr weiter 
kam. Durch Preußens Vorgang ermutigt, veranstaltete die Regierung 
(1845) die erste österreichische Gewerbeausstellung; in der kläglichen Er- 
öffnungsrede des armen Kaisers war freilich weder von Osterreich noch von 
einer Staatsgesinnung die Rede. Gleich nachher erschien ein Folioband 
„Statistische Tabellen der österreichischen Monarchie“, natürlich nur in 
wenigen Exemplaren für die hohen Beamten; doch da die fremden Ge- 
sandten sich sehr wißbegierig zeigten, so verfiel Metternich schon auf die 
verwegene Frage, ob man den Band nicht dem Buchhandel anvertrauen 
solle.*) Es war vorbei mit der alten patriarchalischen Gemütlichkeit. 
Selbst der Tiroler Landtag hallte von lebhaften Reden wider, seit die 
Klerikalen sich zu einer geschlossenen Partei geschart hatten. Galizien blieb 
seit der Einverleibung Krakaus in allen Tiefen aufgewühlt; drohender 
denn je erklang das altnationale Sprichwort: solange die Welt Welt 
bleibt, wird der Pole nie des Deutschen Bruder. 
Weit folgenreicher noch wurde die zugleich nationale und liberale 
Bewegung in Böhmen. Die Tschechen waren aus ihrem Schlummer längst 
erwacht. Sie wendeten, wie alle wiedererstehenden Völker, ihre phantastische 
Sehnsucht der ältesten Vorzeit zu und schwärmten, froh ihrer neu entdeck- 
ten, echten und gefälschten Geschichtsquellen, für ihre Königin Libussa, für 
die siegreichen Bauernschlachten der Hussitenkriege, für König Podiebrad 
und alle die anderen Helden des vormals ruhmreichsten aller Slawenvöl- 
ker; sie fanden in dem evangelischen Pfarrer Johann Kollar ihren ersten 
Apostel, dann in Schaffarik, Hanka, Palacky begeisterte patriotische Ge- 
lehrte, in Havlicek einen gewandten Publizisten, der durch herzzerreißende 
Schilderungen des irischen Elends die Zensur zu täuschen verstand, obgleich 
alle seine Leser wußten, daß er unter Irland immer das Tschechenland 
meinte. Viele der mächtigen Kondottierengeschlechter, welche Kaiser Fer- 
dinand II. einst in das unterworfene Böhmen verpflanzt hatte, wendeten 
sich dem Tschechentum zu, desgleichen ein großer Teil des Klerus, der ja 
immer, von seinem sicheren Machtgefühle geleitet, für das minder gebildete 
Volkstum eintritt. Den Deutschen aber gereichte zum Unheil, daß die 
Juden sich meist zu ihnen hielten und nun der wütende Judenhaß des 
ausgewucherten tschechischen Landvolks den Deutschenhaß noch verschärfte. 
Auf ihrer weit in das deutsche Land hineingeschobenen Vorpostenstellung 
  
*) Canitzs Bericht, 15. Mai 1845. 
**) Canitzs Bericht, 31. Mai 1845.
        <pb n="721" />
        Die Tschechen. 713 
fühlten sich die Tschechen nicht sicher, und da der Zar mit dem Papste die 
Eigentümlichkeit teilte, daß die Nationen ihn um so mehr verehrten, je 
weiter sie von ihm entfernt lebten, so wurde Böhmen die Pflanzstätte des 
Panslawismus. Mit der Begeisterung für die Wenzelskrone und den 
weißen Löwen verbanden sich unklare Träume von der unermeßlichen Zu— 
kunft der großen slawischen Völkerfamilie, die jetzt erst ihren Morgen er— 
lebe, während die Deutschen schon in das Mittagslicht, die Romanen schon 
in die Abenddämmerung ihrer Geschichte eingetreten seien. Derweil dieser 
nationale Kampf den Landfrieden bedrohte, fanden sich die beiden feind— 
lichen Völker in den liberalen Zeitwünschen doch immer wieder zusammen. 
Der Prager Landtag forderte Reform des Hypothekenwesens, Ablösung der 
Roboten, Aufhebung des Lottos, ja sogar eine sehr bescheidene Preßfreiheit, 
er wagte mehrmals seine Beschwerden durch Abgesandte dem Kaiser selbst 
zu überreichen, was seit einem halben Jahrhundert nicht mehr geschehen 
war. Solche Lebenszeichen der alten, schon ganz tot geglaubten Postulaten- 
landtage erschreckten den Staatskanzler, und er beschäftigte sich wieder 
mit der Frage, die er schon vor dreißig Jahren aufgeworfen hatte, ob 
man nicht den Ständen aller Kronländer in einem kleinen Ausschusse 
eine unschädliche gemeinsame Vertretung schaffen müsse. Doch auch jetzt 
wagte er nicht, den alten Gedanken zu verwirklichen. 
Das alles bedeutete noch wenig neben dem Sturme der nationalen 
Leidenschaften, der die Länder der Stephanskrone durchtoste und die waf- 
fengewaltigere Hälfte der Monarchie von dem Kaiserstaate loszureißen 
drohte. Obgleich Metternich seit seiner Ehe mit Melanie Zichy den unga- 
rischen Magnaten etwas näher getreten war, so hielt er doch nie für nötig, 
die Nationalitäten des Kaiserreichs in ihrer Eigenart kennen zu lernen; er 
urteilte über die subgermanischen „Bedientenvölker“ mit demselben ver- 
ständnislosen Hochmut wie die Wiener Possendichter, die jeden Ungarn als 
einen Tölpel, jeden Tschechen als einen kriechenden Schuft verhöhnten. 
Dem preußischen Gesandten sagte Metternich oft: eingefleischte Dummheit 
ist der eigentliche Nationalcharakter der Ungarn. Und doch verstand der 
in langen Kämpfen parlamentarisch geschulte magyarische Adel sein Über- 
gewicht über die anderen Völker der Stephanskrone mit maßlosem natio- 
nalem Hochmute und zugleich mit der erfahrenen Klugheit eines Herren- 
volkes zu behaupten. Weder die Südslawen in den Nebenlanden, die schon 
von einem dreieinigen Königreich Illyrien träumten, noch die Slowaken in 
den Karpathen noch die Deutschen zeigten sich der magyarischen Herrscher- 
kunst gewachsen. Nur die treuen protestantischen Sachsen Siebenbürgens 
und die Kolonisten im Banat hielten fest an ihrem deutschen Volkstum, die 
Schwaben des westlichen Ungarns hatten sich allezeit durch fremdbrüder- 
lichen Schwachsinn ausgezeichnet. Die Juden aber, die hier im Lande 
der wirtschaftlichen Sorglosigkeit für unentbehrlich galten, witterten schon, 
woher der Wind wehte, und drängten sich an die Magyaren heran.
        <pb n="722" />
        714 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
Noch im Jahre 1833 hatte der Reichstag die Frage aufgeworfen, ob 
nicht zur Besprechung der großen gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen 
eine Notabelnversammlung aus Ungarn und den deutsch-böhmischen Kron— 
ländern einberufen werden sollte; die Staatskonferenz war jedoch über 
diesen Vorschlag, der für die Einheit des Kaiserstaates vielleicht folgen— 
reich werden konnte, mit gewohntem Stumpfsinn hinweggegangen, und 
seitdem zog Ungarn ganz seines eigenen Weges. Ungarn war nicht, son— 
dern wird erst, so sagte der gefeierte „größte der Ungarn“, Graf Stephan 
Szechenyi. Mit bestimmter politischer Absicht und mit bewunderungs— 
würdiger Tatkraft, so wie einst die Holländer ihren Seemannsdialekt 
zur Schriftsprache ausgebildet hatten, suchten die Magyaren durch eine 
rührige Literatur, durch Schulen, Theater, Zeitungen, durch zahllose ge— 
meinnützige Unternehmungen ihr unfertiges Volkstum zu der Höhe der 
Kulturvölker emporzuheben, das deutsche Ofen ward bald von dem ma- 
gyarisch-jüdischen Pest weit überflügelt. Der ungarische Parlamentaris- 
mus erlebte seine Blütezeit. Große Rednertalente traten auf: neben 
Szechenyi der geistreiche politische Schriftsteller Graf Eötvös, dann der 
schlichte kleine Landedelmann Franz Deak, der bald allgemein als das 
gute Gewissen der Nation verehrt wurde, und, alle übertobend, der feurige 
Demagog Ludwig Kossuth. Drei Ziele standen der nationalen Partei 
mehr oder minder deutlich vor Augen: Herrschaft des Magyarentums, 
Selbständigkeit der Stephanskrone neben den westlichen Kronländern, end- 
lich Umwandlung der schwerfälligen avitischen Ständeverfassung in ein 
modernes Repräsentativsystem. Auf dem Reichstage von 1843 errang sie, 
wesentlich durch Kossuths Verdienst, den entscheidenden Erfolg: die neu- 
trale lateinische Staatssprache, die seit Jahrhunderten die Völkerschaften 
der Stephanskrone in erträglichem Frieden beisammen gehalten hatte, 
wurde beseitigt und durch die Sprache des magyarischen Herrenvolkes er- 
setzt. Die gute Zeit war dahin, da der Bauer den Edelmann mit dem alt- 
gewohnten: bonum matutinum domine! begrüßte. Obgleich das Deutsche 
sich nach dem unzerstörbaren Rechte der überlegenen Bildung noch immer 
als die allgemeine Verkehrssprache behauptete, so sollten doch die Deut- 
schen, die Slawen, die Rumänier sich fortan einer ihnen ganz unbekannten, 
erst halb entwickelten Amtssprache bedienen, und im Reichstage konnte 
die wort= und bilderreiche nationale Beredsamkeit, die bisher durch das 
schwerfällige Latein doch einigermaßen gedämpft worden war, sich fortan in 
der eigentümlich rollenden, polternden Heftigkeit magyarischer Sprech- 
weise ganz ungezügelt ergehen. 
Ein Krater nationaler Zwietracht tat sich auf, die nichtmagyarische 
Mehrheit des Königreichs fühlte sich tödlich beleidigt, der Agramer Sonder- 
landtag verlangte für sich sofort die kroatische Sprache. Die siegestrunkenen 
Magyaren aber eilten vorwärts, von einer nationalen Forderung zur 
anderen. In dem streng calvinischen Kleinadel ward der alte Haß gegen
        <pb n="723" />
        Magyarische Bewegung. 715 
das katholische Herrscherhaus nochmals lebendig; man entsann sich wieder 
der schrecklichen Zeiten, da halb Ungarn gerufen hatte: lieber türkisch 
als österreichisch. Gut kaiserlich dachte nur noch ein Teil der Magnaten 
und des hohen Klerus; dazu noch mit halbem Herzen die Kroaten und 
die siebenbürgischen Sachsen. Zu allem Unglück starb im Januar 1847 
der greise Palatinus Erzherzog Joseph, den die Hofburg von langeher wie 
einen anderen Rebellen Rakoczy beargwöhnte; er hatte, seit einem halben 
Jahrhundert in Ungarn heimisch, mit bescheidenem Talent, aber ehrlichem 
Wohlwollen die nationalen Gegensätze doch noch leidlich unter der Glocke 
gehalten. Als Nachfolger war nur sein Sohn Erzherzog Stephan möglich, 
ein liebenswürdiger, gutherziger, in allen erdenklichen Wissenschaften als 
Dilettant bewanderter junger Herr. Viele hielten ihn, da das kaiser— 
liche Haus an Talenten so arm war, für einen großen Staatsmann und 
dachten ihm dereinst die Stelle des kläglichen Triumvirn Erzherzogs Lud— 
wig zu; doch er geizte nach Volksgunst, es war kein fester Kern in ihm, 
und nicht ohne schwere Besorgnis ließ Metternich den Unerfahrenen in 
dies Chaos nationaler Leidenschaften hinüberziehen. Im November 1847 
wurde der Reichstag durch den traurigen Kaiser-König zum ersten Male 
in magyarischer Sprache eröffnet; aber obwohl der König sich zu meh- 
reren verständigen Reformen erbot, so begann doch Kossuth sofort einen 
wütenden Kampf gegen das bettelhafte Privilegium der adligen Steuer- 
freiheit, und die Mehrheit des Hauses zeigte sich der Krone entschieden 
feindlich. In halbbarbarischen Ländern verbreiten sich die Gedanken des 
Widerstandes mit geheimnisvoller Schnelligkeit; Ungarn war, ohne daß 
man es zu Wien noch ahnte, im Frühjahr 1848 schon ebenso reif für 
einen großen Aufstand, wie späterhin im Sommer 1866. 
Was vermochte der Hofden gewaltigen zentrifugalen Kräften aller dieser 
Nationen entgegenzustellen, die noch dazu, mit einziger Ausnahme der Ma- 
gyaren, sämtlich sehnsuchtsvoll nach den Stammgenossen jenseits der 
Reichsgrenzen hinüberschauten? Wahrhaftig nicht die deutsche Bildung, 
die, im geselligen Leben allezeit unentbehrlich, doch unter dieser Regierung 
ihre eigenste Kraft niemals frei entfalten durfte. Noch weniger die Bu- 
reaukratie. Sie wurde von Metternich belobt, weil sie keinen solchen „Über- 
fluß an schoflen Elementen“ enthielte wie das preußische Beamtentum; und 
allerdings konnten die k. k. Hof= und Gubernialräte unmöglich irgend eines 
eigenen Gedankens verdächtigt werden, doch wer durfte sich in Tagen 
der Gefahr auf dies seelenlose, nachlässige, bestechliche Schreibervolk ver- 
lassen? Die kräftigste Stütze des Reichs blieb das Heer, das sich auch 
unter Metternichs unmilitärischem Regimente den alten Stolz bewahrte. 
Zumal die deutschen Offiziere, die aus den Kleinstaaten und aus Preußens 
katholischen Provinzen noch immer herbeikamen, kannten keine andere Hei- 
mat als die schwarzgelben Fahnen; nur auf die magyarischen und einige 
der polnischen Regimenter ließ sich nicht mehr mit Sicherheit rechnen.
        <pb n="724" />
        716 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
Auf diesem Heere ruhte für jetzt Osterreichs ganze Zukunft. Das 
zeigte sich nirgends greller als in Italien, das schon seit Jahren tat— 
sächlich nur durch einen beständigen Belagerungszustand im Zaume ge— 
halten werden konnte. Ein erhebender Anblick, wie nunmehr die beiden 
großen Nationen Mitteleuropas zu gleicher Zeit der Erfüllung ihrer Ge— 
schicke, dem leuchtenden Ziele der nationalen Einheit zustrebten, beide 
durchdrungen von dem stolzen Gefühle, daß sie den Idealismus in der 
Menschheit vertraten. Diesseits wie jenseits der Alpen zeigte die natio— 
nale Bewegung manche verwandte Züge: die gleiche jugendliche Be— 
geisterung und die gleiche phantastische Unklarheit. Die Macht und die 
Berechtigung der republikanischen Erinnerungen in diesem klassischen Lande 
der Städte erschwerte den Italienern mehr als den Deutschen, die Wahn— 
gebilde des Radikalismus zu durchschauen, der hier noch immer in Mazzini 
einen unvergleichlich kühnen und geistvollen Apostel besaß. Andererseits 
konnten sie schneller als die Deutschen den letzten Grund ihrer Leiden er— 
kennen. Deutschland litt unter einer verhüllten Fremdherrschaft, deren tiefe 
Unwahrheit erst von wenigen hellen Köpfen ganz gewürdigt wurde. Italien 
schmachtete unter dem Drucke einer auswärtigen Macht, welche der alten 
Kultur der Halbinsel immer fremd bleiben mußte; unter allen seinen 
Fürstengeschlechtern war nur eines, das Haus Savoyen italienisch. Jeder 
Patriot hörte mit brennender Scham die Mahnung Cäsar Balbos: die Un- 
abhängigkeit ist für eine Nation, was die Schamhaftigkeit für ein Weib — 
bis endlich Giusti allen aus dem Herzen sang: Delenda Carthago! Wir 
wollen keine Osterreicher! 
Seit die Trikolore des Königreichs Italien die Parteifarben der Car- 
bonari ganz verdrängt und die ernsten, tatkräftigen Stämme des Nordens, 
Piemontesen und Lombarden, den hitzköpfigen Südländern die Leitung 
der nationalen Politik aus der Hand genommen hatten, begannen die 
Köpfe sich zu ernüchtern. Piemont, das geschmähte Böotien der Halb- 
insel war endlich erwacht und schenkte den Italienern ihre wirksamsten 
politischen Schriftsteller. Der Abbate Gioberti predigte in seinem Buche 
vom Primat Italiens eine neue welfische Lehre: er feierte das von allen 
Patrioten seit Dantes und Machiavells Zeiten verwünschte Papsttum 
als eine gloria italiana, genau so wie viele deutsche Enthusiasten, König 
Friedrich Wilhelm voran, den natürlichen Feind der nationalen Einheit, 
das Haus Osterreich noch immer als das heilige Erzhaus verehrten. 
Dennoch förderten diese traumhaften neoguelfischen Doktrinen die politische 
Erziehung der Nation: sie zeigten doch zum ersten Male die Möglichkeit, 
daß Italien auf gesetzlichem Wege, ohne gewaltsamen Umsturz, durch einen 
Fürstenbund unter dem Primat des Papstes, wieder erstarken könne. Dar- 
um mochten auch die beiden tapferen piemontesischen Edelleute, die jetzt 
über Italiens Hoffnungen schrieben, den Gedanken des phantastischen 
Abbate nicht geradehin widersprechen: Graf Cäsar Balbo mahnte mit alt-
        <pb n="725" />
        Italiens Erhebung. Pius IX. 717 
römischer Strenge seine Landsleute zu sittlicher Ermannung, zu kriegeri- 
rischer Abhärtung, Massimo d'Azeglio verlangte angesichts der Unruhen in 
der päpstlichen Romagna verständige Reformen in Rechtspflege und Poli- 
zeiverwaltung. 
Nun fügte es ein ironisches Spiel des Schicksals, daß alle die seltsamen 
Träume der Neoguelfen sich plötzlich zu erfüllen schienen. Nach dem Tode 
Gregors XVI., im Sommer 1846 bestieg Kardinal Mastai Ferretti als 
Pius IX. den römischen Stuhl, ein weichmütiger, wohlwollender, eitler, 
gedankenarmer Mann von schwachem politischem Verstande, italienisch ge- 
sinnt, soweit ein Papst es durfte, ehrlich gemeint, mit aller Welt in Frieden 
zu leben. Er begann seine Regierung mit einer hochherzigen Amnestie, 
und da die Erscheinung eines Papstes, der seine Feinde nicht auf die Ga- 
leeren schickte, seit langem unerhört war, so entwarf sich die ungeduldige 
Nation alsbald ein Idealbild von dem liberalen und nationalen Papste, 
ganz so wie die Deutschen sich den alten Erzherzog Johann wegen eines 
halbmythischen Trinkspruchs idealisiert hatten. Seit jenem Tage, da die 
Amnestierten mit Palmenzweigen in den Händen den Wagen des „Engels 
der Freiheit“ durch den festlich geschmückten Korso geleiteten, lebte Rom 
anderthalb Jahre hindurch wie in einem ewigen Rausche. Immer wieder 
führte der Pöbelkönig, der Vetturin Ciceruacchio mit der dreifarbigen 
Fahne sein Römervolk dem vergötterten Pontifex vor. Auch die Fremden 
widerstanden dem allgemeinen Taumel nicht; einmal trug der Sohn des 
Historikers, Marcus Niebuhr, der bei König Friedrich Wilhelm in beson- 
derer Gnade stand, an der Spitze der deutschen Kolonie die schwarzrot- 
goldene Fahne feierlich auf das Kapitol. Der Ruf Evviva Pio Nono wurde 
bald zum Losungsworte aller Patrioten. Metternich klagte, dieser Hohe- 
priester würfe den Pechkranz in das Gebäude der sozialen Ordnung, und 
nicht lange, so erschien sogar ein Gesandter des liberalen Sultans, um 
dem liberalen Papste die Verehrung des Großtürken auszusprechen. 
Bisher hatte Pius nur einmal die Gelegenheit gehabt, einen politischen 
Entschluß zu fassen: vor langen Jahren schon, da er als Bischof in der Ro- 
magna den Umsturzplänen der jungen Prinzen Napoleon tapfer entgegen- 
getreten war. Jetzt stand er, obwohl ihm die Kundgebungen der Volksgunst 
in tiefster Seele schmeichelten, ängstlich und ratlos vor schweren Aufgaben, 
welche weit über das Maß seiner Begabung hinausgingen. Wer hätte da- 
mals geahnt, daß aus diesem guten Manne dereinst noch der hochmütigste 
aller Päpste werden sollte? Er ahnte dunkel, daß einige Reformen unver- 
meidlich waren, etwa im Sinne des Bunsenschen Memorandums vom Jahre 
1831, das die großen Mächte dem römischen Stuhle so oft zur Beherzigung 
vorgehalten hatten); doch er war Papst und durfte den Laien niemals 
in vollem Ernst die Gleichberechtigung mit den Priestern gewähren. Noch 
  
*) S. o. IV. 68.
        <pb n="726" />
        718 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
weniger wollte er sich an die Spitze eines italienischen Bundes stellen. 
Solche nationale Ideen hatten wohl einst, als die römische Kirche noch 
die allgemeine Kirche des Abendlandes war, einen Alexander III., einen 
Julius II. begeistert; nunmehr aber seit der ganze Norden Europas längst 
der Ketzerei verfallen war, mußte der Gedanke der kirchlichen Selbstbe— 
hauptung allen nationalen Rücksichten vorgehen. Am allerwenigsten dachte 
Pius den Aufklärern und Freigeistern in der Kirche entgegenzukommen. 
Er lebte und webte in streng klerikalen Anschauungen, wenngleich er die 
Härte der Partei Lambruschinis tadelte, und zum ersten Male ward er 
mißtrauisch gegen die römische Volksgunst, als seine Verehrer den Ruf: 
nieder mit den Jesuiten! anstimmten. Seitdem, seit dem Herbst 1847 
klagte er oft, man mißbrauche seinen Namen, und mahnte eindringlich 
zum Gehorsam gegen jede bestehende Obrigkeit. 
In seiner Verlegenheit erbat sich Pius den vertraulichen Rat der 
großen Mächte, und Metternich säumte nicht, schon im Juli 1846 vor allen 
„Konzessionen“ zu warnen; zwischen den Zeilen seiner Denkschriften ließ 
sich herauslesen, daß die Hofburg nicht einmal die Ausführung des Bunsen— 
schen Memorandunms ernstlich wünschte.“) Dem ungarischen Landtage be— 
gegnete der Staatskanzler sehr nachgiebig, in Frankfurt suchte er alles 
gemächlich hinzuhalten; denn er rechnete, daß Osterreichs Herrschaft in 
Ungarn durch die geographische Lage, in Deutschland durch die Macht alter 
Erinnerungen und die heillose Wirrnis des Parteilebens doch einigermaßen 
gesichert war. In den Italienern hingegen sah er schlechtweg Feinde, und 
wie er 1820 und 1831 auf dieser verwundbarsten Stelle des österreichi— 
schen Machtgebietes sofort mit den Waffen eingeschritten war, so hielt er 
sich auch jetzt bereit, die drohende neue Erhebung Italiens alsbald nieder— 
zuschlagen. Haß gegen OÖsterreich — das witterte er sogleich — war das 
gemeinsame Feldgeschrei aller Patrioten der Halbinsel, und da er wußte, 
daß sein Kaiserstaat einem nationalen italienischen Fürstenbunde niemals 
beitreten konnte, so erklärte er kurzab, die einzig mögliche Form der Einheit 
Italiens sei die eine und unteilbare Republik. Immer wieder ließ er die 
Höfe warnen: kein italienischer Fürst könne jemals hoffen, die Krone der 
Halbinsel zu tragen; die Bewegung müsse notwendig im allgemeinen so- 
zialen Umsturz ausmünden, da die begnadigten Flüchtlinge allesamt als 
vollendete Revolutionäre heimkehrten; Gioberti, Balbo, Azeglio, Petitti 
und die anderen sogenannten Gemäßigten unterschieden sich von Mazzini 
nur wie der Giftmischer von den Totschlägern. Von der Klärung der 
Geister, die sich in dem edlen Volke nach und nach vollzog, wollte er 
nichts bemerken. Wie zum Spott wiederholte er jetzt (Aug. 1847) in 
einer allen Großmächten mitgeteilten Depesche das frevelhafte Wort vom 
Wiener Kongresse: Italien ist nur ein geographischer Begriff. 
  
*) Graf Arnims Bericht, 14. Juli 1846.
        <pb n="727" />
        Osterreich und Italien. 719 
Als ob er jede friedliche Verständigung abschneiden wollte, ließ er sich 
an dem wichtigsten Hofe der Halbinsel, in Turin, erst durch den unerträglich 
anmaßenden Fürsten Felix Schwarzenberg vertreten, der sich nachher auch 
in Neapel allgemein verhaßt machte, dann gar durch den Grafen Buol, der 
an Übermut seinem Vorgänger nichts nachgab und außerdem noch mit 
einer ganz ungewöhnlichen Geistlosigkeit behaftet war. Über den Turiner 
Hof, der zwischen zwei Großmächten eingepreßt doch wahrlich keinen leichten 
Stand hatte, urteilte Metternich ganz ebenso hochmütig und verständ- 
nislos wie über das schicksalsverwandte Preußen; und als die Piushymne 
zu Ehren des neuen Pontifex gar nicht verstummen wollte, da sagte er 
ingrimmig: „ein liberaler Papst ist ein unmögliches Wesen.“ Da er den 
Wandel der Zeiten nicht zu erkennen vermochte, so verschanzte er sich, nach 
seiner Gewohnheit, hinter großen Grundsätzen. „Nichts in dieser Welt 
ist bleibend“, schrieb er dem Gesandten Lützow in Rom; „nur die Grund- 
sätze bleiben, sie sind dem Wechsel nicht unterworfen, weil die Wahrheit 
immer dieselbe ist und bleiben wird.“ Die eine, unwandelbare Wahrheit 
lautete aber dahin, daß Italien zum Vorteil der Hofburg in alle Ewigkeit 
zerrissen, unfrei, verachtet bleiben mußte; und für diese Gedanken geist- 
und herzloser Völkerbedrückung fand Metternich eine kräftige Stütze in 
der deutschen Presse, die sich doch sonst seiner Herrschaft schon zu entziehen 
begann. Das Haus Cotta stellte seine Allgemeine Zeitung der italienischen 
Politik der Hofburg unbedingt zur Verfügung, vielleicht um sich dadurch 
für die Besprechung deutscher Dinge etwas mehr Freiheit zu sichern, und 
mit schimpflicher Emsigkeit brachte das Augsburger Blatt fortan ungezählte 
k. k. Lügen über das verworfene italienische Sklavenvolk. Diese feilen 
Federn beschworen die Erinnerung an die Romfahrten unserer Kaiser 
gewaltsam wieder herauf und prahlten, als ob der Schatten Barbarossas 
durch die Raizen, Jazygen und Hannaken der österreichischen Regimenter 
schritte, als ob der „besiegelte“ Stock der kaiserlichen Profose die Kultur 
nach Italien brächte. Viele deutsche Zeitungen, denen die Mittel fehlten, 
eigene Verbindungen in Italien zu unterhalten, druckten alle diese Un- 
sauberkeiten getreulich nach; selbst in den Kreisen der preußischen Offi- 
ziere wiederholte man oft den sinnlosen, auf die deutsche Ritterlichkeit wohl 
berechneten Lieblingssatz der k. k. Kameraden: am Po verteidigen wir 
den Rhein! Der Name der Tedeschi, der ohnehin schon für jede Prügelei 
der kroatischen Soldaten, für jeden Verrat der welschtirolischen Spione 
des Hauses Osterreich geduldig herhalten mußte, geriet durch diese unge- 
rechte, erst spät gefühnte Gehässigkeit der deutschen Presse bei allen 
Italienern, zumal bei den Lombarden gänzlich in Verruf. Die Lüge der 
verhüllten Fremdherrschaft vergiftete auch unser Verhältnis zu dem Volke, 
das uns unter allen am nächsten stand. 
Auf unbedingte Zustimmung konnte Metternich in Deutschland gleich- 
wohl nicht zählen. Ein großer Teil der Liberalen schwärmte, wie billig,
        <pb n="728" />
        720 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
für den freisinnigen neuen Papst, und in allen Parteien fanden sich doch 
viele geistreiche Männer, welche die Wahlverwandtschaft des deutschen und 
des italienischen Genius erkannten. Die Zeit lag ja noch nicht weit zurück, 
da alle hochgebildeten Deutschen zwei absolute ästhetische Ideale schlechthin 
verehrt hatten: Italien und Shakespeare. Niemand vielleicht empfand 
diese ästhetische Bewunderung für Italiens Land und Leute so lebhaft wie 
König Friedrich Wilhelm. Gleich den romantischen Malern der Corne— 
lianischen Schule dachte er sich unter den Römern ein „Königsvolk“ von 
angeborenem Adel. Alles dort im schönen Süden erschien ihm edler, vor— 
nehmer, als die grobe nordische Welt, sogar der italienische Liberalismus, 
der doch, nach romanischer Weise, weit tiefer als die deutschen Liberalen 
in den Banden der gefürchteten „Ideen von 89“ befangen war. Der König 
liebte „den herrlichen Pontifex“ und pries Pius glücklich, weil er nicht wie 
Deutschlands Fürsten mit der Macht der Gemeinheit zu ringen habe. 
Seinem Bunsen schrieb er: „Was sich dort Liberalismus nennt, wie es 
nach Azeglios Werkchen erscheint, das ist allerdings mein eigenes Glaubens- 
bekenntnis, und ich bin ein warmer Anhänger der italienischen Bewegung. 
Aber die Azeglioschen Liberalen wären in Deutschland auf der äußersten 
Rechten der vernünftigen, vorwärts wollenden Konservativen.“ Darum 
ließ er durch seinen Gesandten Usedom, der gleich ihm selber für den 
Papst und die Italiener begeistert war, den römischen Stuhl zu bedacht— 
samen Reformen ermuntern; als die Hofburg gegen den liberalen Papst 
schärfer auftrat und sogar, kraft zweifelhafter Rechtstitel, die Grenzstadt 
Ferrara besetzen ließ, da bemühte sich Friedrich Wilhelm redlich, in dem 
Streite zu vermitteln. Von der Glut des nationalen Hasses, von der 
Notwendigkeit des nahenden Unabhängigkeitskrieges ahnte er nichts, und 
daß Preußen je mit Piemont gemeinsam gegen Osterreich vorgehen könnte, 
lag gänzlich außerhalb seines Gedankenkreises. Wie er den mit Osterreich 
verketteten Deutschen Bund für eine hocherfreuliche Institution hielt, so 
wollte er auch durchaus nicht begreifen, warum die Italiener nicht eben— 
falls mit dem weisen Hause Osterreich in Frieden leben sollten. über die 
geheiligten Wiener Verträge durften seine geliebten Welschen nimmer 
hinausgehen. Als die revolutionäre Leidenschaft nun doch unaufhaltsam 
anschwoll, da klagte er schmerzlich: „Schon regt sich der gemeine, der 
schmeißfliegliche Liberalismus, und wir erleben dort Trauriges, und 
bald!“*) Indessen blieb er in der Rolle des wehmütigen Beobachters. 
Weit näher ward Frankreich durch die italienischen Unruhen bedrängt. 
Seit die Entente cordiale zersprengt war und Palmerston Rache schnob 
wegen der spanischen Heiraten, bewarb sich Ludwig Philipp noch zudring— 
licher denn zuvor um Osterreichs Gunst. Zweimal während dieser letzten 
bangen Monate sendete er den von Braunschweig her berüchtigten geheimen 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 11. Nov. 1847.
        <pb n="729" />
        Italien und die Westmächte. 721 
Agenten Klindworth nach Wien um ein vollständiges Einverständnis vor— 
zubereiten, und im Kampfe gegen Italiens Einheit waren die beiden Höfe 
allerdings einig. Wie die Hofburg ihr lombardo-venetianisches Königreich 
nur bei fortdauernder Unmündigkeit der Italiener behaupten konnte, so 
hielten die Tuilerien fest an dem altfranzösischen Grundsatze, daß Frank— 
reichs Macht auf der Nichtigkeit seiner Nachbarvölker beruhe; und zu 
Metternichs Wohlgefallen beschwor Guizot die Reformpartei der Halb— 
insel, der Bewegung einen römischen, toskanischen, piemontesischen Charak— 
ter zu bewahren, denn eine italienische Frage wäre die Revolution! Gleich— 
wohl konnte die Staatskunst des französischen Neides mit der Politik der 
österreichischen Herrschsucht nicht vollkommen übereinstimmen; der begehr— 
liche Wetteifer der beiden Nachbarmächte um die Vergewaltigung der Halb— 
insel wurzelte zu tief in einer alten Geschichte. Auch vermochte Ludwig 
Philipp, obgleich er jetzt immer „die Politik des Niederhaltens“ im Munde 
führte, den revolutionären Ursprung seines Regiments doch nicht ganz 
zu verleugnen. „Diese Regierung,“ so sagte Metternich zu Canitz, „kann 
nicht stark sein, wenn es die Revolution zu bekämpfen gilt; sie kann sich 
nicht mit uns auf eine Linie stellen, das wäre wider die Natur.“*) Und 
diesen Argwohn gab er trotz der zur Schau getragenen hochkonservativen 
Gesinnungen des Tuilerienhofs niemals ganz auf; noch im Herbst 1847 
nannte er den Bürgerkönig und seinen Minister beide „Utopisten“. In 
der Tat blieb Ludwig Philipps Haltung gegenüber den Italienern immer 
zweideutig. Er versammelte zum Schutze der westlichen Herrschaft des 
Papsttums insgeheim an der piemontesischen Grenze das kleine Heer, das 
zwei Jahre darauf wirklich in Rom einrücken sollte, und ließ den König 
Karl Albert von Sardinien, den er als geborenen Träger des italienischen 
Einheitsgedankens fürchtete, an den kleinen Höfen gründlich verdächtigen. 
Zugleich sendete er Flinten für die römische Nationalgarde und empfahl 
den Kabinetten der Halbinsel konstitutionelle Reformen. In Rom vertrat 
ihn Graf Rossi, ein hochsinniger Carrarese, der in der Schweiz und in 
Paris als Staatsmann und Gelehrter im Sinne der französischen Dok— 
trinäre gewirkt hatte und jetzt die sonderbare Rolle eines Gesandten im 
eigenen Vaterlande spielte. Rossi hoffte auf den italienischen Fürstenbund 
unter päpstlichem Primat und mochte dem geliebten Pius wohl zuweilen 
mehr sagen, als sein Minister billigen konnte. In Wien galt er für 
einen nichtswürdigen Jakobiner, und schon dieser eine Mann machte ein 
festes Einverständnis zwischen den beiden Höfen unmöKglich. 
So konnte denn Palmerston prahlerisch als großmütiger Beschützer 
Italiens auftreten. Auch er wurde von dem hilflosen Pius um Rat 
angegangen, und der große katholische Kanzelredner Londons, Bischof 
Wiseman, der die Anfrage überbrachte, deutete leise an, daß der Papst 
  
*) Canitzs Bericht, 5. März 1845. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 46
        <pb n="730" />
        722 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
weder dem Wiener noch dem Pariser Hofe ganz trauen könne. Sofort 
schickte der Lord seinen Freund, den radikalen Querkopf Earl Minto als 
Gesandten nach Turin, dann auch mit geheimen Aufträgen nach Rom, 
wo Großbritannien sich auf Grund seiner alten Gesetze nicht amtlich ver— 
treten lassen durfte, und sagte höhnisch zu Bunsen: das wird Metternich 
nicht gefallen, aber eine englische Flotte in der Adria wird ihm noch we— 
niger gefallen.s) In Mintos Gefolge befand sich eine ganze Schar 
amtloser junger Leute, die mit erstaunlicher Unbescheidenheit überall an 
den Höfen die nahende Revolution ankündigten. Nichts lag diesen vor— 
nehmen Demagogen ferner als eine ehrliche Teilnahme für Italiens 
Unglück; sie wollten nur Palmerstons Feinden Metternich und Guizot 
entgegenwirken und den für Englands Handelspolitik so einträglichen Un— 
frieden auf dem Festlande nähren. Bunsen freilich, dem niemals eine 
englische Arglist zu plump war, ließ sich auch diesmal täuschen, und schrieb 
begeistert: der Kampf um Verfassungen werde zu „einer politischen Reli— 
gionsfrage, wobei England hohenpriesterliche Stellung einnehme.“**) Pal— 
merston als Hoherpriester! — dieser spaßhafte Gedanke konnte allerdings 
nur in dem fremdbrüderlich begeisterten Haupte des preußischen Gesandten 
entstehen, und Canitz wollte nicht glauben, daß in einem Volke, das bis- 
her auf seinen gesunden praktischen Verstand stolz gewesen, „ein politischer 
Fanatismus zu einem dauernden System gemacht werden sollte.) Sein 
König aber meinte, als er die unleidliche Zänkerei der westmächtlichen 
Diplomaten kennen lernte: „die englischen Gesandten in Piemont und 
Hellas scheinen mir, um recht höflich zu sein, zum Tollhaus reif, über- 
reis.“y)Mit gutem Grunde klagte Metternich: der Lord Feuerbrand 
nehme die alte „Canningsche Aolus-Politik“ wieder auf; der Staats- 
mann, der am lautesten wider die Interventionspolitik gescholten, mische 
sich überall ein, er sei le plus intervenant de tous. Was der englische 
Hof tun konnte, um den allgemeinen Weltbrand zu schüren, das tat er 
nach Kräften. 
Also zwischen den großen Mächten hin und her geschleudert brachte der 
gequälte Papst in anderthalb Jahren nur eine wichtige Reform zu stande 
— die gefährlichste von allen: er schuf die Nationalgarde, die sich so leicht 
gegen den heiligen Stuhl selber wenden konnte. Auch eine weltliche Con- 
sulta trat zusammen, aber wie war es möglich, daß Kardinäle sich der 
Aufsicht der Laien wirklich unterwerfen sollten? Nun gar der weltliche 
Ministerrat, der auf Rossis Bitten endlich berufen wurde, krankte von 
Haus aus an einem unheilbaren Übelstande. Alle große Politik der 
Kurie war kirchlich, die armseligen Interessen des Kirchenstaates fielen 
  
*) Bunsens Bericht, 28. Sept. 1847. 
**) Bunsen an Canitz, 16. April 1847. 
7"*) Canitz an Bunsen, 25. Sept. 1847. 
f) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 8. Okt. 1847.
        <pb n="731" />
        Reformen in Piemont. 723 
daneben kaum ins Gewicht, folglich mußte der Kardinal-Staatssekretär, der 
entschlossene, scharf verständige, klerikale Antonelli für sich allein mehr 
bedeuten als alle Laien-Minister insgesamt. Auch ein schwacher Anlauf 
bündischer Politik wurde gewagt. Im Oktober 1847 vereinbarten sich die 
Höfe von Rom, Turin und Florenz — die drei Reformstaaten, wie man 
sie hoffnungsselig nannte — vorläufig über die Bildung eines Zollver- 
eins, und Palmerston, der alte Feind des deutschen Zollvereins ließ diese 
Verhandlungen durch Minto kräftig fördern — immer unter der Vor- 
aussetzung, daß die Verbündeten die allein wahren Grundsätze des Frei- 
handels annähmen. Er sah in dem Plane zunächst nur einen Schachzug 
gegen Frankreich und Osterreich, er hoffte sodann, dem englischen Handel 
ein neues Absatzgebiet zu gewinnen, da die Großindustrie Italiens noch 
weit hinter der deutschen zurückstand. Der Zollverein konnte aber nur 
dann ins Leben treten, wenn auch das mitteninne liegende Modena sich 
anschloß. Metternich gab alsbald eine deutliche Antwort; er schloß im 
Dezember mit Modena, dann auch mit Parma einen Vertrag, kraft dessen 
OÖsterreich jederzeit bei drohender Gefahr die beiden Herzogtümer besetzen 
durfte. Befriedigt schrieb er nach Berlin: „wir haben die Form eines 
Verteidigungsbündnisses gewählt, um das von den Kabinetten so streng 
verdammte Wort Intervention zu vermeiden.“ Zudem blieb der Groß- 
herzog von Toskana trotz seiner liberalen Anwandlungen doch immer ein 
unschädlicher Erzherzog, die Bourbonen von Neapel waren durch den ge- 
heimen Vertrag von 1815 verpflichtet, an dem absoluten Königtum nichts 
zu ändern, und auch Karl Albert von Piemont hatte einst in den Tagen der 
Bedrängnis gelobt, seinem Lande niemals eine Verfassung zu gewähren. 
Wie leicht konnten diese künstlichen Stützen der Fremdherrschaft zu- 
sammenbrechen. Die nationale und die liberale Idee begannen sich zu 
verbünden, und wie stark dies junge Bündnis schon war, das erfuhr der 
Staat, der Italiens Zukunft trug, der einzige, den die Hofburg fürchtete, 
Piemont. Halb Mönch halb Soldat, nach seiner Herzensneigung hoch- 
kirchlicher Legitimist und doch begeistert für Italiens Einheit, bedroht von 
der Schokolade der Jesuiten und dem Dolche der Demagogen, schwankte 
der König Zauderer Karl Albert lange, bis er sich entschloß, den Namen 
des Königs von Italien, den ihm einst die österreichischen Offiziere höhnend 
zugerufen hatten, zu Ehren zu bringen. In vielem dem ungleich geist- 
volleren Friedrich Wilhelm ähnlich, besaß er doch, was dem Hohenzollern 
fehlte, starken dynastischen Ehrgeiz, und angesichts der drohenden Weiß- 
röcke dicht an seiner Grenze, konnte er sich nicht wie jener in holdem 
Wahne über Österreichs Gesinnung täuschen. Im Oktober 1847 entließ er 
den hochkonservativen Minister Solaro, gewährte den Kommunen die Wahl 
ihrer Gemeinderäte und der Presse, nach preußischem Muster, freiere Be- 
wegung. Unermeßlicher Jubel begrüßte diese „albertinischen Reformen“, 
denn jede Reform in Piemont war ein Schlag gegen Österreich. 
46
        <pb n="732" />
        724 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
Nirgends wußte man das besser als im Hauptquartiere des Feld— 
marschalls Radetzky. Der greise, im menschlichen Verkehre stets liebens— 
würdige Kriegsmann behandelte das schöne Doppelkönigreich, das er für 
seinen Kaiser behüten sollte, schlechthin als Feindesland; weder er noch 
seine Offiziere wollten in den Italienern jemals Mitbürger und Lands— 
leute sehen, und auch General Ficquelmont, der im Sommer 1847 zur 
Unterstützung des schwachen Vizekönigs, des Erzherzogs Rainer nach Mai- 
land gesendet wurde, stimmte mit dem Feldmarschall dahin überein, daß 
hierzulande nur Waffen und wieder Waffen helfen könnten. Trotz der 
Umtriebe der Agenten Mazzinis begannen sich selbst in diesem geknechteten 
Volke gemäßigte Parteien zu bilden, und Giusti sagte, so oft er die Glocken 
des Mailänder Doms zum Begräbnis oder zur Taufe läuten hörte: gein 
Brigant stirbt, ein Liberaler wird geboren.“ Alle diese Selbstbesinnung, 
all das tiefe patriotische Leid der Lombarden war den heimatlosen Lands- 
knechten des k. k. Heeres nur lächerlich, selbst der feingebildete General 
Schönhals beschimpfte die Welschen als Verräter und Feiglinge. „Nicht 
die Stärke der Nationen — so schrieb Radetzky in diesen Tagen dem 
preußischen General Wrangel — sondern die Schwäche der Fürsten er- 
zeugt die Revolution. Der hochgefeierte Pius ist ein schwacher, eitler 
Pfaffe, vielleicht ein guter Mensch, sonst nichts.“ 
Die Masse des Volks fühlte von dem Drucke der Fremdherrschaft 
wenig. Was sollten aber die Signoren empfinden? Ein scheußliches 
Spionenwesen vergiftete jedes Haus, die gefangenen Verschwörer wurden 
grausam mißhandelt, die Presse geknebelt, die Brutalität der stockprügel- 
seligen Beamten erschien eben so unleidlich wie der hochmütige Wach- 
stubenton der Truppen, jedes nationale Gefühl ward grundsätzlich ver- 
höhnt. Versöhnung war unmöglich. „DO ihr geliebten Brüder, auch euer 
Tag wird tagen“ — so sangen die Florentiner und die Romagnolen den 
Brüdern im Norden zu. Nur auf den Kongressen der Landwirte und 
der gelehrten Welt, die hier wie in Deutschland das Erwachen des Ein- 
heitsgedankens ankündigten, durften Lombarden und Venetianer sich un- 
gestört ihres Volkstums erfreuen. Wo aber die Piushymne erklang, da 
schritten die k. k. Truppen ein, schon floß Blut in kleinen Straßenkämpfen, 
schon wurden die Universitäten von Padua und Pavia geschlossen, weil 
man die Studenten nicht mehr bändigen konnte. Die Stunde der Ab- 
rechnung kam heran. Am 12. Jan. 1848 wehte die Trikolore auf den 
Türmen von Palermo, Sizilien sagte sich los vom Hause Bourbon. Noch 
glaubte man in der Hofburg wie in den Tuilerien das Bestehende halten 
zu können. Guizot erklärte, die Bourbonen hätten gar nicht das Recht 
auf die Insel zu verzichten; auf Metternichs Wunsch war er bereit, „den 
ehrgeizigen, ränkesüchtigen, furchtsamen“ König Karl Albert zu überwachen 
und nötigenfalls Rom zu besetzen. Er wollte, daß die vier Großmächte 
des Festlands sich gemeinsam für den Besitzstand in Italien verbürgen
        <pb n="733" />
        Revolution in Italien. 725 
und nachträglich auch England zuziehen sollten. Keine Zugeständnisse! — 
so lautete auch jetzt noch sein letztes Wort.“) Doch fast im selben Augen— 
blicke siegten die Konstitutionellen auch in Neapel, in Florenz, und wenige 
Tage bevor sie in Frankreich ruhmlos unterging, wurde die Charte des 
Juli-Königtums in Turin als Statut des Königreichs Sardinien ausge— 
rufen. Die Fremdherrschaft auf der Halbinsel war der Vernichtung nahe. — 
  
In Italien mußte Osterreich jede nationale und liberale Regung 
niederdrücken, um seinen alten, längst schon unhaltbaren Besitzstand zu 
verteidigen. Wenn die Hofburg und die anderen Großmächte des Fest— 
lands aber auch in der Schweiz dieselben Gedanken nationaler Reform 
mit der äußersten Heftigkeit bekämpften, so konnten sie sich nicht mehr auf 
irgendeine Rücksicht politischer Zweckmäßigkeit berufen, sondern lediglich 
auf die starre Doktrin eines unbelehrbaren Legitimismus. Die inneren 
Verhältnisse des kleinen republikanischen Staatenbundes, der seit Jahr— 
hunderten eine Anomalie in dem monarchischen Europa bildete, bedeuteten 
für den Weltteil sehr wenig; eine nüchterne Politik durfte der Klugheits— 
regel nicht vergessen, die sich die Monsignoren des Vatikans nach so 
manchen Proben eidgenössischen Trotzes gebildet hatten: man muß die 
Schweizer bei ihren Bräuchen und Mißbräuchen lassen. In der Wiener 
Kongreßakte (Art. 74) war ausdrücklich nur „die Integrität“ der verbün— 
deten Kantone „als Grundlage des helvetischen Systems anerkannt“ und 
der Eidgenossenschaft die Neutralität verbürgt worden. Die Mächte hatten 
damals die noch widerstrebenden Kantone aufgefordert, um des gemeinen 
Wohles willen sich der Bundesverfassung anzuschließen, und dafür den 
Dank „der schweizerischen Nation“ entgegengenommen. Folglich konnte 
dieser schweizerischen Nation auch nicht verwehrt werden, ihre Bundes- 
verfassung umzugestalten und die Grenzen zwischen Bundesgewalt und 
Kantonalgewalt gesetzlich zu verändern, wenn nur die Integrität der Kan- 
tone, die in Wahrheit niemand anzutasten dachte, gewahrt blieb. Die 
Frage, wie weit die Souveränität der Kantone durch die Bundesgewalt 
beschränkt werden solle, war eine rein schweizerische Angelegenheit, und 
die Mächte hatten dabei ebenso wenig mitzusprechen, wie bei der deutschen 
Bundesreform, die ja auch nur durch Einschränkung der Territorial- 
gewalten möglich war. Gleichwohl bestand an den großen Höfen der 
Glaubenssatz, daß die traurige schweizerische Bundesverfassung mit ihrer 
schrankenlosen Kantönli-Souveränität eine unabänderliche Ordnung sei, 
so unzerstörbar wie der Contract social der radikalen Doktrinäre. 
Unverkennbar waltete über den scheinbar so verworrenen Parteikämpfen 
  
*) Arnims Bericht, Paris, 8. Febr. 1848.
        <pb n="734" />
        726 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
dieses klassischen Landes föderativer Staatsbildung eine historische Not- 
wendigkeit: die Natur der Dinge drängte dahin, daß die Schweiz jede 
Verbindung mit dem Auslande auflöste und den alten Unterschied von 
Stadt und Land, von Herrenlanden und Untertanenlanden beseitigte. 
Dies zweifache Ziel war im Jahre 1815 nahezu erreicht: die Eidgenossen- 
schaft bestand nur noch aus zweiundzwanzig gleichberechtigten Kantonen. 
Nunmehr begann eine ebenso notwendige demokratische Bewegung; die tüch- 
tigen, um die alte Schweiz so hochverdienten Patriziergeschlechter vermochten 
nur noch in Basel, in Neuenburg und wenigen anderen Kantonen ihre 
geistige und wirtschaftliche Uberlegenheit zu behaupten, der Mittelstand 
drängte sich überall kräftig empor. Seit der Juli-Revolution ließ sich schon 
deutlich erkennen, daß die Schweiz der repräsentativen Demokratie zustrebte; 
der aristokratische Kleine Rat verlor fast allerorten an Ansehen, die Kanto- 
nalgewalt geriet mehr und mehr in die Hände der Volksvertretung, des 
demokratischen Großen Rates. Die aufstrebende Demokratie verlangte 
zugleich eine stärkere Bundesgewalt, wie sie schon einmal, unter der na- 
poleonischen Mediationsakte, zum Heile des Landes bestanden hatte. 
Aber diese im wesentlichen notwendige Veränderung des schweizeri- 
schen Lebens betrachteten die großen Mächte von vornherein ungerecht, mit 
legitimistischer Verblendung. Sie waren sämtlich, nicht mit Unrecht, 
erbittert über die unzuverlässige, bald harte, bald schlaffe Haltung, welche 
die Eidgenossen gegenüber den Flüchtlingen gezeigt hatten. Sie nahmen 
kurzweg an, daß der schweizerische Radikalismus, der in seinem Kerne 
ganz national war und alles ausländische Wesen fast unduldsam abwies, 
mit den Umsturzparteien des gesamten Weltteils zusammen arbeitete. 
Überdies standen die alten Herrengeschlechter der Schweiz, deren große 
Zeit jetzt zu Ende ging, allesamt mit den großen Höfen in persönlicher 
Verbindung. Die katholischen Konservativen unterhielten durch Haller, 
Hurter, Bernhard Meyer und andere fanatische Ultramontane vertrauten 
Verkehr mit Metternich; die Genfer Patrizier waren Guizots und Broglies 
alte Freunde, die Neuenburger Aristokraten das getreue Lehensvolk der 
Krone Preußen. Schon der Name der Radikalen, der in der Schweiz 
doch etwas ganz anderes bedeutete als in den benachbarten Monarchien, 
schreckte die Diplomaten ab; die fremden Gesandten verkehrten ausschließlich 
mit schweizerischen Konservativen, weil ihnen der Wirtshauston der radikalen 
Gesellschaft nicht zusagte, und erstatteten ihren Höfen stets parteiisch ge- 
färbte Berichte. Was die Höfe von Paris und Wien so gehässig gegen 
die Schweizer stimmte, war doch vornehmlich die Angst vor Deutschlands 
Erstarken. Metternich zitterte bei dem Gedanken, daß die deutschen 
Patrioten sich an den schweizerischen Radikalen ein Beispiel nehmen könnten; 
Guizot sprach mit Entsetzen von „dem Großstaats-Ehrgeiz“ der Schweizer, 
von der Möglichkeit einer furchtbaren helvetischen Einheitsrepublik, gleich 
als ob Frankreich vor der Schweiz zittern müßte; und König Friedrich
        <pb n="735" />
        Der Sonderbund. 727 
Wilhelm ließ sich durch die legitimistische Seelenangst der befreundeten 
Höfe dermaßen betören, daß er gar nicht mehr bemerkte, wie nahe seine 
eigenen deutschen Bundesreformpläne sich mit den allerdings derberen 
Gedanken der schweizerischen Radikalen berührten. 
Zu allem Unheil ward der politische Parteikampf noch vergiftet durch 
die konfessionelle Feindschaft, die hier, in dem Lande althistorischer Parität, 
nur Verderben stiften konnte. Da der klerikalen Partei seit dem Kölnischen 
Bischofsstreite überall in der Welt die Schwingen gewachsen waren, so 
wagten die katholischen Freiämter des überwiegend protestantischen Kantons 
Aargau einen Aufruhr. Der Aufstand mißlang, und zur Strafe wurden 
die mit den Rebellen eng verbündeten Mannsklöster des Kantons ge— 
schlossen. Damit verletzten die Radikalen zuerst die Bundesverfassung, 
welche den Bestand der Klöster ausdrücklich gewährleistete. Der ganz von 
der klerikalen Demokratie beherrschte Kanton Luzern antwortete alsbald 
durch eine mutwillige Herausforderung: er berief die Jesuiten, die aller— 
dings schon in Freiburg und anderen Kantonen angesiedelt; aber in der pro- 
testantischen Schweiz unbeschreiblich verhaßt waren. Diese Tat gab das 
Signal zum Bürgerkriege, obgleich sie dem Buchstaben der Bundesverfassung 
nicht widersprach. Während der nächsten Jahre begann sich die Eidgenossen- 
schaft in zwei Feldlager zu scheiden. In Genf, in der Waadt, in Bern, in 
Solothurn, in Zürich gelangte die radikale Partei zur Herrschaft, während in 
Wallis, die Klerikalen mit Luzerns Beihilfe einen blutigen Sieg errangen. 
Von den benachbarten radikalen Kantonen unterstützt versuchte die unzu- 
friedene Luzerner Minderheit durch zwei Freischarenzüge das Priester- 
regiment zu stürzen (1844/45), und nachher wurde der Führer der Luzerner 
klerikalen Volkspartei, der Bauer Leu durch einen gedungenen Mörder 
umgebracht. Den zweiten dieser Freischarenzüge führte Anwalt Ochsen- 
bein von Bern, ein radikaler vom rohesten Schlage, der sich allem An- 
schein nach in das Treiben der demagogischen Flüchtlinge sehr tief ein- 
gelassen hatte. Er entblödete sich nicht, in einer Druckschrift den Bundes- 
friedensbruch zu verherrlichen als „eine so großartige Erscheinung, wie 
sich einer ähnlichen keine andere Nation rühmen könne“; er sah in allen 
diesen Bürgerkämpfen nur den ewigen „Widerstreit zwischen dem geschicht- 
lichen und dem Vernunftrecht, den Kampf zwischen geistiger Knechtschaft 
und freiem geistigem Aufschwung.“ Ochsenbein wurde von dem eid- 
genössischen Generalstabe, dem er als Hauptmann angehörte, verdienter- 
maßen aus den Listen gestrichen, doch gleich darauf (1846) war er erwählter 
Stadtschultheiß von Bern und als solcher Vorsitzender der Eidgenossenschaft, 
da Bern für die nächsten zwei Jahre Vorort der Schweiz wurde. 
Unterdessen hatten die sieben katholischen Kantone der inneren Schweiz 
einen Sonderbund geschlossen, angeblich nur zum Schutze der Bundes- 
verfassung und der Kantonalsouveränität. In Wahrheit widersprach der 
Sonderbund dem Bundesrechte, das alle der Eidgenossenschaft oder ein-
        <pb n="736" />
        728 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
zelnen Kantonen feindlichen Bünde ausdrücklich verbot, und noch mehr 
der durch so viele bürgerliche Kriege teuer errungenen kirchlichen Parität. 
Dieselben Kantone, welche einst den Kampf gegen Zwingli geführt und nach- 
her unter Osterreichs Schutze den Borromäischen Bund gestiftet hatten, 
bildeten den Kern des neuen Sonderbundes, und un ihrer Spitze standen 
die fanatischen Luzerner Klerikalen Siegwart Müller und Bernhard Meyer. 
Es zeigte sich wieder, daß die Schweiz in manchem Sinne das konservativste 
Land Europas ist; der Eidgenossenschaft drohte ein Religionskrieg, wie er 
bei anderen Völkern des Weltteils längst nicht mehr möglich war. Wider 
den Sonderbund bot nun die radikale Partei jedes Mittel auf; Bluntschli 
und seine Züricher Konservativ-Liberalen unterlagen, für Vermittler war 
kein Raum mehr, Ochsenbein und die radikalen Berner behaupteten die 
Führung, und nach einer Staatsumwälzung im Kanton St. Gallen ward 
endlich die knappe Mehrheit der Tagsatzung für die Gegner des Sonder- 
bundes gewonnen. Douze voix font loi, jubelten die Radikalen. 
Die zwölf Stimmen der Mehrheit waren entschlossen, die Jesuiten als 
Störer des konfessionellen Friedens aus der Eidgenossenschaft zu vertreiben, 
den Sonderbund aufzulösen, die Bundesgewalt zu verstärken. Zu so durch- 
greifenden Beschlüssen verlangte aber das Bundesrecht Einstimmigkeit oder 
Dreiviertelmehrheit der Tagsatzung; hier wie im Deutschen Bunde ward 
jede ernste gesetzliche Reform durch ein unvernünftiges Grundgesetz ver- 
hindert. Auf den Buchstaben des Bundesrechts konnte sich mithin keine 
der beiden Parteien berufen; die Radikalen kämpften jedoch, was sie auch 
durch Parteihaß gesündigt haben mochten, für den berechtigten, konservativen 
Gedanken der schweizerischen Bundeseinheit, die durch den Sonderbund 
unfehlbar zerstört werden mußte. Darum boten auch, als der Bürger- 
krieg nahte, der konservative General Dufour von Genf und die gleich- 
gesinnten Obersten Burckhardt, Ziegler, Donats der radikalen Zwölfer- 
mehrheit sofort ihre Dienste an; und zu den erklärten Radikalen, Ochsen- 
bein von Bern, Druey vom Waadtlande gesellten sich republikanische 
Staatsmänner von gemäßigter bürgerlich-demokratischer Gesinnung, wie 
Munzinger von Solothurn, Furrer von Zürich, Näff von St. Gallen, 
Kern und andere. Einheit oder Zerfall? — so stand die Frage. Der 
Ausgang des Krieges konnte kaum zweifelhaft sein, da die Kantone der 
Zwölfermehrheit den Sonderbund von allen Seiten her umklammert 
hielten, an Geldmitteln und Kopfzahl ihn fast um das Vierfache über- 
trafen; die Zeit war auch längst dahin, da die vier Waldstädte in den 
Scharen ihrer kampferfahrenen alten Reisläufer die beste kriegerische 
Kraft der Schweiz besessen hatten. 
Mit einer blinden Gehässigkeit, die an die Tage der Karlsbader 
Beschlüsse erinnerte, beurteilten die Höfe von Wien, Berlin und Paris 
diese für Ausländer wahrlich schwer verständlichen schweizerischen Wirren. 
Der Zar hielt sich etwas zurück, er wollte mit England nicht brechen,
        <pb n="737" />
        Vorbereitungen zum Sonderbundskriege. 729 
solange der ersehnte allgemeine Vernichtungskrieg gegen die Revolution 
noch unmöglich schien. Palmerston aber harrte ungeduldig des Augen- 
blicks, da er der Verblendung Metternichs und Guizots eine lächerliche 
Beschämung bereiten konnte. Am Wiener Hofe wurde die Möglichkeit 
einer bewaffneten Einmischung schon seit dem Jahre 1845 ernstlich er- 
wogen. Metternich verdammte die Aufhebung der Aargauer Klöster kurz- 
weg als einen Raub, er wünschte seinen Luzerner Getreuen feierlich Glück 
zur Vertreibung der Freischaren, und obgleich er die Berufung der Jesuiten 
nach Luzern bedenklich fand, so behauptete er doch von vornherein: der 
kirchliche Streit sei nur Vorwand, die wirkliche Absicht dieser schamlosen 
Radikalen gehe dahin, die Schweiz unter dem Schutze ihrer Neutralität 
zu einem Herde der europäischen Anarchie zu machen, die eine und unteil- 
bare helvetische Republik der jakobinischen Zeiten mit einer revolutionären 
„Zentralregierung“ wiederherzustellen. Diesem „unterwühlenden und 
brandstiftenden Systeme“ traute er jede Nichtswürdigkeit zu, zumal seit der 
verrufene Ochsenbein an die Spitze der Eidgenossenschaft getreten war.“) 
In Wahrheit wurde der unmögliche Gedanke eines helvetischen Ein- 
heitsstaates nur von einzelnen Heißspornen der Jungschweizer gehegt; die 
Masse der Radikalen lebte in den föderalistischen Ideen, die hierzulande in 
der Luft lagen, sie wollte die Integrität der Kantone nicht gefährden und 
auch die Souveränität der Kantonalgewalten nicht zerstören, sondern, wie 
nachher der Erfolg zeigte, nur ernstlich beschränken. Aber auch diese ge- 
mäßigten Pläne mußten — wie Metternich die Dinge ansah — den 
Deutschen ein gefährliches Beispiel geben. Darum war in den Wiener 
Hofkreisen jedermann für den Sonderbund begeistert. Der karlistische 
Landsknecht Fürst Friedrich Schwarzenberg stellte den Urkantonen seinen 
Degen zur Verfügung, und selbst der alte Erzherzog Johann, den die 
deutschen Liberalen wegen seines sagenhaften Trinkspruchs als Gesinnungs- 
genossen bewunderten, verlangte heftig bewaffnetes Einschreiten gegen ein 
Prinzip, das alles umstürze. Die Sonderbundskantone schämten sich nicht, 
die Nachbarmächte um Geld und Waffen gegen ihre eigenen Landsleute 
zu bitten. Bernhard Meyer — der Blut-Bäni, wie die Schweizer ihn 
nannten — erlangte im Herbst 1846 glücklich eine Flintensendung von 
König Karl Albert — kaum ein Jahr, bevor der Piemontese umschwenkte 
und mit den albertinischen Reformen die italienische Revolution einleitete. 
Zwei andere Waffensendungen des Wiener und des Pariser Hofes wurden 
aufgefangen, auch die dem Sonderbunde durch den Vizekönig Erzherzog 
Rainer übermittelten 50 000 Fr. trafen nicht mehr zur rechten Zeit ein. 
Zugleich ließ der Wiener Hof eine Brigade an der Vorarlbergischen Grenze 
zusammenziehen, in der ausgesprochenen Absicht, die Zwölfermehrheit ent- 
weder einzuschüchtern oder sie zur Teilung ihrer Streitkräfte zu nötigen.) 
*) Berichte von Canitz, 19. Jan., 12. 24. April; von Bunsen 15. März 1845. 
**) Graf Arnims Bericht, 29. Sept. 1847.
        <pb n="738" />
        730 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
Feldmarschall Radetzky erhielt Befehl, sich jederzeit zum Einmarsch in 
den Kanton Tessin bereit zu halten, und als die Bevollmächtigten der 
Kantone im April 1847 in Wien zu einer Postkonferenz zusammenkamen, 
da scheute Metternich sich nicht, die Sonderbundskantone in feierlicher 
Ansprache zur Ausdauer aufzufordern. 
Also verletzten die Mächte, noch bevor der Bürgerkrieg begonnen 
hatte, gröblich die der Eidgenossenschaft zugesicherte Neutralität; sie er— 
klärten sich von Haus aus für die eine der streitenden Parteien, deren 
Recht doch mindestens zweifelhaft blieb; sie merkten nicht, daß sie gerade 
durch ihre ungerechte Feindseligkeit den Haß der gesamten liberalen Welt 
Europas herausforderten und dem nationalen Verfassungskampfe ein 
weltbürgerlich-radikales Gepräge gaben, das ihm eigentlich fremd war. 
Der alte Metternich gebärdete sich zuweilen wie ein Unsinniger; er meinte, 
als der Krieg herankam: die Geschichte kenne kein Beispiel einer so voll— 
kommenen Negation der Grundlagen der sozialen Ordnung 1— und doch, 
was verlor Europa, wenn der Stier von Uri gezwungen wurde, seine 
scharfen Hörner vor dem historisch ebenso ehrwürdigen Kreuzbanner der 
Eidgenossen etwas einzuziehen? Zum Glück war alles, was Metternich 
jetzt noch unternahm, greisenhaft, halb, schwächlich; über geheime Auf- 
reizungen und klägliche Almosen ging er nicht mehr hinaus. So viele 
Jahre daher hatten die Mächte in unzähligen Noten den Eidgenossen Ein- 
tracht, Ruhe, Mäßigung gepredigt. Da kündigten im Oktober 1847 die 
Gesandten des Sonderbundes der Tagsatzung den Frieden auf; der 
Bürgerkrieg war erklärt. 
Sofort entwarf Guizot eine Vermittlungsnote im Namen der fünf 
Mächte, deren Gesandte mehrenteils den Vorort Bern schon verlassen 
hatten, weil sie mit Ochsenbeins radikaler Plumpheit nicht in Berührung 
kommen wollten. Guizot selbst dachte über die Schweizer Wirren ganz 
wie Metternich, desgleichen der streng klerikale Gesandte Graf Bois le 
Comte. König Ludwig Philipp aber, der in Frankreichs auswärtiger Po- 
litik doch stets den Ausschlag gab, zeigte sich bedenklicher, er hoffte das 
freundliche Einvernehmen mit England womöglich wiederherzustellen und 
wünschte jedenfalls eine bewaffnete Einmischung in der Schweiz zu ver- 
meiden. Guizots Note verlangte, daß die Ausweisung der Jesuiten der 
Entscheidung des Papstes unterbreitet werden sollte, der, den Vätern der 
Gesellschaft Jesu wenig günstig, doch nur ungern in diese heiklen Händel 
sich einließ; sie forderte ferner sofortige Entwaffnung beider Teile und 
Anerkennung der Souveränität der Sonderbundskantone. Sie sollte 
mithin den Ausbruch des Bürgerkriegs verhindern und konnte nur dann 
etwas wirken, wenn sie der Tagsatzung noch vor Beginn der Feind- 
seligkeiten eingehändigt wurde. 
Welch eine köstliche Gelegenheit für Palmerston, endlich Rache zu 
nehmen für die spanischen Heiraten! Er brauchte nur die diplomatische
        <pb n="739" />
        Niederlage des Sonderbunds. 731 
Entscheidung, die bei der weiten Entfernung der fünf Höfe ohnehin viel 
Zeit erforderte, noch ein wenig hinzuhalten, bis der Sonderbund durch 
die Waffen der Zwölfermehrheit vernichtet war. Schon im September 
hatte sein getreuer Lord Minto, auf der Reise nach Turin, sich mit 
Ochsenbein besprochen und mit Freuden erfahren, daß der radikale Frei- 
scharenführer zu raschen Schlägen entschlossen war.) Auch der preußi- 
sche Gesandte Sydow beurteilte die Lage richtig; er berichtete heim: jeder 
Tag Zeitverlust beschleunige den Untergang des Sonderbundes. Als 
nun der Herzog von Broglie den Notenentwurf Guizots vorlegte, da 
vermochte Palmerston im ersten Augenblicke seine Schadenfreude nicht mehr 
zu bemeistern, und in einem höhnischen Brieflein gab er zur Antwort: er be- 
wundere die Fassung des Aktenstückes; er sehe wohl, es handle sich um eine 
zweite Auflage der Krakauer Sache, und könne nie seine Hand dazu bieten, 
daß die Schweiz polonisiert würde. Darob allgemeine Entrüstung an den 
großen Höfen; König Friedrich Wilhelm schrieb an Bunsen: „Dieser 
Witz Ihres whiggistischen Freundes schmeckt nach Ubergenuß von Austern 
und Champagner. Er ist das Kind des Guizot-Metternich-Hasses, d. h. 
der schlechtesten Erscheinung auf dem diplomatischen Horizonte seit den 
Juli-Tagen.“*)Indes lenkte der schlaue Lord alsbald scheinbar ein und 
erklärte sich bereit, über eine gemeinsame Note zu verhandeln. Darüber 
mußten wieder viele Tage vergehen, und währenddem ließ der englische 
Gesandte in der Schweiz, der junge mit Ochsenbein persönlich befreundete 
Sohn Robert Peels, den General Dufour vertraulich auffordern, er 
möge so schnell wie möglich losschlagen. Abermals hohe Entrüstung an 
den großen Höfen, als diese neue Treulosigkeit ruchbar wurde; Friedrich 
Wilhelm wollte gar nicht begreifen, daß dieser „Peelbube“ der Sohn des 
Mannes sei, der den Sinn eines Herzogs und das Herz eines Bürgers 
habe.*“) Aber hatten Österreich und Frankreich redlicher gehandelt, 
als sie den Sonderbund mit Geld und Waffen unterstützten? Das alte 
System der bevormundenden Kongresse zeigte sich noch einmal in seiner 
ganzen Unwahrheit. Die Staaten Europas waren durch zu mannigfache 
Interessen miteinander verkettet, der hohe Gerichtshof der Pentarchie 
konnte in irgend ernsten Streitfällen niemals ganz unparteiisch verfahren. 
General Dufour bedurfte der englischen Mahnungen nicht. Er sah 
mit sicherem Soldatenblick, daß er seine große Übermacht sofort ganz 
einsetzen mußte, um den Sonderbund in raschem Anlaufe niederzurennen. 
So ward der Sieg gesichert, eidgenössisches Blut gespart, die Einmischung 
der Fremden abgewendet. Die Truppen der Tagsatzung entwaffneten zu- 
nächst den Kanton Freiburg, sie zogen sodann gegen die Hauptstadt des 
  
*) Bunsens Bericht, 28. Sept. 1847. 
**) Graf Arnims Bericht, 22. Nov.; König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 8. Dez. 
1847. 
*) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 4. Dez. 1847.
        <pb n="740" />
        732 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
Sonderbundes und erzwangen sich den Einmarsch in Luzern durch ein 
kurzes Gefecht an der Reußbrücke bei Gislikon (23. Nov.); darauf wurden 
die Urkantone besetzt, endlich auch das Wallis unterworfen. Das alles 
war das Werk weniger Tage. über alle Erwartung schwach zeigte sich 
die Widerstandskraft des Sonderbundes, nach so mächtigem Parteigetöse; 
er verlor in den sämtlichen kleinen Gefechten dieses kurzen Krieges nur 
50 Tote und 175 Verwundete, die Sieger nahezu das Doppelte. Die 
unbeschränkte Kantonalsouveränität hatte keine Wurzeln mehr im Volke; 
in den großen Verhältnissen des modernen Verkehrs erschien der heimische 
Kanton selbst den Urner und Schwyzer Bauern klein und eng, sie wollten 
für diese versinkende Gewalt nichts mehr opfern. Die nationale Idee 
siegte auch mit geistigen Waffen; die sittliche Ohnmacht des Partikularismus 
wurde hier so unwiderleglich erwiesen, wie späterhin im Mainfeldzuge des 
Jahres 1866. Einige der alten ruhmreichen Herrengeschlechter der Schweiz, 
die Salis, Kalbermatten, Courten versuchten im Heere des Sonderbundes 
noch einmal eine Rolle zu spielen. Doch ihre Zeit war vorüber; das 
Kriegsglück war ihnen nicht mehr hold. Am wenigsten dem unfähigen 
Oberbefehlshaber, dem Protestanten Salis-Soglio und seinem Adjutanten, 
dem Landsknecht Friedrich Schwarzenberg. 
Nach dem Siege konnte der wackere Dufour den wilden kirchlichen 
Haß, der in dem politischen Kampfe mitwirkte, doch nicht überall bändigen; 
in Freiburg zumal wurden Kirchen und Klöster mit bilderstürmerischer 
Wut geschändet und geplündert. Manchen der siegreichen protestantischen 
Kantone erschien dieser Krieg wie eine Vergeltung für die Niederlage, 
welche die Sonderbundskantone vormals dem Reformator Zwingli bereitet 
hatten; so zäh wurden hier dreihundertjährige Erinnerungen bewahrt. 
Darun ließen sich die Züricher von den geschlagenen Luzernern die einst auf 
dem Schlachtfelde von Kappel erbeuteten Waffen Zwinglis wieder ausliefern 
Im Vergleich mit anderen Bürgerkriegen erschien die gewalttätige Roheit 
der Sieger doch nicht unerträglich und nach kurzer Zeit war die Ordnung 
überall wieder gesichert. Unter dem Schutze der eidgenössischen Bajonette 
wurden nunmehr in allen Kantonen des Sonderbundes neue Wahlen 
vollzogen. Die also wiederhergestellte Tagsatzung bestand fast durchweg 
aus Radikalen, sie beschloß sofort, ohne daß der Papst zu widersprechen 
wagte, die 274 schweizerischen Jesuiten aus dem Lande zu weisen, und 
begann sodann an der Reform der Bundesverfassung zu arbeiten. 
Wie lächerlich erschien jetzt, nachdem die Entscheidung längst gefallen 
war, dic endlich vereinbarte Vermittlungsnote der großen Mächte, die am 
7. Dez. überreicht wurde. Palmerston hatte seinen Zweck erreicht und 
erlaubte sich zuletzt noch einen seiner boshaften Scherze. Der große Elchi 
aus Pera, Lord Stratford Canning war mittlerweile als außerordentlicher 
Bevollmächtigter in der Schweiz erschienen und bemühte sich mit englischer 
Sittsamkeit, einerseits die Gesandten der Großmächte milder zu stimmen,
        <pb n="741" />
        Verspätete Vermittlung der Großmächte. 733 
andererseits die Tagsatzung vor der Propaganda des europäischen Radi— 
kalismus zu warnen. Er erhielt den geheimen Befehl, die von Palmer— 
ston mit unterzeichnete Vermittlungsnote nicht zu überreichen, falls der 
Sonderbund unterdessen vernichtet wäre. So blieb England fern, und 
Palmerston erlebte die Freude, daß die vier anderen Mächte allein durch 
eine höflich ablehnende Note der Tagsatzung dahin belehrt wurden: eine 
Vermittlung sei überflüssig, da die zwei Parteien der Eidgenossenschaft 
nicht mehr beständen. Mit lautem Hohne begrüßte der Liberalismus 
überall diese Abfertigung der großen Mächte; sie hatten es durch ihre 
Parteilichkeit dahin gebracht, daß der Untergang des Sonderbundes wie 
eine Niederlage der alten europäischen Ordnung erschien. Thiers sagte 
in der Kammer, die Haltung Guizots sei die lebendige Kontrerevolution. 
Aus Frankreich, aus Süddeutschland, aus Sachsen erhielt die Tagsatzung 
Glückwunsch-Adressen; auch Jacoby mit seinen Königsbergern sprach den 
Schweizern feierlich seinen Dank aus; und Freiligrath sang: 
Im Hochland fiel der erste Schuß, 
Im Hochland wider die Pfaffen. 
Da kam, die fallen wird und muß, 
Ja die Lawine kam in Schuß. 
Drei Länder in den Waffen! 
Die Freiheit dort, die Freiheit hier, 
Die Freiheit jetzt und für und für, 
Die Freiheit rings auf Erden! 
Spott und Hohn brachten die schweizerischen Händel allen Mächten des 
Festlands, dem Könige von Preußen aber auch noch eine schwere persönliche 
und politische Demütigung. An geheimen Waffen- und Geldsendungen 
sich zu beteiligen, war Friedrich Wilhelm zu stolz und zu ehrlich. Um so 
eifriger verlangte er das offene Eintreten des gesamten Europas für das 
bedrohte Bundesrecht der Eidgenossenschaft. Der schweizerische Radikalis— 
mus, der im Grunde den Anschlägen der weltbürgerlichen Propaganda wenig 
geneigt war, erschien ihm wie der unheilschwangere Mutterschoß der euro— 
päischen Anarchie. Schon im Sommer 1846 ließ er nach London schreiben: 
„Die Kantonalsouveränität, wie sie die bestehenden Verträge schützen, auf— 
recht zu halten, ist für Preußen wegen Neuenburgs durchaus notwendig.“ 
Als sich sodann die zweizüngige englische Politik enthüllte, da beschwerte 
er sich bitter, daß Großbritannien seinen besten und treuesten Alliierten, 
Preußen preisgäbe, und Canitz klagte: „Teils leidenschaftlicher Haß gegen 
Guizot und Metternich, teils grundsätzliches Interesse für jeden Kampf 
gegen die bestehende Ordnung unter dem Vorwande des Fortschritts ist 
das Prinzip des britischen Kabinetts, und Bankrott der Legitimität seine 
Firma.““) Wunderbar wie der geistreiche König sich selber ins Gesicht 
schlug. In Wien und Frankfurt vertrat er ehrenhaft die deutsche Bun- 
  
*) Canitz an Bunsen, 27. Juli 1846, 25. Sept. 1847.
        <pb n="742" />
        734 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
desreform, und in der Schweiz bekämpfte er leidenschaftlich politische Ge— 
danken, die doch schließlich auf dasselbe Ziel hinausgingen. Wie oft hatte 
sein Vater einst jeden Eingriff der Westmächte in die deutsche Bundespolitik 
tapfer zurückgewiesen, obgleich die Hauptartikel der Deutschen Bundesver- 
fassung doch auch in der Wiener Kongreßakte verzeichnet standen; und nun 
verlangte der Sohn gemeinsamen Kampf der Großmächte für die unbe- 
schränkte Souveränität von Uri, Schwyz und Unterwalden! Selbst General 
Gerlach, der die „germanomanischen“ Bundesreformpläne seines königlichen 
Herrn schon viel zu kühn fand, konnte die unabweisbare Frage nicht 
unterdrücken: mit welchem Rechte dürfen wir die Westmächte der deutschen 
Bundesreform fern halten, wenn wir sie selbst zur Einmischung in die 
schweizerischen Bundeshändel auffordern? 
Während der König also von einem großen Kreuzzuge der europäischen 
Legitimität wider die radikalen Eidgenossen träumte, verabsäumte er seine 
nächsten landesherrlichen Pflichten gegen das Juraländchen, das seinem 
Herzen am teuersten war und seine schweizerische Politik doch wesentlich 
bestimmte. Mit überschwenglichen Worten lobte er „das wahrhaft erbau- 
liche Betragen, die herrliche reine christliche Gesinnung, die verehrungs- 
würdigste Haltung meines teueren geliebten Neuenburger Landes.“) Und 
er hatte Grund, sich dieser Getreuen zu freuen. Das kleine Fürstentum 
lebte glücklich dahin, eine Aristokratie mit demokratischen Formen, gleich 
dem alten Rom, musterhaft verwaltet, mit allgemeinem Stimmrecht für 
den gesetzgebenden Körper, aber mit unentgeltlichen ÄAmtern, die dem- 
nach ganz in den Händen der reichen Herrengeschlechter blieben. Die 
Freiheit der Niederlassung und des Gewerbebetriebs war so unbeschränkt 
wie nirgends sonst in der Schweiz; eine Menge von Fremden, zumeist 
Schweizer, hatten sich in den Fabrikstädten Locle und La Chaux de Fonds 
angesiedelt; ein volles Drittel der Bevölkerung, mehr als in irgend einem 
anderen Kanton bestand aus Ausländern. Die alten, durch Talent und 
überlieferte Herrscherkunst ausgezeichneten Familien verdienten sich ihre 
Machtstellung täglich durch neue Opfer; Armenhäuser, Irrenanstalten, 
gemeinnützige Stiftungen jeder Art bezeugten den Bürgersinn der Pour- 
tales, Meuron, Rougemont. Der Führer der Aristokratie, Baron Cham- 
brier, der langjährige Gesandte des Fürstentums bei der Tagsatzung, galt 
bei Freund und Feind für einen der ersten politischen Redner der Schweiz. 
Mit rührender Liebe hingen diese ehrenfesten Royalisten an ihrem Herr- 
scherhause; sie brachten den Namen des Legitimismus, der in Frankreich 
und Spanien durch so mannigfache Sünden entwürdigt war, wieder zu 
Ansehen, und selbst als sie nachher von ihrem Fürsten preisgegeben wurden, 
haben sie kaum jemals öffentlich ein Wort des Vorwurfs gegen die Hohen- 
zollern geäußert. Aber jene so gastfrei aufgenommenen Fremden bildeten 
  
*) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 11. Nov. 1847.
        <pb n="743" />
        Neutralität Neuenburgs. 735 
den natürlichen Kern einer im stillen wachsenden demokratischen Oppo- 
sition, die den dynastischen Sinn der Eingeborenen als unschweizerisch, 
den aristokratischen Staatsrat als reaktionär verhöhnte. 
Als der neue König nach dem Dombaufeste das Fürstentum besuchte, 
da jubelte ihm das freie Volk überall so herzlich entgegen, daß jeder Un- 
befangenc fühlen mußte, eine Republik Neuenburg wäre eine ebensolche 
historische Ungeheuerlichkeit wie etwa ein Herzogtum Bern oder ein Fürsten- 
tum Luzern; auch die Gesandten Muralt und Ruchet, welche dem Könige 
die Grüße der Tagsatzung überbrachten, nahmen aus dem wohlgeordneten 
und zufriedenen Ländchen sehr günstige Eindrücke mit hinweg. Nachdem 
der staatsmännische Plan, dem Fürstentum wieder die althistorische Stellung 
eines zugewandten Ortes zuzuweisen, durch Metternichs Gedankenlosigkeit 
leider vereitelt worden war'), geriet der fürstliche Kanton auf der Tag- 
satzung bald in eine tragische Lage. Er stimmte stets untadelhaft nach 
dem Buchstaben des Bundesrechts und hielt treulich das alte Versprechen, 
das die Vertreter der Eidgenossenschaft alljährlich neu beschwören mußten: 
„mit allen Kantonen als gute Verbündete und Freunde zu leben.“ Strenge 
Gerechtigkeit bleibt immer ehrwürdig; doch in Zeiten, die nach der Neu- 
gestaltung eines verlebten Rechts verlangen, wird sie politisch unfruchtbar, 
ja sie ward hier schlechthin unmöglich, seit der kirchliche Streit sich so 
verhängnisvoll mit dem politischen verkettete. Für die rechtswidrige Ver- 
gewaltigung der Sonderbundskantone durften die Neuenburger Konserva- 
tiven nicht eintreten, schon weil die radikale Mehrheit die hohenzollernsche 
Fürstengewalt offen oder heimlich bekämpfte; doch ebenso wenig konnte dieser 
altprotestantische Kanton, dies Land wo einst der Reformator Farel gelehrt 
hatte, die Partei der Jesuiten ergreifen. So blieb nichts übrig als eine 
gefährliche Neutralität, die auch vom Berliner Hofe gebilligt wurde. Als 
nun in der Tagsatzung der Krieg verlangt ward, da sagte Chambrier in 
feuriger Rede (29. Okt. 1847): in diesem gottlosen Kampfe handelt es 
sich weniger um eine Kriegsfrage als um Vernichtung (d'une question 
de meurtre); und doch wollte er sich auch nicht für den katholischen 
Sonderbund erklären, sondern forderte für seinen Kanton Neutralität, 
Befreiung von der Pflicht eidgenössischer Heeresfolge. Die Bitte ward 
natürlich abgeschlagen; vor den Waffen schwiegen die Gesetze. 
Auf diesen entscheidenden Wendepunkt der Geschicke Neuenburgs mußte 
man in Berlin bei einiger Voraussicht längst vorbereitet sein. Dort 
wurden aber die Angelegenheiten des kleinen Fürstentums mit sündlicher 
Sorglosigkeit behandelt. Das neuenburgische Departement des Auswärtigen 
Amts, dem auch der tüchtige Friedrich Chambrier der Jüngere angehörte, 
erledigte die laufenden Geschäfte des Kantons mit der gewohnten preu- 
ßhischen Beamten-Pünktlichkeit. Der einzige Preuße im Kanton, der Gou- 
  
*) S. o. IV. 519.
        <pb n="744" />
        736 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
verneur General Pfuel bekleidete sein jetzt so wichtig gewordenes Amt 
noch immer nur als ein Nebenamt neben seinem westfälischen Kom- 
mando und kam nur von Zeit zu Zeit herüber. Er sah seit Jahren 
richtig voraus, daß eine Versöhnung mit den fanatischen Luzerner Ultra- 
montanen unmöglich, eine Katastrophe unvermeidlich war 7), und konnte 
sich doch als Liberaler kein Herz fassen zu den konservativen Royalisten. 
Canitz aber lebte, wie sein König, ganz in den Berechnungen einer großen 
europäischen Restaurationspolitik, und über solchen erhabenen Plänen ver- 
gaß er das Nächste, die militärische Sicherung des gefährdeten Landes. 
Schon seit Jahren hatten die beiden deutschen Großmächte über einen 
möglichen Einmarsch preußischer Truppen hin und her verhandelt; Metter- 
nich aber kam immer wieder zurück auf den überklugen Satz: eines großen 
Krieges sind diese 80000 Neuenburger nicht wert, und ein kleines Korps 
hilft doch nichts.*) So unterblieb denn jede Rüstung; für die friedens- 
selige Politik dieses Königs war das Wort nicht geschrieben, daß um der 
Ehre willen selbst eines Strohhalms Breite verfochten werden muß. 
Die Neutralität des Kantons ließ sich von Rechts wegen gar nicht 
anfechten; sie ward auch von den altehrwürdigen Kommunalverbänden 
des Landes, den vier Bourgeoisien gut geheißen mit der feierlichen Er- 
klärung, daß man sich von dem angestammten Fürstenhause niemals 
trennen wolle. Zur Teilnahme an einem Bürgerkriege, bei dem beide 
Teile das Recht offenbar verletzten, durfte der Fürst von Neuenburg 
rechtlich nie gezwungen werden; jetzt hieß es einfach: Not kennt kein Gebot. 
Eine Neutralität aber, die nicht durch die Waffen geschützt wird, ist lächer- 
lich, völkerrechtswidrig, eines Königs unwürdig. Und wie leicht konnte 
Friedrich Wilhelm, falls er nur die Augen offen hielt, seine Fürstenpflicht 
erfüllen! Wenn er seine Neuchateller Gardeschützen mit noch einigen an- 
deren Bataillonen rechtzeitig bereit hielt und im Augenblicke der Neutra- 
litäts-Erklärung alsbald einrücken ließ, dann war er seines unbestreitbaren 
Rechtes vollkommen sicher; er konnte dann je nach Umständen entweder sein 
Fürstentum wieder in die freiere Stellung eines zugewandten Orts zurück- 
treten lassen oder sich der neuen demokratisierten Bundesverfassung der Eid- 
genossen anschließen — was unter einigen Vorbehalten wohl möglich war, 
da der Fürst in Neuenburg ja nur sehr bescheidene Rechte ausübte. Die 
befreundeten Höfe von Darmstadt und Karlsruhe mußten seinen Truppen, 
wenn er es ernstlich verlangte, den Durchzug unweigerlich gestatten; nur 
weil Preußen nicht kräftig auftrat, zeigte sich auch Baden ängstlich. Selbst 
Frankreich, das unter anderen Umständen die Anwesenheit preußischer 
Truppen dicht vor seiner Grenze wohl ungern gesehen hätte, war als er- 
klärter Feind der Zwölfermehrheit jetzt nicht im stande, zu widersprechen. 
  
*) Pfuels Bericht an den König, 25. Juni 1845. 
**) Canitzs Berichte, 5. März 1845 ff.
        <pb n="745" />
        Neuenburgs Unterwerfung. 737 
Der alte König hatte nach der Juli-Revolution fast sein ganzes Heer auf 
Kriegsfuß gesetzt, um Deutschlands Neutralität zu schützen; der Sohn wagte 
für die Neuenburger Royalisten nicht einmal eine Brigade aufzubieten 
und jammerte dann noch über seine Ohnmacht. Daß die große Mehrheit 
der Neuenburger die schützenden Truppen ihres Fürsten mit offenen Armen 
aufgenommen hätte, verstand sich von selbst; die Tagsatzung aber konnte 
nimmermehr wagen, zugleich gegen den Sonderbund und gegen Preußen 
zu kämpfen. Solange die Eidgenossen noch nicht wußten, was man diesem 
Könige bieten durfte, hüteten sie sich sorgfältig, seine mächtige Krone 
zu beleidigen. General Dufour weigerte sich entschieden, das Fürstentum 
zu besetzen, obgleich der König es unbeschützt ließ, und selbst der grobe 
Ochsenbein wagte nicht offen zu widersprechen, als der preußische Gesandte 
Sydow zu Anfang Novembers mündlich die tatsächliche Schonung der 
Neutralität Neuenburgs verlangte.“) Die beiden Schweizer wollten er— 
sichtlich abwarten, was das Kriegsglück bringen würde; vor Waffen 
konnten aber nur Waffen sichern. 
Als nun die Eidgenossen siegten, da war der König tief beschämt. 
Nichts, gar nichts hatte er getan, um die Neutralität seines Landes zu 
beschirmen — was doch in ähnlichen Fällen selbst schwache Staaten wie 
Belgien nie verabsäumten. Auch seine Diplomatie verfuhr unbegreiflich 
langsam. Erst am 26. Nov. überreichte Sydow eine Note, welche der 
Tagsatzung ankündigte, daß der König jede Verletzung der Neutralität als 
Friedensbruch und Feindseligkeit gegen sich selbst betrachten müsse; zugleich 
erbot sich Friedrich Wilhelm zur Vermittlung und lud die Eidgenossen 
ein, auf einem europäischen Kongresse, der in der neutralen Stadt Neuen— 
burg abgehalten werden sollte, ihre Klagen und Gegenklagen vorzulegen. 
Was konnte ein solcher Vorschlag fruchten — zwei Tage, nachdem Luzern 
gefallen und der Sonderbund so gut wie vernichtet war? Die Tagsatzung 
lehnte die Vermittlung ab und bestritt dem Könige das Recht in den 
inneren Angelegenheiten der Schweiz mitzureden. Nunmehr mußte auch 
der Kanton für die Schlaffheit seines Fürsten büßen; er wurde von der 
Tagsatzung verurteilt, etwa 440 000 Fr. Strafe für die unterlassene 
Heeresfolge zu zahlen, und schutzlos, wie er war, konnte er sich den völlig 
widerrechtlichen Forderungen der Sieger nicht widersetzen. Dabei verfuhr 
die Tagsatzung noch immer mit einiger Schonung, weil sie den König nicht 
zu sehr verletzen wollte und weil die rechtschaffene Haltung der Neuenburger 
Royalisten doch selbst die radikalen Gegner zur Achtung zwang. Der Kan- 
ton blieb von eidgenössischer Einquartierung verschont; die Strafsumme 
wurde niedrig bemessen, weit niedriger als die schweren, den Sonderbunds- 
kantonen auferlegten Brandschatzungen, und überdies, um die Form zu 
wahren, nur zu Unterstützung der Verwundeten und Hinterbliebenen 
  
*) So erzählte Canitz an Kunyphausen (dessen Bericht, 12. Nov. 1847). 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 47
        <pb n="746" />
        738 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
aus dem Sonderbundskriege bestimmt. Aber indem der König die 
Zahlung dieser Buße genehmigte, hob er doch selbst seine Neutralität 
tatsächlich auf und stellte seinen fürstlichen Kanton wieder unter die 
Obergewalt der Tagsatzung. Gleich darauf, zu Weihnachten 1847, reiste 
der Gouverneur Pfuel heim; der letzte Preuße verließ das Land, und 
sogar der hannoversche Gesandte Knyphausen, der ganz auf Seiten der 
preußischen Krone stand, fand eine solche freiwillige Unterwerfung „wenig 
ruhmvoll“.*) 
Leider entsprach auch die Haltung des preußischen Volkes während 
dieser Wirren seinem alten Rufe nicht. In einer monarchischen Nation 
muß jeder fühlen: meines Königs Ehre ist die meine; sonst bricht der 
Thron in Stücke. Von diesem Schweizerländchen aber wußte die große 
Mehrzahl der Preußen gar nichts. Die liberale Presse beeiferte sich, die 
einfache Sachlage durch staatsrechtliche Bedenken zu verwirren, da der 
Kanton ja nur dem Königshause, nicht dem preußischen Staate angehörte; 
und nachdem der Monarch so blindlings für den Sonderbund Partei ge— 
nommen, verbreitete sich überall die törichte Meinung, die treuen prote— 
stantischen Neuenburger seien Jesuitenknechte. Nicht bloß die Königsberger 
Radikalen jubelten den Siegern von Gislikon zu; auch in Berlin spotteten 
Varnhagen und alle Aufgeklärten über den pfaffenfreundlichen König, ein 
Witzbild stellte ihn mit einem Jesuiten zusammengebunden dar. Daß 
Republikaner einem Fürsten gegenüber immer recht haben müßten, galt 
in diesen ruhigen Tagen für ausgemacht. Ein ritterlicher Zorn über 
die dem Hause Hohenzollern und mithin auch dem preußischen Volke be— 
reitete Demütigung zeigte sich nur in engen Kreisen. 
Derweil der König also an Ort und Stelle gar nichts tat, um seine 
fürstlichen Rechte zu verteidigen, träumte er noch immer von der Ein— 
mischung aller legitimen Mächte. Der große europäische Kongreß in Neuen— 
burg, der die Eidgenossen friedlich zu ihrer alten Bundesverfassung zurück— 
führen sollte, erschien ihm als der Anker der Rettung; und wie sollten 
solche Pläne jetzt noch gelingen, nachdem die Sonderbundskantone sich 
bereits ergeben und der radikalen Mehrheit gehorsam angeschlossen hatten? 
In leidenschaftlichen Briefen an Bunsen verlangte er den Beistand der 
großen Mächte, zumal des geliebten Englands, damit ihm sein Neuenburg 
erhalten bliebe; sonst würde er „kompromittiert“. Daß er schon längst 
kompromittiert war, fühlte er nicht. Auch durch höchst unvorsichtige ver— 
trauliche Briefe suchte er die Königin Victoria und den Prinzen Albert 
zu gewinnen. „J°7 joue cartes sur table“, sagte er einmal, „das tut 
aber nicht gut außer mit seinesgleichen;“*) und doch konnten fürstliche 
Schreiben solchen Inhalts nach englischem Hofbrauche dem feindseligen 
  
*) Knyphausens Bericht, 26. Dez. 1847. 
*7*) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 13. April 1847.
        <pb n="747" />
        Neuer Versuch einer europäischen Intervention. 739 
Whigministerium unmöglich verborgen bleiben. Bunsen selbst war jetzt 
ganz begeistert für die liberalisierende Politik Palmerstons, den er doch 
früherhin wenig geliebt hatte; er fühlte sich glückselig in den fürstlichen 
Schlössern der großen Whigfamilien, er merkte nicht, wie derb diese gütigen 
Gastgeber ihn wegen seines ägyptischen, kirchlichen, philologischen, politi— 
schen Allerweltsdilettantismus verspotteten, und sprach von der unauf- 
löslichen englisch-preußischen Allianz mit einem solchen Feuereifer, daß 
Canitz ihn schließlich sehr ernst zurechtweisen mußte: „Wenn man in Paris, 
in Wien, in St. Petersburg glaubt, daß wir dem Einverständnis mit 
England zu Liebe gemeinschaftliche Sache mit dem dermaligen britischen 
Minister in den schweizerischen, italienischen, überhaupt in allen den 
Händeln machen, wo der Radikalismus seine Fahnen aufpflanzt, so ist es 
meine unzweideutige Schuldigkeit, dafür zu sorgen, daß man wisse: das 
sei nicht die Politik des Königs und Seines Kabinetts, folglich solle und 
könne es auch nicht die Seiner Gesandten sein.“) 
Währenddem war Radowitz, als es längst zu spät war, in Wien 
eingetroffen, um die Berufung der Neuenburger europäischen Konferenz 
durchzusetzen und zugleich die deutschen Bundesreform-Vorschläge seines 
königlichen Herrn zu überreichen. Die deutschen Pläne blieben schließlich 
liegen, um der schweizerischen Händel willen. Über diese aber verständigte 
man sich leicht: nötigenfalls sollte die Einmischung der Großmächte durch 
eine Handelssperre, ja durch die Besetzung der Grenzkantone Tessin, Genf, 
Basel unterstützt werden. Nach solchen Abreden kehrte Radowitz um Mitte 
Dezembers mit dem Grafen Colloredo zurück, um nochmals die Willens- 
meinung des Königs entgegenzunehmen. Friedrich Wilhelm war Feuer 
und Flamme. Er hatte soeben den verdienten Historiker Monnard sowie 
andere durch die Radikalen des Waadtlandes Vertriebene gastlich in Preußen 
aufgenommen und urteilte über sie: „alle sind sie liberale Schweizer; 
was allerdings etwas anderes wie liberale Deutsche heißt, da erstere 
freisinnige Ehrenmänner, letztere meistens ohne Ausnahme konstitutions- 
und majoritäts-anbetende Schöpse oder Intrigants sind.“**) Maßlos, 
bis zur Wut erregt, sah er in Bern das Zentrum des europäischen 
Radikalismus, der durch seine Genossen in ununterbrochener Kette bis 
nach Königsberg wirke; im schlimmsten Falle, so sagte er zu Colloredo, 
müßten Osterreich und Preußen allein das Brutnest der Revolution 
ausnehmen. Zu Weihnachten erschienen die beiden Bevollmächtigten so- 
dann in Paris, um den Boden zu erkunden; Radowitz überbrachte 
ein Schreiben seines Herrschers, das den Bürgerkönig als den erhobenen 
Arm der europäischen Monarchien verherrlichte. 
Mit diesem überschwenglichen Gruße stimmten die unheimlichen 
  
*7) Canitz an Bunsen, 16. Jan. 1848. 
**) König Friedrich Wilhelm an Bunsen, 8. Dez. 1847.
        <pb n="748" />
        740 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
Eindrücke, welche Radowitz in Paris empfing freilich nicht überein. Die 
preußische Gesandtschaft, Heinrich Arnim so gut wie sein erster Rat Graf 
Hatzfeldt, beobachtete mit Entsetzen, wie verblendet dies tugendstolze und 
tugendlose Regiment alle Zeichen der Zeit mißachtete. Die lärmenden 
Reformbankette der Radikalen bekundeten laut den Groll der unvertretenen 
Volksklassen gegen das allein herrschende pays légal; der schmähliche 
Fall des Ministers Teste, die Ermordung der Herzogin von Praslin und 
so viele andere Skandäle in der vornehmen Welt bezeugten, wie tief diese 
Herrschaft des Geldbeutels schon in ihren sittlichen Grundlagen zerfressen 
war. In der Kammer sprach Alexis v. Tocqueville das Kassandra-Wort: 
Sehen Sie denn nicht, daß die politischen Leidenschaften sozial geworden 
sind? wir schlafen auf einem Vulkane! Angesichts solcher Anzeichen sagte 
Guizot erhaben: Es gibt hier nur zwei wichtige Dinge: freie Vollmacht 
von seiten des Königs und die Stimmkugeln der Kammer. Ich habe 
beides, und wenn man sich draußen den Kugeln der Kammer nicht unter— 
wirft, so habe ich Kartätschen, um ihren Entscheidungen Achtung zu ver— 
schaffen. Und im Tone vollendeter Selbstgewißheit gab er den Preußen 
die gute Lehre: sie müßten, nachdem sie den Vereinigten Landtag ge— 
schaffen, nunmehr als Gegengewicht das Präfektursystem einführen; ihre 
kollegialischen Regierungsbehörden seien zu langsam und zu unabhängig.“) 
Ebenso verblendet zeigte sich der Bürgerkönig selbst. Eines Tages wies 
er dem preußischen Gesandten wohlgefällig den Plan von Paris vor: wie 
die Stadt von den neuen Forts so gänzlich eingeschlossen sei; beim 
Straßenkampfe müsse die Nationalgarde vorangehen; zeige sie sich un- 
zuverlässig, so würde sie von den nachfolgenden Linientruppen nieder- 
geschossen. Arnim dachte im stillen: wenn diese ruchlos zuversichtliche 
Regierung dauert, dann lebt kein Gott im Himmel mehr! Er verglich 
dies ideenlose, allein auf die scheinbare Gesetzlichkeit des Jahres 1830 
und auf die bewaffnete Macht gestützte Regiment einer verdorbenen 
Uhr, deren Schlüssel verloren gegangen sei.) 
Ahnlicher Befürchtungen konnte auch Radowitz sich nicht enthalten. 
Indessen wurde am 18. Jan. 1848 von Frankreich, Preußen und Oster- 
reich eine gemeinsame Note unterzeichnet, welche die Eidgenossen auffor- 
derte, die Sonderbundskantone zu räumen und deren Unabhängigkeit an- 
zuerkennen — was im wesentlichen schon geschehen war. Sodann ver- 
langten die Mächte, eine Veränderung der Bundesverfassung dürfe nur 
durch einstimmigen Beschluß erfolgen. Was wollte diese Forderung jetzt 
noch bedeuten? Der Radikalismus herrschte ja schon in der Tagsatzung, 
und außer Neuenburg besaß nur noch der konservative Halbkanton Basel- 
Stadt den Mut, der siegreichen Partei zu widersprechen. Das ver- 
  
*) Hatzfelds Berichte an Canitz, 21. Juli 1847. 
**) H. v. Arnims Bericht, 13. Febr. 1848.
        <pb n="749" />
        Revolution in Neuenburg. 741 
legene Schriftstück bekundete nur die Ratlosigkeit des alten Systems. 
Etwas kräftiger redete nachher eine russische Note vom 13. Febr.; sie schloß 
sich den Erklärungen der anderen Festlandsmächte an und drohte, bei 
längerem Widerstande würde der Zar die Neutralität der Eidgenossen nicht 
mehr anerkennen. Die Tagsatzung antwortete wiederum ablehnend, sie 
berief sich auf ihr Recht, die schweizerischen Angelegenheiten allein zu ordnen. 
Durch diesen Notenkrieg wurde Friedrich Wilhelms Lieblingsplan, der 
europäische Kongreß in Neuenburg, rein unmöglich, und nun blieb nichts 
mehr übrig als die angedrohte Besetzung der Grenzkantone; doch ehe 
man darüber einig werden konnte, brach die Revolution herein. 
Furchtbar mußte König Friedrich Wilhelm für die Fehler dieser 
törichten Interventionspolitik büßen. Seine Neuenburger Royalisten er- 
warteten das Beste von der Einmischung Europas, sie hofften nunmehr, 
bald friedlich aus der Eidgenossenschaft ausscheiden zu können, weil sie in 
ritterlicher Begeisterung ihren Monarchen für unüberwindlich hielten. Wie 
gänzlich verkannten diese Getreuen doch die Lage! Die Tagsatzung selber 
wünschte freilich den gefährlichen Streit mit dem Könige von Preußen zu 
vermeiden. Aber hinter ihr standen die siegestrunkenen Radikalen. Sie 
brannten darauf, die verunglückten Luzerner Freischarenzüge glücklicher zu 
erneuern; sie kannten jetzt Friedrich Wilhelms Mut; sie ersehnten den 
Augenblick, da sie über den unverteidigten fürstlichen Kanton herfallen und 
dieletzte fremde Gewalt, die noch dazu monarchischwar, aus der Eidgenossen- 
schaft hinausfegen konnten. Und dieser Augenblick kam, als die Kunde 
von der Pariser Februar-Revolution eintraf. Am 29. Februar bildete sich 
in La Chaux de Fonds, dem Mittelpunkte der ausländischen Bevölkerung, 
eine provisorische Regierung. Durch Zuzüge aus den Nachbarkantonen ver- 
stärkt, rückte ein Haufe von Freischärlern gegen die Hauptstadt heran; der 
alte Verschwörer Courvoisier, ein Adjutant Ochsenbeins, führte den Haufen. 
Königliche Truppen, die den Aufruhr mit leichter Mühe niederschlagen 
konnten, waren nicht zur Stelle, das kleine Schutzbataillon des Kantons 
vermochte nichts auszurichten und ward aufgelöst. Am 1. März war das 
Neuenburger Schloß in den Händen der Rebellen. Der radikale Vorort 
Bern aber trat die alten Verträge der Eidgenossen mit Füßen; er ver- 
weigerte dem Baron Chambrier den nachgesuchten pflichtschuldigen Bei- 
stand und nahm schamlos Partei für den schlechthin frevelhaften Bundes- 
bruch. Mit seiner Hilfe wurde die Fürstenherrschaft und ihr Staats- 
rat gestürzt, die ehrwürdigen vier Bourgeoisien zerstört, die uralte Ge- 
meindefreiheit vernichtet und durch ein hartes Präfektensystem ersetzt; auch 
die Akademie mußte fallen, denn sie vertrat die Wissenschaft und war 
mithin aristokratisch. Eine rohe Demokratie verdrängte das alte etwas 
steife, aber gerechte, ehrliche, gebildete aristokratische Regiment. 
Und diesem häßlichen Rechtsbruche mußte der unglückliche Fürst, 
der alles selbst verschuldet hatte, jetzt mit gefalteten Händen zuschauen,
        <pb n="750" />
        742 V. 10. Vorboten der europäischen Revolution. 
da die Wogen der Revolution nunmehr auch über ihm zusammen— 
schlugen! Länderverluste und Ländervertauschungen hatte Preußen, wie 
jeder große Staat, in den Wirren schwerer Kriegszeiten schon mehrmals 
ertragen müssen. Das aber war neu, daß ein Hohenzoller sich mitten 
im Frieden ein schönes Land von meineidigen Eidgenossen und einem 
Haufen Aufrührer ungestraft rauben ließ, daß er sich und seine Krone 
einer verdienten Verachtung aussetzte, die noch heute in den Hohnreden 
der sieglosen Sieger fortlebt. Wie oft hatte dieser König in überschweng- 
lichen, fast lästerlichen Worten seinen Untertanen die angestammte Treue 
gepredigt! Und was bot er selbst den Treuesten seiner Treuen in ihrer 
Todesnot? Bitten und Klagen, zerknirschte Briefe, unfruchtbare Ver- 
wahrungen, phantastische Träume europäischer Reaktionspolitik — doch 
wahrlich nicht die schlichte Treue des deutschen Mannes, nicht die Treue 
des Königs, der den Degen des großen Friedrichs führte. Aus Schwäche 
hatte er den Neuenburgern die Treue nicht gehalten; und alsbald beschied 
ihm ein grausames Geschick, daß er selber die Untreue des Berliner 
Pöbels erfahren mußte. Der Sturm brach los; und wie viele Leiden 
und Kämpfe noch, bis sich die Königsmacht der Hohenzollern nach tiefem 
Fall wieder frei aufrichtete. —
        <pb n="751" />
        Beilagen.
        <pb n="752" />
        <pb n="753" />
        XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft. 
Zu Bd. II. 535 ff. 
Aus den Akten des großh. sächs. Geh. Staatsarchivs in Weimar, die ich für die 
vierte Auflage des 2. Bds. benutzen durfte, berichte ich hier noch einige Einzelheiten zur 
Geschichte des Jahres 1819. 
Da die Höfe sich schon seit Stourdzas Schrift und dem Aachener Kongreß sehr 
besorgt wegen der Universitäten zeigten, so benutzte Großherzog Karl August, um sein 
geliebtes Jena vor Argerem zu bewahren, einen von Hannover beim Bundestage an- 
geregten Gedanken und ließ am 11. März 1819, noch vor Kotzebues Ermordung, durch 
seinen Bundesgesandten v. Hendrich den Antrag stellen: der Bund möge Vorschriften 
über die Disziplin der Universitäten erlassen, aber ohne Beeinträchtigung der uralten 
akademischen Freiheit Deutschlands. Im Mai sendete er sodann noch den Geh. Rat 
Conta nach Frankfurt, um diesen Antrag nachdrücklich zu befürworten. Nach Sands 
Tat ließ er durch den Staatsminister Graf Edling dem Bundesgesandten schreiben: „Alle 
Vorfälle, die seit einigen Jahren den unter den Studierenden zu Jena herrschenden Geist 
im Auslande verdächtig gemacht haben, sind durch Ausländer bewirkt worden.“ Sand 
sei mur ein neuer Beleg dafür. (Edling an Hendrich, 28. März 1819.) Demgemäß er- 
ließen der Großherzog und Herzog August von Gotha am 30. März ein Reskript an die 
Universität, worin sie aussprachen, in den Jahren 1816 und 17 hätte die Jugend das 
Vertrauen der Nutritoren nicht getäuscht. Aber seitdem nehme der Geist der Stu- 
dierenden „zu Unserem großen Mißfallen hier und da eine verderbliche Richtung.“ Diese 
Gesinnung „drohe sich täglich mehr auszubreiten. Von ausländischen Universitäten und 
fremden Schulen komme viel dieses Giftes nach Jena“; darum sollten bis auf Weiteres 
Ausländer nur mit besonderer Erlaubnis ihrer Regierung zugelassen werden. 
„Da die bei der Akademie hierauf angestellte Untersuchung unter der Leitung des 
Senats Schwierigkeiten zu unterliegen scheint“, so ernannte der Großherzog am 29. März 
eine besondere Kommission zur Nachforschung nach Sands möglichen Mitschuldigen. Sie 
bestand aus dem Kammerherrn v. Könneritz und dem Regierungsassessor Emminghaus. 
Beide Beamte verfuhren als gebildete, der akademischen Bräuche kundige Männer, ge- 
wissenhaft und wohlwollend, aber auch sehr gemütlich nach der behaglichen thüringischen 
Weise;z es ließ sich nicht verkennen, daß die Regierung die großsprecherischen jungen Leute 
nach Möglichkeit schonen wollte, und mancher von ihnen mag wohl auf einen leisen Wink 
rechtzeitig abgereist sein. Von vornherein wurde die Untersuchung verdorben durch die 
Zersplitterung der deutschen Rechtspflege; denn zur selben Zeit war auch in Mannheim 
eine Kommission zusammengetreten, um den Mörder selbst sowie dessen vermutliche 
Mitwisser zu verhören. Beide Kommissionen handelten ganz selbständig, sie verkehrten 
miteinander nur durch einen umständlichen Briefwechsel, und die Weimarische Kom- 
mission beschwerte sich (12. Mai), daß sie die badischen Protokolle nicht erhielte, während 
sie selbst ihre Protokolle nach Mannheim sendete. 
Der Verdacht richtete sich zunächst gegen Sands besten Freund, den stud. theol. 
Gottlieb Asmis aus Mecklenburg. Der war schon am 27. März, sobald die Schreckens-
        <pb n="754" />
        746 XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft. 
nachricht in Jena eingetroffen war, nach Wunsiedel abgereist, um Sands unglückliche 
Eltern zu unterrichten, und man begnügte sich vorläufig, ohne jeden Erfolg, eine Haus- 
suchung bei ihm vorzunehmen. Erst am 7. April, mehrere Tage nach seiner Rückkehr, 
stellte sich Asmis der Kommission — so gemütlich ging alles zu. Er erklärte unschuldig, 
das Verfahren gegen ihn hätte ihn „frappiert“, darum komme er so spät. Die Kom- 
mission nannte ihn ganz richtig einen gutmütigen, unbedeutenden, sehr unbeholfenen, 
treuherzigen Menschen, der den Mörder herzlich liebe und als politischer Schwärmer 
wohl zu mancher Tollheit fähig sei. Für einige Zeit wurde er zur Untersuchungshaft 
in das Karzer abgeführt. Bei den späteren Verhören stellte sich aber ganz unzweifelhaft 
heraus, daß der junge Mann von den Mordplänen seines Freundes nicht das mindeste 
geahnt hatte, sonst hätte er sie sicherlich vereitelt; „Mord bleibt Mord“ sagte er 
ehrlich. 
Ganz anders verlief die Untersuchung gegen Dr Karl Follen (oder Follenius, wie 
er sich damals noch nannte). Follen trat fest und trotzig auf, mit der Sicherheit eines 
gewandten Advokaten; bei heiklen Fragen zeigte er stets eine erstaunliche Gedächtnis- 
schwäche, die dem berechnenden, willensstarken Manne wunderlich anstand; er spielte mit 
der Kommission wie die Katze mit der Maus. In diesem kleinen Robespierre lag eine 
starke terroristische Kraft. Die Briefe der Freunde nannten ihn oft „einen überwiegenden 
Menschen“, der jeden anderen sittlich zermalmen und zerknirschen könne; einmal baten 
sie ihn, einen hitzköpfigen jungen Genossen von unvorsichtigen politischen Außerungen 
abzuhalten, er allein vermöge das. Da Follen im ersten Verhöre (2. April) sich an nichts 
mehr recht erinnern konnte, so wurde sofort Haussuchung bei ihm gehalten. Er sah 
ruhig mit an, wie der Universitätssekretär und ein Registrator seine Papiere zusammen- 
suchten. Plötzlich nahm er ein Papier aus dem Haufen — ein an ihn selbst adressiertes 
Schreiben aus Eisenach vom Februar — steckte das Schriftstück in die Tasche und er- 
klärte: dieser Brief gehöre seinem Bruder — was sich späterhin als unwahr erwies. Dann 
eilte er aus dem Zimmer und kehrte erst nach einigen Minuten zurück. Nunmehr 
führten ihn die erschrockenen Beamten alsbald wieder vor die Kommission. Hier versprach 
er, seinen Bruder um die Erlaubnis zur Herausgabe des Briefes zu bitten, er ging hin- 
weg und überbrachte nach längerer Frist die Meldung: sein Bruder verweigere die 
Auslieferung. Jetzt endlich gelangte die Kommission zu dem weisen Schlusse: der Brief 
sei wohl schon vernichtet, und man müsse in Eisenach dem wahrscheinlichen Absender 
nachforschen. Follen blieb auf freiem Fuße und benutzte die Zeit, um mit Asmis zu ver- 
handeln. Einige Leute auf der Gasse sahen ihn, wie er aus einem dichtbenachbarten 
Hause, aus dem Fenster des stud. v. Wintzingerode mit dem gefangenen Asmis im Karzer 
sprach; ein Student stand mit am Fenster, mehrere der Zeugen glaubten, das wäre 
Wintzingerode selbst gewesen. Selbst die Kommission konnte sich jetzt der Ver- 
mutung nicht erwehren, daß dort Kollusion getrieben worden sei. Follen aber behauptete, 
er hätte den Gefangenen nur freundschaftlich begrüßt, und als man ihn sodann 
nach jenem Studenten, dem einzigen Ohrenzeugen des Zwiegesprächs befragte, da wurde 
er wieder von seiner krankhaften Gedächtnisschwäche befallen (Protokoll vom 3. Mai). 
Er konnte sich auf den jungen Mann schlechterdings nicht besinnen, und das Gespräch 
war doch erst vor wenigen Tagen abgehalten worden. Tags darauf am 4. Mai wurde 
er von dem Universitätssekretär nochmals vernommen; wieder konnte er sich an nichts 
mehr erinnern, indes versprach er, bis zum Ende der Woche mitzuteilen, ob ihm der Name 
inzwischen eingefallen wäre. Am 7. Mai schrieb er in der Tat an die Kommission: er 
wisse nichts; „die Sache war mir damals so unbedeutend, und mein Gedächtnis ist für 
solche mir unbedeutende Dinge so schwach.“ Der geniale Gedanke, nunmehr Wintzinge- 
rode selbst zu befragen, scheint der Kommission nicht aufgestiegen zu sein; die Protokolle 
wenigstens sagen nichts darüber. 
Bei einem so urgemütlichen Verfahren hatte die grundsätzliche Verlogenheit der 
Unbedingten leichtes Spiel. Aus verschiedenen Anzeichen und Aussagen ergab sich mit 
höchster Wahrscheinlichkeit, daß Follen, obgleich er selbst in beschränkten Verhältnissen
        <pb n="755" />
        XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft. 747 
lebte, dem Mörder das Geld für die letzte Reise gegeben, auch ein Paket mit Papieren, 
die nachher zum Teil in den Zeitungen erschienen, von Sand zur Aufbewahrung er- 
halten hatte. Besonders auffällig war dabei der Umstand, daß Sand, der sonst alle 
seine kleinen Schulden peinlich genau in ein besonderes Schuldbüchlein eintrug, diesen 
letzten und größten Schuldposten nicht verzeichnet hatte. Follen wußte wieder, dank 
seinem schwachen Gedächtnis, nichts Sicheres anzugeben. Sand aber versicherte in den 
Mannheimer Verhören, daß er das Reisegeld von Asmis empfangen und diesem auch 
das Paket übergeben hätte. Das war dem armen A#mis doch zu arg. In höchster Er- 
regung, unter strömenden Tränen beteuerte er wieder und wieder: ich kann das nicht 
zugeben, „selbst wenn ich Sand einen Gefallen damit täte.“ Die Verzweiflung 
des ehrlichen Jungen war offenbar ungeheuchelt, und die Kommission geriet jetzt endlich 
auf die Mutmaßung, welche minder gemütliche Leute wohl schon früher gefaßt hätten: 
daß die Eingeweihten mit ihrem Lügenspiele nur bezweckten, den Kopf ihres Häuptlings 
Follen um jeden Preis aus der Schlinge zu ziehen. Am 28. Mai schrieb sie daher an die 
Mannheimer Kommission: „Könnte Sand nicht vielleicht den Verdacht von anderen, 
die nach seiner Ansicht als kluge umsichtige Männer bei wichtigen Gelegenheiten für 
Deutschland brauchbar und von Bedeutung werden könnten, abwenden wollen und 
vorziehen, einen gewöhnlichen unbedeutenden Menschen, von dem er künftig nichts Großes 
erwartet, vorzuschieben?" Oder Sand hoffe vielleicht, Asmis würde die Schuld freiwillig 
auf sich nehmen — was bei dessen Schwärmerei nicht unmöglich sei — und Asmis hätte 
die Absicht nur nicht verstanden?! 
Unterdessen wurde Follen, da sein hartnäckiges Lügen und seine beispiellose Ge- 
dächtnisschwäche doch verdächtig schienen, am Morgen des 11. Mai endlich verhaftet und 
nach Weimar abgeführt, wo die Kommission jetzt tagte. Bei einer zweiten Haussuchung 
fand man einen langen, überschwenglichen Brief von Sands Mutter an Follen. Die 
unglückliche, verblendete Frau verglich „unseren reinen, großen Märtyrer“ mit Martin 
Luther und schrieb: „In vieler Hinsicht hat er auch gewiß mit diesem ehrwürdigen Re- 
formator in gleichem Schritt, aber nur verschieden gewirkt.“ Das Grab in Mannheim 
wollte sie mit Blumen schmücken lassen, „bis vielleicht einst Deutschland dankbar eine 
Säule setzt“ [was bekanntlich seitdem geschehen ist). Zu Follen sagte sie: „Gott segne 
es Ihnen, der Sie sein Leben mit starker Hand schützen.“ Diese Worte bezogen sich auf 
den im Kreise der Unbedingten oft erwogenen törichten Plan der gewaltsamen Befreiung 
des Mörders. Follen aber erklärte zu Protokoll: das geht auf meine Absicht, für die Tat 
zu schreiben, „eine Verteidigung dadurch, daß sie in subjektiver Hinsicht, nach Sands 
dabei gehabter Meinung dargestellt würde.“ In dem Verhöre vom 11. Mai wieder- 
holte sich das alte Spiel; Follens Gedächtnis blieb unverbesserlich schwach. Als 
ihm Könneritz endlich vorhielt, es spreche nicht zu seinen Gunsten, wenn er auch jetzt noch 
beständig versichere, „daß er sich dieses nicht erinnern könne,“ da erwiderte Follen frech: 
„das sei ihm ein ganz neuer kriminalrechtlicher Grundsatz,“ und protestierte gegen 
die gesamte Untersuchung. Der ganze Hergang beweist schlagend die Vorzüge des 
öffentlich-mündlichen Verfahrens; vor einem heutigen Gerichte hätte sich ein Mann von 
Follens Ruf und Bildung ein solches Spiel auf die Dauer nicht erlauben können. Schon 
Tags darauf, 12. Mai, verlangte Follen durch ein Schreiben an die Kommission seine 
sofortige Freilassung, da er seine Kollegien nicht versäumen wolle, und setzte mit 
kasuistischer Geschicklichkeit auseinander, man könne ihm doch höchstens Unterlassung der 
Anzeige vorwerfen, und diese sei straflos. Infolge dieses Schreibens wurde er noch am 
selben Tage mit Asmis konfrontiert, doch wieder ließ ihn sein Gedächtnis im Stiche. 
Nun ward er freigegeben. In den späteren Verhören (23 Mai, 8. 10. Juni) nochmals 
das gleiche Possenspiel; immer wieder hieß es, „eine genaue Erinnerung ginge ihm nicht 
bei.“ Als Sand endlich einiges von seinen Lügen zurücknahm, da meinte Follen, 
Sand müsse wohl nicht bei Sinnen gewesen sein, und erbot sich zu beschwören, daß er 
jenes Paket von Sand nie erhalten hätte — — ein Eid, der ihm nach dem Grundsatze 
der Unbedingten nicht schwer fallen konnte. Über die Unbedingten sagte er harmlos,
        <pb n="756" />
        748 XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft. 
wie um die Kommission zu verhöhnen: „ein Unbedingter ist ein Mensch, der unbedingt 
nach Ausbildung strebt und unbedingt nach seiner Überzeugung handelt.“ 
Auch der Philosoph Fries wurde verhört (3. April ff.). Er hatte von der radikalen 
Partei in der Burschenschaft keine Ahnung und wollte nicht einmal glauben, daß ein 
engerer Bund bestanden hätte. Aber seltsam, wie stark die Moral der subjektiven Em- 
pfindung, welche die Köpfe der Jugend verwirrte, auch diesen Lehrer betörte. Er meinte 
ganz unbefangen: Sand war von vielen Kommilitonen überzeugt, daß sie zu allem, was 
sie für ebenso gut und heilsam erkännten, ebenso wie er, stündlich und mit Aufopferung 
ihres Lebens bereit seien. Die Verwirrung der Begriffe war allgemein, und nur wenige 
dachten so nüchtern, wie der alte Frommann, der (28. März) seinem Sohne, dem Burschen- 
schafter schriebö: „Und nun unsere jungen Solone und Aristarche! Wie sind sie so selig 
in einer Reihe von Trugschlüssen und Inkonsequenzen; wie verirren sie sich in halb= und 
mißverstandenen Kollegiensätzen; wie fertig sind sie über alle Verhältnisse des Lebens 
und des Staates. Es betrübt mich aufs innigste, es schmerzt mich tief, denn wahrlich, 
so gehen wir einer besseren Zeit nicht entgegen.“ Der turnfreundliche Mediziner Kieser 
wußte auch nichts auszusagen und erging sich schon in jener sinnigen Theorie, welche 
seitdem zum medizinischen Sport geworden ist; er vermutete, Sand wäre wohl geistes- 
krank, vielleicht gar erblich belastet. (Kieser an den Akad. Senat, 4. April.) Ebenso 
fruchtlos blieb ein mit dem jungen Heinrich Leo angestelltes Verhör (3. April). Auch 
der Vorstand der Burschenschaft wurde, auf Befehl Karl Augusts, vernommen, und da 
die Burschenschaft als solche mit den Unbedingten nichts zu schaffen hatte, viele ihrer 
Mitglieder nicht einmal das Dasein des Geheimbundes kannten, so berichtete die Kom- 
mission schon am 28. April dem Großherzog: „Wir können jetzt mit voller Überzeugung 
aussprechen, daß die Burschenschafts-Verbindung und ihre Grundsätze gewiß auch nicht 
den entferntesten Einfluß auf die Sandsche Tat gehabt haben, daß die Burschenschaft 
noch in ihrer ursprünglichen Reinheit besteht, ja daß dieselbe selbst vielleicht in der letzten 
Zeit, wo sie einen größeren Umfang, der Zahl der Mitglieder nach, bekam, einen mehr 
heiteren, der Jugend und der Beziehung, in welcher sie zum Staate steht, angemesseneren 
Charakter annahm.“ Diese wohlwollenden Worte standen allerdings nicht recht im Ein- 
klang mit dem Urteil des edlen Fürsten selbst, der erst fünf Wochen früher öffentlich aus- 
gesprochen hatte, der Geist der Studierenden nehme in der neuesten Zeit hie und da 
eine verderbliche Richtung. Schließlich wurde dem Dr. Follen mit Sicherheit nur das 
eine nachgewiesen, daß er dem Mörder das Reisegeld gegeben hatte; und damit ließ 
sich juristisch nichts anfangen. Zur weiteren Kennzeichnung der damaligen Zustände 
deutscher Rechtspflege diene dann noch die Tatsache, daß Geh. Rat Conta, nachdem er 
von Frankfurt aus die Mannheimer Kommission besucht hatte, die dorthin gesendeten 
Weimarischen Akten in seinem Wagen wieder heimbrachte, weil man solche Papiere der 
Turn- und Taxisschen Post doch nicht gut anvertrauen konnte. (Contas Bericht an den 
Großherzog, 4. Mai 1819.) Es kann nicht die Aufgabe des Histomkers sein, nachträglich 
die Rolle des Staatsanwalts zu spielen. Das Urteil aber, das ich früherhin über Follens 
Charakter und politische Wirksamkeit ausgesprochen habe, muß ich bis auf das letzte Wort 
noch aufrecht halten, seit ich die Weimarischen Protokolle kenne. — — 
Aus mannigfachen Briefen und Erzählungen ist bekannt, wie früh schon der un- 
glückliche Sand sich mit unbestimmten Träumen von einem heroischen Opfertode ge- 
tragen hat. Als weiterer Beleg folgt hier ein Stammbuchblatt, dessen Original mir ein 
befreundeter Leser mitteilt: 
Unser Tod ist Heldenlauf, kurzer Sieg, früher Tod! Tut nichts, wenn wir nur 
wirklich Helden sind. Wenn wir nur ringen im steten Aufschwung und Gebet zum heil'gen 
Vater und in frischer Begeisterung leben für das, was sein Wille ist. Siegen 
werden wir immer, wenn wir nur selbst tüchtig und frisch sind. Früher Tod bricht nicht 
die Siegesbahn, wenn wir nur auf ihr als Helden sterben. So sei denn unser Wahl- 
spruch: Frommen Glauben an Gott demütig bewahren im Herzen undtätig
        <pb n="757" />
        XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft. 749 
lieben seine Sache hier auf Erden, tätig lieben unser Volk und Vaterland. 
Frei müssen wir leben oder frei zu den glücklichen Vätern gehen. Walte Gott mit uns! 
Wenn du einst fest Fuß fassest im Voigtlande, so gedenke deines in gleichem 
Streben begriffenen Nachbars im Fichtelgebirge und halte deutsche Freundschaft 
zum Frommen des Vaterlandes mit deinem 
Jena, d. 21. Juni 1818. Karl Ludwig Sand, 
der G. G. Beflissenen aus Wunsiedel. — — 
Die unschuldigen patriotischen Hoffnungen, welche die Jugend zur Zeit des Wart- 
burgfestes bewegten, finden sich treulich ausgesprochen in einer Weisung, die der Kieler 
Franz Hegewisch seinem jungen Freunde, dem Kieler Studenten Justus Olshausen — 
dem späterhin berühmten Orientalisten und langjährigen Referenten für die preußischen. 
Universitäten — auf die Wartburgsfahrt mitgab. Hegewisch war damals 34 Jahre alt, 
ein gescheiter, menschenkundiger Arzt. Seine Grundsätze erinnern an das bekannte „Glau- 
bensbekenntnis“ des Philosophen Fries; nur sind sie weit klüger, besonnener, politischer. 
Immerhin beweisen sie, in was für verschwommenen hochsinnigen Träumen die ganze 
Zeit noch lebte. 
Vorschlag 
zu einigen Beschlüssen, welche am 18. Oktober auf der Wartburg gefaßt und 
ausgesprochen werden mögen. 
(Gerechtigkeit muß werden auf Erdenl!) 
Gegen den gefährlichsten, gehässigsten Feind ward gekämpft von den Deutschen, mit 
Anstrengung, mit Glück, mit Segen. Aber wofür ward gekämpft? für eine bessere Zeit. 
Die Zeit der Gerechtigkeit soll werden. Nicht vergebens sei das Blut der deutschen Jüng- 
linge geflossen; willig und freudig ward es gegeben, damit das Recht sicher sei vor Ge- 
walt, nicht nur von außen, sondern auch von innen. Wir dürsten nach Gerechtigkeit und 
Ordnung; wir wollen, daß gute Gesetze herrschen. 
Deutschland ist fruchtbar an heldenmütigen Jünglingen, welche froh in den Kampf 
gingen mit dem Feinde der Deutschen, dem Feinde aller Tugend und Wahrheit. Aber 
nimmer wäre der Sieg gelungen, wenn nicht die kampfbegierigen Jünglinge geordnet 
worden, und die gesammelten Kräfte ordnungsmäßig zur rechten Stunde und am rechten 
Orte gewirkt hätten. 
Deutschland ist voll von wohlgesinnten und wohlunterrichteten Jünglingen, deren 
Herz schwellt von Wünschen für das Wohl des Ganzen, deren Ungeduld zu wirken im 
Guten von Tag zu Tage wächst. Soll aber nicht unfruchtbar und ohnmächtig sein der 
reine Wille und die tüchtige Kraft, so müssen diese nicht ins unbestimmte Allgemeine 
streben, sondern sie müssen geordnet und auf bestimmte Ziele gerichtet sein. Künftig 
müssen und werden gesetzliche Wege sein, auf welchen die Wünsche braver unterrichteter 
Männer des Landes zum Fürsten, zur Offentlichkeit gelangen. Das wird künftig sein. 
Da es jetzt noch in dem allergrößten Teile Deutschlands an den gesetzlichen Wegen fehlt, 
da der 13te Artikel der Bundesakte in dem größten Teile Deutschlands noch nicht zur 
Ausführung gebracht wird, so geschehe das Nützliche durch freie Vereinigung der 
Gesinnungen und Kräfte an gewissen Übergangspunkten aus der alten in die neue Zeit, 
so geschehe das Notwendige auf ungewöhnlichem Wege durch freie Beschlüsse der 
versammelten deutschen Jugend am frei gewählten heiligen Orte. Unsere Wünsche und 
Begehren laßt in bestimmte Sätze gefaßt werden, denen die abwesenden Gutgesinnten. 
sich nach und nach anschließen mögen. Dieser unvollständige Versuch, von dem der Ver- 
fasser glaubt, daß er nichts enthält, was mit dem guten Geist der deutschen Bundesakte 
in Widerspruch steht, wird als Vorarbeit bekannt gemacht, damit durch Beratung und 
Beiträge vieler ein vollständiges Glaubensbekenntnis der gegen weltliche Tyrannen Pro- 
testierenden zum künftigen 18. Oktober zu stande komme.
        <pb n="758" />
        750 XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft. 
Grundsätze vom 18. Oktober. 
Die Gelegenheit ist flüchtig, das Leben voll Schwierigkeit; der Geist verduftet; darum 
lasset in guter Stunde gute Entschlüsse gefaßt und als gemeinschaftliche Beschlüsse 
bekannt gemacht werden. 
Wir an der Wartburg versammelten Jünglinge aus vielfachen Gegenden Deutsch- 
lands (hier werden die hauptsächlichsten Flüsse und Berge benannt, aber keine politischen 
Bezeichnungen) haben wohl überlegt, sind überzeugt, stimmen überein und haben be- 
schlossen, wie folgt: 
1. Ein Deutschland ist; soll sein und bleiben. Wir können nicht glauben, daß 
Deutschland aus 38 Inseln bestehe. Wir Deutsche sind Brüder, wir wollen Freunde sein. 
Wenn auf dem Schlachtfelde Deutsche gegen Deutsche kämpfen, so ist's Bruder- 
mord. Wer deutsche Krieger gegen deutsche Krieger führt, der ist des Brudermords 
schuldig. 
Wir versprechen uns gegenseitig, daß wir uns nie mit den Waffen im Felde gegen- 
überstehen wollen; wir versprechen, daß wir nie gegen unsere deutschen Brüder im Felde 
fechten wollen; und machen uns anheischig, allenthalben, soweit wir vermögen, die Lehre 
zu verbreiten und zu verstärken, daß Kampf deutscher Krieger gegen deutsche Krieger fluch- 
würdiger Brudermord sei. 
2. Wir vergessen der für deutsche Freiheit gefallenen Kämpfer nicht. Wir sind 
überzeugt, daß, wenn je in Deutschland die Dankbarkeit gegen diejenigen, durch welche 
Gott uns errettete vom Joch des fremden Tyrannen, erlöschen würde, die Deutschen 
wiederum reif sein würden, in fremde Knechtschaft zu sinken. Die Pflicht, den 18. Ok- 
tober zu feiern, ist Pflicht jedes ehrlichen und frommen deutschen Mannes, jedes ehrlichen 
und frommen deutschen Fürsten. 
3. Die Lehre von der Spaltung Deutschlands in Norddeutschland und Süddeutsch- 
land ist irrig und falsch, ist Lehre aus dem Munde eines bösen Feindes. Wir versprechen 
uns gegenseitig, diese Lehre zu bekämpfen, und das unsrige zu tun, um diese falsche Lehre 
und alles, was künstlicherweise die Teilung Deutschlands noch mehr befördern könnte, 
zu bekämpfen und zu unterdrücken. 
4. Wir, des heiligen ungeschriebenen und des geschriebenen deutschen Bundes, 
welchen die hohen Fürsten und die freien Städte Deutschlands abgeschlossen haben, teil- 
haftige Jünglinge bekennen, von der Wahrheit dieses Satzes und dieser Schlußfolge 
überzeugt zu sein: Wird ein Teil des deutschen Landes angegriffen, von West oder Ost, 
von Süd oder Nord, so wird Deutschland angegriffen, so müßte der Krieg ein Krieg aller 
Deutschen sein. Wir sehen ein, daß, wenn Oder und Rhein nicht sicher sind, keine Sicher- 
heit um Elbe und Donau sein kann. 
5. Soviel uns Gelegenheit gegeben wird, wollen wir, jeder in seinem Kreise, dahin 
wirken, daß Landwehr und Landsturm in Ehren gehalten, ihrer Pflicht immer lebhafter 
bewußt und in den Waffenübungen tüchtig werden. 
6. Wir wollen, soviel an uns liegt, ehren die Könige und Fürsten und Oberhäupter 
der monarchischen Staaten, als dem Ehre gebührt, als welche das Beste ihres Landes 
wollen und nichts anderes wollen können, als von welchen kein Unrecht kommen kann. 
Wir bekennen uns zu der Lehre, daß, wenn nichts destoweniger Unrecht im Namen des 
Jürsten geschieht, die Schuld davon auf die obersten Beamten fällt, welchen Haft und 
Strafe, dem Unrecht angemessen, gebührt. 
7. Dem gerechten, dem edlen Großherzog von Weimar bringen wir unsere Hul- 
digung dar. Möge das Lob der Jugend, welche noch nicht verlernt hat, das Gute und 
Schöne zu lieben, das Hassenswerte zu hassen, ihm eine Vorbedeutung sein für das Lob, 
welches die aller Furcht vor den jetzt lebenden Feinden des Guten entbundene Nachwelt 
ihm geben wird. Er zuerst hat aus tiefer Erkenntnis und Wertschätzung des deutschen 
Volkes, ohne Zwang, ohne Widerwillen, ohne unedle Rücksichten und ngstlichkeiten das 
in Wien, zur Zeit der Gefahr, gegebene Wort der deutschen Fürsten gelöst, und in seinem
        <pb n="759" />
        XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft. 751 
Lande eine verbesserte Verfassung gestiftet, welche das meiste Musterhafte für alle deutschen 
Lande enthält. Wir Jetztlebenden wollen täglich rufen den Spruch: Gott segne Blücher 
und Weimar! 
8. Wenn in fast allen andern deutschen Landen noch gezögert wird, das heilige 
Versprechen des 13ten Artikels der deutschen Bundesakte in Ausführung zu bringen, so 
wollen wir doch nimmermehr verzweifeln an dem feierlich gegebenen Worte der Fürsten 
und Herrscher. Wir wollen vertrauen und eben deswegen mahnen. Das Unheil der 
unabsehlichen Verzögerung werde nicht den Fürsten zur Last gelegt, sondern die Schuld 
davon müssen die Minister tragen. Welcher Minister dem Fürsten anraten möchte, Eid 
und Wort, schnell oder langsam, zu brechen, der wäre Hochverräter. Das Volk hat das 
Recht und die Pflicht, zu bitten, daß der Fürst solchen Minister, der sich des Hochverrats 
schuldig macht, entferne. 
9. Wir wollen gehorchen dem Gesetz, dem vom Oberhaupt des Staates sanktio- 
nierten und ausgeübten, zuvor von erwählten Abgeordneten des Volks öffentlich geprüften 
und beratenen Gesetze; im provisorischen Zustande der ohne Zuziehung der Volksver- 
treter ausgeübten Gesetzgebung wollen wir uns alles sträflichen Ungehorsams enthalten. 
10. Wir erklären, daß wir mit dem Worte „Souveränität“, das vom Rheinbunde 
herstammt, nicht den Begriff von Despotie verbinden können, noch wollen. Wir erklären 
auch, daß wir keine andere wünschenswerte Gleichheit kennen, als die Gleichheit vor 
dem Gesetz, wie sie in England längst bestanden, und für Frankreich in der konstitutionellen 
Charte von Ludwig XVIII. wirklich ausgesprochen ist. 
11. Wir bekennen, daß wir von der Wahrheit des in der Vorzeit Deutschlands 
begründeten Satzes: nicht Auflagen, sondern Abgabenl! überzeugt sind; 
so wie auch von der Wahrheit, daß die Bewilligung der Abgaben nur von erwählten 
Abgeordneten des Volks geschehen könne, und zwar nur für ein Jahr. Wir bekennen, daß 
wir überzeugt sind von der Richtigkeit dieser Schlußfolge: Was jemand besitzt, ist sein 
Eigentum, weil es sein ausschließliches Eigentum ist; Schutz des Eigentumsrechtes ist 
der Hauptzweck des Staates; dieser Zweck würde vernichtet, wenn dem Oberhaupt des 
Staates das Recht zustände, nach Willkür Steuern zu fordern; also kann dem Staats- 
oberhaupt nicht das Recht zustehen, nach Willkür jedem Bürger jedweden Teil 
seines Vermögens abzufordern. Was kann derjenige sein nennen, dem ein anderer ab- 
fordern kann, wie viel, wann, wie oft er will? 
12. Wir erkennen, daß den Besitzern größerer Güter eine ganz vorzügliche Stimme 
gebührt in Beratung über Landesangelegenheiten, entweder nach dem Muster der Wei- 
marschen Verfassung, oder in eignem Senate, worin jedoch nicht Deputierte aller größern 
Gutsherrn sein dürfen. 
13. Wir sprechen laut unseren Abscheu aus vor den Banden der Leibeigenschaft, welche 
noch jetzt auf deutschem Boden unter dem Schein des Rechts besteht. Wir sind überzeugt, 
daß kein Segen über unser Vaterland kommen kann, solange solcher Schandfleck besteht. 
14. Wir erkennen, daß die Gerechtigkeit nicht gebannt ist, noch gebannt werden 
kann in ein anderes deutsches Buch; aber auch, daß sie nicht gebannt ist in ein älteres 
Buch, welches entsprang bei einem Volk, daß in den besseren Zeiten, der Mehrzahl nach, 
aus Sklaven bestand, und in der späteren Zeit gänzlich. Wir bekennen die Meinung, 
das sicherste Mittel zur Förderung des einheimischen Rechts möchte ein Verbot sein, das 
Römische Recht vor Gericht zu zitieren. Wir bekennen, daß wir als wesentliche Ver- 
besserungen betrachten und hoffen: die Einrichtung von Geschworenengerichten, die öffent- 
liche Gerichtspflege, die Aufhebung der privilegierten Gerichtsstände (mit Ausnahme der 
etwaigen Senatoren). 
15. Wir versprechen, daß wir den geistlichen Stand ehren wollen und das unfrige 
tun wollen, damit dieser Stand wieder zu der ihm gebührenden Achtung gelange. Wir 
wollen den arbeitenden Bürger ehren. Wir wollen dem Stolz müßiger Gelehrsamkeit, 
wenn sie nicht mit Tatkraft verbunden ist, keine Nahrung geben durch übertriebene
        <pb n="760" />
        752 XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft. 
Wertschätzung. Wir begreifen, daß die gegenwärtige Zeit mehr das Studium der Moral 
und Politik erfordere als das der Metaphysik. 
16. Wir gestehen, nicht zu begreifen, warum noch jetzt in manchen Teilen Deutsch- 
lands die Abgaben ebenso hoch sind, als die Abgaben an den siegreichen Fremden waren, 
zur Zeit unserer Knechtschaft. 
17. Wir versprechen, daß, wenn einige von uns künftig Staatsämter bekleiden 
werden, kein einziger von uns jemals irgend ein Amt annehmen wolle, welches einer 
geheimen Polizei diene, noch eine Stelle bei der Gendarmerie, noch eine Stelle in einer 
außerordentlichen, widergesetzlichen, richterlichen Kommission, noch das Amt eines Bücher- 
zensors, noch jemals sich dazu brauchen lassen wolle, das Siegel fremder Briefe zu er- 
brechen, den Fall des Krieges ausgenommen. 
18. Wir versprechen, wenn wir künftig in Amter gelangen, das Unfrige zu tun, 
um freiere Gemeindeverwaltungen einzuführen, um sichere Polizei, ohne Gendarmerie, 
einzurichten, um gleiche Münze und Gewicht und bessere Wege und Postordnung in 
Deutschland zu schaffen. 
19. Wir erklären, daß wir uns gänzlich enthalten wollen der Titel: Edelgeboren, 
Hochedelgeboren, Wohlgeboren, sowie auch, daß wir die Namen Mamsell und Madame 
nicht gebrauchen wollen von Frauenzimmern, die unbescholtenen Rufes sind. 
20. Wir erkennen, daß die Deutschen berechtigt sind, anderen Völkern das, was 
sie uns tun, zu vergelten, und daß für das Verhältnis der Völker der oberste Grund- 
satz ist: Maß für Maß, so im Krieg, so in diplomatischen Verhandlungen, so in Handels- 
verhältnissen. 
21. Ebendeswegen erkennen und erklären wir, daß es nicht mit der Gerechtigkeit 
übereinstimmt, wenn eine äußere fremde Gewalt die Regierungsform eines Volkes be- 
stimmen will. 
22. Wir erkennen, daß Deutschland als Wahlreich unglücklich geworden, daß Erb- 
reich große Übel entfernt. Aber so wie die Krone das Eigentum einer Familie sei, so 
sei jedes Eigentum heilig. Die Krone gibt das höchste Recht, weil sie die höchste Pflicht 
auferlegt. Recht und Pflicht müssen immer gleichen Schritt gehen. Wo Recht behauptet 
wird, ohne Pflicht, da ist Vorrecht, das ist, Unrecht. Wo Bevorrechtete sind, da sind auch 
Beeinträchtigte. Der Fürst hat aber das Recht der Krone, weil er die Pflicht hat, zu sorgen, 
daß kein Bürger durch den andern beeinträchtigt werde. Wenn alle Bürger die 
Pflicht haben, die Waffen für das Vaterland zu tragen und diese Pflicht erfüllen, 
so gebührt auch allen das Recht, welches mit Erfüllung dieser Pflicht verbunden 
sein soll. 
23. Wir wollen uns eines friedfertigen Wandels befleißigen und die Streitigkeiten 
untereinander soviel wie möglich schiedsrichterlich entscheiden lassen. Wir erkennen, daß 
weder ernstlicher Zweikampf um kleinlicher Ursachen willen, noch spielender Zweikampf 
wegen schwerer Kränkungen rühmlich ist. Wir versichern, daß wir keiner geheimen Ge- 
sellschaft irgend einer Art angehören wollen, noch die Errichtung einer geheimen Gesell- 
schaft auf einer hohen Schule dulden wollen. 
24. Wir erkennen es für eine der hauptsächlichsten Pflichten jedes deutschen Mannes 
und Jünglings, die eben jetzt dringender ist als je: die Wahrheit zu sagen und laut zu 
sagen, weil und solange die versprochenen regelmäßigen Wege, auf welchen die Fürsten 
die Wahrheit über den Zustand der Völker erfahren können, noch nicht eröffnet sind, 
und weil wir keine geheimen Gesellschaften eingehen wollen. 
25. Wir empfehlen der Weisheit der Regierungen die Betrachtung der Frage: ob 
nicht die größten Schwierigkeiten und Gefahren vermindert würden, wenn der Adel 
wiederum begrenzt würde auf den ältesten des Geschlechts. Ein Edelmann zeugt einen 
Edelmann. Wir beschwören die Fürsten, sich nicht allein mit solchen Ratgebern zu um- 
ringen, welche vom Kastengeist beherrscht, und dadurch unwillig und unfähig werden, 
über die billigen Wünsche und Verlangen des Volkes die Wahrheit zu melden.
        <pb n="761" />
        XXVII. Denkwürdigkeiten des Prinzen Emil von Hessen. 753 
26. Wir bekennen, überzeugt zu sein, daß ein großer Teil der Greuel der fran- 
zösischen Revolution den Jakobinern zur Last fällt, daß aber ein vielleicht nicht geringerer 
Teil der Schuld auf denen ruht, welche sich bemühten, die politischen Veränderungen 
und Verbesserungen, welche die Zeit forderte, zu hindern. Wir bekennen auch die Meinung 
und Überzeugung, daß ein sehr großer Teil des Unrechts und des Übels in der Welt aus 
der geduldigen und trägen Schwäche derer entspringt, welche unrecht leiden ohne die 
gerechten Mittel, welche ihnen zu Gebote stehen, zu ihrem Schutz zu gebrauchen. 
27. Wenn ein gemeinschaftlicher Kampf der Deutschen gegen den Feind bevorstände, 
so wäre gewiß ein gemeinschaftliches Zeichen zu wünschen; welche Farben können passender 
sein als die Farben des Ernstes und der Reinheit, welche Blücher trägt? 
  
XXVII. Denkwürdigkeiten des Prinzen Emil von Hesen. 
Zu Bd. III. 63. V. 561. 
Prinz Emil von Hessen begann im Jahre 1823 Aufzeichnungen aus seinem Leben 
niederzuschreiben, ließ das Unternehmen jedoch leider nach wenigen Bogen wieder liegen, 
Einige mir daraus gütig mitgeteilte Bruchstücke scheinen lehrreich zur Charakteristik des 
Prinzen selbst und der rheinbündischen Höfe. 
  
— — — die Unzuverlässigkeit dieses Erben ldes Kronprinzen Ludwig von Bayern], 
eine Seite, welche nicht leicht jemand mehr wie ich zu erkennen Gelegenheit hatte. Enthu- 
siasmiert, oder wenigstens anscheinend, für die Franzosen, hatte er verlangt, mit den Bayern 
den Feldzug gegen Preußen im Jahre 6 mitzumachen. Im Jahre 9 marschierte er ebenso 
gegen die OÖsterreicher im Tirol. In diesem Jahre sah ich ihn in das Hauptquartier des 
Kaisers Napoléon nach Schönbrunn kommen, wo ich mich auch befand. Letztern im 
Vorzimmer mit Hunderten von Marschällen, Generalen und anderen Offizieren er- 
wartend, erschien der Kaiser nicht sobald, als der Kronprinz auf ihn losging und ihm 
die Hand küßte. JNapoléon umarmte ihn hierauf und sagte: „Ah, bonjour Louis, 
comment cela va-t-il?“ Worauf er weiter zur Parade ging. — Dieses Benehmen war 
nun gerade nicht im vollkommensten Einklang mit dem anno 14 gehaltenen. Da war 
Frankreich und Napoléon eine Abscheulichkeit, der Kronprinz ein deutscher Mann und 
alle diejenigen, welche, sich selbst achtend, das gefallene IJdol nicht mit Füßen treten 
wollten, Verräter oder verdächtige Menschen. So erzeigte dieser enthusiasmierte Held 
auch mir die Ehre, sich im Jahre 15 über mich zu äußern, er wundere sich, wie man mir 
ein Kommando anvertrauen könne, da ich doch ein bekannter Franzosenfreund sei. — 
Und dies am Tisch gehaltene propos fiel in die Zeit, wo der Kronprinz mich mit Freund- 
schaftsversicherungen überhäufte, bei mir zu Mittag aß usw. Als man mir dies propos 
hinterbrachte, konnte ich mir nicht versagen, obige Anekdote dem Erzähler, einem An- 
hänger des Kronprinzen, mitzuteilen, hinzufügend: „Zwar bin ich der bekannte Fran- 
zosenfreund, aber mich so zu erniedrigen, wäre ich nicht fähig gewesen.“ — Nach ge- 
endigter Campagne, wo ich den Theresen= und St. Georgsorden erhalten hatte, sah ich 
den Kronprinzen zu Paris. Eines Morgens kam er zu mir mit gewöhnlicher Freund- 
schaft, mich in seinem stotternden zischenden Organ versichernd, wie sehr ihn meine Successe 
freuten. Ich erwiderte ihm: „Ihre Wünsche sind mir um so werter, als ich Sie ver- 
sichern kann, daß es Menschen gab, die niederträchtig genug waren, das mir erteilte Kom- 
mando als gefährlichen Händen anvertraut zu behaupten.“ Se. K. H. bekam einen roten 
Kopf und replizierte: „In Ihre militärischen Eigenschaften hat gewiß niemals jemand 
Zweifel gesetzt.“ „Nein, aber in meine Ehre, und das war desto schlechter“ war meine 
Antwort. 
  
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 48
        <pb n="762" />
        754 XXVII. Denkwürdigkeiten des Prinzen Emil von Hessen. 
— — — Hierbei erneuert sich in mir das Andenken an meinen Aufenthalt zu Aachen, 
der von nicht unbedeutenden Folgen für mich war. Nach dem Fall Napoléons war ich 
in dem delirierenden Deutschland eine von den Personen, welche als bestimmte An- 
hänger des Kaisers und Frankreichs angesehen und angefeindet wurden. Es läßt sich 
dieses zum Teil durch das Wohlwollen Napoléons gegen mich erklären, welcher gern 
sah, daß iunge Leute, namentlich Prinzen, mit Eifer ihre Pflichten als Soldat zu er- 
füllen suchten, teils aber auch durch die vom Enthusiasmus verworrenen Begriffe. Fast 
allgemein nämlich sah man Verrat gegen Napoléon als etwas sehr Verdienstvolles an. 
Da ich nun vom Großherzog, meinem Vater, dem ich, und nicht den Franzosen diente, 
keinen Befehl zum Ubergehen in die feindlichen Reihen hatte, so konnte mir natürlich 
ein solcher Gedanke nur als verächtlich und meiner Ehre vollkommen unwürdig erscheinen. 
Und doch war es wegen dieser Unterlassungssünde, und daß ich vorzog, meine Pflicht 
erfüllend, als Soldat mich fechtend in Leipzig gefangen nehmen zu lassen, daß man mich 
anfeindete. Nun hatte ich mich späterhin gegen den Kaiser Alexander über mein Be- 
nehmen erklärt und war so glücklich, seinen vollkommenen Beifall deshalb zu erlangen. 
Auch der Kaiser von Osterreich und die Osterreicher überhaupt hatten mich mit viel Aus- 
zeichnung behandelt. In den zwei mit den Aliierten gegen Frankreich gemachten Feld- 
zügen hatte ich das Großkreuz des Leopolds-, das kleine M. Theresien= und das Cor 
Kreuz des St. Georgen Ordens erhalten. Demohngeachtet waren noch eine Menge 
bedeutende Personen sehr gegen mich eingenommen. Ich hielt daher die Vereinigung zu 
Nachen für sehr geeignet, zu beweisen, daß ich fest auftreten könnte, ohne irgend jemand 
scheuen zu müssen. Ich entschloß mich rasch, gegen die Mitte des Kongreß nach Aachen 
zu reisen: — — — — — — — 
Den andern Morgen machte ich sogleich die nötigen demarchen, dem Kaiser von 
Osterreich und dem König von Preußen aufzuwarten. Ersterer empfing mich mit be- 
sonderer Gnade, die sich auch während meinem ganzen Aufenthalt erhielt und selbst 
steigerte, so daß ich alle Woche gewiß zweimal zur Tafel geladen wurde und überhaupt 
von dem K. sowohl wie von allen seinen Umgebungen mit einer vorzüglichen Aus- 
zeichnung und der Herzlichkeit behandelt wurde, die den Osterreichern eigen ist. — Der 
König von Preußen, von Natur wenig demonstrativ, konnte noch immer nicht ganz 
von der früher gegen mich gefaßten prevention zurückkommen und blieb ziemlich steif. 
Vielleicht gelang es mir, während meines Aufenthaltes durch meine Unbefangenheit so- 
wohl als durch Erläuterungen, die ich mehrern von seinen Umgebungen über meine 
frühern Verhältnisse gab, diesen Einbildungen zu begegnen. Wenigstens war bei jeder 
spätern Gelegenheit der Empfang herzlicher und wohlwollender. Es ist unglaublich, wie 
Leute von Verstand verbreiteten Gerüchten Glauben beimessen können, welche nur in 
Pamphlets Platz greifen können und den Stempel der Unrichtigkeit mit sich tragen. 
Dahin gehört die Erzählung, Napoléon habe mir in der Schlacht von Lützen zugerufen: 
„En avant, roi de Prusse!“ So ungereimt und lächerlich diese Angabe war, fand sie 
doch Glauben und wurzelte, wie es scheint, im Gemüt des Königs, welches sich mir, und 
vorzüglich nach meiner Gefangennehmung zu Leipzig, stets abgeneigt bewies. — Kaum 
war ich 8 Tage in Aachen, als in der Antwerpner Zeitung dieses Märchen neu aufge- 
tischt wurde. Ich nahm indes von diesem unangenehmen, vielleicht durch Bosheit herbei- 
geführten Ereignis Gelegenheit, F. Metternich, Fürst Hardenberg und vielen andern 
ganz natürlich über die Wahrheit meiner Verhältnisse zu den Franzosen zu sprechen über 
mein eingehaltenes Benehmen und hatte den großen Triumph, nicht nur die Zustimmung 
aller dieser Männer zu erlangen, sondern von dieser Zeit eine Art von Geneigtheit zu 
beobachten und, was mehr war, eine Achtung, die zu erlangen mein Bestreben von An- 
fang an sein mußte.
        <pb n="763" />
        XXVIII. Die Ermordung des Studenten Lessing. 75 
□ 
XXVIII. Die Ermordung des Studenten Lessing. 
Zu Bd. V. 606. 
Über die rätselhafte Ermordung des angeblichen Spions Lessing (1835) konnte 
ich im 4. Bande nur ein Non liquet aussprechen, da mir die dürftigen Ergebnisse der 
überaus nachlässig geführten gerichtlichen Untersuchung ebenso unzuverlässig schienen wie 
die leidenschaftlichen Behauptungen der zahlreichen infolge der Bluttat erschienenen 
Parteischriften. Neuerdings habe ich jedoch im Berliner Geh. Staatsarchiv eine Reihe von 
Aktenstücken aufgefunden, welche mindestens über Lessings Persönlichkeit und politische 
Haltung sichere Auskunft geben. Hier der wesentliche Inhalt. 
Von dem Frankfurter Attentate war der preußische Polizeiminister schon mehrere 
Monate vorher unterrichtet; er machte darüber dem Auswärtigen Amte ausführliche Mit- 
tejlungen, die nach Frankfurt weitergegeben wurden. „Bei aufmerksamer Beobachtung“ 
hätte alles entdeckt werden können; so sagten die Minister Kamptz, Mühler, Rochow in 
ihrem nachträglichen Berichte an den König vom 26. Mai 1834. Sie erwarteten, „daß 
die Frankfurter Behörden Sicherheitsmaßregeln treffen würden. Dies war aber keineswegs 
der Fall. Selbst nach den bestimmten und ausführlichen Anzeigen, welche dem Magistrat 
in Frankfurt a. M am Tage der Meuterei zugingen, konnte derselbe zu keinen ange- 
messenen Maßregeln bewogen werden.“ Hier wird also die von mir (IV. 300) ausge- 
sprochene Vermutung bestätigt, daß der Wachensturm vom 3. April 1833 nicht durch 
die arglistige Berechnung der Bundesgesandten gefördert, sondern einfach durch die Schlaff- 
heit der Frankfurter Behörden ermöglicht wurde. Angesichts dieser Schwäche der süd- 
deutschen Polizei, meinte die preußische Regierung sich umso mehr zur Wachsamkeit ver- 
pflichtet. Schon am 14. April 1833 wurden die Minister Wittgenstein, Lottum, Brenn 
durch Kabinettsordre beauftragt, wegen des Frankfurter Attentats „in fortlaufende ver- 
trauliche Besprechungen zu treten.“ 
Nachdem verschiedene polizeiliche Maßregeln getroffen waren, berichtete Minister 
Brenn: der wegen politischer Umtriebe verhaftete stud. Ludwig Lessing, jüdischer Religion, 
aus Freienwalde a. O. hätte sich am 6. Nov. gegen den Polizeipräsidenten zu Protokoll 
erboten, „Entdeckungen“ zu machen. Der König verfügte darauf (Kabinettsordre an 
Brenn, 9. Nov. 1833): bewahrheiten sich die Mitteilungen des Lessing, „so will Ich dem- 
selben Befreiung von aller Strafe und Unterstützung zur Fortsetzung seiner Studien 
zusichern.“ Nun folgten lange Vernehmungen. Am 11. Jan. 1834 wurde berichtet, 
daß Lessing die gewünschten, zuveclässigen Anzeigen erstattet hätte. Alsbald befahl der 
König (Kabinettsordre vom 18. Jan. 1834 an Brenn, Kamptz, Mühler), 200 Tlr. für 
das laufende Studienjahr Lessings zu zahlen, und genehmigte zugleich, daß er „in der 
von Ihnen vorgeschlagenen Art verwendet werde“. Lessing wurde dann am 11. Febr. 
aus der Untersuchungshaft entlassen (Schlußprotokoll vom 11. Febr.) Der Polizei- 
präsident Gerlach vermahnte ihn, über die Untersuchung zu schweigen und sich von Um- 
trieben fernzuhalten; er gab ihm einen Ministerialpaß nach Karlsruhe und bemerkte 
dazu kurz, daß Lessing später vielleicht nach der Schweiz, nach Italien oder Frankreich 
reisen würde. (Gerlachs Bericht an Brenn, 10. März 1834.) 
Demnach steht außer Zweifel, daß Lessing ein preußischer Spion war, wie der be- 
rüchtigte Conseil ein Spion Ludwig Philipps, und die Versammlungen des jungen 
Deutschlands in der Schweiz nur besuchte, um auszuhorchen und Bericht zu erstatten. 
Mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich ferner schließen, daß Lessings Ermordung wirklich 
— wie man sogleich in weiten Kreisen annahm — eine Tat politischer Rache des jungen 
Deutschlands gewesen ist. Allerdings wurde die Leiche beraubt aufgefunden. Aber unter 
den Genossen des jungen Deutschlands in Zürich befanden sich mehrere ganz verkommene 
Leute; unmöglich ist es also nicht, daß der oder die Mörder, indem sie einen politischen 
48
        <pb n="764" />
        756 XXIX. Europäische Politik des Zaren Nikolaus. 
Feind vernichteten, nebenbei die Gelegenheit zu einem kleinen Raube benutzt haben. Des 
Mordes angeklagt wurde der württembergische Jude Aldinger, ein verworfener Mensch, 
der sich unter dem Namen eines Barons v. Eyb in Zürich umhertrieb und zu den 
eifrigsten Mitgliedern des jungen Deutschlands gehörte. Trotz starker Verdachtsgründe 
konnte jedoch kein zwingender Beweis erbracht werden. 
Das Erstaunl'chste bei diesen widerwärtigen Vorfällen ist aber die Tatsache, daß 
die preußische Gesandtschaft in der Schweiz kein Wort von Lessings polizeilicher Tätigkeit 
wußte. Am 2. Nov. 1834 übersendete Legationsrat v. Olfers aus Bern dem Aus- 
wärtigen Amte eine Liste der bei den schweizerischen Umtrieben beteiligten Deutschen. 
Darin stand als Nr. 9 der stud. L. Lessing, Hauptleiter der Handwerksvereine; und dazu 
die unschuldige Bemerkung: „einige der Handwerker sehen ihn für einen Polizei-Spion 
an.“ Nach Lessings Ermordung berichtete der Gesandte Rochow (Zürich, 6. Nov. 1835) 
ganz unbefangen über die unheimliche Tat und sagte: man behaupte, der Ermordete sei 
ein Preuße, die Gesandtschaft wisse aber nichts darüber, da er sich nie bei ihr gemeldet 
hätte. Lessing muß also seine Berichte hinter dem Rücken der Gesandtschaft gradeswegs 
nach Berlin gesendet haben, vielleicht an den bekannten Geh. Rat v. Täschoppe, dessen 
Name auch in diesen Akten — allerdings nur bei Gelegenheit formaler Geschäftssachen 
— mehrfach vorkommt. Auch nachher verblieb Rochow noch lange in seiner glücklichen Un- 
wissenheit. Als sich herausstellte, daß Lessing ein Preuße war, und die Berliner Re- 
gierung, aus guten Gründen, diesen Mord alsbald für eine politische Rachetat erklärte, 
da wurde der Gesandte beauftragt, die Verfolgung des Verbrechens nachdrücklich zu be- 
treiben (Schreiben der drei Minister an Ancillon, 31. Jan. 1836). Er beklagte sich bitter 
über die unglaublich schlechte, fast unehrliche Untersuchung; er meinte, der Unter- 
suchungsrichter bemühe sich mehr, zu erfahren, wer Lessing gewesen sei, als wer ihn er- 
mordet hätte. Erst ganz zuletzt, als der Prozeß mit der bedingten Freisprechung des An- 
geklagten Aldinger geendet hatte, scheint Rochow, der sonst über schweizerisches und süd- 
deutsches Parteileben gut Bescheid wußte, endlich einen leisen amtlichen Wink erhalten 
zu haben. Jetzt schrieb er: die radikalen Schweizer hielten den Ermordeten für einen Spion 
und Agent provocateur Preußens, „indessen wird das Publikum keine Beweise gegen 
Lessing, sondern nur Verdachtsgründe finden. Besondere Gründe — politische Verbin- 
dungen einflußreicher Männer mit politischen Sekten“ — haben den schlechten Gang der 
Untersuchung verschuldet. (Rochows Bericht, 13. Aug. 1837.) Der ganze Briefwechsel 
zeigt anschaulich, daß die Regierung eines ehrenhaften Staates ihre eigenen Beamten 
hintergehen muß, wenn sie das immer zweischneidige Mittel der geheimen politischen 
Polizei anwendet. — 
  
XXIX. Europäische Politik des Zaren Uikolaus. 
Zu Bd. V. S. 118. 
Meinem Freunde, Th. Schiemann, verdanke ich die Kenntnis des merkwürdigen 
Rechenschaftsberichtes über Rußlands auswärtige Politik, welchen Graf Nesselrode zum 
fünfund zwanzigsten Jahrestage der Thronbesteigung des Zaren Nikolaus erstattete. So- 
eben ist zwar, wie ich höre, in der „Russkaja Starina“ eine russische Übersetzung des 
Aktenstückes erschienen; da die Denkschrift jedoch in solcher Gestalt den Deutschen so gut 
wie verborgen bleibt, so wird die Mitteilung des noch ganz unbekannten französischen 
Originals meinen Lesern willkommen sein. 
1825—1850. 
Sire, Vingt-cing années viennent de s'écouler depuis due V. M. a pris en 
main le timon de ’Empire.
        <pb n="765" />
        XXIX. Europäische Politik des Zaren Nikolaus. 757 
Elles ont é#é riches et fécondes en évé nemens politiques importans pour 
le monde et pour la Russie. 
Ouvert au dedans sous les auspices de la fermeté et du courage personnel, 
Votre regne s'annonçait non moins digne au dehors. 
Le premier acte politique de V. M. I. fut dicté par la religion et Phumanité. 
Vos correligionnaires de Grece allaient succomber à la ruine inévitable 
dont les menaçait le glaive Egyptien. Un protocole mémorable est venu les 
sauner Tune guerre Textermination, leur assurer une administration indépen- 
dante, et preéparer les transactions successives qui, depuis, ont apellé la Grece 
au rang des nations. 
La Perse qui, deès Votre avenement au tröne, avait rompu sans aucun 
motif les noeuds du traité de Gulistan, forcée par une suite Texploits rapides, 
à signer la paix de Tourkmantchay; la Turquie chätike également, apres deux 
campagnes victorieuses, de ses injustes provocations, la bataille de Koulewtcha, 
le passage hardi des Balkans, Pentrée de nos troupes à Adrinople, suivi presque 
immédiatement du traité dui porte ce nom, ce sont Ià des faits dont Thistoire 
ne perdra point le scuvenir. Elle proclamera plus haut encore la modération 
avec laquelle V. M. I. voulut bien user de Ses succès. Bientöt les bouleverse- 
mens amenés en 1830 par la chüte de la branche ainée des Bourbons ont ouvert 
une Période nouvelle à la politigue de V. M. II8s ont imprimé à Son rèégne le 
Véritable caractère dui le distinguera dans Pavenir. A la suite de ces révo- 
lutions, Elle est devenue pour le monde le représentant de Pidée Monarchique, 
le soutien des principes d’ordre et le défenseur impartial de I’équilibre Européen. 
Mais de laborieux efforts, une lutte sans cesse renaissante étaient attachés à 
ce noble röle. V. M. I. a su accepter avec constance les travaux du'’il Lui im- 
bosait. Entrainé par Iexemple contagieux de la France et de la Belgique, le 
Royaume de Pologne s'était révolté contre Pautorité lEGgitime. II a été réduit 
à PTobéissance et rattaché au corps de PEmpire par un lien désormais moins 
Drécaire et plus solide. La Hollande était sacrifiéce, dans son conflit avec les 
Belges, à Textréme partialité de la France et de PAngleterre. Si notre éGloigne- 
ment géographique et la timidité de nos alliécs n’ont malheureusement pas permis 
dwelle conservät la possession intacte des provinces qui formaient jadis avec 
elle cle Royaume des Pays-Bas, au moins I’appui de V. M. et Son insistance 
CGnergique ont-ils servi à obtenir au Roi de meilleures conditions territoriales, 
allégé le poids de ses sacrifices pécuniaires, modifi ce qdue les clauses qu'’on 
voulait lui imposer présentaient de trop onéreux pour ses intéréts financiers et 
commerciaux. Partout o# chancelaient les trönes, ou la société minée fléchissait 
sous Peffort des doctrines subversives, le bras puissant de V. M. se fait deviner 
ou sentir. Dans les qduestions révolutionnaires dui tant de fois ont agité Es- 
Pagne, le Portugal, I’Italie, la Suisse, I’Allemagne, Elle a Ccombattu pour la méme 
cause, prenant tour à tour PFiniative ou Pabandonnant à Ses alliés, selon les 
lieux et la distance, suivant les plus ou moins d’extension que comportait Son 
action matérielle. Neutraliser autant due possible Halliance funeste dui s’était 
C( tablie entre la France de Juillet et I’Angleterre libérale: S'opposer à la mise en 
pratique de ce principe de non intervention, que, tout en le violant elles-mémes 
les premières, les deux puissances prétendaient imposer aux Cabinets conserva- 
teurs, toutes les fois qu’une insurrection éclatait dans leur voisinage: soutenir 
le courage vacillant des deux grandes Cours monarchiques; arréter de concert 
avec eux un système d'’action Commune, en y ralliant sous leur influence les Etats 
du second rang, telle a été la täche constante du'a poursuivi V. M. Gest dans 
ce but qu'’ont é6té conçues les mémorables transactions de München-Graetz et 
de Toeplitz — transactions qui, plusieurs années de suite, ont opposé une digue
        <pb n="766" />
        758 XXIX. Europäische Politik des Zaren Nikolaus. 
aux flots de la démocratie toujours croissante, é6erasé insurrection polonaise à 
Cracovie, en Galicie, à Posen, chaque fois qu’'elle se réveillait, et maintenu le 
repos intérieur des Btats Plus immédiatement placés dans le rayon Dinfluence 
morale de la triple alliance monarchique. 
Mais, à coté des questions sociales, s'élevaient vers le méme temps de 
graves affaires politiques et dans ces dernières le röle de V. M. I. n’a ét#é ni 
moins actif ni moins Cminent. Elle achevait Preuvre importante de la création. 
de la Gréce, lui donnait un gouvernement monarchique, un roi, une dynastie 
héréditaire, des frontières, des moyens d’existence, qu'Elle augmentait par une 
Cmission successive des diverses séries de Sa quote part de Pemprunt. Elle 
sioccupait des mesures à prendre pour régler Fordre de succession au tröne et 
Pour mettre en harmonie le culte religien du Monarque avec celui de ses sujets. 
Elle défendait le nouvel état contre les exigences, fondées quelquefois, plus 
Ssouvent rigoureuses, du Cabinet Britannique; réprimait les velléités envahissantes 
de la Gréce et cherchait à la maintenir en bonne intelligence avec sa voisine, 
la Turquie. Cest à cette période également due se rattachent de pénibles et 
äpres discussions avec DAngleterre, au sujet des affaires de l’Affghanistan, et 
les efforts heureux de V. M. I. pour reconcilier cette puissance avec la Perse, 
comme aussi pour empécher celle-ci de rompre avec le Sultan. Mais de toutes 
les duestions Orientales due cette 6poque a fait surgir, soit en Asie, soit en 
Europe, celles qui concernent PEmpire Ottoman ont néecessairement occupé, 
Sire, Vos plus vives sollicitudes. Evitant avec soin de se lier par une garantie 
territoriale vis-à-vis un Etat en décadence, pour ne point enchainer d’avance 
Tavenir de la Russie, le Principe de V. M. a toujours été de maintenir dans le 
présent Pintégrité de possessions Ottomanes, — le voisinage de cet Etat, dans la 
Situation Tinfériorité comparative on nos conqustes antérieures Tont laissé, 
offrant, dans les circonstances actuelles, la combinaison la plus favorable à nos 
intéréts commerciaux et politiques. Etrange effet des reviremens amenés par la 
fortune dans les positions respectives. La Puissance du'on regardait jadis comme 
Tennemi naturel de la Turquie en est devenu le plus ferme soutien et Tallié le 
plus fidele. 
Deux fois à six ans d’intervalle, assailli par Fambition d’un vassal révolté, 
TEmpire Ottoman s'est vu menacé d’une dissolution presque inévitable. Deuxz 
fois il a dũ son salut à Tintervention décisive de V. M. La premiéère de ces 
deux crises a donnd au monde un spectacle inouf dans ’histoire: elle a montré 
nos guerriers Russes campant en libérateurs sur les rives du Bosphore, en face 
de cette méme capitale, que tant de fois, et naguère encore, ils avaient fait 
trembler dans ses murs. La seconde, moins brillante peut-étre, a produit des 
résultats plus solides. Elle a expulsé de la Syrie, pour la confinir désormais 
dans les limites restreintes de IEgypte, cette nouvelle puissance Arabe que les 
ennemis de la Russie avaient un moment songé à substituer sur le Bosphore 
au pouvoir déchu de la Porte Ottomane, pour en faire dans ’avenir une téte 
de pont contre nous. Le traité d Unkiar-Skelessi, Contre lequel avaient en vain 
protesté la France et I’Angleterre, annulé en apparence, a été6 perpétué réelle- 
ment sous une autre forme. En interdisant Pentrée des Dardanelles aux vaisseaux 
de guerre étrangers, le nouvel acte dui la remplacé, reconnu par toutes les 
Puissances, nous assure dorénavant contre toute attaque maritime. Enfin, un 
résultat des plus importants pour nous à cette 6poque est sorti de cette com- 
plication d’Orient. C’est la dissolution de cette Alliance Anglo-Française, si 
hostile à nos intéréts politiques, si fatale pour la situation des gouvernements 
conservateurs. Rompue sous les Whigs en 1840, renouée plus tard avec effort 
par le Ministère Tory, elle n’a plus trainé dèes lors qu’une vie précaire et in-
        <pb n="767" />
        XXIX. Europäische Politik des Zaren Nikolaus. 759 
offensive et n’a végété quelqdue temps sous le nom specieux d’entente cordiale, 
que pour se briser de nouveau avec plus d’éclat encore, contre la duestion des 
mariages Espagnols. 
De cette 6poque à 1847 un état de calme comparatif a regné sur la société 
Européenne, et V. M. avait puissamment à ’affermir, en supprimant, de concert 
avec Ses Alliés de Prusse et d’Autriche, la république de Cracovie, ce perpétuel 
foyer des conspirations polonaises. 
Mais le feu révolutionnaire, un moment dérobé aux Fyeux par la question 
d’Orient et ses suites, n’était du’endormi sous la cendre. Les instances de V. M. 
ne purent engager les Puissances à le réprimer par la force en Suisse, et en 
1847, Cvoqué tout-à-Ccoup en Italie par un imprudent Pontife, on I’a vu, P’année 
suivante, eéclater avec une telle force que non seulement le tröne de Juillet a 
disparu dans cette explosion soudaine, mais due les Monarchies les plus vieilles 
et en apparence les mieux assises en ont été bouleversées jusque dans leurs 
fondements. 
Et pourtant, Sire, de cette crise devastatrice qui menacait notre tranquillité 
interieure, qui nous laissait sans Alliès en Europe parmi les peuples et les 
Gouvernements, datera pour V. M. I. une position plus grande et plus forte due 
celle méme qu'’Elle occupait jusqu'alors. Cette mission conservatrice, ce röle 
de sauveur de Pordre due deès H’année 1830 la Providence Vous avait assigné. 
les Cvé nements de 1848 n’auront servi qu’à ägrandir. Ce résultat est dü au 
coup d'’ceil calme avec lequel V. M., sans précipitation, cromme sans faiblesse, 
Ga laissé Passer les Premiers effets de la tempéte Européenne, attendant Pour 
entrer en scône le jour et Uheure due Sa haute sagesse Lui avait marqués. 
Restée seule debout sur les ruines des vienx Etats du continent, Elle receuillait 
Ses forces en silence, pour les employer, S'il le fallait, à déefendre d’abord vigou- 
reusement TPintégrité de Son territoire et les faire servir plus tard au salut des 
autres Gouvernements. Tandis qdue la Grande Bretagne, é6garée par une politique 
égoiste, profitait du chaos général pour y semer de nouveaux germesde désordre 
et ne signalait Sa. Eaissanes qdue par Foppression des petits Etats, V. M. nw’em- 
ployait la Sienne qu'à calmer et à tempérer, interposant Sa voix en 
faveur du droit et de la faiblesse, et quand Elle ne pouvait les soutenir par Ses 
armes, leur prétant Son appui moral; proclamant le respect des traités et de 
Tétat de possession qw’ils consacrent; évitant sagement d’ajouter, par des 
provocations gratuites, à Peffervescence des passions; mais aussi agissant avec 
Promptitude du moment qu’'elle pouvait agir, et frappant Tanarchie là c# elle 
pouvait étre frappée. Gest ainsi qusen dépit de I’Angleterre, en dépit de la 
Porte elle-méme, aveuglée sur ses propres intéréts, Elle a réprimé en Valachie 
par la force des armes une insurrection qdui, dirigée en apparence contre nous- 
mémes, menacait en réalité la sécurité de PFEmpire Ottoman. C'’st ainsi que 
par la seule puissance de Sa parole, Elle a maintenu, en ltalie, P’intégritée du 
Royaume des Deuzx-Siciles contre le mauvais vouloir du Gouvernement Britan- 
nique, et dans le Jutland et les Duchés celle de la monarchie Danoise, contre 
les prétentions arrogantes de la démocratie Allemande, et lambition moins ouverte 
du Gouvernement Prussien. C’est encore ainsi que récemment Elle plaidait 
hautement la cause de Pindépendance de la Grece, comme celle de Naples, et 
de la Toscane, attaqguées par les procédés arbitraires du chef de la politique 
Anglaise, et faisait rentrer I'Angleterre en elle-méme, en lui adressant à la face 
de I’Europe un language réprobateur. Par sa simple et seule attitude envers 
la France et la Grande-Bretagne, Elle mettaijt IAutriche en état de reconquérir 
Sans entraves le royaume Lombardo-Vénitien, la sauvant de sa propre faiblesse 
en refusant de prendre part à tout projet de médiation qui Veüt dépouillée d’une
        <pb n="768" />
        760 XXIX. Europäische Politik des Zaren Nikolaus. 
partie de ses possessions Italiennes, assurait d’abord ses derrières dans sa lutte 
contre DPinsurrection Madjare, jusqu’à ce qu'’enfin apparaissant armée sur les 
champs de bataille de Hongrie, Elle a relevé sur sa base Punité de la Monarchie 
Autrichienne, rétabli de ce cöté D’équilibre qui chancelait et rendu au cabinet 
de Vienne sa pleine liberté d’action pour revendiquer sa part Egitime dans le 
travail de réorganisation qdui agite en ce moment Pancienne Confédération Ger- 
manique. 
Enfin, Sire, par les négociations entamées sous Vos yeux à Varsovie, V. M. 
vient de mettre le sceau à ce caractère de modérateur due les éCvénements Lui 
défèrent, et que PEurope se Sent contrainte ou empressée à Lui reconnaitre. 
Elle y a vu les deux grandes puissances de PAllemagne La prendre pour juge 
de leurs différends et pour arbitre de leur cause. Ses conseils, ses exhortations, 
les conditions du VEElle a mises à Son concours ont eu presque immédiatement 
pour effet d’opérer un rapprochement entre des droits ou des prétentions jusque-- 
IA restés inconciliables; et si les passions populaires ne viennent point troubler 
’accord prét à s’établir entre les Gouvernements, V. M. aura eu Phonneur d’avoir 
préservé tout à la fois I’Allemagne d’une nouvelle guerre de trente ans et l'Eu- 
rope Tune conflagration générale. 
Tose donc ici le répéter: depuis 1814 la position de la Russie et de son 
Souverain n'a 66 ni plus belle ni plus grande. 
Associé par les fonctions du'a daigné me continuer V. M. en succédant à 
Son Auguste Frère à Phistoire des vingt-cinq années, dont je viens d’esquisser 
les principaux traits: humble instrument de Ses desseins et organe de Ses 
pensées politiques, j’aurais désiré, Sire, en Vous scumettant ce tableau rapide 
et succinct, lui donner T’étendue, et tous les détails qdu’il exige. Absorbé par 
les négociations dui en dernier lieu ont déplacé le sisge ordinaire du Cabinet 
de V. M. I., je n'ai pu à mon grand regret y vouer Pattention et le temps né- 
cessaires. A défaut d’un historique plus long et plus circonstancié du passé, 
qu’il me soit du moins permis d’appuyer ici principalement sur le résultat satis- 
faisant de ces mémes négociations et d’en offrir à V. M. mes félicitations 
respectueuses. Elle ne pouvait clöre plus dignement le cycle des vingt-cind ans 
dqdue célèbre aujourd’hui P’Empire tout entier, s'unissant de tous les points de 
sa vaste étendue à la joie de IAuguste Famille Impériale. 
Dans le cours de ces vingt-cing ans, V. M. aura acquis plus un titre à 
la reconnaissance de PEurope. Mais, je ne crains pas de le dire, dans la 
carrière du'Elle a fournie, Fannée méme de Son jubilé aura été la plus glorieuse, 
si la Véritable glorie des Souverains est principalement fondée sur la bienfaisante 
influence du'’ils exercent dans ’intérét du repos et de Phumanité sur les destinées 
du monde. 
Que la Providence, dui jusqu’ici Vous a si visiblement protégé, continue, 
Sire, à répandre ses bénédictions sur Votre regne et daigne ajouter à Votre 
Passé de nombreuses années encore pour le bien des peuples qu'’elle Vous a 
confiés. Cest le vc#eu qu’ose humblement déposer aux pieds du tröne de V. M. 1. 
un vieux serviteur, dont la vie entière s’est usée au service de sa Patrie et de 
Ses maitres. 
Je suis avec le plus profond respect, 
Sire, 
de Votre M. I. 
le plus soumis et fideèle sujet 
St. Péôtersbourg, Nesselrocde. 
lIe 20. Novembre 1850.
        <pb n="769" />
        XXIX. Europäische Politik des Zaren Nikolaus. 761 
Diesen Bericht übersendete der Kaiser dem Großfürsten-Thronfolger und schrieb 
darunter: „Hier hast Du meinen Rechenschaftsbericht für 25 Dienstjahre. Gebe Gott, 
es möchte mir gelingen, Dir Rußland so zu übergeben, wie ich bestrebt war, es hinzu— 
stellen: stark, selbständig, wohltätig — uns zum Heil — niemand zum Übel.“ — Der 
Ausdruck „Dienstjahre“ war ein Lieblingswort des Zaren, nach dem Vorbilde König 
Friedrich Wilhelms I. Mit den Worten „ich habe Dienst“ pflegte er fremde Besucher 
zu entlassen. — Beiläufig ergibt sich aus dieser Denkschrift auch, daß die deutschen 
Patrioten vollkommen im Rechte waren, wenn sie die Tage von Warschau und 
Olmütz als einen Triumph Rußlands und eine Demütigung Preußens betrach- 
teten. — — 
Minder wichtig, aber auch bedeutsam für russische Weltanschauung ist eine Denk- 
schrift Brunnows für den Zaren v. J. 1838, woraus ich hier noch einige Stellen abdrucke. 
(Sie ist nicht identisch mit dem V. S. 527 erwähnten Apereu général.) 
Considérations générales sur les principes dui servent de base à notre poli- 
tique 1838. 
1. La politique de IEmpereur peut se résumer en trois mots: „noli me 
tangere!“ 
7. Le ministère Whig, parvenu au pouvoir, a cru qdue pour se maintenir 
il w’avait Tautre parti à prendre qdue de s'unir au Gouvernement Francais. 
Gest cette grande erreur du ministre Anglais qui a doublé le mal causé 
par la révolution de Juillet. Par 1à, tout le systéme politique de I’Europe s’'est 
trouvé complétement dérangé. Les relations des états ne se règlent plus d’aprés 
leurs vrais int Eréts, mais d’après les Smpathies de l’oepinion publique. 
Ainsi, IEurope s'est diviséce en deux camps. 
D’aprés cela, VEmpereur, au lieu de fonder ses espérances sur LPAngleterre 
dui nous échappe a pensé du’'il fallait avant tout sauver ce qdui nous reste de 
I1 Alliance. 
II a reconnu, du’'en retirant son appui à I Autriche et à la Prusse, il avait 
fait précisément ce due desirent nos adversaires. Maintenir entre nous et la 
France cette barrière morale, formée par des puissances amies et par des mon- 
archies solidement fondées sur des principes analogues aux nötres, voild quel est 
Tintérét véritable, Pintérét permanent de la Russie. 
11. On dirait qu'’Elles nous aimeraient davantage, si elles sentaient moins 
vivement combien nous influons sur leur position. 
IIs nous croient toujours disposés à les précipiter dans une guerre, dont 
ils seraient exposés à ressentir les premiers effets et dont üs redoutent les con- 
séduences. Cette crainte s'est manifestée surtout à Berlin. 
En 1833, I’attitude passive de la Prusse dans les affaires de Hollande faisait 
Tobjet de mes entretiens avec M. Ancillon. 
„ Que voulez-vous, me dit-il, nous ne pouvons pas changer de conduite, 
nous ne pouvons pas risquer de nous mettre en guerre avec la France, à moins 
due cette guerre ne devienne une affaire nationale pour nous. Nous ne pouvons 
pas Pentreprendre tant qdue Topinion publique ne la soutiendra point.“ 
13. Les trois Cabinets alliés, dans leurs réunions successives de 1833 et 
835 ont résolu de ne pas s'ingérer dans les affaires intérieures de la France 
duelque regrettables qu’elles puissent étre, mais de ne point tolérer non plus 
due celle-ci dépasse par une aggression duelconque les limites qui lui sont pré- 
scrites, ni qu’elle protege en dehors les doctrines subversives dwelle renferme 
dans son sein. 
15. S'’il survient une difficulte en Italie, en Suisse, en Allemagne, notre 
cabinet ne se trouve pas dans PTobligation de se prononcer le premier. II laisse 
aux cours de Vienne et de Berlin le soin de prendre T’initiative.
        <pb n="770" />
        762 XXIX. Europäische Politik des Zaren Nikolaus. 
II en est autrement des questions qui concernent directement la Russie. 
Tel est nommément le cas des affaires de la Pologne et de la Turquie. 
Assurément, l'attitude adoptée alors par nos alliés leur a été fortement 
conseillé par leur propre intérèôt, car leur causs se trouvait liée à la notre et 
le triomphe de l'insurrection à Varsovie aurait porté un coup sensible à l'au- 
torité de la Prusse en Posnanie comme à celle de l'Autriche dans la Gallicie. 
Mais cette considération quelque juste qu'elle soit ne doit pas nous faire 
perdre de vue les obligations réelles que nous devons à nos Alliés. Car eux, 
de leur cõté avaient des risques à courir en nous soutenant dans notre lutte, le 
Secours du’ils nous prétaient les compromettait C6videmment envers nos adversaires 
politiques en Angleterre et en France. 
La fidélité que les cours de Vienne et de Berlin nous ont prouyée à cette 
é6poque mérite d’autant plus d’étre appréciéce que nous possédons le secret de 
leur faiblesse! 
16. Premièrement; „ne comptons-nous pas la force de nos Alliés pour 
moins qu'elle ne peèese réellement dans la balance de nos intérsts 7“ — 
En effet, pour étre Ccompletement dans le vrai convenons due depuis huit 
ans la Russie, au milieu de circonstances trés-difficiles, n#’est parvenu à main- 
tenir la paix générale due parce qu’f’elle a réussi à opposer le systeme cConser- 
vateur de la triple alliance aux efforts réunis des deux cours maritimes. Tant 
due I’Autriche et la Prusse seront pour nous, ce simple fait arrétera les projets 
ambitieux de la France et déconcertera les dessins malveillants de DAngleterre. 
Toutes les deux, il faut le dire, croient Funion des puissances continentales 
plus forte qu'’elle ne PTest en réalité, et ce prestige a sauv?é Europe Tune 
commotion générale. 
La Prusse, de son Ccöté renferme en elle des dangers de discorde et 
Tagitation intérieure. Les questions religieuses dui se rattachent à la destitution 
recente de Parchevéque de Cologne contribuent à donner à ces germes de dés- 
union civile et morale un fächeux développement. 
Le triomphe des idées révolutionnaires sur les bords du Danube et de POder 
nous regarderait de bien plus prèés due le bill de reforme et les barricades de 
Juillet. Voild pourquoi nous devons considérer la cause de la royaufé en Prusse 
et en Autriche comme une cause qui ne nous est pas étrangère, mais comme 
une question qui concerne directement la Russie. Cest là ce qdui explique le 
pri x #réel due nous devons attacher à nos Alliances, parceque leur intérét et 
le nötre ne font moralement du’'un. 
Secondement: Ne demandons pas à nos Alliés plus que 
leur amitié n'est en état de tenir. 
II ya deux ehoses surtout que nous ne devons pas attendre de nos Alliés. 
le Nous ne devons pas leur demander, dans leurs relations directes avec la 
France un degré de courage moral qui est toujours ’effet de la force et qui 
conséquemment ne saurait résider ni à Berlin, ni à Vienne. 
20 Une autre régle de conduite due nous devons observer dans nos relations 
avec nos Alliés pour ne pas nous exposer à un mécompte regrettable, c'est qdu’il 
ne faut attendre d’eux aucune coopération active F’'il survenait quelque com- 
plication entre nous et les puissances maritimes à T’égard des affaires d’Orient. 
Sous ce rapport les intentions de la Cour de Berlin nous sont connues. 
Aussi IEmpereur ne lui demande rien au dels de ce qu’'il est équitable Ten 
attendre.
        <pb n="771" />
        XXX. Römische Verhandlungen des Grafen Brühl. 763 
XXX. Römische Verhandlungen des Grafen Brühl. 
Zu Bd. V. S. 278 ff. 
In E. Friedbergs lehrreicher Schrift: Die Grundlagen der preußischen Kirchen- 
politik unter König Friedrich Wilhelm IV., Leipzig 1882, sind die preußisch-römischen 
Verhandlungen der Jahre 1840 und 41 zum ersten Male auf Grund authentischer Akten- 
stücke dargestellt worden. Der Verfasser kannte aber nur einen Teil der Quellen. Durch 
ein hochherziges Vertrauen, das mich zu warmem Danke verpflichtet, habe ich nun den 
gesamten politischen Nachlaß des Grafen Brühl, soweit er sich auf die drei römischen 
Sendungen bezieht, kennen gelernt; demnach konnte ich die Erzählung Friedbergs in 
mancher Hinsicht ergänzen. Alles Wesentliche ist im Texte schon gesagt; nur einige kleine 
Züge, welche die Darstellung zu sehr belastet hätten, gebe ich hier noch an 
Graf Brühl gewann im Vatikan sofort einen sehr ungünstigen Eindruck von der 
Stellung seiner Krone und sagte schon am Schlusse seines ersten Berichtes (20. Aug. 
1840): „Rom hat offenbar gewonnen, hat sich durch die Meinungen erkräftigt und will 
das Erlangte nicht verletzen; Preußen hat verloren, will aber den Schein retten.“ Er 
bemerkte alsbald, daß der leidenschaftliche Lambruschini vor allen anderen die feind- 
seligen Kleriker in Deutschland haßte: so die Hermesianer, die doch bei der preußischen 
Krone gar nichts mehr galten, so das ruchlose, „infame“ Kölner Domkapitel, das seinen- 
Oberhirten verraten hätte, so den milden Sedlnitzky, der von jeher ein schlechter Katholik 
gewesen sei. Für die willkürliche Behandlung des Breslauer Fürstbischofs sollte Brühl 
sofort kategorisch eine Genugtuung verlangen; er wagte es aber nicht, weil er, leider 
mit Recht, fürchtete, dann die ganze Verhandlung zu verderben (Bericht v. 21. Aug. 
1840), und weil einem Prälaten, der sich selber aufgab, von Staats wegen nicht mehr 
zu helfen war. Von dem neuen Könige sprachen die Monsignoren alle mit vertrauens- 
voller Verehrung; Lambruschini sagte feierlich: sollte Frankreich je die Revolution an 
den Rhein tragen, dann wird Rom seine Schuldigkeit tun, und ich selbst werde mit dem 
Kreuze in der Hand erscheinen (Bericht v. 4. Sept. 1840). Gegen „die sogenannten 
Ratgeber“ Friedrich Wilhelms aber hegten die Kardinäle ein tiefes Mißtrauen, Eich- 
horn galt ihnen offenbar nicht mehr als Altenstein. Wie seltsam die Zeiten sich geändert 
hatten, das zeigte namentlich Lambruschinis glühender Haß gegen Niebuhr, der doch 
einst mit Papst Pius und Consalvi so friedlich ausgekommen war. Dem großen Histo- 
riker konnte man im neuen Rom gar nicht verzeihen, daß er einst die Listenwahl für die 
Bistümer abgelehnt und seiner Krone das Recht der Exclusiva gesichert hatte. Leider 
hatte die Krone dies wertvolle Recht mit unbegreiflicher Torheit gehandhabt, ihren Tod- 
feind selbst auf den Kölnischen Stuhl berufen; und Brühl konnte nur wenig einwenden, 
als Lambruschini ihm später höhnisch vorhielt: „Droste war eine Kreatur der könig- 
lichen Regierung“ und hätte bei freier kanonischer Wahl die erzbischöfliche Würde nie 
erlangt! (Bericht vom 30. Dez. 1840.) 
Sehr deutlich verriet Lambruschini gleich in den ersten Gesprächen den Wunsch 
der Kurie, daß Preußen einen katholischen Gesandten nach Rom schicken möge. Dem 
konnte der treue Freund des Königs unmöglich beipflichten. Brühl meinte, ein Kleri- 
kaler würde an solcher Stelle ganz für den Vatikan gewonnen, ein freisinniger Katholik 
bald unhaltbar werden (Brühls Notizen zum Bericht v. 21. Aug. 1840). Noch weit leb- 
hafter, in mannigfachen Wendungen, befürworteten die Kardinäle den Vorschlag, 
Preußen möge in Berlin einen beglaubigten päpstlichen Residenten zulassen, der natürlich 
nur der Vorläufer eines Nuntius sein sollte. Die Gründe, welche der milde Kardinal 
Capaccini dafür anführte, ließen sich wohl hören. Er sagte ganz richtig: was wir heute 
hier über Preußen erfahren, stammt nur aus Zeitungsartikeln oder aus gehässigen, oft 
schmutzigen Denunziationen (Nachtrag zum Bericht v. 3. Sept. 1840). Die großen Be- 
denken aber, welche sich aus Preußens verwickelten Parteiverhältnissen ergaben, waren
        <pb n="772" />
        764 XXXI. Das Märchen vom Flüchtling Heine. 
so leicht nicht zu beseitigen. Am auffälligsten war dem Preußen, wie eifersüchtig man 
den Supremat des Papstes gegenüber „der sogenannten Emanzipation der Bischöfe“ zu 
behaupten suchte (Bericht v. 27. April 1841). Daß Droste so gleichmütig preisgegeben 
wurde, hatte seinen Grund zum Teil in dem Amtswürden-Gefühle des Papstes, der sich 
durch den Eigensinn des deutschen Freiherrn beleidigt fühlte. 
Dem gegenüber erscheint die Nachgiebigkeit der Krone Preußen grenzenlos. Schon 
bei der ersten Verhandlung (1. Sept. 1840) wurde die unglaubliche Zusage gegeben: 
der König wolle, wenn man sich vertrüge, nur Männer, welche das Vertrauen des 
Papstes besäßen, in die Katholische Abteilung berufen. So ging es fort, bis zu den ge- 
ringsten Angelegenheiten herunter. Der König erbot sich von freien Stücken, Garni- 
sonskirchen zur abwechselnden Benutzung für beide Konfessionen zu erbauen, in Berlin. 
eine besonders schöne. Da dies dem Vatikan noch immer nicht genügte, so wurde endlich 
die Michaeliskirche für die katholischen Soldaten allein errichtet. 
Wenn man unbefangen betrachtet, wie die Krone Preußen dem Vatikan die Aus- 
gleichung des Streites über die gemischten Ehen, die Aufhebung des Plazets, die Katho- 
lische Abteilung, den freien Verkehr der Bischöfe und noch viele andere, bisher ganz un- 
erhörte Zugeständnisse freiwillig entgegenbrachte und gleichwohl erst nach dreizehn Mo- 
naten widerwärtiger Verhandlungen eine notdürftige Verständigung mit dem römischen 
Stuhle erlangte — dann kann man nur mit der äußersten Verwunderung die zuversicht- 
liche Behauptung A. v. Reumonts lesen: „Diesen guten Willen hat man römischer- 
seits in vollem Maße an den Tag gelegt. Momentane Schwierigkeiten sind viel mehr 
als von Rom von Berlin ausgegangen, wo man verschiedene Kombinationen ventilierte, 
bevor man zu derjenigen kam, welche glücklicherweise angenommen wurde. Daß in Rom 
allerlei Einflüsse sich geltend machten, vielleicht Intrigen gesponnen wurden, um dem 
beiderseitigen Verständnis Hindernisse zu bereiten, darf nicht wunder nehmen. Aber 
sie sind völlig untergeordneter Natur gewesen.“ Diese Versicherung schlägt den Tat- 
sachen ins Gesicht. Wie ist sie zu begreifen? Ich finde nur zwei mögliche Erklärungen. 
Entweder Reumont dachte selbst so fanatisch, daß ihm die unerschöpfliche Nachgiebigkeit 
der Krone noch immer nicht genügte. Das glaube ich nicht; denn Reumont war, ob- 
wohl streng klerikal gesinnt, doch auf seine Weise ein guter Preuße und namentlich ein 
glühender Verehrer des königlichen Hauses. Oder Reumont hat von den Einzelheiten 
dieser Verhandlungen viel weniger erfahren, als er in seiner bekanntlich sehr starken 
Eitelkeit sich einbildete. Dies scheint mir die richtige Erklärung. In den sämtlichen 
Papieren Brühls, auch in den Privatbriefen, wird Reumont nicht ein einziges Mal 
genannt, während der Name des Residenten v. Buch häufig vorkommt Wenn Reu- 
mont also, wie er angibt, „dem Grafen Brühl während seiner Mission beigegeben war", 
so hat sich seine Tätigkeit wahrscheinlich auf formale Geschäfte beschränkt, wie dies auch 
seiner damaligen bescheidenen Amtsstellung entsprach. 
  
XXXI. Das Märchen vom lüchtling Heine. 
Zu Bd. V. S. 379. 
Der Götzendienst, welcher heute in vielen deutschen Zeitungen mit H. Heine ge- 
trieben wird, hat weder mit der Wissenschaft, noch mit dem künstlerischen Gefühle irgend 
etwas gemein; er ist einfach Geschäft. Leider lassen sich auch manche ernste Gelehrte 
durch diese lärmende Betriebsamkeit einschüchtern; sie begnügen sich nicht, dem Dichter 
den Künstlerruhm zu spenden, der ihm für einen Teil seiner Gedichte gebührt; sie 
wagen auch, ihn, der in allem das Gegenteil eines Helden war, als einen politischen Mär- 
tyrer darzustellen, und verleumden — ohne je einen Beweis auch nur zu versuchen
        <pb n="773" />
        XXXI. Das Märchen vom Flüchtling Heine. 765 
— den preußischen Staat wegen grausamer Verfolgung des Poeten. Die einfache Wahr- 
heit ist: nicht Heine hat sich über Preußen zu beklagen, das ihn persönlich nie verfolgte, 
sondern Preußen hat sich über Heine zu beklagen, der sein Vaterland unablässig mit Kot 
bewarf. 
Heine war ein freiwilliger Flüchtling, ganz so wie die polnischen Dichter Mickie- 
wicz, Krasinski, Stowaski und noch viele andere Revolutionäre aus Deutschland, Polen, 
Italien, die sich jahrelang gänzlich unverfolgt in Paris aufhielten. Einige von ihnen 
lebten in Frankreich aus Furcht vor möglicher Verfolgung, andere, um unter franzö- 
sischem Schutze ihre Verschwörungspläne sicherer zu betreiben, andere wieder, um die 
Reize der Weltstadt zu genießen; sie alle spielten mit hochtragischem Pathos die Rolle 
politischer Dulder, und an diesem frivolen Sport der radikalen Partei beteiligte sich auch 
Heine. Die einzige Unbill, die ihm von seiten der preußischen Behörden je widerfuhr, 
war das törrichte Verbot seiner Schriften. Dies Schicksal teilte er mit vielen anderen 
Schriftstellern, und er konnte es, wie er selbst erzählt, sehr leicht nehmen, da der Absatz 
seiner Werke durch das Verbot eher gefördert, als erschwert wurde. Für seine persön- 
liche Sicherheit hatte er nichts zu besorgen, noch weniger sogar als A. Ruge, der trotz 
seiner Kämpfe mit der Preßpolizei doch in seinem Hause unangefochten blieb. Die Re- 
gierung beurteilte Heine richtig; sie fürchtete nur seine Feder, als Demagog schien er 
ungefährlich. 
Daß er niemals polizeilich verfolgt wurde, läßt sich jetzt auch durch ein amtliches 
Zeugnis erweisen. Als der französische Gesandte Graf Bresson in Guizots Auftrag bei 
dem Berliner Hofe vertraulich anfragte, was die Folge sein würde, wenn Heine sich in 
Frankreich naturalisieren ließe, da erkundigte sich das Auswärtige Amt zunächst beim 
Ministerium des Innern und erwiderte dann (17. Febr. 1843) in trockenem, gering- 
schätzigem Tone: Von Amts wegen wisse man gar nicht, ob Heine noch preußischer Unter- 
tan sei; aucune mesure de police n’a été prise contre sa personne. Wolle er Franzose 
werden, so habe die preußische Regierung nichts dawider und würde ihm dann die Rechte 
eines Franzosen einräumen. Darauf erörtert das Schreiben noch das Verbot der 
Heinischen Werke und kommt zu dem Schlusse: Da Heine im Auslande lebe und selber 
keinen Schritt getan habe, um eine Milderung zu erlangen, so könnten die bestehenden 
Anordnungen nur im Gnadenwege geändert werden, et ll wexsste pour les auto- 
ritcs du Roi aucun motif de faire Toffice des démarches dans ce büt. Bei- 
läufig scheint das Ministerium nicht gewußt zu haben, daß Heines Schriften fast sämt- 
lich dem Verlage von Hoffmann und Campe angehörten; dieser Verlag war aber schon 
nach dem Hamburger Brande durch königlichen Gnadenerlaß wieder freigegeben worden 
(s. o. V. 181). 
Wie bisher, so blieb Heine auch ganz unbehelligt von den preußischen Behörden, 
als er i. J. 1844 sein Vaterland wieder besuchte. Nachher änderte sich die Lage etwas, 
als seine „Zeitgedichte“ erschienen, deren unflätige Majestätsbeleidigungen in einem 
monarchischen Staate unmöglich straflos bleiben konnten. Obgleich auch jetzt keine Ver- 
folgung eingeleitet wurde, so mußte Heine doch nunmehr befürchten, beim Betreten des 
preußischen Bodens unter schwerer Anklage vor Gericht gestellt zu werden. Er fühlte 
das selbst, und da er im Jahre 1846 nach Berlin reisen wollte, um Freunde wiederzu- 
sehen und Dieffenbach zu konsultieren, so erbat er sich Humboldts Verwendung, damit 
der Monarch die Vergangenheit in der alten Registratur begrübe. Diese Vergangenheit 
war freilich allerjüngste Gegenwart. Der so roh beleidigte König zeigte sich nicht ab- 
geneigt, das Buch der Lieder ließ ihn alles vergessen. Die Polizeibehörde aber erklärte 
nach ihrer Amtspflicht, es stehe nicht in ihrer Macht, die Straflosigkeit schwerer Maje- 
stätsbeleidigungen im voraus zuzusichern. Der König allein konnte die Sache nieder- 
schlagen; doch bevor noch eine Entscheidung erfolgte, hatte Heine schon aus anderen 
Gründen seine Pläne geändert und die Berliner Reise aufgegeben. Auch damals also 
geschah ihm von Preußen her kein Leid, und dabei blieb es bis zu seinem Tode. Die
        <pb n="774" />
        766 XXXII. List an König Friedrich Wilhelm. 
weinerliche Erzählung von Heines „Exil“ ist weiter nichts als eine häßliche Lüge, deren 
jeder gewissenhafte Historiker sich schämen sollte. 
Jene Anfrage des Grafen Bresson konnte natürlich nur den einen Grund haben, 
daß Heine sich vorher in Paris um die Naturalisation beworben hatte. Ist diese Na- 
turalisation dann wirklich erfolgt? Allem Anschein nach, jal Das einzige rechtliche 
Hindernis, das ihr entgegenstehen konnte, war durch die bündige Erklärung des preu- 
ßischen Auswärtigen Amtes beseitigt, und die französische Regierung behandelte Heine 
sortan amtlich als Franzosen. Als im Januar 1845 Guizot die Mitarbeiter der unter- 
drückten radikalen Zeitschrift Vorwärts, sämtlich Ausländer, auszuweisen beschloß, da 
wurde nur der Franzose Heine ausgenommen. A. Ruge, der damals beständig mit 
ihm verkehrte, schrieb in einem Briefe v. 26. Jan. 1845: „Heine ist naturalisiert, also 
nicht auszuweisen,“ und das nämliche sagt er in seinen „Studien und Erinnerungen 
aus den Jahren 1843—45“ (Sämtliche Werke V. 401). Ist es wahrscheinlich, daß Heines 
nächste Freunde über eine solche Frage, die im Augenblicke geradezu eine Lebensfrage 
war, nicht Bescheid gewußt hätten? Ist es glaubhaft, daß die französische Regierung, 
die vor kurzem wegen Heines Naturalisation einen diplomatischen Schriftwechsel ge- 
führt hatte, sich über die Staatsangehörigkeit dieses Mannes, dessen Name in den Listen 
ihrer geheimen Pensionäre stand, gröblich geirrt haben sollte? Diesen handgreiflichen 
Anzeichen steht schlechterdings nichts entgegen als die Behauptung Heines selbst, der 
im Jahre 1854 öffentlich erklärte: er hätte zwar alle Vorbereitungen zur Natu- 
ralisation getroffen, aber, gehindert durch „den närrischen Hochmut des deutschen Dichters", 
sie niemals ausgeführt. Wie viel das Wort Heines gelten soll? — darüber mag jeder 
nach seiner Empfindung entscheiden. Meinerseits glaube ich: die Versicherung Heines, 
daß er niemals Franzose geworden sei, hat für die historische Wissenschaft genau den- 
selben Wert, wie seine ebenso inbrünstige Beteuerung, daß er „wegen seiner Liebe zu 
Deutschland dreißig Jahre im Exile verlebt“ hätte. 
  
XXXII. List an König Friedrich Withelm. 
Zu Bd. V. S. 482. 
Euerer Kön. Majestät 
Gesandter am hiesigen Hofe, Chevalier Bunsen, versichert mich, Allerhöchstdieselben wür- 
den es nicht ungnädig aufnehmen, wenn ich Ihnen schriftlich die Gefühle jener tiefen 
Verehrung aussprechen würde, von welchen ich gegen Allerhöchstd’eselben längst durch- 
drungen bin. 
Schon im Sommer 1835 stand mir das Glück bevor, Ew. K. Majestät nahe zu 
kommen. Damals in Berlin anwesend in der Absicht, eine große Kompagnie zur Unter- 
nehmung sämtlicher preußischer Eisenbahnen zu stiften, war ich mit dem damaligen 
Major Willisen, Ew. K. Maj Adjutant, bekannt, und durch ihn ward Einleitung ge- 
troffen, daß mir die Gnade einer Audienz bei Allerhöchstdemselben zu teil werden sollte. 
Leider aber wurden Höchstdieselben am Abend vor dem hierzu anberaumten Tage durch 
Dienstverhältnisse nach Pommern gerufen, und damit habe ich einen Unstern er- 
fahren, der mir von den vielen, die mich in meinem bewegten Leben betroffen 
haben, nachher oft als der unglücklichste erschienen ist, weil ich dadurch wahrscheinlich 
des Privilegiums beraubt worden bin, mein seitheriges Tun und Lassen bei Ew. Königl. 
Majestät unmittelbar zu rechtfertigen. 
Es ist falsch, wenn man mich für einen Gegner Preußens hält. Gibt es in 
Deutschland Patrioten, und ich glaube ihre Zahl ist nicht gering, die von der Über- 
zeugung durchdrungen sind, Preußen habe die hohe Bestimmung, durch Reaktion gegen
        <pb n="775" />
        XXXIII. Graf Christian Bernstorff und Schleswigholstein. 767 
die stationären und retrograden Tendenzen altersschwacher Mächte dem Vaterlande die 
Konvulsionen einer Revolution oder die Schmach einer abermaligen Unterjochung zu 
ersparen — gibt es in Deutschland Patrioten, die der festen Meinung sind, nur durch 
Preußen könne das Vaterland zur Wiedergeburt gelangen, so gehöre gewiß auch ich in 
diese Klasse. Opponieren aber Männer solcher Art gegen Preußen, so kann es nur ge— 
schehen, weil sie der Meinung sind, daß der preußischen Bureaukratie nicht immer jenes 
hohe Ziel vor Augen schwebe und daß der Geist des erleuchteten Herrschers von Preußen 
nicht auch immer der Geist der preußischen Bureaukratie sei. 
Ich weiß sehr wohl daß meine weit mehr auf Erfahrung und Selbstdenken als 
auf blinden Glauben an fremde Theorien gegründeten nationalökonomischen Ideen nicht 
minder als meine amtlose Persönlichkeit gelehrten Pedanten und eingebildeten Bureau- 
kraten von jeher ein Gegenstand des vornehmen Absprechens und der metaphysischen 
Verdammung gewesen sind. Ich weiß aber auch, daß Ew. Majestät vermöge der Ihnen 
angeborenen Genialität von jeher Sich von allen jenen, einer solchen Aburteilung zu 
Grunde liegenden Vorurteilen Ihrer Diener freizuhalten gewußt haben, und bestehe 
deshalb getrost das Wagnis, in einer Sache, die das höchste Wohl des deutschen Vater- 
landes in Frage stellt, von einer befangenen Bureaukratie an die glückliche Geistesfreiheit 
und Geistesstärke Ew. Majestät zu appellieren. 
Ich überlasse mich somit der schmeichelhaften Hoffnung, Ew. Majestät werde die 
Tendenz in Gnaden beurteilen, die meinem Streben zu Grunde liegt, Allerhöchstdieselbe 
werde die Erklärung in Gnaden aufnehmen, daß ich bereit sei, mit Freuden jede Bürde 
zu tragen, die Ew. Königl. Majestät in Ihrer Weisheit und zum Besten des Vaterlandes 
meinen Schultern aufzulasten für gut finden sollte. 
Indem ich mich Ew. Königl. Majestät zu Gnaden empfehle, beharre ich in tiefster 
Ehrfurcht und Untertänigkeit 
Ew. Königl. Majestät 
alleruntertänigster 
London, 31. Juli 1846. F. List. 
  
XXXIII. Graf Christian Bernstorff und Schleswigholstein. 
Zu Bd. V. S. 573. 
Durch das bekannte Werk von Droysen und Samwer über die Herzogtümer Schles- 
wigholstein ist zuerst die Erzählung verbreitet worden, daß Graf Christian Bernstorff 
nach dem Untergange des heiligen Reichs beabsichtigt hätte, Holstein gänzlich in Dänemark 
einzuverleiben, auch das Erbfolgerecht des Königsgesetzes dort einzuführen, und nur 
der Herzog von Augustenburg diesen Plänen siegreich entgegengetreten sei. Dem gegen- 
über habe ich schon im 3. Bande (S. 592 der 3. Aufl.) kurz nachgewiesen, daß Christian 
Bernstorff sich in dieser Krisis durchaus ehrenhaft, als ein Vertreter des guten deutschen 
Rechts gehalten hat. Da jene patriotisch gemeinte Legende aber noch immer, selbst in 
gediegenen historischen Werken wiederholt wird, so halte ich mich verpflichtet hier an 
einige authentische Aktenstücke zu erinnern, welche E. F. Wegener in seinem längst ver- 
schollenen Buche „Beiträge zur Geschichte Dänemarks im 19. Jahrhundert“ (Kopen- 
hagen 1851. I. 332 ff.) mitgeteilt hat. Nachdem Holstein aufgehört hatte, ein deutsches 
Reichslehen zu sein, mußte das staatsrechtliche Verhältnis des Landes durch ein könig- 
liches Patent neu geordnet werden; und die national-dänische Partei am Kopenhagener 
Hofe wollte die Gelegenheit benutzen, um unter der Hand die Erbfolge des Königsge- 
setzes in Holstein einzuführen. Christian Bernstorff aber, der Minister des Auswärtigen, 
schrieb seinem Bruder Joachim (Kiel 26. Aug. 1806):;
        <pb n="776" />
        768 XXXIII. Graf Christian Bernstorff und Schleswigholstein. 
„In diesem Patent wird meines Dafürhaltens, dem wesentlichen Inhalt nach gesagt 
werden müssen: Daß, nachdem durch die Losreißung eines großen Teiles der Stände vom 
Reiche und durch die Niederlegung der Kaiserkrone der Reichsverband aufgelöst und die 
Verfassung Deutschlands erloschen sei, auch das Band, welches Holstein bisher an das 
Reich gebunden habe, gelöst sei, und diese Provinz von allen Beziehungen und Ver- 
pflichtungen, welche sie bisher gegen das Reich gehabt, entbunden, dagegen aber auf das 
engste mit dem Staatskörper der der dänischen Königskrone unterworfenen Lande, von 
welchem selbige hinfort einen in allen Verhältnissen und Beziehungen völlig unge- 
trennten Teil ausmachen werde, vereinigt werde. 
Mich deucht, daß man nicht mehr, als durchaus nötig ist, weder in der bisherigen 
Verfassung ändern, noch in dem Patente sagen müsse. — Der Kronprinz wünscht noch 
immer das Königsgesetz ausdrücklich eingeführt und dadurch das Erbrecht an Holstein 
auch der weiblichen Deszendenz zugewandt zu sehen. Mir scheint solches nicht nur be- 
denklich, sondern auch in Beziehung auf den vorliegenden Zweck völlig überflüssig 
zu sein. 
Nachschrift. Was die Einführung des Königsgesetzes betrifft, so hat der Kronprinz 
seine Meinung darüber aufgegeben.“ 
Bernstorff stimmte mithin vollständig überein mit dem Herzog von Augustenburg, 
der sich im Staatsrate, am 3. Sept. 1806 also aussprach: 
„Nach allem bisher Angeführten bin ich also des untertänigen Dafürhaltens, daß 
Holstein nach jetzt aufgelöstem Reichsverbande zum souveränen Herzogtum erklärt werde, 
dessen politische Verhältnisse und Beziehungen mit denen der Krone Dänemark aufs 
genaueste vereinigt und folglich nur von letzterer abhängig wären, jedoch unbeschadet 
der in Holstein bestehenden Successionsordnung.“ 
Wenn dem Herzog demnach das Verdienst bleibt, daß er die Erbfolgerechte seines 
Hauses rechtzeitig wahrte, so war die Gefahr doch nicht groß, da der leitende Minister 
Dänemarks selbst auf seiner Seite stand. Das Patent erhielt nunmehr die von C. Bern- 
storff verlangte unverfängliche Fassung, und Joachim Bernstorff schrieb nachher (1. Nov. 
1806) dem schwedischen Gesandten Oxenstierna: 
Qu'on feroit tort à Sa Majesté en supposant du'en fixant les rapports futurs de 
Holstein avec le Dannemarc Elle ait voulu aller au dela de ce que des événemens im- 
prévus et indépendans de Sa volonté avaient rendu nécessalre. 
Demnach leuchtet ein, daß C. Bernstorff ganz schuldlos verleumdet worden ist. — 
Beiläufig hier noch ein Wort über eine andere augustenburgische Legende. In den 
Aufzeichnungen des Prinzen von Noer, deren Unzuverlässigkeit freilich von Freund und 
Feind anerkannt ist, wird S. 16 f. geschildert, wie sehr der Prinz im Jahre 1842 durch 
seine Ernennung zum Statthalter überrascht worden sei. An diese Überraschung kann 
ich nicht recht glauben. Daß die Augustenburger schon von langeher die Statthalter- 
würde für ihr Haus wünschten, versteht sich von selbst und ist auch durch verschiedene 
Aktenstücke längst erwiesen. Da der Herzog sich durch seine Opposition im Landtage 
unmöglich gemacht hatte, so war der Prinz v. Noer zur Zeit der einzige Kandidat des 
Hauses. Eine harmlose Erzählung aus den Tagebüchern von Franz Hegewisch beleuchtet 
den Sachverhalt genauer. Hegewisch reiste im März 1842 von Kiel nach Kopenhagen, 
um von König Christian die Genehmigung der Altona-Kieler Eisenbahn zu erbitten — 
ein Unternehmen, das schließlich nur durch eine kleine Kriegslist gelang (s. o. V. 500). 
Am Bord des Dampfers traf er den Prinzen v. Noer, mit dem er seit Jahren wohl be- 
kannt war. Unterwegs erzählte ihm der Prinz vertraulich, er denke den König um den 
erledigten Statthalterposten zu bitten. Da fuhr Hegewisch erschrocken zurück und sagte: 
„Dann bin ich verloren; wenn der König Ew. Durchlaucht zuerst empfangen hat, dann 
wird er verstimmt sein und meine Bitte um die Eisenbahn entweder gar nicht oder un- 
Knädig anhören.“ Der Prinz sah das ein und zeigte sich sehr liebenswürdig. Die beiden 
verabredeten, daß Hegewisch zuerst um eine Audienz bitten und der Prinz erst
        <pb n="777" />
        XXXIV. Der Prinz von Preußen und die Verfassungspläne. 769 
nachher bei Hofe erscheinen solle. So ging alles glatt ab. Diese ganz unbefangene, lange 
vor den Aufzeichnungen des Prinzen niedergeschriebene Erzählung eines treuen An- 
hängers der Augustenburger beweist doch wohl, daß der Prinz sich schon auf jener Kopen- 
hagener Reise mit ehrgeizigen Plänen trug. Als er dann die Statthalterwürde erlangt 
hatte, verstand er freilich nicht, sie zu gebrauchen. — 
  
XXXIV. Der Prinz von Preußen und die Verfassungspläne. 
Zu Bd. V. S. 606 ff. 
Der Prinz von Preußen trat zur Zeit der Königsberger Huldigung allen Ver- 
fassungsplänen, welche dem Testamentsentwurfe seines königlichen Vaters widersprachen, 
nachdrücklich entgegen. Er verlangte sodann, als der König die Vereinigten Ausschüsse 
bildete, daß diese Institution sogleich völlig ausgestaltet und mit ihr das ständische Re- 
formwerk abgeschlossen werde. Er erhob endlich, im Januar 1845, lebhaften Einspruch, 
als der Plan des Vereinigten Landtags sich enthüllte, und wurde deshalb von seinem 
königlichen Bruder sehr hart angelassen. 
Die natürliche Folge von alledem war, daß der Prinz in die neue Immediat- 
kommission, welche im Sommer und Herbst 1845 über die Entwürfe des Monarchen 
beriet, nicht berufen wurde. Als diese Verhandlungen geschlossen waren, fühlte er sich 
aber verpflichtet, nunmehr seine Ansicht über die künftige Gestaltung des ständischen Wesens 
ausführlicher darzustellen. Am 20. November 1845 schrieb er dem Könige: „Du wirst 
es natürlich finden, daß ich in Erfahrung gebracht habe, wie du in diesem Sommer eine 
Kommission ernannt hast, welche deine ständischen Pläne ausarbeiten mußte.“ Dann 
erinnerte er an seinen Brief vom Januar und fuhr fort: „Mehr als ich darin gesagt, 
erlaubt mir mein Gewissen nicht nachzugeben. Ich glaube es in meiner Stellung ver- 
langen zu können, daß mein Plan geprüft werde. Er gibt kein Recht der Krone aus den 
Händen; er bezeichnet jeder Korporation ihre Rechte, und vermeidet, die Finanzfrage, 
die gefährlichste von allen, in regelmäßiger Wiederkehr zu agitieren. Zugleich gewährt er, 
unter Beibehaltung des jetzigen ständischen Fundaments, die Provinzialstände, gewährt 
in den Ausschüssen die verheißene Generalberatung des Gesetzes von 1823 und löset die 
Schwierigkeit des Gesetzes der Staatsschulden von 1820. Brüderlichst lege ich diese große 
Angelegenheit dir ans Herz, das tief ergriffen davon ist, daß es sich deinen Plänen nicht 
anschließen kann.“ 
Die beigelegte Denkschrift zeigt schon jene glückliche Mischung von Festigkeit und 
Beweglichkeit, welcher der Prinz dereinst als König so große Erfolge verdanken sollte. 
Ohne die leitenden politischen Grundsätze seines Lebens je aufzugeben, stellte er sich doch 
immer rasch auf den Boden der veränderten Verhältnisse. Er hatte einst gehofft, die 
letztwillige Verfügung feines Vaters über die Reichsstände würde ausreichen. Als dann 
die Vereinigten Ausschüsse geschaffen wurden, nahm er das Geschehene alsbald an und 
riet, diese neue Versammlung zu einem ständischen Reichstage auszugestalten. Jetzt ver- 
kündigte der König seine Absicht, neben den Vereinigten Ausschüssen und den Provinzial- 
landtagen noch eine Zentralvertretung zu schaffen. Der Prinz erkannte, sein königlicher 
Bruder werde sich von diesem verwickelten Plane nicht mehr abbringen lassen; er ging 
daher auf den Grundgedanken der neuen Entwürfe sofort ein, obgleich er ihn schwerlich 
ganz billigen mochte, und faßte nur die praktische Frage ins Auge: wie das eine, was 
ihm das Wesen des preußischen Staates war, die lebendige Macht der Krone neben dieser 
ungefügen dreifachen Gliederung ständischer Körperschaften noch bestehen solle? 
Die Denkschrift begann: „Preußens politische und geographische Lage als Großmacht 
im europäischen Staatenbunde und zugleich als Teil des deutschen Bundes erlaubt nicht, 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 49
        <pb n="778" />
        770 XXXIV. Der Prinz von Preußen und die Verfassungspläne. 
daß dessen Monarch durch konstitutionelle Institutionen in seinem freien Bewegen be- 
hindert werde. Aber auch alle Institutionen, die den konstitutionellen sich nähern oder 
in diese überzugehen drohen, sind daher für Preußen nicht annehmbar.“ Um dieser Gefahr 
vorzubeugen und zugleich die Verheißungen der Jahre 1820—23 zu erfüllen, hält der 
Prinz für nötig, daß die gesetzgeberische Tätigkeit der Stände und die Beratung der 
Finanzfragen streng voneinander getrennt und verschiedenen ständischen Körperschaften 
zugewiesen werden. Der Allgemeine Landtag soll mithin ausschließlich über den Staats- 
haushalt, die Vereinigten Ausschüsse ebenso ausschließlich über die Entwürfe neuer Gesetze 
beraten. Werden also „die Attributionen scharf auseinander gehalten“, dann kann die 
Beratung der Steuervorlagen nicht zum Erzwingen neuer Gesetze mißbraucht werden 
oder umgekehrt. Demnach sollen bestehen: eine reichsständische Versammlung, aus etwa 
150 Abgeordneten der Provinzialstände gebildet, mit der Befugnis, über neue Steuern 
und Anleihen zu beraten; ferner die bisherigen Vereinigten Ausschüsse mit dem Rechte 
der Gesetzesberatung, das weiterer Ausdehnung fähig ist und doch unschädlich bleibt, „da 
die gefährliche Geldfrage ihnen entzogen ist“; endlich als Fundament der ständischen 
Verfassung die Provinziallandtage. 
Dann erörtert die Denkschrift noch, wie es in Kriegszeiten mit den Anleihen zu 
halten sei. Diese Frage erschien bekanntlich den Räten des Königs sehr schwierig. Der 
Prinz fand sie ganz einfach, weil er seine Preußen kannte. Er meinte: bei einem be- 
vorstehenden Kriege kann man allerdings, des notwendigen Geheimnisses wegen, die 
Reichsstände nicht um eine Anleihe angehen; für diesen Fall genügen der Staatsschatz und 
Revirements mit den großen Geldinstituten des Staates. „Wird aber im Laufe des 
Krieges eine Anleihe notwendig, so hat es nicht das geringste Bedenken, die Reichsstände 
zu berufen.“ In Friedenszeiten dürfen Anleihen nur im äußersten Notfalle abgeschlossen 
werden, so daß jeder die Notwendigkeit einsieht und die Schande auf den Verneinenden 
fällt. Kostspielige, große Unternehmungen, wie die Eisenbahnen, überlasse man den Pri- 
vaten. Unverbrüchlich hält die Denkschrift daran fest, daß der verstorbene König jederzeit 
nur beratende Stände in Aussicht gestellt hatte. Sie schließt mit den Worten: „Alle 
Beratungen aller drei ständischen Versammlungen sind durchaus konsultativ, 
von einem Bewilligungsrecht irgendeiner Art darf nie die Rede sein.“ 
Dem Wunsche des Bruders willfahrend ließ der König diese Denkschrift durch die 
Immediatkommission begutachten (Dezbr. 1845). Ihre Mitglieder, voran Thile, Sa- 
vigny, Uhden, Canitz, sprachen sich gegen den Thronfolger aus: denn die Vereinigung 
aller Provinziallandtage sei bereits durch Se. Majestät beschlossen, und ein beschränktes 
Steuerbewilligungsrecht lasse sich den Ständen nicht versagen, wenn sie die Bürgschaft 
für Anleihen übernehmen sollten. 
Im Frühjahr 1846 wurde der Prinz endlich von Amts wegen zur Mitwirkung be- 
rusen. Der König verordnete, daß die Immediatkommission mit sämtlichen Staats- 
ministern zu gemeinsamen Sitzungen zusammentreten solle, um die Entwürfe endlich 
abzuschließen. Als Vorsitzender des Staatsministeriums hatte der Prinz diese Verhand- 
lungen zu leiten. Sogleich zum Beginn, am 11. März, stellte er die Frage, ob eine 
ständische Zentralversammlung notwendig sei, und gestand aufrichtig, er selber habe sich 
von diesem Bedürfnis noch nicht ganz überzeugt. Nachdem sodann alle Anwesenden aus- 
führlich ihre Meinung begründet hatten, sprach er am Schlusse dieser entscheidenden 
Sitzung ebenso offen aus: nunmehr werde er die Frage bejahen. Hierauf ward mit allen 
gegen zwei Stimmen beschlossen, daß eine reichsständische Versammlung berufen werden 
solle. Die späteren Verhandlungen zogen sich sehr in die Länge. Der Prinz blieb fast mit 
allen seinen Anträgen in der Minderheit; die übrigen Mitglieder hielten jetzt jeden Wider- 
spruch für aussichtslos, obgleich die meisten im stillen schwere Bedenken hegten. Am 
17. Dezember 1846 war die Beratung nahezu abgeschlossen, und der Prinz zeigte an, 
daß er seinem königlichen Bruder ein Sondergutachten einreichen werde. 
Noch am selben Tage beendete er eine neue Denkschrift für den König. Er hob
        <pb n="779" />
        XXXIV. Der Prinz von Preußen und die Verfassungspläne. 771 
an mit dem schmerzlichen Geständnis, daß er in den beschlossenen Institutionen „nicht 
das Heil des Thrones und des Vaterlandes erblicken könne“, und faßte alsdann seine 
Bedenken in vier Hauptpunkten zusammen. Zum ersten wendete er sich gegen die ver— 
fehlte Zusammensetzung des Vereinigten Landtages; und wer mag heute noch bezweifeln, 
daß diese unförmliche Versammlung von mehr als 600 Köpfen als dauernde Institution 
unmöglich fortbestehen konnte? Der Prinz erhob dawider einen gewichtigen Einwand, 
der, so nahe er lag, seltsamerweise noch von keinem der vielen Mitratenden bemerkt worden 
war; er sagte einfach: „Diese ständische Versammlung ist teils unlenksam, teils unauf- 
löslich.“ Allgemeine Wahlen im ganzen Königreiche — Urwahlen, wie man damals 
sagte — wollte der König unter allen Umständen vermeiden. Er hielt sie — hierin mit 
dem Bruder ganz übereinstimmend — für einen Fieberzustand, wovor man das Volk 
bewahren müsse, und rühmte als einen Vorzug seines Vereinigten Landtages, daß dieser 
nicht aus allgemeinen Wahlen, sondern aus den Provinzialständen hervorgehe. Nun 
wies der Prinz schlagend nach: der Vereinigte Landtag solle ja nicht aus gewählten 
Deputierten der Provinzialstände bestehen, dann könnte „aufgelöst und in den Provinzial- 
landtagen neu gewählt werden“; er solle vielmehr die Gesamtheit der acht Provinzial- 
landtage selber umfassen und könne folglich nie aufgelöst werden, wenn man nicht in 
allen acht Provinzen zugleich Neuwahlen ausschreiben wolle. „Somit stehet diese neue 
beratende preußische Ständeversammlung weit mächtiger da als die konstitutionellen 
Kammern anderer Staaten, welche alle sich für extreme Fälle die Auflösung und Neu- 
wahlen vorbehalten haben.“ 
Eine solche Versammlung, so fuhr die Denkschrift fort, lasse sich nur dann in 
Schranken halten, wenn ihr ein Herrenstand als selbständige, gleichberechtigte Macht 
gegenüberstehe. Der Plan, die Spitzen der Aristokratie zu einer besonderen ständischen 
Bank zu vereinigen — unzweifelhaft einer der glücklichsten politischen Gedanken Friedrich 
Wilhelms IV. — war leider nicht zur vollen Reife gelangt; der König hatte bisher, zum 
lebhaften Unwillen der Ritterschaft des Ostens, nur eine kleine Anzahl erblicher 
Herren berufen und behielt sich noch vor, über die Organisation des Herrenstandes 
Weiteres zu bestimmen. Dem praktischen Sinne des Prinzen war dies Zaudern unbe- 
greiflich. Er sagte: „Es will nicht einleuchten, wie es in irgend einer Weise zu recht- 
fertigen wäre, wenn eine ganz neue ständische Ara geschaffen wird, man diese Institu- 
tionen nicht gleich ganz und komplett schafft, sondern in einem Paragraphen sich die 
wichtigste Einrichtung zu kreieren noch vorbehält.“ Auch fand er es ungerecht, den treuen 
Adel der alten Provinzen durch Zurücksetzung zu kränken. Sein Rat war, der König möge 
sogleich ein geordnetes Zweikammersystem einführen, etwa 82 Fürsten und Grundherren 
in das Oberhaus berufen und diese nach freiem Ermessen durch Virilstimmen verstärken: 
ein solcher Herrenstand würde ein starkes Gegengewicht bilden gegen die zweite Bank. 
Zum zweiten wendet sich die Denkschrift gegen das Recht des Vereinigten Land- 
tags, neue Steuern zu bewilligen. Das Steuerbewilligungsrecht der alten Stände ist 
nach und nach untergegangen, „weil es die Notwendigkeit so mit sich brachte. Preußen 
wäre seit dem Großen Kurfürsten nie das geworden, was es ist, wenn es von diesem 
Rechte abhängig geblieben wäre.“ Darum erklärt das Allgemeine Landrecht das Be- 
steuerungsrecht für ein Majestätsrecht; auch die Gesetze von 1815 und 1823 verheißen 
den Landständen nur die Beratung, nicht die Bewilligung der Steuergesetze. „Ich halte 
die Aufgabe des Steuererhebungsrechts durch die Krone für eine solche Beeinträchtigung 
der Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Thrones, daß ich mich nicht für ermächtigt 
halte, allein in die Aufgabe dieses Majestätsrechtes zu willigen." 
Zum dritten mißbilligt die Denkschrift, daß der Staatshaushaltsplan auch den 
Vereinigten Ausschüssen vorgelegt werden solle. Dies kann nur zum Mißbrauch des 
Petitionsrechtes führen; „daher werden Konzessionen des Gouvernements unerläßlich 
werden, selbst gegen die bessere ÜUberzeugung desselben.“ Alle Finanzsachen gehören viel- 
mehr ausschließlich vor den Vereinigten Landtag. 
49
        <pb n="780" />
        772 XXXIV. Der Prinz von Preußen und die Verfassungspläne. 
Zum vierten wird das dem Landtage wie den Ausschüssen gewährte unbeschränkte 
Petitionsrecht angefochten. Petitionen über Finanzfragen erregen nur Unzufriedenheit; 
„niemand räumt ein, daß er zu viel des Geldes besitzt; jeder räumt ein, daß er dessen 
zu wenig habe.“ Auch höhere Politik, die innere wie die auswärtige, eignet sich nicht 
für ständische Petitionen. Sie wird ohnehin erschwert durch Preußens Doppelstellung 
als europäische und als deutsche Macht. Schon mehren sich in der Presse die Ausfälle 
gegen die anderen deutschen Staaten. Wie bald kann auch „das enge Band zwischen 
Preußen, Rußland und Osterreich, welches durch seine Macht bisher den Frieden auf- 
recht hielt", durch Angriffe der Stände gefährdet werden! 
Am allerwenigsten darf sich das Petitionsrecht der Stände auf das Heerwesen er- 
strecken. In allen Ländern strebt die Bewegungspartei nach Abschaffung der stehenden 
Heere; sie sucht ihr Ziel auf Umwegen zu erreichen, verlangt Schwächung der Armeen, 
Kommunalgarden statt der Truppen. Für Preußen sind diese Bestrebungen besonders 
gefährlich wegen unserer Landwehr. „Daher ist die Neigung unverkennbar, die Land- 
wehr auf Kosten der Linie zu erheben und ihre Trennung von der Linie immer greller 
zu machen, und zu beweisen, daß die strenge militärische Form und Disziplin ihr nicht 
nötig sei und sie vielmehr die Stelle einer Nationalgarde einzunehmen habe.“ Die Be- 
wegungspartei wird also versuchen, die Dienstzeit der Linie zu verkürzen und 
leicht eine Mehrheit finden, da alle Welt Ersparnisse verlangt; selbst die Konservativen 
werden den versteckten Plan nicht erkennen. Dieser Plan geht dahin, daß der Soldat 
die strenge Subordination sich nicht mehr fest einprägen, die Ubungen der Landwehr 
möglichst selten stattfinden sollen. Dazu die Feindseligkeit gegen die Offiziere, die Auf- 
lockerung der Standesehre, namentlich bei den Offizieren der Landwehr. „Wenn Dis- 
kussionen und Petitionen gedachter Natur dem Vereinigten Landtage preisgegeben werden 
und die Presse noch mehr als bisher schon geschehen entfesselt wird, ist das Bestehen der 
preußischen Landwehr, wie sie zur wahren Ehre, zur Wohlfahrt und zum Ruhme des 
Vaterlandes vor 32 Jahren geschaffen wurde, eine völlige Unmöglichkeit!!“ Kann aber 
Preußen nicht mehr seine Armee im Kriege verdoppeln oder verdreifachen, „so tritt Preußen 
auch von der Stufe, auf'welche seine Armee es gestellt hat, herab.“ — So lebendig stand 
dem Prinzen schon vor Augen, was er nach fünfzehn Jahren selbst erleben und durch- 
kämpfen sollte. 
Auch das Petitionsrecht über ständische Verhältnisse wollte er den Landständen ver- 
sagen: zu nahe liege die Gefahr, daß sie dieses Recht mißbrauchten, um beständig über- 
zugreifen und, von der Presse unterstützt, die Erweiterung ihrer Befugnisse zu verlangen. 
Werde die Regierung dann widerstehen können? „Somit steht das ganze Gebäude der 
ständischen Verfassung in Frage — eine Lage, die gewiß niemand wollen kann, und der 
zu entgehen man heute noch vollkommen die Macht hat.“ Im wesentlichen wollte die 
Denkschrift also die Tätigkeit der Stände auf die Beratung der vorzulegenden Gesetz- 
entwürfe beschränken. 
Nach alledem erklärt sich der Prinz „zu seiner tiefsten Betrübnis“ außer stande, 
das Patent über die Berufung des Vereinigten Landtages zu unterzeichnen. Er sei nicht 
gegen die Fortentwicklung der ständischen Gesetzgebung, denn die alten Verheißungen 
müßten erfüllt werden; er sei auch nicht gegen den gewählten Augenblick, nur gegen die 
Art und Weise der Erfüllung. Er sehe „die Rechte, die Würde und die Macht der Krone 
gefährdet“, er ahne die Gefahr, daß demnächst eine Konstitution ertrotzt werde. „Da 
Ew. Majestät es oft ausgesprochen haben, daß eine Konstitution für Preußen unmög- 
lich sei, weil es mit derselben aufhören würde, Preußen zu sein, so müssen auch alle 
Mittel und Wege vermieden werden, welche unfehlbar zu diesem Ziele führen müßten.“ 
Dann fuhr er fort — denn an die Möglichkeit seiner eigenen glorreichen Regierung 
hat er in jenen Tagen nie gedacht: — Es ist meine Pflicht, auf die Gefahren aufmerk- 
sam zu machen. „Aber noch eine andere Pflicht nötigt mich dazu, es ist der Blick auf 
meinen Sohn! Nach dem unerforschlichen Ratschluß Gottes scheint es bestimmt zu sein, 
daß die Krone sich in meiner Linie vererben soll! Da ist es denn meine heilige Pflicht,
        <pb n="781" />
        XXXV. Kühne an Bodelschwingh. 773 
darüber zu wachen, daß der Nachfolger auf dem Throne die Krone mit ungeschmälerten 
Rechten und mit der Würde und mit der Macht überkomme, wie ich sie heute vor mir 
sehe.“ Endlich bittet er den Bruder, die volljährigen Prinzen zu einer Beratung zu 
berufen, wie sie durch das Testament des Vaters vorgeschrieben und vom Könige selbst 
im Jahre 1840 beabsichtigt worden sei. Sollten die Agnaten seine Bedenken nicht teilen, 
so behalte er sich weitere Überlegung vor. So schließt er „mit tiefbewegtem Herzen, 
Gottes gnädigen Beistand wünschend.“ 
Am 4. Januar 1847 fügte er eine Nachschrift hinzu, da die Entwürfe mittlerweile 
noch einige Anderungen erlitten hatten. Auf Befebl des Königs hatte die Kommission 
den Zusatz angenommen, daß auch die königlichen Prinzen in den Vereinigten Landtag 
eintreten sollten. Der Thronfolger fand dies nur dann unbedenklich, wenn man den 
Herrenstand selbständig, für sich allein tagen ließe; den Stürmen einer großen Ver- 
sammlung, wo „alle Wirren der politischen Leidenschaften sich zügellos Luft machen“ 
würden, dürfe man die Prinzen nicht aussetzen. Auch die inzwischen beschlossene Ver- 
stärkung der Herrenkurie genügte ihm nicht: Man muß die Aristokratie ganz gewinnen, 
intem man sie ehrt; „denn nur wenn bei ständischen Institutionen, wie sie jetzt geschaffen 
werden sollen, das Zweikammersystem angenommen wird, ist Heil und Segen noch für 
die Zukunft des Vaterlandes zu erwarten.“ — 
Als der Vereinigte Landtag versammelt war, stand der Prinz nicht an, sich selber 
jenem Sturme politischer Leidenschaften, wovor er kürzlich noch gewarnt, auszusetzen und 
verteidigte ritterlich die Regierung seines königlichen Bruders. Mit der gleichen Selbst- 
verleugnung fügte er sich ein Jahr nachher in die konstitutionelle Staatsform; und die 
Welt weiß, wie er dann als Herrscher verstanden hat, das neue Preußen noch höher zu 
erheben, als das alte, Geist und Macht des alten preußischen Königtums auch unter der 
neuen Verfassung lebendig zu erhalten. — 
  
XXXV. RKühne an Bodelschwingh. 
Zu Bd. V. S. 614. 
Verehrteste Exzellenz. 
Ich möchte gar zu gern Sie in diesen wichtigen Tagen nur auf eine Viertelstunde 
— denn die wird's wohl kosten — sprechen dürfen wahrhaftig nicht meinetwegen, sondern 
Ihretwegen und der Sache wegen. — 
Ich bin keiner, der bange machen will oder leicht bange wird, das müssen Sie mir 
zutrauen, sonst zerreißen Sie diesen Brief, dann werde ich zu Hause bleiben, d. h. nicht 
zu Ihnen kommen, aber doch mitfahren, wo es befohlen wird; aber mit welcher Hoffnung 
auf Erfolg? Das hängt viel von der Unterredung ab, die ich mir erbitte. 
Ob der König das Recht hat zu sagen „so hab' ich’s befohlen und so soll's sein 
oder nicht sein“ darüber streite ich niemals, das sind Ideologien, um die ich mich nicht 
kümmere. Aber was ist gut, was zweckmäßig, was gegenüber einer von Grund auf durch- 
wühlten und unterwaschenen Masse durchzuführen? 
Da bin ich denn so frei, den Unterschied zwischen der Periodizität des vereinigten 
Landtags und der vereinigten Ausschüsse auch für kaum etwas mehr als für eine Ideo- 
logie zu halten. Sie sind gut und edel und wollen Ihre Zwecke nur mit entsprechenden 
Mitteln (entsprechend dieser Ihrer Gesinnung) durchführen. — Wie aber sind Ihre Gegner? 
Sie sind im Vertrauen auf die gute Sache, der Sie sich geweiht haben, tapfer und un- 
erschrocken in der Verteidigung der Stellung, die Sie einmal eingenommen haben (oder 
haben einnehmen müssen) und in den Angriffen gegen die, die Sie daraus vertreiben wollen.
        <pb n="782" />
        774 XXXV. Kühne an Bodelschwingh. 
Wie aber sind die Leute beschaffen, auf deren Unterstützung Sie dabei rechnen? 
Wenn Ihnen die Folgen deutlich vor Augen stehen, die aus der monströsen Allianz 
erwachsen würden; mögen Sie voraussetzen, daß die Leidenschaftlichkeit der in sich ent- 
gegengesetzten Parteien gleiche Voraussicht bewahren würde? — Preußens Zukunft, die 
Frage über das Sein oder Nichtsein des Staates, dem wir beide mit gleicher Innigkeit 
zugetan sind, beruht darauf, daß diese Versammlung der vereinigten Landtage mit Ruhe 
und Ordnung in Frieden und Einigkeit mit der Regierung zu Ende geführt werde und 
daß die Versammlung, wenn nicht mit dem Erfolge, doch mit der sichern Hoffnung aus- 
einandergeht, daß mit ihr und durch sie ein gedeihlicher Grund zum Besser- 
werden gelegt sei. — Mißlingt dies, dann haben wir — das spreche ich nochmals als meine 
innerste Überzeugung aus, kein Mittel mehr, um zu regieren. — 
Ich bin wie der Jude Lipke, der von Ihnen lieber eine Ohrfeige als von andern 
einen Händedruck hinnimmtl aber selbst wenn es zu solchem Extreme käme, so zerreißen 
Sie doch lieber diesen Brief nicht, damit er ein Beweis bleibe, daß ich vielleicht noch 
zu rechter Zeit gewarnt habe. 
In treuester Anhänglichkeit und 
ehrerbietigst 
Kühne. 
B. d. 3. April 47. 
  
Druck von August Pries in Leipzig.
        <pb n="783" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
