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        <title>Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Fünfter Teil. Bis zur März-Revolution.</title>
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            <forname>Heinrich von</forname>
            <surname>Treitschke</surname>
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        </author>
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        Staatengeschichte

der  neuesten  Zeit.

 

 

 

Ach  undzwanzigster  Band.

H.  v.  Treitschke

Deutsche  Geschichte  im  neunzehnten  Jahrhundert
Fünfter  Teil.

Fünfte  Auflage

Sechzehntes  bis  achtzehntes  Tausend.

 

·2——  —  —  ——  —  —

Leipzig
Verlag  von  S.  Hirzel
1908.
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        <pb n="3" />
        Deutsche  Geschichte

im

Neunzehnten  Jahrhundert

von

Heinrich  von  Treitschke.

Fünfter  Teil.
Bis  zur  März-Revolution.

Fünfte  Auflage

Sechzehntes  bis  achtzehntes  Tausend.

 

–.S

 

Leipzig
Verlag  von  S.  Hirzel
1908.
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        Das  Recht  der  Übersetzung  ist  vorbehalten.
        <pb n="5" />
        Vorwort.

——  —  —  —

Durch  ein  langes  Augenleiden  ist  die  Fortsetzung  dieses  Buches  ver—
zögert  worden,  und  ich  will  nur  wünschen,  daß  man  dem  Bande  nicht
anmerke,  wie  schwer  mir  zuweilen  die  Arbeit  fiel.

Noch  weit  mehr  als  seine  Vorgänger  verdankt  der  vorliegende  Band
den  Beiträgen  freundlicher  Leser.  Ohne  diesen  gütigen  Beistand,  aus
amtlichen  Quellen  allein  hätte  ich  manche  Ereignisse  nicht  verstehen  können,
und  ich  bitte  auch  für  die  Schilderung  der  Revolutionsjahre  herzlich  um
solche  Mitteilungen.  Die  Aufgabe  wird  immer  schwieriger,  je  mehr  die
Erzählung  sich  der  Gegenwart  nähert.

Ein  Mangel  läßt  sich  bei  allem  Fleiße  nicht  ganz  beseitigen.  Das
Leben  der  breiten  Massen  des  Volks  bleibt  in  einem  Zeitalter  reflektierter
Bildung  immer  geheimnisvoll,  und  wieviel  der  Historiker  auch  an  wirtschaftlichen,
  politischen,  religiösen  Erklärungsgründen  vorbringen  mag,  zuletzt
  kann  er  doch  nur  einfach  die  Tatsache  feststellen,  daß  die  Stimmung
der  Zeit  reif  wurde  für  eine  Revolution.

Die  Geschichte  dieser  acht  Jahre  wirkt  wie  ein  erschütterndes  Trauerspiel.
  Zuerst  hohe  Entwürfe,  glänzende  Hoffnungen,  überschwengliche
Träume,  nachher  fast  überall  ein  klägliches  Mißlingen,  ein  unvermeidlicher
Zusammenbruch.  Den  tragischen  Ernst,  der  im  Stoffe  selber  liegt,  darf
der  Darsteller  nicht  durch  vornehmen  Gleichmut  künstlich  zu  verwischen

suchen.
Welchen  Mißbrauch  treibt  man  doch  heute  mit  dem  Ausspruch:  sine
ira  et  studio  —  einem  Worte,  das  niemand  weniger  befolgt  hat  als

sein  Urheber.  Gerecht  soll  der  Historiker  reden,  freimütig,  unbekümmert
        <pb n="6" />
        VI  Vorwort.

um  die  Empfindlichkeit  der  Höfe,  ungeschreckt  durch  den  heute  viel  mäch—
tigeren  Haß  des  gebildeten  Pöbels.  Aber  so  gewiß  der  Mensch  nur  ver—
steht,  was  er  liebt,  ebenso  gewiß  kann  nur  ein  starkes  Herz,  das  die
Geschicke  des  Vaterlandes  wie  selbsterlebtes  Leid  und  Glück  empfindet,  der
historischen  Erzählung  die  innere  Wahrheit  geben.  In  dieser  Macht  des
Gemüts,  und  nicht  allein  in  der  vollendeten  Form,  liegt  die  Größe  der
Geschichtschreiber  des  Altertums.  —

Berlin,  10.  August  1894.
Heinrich  von  Treitschke.
        <pb n="7" />
        Inhalt.

——.—

Fünftes  Buch.
König  Friedrich  Wilhelm  der  Vierte.

1840—1848.5

Seite
Die  frohen  Tage  der  Erwarnng  .  ...  3
Der  König  und  seine  Umgebungen  .  .......  ...  ...  6
Huldigung  in  Königsberg  und  Berlin  29
mDie  Kriegsgefahhhree  ...  61
Der  Londoner  Vertrag  der  vier  Mächte..  ......  61
Bedrohung  der  Rheingrenze.  Deutschlands  Rüstunen  80
Friedliche  Lösung.  Der  Meerengen-Verttttgegagag  109
Bistum  Jerusalem.  Preußen  und  Englnddd  120
.Enttäuschung  und  Verwirrung  ..  .  .  .  .  133
Provinziallandtage  von  1841.  PRosen  138
Neubildung  des  Ministeriums.  Schön  und  Rocchhwmwm  154
Kölner  Domfest.  Die  Vereinigten  Ausschüsee  168
Der  Kampf  mit  der  Prssee  189
Neues  Leben  in  Berlinnnnn  213
Das  Ministerium  Eichhon  229

Provinziallandtage  von  1843.  Verfassungspläne  des  Königs.  Arnims
Rücktritt..·........................  258
.DieParteiunginderKirche.................  276
Versöhnung  Preußens  mit  dem  Vatikan  .  ...........  277
Die  Ministerien  Abel  und  Blitterdorrrr  305
Der  Deutschkatholizismus..  .....  ...  335
Altlutheraner  und  freie  Gemeinden  349
Die  erste  preußische  Generalsyonodododeee  361
Realismus  in  Kunst  und  Wissenschft  370
Die  politische  Pocsseee  372
Roman  und  TDarnn:  383
Die  bildenden  Küusteteteteee  395
Historiker  und  Politiker  408
Die  neue  Naturwissenscat  .  423
Weachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschft  433
Erweiterung  des  Zollvereins.  Luxemburg.  Braunschwig  434
Kampf  zwischen  Schutzzoll  und  Freihaneli  448

Eisenbahnen  und  Geldmächte.  Soziale  Unruen  493
        <pb n="8" />
        VIII  Inhalt.

 

Seite

7.  Polen  und  Schleswig-Holsttien  524

Europäische  Lage  seit  dem  Meerengen-Vertrgea  524

Aufstände  in  Polen.  Einverleibung  Krakauauassss  540

Der  Offene  Brief.  Schleswig-Holsteins  Erhebonnag  ...  564

8.  Der  Vereinigte  Landtag  591

Ständische  Bewegung.  Das  Patent..  ........  591

Die  Vereinigten  Landstände  und  ihr  Ausschuß  .  .  ....  .  .  ..  615

9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundess  649

Verfall  der  monarchischen  Gewalt  in  den  Mittelstaaten  649

Gelehrtenversammlungen.  Preußens  Bundesreformpliuin  684

10.  Vorboten  der  europäischen  Revolutioon  702

Auflockerung  der  Allianzen.  Osterreich  und  JItalln  702

Sonderbundskrieg.  Preußen  und  Neuenbuttttgzg  725
Beilagen.

XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenscaat  #  745

XXVII.  Denkwürdigkeiten  des  Prinzen  Emil  von  Hesen  753

XXVIII.  Die  Ermordung  des  Studenten  Lesiigen  755

XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Nikollss  756

XXX.  Römische  Verhandlungen  des  Grafen  Briilll  763

XXXI.  Das  Märchen  vom  Flüchtling  Heinnn  764

XXXII.  List  an  König  Friedrich  Willhen  766

XXXIII.  Graf  Christian  Bernstorff  und  Schleswigholsttin  767

XXXIV.  Der  Prinz  von  Preußen  und  die  Verfassungsplänen  769

XXXV.  Kühne  an  Bodelschwmihg-g-----=  773
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        Fünftes  Buch.

 

König  Friedrich  Wilhelm  der  Vierte.

1840—1848.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.
        <pb n="10" />
        <pb n="11" />
        Erster  Abschnitt.

——  —  —

Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Am  9.  Juni  1840  versammelte  Fürst  Metternich  die  sämtlichen  in
Wien  anwesenden  deutschen  Gesandten  zu  einem  Festmahle  und  gedachte
in  bewegter  Rede  jenes  schönen  Bundes,  der  nunmehr  seit  einem  Vierteljahrhundert
  den  Deutschen  Glück  und  Frieden  sichere.  Fürstin  Melanie
weinte  tiefgerührt;  denn  jeden  Augenblick  erwartete  man  aus  Berlin  die
Kunde  vom  Tode  des  erkrankten  Königs,  und  was  mochte  die  heraufsteigende
  neue  Zeit  bringen?  An  der  Tafel  saß  auch  der  Bundespräsidialgesandte
  Münch-Bellinghausen,  der  nach  seiner  Gewohnheit  die  letzten
acht  Arbeitsmonate  an  der  Donau  zugebracht  hatte,  um  demnächst  während
  der  heißen  Jahreszeit  die  Ferien  des  Bundestags  wieder  zu  unterbrechen.
  Mancher  der  Gäste  sogar  konnte  sich  der  unmutigen  Frage  nicht
enthalten,  ob  dieser  von  der  Hofburg  so  geringschätzig  behandelte  Bund  wohl
eines  Festes  wert  sei.  )  In  der  Nation  ward  der  Erinnerungstag  des
Deutschen  Bundes  nirgends  beachtet,  kaum  daß  da  oder  dort  ein  Zeitungsblatt
  einen  der  landesüblichen  bittern  Scherze  über  das  rote  Frankfurter
„Inkompetenzgebäude“  brachte.

Wer  sollte  auch  jubeln  über  die  Saat  des  Unfriedens,  die  in  diesen
fünfund  wanzig  Friedensjahren  aufgeschossen  war?  Schroffer,  unversöhnlicher
  denn  je  traten  die  alten  großen  Gegensätze  unserer  Geschichte  einander
  entgegen.  Während  die  deutsche  Bundesverfassung  nur  durch  die
Freundschaft  der  beiden  Großmächte  aufrecht  erhalten  werden  konnte  und
der  Gesandte  in  Wien,  Graf  Maltzan,  zur  lebhaften  Befriedigung  des
alten  Königs,  den  Grundgedanken  der  korrekten  preußischen  Staatskunst
in  dem  Satze  zusammenfaßte:  „nicht  unter,  aber  stets  mit  Österreich“"),
hatte  derselbe  Monarch  bereits  einen  Weg  eingeschlagen,  welcher  unausweichlich
  zur  Trennung  von  Österreich  führen  mußte.  Das  stolze
Werk  dieser  neu  aufgenommenen  friderizianischen  Politik,  der  Zollverein,

 

*)  Maltzans  Berichte,  9.  Juni  1840  ff.
**)  Maltzans  Berichte,  Mai  1840.  Randbemerkung  des  Königs:  Gest  bien  cela
Rien  de  plus  correct.

17
        <pb n="12" />
        4  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

stand  schon  so  fest,  die  Gemeinschaft  der  Arbeit  zwischen  den  Deutschen
außerhalb  Osterreichs  erschien  schon  so  unzerreißbar,  daß  Michel  Chevalier
eben  jetzt,  nach  einer  Reise  durch  Deutschland,  bewundernd  sagte:  „In
der  europäischen  Politik  weiß  ich  nichts  Merkwürdigeres  als  die  Wieder—
herstellung  der  Einheit  Deutschlands.  Welch  ein  prächtiges  Schauspiel,
das  eines  großen  Volkes,  dessen  Trümmer  sich  nähern,  das  zur  Natio—
nalität,  das  heißt  zum  Leben,  zurückkehrt!“

Der  grelle  Widerspruch  zwischen  diesem  jungen  vollsaftigen  wirt—
schaftlichen  Leben  und  den  Formen  des  starren,  jeder  Verbesserung  spotten—
den  Bundesrechts  mußte  die  öffentliche  Meinung  verwirren.  Die  einen
träumten  noch  dahin  in  dem  Stillleben  eines  gedankenlosen  Partikularis—
mus,  der  durch  die  großen  Verhältnisse  des  neuen  nationalen  Marktes
schon  überwunden  war;  andere  wiederholten  noch  wie  vor  zehn  Jahren
die  Schlagworte  des  radikalen  Weltbürgertums;  in  den  besten  Klassen
des  Volkes  aber  erwachte  allmählich  ein  leidenschaftlicher,  reizbarer  Nationalstolz.
  Sie  ahnten,  daß  hier  eine  ungeheuere  Volkskraft  durch  tausend
verfitzte  und  verschrobene  politische  Rücksichten  künstlich  unterbunden  war.
Verwegene  Ansprüche,  wie  sie  vordem  nur  vereinzelte  Schwärmer  gewagt
hatten,  wurden  zum  Zeitungsgespräche.  Man  begann  zu  fragen,  warum
dieser  junge  Zollverein  nicht,  wie  einst  die  Hansa,  seine  Flagge  auf  dem
Weltmeere  entfalte  und  durch  seine  Orlogsschiffe  beschütze,  warum  er  nicht
teilnehme  an  der  Eroberung  der  transatlantischen  Welt.  Nach  allen
entfremdeten  Tochterlanden  unseres  Volkes,  bis  nach  Flensburg,  bis  nach
Riga  und  Reval  schweiften  die  verlangenden  Blicke  der  patriotischen
Schriftsteller;  und  als  in  diesem  wechselreichen  Sommer  die  Rheingrenze
von  neuem  bedroht  schien,  da  erhob  sich  mit  elementarischer  Gewalt  ein
Sturm  nationalen  Zornes,  der  deutlich  bekundete,  daß  der  Geist  der  Befreiungskriege
  nicht  erstorben  war,  daß  die  Zeiten  der  Erfüllung  unserem
ringenden  Volke  endlich  nahten.  Mit  dem  nationalen  Stolze  wuchsen
auch  die  Freiheitshoffnungen.  Nach  so  vielen  Kämpfen  und  Enttäuschungen
  begannen  sich  die  Liberalen  um  diese  Zeit  das  theoretische  Ideal  des
parlamentarischen  Staates  zu  formen,  das  sie  seitdem  festhielten,  bis  mit
dem  Jahre  1866  der  monarchische  Staatsgedanke  wieder  erstarkte.  Einer
ihrer  Führer,  der  Braunschweiger  Karl  Steinacker  erklärte  jetzt  kurzab:
„die  Regierung  im  Repräsentativstaate  ist  immer  die  Darstellung  der
Majorität  im  Staate;“  der  besonnene,  wohlmeinende  Mann  ahnte  nicht,
daß  er  mit  dieser  Lehre  dem  Königtum  jede  selbständige  Macht  raubte
und  nur  den  Weg  ebnete  für  die  republikanischen  Ideen,  die  unter  den
Flüchtlingen,  unter  der  aufgeregten  Jugend  gewaltig  überhandnahmen.

Wie  weitab  von  solchen  beständig  steigenden  doktrinären  Ansprüchen
des  Liberalismus  lag  die  Wirklichkeit  der  deutschen  Zustände:  die  überaus
  bescheidene  Macht  der  süddeutschen  Landtage  und  die  dreiste  Willkür
des  Welfenkönigs,  der  ungestraft  sein  Landesrecht  mit  Füßen  trat.  Auch
        <pb n="13" />
        Gegensätze  des  deutschen  Lebens.  5

auf  dem  Gebiete  der  Theorie  entstanden  der  liberalen  Lehre  einflußreiche
Gegner.  Unklare  Erinnerungen  aus  Haller  und  den  Werken  der  histo—
rischen  Rechtsschule  lieferten  dem  jungen  Fürsten  Ludwig  zu  Solms—
Lich  den  Stoff  zu  seinem  Büchlein  „Deutschland  und  die  Repräsentativ—
verfassungen“  (1838),  einer  Schrift,  die  in  der  vornehmen  Welt,  zumal
am  Berliner  Hofe  lebhafte  Bewunderung  erregte,  von  dem  alten  Hans
Gagern  aber  mit  dem  treffenden  Vorwurfe  abgefertigt  wurde:  „Es  kommen
  uns,  vorzüglich  aus  dem  Norden,  allerlei  sophistische  mystische  Behauptungen
  zu,  die  wie  die  Nebel  von  den  Sonnenstrahlen  des  natürlichen
Verstandes  zerstreut  werden.“  Deutlich  war  in  den  verschwommenen  Sätzen
nur  das  eine,  daß  der  fürstliche  Verfasser  die  ganze  neue  Geschichte  des
deutschen  Südens  für  eine  große  Verirrung  ansah  und  ihr  die  preußischen
  Provinzialstände  als  lichtes  Gegenbild  entgegenhielt.  Ebenso  unfriedlich
  gestalteten  sich  die  wirtschaftlichen  Zustände.  Kaum  begann  unter
dem  Schutze  des  Zollvereins  die  junge  Großindustrie  aufzublühen,  so
zeigte  sich  auch  schon  die  finstere  Schattenseite  der  neuen  Verhältnisse;
weithin  durch  die  lange  Kette  der  mitteldeutschen  Hungergebirge  erklang
der  Jammerruf  der  Arbeiter;  die  grimme  Not  stimmte  die  Massen  empfänglich
  für  kommunistische  Träume.

Einc  schwere  soziale  Erschütterung  schien  im  Anzuge,  und  sie  drohte
um  so  verheerender  zu  wirken,  da  auch  das  kirchliche  Leben  tief  zerklüftet
war.  Derweil  das  römische  Priestertum  seit  dem  Kölnischen  Bischofsstreite
  seine  Macht  täglich  wachsen  sah  und  der  Glaubensernst  der  wiedererwachten
  evangelischen  Frömmigkeit  sich  in  fruchtbaren  Liebeswerken  betätigte,
  verhöhnten  die  Kritiker  der  junghegelschen  Schule  jede  Form  des
Christentums;  der  Bodensatz  der  alten  Aufklärung  wirbelte  wieder  empor,
weite  Kreise  der  Gebildeten  vermochten  noch  gar  nicht  zu  begreifen,  daß
es  mit  der  Religion  wieder  Ernst  ward.  Als  ein  Zeichen  der  Zeit  erschien
  am  hundertsten  Gedenktage  der  Thronbesteigung  die  Jubelschrift
„Friedrich  der  Große  und  seine  Widersacher“  von  dem  jungen  C.  F.  Köppen,
ein  geistreiches  Buch,  das  die  erhabene  Sittlichkeit  des  schaffenden  und
wissenden  Heros  wider  die  moralischen  Splitterrichter  siegreich  verteidigte,
aber  auch  die  katholischen  Wölfe  im  Schafskleide,  die  protestantischen  Schafe
im  Wolfskleide,  die  aus  allen  Pfützen  quakenden  glaubensseligen  Frösche  mit
ätzendem  Hohne  überschüttete.  Die  reiche  Gedankenarbeit  dreier  Generationen,
  welche  die  Herrschaft  der  Ideen  Voltaires  in  Deutschland  gebrochen
hatte,  schien  für  diese  radikale  Jugend  gar  nicht  vorhanden  zu  sein.  Und
welche  Gegensätze  endlich  in  der  Literatur.  Neben  der  strengen  Forschung
der  historischen  und  der  Naturwissenschaft  trieb  eine  freche  und  flache  Tagesschriftstellerei
  ihr  Wesen,  durch  und  durch  tendenziös,  in  Vers  und  Prosa
alle  überlieferte  Ordnung  verspottend,  immer  nur  auf  den  flüchtigen  Erfolg
  des  Augenblicks  bedacht.

Deutschland  war  in  einem  Zustande  bedenklicher  Gärung,  und  einer
        <pb n="14" />
        6  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

der  wenigen  Franzosen,  welche  den  Schicksalen  des  Nachbarlandes  mit  Ver—
ständnis  folgten,  Saint-René-Taillandier,  meinte  besorgt:  solche  Anarchie
der  Geister  erinnere  an  die  Zustände  Frankreichs  vor  der  Revolution.
Aber  in  den  deutschen  Wirren  offenbarte  sich  nicht  wie  einst  in  Frank—
reich  die  Fäulnis  einer  sittlich  zersetzten  Gesellschaft,  sondern  der  unklare
Jünglingsmut  eines  edlen  aufstrebenden  Volkes,  das  seine  Kraft  zu
fühlen  begann.  Wie  leicht  eine  große  Idee  alle  diese  hadernden  Köpfe
unter  einen  Hut  zwingen,  alle  diese  durcheinander  flutenden  Gedanken,
von  denen  keiner  die  Nation  ganz  beherrschte,  völlig  überschatten  konnte,
das  lehrte  jener  wunderbare  Einmut  kriegerischer  Begeisterung,  der  die
Deutschen  ergriff,  als  sie  ihre  Westmark  gefährdet  sahen.  Wenn  der  Nach—
folger  Friedrich  Wilhelms  III.  durch  freien  königlichen  Entschluß,  wie  bis—
her  noch  alle  die  großen  Wendungen  unserer  Geschichte  sich  entschieden
hatten,  durch  eine  rechtzeitige  weise  Gewährung  seine  heimischen  Verfassungs—
händel  schlichtete,  wenn  er  also  zugleich  das  Ansehen  seiner  Krone  stärkte
und  die  Kluft  überbrückte,  welche  sein  Preußen  von  den  kleinen  deutschen
Staaten  abschied,  wenn  er  das  edle  Vermächtnis  der  Befreiungskriege,
das  erstarkte  religiöse  Leben  treu  behütete,  ohne  die  freie  Forschung  von
sich  zu  stoßen,  dann  durfte  er  wagen,  die  friderizianischen  Gedanken  in
einem  großen  und  freien  Sinne  wieder  aufzunehmen,  das  Werk  des  Zoll—
vereins  zu  vollenden  und  mit  dem  Degen  in  der  Hand  für  den  Staat,
der  das  Arbeitsleben  der  Nation  bereits  beherrschte,  auch  die  Leitung  der
deutschen  Politik  zu  fordern.  —

Selten  hat  sich  so  fühlbar  die  alte  Wahrheit  bestätigt,  daß  Männer
den  Lauf  der  Zeiten  beherrschen.  Friedrich  Wilhelm  der  Vierte  blieb  acht
Jahre  hindurch  der  Mann  des  Schicksals  für  Deutschland;  die  Kräfte,
die  er  weckte,  und  weit  mehr  noch  die  Gegenkräfte,  die  er  wider  sich  auf—
rief,  trieben  unser  Volk  der  Revolution  entgegen.  Aber  selten  auch  ward
so  anschaulich,  daß  die  Zeit  sich  ihre  Männer  bildet.  Der  rätselhafte
Charakter  des  neuen  Königs  war  selbst  nur  eine  letzte  feine  Blüte  der
langen,  kaum  erst  überwundenen  Epoche  ästhetischer  Überschwenglichkeit;
erst  den  tatkräftigeren  Söhnen  eines  anderen  abgehärteten  Geschlechts,
das  die  Greuel  der  Revolution  durch  die  Gassen  hatte  rasen  sehen,  sollte
gelingen,  was  diesen  weichen  Händen  mißraten  mußte.  Eine  so  eigenartige
  Ansicht  von  der  Vollgewalt  des  Königtums,  wie  dieser  Fürst  sie
in  begeistertem  Herzen  hegte,  hatte  mit  der  frivolen  Selbstvergötterung  der
Bourbonen,  mit  der  gedankenlosen  Ruheseligkeit  der  Wiener  Hofburg  gar
nichts,  mit  der  pfäffischen  Königskunst  der  Stuarts  auch  nur  wenig  gemein;
  sie  konnte,  gleich  dem  künstlerischen  Absolutismus  König  Ludwigs
von  Bayern,  nur  auf  deutschem  Boden  erwachsen,  nur  auf  dem  Boden
jener  romantischen  Weltanschauung,  welche  in  der  schrankenlosen  Entfaltung
  aller  Gaben,  in  der  Selbstgewißheit  und  dem  Selbstgenusse  des
stolzen  Ichs  ihr  Ideal  fand.  In  der  gedrückten  und  beengten  Zeit  rief
        <pb n="15" />
        Friedrich  Wilhelms  Anschauung  vom  Königtum.  7

jedermann  nach  Freiheit,  niemand  lauter  als  der  neue  König.  Aber  vor
allen  wollte  er  selber  frei  sein,  um  auf  den  Höhen  des  Lebens  sich  aus—
zuleben,  die  Fülle  seiner  königlichen  Weisheit  und  Gestaltungskraft  zu  be—
tätigen.  Er  glaubte  an  eine  geheimnisvolle  Erleuchtung,  die  den  Königen
vor  allen  anderen  Sterblichen  durch  Gottes  Gnade  beschieden  sei;  er  hegte
ein  warmes  Zutrauen  zu  den  Menschen  und  meinte  die  Zeit  zu  verstehen,
weil  er  allem  Schönen  und  Großen,  was  sie  bot  mit  feinsinniger  Empfäng—
lichkeit,  gefolgt  war.  Darum  dachte  er  kraft  seiner  königlichen  Vollgewalt
seinem  geliebten  Volke  mehr  wahre  Freiheit  zu  schenken,  als  jemals  eine
geschriebene  Verfassung  gewähren  könne.

Friedrich  Wilhelm  hatte  das  fünfundvierzigste  Lebensjahr  fast  erreicht,
und  seine  gedunsene  Gestalt  mit  den  geistreichen,  aber  schlaffen,  bartlosen  Ge—
sichtszügen  erschien  trotz  der  jugendlich  unruhigen  Bewegungen  schon  etwas
gealtert.  Wie  viel  hatte  er  auch  schon  erlebt  in  diesen  langen  Jahren  des
Wartens,  welche  Huldigungen  waren  ihm  zu  teil  geworden  von  jenen
fernen  Tagen  an,  da  die  alte  Albertina  den  dreizehnjährigen  Knaben  zu
ihrem  Rektor  erwählte,  und  am  letzten  Geburtstage  seiner  Mutter  „des  Vaterlandes
  blühende  Hoffnung“  durch  eine  Denkmünze  geehrt  wurde,  bis  herab
zu  den  späteren  Zeiten,  da  Goethe  weissagte,  dies  große  Talent  müsse  neue
Talente  wecken,  und  jedermann  die  Geisteshoheit  des  Kronprinzen  bewunderte.
  Seit  langem  schon  führte  er  den  Vorsitz  im  Staatsrate  wie  im  Ministerium
  und  glaubte  daher  das  ganze  Getriebe  des  Staats  zu  übersehen.
Sein  Vater  sorgte  jedoch  mit  seinem  schlichten  Menschenverstande  dafür,
daß  diese  einem  Thronfolger  wenig  angemessene  glänzende  Stellung  nicht
zu  einer  Mitregentschaft  entartete.  Der  alte  König  war  in  seinem  Hause
weit  mehr  der  Herr  als  im  Staate;  seine  Kinder  blickten  zu  ihm  alle  empor
mit  jener  scheuen  Ehrfurcht,  welche  ernste,  wortkarge  Bäter  selbst  begabteren
Söhnen  einzuflößen  wissen.  Der  politische  Einfluß  des  Kronprinzen  reichte
nicht  sehr  weit.  Einzelnen  Personen,  zumal  rechtgläubigen  Geistlichen
konnte  er  wohl  durch  seine  Fürsprache  vorwärts  helfen;  auch  die  wenig
erheblichen  Verhandlungen  mit  den  Provinzialständen  blieben  fast  ausschließlich
  seiner  Leitung  überlassen.  Aber  alle  entscheidenden  Beschlüsse
faßte  der  alte  Herr  so  ganz  nach  eigenem  Ermessen,  daß  der  Thronfolger
seine  Ohnmacht  bald  sehr  schmerzlich  empfand  und  einen  stillen,  beständig
wachsenden  Groll  gegen  das  alte  Regiment  faßte.

Er  haßte  nicht  nur  die  bureaukratische  Formenstrenge,  die  er  als
„Diener-Anmaßung“  abzufertigen  liebte,  ohne  ihre  großen  Vorzüge  zu
würdigen;  er  verabscheute  noch  mehr  den  ganzen  Geist  dieser  Regierung,
der  ihm  von  der  Aufklärung  des  achtzehnten  Jahrhunderts  nur  wenig
abzuweichen  schien.  Wenn  er  als  Kronprinz  in  Charlottenhof  dicht  unter
dem  Hügel  von  Sanssouci  weilte,  in  der  rosenumrankten  Villa,  die  ihm
der  Vater  geschenkt  und  Schinkel  mit  italienischer  Anmut  ausgeschmückt
hatte,  dann  verglichen  die  Gäste  zuweilen  in  erregten  Gesprächen  Ver-
        <pb n="16" />
        8  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

gangenheit  und  Zukunft.  Das  aufstrebende  junge  Geschlecht  meinte  der
alten  Zeit  durch  den  Schwung,  die  Gläubigkeit,  die  Gemütstiefe,  die
Ironie  der  Romantik  weit  überlegen  zu  sein.  Friedrich  Wilhelms  Herzensfreund
  Prinz  Johann  von  Sachsen  besang  in  feierlichen  Trochäen  die
kalte  Marmorpracht  der  Königssäle  da  droben:

Ist  es  nicht,  als  ob  es  hier  noch  tönte,

Jenes  beißenden  Jahrhunderts  Witz?  —
und  schilderte  dann  in  hüpfenden  Daktylen  das  Gartenhaus  drunten  mit
seiner  jugendlichen  Fröhlichkeit:

Hier  fühlt  man  schlagen,  was  ewig  dort  fehlet,

Neben  dem  Geist  ein  erwärmendes  Herz.

Bald  nach  seiner  Thronbesteigung  schlug  der  neue  König  selbst  in
dem  Schlosse  des  großen  Friedrich  sein  Hoflager  auf,  was  keiner  seiner
beiden  Vorgänger  gewagt  hatte.  Die  unausbleiblichen  erdrückenden  Vergleichungen
  erschreckten  ihn  nicht,  denn  er  hoffte,  daß  jetzt  zum  zweiten
Male  von  diesem  „historischen  Hügel“  herab  ein  neuer  Geist  sich  über  das
Land  ergießen  würde,  ein  anderer  freilich  als  der  friderizianische,  der  Geist
des  christlichen  Staates.  In  ernster  Arbeit  und  schweren  Seelenkämpfen
hatte  er  die  rationalistischen  Lehren  seiner  Jugenderzieher  längst  überwunden
  und  den  Glauben  als  die  höchste  Potenz  der  Vernunft  begriffen.
Unauslöschlich  stand  in  seinem  Herzen  der  Spruch  des  heiligen  Augustin:
das  unwandelbare  Licht  Gottes  war  über  mir,  weil  es  mir  das  Dasein
gegeben,  und  ich  war  unter  ihm,  weil  es  mich  erschaffen  hat.  Daraus
ergab  sich  ihm  „der  unaussprechliche  Unterschied  des  Schöpfers
  und  Geschöpfes,  daher  auch  der  Wahnsinn,  die  Gottheit  aus  dem  eigenen
Wesen,  als  einem  Analogon  der  GottheitlII  zu  konstruieren.“)
Nichts  war  ihm  darum  hassenswürdiger  als  „die  Drachensaat  des  Hegelschen
  Pantheismus“;  tiefsinniger  als  Hegel  erkannte  er,  daß  jedes  Zeitalter
  nicht  bloß  als  eine  Entwicklungsstufe  für  die  Zukunft  etwas  bedeutet,
sondern  seinen  selbständigen  Wert,  seine  eigene  Beziehung  zu  Gott  hat.
Die  neue  Zeit  aber,  die  jetzt  heraufgraute,  sollte  mit  der  Erbschaft  der
alten  Aufklärung  gründlich  aufräumen,  die  Revolution  durch  die  Freiheit,
die  fleischliche  Freiheit  durch  die  christliche,  den  mechanischen  durch  den
christlichen  Staat  überwinden.

Eine  Welt  herrlicher  Pläne  hatte  er  sich  mit  künstlerischer  Phantasie
schon  ausgesonnen,  und  nun,  da  er  der  Herr  war,  drängte  ihn  sein  liebevolles
  Gemüt,  das  überall  augenblicklich  Freude  bereiten,  überall  glückliche
  Gesichter  um  sich  sehen  wollte,  sie  alle  zu  verwirklichen.  Er  dachte
die  provinzialständische  Verfassung  durch  die  Einberufung  eines  ständisch
gegliederten  Reichstags  zu  vollenden,  nimmermehr  durch  eine  papierene

 

*)  Bemerkungen  des  Kronprinzen  zu  Bunsens  Abhandlung  über  Cherecht,  Staat
und  Kirche.
        <pb n="17" />
        Friedrich  Wilhelms  Pläne.  9

Konstitution;  denn  obwohl  er  allen  politischen  Theorien  seine  Verachtung
auszusprechen  liebte,  so  war  er  doch  selbst  ganz  durchdrungen  von  einer
unwandelbaren  politischen  Doktrin.  Jener  künstliche  Gegensatz  des  revolutionären
  Repräsentativsystems  und  des  legitimen  Ständewesens,  welchen
Gentz  einst  in  der  Karlsbader  Denkschrift  vom  Jahre  1819  geschildert
hatte,  erschien  ihm  als  eine  unumstößliche  Wahrheit;  wie  die  alte  Naturrechtslehre
  an  ein  abstraktes,  über  allen  positiven  Gesetzen  erhabenes  Vernunftrecht
  glaubte,  so  er  an  ein  historisches  Recht  der  Stände,  das  ohne
Zutun  der  Staatsgewalt  entstanden,  auch  von  ihr  nur  anerkannt,  nicht
aufgehoben  werden  könne.  Die  Wahrheit,  daß  der  rechtsbildende  Gemeingeist
der  modernen  Völker  sich  am  stärksten  in  ihren  Staatsgesetzen  betätigt,  verachtete
  er  als  eine  Verirrung  der  hegelianischen  Staatsvergötterer;  von
dieser  „Staatsallmacht“  sollte  seine  christliche  Monarchie  sich  allezeit  fern
halten.  Hallers  Staatslehre  feierte  jetzt,  da  ihr  Urheber  schon  das  siebzigste
Jahr  überschritten  hatte,  ihren  höchsten  Triumph,  nur  daß  diesederbprosaische
Machttheorie  sich  in  der  Seele  Friedrich  Wilhelms  zu  einem  reichgeschmückten
  künstlerischen  Bilde  ausgestaltete:  die  Idee  der  Staatseinheit  galt  ihm
gar  nichts,  genug  wenn  alle  Stände  und  alle  Landschaften  seines  weiten
Reichs  sich  frei  und  farbenprächtig  in  ihrer  historischen  Eigenart  entfalteten,
auch  die  Wenden,  auch  die  Litauer,  die  Kassuben,  die  Masuren  sich  ungestört
  ihrer  volkstümlichen  Sprache  und  Sitte  erfreuten.

Alle  Härten  des  alten  Systems  dachte  er  zu  mildern;  also  Verzeihung
für  die  Demagogen,  auch  für  die  Polen,  die  er  als  widerrechtlich  Unterdrückte
  bemitleidete;  Freiheit  für  die  Presse,  und  vornehmlich  für  die  Kirche.
Den  Groll  der  Katholiken  über  den  Kölnischen  Bischofsstreit  hoffte  er  durch
hochherzige  Zugeständnisse  zu  versöhmnen.  Die  evangelische  Landeskirche
aber  und  die  oberstbischöfliche  Gewalt  des  Königtums  betrachtete  er  kaum
als  zu  Recht  bestehend:  wenn  der  Protestantismus  nur  erst  alle  ungläubigen
  Elemente  ausgestoßen  hätte,  dann  sollten  sich  die  Gemeinden  der
Gläubigen  aus  eigener  Kraft,  ungestört  von  der  Staatsgewalt,  ihre  Kirche
neu  erbauen,  und  also  die  unsichtbare  Kirche  sichtbar  werden.  Auch  die
knappe  Sparsamkeit  des  alten  Regiments  betrachtete  er  längst  mit  Unwillen:
  um  eine  prächtige,  geschmackvolle,  des  hohenzollerschen  Namens
würdige  Hofhaltung  hoffte  er  alles  zu  versammeln,  was  Deutschlands
Kunst  und  Wissenschaft  an  großen  Namen  besaß.  Schon  als  Kronprinz
hatte  er  den  Ausbau  der  Marienburg  und  des  Kölner  Doms  gefördert,
zu  Castel  auf  der  Felsplatte  hoch  über  der  Saar  die  Gruftkirche  seiner
lützelburgischen  Ahnen,  auf  Stolzenfels  das  Rheinschloß  der  trierischen
Kurfürsten  stattlich  hergestellt,  auf  Stahleck  die  Pfalzgrafenburg  der
Altvordern  seiner  Gemahlin  wieder  zugänglich  gemacht;  jetzt  sollten  überall
  die  halb  zertrümmerten  Bauten  der  deutschen  Vorfahren  prächtig  auferstehen
  und  zugleich  den  schöpferischen  Talenten  des  jungen  Künstlergeschlechts
  eine  Fülle  neuer  Aufgaben  gestellt  werden.  Jeder  frischen  Kraft
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        10  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

des  vaterländischen  Lebens  wollte  der  christliche  Monarch  sorgsam  gerecht
werden:  dem  Handel,  dem  Gewerbfleiß,  dem  Verkehre  und  nicht  zuletzt
den  arbeitenden  Massen,  deren  wachsende  Macht  er  schon  als  Kronprinz,
früher  als  die  meisten  Zeitgenossen,  scharfsichtig  würdigte.

Von  der  überlieferten  auswärtigen  Politik  war  er  nicht  gemeint,  sich
gänzlich  loszusagen;  er  betrachtete  den  Bund  der  Ostmächte  als  den  Schutzwall
  wider  die  Revolution,  seine  alte  Verehrung  für  Metternichs  Weisheit
  hatte  sich  mit  den  Jahren  nur  gesteigert,  und  gegen  den  russischen
Schwager  zeigte  er  sich  schwächer  als  sein  Vorgänger.  Der  alte  Herr
hatte  „den  lieben  Niks“  wie  einen  Sohn  geliebt,  aber  ihn  in  seiner  stillen
Weise  immer  in  Schranken  gehalten.  Dem  neuen  Könige  war  die  Härte
des  Zaren  tief  zuwider,  und  vor  Vertrauten  äußerte  er  sich  oft  sehr  bitter
über  „Seine  Autokratische  Majestät“,  doch  er  empfand  vor  ihm  jene  geheime
Furcht,  welche  der  überlegene  Wille  dem  überlegenen  Geiste  aufzwingt.
Dabei  fühlte  er  doch  sehr  lebhaft,  daß  seine  innere  Politik  weder  mit  dem
gemütlichen  Seelenschlafe  des  alten  Österreichs,  noch  mit  der  knechtischen
Stille  des  Zarenreichs  irgend  etwas  gemein  haben  durfte,  und  ersehnte
die  Zeit,  da  England  wieder  in  den  alten  Vierbund  eintreten,  Preußen
aber,  gestärkt  durch  ein  engeres  Bündnis  der  beiden  protestantischen
Großmächte,  etwas  freiere  Hand  in  Europa  erhalten  würde.  Diesem  stammverwandten
  Inselvolke  widmete  er  seit  einigen  Jahren  eine  feurige  durch
Bunsens  enthusiastische  Briefe  beständig  geschürte  Bewunderung.  Mit
Freuden  nahm  er  wahr,  wie  die  Anglomanie  seit  dem  Ende  der  dreißiger
Jahre  überall  in  Mitteleuropa,  bis  nach  Ungarn  hinein,  unter  dem
Adel  überhandnahm,  Trachten  und  Sitten  der  englischen  Sportsmen
von  der  vornehmen  Welt  eifrig  nachgeahmt  wurden.  Er  sah  in  der  britischen
  Verfassung  das  Musterbild  jener  organischen  Entwicklung,  die  er,
in  anderen  Formen  freilich,  für  seinen  eigenen  Staat  erhoffte,  und  teilte
die  unter  dem  liberalen  Adel  wie  im  Bürgertum  weit  verbreitete  Meinung,
  daß  England  unser  natürlicher  Bundesgenosse  sei.  Immerhin
hatte  er  schon  mehr  politische  Erfahrung  gesammelt  als  die  freiwilligen
Staatsmänner  des  Liberalismus  und  erkannte  wohl,  daß  die  Verbindungen
der  Staaten  nicht  allein  durch  ihre  innere  Verwandtschaft  bestimmt  werden;
  nur  wenn  der  alte  Ostbund  unerschütterlich  fortbestehe,  hielt  er  das
engere  Bündnis  der  zwei  protestantischen  Mächte  für  möglich.

Noch  lebhafter  beschäftigte  ihn  Preußens  deutsche  Politik.  Er  rechnete
nicht  auf  ein  langes  Leben  und  sagte  bald  nach  seiner  Thronbesteigung:
ob  diese  kurze  Regierung  ruhmreich  werde,  das  wisse  er  nicht,  aber  einen
deutschen  Charakter  solle  sie  tragen.  Da  er  „die  Vorurteile“  des  friderizianischen
  Zeitalters  verachtete  und  dem  alten  Kaiserhause  neidlos  den
Vortritt  überließ,  so  hielt  er  den  Deutschen  Bund  mitsamt  der  friedlichen
  Zweiherrschaft  für  eine  höchst  segensreiche  Einrichtung,  und  sein
Ehrgeiz  ging  nur  dahin,  daß  Preußen  diese  trefflichen  Institutionen  be-
        <pb n="19" />
        Europäische  und  deutsche  Politik.  11

leben,  dem  Bunde  die  wirksame  Leitung  des  Heerwesens,  der  Verkehrs—
verhältnisse,  der  Handelspolitik  verschaffen  müsse.  Wie  die  erweiterte
Bundesgewalt  sich  mit  dem  Zollvereine  vertragen  sollte,  der  doch  ohne
und  gegen  den  Bund  entstanden  war  —  solche  Fragen  legte  er  sich  kaum
vor;  denn  sein  preußisches  Staatsgefühl  blieb  allezeit  schwächer  als  die
unbestimmte  Begeisterung  für  Deutschlands  Einigkeit,  und  der  Gedanke,
im  Kampfe  mit  Osterreich  die  Führung  der  Nation  für  Preußen  zu
fordern,  lag  gänzlich  außerhalb  seines  Gesichtskreises.  Unter  allen  hohen—
zollerschen  Königen  war  er  der  friedfertigste,  friedfertiger  noch  als  sein
Vater  und  darum  auch  der  einzige,  der  nie  einen  ernsten  Krieg  geführt
hat.  Auf  eines  seiner  Museen  ließ  er  den  alten  Cäsarenspruch  setzen:
Melius  bene  imperare  quam  imperia  ampliare  —  ein  Wort,  das  dem
Beherrscher  eines  Weltreiches  wohl  anstand,  doch  wahrlich  nicht  dem  Könige
eines  jungen,  unfertigen  Staates  mit  lächerlichen  Grenzen.  Er  war  kein
Mann  des  Degens;  nur  ungern  bestieg  der  Kurzsichtige  ein  Roß,  und
wenngleich  er  bei  den  Manövern  die  Offiziere  oft  durch  seine  scharfsinnigen
  kritischen  Bemerkungen  überraschte,  so  fühlten  sie  doch  alle,  daß  er
diese  kriegerischen  Pflichten  nur  aus  Gewissenhaftigkeit,  ohne  Freude  erfüllte.
  Sein  Herz  hing  an  dem  Glücke  des  Friedens.  Alle  die  friedlichen
Segnungen  aber,  welche  sein  Volk  unter  der  christlich-ständischen  Monarchie
  zu  erwarten  hatte,  sollten  allein  ausgehen  von  der  Weisheit  der
Krone;  denn  wie  ein  Patriarch  des  Alten  Testaments  verstand  er  seine
Würde,  recht  eigentlich  als  eine  väterliche  von  Gott  selbst  zur  Erziehung
der  Völker  eingesetzte  Gewalt  erschien  ihm  das  Königtum.  Auf  die
Person  des  Monarchen  bezog  er  alles,  was  im  Staate  geschah.  Der
höchste  Zweck  der  freien  Presse  war  ihm  „das  Aufdecken  von  Mißbräuchen
  und  Unbilden,  von  denen  Ich  auf  keinem  anderen  Wege  unterrichtet
  werden  dürfte“  )  und  wenn  er  seinen  Untertanen  zürnte,  dann
sagte  er  drohend:  „ungezogene  Kinder  zur  rechten  Zeit  die  Rute  fühlen
zu  lassen,  ist  schon  durch  Salomon  und  Sirach  empfohlen.“7)
Wenn  sich  nur  unter  allen  diesen  vielverheißenden  Plänen  des  Thronfolgers
  ein  einziger  völlig  ausgereifter,  staatsmännisch  durchdachter  Entwurf
  befunden  hätte!  Indes  jene  leidenschaftliche  Lust  am  Erfolge,  selbst
am  verkümmerten  Erfolge,  welche  den  Mann  der  Tat  bezeichnet,  war
ihm  völlig  fremd.  Er  liebte  an  der  Fülle  seiner  Gedanken  wie  an  einem
künstlerischen  Spiele  sich  zu  weiden,  und  in  den  langen  Jahren  des
Harrens  verlernte  er  fast  zu  fragen,  wie  alle  diese  Herrlichkeit  ins  Leben
treten  solle.  Sogar  den  Plan  der  Befreiung  der  evangelischen  Kirche,
der  ihm  unter  allen  das  Herz  am  stärksten  bewegte,  dachte  er  nur  sieben
Jahre  lang  mit  ganzem  Ernst  zu  fördern;  zeige  sich  dann  der  Widerstand

 

*)  Marginalnote,  7.  Juni  1843.
**)  Marginalnote,  10.  Juni  1847.
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        12  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

unüberwindlich,  so  wollte  er  das  Buch  zuschlagen.  So  sprach  nicht  ein
geborener  Herrscher,  sondern  ein  phantasiereicher  Kopf,  der  sich  den  Ein—
drücken  des  Lebens  mehr  hingab,  als  sie  selbst  bestimmte,  eine  weiche  Natur,
die  im  Vertrauen  auf  Gott  und  die  Menschen  allezeit  hoffte,  die  Dinge
würden  nach  ihren  Wünschen  gehen  und  dann  das  Mißlingen  nicht  der
eigenen  Schwäche,  sondern  dem  unerforschlichen  Ratschlusse  der  Vor—
sehung  zuschrieb.  Auf  seinem  Schreibtisch  in  Sanssouci  standen  neben—
einander  die  Statuetten  der  Venus  von  Melos,  des  frommen  Gellert,
des  Zaren  Nikolaus,  beredte  Zeugen  einer  wunderbaren  Empfänglichkeit,
die  in  Kunst  und  Wissenschaft,  in  Staat  und  Kirche  alles  Bedeutende  zu
verstehen  suchte,  ohne  irgendwo  ganz  heimisch  zu  werden.

Im  Gespräche  mit  den  Helden  des  deutschen  Geistes  zeigte  er  eine
so  blendende  Überlegenheit,  daß  Leopold  Ranke  staunend  sagte:  er  ist
unser  aller  Meister.  Und  doch  war  er  kein  Meister,  sondern  nur  der
größte  aller  jener  geistreichen  Dilettanten,  an  denen  die  vielgestaltige
moderne  Kultur  so  reich  ist.  Auf  keinem  der  unzähligen  Gebiete  des
geistigen  Lebens,  die  sein  ruheloser  Geist  zu  umfassen  strebte,  zeigte  er  sich
wahrhaft  mächtig,  wahrhaft  schöpferisch,  am  wenigsten  in  seinem  politischen
  Berufe.  In  späteren  Jahren  wetterte  einmal  ein  klagender  Bauer,
der  von  dem  Monarchen  an  den  Staat  gewiesen  wurde,  über  diesen
„Racker  von  Staat“,  und  der  König  pflegte  dies  geflügelte  Wort  halb  im
Scherz  zu  wiederholen.  In  seinem  Munde  war  es  leider  mehr  als  ein
Scherzwort;  die  unerbittliche  Regelmäßigkeit  der  Staatsgeschäfte  widerte
ihn  ebenso  tief  an  wie  die  Härte  der  politischen  Machtkämpfe,  obgleich  er
die  Arbeiten  seines  königlichen  Amts  mit  gewissenhaftem  Fleiße,  bis  in  die
tiefe  Nacht  hinein  besorgte.  Immer  atmete  er  auf,  sobald  er  sich  aus
dieser  Welt  der  Nüchternheit  in  sein  eigenes  reiches  Ich  zurückziehen  konnte,
und  nie  war  er  glücklicher,  als  wenn  er,  berauschend  und  berauscht,  die  Flut
seiner  Gedanken  und  Gefühle  in  begeisterter  Rede  ausströmen  ließ.  „Es
ließ  mir  keine  Ruh',  ich  mußte  reden,“  so  sagte  er  dann,  durchaus  ehrlich,
  zu  seinen  Freunden.“)  Nur  die  ihn  nicht  kannten,  beschuldigten  ihn
einer  schauspielernden  Berechnung,  welche  seinem  Charakter  fern  lag.  Sein
volles  Herz  auszuschütten,  an  der  Pracht  hoher  Bilder,  an  dem  Wohllaut
  der  heißgeliebten,  mit  Meisterhand  gepflegten  Muttersprache  sich  zu
erfreuen,  war  ihm  Bedürfnis.  Die  Wirkung  dieser  gesprochenen  Selbstbekenntnisse
  stellte  er  dem  barmherzigen  Himmel  anheim,  ganz  anders  als
sein  Ahnherr  Friedrich,  der,  auch  ein  geborener  Redner,  immer  zum
Zwecke  sprach,  jeden  Satz  auf  den  Willen  der  Hörer  berechnend,  und  nie
vergaß,  daß  Königsworte  nur,  wenn  sie  Taten  sind,  in  der  Nachwelt  fortleben.
  Jenen  unbewußten  Schauspielerkünsten  freilich,  welche  jedem  begabten
  Redner  nahe  liegen,  unterlag  er  oftmals;  wenn  er  an  froher

 

*)  K.  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  13.  Juni  1846  usw.
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        Selbstherrschaft  des  Königs.  13

Tafelrunde  in  allen  Augen  den  Abglanz  seiner  eigenen  siegreichen  Per—
sönlichkeit  widerstrahlen  sah,  dann  sagte  er  oft  mehr  als  in  seinem
Willen  lag.

Und  seltsam,  während  sonst  Naturen  von  so  vielseitiger  Empfänglich—
keit  sich  anderen  anzuschmiegen  pflegen,  stand  Friedrich  Wilhelm  ganz  auf
eigenen  Füßen.  Hier  lag  das  Rätsel  dieses  seltsamen  Charakters,  hier
der  Grund,  warum  er  selbst  von  großen  Köpfen  so  oft  überschätzt  wurde.
In  sorgloser  Heiterkeit,  ganz  unantunlich,  wie  die  Holländer  sagen,  schritt
er  durch  das  Leben;  kraft  der  Weihe  seines  königlichen  Amtes,  kraft  seiner
persönlichen  Begabung  glaubte  er  alle  Welt  weit  zu  übersehen,  und  es
gefiel  ihm  zuweilen,  seine  Absichten  in  ein  ahnungsvolles  Dunkel  zu  hüllen,
durch  halbe,  unklare  Worte  die  kleinen  Sterblichen  in  Verwirrung  zu
setzen.  Ohne  durchgreifende  Willenskraft,  ohne  praktischen  Verstand,  blieb
er  doch  ein  Selbstherrscher  im  vollen  Sinne.  Niemand  beherrschte  ihn;
aller  Glanz  und  alle  Schmach  seiner  Regierung  fiel  auf  ihn  selbst  allein
zurück.  Auf  den  Widerspruch  seiner  Räte  ließ  er  wohl  einen  Lieblingsplan
  plötzlich  fallen,  und  dann  schien  es  eine  Weile,  als  ob  die  Gedanken
in  diesem  unruhigen  Kopfe  wechselten  wie  die  Bilder  im  Wandelglase  —
bis  sich  endlich  mit  einem  Male  zeigte,  daß  der  König  an  seinem  ursprünglichen
  Plane  mit  einer  seltsamen  stillen  Zähigkeit  festgehalten  hatte  und,
trotz  allem,  was  dazwischen  lag,  zu  ihm  zurückkehrte.  Er  gab  nichts  auf  und
setzte  wenig  durch.  Neigungen  des  Gemüts  und  fertige  Doktrinen  bestimmten
  seine  Entschlüsse;  Gründe  der  politischen  Zweckmäßigkeit  konnten
dawider  nicht  aufkommen.

Und  diese  Unabhängigkeit  von  fremdem  Urteile  war  ein  Glück  für
den  Monarchen;  denn  aller  Menschenkenntnis  bar  zeigte  er  eine  höchst
unglückliche  Hand  in  der  Wahl  seiner  Ratgeber,  eine  wunderliche  Neigung,
  bedeutende  Männer  an  die  falsche  Stelle  zu  setzen  oder  sie  durch
unmögliche  Zumutungen  rasch  zu  vernutzen,  so  daß,  außer  den  beiden
persönlichen  Vertrauten  Thile  und  Stolberg,  nur  ein  einziger  seiner  Minister
  Eichhorn,  die  acht  Jahre  bis  zur  März-Revolution  ganz  bei  ihm
ausgehalten  hat.  In  allem  abweichend  von  der  unzugänglichen  Schüchternheit
  des  Vaters,  liebte  er  jedermanns  Meinung  zu  befragen;  in  der
Unterhaltung  hörte  er  freimütigen  Widerspruch  gern,  ja  er  schien  ihn
durch  kecke  Behauptungen  fast  herauszufordern.  Den  Freunden  beteuerte
er  seine  Zuneigung  mit  einer  Überschwenglichkeit,  die  ihn  oft  in  den
Verdacht  der  Falschheit  brachte,  obwohl  sie  stets  der  unwillkürliche  Ausdruck
  seiner  Stimmung  war.  Feinsinnig  erriet  er  alle  Wünsche  seiner
Getreuen  und  erfüllte  sie  mit  königlicher  Freigebigkeit,  zart  und  rücksichtsvoll
  schonte  er  ihre  menschlichen  Schwächen.  Wenn  er  gewinnen  wollte,
dann  entfaltete  er  eine  bezaubernde  Liebenswürdigkeit  und  verschmähte
selbst  die  kleinen  weiblichen  Künste  des  Schmollens  nicht.  Gleichwohl
fühlte  er  sich  durch  seine  königliche  Würde  so  hoch  erhoben,  daß  ihm  die
        <pb n="22" />
        14  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Personen  im  Grunde  wenig  galten.  Mit  erstaunlicher  Kälte  konnte  er
sich  von  altbewährten  Vertrauten  trennen,  wenn  sie  ihre  abweichende  Mei—
nung  öffentlich  kundgaben  und  ihm  seine  Zirkel  störten.  In  jedem  er—
klärten  politischen  Gegner  sah  er  einen  persönlichen  Feind,  und  nach  der
Weise  aller  Gemütsmenschen  behandelte  er  dann  die  entfremdeten  Freunde
ebenso  hart  und  ungerecht  wie  vordem  zärtlich  und  liebevoll,  obgleich  er
es  oft  als  seinen  heißesten  Herzenswunsch  aussprach,  gegen  jedermann
streng  gerecht  zu  sein.

Nicht  bloß  seine  äußere  Erscheinung,  auch  sein  edel,  aber  unglücklich
angelegter  Geist  gemahnte  an  das  Dichterbild  des  Hamlet.  Wie  reich  war
er  an  schönen,  hohen  Gedanken,  und  doch  so  unsicher  in  seinen  Ent—
schlüssen,  daß  seine  Minister  beim  Schlusse  einer  Sitzung  nie  erraten
konnten,  ob  er  noch  dieselbe  Meinung  hegen  würde  wie  am  Anfang.  Seine
Frömmigkeit  kam  aus  den  Tiefen  eines  gottbegeisterten  Herzens,  seine
milde  Hand  schwelgte  in  den  Werken  einer  jeden  Schein  verschmähenden
christlichen  Barmherzigkeit;  und  dieser  Gütige  konnte,  wenn  der  Jähzorn
ihn  übermannte,  sich  bis  zur  Grausamkeit  verfolgungssüchtig  zeigen.  Selber
sittenstreng,  urteilte  er  hart,  fast  prüde  über  lockeren  Lebenswandel;  das
schloß  nicht  aus,  daß  er  an  saftigen  Eulenspiegeleien  und  Berliner  Straßen—
witzen  seine  Freude  fand.  Wie  groß  war  sein  Wissen  und  sein  Wissens—
drang;  aber  die  reinste  Blüte  aller  Bildung,  die  Einfachheit  des  Fühlens
und  Denkens  blieb  ihm  unverständlich  und  unerreichbar;  überall  suchte
er  das  Absonderliche,  weitab  von  der  Heerstraße;  immer  mußte  er  witzig
und  geistreich  sein,  selbst  wenn  er  durch  einen  paradoxen  Einfall  den  Er—
folg  eines  politischen  Geschäfts  gefährdete.  Die  männliche  Kraft  des  Leibes
und  der  Seele,  welche  allein  so  viele  widersprechende  Gaben  im  Einklang
halten  konnte,  war  ihm  versagt,  und  zuweilen  ließen  sich  schon  die  Spuren
einer  schlechthin  krankhaften  Anlage  erkennen.

Der  alte  König  hatte  immer,  oft  allzu  ängstlich,  die  Gegensätze  zu
beschwichtigen  versucht,  immer  gehandelt  nach  dem  alten  Grundsatze,  daß
die  erste  Pflicht  jeder  Regierung  gebietet,  bestimmte  politische  überliefe—
rungen  festzuhalten;  zuletzt,  in  den  Tagen  seines  erstarrenden  Alters,  war
es  dahin  gekommen,  daß  Minister  Alvensleben  beruhigt  sagte:  wir  kennen
die  Meinungen  des  Monarchen  ganz  genau  und  können  unsere  Berichte
stets  also  abfassen,  daß  wir  der  Genehmigung  sicher  sind.“)  Wie  anders
der  neue  Herrscher.  Er  beabsichtigte  ebenfalls  die  Traditionen  seiner  alten
Monarchie  in  Ehren  zu  halten;  doch  durch  seine  vielverheißenden  Reden,
durch  die  Fülle  seiner  Pläne,  durch  sein  unstet  abspringendes  Wesen,  durch
das  beständige  Aussprechen  persönlicher  Gefühle  wirkte  er  überall  so
aufregend  und  aufreizend,  daß  bald  ein  Sturm  der  Leidenschaften  sein
ruhiges  Land  durchtobte  und  er  selbst  dem  Schicksal  des  Zauberlehrlings

 

*)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
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        Friedrich  Wilhelms  Verhältnis  zu  seiner  Zeit.  15

verfiel.  Die  Schwäche  jeder  neuen  Regierung,  die  Unberechenbarkeit  aller
Verhältnisse,  währte  unter  dem  vierten  Friedrich  Wilhelm  nahezu  acht
Jahre,  bis  eine  furchtbare  Niederlage  des  Königtums  die  ganze  Lage
veränderte.  Und  wenn  nur  die  Zeit  und  ihr  königlicher  Erwecker  einander
irgend  verstanden  hätten!  Er  aber  hatte  sich  in  einem  seltsam  verschlun—
genen  Entwicklungsgange  so  eigentümliche  Ideale  gebildet,  daß  er  zu—
weilen  in  den  Worten,  niemals  in  der  Sache  mit  der  Durchschnitts—
meinung  der  Zeitgenossen  übereinstimmen  konnte;  er  redete  eine  andere
Sprache  als  sein  Volk.  Man  jauchzte  ihm  zu,  weil  er  nach  dem  Wunsche
aller  Welt  dem  Zwange,  der  Stille  des  alten  Systems  ein  Ende  bereitete,
und  auch  durch  die  Form  seiner  Reden  schien  er  zu  beweisen,  daß  niemand
sich  völlig  von  seiner  Zeit  lossagen  kann;  denn  ganz  wie  die  Poeten
des  jungen  Deutschlands,  die  er  so  tief  verabscheute,  liebte  er  durch  das
Ungewöhnliche  zu  blenden  und  verschmähte  Schlichtes  schlicht  zu  sagen.
Doch  wenn  er  von  Freiheit  sprach,  so  meinte  er  sein  althistorisches  Stände—
wesen,  das  nur  die  Macht  des  Beamtentums,  nimmermehr  die  mon—
archische  Gewalt  beschränken  sollte,  während  seine  Zuhörer  an  das  Reprä—
sentativsystem  dachten,  das  man  allmählich  für  die  einzige  eines  gesitteten
Volkes  würdige  Staatsform  ansah.  Wenn  er  die  deutsche  Einheit  pries,
so  dachte  er  an  den  Deutschen  Bund  und  dessen  friedliche  Fortbildung,  der—
weil  die  Gebildeten  das  ganze  Treiben  in  der  Eschenheimer  Gasse  schon
längst  als  einen  gespenstischen  Mummenschanz  verurteilten.  Wenn  er
von  der  Selbständigkeit  der  Kirchen  redete,  so  stimmte  ihm  jedermann
zu,  denn  wer  konnte  dem  Zauberworte  der  Freiheit  widerstehen?  —  aber
die  christliche  Gesinnung,  die  er  für  die  freien  Gemeinden  der  Gläubigen
verlangte,  war  den  Wortführern  des  Zeitgeistes  völlig  fremd,  und  alle  die
edlen  Stiftungen  seiner  großartigen  Wohltätigkeit,  die  von  ihren  Pfleglingen
  noch  heute  dankbar  gesegnet  werden,  galten  der  Welt  für  Frömmelei
  und  Muckerei.  Wenn  er  der  Kunst  und  Wissenschaft  freie  Bahn
versprach,  so  dachte  er  an  die  alte  Naturphilosophie  und  die  romantische
Dichtung,  geistige  Mächte,  welche  das  selbstgefällige  neue  Geschlecht  längst
überwunden  zu  haben  glaubte.

So  ward  die  erste  Zeit  seiner  Regierung  eine  lange  Kette  von  Mißverständnissen,
  und  an  dieser  wechselseitigen  Verkennung  trug  der  König
ebenso  viel  Schuld  wie  die  unklar  gärende  Zeitstimmung,  die  ihn  erst
für  ihren  Helden  hielt,  um  ihn  dann  mit  der  ganzen  Bitterkeit  der  Enttäuschung
  zu  bekämpfen.  Selbst  General  Gerlach,  der  getreue  Freund
und  Diener,  sagte  zuweilen:  „die  Wege  des  Herrn  sind  wunderbar,“  und
der  nicht  minder  ergebene  Bunsen  schrieb  neben  die  Klage  des  Königs:
„niemand  versteht  mich,  niemand  begreift  mich“  die  verzweifelte  Randbemerkung:
  „Wenn  man  ihn  verstände,  wie  könnte  man  ihn  begreifen!“
Friedrich  Wilhelm  vermochte  nicht,  wie  sein  ebenso  phantasiereicher  bayrischer
  Schwager,  durch  despotische  Härte  und  durchtriebene  Schlauheit  sich
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        16  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

aus  selbstverschuldeten  Verwicklungen  herauszufinden;  er  rieb  sich  auf  in
unfruchtbaren  Versuchen,  bis  die  Geschichte  über  ihn  hinwegschritt.  Weder
zum  herzhaften  Genusse,  noch  zu  herzhafter  Tat  besaß  er  die  Kraft,  und
obwohl  ihn  die  angeborene  muntere  Laune  nie  ganz  verließ,  so  fühlte  er
sich  doch  innerlich  unbefriedigt.  Er  erkannte  bald  mit  Schmerz,  daß  ihm
nichts  gelinge,  und  die  aufgeregte  Zeit  war  nicht  in  der  Stimmung,  diesem
stillen  Leiden  eines  hochbegabten  Geistes  menschliche  Teilnahme  zu  zollen.
Der  von  dem  Berufe  des  Königs  von  Gottes  Gnaden  so  überschwenglich
hoch  dachte,  mußte  noch  erleben,  daß  sein  Regiment  den  Glauben  an  das
Königtum  in  einem  altmonarchischen  Volke  tief,  zum  Glück  nicht  für
immer  erschütterte.  Es  war,  als  wollte  die  Vorsehung  diesem  überbildeten
und  den  Wert  der  Bildung  maßlos  überschätzenden  Geschlechte  an  einem
tragischen  Beispiele  zeigen,  wie  wenig  in  den  Machtkämpfen  des  Staatslebens
  Geist,  Wissen,  Edelsinn,  Herzensgüte  vermögen  ohne  die  schlichte
Kraft  eines  männlichen  Willens.  In  dem  großen  Zusammenhange  der
deutschen  Geschichte  erscheint  diese  tief  unglückliche  Regierung  doch  als
eine  notwendige,  heilsame  Schickung;  denn  unter  einem  stärkeren  Könige
wäre  der  unvermeidliche  Übergang  der  stolzen  preußischen  Monarchie  zur
konstitutionellen  Staatsform  schwerlich  ohne  furchtbare  Kämpfe  erfolgt.  —

Das  Schicksal  fügte,  daß  fast  zu  gleicher  Zeit  mehrere  der  wichtigsten
Staatsämter  durch  Todesfälle  erledigt  wurden.  Wenige  Wochen  vor  dem
alten  Könige  war  Altenstein  gestorben,  schon  etwas  früher  sein  frommer
Ratgeber  Nicolovius.  Noch  ehe  das  Jahr  zu  Ende  ging,  starb  der  treue
Stägemann,  der  so  lange  in  allen  vertraulichen  Angelegenheiten  die  Feder
für  den  Monarchen  geführt  hatte.  Schinkel  wurde  in  der  Kraft  seiner
Jahre  von  einer  schrecklichen  Krankheit  ergriffen,  die  seinen  Geist  umnachtete
  und  ihn  bald  dahinraffen  sollte.  Den  Tod  des  Grafen  Lottum
und  des  Kriegsministers  General  Rauch  erwartete  man  binnen  kurzem;
beide  fühlten  sich  altersmüde.  Der  ebenfalls  hochbejahrte  Fürst  Wittgenstein
  hielt  sich  geflissentlich  von  den  Geschäften  zurück  und  äußerte  bitter,
mit  dieser  verwandelten  Welt  wolle  er  nichts  mehr  gemein  haben.  So
war  denn  überall  Raum  für  frische  Kräfte,  und  aufjubelnd  schrieb  Peter
Cornelius:  „es  naht  eine  Fest=  und  Frühlingszeit  für  ganz  Deutschland!“
Deutschland  hatte  aber  in  diesem  Vierteljahrhundert  erstaunlich  rasch  gelebt,
  und  durch  die  lange  Regierungszeit  des  alten  Königs  wurde  die
natürliche  Folge  der  Generationen  verschoben.  Die  neuen  Männer,  welche
jetzt  in  die  Höhe  kamen,  gehörten  nicht  der  Jugend  an;  sie  waren  zumeist,
  gleich  ihrem  königlichen  Gönner,  aufgewachsen  unter  den  bestimmenden
  Eindrücken  der  Befreiungskriege,  der  Zeit  der  Restauration  und  der
religiösen  Erweckung;  manche  von  ihnen  bewahrten  auch  noch  die  Freiheitsideale
  der  ältesten  Burschenschaft  treu  im  Herzen.  Das  allerjüngste
radikale  Geschlecht  jedoch  belächelte  sie  schon  als  Reaktionäre,  ihre  christlichgermanischen
  Idcen  erschienen  der  neuen  Aufklärung  der  Junghegelianer
        <pb n="25" />
        Königin  Elisabeth.  17

sogar  noch  hassenswürdiger  als  die  trocken  verständige  Bureaukratie  des
alten  Systems.

Unter  allen  stand  Königin  Elisabeth  dem  Herzen  des  Königs  am
nächsten.  Ihr  widmete  er  eine  unbegrenzte  Zärtlichkeit,  fast  über  das
Maß  hinaus,  das  einem  Herrscher  erlaubt  ist.  Als  er  sich,  von  Tränen
überströmt,  ganz  in  Rührung  zerfließend  vom  Todesbette  seines  Vaters
erhob,  sagte  er  zu  ihr:  „Jetzt  stütze  mich,  Elise,  nun  bedarf  ich  der  Kraft.“
Wenn  er  gepeinigt  von  der  jeden  Entschluß  erschwerenden  Überfülle  seiner
Gedanken,  aufgeregt  durch  die  Geschäfte  zu  ihr  heimkehrte,  dann  empfing
sie  ihn  immer  gleich  heiter,  geistreich,  liebevoll;  nur  wenn  der  Jähzorn  ihn
ganz  aus  der  Fassung  brachte,  schaute  sie  ernsten  Blicks  im  Zimmer  umher
  und  sprach:  „ich  suche  den  König.“  Sein  glückliches  Haus  suchte  er  sich
so  gemütlich  einzurichten,  als  es  die  Fürstensitte  erlaubt;  zum  Weihnachtsmarkte
  ging  das  königliche  Paar  selbst  auf  den  Schloßplatz  herunter,  und
am  Silvesterabend  mußte  der  Nachtwächter  ins  Schloß  kommen,  um  mit
seinem  Horn  das  neue  Jahr  anzukündigen.  Was  der  König  seiner  Gemahlin
  nur  an  den  Augen  absehen  konnte,  tat  er  mit  Freuden.  Hochherzig
  überwand  sie  den  stillen  Kummer  über  die  kinderlose  Ehe;  sie  ließ
es  sich  nicht  nehmen,  ihren  Neffen  Friedrich  Wilhelm,  den  vermutlichen
Thronfolger,  selbst  über  die  Taufe  zu  halten  und  wurde  dem  Knaben  eine
zweite  Mutter.  Ihr  höchstes  Glück  aber  fand  sie  in  unerschöpflichem  Wohltun;
  sie  half  dem  Gatten  bei  den  unzähligen  Unternehmungen  seiner
christlichen  Milde  und  steuerte  aus  eigenen  Mitteln  sehr  große  Summen,
mindestens  60  000  Taler  jährlich  bei;  in  allen  den  entlegenen  Stadtvierteln
  Berlins,  wo  die  neu  gegründeten  Krankenhäuser  und  Kinderbewahranstalten
  sich  erhoben,  kannte  jedermann  den  Wagen  der  Königin  mit  den
vier  Apfelschimmeln.  Trotzdem  war  sie  im  Volke  nicht  beliebt.  Die  Katholiken
des  Westens  verziehen  ihr  den  Übertritt  nie;  in  den  hartprotestantischen
alten  Provinzen  aber,  zumal  in  Berlin,  wo  der  Geist  des  Jesuitenriechers
Biester  noch  immer  umging,  erzählte  man  überall,  sogar  in  den  Kreisen  der
Hofdienerschaft,  mit  der  höchsten  Bestimmtheit,  die  Königin  sei  im  Herzen
katholisch  geblieben  und  wolle  ihren  Gemahl  zur  römischen  Kirche  bekehren.
Das  Gerücht  ward  eine  Macht,  schädlich  für  das  Ansehen  des  Königs,  und
entbehrte  doch  jedes  Grundes.  Aus  freier  Überzeugung,  nach  ernstem
Nachdenken  war  Elisabeth  einst  zum  evangelischen  Glauben  übergetreten,
und  noch  in  späten  Jahren  sagte  sie  dem  Papste  Pius  IX.  mit  ihrer
gewohnten  schönen  Wahrhaftigkeit  ins  Gesicht:  „wenn  man  zum  Gemahl
einen  solchen  König  hat,  der  das  Evangelium  vorlebt,  dann  wird  man  im
evangelischen  Glauben  gewiß.“  Freilich  trug  ihre  kirchliche  Gesinnung
eine  romantische  Färbung,  welche  der  Freigeisterei  der  Zeit  verdächtig  blieb;
das  Idceal  der  einen  christlichen  Kirche  stand  ihr  so  hoch  wie  ihrem  Gemahl.
  Die  streng  legitimistischen  Anschauungen  der  bayrischen  Schwestern
verleugnete  sie  nie;  mit  den  Höfen  von  Wien,  Dresden,  München  blieb

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  2
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        18  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

sie  in  unablässigem  Verkehre,  und  wenn  sie  das  Ansehen  des  Königtums
gefährdet  glaubte,  dann  konnte  die  leutselige  Fürstin  manchem  kalt  und
stolz  erscheinen;  daher  schrieb  man  ihr  einen  verderblichen  politischen  Ein—
fluß  zu,  obwohl  sie  während  dieser  ersten  Jahre  sich  seltener  als  späterhin
mit  Staatsgeschäften  befaßte.

Etwas  weiter  reichte  die  politische  Wirksamkeit  des  Grafen  Anton
Stolberg,  der  anfangs  neben  dem  Fürsten  Wittgenstein,  nachher  als  dessen
bestallter  Nachfolger  die  Leitung  des  Hausministeriums  übernahm.  Er
hatte  schon  bei  Jena  tapfer  gefochten,  darauf  die  Verfolgungen  der  könig—
lich  westfälischen  Polizei  glücklich  überstanden  —  dank  den  treuen  Harzern,
die  den  Sohn  des  altbeliebten  Harzgrafengeschlechts  immer  zu  verstecken
wußten  —  dann  im  Befreiungskriege  mit  dem  älteren  Prinzen  Wilhelm,
mit  Gneisenau  und  York  als  treuer  Waffengefährte  Freundschaft  ge—
schlossen.  Diese  Kriegserinnerungen  blieben  ihm  immer  heilig;  als  er
nach  dem  Frieden  heimkehrte,  um  seinen  Vater  bei  der  Regierung  der
Grafschaft  zu  unterstützen,  ließ  er  sogleich  auf  den  Felsen  des  Ilsensteins
den  gefallenen  Freunden  zu  Ehren  ein  eisernes  Kreuz  aufrichten.  Erst
weit  später  trat  er  in  den  Verwaltungsdienst  und  erwarb  sich  als  Prä—
sident  in  Düsseldorf  wie  in  Magdeburg  allgemeines  Vertrauen  durch  jene
vornehme  und  doch  schlicht  menschliche  Liebenswürdigkeit,  welche  sein
edles  Geschlecht  von  jeher  ausgezeichnet  hat.  Lebendiger  als  sein  po—
litischer  Sinn  war  sein  religiöses  Gefühl.  Er  schloß  sich  früh  den  Krei—
sen  der  „Erweckten“  an,  unterstützte  in  Düsseldorf  die  beiden  Wohl—
täter  des  Niederrheins,  den  Grafen  v.  d.  Recke  und  den  Pastor  Fliedner
bei  ihren  Liebeswerken  und  übernahm  die  Leitung  des  neuen  Diakonissen—
vereins.  Diese  lautere,  durchaus  duldsame  Frömmigkeit  gewann  ihm  das
Herz  Friedrich  Wilhelms.  Alsbald  nach  dem  Thronwechsel  mußte  „Graf
Anton“  nach  Charlottenhof  übersiedeln,  damit  er  dem  Könige  als  ein
getreuer  Eckart  immer  zur  Hand  sei  bei  jeder  Gewissensfrage  der  Politik,
und  er  entsprach  dem  Vertrauen  durch  freimütige  Offenheit.  Aber,
selbst  ein  Gemütsmensch  und  darum  trotz  seiner  natürlichen  Milde  zu—
weilen  ungerecht,  vermochte  er  den  Stimmungen  des  Monarchen  nicht
das  Gegengewicht  zu  halten;  von  seiner  Geschäftskenntnis  und  der  Schärfe
seines  Verstandes  sprach  er  selber  sehr  bescheiden.“)  Das  religiöse  Leben
seines  Hauses  bewegte  sich  in  Formen,  welche  den  protestantischen  Ge—
wohnheiten  widersprachen;  wenn  er  allabendlich  mit  seinen  frommen  lieb—
reichen  Töchtern  und  dem  gesamten  Hausgesinde  auf  den  Knieen  lag,
so  waren  im  neuen  Berlin  nur  wenige  duldsam  genug,  um  die  ganz
ungeheuchelte  Inbrunst  solcher  Andachtsübungen  zu  achten.

Diese  kirchliche  Strenge  zeigte  sich  noch  schärfer  ausgeprägt  in  der
Gesinnung  des  Generals  v.  Thile,  der  fortan  als  Kabinettsminister,  wie

 

*)  Stolberg  an  Cuny,  12.  Jan.  1841.
        <pb n="27" />
        Anton  Stolberg.  Thile.  19

vordem  Graf  Lottum,  die  regelmäßigen  politischen  Vorträge  hielt.  Ein
ernster  gläubiger  Sinn,  redlich  und  ohne  Wortprunk  war  in  der  preußischen
  Armee  von  jeher  heimisch;  fast  alle  ihre  berühmten  Führer  meinten
mit  dem  alten  Dessauer:  ein  Soldat  ohne  Gottesfurcht  ist  nur  ein  Matz;
sie  taten  unbefangen  ihre  Pflicht  und  stellten  das  ungewisse  Schicksal  des
Kriegers  demütig  dem  Herrn  der  Heerscharen  anheim.  Jetzt,  unter
einem  theologisierenden  friedfertigen  Könige,  gewann  ein  neuer,  ganz  un—
preußischer  Schlag  von  Offizieren  die  Gunst  des  Hofes,  Männer,  denen
das  Gebetbuch  teuerer  war  als  der  Degen,  Soldaten  nicht  ohne  mili—
tärisches  Verdienst  —  denn  alle  hatten  sie  im  letzten  Kriege  sich  ritter—
lich  gehalten  —  aber  ohne  den  rechten,  die  ganze  Seele  erfüllenden  mili—
tärischen  Ehrgeiz.  Ihre  salbungsvolle  Frömmigkeit  erinnerte  an  Cromwells
gottselige  Dragoner;  von  der  fürchterlichen  Härte  der  Puritaner  besaßen
diese  sanften  romantischen  Gläubigen  freilich  nichts.  Zu  ihnen  zählte  auch
Thile.  Dem  unscheinbaren  kleinen  Manne  sah  man  nicht  sogleich  an,  wie
brauchbar  er  in  den  Geschäften  war,  fleißig,  gewissenhaft,  federgewandt
und,  tat  es  not,  auch  beredsam.  An  seinem  Charakter  haftete  kein  Makel;
in  stillem  Wohltun  war  er  unermüdlich,  selbst  einen  persönlichen  Feind,
der  ins  Unglück  geraten  war,  unterstützte  er  jahrelang  unerkannt  aus
seinen  bescheidenen  Mitteln.  Befreundet  mit  Boyen  und  manchen  an—
deren  Offizieren  von  freierer  Richtung,  hielt  er  sich  den  politischen  Ex—
tremen  fern  und  scheute  sich  nicht,  dem  heißgeliebten  Monarchen  ehrlich  zu
widersprechen.  Jedoch  zu  selbständigen  staatsmännischen  Ideen  erhob  er
sich  nicht,  und  nur  zu  oft  ward  sein  politischer  Blick  getrübt  durch  eine
überspannte,  mystische  Frömmigkeit,  die  ihm  bei  den  Berliner  Spöttern
den  Namen  des  Bibel-Thile  verschaffte.  Noch  vor  kurzem  hatte  er  ernstlich
  daran  gedacht,  als  Missionär  nach  Australien  oder  Afrika  zu  gehen.
Ebenso  leidenschaftlich  wie  Friedrich  Wilhelm  verabscheute  er  jene  neuen
Philosophen,  welche,  wie  man  bei  Hofe  sagte,  die  Bibel  hegelten  und  den
Hegel  bibelten;  noch  tiefer  als  der  König  war  er  durchdrungen  von  der
Überzeugung,  daß  jetzt  der  entscheidende  Kampf  zwischen  Glauben  und
Unglauben  herannahte  und  neben  diesem  einen  großen  Gegensatze  alle  konfessionellen
  Unterschiede  verschwänden.  Er  glaubte  nicht  nur  an  die  göttliche
  Führung  der  Geschichte  mit  einer  fatalistischen  Zuversicht,  welche  ihm
leicht  die  freie  Tatkraft  hemmte;  er  glaubte  auch  an  die  unmittelbare
Einwirkung  der  himmlischen  Gnade  auf  die  weltlichen  Entschlüsse,  und  in
solchen  Augenblicken  der  Verzückung  ward  seine  politische  Haltung  schlechthin
unberechenbar.  Als  er  einmal  dem  Grafen  Stolberg  seine  Meinung
über  die  Neuenburger  Händel  auseinandergesetzt  hatte,  schrieb  er  dem
Freunde  schon  nach  wenigen  Stunden:  „Heute  früh  sah  ich  nur  mit
dem  Auge  des  natürlichen  Menschen  in  der  Sache  und  faßte  sie  nur
von  der  sogenannten  politischen  Seite  auf.“  Dafür  wurde  ich  am  Abend

beschämt,  als  „mir  die  Worte  entgegengetragen  wurden,  daß  über  alle
27
        <pb n="28" />
        20  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Macht  von  Roß  und  Reutern  die  Macht  eines  mit  seinem  König  im
Gebet  vereinten  Volkes  steht.  .  .  In  Sachen  des  Gebets  zählen  nur  die
Beter,  und  wenn  Gottes  Wort  wahr  ist,  so  werden  sie  über  die  Spötter
siegen.“  *)  Mit  diesen  Sätzen  begründete  er  eine  Veränderung  seines
politischen  Urteils.  Ein  solcher  Mann  konnte  dem  Könige  wohl  als
pflichtgetreuer  Gehilfe  dienen,  doch  nimmermehr  ihn  ergänzen.

In  dem  etwas  eintönigen  Verkehre  mit  diesen  beiden  alltäglichen
Vertrauten  fühlte  sich  der  König  immer  erquickt,  wenn  ein  anderer  Freund
aus  dem  alten  Kreise  der  Wilhelmstraße,  Oberst  Joseph  v.  Radowitz  in
der  Hauptstadt  erschien.  Dann  rief  er  fröhlich:  Petz  ist  wieder  dal
Radowitz  stammte  aus  einem  alten,  wenig  bekannten  ungarischen  Geschlechtec;
  sein  Großvater  erst  war  als  Kriegsgefangener  nach  Preußen  gekommen
  und  dann  in  Deutschland  geblieben.  Der  merkwürdig  frühreife
Knabe  wurde  für  den  westfälischen  Dienst  bestimmt  und  auf  französischen
  Kriegsschulen  ausgebildet.  Mit  fünfzehn  Jahren  war  er  schon  Offizier,
im  Jahre  darauf  erwarb  er  sich  bei  Bautzen  das  Kreuz  der  Ehrenlegion,
mit  achtzehn  Jahren  übernahm  er,  nach  der  Auflösung  des  Königreichs  Westfalen,
  die  erste  Lehrerstelle  für  Kriegswissenschaften  am  Kasseler  Kadettenhause.
  Dann  wurde  er  aus  Hessen  vertrieben,  weil  er  für  die  mißhandelte
Kurfürstin  ritterlich  eintrat,  ')  und  fand  ehrenvolle  Aufnahme  impreußischen
Heere,  wo  er  bei  der  Leitung  der  Militär-Bildungsanstalten  und  bei  der
Neugestaltung  der  Artillerie  einsichtig  mitwirkte.  Der  Glutblick  der  tiefliegenden
  kurzsichtigen  Augen  unter  der  hohen  Stirn,  die  gebräunte  und
doch  bleiche  Hautfarbe,  die  feinen,  von  dunklem  Schnurrbart  überschatteten
Lippen  gaben  seinem  scharfgeschnittenen  Kopfe  ein  fremdländisches  Gepräge.
Über  seinem  ganzen  Wesen  lag  ein  geheimnisvoller  Zauber;  die  feierlich
würdevolle  Haltung  der  hohen,  starken  Gestalt  verbot  jede  Vertraulichkeit.
In  Gesellschaften  saß  er  gern  abseits,  zeichnend  oder  in  einem  Buche
blätternd,  bis  er  plötzlich  eine  geistreiche  Bemerkung  in  das  Gespräch  einwarf
  und  den  Plaudernden  zeigte,  daß  er  jedes  Wort  vernommen  hatte.
Leibliche  Bedürfnisse  schien  er  kaum  zu  kennen;  er  aß  wenig,  trank  nur
Wasser,  und  man  merkte  ihm  an,  daß  er  niemals  jung  gewesen  war.
Von  früh  auf  beherrschte  ihn  ein  unersättlicher  Wissensdrang;  Bücher
waren  seine  einzige  Leidenschaft,  und  in  seinem  starken  Gedächtnis  speicherte
  er  allmählich  eine  erstaunliche  Fülle  vielseitiger  Kenntnisse  auf.  Schon
seine  Jugendschrift  über  bie  Ikonographie  der  Heiligen  bewies,  wie  gründlich
  er  in  der  Geschichte  der  Sitten,  der  Kunst,  der  Kirche  bewandert  war.
In  den  Salons  des  Kronprinzen  ward  er  bald  ein  unentbehrliches  Orakel,
das  Berliner  Wochenblatt  verdankte  ihm  mehrere  seiner  besten  Aufsätze.

Obgleich  er  durch  seine  Verheiratung  mit  einer  Gräfin  Voß  in  die

 

*)  Thile  an  Stolberg,  8  Dez.  1846.
*“)  S.  o.  III.  532.
        <pb n="29" />
        Radowitz.  21

Kreise  des  alten  Landesadels  eingetreten  war,  blieb  er  den  strengen  Alt—
preußen  noch  lange  als  Fremdling  verdächtig.  Manche  nannten  den  edlen,
alle  Ränkesucht  mißachtenden  Mann  einen  neuen  Cagliostro,  die  meisten
einen  verkappten  Jesuiten.  Der  eifrig  protestantische,  den  konstitutionellen
Ideen  zugeneigte  Kriegsminister  Witzleben  hielt  endlich  für  nötig,  diesen
katholischen  Legitimisten  aus  der  Umgebung  des  Kronprinzen  zu  entfernen  —
um  dieselbe  Zeit,  da  auch  General  Gröben  und  Oberst  Gerlach  in  die
Provinz  versetzt  wurden.  Der  alte  König  genehmigte  den  Antrag,  aber
in  seiner  gerechten  Weise:  er  ernannte  den  kaum  vierzigjährigen  Stabsoffizier
  zum  Nachfolger  des  Generals  Wolzogen  bei  der  Militärkommission
des  Bundestags.  Auch  dort  wurde  Radowitz  durch  Fleiß  und  geistige
Überlegenheit  den  bequemeren  Amtsgenossen  bald  sehr  lästig.  Der  Sohn
einer  gemischten  Ehe  und  in  der  Kindheit  evangelisch  erzogen,  hatte  er
sich  erst  in  seinen  reiferen  Jugendjahren,  mit  wachem  Bewußtsein  der
römischen  Kirche  zugewendet  und  in  ihr  so  gänzlich  seinen  Frieden  gefunden,
  daß  er  kurzweg  aussprach,  jede  Wahrheit  sei  katholisch.  Sein  entsagendes
  Denkerleben  führte  ihn  zu  einer  mönchisch  strengen  Auffassung
der  sittlichen  Welt.  Niemals  erkannte  er,  daß  das  sittliche  Ideal  der
Protestanten,  die  Einheit  des  Denkens  und  des  Wollens,  dem  schwachen
Sterblichen  weit  schwerere  Pflichten  auferlegt  als  die  Werkheiligkeit  der
Katholiken.  In  dem  Cölibate  sah  er  nicht  ein  Meisterstück  päpstlicher
Politik,  ein  klug  ersonnenes  Machtmittel,  das  den  Klerus  als  eine  geschlossene
  Priesterkaste  von  der  bürgerlichen  Gesellschaft  abtrennen  soll,
sondern  eine  hohe  sittliche  Idee;  den  Kampf  der  Protestanten  wider  diese
frevelhafte  Verstümmelung  der  Natur  konnte  er  sich  nur  aus  der  Fleischeslust
  erklären,  obgleich  er  selbst  in  einer  glücklichen,  mit  Kindern  gesegneten
Ehe  lebte.  Bei  solcher  Gesinnung  mußte  er  den  Kölnischen  Bischofsstreit
mit  tiefem  Kummer  betrachten.  Die  Freude  an  seinem  neuen  preußischen
Vaterlande  erlitt  plötzlich  einen  schweren  Stoß,  und  er  pries  es  als  eine
gnädige  Fügung,  daß  sein  Amt  ihn  nicht  nötigte,  in  diesem  Kampfe
öffentlich  Farbe  zu  bekennen.

Ebenso  einseitig  war  auch,  trotz  aller  Gelehrsamkeit,  sein  ästhetisches
Urteil.  Goethes  warme  Sinnlichkeit  blieb  ihm  so  unverständlich  wie  die
gesamte  Bildhauerkunst,  weil  sie  in  der  Darstellung  heidnischer  Nacktheit
  ihr  Höchstes  leistet,  und  den  letzten  Quell  aller  modernen  Sünden
suchte  er  in  der  großen  Zeit  des  Cinquecento,  in  der  Wiederbelebung  des
klassischen  Heidentums.  Daher  verabscheute  er,  ganz  in  Hallers  Sinne,
die  Revolution  als  ein  teuflisches  Prinzip  und  bekämpfte  die  gesamte
neuere  Staatslehre,  weil  sie  den  Staat  nicht  als  den  Schutzherrn,  sondern
  als  den  Schöpfer  des  Rechts  betrachte.  Noch  war  ihm  nicht  klar,
daß  der  rechtsbildende  Gemeingeist  der  modernen  Völker  sich  gerade  in
ihrer  Gesetzgebung  ausspricht,  und  die  historische  Entwicklung  des  Rechts
heute  nicht  mehr  ohne  die  Mitwirkung  frei  geordneter  Staatsgewalten
        <pb n="30" />
        22  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

erfolgen  kann.  Dem  „pseudo-liberalen  Getriebe“  des  Beamtentums  ebenso
gründlich  abgeneigt  wie  sein  königlicher  Herr,  behauptete  er  stolz  „den
höheren  Standpunkt,  der  sich  erhebt  über  die  Ansicht  vom  absoluten
Staate.*)  Er  hoffte  auf  eine  große  christlich-germanische  Monarchie
—  denn  ob  eine  christlich-germanische  Republik  überhaupt  möglich  sei,
schien  ihm  mindestens  zweifelhaft  —  und  so  fest  hielt  ihn  in  diesen  drei—
ßiger  Jahren  der  Bannkreis  der  Hallerschen  Ideen  noch  umfangen,  daß
er  sogar  den  Satz  wiederholte,  die  Macht  der  Krone  beruhe  auf  dem  fürst—
lichen  Grundbesitze  —  eine  doktrinäre  Behauptung,  die  in  Preußen,  wo
alle  Domänen  längst  dem  Staate  gehörten,  jeden  Sinn  verlor.
Trotzdem  ward  er  niemals  zum  Sklaven  einer  Theorie;  scharfen
Blickes  schaute  er  in  die  Welt  der  Wirklichkeit,  stets  bereit  seine  Meinungen
zu  berichtigen.  Er  erkannte  sehr  früh  —  was  sich  freilich  erst  nach  langen
wirrenreichen  Jahren  als  wahr  erweisen  sollte  —  daß  die  Herzenssehnsucht
der  Deutschen  sich  nicht  eigentlich  auf  die  konstitutionellen  Formen  richtete,
sondern  auf  wirkliche  politische  Güter:  auf  Rechtssicherheit,  Nationalität,
Selbstverwaltung.  Auch  der  soziale  Untergrund  der  politischen  Bewegung
entging  ihm  nicht.  Er  sah,  wie  die  Mittelklassen  sich  zur  Herrschaft  heran—
drängten,  und  meinte,  die  Liberalen  seien  nur  mächtig,  weil  sie  sich  als
Vertreter  des  Volks  gebärdeten;  darum  müsse  die  Krone  durch  eine
schöpferische  soziale  Gesetzgebung  beweisen,  daß  die  Massen  des  Volks  nur
bei  ihr  Fürsorge  und  wirksamen  Schutz  finden  könnten.  Am  schärfsten
aber  —  weit  richtiger  als  der  König  selbst  oder  irgend  einer  seiner  Freunde
—  urteilte  Radowitz  über  die  deutsche  Bundespolitik.  Da  er  in  der
römischen  Kirche  nicht  eine  bildungsfeindliche  Macht,  sondern  die  Vollen—
dung  aller  Kultur  sah,  so  konnte  er  ohne  gehässiges  Vorurteil  die  öster—
reichischen  Zustände  mit  den  preußischen  vergleichen,  und  gleichwohl  kam
der  strenge  Katholik  zu  dem  Schlusse:  dies  zur  Sonne  aufstrebende  Preußen
bedürfe  des  Lichtes,  der  österreichische  Schwamm  gedeihe  nur  im  Schatten.
Die  geistlose  Unfruchtbarkeit  der  in  so  mannigfache  europäische  Interessen
verflochtenen  und  darum  der  deutschen  Nation  entfremdeten  Wiener  Politik
durchschaute  er  ebenso  scharfsinnig,  wie  die  oberflächliche  Halbbildung  der
österreichischen  Völker,  die  dem  platten  Josephinismus  und  der  liberalen
Phrase  gar  kein  Gegengewicht  zu  bieten  hätten.  Stolz  hielt  er  diesem  ver—
sumpften  Leben  die  gesunde,  kerndeutsche  Kraft  des  preußischen  Volkes  und
Staates  entgegen.  Schon  vor  dem  Thronwechsel  (1839)  sprach  er  aus,
Preußen  allein  könne  die  Führung  der  Nation  übernehmen,  Deutschlands
Fürsten  und  Völker  müßten  lernen,  in  Berlin  die  Verteidigung  ihrer  Rechte
und  Interessen  zu  suchen.  Darum  verlangte  er  Fortbildung  des  Zollvereins
und  vor  allem  Schutz  der  Rechte  aller  Deutschen  durch  die  Krone  Preußen
—  eine  heilige  Pflicht,  welche  leider  in  den  hannoverschen  Verfassungs—

 

*)  Radowitz  an  den  König,  23.  Juni  1844.
        <pb n="31" />
        Radowitzs  Gespräche.  Bunsen.  23

händeln  so  sündlich  verabsäumt  worden  sei.  So  begann  ihm  jetzt  schon
die  Idee  des  preußischen  Reiches  deutscher  Nation  aufzudämmern,  und  er
verhehlte  nicht,  daß  er  sich  zuerst  als  einen  Deutschen,  dann  erst  als  einen
Preußen  fühlte.  Der  König  befragte  und  benutzte  den  alten  Freund  bei
allen  Fragen  der  deutschen  Bundespolitik,  doch  er  vermochte  weder  den
Gedanken  dieses  Ratgebers  ganz  zu  folgen,  noch  ihn  an  die  entscheidende
Stelle  zu  setzen.

In  den  Gesprächen  über  Staat  und  Kirche  (1846)  faßte  Radowitz
seine  politischen  Ideen  zusammen.  Das  anonyme  Buch  wurde  von  vielen
für  ein  Werk  des  Königs  selbst  gehalten,  obgleich  die  keusche  Einfachheit
dieser  musterhaften  Prosa  mit  dem  aufgeregten  Pathos  Friedrich  Wilhelms
gar  nichts  gemein  hatte.  Es  war  seit  Paul  Pfizers  Briefwechsel  unzweifelhaft
  das  bedeutendste  Werk  der  deutschen  Publizistik.  Aber  wie  anders  hatte
einst  der  tapfere  Schwabe  verstanden,  die  erste  Aufgabe  des  Publizisten  zu
erfüllen,  den  Willen  der  Leser  auf  ein  festes  Ziel  zu  richten;  er  benutzte  die
Form  des  Dialoges  nur,  um  alle  Einwendungen  siegreich  zu  widerlegen,
und  schließlich  mit  höchster  Bestimmtheit  zu  sagen,  was  er  selber  wollte:  die
Einheit  Deutschlands  unter  Preußens  Führung.  In  Radowitzs  Gesprächen
hingegen  tauschten  der  hochkirchliche  Offizier,  der  liberale  Fabrikant,  der
strenge  Bureaukrat,  der  jugendliche  Sozialist  ihre  Ansichten  aus,  alle  höflich,
  alle  in  sauber  gewählten  Worten.  Dann  trat  Waldheim  dazwischen,
unverkennbar  das  Ebenbild  des  Verfassers,  um  mit  staatsmännischer  Ruhe
jedem  die  Beschränktheit  seiner  Parteigesinnung  nachzuweisen;  über  seine
eigenen  Meinungen  äußerte  er  sich  nur  selten,  kühl,  zurückhaltend,  unmaßgeblich.
  So  hinterließ  die  Schrift  doch  den  Eindruck  einer  geistreichen
Hilflosigkeit,  welche  trotz  oder  wegen  der  Mannigfaltigkeit  ihrer  Gesichtspunkte
  schwer  zu  einem  einfachen  Entschlusse  gelangte.  Ihr  fehlte  die  Macht
der  Begeisterung.  Ihre  Gedanken  waren  nicht  aus  einer  Wurzel  heraus
mächtig  emporgeschossen,  sondern  am  Spalier  gezogen,  mehr  ausgezeichnet
durch  edle  Form  als  durch  ursprüngliche  Kraft.  Sie  bewies,  wie  frei  und
unbefangen  ihr  Verfasser  dachte,  der  in  der  Tat,  entwicklungsfähiger  als
der  König,  von  der  Unentbehrlichkeit  der  konstitutionellen  Staatsform  sich
bald  überzeugen  sollte.  Aber  sie  zeigte  auch  ihn  angekränkelt  von  jenem
vornehmen  Dilettantismus,  der  sich  wie  ein  Mehltau  über  alle  Umgebungen
  König  Friedrich  Wilhelms  lagerte.  Radowitz  war  von  allem
etwas,  weder  ganz  Soldat,  noch  ganz  Staatsmann,  noch  ganz  Gelehrter;
auch  sein  feiner  und  reicher,  allen  anderen  preußischen  Staatsmännern
dieser  Epoche  überlegener  Geist  vermochte  der  Zeit  nicht  zu  bieten,  was
sie  brauchte:  die  furchtbare  Einseitigkeit  einer  dämonischen  Willenskraft.

Wäre  es  mit  Plänen,  Einfällen,  edlen  Vorsätzen  getan  gewesen,
dann  hätte  Bunsen  der  Zeit  helfen  können.  Was  kümmerte  es  ihn,  daß
die  Berliner  Geheimräte  ihm  den  so  kläglich  mißlungenen  Kampf  gegen
Rom  nachtrugen  und  ihn,  von  wegen  der  Anconer  Note,  nur  noch  den
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        24  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Ritter  von  Ancona  nannten?  Der  Gunst  des  neuen  Königs  war  er
sicher,  und  mit  jugendlicher  Wagelust  spannte  er  an  seinem  glückhaften
Schiffe  alle  Segel  auf.  Schon  vor  Jahren  hatte  er  von  der  Regierung
dieses  Fürsten  erhofft,  daß  sie  das  heilige  Reich  aufrichten  werde:

Was  tausend  Jahr'  vergebens  erstrebt  das  Vaterland,

Wird  rasch  sich  dann  erheben  von  solches  Bauherrn  Hand!
Nun  sollte  Berlin,  bevor  Größeres  sich  vollendete,  zunächst  ein  deutscher
Musenhof  werden  wie  einst  Weimar,  und  sofort  begann  der  Eifrige  einen
Briefwechsel  mit  Gelehrten  und  Künstlern,  um  sie  für  die  Hauptstadt  zu
gewinnen.  Für  sich  selbst  wünschte  er,  da  der  Berner  Gesandtschaftsposten
  seinen  Ansprüchen  nicht  genügte,  den  Vorsitz  in  einem  großen  Ausschusse
  für  Kirche  und  Unterricht;  so  konnte  er,  unbelästigt  von  den  langweiligen
  Verwaltungsgeschäften,  nach  seiner  Neigung  anregen,  belehren,
Ideen  wecken  und  fördern.

Nicht  ganz  so  nahe  stand  General  v.  Canitz  dem  Monarchen.  Er
hatte  sich  als  Kriegsmann  wie  als  militärischer  Schriftsteller  ausgezeichnet,
dann  aus  Diebitschs  Lager  über  den  russisch-polnischen  Krieg  ebenso  einsichtig
  als  unparteiisch  berichtet,  endlich  auf  den  schwierigen  Gesandtschaftsposten
  zu  Kassel  und  Hannover  eine  so  selbständige  Haltung  eingenommen,
daß  er  trotz  seines  feinen  Taktes  dem  Unwillen  des  Kurprinzen  und  des
Welfenkönigs  nicht  entgehen  konnte.  Eng  befreundet  mit  den  romantischen
Genossen  Clemens  Brentanos  und  Sovignys,  hielt  er  die  Befreiung  der
Kirche  von  der  Staatsgewalt  und  die  Aufrichtung  der  ständischen  Monarchie
  für  die  beiden  großen  Aufgaben  der  neuen  Regierung.  Indessen
hatte  er  nicht  umsonst  in  dem  unruhigen  Kassel  gelebt;  er  sah  ein,  daß
Preußen,  um  die  Politik  des  Zollvereins  durchzuführen,  sich  auch  in  seinem
inneren  Leben  den  kleinen  konstitutionellen  Nachbarlanden  annähern,  mithin
  seinen  Reichstag,  allerdings  einen  ständisch  gegliederten,  schleunigst
einberufen  müsse.  Harte  Parteigesinnung  blieb  ihm  fremd.  Eine  schöne
vornehme  Erscheinung,  gesprächig,  geistreich,  sarkastisch,  ließ  er  im  Verkehre
von  seinen  streng  kirchlichen  Grundsätzen  gar  nichts  merken;  die  in  diesem
romantischen  Kreise  so  gröblich  verkannten  Verdienste  des  preußischen  Beamtentums
  würdigte  er  gern;  mit  den  Liberalen,  sogar  mit  Varnhagen
kam  er  freundlich  aus.  Unter  allen  den  frommen  Freunden  des  Königs
zeigte  er  am  meisten  das  unbefangene  Wesen  eines  Weltmannes.

Von  anderem  Schlage  war  General  Graf  Karl  v.  d.  Gröben,  der
Schwiegersohn  Dörnbergs,  ein  langer,  hagerer  altpreußischer  Hüne,  dem
der  weiße  Mantel  des  Deutschen  Ordens  noch  um  die  Schultern  zu  hängen
schien.  Dem  Ritter  ohne  Furcht  und  Tadel  ließ  es  keine  Ruhe,  bis  er  noch
im  hohen  Alter  die  Pilgerfahrt  in  das  gelobte  Land  unternehmen  konnte.
Wie  freudig  hatte  er  einst  bei  der  Vorbereitung  des  Befreiungskrieges  und  an
dem  Kampfe  selbst  teilgenommen;  mit  Gneisenau  und  Arndt,  mit  Schenkendorf
  und  Görres  war  er  so  innig  verbrüdert,  daß  er  eine  zeitlang  sogar
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        Canitz.  Gröben.  Die  Gebrüder  Gerlach.  25

den  Argwohn  der  Demagogenverfolger  erregte.“)  Die  enthusiastische  Kreuzfahrergesinnung
  jener  frommen  Tage  bewahrte  er  sein  Leben  lang.  Was
ihm  an  politischem  Urteil  abging,  ersetzte  er  durch  unverbrüchliche  Treue
gegen  seinen  christlichen  König  und  durch  eine  allgemeine  Menschenliebe,
welche  Gerechte  und  Ungerechte  so  ohne  jeden  Unterschied  sanftmütig  um—
faßte,  daß  Königin  Elisabeth  einmal  sagte:  der  gute  Gröben  wird  uns
nächstens  von  dem  lieben,  vortrefflichen  Nero  sprechen.

Während  Gröben  nur  das  ritterliche  Gefühl  unbedingter  Königstreue
hegte,  waren  die  drei  Brüder  v.  Gerlach  erklärte  Hallerianer.  Sie
stammten  von  jenem  hochangesehenen  alten  Kammerpräsidenten,  der  einst
seine  Kurmark  gegen  die  napoleonischen  Erpressungen  unerschrocken  verteidigt,
  nachher,  verstimmt  über  die  Reform  der  Verwaltung,  den  Staatsdienst
  verlassen  und  gleich  darauf  das  Oberbürgermeisteramt  von  Berlin
übernommen  hatte.““)  Der  Mut,  die  Vaterlandsliebe,  die  konservative  Gesinnung
  des  Vaters  vererbten  sich  auf  die  Söhne;  zwei  von  ihnen  trugen
das  eiserne  Kreuz.  Der  zweite  Sohn,  der  Gerichtspräsident  Ludwig
war  ein  gelehrter,  scharfsinniger  Jurist,  gerecht  nach  oben  wie  nach
unten,  sehr  eifersüchtig  auf  die  Unabhängigkeit  des  Richterstandes.  Wie
weit  ihn  aber  sein  kirchlicher  Feuereifer  führen  konnte,  das  hatte  er  schon
vor  Jahren  gezeigt,  als  er  die  hallischen  Rationalisten  durch  die  rücksichts—
lose  Veröffentlichung  ihrer  Katheder-Aussprüche  bekämpfte  und  dafür  den
Beifall  seines  kronprinzlichen  Freundes  fand.  ***)  Der  christliche  Staat,
die  freie  rechtgläubige  Kirche  und  vornehmlich  die  Zweiherrschaft  der  beiden
Großmächte  im  Deutschen  Bunde  —  diese  Ideale  standen  ihm  so  uner—
schütterlich  fest,  daß  er  sogar  die  Freunde  Radowitz  und  Canitz  wegen  ihrer
freieren  Ansichten  über  Osterreich  bald  als  Abtrünnige  beargwöhnte  und
des  radikalen  „Germanismus“  beschuldigte.  überhaupt  urteilte  er,  wie
sein  Bruder  Leopold,  über  politische  und  kirchliche  Gegner  mit  fanatischer,
unchristlicher  Härte;  er  verhehlte  nicht,  daß  ihm  der  Gegensatz  der  Mei—
nungen  noch  wichtiger  schien  als  selbst  der  Gegensatz  der  Nationalitäten.
Von  eigenen  staatsmännischen  Gedanken  besaß  sein  wesentlich  kritischer
Geist  wenig;  er  vermochte  wohl  die  Sünden  der  gottlosen  Zeit  mit  erbar—
mungsloser  Schärfe  zu  geißeln,  doch,  wenn  es  sich  fragte,  was  zu  tun  sei,
dann  entdeckten  der  junge  Otto  v.  Bismarck  und  die  anderen  praktischen
Talente  unter  seinen  Anhängern  mit  Erstaunen,  daß  der  geistreiche  Mann
immer  nur  schulmeisterte  und  eigentlich  an  allem  zu  tadeln  fand.  Darum
konnte  er  nur  der  gefürchtete  Schriftsteller  der  hochkonservativen  Partei
werden,  niemals  ihr  Führer.  Und  wie  wenig  stimmte  doch  die  unzweifelhaft
ernst  gemeinte  fromme  Salbung  seiner  mit  Bibelsprüchen  überladenen  poli—

—  —

*)  S.  o.  III.  116.
*)  S.  o.  I.  285.
')  S.  o.  III.  405.
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        26  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

tischen  Aufsätze  zu  dem  sprudelnden  Witze,  der  gewinnenden  Munterkeit  des
liebenswürdigen  Gesellschafters.  Einige  Spuren  von  diesem  Dualismus
altromantischer  Ironie  zeigten  sich  auch  in  dem  Charakter  des  jüngsten
Bruders,  des  Predigers  Otto.  Der  waltete  seines  schweren  Seelsorgeramtes
  unter  den  Berliner  Armen  mit  apostolischer  Hingebung,  glaubensfroh,
  bibelfest,  ein  unermüdlicher  Tröster  und  Erbarmer.)  Zweimal
trotzte  er  der  angedrohten  Amtsentsetzung,  weil  er  leichtfertig  Geschiedene
nicht  wieder  trauen  wollte.  Und  doch  geschah  es  zuweilen  zum  Entsetzen
der  Stillen  im  Lande,  daß  er  auf  der  Kanzel  schöne  Stellen  aus  Shakespeare
  vortrug;  so  seltsam  vermischten  sich  in  diesem  geistreichen  romantischen
  Kreise  die  religiösen  und  die  ästhetischen  Ideale.

Am  liebsten  unter  den  drei  Brüdern  war  dem  Monarchen  der  älteste,
der  General  Leopold.  Er  wurde  schon  aus  seiner  Provinzial-Garnison
öfters  an  das  Hoflager  gerufen,  dann  nach  Berlin  zurückversetzt  und  dort
bei  allen  wichtigen  Entschließungen  zu  Rate  gezogen;  doch  täuschte  er
sich  nicht  über  seinen  Einfluß  und  gestand  offen,  keiner  der  persönlichen
Günstlinge  des  Königs  besitze  wirkliche  Macht.  Seine  schönsten  Erinnerungen
  hafteten  an  dem  schlesischen  Hauptquartiere,  dem  er  mit  großer
Auszeichnung  angehört  hatte;?**)  nachher  war  er  lange  Adjutant  des  jüngeren
  Prinzen  Wilhelm,  der  ihm  auch  späterhin,  als  ihre  politischen  Wege
sich  trennten,  stets  aufrichtige  Hochachtung  bewahrte.  Ganz  und  gar  kein
Höfling,  gab  er  selbst  dem  gefürchteten  Zaren  zur  rechten  Zeit  eine  derbe
preußische  Antwort;  das  knechtische  Wesen  und  der  schablonenhafte  Ordnungssinn
  der  Moskowiter  blieb  ihm  tief  widerwärtig,  obgleich  er  sie  für
Preußens  natürliche  Verbündete  hielt.  Das  eigentümliche  Selbstgefühl  des
Nomantikers  erging  sich  gern  in  kühnen  Paradoxen,  Napoleon  nannte  er
einen  gutmütigen,  übrigens  etwas  dummen  Kerl.  In  seinen  politischen
Ansichten  ging  der  grundgescheite,  vielseitig  gebildete  Offizier  fast  noch
weiter  als  sein  Bruder  Ludwig;  unauslöschlichen  Haß  widmete  er  dem
Despotismus  der  Mietlings-Offizianten,  zu  denen  er  doch  eigentlich  selbst
gehörte.  An  Gottes  unmittelbare  Einwirkung  auf  die  gekrönten  Häupter
glaubte  er  fest  und  sagte  streng:  Prätendenten,  die  der  Allmächtige  selbst
aus  ihrem  hohen  Amte  gestrichen  hat,  gehören  ins  Feldlager  oder  ins
Kloster,  nicht  in  den  Strudel  höfischer  Genüsse.  Indes  war  auch  er  in
der  Kritik  stärker  als  in  eigenen  politischen  Gedanken.

Eine  mächtige  Stütze  fanden  die  Brüder  an  Ludwigs  Schwager,
dem  Freiherrn  Senfft  v.  Pilsach  auf  Gramenz,  der  im  Hausministerium
angestellt,  auf  den  Domänen,  mit  erheblichen  Kosten,  aber  nur  selten  mit
Erfolg,  großartige  Entwässerungspläne  ausführte.  Über  seine  politische
Wirksamkeit  enthalten  die  amtlichen  Papiere  fast  gar  nichts.  Gleichwohl

 

*)  S.  o.  IV.  495.
#*)  S.  o.  I.  477.
        <pb n="35" />
        Senfft  v.  Pilsach  und  die  Erweckten.  27

wußten  alle  Eingeweihten,  daß  der  König  auf  das  Urteil  dieses  Mannes,
soweit  er  überhaupt  einer  fremden  Meinung  zu  folgen  vermochte,  sehr
großen  Wert  legte.  Schon  als  Kronprinz  hatte  er  sich  des  Freiherrn
angenommen,  als  dieser,  unbekümmert  um  die  Verbote  der  rationalisti—
schen  Stettiner  Regierung,  seinen  hinterpommerschen  Bauern  gottselige
Predigten  hielt,  und  in  hellem  Zorne  geschrieben:  „das  Betragen  dieser
Regierung  ist  wirklich  so  ungeheuer  dumm,  daß  es  zum  Erbarmen  ist.“)
Senfft  kannte  die  Eigenart  Friedrich  Wilhelms  ganz  genau,  er  wußte
seine  vertraulichen  Berichte  und  Gespräche  stets  der  augenblicklichen  Stimmung
  des  Monarchen  anzupassen;  er  scheute  sich  auch  nicht,  dem  Könige,
oft  sehr  unverblümt,  zu  sagen,  was  man  im  Volke  über  ihn  redete.
Also,  bald  aufrichtig,  bald  berechnend,  gewann  er  mit  seiner  zähen  stillen
Ausdauer  doch  einigen  Boden,  und  immer  kam  sein  Rat  den  Hochkonservativen
  zu  gute.  Durch  seinen  und  Ludwig  Gerlachs  gemeinsamen
Schwager  v.  Thadden-Trieglaff  unterhielt  er  regen  Verkehr  mit  einem
Kreise  altgläubiger  hinterpommerscher  Edelleute,  der  sich  durch  christlichen
Wandel  und  edle  Wohltätigkeit  ebenso  sehr  auszeichnete  wie  durch  reaktionäre
  Gesinnung.

Auch  was  sonst  noch  dem  Herzen  des  Königs  nahe  stand,  trug  hochkirchliche
  Farbe:  so  der  Geheime  Rat  v.  Voß-Buch,  seit  Jahren  vortragender
  Rat  des  Kronprinzen  und  auch  jetzt  noch  mit  wichtigen  Arbeiten,
  namentlich  im  Justizwesen,  betraut,  nebenbei  berühmt  durch  seine
unvergleichlichen  Junggesellen-Gastmähler;  so  Friedrich  Wilhelms  Jugendgespiele,
  der  Kammergerichtspräsident  v.  Kleist,  von  den  Demagogen  der
blutige  Kleist  genannt,  ein  eiserner  Ultra,  der  nachher  den  Abschied  nahm,
als  er  die  neue  Verfassung  beschwören  sollte;  so  der  Hallerianer  C.
W.  v.  Lancizolle,  vormals  Lehrer  des  deutschen  Staatsrechts  für  die
königlichen  Prinzen;  so  der  gelehrte  Jurist  Götze,  der  kindlich  fromme
General  Carl  v.  Röder  u.  a.  m.,  die  einst  in  den  ersten  Friedensjahren
den  Konventikeln  der  Erweckten  oder  dem  Meikäfervereine  der  jungen
Berliner  Romantiker  angehört  hatten.““)  Einen  ehrbareren  Hof  hat  es
nie  gegeben;  Geist,  Wissen,  Edelsinn  war  in  diesen  Kreisen  reichlich  vorhanden,
  aber  wenig  Willenskraft,  wenig  Verständnis  für  die  Bedürfnisse
der  Zeit.

Wie  ein  Fremdling  erschien  in  dieser  christlichen  Umgebung  der  regelmäßige
  Genosse  der  königlichen  Abendzirkel  Alexander  v.  Humboldt.  Der
Geist  zog  den  Geist  an,  der  König  und  der  große  Gelehrte  konnten  voneinander
  nicht  lassen,  und  unwillkürlich  gedachten  die  Zeitgenossen  der
Freundschaft  zwischen  Friedrich  und  Voltaire  —  eine  Vergleichung,  die
doch  nur  wenig  zutraf.  Voltaire  hatte  auf  das  ästhetische  Urteil  des

 

*)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Altenstein,  2.  Mai  1830.
*“  )  S.  o.  II.  27.  91.
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        28  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

großen  Königs  entscheidend,  auf  seine  philosophische  ÜUberzeugung  mitbestimmend
  eingewirkt,  der  preußischen  Politik  wurde  er  unnachsichtlich
immer  fern  gehalten.  Humboldt  konnte  auf  die  längst  fertige  Weltanschauung
  seines  königlichen  Freundes  schon  darum  keinen  Einfluß  gewinnen,
  weil  er  halb  unter,  halb  über  ihr  stand.  Dem  Jünger  der  alten
Aufklärung,  der  schon  in  seinen  jungen  Tagen  den  preußischen  Beamten
zu  Baireuth  für  einen  Jakobiner  gegolten  hatte,  fehlte  jedes  Verständnis
für  das  neue  religiöse  Leben,  das  den  Deutschen  tagte  und  von  dem
Könige  so  freudig  begrüßt  wurde;  andererseits  würdigte  er  weit  unbefangener
  als  Friedrich  Wilhelm  die  liberalen  Ideen  des  emporsteigenden
Mittelstandes.  Also  fast  in  allem  verschieden  fanden  sich  die  beiden  nur
zusammen  in  der  leidenschaftlichen  Freude  des  Forschens  und  Erkennens.
Humboldt  fühlte  bald  heraus,  daß  dieser  König  kein  Mann  des  Handelns
sei  und  das  Glück,  dessen  er  doch  bedurfte,  niemals  finden  würde;  darum
beschied  er  sich,  auf  dem  einzigen  Gebiete  der  Politik,  das  ihm  offen  blieb,
Segen  zu  stiften,  die  mäcenatischen  Neigungen  des  Königs  zu  nähren,
alle  aufstrebenden  Kräfte  deutscher  Kunst  und  Wissenschaft  wirksamer  zu
fördern,  als  es  unter  dem  sparsamen,  schwer  zugänglichen  alten  Herrn
möglich  gewesen.  Mit  ungewöhnlicher  Offenheit  sprach  er  sich  darüber  einmal
  gegen  Bunsen  aus:  „Ich  habe  die  Schwachheit  zu  wollen,  daß  die,
deren  Talent  ich  früh  erkannt  und  verehrt  habe,  etwas  Großes  hervorbringen.
  Dadurch  hält  man  sich  gegenseitig  in  der  Welt  und  trägt  dazu
bei,  die  Achtung  vor  geistigen  Bestrebungen  wie  ein  heiliges  Feuer  zu
nähren  und  zu  bewahren.“

Er  wollte  der  anerkannte  Fürst  sein  im  Reiche  des  Wissens,  aber
diese  Macht  auch  in  großem  Sinne  gebrauchen,  um  das  perikleische  Staatsideal
  zu  verwirklichen,  das  ihm  so  hoch  stand  wie  seinem  Bruder  Wilhelm;
ohne  die  Pflege  des  Wahren  und  des  Schönen  war  ihm  selbst  der  starkgerüstete
  und  wohlgeordnete  Staat  wertlos.  An  allem,  was  Friedrich
Wilhelm  für  die  Wissenschaft  tat,  hatte  Humboldt  seinen  reichen  Anteil.
Das  alte  Familienhaus  in  der  Oranienburger  Straße  ward  ein  Wallfahrtsort
  für  alle  jungen  Talente.  Dort  fanden  Hermann  Helmholtz  und
manche  andere  vielverheißende  Anfänger  Rat  und  Hilfe.  Dort  saß  der
kleine  Greis  unter  Türmen  von  Büchern,  Karten,  Briefen  und  Sendungen
  jeder  Art,  die  ihm  aus  allen  Teilen  der  Erde  zuflogen  —  ihm
gegenüber  auf  der  grünen  Wand  die  große  Weltkarte  —  und  schrieb  die
langen  Nächte  hindurch,  über  sein  Knie  gebückt,  bald  an  seinem  Kosmos,
bald  Entwürfe  für  wissenschaftliche  Anstalten  oder  auch  ungezählte  Empfehlungsbriefe;
  es  war,  als  ob  alle  Fäden  aus  dem  unermeßlichen  Reiche  der
Forschung  in  der  Hand  des  alten  Zauberers  zusammenliefen.  Der  König
überschüttete  ihn  mit  Ehren  und  Geschenken,  ohne  doch  hindern  zu  können,
daß  der  aller  Wirtschaft  Unkundige  schließlich  der  Schuldknecht  seines
eigenen  Hausdieners  wurde.  In  den  Briefen  an  seinen  teuersten  Alexan-
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        A.  v.  Humboldt  bei  Hofe.  29

dros  entfaltete  Friedrich  Wilhelm  alle  Zartheit,  alle  Wärme  seines  guten
Herzens;  als  Humboldt  erkrankte,  saß  er  stundenlang  an  seinem  Bette
und  las  ihm  vor.  über  alles  sollte  der  alles  Wissende  Auskunft  geben,
bald  über  ein  ernstes  Problem,  bald  über  ein  müßiges  Kuriosum,  so  über
die  Frage,  warum  die  Produkte  der  Zahl  9  immer  die  Ziffersumme  9  ergeben.
Wenn  der  König  seinen  Freund  abends  im  Potsdamer  Schloß  besuchte,
dann  mußten  die  Diener  mit  den  Windlichtern  oft  tief  in  die  Nacht  hinein
warten,  weil  ihr  Herr  nach  dem  allerletzten  Abschied  das  beglückende  Gespräch
  noch  auf  der  Treppe  von  neuem  eröffnete.

Minder  liebenswert  als  bei  solchen  geistreichen  Zwiegesprächen  zeigte
sich  der  große  Gelehrte  auf  den  Hoffesten,  wo  er,  angetan  mit  der  Kammerherrn-Uniform
  und  dem  großen  Bande  des  schwarzen  Adlerordens,  jedem
nichtigen  Menschen  etwas  Verbindliches  sagte,  oder  auf  den  kleinen  Tee-Abenden
  der  königlichen  Familie.  Von  Paris  her  war  er  gewöhnt,  den
Mittelpunkt  des  Salongesprächs  zu  bilden,  und  er  konnte  sich's  nicht  versagen,
  auch  hier  in  Sanssouci  oder  Charlottenburg  aller  Augen  auf  sich  zu
ziehen.  Da  stand  er  denn  vor  der  mürrisch  schweigenden  Königin,  die  ihm
immer  mißtraute,  vor  neidischen  Hofleuten  und  politischen  Gegnern  und
berichtete  aus  neuen  Büchern,  aus  Zeitschriften,  aus  eigenen  Aufzeichnungen
über  die  Höhe  des  Popocatepetl  oder  die  Isothermen  oder  die  Gefängnisse,
immer  geistvoll,  immer  lehrreich,  aber  der  Mehrzahl  der  Anwesenden  unverständlich.
  Der  König  allein  hörte  aufmerksam  zu,  und  auch  er  war  zuweilen
zerstreut  und  blätterte  in  Zeichnungen.  Für  den  verhaltenen  Arger  und
die  Langeweile  dieser  unerquicklichen  Abende,  die  er  doch  nicht  missen  wollte,
nahm  Huwmboldt  seine  stille  Rache;  er  trug  dem  Freunde  Varnhagen,
der  jedes  Schmutzbächlein  wie  ein  Schwamm  aufsog,  allerhand  boshaften
Hofklatsch  zu,  lieblos  selbst  gegen  den  liebevollen  König,  und  zeigte  durch
sein  Medisieren,  daß  in  den  Hauptstädten,  zumal  in  dem  afterrednerischen
Berlin,  selbst  der  hochbegabte  Mensch  klein  wird,  wenn  er  die  Dinge  allzu
nahe  sieht.  Eines  freilich  ging  aus  seinen  gehässigen  Berichten  unzweifelhaft
  hervor:  diesem  so  mannigfach  bewegten  Hofe  fehlte  der  beherrschende
Kopf.  —

 

„Lebt  wohl  nun,  Freuden,  Spiele,  Töne!  Mein  höchster  Gott  ist
meine  Pflicht“  —  so  hatte  vor  hundert  Jahren  König  Friedrich  nach  seiner
Thronbesteigung  an  Voltaire  geschrieben.  Von  dieser  entschlossenen  Sicherheit
  des  Ahnherrn  zeigte  der  Nachkomme  nichts.  Friedrich  Wilhelm  war
völlig  fassungslos,  als  Zar  Nikolaus,  der  noch  in  der  letzten  Stunde
am  Sterbebette  des  Schwiegervaters  erschienen  war,  ihm  den  ersten  Segenswunsch
  zur  Thronbesteigung  aussprach;  auch  nachher  brauchte  er  noch
lange  Zeit,  um  seinen  Schmerz  zu  bewältigen  und  sich  in  der  neuen  Lage  zurechtzufinden.
  „Ach“,  schrieb  er  an  Metternich,  „wer  Ihr  warmes  Herz
mit  Ihrem  kalten  Kopf  vereinigte!  Das  ist  das  gewisse  Mittel,  immer
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        30  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

recht  zu  behalten  und  richtig  zu  steuern.  Ich  fühle  nur  zu  deutlich,  daß
dieser  Verein  mir  abgeht,  denn  ich  vermag  mich  nicht  von  dem  Schlage
zu  erholen,  der  uns  niedergeschmettert  hat,  und  meine  Lage  erscheint  mir
wie  ein  Traum,  aus  welchem  ich  sehnlich  das  Erwachen  wünsche.“  Das
ganze  Land  teilte  die  Trauer  des  Königs.  In  feierlichem  Schweigen
standen  die  Massen,  als  in  der  Nacht  des  11.  Juni  die  Leiche  den  breiten
Mittelweg  der  Linden  entlang  hinausgeführt  wurde  nach  dem  Charlottenburger
  Mausoleum,  wo  der  Verblichene  neben  seiner  Luise  ruhen  wollte;
die  Laternen  waren  ausgelöscht,  nur  der  Mond  warf  zuweilen  aus  den
Wolken  vortretend  sein  fahles  Licht  auf  die  schwarzen  Wagen,  die  lautlos
über  den  weichen  Sandbogen  dahinzogen.  Auf  allen  Kanzeln  von  der  Memel
bis  zur  Aar  wurde  gepredigt  über  den  Text  „der  Herr  hat  Dich  gesegnet
in  allen  Werken  Deiner  Hände“;  die  Stadt  Berlin  beschloß,  dem  Entschlafenen,
  dem  sie  so  viel  verdankte,  draußen  auf  einem  waldigen  Hügel  ein
Denkmal  zu  errichten,  und  nannte  die  Stelle  ihm  zu  Ehren  den  Friedrichshain.

Noch  einmal  wurde  dann  allen  Preußen  die  Erinnerung  an  den  Verstorbenen
  lebendig,  als  der  neue  Monarch  die  beiden  einzigen  letztwilligen
Verfügungen  veröffentlichen  ließ,  welche  der  alte  Herr,  außer  einer  Vorschrift
  über  seine  Bestattung,  hinterlassen  hatte.  Er  fügte  den  Außerungen
des  Vaters  einige  tief  empfundene  Worte  hinzu;  offenbar  im  Hinblick
auf  die  Kriegsrüstungen  der  Franzosen,  sagte  er  zuversichtlich:  sollte
je  das  Kleinod  des  teuer  errungenen  Friedens  gefährdet  werden,  „so
erhebt  sich  mein  Volk  auf  meinen  Ruf  wie  ein  Mann,  wie  sein  Volk  sich
auf  seinen  Ruf  erhoben  hat“.  Die  beiden  Testamente  waren  schon  vor
dreizehn  Jahren  niedergeschrieben,  lange  bevor  die  Juli-Revolution  das
deutsche  Leben  erschütterte,  und  ganz  in  dem  patriarchalischen  Stile  jener
stillen  Tage  gehalten.  Das  eine,  „mein  letzter  Wille“  überschrieben,  erging
  sich  in  frommen  Betrachtungen;  das  andere  mit  den  Eingangsworten
„auf  Dich,  meinen  lieben  Fritz“,  warnte  den  Thronfolger  vor  Neuerungssucht
  und  unpraktischen  Theorien,  aber  auch  von  der  zu  weit  getriebenen
Vorliebe  für  das  Alte,  und  mahnte  ihn,  den  Bund  mit  Osterreich  und
Rußland  „als  den  Schlußstein  der  großen  europäischen  Allianz  zu  betrachten".
  Der  Berliner  Magistrat  ließ  diese  Vermächtnisse  des  alten
Königs  für  seine  Bürgerschaft  abdrucken,  und  noch  viele  Jahre  hindurch
hingen  sie  unter  Glas  und  Rahmen  in  unzähligen  preußischen  Häusern.
Aber  die  Zeit,  der  sie  angehörten,  war  vorüber;  mit  diesem  letzten  Zolle
der  Dankbarkeit  schien  die  Vergangenheit  abgeschlossen;  erwartungsvoll
wendeten  sich  die  Blicke  dem  neuen  Herrscher  zu.

Das  erste,  was  er  von  sich  hören  ließ,  waren  Kundgebungen  des
Herzens;  die  Härten  früherer  Tage  auszugleichen,  erschien  ihm  als  heilige
Pflicht.  Allen  den  Abgesandten,  die  sich  ihm  nahten,  sagte  er  freundliche,
ermutigende  Worte;  sogar  die  Juden  Berlins,  die  er  sehr  wenig  liebte,
empfingen  oie  Versicherung,  daß  er  kein  Anhänger  der  blinden  Vorurteile
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        Die  Amnestie.  31

früherer  Jahrhunderte  sei.  Dann  wurde  General  Boyen,  der  lange  mißhandelte,
  durch  ein  überaus  gnädiges  Handschreiben  in  den  Staatsrat
zurückgerufen,  und  alle  Welt  betrachtete  diese  erste  Tat  der  neuen  Regierung
  als  ein  Zugeständnis  an  den  Liberalismus.  Gleich  darauf  durfte
Arndt  wieder  in  sein  Lehramt  eintreten;  mit  hellem  Jubel  begrüßten  die
Bonner  Gelehrten  den  treuen  Mann  —  nur  A.  W.  Schlegel,  der  alte
Feind,  hielt  sich  abseits  —  und  erwählten  ihn  sogleich  zum  Rektor  für
das  nächste  Jahr.  Keinen  Augenblick  war  er  irre  geworden  an  seinem
Staate;  mitten  im  Elend  der  unverschuldeten  Verfolgung  hatte  er  seinem
Vaterlande  zugesungen:
Du  wirst  Jahrtausende  durchblüh'n
In  deutscher  Treue,  deutschen  Ehren.
Wir  Kurzen  müssen  hinnen  zieh’n,
Doch  Liebe  wird  unsterblich  währen.
Nun  ward  ihm  doch  noch  ein  ehrenreiches,  durch  die  Liebe  seiner  Deutschen
  verklärtes  Alter.  Auch  der  alte  Jahn  wurde  der  polizeilichen  Aufsicht
  entledigt  und  nachträglich  noch  mit  dem  eisernen  Kreuze  geschmückt.
Am  10.  August  unterzeichnete  Friedrich  Wilhelm  eine  Verordnung,  welche
allen  politischen  Verbrechern  Amnestie  gewährte,  auch  den  Flüchtlingen,
falls  sie  heimkehrten,  Begnadigung  versprach.  Der  Erlaß  sollte  erst  einen
Monat  später,  zur  Feier  der  Huldigung  veröffentlicht  werden;  das  weiche
Gemüt  des  Königs  fand  aber  keine  Ruhe,  unverzüglich  ließ  er  die  Kerker
öffnen  und  vielen  der  Befreiten  gewährte  er  Anstellung  im  Staatsdienste.
Diese  Milde  gereichte  seinem  Herzen  zu  hoher  Ehre;  denn  an  die  Schuld
der  Mehrzahl  der  Gefangenen  glaubte  er  ebenso  fest  wie  sein  Vater.  Die
düstere  Zeit  der  politischen  Verfolgungen  ging  also  zu  Ende,  nicht  ohne  ein
schauerliches  Nachspiel.  Zur  selben  Zeit,  da  die  Demagogen  frei  kamen,
verfiel  der  boshafteste  ihrer  Peiniger,  Geheimer  Rat  Tzschoppe,  in  schwere
Geisteskrankheit;  der  Unselige  wähnte  sich  verfolgt  von  allen  den  Armen,
denen  er  die  Jugend  verwüstet  hatte,  und  starb  bald  nachher  im  Irrsinn.
Leider  zeigte  sich  auch  schon  jetzt,  wie  gefährlich  die  Herzensgüte  des
Monarchen  wirken  konnte.  In  einer  Aufwallung  brüderlicher  Liebe  betraute
er  den  Prinzen  Wilhelm,  der  den  friderizianischen  Titel  eines  Prinzen
von  Preußen  erhielt,  mit  dem  Vorsitze  im  Staatsministerium  und  im
Staatsrate.  Er  hoffte,  sein  Bruder  würde  einfach  in  die  Stellung  ein—
rücken,  welche  er  selbst  bisher  als  Kronprinz  eingenommen  hatte.  Aber
trotz  seiner  Ehrfurcht  vor  dem  Träger  der  Krone  konnte  der  Prinz  von
Preußen  hinter  dem  nur  wenig  älteren  Könige  unmöglich  ebenso  bescheiden
zurücktreten,  wie  es  der  alte  Herr  von  seinen  Söhnen  verlangt  hatte,
der  Gegensatz  des  Charakters  und  der  Gesinnung,  der  die  beiden  Brüder
trennte,  mußte  an  den  Tag  kommen,  und  schon  die  nächsten  Wochen  lehrten,
daß  das  Amt  eines  Ministerpräsidenten  für  einen  Thronfolger  zugleich  zu
niedrig  und  zu  mächtig  ist.
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        32  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Von  vornherein  war  der  König  darüber  im  reinen,  daß  die  land—
ständische  Verfassung  nicht  in  ihrem  gegenwärtigen  unentschiedenen  Zu—
stande  verbleiben  durfte.  Er  ahnte,  diese  große  Frage  würde  den  eigent—
lichen  Inhalt  seiner  ersten  Regierungsjahre  bilden,  und  bei  einiger  Ent—
schlossenheit  schien  ihre  Lösung  keineswegs  unmöglich.  Die  Verheißungen
des  alten  Königs,  wie  planlos  und  unbedacht  sie  auch  waren,  enthielten
nichts,  was  die  Macht  der  Krone  in  der  gegenwärtigen  Lage  irgend  be—
drohen  konnte.  Nach  der  Verordnung  vom  12.  Mai  1815  war  der  Mon—
arch  verpflichtet,  eine  beratende,  aus  den  Provinzialständen  gewählte
Landesrepräsentation  einzuberufen;  die  Art  der  Erwählung  konnte  er  als
alleiniger  Gesetzgeber  frei  bestimmen.  Er  war  ferner  verpflichtet,  die
Grundsätze,  nach  denen  Preußens  Regierung  bisher  geführt  worden  war,
in  einer  schriftlichen  Verfassungsurkunde  auszusprechen,  deren  Form  und
Inhalt  ihm  ebenfalls  frei  gestellt  blieb.  Endlich  hatte  der  alte  König
durch  das  Staatsschuldengesetz  vom  17.  Jan.  1820  versprochen,  daß  dem
künftigen  Reichstage  über  die  Staatsschulden  jährlich  Rechnung  abgelegt,
neue  Schulden  nur  mit  seiner  Genehmigung  aufgenommen  werden  sollten.
Auch  hiermit  war  streng  genommen  nur  gesagt,  daß  die  Reichsstände  in
regelmäßiger  Wiederkehr  einberufen  werden  mußten;  die  alljährliche  Rechnungsablegung
  konnte  ja,  wenn  man  sich  mit  ihnen  verständigte,  auch
vor  einem  Ausschusse  des  Reichstags  stattfinden.  Zum  überfluß  besaß
der  Monarch  die  unbestrittene  Befugnis,  die  Gesetze  seines  Vorgängers,
sofern  sie  nicht  die  Rechte  der  Staatsgläubiger  unmittelbar  berührten,
durch  neue  Gesetze  aufzuheben.

Hier  zeigte  sich  aber,  daß  ein  konstitutioneller  Fürst  in  vielen  Fällen
mächtiger  ist  als  ein  unbeschränkter  Herrscher.  Die  Zurücknahme  eines
übereilten  Versprechens,  die  im  konstitutionellen  Staate,  wenn  der  Reichstag
  zustimmt,  ohne  jede  Schwierigkeit  erfolgt,  mußte  dem  absoluten  Könige
als  eine  Verletzung  der  Ehrfurcht  gegen  seinen  Vater,  fast  als  eine  sittliche
  Unmöglichkeit  erscheinen.  Friedrich  Wilhelm  fühlte  sich  in  seinem
Gewissen  an  die  alten  Verheißungen  gebunden,  und  doch  sträubten  sich
alle  seine  Neigungen  und  Doktrinen  wider  ihre  wörtliche  Ausführung.
Ihr  Kernpunkt  lag  offenbar  in  der  Einberufung  eines  regelmäßig  wiederkehrenden
  Reichstags;  trat  dieser  nur  erst  als  eine  stehende  Institution
zusammen,  in  wie  bescheidenen  Formen  immer,  so  mußte  er  sich  unfehlbar
  weiter  entwickeln.  Durch  die  Bildung  der  Provinzialstände  hatte  einst
nicht  eigentlich  die  Reaktion,  sondern  der  Partikularismus  gesiegt.  Um
so  nötiger  war  es  jetzt,  nachdem  die  Provinzen  in  einem  Vierteljahrhundert
  sich  doch  leidlich  zusammengefunden  hatten,  dem  Sondergeiste  der
Landschaften  ein  starkes  Gegengewicht  zu  geben,  dem  ganzen  Volke  endlich
ein  gemeinsames  Arbeitsfeld  zu  eröffnen,  auf  dem  sich  ein  bewußtes  Preußentum,
  eine  lebendige  Staatsgesinnung  betätigen  konnte.

Das  war  es,  was  Preußens  Nachbarn  vornehmlich  befürchteten.  Nicht
        <pb n="41" />
        Die  Verfassungsfrage.  33

bloß  Fürst  Metternich  und  Zar  Nikolaus  lauschten  besorgt  auf  jede  Nach—
richt  aus  Berlin.  Auch  König  Wilhelm  von  Württemberg  beteuerte  dem
Gesandten  Rochow  beständig:  er  sei  jetzt  über  das  konstitutionelle  Wesen
ins  klare  gekommen  und  halte  die  preußischen  Provinzialstände  für  die
beste  Form  der  Interessenvertretung.“)  Die  kleinen  deutschen  Fürsten  dachten
nur  mit  Zittern  und  Zagen  an  die  Möglichkeit  einer  preußischen  Verfassung.
Bei  dem  bisherigen  Zustande  befanden  sie  sich  allesamt  recht  behaglich,  weil
sie  die  Unzufriedenen  daheim  bald  durch  das  abschreckende  Beispiel  des
preußischen  Absolutismus  beschwichtigen,  bald  mit  dem  Unwillen  der  beiden
Großmächte  bedrohen  konnten;  was  ward  aus  ihrer  Souveränität,  wenn
ein  preußischer  Reichstag  die  Verfassungsherrlichkeit  der  Kleinen  sofort  in
den  Schatten  stellte,  wenn  dies  durch  den  Zollverein  schon  so  mächtig
erstarkte  Preußen  auch  noch  die  Bühne  des  deutschen  parlamentarischen
Lebens  wurde  und  den  Deutschen  täglich  zeigte,  welch  ein  Stolz  es  ist,
einem  mächtigen  Staate  anzugehören?

Für  diese  einigende  Kraft  der  Reichsstände  besaß  aber  Friedrich  Wilhelm
  gar  kein  Verständnis,  weil  ihm  die  Energie  des  preußischen  Staatsgedankens
  fremd  blieb.  Er  betrachtete  die  schöne  Mannigfaltigkeit  der
Provinzialstände  als  einen  Triumph  des  historischen  Prinzips  und  warf
noch  in  den  dreißiger  Jahren  zuweilen  die  Frage  auf,  ob  man  nicht  die
alten  Stände  der  Fürstentümer  Magdeburg,  Münster,  Paderborn  als
Kommunallandtage  wiederherstellen  könne.  Das  stand  ihm  fest,  daß  die
Provinziallandtage  der  Schwerpunkt  der  ständischen  Verfassung  Preußens
bleiben  sollten;  nur  in  außerordentlichen  Fällen  dachte  er  sie  allesamt
nach  Berlin  zu  berufen  und  also,  ohne  neue  Wahl,  einen  Vereinigten
Landtag  zu  bilden,  der  schon  wegen  seiner  Schwerfälligkeit  nur  selten  zusammentreten
  konnte.  Diese  Gedanken  entwickelte  er  bereits  als  Kronprinz
  vor  Leopold  Gerlach;  an  ihnen  hielt  er  mit  seiner  stillen  Hartnäckigkeit
  fest,  bis  er  sie  nach  Jahren  endlich  verwirklichte.  Noch  andere,
rein  doktrinäre  Bedenken  gegen  die  alten  Verheißungen  konnte  er  nicht
überwinden.  Eine  schriftliche  Verfassungsurkunde,  wie  sie  der  Vater  versprochen,
  erinnerte  den  Sohn  allzusehr  an  Rousseau  und  Rotteck-Welcker;
niemals  wollte  er  die  freie  Macht  seiner  Krone  durch  einen  papiernen
Vertrag  beschränken.  Ebenso  anstößig  schien  ihm  die  Verheißung,  daß  die
Reichsstände  für  alle  Staatsschulden  die  Bürgschaft  übernehmen  sollten;  in
Kriegszeiten  wollte  er  eine  solche  Beschränkung  seiner  monarchischen  Gewalt
  nicht  dulden.  Es  war  eine  Sorge,  die  nur  den  überfeinen  Scharfsinn
  eines  ganz  unpraktischen  Kopfes  beunruhigen  konnte.  Denn  für  die
ersten  Ausgaben  eines  plötzlich  hereinbrechenden  Krieges  boten  der  längst
wieder  gefüllte  Staatsschatz,  die  reichlichen  überschüsse  der  Verwaltung,
dazu  noch  die  Bank  und  die  Seehandlung  vollauf  genügende  Mittel;  und

 

*)  Rochows  Bericht,  29.  Febr.  1840  ff.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  3
        <pb n="42" />
        34  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

war  der  Krieg  erst  im  Gange,  so  ließ  sich  von  der  so  oft,  so  glorreich  bewährten
  Vaterlandsliebe  der  Preußen  mit  Sicherheit  erwarten,  daß  ihr
Reichstag  notwendige  Kriegsanleihen  nicht  verweigern  würde.

Von  solchen  Zweifeln  gepeinigt,  hatte  Friedrich  Wilhelm  einen  bestimmten
  Entschluß  noch  nicht  gefunden;  nur  das  eine  sagte  ihm  seine
richtige  Empfindung,  daß  der  große  Augenblick  der  Huldigung  benutzt
werden  mußte,  um  durch  einen  freien  königlichen  Befehl  die  Verfassungsfrage
  sofort  zu  entscheiden.  Da  wurde  ihm  zur  unglücklichen  Stunde
jener  Testamentsentwurf  übergeben,  welchen  der  Vater  kurz  vor  seinem
Ableben  dem  Fürsten  Wittgenstein  anvertraut  hatte.*)  Darin  war  vorgeschrieben,
  daß  nur  im  Falle  der  Aufnahme  einer  neuen  Anleihe  ein
Vereinigter  Landtag  aus  32  Abgeordneten  der  Provinziallandtage  und
ebenso  vielen  Mitgliedern  des  Staatsrats  gebildet  werden  dürfte;  überdies
  verlangte  der  alte  Herr  für  jede  Anderung  der  ständischen  Verfassung
die  Zustimmung  der  Agnaten.  Daß  diese  Aufzeichnungen  im  großen  und
ganzen  der  Ansicht  des  verstorbenen  Königs  entsprachen,  ließ  sich  nicht
bestreiten.  Aber  sie  waren  rechtlich  unwirksam,  da  sie  weder  Unterschrift
noch  Datum  trugen,  und  konnten  nur  als  ein  väterlicher  Rat  und
Wunsch,  nicht  als  ein  bindendes  Testament  betrachtet  werden,  obgleich  das
Allgemeine  Landrecht  die  letztwilligen  Verordnungen  der  Mitglieder  des
königlichen  Hauses  als  privilegierte  Testamente  von  den  üblichen  Förmlichkeiten
  befreite;  denn  immer  blieb  die  Frage  offen,  ob  die  Willensmeinung
  des  Monarchen  genau  wiedergegeben  sei.  Der  neue  König  zweifelte
  lange,  wie  er  sich  zu  den  Verfügungen  des  Vaters  zu  verhalten  habe;
er  ließ  alles,  was  sie  über  das  Hausvermögen  anordneten,  gewissenhaft
ausführen  und  teilte  das  Aktenstück  seinen  Brüdern  mit.  Da  erwiderte
  ihm  der  Prinz  von  Preußen  sehr  ernst,  die  Willensmeinung  des
Vaters  müsse  trotz  ihrer  mangelhaften  Form  unbedingt  geachtet  werden,
ohne  die  Zustimmung  aller  erwachsenen  königlichen  Prinzen  sei  fortan  jede
Verfassungsänderung  unzulässig.

Alsogemahnt  entschloß  sich  Friedrich  Wilhelm,  sofort  bei  der  Huldigung
die  beabsichtigte  Einberufung  des  seltsamen  Landtags  von  64  Mitgliedern
  anzukündigen,  obgleich  eine  neue  Anleihe  zur  Zeit  gar  nicht  nötig
war;  auch  eine  Übersicht  des  Staatshaushaltes  wollte  er  den  zur  Huldigung
  versammelten  Provinzialständen  vorlegen  und  ihnen  mitteilen,  daß
er  seinem  treuen  Volke  zur  Morgengabe  einen  Steuererlaß  zu  gewähren
denke.  Durch  solche  freie  Bewilligungen  —  so  rechnete  er  —  würden  die
Stände  leicht  gewonnen  werden  und  sich  gern  entschließen,  dafür  auf  die
verheißene  regelmäßige  Berufung  des  Reichstags  zu  verzichten.  Waren
dergestalt  die  Befehle  des  Vaters  mit  Genehmigung  der  Agnaten  ausgeführt,
  so  konnte  vielleicht  später  einmal,  nach  dem  Ermessen  der  Krone,

*)  S.  o.  IV.  725.  753.
        <pb n="43" />
        Das  Testament  des  alten  Königs.  35

ein  großer  Vereinigter  Landtag,  eine  Versammlung  aller  Provinzialstände
einberufen  werden.  über  diesen  letzteren  Plan  äußerte  sich  der  König
vorerst  noch  nicht,  obwohl  er  ihn  in  der  Stille  unverbrüchlich  festhielt.
Was  er  aber  für  die  Huldigung  beabsichtigte,  das  gab  er  schon  zu  Anfang
  Juli  seinen  Ministern  kund  und  sagte  in  seinem  Handschreiben:  er
besitze  noch  nicht  die  Autorität  und  das  Vertrauen,  welche  sein  Vater  sich
einst  durch  eine  lange,  gesegnete  Regierung  erworben  hätte,  darum  dürfe
er  die  ständische  Frage  nicht  unentschieden  lassen.  Auch  Boyen,  Voß,
Leopold  Gerlach  nahmen  teil  an  den  Beratungen,  die  sich  durch  Wochen
hinzogen  und  zumal  den  Prinzen  von  Preußen  tief  erregten.

Für  den  Vorschlag  des  Königs  erklärte  sich  nur  einer  der  Befragten,
General  Boyen.  Der  alte  Kriegsmann  sah  voraus,  daß  die  erwartungsvolle
  Stille  im  Volke  nicht  mehr  lange  anhalten  konnte,  und  sagte  in
einer  Denkschrift  vom  8.  August:  „In  einem  solchen  zweifelhaften  Falle
ist  es  die  Hauptfrage:  soll  die  Regierung  sich  drängen  lassen  oder  die
Initiative  ergreifen?“  Uberdies  erwartete  er  bestimmt  einen  neuen  Krieg
gegen  Frankreich,  und  wie  er  schon  im  Jahre  1808  die  Berufung  einer
Ständeversammlung  angeraten  hatte,  um  die  Krone  zum  Kampfe  gegen
Napoleon  zu  stärken,  so  verlangte  er  auch  jetzt,  daß  unsere  bewaffnete
Macht  „geistig  höher“  stehen  müsse  als  die  Heerscharen  der  Propaganda.
Darum  betrachtete  er  „diesen  durch  eine  sonderbare  Kette  von  Verhältnissen
  herbeigeführten  Gedanken  eines  ständischen  Ausschusses  ..  als  das
beste  und  einfachste  Mittel  für  unsere  inneren  und  äußeren  Staatsverhältnisse...
  Kann  jemand  noch  ein  besseres  Mittel  angeben,  in  Gottes
Namen!  Aber  für  die  gesetzliche  Lenkung  des  Volksgeistes  muß  etwas  in
Zeiten  geschehen.“  In  einem  Begleitschreiben  rief  er  dem  Könige  zu:
„Wir  stehen  gegenwärtig  am  Rubicon,  aber  der  Übergang  hat  nicht  wie
bei  Cäsar  die  Zerstörung  zum  Zweck.  Nein,  das  Ziel  ist  das  mutige
Erhalten  und  zeitgemäße  Aufbauen  der  vaterländischen  Einrichtungen.
Dies  ist  die  von  der  göttlichen  Vorsehung  Eurer  Majestät  zugewiesene
Aufgabe!““)  So  klar  der  General  das  Ziel  erkannte,  ebenso  schwer  täuschte
er  sich  über  die  Mittel  und  Wege.  Eine  Versammlung  von  32  Provinzial-Abgeordneten
  war  kein  Reichstag,  sondern  nur  ein  ständischer  Ausschuß,
wie  sie  Boyen  ja  auch  selbst  nannte;  durch  eine  so  kümmerliche,  fast
spöttische  Erfüllung  des  alten  Königswortes  konnten  die  Preußen  weder
befriedigt  noch  begeistert,  sondern  nur  aufgereizt  werden  zur  Forderung
ihrer  verbrieften  Rechte.  Diese  Gefahr  lag  so  nahe,  daß  selbst  General
Thile,  der  sich  anfangs  zu  seinem  Freunde  Boyen  gehalten  hatte,  bald
bedenklich  wurde,  der  Prinz  von  Preußen  aber  und  die  anderen  Minister
allesamt  den  Monarch  dringend  warnten.

Dergestalt  bewährte  Friedrich  Wilhelm  jetzt  schon  seine  verhängnis- 



*)  Boyens  Denkschrift  nebst  Begleitschreiben  an  den  König,  8.  Aug.  1840.
37
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        36  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

volle  Neigung,  die  Geschäfte  an  der  falschen  Stelle  anzufassen;  in  bester
Absicht  verwirrte  und  verwickelte  er  die  Frage  also,  daß  beide  Teile
zugleich  recht  und  unrecht  hatten.  Die  Mehrzahl  der  Minister  be—
trachtete  die  ständische  Gesetzgebung  der  Monarchie  als  endgültig  abge—
schlossen  und  verwarf  jede  Neuerung.  Rochow  vornehmlich,  der  vor  achtzehn
  Jahren  den  Verhandlungen  der  Notabeln  über  die  Errichtung  der
Provinzialstände  beigewohnt  ?7),  versicherte  in  einer  Denkschrift  zuversichtlich,
  damals  hätte  „man  allseitig  die  allgemeine  Verfassungsfrage  für  abgetan
  gehalten“.  In  ähnlichem  Sinne  äußerte  sich  Gerlach,  der  nachdrücklich
  hervorhob,  daß  die  zur  Huldigung  einberufenen  Stände  sich  unmöglich
für  befugt  halten  könnten,  eine  so  wichtige  Angelegenheit  alsbald  zu  entscheiden.“)
  Vor  diesem  allgemeinen  Widerspruche  verlor  der  König  den
Mut.  Er  legte  sich  nicht  die  Frage  vor,  ob  es  nicht  ratsam  sei,  statt
der  geplanten  bedenklichen  Halbheit  vielmehr  eine  ganze  Gewährung  zu
wagen  und  den  Preußen  sogleich  bei  der  Huldigung  die  Einberufung  eines
wirklichen,  mit  allen  verheißenen  Rechten  ausgestatteten  Reichstags  anzukündigen.
  Für  solche  Pläne  konnte  er  an  Radowitz  oder  Canitz  freudige
Helfer  finden.  Da  er  aber  durchaus  selbst  regieren  wollte  und  in  seinen
Räten  immer  nur  gleichgültige  Werkzeuge  sah,  so  kostete  es  ihn  auch
wenig  Überwindung,  sich  vorderhand  noch  mit  Ministern  zu  behelfen,
welche  seinen  reichsständischen  Absichten  widerstrebten.  Schon  halb  entschlossen,
  die  unbequemen  Pläne  vorerst  zu  vertagen,  besuchte  er  den  befreundeten
  sächsischen  Hof  und  traf  dort  in  Pillnitz,  am  13.  August  mit
dem  Fürsten  Metternich  zusammen.  Er  besprach  sich  mit  ihm  über  die
gemeinsamen  Rüstungen  gegen  Frankreich,  über  die  notwendige  Reform
der  Bundesverfassung,  nebenbei  auch  über  die  preußische  Verfassungsfrage;
und  da  der  Österreicher,  wie  zu  erwarten  stand,  den  Bedenken  der  preußischen
  Minister  lebhaft  beipflichtete,  so  ließ  der  König  für  jetzt  von  seinen
Vorsätzen  ab.  Also  versäumte  er  zum  ersten  Male  eine  wunderbar  günstige
Stunde;  und  oft  genug  hat  er  späterhin  bitterlich  geklagt:  „ich  beweine
eine  neue  verlorene  Gelegenheit,  wie  deren  so  viele!!]  seit  Jahren
verloren  sind.7*“*)  Auch  jetzt  schon  war  er  keineswegs  mit  sich  zufrieden,
sondern  sagte  traurig:  „man  wird  sehen,  welche  üblen  Folgen  das  haben
wird.“

Der  Testamentsentwurf  des  alten  Königs  blieb  also  unausgeführt
und  wurde  auf  Befehl  des  Nachfolgers  fortan  streng  geheim  gehalten.
Nunmehr  faßte  Friedrich  Wilhelm  den  Plan,  die  Befugnisse  der  Provinzialstände
  Schritt  für  Schritt  zu  erweitern  und  dergestalt  durch  die
belobte  organische  Entwicklung  die  dereinstige  Berufung  der  Reichsstände

*)  S.  o.  III.  237.

**)  Rochows  Denlschrift,  27.  Juli;  eine  andere  Denlschrift  ohne  Unterschrift,  offenbar
  von  Gerlach,  4.  Aug.  1840.

***)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  10.  Juni  1847.
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        Stände,  nicht  Volksvertreter.  37

vorzubereiten.  Denn  ganz  etwas  anderes  als  die  süddeutschen  Kammern
sollte  Preußens  künftiger  Reichstag  werden,  nicht  eine  Volksrepräsentation,
sondern  eine  Versammlung  von  Ständen,  welche  ihre  eigenen  Rechte  zu
wahren  hätten,  eine  im  historischen  Rechtsboden  festgewurzelte  Körperschaft,
die  eben  deshalb  weder  den  befreundeten  Ostmächten  Anstoß  geben  noch
die  preußische  Monarchie  dem  Staate  der  Juli-Revolution  in  die  Arme
treiben  könnte.  Ganz  und  gar  war  der  König  erfüllt  von  jener  alten  Gentzi—
schen  Ständelehre,  welche  der  Fürst  von  Solms-Lich  den  Höfen  neuerdings
wieder  mundgerecht  vorgesetzt  hatte.  Er  übersah,  daß  der  konstitutionelle
bayrische  Landtag  doch  auch  nach  dem  Grundsatze  der  ständischen  Gliederung
gebildet  war,  und  ahnte  nicht,  daß  jeder  preußische  Reichstag,  wenn  er  nur
mehr  war  als  ein  kleiner  Ausschuß,  sich  selbst  für  eine  Volksvertretung
ansehen,  die  öffentliche  Meinung  an  den  Tag  bringen  mußte.  Weltkundiger
als  der  König  hatte  Dahlmann  schon  vor  Jahren  diese  notwendige  Entwick—
lung  vorausgesagt,  als  er  in  einem  der  schönsten  Kapitel  seiner  „Politik“
ausführte:  dieselbe  Macht  der  Geschichte,  welche  überall  an  die  Stelle
der  Dienste  das  Geld,  an  die  Stelle  der  Sitte  die  Einsicht,  an  die  Stelle
der  Standesmeinung  eine  öffentliche  Meinung  gesetzt  habe,  sie  nötige,
auch  die  alten  Landstände  zusammenzurücken  zu  einer  Volksvertretung.
Solche  Worte  konnte  der  König  nur  für  revolutionär  ansehen,  denn  der
Führer  der  Göttinger  Sieben  warnte  zugleich  vor  einer  Doktrin,  welche
„den  Staat  halb  als  Vaterhaus,  halb  als  Kirche  übertünchen“  wolle.

Eben  diese  Idee  des  christlich-germanischen  Patrimonialstaates  war
dem  Monarchen  heilig;  sie  wollte  er  verwirklichen  —  „auf  Jahrhunderte
hinaus“,  wie  Fürst  Solms  zuversichtlich  meinte  —  im  bewußten  Gegen—
satze  zu  den  Staaten  der  Volkssouveränität  und  der  papiernen  Charten.
Darum  durfte  ihm  auch  kein  Untertan  einreden  in  seine  verborgenen
Pläne.  Im  buchstäblichen  Sinne  verstand  er  die  Mahnung,  die  ihm
Leopold  Gerlach  in  diesen  Tagen  zurief:  jeder  König  wird  unfähig  zu
regieren,  wenn  ihn  das  Volk  nicht  mehr  für  einen  König  von  Gottes  Gnaden
hält.  Wie  zornig  hatte  er  vor  neun  Jahren  auf  „diesen  Pumpernickel-Lafayette“
  gescholten,  als  die  westfälischen  Stände  an  das  Verfassungsversprechen
  zu  erinnern  wagten  und  der  junge  Fritz  Harkort  sich  durch
seine  kühne  Sprache  hervortat.  Das  Volk  sollte  gehorsam  abwarten,
was  des  Königs  Weisheit  ihm  schenken  würde;  nimmermehr  wollte  er  sich
drängen  lassen.

Leider  bekundeten  jetzt  schon  mannigfache  Anzeichen,  wie  wenig  diese
Regierung  einem  anhaltenden  Drängen  zu  widerstehen  vermochte.  Zugleich
  mit  der  Verfassungssache  hatte  Friedrich  Wilhelm  auch  die  zweite
der  beiden  großen  Fragen,  welche  ihm  sein  Vater  ungelöst  hinterlassen
hatte,  den  Bischofsstreit,  ernstlich  ins  Auge  gefaßt.  Er  beschloß,  durch
eine  Sendung  nach  Rom,  durch  unmittelbare  Verhandlungen  mit  dem
Papste  den  Zwist  beizulegen,  und  gestattete  schon  am  13.  Juli  dem  Erz-
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        38  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

bischof  Droste,  aus  seiner  ländlichen  Heimat  nach  Münster  überzusiedeln;
nach  Köln  wollte  er  den  Urheber  des  Streites  auf  keinen  Fall  zurückkehren
lassen.  Den  anderen  der  beiden  Erzbischöfe  hingegen,  Dunin,  der  noch
rechtskräftig  verurteilt  in  Colberg  gefangen  saß,  dachte  er  sogleich  wieder
in  sein  erzbischöfliches  Amt  einzusetzen.  Welch  ein  Mißgriff!  Dunin  war
nicht  nur  der  schuldigere  der  beiden  Prälaten,  da  er  ganz  ohne  Not  ein  seit.
Jahrzehnten  anerkanntes  Gesetz  eigenmächtig  aufgehoben  hatte;  er  gehörte
auch  einer  Provinz  an,  welche  durch  ihre  Unbotmäßigkeit  ebenso  bekannt
war  wie  das  Rheinland  durch  seinen  gesetzlichen  Sinn  und  sich  längst  gewöhnt
  hatte,  jede  Tat  königlicher  Milde  als  deutsche  Schwäche  zu  verspotten.
  Während  am  Rhein  die  Ruhe  fast  nirgends  gestört  wurde,  nahmen
in  Posen  die  Kundgebungen  lärmenden  Zornes  kein  Ende:  die  Geistlichen
verbreiteten  ein  Lied:  „den  Hirt  und  Vater  raubt  man  seinen  Kindern,
den  heil'gen  Glauben  will  man  uns  entreißen.““)  Gerade  diesen  schlechtesten
  Untertanen  Preußens,  den  Polen  widmete  Friedrich  Wilhelm  eine
schwärmerische  Zärtlichkeit.  Er  konnte  nie  vergessen,  daß  Platen  ihn  einst
in  den  Polenliedern  um  Schutz  für  „das  Volk  der  Leiden“  angefleht  und
ihm  zugerufen  hatte:

Triumphe  sind  wie  Niederlagen,

Wenn  ihre  Frucht  besteht  in  Klagen.

Im  grenzenlosen  Haß  der  Welt.
Mit  den  Radziwills  und  Raczynskis  verband  ihn  alte  Freundschaft.  Durch
Großmut  hoffte  er  die  Großmütigen,  die  in  Wahrheit  nur  begehrlich
waren,  zu  versöhnen.

Daher  wurde  schon  am  17.  Juli  Geh.  Rat  Aulicke,  ein  hartkatholischer
  Westfale,  der  fortan  in  Preußens  Kirchenpolitik  noch  lange  eine
verhängnisvolle  Rolle  spielen  sollte,  an  den  Gefangenen  gesendet.  Die
verschmitzten  Augen  des  glatten  kleinen  Polen  leuchteten,  er  zerfloß  in  Dankbarkeit
  und  versprach  in  einem  höchst  untertänigen  Schreiben,  fortan  Treue
und  Frieden  zu  wahren.  Darauf  gestattete  ihm  der  König  die  Rückkehr  und
sprach  zugleich  die  Hoffnung  aus:  „Es  wird  Mich  freuen,  durch  die  Betätigung
  Ihrer  gegen  Mich  ausgesprochenen  Verheißungen  Mich  bald  in
den  Stand  gesetzt  zu  sehen,  Sie  an  Meinem  Hoflager  zu  empfangen.“)
Die  Heimkehr  erfolgte,  um  Aufsehen  zu  vermeiden,  am  späten  Abend  des
5.  August;  aber  natürlich  hatte  einer  der  adligen  Vertrauten  des  Erzbischofs,
Lipski,  die  Nachricht  schon  vorher  verbreitet,  so  gestaltete  sich  denn  die  Einfahrt
  zu  einem  brausenden  Triumphzuge,  und  es  frommte  wenig,  daß  der
König  dem  Herrn  v.  Lipski  nachträglich  seinen  Unwillen  aussprechen  ließ.

 

*)  Bericht  des  Ministerialverwesers  v.  Ladenberg  an  den  König,  3.  Aug.  1840.
*“)  Instruktion  für  Aulicke,  17.  Juli;  Aulickes  Bericht,  27.  Juli;  Dunin  an  den  König,
24.  Juli;  Kabinettsordre  an  Dunin,  29.  Juli  1840.

*“*)  Ladenbergs  Bericht  an  den  König,  6.  Aug.;  Kabinettsordre  an  Ladenberg,
7.  Aug.  1840.
        <pb n="47" />
        Begnadigung  Dunins.  39

Am  nächsten  Tage  erklangen  in  allen  Kirchen  des  Erzbistums  wieder  die
Glocken  und  die  Orgeln,  die  wegen  der  Gefangenschaft  des  Oberhirten  bis—
her  geschwiegen  hatten.  Die  Stadt  Posen  veranstaltete  eine  große  Erleuch—
tung  zur  Feier  der  Amnestie  für  die  politischen  Verbrecher,  und  wochenlang
strömten  Tag  für  Tag  Hunderte  von  Andächtigen  zu  dem  befreiten  Mär—
tyrer.  Dunin  versäumte  auch  nicht  in  Gnesen  einzuziehen,  wo  ihm  die
Bauern  die  Pferde  vom  Wagen  spannten;  einer  Pilgerschar,  die  zu  der
schwarzen  Mutter  Gottes  von  Czenstochau,  der  Regina  Regni  Poloniae
wallfahrtete,  erteilte  er  feierlich  seinen  Segen.  So  verhöhnte  der  Begnadigte
  die  deutsche  Staatsgewalt  ins  Angesicht;  der  so  lange  durch  Flottwells
  Strenge  niedergehaltene  Deutschenhaß  regte  sich  wieder,  während
dieser  Saturnalien  polnischer  Siegestrunkenheit  wurde  der  erste  Keim  gelegt
  für  die  Aufstände  der  nächsten  Jahre.  Unterdessen  ließ  der  versöhnliche
  Hirtenbrief,  welchen  Dunin  dem  Monarchen  versprochen  hatte,
noch  immer  auf  sich  warten.  Erst  nach  langen  peinlichen  Verhandlungen
mit  der  Regierung  ?)  kam  ein  geschraubtes  und  gewundenes  Rundschreiben
zu  stande  (27.  Aug.):  den  Geistlichen  wurde  zwar  untersagt,  das  förmliche
Versprechen  katholischer  Kindererziehung  zu  fordern,  anderseits  aber  völlig
frei  gestellt,  ihre  Mitwirkung  bei  der  Abschließung  gemischter  Ehen  zu
verweigern.  Die  Entscheidung  über  die  gemischten  Ehen  lag  also  fortan
ausschließlich  in  der  Hand  des  römischen  Klerus;  in  Posen  wie  vorher
schon  am  Rhein  hatte  der  Staat  völlig  nachgegeben.)

Damit  die  Posener  Verhältnisse  wieder  in  ruhigen  Gang  tämen,  verlangte
  der  König,  daß  die  beiden  alten  Gegner,  Dunin  und  der  Oberpräsident
  Flottwell  sich  versöhnen  sollten.  Flottwell  erklärte  sich  auch  bereit,
die  ihm  anempfohlene  Selbstverleugnung  zu  üben;  der  treue  Mann  ahnte
schon,  die  Zeit  des  festen  und  gerechten  deutschen  Regimentes  werde  unter
dem  neuen  Könige  nicht  mehr  lange  währen.  Dunin  dagegen  weigerte  sich
den  ersten  Schritt  zu  tun,  was  ihm,  dem  Verurteilten,  doch  unzweifelhaft
zukam.  Der  Oberpräsident,  so  versicherte  er  dem  Könige,  hätte  ihn  gar
zu  schlecht  behandelt:  „Die  dadurch  hervorgerufenen  Gefühle  auszutilgen
vermag  ich  nicht,  denn  wenngleich  Priester  bin  ich  doch  ein  Mensch,  und
ein  Wurm  krümmt  sich,  wenn  er  getreten  wird.“  Zugleich  fragte  er  ganz
verwundert,  warum  man  ihn  noch  immer  nicht  zum  Krönungsfeste  nach
Königsberg  eingeladen  habe.*“*“)  Vergeblich  suchte  ihn  Oberst  Willisen,
ein  dem  Könige  nahestehender,  mit  dem  polnischen  Adel  eng  befreundeter
Offizier,  mindestens  zur  Wahrung  des  äußeren  Anstandes  zu  bewegen;
vergeblich  erinnerte  ihn  Minister  Rochow,  im  Auftrage  des  Monarchen,
an  die  Christenpflicht  der  Versöhnlichkeit.  Dunin  blieb  bei  seinem  Trotze;

 

*)  Ladenberg  an  Dunin,  25.  Aug.  1840.
**)  S.  o.  IV.  700.  —
*)  Dunin  an  den  König,  24.  Aug.:  an  Ladenberg,  22.  Aug.  1840.
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        40  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

er  hatte  mit  sarmatischer  Schlauheit  längst  erkannt,  daß  er  dieser  Regierung
alles  bieten  durfte.“)  In  der  Tat  ließ  ihn  der  König  zur  Krönung  an
das  Hoflager  entbieten  und  gab  sich  der  angenehmen  Hoffnung  hin,  der
Prälat  würde  den  versäumten  Besuch  bei  Flottwell  späterhin  noch  nachholen.
Dort  in  Königsberg  umringte  den  Erzbischof  alsbald  der  polnische  Adel
und  begrüßte  ihn  als  einen  Vorkämpfer  der  Nation;  mit  höchster  Dreistigkeit
  ward  unter  den  Augen  des  Königs  ausgesprochen,  jetzt  sei  es  Zeit,  den
Deutschen  Flottwell  zu  stürzen.  Die  öffentliche  Meinung  zeigte  sich  in
diesen  polnischen  Dingen  völlig  urteilslos;  sie  war  längst  gewöhnt,  in
jedem  politischen  Gegner  der  Regierung  einen  ehrwürdigen  Märtyrer  zu
sehen,  und  pries  dankbar  die  Milde  des  neuen  Herrschers.

Unterdessen  wurden  die  Zurüstungen  getroffen  für  die  Huldigung
in  Königsberg.  Sie  sollte  mit  besonderer  Feierlichkeit  erfolgen;  denn  es
geschah  zum  ersten  Male,  daß  ein  König  von  Preußen  als  völlig  souveräner
  Herr  aller  seiner  Lande  den  Thron  bestieg.  In  dem  alten
Ordenslande  hatte  sich  der  verhaltene  Parteihaß  der  letzten  Jahre  neuerdings
  noch  mehr  verschärft,  seit  General  Wrangel,  als  Nachfolger  des
fein  gebildeten  taktvollen  Natzmer,  an  die  Spitze  des  ersten  Armeekorps
  getreten  war.  Die  ostpreußischen  Kürassiere  fühlten  sich  hoch  geehrt,
  wieder  unter  die  Befehle  des  kühnen  Reitersmannes  zu  kommen,
der  sie  einst  im  Befreiungskriege  so  ruhmvoll  geführt  hatte.  Der  Oberpräsident
  Schön  aber  vermochte  in  seinem  Bildungshochmut  weder  die
militärischen  Verdienste  noch  die  humoristische  Gutmütigkeit  des  derben,
polternden,  streng  konservativen  Pommern  zu  würdigen;  er  verabscheute
ihn  ebenso  gründlich  wie  den  orthodoxen  Generalsuperintendenten  Sartorius
  und  nannte  ihn  „das  öffentlich  dastehende  Standbild  der  Stupidität
  und  Unkultur“.  Der  Haß  der  Männer  ergriff  auch  die  Frauenwelt
  Königsbergs:  hier  Schöns  Freundin,  die  geistreiche,  liebenswürdige,
ganz  demokratisch  gesinnte  Freiin  Florentine  v.  Brederlow,  dort  seine
feindliche  Schwägerin  Frau  v.  Bardeleben  mit  den  Gottseligen  des  verrufenen
  Muckerkreises.  Schöns  Partei  aber  behauptete  entschieden  das
Übergewicht.  Durch  seine  langjährige  Verwaltung  fest  mit  dem  Lande
verwachsen,  schien  er  vielen  ehrwürdig,  anderen  schreckhaft,  den  meisten
unentbehrlich;  er  beherrschte  fast  das  gesamte  Beamtentum  und  den
größten  Teil  des  Landadels,  desgleichen  die  hierzulande  weit  verbreiteten
Freimaurer  und  den  ganzen  Lehrerstand,  der  noch  durchaus  vom  Geiste
des  alten  Dinter  erfüllt  war.  Mit  den  Gelehrten  stand  er  von  jeher
auf  gutem  Fuße.  Die  akademische  Jugend  endlich  verehrte  ihn,  nach
der  Legende  der  Provinz,  als  den  bürgerlichen  York,  der  auch  in  Zukunft
der  Vorkämpfer  altpreußischer  Freiheit  bleiben  müsse;  denn  seit  kurzem
war  auf  der  Albertina  das  politische  Leben  etwas  reger  geworden,  bei

 

*)  Willisens  Bericht  an  den  König,  12.  Aug.  Rochow  an  Dunin,  29.  Aug.  1840.
        <pb n="49" />
        Schön  und  die  Altpreußen.  41

den  alljährlichen  Belle-Alliance-Festen  auf  dem  Galtgarbenberge  verherr—
lichten  Dickert,  Falkson  und  andere  jugendliche  Redner  die  künftige  preußi—
sche  Verfassung.  Als  nun  die  Kunde  von  dem  Thronwechsel  kam,  da
fanden  die  verhaltenen  Wünsche  den  Atem  wieder;  die  Provinz  hoffte,
alles  werde  jetzt  anders  und  besser  werden,  die  einen  erwarteten  ein
unbestimmtes  politisches  Glück,  andere  eine  Erleichterung  des  Druckes  der
russischen  Grenzsperre,  fast  alle  aber  sahen  in  Schön  den  Staatsmann
der  Zukunft.

Und  mochte  er  es  auch  ableugnen,  unmöglich  konnte  er  selbst  solchen
Hoffnungen  fremd  bleiben.  Wie  oft  hatte  er,  alle  diese  Jahre  über,  ein
Kabinett,  „das  vor  dem  Volke  stehe“,  gefordert.  Die  bisherigen  Minister
schienen  ihm  allesamt  verächtlich,  am  verächtlichsten  Rochow,  der  sein  unglückliches
  Wort  vom  beschränkten  Untertanenverstande  der  altpreußischen
Stadt  Elbing  zugeschleudert  und  also  den  reizbaren  Provinzialstolz  tödlich
  beleidigt  hatte.  Diesen  Abscheu  erwiderten  die  Beamten  der  Berliner
Zentralstellen,  ohne  Unterschied  der  Partei,  aus  Herzensgrunde;  sie  alle
hatten  unter  Schöns  schroffer  Tadelsucht  viel  gelitten  und  oft  beklagt,  daß
der  alte  König  ihm  alles  nachsah.  Der  liberale  Kühne,  der  mit  dem
erklärten  Gegner  des  Zollvereins  in  beständiger  Fehde  lebte,  sagte  in
seinen  Erinnerungsblättern  geradezu:  „Nie  hat,  soweit  meine  Bekanntschaft
  reicht,  das  Prinzip  der  Lüge  und  Falschheit  eine  vollständigere  Verkörperung
  erlangt  als  in  diesem  Manne.“  War  es  nicht  natürlich,  daß
Schön  diese  seine  geschworenen  Feinde  durch  Männer  seines  Vertrauens
zu  verdrängen  hoffte?  Mit  dem  neuen  Könige  verband  ihn  eine  langjährige
  Freundschaft,  die  allerdings,  wie  vormals  Friedrich  Wilhelms  Verhältnis
  zu  Niebuhr,  nicht  auf  wirklicher  Gesinnungsgemeinschaft  ruhte,  also
ernste  Prüfungen  schwerlich  aushalten  konnte.  In  seinen  sittlichen  Grundanschauungen
  hatte  der  rationalistische  Kantianer,  der  Gegner  der  historischen
  Schule  mit  demchristlich  germanischen  Monarchen  wenig  gemein.  Seit
seinen  Kämpfen  mit  den  Muckern  war  Schön  in  seinem  Aufklärungs-Eifer
immer  fanatischer  geworden  und  behauptete  jetzt  geradezu:  „das  rohe
Gefühlsleben  in  den  Formen  der  positiven  Kirche  schließt  die  Intelligenz
aus;“  stolz  stellte  er  der  Heuchelei  der  Jesuiten,  Herrnhuter  und  Pietisten,
die  ihm  alle  gleich  galten,  sein  eigenes  „einfaches  Christentum“  entgegen,
  obwohl  er  in  seiner  Selbstüberhebung  die  christlichen  Tugenden
der  Liebe,  der  Demut,  der  Wahrhaftigkeit  mehr  und  mehr  verlernte.  Aber
beide  waren  mit  Niebuhr  befreundet  gewesen  und  erwärmten  sich  gern
an  den  großen  Erinnerungen  des  Befreiungskrieges,  beide  schwärmten  für
England,  beide  liebten  leidenschaftlich  das  tapfere  Volk  des  Ordenslandes
und  haßten  die  Bureaukratie  der  Hauptstadt;  auch  hatten  sie  schon  oft  zusammengearbeitet,
  bei  dem  Wiederaufbau  der  Marienburg  und  nachher  i  in
den  ständischen  Angelegenheiten.  Dem  Kronprinzen  war  es  immer  eine
Freude,  wenn  er,  gestützt  auf  das  Fürwort  des  Oberpräsidenten,  die  An-
        <pb n="50" />
        42  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

träge  des  preußischen  Landtags  im  Staatsministerium  verteidigen  konnte;
in  den  letzten  Jahren  glaubte  er  mit  Schön  ganz  eines  Sinnes  zu  sein,
da  sie  beide,  freilich  aus  sehr  verschiedenen  Gründen,  die  Kirchenpolitik
der  Krone  entschieden  mißbilligten.  Er  freute  sich  an  den  immer  beleben—
den  Gesprächen  des  geistreichen,  vielerfahrenen  Staatsmannes  und  entwarf
sich  von  ihm  nach  seiner  Künstlerweise  ein  ideales  Bild,  ohne  zu  bemerken,
wie  dicht  Freimut  und  Verschlagenheit,  dynastische  Treue  und  parteiische
Willkür,  Vaterlandsliebe  und  Eitelkeit  in  diesem  seltsamen  Geiste  bei—
einander  lagen.  Schöns  Reformpläne  gingen  so  weit  nicht,  wie  die  liberale
Presse  der  kleinen  Nachbarstaaten  wähnte,  die  ihn  jetzt  beharrlich  als
Volksmann  und  antiken  Charakter  verherrlichte;  ein  preußischer  Reichstag
von  etwa  hundert  Köpfen  schien  ihm  genügend,  bei  der  großen  politischen
Unerfahrenheit  des  Volks.  Nur  eine  rasche  Entscheidung  hielt  er  mit  Recht
für  notwendig.  Zauderte  die  Krone,  dann  mußte  sie  durch  den  preußischen
Landtag  ehrerbietig  an  die  alten  Verheißungen  erinnert  werden.  Von
seinem  geliebten  Königsberg  war  einst  die  Befreiung  des  Landvolks  und
die  Erhebung  gegen  Napoleon  ausgegangen;  warum  sollte  sich  nicht  nochmals
  aus  diesem  eigentlichen  Königreiche  Preußen  ein  Strom  des  Lichtes
über  Seiner  Majestät  übrige  Länder  ergießen?

Am  29.  August  hielt  das  Königspaar  seinen  Einzug  in  der  alten
Krönungsstadt.  Die  Schlächter  ritten  voran,  nach  dem  Vorrechte,  das  sie
sich  hier,  wie  in  Berlin,  vor  alters  durch  rühmliche  Kriegstaten  erkämpft
hatten.  Die  anderen  Innungen  bildeten  Spalier  in  den  reichverzierten
hochgiebligen  Gassen,  die  Schiffe  auf  dem  Pregel  prangten  im  Flaggenschmuck.
  Der  König  kam  zu  Roß  neben  dem  Wagen  seiner  Gemahlin
daher  und  beantwortete  die  Anrede  des  Bürgermeisters  mit  wohlgewählten
herzlichen  Worten.  Stürmisch,  endlos  erklangen  die  Jubelrufe  aus  den
Massen;  die  Kinder  ließen  sich  nicht  halten  und  drängten  sich  an  den
Herrscher  heran,  der  gütig  lächelnd  die  kleinen  Krausköpfe  streichelte;  es
schien,  als  könnte  nie  mehr  ein  Mißklang  das  patriarchalische  Verhältnis
zwischen  Fürst  und  Volk  stören.  Die  nächsten  Tage  verbrachte  der  König
bei  den  Übungen  der  Truppen,  auf  Ausflügen  in  das  schöne  Samland
und  bei  mannigfachen  Festlichkeiten.  Mittlerweile  versammelten  sich  am
5.  Septbr.  die  preußischen  Landstände.  Sie  waren  durch  eine  Kabinettsordre
  v.  15.  Juli  einberufen  und  beauftragt,  vor  der  Huldigung  die  beiden
  Fragen  zu  beantworten:  ob  eine  Bestätigung  ständischer  Privilegien
zu  beantragen  und  ob  eine  besondere  Vertretung  des  Herrenstandes  bei
der  Huldigung  zu  erwählen  sei?  Die  erste  dieser  Fragen  mußte,  obwohl
sie  sich  nur  an  althergebrachte  Formeln  anschloß,  unter  den  gegenwärtigen
Umständen  den  Eindruck  machen,  als  wollte  der  König  selbst  die  Stände
zu  einer  Außerung  über  die  Verfassungsfrage  auffordern;  Friedrich  Wilhelm
  bemerkte  die  Gefahr  nicht,  weil  er  damals  noch  beabsichtigte,  den
Ständen  selber  die  Berufung  eines  allgemeinen  Landtags,  nach  den  Plä-
        <pb n="51" />
        Der  Königsberger  Landtag.  43

nen  des  Vaters,  anzukündigen.  Inzwischen  hatte  er  seine  Absicht  geändert,
und  da  er  jetzt  mit  leeren  Händen  kam,  so  verschuldete  er  selbst,  was  er
doch  verhindern  wollte:  daß  die  Krone  von  ihrem  treuen  Volke  gedrängt
wurde.

Schön  eröffnete  den  Landtag  als  königlicher  Kommissar.  Er  gedachte
zunächst  des  verstorbenen  Königs  und  der  jedem  ostpreußischen  Herzen
teueren  Reformperiode,  welche  „den  letzten  Rest  der  Sklaverei“  vernichtet
habe.  In  seiner  klug  berechneten  Rede,  die  er  überdies  noch  durch  eine
Denkschrift  näher  begründete,  legte  er  sodann  den  Ständen  die  Antwort  in
den  Mund,  welche  sie  auf  die  Fragen  des  neuen  Herrschers  zu  geben  hätten:
er  riet  ihnen,  dem  Könige,  nach  ihrem  alten  Ehrenrechte,  das  herkömm—
liche  Huldigungsgeschenk  von  100  000  Gulden  anzubieten,  dagegen  auf  die
Vertretung  eines  besonderen  Herrenstandes  zu  verzichten,  auch  auf  die
Bestätigung  ihrer  alten,  aus  der  trüben  Zeit  der  Klöster  und  der  Zünfte
stammenden  Privilegien  keinen  Wert  zu  legen.  Diese  Ratschläge  des
mächtigen  Oberpräsidenten  eigneten  sich  die  Landstände  fast  wörtlich  an.
Da  er  durch  Brünneck,  die  Brüder  Auerswald  und  andere  Getreue  die
Versammlung  vollkommen  beherrschte,  so  läßt  sich  mit  Sicherheit  annehmen,
daß  er  auch  an  allem,  was  nun  folgte,  insgeheim  teilnahm;  den  Schein
der  amtlichen  Zurückhaltung  wußte  er  freilich  so  vorsichtig  zu  wahren,  daß
er  nachher  jede  Mitwirkung  in  Abrede  stellen  konnte.  Der  Kaufmann
Heinrich  aus  Königsberg,  ein  wohlmeinender,  gemäßigt  liberaler  Mann,
der  nur  dies  eine  Mal  eine  Rolle  in  der  Geschichte  Preußens  spielen  und
nachher  bald  wieder  vergessen  werden  sollte,  beantragte  nunmehr,  den  König
um  die  Erfüllung  der  alten  Verfassungsversprechen  zu  bitten.  Im  Sinne
dieses  Antrags  wurde  darauf  eine  ständische  Denkschrift  ausgearbeitet.  Die
Feder  führte  der  ritterschaftliche  Abgeordnete  Alfred  v.  Auerswald,  ein
Sohn  jenes  wackeren  alten  Oberpräsidenten,  der  einst,  noch  vor  der  befreienden
  Gesetzgebung  des  Staates,  zuerst  die  Hörigkeit  auf  seinen  Gütern
aufgehoben  hatte.  Wie  sein  Bruder,  der  jetzt  als  Oberbürgermeister  der  Landeshauptstadt
  ebenfalls  dem  Landtage  angehörte,  war  Alfred  Auerswald
vor  Jahren  auf  dem  Schloßhofe  der  alten  Königsberger  Ordensburg  der
tägliche  Spielgefährte  der  königlichen  Prinzen  gewesen  und  ihnen  seitdem
in  treuer  Freundschaft  verbunden  geblieben.

In  diesen  Brüdern  Auerswald,  in  dem  zweiten  Landtagsmarschall
Saucken-Tarputschen,  in  Brünneck,  Bardeleben  und  der  großen  Mehrzahl
  der  anderen  adligen  Landstände  Altpreußens  offenbarte  sich  zur  allgemeinen
  Überraschung  eine  neue  politische  Kraft,  die  man  seither  ganz
übersehen  hatte,  weil  sie  sich  im  Stillleben  der  Provinziallandtage  verlor.
Die  alten  Adelsgeschlechter  des  Südens  hatten  bisher  in  ihrer  großen
Mehrzahl  sich  entweder  dem  neuen  politischen  Leben  der  Nation  grollend
ferngehalten  oder  sich  der  ultramontanen  Partei  angeschlossen,  weil  sie
die  Gewalttaten  der  rheinbündischen  Tage  nicht  verschmerzen  konnten;
        <pb n="52" />
        44  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

und  es  war  nur  menschlich,  daß  der  starke  Bürgerstolz  der  Oberdeutschen
adlige  und  reaktionäre  Gesinnung  fast  für  gleichbedeutend  hielt.  Hier
aber  trat  ein  patriotischer  Adel  hervor,  fest  verwachsen  mit  seinem  Staate,
königstreu  durch  und  durch,  stolz  auf  die  kriegerischen  Erinnerungen  der
schwarz-weißen  Fahnen  des  Deutschen  Ordens  und  des  Königreichs  Preußen,
und  dabei  altväterisch  einfach,  unabhängig,  freimütig  bis  zur  Schroffheit,
bei  weitem  nicht  so  radikal  wie  die  Kammerredner  des  Südens,  immerhin
sehr  empfänglich  für  die  liberalen  Ideen  des  Zeitalters.  Wer  diesen  Männern
herzhaft  in  die  Augen  sah,  der  mußte  erkennen,  daß  Preußen  an  gesunden
konservativen  Kräften  genug  besaß,  um  eine  notwendige  Reform  getrost
wagen  zu  können  —  wenn  nur  der  König  selber  voranschritt.  In  den
Verhandlungen  des  Landtags  trat  die  politische  Unreife  der  Zeit  oft  genug
zu  Tage;  Heinrich  selbst  wußte  in  seinem  Antrage  zwischen  der  Assekurationsakte
  des  großen  Kurfürsten  und  den  neuen  königlichen  Verhei-Pßungen,
  die  doch  auf  einem  ganz  anderen  staatsrechtlichen  Boden  standen,
noch  nicht  scharf  zu  unterscheiden.  Aber  keine  einzige  unehrerbietige  Außerung
  wurde  laut,  alle  wetteiferten  in  Beteuerungen  unverbrüchlicher  Treue,
und  mitten  unter  unklaren,  leeren  Reden  fiel  doch  schon  das  entscheidende
Wort,  worauf  alles  ankam:  der  preußische  Reichstag  werde  dem  Könige
das  sicherste  und  vielleicht  einzige  Mittel  darbieten,  die  durch  Raum,
Sprache  und  Sitte  vielfach  getrennten  Stämme  seines  Volks  zu  einen.

Nach  ernster,  gründlicher  Beratung  genehmigte  die  Versammlung  am
7.  Sept.  mit  89  gegen  5,  durchweg  adlige,  Stimmen  die  Denkschrift,
welche  den  König  um  die  Aufrechterhaltung  und  Vollendung  der  von  seinem
Vater  neugegründeten  verfassungsmäßigen  Vertretung  des  Landes  bat.  Der
Landtag  gab  sich  der  Hoffnung  hin,  daß  Se.  Majestät  nicht  anstehen  würde,
„das  fortdauernde  Bestehen  der  Provinzialstände,  und  in  den  Wegen  des
Vaters  wandelnd,  die  verheißene  Bildung  einer  Versammlung  von  Landesrepräsentanten
  Ihrem  getreuen  Volke  allergnädigst  zuzusichern“.  Die  Stände
sagten  nichts,  was  ihnen  nicht  zustand,  sie  gaben  nur  eine  ehrerbietige
Antwort  auf  eine  königliche  Frage,  und  wenn  eine  solche  öffentliche  Mahnung
das  Ansehen  der  Krone  allerdings  leicht  gefährden  konnte,  so  trug  die
Schuld  der  König  selbst,  der  nicht  verstanden  hatte,  zur  rechten  Zeit  die
rechte  Entscheidung  zu  geben.  Durch  diesen  Beschluß  ward  das  Eis  gebrochen,
  der  vor  siebzehn  Jahren  notdürftig  beschwichtigte  preußische  Verfassungskampf
  von  neuem  entfesselt.

Am  Hofe  fühlte  man  dies  sogleich.  Allgemein  war  die  Entrüstung.
Der  Prinz  von  Preußen,  der  noch  ganz  in  den  streng  absolutistischen
Grundsätzen  des  Vaters  befangen  war,  richtete,  sobald  er  von  dem  Vorhaben
  der  Stände  erfuhr,  noch  am  7.  Sept.  einen  scharfen  Brief  an
Schön:  „Es  ist  in  meinen  Augen  die  höchste  Illoyalität,  einem  neuen
Souverän  beim  Antritt  seiner  Regierung  Garantien  abzufordern;  und
wenn  selbst  der  selige  König  1815  solche  in  Aussicht  stellte,  so  blieb  es
        <pb n="53" />
        Ständische  Denkschrift.  Landtagsabschied.  45

seiner  Weisheit  sowohl  als  der  seiner  Nachfolger  vorbehalten,  die  Zeit  zu
bestimmen,  wenn  sie  in  Ausführung  kommen  sollten.  Daß  der  selige
König  außerdem  seit  Einführung  der  Provinzialstände  an  jener  weiteren
Ausdehnung  der  ständischen  Verhältnisse  nicht  gearbeitet  hat,  beweist  wohl,
wie  in  allem,  sein  tiefer  und  richtiger  praktischer  Blick,  der  ihn  in  der
Modernität  solcher  Institutionen  ringsum  im  Auslande  nur  Nachteil,
Unruhe,  Unzufriedenheit  erblicken  ließ  Anklang  würde  es  bei  allen
finden,  die  Umsturz  des  Bestehenden  wollen,  die  Selbstsuchts-Nährer  sind
und  ihrer  Eitelkeit  frönen.  Bei  solchen  Menschen  populär  zu  sein,  ist
nicht  meine  und  nicht  der  wahren  Patrioten  Sache.“  Schön  antwortete
beschwichtigend:  der  Prinz  möge  der  Sache  keine  Wichtigkeit  beilegen,  die
ständische  Denkschrift  enthalte  nichts  Gefährliches,  überhaupt  könne  ein
preußischer  Landtag  nie  etwas  beschließen,  was  dem  Wohle  des  Königs
zuwider  sei.*')  Mittlerweile  setzte  auch  Minister  Rochow  alle  Hebel  ein,
um  den  König  gegen  die  Stände  einzunehmen.

Als  Schön  am  folgenden  Tage  im  Schlosse  erschien,  fand  er  den
König  sehr  aufgebracht  und  schon  halb  entschlossen,  den  Landtag  schnöde
abzufertigen.  Auf  das  Zureden  des  alten  Freundes  beruhigte  sich  Friedrich
  Wilhelm  allmählich  und  gestand:  er  wolle  ja  dasselbe  wie  die  Stände,
aber  zur  rechten  Zeit  und  nach  seinem  eigenen  freien  Ermessen;  er  deutete
auch  einiges  an  von  dem  Plane  eines  großen  Vereinigten  Landtages,  der
ihn  im  stillen  immer  beschäftigte.  Im  Vorzimmer  sagte  Schön  nachher
zu  Alexander  Humboldt  —  wer  will  entscheiden,  ob  aus  kluger  Berechnung,
  oder  in  der  Freude  der  ersten  Überraschung?:  —  „der  König  ist
noch  liberaler  als  ich.“  Diese  Außerung  wurde  natürlich  sofort  überall
  verbreitet,  und  Schön,  der  in  diesen  Tagen  mannigfache  Beweise
königlicher  Gnadc,  den  schwarzen  Adlerorden  und  den  Titel  eines  Staatsministers
  empfing,  galt  bei  allen  Ostpreußen  schon  für  den  unvermeidlichen
  Nachfolger  des  Ministers  Rochow.  Immerhin  bewirkte  Schöns
Vermittlung,  daß  der  Landtagsabschied  v.  9.  Sept.  eine  sehr  freundliche
Form  erhielt.')  Der  König  sagte  darin:  sein  Vater  habe,  bewogen  durch
die  in  anderen  Ländern  wahrgenommenen  Ergebnisse,  sein  königliches
Wort  in  reifliche  Erwägung  gezogen  und  demgemäß  beschlossen,  „von  den
herrschenden  Begriffen  sogenannter  allgemeiner  Volksvertretungen  sich  fern
haltend“,  sein  Wort  einzulösen  durch  die  Einführung  der  „provinzial=  und
kreisständischen  Verfassung.  „Dieses  edle  Werk  treu  zu  pflegen  und  einer
immer  ersprießlicheren  Entwicklung  entgegen  zu  führen“,  sei  dem  neuen

 

*)  Prinz  v.  Preußen  an  Schön,  7.  Sept.  1840.  Antwort  8.  Sept.  früh.

**)  Die  Darstellung  Schöns  (Aus  den  Papieren  III.  137)  ist  offenbar  gefärbt  und
lückenhaft.  Der  wirkliche  Hergang  ergibt  sich  aus  dem  Briefe  des  Prinzen  von  Preußen
aus  den  Andeutungen  A.  v.  Auerswalds  (Der  preußiche  Huldigungslandtag  i.  J.  1840,
S.  32  f.),  endlich  aus  den  mündlichen  Erzählungen  Schöns  an  Frl.  v.  Brederlow,  die
mir  von  guter  Hand  mitgeteilt  sind.
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        46  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Herrscher  „eine  der  wichtigsten  und  teuersten  Pflichten  des  königlichen
Berufes“.

Bitte  des  Landtags  war  also  abgeschlagen,  der  König  stellte
nicht  einmal  für  die  Zukunft  irgend  etwas  Bestimmtes  in  Aussicht,  da.
es  ihm  gegen  die  Ehre  ging,  sich  von  vorwitzigen  Untertanen  treiben
zu  lassen.  Darum  fühlte  sich  auch  Zar  Nikolaus  sichtlich  erleichtert;
er  dankte  seinem  Schwager,  weil  die  dornige  Verfassungsfrage  „ein=  für
allemal“  abgetan  sei.)  Die  Abweisung  erfolgte  jedoch  in  so  gnädigem
Tone,  und  Schön  wußte  seinen  Landsleuten  von  den  freisinnigen  Absichten
  des  Monarchen  so  viel  Herrliches  zu  erzählen,  daß  die  Stände
#  in  der  Tat  glaubten,  der  Landtagsabschied  enthalte,  weil  er  doch  von  der
Entwicklung  des  Bestehenden  spreche,  mindestens  eine  halbe  Gewährung.
Sie  begrüßten  die  Verlesung  des  Aktenstückes  mit  freudigen  Hochrufen.
So  ward  der  Grund  gelegt  für  ein  verhängnisvolles  wechselseitiges  Mißverständnis.
  Wer  hätte  auch  jetzt,  da  der  Jubel  des  beginnenden  Huldigungsfestes
  alles  übertäubte,  noch  die  Stimmung  gewonnen  zu  ruhigem
Nachdenken?  Ohnehin  konnte  sich  der  Landtag  keineswegs  auf  eine  feste
durchgebildete  Volksüberzeugung  stützen.  Da  Parteien  noch  nicht  bestanden,
so  mochten  sich  manche  der  Landstände  bei  dem  Beschlusse  wenig  gedacht
haben,  nur  die  Führer  der  Mehrheit  waren  sich  ihres  Zweckes  bewußt.
Aber  auch  die  fünf  Stimmen  der  Minderheit  des  Landtags  besaßen  in
der  Provinz  einen  starken  Anhang.  Siebenundzwanzig  der  zur  Huldigung
  einberufenen  adligen  Grundbesitzer  traten  noch  am  8.  Sept.,  geführt
  von  dem  Grafen  Dohna-Schlobitten  zusammen,  um  gegen  die  Denkschrift
  des  Landtags  Verwahrung  einzulegen:  sie  seien,  so  versicherten  sie
dem  Könige,  mit  den  bestehenden  Provinzialständen  vollauf  zufrieden  und
wünschten  keine  Neuerung.

Im  Volke  fragte  noch  niemand  nach  diesen  politischen  Gegensätzen,
alles  dachte  nur  an  den  königlichen  Gast  und  wie  man  ihn  verherrlichen
sollte.  Am  Abend  des  9.  Sept.  gab  die  Provinz  dem  Monarchen  ein
prachtvolles  Fest;  in  lebenden  Bildern  traten  die  großen  Gestalten  der
reichen  Landesgeschichte  auf;  Männer  aller  Stände  und  aller  Richtungen
wirkten  einträchtig  zusammen;  der  liberale  Theolog  Cäsar  v.  Lengerke
hatte  die  begleitenden  Verse  gedichtet,  die  der  junge  Jurist  Eduard  Simson
mit  klangvoller  Stimme  vortrug.  Am  folgenden  Tage  versammelten  sich
die  Deputierten  der  Provinzen  Preußen  und  Posen  zur  Huldigung;  mehr
denn  zwanzigtausend  Menschen  standen  in  dem  weiten  Hofe  und  an  den
Fenstern  des  Schlosses  zusammengedrängt;  der  königliche  Thron  prangte
auf  einem  Altane,  von  dem  eine  mächtige  Freitreppe  in  den  Hof  hinabführte.
  Der  Kanzler  und  der  Landtagsmarschall  des  Königreichs  Preußen
  hielten  ihre  Ansprachen  in  der  herkömmlichen  Weise;  nur  der

 

*)  Liebermanns  Bericht,  29.  Sept.  1840.
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        Huldigung  in  Königsberg.  47

Posener  Landtagsmarschall  Graf  Poninski  versagte  sich's  nicht  sehr  deutlich
zu  erinnern  an  „die  erhabenen,  väterlichen  Worte  des  großen  Königs“,  der
seinen  polnischen  Untertanen  verheißen  habe,  ihnen  Volkstümlichkeit  und
Sprache  zu  wahren.  Als  darauf  die  Eidesformel  verlesen  wurde,  klang
plötzlich  durch  die  feierliche  Stille  grell  und  schneidend,  wohl  zehnmal
wiederholt,  der  Warnungsruf  eines  wahnsinnigen  Weibes:  Schwört  nicht,
schwört  nicht!  Der  unheimliche  Eindruck  der  Störung  ward  aber  sogleich
vergessen,  als  der  König  vom  Throne  aufstand  und,  die  Rechte  feierlich
erhoben,  vor  allem  Volke  gelobte,  ein  gerechter  Richter,  ein  treuer,  sorg—
fältiger,  barmherziger  Fürst,  ein  christlicher  König  zu  sein.  Dann  pries
er  in  hochbegeisterten  Worten  dies  Preußen,  seine  Wehrhaftigkeit  ohne—
gleichen  und  die  Einheit  von  Fürst  und  Volk:  „So  wolle  Gott  unser
preußisches  Vaterland  sich  selbst,  Deutschland  und  der  Welt  erhalten!
Mannigfach  und  doch  eines.  Wie  das  edle  Erz,  das  aus  vielen  Metallen
zusammengeschmolzen,  nur  ein  einziges  edelstes  ist,  keinem  anderen  Roste
unterworfen  als  dem  verschönernden  der  Jahrhunderte.“  Unbeschreiblich
war  die  Wirkung  dieses  rhetorischen  Meisterwerkes,  das  wie  alle  Werke
geborener  Redner  den  Hörenden  noch  viel  herrlicher  erschien  als  später—
hin  den  Lesenden;  fast  niemand  fragte  nüchtern,  ob  denn  alle  diese
schwungvollen  Beteuerungen,  alle  diese  prächtigen  Bilder  irgend  einen
greifbaren  politischen  Inhalt  hätten.  Einer  der  neuen  politischen  Lyriker,
der  Student  Rudolf  Gottschall  sang:
Das  Volk
Steht  wie  Danae  in  heißem  Wollustsehnen,  Glutverlangen,
Seiner  Worte  goldnen  Regen  in  dem  Schoße  zu  empfangen!

Alles  schwamm  in  Freuden,  und  noch  einige  Tage  hindurch  währte  der
bacchantische  Taumel.

Währenddem  zeigte  sich  aber  schon  wieder  die  mühsam  verhaltene  poli—
tische  Feindseligkeit.  Umsonst  hatte  Graf  Poninski  seine  rührsamen  Be—
merkungen  über  die  treuen  Polen  nicht  ausgesprochen.  Die  polnischen  Abge—
ordneten  berieten  untereinander  über  eine  Adresse  an  den  König,  und  da
sie,  wie  gewöhnlich,  nicht  einig  wurden,  so  erbat  sich  Graf  Eduard  Raczynski
als  alter  Freund  Friedrich  Wilhelms  eine  Audienz.  Mit  sarmatischer  Fein—
heit  wußte  er  die  weiche  Stimmung  der  Königs,  der  jetzt  ganz  in  Tränen
der  Rührung  zerfloß,  zu  benutzen  und  hielt  ihm  noch  einmal  alle  die  schon
so  oft  auf  den  Provinziallandtagen  besprochenen  Klagen  der  Polen  vor:  der
weiße  Adler  und  der  Name  eines  Großherzogtums  würden  der  Provinz
versagt,  das  Deutschtum  bevorzugt,  die  polnische  Sprache  in  den  Schulen
wie  bei  den  Behörden  zurückgesetzt,  von  polnischen  Beamten  nur  eine  kleine
Zahl  angestellt.  Es  war,  trotz  der  ehrerbietigen  Form,  eine  scharfe  An—
klage  gegen  das  Regiment  des  tapferen  Flottwell.“)  Der  König  verlangte

 

*)  Denkschriften  von  Grolman  und  Flottwell,  6.Okt.,  von  Thile,  23.  29.  Dez.  1840.
        <pb n="56" />
        48  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

zunächst  genauere  Beweise,  doch  man  merkte  ihm  an,  daß  seine  Polen  ihn
schon  halb  gewonnen  hatten.

Nicht  ganz  so  gnädig  behandelte  er  die  preußischen  Landstände,  als
sie  ihm  am  11.  Sept.  ihren  treuherzigen  Dank  für  den  Landtagsabschied
aussprechen  ließen.  Sie  sagten  in  ihrer  Adresse:  „Fester  noch,  ist  es
möglich,  als  vorher  ist  das  Demantband  gezogen,  welches  um  Preußens
königlichen  Herrscher  und  sein  treues  Volk  sich  schlingt.“  Der  König  aber
hielt  den  Abgesandten  eine  lehrhafte,  an  feinen  Bemerkungen  reiche  An—
sprache,  welche  leider  die  allgemeine  Verwirrung  nur  steigern  konnte.
Auf  das  lebhafteste  versicherte  er  seinen  Widerwillen  gegen  alle  auf  Per—
gament  geschriebenen  Staatsgrundgesetze  und  hob  hervor,  England  biete,
kraft  einer  ganz  eigenartigen  Geschichte,  das  einzige  Beispiel  einer  glück—
lichen  konstitutionellen  Verfassung.  So  sagte  er  wohl,  was  er  nicht  wollte;
was  er  selbst  beabsichtigte,  blieb  im  Dunkeln.  Begreiflich  daher,  daß  alsbald
  sehr  verschiedene  Berichte  über  seine  Rede  umliefen,  und  Rochow  in
der  Königsberger  Zeitung  erklären  ließ,  die  Worte  des  Königs  seien  mißverstanden
  worden.  Inzwischen  reiste  Friedrich  Wilhelm  ab,  und  nun  entspann
  sich  ein  häßlicher  Zeitungskrieg,  an  dem  auch  mehrere  Mitglieder
jener  letzten  ständischen  Abgesandtschaft  teilnahmen.  Jedermann  fühlte,
daß  Rochow  und  Schön  hinter  den  Streitenden  standen;  die  Nebenbuhler
bekämpften  einander  durch  die  Federn  dritter,  beide  mit  der  gleichen  Heftigkeit
  persönlichen  und  politischen  Hasses.  Endlich  erwirkte  Rochow,
daß  ihn  der  König  durch  Kabinettsordre  vom  4.  Okt.  beauftragte,  die  Königsberger
  Verhandlungen  bekannt  zu  machen,  „um  jeder  irrigen  Ansicht  entgegenzutreten,
  als  ob  ich  meine  Zustimmung  zu  dem  Antrage  auf  Entwicklung
  der  Landesverfassung  im  Sinne  der  Verordnung  vom  22.  Mai
1815  ausgesprochen  hätte“.  Die  Ordre  sagte  im  Grunde  nur  das  nämliche
  wie  der  Landtagsabschied,  doch  sie  sagte  es  in  scharfem,  schneidendem
Tone  und  zerstörte  mit  einem  Schlage  alle  die  holden  Träume  der  Ostpreußen.
  Wie  Schuppen  fiel  es  ihnen  von  den  Augen,  sie  glaubten  sich
in  dem  Könige  getäuscht  zu  haben,  und  von  Stund'  an  erhob  die  Opposition,
  die  während  der  Festtage  fast  verschwunden  gewesen,  wieder  ihr
Haupt.  Schön  aber,  der  die  Hoffnung  noch  nicht  aufgab,  verbreitete  geflissentlich
  das  Gerücht,  diese  unzweifelhaft  die  Herzensmeinung  Friedrich
Wilhelms  aussprechende  Ordre  habe  Rochow  dem  Monarchen  durch  Überraschung
  abgelistet.

Außerhalb  Ostpreußens  bemerkte  man  von  diesem  unerquicklichen
Nachspiele  gar  nichts;  so  gering  war  noch,  dank  den  Provinzialständen,
der  politische  Verkehr  zwischen  den  Landesteilen  der  Monarchie.  Die  Berliner
  wollten  sich  nicht  gedulden  bis  zu  dem  zweiten  Huldigungsfeste,  das
in  der  Hauptstadt  von  den  Vertretern  aller  deutschen  Bundeslande  des
Königs  abgehalten  werden  sollte,  sondern  verlangten  das  Herrscherpaar
schon  bei  seiner  Heimkehr  festlich  zu  begrüßen,  und  Friedrich  Wilhelm
        <pb n="57" />
        Einzug  in  Berlin.  49

willfahrte  dem  Wunsche  durch  eines  jener  geistreichen,  mehr  blendenden
als  überzeugenden  Schlagworte,  mit  denen  er  zu  spielen  liebte.  Er
meinte,  sein  Vater,  der  so  viel  für  das  Land  getan,  hätte  bescheiden  sein
dürfen,  er  selber  habe  sich  dies  Recht  noch  nicht  erworben.  Der  Einzug
erfolgte  am  21.  Sept.,  vom  Frankfurter  Tore  her,  unter  Glockengeläute
und  Kanonendonner,  als  ob  der  König  aus  einem  siegreichen  Kriege  zu—
rückkäme.  Schwungvolle  Reden  und  Gedichte  beteuerten  die  unbegrenzte
Ergebenheit  „der  getreuesten  Stadt  des  Landes“.  Ehrenpforten,  Fahnen,
Kränze  allüberall,  und  in  den  Volksmassen  ein  rasender  Jubel,  wie  ihn
Berlin  selbst  bei  der  Rückkehr  der  Befreiungskämpfer  nicht  gehört  hatte.
Als  der  König,  ganz  erschöpft  von  dem  Übermaße  der  Freuden,  endlich
die  Schloßtreppe  hinaufstieg,  sagte  er  ahnungsvoll  zum  Oberbürgermeister
Krausnick:  „Das  ist  ja  ein  Taumel,  eine  wahre  Trunkenheit.  Wenn  nur
der  Katzenjammer  nicht  nachkommt!“

Schon  lange  vor  dem  15.  Oktober,  dem  Tage  der  großen  Huldigung
trafen  die  Abgeordneten,  alle  froh  erregt,  in  der  Hauptstadt  ein.  In
diesem  heiteren  geselligen  Verkehr  lernten  sich  die  Vertreter  der  verschiedenen
Provinzen  zum  ersten  Male  persönlich  kennen  und  sie  entdeckten  mit  freudigem
  Erstaunen,  daß  sie  trotz  so  mancher  Unterschiede  doch  allesamt
gute  Preußen  waren.  Aber  während  die  landschaftlichen  Vorurteile  sich
abschliffen,  bestanden  die  alten  sozialen  Gegensätze  noch  in  ungeminderter
Schärfe  fort.  Das  zeigte  sich  bei  einer  geringfügigen  Etikettenfrage.  Die
brandenburgische  Ritterschaft  besaß  von  alters  her  das  Vorrecht,  den  Treucid
  persönlich  in  die  Hand  des  Landesherrn  abzuleisten,  ein  Recht,  das
sie  noch  bei  der  letzten  Huldigung  ausgeübt  hatte.  Da  der  König  seine
treuen  Märker  unmöglich  eines  alten  Ehrenrechtes  berauben  konnte,  so
beschloß  er,  die  sämtlichen  Vertreter  des  Herrenstandes  und  der  Ritterschaft
  aus  den  sechs  Provinzen  in  seinen  Gemächern  zu  empfangen;  die
Abgeordneten  der  Städte  und  des  Bauernstandes  sollten  nachher  unter
freiem  Himmel,  im  Lustgarten  huldigen,  weil  die  Räume  des  Schlosses
dafür  nicht  ausreichten.  Die  Anordnung  war  ganz  harmlos  gemeint;
doch  sie  erregte  unter  den  Vertretern  der  Städte  eine  lebhafte  Entrüstung,
die  von  der  liberalen  Presse  außerhalb  Preußens  geflissentlich  geschürt
wurde.  Durch  eine  solche  Bevorzugung  des  Adels  fühlte  sich  der  Bürgerstolz
  beleidigt.  Oberbürgermeister  Francke  von  Magdeburg  versuchte  mit
Hilfe  des  Grafen  Stolberg  zu  vermitteln,  und  der  König  stellte  den
Städten  frei,  eine  Deputation  in  das  Schloß  zu  senden.  Die  märkischen
Ritter  andererseits  erklärten,  nach  ihrem  guten  Rechte,  sie  würden  wohl  auf
Befehl  des  Monarchen,  doch  nimmermehr  freiwillig  ein  Privilegium
ihres  Landes  aufgeben.  Die  Städter  versammelten  sich  nunmehr  zu
einer  Beratung  im  Grauen  Kloster,  und  Rochow,  der  hier  sehr  mild
und  versöhnlich  auftrat,  bewog  sie  schließlich,  sich  bei  der  ursprünglichen
Anordnung  zu  beruhigen.  Aber  während  der  Verhandlung  fielen  starke,

v.  Treitschke,  Deutsche.  Geschichte.  V.  4
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        50  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

fast  drohende  Worte,  und  man  machte  die  überraschende,  auch  für  die
Zukunft  bedeutsame  Erfahrung,  daß  die  Abgeordneten  aus  dem  Westen,
die  man  allgemein  wegen  ihres  Radikalismus  fürchtete,  den  ganzen  Streit
sehr  leicht  nahmen,  während  die  Vertreter  von  Frankfurt,  Breslau,  Prenzlau
  und  anderen  Städten  der  alten  Provinzen  ihren  lang  verhaltenen
Adelshaß  heftig  aussprachen.?)

Das  alles  verhallte  bald  in  dem  unermeßlichen  Jubel  des  Huldigungsfestes.
  Der  König  nahm  zunächst  im  Schlosse  den  Eid  der  Fürsten,  der
Geistlichkeit,  der  Ritterschaft  entgegen  und  beteuerte  ihnen,  daß  sie  nicht
eine  sogenannte  glorreiche  Regierung  zu  erwarten  hätten,  die  mit  Geschützesdonner
  und  Posaunenton  die  Nachwelt  ruhmvoll  erfülle,  sondern
eine  einfache,  väterliche,  echt  deutsche  und  christliche  Regierung.  Alsdann
begab  er  sich  auf  den  in  Gold  und  Purpur  prangenden  Anbau  des
Schlosses,  wo  der  Thron  stand:  gegenüber  die  flaggengeschmückten  Tribünen
für  die  Vertreter  der  Städte  und  des  Bauernstandes;  dazwischen  tief  unten
die  Innungen  der  getreuen  Hauptstadt  mit  ihren  Fahnen;  ringsum  an  den
Fenstern  und  auf  den  Dächern  des  mächtigen  Platzes  eine  ungeheuere
Menschenmasse,  alles  in  musterhafter  Ordnung.  Noch  bevor  der  Huldigungseid
  den  beiden  untersten  Ständen  abgefordert  wurde,  stand  der
König  vom  Throne  auf,  um  abermals,  noch  ausführlicher  und  eindringlicher
  als  in  Königsberg,  zu  seinem  Volke  zu  reden.  Er  gelobte  im  Sinne
des  Vaters,  als  ein  gerechter  und  friedfertiger  König  zu  regieren,  und
fragte  sodann  alle  die  Anwesenden:  „Wollen  Sie  mir  helfen  und  beistehen,
  die  Eigenschaften  immer  herrlicher  zu  entfalten,  durch  welche  Preußen
mit  seinen  vierzehn  Millionen  den  Großmächten  der  Erde  zugesellt  ist?  —
nämlich:  Ehre,  Treue,  Streben  nach  Licht,  Recht  und  Wahrheit,  Vorwärtsschreiten
  in  Altersweisheit  zugleich  und  heldenmütiger  Jugendkraft?  Wollen
Sie  in  diesem  Streben  mich  nicht  verlassen  noch  versäumen,  sondern
treu  mit  mir  ausharren  durch  gute  und  durch  böse  Tage  —  o,  dann
antworten  Sie  mir  mit  dem  klaren,  schönsten  Laute  der  Muttersprache,
antworten  Sie  mir  ein  ehrenfestes  Jal“  Unbeschreiblich  war  der  Eindruck
  dieser  Worte,  in  denen  sich  Friedrich  Wilhelms  Künstlerseele  wie
mit  elementarischer  Gewalt  entlud.  Der  schönste  Laut  der  Muttersprache
ertönte  aus  Tausenden  ehrlich  begeisterter  Herzen;  selbst  ein  heftiger
Regenschauer,  der  plötzlich  herniederprasselte,  störte  die  allgemeine  Verzückung
  nicht.  Und  nun  rief  der  König:  „Dies  Ja  war  für  mich,  das
ist  mein  eigen,  das  lass'  ich  nicht,  das  verbindet  uns  unauflöslich  in
gegenseitiger  Liebe  und  Treue,  das  gibt  Mut,  Kraft,  Getrostheit,  das
werde  ich  in  meiner  Sterbestunde  nicht  vergessen!“  Darauf  erst  ward  der
gesetzliche  Huldigungseid  geleistet,  und  die  stürmische  Begeisterung  dieses

 

*)  Nach  den  Aufzeichnungen  Kühnes,  der  hier  die  sehr  ausführlichen  Mitteilungen
seines  vertrauten  Freundes  Francke  wiedergibt.
        <pb n="59" />
        Huldigung  in  Berlin.  51

unvergeßlichen  Augenblicks  hielt  noch  mehrere  Tage  hindurch  an,  bis  zum
Ende  der  prächtigen,  überaus  geschmackvollen  Festlichkeiten.

Was  diese  treuen  Royalisten  in  Berlin  erregte,  war  trotz  der  Verschiedenheit
  der  politischen  Gesinnung  im  Grunde  doch  nur  derselbe  Drang
nach  großen  Worten  und  großen  Empfindungen,  der  einst  die  Volksredner
  des  Hambacher  Festes  beseelt  hatte.  Die  lyrische  Stimmung  der
goldenen  Tage  unserer  Dichtung  war  noch  immer  nicht  verflogen.  Die
Berliner  wie  vordem  die  Hambacher  Festgenossen  wollten,  nach  einer  stillen,
allzu  nüchternen  Zeit,  ihrem  starken  patriotischen  Gefühle  einmal  Luft
machen.  Wie  die  staatlosen  Pfälzer  sich  nach  einem  Vaterlande  irgendwo#
in  den  Wolken  sehnten,  so  freuten  sich  die  Preußen  ihres  glorreichen,
waffengewaltigen  Staates.  Und  wie  einst  in  Hambach  die  treuherzige
Begeisterung  des  deutschen  Gemüts  durch  radikale  Zuchtlosigkeit  getrübt
wurde,  so  ward  jetzt  in  Berlin  durch  die  mächtige  Aufwallung  wahrhaftiger
  Königstreue  auch  der  ekle  Bodensatz  jener  Bedientengesinnung
emporgewirbelt,  welche  selbst  in  edlen  Monarchien  niemals  völlig  fehlt
und  bei  Thronwechseln  sich  in  ihrer  ganzen  Niedertracht  zu  zeigen  pflegt.
Manche  der  Festredner  und  Huldigungsdichter  wußten  gar  kein  Maß  zu
halten  in  ihren  schmeichlerischen  Lobsprüchen  für  einen  König,  dessen  Taten
alle  noch  der  Zukunft  angehörten.  Salbungsvolle  Theologen  priesen  den

Chrysostomus  auf  dem  Throne,  und  Ludwig  Tieck  sang  gar:
Was  sind  Triumpheszüge
Der  Cäsarn,  aller  der  Imperatoren,
In  römischer  Tyrannenzeit  geboren
Ja  selbst  des  Heldenjünglings  stolzer  Siegeszug
Der  bis  zum  fernen  Ganges  seine  Waffen  trug?
—  Darf  man  sie  wohl  vergleichen
Mit  unsers  Fürsten  Zug  durch  seine  Gauen,
Wo  Lieb'  ihm  und  Vertrauen
In  Feld  und  Wald  und  Stadt  in  allen  Reichen
Entgegentrat,  und  Freudenträn'  ihm  glänzte,
Und  stark  und  männlich  groß  er  sich  bekränzte,
Statt  Lorbeer  mit  dem  Laub  der  vaterländ'schen  Eichen?

Das  Buch  „der  Preußen  Huldigungsfest“,  worin  der  alte  Geheimrat
Streckfuß  die  Festlichkeiten  der  beiden  Hauptstädte  und  der  Provinzen
schilderte,  konnte  von  freien  Männern  nur  mit  gemischten  Gefühlen  betrachtet
  werden;  es  war  der  Untertänigkeit  gar  zu  viel  in  allen  diesen
Kundgebungen  preußischer  Treue,  und  der  wackere  Verfasser  selbst  verfiel
zuweilen  in  einen  byzantinischen  Ton,  den  sich  unter  dem  nüchternen,
jeder  Schmeichelei  unzugänglichen  alten  Könige  niemand  erlaubt  hatte.

Immerhin  mußte  jedermann  beim  Lesen  dieser  Festberichte  empfinden,
  wie  stark  und  volksbeliebt  Preußens  Krone  dastand.  Graf  Maltzan
meldete  aus  Wien  immer  wieder,  Metternich  könne  das  Gefühl  einer
Eifersucht,  „welche  eigentlich  dem  vergangenen  Jahrhundert  angehören
sollte“,  nicht  unterdrücken;  vornehmlich  beunruhigte  den  Staatskanzler  die

47
        <pb n="60" />
        52  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Königsberger  Rede  des  Posener  Landtagsmarschalls,  weil  sie  die  Polen  in
Warschau  und  Lemberg  aufwiegeln  müsse.  Der  greise  Erzherzog  Karl
hingegen  sagte  zu  Maltzan  hocherfreut:  die  Reden  des  Königs  haben  den
öffentlichen  Geist  geweckt,  „ich  erhoffe  davon  das  gemeinschaftliche  Wohl
des  deutschen  Vaterlandes.“*)  Welch  ein  Abstand  doch  zwischen  diesem  festgewurzelten
  deutschen  Königtum  und  der  Monarchie  der  Juli-Revolution!
  An  dem  nämlichen  Tage,  da  dem  preußischen  Könige  das  jauchzende
  Ja  seiner  Getreuen  entgegenscholl,  richtete  in  Paris  ein  Mordgeselle
  —  es  war  seit  zehn  Jahren  der  fünfte  —  die  tödliche  Waffe  gegen
Ludwig  Philipp.  Und  war  es  nicht  auch  ein  Triumph  für  die  Sache
des  Königtums,  daß  sie  einen  so  glänzenden  persönlichen  Vertreter  fand?
Bisher  hatten  die  Liberalen  sich  im  alleinigen  Besitze  der  Bildung  und
der  Beredsamkeit  gewähnt,  da  die  trockenen  Geschäftsmänner  der  kleinen
Regierungen  als  Redner  gegen  die  Wortführer  der  Opposition  nur
selten  aufkamen.  Jetzt  trat  ein  gekröntes  Haupt  auf,  das  durch  den  Adel
seiner  Rede  und  die  Fülle  seiner  Bildung  den  Liberalismus  ganz  zu  verdunkeln
  schien.  Die  strengen  Hallerianer  frohlockten  über  die  so  plötzlich
  wieder  erstarkte  Macht  des  Königtums  von  Gottes  Gnaden.  Nun
endlich,  rief  das  Berliner  Wochenblatt,  wird  dem  revolutionären  Repräsentativsystem
  des  Auslands  etwas  Positives  entgegengestellt,  der  Patrimonialstaat:
  „Derjenige  müßte  den  Irrlehren  der  neuzeitlichen  Staatslehre
bis  zum  Stumpfsinn  verfallen  sein,  wer  ein  dürftiges  Schreibwerk,  was
die  Fürsten  und  Völker  einander  mißtrauisch  gegenübergestellt,  diesen  im
Angesicht  Gottes  und  der  Menschen  übernommenen  Verpflichtungen  vorziehen
  wollte.“

Aber  nach  den  unmäßigen  Ubertreibungen  der  Huldigungstage
mußte  in  einem  verständigen  Volke  sehr  bald  der  Rückschlag  eintreten.
Die  Ernüchterung  zeigte  sich  zuerst  in  den  Kreisen  der  strammen  Monarchisten.
  Sie  empfanden  die  überschwengliche  Verherrlichung  des  Sohnes
als  eine  Undankbarkeit  gegen  den  Vater,  und  man  bemerkte  bald,  wie
nachdrücklich  der  Prinz  von  Preußen  in  seinen  Anreden  an  die  Offiziere
immer  wieder  die  unvergeßlichen  Verdienste  des  verstorbenen  Königs
hervorhob.*)  Eben  diesen  Männern,  die  mit  ihren  Schwüren  kein  Spiel
treiben  wollten,  drängte  sich  unabweisbar  die  Frage  auf:  was  es  denn
eigentlich  bedeuten  sollte,  daß  der  neue  König  außer  dem  Huldigungseide,
  der  ihm  von  Rechts  wegen  gebührte,  noch  ein  zweites  Versprechen
gefordert  hatte?  Wer  in  solcher  Weise  ein  freies  Ja  von  seinen  Untertanen
  erbat,  der  gab  ihnen  auch  das  gefährliche  Recht,  nein  zu  sagen.
Und  war  denn  wirklich  durch  jenes  feierliche  Ja  eine  neue,  über  die  allgemeine
  Untertanenpflicht  hinausgehende  Verbindlichkeit  begründet  wor- 



*)  Maltzans  Berichte,  Okt.  Nov.  1840.
**)  Bergers  Bericht,  6.  Jan.  1841.
        <pb n="61" />
        Eindruck  der  königlichen  Reden.  53

den?  Der  König  selbst  glaubte  es  fest;  er  meinte,  durch  jene  Fragen,
die  er  den  Huldigenden  gleichsam  über  den  Kopf  geworfen,  sei  eine  ganz
eigenartige  Verbindung  zwischen  ihm  und  seinem  Volke  entstanden,  höchst—
persönlich!  wie  einst  das  Verhältnis  der  mittelalterlichen  Fürsten  zu  ihren
Fideles.  Immer  wieder  kam  er  darauf  zurück.  Noch  fünf  Jahre  später,
als  die  Magdeburger  Stadtbehörden  scharf,  aber  in  gesetzlicher  Form,
einer  seiner  kirchenpolitischen  Anordnungen  widersprachen,  ließ  er  ihnen
die  zornige  Frage  stellen:  „ob  das  die  Erfüllung  des  feierlichen  Huldigungsversprechens
  sei,  mir  beizustehen,  mir  treu  zu  helfen  auf  meiner
schweren  Bahn  9/7)

Jenes  rührende  Gelöbnis,  das  er  doch  nur  plötzlich,  fortgerissen  von
der  Größe  des  Augenblicks,  halb  erzwungen  hatte,  bestärkte  ihn  also  in
der  unseligen  Neigung,  politische  Gegner  als  persönliche  Feinde,  ja  als
Abtrünnige  oder  Meineidige  zu  behandeln.  Sobald  man  nur  erst  anfing
ruhig  nachzudenken,  mußte  jedermann  einsehen,  daß  die  hochtönenden
Reden  des  Königs  keinen  einzigen  politischen  Gedanken  enthielten:  sie  verkündeten
  nur  den  Anbruch  einer  neuen  Zeit  und  sagten  schlechterdings
nicht,  was  diese  Zukunft  bringen  sollte.  Darum  meinte  der  kluge  schlesische
Fabrikant  Milde  trocken,  der  König  sei  ein  großer  Komödiant  —  was  er  mit
Absicht  niemals  war.  Billiger  urteilte  Friedrich  v.  Gagern;  er  sagte:  solche
Pfarrerspredigten,  Domines  Pratjes,  bezeichnen  nicht  den  Mann  der  Tat!
Der  Wind  der  Volksgunst  setzte  plötzlich  um,  am  raschesten  in  der  Hauptstadt.
  Die  Berliner  schämten  sich,  so  viel  Gefühl  gezeigt  zu  haben,  und
nun  da  sie  sich  wieder  auf  sich  selbst  besannen,  begannen  sie  dem  Fürsten
zu  zürnen,  der  sie  durch  den  Zauber  seiner  Persönlichkeit  verführt  hatte,
ihre  eingefleischte  ungemütliche  Altklugheit  einmal  zu  verleugnen.  Je
stürmischer  in  den  Festtagen  der  Enthusiasmus  aufgebraust  war,  um  so
behaglicher  entfalteten  sich  nunmehr  alle  Unarten  des  Berlinertums:
die  Klatscherei,  das  kleinliche  Afterreden,  das  Besserwissen  in  allem  und
jedem.  Mit  einer  Boshbeit,  die  an  die  schmählichen  Zeiten  des  Tilsiter
Friedens  erinnerte,  wurde  alles,  was  von  oben  kam,  bekrittelt,  verhöhnt,
heruntergerissen;  und  schon  zeigten  manche  Schritte  des  Königs,  wie
unsicher  er  sich  im  Regiment  fühlte.  In  Königsberg  hatte  er  bei  den
üblichen  Adelsverleihungen  empfohlen,  daß  der  neue  Titel  nur  mitsamt
dem  Grundbesitze  der  Familie  auf  den  ältesten  Sohn  übergehen  sollte;
er  mußte  jedoch,  wie  vormals  sein  Schwager  Ludwig  von  Bayern,  die
Erfahrung  machen,  daß  dieser  wohlgemeinte  Versuch,  englischen  Adelsbrauch
in  Deutschland  einzubürgern,  auf  den  unüberwindlichen  Widerstand  altnationaler
  Sitten  und  Unsitten  stieß.  Bereits  bei  der  Berliner  Huldigung
sah  er  sich  genötigt,  die  neue  Anordnung  abzuändern,  weil  die  alten  Edelleute
  einen  bloß  an  der  Scholle  haftenden  Adelstitel  nicht  für  voll  an- 



*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  29.  Mai  1846.
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        54  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

sahen.  Die  Berliner  aber  begrüßten  fortan  jede  Niederlage  ihres  Königs
mit  lauter  Schadenfreude;  sie  verspotteten  sich  selbst  wegen  der  Begeisterung
der  Huldigungstage  und  übersetzten  die  damals  so  oft  gehörten  Worte:  „das
gelobe  und  schwöre  ich“  mit  dem  anmutigen  Satze:  „dat  jlobe  ik  schwerlich.“

Die  nächsten  Wochen  brachten  einige  wichtige  Berufungen.  Geh.
Rat  Eichhorn  wurde  zum  Nachfolger  Altensteins  ernannt,  und  seine
Beförderung  befriedigte  das  Publikum;  denn  obwohl  die  in  der  Politik
gründlich  unwissenden  Hauptstädter  nie  ein  Wort  davon  erfahren  hatten,
was  dieser  Mann  für  die  Geschichte  des  Zollvereins  bedeutete,  so  wußten
sie  doch  durch  das  Stadtgerede,  daß  er  in  Wien  als  Demagog  verrufen
war;  und  überdies  besaß  er  ein  Verdienst,  das  die  Stadt  der  Intelligenz
einem  Minister  sehr  hoch  anrechnete:  er  war  bürgerlich.  Auch  die  Berufung
  der  Gebrüder  Grimm  an  die  Berliner  Akademie  fand  allgemeine
Zustimmung.  Mit  Albrecht  ward  ebenfalls  verhandelt;  er  lehnte  jedoch
ab,  aus  Dankbarkeit  gegen  seine  sächsischen  Gönner.  Man  konnte  nicht
leugnen,  daß  der  König  die  hochherzige  Absicht  hegte,  die  Mißhandlung
der  Göttinger  Sieben  zu  sühnen.  Die  Freude  währte  nicht  lange,  denn
zur  selben  Zeit  ward  der  Schwager  der  Grimms,  Hassenpflug  an  das
Berliner  Obertribunal  berufen.  Der  hatte  seit  seinen  hessischen  Mißgeschicken
  erst  in  Sigmaringen,  dann  in  Luxemburg  als  Minister  gewirkt
und  sich  in  der  Westmark  redlich  bemüht,  die  Unabhängigkeit  des  deutschen
Großherzogtums  gegenüber  dem  niederländischen  Königreiche  zu  sichern.
Niemand  rechnete  ihm  das  an;  er  war  und  blieb  der  öffentlichen  Meinung
  der  kurhessische  Reaktionsminister.  Obwohl  er  nur  ein  seiner  großen
juristischen  Befähigung  durchaus  entsprechendes  Richteramt  erhielt  und
niemals  auf  den  Gang  der  inneren  preußischen  Politik  irgend  eine  Einwirkung
  ausübte,  so  befürchtete  man  doch  sogleich  das  Argste,  da  er
mit  den  Gerlachs  befreundet  war.  Ein  Gedicht  kam  in  Umlauf,  zu  singen

nach  der  Melodie  des  neuen  Rheinliedes:

Wir  wollen  ihn  nicht  haben,
Den  Herrn  von  Haß  und  Fluch!
Scheinheiliger  Gespiele

Im  frommen  Höflingstroß,

Der  Stolberg,  Gerlach,  Thile,
Der  Radowitz  und  Voß.

In  solchem  Tone  redeten  die  Berliner  schon  über  die  Umgebung
ihres  Königs,  als  der  tolle  Jubel  des  Huldigungsfestes  noch  kaum  verhallt
war.  Die  Verse  ließen  zugleich  erraten,  wo  der  Grund  dieser  gehässigen
Opposition  lag.  Politische  Parteien  kannte  die  Hauptstadt  noch  kaum,
die  sich  noch  immer  mit  Vorliebe  über  Ballettänzerinnen,  Opern  und
Klaviervirtuosen  unterhielt.  Doch  sie  war  die  Stadt  Nicolais,  und  ihre
selbstgefällige  Aufklärung,  die  sich  nach  Umständen  mit  jedem  beliebigen
christlichen  oder  jüdischen  Mantel  schmücken  konnte,  trug  jetzt  die  Farben
der  Junghegelianer.  Wer  den  Epigonen  Hegels  widersprach,  war  verfemt.
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        Hassenpflug.  Stahl.  55

Das  mußte  der  Münchner  Julius  Stahl  erfahren,  da  er  in  diesen  Tagen
als  Nachfolger  des  früh  verstorbenen  Gans  den  Lehrstuhl  des  Staatsrechts
  an  der  Universität  übernahm.  Ein  getaufter  Jude  wie  Gans,  war
er,  anders  als  jener,  von  den  Glaubenswahrheiten  des  Christentums
tief  durchdrungen  und  sah  in  der  Burschenschaft,  der  er  sich  mit  Begeisterung
  anschloß,  immer  nur  eine  christlich-germanische  Verbrüderung.
Herangereift  widerlegte  er  in  dem  ersten,  kritischen  Teile  seiner  Rechtsphilosophie
  mit  siegreicher  dialektischer  Kraft  die  Lehren  des  Naturrechts  in
allen  ihren  Verzweigungen  und  war  jetzt  eben  dabei,  das  Ideal  der  ständischen
  Monarchie,  das  er  keineswegs  engherzig  auffaßte,  nach  den  Anschauungen
  der  historischen  Rechtsschule  systematisch  auszugestalten.  Wenn
er  an  seinem  kleinen  Tische  saß,  den  Bleistift  in  der  Hand,  nichts  vor
sich  als  ein  Blatt  weißen  Papieres,  dann  schien  er  die  Gedanken  allein
aus  sich  heraus  zu  spinnen.  Ein  Zug  von  überfeinem  Scharfsinn  lag
in  ihm,  auch  eine  fanatische  Ader,  die  späterhin,  als  die  Gegensätze  sich
schärfer  zuspitzten,  ihre  Kraft  zeigen  sollte.  Aber  ernst  und  streng,  ohne
jeden  persönlichen  Ehrgeiz  lebte  er  ganz  der  politischen  Idee,  die  ihm  die
wahre  schien;  darum  blieb  er  auch  den  Brüdern  Grimm,  die  mit  dem
genialen  Instinkt  ihrer  erhabenen  Einfalt  sich  immer  nur  an  reine  Menschen
  anschlossen,  allezeit  treu  befreundet.  Als  Redner  dem  Vorgänger
mindestens  ebenbürtig,  übertraf  er  ihn  bei  weitem  durch  Tiefsinn  und
Schärfe  der  Gedanken.  Und  wie  pöbelhaft  ward  er  empfangen;  die
Hegelianer  hatten  sich  verschworen,  den  gefürchteten  Gegner  des  Naturrechts
  aus  dem  Hörsaale  hinauszuscharren.  Der  schmächtige  kleine  Mann
mit  den  glitzernden  Augen  und  den  blassen  scharfgeschnittenen  orientalischen
  Gesichtszügen  hielt  aber  tapfer  aus,  Stunde  für  Stunde;  er
zwang  die  Hörer  ihm  zu  lauschen  und  erreichte  wirklich,  daß  seine  Vorlesungen
  durch  lange  Jahre  die  bestbesuchten  der  Hochschule  blieben.
Schlimmer  als  solche  unliebsame  Berufungen  wirkte  der  Zustand
unbefriedigter  Erwartung.  Man  hatte  nach  allen  den  großen  Worten
der  Huldigungsfeier  so  zuversichtlich  gehofft,  daß  irgend  etwas  Außerordentliches
  sich  ereignen  müsse,  und  da  nun  zunächst  gar  nichts  geschah,
so  wuchs,  zum  Erschrecken  schnell,  von  Tag  zu  Tag  die  grämliche  Verdrießlichkeit.
  In  diesen  Tagen  der  Verstimmung  unternahm  Schön  nochmals
  dem  Monarchen  seine  helfende  Hand  zu  reichen.  Er  lebte  mit  Rochow
  in  unaufhörlicher  Fehde;  der  König  aber,  der  als  Selbstherrscher
die  Zwistigkeiten  seiner  Werkzeuge  mit  gutmütiger  Geringschätzung  zu  betrachten
  pflegte,  suchte  die  Streitenden  —  so  drückte  er  sich  aus  —  immer
wieder  zusammenzuleimen,  da  er  beide  noch  zu  benutzen  gedachte  und  die
Königsberger  Vorgänge  sein  Vertrauen  auf  Schön  keineswegs  erschüttert
hatten.  Mittlerweile  erschien  in  einer  Berliner  Buchhandlung  ein  Bild
des  alten  Königs,  mit  einer  Ehrentafel  seiner  Großtaten,  unter  denen  auch
das  von  Schön  verfaßte  politische  Testament  Steins  aus  dem  Jahre  1808
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        56  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

prangte.  Dies  Testament  bezeichnete  Schön  selbst  als  sein  Lieblingskind,
auf  diesen  Rechtstitel  begründete  er  vornehmlich  seinen  historischen  Ruhm.
Als  er  im  Jahre  1817  die  Bildung  eines  konstitutionellen  Ministeriums
vorschlug,  wurde  dies  längst  vergessene  Aktenstück  zum  ersten  Male  von
unbekannter  Hand  in  einem  liberalen  Blatte  veröffentlicht*);  und  bei
einiger  Menschenkenntnis  durfte  man  wohl  vermuten,  daß  auch  diesmal,
bei  der  wiederholten  feierlichen  Vorführung  des  Lieblingskindes,  jene  liberalen
Schriftsteller  und  jungen  Freimaurer,  welche  jederzeit  zu  Schöns  Verfügung
  standen,  irgendwie  mitgewirkt  hatten.  Die  liberale  Presse  benutzte
natürlich  die  willkommene  Gelegenheit,  um  die  undankbare  Mitwelt  an
die  Verdienste  des  ostpreußischen  Staatsmannes  zu  erinnern;  die  Polizeibehörden
  aber  wurden  ängstlich  und  ließen  das  gefährliche  Bild  aus  den
Buchläden  entfernen.  Nunmehr  sendete  Schön  dem  Könige  das  Faksimile
der  Urkunde,  das  allerdings  bewies,  daß  er  selbst  jene  Abschiedsworte
Steins  im  wesentlichen  verfaßt  hatte;  in  seinem  begleitenden  Briefe
suchte  er  den  doktrinären,  unbestimmten  Sätzen  des  Testamentes  einen
möglichst  harmlosen  Sinn  unterzulegen.  «
So  hatte  er  alles  umsichtig  für  den  Hauptschlag  vorbereitet.  We—
nige  Tage  nachher  schickte  er  dem  Monarchen  eine  anonyme  Schrift
von  sechs  Druckseiten:  Woher  und  Wohin?  Ihr  leitender  Gedanke  war
entlehnt  aus  einem  Artikel  über  das  Preußentum,  welchen  Arnold  Ruge
kürzlich  unter  der  Maske  „eines  Württembergers“  in  den  Deutschen  Jahr—
büchern  veröffentlicht  hatte.  Schön  hielt  diesen  Aufsatz  für  ein  Werk  von
Strauß  und  eignete  sich  daraus  die  Behauptung  an,  daß  Preußen  als
Staat  bisher  katholisch  geblieben  sei,  von  einem  politischen  Priesterstande
geleitet  werde.  In  starken  Zügen  führte  er  aus,  der  große  Friedrich  hätte
einst  ein  „kaum  denkfähiges  Volk“  vorgefunden  und  durch  seine  Dienerschaft
  zu  erziehen  gesucht;  diese  Dienerschaft  aber  habe  sich  mit  der  Zeit
überhoben,  insbesondere  den  Grundadel  durch  eine  unerträgliche  Bevormundung
  erbittert,  das  ganze  Volk  am  Gängelbande  geleitet,  die  Städteordnung
  wie  die  Provinzialstände  verkümmert,  die  Landwehr  „dem  Beamten-Militär“
  näher  gebracht.  Deshalb  seien  die  vor  dem  Volke  stehenden
begüterten  Männer  des  Königsberger  Landtages  aufgetreten,  um  „General=Stände“
  zu  fordern,  welche  einen  großen  Teil  der  Verwaltung  sich  zueignen,
  die  Zahl  der  Beamten  vermindern,  Verschwendungen  entgegentreten,
  die  Landwehr  wieder  dem  Volke  annähern,  allen  Kabalen  und
Polizeikünsten  ein  schnelles  Ende  bereiten  und,  kraft  ihrer  Kenntnis  der
Volksverhältnisse,  auch  die  Meinung  des  Volks  stets  für  sich  haben  würden.
„Nur  durch  General-Stände  —  so  schlossen  die  Blätter  —  kann  und  wird
in  unserem  Lande  ein  öffentliches  Leben  entstehen  und  gedeihen  ..  Wenn
man  die  Zeit  nicht  nimmt,  wie  sie  ist,  und  das  Gute  daraus  ergreift  und

 

*)  S.  p.  I.  330.  II.  199  ff.
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        Woher  und  Wohin?  57

es  in  seiner  Entwicklung  fördert,  dann  straft  die  Zeit.“  In  dieser  nach—
drücklichen  Mahnung  und  in  der  Persönlichkeit  des  Verfassers  lag  die
einzige  Bedeutung  der  Blätter;  von  eigentümlichen  Gedanken  enthielten
sie  nichts,  und  obwohl  die  beständigen  Ausfälle  auf  „die  Dienerschaft“  un—
verkennbar  auf  Friedrich  Wilhelms  persönliche  Abneigung  berechnet  waren,
so  mußten  doch  der  absprechende  Ton  der  Darstellung,  die  hochmütige
Verunglimpfung  der  gesamten  Vergangenheit  Preußens,  und  vollends
gar  die  Berufung  auf  die  heidnischen  Junghegelianer  den  König  in  tiefster
Seele  verletzen.  Darum  meinte  sein  Vertrauter  Geh.  Rat  v.  Voß,  als
er  mit  Erstaunen  den  Namen  des  Verfassers  erfahren  hatte:  „Ich  fand
die  Schrift  sehr  albern  und  riet  auf  einen  Querkopf  von  Gutsbesitzer.
Aus  Schöns  Stellung  heraus  liegt  aber  in  der  Abfassung  einer  solchen
Schrift  etwas  völlig  Verrücktes,  und  das  hat  mir  ganz  melancholische
Empfindungen  gemacht.“  2)

Aber  wie  ungeschickt  immer,  diese  Blätter  waren  zweifellos  Schöns
Ministerprogramm;  er  wollte  dadurch  entweder  den  König  gewinnen,  oder,
wenn  dies  mißlang,  durch  die  Forderung  der  Reichsstände  ein  weithin
leuchtendes  Panier  aufstecken,  das  die  zerfahrene,  ratlose  Opposition  des
Landes  um  sich  sammeln  sollte.  Der  Gedanke  war  wohl  berechtigt,  nur
mit  der  Stellung  eines  Oberpräsidenten  kaum  vereinbar.  Späterhin  behauptete
  Schön  freilich,  sein  Woher  und  Wohin?  hätte  nur  als  eine  geschichtliche
  Urkunde  dienen  sollen,  um  den  Kulturstand  des  Königreichs
Preußen  im  Jahre  1840  der  Nachwelt  zu  überliefern.  Doch  unmöglich
konnte  der  welterfahrene  alte  Staatsmann  glauben,  eine  solche  Schrift  von
solchem  Verfasser  würde  auf  die  Dauer  geheim  bleiben,  nachdem  sie  in  der
Königsberger  Hofbuchdruckerei  gedruckt,  an  mehrere  Archive  verteilt  und
fünf  Freunden  von  sehr  verschiedener  politischer  Gesinnung  vertraulich
zugesendet  worden  war.  Der  König  selbst  hielt  diese  Geheimhaltung  für
undenkbar  und  antwortete  dem  Oberpräsidenten  am  26.  Dez.  sehr  offenherzig,
  jetzt  sei  eine  Prüfungszeit  für  ihre  alte  Freundschaft  eingetreten.
„Woher  und  Wohin?  gefällt  mir  nicht.“  Das  Woher,  die  historische
Darstellung  hätte  so  kurz  nach  dem  Tode  des  alten  Königs  anders  gefaßt
  werden  müssen;  das  Wohin  aber  „wird  Ihren  Freunden  Leid,  Ihren
Feinden  Frohlocken  bereiten“.  Dann  hielt  er  ihm  alle  die  unbedachten
liberalen  Redensarten  der  Schrift  vor:  daß  die  Landwehr  wie  ein  Heer
der  Volksvertreter  dem  Heere  der  Krone  entgegengestellt  würde,  daß  die
Generalstände  sich  die  Verwaltung  zueignen  sollten:  „die  Perspektive  ist
ermutigend  für  mich!“  Darauf  betonte  er  nochmals  den  Grundgedanken
seiner  über  allem  Untertanen-Vorwitz  erhabenen  Politik:  „Ich  fühle
mich  ganz  und  gar  von  Gottes  Gnaden  und  werde  mich  so  mit  Seiner
Hilfe  bis  zum  Ende  fühlen.  Glauben  Sie  mir's  auf  mein  königliches

 

*7)  Voß  an  Thile,  31.  Dez.  1840.
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        58  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Wort:  zu  meiner  Zeit  wird  sich  kein  Fürst,  kein  Bauernknecht,  kein  Bauernknabe,
  kein  Landtag  und  keine  Judenschule  etwas,  was  dermalen  mit
Recht  oder  Unrecht  bei  der  Krone  ist,  zueignen,  wenn  ich  es  nicht
zuvor  gegeben  habe..  Glanz  und  List  überlasse  ich  ohne  Neid  sogenannten
  konstitutionellen  Fürsten,  die  durch  ein  Stück  Papier  dem  Volke
gegenüber  eine  Fiktion,  ein  abstrakter  Begriff  geworden  sind.  Ein  väterliches
  Regiment  ist  deutscher  Fürsten  Art,  und  weil  die  Herrschaft  mein
väterliches  Erbteil,  mein  Patrimonium  ist,  darum  hab'  ich  ein  Herz  zu
meinem  Volke,  darum  kann  ich  und  will  ich  unmündige  Kinder  leiten,
entartete  züchtigen,  würdigen  wohlgeratenen  aber  an  der  Verwaltung
meines  Gutes  teilgeben,  ihnen  ihr  eigenes  Patrimonium  anweisen  und
sie  darin  vor  Diener-Anmaßung  schützen.“  Endlich  befahl  er  dem  Freunde,
die  Schrift  nicht  in  den  nächsten  ostpreußischen  Landtag  hineinzuwerfen,
wo  sie  nur  Unheil  stiften  könne;  nachher  möge  sie  immerhin  erscheinen,
doch  nur  unter  Schöns  eigenem  Namen.“)

Der  Brief  gereichte  dem  milden  Herzen  des  Königs  zur  Ehre,  nicht
seinem  politischen  Verstande;  denn  verwarf  er  die  Gedanken  der  Schrift,  so
durfte  Schön  nicht  länger  mehr  an  der  Spitze  einer  Provinz  bleiben,  deren
Stimmung  täglich  schwieriger  ward.  Doch  im  Grunde  der  Seele  wünschte
er  ja  selbst  die  von  Schön  verlangten  Reichsstände,  nur  in  anderer  Weise,
und  da  er  den  teueren  Freund  nicht  kränken  wollte,  so  entschied  er  endlich,
  obgleich  Schön  zweimal  seine  Entlassung  anbot,  am  1.  Jan.  1841,
daß  der  Oberpräsident  als  sein  Freund  und  Bevollmächtigter  das  amt
des  königlichen  Kommissars  bei  dem  nächsten  Landtage  übernehmen  solle.
Also  blieb  Schön  im  Amte,  und  über  ihm  stand  Rochow.  Der  konnte
sich  das  boshafte  Vergnügen  nicht  versagen,  dem  Oberpräsidenten  zu  bedeuten:
  eine  gefährliche  Schrift  Woher  und  Wohin?  sei  im  Umlaufe,
gegen  den  unbekannten  Verfasser  müsse  man  einschreiten,  sobald  man  ihn
erkundet  habe.  In  einem  groben  Antwortschreiben  bekannte  sich  Schön
als  Verfasser  und  beteuerte,  die  Schrift  sei  nicht  für  die  Offentlichkeit
bestimmt.  “)  Wie  sollten  diese  beiden  Todfeinde  einträchtig  zusammenwirken?
  Die  Verfassungsfrage  erschien  immer  rätselhafter  und  verworrener.
  Auf  den  ersten  Weckruf  des  preußischen  Landtags  war  jetzt  schon
der  zweite  gefolgt,  das  Banner  der  Reichsstände  flatterte  in  den  Lüften,
und  wenn  die  Krone  sich  nicht  rechtzeitig  entschloß,  so  konnte  keine  Macht
der  Welt  mehr  hindern,  daß  eine  in  Preußen  unerhörte  Bewegung  von
unten  her  anhob.

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Schön,  26.  Dez.  1840.  Aus  diesem  wichtigen  Briefe
werden  in  Schöns  Papieren  (III.  154)  nur  einige  einleitende  Worte  mitgeteilt.  Die
Hauptsätze  hat  der  Herausgeber  unterdrückt.  Sie  stehen  allerdings  in  gar  zu  grellem
Widerspruche  mit  der  dreisten  Behauptung  Schöns  (III.  153)"  der  König  hätte  sich
„im  Geiste“  von  Woher  und  Wohin?  gegen  Flottwell  geäußert.

**)  Rochow  an  Schön  19.  Dez.,  Antwort  23.  Dez.  1840.
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        Flottwells  Sturz.  59

Inzwischen  begannen  Poninskis  Königsberger  Rede  und  die  Beschwerden
  des  Grafen  Raczynski  ihre  Frucht  zu  tragen.  Raczynski  verbreitete
unter  dem  polnischen  Adel  eine  Bittschrift,  welche  seine  mündlichen  Außerungen
  wiederholte,  und  sendete  zugleich  dem  Monarchen  die  Belege  für
seine  Klage.))  Poninski  aber,  der  bei  der  Huldigung  den  Grafentitel
und  mannigfache  Gnadenbeweise  erhalten  hatte,  bezeigte  seinen  Dank,
indem  er  an  der  Spitze  von  fünfzehn  anderen  polnischen  Edelleuten  dem
Minister  Rochow  die  unglaubliche  Zumutung  stellte:  der  zu  Recht  bestehende
  Posener  Landtag  müsse  aufgelöst  werden,  damit  bei  den  Neuwahlen
auch  die  soeben  begnadigten  Hochverräter  aus  den  dreißiger  Jahren  mitwirken
  könnten.)

Über  diese  polnischen  Wirren  wurde  im  Staatsministerium  während
der  drei  letzten  Monate  des  Jahres  gründlich  verhandelt.  General  Grolman
und  Oberpräsident  Flottwell  erstatteten  mit  gewohntem  Freimut  einen  ausführlichen
  Bericht:  nur  der  Adel  und  der  Klerus  seien  feindlich  gesinnt,
die  polnischen  Bauern  zufrieden,  die  Deutschen,  die  schon  zwei  Fünftel  der
Bevölkerung  ausmachten,  unverbrüchlich  treu.  Der  Thronwechsel  habe  jedoch
bei  den  Polen  unsinnige  Hoffnungen  erweckt,  welche  durch  die  Triumphreisen
des  begnadigten  Erzbischofs  und  sicherlich  auch  durch  die  Pariser  Propaganda
geflissentlich  genährt  würden.  Dem  gegenüber  müsse  das  bewährte  System
der  „allmählichen  Germanisierung“  unerschütterlich  aufrecht  bleiben.  Demnach
  baten  sie  den  Monarchen,  die  Beschwerden  des  polnischen  Adels  rundweg
  abzuweisen  und  sodann,  kraft  seines  königlichen  Rechtes,  dem  nächsten
Posener  Landtage  zu  befehlen,  daß  diese  erledigte  Sache  nicht  wieder  berührt
  werden  dürfe.  Aus  vollem  Herzen  stimmte  der  greise  Stägemann
den  beiden  zu.  In  einer  Denkschrift,  die  er  wenige  Tage  vor  seinem
Tode  abfaßte,  billigte  er  namentlich  den  durch  die  Regierung  betriebenen
Ankauf  polnischer  Rittergüter  und  sagte  mit  seinem  alten  Markmannenstolze
  kurzab:  man  möge  den  Klagenden  nur  eröffnen,  „daß  ihre  Germanisierung
  beabsichtigt  werde“,  und  sie  an  den  Treubruch  des  Jahres
1830  erinnern.  Selbst  General  Thile  konnte  nicht  umhin,  mit  einigen
Vorbehalten,  sich  den  beiden  anzuschließen.  Wie  durfte  man  auch  im
Ernst  von  einem  Sprachenzwange  in  Posen  reden?  Die  Verwaltungsbehörden
  schrieben  an  Polen  deutsch,  aber  mit  beigelegter  polnischer  Übersetzung.
  Vor  Gericht  wurden  die  Prozesse  in  der  Sprache  des  Klägers
verhandelt;  nur  wenn  er  des  Deutschen  vollkommen  mächtig  war,  verlangte
man,  daß  er  sich  der  deutschen  Sprache  bediente;  denn  da  die  Polen  sich  dem
Staatsdienste  fern  hielten,  so  konnten  von  168  Richtern  nur  54  fertig
polnisch  sprechen;  ihrer  33  verstanden  nur  wenig,  81  gar  kein  polnisch)

*)  Raczynski,  Eingabe  an  den  König,  27.  Nov.  1840.
*')  Rochow,  Bericht  an  den  König,  12.  Dez.  1840.

*  Vv')  Stägemann,  Denkschrift  über  Posen,  Nov.  1840.  Die  übrigen  Denkschriften
s.  o.  V.  47.
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        60  V.  1.  Die  frohen  Tage  der  Erwartung.

Trotzdem  wollte  Friedrich  Wilhelm  seine  Großmut  zeigen.  In  einem
großen  Kronrate  am  23.  Dez.,  dem  auch  Grolman  und  Flottwell  bei—
wohnten,  wurde  beschlossen,  zwar  die  Eingabe  Raczynskis  unbeantwortet
zu  lassen,  aber  den  Beschwerden  der  Polen  insoweit  abzuhelfen,  daß
der  nächste  Landtag  keinen  Grund  mehr  fände,  sie  zu  erneuern.“)  Das
war  Flottwells  Sturz.  Der  tapfere  Deutsche  mit  den  feurigen  tiefen
Augen  durfte  sich's  nicht  bieten  lassen,  daß  man  die  völlig  bodenlosen
Klagen  seiner  polnischen  Feinde  für  halb  begründet  erklärte.  Schon  am
31.  Dez.  wurde  er,  unter  allen  Zeichen  königlicher  Gnade,  als  Oberpräsident
nach  Sachsen  versetzt.  Die  Polen  hatten  ihr  Spiel  gewonnen.  Mit  dieser
Tat  gutmütiger  Schwäche  endete  das  erste  Jahr  der  neuen  Regierung.
Was  aus  solchen  Widersprüchen  noch  hervorgehen  würde,  das  ahnte  nie—
mand,  nicht  einmal  Friedrich  Wilhelms  nächste  Vertraute.  Schweren
Herzens  schrieb  um  die  Jahreswende  Graf  Anton  Stolberg  an  den
wackeren  Präsidenten  von  Cuny  in  Aachen  und  beschwor  den  alten  Freund,
keinem  der  umlaufenden  finsteren  Gerüchte  Glauben  zu  schenken,  sondern
„der  religiösen,  aber  wahrhaft  freisinnigen  Richtung“  des  Monarchen  zu
vertrauen.  „Der  König  will  und  wird  gehen  (das  ist  sein  eigener
Ausdruck).  Er  wird  als  souveräner  König  ohne  Charte  gehen  und  die
Bedürfnisse  seiner  Zeit  erkennen,  das  halten,  was  er  ausgesprochen  in  den
unvergeßlichen  Reden  zu  Königsberg  und  Berlin.“*“*“)  Mehr  wußte  selbst
Stolberg  nicht  zu  sagen.

Draußen  im  Reiche  aber,  wo  man  schon  geblendet  von  dem  neu
aufstrahlenden  Glanze  der  Krone  Friedrichs  die  Augen  niedergeschlagen
hatte,  begann  der  alte  Preußenhaß  wieder  hohe  Wellen  zu  werfen.  Man
rieb  sich  die  Hände,  weil  die  großen  Dinge  wieder  einmal  ein  kleines
Ende  zu  nehmen  schienen.  Recht  aus  dem  Herzen  der  radikalen  deutschen
Jugend  sang  der  geistreichste  der  neuen  politischen  Lyriker,  der  kosmopolitische
  Nachtwächter  Franz  Dingelstedt,  die  höhnenden  Gaselen:

Ihr  habt  gepredigt,  nun  ein  Jahr,  die  neue,  treue,  freie  Zeit;

Wann  wird  die  Mär  denn  endlich  wahr,  die  neue,  treue,  freie  Zeit?

Ihr  saßt  schon  lange  auf  dem  Ei  und  gackertet  in  alle  Welt,

Allein  noch  kroch  nicht  aus  der  Aar,  die  neue,  treue,  freie  Zeit.

Ein  stolzes  Wort  habt  ihr  gewagt;  nun  eilt,  daß  es  zu  Ende  kommt,

Und  macht  uns  andern  offenbar  die  neue,  treue,  freie  Zeit!  —

 

*)  Protokoll  über  die  Verhandlung  vor  Sr.  Majestät,  am  23.  Dez.  1840.
*7“)  Stolberg  an  Cuny,  12.  Jan.  1841.
        <pb n="69" />
        Zweiter  Abschnitt.

 

Die  Kriegsgefahr.

Wie  der  inneren  so  schien  sich  auch  der  europäischen  Politik  Preußens
in  dem  hoffnungsvollen  Jahre  des  Thronwechsels  eine  Zeit  reicher  Er—
folge  zu  eröffnen.  Auch  diese  Erwartungen  blieben  unerfüllt,  nicht  eigent—
lich  durch  die  Schuld  des  neuen  Königs,  sondern  weil  der  Zustand  des
Weltteils  für  große  Entscheidungen  noch  nicht  reif  und  Preußen  am
wenigsten  in  der  Lage  war,  die  verschlungenen  Machtverhältnisse  Europas
frei  zu  überblicken.  Jedem  Staate  kommen  Zeiten,  wo  ihn  ein  über—
mächtiges  Interesse  zwingt,  seinen  Gesichtskreis  zu  verengern.  Durch  die
unversöhnliche  Rachsucht  der  Franzosen  wurden  Preußen  und  Frankreich
während  eines  Vierteljahrhunderts  auf  einer  Stelle  festgebannt,  beide
Staaten  waren  verhindert,  ihre  natürliche  Interessengemeinschaft  zu  er—
kennen  und  der  friedlichen  Welteroberung,  welche  Englands  Handelspolitik
in  der  Stille  einleitete,  rechtzeitig  entgegenzutreten.  Solange  die  französi—
schen  Parteien  allesamt  die  Vernichtung  der  so  unbillig  milden  Pariser
Verträge  forderten,  mußte  der  preußische  Staat  die  Sicherung  seiner
Westgrenze  als  seine  nächste,  jeder  anderen  Rücksicht  vorgehende  Aufgabe
betrachten;  denn  umringt  von  hilflosen  kleinen  Nachbarstaaten,  allein  an—
gewiesen  auf  die  zweifelhafte  Hilfe  der  beiden  weit  entlegenen  Kaisermächte
sah  er  sich  dem  ersten  Angriff  allein  preisgegeben.

Bis  an  sein  Ende,  und  nicht  ohne  Erfolg  hatte  der  alte  König  sich
bemüht  diese  Gefahren  abzuwenden,  ein  leidliches  Verhältnis  zu  dem
neuen  Machthaber  Frankreichs  herzustellen.  Aber  der  Bürgerkönig  stand
selbst  nicht  fest  genug,  um  den  unberechenbaren  Aufwallungen  des  Nationalhasses
  jederzeit  Halt  zu  gebieten;  und  wie  dankbar  er  auch  die  Freund—
lichkeit  des  Königs  von  Preußen  anerkannte,  so  sah  er  doch,  scharfsinniger
als  die  Mehrzahl  seiner  Landsleute,  bestimmt  voraus,  daß  dieser  deutsche
Staat  dereinst  Frankreichs  gefährlichster  Nebenbuhler  werden  müsse.  Nicht
Preußens,  sondern  Osterreichs  Bundesgenossenschaft  faßte  er  ins  Auge,
wenn  er  sich  beharrlich  um  die  Gunst  der  deutschen  Mächte  bemühte.
        <pb n="70" />
        62  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Zwischen  Frankreich  und  Rußland  ward  die  Kluft  mit  den  Jahren
immer  breiter,  obgleich  die  erstarkende  altmoskowitische  Partei  am  Petersburger
  Hofe  ein  Bündnis  der  beiden  Mächte  gegen  Deutschland  dringend
wünschte,  und  der  Zar  seinem  preußischen  Vertrauten  Oberst  Rauch  oft
gestand:  außer  mir  selbst  sind  nur  noch  Nesselrode  und  Orlow  aufrichtige
Freunde  der  deutschen  Allianz.  Noch  immer  wollte  Nikolaus  sich  nicht  entschließen,
  dem  französischen  Thronräuber  zu  verzeihen;  er  fand  es  schamlos,
daß  Ludwig  Philipp  nach  der  Geburt  seines  Thronerben,  des  Grafen  von
Paris,  von  der  Fortdauer  seiner  Rasse  zu  reden  wagte,  und  konnte  sich
den  ruhigen  Schritt  der  preußischen  Politik,  die  in  Wahrheit  von  dem
alten  Könige  selbst  geleitet  wurde,  nur  aus  der  Schwäche  Ancillons  —
„Monsieur  Vacillants““  —  erklären.  Halsstarrig  blieb  er  bei  seiner  alten
Meinung,  daß  der  Weltkrieg  gegen  den  Staat  der  Revolution  noch  kommen
müsse.  Die  Lage  Preußens  malte  er  sich  in  den  dunkelsten  Farben,  weil
er  sie  also  sehen  wollte  und  immer  noch  mit  der  Hoffnung  spielte,  seine
formidable  russische  Reserve  würde  dereinst  die  Deutschen  aus  den  Klauen
der  Jakobiner  retten.  Während  des  Kölner  Bischofsstreites  erkannte  er
sogleich,  daß  Osterreich  sich  nicht  als  ehrlicher  Freund  Preußens  zeigte,
und  meinte:  nun  werde  Frankreich  den  günstigen  Augenblick  benutzen,
um  den  Krieg  alsbald  auf  dem  rechten  Rheinufer  zu  eröffnen.  Das
alles,  so  beteuerte  er  heilig,  sagte  er  nur  „aus  kindlicher  Verehrung  für
den  geliebten  Vater“.  Rauch  aber  erwiderte  stolz:  kommt  der  Krieg,  so
werden  wir  selbst  die  Angreifer  sein.)  Unablässig,  und  in  immer  schärferem
Tone  wiederholte  der  Zar  seine  Beschwerden  über  die  Umtriebe  der  polnischen
  Propaganda;  mehrmals  befahl  er  seinem  Botschafter,  Paris  auf
längere  Zeit  zu  verlassen.  Seine  Ungezogenheit  wurde  so  widerwärtig,
daß  Ludwig  Philipp  verzweifelnd  ausrief:  „ich  werde  mir  meine  Verbündeten
  anderswo  suchen.“

Als  der  alte  König  dies  erfuhr,  ließ  er  seinem  Schwiegersohne  sagen:
„Ludwig  Philipp  hat  zum  öfteren  die  Neigung  gezeigt,  sich  den  Kontinentalmächten
  zu  nähern  und  in  ihrem  Sinne  zu  handeln.  Solange
indessen  der  Kaiser  seine  Antipathien  gegen  ihn  nicht  zu  überwinden  im
stande  ist  und  sich  hierüber  unverhohlen,  ganz  offen,  ausspricht,  so  lange
wird  auch  auf  Ludwig  Philipp  wenig  zu  rechnen  sein  und  er  allerdings  andere
  Alliierte  suchen  müssen.  Wollte  der  Kaiser  aber  an  seiner  vorgefaßten
Meinung  in  etwas  nachlassen,  so  wäre  es  auch  ein  großer  Gewinn  für
die  konservative  Partei.“**“)  Die  Mahnung  fand  taube  Ohren.  Der  Zar
fuhr  fort,  dem  Bürgerkönige  bei  jeder  Gelegenheit  seine  Mißachtung  zu
zeigen,  bis  dieser  endlich  einen  tiefen  persönlichen  Haß  gegen  den  unversöhnlichen
  Peiniger  faßte.  Nach  Nikolaus'  Meinung  war  Frankreich  schlecht- 



*)  Rauchs  Bericht,  26.  Dez.  1837.
*“)  Rauchs  Bericht,  23.  Juli  1837,  nebst  Randbemerkung  des  Königs.
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        Englische  Welteroberung.  63

hin  die  Macht  des  Unheils,  überall,  sogar  im  Mittelmeer  und  im  Oriente,
wo  die  Interessen  der  beiden  Mächte  sich  doch  keineswegs  feindlich  be—
rührten.  Daß  Rußland  und  Frankreich  sich  über  irgend  eine  europäische
Frage  ehrlich  verständigen  könnten,  schien  vorderhand  rein  unmöglich;  das
unter  seiner  schwachen  Greisenherrschaft  mehr  und  mehr  erstarrende  Oster—
reich  tat  auch  gar  nichts,  die  beiden  Feinde  zu  versöhnen.

Also  herrschte  auf  dem  Festlande  wieder  jener  Zustand  schleichenden
Unfriedens,  dessen  England  für  seine  Pläne  bedurfte,  und  niemals  hat
sich  die  alte  Wahrheit,  daß  Kaufmannspolitik  die  unsittlichste  von  allen
ist,  so  grell  gezeigt  wie  in  diesen  Jahren.  Unbehelligt  durch  die  hadern—
den  Großmächte  durfte  Palmerston,  nach  seiner  unritterlichen  Weise,  den
britischen  übermut  an  den  Schwachen  auslassen.  Mit  Neapel  begann
er  Streit  wegen  des  sizilianischen  Schwefelhandels,  mit  Portugal  wegen
der  Opfer  des  letzten  Bürgerkrieges,  eines  Krieges,  welchen  England  selbst
geflissentlich  geschürt  hatte.  Mit  Serbien  schloß  er  einen  Handelsvertrag
und  versuchte  zugleich  den  Fürsten  Milosch  zur  Aufhebung  der  Verfassung
zu  drängen.  Mitten  im  Frieden  wurde  1839  das  Felsennest  Aden  geraubt,
der  Schlüssel  zum  Roten  Meere,  das  Gibraltar  des  Ostens.  Gleich
darauf  begann  der  Opiumkrieg,  der  scheußlichste  von  allen,  welche  jemals
ein  christliches  Volk  geführt  hat;  die  Chinesen  wurden  gezwungen,  den
Opium-Schmuggel  aus  Ostindien  zu  dulden,  und  während  England  ihre
Leiber  vergiftete,  suchte  es  ihre  Seelen  durch  die  Bekehrungspredigten
seiner  Missionäre  zu  retten.  An  stärkere  Gegner  wagte  sich  Palmerston  nur
mit  den  Waffen  der  Arglist.  Jedermann  ahnte,  daß  das  neutrale  England
die  Tscherkessen  in  ihrem  Kampfe  gegen  Rußland  insgeheim  unterstützte;
ruchbar  ward  das  Geheimnis  erst,  als  die  Russen  an  der  kankasischen
Küste  das  mit  Waffen  befrachtete  Schiff  Vixen  aufgriffen.  Noch  schwerere
  Sorgen  erregte  dem  Londoner  Hofe  die  Besetzung  Algeriens,  das
letzte  und  beste  Vermächtnis  der  französischen  Bourbonen.  Nach  englischer
  Auffassung  gehörte  ganz  Afrika  von  Rechts  wegen  den  Briten.  Selbst
der  friedfertige  Lord  Aberdeen  sagte  zu  dem  preußischen  Gesandten  höhnisch:
  die  Franzosen  haben  Algier  „für  immer“  mit  Frankreich  vereinigt;
dies  „für  immer“  bedeutet:  bis  der  Krieg  erklärt  wird,  bis  das  erste
englische  Linienschiff  im  Hafen  von  Algier  erscheint!  Dieses  schöne  zukunftsreiche
  Pflanzungsland  der  Franzosen  zu  zerstören,  war  jedes  Briten
Herzenswunsch;  darum  konnte  Frankreichs  gefährlicher  Feind,  der  heldenkühne
  Abdelkader  jederzeit  auf  Englands  geheimen  Beistand  zählen.

Gegenüber  einer  solchen,  völlig  gewissenlosen,  überall  in  der  Welt
hetzenden  und  bohrenden  Handelspolitik  erschienen  alle  anderen  Kulturvölker
  als  natürliche  Bundesgenossen.  England  war  der  Hort  der  Barbarei
  im  Völkerrechte.  England  allein  verschuldete,  daß  der  Seekrieg,  zur
Schande  der  Menschheit,  noch  immer  ein  organisierter  Seeraub  blieb.
Allen  Völkern  gemeinsam  lag  die  Aufgabe  ob,  auch  auf  den  Meeren  das
        <pb n="72" />
        64  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Gleichgewicht  der  Mächte  herzustellen,  das  auf  dem  Festlande  längst  be—
stand,  jenes  heilsame  Gleichgewicht,  das  keinem  Staate  ermöglichte,  sich
alles  zu  erlauben,  und  darum  jedem  ein  menschliches  Völkerrecht  sicherte.
Die  Gesittung  des  Menschengeschlechts  forderte,  daß  die  vielgestaltige  Herr—
lichkeit  der  Weltgeschichte,  die  einst  mit  der  Herrschaft  der  monosyllabischen
Chinesen  begonnen  hatte,  nicht  in  einem  trostlosen  Kreislaufe  mit  dem
Reiche  der  monosyllabischen  Briten  endigen  durfte.  Sobald  die  orientalische
  Frage  wieder  in  Fluß  geriet,  mußte  eine  weitschauende  Staatskunst
  danach  trachten,  die  erdrückende  Fremdherrschaft,  welche  Englands
Flotten  von  Gibraltar,  Malta,  Korfu  aus  aufrecht  hielten,  zum  mindesten
einzuschränken,  das  Mittelmeer  den  mediterranischen  Völkern  zurückzugeben.
Der  preußische  Staat  aber  besaß  noch  keine  Flotte;  er  konnte  und  durfte  sich
zu  einer  so  freien  Anschauung  jener  weit  entlegenen  Händel  nicht  erheben,
  solange  er  selbst  die  zerfahrene  deutsche  Welt  kaum  notdürftig
zu  schützen  vermochte  und  eine  italienische  Großmacht  noch  nicht  bestand.

Der  Friede  zwischen  Agypten  und  der  Pforte  wurde  nach  orientalischem
  Herkommen  von  beiden  Seiten  unredlich  gehalten.  Sultan  Machmud
  dürstete  nach  Rache  an  dem  meuterischen  Vasallen,  und  der  englische
Gesandte,  der  rücksichtslose  alte  Heißsporn  Lord  Ponsonby  bestärkte  ihn  in
seinem  Hasse,  desgleichen  dessen  Legationssekretär  Urquhart,  der  fanatische
Türkenschwärmer.  Mehemed  Ali  aber  war  durch  das  Kriegsglück  verwöhnt
  und  schaltete  in  seinen  neu  errungenen  Paschaliks  wie  ein  unabhängiger
  Fürst.  Er  gewann  die  Freundschaft  des  Tuilerienhofes,  der  schon
um  Algeriens  willen  sich  der  ägyptischen  Flotte  versichern  wollte,  und  die
begeisterte  Verehrung  der  Franzosen.  Wundersame  Märchen  erzählten  den
Parisern  von  der  genialen  Herrscherkraft  dieses  Napoleons  des  Ostens,
der  als  echter  Orientale  französische  Sitte  und  Sprache  überall  bevorzugte;
und  bald  galt  es  in  Frankreich  als  ein  politischer  Glaubenssatz,  daß  nur
Mehemed  Ali  in  dem  erstarrten  Oriente  ein  neues  Leben  erwecken  könne.
In  Deutschland  war  Fürst  Pückler-Muskau  des  Paschas  wärmster  Bewunderer.
  Der  erregte  allgemeines  Aufsehen,  als  er  von  der  Nilfahrt  und
den  Wüstenritten  heimgekehrt,  im  Fes  auf  arabischem  Rosse  durch  die
Straßen  Wiens  zog;  bei  Kaiser  Ferdinand  ward  er  erst  vorgelassen,  nachdem
  er  dem  preußischen  Gesandten  versprochen  hatte,  diesen  traurigen
Hos,  der  allerdings  einc  naturgetreue  Schilderung  kaum  vertrug,  in  seinen
Reisebüchern  nicht  zu  erwähnen.)  Überall,  in  Wort  und  Schrift,  verkündcte
  Semilasso  den  Ruhm  des  großen  Agypters.

In  Wahrheit  stand  Mehemed  Alis  Macht  bei  weitem  nicht  mehr
so  sest  wie  zur  Zeit  des  letzten  Krieges.  Die  ungebändigten  Völker  Syriens
  ertrugen  den  Druck  des  aufgeklärten  Despotismus  schwerer  als  die
leidsamen  Fellahs  am  Nil;  ein  Aufstand  schien  nicht  aussichtslos,  und

 

*)  Maltzans  Berichte,  Jan.  1840.
        <pb n="73" />
        Der  zweite  türkisch-äghptische  Krieg.  65

zugleich  ward  Englands  Feindschaft  immer  bedrohlicher.  Seit  den  Tagen
der  Quadrupelallianz  hegte  Palmerston  einen  heißen,  stillen  Groll  gegen
die  unzuverlässigen  französischen  Freunde.  Wie  oft  war  er  damals  von
Talleyrand  überlistet  worden;  7)  dies  verzieh  er  nie,  denn  nach  seiner  Anschauung
  besaß  allein  die  englische  Diplomatie  das  Recht,  ihre  Bundesgenossen
  zu  betrügen.  Das  gerühmte  herzliche  Einvernehmen  der  Westmächte
  bestand  nur  noch  dem  Namen  nach.  Obwohl  der  Lord  von  den
Verhältnissen  des  Orients  und  der  Kolonien  sehr  wenig  wußte,  so  besaß
er  doch  ein  sicheres  instinktives  Gefühl  für  die  Größe  seines  Landes;  niemals
  glaubte  er  an  die  neue  Lehre  der  Freihandelsschule  Richard  Cobdens,
daß  jede  Kolonie  sich  vom  Mutterlande  losreißen  müsse  und  Großbritannien
durch  seinen  transatlantischen  Besitz  nur  geschwächt  würde.  Er  erkannte  sogleich,
  Englands  Machtstellung  im  Mittelmeere  sei  verloren,  wenn  Mehemed
Ali  über  die  schwachen  Zwischenländer  hinweg  den  Franzosen  in  Algier
die  Hand  reichte.  Der  schlaue  Agypter  wußte  auch  sehr  wohl,  wo  er  seine
Feinde  zu  suchen  hatte;  geflissentlich  erschwerte  er  den  Briten  den  Verkehr
mit  Indien,  er  versperrte  den  wichtigen  Handelsweg  durch  Vorderasien  zum
Euphrat  und  Orontes,  bemächtigte  sich  des  einträglichen  Kaffeehandels  im
Roten  Meere,  begann  in  Syrien  und  Agypten  Fabriken  anzulegen,  welche
die  englische  Einfuhr  schädigten.  Diese  Handelsinteressen  bestimmten  Englands
  Haltung,  ganz  wie  im  Jahre  1830  bei  der  Preisgebung  Hollands  der
Groll  über  die  niederländische  Zoll=  und  Kolonialpolitik  den  Ausschlag  gegeben
  hatte.  Mit  leidenschaftlichem  Ungestüm  suchte  Palmerston  die  gefährliche
  Macht  des  Agypters  zu  vernichten  oder  doch  zu  schwächen;  alles
Gerede  über  den  unaufhaltsamen  Zerfall  des  türkischen  Reichs  erklärte  er
kurzab  für  nonsense.

Schadenfroh  konnte  der  Petersburger  Hof  abwarten,  wie  die  Feindschaft
  der  beiden  Westmächte  im  Oriente  sich  mehr  und  mehr  verschärfte.
Seit  der  Schließung  der  Dardanellenstraße  beherrschte  er  das  Schwarze
Meer  fast  unumschränkt,  und  da  er  durch  den  Vertrag  von  Hunkiar=Iskelessi
  berechtigt  war,  seinem  türkischen  Schützling  im  Kriegsfalle  Hilfe
zu  leisten,  so  betrachtete  er  nicht  ohne  Behagen,  wie  der  Sultan  und
der  Pascha  sich  zum  Kampfe  rüsteten.  Mehrere  Jahre  hindurch  standen
die  türkischen  und  die  ägyptischen  Truppen  an  der  syrischen  Grenze  einander
  gegenüber.  Durch  diese  gewaltigen  Heeresmassen  wurden  die  armen
Länder  am  oberen  Euphrat  völlig  ausgesogen  und  die  Kraft  der  beiden
mohammedanischen  Reiche  dermaßen  gelähmt,  daß  der  in  Petersburg  ersehnte
  Zusammenbruch  vielleicht  bald  eintreten  konnte.

Von  dem  ermatteten  Wiener  Hofe  hatten  die  Moskowiter  wenig  zu
fürchten.  Dessen  ganze  Weisheit  lief  noch  immer  darauf  hinaus,  daß  der
Sultan  der  legitime  Herrscher,  der  Pascha  ein  fluchwürdiger  Reformer  und

 

*)  S.  o.  IV.  507  ff.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  5
        <pb n="74" />
        66  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Empörer  sei.  Metternich  selbst  empfand  zuweilen  die  Last  seiner  Jahre  und
sagte  mehrmals  zu  Maltzan:  „In  meinem  Alter  muß  man  zu  erhalten,  nicht
zu  schaffen  suchen;  es  wäre  töricht,  eine  Arbeit  zu  beginnen,  die  man  wahr—
scheinlich  nicht  mehr  selbst  beendigen  kann.“?)  Der  alte  unfruchtbare  Streit
zwischen  dem  Staatskanzler  und  dem  Grafen  Kolowrat  währte  fort,  und
da  Erzherzog  Ludwig  noch  immer  jede  Neuerung  ablehnte,  so  kam  unter
der  Herrschaft  dieses  traurigen  Triumvirats  keine  einzige  der  geplanten
Verwaltungsreformen  zu  stande.  Der  Staatshaushalt  verharrte  in  der
gewohnten  Unordnung,  auch  nachdem  der  mit  der  Wiener  Börse  nahe  befreundete
  Finanzminister  Eichhoff  endlich  den  Abschied  erhalten  hatte.
Die  Armee  litt,  wie  Graf  Maltzan  bedauernd  sagte,  „in  fast  unglaublichem
  Grade“  Mangel  an  allem,  und  eben  jetzt,  im  Januar  1840,  starb
General  Graf  Clam,  der  einzige  Mann,  der  im  Staatsrate  einiges  für
ihre  Schlagfertigkeit  getan  hatte.  Schlaffheit  und  gedankenlose  Routine
herrschten  überall;  nur  das  italienische  Heer  unter  Radetzkys  Führung
zeigte  sich  kriegstüchtig.  Noch  niemals  war  das  alte  Osterreich  für  einen
schweren  Kampf  weniger  vorbereitet  gewesen.  Unter  solchen  Umständen
konnte  der  greise  König  von  Preußen,  der  für  das  stille  Erstarken  seines
Landes  so  dringend  des  Friedens  bedurfte,  nur  den  bescheidenen  Wunsch
hegen,  daß  die  Kriegsgefahr  im  Osten  vorübergehen  möchte.
Gleichwohl  geschah  das  Unausbleibliche.  Im  Frühjahr  1839  vermochte
  die  Pforte  die  Wucht  ihrer  Rüstungen  nicht  mehr  zu  ertragen,  der
Sultan  seinen  Haß  nicht  mehr  zu  bändigen.  Der  Krieg  brach  aus  und
endigte  mit  einem  Schlage.  Die  türkischen  Truppen  hatten  dank  der
einsichtigen  Tätigkeit  der  preußischen  Generalstabsoffiziere  schon  einiges
gelernt,  aber  auch  in  dem  langen  Lagerleben  durch  Krankheiten  furchtbar
  gelitten.  Nur  die  Hälfte  des  großen  kleinasiatischen  Heeres  war  unter
Hafiz  Paschas  Führung  bei  Nisib  vereinigt,  und  diese  Hälfte  bestand  zum
guten  Teile  aus  feindseligen  Kurden,  welche  die  Stunde  des  Abfalls  ersehnten.
  Hafiz  hörte  mehr  auf  die  törichten  Reden  seiner  Mollahs  und
Astrologen  als  auf  den  großen  fränkischen  Ratgeber,  der  ihm  zur  Seite
stand.  Er  versäumte,  wider  den  Rat  des  Hauptmanns  Moltke,  das  Heer
Ibrahim  Paschas  bei  einem  Umgehungsversuche  zur  rechten  Zeit  in  der
Flanke  anzugreifen.  Er  verschmähte  sodann,  die  Truppen  an  den  Euphrat
in  die  feste  Stellung  von  Biredschik  zurückzuführen;  und  der  Preuße  legte,
das  sichere  Verderben  voraussagend,  sein  Amt  als  Ratgeber  förmlich
nieder.  Am  nächsten  Tage,  23.  Juni,  ward  der  Pascha  von  dem  sieggewohnten
  ägyptischen  Feldherrn  in  höchst  ungünstiger  Stellung  angegriffen;
  nach  kurzem,  wenig  rühmlichen  Widerstande  stob  sein  Heer  auseinander.
  Wie  einst  König  Friedrich  sein  Feldherrnleben  mit  dem  Fluchtritte
von  Mollwitz  eröffnete,  so  begann  der  größte  deutsche  Krieger  des  neun- 



*)  Maltzans  Berichte,  März  1810.
        <pb n="75" />
        Schlacht  von  Nisib.  67

zehnten  Jahrhunderts  eine  Siegeslaufbahn  ohnegleichen,  er  selbst  freilich
schuldlos,  mit  der  Niederlage  von  Nisib.  An  den  Greueln  dieses  Rückzugs
  lernte  er,  was  die  sittlichen  Mächte  im  Kriege  bedeuten;  derweil  er
das  unwegsame  Land  durchritt,  behielt  er  immer  noch  Zeit  und  Gleichmut,
  um  seine  geliebten  Landkarten  ebenso  gewissenhaft  zu  ergänzen,  wie
er  früherhin  den  einzigen  treuen  Plan  von  dem  unübersehbaren  Gassengewirr
  Konstantinopels  gezeichnet  hatte.  Nach  der  Heimkehr  sammelte  er
dann  seine  Briefe  aus  der  Türkei  und  ließ  das  klassische  Werk  wie  ein
bescheidener  Anfänger  durch  ein  Vorwort  Karl  Ritters  in  die  gelehrte
Welt  einführen;  seine  geistvolle  ältere  Schrift  über  Polen  hatte  ja  nur
wenig  Leser  gefunden.

Die  Niederlage  war  vollständig.  Auch  die  anderen  türkischen  Truppen
  in  Kleinasien  lösten  sich  auf,  obgleich  der  Sohn  Mehemed  Alis,  dem
eigenen  Heere  mißtrauend,  seinen  Sieg  nicht  zu  verfolgen  wagte.  Inmitten
  dieser  allgemeinen  Verwirrung  starb  Sultan  Machmud  plötzlich,  noch
bevor  die  Schreckenskunde  aus  Nisib  ihn  erreichte  —  die  letzte  große  tragische
  Gestalt  der  osmanischen  Geschichte.  Bis  über  die  Kniee  war  er
im  Blute  gewatet,  um  seinem  Volke  eine  höhere  Gesittung  zu  bringen,
und  verzweifelnd  sank  er  ins  Grab  im  Bewußtsein  eines  verfehlten  Lebens.
Die  Zeitgenossen  verglichen  ihn  gern  mit  Peter  dem  Großen,  die  Ermordung
  der  Janitscharen  mit  der  Vernichtung  der  Strelitzen.  Doch  der
geniale  Barbar  des  Nordens  beherrschte  ein  christliches  und  darum  bei
aller  Roheit  bildsames  Volk.  Die  Osmanen  blieben  eine  Reiterhorde  des
Ostens,  geschaffen  für  die  Zelte  der  Wüste,  der  Kultur  gänzlich  unzugänglich,
  bei  den  anderen  mohammedanischen  Völkern  selbst  wegen  ihrer
Stumpfheit  verrufen;  sie  glichen  jenen  harmlosen  wilden  Hunden,  welche
Tags  über  in  den  Gassen  Stambuls  schlafen,  bei  Nacht  den  Unrat  aus
den  Häusern  fressen,  aber  sobald  man  sie  ins  Haus  nimmt,  jeder  Erziehung
trotzen  und  aus  Sehnsucht  nach  der  Freiheit  bald  dahinsterben.  Nunmehr
bestieg  Abdul  Medschid  den  Thron,  Machmuds  junger  schwächlicher  Sohn,
der  nie  zum  Manne  heranreifte.  Zur  selben  Zeit  segelte  die  türkische
Flotte  von  den  Dardanellen  südwärts,  nicht  ohne  die  geheime  Mitwirkung
des  französischen  Admirals  Lalande,  und  vereinigte  sich  vor  Alexandria
mit  den  Schiffen  des  ägyptischen  Rebellen.  Also  ohne  Heer,  ohne  Flotte,
ohne  einen  kräftigen  Herrscher  schien  das  osmanische  Reich,  zum  dritten
Male  binnen  elf  Jahren,  dem  sicheren  Untergange  zu  verfallen.  Da
die  Integrität  der  Türkei  von  allen  Großmächten  —  ehrlich  oder  nicht  —
für  eine  europäische  Notwendigkeit  erklärt  war,  so  ergriff  die  Gesandten
der  fünf  Mächte  ein  jäher  Schrecken.  Sie  traten  zusammen  und  auf
das  Andringen  des  österreichischen  Internuntius  Stürmer  ermahnten  sie
die  Pforte  durch  eine  gemeinsame  Note  vom  27.  Juli  1839,  nicht  eher
mit  dem  Agypter  abzuschließen,  als  bis  Europa  gesprochen  hätte.  Metternich
  triumphierte,  er  meinte  die  Türkei  gerettet  und  das  Schicksal  des

5  *
        <pb n="76" />
        68  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Ostens  in  seiner  Hand  zu  haben;  er  nannte  mit  gewohnter  Ruhmredigkeit
  diese  Tat  einen  der  größten  diplomatischen  Erfolge  seines  Lebens
und  schmeichelte  sich  mit  der  Hoffnung,  nunmehr  würde  unter  seiner
Leitung  ein  europäischer  Kongreß  in  Wien  zusammentreten,  der  die  orientalischen
  Händel,  natürlich  zum  Nachteil  Mehemed  Alis,  beilegen  sollte.)

Anders  dachte  der  König  von  Preußen.  Er  sah  klar  voraus,  daß
diese  scheinbare  Einigung  Europas  die  Hintergedanken  Rußlands,  das
Zerwürfnis  zwischen  den  Westmächten  sehr  bald  an  den  Tag  bringen,
vielleicht  gar  den  allgemeinen  Krieg  hervorrufen  mußte.  Argerlich  meinte
er,  die  Mächte  hätten  besser  getan,  sich  nicht  zu  übereilen,  sondern  dem
Sultan  die  Verständigung  mit  dem  Pascha  zu  überlassen.**)  Weil  er  auf
seine  alten  Tage  keinenfalls  den  Frieden  brechen,  seinem  Volke  um  dieser
entlegenen  Händel  willen  weder  Subsidienzahlungen  noch  Kriegslasten
auflegen  wollte,  so  ließ  er  den  großen  Höfen  mehrmals  auf  das  bestimmteste
  erklären:  Preußen  gewähre  den  Versuchen  zur  friedlichen  Lösung  der
orientalischen  Frage  nur  seinen  moralischen  Beistand  (appui  moral)  und
behalte  sich  die  strengste  Neutralität  vor,  falls  die  unmittelbar  beteiligten
Mächte  zu  den  Waffen  greifen  sollten.*)  Er  hatte  recht  geahnt.  Die
Absichten  der  beiden  Westmächte  zeigten  sich  sofort  als  unvereinbar.  Während
Frankreich  seinen  ägyptischen  Schützling  schonen  wollte,  beabsichtigte  Palmerston
  den  Sieger  von  Nisib  für  seinen  Sieg  zu  bestrafen,  ihn  durch
ein  salomonisches  Urteil  Europas  eines  guten  Teiles  seiner  alten  Besitzungen
  zu  berauben.

Auch  die  Pforte  blieb,  trotz  ihrer  Schwäche,  unversöhnlich  und  erfand
  jetzt  ein  neues,  sehr  wirksames  Kampfmittel  wider  Mehemed  Ali.
Der  Minister  des  Auswärtigen  Reschid  Pascha  hatte  als  Gesandter  in
London  die  Macht  der  Presse  des  Abendlandes  kennen  gelernt  und  alsbald
  begriffen,  welchen  Vorteil  dem  Agypter  die  brünstigen  Lobeserhebungen
  der  französischen  und  vieler  anderen  liberalen  Zeitungen  gewährten.
  Er  riet  daher  dem  jungen  Sultan,  durch  ein  feierliches
Schauspiel  den  Europäern  zu  bekunden,  daß  der  Großherr  noch  weit
liberaler  denke  als  der  aufgeklärte  Despot  am  Nil.  Am  2.  Nov.  versammelten
  sich  die  Großwürdenträger  des  Reichs  und  die  Notabeln  der  Hauptstadt
  in  einem  Hofe  des  alten  Serails  vor  dem  Kiosk  von  Gülhane,
nahe  jener  alten  Platane,  in  deren  Schatten  einst  die  meuterischen  Janitscharen
  zu  beraten  pflegten.  Sobald  der  Hofastrolog  mit  seinem  Astrolabium
  den  günstigen  Augenblick  erkundet  hatte,  wurde  der  Hattischerif
von  Gülhane  verlesen,  eine  mit  alttürkischem  und  neufränkischem  Wort-*)

  Maltzans  Berichte,  1.  Jan.  1840  ff.
*“)  König  Friedrich  Wilhelm,  Randbemerkung  zu  Maltzans  Bericht  v.  23.  April  1840.
*4*)  Bericht  von  Werther  d.  J.,  Geschäftsträger  in  London,  20.  Dez.  1839,  mit  Randbemerkung
  des  Königs.  Minister  Werther,  Bericht  an  den  König  15.  Jan.,  dessen  Weisung
an  Werther  d.  J.  20.  Jan.  1840  nebst  Randbemerkungen.
        <pb n="77" />
        Die  liberale  Türkei.  69

schwall  reich  ausgestattete  Urkunde,  welche  allen  Untertanen  des  Sultans
Sicherheit  von  Leib  und  Habe,  Aufhebung  der  Steuerpacht,  gerechte  Ver—
teilung  der  Abgaben  und  des  Kriegsdienstes  verhieß.  Darauf  beschwor
der  Sultan  nebst  den  hohen  Beamten  seinen  Gnadenerlaß,  der  natürlich
niemals  ausgeführt  wurde,  und  die  Batterien  auf  beiden  Ufern  des  Bosporus
  donnerten  ihren  Festgruß.

Der  Hattischerif  eröffnete  die  lange  Reihe  jener  „mit  Honig  beschriebenen
  Papiere“,  welche  die  klugen  Moslemin  fortan  von  Zeit  zu  Zeit
den  unbeschreiblich  verachteten  Franken  vorzuhalten  pflegten.  Wunderbar
schnell,  mit  orientalischer  Findigkeit  lebte  der  Diwan  sich  in  neue  politische
Künste  ein;  er  spielte  fortan  die  liberale  Macht  und  wußte  bald  durch
die  dienstwilligen  Federn  der  befreundeten  Gesandtschaften  in  Pera,  bald
durch  einfache  Bestechung  die  europäische  Presse  dermaßen  zu  beherrschen,
daß  die  einst  im  Portfolio  angeschlagenen  Töne  überall  mächtig  wiederklangen.
  Schon  seit  dem  Altertum  waren  die  Stämme  am  Bosporus  um
ihrer  Ruchlosigkeit  willen  verrufen.  Hier  lag  Lesbos,  die  Heimat  der  unnatürlichen
  Wollust,  hier  Lampsakos,  wo  Aphrodite  den  schamlosesten  ihrer
Söhne,  den  Priapus  gebar,  hier  die  große  Polis,  wo  der  Auswurf  dreier
Weltteile  stinkend  zusammenrann,  und  mitteninne  das  barbarisch  geschändete
schönste  Gotteshaus  der  morgenländischen  Christenheit.  In  diesen  Ländern,
wo  Menschenleben  wenig,  Menschenwürde  nichts  gilt,  wo  die  Natur  alle
ihre  Reize,  die  hellenischen,  die  byzantinischen,  die  orientalischen  Völker
ebenso  verschwenderisch  alle  ihre  Niedertracht  entfaltet  haben,  wähnte  die
Presse  des  Abendlandes  eine  Heimstätte  der  Freiheit  zu  sehen;  mit  Ausnahme
  der  französischen  verherrlichten  jetzt  alle  europäischen  Blätter  den
liberalen  Sultan  mitsamt  seinem  Hofastrologen.  Der  Agypter  aber,  der
seine  Leute  kannte,  sagte  ingrimmig:  dieser  Hattischerif  sei  nichts  weiter
als  ein  gegen  ihn  gerichteter  Schachzug.

Mittlerweile  vollzog  Rußland  eine  längst  vorbereitete  diplomatische
Schwenkung.  Nikolaus  hatte  gleich  nach  seiner  Thronbesteigung  die  Erfahrung
  gemacht,  daß  er  seine  Zwecke  im  Oriente  dann  am  sichersten
erreichen  konnte,  wenn  er  sich  mit  dem  gefährlichsten  Gegner,  mit  England
scheinbar  verständigte.“')  Persönlich  hegte  er,  soweit  ein  Zar  dies  vermochte,
  fast  eine  Vorliebe  für  die  Briten;  während  der  letzten  Jahre
hatte  er  sich  stets  absichtlich  gehütet,  die  revolutionäre  Politik  Palmerstons
zu  bemerken.  Dies  England  mit  Frankreich  zu  verfeinden,  das  herzliche
Einvernehmen  der  Westmächte  zu  zerstören,  den  alten  Vierbund  der  konservativen
  Mächte  wiederherzustellen  und  also  den  verhaßten  Staat  der
Revolution  gänzlich  zu  vereinzeln,  bis  vielleicht  der  große  Kreuzzug  der
Legitimität  möglich  würde  —  dahin  gingen  von  langeher  die  Münsche
des  Zaren.  Der  Vertrag  von  Hunkiar-Iskelessi  lief  binnen  kurzem  ab;

 

*)  S.  o.  III  729.
        <pb n="78" />
        70  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

ihn  zu  erneuern  schien  unmöglich,  da  die  Eifersucht  der  Westmächte  längst
erwacht  war.  Die  friedliche  Schutzherrschaft  Rußlands  in  der  Türkei  ließ
sich  ja  auch  ohnedies  behaupten,  wenn  man  nur  dem  englischen  Hofe  und
den  beiden  deutschen  Mächten  eine  bescheidene  Mitwirkung  bei  der  Rettung
des  Sultans  einräumte.  Am  Petersburger  Hofe  wünschte  man  die  Macht
des  Ägypters  also  zu  schwächen,  daß  er  nie  mehr  hoffen  konnte,  als
Hausmeier  des  Sultans  das  osmanische  Reich  von  innen  heraus  zu  ver—
jüngen;  man  wollte  ihn  aber  auch  nicht  ganz  fallen  lassen,  weil  sein
halbselbständiger  Staat  doch  immer  ein  Pfahl  im  Fleische  der  Türkei  blieb.
Seit  der  Schlacht  von  Nisib  mußte  auch  Palmerston  einsehen,  daß  man
Mehemed  Ali  nicht  vernichten  konnte.  Mithin  bestand  keine  ernstliche  Mei—
nungsverschiedenheit  zwischen  den  beiden  Mächten;  sie  mußten  sich  nur  noch
verständigen  über  die  beiden  Fragen,  welche  Stücke  syrischen  Landes  dem  betrogenen
  Sieger  verbleiben,  und  wie  die  Großmächte  im  Notfalle  ihre  bewaffnete
  Einmischung  ausführen  sollten.  Da  Rußlands  Streitkräfte  durch
die  kaukasischen  Kämpfe  und  einen  Feldzug  gegen  Chiwa  erheblich  geschwächt
waren,  so  wünschte  Nikolaus  im  Augenblicke  keinen  europäischen  Krieg;
er  hoffte  vielmehr  Frankreich  friedlich  zu  besiegen,  indem  er  sich  erst  mit
England,  dann  mit  den  beiden  deutschen  Mächten  vereinigte.

Die  Einladung  zu  der  Wiener  Konferenz  lehnte  er  entschieden  ab,
weil  er  befürchtete,  dort  durch  Osterreich  und  die  Westmächte  überstimmt
zu  werden.  Metternich  empfand  diese  Absage  als  eine  schwere  persfönliche
  Beleidigung  und  erging  sich  in  Schmähreden  wider  die  Schwäche
und  die  Torheit  des  Zaren  —  ganz  wie  im  Jahre  1826,  als  sich  Rußland
  und  England  über  die  griechische  Frage  verständigten.  Auch  diesmal
  mußte  er  erfahren,  daß  in  den  orientalischen  Händeln  Rußland,  nicht
Osterreich  die  führende  Macht  des  Ostbundes  war.  Im  September  1839
wurde  einer  der  jüngeren  russischen  Diplomaten,  Frhr.  v.  Brunnow  nach
London  gesendet,  ein  sanfter,  feiner,  geschmeidiger  Mann,  der  alsbald
eine  unbegrenzte  Bewunderung  für  die  Sitten  der  vornehmen  Gesellschaft
Englands  zeigte,  an  ihrem  Sport,  ihren  Bazaren  und  Wohltätigkeitskonzerten
  eifrig  teilnahm.  In  der  diplomatischen  Welt  hieß  er  der  russische
  Gentz;  die  Vergleichung  traf  freilich  nicht  zu,  denn  mit  dem  Geiste
und  der  schriftstellerischen  Größe  des  österreichischen  Staatsmannes  konnte
er  sich  nicht  von  fern  vergleichen,  in  den  Künsten  schlauer  Unterhandlung
war  er  ihm  weit  überlegen.  Brunnow  eröffnete  dem  britischen  Minister:
der  Zar  habe  nichts  dawider,  wenn  England  durch  seine  Flotte  den  Agypter
  zur  Annahme  eines  billigen  Friedens  zwingen  wolle,  und  würde  dann
nötigenfalls  seine  eigenen  Truppen  über  Sinope  durch  Kleinasien  gegen
Ibrahim  Pascha  vorgehen  lassen.  Nicht  ohne  ein  begreifliches  Mißtrauen
nahm  Palmerston  diese  Anerbietungen  entgegen;  sie  genügten  ihm  nicht,
da  ihm  vor  allem  daran  gelegen  war,  den  Vertrag  von  Hunkiar-Iskelessi
zu  beseitigen,  der  britischen  Flotte  die  Einfahrt  durch  die  Dardanellen
        <pb n="79" />
        Brunnow  in  London.  71

zu  eröffnen.  Gleichwohl  hegte  der  Russe,  als  er  unverrichteter  Dinge  ab—
reisen  mußte,  die  stille  Uberzeugung,  daß  eine  Verständigung  wohl  möglich
sei.  Auf  der  Heimkehr  traf  er  am  Rhein  mit  Metternich  zusammen.  Der
Osterreicher  zeigte  sich  mürrisch,  übellaunig,  sichtlich  verletzt  durch  Rußlands
  einseitiges  Vorgehen,  aber  in  der  Sache  selbst  nicht  feindselig.  Auch
hier  empfing  Brunnow  den  Eindruck,  die  vier  Mächte  würden  sich  ohne
Frankreich  wohl  einigen  können,  und  Nesselrode  sagte  nachher  befriedigt,
mit  diesem  Johannisberger  Gespräche  sei  die  peinliche  erste  Epoche  der
orientalischen  Frage  abgeschlossen.?)

In  Petersburg  mit  neuen  Weisungen  versehen,  kehrte  Brunnow  um
Neujahr  nach  London  zurück  und  überraschte  den  Lord  durch  die  freundliche
  Erklärung:  sein  Kaiser  bestehe  nicht  mehr  auf  dem  Vertrage  von
Hunkiar-Iskelessi,  er  wolle  im  Notfalle  15  000  Mann  und  acht  Kriegsschiffe
  zur  Verteidigung  Stambuls  schicken,  sei  aber  auch  nicht  dagegen,
wenn  die  anderen  Mächte  dann  je  vier  Schiffe  in  das  Marmarameer
sendeten.  Zugleich  ließ  er  durchblicken,  was  die  russischen  Diplomaten  in
Pera  schon  vorm  Jahre  angedeutet  hatten:  künftighin  könnten  vielleicht
beide  Meerengen  in  Friedenszeiten  geschlossen  werden.  Damit  war  das
Eis  gebrochen,  Palmerstons  Mißtrauen  beschwichtigt.  Im  Februar  1840
vereinigten  sich  die  Vertreter  der  großen  Mächte  in  London  zu  förmlichen
Konferenzen.  Sie  alle,  mit  einziger  Ausnahme  des  französischen  Gesandten,
betrachteten  die  Erhaltung  des  osmanischen  Reichs  als  ihre  höchste  Aufgabe
und  stimmten  mit  Brunnow  darin  überein,  daß  Mehemed  Ali  nur  die  erbliche
  Herrschaft  über  Agypten,  außerdem  noch  für  seine  Lebenszeit  ein  Stück
Syriens,  etwa  das  Paschalik  Akkon  behalten  dürfte;  widersetzte  er  sich,  dann
müßte  man  ihn  durch  die  Waffen  Europas  zur  Unterwerfung  zwingen.  Der
Sieger  sollte  also  einen  Teil  seines  alten  Besitzstandes  dem  Besiegten  schenken!
  Die  grobe  Ungerechtigkeit  dieses  Schiedsspruchs  der  europäischen  Mächte
lag  auf  flacher  Hand;  selten  hatte  sich  so  deutlich  gezeigt,  mit  wie  wenig
Weisheit  die  Welt  regiert  wird.  Vom  Rechte  aber  war  in  den  schmutzigen
orientalischen  Händeln  nie  die  Rede;  hier  handelte  es  sich  nur  um  die  Macht,
diesmal  um  die  Frage,  ob  Mehemed  Ali  stark  genug  sei,  den  erleuchteten
Beschlüssen  Europas  zu  widerstehen.  Dergestalt  hatte  Rußland  nochmals,
wie  einst  vor  der  Schlacht  von  Navarin,  durch  eine  plötzliche  Annäherung
an  England  die  entscheidende  Stellung  in  der  orientalischen  Politik  erlangt.
Metternich  sah  sich  in  die  zweite  Reihe  gedrängt  und  meinte  unmutig:
nur  die  Germanen  kennten  den  Begriff  der  Ehre,  die  Romanen  übertrieben
  ihn  bis  zum  point  d'honneur,  die  Slawen  hätten  nicht  einmal
ein  Wort  dafür.  Aber  einer  Staatskunst,  welche  die  Erhaltung  des  türkischen
  Reichs  zu  erstreben  vorgab,  konnte  er  unmöglich  entgegentreten.
Luch  der  Berliner  Hof  pflichtete  den  Anträgen  Brunnows  vorläufig  bei,

 

*)  Liebermanns  Bericht,  4.  Jan.  1840.
        <pb n="80" />
        72  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

immer  in  der  ehrlichen  Hoffnung,  daß  Frankreich  den  anderen  Mächten
nicht  widersprechen  würde,  immer  mit  dem  ausdrücklichen  Vorbehalt,  daß
Preußen  nur  moralischen  Beistand  leisten  könne.*)

Unterdessen  gestaltete  sich  Frankreichs  Lage  höchst  bedrohlich.  Auf—
geregt  durch  die  Pariser  Presse  schwärmte  die  gesamte  Nation  für  den
aufgeklärten  Mehemed  Ali.  Als  man  nun  erfuhr,  daß  die  vier  Mächte
diesen  Liebling  Frankreichs  ungerecht  mißhandeln  wollten,  da  ging  ein
Aufschrei  des  Zorns  durch  das  Land.  Alles  rief:  England  hat  uns
verraten,  die  entente  cordiale  ist  zerstört.  *)  In  der  Tat  hatte  der
schlaue  Bürgerkönig,  der  die  auswärtige  Politik  über  die  Köpfe  des  Ministeriums
  Soult  hinweg  leitete,  diesmal  sich  von  seinem  persönlichen  Hasse
betören  lassen  und  ganz  falsch  gerechnet.  Da  er  mit  dem  Todfeinde
Mehemed  Alis,  mit  England  sich  über  die  orientalischen  Wirren  unmöglich
  einigen  konnte,  so  mußte  er  mit  Rußland  und  den  deutschen  Mächten
eine  Verständigung  suchen.  Er  konnte  jedoch  seinen  Groll  über  die  Hoffahrt
  des  Zaren  nicht  überwinden  und  richtete  alle  seine  Pfeile  gegen
Rußland.  Wieder  und  wieder  mußte  Soult  in  spitzigen  Depeschen  erklären,
  die  Integrität  der  Türkei  sei  nur  ein  leeres  Wort,  wenn  ihr  nicht
auch  die  Unabhängigkeit  —  das  wollte  sagen:  die  Unabhängigkeit  von
Rußland  —  gesichert  würde.  Nesselrode  rieb  sich  die  Hände  und  gab
eine  hochmütige  Antwort.**?“)  Während  Ludwig  Philipp  sich  also  in
einen  unfruchtbaren  Federkrieg  gegen  den  Zaren  verbiß,  bemerkte  er  kaum,
wie  England  und  Rußland  einander  näher  traten.  Da  mit  einem  Male
stand  er  zwischen  zwei  Feuern:  der  englische  Freund  war  zu  dem  russischen
  Feinde  übergegangen,  und  die  Verständigung  der  beiden  Mächte  war
in  sehr  rücksichtsloser  Form  geschehen,  ohne  daß  man  den  französischen
Gesandten  auch  nur  einer  genauen  Mitteilung  gewürdigt  hätte.

Die  Stellung  des  Tuilerienhofes  ward  noch  schwieriger,  als  im  Februar
1840  —  wieder  durch  des  Königs  Schuld  —  das  gemäßigte,  bei  den
Höfen  leidlich  angesehene  Ministerium  Soult  zusammenbrach.  Ludwig  Philipp
  hatte  einst  —  den  uralten  Gesetzen  des  Landes  zuwider  —  das  ungeheuere
  Vermögen  der  Orleans,  das  von  Rechts  wegen  der  Krone  Frankreich
gehörte,  seinen  Kindern  abgetreten,  und  durfte  jetzt  nicht  erwarten,  daß  die
Nation  geneigt  sein  würde,  den  so  schmählich  geretteten  Reichtum  des  ungeliebten
  königlichen  Hauses  noch  zu  vermehren.  Gleichwohl  verlangte  der
König,  als  sein  zweiter  Sohn  der  Herzog  von  Nemours  sich  mit  der  reichen
Prinzessin  von  Koburg-Kohary  verlobt  hatte,  von  den  Kammern  eine  Jahresrente
  für  das  junge  Paar.  Allgemein  war  der  Unwille.  Die  Presse  verdäch-*)

  Brunnow  an  Werther  d.  J.  23.  Jan.;  Min.  Werther,  Weisungen  an  Arnim
in  Paris,  22.  Jan.,  an  Werther  d.  J  27.  31.  Jan.  1840.
*“)  Arnims  Berichte,  Paris  12.  16.  22.  Jan.  1840.

*“*)  Soult,  Weisung  an  Sebastiani,  25.  Nov.  Nesselrode,  Weisung  an  Medem,
26.  Dez.  1839.
        <pb n="81" />
        Ministerium  Thiers.  73

tigte  den  persönlichen  Charakter  des  Monarchen  mit  einer  Unehrerbietigkeit,
welche  dies  illegitime  Königtum  nicht  ertragen  konnte.  Timon-Cormenin,
seit  Courriers  Tode  der  wirksamste  Publizist  der  Radikalen,  schrieb  die
wütenden  „Fragen  eines  Jakobiners“;  er  hielt  den  Franzosen  vor,
wie  viel  unfreier  sie  seien  als  die  Preußen,  denen  ihr  absoluter  König  die
altherkömmliche  Prinzessinnensteuer  regelmäßig  erlassen  habe.  Die  Dotation
  ward  verworfen,  das  Ministerium  Soult  trat  zurück,  und  durch  die
liberale  Opposition  emporgehoben  bildete  Thiers  am  1.  März  ein  neues
Kabinett  —  der  Staatsmann,  der  von  jeher  dem  Bürgerkönige  besonders
widerwärtig  und  in  der  gegenwärtigen  Kriegsgefahr  dreifach  unwillkommen
war.  Auch  die  vier  Mächte  verhehlten  ihr  Mißtrauen  nicht.  Graf  Maltzan
schrieb  aus  Wien  schwer  besorgt:  „die  Grundsätze  von  1830  sind  wieder
am  Ruder,“)  und  der  französische  Gesandte  auf  der  Londoner  Konferenz
sah  sich  fortan  noch  weniger  rücksichtsvoll  als  bisher  behandelt.  Er  fühlte,
wie  die  vier  hinter  seinem  Rücken  berieten.

Thiers  stand  bei  den  Höfen  im  Rufe  eines  radikalen  Chauvinisten,
weil  er  zur  Zeit  der  Juli-Revolution  für  die  reine  Parlamentsherrschaft
gearbeitet,  während  des  Karlistenkrieges  sehr  übermütig  geredet  und  durch
seine  Geschichtswerke  die  napoleonische  Legende  mächtig  gefördert  hatte.
Indes  war  der  kluge,  bildsame  Mann,  obwohl  noch  weit  entfernt  von
der  ruhigen  Weisheit  seines  Alters,  doch  schon  durch  die  Erfahrung  etwas
gereift.  Die  peinliche  diplomatische  Lage,  die  er  vorfand,  war  nicht  durch
ihn  verschuldet,  sondern  durch  den  König.  Als  er  die  Regierung  übernahm,
hegte  er  noch  keineswegs  kriegerische  Absichten;  dem  ungleichen  Kampfe  mit
vier  Großmächten  dachte  er  sein  leidenschaftlich  geliebtes  Vaterland  nicht
auszusetzen.  Am  wenigsten  wollte  er  an  dem  englisch-französischen  Bündnis
  rütteln,  das  ihm  für  den  Hort  der  Bürgerfreiheit  galt.  Darum
ließ  er  durch  den  Gesandten  Guizot  dem  englischen  Hofe  ernst,  aber
freundschaftlich  erklären:  zur  Integrität  der  Türkei  gehöre  die  Macht
des  Paschas  so  gut  wie  die  Macht  des  Sultans,  und  ohne  Syrien  könne
der  Agypter  nicht  bestehen.  Nachdrücklich  verwahrte  er  sich  gegen  die  bewaffnete
  Einmischung  Europas,  die  den  alten  Grundsätzen  der  Westmächte
offenbar  widerspreche.  *7)  Und  allerdings  bewährte  Palmerston  nur  von
neuem  den  grundsatzlosen  Wankelmut  seiner  Staatskunst,  wenn  er,  der
so  oft  die  Lehre  der  Nichteinmischung  feierlich  verkündigt  hatte,  jetzt  zu
den  Ansichten  des  Troppauer  Kongresses  zurückkehrte  und  die  gewaltsame
Intervention  der  Großmächte  wider  den  ägyptischen  Rebellen  empfahl.

Thiers'  Warnungen  waren  ehrlich  gemeint;  denn  wie  alle  Franzosen
überschätzte  er  die  Macht  Mehemed  Alis  bei  weitem  und  fürchtete,  der
Pascha  würde  der  Einmischung  Europas  einen  so  hartnäckigen  Widerstand

 

*)  Maltzans  Bericht,  4.  März  1840.
*“)  Berichte  von  Bülow,  London  17.  März,  3.  Apr.,  von  Arnim,  Paris  20.  Apr.  1840.
        <pb n="82" />
        74  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

entgegensetzen,  daß  vielleicht  die  Türkei  selbst  darüber  in  Trümmer  gehen
könnte.  Palmerston  kannte  die  augenblickliche  Lage  besser,  er  versprach  sich
einen  raschen  Erfolg  von  den  Zwangsmaßregeln  gegen  den  Ägypter.  Die
Verhandlungen  zogen  sich  durch  mehrere  Monate  ohne  Entscheidung  dahin.
Unterdessen  klagten  die  Gesandten  der  drei  Ostmächte  laut  und  lauter
über  die  „subversive“  Politik  der  Tuilerien,  die  Londoner  Regierungsblätter
sprachen  von  Frankreich  in  einem  anmaßenden  Tone,  der  von  drüben
ebenso  kräftig  erwidert  wurde.  Palmerston  fühlte  sich  durch  den  hart—
näckigen  Widerspruch  der  Franzosen  schwer  gereizt  und  sagte  in  einem
Artikel  seines  Morning  Chronicle  drohend:  England  würde  sich  gezwungen
sehen,  den  alten  Vierbund  der  konservativen  Mächte  zu  erneuern.  Brunnow,
der  mit  seiner  glatten,  kühlen  Freundlichkeit  dem  ungestümen  Lord  immer
überlegen  blieb,  half  in  der  Stille  nach.  Mehr  und  mehr  befreundeten
sich  die  Gesandten  mit  der  russischen  Ansicht,  daß  man  die  orientalische
Frage  auch  zu  vieren,  ohne  Frankreichs  Mitwirkung,  lösen  könne.

Dennoch  zauderte  Palmerston  noch  lange.  Die  schwache,  von  Lord
Melbourne  sehr  schlaff  geleitete  Whig-Regierung  hatte  sich  längst  über—
lebt.  Schon  vorm  Jahre  war  sie  durch  das  Parlament  gestürzt  und  nur
durch  den  lächerlichen  Zwischenfall  der  sogenannten  Schlafstubenfrage  vorläufig
  wieder  aufgerichtet  worden.  Damals  hatte  die  junge  Königin  zum
ersten  Male  etwas  gezeigt,  was  einem  politischen  Willen  ähnlich  sah,  und
sich  entschieden  geweigert,  ihre  whiggistischen  Hosdamen,  wie  die  Torys
verlangten,  zu  entlassen.  Nur  dieser  persönlichen  Vorliebe  der  Monarchin
verdankten  die  Whigs  die  Wiederherstellung  ihrer  Herrschaft,  welche  schon
seit  Jahren  nicht  mehr  auf  eine  feste  Mehrheit  im  Parlamente  zählen
konnte.  Und  dies  altersmüde  Kabinett  war  über  die  Fragen  der  großen
Politik  keineswegs  eines  Sinnes.  Die  Lords  Holland,  Clarendon  und
viele  andere  der  nächsten  Freunde  und  Amtsgenossen  Palmerstons  hielten
einen  Bruch  mit  Frankreich  für  rein  undenkbar;  auf  der  entente  cordiale
  oder  ihrem  Namen  beruhte  ja  die  ganze  Stellung,  welche  England
während  des  letzten  Jahrzehntes  in  Europa  eingenommen  hatte.  Selbst
unter  den  Torys  war  die  Meinung  weit  verbreitet,  daß  die  Quadrupelallianz
  der  liberalen  Weststaaten  den  Weltfrieden,  das  Gleichgewicht  Europas
  aufrecht  erhalten  habe  und  nimmermehr  durch  die  Erneuerung  des
alten  konservativen  Vierbundes  ersetzt  werden  dürfe.  Also  wurde  Palmerston
  zwischen  den  verschiedensten  Bedenken  hin  und  her  geschleudert
und  gelangte  immer  wieder  zu  dem  Schlusse:  man  müsse  die  Dinge  hinzuhalten
  suchen.*)  Er  hoffte  kaum  noch  den  Tuilerienhof  umzustimmen
und  wollte  doch  den  Bruch  vermeiden.  Noch  am  11.  Juni  schrieb  er
dem  drängenden  österreichischen  Bevollmächtigten  Neumann:  „Ich  ziehe
eine  zeitweilige  Verzögerung  einem  sofortigen  schlechten  Ende  vor.“77)

*)  Bülows  Berichte,  26.  Mai,  26.  Juni  1840.

*“)  Palmerston  an  Neumann,  11.  Juni  1840.
        <pb n="83" />
        Verhandlungen  der  vier  Mächte.  H.  v.  Bülow.  75

Um  die  Verwirrung  zu  vollenden,  sendete  Metternich  von  Zeit  zu  Zeit
übellaunige  Depeschen;  der  konnte  sich  gar  nicht  darüber  trösten,  daß  die
Entscheidung  nicht  mehr  in  seinen  Händen  lag,  und  fürchtete  immer,  Rußlands
  kopflose  Politik  würde  sich  in  den  englischen  Netzen  verfangen.“)
Auch  der  türkische  Gesandte  Shekib  Pascha  vermehrte  die  Mißklänge  dieses
seltsamen  Konzerts;  er  gehorchte  blindlings  den  Ratschlägen  des  österreichischen
  Bevollmächtigten  Neumann,  der  ausdrücklich  beauftragt  war,  sich  seiner
zu  bemächtigen  (s'emparer).  )  Da  Lord  Ponsonby  die  Pforte,  trotz  ihrer
Niederlage,  beständig  zur  Erneuerung  des  Krieges  drängte,  so  zeigte  sich
der  Türke  sehr  zuversichtlich  und  beschwor  die  Mächte  um  baldige  Verurteilung
  des  ägyptischen  Rebellen.)

Die  Verwicklung  ward  unerträglich,  beinahe  lächerlich.  Der  preußische
  Gesandte  Heinrich  von  Bülow,  der  zu  Anfang  März  1840  nach  langem
Urlaub  wieder  in  London  eingetroffen  war,  schrieb  im  Juni,  nachdem  er
sich  viele  Wochen  hindurch  vergeblich  um  die  Aussöhnung  der  Streitenden
  bemüht  hatte,  ganz  verzweifelt:  „Was  ist  unter  solchen  Umständen
von  dem  Fortgang  der  hiesigen  Verhandlungen  zu  erwarten?  Schimpf
und  Schande!  Man  täte  besser  sie  abzubrechen.“)Endlich  einigten
sich  die  Gesandten  der  drei  Ostmächte  zu  einem  letzten  Versuche;  sie  verlangten
  von  Palmerston  vertrauliche  Beratungen  ohne  Frankreich,  das
man  vorläufig  doch  nicht  gewinnen  könne.  Seit  dem  21.  Juni  versammelten
  sich  nunmehr  die  Gesandten  der  vier  Mächte,  hinter  Guizots
Rücken,  zu  regelmäßigen  Sonntagssitzungen  bei  Palmerston;  die  Stille
des  englischen  Sabbats  kam  dem  Geheimnis  zu  statten.  Der  europäische
Kongreß,  zu  dem  man  Frankreich  förmlich  eingeladen  hatte,  verwandelte
sich  also  in  eine  geheime  Konferenz  der  vier.  Dies  hinterrückige,  allerdings
  durch  Frankreichs  Haltung  mitverschuldete  Verfahren  mußte  den
französischen  Stolz  tief  verletzen,  sobald  es  ruchbar  ward.  Die  Gefahr
eines  europäischen  Krieges  rückte  so  nahe,  daß  der  friedfertige  Minister  Werther
  schwer  erschrocken  dem  Gesandten  Bülow  sein  Befremden  aussprach  und
ihm  nochmals  einschärfte,  auf  jeden  Fall  der  Krone  Preußen  die  so  oft  ausbedungene
  Neutralität  vorzubehalten.)  Die  vier  einigten  sich  in  ihren
Sonntagssitzungen  über  die  Grundzüge  eines  Vertrags  zur  Rettung  des
Sultans,  aber  zum  förmlichen  Abschluß  gelangte  man  noch  immer  nicht,
weil  Palmerston  der  Zustimmung  seines  Kabinetts  nicht  sicher  war.  I)

Vergeblich  mahnte  Metternich  in  mehreren  Depeschen:  die  Türkei  könne
den  Zustand  der  Ungewißheit  nicht  länger  mehr  ertragen;  komme  man

*)  Maltzans  Bericht,  2.  Jan.  Metternich  an  Trauttmannsdorff,  7.  März  1840.

**)  Maltzans  Bericht,  3.  März  1840.

*7*)  Shekib  Paschas  identische  Noten  an  die  Gesandten  der  fünf  Mächte,  2.  Juni  1840.
f)  Bülows  Berichte,  3.  März  ff.  12.  Juni  1840.

s  Werther,  Weisung  an  Bülow,  16.  Juli  1840.

#s#0  Bülows  Berichte,  23.  30.  Juni  1840.
        <pb n="84" />
        76  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

zu  fünfen  nicht  weiter,  so  müsse  man  selbviert  vorschreiten.)  Die  dritte
Sonntagssitzung  mußte  verschoben  werden,  weil  die  britischen  Minister
noch  keinen  Beschluß  gefaßt  hatten.  „Wir  stehen  auf  Flugsand“  —  sagte
Bülow  traurig.  Guizot,  der  die  Gefahr  wohl  ahnte,  hielt  sie  doch  nicht
für  nahe  und  verbrachte  die  kostbare  Zeit  in  geistreicher  Unterhaltung
mit  seiner  plötzlich  eingetroffenen  russischen  Freundin,  der  Fürstin  Lieven.
Der  unschuldige  Teil  der  vornehmen  Gesellschaft  glaubte,  diese  feine  vielgewandte
  Diplomatin,  die  beredsame  Egeria  der  hohen  Politik  wollte  insgeheim
  für  den  Franzosen  arbeiten.  Wer  moskowitische  Verhältnisse  kannte,
mußte  leicht  erraten,  daß  sie  mit  Brunnow  in  Verbindung  stand  und  den
Auftrag  hatte,  jede  Annäherung  zwischen  Guizot  und  Palmerston  zu  verhindern.


Da  faßte  sich  Bülow  endlich  das  Herz  zu  einem  entscheidenden  Ratschlag.
  Im  Augenblicke  besaß  er  nicht  einmal  eine  gültige  Vollmacht,  da
mittlerweile  der  Thronwechsel  in  Berlin  eingetreten  war;  indes  wußte  er,
daß  der  neue  König  noch  friedlicher  dachte  als  der  alte,  und  sagte  zu
Neumann  im  Vertrauen:  weil  Preußen  an  Zwangsmaßregeln  gegen
Mehemed  Ali  niemals  teilnehmen  wird,  darum  fühle  ich  mich  nicht  verpflichtet,
  die  anderen  zurückzuhalten.  Durch  seinen  langen  Londoner  Aufenthalt
  und  die  enge  Freundschaft  mit  Palmerston  hatte  er  sich  in  englische
Anschauungen  tiefer  eingelebt,  als  einem  Preußen  geziemte;  er  betrachtete
den  Großtürken,  nach  der  britischen  Überlieferung,  als  heilig  und  hielt  daher
Frankreichs  orientalische  Politik,  die  doch  ihre  guten  Gründe  hatte,  schlechthin
  für  revolutionär.  Demzufolge  arbeitete  der  geistreiche  Staatsmann,
der  in  Petersburg  des  Liberalismus  verdächtigt  wurde,  arglos  der  russischen
  Politik  in  die  Hände;  er  half  ihr  die  Westmächte  zu  entzweien,
das  osmanische  Reich  in  einem  Zustande  hilfloser  Schwäche  vorläufig  zu
erhalten.  Des  ewigen  Zauderns  müde,  wollte  er  endlich  Taten  sehen.
Am  1.  Juli,  auf  einem  Lever  der  Königin  zog  ihn  Lord  Melbourne
abseits  und  fragte  ängstlich:  Was  raten  Sie  mir  in  der  ägyptischen
Sache?  Bülow  erwiderte:  Habt  Ihr  genügende  Streitkräfte  im  Mittelmeer?
  Auf  die  bejahende  Antwort  fuhr  er  lebhaft  fort:  Dann  seid
schnell  und  kühn!  Sendet  sofort  die  Flotte  vor  Alexandria,  werfet  die
Truppen  von  Malta  und  den  ionischen  Inseln  nach  Beirut  und  an
die  syrische  Küste,  vo  Mehemed  Ali  keinen  Angriff  erwartet.  Vorher
schließen  wir  hier  zu  vieren  den  Vertrag  mit  dem  türkischen  Gesandten
ab,  ohne  die  Ratifikationen  abzuwarten.  So  wird  Frankreich  überrascht
  und  doch  nicht  unmittelbar  beleidigt,  der  Pforte  aber  bleibt  die
gefährliche  russische  Hilfe  erspart.  But  1  say  again,  be  quick  and
bold!  —  Bülow  glaubte  ganz  sicher,  Frankreich  würde  den  ersten  Arger
bald  überwinden  und  schließlich  doch  genehmigen,  was  nicht  mehr  zu  än- 



*)  Metiernich  an  Neumann,  24.  27.  Juni  1840.
        <pb n="85" />
        Londoner  Vertrag  v.  15.  Juli  1840.  77

dern  sei.  Das  alles  sagte  er,  wie  er  selbst  gestand,  unbeauftragt  und
unvorbereitet.)

So  geschah  das  Seltsame:  die  friedfertigste  aller  Großmächte,  die  im
Oriente  gar  kein  eigenes  Interesse  zu  wahren  hatte,  gab  jetzt  durch  den
Mund  ihres  Gesandten  selber  den  verhängnisvollen  Rat,  welcher  unfehlbar
  einen  Waffengang  im  Mittelmeer,  vielleicht  sogar  einen  europäischen
Krieg  heraufbeschwören  mußte.  Palmerston  atmete  auf.  Der  Gedanke,
daß  man  ohne  Rußlands  Waffenhilfe,  ohne  offenbare  Kränkung  Frankreichs
  zum  Ziele  gelangen  könne,  leuchtete  seinen  ängstlichen  Amtsgenossen
ein.  Schon  am  8.  Juli  konnte  er  den  Vertretern  der  Ostmächte  mitteilen,
  daß  er  die  Mehrheit  im  Kabinett  gewonnen  und  dem  türkischen
Gesandten  versprochen  habe,  England  werde  den  Sultan  mit  den  Waffen
unterstützen.*)  Für  die  Vorbereitung  des  Kampfes  hatte  Englands  punische
  Treue  bereits  gesorgt.  Britische  Agenten  bereisten  als  Kaufleute
verkleidet  mit  wohlgefüllten  Beuteln  die  syrischen  Gebirge  und  hetzten  das
Volk  wider  den  gestrengen  Pascha  auf  —  eine  offenkundige  Tatsache,
welche  Palmerston  späterhin  mit  gewohnter  Dreistigkeit  in  Abrede  stellte.
Schon  im  Juli  stand  der  ganze  Libanon  in  Waffen.  Nachher  ließ  auch
Metternich,  wie  er  dem  Grafen  Maltzan  selbst  erzählte,  einen  Sendboten
zu  den  Maroniten  abgehen,  um  ihnen  Freiheit  des  christlichen  Glaubens,
Sicherheit  von  Hab  und  Leben  zu  verbürgen,  falls  sie  für  den  Sultan
gegen  den  rebellischen  Pascha  kämpften.  *"*)  Wenn  Mehemed  also  zugleich
durch  die  Aufständischen  im  Lande,  durch  die  britische  Flotte  an  der  Küste
bedrängt  wurde,  dann  mußte  seine  Macht  in  Syrien  rasch  zusammenbrechen.
  Frohen  Mutes  schritten  die  vier  Mächte  zum  Abschluß.  Die
Konferenzen  drängten  sich  in  rascher  Folge,  jetzt  auch  an  den  Wochentagen.
Bülow  empfing  von  allen  Seiten  Glückwünsche  wegen  seines  klugen  Rates
und  wiederholte  mit  Selbstgefühl  die  Worte:  Be  quick  and  bold!  Man
dachte,  sobald  man  fertig  sei,  den  Pariser  Hof  um  nachträgliche  Zustimmung
oder  doch  um  mittelbaren  Beistand  zu  bitten.y)  Der  Österreicher  Neumann
  versprach  sofort,  österreichische  Kriegsschiffe  sollten  mit  den  britischen
zusammenwirken.  Brunnow  war  die  Liebenswürdigkeit  selbst;  denn  der
Petersburger  Hof  hatte  begreiflicherweise  nichts  dawider,  wenn  die  befreundeten
  Mächte  auf  ihre  Kosten  seine  Geschäfte  führen  wollten.

Am  15.  Juli  unterzeichneten  die  Gesandten  der  vier  Mächte  mit
Shekib  Pascha  einen  Vertrag,  der  nachher  in  der  Presse  den  etwas  über-*)

  Dieser  merkwürdige  Vorfall  ist  schon  i.  J.  1849  in  den  „Politischen  Briefen  und
Charakteristiken  aus  der  deutschen  Gegenwart“  (von  Usedom)  S.  270  ziemlich  genau
erzählt,  aber  noch  von  keinem  Historiker  beachtet  worden.  Usedoms  Mitteilungen  werden
bestätigt  und  ergänzt  durch  Bülows  Bericht  v.  3.  Juli  und  Bülows  Schreiben  an
Maltzan  v.  9.  Juli  1840.

*“)  Bülows  Bericht,  10.  Juli  1840.
*7)  Maltzans  Bericht,  7.  Sept.  1840.
)  Bülows  Bericht,  14.  Juli  1840.
        <pb n="86" />
        78  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

schwenglichen  Beinamen  des  Londoner  Quadrupel-Allianz-Vertrags  erhielt.
Der  Sultan  versprach,  dem  Pascha  die  erbliche  Verwaltung  Agyptens
und  für  Lebenszeit  das  Paschalik  Akkon  zu  überlassen;  die  vier  Mächte
verpflichteten  sich,  Mehemed  Ali  gemeinsam  zur  Annahme  zu  bewegen,  und
„behielten  sich  vor,  zu  diesem  Zwecke  zusammenzuwirken  nach  dem  Maße  der
Machtmittel  (moyens  d'action),  worüber  jede  von  ihnen  verfügen  kann.“
Diese  letzte  Klausel  hatte  Bülow  durchgesetzt,  um  nötigenfalls  erklären  zu
können,  daß  Preußen  gegen  den  Agypter  überhaupt  keine  moyens  d'action,
außer  der  moralischen  Unterstützung,  besitze.  Zunächst  dachten  England  und
Osterreich  mit  ihren  Flotten  einzuschreiten;  rückten  die  Agypter  durch
Kleinasien  vor,  dann  wollten  die  vier  Mächte  sich  noch  verabreden  wegen
gemeinsamer  Sicherung  Konstantinopels  zu  Lande  und  zur  See.  In  Zukunft
  aber  sollten  beide  Meerengen,  Bosporus  und  Dardanellen,  zu
Friedenszeiten  allen  Nationen  verschlossen  bleiben.  Damit  gab  der  Zar
den  Vertrag  von  Hunkiar-Iskelessi  auf.  Dieser  großmütige  Verzicht  bedeutete
  freilich  wenig;  denn  der  Vertrag  ging  ohnehin  zu  Ende,  Rußland
aber  blieb  auch  jetzt  noch  der  Beherrscher  des  Pontus  und,  nach  seiner
geographischen  Stellung,  der  nächstberufene  Beschützer  Stambuls.  Da
Gefahr  im  Verzuge  war,  so  nahmen  die  Gesandten,  wie  Bülow  geraten
hatte,  alles  auf  ihren  Kopf  und  verabredeten,  ohne  die  Ratifikation  abzuwarten,
  die  sofortige  Absendung  der  englisch-österreichischen  Flotte.
In  Berlin  erregten  diese  Nachrichten  zugleich  Freude  und  Besorgnis.
Unzweifelhaft  hatte  Bülow  seine  Instruktionen  eigenmächtig  übertreten,  obgleich
  er  allerdings  im  Augenblicke  des  Abschlusses  die  beiden  neuesten  Weisungen
  noch  nicht  besaß,  welche  ihm  ausdrücklich  anbefahlen,  einen  Vierer-Vertrag
  nicht  eher  zu  unterzeichnen,  als  bis  die  drei  anderen  Mächte  die
Neutralität  Preußens  für  den  Kriegsfall  förmlich  anerkannt  hätten.“)
Dem  preußischen  Hofe  standen  jetzt  zwei  Wege  offen.  Er  mußte  entweder
den  ungehorsamen  Gesandten  abrufen  und  die  Ratifikation  verweigern
oder,  wenn  er  das  Geschehene  billigte,  den  Vertrag  kurzweg  genehmigen
und  dessen  gefährliche  Folgen  mutig  auf  sich  nehmen.  Einem  stolzen
Staate  stand  es  wahrlich  übel  an,  zuerst  die  anderen  Mächte  zu  kühnen
Taten  zu  ermuntern  und  dann  sich  selber  für  neutral  zu  erklären.  Gleichwohl
  glaubte  der  neue  König  diesen  dritten  Weg  gehen  zu  können.  Schon
bei  dieser  ersten  an  ihn  herantretenden  großen  Aufgabe  europäischer  Politik
zeigte  sich  seine  verhängnisvolle  Vorliebe  für  unhaltbare  diplomatische  Stellungen,
  für  alles,  was  vom  schlichten  Menschenverstande  abwich.  Er  wollte
Bülows  eigenmächtige  Schritte  billigen;  denn  er  hielt  es  für  seine  königliche
  Pflicht,  den  legitimen  Sultan  im  Kampfe  gegen  den  revolutionären
Agypter  zu  unterstützen,  und  mit  Freuden  begrüßte  er  die  Versöhnung
seines  geliebten  Englands  mit  den  Ostmächten.  Bei  dieser  diplomatischen

 

*)  Werther,  Weisungen  an  Bülow,  16.  18.  Juli  1840.
        <pb n="87" />
        Preußens  Vorbehalt.  79

Wendung  wurden  ihm  alle  die  teuren  Erinnerungen  des  Befreiungskrieges
  wieder  lebendig.  „Wir  dürfen“,  so  ließ  er  nach  Wien  schreiben,
„den  ersten  Vertrag  nicht  abschwächen,  durch  welchen  das  britische  Kabinett
sich  offen  von  Frankreich  getrennt  und  seinen  Platz  unter  den  konservativen
Mächten  wieder  eingenommen  hat.““*)  Andererseits  sah  er  wohl  ein,  daß
Preußen  die  schwerste  Last  würde  tragen  müssen,  falls  ein  allgemeiner
Krieg  ausbräche.  Um  dies  Unheil  von  seinem  Lande  abzuwenden,  ließ  er
allen  Mächten  bestimmt  erklären,  er  halte  fest  an  der  friedlichen  Politik
seines  Vaters.  Die  Klausel,  welche  Bülow  dem  Vertrag  eingefügt,  genügte
  ihm  nicht;  er  verlangte  vielmehr,  daß  seinem  Staate  die  Neutralität
feierlich  verbürgt  werden  müsse)

Mit  erklärlicher  Verwunderung  nahmen  die  drei  befreundeten  Mächte
diese  Mitteilungen  entgegen.  Palmerston  meinte  kurzweg,  alle  vier  Mächte
seien  vertragsmäßig  verpflichtet,  nach  dem  Maße  ihrer  Machtmittel  zusammenzuwirken,
  und  ließ  in  Berlin  anfragen,  was  demnach  Preußen  für
die  gemeinsame  Sache  zu  tun  gedenke."*“)  Nesselrode  sagte  dem  preußischen
  Gesandten  Liebermann,  der  ihm  im  stillen  nicht  unrecht  geben
konnte,  hoch  entrüstet:  das  sei  doch  unerhört,  daß  Frankreichs  zunächst
bedrohter  Nachbarstaat,  nachdem  er  sich  dem  Vierbunde  angeschlossen,  noch
neutral  bleiben  wolle;  und  der  Zar  warnte  freundschaftlich,  solche  Vorbehalte
  erregten  in  England  Geringschätzung.#p)  Selbst  Metternich  konnte
nicht  umhin,  im  August  bei  der  Pillnitzer  Zusammenkunft  dem  Könige
vorzustellen:  eine  förmliche  Erklärung  der  Neutralität  erwecke  das  Mißtrauen
  Englands,  „das  wir  soeben  zu  unserem  Banner  bekehrt  haben“;
Thiers  aber  würde  darin  ein  Zeichen  der  Schwäche  des  Vierbundes
sehen.)  So  geschah  es  auch;  denn  kaum  hatte  der  französische  Minister
etwas  erfahren,  so  sagte  er  erleichtert:  also  nicht  ein  Vierbund,  nur  ein
Dreibund  steht  uns  gegenüber  !  #)  Mehrere  Wochen  hindurch  währten
diese  geheimen  Verhandlungen;  sie  erweckten  bei  allen  Höfen  den  Eindruck,
daß  Preußens  Diplomatie  unter  dem  bescheidenen  alten  Regiment  doch
weit  verständiger  und  fester  geleitet  worden  war  als  unter  dem  prunkhaften
neuen.  Endlich  ward  ein  Vermittlungsantrag  Metternichs  angenommen
und  am  14.  August  von  den  vier  Mächten  ein  geheimes  Protokoll
unterzeichnet,  kraft  dessen  Preußen  sich  für  den  Fall  eines  Krieges  „vollkommene
  Freiheit  des  Handelns  und  namentlich  das  Recht  der  strengsten
Neutralität  vorbehielt.  J)  Nun  erst  ratifizierte  Preußen  den  Vertrag.

*)  Werther,  Weisung  an  Maltzan,  24.  Juli  1840.

**)  Werthers  Bericht  an  den  König,  22.  Juli;  Weisung  an  Bülow,  4.  Aug.  1840.
*FF)  Werthers  Bericht  an  den  König,  28.  Juli  1840.

#)  Liebermanns  Berichte,  26.  29.  Sept.  1840.

f)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Werther,  Pillnitz  12.  Aug.  1840.
fü  0)  Maltzans  Bericht,  26.  Aug.  1840.  ·
«f)GeheimesProtokolldervierMächte,London14.Aug.;nebstBriefenvonPalmerston,

  Neumann,  Brunnow  an  Bülow,  14.  Aug.  1840.
        <pb n="88" />
        —  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Das  Protokoll  sagte  in  seiner  dehnbaren  Fassung  sehr  wenig;  denn  führte
der  Londoner  Vertrag  zu  einem  europäischen  Kriege,  so  konnte  Preußen  sich
dem  Streite  unmöglich  entziehen.  Unvergeßlich  aber  blieb  die  traurige  Erfahrung,
  daß  der  Staat,  der  die  verwegensten  Ratschläge  gab,  sich  im
Handeln  unter  allen  am  kleinmütigsten  zeigte.  —

 

Durch  den  Juli-Vertrag  wurde  der  ägyptische  Streit  zu  einer  europäischen
  Frage,  und  mit  einem  Male  sah  sich  Preußen,  dem  diese  orientalischen
  Händel  so  fern  lagen,  in  die  vorderste  Reihe  der  Streitenden
geschoben.  Mit  der  einzigen  Ausnahme  Rußlands  beabsichtigte  keine  der
vier  Mächte  den  französischen  Stolz  irgend  zu  kränken.  Sie  alle  meinten,
ihr  eigenmächtiges  Verfahren  sei  durch  die  beständig  ausweichende,  zuwartende
  Haltung  der  französischen  Diplomatie  vollauf  gerechtfertigt;  hatte
doch  Guizot  in  den  letzten  Tagen,  als  Palmerston  ihn  fragte,  ob  Frankreich
  nicht  mindestens  die  gänzliche  Losreißung  Agyptens  verhindern  wolle,
nur  achselzuckend  geantwortet:  alors  comme  alors!  7)  Sie  alle  glaubten,
wie  Bülow  sagte,  Thiers  würde  gute  Miene  zum  bösen  Spiele  machen,  mit
Anstand  zurückweichen  und  sich  wohl  hüten,  im  Bunde  mit  dem  ägyptischen
Rebellen  der  offenbaren  Übermacht  zu  trotzen.“)  An  dem  nämlichen  Tage,
da  der  Vertrag  unterzeichnet  wurde,  schrieb  Palmerston  mit  ungewohnter
Höflichkeit  an  Guizot:  die  vier  Mächte  hätten  sich  nur  mit  tiefem  Bedauern,
nur  um  doch  etwas  zu  stande  zu  bringen,  von  Frankreich  getrennt;  sie  hofften,
  diese  Trennung  würde  nur  von  kurzer  Dauer  sein  und  den  Gefühlen
aufrichtiger  Freundschaft  keinen  Eintrag  tunz  sie  hofften  sogar,  Frankreich
  würde  seinen  großen  Einfluß  in  Alexandria  benutzen,  um  ihnen  seinen
moralischen  Beistand  zu  leihen  und  Mehemed  Ali  zur  Nachgiebigkeit  zu
bewegen.*57)  Noch  friedfertiger  redete  Preußen.  Bülow  schrieb  nach  Paris:
„wir  mußten  uns  der  Form  nach  von  Frankreich  trennen,  hoffen  aber  in
der  Sache  selbst  auf  dessen  hilfreiche  Mitwirkung;“  und  Minister  Werther
schlug  vor,  man  möge  den  Tuilerienhof  noch  vor  der  Ratifikation  des
Vertrags  zum  Beitritt  einladen,  damit  jeder  Schein  eines  Zerwürfnisses
vermieden  würde.f)  Der  österreichische  Staatskanzler  hegte  allerdings
einen  tiefen  Haß  gegen  Thiers,  „die  wahre  Verkörperung  der  Revolution
von  1830.“  In  seinen  vertrauten  Briefen  schalt  er  maßlos  auf  „diese
in  jeder  Hinsicht  elende  Persönlichkeit“,  die  alle  schlechten  Leidenschaften
der  Franzosen  wachrufe  und  wie  ein  Trinker  sich  nur  durch  Branntwein
stärken  könne.  Er  sagte  mit  boshaftem  Wortspiele:  dieser  Nichtswürdige
wolle  der  Napoleon  der  Juli-Revolution  werden  und  sie  wie  ein  Tertian= 



*)  Palmerston,  Memorandum  über  seine  Gespräche  mit  Guizot,  18—20.  Juli  1840.
*r)  Bülow  an  Maltzan,  9.  Juli  1840.
**)  Palmerston  an  Guizot,  15.  Juli;  Bülows  Bericht  31.  Juli  1840.

1)  Bülow  an  Arnim,  21.  Juli;  Werther  an  Bülow,  4.  Aug.  1840.
        <pb n="89" />
        Kriegsrufe  der  Franzosen.  81

fieber  wiederkehren  lassen  (il  veut  la  faire  tourner  en  Thiers).“)  Aber
den  Krieg  gegen  Frankreich  wünschte  auch  er  keineswegs.

Wie  wenig  ahnte  die  Diplomatie  in  ihren  feinen  Berechnungen  von
der  elementarischen  Macht  des  französischen  Nationalstolzes.  Schon  längst
empfanden  die  Franzosen  mit  gerechtem  Unmut,  daß  ihr  Land  seit  der
Juli-Revolution  in  Europa  weniger  galt  als  unter  den  Bourbonen,  ihr
Bürgerkönig  sich  würdelos  um  die  Gunst  der  Ostmächte  bewarb.  Die
Nation  begann  der  Herrschaft  des  Großkapitals  müde  zu  werden;  Lamar—
tine  sprach  nur  das  Herzensgeheimnis  der  großen  Mehrzahl  seiner  Lands—
leute  aus,  als  er  sagte:  la  France  s'ennuie.  Und  nun  ward  der  Liebling
der  Franzosen,  der  aufgeklärte,  von  der  Pariser  Presse  vergötterte  Refor—
mator  des  Orients  durch  einen  offenbar  ungerechten  Schiedsspruch  Eu—
ropas,  ohne  Frankreichs  Vorwissen,  verurteilt,  durch  ein  hinterhaltiges
Verfahren,  das  noch  tiefer  verletzen  mußte  als  ein  offener  Bruch.  Als
die  Nachrichten  aus  London  allmählich  bekannt  wurden,  bemächtigte  sich
der  Nation  eine  furchtbare  Aufregung,  die  allen  Höfen  ganz  uner—
wartet  kam;  nur  das  Petersburger  Kabinett  hatte  mit  dem  Scharfblicke
des  Hasses  alles  vorausgesehen.  Die  Franzosen  wähnten  wieder,  von
einer  Koalition  bedroht  zu  sein;  nach  ihrer  nationalen  überlieferung,
die  in  Thiers'  Geschichtswerken  einen  so  beredten  Ausdruck  fand,  waren  ja
die  Kriege  des  napoleonischen  Zeitalters  allesamt  nicht  durch  Frankreich
verschuldet  worden,  sondern  durch  die  Herrschsucht  der  europäischen  Koalitionen.
  Da  sie  sich  zur  See  den  Briten  nicht  gewachsen  fühlten,  zu
Lande  aber  den  Sieg  erhofften,  so  erklang  durch  das  Land  lauter  und
lauter  der  Ruf:  An  den  Rhein,  an  den  Rhein!  Mit  einem  Male  erfuhr
Europa,  daß  Frankreich  in  einem  Vierteljahrhundert  noch  immer  nicht  gelernt
  hatte,  den  Eintagsbau  des  napoleonischen  Weltreichs  als  unwiederbringlich
  verloren  anzuerkennen.

Thiers  selbst  sprach  anfangs  noch  mit  Mäßigung,  da  er  weder  an  die
Ausführung  der  geplanten  Zwangsmaßregeln  des  Vierbundes  noch  an  eine
mögliche  Niederlage  Mehemed  Alis  glaubte.  Er  verhehlte  den  Mächten
nicht,  daß  er  den  Frieden  für  gefährdet  halte,  mißbilligte  offen  die  Feindseligkeit
  wider  den  Agypter  und  behielt  sich  weiteres  vor.“)  Doch  war
er  zu  sehr  Franzose,  um  der  nationalen  Stimmung  auf  die  Dauer  zu  widerstehen.
  Die  öffentliche  Meinung  erhitzte  sich  von  Tag  zu  Tage.  Da  die
englische  Presse  einen  unleidlich  anmaßenden  Ton  anschlug  und  kurzweg  die
Unterwerfung  Frankreichs  unter  die  Befehle  des  Vierbundes  forderte,  so
antworteten  die  Pariser  Zeitungen  mit  revolutionären  Drohungen,  und  selbst
der  Herzog  von  Broglie,  der  friedfertige  Doktrinär  meinte,  jetzt  müsse

 

*)  Metternich  an  Werther,  5.  Aug.  1840.
*)  Arnims  Bericht  23.  Juli;  Thiers'  Denkschrift  zur  Antwort  auf  Palmerstons
Schreiben,  15.  Juli  1840.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  6
        <pb n="90" />
        82  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

der  Krieg  der  Propaganda  von  neuem  beginnen.  Schon  am  5.  August
sah  sich  Thiers  genötigt,  durch  königliche  Ordonnanz  einen  außerordentlichen
  Kredit  von  56  Mill.  Fr.  zu  verlangen;  bald  darauf  folgten  neue
Anleihen  und  Truppenaushebungen,  alles  trieb  dem  Kampfe  zu.

Mit  steigender  Angst  betrachtete  Ludwig  Philipp  dies  kriegerische
Treiben  seines  verhaßten  Ministers.  Auch  er  hatte  Augenblicke,  da  er
die  beschämende  Stellung  seines  Landes  bitter  empfand  und  zornig  sagte,
er  würde  wohl  die  rote  Mütze  aufsetzen  müssen.  Indes  solche  Wallungen
gingen  rasch  vorüber.  Der  kluge  Kaufmann  wußte  wohl,  daß  seine  illegitime
  Dynastie  einen  siegreichen  Feldherrn  ebenso  wenig  ertragen  konnte
wie  eine  Niederlage.  Der  Ruf  nach  der  Rheingrenze  ließ  ihn  kalt,  und  wie
ein  Axiom  wiederholte  er  den  Satz:  wer  den  allgemeinen  Krieg  anfängt,
unterliegt  unfehlbar.  Er  wünschte  den  Frieden  um  jeden  Preis  und  sagte
schon  in  den  ersten  Tagen  zu  dem  österreichischen  Botschafter:  lieber  wolle
er  sein  Ministerium  zerschmettern,  als  seine  friedlichen  Bahnen  verlassen.
Ihm  graute  vor  dem  Radikalismus,  der  unausbleiblich  durch  den  Krieg
emporkommen  müsse;  er  wollte  gar  nicht  begreifen,  wie  man  seine  harmlosen
  Absichten  so  sehr  verkennen,  wie  man  ihn  der  Gefahr  aussetzen  könne
von  der  Revolution  überflutet  zu  werden,  und  beschwor  den  jüngeren
Werther,  als  den  Vertreter  der  friedfertigsten  Großmacht,  für  eine  Verständigung
  zu  wirken:  Europa  sitzt  auf  einem  Pulverfasse,  solange  Frankreich
  vereinsamt  dasteht!)  Eben  in  diesen  schwülen  Wochen  landete
Prinz  Ludwig  Napoleon  mit  einer  Handvoll  Getreuer  bei  Boulogne  und
wagte  einen  zweiten  Aufstandsversuch.  Das  Unternehmen  scheiterte  sofort,
der  kühne  Abenteurer  schien  dem  Fluche  der  Lächerlichkeit  zu  verfallen.
Dem  Könige  aber  war  übel  zu  Mute;  er  ahnte,  wie  leicht  sein  geraubter
Thron  einem  andern  Räuber  anheimfallen  konnte.

Die  beiden  deutschen  Großmächte  versäumten  nicht,  den  Bürgerkönig
in  seinen  löblichen  Ansichten  zu  bestärken.  Friedrich  Wilhelm  ließ  —
nicht  ohne  die  halb  unbewußte  Selbsttäuschung  rhetorischer  Überschwenglichkeit
  —  inbrünstig  versichern,  seine  persönlichen  Gefühle  für  Ludwig
Philipp  seien  ebenso  unwandelbar  wie  seine  Freundschaft  für  Frankreich.
Metternich  aber  hielt  für  geraten,  dem  ängstlichen  Orleans  das  Schreckgespenst
  der  Revolution  vorzuhalten:  wolle  Thiers  den  Krieg,  so  müsse  er
die  Politik  des  Konvents  treiben,  seinen  eigenen  König  entthronen  und
Mehemed  Ali  auf  den  Herrschersitz  der  Sultane  erheben.)

Mit  diesen  Friedensmahnungen  der  deutschen  Mächte  stimmte  die
Haltung  Rußlands  und  Englands  wenig  überein.  Zar  Nikolaus  behauptete
  in  Stambul,  wie  einst  seine  Großmutter  in  Warschau,  eine

 

*)  Werther  d.  J.,  Berichte  aus  Paris,  26.  Juli,  26.  Aug.  1840.
*“)  Minister  Werther,  vertrauliche  Weisung  an  Werther  d.  J.,  8.  Aug.  Metternich,
vertrauliche  Weisung  an  Apponyi,  4.  Aug.  1840.
        <pb n="91" />
        Rußland  und  England  gegen  Frankreich.  83

wohlwollende  Schutzherrschaft.  Er  traute  sich's  zu,  diese  Stellung,  trotz
einiger  kleinen  Zugeständnisse  an  die  anderen  Mächte,  auch  fernerhin  auf—
rechtzuhalten  und  also  den  türkischen,  wie  vormals  den  polnischen  Schützling
  langsam  für  die  Vernichtung  vorzubereiten.  Das  Schicksal  Syriens
kümmerte  ihn  wenig;  für  jetzt  verfolgte  er  nur  den  einen  Zweck,  die  beiden
Westmächte  gründlich  und  für  immer  zu  entzweien.  Darum  hatte  sich
Brunnow,  wie  man  in  Berlin  wohl  bemerkte,  während  der  letzten  Wochen
bescheiden  zurückgehalten;  er  sah  voraus,  daß  England  und  Frankreich
sich  doch  nicht  einigen  würden.  Jetzt  aber,  nachdem  der  Vierbund  geschlossen
  war,  trat  der  sanfte  Mann  wieder  hervor  und  führte  plötzlich
eine  sehr  herausfordernde  Sprache  gegen  den  Tuilerienhof.  Der  Zar
sprach  nunmehr  offen  aus,  die  Vereinsamung  und  Demütigung  des  revolutionären
  Frankreichs  sei  sein  Ziel.  Nesselrode  erklärte  hochmütig:
wenn  Frankreich  sich  jetzt  noch  erbieten  sollte,  mit  den  vier  Mächten  gemeinsam
  zur  Verteidigung  Konstantinopels  mitzuwirken,  so  müsse  man
dies  Unterfangen  als  ein  feindliches  Unternehmen  abweisen;  ja  er  forderte
den  Sultan  im  voraus  aufß,  jeden  solchen  Versuch  der  französischen  Flotte
mit  den  Waffen  zurückzuweisen.)  Einige  Wochen  darauf  enthüllte  er
der  Wiener  Hofburg  ganz  unzweideutig  den  leitenden  Gedanken  der  russischen
  Politik;  er  schrieb:  „die  gegenwärtigen  Meinungsverschiedenheiten
der  beiden  konstitutionellen  Mächte  dürfen  nicht  so  vollständig  ausgeglichen
werden,  daß  wir  Gefahr  liefen,  sie  von  neuem  gegen  die  monarchischen
Interessen  verbündet  zu  sehen.““")

Während  Rußland  also  an  der  Zerstörung  der  entente  cordiale
arbeitete,  dachte  Palmerston  nur  an  Englands  mediterranische  Herrschaft.
Ungestüm,  wie  er  war,  fühlte  er  sich  durch  Frankreichs  Widerspruch,  den
er  schon  in  den  spanischen  Händeln  so  unliebsam  empfunden  hatte,  tief
verstimmt.  Seine  Sprache  ward  immer  heftiger;  er  wollte  Frankreich
einschüchtern,  der  Zorn  erweckte  ihm  eine  blinde  Hartnäckigkeit.  „Die
Absichten  der  vier  Mächte“,  schrieb  er  kurzweg  nach  Paris,  „sind  uneigennützig
  und  gerecht“  —  eine  Behauptung,  die  den  Franzosen  wie  Hohn
klingen  mußte,  da  so  große  englische  Handelsinteressen  auf  dem  Spiele
standen.  **“)  In  solcher  Stimmung  hörte  Palmerston  williger  als  sonst  auf
die  Ratschläge  Lord  Ponsonbys,  der  stürmisch  die  Vernichtung  des  Agypters
  forderte.

Mehemed  Aliverhandeltemittlerweile  mit  zwei  Abgesandten  von  Thiers,
erst  mit  einem  Sohne  Casimir  Periers,  dann  mit  einem  Sohne  Napoleons,
dem  Grafen  Walewski,  der  damals  dem  Geschichtschreiber  des  Kaiserreichs
sehr  nahe  stand,  und  erbot  sich  schließlich,  einen  guten  Teil  seines  Be-*)

  Westphalens  Bericht,  Petersburg  7.  Aug.  Nesselrode,  Weisung  an  Meyendorff
in  Berlin,  27.  Juli,  an  Titow  in  Konstantinopel,  20.  Juli  1840.
**)  Nesselrode,  Weisung  an  Tatistschew  in  Wien,  10.  Sept.  1840.
*7)  Palmerston  an  Bulwer,  31.  Aug.  1840.

 

67
        <pb n="92" />
        84  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

sitzes,  Kreta,  das  wichtige  Grenzland  Adana  sowie  die  heiligen  Stätten
Mekka  und  Medina  dem  Sultan  auszuliefern,  wenn  ihm  dafür  Agypten
erblich,  Syrien  auf  Lebenszeit  zur  Verwaltung  überlassen  würde.  Diese
Anerbietungen  klangen  aus  dem  Munde  des  Siegers  von  Nisib  nicht
unbillig;  der  preußische  Hof  selbst  fand  sie  befriedigend,  doch  den  anderen
Mächten  genügten  sie  nicht,  am  wenigsten  der  Pforte.“)  Seit  der  Sultan
an  dem  Vierbunde  wieder  einen  Rückhalt  besaß,  flammte  der  alte  Haß
der  Osmanen  wider  den  Agypter  mächtig  auf,  und  im  September  wurde
Mehemed  Ali,  auf  Lord  Ponsonbys  Andrängen,  durch  einen  Ferman
des  Großherrn  abgesetzt,  obgleich  der  Diwan  versprochen  hatte,  nicht
einseitig  ohne  den  Beirat  Europas  vorzugehen.  Eine  solche  Gewalttat
konnten  die  vier  Mächte  unmöglich  billigen;  sie  mußte  ebenso  erfolglos
bleiben,  wie  die  Acht,  welche  Sultan  Machmud  vor  acht  Jahren  über  den
ägyptischen  Vasallen  verhängt  hatte.  Immerhin  bewies  sie,  daß  der  Streit
der  beiden  orientalischen  Herrscher  nicht  ohne  Waffengewalt  zu  schlichten
war.  Die  Gefahr  des  allgemeinen  Krieges  rückte  näher.

Wunderbar  stark  und  von  nachhaltigem  Segen  war  die  Rückwirkung
dieser  Ereignisse  auf  das  deutsche  Volksleben.  Die  Deutschen  hatten  von
den  verwickelten  Londoner  Unterhandlungen  nur  wenig  erfahren  und  an
die  Möglichkeit  eines  europäischen  Krieges  kaum  gedacht.  Es  traf  sie  wie
ein  Blitz  vom  hellen  Himmel,  als  plötzlich  bei  der  Einweihung  der  Juli-Säule
  auf  dem  Bastilleplatze  die  Marseillaise,  diesmal  in  drohendem  Ernst,
erklang  und  alle  französischen  Blätter  den  Feldzug  an  den  Rhein  forderten.
Daß  Frankreich  wegen  einiger  syrischen  Paschaliks  die  deutsche  Westmark
bedrohen  wollte,  erschien  allen  als  ein  Beweis  rasenden  Übermuts,  und
sofort  antwortete  dem  gallischen  Kriegsgeschrei  aus  allen  Gauen  Deutschlands
  der  alte  Schlachtruf  der  Germanen:  her,  her!  Deutschland  war
einig  in  dem  Entschlusse,  sein  altes  so  glorreich  wiedergewonnenes  Erbteil
  ritterlich  zu  behaupten.  Die  welschen  Ideale  des  vergangenen  Jahrzehnts
  schienen  wie  weggeblasen,  die  Heldengestalten  von  Dennewitz  und
Leipzig  traten  den  Deutschen  wieder  leuchtend  vor  die  Augen;  auch  die
ästhetische  Begeisterung  für  das  schöne  Rheinland  wirkte  mit,  die  sich  während
  der  jüngsten  Jahre  durch  die  Bilder  der  Düsseldorfer  und  die  Lieder
der  letzten  Romantiker  in  weiten  Kreisen  verbreitet  hatte.  In  jedem  anderen
  Volke  hätte  sich  ein  solcher  Entschluß  von  selbst  verstanden;  den
Deutschen  aber  traute  das  Ausland  nationalen  Stolz  nicht  zu,  und  ungeheuer
  war  der  Eindruck,  als  hier  plötzlich,  ganz  frei  und  naturwüchsig,
an  hundert  Stellen  zugleich  der  Volkszorn  seine  mächtige  Stimme  erhob.
Man  fühlte  überall:  diese  Empfindung  war  tiefer,  mächtiger  als  die
Kriegsbegeisterung  der  Franzosen,  die  freilich  auch  aus  dem  Herzen  kam,

 

*)  Thiers,  Weisung  an  Bresson  in  Berlin,  27.  Sept.  Minister  Werther,  Bericht
an  den  König,  23.  Sept.  1840.
        <pb n="93" />
        Deutsche  Kriegsbegeisterung.  85

aber  von  der  Pariser  Presse  künstlich  gefördert  und  geleitet  wurde.  Sogar
die  allezeit  streitlustigen  Elsasser  erschraken;  die  Straßburger  Zeitungen
sagten  kleinmütig,  auf  das  preußische  Rheinland  müsse  Frankreich  wohl
für  immer  verzichten,  nur  die  Pfalz  sei  noch  zu  gewinnen.

Sofort  stand  außer  Zweifel,  daß  die  Deutschen  diesen  Krieg,  wenn
er  kam,  sogar  noch  einträchtiger  führen  würden  als  den  Feldzug  von
Belle  Alliance;  denn  gerade  in  den  Landschaften,  welche  bisher  für  fran—
zösische  Ideen  eine  besondere  Vorliebe  gezeigt  hatten,  flammte  das  kriege—
rische  Feuer  am  hellsten.  Wie  oft  hatten  die  preußischen  Rheinländer
beim  Schoppen  über  den  Ehrenbreitstein  und  die  anderen  „Zwing-Uris“
ihres  Königs  gespottet;  jetzt  fühlten  sie  alle  dankbar,  daß  sie  hinter  diesen
Bollwerken  deutscher  Freiheit  so  wohlgeborgen  saßen.  Den  Süddeutschen
aber  fiel  es  schwer  aufs  Herz,  wie  gröblich  ihre  Regierungen  und  Land—
tage  sich  durch  falsche  Sparsamkeit  an  dem  großen  Vaterlande  versündigt
hatten;  sie  sahen  sich  wehrlos  und  alle  wendeten  ihre  Blicke  hilfesuchend
auf  den  neuen  König  von  Preußen.  Recht  aus  dem  Herzen  der  verstän—
digen  Süddeutschen  heraus  sagte  Nebenius  in  einer  anonymen  Flugschrift
über  „das  südwestliche  Deutschland  und  seine  Stimmungen“:  unser  Süden
bedürfe  vor  allem  einer  Landwehr  nach  preußischem  Muster,  damit  er
sich  endlich  aus  eigner  Kraft  zu  verteidigen  lerne.  Auch  die  bayrische
Pfalz,  vor  acht  Jahren  noch  die  Heimstätte  des  wüsten  Radikalismus,
hielt  sich  so  musterhaft,  daß  der  Regierungspräsident  Fürst  Wrede  den
Pfälzern  mit  vollem  Rechte  sagen  konnte,  ihr  Nationalsinn  hätte  ihn  „mit
wahrer  Bewunderung  erfüllt“.)  Die  tollen  Reden  des  Hambacher  Festes
waren  ja  doch  nur  der  unbestimmten  Sehnsucht  nach  einem  großen  Vaterlande
  entsprungen;  seitdem  hatte  die  Langeweile  des  Bourgeois-Regiments
die  französischen  Sympathien  sehr  abgekühlt,  die  unwiderstehliche  Interessengemeinschaft
  des  Zollvereins  das  deutsche  Nationalgefühl  mächtig
gefördert;  und  sobald  Not  an  Mann  kam,  zeigte  sich  sogleich,  daß  der
Pfälzer  ebenso  gut  ein  Deutscher  war  wie  der  Märker  oder  der  Pommer.
In  schönem  Einmut  hielten  alle  Stämme  zusammen;  höchstens  im  Königreich
  Sachsen  und  den  anderen  Kleinstaaten  des  Ostens,  die  sich  nicht
unmittelbar  bedroht  fühlten,  erklang  noch  zuweilen  schüchtern  eine  Stimme
philisterhafter  Friedensseligkeit.)

Und  wie  das  Volk  so  seine  Fürsten.  Von  jener  rheinbündischen
Gesinnung,  die  noch  im  Jahre  1815  zu  Stuttgart  und  Karlsruhe  so  dreist
herausgetreten  war,  fand  sich  nirgends  mehr  eine  Spur.  Der  gesamte  hohe
Adel  der  Nation  scharte  sich  ehrenhaft  um  das  Banner  des  Vaterlandes:
von  dem  alten  Welfen  an,  der  als  grimmiger  Reaktionär  den  Vernichtungskampf
  wider  die  Revolution  ersehnte,  bis  hinüber  zu  dem  Teutschesten  der

 

*)  Abschiedsschreiben  des  Reg.-Präs.  Fürst  Wrede  an  die  Pfälzer,  Speier,  30.  Apr.
1841.
**)  Jordans  Bericht,  Dresden  24.  Okt.  1840.
        <pb n="94" />
        86  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Teutschen,  König  Ludwig  von  Bayern,  der  seine  Vaterstadt  Straßburg  noch
als  die  starke  Bundesfestung  unseres  Südens  zu  begrüßen  hoffte.“)  Die
französischen  Gesandten  in  Deutschland  fühlten  sich  wie  verraten  und  verkauft,
  als  sie  in  diesem  gutherzigen,  gastfreundlichen  Volke  auf  einmal  den
Haß  auflodern  sahen.  Graf  Bresson  in  Berlin,  ein  bekannter  Heißsporn,
gebärdete  sich  wie  ein  Unsinniger;  er  klagte,  Frankreich  sei  erniedrigt,
entehrt,  von  Europa  geächtet,*)  und  verkroch  sich  bei  dem  nächsten  Hoffeste,
um  nur  den  König  nicht  sprechen  zu  müssen,  hinter  einem  Fenstervorhang,
wo  man  ihn  ruhig  stecken  ließ.  Der  Gesandte  in  München  wollte  gar
nicht  verstehen,  was  man  gegen  ihn  habe,  da  doch  Frankreich  immer  das
deutsche  Gleichgewicht  verteidigte;  ***)  der  in  Darmstadt  bat  um  Schutz
für  sein  Haus,  weil  er  sich  durch  den  Lärm  der  Presse  persönlich  bedroht
glaubte.f)sOffenbar  kam  es  den  Franzosen  ganz  unerwartet,  daß  die
Deutschen  sich  als  eine  Nation  fühlten.

Die  öffentliche  Meinung  hielt  sich  ganz  frei  von  dem  fratzenhaften
Franzosenhafse  der  Zeiten  der  alten  Burschenschaft.  Man  wagte  nicht
einmal  die  Wiedereroberung  des  Elsasses  zu  fordern,  sondern  wollte  nur
tapfer  das  deutsche  Hausrecht  wahren.  Major  Moltke  erwies  freilich  in
einem  beredten  Aufsatze  über  die  westliche  Grenzfrage,  „daß  wenn  Frankreich
  und  Deutschland  je  miteinander  abrechnen,  alles  Soll  auf  seiner,
alles  Haben  auf  unserer  Seite  steht“,  und  sprach  die  Erwartung  aus,
in  diesem  Falle  würde  Deutschland  „das  Schwert  nicht  eher  in  die  Scheide
stecken,  bis  Frankreich  seine  ganze  Schuld  an  uns  bezahlt“  hätte.  Solche
Hoffnungen  mochten  in  der  Stille  von  vielen,  zumal  von  preußischen
Offizieren  gehegt  werden;  in  der  Presse  fanden  sie  nur  sehr  selten  einen
Widerhall.  Mitten  während  des  Kriegslärms  wurden  in  Deutschland
Sammlungen  für  die  Überschwemmten  zu  Lyon  veranstaltet,  und  weil  die
Empfindung  der  Nation  so  einfach  war,  darum  fand  sie  auch  ihren  natürlichen
  Ausdruck  in  den  schlichten  Worten  eines  Mannes  aus  dem  Volke.
Niklas  Becker,  ein  junger  Gerichtsschreiber  im  preußischen  Rheinlande,
dichtete  in  guter  Stunde  das  Lied:

Sie  sollen  ihn  nicht  haben,  den  freien  deutschen  Rhein,
Ob  sie  wie  gier'ge  Raben  sich  heiser  danach  schrei'’n,
Solang  er  ruhig  wallend  sein  grünes  Kleid  noch  trägt,
Solang  ein  Ruder  schallend  in  seine  Wogen  schlägt.

Als  die  Kölner  im  Oktober  ihrem  neuen  Könige  huldigten,  wurde  dies
Lied  zum  ersten  Male  gesungen,  und  feurige  rheinische  Patrioten,  die  noch
halb  unbewußt  unter  dem  Einflusse  der  französischen  Verbildung  des  letzten
Jahrzehnts  standen,  schlugen  vor,  das  Gedicht,  als  ein  Gegenstück  der

*)  Dönhoffs  Bericht,  München  10.  Nov.  1840.
*“)  Minister  Werther  an  Bülow,  10.  Aug.  1840.
*“.)  Dönhoffs  Bericht,  9.  Dez.  1840.

f)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.
        <pb n="95" />
        Beckers  Rheinlied.  87

Marseillaise,  die  Colognaise  zu  nennen.  Gewaltig  war  die  Wirkung.
Mehr  als  zweihundertmal  wurde  das  Rheinlied  in  Musik  gesetzt;  und
eben  wegen  dieser  überschwenglichen  Begeisterung  konnte  es  nicht  im  Ge—
dächtnis  des  Volkes  dauern,  da  keine  der  unzähligen  Melodien  die  anderen
aus  dem  Felde  zu  schlagen  vermochte.  Ein  Heer  von  Nachahmern  stimmte
in  Beckers  Weisen  ein,  unter  ihnen  auch  ein  unbekannter  junger  Schwabe
Schneckenburger.  Der  dichtete  in  der  Schweiz  ein  Lied  „die  Wacht  am
Rhein“,  das  als  Dichtung  dem  Vorbilde  weit  nachstand.  Doch  bei  einem
Volksliede  bedeutet  die  Melodie  fast  alles,  der  Text  wenig;  dank  der
kräftigen,  volkstümlichen  Komposition  Wilhelms  sollte  Schneckenburgers
Lied  nach  einem  Menschenalter  der  rauschende  Kriegsgesang  der  deutschen
Sieger  werden.  Damals  sprach  niemand  davon;  alles  schwärmte  für
Niklas  Becker,  dessen  poetische  Kraft  freilich  mit  diesem  einen  glücklichen
Wurfe  erschöpft  war.  König  Friedrich  Wilhelm  bewies  ihm  in  Wort  und
Tat  seine  Anerkennung;  Ludwig  von  Bayern  sendete  ihm  als  Pfalzgraf
bei  Rhein  einen  Ehrenbecher  und  schrieb:  „Aus  diesem  vergoldeten,  silbernen,
  von  mir  angegeben  wordenen  Pokal  trinken  Sie  oft,  das  singend:
Sie  sollen  ihn  nicht  haben!“

Von  französischer  Seite  antwortete  zuerst  Lamartine  mit  einer  „Marseillaise
  des  Friedens“,  die  in  den  Träumen  allgemeiner  Menschenliebe
schwelgte:

Der  Haß  und  Neid  allein  besitzt  ein  Vaterland,
Die  Bruderliebe  kennt  es  nicht.
Mit  solcher  Gefühlsseligkeit  konnte  der  französische  Übermut  sich  unmöglich
  zufrieden  geben.  Erst  Alfred  de  Musset  fand  das  rechte  Wort
für  die  nationale  Empfindung,  als  er  den  Deutschen  zurief:
Wir  hatten  ihn  schon,  euren  deutschen  Fluß,
Er  fühlte  im  Nacken  des  Siegers  Fuß  —
und  sie  höhnend  aufforderte,  im  freien  Rheine  ihre  Bedientenjacke  zu
waschen.  In  ähnlichem  Tone  pries  Victor  Hugo  den  Kyklopen  Frankreich
  und  sein  eines  Auge,  Paris;  ein  anderer  Poet  sang  gar:  nous
l’aurons  duand  nous  le  voudrons  —  und  mußte  sich  von  den  Deutschen
an  den  Fuchs,  dem  die  Trauben  zu  sauer  schienen,  erinnern  lassen.
Mehrere  Monate  hindurch  währte  dieser  poetische  Wettstreit,  in  dem  die
Deutschen  entschieden  die  Oberhand  behielten;  von  allen  den  drohenden
und  prahlenden  Gesängen  der  Franzosen  hielt  keiner  den  Vergleich  aus
mit  dem  frischen  Rheinweinliede  Georg  Herweghs:
Wo  solch  ein  Feuer  noch  gedeiht,
Wo  solch  ein  Wein  noch  Flammen  speit,
Da  lassen  wir  in  Ewigkeit
Uns  nimmermehr  vertreiben!
Stoßt  an,  stoßt  an:  der  Rhein,
Und  wär's  nur  um  den  Wein,
Der  Rhein  soll  deutsch  verbleiben!
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        88  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Die  Gesinnung  der  Nation  sprach  sich  so  unwiderstehlich  aus,  daß
selbst  Jakob  Venedey,  der  Häuptling  der  Pariser  „Geächteten“,  der  abgesagte
  Feind  Preußens,  nicht  umhin  konnte,  in  seinem  phrasenreichen  Buche
„der  Rhein“  ehrlich  einzugestehen,  die  Rheinfrage  dürfe  für  deutsche  Män—
ner  keine  Frage  sein.  Sogar  in  Osterreich  regte  sich  zuweilen  das  deutsche
Blut.  Auf  den  Straßen  Wiens  wurde  das  Rheinlied  gesungen,  und
für  den  Österreichischen  Beobachter,  der  vor  kurzem  noch  die  höchstgefährliche
  Idee  der  deutschen  Einheit  so  ingrimmig  verfolgt  hatte,  schrieb
jetzt  der  junge  Liberale  Franz  Schuselka  die  „deutschen  Worte  eines  Osterreichers“.
  Von  den  Gegnern  wagten  sich  nur  einzelne  mit  der  Sprache
heraus;  so  W.  Cornelius,  der  Demagog  aus  den  Hambacher  Zeiten,  der
ließ  in  einem  bissigen  Gedichte  den  Vater  Rhein  seinen  Sängern  antworten:
„nennt  mich  weder  deutsch  noch  frei.“  Heinrich  Heine  fühlte  sich  wie  betäubt,
  als  der  kunstvolle  Prachtbau  der  welschen  Phrasen  des  letzten  Jahrzehntes
  so  jählings  zusammenbrach  und  die  verhaßten  Teutonen  sich  so
ungebärdig  wider  sein  geliebtes  Frankreich  erhoben;  indessen  zog  er  vor,
für  jetzt  noch  klüglich  zu  schweigen.

Der  fremdbrüderliche  Liberalismus  der  dreißiger  Jahre  war  mit
einem  Schlage  vernichtet.  Niemand  empfand  dies  schwerer  als  Rotteck,
den  die  tragische  Gerechtigkeit  des  Schicksals  eben  jetzt,  im  November  1840,
inmitten  der  Lärmrufe  der  teutonischen  Kriegsbegeisterung  aus  dem
Leben  abberief.  Auf  seine  Weise  hatte  der  ehrliche  Doktrinär  sein  Vaterland
  immer  geliebt;  aber  die  Möglichkeit  eines  Krieges  gegen  das  liberale
Frankreich  war  ihm  während  der  letzten  Jahre  ganz  unfaßbar  geworden.
In  der  verwandelten  Zeit  fand  er  sich  nicht  mehr  zurecht,  und  noch  auf
seinem  Sterbebette  fragte  er  traurig:  in  welche  Hände  wird  nun  das  Vernunftrecht
  kommen?  Er  ahnte  nicht,  daß  diese  Hände  sich  niemals  finden
sollten.  Die  schöpferische  Wissenschaft  war  über  die  Träume  des  Vernunftrechts
  längst  hinweggeschritten,  die  verständigen  Liberalen  begannen
schon,  nach  Dahlmanns  Vorgang,  ihre  Ideale  den  gegebenen  Zuständen
anzupassen;  die  jungen  Schwarmgeister  aber,  die  noch  an  das  Wahnbild
eines  unwandelbaren,  in  den  Sternen  geschriebenen  Rechtes  glaubten,
gingen  weit  über  Rotteck  hinaus,  sie  hofften  auf  ein  Reich  der  unbedingten
Freiheit  und  Gleichheit.  So  starb  der  Führer  des  badischen  Liberalismus
zur  rechten  Zeit  für  seinen  Ruhm,  in  einem  Augenblicke,  da  er  den  Deutschen
  nichts  mehr  sein  konnte.

Zum  ersten  Male  seit  unvordenklichen  Zeiten  war  die  deutsche  Nation
mit  ihren  Fürsten  ganz  einig,  und  Metternich,  der  jetzt  im  Alter  die
Dinge  bequem  zu  nehmen  liebte,  meinte  zufrieden,  diese  nationale  Bewegung
  sei  ganz  unberührt  von  den  revolutionären  Gedanken  der  Befreiungskriege.
  Zar  Nikolaus  dagegen  sagte  besorgt  zu  dem  preußischen
Gesandten,  es  scheine  ratsam,  die  stürmische  nationale  Gesinnung  der
Deutschen  zu  überwachen,  denn  sie  äußere  sich  am  lautesten  in  den  Kreisen
        <pb n="97" />
        Niedergang  des  fremdbrüderlichen  Liberalismus.  89

der  Männer,  welche  bisher  die  Regierungen  bekämpft  hätten.“)  Der
Russe  sah  schärfer  als  der  Österreicher.  Es  war  in  der  Tat  der  Geist
von  1813,  der  aus  allen  diesen  Gedichten,  Reden  und  Zeitungsartikeln
sprach;  es  war  der  Stolz  einer  endlich  erwachenden  starken  Nation,  der
zum  vollen  Selbstbewußtsein  gereift  der  Fremdherrschaft  Osterreichs  ebenso
verderblich  werden  mußte  wie  die  hohlen  Formen  der  Bundesverfassung.
Die  Kugel  stand  auf  scharfer  Kante;  ein  leichter  Stoß  genügte,  sie  ins
Rollen  zu  bringen.  Der  Krieg  war  erklärt,  sobald  Preußen  eine  ernste
Anfrage  wegen  der  französischen  Rüstungen  nach  Paris  ergehen  ließ  und
sie  veröffentlichte.

Ein  König  von  friderizianischer  Kühnheit  hätte  dieser  Versuchung
schwerlich  widerstanden.  Alle  die  tapferen  Männer  des  preußischen  Heeres,
welche  seit  Jahren  schon  den  dritten  punischen  Krieg  für  unvermeidlich
hielten,  vereinigten  sich  in  der  Meinung,  jetzt  sei  die  rechte  Zeit  zum
Schlagen.  Der  Prinz  von  Preußen  lebte  und  webte  in  dem  Gedanken
des  rheinischen  Feldzugs.  In  ernster  Rede  mahnte  er  die  Offiziere  der
Garde,  den  vaterländischen  Sinn  wach  zu  halten  in  dem  Heere,  „der
Schöpfung  des  seligen  Königs“,  die  sich  mehr  denn  je  das  Vertrauen
des  befreundeten  Auslandes  erworben  habe.)  Er  schrieb  sich  das  Rheinlied
  eigenhändig  ab,  und  unter  die  Schlußworte:

Sie  sollen  ihn  nicht  haben,  den  freien,  deutschen  Rhein,
Bis  —  seine  Flut  begraben  des  letzten  Manns  Gebein
setzte  er  jenen  kühnen  Federzug,  der  späterhin  aus  der  Namensunterschrift
des  Sedansiegers  der  weiten  Welt  bekannt  werden  sollte.  Auch  Radowitz
riet  seinem  geliebten  Könige,  sich  jetzt  durch  einen  verwegenen  Entschluß
eine  Stellung  ohnegleichen  zu  gewinnen.  Die  Lage  schien  für  Preußen
wunderbar  günstig.  Thiers  hoffte  zwar  den  Krieg  in  Italien  zu  beginnen,
um  dadurch  Deutschland  neutral  zu  halten;  er  war  aber  ganz  außer
stande,  die  gallische  Kriegsbegier,  sobald  sie  einmal  entfesselt  wurde,  von
ihrem  eigentlichen  Ziele,  dem  Rheinlande  abzulenken,  und  mit  vollem  Rechte
ließ  daher  die  preußische  Regierung  in  Paris  erklären,  sie  müsse  jeden
Angriff  auf  Italien  als  einen  Kriegsfall  betrachten.  Wenn  Frankreich
also  gezwungen  wurde,  seine  Streitkräfte  zu  teilen,  so  konnte  nach  menschlichem
  Ermessen  den  preußischen  Waffen  der  Sieg  nicht  entgehen,  trotz
der  voraussichtlich  elenden  Beihilfe  der  kleinen  deutschen  Bundesgenossen.
Aber  so  wahrscheinlich  der  kriegerische  Erfolg,  ebenso  gewiß  war  schließlich
die  diplomatische  Niederlage;  denn  auch  dieser  Krieg  hätte  wie  der  Feldzug
  von  Belle  Alliance  unter  dem  Neide  und  der  Halbheit  aller  Koalitionskriege
  verkümmern  müssen;  er  konnte  nach  aller  Wahrscheinlichkeit
nur  damit  enden,  daß  Preußen  mit  ungeheueren  Opfern  die  persönliche

 

*)  Liebermanns  Bericht,  23  Febr.  1841.
*)  Bergers  Bericht,  6.  Jan.  1841.
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        90  V.  2  Die  Kriegsgefahr.

Rachsucht  des  Zaren  befriedigt,  Englands  mediterranische  Herrschaft  befestigt
  und  für  sich  selbst  nichts  davon  getragen  hätte  als  einige  wertlose
Grenzplätze  in  Elsaß-Lothringen.

König  Friedrich  Wilhelm  ließ  solche  Erwägungen  gar  nicht  an  sich
herankommen;  für  ihn  hatte  der  Gedanke  eines  dritten  Pariser  Einzugs
keinen  Reiz.  Er  wollte  den  Frieden,  nichts  als  den  Frieden.  Erst  als
die  französischen  Drohungen  unsere  Westgrenze  gefährdeten,  rüstete  er  sich
zur  Abwehr,  und  für  diesen  bescheidenen  Zweck  der  Verteidigung  Deutschlands
  arbeitete  die  preußische  Politik,  die  sich  in  den  internationalen  Londoner
  Verhandlungen  so  schwächlich,  so  widerspruchsvoll  gezeigt  hatte,  mit
ehrenwerter  Umsicht  und  Beharrlichkeit.  Der  König  dachte  die  Gelegenheit
  zu  benutzen  und  mit  dem  Bundesheerwesen  zugleich  die  gesamte
deutsche  Bundespolitik,  die  seinem  Herzen  so  teuer  blieb,  neu  zu  beleben.
„Zu  Frankfurt“,  so  gestand  er  einem  Vertrauten,  „brau'  ich  mein  Eigenstes;
zu  keiner  Gesandtschaft  steh'  ich  in  so  unmittelbarem  Verhältnis  als  zu
dieser.“*)  Er  wußte,  wie  eifrig  sein  Vater  sich  während  der  letzten  Jahre
bemüht  hatte,  in  Frankfurt  durch  Radowitz  eine  Verbesserung  der  elenden
Bundeskriegsverfassung  zu  bewirken,  und  wie  kläglich  alle  diese  Bemühungen
  an  der  Gleichgültigkeit  OÖsterreichs  gescheitert  waren.  Gerade  in
den  Tagen  des  Thronwechsels  berichtete  Radowitz  hoffnungslos  über  die
Haltung  der  Hofburg:  „Bei  völliger  Kenntnis  und  Einsicht  in  die  vorhandenen
  Gebrechen  ist  dennoch  das  Interesse  an  deren  Heilung  nicht
groß  genug  oder  die  Berücksichtigung  anderweiter  Motive  zu  vorwiegend.“““)
Durch  den  Zauber  seiner  Beredsamkeit  hoffte  der  neue  König  diesen  Widerstand
  zu  überwinden;  schon  auf  der  Pillnitzer  Zusammenkunft  sagte  er
zu  Metternich  tiefbewegt,  fortan  müsse  eine  neue  Zeit  auch  für  die  Bundespolitik
  kommen.  Der  Österreicher  wich  aber  aus  und  vermied  auch  fernerhin
  ängstlich  jedes  Gespräch  über  den  Deutschen  Bund.

Metternich  verbrachte  den  August  und  September  in  Königswart,
wohin  er  die  Gesandten  aller  Großmächte  nebst  dem  päpstlichen  Nuntius
eingeladen  hatte.  Mit  Spannung  beobachtete  die  diplomatische  Welt  diesen
geheimnisvollen  Kongreß.  Fleißiger  denn  je  arbeitete  Metternichs  Feder;
ungezählte  Depeschen  flogen  aus  seinem  böhmischen  Schlosse  in  alle  Welt
und  sie  klangen  alle  in  hohem  Tone.  „Die  Frage  ist  ganz  einfach  die
des  die  Pforte  zu  seinem  Vorteil  fressen  wollenden  Paschas  von  Agypten,“
so  schrieb  er  nach  Frankfurt.  Die  orientalische  Verwicklung  war  und
blieb  ihm  nur  ein  Kampf  zwischen  der  Revolution  und  dem  legitimen
Sultan;  den  Bürgerkönig  suchte  er  zu  erschrecken  durch  den  Bericht  eines
k.  k.  Agenten,  der  seit  Jahren  allen  Pariser  revolutionären  Klubs  angehörte
  und  bestimmt  versicherte,  die  Radikalen  planten  einen  neuen  Streich

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Rochow,  9.  April  1842.

**)  Radowitz,  Bericht  an  Werther,  2.  Juni.  Eichhorn  an  den  Kriegsminister  v.  Rauch,
9.  Juli  1840.
        <pb n="99" />
        Preußens  Verteidigungspläne.  91

wider  die  Krone.“)  In  Wahrheit  verbarg  sich  hinter  diesem  vielgeschäftigen
Treiben  nur  die  Angst.  Der  greise  Staatskanzler  wollte  schlechterdings
nicht  an  die  Möglichkeit  eines  europäischen  Krieges  glauben,  weil  er  seinem
morschen  Reiche  nicht  mehr  die  Kraft  zutraute,  solchen  Gefahren  zu  widerstehen;
  er  beabsichtigte  von  vornherein,  die  dem  Sultan  verheißene  Unterstützung
  nur  durch  die  Absendung  einiger  Kriegsschiffe,  nimmermehr  durch
Landtruppen  zu  leisten,  und  zeigte  eine  sorglose  Sicherheit,  welche  Graf
Maltzan  ganz  unbegreiflich  fand,  da  ja  bekanntlich  alle  Rüstungen  in
Osterreich  nur  schwer  und  langsam  zu  stande  kämen.“*)  Endlich  gingen
dem  Preußen  die  Augen  auf.  Am  11.  Sept.  gestand  er  seinem  Monarchen:
wir  sind  alle  von  Metternich  betrogen,  alle  „in  der  possierlichsten  Weise
hineingefallen“;  der  Fürst  hat  uns  nur  in  Königswart  hingehalten,  weil
er  nicht  nach  Wien  gehen,  unliebsame  Erörterungen  mit  seinem  übersparsamen,
  den  gefährlichen  Vierbund  verabscheuenden  Nebenbuhler  Kolowrat
vermeiden  will.““)  So  stand  es  in  der  Tat.  Metternich  regierte  Oster—
reich  nicht,  er  konnte  auf  die  Unterstützung  des  Triumvirats  nicht  zählen;

alle  die  verrosteten  Räder  der  unförmlichen  Staatsmaschine  knarrten  und
knirschten.

Wie  hochbedenklich  mußten  einem  solchen  Hofe  die  immerhin  etwas
herzhafteren  preußischen  Verteidigungspläne  erscheinen.  Schon  am  25.
August  erklärte  Maltzan,  sein  Monarch  halte  für  nötig,  daß  die  beiden
deutschen  Großmächte  sich  über  die  gemeinsame  Abwehr  verständigten  und
dann  die  kleinen  Höfe  zur  Mitwirkung  aufforderten.  Preußen  könne  binnen
acht  Wochen  200  O000  Mann  am  Rhein  versammeln;  wie  viele  Truppen
denke  Österreich  in  Vorarlberg  aufzustellen?  Dort  standen  augenblicklich
  kaum  1000  Mann.  Metternich  antwortete  „aufs  höchste  entzückt“
mit  einigen  allgemeinen  Redensarten.)  So  ging  es  weiter,  viele  Wochen
hindurch,  ohne  jedes  Ergebnis.  Noch  in  den  ersten  Oktobertagen  sprach
der  Österreicher  von  bewaffneter  Neutralität  und  schrieb  an  Neumann
in  London:  eben  weil  Frankreich  rüstet,  dürfen  die  vier  Mächte  nicht
rüsten.  Maltzan  sagte  entsetzt:  Welche  Logik!  Und  Preußen  ist  Frankreichs
  Nachbar!  Er  faßte  sich  ein  Herz  und  schrieb  nach  Berlin:  „Heute
tauschen  Osterreich  und  Preußen  ihre  Rollen.  Der  Geist  des  kaiserlichen
Kabinetts  ist  wesentlich  friedlich.  Preußen  dagegen,  stark  durch  seine  physische
  und  sittliche  Kraft,  überbietet  Osterreich  und  ist  offenbar  berufen,
die  Bewegungen  der  beiden  Großmächte  und  Deutschlands  sowohl  hervorzurufen
  als  zu  leiten.“)Nach  neuem  lebhaftem  Andrängen  des  preußischen
  Hofes  sendete  Metternich  am  9.  Okt.  an  König  Friedrich  Wilhelm

*)  Metternich  an  Münch  9.  Sept.;  an  Apponyi  20.  Aug.  1840.

*#  )  Maltzans  Berichte,  8.  26.  29.  Aug.  1840.
***)  Maltzans  Bericht,  11.  Sept.  1840.

7)  Maltzans  Bericht,  25.  Aug.  Metternich  an  Min.  Werther,  26.  Aug.  1840.
f#)  Maltzans  Berichte,  3.  5.  Okt.  1840.
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        92  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

ein  Schreiben,  das,  ohne  bestimmte  Zusagen  zu  geben,  doch  mindestens
die  Hoffnung  erweckte,  Preußen  und  Osterreich  würden  „als  die  ersten
Glieder  des  Deutschen  Bundes  in  geschlossener  Stellung  auftreten“.  Auch
dies  blieben  nur  leere  Worte,  die  Verhandlungen  rückten  nicht  von  der
Stelle.  Schon  waren  vier  Monate  seit  dem  Juli-Vertrage  verflossen,  Frank—
reichs  Rüstungen  wurden  immer  gefährlicher,  die  Kriegsdrohungen  der
Pariser  Presse  immer  lauter,  und  noch  war  für  Deutschlands  Verteidi—
gung  nur  das  eine  geschehen,  daß  Preußen  seine  rheinischen  Festungen
in  der  Stille  ausrüstete,  die  Mobilmachung  des  Heeres  vorbereitete.

Alles  wartete  auf  den  neuen  König,  und  nun  endlich  sah  er  ein,  daß
er,  die  Ehrfurcht  vor  dem  k.  k.  Erzhause  überwindend,  selber  die  Vorhand
übernehmen  mußte.  Am  16.  Novbr.  erschienen  in  Wien  General  Grolman,
  Preußens  angesehenster  Heerführer,  und  Oberst  Radowitz,  der  unterwegs
  den  sächsischen  Hof  besucht  hatte.  Derweil  die  auswärtigen  Diplomaten
  noch  ihre  Anstalten  trafen,  um  die  erwarteten  langwierigen  Verhandlungen
  zu  belauschen,  wurden  die  beiden  Preußen  schon  nach  zwei
Tagen  mit  General  Ficquelmont  handelseins.  Grolmans  heldenhafter
Gradsinn  und  Radowitzs  umfassende  Sachkenntnis  ergänzten  einander
sehr  glücklich.  Sie  setzten  durch,  daß  jener  preußische  Kriegsplan  vom
Jahre  1831,  der  damals  so  peinliche  Beratungen  veranlaßt  hatte,  jetzt
wieder  aufgenommen  wurde.?')  Nur  wollte  man  diesmal  kühner  verfahren
  und  im  Kriegsfalle  sogleich  zum  Angriff  schreiten.  Also  ein  preußisch-norddeutsches
  Heer  abwärts  von  Mainz;  ein  süddeutsches,  durch
preußische  Truppen  verstärkt,  am  Oberrhein,  endlich  in  Oberschwaben  eine
österreichische  Reserve-Armee,  deren  Stärke  Ficquelmont  auf  150000  Mann
anschlug.**)  Diesen  zuversichtlichen  Zahlenangaben  traute  Grolman  freilich
ebenso  wenig  wie  den  Prahlereien  Metternichs,  der  den  kleinen  deutschen
Gesandten  beharrlich  versicherte,  Osterreich  sei  vollkommen  gerüstet;  der  General
  wußte  nur  zu  wohl,  in  welchem  elenden  Zustande  sich  das  k.  k.  Heer
befand,  und  wie  dringend  Radetzky,  immer  vergeblich,  um  Verstärkung
mindestens  der  italienischen  Armee  flehte.  *“)  Indessen  zog  er  vor,  keinen
Widerspruch  zu  erheben.  Ihm  genügte,  daß  die  Hofburg,  im  Gefühl
ihrer  Ohnmacht,  den  Oberbefehl  über  die  deutschen  Kleinstaaten  tatsächlich
  an  Preußen  überließ,  auch  auf  den  alten  Lieblingsplan  des  k.  k.  Hofkriegsrats,
  auf  den  Zug  durch  die  Schweiz  nicht  mehr  zurückkam.  Von
der  lächerlichen  Bundeskriegsverfassung  war  ohnehin,  wie  immer  in  Zeiten
der  Gefahr,  gar  nicht  mehr  die  Rede.

Da  die  günstigen  Nachrichten  vom  orientalischen  Kriegsschauplatze  den
Mut  der  Hofburg  mittlerweile  etwas  gehoben  hatten,  so  beschlossen  die

*)  S.  o.  IV.  214.  740.

*“)  Werther,  Weisung  an  Liebermann  3.  Dez.  Maltzans  Berichte,  20.  24.  Nov.
1810.

*")  Maltzans  Bericht,  24.  Dez.  1840.
        <pb n="101" />
        Sendung  von  Grolman  und  Radowitz.  93

beiden  Mächte,  durch  ein  Rundschreiben  die  deutschen  Höfe  zur  Wachsamkeit
  aufzufordern  und  zugleich  in  Paris  vertraulich  wegen  der  französischen
Rüstungen  anzufragen.  Bei  alledem  hegte  man  in  Berlin  wie  in  Wien
noch  durchaus  friedliche  Absichten.  Der  preußische  Hof  hatte  dem  französischen
  die  Sendung  der  beiden  Offiziere  nach  Wien  schon  im  voraus
freundschaftlich  angezeigt  und  die  Beteuerung  hinzugefügt,  durch  die  Eintracht
  des  Deutschen  Bundes  werde  die  allgemeine  Ruhe  am  besten  gesichert.)
  Nur  für  den  Fall,  daß  die  Kriegspartei  den  friedlichen  Bürgerkönig
  überwältigte,  wollte  man  sich  gedeckt  halten.  Frankreichs  Rüstungen
bewirkten  einen  Zustand  des  „bewaffneten  Friedens“  —  so  lautete  der
neue  Modeausdruck  der  Diplomaten  und  der  Zeitungen.  Deutschland
mußte  auf  der  Wacht  stehen.  Diese  unschuldige  Absicht  hatte  der  König
durch  die  Sendung  seiner  Offiziere  in  der  Tat  erreicht,  und  mit  hohem
Selbstgefühle  sagte  Maltzan  zu  Metternich:  unser  Monarch  achtet  Österreichs
  Stellung  in  Deutschland,  er  ist  jedoch  unabänderlich  entschlossen,
den  Deutschen  Bund  aus  dem  Zustande  der  Entwürdigung  zu  reißen
und  ihn  „in  die  Reihe  der  Mächte  wieder  emporzuheben“.*)  Friedrich
Wilhelms  dichterische  Phantasie  trug  sich  wirklich  mit  dem  Wahne,  daß
der  Deutsche  Bund  neben  Österreich  und  Preußen  noch  eine  selbständige
Macht  bilden  und  Deutschland  also  mit  der  Wucht  dreier  Großmächte  in
die  Geschicke  der  Welt  eingreifen  würde.  Metternichs  Nüchternheit  konnte
diese  traumhaften  Vorstellungen  von  den  Riesenkräften  Bayerns  und
Darmstadts  unmöglich  teilen;  er  hielt  jedoch  für  klug  in  den  weihevollen
Ton  des  preußischen  Hofes  einzustimmen  und  redete  fortan  in  Gesprächen
und  Denkschriften  hochpathetisch  von  „dem  Deutschen  Bunde,  dem  Staate
des  europäischen  Festlandes,  der  unter  allen  nach  dem  Umfange  seiner
Machtmittel  den  ersten  Rang  einnehme“,  im  Kampf  gegen  Frankreichs
bewaffneten  Frieden  die  erste  Rolle  zu  spielen  berufen  sei  und  als
fünfte  Macht  dem  Vierbunde  beitreten  müsse.*)

Wie  diese  fünfte  Macht  in  Wirklichkeit  beschaffen  war,  das  sollte
Radowitz  sofort  erfahren,  als  er  nunmehr  die  Höfe  von  München,  Stuttgart,
  Karlsruhe,  Darmstadt,  Wiesbaden  besuchte,  die  allesamt  schon
durch  die  preußische  Bundesgesandtschaft  über  die  europäische  Lage  und
die  Kriegsgefahr  unterrichtet  waren.x)  Etwas  später  kam  auch,  mit  gleichlautenden
  Weisungen  versehen,  General  Heß,  einer  der  tüchtigsten  Soldaten
  aus  Radetzkys  Schule.  Überall  wurde  der  Preuße  mit  offenen
Armen  aufgenommen,  überall  empfing  er  bundesfreundliche  Zusagen  und
die  vertrauliche  Beteuerung,  daß  Süddeutschland  weder  der  Kraft  noch

7*)  Werther,  Weisung  an  Arnim  in  Paris,  14.  Nov.  1840.
**)  Maltzans  Bericht,  27  Nov.  1840.
*7“)  Maltzans  Bericht,  14.  Dez.  Metternichs  Denkschrift  über  die  europäische  Lage,
18.  Dez.  1840.
f)  Sydows  Bericht,  Frankfurt  23.  Okt.  1840.
        <pb n="102" />
        94  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

dem  guten  Willen  des  Wiener  Hofes  vertraue,  also  nur  unter  Preußens
Führung  kämpfen  wolle.“)  Graf  Bismarck,  der  früherhin  als  Bona—
partist  verrufene  württembergische  Gesandte  in  Berlin,  sprach  jetzt  be—
geistert  von  dem  Nationalkriege  und  drängte  die  Preußen  zu  raschem
Handeln.  König  Ludwig  von  Bayern,  der  sich  noch  kürzlich,  während
des  Kölner  Bischofsstreites  so  gehässig  gegen  Preußen  gezeigt  hatte,  erschien
schon  seit  Jahresfrist  wie  verwandelt.  Er  merkte,  daß  er  zu  weit  gegangen
  war,  denn  die  für  Bayern  so  überaus  vorteilhaften  Zollvereinsverträge
  liefen  nächstens  ab.  Immer  wieder  beteuerte  er  jetzt  dem  preußischen
  Gesandten:  ich  bin  stets  für  Preußen  gewesen  und  nur  scheinbar
von  diesem  Systeme  abgewichen;  noch  brünstiger  versicherte  er  seine  Begeisterung
  für  den  Zollverein  —  was  den  alten  König  Friedrich  Wilhelm
zu  der  trockenen  Bemerkung  veranlaßte:  „das  glaube  ich  wohl,  da  Bayern
dabei  so  viel  gewinnt,  als  Preußen  verliert.“““)  Nun  vollends,  da  sein
geliebter  Schwager  den  preußischen  Thron  bestiegen  hatte,  sang  der
Wittelsbacher  hochbegeistert:
Herrlicher  geht  die  Sonne  jetzt  auf,  wird  glänzend  uns  scheinen,
Liebend  belebender  Kraft,  Preußen  und  Deutschland  zum  Heil.

Er  schien  jetzt  ganz  in  der  preußischen  Politik  aufzugehen,  überhäufte
Radowitz  mit  Ehren  und  gefiel  sich  darin,  den  Grafen  Dönhoff  vor  den
Augen  des  französischen  Gesandten  geflissentlich  auszuzeichnen.)  Auch
in  Hannover  fand  Radowitz  warmen  Empfang.  Der  alte  Welfe  war
der  erste  der  Bundesfürsten,  der  die  Pferdeausfuhr  nach  Frankreich  verbot
  und  dadurch  Preußen,  nachher  auch  den  Deutschen  Bund  zur  Nachfolge
  zwang.“)

Doch  was  leisteten  die  kleinen  Höfe,  die  also  von  patriotischen
Worten  überflossen,  für  die  Verteidigung  des  Vaterlandes?  Unglaublich,
wie  dies  neue  Jahrzehnt  konstitutioneller  Kammerherrlichkeit  die  Wehrkraft
  des  deutschen  Südens  von  Grund  aus  zerstört  hatte.  In  Bayern
zählte  die  Kompagnie  auf  Kriegsfuß  172  Mann,  davon  wurden  62  Mann
gar  nicht  eingestellt;  von  den  also  verbleibenden  110  beurlaubte  man
nach  der  kurzen  Exerzierzeit  stets  85  Mann,  so  daß  ein  Infanteriebataillon
während  der  längsten  Zeit  des  Jahres  100  (Mißtrauische  behaupteten
sogar:  nur  60)  Mann  unter  der  Fahne  behielt.  Und  angesichts  solcher
Zustände  meinte  König  Ludwig  schon  ein  Großes  zu  tun,  als  er  wegen
der  Kriegsgefahr  zwei  Batterien  auf  Kriegsfuß  setzen  und  für  sein  ganzes
Heer  etwa  250  Pferde,  statt  der  fehlenden  5000,  ankaufen  ließ.)  Er

*)  Berichte  von  Rochow,  14.  Dez.,  von  Otterstedt  17.  21.  Dez.  1840.

**)  Randbemerkung  des  Königs  zu  Dönhoffs  Bericht  v.  28.  März  1840.
*“)  Dönhoffs  Berichte,  15.  Nov.,  5.  Dez.  1840.
)  Bergers  Berichte  27.  29.  Dez.  1840  HB.  Febr.  1841.

1)  Bericht  des  Leg.  Sekr.  v.  Canitz  München  22.  Okt.  Dönhoffs  Bericht  30.  Nov.
1810.
        <pb n="103" />
        Süddeutschlands  Wehrlosigkeit.  95

versprach  den  Mißbrauch  der  ständigen  Beurlaubungen  endlich  abzustellen,
kam  aber  nicht  über  den  guten  Vorsatz  hinaus.  Kaum  besser  stand  es
in  Württemberg.  Dort  hatte  das  in  zwei  Bataillone  eingeteilte  Infan—
terieregiment  zur  Sommerszeit  401,  im  Winter  307  Mann  bei  der  Fahne.
Aufgeregt  durch  die  bedenklichen  Pariser  Nachrichten  sprach  König  Wil—
helm  wieder  viel  von  einer  schwäbischen  Landwehr;  er  meinte  aber  nicht
das  preußische  Landwehrsystem,  das  seinen  Landständen  viel  zu  kost—
spielig  schien,  sondern  wollte  nur  durch  ein  Gesetz  die  Aushebung  neuer,
ganz  unausgebildeter  Mannschaften  ermöglichen  für  den  Fall,  daß  Linie
und  Reserve  bereits  ausgerückt  wären.  An  die  allgemeine  Wehrpflicht,
die  von  der  Ritterschaft  und  vom  Beamtentum  verabscheut  wurde,  ließ
sich  vollends  gar  nicht  denken;  der  Gesandte  Rochow  schrieb:  „das  Einsteher-Wesen
  ist  hier  wie  eine  eherne  Mauer“  und  fand  es  „für  einen
Preußen  kaum  begreiflich“,  wie  sehr  man  sich  hier  vor  der  mißleiteten
öffentlichen  Meinung  fürchte.  )  In  Baden  geschah  für  das  Heer  sehr
wenig,  weil  Minister  Blittersdorff  den  Argwohn  hegte,  hinter  allen  diesen
Kriegsvorbereitungen  verbärgen  sich  nur  Preußens  hegemonische  Gelüste.

Auch  in  Darmstadt  hielt  du  Thil  alle  Rüstungen  für  überflüssig;  er
hatte  längst  bemerkt,  daß  Osterreich  nur  mit  halber  Seele  bei  der  Sache
war,  nur  um  Preußen  nicht  allein  das  Feld  zu  überlassen,  an  den  militärischen
  Verhandlungen  teilnahm.““)  Ohnehin  glaubten  diese  Kleinstaaten
  allesamt,  ihren  Bundespflichten  schon  überreichlich  genügt  zu  haben;
hatten  sie  doch  im  letzten  Herbst  am  unteren  Neckar  gemeinsame  Manöver
  des  8.  Bundesarmeekorps  veranstaltet,  die  erträglich  ausfielen  und
als  ein  Beweis  tatkräftiger  Bundestreue  selbst  von  dem  preußischen
Generalstabschef  Krauseneck  nachsichtig  belobt  wurden.  **)  Auch  hinter
patriotischen  Bedenken  wußte  sich  die  Schlaffheit  zu  verschanzen;  als
Nesselrode,  taktlos  genug,  die  kleinen  Höfe  durch  ein  Rundschreiben  zur
Kriegsbereitschaft  mahnen  ließ,  da  hieß  es  überall:  nimmermehr  dürfe
sich  das  stolze  Deutschland  von  Rußland  drängen  lassen.)  Radowitzs
Rundreise  brachte  zunächst  nur  ein  greifbares  Ergebnis:  die  süddeutschen
Staaten  traten  im  Febr.  1841  zu  Karlsruhe  zusammen  und  beschlossen
—  aus  Rücksicht  auf  Bayerns  Stolz,  zum  großen  Arger  des  ehrgeizigen
Schwabenkönigs  —  den  zukünftigen  Oberbefehl  über  das  zukünftige  Südheer
  dem  Prinzen  Karl  von  Bayern  zu  übertragen.  In  Norddeutschland
war  selbst  eine  solche  Einigung  unerreichbar,  da  die  kleinen  Fürsten  des
10.  Armeekorps  allesamt  Bedenken  trugen,  ihre  Truppen  dem  verrufenen
hannoverschen  Welfen  anzuvertrauen.#4),

*)  Rochows  Berichte,  6.  Dez.  1840,  17.  Jan.  29.  Juni  18.  Juli  1841.

**)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.
*7**)  Berichte  von  Otterstedt,  21.  22.  Sept.,  von  Rochow  12.  Sept.  1840.

)  Nesselrode,  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften  in  Deutschland,  2.  Dez.1840.
#)  Berichte  von  Rochow  27.  Febr.,  von  Berger,  28  April  1841.
        <pb n="104" />
        96  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Der  Bundestag  trieb  unterdessen  trotz  der  schweren  Zeiten  seine
gewohnte  Kurzweil.  Die  Staaten  der  sechzehnten  Kurie  hatten  bisher
an  dem  reichen  Frankfurter  v.  Leonhardi  einen  überaus  wohlfeilen  gemein—
samen  Bundesgesandten  besessen,  der  die  Geschäfte  nur  zu  seinem  Ver—
gnügen  führte,  und  zankten  sich  nunmehr,  als  dieser  göttliche  Philister
gestorben  war,  mit  solcher  Ausdauer  über  den  Gehalt  des  Nachfolgers,
daß  der  Posten  drei  Jahre  unbesetzt  blieb.  Der  Landgraf  von  Homburg,
der  im  Jahre  1817  dem  Bunde  nachträglich  beigetreten  war,  forderte
stürmisch  das  ihm  gebührende  Stimmrecht  und  erlangte  endlich  nach  fünf—
undzwanzigjährigen  Kämpfen  Einlaß  in  die  sechzehnte  Kurie.  Die  Erne—
stiner  konnten  sich  über  den  Vorrang  bei  der  Unterschrift  nicht  einigen,
und  ihr  neuer  Bundesgesandter  mußte  daher  mit  vier  gleichlautenden
Vollmachten  ausgerüstet  werden.)  Derweil  man  sich  also  vergnügte,
suchte  Graf  Münch,  unbekümmert  um  die  dringenden  Mahnungen  des
preußischen  Gesandten  mehrere  Monate  hindurch  jede  Beratung  über  die
Kriegsbereitschaft  des  Bundes  zu  vereiteln.  Er  wußte  wohl,  daß  diese
Zögerung  den  stillen  Wünschen  fast  aller  kleinen  Höfe  entsprach;  hatte
doch  selbst  König  Ludwig  von  Bayern  in  Berlin  vorsichtig  erklären  lassen:
erst  wenn  die  Rüstung  Süddeutschlands  ganz  vollendet  sei,  dürfe  der
Bund  in  Paris  eine  Anfrage  stellen.)

Endlich  am  13.  März  1841,  acht  Monate  nach  dem  Juli-Vertrage,
beantragte  Münch,  die  Militärkommission  solle  aufgefordert  werden,  über
die  näheren  Bedingungen  der  Kriegsbereitschaft  ein  Gutachten  zu  erstatten.
  Voran  ging  ein  langer  Vortrag,  dessen  hochpatriotischer  Ton
von  dem  dürftigen  Inhalte  lächerlich  abstach:  „die  Pflicht  sämtlicher
deutschen  Regierungen,  für  die  Ehre  des  deutschen  Namens  sowie  für
die  Sicherheit  der  Völker  Deutschlands  Sorge  zu  tragen,  erheischt,  daß
überall  die  Wehrkraft  der  Bundesstaaten  allen  eintretenden  Wechselfällen
zu  genügen  im  stande  sei.“  Diese  tiefsinnigen  Worte  hatte  Metternich
selbst  in  den  Präsidialvortrag  eingefügt,  an  der  Stelle  eines  etwas  schärferen,
  von  General  Heß  vorgeschlagenen  Satzes.*“)  Die  Hofburg  wollte
alles  vermeiden,  was  dem  Souveränitätsdünkel  der  kleinen  Höfe  auch  nur
wie  ein  leiser  Zwang  erscheinen  konnte.  Natürlich  wurde  der  Antrag,
unter  den  üblichen  Dankesbezeigungen  gegen  die  allezeit  fürsorgliche  Präsidialmacht,
  pflichtschuldigst  angenommen;  die  vertraulichen  Eröffnungen
in  Paris  überließ  man  den  beiden  Großmächten.  Es  stand  noch  immer
wie  in  den  Regensburger  Zeiten.  Der  Bundestag  durfte  sich  der  angenehmen
  Erwartung  hingeben,  daß  sein  Beschluß  gar  keine  Folgen  haben,
sondern  entweder  durch  eine  friedliche  Wendung  der  europäischen  Händel
oder  durch  eine  Kriegserklärung  Frankreichs  überholt  werden  würde.

*)  Berichte  von  Bülow,  15.  Okt.  1841,  von  Schöler,  17.  Okt.  1840.

“)  Gise,  königliche  Weisung  an  Lerchenfeld,  20.  Dez.  1840.
ot)  Sydows  Bericht,  13.  März  1841.
        <pb n="105" />
        Einführung  der  Bundesinspektionen.  97

Dem  alten  Könige  war  kurz  vor  seinem  Tode  noch  einmal  recht
deutlich  geworden,  was  von  der  Opferwilligkeit  seiner  deutschen  Bundes—
genossen  zu  erwarten  sei.  Damals  (1839)  hatte  er  mit  einem  Aufwande
von  Millionen  drei  seiner  Armeekorps  auf  Kriegsfuß  gesetzt,  um  den  end—
lichen  Abschluß  des  schmählichen  Luxemburgischen  Streites  zu  erzwingen,
und  bei  diesem  Unternehmen,  das  doch  allein  der  Sicherung  des  Bundes—
gebietes  galt,  am  Bunde  keinerlei  Unterstützung,  nicht  einmal  durch
Worte  gefunden.  Jetzt  mußte  sein  Nachfolger,  kaum  auf  den  Thron
gestiegen,  schon  die  gleiche  Erfahrung  machen.  Er  konnte  sich  nicht  mehr
darüber  täuschen,  daß  die  kleinen  Höfe  gern  bereit  waren,  sich  durch  Preu—
ßens  starken  Arm  aus  der  Not  retten  zu  lassen,  aber  nicht  im  mindesten
beabsichtigten,  die  schimpfliche  Wehrlosigkeit,  welche  ein  volles  Drittel  des
tapfersten  aller  Völker  daniederhielt,  zu  beseitigen.  Trotz  alledem  hielt  der
neue  König  seine  Bundesreformpläne  fest;  an  der  Bildsamkeit  dieser  treff—
lichen  Bundesverfassung  wollte  er  nimmermehr  verzweifeln.  Am  6.  Januar
1841  sendete  er  an  die  Wiener  Gesandtschaft  einen  Erlaß,  worin  er  bestimmt
aussprach,  er  werde  allein  vorgehen,  falls  Osterreich  seine  Mitwirkung  ver—
weigere.“)  Diese  Drohung  wirkte  für  den  Augenblick.  Auf  Preußens
Andrängen  beschloß  der  Bundestag  (29.  Juni),  daß  fortan  aller  drei
Jahre  Bundesinspektoren  sich  von  dem  Zustande  der  Streitkräfte  der  ver—
bündeten  Staaten  überzeugen  sollten,““)  und  noch  im  Herbste  1841  wurde
die  erste  Bundesinspektion  ins  Werk  gesetzt.

Also  doch  endlich  ein  bescheidener  Fortschritt,  denn  bisher  waren
nur  die  lächerlichen  Truppen  der  Reserve-Infanteriedivision  von  Bundes
wegen  gemustert  worden.  Der  Beschluß  kam  unter  schweren  Kämpfen  zu
stande;  manche  der  wohl  durchdachten  Vorschläge  des  Obersten  Radowitz,
der  jetzt  seinen  Sitz  in  der  Bundesmilitärkommission  wieder  eingenommen
hatte,  mußten  geopfert  werden.  Österreich  zeigte  eine  wohlbegreifliche
Scheu,  sein  aus  so  verschiedenen  Völkerschaften  gemischtes  Heer  dem  Urteile
  von  Ausländern  zu  unterwerfen.  Die  Mecklenburgischen  Höfe
hatten  ihren  Bundesgesandten  Schack  bereits  angewiesen,  gegen  die  Bundesinspektion
  förmliche  Verwahrung  einzulegen,  und  gaben  erst  nach,  als  König
Friedrich  Wilhelm  seine  Verwandten  in  Strelitz  persönlich  besucht  hatte.
Ihre  trotz  der  Bundesgesetze  gänzlich  verwahrlosten  Reserven  wollten  die
Kleinstaaten  schlechterdings  nicht  mustern  lassen;  Mecklenburg  erklärte
entrüstet:  „die  jährliche  Einberufung  der  Reserve  wäre  eine  wahre  Landeskalamität.““?)
  Auch  eine  Bestimmung  über  die  Dauer  der  jährlichen
Übungszeit  ließ  sich  nicht  durchsetzen.  „Spezielle  Zeitbestimmungen,  meinte
Württemberg,  würden  hier  nichts  nützen,  sondern  schaden“,  da  alles  auf

 

*)  Maltzans  Berichte,  Jan.  1841.
**)  Sydows  Bericht,  24.  Juni  1841.
*)ESydows  Berichte,  13.  Mai,  4.  Juni  1841.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  7
        <pb n="106" />
        98  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

die  Intelligenz  des  Volksstammes  ankommt  und  „die  diesseitige  Infanterie,
wenn  sie  auch  wenig  Paradedressur  haben  mag,  doch  desto  felddiensttüchtiger
  erscheint.“)  Nicht  einmal  zu  gemeinsamen  Vorschriften  für  den
Wachtdienst  und  den  militärischen  Gruß  wollte  sich  der  Bundestag  verstehen.


Nachdem  man  sich  also  mit  Müh  und  Not  über  einen  möglichst
inhaltlosen  Beschluß  geeinigt  hatte,  begann  alsbald  ein  neuer  Zank  wegen
der  Frage,  welche  Staaten  die  Bundesinspektoren  stellen  sollten.  König
Wilhelm  von  Württemberg  hatte  sehr  lange  widerstrebt  und  sich  erst  durch
das  Zureden  seines  alten  Waffengefährten  FM.  Latour  davon  überzeugen
lassen,  daß  seiner  Souveränität  keine  Gefahr  drohe.  Indes  wollte  er  seine
Schwaben  weder  durch  Osterreich  noch  durch  Hannover  mustern  lassen,
weil  er  den  alten  tiefen  Groll  gegen  die  Hofburg  noch  nicht  verwunden
hatte  und  mit  dem  verhaßten  Welfenkönige  noch  immer  um  den  Vorrang
stritt.  Er  erzwang  auch,  daß  statt  des  Hannoveraners  ein  dänischer
General  nach  Stuttgart  kam;  den  Osterreicher  aber  erließ  man  ihm  nicht,
und  er  rächte  sich  nach  seiner  Weise,  indem  er  den  k.  k.  Feldmarschallleutnant
  Sunstenau  mit  ausgesuchter  Grobheit  behandelte.)

Auch  dieser  Streit  hörte  endlich  auf,  und  jeder  der  zehn  Inspektionsbezirke
  wurde  wirklich  von  drei  Generalen  anderer  Bundesstaaten  besichtigt.
Als  aber  die  Berichte  der  Inspektoren  einliefen,  da  zeigte  sich's  mit  erschreckender
  Klarheit,  wie  die  große  Lüge  dieser  Bundesverfassung  alles,
was  mit  ihr  in  Berührung  kam,  ansteckte  und  sogar  die  sprichwörtliche  Ehrlichkeit
  des  deutschen  Offizierstandes  verdarb.  Die  inspizierenden  Generale,
unter  denen  sich  viele  Prinzen  befanden,  waren  durch  mannigfache  politische
  Rücksichten  beengt;  die  meisten  dachten  auch  mit  stiller  Angst  an
den  Jammer  ihres  heimatlichen  Heerwesens  und  verfuhren  wie  die  Krähen,
sie  urteilten  sanftmütig,  um  nicht  ihr  eigenes  engeres  Vaterland  hartem
Tadel  auszusetzen.  Sogar  die  preußischen  Generale,  die  in  den  Kleinstaaten
  durch  ihre  strenge  Wachsamkeit  und  den  Freimut  ihrer  Rügen
überall  Schrecken  erregten,  sprachen  in  den  amtlichen  Berichten  doch  bei
weitem  nicht  so  scharf  wie  in  ihren  vertrauten  Briefen.  Daher  lobte
die  Bundesmilitärkommission,  als  sie  nach  fast  zwei  Jahren  (Juli  1843)
über  das  Gesamtergebnis  der  Inspektion  berichtete,  mit  warmen  Worten
„den  echt  föderativen  Geist“  der  Regierungen  und  versicherte,  es  seien
„die  Armeekorps  zum  größeren  Teil  in  ganz  vollkommen  kriegsverfassungsmäßigem
  Stande“;  der  preußische  Bundesgesandte  aber  bemerkte
sarkastisch:  zu  einer  zweiten  Inspektion  wird  sich  der  Bundestag  wohl
schwerlich  entschließen,  da  ja  diese  erste  fast  gar  keine  Mängel  im  Bundesheere
  aufgefunden  hat.**)  Wer  zwischen  den  Zeilen  der  höflichen  Be-*)

  Sydows  Bericht,  18.  Juni  1841.

*)  Berichte  von  Rochow,  2.  Okt.,  von  Maltzan,  Okt.  1841.
**)  Bülows  Bericht,  15.  Okt.  1841.
        <pb n="107" />
        Ergebnis  der  ersten  Bundesinspektion.  99

richte  las,  konnte  solche  Mängel,  und  darunter  manche  wundersame,  allerdings
  entdecken.

In  Bayern  erhielten  die  Inspektoren,  nach  einer  geheimen  Weisung
des  Königs,  keinerlei  vertrauliche  Mitteilungen  von  seiten  der  Militärbehörden.)
  Sie  fanden  dort  eine  Landwehrpflicht  vor,  welche  sich  bis
zum  sechzigsten  Lebensjahre  jedes  Wehrfähigen  erstreckte  und  natürlich  nur
auf  dem  Papiere  stand;  die  Artillerie  und  Infanterie  der  Linie  wurde
nur  aller  zwei  Jahre  zu  viermonatlichen  Übungen  einberufen.  Der
Präsenzstand  war  so  niedrig,  daß  selbst  die  Bundesmilitärkommission  den
bescheidenen  Wunsch  nicht  unterdrücken  konnte,  es  möchte  künftighin  bei
der  Infanterie  ein  Sechstel  der  gemeinen  Mannschaft  stets  im  Dienste
sein.  Trotzdem  erklärten  die  drei  inspizierenden  Generale  (ein  OÖsterreicher,
  ein  Sachse,  ein  Darmstädter)  dies  Heer  für  sehr  lobenswert.
Über  die  Reiterei  sagten  sie  liebevoll:  Von  der  Friedenspräsenzstärke
ist  nur  die  Hälfte  vorhanden,  und  die  Leute  dienen  nur  sechs  Monate,
„was  spezielle  Unvollkommenheiten  mit  Grund  entschuldigen  kann.“  Die
naheliegende  Frage,  ob  sich  die  sechsmonatliche  Dienstzeit  der  bayrischen
  Reiterei  selbst  entschuldigen  lasse,  übergingen  sie  mit  Stillschweigen.
  Noch  weniger  sprachen  sie  von  der  Menge  der  gebrechlichen  alten
Stabsoffiziere,  dem  allgemeinen  Übelstande  dieser  langen  Friedenszeit,
der  nirgends  greller  hervortrat  als  in  Bayern.  Darum  sagte  Prinz
Karl  von  Bayern  traurig  zum  Grafen  Dönhoff:  der  Bericht  ist  viel  zu
sanft,  er  wird  auf  König  Ludwig  keinen  Eindruck  machen.“)  In  Sachsen
war  das  stehende  Heer  recht  tüchtig,  aber  für  die  Reserve  schlechterdings
gar  nicht  vorgesorgt;  und  als  die  Bundesmilitärkommission  dies  leise  zu
rügen  wagte,  da  erwiderte  der  Dresdner  Hof  spitzig:  er  könne  sich  nicht
erklären,  warum  Sachsen  in  Frankfurt  nicht  dieselbe  Berücksichtigung  fände
wie  andere  Bundesstaaten,  die  ebenso  wenig  für  ihre  Reserve  getan
hätten.

In  Luxemburg  mußte  die  Musterung  unterbleiben,  weil  ein  Bundeskontingent
  dort  noch  immer  nicht  bestand.  Der  König  von  Dänemark
hatte  sich  geradezu  geweigert,  seine  Holsten  an  gemeinsamen  Übungen  des
10.  Bundesarmeekorps  teilnehmen  zu  lassen;  er  scheute  den  Vergleich  mit
den  besser  ausgerüsteten  Hannoveranern,  die  freilich  bisher  auch  noch  niemals
  zu  einem  Divisions-Manöver  zusammengetreten  waren.“*)  Völlig
trostlos  lauteten  die  Berichte  des  preußischen  Generals  Ditfurth  über  die
Bückeburger  und  die  Mehrzahl  der  anderen  Kontingente,  welche  die  Reserve-Infanteriedivision
  des  Bundes  bilden  sollten.  Zog  man  schonungslos
  die  Summe,  so  waren  die  Bundesgesetze  nur  in  einem  einzigen  Staate,

 

*)  Dönhoffs  Bericht,  4.  Okt.  1841.
**)  Berichte  von  Bülow,  17.  Dez.  1841,  von  Dönhoff,  2.  Nov.  1842.

*““#)  Bergers  Bericht,  8.  Mai  1841.
77
        <pb n="108" />
        100  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

in  Preußen  ganz  gewissenhaft  ausgeführt  worden.  Hier  genügte  ein
Drittel  des  Heeres,  um  diesen  wahrlich  bescheidenen  Anforderungen  zu  ent—
sprechen.  Der  alte  König  hatte  sich  immer  geweigert,  einen  bestimmten
Teil  seines  Heeres  als  Bundeskontingent  zu  bezeichnen,  weil  er  alle
seine  Truppen  schlichtweg  für  deutsche  Soldaten  hielt.  Jetzt  wurden  drei
von  den  neun  Armeekorps  für  die  Bundesinspektion  bestimmt,  und  die
Manöver  in  Schlesien  verliefen  so  gut,  daß  selbst  Erzherzog  Ferdinand,
der  nach  österreichischem  Brauche  jedem  Volksheere  mißtraute,  ehrlich
eingestehen  mußte:  nun  erst  habe  ich  meine  Zweifel  an  dem  preußischen
Landwehrsystem  aufgegeben.“)  Da  die  Zusammensetzung  der  preußischen
Armeekorps,  infolge  des  Landwehrsystems,  von  den  Ziffern  der  Bundeskriegsverfassung
  ein  wenig  abwich,  so  befahl  der  König  überdies  im  März
1843,  daß  fortan  fünf  seiner  Armeekorps  das  Bundeskontingent  bilden
sollten,  damit  den  Bundesgesetzen  bis  auf  den  letzten  Buchstaben  genügt
würde.

Das  war  der  Zustand  der  deutschen  Wehrkraft  in  einer  Zeit,  da
die  Liberalen  der  kleinen  Landtage  beständig  über  die  unerschwinglichen
Heereskosten  klagen;  und  doch  hatte  diese  Opposition  nicht  unrecht,  denn
die  Ausgaben  für  ein  solches  Heer  waren  wirklich  Verschwendung.  Am
letzten  Ende  bewirkten  Friedrich  Wilhelms  wohlgemeinte  Anträge  nur,
daß  einige  der  ganz  gewissenlosen  kleinen  Höfe  sich  fortan  aus  Furcht
vor  den  Bundesinspektionen  ein  wenig  in  acht  nahmen.  Doch  mit  so
sanften  Mitteln  war  die  dreißigköpfige  Anarchie  nicht  zu  heilen;  und
dies  konnte  der  König,  als  warmer  Verehrer  der  unwandelbaren  Bundesverfassung,
  nicht  begreifen.

Etwas  besser  gelangen  seine  Bemühungen  für  die  Bundesfestungen.
Während  der  letzten  Jahre  hatte  Bayern  seine  Festung  Germersheim
ausgebaut;  nur  der  unentbehrliche  Brückenkopf  auf  dem  badischen  rechten
Rheinufer  fehlte  noch,  weil  Baden  sich  hartnäckig  weigerte,  die  kleine
Landstrecke  abzutreten.  Über  den  Zustand  von  Mainz  erstattete  der  österreichische
  Gouverneur  Landgraf  von  Hessen-Homburg,  sobald  das  Kriegsgeschrei
  durchs  Land  ging,  einen  Bericht,  der  so  beschämende  Vorwürfe
enthielt,  daß  die  Bundesversammlung  beschloß,  ihn  nicht  in  ihre  Protokolle
aufzunehmen.  An  der  Rheinkehle,  der  wichtigsten  Stelle  des  Platzes  war
die  Mauer  fast  spurlos  verschwunden  —  so  versicherte  der  Landgraf  —
allerhand  Gewerbetreibende  hatten  dort  ihre  Lager  und  Werkstätten
aufgerichtet,  „der  Hauptschlüssel  zu  den  deutschen  Landen  ist  an  seiner  Kehle
ein  vollkommen  offener  Ort.“  Das  Weissenauer  Lager  und  die  wenigen
anderen  neuen  Festungswerke  gereichten  ihren  österreichischen  Erbauern
nicht  zur  Ehre;  den  größten  Teil  der  Festungsgelder  hatte  man  verwendet,
  um  Kasernen  zu  bauen  und  für  die  Amtswohnungen  der  kom- 



*7)  Maltzans  Berichte,  Okt.  1841.
        <pb n="109" />
        Die  süddeutschen  Bundesfestungen.  101

mandierenden  Offiziere  Möbel  anzuschaffen,  welche,  dank  der  mangelhaften
Kontrolle,  schon  wieder  fast  ganz  zerstört  waren.  So  schimpflich  das  alles
war,  Graf  Münch  meinte  achselzuckend:  ein  Neubau  könne  für  diesen
Krieg  doch  nichts  mehr  nutzen  und  nur  gefährliches  Aufsehen  erregen.
Selbst  Radowitz  hielt  für  geraten,  jetzt  für  Mainz  nichts  zu  fordern,
denn  sonst  wäre  die  Beratung  über  die  süddeutschen  Bundesfestungen,
welche  dem  Könige  zunächst  am  Herzen  lag,  nie  zum  Abschlusse  gelangt.“)

Seit  dem  Jahre  1836  ward  diese  so  sündlich  verschleppte  Angelegenheit
  wieder  ernstlich  besprochen.  Die  Parteien  standen  noch  wie  vor  zwei
Jahrzehnten.  Während  die  Süddeutschen,  nach  Sinn  und  Wortlaut  der
Verträge,  eine  Bundesfestung  „am  Oberrhein“,  also  Rastatt  verlangten,
bestand  Osterreich  noch  immer  auf  der  Befestigung  von  Ulm.  Der  k.  k.
Hofkriegsrat  wollte  seine  Kaiserstadt  gegen  die  Gefahren  eines  neuen
napoleonischen  Donaufeldzuges  decken  und  verfocht  hartnäckig  die  doktrinäre
  Behauptung,  daß  die  Franzosen  den  nächsten  Krieg  unfehlbar  mit
einem  Zuge  durch  die  Schweiz  eröffnen,  mithin  die  oberrheinischen  Lande
von  vornherein  umgehen  würden.  Diesen  Ansichten,  die  nur  zu  lebhaft
  an  den  wundersamen  Feldzugsplan  von  1814  erinnerten,  pflichtete
in  Berlin  nur  ein  einziger  namhafter  Offizier  bei:  der  immerdar  österreichisch
  gesinnte  Knesebeck.  Alle  andern  Generale,  voran  der  Kriegsminister
  Rauch  und  der  Generalstabschef  Krauseneck  standen  auf  der  Seite
der  oberrheinischen  Höfe.  Krauseneck  sagte  mit  preußischem  Gradsinn:
„die  Süddeutschen  wollen  eine  sie  schützende  Festung  haben,  ohne  den
Osterreichern  dienstpflichtig  zu  werden;  diese,  welche  die  Revolution  zum
Gespenst  machen,  mit  dem  sie  die  Kabinette  einschüchtern,  wollen  eine
österreichische  Festung  mit  deutschem  Gelde  erbaut  wissen.“  Aber  die
süße  Gewohnheit,  deutsche  Kräfte  für  österreichische  Zwecke  auszubeuten,
war  in  Wien  seit  Jahrhunderten  zu  fest  eingebürgert;  der  Hofkriegsrat
blieb  unbelehrbar.  Daher  kam  Friedrich  Wilhelm  III.  schon  frühe  zu  der
Einsicht,  der  unwürdige  Streit  lasse  sich  nur  dann  beilegen,  wenn  man
beide  Plätze,  Ulm  und  Rastatt  zugleich  befestige.  Auch  General  Aster
meinte,  es  gebe  keinen  anderen  Ausweg.  Der  Petersburger  Hof,  der  es
nun  einmal  nicht  lassen  konnte,  die  Verteidigung  unserer  Westgrenze  wie
seine  eigene  Sache  zu  behandeln,  äußerte  sich  in  gleichem  Sinne  gegen
die  deutschen  Großmächte.

Der  alte  Herr  erlebte  noch  die  Freude,  daß  die  süddeutschen  Staaten
sich  im  April  1840,  auf  einer  Konferenz  zu  Karlsruhe,  über  den  preußischen
  Vermittlungsvorschlag  einigten  und  auch  Baden  endlich  ein  Stück
Landes  für  den  Germersheimer  Brückenkopf  abtrat.*)  Aber  erst  sein

 

*)  F.  Z.  M.  Landgraf  von  Hessen-Homburg  an  das  Bundespräsidium  21.  Aug.
Berichte  von  Schöler,  4.,  12.  Sept.,  von  Sydow,  31.  Okt.  1840.
**)  Dönhoffs  Bericht,  25.  April  1840.
        <pb n="110" />
        102  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Nachfolger  brachte  die  Sache  vor  den  Bundestag.  Die  kriegerische  Stim—
mung  des  Augenblicks  geschickt  benutzend,  ließ  der  neue  König  den  unermüdlichen
  Radowitz  noch  einmal  an  den  süddeutschen  Höfen  umherreisen
und  versprach  hochherzig,  zu  den  noch  bei  Amschel  Rothschild  aufbewahrten
  französischen  Kontributionsgeldern  einen  beträchtlichen  Zuschuß
zu  leisten.  Weil  die  für  den  Bau  der  vierten  Bundesfestung  bestimmten
20  Mill.  Fr.  französischer  Kontributionsgelder  voraussichtlich  für  zwei
Festungen  nicht  ausreichten,  so  erklärte  er  sich  bereit,  einen  nicht  unbedeutenden
  Beitrag  (noch  gegen  10  Mill.  Fr.)  zu  zahlen,  obgleich  Preußen  bereits
  die  niederrheinischen  Festungen,  gutenteils  aus  seinen  eigenen  Mitteln,
  erbaut  hatte.  Also  bewirkte  er,  daß  die  Bundesversammlung  am
26.  März  1841  endlich  den  Bau  beider  Festungen  beschloß.  Ulm  sollte
als  süddeutscher  Hauptwaffenplatz  dienen,  Rastatt  nur  als  Verbindungsund
  Grenzfestung,  aber  zugleich  auch  als  Waffenplatz  für  das  achte  Bundeskorps,
  obwohl  bisher  noch  nie  ein  Staat  auf  den  wundersamen  Gedanken
geraten  war,  seine  Militärvorräte  in  einer  Grenzfestung  unterzubringen.
Nur  für  ein  solches,  den  Ansprüchen  aller  zusagendes  Kompromiß  konnte
man  die  Mehrheit  gewinnen.  König  Friedrich  Wilhelm  war  überglücklich
und  ließ  der  Versammlung  seine  Freude  über  ihre  föderative  Gesinnung
aussprechen.  Geh.  Rat  v.  Sydow  aber,  der  nach  dem  Tode  des  Generals
Schöler  die  Geschäfte  der  deutschen  Bundesgesandtschaft  führte,  sagte  wehmütig
  voraus:  „Auch  die  diesjährige  Arbeitszeit  wird  ganz  vorübergehen,
ohne  daß  man  in  Ulm  oder  Rastatt  eine  Schaufel  bewegt.“  ?)

Er  kannte  seine  Leute.  Schon  bei  der  Abstimmung  hatte  Herr  v.  Mieg
einen  der  beliebten  bayrischen  Vorbehalte  gestellt,  da  „die  deutsch-patriotische
Gesinnung“,  welche  König  Ludwig  bei  dem  Bau  von  Germersheim  bewährt
habe,  besondere  Rücksichten  verdiene.**)  Bald  darauf  verlangte  er  nachdrücklich,
  der  Gouverneur  von  Ulm  müsse  abwechselnd  von  Bayern  und
von  Württemberg  ernannt  werden;  denn  die  alte  Reichsstadt  selbst  war
württembergisch,  das  kleine  Neu-Ulm  auf  dem  rechten  Donauufer  bayrisch.
Dawider  der  Schwabenkönig  hochentrüstet:  er  habe  schon  genug  Opfer
gebracht,  indem  er  seine  gute  Stadt  zur  Bundesfestung  hergegeben.  Also
entspann  sich  zwischen  diesen  beiden  Königen,  welche  die  liberale  Partei
vor  Zeiten  als  die  Bannerträger  der  nationalen  Einheit  gefeiert  hatte,
ein  grimmiger  Zank  um  das  Kommando  einer  Festung,  die  noch  gar
nicht  gebaut  war.  Dies  Schauspiel  freundnachbarlicher  Eintracht  entfaltete
  seinen  ganzen  Reiz  erst,  als  Mieg  eine  Zeitlang  die  württembergische
  Stimme  führte  und  mithin  genötigt  war,  sich  selber  die  schwäbischen
  Anzüglichkeiten  vor  dem  Bundestage  feierlich  vorzulesen.  Ein
voreiliger  Bundesbeschluß,  erklärte  Württemberg,  könne  die  Verständigung

 

*)  Sydows  Bericht,  22.  Jan.  1841.
**)  Sydows  Bericht,  27.  März  1841.
        <pb n="111" />
        Ulm  und  Rastatt.  103

nur  erschweren.)  In  der  Tat  mußte  Preußen  wieder  ins  Mittel  treten.
Radowitz  der  vielgeplagte  reiste  im  Januar  1842  nochmals  nach  Wien,
München,  Stuttgart  und  brachte  mit  unsäglicher  Mühe  einen  Vergleich
zu  stande,  kraft  dessen  Württemberg  den  Gouverneur,  Bayern  den  Kommandanten
  der  zukünftigen  Festung  ernennen  sollte.)  Ein  Glück  nur,
daß  der  preußische  Major  Prittwitz,  einer  der  tüchtigsten  Ingenieure
aus  Asters  Schule,  sich  durch  sein  anspruchsloses  Wesen  und  unbestreitbares
  Talent  das  persönliche  Vertrauen  König  Wilhelms  gewann;  so
ließ  man  ihn  bei  seinen  Ulmer  Bauplänen  ziemlich  frei  gewähren.

Im  Oktober  1844  wurde  der  Grundstein  für  die  beiden  Festungen
gelegt,  und  nunmehr  schritt  der  Bau  langsam,  aber  ununterbrochen  vorwärts.
Rothschild  mußte  die  20  Mill.  Fr.,  die  ihm  so  vielen  Segen  gebracht,  nach
und  nach  herauszahlen;  er  hatte  sie  in  den  letzten  Jahren,  auf  Preußens
Andringen,  etwas  höher  als  früher,  mit  3—3½⅛½  Prozent  verzinst;  jetzt
zog  er  bei  jeder  Rückzahlung  ½  Prozent  Provision  ab,  und  der  Bundestag
  ließ  sich  diese  vertragswidrige  Ubervorteilung  gefallen,  weil  die  Frankfurter
  Bankiers,  die  es  mit  dem  mächtigen  Hause  nicht  verderben  wollten,
inbrünstig  beteuerten,  günstigere  Bedingungen  könne  niemand  stellen.",)

Das  war  das  einzige  wertvolle  Geschenk,  das  der  Deutsche  Bund
seinem  begeisterten  königlichen  Verehrer  verdankte,  und  es  ward  dargebracht
mit  einer  Großmut,  welche  der  wohlberechtigten  Ansprüche  Preußens  gar
nicht  gedachte.  Friedrich  Wilhelm  versuchte  nicht  einmal,  für  seine  Truppen
das  Mitbesatzungsrecht  in  den  oberdeutschen  Bundesfestungen  zu  fordern,
sondern  bewilligte  ganz  unbedenklich,  daß  Osterreich  im  Frieden  für  Ulm
einen  Teil  der  Artillerie,  für  Rastatt  die  Pioniere,  im  Kriege  für  beide
Festungen  ein  Drittel  der  Besatzung  stellen  sollte;  ließ  man  die  Osterreicher
  also  bis  zum  Oberrhein  vorgehen,  so  schien  der  preußische  Staat
auf  die  Verteidigung  Süddeutschlands,  die  er  doch  1831  und  1840  für
sich  gefordert  hatte,  für  die  Zukunft  freiwillig  zu  verzichten.  Daß  Rastatt
jemals,  so  wie  es  im  Jahre  1870  wirklich  geschah,  einen  Angriff  auf  Straßburg
  unterstützen  könnte,  ward  noch  gar  nicht  als  möglich  angenommen;
nur  Verteidigungszwecken  sollte  die  neue  Bundesfestung  dienen  und  auch
die  Arbeiten  der  süddeutschen  Generalstabsoffiziere  erörterten  immer  nur
die  klägliche  Frage,  wohin  man  sich  bei  einem  französischen  Angriffe
zurückziehen  müsse.

Seit  im  Frühjahr  1841  die  Kriegsrufe  der  Franzosen  schwächer  wurden,
ließ  der  politische  Eifer  der  kleinen  Höfe  überall  nach;  sie  alle  priesen  sich
im  stillen  glücklich,  daß  der  Deutsche  Bund  wieder  in  seine  Nichtigkeit
zurücksank.  Baden  hatte  noch  zu  Anfang  des  Jahres  einen  recht  ver- 



*)  Bülows  Bericht,  Frankfurt  24.  Dez.  1841.
**)  Rochows  Bericht,  16.  Febr.  1842.
*““)  Berichte  von  Bülow,  7.  März  1842,  von  Dönhoff,  2.  Febr.  1847.
        <pb n="112" />
        104  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

ständigen  Landwehrplan  für  Süddeutschland  ausarbeiten  lassen,  den  ein—
zigen,  der  die  Landwehr  aus  geschulten  alten  Liniensoldaten  bilden  wollte
und  sich  einigermaßen  an  das  bewährte  preußische  Vorbild  anschloß.“)
Nach  wenigen  Monaten  war  von  alledem  keine  Rede  mehr,  und  Prinz
Emil  von  Hessen  sagte  nachher  traurig  zu  dem  preußischen  Bundesge—
sandten:  die  beste  Gelegenheit,  das  preußische  Heerwesen  im  Süden  einzu—
führen,  ist  versäumt.“*)  Metternich  schrieb  noch  im  Frühjahr  triumphierend
an  den  König  von  Württemberg:  Durch  das  erwachte  Nationalgefühl  „hat
sich  die  gediegenste  der  Mächte  in  innerer  Kraft  und  Kopfzahl,  der  Deutsche
Bund  seit  seinem  Entstehen  zum  ersten  Male  auf  dem  Felde  der  euro—
päischen  Politik  gezeigt.  Die  Erfahrung  hat  bewiesen,  was  der  Bund  zu
sein  vermag,  wenn  er  einig  dasteht.“  Die  Antwort  des  Schwabenkönigs
aber  klang  entschieden  mißtrauisch:  „Diese  nämlichen  Resultate  werden
sich  stets  wieder  erneuern,  solange  die  Grundregeln  des  Bundes  —  gleiche
Rechte  und  gleiche  Pflichten  —  beobachtet,  und  ebenso  nur  im  deutschen
Interesse  solche  Opfer  verlangt  werden,  welche  Regierungen  und  Völker
bringen  können.“  ***)  Unter  Freunden  äußerte  sich  König  Wilhelm  noch
weit  schärfer;  dem  sächsischen  Gesandten  Nostiz-Jänkendorf  klagte  er:  so
weit  ist  selbst  Napoleon  nicht  gegangen,  daß  er  die  Rheinbundstruppen  ge—
mustert  hätte!  )

Und  wie  sollten  auch  die  kleinen  Fürsten  Vertrauen  fassen,  wenn
die  Hofburg,  die  alte  Feindin  der  nationalen  Idee,  jetzt  plötzlich  das  deutsche
Nationalgefühl  feierte!  Der  letzte  Grund  der  deutschen  Zerrissenheit  lag
in  Wien.  „Die  moralischen  Kräfte  Osterreichs  schlummern;  alles,  was
sich  dieser  Luft  nähert,  wird  davon  angesteckt,“  so  schrieb  Maltzan,  der
Freund  Metternichs  um  Neujahr  1841;  und  sein  Nachfolger  Canitz,  der
dem  k.  k.  Staatskanzler  noch  näher  stand,  sagte  ein  Jahr  nachher:  „Man
scheint  hier  zu  glauben,  daß  die  Maschine  des  Deutschen  Bundes  zerbrechen
  würde,  sobald  man  versuchte,  sie  in  Bewegung  zu  setzen.  Da
man  immer  fürchtet,  zu  viel  zu  tun,  so  liebt  man  gar  nichts  oder  so
wenig,  als  möglich  zu  tun.“  )Solange  der  König  von  Preußen  diese
Wahrheit  nicht  einsah,  mußten  alle  seine  hochherzigen  Reformpläne  ein
Stückwerk  bleiben.  Er  aber  wollte  sie  nicht  einsehen.  Er  ging  darüber
hinweg,  daß  die  Allgemeine  Zeitung  den  preußischen  Staat  eben  jetzt  in
höchst  gehässigen  Artikeln  befehdete,  welche  ersichtlich  aus  Metternichs
nächster  Umgebung  herrührten;  er  fand  es  nicht  einmal  anstößig,  daß  Hof- 



*)  Badische  Denkschrift  „über  die  Errichtung  einer  Landwehr  in  den  verschiedenen
süddeutschen  Staaten“  1841.
**)  Dönhoffs  Bericht,  9.  März  1843.
***)  Metternich  an  König  Wilhelm  von  Würtiemberg,  26.  April,  Antwort  5.  Mai
1841.
)  Dönhoffs  Bericht,  20.  April  1844.
)  Berichte  von  Maltzan,  5.  Jan.  1841,  von  Canitz,  26.  Jan.  1842.
        <pb n="113" />
        Ende  der  Demagogenverfolgung.  105

rat  Berly,  der  Vertraute  des  Grafen  Münch,  in  der  Frankfurter  Ober—
postamtszeitung  (3.  April  1841)  höhnisch  sagte:  Preußen  denkt  nicht  „an
das  Schreckgespenst  der  deutschen  Einheit“,  das  die  Franzosen  sich  vor—
halten;  dergleichen  mochte  zur  Zeit  der  Schlacht  von  Roßbach  vielleicht
zutreffen;  Friedrich  Wilhelm  IV.  aber  weiß,  daß  Friedrich  von  Hohen—
zollern  in  demselben  Jahre  Burggraf  wurde,  da  Rudolf  von  Habsburg
die  Kaiserkrone  empfing!

Ganz  ohne  heilsame  Nachwirkung  blieb  die  schöne  nationale  Begeiste—
rung  dieser  unruhigen  Tage  mit  nichten;  in  den  weltbürgerlichen  Taumel
des  letzten  Jahrzehnts  konnte  der  deutsche  Liberalismus  nie  wieder  ganz
zurückfallen.  Aber  sehr  merklich  war  doch  die  Abkühlung,  als  die  Kriegs—
gefahr  verschwand.  Da  alle  Kriegsrufe,  denen  kein  offener  Kampf  folgt,
nachträglich  komisch  erscheinen,  so  säumten  die  Spötter  nicht,  an  dem  „de—
fensiven  Enthusiasmus“  Niklas  Beckers  ihren  stumpfen  Witz  zu  wetzen;
unter  den  radikalen  Philistern  aber  entstand  die  Meinung,  jede  deutsche
Erhebung,  die  von  den  Fürsten  gebilligt  werde,  sei  von  Haus  aus  ver—
dorben.  Unterdessen  versank  die  Bundesmilitärkommission  bald  wieder
in  ihr  gewohntes  Scheinleben.  Sie  beriet  gründlich  über  die  Wieder—
ersetzung  eines  vorzeitig  zerrissenen  Taues  am  Roten  Brunnen  zu  Luxem—
burg;  sie  brauchte  Jahre,  um  Frieden  zu  stiften  zwischen  den  hadernden
Staaten  des  neunten  Armeekorps.  Für  dieses  hatte  bisher  vertragsmäßig
das  Königreich  Sachsen  allein  die  Pontoniere  gestellt;  da  kam  der  hessische
Prinzregent  plötzlich  auf  den  Einfall,  daß  sich  auch  Kurhessen  den  Genuß
eines  eigenen  Brückentrains  gestatten  dürfe,  und  kündigte  eigenmächtig
den  Vertrag.  Der  artige  Dresdner  Hof  konnte  darauf  nicht  umhin,  „das
lebhafte  diesseitige  Bedauern  über  die  jenseitigen  Absichten“  auszudrücken;
Nassau  und  Luxemburg  pflichteten  ihm  bei.  Der  Hesse  aber  erwiderte  ent—
rüstet:  er  glaube,  noch  Dank  zu  verdienen  für  seinen  vaterländischen  Eifer,
denn  sein  Brückentrain  sei  126  Fuß  lang,  während  Kurhessen  nach  den
Bundesgesetzen  nur  für  110  Fuß  Brückenlänge  zu  sorgen  habe.“)  über
solchen  wichtigen  Beratungen  gerieten  die  Rügen  der  Bundes-Inspektoren
fast  überall  in  Vergessenheit.  In  Württemberg  betrug  der  Präsenzstand
der  Kompagnie  bald  wieder  nur  15  Mannz  und  sollte  die  Stuttgarter  Garnison
  bei  Eröffnung  des  Landtags  Spalier  bilden,  dann  mußten  in  Eile
die  Beurlaubten  einberufen  werden.)

Auch  auf  den  anderen  Gebieten  der  Bundespolitik  vermochte  König
Friedrich  Wilhelm  von  seinen  guten  Absichten  fast  gar  nichts  durchzusetzen.
  Er  erreichte  nur,  da  er  selbst  mit  dem  guten  Beispiele  der  Amnestie
  vorangegangen  war,  daß  die  Demagogenverfolgung  endlich  aufhörte
und  die  Bundes-Zentralbehörde  im  August  1842  vertagt  wurde  —  denn

 

*)  Dönhoffs  Berichte,  17.  Mai  1844  ff.
**)  Bericht  von  General  v.  Thun,  Stuttgart  22.  Jan.  1848.
        <pb n="114" />
        106  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

sie  gänzlich  aufzulösen,  schien  den  Wiener  Staatsmännern  zu  gefährlich.
Er  ließ  dabei  die  Hoffnung  aussprechen,  die  Heimkehr  der  Mitglieder  der
Zentralbehörde  werde  „als  ein  neues  sicheres  Zeichen  einer  günstigeren
Gestaltung  der  Dinge  und  des  Vertrauens  der  Regierungen“  in  ganz
Deutschland  freudig  begrüßt  werden.  Doch  seine  eigenen  Beamten  ver—
mochten  diese  Hoffnungen  nicht  zu  teilen.  Nach  dem  Tode  des  trefflichen
bayrischen  Gesandten  v.  Mieg  gestand  Geh.  Rat  v.  Sydow  traurig:  jetzt
könne  der  Bundestag  selbst  sehr  mäßigen  Ansprüchen  nicht  mehr  genügen,
und  nur  noch  durch  einen  durchgreifenden  Personenwechsel  neues  Leben
gewinnen.*)  Geistreiche  junge  Männer,  wie  Adolf  von  Schack,  der  Sohn
des  mecklenburgischen  Bundesgesandten,  wurden  durch  die  abschreckende
Nichtigkeit  des  Frankfurter  Diplomatenlebens  in  das  Lager  des  Liberalismus
  hinübergescheucht.  In  der  Hofburg  betrachtete  man  diesen  Jammer
mit  unverwüstlichem  Gleichmut;  ja  Metternich  kam,  zur  Verzweiflung
König  Friedrich  Wilhelms,  mehrmals  zurück  auf  seinen  alten  Vorschlag:
ob  man  nicht  den  ständigen  Bundestag  durch  eine  von  Zeit  zu  Zeit  wiederkehrende
  Gesandtenkonferenz  ersetzen  solle?

Wie  weit  die  Deutschen  noch  von  einem  lebendigen,  instinktiven  Nationalgefühle
  entfernt  waren,  das  lehrte  mitten  in  diesen  Tagen  vaterländischer
  Begeisterung  ein  aberwitziger  Streit,  der  sich  auf  den  vielbesungenen
  grünen  Wogen  des  freien  deutschen  Rheines  abspielte.  In
seiner  inneren  Politik  konservativ  bis  zum  Starrsinn,  blieb  Minister  du
Thil  doch  der  beste  Deutsche  unter  den  süddeutschen  Staatsmännern.  Er
hatte  bei  der  Begründung  des  Zollvereins  bewiesen,  wie  hoch  er  über
allem  partikularistischen  Kleinsinne  stand,  und  verhehlte  keineswegs,  daß
er  die  Militärhoheit  der  kleinen  Fürsten  für  einen  gemeinschädlichen  Mißbrauch
  hielt;  aber  —  das  war  der  Fluch  dieser  Bundesverfassung  —  solange
  die  Souveränität  der  kleinen  Staaten  bestand,  wollte  er  der  Würde
seines  Großherzogs  nicht  das  mindeste  vergeben.**“)  Dies  gewaltige  hessendarmstädtische
  Selbstgefühl  veranlaßte  manche  ergötzliche  Zwistigkeiten.
Darmstadt  unterstand  sich,  einen  Orden  Philipps  des  Großmütigen  zu
stiften.  In  Kassel  hingegen  wurde  der  gemeinsame  Stammvater  der  hessischen
Häuser  als  ein  kurhessischer  Nationalheld  betrachtet  und  die  Selbstüberhebung
  der  jüngeren  Linie  allgemein  verurteilt;  es  währte  mehrere  Jahre,
bis  der  Zorn  sich  legte  und  kurhessische  Beamte  die  Erlaubnis  erhielten,
den  Orden  zu  tragen.  Noch  kräftiger  regte  sich  der  darmstädtische  Stolz,
als  die  neue  Taunusbahn  von  Frankfurt  über  Castel  nach  Biebrich  eröffnet
  wurde.  Die  Bahn  war,  da  sie  durch  ein  Stück  hessischen  Gebietes
führte,  unter  Mitwirkung  du  Thils  zu  stande  gekommen.  Es  zeigte  sich
jedoch  bald,  daß  sie  den  Mainzer  Handel  schädigte.  Während  die  vordem

 

*)  Sydows  Berichte,  7.  Mai,  11.  Juni  1842.
**)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.
        <pb n="115" />
        Der  Biebricher  Rheindamm.  107

so  schwunghafte  Schiffahrt  auf  dem  unteren  Maine  zu  erlahmen  begann,
eröffnete  die  Nassauer  Regierung  zu  Biebrich  einen  Freihafen,  in  der
freundnachbarlichen  Absicht,  auch  den  Rheinverkehr  des  Mainzer  Hafens
an  sich  zu  reißen,  und  ließ  sodann  Strombauten  ausführen,  welche  das
Fahrwasser  von  Mainz  hinweg  nach  dem  rechten  Ufer  ablenken  sollten.

Da  der  Bundestag  seine  Pflichten  gegen  die  deutsche  Schiffahrt
gänzlich  verabsäumt  hatte,  so  beruhten  alle  Rechtsverhältnisse  des  Rhein—
stroms  lediglich  auf  Treu  und  Glauben,  auf  Verträgen  zwischen  den
souveränen  Uferstaaten,  und  niemand  hätte  für  möglich  gehalten,  daß
ein  deutscher  Staat  sich  erdreisten  würde,  den  vereinbarten  Talweg  eigen—
mächtig  zu  verändern.  Um  so  lauter  also  der  Zorn  der  benachteiligten
Rheinhessen:  Die  Mainzer  tobten:  durch  die  Genehmigung  der  Taunus—
bahn  hätten  die  „garstigen  Hackeln“  —  so  hießen  die  Darmstädter  Be—
amten  nach  den  Tannenzapfen  ihrer  Nadelwälder  —  schon  des  Unheils
genug  angestiftet,  nun  sollten  sie  dem  goldenen  Mainz  mindestens  sein
altes  Fahrwasser  retten.  Denn  die  Dampfschiffahrt  auf  dem  Rheine
nahm  neuerdings  erfreulich  zu,  Preußen  unterstützte  sie  durch  Nachlaß
an  den  Flußzöllen;  schon  begann  man  auch  die  Mosel  mit  Dampfern  zu
befahren;  Anteil  zu  behalten  an  diesem  neuen  Verkehrsmittel,  war  für
jede  Rheinstadt  eine  Lebensfrage.  Die  Rheinschiffahrts-Kommission  der
Uferstaaten  in  Mainz  vermochte  nicht  zu  helfen;  sie  bemühte  sich  seit
Jahren  durch  treufleißige  Verhandlungen,  bei  denen  Nassau  und  Darm—
stadt  stets  als  die  ärgsten  Zänker  auftraten,  einen  gemeinsamen  Tarif
für  die  Flußzölle  zu  vereinbaren,  was  ihr  im  Jahre  1845  endlich  gelang;
doch  eine  obrigkeitliche  Gewalt  besaß  sie  nicht,  sie  konnte  das  souveräne
Nassau  nicht  zwingen.  Die  Mainzer  durch  eine  linksrheinische  Eisenbahn
zu  entschädigen,  war  auch  unmöglich;  denn  in  militärischen  Kreisen  herrschte
damals  die  ängstliche  Meinung,  daß  eine  Verbindungsbahn  zwischen  den
großen  Rheinfestungen  nur  den  Franzosen  die  Eroberung  des  Landes  er—
leichtern  würde,  und  noch  viele  Jahre  hindurch  blieb  die  kleine  Bonn—
Kölner  Bahn  die  einzige  Eisenbahn  am  linken  Ufer.

So  geriet  du  Thil  in  arge  Verlegenheit.  Wie  verächtlich  auch  der
bureaukratische  Hochmut  der  Darmstädter  „Dienerschaft“  auf  die  öffent—
liche  Meinung  herabzublicken  pflegte:  vor  der  ungestümen  Beredsamkeit
der  liberalen  Rheinhessen  fürchtete  man  sich  doch,  denn  sie  gab  auf
den  Landtagen  oft  den  Ausschlag.  Der  hessische  Minister  versuchte  zu—
nächst  durch  dringende  Vorstellungen  und  Beschwerden  die  nassauische
Regierung  zur  Wiederherstellung  des  alten  Talwegs  zu  bewegen.  Als
er  immer  nur  höhnische  Antworten  erhielt,  entschloß  er  sich  endlich,  das
Faustrecht  zu  gebrauchen,  und  bereitete,  mit  eifriger  Beihilfe  der  Rhein—
hessen,  einen  Gewaltstreich  vor.  In  der  Nacht  des  28.  Febr.  1841  fuhr
ein  Zug  von  103  schweren  Rheinschiffen  durch  die  geöffnete  Mainzer
Schiffbrücke  talwärts;  die  Schiffer  gaben  den  Festungsbehörden  an,  daß
        <pb n="116" />
        108  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

sie  Steine  zum  Kölner  Dombau  führten,  und  sangen  bei  der  Durchfahrt:
„sie  sollen  ihn  nicht  haben“,  wobei  sie  allerdings  an  die  Nassauer,  nicht
an  die  Franzosen  dachten.  Nahe  beim  Biebricher  Hafen  hielt  die  Flotte
plötzlich  an,  mehrere  der  Schiffe  versanken  angebohrt,  die  anderen  löschten
ihre  Ladung  in  den  Rhein,  ein  Offizier  mit  20  Gendarmen  behütete
die  Arbeiter,  und  nach  wenigen  Stunden  war  der  rechte  Rhein-Arm
zwischen  der  Insel  Petersau  und  dem  Biebricher  Ufer  durch  einen  mäch—
tigen  Steindamm  fast  völlig  abgesperrt.“)

Mit  heller  Schadenfreude  begrüßten  die  Rheinhessen  am  anderen  Morgen
  das  seltsame  Bauwerk.  Du  Thil  hatte  sein  ganzes  Land  hinter  sich  und
rühmte  sich  noch  im  hohen  Alter  dieser  darmstädtischen  Heldentat.  *)  Unter
dem  heiligen  Reiche  hatte  der  Rhein  solcher  freundnachbarlicher  Streiche
ja  schon  viele  gesehen.  Wie  oft  waren  damals  die  kurkölnischen  oder  die  bergischen
  Bauern  bei  Nachtzeit  auf  Geheiß  ihrer  Amtleute  ausgezogen,  um
die  Faschinen  am  Ufer  gegenüber  zu  zerstören.  Die  Nassauer  aber  schimpften
  weidlich  auf  „unsere  Nachbarn  jenseits  des  neuen  Steindammes“,  die
fremden  Diplomaten  am  Bundestage  höhnten,  und  alle  Witzbolde  des  lustigen
  Rheinlands  trieben  ihren  Schabernack  mit  diesem  neuen  Wasunger
Kriege.  Ein  in  der  Frankfurter  Gegend  weitverbreitetes  Lied  besang  die
Steinleiden  des  alten  Rheins  mit  einem  cynischen  Witze,  der  einer  solchen
Sache  würdig  war,  und  schloß  mit  der  tröstlichen  Versicherung:  „Der
Deutsche  Bund  verspricht  von  Herzen  Ihm  Hoffnung  —  Anno  Siebenzig.
  “  *?)  Indes  die  Friedensstörung  war  doch  allzu  roh;  selbst  das  geduldige
  k.  k.  Gouvernement  in  Mainz  konnte  nicht  umhin,  wegen  Verletzung
seiner  Würde  und  Übertretung  der  Rayons-Vorschriften  Klage  zu  erheben,
da  der  hessische  Kyklopenbau  noch  innerhalb  des  Festungsgebietes  lag.#K)
Die  Bundesgesandten  bemühten  sich  wetteifernd,  den  ärgerlichen  Handel
aus  der  Welt  zu  schaffen.  Am  gastlichen  Tische  des  Grafen  Münch  traten
die  Minister  der  beiden  streitenden  Mächte,  Graf  Walderndorff  und  du
Thil  einander  näher.)Der  Hesse  versprach,  den  Steindamm  so  weit
hinwegzuräumen,  daß  zwei  Dampfschiffe  nebeneinander  einlaufen  könnten,
verlangte  aber  um  so  nachdrücklicher  die  Wiederherstellung  des  alten
Talwegs.  Darüber  entbrannte  der  Zwist  sofort  wieder,  und  erst  nach
dritthalb  Jahren,  im  August  1843  kam  unter  Vermittlung  des  Bundes
ein  Vergleich  zu  stande,  der  im  wesentlichen  den  Wünschen  der  Hessen

 

*)  Sydows  Bericht,  4.  März  1841.
**)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.

*“)  Offenes  Sendschreiben  an  unfre  Nachbarn  jenseits  des  neuen  Steindammes.
Von  einem  Biebricher,  als  Mslkr.  gedruckt  Wiesbaden  1841  Fliegendes  Blatt:  „Selbst
der  so  lange  die  Franzosen“  2c.  —  sehr  bissig,  aber  ganz  unmitteilbar.

)  Bericht  des  k.  k.  Gouverneurs  F.  M.  L.  Graf  Leiningen  an  das  Bundespräsidium,
  Mainz  2.  März  1841.
f)  Sydows  Berichte,  1.  23.  April  1841.
        <pb n="117" />
        Frankreichs  Bedrängnis.  109

entsprach.“)  Du  Thil  machte  die  angenehme  Erfahrung,  daß  unter  diesem
Bundestage  Selbsthilfe  am  sichersten  ihr  Ziel  erreichte.  —

 

Mittlerweile  ging  die  europäische  Krisis  unter  mannigfachen  Schwan—
kungen  ihrer  unvermeidlichen  friedlichen  Lösung  entgegen.  Keine  der
Großmächte,  vielleicht  mit  Ausnahme  Rußlands,  wünschte  in  vollem  Ernst
den  allgemeinen  Krieg,  sie  alle  wurden  durch  wechselseitiges  Mißtrauen
in  Schach  gehalten.  Darum  erklärten  auch  die  vier  Mächte  am  17.  Sept.,
in  einem  Zusatzprotokolle  zum  Juli-Vertrage,  dem  türkischen  Gesandten
feierlich,  daß  sie  im  Oriente  weder  besondere  Vorteile  noch  Gebietserweiterungen
  für  sich  erstrebten.“)  Gleichwohl  geriet  Thiers  in  die
peinlichste  Lage.  Kühne  Pläne  für  Frankreichs  afrikanische  Machtstellung
hegte  er  nicht,  die  festländische  Politik  lag  seinem  Gedankenkreise  näher.
Aber  eine  öffentliche  Beschämung  Frankreichs  konnte  ein  Mann  von  seiner
Vergangenheit  kaum  ruhig  hinnehmen,  und  tief  empörte  ihn  die  heuchlerische
  Sprache  in  der  Presse  und  den  Denkschriften  der  vier  Mächte.
Ihr  werft  uns  vor,  so  sagte  er  zu  Apponyi,  daß  wir  durch  die  Begünstigung
  Mehemed  Alis  die  Revolution  nährten,  und  ihr  selber  hetzt
durch  eure  Agenten  die  Völker  Syriens  zum  Aufstande  gegen  ihren
Paschal?)  Doch  wie  sollte  er  den  ungleichen  Kampf  wagen?  Seine
leisen  Anfragen,  ob  nicht  Preußen  und  der  Deutsche  Bund  neutral  bleiben
würden,  begegneten  scharfer  Ablehnung.)  Der  Turiner  Hof,  der  anfangs
an  Neutralität  dachte,  empfing  von  Metternich  die  Zurechtweisung:  „der
Krieg  ist  nur  möglich  entweder  mit  niemand  oder  mit  aller  Welt.“#
Fuhr  das  Schwert  aus  der  Scheide,  so  stand  Frankreich  der  geschlossenen
Phalanx  des  legitimen  Europas  gegenüber.  Thiers  schwankte  lange,  derweil
  er  die  Rüstungen  eifrig  fortsetzte;  noch  zu  Ende  Septembers  war
er  mit  sich  nicht  im  reinen.]Die  Presse  aber  erwies  sich  wieder  als
eine  Macht  des  Unheils  für  das  neue  Frankreich,  und  Thiers  am  wenigsten
  konnte  ihrem  wilden  Drängen  widerstehen,  da  er  seine  Laufbahn
gutenteils  den  Zeitungen  verdankte.  Seine  nächsten  Freunde  im  Constitutionnel
  drohten:  Wir  haben  ihn  erhoben  und  wir  lassen  ihn  fallen,
wenn  er  Frankreich  preisgibt;  „die  Gefahr  der  Schande  ist  für  eine
Regierung  schlimmer  als  die  Gefahren  des  Krieges.“

 

*)  Berichte  von  Dönhoff,  16.  Aug.  1842,  3.  Aug.  1843.
**)  Metternich  an  Neumann,  5.  Okt.  Liebermanns  Bericht,  3.  Okt.  1840.
**#)  Werther  d.  J.,  Bericht  aus  Paris,  13.  Sept.  1840.
)  Werther  d.  J.,  Pariser  Bericht,  5.  Okt.  1840.
)Metternich  an  Schwarzenberg  in  Turin,  11.  Okt.,  an  Trauttmansdorff
13.  Okt.  1840.
##)  Werther  d.  J.,  Pariser  Bericht,  30.  Sept.  1840.
        <pb n="118" />
        110  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Nun  kam  noch  die  Nachricht,  daß  die  englisch-österreichische  Flotte
den  Angriff  gegen  die  Küstenplätze  Syriens  begonnen  und  die  Widerstandskraft
  der  Agypter  sich  weit  schwächer  gezeigt  hatte,  als  man  in
Paris  hoffte.  Da  wallte  das  heiße  Provenzalenblut  des  Ministers  hoch
auf;  besser  im  Rheine  als  in  der  Gosse  sterben,  rief  er  zornig.  Er  verlangte
  im  Ministerrate,  ohne  durchzudringen,  die  sofortige  Absendung
der  Flotte  zum  Schutze  von  Alexandria?),  und  redete  in  seinen  Depeschen,
als  ob  er  den  Krieg  der  revolutionären  Propaganda  eröffnen  wollte.  Der
Bund  der  vier  Mächte,  so  ließ  er  sich  vernehmen,  „ähnele  nur  zu  sehr
jenen  Koalitionen,  welche  seit  fünfzig  Jahren  Europa  mit  Blut  bedeckt
hätten“,  und  habe  bereits  den  segensreichen  Bund  der  Westmächte  zerstört.
  „Fraget  die  Völker  von  Cadix  bis  zu  den  Ufern  der  Oder  und
der  Elbe!  Fraget  sie,  und  sie  werden  antworten,  daß  dieser  Bund  seit
zehn  Jahren  den  Frieden  und  die  Unabhängigkeit  der  Staaten  erhalten
hat,  ohne  der  Freiheit  der  Völker  zu  schaden.““*)  Dabei  hütete  er  sich
noch  immer,  die  diplomatischen  Formen  allzu  gröblich  zu  verletzen.  Den
Chartisten  Attwood,  der  mit  einer  Verbrüderungs-Gesandtschaft  radikaler
Briten  nach  Paris  kam,  weigerte  er  sich  zu  empfangen,  weil  ihm  der
englische  Gesandte  sagte,  man  werde  dies  in  London  übel  aufnehmen.)
Als  aber  die  Kammern  sich  wieder  versammelten,  riet  Thiers  dem  Könige,
stolz  aufzutreten  und  in  der  Thronrede  zu  sagen:  er  werde  dem  Frieden
nicht  das  ihm  von  der  Revolution  anvertraute  geheiligte  Kleinod  der  nationalen
  Unabhängigkeit  und  Ehre  opfern.

Diesen  Mißgriff  hatte  Ludwig  Philipp  nur  abgewartet,  um  sich  des
verhaßten  Ministers  zu  entledigen.  Er  verweigerte  seine  Zustimmung  zu
der  gefährlichen  Drohung.  Darauf  trat  Thiers  zurück,  und  am  29.  Okt.
bildete  Guizot  ein  neues  Kabinett,  in  der  erklärten  Absicht,  die  Versöhnung
  mit  den  vier  Mächten  herbeizuführen.y)  Der  Bürgerkönig  verleugnete
  all  diese  Zeit  über  seine  Friedensseligkeit  niemals  und  gestand
bereits  im  September  dem  preußischen  Geschäftsträger:  ich  betrachte  den
Kriegslärm  als  ein  Mittel,  um  die  längst  nötige  Vermehrung  des  Heeres
und  die  Befestigung  von  Paris  durchzusetzen.  Dies  embastillement  de
Paris  —  wie  die  Radikalen  spotteten  —  hatte  schon  vor  einem  Vierteljahrhundert
  der  Kaiser  F  Franzden  Bourbonen  anempfohlen;  Ludwig  XVIII.
war  jedoch  nicht  darauf  eingegangen,  da  er  der  Treue  seiner  Franzosen
sicher  zu  sein  glaubte.  Jetzt  nahm  man  die  alten  Entwürfe  wieder  auf:

 

*)  Werther  d.  J.,  Pariser  Berichte.  6.  11.  Okt.  1840.
**)  Thiers  an  Gujizot,  3.  Okt.,  an  Bresson,  9.  Okt.  1840.
**)  Werther  d.  J.,  Pariser  Bericht  17.  Okt.  1840.

)Die  Behauptung  H.  Wageners  (die  Politik  Friedrich  Wilhelms  IV.  S.  28),
daß  der  König  von  Preußen  durch  Absendung  des  Generals  Dohna  die  friedliche  Wendung
  der  französischen  Politik  mit  bewirkt  hätte,  beruht  auf  einer  Verwechslung.  Graf
Dohna  war  1840  gar  nicht  in  Paris,  sondern  i.  J.  1837,  Zzum  Besuche  der  Manöver.
        <pb n="119" />
        Rücktritt  des  Ministeriums  Thiers.  111

Ludwig  Philipp,  weil  er  sich  gegen  einen  Pariser  Straßenaufruhr  decken
wollte,  Thiers,  weil  er  weiter  schauend  erkannte,  was  die  befestigte  Haupt—
stadt  im  Kriegsfalle  für  die  Verteidigung  dieses  zentralisierten  Landes
leisten  konnte.')  Durch  Thiers'  volkstümlichen  Namen  wurde  die  liberale
  Presse  für  den  anfangs  wenig  beliebten  Plan  gewonnen,  und  nachdem
  dies  Ziel  erreicht  war,  konnte  der  König  leichten  Herzens  den  unbequemen
  Mann  fallen  lassen.  Das  neue  Friedensministerium  war  sein
eigenstes  Werk,  und  nach  alter  Gewohnheit  suchte  er  nunmehr  die  vier
Mächte  zu  einiger  Nachgiebigkeit  zu  bewegen,  indem  er  ihnen  das  Schreckgespenst
  der  Revolution  vorhielt.  „Wenn  das  gegenwärtige  Kabinett  fällt“,
so  schrieb  er,  „dann  gebt  euch  keiner  Täuschung  hin:  was  dann  folgt,  ist
der  Krieg  um  jeden  Preis  und  nachher  ein  vervollkommnetes  1793.“7)

Auch  sein  Schwiegersohn  König  Leopold  bemühte  sich  eifrig  für  den
Frieden.  Der  hatte  den  Juli-Vertrag  von  Haus  aus  als  einen  Fehler
betrachtet  und  sogleich  an  Metternich  warnend  geschrieben:  „Bedenken  Sie,
welchen  Zündstoff  Sie  in  die  Hände  von  Lord  Ponsonby,  Napier  und
anderen  dieses  Schlages  gelegt  haben.“  Auf  der  Freundschaft  der  Westmächte
  ruhte  seine  eigene  Herrschaft;  und  da  er  richtig  erkannte,  daß  die
Friedensstörung  diesmal  von  England  und  Rußland  ausging,  so  eilte  er
schwer  besorgt  nach  Windsor,  um  seine  königliche  Nichte  vor  diesem  „monströsen“
  Kriege  zu  warnen,  und  versuchte  zugleich  durch  Bülow,  der  ihm
von  lange  her  nahe  stand,  auf  Palmerston  einzuwirken..““)  Sobald  das
neue  Kabinett  in  Paris  gebildet  war,  beschwor  er  den  Preußen  (3.  Nov.),
die  vier  Mächte  möchten  dem  französischen  Hofe  eine  goldene  Brücke
bauen:  Lassen  wir  das  jetzige  Ministerium  fallen,  so  bekommen  wir  Thiers
als  Chef  der  gesamten  Linken  ins  Ministerium,  der  unglückliche  König
muß  sich  dann  unterwerfen,  und  ein  Krieg  und  Unheil  jeder  Art  ist  unfehlbar.“
  Noch  drängender  schrieb  er  vier  Tage  darauf,  „da  man  ja
natürlich  annehmen  muß,  daß  man  es  mit  Downing-Street  und  nicht
mit  Bedlam  zu  tun  hat:  Ihre  Hand  hat  mit  den  trefflichen  Traktat
unterzeichnet;  sie  muß  uns  daher  auch  wieder  von  den  Segnungen  dieses
Traktats  befreien,  an  denen  wir  alle  schlagähnlich  daniederliegen.  Lassen
Sie  mir  das  gute  jetzige  Ministerium  umwerfen,  so  armiere  ich  hier  ganz
bestimmt,  und  das  wird  dann  Deutschland  auch  zum  Armieren  encouragieren.“/T)


Dies  emsige  Treiben  des  schlauen  Koburgers  mußte  den  vier  Mächten
hochverdächtig  erscheinen,  weil  er  offenbar  nur  sagte,  was  sein  Schwiegervater
  ihm  eingab.  Sie  waren,  als  sie  einst  in  so  vielen  Verträgen,

*)  Werthers  d.  J.  Berichte,  16.  30.  Sept.  1840.
**)  König  Ludwig  Philipp  an  König  Leopold,  5.  Nov.  1840.
*"*)  König  Leopold  an  Metternich,  mitgeteilt  in  Maltzans  Bericht  v.  21.  Aug.  1840,
Bülows  Bericht,  21.  Aug.  1840.
f)König  Leopold  an  Bülow  3.  7.  Nov.  1840.
        <pb n="120" />
        112  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

zuletzt  noch  in  dem  Schlußvertrage  vom  19.  April  1839,  die  vollständige
Neutralität  Belgiens  ausbedungen  hatten,  allesamt  von  der  Voraus—
setzung  ausgegangen,  daß  die  Unabhängigkeit  des  jungen  Staates  nur
von  Frankreich  her  bedroht  werden  könne.  Nun  erfuhren  sie,  auf  wie
lockerem  Grunde  alle  diese  papierenen  Verheißungen  standen;  sie  durften
nicht  dulden,  daß  dies  neutrale  Land  sich  erdreistete,  als  europäische  Macht
aufzutreten,  und  ließen  daher  in  Brüssel  sehr  nachdrücklich  erklären:  in
der  gegenwärtigen  Lage  bedeute  die  bewaffnete  Neutralität  Belgiens  nichts
anders  als  den  Anschluß  an  Frankreich,  den  Bruch  aller  europäischen
Verträge.)

Alle  diese  Wechselfälle  beirrten  den  König  von  Preußen  nicht  in  seiner
fast  unbedingten  Friedfertigkeit.  Mit  einer  Wärme,  welche  weit  über  das
Maß  seiner  wirklichen  Gefühle  hinaus  ging,  beteuerte  er  dem  Bürgerkönige
  beständig  seine  persönliche  Verehrung.  Die  Londoner  Konferenz
wünschte  er  nach  Wien  zu  verlegen,  wo  man  Frankreich  zuziehen  könne
und  den  Übermut  Palmerstons  nicht  zu  fürchten  habe.  Als  er  damit
nicht  durchdrang,  ließ  er  dem  russischen  Hofe  aussprechen,  wie  viel  Schmerz
ihm  persönlich  die  ablehnende  Haltung  Brunnows  bereite.**)  Noch  deutlicher
  schrieb  Werther  nach  Petersburg:  Rußland  lege  dem  Juli-Vertrage
einen  ausschließlichen  und  aufreizenden  Sinn  unter,  welchen  Osterreich
und  Preußen  niemals  billigen  könnten;  ihnen  sei  es  nie  eingefallen,  Frankreich
  für  immer  von  den  orientalischen  Verhandlungen  auszuschließen.
Rußland  stütze  sich  auf  Wüsten  und  auf  friedliche  Nachbarn  und  könne
sich  daher  wohl  die  Genugtuung  gestatten,  das  Scheinbild  des  in  Wahrheit
  nicht  mehr  bestehenden  Bundes  der  Westmächte  zu  zerstören.  Preußen
  dagegen,  obwohl  fest  entschlossen,  einen  aufgezwungenen  Verteidigungskampf
  mit  voller  Kraft  zu  führen,  müsse  den  Frieden  wünschen,  da  bei
der  Schwäche  OÖsterreichs  und  der  kleinen  Staaten  „die  ganze  Last  eines
deutschen  Krieges  auf  Preußen  fallen  würde.  Die  Hilfe,  welche  uns  Rußland
  leisten  könnte,  würde,  wie  die  Erfahrung  gelehrt  hat,  verspätet,  unvollständig
  und  von  tausend  übelständen  begleitet  sein.“  An  der  Vernichtung
  Mehemed  Alis  wolle  Preußen  auf  keinen  Fall  teilnehmen;
sein  Ziel  sei  die  Erhaltung  des  osmanischen  Reichs  unter  Mitwirkung
Frankreichs.*“)  Ganz  ebenso  friedlich  äußerte  sich  Metternich,  obwohl  er
seinen  Abscheu  gegen  „Thiers'  verworfene  Persönlichkeit“  mit  starken  Worten
bekundetez  xf)  in  langen  lehrhaften  Depeschen  versuchte  er  den  Mächten
zu  zeigen,  wie  man  Frankreich  in  das  curopäische  Konzert  zurückführen  könne.

*)  Schleinitzs  Bericht,  London  18.  Sept.  Liebermanns  Bericht,  Petersburg  23.
Sept.  1840.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Min.  Werther,  26.  Aug.,  7.  Okt.  1840.
*#*)  Werther,  geh.  Weisung  an  Liebermann,  31.  Okt.,  Bericht  an  den  König,  9.  Nov.,
Weisungen  an  Bülow,  9.  11.  Nov.  1840.
)  Metternich  an  Werther,  3.  Sept.  1840.
        <pb n="121" />
        Die  Entscheidung  im  Mittelmeere.  113

Dieser  versöhnlichen  Politik  der  deutschen  Mächte  widerstand  der  Petersburger
  Hof  lange  mit  hochmütiger  Schroffheit.  Nikolaus  verhehlte  nicht
seine  Schadenfreude  über  den  Londoner  Vertrag;  er  hoffte,  dem  französischen
Thronräuber  wo  nicht  eine  Niederlage  auf  dem  Schlachtfelde,  so  doch
eine  beschämende  öffentliche  Demütigung  zu  bereiten.  Unter  mannigfachen
  Vorwänden  lehnte  Brunnow  alle  Vermittlungsvorschläge  ab.-)
Auf  jeden  Fall,  meinte  der  Zar,  müsse  Frankreich  den  ersten  Schritt
zur  Versöhnung  tun;  „wenn  die  Initiative  für  das  französische  Kabinett
schwer  ist,  so  ist  sie  für  uns  noch  viel  schwerer,  und  ganz  gewiß  werden
wir  sie  nicht  ergreifen.“)  Und  Nesselrode  schrieb  den  deutschen  Höfen:
jeder  Versöhnungsversuch  wird  Frankreichs  Übermut  nur  steigern;  jetzt
ist  die  Zeit,  „dem  französischen  Volke  eine  Lektion  zu  geben,  die  ihm  ebenso
nötig  ist,  wie  sie  für  uns  vorteilhaft  sein  wird;“  nach  den  Kriegsdrohungen
  der  Franzosen  können  die  vier  Mächte  heute  vieles  nicht  mehr
bewilligen,  was  früher  annehmbar  erschien.“)  Fast  ebenso  herausfordernd
redete  zuweilen  das  englische  Kabinett.  Obgleich  Palmerston  anfangs,
gleich  den  anderen  Mächten,  die  Absetzung  Mehemed  Alis  verurteilt  hatte,
so  blieb  er  doch  auf  die  Dauer  nicht  unempfänglich  für  die  Berichte  Ponsonbys,
  der  polternd  und  schmähend  den  fanatischen  Haß  des  Diwans
noch  zu  überbieten  suchte.  Derselbe  Lord  Feuerbrand,  der  in  Europa  jede
mutwillige  Empörung  schadenfroh  begünstigte,  entblödete  sich  nicht,  die
Doktrin  der  starren  Legitimität  auf  den  Orient  anzuwenden,  wo  für  ein
legitimes  Recht  gar  kein  Boden  war,  und  meinte  jetzt  mit  Ponsonby:
man  dürfe  dem  Sultan  die  jedem  Souverän  zustehende  Befugnis,  einen
rebellischen  Statthalter  abzusetzen,  nicht  bestreiten.  Der  preußischen  Regierung
  ließ  er,  da  sie  den  Gewaltstreich  des  Sultans  nach  wie  vor  mißbilligte,
  mit  gewohnter  Ungeschliffenheit  sagen:  sie  habe  sich  „nicht  die
Mühe  gegeben,  diese  Sache  und  ihre  Folgen  zu  ergründen.“)  Bis  zur
Vernichtung  Mehemed  Alis  wollte  er  allerdings  nicht  gehen;  er  wünschte
vielmehr,  der  rebellische  Pascha  möge  sich  dem  Oberlehnsherrn  bald  unterwerfen,
  um  dann  vom  Sultan  begnadigt  und  mit  der  Erbherrschaft  über
Agypten  neu  belehnt  zu  werden.-,

Die  Meinungsverschiedenheit  im  Schoße  der  vier  Mächte  begann  schon
bedrohlich  zu  werden;  da  fiel  die  Entscheidung  auf  dem  orientalischen
Kriegsschauplatze.  Die  Flotte  der  Verbündeten,  mit  einer  Handvoll  türkischer
  Truppen  an  Bord  eroberte,  nicht  ohne  die  Beihilfe  des  englischen

 

*)  Berichte  von  Liebermann  3.  Okt.;  von  Schleinitz,  London,  5.  27.  Okt.,  von
Bülow  24.  Okt.  1840.
**)  Liebermanns  Bericht,  17.  Okt.  1840.
*“  #)  Nesselrode  an  Tatistschew  in  Wien,  5.  Okt.  a.  St.,  an  Meyendorff  in  Berlin,
12.  25.  31.  Okt.  a.  St.  1840.
1)  Ponsonby  an  Palmerston  10.  Sept.  Will.  Russell  an  Werther  20.  Okt.  1840.
f)Palmerston,  Weisung  an  Ponsonby,  15.  Okt.  1840.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  8
        <pb n="122" />
        114  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Goldes,  die  syrischen  Küstenplätze  Byblus,  Beirut,  Saida.  Am  2.  Nov.
wurde  nach  kurzer  Beschießung  das  Banner  des  Großherrn  neben  den
Fahnen  OÖsterreichs  und  Englands  auf  den  Wällen  der  unbezwinglichen
Festung  Akkon  aufgepflanzt.  Der  junge  Erzherzog  Friedrich,  ein  Sohn
des  Siegers  von  Aspern,  zeichnete  sich  bei  diesen  Kämpfen  rühmlich  aus,
und  groß  war  die  Freude  in  Wien,  da  die  Welt  jetzt  zum  ersten  Male
von  einer  Waffentat  der  österreichischen  Flotte  hörte.  Währenddem  tobte
im  Innern  Syriens  der  Aufruhr,  und  die  Verbündeten  trugen  kein  Bedenken,
  die  Empörer  mit  Waffen  zu  versehen.  Also  zugleich  von  der  Küste
und  vom  Binnenlande  her  bedroht  entschloß  sich  Ibrahim  Pascha  die
Trümmer  seines  zerrütteten  Heeres  nach  Agypten  zurückzuführen.  Die
Herrschaft  seines  Vaters  über  Syrien  war  vernichtet.  Nun  segelte  Kommodore
  Napier,  der  gefeierte  britische  Seeheld  jener  Tage,  der  auch  in
Syrien  das  Beste  getan  hatte,  mit  seinem  Geschwader  auf  die  Höhe  von
Alegandria  und  schloß  dort  am  27.  Nov.  mit  dem  erschreckten  Pascha
einen  Vertrag,  kraft  dessen  Mehemed  Ali  versprach,  sich  dem  Sultan  zu
unterwerfen  und  die  geraubte  türkische  Flotte  wieder  auszuliefern;  dafür
sollte  er,  mit  Genehmigung  der  vier  Mächte,  als  Vasall  des  Großherrn  die
ägyptische  Erbherrschaft  wieder  erhalten.

Die  eigenmächtige  Tat  des  tapferen  Kommodores  erregte  an  den
Höfen  allgemeine  Verwunderung.  Metternich  schrieb  entrüstet:  „Das  ist
eine  saubere  Tollheit.  Napier  hat  bewiesen,  daß  er  sich  trefflich  aufs
Fenstereinwerfen  versteht,  er  versteht  indessen  auch  die  Vernunft  in  Stücke  zu
schlagen.““)  Palmerston  aber,  dessen  Übermut  seit  den  syrischen  Erfolgen
sehr  hoch  gestiegen  war,  heuchelte  wieder  legitimistische  Bedenklichkeiten;  er
sagte  salbungsvoll:  „es  ist  unvereinbar  mit  den  Grundsätzen  der  englischen
Regierung,  einem  Untertan  eine  politische  Gewalt,  welche  ihm  sein  Souverän
  gewährt  hat,  förmlich  zu  verbürgen.“““)  Bei  ruhiger  Prüfung  mußte
man  doch  allerseits  zugeben,  daß  Napiers  derber  Seemannsverstand  genau
  die  Lösung  gefunden  hatte,  welche  den  Ergebnissen  des  kurzen  Feldzuges
  und  den  neuen  Machtverhältnissen  entsprach.  Schon  vor  dem  Vertrage
von  Alexandria,  schon  am  17.  Nov.  hatte  Bülow,  der  unermüdliche  Vermittler,
  auf  der  Londoner  Konferenz  durchgesetzt,  daß  man  dem  Pascha
den  erblichen  Besitz  Agyptens  gewähren  müsse.  Ward  im  Oriente  ein
Waffenstillstand  auf  solche  Bedingungen  hin  abgeschlossen,  so  konnte  Frankreich
  seine  Zustimmung  kaum  mehr  verweigern,  weil  Syrien  doch  für  Mehemed
  Ali  verloren  war,  und  das  in  Berlin  so  sehnlichst  gewünschte  Einverständnis
  aller  europäischen  Mächte  stellte  sich  fast  von  selbst  wieder
her."*)

*)  II  est  à  la  fois  un  brise-raison.  Metternich  an  Esterhazy,  21.  Dez.  1840.
**)  Palmerston  an  die  Lords  der  Admiralität,  15.  Dez.  Werthers  Weisungen  an
Arnim,  17.  Nov.,  an  Bülow,  19.  Nov  1840.
***)  Bülows  Bericht,  17.  Nov.  Arnims  Bericht,  22.  Nov.  1840.
        <pb n="123" />
        Ministerium  Guizot.  115

Die  Stellung  Guizots  und  seines  Friedenskabinetts  blieb  gleichwohl
noch  lange  sehr  peinlich.  Seit  Monaten  befand  sich  das  französische  Volk
in  einem  krampfhaften  Zustande  kriegerischer  Aufregung.  Alles  jauchzte,
da  aus  Algier  die  Nachricht  kam  von  einem  großen  Siege,  der  bei  Masagran
  über  die  Horden  Abdel-Kaders  erfochten  sein  sollte;  und  als  sich
die  Siegesbotschaft  bald  nachher  als  eine  plumpe  Erfindung  erwies,  da
wagte  keine  einzige  Pariser  Zeitung  die  Lüge  zu  widerlegen,  jeder  Franzose
  blieb  fortan  verpflichtet  an  die  märchenhafte  Heldentat  zu  glauben,
deren  Ruhm  in  allen  großen  Städten  Frankreichs  durch  die  neuen  Rues  de
AIlasagran  verewigt  wurde.  Also  gestimmt  konnte  die  Nation  durch  die  wahrlich
  bescheidenen  syrischen  Siege  der  Verbündeten  nur  noch  mehr  erbittert
werden.  Zumal  die  leichte  Eroberung  jenes  Akkon,  das  einst  einem  Bonaparte
  widerstanden  hatte,  erschien  den  Pariser  Boulevardiers  wie  eine  persönliche
  Beleidigung.  Das  Kriegsgeschrei  hielt  den  ganzen  Winter  hindurch  an
und  ward  für  die  Regierung  immer  kränkender.  Die  öffentliche  Meinung
besänftigte  sich  auch  nicht,  als  Ludwig  Philipp  die  Asche  Napoleons  nach
Paris  zurückführen  ließ  und  in  dem  pomphaften  Leichenzuge  mit  einem  Male
die  verschlissenen  Uniformen  der  kaiserlichen  Tage  wieder  auftauchten.  Guizot
freilich  sagte  in  seiner  verblendeten  Selbstgewißheit:  es  war  ein  bloßes
Schauspiel;  Prinz  Ludwig  Napoleon  aber,  der  im  Schlosse  zu  Ham  die
Strafe  für  seinen  zweiten  abenteuerlichen  Aufstandsversuch  abbüßte,  ahnte
siegesfroh,  daß  die  napoleonische  Legende  wieder  Macht  gewann  über  die
Herzen  der  Franzosen.  Diesem  stolzen  Volke  konnte  die  Vergleichung  der
großen  Vergangenheit  mit  der  kleinen  Gegenwart  nur  tief  schmerzliche  Gefühle
  erregen.  Indes  die  Unmöglichkeit,  das  verlorene  Syrien  dem  Lieblinge
der  Pariser  zurückzugewinnen,  lag  klar  am  Tage,  früher  oder  später  mußte
sich  Frankreich  in  die  vollendeten  Tatsachen  finden.

Noch  blieben  auf  der  Londoner  Konferenz  große  Schwierigkeiten  zu
überwinden.  Von  dem  Osterreicher  Neumann  unterstützt  tat  Bülow
sein  Bestes,  um  den  Knoten,  den  er  selber  mit  geschürzt,  wieder  zu  lösen.
Palmerston  zögerte,  weil  er  sich  zu  tief  in  den  Streit  verbissen  hatte,  und
der  beständig  durch  Ponsonbys  brutale  Drohungen  aufgestachelte  Hochmut
  der  Pforte  wollte  sich  lange  zu  keinem  Zugeständnis  an  den  ägyptischen
  Rebellen  bequemen.*)  Am  frühesten  bekehrte  sich  Rußland  zu  den
versöhnlichen  Anschauungen  der  beiden  deutschen  Höfe.  Mit  ganz  ungewöhnlicher
  Freundlichkeit  schrieb  Nesselrode  schon  im  Dezember  nach  Paris:
er  vertraue  „der  mutigen  Offenheit“  Guizots,  keine  der  vier  Mächte
wünsche  Frankreich  von  dem  allgemeinen  Einverständnis  auszuschließen)
Müde  des  ewigen  Zauderns  der  englischen  Regierung,  erklärte  Bülow

 

7)  Bericht  des  k.  k.  Internuntius,  21.  Dez.  1840.  Werthers  Weisung  an  Maltzan,
21.  Jan.  1841.

*“)  Nesselrodes  Weisung  an  Pahlen,  25.  Nov.

D1340.

8*
        <pb n="124" />
        116  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

endlich,  gemeinsam  mit  dem  Österreicher:  die  deutschen  Mächte  müßten
dem  Diwan  ihren  Beistand  entziehen.)  Diese  Drohung  wirkte.  Nur
vier  Tage  nachher  (30.  Jan.  1841)  richteten  die  Gesandten  der  vier
Mächte  an  Shekib  Effendi  eine  gemeinsame  Note,  welche  den  Sultan
dringend  aufforderte,  dem  Pascha  die  erbliche  Herrschaft  über  Agypten
zu  gewähren  und  dergestalt  den  Streit  beizulegen.)

„Unser  großes  Geschäft  ist  also  nahezu  beendigt“,  schrieb  Palmerston
erleichtert;  „noch  bleibt  uns  übrig  der  Krieg  gegen  den  bewaffneten
Frieden.““*)  Auch  dieser  Sorge  sollten  die  vier  Mächte  bald  enthoben
werden.  Aufs  eifrigste  bemühte  sich  König  Leopold,  der  im  Februar
nochmals  nach  London  kam,  den  Franzosen  eine  goldene  Brücke  zu  bauen.
Da  Gusjzot  mittlerweile  die  Gewißheit  gewonnen  hatte,  daß  die  Kammern
die  Befestigung  von  Paris  genehmigen  würden,  so  durfte  er  jetzt  unbedenklich
  dem  Protokolle  zustimmen,  das  zwischen  den  vier  Mächten  am
5.  März  vereinbart  wurde  und  dem  Pascha  die  erbliche  Herrschaft  über
Agypten  sowie  den  lebenslänglichen  Besitz  von  Akkon  beließ.f)  Nun
galt  es  nur  noch,  mit  Frankreich  gemeinsam  einen  Vertrag  über  die
orientalischen  Dinge  abzuschließen,  um  die  wiederhergestellte  Eintracht
Europas  feierlich  zu  bekunden.  Viel  Neues  konnte  dies  Abkommen  allerdings
  nicht  bringen;  denn  obwohl  alle  Staatsmänner  mit  dem  Ernste
der  Auguren  die  Unantastbarkeit  der  Türkei  als  „ein  politisches  Axiom“
bezeichneten,  so  wollte  doch  weder  Frankreich  noch  Rußland  eine  förmliche
Bürgschaft  für  den  Bestand  dieses  Reichs  übernehmen.  Mit  naiver
Dreistigkeit  bemerkte  Brunnow,  die  häßlichsten  Erinnerungen  der  moskowitischen
  Politik  wieder  wach  rufend:  solche  Bürgschaften  seien  nutzlos;  das
habe  man  seiner  Zeit  bei  der  Teilung  Polens  gesehen.  )Der  sogenannte
  Meerengen-Vertrag,  der  am  15.  Juli  1841  zwischen  der  Türkei
und  den  vier  Mächten  vereinbart,  gleich  darauf  auch  von  Frankreich  angenommen
  wurde,  enthielt  demnach,  außer  den  Verabredungen  über  Mehemed
  Ali,  nur  noch  jene  Zusage,  welche  der  Petersburger  Hof  gleich  beim
Beginne  der  Verwicklung  gegeben  hatte:  beide  Meerengen,  Bosporus
und  Dardanellen,  sollten  fortan  in  Friedenszeiten  den  Kriegsschiffen  aller
Nationen  verschlossen  bleiben.  Somit  ward  der  gefürchtete  Vertrag  von
Hunkiar-Iskelessi  noch  kurz  vor  seinem  Ablauf  geopfert,  und  mit  erhabenem
  Stolze  priesen  die  russischen  Diplomaten  diesen  neuen  Beweis  der
versöhnlichen  Großmut  ihres  Zaren.

*)  Bülows  Bericht,  26.  Jan.  1841.
**)  Note  der  vier  Mächte  an  Shekib  Effendi,  30.  Jan.  1841.
*#)  Palmerston  an  Bülow,  1.  Febr.  1841.
)  Protokoll  der  vier  Mächte,  5.  März;  Weisung  Guizots  an  Humann  in  Berlin,
20.  März  1841.
#)  Nesselrode  an  Meyendorff,  10.  Dez.  a.  St.  1840.
##t)  Bülows  Bericht,  23.  Febr.  1841.
        <pb n="125" />
        Der  Meerengenvertrag.  117

Dergestalt  nahm  dieser  große  diplomatische  Kampf,  der  langwie—
rigste,  welchen  Europa  seit  dem  belgischen  Streite  erlebt  hatte,  ein  armseli—
ges  Ende.  Im  Grunde  konnte  sich  nur  der  Sultan  des  Ausgangs  freuen.
Er  war  durch  die  vier  Mächte  vor  den  Folgen  einer  schmählichen  Nieder—
lage  bewahrt  worden  und  durfte  nunmehr  hoffen,  unbelästigt  durch  einen
tatkräftigen  Hausmeier  sein  nichtiges  Schlummerleben  noch  eine  gute
Weile  fortzuführen.  Selbst  die  Erbherrschaft  des  Rebellen  am  Nil  ließ
sich  zur  Not  ertragen.  Den  Osmanen  galt  sie  keineswegs  für  eine  un—
abänderliche  Tatsache,  weil  Mehemed  Alis  Geschlecht  nicht  heilig  war
und  der  Orient  ein  gesichertes  Thronfolgerecht  kaum  kennt.  Die  Fäulnis
  des  Reiches  der  Sultane  hatte  sich  freilich  so  grell  offenbart,  daß
sogar  H.  v.  Moltke,  der  den  Türken  so  viel  edle  Kraft  geopfert  hatte,  jetzt
in  der  Allgemeinen  Zeitung  rundweg  aussprach,  ein  christlich-byzantinisches
Reich  müsse  dereinst  die  Erbschaft  am  Bosporus  antreten.  Vorläufig  jedoch
  stand  der  Halbmond  auf  der  Kuppel  der  Hagia  Sophia  wieder  fest,
und  bei  der  Eifersucht  der  Franken  blieb  es  sehr  zweifelhaft,  wann  jemals
das  Kreuz  wieder  über  dem  Christendome  Justinians  glänzen  würde.  Noch
mehr,  die  Türkei  war  jetzt  zum  ersten  Male  in  eine  europäische  Konferenz
als  vertragschließende  Macht  eingetreten  und  hatte  also,  vornehmlich
durch  Englands  Schuld,  in  der  Völkergesellschaft  des  Abendlandes  eine
Stellung  erlangt,  welche  ihr  in  keiner  Weise  gebührte;  denn  das  europäische
  Völkerrecht  beruht  auf  der  christlichen  Idee  der  Verbrüderung  der
Nationen,  der  Koran  hingegen  kennt  nur  zwei  Reiche  auf  Erden,  das
Reich  des  Islams  und  das  Reich  des  Krieges,  mithin  darf  ein  mohammedanischer
  Staat  die  Grundgedanken  völkerrechtlicher  Gleichheit  und
Gegenseitigkeit  nicht  ehrlich  anerkennen.  Die  vielverheißene  Gleichberechtigung
  der  Rajahvölker  mußte  ein  leeres  Wort  bleiben,  weil  die  Herrschaft
  der  Gläubigen  über  die  Ungläubigen  eben  das  Wesen  dieser  unwandelbaren
  theokratischen  Verfassung  ausmachte;  noch  immer  diente  kein
einziger  Christ  im  türkischen  Heer,  das  ja  ausdrücklich  zur  Knebelung  der
Christen  bestimmt  war.  Die  Aufnahme  eines  solchen  Staates  in  die
Rechtsgemeinschaft  der  christlichen  Völker  war  eine  häßliche  Unwahrheit;
sie  wurde  jedoch  von  der  aufgeklärten  liberalen  Welt,  die  sich  der  christlichen
Grundlagen  unserer  Kultur  nur  ungern  erinnerte,  als  ein  erfreulicher  Fortschritt
  der  Gesittung  gepriesen;  praktisch  schien  sie  darum  erträglich,  weil
die  Pforte  im  Gefühle  ihrer  Schwäche  sich  bald  von  einer,  bald  von  mehreren
  der  christlichen  Mächte  leiten  ließ.

Wie  man  in  Petersburg  die  Londoner  Verträge  ansah,  das  hat  Nesselrode
  1850  ausgesprochen  in  einem  Rechenschaftsberichte  über  die  auswärtige
Politik  des  letzten  Vierteljahrhunderts,  den  er  dem  Zaren  zum  Regierungsjubelfeste
  überreichte.  Da  schilderte  er  —  aufrichtig  wie  er  unter  vier
Augen  sprechen  durfte,  und  mit  einer  fast  mongolischen  Ruhmredigkeit:
—  erst  die  Juli-Revolution  habe  der  Regierung  des  Kaisers  „den  wahren
        <pb n="126" />
        118  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Charakter  aufgeprägt,  der  sie  in  der  Zukunft  auszeichnen  würde.“  Seit—
dem  sei  Nikolaus  „für  die  Welt  der  Vertreter  der  monarchischen  Idee,
die  Stütze  der  Grundsätze  der  Ordnung,  der  unparteiische  Verteidiger
des  europäischen  Gleichgewichts  geworden,“  und,  wenn  auch  oft  gehemmt
durch  „die  Furchtsamkeit“  seiner  deutschen  Verbündeten,  doch  endlich  1841
dahin  gelangt,  das  feindselige  und  verderbliche  englisch-französische  Bündnis
  zu  sprengen.  Über  Rußlands  orientalische  Politik  sagte  er  sehr  deutlich:
  „Indem  Ew.  Maj.  sorgsam  vermieden,  sich  durch  eine  Bürgschaft
für  den  Länderbestand  eines  verfallenden  Staates  zu  binden,  um  nicht
im  voraus  die  Zukunft  Rußlands  festzulegen,  befolgten  Sie  immer  den
Grundsatz,  für  jetzt  die  Unantastbarkeit  der  ottomanischen  Besitzungen  zu
wahren,  da  die  Nachbarschaft  dieses  Staates,  in  dem  Zustande  verhältnismäßiger
  Schwäche,  worin  ihn  unsere  früheren  Eroberungen  gelassen
haben,  unter  den  gegenwärtigen  Umständen  das  für  unsere  politischen  und
Handels-Interessen  günstigste  Verhältnis  darbietet.  Sonderbare  Wirkung
des  Wechsels,  den  das  Glück  in  den  gegenseitigen  Beziehungen  hervorgebracht
  hat!  Die  Macht,  die  man  früher  als  den  natürlichen  Feind  der
Türkei  betrachtete,  ist  ihre  festeste  Stütze  und  ihr  treuester  Verbündeter
geworden.“  Demgemäß  hat  Rußland  zweimal  den  Sultan  vor  dem  ägyptischen
  Rebellen  gerettet.  „Die  zweite  dieser  Krisen,  weniger  glänzend
vielleicht,  hat  besser  gesicherte  Ergebnisse  herbeigeführt.  Der  Vertrag  von
Hunkiar-Iskelessi,  wogegen  Frankreich  und  England  sich  vergeblich  verwahrt
hatten,  wurde  scheinbar  vernichtet,  in  Wahrheit  unter  einer  anderen  Form
verewigt.  Der  neue,  von  allen  Mächten  anerkannte  Vertrag,  der  an  seine
Stelle  trat,  untersagte  den  Kriegsschiffen  die  Einfahrt  in  die  Dardanellen
und  sichert  uns  fortan  gegen  jeden  Angriff  von  der  Seeseite.“)

Ganz  so  glänzend,  wie  diese  prahlerische  Denkschrift  behauptete,  waren
Rußlands  Erfolge  nicht.  Dem  Zaren  wurde  freilich  die  Freude,  daß  der
verhaßte  Westbund  sich  eine  Zeitlang  spaltete;  doch  die  Trennung  war
keineswegs  unwiderruflich.  Durch  den  Meerengenvertrag  opferte  der  Petersburger
  Hof  zwar  wenig  oder  nichts,  da  das  Schwarze  Meer  jetzt  fast  so
vollständig  den  Russen  gehörte  wie  vor  hundert  Jahren  den  Osmanen;
gleichwohl  war  seine  Machtstellung  in  Pera  erschüttert,  der  Diwan  zeigte
den  unbedingten  britischen  Freunden  mehr  Vertrauen  als  dem  trotz  alles
Selbstlobes  immerdar  zweifelhaften  russischen  Gönner.  Und  wie  unsicher
  blieb  das  neugegründete  freundliche  Einverständnis  mit  England.
Nikolaus  überhäufte  den  englischen  Gesandten  mit  Artigkeiten  und  zeigte
geflissentlich  überall  seine  Vorliebe  für  britisches  Wesen.*“)  Solche  gottorpische
  Schauspielerkünste  konnten  doch  den  tiefen  Gegensatz,  welcher  die
beiden  um  Asiens  Beherrschung  ringenden  Mächte  trennte,  nicht  beseitigen.

*)  Nesselrode,  Denkschrift  über  die  auswärtige  Politik  i.  d.  J.  1825—50,  St.  Petersburg,
  20.  Nov.  a.  St.  1850.  S.  Beilage  29.
**)  Liebermanns  Berichte.  3.  Sept.  1841  ff.
        <pb n="127" />
        Ergebnisse  des  Meerengenvertrags.  119

Das  mußte  Brunnow  erfahren,  als  er  während  der  Londoner  Konferenzen
bei  Wellington  anklopfte,  ob  England  und  Rußland  sich  nicht  in  Freundschaft
  über  ihr  asiatisches  Machtgebiet  verständigen  könnten.  Weder  Palmerston
  noch  der  eiserne  Herzog  wollte  sich  auf  solche  Verhandlungen  einlassen;
  denn  augenblicklich  drang  England  überall  auf  asiatischem  Boden
siegreich  vor,  in  Syrien,  in  Afghanistan,  in  China,  derweil  die  Russen
gegen  Chiwa  einen  unglücklichen  Feldzug  führten,  und  sich  für  die  Zukunft
die  Hände  zu  binden,  widersprach  allem  englischen  Brauche.*)  Also  war
der  Zar  mit  Frankreich  verfeindet,  mit  England  und  der  Pforte  nur
lose  verbunden,  von  der  Hofburg  beargwöhnt  und  selbst  der  preußischen
Freundschaft  nicht  mehr  so  sicher  wie  vormals.

Auch  England  erfreute  sich  keines  ungetrübten  Triumphes.  Seine
Herrschaft  im  Mittelmeere  war  freilich  von  neuem  gesichert;  aber  Palmerstons
  schnödes  Verfahren  hatte  die  Franzosen  dermaßen  aufgebracht,  daß
Ludwig  Philipp  den  Lord  geradezu  als  den  Urheber  des  französischen  Mißgeschicks
  bezeichnete,  und  selbst  in  Guizots  kaltem  Herzen  ein  Stachel  zurückblieb.
  Eine  Vergeltung  konnte  also  sehr  bald  eintreten;  der  jetzt  von  den
Torys  selbst  für  unentbehrlich  gehaltene  Bund  der  Westmächte  war  nur
notdürftig  wiederhergestellt.  Auf  Frankreichs  inneren  Frieden  wirkten  die
orientalischen  Händel  wahrhaft  verderblich  ein.  Was  man  auch  zur  Beschwichtigung
  sagen  mochte,  die  Nachgiebigkeit  Ludwig  Philipps  in  einer
Sache,  wo  er  doch  keineswegs  unrecht  hatte,  erschien  nach  so  lauten  und
anhaltenden  Kriegsdrohungen  wie  eine  Demütigung  Frankreichs.  Die
Deutschen  vermochten  trotz  ihrer  Friedfertigkeit  den  Spott  doch  nicht  ganz  zu
verbeißen;  als  Thiers  bald  nach  dem  Meerengenvertrage  durch  Berlin  kam,
sangen  die  Studenten  vor  seinen  Fenstern:  sie  sollen  ihn  nicht  haben!  Unmöglich
  durfte  eine  ehrgeizige  Nation,  die  von  jeher  gewohnt  war,  die  auswärtige
  Politik  mit  argwöhnischer  Wachsamkeit  zu  verfolgen,  eine  solche  Niederlage
  verzeihen.  Guizot  handelte  klug  und  verständig,  da  er  einem  hoffnungslosen
  Kampfe  auswich;  allein  nicht  jederzeit  ist  Mäßigung  die  höchste  Tugend
des  Staatsmannes,  nicht  jederzeit  ist  ihm  erlaubt,  die  Vorurteile  seiner  Nation
  zu  mißachten.  Der  Schimpfname  „Ministerium  des  Auslandes“,  der
schon  so  vielen  verhaßten  Kabinetten  beigelegt  und  immer  wieder  rasch  vergessen
  worden  war,  blieb  an  Guizots  Regierung  haften;  denn  ganz  sinnlos
war  er  diesmal  nicht.  Durch  die  Gunst  des  Königs  und  die  Machtmittel
amtlicher  Wahlbeherrschung  behauptete  sich  das  Friedensministerium  viele
Jahre  hindurch  am  Ruder;  im  Volke  ward  es  nie  beliebt.  Die  Franzosen
  wußten  nunmehr,  daß  die  Orleans  kein  Herz  für  die  Ehre  des
Landes  besaßen,  und  einen  solchen  Makel  konnte  eine  illegitime  Dynastie
schwerlich  ertragen.  Der  Meerengenvertrag  ward  ein  Nagel  zum  Sarge
des  Juli-Königtums.

 

*)  Bülows  Bericht,  27.  Nov.  1810.
        <pb n="128" />
        120  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Auch  die  wohlgemeinte  Politik  Preußens  erntete  in  diesem  diploma—
tischen  Spiele  keine  Lorbeeren.  Friedrich  Wilhelm  hatte  sich  durch  Pal—
merston  und  Bülow  unbedacht  in  einen  Streit  verwickeln  lassen,  welcher
dem  Machtgebiete  seines  Staates  fern  lag,  und  war  alsdann  den  englisch—
russischen  Ränken  so  lange  gefolgt,  bis  er  endlich  gezwungen  wurde,  sich
unter  mannigfachen,  wenig  rühmlichen  Windungen  aus  einer  selbstver—
schuldeten  falschen  Stellung  wieder  hinauszuretten.  Er  wünschte  auf—
richtig  den  Bestand  des  Juli-Königtums,  das  er  früher  gehaßt  hatte,  jetzt
aber  als  ein  letztes  Bollwerk  der  bürgerlichen  Ordnung  hoch  schätzte;  und
doch  half  er  selbst  mit,  durch  den  Juli-Vertrag  die  Grundlagen  dieser  Monarchie
  zu  erschüttern,  eine  neue  französische  Revolution  vorzubereiten,  welche
ihre  Brandfackel  leicht  nach  Deutschland  hinüberschleudern  konnte.  Als  die
Rheingrenze  bedroht  ward,  erfüllte  er  ehrenhaft  seine  Pflicht  gegen  das
Vaterland;  aber  wie  unklar  erschien  seine  hochherzige  Bundespolitik.  Wo
war  denn  jener  Deutsche  Bund,  der  in  den  Depeschen  der  Hofburg  als
die  erste  der  europäischen  Mächte  gefeiert  wurde?  Auf  der  Londoner  Konferenz
  besaß  er  nicht  einmal  einen  Vertreter.  Es  zeigte  sich  zur  Beschämung
  der  Phantasten,  daß  für  Europa  ein  Deutschland  neben  Osterreich
und  Preußen  überhaupt  nicht  vorhanden  war.  Friedrich  Wilhelms  deutsche
  Politik  rechnete  mit  Faktoren,  welche  nirgends  bestanden.  Und  zu
alledem  noch  die  klägliche  Ohnmacht  des  altersschwachen  Osterreichs,  die
sich  durch  Metternichs  hochtrabende  Denkschriften  längst  nicht  mehr  bemänteln
  ließ.

Nach  dem  großen  Versöhnungsfeste  des  Meerengenvertrages  war
Europa  tiefer  denn  jemals  zerspaltet.  Von  den  alten  Allianzen  stand
keine  mehr  ganz  fest,  neue  hatten  sich  nicht  gebildet.  Das  Staatensystem
der  Wiener  Verträge  trieb  ratlos  einer  furchtbaren  Erschütterung  entgegen,
  wenn  sich  nicht  noch  in  der  elften  Stunde  ein  genialer  Wille  fand,
der  die  zersplitterten  Kräfte  Mitteleuropas  zu  einer  geschlossenen  Macht
zusammenballte.  —

 

Schwerlich  wäre  König  Friedrich  Wilhelm  an  die  Gefahren  eines
allgemeinen  Krieges  so  nahe  herangetreten,  wenn  nicht  die  religiöse  Begeisterung
  bei  seinen  Entschlüssen  mitgewirkt  hätte.  Indem  er  sich  für
die  Unantastbarkeit  der  Türkenherrschaft  aussprach,  glaubte  er,  seltsam
genug,  den  philhellenischen  Gesinnungen  seiner  Jugend  keineswegs  untren
zu  werden.  Das  herrische  Eingreifen  der  europäischen  Mächte  in  die
inneren  Verhältnisse  des  Orients  erschien  ihm  vielmehr  wie  eine  Erneuerung
  der  Kreuzzüge,  wie  ein  Sieg  des  Kreuzes  über  den  Halbmond,  und
von  vornherein  sprach  er  die  Erwartung  aus,  diese  Gelegenheit  müsse  benutzt
  werden,  um  allen  christlichen  Kirchen  auf  dem  Berge  Zion  eine
Heimat  zu  sichern.  Jerusalem  war  die  heiligste  Stätte  der  Christenheit,
        <pb n="129" />
        Bistum  Jerusalem.  121

freilich  auch  die  Stätte,  wo  sich  der  Glaubenshaß  der  kirchlichen  Parteien
allezeit  am  rohesten  bekundete;  an  jedem  großen  Kirchenfeste  mußten  in
der  Kapelle  des  heiligen  Grabes  die  mohammedanischen  Kawassen  dazwischen
  fahren,  um  mit  ihren  Stöcken  und  Krummsäbeln  Frieden  zu
stiften  unter  den  raufenden  Mönchen  der  Lateiner  und  der  Orthodoxen.
Unter  Mehemed  Alis  gestrengem  Regimente  war  die  Ordnung  leidlich
gewahrt  worden;  er  hatte  sogar  den  Judenmissionaren  der  Protestanten
gestattet,  ihre  Tätigkeit  im  gelobten  Lande  zu  beginnen.  Jetzt  da  die
Herrschaft  der  Pforte  durch  die  christlichen  Waffen  wiederhergestellt  wurde,
machte  man  die  demütigende  Erfahrung,  daß  die  Lage  der  Christen  sich
verschlechterte.

Das  rohe  türkische  Recht  erkannte  nur  solche  Kirchen  an,  welche  sich
um  ein  sichtbares  Oberhaupt  scharten,  die  Protestanten  waren  mithin  rechtlos.
  Darum  verlangte  Friedrich  Wilhelm  in  einer  Denkschrift,  welche  ihm
sein  Radowitz  ausgearbeitet  hatte:  in  Jerusalem  sollten  drei  Residenten
ihren  Wohnsitz  aufschlagen,  um,  mit  Hilfe  einer  gemeinsamen  Garnison
der  Großmächte,  die  Rechte  der  drei  großen  Kirchen  Europas  zu  beschützen.
Die  Denkschrift  hatte  lediglich  kirchliche  Zwecke  im  Auge;  an  ein  deutschchristliches
  Fürstentum  Palästina,  wie  es  H.  v.  Moltke  damals  für  möglich
  hielt,  dachte  der  König  nicht  von  fern.  Rußland  aber  war  keineswegs.
gewillt,  die  Vorteile,  deren  die  Orthodoxen  von  altersher  in  Vorderasien
genossen,  mit  anderen  Kirchen  zu  teilen.  Freundlich  warnte  Nesselrode
vor  einem  Unternehmen,  das  die  Souveränität  der  Pforte  anzutasten.
drohe;  er  und  Orlow  meinten  bedenklich:  wenn  man  in  Jerusalem  ein
religiöses  Krakau  schaffe,  so  würden  die  Verlegenheiten  des  Sultans
nur  wachsen.  Auch  Metternich  schützte  Besorgnisse  vor  wegen  der  politischen
  Gefahren  einer  solchen  kirchlichen  Republik;  in  Wahrheit  betrachtete
  der  Wiener  Hof  jedes  Erstarken  des  Protestantismus  ganz  ebenso
mißtrauisch  wie  der  Petersburger.  Nur  Frankreich  schien  den  preußischen
Vorschlägen  günstig.)

Friedrich  Wilhelm  mußte  daher  einen  Teil  seiner  Pläne  fallen  lassen
und  versuchte  nur  noch  der  evangelischen  Kirche  in  Jerusalem  die  Gleichberechtigung
  neben  den  Lateinern,  den  Griechen,  den  Armeniern  zu  verschaffen.
  Da  die  englische  Staatskirche  auf  dem  Berge  Zion  bereits
Grundbesitz  erworben  und  eine  Gemeinde  gebildet  hatte,  so  wünschte  der
König,  daß  ein  anglikanischer  Bischof  die  Leitung  des  evangelischen  Kirchenlebens
  übernehme  und  von  den  deutschen  Protestanten,  die  in  Palästina
zerstreut  lebten,  als  sichtbares  Oberhaupt  anerkannt  würde.  Eine  solche
Unterordnung  schien  ihm  mit  der  evangelischen  Freiheit  wohl  vereinbar,
weil  er  die  durch  Handauflegung  geweihten  Bischöfe  als  rechtmäßige  Nach- 



*7)  Nesselrode,  Weisung  an  Meyendorff,  12.  März;  Berichte  von  Liebermann,
9.  Febr.,  Arnim  in  Paris,  12.  Febr.  1841.
        <pb n="130" />
        122  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

folger  der  Apostel,  ihr  Amt  als  das  wahrhaft  katholische  ansah,  und  gern
war  er  bereit,  die  Hälfte  der  Kosten,  ein  Kapital  von  15  000  Kx  für  dies
anglikanische  Bistum  zu  zahlen,  wenn  nur  die  englische  Kirche  der  preußischen
  „eine  schwesterliche  Stellung“  gestatten  wolle.

Mit  diesen  Aufträgen  wurde  Bunsen  im  Sommer  1841,  als  die
orientalische  Verwicklung  eben  zu  Ende  ging,  nach  London  gesendet,  und
kühner  noch  als  einst  auf  dem  Kapitole  erhoben  sich  jetzt  die  Hoffnungen
des  diplomatischen  Theologen.  Er  sah  die  Arche  der  Kirche  schon  auf
ihrem  Ararat  gelandet,  die  Christenheit  im  katholischen  Apostolate  wieder
vereinigt,  das  jüdische  Volk  in  seiner  Heimat  für  den  christlichen  Glauben
gewonnen  und  dadurch  den  Anfang  gemacht  zur  Herstellung  Israels  —
und  das  alles  durch  die  jugendliche  Kraft  der  evangelischen  Kirche,  denn
„der  Tod  der  beiden  alten  Kirchen“,  so  sagte  er  mit  gewohnter  Zuversicht,
„ist  nirgends  sichtbarer  als  im  gelobten  Lande“.  Der  König  selbst  hielt
für  nötig,  diese  überschwenglichen  Erwartungen  etwas  zu  dämpfen;  er
meinte,  für  jetzt  wäre  es  genug,  wenn  die  Evangelischen  den  Türken  gegenüber
  sich  durch  ein  sichtbares  Oberhaupt  deckten,  wenn  eine  evangelischdeutsche
  Zunge  sich  im  Oriente  zusammenfände  und  diese  evangelische
Kirche  vielleicht  den  Mittelpunkt  bildete  für  die  Juden-Christen.  Palmerston
  aber  empfing  Bunsens  Vorschläge  zunächst  mit  Befremden.  Als
echter  Brite  witterte  er  böse  Hintergedanken,  da  so  plötzlich  Irus  kam,
den  Krösus  zu  beschenken;  denn  so  stark  der  konfessionelle  Ehrgeiz  des
Königs,  ebenso  schwach  war  der  nationale.  Nur  die  Machtstellung  der
evangelischen  Gesamtheit  lag  ihm  am  Herzen,  für  seine  preußische  Landeskirche
  forderte  er  gar  nichts.  Er  ergab  sich  darein,  daß  die  englische
Staatskirche  die  in  Preußen  ordinierten  Geistlichen  nicht  anerkannte,  während
  die  preußische  Kirche  die  anglikanische  Ordination  unbedenklich  als
rechtsgültig  ansah;  nur  für  sich  persönlich  als  den  Mitstifter  forderte  er
das  Recht,  abwechselnd  mit  der  Königin  von  England  den  Bischof  von
Jerusalem  zu  ernennen.

Eine  so  überaus  bescheidene  schwesterliche  Stellung  konnte  selbst  der
Erzbischof  von  Canterbury,  der  anfangs  mit  pharisäischem  Dünkel  über
„die  minder  vollkommenen  Einrichtungen“  des  festländischen  Protestantismus
  sprach,  der  deutschen  evangelischen  Kirche  unmöglich  versagen;  waren
doch  zwei  Deutsche,  Nicolaysen  und  Pieritz,  die  ersten  Bahnbrecher  der
Judenmission  in  Palästina  und  auch  sonst  überall  in  Vorderasien  deutschcvangelische
  Missionäre  tätig.  Zum  Glück  eiferten  Pusey,  Newman,  alle
die  fanatischen  Kryptokatholiken  unter  den  Anglikanern  lebhaft  wider  die
Pläne  des  Königs,  und  eben  dieser  Zorn  der  verhaßten  Puseyiten-Partei
ließ  der  öffentlichen  Meinung  die  Annäherung  an  das  ungläubige  Deutschland
  minder  verdächtig  erscheinen.

Im  November  1841  wurde  der  erste  evangelische  Bischof  von  Jerusalem
  durch  den  Erzbischof  von  Canterbury  geweiht,  ein  Breslauer  Jude,
        <pb n="131" />
        Verstimmung  der  deutschen  Protestanten.  123

der  in  der  Taufe  den  Namen  Alexander  angenommen  hatte  und  sein
schwieriges  Amt  sehr  würdig  ausfüllte.  Die  Weihepredigt  feierte  den
Bischofsitz  auf  Zion  als  die  Erstlingsfrucht  der  Union  aller  Evangelischen.
So  schenkte  Preußen  dem  neuen  anglikanischen  Bistum  außer  der  Hälfte
der  Unterhaltungskosten  auch  die  Person  des  Bischofs.  Bunsen  schwamm
in  Wonne;  er  glaubte  wieder  einmal  einen  großen  diplomatischen  Sieg
errungen  zu  haben,  da  er  die  Briten  zur  Annahme  der  preußischen  Ge—
schenke  bewogen  hatte,  und  vernahm  mit  Entzücken,  wie  sein  gottseliger
Freund  Lord  Ashley  Preußens  christlichen  Monarchen  als  „den  besten
und  herrlichsten  König  dieser  Welt“  pries.  Nicht  ohne  Schadenfreude
bemerkte  er,  daß  die  anderen  Großmächte  allesamt  das  evangelische  Bistum
  mit  scheelen  Augen  betrachteten.)  Rußland  und  Frankreich  bewarben
sich  seit  dem  Dardanellen-Vertrage  wieder  wetteifernd  um  Englands  Gunst
und  konnten  nicht  wünschen,  durch  Preußen  überboten  zu  werden,  während
Metternich  von  der  Freundschaft  der  beiden  protestantischen  Großmächte
unbestimmte  Gefahren  für  die  katholische  Kirche  befürchtete,  und  sein  getreuer
  Neumann  in  London  ängstlich  sagte:  Bunsen  soll  hier  einen  neuen
schmalkaldischen  Bund  gründen.

Aber  auch  die  deutschen  Protestanten  zeigten  sich  mißtrauisch.  Ganz
vergeblich  versuchten  General  Gerlach  in  der  Augsburger  Allgemeinen  Zeitung,
  Hengstenberg  in  seiner  Kirchenzeitung  das  Werk  ihres  königlichen
Gönners  zu  rechtfertigen.*)  Geradezu  abschreckend  wirkte  das  weihevolle
Büchlein  über  „das  evangelische  Bistum  in  Jerusalem“,  das  von  Bunsen
gemeinsam  mit  einem  anderen  theologischen  Diplomaten,  dem  jungen
Abeken  ausgearbeitet  war  und  über  die  unermeßliche  Zukunft  des  christianisierten
  Palästinas  mit  einer  Sicherheit  redete,  als  ob  die  Weltgeschichte
verpflichtet  wäre,  ihre  Schauplätze  niemals  zu  verändern.  Die  liberale
Welt  wollte  sich  zu  kirchlichen  Unternehmungen  überhaupt  kein  Herz  fassen:
sie  lächelte  über  die  Berliner  „diplomatische  Romantik“  und  fragte  spöttisch,
warum  nur  dieser  König,  der  seine  preußischen  Juden  so  wenig  liebe,  für
das  Volk  Gottes  in  der  Urheimat  so  zärtlich  sorge.  Aber  auch  „sehr  gut
gesinnte  Männer“  in  Preußen  und  in  Süddeutschland  fanden,  wie  General
Thile  berichtete,  die  Unterordnung  deutscher  Gemeinden  unter  einen  anglikanischen
  Bischof  höchst  anstößig;  das  längst  verbreitete  Gerücht  von  den
katholischen  Neigungen  des  Königs  schien  jetzt  seine  volle  Bestätigung  zu
empfangen.  Als  Bischof  Alexander  den  ersten  Jahrestag  seines  Einzugs
in  Jerusalem  durch  eine  Danksagung  feiern  wollte  und  der  König  die
Gemeinden  seiner  Landeskirche  „in  aller  Freiheit“  zur  Mitwirkung  auffordern
  ließ,  da  zeigte  sich  nur  an  wenigen  Orten  aufrichtige  Teilnahme)

*)  Bunsens  Bericht,  6.  Jan.  1842  ff.

**)  Thiles  Bericht  an  den  König,  14.  Dez.  1841.

*'#)  Thiles  Bericht  an  den  König,  14.  Aug.  1842.  Kabinettsordre  an  Thile  und
Eichhorn,  9.  Jan.  1843.
        <pb n="132" />
        124  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Da  die  evangelische  Kirche  sich  auf  dem  Worte  aufbaut,  so  gewährt  sie
der  Persönlichkeit,  mithin  auch  der  volkstümlichen  Eigenart  der  Prediger
einen  großen,  oft  allzu  großen  Spielraum;  die  Deutschen  vermißten  in
den  trockenen,  schablonenhaften  Ansprachen  der  Anglikaner  gänzlich  die
durchgebildete  homiletische  Kunst  ihrer  heimischen  Predigten.  Die  vorherrschende
  Meinung  der  Landeskirche  bekundeten  zwei  streng  gläubige  Theologen,
  Schneckenburger  und  Hundeshagen  in  einer  geharnischten  Schrift
„das  anglo-preußische  Bistum  zu  St.  Jakob“;  sie  nannten  es  unwürdig,
daß  Deutschlands  Protestantismus  hinter  seiner  jüngeren  Schwester  zurückstehen
  solle:  sei  seine  schlichte  Wahrhaftigkeit  etwa  weniger  christlich  als
die  werkheilige  Selbstbespiegelung  jener  Staatskirche,  welche  Milton  schon
mit  der  Diana  von  Ephesus  verglichen  hatte?

Der  König  ließ  sich  durch  alle  solche  Einwürfe  nicht  beirren,  und  er
erlebte  nach  einigen  Jahren  die  Freude,  daß  seine  fromme  Stiftung  gedieh,
weit  bescheidener  freilich,  als  Bunsen  geträumt  hatte.  Die  Judenmission
fand  im  Vaterlande  Israels  begreiflicherweise  einen  sehr  undankbaren
Boden;  indessen  mehrte  sich  die  Zahl  der  Protestanten  nach  und  nach  durch
Einwanderung  und  vereinzelte  Bekehrungen.  Neben  der  Jakobskapelle  auf
Zion  entstanden  bald  ein  Hospital,  ein  Waisenhaus,  eine  treffliche  Schule.
Drei  Gemeinden,  eine  deutsche,  eine  englische,  eine  arabische  erkannten  den
Bischof  als  geistliches  Oberhaupt  an,  ohne  doch  ihre  Selbständigkeit  aufzugeben;
  die  deutsche  hielt  ihren  Gottesdienst  nach  der  Liturgie,  welche
Bunsen  einst  auf  dem  Kapitol  eingeführt  hatte.  Als  Alexanders  Nachfolger
Bischof  Gobat  alles  auf  anglikanischen  Fuß  zu  setzen  versuchte,  mußte  er
rasch  wieder  einlenken  und  sah  sich  genötigt,  zuweilen  selbst  deutschen  Gottesdienst
  zu  halten.')  Also  erblühte  auf  Zion  ein  gesundes  evangelisches
Kirchenleben,  vielgestaltig  und  doch  einträchtig,  wie  es  der  Idee  des  Protestantismus
  entspricht;  und  die  Macht  des  jungen  Bistums  reichte  bald
weit  genug,  um  den  Protestanten  überall  in  Vorderasien  eine  Stütze  zu
bieten.  Auf  die  Dauer  aber  konnten  die  Deutschen  unmöglich  ertragen,
daß  ihren  Geistlichen  die  Gleichberechtigung  verweigert  wurde;  und  da  der
britische  Hochmut  schlechterdings  nicht  nachgab,  so  sah  sich  die  Krone
Preußen  nach  einem  halben  Jahrhundert  (1887)  genötigt,  das  phantastische
  Unionsbistum  aufzugeben,  ihre  Gemeinde  auf  Zion  ganz  selbständig
  auszugestalten.

Als  politischer  Vertrag  war  das  von  Bunsen  geschlossene  Abkommen
eine  Ungeheuerlichkeit,  weil  England  allein  ohne  jede  Gegenleistung  die
Vorteile  daraus  zog,  und  erfahrene  Diplomaten  meinten  schon:  jetzt
werde  dem  theologischen  Eindringling  doch  endlich  das  Handwerk  gelegt
werden.  Friedrich  Wilhelm  dachte  anders.  Politische  Pläne  hatte  er  bei

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  5.  Okt.  1847.  Heinrich  v.  Thile  d.  J.,  Bericht
  an  den  König,  Jerusalem,  3.  April  1848.
        <pb n="133" />
        Bunsen  Gesandter  in  London.  125

diesen  Verhandlungen  überhaupt  nicht  verfolgt,  sondern  immer  wieder  be—
scheiden  gemahnt:  „effacieren  wir  uns;“  und  da  er  nun  das  christliche
Liebeswerk,  das  ihm  allein  am  Herzen  lag,  gesichert  sah,  so  beschloß  er
seinen  Unterhändler  glänzend  zu  belohnen.  Seit  dem  Herbst  1841  begann
er  die  längst  geplante  Verschiebung  im  diplomatischen  Korps  durchzuführen.
Minister  Werther  erhielt  ein  hohes  Hofamt,  und  an  seine  Stelle  trat
Graf  Maltzan,  bisher  Gesandter  in  Wien.  Bülow,  dessen  Talente  der
König  sehr  hoch  anschlug,  wurde  zum  Danke  nach  Frankfurt  versetzt,  um
frischen  Zug  in  die  Bundespolitik  zu  bringen.  Bei  der  Ernennung  des
Nachfolgers  zeigte  Friedrich  Wilhelm  ein  galantes  Zartgefühl,  wie  es  in
der  Geschichte  der  Diplomatie  unerhört  war;  er  ließ  der  jungen  Königin
selbst  die  Wahl  zwischen  drei  Namen:  Graf  Arnim,  Graf  Dönhoff,
Bunsen.  Die  Antwort  konnte  kaum  zweifelhaft  sein,  da  Bunsen  während
der  jüngsten  Verhandlungen  allen  englischen  Wünschen  so  geschmeidig
nachgegeben  hatte.  Nach  Rücksprache  mit  der  Königin  erwiderte  Lord  Aber—
deen:  „wir  können  nichts  Besseres  tun,  als  zu  behalten,  was  wir  haben,“
also  Bunsen;  die  beiden  anderen  Herren  kennen  wir  nicht.“)

Unmöglich  konnte  England  eine  bessere  Wahl  treffen,  unmöglich
Preußen  eine  schlechtere.  Die  schwächste  der  großen  Mächte  brauchte  als
Vertreter  Männer  von  starkem  preußischem  Stolze,  Männer,  welche  die
Selbständigkeit  ihres  bei  den  älteren  Großmächten  noch  kaum  für  voll
angesehenen  Staates  rücksichtslos  wahrten.  Daran  hatte  es  schon  Bülow
zuweilen  fehlen  lassen,  da  er  sich  mit  den  Jahren  bis  zur  Selbstvergessenheit
  in  englische  Anschauungen  eingelebt  hatte.  Bunsen  aber  war
bereits,  als  er  sein  Amt  antrat,  durch  den  Einfluß  seiner  britischen  Gattin
halb  zum  künstlichen  Engländer  geworden;  mehrere  seiner  Kinder  nahmen
die  Nationalität  der  Mutter  an;  das  Unglück  so  vieler  Diplomatenfamilien,
  die  internationale  Verschwommenheit  ließ  sich  von  diesem  Hause  gar
nicht  abwenden.  Welch  eine  Genugtuung  für  den  selbstzufriedenen  Mann,
als  er,  so  bald  nach  seinen  römischen  Niederlagen,  aus  dem  stillen  Landhause
  auf  dem  Hubel  bei  Bern  plötzlich  nach  dem  stattlichen  Prussia-House
  auf  Carlton-Terrace  versetzt  wurde.  Dort  sah  er  in  seiner  nächsten
  Nachbarschaft  den  Buckingham-Palast  der  Königin,  den  Westminsterpalast
  des  Parlaments,  das  Auswärtige  Amt  in  Downingstreet,  die  alten
Bäume  des  St.  James-Parkes,  überall  die  Zeugen  einer  großen  Geschichte.
  Hellauf  leuchtete  das  Flackerfeuer  seiner  leicht  entzündlichen  Begeisterung;
  Staat  und  Kirche,  Land  und  Leute  der  reichen  Insel  erschienen
ihm  in  rosigem  Lichte.  Sein  eigenes  Amt  hielt  er  für  den  wichtigsten
diplomatischen  Posten  Preußens,  und  hoch  beglückte  ihn  das  Bewußtsein,

 

*)  Bericht  des  Gesandtschaftsverwesers  Leg.-Rat  v.  Schleinitz  an  den  König,  16.
Nov.  1841.  Persönliche  Bedenken  gegen  die  beiden  anderen  Vorgeschlagenen  lagen  nicht
vor;  die  Erzählung  in  Stockmars  Denkwürdigkeiten  S.  385  ist  nicht  ganz  richtig.
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        126  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

daß  er  berufen  sei,  „die  historische  Allianz“  der  beiden  stammverwandten
Nationen  wieder  fester  zu  schließen.  Diese  historische  Allianz  war  seit
dem  Thronwechsel  ein  Lieblingswort  der  preußischen  Diplomatie;  niemand
fragte,  was  der  preußische  Staat  durch  die  englische  Freundschaft  einst
gewonnen  habe  und  ob  er  jetzt  nicht  stark  genug  sei,  ihrer  zu  entraten.

Hoffnungsselig  wie  einst  in  Rom  betrachtete  Bunsen  auch  in  London
jede  persönliche  Freundlichkeit,  die  ihm  widerfuhr,  als  einen  politischen
Sieg  und  glaubte  im  Ernst,  das  ungemütlichste  aller  Völker  durch  Ge—
mütlichkeit  gewinnen  zu  können;  er  hoffte  harmlos,  die  Briten  würden  der
Erweiterung  des  Zollvereins  nichts  in  den  Weg  legen  und  falls  Deutsch—
land  Kolonien  erwürbe,  diese  liebevoll  mit  ihrer  Flotte  beschützen  Die
Engländer  betrachteten  ihren  glühenden  Bewunderer  mit  stiller  Ironie
und  versäumten  nicht,  seine  unerwiderte  Liebe  sich  zu  nutze  zu  machen.
Ritter  Bunsen  —  so  hieß  er  bei  Hofe  —  wurde  bald  eine  gefeierte
Größe  der  Londoner  Gesellschaft,  ein  Liebling  der  Zeitungsreporter.  Er
machte  es  möglich,  neben  der  Unmasse  seiner  immer  geistreichen,  aber
immer  unpraktischen  Depeschen  und  Denkschriften  auch  noch  an  seinem
Buche  über  Ägyptens  welthistorische  Stellung  zu  schreiben  und  seine  litur—
gischen  Studien  fortzuführen.  So  stand  er  den  diplomatischen,  den  ge—
lehrten,  den  kirchlichen  Kreisen  Londons  gleich  nahe  und  konnte  immer
wieder  mit  gerechtem  Selbstgefühle  berichten,  wie  er  einem  Feste  beim
Lord  Mayor  oder  beim  Erzbischof  von  Canterbury  als  einziger  Foreigner
beigewohnt,  wie  sein  in  tadellosem  Englisch  gehaltener  speech  irgend
eine  Versammlung  begeistert,  wie  die  Universität  Oxford,  dankbarer  als
die  deutschen  Hochschulen,  ihn  durch  ihren  Doktorhut  geehrt  habe.  Er  be—
nutzte  diese  glänzende  gesellschaftliche  Stellung,  um  für  die  Deutschen  Lon—
dons  mannigfache  gemeinnützige  Anstalten  zu  gründen  und  zumal  den
jungen  deutschen  Gelehrten,  die  ihm  bei  seinen  Arbeiten  zur  Hand  gingen,
vorwärts  zu  helfen.  Nach  der  Meinung  des  großen  Publikums  gereichte
es  auch  dem  preußischen  Staate  zum  Vorteil,  daß  von  dem  Prussian
Minister  in  der  Riesenstadt  immer  und  überall  die  Rede  war.  In  Wahrheit
  brachte  seine  politische  Wirksamkeit  in  London  wie  vormals  in  Rom
dem  Vaterlande  nur  Schaden.  Auf  die  kalten  englischen  Geschäftsmänner
  konnte  ein  Enthusiast,  der  so  leicht  mit  biederen  Worten  abzuspeisen
  war,  unmöglich  Einfluß  gewinnen.  Am  preußischen  Hofe  aber
wurden  durch  Bunsens  sanguinische  Berichte  grundfalsche  Vorstellungen
von  Englands  deutscher  Politik  hervorgerufen,  verhängnisvolle  Irrtümer,
welche  sich  späterhin,  als  Schleswig-Holsteins  Schicksal  auf  dem  Spiele
stand,  schwer  bestrafen  sollten.

In  Berlin  war  der  Boden  für  solche  gemütliche  Selbsttäuschungen
nur  zu  wohl  vorbereitet.  Friedrich  Wilhelms  alte,  ursprünglich  wohl
durch  Niebuhrs  Vorträge  geweckte  Vorliebe  für  England  hatte  neuerdings
noch  an  Wärme  gewonnen,  seit  mit  der  jungen  Königin  an  den  vormals
        <pb n="135" />
        Prinz  Albert.  127

so  leichtlebigen  Hof  eine  bürgerliche  Wohlanständigkeit  eingezogen  war,
welche  selbst  der  Sittenrichter-Strenge  des  preußischen  Königspaares  ge—
nügte.  Die  wenigen  entschiedenen  Monarchisten,  welche  England  noch
besaß,  hegten  den  verständigen  Wunsch,  daß  Victoria  sich  mit  ihrem  fast
gleich  alten  Vetter,  dem  Prinzen  Georg  von  Cambridge  vermählen  möchte;
dann  konnte  ein  Wechsel  der  Dynastie,  der  das  Ansehen  der  Krone  immer
schädigt,  dem  Lande  erspart  bleiben.  Die  Königin  aber  wollte  gut  bürger—
lich  ihrer  Neigung  folgen,  und  ihr  Oheim  König  Leopold  hatte  schon  dafür
gesorgt,  daß  ihr  Herz  nicht  weit  von  den  Wegen  des  Hauses  Koburg  ab—
irren  konnte.  Sein  Neffe,  der  schöne,  für  die  Brautfahrt  sorgfältig  vor—
bereitete  Prinz  Albert  errang  sich  die  Hand  Victorias,  die  so  lange  vergeblich
  erstrebte  Stellung  eines  englischen  Prinzgemahls  ward  wirklich
einem  Koburger  gewonnen,  die  vierte  Königskrone  stand  den  Wettinern
in  Aussicht,  der  luftige  Bau  der  sächsischen  Hauspolitik  kam  unter  Dach.
Prinz  Albert  bekam  anfangs  den  Deutschenhaß  der  Briten  schwer  zu
empfinden.  Zahlreiche  Zerrbilder  stellten  ihn  dar  inmitten  seines  bärtigen,
rauchenden,  biertrinkenden  Gefolges;  man  bezweifelte  boshaft,  ob  dieser
Sohn  des  ältesten  Bekennergeschlechtes  der  Protestanten  evangelisch  sei,
da  ja  seine  Vettern,  die  Koburg-Koharys  sich  der  römischen  Kirche  zugewendet
  hatten;  sein  Jahreseinkommen  ward  vom  Parlamente  unanständig
knapp  bemessen,  der  Titel  eines  König-Gemahls,  den  ihm  die  zärtliche
Gattin  zudachte,  stieß  auf  allgemeinen  Widerspruch,  und  ein  Mitglied  des
Geheimen  Rats  sagte  höhnisch  zu  Bunsen:  wir  können  ihn  doch  nicht
gegebenen  Falles  König-Witwer  nennen.)  Selbst  den  Namen  eines  Prinzgemahls
  gewährte  man  dem  Deutschen  erst  nach  Jahren,  und  Zeit  seines
Lebens  gelang  es  ihm  nie,  das  Mißtrauen  des  Inselvolkes  gänzlich  zu
überwinden.

Gleichwohl  gewann  er  durch  Klugheit,  Takt,  ernste  gemeinnützige
Tätigkeit  nach  und  nach  einigen  Boden.  Die  Damen  waren  von  vornherein
  für  den  schönen  Prinzen,  und  die  beiden  großen  Adelsparteien
fanden  es  bald  ratsam,  sich  seiner  Unterstützung  zu  versichern.**)  Die
Briten  freuten  sich  an  dem  wohlgeordneten  Haushalt  und  dem  Familienglück
  der  Königin,  das  alljährlich  mit  großer  Pünktlichkeit,  sobald  die  von
den  Naturgesetzen  gebotene  Zwischenzeit  ablief,  durch  die  Geburt  eines
Kindes  verschönt  wurde.  Der  Hof  wurde  endlich  wieder  eine  soziale  Macht,
obgleich  er  nie  mehr,  wie  einst  in  den  Tagen  der  Stuarts,  den  Mittelpunkt
  des  hauptstädtischen  Lebens  bilden  konnte,  und  die  gründlich  frivole
  vornehme  Gesellschaft  Londons  mußte  sich  mindestens  in  ihrer  äußeren
Haltung  nach  den  ehrbaren  höfischen  Sitten  richten.  Zum  ersten  Male  seit
der  Thronbesteigung  der  Welfen  zeigte  das  königliche  Haus  wieder  einiges

 

*)  Bunsens  Bericht,  6.  Jan.  1842.
**)  Bülows  Bericht,  2.  Juni  1840.
        <pb n="136" />
        128  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

Verständnis  für  das  geistige  Leben  der  Nation,  eine  Teilnahme,  die  allerdings
  nicht  in  die  Tiefe  ging;  denn  Prinz  Albert  war,  wie  alle  Koburger,
ohne  warmes  religiöses  Gefühl,  eine  schwunglose  prosaische  Natur,  die
sich  leicht  daran  gewöhnte,  nach  englischer  Weise  alles  very  interesting
zu  finden;  er  hatte  sich  zu  Brüssel  tief  eingelebt  in  die  mechanische  Weltanschauung
  des  Statistikers  Quetelet,  der  alle  Erscheinungen  des  sozialen
Lebens,  auch  die  sittlichen,  aus  dem  Walten  blinder  Naturgesetze  erklärte.
Das  Kunstgewerbe  stand  ihm  höher  als  die  Kunst,  die  Technik  höher  als
die  Wissenschaft,  das  Merkwürdige  höher  als  das  Ideale.  Den  eigentümlich
  trockenen  Ton  dieses  sittsamen  Hofes  gaben  späterhin  Victorias
„Blätter  aus  unserem  Leben  in  den  Hochlanden“  getreulich  wieder,  unbestreitbar
  das  langweiligste  unter  den  vielgenannten  Büchern  des  neunzehnten
  Jahrhunderts.

Der  Prinz  betrachtete,  gleich  seinem  Oheim  Leopold,  den  Oranier
Wilhelm  III.  als  sein  Muster,  und  obwohl  er  weder  die  Macht  noch  das
Genie  seines  Vorbildes  besaß,  so  wirkte  er  doch  auf  die  Entwicklung  der
englischen  Verfassung  nachhaltig  ein.  Er  gewöhnte  die  Krone,  ohne  Widerspenstigkeit
  und  unter  Wahrung  der  äußeren  Würde  die  neutrale  Stellung
einzunehmen,  welche  ihr  nach  dem  Verlaufe  der  Geschichte  dieses  Landes
allein  noch  zukam:  die  Stellung  nicht  über,  sondern  unter  den  Parteien.
Als  er  nach  England  kam,  fand  er  die  Whigs  noch  am  Ruder  und  die
Königin  ernstlich  gewillt,  die  Freunde  ihrer  Jugend  im  Besitze  der  Macht
zu  erhalten.  Albert  selbst  stand  als  Fremdling  den  Parteien  unbefangener
gegenüber  und  wurde  von  seinem  getreuen  Stockmar  dringend  ermahnt,
sich  diese  Freiheit  zu  erhalten.  Als  nun  die  Whig-Regierung  bald  nach
ihrem  letzten  Erfolge,  dem  Meerengenvertrage  rettungslos  zusammenbrach,
  da  war  er  es,  der  die  Königin  bewog,  den  jetzt  unvermeidlichen
Torys  mit  Wohlwollen  entgegenzukommen  und  selbst  die  Damen  ihrer
Umgebung  aus  den  Reihen  der  herrschenden  Partei  zu  wählen.  In  späteren
Jahren  trug  er  sich  mehrmals  mit  der  Absicht,  die  Macht  der  Krone  zu
verstärken,  den  persönlichen  Willen  des  Monarchen  nach  deutscher  Weise
zur  Geltung  zu  bringen.  Sobald  er  jedoch  die  Unmöglichkeit  solcher
Pläne  erkannte,  gab  er  seiner  Gemahlin  den  Rat,  jedes  Ministerium,
das  der  Mehrheit  im  Parlamente  sicher  sei,  ohne  Hintergedanken  zu  unterstützen.
  Der  Rat  wirkte,  und  die  Krone  ward  nach  und  nach  so  anspruchslos,
  daß  die  Königin  nicht  einmal  mehr  wagte,  bei  der  Wahl  der
Personen  für  das  Kabinett  mitzureden,  sondern  dem  leitenden  Staatsmanne
  der  Mehrheit  des  Unterhauses  die  Bildung  der  neuen  Regierung
stets  unbeschränkt  überließ.

Fortan  herrschte  Eintracht  zwischen  Krone  und  Parlament,  während
die  früheren  Könige  des  Welfenhauses  unwillkommene  Minister  immer  durch
kleine  Bosheiten  zu  schädigen  gesucht  hatten;  und  es  ergab  sich,  daß  eine
klug  beratene  Frau  die  Rolle  eines  parlamentarischen  Schattenkönigs  fast
        <pb n="137" />
        Das  englische  Musterkönigtum.  129

noch  besser  zu  spielen  vermag  als  ein  Mann.  Denn  eine  Fürstin  darf,  ohne
Ärgernis  zu  erregen,  mit  der  naiven  Unbescheidenheit  der  Weiber  alles,  was
unter  ihrem  Namen  geschieht,  für  ihr  eigenes  Werk  ausgeben,  und  die  Galan—
terie  der  Männer  gestattet  den  Frauen,  jederzeit  über  unverstandene  Dinge
zuversichtlich  abzusprechen.  Von  diesen  beiden  Vorrechten  ihres  Geschlechtes
machte  Königin  Victoria  ausgiebigen  Gebrauch.  Sie  sprach  geläufig  über
alle  Einzelheiten  der  Verwaltung,  erzählte  dem  ironisch,  aber  ehrfurchtsvoll
zuhörenden  General  Natzmer  mit  der  größten  Bestimmtheit  von  den  Ver—
besserungen,  welche  sie  im  Heerwesen  eingeführt  habe,  und  ließ  sich  gern  eine
andere  Elisabeth  nennen,  obschon  die  Welfin  mit  der  minder  tugendhaften,
aber  großen  Tochter  des  Hauses  Tudor  eigentlich  nichts  gemein  hatte  als  den
weiblichen  Eigensinn.  Also  lernte  das  Königtum  durch  den  Prinzgemahl,
seine  Nichtigkeit  mit  Anstand  zu  ertragen;  dafür  ward  der  Trägerin  der
Krone  überall  mit  Worten  tiefster  Ergebenheit  gehuldigt.  Die  Phrase
der  Untertänigkeit,  constitutional  cant  der  Briten  blühte  wie  nie
zuvor;  wer  aufrichtig  genug  war,  die  junge  Königin  nicht  schön  zu  finden,
lief  Gefahr,  von  der  vornehmen  Welt  für  toll  gehalten  zu  werden.

Ein  solches  Schauspiel  inneren  Friedens  mußte  gerade  die  gemäßigten
deutschen  Liberalen  mit  Bewunderung  erfüllen;  enttäuscht  durch  das  Ränkespiel
  des  Juli-Königtums  begannen  sie  sich  von  den  französischen  Freiheitsgedanken
  der  dreißiger  Jahre  abzuwenden  und  fanden  nunmehr  in  dem
Staate  der  Königin  Victoria  das  konstitutionelle  Ideal  verwirklicht.  Nur
wenige  bemerkten,  wie  der  aristokratische  Unterbau  des  altenglischen  Parlamentarismus
  seit  der  Reformbill  zerbröckelte,  wie  die  Entscheidung  im
Unterhause  allmählich  in  die  Hände  der  Schotten  und  der  Iren  kam,
und  also  neue  demokratische  Umgestaltungen  sich  vorbereiteten.  Zugleich
erlebte  Großbritannien  eine  Zeit  beispiellosen  wirtschaftlichen  Aufschwungs.
Sein  Gewerbefleiß  erstarkte  dermaßen,  daß  er  sich  nunmehr  zutraute,  alle
Märkte  der  Welt  zu  beherrschen,  und  darum  das  Banner  des  Freihandels
aufpflanzte.  Eine  gewaltige  Auswanderung  eroberte  ihm  weite  Kolonien,
welche,  selbst  wenn  sie  die  politische  Herrschaft  des  Mutterlandes  vielleicht
dereinst  abschüttelten,  doch  seiner  Gesittung  unverloren  blieben  und  also
dem  angelsächsischen  Volkstum  einen  großen  Vorsprung  vor  dem  teutonischen
  sicherten;  nicht  lange,  so  lag  in  jedem  Winkel  des  Erdballs  ein
Land,  das  die  glückhaften  Namen  Victoria  und  Albert  führte.  Befangen
in  ihren  Parteikämpfen  und  ihrer  nachbarlichen  Eifersucht  beachteten  die
Völker  des  Festlandes  kaum,  wie  also  in  aller  Stille  das  größte  Reich
der  Weltgeschichte  heranwuchs.  Ja  die  deutschen  Anglomanen  pflegten  England
  als  eine  musterhaft  friedfertige  Macht  zu  preisen,  die  in  ihrer  Harmlosigkeit
  mit  einem  kleinen  Söldnerheere  auskomme;  und  doch  war  dies  neue
Karthago  der  einzige  Staat  Europas,  der  beständig,  häufiger  sogar  als
Rußland,  Kriege  führte,  freilich  Kriege,  in  denen  das  Gold  noch  mehr
bedeutete  als  das  Eisen.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  9
        <pb n="138" />
        130  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

An  der  Seite  der  Herrscherin  eines  solchen  Weltreichs  mußte  ein
kleiner  deutscher  Prinz  in  die  nämliche  Lage  geraten  wie  eine  ins  Aus—
land  verheiratete  Prinzessin:  er  konnte  sein  Volkstum  nicht  behaupten.
Prinz  Albert  wurde  bald  ganz  zum  Engländer,  obwohl  er  im  Familienkreise
  meistens  deutsch  sprach  und  die  liebreiche  Gemahlin,  zum  Entsetzen
aller  frommen  Britenherzen,  ihm  sogar  erlaubte,  beim  Fischessen  ein  silbernes
  Messer  zu  benutzen.  Als  er  wenige  Jahre  nach  seiner  Heirat  Deutschland
  wieder  besuchte,  trug  er  die  britischen  Sitten  geflissentlich  zur  Schau
und  hielt  im  grauen  Sommer-Überrock  die  Heerschau  über  die  Mainzer
Garnison,  so  daß  die  preußischen  Generale  erzürnt  fragten,  ob  dieser  junge
Wettiner  denn  gar  nicht  mehr  wüßte,  daß  deutsche  Fürsten  die  vaterländischen
  Fahnen  im  Waffenschmucke  ehrten.  In  dem  kalten,  freudlosen
englischen  Leben  verlor  er  jene  menschenfreundliche  Heiterkeit,  welche  den
gebildeten  Deutschen  auszeichnet,  und  wurde  steif,  pedantisch,  in  seinen
Urteilen  schroff  und  lieblos,  so  daß  ihm  auch  die  Arbeit  in  der  Kindererziehung,
  die  er  mit  großem  Pflichteifer  betrieb,  nur  bei  einigen  seiner
Töchter,  bei  dem  Thronfolger  gar  nicht  gelang.  Sein  Selbstgefühl  ward
durch  die  berechneten  Schmeicheleien  der  britischen  Parteiführer  und  die
harmlosen  Lobeserhebungen  der  festländischen  Konstitutionellen  sehr  hoch
gesteigert.  Auf  seine  durchlauchtigen  Genossen  daheim  sah  er  mit  Hochmut
  herab;  er  glaubte,  die  deutsche  Politik  besser  als  sie  zu  verstehen,
obgleich  er  durch  die  lange  Abwesenheit  die  Fühlung  mit  den  vaterländischen
  Dingen  längst  verloren  hatte,  und  meinte,  nichts  Arges  zu  tun,
wenn  er  die  deutschen  Fürsten  in  hofmeisterndem  Tone  aufforderte,  allezeit
den  Wegen  Englands  zu  folgen.  Derselben  Ansicht  huldigte  auch  die
Königin.  Sie  liebte  ihren  Gemahl  so  innig,  daß  sie  auch  sein  Vaterland
mit  ins  Herz  schloß  und  nach  Frauenart  sich  berechtigt  glaubte,  über  dessen
Wohl  zu  wachen.  Wie  ihre  Vorfahren  als  Könige  von  Hannover,  so
wähnte  sie  als  Herzogin  zu  Sachsen,  dem  Deutschen  Bunde  mit  anzugehören,
  und  die  deutschen  Höfe  boten  für  die  zarten  Künste  der  Damenpolitik
  einen  ungleich  dankbareren  Boden  als  das  englische  Parlament.

Zwischen  London,  Brüssel,  Wiesbaden  und  Koburg  wurde,  mit  Abzweigungen
  nach  Paris  und  Lissabon,  eine  Kurierkette  eingerichtet,  welche
die  Vertrauten  des  Hauses  Koburg  in  regelmäßigem  Verkehr  erhielt.
Während  die  englische  Presse  in  ihrem  blinden  Fremdenhasse  den  angeblichen
  „deutschen  Einfluß“"  am  Londoner  Hofe  bekämpfte,  konnte  Deutschland
mit  besserem  Rechte  über  englisch-koburgischen  Einfluß  klagen.  Des  Prinzgemahls
  älterer  Bruder,  der  gut  deutsch  gesinnte  Herzog  Ernst  von  Koburg
empfand  dies  selbst  sehr  lebhaft;  bald  nachdem  er  seinen  kleinen  Thron
bestiegen  hatte,  schrieb  er  dem  Oheim  Leopold:  „wir  müssen  wieder  ehrlich
deutsch  werden,“  denn  bisher  haben  wir  uns  meist  nur  als  Verwandte
der  großen  Höfe  des  Westens  gezeigt,  darum  gilt  Koburg  für  ein  Nest
undeutscher  Ränke  und  ultraliberaler  Ideen.  Doch  leider  blieb  es  bei
        <pb n="139" />
        Friedrich  Wilhelms  Anglomanie.  131

den  edlen  Vorsätzen.  Klugen  Rechnern  wie  Leopold  und  Albert  mußten
die  großen  westeuropäischen  Interessen  ihrer  weltbürgerlichen  Dynastie  wich—
tiger  erscheinen  als  das  kleine  deutsche  Stammland;  und  noch  oft  sollten
die  Ratschläge  der  Koburger  dem  deutschen  Volke  schädlich  werden,  um
so  schädlicher,  da  dies  überall  vom  Schicksal  begünstigte  Haus  auch  das
seltene  Glück  hatte,  nicht  von  gemeinen  höfischen  Schmeichlern,  sondern
von  angesehenen  und  ehrlichen  Schriftstellern  literarisch  verherrlicht  zu
werden.  Alle  die  tüchtigen  deutschen  Gelehrten,  welche  sich  in  London
der  Gönnerschaft  Bunsens  und  Stockmars  erfreuten,  wurden  zu  Aposteln
der  Koburgischen  Legende  und  erzählten  in  gutem  Glauben  den  Lands—
leuten  daheim,  wie  wunderbar  der  Prinzgemahl  verstanden  habe,  zugleich
ein  ganzer  Brite  zu  werden  und  ein  ganzer  Deutscher  zu  bleiben.
Niemand  hörte  auf  solche  Erzählungen  williger  als  König  Friedrich
Wilhelm.  Er  zeigte  schon  seine  Thronbesteigung  auch  dem  Prinzgemahl
in  einem  eigenhändigen  Briefe  an,  was  die  Königin  hoch  beglückte'),  und
erwies  fortan  dem  jungen  Paare  beständig  zarte  Aufmerksamkeiten.  Sein
weltkundiger  Vater  hatte  sich  nie  darüber  getäuscht,  daß  Palmerston  den
Unfrieden  auf  dem  Festlande  absichtlich  nährte."*)  Er  aber  meinte  wieder
klüger  zu  sein  und  glaubte  den  Berichten  Bülows,  der  ihm  nach  den
Versicherungen  englischer  Staatsmänner  treuherzig  beteuerte,  Palmerston
sei  nur  durch  die  Schroffheit  der  Ostmächte  wider  seinen  Wunsch  gezwungen
  worden,  sich  von  ihnen  zu  trennen,  und  mit  dem  Vierbunde
von  1840  zu  seinen  ursprünglichen  Ansichten  zurückgekehrt.*)  Als  nun
gar  die  Torys  ans  Ruder  kamen,  Lord  Aberdeen,  der  altbewährte  Anhänger
  Metternichs  in  das  Auswärtige  Amt  wieder  eintrat,  da  floß  man
in  Berlin  von  Vertrauensseligkeit  über.  Ein  Ministerialschreiben  an  die
Gesandtschaft  sagte:  selbst  unter  den  Whigs  seien  zwischen  den  beiden
historisch  verbundenen  Mächten  die  Fäden  niemals  ganz  abgerissen;  um
so  herzlicher  werde  sich  jetzt  das  Verhältnis  zu  Aberdeen  gestalten.)  Der
Führer  des  neuen  Kabinetts,  Robert  Peel  gewann  sich  durch  Gradsinn
und  ernste  Frömmigkeit  das  Herz  Friedrich  Wilhelms;  selbständig  genug,
um  nötigenfalls  die  Dogmen  der  Partei  zu  verletzen,  hielt  er  sich  auch
frei  von  nationaler  Gehässigkeit  und  betrachtete  Deutschland  mit  einiger
Teilnahme.  Wenn  ihm  Bunsen  von  dem  Deutschen  Bunde  als  einer
Macht  ersten  Ranges  sprach,  dann  war  Peel  so  höflich,  diese  allerneueste
Doktrin  des  Berliner  Hofes  mit  seinen  guten  Wünschen  zu  begleiten.
Als  bald  nachher  dem  neuen  sächsisch-welfischen  Königshause  ein  Thronfolger
  geboren  wurde,  da  beschlossen  die  Eltern,  auf  Stockmars  Rat,  den
König  von  Preußen  durch  eine  klug  berechnete  Aufmerksamkeit  in  seiner

*)  Bülows  Bericht,  7.  Juli  1840.

*“)  S.  o.  IV.  515.

*)  Bülows  Denkschrift  über  die  innere  Lage  Großbritanniens,  17.  Juli  1841.
)  Werther,  Weisung  an  Schleinitz,  13.  Sept.  1841.

 

9*
        <pb n="140" />
        132  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

freundschaftlichen  Gesinnung  zu  bestärken,  und  baten  ihn  zu  Gevatter.
Sie  selbst  legten,  nach  Koburgischen  Grundsätzen,  auf  kirchliche  Feier—
lichkeiten  wenig  Wert.  Friedrich  Wilhelm  hingegen  sah  in  der  Einladung
ein  feierliches  Symbol  des  Bundes  der  beiden  protestantischen  Großmächte
und  erklärte  sich  bereit,  zu  der  Taufe  persönlich  zu  erscheinen.  Aberdeen
war  außer  sich  vor  Freude,  wie  Bunsen  behauptete,  desgleichen  der  edle,
heroische  neue  Bischof  von  Jerusalem.  Metternich  aber  befürchtete  von
dieser  englischen  Reise  eine  gefährliche  Aufregung  protestantischer  Partei—
leidenschaften,  und  Zar  Nikolaus  ließ  dem  Schwager  besorglich  vorstellen,
unterwegs  würde  sich  eine  Zusammenkunft  mit  dem  Blusenkönige  Leopold
oder  einem  der  französischen  Prinzen  kaum  vermeiden  lassen.“)  Im  Januar
1842  kam  Friedrich  Wilhelm  auf  dreizehn  Tage  nach  England  und  wurde
von  der  amtlichen  Welt  mit  dem  höchsten  Glanze  empfangen.  Nur  ein
Teil  der  Presse  schmähte  auf  den  deutschen  Spion,  Idioten  und  Heuchler,
und  Lord  Brougham  sprach  im  Oberhause  die  höfliche  Erwartung  aus,
der  Preuße  würde  von  Englands  Freiheit  etwas  lernen,  die  Versprechungen
seines  Vaters  endlich  ausführen.  Fest  folgte  auf  Fest,  feierliche  Trink—
sprüche  verherrlichten  die  Freundschaft  der  beiden  protestantischen  Nationen.
Victoria  entfaltete  ihre  ganze  Liebenswürdigkeit,  schmückte  ihren  Gast  eigen—
händig  mit  dem  Hosenbandorden  und  trug  bei  den  Feierlichkeiten  ein
Armband  mit  seinem  Bildnis.  Auch  ein  junger  Koburg-Kohary  war  zugegen,
  dem  der  unersättliche  Brüsseler  Ehestifter,  wie  jedermann  bei  Hofe
erzählte,  schon  die  Hand  der  Königin  Isabella  von  Spanien  zugedacht
hatte.

Der  König  zeigte  sich  hoch  entzückt  von  allen  den  britischen  Institutionen,
  die  er  doch  daheim  keineswegs  nachahmen  wollte,  und  wohnte
der  Eröffnung  des  Parlaments  nicht  als  schlichter  Zuschauer  bei,  sondern
  —  wunderlich  genug  —  gleichsam  als  großbritannischer  Reichsverwandter,
  in  vollem  Schmuck  auf  einem  besonderen  Sitze,  der  ihm  zwischen
dem  Throne  der  Königin  und  den  Plätzen  der  Lords  bereitet  war.  Er
hörte  den  Gottesdienst  in  St.  Paul  mit  großer  Andacht  und  scheute
nicht  die  beständigen  dem  deutsch-protestantischen  Gefühle  so  widerwärtigen
Kniebeugungen;  er  besuchte,  begleitet  von  der  gottseligen  Quäkerin  Mrs.
Fry  das  Gefängnis  von  Newgate  und  bewunderte  mit  der  Aufmerksamkeit
des  literarischen  Feinschmeckers  die  Aufführung  Shakespearischer  Lustspiele
in  ihrer  ursprünglichen  Gestalt.  So  verging  die  kurze  Frist  sehr  genußreich,
  aber  ohne  wirkliche  Belehrung  und  ohne  jedes  politische  Ergebnis.
Den  nüchternen  britischen  Staatsmännern  gefiel  Friedrich  Wilhelms
Reisebegleiter,  der  unerschöpflich  mitteilsame  Humboldt  weit  besser  als
sein  Herr,  der  trotz  seiner  geistreichen  Liebenswürdigkeit  doch  nicht  den

 

7)  Berichte  von  Bunsen,  10.  Dez.  1841,  7.  Jan.  1842,  von  Liebermann,  28.  Dez.
1841.
        <pb n="141" />
        Die  Taufreise  nach  England.  133

Eindruck  eines  beherrschenden  politischen  Kopfes  hinterließ.  Stockmar
erschrak  geradezu  über  die  phantastischen  Einfälle  des  Königs,  als  ihm
dieser  sehr  ausführlich  und  ernsthaft  vorhielt,  Belgien  müsse  um  seiner
Sicherheit  willen  durchaus  in  den  Deutschen  Bund  eintreten  —  ein  im
Frieden  schlechthin  unausführbarer  Plan,  da  ja  Belgien  auf  Preußens
eigenen  Antrag  von  allen  Großmächten  als  neutral  anerkannt  war.

Unterwegs  wurde,  trotz  der  dringenden  Einladungen  des  Gesandten
Bresson,  der  französische  Boden  und  jede  Berührung  mit  den  Orleans
sorgfältig  vermieden.  Leopold  von  Belgien  aber  hatte,  zur  Entrüstung
des  Zaren,  den  deutschen  Nachbarn  schon  auf  der  Hinreise  in  Ostende
begrüßt;  und  da  Friedrich  Wilhelm  den  für  den  Zollverein  wichtigen
belgisch-luxemburgischen  Grenzverkehr  friedlich  zu  ordnen  wünschte,  so
entschloß  er  sich  schweren  Herzens,  seinem  geliebten  Vetter,  dem  neuen
Könige  Wilhelm  II.  der  Niederlande  einen  Freundschaftsdienst  zu  erweisen
und  den  belgischen  Usurpator  auf  der  Heimreise  zu  besuchen,  in  demselben
Schlosse,  das  einst  den  oranischen  Verwandten  gehört  hatte.  „Je  Vous
porterai  un  véritable  sacrifice“,  schrieb  er  dem  Oranier;  „J  irai  le
trouver  en  chemin  (à  Lacken!  !!  —  1  —  1  —III)  pour  le  travailler.“)
Trotz  dieses  Besuchs  bei  dem  liberalen  Belgier  blieb  die  englische  Reise  den
aufgeklärten  Berlinern  hoch  verdächtig;  sie  meinten  in  ihrer  Tadelsucht,  der
König  sei  drüben  ganz  in  die  Netze  der  Hochtorys  und  der  Anglikaner
geraten.  In  ihm  aber  klangen  die  religiösen  Stimmungen  dieser  Tauffahrt
  noch  lange  nach.  Nach  einer  schönen  Zeichnung  von  Cornelius
ließ  er  für  sein  Patenkind  einen  silbernen  Glaubensschild  fertigen,  der
in  der  Mitte  einen  Christuskopf,  darunter  die  Darstellungen  der  beiden
evangelischen  Sakramente,  an  den  Rändern  neben  dem  Einzuge  Jesu  in
Jerusalem  auch  ein  Bild  der  Meerfahrt  des  Paten  zeigte:  da  fuhr  der
christliche  König  in  Pilgerhut  und  Muschelmantel  auf  einem  Schiffe,  das
ein  Engel  lenkte  und  der  gefesselte  Höllengeist  des  Dampfes  schnaubend
vorwärts  trieb,  neben  ihm  Humboldt  mit  einem  Olzweige  in  der  Hand,
Anton  Stolberg  und  General  Natzmer;  drüben  am  Strande  erwartete
ihn  Englands  Schutzpatron,  der  heilige  Georg,  mit  dem  Prinzgemahl
und  Wellington  —  eine  Zusammenstellung,  welche  dem  Koburgischen  Weltkinde
  insgeheim  wohl  ebenso  fragwürdig  erscheinen  mochte  wie  dem  ungläubigen
  deutschen  Naturforscher  und  im  radikalen  Lager  widerwärtige
Hohnreden  hervorrief.

Auch  das  auswärtige  Ministerium  fuhr  noch  lange  fort,  dem  britischen
  Kabinett  unerwiderte  Zärtlichkeitsbeteuerungen  zu  senden,  zumal
seit  Bülow  dem  schon  nach  wenigen  Monaten  unheilbar  erkrankten  Grafen
Maltzan  im  Amte  gefolgt  war.  Bülow  blieb  als  Minister  wie  vordem

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  König  Wilhelm  II.  der  Niederlande,  29.  Jan.
1842.
        <pb n="142" />
        134  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

als  Gesandter  ein  so  unbedingter  Verehrer  Englands,  daß  Stockmar  ihn
befriedigt  für  den  fähigsten  aller  preußischen  Diplomaten  erklärte.  Auf
die  Nachricht  von  neuen  asiatischen  Erfolgen  der  Engländer  ließ  er  durch
Bunsen  die  Glückwünsche  seines  Hofes  aussprechen  und  fügte  hochentzückt
hinzu:  „mit  Großbritannien  verbunden  durch  die  Bande  einer  langen
Allianz  und  einer  beständigen  innigen  Freundschaft,  sind  wir  gewohnt,
alles,  was  den  Ruhm  und  das  Wohlsein  des  britischen  Reichs  vermehrt,
fast  ebenso  anzusehen,  als  wäre  es  uns  selbst  widerfahren.““)  So  uneigennützig
  übernahmen  diese  Gemütspolitiker  im  Namen  ihres  ehrenhaften
  deutschen  Staates  gleichsam  die  Mitverantwortlichkeit  für  Englands
schmachvollen  Opiumkrieg!  Freilich  war  man  in  Berlin  über  die  orientalischen
  Dinge  schlecht  unterrichtet,  da  Bunsen  seinen  britischen  Freunden  alles
glaubte  und  entrüstet  heim  berichtete,  wie  sündlich  sein  England  wegen  des
Opiumhandels  verleumdet  worden  sei.“')

Sehr  lange  konnte  diese  Anglomanie,  die  doch  nur  den  persönlichen
Neigungen  des  Königs  und  seiner  Vertrauten  entsprach,  unmöglich  vorhalten.
  Zu  einem  politischen  Bündnis  der  beiden  Mächte  lag  gar  kein
Anlaß  vor,  ja  ihre  volkswirtschaftlichen  Interessen  gingen  augenblicklich
sehr  weit  auseinander.  Sobald  Preußen  einige  seiner  Zölle  um  ein
geringes  erhöhte,  zeigte  sich  Peel  tief  entrüstet,  gleich  als  ob  England,  dessen
eigene  Zölle  noch  weit  höher  standen,  in  seinen  Rechten  gekränkt  worden
wäre;  und  wenngleich  Bunsen  friedfertig  erwiderte:  „der  Zollverein  ist  noch
immer  der  beste  Kunde  Euerer  Industrie,“  so  konnte  doch  sein  königlicher
Herr  selbst  nicht  verkennen,  daß  der  deutsche  Gewerbefleiß  danach  trachten
mußte,  dieser  Abhängigkeit  zu  entwachsen.*)  Wie  wenig  dem  englischen
Volke  an  dem  deutschen  Bündnis  gelegen  war,  das  zeigte  eben  in  diesen
Jahren  Macaulays  Aufsatz  über  Friedrich  den  Großen.  So  hochmütig,
so  verständnislos,  so  roh  hatten  selbst  die  Franzosen,  die  den  Philosophen
von  Sanssouci  doch  immer  gelten  ließen,  noch  nie  über  Preußen  abgesprochen,
  und  der  glänzende  Essayist  sagte  hier  wie  überall  nur,  was  der
Durchschnitt  seiner  gebildeten  Landsleute  dachte.  Auch  Friedrich  Wilhelms
kunstsinniger  Freund  Graf  Raczynski  machte  seine  Erfahrungen  an  der
britischen  Selbstgenügsamkeit.  Als  er,  bei  Hofe  freundlich  ausgenommen,
die  Frage  aufwarf,  ob  man  nicht  deutsche  Künstler  einladen  solle  zur  Einführung
  der  hierzulande  noch  fast  unbekannten  Freskomalerei,  da  widersprachen
  die  englischen  Maler  sehr  heftig,  und  Sir  Morton  Shee  erwiderte
stolz:  unsere  Schule  ist  die  anerkannt  erste  der  Welt.-)

Mit  der  Zeit  fühlte  auch  der  König  selber,  wie  fremd  ihm  im  Grunde
die  ganz  moderne  Weltanschauung  des  Koburgischen  Hauses  war.  Ein

*)  Bülow,  Weisung  an  Bunsen,  5.  Nov.  1842.
**)  Bunsens  Bericht,  10.  Dez.  1842.
*?*)  Bunsens  Berichte,  25.  Juli  1842  ff.
)Bunsens  Bericht,  6.  Mai  1842.
        <pb n="143" />
        Der  Koburgische  Hoheitstitel.  135

lächerlicher  Titelstreit  brachte  ihm  dies  zum  Bewußtsein.  Schon  längst
strebten  die  ernestinischen  Herzöge  nach  schöneren  Titeln,  weil  sie  bei  der
großen  Rangerhöhung  der  rheinbündischen  Zeiten  leer  ausgegangen  waren.
Seit  das  Haus  Koburg  so  kühn  emporgestiegen,  meinte  sich  vornehmlich
der  alte  Herzog  von  Koburg  als  Vater  und  Bruder  gekrönter  Häupter
wohlberechtigt,  den  Namen  eines  Großherzogs  oder  einer  königlichen  Hoheit
zu  führen.  Die  englischen  Verwandten  unterstützten  ihn  dabei  lebhaft'):
denn  die  Koburger  bewährten  sich  auch  darin  als  treue  Jünger  der  alten
Aufklärung,  daß  sie  zwar  mit  Worten  gern  über  leere  Standesunterschiede
spotteten,  in  der  Tat  aber  ihren  Rang  sehr  eifersüchtig  wahrten.  Nach
strengem  Rechte  konnte  der  Koburgische  Herzenswunsch  nur  durch  einen
Bundesbeschluß  erfüllt  werden,  weil  der  Bund  über  der  Rangordnung
seiner  Mitglieder  zu  wachen,  auch  die  Mediatisierten  schon  gewissenhaft  in
Durchlauchten  und  Erlauchten  eingeteilt  hatte.  In  Frankfurt  aber  lagen
die  Dinge  höchst  ungünstig.  Der  Präsidialhof  war  über  das  selbstbewußte
Auftreten  des  Herzogs  von  Koburg-Kohary,  der  doch  unzweifelhaft  zu  den
Untertanen  der  Stephanskrone  gehörte,  längst  sehr  aufgebracht,  seine
Diplomaten  redeten  mit  der  äußersten  Gehässigkeit  über  den  Koburger
Hof.**)  Auch  der  König  von  Preußen  wollte  den  althistorischen  Titel
Durchlaucht  nicht  gern  ändern.  Nun  gar  die  kleineren  Fürsten  meinten
sich  allesamt,  und  manche  mit  Recht  schwer  beeinträchtigt;  sie  beruhigten
sich  auch  nicht,  als  Koburg  seine  Ansprüche  herabsetzte  und  nur  noch  den
Titel  Hoheit  verlangte.  Da  wünschten  Nassau  und  Braunschweig,  von
wegen  ihrer  größeren  Macht,  Großherzoge  zu  werden;  in  Baden,  das  ja
einst  den  Kurhut  getragen  hatte,  sprach  man  schon  von  der  Annahme
des  Königstitels;  der  Kurfürst  von  Hessen  dachte  seiner  verunglückten  Kattenkrone,
  der  Großherzog  von  Darmstadt  dem  stolzen  alten  Mainzer  Kurhute
den  Majestätstitel  beizulegen;  Homburg  wollte  landgräfliche,  Schwarzburg
fürstliche  Hoheit  heißen;  der  Fürst  von  Hechingen  ließ  die  Hoheit  für
Nassau  nicht  gelten,  weil  sein  Haus  früher  als  Nassau  in  den  Fürstenrat
  des  alten  Reichstags  gelangt  war.***)  So  zeigte  sich  an  einem  abgeschmackten
  und  doch  sehr  heftigen,  die  Bundesgenossen  tief  verstimmenden
Zwiste,  daß  jene  ruhelose  soziale  Eitelkeit,  welche  beständig  nach  oben
drängend,  den  Herrennamen  zum  Gemeingut  aller,  die  Mädchen  zu  Fräulein,
  die  schlichten  Marschälle  und  Seneschälle  zu  Großwürdenträgern  gemacht
  hat,  auch  in  demokratischen  Jahrhunderten  bei  hoch  und  niedrig
ihren  Spuk  treibt.

Mittlerweile  hatte  der  unternehmende  junge  Herzog  Ernst  II.  die
Regierung  in  Koburg  angetreten.  Er  merkte  bald,  daß  auf  diesem  Markte

*)  Bunsens  Berichte,  8.  Juli,  25.  Aug.  1842.
**)  Bunsens  Berichte,  5.  8.  Nov.  1842.
*“*)  Berichte  von  Dönboff,  27.  April  ff.;  von  Radowitz,  19.  Mai;  Fürst  v.  Hohenzollern-Hechingen
  an  Dönhoff,  7.  Mai  1844.
        <pb n="144" />
        136  V.  2.  Die  Kriegsgefahr.

der  Eitelkeiten  nur  vollendete  Tatsachen  entscheiden  konnten,  und  schloß
im  April  1844  mit  seinen  Vettern  von  Meiningen  und  Altenburg  einen
Hausvertrag,  kraft  dessen  die  sächsischen  Herzoge  eigenmächtig  den  Titel
Hoheit  annahmen.  Alles  zürnte  über  diese  Umgehung  der  Bundesgewalten,
und  auf  Metternichs  Befehl  brachte  Graf  Münch  am  20.  Juni  die  Sache
am  Bundestage  zur  Sprache.  Dringend  verlangte  er  zugleich  Wahrung
des  Geheimnisses,  da  die  Verhandlungen  sich  von  Haus  aus  sehr  stürmisch
anließen.  Während  mehrere  Regierungen  der  selbstgeschaffenen  neuen
Hoheit  die  Anerkennung  verweigern  wollten,  erklärte  der  Gesandte  der
ernestinischen  Herzoge  hochtrabend,  jeder  Bundesbeschluß  in  dieser  Frage
sei  unzulässig,  sei  ein  Eingriff  in  die  Souveränitätsrechte.  Eine  solche
Sprache  schien  dem  Könige  von  Preußen,  der  den  Bundestag  so  warm
verehrte,  ganz  unerträglich.  Er  schrieb  entrüstet:  „Der  Zustand  dieser
ebenso  ridikülen  als  für  die  deutsche  Sache  und  Einheit  bedrohlichen  Sache
reduziert  sich  nach  der  letzten  inqualifiablen  Erklärung  der  sächsisch  herzoglichen
  Häuser  auf  die  Frage,  ob  der  Bund  und  in  specie  der  Bundestag
ein  alter  Esel  ist,  der  sich  solche  Dinge  bieten  läßt.“  Er  ließ  sie  sich  bieten;
denn  ihm  fehlte  jede  Macht,  souveräne  Fürsten  zu  zwingen,  und  die  großen
Höfe  des  Westens  hatten  sich  inzwischen  schon  beeilt,  die  Koburger  als
Hoheiten  zu  begrüßen.  Wohl  wies  der  preußische  Gesandte  Graf  Dönhoff
die  bundesfeindlichen  Behauptungen  der  Ernestiner  in  scharfer  Rede  zurück;
zuletzt  mußte  man  sich  doch  in  das  Geschehene  ergeben,  und  der  Bund
beschloß  (16.  Aug.),  alle  regierenden  Herzoge  Deutschlands  fortan  Hoheit
zu  benamsen.*.)  Dann  währte  der  Zank  noch  ein  Jahr  lang  fort;  Dönhoff
  fürchtete  schon,  Frankreich  könnte  die  Majestäts-Gelüste  Badens  und
Hessens  für  einen  neuen  Rheinbund  ausbeuten,  bis  sich  endlich  der  kurfürstliche
  und  die  großherzoglichen  Höfe  begnügten,  die  Titel  ihrer  Prinzen
angemessen  zu  verschönern.)

Friedrich  Wilhelm  brauchte  lange,  bis  er  dem  Hause  Koburg  diesen
Streich  gegen  die  Würde  seines  geliebten  Bundestags  verzieh,  und  auch
der  englische  Hof  zeigte  bald,  daß  er  sich  durch  seinen  kirchlichen  und
politischen  Liberalismus  wie  durch  seine  Familieninteressen  weit  stärker  zu
dem  Bürgerkönige  hingezogen  fühlte  als  zu  dem  Könige  von  Preußen.  Die
enge,  durch  die  Heiraten  Leopolds  von  Belgien  und  des  Herzogs  von
Nemours  begründete  Verbindung  der  Häuser  Orleans  und  Koburg  wurde
während  der  nächsten  Jahre  durch  zwei  neue  Prinzenhochzeiten  noch  mehr
befestigt,  und  im  Herbst  1843  sahen  die  Franzosen,  was  seit  Jahrhunderten
unerhört  war,  den  englischen  Hof  an  ihrer  Küste  landen,  um  das  Königspaar
  im  Schlosse  Eu  zu  besuchen.  Der  lebhafte  Verkehr,  der  sich  nun- 



*)  Dönhoffs  Berichte,  20.  27.  Juni,  16.  August  1844  nebst  Randbemerkungen  des
Königs.
*“)  Dönhoffs  Bericht,  10.  Juli  1845.
        <pb n="145" />
        Preußen,  England  und  Frankreich.  137

mehr  zwischen  den  beiden  bluts-  und  wahlverwandten  Höfen  entspann,
wurde  von  den  gemäßigten  Parteien  diesseits  wie  jenseits  des  Kanals
nicht  ungern  gesehen;  denn  der  alte  Nationalhaß  war  wirklich  erloschen,
die  Idee  der  Verbrüderung  des  freien  Westens  kam  trotz  mancher  Ir—
rungen  immer  wieder  obenauf.  Freilich  standen  an  der  Spitze  beider
Höfe  kühle  Kaufleute,  die  ihre  dynastischen  Sonderinteressen  niemals  aus
den  Augen  verloren,  und  wie  leicht  konnten  diese  begehrlichen  Hinter—
gedanken  eine  Freundschaft  sprengen,  welche  immer  des  Vertrauens  ent—
behrte.

Preußen  aber  stand  in  der  diplomatischen  Welt  so  einsam  wie  seit
Jahren  nicht.  Sein  König  hatte  verstanden,  in  kurzer  Zeit  die  alten
Freunde  Osterreich  und  Rußland  mit  Mißtrauen  zu  erfüllen;  er  hatte
mit  seinen  Freundschaftswerbungen  in  England  wenig  Anklang  gefunden,
und  kaum  war  die  Kriegsgefahr  vorüber,  so  bemerkte  man  bald,  daß
Preußen  jetzt  auch  an  den  kleinen  deutschen  Höfen  weniger  geachtet  war  als
einst  unter  dem  alten  Könige.  Die  ruhige  Würde  des  Vaters  erweckte
Vertrauen,  die  bewegliche  Geschäftigkeit  des  Sohnes  Zweifel  und  Arg—
wohn.  —
        <pb n="146" />
        Dritter  Abschnitt.

 

Enttäuschung  und  Verwirrung.

Während  der  drei  letzten  Jahre  seiner  Regierung  hatte  Friedrich
Wilhelm  III.  die  Provinziallandtage  nicht  mehr  versammelt,  weil  er  die
Besprechung  des  Kölnischen  Bischofsstreites  vermeiden  wollte.  Der  neue
König  berief  sie  allesamt  schon  auf  das  Frühjahr  1841  zur  regelmäßigen
Tagung;  er  hoffte  —  so  ließ  er  ihnen  aussprechen  —  „mit  wahrer  Freudigkeit
  auch  für  die  ständischen  Verhältnisse  eine  lebendigere  Zeit  zu  beginnen.“
Da  erinnerte  ihn,  gerade  als  die  ersten  Landtage  zusammentraten,  zum
dritten  Male  ein  Mahnruf  aus  Ostpreußen  an  die  Verheißungen  des
Vaters.  Im  Februar  erschienen  die  „Vier  Fragen,  beantwortet  von  einem
Ostpreußen“  —  eine  den  Ständen  Altpreußens  gewidmete  Flugschrift,  die
der  unklaren  Sehnsucht  der  Liberalen  endlich  ein  brauchbares  Programm,
ein  handliches  Schlagwort  darbot.  In  scharfer,  zuversichtlicher,  beinah
drohender  Sprache  forderte  sie  für  dies  längst  mündige  hochgebildete  Volk
„Offentlichkeit  und  wahre  Vertretung“  statt  der  Beamtenallgewalt  und
der  politischen  Nichtigkeit  aller  selbständigen  Bürger;  sie  behauptete  frischweg,
  das  Versprechen  der  Volksrepräsentation  vom  Mai  1815  sei  gültiges
Gesetz,  und  gelangte  dann,  ohne  in  die  schwierigen  Rechtsfragen  tiefer
einzugehen,  mit  der  schnellfertigen  Logik  des  Radikalismus  zu  dem  einfachen
  Schlusse:  Preußens  Provinzialstände  sollten  „das,  was  sie  bisher
als  Gunst  erbeten,  nunmehr  als  erwiesenes  Recht  in  Anspruch  nehmen.“
Otto  Wigand  in  Leipzig,  der  unermüdliche  Verleger  der  radikalen  Partei
hatte  die  Vier  Fragen  gedruckt;  auf  dem  Titel  stand  aber  der  Name:
Heinrich  Hoff  in  Mannheim,  eine  Firma,  die  fortan  oftmals  von  preußischen
  Schriftstellern  vorgeschoben  wurde  und  in  der  nächsten  Zeit  als
Herberge  der  Opposition  eine  ähnliche  Rolle  spielte  wie  vor  zweihundert
Jahren  die  holländische  Scheinfirma  Peter  Hammer  in  Köln.

Der  ungenannte  Verfasser  war  Johann  Jacoby,  ein  jüdischer  Arzt
in  Königsberg.  Er  gehörte  schon  zu  dem  neuen  Geschlechte,  das  die  Befreiungskriege
  nicht  mit  Bewußtsein  durchlebt  hatte,  seine  Ideale  der  Juli-
        <pb n="147" />
        Jacobys  Vier  Fragen.  139

Revolution  und  dem  polnischen  Aufstande  verdankte.  Jung  war  er  nie  ge—
wesen,  die  Welt  des  Schönen  blieb  ihm  so  fremd  wie  das  Spiel  des
Scherzes.  In  gebückter  Haltung,  und  doch  feierlich  schritt  der  kahlköpfige
kleine  Mann  daher,  ein  tiefer  Ernst  lag  in  den  scharfgeschnittenen  Gesichts—
zügen,  in  den  durchdringenden  stechenden  Blicken  der  großen  blauen  Augen.
Alles  verriet  sogleich  den  sittenstrengen,  fleißigen,  bedürfnislosen  Stuben—
gelehrten.  Obgleich  er  als  spinozistischer  Freidenker  die  Synagoge  grund—
sätzlich  nie  betrat,  so  meinte  er  sich  doch  berufen,  im  Namen  seiner  Glaubensgenossen
  zu  reden,  und  schrieb  schon  als  junger  Mann  ein  geharnischtes
Büchlein  für  die  bürgerliche  Gleichstellung  der  Israeliten.  Diese  Schrift
und  eine  zweite  noch  schärfere  wider  die  preußische  Zensur  verschafften  ihm
bald  ein  hohes  Ansehen  unter  den  Liberalen  Königsbergs;  bei  den  Sammlungen
  für  die  Göttinger  Sieben  erschien  er  schon  wie  ein  Parteiführer.  Da
die  Ostpreußen  von  allen  Deutschen  am  besten  verstehen,  sich  ihre  Juden  zu
erziehen,  so  war  auch  Jacoby  weit  mehr  Ostpreuße  als  Jude.  Nur  die
vordringliche  Dreistigkeit  erinnerte  an  die  orientalische  Abstammung;  den
Grundzug  seines  Charakters  bildete  jener  starre  altpreußische  Rechts=  und
Freiheitstrotz,  der  schon  so  viel  Ruhm  und  so  viel  Elend,  den  Befreiungskrieg
  so  gut  wie  den  Eidechsenbund  und  die  polnische  Herrschaft  über  das
alte  Ordensland  gebracht  hatte.  Was  er  für  Recht  hielt,  dabei  blieb  er,
unerschrocken  und  unbelehrbar;  wer  anders  dachte,  war  dem  Fanatiker
kaum  mehr  denn  ein  Tor  oder  ein  Schurke.  Auch  den  starken  Provinzialstolz
  teilte  er  mit  seinen  Landsleuten;  sprach  er  von  der  Stadt,  „wo  einst
Kant  die  Welt  erleuchtete,“  dann  klang  durch  seine  allezeit  ernsthafte  Rede
ein  Ton  hohenpriesterlicher  Salbung.  Von  politischem  Talente  besaß  er
freilich  gar  nichts.  Wie  einst  Bailly,  Condorcet  und  so  viele  andere  in
das  Staatsleben  verschlagene  radikale  Naturforscher  lebte  er  der  Meinung,
daß  man  in  der  Politik  jener  Sachkenntnis,  welche  die  exakten  Wissenschaften
  verlangen,  nicht  bedürfe,  sondern  mit  einigen  abstrakten  naturrechtlichen
  Sätzen  und  etwas  kecker  Dialektik  wohl  auskomme.  Darum
konnte  er  sich  nur  in  einer  Zeit  der  Erwartungen,  der  Wünsche,  der  Programme
  einen  Eintagsruhm  erringen.  Sobald  die  Tage  des  Bauens  und
Gestaltens  kamen,  da  ward  seine  politische  Unfruchtbarkeit  offenbar,  und
die  unaufhaltsame  Logik  seines  harten  Verstandes,  der  die  Ehrfurcht  vor
der  historischen  Welt  niemals  lernte,  trieb  ihn  dann  von  einer  doktrinären
Folgerung  zur  anderen,  bis  er  endlich  in  einen  bodenlosen,  Vaterland  und
Gesittung  zugleich  zerstörenden  Radikalismus  versank.  Unverkennbar  stand
ihm  bei  seinem  Büchlein  die  Schrift  von  Sieyes  OQu'estiee  qduc  le  tiers
Etat?  vor  Augen.  Gleich  dem  Franzosen  verstand  er  die  Stimmungen
des  Augenblicks  sicher  zu  treffen,  gleich  ihm  schritt  er  hochmütig  über  die
historische  Welt  hinweg,  und  der  Gedanke,  eine  Revolution  zu  entfesseln,
hatte  auch  für  ihn  keine  Schrecken.

Der  König  nannte  die  Vier  Fragen  sofort  eine  revolutionäre  Schrift.
        <pb n="148" />
        140  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Ihm  entging  nicht,  wie  nahe  sich  ihre  Gedanken  mit  Schöns  Woher  und
Wohin?  berührten,  und  da  er  den  alten  Freund  noch  immer  zartfühlend
schonen  wollte,  so  schrieb  er  ihm  vertraulich:  der  Verfasser  solle  unver—
folgt  bleiben,  falls  Schön  ihn  dem  Monarchen  nenne  und  seine  Straflosigkeit
  verlange.  Doch  mittlerweile  hatte  Jacoby  im  Bewußtsein  seiner  Un—
fehlbarkeit  selbst  die  Flugschrift  an  den  König  gesendet,  sich  als  Verfasser
bekannt  und  sein  Büchlein  geradezu  unter  den  Schutz  der  Krone  gestellt.
Dies  nahm  Friedrich  Wilhelm  für  eine  absichtliche  Beleidigung,  weil  die
scharfen  Vorwürfe,  persönlich  überreicht,  ihm  noch  schärfer  klangen.  Um
sich  nicht  zu  übereilen,  berief  er  einige  „Doktoren  der  Rechte“  zu  sich  —
ein  Titel,  dem  er  hohen  Wert  beilegte  —  und  erst,  als  diese  sich  für
die  Einleitung  eines  Strafverfahrens  aussprachen,  gab  er  Schön  zu  wissen,
er  habe  „Jacobys  Herausforderung  angenommen“.  Nunmehr  blieben  alle
Fürbitten  des  liberalen  Oberpräsidenten  vergeblich.  Die  Untersuchung
nahm  ihren  Anfang,  der  Bundestag  verbot,  auf  Preußens  Antrag,  den
Vertrieb  der  Schrift,  die  gleichwohl  in  aller  Händen  war;  der  Königsberger
  aber  gewann,  ohne  alle  Opfer  und  Leiden,  die  Stellung  des  politischen
  Märtyrers,  welche  solchen  Rechtsfanatikern  besonders  zusagt  und
ihre  Macht  verstärkt.

Sehr  tief  wurmte  den  König,  daß  die  Königsberger  Judenschaft  ihren
beherzten  Wortführer  auf  den  Schild  hob.  „Getaufte  Juden“,  schrieb  er
an  Schön,  „zähle  ich  nicht  zu  meinen  Ostpreußen.  Das  ist  ein  wahrer
Trost  für  mich.  Machen  Sie  nur,  daß  unbeschnittene  Männer  von  alter
Treue  und  die  ein  Herz  zu  mir  haben,  die  Schmach  gut  machen,  welche
die  Beschnittenen  Ostpreußen  angetan.““)  In  solchem  Tone  bekundete
er  fortan  immer  seinen  Judenhaß;  seine  heftigen,  der  Würde  des  Königtums
  wenig  geziemenden  Außerungen  wurden  von  der  mächtig  angewachsenen
  Schar  der  israelitischen  Zeitungsschreiber  emsig  umhergetragen  und
erweckten  in  der  gesamten  Judenschaft  eine  unauslöschliche  Rachgier,
welche  den  Ruf  seiner  Regierung  noch  schwer  schädigen  sollte.

Jacobys  Schrift  wurde  an  alle  Provinziallandtage  versendet,  sie
fand  aber  dort  voxerst  nur  wenig  Anklang;  denn  die  Stände  traten  überall
  in  gehobener  Stimmung  zusammen.  Durch  die  herzliche  Sprache  und
die  reichen  Gewährungen  seines  Propositionsdekrets  gewann  der  König  das
allgemeine  Vertrauen  für  kurze  Zeit  wieder.  Um  seinen  getreuen  Provinzialständen
  zu  beweisen,  wie  ernstlich  er  sie  ehre,  welchen  Wert  er
auf  das  Ersprießliche  ihrer  Wirksamkeit  lege,  gestattete  er  ihnen,  ihre  Protokolle
  zu  veröffentlichen,  und  verhieß,  sie  fortan  regelmäßig  aller  zwei  Jahre
zu  berufen.  Für  die  Zwischenzeit  sollten  aus  allen  Landtagen  Ausschüsse
gewählt  werden,  damit  der  Monarch  sich  „ihres  Rates  bedienen  und
ihre  Mitwirkung  in  wichtigen  Landesangelegenheiten  stattfinden  lassen“

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Schön,  23.  28.  Febr.,  an  Thile,  28.  Febr.  1841.
        <pb n="149" />
        Verheißung  der  Vereinigten  Ausschüsse.  141

könne;  auch  behielt  er  sich  vor,  diese  Ausschüsse  je  nach  Umständen  zu  gemeinsamer
  Beratung  zu  vereinigen.  Dergestalt  begann  die  von  Friedrich
Wilhelm  so  lang  geplante  organische  Entwicklung  der  ständischen  Institutionen.
  Er  ahnte  nicht,  wie  weit  sie  führen  mußte.  Die  erweiterte  Offentlichkeit,
  die  er  den  Landtagen  gewährte,  hatte  er  freilich  sehr  eng  umgrenzt;
denn  er  kannte  alle  Übelstände  des  konstitutionellen  Systems  nur  zu  genau,
  er  fürchtete  die  Eitelkeit  der  parlamentarischen  Redner  und  wußte
auch,  wie  selten  die  Zeitungen  ein  treues  Bild  von  den  Landtagsverhandlungen
  geben;  darum  verbot  er,  die  Namen  der  Redner  zu  erwähnen.
Doch  wie  leicht  ließ  sich  dies  ängstliche  Verbot  umgehen.  Die  klugen
Rheinländer  wußten  ihre  Protokolle  alsbald  so  einzurichten,  daß  jedermann
  auf  die  Hauptredner  mit  Fingern  weisen  konnte.  Mit  dem  Geheimnis
  der  Verhandlungen  brach  aber  ein  Grundpfeiler  des  alten  Ständewesens
  zusammen.  Landtage,  die  sich  dem  Urteil  der  öffentlichen  Meinung
preisgaben,  konnten  sich  auf  die  Dauer  nicht  mit  unmaßgeblichen  Ratschlägen
  begnügen,  sie  mußten  fordern,  daß  ihnen  irgend  ein  Recht  der
Beschließung  gewährt  würde  und  die  Räte  der  Krone  ihnen  persönlich
Rede  stünden.  Mehrere  Minister  sagten  dies  dem  Monarchen  sogleich
voraus;  er  hörte  sie  nicht.

Noch  unklarer  blieb,  was  die  Vereinigten  Ausschüsse  und  ihre  verheißene
  „Mitwirkung“  bedeuten  sollten.  Die  Gesandten  der  kleinen  Höfe
sahen  in  ihrer  Herzensangst  schon  das  Schreckbild  einer  parlamentarischen
Regierung  emporsteigen.)  Aber  auch  mancher  ruhige  Mann  zog  den
bündigen  Schluß:  die  Vereinigten  Ausschüsse  sollen  aus  den  Provinzialständen
  gewählt  werden,  sie  sind  mithin  nichts  anders  als  die  in  der  Verordnung
  vom  22.  Mai  1815  verheißene  Repräsentation  des  Volks  und
können,  sobald  sie  in  Berlin  zusammentreten,  alle  Rechte  einer  solchen
verlangen.  Der  König  hingegen  betrachtete  die  Ausschüsse,  deren  Berufung
  ihm  Rochow  zuerst  vorgeschlagen  hatte,  lediglich  als  ein  Mittel,  um
seine  Preußen  nach  und  nach  für  einen  künftigen  Vereinigten  Landtag
zu  erziehen.  Seinem  Schön  erklärte  er:  „In  den  Ausschüssen  hab'  ich
mir  Elemente  geschaffen,  durch  welche  ich  in  den  landtaglosen  Jahren  die
wichtigsten  Gesetze  für  die  nächsten  Landtage  vorbereiten  und  Dinge  allgemeinen
  Interesses  von  den  vorigen  Landtagen  her  ausgleichen  kann;
mit  einem  Worte,  die  Möglichkeit,  schon  jetzt  und  sobald  sich  das  Bedürfnis
  zeigt,  alle  Vorteile  der  Generalstände  zu  genießen,  ohne  die  Erschütterungen,
  welche  ihre  plötzliche  Einführung  mit  sich  führt,  befürchten
zu  müssen;  und  kommen  die  Fälle,  die  in  des  seligen  Königs  Gesetzen
vorgesehen  sind,  wo  ein  Allgemeiner  Landtag  unumgänglich  ist,  so  ist  der
Ideen-Austausch  und  das  Beraten  mit  Männern  aus  allen  Ländern
nichts  Ungewohntes  mehr.  Kurz,  ich  habe  einen  Bau  begonnen,  der  ohne

 

*)  Bergers  Bericht,  29.  April  1841.
        <pb n="150" />
        142  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

die  sündlichen  Possen,  die  tiefe  Unwahrheit  und  das  häßliche  Theaterspiel
moderner  Konstitutionen  und  Grundgesetz-Wische  in  die  Region  wahrer
Freiheit  hinaufreichen  kann  Heute,  ich  sage  es  getrost,  können  nur  Ja—
kobiner,  Perücken  oder  Esel  über  meine  ehrliche  Liebe  zur  Freiheit  in
Zweifel  sein  .  .  .  Den  Ständen  allen  im  Lande  und  denen  von  Preußen
an  der  Spitze  aller,  wird  die  Wahl  zwischen  Israel  und  mir  nicht  schwer
fallen.  .  .  Den  Reuigen,  auch  den  Beschnittenen,  werde  ich  mit  Freuden
die  begnadigende  Hand  reichen.““)  Die  Stelle  seines  Briefes,  welche  er
zwischen  Kreuzen  eingeschlossen  hatte,  befahl  der  König  streng  geheim  zu
halten.  Er  erwartete  also,  seine  Untertanen  würden  ohne  nur  zu  fragen
sich  unbedingt  der  Leitung  seiner  überlegenen  Weisheit  überlassen;  und
doch  lagen  seine  Absichten  in  so  rätselhaftem  Dunkel,  daß  selbst  Schön,
der  Empfänger  des  Briefes,  sie  gänzlich  mißverstand  und  dem  Monarchen
hoffnungsvoll  erwiderte:  mit  der  Einberufung  der  Ausschüsse  sei  das  Verfassungsversprechen
  vom  Mai  1815  erfüllt.

Im  Volke  konnte  man  noch  weniger  begreifen,  wo  hinaus  diese  geheimnisvolle
  Staatskunst  wollte.  Aber  die  alte  Treue  stand  noch  unerschütterlich
  fest;  man  scheute  sich  der  Krone  vorzugreifen,  und  dem  Könige
ward  die  Freude,  daß  keiner  seiner  Provinziallandtage  den  Lockungen  Israels
  Folge  leistete.  Mit  gerührten  Worten  dankten  sie  ihm  alle  für  seine
Gewährungen.  Die  preußischen  Stände  wiesen  eine  in  Jacobys  Sinne
gehaltene  Petition  von  dreihundert  Königsbergern  kurzerhand  ab,  weil  der
König  selbst  schon  im  Begriffe  stehe,  die  ständische  Verfassung  weiter  auszubauen.
  In  ähnlicher  Weise  ward  eine  Petition  preußischer  Grundbesitzer
  abgefertigt,  die  den  Landtag  aufforderte,  seine  Bitten  vom  vorigen
September  zu  erneuern.  Sie  sprach  schon  sehr  bitter  von  getrübten  Hoffnungen;
  zum  Schluß  erinnerte  sie  scharf  mahnend  an  die  Verse:  „nicht
Roß,  nicht  Reisige  schützen  die  steile  Höh',  wo  Fürsten  stehn,“  und  seitdem
ward  es  in  den  Kreisen  der  aufgeregten  Opposition  üblich,  diese  Worte
des  Königsliedes  wie  eine  Drohung  gegen  das  königliche  Haus  zu  richten.)
Auch  der  schlesische  Landtag  ließ  sich  durch  eine  liberale,  mit  Zeitungsschlagwörtern
  reichlich  ausgeschmückte  Petition  der  Breslauer  Stadtbehörden
  nicht  hinreißen,  sondern  beschloß  mit  allen  gegen  acht  Stimmen,
es  lediglich  der  Weisheit  des  Königs  anheimzustellen,  ob,  wann  und  auf
welche  Art  die  Reichsstände  zu  berufen  seien.  An  der  Verhandlung  im
Plenum  beteiligten  sich  nur  Vertreter  der  Städte,  und  sogar  unter  ihnen
gestanden  mehrere  aufrichtig,  der  Wunsch  nach  Reichsständen  sei  noch
keineswegs  allgemein.

Noch  war  der  König  in  der  Lage,  den  Verfassungsbau  ganz  nach

—

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Schön,  9.  März  1841.
**)  Protololl  des  preußischen  Landtags  vom  25.  März;  Bericht  des  Deputierten
v.  Below  an  den  König,  25.  März  1841.  "
        <pb n="151" />
        Die  Provinziallandtage  von  1841.  143

seinem  Ermessen  zu  vollenden,  wenn  er  nur  rasch  handelte  und  auf  dem
Boden  des  Rechts  blieb.  Aber  die  Stunde  drängte.  Selbst  die  Verhand—
lungen  dieser  so  überaus  bescheidenen  Stände  zeigten,  daß  eine  neue  Zeit
gekommen  war,  deren  Ansprüche  beständig  wuchsen.  Zum  ersten  Male
seit  langen  Jahren  bewies  das  Volk  den  Landtagen  wieder  lebhafte  Teil—
nahme,  eine  unerhörte  Menge  von  Petitionen  ward  ihnen  zugesandt;  und
wie  sorgsam  man  sich  auch  hütete,  die  Gefühle  des  Königs  zu  verletzen,
die  beengenden  Schranken  der  Geschäftsordnung  ließen  sich  doch  nicht  ein—
halten,  immer  wieder  sprachen  die  Redner  über  allgemeine  Landesange—
legenheiten.

Im  Auslande  erweckten  schon  die  ersten  leisen  Regungen  des  neuen
preußischen  Parteilebens  tiefen  Argwohn;  man  wußte  dort  von  altersher,
obwohl  man  es  ungern  aussprach,  daß  das  deutsche  Volk  gleich  dem  edlen
Rosse  seine  Stärke  nicht  kannte.  Schwer  geängstigt  hielt  Metternich  dem
Grafen  Maltzan  vor:  durch  die  Reden  des  Posenschen  Landtags  würden
Osterreichs  Tschechen  und  Polen  aufgestachelt,  während  zugleich  der  ge—
samte  deutsche  Liberalismus  hoffend  auf  Preußen  blicke;  er  wußte  aus
aufgefangenen  Briefen,  daß  Rauschenplatt  und  andere  Flüchtlinge  den  süd—
deutschen  Genossen  vorläufig  Ruhe  empfahlen,  weil  der  Erfolg  in  Berlin
zuletzt  nicht  fehlen  könne.“)  Auch  der  französische  Hof  hielt  den  Sieg  des
konstitutionellen  Systems,  bei  dem  liberalen  Geiste  des  preußischen  Be—
amtentums,  für  unvermeidlich.“s)  Nun  gar  der  Zar  wähnte  seinen
Schwager  schon  ganz  in  den  Klauen  der  Revolution;  er  empfing  außer
den  verständigen  Berichten  seines  Berliner  Gesandten  Meyendorff  auch
Meldungen  von  subalternen  Agenten  seiner  geheimen  Polizei,  die  dem
Selbstherrscher  gern  nach  dem  Munde  redeten,  und  sprach  seine  Besorgnisse
  für  Preußen  laut  vor  dem  Hofe  aus.  Ruhiger  ward  er  erst,  als
der  Prinz  von  Preußen  zur  Hochzeit  des  Großfürsten-Thronfolgers  nach
Petersburg  kam  und  ihm  die  Preußischen  Zustände  nicht  ohne  Bedenken,
aber  ohne  Furcht  schilderte.)

In  der  Tat  bewiesen  die  Landtage  wie  in  der  Verfassungsfrage  so  auch
in  den  Finanzsachen  dem  Könige  ein  wahrhaft  kindliches  Vertrauen.  Friedrich
  Wilhelm  verlangte  ihren  Rat  wegen  eines  Steuererlasses  von  etwa
1½⅛  Mill.  Tlr.,  den  er  seinem  Volke  zu  gewähren  dachte,  falls  die  Kriegsgefahr
  vorüberginge,  und  befahl  darum,  eine  Übersicht  der  außerordentlichen
  Ausgaben  der  jüngsten  Zeit  für  die  Stände  zusammenzustellen.  Die
Minister  Alvensleben  und  Rother  unterzogen  sich,  mit  Beihilfe  des  Geh.
Rats  Voß,  dieser  Aufgabe  und  berechneten  (11.  Febr.)  den  außerordentlichen
  Aufwand  der  elf  Jahre  1830—40  im  ganzen  auf  63222527  Taler.

*)  Maltzans  Berichte,  6.  April  1841  ff.

*)  Berichte  des  Ministerresidenten  Rumpf  an  den  Hamburger  Senat,  Paris,  April
1841.

***)  Liebermanns  Berichte,  23.  März,  11.  Mai  1841.
        <pb n="152" />
        144  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Ausführliche  Mitteilungen  an  die  Landtage  schienen  ihnen  gefährlich,  weil
man  im  In=  und  Auslande  den  Zustand  der  Finanzen,  auf  denen  die
Kraft  Preußens  doch  vornehmlich  beruhe,  für  günstiger  halte,  als  er  sei;
und  wie  leicht  könnten  genaue  Angaben  über  die  Mobilmachungen  oder
die  Chausseebauten  den  Argwohn  des  Auslandes,  die  Eifersucht  der  Provinzen
erregen.5)  Offenbar  erschreckt  durch  diese  Warnungen  des  alten  Beamtentums
  ließ  der  König  noch  im  letzten  Augenblicke  reichlich  2  Mill.  von
der  Rechnung  absetzen,  so  daß  die  Propositionsdekrete  vom  23.  Febr.  nur
61  208590  Tlr.  als  außerordentlichen  Aufwand  angaben.

Also  erfuhren  die  getreuen  Stände  zum  ersten  Male  von  Amts  wegen,
was  die  Einsichtigeren  freilich  längst  geahnt  hatten:  daß  in  Preußen  schon
seit  langen  Jahren  neben  dem  veröffentlichten  ordentlichen  noch  ein  geheimes
außerordentliches  Budget  bestand,  und  dies  wurde  ihnen  auch  jetzt  nicht  einmal
  in  seiner  Gesamtsumme  vollständig  mitgeteilt.  Diesem  Unwesen  der
doppelten  Budgets  hatte  das  Finanzministerium,  zu  Kühnes  Verzweiflung,
schon  längst  seine  ganze  Rechnungsweise  angepaßt.  Man  berechnete  die  wahrscheinlichen
  Einnahmen  nicht  nach  dreijährigem  Durchschnitte,  sondern  betrachtete
  die  Mehreinnahmen  größtenteils  als  Ergebnisse  vorübergehender
günstiger  Umstände,  so  daß,  dank  dem  beständigen  Wachstum  des  Volkswohlstandes,
  regelmäßig  bedeutende  Überschüsse,  im  Jahre  1840  wieder
6,8  Mill.  Tlr.,  für  außerordentliche  Ausgaben  verwendet  werden  konnten.)
Der  soeben  veröffentlichte  Etat  für  1841  schloß  in  Einnahme  und  Ausgabe
  wieder  säuberlich  mit  55  867.000  Tlr.  ab,  und  unmöglich  konnte
man  noch  an  die  Richtigkeit  dieser  Zahlen  glauben.  Gleichwohl  ergingen
sich  die  Landtage  allesamt  nur  in  Danksagungen  für  den  verheißenen
Steuererlaß;  niemand  schien  mehr  zu  wissen,  daß  der  alte  König  die  Bekanntmachung
  der  Etats  einst  ausdrücklich  deshalb  angeordnet  hatte,  damit
  jedermann  sich  von  der  Notwendigkeit  der  Abgabenlast  selbst  überzeugen
  könnte.  )

Durch  Freimut  und  Selbstgefühl  übertrafen  die  Preußen  und  die  Rheinländer
  alle  anderen  Provinzialstände;  jene  dachten  mit  Stolz  an  ihren
Kant,  diese  an  die  Ideen  von  89,  die  einen  wie  die  anderen  ließen  sich's
wohlgefallen,  daß  ihre  beiden  Provinzen  von  der  süddeutschen  Presse  als
die  Bannerträger  der  Zivilisation  im  preußischen  Staate  gefeiert  wurden.
Aber  selbst  diese  beiden  Landtage  wagten  die  Aufhebung  der  Zensur  nicht
förmlich  zu  verlangen,  weil  die  Krone  selbst  schon  einige  Erleichterungen
in  Aussicht  gestellt  hatte.  Die  Preußen  kleideten  ihre  Beschwerde  über
die  harte  Behandlung  der  Presse  in  so  ehrfurchtsvolle  Formen,  daß  der
König  sie  durch  Schöns  Schwager  Brünneck  ausdrücklich  beloben  ließ.

*)  Ubersicht  über  die  außerordentlichen  Ausgaben  der  Jahre  1830—40.  Von
Rother,  Alvensleben,  Voß,  11.  Febr.  1841.  S.  o.  IV.  189.  544.
*)  Geh.  Rat  v.  Patow,  Denkschrift  über  den  Steuererlaß,  4.  April  1842.
**  )  S.  o  III.  84.
        <pb n="153" />
        Der  Rheinische  Provinziallandtag.  145

In  Düsseldorf  beantragte  Dr.  Monheim,  der  Abgeordnete  von  Aachen,
der  Landtag  möge  von  der  Krone  verlangen,  daß  sie  den  Erzbischof  Droste
entweder  wieder  einsetze  oder  vor  Gericht  stelle;  der  Antrag  wurde  jedoch
nach  lebhafter  Verhandlung  mit  Zweidrittel-Mehrheit  verworfen,  wie  vor—
her  schon  ein  ähnlicher  Antrag  im  westfälischen  Landtage.  Die  Stände
beruhigten  sich  vorderhand,  weil  ihnen  der  König  bei  der  Eröffnung
so  herzlich  versichert  hatte:  er  umfasse  alle  Untertanen  beider  Bekennt—
nisse  mit  gleicher  Liebe  und  hoffe  den  gestörten  Einklang  der  Gemüter
wiederherzustellen.  Nur  die  Städte  Aachen  und  Koblenz  bekundeten  durch
feierlichen  Empfang  ihrer  klerikalen  Abgeordneten,  wie  tief  die  Pro—
vinz  den  kirchenpolitischen  Kampf  empfand.  über  die  zugestandene  be—
schränkte  Offentlichkeit  urteilten  die  Provinzen  sehr  verschieden.  Wäh—
rend  die  allezeit  konservativen  Brandenburger  und  Pommern  sogar  die
Gewährungen  des  Königs  bedenklich  fanden  und  sich  geradezu  weigerten
ihre  Protokolle  herauszugeben,  baten  die  meisten  anderen  Landtage  um
erweiterte  Offentlichkeit;  eine  Petition  von  tausend  Einwohnern  Kölns
verlangte  schon,  daß  der  Zutritt  zu  den  Ständesälen  jedermann  freistehen
müsse.  Noch  etwas  ungeduldiger  trat  das  Selbstgefühl  der  Mittelklassen
heraus:  fast  sämtliche  Landtage  wünschten,  daß  die  so  unbillig  schwache
Vertretung  der  Städter  und  der  Bauern  endlich  verstärkt  würde,  und  verlangten
  auch  die  Wiederherstellung  des  Handelsministeriums,  damit  die
Interessen  der  aufstrebenden  Großindustrie  zu  ihrem  Rechte  kämen.

In  hoffnungsvoller  Stimmung  kehrten  die  Stände  nach  vollbrachter
Arbeit  heim.  Wie  peinlich  aber  wurden  sie  an  den  Unterschied  von  Sonst
und  Jetzt  erinnert,  als  im  Spätsommer  und  Herbst  die  Landtagsabschiede
erschienen.  Der  alte  König  hatte  seine  getreuen  Stände  immer  schlicht
und  trocken  beschieden,  ihre  Wünsche  indes,  soweit  es  möglich  schien,  erfüllt;
  der  neue  Herr  antwortete  ihnen  in  gnädigen,  gefühlvollen  Worten,
doch  fast  alle  ihre  bescheidenen  Bitten  schlug  er  rundweg  ab,  und  auch
jetzt  noch  sagte  er  ihnen  nicht  deutlich,  was  er  eigentlich  mit  seinen  ständischen
  Ausschüssen  bezwecke.  Nur  das  eine  erfuhren  sie,  daß  er  nicht  beabsichtigte,
  die  Befugnisse  der  Provinziallandtage  an  die  Ausschüsse  zu  übertragen.
  Niemand  ahnte,  welchen  Zielen  die  angekündigte  organische  Entwicklung
  der  ständischen  Institutionen  zuführen  solle.  Da  begannen  die  kaum
wieder  erwachten  Hoffnungen  abermals  zu  schwinden,  und  auch  mancher
treu  ergebene  Mann  ward  besorgt:  so  mit  verbundenen  Augen  konnte  ein
denkendes  Volk  seinem  Herrscher  nicht  folgen.  —

Trotz  und  Anmaßung  zeigte  unter  allen  Landtagen  allein  der  Posener;
hier  trug  die  widerspruchsvolle  Schwäche  des  neuen  Regiments  schon  arge
Früchte.  Der  Landtag  wurde  am  28.  Febr.  noch  durch  Flottwell  als
königlichen  Kommissar  eröffnet;  noch  einmal  mußte  der  polnische  Adel  dem
verhaßten  stolzen  Deutschen  in  die  flammenden  Augen  blicken.  Auch  in
seinen  Propositionsdekreten  schien  der  König  anzudeuten,  daß  er  an  dem

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  10
        <pb n="154" />
        146  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

bisherigen  Systeme  festhalte.  Er  gab  den  Ständen  zu  wissen,  daß  er  die
zahlreichen  Beschwerden  aus  der  Provinz  ernstlich  geprüft  habe;  die  Verwaltung
  sei  aber  streng  nach  den  Gesetzen  verfahren,  und  ihre  wesentlichen
  Grundsätze  denke  er  nicht  aufzugeben.  Darauf  hielt  er  den  Polen
vor:  sie  selber  trügen  die  Hauptschuld  an  den  Mißständen,  da  sie  absichtlich
  dem  Staatsdienste  wie  dem  höheren  Lehramte  fern  blieben;  und  sei
es  denn  nicht  wider  ihre  eigene  Ehre,  wenn  sie  dem  preußischen  Beamtentum
  zumuteten,  an  polnische  Kandidaten  geringere  Anforderungen
zu  stellen?  Zum  Schluß  sprach  er  die  Hoffnung  aus,  daß  der  Landtag
sich  weitgehender  Anträge  enthalten  würde.  Doch  wie  sollten  die  Polen
diese  Warnungen  beherzigen,  da  sie  alle  wußten,  daß  der  gefürchtete  Oberpräsident
  schon  zu  Neujahr  nach  Magdeburg  versetzt  war  und  nur  noch
die  Geschäfte  des  gegenwärtigen  Landtags  abwickeln  sollte?

Die  alte  Festigkeit  der  deutschen  Herrschaft  war  dahin:  das  lehrte
außer  so  manchen  weichmütigen  vertraulichen  Außerungen  des  Königs
vornehmlich  seine  Kabinettsordre  vom  15.  Jan.  über  die  Gerichtssprache.
Seit  1817  bestand  in  Posen  die  Vorschrift,  daß  alle  Zivilprozesse  in  der
Sprache  des  Klägers,  falls  er  aber  beider  Sprachen  gleich  mächtig  sei,  in
deutscher  Sprache  verhandelt  werden  sollten  —  sicherlich  eine  sehr  milde
Bestimmung  in  einem  wesentlich  deutschen  Staate,  der  nur  mit  Mühe  polnisch
  redende  Richter  auftreiben  konnte  und  für  die  polnischen  Parteien
stets  eine  Übersetzung  der  deutschen  Akten  anfertigen  ließ.  Der  sarmatische
  Adel  indessen  betrieb  die  Verhöhnung  der  preußischen  Gesetze  längst
wie  einen  standesgemäßen  Sport.  So  hatte  auch  der  als  gewandter  deutscher
Redner  wohlbekannte  Oberst  Niegolewski  sich  das  Vergnügen  gestattet,
seinem  Landgerichte  polnisch  zu  schreiben,  und  darum,  da  die  Richter  keinen
Scherz  verstanden,  einen  Prozeß  sowie  eine  Vormundschaft  verloren.  Dies
selbstverschuldete  Mißgeschick  seines  Standesgenossen  hatte  Graf  Raczynski
dem  Könige  sehr  rührsam  geschildert,  und  daraufhin  wurde  durch  jene
Kabinettsordre  befohlen,  daß  alle  Zivilprozesse  ohne  Unterschied  in  der
Sprache  des  Klägers  zu  verhandeln  seien.  Dem  polnischen  Edelmanne
stand  es  also  fortan  frei,  den  königlichen  Richtern  ihre  Amtssprache  vorzuschreiben.
  Zugleich  wurden  die  Belohnungen  für  die  polnisch  lernenden
deutschen  Beamten  abermals  erhöht,  alle  Landräte  und  Bezirkskommissäre
  der  Provinz,  auch  die  der  deutschen  Kreise,  angehalten,  ihren  Verfügungen
  polnische  Übersetzungen  beizulegen.

Seitdem  jubelten  die  Polen,  die  Politik  des  Germanisierens  sei  zu  Ende,
und  mit  dreister  Zuversicht  begannen  sie  auf  dem  Landtage  den  Ansturm
  wider  das  Deutschtum.  Gleich  als  der  Landtagsmarschall  Poninski
die  Sitzungen  mit  schwungvollen  Worten  einleitete,  wurde  der  gesetzwidrige
Antrag  gestellt,  diese  Eröffnungsreden  sollten  künftighin  in  beiden  Sprachen
gehalten  werden.  Nun  folgten  die  alten  Beschwerden  über  die  Begünstigung
der  deutschen  Sprache.  Glaubte  man  diesen  Rednern,  so  war  die  Unwissen-
        <pb n="155" />
        Der  Posener  Provinziallandtag.  147

heit  und  Faulheit  der  Polen  ein  Rechtstitel,  kraft  dessen  ihrer  Sprache  die
Herrschaft  gebührte,  denn  unter  den  Deutschen  verstehe  der  dritte  oder  vierte
Mann,  unter  den  Juden  fast  jeder  auch  polnisch,  während  von  je  sechs
Polen  nur  einer  deutsch  rede.  Daß  diese  zweisprachige  Provinz  einem  Staate
von  elf  Millionen  Deutschen  angehörte,  kam  gar  nicht  in  Betracht.  Vor
acht  Jahren  schon  hatte  der  alte  König  eine  Summe  von  16  000  Talern
für  die  Errichtung  eines  Posenschen  Konvikts  an  der  Landesuniversität
Breslau  bewilligt,  Erzbischof  Dunin  aber  dies  bereits  angenommene  Ge—
schenk  wieder  zurückgewiesen  und  trotzig  verlangt,  seine  Theologen,  die  mit
seltenen  Ausnahmen  aller  gesellschaftlichen  und  gelehrten  Bildung  ent—
behrten,  müßten  in  Rom,  München,  Wien  oder  Prag  studieren.  Der  Be—
such  deutscher  Hochschulen  ward  grundsätzlich  verworfen.  Die  von  dem
neuen  Könige  berufenen  Professoren  der  slawischen  Sprachen  in  Berlin  und
Breslau  fanden  kaum  Zuhörer,  selbst  um  die  soeben  vermehrten  Stipendien
  für  polnische  Studenten  bewarben  sich  nur  wenige.  Angesichts  solcher
Tatsachen  forderten  die  Landstände  eine  theologisch-philosophische  Fakultät
für  die  Stadt  Posen,  ferner  für  die  Provinz  mehrere  Gymnasien  mit
vorherrschend  polnischem  Unterrichte,  endlich  polnische  Schulsprache  in  den
Elementarschulen  aller  der  Ortschaften,  wo  die  polnische  Bevölkerung
überwöge;  zugleich  rügten  sie,  daß  die  deutsche  Regierung  zufrieden  sei,
wenn  die  deutschen  Schüler  ein  leichtes  polnisches  Buch  geläufig  übersetzen
  könnten.

Der  Landtag  scheute  sich  nicht,  das  so  frech  mißbrauchte  Recht  der
Erwählung  der  Landräte  als  einen  Schutz  für  das  Großherzogtum  zurückzufordern,
  damit  die  Provinz  sich  durch  ihre  eigenen  Beamten  gegen
die  deutsche  Krone  verteidigen  könnte.  Er  verlangte  Aufhebung  der  Distrikts-Rommissäre,
  deren  Verdienste  um  die  bürgerliche  Ordnung  er  doch
selbst  anerkennen  mußte;  er  erklärte,  das  Aufkaufen  überschuldeter  polnischer
Güter  durch  die  Regierung  hätte  die  Herzen  der  Polen  mit  Wehmut  erfüllt,
  und  bat  die  Krone,  sie  möchte  den  Warschauischen  Offizieren,  welche
an  dem  letzten  Aufstande  teilgenommen,  ihre  Pensionen  wieder  auszahlen.
Allen  diesen  Anträgen  der  Ritterschaft  schlossen  sich  die  Vertreter  der
deutschen  Städte  und  Dörfer  „aus  Rücksichten  der  Billigkeit“  an;  so  kräftig
verstand  der  polnische  Adel  alle  Künste  der  Einschüchterung  anzuwenden,
und  so  wirksam  unterstützten  ihn  die  deutschen  liberalen  Zeitungen,  die
noch  immer  ohne  Sinn  für  die  nationalen  Machtkämpfe  der  Ostmark,  jede
Opposition,  auch  die  der  Feinde  Deutschlands  grundsätzlich  verherrlichten.
Worauf  die  Polen  ausgingen,  das  verriet  sich  deutlich,  als  der  Oberbürgermeister
  Naumann  von  Posen,  auf  Andringen  seiner  Bürgerschaft,
die  Berufung  der  preußischen  Reichsstände  befürwortete;  da  klang  es  lärmend
  von  allen  Seiten:  als  Polen  stimmen  wir  dagegen.  Die  Frage
wegen  des  Steuererlasses  beantworteten  die  Polen  mit  der  Bitte:  der
König  möge  lieber  jeder  Provinz  eine  Summe  jährlich  zu  freier  Ver-107
        <pb n="156" />
        148  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung

wendung  zuweisen.  So  in  allem  und  jedem  dachten  sie  für  sich  zu
bleiben.

Dies  übermaß  des  Undanks  fand  selbst  der  langmütige  Friedrich
Wilhelm  unerträglich.  Erzürnt  schrieb  er  seinen  Ministern:  der  Landtag  habe
Mißbrauch  getrieben  mit  dem  Worte:  polnische  Nationalität,  und  solle
daher  nachdrücklich  darüber  belehrt  werden,  daß  die  Krone  dieser  Provinz
keine  politische  Absonderung  gestatten  könne.“)  Demgemäß  sagte  der  Land—
tagsabschied  sehr  ernst:  das  Großherzogtum  sei  eine  Provinz  wie  alle
andern,  einverleibt  der  Monarchie,  zu  deren  deutschem  Kerne  die  Polen
ganz  ebenso  stünden  wie  die  Litauer  oder  die  Wallonen;  der  nationale
Gegensatz  finde  seinen  Vereinigungspunkt  in  dem  Namen  Preußen.  Die
meisten  Bitten  des  Landtags  wurden  abgeschlagen;  die  Kreisstände  sollten
das  Recht  der  Landratswahl,  die  alten  Offiziere  ihre  Pensionen  erst  wieder
erhalten,  wenn  sie  sich  der  Gnade  würdig  zeigten.

Die  deutsche  liberale  Presse  wollte  gar  nicht  begreifen,  warum  der
freisinnige  König  die  freisinnigen  Polen  so  hart  anließ.  Am  Peters—
burger  Hofe  dagegen,  wo  die  Posener  Wirren  mit  wachsender  Sorge  ver—
folgt  wurden,  atmete  man  befriedigt  auf,  der  Zar  zeigte  dem  preußischen
Gesandten  wieder  eine  lang  vermißte  Vertraulichkeit  und  Nesselrode  dankte
ihm  herzlich  für  die  würdige  Abweisung  des  sarmatischen  Übermutes.**)
Die  polnischen  Edelleute  klagten  laut,  in  der  Stille  rieben  sie  sich  zu—
frieden  die  Hände;  denn  der  Landtagsabschied  enthielt  unter  vielen  Ver—
sagungen  eine  Gewährung  und  sie  betraf  gerade  die  wichtigste  aller  natio—
nalen  Beschwerden.  Der  König  versprach  nämlich,  daß  die  von  der  Regierung
aufgekauften  überschuldeten  Landgüter  fürderhin  auch  an  Polen  veräußert
werden  sollten.  Bisher  hatte  der  Staat  fast  allein  solche  Güter  angekauft,
deren  adlige  Herren  durch  hochverräterische  Umtriebe  herabgekommen
waren.  Wenn  er  diese  Besitzungen  seiner  geschworenen  Feinde  gegen  reich—
liche  Zahlung  an  sich  brachte  und  sie  dann  zuverlässigen  Deutschen  anvertraute,
  so  arbeitete  er  nicht  nur  mit  den  mildesten  Mitteln  an  dem  großen
Werke  deutscher  Kolonisation,  das  hier  seit  sechs  Jahrhunderten  im  Gange
war,  er  erwies  auch  den  Polen  selbst  eine  Wohltat,  allerdings  nicht  dem
Adel,  wohl  aber  den  kleinen  Leuten;  denn  auf  allen  diesen  verwahrlosten
Gütern  saßen  dienstpflichtige  Hintersassen,  und  bei  jedem  Verkaufe  ließ
Flottwell  die  bäuerlichen  Lasten  ablösen  oder  in  billiger  Weise  neu  ordnen.
Das  Verfahren  des  deutschen  Beamtentums  war  so  unanfechtbar,  daß  selbst
General  Thile,  der  den  polnischen  Neigungen  seines  königlichen  Gönners
so  weit  als  möglich  nachgab,  nichts  dawider  einzuwenden  wußte.  Friedrich
Wilhelm  aber  meinte,  die  Verwaltung  hätte  sich  dieser  friedlichen  Germanisierungspolitik
  zu  schämen,  weil  er  den  Märchen  Glauben  schenkte,  die

 

*)  Kabinettsordre  an  das  Staatsministerium,  12.  Juni  1841.
*)  Liebermanns  Berichte,  24.  Aug.,  28.  Dez.  1841.
        <pb n="157" />
        Flottwells  Denlschrift.  149

im  Palaste  Radziwill  umhergetragen  wurden,  und  beteuerte  kleinlaut,  schon
bisher  seien  diese  Güter  auch  an  polnische  Erwerber  verkauft  worden,  was
aber  nur  in  ganz  seltenen  Ausnahmefällen  geschehen  war;*)  fortan,  so
verhieß  er,  würde  jeder  Unterschied  zwischen  den  beiden  Nationen  hinweg—
fallen.  Wie  sollte  solche  Nachgiebigkeit  auf  die  Adelskreise  wirken,  deren
Damen  bei  der  Verhaftung  Dunins  Trauerkleider  angelegt  hatten,  um
sie  beim  Tode  des  alten  Königs  schleunigst  wieder  auszuziehen!

Mittlerweile  verließ  Flottwell  das  Großherzogtum  und  übersandte
dem  Monarchen  (15.  März)  noch  eine  Denkschrift  über  seine  zehnjährige
Verwaltung,  ein  herrliches  Zeugnis  für  den  Freimut,  die  Einsicht,  die
Tatkraft  des  alten  Beamtentums.  Ganz  unumwunden  sprach  er  hier
aus,  um  der  menschlichen  Gesittung  willen  hätte  er  die  deutsche  Bildung
befördert,  die  dem  preußischen  Staatsleben  widerstrebenden  polnischen  Ge—
wohnheiten  zu  bekämpfen  gesucht;  dann  schilderte  er  mit  gerechtem  Selbst—
gefühle,  was  alles  in  dieser  schönsten  Zeit  der  Posener  Landesgeschichte
geleistet  worden.  Wie  nachdrücklich  hatte  vor  wenigen  Jahren  der  alte
König  seine  getreuen  Beamten  belobt,  als  Flottwell  ihm  nachgewiesen,
die  scheinbare  Zunahme  der  Vergehen  in  der  Provinz  sei  nicht  ein  Zeichen
wachsender  Verwilderung,  sondern  ein  Ergebnis  des  wachsamen  Kampfes,
welchen  die  neugebildeten  dreißig  Land-  und  Stadtgerichte  mitsamt  den
neuen  Distrikts-Kommissären  wider  die  polnische  Gesetzlosigkeit  führten.  So
einfach  vermochte  der  Sohn  nicht  zu  handeln;  seine  Gutherzigkeit  und
seine  Neigung  für  das  Absonderliche  verwickelten  ihn  stets  in  Widersprüche,
welche  den  Verdacht  der  Falschheit  hervorriefen.  Er  dankte  dem  scheiden—
den  Oberpräsidenten  aufs  wärmste  für  den  Bericht,  wie  für  seine  kräftige
patriotische  Verwaltung,  und  verlieh  ihm  einen  hohen  Orden.**)  Die  pol—
nischen  Edelleute  murrten,  denn  Flottwells  Denkschrift  ward  ihnen,  ver—
mutlich  aus  den  befreundeten  Hofkreisen,  bald  verraten  und  erschien  allen
wie  das  frechste  Selbstbekenntnis  deutscher  Zwingherrschaft.  Doch  zur
nämlichen  Zeit  erklärte  Friedrich  Wilhelm  dem  neuen  Oberpräsidenten
Grafen  Arnim-Boitzenburg  seine  bestimmte  Absicht,  dies  soeben  belobte
alte  Verwaltungssystem  aufzugeben.

Er  wünschte  womöglich  alle  Oberpräsidentenstellen  der  Monarchie
mit  vornehmen  Grundherren  zu  besetzen,  die  nach  der  Weise  englischer
Lordleutnants  den  Adel  der  Landschaft  in  ihrem  gastfreien  Hause  versammeln
sollten.  Da  das  durchaus  in  demokratischen  Sitten  aufgewachsene  preu—
ßische  Volk  wohl  dem  königlichen  Beamten,  doch  keineswegs  dem  Edelmanne
Ehrerbietung  zu  zeigen  pflegte,  so  mußte  dieser  Plan  schon  in  anderen
Provinzen  auf  manches  Hemmnis  stoßen.  Um  wie  viel  mehr  in  Posen,
wo  nur  der  Adel  und  der  Klerus  unzuverlässig,  die  Mehrzahl  der  kleinen

 

*)  S.  o.  IV.  558.
**)  Kabinettsordre  an  Flottwell,  11.  Mai  1841.
        <pb n="158" />
        150  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Leute  treu  ergeben  war.  Arnim  wurde  für  diese  Stelle  ausgewählt,  weil
er  mehrere  der  angesehensten  Edelleute  der  Provinz  von  der  Universität
her  kannte  und  als  Regierungspräsident  in  Aachen  mit  den  aufgeregten
Katholiken  gut  ausgekommen  war;  zu  der  liebenswürdigen  Gräfin  sagte
der  König,  sie  solle  ihm  die  Herzen  der  Polen  gewinnen.  Der  neue
Oberpräsident  zeigte  sich  als  trefflicher  Geschäftsmann  und  hielt  ein  großes
Haus;  seine  gemessene  Ruhe  behagte  vielen  mehr  als  das  ungestüme
Wesen  Flottwells,  der,  wie  er  selbst  gestand,  gern  mit  jungen  Pferden
fuhr,  seine  raschen  Entschlüsse  am  liebsten  durch  feurige  junge  Männer
ausführen  ließ.  Das  dem  Monarchen  überreichte  Programm  der  neuen
Verwaltung  sagte  behutsam:  das  Großherzogtum  dürfe  nur  als  Provinz
behandelt,  das  Ziel  der  Germanisierung  nie  aus  den  Augen  verloren
werden,  obwohl  man  die  Polen  schonen  und  allein  edle  Mittel  anwenden
wolle;  denn  das  für  Preußen  wesentliche  Deutschtum  sei  auch  in  Posen,
wie  Fürst  Sulkowski  selbst  zugestehe,  der  Träger  aller  Kultur.  Darum
solle,  unter  Vermeidung  jedes  Zwanges,  das  Deutsche  doch  Staatssprache
bleiben  und  in  allen  Schulen  nach  Bedarf  als  Haupt=  oder  Nebensprache
gelehrt  werden;  der  Kirche  müsse  man,  unbekümmert  um  die  öffentliche
Meinung,  nach  dem  Befehle  des  Königs  ihr  volles  Recht  gewähren,  aber
auch  nicht  mehr.)

Selbst  diese  sanften  Worte  klangen  dem  Monarchen  noch  zu  deutsch;
er  antwortete  mit  der  Mahnung:  „jeden  Anschein  einer  versuchten  Verdrängung
  oder  Beeinträchtigung  des  polnischen  Elements  durch  das  deutsche
zu  vermeiden.“)Mangelhaft  unterrichtet,  empfahl  er  seinem  Oberpräsidenten
  das  löbliche  Beispiel  der  Franzosen  im  Elsaß,  während  in  Wahrheit
  die  Welschen  gegen  das  Deutschtum  weit  schärfer  vorgingen  als  die
Deutschen  gegen  das  Slawentum:  längst  waren  in  den  elsasser  Volksschulen
  durchweg  französische  Lehrbücher  eingeführt;  jetzt  verlangte  die
Pariser  Regierung  auch  französische  Sprache  für  den  Religionsunterricht,
so  daß  außer  den  Protestanten,  die  allezeit  tapfer  für  ihre  lutherische
Bibel  stritten,  auch  der  schmiegsame  Bischof  Räß  von  Straßburg  erbittert
wurde  und  der  Krone  erwiderte,  sein  Gewissen  verbiete  ihm,  die  Religionsstunden
  anders  als  in  der  Muttersprache  der  Kinder  erteilen  zu  lassen.
Graf  Arnim  aber  lernte  bald  durch  schmerzliche  Enttäuschungen,  daß  er
das  launische,  nach  Weiberart  bald  trotzende,  bald  schmeichelnde  Polentum
minder  richtig  beurteilt  hatte  als  sein  in  dieser  Grenzerwelt  aufgewachsener
Vorgänger.  Die  polnischen  Jugendfreunde,  von  denen  er  so  viel  Hilfe
erwartet  hatte,  zeigten  ihm  wie  allen  königlichen  Beamten  nur  glatte  Höflichkeit,
  doch  weder  Vertrauen  noch  guten  Willen.  Der  kluge  und  edle

*)  Oberlandesgerichts-Präsident  v.  Franckenberg-Ludwigsdorfan  Thile,  27.  Aug.  1841.
**)  Graf  Arnim,  Denkschrift  über  die  Verwaltung  Posens,  30.  Juni  1841  dem
Könige  überreicht.
*“*)  Kabinettsordre  an  Arnim,  21.  Juli  1841.
        <pb n="159" />
        Graf  Arnim  in  Posen.  151

Mann  stand  nicht  an,  dem  Könige  seinen  Irrtum  zu  bekennen.  Bereits
nach  zwei  Monaten  berichtete  er  (14.  Aug.):  die  Scheidewand  zwischen
Deutschen  und  Polen  scheine  doch  weit  schroffer,  als  er  gedacht;  „das
Umlenken  aus  einer  seit  zehn  Jahren  verfolgten  Bahn“  biete  große
Schwierigkeiten,  da  man  die  erprobten  Werke  jenes  Jahrzehnts  nicht  um—
stoßen  wolle,  und  „Gott  gebe,  daß  es  nicht  zu  spät  dazu  ist.“  Hierzulande
sei  das  Beamtentum  alles,  tüchtige  Männer  fehlten  unter  den  Polen
fast  ganz,  „die  Aufrichtüng  des  gesunkenen  Volkes“  lasse  sich  noch  gar  nicht
absehen.))  Seitdem  ward  er  wachsamer  und  begann  nachzudenken  über  die
Warnung  des  großen  Friedrich:  man  darf  den  Polen  keine  Komplimente
machen,  das  verdirbt  sie  nur.  Aber  noch  bevor  er  sich  in  seinem  schwierigen
  Amte  ganz  zurechtgefunden  hatte,  schon  nach  Jahresfrist,  berief  ihn
der  König  auf  einen  Ministerposten.

Durch  so  jähe  Wechselfälle  gewannen  die  polnischen  Edelleute  die
tröstliche  Uüberzeugung,  daß  keine  starke  Hand  mehr  das  Steuer  führte.
An  den  Zwangsverkäufen  ihrer  Güter  beteiligte  sich  der  Staat  nicht  mehr,
und  freiwillig  veräußerten  sie  nur  noch  selten  eine  Scholle  an  einen
Deutschen;  das  Sprichwort  kam  auf:  große  Verräter  verkaufen  ihr  Vaterland
  im  ganzen,  kleine  morgenweise.  Von  den  Volksschulen  fürchteten
sie  auch  nicht  mehr  viel,  weil  der  König,  um  die  römische  Kirche  ganz  zufrieden
  zu  stellen,  die  Amter  der  Schulinspektoren  häufig  an  polnische
Priester  übertragen  ließ.  Selbst  das  höhere  Schulwesen  hofften  sie  dereinst
  noch  dem  Polentum  zu  unterwerfen:  war  doch  soeben  ein  polnischer
Geistlicher  zum  Rektor  des  Posener  Marien-Gymnasiums  ernannt  worden;
  und  die  Regierung  hatte  bewilligt,  daß  dort  künftighin  bloß  polnisch,
nur  in  den  zwei  obersten  Klassen  auch  deutsch  unterrichtet  würde.  Der
König  ahnte  nicht,  wie  schwer  er  dadurch  die  gesellschaftliche  Stellung
seiner  polnischen  Schützlinge  selber  schädigte;  ohne  gründliche  Kenntnis
der  deutschen  Sprache  konnte  in  Preußen  ja  längst  niemand  mehr  zu  irgend
einer  höheren  bürgerlichen  Wirksamkeit  gelangen.  Selbst  ein  polnischer  Jugendbildungsverein,
  dessen  eigentlicher  Zweck  keinem  Deutschen  in  der  Provinz
  zweifelhaft  blieb,  wurde  von  der  Regierung  freundlich  begünstigt.  Nach
alter  Gewohnheit  dankten  die  sarmatischen  Edelleute  der  deutschen  Schwäche
durch  Untreue  und  Verschwörungen.  Daß  diese  Regierung  mit  Hochverrätern
  streng  umgehen  würde,  stand  ja  doch  nicht  zu  befürchten:  dem
Landtagsabschied  zuwider  erhielten  die  warschauischen  Offiziere  allesamt
bald  nachher  ihre  verwirkten  Pensionen  wieder  ausbezahlt.

Zwar  bestand,  namentlich  unter  den  reichen  und  bejahrten  Grundherren,
  eine  kleine  gemäßigte  Partei,  die  auf  das  friedliche  Erstarken  des
polnischen  Volkstums  hoffte.  „Werden  wir  besser,  gebildeter,  reicher  als
die  Deutschen“,  so  sagte  Graf  Eduard  Raczynski,  „dann  sind  wir  die  Herren

 

*)  Arnim,  Bericht  an  den  König,  14.  Aug.  1841.
        <pb n="160" />
        152  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung

in  Posen.“  Und  Eugen  von  Breza  hatte  den  Mut,  in  einer  Flugschrift
über  Posener  Zustände  auszusprechen:  der  beste  Pole  seit  Kasimir  dem
Großen  sei  der  Bauernbefreier  Friedrich  Wilhelm  III.  gewesen.  Aber  solche
vereinzelte  Stimmen  wurden  durch  den  Terrorismus  der  Revolutionäre
rasch  niedergedonnert;  gegen  Breza  schrieb  Aug.  Hatzfeld  eine  höhnische
Erwiderung,  die  unzweifelhaft  die  Meinung  der  polnischen  Mehrheit  wieder—
gab.  Die  „Zentralisation“  der  polnischen  Propaganda  in  Paris  und  Ver—
sailles  unterhielt  seit  Jahren,  durch  Palmerston  beschützt,  mit  den  Posener
Landsleuten  einen  geheimen  Verkehr,  den  die  englische  Gesandtschaft  in
Berlin  vermittelte*);  und  trotz  der  Beschwerden  des  preußischen  Hofes  hörte
diese  Verräterei  der  britischen  Freunde,  selbst  als  die  Torys  zur  Regie—
rung  gelangten,  nicht  gänzlich  auf.  Auch  unmittelbar  wurden,  mit  Um—
gehung  der  Post,  regelmäßige  Botschaften  zwischen  Paris  und  Posen  ausgetauscht.)


Gerade  die  Großpolen  um  Posen  und  Gnesen  besaßen  im  höchsten
Maße  jenen  tolldreisten,  abenteuerlichen  Sinn,  welcher  den  Polen  bei
ihren  östlichen  Nachbarn  den  Namen  der  Hirnlosen  verschafft  hatte.  Nach
den  Erfahrungen  des  Flottwellschen  Regiments  mußten  sie  auch  wohl
glauben,  daß  Gefahr  im  Verzuge  sei,  und  das  Deutschtum  im  polnischen
Rom  dereinst  noch  siegen  könnte.  Als  Menschen,  so  sagten  sie  oft,  befinden
  wir  uns  besser,  als  Polen  schlechter  denn  unsere  Brüder  in  Galizien
und  Warschau.  Seit  dem  Jahre  1842  suchte  die  Zentralisation  gradeswegs
  einen  neuen  Aufstand  vorzubereiten;  sie  gründete  in  Versailles  eine
eigene  Kriegsschule,  Mieroslawski  und  Wysocki  hielten  militärische  Vorträge,
  viele  junge  Polen  besuchten  französische  Militärbildungsanstalten.
Jedermann  fühlte,  daß  ein  Sturm  in  der  Luft  lag.  Erzbischof  Dunin,
der  kaum  begnadigte,  gebärdete  sich  wie  der  Herr  des  Landes;  das  geschmeidige
  Pfäfflein  mit  dem  violetten  Käppchen  lächelte  verständnisinnig,
wenn  ihm  der  Adel  als  dem  Primas  von  Polen  huldigte.  Zum  Dank
für  seine  Befreiung  ernannte  er  den  Offizial  Brodzizewski,  den  eigentlichen
  Anstifter  des  Kirchenstreites  *“*)  zum  Weihbischof  von  Gnesen  und
verlangte,  daß  alle  Schulbücher  der  Provinz  der  erzbischöflichen  Kurie  zur
Genehmigung  eingereicht  würden.  Er  wagte  in  seinen  Rundschreiben
an  den  Klerus  die  Regierung  offen  anzugreifen  und  beklagte  sich  vor
dem  Monarchen  über  „die  unerhörte  Arroganz“  der  königlichen  Beamten
in  so  frechem  Tone,  daß  ihm  Eichhorn  einen  scharfen  Verweis  senden
mußte.)Das  persönliche  Verhältnis  zwischen  Deutschen  und  Polen
ward  um  so  kälter,  je  leiser  die  Regierung  auftrat;  selbst  Graf  Raczynski,

*)  Rochow  an  Graf  Maltzan,  29.  Dez.  1841.
**)  Nagler  an  Minister  Werther,  20.  Mai  1841.
***)  S.  o.  IV.  708.
1)  Dunin,  Eingabe  an  den  König,  29.  Jan.;  Eichhorn  an  Dunin,  22.  Febr.,  Bericht
  an  den  König,  24.  Febr.  1841.
        <pb n="161" />
        Gärung  in  Posen.  153

den  seine  Standesgenossen  wegen  seines  guten  Einvernehmens  mit  den
Deutschen  beargwöhnten,  warnte  nachdrücklich,  diese  beiden  Nationen  sollten
wohl  friedlich  nebeneinander  leben,  doch  niemals  sich  vermischen.  Unter
sich  waren  die  Polen  keineswegs  einig.  Neben  den  Geheimbünden  des
Adels  bildete  sich  ein  radikaler  Verein  unter  den  Gewerbtreibenden  der
Provinzialhauptstadt  und  einem  Teile  jener  müßigen  Händler  und  Schenk—
wirte,  welche  in  den  kleinen  Städten  den  fehlenden  Handwerkerstand
vertraten;  seine  von  Dr.  Libelt  herausgegebene  Zeitschrift,  das  Jahr,  stand
den  Lehren  des  Kommunismus  nahe.  Gegen  die  Deutschen  aber  hielten
alle  Parteien  zusammen.  Schon  wurde  die  Losung  ausgegeben,  man
dürfe  nur  bei  Landsleuten  kaufen,  und  in  Posen  ein  Bazar  auf  Aktien
gegründet,  dessen  Läden  die  Gesellschaft  ausschließlich  an  Polen  vermietete;
auch  für  ein  polnisches  Theater  ward  gesammelt.

Infolge  der  beständigen  Warnungen  der  russischen  Gesandtschaft
erhielten  die  Landräte  den  Befehl,  auf  die  geheimen  Umtriebe  der  Polen
scharf  aufzumerken.  Da  sich  indessen  die  moskowitischen  Berichte  zum  Teil
als  falsch  oder  übertrieben  erwiesen,  so  ließ  sich  die  deutsche  Gutmütigkeit
bald  wieder  einschläfern.  Ein  berüchtigter  Agent  der  Propaganda  Trzemski
wurde,  als  man  ihn  nach  Jahren  endlich  einfing,  wieder  losgegeben,  weil
er  sich  auf  die  Amnestie  des  neuen  Königs  berief?);  und  über  den  gefährlichsten
  aller  Preußenfeinde  des  Landes,  Titus  Dzialynski  urteilte  das
Auswärtige  Amt  unschuldig:  dieser  Graf  sei  viel  zu  vornehm  zum  Verschwörer.*)
  Harmloser  noch  als  seine  Beamten  war  der  König  selbst.  Als
er  im  Sommer  1842  auf  der  Durchreise  Posen  berührte,  da  ließ  er  sich,
wie  man  sagte,  durch  die  Bitten  der  Radziwills  bewegen,  dort  einige  Tage
zu  verweilen,  und  die  Polen  bereiteten  ihm  eine  jener  lärmenden  Huldigungen,
  welche  der  flawischen  Leichtlebigkeit  gar  nichts  kosten.  Entzückt
schilderte  er,  wie  man  ihn  über  alle  Erwartung  gut  empfangen  und  wie
er  beim  Festmahle  205,  meist  adlige  Magen  habe  füllen  müssen.““*“)  Nach
dem  kurzen  Aufenthalte  verlieh  er  zum  Abschied  noch  55  Orden  an  diese
ungetreue  Provinz,  die  er  schon  bei  der  Königsberger  Huldigung  mit  Auszeichnungen
  überschüttet  hatte;  selbst  Dunin  wurde  durch  einen  Orden  geehrt.
Dergestalt  trieb  man  arglos  dem  großen  Verrate  der  Polen  entgegen.  Ein
genialer,  seiner  Macht  sicherer  Staatsmann  darf  wohl  zuweilen  abweichen
von  der  alten  Regel,  daß  die  Staatsgewalt  sich  auf  ihre  Freunde,  nicht
auf  ihre  Feinde  stützen  soll.  Eine  schwache  Regierung  verrät  nur  ihre
eigene  Haltlosigkeit,  wenn  sie  in  kurzsichtiger  Üüberschlauheit  unbelehrbaren
Gegnern  zu  schmeicheln  versucht.  So  geschah  es  hier:  die  Polen  wurden
nicht  gewonnen,  die  treuen  Deutschen  aber  fühlten  sich  wie  verraten  und

7)  Schreiben  des  Justizministeriums  an  Rochow,  16.  Okt.  1840.

*“)  Weisung  des  Auswärtigen  Amts  an  Arnim  in  Paris,  8.  Juni  1841.  Val.
IV.  62.

**“)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  Posen,  25.  Juni  1842.
        <pb n="162" />
        154  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

verkauft,  da  sie  den  König  die  Politik  Flottwells  beloben  und  doch  selbst
den  genau  entgegengesetzten  Weg  einschlagen  sahen.  —

 

Inzwischen  wurde  das  Ministerium  nach  und  nach  völlig  neu  ge—
staltet.  Im  März  1841  erhielt  Boyen,  trotz  seiner  siebzig  Jahre,  die
Leitung  der  Kriegsverwaltung,  zum  Schrecken  der  alten  mecklenburgisch—
welfischen  Partei,  die  er  noch  vor  wenigen  Jahren  durch  eine  freimütige
Schrift  über  Scharnhorst  abermals  gekränkt  hatte.  Der  König  ward  nicht
müde,  den  alten  Herrn  für  die  Unbill  vergangener  Jahre  durch  eine  fast
kindliche  Verehrung  und  durch  sinnig  gewählte  Auszeichnungen  zu  ent—
schädigen.  Er  gab  ihm  sofort,  nach  dem  Dienstalter,  die  erste  Stelle  im
Ministerium,  schmückte  ihn  am  Grabe  Gneisenaus  zu  Sommerschenburg,
als  dort  das  Denkmal  des  Helden  enthüllt  wurde,  mit  dem  schwarzen
Adlerorden,  ernannte  ihn  zum  Chef  des  ersten  Infanterie-Regiments,  in
dem  der  General  einst  seine  Soldatenlaufbahn  begonnen  hatte,  ließ
zum  Jubelfeste  seiner  sechzigjährigen  Dienstzeit  eine  schöne  Denkmünze
schlagen.  Boyen  aber  täuschte  sich  nicht  über  die  Bedeutung  dieser  Gnaden—
beweise.  Aufgewachsen  in  den  Ideen  Kants,  klar,  bestimmt,  verständig
in  allem,  auch  in  seiner  innigen  Frömmigkeit,  fühlte  er  klug  heraus,  wie
wenig  er  Friedrich  Wilhelms  romantischen  Träumen  zu  folgen  vermochte,  und
hielt  sich  der  großen  Politik  in  der  Regel  fern;  nur  zuweilen,  wenn  er  einen
verhängnisvollen  Mißgriff  befürchtete,  warnte  er  den  König  mit  seiner
kräftigen  ostpreußischen  Treuherzigkeit.  Auch  in  seinem  eigenen  Ministerium
  machte  er  bald  die  Erfahrung,  daß  er  vor  fünfundzwanzig  Jahren,
trotz  der  vielbeklagten  Unentschlossenheit  des  alten  Königs  und  trotz  der
Feindseligkeit  der  Maulwürfe,  wie  er  seine  Gegner  nannte,  doch  weit  rascher
vorwärts  gekommen  war  als  jetzt.  Gleich  zu  Anfang  hatte  er,  wie  der  König
sagte,  „ein  Stückchen  Schwerenot“  mit  dem  Chef  des  Militärkabinetts
General  Lindheim,  und  es  gelang  ihm  den  rechthaberischen  Gegner  zu
verdrängen,  indem  er  offen  aussprach:  ich  habe  das  Amt  nur  angenommen,
„Um  dem  König  einen  Beweis  meiner  treuen  Anhänglichkeit  zu  geben;  sobald
  ich  aber  sehe,  daß  meine  Wirksamkeit  gelähmt  wird,  so  hat  die  Stelle
keinen  Wert  für  mich.“)

Freie  Hand  jedoch  gewann  er  dadurch  noch  nicht,  denn  der  König  erschwerte
  ihm,  wie  allen  übrigen  Ministern  das  planvolle  Arbeiten  durch
plötzliche  Vorschläge  und  Entwürfe,  die  er  dann  oft  ebenso  plötzlich  wieder
aufgab.  „Es  liegen“,  sagte  Thile,  „im  Geiste  Sr.  Maj.  noch  so  viele  Keime
für  die  raschere  Entwicklung  unserer  Staatsverhältnisse  in  mannigfacher
Nichtung.“  Selbst  die  Formen  des  Geschäftsganges  standen  nicht  mehr

 

*)  Boyen  an  Thile,  28.  März;  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  25.  29.  März  1841.
        <pb n="163" />
        Boyen.  Kamnptz.  155

fest.  Friedrich  Wilhelm  ließ  sich  zwar,  wie  sein  Vater,  in  der  Regel  von
dem  Kabinettsminister  Vortrag  halten,  berief  aber  auch  zuweilen  kurzweg
einen  oder  mehrere  der  andern  Minister  oder  erschien  unerwartet  im
Ministerrat;  so  überlastete  er  sich  und  fand  schwer  ein  Ende.*)  Um  sich
gegen  die  unberechenbaren  Einfälle  des  Monarchen  zu  decken,  versammelte
Boyen  häufiger,  als  er  vordem  pflegte,  beratende  Kommissionen,  in  deren
schwerfälligen  Verhandlungen  mancher  gute  Plan  stecken  blieb.  Dergestalt
ward  seine  zweite  Amtsführung,  wenn  auch  nicht  unfruchtbar,  doch  weit
weniger  erfolgreich  als  die  erste.  Er  empfand  oft  schmerzlich  die  Last
seiner  Jahre,  obgleich  andere  sich  über  seine  jugendliche  Frische  verwunderten,
  und  in  seinen  Augen  noch  immer  jene  verdeckte  Glut  brannte,  die
ihm  einst  den  Namen  des  stillen  Löwen  verschafft  hatte.  Mehr  als  das
Alter  hemmte  ihn  die  Unsicherheit  seiner  Stellung;  alle  Ratgeber  Friedrich
  Wilhelms  überkam  bald  das  drückende  Gefühl,  daß  man  in  einer
unmöglichen  Zeit  lebte.

Auch  im  Justizministerium  ward  ein  Personenwechsel  unvermeidlich.
Schon  gleich  nach  seiner  Thronbesteigung  (29.  Juni  1840)  hatte  der  König
einc  dankenswerte  Reform  in  der  Rechtspflege  herbeigeführt,  indem  er
erklärte,  es  widerstrebe  seinem  Gefühl,  die  Todesurteile  förmlich  zu  bestätigen.
  Die  Krone  verzichtete  also  auf  jede  unmittelbare  Ausübung  ihrer
alten  oberstrichterlichen  Gewalt,  sie  begnügte  sich  fortan  mit  dem  Rechte
der  Begnadigung;  wenn  sie  von  diesem  Rechte  keinen  Gebrauch  machen
wollte,  dann  befahl  sie  einfach,  der  Gerechtigkeit  freien  Lauf  zu  lassen,
so  daß  die  Unabhängigkeit  der  Gerichte  jetzt  auch  in  der  Form  streng  gewahrt
  wurde.  Dieser  ersten  Reform  sollten  größere  folgen,  vornehmlich
eine  Neugestaltung  des  Strafverfahrens.  Wie  hätte  Friedrich  Wilhelm
für  solche  Pläne  den  alten,  ihm  persönlich  widerwärtigen  Kamptz  gebrauchen
können,  der  mit  allem  seinem  Fleiße  das  Werk  der  Gesetzrevision  kaum  von
der  Stelle  gebracht  hatte  und,  befangen  in  der  toten  Gelehrsamkeit  seines
geliebten  Reichskammergerichts,  Offentlichkeit  und  Mündlichkeit  als  Reliquien
  aus  den  Kinderzeiten  der  Rechtspflege  bemitleidete?  Vor  kurzem
erst,  bei  seinem  Jubiläum  waren  dem  Demagogenverfolger  mannigfache  Auszeichnungen,
  sogar  das  Ehrenbürgerrecht  der  Hauptstadt  zu  teil  geworden.
Er  hielt  sich  für  unentbehrlich,  ging  im  Sommer  1841  wohlgemut  nach
Gastein,  dem  Jungbrunnen  der  Greise,  und  wollte  seinen  Augen  kaum
trauen,  als  ihm  General  Thile  dorthin  schrieb:  bei  seiner  „Lebens=  und
Geistesfülle“  bedürfe  der  König  jüngerer  Diener.  Kamptz  sträubte  sich
noch  heftiger  denn  vor  drei  Jahren,  als  man  ihm  die  rheinische  Justizverwaltung
  nahm?#);  flehentlich  bat  er  den  General,  selbst  zu  beurteilen,
„ob  ich  jemals  mit  meinen  Kräften  zurückgeblieben  bin“,  und  beschwor

 

*)  Thile,  Bericht  über  die  Vereinfachung  des  Geschäftsganges,  15.  Febr.  1842.
*  )  S.  o.  IV.  551.
        <pb n="164" />
        156  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

den  König,  ihm  die  Arbeiten  der  Gesetzrevision  zu  lassen,  da  ihm  „Gott
diese  Kräfte  ungeschwächt  erhalten  habe“.)

Alles  vergeblich.  Der  König  hatte  die  Stelle  bereits  seinem  Freunde
Savigny  zugedacht  und  verlangte  von  diesem  Vorschläge  für  eine  zweckmäßige
  Einrichtung  der  Gesetzrevision.  Die  Denkschrift,  welche  Savigny
darauf  (im  Januar  1842)  dem  Monarchen  überreichte,  enthielt  in  vornehmer,
gemessener  Form  eine  entschiedene  Absage  der  neuen  historischen  Rechtslehre
  an  die  Wetzlarische  Gelahrtheit  des  alten  Jahrhunderts.  Sie  brach
den  Stab  über  Kamptzs  gesamte  Amtsführung  und  zeigte  mit  siegreicher
Klarheit:  gerade  das  Landrecht,  gerade  diese  so  ausführliche,  so  ins  einzelne
  gehende  Kodifikation  habe  den  wissenschaftlichen  Geist  des  trefflichen
preußischen  Richterstandes  gelähmt;  darum  sei  auch  nicht,  wie  bisher  immer,
eine  Umarbeitung  des  ganzen  Landrechts  zu  erstreben,  sondern  zuvörderst
eine  Neugestaltung  des  Prozesses,  damit  die  Richter  in  ihrer  ganzen
Tätigkeit  freier  gestellt,  unabhängiger  nach  oben,  entlastet  von  fremdartigen
  Amtsgeschäften,  wieder  mit  der  Wissenschaft  in  lebendige  Wechselwirkung
  träten.  Am  materiellen  Rechte  wollte  Savigny  nur  verändern,
was  durch  die  Erfahrung  widerlegt  sei  und  den  Bedürfnissen  der  heutigen
  Gesellschaft  widerspreche.  Er  forderte  also,  wie  sein  Lieblingsschüler
Ludwig  v.  Gerlach  sagte,  statt  toter  Kodifikation  lebendige  Legislation;
und  bei  dem  freudigen  Verständnis,  das  Friedrich  Wilhelm  den  Ideen
seines  Lehrers  immer  gewidmet  hatte,  schien  die  Hoffnung  wohlberechtigt,
daß  Preußens  Gesetzgebung  sich  fortan  auf  der  Höhe  der  Wissenschaft
halten  würde.

Als  Savigny  auf  Grund  jenes  Programms  im  März  den  Ministerposten
  erhielt,  da  meinten  fast  alle  guten  Köpfe  an  den  Hochschulen  wie
an  den  Gerichten,  eine  glücklichere  Wahl  hätte  der  König  nicht  treffen
können;  denn  durch  sein  Wirken  im  Staatsrate  und  neuerdings  durch
sein  System  des  heutigen  römischen  Rechts  war  der  größte  Rechtsgelehrte
des  Jahrhunderts  auch  bei  den  Praktikern  zu  hohem  Ansehen  gelangt.
Schon  Stein  hatte  einst  vorausgesagt,  der  würde  einst  ein  würdiger  Nachfolger
  des  Großkanzlers  Carmer  werden.  Nur  die  Radikalen,  die  ihm  seine
Kämpfe  gegen  das  Vernunftrecht  nicht  verzeihen  konnten,  ergingen  sich  in
wohlfeilen  Spöttereien  über  den  Mann,  der  einst  unserer  Zeit  den  Beruf
zur  Gesetzgebung  abgesprochen  hätte  und  nun  selbst  das  Ministerium  der
Gesetzrevision  übernähme;  sie  hielten  ihm  vor,  daß  er,  der  Protestant,
seinen  Sohn  streng  katholisch  erziehen  ließ,  daß  er  einst  Gans  bekämpft
und  Stahl  beschützt  hatte,  daß  er  jetzt  Gerlach  sogleich  in  sein  Ministerium
berief;  sie  weissagten  dem  „christlich-germanischen  Solon“  ein  schlimmes
Ende.  Und  seltsam,  diesen  Parteifanatikern  gab  der  Erfolg  schließlich  mehr
Recht  als  den  Einsichtigen  und  Unbefangenen.  Es  zeigte  sich  bald,  daß

 

*)  Thile  an  Kamptz,  5.  Aug.;  Kamptz  an  den  König,  5.  Okt.,  an  Thilc,  5.  Okt.  1841.
        <pb n="165" />
        Savigny.  Alvensleben.  Bodelschwingh.  157

Friedrich  Wilhelm  auch  diesmal  wieder  einen  bedeutenden  Mann  an  die
falsche  Stelle  gesetzt  hatte;  Savignys  Tätigkeit  im  Ministerrate  beraubte
die  Wissenschaft  auf  einige  Jahre  einer  unvergleichlichen  Kraft  und  för—
derte  die  preußische  Gesetzgebung  nur  wenig.

Leichter  als  Kamptz  trennte  sich  Graf  Alvensleben  von  seinem  Amte.
Er  hatte  vor  Jahren  der  romantischen  Maikäfergesellschaft  der  Gebrüder
Gerlach  angehört  und  wurde  von  diesen  Jugendfreunden  noch  immer  zu
den  zuverlässigen  Gesinnungsgenossen  gezählt.  Durch  seine  lange  Amts—
führung  war  er  jedoch  an  den  geräuschlosen  stetigen  Gang  des  alten  Re—
giments  gewöhnt  und  sagte  zu  Rochow  von  vornherein:  jetzt  sei  für  sie
beide  kein  Platz  mehr,  der  neue  Herr  wolle  in  allem  allein  regieren,  selbst
die  Einzelheiten  der  Verwaltung  durch  oft  willkürliche  oder  unpraktische
Befehle  regeln,  und  umgebe  sich  darum  absichtlich  nur  mit  Männern,
die  er  weit  übersehe.  Längst  entschlossen,  sich  bei  rechter  Gelegenheit  zurückzuziehen,
  erhielt  der  Graf  im  Oktober  1841  einen  scharfen  Verweis,
weil  er  bei  den  schwebenden  Verhandlungen  über  die  Zuckerzölle  den  Absichten
  des  Monarchen  zuwider  gehandelt  hätte.  Sofort  verlangte  er
seinen  Abschied.)  Das  hatte  Friedrich  Wilhelm  nicht  beabsichtigt;  denn  er
schätzte  Alvensleben  sehr  hoch,  und  war  vorm  Jahre  schon  nahe  daran
gewesen,  ihm  das  wichtige  Kultusministerium  zu  übertragen.  Um  den  gekränkten
  Minister  zu  beschwichtigen,  dachte  der  König  in  der  ersten  Verlegenheit,
  alle  Schuld  an  dem  Streite  auf  den  pedantischen  alten  Generalsteuerdirektor
  Kuhlmayer  abzuwälzen.  Da  trat  ihm  Thile  entgegen  und
sagte  freimütig:  das  würde  die  erste  wirkliche  Ungerechtigkeit  in  der  Regierungszeit
  Sr.  Majestät  sein,  denn  Kuhlmayer  habe  immer  nur  genau
die  Weisungen  des  Ministers  befolgt.**)  So  blieb  es  denn  dabei,  daß
Alvensleben  aus  der  Finanzverwaltung  austrat;  mit  ihm  schied  auch
Kuhlmayer.

Der  König  war  jedoch  nicht  gesonnen,  sich  gänzlich  von  dem  alten
Freunde  zu  trennen;  er  ließ  durch  Leopold  Gerlach,  nachher  durch  die
Königin  mit  ihm  verhandeln,  und  Alvensleben  entschloß  sich  endlich,  als
Kabinettsminister  neben  General  Thile  einen  Teil  der  politischen  Vorträge  bei
dem  Monarchen  zu  übernehmen.  Mittlerweile  wurde  der  Oberpräsident
v.  Bodelschwingh  zum  Eintritt  in  das  erledigte  Amt  aufgefordert,  und
nach  den  Anschauungen  des  alten  Beamtentums  betrachtete  er  es  als
seine  Dienstpflicht,  dem  Rufe  des  Königs  zu  gehorchen,  obgleich  er  sehr  ungern
  seinen  schönen  rheinischen  Wirkungskreis  verließ.  *“)  Im  Mai  1842
trat  er  das  Amt  an,  unter  ihm  Geh.  Rat  Kühne  als  Generalsteuerdirektor.
  Endlich  wieder  schien  ein  frischerer  Geist  in  die  etwas  erstarrte

 

*)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
*)1Thiles  Bericht  an  den  König  o.  D.  (Januar  1842).
*77)  Bodelschwingh  an  Thile,  25.  Nov  1841.
        <pb n="166" />
        158  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Finanzverwaltung  einzuziehen,  da  zwei  so  ausgezeichnete  Beamte,  beide  noch
im  kräftigsten  Alter,  persönlich  befreundet  und  in  ihren  handelspolitischen
Grundsätzen  ganz  gleichgesinnt,  die  Zügel  ergriffen.

Ungleich  wichtiger  als  alle  diese  Änderungen  erschien  der  öffentlichen
Meinung  der  hartnäckige  Kampf  zwischen  Schön  und  Rochow.  Dessen
Ausgang,  so  glaubte  alle  Welt,  mußte  über  den  Charakter  der  neuen  Re—
gierung  endlich  entscheiden.  Rochow  galt  nun  einmal  für  den  Banner—
träger  der  Reaktion.  Nicht  ganz  mit  Recht.  Eben  jetzt  vollendete  er,
durchaus  nach  den  Wünschen  des  Provinziallandtages,  die  Landgemeindeordnung
  für  Westfalen  vom  31.  Okt.  1841,  die  an  die  Stelle  von  vier
rheinbündisch-französischen  Gemeindegesetzen  trat  und  offenbar  eine  Mittellinie
  einhalten  sollte  zwischen  dem  napoleonischen  Verwaltungsdespotismus
und  der  patriarchalischen  Selbstverwaltung  des  Ostens.  Die  althistorischen
Ortsgemeinden  wurden  wiederhergestellt,  sofern  sie  eigenen  Haushalt  besaßen;
  den  Gemeindevorsteher  ernannte  der  Landrat,  nach  französischem
Brauche,  die  Gemeinderäte  jedoch  sollten  fortan  von  den  Meistbeerbten
frei  gewählt  werden  und  erhielten  erweiterte  Befugnisse.  Eine  oder  mehrere
  Gemeinden  bildeten  einen  Landesverwaltungsbezirk,  das  Amt,  unter
einem  ernannten  Amtmann.  Die  Rittergüter  konnten  in  der  Regel  nur
mit  Zustimmung  beider  Teile  aus  dem  Gemeindeverbande  ausscheiden.
Das  Gesetz  zeigte  gar  nichts  von  staatsmännischen  Gedanken;  es  war
der  Notbehelf  eines  wohlmeinenden  Beamtentums,  das  den  im  Westen
vorherrschenden  und  darum  liberal  genannten  Anschauungen  nach  Kräften
entgegenzukommen  suchte.  Aber  auch  dies  Zugeständnis  an  den  Liberalismus
  vermochte  den  Haß,  der  auf  Rochows  Namen  lastete,  nicht  zu  sänftigen.
  Und  ihm  gegenüber  stand  Schön,  der  Abgott  der  Zeitungen.

Der  hatte  die  Verhandlungen  des  jüngsten  ostpreußischen  Landtags
durch  seine  Getreuen  sehr  klug  geleitet;  denn  er  stand  dem  Könige  persönlich
  dafür  ein,  daß  unter  den  Ständen  seines  Lieblingslandes  kein  unehrerbietiges
  Wort  fallen  sollte.  Nichtsdestoweniger  fuhr  er  fort,  die  radikale
  Verstimmung,  die  in  Königsberg  seit  dem  Erscheinen  der  Vier  Fragen
überhandnahm,  geflissentlich  zu  schüren  durch  seine  maßlose  Tadelsucht,
durch  sein  hoffärtiges  Absprechen  über  alles,  was  aus  Berlin  kam,  neuerdings
  auch  durch  geheimnisvolle  Andeutungen  über  des  Königs  Verfassungspläne.
  Mehrmals  warnte  General  Wrangel  die  Krone  vor  diesem
aufreizenden  Treiben  des  Oberpräsidenten;  immer  ward  ihm  die  Antwort,
dem  Freunde  des  Königs  sei  nichts  Arges  zuzutrauen.  Mit  seinem  Vorgesetzten
  Rochow  war  Schön  bereits  seit  dem  Huldigungslandtage  gänzlich
  zerfallen.  Jetzt  sandte  Rochow  eine  gehässige  Anfrage  wegen  eines
albernen  radikalen  Gedichts,  das  dem  Oberpräsidenten  zusang,  er  habe
„das  große  Wort  der  Freiheit  uns  gelehrt.“  Schöns  Erwiderungen
wurden  immer  gröber;  es  schien,  als  ob  er  den  Minister  verhöhnen
wollte.  Zugleich  verklagte  er  ihn,  freimütig,  aber  ohne  irgend  einen  Be-
        <pb n="167" />
        Westfälische  Landgemeindeordnung.  Schön  und  Rochow.  159

weis  beizubringen,  vor  dem  Könige  als  einen  gemeinschädlichen  Staats—
diener.  In  den  Berliner  Regierungskreisen  äußerte  man  schon:  wenn
Rochow  nur  einen  Funken  von  Klugheit  besäße,  so  müßte  er  diesen
Gegner  fordern.))  Beide  Feinde  zeigten  sich  gleich  herrschsüchtig,  beide
gleich  wenig  wählerisch  in  den  Mitteln:  während  Schöns  liberale  Gefolgschaft
  den  Minister  in  den  Blättern  der  Opposition  schmähte,  ließ  Rochow,
wie  die  Ostpreußen  bald  erfuhren?*),  in  seinem  Bureau  gehässige  Artikel
gegen  den  Oberpräsidenten  schmieden  und  wußte  manche  davon  sogar  in
der  Augsburger  und  der  Leipziger  Allgemeinen  Zeitung  unterzubringen.
Trotz  dieses  offenkundigen  Skandales  wünschte  der  beiden  Gegnern
gleich  wohlgeneigte  Monarch,  beide  im  Amte  zu  halten;  denn  im  stolzen
Gefühle  seiner  Selbstherrlichkeit  legte  er  auf  die  Streitigkeiten  seiner  Diener
gar  keinen  Wert.  Auch  glaubte  er  keineswegs,  daß  eine  grundsätzliche
Feindschaft  die  beiden  trennte.  Hatte  er  doch  als  Kronprinz  jahrelang  mit
beiden  friedlich  in  der  landständischen  Kommission  zusammen  gearbeitet  und
von  Rochow  soeben  noch  Ratschläge  für  die  Fortbildung  der  Ständeverfassung
  empfangen.  Zwischen  dem  Könige  und  seinem  alten  ostpreußischen
Freunde  hatte  sich  nach  und  nach  ein  gefährliches  gegenseitiges  Mißverständnis
  gebildet,  wie  es  nur  zwischen  so  seltsamen  Charakteren  entstehen  konnte.
Da  Schön  alle,  die  nicht  seines  Sinnes  waren,  als  „Männer  der  finsteren
Zeit“  tief  verachtete,  so  glaubte  er  wirklich,  sein  geliebter  König  würde  nur
durch  die  reaktionären  Hofleute  verhindert,  die  konstitutionellen  Pläne  auszuführen,
  die  er  doch  in  solcher  Weise  gar  nicht  hegte.  Friedrich  Wilhelm
seinerseits  wähnte,  „der  Schön“  lasse  sich  nur  zuweilen  „durch  seinen  jüdischen
  Freundepöbel“  zu  liberalen  Außerungen  verleiten,  die  in  Wahrheit  die
Herzensgesinnung  des  Kantianers  wiedergaben.  Wieder  und  wieder  sendete
er  dem  Freunde  herzliche  Briefe  und  mahnte  ihn  zur  Versöhnlichkeit:  das
Minimissimum,  das  ich  zu  fordern  berechtigt  bin,  ist  eine  Explikation  mit
Rochow,  den  Sie  ungerecht  beschuldigt  haben;  Ihnen  fehlt  die  Liebe,  die
auch  mit  Gegnern  für  das  Ganze  zusammenwirkt.  “)  Gewandt  eingehend
auf  diese  ihm  sonst  wenig  geläufige  biblische  Sprache  erwiderte  Schön:
der  Spruch  „Und  hätte  ich  die  Liebe  nicht“  stehe  mit  Flammenschrift  in
seinem  Herzen.  Dem  Minister  aber  wollte  er  seine  Hand  nicht  bieten.
Vergeblich  hielt  ihm  sein  Landsmann  Boyen  in  einem  gemütlichen  Schreiben
vor:  die  Versöhnung  mit  Rochow  sei  zugleich  die  Versöhnung  mit  dem
Monarchen,  vergeblich  versuchte  des  Königs  vertrauter  Adjutant,  Oberst
Below,  einer  der  ersten  Grundherren  der  Provinz,  im  Verein  mit  einigen
anderen  ostpreußischen  Edelleuten  den  Erzürnten  zu  überreden.##)

 

*)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.

7*)  Brünneck  an  Thile,  7.  März;  Oberst  v.  Below  an  den  König,  7.  April  1841.
***)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Schön,  23.  Febr.  1841.

f)  Boyen  an  Schön,  25.  Aoril.  Belows  Bericht  an  den  König,  24.  März  1841.
        <pb n="168" />
        160  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Schön  ließ  sich  über  die  Schärfe  des  vorhandenen  Gegensatzes  nicht
täuschen;  er  blieb  dabei,  A  und  Non  A  könnten  nicht  zusammengehen.
Zweimal  erbat  er  seinen  Abschied,  offenbar  weil  er  noch  immer  hoffte,
den  Gegner  zu  stürzen.  Er  wußte  längst,  daß  der  König  mehrmals  daran
gedacht  hatte,  ihm  das  Handelsministerium  zu  übertragen  —  allerdings  ein
sonderbarer  Einfall,  da  Schön  zwar  reiche  technische  Kenntnisse  besaß,  aber
als  unbelehrbarer  Feind  des  Zollvereins  in  der  Handelspolitik  sicherlich
Unheil  angestiftet  hätte  —  und  erwar  nicht  nur  bereit,  diesem  Rufe  zu  folgen,
er  traute  sich's  auch  zu,  den  gesamten  Ministerrat  zu  leiten.  Immer
wieder  kam  er  in  Briefen  und  Gesprächen  auf  den  allein  rettenden  Ge—
danken  zurück:  wir  brauchen  „ein  reguliertes  Ministerium“,  an  dessen
Spitze  „ein  wissenschaftlich  gebildeter  Staatsmann  mit  voller  Erfahrung“
stehen  muß;  und  von  solchen  Staatsmännern  besaß  die  Monarchie  nach
seiner  Meinung  nur  einen  einzigen!

Mit  leidenschaftlicher  Erregung  verfolgte  die  Provinz  diese  Kämpfe;
denn  von  allen  deutschen  Stämmen  halten  die  Ostpreußen,  neben  den
Holsten,  den  Schwaben  und  den  Schlesiern,  am  festesten  untereinander
zusammen;  und  Schön  liebte,  alle  Vorwürfe,  die  ihm  aus  Berlin  zu—
kamen,  als  Verdächtigungen  der  Treue  seines  Heimatlandes  aufzufassen,
um  sie  dann  mit  hoher  patriotischer  Entrüstung  zurückzuweisen.“)  So
erschien  Rochow  bald  jedem  stolzen  Ostpreußen  fast  wie  ein  persönlicher
Feind.  Mittlerweile  verbreitete  sich  in  der  Provinz  plötzlich  das  Gerücht
von  zahlreichen  Brieferbrechungen;  Schön  sprach  darüber,  als  ob  ein
Zweifel  gar  nicht  möglich  wäre.  Der  König  aber,  der  schon  nach  seiner
Thronbesteigung,  zum  Kummer  des  alten  Nagler,  alle  solche  schlechte
Künste  streng  untersagt  hatte,  sendete  sofort  den  Obersten  Below  mit  außerordentlichen
  Vollmachten  in  seine  Heimat,  um  eine  scharfe  Untersuchung
vorzunehmen.  Sie  brachte  schlechterdings  nichts  Bedenkliches  an  den  Tags-);
indessen  ließen  sich  die  Altpreußen  ihren  Verdacht  nicht  nehmen.

Nun  begann  auch  die  schwache  konservative  Partei  der  Provinz  sich
zu  regen.  Unter  dem  Vorsitze  des  übelberufenen  Landrats  v.  Hake
versammelten  sich  im  Februar  einige  Grundbesitzer  zu  Preußisch-Holland,
um  zu  erklären,  daß  sie  die  Adresse  der  Freunde  Jacobys  mißbilligten
und  dem  absoluten  Könige  unbedingt  vertrauten.  Hocherfreut  erwiderte
Rochow  einem  der  Teilnehmer,  der  Monarch  habe  die  loyalen  Grundsätze
  der  Versammlung  mit  Wohlgefallen  ausgenommen.)  Da  liefen
von  verschiedenen  Seiten  Anzeigen  gegen  Hake  ein;  man  beschuldigte  ihn
eines  Kassendefekts,  und  Schön  beeilte  sich  in  einem  grimmigen  Berichte  die
Nichtswürdigkeit  dieses  politischen  Gegners  mit  grellen  Farben  zu  schildern.

*)  Kabinettsordre  an  Thile,  30.  März;  Thiles  Bericht  an  den  König,  31.  März
1841.

*“)  Kabinettsordre  an  Below,  10.  März:  Belows  Bericht  an  Thile,  24.  März  1841.
*#)  Rochow  an  Regierungsrat  v.  Bessel,  1.  März  1841.
        <pb n="169" />
        Schöns  Entlassung.  161

Rochow  aber  versuchte  anfangs  den  Handel  mit  Stillschweigen  zu  über—
gehen  und  ward  erst  durch  einen  ausdrücklichen  Befehl  des  erzürnten
Monarchen  gezwungen,  die  Untersuchung  anzuordnen,  die  mit  Hakes  Ver—
urteilung  endigte.“)  Seitdem  war  der  König  über  die  Parteilichkeit  des
Ministers  ebenso  ungehalten  wie  über  die  geheime  Opposition  des  Oberpräsidenten.
  So  schleppte  sich  der  Streit  noch  durch  Monate  dahin.  Schön
triumphierte  und  versicherte  dreist,  in  seiner  treuen  Provinz  gäbe  es  keine
Parteien,  allein  die  winzige  Partei  des  Verbrechers  Hake  ausgenommen.
In  Wahrheit  war  das  Ordensland  tief  aufgewühlt,  fast  so  erbittert  wie  vor
zweihundert  Jahren,  als  die  edlen  freien  Preußen  den  märkischen  Despotismus
  bekämpften.  Unerschütterlich  fest  stand  die  Sage,  daß  der  König
bei  der  Krönung  konstitutionelle  Zusagen  gegeben  und  sie  nachher  zurückgenommen
  hätte;  nichts  aber  verzeiht  dieser  kräftige  Stamm  schwerer  als
die  Unbeständigkeit.  Als  Schön  im  Oktober  den  Sitzungen  des  Staatsrats
beiwohnte,  wollten  ihm  die  Berliner  Liberalen  ein  Ständchen  bringen,  was
er  nur  mit  Mühe  verhinderte;  bei  seiner  Heimkehr  begrüßten  ihn  seine
Königsberger  Anhänger  mit  beflaggten  Schiffen  und  erleuchteten  Fenstern  als
den  Helden  des  Landes,  und  die  Königsberger  Polizei  meldete  dem  Ministerium
  beschwichtigend:  allgemein  sei  die  Teilnahme  doch  nicht  gewesen.)

So  stand  es  bereits:  die  ostpreußischen  Polizeibehörden  erstatteten
Bericht  über  ihren  eigenen  Oberpräsidenten!  Daß  solche  Zustände  nicht
dauern  konnten,  mußte  schließlich  auch  dem  langmütigen  Monarchen  einleuchten.
  Als  Schön  im  Januar  1842  zum  dritten  Male  seinen  Abschied
erbat,  nahm  sich  der  König  fast  drei  Monate  Bedenkzeit  und  genehmigte
endlich  das  Gesuch  durch  Kabinettsordre  vom  31.  März.  Aber  diese  Ordre
blieb  tiefgeheim,  auch  der  Zeitpunkt  des  Austritts  noch  vorbehalten,  und
weder  der  Oberpräsident  noch  die  wenigen  anderen  Eingeweihten  hielten
die  Entscheidung  für  unwiderruflich;  Minister  Alvensleben  klagte  bitter:
„das  Vertrauen  des  Königs  zu  Schön  besteht  nach  wie  vor.““)  Noch  im
Mai  reiste  Schön,  schwerlich  ganz  ohne  Hoffnung,  wieder  nach  Berlin  zu
den  Verhandlungen  des  Staatsrats.  Dort  traf  ihn  die  erschreckende  Nachricht,
  daß  seine  Abhandlung:  Woher  und  Wohin?  soeben  auf  dem  Büchermarkte
  erschienen  sei.  Die  Schrift  war,  wie  sich  kaum  anders  erwarten
ließ,  bei  einem  der  fünf  Freunde,  denen  Schön  sie  anvertraut,  von  unbefugter
  Hand  abgeschrieben  und  einem  radikalen  Buchhändler  verraten
worden.  f)  Der  Diogenes  der  deutschen  Demagogen,  der  Flüchtling  Georg
Fein,  Hambacher  Angedenkens#,,  ließ  sie  alsdann  in  seinem  sicheren  Straß-*)

  Schöns  Bericht  an  Thile,  6C.  Mai;  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  10.  Mai
Rochows  Bericht  an  den  König,  13.  Mai  1841.
*)  Königsberger  Polizeibericht,  25.  Okt.  1841.
*  #)  Alvensleben  an  Thile,  22.  Mai  1842.
#)  Rochows  Berichte  an  den  König,  21.  Mai,  9.  Juni  1842.
###0  S.  o.  IV.  601.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  11
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        162  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

burg  zu  billigem  Preise  erscheinen  und  fügte  ein  langes  Nachwort  hinzu,
das  in  törichten  Schmähungen  gegen  Preußens  Staat  und  Regierung
schwelgte.  Da  ward  Friedrich  Wilhelm  geschildert  als  „ein  höchst  schlauer,
lebensgewandter  Aristokrat,  der  sich  sowohl  auf  die  Schwächen  als  auf  die
schönsten  Eigenschaften  des  deutschen  Volkes  versteht  und  beide  mit  nicht
gewöhnlicher  Verstellungskunst  für  seine  Herrscherzwecke  zu  benutzen  und
auszubeuten  weiß.“

Sofort  mußte  Thile  auf  Befehl  des  Königs  den  Oberpräsidenten
„wegen  des  Verrates  seiner  fatalen  Schrift““)  befragen,  und  Schön
äußerte  sich  natürlich  hoch  entrüstet  über  Feins  „Schändlichkeit.“  Gleichwohl
  unterließ  er,  was  die  Pflicht  des  Anstands  und  der  Treue  gebieterisch
  erheischte;  er  erklärte  nicht  öffentlich,  daß  er  an  dem  unbefugten
  Nachdruck  keinen  Anteil  habe  und  das  radikale  Nachwort  entschieden
  mißbillige.  Der  König  in  seinem  arglosen  Edelsinne  mutete
ihm  eine  solche  Erklärung  auch  gar  nicht  zu,  sondern  untersagte  jede  Verfolgung
  „des  Woher  und  Wohin  mit  dem  Drachenschwanze“,  damit  das
Gericht  des  Publikums  „unedles,  ja  ehrloses  Gebaren  nach  Gebühr  behandeln“
  könne.**)  Wie  gründlich  täuschte  er  sich  doch  über  die  Urteilsfähigkeit
  der  öffentlichen  Meinung,  die  zwischen  gemäßigter  und  radikaler
Opposition  noch  keineswegs  zu  unterscheiden  verstand.  Da  das  Machwerk
Feins  unbehelligt  umlief,  so  glaubten  die  Leser  allesamt,  der  Straßburgische
  Demagog  und  der  Freund  König  Friedrich  Wilhelms  hegten  im
Grunde  die  nämliche  Gesinnung.  In  solcher  Gestalt  dargeboten  wirkte
Schöns  Abhandlung  in  der  Tat  wie  eine  Brandschrift,  und  sein  Verbleiben
im  Amte  wurde  rein  unmöglich.

Und  doch  war  Schön  nicht  ganz  im  Irrtum,  wenn  er  von  dem
unberechenbaren  Charakter  des  Königs  bis  zuletzt  noch  eine  Sinnesänderung
  erhoffte.  Friedrich  Wilhelm  hatte  mit  dem  alten  Freunde  noch
nicht  ganz  gebrochen;  und  in  demselben  Augenblicke  da  er  Schöns  Entlassung
  genehmigte,  strafte  er  zugleich  dessen  Feinde.  Am  7.  April  wurde
General  Wrangel  zu  seinem  schmerzlichen  Erstaunen  nach  Stettin  versetzt,
  weil  der  König  meinte:  der  bärbeißige  Soldat  würde  in  Königsberg
zu  früh  schießen  lassen.  Zugleich  brach  auch  über  Rochow  das  Verhängnis
  herein.  Friedrich  Wilhelm  hielt  sich  verpflichtet,  die  offenbare  Parteilichkeit,
  welche  der  Minister  während  des  langen  Streites  gezeigt  hatte,
nicht  ungerügt  zu  lassen;  es  entging  ihm  nicht,  daß  Rochows  offiziöse
Zeitungsschreiber  an  der  Zügellosigkeit  der  liberalen  Presse  mitschuldig
waren;  dennoch  brachte  er  es  nicht  über  das  Herz,  dem  Freunde  die  ganze
Wahrheit  zu  gestehen.  Am  9.  April  sagte  er  dem  Überraschten  in  einem

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  24.  Mai  1842.
*“)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  23.  Mai;  Randbemerkung  des  Königs  zu
Rochows  Bericht  vom  21.  Mai  1842.
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        Rochows  Entlassung.  163

liebevollen  Briefe:  er  hätte  erfahren,  daß  Rochow  seiner  Gesundheit
halber  auszutreten  wünsche,  und  könne  ihn  nur  unter  Tränen  scheiden
sehen.  „Ich  habe“,  so  fuhr  er  fort,  „den  kalten  Verstand  zu  Hilfe  rufen
müssen,  und  Sie  wissen,  lieber  Freund,  daß  er  nicht  immer  kommt,  wenn
ich  ihn  rufe.  Er  ist  aber  diesmal  gottlob  gekommen,  und  jetzt  —
billige  ich  Ihre  Wünsche  Es  muß  notwendig  so  eingerichtet
werden,  daß  auch  die  Bosheit  nicht  behaupten  könne,  Sie  würden  Schön
zum  Opfer  gebracht.  Wenn  Sie  kurz  nach  Schöns  Abgang  Ihre  Stel—
lung  verändern,  so  ist  dies  politisch  gut  und  ersprießlich.“  Dann  ließ  er
ihm  die  Wahl  zwischen  mehreren  hohen  Ämtern.  Fünf  Tage  nachher
sendete  Rochow  das  ihm  also  aufgezwungene  Entlassungsgesuch  ein.  Er
fühlte  sich  tief  verletzt  durch  die  freundschaftlichen  Worte,  die  ihm  unter
solchen  Umständen  fast  wie  Heuchelei  erscheinen  mußten,  und  sagte  in  seinem
Begleitschreiben  sehr  deutlich,  daß  er  die  Gründe  seines  Sturzes  wohl  erraten
hatte.  Die  schwierige  Stellung,  so  schrieb  er,  ist  unter  den  seit  1840  ein—
getretenen  Verhältnissen  nur  dann  auszufüllen,  wenn  den  Minister  „der
Besitz  des  Einverständnisses,  des  offenen  Vertrauens  und  des  Schutzes
seines  Souveräns  dazu  befähigt,  einen  bestimmt  bezeichneten  Weg  konse—
quent  und  mit  frischem  Mute  zu  verfolgen.“  Das  Gesuch  ward  genehmigt,
und  zugleich  verfügte  der  König,  daß  Rochow,  da  er  kein  anderes  Amt
annahm,  den  Sitz  im  Ministerium  wie  im  Staatsrate  behalten  solle.)

Auch  diese  Befehle  wurden  vorläufig  noch  streng  geheim  gehalten;
und  so  konnte  das  Seltsame  geschehen,  daß  Rochow,  der  seinen  Abschied
bereits  in  der  Tasche  hatte,  noch  über  die  Schrift  des  ebenfalls  schon  entlassenen
  Schön  sein  Gutachten  abgeben  mußte.  Im  Juni  wagte  der  König
endlich  abzuschließen;  am  3.  wurde  Schöns,  am  13.  Rochows  Entlassung
veröffentlicht;  Schön  erhielt  die  Würde  eines  Burggrafen  von  Marienburg,
verlor  aber  seinen  Sitz  im  Staatsministerium.  So  lagen  denn  beide
Gegner  am  Boden,  obschon  beide  noch  bis  zuletzt  auf  eine  günstige  Wendung
  gehofft  hatten;  und  keine  Partei  wußte  recht,  ob  sie  klagen  oder
jubeln  sollte.  Zufrieden  waren  vorerst  nur  die  Klerikalen,  weil  Schön  und
Rochow  beide  für  Vertreter  der  alten  harten  Kirchenpolitik  galten.  Sehr
bald  zeigte  sich  jedoch,  daß  die  wunderliche  Entscheidung  nur  den  Liberalen
Schaden  brachte.  Als  Nachfolger  Schöns  wurde  Geh.  Rat  Bötticher
berufen,  ein  tüchtiger  Jurist,  der  sich  in  hohen  Richterstellen  bewährt
hatte,  in  der  Verwaltung  aber  nur  wenig  leistete  und  unter  den  Ostpreußen
  niemals  ein  gesichertes  Ansehen  erlangte;  seine  hochkonservative
Gesinnung  war  allbekannt,  und  der  König  sprach  bei  seinem  nächsten  Besuche
  auf  Marienburg  öffentlich  aus,  daß  er  ihn  nur  deshalb  zum  Oberpräsidenten
  ernannt  hätte.  Die  Stelle  des  kommandierenden  Generals  er- 



*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Rochow,  9.  April;  zwei  Eingaben  Rochows  an
den  König,  14.  April;  Thiles  Bericht  an  den  König,  24.  April  1842.
117
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        164  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

hielt  der  mit  Bötticher  nahe  befreundete  Graf  Friedrich  Dohna,  Scharn—
horsts  Schwiegersohn,  ein  alter  treuer  Genosse  des  Gerlach-Stolbergschen
Kreises;  er  konnte,  schon  weil  er  dem  altbeliebten  ostpreußischen  Grafen-Geschlechte
  angehörte,  leichter  als  Wrangel  in  Königsberg  Boden  gewinnen
und  trat  der  Partei  Schöns  zwar  in  etwas  milderen  Formen,  doch  ebenso
bestimmt  entgegen  wie  sein  Vorgänger.  Zu  Wrangel  aber  sagte  der  König
noch  in  diesem  Sommer  vertraulich:  er  habe  ihn  leider  einen  Augenblick
verkannt  und  jetzt  erst  durch  bittere  Erfahrungen  gelernt,  daß  Schön  mit
seinen  Freunden  in  der  Tat  sehr  gefährlich  wirke.

Die  Stimmung  des  entlassenen  Oberpräsidenten  verbitterte  sich  mehr
und  mehr.  Er  mahnte  Boyen  an  das  schöne  Beispiel  Esparteros,  der  die
Garde  aufgehoben  habe,  er  empfahl  den  Freigeist  Alexander  Humboldt  zum
Kultusminister;  er  versicherte  dreist,  Preußen  hätte  drei  Millionen  Taler
für  Don  Carlos  bezahlt  und  fand  des  Scheltens  wider  die  Rotte  Korah  gar
kein  Ende  mehr.  Die  große  Mehrzahl  der  Ostpreußen  empfand  Schöns  Ver—
abschiedung  wie  eine  Beleidigung  des  Landes.  Die  Stadt  Königsberg  verlieh
ihm  alsbald  das  Ehrenbürgerrecht,  die  Ritterschaft  wählte  ihn  zum  Abgeordneten
  für  den  Provinziallandtag;  die  Königsberger  Hartungsche  Zeitung,  die
jetzt  anfing  Leitartikel  unter  der  Überschrift  „Inländische  Zustände“  zu
bringen,  verherrlichte  den  Gestürzten  und  schlug  gegen  die  Krone  einen  gereizten,
  fast  drohenden  Ton  an.  Da  fürchtete  der  König,  Schön  könnte  auf
dem  nächsten  Landtage  die  Führung  der  Opposition  übernehmen.  Um  vorzubeugen,
  sendete  er  ihm  zu  Weihnachten  (21./27.  Dez.)  einen  neun  Folioseiten
  langen  Brief,  eine  feurige  Ansprache,  worin  sich  das  alte  noch  immer
nicht  erloschene  Freundschaftsgefühl  mit  verhaltenem  Unwillen  und  schmeichelnder
  Weiberschlauheit  gar  seltsam  vermischte.  Halb  zweifelnd,  halb  vertrauend
  sprach  er  die  Erwartung  aus,  daß  Schön  unter  den  Landständen
die  Vergiftung  der  öffentlichen  Meinung  bekämpfen  würde.  „In  meinem
geliebten  Ostpreußen  allein  herrscht  schnöder  Friedel!  In  dem  Lande,
welches  Gott  der  Herr  als  ein  Bollwerk  teutschen  Wesens  in  das  slawische
und  sarmatische  Wirrleben  vorgeschoben  hat,  wird  das  teutsche  Wort  in
Bann,  ja  in  schimpfliche  Bande  getan  durch  eine  Clique,  die  mit  Franzosen-Sinn
  und  Franzosen-Mitteln  wirkt:  mit  Lüge!  mit  Lüge!  .  Sehen
Sie,  lieber  Schön,  die  Lüge,  vor  der  fürchteichmich.“  Dieser  Clique,
die  doch  unzweifelhaft  zu  seiner  eigenen  Partei  gehörte,  sollte  Schön  entgegentreten
  im  Verein  mit  edlen  treuen  Männern  und  laut  verkünden:  „daß
das  Vorgeben  dem  König  zu  dienen,  den  König  zu  lieben
eine  infame  Lüge  ist,  wenn  man  zugleich  seine  Regierungs-Maschine,
  die  Ausführer  seiner  Absichten  antastet  undals
Feindedes  Volks  unddes  Lichtsdarstellt.“  Insbesondere  sollte
Schön  die  unter  Mißbrauch  seines  Namens  umhergetragene  Lüge  widerlegen,
daß  der  König  konstitutionelle  Pläne  hegte:  „Ich  will  keine  Felonie
gegen  meinen  treuen  Lehnsherrn  reibern  und  weder  von  einem
        <pb n="173" />
        Schön  und  Dohna.  165

menschlichen  Tage  noch  von  einem  Stück  Pergament  die  Rechte  meiner
Krone  nehmen.  Ich  will  nicht  die  Verfassung  meines  Landes  ändern.
Und  alles  dies,  weil  ich  nicht  darf.“  Darum  verlangte  er
Schöns  „Hilfe  gegen  das  Streben  der  Dunkelmänner,  Juden  und  Juden—
genossen“  und  trug  ihm  auf,  das  Schreiben  den  ostpreußischen  Freunden
zu  zeigen.

Er  fühlte  jedoch  insgeheim,  daß  Schön  diesem  Befehle  kaum  nachkom—
men  konnte,  ohne  sich  selbst  bloßzustellen,  und  ließ  daher  Abschriften  seines
Briefes  dem  neuen  Oberpräsidenten  sowie  anderen  namhaften  Männern
der  Provinz  zugehen.  Als  ihm  nun  Bötticher  meldete,  daß  Schön  über
„den  köstlichen  königlichen  Brief“  beharrlich  schwieg'),  da  geriet  er  in
schweren  Zorn.  Vergeblich  hielt  ihm  Schöns  Schüler  Flottwell  vor:  man
dürfe  die  Ostpreußen  nicht  mit  dem  gewöhnlichen  Maßstabe  messen,  da
dort  die  Mehrzahl  der  einsichtigen  und  zugleich  treu  ergebenen  Männer
„durch  die  Ideen  von  Kant  wie  die  Erde  von  den  Strahlen  der  herbstlichen
  Sonne  auf  eine  wunderbare  Weise  erleuchtet,  erwärmt,  ja  durchglüht
  würde.““**)  Neue  Kundgebungen  Jacobys  und  seiner  Königsberger
Freunde  brachten  den  Unmut  des  Monarchen  zum  Ausbruch,  und  er
wiederholte,  was  er  zu  Schön  gesagt,  noch  nachdrücklicher  in  einem  Briefe
an  General  Dohna  (24.  Febr.  1843)./““)  „Ich  möchte“,  schrieb  er  hier,
„wie  aus  Rolands  Horn  einen  Ruf  an  die  edlen  treuen  Männer  in
Preußen  ergehen  lassen,  sich  um  mich  wie  treue  Lehensmänner  zu  scharen,
die  kleineren  Übel  über  das  anwachsende  große,  jammerschwangere  Übel
zu  vergessen  und  auf  meiner  Seite  den  unblutigen  geistigen  Kampf  zu
kämpfen,  der  allein,  aber  gewiß  den  blutigen  Kampf  unmöglich  macht
Solch'  Unglück  ist  für  Preußen  und  für  Königsberg  insbesondere  die  Existenz
und  das  Walten  jener  schnöden  Judenclique  mit  ihrem  schwanzläppischen
und  albernen  Kläffer!!  Die  freche  Rotte  legt  täglich  durch  Wort,  Schrift
und  Bild  die  Axt  an  die  Wurzel  des  teutschen  Wesens;  sie  will  nicht
(wie  ich)  Veredlung  und  freies  Nebeneinanderstellen  der  Stände,  die  allein
ein  teutsches  Volk  bilden;  sie  will  Zusammensudeln  aller  Stände.  Ich
würde  Gott,  meinem  Volke  und  mir  selbst  lügen,  gäbe  ich  je  eine  Konstitution,
  eine  Charte  und  meinem  Volke  mit  ihnen  die  notwendigen
Bedingungen  zu  endlosen  Unwahrheiten:  erlogene  Unfehlbarkeit  des  Königs,
unwahre  Budgets,  Lüge  des  Angriffs  und  der  Verteidigung,  Lüge  des
Lobes  und  des  Tadels,  Komödie  vor  und  hinter  den  Kulissen,  wie
solches  zum  Schaden  und  zum  Ekel  in  den  konstitutionellen  Staaten
zu  sehen  ist,  wo  nur  eine  Wahrheit  waltet:  die,  daß  eine  Partei  sich

*7)  Böttichers  Bericht  an  den  König,  6.  Jan.  1843.

**)  Flottwell  an  König  Friedrich  Wilhelm,  Magdeburg,  24.  Dez.  1842.

***)  Die  beiden  großen  Briefe  des  Königs  an  Schön  und  Dohna  sind  vollständig
abgedruckt  in  den  „Aufzeichnungen  über  die  Vergangenheit  der  Familie  Dohna“  vom
Grafen  Siegmar  Dohna.  Tl.  4.  Textheft  B.  Berlin  1885.  (Manuskript).
        <pb n="174" />
        166  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

an  die  Stelle  der  anderen  setzen  will.“  General  Dohna  beeilte  sich
natürlich,  diesen  Brief  überall  zu  verbreiten,  und  von  konstitutionellen
Plänen  des  Königs  konnte  fortan  niemand  mehr  reden.

Ein  Jahr  nach  Schöns  Entlassung,  8.  Juni  1843,  feierten  die  Ost—
preußen  den  fünfzigsten  Jahrestag  seines  Eintritts  in  den  Staatsdienst.
Einige  angesehene  Männer  des  Landes  hatten  eine  Sammlung  veran—
staltet,  und  —  so  stark  war  schon  die  Macht  der  liberalen  Legende  —
selbst  aus  Süddeutschland  liefen  Beiträge  ein,  obgleich  der  eingefleischte
altpreußische  Partikularist  sich  um  die  übrigen  Deutschen  nie  viel  geküm—
mert  hatte.  Der  Ertrag  reichte  aus,  um  Schöns  Familiengut  Arnau
von  Schulden  zu  entlasten;  mit  dem  Überschusse  wollte  man  ihm  noch
bei  Lebzeiten  ein  Denkmal,  einen  Obelisken  in  Königsberg,  errichten,  ein
in  jener  Zeit  ganz  unerhörter  Plan,  den  der  König  genehmigte,  doch  ohne
dem  Jubilar  sonst  noch  eine  Gnade  zu  erweisen.  Schön  sträubte  sich
lange,  dem  Feste  der  Grundsteinlegung  beizuwohnen,  er  wollte,  wie  er  mit
verblüffender  Kindlichkeit  sagte,  keine  Untreue  gegen  sich  selbst  begehen.
Die  Mitglieder  des  Festausschusses  mußten  ihn  erst  mehrfach  durch  Briefe
und  Besuche  bedrängen,  bis  sie  sich  endlich  rühmen  konnten,  „einmal  im
Leben  seinen  Entschluß  geändert  zu  haben.“  Fast  die  ganze  Provinz
nahm  teil,  als  nunmehr  „großartiger  Bürgertugend  die  Huldigung  dargebracht“
  wurde;  nur  die  Strengkirchlichen  und  einige  aus  den  konservativen
  Adelskreisen  hielten  sich  fern.  Nicht  bloß  der  aufgeklärte  Theolog
Cäsar  von  Lengerke  ließ  seine  den  Liberalen  allezeit  gefällige  Leier  erklingen;
selbst  Eichendorff,  der  gut  katholische  Dichter,  der  während  seiner  Königsberger
  Amtszeit  das  Land  und  dessen  langjährigen  Beherrscher  lieben  gelernt
  hatte,  sendete  „dem  braven  Schiffer“  seinen  Festgruß:

Und  da  die  Brandung  sich  verlief,
Die  Wasser  müde  sanken,
Gerettet  hat  er  aus  dem  Tief
Den  Hort  uns  der  Gedanken.

Auch  die  Universität  überreichte  ihren  Glückwunsch;  denn  fast  überall
war  das  Professorentum  schon  für  den  Liberalismus  gewonnen.  Die
Hauptrede  hielt  Friedrich  von  Fahrenheid,  der  volksbeliebteste  Mann  vom
liberalen  ostpreußischen  Adel,  ein  transzendentaler  Pferdezüchter,  wie  Schön
ihn  nannte,  vielseitig  gebildet,  menschenfreundlich,  hochverdient  um  Wiesenbau
  und  Wettrennen.  Bescheiden  wies  der  Gefeierte  die  Lobsprüche  von
sich  und  sagte,  durchaus  nach  dem  Sinne  der  Ostpreußen:  alles  Verdienst
seines  ganz  der  Idee  gewidmeten  Lebens  gebühre  seinem  großen  Lehrer  Kant.
Es  war  ein  großes  Familienfest  der  Provinz,  und  auch  fernerhin  blieb  der
alte  Herr  bei  der  Mehrzahl  seiner  Landsleute  in  solchem  Ansehen,  daß  jeder
Zweifel  an  seiner  Größe  fast  wie  ein  Landesverrat  betrachtet  wurde;
denn  in  einer  langen  Amtsführung  war  sein  Name  unzertrennlich  mit
der  Provinz  verwachsen,  die  mannigfachen  guten  Früchte  seines  Wirkens
        <pb n="175" />
        Graf  Arnim  Minister  des  Inneren.  167

mußte  selbst  sein  Nachfolger  Bötticher  anerkennen?),  und  in  seinem  streitbaren
  Wesen  zeigten  sich  scharf  ausgeprägt  viele  Charakterzüge  des  ostpreußischen
  Volkstums,  nur  leider  nicht  der  schönste:  die  Wahrhaftigkeit.
Er  zog  sich  nach  seinem  stillen  Arnau  im  Pregeltale  zurück,  gründete
den  landwirtschaftlichen  Zentralverein,  dessen  Vorsitz  er  übernahm,  und
war  auch  sonst  vielfach  für  gemeinnützige  Zwecke  tätig.  Noch  lebhafter
beschäftigte  ihn  die  Sorge  um  den  eigenen  Nachruhm:  unablässig  bemühte
er  sich,  bald  junge  Gelehrte  ganz  mit  seinem  Geiste  zu  durchtränken,  bald
älteren  Historikern  jene  kunstvollen  Geschichtsdarstellungen  zu  übermitteln,
die  er  sich  zu  seiner  eigenen  Verherrlichung  ersonnen  und  dann  so  unzähligemal
  wiedererzählt  hatte,  daß  er  schließlich  selbst  daran  glaubte.
Zu  einer  großen  politischen  Wirksamkeit  gelangte  er  nie  mehr,  obgleich
der  König  ihm  die  persönliche  Freundschaft  mit  rührender  Treue  bewahrte.
  —

An  Rochows  Stelle  wurde  Graf  Arnim  aus  Posen  berufen.  Man
begrüßte  ihn  mit  großen  Erwartungen;  man  glaubte  allgemein,  der  kräftige,
  noch  nicht  vierzigjährige  Mann,  der  sich  auch  sofort  mit  jungen
Räten  umgab,  würde  die  gesamte  Richtung  des  Kabinetts  bestimmen.
Ein  Neffe  Steins  hatte  Arnim  seines  aristokratischen  Stolzes  nie  ein
Hehl;  er  nannte  es  einen  unschätzbaren  Vorzug,  daß  sein  Haus  eine  der
Stätten  sei,  wo  Recht  gesprochen,  wo  das  Unrecht  gestraft,  wo  die  Ordnung
  geschützt  würde.  An  den  englischen  Moden  und  Passionen,  welche
damals  in  die  vornehme  Welt  Deutschlands  und  Österreichs  einzudringen
begannen,  fand  der  Graf  viel  Freude;  seine  hohe,  etwas  steife,  stets  elegant
  gekleidete  Gestalt  erinnerte  mehr  an  einen  Lord  als  an  den  Sohn
eines  alten  deutschen  Kriegergeschlechtes;  nicht  ohne  Herablassung  schaute
der  blonde  Kopf  zwischen  den  mächtigen  Vatermördern  —  wie  man  die
neuen  Hemdkragen  nannte  —  auf  die  gewöhnlichen  Sterblichen  hernieder.
Aber  gleich  seinem  großen  Oheim  war  er  ganz  durchdrungen  von  dem
Grundsatze  des  Gleichgewichts  der  Rechte  und  der  Pflichten;  er  verlangte,
daß  der  preußische  Adel  sich  eine  Machtstellung  durch  politische  Arbeit
verdiene,  und  wünschte  dringend  baldige  Berufung  eines  Reichstags  auf
den  vorhandenen  ständischen  Grundlagen.  Dem  Könige  konnten  solche
Gedanken,  schon  weil  sie  so  einfach  und  zweckmäßig  waren,  unmöglich
zusagen;  in  seinem  selbstherrlichen  Stolze  hatte  er  es  indes  gar  nicht
für  nötig  gehalten,  sich  mit  dem  neuen  Minister,  der  ihm  persönlich  gefiel
  und  ja  doch  nur  Werkzeug  sein  sollte,  im  voraus  zu  verständigen.
Auch  in  ihren  religiösen  Anschauungen  stimmten  die  beiden  nicht  zusammen,
  da  Arnim  zwar  ein  gläubiger  Christ,  doch  jeder  Art  des  Pietismus
  feind  war  und  die  alte  staatskirchliche  Politik  Altensteins  zwar  behutsam
  weiterführen,  doch  keineswegs  aufgeben  wollte.  Arnim  übernahm

 

*)  Böttichers  Bericht  an  Thile,  2.  Juni  1844.
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        168  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

sein  Amt  mit  einem  Gefühle  der  Entsagung.  Er  war  bereit,  den  Tadel
für  alle  Mißgriffe  und  Mißerfolge  seines  königlichen  Herrn  ritterlich  auf
sich  zu  nehmen;  aber  der  große  staatsmännische  Ehrgeiz,  der  seinem  Zeit—
alter  die  Richtung  geben  will,  blieb  ihm  fremd,  und  für  einen  so  selb—
ständigen  Willen  war  in  diesen  Jahren  auch  kein  Raum.

Wie  das  neue  System  in  Posen  durch  Arnims  plötzliche  Abberufung
gestört  wurde,  so  kam  auch  die  für  Frankfurt  geplante  unternehmende  Bundespolitik
  sogleich  wieder  ins  Stocken,  da  Graf  Maltzan  nach  kurzer  Amtsführung
  tödlich  erkrankte,  und  nunmehr  der  Bundesgesandte  Heinrich  von  Bülow
im  Frühjahr  1842  das  Auswärtige  Amt  übernahm.  In  Petersburg  und
Wien  ward  diese  Ernennung  mit  Mißtrauen  aufgenommen,  da  der  Freund
Lord  Palmerstons  dort  für  einen  schlimmen  Liberalen  galt;  in  Berlin
erwartete  man  von  dem  geistreichen  Manne,  der  einst  an  der  Begründung
  des  Zollvereins  so  rührig  teilgenommen  hatte,  eine  entschlossene
nationale  Handelspolitik.  Gleich  darauf  starb  der  alte  Ladenberg,  und
Graf  Stolberg  übernahm  neben  dem  Hausministerium  noch  die  Verwaltung
  der  Domänen.  Also  war  nach  zwei  Jahren  das  Staatsministerium
endlich  ganz  neu  gestaltet.  In  ihren  alten  Stellen  blieben  nur  noch:  der
kränkelnde  Nagler,  der  sich,  ärgerlich  über  die  neue  Zeit,  ganz  auf  sein
Postfach  beschränkte,  der  ebenfalls  stark  gealterte  Rother  und  der  Justizminister
  Mühler.  —

 

Der  veränderte  Charakter  des  Regiments  offenbarte  sich  auch  in
der  unruhigen  Reiselust  des  neuen  Herrschers,  der  gern  unterwegs  war,
soweit  es  die  mangelhaften  Verkehrsmittel  irgend  erlaubten.  Auf  die
Huldigungsreisen  folgte  im  Spätsommer  1841  ein  längerer  Aufenthalt  in
Schlesien.  Den  Breslauer  Stadtbehörden  ließ  der  König  sagen,  daß  er  von
ihnen  weder  ein  Fest  noch  einen  feierlichen  Empfang  annehmen  wolle,  weil
sie  beim  schlesischen  Landtage  die  Berufung  der  Reichsstände  befürwortet
und  also  „offene  Opposition“  getrieben  hätten.  Die  Breslauer  antworteten
ehrfurchtsvoll,  das  sei  ihr  gutes  Recht  gewesen,  und  als  sie  dann  nochmals
durch  Abgesandte  einluden,  ließ  der  Zürnende  sich  besänftigen.  Er  wurde
glänzend  empfangen,  freute  sich  tiefbewegt  des  patriotischen  Jubels  seiner
treuen  Schlesier,  die  zugleich  den  hundertsten  Jahrestag  ihrer  Vereinigung
mit  Preußen  feierten,  und  bezauberte  wieder  alle  Herzen,  als  er  zum  Abschied
  in  begeisterter  Rede  der  alten  Stadt  „noch  tausend  Jahre  wie  diese
hundert“  wünschte.  Den  Stadträten  aber  sagte  er  in  einer  Audienz:  was
ihm  eine  fünfundzwanzigjährige  Erfahrung  als  unzweckmäßig  gezeigt,  das
lasse  er  sich  durch  keine  Macht  der  Erde  abzwingen;  sie  sollten  sich  hüten,
der  Zeit  vorzugreifen;  was  kommen  solle,  komme  doch.  So  verlangte  er
wieder  unbedingtes  Vertrauen  auf  Pläne,  deren  Sinn  niemand  enträtseln
  konnte.
        <pb n="177" />
        Russische  Reise.  169

Von  Schlesien  eilte  er  nach  Warschau,  um  mit  Kaiser  Nikolaus  zu—
sammenzutreffen.  Mehrmals  hatte  der  Zar  neuerdings  dem  Berliner
Hofe  heilig  beteuern  lassen,  die  Annäherung  an  England  solle  der  älteren.
und  engeren  Freundschaft  der  drei  Ostmächte  keinen  Abbruch  tun;  er
bemühte  sich  auch,  seinen  Gast  liebenswürdig  zu  empfangen.  Aber  die
harmlosen  Tage  waren  längst  vorbei,  da  die  Berliner  immer  den  Zaren
meinten,  wenn  sie  von  „dem  Kaiser“  schlechthin  sprachen.  Wie  das  wieder
emporkommende,  von  Nikolaus  selbst  begünstigte  Altmoskowitertum  gegen
die  kulturbringenden  Westler,  die  Deutschen  einen  barbarischen  Ingrimm
zeigte,  so  war  auch  in  Preußen  die  russische  Kriegsgenossenschaft  jetzt
gründlich  vergessen;  der  Zorn  der  Ostpreußen  über  „die  chinesische  Mauer“
der  moskowitischen  Nachbarn  vereinigte  sich  mit  dem  alten  Hasse  der
liberalen  Polenfreunde,  im  Hohne  gegen  Rußland  fanden  sich  fast  alle
Parteien  zusammen.  Unwillkürlich  wurden  auch  die  beiden  Herrscher  mit
berührt  von  der  veränderten  öffentlichen  Meinung  ihrer  Völker.  Nikolaus
war  etwas  gealtert,  aber  noch  immer  fühlte  er  sich  als  Gottes  auser—
lesenes  Werkzeug,  zum  Vernichtungskampfe  gegen  die  Revolution  fest
entschlossen,  und  seit  sein  Thronfolger  kürzlich  eine  hessische  Prinzessin  ge—
heiratet  hatte,  meinte  er  sich  mehr  denn  je  berufen,  über  Deutschlands
Ruhe  zu  wachen;  die  unberechenbare  Neuerungslust  Friedrich  Wilhelms
blieb  ihm  verdächtig.  Dem  Künstlergemüte  des  Königs  widerstand  die
harte  menschenverachtende  russische  Zucht;  er  langweilte  sich  bei  den  Ka—
sernengesprächen  dieses  Schwagers,  der  im  vollen  Ernste  sagte,  was  un—
schuldige  Leute  für  eine  boshafte  Erdichtung  hielten:  nichts  verdirbt  ein
Heer  so  sehr  wie  der  Krieg.  Die  kurze  Zusammenkunft  brachte  kein  po—
litisches  Ergebnis,  nicht  einmal  einen  gründlichen  Gedankenaustausch;
immerhin  erweckte  sie  dem  Könige  wieder  alte  teuere  Jugenderinnerungen.
Als  er  auf  der  Heimreise  bei  Kalisch  das  Denkmal  für  die  Jahre  1813
und  1835  erblickte,  dessen  Inschrift  den  Segen  Gottes  für  das  preußischrussische
  Bündnis  erflehte,  da  schritt  er  tief  bewegt  die  Stufen  hinauf  und
schrieb  mit  dem  Finger  „Amen“  unter  die  Zeilen  —  was  ihm  die  liberale
Welt  sehr  übel  nahm.  Im  November  besuchte  er  sodann  den  Münchener
Hof.  Bald  nachher  verlobte  sich  der  vielumworbene  Kronprinz  Max  von
Bayern  mit  der  schönen  Prinzessin  Marie  von  Preußen,  einer  Tochter  des
älteren  Prinzen  Wilhelm;  und  die  dem  Könige  so  teuere  Freundschaft
des  bayrischen  Hauses  schien  von  neuem  gesichert.

Noch  im  selben  Winter  folgte  die  englische  Reise.  Um  die  doch  recht
bemerkbare  Eifersucht  des  Zaren  zu  beschwichtigen,  wurde  dann  der  fünfundzwanzigste
  Jahrestag  seiner  Ernennung  zum  Chef  der  brandenburgischen
Kürassiere  mit  vielem  Glanze  gefeiert.  Als  Nikolaus  die  Abgesandten  seines
Regiments  empfangen  hatte,  sagte  er  zu  dem  preußischen  Gesandten  nicht
ohne  Wehmut:  das  seien  damals  doch  die  glücklichsten  Zeiten  seines
Lebens  gewesen,  die  Tage  der  jungen  Liebe  und  des  zwanglosen  Verkehrs
        <pb n="178" />
        170  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

mit  den  preußischen  Schwägern.“)  So  unschuldig  dachte  die  deutsche  Welt
jedoch  nicht  mehr.  Die  Königsberger  Zeitung  forderte  stürmisch  die  Befestigung
  Ostpreußens  und  sprach  von  einem  möglichen  Kriege  gegen  Rußland
  so  deutlich,  daß  der  russische  Gesandte  angewiesen  wurde,  sich  über
die  Milde  der  preußischen  Zensur  zu  beschweren.  Unter  solchen  Umständen
hielt  Friedrich  Wilhelm  für  ratsam,  der  silbernen  Hochzeit  des  russischen
Kaiserpaares  im  Juni  1842  selber  beizuwohnen.  Das  Familienfest  verlief
  in  guter  Freundschaft,  Kaiserin  Charlotte  bemühte  sich  redlich,  die
beiden  Schwäger  in  heiterer  Stimmung  zu  erhalten.  Doch  unterdessen
spielten  hinter  den  Kulissen  unerquickliche  politische  Verhandlungen.

Die  für  Preußen  so  lästige,  für  Rußland  so  vorteilhafte  Kartellkonvention
  war  dem  Ablaufe  nahe,  und  die  Königsberger  Kaufmannschaft  bat  den
König,  den  Vertrag  nicht  zu  erneuern,  worauf  ihr  der  herrische,  an  Rochows
  Zeiten  erinnernde  Bescheid  zuging:  solche  politische  Fragen  lägen
über  den  Gesichtskreis  der  Untertanen  hinaus.  Indessen  empfand  Friedrich
  Wilhelm  selbst,  wie  berechtigt  die  Klagen  seiner  Ostpreußen  waren.
Er  nahm  die  Kabinettsräte  Uhden  und  Müller  nach  Petersburg  mit,  um
in  vertraulichen  Unterhandlungen  eine  Milderung  der  Grenzsperre  durchzusetzen,
  und  unterstützte  beide  mit  der  ganzen  Macht  seiner  Beredsamkeit.)
  Ein  befriedigender  Abschluß  wurde  noch  nicht  erreicht,  obgleich  der
Zar  seinem  königlichen  Gaste  zu  Ehren  die  nach  Sibirien  verbannten
preußischen  Schmuggler  begnadigte,  und  man  trennte  sich  schließlich  nicht
ohne  Verstimmung.  Im  August,  bald  nach  der  Heimkehr  des  Königs,
befahl  eine  Kabinettsordre  die  Befestigung  Königsbergs  und  des  Städtchens
Lötzen  in  der  masurischen  Seelandschaft;  auch  Memel  und  einige  andere
kleine  Plätze  an  der  Ostgrenze  sollten  Festungswerke  erhalten.  Der  Plan
war  längst  vorbereitet,  denn  unleugbar  hatte  der  alte  König  über  der  Sorge
um  Deutschlands  Westgrenze  die  Ostmarken  militärisch  vernachlässigt;  das
gesamte  preußische  Land  östlich  der  Weichsellinie  entbehrte  der  Festungen,
und  sobald  General  Boyen  das  Kriegsministerium  übernahm,  schritt  er
sofort  daran,  das  seiner  geliebten  Heimat  angetane  Unrecht  zu  fühnen.
Daß  Preußen  dem  mächtigen  polnischen  Festungsdreieck  der  Russen  einige
Bollwerke  entgegenstellte,  konnte  an  der  Newa  billigerweise  nicht  befremden.
In  diesem  Augenblicke  aber  erschien  die  Kabinettsordre  wie  eine  Antwort
auf  den  Petersburger  Empfang,  und  man  hielt  das  Verhältnis  zwischen
den  beiden  Nachbarhöfen  überall  für  unfreundlicher,  als  es  war.

Auf  der  Heimreise  verweilte  der  Monarch  einige  Tage  in  Königsberg.
Er  wußte,  hier  sei  „im  Volke  ein  Grund  edelster  Gesinnung  und  uralter
Treue  wie  vielleicht  in  keinem  anderen  Lande“.  Darum  kam  er  in  den
ersten  sechs  Jahren  seiner  Regierung  fünfmal  nach  Ostpreußen,  in  der  aus- 



*)  Liebermanns  Bericht,  19.  April  1842.
**)  Bülow  an  Rauch,  20.  Aug.  1842.
        <pb n="179" />
        Die  Königsberger  Universität.  171

gesprochenen  Absicht,  durch  königliche  Großmut,  durch  rückhaltlose  Offen—
heit  dies  geliebte  Volk  ganz  für  seine  Krone  zu  erobern.  Diesmal  er—
schien  er  verstimmt,  nicht  bloß  wegen  der  anwachsenden  Partei  Jacobys,
sondern  auch  wegen  der  Universität,  die  ihm  als  langjährigem  Rektor
besonders  nahe  stand.  Vor  kurzem  war  der  Mecklenburger  Hävernick,
ein  gelehrter  Theolog  von  der  strengsten  Hengstenbergischen  Schule,  durch
Minister  Eichhorn  nach  Königsberg  berufen  worden,  damit  die  Exegese
des  Alten  Testaments  nicht  dem  liberalen  Lengerke  allein  überlassen
bliebe.  Hävernick  stand  im  Geruche  eines  Denunzianten,  denn  als  blutjunger
  Student  hatte  er  einst  der  Epvangelischen  Kirchenzeitung  jene
Kollegienhefte  von  Gesenius  und  Wegscheider  mitgeteilt,  aus  denen  nachher
Gerlach  sich  die  Waffen  zur  Bekämpfung  der  Hallischen  Rationalisten
schmiedete;)  und  trotz  der  langen  Jahre  seither  wollte  man  ihm  diesen
häßlichen  Streich  jugendlicher  Glaubenswut  noch  immer  nicht  verzeihen.
Die  Studentenschaft,  die  fast  durchweg  aus  Ostpreußen,  nebenbei  noch
aus  einigen  allezeit  lärmlustigen  Polen  bestand,  fühlte  sich  in  ihrem  Provinzialstolze
  beleidigt  und  bereitete  dem  Neuberufenen  einen  so  stürmischen
Empfang,  daß  er  auf  lange  hinaus  seine  Vorlesungen  einstellen  mußte;
nachher  brachten  die  jungen  Leute  seinem  Gegner  Lengerke  als  dem  Vertreter
  freier  Wissenschaft  ein  Ständchen,  und  der  Gefeierte  erwiderte  wohlgefällig,
  diese  Huldigung  gelte  nicht  ihm,  sondern  dem  Geiste  seiner  Lehre.
Anfangs  wollte  Friedrich  Wilhelm  kaum  glauben,  daß  „meine  Studenten“
sich  solcher  Ungebühr  erdreistet,  „nein  Senat“  sie  ungestraft  gelassen
hätte;  er  drohte  im  ersten  Zorne  den  Purpurmantel  der  Albertina  abzulegen.)
  Als  er  in  Königsberg  eintraf,  hatte  er  sich  schon  etwas  beruhigt;
er  belobte  die  Provinzialstände  wegen  der  würdigen  Haltung  des  Landtags,
an  die  Dekane  der  Universität  richtete  er  aber  eine  höchst  ungnädige  Ansprache,
  die  in  den  Zeitungen  sogleich  dermaßen  entstellt  wurde,  daß  die
Minister  sich  zu  amtlichen  Berichtigungen  genötigt  sahen.  **)  Der  letzte
Eindruck  war  sehr  peinlich.  Die  Ostpreußen  dankten  dem  Monarchen  seine
Liebe  wenig.  Sie  fanden  es  unköniglich,  daß  er  auch  in  kleinen  Dingen
regieren  wollte;  die  beständige  Väterlichkeit  ward  ihrem  Selbstgefühle  lästig.

Glücklicher  verlief  gleich  darauf  die  Reise  des  Königs  in  die  westlichen
Provinzen.  Mochte  er  nun  in  Minden  mit  freundlichen  Worten  dem  alten
Vinckeden  schwarzen  Adlerorden  überreichen  oder  den  Ravensbergischen  Geistlichen
  einschärfen,  alle  Furcht  vor  der  freien  Forschung  sei  Glaubensschwäche,
oder  in  Hamm  „mit  überfließendem  Herzen“  auf  das  Wohl  der  treuen  Grafschaft
  Mark  trinken,  oder  den  Bürgern  von  Barmen  danken  für  die  einst  dem
Kronprinzen  gewährte  Gastfreundschaft:  überall  zeigte  er  sich  gütig,  hochgemut,
  enthusiastisch  erregt;  es  war,  als  ob  ihn  ein  wonniger  Traum  um-*)

  s.  v.  III.  405.

**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Schön,  6.  Dez.  1841.
**)  Arnim  an  Thile,  19.  Okt.;  Stolberg  an  Arnim,  21.  Okt.  1842.
        <pb n="180" />
        172  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

fange.  Zu  den  Manövern  der  beiden  deutschen  Armeekorps  sodann  kamen
Offiziere  aus  fast  allen  Ländern  Europas,  mehrere  der  benachbarten  Fürsten
erschienen  persönlich;  nur  der  Großherzog  von  Baden  entschuldigte  sein
Ausbleiben,  er  durfte  sich  von  den  liberalen  Kammerrednern  nicht  nachsagen
lassen,  daß  er  preußischen  Ratschlägen  folge.')  Von  den  kriegerischen
Übungen  reiste  der  König  alsdann  zu  dem  Feste  der  zweiten  Grundsteinlegung
  des  Kölner  Doms.  Auch  Sulpiz  Boisseree  wollte  an  seinem  Ehrentage
  nicht  fehlen,  und  wie  erstaunte  er,  da  er  nach  langjähriger  Abwesenheit
  die  Heimat  wiedersah;  alles  war  anders  geworden  unter  der  preußischen
  Herrschaft,  die  wieder  aufgeblühten  alten  Städte  und  der  mächtige
Verkehr  auf  dem  befreiten  Strome,  anders  auch  die  Gesinnung  des  Volkes.
Einst  in  den  napoleonischen  Zeiten  hatten  die  Kölner  über  ihn  die  Achseln
  gezuckt,  wenn  er  ihnen  von  der  Erhaltung  ihres  ewigen  Domes  sprach,
und  es  keineswegs  befremdlich  gefunden,  daß  der  französische  Bischof  Berdollet
  die  alte  gotische  Steinmasse  ganz  abzutragen  dachte;  jetzt  drückten
alle  dem  Herausgeber  des  Domwerkes  freudig  die  Hand,  alle  meinten,
den  unvergleichlichen  Bau  wiederherzustellen,  sei  eine  Ehrenpflicht  der
Provinz.  Und  daß  es  so  stand,  daß  die  Rheinländer  ihrer  eigenen  großen
Vorzeit  wieder  liebevoll  in  die  Augen  zu  sehen  wagten,  das  verdankten
sie  der  Krone  Preußen,  die  dies  Land  seinem  halbwelschen  Sonderdasein
entrissen  und  in  die  Strömung  des  nationalen  Lebens  zurückgeleitet  hatte.
Gedanken,  die  aus  der  Literatur  verschwinden,  klingen  in  den  Sitten

der  Gesellschaft  oft  noch  lange  nach;  so  waren  auch  die  romantischen
Stimmungen,  obgleich  die  Chorführer  der  Dichtung  längst  andere  Wege
gingen,  am  Rheine  noch  sehr  mächtig.  Eben  in  diesen  Jahren  sang  Karl
Simrock  unter  dem  Jubel  seiner  Landsleute  die  schalkhafte  Warnung  vor
dem  Rhein:

An  den  Rhein,  an  den  Rhein,  zieh  nicht  an  den  Rhein,

Mein  Sohn,  ich  rate  dir  gut.

Da  geht  dir  das  Leben  zu  lieblich  ein,

Da  blüht  dir  zu  freudig  der  Mut.
Niemals  früher  waren  die  alten  Gemäuer  der  rheinischen  Schlösser  so  viel
besucht  und  gepriesen  worden  wie  jetzt,  da  die  neuen  Dampfbote  täglich  weinseliges
  junges  Volk,  Maler  aus  Düsseldorf,  Studenten  aus  Bonn,  Sänger
aus  Köln  rheinaufwärts  führten.  Prinz  Friedrich  von  Preußen  ließ  den
Rheinstein,  Bethmann-Hollweg  die  Burg  Rheineck  wieder  aufbauen,  Graf
Fürstenberg  auf  dem  Apollinarisberge  die  weithin  das  Stromtal  beherrschende
  prächtige  gotische  Kirche  errichten;  auf  den  Mahnruf  Ferdinand
Freiligraths,  der  in  Unkel  beim  roten  Bleichert  glückliche  Dichtertage
verträumte,  wurden  Sammlungen  veranstaltet,  um  den  eingestützten  Fensterbogen
  der  Burg  Rolandseck  herzustellen;  bald  nachher  entstand  auch
der  Königsstuhl  von  Rhense  aus  seinen  Trümmern  wieder.  Aus  diesen

*)  Radowitzs  Bericht,  20.  Aug.  1842.
        <pb n="181" />
        Der  Kölner  Dom.  173

romanisch-ästhetischen  Gefühlen  war  die  Begeisterung  für  den  Kölner  Dom
ursprünglich  hervorgegangen;  mit  ihnen  verbanden  sich  späterhin  der  rhei—
nische  Provinzialstolz  und  der  katholische  Glaubenseifer,  die  der  Bischofs—
streit  so  mächtig  erregt  hatte,  und  neuerdings,  zumal  seit  dem  Kriegslärm
des  Jahres  1840  auch  das  deutsche  Nationalgefühl.  Als  Görres  einst
im  Rheinischen  Merkur  aussprach,  dieser  unfertige  Riesenbau  sei  ein  Ver—
mächtnis,  das  die  großen  alten  Kaiserzeiten  dem  wiederbefreiten  neuen
Deutschland  zur  Vollendung  hinterlassen  hätten,  da  hörten  ihn  nur
wenige.  Jetzt  sprach  jedermann  im  gleichen  Sinne:  eben  hier  auf  dem  viel—
umstrittenen  linken  Ufer  wollte  man  den  Welschen  zeigen,  was  Kraft  und
Einmut  der  Germanen  vermöchten.  Wie  die  halbverschollene  Kyffhäuser—
sage  erst  in  diesen  Jahrzehnten  durch  Rückerts  Gedicht  neues  Leben  ge—
wann,  so  kamen  jetzt  altertümlich  klingende  Domsagen  in  Umlauf,  von
denen  sich  das  Mittelalter  nichts  hatte  träumen  lassen,  allesamt  echte
Kinder  der  vaterländischen  Sehnsucht  des  jüngsten  Geschlechts:  der  alte
Krahn  auf  dem  Stummel  des  Turmes  war  „ein  riesig  Fragezeichen“,
ein  Symbol  der  Zerrissenheit  des  Vaterlandes;  erst  wenn  er  dereinst  verschwunden
  war  und  die  beiden  Türme  vollendet  in  die  Lüfte  ragten,
dann  sollte  der  Traum  der  Jahrhunderte,  die  Einheit  Deutschlands  in
Erfüllung  gehen.
Und  nun  geschah,  was  einst  Schenkendorf?')  geweissagt:

Und  gefunden  ist  der  Meister

Und  der  alte  Bann  gelöst,

In  die  Herzen,  in  die  Geister

Neue  Lust  zum  Werk  geflößt.
Der  Dombaumeister  Zwirner,  ein  Schlesier  aus  Schinkels  Schule  überreichte
  dem  Könige  einen  wohldurchdachten  fertigen  Plan  für  den  Ausbau
des  gesamten  Domes,  ein  riesiges  Unternehmen,  daß  selbst  Beoisseree
früherhin  für  unmöglich  gehalten  hatte.  Unterdessen  traten  die  Bürger
Kölns  zusammen,  das  Werk  zu  fördern.  Anfangs  konnten  sie  sich  nicht
einigen,  weil  manche  eifrige  Katholiken  meinten:  solange  der  Stuhl  des
Oberhirten  im  hohen  Chore  leer  stehe,  dürfe  man  keine  Hand  regen.  Da
trat  der  junge  August  Reichensperger  ins  Mittel,  selbst  ein  strenger  Klerikaler,
  aber  zugleich  ein  guter  Preuße  und  warmer  Bewunderer  der  alten
rheinischen  Kunst;  er  mahnte  seine  Landsleute  in  einer  beredten  Flugschrift,
alle  Späne  zu  vergessen  und  den  günstigen  Augenblick  des  Thronwechsels
zu  benutzen.  So  ward  der  Widerstand  überwunden  und  der  große  Dombauverein
  gegründet,  der  gleich  der  St.  Peters-Brüderschaft  des  Mittelalters
  für  den  Ausbau  des  Gotteshauses  sammeln  und  arbeiten  sollte.
Nichts  konnte  dem  Könige  willkommener  sein.  Seit  er  einst,  von  Boisseree
geführt,  zum  ersten  Male  durch  das  Steinlaubwerk  des  Chorumgangs  gewandert
  war,  alle  diese  Jahre  hindurch  hatte  ihn  die  Hoffnung,  den  Wieder-*)

  Vg.  o.  II.  45.
        <pb n="182" />
        174  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

aufbau  der  Marienburg  noch  zu  überbieten,  in  seinen  Träumen  beschäftigt.
Er  übernahm  sofort  das  Protektorat  des  Domvereins  und  bestimmte
50  000  Taler  aus  Staatsmitteln  jährlich  für  den  Fortbau.  Die  gleiche
Summe  etwa  dachte  man  aus  freiwilligen  Beiträgen  zu  gewinnen;  und
da  Zwirner  die  Gesamtkosten  auf  5  Mill.  anschlug,  so  hielten  selbst
hoffnungsvolle  Schwärmer  für  wahrscheinlich,  daß  erst  das  zwanzigste
Jahrhundert  die  gänzliche  Vollendung  erleben  könnte.

Am  4.  September  wurde  der  zweite  Grundstein  gelegt,  fast  volle
sechshundert  Jahre,  nachdem  einst  Erzbischof  Konrad  von  Hochstaden  den
Bau  des  hohen  Chores  begonnen  hatte;  die  zerrissene  Kette  der  Zeiten  sollte
sich  wieder  schließen.  Der  König  besuchte  zuerst  den  Gottesdienst  in  der
protestantischen  Kirche;  denn  heute  am  wenigsten  wollte  er  seinen  evangelischen
  Glauben  verbergen,  dieser  Bau  war  ihm  ein  Werk  des  Brudersinnes
  aller  Bekenntnisse.  Darauf  fuhr  er  zum  Hochamt  in  den  Dom;
und  als  er  dann  draußen  im  Freien,  umgeben  von  der  Schar  seiner  fürstlichen
  Gäste,  von  der  Klerisei  und  einem  glänzenden  Gefolge,  von  dem  Dombauvereine
  und  einer  ungeheueren  Zuschauermenge,  den  Hammer  erhob,  um
den  Grundstein  zu  legen,  da  entlud  sich  die  Begeisterung  seiner  Künstlerseele
  wieder  in  einer  prächtigen  Rede:  „Hier,  wo  der  Grundstein  liegt,  dort
mit  jenen  Türmen  zugleich,  sollen  sich  die  schönsten  Tore  der  ganzen  Welt
erheben.  Deutschland  baut  sie,  so  mögen  sie  für  Deutschland  durch  Gottes
Gnade  Tore  einer  neuen,  großen,  guten  Zeit  werden.  Der  Geist,  der  diese
Tore  baut  .  .  .  ist  der  Geist  deutscher  Einigkeit  und  Kraft.  Ihm  mögen
die  Kölner  Dompforten  Tore  des  herrlichsten  Triumphes  werden!  Er  baue,
er  vollende!  Und  das  große  Werk  verkünde  den  spätesten  Geschlechtern  von
einem  durch  die  Einigkeit  seiner  Fürsten  und  Völker  großen,  mächtigen,  ja
den  Frieden  der  Welt  unblutig  erzwingenden  Deutschland!  Der  Dom  von
Köln,  das  bitte  ich  von  Gott,  rage  über  diese  Stadt,  rage  über  Deutschland,
über  Zeiten,  reich  an  Menschenfrieden,  reich  an  Gottesfrieden,  bis  an  das
Ende  der  Tage!“  Und  mit  der  Sicherheit  des  geborenen  Redners  die  Empfindungen
  seiner  rheinischen  Hörer  richtig  herausfühlend,  rief  er  zum  Schluß
„das  tausendjährige  Lob  der  Stadt:  Alaf  Köln!“  Ein  unbeschreiblicher
Jubel  folgte  diesen  Worten,  wie  einst  der  Königsberger  Rede;  aufs  neue
erbrauste  der  Beifallssturm,  als  nunmehr  der  alte  Krahn  droben  in  Be—
wegung  geriet  und  der  erste  Baustein  auf  den  Turm  emporschwebte.
Auch  auf  dem  Festmahle  nachher,  das  siebenhundert  Gäste  des  Königs
unter  einem  großen  Zelte  vereinigte,  herrschte  die  helle  Freude;  alte  Männer
fielen  einander  weinend  in  die  Arme  und  priesen  sich  glücklich,  diesen  Tag
noch  zu  erleben,  FriedrichWilhelm  selbst  überschüttete  den  aus  dem  Getümmel
herangeholten  Sulpiz  Boisseree  mit  dankbarer  Huld.  Am  Abend  war  die
Stadt  mit  ihren  malerischen  Türmen  festlich  beleuchtet  —  ein  unver—
geßlicher  Anblick  für  die  Tausende,  die  auf  reichbeflaggten  Dampfern  den
Rhein  auf  und  nieder  fuhren.
        <pb n="183" />
        Das  Domfest.  175

Unter  den  namhaften  Gästen  war  wohl  nur  einer,  den  die  allgemeine
Glückseligkeit  kalt  ließ:  Fürst  Metternich.  Der  stand,  derweil  der  König  redete,
in  dessen  nächster  Nähe  und  zog  einen  langen  Kamm  aus  der  Tasche,  um
sich  bedächtiglich  sein  gelichtetes  Haar  vom  Hinterkopf  nach  vorn  zu  strähnen.
Nicht  ohne  Ironie  betrachtete  er  jetzt  seinen  königlichen  Verehrer,  der
alles  in  Unruhe  bringe  und  immer  sich  selber  ins  Licht  zu  stellen  suche;
vor  Vertrauten  bespöttelte  er  diese  Siege  auf  Schlachtfeldern,  wo  kein  Blut
vergossen  würde,  und  meinte,  man  wisse  nicht,  ob  der  hohe  Herr  sich  selbst
oder  andere  mehr  berausche.  Leider  lag  ein  Körnlein  Wahrheit  in  diesem
boshaften  Urteile.  Friedrich  Wilhelms  Reden  waren,  wie  der  Bildhauer
Rietschel  mit  kongenialem  Verständnis  nachfühlte,  echte  Kunstwerke,  nicht
gemacht,  sondern  geworden,  unmittelbare  Ergießungen  seines  bewegten
Inneren  und  eben  darum,  wie  der  Geist  des  Redners  selbst,  ohne  klaren
politischen  Inhalt,  jeder  Deutung  und  Mißdeutung  fähig.  Gründlicher
als  hier  in  Köln  war  der  königliche  Redner  noch  niemals  mißverstanden
worden.  Der  junge  Poet  Robert  Prutz  sang  ihm  zu:

Herr,  die  Geschichte  drängt,  die  Räder  rollen,

Und  wollt'  es  Gott,  Gott  selber  hielt  sie  nicht  ...

So  sprich  das  Wort  zum  zweiten  Dombaufeste,

Sprich  aus  das  Wort:  Konstitution!
Und  wenn  auch  nur  ein  kleiner  Teil  seiner  Hörer  so  bestimmte  liberale
Wünsche  hegen  mochte,  so  glaubten  doch  alle,  daß  er  mit  seinen  verhei—
ßungsvollen  Worten  eine  ganz  neue  Ordnung  der  Dinge  ankündigen
wolle,  eine  Zeit  der  Erfüllung,  die  dem  Freiheits-  und  Einheitsdrange  der
Nation  endlich  gerecht  werden  müsse.  Er  aber  meinte,  das  einige,  den
Frieden  unblutig  erzwingende  Deutschland  hätte  sich  ja  schon  vor  zwei
Jahren  vor  aller  Welt  bewährt,  und  dachte  weder  den  Bundestag  noch
die  Souveränität  der  kleinen  Kronen  jemals  anzutasten.

Sobald  die  Nation  den  wahren  Sinn  der  königlichen  Worte  zu  er—
raten  begann,  mußte  der  patriotische  Hoffnungsrausch  der  Festtage  ver—
fliegen.  Aber  die  Begeisterung  für  den  Dombau  hielt  an.  Rascher,  als
man  zu  hoffen  gewagt,  schritt  die  Arbeit  vorwärts.  Meister  Zwirners
Bauhütte  wurde  eine  hohe  Schule  der  bildenden  Künste  für  unseren
Westen;  Männer  wie  Statz  und  F.  Schmidt  gingen  aus  ihr  hervor,
große  Talente,  die  das  Werk  der  Vorfahren  „nach  Zirkels  Kunst  und
Gerechtigkeit“  weiterführten  und  doch  die  überlieferten  Formen,  den  Ge—
fühlen  des  neuen  Jahrhunderts  gemäß,  leise  umbildeten;  nur  in  den
massenhaften  Skulpturwerken  des  Bildhauers  Fuchs  verriet  sich  oft
die  Flüchtigkeit  überhasteten  Schaffens.  Die  reichsten  Spenden  gab  wie
billig  das  Rheinland,  selbst  die  Studenten  in  Bonn  hatten  einen  akade—
mischen  Domverein  gebildet;  aber  auch  aus  Berlin  und  anderen  entlegenen
Städten  kamen  reiche  Beiträge.  Unter  den  Eifrigsten  war  König  Ludwig
von  Bayern.  Er  sprach  die  Hoffnung  aus,  daß  „seiner  Bayern  Mitwirkung“
        <pb n="184" />
        176  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

nicht  fehlen  werde,  wo  es  gelte,  „teutschem  Sinn  und  teutscher  Eintracht
ein  großartiges  Denkmal  zu  setzen“,  und  bemühte  sich  einen  Dombau—
verein  deutscher  Fürsten  zu  bilden.  Da  dieser  Plan  an  den  protestan—
tischen  Bedenklichkeiten  der  Höfe  von  Stuttgart  und  Kassel  scheiterte,  so
ging  der  Wittelsbacher  allein  vor  und  stellte  der  unter  seiner  Herrschaft
wieder  aufgeblühten  Kunst  der  Glasmalerei  eine  würdige  Aufgabe;  die
herrlichen  Fenster,  die  er  dem  südlichen  Seitenschiffe  schenkte,  konnten  den
Vergleich  mit  der  glühenden  Farbenpracht  der  Werke  des  Mittelalters
beinahe  aushalten.  Es  war  ein  schöner  Wetteifer;  die  Mehrheit  der  Na—
tion  ließ  sich  in  ihrer  politischen  Hochherzigkeit  nicht  beirren  durch  die
leider  sehr  nahe  liegende  Frage:  ob  denn  die  Priester  dieses  Domes  sich
selbst  bekennen  würden  zu  dem  Geiste  christlicher  Liebe,  der  den  königlichen
  Protektor  des  Baues  beseelte?

Nur  die  alten  Rationalisten  und  die  jungen  Atheisten  überschütteten
das  Unternehmen  mit  Spott  und  Hohn.  Der  halbverschollene  greise  Bretschneider
  in  Gotha  zeterte  wider  den  Kölnischen  Pfaffengeist,  da  ja  Görres
soeben  in  einer  warmen  und  ausnahmsweise  friedfertigen  Schrift  seinen
alten  Weckruf  erneuert  hatte.  David  Friedrich  Strauß  faßte  einen  grimmigen,
  geradezu  persönlichen  Haß  wider  den  Dombau,  denn  nach  seiner
Meinung  wohnte  „der  Gott  in  keinen  Tempeln  mehr“.  Heine  aber
weissagte  mit  wiehernder  Schadenfreude:

Er  wird  nicht  vollendet  trotz  allem  Geschrei

Der  Raben  und  der  Eulen,

Die  altertümlich  gesinnt  so  gern

In  hohen  Kirchtürmen  weilen.
Er  weidete  sich  an  dem  Gedanken,  daß  man  das  Gotteshaus  dereinst  noch
in  einen  Pferdestall  verwandeln  würde.  So  gänzlich  hatte  er  an  der
Seine  Fühlung  mit  seinem  verlassenen  Volke  verloren.  Die  geborenen
Franzosen  dachten  anders;  ihrer  viele  gestanden  mit  stillem  Neide:  zu
einem  solchen  Werke,  dessen  das  zerrissene  Deutschland  sich  erdreiste,  würde
romanischer  Opfermut  schwerlich  ausreichen.

Noch  einige  Wochen  verweilte  der  König  am  Rhein,  schwelgend
in  den  historischen  und  künstlerischen  Reizen  des  Landes.  Überall  riß
er  die  warmherzigen  Massen  hin;  selbst  die  gegen  alles  preußische  Wesen
noch  sehr  mißtrauischen  Aachener  fühlten  sich  geehrt,  als  er  in  gütiger
Ansprache  ihre  Treue  lobte.  Darauf  gab  er  in  Brühl,  dem  lieblichen
Rokokoschlosse  der  Kölnischen  Kurfürsten  seinen  hohen  Gästen  nochmals  ein
Fest  und  feierte  in  seinen  Trinksprüchen  erst  die  beiden  Helden  des  Befreiungskrieges,
  die  Könige  von  Württemberg  und  Niederland,  alsdann,
an  die  alte  Waffenbrüderschaft  erinnernd,  den  Erzherzog  Johann,  dessen
Name  „uns  anwehe  wie  die  Bergluft  der  Hochalpen“.  In  Deutschland
war  der  greise  Erzherzog  so  gut  wie  unbekannt,  von  den  wenig  glücklichen
Kriegstaten  seiner  Jugendjahre  sprach  längst  niemand  mehr.  In  der
        <pb n="185" />
        Trinkspruch  des  Erzherzogs  Johann.  177

Hofburg  dagegen  galt  er  für  verdächtig;  das  alte  grundlose  Märchen,  daß
er  in  den  napoleonischen  Tagen  sich  ein  Alpenkönigreich  Rhätien  hätte
schaffen  wollen,  fand  dort  noch  immer  Glauben.  Seit  Jahren  lebte  er
dem  Hofe  fern  in  der  Steiermark,  ein  rüstiger  Landwirt  und  Gemsjäger,
mit  vielen  Gelehrten  und  Künstlern  befreundet,  eifrig  bemüht  um  die
wissenschaftlichen  Sammlungen  der  steirischen  Hauptstadt.  Er  sah  aus
wie  ein  schlichter  Bauersmann,  und  die  seinem  Hause  eigentümliche  Kunst
der  gemütlichen  Anbiederung  verstand  er  aus  dem  Grunde;  auch  wußte
man,  daß  er  sich  unter  Freunden  zuweilen  mit  dem  Unmute  des  gebildeten
  Mannes  über  die  Torheiten  der  k.  k.  Zensur  äußerte.  So  gelangte
er  unverdientermaßen  in  den  Ruf  eines  Oppositionsführers;  noch  lauter
ward  seine  Freisinnigkeit  gepriesen,  als  er  sich  in  die  Tochter  eines  einfachen
  Posthalters  verliebte  und  dies  wackere  Kind  heimführte,  denn  der
gefühlvolle  Liberalismus  jener  Tage  schwärmte  für  Mißheiraten  ganz  so
treuherzig  wie  die  Putzmacherinnen  und  die  Ladenmädchen.  Auf  den
Trinkspruch  des  Königs  dankte  der  Erzherzog  tiefgerührt  und  schloß  etwa
also:  „Solange  Preußen  und  Osterreich,  solange  das  übrige  Deutschland,
  soweit  die  deutsche  Zunge  klingt,  einig  sind,  werden  wir  unerschütterlich
dastehen  wie  die  Felsen  unserer  Berge.“  Wunderbar  war  die  Wirkung
dieser  unschuldigen  Worte;  den  Zeitgenossen  schien  es  ganz  unerhört,  daß
ein  Erzherzog  in  Gegenwart  Metternichs,  und  mit  den  Worten  des  verfemten
  Arndtschen  Vaterlandsliedes  die  Einigkeit  Deutschlands  gepriesen
hatte.  Sofort  wurde  der  alte  Herr  ein  berühmter  Mann;  die  Zeitungen
versicherten,  er  hätte  gesagt:  kein  Österreich,  kein  Preußen  mehr!  ein
einig  Deutschland  hoch  und  hehr,  ein  einig  Deutschland  fest  wie  seine
Berge!  In  Nationen,  die  einer  großen  Entscheidung  entgegenzittern,
walten  die  Kräfte  der  Mythenbildung  mit  rätselhafter  Stärke;  sie
warfen  sich  jetzt  auf  den  Osterreicher  und  gestalteten  ihn  zu  einem  volkstümlichen
  Helden,  ganz  wie  die  Italiener  sich  bald  nachher  ein  phantastisches
  Idealbild  von  dem  liberalen  Papste  Pius  IX.  aufbauten.  Der
neckische  Humor  der  Weltgeschichte  war  damit  noch  nicht  erschöpft;  die
Zeit  sollte  kommen,  da  Erzherzog  Johann  zur  Belohnung  für  einen  Trinkspruch,
  den  er  so  nicht  gehalten,  an  die  Spitze  der  deutschen  Nation
berufen  wurde.

Nach  dem  Brühler  Festmahle  rastete  Friedrich  Wilhelm  eine  Weile
auf  seinem  Stolzenfels.  Dann  ging  er  nach  Trier,  wo  ihn  die  alten
Erinnerungen  wieder  zu  einer  Rede  begeisterten.  Als  er  darauf  nach  Saarbrücken,
  an  die  äußerste  Westgrenze  seines  Reiches  kam,  da  stieg  das  Bild
der  fernen  Ostmark  vor  seiner  Seele  auf,  das  Bild  der  anderen  Grenzstadt,
wo  er  erst  vor  zwei  Monaten,  von  Rußland  heimkehrend  gelandet  war.
Für  dies  Memel  hegte  er  stets  eine  Passion,  wie  er  sagte;  dort  waren
ihm  einst  frohe  Knabentage  vergangen,  dort  hatte  er  so  oft  am  Strande
geträumt,  wenn  die  Dünenreihe  der  Nehrung  im  geheimnisvollen

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte  V.  12
        <pb n="186" />
        178  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Dämmerscheine  der  langen  nordischen  Sommernächte  wie  ein  goldgrüner
Schleier  über  dem  Meere  lag.  In  sinnigen  Worten  faßte  er  jetzt  zu—
sammen,  was  er  für  den  Osten  wie  für  den  Westen  seiner  Lande  empfand,
und  trank  auf  das  Wohl  der  beiden  Städte  Saarbrücken  und  Memel.
So  wand  er  sich  Rose  auf  Rose  in  den  Kranz  seines  Lebens.  Er  be—
durfte  des  Glückes;  in  solchen  Tagen  poetischer  Wanderfreuden  sprühte
er  von  Geist  und  Leben.  Der  Eindruck  war  so  blendend,  daß  selbst  der
nüchterne  König  von  Württemberg  ganz  bezaubert  von  den  rheinischen
Festen  heimkam,  und  der  Gesandte  aus  Stuttgart  ehrlich  berichtete:  „wenn
Seine  Majestät  überhaupt  ein  Herz  für  irgend  jemand  auf  der  Welt
haben,  so  ist  es  Euerer  Majestät  zugewandt.“*)

Auch  außerhalb  des  Rheinlandes  erwarb  sich  Friedrich  Wilhelm  durch
diese  Festreden  für  kurze  Zeit  wieder  die  Gunst  des  Volkes;  denn  überall
in  Deutschland  herrschte  während  des  heißen  Sommers  von  1842  eine
gehobene  patriotische  Stimmung.  Mehr  noch  als  die  Freude  an  dem
großen  rheinischen  Nationalwerke  beschäftigte  die  deutschen  Herzen  die  ge—
meinsame  Teilnahme  für  das  unglückliche  Hamburg.  Am  5.  Mai,  als
man  gerade  die  neue  Eisenbahn  nach  Bergedorf  festlich  zu  eröffnen  dachte,
wurde  die  Hansestadt  von  einem  ungeheueren  Brande  heimgesucht.  Drei
und  einen  halben  Tag  hindurch  wüteten  die  Flammen;  an  zweitausend
Häuser,  mehr  als  ein  Fünftel  der  Stadt,  sanken  in  Asche,  darunter  alle
die  prächtigen  neuen  Gebäude  des  Jungfernstiegs  an  dem  Wasserbecken
der  Alster;  fast  zwanzigtausend  Menschen  verloren  ihr  Obdach,  den  Schaden
schätzte  man  auf  45  Millionen  Taler.  Das  grauenhafte  Schauspiel
erinnerte  an  die  Sagen  des  Altertums.  Ein  Funkenregen,  wie  er  einst
auf  Pompeji  herabsank,  wurde  vom  mißgünstigen  Winde  weithin  über
die  Stadt  getragen;  in  mächtigen  Springquellen  stieg  der  brennende  Sprit
aus  den  großen  Weinlagern  auf  und  nieder,  das  Wasser  der  Fleete  mit
blauen  Flämmchen  bedeckend;  die  schreckliche  Hitze  und  ein  feiner  Staub,
der  wie  glühendes  Mehl  in  alle  Poren  drang,  benahmen  den  Menschen
fast  die  Sinne.  Zu  Anfang  betrugen  sich  die  Behörden  schwach  und
kopflos;  auch  die  Bürger  zeigten  die  allen  Großstädtern  bei  Feuerlärm
eigentümliche  Gleichgültigkeit  und  vertrauten  blindlings  auf  ihre  gerühmten
  Löschanstalten.  Die  Größe  der  Gefahr  ward  erst  erkannt,  als  der
hohe  Turm  der  Nikolaikirche  jählings  auf  das  Kirchendach  herabstürzte,
mit  seinen  umherfliegenden  Trümmern  alle  Häuser  ringsum  entzündend,
und  sein  schönes  Glockenspiel  im  Herabfallen  wie  in  wahnsinniger  Verzweiflung
  grelle  Mißtöne  erklingen  ließ.  Nun  erst  erlaubte  der  Senat,
daß  unter  der  Leitung  des  verdienten  englischen  Ingenieurs  Lindley  ganze
Häuserreihen  in  die  Luft  gesprengt  oder  mit  Kanonen  zusammengeschossen
wurden,  sogar  das  ehrwürdige  Rathaus,  wo  der  Senat  ein  halbes  Jahr- 



*)  Rochows  Bericht,  25.  Sept.  1842.
        <pb n="187" />
        Brand  von  Hamburg.  179

tausend  hindurch  getagt  hatte.  Am  dritten  Tage  hatten  sich  die  Bürger
an  die  Gefahr  gewöhnt  und,  obwohl  auch  ihre  älteste  Kirche,  St.  Petri
noch  in  Trümmer  fiel,  doch  die  Hoffnung  gewonnen,  daß  die  Stadt  nicht
ganz  verloren  sei;  mit  wachsender  Zuversicht  und  zuletzt  in  trefflicher
Ordnung  führten  sie  den  Kampf  zu  Ende.

Wie  immer,  wenn  die  Sterblichen  vor  der  Macht  der  Elemente  ihre
Kleinheit  fühlen,  traten  alle  edlen  und  alle  gemeinen  Kräfte  der  mensch—
lichen  Natur  zugleich  zu  Tage.  Wenn  die  Pulverwagen  durch  die  bren—
nenden  Straßen  fuhren,  dann  setzten  sich  manche  wackere  Bürger-Artil—
leristen  freiwillig  auf  die  Pulverfässer,  um  sie  mit  ihrem  Leibe  gegen  die
umherstiebenden  Funken  zu  decken.  Aber  auch  der  berüchtigte  Pöbel  vom
Hamburger  Berge  und  Massen  wüsten  Gesindels  vom  Lande  her  waren
zusammengeströmt;  die  Unholde  umtanzten  die  Flammen  mit  viehischem
Gejohle,  hielten  ihre  Saufgelage  in  den  brennenden  Häusern,  raubten,
plünderten,  zerstörten  nach  Herzenslust;  und  das  Bürgermilitär,  das  sich
überhaupt  in  dieser  ernsten  Probe  weit  besser  hielt  als  sonst  auf  den
Exerzierplätzen,  mußte  mehrmals,  mit  den  Linientruppen  vereint,  den
scheußlichen  Banden  Straßengefechte  liefern.  Selbst  ruhige  Männer
wurden  krankhaft  aufgeregt  durch  den  finsteren  Argwohn,  der  bei  solchem
Unheil  selten  ausbleibt.  Die  Engländer  steckten  die  Stadt  an  —  so  hieß
es  überall,  denn  die  große  Maschinenfabrik  auf  dem  Grasbrook  beschäf—
tigte  viele  englische  Arbeiter,  die  den  einheimischen  längst  verhaßt  waren;
und  manche  Leute  von  englischem  Aussehen,  auch  der  junge  Dichter  Fried—
rich  Hebbel  sahen  sich  von  der  erhitzten  Menge  schwer  bedroht.  In  der
langen  Untersuchung  nachher  wurde  jedoch  kein  einziger  Fall  von  Brandstiftung
  nachgewiesen,  auch  die  erste  Ursache  des  Unglücks  blieb  immer
verborgen.  Als  die  Gefahr  überwunden  war,  da  zeigte  sich  erst,  was
Deutschland  an  dem  Reichtum  und  dem  Bürgersinne  seiner  ersten  Handelsstadt
  besaß.  Schon  nach  wenigen  Tagen  erklärte  man  den  benachbarten
Regierungen  zuversichtlich:  für  den  Geldverlust  könne  die  Stadt  allein
aufkommen..)  Der  Stolz  der  Kaufmannschaft,  die  neue  Börse,  war
unter  der  Hut  beherzter  Männer  unversehrt  geblieben  inmitten  der  Trümmer;
  die  Bank  hatte  ihre  Schätze  gerettet  und  das  Abschreiben  nicht
einen  Tag  lang  eingestellt,  auch  in  den  Häfen  war  die  Arbeit  nicht  gänzlich
  unterbrochen  worden.  Salomon  Heine,  der  reiche  Oheim  des  Dichters
setzte  durch,  daß  der  Disconto  nicht  über  vier  vom  Hundert  steigen  durfte;
zwanzig  Firmen  bildeten  alsbald  eine  Darlehnsgesellschaft  mit  12  Millionen
  Mark  Banco  Capital,  und  im  August  schon  konnte  die  Stadt  eine
große  Anleihe  zu  3  Prozent  aufnehmen.  Nun  wurden  die  weiten  Trümmerfelder
  abgeräumt,  wobei  man  noch  zehn  Wochen  nach  dem  großen  Brande
in  manchen  Kellern  fortschwelendes  Feuer  fand,  die  zerstörten  Straßen

 

*)  Thiles  Bericht  an  den  König,  16.  Mai  1842.
127
        <pb n="188" />
        180  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

schöner  und  stattlicher  wieder  aufgebaut,  die  Häfen  erweitert,  neue  Ver—
bindungen  mit  dem  linken  Elbufer  eingerichtet.

So  erfüllte  sich,  was  Schenkendorf  in  der  Trübsal  der  napoleonischen
Herrschaft  vorhergesagt:  man  sah  in  jungen  Ehren  den  Phönix  Hamburg
wieder.  Doch  die  Not  lehrt  nicht  bloß  beten,  sie  lehrt  auch  in  sich  gehen
und  um  sich  blicken.  Die  politischen  Gebrechen  des  unbehilflichen  altvä—
terischen  Gemeinwesens  waren  in  den  Schreckenstagen  doch  gar  zu  fühl—
bar  geworden;  bald  nachher  beschloß  die  angesehene  Patriotische  Gesell—
schaft,  auf  den  Antrag  des  Publizisten  Wurm,  des  Doktors  Kirchenpauer
und  anderer  jüngerer  Bürger,  den  Senat  um  Trennung  von  Rechtspflege
und  Verwaltung,  um  ein  freieres  Wahlverfahren  in  den  städtischen  Kolle—
gien,  endlich  um  Verbesserung  des  verwahrlosten  Polizeiwesens  zu  bitten.
Der  alte  Bürgermeister  Bartels  aber  und  die  Mehrzahl  der  Senatoren
erklärten  diese  bescheidenen  Wünsche  für  jakobinisch,  und  da  auch  die  Mehrzahl
  der  Bürgerschaft,  ganz  dahingenommen  von  wirtschaftlichen  Sorgen,
für  politische  Fragen  jetzt  keinen  Sinn  hatte,  so  kam  von  allen  geplanten
Reformen  nur  die  eine  zu  stande,  daß  die  Juden  fortan  überall  in  der
Stadt,  nicht  wie  bisher  nur  in  bestimmten  Stadtvierteln  wohnen  durften.
Nach  wenigen  Jahren  sollten  sich  diese  politischen  Unterlassungssünden
schwer  bestrafen.

Bei  dem  Wiederaufbau  der  Stadt  half  die  gesamte  Nation  brüderlich
  mit.  Schon  während  des  Brandes  eilten  aus  allen  deutschen  Nachbarstaaten
  Truppen  und  Löschmannschaften  herbei,  und  auch  nachher  kam
die  beste  Hilfe,  wie  billig,  aus  Deutschland,  obgleich  die  gesamte  gesittete
Welt,  namentlich  das  mit  dem  großen  Freihafen  der  Elbe  durch  so  mannigfache
  Interessen  verbundene  Nordeuropa  reiche  Beiträge  spendete.  Vorräte
  aller  Art  wurden  elbabwärts  gebracht,  so  daß  die  kleinen  Leute  in
Hamburg,  die  nur  wenig  verloren,  aber  jetzt  viel  zu  verdienen  hatten,  nach
dem  Brande  fast  besser  lebten  denn  zuvor;  an  barem  Gelde  sendete  das
noch  immer  arme  Binnenland  in  wenigen  Monaten  mehr  denn  1,6  Mill.
Mark  Banco.  Selbst  im  Süden,  wo  man  die  Hansestädte  wegen  ihrer
Handelspolitik  wenig  liebte,  bekundete  sich  das  Mitgefühl  in  manchen
rührenden  Zügen;  in  Heidelberg  bildeten  sogar  die  Dienstmädchen  einen
Hilfsverein.  Und  alle  diese  Werke  der  Barmherzigkeit  verklärte  der  patriotische
  Gedanke.  Zahllose  Gedichte  und  Aufrufe  sprachen  aus:  durch
den  Kölner  Dom  und  den  Wiederaufbau  Hamburgs  müßten  die  Deutschen
zeigen,  daß  sie  als  Landsleute  in  Freud  und  Leid  zusammenstünden.  Der
Naturdrang  der  nationalen  Einheit  wallte  kräftig  auf,  und  ganz  im  Sinne
seines  Volkes  sang  Hoffmann  von  Fallersleben:

Ja  in  Hamburgs  Feuerscheine
Tat  uns  Gott  die  Wahrheit  kund,

Und  des  Neubaus  erste  Steine
Sind  der  neue  deutsche  Bund.
        <pb n="189" />
        Friedrich  Wilhelm  in  Neuenburg.  181

Auch  der  König  von  Preußen  nahm  an  dem  Werke  der  Barmherzigkeit
freudig  teil.  Er  half  durch  seine  Truppen  die  Ordnung  aufrecht  halten,
schickte  den  Oberpräsidenten  Flottwell  hinüber,  um  selbst  nachzusehen,  wo
Hilfe  not  täte,  spendete,  wie  die  meisten  anderen  deutschen  Fürsten  ein  großes
Geldgeschenk,  ließ  überall  in  seinem  Staate  eine  Haus-  und  Kirchenkollekte
veranstalten,  weil  er  glaubte,  daß  seine  Preußen  diese  Not  „als  gemein—
same  Not  empfinden  würden“,  und  da  die  vom  Bundestage  so  oft  ver—
folgte  Buchhandlung  von  Hoffmann  und  Campe  durch  den  Brand  schwer
gelitten  hatte,  so  erlaubte  er,  daß  ihre  Verlagswerke,  die  in  Preußen  erst
kürzlich  wieder  in  Bausch  und  Bogen  verboten  worden  waren,  fortan  frei
umlaufen  durften.  Diese  Gnade  rechnete  man  ihm  hoch  an,  weil  sie  der
liberalen  Sache  zu  gute  kam,  und  nur  wenige  bedachten,  welch  eine  Willkür
doch  in  solcher  Gemütlichkeit  lag.

Vom  Rhein  reiste  der  König  zu  seinen  treuen  Neuenburgern,  die  ihm
vor  kurzem  jubelnd  gehuldigt  und  dafür  die  altherkömmliche  Zusage  erhalten
  hatten,  daß  er  die  Landschaft  nie  veräußern,  ihre  Rechte  allezeit
wahren  würde.  Mit  allem  monarchischen  Pomp  empfing  der  Kanton
seinen  Fürsten;  die  Glocken  läuteten,  auf  den  Triumphbogen  wehten  preußische
  und  neuenburgische,  nur  selten  ein  schweizerisches  Banner.  Die
amtliche  Welt  dachte  durchaus  royalistisch,  vom  jüngsten  Leutnant  bis  hinauf
  zu  Baron  Chambrier,  dem  einflußreichsten  Manne  des  Fürstentums;
auch  die  Massen  bekundeten  lebhafte  Freude,  denn  die  im  stillen  angewachsene,
  aber  noch  führerlose  radikale  Partei  hielt  sich  scheu  zurück.  So  empfing
  der  König  die  allergünstigsten  Eindrücke  und  sagte  oft:  auf  keine  meiner
Untertanen  bin  ich  so  stolz.  Er  ahnte  nicht,  wie  bald  das  Schicksal  ihn
fragen  sollte,  ob  er  der  Mann  sei,  diesen  Getreuen  seinen  Eid  zu  halten.  —

Während  aller  dieser  Reisen  beschäftigte  den  König  fortwährend  die
Ausbildung  der  seinem  Herzen  so  teuren  ständischen  Institutionen.  Beglückt
  durch  den  friedlichen  Verlauf  der  letzten  Landtage,  hatte  er  bereits
im  Frühjahr  die  Absicht  ausgesprochen,  die  neu  gebildeten  ständischen
Ausschüsse,  die  noch  in  keiner  Provinz  ihre  Tätigkeit  begonnen  hatten,
schon  in  diesem  Jahre  insgesamt  als  Vereinigte  Ausschüsse  nach  Berlin
zu  berufen.  Ein  zwingender  Grund  lag  freilich  nicht  vor;  man  wußte
nicht  einmal,  womit  sich  die  Ausschüsse  beschäftigen  sollten.  Friedrich
Wilhelm  fühlte  sich  jedoch  in  der  Stimmung  eines  glücklichen  Vaters,
der  es  nicht  erwarten  kann,  seinen  wohlgeratenen  Kindern  eine  frohe
Überraschung  zu  bereiten.  Als  am  11.  Juni  das  Staatsministerium
mit  der  ständischen  Kommission  zu  gemeinsamer  Besprechung  zusammentrat,
  da  zeigte  sich  fast  jedermann  ratlos.  Niemand  verstand  recht,
was  diese  Ausschüsse  eigentlich  bedeuteten.  Sie  waren,  wie  es  die  Verordnung
  vom  22.  Mai  1815  für  die  künftigen  Reichsstände  vorschrieb,
„aus  den  Provinzialständen  gewählt.“  Waren  sie  nun  selber  die  damals
verheißene  Landesrepräsentation,  oder  sollten  sie  nur  über  Fragen,  die  der
        <pb n="190" />
        182  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Monarch  ihnen  nach  freiem  Ermessen  vorlegte,  unmaßgebliche  Ratschläge
erteilen?  Der  König  meinte  unzweifelhaft  das  letztere,  er  dachte  nach
seiner  patriarchalischen  Weise  die  Preußen  erst  durch  die  Schule  der  Aus—
schuß-Beratungen  zu  erziehen,  um  ihnen  späterhin  noch  größere  ständische
Rechte  zu  gewähren.  Doch  wer  konnte  die  Ratschlüsse  dieser  geheimnisvollen
  Staatskunst  ergründen?

Sehr  nachdrücklich  erklärte  sich  der  Thronfolger  wider  das  Vorhaben
des  Königs.  Dem  klaren  Blicke  des  Prinzen  von  Preußen  entging  nicht,
wie  unbedacht  man  das  Volk  erregte  und  die  Hoffnungen  der  anwachsenden
  konstitutionellen  Partei  aufstachelte,  wenn  immer  nur  Tropfen  für
Tropfen  kleine  Gewährungen  aus  dem  verborgenen  Borne  königlicher
Gnade  herniedersickerten.  Ihm  lag  vornehmlich  an  einer  ruhigen,  stetigen
Entwicklung.  Darum,  so  sprach  er,  solle  man  nur  erst  die  neuen  Ausschüsse
  der  einzelnen  Provinziallandtage  in  Wirksamkeit  setzen  und  abwarten,
  wie  sie  sich  bewährten.  Was  könne  eine  verfrühte  Berufung  der
Vereinigten  Ausschüsse,  ohne  einen  erheblichen  Gegenstand  der  Beratung,
anders  bewirken  als  falsche  Erwartungen?  Besser  also,  man  verschiebe
die  Einberufung,  bis  man  wichtige  Gesetzentwürfe  vorzulegen  habe;  dann
biete  sich  von  selbst  die  rechte  Gelegenheit,  um  die  lange  Reihe  der  ständischen
  Versprechungen  endlich  abzuschließen  und  ganz  bestimmt  zu  erklären:
„daß  das  Gebäude  der  ständischen  Einrichtungen  hiermit  vollendet  und  eine
weitere  Konzession  nicht  zu  erwarten  sei.“  Die  Meinung  des  Prinzen
ging  demnach  dahin,  daß  die  Vereinigten  Ausschüsse,  nachdem  sie  einmal
leider  durch  den  Befehl  des  Königs  geschaffen  waren,  dereinst  als  die
Versammlung  der  Reichsstände  anerkannt  und  mit  sehr  bescheidenen  Rechten
ausgestattet  werden  sollten.  In  ähnlichem  Sinne  äußerte  sich  der  zunächst
beteiligte  Minister  des  Innern  Graf  Arnim.  Doch  auf  die  Meinung
der  Minister  kam  in  diesen  Jahren  wenig  an.  Der  Monarch  regierte
nicht  nur  selbst;  er  verstand  auch  die  Dinge  also  einzufädeln,  daß  seine
Ratgeber  zumeist  vor  halbvollendeten  Tatsachen  standen.  So  stimmte
auch  jetzt  die  große  Mehrzahl  der  Versammelten  dem  königlichen  Plane
zu,  manche  mit  der  bescheidenen  Erklärung:  der  Beschluß  Sr.  Majestät
stehe  ja  fest  und  sei  schon  in  weiteren  Kreisen  bekannt  geworden.  General
Boyen  meinte  mit  dem  Freimute  des  alten  Soldaten:  die  Vereinigten
Ausschüsse  würden  immerhin  die  freiere  Entfaltung  des  ständischen  Lebens
fördern  und  ganz  könne  sich  Preußen  dem  Einflusse  der  benachbarten
konstitutionellen  Staaten  nicht  mehr  entziehen.“)

Eine  Kabinettsordre  vom  19.  August  entbot  nunmehr  die  Vereinigten
Ausschüsse  zum  18.  Okt.  nach  Berlin.  In  vieldeutigen  Worten,  ohne
alle  juristische  Schärfe  ward  darin  ausgesprochen:  die  Vereinigung  der

 

*)  Protokoll  der  Sitzung  des  Staatsministeriums  und  der  Ständischen  Immediatkommission
  vom  11.  Juni;  Arnim  an  Thile,  12.  Juni  1842.
        <pb n="191" />
        Berufung  der  Vereinigten  Ausschüsse.  183

Ausschüsse  ist  eine  Entwicklung  der  ständischen  Institutionen,  indem  sie  den
ständischen  Beirat  der  einzelnen  Provinzen  durch  ein  Element  der  Ein—
heit  ergänzt.  Kein  Wunder  also,  daß  die  Regierung  ihrem  Lose,  über—
all  mißverstanden  zu  werden,  auch  diesmal  verfiel.  Fürst  Solms-Lich,  der
begeisterte  Verherrlicher  der  ständischen  Monarchie,  war  zum  Marschall
der  Vereinigten  Ausschüsse  ausersehen  und  erschien  während  der  rhei—
nischen  Festtage  auf  dem  Stolzenfels,  um  sich  nähere  Weisungen  zu  er—
bitten.  Wie  erschrak  der  König,  als  dieser  Getreue,  der  doch  „gewiß  kein
Liberaler“  war,  ihm  in  aller  Unschuld  gestand:  man  glaube  allgemein,
die  Krone  beabsichtige,  vorsichtig  zum  konstitutionellen  Systeme  überzugehen;
da  scheine  es  doch  ratsamer  den  Ausschüssen  sogleich  erweiterte  Befugnisse
zu  gewähren:  Petitionsrecht,  Einsicht  in  den  Staatshaushalt,  Einberufung
aller  drei  Jahre,  beratende  Mitwirkung  bei  den  Landesgesetzen  —  und
zugleich  ausdrücklich  zu  erklären,  die  ständische  Verfassung  habe  nunmehr
ihren  Schlußstein  erhalten;  sonst  würden  sich  widerwärtige  Adreßdebatten
in  den  Ausschüssen  kaum  vermeiden  lassen.)  Auch  Metternich,  der  auf
dem  rheinischen  Schlosse  ebenfalls  befragt  wurde,  meinte  bedenklich,  man
habe  sich  auf  eine  schiefe  Ebene  gewagt.  Der  König  aber  erwiderte,  die
Ausschüsse  sollten  weder  selbst  Reichsstände  sein  noch  den  Keim  eines
künftigen  Reichstags  bilden.  Um  alle  Mißverständnisse  abzuschneiden,  beauftragte
  er  noch  unterwegs  den  General  Radowitz  mit  der  Ausarbeitung
  eines  Manifestes,  das  den  Ausschüssen  bei  ihrer  Eröffnung  vorgelesen
  werden  sollte.

Gleich  nach  seiner  Heimkehr,  in  den  ersten  Tagen  des  Oktobers,
ließ  er  die  Minister  zusammentreten,  um  über  diese  Bekanntmachung  zu
beraten.  Radowitzs  Entwurf  war  sehr  doktrinär  gehalten.  Er  sagte
über  die  Verfassungspläne  des  Königs  nichts  Bestimmtes,  sondern  bekundete
  lediglich,  daß  die  Theoretiker  der  ständischen  Monarchie  nur  wußten,
was  sie  nicht  wollten.  „Wir  werden“,  hieß  es  da,  „die  deutsche  fürstliche
Herrschaft  in  diesem  Reiche  nicht  in  eine  konstitutionelle  Souveränität
verwandeln,  die  königliche  Herrschaft  nicht  der  Herrschaft  der  Majoritäten
unterwerfen.“  Der  Ton  klang  so  feindselig  gegen  alles  konstitutionelle
Leben,  daß  selbst  General  Thile  meinte:  wenn  man  also  rede,  dann  könne
man  mit  den  süddeutschen  Staaten  nicht  mehr  im  Frieden  leben,  selbst
den  Zollverein  kaum  noch  aufrecht  halten.“)  Auch  die  anderen  Minister
fanden  das  Manifest  bedenklich.  Nur  der  Prinz  von  Preußen  verlangte,
obwohl  auch  ihn  der  Radowitzsche  Entwurf  nicht  befriedigte,  in  lebhafter
Rede,  daß  der  Monarch  jetzt  zu  den  Preußen  reden  und  deutlich  angeben
solle,  ob  die  ständische  Gesetzgebung  endlich  abgeschlossen  sei,  oder  ob  noch
weitere  Schritte  bevorstünden.  Im  Volke,  rief  er  aus,  bestehen  zwei  Par- 



*)  Bodelschwingh,  P.  M.  zu  der  befohlenen  Beratung  über  die  Vereinigten  Ausschüsse,
  28.  Sept.  1842.
*“)  Radowitz,  Entwurf  zu  einem  Manifest  an  den  Ausschußtag.  Sept.  1842.
        <pb n="192" />
        184  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

teien,  die  eine  voll  Furcht,  die  andere  voll  Hoffnung;  die  Nation  muß
wissen,  woran  sie  ist.“)  Zuletzt  beschloß  man,  die  Versammlung  zu
eröffnen  ohne  ein  Manifest  und  ohne  eine  feierliche  Anrede  des  Monarchen;
  denn  die  ständischen  Entwürfe,  mit  denen  der  König  sich  noch
trug,  waren  seinen  Räten  noch  nicht  mitgeteilt,  und  er  wollte  davon
für  jetzt  nichts  öffentlich  verlauten  lassen.

Am  Jahrestage  der  Leipziger  Schlacht  traten  die  Ausschüsse  im  Schlosse
zu  Berlin  zusammen.  Von  der  gehobenen  Stimmung,  welche  der  große
Erinnerungstag  erwecken  sollte,  zeigte  sich  keine  Spur.  Wohl  sagte  Arnim
in  seiner  Eröffnungsrede,  dies  sei  für  immer  ein  glorreicher  Tag  in  der
Regierung  des  Königs.  Die  Versammlung  aber  fühlte  sich  unsicher,  denn
sie  sahen  keinen  Rechtsboden  unter  ihren  Füßen;  um  so  ängstlicher  mußte
sie  sich  hüten,  in  die  Rechte  der  Provinziallandtage  oder  des  künftigen
Reichstags  einzugreifen.  Sie  bestand  aus  98  Mitgliedern,  46  von  den
Standesherren  und  der  Ritterschaft,  32  städtischen,  27  bäuerlichen  Abgeordneten.
  Jeder  Überhebung  war  durch  eine  überaus  kleinliche  Geschäftsordnung
  vorgebeugt.  Minister  Bodelschwingh  erlaubte  den  Ausschüssen  nicht
einmal,  dem  Monarchen  in  einer  Adresse  für  die  Einberufung  zu  danken;
sie  mußten  ihren  Dank  in  den  Protokollen  niederlegen.  Diese  wurden
gedruckt  und  enthielten  —  wieder  ein  kleines  Zugeständnis  —  sogar  die
Namen  der  Redner,  aber  sie  durften  nur  zum  Gebrauche  der  Mitglieder
selbst  dienen.  Nach  langem  Suchen  hatte  das  Ministerium  endlich  drei
Fragen  aufgefunden,  welche  den  Ausschüssen  zur  Begutachtung  vorgelegt
wurden.  Die  erste  betraf  den  beabsichtigten  Steuererlaß  von  2  Mill.  Tlr.
und  war  im  Grunde  überflüssig.  Denn  von  vornherein  hatte  das  Finanzministerium
  geraten,  nur  eine  Steuer,  die  bei  den  kleinen  Leuten  verhaßte
  Salzsteuer  zu  ermäßigen,  damit  der  Beweis  königlicher  Gnade  jedem
in  die  Augen  fiele"*);  dieser  Vorschlag  war  von  der  großen  Mehrzahl  der
Provinziallandtage  angenommen  worden,  und  den  Ausschüssen  blieb  nur
übrig,  das  schon  Beschlossene  nochmals  zu  genehmigen.  Noch  weniger  politische
  Bedeutung  hatte  die  dritte  Frage  wegen  der  Benutzung  der  Privatflüsse;
  dieser  Gesetzentwurf  konnte  nur  technische  Erörterungen  hervorrufen.

Sehr  peinlich  aber  war  der  Eindruck,  als  die  Regierung  ihre  zweite
Frage  stellte:  ob  die  Ausschüsse  die  baldige  Ausführung  eines  umfassenden,
  die  Provinzen  unter  sich  und  mit  der  Hauptstadt  verbindenden  Eisenbahnsystems
  für  notwendig  hielten?  Die  Frage  wurde  mit  großer
Mehrheit  bejaht,  seit  dem  glücklichen  Gelingen  der  Leipzig-Dresdner
Eisenbahn  begannen  den  Preußen  die  Augen  aufzugehen.  Von  allen
Seiten  ward  anerkannt,  das  germanische  Preußen  müsse  „der  Führer

 

*)  Protokolle  des  Staatsministeriums,  6.  8.  10.  Okt.  1842.
**  )  Denkschriften  über  den  Steuererlaß,  von  Alvensleben  Aug.  1840,  von  Patow
24.  Jan.  1842.
        <pb n="193" />
        Verhandlungen  der  Vereinigten  Ausschüsse.  185

der  Zeit“  sein,  das  neue  Verkehrsmittel  solle  das  Gefühl  der  Einheit  in
den  so  weit  entlegenen  Provinzen  erwecken,  ihre  Volkswirtschaft  kräftigen,
ihre  militärische  Verteidigung  sichern;  denn  daß  die  Eisenbahnen  mindestens
Infanteriemassen  befördern  könnten,  hielt  man  jetzt  für  möglich.  Nur
der  brandenburgische  Landtagsmarschall  Rochow-Stülpe  und  einige  andere
seiner  konservativen  Landsleute  wollten  an  den  Nutzen  der  Neuerung  noch
nicht  glauben,  und  Graf  Raczynski  meinte  traurig,  der  kümmerliche  Ge—
werbefleiß  der  Städte  Posens  könnte  den  Wettbewerb,  den  die  Eisenbahnen
bringen  würden,  schwerlich  ertragen.  Nunmehr  erhob  sich  die  schwierigere
Frage,  was  der  Staat  für  den  Bau  der  Eisenbahnen  tun  solle,  und
bei  dieser  Beratung  ward  allen  fühlbar,  in  welcher  Verwirrung  sich
das  Staatsrecht  des  Landes  befand.  Die  große  Mehrheit  der  Ausschuß—

Mitglieder  —  Graf  Arnim  selbst  gestand  dies  späterhin  ehrlich  zu*)  —
wünschte  im  stillen,  daß  der  Staat  die  Hauptlinien  selbst  bauen  sollte;

man  fürchtete  im  Lande  den  Aktien-Wucher  der  Börsen  und  begriff
nicht,  woher  die  armen  Ostprovinzen  das  genügende  Privatkapital  auftreiben
  könnten.  Die  Regierung  aber  stand  nicht  auf  der  Höhe  der  Zeit;
sie  entbehrte  eines  staatsmännischen  Sachverständigen,  wie  ihn  die  Badener
an  ihrem  Nebenius  besaßen;  sie  hielt  den  Staatsbau  für  ein  zweifelhaftes
Wagnis  und  fühlte  sich  zudem  unfrei,  weil  sie  Anleihen  ohne  Reichsstände
nicht  aufnehmen  konnte.

Darum  erklärte  Bodelschwingh  auf  das  nachdrücklichste,  die  Regierung
habe  beschlossen,  in  den  nächsten  Jahren  keine  Eisenbahn  selbst  zu  bauen,
sie  sei  jedoch  bereit,  wie  sie  es  bisher  schon  mehrmals  getan,  den  Privatbahnen
  für  wenige  Jahre  eine  mäßige  Verzinsung  des  Anlagekapitals
zu  verbürgen.  Eine  solche  Zinsengarantie  war  im  Grunde  auch  nichts
anderes  als  eine  Vermehrung  der  Staatsschuld.  Niemand  wußte  das
besser  als  der  kluge  Generalsteuerdirektor  Kühne**);  indes  mußte  er  schweigend
  mit  anhören,  wie  sein  vorgesetzter  Minister  die  Versammlung  dahin
belehrte:  zwischen  einem  Bürgen  und  einem  Hauptschuldner  bestehe  doch
ein  großer  Unterschied.  Durch  die  bestimmte  Weigerung  des  Ministers
wurden  die  Ausschüsse  verhindert,  sich  über  den  Staatsbau  zu  äußern,
da  sie  ja  nur  vorgelegte  Fragen  beantworten  sollten.  Die  Stimmung
im  Saale  ward  recht  unbehaglich,  obgleich  man  die  ruhige  Haltung  bewahrte;
  die  Reden,  die  von  den  ungeübten  Sprechern  meist  abgelesen
wurden,  klangen  verlegen;  auf  allen  lastete  das  drückende  Gefühl,  daß  man
seine  wahre  Meinung  nicht  sagen  konnte.  Ganz  frei  von  der  Leber  weg
sprach  nur  ein  Heißsporn  vom  Rhein,  Kaufmann  Brust  aus  Boppard;
der  meinte,  ohne  die  Reichsstände  könne  die  Krone  keine  Zinsengarantie
übernehmen,  und  verlangte  erst  genaue  Mitteilungen  über  den  Stand

 

*)  Arnim,  Denkschrift  über  die  ständischen  Angelegenheiten,  13.  Mai  1845.
*)  So  gesteht  er  selbst  in  seinen  Denkwürdigkeiten
        <pb n="194" />
        186  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

des  Staatsschatzes  und  der  Staatseinnahmen,  bevor  man  sich  über  Finanzsachen
  ausspräche.  Niemand  wollte  ihm  folgen,  denn  zur  Lösung  der  großen
Verfassungsfragen,  die  sich  hier  drohend  ankündigten,  hatte  der  Ausschußtag
  kein  Recht.  Viele  fühlten,  welch  eine  unglückliche  Halbheit  es  doch  war,
wenn  der  Staat  an  den  möglichsten  Gewinsten  der  Eisenbahnen  nicht
teilnehmen,  sondern  nur  für  ihre  Verluste  aufkommen  wollte.

Gleichwohl  wurde  die  Frage  bejaht:  ob  die  Regierung  den  Eisenbahnbau
  mit  allen  ihr  zu  Gebote  stehenden  Mitteln,  namentlich  auch  durch  Zinsgarantien
  fördern  solle.  Es  war  ein  Notbehelf.  Die  Ausschüsse  stimmten
nur  zu,  weil  sie  nach  der  Erklärung  des  Ministers  für  jetzt  auf  Staatseisenbahnen
  nicht  rechnen  konnten,  und  erwiesen  ihm  sodann  noch  die  Gefälligkeit,
  diesen  ganz  unzweifelhaften  Beweggrund  ihres  Beschlusses  mit  einer
Mehrheit  von  drei  Stimmen  ausdrücklich  in  Abrede  zu  stellen.  Da  der
Kabinettsminister  General  Thile  wie  sein  Vorgänger  General  Lottum  nach
preußischem  Soldatenbrauche  in  allen  Geldsachen  sehr  genau  war,  so  beschlossen
  die  Ausschüsse  ferner:  die  Ausführung  des  Eisenbahnsystems  erscheine
  notwendig  selbst  unter  dem  Vorbehalte  einer  möglichen  Wiedererhöhung
  der  Steuern;  doch  zugleich  baten  sie  den  König,  von  diesem  Vorbehalt
  abzusehen,  „um  nicht  den  wohltätigen  Eindruck  des  Steuererlasses
zu  schwächen.“

So  schwankten  sie  von  einer  Unklarheit  zur  anderen;  ohne  Anleihen,
ohne  Reichsstände  kam  dieser  Staat  keinen  Schritt  mehr  vorwärts.  Die
Ostpreußen,  die  überhaupt  am  festesten  zusammenhielten,  zeigten  sich  sehr
unwillig  über  die  beengende  Geschäftsordnung,  die  das  Reden  nur  nach
der  Reihenfolge  des  Alphabets  gestattete,  und  Rudolf  von  Auerswald  gab
der  Gesinnung  seiner  Landsleute  einen  lebhaften  Ausdruck.  Als  Graf
Arnim  zum  Schluß  im  Namen  des  Königs  vertraulich  anfragte,  ob  die
Provinzen  nicht  den  Bau  je  einiger  Strebepfeiler  am  Kölner  Dome  übernehmen
  wollten,  da  wurde  ihm  in  aller  Ehrfurcht  erwidert,  es  wäre  wohl
einfacher,  wenn  die  Provinziallandtage  oder  ihre  einzelnen  Mitglieder  zu
freiwilligen  Beiträgen  aufforderten;  eine  Versammlung,  der  die  Krone  gar
keine  wirksamen  Rechte  zugestand,  konnte  doch  unmöglich  Geschenke  bewilligen.)
  Am  10.  Novbr.,  nach  drei  Wochen,  wurde  die  Tagung  geschlossen;
  der  Erfolg  war,  wie  der  Prinz  von  Preußen  vorausgesagt:  die
wenig  fruchtbaren  Verhandlungen  hatten  in  der  gärenden  Zeit  allerhand
unbestimmte  Hoffnungen  erweckt  und  keine  befriedigt.  Zum  Abschied  berief
  der  König  die  Ausschüsse  zu  sich,  dankte  ihnen  herzlich  und  hielt  ihnen
alsdann  in  einer  sonderbar  lehrhaften  Ansprache  einen  Hauptsatz  der  Hallerschen
  Doktrin  vor:  sie  seien  zugleich  Vertreter  ihrer  eigenen  ständischen
Rechte  und  völlig  unabhängige  Ratgeber  der  Krone,  also  „keine  Reprä- 



*)  Berichte  über  die  Verhandlungen  der  Vereinigten  Ausschüsse,  von  Bodelschwingh
21.—29.  Okt.;  von  Arnim  3.—9.  Nov.  1842.
        <pb n="195" />
        Schluß  des  Ausschußtages.  187

sentanten  des  Windes  der  Meinung  und  der  Tageslehren“.  Mit  Ver—
wunderung  folgten  die  Stände  dieser  dunklen  Rede:  glaubte  der  König
wirklich,  daß  irgend  ein  Mann  sich  im  politischen  Leben  dem  Winde  der
Meinung  ganz  entziehen  könne?  oder  wollte  er  nur  den  liberalen  Tages—
lehren  Fehde  ansagen?  Verdrießlich  und  enttäuscht  ging  man  ausein—
ander.  Die  vertrauensvolle  Stimmung  der  rheinischen  Festtage  war  ver—
schwunden,  und  sie  kehrte  nicht  wieder.  Das  Beckersche  Rheinlied  ver—
scholl  in  Deutschland  bald  gänzlich  und  tauchte  erst  nach  langen  Jahren
in  Belgien  wieder  auf,  wo  die  Vlamen  drohend  den  Franzosen  zusangen:
zy  zullen  hem  niet  temmen,  den  fieren  vlaamschen  Leeuw!  —

Noch  während  die  Ausschüsse  tagten,  eröffnete  der  König  neue  Ver—
handlungen  über  die  Fortbildung  der  ständischen  Institutionen.  In  einer
Sitzung  des  Ministerrats,  am  8.  Nov.  entwickelte  er  den  Verfassungsplan,
den  er  fortan  mit  stiller  Zähigkeit  festhielt,  aber  erst  nach  vollen  vier
Jahren  ausführte.  Er  erkannte  das  Staatsschuldengesetz  von  1820  als
verbindlich  an,  und  da  er  den  „für  Preußen  unmöglichen  konstitutionellen
Weg  nie  zu  betreten“  entschlossen  war,  so  dachte  er  der  Regel  nach  mit
den  Provinzialständen  und  ihrem  Zentralorgane,  den  Vereinigten  Aus—
schüssen  auszukommen.  Würde  aber  in  Friedenszeiten  eine  Anleihe  oder
die  Erhöhung  direkter  Steuern  unvermeidlich,  dann  wollte  er  die  sämt—
lichen  Provinziallandtage  als  Vereinigten  Landtag  zusammenberufen  —
am  besten  wohl  in  eine  harmlose  Provinzialstadt,  etwa  nach  Brandenburg;
denn  sein  Lehrer  Ancillon,  der  einst  die  Anfänge  der  französischen  National—
versammlung  als  Augenzeuge  mit  erlebt,  hatte  ihm  oft  beweglich  vorge—
stellt,  wie  tief  die  Drohungen  eines  hauptstädtischen  Pöbels  ein  Parla—
ment  entwürdigen  könnten.  Diesem  Vereinigten  Landtage  beabsichtigte  er
in  solchen  Notfällen  das  Recht  der  Steuerbewilligung  einzuräumen.  Er
ging  also  hochherzig  sehr  weit  über  die  Versprechungen  seines  Vaters  hinaus.
Sein  Billigkeitsgefühl  sträubte  sich  dawider,  von  einem  Landtage,  der  keine
Abgaben  zu  bewilligen  hatte,  die  Bürgschaft  für  eine  Anleihe  zu  verlangen;
auch  wußte  er  wohl,  daß  die  Steuerbewilligung  allezeit  ein  gutes  Recht
der  alten  deutschen  Stände  gewesen  war.  Während  er  dergestalt  mit  der
einen  Hand  den  Reichsständen  neue  Rechte  schenkte,  nahm  er  leider  mit  der
anderen  mehrere  Verheißungen  des  alten  Königs  zurück.  Er  fürchtete  den
bei  der  günstigen  Lage  des  Staatsschatzes  höchst  unwahrscheinlichen  Fall,
daß  schon  während  der  geheimen  diplomatischen  Vorbereitung  für  einen  Krieg
eine  Anleihe  nötig  würde,  und  den  fast  undenkbaren  Fall,  daß  seine  Preußen
ihm  gar  während  des  Krieges  eine  Anleihe  verweigern  könnten;  darum  dachte
er  den  Ständen  die  Bürgschaft  für  Kriegsanleihen  zu  versagen.  Ferner
wollte  er  die  Versammlung  des  Vereinigten  Landtags  ganz  in  seiner
Hand  behalten  und  sich  zu  keiner  periodischen  Berufung  verpflichten,  ob—
gleich  die  Reichsstände  auf  Grund  des  Staatsschuldengesetzes  alljährlich
Rechenschaft  von  der  Schuldenverwaltung  verlangen  durften.  Auch  dies
        <pb n="196" />
        188  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

war  ein  rein  doktrinäres  Bedenken;  denn  kam  der  Vereinigte  Landtag
einmal  zusammen,  so  mußte  er  unfehlbar  häufig  wiederkehren,  keine  Macht
der  Welt  konnte  dies  dann  noch  verhindern.  Endlich  scheute  der  König
die  Aufregung  der  Wahlen,  obwohl  doch  die  Erwählung  der  Vereinigten
Ausschüsse  soeben  ganz  ruhig  verlaufen  war,  und  wollte  darum  die  Reichs—
stände  durch  einfache  Zusammenberufung  aller  Provinziallandtage  bilden.

Alle  diese  Abweichungen  von  den  alten  Gesetzen  hoffte  er  aber  auf
streng  rechtlichem  Wege,  mit  Zustimmung  seiner  getreuen  Stände  selbst,
durchzuführen,  und  stellte  daher  an  den  Ministerrat  drei  Fragen.  Er—
stens,  kann  man  den  Ständen,  wenn  man  sie  auf  dem  Provinziallandtage
  oder  in  einem  Vereinigten  Landtage  befragt  und  ihnen  das  Steuerbewilligungsrecht
  zugesteht,  die  Anforderung  stellen,  daß  sie  auf  die  Zustimmung
  zu  Kriegsanleihen  verzichten?  Zweitens,  werden  sie  sich  nicht
für  inkompetent  erklären?  Drittens,  sind  für  den  Fall  eines  plötzlich
ausbrechenden  Krieges  genügende  Mittel  vorhanden?  Die  Befragten
waren  ebenso  sehr  verwundert  über  die  halb  freigebigen,  halb  kargen  Gewährungen
  des  Monarchen,  wie  über  die  rechtlichen  Schwierigkeiten,  die
er  sich  durch  seinen  künstlichen  Plan  selbst  geschaffen  hatte.  Ganz  einverstanden
  erklärte  sich  nur  einer,  Geh.  Rat  von  Voß.  Die  große  Mehrzahl
  der  Minister,  Boyen,  Thile,  Bodelschwingh,  Stolberg,  Mühler,  Eichhorn,
  Savigny,  Bülow,  ja  selbst  der  greise  Präsident  des  Staatsrats
General  Müffling  hielten  für  unmöglich,  daß  ständische  Körperschaften
ihre  eigene  Macht  freiwillig  beschränken  könnten;  sie  sagten  dem  Könige
voraus,  was  nach  vier  Jahren  eintraf:  die  Vereinigten  Provinzialstände
würden  sich  nicht  für  befugt  halten,  in  die  Rechte  des  verheißenen  Reichstags
  einzugreifen.  Nicht  ganz  so  ablehnend,  aber  auch  nicht  zustimmend  lauteten
  die  Gutachten  von  Rochow,  Alvensleben,  Rother,  Arnim.  Mehrere
empfahlen  die  Berufung  eines  gewählten  ständischen  Ausschusses.  Der
Justizminister  Mühler  wagte  sogar  die  ketzerische  Behauptung:  „Gegen  eine
Verfassungsurkunde  des  preußischen  Staates  läßt  sich  nichts  erinnern.  Eine
solche  Urkunde  im  Sinne  des  monarchischen  Prinzips  wäre  die  erste  ihrer
Art  und  würde  dann  zu  den  konstitutionellen  Charten  anderer  Länder
einen  interessanten  Gegensatz  bilden.“

Der  alte  Rother  sogar,  der  als  treuer  Diener  des  verstorbenen  Königs
nur  dessen  letzten  Willen  auszuführen,  nur  einen  kleinen  Ausschuß  von
32  Landständen  und  eben  so  vielen  Staatsräten  zu  berufen  vorschlug,
fühlte  sich  doch  gedrungen  zu  der  bestimmten  Erklärung:  die  Verwaltung
der  Staatsschulden  lasse  sich  ohne  irgend  eine  Mitwirkung  von  Ständen
auf  die  Dauer  nicht  mehr  weiterführen.  Die  Schuld,  so  führte  er  aus,
sei  seit  1820  um  fast  68  Mill.  Tlr.,  bis  auf  138,86  Mill.  vermindert
worden  und  werde  in  einer  nahen  Zukunft  nur  noch  100  Mill.  betragen.
  Tiefer  aber  dürfe  sie  nicht  sinken;  sonst  triebe  man  das  heimische
Kapital  in  das  Ausland  oder  in  Schwindelgeschäfte;  darum  müsse  das
        <pb n="197" />
        Beratungen  über  die  künftige  Verfassung.  189

Staatsschuldengesetz  mit  ständischer  Zustimmung  rechtzeitig  abgeändert  und
dann  die  Tilgung  eingestellt  werden.“)  Selbst  dieser  Mann  der  alten
Hardenbergischen  Schule  hatte  also  gelernt  von  der  verwandelten  Zeit.
Die  Meinung,  daß  Staatsschulden  schlechthin  vom  übel  seien,  war  einst
in  den  knappen  Jahren  nach  den  Kriegen  aufgekommen  und  durch  Nebenius'
klassisches  Buch  über  den  öffentlichen  Kredit  im  deutschen  Beamten—
tum  zur  Herrschaft  gelangt;  jetzt  da  der  Unternehmungsgeist  erwachte,
begannen  schon  viele  Deutsche  bewundernd  auf  England  zu  schauen,  das
bei  seiner  riesigen  Staatsschuld  doch  immer  reicher  wurde.  Freilich  blieb
Rother  noch  weit  entfernt  von  der  Einsicht,  daß  jetzt  der  rechte  Augen—
blick  gekommen  war,  die  preußische  Staatsschuld  durch  produktive  An—
leihen  für  den  Eisenbahnbau  zu  vergrößern.

Die  wohlgemeinten  Gutachten  der  Minister  konnten  den  König  nur
verwirren;  denn  sie  wurden  schriftlich  eingereicht,  nach  und  nach,  ohne
gemeinsame  Vorberatung,  manche  erst  nach  Jahresfrist,  und  wichen  im
einzelnen  weit  voneinander  ab.  Es  fehlte  ein  beherrschender  staatsmänni—
scher  Kopf,  der  die  Blicke  der  Amtsgenossen  auf  das  Wesentliche  ge—
richtet  und  im  Namen  des  Ministerrates  den  Monarchen  gebeten  hätte:
er  möge,  statt  zu  künsteln,  fest  auf  dem  Boden  der  alten  Gesetze  bleiben,
an  denen  er  ja  selbst  als  Kronprinz  mitgebaut,  und  aus  den  Provinzialständen
  einen  Reichstag  wählen  lassen,  dessen  Zahl  und  Zusammensetzung
noch  ganz  in  der  Hand  der  Krone  lagen.  Ein  solcher  gemeinsamer  Schritt
der  Minister  war  allerdings  sehr  schwer,  bei  der  subalternen  Stellung,
welche  Friedrich  Wilhelm  seinen  Räten  zuwies;  sie  beschieden  sich  alle,
nur  unmaßgebliche  Ratschläge  zu  erteilen  und  überließen  die  Verantwortung
  dem  Monarchen  allein.  Verstimmt  über  die  Bedenklichkeit  der
Minister  legte  der  König  nach  seiner  Weise  die  ärgerliche  Sache  vorläufig
zur  Seite  und  nahm  sich  im  stillen  vor,  zu  gelegener  Stunde  wieder
auf  seinen  unwandelbaren  Plan  zurückzukommen.  Bei  der  zwecklosen
Berufung  der  Vereinigten  Ausschüsse  hatte  er  soeben  alles  überhastet;
jetzt  verlor  er  wieder  eine  köstliche  Zeit,  die  Tatenscheu  hielt  dem  Gefühle
  seiner  königlichen  Unfehlbarkeit  die  Wage.  Im  Ministerrate  war
fortan  ein  volles  Jahr  lang  von  der  großen  Zukunftsfrage  der  Monarchie
gar  nicht  mehr  die  Rede.  —

 

Unter  allen  den  Geschenken,  welche  Friedrich  Wilhelm  aus  dem  Füllhorn
  königlicher  Gnade  seinen  Preußen  zu  spenden  dachte,  war  ihm  die
Entfesselung  der  Presse  besonders  teuer.  Er  liebte  die  Freiheit  nach
seiner  patriarchalischen  Weise,  er  hoffte  durch  die  Freiheit  die  Presse  zu

 

*)  Vota  der  Minister  auf  die  drei  Fragen  Sr.  Majestät,  vom  9.  Nov.  1842  bis
zum  15.  Nov.  1843.  «
        <pb n="198" />
        190  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

erziehen,  sie  emporzuheben  aus  ihrer  geistlosen  Verdumpfung.  In  die
Zeiten  seiner  Thronbesteigung  fiel  das  Jubelfest  der  Erfindung  der  Buch—
druckerkunst.  Der  Tag  wurde  im  Mittelpunkte  des  deutschen  Buchhandels,
in  Leipzig  glänzend  gefeiert;  begeisterte  Redner  sprachen  die  Hoffnung
aus,  daß  die  größte  aller  deutschen  Erfindungen  fortan  unter  dem  Segen
der  Freiheit  erst  ihre  volle  Wirksamkeit  entfalten  würde;  selbst  der  Fest—
redner  der  Aula,  der  konservative  Gottfried  Hermann  pries  in  elegantem
Latein  die  Macht  des  freien  Wortes.  Für  Preußen  hatte  die  ängstliche
alte  Regierung  alle  öffentlichen  Feierlichkeiten  untersagt;  der  neue  Herr
begnügte  sich,  im  August  noch  eine  Nachfeier  zu  erlauben.  Um  den
Wiener  Hof  nicht  zu  verletzen,  ließ  er  es  auch  geschehen,  daß  der  Bundestag
  im  Juli  1841,  nach  einer  Verabredung  zwischen  den  beiden  Großmächten?),
  die  Gültigkeit  der  alten  Bundesgesetze  über  die  Presse  und  die
Universitäten  abermals  um  sechs  Jahre  verlängerte.  Trotzdem  hielt  er
seine  Befreiungspläne  fest;  denn  da  er  sein  eigenes  Herz  eben  so  wenig
kannte  wie  die  Herzen  anderer,  so  traute  er  sich's  zu,  den  Lärm  der
Zeitungen  gleichmütig  zu  ertragen.  Er  dachte  vorerst  der  preußischen
Presse  innerhalb  der  Schranken  des  Bundesrechts  eine  freiere  Bewegung
zu  gestatten  und  späterhin  vielleicht  den  Bund  selbst  zur  Abänderung
seiner  harten  Gesetze  zu  bewegen.  Darum  wurde  zunächst  der  unentbehrliche
  Ratgeber  für  die  Bundespolitik,  Radowitz,  zu  einem  Gutachten  aufgefordert;
  der  ergriff  den  Gedanken  mit  Begeisterung  und  sprach  die  Hoffnung
  aus:  also  würde  sein  königlicher  Herr  in  dem  Geiste  der  Nation
selbst  „den  mächtigsten  Verbündeten  gegen  die  Apathie  und  den  egoistischen
Widerwillen  der  Kabinette“  finden.

Darauf  begannen,  seit  dem  Herbst  1841,  im  Staatsministerium  sehr
langwierige  Verhandlungen  über  ein  neues  Preßgesetz.  Der  Gedanke,
die  Presse  einfach  dem  gemeinen  Rechte  zu  unterwerfen,  lag  allen  deutschen
Regierungen  noch  ganz  fern.  Jedermann  in  diesen  Kreisen  glaubte  noch
an  den  alten  Gentzischen  Grundsatz,  daß  die  gefährliche  Macht  der  Zeitungen
unter  besondere  Behörden  gestellt  werden  müsse.  Die  freiesten  Köpfe  verlangten
  nur  eine  milde  Zensur  und  zum  Schutze  gegen  die  Mißgriffe
dieser  „Preßpolizei“  eine  eigene  „Preßjustiz“.  Präsident  Gerlach,  der
ebenfalls  befragt  wurde,  erklärte  mit  dem  Stolze  des  preußischen  Richters:
wolle  man  „die  aufregende  Maßregel“  einmal  wagen,  dann  müsse  das
neue  Preßgericht  auch  die  ganze  Selbständigkeit  eines  Tribunals  erhalten.*)
  Über  alles  Weitere  war  man  nicht  einig,  und  man  empfand
bei  diesen  verworrenen  Beratungen  zum  ersten  Male,  daß  der  neue
Justizminister  Savigny  praktischen  Aufgaben  nicht  gewachsen  war.  Der
König  wollte  den  Professoren  die  Zensurfreiheit,  die  ihnen  vor  alters

 

*)  Sydows  Bericht,  12.  Juni  1841.
*“)  Gerlachs  Votum,  31.  Dez.  1841.
        <pb n="199" />
        Milderung  der  Zensur.  191

zugestanden,  wiedergeben,  er  wollte  die  gleiche  Freiheit  auch  anderen
Standespersonen  gewähren  und  diesen  Begünstigten  sogar  erlauben,  die
Zensur  über  die  Schriften  anderer  auszuüben.  Da  hielt  ihm  Thile  ent—
gegen:  gerade  unter  den  Gelehrten  befänden  sich  so  viele  unchristliche
Radikale.)  Er  dachte  ferner  zu  verbieten,  daß  die  Zeitungen  ihn  selber
lobten,  während  sie  die  Regierung  tadelten  „und  so  die  Person  des  Königs
in  einem  Gegensatze  mit  dem  Geiste  seiner  Administration  erscheinen
ließen“".  Graf  Arnim  aber  erwiderte  ritterlich:  die  Minister  dürften  sich
nicht  hinter  dem  Monarchen  verstecken.  *)  So  zogen  sich  die  Verhandlungen
  durch  viele  Monate  fruchtlos  hin.

Um  doch  etwas  zu  tun,  gab  der  König  den  Provinzialbehörden  durch
ein  Ministerialschreiben  v.  24.  Dez.  1841  zu  wissen,  daß  er  das  Bedürfnis
  einer  freimütigen,  anständigen  Publizistik  anerkenne,  und  forderte  sie
auf,  die  bestehenden  Zensurgesetze  milde  zu  handhaben;  zugleich  ward
die  Presse  väterlich  ermahnt,  sich  aller  frivolen  Feindseligkeiten  und  Verdächtigungen
  zu  enthalten,  auch  nicht  durch  gehaltlose  Tagesneuigkeiten
und  Klatschereien  auf  die  Neugier  ihrer  Leser  zu  wirken.  Trotz  seines
wunderlichen  patriarchalischen  Tones  erregte  dieser  Erlaß  allgemeine
Freude;  die  geknebelten  Schriftsteller  atmeten  auf  und  glaubten  endlich  den
Tag  der  Freiheit  zu  sehen.  Im  Mai  1842  wurden  sodann  alle  Bilder  von
der  Zensur  befreit;  denn  Friedrich  Wilhelm  lachte  gern  über  geistreiche
Karikaturen,  und  da  die  Bundesgesetze  von  einer  Bilderzensur  nicht  sprachen,
so  wollte  er  den  Zeichnern  ihren  harmlosen  Scherz  nicht  verkümmern.
Ein  halbes  Jahr  später,  am  4.  Oktober,  gab  der  König  alle  Bücher  von
mehr  als  zwanzig  Druckbogen  frei  —  was  nach  Bundesrecht  erlaubt  war.
Gleich  darauf  befahl  er  den  Behörden,  unwahre  Mitteilungen  des  schlechten
Teils  der  Tagespresse  augenblicklich  in  diesen  Zeitungen  selbst  zu  berichtigen:
„Eben  da,  wo  das  Gift  der  Verführung  eingeschenkt  worden  ist,  muß  es  auch
unschädlich  gemacht  werden  .  indem  man  die  Redaktionen  zwingt,  das
Urteil  über  sich  selbst  zu  veröffentlichen.“  So  fielen  Stein  auf  Stein
die  alten  Schranken,  und  alle  Welt  erwartete  hoffnungsvoll  das  von  der
Regierung  oft  verheißene  umfassende  Preßgesetz.

Mittlerweile  begann  die  Milderung  der  Zensur  schon  ihre  Früchte
zu  tragen.  Es  schien,  als  sollte  mit  dem  Jahre  1842  eine  Zeit  der  Blüte
für  die  preußische  Presse  beginnen;  und  ein  solcher  Umschwung  war
dringend  nötig,  denn  überall  in  Deutschland  lastete  auf  den  Schriftstellern
der  gleiche  unerträgliche  Druck,  nur  die  Leipziger  Zensur  übte  zuweilen  ein
klein  wenig  Schonung,  um  den  großen  Buchhandel  nicht  ganz  zu  verderben.
Was  verschlug  es,  daß  einige  Bundesstaaten  nur  die  Schriften  unter
zwanzig  Bogen,  andere,  wie  Hannover,  die  Karlsbader  Beschlüsse  noch

*“)  Thiles  Bericht  an  den  König,  15.  Nov.  1841.
**“)  Thiles  Berichte  an  das  Staatsministerium,  25.  Aug.,  an  den  König,  7.  Sept..
an  das  k.  Kabinett,  12.  Sept.  1842.
        <pb n="200" />
        192  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

überbietend,  alle  Drucksachen  ohne  Ausnahme  der  Zensur  unterwarfen?
Was  nicht  zensiert  war,  unterlag  überall  beliebigen  Verboten,  selbst  die
zensierten  Zeitungen  durften  nachträglich  noch  konfisziert  werden.  Sogar
vor  gerichtlicher  Verfolgung  war  der  Verfasser  einer  zensierten  Schrift  nicht
immer  sicher:  in  Kassel  wurde  der  schreibselige  alte  Sonderling  Friedrich
Murhard  (1844)  verhaftet  und,  den  Bundesgesetzen  zuwider,)  zu  schwerer
Strafe  verurteilt  wegen  eines  Artikels  im  Rotteck-Welckerschen  Staatslexikon,
  der  längst  schon  von  der  sächsischen  Zensur  gebilligt  war.  In
dem  Thurn=  und  Taxisschen  und  anderen  kleinen  Postgebieten  mußten  die
Zeitungen  auch  noch  fiskalische  Mißhandlungen  ertragen,  da  die  Post
ihnen  die  Versendungskosten  ganz  nach  Willkür  berechnete.

Die  Bayern  rühmten  sich  gern,  daß  bei  ihnen  allein  die  Karlsbader
Beschlüsse  nicht  vollständig  ausgeführt  würden;  und  allerdings  ließ  der
Münchener  Hof  nach  wie  vor  nur  politische  und  statistische  Zeitschriften
zensieren,  obgleich  er  doch  selber  einst  am  Bundestage  die  Verlängerung  der
Karlsbader  Ausnahmegesetze  durchgesetzt  hatte.  Indessen  wußten  seine  Polizeibehörden
  auch  Bücher  aller  Art  durch  Verbote  so  handfest  niederzuhalten,
daß  die  deutschen  Nachbarn  durchaus  keinen  Grund  fanden,  die  Bayern  zu
beneiden.  Außer  einigen  schüchternen  liberalen  Blättchen  in  Franken  gediehen
  hierzulande  nur  die  unschuldigen  Landboten  und  Landbötinnen  für
den  Bauersmann  und  die  Schützlinge  des  Ministeriums  Abel,  die  ultramontanen
  Blätter,  vom  Schlage  der  Neuen  Würzburger  Zeitung  und  des
Fränkischen  Kuriers.  In  beiden  Zeitungen  trieb  Zander  sein  Unwesen,  ein
feiler  Jude,  der  erst  zur  evangelischen,  dann  zur  katholischen  Kirche  übergetreten
  war.  Diesen  Getreuen  gestattete  die  Regierung  noch  immer  jede
Schmährede  wider  Preußen;  erst  auf  wiederholte  Beschwerden  des  Berliner
Hofs  befahl  sie  durch  Ministerial-Erlaß,  daß  für  jetzt,  solange  die  Verhandlungen
  zwischen  Berlin  und  Rom  noch  schwebten,  „aus  Rücksicht  auf  die
katholische  Kirche“  alle  Aufreizungen  vermieden  werden  sollten.  *)  Eine  so
sanfte  Mahnung  fruchtete  bei  den  Würzburger  Fanatikern  wenig;  und
wenn  man  sich  in  Berlin  nicht  die  Augen  verschloß,  so  mußte  man  endlich
einsehen,  daß  diese  Partei  nicht  die  Kirchenpolitik  des  alten  Königs,  sondern
den  preußischen  Staat  selber  bekämpfte.

Eine  seltsame  Ausnahmestellung  nahm  die  Augsburger  Allgemeine
Zeitung  ein,  die  sich  diplomatisch  zwischen  der  bayrischen  und  der  österreichischen
  Zensur  hindurchwinden  mußte.  Ihre  beiden  neuen  Leiter,
die  Schwaben  Mebold  und  Kolb  hatten  einst  als  Demagogen  auf  dem
Hohenasperg  zusammen  gesessen,  doch  in  ihren  politischen  Ansichten  gingen
die  Freunde  weit  auseinander.  Der  gelehrte  Historiker  Mebold  betrachtete
die  preußischen  Dinge  unbefangen.  Kolb  war  ein  feiner  Kenner  des  gei-*)

  S.  o.  IV.  610.

**)  Werther,  Verbalnote  an  Graf  Lerchenfeld,  16.  Febr.;  Gise,  Weisung  an
Lerchenfeld,  14.  März  1841.
        <pb n="201" />
        Die  süddeutschen  Zeitungen.  193

stigen  Lebens,  er  erweiterte  die  Beilage  zu  einer  Rundschau  über  die  ge—
samte  europäische  Literatur  und  förderte  manches  junge  Talent  durch
wohlwollende,  einsichtige  Kritik;  von  den  landschaftlichen  Vorurteilen  seiner
Schwaben  befreite  er  sich  aber  niemals,  und  sein  Preußenhaß  gab  in  der
Redaktion  fast  immer  den  Ausschlag,  weil  sie  ihr  größtes  Absatzgebiet,
OÖsterreich  nicht  verlieren  durfte.  Die  Zeitung  wurde  keineswegs,  wie
man  im  Norden  oft  argwöhnte,  von  Wien  her  bestochen  —  mit  solchen
Mitteln  war  dem  reichen  Hause  Cotta  nicht  beizukommen  —:  sie  brachte
vielmehr  selbst  große  Opfer,  um  die  Hofburg  bei  guter  Laune  zu  halten,
zahlte  glänzende  Honorare  an  die  Federn  der  k.  k.  Preßleitung,  4000  Gulden
jährlich  allein  an  den  alternden  Pilat,  der  nur  noch  selten  schrieb,  und
nahm  gehorsam  alles  auf,  was  ihr  aus  diesen  Kreisen  zukam.  Metternich
ward  aber  von  Tag  zu  Tag  mißtrauischer  gegen  Preußen,  zumal  der
Zollvereins-Demagog  Eichhorn  blieb  ihm  unheimlich,  und  da  er  selbst
die  Maske  der  Freundschaft  nicht  abnehmen  durfte,  so  ließ  er  durch  seine
Leute  einen  boshaften  Federkrieg  führen,  der  viel  dazu  beitrug,  das  Ansehen
  des  neuen  Königs  in  Süddeutschland  zu  untergraben.  Die  giftigen
Artikel  der  Allgemeinen  Zeitung  „vom  Main“  flossen  meist  aus  den
Federn  der  beiden  Wiener  Hofpublizisten  Zedlitz  und  Jarcke;  der  Bundesgesandte
  Graf  Dönhoff  wußte  dies  wohl  und  meinte  traurig:  so  wird  es
schwer  sein,  „an  ein  wahres,  aufrichtiges  Zusammenwirken  von  Wien  und
Berlin  glauben  zu  machen.“*)  Als  die  preußische  Presse  sich  zu  heben  begann,
  ließ  Cotta  der  Hofburg  melden,  „daß  die  Allgemeine  Zeitung,  um
bestehen  zu  können,  sich  nun  ebenfalls  auf  ein  liberales  Feld  werde  stellen
müssen.“  Metternich  antwortete  mit  der  verständlichen  Drohung:  wir
werden  uns  danach  richten.“)  Seitdem  schillerte  die  Zeitung  noch  mehr
denn  sonst  in  verschiedenen  Farben,  nur  niemals  in  schwarz-weißen,  und
mit  vollem  Rechte  betrachtete  die  preußische  Regierung  das  mächtigste  Blatt
des  Südens  als  ihren  gefährlichsten  Feind.

In  Württemberg  erlaubten  die  Zensoren  dem  wackeren  Schwäbischen
Merkur,  fast  nur  über  wirtschaftliche  Landesangelegenheiten  frei  zu  reden.
Auch  Karl  Weil,  ein  gewandter  liberaler  Publizist,  der  in  Stuttgart  erst  den
Deutschen  Kurier,  dann  die  Konstitutionellen  Jahrbücher  herausgab  und  sich
vornehmlich  der  bedrückten  Hannoveraner  mit  Eifer  annahm,  erlangte  kein
rechtes  Ansehen,  weil  seine  Beziehungen  zum  Hofe  Ludwig  Philipps  mit
gutem  Grunde  beargwöhnt  wurden.  Baden  endlich,  das  gelobte  Land  der
liberalen  Musterverfassung,  ward  jetzt  auch  das  Land  der  Muster-Zensur,
wie  K.  Mathy  im  Landtage  treffend  sagte.  Die  badischen  Zensoren  wurden
geradezu  angewiesen,  mißliebigen  Blättern  durch  das  Streichen  der  neuesten
Nachrichten  die  Kundschaft  zu  entziehen;  unter  ihnen  tat  sich  der  Mannheimer

*)  Dönhoffs  Bericht,  22.  Juni  1842.
**)  So  erzählt  Metternich  selbst  in  seiner  Weisung  an  Trauttmansdorff,  14.  Febr.
1843.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  13
        <pb n="202" />
        194  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Zensor  v.  Uria-Sarachaja  durch  seinen  ultramontanen  Fanatismus  besonders
  hervor.  Er  begann  einen  Vernichtungskampf  gegen  die  Mannheimer
Abendzeitung,  ein  radikales  Blatt,  das  der  Preuße  Karl  Grün  erst  von
Mannheim  aus,  nachher,  als  man  ihn  aus  Baden  ausgewiesen,  noch
eine  Weile  vom  linken  pfalzbayrischen  Rheinufer  aus  leitete.  Alle  deutschen
  Regierungen  zitterten  vor  Grüns  groben  Ausfällen;  der  preußische
Hof  mahnte  den  badischen,  das  Blatt  zu  verbieten,  und  erhielt  die  Antwort:
  Preußen  sollte  nur  der  Abendzeitung  den  Postdebit  entziehen,  dann
ginge  sie  von  selbst  ein.  Da  ergab  sich  denn  nach  amtlicher  Untersuchung,
daß  die  gefürchtete  Zeitung  in  ganz  Preußen  nur  134  Abonnenten  zählte,
in  Berlin  und  den  östlichen  Provinzen  ihrer  44.  So  kläglich  stand  es
noch  fast  überall  um  den  Absatz  der  Tagesblätter.  Freilich  wurden  die
spärlichen  Exemplare  in  den  Konditoreien  und  Klubs  von  sehr  vielen  und
sehr  andächtig  gelesen,  so  daß  sie  mehr  wirkten  als  heutzutage.  Das
Verbot  unterblieb  schließlich,  weil  man  das  Argernis  scheute.“)

Nun  aber  half  Uria  mit  seinem  unerbittlichen  Rotstift  aus  und  zähmte
das  Blatt  binnen  kurzem  gänzlich.  Hierauf  wendete  sich  der  kleine  Wüterich
gegen  das  Mannheimer  Journal  des  Rechtsanwalts  Gustav  v.  Struve,  der
damals  noch  zur  gemäßigten  liberalen  Partei  gehörte.  Mochten  die  Schriftsteller
  des  Mannheimer  Journals  dem  Jesuitenorden  seine  wohlbekannten
alten  Fürstenmords-Lehren  vorhalten  oder  die  nicht  mehr  neue  Behauptung
  aufstellen,  der  Gebietsumfang  der  Bundesstaaten  Preußen,  Baden
und  Waldeck  sei  doch  recht  ungleich,  oder  auch  die  poetische  Gräfin  Hahn-Hahn
  in  anzüglichen  Versen  „Du  adelstolze  Ida“  anreden,  oder  einfach
ankündigen,  daß  ein  liberaler  Professor  öffentliche  Vorträge  über  Experimentalphysik
  zu  halten  gedenke:  —  einerlei,  Uria  strich  alles;  oder  wenn
sich  gar  nichts  streichen  ließ,  dann  schrieb  er  mindestens  eine  grobe  Bemerkung
  an  den  Rand  des  Zensur-Exemplars,  als  zum  Beispiel:  „ist
zwar  wieder  eine  Lüge,  kann  indessen  passieren.“  Als  die  Regierung  alle
amtlichen  Bekanntmachungen  ausschließlich  der  wenig  bekannten  Mannheimer
  Morgenzeitung  überwies,  und  viele  angesehene  Einwohner,  darunter
Männer  wie  Karl  Mathy  und  Fecht,  öffentlich  erklärten,  sie  würden  trotzdem
  das  Blatt  weder  lesen  noch  halten,  da  wurde  selbst  diese  Kundgebung
vom  Zensor  unterdrückt,  obschon  sie  kein  beleidigendes  Wort  enthielt.  In
seiner  Verzweiflung  verfiel  Struve  endlich  auf  einen  tollkühnen  Anschlag.
Er  sammelte  alle  durch  Uria  gestrichenen  Stellen  seines  Journals  und
ließ  sie  zu  Mannheim  selbst  in  drei  zensurfreien  Zwanzigbogen-Bänden
mit  roten  Lettern  drucken.  Niemand  wagte  ihn  zu  hindern.  Ein  überwältigender
  Anblick:  diese  drei  Bände  badischer  Zensurstriche,  denen  die
badischen  Gerichte  nichts  anhaben  konnten!  Drastischer  ließ  sich  der  Aberwitz
  des  Karlsbader  Preßgesetzes  nicht  erweisen.

*)  Nagler  an  Thile,  4.  März.  Bülow,  Weisung  an  Dönhoff,  26.  Febr.  Denkschrift
  des  Auswärtigen  Amts.  9.  Nov.  1844.
        <pb n="203" />
        Der  Muster-Zensor.  Norddeutsche  Presse.  195

Fast  noch  tiefer  lag  die  norddeutsche  Presse  danieder.  Die  Leipziger
Allgemeine  Zeitung  der  Firma  Brockhaus  bemühte  sich,  nach  dem  Vor—
bilde  der  Augsburger  Allgemeinen,  den  Gebildeten  aller  Parteien  des
Nordens  einen  Sprechsaal  zu  eröffnen;  indes  klang  in  ihren  Spalten  der
protestantisch-liberale  Grundton  noch  weit  vernehmlicher  durch  als  der
österreichische  in  dem  süddeutschen  Blatte.  Sie  brachte  zahlreiche  Bei—
träge  von  Mundt,  Buhl,  Rutenberg  und  den  anderen  jungen  liberalen
Literaten,  die  sich  in  der  berühmten  roten  Stube  der  Stehelyschen  Konditorei
zu  Berlin  versammelten.  Diese  Berliner  Berichte  lauteten  immer  boshafter,
höhnischer,  grimmiger,  je  mehr  die  Stimmung  in  Preußen  sich  verbitterte;
auch  viele  preußische  Beamte  schütteten  hier,  gedeckt  durch  die  Anonymität,
ihren  Unmut  aus,  nicht  selten  unter  Verletzung  des  Amtsgeheimnisses.
Also  wurde  die  Zeitung  allmählich  zu  einer  Ablagerungsstätte  für  allen
preußischen  Skandal;  und  da  ihr  in  Preußen  der  Postdebit  zugesichert
war,  so  geschah  es  wohl,  daß  unzufriedene  Schlesier  ihre  Klagen  nur
deshalb  nach  Leipzig  schickten,  um  die  Artikel  des  erlaubten  sächsischen
Blattes  nachher  ungestraft  in  der  Breslauer  Zeitung  nachzudrucken.“)
Den  Berliner  Behörden  war  es  eine  ganz  neue  Erfahrung,  daß  preußische
Zustände  von  einem  nichtpreußischen  Blatte  so  eifrig  besprochen  wurden;
sie  fürchteten  sich  vor  diesen  persönlichen  Angriffen,  und  mancher  Geheime
Rat  fragte,  wenn  er  morgens  sein  Bureau  betrat,  angstvoll:  was  die  Leipziger
  Allgemeine  wieder  gesagt  hätte?  Die  stille  Zeit  war  dahin,  da  die  reiche
Meßstadt  ihre  politische  Bildung  aus  dem  vielverspotteten  „sächsischen  Kinderfreunde“,
  der  unsäglich  geistlosen  amtlichen  Leipziger  Zeitung  geschöpft
hatte.  Der  Literatenkreis  an  der  Pleiße  vermehrte  sich  beständig  durch
mißvergnügte  Zuzügler  aus  den  Nachbarlanden;  aus  Osterreich  kamen
Schlesinger,  Herloßsohn,  Hartmann,  Meißner.  Wer  unter  diesen  Halbflüchtlingen
  etwas  gelten  wollte,  mußte  mindestens  eine  liberale  Brandschrift
  oder  ein  Sonett  gegen  Metternich  geschmiedet  haben.

Auch  Arnold  Ruge  siedelte  nach  Sachsen  über,  von  den  liberalen
Hallensern  zum  Abschied  noch  mit  begeisterten  Huldigungen  begrüßt,  und
ließ  seine  Hallischen  Jahrbücher  auch  fernerhin  bei  dem  getreuen  O.  Wigand
  erscheinen,  aber  unter  dem  neuen  Namen  der  Deutschen  Jahrbücher,
damit  die  preußischen  Behörden  nichts  mehr  dreinzureden  hätten.  Einige
dieser  burschikosen  Leipziger  Literaten  fanden  ein  Unterkommen  bei  Heinrich
Laubes  „Zeitung  für  die  elegante  Welt“  oder  bei  Robert  Hellers  „Rosen“;
die  meisten  trieben  Politik,  keiner  eifriger  als  der  unstete  kleine  Böhme
Ignaz  Kuranda.  Der  hatte  in  Brüssel  eine  literarisch-politische  Rundschau,
die  Grenzboten  gegründet,  um  seine  österreichischen  Landsleute  aus  dem
Schlummer  zu  rütteln,  und  verlegte  diese  Wochenschrift  jetzt  nach  Leipzig,
wo  sie  dem  Wiener  Hofe  bald  lästig  wurde  und  mit  der  Zeit  auch  die

 

*)  General  von  Röder  an  Thile,  17.  Aug.  1842.
137
        <pb n="204" />
        196  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

preußischen  Zustände  scharf  zu  beobachten  begann.  Kurandas  treuer  Ge—
hilfe  war  ein  anderer  böhmischer  Jude,  der  kindlich  gutherzige  Jakob  Kaufmann,
  ein  schüchterner  Stubengelehrter  von  linkischem  Wesen,  dem  man  gar
nicht  ansah,  wie  klar  und  sicher  er  über  politische  Fragen  urteilte.  Ganz
unerhört  aber  war  es  in  diesem  Lande  des  Preußenhasses,  daß  ein  geborener
Kursachse  Karl  Biedermann  sich  jetzt  unterstand,  eine  „Deutsche  Monatsschrift“
  herauszugeben,  welche  den  Gedanken  Paul  Pfizers,  die  preußische
Hegemonie,  allerdings  ohne  den  Geist  und  Schwung  des  Schwaben,  aber
mit  tapferem  Freimut  verteidigte.  Die  Monatsschrift  zeigte  Verständnis
für  das  wirtschaftliche  Leben  und  betrachtete  den  Zollverein  als  den  Kern
einer  festeren  deutschen  Staatsbildung;  freilich  zählte  sie  nur  500  Abonnenten,
  doch  mehr  hatten  auch  Ruges  gefürchtete  Jahrbücher  nicht  aufzuweisen.


Alle  diese  Plänkler  der  Tagesmeinung  sahen  sich  durch  den  Unverstand
der  Zensurvorschriften  zu  verzweifelten  Zigeunerstreichen  gezwungen,  zu
listigen  Umgehungen  des  Gesetzes,  welche,  vom  Volke  stets  mit  Schadenfreude
  begrüßt,  das  öffentliche  Rechtsgefühl,  die  Würde  der  Obrigkeit
erschüttern  mußten.  Wenn  der  Kölnischen  Zeitung  die  Korrespondenzen
„von  der  Murg“  gestrichen  wurden,  so  erschienen  die  nämlichen  Artikel
wieder  mit  der  Aufschrift  „von  der  Leine“.  Die  in  Osterreich  streng
verbotenen  Grenzboten  wanderten  allwöchentlich  in  Kisten  mit  doppelten
Böden  oder  als  Umschläge  und  Einlagen  erlaubter  Bücher  über  die  böhmische
  Grenze;  in  die  berüchtigten  Freischeine  der  k.  k.  Zensur  pflegten
die  Buchhändler  ganze  Reihen  verbotener  Bücher  nachträglich  einzuschalten.
Kam  in  Leipzig  ein  gefährliches  zensurfreies  Zwanzigbogenbuch  zur  Ausgabe,
  dann  fuhr  ein  Wagen  des  Verlegers  mit  der  gesamten  Auflage
vor  dem  Polizeihause  vor;  kaum  war  das  gesetzliche  Pflichtexemplar  abgeliefert,
  so  eilten  die  Pferde  in  rasendem  Laufe  durch  die  Gassen  des  Buchhändlerviertels,
  und  im  Nu  verschwanden  die  Bücherpakete  in  den  Kommissionsgeschäften,
  bevor  die  Behörde  noch  Zeit  fand,  ein  Verbot  auszusprechen.


Für  die  unglücklichen  Zensoren  schien  kein  Wort  der  Verachtung  zu
schlecht.  In  Preußen  wie  in  den  kleinen  Staaten  war  es  schon  längst
dahin  gekommen,  daß  nur  unbrauchbare  ältere  Beamte  dies  verhaßte
Amt  übernehmen  wollten.  Glauben  Sie  denn,  ich  könnte  meine  besten
Räte  zu  Zensoren  hergeben?  —  sagte  der  Oberpräsident  der  Rheinprovinz
  zu  dem  klagenden  Verleger  der  Kölnischen  Zeitung.  Oft  genug
mußte  man  sich  mit  unerfahrenen  Assessoren  behelfen,  die  den  Auftrag
nicht  ablehnen  durften.  Da  geschah  es  einst  zu  Köln,  daß  zwei  solche
jugendliche  Zensoren  nach  einem  lustigen  Gelage  mit  dem  Nachtwächter
Händel  begannen;  der  eine  war  der  geistreiche  Graf  Fritz  Eulenburg,  der
also  nicht  ohne  Geräusch  seinen  Einzug  in  die  preußische  Geschichte  hielt.
Obwohl  die  Missetat  durch  Versetzung  und  durch  eine  Geldstrafe  gefühnt
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        Die  Leipziger  Journalisten.  197

wurde,  so  erhob  doch  die  gesamte  Presse  ein  herzbrechendes  Geschrei,
als  wäre  noch  niemals  ein  germanischer  Nachtwächter  geprügelt  worden;
gesinnungstüchtige  Liberale  fragten  feierlich:  hat  denn  nicht  der  König
selbst  befohlen,  daß  „nur  Männer  von  wissenschaftlicher  Bildung  und  er—
probter  Rechtschaffenheit“  zu  Zensoren  ernannt  werden  dürfen?

Die  Zahl  der  deutschen  Journalisten  vermehrte  sich  in  diesen  Jahren
beträchtlich.  Viele  aus  dem  Staatsdienste  verdrängte  liberale  junge  Männer
flüchteten  zu  den  Zeitungen,  so  der  abgesetzte  rheinländische  Beamte  Karl
Heinzen  und  der  entlassene  preußische  Leutnant  Wilhelm  Rüstow;  dazu
die  wachsende  Schar  der  gebildeten  Juden,  die  von  der  Beamtenlauf—
bahn  ausgeschlossen,  in  der  Journalistik  das  einzige  Mittel  sahen,  auf  den
Staat  einzuwirken,  und  sehr  bald  bemerkten,  wie  glücklich  sich  ihre  na—
türliche  Begabung  für  die  leichte  Tagesschriftstellerei  eignete.  Fast  alle
die  österreichischen  Literaten  in  Leipzig  waren  Juden.  Als  der  Jude  A.
Ochse-Stern  der  Kölnischen  Zeitung  ihre  tadelnden  Bemerkungen  über
seine  „wehrlosen“  Stammverwandten  verwies,  da  erwiderte  der  Verleger
Dumont  trocken:  diese  Wehrlosen  sind  Besitzer  vieler  rheinischen  Zeitungen!
Metternich  aber  schrieb  sorgenvoll  an  die  Gesandtschaft  in  Berlin:  „Siebzehn
  deutsche  Blätter  werden  heute  —  und  unter  den  deutschen  Produkten
nicht  die  wenigst  pikanten  —  von  Judenjungen  redigiert!“

Begreiflich,  daß  durch  solche  Elemente  der  Radikalismus  und  der
Kirchenhaß  der  Presse  oft  gefördert  wurden.  Auch  besonnene  Journalisten
gewöhnten  sich  in  dem  ewigen  Kampfe  gegen  die  Behörden  an  eine  versteckte
und  daher  um  so  boshaftere  Gehässigkeit;  sie  wußten  in  kunstvollen  Sätzen
ihren  Groll  halb  zu  zeigen,  halb  zu  verbergen,  und  mancher,  der  damals  das
Handwerk  erlernte,  konnte  auch  nachher  in  den  Tagen  der  Preßfreiheit  den
anwinkenden  Zensurstil  nicht  mehr  ablegen.  Indes  war  diese  Generation
deutscher  Tagesschriftsteller  noch  ziemlich  reich  an  wackeren  Männern.  Das
Geschäft  warf  noch  wenig  ab,  da  die  Deutschen  in  der  Kunst  der  Anzeigen
und  Reklamen  weit  hinter  den  Völkern  des  Westens  zurückgeblieben  waren,
und  die  Börse  jetzt  erst,  seit  der  Wucher  mit  den  neuen  Eisenbahnaktien
aufblühte,  ihre  Polypenarme  nach  den  Zeitungen  auszustrecken  begann.
Ein  großer  Teil  der  Tagesschriftsteller  kämpfte  ehrlich,  ja  enthusiastisch  um
der  Sache  willen,  und  nicht  wenige  unter  ihnen  betrieben  ihre  Arbeit  mit
jener  frohmutigen,  jugendlichen  Pflichttreue,  welche  späterhin  in  Freytags
Journalisten  ihr  Denkmal  erhielt.  Daneben  gab  es  freilich  auch  einen
eigentümlichen  Menschenschlag  von  journalistischen  Philistern,  die  sich
demütig  in  die  Willkür  der  Zensur  ergeben  hatten.  Er  blühte  vornehmlich
in  Frankfurt,  wo  alle  Bundesregierungen  zugleich  für  die  Knebelung  der
Presse  sorgten.  Dort  erschien  ein  französisches  Journal  de  Franckort  für  die
diplomatische  Welt;  sodann  die  Oberpostamts-Zeitung  des  Hauses  Thurn
und  Taxis,  unter  dem  guten  alten  Hofrat  Berly,  der  stets  mit  der  Miene
des  Tiefeingeweihten  einherging  und  unterweilen  von  der  k.  k.  Gesandt-
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        198  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

schaft  seine  Weisungen  empfing,  sonst  aber  getreulich  seinen  offen  einge—
standenen  Grundsatz  befolgte:  das  öffentliche  Aussprechen  einer  Meinung
ist  immer  ein  Wagnis;  dazu  endlich  noch  das  etwas  liberaler  gefärbte
Frankfurter  Journal,  das  sich  mit  der  Oberpostamts-Zeitung  durch  einen
förmlichen  Vertrag  dahin  vereinbart  hatte,  daß  sie  einander  gegenseitig
weder  bekämpfen  noch  auch  nur  erwähnen  wollten.

In  solcher  Lage  mußten  die  Erleichterungen,  welche  König  Friedrich
Wilhelm  der  Presse  verhieß,  allgemeine  Freude  erregen.  Der  liberale
Rheinländer  L.  Buhl  begrüßte  die  kommende  bessere  Zeit  sogleich  mit
einer  begeisterten  Schrift  über  „den  Beruf  der  preußischen  Presse“.  Als
eine  der  ersten  Früchte  der  neuen  Freiheit  erschien  das  Buch  von  E.  von
Bülow-Cummerow  „Preußen,  seine  Verfassung  und  Verwaltung“,  das
einen  damals  noch  beispiellosen  Absatz  fand.  Dieser  alte  rührige  Vorkämpfer
  des  Großgrundbesitzes,  der  einst  den  Kreisordnungs-Plänen  Hardenbergs
  so  lebhaft  entgegengetreten  war,)  hatte  inzwischen  die  ritterschaftliche
  Bank  für  Pommern  gegründet  und  wollte  auch  jetzt  noch  die  altständischen
  Institutionen  des  flachen  Landes,  gutsherrliche  Polizei  und
Patrimonialgerichtsbarkeit  aufrechthalten.  Um  so  mehr  mußte  es  überraschen,
  daß  ein  so  konservativer  Mann  unumwunden  aussprach:  seit  dem
Thronwechsel  befinde  sich  das  Land  in  einer  Krisis,  die  nur  durch  rasche
Lösung  der  Verfassungsfrage  beendigt  werden  könne.  Er  forderte  zum
mindesten  regelmäßige  Berufung  der  Vereinigten  Ausschüsse  zur  Prüfung
des  Staatshaushalts  und  Bewilligung  neuer  Steuern.  Mit  Selbstgefühl
sprach  er  von  Preußens  führender  Stellung  im  Deutschen  Bunde  und  sagte
schon  dreist:  Osterreich  gehöre  eigentlich  gar  nicht  zu  Deutschland,  wohl  aber
Holstein.  Sein  scharfer,  oftmals  ungerechter  Tadel  wider  die  Finanzverwaltung,
  namentlich  wider  die  Domänenverkäufe  empörte  das  Beamtentum;
  Kühne  schrieb  dawider  geharnischte  Artikel  in  der  Staatszeitung.
Der  König  aber  erwies  dem  unruhigen  alten  Herrn  sein  Wohlwollen;
denn  Angriffe  des  Landadels  auf  die  Geheimen  Räte  kränkten  ihn  nicht,
und  noch  wiegte  er  sich  in  dem  hoffnungsvollen  Wahne,  daß  er  selber
jeden  Widerspruch  ertragen  könne.

Am  wenigsten  bemerkte  man  in  Berlin  von  der  freieren  Bewegung
der  Presse.  Die  Behörden  zeigten  sich  hier  besonders  ängstlich;  eine  neue
Zeitschrift  L.  Buhls,  der  Patriot,  wurde  schon  nachwenigen  Monatenverboten,
obgleich  sie  kaum  über  die  Durchschnittsmeinung  des  aufgeklärten  Liberalismus
  hinausgegangen  war.  Die  Vossische  Zeitung  begann  schüchtern  einige
Leitartikel  zu  bringen,  während  die  Spenersche  ihre  gewohnten  Erörterungen
  über  Straßenpflaster  und  Gaslaternen  treufleißig  fortsetzte.  Noch
war  hier  kein  Boden  für  eine  kräftige  Publizistik;  der  politische  Sinn  der
höheren  Stände  zeigte  sich  allein  in  der  boshaften  persönlichen  Klatscherei

 

*)  S.  o.  III.  115.
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        Bülow-Cummerow.  Die  Spottbilder.  199

über  den  Hof  und  die  Minister,  sonst  dachten  sie  nur  an  Theater,  Konzerte,
  Literatur.  In  den  Provinzen  wurde  Berlin  gründlich  gehaßt,  schon
weil  der  Instinkt  des  Partikularismus  fühlte,  daß  die  Stadt  trotz  alledem
zur  deutschen  Hauptstadt  heranwuchs.  Ihres  eigenen  Bürgermutes  froh
verachteten  die  Rheinländer  und  die  Ostpreußen  den  politischen  Stumpfsinn
  der  Spreestadt;  „die  Berliner  sind  eben  Berliner“,  so  klang  es  überall
in  den  Zeitungen  des  Westens  und  des  Ostens.  In  der  Stille  bereitete
sich  doch  schon  eine  Wandlung  vor.  Die  in  Großstädten  unvermeidliche
Demokratisierung  der  Sitten  wirkte  auf  die  politische  Gesinnung  der
niederen  Stände  zurück.  Der  Berliner  Philister  spottete  über  den  Prunk
des  Hofes,  den  Hochmut  der  Offiziere,  die  Barschheit  der  Gendarmen,  am
liebsten  über  die  Frömmigkeit  der  vornehmen  Kirchgänger;  Adolf  Glasbrenners
  bildergeschmückte  Flugschriften,  die  Lieblinge  der  kleinen  Bürger
redeten  immer  dreister,  stachlicher,  politischer.

Überhaupt  brachte  die  Aufhebung  der  Bilderzensur  dem  Könige  bittere
Enttäuschungen.  Es  war  die  Zeit,  da  Gavarni  für  den  Pariser  Charivari
seine  geistvollen  Skizzen  zeichnete.  Scherzbilder  und  Rebus  kamen  auch
in  Deutschland  in  die  Mode,  und  diese  Eintagsfliegen  fanden  überall
unmäßige  Beachtung,  weil  ein  ernsthaftes  öffentliches  Leben  sich  noch  kaum
entwickelt  hatte.  Unschuldige  Gemüter  ergötzten  sich  an  dem  neuen  Witzblatte
  der  Münchener  Maler,  den  Fliegenden  Blättern:  der  dicke  kleine
Baron  Beisele  und  sein  hagerer  Hofmeister  Doktor  Eisele,  die  beiden  harmlosen
  Reisenden,  die  mit  Frankfurter  Kellnern,  Berliner  Geheimräten
und  bayrischen  Knödelessern  so  viel  schnurrige  Abenteuer  erlebten,  wurden
zu  volkstümlichen  Gestalten,  in  Zinn  und  Porzellan,  in  Zuckerguß  und
Schokolade  unzähligemal  nachgebildet.  Doch  daneben  gelangten  auch  freche
Karikaturen  in  Umlauf,  denen  die  nachträglichen  Verbote  nichts  mehr  anhaben
  konnten.  Es  war  der  Fluch  des  persönlichen  Regiments,  daß  die
Satire  ihre  giftigsten  Pfeile  gegen  den  Monarchen  selber  richten  mußte;  seine
Räte  kamen  glimpflicher  davon,  nur  der  vielverleumdete  Kultusminister
wurde  als  Eichhörnchen  in  mannigfachen  Verzerrungen  dargestellt.  Da  sah
man  den  König,  in  der  einen  Hand  die  Ordre,  in  der  andern  die  Kontre-Ordre,
auf  seiner  Stirne  stand  zu  lesen:  Désordre;  oder  auch  zwei  Eckensteher,  der
Berliner  Friede  und  der  Bayer  Lude  hielten  selbander  ein  hochromantisches
Zwiegespräch;  oder  gar  der  große  Friedrich  schritt  durch  den  Schnee,  und
seinen  Fußstapfen  folgte,  schwankenden  Ganges,  mit  zwei  Champagnerflaschen
  in  den  Händen,  der  neue  Herrscher,  dazu  die  Inschrift:  wie  einer
immer  daneben  trat!  Dies  letzte  Bild  bewies  zugleich,  wie  tief  sich  die  überall
  zischelnde  giftige  Nachrede  schon  in  die  Volksmeinung  eingefressen  hatte.
Friedrich  Wilhelm  war  wie  fast  alle  Hohenzollern  ein  starker  Esser,  jedoch
im  Trinken  mäßig,  weil  er  wenig  Wein  vertrug.  Wenn  er  aber  beim
Mahle  mit  gerötetem  Gesicht  und  unruhig  zuckenden  Armen  einen  Trinkspruch
  ausbrachte,  darauf  sein  volles  Glas  auf  einen  Zug  leerte  und  vor
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        200  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

aller  Augen  die  Nagelprobe  machte,  dann  konnten  ihn  Fernstehende  leicht
für  berauscht  halten,  und  diese  albernen  Witzeleien  wurden  so  beharrlich
umhergetragen,  daß  schließlich  fast  ganz  Deutschland  an  die  Trunksucht
des  Königs  glaubte.

In  Königsberg  wagte  die  Hartungsche  Zeitung  nunmehr  offen  als
Oppositionsblatt  aufzutreten  und  gewann  bald  großen  Einfluß  auf  die
Stimmung  der  Provinz.  Jacobys  Getreue  Crelinger,  Jachmann,  Walesrode
  lieferten  ihre  Beiträge;  der  letztere  fuhr  zugleich  fort  in  den  „Untertänigen
  Reden“  und  anderen  humoristischen  Flugschriften  die  preußischen
Zustände  durchzuhecheln.  Die  Zeitung  schrieb  über  Politik  nicht  unverständig,
  über  kirchliche  Dinge  sehr  höhnisch,  denn  die  friderizianische  Aufklärung
  galt  ihr  schlechthin  für  den  Geist  des  preußischen  Staates  —
und  immer  trug  sie  jenen  erhabenen  Tugenddünkel  zur  Schau,  der  die
liberalen  Volksredner  allesamt  auszeichnete.  Als  den  Tagesblättern  befohlen
  wurde,  amtliche  Berichtigungen  aufzunehmen,  da  erwiderte  sie  stolz:
dergleichen  mag  in  Frankreich  nötig  sein,  nicht  bei  uns,  da  „in#  der
inländischen  Presse  gegenwärtig  ein  gesunder  Kern  ist,  neben  dem  absichtliche
  Bosheiten  und  Lügen  nicht  bestehen  können“.  Auch  die  Schlesische
Zeitung  wagte  jetzt  etwas  lauter  zu  reden.  Sie  war  vor  einem  Jahrhundert
  recht  eigentlich  unter  den  Flügeln  des  preußischen  Adlers,  gleich
nach  der  Eroberung  Schlesiens  entstanden  und  hatte  sich  allezeit  ehrenhaft
  gehalten,  besonnener  als  die  jüngere  Breslauer  Zeitung,  die  sich  schon
radikalen  Meinungen  zuneigte;  gleichwohl  wurde  sie  durch  die  ängstlichen
Behörden,  selbst  in  diesem  Jahre  der  milderen  Zensur,  beständig  gequält,
über  die  russische  Grenzsperre  durfte  sie  bald  gar  nichts  mehr  sagen.

Alle  anderen  preußischen  Blätter  übertraf  durch  Geist  und  Kühnheit
die  neugegründete  Rheinische  Zeitung.  Ihre  Unternehmer,  lauter  begabte
junge  Männer,  die  zumeist  den  reichen  Familien  Kölns  angehörten,  Bürgers,
  Dagobert  Oppenheim,  Mevissen,  Rudolf  Schramm,  hatten  sich  um
der  Sache  willen  in  fröhlicher  Begeisterung  zusammengeschart;  sie  wollten
doch  sehen,  wie  viel  die  Presse  wagen  dürfe,  auf  wirtschaftlichen  Gewinn
kam  es  ihnen  nicht  an;  einig  waren  sie  freilich  nur  in  unbestimmten
liberalen  Hoffnungen  und  in  der  Verehrung  für  die  Hegelsche  Philosophie.“)
  Daher  schlug  der  wissenschaftliche  Teil  des  Blattes  von  Haus
aus  einen  radikalen  Ton  an,  die  Gebrüder  Bauer  und  die  anderen  frechen
junghegelianischen  Kritiker  fanden  hier  ihre  Verherrlichung;  auch  die  Zeitgedichte
  des  Feuilletons  redeten  oft  sehr  dreist  und  weissagten  die  nahe
Schlacht  auf  dem  Walserfelde:  „ja,  es  wird  das  Blut  der  Bösen  in  der
Guten  Schuhe  schießen.“  Die  politischen  Artikel  hingegen  waren  meistens
frisch  geschrieben,  reich  an  guten  Gedanken  und  keineswegs  maßlos,  obwohl
die  jugendliche  Unerfahrenheit  noch  überall  durchbrach.  Die  Zeitung

 

*)  Ich  benutze  hier  u.  a.  eine  Aufzeichnung  des  Herrn  Geh.  Rat  von  Mevissen  in  Köln.
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        Rheinische  Zeitung.  201

verlangte  nur  Ausbau  der  ständischen  Institutionen  und,  in  einem  ehr—
furchtsvollen  Artikel  zum  Dombaufeste,  Aufhebung  der  Zensur;  sie  sprach
mit  einem  kräftigen  preußischen  Stolze,  wie  er  am  Rhein  noch  selten  war,
und  glaubte  fest  an  die  große  Zukunft  Deutschlands,  das  in  Religion
und  Literatur  dem  Weltteil  Gesetze  gegeben  habe  und  dereinst  auch  die
Politik  Europas  beherrschen  werde,  „so  lächerlich  das  heute  klingen  möge“.

Die  Augsburger  Allgemeine  Zeitung  wehklagte  schon:  diese  erwachende
preußische  Presse  rede  mit  einer  Zuversicht,  als  ob  ihrem  Staate  die  Hege—
monie  in  Deutschland  gebührte  —  worauf  die  Rheinische  fröhlich  erwiderte:
die  preußische  Hegemonie  ist  nur  das  moralische  Übergewicht,  das  aus
dem  Zollvereine,  aus  dem  Geiste  des  Fortschritts  und  dem  neuen  Regierungssysteme
  entsteht.  Wenn  die  Regierung  diese  Angst  ihrer  süddeutschen
  Feinde  richtig  würdigte,  dann  mußte  sie  die  übermütige  und  doch
patriotische  Jugend  des  mächtigen  rheinischen  Bürgertums  durch  Nachsicht
zu  gewinnen  suchen.  Der  König  aber  fand  den  religiösen  Radikalismus
der  Zeitung  frevelhaft;  auch  ihre  scharfen,  wohlberechtigten  Angriffe  wider
das  Treiben  der  rheinischen  Ultramontanen  erschienen  jetzt  unbequem,  seit
sich  der  Wind  in  Berlin  gedreht  hatte.  Darum  wurde  sie  durch  Zensurstriche
  und  Verwarnungen  arg  mißhandelt.  Da  ihr  Absatz  trotzdem  sehr  rasch
wuchs,  so  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  die  Heißsporne  unter  den  jungen
Leuten  die  Oberhand  erlangten:  der  Referendar  Georg  Jung,  ein  eleganter
Lebemann,  der  die  Opposition  nach  Heines  Weise  wie  einen  kurzweiligen
Sport  betrieb,  und  der  jüngste  unter  allen,  Karl  Marx  aus  Trier,  ein
kräftiger  Mann  von  vierundzwanzig  Jahren,  dem  die  dichten  schwarzen
Haare  aus  Wangen,  Armen,  Nase  und  Ohren  quollen,  herrisch,  ungestüm,
leidenschaftlich,  voll  unermeßlichen  Selbstgefühles,  aber  tief  ernst  und  gelehrt,
  ein  rastloser  Dialektiker,  der  mit  seinem  unerbittlichen  jüdischen
Scharfsinn  jeden  Satz  der  junghegelschen  Lehre  bis  zu  den  letzten  Folgerungen
  durchführte  und  jetzt  schon  durch  strenge  volkswirtschaftliche  Studien
  seinen  übergang  zum  Kommunismus  vorbereitete.  Unter  Marxens
Leitung  begann  die  junge  Zeitung  bald  sehr  rücksichtslos  zu  reden;
die  Behörden  betrachteten  sie  mit  wachsender  Besorgnis  und  hegten  sogar
den  ganz  törichten  Argwohn,  daß  sie  von  Frankreich  bezahlt  würde.“)

Die  preußis  chen  Skandalgeschichten  der  Leipziger  Allgemeinen  Zeitung
wurden  bald  gemein  und  schmutzig;  in  ihrer  aussichtslosen  Oppositionsstellung
  hatten  sich  die  Liberalen  ja  längst  gewöhnt,  jeden  Gegner  wie
einen  knechtischen  Liebediener  zu  behandeln,  sie  verfuhren  in  der  literarischen
Polemik  meist  unanständiger  als  die  Konservativen,  die  in  den  Worten
Maß  hielten,  weil  sie  ihre  Feinde  durch  gewaltsamere  Mittel  niederwerfen
konnten.  Mittlerweile  waren  Ruges  Jahrbücher  auf  ihren  dialektischen  Irrfahrten
  bei  der  Selbstkritik  des  Liberalismus  angelangt  und  stellten  die

 

*)  Graf  Arnims  Bericht  an  Bülow,  Paris,  30.  Jan.  1843.
        <pb n="210" />
        202  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Forderung  auf:  daß  die  Kirche  in  der  Schule  aufgehen  und  mit  dieser
das  Heerwesen  sich  verschmelzen  müsse,  dem  Volke  aber  Selbstregierung
und  eigene  Justiz  gebühre.  Das  Programm  der  reinen  Demokratie  war
verkündet.  Auch  die  Zeitgedichte  wählten  die  Person  des  Königs  gern  zur
Zielscheibe;  ein  weit  verbreitetes  Ghasel  des  kosmopolitischen  Nachtwächters
höhnte:  ein  König  soll  nicht  witzig  sein,  ein  König  soll  nicht  hitzig  sein,
nicht  strenge  gegen  Itzig  sein,  „er  wolle  nicht  in  jedem  Ding  —  hier
schweig'  ich  —  altenfritzig  sein“.

Diesen  gewaltigen  Ansturm  der  Opposition  dachte  Friedrich  Wilhelm
hochsinnig  nur  durch  geistige  Waffen  abzuschlagen.  Er  verlangte  von  den
Ministern  und  den  Oberpräsidenten  dringend,  daß  sie  literarische  Talente
gewinnen,  durch  belehrende  Leitartikel  und  rasche  Bekanntmachung  der
Motive  neuer  Gesetze  die  Verdächtigungen  bekämpfen  sollten.“)  Minister
Eichhorn  ging  auf  die  Absichten  des  Monarchen  eifrig  ein,  er  dachte  in
Berlin  und  in  jeder  Provinz  ein  großes  zuverlässiges  und  doch  nicht  un—
freies  konservatives  Blatt  zu  gründen.  Aber  wie  gänzlich  war  die  Stim—
mung  im  Lande  umgeschlagen.  Vor  zehn  Jahren  hatte  Preußen  neben
den  beiden  konservativen  Zeitschriften  Jarckes  und  Rankes  keine  einzige
liberale  Zeitung  besessen,  jetzt  trug  fast  die  gesamte  Journalistik  liberale
Farben.  Das  Berliner  politische  Wochenblatt  ging  zu  Neujahr  1842  ein.
Die  Zeitschrift  war  durch  ihren  legitimistischen  ÜUbereifer  sowie  durch  ihre
geheimen  Beziehungen  zur  russischen  Gesandtschaft  allmählich  herabgekommen,)
  und  seit  ihr  rührigster  Mitarbeiter  Jarcke  infolge  des  Kölner
Bischofsstreites  sich  zurückzog,  verlor  sie  Geist  und  Leben.  Bald  nachher
  verschwanden  auch  die  Berliner  Jahrbücher  für  wissenschaftliche
Kritik,  das  Organ  der  Althegelianer;  sie  konnten  den  Wettkampf  mit  den
zeitgemäßen  Schriften  des  philosophischen  Radikalismus  nicht  mehr  aushalten.
  Als  der  Minister  sie  für  die  Regierung  zu  gewinnen  suchte,  lagen
sie  schon  im  Sterben.  So  galt  es  denn  neue  Blätter  zu  schaffen,  da
die  Staatszeitung  auch  unter  der  Leitung  des  neu  berufenen  tüchtigen
Publizisten  Zinkeisen  jene  öde  Langweiligkeit  nicht  ablegte,  welche  in
Deutschland  fast  allen  amtlichen  Blättern  anhaftet.

Unbeirrt  durch  kleinliche  Parteirücksichten,  hoffte  Eichhorn  die  besten
Federn  der  Nation  für  eine  freimütige  Verteidigung  der  preußischen  Politik
zu  gewinnen.  Er  wollte  bei  Karl  Reimer,  dem  gleichgesinnten  Sohne  des
kürzlich  verstorbenen  hochangesehenen  liberalen  Buchhändlers,  eine  Zeitung
erscheinen  lassen,  und  General  Thile  empfahl  dem  Könige  für  die  Redaktion
  Dahlmann,  „einen  Mann  von  tadelfreier  Gesinnung,  dessen  Name
in  Deutschland  einen  guten  Klang  hat“.*)  Als  aber  Dahlmann,  wie  sich

*)  Kabinettsordre  an  das  Staatsministerium,  16.  Jan.;  Thiles  Bericht,  25.  Aug.
1842.

**)  S.  o.  IV.  203.
*??)  Thiles  Bericht  an  den  König,  22.  Sept.  1842.
        <pb n="211" />
        Regierungsblätter.  203

nicht  anders  erwarten  ließ,  Zensurfreiheit  für  das  Blatt  forderte,  da  trug
man  Bedenken  das  Bundesgesetz  zu  übertreten,  obgleich  doch  schon  im
letzten  Jahrzehnt  die  durch  Pertz  geleitete  amtliche  Hannoversche  Zeitung,
unbehelligt  vom  Bundestage,  lange  ohne  Zensur  erschienen  war.  Die  Ver—
handlungen  zerschlugen  sich;  auch  was  später  noch  von  ähnlichen  Plänen
auftauchte  scheiterte  an  bureaukratischen  Bedenklichkeiten.  Man  begnügte
sich  zunächst  mit  der  Unterstützung  der  Literarischen  Zeitung,  die  unter  der
Leitung  von  K.  H.  Brandes  schon  seit  einigen  Jahren  bestand,  und  bald  hieß
es  in  der  gelehrten  Welt,  leider  nicht  ohne  Grund:  wer  an  diesem  Blatte  mit
arbeite,  könne  am  sichersten  auf  Beförderung  rechnen.  Die  Zeitung  schrieb
maßvoll,  „in  festem  Vertrauen  auf  die  unbesiegliche  und  ewige  Jugend  des
christlich-deutschen  Geistes“,  und  sagte  wider  die  Flachheit  der  modischen
Aufklärer  manches  treffende  Wort;  aber  ein  begeisterndes  Ideal  vermochte
sie  der  liberalen  Freiheitsschwärmerei  nicht  entgegenzustellen.  Ihr  schwer—
fälliger  Doktrinarismus  konnte  weder,  wie  einst  das  Politische  Wochen—
blatt,  den  legitimistischen  Kreuzfahrersinn  aufregen,  noch  den  naturwüch—
sigen  monarchischen  Instinkt  des  Volks,  den  Stolz  auf  das  eiserne  Kreuz
und  die  schwarzweißen  Fahnen  wachrufen.

Noch  weniger  bewährte  sich  nachher  der  Schwabe  Victor  Aimé  Huber,
der  auf  Radowitzs  Empfehlung  berufen  wurde#),  auch  eines  von  den  vielen
Talenten,  welche  der  König  an  falscher  Stelle  verbrauchte.  Gedankenreich,
ernst,  tief-fromm,  hatte  Huber  früher  als  die  meisten  Zeitgenossen  den
sozialen  Hintergrund  des  modernen  Parteiwesens,  den  Zusammenhang  der
liberalen  Doktrin  mit  den  Interessen  des  beweglichen  Kapitals  durchschaut.
Aber  die  fruchtbaren  sozialpolitischen  Ideen,  die  ihm  späterhin  verdienten
Ruhm  schaffen  sollten,  waren  noch  nicht  zur  Reife  gelangt,  als  er  nach
Berlin  kam;  er  kannte  die  preußischen  Zustände  wenig  und  fühlte  sich  in
der  Polemik  gegen  den  Liberalismus  schon  darum  unsicher,  weil  er  selbst
die  regelmäßige  Berufung  eines  ständisch  gegliederten  Reichstags  wünschte.
Auf  dem  Berliner  Katheder  hatte  der  Unbeholfene  ebenso  wenig  Erfolg,
wie  mit  seiner  Zeitschrift  Janus,  die  vom  Könige,  anfangs  sogar  ohne
Vorwissen  der  Minister,  freigebig  unterstützt  wurde,  auch  von  Leo,  Gerlach,
Stahl  einige  Beiträge  empfing  und  gleichwohl  nur  einen  winzigen  Leserkreis
  gewann.  In  Königsberg  gab  der  gelehrte  Statistiker  F.  W.  Schubert,
der  dem  gemäßigten  Liberalismus  nahe  stand,  eine  konservative  Zeitung
heraus;  auf  den  Westen  sollte  Professor  Bercht,  ein  wohlmeinender,  einst
als  Demagog  verfolgter  Patriot,  durch  seinen  Rheinischen  Beobachter  einwirken.
  Doch  beide  Regierungsblätter  gediehen  nicht,  weil  das  hohe
Beamtentum  alles  Zeitungstreiben  tief  verachtete  und  sie  weder  mit
Beiträgen  noch  mit  Geldmitteln  genugsam  unterstützte.

So  blieb  denn  diese  Regierung,  die  so  hoch  über  ihrem  Volke  zu

 

*7)  Thiles  Bericht  an  den  König,  6.  April  1843.
        <pb n="212" />
        204  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

stehen  glaubte  und  die  Preußen  für  neue  Ideale  erziehen  wollte,  fast  ohne
jede  wirksame  literarische  Vertretung;  und  leider  erwies  ein  plumper  Lob—
redner  dem  Königtum  eben  jetzt  einen  schlimmen  Dienst.  Nachdem  der
geistreiche  Präsident  von  Hippel  unlängst  eine  würdige  und  lehrreiche  Bio—
graphie  des  verstorbenen  Königs  veröffentlicht  hatte,  ließ  der  Bischof  Eylert
seine  geschwätzigen  „Beiträge  zur  Charakteristik  Friedrich  Wilhelms  III.“
erscheinen.  Es  konnte  nur  Ekel  erregen,  wenn  hier  die  schlichte  Tüchtig—
keit,  der  so  viel  gerechter  Dank  gebührte,  durch  untertänige  Schmeichelei
verzerrt  und  dem  wortkargen  Fürsten  lange  salbungsvolle  Predigten  in
den  Mund  gelegt  wurden.  Fünf  Bände  hindurch  war  nur  von  Ihm  und
Er  die  Rede,  während  der  Herrgott,  dessen  Namen  der  Bischof  stark  miß—
brauchte,  mit  dem  einfachen  „er“  vorlieb  nehmen  mußte.  Alte  treue  Diener
des  Entschlafenen  mochten  in  diesem  Wust  von  Anekdoten  liebe  Erinne—
rungen  wiederfinden;  auf  die  radikale  Jugend  aber  wirkte  das  Buch
wie  Gift,  sie  fühlte  sich  bestärkt  in  dem  Wahne,  daß  monarchische  Gesinnung
mit  byzantinischem  Sklavengeiste  Hand  in  Hand  gehe.

Da  wurde  die  preußische  Presse  plötzlich  durch  die  Torheit  eines
liberalen  Wortführers  in  die  alte  Bedrängnis  zurückgeschleudert.  Der
junge  Schwabe  Georg  Herwegh  war  zur  Zeit  der  Held  des  Tages;  die
feurig  radikalen  Gedichte  eines  Lebendigen  fanden,  überall  verboten,  überall
begeisterte  Leser.  In  einem  dieser  Lieder  redete  er  den  König  von  Preußen
persönlich  an,  um  für  das  deutsche  Volk  zu  flehen  wie  einst  Platen  für  die
Polen.  und  bekundete  den  dunklen,  ziellosen  Tatendrang  der  Jugend  also:

Und  frage  nicht,  wo  Feinde  sind,
Die  Feinde  kommen  mit  dem  Wind.

Behüt'  uns  vor  dem  Frankenkind
Und  vor  dem  Zaren,  deinem  Schwager.

Augenblicklich  spielte  Herwegh  in  der  Schweiz  den  politischen  Flüchtling.
Irgend  eine  Unbill  war  ihm  freilich  daheim  nie  widerfahren;  zuchtlos,
wie  er  von  früh  auf  gewesen,  hatte  er  sich  vielmehr  dem  württembergischen
Waffendienste  durch  die  Flucht  entzogen.  In  der  liberalen  Welt  stand
aber  der  Haß  gegen  die  Söldlinge  schon  so  fest,  daß  sie  dem  Poeten  diese
Verletzung  der  allgemeinen  Bürgerpflicht  gar  nicht  verargte.  Er  selbst
sang  prahlend:

Deserteur?  Mit  Stolz!  Ich  habe  des  Königes  Fahne,

Die  mich  gepreßt,  mit  des  Volks  soldlosem  Banner  vertauscht.

Im  Herbst  1842  unternahm  er  eine  Triumphreise  durch  Deutschland;
überall,  in  Weimar,  Jena,  Leipzig,  Dresden  bereiteten  ihm  die  Liberalen
einen  glänzenden  Empfang.  Berauscht  durch  solche  Huldigungen  kam  er
nach  Berlin  und  erbat  sich  durch  seinen  Schweizer  Freund,  den  geistreichen
Leibarzt  Schönlein  eine  Audienz  beim  Könige.  Friedrich  Wilhelm  schrieb
darüber  nachher  an  General  Dohna:  „Ich  habe  mich  acht  Tage  besonnen,
ob  ich  seinem  Wunsche  mich  zu  sehen  entsprechen  sollte“;  ich  tat  es,  weil
        <pb n="213" />
        Herwegh  vor  dem  Könige.  205

ich  ihn  für  einen  wahren,  begeisterten  Republikaner  hielt;  hätte  ich  gewußt,
daß  er  Deserteur  von  einem  württembergischen  Infanterie-Regimente  ist,
„so  hätt'  ich  ihn  natürlich  nie  gesehen.“  Vor  dem  Angesichte  der  Majestät
benahm  sich  der  junge  Schwabe  linkisch,  verlegen,  demütig.  Der  König
lobte  sein  poetisches  Talent  und  bedauerte  seine  radikale  Richtung;  er
wünschte  ihm  einen  Tag  von  Damaskus  —  „dann  erst  wird  Ihr  Wirken
außerordentlich  groß  sein“  —  und  schloß  das  kurze  Gespräch  mit  den
gütigen  Worten:  wir  wollen  ehrliche  Feinde  sein.  Zum  Dank  brachte  die
Leipziger  Allgemeine  Zeitung  einen  gehässig  entstellenden  Bericht,  worauf
Friedrich  Wilhelm  befahl,  in  der  amtlichen  Berichtigung  solle  bemerkt
werden:  „Es  verlautet,  der  König  habe  nach  Lesung  des  Artikels  gesagt:
Ich  erkenne  das  Machwerk  derjenigen  Juden,  über  deren  zudringliche
Freundschaft  Herwegh  klagte.  —  Das  ist  nämlich  wörtlich  geschehen!“s)  Er
ward  noch  unwilliger,  als  er  Näheres  über  die  Vergangenheit  des  Dichters
erfuhr,  und  äußerte  bitter:  Ein  Gedicht  in  den  Zeitungen  „scheint  mir
Herwegh  zu  verspotten  wegen  seines  Nackenbeugens  bei  mir.  Grand
bien  lui  fasse  “/73)

Mittlerweile  war  der  Poet  nach  Königsberg  gegangen,  und  hier
scharte  sich  um  ihn  die  gesamte  Opposition.  Bei  dem  großen  Festmahle
spielte  man  die  Marseillaise  —  was  bei  den  liberalen  Feierlichkeiten  dieser
Jahre  schon  ganz  gewöhnlich  war  und  den  gedankenlosen  Zuhörern  kaum
noch  auffiel.**)  Ein  Festgruß  des  jungen  Dichters  Wilhelm  Jordan
feierte  die  Felsennacken  der  Männer  Ostpreußens  und  sprach  verächtlich
von  dem  weichlichen  Berlin,  wo  alles  in  tollem  Veitstanz  rase,  wenn  Fanny
Elsler  ihre  Sylphenbeine  schwinge:

Der  Eitelkeit  und  der  Genußsucht  Dämon

Besessen  hält  dies  üppige  Korinth.

Hier  aber,  Herwegh,  hier  ist  Lacedämon,

Wir  rasen  nicht,  weil  wir  Spartaner  sind.
Die  Phrase  lag  in  der  Luft,  alles  überbot  sich  in  heroischem  Pathos.  Ein
junger  Mann,  aus  dem  nachmals  ein  trefflicher  Gelehrter  geworden  ist,
erwiderte  auf  Jacobys  Frage:  „Sie  sind  Student?“  —  feierlich:  „Und
in  des  Worts  verwegenster  Bedeutung“  —  worauf  er  die  erhabene  Zurechtweisung
  erhielt:  „Sagen  Sie  doch  lieber:  im  Sinne  der  Tat.“  Sogar
  der  kluge  Rechtsanwalt  Crelinger,  ein  hagerer  Herr  mit  großer  Judennase,
  dem  man  den  feinen,  verwöhnten  Gelehrten  sofort  ansah,  konnte
dem  allgemeinen  Rausche  nicht  widerstehen  und  redete  so  gewaltig  von  dem
Schwert  an  seiner  Linken,  daß  seine  Freunde  selbst  ihn  nicht  ohne  Lächeln
betrachten  konnten.
Der  König  war  empört  über  „die  Blutlieder“  dieses  Festes.  Wie

*)  Randbemerkung  zu  Thiles  Bericht  vom  28.  Nov.  1842.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  8.  Dez.  1842.
###)  Böttichers  Bericht  an  Thile,  13.  Dez  1842.
        <pb n="214" />
        206  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

ward  ihm  aber,  als  ihm  der  Dichter  noch  aus  Königsberg  einen  höchst
unziemlichen  Brief  zusendete.  Herwegh  beabsichtigte  in  der  Schweiz  eine
für  Deutschland  bestimmte  Zeitschrift  herauszugeben;  das  Blatt  wurde  in
Preußen  eben  jetzt  im  voraus  verboten  —  was  den  Behörden  gesetzlich
freistand,  aber  gleich  nach  jener  Audienz  sich  sehr  gehässig  ausnahm  —
und  der  Gekränkte  richtete  nun  „ein  Wort  unter  vier  Augen“  an  den
Monarchen,  „ohne  eine  Devotion  zu  heucheln,  die  ich  nicht  kenne,  oder
Gefühle,  die  ich  nicht  empfinde  und  nie  empfinden  werde“.  Er  klagte
die  Diener  der  Fürsten  an,  deren  „alterndem  Bewußtsein“  sein  beschränkter
Untertanenverstand,  sein  Bewußtsein  einer  neuen  Zeit  auf  ewig  widersprechen
  müsse;  er  beteuerte:  „ich  bin  durch  die  Notwendigkeit  meiner
Natur  Republikaner“,  und  drohte:  „noch  gibt  es  Menschen,  die  durch  nichts
zu  schrecken  sind,  und  ich  rechne  mich  zu  ihnen.“  Die  kindischen  Großsprechereien
  verdienen  keine  Beachtung.  Zu  Weihnachten  jedoch  wurde  der
den  Königsberger  Liberalen  längst  mitgeteilte  Brief  in  der  Leipziger  Allgemeinen
  Zeitung  abgedruckt,  und  also  veröffentlicht  erschien  er  wie  eine
freche  Verhöhnung  des  Monarchen.

Am  Berliner  Hofe  war  nur  eine  Stimme  der  Entrüstung.  Man  fand
es  auch  menschlich  niederträchtig,  daß  „ein  Wort  unter  vier  Augen“,  nicht
ohne  die  Mitschuld  seines  Urhebers,  verraten  wurde,)  und  hielt  für  nötig,
mindestens  auf  einige  Zeit  „einen  Belagerungszustand“  über  die  Presse  zu
verhängen.  Zur  Vorbereitung  mußte  die  Literarische  Zeitung  eine  laute
Wehklage  anstimmen:  die  Wortführer  der  Freiheit  haben  in  einem  Jahre
die  deutsche  Presse  um  ihren  hundertjährigen  guten  Ruf  gebracht;  durch
Verkündigung  der  vollen  Preßfreiheit  würde  der  Staat  eine  außer  seinem
Bereiche  stehende  Macht  anerkennen.  Darauf  wurde  Herwegh  aus  Preußen
ausgewiesen  und  die  Leipziger  Allgemeine  Zeitung  verboten,  weil  sie  „eine
Niederlage  von  Lügen,  Entstellungen  und  böswilligen  Angriffen“  geworden
sei.  In  welche  peinliche  Lage  geriet  nun  Graf  Arnim-Beitzenburg.  Er
wünschte  dringend  die  freiere  Bewegung  der  Presse  und  war  eben  deshalb  in
den  Rat  der  Krone  berufen  worden;  jetzt  sah  er  sich  doch  genötigt,  als
Minister  des  Innern  bei  allen  Zwangsmaßregeln  voranzugehen,  auf
seinen  Namen  sammelte  sich  der  ganze  Haß  der  Liberalen.  Der  König
verlangte  indes  noch  weitere  Verbote.

Auf  den  Schutz  der  Gerichte  glaubte  er  sich  nicht  mehr  verlassen  zu
können;  denn  gerade  in  diesen  Tagen  (Jan.  1843)  wurde  Johann  Jacoby,
der,  einmal  schon  verurteilt,  seine  Vier  Fragen  in  zwei  Rechtfertigungsschriften
  tapfer  verteidigt  hatte,  von  dem  Ober-Appellationssenate  des  Kammergerichts
  endgültig  freigesprochen.  Das  Urteil  trug  die  Unterschrift  des
ehrwürdigen  Präsidenten  Grolman.  Inden  sehr  ausführlichen  Entscheidungs-—

  —

*)  Denkschrift  über  Herweghs  Brief,  Dez.  1842,  o.  N.,  wahrscheinlich  von  Ludw.
v.  Gerlach.
        <pb n="215" />
        Unterdrückung  der  Oppositionspresse.  207

gründen  äußerten  sich  die  Richter  mit  einer  Unerschrockenheit,  wie  sie  dem
alten  Ruhme  dieses  Tribunals  entsprach;  sie  erklärten,  mit  der  Ehrfurcht
vor  dem  Könige  sei  freimütiger  Tadel  der  bestehenden  Einrichtungen  wohl
vereinbar,  und  sagten  geradezu,  einem  Schriftsteller  dürfe  man  nicht  ver—
wehren,  die  Zensur  die  schlimmste  Feindin  der  Presse  zu  nennen.  Eine
Abschrift  dieser  Urteilsgründe  wurde  dem  Freigesprochenen,  gemäß  den
Grundsätzen  des  geheimen  Gerichtsverfahrens,  nicht  mitgeteilt,  weil  man
voraus  wußte,  daß  er  alles  sofort  veröffentlichen  würde.  Auch  der  König
verweigerte,  trotz  der  dringenden  Bitte  Jacobys,  die  Erlaubnis  dazu;  ihm
war  diese  Freisprechung  rein  unbegreiflich.

Um  so  nötiger  schien  ihm  also  ein  kräftiges  Einschreiten  der  Verwaltung.
  In  den  nämlichen  Tagen  wurden  Ruges  Deutsche  Jahrbücher
unterdrückt  —  fast  gleichzeitig  in  Sachsen  und  in  Preußen,  nachher  auch
noch  durch  den  Bundestag  —  weil  sie  den  Liberalismus  in  Demokratismus
  auflösen,  durch  Herstellung  des  absoluten  Staates  zur  Freiheit  gelangen
  wollten.  Nach  einer  stürmischen  Verhandlung  genehmigte  der  sächsische
  Landtag  dies  Verbot.  Gleich  darauf  erhielt  die  Rheinische  Zeitung
den  Befehl,  daß  sie  vom  1.  April  an  nicht  mehr  erscheinen  dürfe,  wegen
ihrer  Zügellosigkeit  in  Gesinnung  und  Ausdruck,  ihrer  subversiven  Richtung
gegen  Staat  und  Kirche.  Sie  unterwarf  sich  mit  den  bitteren  Worten:  „das
Unrecht,  die  falsche  Basis  der  Rheinischen  Zeitung  war  die  Begeisterung  für
das  junge  Licht,  welches  nach  langem  Dunkel  die  Gipfel  der  Berge  zu  röten
begann;  aber  es  war  nur  das  prophetische  Leuchten,  nicht  die  Morgenröte
  eines  neuen  Tages  für  Deutschland.“  Im  Februar  1843  wurde
dann  auch  noch  die  den  Bildern  gewährte  Zensurfreiheit  zurückgenommen.
Das  Jahr  der  bedingten  Preßfreiheit  ging  zu  Ende,  die  einflußreichsten
Organe  des  norddeutschen  Liberalismus  waren  allesamt  verstummt.  Mit
tiefem  Unwillen  nahm  die  Nation  diese  Verbote  auf.  An  die  unverbrüchliche
  Stille  des  alten  Regiments  hatte  man  sich  schließlich  gewöhnt;
diese  neue  Regierung  aber  forderte  das  Volk  beständig  zu  freimütigem,
lautem  Reden  auf  und  verbot  doch  alles,  was  ihr  nicht  zusagte.  Wer
konnte  das  begreifen?  Dazu  der  unausstehliche  schulmeisternde  Ton  dieser
Verbote,  die  den  unterdrückten  Zeitungen  salbungsvoll  ihr  Sündenregister
vorhielten!

Und  was  am  schlimmsten  wirkte,  der  König  selbst  konnte  es  nicht
lassen,  in  jede  Kleinigkeit  des  Zeitungstreibens  belehrend  einzugreifen.
Es  zeigte  sich  bald:  die  dicke  Haut,  die  zum  Ertragen  der  Freiheit  gehört,
war  diesem  feinen  reizbaren  Geiste  ganz  versagt.  Immer  wieder  beklagte
er  sich  gegen  seine  Minister  über  die  Königsberger  Schandzeitung  und  ihre
Hurenschwester  am  Rhein.  Als  ein  ostpreußischer  Gutsbesitzer  Deutsch  sich
in  Sachen  des  Elbinger  Anzeigers  beschwerte,  da  hielt  ihm  der  Monarch
in  einem  eigenhändigen  Schreiben  seine  „schweren  Irrtümer“  vor:  „Gegen
Trugbilder  zu  Felde  zu  ziehen,  welche  von  einer  Partei  mißbraucht  werden,
        <pb n="216" />
        208  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

um  den  unaufgeklärten  Teil  des  Volks  aufzuregen,  ist  mein  Amt  zu  heilig
und  meine  Liebe  zur  Wahrheit  zu  lebendig.““)  Noch  härter  wurde
Wilibald  Alexis  angelassen,  als  er  sich  seiner  unschuldigen  Vossischen  Zeitung
  gegen  die  Zensur  annahm.  „Mit  Widerwillen“,  schrieb  ihm  der  König,
„habe  ich  einen  Mann  von  Ihrer  Bildung  und  literarischen  Bekanntheit
in  der  Klasse  derer  gefunden,  die  es  sich  zum  Geschäft  machen,  die  Verwaltung
  des  Landes  durch  hohle  Beurteilung  ihres  Tuns,  durch  unüberlegte
  Verdächtigung  ihres  nicht  von  ihnen  begriffenen  Geistes  vor  der
großen  meist  urteilslosen  Menge  herabzusetzen  und  dadurch  ihren  schweren
Beruf  noch  schwerer  zu  machen.“  Das  Schreiben  wurde  bald  bekannt,
und  selbst  General  Gerlach  meinte  traurig:  den  treuen,  von  den  Liberalen
so  oft  servil  gescholtenen  Dichter  der  Marken  hätte  man  so  nicht  behandeln
  sollen.

Der  König  betrachtete  alle  diese  Verbote  nur  als  Ausnahmemaßregeln
für  den  Augenblick  und  versammelte  mittlerweile  seine  Minister,  auch  Radowitz
  und  Gerlach,  häufig  zu  Beratungen  über  einen  neuen  Zensurgesetz-Entwurf,
  den  Graf  Arnim  ausgearbeitet  hatte.  )  Er  hoffte  dadurch
—  so  erklärte  er  fröhlich  —  die  Freiheit  der  Zukunft  zu  verkündigen  und  vorzubereiten.
  An  geistreichen  Einfällen  ließ  er  es  auch  diesmal  nicht  fehlen.  So
dachte  er  die  Unterzeichnung  aller  politischen  Artikel  gesetzlich  zu  erzwingen;
man  sah  jedoch  bald  ein,  daß  dieser  gute  Gedanke  um  zwanzig  Jahre  zu  spät
kam  und  die  Anonymität  sich  in  der  Presse  schon  unausrottbar  eingebürgert
hatte.*)  Desgleichen  wollte  er  irgendwie  öffentlich  aussprechen,  daß  ihm
begründete  Mitteilungen  der  Presse  über  Beamtenwillkür  immer  willkommen
seien;  da  stellte  ihm  Thile  vor:  man  dürfe  das  Publikum  nicht  gleichsam
zum  Kampfe  gegen  das  Beamtentum  herausfordern.J))  Auch  Metternich,
  der  schon  lange  die  Bewegung  in  der  preußischen  Presse  kummervoll
betrachtete,  sendete  seine  Ratschläge  durch  die  Gesandtschaft.##)  Er  blieb
bei  seiner  alten  Meinung,  daß  die  moralische  Gewalt  der  Presse  nur  durch
vorbeugende  Mittel  zu  regeln  sei;  denn  —  so  schrieb  er,  den  Wortschatz
seiner  Angstsprache  wieder  um  ein  Metapher  bereichernd  —  „ist  eine
Brut  giftiger  Insekten  einmal  ausgeflogen,  was  nützt  die  Zerstörung  des
Nestes?  Optimisten  hoffen  auf  die  Schwalben  und  Sperlinge;  ich  nicht.“  —

Da  sich  ein  Ende  der  Beratungen  noch  gar  nicht  absehen  ließ,  so
wurden  zunächst  einige  vorläufige  Anordnungen  erlassen.  Am  4.  Febr.  1843
erhielten  die  Zensoren,  weil  sie  die  Befehle  des  Monarchen  „gänzlich  mißverstanden“
  hätten,  eine  neue,  sehr  strenge  Instruktion;  „was  ich  nicht

*)  Kabinettsordre  an  Deutsch,  Jan.  1843.
**)  Arnims  Schreiben  an  Eichhorn,  Thile,  Bülow,  18.  Sept.  1842.
**)  Thile,  Notiz  für  das  Staatsministerium,  Dez.  1842.
1)  Thiles  Bericht  an  den  König,  27.  Jan.  1843.
4)  Canitzs  Berichte,  Wien,  Febr.  1842  ff.  Metternich  an  Trauttmansdorff,
14.  Febr.  1843.
        <pb n="217" />
        Das  Ober-Zensurgericht.  209

will“,  sagte  die  Kabinettsordre,  „ist  die  Auflösung  der  Wissenschaft  und
Literatur  in  Zeitungsschreiberei,  die  Gleichstellung  beider  in  Würde  und
Ansprüchen.“  Zugleich  einigte  sich  der  Ministerrat  nach  lebhaften  Kämpfen
auch  über  die  vorläufige  Organisation  der  Zensur-Behörden.  Der  König
selbst  befahl,  daß  bei  dem  Ober-Zensurgericht,  wie  in  den  Ländern  des  mündlichen
  Verfahrens,  ein  Staatsanwalt  die  Strafanträge  stellen  sollte.  Für
die  Mitglieder  dieses  Gerichtshofes  forderten  die  juristischen  Räte  der  Krone
allesamt  gesicherte  Selbständigkeit:  Savigny  verlangte  ihre  Anstellung  auf
Lebenszeit;  Gerlach  außerdem  noch,  daß  sie  nur  nach  veröffentlichten  Landesgesetzen
  urteilen  sollten,  darin  liege  „das  Wesen  und  die  Bedingung
aller  Justiz“;  Mühler  endlich  dachte  sich  das  Ober-Zensurgericht  als  einen
durch  zwei  Gelehrte  zu  verstärkenden  Senat  des  Obertribunals,  denn  sein
Zweck  sei,  die  Presse  vor  der  Willkür  der  Zensoren  zu  schützen,  und  „was
man  will,  muß  man  ganz  wollen“.?)  Schließlich  wurden  die  Rechtsbedenken
  der  Juristen  durch  die  polizeiliche  Angstlichkeit  doch  überstimmt;
die  Mehrzahl  der  Minister  beruhigte  sich  bei  dem  Troste,  daß  die  neue
Einrichtung  ja  nur  als  ein  Versuch  gemeint  sei.  Die  Verordnung  vom
23.  Febr.  1843  setzte  für  die  Zensurverwaltung  Lokal=  und  Bezirkszensoren
ein,  unter  der  Leitung  des  Ministers  des  Innern,  und  übertrug  die  Preßjustiz
  einem  Ober-Zensurgerichte,  dessen  Mitglieder—sieben  Juristen  und  zwei
Gelehrte  —  auf  drei  Jahre  ernannt  wurden  und  außer  den  Landesgesetzen
auch  die  den  Zensoren  erteilten  „speziellen  Anweisungen  befolgen“  sollten.

Der  beste  Gedanke  der  königlichen  Reformpläne  fiel  also  zu  Boden.
Eine  solche  Behörde  war  kein  unabhängiger  Gerichtshof,  sie  unterschied
sich  nur  wenig  von  dem  alten  Ober-Zensurkollegium,  und  mit  dem  Freimut
  des  preußischen  Richters  erklärte  Ludwig  Gerlach  sofort:  er  sehe  sich
außer  stande,  das  ihm  angetragene  Präsidium  dieses  Zensurgerichts  zu
übernehmen.)  Statt  seiner  erhielt  Staatssekretär  Bornemann  den  Vorsitz,
  ein  ausgezeichneter  Jurist  von  entschieden  liberaler  Gesinnung;  der
meinte  traurig,  man  müsse  seinen  ganzen  Ruf  dem  Staatsinteresse  zum
Opfer  bringen,  und  in  der  Tat  ward  er  wegen  seines  verhaßten  Amts
bald  überall  als  Reaktionär  verlästert.  Es  war  ein  Kennzeichen  dieser
Regierung  der  Mißverständnisse,  daß  unter  ihr  niemand  im  rechten  Lichte
erschien.  Am  30.  Juni  wurden  dann  noch  einige  Ergänzungen  veröffentlicht,
  die  im  wesentlichen  nur  die  alten  Zensurvorschriften  in  etwas  veränderter
  Fassung  wiederholten.  Mehr  war  für  jetzt  nicht  zu  erreichen.
Ratlos,  steuerlos  schwankte  die  Regierung  zwischen  freisinnigen  Wünschen
und  bureaukratischer  Angst.

Das  neue  Zensurgericht  bewährte  sich  nicht.  Derweil  die  Nation

 

*7)  Denkschriften  von  Gerlach,  15.  Dez.  1842,  von  Mühler,  22.  Febr.  1843.  Saviqny
an  Thile,  23.  Febr.  1843.

*“)  Gerlach  an  den  König,  21.  Febr.  1843.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  14
        <pb n="218" />
        210  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

ihren  Abscheu  gegen  alles  Zensurwesen  täglich  lauter  bekundete,  verbiß
sich  diese  Behörde  in  einen  Kampf  wider  das  freie  Wort;  ihre  Urteile,
die  anfangs  glimpflich  gelautet  hatten,  wurden  allmählich,  zumal  seit
Bornemann  wieder  ausgeschieden  war,  immer  härter,  ja  sie  klangen
zuweilen  so  unsinnig,  daß  sie  den  Vergleich  mit  den  Taten  des  Badeners
Uria  wohl  aushalten  konnten.  Bei  dem  liberalen  Königsberger  Buch—
händler  Voigt  erschienen  schon  seit  längerer  Zeit  heftweise,  von  der  Zensur
ungehindert,  die  „Materialien  zur  Regierungsgeschichte  Friedrich  Wil—
helms  IV.“,  eine  dem  Historiker  noch  heute  willkommene  Tageschronik,
welche  die  Ereignisse  der  preußischen  Zeitgeschichte  ohne  jede  Zwischenrede
aufzählte;  nur  an  der  Auswahl  des  Stoffs  sowie  an  einzelnen  ironischen
Redewendungen  konnte  man  erraten,  daß  der  Sammler  wohl  dem  Kreise
Schöns  und  Jacobys  angehören  mochte.  Gegen  dies  Buch  beantragte
der  Staatsanwalt  beim  Ober-Zensurgerichte  ein  Debitsverbot  (1845)  und
bot  damit  dem  Verteidiger  Anwalt  Crelinger  die  heiß  ersehnte  Gelegenheit,
  eine  Regierung,  die  sich  also  vor  der  Erzählung  ihrer  eigenen  Taten
fürchtete,  mit  siegreichem  Hohne  zu  bekämpfen.  Trotzdem  wurde  das  Verbot
  ausgesprochen,  einfach  wegen  der  „entschieden  hervortretenden  feindseligen
  Tendenz“  der  Schrift,  und  der  Staat  mußte  dem  Verleger,  da
das  Heft  mit  inländischer  Zensur  gedruckt  war,  eine  Entschädigung  zahlen.
Crelinger  aber  wurde  zur  Strafe  in  einen  kleinen  Ort  versetzt  und  nahm
seinen  Abschied.

Und  wie  fruchtlos  blieb  alle  diese  Härte  und  Willkür.  Zwar  die
Leipziger  Allgemeine  war  gebändigt;  sie  lebte  nach  einigen  Monaten  unter
dem  Namen  der  Deutschen  Allgemeinen  Zeitung  wieder  auf,  und  ihr  neuer
Herausgeber,  der  als  Zensor  wohlbekannte  Professor  Bülau  vermied  ängstlich
  jedes  kecke  Wort.  Auch  Arnold  Ruge  gewann  das  Ansehen,  das  er
durch  seine  Jahrbücher  erlangt  hatte,  niemals  wieder  —  wesentlich  durch
seine  eigene  Schuld.  Er  ging  nach  Frankreich  und  vermaß  sich,  „ein  anderes
  Volk  zu  machen“,  eine  das  Jahrhundert  beherrschende,  eine  weltgewinnende
  Literatur  der  Aufklärung  zu  erzeugen;  auf  die  Männer  der
strengen  Wissenschaft,  auf  „die  Bildung  der  Herren  Twesten,  Trendelenburg
  und  Ranke“  sah  er  aus  Himmelshöhen  ebenso  verächtlich  hernieder
wie  auf  den  „reaktionären  Idealismus“  Arndts  und  Jahns.  Im  Herzen
blieb  der  grundehrliche  Polterer  noch  immer  der  Jüngling  von  Rügen,
wie  seine  Jugendfreunde  ihn  nannten;  er  war  nicht  eigentlich  verbittert,
das  erlaubte  seine  Gutmütigkeit  nicht,  nur  der  Rausch  der  absoluten  Kritik
trieb  ihn  zur  dialektischen  Vernichtung  alles  dessen,  was  deutschen  Herzen
heilig  ist.  Vor  nicht  gar  langer  Zeit  war  Börne  in  den  alten  Jahrbüchern
der  schamlose  Thersites  des  deutschen  Volkes  genannt  worden;  und  jetzt
gründete  Ruge  in  Paris  die  „Deutsch-französischen  Jahrbücher“,  deren
Schmähreden  jenen  älteren  Thersites  fast  noch  überboten.  Da  hieß  es:
„Der  deutsche  Geist,  soweit  er  zum  Vorschein  kommt,  ist  niederträchtig,
        <pb n="219" />
        Deutsch-französische  Jahrbücher.  Brüggemann.  211

und  ich  trage  kein  Bedenken  zu  behaupten:  wenn  er  nicht  anders  zum
Vorschein  kommt,  so  ist  dies  lediglich  die  Schuld  seiner  niederträchtigen
Natur.“  Diese  Lästerungen  standen  freilich  in  einem  fingierten  Brief—
wechsel;  sie  gaben  aber  unzweifelhaft  Ruges  eigene  Ansicht  wieder,  daß
sein  alter  Freund  Robert  Prutz  sich  als  treuer  Patriot  gedrungen  fühlte,
warnend  zu  widersprechen.  „Wer  ist  noch  patriotisch?  Die  Reaktion.
Wer  ist  es  nicht  mehr?  Die  Freiheit.  Das  wahre  Vaterland  des
Freiheit  suchenden  Menschen  ist  die  Partei.  Nur  freie  Männer  haben
keine  Religion  —“  in  dem  Labyrinthe  solcher  seichten  und  frechen  Kraftworte
  bewegte  sich  alles,  was  Ruge  in  den  nächsten  Jahren  schrieb.  Seine
Deutsch-französischen  Jahrbücher  gerieten  alsbald  ins  Stocken;  von  dem
ersten  Hefte  wurde  fast  die  ganze  Auflage  an  der  pfälzischen  Grenze
konfisziert,  und  manche  der  französischen  Radikalen,  die  sich  Ruge  zu  Mitarbeitern
  ausersehen  hatte,  entsetzten  sich  über  die  gottlosen  Doktrinen
des  deutschen  Philosophen,  dessen  politische  Unschädlichkeit  sie  nicht  durchschauten.
  Auch  in  Deutschland  begann  man,  obschon  der  politische  Radikalismus
  beständig  zunahm,  der  scholastischen  Formeln  der  Junghegelianer
  müde  zu  werden.  Nachdem  die  souveräne  Kritik  jeden  möglichen
und  unmöglichen  Standpunkt  überwunden  hatte,  wußte  sie  der  Nation
nichts  mehr  zu  sagen;  das  junge  Geschlecht  aber  verlangte  nach  praktischer
Freiheit,  nicht  nach  Gedankenspielen.

Die  Rheinische  Zeitung  hingegen  wurde  bald  durch  die  Kölnische
ersetzt.  Dies  alte,  durch  die  Inserate  der  gewerbreichen  westlichen  Provinzen
  wohlgesicherte  Blatt  war  eine  Zeitlang  hinter  der  übermütigen
jungen  Nebenbuhlerin  zurückgetreten  und  hob  sich  jetzt  wieder  schnell,  da
viele  Mitarbeiter  der  unterdrückten  Zeitung  zu  ihm  übergingen.  Der
Verleger  Joseph  Dumont,  ein  kräftiger  Altkölner  voll  reichsstädtischen
Stolzes  und  preußischer  Königstreue,  machte  plötzlich  die  Entdeckung,  daß
die  Regierung  einen  seiner  Hauptredakteure,  Dr.  Hermes  bestochen  hatte  —
was  in  Preußen  ganz  unerhört  und  sicherlich  auch  ohne  Vorwissen  des
Monarchen  geschehen  war;  er  entließ  den  Mann  sofort  und  vertraute
seine  Zeitung  zuverlässigeren  Händen  an.  Etwas  später  übernahm  der
Westfale  K.  H.  Brüggemann  die  Leitung.  Der  hatte  seine  Hambacher
Festrede  und  die  Schwärmerei  seiner  Studentenjahre  auf  der  Festung
Posen  abgebüßt;  aber  unverbittert  durch  die  lange  Haft,  schrieb  er  nachher
  (1843)  das  geistreiche  Büchlein  „Preußens  Beruf  in  der  deutschen
Staatsentwicklung“,  ein  Programm  der  Münsche,  welche  das  liberale
Bürgertum  des  Westens  bewegten:  er  verlangte  ständische  Vertretung
ohne  allgemeine  Wahlen,  Freiheit  der  Presse,  des  Handels,  der  Gewerbe,
Selbstverwaltung  der  Gemeinden,  Aufhebung  aller  Privilegien  neben  Anerkennung
  der  ständischen  Unterschiede,  und  sprach  schon  die  bestimmte  Erwartung
  aus,  daß  Preußen  an  die  Spitze  der  deutschen  Nation  treten
würde.  Wenn  der  Minister  Bodelschwingh  für  nötig  hielt,  diesen  Ver-14*
        <pb n="220" />
        212  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

treter  des  gemäßigten  Liberalismus  vor  „subversiv-kommunistischen  Tendenzen“
  zu  warnen,  so  bewies  er  damit  nur,  wie  völlig  die  Regierung
durch  ihre  Angst  verblendet  war:  sie  vermochte  die  grundverschiedenen
Richtungen,  die  sich  augenblicklich  in  der  Opposition  zusammenfanden,
gar  nicht  mehr  zu  unterscheiden.  Da  Brüggemann  sich  als  erfahrener  Publizist
  vor  den  Zensoren  selten  eine  Blöße  gab,  auch  dem  kirchenfeindlichen
Treiben  der  Junghegelianer  fern  blieb,  so  gewann  die  Kölnische  Zeitung
  starken  Anhang.  Mit  ihren  9000  Abonnenten  oder  mehr  wuchs  sie
bald  zu  einem  großen  Blatte  heran  und  wurde  der  Regierung  gerade
durch  ihre  ruhigere  Haltung  fast  noch  lästiger  als  vordem  die  Rheinische
Zeitung.

Für  die  Leipziger  Allgemeine  aber  boten  die  demokratischen  Buchhandlungen,
  die  sich  überall  dicht  vor  der  deutschen  Südwestgrenze  auftaten,
der  Skandalsucht  der  Lesewelt  reichlichen  Ersatz.  In  Winterthur  hatte
der  Thüringer  Julius  Fröbel  das  Literarische  Comptoir  gegründet,  das
sich  zuerst  durch  Herweghs  Gedichte  einen  Namen  erwarb.  Mechrere
wirkliche  oder  vorgebliche  Flüchtlinge  halfen  mit,  eine  Zeitlang  auch  einer
der  Gebrüder  Follen,  der  schöne  Adolf,  vormals  von  den  Unbedingten
als  deutscher  Kaiser  gefeiert.  Ein  ehrenhafter,  aber  durchaus  doktrinärer
Demokrat,  hielt  Fröbel  in  den  mannigfachen  Wandlungen  seiner  politischen
  Ansichten  viele  Jahre  hindurch  nur  einen  Gedanken  unverbrüchlich
fest,  den  Haß  gegen  Preußen;  er  sprach  offen  die  Absicht  aus,  durch  seinen
wilden  Verlag  die  Macht  der  Zensur  für  immer  zu  untergraben.  Zugleich
  eröffnete  Wirth,  der  Volksredner  des  Hambacher  Festes,  in  Bellevue
bei  Konstanz  die  Druckerei  der  deutschen  Volkshalle;  ähnliche  Unternehmungen
  entstanden  in  Straßburg,  Bern,  Zürich.

Also  aus  sicherer  Ferne  prasselte  ein  Hagel  radikaler  Schriften  über  die
deutsche  Grenze  herein.  Alle  wurden  begierig  gelesen;  manche  erregten  großes
  Aufsehen,  so  eine  aus  Wahrheit  und  Dichtung  gemischte  Darstellung  des
Prozesses  Weidig,  so  zwei  von  Schmutz  starrende  Bücher  des  jungen  Schwaben,
Joh.  Scherr,  das  enthüllte  Preußen  und  Württemberg  i.  J.  1844.  Auch  die
kleinen  deutschen  Nachbarstaaten  mußten  manche  Schmähschrift  gegen  Preußen
  stillschweigend  dulden,  sie  hatten  den  Mut  schon  verloren  und  waren
froh,  wenn  sie  sich  ihrer  eigenen  Haut  wehren  konnten.  Der  Rheinländer
Karl  Heinzen,  der  roheste  aller  preußischen  Demagogen,  ließ  seine  unflätigen
Bücher  über  die  preußische  Bureaukratie,  die  Opposition  und  wie  sie  sonst
hießen,  in  Darmstadt  drucken  oder  bei  dem  radikalen  Buchhändler  Hoff  in
Mannheim;  nur  wenn  er  offen  Meuterei  und  Hochverrat  predigte,  wie  in
den  „dreißig  Kriegsartikeln“  für  das  deutsche  Heer,  dann  nannte  er  einen
beliebigen  Druckort.  Heinzen  hatte  nach  einer  abenteuerlichen  Jugend  als
ein  Schiffbrüchiger  ein  Unterkommen  im  preußischen  Subalterndienste  gefunden
  und  dort  zwar  die  Demütigungen  erfahren,  die  in  solcher  Lage  keinem
gebildeten  Manne  erspart  bleiben,  doch  niemals  ein  Unrecht  erlitten;  gleich-
        <pb n="221" />
        Glanz  des  Hofes.  Die  Pickelhauben.  213

wohl  meinte  er  sich  berechtigt,  das  preußische  Beamtentum  wie  eine  Ausgeburt
  der  Hölle  zu  behandeln.  Ein  vielbelachtes  Zerrbild  stellte  den
König  dar,  wie  er  die  Zeitungen  mit  Füßen  trat  und  dazu  rief:  ich  liebe
eine  gesinnungsvolle  Opposition!  Was  wollte  der  preußische  Hof  gegen
alle  diese  Freibeuter  ausrichten?  Er  fühlte  sich  gänzlich  waffenlos;  auch
seine  Zensoren  daheim  konnten  schließlich  nicht  mehr  unterdrücken,  was  in
der  Luft  lag.  Der  alte  Preßzwang  ward  unhaltbar.  Im  Septbr.  1847
sang  ihm  Minister  Bodelschwingh  selbst  das  Totenlied  und  gestand:  „Die
Zensur  ist  altersschwach,  sie  hat  ausgedient;“  es  fragt  sich  nur  noch,
wie  sie  zu  ersetzen  sei.)

 

Die  neue  Zeit,  die  so  oft  verkündigte,  zeigte  sich  einem  jeden
handgreiflich  in  der  geschmackvollen  Pracht  des  neuen  Hofes.  Der  König
liebte  in  reichen,  vier=  oder  sechsspännigen  Wagen  daherzufahren;  er  gab
der  Hofdienerschaft  schöne  silberne,  mit  schwarzen  Adlern  gestickte  Kragen
an  ihre  Uniformen,  den  Pagen  wieder  die  malerische  rote  Tracht  aus  den
Zeiten  Friedrichs  I.,  den  Marschällen  der  Landstände  Marschallsstäbe,  den
Professoren  der  Universitäten  würdige  Talare;  die  Ritter  vom  schwarzen
Adler  ließ  er  im  Kapitel  wieder  die  roten  Ordensmäntel  anlegen  und
die  Richter  des  Rheinlandes  wollte  er  nicht  anders  als  in  der  feierlichen
Robe  der  französischen  Magistratur  vor  sich  sehen.  Das  alles  war  ihm
mehr  als  Form;  er  hielt  sich  verpflichtet,  das  Königtum  von  Gottes  Gnaden
  sowie  alle  seine  Diener  wieder  in  standesmäßigem  Glanze  auftreten
zu  lassen.  Als  ihm  General  Thile  einmal  vorstellte,  die  Einfachheit  der
preußischen  Monarchen,  namentlich  Friedrich  Wilhelms  III.  hätte  allgemeine
  Ehrfurcht  erweckt,  die  neuen  glänzenden  Formen  würden  vom  Volke
nicht  verstanden,  ja  vielleicht  für  theatralisch  gehalten  werden,  da  dankte
er  dem  treuen  Freunde  für  seine  Offenheit  und  erklärte:  „Dennoch  können
offenbare  Irrtümer  mich  in  meinen  Ansichten  nicht  wankend  machen.
Gewiß  ist's,  daß  viel,  sehr,  sehr  viel  Anstand  verloren  gegangen  ist.  Das
ist,  weit  entfernt  mich  zu  veranlassen  so  fortzufahren,  die  Ursach,  warum
ich  den  Anstand  und  als  solchen  Zeichen  verliehener  Würden  wieder  einführe.
  Darum  die  Amtstracht  des  Magnifikus  und  der  Professoren,
darum  die  Amtstracht  der  Richter,  darum  den  Marschällen  Marschallsstäbe.
  Bei  der  Landtags-Eröffnung  werde  ich  mir,  wie  bei  der  Huldigung,
die  Reichs-Insignien  vortragen  lassen.  Juum  cuique“

Den  breiten  Massen  dieses  kriegerischen  Volkes  kam  der  Wandel  der
Zeiten  erst  ganz  zum  Bewußtsein,  als  in  den  Jahren  1842  und  43  das  Heer

 

*)  Bodelschwingh,  Denkschrift  über  die  Presse,  Sept.  1847.
*“)  Thile  an  König  Friedrich  Wilhelm,  18.  März  1847,  mit  Randbemerkung.
        <pb n="222" />
        214  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

eine  neue  Kleidung  erhielt:  kleidsame  Waffenröcke  statt  der  abgeschmackten
Fräcke,  Helme  statt  der  Tschakos.  Eine  Flut  von  Spötterei  ergoß  sich  über
die  Pickelhauben,  die  mittelalterliche  Erfindung  königlicher  Romantik.  Sehr
bald  begann  man  doch  zu  fühlen,  daß  Friedrich  Wilhelm  seinen  Trup—
pen  die  zweckmäßigste  und  schönste  Kleidung  gegeben  hatte,  welche  je  ein
modernes  Heer  getragen;  er  hielt  mit  seinem  feinen  künstlerischen  Geschmacke
  glücklich  die  Mitte  ein  zwischen  der  Steifheit  der  altrussischen  und
der  seiltänzerischen  Buntheit  der  neufranzösischen  Uniformen,  und  in  einem
glorreichen  halben  Jahrhundert  ist  diese  Kleidung  der  Nation  so  vertraut
geworden,  als  ob  deutsche  Krieger  in  anderer  Tracht  gar  nicht  auftreten
könnten.

Wie  anders  als  unter  dem  alten  Herrn  erschienen  nunmehr  die
Schlösser  in  Berlin  und  Potsdam,  die  sich  so  lange  nur  zu  großen  Hoffesten
  geöffnet  hatten;  jetzt  drängten  sich  Maskenbälle,  Konzerte,  lebende
Bilder,  Theateraufführungen.  Nicht  selten  bat  sich  der  Monarch  auch  selbst
zu  Gaste  im  Palaste  des  Fürsten  Radziwill,  dem  Sammelplatze  des  katholischen
  Adels,  oder  bei  dem  Grafen  Pourtaleès,  dem  Grafen  Redern,  wo
zuweilen  Jenny  Lind  und  Franz  Liszt  sich  hören  ließen,  oder  bei  der
schönen  Herzogin  von  Sagan-Kurland,  die  in  ihren  reifen  Jahren  noch
einen  so  bestrickenden  Zauber  auf  Männerherzen  ausübte,  daß  der  vielbewunderte
  Fürst  Felix  Lichnowsky  ihr  wie  ein  Schatten  folgte.  Das
diplomatische  Korps  zeichnete  sich  aus  durch  eine  große  Zahl  bedeutender
Männer;  da  war  der  Amerikaner  Wheaton,  der  gelehrte  Kenner  des
Völkerrechts,  der  kluge  hochgebildete  Belgier  Nothomb,  und  Lord  Westmoreland,
  ein  glühender  Bewunderer  der  deutschen  Musik;  selbst  die  türkische
Gesandtschaft  besaß  an  ihrem  Sekretär  Davoud  Oghlu  einen  gediegenen
Gelehrten,  der  es  in  der  deutschen  Rechtsgeschichte  mit  den  Deutschen
selber  aufnehmen  konnte,  und  die  Gattin  des  sardinischen  Gesandten,
des  Grafen  Rossi,  Henriette  Sontag  entzückte  jetzt  die  Gäste  ihres
Hauses  wie  vormals  die  Besucher  des  Königstädtischen  Theaters,  durch
ihren  herrlichen  Gesang.

Über  diese  reich  bewegte  vornehme  Gesellschaft  dachte  Friedrich  Wilhelm.
das  ganze  Füllhorn  deutscher  Kunst  und  Wissenschaft  auszuschütten.  Er
verhehlte  nicht,  daß  er  seinen  bayrischen  Schwager  überbieten,  Berlin  zur
Hauptstadt  der  nationalen  Kultur  erheben  wollte,  und  der  Wittelsbacher
klagte  bald  bitterlich,  die  Berliner  entführten  ihm  jedes  große  Talent.
Dem  Preußen  fehlten  aber  die  zähe  Ausdauer  und  die  berechnende  Umsicht,
welche  den  Bayern  befähigten,  alle  seine  Unternehmungen  zu  Ende  zu
führen,  und  während  dieser  seine  Künstler  nur  selten  durch  ein  Machtwort
  in  ihrer  Arbeit  störte,  meinte  jener  selbst  ein  Künstler  zu  sein,  dem
freien  Schaffen  meisternd  die  Bahnen  weisen  zu  können.  Auf  allen  Gebieten
  der  Kunst  zugleich  schienen  dem  Könige  die  edelsten  Kräfte  der  Nation
  zu  Gebote  zu  stehen.  Welch  ein  Viergespann!  —  schrieb  Bunsen
        <pb n="223" />
        Die  Potsdamer  Gärten.  215

in  schöner  Freude  —  Schinkel,  Cornelius,  Rauch,  Mendelssohn!  Da
trat  das  Unheil  ein,  das  über  den  künstlerischen  Charakter  der  neuen  Re—
gierung  von  vornherein  entschied.  Schinkel  starb,  der  einzige  Mann,  der
durch  seine  allseitige  Bildung,  seine  unerschöpfliche  Phantasie,  seinen  wesent—
lich  architektonischen  Genius  vielleicht  vermocht  hätte,  dem  verwandten,
aber  unstet  ins  Weite  schweifenden  Geiste  des  Monarchen  Halt  und  Rich—
tung  zu  geben.  Unter  den  Baumeistern,  mit  denen  sich  Friedrich  Wil—
helm  nunmehr  begnügen  mußte,  waren  viele  treffliche  Männer,  doch  kein
wahrhaft  beherrschender  Kopf;  und  so  wurde  diesem  königlichen  Mäcenas,
der  so  viel  Geist  und  Geschmack,  so  viel  Arbeit  und  Opfer  für  das  Schöne
aufwendete,  doch  das  grausame  Schicksal,  daß  er  nur  an  einer  Stelle,
in  Potsdam,  Werke  hinterließ,  welche  sein  eigenstes  Wesen  der  Nachwelt
getreu  überliefern.

Lenné,  der  größte  Gartenkünstler  des  Jahrhunderts,  der  auf  dem
Alten  Zoll  zu  Bonn,  im  Hofgarten  der  kölnischen  Kurfürsten  aufgewachsen,
schon  unter  dem  alten  Könige  begonnen  hatte  den  Berliner  Tiergarten
und  die  Parks  von  Potsdam  zu  verschönern,  erhielt  jetzt  erst  freie  Hand
für  seine  Entwürfe.  Die  moderne  Technik  bot  die  Mittel,  um  die  prächtigen
  Wasserkünste  endlich  auszuführen,  mit  denen  Friedrich  der  Große
immer  vergeblich  versucht  hatte  sein  Sanssouci  zu  schmücken;  und  an
dem  Potsdamer  Persius  gewann  sich  Friedrich  Wilhelm  einen  Architekten,
der  wohl  vertraut  mit  der  stillen  Schönheit  dieser  Havellandschaften,
seine  Bauten  in  den  Rahmen  der  Wälder  und  der  Wiesen,  der  Hügel
und  der  Seen  sinnig  einzufügen  wußte.  Also,  durch  das  Zusammenwirken
  aller  Künste,  ließ  er  hier  vollenden  und  zu  einem  Ganzen  abrunden,
was  seine  Ahnen  stückweise  begonnen  hatten.  Die  majestätische  Kuppel
der  Potsdamer  Nikolaikirche  gab  dem  Landschaftsbilde  seinen  beherrschenden
Mittelpunkt;  am  Fuße  des  Hügels  von  Sanssouci  begann  Persius  das
Lieblingswerk  des  Königs,  die  Friedenskirche,  einen  edlen  Bau  nach  der
Weise  der  altitalienischen  Basiliken,  der  sich  mit  seinen  Säulenhöfen  und
dem  ragenden  Campanile  im  stillen  Weiher  widerspiegelte,  eine  Heimstätte
  gläubigen  Friedens  neben  der  sorgenlosen  Weltlichkeit  da  droben.
Hier  in  den  meilenweiten  Parkgeländen  war  Raum  genug  für  die  vielseitige
Phantasie  des  königlichen  Bauherrn,  hier  verlebte  er  in  heller  Künstlerfreude
  seine  besten  Stunden,  und  hier  allein,  unter  den  schlichten  Leuten
der  Haveldörfer  ist  er  auch  in  den  unglücklichen  Jahren  seiner  Regierung
immer  volksbeliebt  geblieben.  Unablässig,  bis  zum  Ende  seiner  gesunden
Tage,  ließ  er  hier  bauen  und  bilden:  dicht  am  Ufer  des  blauen  Stromes
die  weihevolle  kleine  Heilandskirche;  auf  einsamer  Waldhöhe  das  bayrische
Häuschen  für  die  Königin;  in  den  Gebüschen  und  Baumgängen  marmorne
Exedren  und  leuchtende  Statuen,  unter  denen  auch  Meister  Lennés  Herme
nicht  fehlen  durfte;  auf  dem  Pfingstberge  die  hohen  Aussichtstürme,  prächtige
  Propyläen  einer  Villenanlage,  die,  groß  gedacht  wie  eines  Dichters
        <pb n="224" />
        216  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Traum,  durch  die  Stürme  der  Revolution  unterbrochen  wurde;  endlich
in  den  letzten  Jahren  noch  den  reichen  Palladio-Bau  der  Orangerie.
Es  waren  Werke  von  allerlei  Stil,  dem  eklektischen  Geschmacke  des  Königs
entsprechend,  und  sie  hinterließen  doch  nicht  den  Eindruck  stilloser  Buntheit,
  weil  sie  auf  weiten  Räumen  verteilt,  zwischen  den  Bäumen  eingerahmt
  standen.  Jeder  Beschauer  mußte  fühlen,  daß  ein  reicher  und  hoher
Geist  hier  sinnvoll  waltete.

Für  Berlin  reichte  eine  solche,  mehr  schmückende  und  spielende  als
schöpferische  Kunsttätigkeit  nicht  aus.  Sollte  der  Kunst  der  Hauptstadt
die  verheißene  neue  Blütezeit  erscheinen,  so  mußten  monumentale  Bauten
von  mächtiger  Eigenart  den  Werken  Schlüters  und  Schinkels  gegenübertreten,
  welche  den  architektonischen  Charakter  Berlins  bisher  bestimmt  hatten,
und  dieser  Aufgabe  war  weder  der  unruhige  Geist  Friedrich  Wilhelms
selbst  gewachsen,  noch  das  feine,  geschmackvolle,  zierliche  Talent  des  Thüringers
  Stüler,  der  dem  Monarchen  fortan  nach  Persius'  frühem  Tode  fast
bei  allen  seinen  Bauplänen  zur  Hand  ging.  Mit  liebevollem  Eifer  und
meist  auch  mit  glücklichem  Erfolge  bemühte  sich  der  König  zunächst,  die
Bauwerke  seiner  Vorfahren  zu  vollenden  und  zu  zieren.  Dem  Museum
gab  er  auf  Dach  und  Treppe  reichen  Skulpturenschmuck,  wie  den  Treppenwangen
  des  Schauspielhauses,  die  Säulenhalle  davor  wurde  mit  den  Fresken
  nach  Schinkels  Entwürfen  geziert;  über  den  Pfeilern  der  breiten
Schloßbrücke  ließ  er  schöne  Marmorgruppen  lernender  und  kämpfender
Krieger  aufrichten,  unbekümmert  um  den  prosaischen  Spott  seiner  Berliner,
die  sich  an  diese  nackten  Puppen  gar  nicht  gewöhnen  wollten.  An  der  neuen
Terrasse  vor  dem  Schlosse  prangten  die  vom  Zaren  Nikolaus  geschenkten
Rossebändiger  des  edlen  Baron  Clodt;  auch  sie  wurden  von  dem  Witze  der
Hauptstädter  als  Bilder  des  gehemmten  Fortschritts  und  des  geförderten
Rückschritts  verhöhnt,  während  sich  Rauch  an  der  vollendeten  Naturwahrheit
der  beiden  Rosse  kaum  satt  sehen  konnte.  Das  abgebrannte  Opernhaus
Friedrichs  des  Großen  wurde  ganz  nach  Knobelsdorffs  ursprünglichem
Plane,  nur  reicher  und  stattlicher  wiederhergestellt;  die  ebenfalls  eingeäscherten
  Mühlen  über  dem  rauschenden  Wehr  der  Spree  standen  in
der  Gestalt  einer  malerischen  Ritterburg  wieder  auf.  Dann  erhielt  auch  die
schwere  etwas  eintönige  Masse  des  Hohenzollernschlosses  selbst  kräftigen
Abschluß  und  deutliche  Gliederung  durch  Stülers  bestes  Werk,  die  gewaltige
  Schloßkuppel  über  dem  römischen  Triumphbogen.

Alle  diese  Zier=  und  Umbauten  galten  dem  Könige  nur  als  Beiwerk  zu
der  großen  Umgestaltung,  die  er  für  die  Mitte  der  Hauptstadt  beabsichtigte.
Er  dachte  die  lange  Spreeinsel  hinter  dem  alten  Museum  in  eine  Weihestätte
der  Künste  umzuwandeln,  die  durch  Säulengänge  von  dem  Treiben  des  Alltags
  abgetrennt,  eine  ganze  Reihe  von  Musentempeln  umschließen  sollte,  und
wie  er  allezeit  liebte  sich  in  Plänen  zu  übernehmen,  so  schwelgte  er  jetzt  in
immer  neuen  Entwürfen  für  die  Ausführung  dieser  entzückenden  Idee.  Was
        <pb n="225" />
        Neues  Museum.  Berliner  Dom.  217

von  alledem  schließlich  zu  stande  kam,  war  doch  nur  ein  Bruchteil  und
wenig  erfreulich.  In  Schinkels  altem  und  Stülers  neuem  Museum  spiegelte
sich  der  Charakter  der  Regierungen  des  dritten  und  des  vierten  Friedrich
Wilhelm  treulich  wieder.  Dort  einfache  Würde,  ruhige  Hoheit;  hier  ein
anspruchsvoller  alexandrinischer  Prachtbau,  der  dem  Auge  nirgends  ein
Gesamtbild  darbot,  im  Innern  eine  unübersehbare  Fülle  köstlicher  Samm—
lungen,  die  Räume  trotz  mannigfacher  Einzelschönheiten  bunt,  unruhig,
überladen,  das  Ganze  mehr  gelehrt  als  schön  und  in  der  Anlage  so  will—
kürlich,  daß  unschuldige  Beschauer  das  riesige  Treppenhaus  mit  seinen
Wandgemälden  und  Gipskolossen  nicht  für  ein  dienendes  Glied,  sondern
für  den  Mittelpunkt  des  Gebäudes  halten  mußten.  Der  neue  Generaldirektor,
  der  strengultramontane  Westfale  Ignaz  v.  Olfers  war  ein  gelehrter
  Kenner  der  kirchlichen  Altertümer  und  sorgte  unter  des  Königs
unmittelbarer  Leitung  eifrig  für  die  Vermehrung  der  Sammlungen;  für
die  Kunst  der  Lebenden  zeigte  er  kein  Verständnis.  Noch  trauriger
mißriet  das  zweite  große  Bauunternehmen  des  Königs.  Er  faßte  den
glücklichen  Gedanken,  an  der  Stelle  des  unscheinbaren  friderizianischen
Domes  im  Lustgarten  eine  reiche  Kathedrale  zu  errichten,  das  prächtigste
Gotteshaus  der  festländischen  Protestanten,  zum  würdigen  Abschluß  des
schönen  Straßenzuges  vom  Brandenburger  Tore  her;  doch  die  Jahre
vergingen  über  Entwürfen  und  Gegenentwürfen,  und  zuletzt  ward  nichts
vollendet  als  der  kostspielige,  in  das  Bett  des  Flusses  hineingeschobene
Unterbau  der  Chorabschlüsse,  so  daß  die  Berliner  höhnten,  hier  wachse
das  teuerste  Gras  von  Europa.

Es  war  eine  herbe  Enttäuschung;  denn  dieser  Dom  sollte  die  Krone
werden  über  den  300  Kirchen,  welche  der  fromme  Monarch  in  zwei  Jahrzehnten
  teils  wiederherstellte,  teils  neu  baute.  Aus  dem  Gemäuer  der
römischen  Basilika  zu  Trier  erhob  sich  eine  neue  evangelische  Kirche;  der
karolingische  Kuppelbau  im  Aachener  Münster  entstand  wieder  in  seiner
alten  Pracht;  nahe  seinem  geliebten  Erdmannsdorf,  in  dem  Föhrenwalde
auf  halber  Höhe  der  Schneekoppe,  ließ  der  König  das  uralte  romanische
Holzkirchlein  Wang  aus  Norwegen  wieder  aufrichten.  Seine  Neubauten
verleugneten  nirgends  den  feinen  Geschmack  des  Bauherrn,  indes  erschienen
die  meisten  nur  wie  leicht  hingeworfene  Zeichnungen  eines  geistreichen
Dilettanten,  ohne  Kraft  und  künstlerische  Durchbildung;  die  dürftigen  Betsäle
  im  Inneren  entsprachen  dem  zierlichen  Außeren  nur  selten,  während
Schinkel  als  guter  Protestant  sich  die  evangelischen  Gotteshäuser  immer
als  Innenbauten  gedacht  hatte.  Die  eleganten  kleinen  Kirchen  des  neuen
Berlins  verschwanden  fast  zwischen  den  hohen  Häusermassen,  und  eigentlich
nur  Sollers  katholische  Michaeliskirche  erweckte  den  Eindruck  eines  bedeutenden
  Architekturbildes,  wie  sie  so  stattlich  dastand  an  dem  breiten  Hafen
des  Engelbeckens,  jenseits  des  Wassers  der  heitere  Terrakottenbau  von
St.  Thomas  und  die  düstere  Klosterburg  des  Diakonissenhauses  Bethanien.
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        218  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Das  Mißgeschick  des  Dombaus  wurde  verhängnisvoll  auch  für  die
Entwicklung  der  Berliner  Malerei.  Mit  hellem  Frohlocken  folgte  Peter
Cornelius,  nachdem  er  mit  seinem  wittelsbachischen  Gönner  gebrochen
hatte,  dem  Rufe  Friedrich  Wilhelms;  er  war  auserwählt,  die  monumentale
Malerei  an  der  Spree  einzubürgern,  die  Königsgruft  der  Hohenzollern,
den  Campo  Santo,  der  sich  neben  dem  Dome  erheben  sollte,  mit  biblischen
Fresken  auszuschmücken.  Hoch  begeistert,  wie  der  König  selbst,  für  ein
allgemeines  evangelisches  Christentum,  dachte  er  hier  dasshristliche  Epos,
das  er  in  der  Münchener  Ludwigskirche  nur  teilweis  hatte  vollenden  können,
zum  herrlichen  Abschluß  zu  bringen,  den  apokalyptischen  Sagenkreis  von  den
letzten  Dingen,  die  geheimnisvolle  Welt,  wo  Irdisches  und  Ewiges  sich  berühren,
  in  grandiosen,  jedes  Christenherz  erschütternden  Bildern  darzustellen.
Da  ward  ihm  die  Höllenpein,  die  furchtbarste  für  einen  schöpferischen  Geist,
Jahr  für  Jahr  nur  planen  und  planen  zu  müssen,  denn  die  Wände,  die
er  schmücken  sollte,  blieben  unvollendet.  Wie  konnte  es  ihn  trösten,  daß
ihm  vor  dem  Brandenburger  Tore,  neben  der  lieblichen  Villa  seines
Freundes,  des  Grafen  Athanasius  Raczynski  ein  würdiges  Künstlerheim
bereitet  wurde?  daß  der  König  ihn  mit  Gnaden  überschüttete,  bei  allen
Prunkgeschenken  und  Denkmünzen  dieser  festlustigen  Jahre  nach  seinem
Griffel  verlangte?  Der  jugendliche  Schaffensdrang  des  Siebzigjährigen
lechzte  nach  dem  einen,  was  ihm  jetzt  das  Leben  war.  Und  da  nun  wieder
Jahre  um  Jahre  in  vergeblichem  Harren  dahingingen,  so  zeichnete  er  still
entsagend  an  seinen  riesigen  Kartons  weiter,  ohne  Hoffnung,  nur  um  der
Stimme  des  eigenen  Genius  zu  gehorchen.  Anfangs  mit  hohen  Ehren
aufgenommen,  lernte  er  bald  den  eigentümlichen  demokratischen  Geist  des
Berliner  Lebens  kennen,  der  im  Grunde  gar  nichts  gelten  läßt  und  zwar
junge  Talente  heilsam  stacheln,  stolze,  gereifte  Naturen  aber  leicht  verstimmen
  kann.  Auch  die  wohlweisen  Kritiker  der  Hauptstadt  fühlten  schnell,
daß  dieser  herrische  kleine  Mann  mit  den  streng  geschlossenen  Lippen,  den
stechenden  dunklen  Augen  unter  der  schwarzen  Perücke  nicht  ihresgleichen
war,  und  sie  rächten  sich  nach  ihrer  Weise  durch  hämische  Angriffe.

Unter  allen  den  mannigfachen  Gestalten  menschlicher  Beschränktheit
erscheint  keine  gedankenreichen  Köpfen  so  unleidlich  wie  die  Dummheit,  die
alles  am  besten  weiß;  und  da  diese  Form  der  Dummheit  in  Berlin  vorherrschte,
  so  wurde  die  ungemütliche  Stadt  dem  großen  Künstler  verleidet.
Hier  fand  er  weder  die  schönheitsfrohe  Welt  seines  geliebten  Roms,  noch
die  fröhliche  Zecherlust  der  Münchener  Kumpanei.  Angeekelt  durch  die
Berliner  Aufklärung  kehrte  er  im  Alter  zurück  zu  strengkatholischen  Anschauungen,
  die  er  in  früheren  Tagen  überwunden  hatte.  Unterdessen  begann
  die  Geschichte  über  ihn  hinwegzuschreiten;  die  verwandelte  Zeit  verlangte
  mit  Recht  von  den  Malern  Farbenglanz  und  Naturwahrheit.  Cornelius
  selbst  mußte  bezweifeln,  ob  sich  unter  dem  jungen  Geschlechte  noch
Künstler  fänden,  die  seine  Kartons  je  ausführen  könnten  oder  wollten.  Also
        <pb n="227" />
        Cornelius.  Berliner  Musik.  219

beschied  ihm  ein  hartes  Schicksal,  bei  voller  Schaffenskraft  den  eigenen
Ruhm  zu  überleben,  und  diese  Berliner  Jahre,  die  ihm  den  Lohn  für
ein  reiches  Künstlerwirken  hatten  bringen  sollen,  gestalteten  sich  zu  einer
tragischen  Leidenszeit.

Ebenso  wenig  konnte  Felix  Mendelssohn-Bartholdy,  der  alsbald  vom
Könige  glänzende  Anträge  erhielt,  sich  an  der  Spree  wieder  heimisch  fühlen.
Er  hatte  sich  schon  vor  Jahren  der  Vaterstadt  entfremdet,  weil  sie  ihm  die
Direktion  der  Singakademie  nicht  anvertrauen  wollte,  und  seitdem,  durch
die  geniale  Leitung  der  Gewandhauskonzerte,  Leipzig  zum  Mittelpunkte
des  idealen  deutschen  Musiklebens  erhoben.  Zweifelnd,  ungern  kehrte  er
heim;  die  dankbare,  harmlos  empfängliche  Hörerschaft,  die  ihm  in  Sachsen
und  auf  den  rheinischen  Musikfesten  zugejauchzt  hatte,  konnte  er  in  der
Stadt  der  kritischen  Überbildung  nicht  wiederfinden.  Nach  seinem  guten
Rechte  verlangte  er  ein  Orchester  und  einen  Chor,  die  sich  seiner  Herrschaft
  fügen  sollten;  gleichwohl  ward  ihm  kein  bestimmter  Wirkungskreis
angewiesen,  da  der  König  zunächst  nur  planlos  und  ungeduldig,  große
Namen  für  Berlin  gewinnen  wollte;  und  so  geriet  der  Vielgeliebte  und
Vielverwöhnte,  den  man  überall  sonst  auf  den  Händen  trug,  bald  in
widerwärtige  Händel  mit  der  Amtseifersucht  der  königlichen  Musikbehörden.
  Schon  nach  drei  Jahren  zog  er  sich  verstimmt  wieder  in  seine
friedlichere  Leipziger  Tätigkeit  zurück.

Mittlerweile  war  Spontini  dem  Volkshasse  erlegen,  der  sich  seit  Jahren
gegen  den  herrischen  Fremdling  angesammelt  hatte.  Eine  leidenschaftliche
öffentliche  Antwort  auf  die  Angriffe  Rellstabs  und  anderer  Kritiker  bewirkte,
daß  er  wegen  Majestätsbeleidigung  verfolgt  wurde.  Der  gütige  Monarch
schlug  die  Untersuchung  nieder,  weil  er  fühlte,  daß  der  heißblütige,  des
Deutschen  kaum  mächtige  Italiener  den  Sinn  seiner  Worte  nicht  rechterwogen
hatte;  der  Groll  des  Publikums  ließ  sich  aber  jetzt  nicht  mehr  bändigen.  Ein
pöbelhafter  Theaterskandal  verjagte  Spontini  von  dem  Pulte,  auf  dem  er  so
lange  als  unumschränkter  Herrscher  gethront  hatte.  An  seine  Stelle  wurde
Giacomo  Meyerbeer  berufen.  Dem  Könige  war  es  eine  frohe  Genugtuung,
die  großen  Musiker,  die  Berlin  unter  seinen  Söhnen  besaß,  beide  zugleich  an
seinem  Hofe  zu  sehen;  er  bedachte  nur  nicht,  daß  diese  beiden  grundverschiedenen
  Naturen,  die  sich  gerade  durch  das  Bewußtsein  der  gemeinsamen  Abstammung
  voneinander  abgestoßen  fühlten,  unmöglich  zusammenwirken
konnten.  Meyerbeer  leitete  eine  Zeitlang  die  Oper  mit  großem  Erfolge,  er
verherrlichte  alle  Hoffeste  durch  prächtige  Märsche  und  Tänze,  und  da  er  auf
seine  Weise  immer  ein  stolzer  Preuße  blieb,  so  komponierte  er  zur  Wiedereröffnung
  des  eingeäscherten  Opernhauses  das  Feldlager  in  Schlesien,  die
einzige  nationale  seiner  Opern,  ein  Werk  voll  Feuer  und  Leben,  in  dem
die  kriegerische  Begeisterung  des  friderizianischen  Zeitalters  kräftig  wiederhallte.
  In  der  Stadt  kannte  alle  Welt  den  freundlichen  kleinen  Mann,
der  an  jedem  Mittag  mit  seinem  roten  Regenschirm  im  Tiergarten  spa-
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        220  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

zieren  ging.  Auf  die  Dauer  ward  ihm  doch  nicht  wohl.  Wie  Mendels—
sohns  keuscher  Künstlersinn  sich  nach  der  friedlichen  Stille  einer  deutschen
Mittelstadt  zurücksehnte,  so  strebte  dieser  Virtuos  des  rauschenden  Erfolges
hinaus  nach  der  großen  Bühne  der  internationalen  Kunst,  die  für  ihn  die
natürliche  Heimat  war.  Nach  einigen  Jahren  schied  auch  er,  um  fortan
wieder  in  Paris  zu  leben  und  die  Vaterstadt  nur  alljährlich  auf  kurze
Zeit  zu  besuchen.

Seltsames  Mißgeschick!  Von  dem  glänzenden  Viergespann,  das
Bunsen  vor  den  Wagen  des  königlichen  Kunstfreundes  zu  spannen  hoffte,
konnte  nur  einer  im  neuen  Berlin  seine  ganze  Stärke  zeigen:  Christian
Rauch.  Ihm  blieb  bis  ins  hohe  Alter  der  stetig  anhaltende  Atemzug
künstlerischer  Kraft  und  nicht  minder  die  treue  Hingebung  an  das  könig—
liche  Haus.  Er  arbeitete  alle  diese  Jahre  hindurch  an  dem  Riesenwerke
des  Friedrichsdenkmals.  Doch  ein  solches  Unternehmen  bedurfte  langer
Zeit;  die  Berliner  bekamen  von  dem  Altmeister  lange  nichts  Neues  mehr
zu  sehen  außer  dem  schönen  Grabmale  des  alten  Königs,  das  neben  dem
Sarkophage  der  Königin  Luise  im  Charlottenburger  Mausoleum  errichtet
wurde.  Was  hatte  man  nicht  alles  erwartet  von  diesem  hochsinnigen
Fürsten,  der,  selbst  ein  Künstler,  mit  dem  berühmtesten  Kunstkenner  der
Zeit,  dem  Freiherrn  v.  Rumohr,  nahe  befreundet  war.  Nun  ließ  sich
doch  nicht  mehr  verkennen,  daß  in  diesen  acht  Jahren  von  bleibenden
Kunstwerken  weniger  zu  stande  kam  als  weiland  unter  dem  nüchternen
alten  Herrn.  Die  krankhaft  aufgeregte  Tadelsucht  spottete,  diese  Regierung
sei  auch  darum  echt  modern,  weil  ihren  großen  Intentionen  die  verkümmerte
Ausführung  niemals  entspräche.

Wie  die  beiden  ersten  Musiker  so  wünschte  Friedrich  Wilhelm  auch
den  namhaftesten  Dichter  unter  den  lebenden  Berlinern  in  die  Vaterstadt
zurückzurufen.  Ludwig  Tieck  kam,  und  der  König  zeigte  sich  sehr  herzlich,
eingedenk  der  Wonnen,  die  ihm  einst  in  seiner  Jugend  die  Märchenpracht
des  Phantasus  bereitet  hatte.  Der  Dichter  erhielt  seine  verkaufte  Bibliothek
  durch  des  Königs  Freigebigkeit  zurückgeschenkt  und  im  Parke  von
Sanssouci  ein  Haus  angewiesen,  damit  er  immer  zur  Hand  wäre,  wenn
sein  Gönner  an  einem  stimmungsvollen  Abend  eine  dramatische  Vorlesung
zu  hören  wünschte.  Aber  seine  schöpferische  Kraft  war  schon  versiegt;  die
neue  Zeit  mit  ihrem  Lärm  widerte  den  Romantiker  so  tief  an,  daß  er  nicht
einmal  die  Eisenbahn  nach  Potsdam  benutzen  mochte,  sondern  in  seinem
Wagen  daneben  herfuhr.  Vom  Alter  gebeugt  verbrachte  er  den  größten
Teil  dieser  Berliner  Jahre  in  hoffnungslosem  Siechtum.  Die  Vorlesungen
  bei  Hofe  wurden  seltener  und  seltener,  da  der  König  nicht  lange
bei  der  Stange  bleiben  konnte.  Selbst  eine  stille  Gemeinde,  wie  sie  in
Dresden  das  Lesepult  des  Altmeisters  umstanden  hatte,  ließ  sich  in  dem
unruhigen,  zerstreuenden  Treiben  der  Hauptstadt  nicht  zusammenbringen;
bloß  vereinzelte  Besucher,  treue  Hausfreunde  oder  dann  und  wann  ein
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        Tieck  und  Rückert.  221

junger  Poet,  freuten  sich  an  seinem  seelenvollen  Gespräche  und  dem
wunderbaren  Blicke  der  dunklen  Dichteraugen.

Nur  für  dramaturgische  Aufgaben  nahm  man  seine  Kraft  noch  mehrmals
in  Anspruch.  Er  richtete  die  Antigone  des  Sophokles  für  die  Bühne  ein,
Mendelssohn  setzte  die  erhabenen  Chorgesänge  in  Musik,  die  Aufführung  gelang
  über  alle  Erwartung,  und  in  seiner  dankbaren  Freudeließ  der  König  eine
prächtige  Medaille  prägen,  welche  die  Antigone  mit  der  Urne  und  dazu  über
griechischen  Versen  die  Bilder  ihrer  beiden  Wiedererwecker  zeigte.  Auch  Shakespeares
  Sommernachtstraum  erweckte,  wie  ihn  die  beiden  dem  modernen
Theater  angepaßt  hatten,  allgemeinen  Beifall.  Als  aber  der  König  auch  noch
den  Odipus  auf  Kolonos,  dann  sogar,  gegen  Tiecks  eigenen  Wunsch,  den
Gestiefelten  Kater  und  den  Blaubart  aufführen  ließ,  da  zeigte  die  ablehnende
Haltung  der  Hörer,  daß  die  Bühne  sich  zu  gelehrten  oder  phantastischen
Experimenten  nicht  hergeben  darf.  Vollends  Racines  Athalie,  dies  eintönige
  Stück,  dessen  salbungsvolles  Pathos  den  Deutschen  meist  schon  auf
der  Schulbank  verleidet  wird,  brachte  die  Berliner  fast  zur  Wut;  sie
witterten  jetzt  überall  pfäffische  Anschläge  und  riefen  in  Gegenwart  des
Hofes  ungebärdig:  wir  wollen  keine  Predigten.  Ein  so  genügsamer  standhafter
  Theaterbesucher  wie  sein  Vater  konnte  Friedrich  Wilhelm,  der  selbst
schon  so  viel  gedacht  und  empfunden  hatte,  niemals  werden,  denn  ideenreichen
  Köpfen  fällt  das  Hören  immer  schwerer  als  das  Sehen;  nur  von
Zeit  zu  Zeit  reizte  ihn  das  Außerordentliche,  Seltsame,  Fremdartige.  Er
sprach  oft  enthusiastisch  von  der  Verjüngung  des  deutschen  Theaters,  jedoch
  die  aufstrebenden  dramatischen  Talente,  an  denen  die  Zeit  nicht  arm
war,  ließen  ihn  kalt,  weil  sie  allesamt  zur  Opposition  gehörten.  Also
brachte  seine  Regierung  auch  der  Bühne  kein  frisches  Leben.  Der  neue
aus  München  berufene  Theaterdirektor  v.  Küstner  waltete  seines  Amts
mit  Kraft  und  Eifer,  er  zeigte  sich  auch  nicht  unfreundlich  gegen  die  jungen
Poeten;  die  Herrscherin  im  königlichen  Schauspielhause  blieb  doch  nach
wie  vor  die  gute  Charlotte  Birch-Pfeiffer.

Am  allerwenigsten  war  Friedrich  Rückert  der  Mann,  um  die  Pläne
einer  Theaterreform,  mit  denen  der  König  spielte,  ins  Leben  einzuführen.
Er  warf  sich,  seit  auch  er  nach  Berlin  berufen  worden,  mit  jugendlichem
Eifer  auf  dramatische  Arbeiten,  doch  sie  konnten  seinem  lyrischen  Genius
nicht  gelingen;  eine  Tätigkeit,  die  ihn  dem  Bühnenleben  näher  gebracht
hätte,  ward  ihm  gar  nicht  angewiesen.  So  wurden  ihm  diese  Berliner
Jahre  die  traurigsten  und  die  unfruchtbarsten  seines  Lebens.  „Der  indische
  Bramane,  geboren  auf  der  Flur“  fand  den  Hof  und  die  vornehme
Gesellschaft  ebenso  ungenießbar  wie  den  Lärm  der  Großstadt  und  ihre
reizlose  Gegend;  die  Handvoll  Zuhörer,  die  sich  in  der  bescheidenen  Wohnung
auf  der  Behrenstraße  zu  den  orientalistischen  Kollegien  des  Dichters  einfand,
  bot  ihm  auch  keinen  Trost,  und  er  dankte  Gott,  als  er  nach  einigen
Jahren  heimkehren  durfte  ins  fränkische  Hügelland,  um  wieder  in  länd-
        <pb n="230" />
        222  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

licher  Stille  zu  bilden  und  zu  dichten.  Eine  besondere  Vorliebe  hegte  der
König  für  den  Schlesier  August  Kopisch,  den  fröhlichen  Wanderer  und
Schwimmer,  der  einst  die  blaue  Grotte  von  Capri  entdeckt,  auch  dem  Kron—
prinzen  in  Neapel  als  Cicerone  gedient  und,  halb  Maler  halb  Poet,  das
geheimnisvolle  Treiben  der  Kobolde  und  Heinzelmännchen,  die  glückselige
Dummheit  der  deutschen  Krähwinkelei,  die  Lust  des  Bechers  und  der  Liebe
in  manchem  schalkhaft  anmutigen  Gedichte  besungen  hatte.  Der  wurde
jetzt  im  Hausministerium  untergebracht  und  schrieb,  lässig  nach  Künstler—
weise,  viele  Jahre  lang  ein  Buch  über  die  Potsdamer  Schlösser.

Noch  schlimmer  fuhr  der  König  mit  dem  jungen  Ferdinand  Freiligrath,
der  den  Monarchen  durch  die  funkelnde  Pracht  seiner  Sprache  bezaubert
hatte  und  ein  kleines  Jahrgehalt  angewiesen  erhielt.  Vor  kurzem  erst
war  Freiligrath  den  politischen  Poeten  entgegengetreten  mit  der  schönen
Mahnung:

Der  Dichter  steht  auf  einer  höh'ren  Warte

Als  auf  der  Zinne  der  Partei  —
worauf  ihm  Herwegh  dreist  erwiderte:

Ich  hab'  gewählt,  ich  habe  mich  entschieden,

Und  meinen  Lorbeer  flechte  die  Partei.
Die  Presse  war  aber  bereits  gewohnt,  jeden  der  am  preußischen  Hofe  ausgezeichnet
  wurde,  als  einen  Volksverräter  zu  brandmarken.  Von  allen
Seiten  wurde  der  „pensionärrische“  Poet  mit  gereimten  und  ungereimten
Schmähungen  beworfen;  überall  sang  man  die  höhnischen  Verse  Hoffmanns
  v.  Fallersleben:  „wollte  mir  ein  König  geben  Pension!“  Dieser
albernen  Entrüstung  vermochte  der  erregbare  Dichter  nicht  Trotz  zu
bieten;  war  er  doch  selbst,  obwohl  ein  ganz  unpolitischer  Kopf,  nach
Anlage  und  Bildungsgang  ein  radikaler  Schwarmgeist.  Nach  zwei
Jahren  schon  fühlte  er  sich  gedrungen,  die  Annahme  des  Jahrgelds  zu
verweigern,  und  fortan  sang  er  selbst  Zeitgedichte  im  Geiste  der  wildesten
Opposition.  Seltsam  doch,  wie  unsicher  und  schwächlich  die  allseitige
Empfänglichkeit  des  Königs  sich  oft  zeigte.  Die  sentimentale  Novelle
Godwie  Castle  der  ehrbaren  Frau  Henriette  Paalzow  fand  bei  Hofe
unbegrenzte  Bewunderung;  auch  der  orthodoxe  Pastor  Wilhelm  Meinhold
erfreute  sich  der  königlichen  Gnade,  ein  abgesagter  Feind  der  modernen
„Vieh-Philosophie“,  der  in  einem  manierierten,  altertümelnden  Romane
„die  Bernsteinhexge“  einen  scheußlichen  Stoff  aus  der  Zeit  der  Hexenverbrennungen
  nicht  ohne  realistisches  Talent,  aber  roh  und  fanatisch  dargestellt
  hatte.  Ungetrübte  Freude  wurde  dem  Könige,  bei  allem,  was  er
hochherzig  zur  Förderung  der  deutschen  Poesie  unternahm,  eigentlich  nur
einmal:  als  er  die  edle  Begabung  Emanuel  Geibels  erkannte  und  dem
Dankbaren  durch  gütige  Unterstützung  über  einige  bedrängte  Jugendjahre
hinweghalf.

Ein  Musenhof  nach  dem  Vorbilde  Rheinsbergs  oder  Weimars,  wie
        <pb n="231" />
        Berliner  Gesellschaft.  223

ihn  der  König  sich  zuweilen  erträumte,  konnte  unter  solchen  Umständen  nicht
entstehen.  An  Talent  und  Bildung  war  kein  Mangel.  Auf  der  Cantian—
straße  nahe  den  Museen,  in  dem  berühmten  braunen  Saale  des  General—
direktors  v.  Olfers  versammelte  sich  allwöchentlich  ein  dichter  Kreis  von
Künstlern,  Gelehrten,  Kennern,  liebenswürdigen  Frauen;  die  Hausfrau,
Stägemanns  Tochter  Hedwig,  brachte  jedem  ein  freies  menschliches  Ver—
ständnis  entgegen  und  erweckte  in  der  Gesellschaft  eine  Stimmung  fröhlichen
Behagens;  sie  wußte,  wie  ihre  Töchter  und  der  gelehrte  Schwiegersohn
Geh.  Rat  Abeken,  alle  die  Feindschaft,  die  unter  so  vielen  bedeutenden
Männern  nicht  fehlen  konnte,  durch  leichte  Anmut  niederzuhalten.  In
den  unscheinbaren  Salons  des  greisen  Fräuleins  Solmar  fanden  sich  noch
die  letzten  Vertreter  einer  älteren,  bereits  versinkenden  literarischen  Epoche
zusammen.  Und  so  gab  es  noch  überall  in  der  Hauptstadt  einfache  gast—
liche  Häuser,  wo  bei  Butterbrot  und  Tee  eine  geistreiche,  oft  allzu  geist—
reiche  Geselligkeit  blühte:  die  jungen  Rheinländer  erfreuten  sich  meist  der
besonderen  Gunst  der  Berliner  Damen,  weil  sie  als  frische  Naturburschen
von  den  klugen  Norddeutschen  wohltätig  abstachen.  Aber  all  dies  reiche
Leben  bewegte  sich  ganz  selbständig,  ohne  jede  Fühlung  mit  dem  Hofe.

Keiner  der  berühmten  Neuberufenen  trat  dem  Monarchen  wirklich
nahe;  er  sprach  mit  ihnen  gelegentlich,  immer  gütig  und  geistvoll,  doch
sein  zerstreuter,  unruhiger  Sinn  mochte  nicht  lange  bei  den  einzelnen  ver—
weilen.  Bequemer  als  diese  Größen  war  ihm  eigentlich  der  vielbelesene
Salon-Historiker  Alfred  v.  Reumont,  ein  ultramontaner  Diplomat,  der,
trotz  seiner  spaßhaften  Häßlichkeit  immer  elegant  und  zierlich,  allerhand
literarische  Leckerbissen  nicht  ohne  Gewandtheit  aufzutragen  wußte.  Auch
wurde  die  Zeit  doch  zu  ernst  für  eine  poetisch-philosophische  Tafelrunde:
Friedrich  war  im  Innern  seines  Staats  der  unangefochtene  Herr  gewesen,
den  Nachfolger  bedrohten  schwere  politische  und  kirchliche  Kämpfe,  die  ihm
die  unbefangene  Freude  an  der  Welt  der  Ideale  störten.

Schon  längst  empfand  er  es  als  einen  Widerspruch  im  deutschen
Leben,  daß  die  Künstler  und  Gelehrten  in  keiner  anderen  Nation  eine
so  bescheidene  soziale  Stellung  einnahmen  wie  in  dem  Volke  der  Dichter
und  der  Denker.  Er  wußte  wohl,  wie  wenig  alle  äußeren  Auszeichnungen
das  ideale  Schaffen  selbst  fördern;  doch  er  hielt  sie,  wie  sein  Humboldt,
für  unentbehrlich,  um  das  banausische  Publikum  auf  die  Würde  der  geistigen
Arbeit  hinzuweisen  —  zumal  in  diesem  eiteln  Jahrhundert,  das,  trotz  seiner
Freiheitsreden,  nach  Rang  und  Titeln  so  begehrlich  trachtet  wie  kein
anderes  Zeitalter  seit  dem  Untergange  des  Byzantinerreichs.  Selbst  die
Radikalen  fühlten  sich  beschämt,  und  Hoffmann  von  Fallersleben  sang
ein  bissiges  Lied  auf  „Deutschlands  Schmach  und  Schande“,  als  der
bejahrte  Jakob  Grimm  in  diesen  Togen  seinen  ersten  Orden  erhielt  —
und  dieser  Orden  war  das  Kreuz  der  Ehrenlegion,  das  Guizot  dem  von
allen  deutschen  Fürsten  Vergessenen  übersandte,  um  im  Namen  des
        <pb n="232" />
        224  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Königs  der  Franzosen  deutsche  Wissenschaft  zu  ehren.  Das  sollte  anders
werden.  Friedrich  Wilhelm  beschloß,  dem  einzigen  preußischen  Orden,
der  noch  nicht  durch  Verschwendung  an  Wert  verloren  hatte,  dem  friderizianischen
  Kriegsorden  pour  le  meérite  eine  Friedensklasse  hinzuzufügen,
  welche  nur  für  dreißig  hervorragende  Gelehrte  und  Künstler  als
stimmfähige  Ritter  deutscher  Nation  bestimmt  war,  dazu  noch  für  dreißig
ausländische  Ritter  ohne  Stimmrecht.  Nach  Todesfällen  sollte  der  Orden
künftighin,  damit  sein  Ansehen  ungeschmälert  bliebe,  nur  auf  Vorschlag
der  Ritter  selbst  verliehen  werden.  Offenbar  schwebte  dem  Könige  der
Gedanke  vor,  die  Symposien  von  Sanssouci  in  idealer  Form  zu  erneuern.
Humboldt,  der  natürlich  zum  Kanzler  des  Ordens  ernannt  wurde,  fühlte
sich  so  recht  in  seinem  Element,  als  er  dem  Monarchen  bei  den  ersten
Ernennungen  Ratschläge  erteilen  durfte;  und  in  der  Tat  fiel  die  Wahl
durchweg  auf  ausgezeichnete  Männer.  Einige  Not  bereitete  der  greise  Bildhauer
  Gottfried  Schadow;  der  erklärte  eigensinnig:  ich  nehme  den  Orden
nur  an,  wenn  mein  Wilhelm  —  der  Direktor  der  Düsseldorfer  Akademie
—  ihn  auch  erhält.  Da  sagte  ihm  der  König  in  seiner  unerschöpflichen
Gutherzigkeit  zu,  Wilhelm  solle  dereinst  in  des  Vaters  Stelle  eintreten,
und  verfügte  eigenhändig:  Bei  Papa  Schadow  muß  der  Sohn  als  erbberechtigt
  angeführt  werden.  Der  Sohn  kann  aber  die  Dekoration  tragen
ohne  Stimmrecht.“  7)

Unter  den  dreißig  Rittern  war  nur  ein  gänzlich  unwürdiger:  Metternich.
  Der  hatte  zwar  vor  Jahren  dem  jungen  Leopold  Ranke  die  verschlossenen
  Wiener  Archive  geöffnet,  doch  sonst  niemals  etwas  Nennenswertes
  für  Deutschlands  Kunst  und  Wissenschaft  getan,  sondern  das
geistige  Leben  der  Nation  durch  die  Karlsbader  Beschlüsse  nach  Kräften
geschädigt.  Und  gerade  ihn  betrachtete  sein  königlicher  Bewunderer  als  eine
hohe  Zierde  der  neuen  Stiftung;?**)  er  teilte  ihm  die  Verleihung  mit,  in
einem  gemütlich  witzelnden  Briefe,  als  ob  Metternich  durch  seinen  Beitritt
  den  anderen  Rittern  eine  große  Gunst  erwiese,  und  bat  ihn  sogar
den  Orden  zwar  anzunehmen,  doch  niemals  zu  tragen,  weil  neben  dem
Goldenen  Vließe  dafür  kein  Platz  bleibe.  Das  war  der  Ton  nicht,  in
dem  ein  König  von  Preußen  einem  ausländischen  Untertan  eine  seltene,
ganz  unverdiente  Ehre  ankündigen  durfte.  Friedrich  Wilhelm  ließ  sich's
nicht  träumen,  daß  man  in  Wien  noch  keineswegs  gemeint  war,  den  preußischen
  Staat  als  eine  ebenbürtige  Macht  anzusehen,  und  ahnte  kaum,  wie
seine  herzliche  Vertraulichkeit  auf  den  hochmütigen  k.  k.  Staatskanzler
wirken  mußte,  der  natürlich  eine  gewandte,  hofmännische  Antwort  gab.

Im  folgenden  Jahre  feierte  der  König  den  Jahrestag  des  Verduner
Vertrags,  „das  tausendjährige  Jubiläum  von  Deutschland“,  wie  er  es

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  26.  Mai  1842.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  24.  Mai  1842.
        <pb n="233" />
        Pour  le  mérite.  Wissenschaftliche  Unternehmungen.  225

nannte,')  durch  die  Stiftung  eines  Preises  für  Werke  aus  der  vaterländischen
  Geschichte.  Die  Festlichkeiten,  die  er  sonst  noch  für  diesen  Tag
anbefahl,  beschränkten  sich  auf  die  Kirchen  und  Schulen;  nur  der  Altteutsche
  Maßmann  veranstaltete  ein  lärmendes  Turnfest  in  der  Hasenheide.
Das  Volk  nahm  wenig  Anteil,  denn  was  die  Deutschen  an  Festlust  besaßen,
  war  in  den  Kölnischen  Jubeltagen  draufgegangen.  Die  radikale
Jugend  fand  den  Rückblick  auf  dies  Jahrtausend  deutscher  Geschichte  wenig
erfreulich,  und  selbst  ein  reifer  Mann  wie  Kühne  nannte  das  Fest  „einen
recht  dummen  Streich“.  Unter  dieser  verbitterten  Stimmung  mußte  auch
der  Ansbacher  Bildhauer  Ernst  von  Bandel  leiden,  ein  stürmischer  Teutone
aus  Maßmanns  Freundeskreisen,  der  schon  im  Jahre  1838  den  Plan  gefaßt
  hatte,  auf  der  Grotenburg  im  Teutoburger  Walde,  inmitten  der  westfälischen
  Gebirge,  dem  Cherusker  Herman  ein  riesiges  Denkmal  zu  errichten.
  Er  dachte  dabei  an  den  ewigen  Kampf  der  Germanen  wider
die  welsche,  insbesondere  die  französische  Tücke,  und  merkte  nicht,  daß  er
also  den  Franzosen  einen  neuen  Vorwand  gab,  sich  selber  für  Kulturbringer,
  uns  für  Barbaren  zu  erklären.  Unter  schweren  Opfern,  mit
einer  wunderbaren  Ausdauer,  der  seine  künstlerische  Begabung  leider  nicht
von  ferne  gleichkam,  lebte  der  begeisterte  Patriot  fortan  diesem  einen  Gedanken;
  denn  immer  wenn  eine  Nation  sich  auf  sich  selbst  besinnt,  wendet
sie  ihre  andächtigen  Blicke  der  fernsten  Vorzeit  zu.  Um  dieselbe  Zeit,  vielleicht
  angeregt  durch  Bandels  Werk,  schlug  der  Dichter  Niccolini  den  Italienern
  vor,  auf  dem  Gipfel  des  Mont  Cenis  ein  Bild  des  Marius  aufzubauen,
  mit  drohend  gen  Norden  gerichtetem  Schwerte,  und  darunter  die
Inschrift:  Zurück  ihr  Barbaren!  Das  Unternehmen  des  tapferen  Franken
fand  anfangs  lebhaften  Anklang  und  wurde  auch  durch  reiche  Spenden
König  Friedrich  Wilhelms  gefördert;  jetzt  aber  erkaltete  der  Eifer,  die  ungeduldige
  Jugend  wollte  Taten  sehen,  und  wirklich  ist  das  Werk  erst  nach
drei  Jahrzehnten  vollendet  worden,  als  Deutschland  auf  große  neue  Siege
zurückschauen  konnte.

Jener  historische  Preis  war  nur  ein  Glied  aus  einer  langen  Kette
königlicher  Geschenke  an  die  Wissenschaft.  Durch  die  Freigebigkeit  der  Krone
erhielt  Richard  Lepsius  die  Mittel  für  die  große  vierjährige  orientalische
Reise,  die  der  Agyptologie  erst  einen  festen  wissenschaftlichen  Boden  schaffen
sollte.  Ebenso  wurde  Karl  Ritter  bei  seinen  Reisen  unterstützt;  ihn  liebte  der
König  zärtlich,  denn  eine  so  wunderbare  Verbindung  von  frommer  Einfalt
und  tiefer  Gelehrsamkeit  fand  sich  in  der  modernen  Welt  nur  selten.  Die  Akademie
  der  Wissenschaften  wurde  beauftragt  die  sämtlichen  Werke  König  Friedrichs
  herauszugeben,  obgleich  die  gottseligen  Fanatiker  mindestens  die  Gedichte
  und  die  philosophischen  Schriften  des  großen  Freigeistes  von  der  Veröffentlichung
  ausschließen  wollten;  zugleich  begann  Freiherr  von  Stillfried

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  29.  März  1843.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  15
        <pb n="234" />
        226  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

die  Urkundensammlung  zur  ältesten  Geschichte  des  königlichen  Hauses,  die
Monumenta  Zollerana.  Für  Doves  geniale  Forschungen  wurde  das
meteorologische  Institut  eingerichtet,  das  bald  in  ganz  Norddeutschland
seine  Beobachtungsstationen  anlegte.  An  die  Spitze  der  Berliner  Bibliothek
kam  Pertz,  der  Herausgeber  der  Monumenta  Germaniae,  der  damals
auf  der  Höhe  seines  Wirkens  stand.

Den  Universitäten  Berlin  und  Königsberg  bewilligte  der  König  so—
gleich  ein  beträchtlich  erhöhtes  Einkommen;  auch  das  arg  vernachlässigte
alte  Greifswald  sollte  gehoben  werden.  Und  wie  viele  glänzende  Berufungen
gleich  in  der  ersten  Zeit!  Bald  nach  den  Brüdern  Grimm  erhielt  auch
Dahlmann  einen  preußischen  Lehrstuhl  in  Bonn  angewiesen.  Beim  Ab—
schied  in  Jena  begrüßte  ihn  Robert  Prutz  mit  einem  Liede,  das  dem
brausenden,  ziellosen  Tatendrange  des  jungen  Geschlechts  treuen  Aus—
druck  gab:

Es  gilt  dem  kommenden  Geschlechte,

Es  gilt  dem  künft'gen  Morgenrot.

Der  Freiheit  gilt  es  und  dem  Rechte,

Es  gilt  dem  Leben  und  dem  Tod.
Am  Rhein  wurde  der  Führer  der  Göttinger  Sieben  nicht  minder  freudig
aufgenommen,  und  in  seiner  Antrittsvorlesung  sagte  er  hoffnungsvoll:  der
Tadel  der  Nation  gegen  Preußens  selbständige  Politik  werde  erst  verstummen
„in  der  Fülle  der  Zeiten,  vor  dem  unter  Preußens  Vorgange  vollendeten
Werke,  vor  Deutschlands  großer  Zukunft“.  In  die  Berliner  juristische
Fakultät  trat  neben  Stahl  dessen  Landsmann  Puchta  ein,  der  natürliche
Nachfolger  Savignys,  ein  tiefsinniger,  in  Schrift  und  Rede  gleich  ausge—
zeichneter  Lehrer  des  römischen  Rechts;  er  gehörte  einer  gemäßigt  konser—
vativen  Richtung  an,  doch  als  Freund  Schellings,  als  Anhänger  der  histo—
rischen  Rechtsschule  und  streng  kirchlicher  Protestant  erfuhr  er,  wie  Stahl,
in  der  Presse  alsbald  gehässige  Anfeindungen.  Nach  seinem  frühen  Tode
wurde  der  Schweizer  Keller  berufen,  auch  ein  trefflicher  Jurist,  nur  minder
glücklich  als  Lehrer:  er  hatte  einst  in  Zürich  die  Radikalen  geführt,  doch
angeekelt  von  dem  souveränen  Unverstande,  hielt  er  sich  in  Preußen  zu
der  streng  konservativen  Partei.  Als  nun  auch  der  milde,  aber  den  Rationalisten
  verhaßte  Theolog  Dorner  neben  Hävernick  nach  Königsberg
berufen  wurde,  da  hieß  es  allgemein,  der  König  begünstige  nur  reaktionäre
Gelehrte.  Man  dankte  ihm  auch  nicht,  daß  er  Maßmann,  dem  Bücherverbrenner
  von  der  Wartburg,  erlaubte,  in  Berlin  einen  großen  Turnplatz
einzurichten  und  nebenbei  an  der  Universität  verworrene  germanistische
Vorlesungen  zu  halten;  die  Burschenschafter  aus  der  ältesten  christlichgermanistischen
  Generation  galten  dem  neuen  Liberalismus  allesamt  für
Dunkelmänner.  Selbst  der  Baseler  Protestant  Gelzer,  ein  ernstgläubiger,
keineswegs  engherziger  Literaturhistoriker  wurde,  kaum  nach  Berlin  berufen,
  sofort  als  geheimer  Jesuit  verlästert.
        <pb n="235" />
        Dahlmann.  Schelling  und  Paulus.  227

Unter  allen  Neuberufenen  erregte  Schelling  das  größte  Aufsehen.
Er  war  ausdrücklich  auserwählt,  um  den  idealen  Sinn  und  Zweck  der
neuen  Regierung  vor  der  gelehrten  Welt  zu  vertreten;  er  sollte  die  Hegel—
schen  Popularphilosophen  Vatke,  Hotho,  Benary,  Michelet,  die  an  der
Berliner  Universität  noch  die  Lehre  des  Meisters  in  zeitgemäßer  Ver—
dünnung  vortrugen  und  bei  Hofe  für  Verderber  der  Jugend  galten,  auf
das  Haupt  schlagen  durch  eine  zugleich  gläubige  und  streng  wissenschaft—
liche  Philosophie.  Seine  Berufung  wurde  zugleich  Parteisache.  Sogar
Humboldt,  der  vor  zehn  Jahren  so  bestimmt  erklärt  hatte,  Schelling  sei
der  einzig  mögliche  Nachfolger  auf  Hegels  Lehrstuhl,  verhielt  sich  jetzt
kühl,  fast  feindselig;  und  unter  dem  Wehgeschrei  der  gesamten  liberalen
Welt  hielt  der  siebenundsechzigjährige  Philosoph  seinen  Einzug  in  Berlin,
wo  auch  er  nie  wahrhaft  heimisch  werden  sollte.  Seit  einem  Menschen—
alter  hatte  er  außer  einigen  akademischen  Reden  nichts  mehr  veröffentlicht,
als  die  wiederholte  Ankündigung,  daß  „es  jetzt  ernst  sei“  mit  seinem  so
oft  verheißenen  großen  theosophischen  Werke,  und  einige  hochmütige  Aus—
fälle  gegen  jüngere  Philosophen,  die  ihm  seine  Ideen  entwendet  haben
sollten.  Schweren  Herzens  schied  er  von  München,  das  für  ihn  doch
der  natürliche  Boden  war;  denn  er  meinte  sich  von  Gott  erwählt,  in
der  Hochburg  der  Hegelschen  Schule  als  Lehrer  der  Zeit  aufzutreten.
Er  vermaß  sich,  die  Philosophie  nicht  aufzuheben,  sondern  zu  ergänzen
durch  eine  bisher  für  unmöglich  gehaltene  Wissenschaft,  ihr  in  der  Offen—
barungsphilosophie  eine  Burg  zu  gründen,  worin  sie  von  nun  an  sicher
wohnen  sollte.  Und  wer  durfte  ihm  bestreiten,  daß  er  die  neue  historische
Weltanschauung  der  Deutschen  mit  begründet  und  reich  befruchtet  hatte,
daß  Stahl  und  Puchta  ihre  wissenschaftliche  überlegenheit,  einem  Gans
oder  Rotteck-Welcker  gegenüber,  gutenteils  ihm  verdankten?

Als  er  nun  die  Vorlesungen  über  die  Philosophie  der  Offenbarung
begann,  da  drängte  sich  das  gesamte  gelehrte  Berlin  nach  dem  winkligen
Auditorium  maximum  der  Universität,  die  meisten  feindselig,  viele  neugierig,
  einige  in  der  unschuldigen  Hoffnung,  das  größte  Rätsel  der  Menschheit
  gelöst  zu  sehen.  Der  Adel  der  Sprache,  die  gewaltige  Zuversicht  der
Rede,  die  sich  zuweilen  zu  prophetischem  Schwunge  erhob,  und  manche
geniale  Gedankenblitze  verrieten  wohl  noch  den  alten  Meister;  doch  zeigte
sich  bald,  daß  die  Uneingeweihten  ganz  recht  hatten,  wenn  sie  diese  neue
Wissenschaft  für  unmöglich  erklärten.  Schelling  sagte  selbst:  „die  Offenbarung
  muß  etwas  über  die  Vernunft  hinausgehendes  enthalten,  etwas
aber,  das  man  ohne  die  Vernunft  doch  nicht  hat.“  Aus  diesem  tiefsinnigen
  Satze  zog  er  jedoch  nicht  den  Schluß,  daß  der  Philosoph  sich  bescheiden
  müsse,  die  Grenzen  des  Erkennens  abzustecken,  und  kritisch  festzustellen,
  wo  die  geheimnisvolle,  der  Vernunft  nie  ganz  zugängliche  Welt
der  subjektiven,  innerlich  erlebten  Gemütswahrheiten  beginnt;  er  unternahm
  vielmehr,  die  Offenbarung  selbst  vernünftig  zu  begreifen,  womit

157
        <pb n="236" />
        228  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

doch  ihr  Wesen  aufgehoben  wird,  und  geriet  daher  in  mystische  Phantasie—
spiele,  die  um  so  rätselhafter  klangen,  weil  der  Philosoph  den  Gedanken—
bau  seines  Systems  ersichtlich  noch  nicht  abgeschlossen  hatte.  Der  gute
Steffens,  der  bis  zum  Tode  die  Gabe  behielt,  alles  zu  begreifen,  was  er
begreifen  wollte,  bemühte  sich  umsonst,  den  jüngeren  Genossen  die  Worte
des  Meisters  zu  erklären.  Das  neue  Gelehrtengeschlecht  besaß  schon  den
schönen  Mut  der  Unwissenheit,  dessen  die  voraussetzungslose  Wissenschaft
bedarf;  der  junge  Historiker  W.  Wattenbach  erwiderte  dem  schwärmenden
Naturphilosophen  ehrlich:  ich  habe  gar  nichts  verstanden.

Unterdessen  rüstete  sich  Schellings  nächster  Landsmann,  sein  Tod—
feind  Paulus  in  Heidelberg  zu  einem  vernichtenden  Schlage.  Er  ließ  die
Vorlesungen  insgeheim  nachschreiben  und  gab  sie  plötzlich  in  einem  dicken
Bande  heraus  als  „die  endlich  offenbar  gewordene  positive  Philosophie
der  Offenbarung“  (1843);  in  einem  Schwall  polemischer  Zusätze  entfaltete
der  greise  Rationalist  die  ganze  Fülle  seines  Hohnes,  seiner  geschwätzigen
Plattheit.  Es  war  ein  Bubenstreich,  ohne  Beispiel  selbst  in  der  wenig
zarten  Geschichte  deutscher  Gelehrtenkämpfe.  Mit  welcher  heiligen  Entrüstung
  war  vor  kurzem  Hävernicks  Berufung  von  den  Liberalen  gebrandmarkt
  worden,  weil  dieser  einst  als  junger  Student  einige  Sätze  aus
den  Kollegien  der  Hallenser  Rationalisten  an  die  Kirchenzeitung  verraten
hatte.  Jetzt  stahl  ein  welterfahrener,  zweiundachtzigjähriger  Professor  einem
Kollegen  ein  ganzes  Heft,  in  der  denkbar  gehässigsten  Absicht,  um  den
Gegner  sittlich  zu  vernichten;  und  fast  die  gesamte  liberale  Presse  nahm
Partei  für  den  Dieb;  Varnhagen  jubelte  und  Heine  feierte  im  Liede  den  edlen
Räuber  Kirchenrat  Prometheus.  Zu  solcher  Roheit  war  der  Parteihaß
schon  angeschwollen.  Schelling  klagte  wegen  Nachdrucks;  er  meinte,  der
verstockte  alte  Sünder  könne  nur  noch  durch  eine  Geldstrafe  empfindlich
getroffen  werden.  Der  aber  erwiderte  keck,  sein  Buch  sei  kein  Nachdruck,  sondern
  ein  Vordruck;  und  das  Berliner  Gericht  sprach  ihn  frei,  denn  der  Wortlaut
  des  Gesetzes  war  nicht  ganz  unzweideutig,  auch  ließ  sich  eine  gewinnsüchtige
  Absicht  dem  Angeklagten  nicht  zutrauen.  Sicherlich  wirkte  aber
auch  eine  unbewußte  Parteilichkeit  bei  dem  seltsamen  Urteile  mit;  die
vordem  der  öffentlichen  Meinung  so  unzugänglichen  preußischen  Gerichte
wurden  jetzt  schon  leise  in  das  liberale  Fahrwasser  hinübergetrieben,  in
den  politischen  Prozessen  mehrten  sich  die  Fälle  unerwarteter,  ja  rätselhafter
  Freisprechungen.  Aufs  äußerste  überrascht  erklärte  Schelling  nunmehr,
  wenn  die  Regierung  ihn  nicht  schütze,  so  könne  er  nicht  mehr  lehren,
und  zog  sich  vom  Katheder  zurück.  Also  blieb  auch  diese  Berufung,  woran
der  König  sein  Herz  gehängt  hatte,  ohne  jede  Frucht.
        <pb n="237" />
        Eichhorn  und  die  Wissenschaft.  229

Dieser  große  akademische  Skandal  offenbarte  zum  ersten  Male  den
tiefen  Abscheu,  der  sich  in  der  gelehrten  Welt  binnen  kurzem  gegen  den  neuen
Kultusminister  angesammelt  hatte.  Eichhorns  Bedeutung  wurde  bald  von
Freund  und  Feind  empfunden.  Der  König  sagte  geradezu:  „seine  Erhal—
tung  ist  für  mich  Selbsterhaltung,“*)  und  die  Opposition  pflegte  das  neue
System  schlichtweg  als  das  Ministerium  Eichhorn  zu  bezeichnen,  da  unser
gelehrtes  Volk  längst  gewöhnt  war,  den  Geist  einer  Regierung  nach  ihrer
Unterrichtsverwaltung  zu  beurteilen.  Unter  allen  den  hochbegabten  Män—
nern,  welche  der  König  an  falscher  Stelle  vernutzte,  hat  keiner  so  schwer,
so  tragisch  gelitten  wie  Eichhorn.  Aus  den  Geschäften  des  Zollvereins,
der  zum  guten  Teile  sein  Werk  war  und  gerade  jetzt  seiner  kundigen
Führung  bedurfte,  sah  er  sich  in  seinem  zweiundsechzigsten  Jahre  herausgeschleudert
  in  eine  grundverschiedene  Tätigkeit;  aus  dem  Ministerium,
das  die  Schlagkraft  des  Staates  vertritt,  also  von  allen  seinen  Gliedern
unbedingten  Gehorsam  fordern  muß,  trat  er  plötzlich  hinüber  zu  der  Leitung
des  geistigen  Lebens,  das  seinen  eigenen  Gesetzen  folgt  und  vom  Staate
nur  mittelbar,  mit  schonender  Hand  gefördert  werden  kann.  Wie  sein
Vorgänger  Altenstein  erfuhr  er  das  gemeine  Menschenschicksal,  daß  die  Welt
die  Männer  der  Tat  stets  nach  ihrer  letzten  Wirksamkeit  beurteilt.  Altenstein
  hatte  das  Glück,  daß  man  die  schweren  staatsmännischen  Fehler  seiner
früheren  Jahre  über  seinen  großen  Verdiensten  um  die  preußischen  Bildungsanstalten
  ganz  vergaß.  Eichhorn  mußte  erleben,  daß  schon  die  Mitwelt
  seines  ruhmvollen  Wirkens  für  unsere  wirtschaftliche  Einheit  gar
nicht  mehr  gedachte,  sondern  ihm  nur  die  kampferfüllten,  durch  Schuld
und  Unglück  verdorbenen,  wenig  fruchtbaren  Jahre  seines  Alters  anrechnete.
So  ward  er  einer  der  bestverleumdeten  Männer  des  Jahrhunderts.

Über  seine  Ernennung  grollte  nur  die  Wiener  Hofburg,  die  dem
Zollvereins-Demagogen  allezeit  gram  blieb;  die  preußischen  Gelehrten  begrüßten
  sie  anfangs  mit  Freude,  denn  der  hochgebildete,  geistreiche,  durch
und  durch  edle  Mann  hatte  einst  als  Syndikus  der  Berliner  Universität
das  akademische  Leben  aus  der  Nähe  kennen  gelernt,  dann  jahrelang  mit
Schleiermacher  und  anderen  namhaften  Gelehrten  freundschaftlich  verkehrt.
  Und  doch  sollte  gerade  dieser  Verkehr  ihm  verderblich  werden.  Zur
Leitung  des  deutschen  Unterrichtswesens  gehört  vor  allem  eine  tiefe  Ehrfurcht
  vor  der  Freiheit  der  Wissenschaft.  Unsere  Universitäten  waren
allezeit  Republiken  und  werden  es  immer  bleiben;  der  rücksichtslose  Wahrheitsmut
  der  deutschen  Gelehrten  ist  von  einem  oft  unbequemen  eigensinnigen
  Trotze  fast  unzertrennlich,  der  Lehrer  verwächst  mit  seiner  Lehre.
Dies  wußte  Wilhelm  Humboldt,  weil  er  selbst  ein  großer  Gelehrter  war;
er  sagte  rundweg,  gelehrte  Anstalten  könnten  nur  von  innen  heraus  wachsen,
wie  die  Kristalle  sich  langsam  in  der  Stille  „ankandierten“.  Auch  Altenstein
  empfand  ähnlich,  weil  er  noch  zu  den  vornehmen  Herren  aus  Harden-*)

  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  24.  Jan.  1846.
        <pb n="238" />
        230  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

bergs  fränkischer  Schule  gehörte;  wenn  die  Geister  aufeinander  platzten,
so  wartete  er  meist  gemächlich  ab,  welche  Kraft  sich  als  die  lebendige  er—
weisen  würde,  und  eigentlich  nur  bei  der  Begünstigung  der  Hegelschen
Philosophie  zeigte  er  sich  als  wissenschaftlicher  Parteimann.  Von  dieser
weltmännischen  Gelassenheit  Altensteins  besaß  Eichhorn  gar  nichts,  ein
ganzer  Gelehrter  wie  Humboldt  war  er  auch  nicht;  im  Umgang  mit  seinen
wissenschaftlichen  Freunden  hatte  er  sich  jedoch  eigentümliche  Ansichten
über  Geist  und  Methode  des  akademischen  Unterrichts  gebildet,  und  diese
unfertigen,  halbgereiften  Gedanken  wollte  er  jetzt  den  gelehrten  Republiken
als  bindende  Vorschriften  ebenso  herrisch  auferlegen,  wie  er  einst  im  Aus—
wärtigen  Amte  seinen  Diplomaten  Befehle  erteilt  hatte.  Also  verfiel
auch  er  dem  Fluche  dieser  Regierung,  dem  Dilettantismus.  In  den
Zollvereinsgeschäften,  die  er  von  Grund  aus  beherrschte,  hatte  der  beweg—
liche  kleine  Mann  seine  natürliche  Lebhaftigkeit  immer  gebändigt,  so  daß
manche  der  törichten  kleinen  Regierungen  allein  durch  seine  überlegene
Geduld  gewonnen  wurde;  auf  dem  neuen  Boden  aber  fühlte  er  sich  nicht
ganz  sicher  und  wurde  heftig,  reizbar,  rechthaberisch.  Das  schöne  Ver—
hältnis  gegenseitigen  Vertrauens,  das  unter  Altensteins  gütigem  Regi—
mente  so  lange  zwischen  dem  Ministerium  und  den  Universitäten  be—
standen  hatte,  verschwand  binnen  kurzem  gänzlich,  und  die  Gelehrten
begannen  bald  ihren  Vorgesetzten  als  einen  herrschsüchtigen  Schulmeister
zu  beargwöhnen.

Auf  diesem  Gebiete  verlor  Eichhorn,  was  sein  Vorgänger  gewonnen
hatte;  in  der  Kirchenpolitik  dagegen  trat  er  eine  sehr  schlimme  Erb—
schaft  an,  und  was  ihm  hier  mißriet,  ward  mehr  durch  die  Ungunst
der  Verhältnisse  verdorben  als  durch  seine  eigenen  Fehler.  Aufgewachsen
im  strengen  Luthertum,  aber  ein  überzeugter  Anhänger  der  evangelischen
Union,  dachte  er  über  die  Fragen  der  Kirchenhoheit  freier,  tiefsinniger,
weitherziger  als  Altenstein.  Die  Aufsicht  des  Staates  über  die  katholische
Kirche  wollte  er  auf  das  Unerläßliche  beschränken,  und  für  die  Selbständig—
keit  der  evangelischen  Kirche,  für  die  Reform  ihrer  Gemeinde=  und  Synodalverfassung
  hegte  er  seit  Jahren  wohlüberlegte  Pläne,  die  sich  erst  nach
einem  Menschenalter  ganz  verwirklichen  sollten.  Doch  solange  die  alten
Gesetze  und  die  oberstbischöflichen  Befugnisse  der  Krone  noch  bestanden,
hielt  er  sich  gleich  seinem  Vorgänger  auch  verpflichtet,  das  innere  Leben
der  evangelischen  Kirche  im  evangelischen  Sinne  zu  überwachen.  Da  er
nun  der  neuen  theologischen  Kritik  weit  ferner  stand  als  Altenstein  und,
hierin  ganz  Parteimann,  die  Hegelsche  Philosophie  noch  lebhafter  verabscheute,
  als  jener  sie  begünstigt  hatte,  so  verwickelte  er  sich  bald  in
Glaubensprozesse  und  Lehrverfolgungen,  die  seinen  eigentlichen  Absichten
widersprachen  und  seinen  Namen  mit  einem  ungeheueren  Hasse  beluden.

Von  den  persönlichen  Freunden  des  Königs,  von  Bunsen  wie  von
Radowitz  wurde  Eichhorn  mit  stillem  Mißtrauen  betrachtet;  unter  den
        <pb n="239" />
        Joh.  Schulze.  Eilers.  231

Ministern  besaß  er  nur  an  Thile  und  Savigny  nahe  Gesinnungsgenossen,
und  in  seinem  eigenen  Departement  fand  er  fast  nur  Gegner  vor,  er—
klärte  Hegelianer  oder  aufgeklärte  Beamte  von  dem  alten  rationalistischen
Schlage.  Aus  den  Kreisen  dieser  unzufriedenen  Geheimen  Räte  gingen
nachher,  unter  Varnhagens  eifriger  Mitwirkung,  viele  der  anonymen  Zei—
tungsartikel  hervor,  welche  den  Minister  als  einen  beschränkten  Pietisten  verlästerten.
  Dem  Monarchen  entgingen  diese  Mißstände  nicht.  Wieder  und
wieder  dachte  er  an  die  Berufung  frischer  Arbeitskräfte,  schon  weil  er  seinen
Freund  vom  „Totarbeiten  retten“  wollte;“*)  schließlich  scheute  er  sich  doch,
durch  einen  umfassenden  Personenwechsel  das  Selbstgefühl  der  alten  Beamten
zu  verletzen.  So  blieb  denn  der  Staatsmann,  der  eine  widerstrebende
Welt  zum  lebendigen  Christentum  zurückführen  sollte,  fast  ganz  allein.
Mit  seinem  Ministerialdirektor  Ladenberg  lebte  er  in  offener  Feindschaft;
dem  unermüdlichen  Johannes  Schulze  entzog  er  sogleich  einen  Teil  seiner
Amtsgeschäfte,  und  schmerzlich  genug  vermißten  die  Professoren  bald  die
kollegialische  Freundlichkeit  ihres  feurig  aufbrausenden  und  doch  so  wohlwollenden
  loannes  parvulus,  der  eben  erst,  durch  die  Berufung  Ritschls
nach  Bonn,  wieder  einmal  seinen  Scharfblick  bewährt  hatte  und  auch
mit  Gegnern  so  gut  auskam,  daß  Leo  ihm  dankbar  die  Italienische  Geschichte
  widmete.

Der  einzige  Geheime  Rat,  der  dem  Minister  mit  freudiger  Zustimmung
  half  und  demnach  auch  überall  mitwirken  mußte,  war  der  neu  berufene
  Pädagog  Gerd  Eilers,  ein  friesischer  Bauernsohn,  der  als  Knabe
zu  Schlossers  Füßen  gesessen  und  sich  dann  in  einem  erfahrungsreichen
Leben  den  strengen  lutherischen  Glauben  seines  Vaterhauses,  den  Abscheu
gegen  alle  philosophische  Zweifelsucht  treu  bewahrt  hatte.  Ein  ehrlicher,
uneigennütziger  Patriot,  ein  brauchbarer  praktischer  Schulmann  von
mannigfachen,  allerdings  ungleichmäßigen  Kenntnissen,  blieb  Eilers  doch
immer  ein  unklarer  Kopf,  geschwätzig,  formlos,  verworren,  wie  seine  chaotische
Selbstbiographie,  „meine  Wanderung  durchs  Leben“.  Über  Menschen
und  Dinge  urteilte  er  mit  eigensinniger  Willkür.  Er  verehrte  Schlosser
und  Dahlmann,  während  er  Gervinus,  der  zwischen  beiden  etwa  in  der
Mitte  stand,  für  einen  gefährlichen  Volksverderber  hielt;  er  verdammte
den  süddeutschen  Liberalismus,  doch  dem  Bannerträger  der  Triaspolitik,
Wangenheim  zollte  er  warme  Bewunderung.  Alle  diese  rein  subjektiven
Ansichten  vertrat  er  mit  friesischer  Schroffheit,  und  obwohl  er  als  abgesagter
  Feind  der  Metternichschen  Politik  die  Demagogenverfolgungen,  denen
mehrere  seiner  nächsten  Freunde  zum  Opfer  gefallen  waren,  entrüstet  verurteilte,
  so  hielt  er  doch  für  ganz  natürlich,  daß  die  Staatsgewalt  alle,  die
nach  seinem  Ermessen  offenbare  Atheisten  oder  Revolutionäre  waren,  sich
kurzerhand  aus  dem  Wege  räumte.  Ein  solcher  Ratgeber  konnte  auf  den

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  23.  Febr.  1844.
        <pb n="240" />
        232  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Minister,  der  ihn  sehr  weit  übersah,  keinen  wirklichen  Einfluß  gewinnen;
und  also  ganz  vereinsamt  mußte  Eichhorn,  je  heftiger  die  Tagesmeinung
wider  ihn  anbrauste,  nur  um  so  tiefer  in  die  einmal  eingeschlagene  Rich—
tung  hineingeraten.

Die  Berufungen  neuer  Lehrkräfte  waren  allesamt  unter  des  Mi—
nisters  eifriger  Mitwirkung,  zum  Teil  auf  seine  Anregung  zu  stande
gekommen;  doch  man  dankte  ihm  für  dies  große  Verdienst  nur  wenig,
weil  er  von  vornherein,  allem  akademischen  Brauche  zuwider,  in  die  kleinen
und  kleinsten  Angelegenheiten  der  Universitäten  herrisch  eingriff.  Noch
in  den  ersten  hoffnungsvollen  Monaten  der  neuen  Regierung  taten  sich
etwa  150  Hallenser  Studenten,  unter  der  Führung  des  wackeren  jungen
Theologen  Rudolf  Haym,  zusammen,  um  den  König,  ihren  Rektor,  in
einer  kindlich  ehrerbietigen  Adresse  zu  bitten,  daß  er  D.  F.  Strauß  nach
Halle  berufen  möge.  Das  Unternehmen  mußte  jedem,  der  die  Meinungen
des  Monarchen  kannte,  wunderbar  naiv  erscheinen  und  war  ebendeshalb
unzweifelhaft  harmlos;  die  jungen  Leute  gaben  einfach  ihrer  Begeisterung
für  den  Verfasser  des  Lebens  Jesu  einen  etwas  vorlauten  Ausdruck.  Auf—
gestachelt  waren  sie  nicht;  der  alte  Rationalist  Gesenius  hatte  sogar  väter—
lich  abgemahnt.“)  Dem  Mirnister  aber  erschien  die  Bittschrift  wie  eine
atheistische  Freveltat,  und  er  ruhte  nicht,  bis  der  akademische  Senat
die  bereits  gegen  die  Urheber  verhängten  Strafen  noch  verschärfte,  worauf
sich  dann  unausbleiblich  ein  gehässiger  Zeitungskampf  entspann.  Ebenso
hart  beurteilte  er  die  Königsberger  Studenten,  die  den  armen  Hävernick
ausgescharrt  hatten,  und  der  Senat  der  Albertina  beschwerte  sich  bei  dem
Könige,  natürlich  umsonst,  über  den  Minister.

Seitdem  stand  die  Meinung  fest,  „das  Eichhörnchen“  begünstige  überall
den  Pietismus,  und  bei  der  gereizten  Stimmung  der  Zeit  konnte  es  nicht
ausbleiben,  daß  die  Gegenpartei  sich  zu  manchen  Ungerechtigkeiten  hinreißen
ließ.  Der  Berliner  akademische  Senat  verbot  den  Studenten  aus  Hengstenbergs
  Schule,  einen  Verein  zum  Historischen  Christus  zu  bilden;  er  begründete
  das  Verbot  mit  der  offenbar  höhnischen  Erklärung,  sonst  müßte
man  auch  antichristliche  Vereine  gestatten,  und  der  Minister  sah  sich  genötigt,
  diesmal  zum  Schutze  der  akademischen  Freiheit  einzuschreiten.
Strafen  und  Entlassungen,  die  unter  Altenstein  nur  selten  vorkamen,
wiederholten  sich  häufig  und  sie  wurden  allesamt  als  Zeichen  der  neuen
Gewissenstyrannei  angesehen.  Man  schalt  sogar,  als  dem  Bonner  Privatdozenten
  Bruno  Bauer  die  Erlaubnis  zum  Lesen  entzogen  wurde.  Der
hatte  in  seiner  Kritik  der  synoptischen  Evangelischen  den  Boden  des
positiven  Christentums  so  gänzlich  verlassen,  daß  die  Theologie,  die  doch
keine  reine  Wissenschaft  ist,  ihn  unmöglich  noch  in  ihren  Reihen  dulden
konnte.  Der  Minister  ließ  sich,  bevor  er  einschritt,  gewissenhaft  von  allen

 

*)  Ich  benutze  hier  eine  freundliche  Mitteilung  von  R.  Haym.
        <pb n="241" />
        Absetzungen.  B.  Bauer.  Nauwerck.  233

theologischen  Fakultäten  des  Staates  Gutachten  erstatten,  die  er  sofort
veröffentlichte.  Der  Entlassene  aber  stiftete  alsbald  in  Berlin  mit  seinem
Bruder  Edgar  und  einigen  anderen  Wortführern  der  souveränen  Kritik
einen  Bund  „der  Freien“,  der  durch  seine  bodenlose  Frechheit,  seine
Lästerungen,  Zoten  und  Unflätereien  selbst  den  Ekel  des  radikalen  Ruge
erregte.  Gleichwohl  wurde  Bauer  in  allen  Zeitungen  als  edler  Dulder
gepriesen.

Leider  konnte  der  König  selbst  in  seiner  nervösen  Reizbarkeit  die
akademische  Freiheit  am  wenigsten  ertragen;  er  hatte  sich  ganz  nach  eigenem
Ermessen  eine  Grenze  vorgezeichnet,  welche  das  freie  Wort  nicht  über—
schreiten  sollte.  Im  Nov.  1843  schrieb  er  an  Thile:  „Lösen  Sie  mir  das
Rätsel,  wie  der  p.  Nauwerck,  ein  bekannter  patentierter  Revolutionär  hier
an  der  Universität  Privatdozent  geworden  ist,  und  wie  man  ihm  den

Ich  bin  tief  betrübt  über  diesen  entsetzlichen  Mißgriff,  der  den
werdenden  guten  Geist  der  Studenten  wieder  sehr  ernst  gefährdet.  Es
muß  endlich  in  meinem  Geist  verfahren  werden.  Revolutionäre  dürfen
in  Preußen  keine  Freistätte  unter  den  Fittichen  der  Regierung  finden.“*)
Nauwerck  war  ein  gewöhnlicher  radikaler  Schwätzer,  der  mit  Mühe  ein
mittelmäßiges  Buch  über  die  Geschichte  des  Bundestags  zu  stande
brachte.  Seine  sofort  gedruckte  Antrittsvorlesung  über  die  Teilnahme
am  Staat  enthielt  nicht  viel  mehr  als  Gemeinplätze,  und  wenn  man  dies
dürftige  Lichtlein  ruhig  brennen  ließ,  so  wäre  es  wohl  bald  von  selbst
erloschen.  Diesmal  wagte  Eichhorn,  der  solche  Aufwallungen  des  Monarchen
  schon  oft  beschwichtigt  hatte,  nicht  zu  widerstehen;  Nauwerck  mußte
den  Lehrstuhl  verlassen  und  erlangte  für  einige  Zeit  einen  ganz  unverdienten
  Ruhm.

Weit  härter  noch  bestrafte  sich  die  Entlassung  Hoffmanns  von  Fallersleben
  in  Breslau.  Wer  kannte  ihn  nicht,  den  frohmutigen  fahrenden
Sänger,  der  überall  mit  dabei  war,  wo  man  auf  fremde  Kosten  Wein
trinken  konnte?  Die  Zeche  zahlte  er  doch  redlich;  denn  alles  jubelte  ihm
zu,  wenn  der  Recke  mit  kräftiger  Stimme  seine  heiteren,  wohlgereimten
Gesellschaftslieder  bald  singend,  bald  deklamierend  vortrug.  Ein  tüchtiger
Germanist,  deutsch  durch  und  durch  bis  zur  Ungerechtigkeit  gegen  alles
Fremde,  kannte  er  namentlich  unser  Volkslied  aus  dem  Grunde  und  verstand
sehr  geschickt,  scheinbar  kunstlos  seine  eigenen  Gedichte  alten  volksbeliebten
Texten  und  Melodien  einzufügen.  Solche  mutwillig  über  den  Strang  schlagende
  Wildfänge  kann  ein  großer  Staat  unter  der  Masse  seiner  Beamten
noch  am  leichtesten  ertragen,  und  von  dem  kunstsinnigen  Könige  ließ  sich
wohl  einige  Nachsicht  erwarten  für  den  weinseligen  Poeten,  der  neben  vielen
leichten,  mit  der  Lust  des  Zechens  verwehenden  Liedern  dem  deutschen

 

*)  König  Friedrich  Wilbelm  an  Thile,  30.  Nov.  1843.
        <pb n="242" />
        234  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Volke  doch  auch  Unvergängliches  geschenkt  hatte.  Am  Felsenstrande  von
Helgoland  dichtete  er  nach  der  Haydnschen  Melodie  das  Lied  „Deutsch—
land,  Deutschland  über  alles,  über  alles  in  der  Welt“,  das  den  Grund—
gedanken  des  Arndtschen  Vaterlandsliedes  einfacher,  wärmer,  lebendiger
wiedergab  und  nach  langen  Jahren  erst  mit  voller  Macht  auf  die  deutschen
Gemüter  wirken  sollte.  Ein  andermal  in  guter  Stunde  schrieb  er  die
einfältig  schönen  Zeilen:

Treue  Liebe  bis  zum  Grabe

Schwör'  ich  dir  mit  Herz  und  Hand.

Was  ich  bin  und  was  ich  habe

Dank'ich  dir,  mein-  Vaterland!

Ohne  alle  Kenntnis  der  Politik,  aber  durch  sein  ungebundenes  Wanderleben
  radikal  gestimmt,  erfreute  er  seine  Hörer  zuweilen  auch  durch  politische
Gedichte,  und  der  Beifall,  den  diese  Improvisationen  hervorriefen,  berauschte
ihn  dermaßen,  daß  er  sich  zum  Freiheitsdichter  berufen  fühlte.  Seine  „Unpolitischen
  Lieder“  waren  sehr  reich  an  kräftigen  Ausfällen;  manche  davon
schmeichelten  sich  durch  ihre  leichte  sangbare  Form  in  jedes  Ohr  und
machten  rasch  die  Runde  auf  allen  Studentenkneipen,  so  die  burschikosen,
einem  alten  Schnaderhüpfel  nachgebildeten  Verse:

Ist  denn  gar  kein  Weg,
Ist  denn  gar  kein  Steg,
Der  uns  führt  aus  dieser  Sklaverei?

Eben  wegen  dieser  volkstümlichen  Wirksamkeit  erschien  das  Büchlein,
das  schon  die  Feuerprobe  der  Hamburgischen  Zensur  bestanden  hatte,  den
preußischen  Behörden  hochgefährlich.  Durch  Beschluß  des  Staatsministeriums
  wurde  Hoffmann  zu  Neujahr  1844  seiner  Professur  enthoben;  der
König  tat  nichts,  den  grausamen  Spruch  zu  mildern,  und  der  Entlassene
bereiste  fortan  die  deutschen  Städte  als  poetischer  Wanderprediger  des  Radikalismus.
  Überall,  wo  feurige  Patrioten  zusammen  zechten,  deklamierte
er  rührsam:

Ich  bin  Professor  gewesen,

Nun  bin  ich  abgesetzt.

Einst  konnt'  ich  Collegia  lesen;

Was  aber  kann  ich  jetzt?  —
worauf  denn  meist  ein  geharnischtes  politisches  Lied  oder  auch  vergnügliche
Bänkelsänger-Reime  folgten.  Die  warmherzigen  Pfälzer  und  Rheingauer
konnten  sich  an  ihm  nicht  satt  hören,  sie  feierten  ihn  als  ein  Opfer  des
preußischen  Despotismus.  Nur  bei  den  Holsten  fand  er  üblen  Empfang;
ihre  Zeitungen  sagten  barsch:  hierzulande  sei  man  zu  ernsthaft  für  dies
ewige  Schim-schim-schim  und  Juch-jsuchhe.  Als  die  Berliner  Studenten
seinen  alten  Freunden,  den  Brüdern  Grimm  einen  Fackelzug  brachten,  da
erschien  Hoffmann  plötzlich  als  ungeladener  Gast  an  einem  Fenster,  und
die  jungen  Leute,  deren  Anführer  wohl  mit  im  Geheimnis  waren,  begrüßten
  auch  ihn  mit  jauchzendem  Zuruf;  darauf  Ausweisung  des  Heimat-
        <pb n="243" />
        Hoffmann  von  Fallersleben.  235

losen,  Untersuchung  gegen  die  jugendlichen  Ruhestörer  und  eine  Zeitungs—
erklärung  der  Brüder  Grimm,  die  ihren  königlichen  Schirmherrn  doch  nicht
verhöhnen  durften,  also  öffentlich  ihre  Unschuld  beteuerten.  Seitdem  blieb
die  Polizei  dem  Dichter  auf  den  Hacken;  auch  aus  anderen  Städten  ward
er  verwiesen,  selbst  in  seinem  Geburtslande  Hannover  durfte  er  sich  nicht
zeigen.  Endlich  fand  er  eine  Zuflucht  unter  dem  Schutze  der  ritter—
schaftlichen  Libertät  Altmecklenburgs.  Da  ein  mecklenburgisches  Staats—
bürgerrecht  nicht  bestand,  jeder  Rittergutsbesitzer  aber  befugt  war,  auf
seinen  Dörfern  nach  Belieben  das  Heimatsrecht  zu  erteilen,  so  entschloß
sich  der  Führer  der  bürgerlichen  Ritterschaft,  der  liberale  Dr.  Schnelle,
den  gehetzten  Mann  auf  seinem  Gute  Buchholz  als  Ortsangehörigen  —
die  liberalen  Zeitungen  logen:  als  Kuhhirten  —  aufzunehmen;  und  in
diesem  unangreifbaren  Schnellischen  Reiche  konnte  Hoffmann  fortan  immer
sicher  ausruhen,  sobald  er  anderswo  ausgewiesen  wurde.  So  war  das
öffentliche  Recht  des  Deutschen  Bundes.  Solche  tragikomische  Erbärmlich—
keiten  erweckten  selbst  im  Auslande  Spott  und  Hohn,  und  zuletzt  fiel  aller
Haß  auf  Preußen  zurück.

Dem  leicht  erregbaren  Selbstgefühle  der  Gelehrten  erschienen  diese
Entlassungen  fast  noch  erträglicher  als  die  beständigen  Ermahnungen  und
Verweise  von  oben  her.  Als  der  Hallenser  Philosoph  Hinrichs,  ein  sehr
gemäßigter  Liberaler,  über  Politik  las,  wurde  er  herrisch  bedeutet,  zu  sol—
chen  Vorträgen  sei  er  unfähig.  Sogar  Dahlmann,  dessen  erstes  Auftreten
zu  Bonn  Eichhorn  selbst  mit  warmen  Worten  begrüßt  hatte,  erhielt  nach—
her  einen  schnöden  Verweis,  da  er  bei  einem  Fackelzuge  einige  ganz  un—
verfängliche  Worte  über  die  freien  Hochschulen,  den  Stolz  des  zerstückelten
Deutschlands  sprach.  So  oft  der  pflichteifrige  Minister  auf  einer  seiner
zahlreichen  Dienstreisen  eine  Universität  besuchte,  erging  er  sich  in  lehr—
haften  Ansprachen.  In  Breslau  erinnerte  er  an  das  credo  ut  intelligam;
  die  Professoren  in  Münster  mahnte  er,  religiöse  Gesinnung  mit
wissenschaftlicher  Gründlichkeit  zu  verbinden,  die  Bonnenser,  das  öffentliche
  Recht  auf  das  Studium  der  Vergangenheit  zu  stützen  und  also  dämonische
  Kräfte  von  sich  fern  zu  halten.  Er  schien  gar  nicht  mehr  zu
wissen,  daß  ihm  doch  nur  die  äußere  Ordnung  und  Förderung  der  Universitäten
  oblag,  die  Gelehrten  aber  über  die  Aufgaben  der  Wissenschaft
sicherlich  mehr  nachgedacht  hatten  als  er  selbst.  Mit  vollem  Rechte  fühlte
sich  die  gesamte  Professorenschaft  beleidigt,  als  Eichhorn  dem  Rationalisten
  Wegscheider  in  Halle  bei  dessen  Jubiläum  nicht  bloß  die  übliche  Auszeichnung
  versagte,  sondern  den  verdienten  greisen  Gelehrten  zu  seinem
Ehrentage  sogar  brieflich  wegen  seiner  kirchlichen  Haltung  wie  einen  Schulbuben
  abkanzelte.

Auch  wohlgemeinte  Verfügungen  des  Ministers  erschienen  durch  ihre
verfehlte  Form  als  lästige  Bevormundungsversuche  eines  fahrigen  Dilettantismus.
  Da  Eichhorn  richtig  erkannte,  daß  die  althergebrachten  Katheder-
        <pb n="244" />
        236  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

monologe  auf  den  Universitäten  allzu  sehr  überwogen  und  manche  Pro—
fessoren  die  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  noch  nicht  zu  kennen  schienen,
so  befahl  er  (1843)  durch  einen  Erlaß,  wobei  Eilers  mit  seinen  derben
Schulmeisterhänden  offenbar  mit  geholfen  hatte,  daß  die  akademischen
Lehrer  Repetitorien  und  wiederholte  Prüfungen  mit  ihren  Vorlesungen
verbinden  sollten.  Diese  Häufung  der  Examina,  deren  Überzahl  ja  schon
längst  eine  preußische  Staatskrankheit  war,  drohte  die  akademische  Freiheit
zu  vernichten;  man  glaubte  überall,  freilich  mit  Unrecht,  Eichhorn  wolle
die  freie  Lehre  durch  mechanische  Abrichtung,  die  Wissenschaft  durch  Kenntnisse
  verdrängen.  Der  ruhige  Dahlmann  meinte  entrüstet,  so  bis  zu
der  Erbärmlichkeit  österreichischer  Unterrichtsanstalten  ließen  sich  die  deutschen
  Universitäten  nicht  herabdrücken;  Oberpräsident  Bötticher  sogar  konnte
sich  den  Stimmungen  der  Königsberger  Gelehrten  nicht  ganz  entziehen  und
klagte  bitterlich  über  dies  traurige  „Vielregieren“.)  An  dem  einmütigen
Widerstande  der  akademischen  Welt  scheiterten  Eichhorns  Befehle.  Was
in  ihnen  berechtigt  war,  verwirklichte  sich  späterhin  von  innen  heraus  durch
die  natürliche  Entwicklung  des  wissenschaftlichen  Lebens,  das  seine  Gebrechen
  selbst  am  sichersten  zu  heilen  vermag.  Die  Mediziner  und  Naturforscher
  hatten  von  altersher  praktische  Ubungen  abgehalten;  philologische
Seminare  bestanden  schon  damals  fast  an  allen  preußischen  Universitäten;
die  Historiker  folgten,  nachdem  Ranke  den  Weg  gewiesen;  in  Greifswald
gründete  G.  Beseler  eine  juristische  Gesellschaft,  wie  vorher  schon  Jacoby
in  Königsberg  eine  mathematische,  Trendelenburg  in  Berlin  eine  philosophische.
  Aus  diesen  Keimen  erwuchs  allmählich  in  einem  halben  Jahrhundert
  eine  Fülle  von  Seminaren  aller  Art;z  ein  reich,  fast  überreich  ausgebildeter
  dialogischer  Unterricht  trat  dem  alten  monologischen  ergänzend
an  die  Seite.  1
Wie  tief  der  Minister  trotz  seines  edlen  Willens  sich  die  Gelehrten
entfremdet  hatte,  das  sollte  dem  Könige  selbst  greifbar  vor  die  Augen  treten
bei  der  Jubelfeier  der  Albertina.  Es  war  wieder  ein  Ehrentag  und  zugleich
ein  Verbrüderungsfest  für  unsere  Nordostmark.  In  Scharen  waren  sie
herbeigeströmt  die  alten  Herren,  die  einst  den  Albertus  auf  der  Mütze  getragen,
  und  auf  aller  Lippen  schwebten  die  Namen  der  beiden  Männer,
welche  der  Geschichte  dieses  Landes  den  Stempel  ihres  Wirkens  am  tiefsten
eingeprägt  hatten,  die  Namen  Herzog  Albrechts  und  Kants.  Am  Vorabend
  dieses  Festes,  das  unter  Kants  Gestirne  stand,  konnte  Eichhorn
sich  nicht  enthalten,  die  Professoren  in  strafendem  Tone  vor  den  Verirrungen
  des  kritischen  Geistes  zu  warnen.  Der  Rektor  Burdach,  ein  beredter,
  geistreicher  Mediziner  noch  aus  der  alten  halb  naturphilosophischen
Schule,  antwortete  sogleich  unerschrocken,  die  Universität  sei  sich  keiner
Schuld  bewußt.  Bei  den  Festlichkeiten  der  nächsten  Tage  feierte  der

 

*)  Bötticher  an  Thile,  2.  Juni  1844.
        <pb n="245" />
        Jubelfeier  der  Albertina.  237

greise  Philolog  Lobeck  den  Kritiker  der  reinen  Vernunft,  dem  diese  Hoch—
schule  ihren  Ruhm  verdanke,  Burdach  aber  den  volkstümlichsten  Schul—
mann  der  Provinz,  den  frommen  alten  Rationalisten  Dinter,  dessen  Lehr—
bücher  die  Regierung  eben  jetzt  aus  den  Schulen  entfernen  ließ.  Die
Reden  klangen  wie  eine  Kriegserklärung  gegen  den  Minister,  und  die
brausenden  Huldigungen,  welche  die  Festgenossen  den  beiden  Rednern  dar—
brachten,  bewiesen  genugsam,  daß  sie  ihren  Landsleuten  aus  der  Seele  ge—
sprochen  hatten.  Als  schließlich  der  Grundstein  gelegt  wurde  für  das  neue
Universitätsgebäude,  führte  der  König  die  ersten  Hammerschläge:  „Vorwärts
sei  für  und  für  die  Losung  unserer  Hochschule“.  In  diesem  Augenblicke
trat  die  Sonne  aus  den  Wolken  hervor,  und  begeistert  fuhr  er  fort:  „Ihr
Vorwärts  sei  das  des  Lichts  der  Sonne,  das  gleichmäßig  ausgestrahlt  die
Finsternis  wirklich  erhellt,  in  tiefe  Höhlen  dringt,  das  Nachtgefieder  verscheucht,
  Keime  entwickelnd,  Blüten  entfaltend,  Früchte  reifend,  Früchte,
an  deren  Genusse  die  Menschen  gesunden.“  Dann  mahnte  er  zur  Gottesfurcht,
  zu  Taten  der  Ehre  unter  den  Fittichen  des  Adlers,  zu  „eechter
Treue,  die  da  weiß,  daß  man  dem  Fürsten  nicht  dient,  wenn  man  seine
hohen  Diener  herabzieht“.  Schöner,  feuriger  hatte  er  selten  gesprochen;
doch  die  Hörer  blieben  kalt,  sie  konnten  die  Schlußworte  nicht  verwinden.
Große  Redner  fühlen  immer  selbst  zuerst,  ob  ihr  Wort  gezündet  hat;  der
König  schied  tief  verstimmt,  er  wußte  jetzt,  daß  seine  geliebten  Altpreußen
ihn  nicht  mehr  verstanden.  Der  alte  Schlosser  sprach  nur  die  allgemeine
Meinung  der  Gelehrten  aus,  da  er  sagte:  Euer  Minister  hat  mehr  aufgeregt,
  als  er  bewältigen  kann.  —

Die  Universitäten  hätte  Eichhorn  mit  weiser  Zurückhaltung  wohl  friedlich
  leiten  können;  im  Volksschulwesen  hingegen  fand  er  schwierige  Aufgaben
  vor,  die  sich  ohne  ernste  Kämpfe  nicht  lösen  ließen.  Unzweifelhaft
hatte  Altensteins  Verwaltung  auf  diesem  Gebiete  Großes  geleistet:  38
Lehrerseminare  und  etwa  30  000  Volksschulen  waren  in  zwei  Jahrzehnten
neu  gegründet  oder  umgestaltet  worden;  die  Technik  der  Pädagogen  konnte
sich  großer  Fortschritte  rühmen,  die  Lehrer  besaßen  durchschnittlich  viel
mehr  Kenntnisse  als  die  alten  Unteroffiziere,  welche  Friedrich  der  Große
als  Schulmeister  zu  verwenden  pflegte.  Um  gut  zu  lehren,  muß  man  aus
dem  Vollen  schöpfen,  etwas  mehr  wissen,  als  was  man  lehrt  —  an  diesem
erprobten  Grundsatz  hielt  Altenstein  immer  fest.  Doch  wie  sein  Johannes
Schulze  die  Gymnasien  mit  einer  Überfülle  von  Lehrfächern  belud,  ebenso,
  und  in  noch  höherem  Maße  wurden  die  Lehrerseminare  durch  einen
wohlmeinenden  Bildungseifer  überlastet,  und  man  vergaß  die  nicht  minder
erprobte  Wahrheit,  daß  der  Schulmeister  nicht  zu  viel  wissen  darf,  wenn
er  nicht  die  Freude  an  seinem  schönen  anspruchslosen  Berufe  verlieren
soll.  Ein  Stand,  der  gleichsam  zwischen  zwei  Stühlen  saß,  der  weder  an
der  schlichten  wirtschaftlichen  Tätigkeit  der  Volksmassen,  noch  an  dem
schöpferischen  Wirken  der  Gelehrten  unmittelbar  teilnahm,  mußte,  wenn
        <pb n="246" />
        238  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

ihm  zu  viele  unverarbeitete  Kenntnisse  eingeprägt  wurden,  einer  gefähr—
lichen  Halbbildung  und  Anmaßung  verfallen.  Schon  in  den  zwanziger
Jahren  bemerkte  Harnisch,  der  verdiente  Direktor  der  Seminarien  von
Breslau  und  Weißenfels:  die  althergebrachten  Sünden  der  Roheit  und
Dieberei  würden  unter  seinen  Zöglingen  seltener,  dafür  nähmen  Dünkel
und  Weltsinn  überhand.

Bedenklicher  war,  daß  die  Volksschule,  die  ja  den  großen  Wandlungen
der  Ideen  immer  nur  in  einigem  Abstande  folgen  kann,  an  dem  erstar—
kenden  religiösen  Leben  der  drei  letzten  Jahrzehnte  kaum  teilgenommen
hatte.  Sie  stand  noch  immer  unter  der  Herrschaft  der  Lehren  Pestalozzis.
Wohl  war  es  einst  eine  schöne  Zeit  der  Erweckung  gewesen,  als  der  edle
schweizerische  Sonderling  den  verknöcherten  Schulunterricht  auf  die  leben—
dige  Anschauung  und  Selbsttätigkeit  zu  begründen  unternahm,  als  er  in
Lienhard  und  Gertrud,  in  dem  Buche  der  Mütter  die  Erzieher  lehrte,  sich
liebevoll  in  das  Seelenleben  ihrer  Zöglinge  zu  versenken.  Damals  be—
wunderten  ihn  fast  alle  namhaften  Männer  Deutschlands,  die  gläubigen
Stein  und  Arndt  so  gut  wie  der  radikale  Fichte,  und  Königin  Luise  dankte
ihm  im  Namen  der  Menschheit.  Aber  der  Gedanke  der  abstrakten,  allge—
meinen  Menschlichkeit,  der  ihn,  den  Illuminaten,  den  Ehrenbürger  der
französischen  Republik  begeisterte,  konnte  dem  vertieften  religiösen  Gefühle,
der  schärferen  historischen  Kritik  dieser  neuen  Tage  längst  nicht  mehr  ge—
nügen.  Alle  praktische  Humanität  der  modernen  Geschichte  —  das  begann
man  endlich  zu  begreifen  —  wurzelte,  bewußt  oder  unbewußt,  im  Chri—
stentum,  in  der  Idee  der  Gotteskindschaft,  in  dem  königlichen  Gesetze  der
Liebe;  der  Herzenshärtigkeit  der  heidnischen  Völker,  die  sich  allesamt  für
die  auserwählten  ansahen,  war  sie  immer  fremd  geblieben,  wenngleich
einzelne  große  Denker  sie  als  ein  theoretisches  Ideal  verherrlichten.  Zu
menschlicher  Freiheit  konnte  die  moderne  Jugend  nur  durch  eine  christlich—
religiöse  Erziehung  herangebildet  werden;  und  dies  galt  vornehmlich  von
den  Volksschulen,  denn  ein  hellenisches  Sittlichkeitsideal,  wie  es  etwa  einem
Wilhelm  Humboldt  vorschwebte,  war  wesentlich  aristokratisch  und  schloß  die
Banausen  aus,  denen  nur  die  demokratische  Moral  des  Christentums
Trost  und  Frieden  zu  bringen  vermochte.  Pestalozzi  selbst  hatte  diese
Wahrheit  allmählich  begriffen  und  sich  im  Alter  dem  lebendigen  Christen—
glauben  zugewendet.  Die  Mehrzahl  seiner  Schüler  und  Anhänger  da—
gegen  hing  noch  immer  an  dem  alten  Wahne,  daß  man  dem  Baume  der
Menschenliebe  seine  christlichen  Wurzeln  abgraben  und  doch  im  Schatten
seines  Wipfels  sich  lagern  könne.  Ein  freundlicher,  bequemer  Rationalismus
herrschte  in  den  Volksschulen  vor;  der  Religionsunterricht  behauptete  keineswegs
  überall  seine  natürliche  Stellung  in  der  Mitte  des  Lehrplans.  Seit
der  Kabinettsordre  vom  23.  März  1829  wurde  die  Errichtung  von  Simultanschulen
  immer  begünstigt,  wenn  die  Gemeinden  sich  darüber  freiwillig  einigten
  und  für  konfessionelle  Schulen  nicht  die  genügenden  Mittel  besaßen;
        <pb n="247" />
        Volksschulen.  Diesterweg.  239

indes  war  die  Zahl  dieser  gemischten  Volksschulen  noch  gering,  am  stärk—
sten  in  den  polnischen  Landesteilen,  da  sie  hier  zur  Verbreitung  der
deutschen  Sprache  mitwirkten,  und  man  bemerkte  bald,  daß  sie  den  kon—
fessionellen  Gegensatz  öfter  verschärften,  als  milderten.  Wo  sich  kirchliche
Gleichgültigkeit  in  den  Volksschulen  zeigte,  da  lag  die  Schuld  meistens  an
der  Gesinnung  der  Lehrer,  zumal  der  evangelischen.

Der  anerkannt  erste  Mann  des  preußischen  Volksschullehrerstandes
war  Adolf  Diesterweg,  der  in  Nassau-Siegen  geboren,  lange  in  Süddeutsch—
land,  dann  in  Elberfeld  und  Mörs  erfolgreich  gewirkt  hatte,  und  seit  1832
das  Seminar  für  städtische  Lehrer  in  Berlin,  die  Musterschule  des
Staates  leitete,  ein  grundehrlicher  Idealist,  volkstümlich  derb,  arm,  bedürfnislos,
  mit  vielen  Kindern  gesegnet,  der  geborene  Schulmeister,  mit
Leib  und  Seele  bei  der  Sache,  durch  keine  Wiederholung  je  zu  ermüden.
Trotz  seiner  Lebhaftigkeit  besaß  er  auch  die  größte  aller  Pädagogentugenden,
  die  Gabe  sich  in  der  Schule  nie  zu  ärgern;  er  verstand  wie  wenige,
seine  Schüler  zum  eigenen  Nachdenken  zu  zwingen,  sie  vom  Konkreten  zum
Abstrakten  hinaufzuleiten;  sie  hingen  an  dem  Gestrengen  mit  leidenschaftlicher
  Liebe,  und  mancher  unbeholfene  Gymnasiallehrer  konnte  ihn  um
seine  wirksame  Lehrmethode  beneiden.  Unter  Altenstein  genoß  er  das  volle
Vertrauen  der  Schulbehörden  und  verfaßte  in  ihrem  Auftrage  den  Wegweiser
  zur  Bildung  für  deutsche  Lehrer.  Höher  hinauf  durfte  sich  seine
fruchtbare  streitlustige  Feder  freilich  nicht  wagen.  Als  er  auch  „über  das
Verderben  der  deutschen  Universitäten“  mit  der  ganzen  Unfehlbarkeit  des
Schulmeisters  schrieb,  da  wurde  er  von  Leo  und  anderen  Gelehrten  in
seine  Schranken  verwiesen;  denn  die  Welt  der  klassischen  Bildung  blieb
ihm  unverständlich,  und  niemals  konnte  er  begreifen,  daß  die  akademische
Freiheit  Lehrer  wie  Lernende  in  edlerem  Sinne  erzieht  als  der  Schulzwang.


Auch  in  seinem  religiösen  Denken  vermochte  er  nicht,  wie  sein
Vorbild  Pestalozzi,  fortzuschreiten  mit  der  wachsenden  Zeit;  er  verharrte
  vielmehr  in  dem  Bannkreise  des  alten  Rationalismus.  Die
trivialen  Wundererklärungen  der  Dinterschen  Schullehrerbibel  schienen
ihm  allerdings  gar  zu  platt.  Er  wünschte  jedoch  einen  konfessionslosen
Unterricht  im  vernunftgemäßen  Christentum,  einen  Unterricht,  der  sich
auf  Gebet,  biblische  Geschichte,  Sittenlehre  beschränken,  Katechismus  und
Gesangbuch  verschmähen  sollte,  also  in  Wahrheit  lediglich  dem  subjektiven
Belieben  des  Schulmeisters  anheimfallen  mußte.  Da  er  überall  darauf
ausging,  seine  Zöglinge  selbst  die  Wahrheit  finden  zu  lassen,  so  hielt  er
es  für  eine  geistlose  Abrichtung,  wenn  sie  nach  dem  alten  Schulgebrauch
gezwungen  wurden,  halbverstandene  Bibelverse  und  Gesangbuchlieder  auswendig
  zu  lernen,  und  auch  die  kirchenfeindliche  Presse  wähnte  sehr  klug
zu  handeln,  wenn  sie  beständig  gegen  das  öde  Memorieren  eiferte.  Dieser
weltliche  Wissensdünkel  vergaß  ganz,  daß  religiöse  Wahrheiten  auch  von
        <pb n="248" />
        240  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

dem  reifen  Manne  nur  geahnt,  erst  sobald  er  sie  an  sich  selbst  erlebt
hat,  wirklich  begriffen  werden,  desgleichen,  daß  die  erhabenen  Sprüche
biblischer  Weisheit,  einmal  aufgenommen  in  das  empfängliche  Gedächtnis
des  Kindes,  in  der  Stille  mit  dem  Menschen  fortleben,  um  dann  plötzlich,
in  den  Versuchungen  und  Unglücksfällen  des  Lebens,  eine  tröstende  und
erhebende  Kraft  zu  zeigen,  welche  weder  dem  Einmaleins  noch  dem  ABC
noch  den  Kinderfabeln  vom  Ochs  und  Esel  innewohnt.

Diesterweg  dachte  zu  klug,  zu  ruhig,  um  in  dem  Religionsunterrichte
seines  Seminars  die  hergebrachten  Formen  geradezu  zu  verlassen;  doch  eine
lebendige  Freude  an  der  christlichen  Offenbarung  konnte  er  seinen  Zöglingen
nicht  erwecken.  Noch  schädlicher  wirkte  die  unmäßig  hohe  Vorstellung,  die
er  in  seinem  stürmischen  pädagogischen  Feuereifer  sich  von  der  Würde  des
Lehrers  gebildet  hatte.  Schlicht,  wie  er  selbst  war,  wollte  er  auch  seine
Zöglinge  aus  dem  Volke  hervorgehen  und  im  Volke  wirken  sehen;  gleich—
wohl  hielt  er,  nach  einem  mißverstandenen  Ausspruche  Schleiermachers,  den
Lehrer  für  den  wichtigsten  Mann  im  Staate  und  verlangte,  die  der  hand—
werksmäßigen  Schulmeisterei  entwachsene,  zur  Wissenschaft  erhobene  Pä—
dagogik  müsse  sich  zur  Kunst  ausbilden.  Was  Wunder,  daß  die  Schüler
den  Meister  noch  überboten  und  überall  unter  den  Seminaristen  die
Schlagworte  umliefen:  Bildung  macht  frei,  wer  die  Schule  hat,  hat  die
Zukunft;  kühnere  Köpfe  weissagten  bereits,  die  Schule  würde  dereinst  die
Kirche  ganz  verdrängen.  Die  Lehrer  verwechselten  den  unschätzbaren  Wert
des  heranwachsenden  Geschlechts  mit  dem  bescheidenen  Werte  der  Dienste,
welche  sie  dieser  Jugend  leisteten;  weil  der  Besitz  einiger  Elementarkenntnisse
  in  der  modernen  Welt  jedem  so  unerläßlich  war  wie  einst  in  einfacheren
  Zeiten  die  Waffentüchtigkeit,  so  hielten  sie  das  Unentbehrliche  für
das  Würdigste  und  Höchste.  In  den  neuen  Lehrerzeitungen  und  Lehrervereinen
  zeigte  sich  ungewöhnlich  stark  der  dem  ganzen  Zeitalter  eigentümliche
  Geist  der  sozialen  Unruhe,  der  jeden  drängte,  sich  über  seinen  Stand
zu  erheben;  hier  wurde  mit  dem  Nürnberger  Trichter  oft  geradezu  ein
Kultus  getrieben,  hier  sprach  man  nur  noch  von  den  Herren  Lehrern,  und
der  schöne  alte  Name  Schulmeister,  der  doch  mehr  und  Besseres  sagt,  galt
schon  für  ehrenrührig.

Dies  starke  Selbstgefühl  der  Schulmeister  stand  in  schreiendem
Widerspruche  zu  ihrer  gedrückten  wirtschaftlichen  Lage,  die  sich  unter
der  sparsamen  alten  Regierung  nur  wenig  gebessert  hatte;  Gehalte  von
50—100  Talern  jährlich  waren  nicht  selten,  selbst  die  alte  bettelhafte
Unsitte  des  Reihetischs  bestand  noch  in  einzelnen  abgelegenen  Gegenden.
Seit  das  Allgemeine  Landrecht  die  Schulen  für  Veranstaltungen  des
Staates  erklärt  hatte,  war  der  Schulmeister  nicht  mehr  schlechtweg  der
Untergebene  des  Pfarrers,  und  schon  geschah  es  zuweilen,  daß  er
dem  Geistlichen  als  Vorkämpfer  der  weltlichen  Aufklärung  trotzig  entgegentrat.
  Von  der  Höhe  seiner  zur  Wissenschaft  erhobenen  Pädagogik
        <pb n="249" />
        Die  Schulmeister.  241

wähnte  er  die  Bauern  weit  zu  übersehen,  während  diese  ihn  wegen  seiner
Armut  verachteten,  manche  auch  ganz  richtig  fühlten,  daß  zur  Leitung
einer  großen  Bauernwirtschaft  viel  mehr  Kraft  des  Willens  und  des  Ver—
standes  gehört  als  zum  Einüben  der  ersten  Schulkenntnisse.  So  wirkten
mannigfache  Verhältnisse  zusammen,  um  den  Volksschullehrern  den  bescheidenen,
  zufriedenen  Sinn  zu  stören,  und  die  Opposition  wußte  sich
dieser  Verstimmung  bald  zu  bemächtigen.  In  vielen  Dörfern  Schlesiens,
Sachsens,  Ostpreußens  sammelte  der  radikale  Schulmeister  die  unzufriedenen
  kleinen  Leute  um  sich  und  begann  in  aller  Stille  eine  Wühlerarbeit,
  deren  Früchte  das  Revolutionsjahr  an  den  Tag  brachte.  Trotz  der
großen  Fortschritte  der  pädagogischen  Methode  blieb  es  zweifelhaft,  ob  nicht
die  schulmeisternden  Invaliden  der  friderizianischen  Zeit,  alles  in  allem,
mehr  Segen  gestiftet  hatten  als  ihre  kenntnisreicheren  Nachfolger.  Sie
hatten  geholfen  ein  dürftig  unterrichtetes,  aber  frommes,  pflichtgetreues,
zufriedenes  Geschlecht  zu  erziehen;  in  der  verbesserten  Volksschule  wirkten
neben  den  aufbauenden  auch  zersetzende  und  zerstörende  Kräfte.

Solche  Mißstände  ließen  sich  schwer  heilen,  weil  sie  in  dem  gesamten
geistigen  und  sozialen  Zustande  der  Nation  wurzelten.  Aus  manchem
widerwärtigen  Skandal  lernte  der  neue  Minister,  wie  der  Geist  des  Dünkels
in  einem  Teile  des  Lehrerstandes  überhandnahm.  Das  große  Schullehrerseminar
  in  Breslau  mußte  gänzlich  geschlossen  werden,  weil  ganze
Klassen  der  Zöglinge  sich  widersetzlich  zeigten;  und  der  schlesische  Schulmeister
  Wander,  einer  der  frechsten  Radikalen,  unterstand  sich  sogar,  in
einem  anmaßlichen  offenen  Briefe  den  Minister  zur  vollständigen  Neugestaltung
  des  Seminarunterrichts  aufzufordern:  durch  den  Besuch  der  Oberrealschulen
  und  das  Anhören  akademischer  Kollegien  sollten  die  Lehrer  des
Volks  künftighin  würdig  auf  ihren  hohen  Beruf  vorbereitet  werden.  Eichhorn
  hegte  den  wohlerwogenen  Plan,  ein  Ober-Schulkollegium  zu  errichten,
damit  sich  nach  und  nach  eine  feste,  von  dem  Wechsel  der  Personen  im
Ministerium  unabhängige  Tradition  bilden  könnte.  Er  wollte  ferner  den
Notstand  unter  den  Lehrern  durch  beträchtliche  Erhöhung  der  Gehalte
beseitigen,  den  überladenen  Lehrplan  der  Seminare  vereinfachen,  dem  Religionsunterrichte
  die  herrschende  Stellung  in  der  Volksschule  zurückgeben,
so  daß  sich  die  anderen  Lehrfächer  daran  anfügen  sollten.  Auch  wünschte
er,  hierin  ganz  mit  Diesterweg  einig,  die  Seminare  aus  der  zerstreuenden
Unruhe  der  Großstädte  hinweg  zu  verlegen.  Diese  gute  Absicht  trug  freilich
nicht  immer  die  gehofften  Früchte;  denn  in  den  kleinen  Städten  spielten  die
Seminare  oft  fast  die  Rolle  einer  Universität,  die  Musikaufführungen  ihrer
Schüler  standen  im  Mittelpunkte  des  geselligen  Lebens,  und  dies  laute
Treiben  bildete  keine  glückliche  Vorschule  für  junge  Menschen  aus  dem  Volke,
die  ihre  Jahre  vielleicht  in  der  Stille  eines  Walddorfes  verbringen  sollten.
Im  Jahre  1844  beschränkte  Eichhorn  die  Überzahl  der  Lehrbücher;  Dinters
Bibel  und  einige  ähnliche  Bücher  wurden  ganz  verbannt.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  16
        <pb n="250" />
        242  V.  3  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Währenddem  arbeiteten  zahlreiche  Federn  an  den  neuen  Lehrplänen,
niemand  eifriger  als  der  Westfale  D.  W.  Landfermann,  Eilers  Nachfolger
in  der  Koblenzer  Schulratsstelle,  ein  urkräftiger  Teutone,  der  als  Burschenschafter
  schwere  Verfolgungen  erlitten  hatte,  im  Unterrichtswesen  gründlich
erfahren,  in  der  Politik  gemäßigt  liberal,  aber  wegen  seines  kirchlichen  Ernstes
ganz  mit  Unrecht  als  Pietist  verrufen.  Viele  Jahre  hindurch  war  der  Umschwung
  des  religiösen  Lebens  in  den  Schulen  so  gänzlich  unbemerkt  geblieben,
daß  der  streng  kirchlich  gesinnte  Karl  Ritter,  der  große  Schüler  Schnepfenthals
  noch  lange  mit  seinen  Pestalozzischen  Lehrern  vertraulich  verkehrte,
ohne  den  inneren  Gegensatz  zu  empfinden.  Jetzt  schieden  sich  die  Geister;
man  begann  einzusehen,  daß  die  Wahrheiten  des  Christentums  Kindern
nur  in  der  konkreten  Form  eines  bestimmten  Bekenntnisses  überliefert
werden  können.  In  diesem  Sinne  waren  Landfermanns  Reformvorschläge
  gehalten.  Ohne  die  Schule  der  kirchlichen  Obrigkeit  zu  unterwerfen,
  wollte  er  doch  die  Schulmeister  auf  das  Bekenntnis  ihrer  Kirche
verpflichten,  der  Bibel  und  dem  Gesangbuch  wieder  ihr  gutes  Recht  einräumen,
  eine  nicht  übermäßige  Anzahl  von  Bibelsprüchen  und  Kirchenliedern
  den  evangelischen  Kindern  gründlich  einprägen  lassen,  damit  das
junge  Geschlecht  wieder  bibelfest  würde  und  in  das  zerstreuende  moderne
Leben  einen  bleibenden  Schatz  der  Erbauung  mit  hinübernähme.

Doch  alle  diese  Entwürfe  blieben  unausgeführt  in  dem  Wirrwarr  kirchlicher
  Kämpfe,  der  den  Minister  umtobte;  man  hörte  nur  zuweilen  von  Maßregeln
  notwendiger  Strenge  gegen  einzelne  radikale  Lehrer.  Sie  genügten,
um  das  einmal  feststehende  Urteil  über  Eichhorns  Verfolgungssucht  zu  bekräftigen;
  und  dies  Urteil  gelangte  überall  zur  Herrschaft,  als  Diesterweg
selbst  dem  neuen  Systeme  weichen  mußte.  Die  Leitung  des  Hauptseminars
konnte  ein  Mann,  der  den  konfessionslosen  Religionsunterricht  erstrebte,
unter  dieser  Regierung  nicht  mehr  behalten.  Aber  Diesterwegs  fleckenloser
Charakter,  seine  untadelhafte  Amtsführung,  seine  großen  Verdienste  erheischten
  Schonung;  die  jetzt  unvermeidliche  Versetzung  konnte  sehr  wohl  in
solchen  Formen  geschehen,  daß  er  sich  persönlich  nicht  verletzt  fühlte;  selbst
Eilers  meinte,  man  dürfe  ihn  doch  nicht  bestrafen  wegen  einer  Gesinnung,
die  ihm  unter  Altenstein  Dank  und  Ehren  eingebracht  hatte.  Leider  wollte
der  König  von  Schonung  nichts  hören;  er  verabscheute  Diesterweg  als
einen  Mann  des  Unglaubens  und  empfand  es  als  eine  persönliche  Beleidigung,
  daß  der  Seminardirektor  auf  einer  großen  Berliner  Lehrerversammlung
  fast  wie  ein  rationalistischer  Gegenminister  verherrlicht  wurde.
Als  Diesterweg  nach  Pestalozzis  hundertjährigem  Geburtstag  um  Unterstützung
  für  ein  ländliches  Erziehungshaus  nachsuchte,  da  schlug  der  König
die  Bitte  vorläufig  ab,  mit  der  ungnädigen  Bemerkung:  bei  der  Feier
habe  sich  ein  dem  frommen  Sinne  des  Gefeierten  durchaus  fremder  Geist
offenbart.  Bald  darauf,  im  Frühjahr  1847  wurde  Diesterweg  an  eine
Blindenanstalt  versetzt.  Da  er  dieser  Zumutung  unmöglich  entsprechen
        <pb n="251" />
        Entlassung  Diesterwegs.  Die  Gymnasien.  243

konnte,  so  trat  er  einstweilen  in  den  Ruhestand,  und  der  tief  gekränkte
Mann  wendete  sich  fortan  mit  seiner  einseitigen  Strenge  ganz  dem  Radikalismus
  zu.  Die  unüberlegte  Härte  der  Regierung  rächte  sich  grausam;
  in  allen  Zeitungen  begannen  die  ergrimmten  Volksschullehrer  einen
anonymen  Federkrieg,  der  den  Namen  Eichhorns  ganz  in  Verruf  brachte.

Auch  die  Gymnasiallehrer  betrachteten  das  neue  Regiment  mit  Mißtrauen,
  da  die  Literarische  Zeitung  den  heidnischen  Geist  des  humanistischen
Unterrichts  in  törichten  Artikeln  zu  bekämpfen  liebte.  Die  Besorgnis  war
freilich  grundlos.  Der  König  und  sein  Minister  standen  beide  viel  zu
hoch,  um  die  befreiende  Macht  der  klassischen  Bildung  zu  verkennen;  sie
ließen  sich  weder  durch  jenen  christlichen  Übereifer  beirren  noch  durch  die
Plattheit  der  Nützlichkeitslehrer,  die  eben  jetzt  in  einem  Teile  der  liberalen
  Presse  wieder  sehr  laut  forderten,  daß  die  deutsche  Jugend  nicht  mehr
zum  selbständigen  Denken  erzogen,  sondern  durch  das  Einprägen  mannigfaltiger
  Notizen  für  das  praktische  Leben  abgerichtet  werden  sollte.

Die  Gymnasien  blieben  ungestört  bei  ihrem  altbewährten  Lehrplane,
und  Eichhorn  erweiterte  ihn  durch  die  dankenswerte  Wiedereinführung  des
Turnens.  Nur  der  Religionsunterricht  wurde  gründlich  umgestaltet.  Erwar
seit  dem  Anfang  des  Jahrhunderts  auf  den  meisten  evangelischen  Gymnasien
  Preußens  und  der  Nachbarlande  erteilt  worden  nach  dem  Lehrbuch
  des  Hallenser  Kanzlers  Niemeyer,  des  gefeierten  Pädagogen,  der  einst
als  Urenkel  Franckes  die  Schulstiftungen  seines  Eltervaters  lange  Jahre
hindurch  geleitet,  mehrere  der  ersten  Beamten  Preußens,  Vincke,  Bassewitz,
Merckel,  Bodelschwingh  und  viele  andere  namhafte  Männer  erzogen  hatte.
Das  Lehrbuch  zeigte  alle  Charakterzüge  des  alten  Rationalismus,  der  jetzt  zu
Grabe  ging:  bürgerliche  Ehrbarkeit,  humane  Milde,  nüchterne  Verstandesdürre;
  und  dieselbe  Macht  der  Geschichte,  welche  vor  Zeiten  das  Hallische
Waisenhaus,  das  eigenste  Werk  des  glaubensstarken  Pietismus,  in  die
Bahnen  der  Aufklärung  hinübergeleitet  hatte,  mußte  jetzt  zu  einem  neuen
Rückschlage  führen.  Dem  wieder  erstarkten  religiösen  Gefühle  lonnte  Niemeyers
  moralisierende  Trockenheit  nicht  mehr  genügen.  Eichhorn  tat
nur  seine  Pflicht,  er  hielt  Schritt  mit  den  lebendigen  Kräften  der  evangelischen
  Kirche,  als  er  nach  dem  Erscheinen  der  achtzehnten  Auflage  das
veraltete  Lehrbuch  aus  den  Schulen  entfernen  ließ.  Umsonst  bemühte  sich
Herm.  Agathon  Niemeyer,  der  Nachfolger  des  alten  Kanzlers  in  dem
Franckischen  Familienamte,  das  Buch  seines  Vaters  gegen  den  Minister  zu
verteidigen.  Auch  andere  Gymnasiallehrer,  die  sich  einen  Primaner  ohne
das  Niemeyersche  Lehrbuch  gar  nicht  vorstellen  konnten,  betrachteten  das
Verbot  als  ein  Anzeichen  hereinbrechenden  Geistesdrucks;  und  gereizt  wie
man  war,  verargte  man  dem  Minister  selbst  notwendige  Maßregeln  disziplinarischer
  Strenge.  Oberlehrer  Witt,  einer  von  Schöns  literarischen
Schildknappen,  wurde  überall  in  der  Presse  wie  ein  Glaubensheld  verherrlicht,
  weiler  sich  weigerte,  aus  der  Redaktion  der  scharf  oppositionellen  Königs-16*
        <pb n="252" />
        244  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

berger  Zeitung  auszutreten,  und  dann  durch  gerichtlichen  Spruch  die  ver—
diente  Strafe  empfing.  Neben  dem  Rechte  der  souveränen  überzeugung
sollte  die  Amtspflicht  des  Lehrers  gar  nichts  mehr  gelten.

Also  gelangte  Eichhorn  in  seiner  achtjährigen  Unterrichtsverwaltung
nirgends  zu  Neuschöpfungen,  sondern  nur  zu  vereinzelten  Anläufen  und
Eingriffen,  welche  das  Nahen  eines  neuen  Systems  verkündigen  sollten;
und  diese  Versuche  genügten,  um  die  gesamte  Gelehrten-  und  Lehrerwelt,
von  Humboldt  bis  herab  zu  den  Schulmeistern  mit  Groll  zu  erfüllen.
Die  Demagogenverfolgungen  der  früheren  Tage  erschienen  nunmehr  fast
erträglich,  da  sie  sich  doch  nur  gegen  vermeintliche  Staatsverbrechen  ge—
richtet  und  die  Lehre  nicht  berührt  hatten;  das  aber  war  seit  langem  un—
erhört  und  widersprach  allen  Lebensgewohnheiten  der  protestantischen  Welt,
daß  jetzt  von  oben  her  versucht  wurde,  die  Wissenschaft  selber  zu  meistern
und  zu  gängeln.  Da  man  aus  monarchischer  Ehrfurcht  den  König  selbst
schonen  und  den  geistreichen  Fürsten  auch  nicht  für  einen  entschiedenen
Feind  des  untrüglichen  Zeitgeistes  halten  wollte,  so  bildete  sich  in  weiten
Kreisen  die  grundfalsche  Vorstellung:  daß  der  Monarch  durch  die  Rotte
von  Dunkelmännern,  die  ihn  umgäbe,  halb  wider  Wissen  und  Willen
der  Gegenwart  entfremdet  würde,  und  der  Dunkelste  dieser  Dunkeln  sollte
Eichhorn  sein.  .

In  solchem  Argwohn  wurde  die  gelehrte  Welt  bestärkt  durch  die
Wandlung,  die  sich  allmählich  in  den  strengkirchlichen  Parteien  vollzog.
Hengstenberg  hielt  sich  wie  immer  ganz  unabhängig,  er  verhehlte  nicht,
daß  ihm  der  neue  Kultusminister  viel  zu  liberal  war.  Gleichwohl  galt
seine  Evangelische  Kirchenzeitung  überall  für  ein  Organ  des  Ministeriums,
und  sie  zeigte  immer  deutlicher,  daß  die  neue,  mit  ihrem  alten  Feinde,
dem  Pietismus,  versöhnte  Orthodoxie  geradeswegs  zurückstrebte  zu  dem
starren  Luthertum  des  siebzehnten  Jahrhunderts;  jede  theologische  Forschung,
  die  über  diese  Grenze  hinausging,  ward  als  ungläubig  verdammt.
So  entstand,  unnatürlich  genug,  eine  breite  Kluft  zwischen  dem  kirchlichen
Glauben  und  der  modernen  Wissenschaft.  Denn  wahrlich  nicht  bloß  die
radikalen  Junghegelianer,  sondern  gerade  die  besten  Köpfe  der  jungen  empirischen
  Wissenschaft,  die  eben  erst  zur  Freiheit  voraussetzungslosen  Forschens
  hindurchgedrungen  waren,  sträubten  sich  wider  die  Zumutung,
daß  sie  zurückkehren  sollten  zu  den  Ideen  einer  der  dumpfsten  Zeiten  deutscher
  Geschichte;  nicht  darum  hatten  sie  die  Fesseln  der  philosophischen
Scholastik  gesprengt,  um  nun  theologische  Ketten  zu  tragen.  Seit  die
Orthodoxie  wider  die  freie  Wissenschaft  eiferte,  verbreitete  sich  unter  den
Mittelklassen  weiter  denn  jemals  das  alte,  in  der  Geschichte  der  neuen
deutschen  Bildung  so  tief  begründete  Vorurteil,  als  ob  der  ernste  Kirchenglaube
  nur  das  Erbteil  der  Schwachköpfe,  der  Duckmäuser  und  der  Heuchler
wäre.  Zudem  forderten  die  neuen  Lutheraner,  wie  die  alten,  für  das
geistliche  Amt  in  der  Kirche  eine  Herrscherstellung,  welche  sich  mit  der
        <pb n="253" />
        Pietismus.  Praktisches  Christentum.  245

evangelischen  Idee  des  Priestertums  der  Laien  nicht  mehr  vertrug,  und
näherten  sich  also,  trotz  des  tiefen  Gegensatzes  der  sittlichen  Grundgedanken,
den  hierarchischen  Ansichten  der  Ultramontanen,  während  das  gebildete
Bürgertum  bereits  begann,  die  konstitutionellen  Ideale  der  Zeit  in  das  kirchliche
  Leben  hinüberzutragen  und  irgend  eine  Form  des  Repräsentativsystems
für  die  evangelische  Landeskirche  erhoffte.  Endlich  zeigte  der  neue  lutherische
Pietismus,  scheinbar  mindestens,  eine  aristokratische  Färbung,  welche  den
stillen  Adelshaß  der  bürgerlichen  Klassen  aufreizen  mußte.  Der  alte
Pietismus  hatte  seine  feste  Stütze  an  den  kleinen  Leuten  gefunden,  und
solcher  Stillen  im  Lande  gab  es  noch  immer  viele,  aber  an  der  Spitze
dieser  Erweckten  standen  jetzt  fast  überall  neben  den  Geistlichen  fromme
Edelleute.  Da  waren  in  Mecklenburg  die  Bernstorff,  Oertzen,  Bassewitz,
am  Riederrhein  der  edle  Graf  von  der  Recke,  in  Pommern  die  Below,
Blankenburg,  Kleist-Retzow,  in  Schlesien  der  adlige  Kreis,  der  sich  um
die  Prinzessin  Marianne  und  die  Gräfin  Reden  scharte.

Nun  gar  in  Berlin  wurde  die  strengkirchliche  Gesinnung,  seit  der  Hof
sie  begünstigte,  bald  zur  Modesache  der  vornehmen  Welt,  und  neben  der  ehrlichen
  Frömmigkeit  trat  auch  oft  eine  scheinheilige  Kopfhängerei  zu  Tage.  Zu
den  Bibelstunden  des  Generals  Thile  drängte  sich  manches  ehrgeizige  Weltkind;
  selbst  in  militärischen  Kreisen  sprach  man  allzuviel  von  Wiedergeburt
und  Erleuchtung,  und  an  jedem  Sonntag  zog  eine  Schar  strebsamer  Leutnants
  und  Referendare,  mit  dem  Gesangbuch  in  der  Hand,  zur  Kirche,
um  sich  nachher  in  der  Habelschen  Weinstube  unter  den  Linden  beim  Frühschoppen
  von  der  ausgestandenen  geistlichen  Mühsal  zu  erholen;  der  Volkswitz
  nannte  diese  jungen  Herren  die  nassen  Engel.  Dies  alles  im  Verein
verstimmte  die  bürgerlichen  Klassen;  der  echt  protestantische  Abscheu  gegen
jeden  Schein  von  Gewissensdruck  und  der  kirchenfeindliche  Radikalismus
der  neuesten  Literatur  wirkten  zusammen.  Wer  ein  wissenschaftlich  geschulter,
  gut  bürgerlicher  Liberaler  war,  hielt  sich  verpflichtet,  den  Geist  der
Finsternis  am  Hofe  zu  bekämpfen;  der  Name  der  Pietisten  wurde  bald
zum  Schimpfwort,  und  nach  wenigen  Jahren  dieses  christlichen  Regiments
zeigte  sich  die  große  Mehrheit  der  gebildeten  Berliner  wieder  so  ganz  unkirchlich
  gesinnt  wie  einst  vor  dem  Jahre  1806.

Ohne  jedes  Verständnis,  nicht  selten  sogar  mit  frivolem  Spott  betrachtete
  die  liberale  Welt  alle  die  schönen  Unternehmungen  christlicher
Liebe,  in  denen  die  strengen  Schriftgläubigen  ihre  religiöse  Tatkraft  bekundeten.
  In  einer  Zeit,  da  die  Massen  des  Volks  schon  in  Gärung  gerieten
  und  eine  furchtbare  soziale  Revolution  sich  ankündigte,  überließ
man  gedankenlos  alle  Arbeit  des  praktischen  Christentums  allein  der  orthodox-pietistischen
  Partei.  Während  im  alten  Trappistenkloster  zu  Düsselthal,
  inmitten  der  katholischen  Welt,  das  Kinder-Rettungshaus  des  Grafen
v.  d.  Recke  fröhlich  aufblühte,  gründete  nahebei  in  Kaiserswerth  Pastor
Fliedner  (1836)  das  erste  Diakonissenhaus,  ein  unscheinbarer  kleiner  Mann,
        <pb n="254" />
        246  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

der  doch,  wenn  es  galt  für  seine  frommen  Stiftungen  zu  bitten,  eine  hin—
reißende  Beredsamkeit  entfalten  konnte.  Wie  sein  alter  Gönner,  der  Frei—
herr  vom  Stein,  empfand  er  es  längst  als  ein  Gebrechen,  daß  der  Prote—
stantismus,  von  Männern  in  einem  männischen  Jahrhundert  geschaffen,
dem  starken  religiösen  Gefühle  der  Frauen  gar  keine  kirchliche  Wirksam—
keit  zu  bieten  wußte;  in  frohem  Gottvertrauen  schritt  er  ans  Werk,  und
aus  dem  bescheidenen  Kaiserswerther  Mutterhause  ging  allmählich  die
große  evangelische  Schwesterschaft  der  Diakonissen  hervor,  die  im  Laufe
der  Jahre  Tausende  frommer  Frauen  zur  Armen=  und  Krankenpflege,  zu
allen  Werken  christlicher  Barmherzigkeit  heranrief.  Noch  höhere  Aufgaben
stellte  sich  Wichern,  der  Stifter  des  Rauhen  Hauses.  Er  sah,  wie  kläglich
die  Massen  in  Groll  und  Elend  verkamen,  und  wie  gleichmütig  die  höheren
Stände,  betört  durch  die  Lehre  von  der  angeblichen  Unwandelbarkeit  der
volkswirtschaftlichen  Naturgesetze,  ihre  Pflichten  gegen  die  leidenden  Brüder
verabsäumten.  Wichtiger  noch  als  die  Heidenmission  erschien  ihm  die  Aufgabe
der  „inneren  Mission“  —  der  Name  begann  seit  1842  aufzukommen  —
die  im  Vaterlande  selbst  den  sittlichen  und  wirtschaftlichen  Notstand  der
niederen  Klassen  lindern  sollte.  Jedes  warme  Christenherz,  ohne  Unterschied
  der  Parteien,  wollte  er  für  dies  Liebeswerk  gewinnen,  und  seine
Schuld  war  es  nicht,  daß  seine  Pläne  nur  bei  den  Orthodogen,  zunächst
in  Mecklenburg  Anklang  fanden.  Die  Berliner  Armenpflege  versuchte
Otto  v.  Gerlach  in  christlichem  Sinne  neu  zu  gestalten,  neben  ihm  der
greise  Baron  Kottwitz,  der  sich  glücklich  pries  noch  die  Anfänge  dieser
gottseligen  Regierung  zu  erleben.  Für  die  Reform  des  arg  verwahrlosten
Gefängniswesens  wirkte  seit  Jahren  schon  Dr.  Julius,  ein  warmherziger
  Hamburger  Jude,  der  sich  aus  tiefer  Überzeugung  zum  strengen
Katholizismus  bekehrt  hatte;  er  wurde  der  Schöpfer  der  Gefängniskunde  in
Deutschland  und  verlangte  vornehmlich  die  Einführung  der  in  der  liberalen
  Welt  noch  verrufenen  Einzelhaft.

Allen  diesen  frommen  Werken  folgte  der  König  mit  inniger  Teilnahme;
ihm  war  dabei  zu  Mute,  „wie  wenn  der  Saft  in  die  Bäume  tritt“.  Schon
als  Kronprinz  hatte  er  sich  über  den  Zustand  der  Zuchthäuser  und  Gefängnisse
  Europas  eifrig  unterrichtet;?)  jetzt  berief  er  Julius  als  Hilfsarbeiter  in
sein  Kabinett,  und  versuchte,  leider  vergeblich,  den  edlen  Deutschamerikaner
Franz  Lieber,  einen  der  beredtesten  Verteidiger  der  Einzelhaft  für  die  Leitung
derpreußischen  Strafanstalten  zu  gewinnen.“)  Auch  seine  englische  Freundin
Elisabeth  Fry,  die  fromme  Trösterin  der  Gefangenen,  wurde  zum  Besuch  geladen;
  stundenlang  saß  sie  in  ihrer  hohen  weißen  Quäkermütze  predigend
und  lehrend  zwischen  der  Königin  und  der  Prinzessin  Marianne;  zu  ihren
öffentlichen  Vorträgen  drängte  sich  die  vornehme  Gesellschaft,  die  Zeitungen

 

*)  Bunsen  an  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm,  1.  April  1840.
**“)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  8.  Dez.  1844.
        <pb n="255" />
        Der  Schwanenorden.  247

hatten  nur  Spott  dafür.  Fliedner  brachte  die  ersten  Diakonissen  nach
Berlin,  Wichern  erhielt  preußische  Brüder  für  sein  Rauhes  Haus  zuge—
sendet,  beide  wurden  oft  um  Ratschläge  und  Gutachten  angegangen?),
und  freudig  versprach  Eichhorn  seine  Unterstützung  für  die  Pläne  der
inneren  Mission.

Dem  Könige  genügte  das  nicht.  Um  den  christlichen  Charakter  seiner
Regierung  feierlich  zu  bekunden,  wollte  er  alle  die  Vereine,  welche  „das
Christentum  durch  Leben  und  Tat  bewiesen“,  zu  einer  großen  monarchisch
  geleiteten  Gesellschaft  verbinden.  Darum  beschloß  er  den  längst  verschollenen
  Schwanenorden  zu  erneuern,  eine  freie  geistliche  Genossenschaft,
welche  sein  Ahnherr  Kurfürst  Friedrich  II.  vor  gerade  vierhundert  Jahren
gestiftet  hatte.  Romantische  Erinnerungen  an  die  schönen  Grabsteine  der
Schwanenritter  in  der  Ansbacher  Stiftskirche  und  an  die  prächtige  Kapelle
der  geistlichen  Adelsbrüderschaft  zu  Haßfurt  mochten  dabei  wohl  mitwirken.
Zu  Weihnachten  1843  verkündete  er  diese  Absicht  in  einem  hochpathetischen
Patente,  dessen  altertümlich  klingende  Sätze  er  mit  Eichhorn  und  Thile
vereinbart  hatte;  der  Thronfolger  wurde  erst  nachträglich  unterrichtet,  offenbar
  weil  man  seine  nüchterne  Kritik  fürchtete.“)  König  und  Königin  übernahmen
  das  Großmeistertum  des  wiederhergestellten  Ordens  und  hofften
auf  den  Zutritt  von  „Männern  und  Frauen  ohne  Unterschied  des  Standes
und  Bekenntnisses“.  Wie  dieser  Eintritt  erfolgen,  wie  die  bestehenden
Vereine  sich  dem  Orden  angliedern  sollten,  darüber  sagte  das  Patent  nichts.
Der  edel  gedachte  Plan  war  leider  nur  ein  unreifer  Einfall,  so  nebelhaft,  sogestaltlos,
  daß  selbst  Wichern  meinte,  man  müsse  die  Idee  des  Schwanenordens
  erst  ins  Deutsche  unserer  Tage  übersetzen,  und  er  erregte  einen
Sturm  der  Entrüstung  in  der  öffentlichen  Meinung.  Nun  schien  es  doch
klar  erwiesen,  daß  die  Christlichkeit  dieses  Hofes  allein  einer  phantastischen
Schrulle  entsprang.  Ein  mittelalterlicher  Orden  und  noch  dazu  als  höchstes
  Ordenszeichen  das  Bild  der  heiligen  Jungfrau  über  dem  Schwane
an  goldener  Kette  hängend:  —  das  vermochten  die  aufgeklärten  Berliner
nicht  zu  ertragen.  Der  Hohn  und  der  Abscheu  sprachen  sich  überall  kräftig
aus;  weder  Katholiken  noch  Protestanten  konnten  sich  mit  der  seltsamen
Stiftung  befreunden.  Sogar  Bunsen  wurde  jetzt  bedenklich;  und  er  hatte
vor  kurzem  noch  diesen  Orden  schwärmerisch  begrüßt  als  eine  christliche
Zentralgewalt,  welche  Rom  vernichten  müsse.  Da  verlor  der  König  den
Mut  und  gab  den  Schwanenorden  stillschweigend  auf.

Nur  einige  der  großen  Stiftungen,  die  er  unter  seinem  Orden  hatte
vereinigen  wollen,  kamen  zu  stande,  obgleich  die  öffentliche  Meinung,  wie
General  Thile  selbst  gestand,  „dem  spezifisch  christlichen  Geiste“  dieser  An- 



*)  Wichern,  Denkschrift  über  das  Kloster  zum  Heiligen  Grabe,  1844  usw.
*“)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  19.  Dez.  Thile  an  den  Prinzen  von  Preußen,
27.  Dez.  1843.
        <pb n="256" />
        248  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

stalten  aufs  äußerste  widerstrebte.“)  Im  Herbst  1847  wurde  das  mit
königlicher  Freigebigkeit  ausgestattete  Krankenhaus  Bethanien  eröffnet.
Fliedners  Diakonissen  zeigten  hier  zum  ersten  Male,  was  sie  in  großen
Verhältnissen  zu  leisten  vermochten;  die  erste  Oberin  Marianne  von
Rantzau  und  ihre  Nachfolgerin  Gräfin  Anna  Stolberg,  des  Ministers
Tochter,  warteten  ihres  schweren  Amts  in  christlicher  Treue,  und  nach
mancher  Enttäuschung  zuletzt  mit  so  günstigem  Erfolge,  daß  die  Spötter
und  die  Zweifler  verstummen  mußten.  Bald  nachher  kam  der  Bau  des
neuen  Moabiter  Zellengefängnisses  zum  Abschluß;  die  Anstalt  sollte  nach
Julius'  Grundsätzen  geleitet  werden,  und  auch  sie  mußte  erst  lange  Jahre
unfertiger  Versuche  und  bitterer  Anfeindung  überstehen,  bis  ihre  Wirksamkeit
  allgemein  anerkannt  wurde.  Mehr  zu  erreichen  war  in  dieser
gärenden  Zeit  unmöglich,  die  Regierung  wagte  nicht  einmal,  Wichern  nach
Preußen  zu  berufen.  Erst  als  die  Not  wieder  beten  lehrte,  als  in  den
Kämpfen  der  Revolution  die  Verwilderung  des  armen  Volks  den  besitzenden
Klassen  drohend  unter  die  Augen  trat  und  sie  an  alte  Unterlassungssünden
mahnte,  da  erst  sollte  der  fruchtbare  Gedanke  der  inneren  Mission  sich  in
mannigfachen  christlichen  Vereinen  ausgestalten  und  Anhänger  werben  auch
unter  denen,  welche  bisher  den  Pietismus  verhöhnt  hatten.  —

Für  jetzt  freilich  standen  die  Gegensätze  einander  noch  ganz  unvermittelt
gegenüber.  Das  ungeheuerliche  Durcheinander  von  Mißverständnissen  und
Mißerfolgen,  von  Versuchen  und  Enttäuschungen  mußte  zu  einer  Katastrophe
  führen.  Niemand  vielleicht  sah  dies  früher  voraus  als  Bettina
v.  Arnim.  Glückselig  hatte  sie  bei  der  Thronbesteigung  ihres  königlichen
Freundes  „den  Frühling  des  geliebten  Preußenlandes“  begrüßt;  doch  schon
nach  wenigen  Monaten  sagte  sie  in  tiefer  Herzensangst  mit  dem  Ahnungsvermögen
  des  genialen  Weibes:  „wir  müssen  den  König  retten.“  „Die
Schmach  der  Geistesknechtschaft“,  das  glaubte  sie  fest,  ging  nicht  von  dem
Könige  aus;  nur  seine  pergamentnen  Staatsverwalter,  Eichhorn  und  ihr
Schwager  Sovigny,  den  sie  weit  zu  übersehen  wähnte,  beirrten  ihn  in
seinen  edlen  Vorsätzen.  Um  ihn  aus  solchen  Banden  zu  befreien,  veröffentlichte
  sie  1843  die  wunderliche  Schrift:  „Dies  Buch  gehört  dem  Könige.“
Groß  zu  denken  von  dem  Menschen,  blieb  ihr  von  jeher  Bedürfnis;  in
jedem  Kinde  Gottes  erkannte  sie  den  geborenen  Helden,  wenn  man  ihm
nur  volle  Freiheit  gewähre.  Diese  optimistische  Weltanschauung  war  freilich
  das  genaue  Gegenteil  der  stolzen  Menschenverachtung,  welche  alle
großen  Staatsmänner,  alle  mächtigen  politischen  Denker  ausgezeichnet  hat;
doch  sie  entsprach  den  gemütlichen  Idealen  der  besten  und  uneigennützigsten
  Männer  der  deutschen  liberalen  Partei.  Also  gelangte  die  romantische
Schwester  der  hoch-klerikalen  Gebrüder  Brentano  zu  einem  Liberalismus
des  Herzens.  Wie  sie  einst  für  die  Befreiungskriege  der  Tiroler  und  der
Preußen  geschwärmt  hatte,  so  jetzt  für  den  Kampf  um  die  bürgerliche  Frei-*)

  Thile,  Denkschrift  über  Bethanien,  Juni  1847.
        <pb n="257" />
        Bettinas  Königsbuch.  Prutzs  Wochenstube.  249

heit,  und  nach  Frauenart  erwarmte  sie  noch  mehr,  seit  ihr  die  Ideen  des
neuen  Geschlechts  in  Fleisch  und  Blut  menschlich  nahe  traten.

Nun  da  ihre  Locken  ergrauten  und  ihr  Herz  doch  nicht  altern  wollte,
wendete  sie  sich  mit  Vorliebe  an  die  Jugend;  den  Studenten  widmete  sie  mit
dithyrambischer  Weiherede  ihr  rührendes  Erinnerungsbuch  „die  Günderode“.
Geistreiche  junge  Männer  verkehrten  täglich  mit  ihr  und  begleiteten  sie  auf
ihren  Mondscheinwanderungen  durch  den  Tiergarten:  so  der  liebenswür—
dige  idealistische  Ästhetiker  Moritz  Carriere,  so  H.  B.  Oppenheim,  ein
radikaler  Publizist,  der,  als  Schriftsteller  sehr  langweilig,  im  Gespräche,
wie  so  viele  junge  Juden,  durch  einen  Zug  genialischer  Frechheit  bestach.
Und  ganz  jugendlich,  ganz  phantastisch  war  denn  auch  das  Idealbild  des
demokratischen  hochherzigen  Fürsten,  das  sie  in  ihrem  Königsbuche  ihrem
erlauchten  Freunde  vorhielt:  im  Staate  allenthalben  nur  Milde,  Nachsicht,
Verständnis;  das  Richtbeil  begraben;  die  Freiheit  jedes  einzelnen  durch
die  Freiheit  aller  verbürgt,  da  ein  großer  Monarch  sich  nicht  wie  ein
Schulmeister  in  jeden  Stank  mischen  dürfe;  und  über  allem  Hasse  der
Bekenntnisse  die  eine  „schwebende  Religion“  der  Zukunft,  bei  deren  fried—
licher  Schönheit  jedes  warme  Menschenherz  sich  wohl  fühlen  sollte.  Das
alles  wurde  von  Goethes  Mutter,  der  Frau  Rat  in  lebendigen  Gesprächen
verkündigt;  dazwischen  hinein  hochpoetische  Schilderungen,  anmutige  Er—
zählungen  von  Königin  Luise  und  von  Weimars  großen  Tagen;  das  Ganze
ein  so  formloses  Durcheinander  hoher  menschenfreundlicher  Gedanken  und
barocker  Einfälle,  daß  der  König  enttäuscht  sagte,  er  wisse  mit  dem  Buche
nichts  anzufangen.  Greifbaren  Inhalt  zeigte  die  Schrift  nur  in  ihren
letzten  Abschnitten,  die  von  den  sozialen  Aufgaben  der  Zeit  handelten.  Die
edle  Frau  empfand  das  Elend  des  armen  Volks  ebenso  tief  wie  die  Dunkel—
männer  der  inneren  Mission,  von  denen  sie  doch  nichts  wissen  wollte.
Sie  ließ  sich's  nicht  verdrießen,  mit  ihren  jungen  Freunden  die  entsetzlichen
Arbeiterkasernen  des  Berliner  Vogtlandes  zu  besuchen,  und  erzählte  nun,
nichts  verhüllend,  was  sie  dort  unter  den  arbeitslosen  Webern  erlebt  hatte.
Ergreifend  klang  ihre  Mahnung:  Wer  ist  des  Königs  Nächster?  sein  hun—
gerndes  Volk!

Derber,  handfester  ging  Robert  Prutz  dem  neuen  Regimente  zu  Leibe
in  seiner  Politischen  Wochenstube,  einer  aristophanischen  Komödie,  die,  den
Literaturdramen  Platens  nachgebildet,  doch  unwillkürlich  darüber  hinausstrebte;
  denn  die  Literatur  war  jetzt  so  eng  mit  der  Politik  verflochten,
mit  einem  Bilde  des  Bildes  der  Welt  konnte  ein  heißblütiger  junger  Poet
sich  nicht  mehr  begnügen,  er  mußte  versuchen,  ein  Weltenbild  zu  geben.
Unsagbar  traurig  erschien  das  Bild  der  preußischen  Welt,  das  sich  hier
entrollte.  Ausgelassen  und  übermütig,  nicht  ohne  die  Ungerechtigkeit,  die
der  komischen  Muse  erlaubt  sein  muß,  aber  mit  entschiedenem  satirischem
Talente  schilderte  der  Dichter  in  lustigen  Zerrbildern  und  saftigen  Späßen
die  vergeblichen  Geburtswehen  der  Offenbarungsphilosophie,  die  glänzenden
        <pb n="258" />
        250  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

und  doch  so  unfruchtbaren  Berufungen,  die  ewigen  Verheißungen,  denen
keine  Tat  folgte.  Der  boshafte  Chorgesang
Ach,  daß  der  Schwanenorden
Nicht  fertig  ist  geworden  —

sprach  den  Grundgedanken  des  Gedichtes  aus:  allüberall  nur  ein  großes
Mißlingen,  und  zuletzt  nur  die  Hoffnung,  daß  dereinst  einmal  ein  Mann
erstehen  würde,  Germanias  wahrer  Bräutigam,  ein  Rächer  dem  hoffenden
Volke.  Diese  Keckheit  verwickelte  den  Verfasser  in  eine  Anklagewegen  Majestätsbeleidigung;
  der  König  aber  schlug  großmütig  das  Verfahren  nieder.  —

Wie  getreu  diese  spöttische  Dichtung  die  erbitterten,  argwöhnischen
Stimmungen  der  gebildeten  Klassen  widerspiegelte,  das  mußte  Friedrich
Wilhelm  schmerzlich  erfahren  bei  einer  Reformarbeit,  die  ihm  als  heilige
Pflicht  erschien,  bei  dem  Versuche  die  Ehegesetzgebung  zu  reinigen.  Das
Preußische  Landrecht  hatte  mit  der  alten  willkürlichen  Theologenlehre,
welche  nur  Ehebruch  und  bösliche  Verlassung  als  biblische  Scheidungsgründe
  gelten  ließ,  gänzlich  gebrochen  und,  im  Geiste  der  neuen  Aufklärung,
die  Ehescheidung  sehr  erleichtert,  da  der  große  König  die  Vermehrung
der  Bevölkerung  grundsätzlich  begünstigte.  Die  dehnbaren  Vorschriften
des  Gesetzes  wurden  zudem  von  den  Untergerichten,  denen  die  Entscheidung
  in  der  Regel  überlassen  blieb,  so  leichtfertig  gehandhabt,  daß  die
frivolen  Scheidungsklagen  auf  Grund  unüberwindlicher  Abneigung  oder
gegenseitiger  Einwilligung,  die  der  Gesetzgeber  nur  in  Ausnahmefällen
hatte  zulassen  wollen,  sich  mehr  und  mehr  häuften.  Das  Verfahren  war
meist  ohne  Ernst  und  Würde;  der  junge  Referendar  Otto  v.  Bismarck
fühlte  sich  in  tiefster  Seele  empört,  als  er  auf  dem  Berliner  Stadtgerichte
mit  ansehen  mußte,  wie  gleichmütig  man  die  tragischen  Kämpfe  des
häuslichen  Lebens  abzutun  pflegte.  Die  öffentliche  Meinung  fand  an
der  bequemen  Praxis  der  Gerichte  wenig  auszusetzen;  denn  bewußt  oder
unbewußt  stand  sie  noch  unter  der  Herrschaft  des  alten  Vernunftrechts,
das  in  der  Ehe  lediglich  einen  freien  privatrechtlichen  Vertrag  sah,  und  aus
der  neuen  Dichtung  hatte  sie  die  Lehre  von  dem  schrankenlosen  Rechte  des
Herzens  geschöpft.  Nur  wenige  erkannten,  daß  die  Ehe  die  sittliche  Grundlage
  alles  menschlichen  Gemeinwesens  ist  und  darum  auch  dem  Staatsrechte
  und  dem  Kirchenrechte  angehört.  Zu  diesen  wenigen  zählte  der
alte  König,  der  mehrmals,  sehr  dringend  noch  in  seinem  letzten  Regierungsjahre,
  das  unbehilfliche  Gesetzgebungsministerium  zu  einer  Revision
des  Eherechts  aufforderte.  Damals  ward  auch  der  Kronprinz  auf  die
schreienden  Übelstände  aufmerksam;  er  ließ  sich  von  Bunsen  ein  umfängliches
  Gutachten  erstatten;  und  unablässig  drängte  ihn  Ludwig  v.  Gerlach
zum  Kampfe  wider  das  Landrecht,  das  der  gestrenge  Hallerianer  kurzab
„der  Feindschaft  gegen  Kirche,  Ehe  und  Recht“  beschuldigte.")

*)  Bunsens  Schrift  ist  oben  V.  8  Anm.  angeführt.  Gerlachs  Gutachten  darüber,
  o.  D.,  Anfang  1840.
        <pb n="259" />
        Beratungen  über  die  Ehescheidung.  251

Nach  dem  Thronwechsel  ward  die  Reform  alsbald  ernstlich  erwogen;
es  galt,  den  christlichen  Staat  auf  dem  Boden  des  christlichen  Hauswesens
aufzubauen.  Gerlach  erhielt  den  Auftrag,  unter  Savignys  Oberleitung
den  Entwurf  eines  Ehescheidungsgesetzes  auszuarbeiten;  er  rühmte  das
Unternehmen  als  „eine  Sr.  Majestät  persönlich  eigene,  die  innersten,
tiefsten  Tendenzen  der  Regierung  des  Königs  bezeichnende  Maßregel“.*)
Als  gewiegter  Kenner  der  Geschichte  gab  der  Minister  unbefangen  zu,  daß
die  Staatsgewalt  weder  Sittlichkeit  erzwingen  noch  Unsittlichkeit  verhüten
könne;  genug,  wenn  sie  durch  den  Ernst  ihrer  Gesetze  verhindere,  daß  die
Begriffe  des  Volks  von  Recht  und  Unrecht,  Gut  und  Böse  sich  verwirrten.
Trotzdem  genehmigte  er  den  Entwurf  seines  Freundes,  der  in  purita—
nischem  Eifer  weit  über  diese  Grundsätze  hinausging.  Gerlach  wollte  von
den  Scheidungsgründen  des  Landrechts  ihrer  elf  aufheben,  die  Eheschei—
dung  in  der  Regel  nur  nach  einer  vorläufigen  langen  Trennung  von
Tisch  und  Bett  gestatten,  den  Ehebruch  auch  ohne  den  Antrag  des  ver—
letzten  Gatten  bestrafen;  so  blieb  gar  kein  Raum  mehr  für  das  christliche
Verzeihen  und  Erbarmen,  das  doch  von  solchen,  mehr  sittlichen  als  rechtlichen
  Streitfällen  nicht  ausgeschlossen  werden  darf.

Kaun  hatte  Savigny  diese  Vorschläge  im  November  1842  dem  Staatsministerium
  unterbreitet,  so  wurden  sie  schon  widerrechtlich  in  den  Zeitungen
veröffentlicht,  gewiß  nicht  ohne  die  Mitschuld  eines  der  unzufriedenen
alten  Geheimen  Räte,  die  fast  allesamt  noch  auf  dem  Boden  des  Landrechts
  standen.  Die  Wirkung  war  furchtbar.  Auf  der  ganzen  Linie  der
liberalen  Presse  erscholl  der  Lärmruf:  die  Grundsätze  Friedrichs  des
Großen  werden  preisgegeben,  die  Krone  will  die  Unauflöslichkeit  der  Ehen
anbefehlen.  Der  alte  Argwohn  gegen  Friedrich  Wilhelms  katholische  Neigungen
  sprach  sich  überall  lebhaft  aus;  und,  wie  üblich,  wurde  Eichhorn
wieder  als  der  Urheber  alles  Unheils  verlästert,  obgleich  er  bei  diesem
Gesetze  nur  in  zweiter  Reihe  mitwirkte.  Die  Königsberger  Zeitung  verherrlichte
  die  Scheidungen  auf  Grund  unüberwindlicher  Abneigung  also:
„wir  halten  diese  Bestimmung  für  die  Blüte  unserer  Gesetzgebung,  weil  sie
des  freien  Menschen  würdig  ist;“  sie  sprach  von  „dem  Schrei  des  Unwillens
  in  der  ganzen  Nation“  und  schalt  so  ungebärdig,  daß  der  König
das  Blatt  seinem  Kabinettsminister  sendete  mit  der  entrüsteten  Frage:
„haben  wir  noch  Richter,  die  nach  dem  Gesetze  erkennen?"“#:#)  Auch  an
frechen  Gesellen  fehlte  es  nicht,  die  nach  den  Lehren  des  Jungen  Deutschlands
  das  freie  Konkubinat  priesen  und  die  Zwangsehe  der  Frömmler
verhöhnten.  Umsonst  verteidigte  Puchta  die  wohlberechtigten  Grundgedanken
des  Entwurfs  in  einer  geistvollen  Flugschrift  „die  Ehescheidungsfrage“;
seine  ruhige  Stimme  verhallte  in  dem  allgemeinen  Toben.

 

*)  Gerlachs  Votum,  15.  Dez.  1842.
*“)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  3.  Dez.  1842.
        <pb n="260" />
        252  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Flehentlich  beschwor  Gerlach  die  Krone,  daß  sie  sich  an  den  Lärm
nicht  kehren  möge:  „Weicht  man  vor  dem  dreisten  Geschrei  der  Zeitungen
in  dieser  Sache  zurück,  bei  welcher  der  König  persönlich  so  beteiligt  ist,
ja  scheint  es  auch  nur  so  —  so  wird  die  schlechte  Presse  durch  so  ekla—
tante  Siege  auf  eine  Weise  ermutigt  werden,  deren  Folgen  sich  nicht
berechnen  lassen.“  In  gleichem  Sinne  sprach  Savigny;  er  ahnte  tief  bewegt,
  daß  seine  ganze  Wirksamkeit  gefährdet  war,  wenn  sein  erster  großer
Gesetzentwurf  scheiterte.')  General  Boyen  hingegen  konnte  sich  des  Eindrucks
  nicht  erwehren,  daß  aus  den  verworrenen,  leidenschaftlichen  Zornreden
  der  Opposition  doch  auch  ein  gesundes  protestantisches  Gefühl  sprach;
es  war  ja  der  Unsegen  dieser  Regierung  der  Mißverständnisse,  daß  fast
bei  jedem  Streite  beide  Teile  recht  hatten,  und  trotz  seiner  altväterischen
  Frömmigkeit  blieb  der  greise  Kriegsmann  immer  in  Fühlung  mit
den  Kantianern  seiner  ostpreußischen  Heimat.  Er  hielt  sich  verpflichtet,
den  geliebten  König  zu  warnen,  „da  ich,  so  wahr  als  Gott  über  mir  ist,
die  Wendung,  welche  die  Sache  in  der  öffentlichen  Meinung  genommen
hat,  für  höchst  bedenklich  ansehe“.  Dann  hielt  er  in  seiner  herzgewinnenden,
  patriarchalischen  Sprache  dem  Monarchen  vor,  daß  die  Erschwerung
der  Ehescheidungen  doch  nicht  überall  die  Sittlichkeit  fördere:  „Zu  einer
vollständigen  christlichen  Ehe  gehört  auch  häuslicher  Friede  und  vor  allem
christliche  Kinderzucht,  und  wo  diesem  beharrlich  von  einer  Seite  entgegengewirkt
  wird,  da  ist  —  Ehebruch.“  Nach  einer  langen  erbaulichen  Erörterung
  mahnte  er  schließlich  den  König  an  das  Beispiel  Friedrichs  des
Großen,  der  auf  den  Wunsch  einzelner  Gemeinden  die  Einführung  eines
Gesangbuchs  zurückgenommen  und  „dabei  in  wahrhaft  christlichem  Sinne
gehandelt  habe“.  Im  ersten  Augenblicke  fühlte  sich  Friedrich  Wilhelm  schwer
betroffen  durch  die  Warnungen  „des  lieben,  treuen  Mannes“.*)  Auf
Savignys  Andringen  beschloß  er  jedoch  endlich,  den  Entwurf,  den  schon
im  Staatsministerium  Graf  Arnim  lebhaft  angegriffen  hatte,  zu  erneuter
  Prüfung  dem  Staatsrate  vorzulegen.

Fünf  Monate  hindurch  verhandelte  der  Staatsrat  nunmehr,  seit
dem  Januar  1843,  über  das  Gesetz.  Die  Beratungen  wurden  bald  so
stürmisch,  daß  der  greise  Vorsitzende  General  Müffling  die  Streitenden
kaum  im  Zaume  halten  konnte,  obgleich  der  König  persönlich  manchen  Sitzungen
  beiwohnte  und  seine  Vorliebe  für  den  Entwurf  deutlich  zu  erkennen
gab.)In  vielem  einverstanden,  erklärte  selbst  der  Prinz  von  Preußen
die  Verkündigung  eines  so  unbeliebten  Gesetzes  für  hochgefährlich.  Am
eifrigsten  bekämpfte  Präsident  Scheller  den  Entwurf,  ein  Harzer,  der  einst

*)  Gerlach  an  Thile,  21.  Nov.  Thiles  Bericht  an  den  König,  22.  Nov.  1842.

**)  Boyens  Denkschrift  über  das  Ehegesetz,  Dez.  1842.  König  Friedrich  Wilhelm
an  Thile,  22.  Dez.  1842.
**)  Savigny  an  Thile,  23.  Dez.  1842.
f)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
        <pb n="261" />
        Das  Ehescheidungsgesetz.  253

als  Richter  in  den  westlichen  Provinzen  das  rheinische  Recht  und  das
öffentliche  Verfahren  schätzen  gelernt  hatte.  Er  ließ  es  sich  nicht  verdrießen,
zweimal  wöchentlich  mit  der  Post  von  Frankfurt  zu  den  Sitzungen  hin—
überzufahren;  und  es  war  ein  Zeichen  der  Zeit,  wie  er  und  Gerlach  sich
miteinander  maßen,  beide  gleich  würdige  Vertreter  des  altpreußischen
Richterstandes,  gelehrt,  freimütig,  beredt,  beide,  der  Liberale  wie  der
Romantiker,  fest  davon  überzeugt,  daß  sie  für  die  wahre  Freiheit  kämpften,
und  doch  so  grundverschieden  in  ihrer  ganzen  Weltanschauung.  Scheller
verlangte  zum  mindesten,  daß  die  Zahl  der  Scheidungsgründe  nicht  all—
zusehr  beschränkt  würde,  damit  der  Richter  der  Mannigfaltigkeit  der
Lebensverhältnisse,  die  sich  gerade  in  häuslichen  Händeln  überall  aufdrängt,
einigermaßen  gerecht  werden  könne.  Er  wagte  sogar  zu  behaupten,  Ein—
heit  des  Eherechts  sei  erst  möglich,  wenn  man  die  bürgerliche  Eheschließung
einführe.  Der  beste  Beweis  für  diese  Ansicht,  die  in  den  alten  Provinzen
noch  als  ketzerisch  galt,  lag  in  dem  neuen  Gesetze  selber:  der  Entwurf
sollte  bürgerliches  Recht  enthalten  und  gab  doch  Ausnahmevorschriften
für  die  geschiedenen  Katholiken,  deren  Trauung  den  Geistlichen  aller  Be—
kenntnisse  untersagt  wurde.

Mittlerweile  fuhren  die  liberalen  Zeitungen  in  ihren  Zornreden  fort,
und  Gerlach  hielt  für  nötig,  daß  auch  seine  orthodoxen  Gesinnungsgenossen
  ihre  Stimme  erhöben.  Unter  der  Hand  ließ  er  seine  Freunde
wissen,  der  König  würde  sich  freuen,  wenn  die  Gläubigen  für  das  christliche
  Eherecht  einträten;  und  nicht  lange,  so  wurden,  vornehmlich  von  pommerschen
  Geistlichen,  zahlreiche  Bittschriften  eingesendet,  welche  die  Annahme
des  Entwurfs  empfahlen.  Als  aber  der  Prinz  von  Preußen  erfuhr,  wie  man
den  Namen  des  Monarchen  mißbraucht  hatte,  da  wallte  sein  fürstliches
Selbstgefühl  hoch  auf,  und  in  einer  Sitzung  des  Staatsrats  stellte  er
den  pommerschen  Bischof  Ritschl,  der  selbst  allerdings  an  diesen  Umtrieben
nicht  teilgenommen  hatte,  zornig  zur  Rede;  er  verlangte  strenge  Untersuchung
  und  schrieb  dem  Bruder:  „ich  hoffe,  daß  du  Ernst  zeigen  wirst.)“
Nun  kam  Gerlachs  Mitschuld  bald  zu  Tage;  der  Heißsporn  der  Romantik
konnte  sich  im  Ministerium  nicht  mehr  halten  und  wurde,  nachdem  man
noch  eine  Weile  gezaudert,  im  April  1844  unter  allen  Zeichen  königlicher
Gnade  als  Präsident  des  Oberlandesgerichts  nach  Magdeburg  versetzt.

Zur  selben  Zeit  lag  auch  der  Gesetzentwurf  endlich  fertig  vor;  er
war  im  Staatsrate  wesentlich  gemildert  und  gleichwohl  von  der  Mehrheit
nur  ungern  angenommen  worden,  von  einzelnen  wohl  nur  aus  Ehrfurcht
vor  dem  Könige.  Kühne,  einer  der  heftigsten  Gegner  des  Gesetzes,  sagte
grimmig:  ein  dicker,  stickender  Nebel  der  Heuchelei  und  der  Beängstigung
lag  über  den  Verhandlungen.  Jetzt  erst  erhob  sich  die  peinlichste  Frage.

 

*)  Eichhorn  an  Oberpräsident  v.  Bonin  in  Stettin,  29.  März;  Prinz  von  Preußen
an  den  König,  2.  April  1843.
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        254  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Durfte  man  wagen,  mit  diesem  im  voraus  verleumdeten  und  verlästerten
Gesetze  vor  die  Landtage  zu  treten?  Nach  der  Verfassung  mußte
mindestens  der  materielle  Teil  des  Entwurfs  den  Provinzialständen
vorgelegt  werden,  weil  er  in  das  Personenrecht  eingriff.  Der  König
schwankte;  im  Ministerium  konnte  man  sich  nicht  einigen,  Graf  Arnim
namentlich  beharrte  bei  seinem  Widerspruche.  Auch  Bunsen,  der  doch
ursprünglich  das  Unternehmen  mit  veranlaßt  hatte,  warnte  jetzt,  da  er
Berlin  wieder  besuchte,  dringend  vor  der  unheildrohenden  öffentlichen
Stimmung.  Da  vermochte  Friedrich  Wilhelm  nicht  mehr  stand  zu  halten.
Am  28.  Juni  1844  wurde  plötzlich  der  kleinere,  formale  Teil  des  Gesetzes,
  der  keiner  ständischen  Beratung  bedurfte,  als  „Verordnung  über
das  Verfahren  in  Ehesachen“  veröffentlicht.  Es  war  unzweifelhaft  der  bestgelungene
  Teil  des  Werks,  eine  dankenswerte  Reform,  auch  darum  erfreulich,
  weil  sie  auf  die  Neugestaltung  des  gesamten  Prozesses  hindeutete.
  Die  Entscheidung  der  Scheidungsklagen  wurde  den  Obergerichten
übertragen,  und  das  Verfahren  so  frei  gestaltet,  daß  dem  pflichtmäßigen
Ermessen  der  Richter  ein  weiter  Spielraum  blieb;  selbst  an  die  Geständnisse
  der  Parteien  sollten  sie,  wegen  der  naheliegenden  Gefahr  der  Kollusion,
  nicht  unbedingt  gebunden  sein.  Nach  den  Erfahrungen  der  Obergerichte
  dachte  man,  späterhin  die  Reform  des  materiellen  Eherechts  von
neuem  zu  beginnen.  Wie  die  Dinge  lagen,  war  dieser  halbe  Erfolg  fast
unvermeidlich.  Der  König  aber  empfand  es  als  eine  Niederlage,  daß  er
einen  Lieblingsplan  vor  dem  Toben  einer  doch  sehr  unklaren  öffentlichen
Meinung  großenteils  zurückziehen  mußte.  Zudem  war  Gerlach  aus  dem
Rate  der  Krone  verdrängt  und  Savignys  Ansehen  schwer  erschüttert,
da  er  nach  dritthalbjähriger  Arbeit  nur  ein  so  bescheidenes  Ergebnis
gewonnen  hatte.

Auch  was  der  König  sonst  noch  versuchte,  um  christliche  Sitte  zu  beleben,
  stieß  überall  auf  unüberwindlichen  Widerstand.  Mit  vollem
Rechte  fand  er  es  anstößig,  daß  die  bestehenden,  sehr  milden  Vorschriften
über  die  Sonntagsfeier  so  nachlässig  gehandhabt  wurden.  Die  Behörden
zeigten  wenig  Sinn  für  das  kirchliche  Leben,  noch  weniger  für  die  Bedrängnis
  des  armen  Volkes:  was  kümmerte  sie  der  Geselle  und  der  Arbeiter,
  wenn  der  Ladenbesitzer  oder  der  Fabrikant  versicherte,  sein  Geschäft
könne  keine  Unterbrechung  ertragen?  Die  Zeit  schien  ganz  vergessen  zu
haben,  daß  der  Sabbat  die  größte  soziale  Wohltat  war,  welche  das  Volk
Israel  einst  der  menschlichen  Kultur  gebracht  hatte.  Wohl  nicht  ohne
Vorwissen  des  Königs  richteten  die  evangelischen  Geistlichen  Berlins  in
seinem  ersten  Regierungsjahre  „ein  Wort  der  Liebe“  an  ihre  Gemeinden,
um  ihnen  die  Heiligung  des  Feiertags  ans  Herz  zu  legen  und  sie  wieder
zu  erinnern  an  die  Schleiermachersche  Lehre,  daß  alle  Religion  sich  nur
in  der  Gemeinschaft  betätige.  Leider  erweckte  diese  warme  Ansprache
nur  Mißtrauen.  Die  liberale  Presse  witterte  alsbald  Unrat;  am  lau-
        <pb n="263" />
        Sonntagsfeier.  Rheinische  Autonomen.  255

testen  lärmten  die  jüdischen  Journalisten,  weil  ihre  Leute  zwar  den  jüdischen
Sabbat  streng  einhielten,  den  christlichen  Sonntag  aber  für  ihre  Geld—
geschäfte  mit  den  Bauern  zu  benutzen  pflegten.  Bald  erzählte  man  allent—
halben,  der  König  und  sein  unheimlicher  Helfershelfer  Eichhorn  wollten
die  harte,  dem  deutschen  Gemüte  unerträgliche  englische  Sonntagsfeier
einführen.  Für  diese  finstere  Sitte  hegte  Friedrich  Wilhelm  allerdings,
weil  er  alles  Englische  überschätzte,  eine  theoretische  Vorliebe;  doch  war
er  keineswegs  gesonnen,  sie  seinem  Volke  aufzuzwingen.  Ganz  leise,  ohne
Verletzung  alter  Gewohnheiten,  wollte  er  die  Zügel  etwas  fester  anziehen;
er  verlangte  nur,  „daß  die  vorhandenen  Bestimmungen  in  Kraft  bleiben
und  das  Dawiderhandeln  endlich  einmal  bestraft  werden  solle“.?)  Selbst
diese  wahrlich  bescheidene  Absicht  konnte  er,  bei  dem  allgemeinen  stillen
Widerstreben,  nicht  durchsetzen.  Ebenso  gründlich  ward  er  mißverstanden,
als  er  einigen  der  strengeren  Geistlichen  Berlins  auf  ihren  Wunsch  erlaubte,
  ihre  verwilderten  Gemeindemitglieder  im  Hause  zu  besuchen,  und
dann  den  Plan  faßte,  eigene  Hilfsgeistliche  für  diese  ganz  verabsäumten
Pflichten  der  Seelsorge  anzustellen.  Da  hieß  es  sofort,  eine  Sittenpolizei
mit  geheimen  Angebern  solle  eingeführt  werden,  und  diese  Gerüchte  wirkten
so  aufregend,  daß  der  Prinz  von  Preußen  selbst  das  Ministerium  aufforderte,
  ihnen  öffentlich  zu  widersprechen.“)

Wie  konnte  bei  solcher  Stimmung  des  Volks  das  neue  Adelsgesetz
gelingen,  an  dem  der  König  sieben  Jahre  hindurch  in  der  Stille  beständig
arbeiten  ließ?  Der  Adel  war  der  einzige  der  alten  Geburtsstände,  der
sich  in  einer  demokratisierten  Gesellschaft  unter  lauter  Berufsständen  noch
erhalten  hatte,  und  gehörte  doch  zugleich  selbst  diesen  neuen  Berufsklassen,
den  höchsten  wie  den  niedersten  an;  darum  erschien  er  den  neuen  besitzenden
  Klassen  wie  eine  fremdartige,  feindselige  Macht  oder  auch  wie  eine
Lächerlichkeit,  und  nichts  konnte  die  öffentliche  Meinung  stärker  beleidigen
als  eine  Begünstigung  adliger  Standesrechte.  Das  mußte  noch  der  alte
König  erfahren,  als  er  (16.  Jan.  1836)  den  Häuptern  der  alten  rheinischen
  Reichsritterschaft,  nachher  auch  noch  den  Häuptern  einiger  westfälischen
  Geschlechter,  das  Recht  erteilte,  nach  dem  Brauche  früherer
Zeit  wieder  durch  autonomische  Bestimmungen  über  ihren  Nachlaß  zu
verfügen.  Diese  Kabinettsordre,  die  man  nicht  einmal  in  der  Gesetzsammlung
  abzudrucken  wagte,  war  durch  wiederholte  Bitten  der  rheinischen  Ritterschaft
  veranlaßt“*)  und  bezweckte  nur  die  alten  Geschlechter  im  Besitze
ihrer  Stammgüter  zu  erhalten;  sie  kränkte  keinen  anderen  Stand  in
seinen  Rechten,  da  sie  ja  nur  den  jüngeren  Söhnen  des  Adels  selbst  ihre
Erbansprüche  verkümmerte.  Doch  sie  widersprach  dem  gemeinen  Rechte,
und  wider  jede  soziale  Ungleichheit,  wider  jede  Gebundenheit  des  Grund-*)

  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  27.  Nov.  1844.

*#)  Prinz  von  Preußen  an  Thile,  29.  April,  Antwort  1.  Mai  1843.
##)  Eingaben  rheinischer  Ritter  (Frhr.  v.  Mirbach  u.  Gen.)  1833  ff.
        <pb n="264" />
        256  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

besitzes  sträubten  sich  die  Rheinländer  aufs  äußerste.“)  „Die  rheinischen
ritterbürtigen  Autonomen“,  wie  man  sie  spottend  nannte,  bildeten  nun—
mehr  eine  Adelsgenossenschaft,  welche  die  Streitigkeiten  ihrer  Genossen
durch  ein  Standesgericht  entschied  und  für  ihre  Söhne  eine  Ritteraka—
demie  in  Bedburg  gründete.  Obwohl  die  Führer,  Freiherr  v.  Mirbach
und  Graf  Spee  wegen  ihrer  gemeinnützigen  Tätigkeit  allgemein  geachtet
waren,  so  zeigten  sich  in  dem  geschlossenen  Adelsvereine  doch  bald  sehr
unerfreuliche  Gesinnungen:  Kastenstolz,  klerikaler  Übereifer  und  ein  rheinischer
  Partikularismus,  der,  allem  preußischen  Wesen  feind,  beständig
nach  dem  geliebten  Erzhause  hinüberschielte.  Als  Mirbach  dem  Könige
vorstellte:  der  Adel  dürfe  nicht  aufgehen  in  dem  Stande  der  Rittergutsbesitzer,
  weil  er  mit  der  Krone  das  Geburtsrecht  gemein  habe  und  darum
sie  stütze  —  da  erschrak  selbst  Thile  und  mahnte  besorgt:  die  Edelleute
würden  gut  tun,  wenn  sie  auch  die  Söhne  anderer  Grundherren  in  ihre
Ritterakademie  aufnähmen.)  So  kam  es,  daß  der  rheinische  Provinziallandtag
  sich  sofort  sehr  lebhaft  wider  die  Sonderrechte  der  Ritterbürtigen
erklärte;  einer  der  besten  rheinischen  Juristen,  Frhr.  v.  Mylius,  selber  ein
alter  Edelmann,  stand  voran  im  Kampfe  für  die  Rechtsgleichheit.  Die
Aufregung  im  rheinischen  Bürgertum  hielt  an,  ein  volles  Jahrzehnt
hindurch;  sie  wurde  so  stark,  daß  selbst  der  alte  Arndt  und  ein  junger
Bonner  Jurist  von  ebenso  gemäßigter  liberaler  Gesinnung,  H.  Hälschner  sich
in  streitbaren  Flugschriften  wider  die  ritterbürtigen  Autonomen  wendeten.

Solche  Erfahrungen  mußten  dem  Könige  zeigen,  wie  viel  sozialen
Unfrieden  ein  Adelsgesetz  aufwühlen  konnte.  Und  war  denn  die  ersehnte
Adelsreform  wirklich  so  unerläßlich?  Hinter  dem  Glanze  und  dem
Reichtum  der  englischen  Aristokratie  blieben  die  kleinen  landsässigen  Geschlechter
  der  alten  Provinzen  Preußens  freilich  unendlich  weit  zurück;
aber  so  gewiß  die  Kraft  des  Adels  in  seiner  politischen  Tätigkeit  liegt,
ebenso  gewiß  brauchten  sie,  als  ein  monarchischer  Adel,  den  Vergleich  mit
Englands  parlamentarischem  Adel  nicht  zu  scheuen.  Neben  der  Krone
bedeuteten  sie  wenig,  doch  in  ihrem  Dienste  hatten  sie  mitgewirkt  an  dem
Heldentum  einer  großen  Geschichte;  sie  bildeten  noch  immer  den  Kern
des  Offizierskorps,  behaupteten  sich  durch  eigenes  Verdienst  in  den  Reihen
des  Beamtentums,  trugen  in  vielen  Landesteilen  die  schwersten  Pflichten
der  ländlichen  Selbstverwaltung  und  ergänzten  sich  zumeist  aus  bürgerlichen,
im  Staatsdienste  heraufgekommenen  Familien,  ganz  so  wie  einst  die  alten
Ministerialien  selbst  über  die  Gemeinfreien  emporgestiegen  waren.  Bunt
gemischt  wie  er  war  aus  altem  Grundadel,  neuem  Dienstadel  und  zahlreichen
  schlechten  Elementen  durfte  ein  solcher  Stand  doch  verlangen,  daß  die
Krone  ihm  seine  Traditionen  nicht  zerstörte,  und  zu  diesen  zählte  der  alte

 

*)  S.  o.  II.  274.
**)  Mirbach  an  Thile,  24.  April;  Antwort  3.  Juli  1845.
        <pb n="265" />
        Das  Adelsgesetz.  257

deutsche  Rechtssatz,  daß  jeder  Sohn  eines  Edelmanns  selbst  ein  Edelmann
war.  Davon  wollten  die  preußischen  Adligen  ebenso  wenig  abgehen,  wie
sie  sich  dazu  verstanden  hätten,  nach  englischer  Weise  infolge  eines  Erb—
falls  ihre  Namen  zu  wechseln.  Eine  Regierung,  die  sich  ihres  historischen
Sinnes  rühmte,  durfte  solche  Tatsachen  nicht  verkennen;  war  sie  klug,
so  mußte  sie  diesen  Stand,  der  eigentlich  gar  keine  soziale  Organisation
mehr  besaß,  sich  selbst  überlassen  und  zunächst  abwarten,  welche  Geschlechter
in  den  ewig  wogenden  Klassenkämpfen  der  neuen  Gesellschaft  durch  Besitz
und  Verdienst  ein  aristokratisches  Ansehen  noch  behaupten  würden.  Der
König  aber  konnte  sein  englisches  Ideal  nicht  aufgeben;  er  wollte  durchaus,
  wie  er  es  schon  bei  den  Adelserhebungen  der  Huldigungstage  vergeblich
  versucht  hatte,  einen  eigentlichen  Grundadel  schaffen,  der  an  dem
befestigten  Grundbesitze  untrennbar  haften  sollte.  Beharrlich  künstelte  er
an  diesen  unfruchtbaren  Plänen.  Nach  dem  Grundsatze  der  ständischen
Gliederung  dachte  er  auch  allen  Edelleuten  den  Eintritt  in  niedere  Berufsklassen
  zu  untersagen,  um  also  die  Sitten  des  Standes  zu  heben.
„Eine  Hauptsache  —  so  bestimmte  er  in  einem  Briefe  an  Thile  —  ist
die  Ablegung  des  Adels  bei  gewissen  Hantierungen,  vornehmlich  und  unerläßlich
  aber  beim  Ergreifen  des  Komödianten-Handwerks.“  Indem  er
also  schrieb,  begann  er  doch  selbst  die  Unausführbarkeit  seiner  Gedanken
zu  ahnen,  und  schon  leise  einlenkend  fügte  er  in  einer  Nachschrift  hinzu:
den  königlichen  Hofschauspielern  würde  man  den  Adel  schwerlich  nehmen
können.)

Nach  langen  Vorbereitungen  hielt  er  endlich  am  10.  Sept.  1846
in  Sanssouci  einen  Kronrat,  zu  dem  nur  die  adlig  geborenen  Minister
entboten  waren.  Hier  erklärte  sich  der  Prinz  von  Preußen,  und  mit  ihm
die  große  Mehrheit,  sehr  nachdrücklich  gegen  den  Plan,  die  Vererbung  des
Adels  auf  einen  Teil  der  Nachkommenschaft  zu  beschränken:  das  widerspreche
  der  nationalen  Gewohnheit  und  müsse  im  Adel  selbst  bedenkliche
Spaltungen  bewirken.*“)  Der  Monarch  ließ  sich  nicht  überzeugen.  Nach
seinen  Weisungen  vollendete  Savigny  nunmehr,  gegen  Neujahr  1847,
den  Entwurf  eines  Adelsgesetzes,  das  neben  dem  alten  Erbadel  noch  einen
bedingt  erblichen,  an  der  Scholle  haftenden  Grundadel  schaffen  wollte;
dazu  drittens  einen  persönlichen  Adel  für  hohes  Verdienst  und  schließlich
gar  noch  eine  halbadlige  Ritterschaft  oder  Gentry  für  die  Söhne  der
Neugeadelten.

So  sollte  denn  Preußens  niederer  Adel,  der  doch  gerade  wegen  seiner
Überzahl  in  der  öffentlichen  Achtung  gesunken  war,  noch  um  einige  neue
Klassen  vermehrt  werden;  ja  sogar  die  rheinbündische  Institution  des  Personaladels,
  die  in  Süddeutschland  den  Erbadel  so  tief  heruntergebracht

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  4.  Jan.  1847.
*“)  Protokoll  über  die  Konferenz  vor  Sr.  Maj.,  10.  Sept.  1846.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.

1.—
I
        <pb n="266" />
        258  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

hatte,  erschien  dieser  romantischen  Staatskunst  als  ein  Heilmittel.  Solchen
Sprüngen  wollte  selbst  Thile  nicht  mehr  folgen.  Radowitz  aber,  dem
der  Entwurf  nach  Karlsruhe  zugesendet  wurde,  antwortete  mit  schönem
Freimut:  „Euerer  K.  Majestät  Anordnungen  zur  Belebung  und  Gliede—
rung  des  Adels  würden  in  den  weitesten  Kreisen  nur  auf  Mißtrauen
und  Gehässigkeit  stoßen,  in  dieser  Atmosphäre  aller  Lebenskraft  von  vorn—
herein  ermangeln  und  statt  des  gehofften  Nutzens  nur  neue  Gefahren  und
Verlegenheiten  bereiten.“*)  Diese  Warnung  wirkte  für  den  Augenblick.
Die  Entwürfe  blieben  vorläufig  liegen,  zum  Glück  für  die  Regierung;  denn
das  Bürgertum  war  schon  durch  die  umlaufenden  Gerüchte  erbittert
worden  und  erzählte  sich  überall,  der  König  wolle  eine  adlige  Bank  am
Kammergericht  errichten.  Dann  brach  die  Revolution  herein  und  zwang
den  Adel,  die  Reformen,  die  ihm  der  Staat  nicht  bringen  konnte,  aus
sich  selbst  heraus  zu  versuchen,  soweit  dies  noch  möglich  war.  Seitdem
erst  begannen  die  Geschlechter,  die  sich  noch  ein  aristokratisches  Gefühl
bewahrt  hatten,  durch  Familientage  und  Satzungen,  durch  Stiftungen
und  Familien-Geschichtswerke  den  erschlafften  und  oft  entarteten  Standesgeist
  wieder  etwas  zu  kräftigen.  —

 

Hoch  über  allen  diesen  Gegensätzen  stand  doch  die  Frage  der  Zeit,  der
Kampf  um  die  Reichsstände.  Da  die  Vereinigten  Ausschüsse  so  gar  wenig
geleistet  hatten,  so  wendete  sich  die  öffentliche  Teilnahme  wieder  den  Provinzialständen
  zu,  die  für  den  März  1843  zu  einer  neuen  Tagung  einberufen
  waren.  Eine  Menge  von  Petitionen  wurde  vorbereitet;  an  ihrer
unaufhaltsam  wachsenden  Masse  ließ  sich  das  Anschwellen  der  Volksbewegung
  ebenso  sicher  abmessen  wie  einst  im  Zeitalter  der  Reformation  an
der  Zahl  der  neuen  Drucke.  Die  große  Mehrzahl  kam  aus  den  Städten;
der  Streit  war  ja  zum  guten  Teile  ein  Kampf  der  bürgerlichen  Interessen
  wider  das  Übergewicht  des  Grundbesitzes.  Die  schöne  kleine  Stadt
Hirschberg  am  Abhang  des  Riesengebirges,  die  sich  allezeit  durch  radikalen
Widerspruchsgeist  auszeichnete,  wagte  bereits  die  Nachbarstädte  aufzufordern
  zur  Mitunterzeichnung  einer  Petition,  welche  Vermehrung  der  bürgerlichen
  Abgeordneten  und  Erweiterung  des  städtischen  Wahlrechts  verlangte.
Oberpräsident  Merckel  vereitelte  für  diesmal  noch  das  nach  dem  bestehenden
  Rechte  unerlaubte  Unternehmen;  doch  seitdem  begann  zwischen  den
liberalen  Städten  ein  still  geschäftiger  politischer  Verkehr,  dessen  Folgen
sich  bald  zeigen  sollten.  Sobald  die  Landtage  ihre  Arbeit  anfingen,
mußte  jedem  Weltkundigen  einleuchten,  daß  der  alte  Verfassungszustand
sich  schlechterdings  nicht  mehr  halten  ließ.  Statt  der  vergeblich  erwar- 



*)  Thile  an  Radowitz,  28.  Mai;  Radowitz  an  den  König,  13.  Juni  1847.
        <pb n="267" />
        Adresse  des  Posener  Landtags.  259

teten  einen  reichsständischen  Versammlung  besaß  Preußen  ihrer  acht,  die
im  Wetteifer,  unmaßgeblich,  und  eben  deshalb  oft  leichtfertig,  vorlaut,
rücksichtslos,  über  alle  erdenklichen  Fragen  der  allgemeinen  Gesetzgebung
Gutachten  abgaben  oder  Wünsche  äußerten  und  durch  dies  achtfache  Dreinreden
  schließlich  jede  Regierung  unmöglich  machen  mußten.  üÜberall
schritten  die  Provinzialstände  weit  über  ihre  bescheidenen  Befugnisse  hinaus;
  gleichwohl  ließ  sich  der  großen  Mehrzahl  weder  ein  zuchtloser  Übermut
  vorwerfen,  noch  eine  förmliche  Verletzung  des  Verfassungsrechts,
denn  alle  allgemeinen  Gesetze  berührten  mittelbar  auch  jede  einzelne  Provinz
  insbesondere,  und  irgendwo  mußten  die  Begehren  der  gärenden  Zeit
doch  zu  Worte  kommen.

Gleich  im  Anfang  wurde  des  Königs  weiches  Herz  schmerzlich  berührt
durch  die  Undankbarkeit  seiner  geliebten  Polen.  Die  sarmatischen  Edelleute
  wollten  den  letzten  Landtagsabschied,  der  ihnen  so  väterlich  ihre
Pflichten  gegen  den  preußischen  Staat  vorgehalten  hatte,  nicht  ruhig
hinnehmen.  Ermutigt  durch  die  Schlaffheit  der  Regierung,  entwarfen
sie  alsbald  eine  nach  Form  und  Inhalt  gleich  ungehörige  Adresse,  welche
dem  Landesverrate,  der  Lossagung  von  Preußen  sehr  nahe  kam.  Da
hieß  es:  „Sollen  sie,  gleich  den  in  ihrer  Nationalität  nicht  mehr  bestehenden
  litauisch  und  wallonisch  redenden  Untertanen,  ihren  Vereinigungspunkt
  in  dem  Namen  Preußen  finden,  so  erblicken  sie  hierin  eine  Gefährdung
  jener  Verheißung  (v.  J.  1815);  sie  fürchten,  nicht  mehr  sein
und  sich  nennen  zu  dürfen,  was  sie  nach  ihrer  Sprache,  ihren  Sitten,
ihren  geschichtlichen  Erinnerungen,  was  sie  nach  feierlich  geschlossenen  Verträgen
  und  erteilten  Zusicherungen  sind:  —  Polen!“  Die  Adresse  wurde,
nach  polnischem  Brauche,  unter  wüstem  Geschrei  hastig  angenommen;
viele  wußten  kaum,  was  man  beschloß.“)  Ohne  die  deutsche  Minderheit
auch  nur  einer  Erwähnung  zu  würdigen,  sprach  die  polnische  Mehrheit
kurzweg  im  Namen  der  gesamten  Provinz;  denn  wie  einst  die  alte  sarmatische
  Adelsrepublik  alle  nicht-polnischen  Nationalitäten  grausam  mißhandelt
  hatte,  so  stellte  der  Posener  Adel  jetzt,  da  er  wieder  zu  hoffen
wagte,  die  dreiste  Behauptung  auf:  die  Deutschen  in  Posen,  deren  Stamm
sich  dort  seit  sechshundert  Jahren  als  Vorkämpfer  der  Gesittung  behauptet
hatte,  seien  einfach  „Polen  deutscher  Abkunft“;  gebe  es  doch  auch  in  Breslau
und  Berlin  einzelne  Deutsche  polnischer  Abkunft.  Solche  Frechheiten
konnte  sich  der  König  doch  nicht  bieten  lassen.  „Die  Adresse  der  Posener
Stände“,  schrieb  er  zornig,  „ist  der  Art,  daß  mir  eine  Antwort  mit  umgehender
  Post  ausnahmsweise  gerechtfertigt  scheint.“““)  Eigenhändig  entwarf
  er  eine  scharfe  Erwiderung,  die,  vom  Staatsministerium  fast  unverändert
  angenommen,  am  12.  März  nach  Posen  abging.  Sie  sprach

 

—  —

*)  Bericht  des  Oberpräsidenten  v.  Beurmann  an  Graf  Arnim,  9.  März  1843.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile  (o.  D.),  März  1843.
17*
        <pb n="268" />
        260  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

den  Landständen  die  hohe  Mißbilligung  des  Monarchen  aus  und  drohte:
die  Posener  Stände  würden  nicht  mehr  regelmäßig  versammelt  werden,
wenn  es  sich  zeigen  sollte,  daß  die  in  der  Adresse  ausgesprochenen  Ge—
sinnungen  nicht  bloß  von  einer  Partei,  sondern  von  dem  Landtage  selbst
gehegt  würden.  Zar  Nikolaus  zeigte  sich  hoch  erfreut  und  ließ  dem
Schwager  sagen:  nun  würde  er  doch  wohl  Rußlands  polnische  Politik
milder  beurteilen.)

In  Posen  aber  erbitterte  die  Antwort  nur  ohne  zu  schrecken,  denn
niemand  traute  dem  gutherzigen  Könige  zu,  daß  er  seine  Drohung  ausführen
  würde.  Unbelehrt  erging  sich  der  Landtag  nach  wie  vor  in  törichten
Beschwerden  und  verlangte  sogar  die  Errichtung  einer  Universität  in
Posen;  die  Absicht  ließ  sich  leicht  erraten,  denn  bisher  hatte  in  Breslau
wie  in  Berlin  immer  nur  ein  winziges  Häuflein  Polen  studiert.  Der
neue  Oberpräsident  v.  Beurmann  trat,  die  Formen  schonend,  doch  etwas
fester  auf  als  vor  ihm  Graf  Arnim  und  gestand  dem  durchreisenden
Zaren  offen:  seit  er  die  Polen  kennen  gelernt,  sehe  er  wohl  ein,  daß
man  sie  nur  mit  Strenge  beherrschen  könne.*)  Durch  die  Gutmütigkeit
des  Monarchen  sah  er  sich  jedoch  überall  gehemmt.  Der  polnische  Adel
merkte,  was  er  sich  unter  dieser  Regierung  erlauben  durfte;  seine  Kasinos
und  Leseklubs  mehrten  sich  von  Jahr  zu  Jahr;  in  den  Agronomischen
Vereinen  suchte  er  sich  den  polnischen  Bauern  wieder  zu  nähern;  sein
Jagdklub  veranstaltete  in  den  weiten  Wäldern  Reit=  und  Schießübungen,
und  jeder  der  Genossen  wußte,  daß  er  sich  rüsten  sollte  für  den  ersehnten
Tag  der  Deutschenjagd.  —

Da  die  Regierung  mit  dem  Beraten  und  Planen  nie  zu  Ende  kam,
so  vermochte  sie  den  Provinziallandtagen  nur  ein  wichtiges  allgemeines
Gesetz  vorzulegen,  das  schon  unter  Kamptzs  Leitung  entworfene  und  seitdem
  wieder  mehrfach  umgearbeitete  Strafgesetzbuch.  Und  was  konnte  aus
der  achtfachen  Besprechung  eines  so  umfangreichen  und  bedeutsamen  Gesetzes
  anders  hervorgehen  als  ein  verwirrendes  Durcheinander  subjektiver
Ansichten?  Sehr  mächtig  zeigte  sich  die  philanthropische  Gefühlsseligkeit
der  liberalen  Theorie,  die  zu  den  rüstigen  Lebensgewohnheiten  dieses  Volkes
in  Waffen  doch  gar  nicht  stimmte;  die  allerdings  strengen  Strafen  des
Entwurfs  fand  man  grausam,  und  schon  forderten  zahlreiche  Stimmen
die  Abschaffung  der  Todesstrafe.  Das  eigentliche  Hindernis  der  Verständigung
  bildete  jedoch  der  veraltete  Kriminalprozeß.  Einführung  der  Schwurgerichte
  und  des  öffentlich-mündlichen  Verfahrens  war  jetzt  der  allgemeine
Wunsch  der  liberalen  Welt,  und  mindestens  die  letztere  Forderung  erkannte
auch  Savigny  als  berechtigt  an;  aber  während  der  Minister  die  schwierige
Reform  bedachtsam  vorbereitete,  wurden  die  Provinzialstände  von  dem

 

*)  Liebermanns  Bericht,  23.  März  1843.
*“)  Liebermanns  Bericht,  23.  Okt.  1843.
        <pb n="269" />
        Partikularismus  des  Rheinischen  Landtags.  261

Strome  der  öffentlichen  Meinung  fortgerissen,  da  sie  ja  als  bloß  be—
ratende  Körperschaften  gar  keine  Verantwortung  trugen.  Der  preußische
Landtag  erklärte  kurzab:  die  Reform  des  materiellen  Strafrechts  sei  erst
möglich,  wenn  zu  gleicher  Zeit  das  Strafverfahren  umgestaltet  würde,  und
die  nämliche  Ansicht  ward  auch  auf  anderen  Landtagen  laut.

Nur  die  Rheinländer  gingen  ihres  eigenen  Weges;  verwöhnt  durch
die  unerschöpfliche  Nachsicht  der  Regierung,  wollten  sie  auch  jetzt  noch  an
ihrem  ausländischen  Sonderrechte  festhalten.  Offenbar  sühnte  die  Krone  nur
eine  alte  schwere  Unterlassungssünde,  indem  sie  endlich  das  Strafgesetzbuch
vorlegte;  denn  ohne  Einheit  des  Strafrechts  kann  auf  die  Dauer  weder  ein
geordneter  Staat  bestehen  noch  ein  starkes  politisches  Gemeingefühl  sich
ausbilden;  das  Gewissen  des  Volks  mußte  irr  werden  an  allem  Rechte,
wenn  im  Rheinlande  andere  Strafen  verhängt  wurden  als  in  Westfalen.
Kein  denkender  Mann  am  Rhein  durfte  sich  dieser  Einsicht  verschließen,
und  zum  Überfluß  hatte  der  König  mehrmals  feierlich  versichert,  daß  er
der  Provinz  ihr  hergebrachtes  Gerichtsverfahren  unter  allen  Umständen
erhalten  würde.  Es  bestand  also  gar  kein  vernünftiger  Grund  zu  einem
Kampfe  wider  das  neue  Strafgesetzbuch,  das  in  vielen  Bestimmungen
milder,  menschlicher  war  als  der  harte  Code  pénal.  Aber  die  Legende,  daß
die  Freiheit  des  Rheinlands  mit  dem  rheinischen  Rechte  stehe  und  falle,
stand  schon  unumstößlich  fest.  Einstimmig  beschloß  der  Düsseldorfer  Landtag
die  Krone  zu  bitten:  sie  möge  für  das  Rheinland  allein  ein  neues  Strafgesetzbuch
  auf  Grund  des  Code  Napoléon  ausarbeiten  lassen.  Die  Bitte
war  nicht  allzu  schlimm  gemeint,  sie  entsprang  unwillkürlich  dem  naiven
Sondergeiste  der  Provinz;  doch  sie  klang  fast  ebenso  staatsfeindlich  wie  die
Adresse  des  Posener  Landtags,  und  das  Argernis  verschlimmerte  sich  noch,
als  die  Stände,  ihres  Beschlusses  froh,  am  4.  Juli  ein  großes  Festmahl
veranstalteten.  Da  ward  in  der  Lust  des  Weines  keck,  fast  höhnisch  ausgesprochen,
  diese  Feier  gelte  dem  Siege  des  rheinischen  Rechts  über  das
preußische,  und  nach  einem  heftigen  Wortwechsel  verließ  der  Oberpräsident
v.  Schaper  samt  den  übrigen  Beamten  den  Festsaal.

Der  König  war  empört  über  „diese  unanständigen  Auftritte“;  es
wurmte  ihn  gar  zu  tief,  daß  gerade  die  Polen  und  die  Rheinländer,  die
er  doch  neben  den  Altpreußen  stets  bevorzugt  hatte,  sich  ihm  widersetzten.
Im  ersten  Zorne  ließ  er  (18.  Juli)  eine  Kabinettsordre  veröffentlichen,
welche  das  Beamtentum  vor  der  Teilnahme  an  solchen  wertlosen  Demonstrationen
  warnte:  sie  sind  nur  im  stande  Lärm  zu  erzeugen,  ohne
irgend  einen  Einfluß  auf  die  Sache,  auf  Meine  Entschließung  und  auf
den  Gang  Meiner  Regierung  üben  zu  können.“  Die  Rheinländer  nahmen
diese  Rüge  sehr  übel  auf;  nach  Landesbrauch  konnten  sie  gar  nicht  begreifen,
  warum  man  die  beim  Becher  gesprochenen  Worte  so  auf  die  Goldwage
  legte;  und  nun  wurden  ihnen  auch  noch  die  Freudenfeste,  die  sie  für
ihre  heimkehrenden  Abgeordneten  vorbereitet  hatten,  durch  die  Behörden
        <pb n="270" />
        262  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

untersagt.  Graf  Arnim,  der  vergeblich  abgeraten  hatte,  berichtete  nach
einigen  Monaten  dem  Monarchen,  durchaus  der  Wahrheit  gemäß:  „Von
jenem  Augenblicke  an  wendete  sich  zuerst  die  Mißstimmung  am  Rhein,
welche  bis  dahin  nur  gegen  die  Minister  gerichtet  war,  auch  gegen  Ew.
K.  Maj.  (ich  kann  dies  mit  Belegen  dartun);  und  nicht  bloß  die  Rhein—
länder,  sondern  auch  viele  andere  beklagten  es,  daß  Ew.  K.  Maj.  bei  solcher
Veranlassung  von  der  Höhe  des  Thrones  zwischen  die  Parteien  getreten
waren.“*)  Die  Bitte  des  Landtags  wurde  verdientermaßen  abgeschlagen.
Savigny  hatte  einen  strengen  Tadel  beantragt  gegen  diese  Partikularisten,
die  statt  eines  verbesserten  deutschen  Strafrechts  vielmehr  ein  neues  französisches
  Recht  forderten;*)  und  demgemäß  sagte  der  Landtags-Abschied
schneidend:  „Den  Antrag  der  Stände  weisen  Wir  um  so  entschiedener
zurück,  da  Wir  es  Uns  zu  einer  Hauptaufgabe  gestellt  haben,  deutsches
Wesen  und  deutschen  Sinn  in  jeder  Richtung  zu  stärken.“

Je  weniger  Gesetze  die  Krone  vorlegte,  um  so  eifriger  berieten  die
Landtage  über  die  eingelaufenen  Petitionen  und  zahllose  Anträge  ihrer
eigenen  Mitglieder.  Die  Parteistellung  der  Provinzen  war  noch  die  alte.
Am  lautesten  sprachen  die  Preußen,  die  Rheinländer,  die  Posener,  auch
die  Bürger  und  Bauern  Schlesiens  traten  schon  sehr  kräftig  auf;  schwächer
zeigte  sich  die  liberale  Stimmung  in  Westfalen,  ganz  schwach  in  Pommern,
  Brandenburg  und  seltsamerweise  auch  in  der  Provinz  Sachsen,
deren  Oppositionslust  noch  völlig  in  den  kirchlichen  Streitigkeiten  aufging.
Der  Antrag  auf  Einführung  von  Reichsständen  erlangte  nur  in  zwei
Provinzen  die  vorgeschriebene  Zweidrittelmehrheit.  Die  Preußen  und  die
Rheinländer  wagten  aber  schon,  der  Krone  den  Weg  vorzuzeichnen,  der
nach  allem,  was  geschehen,  als  der  einfachste  erschien;  sie  baten,  der  König
möge  den  vereinigten  Ausschüssen  die  Rechte  der  Reichsstände  zuweisen
und  also  den  Verfassungsbau  abschließen.  Dazu  dann  Bitten  um  Preßfreiheit,
  um  mündliches  Gerichtsverfahren,  um  Offentlichkeit  der  Provinziallandtage
  und  der  Stadtverordneten-Versammlungen,  um  Aufhebung
der  Patrimonialgerichte,  um  Vermehrung  der  städtischen  und  bäuerlichen
Abgeordneten,  um  Erweiterung  des  Wahlrechts,  um  Emanzipation  der
Juden,  —  und  so  weiter  in  endloser  Reihe,  lauter  Herzenswünsche  des
liberalen  Bürgertums,  manche  in  vier,  fünf  Landtagen  fast  gleichlautend
ausgesprochen.

Als  Arnim  dies  Chaos  überblickte,  da  konnte  er  sich  schwerer  Besorgnisse
nicht  erwehren  und  er  gab  der  ständischen  Immediatkommission  zu  erwägen,
  ob  man  nicht  das  so  gröblich  mißbrauchte  Petitionsrecht  der  Landtage
  einschränken,  den  Druck  ihrer  Protokolle  scharf  überwachen  und  andererseits
  zur  Belehrung  des  Volks,  die  Gesetzentwürfe  immer  rechtzeitig,  vor

 

*)  Graf  Arnim,  Bericht  an  den  König,  26.  Mai  1844.
**)  Savigny,  Entwurf  zu  einem  Bescheide  an  den  Rheinischen  Landtag,  Nov.  1843.
        <pb n="271" />
        Rheinische  Gemeindeordnung.  263

den  ständischen  Beratungen  veröffentlichen  solle.“)  Die  Kommission  wagte
jedoch  keine  Neuerung,  weil  man  den  Landtagen  offenbare  Ungesetzlichkeit
nicht  nachweisen  konnte.  So  erschienen  denn  zum  Jahresschlusse  die  acht
Landtagsabschiede  in  der  hergebrachten  Form:  die  Anträge  der  Landtage
waren  alle  einzeln  beantwortet  und,  soweit  sie  allgemeine  Landesangelegen—
heiten  betrafen,  fast  sämtlich  abgelehnt,  in  einem  schnöden,  väterlich  ver—
weisenden  Tone,  der  freie  Männer  beleidigen  mußte.  Immer  wieder  hieß
es:  Übereilte  Beratungen  sind  nicht  geeignet,  einen  Einfluß  auf  Unsere
wohlerwogenen  Absichten  auszuüben;  Wir  werden  Uns  in  der  Ausführung
Unserer  wohlerwogenen  Entschlüsse  nicht  hemmen  lassen;  Wir  werden  die
Richtung,  die  Wir  nach  reiflicher  Prüfung  als  gedeihlich  erkannt  haben,
einhalten.  Zählte  man  zusammen,  so  hatte  die  Krone  an  hundert  An—
träge  ihrer  getreuen  Stände  rundweg  zurückgewiesen;  und  welche  Re—
gierung  auf  der  Welt  war  stark  genug,  um  aller  zwei  Jahre  hundertmal
feierlich  nein  zu  sagen?

Das  einzige  bleibende  Ergebnis  dieser  unfruchtbaren  Tagung  war
die  Rheinische  Gemeindeordnung,  die  nach  so  vielen  vergeblichen  Versuchen**)
jetzt  in  neuer  Fassung  dem  Provinziallandtage  vorgelegt  und  dann  am
23.  Juli  1845  veröffentlicht  wurde.  Mit  ihr  errangen  der  rheinische
Sondergeist  und  der  napoleonische  Verwaltungsdespotismus,  der  hierzu—
lande  Freiheit  hieß,  einen  vollständigen  Sieg  über  die  deutschrechtlichen
Grundsätze  der  Krone.  In  Westfalen  waren  doch  mindestens  die  Städte
des  Segens  altländischer  Selbstverwaltung  teilhaftig  geworden;  am  Rhein
blieb  jeder  rechtliche  Unterschied  zwischen  Stadt  und  Land  beseitigt.  In
den  Städten  und  in  den  ländlichen  Bürgermeistereien  schaltete,  fast  so  unumschränkt
  wie  einst  der  Maire,  der  von  der  Regierung  ernannte  Bürgermeister;
  der  aus  den  Meistbeerbten  gebildete  Gemeinderat  besaß  wenig
mehr  als  die  kümmerlichen  Befugnisse  eines  französischen  Conseils,  da  die
Regierung  jeden  seiner  Beschlüsse  als  ungesetzlich  oder  schädlich  aufheben
konnte.  Das  rheinische  Gemeindewesen  war  weit  unfreier  als  die  altländischen
  Städteordnungen,  unfreier  sogar  als  die  altväterische  gutsherrliche
Selbstverwaltung.  Doch  dies  bureaukratische  Regiment  entsprach  der  Bequemlichkeit
  des  Beamtentums  und  den  Interessen  der  großen  Gewerbtreibenden,
  deren  Fabriken  teils  auf  dem  Lande,  teils  in  den  Städten  lagen;
es  entsprach  den  Gewohnheiten  der  Provinz  und  vornehmlich  ihrem  sozialen
Gleichheitsdrange,  der  in  der  Trennung  von  Stadt  und  Land  nur  einen
feudalen  Mißbrauch  sehen  wollte.  Jeder  Unterschied  von  Grundherren,
Städtern  und  Bauern  sollte  verschwinden  in  dem  kahlen  Begriffe  des
Staatsbürgertums.  „Ich  will  es  Euch  nennen:  Bürger  heißt  das

*)  Graf  Arnim  an  die  Immediatkommssion,  18.  Sept.  1843,  nebst  drei  Denkschriften:
  über  das  Petitionsrecht,  über  die  Veröffentlichung  der  Landtagsverhandlungen
über  das  Verfahren  der  Verwaltung  gegenüber  den  Landtagen.

**)  S.  o.  IV.  554.
        <pb n="272" />
        264  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung

Wort!“  —  so  sagte  einer  der  Redner  des  Landtags,  unter  jubelndem  Beifall;
  und  mancher  der  Rufer  dachte  dabei  an  den  Citoyen  der  französischen
  Republik.  Der  Mehrzahl  der  Rheinländer  gereichte  es  zu  hoher
Genugtuung,  daß  der  Prüß  ihrem  hartnäckigen  Liberalismus  endlich  doch
so  viel  nachgegeben  hatte;  sie  glaubten,  dem  Osten  auch  in  ihrem  Gemeindeleben
  weit  überlegen  zu  sein,  und  vernahmen  nicht  ohne  Schadenfreude,
wie  der  Monarch  einigen  altländischen  Provinziallandtagen,  die  um  Reform
ihrer  Landgemeindeordnungen  baten,  ungnädig  erwiderte:  er  denke  nichts
zu  ändern  an  dem  geschichtlich  erwachsenen  Zustande  „der  Provinzen,
welche  das  Glück  gehabt  hätten,  daß  die  Grundlagen  ihrer  ländlichen
Kommunalbverfassung  nicht  durch  eine  revolutionäre  Gesetzgebung  aufgelöst
worden  seien“.  —

Der  König  empfand  schmerzlich,  wie  er  die  Fühlung  mit  seinem
Volke  nach  und  nach  verlor.  Es  war  ein  Unheil,  daß  Preußen  in  diese
große  Krisis  seines  Verfassungslebens  erst  eintrat  zu  einer  Zeit,  da  sich
im  übrigen  Deutschland  schon  eine  fertige  Theorie  des  allgemeinen  konstitutionellen
  Staatsrechts  gebildet  hatte,  und  je  länger  sich  jetzt  noch  die
Entscheidung  verzögerte,  um  so  höher  mußten  die  Ansprüche  der  Liberalen
  steigen.  Dennoch  kam  der  König  noch  immer  nicht  ins  reine  mit
den  Verfassungsplänen,  über  denen  er  nun  seit  vierthalb  Jahren  brütete.
Nur  der  Grundgedanke,  die  Berufung  eines  großen  Vereinigten  Landtags
stand  ihm  unerschütterlich  fest;  über  alles  einzelne  wußte  er  sich  noch
keinen  Rat,  und  sein  seltsam  zerklüftetes  Ministerium  konnte  ihm  diesen
Rat  nicht  bieten.  Der  Vorsitzende,  der  Prinz  von  Preußen  erklärte  sich
entschieden  gegen  eine  reichsständische  Versammlung,  die  durch  Steuerverweigerungen
  die  Wehrkraft,  die  ganze  Machtstellung  des  Staates  zu
gefährden  drohe.  Aus  vertraulichen  Unterredungen  ersah  der  König,  daß
er  sich  mit  dem  Bruder  so  leicht  nicht  verständigen  könne,  und  der  Thronfolger
  blieb  fortan  lange  ohne  nähere  Kenntnis  von  den  weiteren  ständischen
  Plänen  des  Monarchen.  Der  Prinz  dachte  von  früh  auf  ernst
über  die  jedem  Thronfolger  gebotene  Zurückhaltung,  und  niemals  hätte
er  sich  dazu  herabgelassen,  der  Führer  der  konservativen  Partei  zu  werden;
dawider  sträubten  sich  sein  Fürstenstolz  und  seine  Königstreue.  Trotzdem
konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  alle  Anhänger  des  alten  absoluten  Regiments
  auf  ihn  als  ihr  natürliches  Haupt  blickten.  „Es  steht“,  sagte  Graf
Arnim  traurig,  „eine  hochachtbare  Überzeugung  an  der  Spitze  des  Ministeriums,
  welche  es  als  den  ihr  gewordenen  Beruf  betrachtet,  das  Bestehende
  mit  der  äußersten  Festigkeit  zu  verteidigen.““)  Das  aufgeklärte
Berlin,  das  den  Prinzen  bisher  wenig  beachtet  hatte,  begann  nunmehr  ihn
zu  beargwöhnen.  Auch  sein  schlichtes  soldatisches  Wesen  und  die  warme
Verehrung,  die  ihm  das  Heer  entgegenbrachte,  schadeten  jetzt  seinem  Rufe;

 

*)  Graf  Arnim,  Promemoria,  25.  Mai  1845.
        <pb n="273" />
        Prinz  von  Preußen.  Entlassung  Alvenslebens  und  Mühlers.  265

denn  die  neufranzösischen  Schmähreden  wider  das  Söldnerwesen  drangen
allmählich  auch  in  Preußen  ein;  da  alle  Welt  auf  die  Regierung  schalt,
so  hielt  man  die  schweigende  Treue  der  Offiziere  für  servil,  und  mannig—
fache  häßliche  Zänkereien  bekundeten  schon  eine  Feindschaft  zwischen  Heer
und  Bürgertum,  die  in  vielen  Rheinbundsstaaten  wohl  gute  Gründe
haben  mochte,  in  dem  Lande  der  allgemeinen  Wehrpflicht  aber  schlechthin
sinnlos  war.  Genug,  die  bösen  Zungen  ließen  von  dem  Thronfolger
nicht  mehr  ab:  er  sollte  des  Königs  böser  Dämon  in  der  Politik  sein,  wie
Eichhorn  in  den  kirchlichen  Dingen.  Das  schändliche  Gerede  fand  schließlich
  fast  überall  Glauben;  in  solchen  Zeiten,  da  die  politische  Leidenschaft
schon  erwacht  ist,  aber  ein  öffentliches  Leben  noch  nicht  besteht,  wuchern
ja  die  Legenden  der  Parteien  immer  am  üppigsten  auf.  In  Wahrheit
besaß  der  Prinz,  trotz  seiner  hohen  Staatswürden,  zur  Zeit  gar  keinen
politischen  Einfluß;  auch  die  zur  Schau  getragene  Christlichkeit  der  neuen
Gottseligen  widerstand  seinem  einfachen  Gradsinn.

Zum  großen  Leidwesen  des  Königs  verlangte  im  Frühjahr  1844
Graf  Alvensleben  seine  Entlassung  aus  dem  Amte  des  Kabinettsministers,
das  er  nur  ein  Jahr  lang  bekleidet  hatte.  Sein  derber  Geschäftsverstand
konnte  die  Unruhe  der  pläneschmiedenden  Planlosigkeit  nicht  mehr  ertragen;
und  nicht  bloß  die  von  Humboldt  verhöhnten  Montmorencys  des  Havellandes
  beklagten  seinen  Rücktritt,  sondern  auch  Kühne  und  alle  die  erfahrenen
  Beamten,  die  jetzt  den  strengen  Ordnungssinn  des  alten  Königs
überall  schmerzlich  vermißten.  *)  An  Alvenslebens  Stelle  trat  Bodelschwingh,
  der  sich  kaum  erst  im  Finanzministerium  eingerichtet  hatte.  Es
war  ein  ewiges  Kommen  und  Gehen.  Für  die  Finanzen  schlug  Bodelschwingh
  seinen  treuen  Gehilfen  Kühne  vor,  unzweifelhaft  den  tüchtigsten
unter  den  Fachmännern.  Der  König  aber  scheute  die  scharfe  Zunge  des
freigeistigen  alten  Junggesellen  und  berief  zum  allgemeinen  Erstaunen
Flottwell  —  wieder  einen  bedeutenden  Mann  auf  eine  falsche  Stelle.
Flottwell  hatte,  seit  er  aus  Posen  verdrängt  worden,  in  Magdeburg
abermals  sein  glänzendes  Verwaltungstalent  bewährt;  jedoch  vom  Finanzwesen
  verstand  er  wenig,  seine  feurige,  ungestüme  Natur  paßte  nicht  für
diese  Geschäfte,  und  die  reichsständischen  Pläne  des  Monarchen  konnten
an  dem  Schüler  Schöns  auch  keine  Stütze  finden.  Der  Prinz  von
Preußen  sagte  betrübt:  „Alvenslebens  Ausscheiden  ist  mehr  wie  eine
Kalamität,  ebenso  Bodelschwinghs  Verlassen  der  Finanzen.  Beide  Stellen
sind  be-,  aber  nicht  er  setzt.““)

Gleich  darauf  mußte  noch  einer  der  Minister  des  alten  Königs,
Mühler  zurücktreten.  Er  konnte  sich  mit  seinem  nächsten  Amtsgenossen
Savigny  nicht  verständigen,  er  hatte  gegen  das  Ehegesetz  gestimmt,  auch  in

 

*)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
**)  Prinz  von  Preußen  an  Thile,  25.  April  1844.
        <pb n="274" />
        266  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

der  Verfassungssache  seine  strenge  Rechtsansicht  unerschrocken  festgeharren.
Der  König  wünschte  ihn  auf  gute  Art  zu  beseitigen,  und  bald  fanden  sich
dienstbeflissene  Leute,  welche  dem  arglosen,  leicht  zu  täuschenden  Monarchen
vorspiegelten:  der  greise  noch  sehr  rüstige  Präsident  des  Obertribunals
Sack  wünsche  nach  seinem  Jubiläum,  im  nächsten  Juli  auszuscheiden.  So
erhielt  denn  der  vornehmste  Richter  der  Monarchie  zu  seinem  Jubelfeste
neben  dem  wohlverdienten  hohen  Orden  zugleich  die  ganz  unerwartete
Mitteilung:  der  König  würde  ihm  den  Abschied  gern  erteilen,  falls  er
altershalber  darum  bäte.  Tief  gekränkt  trat  er  sofort  zurück,  und  der
gesamte  Richterstand  fühlte  sich  mit  ihm  beleidigt.)  In  dies  erledigte
Amt  rückte  Mühler  ein;  er  behielt  jedoch,  wie  Rochow,  Sitz  und  Stimme
im  Staatsministerium,  das  also  immer  zahlreicher  und  bunter  wurde.
Das  Ministerium  der  Justizverwaltung  erhielt  der  Kabinettsrat  Uhden;
der  König  mochte  wohl  insgeheim  hoffen,  durch  diesen  seinen  persönlichen
Vertrauten  den  zaudernden,  gelehrten  Minister  der  Gesetzgebung  zu  rascherer
  Tätigkeit  anzuspornen.

Mittlerweile  ward  auch  Graf  Arnim  seines  Amtes  müde.  Hoffnungsvoll
  und  fest  entschlossen,  seine  ganze  Kraft  für  die  ständischen  Pläne  des
Königs  ritterlich  einzusetzen,  war  er  vor  zwei  Jahren  in  das  Ministerium
eingetreten,  aber  sofort  in  den  unseligen  Kampf  mit  der  Presse  verwickelt
worden.  Die  ganze  Gehässigkeit  jener  Zeitungsverbote  haftete  nunmehr
an  seinem  Namen,  obwohl  er  stets  nur  die  Befehle  seines  königlichen
Herrn  ausgeführt  hatte.  Er  fühlte  das  und  fragte  den  Monarchen  mehrmals:
  werde  ich  nicht  zu  unbeliebt  sein,  um  jetzt  noch  im  Amte  bleiben
zu  können,  da  die  Zeit  des  Widerstandes  vorüber  ist  und  „eine  Periode
des  besonnenen  Fortschreitens“  beginnen  soll?  Noch  schwerer  bedrückte  ihn,
daß  er  sich  von  der  Unausführbarkeit  der  Entwürfe  des  Königs  sehr  bald
überzeugen  mußte.  Anfangs  stand  er  der  Verfassungsfrage,  gleich  allen
seinen  Amtsgenossen,  noch  ganz  urteilslos  gegenüber;  er  hatte  Augenblicke,
  da  ihm  die  mecklenburgische  Verfassung  bewundernswert  erschien,
und  wieder  andere,  da  er,  wie  auch  Radowitz?),  sich  der  harmlosen  Hoffnung
  hingab,  das  regere  Leben  der  Provinziallandtage  würde  den  reichsständischen
  Gedanken  bald  ganz  ersticken.  Sobald  er  sich  aber  tiefer  einarbeitete,
  gelangte  er  zu  der  nüchternen  Erkenntnis,  daß  der  Neubau  der
ständischen  Verfassung  auf  einem  festen  unangreifbaren  Rechtsboden  ruhen
müsse.  Darum  schlug  er  vor  (Apr.  1844),  aus  den  Virilstimmen  des
Herrenstandes  und  erwählten  Abgeordneten  der  Provinziallandtage  einen
Reichstag  von  etwa  160  Köpfen  zu  bilden,  der  aller  drei  Jahre  regelmäßig
  zusammenträte,  um  über  neue  Steuern  und  Gesetze  zu  beraten,
über  neue  Anleihen  zu  beschließen.  So  würden  alle  Verheißungen  der

*)  So  ist  mir  der  einst  vielbesprochene  Vorfall  von  seiten  der  Familie  des  Präsidenten
  erläutert  worden.

**)  Radowitzs  Bericht,  22.  Juli  1843.
        <pb n="275" />
        Arnims  erstes  Entlassungsgesuch.  267

Gesetze  von  1815—23  gewissenhaft  eingelöst  und  jedes  Rechtsbedenken
abgeschnitten.  Verteile  man  hingegen,  nach  der  Absicht  des  Monarchen,
die  reichsständischen  Befugnisse  zwischen  den  Vereinigten  Ausschüssen  und
einem  Vereinigten  Landtage,  so  würde  das  Volk  weder  jene  noch  diesen  als
Reichsstände  gelten  lassen;  man  hätte  also  „alle  Nachteile  der  vollständigen
Erfüllung  jener  Gesetze,  ohne  ihre  Vorteile“.  )  Es  war  die  Sprache
des  gesunden  Menschenverstandes,  und  ehe  drei  Jahre  verflossen,  sollten
Arnims  Weissagungen  wörtlich  in  Erfüllung  gehen.  Dem  Könige  aber,
der  alles  Hohe  und  Feine  so  geistvoll  faßte,  war  gerade  das  Einfache,  Plattverständliche
  am  wenigsten  beizubringen.  Arnims  Vorschläge  wurden  verworfen,
  und  darauf  (17.  Mai)  erbat  er  seine  Entlassung.  In  zwei  Eingaben
  schilderte  er  zugleich  sehr  freimütig  die  Ursachen  der  gegenwärtigen
Verwirrung:  der  König  selbst  hätte  durch  seine  ersten  Reden  hohe  Erwartungen
  erregt,  aber  dabei  „einen  anderen  Entwicklungsgang  vor  Augen
gehabt  als  die  Mehrzahl  derer,  die  diese  Worte  vernahmen“.  So  seien
Mißverständnisse  entstanden,  dann  heftige  Angriffe,  dann  Unterdrückung
und  jetzt  endlich  allgemeines  Mißtrauen.  Dazu  noch  die  Uneinigkeit  im
Ministerium  und  die  eigentlich  gegenstandslose,  aber  durch  die  Maßregeln
  der  Regierung  selbst  beförderte  religiöse  Aufregung.)

Durch  gütiges  Zureden  ließ  sich  Arnim  endlich  bewegen,  sein  Abschiedsgesuch
  für  jetzt  zurückzuziehen;  und  so  begannen  denn  von  neuem
die  geheimen  Beratungen,  endlos  und  zwecklos,  weil  der  König  von  Haus
aus  entschlossen  war,  sich  von  Männern,  die  er  so  tief  unter  sich  sah,  in
seinem  Lieblingsplane  nicht  stören  zu  lassen.  Auch  Bunsen  mußte  bei
seinem  Berliner  Aufenthalt  sein  Gutachten  abgeben,  und  da  ihm  die  Arbeit
  durch  seine  gänzliche  Unkenntnis  der  preußischen  Verhältnisse  sehr  erleichtert
  wurde,  so  entstiegen  seiner  schöpferischen  Phantasie  alsbald  mehrere
Denkschriften,  welche  nicht  nur  die  ständische  Verfassung,  sondern  auch
das  Krongut,  die  Kirchenpolitik,  die  Rechte  des  Beamtentums,  die  Neubildung
  des  Adels  nach  englischem  Muster  behandelten.  General  Canitz,
der  ebenfalls  von  seinem  Gesandtschaftsposten  zur  Beratung  herbeigerufen
wurde,  unterzog  diese  luftigen  Einfälle  einer  schneidenden  Kritik,  aber
eigene  Vorschläge  wußte  er  nicht  aufzustellen.)

Da  wurde  der  König  durch  ein  gräßliches  Erlebnis  an  den  Ernst  der
Zeit  gemahnt.  Schon  seit  zwei  Jahren  waren  im  königlichen  Kabinett  zahlreiche
  Anzeigen,  auch  Selbstanzeigen  eingelaufen,  welche  von  Mordanschlägen
wider  den  Monarchen  erzählten.  Das  alles  erwies  sich  als  leere  Erfindung
und  war  doch  nicht  ganz  unwichtig;  man  konnte  daraus  abnehmen,  wie
leidenschaftlich,  in  Haß  und  Liebe,  alle  Welt  sich  mit  diesem  einen  Manne
beschäftigte.  Nun  sollte  doch  noch  geschehen,  was  in  der  Geschichte  Preußens

*)  Arnim,  Denkschrift  über  die  ständische  Verfassung,  April  1844.

**)  Arnim,  Eingabe  an  den  König,  26.  Mai,  nebst  Denkschrift  vom  25.  Mai  1844.
*  #)  Canitz  an  Thile,  24.  Nov.  1844.  Thile  an  Arnim,  5.  April  1845.
        <pb n="276" />
        268  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

ohne  jeden  Vorgang  war.  Als  der  König  am  26.  Juli  1844  im  Portale  des
Schlosses  den  Wagen  bestieg,  um  nach  Schlesien  zu  reisen,  wurden  plötzlich
  aus  nächster  Nähe  zwei  Pistolenschüsse  auf  ihn  abgefeuert.  Die  Schüsse
trafen,  der  König  aber  trug,  wunderbar  genug,  nur  eine  kaum  bemerkbare
  Verletzung  davon,  da  die  dichten  Falten  seines  Mantels  die  Kraft
der  Kugeln  geschwächt  hatten.  Der  Mörder  war  der  Alt-Bürgermeister
von  Storkow,  Tschech,  der  Sohn  eines  geachteten  Geistlichen,  ein  harter,
tugendstolzer,  in  grauenhafter  Selbstgerechtigkeit  erstarrter  Mensch,  der
fünfzig  Jahre  im  sicheren  Bewußtsein  vollkommener  Sündlosigkeit  dahin
gelebt  hatte,  weil  er  ja  immer  nur  seiner  Überzeugung  folgte.  Durch
seine  herrische  Rechthaberei  hatte  er  sich  mit  den  Stadtverordneten  und
dem  Landrate  seines  Städtchens  in  Händel  verwickelt  und  schließlich  entrüstet
  seinen  Abschied  verlangt.  Als  er  darauf  um  eine  Anstellung  im
Staatsdienste  bat  und  ihm  dies  völlig  grundlose  Gesuch  verdientermaßen
abgeschlagen  wurde,  da  wähnte  er  nicht  nur  sein  eigenes  Recht,  sondern  alle
Gerechtigkeit  im  Staate  zerstört.  Er  brachte  seine  Bitte  bis  zum  Thronfolger,
  zur  Königin,  zum  Könige.  Auch  hier  abgewiesen,  nahm  er  sich  vor,
als  ein  Gerechter  im  Namen  Gottes  die  Strafe  zu  vollziehen  an  dem
Monarchen.  Ruhig,  ohne  alle  Gewissensbedenken  bereitete  er  die  Tat
vor  und  ließ  zuletzt  noch  bei  einem  der  Daguerreotypisten,  die  jetzt  überall
  in  den  deutschen  Städten  ihre  Läden  aufgeschlagen  hatten,  sein  Bild
aufnehmen:  in  hochtheatralischer  Stellung,  die  Hand  erhoben  um  Kraft
von  oben  zu  erflehen.  Auch  im  Gefängnis  bewahrte  er  unerschütterlich  die
Kälte  des  verstockten  Fanatikers  bei  vollkommener  Klarheit  des  Verstandes.

Tschech  hatte  niemals  einer  Partei  angehört.  Seine  Tat  war  gewiß
  kein  eigentlich  politisches  Verbrechen,  aber  ebenso  gewiß  aus  dem  Geiste
der  Zeit  heraus  geboren.  Aus  ihr  redete  dieselbe  freche,  jede  Obrigkeit,
jede  gegebene  Ordnung  des  Menschenlebens  verachtende  subjektive  Überhebung,
  die  sich  seit  den  Zeiten  der  Jakobiner  und  der  Unbedingten  in
allen  Wandlungen  des  modernen  Radikalismus  bekundet  hatte.  Darum
sprach  auch  das  öffentliche  Gewissen  nach  der  Untat  keineswegs  sicher
und  einmütig.  Zwar  die  große  königstreue  Mehrheit  der  Preußen  zeigte
sich  tief  empört;  doch  in  zahllosen  Gesprächen,  Anspielungen,  kunstvoll  verhüllten
  Zeitungsartikeln  ward  auch  eine  widerliche  Schadenfreude  laut.
Die  Revolution  kündigte  sich  schon  an,  die  Obrigkeit  begann  ihre  Würde,
der  Königsmord  seine  Schrecken  zu  verlieren.  Ein  in  mannigfachen  Lesarten
  verbreitetes  Berliner  Lied  „war  wohl  je  ein  Mensch  so  frech  wie
der  Bürgermeister  Tschech?“  zog  das  unheimliche  Ereignis  in  den  Schmutz
der  Gasse  herab;  seine  hämischen  Witze  über  das  fromme  Königspaar
klangen  fast,  als  ob  der  Bänkelsänger  bedauerte,  daß  „der  verruchte  Attentäter“
  nicht  besser  getroffen  hätte.  In  den  Brandschriften  der  Flüchtlinge
vollends  ward  dies  Bedauern  ganz  offen  ausgesprochen;  Karl  Heinzen
setzte  auf  die  letzte  Seite  seines  neuesten  Pamphlets  nur  die  eine  groß
        <pb n="277" />
        Tschech.  269

gedruckte  Frage:  „Tschech?!“  Friedrich  Wilhelm  hatte  nach  seiner  Er—
rettung,  die  er  nur  überirdischer  Hilfe  zuschrieb,  von  Erdmannsdorf  aus
das  Bergkirchlein  Wang  besucht  und  dort  tief  zerknirscht,  überwältigt  von
der  Gnade  Gottes,  seine  Dankgebete  gehalten.  In  dieser  weichen  Stim—
mung  wollte  er  den  Verbrecher  gern  begnadigen;  er  hielt  es  für  unedel,
gleichsam  in  eigener  Sache  zu  richten.

Diesmal  aber  zeigten  sich  seine  Minister  endlich  einig;  sie  fühlten  alle,
wie  schwach  die  Krone  schon  geworden  war,  und  wie  tief  sie  sich  selbst  er—
niedrigte,  wenn  sie  nicht  mehr  wagte,  einem  solchen  Hochverrat  mit  dem
ganzen  Ernste  des  Gesetzes  entgegenzutreten.  In  einem  gemütvollen  Briefe
hielt  der  alte  Boyen  dem  Monarchen  zuerst  diese  Mahnung  vor  und  sprach
zugleich  tief  betrübt,  freilich  ohne  einen  greifbaren  Ratschlag  zu  geben,  über
den  allgemeinen  Mißmut  des  Volks  und  die  Fehler  der  Regierung:  „Es
ist  der  größte  Irrtum,  daß  man  den  Entwicklungsgang  der  Zeit  beliebig
hemmen  oder  die  öffentliche  Meinung  durch  Verweise  öffentlich  schulmeistern
könne.“*)  Da  der  Prinz  von  Preußen  nebst  sämtlichen  Ministern  den
Vorstellungen  Boyens  beipflichtete,  und  die  Untersuchung  gar  nichts  an  den
Tag  brachte,  was  die  Tat  Tschechs  irgendwie  entschuldigen  konnte,  so  sah
Friedrich  Wilhelm  endlich  ein,  daß  er  der  Justiz  freien  Lauf  lassen  mußte.
Noch  einmal  verhieß  er,  im  Dezember,  dem  Verurteilten  die  Begnadigung,
falls  er  sein  Unrecht  bekennen  wollte.  Aber  Tschech  blieb  trotzig.  Unter
strömenden  Tränen  unterzeichnete  der  König  endlich  das  Todesurteil
in  einem  großen  Ministerrate  und  ließ  dem  Verbrecher  dann  noch  durch
seinen  Vertrauten,  den  Präsidenten  Kleist  sagen,  daß  er  für  ihn  als  seinen
christlichen  Bruder  beten  würde.

Die  Strenge  war  nur  zu  nötig,  denn  in  dem  gebildeten  Berlin
herrschte,  dank  der  giftigen  Klatscherei  dieser  Jahre,  eine  Liederlichkeit
der  Empfindung,  die  allem  Rechte  Hohn  sprach.  Varnhagen  und  seine
Freunde  wollten  gar  nicht  glauben,  daß  in  diesem  aufgeklärten  Jahr—
hundert  die  Barbarei  einer  solchen  Hinrichtung  möglich  wäre;  rühr—
same  Zeitungsartikel,  die  unverkennbar  großenteils  aus  diesen  Kreisen
herstammten,  erinnerten  den  König  an  das  schöne  Vorbild  Ludwig  Phi—
lipps  und  Victorias,  die  in  ähnlichen  Fällen  stets  begnadigt  hatten.  Man
wußte  kaum  noch,  daß  die  Krone  der  Hohenzollern  doch  etwas  anderes
war  als  das  Schattenkönigtum  jener  belobten  Westländer.  Als  nun  das
Notwendige  dennoch  geschah,  da  nannte  man  den  König  blutbefleckt  und
der  Pöbel  schob  wieder  alle  Schuld  auf  den  Prinzen  von  Preußen.  Ein
offenbar  von  einem  gebildeten  Manne  verfaßtes  Berliner  Gassenlied
sagte:

Ins  Volk  fiel's  wie  ein  Donnerkeil,
Daß  Tschech  mußt'  fallen  unterm  Beil
Der  fromme  König,  ach  so  gut,

*)  Boyen  an  den  Kömig,  3.  Aug.  1844.
        <pb n="278" />
        270  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

Vergoß  um  nichts  Märtyrerblut.
Im  Opernhause  kann  man's  sehn:
Der  König,  der  muß  flöten  gehn.  Hurra!

Der  mittellosen  Tochter  des  Verbrechers  nahm  sich  der  König  gnädig
an;  er  ließ  sie  auf  seine  Kosten  bei  einem  braven  Pfarrer  in  Westfalen
unterbringen.  Das  trotzige,  ganz  in  den  Gedanken  des  Vaters  befangene
Mädchen  sah  aber  in  der  Wohltat  nur  eine  Strafe.  Von  dem  badischen
Liberalen  Hecker  unterstützt,  entfloh  sie  in  das  Elsaß,  nachher  in  die  Schweiz,
wo  sie  durch  Rauschenplatt  und  Dulk  in  die  Geheimbünde  der  wildesten
Demagogen  eingeführt  wurde  und  ein  Buch  über  ihres  Vaters  Leben  verfaßte
  —  eine  der  ruchlosesten  Schriften  dieser  verworrenen  Zeit:  da  ward
der  Königsmord  wie  die  einfachste  Sache  von  der  Welt  dargestellt,  die  gar
keiner  Erklärung  bedurfte,  und  der  gesetzmäßige  Richterspruch  wie  ein  grausamer
  Frevel.  Derweil  die  Schriften  der  Flüchtlinge  sich  in  wütenden
Schmähungen  wider  die  Berliner  Blutrichter  ergingen,  hielt  Otto  v.  Gerlach
  seiner  armen  Gemeinde  in  der  Elisabethkirche  eine  erschütternde  Predigt:
  es  ist  ein  Bann  unter  Dir,  Israel.  Er  hatte  dem  Verurteilten
während  seiner  letzten  Lebenstage  beigestanden  —  so  liebevoll,  daß  Tschech
selbst  die  geistliche  Hilfe  nicht  ganz  ablehnte  —  und  nach  diesen  frischen
Eindrücken  schilderte  er  nun  mit  dem  Mute  des  treuen  Seelsorgers  das
Verbrechen,  wie  es  wirklich  war:  als  eine  Tat  persönlicher  Rachsucht  und
zugleich  als  ein  Zeichen  des  unbotmäßigen  Hochmuts  dieser  Tage.  Die
Rede  enthielt  kein  unwahres,  kein  fanatisches  Wort;  als  Gerlach  sie  jedoch
  auf  den  Wunsch  der  tief  ergriffenen  Hörer  zum  Drucke  geben  wollte,
da  verweigerten  die  ängstlichen  Behörden  die  Erlaubnis.  Sie  befürchteten,
die  allgemeine  Aufregung  würde  noch  steigen,  wenn  ein  tapferer  Mann
in  die  offenen  Wunden  der  Zeit  den  Finger  legte;  daß  die  Schmäh-Artikel
  der  Demagogen  überall  über  die  Grenze  drangen,  vermochten  sie  freilich
  nicht  zu  hindern.  Also  wuchs  die  Ratlosigkeit  der  Regierung,  und
mit  ihr  die  Frechheit  der  revolutionären  Partei;  noch  weiter  auf  diesem
Wege,  und  eine  friedliche  Lösung  ward  unmöglich.  —

Friedrich  Wilhelm  ahnte  das  selbst  und  begann  nunmehr  seine  Verfassungspläne
  ernstlich  auszuarbeiten.  Auf  einer  Reise  durch  Osterreich
besprach  er  sich  darüber  mit  Metternich,  der  nachher  noch  durch  den  Gesandten
  Canitz  genauere  Mitteilungen  erhielt,  aber,  wie  sich  voraussehen
ließ,  nmur  mit  ehrerbietigen  Abmahnungen  antwortete.  Nicht  eigentlich  um
den  Rat  des  Osterreichers  war  es  dem  Könige  zu  tunz;  er  wünschte  nur
sein  Herz  auszuschütten  vor  dem  verehrten  Staatsmanne,  den  er  für  Preußens
  wärmsten  Freund  hielt,  ihm  die  Notwendigkeit  der  geplanten  Reformen
  unwiderleglich  zu  erweisen.  Heimgekehrt  brachte  er  seine  Gedanken
endlich  zum  Abschluß  und  erteilte  am  24.  Dez.  1844  dem  Ministerrate
seine  Weisungen  für  das  Verfassungswerk.  Er  wollte  zum  ersten  die  Provinziallandtage
  erhalten  mit  dem  Rechte  der  Beratung  über  Provinzial-
        <pb n="279" />
        Brief  des  Königs  an  Metternich.  271

angelegenheiten;  zum  zweiten  die  Vereinigten  Ausschüsse,  die  regelmäßig  zur
Beratung  allgemeiner  Gesetze  zusammentreten  sollten;  zum  dritten  endlich
dachte  er  von  Zeit  zu  Zeit,  nach  seinem  freien  Ermessen,  die  sämtlichen
Provinzialstände  zu  einem  Vereinigten  Landtage  zusammenzurufen,  der,
nach  dem  uralten  Rechte  deutscher  Stände,  in  Friedenszeiten  neue  Anleihen
und  Steuern  zu  bewilligen,  vielleicht  auch  über  einzelne  allgemeine  Ge—
setze  zu  beraten  hätte.  Inmitten  dieses  großen  Landtags  sollte  eine  Art
Oberhaus  bestehen,  gemeinsam  beratend  mit  den  anderen  Ständekurien,
aber  gesondert  beschließend.  Im  Jahre  1847  hoffte  der  König  die  Vereinigten
  Landstände  zuerst  zu  versammeln,  vielleicht  in  dem  stillen  Brandenburg.
  Das  war  sein  alter  Lieblingsgedanke,  der  noch  aus  Ancillons
Lehrstunden  herstammte.  Was  für  schreckliche  Demütigungen  sollte  der
Arglose  noch  erleben,  bis  wirklich  einmal  ein  preußisches  Parlament  in
Brandenburg  zusammentrat!

Wer  konnte  die  Hochherzigkeit  Friedrich  Wilhelms  in  diesen  Entwürfen
verkennen?  Von  freien  Stücken  ging  er  weit  hinaus  über  die  Verheißungen
  des  Vaters;  an  ein  Steuerbewilligungsrecht  seiner  bloß  beratenden
Stände  hatte  der  alte  Herr  ja  nie  gedacht.  Und  doch,  wie  verwickelt,
überladen,  unhandlich  war  der  ganze  Plan:  dies  verhüllte  Zweikammersystem,
  dieser  übergroße  Reichstag,  der  ja  nicht  einmal  seiner  regelmäßigen
Wiederberufung  sicher  war,  diese  überfein  ausgeklügelte  Verteilung  der
reichsständischen  Befugnisse  an  die  Ausschüsse  und  an  den  Vereinigten
Landtag  —  eine  Künstelei,  woraus  unfehlbar  die  von  Arnim  vorhergesagte
  allgemeine  Begriffsverwirrung  hervorgehen  mußte.  Am  gefährlichsten
  blieb  doch,  daß  der  Entwurf  des  Königs  mit  den  Verheißungen  der
älteren  Gesetze  nicht  ganz  übereinstimmte.  Gelang  es  nicht  noch,  diesen
unwesentlichen,  aber  willkürlichen  Anderungen  eine  unangreifbare  gesetzliche
  Form  zu  geben,  so  drohte  ein  Rechtsstreit  mit  den  künftigen  Reichsständen,
  der  sich  durch  den  zähen  juristischen  Eigensinn  der  Deutschen
bald  verschärfen  konnte.

Mittlerweile  hatte  der  König  dem  Fürsten  Metternich  seine  Absichten
  noch  einmal  erläutert,  in  einem  langen,  vertrauensvollen  Schreiben,
  das  ihn  seit  dem  8.  Nov.  fast  fünf  Wochen  lang  beschäftigte.)
Hier  stellte  er  die  seltsame  Behauptung  auf,  Preußen  leide  an  einer
dreifachen  Krankheit,  weil  die  drei  Gesetze  von  1815,  20,  23  einander
widersprächen;  in  Wahrheit  lag  die  Ursache  der  Krankheit  allein  in
dem  Doktrinarismus  des  Königs,  der  an  dem  Wortlaut  jener  Gesetze
so  lange  deutelte  und  brütete,  bis  er  darin  Widersprüche  entdeckte,  die
ein  handfester,  entschlossener  Staatsmann  kaum  bemerkt  hätte.  Demnach

*)  Dieser  Brief  vom  8.  Nov.  bis  8.  Dez.  1844  wurde  im  Aug.  1888  in  der  Kölnischen
  Ztg.  wortgetreu  veröffentlicht.  Es  fehlen  aber  in  diesem  Abdruck  einige  Sätze

des  eigenhändigen  Konzepts,  die  möglicherweise  in  der  letzten  Stunde  noch  gestrichen
worden  sind.
        <pb n="280" />
        272  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

beabsichtigte  er,  das  erste  Verheißungsgesetz  von  1815  aufzuheben,  weil
darin  der  unzulässige  Ausdruck  „Landesrepräsentation“  vorkam;  das  Staatsschuldengesetz
  von  1820  wollte  er  „regulieren“,  indem  er  den  Reichsständen
nur  für  Friedenszeiten  das  Recht  der  Bewilligung  neuer  Anleihen  einräumte;
  das  Provinzialständegesetz  von  1823  hingegen  dachte  er  vollständig
zu  erfüllen.  Nach  seiner  Gewohnheit  sagte  er  wieder  sehr  nachdrücklich,
was  er  nicht  wollte:  „Ich  will  bestimmt  und  entschieden  1)  keine  Nationalrepräsentation,
  2)  keine  Charte,  3)  keine  periodischen
  Fieber,  d.  h.  periodischen  Reichstage,  4)  keine  Reichstagswahlen
  .  weil  ich  König  von  Preußen  bleiben,  weil  ich  Preußens
Stellung  in  Europa  nicht  umwerfen  will.“  Sohoffte  er,  „jedes  fernere  Begehren
  des  Fortschritts  nach  den  Theorien  des  Tages  nachdrücklich
  und  wohlgemut  zurückzuweisen.“  Besonders  erfreulich  erschien
ihm,  daß  durch  die  Berufung  des  Vereinigten  Landtags  die  Vereinigten
Ausschüsse  —  wie  er  auf  eine  frühere  Warnung  Metternichs  anspielend
sagte  —  „auf  eine  gerade  Fläche  gestellt“  würden  und  nicht  mehr  versuchen
könnten,  ihre  Rechte  zu  erweitern:  „Die  arglistige  Absicht,  die  periodischen
Ausschußtage  durch  die  eigene  Schwere  in  die  Reichstags-Kategorie  hinüberrollen
  zu  lassen,  ist  mausetot.“  Leider  entging  ihm,  daß  er  seinen
Vereinigten  Landtag  selbst  auf  eine  schiefe  Fläche  gestellt  hatte;  denn  unausbleiblich
  mußte  eine  so  große,  mit  so  bedeutsamen  Rechten  ausgestattete
Versammlung  zum  mindesten  ihre  periodische  Wiederkehr  verlangen;  an  der
Nichtberufung  der  Landtage  waren  ja  die  ständischen  Verfassungen  der
preußischen  Kronländer  einst  fast  allesamt  zu  Grunde  gegangen.
Vergeblich  bat  Arnim  den  König,  er  möge  seine  Herzensergießung
mindestens  noch  so  lange  zurückhalten,  bis  die  Entscheidung  in  Preußen
selbst  gefallen  sei:  „wird  nicht  der  österreichische  Kanzler  diese  offene  Schilderung
  der  preußischen  Zustände  aus  der  Feder  des  Monarchen  zum
Vorteil  Österreichs  und  zur  Schwächung  des  äußeren  Ansehens  Preußens
ausbeuten  und  zu  geeigneten  Mitteilungen  an  andere  Regierungen  verwenden?“?)
  Der  Brief  an  Metternich  ging  ab;  und  da  der  König  doch
fremden  Einspruch  nicht  mehr  beachten  wollte,  so  nahm  er  keinen  Anstand,
  auch  den  Zaren  Nikolaus  und  den  Nestor  der  deutschen  konstitutionellen
  Fürsten,  den  König  von  Württemberg  in  seine  Pläne  einzuweihen.
Metternich  wiederholte  zur  Antwort  nur  seine  alten  Warnungen,  und
die  beiden  Monarchen  erwiderten  in  demselben  Sinne.  König  Wilhelm
versicherte  dem  preußischen  Gesandten  beständig,  wie  gründlich  er  mit
seinen  konstitutionellen  Jugendträumen  aufgeräumt  hätte:  diese  Institutionen,
  sagte  er  oft,  sind  ein  ausländisches  Gewächs,  ich  kann  mich  nur
bemühen,  sie  so  unschädlich  zu  machen  als  möglich.**)  Nikolaus  aber  ge- 



*)  Arnim  an  den  König,  13.  Dez.  1844.
**)  Rochows  Berichte,  Stuttgart,  5.  Jan.,  30.  April  1845.
        <pb n="281" />
        Einspruch  des  Prinzen  von  Preußen.  273

riet  in  heftigen  Zorn,  als  er  durch  den  getreuen  Rauch  zuerst  von  den
Absichten  des  Schwagers  erfuhr;  er  sah  die  Revolution  schon  dicht  vor
der  Tür  und  sagte  zu  den  Generalen,  die  zur  Rekrutierung  in  die  Pro—
vinzen  gingen:  ich  bedauere,  meinem  Volke  so  große  Lasten  auflegen  zu
müssen,  aber  die  Vorgänge  in  meinem  westlichen  Nachbarlande  zwingen
mich,  für  alle  Fälle  mich  bereit  zu  halten.  In  der  Petersburger  Gesellschaft
brach  der  alte  Deutschenhaß  wieder  durch;  Nesselrode  und  die  gesamte
vornehme  Welt  jammerten  über  das  preußische  Demagogentum.  Auch
die  Gesandten  unserer  kleinen  Höfe  beteuerten  dem  Kaiser  nach  ihrer
bedientenhaften  Gewohnheit:  Preußen  allein  halte  die  deutsche  Welt  in
Unruhe.  Der  Zar  selbst  konnte  seinen  Grimm  so  wenig  bemeistern,
daß  er  selbst  auf  der  Reise  dem  preußischen  Grenzpostmeister  Nernst  in
Tilsit  seinen  nachbarlichen  Kummer  über  die  preußischen  Neuerungen  aus—
sprach;  zur  Rede  gestellt,  mußte  er  nachher  seine  Außerungen  verlegen
ableugnen.)

Alle  diese  Mahnungen  von  außen  her  ließen  den  König  kalt.  Auf  das
tiefste  aber  fühlte  er  sich  gekränkt,  als  der  Thronfolger,  den  man  jetzt  erst,
im  Dezember,  über  das  Geschehene  unterrichtet  hatte,  in  einem  eingehenden
Schreiben  sein  Bedenken  freimütig  vortrug  und  zugleich  daran  erinnerte,
daß,  nach  dem  Testamente  des  Vaters,  die  Agnaten  befragt  werden  müßten
(Jan.  1845).  Das  hielt  der  König  für  eine  Verletzung  der  Ehrfurcht.
Sichtlich  erregt  erteilte  er  dem  Prinzen  einen  scharfen,  völlig  unverdienten
Verweis  und  erwiderte:  er  werde  seine  Pläne  weiter  ausarbeiten  lassen,
den  Agnaten  stehe  ein  Recht  des  Einspruchs  nicht  zu.*)  Er  fürchtete  sogar
  —  ganz  ohne  Grund,  wie  sich  bald  zeigte  —  der  Thronfolger  würde
eine  förmliche  Verwahrung  einlegen,  und  ließ  sich  von  Savigny  darüber
Bericht  erstatten,  auch  von  zwei  namhaften  Rechtslehrern  (vermutlich  von
Heffter  und  dem  Rechtshistoriker  Eichhorn)  Gutachten  einfordern.  Da
jenes  Testament  nie  vollzogen  worden  war,  so  stimmte  der  Bericht  des
Ministers  mit  den  beiden  Gutachten  dahin  überein,  daß  ein  Protest  der
Agnaten  gegen  die  ständische  Gesetzgebung  keinen  rechtlichen  Boden  hätte.
Dies  wurde  dem  Prinzen  von  Preußen  mitgeteilt,  und  seitdem  blieb  er
von  den  Verfassungsberatungen  lange  ganz  ausgeschlossen.

Unterdessen  fühlte  auch  Graf  Arnim  immer  lebhafter,  daß  er  dem
Könige  nicht  mehr  folgen  konnte.  Er  hatte  nach  dem  Plane  des  Monarchen
  einen  Gesetzentwurf  ausgearbeitet,  wagte  aber  zugleich  noch  einmal
  seine  eigenen  Gedanken  vorzulegen.  Da  die  Berufung  des  Vereinigten
Landtags  nunmehr  sicher  war,  so  riet  Arnim  jetzt,  sogleich  ein  klares
Zweikammersystem  einzuführen,  den  erhaltenden  wie  den  bewegenden  Elementen
  des  Staatslebens  ihr  eigenes  Organ  zu  schaffen;  denn  unver-*)

  Liebermanns  Berichte,  4.  Febr.,  14.  18.  März;  Rochow,  an  Canitz,  Petersburg
19.  24.  Aug.  1845.

*“)  In  den  Akten  liegt  nur  ein  undatierter  Entwurf  dieses  Antwortschreibens.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  18
        <pb n="282" />
        274  V.  3.  Enttäuschung  und  Verwirrung.

kennbar  drängen  die  Ideen  des  Westens  in  den  Osten  vor,  da  gelte  es
den  Staat  vor  Überstürzung  zu  behüten.  Für  die  zweite  Kammer  wünschte
er  das  Wahlrecht  dergestalt  zu  erweitern,  daß  auch  die  Intelligenz,  der
Handel,  die  Gewerbe  ihre  Vertretung  fänden.  Vor  allem  aber  verlangte
er  wieder  rechtliche  Sicherheit  für  die  neuen  Institutionen,  und  darum
eine  regelmäßig  wiederkehrende  Berufung  des  Vereinigten  Landtags;  denn
sonst  würden  Mißtrauen,  Zweifel,  übergriffe  niemals  aufhören.“)  Der
König  aber  verabscheute  gerade  die  periodische  Wiederkehr  der  Reichsstände
als  einen  revolutionären  Gedanken;  er  fürchtete,  seine  königliche  Würde
einzubüßen,  wenn  er  diese  Versammlung  nicht  ganz  in  seiner  Hand  be—
hielte,  und  sagte  bitter:  Arnim  hat  mir  einen  Entwurf  vorgelegt,  wie  ich
ihn  wohl  von  Flottwell,  aber  nicht  von  ihm  erwartet  hätte.  Bei  einem
Vortrage  am  21.  Mai  1845  kam  es  zu  lebhaften  Erörterungen.  Arnim
entschloß  sich,  zum  zweiten  Male  um  seinen  Abschied  zu  bitten.

Sein  Name  stand  eben  jetzt  im  übelsten  Rufe  bei  den  Liberalen;  denn
gerade  in  diesen  Maitagen  wurden  die  gefeierten  badischen  Kammerredner
Itzstein  und  Hecker  aus  Berlin  ausgewiesen,  als  sie  angeblich  eine  Er—
holungsreise  durch  die  preußischen  Städte  antreten  wollten.  In  jener
Zeit  war  es  aber  noch  niemals  vorgekommen,  daß  ein  Süddeutscher  in
Berlin  und  Königsberg  Erholung  gesucht  hätte.  Selbst  der  minder
radikale  Welcker  hatte  vor  vier  Jahren,  als  er  wirklich  nur  wegen  eines
Familienfestes  nach  Berlin  kam,  den  Argwohn  der  Polizei  erregt  und
nach  einer  urkräftigen  Ständchen-Rede  die  Stadt  eilig  wieder  verlassen
müssen.  Jetzt  suchte  man  sogleich  von  Amts  wegen  zu  erforschen,  was
die  beiden  im  Schilde  führten,  und  es  ergab  sich  bald,  daß  sie  in  den
Bürgervereinen  der  Städte  aufregende  Reden  halten  und  Verbindungen
anknüpfen  wollten;  Hecker  war  es  ja,  der  die  Tochter  Tschechs  auf  ihrer
Flucht  zuerst  unterstützte.  Als  Itzstein  in  Berlin  mit  dem  schlesischen
Grafen  Reichenbach,  einem  fanatischen  Radikalen,  insgeheim  zusammen—
kam,  offenbar  um  den  Feldzugsplan  zu  verabreden,  da  befahl  Arnim
sofort  die  Ausweisung.“*)  Die  Verfügung  war  gesetzlich,  da  die  Badener
nach  löblichem  Bundesrecht  in  Preußen  für  Ausländer  galten  —  aber
auch  sehr  unklug;  denn  alsbald  erklang  durch  die  liberale  Presse  ein  Wut—
geschrei,  das  weit  mehr  schadete  als  die  Redekunst  der  Ausgewiesenen.
Eine  angeblich  in  Koblenz  gedruckte  „Adresse  deutscher  Preußen“  dankte
den  beiden,  „daß  sie  unserer  vielgepriesenen  Regierung  eine  eklatante  Ge—
legenheit  gegeben  haben,  ihre  wahre  Gesinnung  an  den  Tag  zu  legen.
Sie  ist  dabei  zum  erstenmal  ganz  aufrichtig  gewesen,  sie  hat  zum  ersten—
mal  ohne  Paraphrase  ihre  Herzenssprache,  nämlich  russisch  gesprochen.“
Johannes  Scherr  fügte  seinem  pöbelhaften  Buche  „das  enthüllte  Preußen“

 

*)  Arnims  Denkschriften  vom  13.  14.  23.  Mai  1845.
*“)  Arnim  an  Thile,  22.  Mai  1845.
        <pb n="283" />
        Arnims  Entlassung.  275

schleunigst  eine  Nachrede  hinzu:  „Die  Verjagung  Itzsteins  und  Heckers
aus  Sandjerusalem  und  allen  Borussenlanden  —  gewiß,  diese  brutale,
allerhöchst  befohlene  Polizeiflegelei  ist  ein  herrliches  Präludium  zu  dem  an—
gekündigten  Puppenspiel:  Eine  preußische  Verfassung.“  Daheim  wurden
die  beiden  durch  gesinnungstüchtige  Zweckessen  über  ihr  Mißgeschick  ge—
tröstet,  gewaltige  Trinksprüche  verkündeten  den  Zorn  der  Patrioten  über
die  preußische  Tyrannei.  Arnim  glaubte,  nur  das  Notwendige  getan
zu  haben;  in  seiner  ritterlichen  Hingebung  wollte  er  jedoch  die  Person  des
Monarchen  gegen  den  öffentlichen  Unwillen  decken  und  bat  daher,  der
König  möge  die  Ausweisung  nachträglich  mißbilligen,  um  sich  mit  den
Liberalen  zu  versöhnen,  und  hierauf  ihn  entlassen.“)  Dies  Anerbieten
wurde  natürlich  abgelehnt;  als  aber  Arnim  nunmehr  ausschied,  da  hieß
es  doch  überall,  er  falle  als  das  Opfer  seiner  reaktionären  Gesinnung.
Niemand  ahnte,  wie  liberal  dieser  Verrufene  sich  in  der  Verfassungs—
beratung  gezeigt  hatte.

Der  König  nahm  Arnims  Rücktritt  ungnädig  auf;  eine  solche  Selb—
ständigkeit  der  Gesinnung  wollte  er  als  absoluter  Herr  auch  seinen  höchsten
Dienern  nicht  gestatten.“*)  Das  erledigte  Amt  übernahm  Bodelschwingh,
der  zugleich  den  Vortrag  als  Kabinettsminister  behielt  und  also  jetzt  die
mächtigste  Stellung  unter  seinen  Amtsgenossen  erlangte;  er  nannte  sich
jedoch  selbst  nur  bescheiden  Sr.  Majestät  ersten  Schreiber.  Noch  im  Juli
sollte  eine  kleine  Kommission  von  durchaus  ergebenen  Männern  zusammen—
treten,  um  den  Verfassungsplan  genau  nach  den  Weisungen  des  Monarchen
auszuarbeiten.  Der  Prinz  von  Preußen  war  zur  Seite  geschoben,  der
widersprechende  Minister  entlassen.  Nach  den  verlorenen  fünf  Jahren
hoffte  Friedrich  Wilhelm  nun  endlich  bald  die  Tage  der  Erfüllung  zu
erleben,  durch  seine  große  ständische  Monarchie  die  konstitutionellen  Miß—
bildungen  der  Zeit  zu  beschämen.  Sein  Schiffsvolk  schien  willig,  sein  Ziel
meinte  er  deutlich  zu  erkennen,  und  er  traute  sich's  zu,  daß  ihm  das
Steuer  nicht  aus  der  starken  Hand  glitte.

 

*)  Thile  an  Bodelschwingh,  11.  Juni  1845.
*7)  Thiles  Bericht  an  den  König,  8.  Juli  1845.

 

18*
        <pb n="284" />
        Vierter  Abschnitt.

 

Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Nichts  in  der  Geschichte  ist  so  geheimnisvoll  wie  das  religiöse  Leben
der  hochgebildeten  Völker,  welche  das  naive  Gesamtgefühl,  das  lebendige
Einverständnis  zwischen  den  Höhen  und  den  Tiefen  der  Gesellschaft  längst
verloren  haben.  Ihnen  geschieht  es  zuweilen,  daß  alle  Gottesfurcht,  alle
Andacht  aus  den  Kreisen  der  Verstandesbildung  zu  verschwinden  scheint,
bis  plötzlich  aus  den  Massen  des  Volkes  ungeahnte  Kräfte  freudigen
Glaubens  oder  dumpfen  Aberglaubens  emporsteigen;  aber  es  kommen
auch  Zeiten,  da  ein  im  Grunde  glaubenloses,  gleichgültiges  Geschlecht
lärmende  kirchliche  Kämpfe  führt,  denen  das  Gemüt  des  Volkes  fremd
bleibt.  Eine  solche  Zeit  ohne  Glaubenskraft  und  doch  voll  kirchlichen
Haders  erschien  jetzt  den  Deutschen.  Ein  volles  Drittel  der  neuen  lite—
rarischen  Erscheinungen  dieser  acht  Jahre  bestand  aus  kirchlichen  Streit—
schriften;  gleichwohl  war  die  große  Mehrheit  der  gebildeten  Klassen  von
Grund  aus  weltlich  gesinnt.  Von  dem  tiefen  Glaubensernst  der  Be—
freiungskriege  zeigten  sich  nur  noch  wenige  Spuren,  erst  die  erschüttern—
den  Erfahrungen  der  Revolutionsjahre  sollten  ihn  wieder  erwecken.  Die
Ultramontanen  allein  bildeten  eine  festgeschlossene  kirchliche  Partei;  und
sie  verfolgte  wesentlich  politische  Zwecke,  wie  sie  ja  auch  ihre  neue  Macht
dem  Kampfe  gegen  die  Krone  Preußen  verdankte.  Die  rein  lirchlichen
Reformgedanken,  mit  denen  sich  Nitzsch  und  so  manche  andere  Schüler
Schleiermachers  trugen,  fanden  unter  den  politisch  erregten  Zeitgenossen
sehr  wenig  Verständnis.  Auch  der  religiöse  Radikalismus,  der  in  beiden
Kirchen  mannigfache  unglückliche  Versuche  neuer  Sektenbildungen  wagte,
besaß  keinen  Boden  im  Volke,  das  nach  den  Streitigkeiten  der  Philosophen-=schulen
  nie  gefragt  hatte;  er  entsprang  selten  einer  starken  sittlichen  Überzeugung;
  öfter  ward  er  nur,  in  natürlichem  Rückschlage,  durch  den  wachsenden
  Übermut  der  Ultramontanen  oder  durch  die  strengkirchliche  Haltung
  der  preußischen  Regierung  hervorgerufen;  in  den  meisten  Jällen
aber  diente  er  der  politischen  Opposition  als  Deckmantel  für  ihre  welt-
        <pb n="285" />
        Der  Zustand  der  preußischen  Bistümer.  277

lichen  Pläne.  Noch  niemals  seit  dem  Niedergange  der  alten  Aufklärung
war  Deutschland  an  fruchtbaren  religiösen  Ideen  so  arm  gewesen  wie  in
diesem  Jahrzehnt  unablässigen  kirchlichen  Streites.

Tragisches  Schicksal,  daß  Friedrich  Wilhelm  in  solcher  Zeit  das  Ideal
seines  christlichen  Staates  zu  verwirklichen  unternahm.  Zuvörderst  wünschte
er  die  Versöhnung  mit  dem  Papste.  Schon  längst  hatte  er  sich  ein  holdes
Phantasiebild  von  der  römischen  Kirche  ersonnen,  das  die  landläufigen
Selbsttäuschungen  der  gläubigen  Protestanten  unseres  Nordostens  noch
weit  überbot.  Er  glaubte  fest,  seit  den  Westfälischen  Friedensschlüssen
würde  die  Parität  der  Bekenntnisse  in  Deutschland  von  allen  Seiten  ehrlich
  anerkannt,  und  vergaß  die  allbekannte  Tatsache,  daß  der  römische
Stuhl  jene  Friedensschlüsse  wieder  und  wieder  feierlich  verdammt  hatte.
Bei  dem  hohen  Stande  der  Volksbildung  hielt  er  eine  ernste  Störung
des  konfessionellen  Friedens  nicht  mehr  für  möglich,  obwohl  die  Kurie
soeben  erst,  bei  dem  Streite  über  die  gemischten  Ehen,  unzweideutig  bewiesen
  hatte,  daß  sie  die  evangelischen  Christen  nach  wie  vor  als  unreine
Ketzer  ansah.  Daß  die  römische  Klerisei  je  wieder  in  die  Verweltlichung
früherer  Zeiten  zurückfallen  könnte,  schien  ihm  undenkbar;  und  doch  weissagten
  die  französischen  Klerikalen  bereits  —  was  sich  auch  wörtlich  erfüllen
  sollte:  —  ihre  von  der  Revolution  ausgeplünderte  Kirche  würde  jetzt
in  einem  Jahrhundert  mehr  Reichtümer  gewinnen,  als  sie  vordem  in
sechzehnhundert  Jahren  erworben  hätte.  Auch  die  Mirakel,  die  Wallfahrten,
die  Ausstellung  der  Reliquien  betrachtete  der  König  nur  als  überlebte
Mißbräuche,  deren  sich  die  römische  Kirche  bald  ganz  entledigen  würde,
obgleich  sie  augenscheinlich  von  Jahr  zu  Jahr  mehr  überhandnahmen.  Vor
den  Bischöfen  endlich  hegte  er  eine  tiefe,  stille  Verehrung;  denn  das  ließ
er  sich  nicht  nehmen,  daß  dies  heilige  Amt  durch  die  mystische  Weihe  der
Handauflegung  in  gerader  Linie  von  den  Aposteln  selbst  herstammte.  Voll
arglosen  Vertrauens  trat  er  also  an  den  Bischofsstreit  heran  und  beschloß,
da  in  der  Tat  kein  anderer  Ausweg  mehr  blieb,  mit  dem  Vatikan
unmittelbar  zu  verhandeln.

Als  er  den  Thron  bestieg,  befand  sich  die  volle  Hälfte  der  preußischen
Bistümer  in  einem  unsicheren  Zustande,  der  nur  durch  das  Einverständnis
  der  weltlichen  und  der  geistlichen  Gewalt  gebessert  werden  konnte.
Droste-Vischering  und  Dunin  waren  noch  aus  ihren  Dihzesen  entfernt.
In  Trier  hatte  das  Kapitel  den  Domherrn  Arnoldi  zum  Bischof  gewählt,
der  alte  König  aber  die  unzweifelhaft  gesetzwidrige  Wahl  nicht  genehmigt.
In  Breslau  endlich  war  Fürstbischof  Sedlnitzky,  weil  er  die  Gesetze
des  Staates  befolgt  hatte,  vom  Papste  zur  Abdankung  aufgefordert  worden,
  und  es  stand  der  Krone  noch  frei,  den  treuen  Prälaten  gegen  eine
so  willkürliche  Zumutung  zu  beschützen.  Diese  Fülle  von  Streitpunkten
konnte  dem  Staate  zum  Vorteile  gereichen,  wenn  er  alle  seine  Karten
vorsichtig  in  der  Hand  behielt  und  sich  der  alten  Wahrheit  erinnerte,  daß
        <pb n="286" />
        278  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

man  mit  der  zähen  Hartnäckigkeit  des  römischen  Stuhles  immer  Zug  um
Zug  verhandeln  muß.  Friedrich  Wilhelm  aber  verschmähte  alles,  was
dem  Markten  und  Feilschen  glich.  Er  hielt  es  für  königlich,  alsbald  durch
eine  freie  Tat  seiner  Großmut  der  Kurie  zu  zeigen,  wie  wohl  er  es  mit
der  Kirche  meinte.  Noch  bevor  die  römischen  Verhandlungen  begannen,
gab  er  seinen  geliebten  Polen  ihren  Erzbischof  zurück,  und  wenige  Tage
später  genehmigte  er,  sehr  ungern  freilich,  auch  Sedlnitzkys  Abdankung.
Dergestalt  waren  zwei  der  vier  schwebenden  Fragen  schon  im  voraus  zu
Roms  Gunsten  entschieden.

Zum  Unterhändler  wurde  noch  im  Juni  1840  ein  Jugendfreund
des  Königs,  Oberstleutnant  Graf  Brühl  bestimmt,  ein  in  diplomatischen
Geschäften  noch  ganz  unerfahrener  Offizier  von  liebenswürdigen  Formen
und  vertrauenerweckendem  Gradsinn.  Brühl  war  überzeugter  Katholik,
doch  keineswegs  ultramontan  gesinnt;  mit  dem  milden  Bischof  Sedlnitzky
unterhielt  er  von  langeher  freundschaftlichen  Verkehr,  und  seine  eigenen
Töchter  ließ  er  in  dem  evangelischen  Bekenntnis  der  Mutter,  einer  Tochter
Gneisenaus  erziehen.  Noch  bei  Lebzeiten  des  alten  Königs  fragte  Sedlnitzkty
  in  Wittgensteins  Auftrage  bei  ihm  an,  ob  er  nicht  als  Adjutant
zu  dem  kranken  Prinzen  Heinrich  nach  Rom  gehen  wolle,  um  dort  unter
der  Hand  Verhandlungen  mit  dem  Vatikan  einzuleiten.  Damals  lehnte
Brühl  ab,  weil  er  den  harten  Territorialismus  der  preußischen  Kirchenpolitik
  ebenso  tief  verabscheute  wie  die  fanatischen  Allokutionen  der  Kurie:
„Altenstein  mit  den  Seinen  sowie  Lambruschini  mit  seiner  Clique  sind
einander  wert.““)  Jetzt  nahm  er  den  wiederholten  Auftrag  unbedenklich
an:  dem  Rufe  seines  königlichen  Freundes  wollte  er  sich  nicht  entziehen,
und  seit  dem  Thronwechsel  erschien  die  Unterhandlung  auch  nicht  mehr
aussichtslos.  Er  sollte  sich  in  Rom  zunächst  aller  bestimmten  Anerbietungen
  enthalten,  aber  der  Kurie  feierlich  versichern,  daß  der  König  der
römischen  Kirche  in  Preußen  alle  nur  mögliche  Freiheit  gewähren  wolle,
und  schließlich  „als  einen  ersten  Beweis  guten  Willens“  verlangen:  der
Papst  möge  den  Erzbischof  von  Köln  —  vielleicht  als  Kardinal  —  aus
Deutschland  abberufen,  um  alsdann  mit  der  Krone  gemeinsam  die  Verwaltung
  des  verwaisten  Erzbistums  endgültig  zu  ordnen?*);  bliebe  der
römische  Stuhl  ganz  unversöhnlich,  dann  müßte  sich  Preußen  mit  England
und  anderen  protestantischen  Mächten  über  eine  gemeinsame  Kirchenpolitik
verständigen.  Diese  Drohung  bedeutete  freilich  gar  nichts;  denn  jedermann
  wußte,  daß  der  Londoner  Hof  nie  einen  Finger  regte,  wenn  er  sich
nicht  in  seinen  eigenen  Interessen  bedroht  glaubte,  und  in  der  Tat  gab
Palmerston,  auf  eine  Anfrage  des  preußischen  Gesandten,  nur  eine  freundliche,
  aber  völlig  nichtssagende  Antwort.“)

*)  Sedlnitzky  an  Brühl,  20.  21.  Febr.  1840,  nebstBrühls  Bemerkungen.

**)  Werthers  Weisungen  an  Brühl,  10.  22.  Juli,  an,  Buch,  22.  Juli  1840.
*')  Bülows  Bericht,  London,  16.  Aug.,  Werthers  Bericht  an  den  König,  26.  Aug.  1840.
        <pb n="287" />
        Erste  Sendung  des  Grafen  Brühl.  279

Nach  der  Rückkehr  Dunins  erwartete  alle  Welt  auch  die  Wieder—
einsetzung  Droste-Vischerings,  niemand  zuversichtlicher  als  der  greise  Erzbischof
  selbst.  Der  beteuerte,  als  ihm  Minister  Rochow  einen  abschlägigen
Bescheid  gab,  in  seinem  fürchterlichen  Deutsch  kurzab:  dies  nimmt  mir
meine  Hoffnung  nicht,  „da  sie  auf  die  erhabene  Gesinnung  Sr.  Majestät
ruht“;  er  schaffte  sich  schon  Wagen  und  Pferde  an,  um  triumphierend  in
seiner  Metropole  einzuziehen.)  Seine  Anhänger  am  Rhein  überschütteten
  den  Monarchen  mit  rührsamen  Bittschriften,  und  nicht  alle  waren
so  tapfer  wie  die  Erzeugerin  des  berühmten  Kölnischen  Wassers,  die  Klosterfrau
  Martin,  die  sich  unbedenklich  auf  ihren  Guttäter,  den  seligen  König
berief:  manche  versicherten  treuherzig,  sie  würden  „aus  Furcht  vor  den
Gegnern“  ihre  Unterschrift  erst  später  beifügen.)  Friedrich  Wilhelm
aber  beurteilte  auch  diese  politische  Machtfrage  gemütlich,  nicht  als
Staatsmann,  sondern  als  guter  Sohn.  Dunin  war  durch  gerichtlichen
Spruch  verurteilt  und  konnte  also  ohne  weiteres  begnadigt  werden.
Droste  hingegen  hatte  den  ganzen  Streit  begonnen  und  dann  ohne  Urteil
und  Recht,  auf  unmittelbaren  Befehl  des  verstorbenen  Monarchen  sein
Bistum  verlassen  müssen.  Diesen  Befehl  des  Vaters  zurückzunehmen,
erschien  dem  neuen  Könige  wie  eine  Verletzung  der  kindlichen  Pietät,  und
da  auch  seine  Minister  allesamt  den  Polen  unverdientermaßen  milder
beurteilten  als  den  Westfalen,  so  mußte  Brühl  von  vornherein  erklären:
nun  und  nimmermehr  dürfte  Droste  zurückkehren,  nur  unter  dieser  Bedingung
  sei  Dunin  begnadigt  worden.  Zum  Glück  stimmte  Friedrich
Wilhelms  Gemütspolitik  nahezu  überein  mit  den  nüchternen  Berechnungen
des  Vatikans.  Klüger  als  die  preußische  Regierung  hatten  die  Kardinäle
in  dem  Kölnischen  Fanatiker  von  vornherein  einen  unbequemen  deutschen
Trotzkopf  gesehen;  nun  war  er  durch  sein  Martyrium  der  Kirche  nützlich
geworden,  und  nur  als  Märtyrer  vermochte  er  ihr  auch  fernerhin  zu  nützen.
Gebrauchen  konnte  man  ihn  sonst  nicht  mehr,  denn  in  den  drei  Jahren
seines  Exils  hatten  sich  die  Grobheit  und  der  zänkische  Eigensinn  des
kränkelnden  Prälaten  bis  zum  Unerträglichen  gesteigert.  Daher  war
man  im  stillen  schon  längst  entschlossen,  beim  Friedensschlusse  den  getreuen
Westfalen  als  Sündenbock  mit  vatikanischer  Gemütsruhe  abzuschlachten.
Vorher  aber  mußte  die  Staatsgewalt  noch  einmal  gründlich  gedemütigt
werden.

Als  Graf  Brühl  am  20.  August  die  Unterhandlungen  begann,  da
empfing  ihn  der  Kardinal-Staatssekretär  nicht  feindselig,  aber  mit  dem
Hochmute  des  Siegers.  Lambruschini  donnerte  in  ungestümen  Zornreden,
die  dem  Preußen  zuweilen  theatralisch  klangen,  wider  das  staatstreue
Kölnische  Domkapitel,  wider  die  Hermesianer,  am  heftigsten  wider  Bunsen;

*)  Rochow  an  Lottum,  6.  Aug.;  Droste-Vischering  an  Vincke,  14.  Aug.  1840.

*7)  Eingaben  an  den  König  von  Düsseldorfer  Bürgern,  30.  Jan.;  von  der  Klosterfrau
  Martin,  17.  Nov.  1841  usw.
        <pb n="288" />
        280  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

und  allerdings  mußte  Brühl  selbst  nach  Einsicht  der  Akten  eingestehen:
„der  Mann  war  nicht  wahr.“  Der  mildere  Kardinal  Capaccini  gab  im
Vertrauen  zu,  daß  Droste  für  die  Verwaltung  des  Erzbistums  völlig
ungeeignet  sei;  doch  auch  er  meinte:  zuerst  müsse  der  Vertriebene  feierlich.
wieder  eingesetzt  werden,  späterhin  könne  er  dann  vielleicht  altershalber
abdanken  und  den  Kardinalshut  erhalten.  Um  Vorwände  waren  die
Monsignoren  nicht  verlegen.  Bald  sagten  sie:  das  Domkapitel  müsse  für
die  Preisgebung  seines  Oberhirten  gezüchtigt  werden;  bald  wieder:  die
katholische  Presse  verlange  diese  Sühne;  oder  auch:  der  heilige  Stuhl
schulde  eine  Genugtuung  dem  schwer  beleidigten  Episkopate,  der  aller—
dings  überall,  selbst  in  Amerika,  den  preußischen  Kirchenstreit  wachsam
verfolgte  und  dem  Märtyrer  zu  Münster  zahlreiche  Trostbriefe  sendete.
Die  Absicht  war  klar:  der  ketzerische  König  sollte  sich  in  den  Staub  werfen
vor  dem  ungehorsamen  Bischof  —  ganz  wie  es  dieser  selbst  vor  zwei  Jahren
verlangt  hatte.“)  Erfolglos  blieb  auch  eine  Fahrt  nach  dem  schattigen
Bergschlosse  von  Castel  Gandolfo,  wo  der  Papst  seine  Sommerfrische  hielt.
Gregor  lebte  ganz  in  seinem  mönchischen  Gedankenkreise;  er  verstand  von
Politik  sogar  noch  weniger  als  Lambruschini,  las  nur  eine  Zeitung,  den
streng  klerikalen  Univers  und  glaubte  alles,  was  darin  stand.  Er  be—
handelte  den  Abgesandten  mit  väterlichem  Wohlwollen  und  sprach  dankbar
von  der  edlen  Gesinnung  des  Königs;  doch  immer  wieder  brach  der  alte
Mönchshaß  gegen  das  ungläubige  Deutschland  durch;  immer  wieder  hieß
es:  der  Papst  kann  das  nicht!  Von  „dem  Papste“  redete  Gregor  stets
wie  von  einem  höheren  Wesen,  das  mit  seiner  eigenen  Person  nichts  ge—
mein  hätte;  und  wenn  deutsche  Protestanten  oder  orthodoxe  Russen  ihm
versicherten,  es  gäbe  nur  ein  Rom,  dann  pflegte  er  zu  antworten:  „Nun
liebe  Kinder,  kommt  herein;  warum  bleibt  ihr  draußen?“  —  Nach  drei
peinlichen  Wochen  reiste  Brühl  heim,  ohne  jedes  Ergebnis,  aber  mit  der
festen  überzeugung,  daß  man  im  Vatikan  selbst  wünsche,  den  westfälischen
Störenfried  auf  gute  Art  zu  beseitigen.**)

Seine  Ahnung  trog  ihn  nicht.  Bald  nach  ihm  kehrte  auch  Wilhelm
Schadow  von  einer  Romfahrt  zurück,  der  berühmte  Direktor  der  Düssel—
dorfer  Kunstakademie,  der  längst  zur  katholischen  Kirche  übergetreten
war  und,  nach  der  Weise  der  Konvertiten,  die  allerstrengste  klerikale  Ge—
sinnung  betätigte.  Schadow  hatte  in  Rom  mit  Capaccini  gesprochen  und
erbot  sich  jetzt,  nach  den  Weisungen  des  Kardinals  vertraulich  mit  Droste
zu  verhandeln,  falls  der  König  es  gestatte.  Friedrich  Wilhelm  genehmigte
den  sonderbaren  Antrag,  der  ihm  durch  General  Gröben  gemeldet  wurde,
und  fügte  seinerseits  die  bestimmte  Weisung  hinzu:  Droste  dürfe  nicht  nach
Köln  zurückkehren,  sondern  müsse  sich's  gefallen  lassen,  daß  der  Papst

 

*)  S.  o.  IV.  706.
**)  Brühls  Berichte,  Rom,  20.  Aug.  bis  5.  Sept.  1840.
        <pb n="289" />
        Verhandlungen  mit  Droste.  281

ihm  für  seine  Lebenszeit  einen  Koadjutor  ernenne.*)  Begleitet  von  dem
Grafen  Fürstenberg-Stammheim,  einem  der  Wortführer  des  ultramon—
tanen  rheinischen  Adels,  reiste  Schadow  um  Weihnachten  nach  Münster,
und  der  Erfolg  war,  wie  ihn  jeder  Menschenkenner  vorauswissen  mußte.
Aus  Ehrfurcht  vor  dem  großen  Märtyrer  wagten  die  beiden  klerikalen
Abgesandten  nicht  einmal  die  Aufträge  des  Königs  auszurichten;  sie
nahmen  nur  demütig  die  Willensmeinung  des  Erbosten  entgegen  und
berichteten  dann  harmlos:  Droste  verlange  unbedingt  seine  Wiederein—
setzung,  späterhin  denke  er  sich  bei  Gelegenheit  aus  Köln  zurückzuziehen.
Mit  der  ganzen  politischen  Unschuld  des  Künstlers  fügte  Schadow  hinzu:
sehr  wünschenswert  erscheine  auch  die  Beglaubigung  eines  Nuntius  beim
Bundestage;  der  könne  unter  OÖsterreichs  Schutz  die  deutsche  Kirche  leiten,
Preußen  brauche  dann  nur  noch  einen  Geschäftsträger  für  die  laufenden
Angelegenheiten  in  Rom  zu  unterhalten;  so  würde  freilich  „eine  Art
Staat  im  Staate“  entstehen,  aber  da  doch  alles  Heil  von  der  katholischen
Kirche  ausgehen  müsse,  so  komme  der  Segen  auch  den  Akatholiken  zu  Gute!
Diese  „saubere  Bescherung“  erschien  selbst  dem  gütigen  Monarchen  un—
heimlich  und  er  schrieb  traurig:  „Der  Geist,  der  das  Ganze  durchweht,
stimmt  mich  mutlos,  nicht  weil  ich  sehe,  was  ich  lange  weiß,  daß  die
beiden  Herolde  verstockte  Papisten  sind,  sondern  weil  die  ganze  Einleitung
mir  nun  klar  ist  und  von  Capaccini  (dem  sanftesten,  nachgiebigsten  der
päpstlichen  Umgebung)  wahrscheinlich  noch  so  viel  als  möglich  gemildert
worden  ist.“*)

Unterdessen  begann  der  Vatikan  doch  zu  fühlen,  daß  er  mit  einer
mächtigen  Krone  so  nicht  spielen  durfte.  Im  Februar  1841  erschien  mit
Aufträgen  des  Papstes  ein  neuer  Unterhändler  bei  Droste:  der  Bischof
von  Eichstädt,  Graf  Reisach.  Auch  dieser  Name  versprach  nichts  Gutes.
Reisach  war  der  weltkluge  Führer  der  jesuitischen  Partei  in  Bayern
und  machte  dem  Rufe  zweideutiger  Verschlagenheit,  der  noch  von  den
napoleonischen  Tagen  her  an  seinem  Hause  haftete,  alle  Ehre.  Unter
ihm  war  das  liebliche  Städtchen  im  stillen  Felsentale  der  Altmühl
zu  einem  kleinen  bayrischen  Rom  geworden;  drunten  im  alten  Dome
lag  das  Grab  des  heiligen  Willibald,  droben  in  der  Bergkirche  sickerte
aus  dem  Felsen  das  wundertätige  Ol  der  heiligen  Walpurgis;  hier  gab
es  Mirakel,  soviel  das  Herz  begehrte,  und  wieder  wie  einst  in  den  Tagen
des  bayrischen  Konkordats  versammelte  sich  in  dem  stattlichen  Residenzschlosse
  des  Bischofs  ein  Eichstädter  Bund  von  handfesten  Ultramontanen.““")
In  den  Münchener  Priesterkreisen  erzählte  man  sich  überall,  wohl  mit

*)  Gröbens  Bericht  an  den  König,  28.  Okt.;  Thiles  Aufzeichnung  über  die  Befehle
  des  Königs,  5.  Nov.  1840.
**)  Berichte  von  Fürstenberg  und  Schadow,  2.  Jan.,  von  Gröben,  3.  Jan.;  König
Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  8.  Jan.  1841.
***)  S.  o.  II.  346.
        <pb n="290" />
        282  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

gutem  Grunde:  daß  Reisach  vor  fünf  Jahren,  in  vertraulicher  Zwiesprache
bei  der  Tabakspfeife,  den  Kölnischen  Erzbischof  zum  Kampfe  gegen  die
Krone  zuerst  ermuntert  hatte;  und  dieser  Prälat  sollte  jetzt  vermitteln!
Der  Bayer  benutzte  seinen  Aufenthalt  in  Münster  nebenbei,  um  den  jungen,
aus  dem  preußischen  Staatsdienste  ausgetretenen  Wilhelm  v.  Ketteler  für
den  Priesterstand  anzuwerben.  Bei  Droste  aber  richtete  er  nichts  aus.
Von  einem  Verzichte  wollte  der  störrische  Greis  nichts  hören;  weder  der
Kardinalspurpur  noch  das  Leben  in  Rom  hatte  für  ihn  einen  Reiz.  Den
Uneingeweihten  blieb  es  immer  dunkel,  ob  Reisach  eigenmächtig  die  Verhandlungen
  erschwert  hatte  oder  ob  er  von  Rom  her  angewiesen  war,  die
Dinge  noch  in  der  Schwebe  zu  halten.

Immerhin  schienen  diese  geheimen  Umtriebe  anzudeuten,  daß  der
römische  Stuhl  doch  nicht  ganz  unnachgiebig  bleiben  wollte.  Darum  wurde
Graf  Brühl  im  Dezember  1840  zum  zweiten  Male  nach  Rom  gesendet.
Diesmal  kam  er  mit  vollen  Händen:  er  konnte  dem  Vatikan  die  frohe
Botschaft  verkünden:  daß  der  König  sich  von  freien  Stücken  entschlossen
habe,  den  Verkehr  der  Bischöfe  mit  dem  Papste  frei  zu  geben,  das  königliche
Recht  des  Plazet  einzuschränken  und  im  Kultusministerium  eine  eigene
katholische  Abteilung  zu  bilden.  Da  die  Staatsgewalt  am  Rheine  wie
in  Posen  schon  nachgegeben  hatte  und  ein  zweifaches  Staatskirchenrecht
in  Preußen  unmöglich  war,  so  sollten  fortan  in  der  ganzen  Monarchie
die  gemischten  Ehen  nach  dem  berüchtigten  päpstlichen  Breve  und  nach
dem  Ermessen  der  Bischöfe  behandelt  werden.)  Friedrich  Wilhelm  war
sogar  bereit,  das  freiere  Wahlrecht,  das  den  Domkapiteln  des  Westens
nach  der  Zirkumskriptionsbulle  zustand,  auch  den  Bistümern  des  Ostens
zu  gewähren,  obgleich  die  Krone  hier  bisher  die  Bischöfe  tatsächlich  allein
ernannt  hatte.  Ganz  von  selbst  verstand  sich  endlich  nach  den  früheren
Erklärungen,  daß  der  Staat  die  Hermesianer  nicht  begünstigen  wollte.
In  allem  und  jedem  also  war  der  König  den  Wünschen  des  Vatikans
nicht  entgegen-,  sondern  zuvorgekommen.  Und  für  diese  Fülle  freiwilliger
Gewährungen  verlangte  man  ein  einziges  Zugeständnis.  „Fest  muß  nur
das  eine  bleiben:  —  so  schrieb  Eichhorn  —  keine  Rückkehr  des  Erzbischofs
nach  Köln,  wenn  auch  nur  auf  eine  Minute,  um  ins  Tor  von  Köln  zu
sehen  17!#)  Brühls  erste  Reise  war  der  Welt  anfangs  verborgen  geblieben.
Jetzt  aber  hatte  sich  das  Gerücht  überall  verbreitet,  und  alsbald  erbot  sich
der  befreundete  Turiner  Hof  zur  Vermittlung;  er  wußte  jedoch  —  gemäß
den  klerikalen  Grundsätzen  König  Karl  Alberts  —  nur  vorzuschlagen,  daß
Droste  auf  kurze  Zeit  zurückkehren  und  dann  sein  Amt  niederlegen  solle.
Die  Vermittlung  wurde  mit  Dank  abgelehnt.  ““)  Friedrich  Wilhelm  war

*)  Ladenberg,  Promemoria  über  die  gemischten  Ehen,  1.  Sept.  1840.
**“)  Eichhorn  an  Thile,  12.  Jan.  1841.
*“  )  Truchseß-Waldburg,  Bericht  aus  Turin,  12.  Okt.;  Werthers  Bericht  an  den
König,  25.  Okt.  1840.
        <pb n="291" />
        Brühls  zweite  Sendung.  283

entschlossen,  dies  Unternehmen,  das  er  allein  begonnen,  auch  allein  zu
vollenden.

Aber  auch  die  Gegner  rüsteten  sich.  Bischof  Laurens  und  die  Jesuiten
boten  alles  auf,  um  die  Versöhnung  zu  hintertreiben;  aus  Wien  kam
Jarcke,  aus  München  Guido  Görres  herbei.5)  Sehr  rührig  arbeitete
auch  Frau  v.  Kimsky  gegen  Preußen,  jene  Somnambüle,  welche  einst  den
greisen  Hardenberg  mit  ihren  Gauklerkünsten  betört  und  nachher,  übersättigt
  von  den  Freuden  dieser  Welt,  sich  in  den  Schoß  der  römischen
Kirche  geflüchtet  hatte.  Papst  Gregor  hielt  dieses  Weib  alles  Ernstes  für
eine  fromme  Heilige;  freilich  hatte  der  alte  Kamaldulensermönch  wohl
nur  wenig  Gelegenheit  gehabt,  ehrbare  Frauen  kennen  zu  lernen.  So
tummelten  sich  denn  wieder  zahllose  Ränke  in  dem  berühmten  „Lügenstübchen“
  des  Vatikans,  das  die  freien  Geister  des  Cinquecento  schon  verspottet
  hatten;  der  Papst  zauderte  und  schwankte,  und  der  milde  Capaccini
sagte  oft  verzweifelnd  zu  Brühl:  wer  mag  ihn  jetzt  wieder  aufgestiftet
haben?  Was  der  österreichische  Gesandte  Graf  Lützow  insgeheim  trieb,  ließ
sich  nicht  erkennen;  doch  schwerlich  wirkte  der  bigotte  Konvertit  zu  Preußens
Gunsten.  Aus  der  Ferne  arbeitete  auch  des  Königs  Stieftante,  Herzogin
Julia  von  Köthen  mitsamt  ihrer  Jesuitenschar  gegen  ihren  Neffen.
Unterdessen  erhoben  auch  die  Provinzialstände  von  Rheinland  und  Westfalen
  ihre  Stimme,  sicherlich  nicht  ohne  die  geheime  Mitwirkung  der
Freunde  in  Rom.  In  beiden  Landtagen  kam  der  Antrag  auf  Drostes
Wiedereinsetzung  zwar  schließlich  zu  Falle;  in  Münster  erklärten  sich  nur
die  sämtlichen  Ritter  und  ein  Bauer  dafür,  alle  Fürsten  und  Herren,
alle  Vertreter  der  Städte  und  der  Landgemeinden,  mit  Ausnahme  jenes
einen,  stimmten  dagegen.  Aber  wie  frech  erklang  schon  die  Sprache  der
erstarkten  ultramontanen  Partei.  Graf  Westphalen  sagte  im  Münsterschen
Landtage:  „meine  Mitstände  beschwöre  ich  es  auch  nicht  einmal  stillschweigend
gutheißen  zu  wollen,  als  bedürfe  es  nur  einer  seidenen  Schnur  zur  moralischen
  Selbsttötung  eines  dem  Gouvernement  mißfälligen  Bürgers;“  und
als  seine  königstreuen  Landsleute  sich  wider  diesen  jakobinischen  Ton
verwahrten,  da  versicherte  er  dreist,  mit  der  seidenen  Schnur  hätte  er
den  verstorbenen  König  nicht  beleidigen  wollen.  Bald  nachher  verließ
er  den  preußischen  Staat,  da  es  ihm  nicht  gelang,  sich  vor  der  Krone  zu
rechtfertigen.

Unter  so  bedenklichen  Anzeichen  begann  Graf  Brühl  seine  zweite
Verhandlung,  die  sich  durch  fünftehalb  Monate,  bis  in  den  Mai  1841
hinzog.  Indes  hatten  ihm  die  großen  freiwilligen  Gewährungen  des
Königs  seinen  Weg  doch  etwas  geebnet.  Die  Kardinäle  selbst  gestanden
jetzt,  der  starrköpfige  alte  Erzbischof,  dem  seine  eigene  bigotte  Familie
kaum  mehr  zu  nahen  wagte,  könne  in  Köln  nur  Unheil  stiften.  Da  fragte

 

*)  Major  v.  Moliere,  Adjutant  des  Prinzen  Heinrich,  an  Brühl,  18.  Mai  1841.
        <pb n="292" />
        284  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Brühl,  ob  nicht  der  Papst  selbst,  im  Einverständnis  mit  der  Krone,  sofort
  einen  zur  Nachfolge  berechtigten  Koadjutor  ernennen  wolle  —  ein
Ausweg,  der  dem  Könige  schon  gleich  nach  seiner  Thronbesteigung  durch
den  staatstreuen  Bonner  Klerikalen  Ferdinand  Walter  empfohlen  worden
war.  Gregor  ging  darauf  ein:  so  wurde  ja  das  verhaßte  Kölner  Domkapitel
  ganz  zur  Seite  geschoben.  Nunmehr  begann  man  nach  vatikanischem
  Brauche  einander  wechselseitig  zu  betasten  und  auszuforschen
wegen  eines  möglichen  Kandidaten.  Nach  mannigfachen  Winkelzügen
nannte  Lambruschini  den  Jesuitenhäuptling  Reisach,  sodann  den  vertrauten
Freund  der  Familie  Droste,  Professor  Kellermann  in  Münster,  endlich
den  jungen  Münchener  Domherrn  Windischmann,  den  Sohn  des  Bonner
Arztes,  einen  tüchtigen  Orientalisten,  der,  mehr  Gelehrter  als  Geistlicher,
doch  zu  der  strengen  Jesuitenpartei  gehörte  und  in  Görres'  gelben  Blättern
seine  Feder  tummelte.  Alle  drei  erklärte  Brühl  für  unmöglich;  sein  König
wünschte  den  edlen,  hochgebildeten  Domkapitular  Diepenbrock  in  Regensburg;
  den  aber  wies  die  Kurie  zurück.  Über  die  Personenfrage  hätte
man  sich  doch  einigen  können,  da  beide  Teile  noch  einen  allerletzten
Kandidaten  in  Bereitschaft  hielten.  Ganz  unlösbar  aber  erschien  wieder
die  Frage,  ob  Droste  zurückkehren  dürfe.  Niemals!  erklärte  Brühl;  nur
auf  wenige  Tage!  sagten  die  Monsignoren,  obwohl  sie  selbst  zugestanden,
daß  eine  solche  Rückkehr  die  Rheinländer  aufregen,  die  Protestanten  der
alten  Provinzen  erbittern  mußte.  Dazwischen  hinein  kamen  Adressen
von  den  Getreuen  am  Rhein,  die  den  heiligen  Vater  um  Rückkehr  ihres
Oberhirten  anflehten.  Auch  Droste  selber  schrieb  —  „in  seiner  eigentümlichen
  unhöflichen  Weise“,  wie  Capaccini  sagte:  —  an  dem  Purpur  des
Kardinals  lag  ihm  nichts,  nur  Genugtuung  wollte  er  haben;  denn  es
stehe  schlecht  um  die  Kirche,  wenn  der  Papst  solche  Unbill  den  Bischöfen
widerfahren  lasse.

Brühl  hielt  sich  tapfer  und  erfuhr  aus  endlosen  Zerrungen  und
Zettelungen,  wie  richtig  die  Römer  das  Wesen  der  Theokratie  beurteilten,
wenn  sie  kurzab  zu  sagen  pflegten:  mit  Priestern  kann  man  nicht  verhandeln!
  Langsam,  langsam  zurückweichend  gelangte  die  Kurie  nach  Monaten
  endlich  zu  dem  Gegenvorschlage:  Droste  solle  nur  auf  vierundzwanzig
Stunden  nach  Köln  kommen  und  nicht  einmal  um  den  Koadjutor  einzusetzen,
sondern  lediglich  um  als  envoyé  du  pape  dem  ernannten  Koadjutor  nachträglich
  die  Bischofsweihe  zu  erteilen.  Dabei  wollte  man  unwiderruflich
bleiben.  Dieser  letzte  Vorschlag  bewies  deutlich,  daß  es  sich  gar  nicht
mehr  um  die  Wahrung  kirchlicher  Rechte  handelte,  sondern  um  eine  mutwillige
  Verhöhnung  der  Krone  Preußen.  Niemand  wußte  dies  besser
als  der  gelehrte  Kanonist  Gregor;  der  aber  stellte  sich  so  verzweifelt  an
und  sprach  sein  ewiges  „der  Papst  kann  nicht“  in  so  herzbrechendem  Tone,
daß  der  ehrliche  Preuße  sich  endlich  ganz  zerknirscht  fühlte.  Der  geistliche
Despot,  dessen  nichtswürdige  Regierung  von  allen  seinen  Untertanen
        <pb n="293" />
        Nachgiebigkeit  der  Krone.  285

verflucht  wurde,  blieb  in  den  Augen  des  gläubigen  deutschen  Katholiken
doch  immer  der  heilige  Vater.  Seinen  Weisungen  gemäß  erklärte  Brühl
bis  zuletzt:  nun  und  nimmermehr  dürfe  der  Erzbischof  amtlich  zurückkehren.
An  Thile  aber  schrieb  er  traurig:  ich  bin  kein  Diplomat,  „ich  kann  mit  dem
Papste  nicht  feilschen“,  ich  vermag  „den  edlen  Greis“  nicht  mehr  zu  be—
drängen,  da  mein  Gewissen  ihm  recht  gibt.“)  So  reiste  er  zum  zweiten
Male  heim,  wieder  ohne  Ergebnis.

Der  König,  der  schon  während  der  Verhandlungen  mehrmals  ge—
schwankt  hatte,  fühlte  sich  schmerzlich  überrascht;  er  meinte:  die  Vorschläge
des  römischen  Stuhls  „erfordern  eine  sehr  reife  Prüfung,  zumal  der
Konsequenzenmeines  Neins.“  Nun  kam  auch  noch  ein  Brief  von
seinem  Oheim,  dem  Prinzen  Heinrich,  der  sich  seit  langen  Jahren  tief  in  die
römische  Welt  eingelebt  hatte  und  bei  vielen,  wohl  mit  Unrecht,  für  einen  geheimen
  Katholiken  galt.  Der  kranke  Prinz  schrieb  in  seiner  munteren,  geistreichen
  Weise:  das  sei  doch  das  einfachste  von  der  Welt,  wenn  Droste  für
einen  Tag  nach  Köln  käme  und  sich  dann  sogleich  fortscheren  müßte.  5)  Nach
qualvoller  Überlegung  entschloß  sich  der  König,  auch  der  letzten  Zumutung
des  Vatikans  zu  willfahren.  Er  wollte  wirklich  erlauben,  daß  die  rheinischen
Ultramontanen  auf  dem  Grabe  seines  edlen  Vaters  einen  Tag  hindurch
ihre  Triumphtänze  abhielten.  Droste  sollte  zur  Bischofsweihe  zurückkehren,
und  Brühl  erhielt  Befehl,  mit  neuen  Weisungen  versehen,  zum  dritten
Male  nach  Rom  zu  gehen.?)

Und  noch  eine  neue  Anmaßung  des  Papstes  ließ  der  Monarch  sich  bieten.
Eben  jetzt,  zu  Ende  Aprils,  war  der  wackere  Kölnische  Generalvikar  Hüsgen
gestorben,  der  in  diesen  schweren  Übergangsjahren  die  provisorische  Verwaltung
  des  Erzbistums  zur  vollen  Zufriedenheit  des  alten  wie  des
neuen  Königs  geführt  hatte.  Das  Domkapitel  fragte  zunächst  beim  Oberpräsidenten
  an,  ob  Droste  wieder  eintreten  oder  bei  der  Wiederbesetzung
des  Generalvikariats  mitwirken  dürfe.  Auf  die  verneinende  Antwort  wurde
die  Neuwahl  vollzogen,  ganz  in  der  nämlichen  Weise  wie  1837  nach
Drostes  Wegführung,  und  der  neue  Generalvikar  Kanonikus  Müller,  ein
würdiger,  friedfertiger  geistlicher  Herr  gleich  seinem  Vorgänger,  erhielt  von
Seiten  des  Oberpräsidenten  die  Bestätigung.  Der  Papst  aber  sah  in
diesem  Verfahren  frevelhaften  Ungehorsam,  denn  nicht  einmal  für  die
kurze  Zeit  bis  zur  nahen  Ausgleichung  wollte  er  dem  vermaledeiten  Domkapitel
  die  provisorische  Verwaltung,  die  er  doch  bisher  geduldet  hatte,
erlauben.  Er  erklärte  die  Wahl  für  nichtig  und  ernannte  seinerseits
den  Kanonikus  Iven,  den  einzigen  Ultramontanen  im  Domkapitel,  der
sich  allein  der  Wahl  enthalten  hatte  und  dafür  auch  das  besondere  Lob

*)  Brühls  Berichte,  26.  Dez.  1840  bis  1.  Mai  1841.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  13.  Mai;  Prinz  Heinrich  an  den  König,
24.  April  1841.
7###)  Thile  an  Brühl,  21.  Mai,  22.  Juni  1841.
        <pb n="294" />
        286  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

des  heiligen  Vaters  empfing.)  Währenddem  erschien  in  dem  Heerlager
der  Ultramontanen  zu  Würzburg  eine  von  Hermann  Müller  verfaßte  anonyme
  Schrift:  Die  Kölnische  Kirche  im  Mai  1841  —  ein  wütendes  Libell,
das  in  Preußen  wegen  seiner  frechen  Schmähungen  sofort  verboten  und
gleichwohl  auf  Schleichwegen  dem  Könige  in  die  Hände  gespielt  wurde.
Der  päpstliche  Machtbefehl  war  offenbar  gesetzwidrig,  da  Gregor  nicht
einmal  für  nötig  gehalten  hatte,  den  so  grenzenlos  nachgiebigen  Monarchen
vorher  zu  benachrichtigen.  Der  König  versagte  also  dem  Domherrn  Iven
die  Anerkennung;  aber  eingeschüchtert  durch  die  Drohungen  der  Klerikalen
  ließ  er  zugleich  durch  Brühl  in  Rom  vertraulich  aussprechen:  unter
Vorbehalt  seiner  landesherrlichen  Rechte  wolle  er  Ivens  Amtsführung
stillschweigend  dulden!  So  wankte  er  von  einem  schwächlichen  Zugeständnis
  zum  andern.)

Inzwischen  hatte  schon  ein  neuer  Vermittler  in  die  Unterhandlungen
eingegriffen:  König  Ludwig  von  Bayern.  Der  Wittelsbacher  wünschte  jetzt
aufrichtig  die  Aussöhnung,  weil  er  den  Berliner  Schwager  auf  seine
Weise  liebte  und  bei  der  noch  immer  drohenden  Kriegsgefahr  jede  Schwächung
  Preußens  für  bedenklich  hielt,  vornehmlich  aber,  weil  er  durch  seine
eigene  Politik  die  bayrischen  Liberalen  und  Protestanten  tief  verstimmt  hatte
und  durch  das  Friedenswerk  ihren  Groll  zu  beschwichtigen  hoffte;  nur
sollten  auch  sein  getreuer  Minister  Abel  und  die  Ultramontanen  an  der
Ausgleichung  ihre  Freude  haben.  Er  empfahl  seinem  Schwager  den  Bischof
Geissel  von  Speier,  den  er  unter  seinen  Landesbischöfen  besonders  hoch
schätzte,  zum  Koadjutor  für  das  Erzbistum  und  sagte:  einen  stärkeren
Beweis  seiner  Freundschaft  könnte  er  ihm  unmöglich  geben,  als  indem
er  ihm  einen  solchen  Mann  abträte.  Den  nämlichen  Vorschlag  hatte  er,
allem  Anschein  nach,  schon  vorher  in  Rom  vertraulich  aussprechen  lassen;
denn  Geissel  war  jener  letzte  Kandidat,  den  sich  die  Kurie  im  stillen  vorbehielt,
  schon  im  März  deutete  Capaccini,  in  einem  Gespräche  mit  Brühl,
vorsichtig  auf  diesen  Namen  hin.  König  Friedrich  Wilhelm  ging  auf  den
Rat  ein?*),  und  als  Graf  Brühl  im  Juli  zum  dritten  Male  nach  Rom
reiste,  nahm  er  den  Weg  über  München,  um  dort  das  Nähere  zu  besprechen.
  Darauf  forderte  König  Ludwig  den  Bischof  Geissel  in  einem
schmeichelhaften  Briefe  auf,  sich  zur  Annahme  der  Koadjutor-Stelle  bereit
zu  erklären.  Abel  unterstützte  die  Bitten  des  Monarchen  und  sagte  mit
seiner  gewohnten  fanatischen  Plumpheit  rund  heraus,  was  die  Jesuiten
von  dem  künftigen  Kölnischen  Oberhirten  erwarteten.  „Sie  sollen“,  so
schrieb  er,  „indem  Sie  die  katholische  Kirche  Preußens  wieder  in  ihr  gutes
Recht  einsetzen,  durch  die  von  da  ausgehende,  unabwendbare  Rückwirkung

*)  Lambruschini  an  Brühl,  21.  Mai;  Breve  des  Papstes  an  Iven,  21.  Mai  1841.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  2.  Juni;  Kabinettsordre  an  Eichhorn,  7.  Juli;
Brühls  Bericht,  21.  Juli  1841.
**“)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thiele,  2.  Juni  1841.
        <pb n="295" />
        Dritte  Sendung  Brühls.  287

auf  die  übrigen  protestantischen  Staaten  in  Deutschland  auch  dort  jenen
revolutionären  Grundsätzen  ein  Ende  machen,  die  aus  der  hehren  Himmels—
tochter  die  dienstbare  Magd  des  modernen  Staatstums  herausbilden,  sie
entweihen  und  entwürdigen  möchten.“  Wahrlich,  es  geschahen  Zeichen
und  Wunder,  seit  die  neue  ultramontane  Partei  sich  fest  zusammengeschlossen
  hatte.  Wer  hätte  vordem  für  denkbar  gehalten,  daß  ein  deutscher
Minister  einen  Priester  geradeswegs  zum  Kampfe  wider  die  Kirchenpolitik
deutscher  Regierungen  auffordern  könnte?  Geissel  antwortete  zunächst
vorsichtig  ablehnend;  aus  den  wohlgewählten  Worten  ließen  sich  jedoch
seine  ehrgeizigen  Wünsche  leicht  herauslesen.

In  Rom  wurde  Brühl  diesmal,  nach  den  neuen  großen  Gewährungen
des  Königs,  mit  offenen  Armen  aufgenommen;  und  als  er  Geissel  nannte,
fand  weder  Lambruschini  noch  der  Papst  selber  gegen  diesen  guten  Namen
etwas  einzuwenden.  Da  mit  einem  Male  ward  ein  neuer  Pfeil  aus  dem
unerschöpflichen  Köcher  vatikanischer  Verhandlungskünste  herausgeholt,  ein
schweres,  ganz  unüberwindliches  Bedenken.  Geissel  war  ja  schon  Bischof,
also  konnte  er  auch  nicht  durch  Droste  nachträglich  die  Bischofsweihe
empfangen,  und  folglich  —  so  schlossen  die  Monsignoren,  alle  früheren
Abreden  vergessend,  mit  verblüffender  Unbefangenheit  —  folglich  mußte
er  nicht  durch  den  Papst,  sondern  durch  Droste  selbst  in  das  Koadjutor-Amt
  eingesetzt  werden,  damit  der  alte  Erzbischof  doch  irgend  eine  Genugtuung
  erhielte.  In  Berlin  hatte  man  sich  jedoch  gegen  solche  Überfälle
  gerüstet.  Brühl  lehnte  die  Zumutung  unbedingt  ab,  und  als  die
Kurie  nicht  nachgab,  erklärte  er  plötzlich:  nun  wohl,  dann  lassen  wir
Geissel  fallen  und  verlangen  den  Domherrn  Arnoldi  in  Trier  —  denselben
Arnoldi,  den  einst  der  alte  König  als  persona  minus  grata  von  dem
Trierschen  Bischofsstuhle  ausgeschlossen  hatte!  Nach  kurzem  Zögern  nahm
Gregor  diesen  neuen  Vorschlag  an;  über  alles  einzelne  ward  man  schnell
einig,  und  wenige  Tage  später  meldete  Brühl  zufrieden:  „Das  Beschlossene
ist  unwiderruflich“;  der  Papst  ernennt  Arnoldi  zum  Koadjutor  und  sendet
nachher  den  alten  Erzbischof  für  einen  Tag  nach  Köln,  wo  die  Bischofsweihe
  im  Auftrage  des  heiligen  Vaters  vollzogen  wird.  In  welche
Widersprüche  war  doch  der  König  durch  seine  Herzensgüte  hineingedrängt
worden.  Aus  Pietät  gegen  seinen  Vater  hatte  er  Drostes  Rückkehr  untersagt
  und  jetzt  wollte  er  doch  gestatten,  daß  dieser  von  dem  alten  Könige
wegen  Ungehorsams  weggewiesene  Prälat  auf  vierundzwanzig  Stunden
zurückkam,  um  die  Bischofsweihe  dem  neuen  Kölnischen  Koadjutor  zu  erteilen,
  dem  der  alte  Herr  nicht  einmal  das  bescheidene  Bistum  Trier
hatte  anvertrauen  wollen!  Hieß  das  nicht,  das  Andenken  des  Vaters
zweimal  beschimpfen?  Eine  schmachvolle  Niederlage  stand  der  Krone
Preußen  und  der  Person  ihres  Trägers  bevor;  denn  so  gewiß  der  Staat
Macht  ist,  ebenso  gewiß  bleibt  die  Schwäche,  auch  die  wohlmeinende
Schwäche  unter  allen  politischen  Sünden  die  schwerste.
        <pb n="296" />
        288  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Daß  diese  Schande  dem  preußischen  Staate  erspart  blieb,  war  allein
dem  Starrsinn  Drostes  zu  verdanken.  Bei  dem  hatten  mittlerweile
Schadow  und  Fürstenberg  nochmals,  und  wieder  vergeblich,  ihre  Überredungskünste
  versucht.  Der  unbeugsame  Westfale  wurde  den  Monsignoren
  immer  lästiger  und  Capaccini  meinte:  ein  Glück  nur,  daß  er  den
Purpur  verschmäht,  er  wäre  ja  im  stande,  hier  mit  Papst  und  Kardinälen
  Händel  anzufangen!  Gregor  aber  fühlte  sich  beunruhigt;  denn
er  wußte  wohl,  daß  der  Papst  nicht  befugt  ist,  einem  Bischof,  ohne  dessen
Einwilligung,  einen  Koadjutor  mit  so  ausgedehnten  Befugnissen  beizuordnen;
  und  so  unbedenklich  er  die  Rechte  der  weltlichen  Gewalt  beeinträchtigte,
  ebenso  gewissenhaft  vermied  er,  das  kanonische  Recht  zu  verletzen.
Er  entschloß  sich  daher,  den  Erzbischof  durch  einen  eigenhändigen  Brief
sehr  nachdrücklich  zur  Anerkennung  des  Koadjutors  aufzufordern,  und
sendete  zugleich  den  Bischof  Reisach  zum  zweiten  Male  nach  Münster,
diesmal  mit  den  allerstrengsten  Weisungen,  so  daß  der  bayrische  Jesuit
seine  ganze  Kraft  einsetzen  mußte.  Nach  einigen  Wochen  peinlichen  Harrens
meldete  Reisach  endlich:  Droste  habe  sich  den  Befehlen  des  heiligen  Vaters
gänzlich  unterworfen  und  wolle  sogar  einen  Hirtenbrief  erlassen,  um  seine
Herde  zum  Gehorsam  gegen  den  Koadjutor  zu  ermahnen.  Nur  die
Reise  nach  Köln  zur  Bischofsweihe  hatte  der  Alte  entschieden  abgelehnt,
indem  er  seine  schwache  Gesundheit  vorschützte.“')  Offenbar  ging  es  dem
deutschen  Freiherrn  wider  die  Ehre,  jetzt  noch  an  einem  frivolen  vierundzwanzigstündigen
  geistlichen  Possenspiele  teilzunehmen,  nachdem  ihn  der
Vatikan  schnöde  preisgegeben  hatte;  der  Gegensatz  deutscher  Treue  und
welscher  List  zeigte  sich  vom  Anfang  bis  zum  Ende  dieser  Tragikomödie.

Dergestalt  rettete  der  vertriebene  Erzbischof  wider  Willen  seinen  König
vor  einer  selbstverschuldeten  Demütigung.  Im  Vatikan  aber  änderte  sich
die  Szene  noch  einmal,  als  die  Nachrichten  aus  Münster  einliefen.  Vergessen
  und  verschollen  waren  plötzlich  alle  die  salbungsvollen  Reden,  mit
denen  man  den  Preußen  früherhin  weich  gestimmt  hatte.  Die  so  inbrünstig
verlangte  Genugtuung  für  den  beleidigten  Episkopat  wurde  jetzt  gar  nicht
mehr  erwähnt,  und  da  man  doch  endlich  zum  Abschluß  kommen  wollte,
so  schien  es  am  einfachsten,  wieder  auf  Geissel  zurückzugreifen,  der  keiner
Bischofsweihe  bedurfte.  Droste  hatte  nichts  dawider;  das  wußte  man
schon  aus  Reisachs  Berichten.  Der  Kardinal-Staatssekretär  vollzog  diese
neue  Schwenkung  mit  solcher  Leichtigkeit,  daß  Brühl  Verdacht  schöpfte
und  richtig  herauswitterte:  Geissel  wäre  vielleicht  schon  von  langer  Hand  her
der  eigentliche  Kandidat  Lambruschini,  Reisachs  und  der  Jesuiten  gewesen.
  Ahnungsvoll  fügte  er  hinzu:  auf  das  Urteil  des  unklaren  und
in  katholischen  Dingen  befangenen  Königs  Ludwig  sei  wohl  wenig  zu
geben.  Aber  nach  seinen  Weisungen  durfte  er  nicht  mehr  widersprechen.

 

*)  Brühls  Berichte,  10.  16.  Sept.  1841.
        <pb n="297" />
        Abschluß  der  Kölnischen  Händel.  289

MNun  ging  die  Verhandlung,  die  wieder  dritthalb  Monate  gewährt  hatte,
rasch  zu  Ende,  und  am  23.  Sept.  wurde  die  Ernennung  Geissels  förmlich
verabredet,  durch  ein  geheimes  Übereinkommen,  das  zugleich  die  früheren
Zusagen  der  preußischen  Krone  nochmals  aufzählte.  In  Perugia  verabschiedete
  sich  Brühl  von  dem  Papste.  Gregor  weilte  dort  in  den  heiligen
  Stätten  Umbriens,  um  ein  Gelübde  einzulösen;  er  dankte  dem  Könige
wie  dem  Unterhändler  aufs  wärmste  und  pries  sich  glücklich,  nun  in
Frieden  sterben  zu  können.“)

Der  Münchener  Hof,  der  von  dem  Arnoldischen  Zwischenspiele  erst
spät  erfuhr,  hatte  sich  mittlerweile  eifrig  bemüht,  den  Bischof  von  Speier
zur  Annahme  des  Koadjutor-Amtes  zu  bewegen.  Geissel  war  mithin  nicht
unvorbereitet,  als  er  jetzt  die  Anfrage  des  heiligen  Stuhls  und  gleich
darauf  die  Ernennung  erhielt.  Dann  galt  es  noch  das  staatstreue  Kölner
Domkapitel  zu  gewinnen,  und  dieser  peinlichen  Aufgabe  mußte  sich  Bodelschwingh,
  damals  noch  Oberpräsident,  unterziehen.  Er  fand  die  Mehrzahl
  der  Domherren  aufgebracht  über  die  Umgehung  ihres  Wahlrechts,
und  zugleich  für  die  Zukunft  schwer  besorgt;  denn  sie  fürchteten,  nunmehr
  von  einem  jungen  kräftigen  Manne  in  Drostes  Geiste  beherrscht  zu
werden.  Nur  mühsam  konnte  er  sie  beschwichtigen,  indem  er  ihnen  bewies,
daß  die  Zirkumskriptionsbulle  zwar  ein  Staatsgesetz,  aber  zwischen  der
Kronc  und  dem  römischen  Stuhle  vereinbart  sei,  also  auch  durch  gegenseitiges
  Einverständnis  suspendiert  werden  könne.  Zuletzt  beschloß  das
Kapitel,  sich  aus  Gehorsam  zu  unterwerfen,  jedoch  ohne  förmliche  Bestimmung.?*?*)
  Auch  dem  Könige  blieb  eine  Tat  persönlicher  Selbstüberwindung
nicht  erspart.  Dem  römischen  Abkommen  gemäß  gab  er  dem  alten  Erzbischof
eine  öffentliche  Ehrenerklärung,  worin  bezeugt  wurde,  der  einst  gegen
Droste  erhobene  Vorwurf  „politisch-revolutionärer  Umtriebe“  hätte  sich
als  völlig  grundlos  erwiesen.  Als  Thile  diesen  von  Eichhorn  entworfenen,
nachher  noch  durch  den  Monarchen  eigenhändig  stark  umgestalteten  Brief
am  Geburtstage  des  Königs  zur  Unterzeichnung  übersendete,  schrieb  er
weihevoll:  „Nehmen  Ew.  Majestät  das  Geburtstagsgeschenk,  das  der  Herr
Ihnen  heute  durch  den  Friedensschluß  mit  dem  Erzbischof  machte,  wie
eine  schöne  Ankündigung  der  Friedensgedanken,  die  er  mit  Ihnen  hat!““

Gewiß,  der  Friede  war  geschlossen.  Aber  um  welchen  Preis!  In
der  Kölnischen  Sache  erlangte  die  Staatsgewalt  einen  halben  Erfolg,  in
allen  den  anderen  noch  schwebenden  kirchenpolitischen  Händeln  gab  sie
vollständig  nach,  sogar  in  dem  Trierschen  Bischofsstreite,  wo  sie  das  klare
Recht  für  sich  hatte.  Der  Domkapitular  Arnoldi  war  ein  frommer,  mildtätiger
  Geistlicher,  als  Kanzelredner  sehr  beliebt,  gut  römisch  gesinnt,  aber

 

*7)  Brühls  Berichte,  21.  Juli  bis  25.  Sept.  1841.
*“)  Bodelschwinghs  Bericht  an  Thile,  4.  Mai  1841.
***)  Thile  an  König  Friedrich  Wilhelm,  15.  Okt.  1841.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  19
        <pb n="298" />
        290  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

kein  Fanatiker,  sondern  weich,  gutmütig,  bestimmbar,  also  leicht  zugänglich
den  Einflüsterungen  jenes  geheimnisvollen  geistlichen  Hofgesindes,  das  man
im  katholischen  Deutschland  den  Küchen-Klerus  zu  nennen  pflegt.  Der
alte  König  kannte  den  Mann,  wohl  aus  Bodelschwinghs  Berichten,  und
ließ  ihn  bei  der  Bischofswahl  von  1839  als  minder  genehm  bezeichnen.
Dennoch  wurde  Arnoldi  gewählt,  den  Bestimmungen  des  Breves  von  1821
offenbar  zuwider,  und  die  Krone  versagte  von  Rechts  wegen  ihre  Geneh—
migung.*?)  Der  Papst  aber  war  damals  noch  von  wildem  Hasse  gegen
Preußen  erfüllt  und  behauptete,  ohne  sich  auf  Gründe  einzulassen:  die
Wahl  sei  kanonisch.  Nach  dem  Thronwechsel  konnte  der  Handel  bei  gutem
Willen  sofort  geschlichtet  werden;  denn  Arnoldi,  der  wenig  Ehrgeiz  hegte,
hatte  schon  am  1.  Juni  1840  in  aller  Stille  die  Erklärung  nach  Rom
gesandt:  er  wolle  um  des  Friedens  willen  verzichten,  falls  der  Papst  es
erlaube.  Diese  Erklärung  wurde  in  Rom  streng  geheim  gehalten,  Brühl
erfuhr  keine  Silbe  davon;  erst  weit  später  merkte  er,  daß  der  Vatikan
„ein  Tauschgeschäft  treiben  wollte“  und  die  Triersche  Frage  absichtlich
offen  ließ,  um  in  Köln  desto  sicherer  seinen  Willen  durchzusetzen.  *)  Hartnäckig
  weigerte  sich  der  Papst  eine  Neuwahl  anzuordnen;  er  hatte  sogar
die  Stirn  zu  behaupten,  jenes  zwischen  der  Krone  und  der  Kurie  vereinbarte
  Breve  enthalte  keine  bindenden  Vorschriften.)

Da  wich  der  König  zurück.  Er  forderte  jetzt  nur  noch  eine  ordnungsmäßige
  Neuwahlj;  dabei  wollte  er  dem  Kapitel  unbeschränkte  Wahlfreiheit
lassen  und  selbst  Arnoldi  nicht  ausschließen;  über  den  hatte  er  mittlerweile
  günstige  Urteile  gehört  und  meinte  wieder  klüger  zu  sein  als  sein
Vorgänger.  Der  Ehrfurcht  gegen  seinen  Vater  glaubte  er  zu  genügen,  wenn
er  noch  an  einer  wertlosen,  fast  lächerlichen  Förmlichkeit  festhielt.  Eichhorn,
der  von  dem  ersten  Verzichte  auch  nichts  wußte,  schrieb  nunmehr  freundlich
  mahnend  an  den  Trierschen  Domherrn,  worauf  Arnoldi  als  guter
Patriot  im  Januar  1841  eine  zweite  Verzichtserklärung  —  immer  unter
Vorbehalt  der  päpstlichen  Genehmigung  —  nach  Rom  schickte.)  Auch
jetzt  noch  blieb  der  Papst  unbeugsam,  Brühl  konnte  in  dieser  Sache  gar
nichts  erlangen.  Erst  im  Februar  1842  genehmigte  Gregor  den  Verzicht,
  aber  ohne  die  frühere  Wahl  für  nichtig  zu  erklären.  Damit  war  der
Form  notdürftig  genügt,  und  alsbald  erlaubte  der  König  dem  Domkapitel,
für  die  Neuwahl  eine  Kandidatenliste  einzureichen.  Also  ganz  ohne  Not
ein  neues  Zugeständnis,  weit  über  die  Landesgesetze  hinaus!  Wie  viel
Arbeit  hatte  einst  Niebuhr  aufwenden  müssen,  um  die  gefährlichen  Listenwahlen
  dem  preußischen  Staate  fern  zu  halten  und  der  Krone  das  Recht
der  unbedingten  Exklusive  zu  sichern;  darum  polterte  auch  Lambruschini,

*)  Denkschrift  von  Bülow  und  Eichhorn  an  den  König,  12.  März  1842.
**)  Brühls  Bericht,  15.  März  1841.
*#)  S.  o.  III.  205  f.

I)  Arnoldi  an  Eichhorn,  19.  Jan.;  Brühls  Bericht,  26.  Febr.  1841.
        <pb n="299" />
        Arnoldi  in  Trier.  291

gleich  in  seinem  ersten  Gespräche  mit  Brühl,  zornmutig  wider  den  großen
Historiker.  Und  nun  gab  Friedrich  Wilhelm  das  wohldurchdachte  Werk
seines  verehrten  Lehrers  preis,  allerdings  nur  für  dies  eine  Mal.  Dann
kam,  was  kommen  mußte.  Auf  der  Kandidatenliste  stand  Arnoldis  Name
natürlich  obenan,  der  König  genehmigte  sie  ohne  weiteres,  und  im  Juni
wurde  Arnoldi  gewählt.  Noch  nicht  genug  der  Schwäche.  Da  der  Neu—
gewählte  eine  Stelle  in  dem  üblichen  Huldigungseide  der  Bischöfe  bedenk—
lich  fand,  so  strich  Friedrich  Wilhelm  sie  eigenhändig  aus,  und  im  tiefsten
Herzen  fühlte  er  sich  erquickt,  als  er  dann,  heimkehrend  von  dem  Dom—
baufeste,  den  Bischof  von  Trier  in  seiner  Metropole  begrüßte.  Eine  nahe
Zukunft  sollte  lehren,  wie  richtig  der  alte  König  den  Prälaten  beurteilt
hatte.

Noch  kläglicher  fast  endeten  die  Breslauer  Wirren,  und  hieran  trug
der  König  weniger  Schuld  als  die  Friedfertigkeit  des  edlen,  frommen
Fürstbischofs,  der  von  seinem  Freunde  Brühl  sehr  hart,  aber  leider  nicht
ganz  ungerecht  also  geschildert  wurde:  „Sedlnitzky  ist  ein  unverantwort—
lich  matter  Mensch,  kein  Staatsmann,  kein  Bischof.  O  wäre  er  Kon—
sistorial-  und  Schulrat  geblieben!“  Kurz  vor  dem  Thronwechsel  war
der  Bischof  durch  ein  Handschreiben  des  Papstes  zur  Abdankung  aufge—
fordert  worden.*)  Diese  formlose  Ermahnung  bedeutete  rechtlich  gar  nichts,
da  ihr  weder  ein  kanonisches  Verfahren  noch  eine  Mitteilung  an  die
Krone  Preußen  vorangegangen  war.  Trotzdem  fühlte  der  Graf  den  Boden
unter  seinen  Füßen  wanken.  Nachdem  die  Staatsgewalt  in  der  Frage
der  gemischten  Ehen  nachgegeben  hatte,  konnte  er  doch  nicht  königlicher
sein  als  der  König  und  das  alte  Verfahren  in  Ehesachen  noch  aufrecht—
halten.  Volksbeliebt  war  er  nicht.  Die  bigotten  Polen  Oberschlesiens
kannten  den  stillen  beschaulichen  kleinen  Herrn  kaum,  trotz  seiner  un—
erschöpflichen  Wohltätigkeit.  Sein  Domkapitel  hatte  sich  unter  seiner
gutmütigen  Leitung  in  Fraktionen  zersplittert,  und  an  der  Spitze  der
rührigen  ultramontanen  Partei  stand  der  weltkluge,  ehrgeizige  Domherr
Förster,  ein  auch  bei  den  Protestanten  beliebter  Kanzelredner,  der  früher—
hin  für  liberal  gegolten  hatte,  jetzt  aber  von  dem  Jesuitenpater  Beckx
Ratschläge  empfing.  Die  klerikalen  Heißsporne  haßten  den  Bischof  töd—
lich,  Ketteler  nannte  ihn  einen  Elenden,  weil  er  dem  Staate  treu  und
gegen  die  Protestanten  freundlich  war.  Eben  jetzt,  seit  den  letzten  Jahren
des  alten  Königs  schwebte  eine  Verhandlung  wegen  der  Rückgabe  einiger
der  schlesischen  Kirchen,  welche  einst  unter  Osterreichs  Herrschaft  den  Pro—
testanten  geraubt  worden  waren,  und  zu  dieser  Untersuchung  bot  Sedl—
nitzky  die  Hand  mit  einer  Unbefangenheit,  die  seinem  Rechtsgefühle  zur
Ehre  gereichte,  einem  Bischof  aber  nach  römischen  Grundsätzen  nie  verziehen
werden  konnte.  Die  Kardinäle  hielten  ihn,  da  sie  von  Deutschland  so

 

*)  S.  o.  IV.  710.
19  *
        <pb n="300" />
        292  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

gar  wenig  wußten,  für  einen  Hermesianer;  in  Wahrheit  hatte  er  diese
Schule  stets  bekämpft;  dagegen  hoffte  er  auf  die  Rückkehr  aller  Sekten
zu  der  gereinigten  katholischen  Kirche,  und  dies  Ideal  des  allgemeinen
Christentums  verstand  er  so  ganz  im  Sinne  der  inneren  Wiedergeburt,
der  Metanoia,  daß  er  früher  oder  später  noch  weit  über  die  Hermesianer
hinausgehen  und  zur  Erkenntnis  der  evangelischen  Wahrheit  gelangen
mußte.

So  stand  er  vereinsamt.  Nach  seiner  ganzen  Anlage  konnte  er  die
Kraft  seines  Willens  nur  in  der  tiefen  Gewissenhaftigkeit  des  religiösen
Empfindens  und  Forschens,  nicht  in  den  Kämpfen  des  handelnden  Lebens
betätigen;  niemand  merkte  ihm  an,  daß  er  wirklich  ein  Bruder  des
durch  seine  brutale  Strenge  in  aller  Welt  berüchtigten  Wiener  Polizeipräsi—
denten  war.  Nach  ernster  Selbstprüfung  erwiderte  er  dem  Papste,  daß
er  bereit  sei,  das  Amt  niederzulegen,  das  er  einst  wider  seinen  Wunsch
erhalten  hatte.  Dann  ging  er  nach  Berlin  und  beschwor  den  König  um
Genehmigung  des  Verzichtes:  er  könne  nicht  anders;  bei  der  ultramontanen
Gesinnung  und  der  Eitelkeit  eines  großen  Teiles  seines  Klerus  dürfe
er  nicht  mehr  auf  eine  heilsame  Wirksamkeit  hoffen;  auch  wolle  er  nicht
durch  sein  Verbleiben  den  Frieden  zwischen  Staat  und  Kirche  erschweren.“)
Friedrich  Wilhelm  zeigte  sich  sehr  aufgebracht  über  die  eigenmächtige  Willkür
  der  Kurie.  Doch  wie  konnte  der  Weiche  den  Weichen  stützen?  Er
widerstrebte  noch  mehrere  Tage  lang;  dann  genehmigte  er  die  Abdankung
des  Prälaten,  dem  nichts  zur  Last  fiel  als  die  treue  Befolgung  der  alten
Staatsgesetze,  und  ernannte  den  Grafen,  mit  dem  Ausdruck  wärmster
Anerkennung,  zu  seinem  Wirklichen  Geheimen  Rate  (29.  Juli).  Dazu
versicherte  er  mündlich,  nur  aus  Pietät  gegen  seinen  Vater  bewillige  er
den  Rücktritt;  so  wunderbar  verstand  er  die  Dinge  immer  anders  zu
sehen  als  andere  Menschen.

In  einem  rührenden  Abschiedsschreiben  an  das  Domkapitel  sprach
der  Entlassene  aus:  er  denke  immer  innig  vereint  zu  bleiben  mit  allen
denen,  die  an  Christum  wahrhaft  glauben.  Ein  christliches  Wort,  aber
sicherlich  kein  römisches.  Männern  von  solcher  Gesinnung  bot  die  alte
Kirche  keine  Stätte  des  Wirkens  mehr.  Das  hatte  schon  Wessenberg
erfahren,  der  denn  auch  nicht  säumte,  aus  seinem  Altensitze  Konstanz
dem  Schicksalsgenossen  seinen  Gruß  zu  senden.  Und  noch  stiller  sogar
als  Wessenberg  einst  schied  Sedlnitzky  aus  dem  bischöflichen  Amte.  Fortan
  lebte  er  in  Berlin  ganz  der  Mildtätigkeit  und  dem  religiösen  Nachdenken;
  die  Predigten  von  Nitzsch,  Stahn,  Müllensiefen  erschütterten  ihn
in  den  Tiefen  der  Seele;  er  fühlte,  wo  er  das  Wesen  des  Christentums
zu  suchen  habe,  und  bald  mochte  er  das  Bischofskleid  nicht  mehr  tragen.
Als  er  endlich  hochbejahrt  den  notwendigen  Schluß  aus  seinen  inneren

 

*)  Sedlnitzky  an  König  Friedrich  Wilhelm,  14.  Juli  1840.
        <pb n="301" />
        Sedlnitzkys  Abdankung.  293

Erfahrungen  zog  und  —  dererste  katholische  Bischof  seit  dem  Zeitalter  der
Reformation  —  mit  der  Gemeinde  zum  evangelischen  Abendmahle  ging
(1862),  da  erregte  dieser  Übertritt  außerhalb  der  theologischen  Welt  nur
wenig  Aufsehen.  Ein  frommer  Christ,  ein  treuer  Patriot,  ein  liebenswerter
  Mensch,  aber  kein  Mann  der  bahnbrechenden  Tat  —  so  war
er  immer  gewesen.  Mit  warmer  Teilnahme,  ohne  jede  Bitterkeit  gedachte
  er  auch  fernerhin  der  alten  Kirche,  die  ihn  einst  in  seinem  zwölften
Lebensjahre  zum  Domherrn  geweiht  und  dann  so  rauh  behandelt  hatte,
den  Evangelischen  aber  ward  er  teuer  als  ein  Vorbild  ernster  tief  innerlich
  erlebter  Frömmigkeit  und  durch  ein  Fülle  milder  Stiftungen,  in  denen
sein  Name  noch  heute  gesegnet  fortlebt.

Nachdem  der  König  diesen  Mann  so  schnell  hatte  fallen  lassen,  befahl
  er  auch  noch  die  Verhandlungen  wegen  der  geraubten  evangelischen
Kirchen  sofort  einzustellen.  Was  konnte  es  unter  solchen  Umständen
frommen,  daß  Brühl  beauftragt  wurde,  für  die  eigenmächtige  Verdrängung
Sedlnitzkys  unzweideutige  Genugtuung  zu  fordern?  Einige  erregte  Gespräche
  mit  Lambruschini  waren  die  einzige  Folge.  Das  Verweseramt  in
dem  erledigten  Bistum  übernahm  nunmehr,  von  der  Krone  nicht  anerkannt),
  aber  geduldet,  der  Domherr  Professor  Ritter,  ein  wilder
Ultramontaner,  der  den  Christen  nur  die  Wahl  ließ  zwischen  Rom  und
Fr.  David  Strauß,  und  soeben  in  einer  Schrift  Irenikon  kurzab  behauptet
  hatte,  die  Kirche  stehe  über  dem  Staate.  Da  galt  es  denn  die
Neuwahl  zu  beschleunigen.  Der  Papst  mahnte  dazu,  ohne  bei  der  Krone
anzufragen,  und  der  König  in  seiner  unerschöpflichen  Gutmütigkeit  gestattete
  dem  Kapitel  für  diesmal,  eine  Kandidatenliste  aufzustellen,  was
allem  Recht  und  Brauch  zuwiderlief.**)  Zum  Danke  erlaubten  sich  die
Domherren  ein  schmutziges  Ränkespiel,  wie  es  nur  unter  Klerikern  möglich
ist,  und  nannten  schließlich  nicht  weniger  als  zwölf  Kandidaten,  von  denen
die  Mehrzahl  dem  Domkapitel  selbst  angehörte;  die  hochwürdigen  Konfratres
  hatten  einander  also  wechselseitig  gewählt.“*)  Nun  endlich  begann
Graf  Brühl,  der  die  Breslauer  Verhältnisse  genau  kannte,  Unrat  zu
wittern.  Er  fürchtete  nicht  gerade  einen  neuen  Gewaltstreich  des  Papstes,
„weil  es  weit  mehr  im  Geiste  der  hiesigen  Politik  liegt,  in  eine  unbewachte
Offnung  hineinzuschleichen,  als  keck  Bresche  zu  legen  und  sie  mit  Gewalt
zu  erstürmen.“  Doch  wenn  das  Kapitel  sich  nicht  rechtzeitig  einigte,  so
konnte  der  Papst  nach  dem  Rechte  der  Devolution  selber  den  Bischof  ernennen,
  und  was  ließ  sich  dann  wieder  erwarten?  Darum  riet  Brühl
dringend,  die  Krone  müsse  jetzt  Ernst  zeigen:  mündliche  Verhandlungen
mit  den  einzelnen  Domkapitularen  nützen  gar  nichts,  sie  werden  einfach

*)  Kabinettsordre  an  Eichhorn,  19.  Dez.  1840.
**)  Gregor  XVI.,  Breve  an  das  Breslauer  Domkapitel,  21.  Nov.  1840;  Kabinettsordre
  an  Eichhorn,  24.  Febr.  1841.
**)  Eichhorns  Bericht  an  den  Konig,  15.  April  18141.
        <pb n="302" />
        294  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

abgeleugnet!*)  In  der  Tat  befahl  der  König  höchst  ungnädig  eine  kano—
nische  Wahl  mit  Stimmenmehrheit,  das  Domkapitel  bat  demütig  um  Ver—
zeihung,  und  nach  verschiedenen  neuen  Winkelzügen  wurde  schließlich
(August  1841)  der  von  der  Krone  als  genehm  bezeichnete  Prälat  Knauer
gewählt,  freilich  ein  hochbejahrter  Herr,  der  dies  zerrüttete  Bistum
schwerlich  bemeistern  konnte.  **)

In  allem  und  jedem  suchte  der  König  die  Gefühle  des  Papstes  zart,
fast  ängstlich  zu  schonen.  Als  das  Bistum  Jerusalem  gegründet  wurde,  da
ließ  er  in  Rom  —  was  einem  evangelischen  Monarchen  doch  übel  anstand
—  ausdrücklich  versichern,  damit  sei  keinerlei  Feindseligkeit  gegen  die  katholische
  Kirche  beabsichtigt.  **)  Wie  tief  mußte  es  ihn  also  verwunden,  daß
ihm  die  Kurie  überall,  selbst  in  unpolitischen  Dingen  nur  Mißtrauen  und
Mißwollen  zeigte.  Schon  als  Kronprinz  hatte  er  den  Wohnsitz  der  preußischen
  Gesandtschaft,  den  Palast  Caffarelli  auf  dem  Kapitol  durch  Bunsen
kaufen  lassen.  Gregor  aber  wollte  nicht  vergessen,  daß  Bunsen  sich  einst
übermütig  vermessen  hatte,  hier  an  dem  Felsen  des  Kapitols  solle  die
Macht  des  Papsttums  zerschellen;é)  ihm  kochte  das  Blut,  so  oft  er
hinüberschaute  nach  dem  Hügel  drüben,  wo  die  Ketzerei  à  la  barbe  du
pape  gepredigt  wurde  —  so  sagten  die  Kardinäle;  auch  war  es  den  Italienern
  nicht  zu  verdenken,  wenn  sie  diese  Stätte  uralter  nationaler  Erinnerungen
  nur  ungern  im  Besitze  einer  fremden  Gesandtschaft  sahen.
Gleich  nach  Bunsens  Abberufung  beschwerte  sich  Lambruschini  bei  dem
Residenten  Buch  heftig,  weil  die  evangelische  Gemeinde  auch  nicht  zur
Gesandtschaft  gehörige  Personen  aufnähme,  weil  Preußen  gewagt  hätte,
ohne  Erlaubnis  des  Papstes  sein  archäologisches  Institut  auf  dem  tarpejischen
  Felsen,  ja  sogar  ein  evangelisches  Krankenhaus  zu  gründen  —
und  was  der  Klagen  mehr  war.LêsMit  Mühe  konnte  Buch  den  Ergrimmten
  halb  beschwichtigen.  Nach  dem  Thronwechsel  aber  trat  die  Kurie
plötzlich  gar  mit  der  Behauptung  hervor:  der  Verkauf  des  Palastes
Caffarelli  bestehe  nicht  zu  Recht.  Da  brauste  der  König  auf,  dem  der
Besitz  dieser  herrlichen  Stelle  recht  eigentlich  Herzenssache  war.  „Ich
betrachte“,  so  schrieb  er  an  Brühl,  „den  Palast  als  mein  Eigentum.  Er
war  bezahlt  und  übergeben.  Nach  den  Gesetzen  aller  Länder  ist  er  mein.
Ebenso  nach  dem  Gebrauche  aller  Länder,  mit  Ausnahme  der  Türkei
und,  wie  die  Erfahrung  gelehrt  hat,  des  päpstlichen  Gebiets.“  Er  verbot
  also  jede  Nachgiebigkeit,  denn  jetzt  am  wenigsten  sei  für  ihn  der  Augenblick
  zu  neuen  Opfern,  da  9  Mill.  Evangelische  ihm  schon  zürnten  wegen

*)  Brühls  Berichte,  25.  Febr.,  19.  Juli  1841.
**)  Kabinettsordres  an  Eichhorn,  23.  April,  30.  Juni;  Eingabe  des  Domkapitels
an  Eichhorn,  16.  Juni;  Berichte  des  Oberpräsidenten  Merckel,  19.  Juni,  27.  Aug.  1841.
*“)  Werther,  Weisung  an  Brühl,  16.  August  1841.
S.  o.  III.  414;  IV.  704.
f#)  Lambruschini  an  Buch,  10.  Juni;  Buchs  Bericht,  23.  Juni  1838.
        <pb n="303" />
        Palast  Caffarelli.  295

der  beiden  großen  Opfer:  der  Rückkehr  Dunins  und  der  Abdankung
Sedlnitzkys.  „Dagegen“,  so  schloß  er,  „kann  die  Evakuation  des  Kapitols
gar  bald  vor  sich  gehen,  dann  aber  nicht  um  eine  andere  Wohnung,  son—
dern  um  keine  jemals  wieder  zu  beziehen,  was  vielleicht  zur  größten  Satisfaktion
  beider  Teile  geschehen  wird.““)  Solche  Drohungen  aus  dem
Munde  des  gutherzigen  Monarchen  konnten  wenig  wirken,  und  leider
stellte  sich  auch  bald  heraus,  daß  wieder  einmal  ein  idealer  Geniestreich
Bunsens  vorlag.  Der  phantasiereiche  Diplomat  hatte  in  Wahrheit  nur
einen  Censo,  einen  kündbaren  Rentenvertrag  mit  Vorkaufsrecht,  abgeschlossen;
  überdies  war  ein  Teil  des  Palastes  Fideikommiß  und  der  Eigentümer
  Herzog  Caffarelli  wurde  bald  nachher  als  Verschwender  unter
Kuratel  gestellt.  7)  Die  Kurie  besaß  also  der  Waffen  genug,  um  den  Vertrag
  anzufechten,  und  es  bedurfte  noch  sehr  langwieriger,  widerwärtiger
Unterhandlungen,  bis  die  Krone  Preußen  sich  endlich  in  Sicherheit  ihres
teuer  erworbenen  Besitztums  erfreuen  konnte.

Ebenso  zäh  zeigten  sich  die  beiden  Erzbischöfe  in  Geldsachen.  Dunin
verlangte  nachträglich  Diäten  für  seinen  Berliner  Aufenthalt,  den  er  einst
auf  Befehl  des  verstorbenen  Königs  angetreten,  dann  aber  durch  seine
Flucht  eigenmächtig  abgebrochen  hatte;  die  Kosten  dieser  Flucht  stellte  er
großmütig  nicht  in  Rechnung.  Seine  Forderung  wurde  bewilligt.)
Hierdurch  ermutigt,  verlangte  Droste  nachher  Erstattung  der  12  000  Tlr.,
die  ihm  während  der  vier  Jahre  seine  Abwesenheit  zur  Besoldung  des
Generalvikars  von  seinem  Gehalte  abgezogen  worden  waren.  Das  war
mehr,  als  Bodelschwingh  ertragen  konnte;  er  beschwor  den  König,  die
Nachsicht  gegen  den  Halsstarrigen  nicht  zu  weit  zu  treiben.  Auch  Mühler
und  Eichhorn  erklärten:  ein  Rechtsanspruch  sei  nicht  zuzugeben,  höchstens
im  Wege  der  Gnade  könne  die  Erstattung  erfolgen#f);  und  so  geschah  sie
denn  auch,  Friedrich  Wilhelms  Großmut  gegen  die  römische  Kirche  kannte
keine  Grenzen.  Das  Verfahren  wider  die  beiden  Erzbischöfe  hatte  insgesamt
  21  754  Tlr.  25  Sgr.  3  Pf.  gekostet.  Indem  der  König  diese
Rechnung  gut  hieß,  befahl  er  zugleich,  daß  man  in  Zukunft  für  geheime
polizeiliche  Dienste  nicht  Privatpersonen,  sondern  Beamte  von  ungewöhnlicher
  Ehrenhaftigkeit  verwenden  solle.—))Damit  berührte  er  die  faulste
Stelle  dieses  unseligen  Bischofsstreites,  der  das  Volk  der  katholischen  Provinzen
  tief  entsittlicht,  ein  ganzes  Heer  von  Denunzianten  hervorgerufen
hatte.  Capaccini  selbst  erzählte  dem  Grafen  Brühl  mit  Ekel,  was  für
nichtswürdige  geheime  Berichte  über  den  preußischen  Hof  wie  über  einzelne
Personen  Tag  für  Tag  im  Vatikan  einliefen.F)  Um  sich  gegen  dies

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Brühl,  17.  Sept.  1840.

**)  Brühls  Bericht  nebst  Denkschrift,  6.  Sept.  1841.

*“*)  Dunin  an  Eichhorn,  27.  Mai;  Eichhorns  Bericht.  6.  Juli  1841.
)  Berichte  von  Eichhorn  10.  März,  von  Mühler  und  Eichhorn  15.  Juni  1842.

)  Kabinettsordre  an  Wittgenstein,  Bodelschwingh,  Arnim,  1.  Aug.  1842.
f#  )  Brühls  Bericht,  3.  Sept.  1840.
        <pb n="304" />
        296  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Treiben  der  Klerikalen  zu  decken,  hatte  auch  die  Regierung  selbst  oftmals
unsaubere  Mittel  angewendet.

Der  neue  Kölner  Koadjutor  Johannes  Geissel  teilte,  wie  die  ge—
ängsteten  Domherren  richtig  gewittert  hatten,  durchaus  die  Gesinnungen
Drostes;  nur  war  er  klüger,  jünger,  gewandter  und  darum  für  diese
schwache  Staatsgewalt  weit  gefährlicher.  Er  hatte  schon  in  jungen  Jahren
an  dem  Mainzer  „Katholiken“,  der  ersten  Zeitschrift  der  wiedererstehenden
ultramontanen  Partei  eifrig  mitgearbeitet,  )  nebenbei  auch  als  Dillettant
in  Dichtkunst  und  Geschichte  ein  leichtes  Formtalent  bewährt  und  sodann
die  Diözese  Speier  sehr  geschickt  verwaltet.  Als  geborener  Pfälzer  kannte
er  dies  überwiegend  protestantische,  alles  Pfaffentum  verabscheuende
Volk  genau  und  hütete  sich,  Unfrieden  zu  erregen.  Eine  stattliche  Prälatengestalt,
  wohlbeleibt,  mit  funkelnden  Augen,  die  zugleich  Herrschsucht  und
Verschlagenheit  verkündeten,  wußte  er  seine  Würde  so  wohl  zu  bewahren,
daß  er  selbst  während  der  abgeschmackten  Umkleidungen  beim  Hochamte
niemals  lächerlich  erschien;  in  Gesellschaft  bewegte  er  sich  mit  der  Freiheit
  des  lebensfrohen  Weltmannes  und  verstand  meisterhaft,  das  leichte
Gespräch  für  diplomatische  Berechnungen  auszunutzen.  Ein  rechter  Preuße
ward  er  nie,  weil  er  trotz  der  Gnade  des  Königs  doch  den  protestantischen
Geist  dieses  Staates  herausfühlte;  der  Gottesstaat  der  alleinseligmachenden
Kirche  blieb  sein  Vaterland.  Nach  einer  Unterredung  mit  Brühl,  der
von  dem  milden,  grunddeutschen  Sinne  des  Prälaten  ganz  entzückt  war?),
und  nach  einem  peinlichen  Besuche  bei  dem  unwirschen  alten  Erzbischof
erschien  Geissel  um  Neujahr  1842  in  Berlin,  wo  er  mit  hohen  Ehren
aufgenommen  wurde  und  alsbald  verlangte,  den  Huldigungseid  in  die
Hand  des  Monarchen  selbst  abzulegen.  Solche  Förmlichkeiten  hatte  der
alte  König  stets  seinen  Kommissaren  überlassen,  weil  er  es  ungerecht  fand,
den  katholischen  Bischöfen,  die  an  Würden  und  Ehren  schon  so  viel  mehr
genossen  als  die  Geistlichen  der  evangelischen  Landeskirche,  auch  noch  einen
Vorzug  zu  gestatten,  der  keinem  anderen  Untertan  der  Krone  eingeräumt
wurde.  Der  Sohn  aber  gewährte  die  Bitte  unbedenklich.

In  seinen  Gesprächen  mit  dem  Könige  und  dem  Kultusminister  wußte
Geissel  noch  eine  lange  Reihe  kirchlicher  Anliegen  wirksam  vorzutragen.
Er  wünschte  unter  anderem  unbeschränkte  Herrschaft  über  das  Priesterseminar
  und  Entfernung  der  letzten  Hermesianer  von  der  rheinischen  Hochschule;
  er  verlangte  sogar  die  Entlassung  des  Kurators  der  Bonner  Universität
  Rehfues,  der  während  des  Bischofsstreites  die  Eingriffe  Drostes  nach
seiner  Amtspflicht  zurückgewiesen  und  nachher  die  Kirchenpolitik  des  alten
Königs  in  einer  verständigen,  streng  sachlich  gehaltenen  Flugschrift  verteidigt
  hatte.  **')  Da  Geissel  diese  Schrift  doch  nicht  zu  nennen  wagte,

*)  S.  o.  III.  210.

**)  Brühls  Bericht  an  den  König,  Koblenz,  8.  Nov.  1841.
***)  S.  o.  IV.  718.
        <pb n="305" />
        Geissel.  Freier  Verkehr  mit  Rom.  297

so  berief  er  sich  auf  Rehfues'  historische  Romane,  die  sich  über  die  Greuel
des  spanisch-italienischen  Mönchslebens,  der  Wahrheit  gemäß,  sehr  aufrichtig
aussprachen.  Dies  genügte,  und  der  geistvolle  Romandichter  mußte  fortan
auf  seiner  schönen  Rosenburg  bei  Bonn  in  unfreiwilliger  Muße  leben.
So  weit  war  die  Staatsgewalt  bereits  eingeschüchtert:  ein  protestantischer
königlicher  Kurator  wurde  entlassen,  weil  seine  Dichtungen  einem  katholischen
Bischof  nicht  gefielen.  Am  Hofe  lobte  jedermann  den  milden  neuen  Erzbischof
  in  partibus,  der  auch  von  dem  Münchener  Nuntius  als  „Friedensapostel“
  warm  empfohlen  wurde.)  Geissels  erster  Hirtenbrief  aber  war,
sanfter  in  der  Form,  doch  ganz  im  Geiste  des  Vorgängers  gehalten.  Zu
gleicher  Zeit  wurde  die  einst  bei  Drostes  Verhaftung  erlassene  Bekanntmachung
  amtlich  zurückgenommen;  und  nun  erst,  am  9.  März  sendete
der  griesgrämige  alte  Erzbischof,  der  bis  zuletzt  noch  „preußische  Kniffe“
befürchtet  hatte,  nachträglich  auch  seinen  Hirtenbrief:  dem  Moyses,  dem
Freunde  Gottes  nachahmend“  hob  er  seine  Hände  betend  zum  Himmel
und  übergab  die  Herde  dem  neuen  Oberhirten.

Unterdessen  hatte  die  Krone  auch  die  anderen  dem  römischen  Stuhle
gegebenen  Zusagen  eingelöst.  Zu  Neujahr  1841  gewährte  sie  den  Bischöfen
freien  Verkehr  mit  dem  Papste  und  ermäßigte  das  Recht  des  Plazet
dergestalt,  daß  fortan  lediglich  die  den  Staat  berührenden  Erlasse  der
kirchlichen  Behörden  der  Anzeigepflicht  unterlagen.  Sie  verzichtete  damit
lediglich  auf  veraltete,  unwirksame  Rechte;  bei  der  Abdankung  Sedlnitzkys
hatte  sie  ja  soeben  erst  mehrmals  erfahren,  wie  leicht  sich  das  Plazet  in
diesem  Zeitalter  freien  Weltverkehrs  umgehen  ließ.  Den  Bischöfen  brachte
die  neue  Freiheit  im  Grunde  nur  Belästigungen;  denn  bisher  hatte
ihnen  die  königliche  Gesandtschaft  die  allezeit  umständlichen  vatikanischen
Geschäfte  stets  gut  und  pünktlich  besorgt,  jetzt  mußten  sie  in  Rom  eigene
Agenten  dafür  halten,  die  sich  nicht  immer  bewährten.“)  Immerhin
blieb  es  eine  kühne  Tat  hochherzigen  Freisinns,  daß  der  König  freiwillig
einem  Hoheitsrechte  entsagte,  das  von  den  meisten  anderen  Landesherren,
auch  den  katholischen,  noch  festgehalten  und  von  der  vorherrschenden  liberalen
  Staatslehre  als  unentbehrlich  angesehen  wurde.  Mit  der  Beteuerung
  ewiger  Dankbarkeit  und  unverbrüchlicher  Treue  begrüßten  seine
Landesbischöfe  diesen  „großartigen  Beweis  königlichen  Vertrauens.“

Weit  folgenreicher  wurde  die  Errichtung  der  katholischen  Abteilung
im  Kultusministerium,  am  14.  Februar  1841.  Dererste  Vorschlag  dazu
war  einst  von  Württemberg  ausgegangen  und  von  dem  alten  Könige
genehmigt  worden.)  Der  Nachfolger  erweiterte  den  ursprünglichen  Plan;

*)  Nuntius  Viale  Prela  an  Brühl,  11.  Febr.  1842.
**)  Brühls  Bericht,  Rom  3.  Aug.  1841
*77)  Dankbriefe  an  Eichhorn,  von  den  Bischöfen  und  Bistumsverwesern  von  Münster
13.  Jan.,  Culm  13.  Jan.,  Trier  16.  Jan.,  Paderborn  18.  Jan.,  Köln  20.  Jan.
1841  usw.  )  S.  o.  IV.  713.
        <pb n="306" />
        298  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

er  wollte,  wie  er  seinem  Kultusminister  von  vornherein  erklärte,  um
beiden  Kirchen  Selbständigkeit  zu  gewähren,  einerseits  ein  evangelisches
Oberkonsistorium  bilden,  andererseits  die  katholischen  Bischöfe  zu  regel—
mäßigen  Konferenzen  in  Berlin  versammeln;  daneben  sollten  die  kleinen
laufenden  Geschäfte  der  Kirchenpolitik  durch  die  neue  katholische  Ministerialabteilung
  besorgt  werden.  Jenes  Oberkonsistorium  kam  aber,  dank  den
Parteikämpfen  der  evangelischen  Kirche,  in  den  nächsten  Jahren  noch  nicht
zu  stande;  mithin  konnte  auch  die  Bischofskonferenz  noch  nicht  berufen
werden,  das  hätte  die  Protestanten  zu  tief  beleidigt.  So  ergab  sich  denn
fast  von  selbst,  daß  die  anfangs  der  Bischofskonferenz  zugedachten  Befugnisse
  tatsächlich  auf  die  katholische  Abteilung  übergingen.  Die  Bischöfe
behandelten  diese  Abteilung  als  eine  kirchliche  Behörde,  sie  traten  mit
den  katholischen  Geheimen  Räten  in  vertraulichen  Verkehr,  sendeten
ihnen  Gutachten,  Ratschläge,  Weisungen,  suchten  die  Pläne  der  Kirche
unmittelbar  im  Ministerium  selbst  durchzusetzen.  Dies  geheime  Treiben
begann  sofort,  mit  großer  Dreistigkeit;  denn  schon  während  der  ersten
römischen  Verhandlungen  hatte  Friedrich  Wilhelm  durch  Graf  Brühl  die
unglaubliche  Zusicherung  erteilen  lassen:  er  würde,  wenn  das  Verhältnis
zur  Kurie  sich  freundlich  gestaltete,  in  die  katholische  Abteilung  nur  solche
Männer  berufen,  die  sich  des  Vertrauens  des  Papstes  erfreuten.)  Die
Behörde  also,  welche  die  Hoheitsrechte  der  Krone  Preußen  gegenüber  der
Kirche  zu  wahren  hatte,  sollte  aus  Vertrauensmännern  der  römischen  Kurie
bestehen!  Harmloser  hatte  noch  nie  ein  Staat  seine  Souveränität  dem
römischen  Stuhle  preisgegeben.

Den  Vorsitz  erhielt  Unterstaatssekretär  v.  Düesberg,  ein  Jugendfreund
und  Waffengefährte  des  frommen  Diepenbrock,  also  gut  katholisch,  aber
nicht  klerikal  gesinnt;  er  behielt  sein  Amt  jedoch  nur  kurze  Zeit.  Der
alte  Schmedding,  der  sich  bei  hochkirchlicher  Gesinnung  doch  auch  manche
gute  Traditionen  des  altpreußischen  Beamtentums  bewahrte,  besaß  keinen
Einfluß.  Die  Seele  der  neuen  Behörde  war  jener  Westfale  Aulicke,  der
schon  die  Verhandlungen  wegen  Dunins  Rückkehr  geführt  hatte  ?),  ein
erklärter  Ultramontaner.  Der  fühlte  sich  stolz  als  der  berufene  Vertreter
  der  römischen  Kirche  und  sagte  klagenden  Geistlichen  oft  geradezu:
der  Herr  Bischof  erlaubt  das  nicht.  Das  katholische  Schulwesen  leitete
Cornelius'  Schwager,  Geh.  Rat  Th.  Brüggemann  aus  Westfalen,  ein
ausgezeichneter  Schulmann  und  treuer  Patriot,  beredt,  geschäftsgewandt,
hochgebildet.  Er  hatte  sich  einst  zu  den  Hermesianern  gehalten  und  von
den  rheinischen  Ultramontanen  manche  Anfeindungen  erfahren.  Mit  den
Jahren  wendete  er  sich  gleich  seinem  großen  Schwager  streng  römischen
Anschauungen  zu;  es  genügte  ihm  bald  nicht  mehr,  daß  die  katholischen

 

*)  Brühls  Bericht,  Rom  1.  Sept.  1840.
*“)  S.  o.  V.  38.
        <pb n="307" />
        Die  katholische  Abteilung.  299

Schulen,  die  doch  gerade  in  Preußen  meist  Schöpfungen  des  Staates  waren,
fast  überall  unter  geistlichen  Inspektoren  standen,  er  verlangte  für  die  Kirche
sogar  ein  förmliches  Recht  der  Schulaufsicht,  das  dem  Landrechte  widersprach.
  Mit  der  mächtigen  Hilfe  des  Hofes  wagte  auch  der  katholische
Adel  Posens  und  der  westlichen  Provinzen  einen  Fuß  in  den  Bügel  zu
setzen,  und  nicht  lange,  so  saß  er  fest  im  Sattel  des  Ministeriums;  im
Palaste  Radziwill  wurden  die  meisten  Maßregeln  der  katholischen  Ab—
teilung  vorbereitet.

Also  bildete  sich  bald  ein  krankhafter,  unwahrer  Zustand,  der  früher
oder  später  neue  Kämpfe  hervorrufen  mußte:  die  grundsätzlich  unduld—
same  Macht  der  alleinseligmachenden  Kirche  besaß  eine  eigene  Vertretung
mitten  im  Schoße  dieser  paritätischen  Staatsregierung,  die  ohne  kirchlichen
Frieden  nicht  zu  leben  vermochte.  Einen  Nuntius  freilich  wollte  der  König
keinenfalls  in  seiner  Hauptstadt  zulassen,  obgleich  man  im  Vatikan  diesen
Wunsch  oft  sehr  lebhaft  aussprach.“)  Durfte  ein  evangelischer  Monarch
einem  römischen  Priester  den  Vortritt  im  diplomatischen  Korps  einräumen,
den  der  Papst  für  seine  Nuntien  überall  verlangte?  durfte  er  dulden,  daß
sich  die  Unzufriedenen  aus  allen  katholischen  Provinzen  um  den  Sendboten
Roms  scharten?  Solche  Fragen  drängten  sich  selbst  dem  arglosen  Fried—
rich  Wilhelm  auf.  Den  Ausschlag  gab,  daß  er  den  Plan  seiner  Bischofskonferenzen
  noch  immer  festhielt;  traten  diese  erst  regelmäßig  zusammen,
so  wurde  der  Nuntius  überflüssig.  Darum  blieb  der  König  diesmal  unerschütterlich;
  und  als  die  Zeitungen  der  beunruhigten  Protestanten  gleichwohl
  beständig  von  dem  kommenden  Nuntius  redeten,  da  befahl  er  hocherzürnt,
  diese  abscheulichen  Gerüchte  Schlag  für  Schlag  zu  widerlegen“.)

Bei  solcher  Luft  schoß  der  Weizen  der  ultramontanen  Partei  rasch
in  Halme.  Die  letzten  Hermesianer  wendeten  sich  noch  einmal  nach  Rom;
da  Gregors  Nachfolger  Pius  IX.  jedoch  das  Verdammungsurteil  seines
Vorgängers  bestätigte,  so  mußten  sie  fortan  ihre  Lehrtätigkeit  einstellen.
Der  Staat  konnte  sie  nur  im  Besitze  ihres  Amtes  und  Einkommens  schützen,
weil  die  dogmatische  Streitfrage  ihn  nicht  berührte;  und  so  standen  denn
die  beiden  einzigen,  die  sich  nicht  unterwarfen,  die  Professoren  Braun
und  Achterfeldt  viele  Jahre  hindurch  in  jedem  Bonner  Lektionskataloge  verzeichnet
  mit  dem  wehmütigen  Zusatze:  lectiones  nullas  habere  pergent.
Geissel  aber  begnügte  sich  nicht  mit  dem  Rechte  des  Einspruchs,  das  den
Bischöfen  bei  der  Ernennung  theologischer  Professoren  gesetzlich  zustand;
er  behauptete  schon  bei  seinem  ersten  Berliner  Besuche,  der  Bischof  sei
befugt,  den  Professoren  eine  missio  canonica  zu  erteilen,  das  will  sagen:
er  wollte  diese  Staatsbeamten  selbst  ernennen  und  dem  Staate  lediglich
erlauben,  die  Besoldungen  zu  zahlen.  Die  missio  canonica  war,  wie

 

*)  Brühls  Berichte,  3.  Sept.  1840  ff.
*')  Entscheidung  des  Königs  auf  Thiles  Bericht  vom  8.  März  1847.
        <pb n="308" />
        300  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Schmedding  sagte,  eine  „formal  nagelneue  Erfindung“;  sie  widersprach  nicht
nur  den  Staatsgesetzen,  sondern  auch  dem  kanonischen  Rechte,  denn  noch
niemals  hatte  die  Kirche  bisher  die  Universitäten,  die  ja  dem  ganzen  katholischen
  Deutschland  dienen  sollten,  bloß  als  Diözesananstalten  behandelt.
Trotzdem  und  trotz  den  Bedenken  Eichhorns  fand  der  König  die  Zumutung
  ganz  unverfänglich.  Bald  nachher  beanspruchte  der  dankbare  Dunin
die  Ernennung  aller  Religionslehrer  in  seiner  Diözese,  und  auch  dieser
Anmaßung  gab  die  Krone  zuletzt  im  wesentlichen  nach.  Eine  Kabinettsordre
vom  6.  Nov.  1846  bestimmte,  daß  der  Minister  sich  mit  dem  Bischof
über  die  Person  jedes  neu  zu  berufenden  Religionslehrers  verständigen,
darauf  der  Bischof  die  kanonische  Mission  erteilen,  und  dann  erst  der
Staat  die  Ernennung  vollziehen  solle.

Über  die  Gesinnung  des  neuen  rheinischen  Oberhirten  konnte  bald
kein  Zweifel  mehr  bestehen.  Geissel  beeilte  sich  zwar  als  gewandter  Hofmann
  den  murrenden  rheinischen  Adel  zu  beschwichtigen,  dem  der  halbe
Sieg  in  dem  Bischofsstreite  noch  immer  nicht  genügte.  Er  weigerte  sich
aber  Diepenbrock  zu  seinem  Dompropste  zu  ernennen,  obgleich  ihn  der
König  dringend  darum  ersuchen  ließ*);  der  Regensburger  Domherr  war
ihm  zu  friedfertig  und  wohl  auch  zu  bedeutend  für  einen  Untergebenen.
Als  vertraute  Ratgeber  dienten  ihm  erst  jener  Kanonikus  Iven,  dem  der
Payst  einst  eigenmächtig  die  Verwaltung  des  Erzbistums  übertragen  hatte,
nachher  der  Weihbischof  Baudri,  beide  erklärte  Anhänger  der  strengen
ultramontanen  Partei.  Von  derselben  Farbe  war  auch  der  auf  Geissels
Vorschlag  ernannte  neue  Bischof  von  Speier,  der  Begründer  des  Mainzer
„Katholiken“  Weis.  Wie  gänzlich  verkannte  doch  der  König  die  Zeichen
der  Zeit,  wenn  er  arglos  hoffte,  die  römische  Kirche  würde  ihrer  Verweltlichung
  bald  entwachsen.  Noch  niemals  seit  den  Zeiten  Tezels  hatte
der  Klerus  unseres  Westens  so  wie  jetzt  in  pomphaften  Festlichkeiten  geschwelgt.
  Auf  das  Kölner  Domfest  folgte  die  Ausstellung  des  heiligen  Rocks
in  Trier;  dann  wurden  in  Aachen  die  Windeln  des  Christkindleins  dem  gläubigen
  Volke  gezeigt,  bräunliche  Fetzen,  von  denen  selbst  Baudri  meinte,  ihre
Echtheit  sei  zweifelhaft,  unzweifelhaft  aber  ihre  Heiligkeit;  darauf  feierte  man
zu  Münster  mit  unerhörtem  Prunk  das  Jubiläum  des  greisen  blinden
Bischofs  Caspar  Max  Droste,  und  überall  war  Geissel  mit  dabei.

Der  heranwachsende  rheinische  Klerus  zeigte,  dank  den  trefflichen
Unterrichtsanstalten  des  preußischen  Staates,  mehr  Bildung  als  das  ältere
Geschlecht,  und  seit  dem  Domfeste  auch  oft  ein  warmes  Verständnis  für  die
alte  kirchliche  Kunst;  dem  Erzbischof  gegenüber  bekundete  er  aber  gar  keinen
eigenen  Willen  mehr.  Die  zahlreichen  Sukkursalpfarrer  des  linken  Rheinufers,
  die  nach  dem  schlechten  französischen  Brauche  keine  festen  kanonischen
Pfründen  besaßen,  standen  ganz  in  Geissels  Hand;  und  auch  die  in  ihrem

 

*)  Thile  an  Eichhorn,  24.  Juni  1842.
        <pb n="309" />
        Diepenbrock.  301

Amte  besser  gesicherten  Pfarrer  des  rechten  Ufers  wußte  er  durch  eiserne
Disziplin  niederzuhalten.  Er  gehörte  nicht  förmlich  dem  Jesuitenorden  an
wie  sein  Freund  Reisach;  doch  in  rein  jesuitischem  Geiste  ließ  er  das  Bonner
Konvikt  durch  Professor  Martin  leiten.  Die  Seele  der  Bonner  Fakultät
war  der  aus  Speier  mit  herübergekommene  Schwabe  Dieringer,  ein  Theolog
von  geringer  wissenschaftlicher  Bedeutung,  aber  unschätzbar  als  rühriger
ultramontaner  Parteimann.  Da  die  katholische  Abteilung  des  Ministeriums
  gern  ein  Auge  zudrückte,  so  entstand  in  der  Stille  eine  Reihe  von
Klöstern  ohne  die  gesetzlich  notwendige  Genehmigung  des  Landesherrn.
Geissel  wollte  die  politische  Herrschaft,  die  der  Klerus  am  Rhein  so  lange
behauptet  hatte,  durch  eine  ebenso  wirksame  soziale  Herrschaft  ersetzen.
Weithin  über  das  Land  spannte  sich  nach  und  nach  ein  dichtes  Netz  von
katholischen  Genossenschaften  aller  Art,  die  für  Krankenpflege  und  Armenversorgung
  manches  Gute  wirkten,  immer  aber  ein  hartes  konfessionelles
Gepräge  trugen;  bald  traten  auch  rein  gesellige,  offen  oder  insgeheim  von
Geistlichen  geleitete  Vereine  hinzu.  Der  Verkehr  zwischen  den  beiden  Konfessionen
  beschränkte  sich  mehr  und  mehr  auf  das  geschäftliche  Leben;  der
Haß  gegen  die  Protestanten  wurde  den  katholischen  Familien  durch  die
Beichtväter  so  nachdrücklich  eingeschärft,  daß  nur  noch  selten  evangelische
Dienstboten  bei  katholischen  Herrschaften  Aufnahme  fanden.

Etwas  erfreulicher  gestalteten  sich  die  kirchlichen  Zustände  in  Schlesien.
Da  der  neue  Fürstbischof  Knauer  schon  nach  kurzer  Zeit,  1844  starb,
so  wurde  dem  Könige  die  Freude,  daß  Melchior  Diepenbrock  den  fürstbischöflichen
  Stuhl  bestieg,  der  edelste  Charakter  unter  den  deutschen  Kirchenfürsten
  dieser  Zeit.  Friedrich  Wilhelm  hatte  den  frommen  Westfalen
schon  1840  in  Regensburg  durch  seinen  Radowitz,  bei  Gelegenheit  der
militärischen  Rundreise  besuchen  lassen  und  seitdem  nicht  mehr  aus  den
Augen  verloren.  Wohl  zeigte  schon  Diepenbrocks  Einzug,  wie  gründlich
das  kirchliche  Leben  verwandelt  war.  Der  katholische  Adel  bereitete  dem
Oberhirten  prächtige  Huldigungen,  wie  man  sie  unter  preußischer  Herrschaft
  noch  nie  erlebt  hatte.  Und  stolz  genug  schritt  er  einher,  eine  große,
schlanke,  würdevolle  Gestalt  mit  schönen,  schwärmerischen  Augen;  jede
Miene  verkündete,  wie  hoch  erhoben  er  sich  jetzt  über  allen  Laien  fühlte.
Keine  Macht  der  Welt  konnte  ihn  in  der  strengsten  Erfüllung  seiner  kirchlichen
  Pflichten  beirren:  den  Fürsten  Hatzfeldt,  an  dessen  Seite  er  soeben
in  Breslau  eingefahren  war,  exkommunizierte  er  kaum  zwei  Jahre  später,
weil  der  Fürst  sich  inzwischen  von  seiner  Gemahlin  getrennt  und  eine
neue  Ehe  geschlossen  hatte.  Auch  die  klerikalen  Strömungen  der  Zeit
ließen  ihn  nicht  ganz  unberührt;  es  währte  nicht  lange,  so  verlangte  er
wie  Geissel  das  Recht,  den  theologischen  Professoren  der  Landesuniversität
die  kanonische  Mission  zu  erteilen.  Aber  unendlich  höher  als  die  Macht
seiner  Kirche  stand  ihm  doch  der  lebendige  Geist  des  Christentums.  Als
er  nach  der  Bischofsweihe  majestätisch  vor  den  Altar  trat  und  den  Stab
        <pb n="310" />
        302  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

dröhnend  auf  die  Marmorstufen  stemmte,  mit  dem  Ausrufe:  Und  so  setze
ich  denn  meinen  Hirtenstab  auf  den  ewigen  Urfelsen,  der  da  ist  Christus
—  da  meinten  viele  der  anwesenden  Protestanten,  das  klänge  mehr  evan—
gelisch-christlich  als  römisch.  Er  war  tief  gläubig,  ganz  durchglüht  von
religiöser  Empfindung,  und  dabei  ein  guter  Preuße,  der  trotz  seiner  ge—
mütlichen  Anhänglichkeit  an  das  Bayerland  den  alten  königlichen  Offizier
nie  verleugnete  und  seine  Staatstreue  auch  in  schwerer  Zeit  furchtlos
bewährte.  Die  Branntweinpest  unter  den  oberschlesischen  Polen  bekämpfte
er  nicht  bloß  durch  Enthaltsamkeitsvereine,  sondern  durch  das  allein  wirk—
same  Mittel,  durch  gesundes  Bier,  das  er  von  herbeigerufenen  bayrischen
Brauern  herstellen  ließ;  und  als  die  Hungersnot  im  Gebirge  ausbrach,
da  waren  seine  barmherzigen  Brüder  überall  zur  Stelle.  Nach  der  Kon—
fession  wurde  bei  solchen  Liebeswerken  nie  gefragt.  Begreiflich,  daß  der
König  ihn  liebte.  Wenn  er  nach  Erdmannsdorf  kam,  bat  er  den  Fürst—
bischof  stets  zu  Gaste  in  den  engsten  Familienkreis,  und  obwohl  Friedrich
Wilhelm  dem  Protestantismus  nie  untreu  werden  wollte,  so  fiel  es  doch
allgemein  auf,  daß  er  keinem  evangelischen  Geistlichen  je  so  viel  Ver—
ehrung  erwies  wie  diesem  katholischen  Prälaten.

Die  Niederlage  der  Krone  in  dem  Kirchenstreite  erregte  unter  den
Protestanten  nicht  so  allgemeinen  Zorn,  wie  Friedrich  Wilhelm  selbst  ge—
fürchtet  hatte.  Die  Staatsgesinnung  war  noch  wenig  durchgebildet,  das
Schlagwort  der  Kirchenfreiheit  übte  noch  seinen  berückenden  Zauber;  die
Liberalen  schalten  wenig,  weil  ihre  Lieblinge,  die  Rheinländer  zufrieden
waren  und  die  Sonne  ja  noch  immer  im  Westen  aufging;  dem  jungen
Radikalismus  endlich  schienen  alle  kirchlichen  Fragen  lächerlich.  Indes
fehlte  es  nicht  ganz  an  warnenden  Stimmen.  Der  treue  Arndt,  der  am
Rhein  längst  heimisch  geworden  und  dort  seinen  anerzogenen  schwedisch—
lutherischen  Vorurteilen  entwachsen  war,  sagte  doch  jetzt  in  seinem  Auf—
satze  „Ein  paar  deutsche  Notabene“  rund  heraus:  „Die  Jesuiten  sind
wieder  da,  und  sie  werden,  wie  immer,  deutsche  Liebe  und  deutsche  Treue
zerhadern  und  zersplittern!“  Als  Graf  Anton  Stolberg  im  Mai  1844
die  westpreußischen  Domänen  bereist  hatte,  gestand  er  dem  Monarchen
ehrlich:  die  katholischen  Polen  träten  hier  überall  höchst  übermütig  auf
und  sagten  laut:  heute  muß  man  katholisch  sein,  um  bei  Hofe  etwas  zu
gelten.“)  Auch  König  Wilhelm  von  Württemberg  zeigte  sich  besorgt;  er
erwog  mit  dem  preußischen  Gesandten  Rochow  oftmals  die  Frage,  ob  die
protestantischen  Fürsten  Deutschlands  nicht  unter  Preußens  Führung  zu—
sammentreten  sollten  zur  gemeinsamen  Wahrung  der  Rechte  ihrer  Kirchen—
hoheit.

In  der  Tat  hatte  die  ultramontane  Partei  schon  fast  alles  erreicht,
was  ein  paritätischer  Staat  irgend  gewähren  konnte.  Einer  ihrer  Hitz- 



*)  Stolbergs  Bericht  an  den  König,  16.  Mai  1844.
        <pb n="311" />
        Triumph  der  Ultramontanen.  303

köpfe,  der  konvertierte  Franziskaner  Gaßer,  bereiste  die  süddeutschen  Höfe
und  verkündete  überall  prahlerisch,  am  Berliner  Hofe  könne  die  römische
Kirche  alles  durchsetzen.  Die  Klerikalen  haben  aber  mit  den  radikalen
Demokraten  die  Unersättlichkeit  gemein,  weil  beide  Parteien  ein  starres,  dem
ewigen  Werden  der  Geschichte  widersprechendes  und  darum  unmögliches
Prinzip  vertreten.  Noch  immer  nicht  befriedigt  forderten  die  Ultramontanen
alsbald  neue  Rechte:  zunächst  die  vor  Jahren  verheißene  Ausstattung  der
Kirche  mit  liegenden  Gründen.  Auf  dem  rheinischen  Landtage  von  1843
mahnten  mehrere  Redner  stürmisch  an  das  Versprechen  Hardenbergs,  das
auch  Bunsen  in  den  letzten  Tagen  seiner  römischen  Wirksamkeit  leichtfertig
wieder  in  Erinnerung  gebracht  hatte;  zum  Glück  war  die  alte  Zusage  jetzt
unerfüllbar,  da  die  Krone  ohne  Zustimmung  der  Reichsstände  das  Domanium
  nicht  mehr  schmälern  durfte.  Sodann  verlangte  man,  daß  an  den
beiden  paritätischen  Universitäten  die  Hälfte  der  Professoren,  sogar  der
Mediziner  stets  aus  Katholiken  bestehen  müsse  —  eine  rein  willkürliche  und
bei  der  geringen  Anzahl  der  vorhandenen  katholischen  Gelehrten  völlig  unausführbare
  Forderung.  Im  letzten  Hintergrunde  stand  endlich  der  Wunsch
nach  einer  freien  katholischen  —  das  will  sagen:  ganz  von  der  Kirche  beherrschten
  —  Universität  belgischen  Stiles;  um  die  eigentliche  Absicht  zu
bemänteln,  klagten  die  Ultramontanen  beweglich,  daß  Bayern  zwei  katholische
  Universitäten  besitze,  das  große  Preußen  keine  einzige.  Die  Beschwerde
  entbehrte  jedes  Grundes,  da  die  beiden  paritätischen  Universitäten
für  die  Bedürfnisse  der  katholischen  Theologie  vollkommen  ausreichten.
Aber  bei  einiger  Klugheit  konnte  die  Krone  diesen  immerhin  wirksamen
Anklagen  leicht  einen  Riegel  vorschieben,  wenn  sie  die  Münstersche  Akademie,
  die  von  dem  Fluche  aller  Halbheit  doch  nicht  loskam,  zu  einer
katholischen  Staatsuniversität  ausgestaltete  und  neben  der  katholisch-theologischen
  Fakultät  dort  noch  drei  weltliche,  allen  Bekenntnissen  zugängliche
Fakultäten  einrichtete.  Diese  Waffe,  die  sich  ganz  von  selbst  darbot,  wurde
leider  nicht  gebraucht;  offenbar  fürchtete  der  König,  daß  die  westfälischen
Protestanten,  die  ja  fast  die  Hälfte  der  Provinz  ausmachten,  sich  dann
ihrerseits  beschweren  würden.

Wie  mächtig  das  Selbstgefühl  der  Ultramontanen  gewachsen  war,
das  verkündete  Görres  1842  in  seiner  Schrift:  Kirche  und  Staat  nach
Ablauf  der  Kölner  Irrung.  Das  Büchlein  klang  wie  das  Jubelgeheul
eines  die  feindlichen  Skalpe  schwingenden  Indianers.  Der  heißblütige
Alte,  dessen  Leidenschaft  mit  den  Jahren  nur  gewachsen  war,  redete  jetzt
geradezu  von  „dem  rheinischen  und  westfälischen  Adel  katholischer  Zunge!“
Kein  Band  der  Volksgemeinschaft  sollte  zwischen  den  beiden  Bekenntnissen
mehr  bestehen.  Zum  Abschluß  seiner  zahllosen  politischen  Wandelungen
verherrlichte  der  Herausgeber  des  Rheinischen  Merkurs  nunmehrdie  rheinbündische
  Trias;  er  pries  sein  Bayern  als  den  natürlichen  Führer  der  kleinen
Staaten,  als  die  ausgleichende  Macht  zwischen  den  beiden  Großmächten
        <pb n="312" />
        304  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

—  dies  Bayern,  das  eben  jetzt  wegen  seiner  ultramontanen  Mißregierung
fast  von  allen  deutschen  Höfen  tief  verabscheut  wurde!

Die  letzten  Ziele  der  Klerikalen  enthüllte  mit  gewohnter  Plumpheit  der
greise  Clemens  August  Droste  selbst  in  einem  noch  während  seines  Exils
geschriebenen  Buche  „über  den  Frieden  unter  der  Kirche  und  den  Staaten“.
Er  führte  hier  nur  näher  aus,  was  er  schon  vor  Jahren  über  „die  Religionsfreiheit
  der  Katholiken“  geschrieben  hatte.  )  Das  neue  Buch  war  ebenso
stümperhaft  wie  das  alte,  aber  bedeutsam  durch  den  Namen  seines  Verfassers,
mehr  noch  durch  seine  erschreckende  massive  Offenherzigkeit,  so  daß  Marheineke
  und  andere  evangelische  Theologen  sich  gedrungen  fühlten,  sofort
zu  antworten.  Hier  wurde  die  römische  Kirche  kurzab  für  das  Himmelreich
  auf  Erden  erklärt  und  dem  Staate  nur  ein  Schutzrecht  vergönnt,
wie  umgekehrt  auch  die  Kirche  befugt  sein  sollte,  den  Staat  zu  beschützen.
Daraus  ergab  sich  denn  eine  rein  revolutionäre  Staatslehre.  Wie  die
Jakobiner  einst  ihre  Menschenrechte  allem  positiven  Rechte  entgegengesetzt
hatten,  so  unterschied  Droste  die  mit  der  Natur  des  Staates  gegebenen,
auch  die  Kirche  verpflichtenden  „Staatsgesetze“  von  den  willkürlichen
„Staaten=  oder  Landesgesetzen“  der  Regenten,  denen  die  Kirche  keinen
Gehorsam  schulde.  Frecher  war  die  Doktrin  der  Revolution  seit  den
Tagen  des  Konventes  nicht  mehr  verkündet  worden;  denn  mochten  die
einen  betend  ihre  Hände  falten  und  vor  den  Bildern  der  Heiligen  knien,
die  anderen  um  den  Freiheitsbaum  tanzen  —  wer  also  ein  erträumtes
natürliches  Recht  über  die  Gesetze  des  lebendigen  Staates  stellte,  zerstörte
jedes  Band  der  Treue  und  des  Gehorsams  im  politischen  Leben.  Der
Staat,  so  schloß  Droste,  muß  der  Kirche,  der  eigentlich  die  Herrschaft  gebührt,
  mindestens  die  volle  Gleichberechtigung  gewähren,  unbekümmert  um
die  törichte  Unzufriedenheit  der  Protestanten,  die  von  ihrem  Luther  nur
gelernt  haben,  der  Unsittlichkeit,  dem  Vernunftstolze,  dem  Zweifel  zu
frönen.

Mit  diesem  ehrlichen  Glaubensbekenntnis  trat  der  alte  Kämpe  der
alleinseligmachenden  Kirche  von  der  politischen  Bühne  ab.  Seinen  Bischofssitz
  sah  er  niemals  wieder,  aber  eine  Pilgerfahrt  nach  Rom  mochte  er
sich  in  seinem  hohen  Alter  nicht  versagen;  dort  wohnte  er  bei  einem
frommen  westfälischen  Buchdrucker  und  lebte,  ohne  nach  den  glänzenden
Ehrenbezeigungen  des  Vatikans  viel  zu  fragen,  ganz  seiner  mönchischen
Andacht.  Und  seltsam,  dieser  Mann,  der  in  Prosa  nie  einen  lesbaren
Satz  schreiben  konnte,  erlebte  doch  dann  und  wann  Augenblicke  poetischer
Begeisterung.  In  solchen  Stunden  dichtete  er  das  von  den  Kindern  beider
Bekenntnisse  oft  gesungene  Lied  „Stell'  himmelwärts,  stell'  himmelwärts
gleich  einer  Sonnenuhr  dein  Herz“;  und  noch  deutlicher  sprach  der  knorrige
  Westfälinger  sein  innerstes  Wesen  aus  in  den  Versen:

 

*)  S.  o.  III.  217.
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        Drostes  Ausgang.  305

Es  soll  gleich  einem  Eichbaum  stark
Der  Mann  mit  Stürmen  ringen.
Es  soll  ihm  trotzig  Bein  und  Mark
Die  Willenskraft  durchdringen.

Im  Jahre  1845  starb  er  —  eines  jener  blinden  und  dumpfen  Werk—
zeuge,  welche  die  Vorsehung  zuweilen  für  ihre  unerforschlichen  Pläne  auswählt;
  unzweifelhaft  ein  historischer  Charakter,  denn  mit  seinem  Namen
verflicht  sich  das  Gedächtnis  einer  der  erfolgreichsten  Wandelungen  unseres
Parteilebens.  —

 

Noch  vernehmlicher  als  Drostes  Buch  redeten  die  Taten  der  ultramontanen
  Partei  in  Bayern.  Dort  behauptete  sie  ein  Jahrzehnt  hindurch
die  unbeschränkte  Herrschaft,  und  es  gelang  ihr,  das  Beste,  was  dieser
Staat  besaß,  den  kirchlichen  Frieden  von  Grund  aus  zu  verwüsten.  „Lassen
Sie  Sich  —  so  schrieb  bald  nach  Sedlnitzkys  Abdankung  ein  klerikaler
Heißsporn  des  Breslauer  Domkapitels  —  durch  das  Gerücht,  in  Bayern
bereite  sich  eine  kirchliche  Reaktion  vor,  nicht  irre  machen.  Die  Widerstrebenden
  werden  mit  eisernen  Ruten  niedergehalten  werden.  Jetzt  wo
die  weltliche  und  die  kirchliche  Macht  den  Entscheidungskampf  auch  hier
in  Deutschland  beginnt,  müssen  die  feindlichen  Stützen  brechen,  und  die
Geschichte  lehrt  uns,  daß  der  Sieg  doch  am  Ende  Rom  bleibt.“)  In
der  Tat  war  König  Ludwig  jetzt  ganz  in  klerikalen  Gedanken  befangen.
Nichts  lag  ihm  ferner  als  der  bewußte  Plan,  die  Gleichberechtigung  der
Bekenntnisse  zu  stören,  die  er  noch  immer  für  ein  Kleinod  seines  Königreichs
  ansah.  Doch  seit  den  pfälzischen  Unruhen  und  dem  stürmischen
jüngsten  Landtage  hielt  er  die  Rechte  seiner  Krone  für  gefährdet:  „jetzt
ist's  noch  Zeit;  wie  die  Felswände  an  dem  See  ragen  unerschütterlich,  so
stehe  ich.“  Um  die  Krone  zu  retten,  klammerte  er  sich  fest  an  die  neue
politische  Heilslehre  der  Klerikalen;  in  dem  Kampfe  zwischen  Rom  und  der
Revolution  sah  er  fortan  den  Inhalt  der  Zeitgeschichte.  Wenn  er  nach
dem  Vorbilde  seines  Ahnherrn,  des  Kurfürsten  Max  den  deutschen  Katholizismus
  mit  starker  Hand  beschirmte,  dann  hoffte  er  nicht  nur  die  Revolution
  zu  bändigen,  sondern  auch  das  zugleich  geliebte  und  beargwöhnte
Preußen  zu  überflügeln  und  nach  dem  mißlungenen  griechischen  Abenteuer
  dem  Hause  Wittelsbach  doch  noch  eine  große  europäische  Machtstellung
  zu  gewinnen.

Solange  solche  Ideen  den  unsteten  Geist  des  Königs  beherrschten,
blieb  Minister  Abel  für  ihn  der  natürliche  Ratgeber,  ein  geschäftskundiger,
rastlos  tätiger  Bureaukrat  von  durchfahrender,  brutaler  Strenge,  hart,

 

*)  Schreiben  an  den  katholischen  Propst  von  Berlin,  12.  Juni  1841,  von  einem
Mitglied  des  Breslauer  Domkapitels  (vermutlich  Ritter).
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  20
        <pb n="314" />
        306  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

herrschsüchtig,  rücksichtslos,  im  Landtage  gefürchtet  durch  seine  schlag—
fertige,  feurige  Beredsamkeit.  Aus  Wetzlar  gebürtig,  war  Abel  einst  als
Rat  der  griechischen  Regentschaft  dem  pfälzischen  Protestanten  Maurer
bei  seinen  Reformgesetzen  zur  Hand  gegangen  und  auch  im  Münchener
Landtage  für  manche  Forderungen  des  Liberalismus  eingetreten.  Noch
erzählte  man  sich  gern,  wie  stürmisch  er  damals  mit  seiner  mächtigen
Stimme  gegen  die  Zensur  gedonnert  hatte,  die  morsche  Krücke  einer
schwachen,  die  lähmende  Fessel  einer  starken  Regierung.  Späterhin  hatte
er  sich,  tief  erschüttert  durch  den  Tod  seiner  geliebten  frommen  Gattin,
von  den  alten  Genossen  schroff  abgewendet  und  in  der  harten  Autoritäts—
lehre  der  Klerikalen  seinen  Frieden  gefunden;  bei  grauendem  Morgen,
unbemerkt  von  der  Welt,  pflegte  er  fortan  täglich  vor  einem  Altare  der
Theatinerkirche  betend  zu  knien.  Zu  keiner  Zeit,  schrieb  er  dem  gleich—
gesinnten  Hurter,  waren  die  Throne  von  so  großen  Gefahren  umgeben,
nur  von  der  Kirche  ist  noch  Heil  und  Rettung  zu  hoffen.  Als  er  in  die
Regierung  eintrat,  da  erschien  es  ihm  wie  ein  Wink  Gottes,  daß  fast  im
selben  Augenblicke  Droste-Vischering  den  Damm  zerstieß  und  die  ultra—
montane  Hochflut  über  Deutschland  dahinrauschte.  Er  wollte  kämpfen
für  Thron  und  Altar,  so  wie  einst  Haller  diesen  Kampf  verstanden  hatte.
Was  kümmerte  es  ihn  in  seinem  fanatischen  Tatendrange,  daß  er  durch
diese  Politik  das  evangelische  Drittel  des  bayrischen  Volks  gegen  die  Krone
aufreizte  und  die  Sicherheit  aller  deutschen  protestantischen  Dynastien  ge—
fährdete?  Je  ärger  die  Zustände  im  protestantischen  Deutschland  sich
verwirrten,  um  so  höher  sollte  das  Gestirn  der  gläubigen  Wittelsbacher
steigen.  Gewiß  war  Abel  weit  mehr  ein  Politiker  als  ein  kirchlicher  Eiferer,
und  da  er  überall  den  selbstherrlichen  Willen  seines  katholischen  Königs
unerbittlich  ausführte,  so  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  er  unterweilen  auch
einzelne  seiner  klerikalen  Freunde  vor  den  Kopf  stieß.  Gleichwohl  bewiesen
die  Ultramontanen  schwarze  Untreue,  als  sie  den  verhaßten  und  verrufenen
Mann  nach  seinem  endlichen  Sturze  in  hellen  Haufen  verließen  und
verleugneten,  als  ob  er  nie  zu  ihnen  gehört  hätte.  Denn  ihm  allein  ver—
dankten  sie  in  Wahrheit,  daß  sie  an  der  Isar  eine  Zeitlang  so  herrisch
schalten  konnten  wie  vormals  in  der  Pfaffengasse  des  heiligen  Reichs.

Nirgends  wußte  man  dies  besser  als  in  Rom.  Sobald  Abel  ans
Ruder  kam,  erkannte  die  Kurie  sofort,  jetzt  sei  der  rechte  Augenblick  dem
Klerus  in  Bayern  ein  ebenso  behagliches  Paradiesgärtlein  einzurichten,
wie  in  Belgien.  Sie  war  sehr  gut  vertreten  durch  den  Nuntius  Viale
Prela,  einen  geistreichen,  liebenswürdigen  Prälaten,  der  Deutschland  kannte
und  liebte,  aber  als  weltkluger  Welscher  über  den  Feuereifer  seiner  bajuvarischen
  Gefolgschaft  manchmal  selbst  erschrak.  Nun  fügte  das  gütige
Schicksal,  daß  in  den  nächsten  Jahren  die  meisten  bayrischen  Bistümer
ihre  Oberhirten  verloren.  Unter  Abels  freudiger  Mitwirkung  wurden  überall
  rüstige  junge  Kleriker  von  jesuitischer  oder  doch  streng  ultramontaner
        <pb n="315" />
        Abel  und  seine  Anhänger.  307

Gesinnung  mit  dem  Hirtenstabe  betraut:  Weis  in  Speier,  Stahl  in
Würzburg,  Hoffstätter  in  Passau,  Riedel  in  Regensburg.  An  der  Spitze
dieses  jungen  streitbaren  Episkopats  stand  der  Eichstädter  Reisach;  er  wurde
jetzt  Koadjutor  des  greisen  Erzbischofs  von  München,  bald  nachher  dessen
Nachfolger,  und  wie  er  einst  mit  großem  theatralischem  Erfolge,  zur  Er—
bauung  aller  kindlichen  Gemüter,  als  pilgernder  Kuttenmann  in  seine
Wilibaldstadt  eingezogen  war,  ebenso  gewandt  bewegte  er  sich  nunmehr  in
der  vornehmen  Gesellschaft  der  Hauptstadt.  Auf  dem  Lehrstuhle  des  Kirchen—
rechts  in  München  stand  Phillips,  der  preußische  überläufer,  der  sein
verlassenes  Vaterland  mit  unauslöschlichem  Hasse  bekämpfte;  er  lehrte  be—
reits,  den  Konzilien  gebühre  nur  eine  beratende  Stimme,  da  die  Kirche
nur  durch  Petrus  Kirche  sei,  und  näherte  sich  also  Schritt  für  Schritt
dem  Dogma  von  der  päpstlichen  Unfehlbarkeit,  in  dem  die  klerikale  Dialektik
  zuletzt  notwendig  ausmünden  mußte.  Der  aus  Würzburg  neu  berufene
  Lehrer  des  Staatsrechts  May  verkündigte  in  anständigerer  Form
dieselbe  Lehre  von  der  Civitas  Dei,  welche  Droste-Vischering  in  seiner
letzten  Streitschrift  verfocht;  alle  Befugnisse  der  Kirchenhoheit,  alle  Majestätsrechte
  des  Staates  galten  ihm  nur  für  Erfindungen  einer  pseudoliberalen
  Theorie.

Nicht  umsonst  ließ  der  alte  Görres  den  Schlachtruf  erschallen:  „Hammer
oder  Amboß  ist  die  Losung  des  Jahrhunderts!“  Überall  in  der  Welt
erhoben  die  Klerikalen  neue,  bisher  unerhörte  Forderungen.  Die  Münchener
  gelben  Blätter  verlangten  kurzab  freie  Verfügung  der  Kirche  und
ihrer  Hirten  über  die  gesamte  Wissenschaft  und  den  Unterricht;  mit
einem  Fußtritt  sollten  alle  Segnungen  des  weltlichen  deutschen  Schulwesens,
  die  Arbeit  dreier  Jahrhunderte  über  den  Haufen  geworfen  werden.
Zugleich  begann  Graf  Montalembert  in  der  französischen  Pairskammer
hochbegeistert  seinen  Kampf  gegen  die  Staatsschule.  Dem  ritterlichen
Schwärmer  stand  außer  Zweifel,  daß  die  katholische  Kirche  nur  die  Königin
oder  gar  nichts  sein  könne.  Da  die  Härte  der  napoleonischen  Unterrichtsordnung,
  die  geistlose  Gleichförmigkeit  der  Lyceen,  die  Pedanterei  „der  Mandarinen
  der  Universität“  in  der  Tat  viele  Blößen  darboten,  so  glaubte
er  wirklich  für  die  Freiheit  zu  kämpfen,  wenn  er  die  Schulen  wieder  in
das  Joch  des  Klerus  spannen  wollte  und  die  Söhne  der  Kreuzfahrer  ermahnte,
  nicht  zurückzuweichen  vor  den  Söhnen  Voltaires.  Durch  Geburt
und  Bildung  halb  Engländer  halb  Franzose  hatte  sich  Montalembert
kürzlich  mit  einer  Tochter  des  belgischen  ultramontanen  Parteiführers  Felix
v.  Merode  vermählt,  und  dieser  eigentümliche  weltbürgerliche  Zug  der
römischen  Partei  zeigte  sich  auch  in  dem  Münchener  Kreise.  In  der  Hofgesellschaft
  glänzten  neben  den  alteingebürgerten  ultramontanen  Geschlechtern
  Löwenstein,  Arco,  Cetto,  Deuxponts,  Rechberg,  Seinsheim  auch  der
unglückliche  Minister  Karls  X.  Fürst  Polignac,  die  gleichgesinnten  Rohans
und  das  karlistische  Haus  Lichnowsky.  Fürst  Felix  Lichnowsky  erfreute  sich

207
        <pb n="316" />
        308  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

der  besonderen  Gunst  Abels;  ungestraft  durfte  er  den  durchreisenden  Herzog
von  Nassau,  wegen  eines  persönlichen  Streites,  zum  Zweikampf  herausfordern
  und  mit  der  Reitpeitsche  bedrohen;  es  währte  Monate  bis  der
protestantische  Herzog  die  Ausweisung  seines  hitzigen  Gegners  durchsetzte)

Zu  den  aristokratischen  gesellten  sich  aber  auch  demagogische  Elemente;
  denn  es  lag  im  Wesen  dieses  Bundes  der  Vorkämpfer  Roms,  daß
er  wie  die  Grenzen  aller  Länder,  so  auch  alle  politischen  Parteien  durchschnitt.
Der  alte  Görres,  der  selber  seine  radikalen  Neigungen  nie  ganz  überwand,
empfing  in  seinem  gastlichen  Hause  neben  französischen  Legitimisten  auch
schweizerische  Jesuiten  und  polnische  Revolutionäre;  dazu  die  sehr  bunt  gemischte
  Schar  der  ultramontanen  Literaten:  den  an  die  halbamtliche
Münchener  Zeitung  neuberufenen  streitbaren  Historiker  Höfler,  die  Mitarbeiter
  der  Augsburger  Zeitschrift  Sion,  nicht  zuletzt  die  Getreuen  der
gelben  Blätter,  die,  sonst  gegen  jedermann  kampflustig,  doch  über  die  Gebrechen
  der  bayrischen  Verwaltung  nur  selten  und  behutsam  sprachen,  weil
sie  den  unentbehrlichen  mächtigen  Minister  schonen  mußten.  Harmloser
war  die  heitere  Tafelrunde,  welche  das  reiche  „Schweizerfräulein“,  die  von
Clemens  Brentano  angebetete,  mit  Cornelius,  Ringseis,  Diepenbrock  befreundete
  fromme  Konvertitin  Emilie  Linder  um  sich  zu  versammeln
pflegte;  hier  freute  man  sich  noch  an  dem  feinen  Duft  und  Schmelz  der
alten  romantischen  Bildung.  Solche  mildere  Gesinnungen  vermochten
aber  nicht  aufzukommen  gegen  den  fanatischen  Übermut,  der  in  der
Münchener  Kongregation  vorherrschte.  Mit  tiefem  Schmerz  empfand
Möhler  diese  Wandlungen,  der  erste  wissenschaftliche  Kopf  der  deutschen
katholischen  Theologie.  Er  war,  kurz  bevor  Abel  ans  Ruder  kam,  nach
München  berufen  worden  und  hatte  soeben  erst,  als  er  seine  Symbolik
wider  die  Angriffe  Christian  Baurs  verteidigte,  genugsam  bewiesen,  daß
er  den  ehrlichen  wissenschaftlichen  Streit  selbst  mit  einem  überlegenen
Gegner  nicht  scheute.  Doch  in  die  Bahnen  des  politischen  Kampfes  wollte
er  seine  Kirche  nicht  einlenken  sehen;  ihm  graute  vornehmlich  vor  der
ultramontanen  Presse,  vor  „dem  Schweife  literarischer  Niederträchtigkeit"“,
der  sich  an  die  Kongregation  ansetzte.  Abel  wußte  mit  dem  feinfühligen.
Gelehrten  nichts  anzufangen  und  versetzte  den  Kränkelnden  plötzlich  als
Domherrn  nach  Würzburg;  da  wurde  Möhler  (1838)  durch  einen  frühen
Tod  aus  einer  unhaltbaren  Lage  befreit.

Vor  allem  war  es  der  wütende  Haß  gegen  Preußen,  was  die  bureaukratischen,
  die  demagogischen  und  die  aristokratischen  Kräfte  dieser  Partei
zusammenhielt.  Darum  zählte  auch  zu  ihren  rührigsten  Mitgliedern  der
österreichische  Gesandte  Graf  Senfft-Pilsach,  jener  sächsische  Minister,  der
einst  im  Befreiungskriege  vergeblich  versucht  hatte,  seinen  König  in  die  Wege
der  Wiener  Politik  hinüberzudrängen  und,  inzwischen  längst  von  dem  Glauben

 

*)  Dönhoffs  Berichte,  30.  April,  14.  Mai,  16.  Juni  1840.
        <pb n="317" />
        Osterreich  und  die  bayrischen  Klerikalen.  309

seines  altprotestantischen  Geschlechts  abgefallen,  der  besonderen  Gunst  des
Metternichschen  Hauses  genoß.  Er  unterhielt  Verbindungen  mit  den  Kleri—
kalen  aller  Länder  und  pflegte  sich  mit  seinem  Freunde  Abel  meist  schon  bei
der  stillen  Morgenandacht  in  der  Theatinerkirche  zu  besprechen.  Auch  Met—
ternich  selbst  begann  nunmehr,  gleich  den  beiden  bayrischen  Schwestern  in
Wien,  einen  lebhaften  Briefwechsel  mit  dem  Münchener  Hofe;  die  Eifersucht
auf  den  Zollverein  und  das  aufstrebende  Preußen  ließ  ihm  keine  Ruhe,  nur
durch  die  römische  Kirche  glaubte  er  den  nordischen  Nebenbuhler  noch  bändigen
zu  können.  Im  Herbst  1841  verweilte  er  mehrere  Tage  in  München,  wo  er
mit  dem  König  und  dem  Nuntius  viel  verkehrte,  durch  den  getreuen  Jarcke
sich  die  Häuptlinge  der  Kongregation  vorstellen  ließ  und  darauf  nach  Biebrich
und  Stuttgart  kirchenpolitische  Weisungen  aussendete.  )  Erstaunlich,  wie
tief  der  Alternde  sich  jetzt  in  kirchliche  Anschauungen  einlebte,  die  seiner
lustigen  Jugend  so  fremd  gewesen;  er  trug  kein  Bedenken  mehr,  die  rein
römische  Ansicht  auszusprechen:  ein  Staat  mit  überwiegend  katholischer
Bevölkerung  stehe  in  der  Kirche,  weil  diese  ja  die  allgemeine  sei!  Unter
den  klerikalen  Schriftstellern  gefiel  ihm  namentlich  der  roheste,  Hurter.
Der  war,  nachdem  er  noch  jahrelang  für  Rom  gearbeitet  und  sogar  ein
geheimes  Breve  des  Papstes  persönlich  dem  Erzbischof  von  Freiburg  überbracht
  hatte,  endlich  durch  eine  ehrliche  Anfrage  seiner  Schaffhäuser  Amtsbrüder
  gezwungen  worden,  sein  so  schamlos  entweihtes  evangelisches  Kirchenamt
  niederzulegen,  und  darauf  —  wieder  erst  nach  mehreren  Jahren  —
förmlich  zum  Katholizismus  übergetreten.  Abel  fand  an  ihm  jederzeit  einen
tätigen  Helfer.  Metternich  aber  sagte,  als  er  Hurters  Geschichtswerk
gelesen,  hoch  entzückt:  „der  Verfasser  ist  mein  Mann“  und  berief  ihn  (1845)
als  k.  k.  Reichshistoriographen  nach  Wien,  wo  er  zunächst  die  Geschichte
Ferdinands  II.  schreiben  sollte.  Deutlicher  ließ  sich  nicht  aussprechen,  daß
die  Hofburg  mit  den  josephinischen  Grundsätzen  gänzlich  gebrochen  hatte.

Einer  solchen  Partei  gegenüber  hatte  Graf  Dönhoff  einen  schweren
Stand.  Es  konnte  nicht  ausbleiben,  daß  die  bayrischen  Protestanten,  die
den  alten  König  so  oft  als  den  Beschützer  des  evangelischen  Glaubens
gefeiert  hatten?*),  sich  jetzt  in  ihrer  Bedrängnis  oft  an  den  preußischen
Gesandten  wendeten,  und  obgleich  Dönhoff  sich  nach  seiner  Amtspflicht,  soweit
  es  die  Ehrlichkeit  erlaubte,  zurückzuhalten  suchte,  so  wurde  er  doch
von  den  Ultramontanen  bald  als  das  Haupt  der  protestantischen  Opposition
verlästert.  Das  Lamm  trübte  dem  unschuldigen  Wolfe  das  Wasser:  während
Abel  den  neuen  Kölner  Erzbischof  geradezu  zum  Kampfe  wider  die  Kirchenpolitik
  der  evangelischen  Höfe  aufforderte,  beschuldigte  er  die  Berliner  Pietisten,
  die  mit  ihren  heimischen  Parteikämpfen  wahrlich  genug  zu  tun  hatten:
sie  beanspruchten  für  die  Krone  Preußen  die  Schirmherrschaft  über  die  bay- 



*)  Dönhoffs  Bericht,  9.  Okt.  1841.
**)  S.  o.  IV.  567.
        <pb n="318" />
        310  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

rischen  Protestanten.  Unter  den  Berliner  Pietisten  war  zunächst  Eichhorn
gemeint,  dem  alle  Anhänger  Osterreichs  das  Ärgste  zutrauten.  Leider
blieb  König  Ludwig  solchen  Einflüsterungen  nicht  unzugänglich.  Weil  er
selbst  die  Rolle  des  katholischen  Kurfürsten  Max  spielen  wollte,  witterte
er  jetzt  überall  politische  Umtriebe  des  Protestantismus;  sogar  die  englischen
Phantasien  seines  preußischen  Schwagers  erschienen  ihm  wie  eine  Be—
drohung  der  römischen  Kirche*),  und  um  dem  Bistum  Jerusalem  ein
Gegengewicht  zu  bieten,  sendete  er  in  das  gelobte  Land  einige  bayrische  Ge—
lehrte,  die  sich  dort  mit  geringem  Erfolge  bemühten,  katholische  Klöster  und
Hospitäler  zu  errichten.  Als  Dönhoff  nachher  an  den  Bundestag  ver—
setzt  und  sein  Nachfolger  Graf  Bernstorff  bei  dem  bayrischen  Monarchen
eingeführt  wurde,  da  beklagte  sich  Ludwig  bitter  über  die  parteiische  Haltung
des  bisherigen  Gesandten.  Bernstorff  erwiderte  mündlich  und  schriftlich:
er  würde  sich  niemals  in  das  Treiben  der  bayrischen  Parteien  mischen,
aber  auch  nicht  seine  Glaubensgenossen  von  sich  stoßen,  nicht  die  politischen
und  religiösen  Sympathien  seiner  Regierung  verleugnen,  nicht  darauf  ver—
zichten,  leidenschaftliche  Angriffe  gegen  evangelische  Regierungen  zurückzu—
weisen.  König  Friedrich  Wilhelm  bemerkte  dazu:  „er  hat  wie  ein  Ehren—
mann  und  rechter  preußischer  Gesandter  gesprochen  und  geschrieben,  und
es  soll  ihm  meine  volle  Zufriedenheit  zu  erkennen  gegeben  werden.“  Auch
König  Ludwig  mußte  die  Offenheit  des  Preußen  anerkennen.**)  Trotz—
dem  und  trotz  der  persönlichen  Freundschaft  der  königlichen  Schwäger  blieb
das  Verhältnis  der  beiden  Höfe  getrübt.  Es  war  der  Fluch  der  ultramontanen
  Parteiherrschaft,  daß  sie  nicht  bloß  Bayerns  innere  Entwicklung  störte,
sondern  auch  seine  natürlichen  Bundesgenossen  abschreckte.

Zum  ersten  Male  wurde  König  Ludwig  mißtrauisch  gegen  seine  klerikalen
  Anhänger,  als  sein  Hofprediger  Eberhard  (1841)  in  der  Michaelskirche
  eine  Reihe  von  Predigten  hielt,  deren  pöbelhafte  Schmähungen  fast
darauf  berechnet  schienen,  die  massenhaft  herbeigeströmten  Hörer  zum  Kriege
gegen  die  Protestanten  aufzuwiegeln:  da  ward  Luther  ein  elender  Betrüger
genannt,  die  evangelische  Ehe  Hurerei,  die  gemischte  Ehe  ein  Sakrileg,  die
katholische  Mutter,  die  ihr  Kind  protestantisch  erziehen  ließ,  eine  Frevlerin
wider  die  Gesetze  der  Natur.  Das  Argernis  war  so  schlimm,  daß  mehrere
angesehene  Protestanten  —  auch  Thiersch  war  darunter  —  sich  klagend
an  die  Krone  wendeten.  Diepenbrock,  der  damals  noch  dem  Regensburger
Domkapitel  angehörte,  fand  es  unbegreiflich,  wie  man  die  Kanzel  also  zum
Fechtboden  herabwürdigen  könne,  und  sein  Freund,  der  greise,  schon  tödlich
erkrankte  Bischof  Schwäbl  hielt  dem  Münchener  Eiferer  in  einem  schönen
Briefe  die  Pflichten  der  christlichen  Liebe  vor:  „so  redet  nicht  der  Geist

 

*)  Dönhoffs  Berichte,  20.  Jan.,  2.  Febr.  1842.
**)  Bernstorffs  Berichte,  31.  Okt.,  2.  Nov.;  Gise  an  Bernstorff,  2.  Nov.;  Ministerialschreiben
  an  Bernstorff,  12.  13.  Nov.  1845.
        <pb n="319" />
        Übermut  der  Klerikalen.  311

aus  der  Höhe,  sondern  der  Geist  menschlicher  Gereiztheit.“  Eberhard  gab
eine  freche  Antwort,  die  der  Bischof  auf  seinem  Sterbebette  empfing.  Da
schritt  der  König  selbst  ein  und  verbot  dem  Hofprediger  vorläufig  die  Kanzel
der  Michaelskirche:  „wenn  sie  auch  nicht  verkürzt,  so  hat  er  verbittert
doch  des  so  würdigen  Bischofs  von  Regensburg  Tage  letzte.“*)  Nachher
mußte  Abel  die  Kreisregierungen  durch  ein  Rundschreiben  anweisen,  daß
sie  die  Predigten  überwachen  und  weder  Störungen  des  konfessionellen
Friedens  noch  materialistische  Lehren  dulden  sollten.  Das  Münchener
erzbischöfliche  Ordinariat  aber,  das  insgeheim  hinter  Eberhard  stand,  verwahrte
  sich  dawider  und  erklärte  kurzab:  die  Behauptung  des  Rundschreibens,
  daß  die  Grundlehren  des  Christentums  allen  Konfessionen  gemeinsam
  seien,  führe  zum  Indifferentismus.  Diesen  Widerspruch  nahm
der  gestrenge  Minister  schweigend  hin.  Nicht  lange,  so  durfte  auch  Eberhard
  seine  Kanzel  wieder  besteigen;  und  mit  ihm  wetteifernd  donnerte
Hofstiftsprediger  Wiser  gegen  die  verstockten  Herzen  der  Protestanten,  die
ja  in  Bayern  überall  die  katholische  Wahrheit  lernen  könnten.

Nachhaltiger  verstimmte  den  Monarchen  die  Haltung  seines  Klerus
bei  der  Bestattung  der  Königin-Witwe  Karoline  (Nov.  1841).  Mutter  so
vieler  strengkatholischer  Töchter,  Wohltäterin  der  milden  Stiftungen  beider
Bekenntnisse,  hatte  die  edle  Frau  ihren  evangelischen  Glauben  doch  nie
verleugnet  und  das  altbewährte  preußisch-bayrische  Bündnis  immer  hoch
geschätzt;  noch  im  letzten  Lebensjahre  des  alten  Königs  war  sie  zu  ihm
nach  Potsdam  gereist,  um  die  gestörte  Freundschaft  beider  Höfe  wieder
zu  befestigen.  *)  Grundes  genug  für  den  Haß  der  Klerikalen.  Die  evangelische
  Geistlichkeit  wollte  die  Leiche  nach  der  Trauerfeier  zu  der  Fürstengruft
  unter  der  Theatinerkirche  geleiten,  um  sie  dort  auszusegnen.  Dies
entsprach  dem  allgemeinen  Brauche;  denn  der  segensreiche  Grundsatz  des
Westfälischen  Friedens,  daß  die  deutschen  Protestanten  nicht  als  Häretiker
behandelt  werden  dürften,  war  seit  Montgelas'  Zeiten  auch  in  Bayern
zur  vollen  Geltung  gelangt,  alle  Protestanten  Münchens  beerdigten  ihre
Toten  mit  kirchlichen  Ehren  auf  dem  katholisch  geweihten  schönen  Kirchhofe
  der  Stadt.  Windischmann  aber,  der  Heißsporn  des  Domkapitels  verabredete
  sich  in  tiefem  Geheimnis  mit  Abel.“*“)  Darauf  erließ  der  Erzbischof
  ein  Verbot;  auch  den  barmherzigen  Schwestern,  die  ihrer  freigebigen
Gönnerin  zum  Grabe  zu  folgen  wünschten,  wurde  jede  Teilnahme  untersagt.
So  mußte  denn  die  königliche  Leiche  bei  strömendem  Regen  draußen  vor
der  Türe  der  Theatinerkirche  ausgesegnet  werden;  dann  trug  man  sie
rasch  hinab,  und  die  katholischen  Priester  standen  im  Frack  dabei,  ohne  sich
zu  regen.  Fast  ebenso  unanständig  verlief  der  gesetzliche  Trauergottesdienst
in  den  anderen  Bischofsstädten.  Nur  Bischof  Richarz  von  Augsburg,  ein

*)  König  Ludwig  an  das  Ministerium  für  Kirchenangelegenheiten,  19.  Juli  1841.

**)  Dönhoffs  Bericht,  8.  Dez.  1839.

***)  Dönhoffs  Bericht,  27.  Nov.  1841.
        <pb n="320" />
        312  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Prälat  aus  der  alten  Schule,  veranstaltete  eine  würdige  Feier,  freilich  ohne
Seelenmesse,  und  gestand  dem  Monarchen  ehrlich:  als  treuer  Untertan
habe  er  nicht  weniger  tun  können,  aber  auch  nicht  mehr,  aus  Rücksicht
auf  seinen  Erzbischof;  dann  beteuerte  er  seine  „Überzeugung,  daß  diejenigen,
  die  den  konservativen  Prinzipien  in  der  Religion  und  im  Leben
mit  Vernunft  ergeben  sind,  Liebe,  nicht  Haß  zu  predigen  und  zu  üben
haben.“)

Der  König  dankte  dem  Getreuen  durch  ein  sogleich  veröffentlichtes
Belobungsschreiben;  er  wußte  sicherlich  nicht,  daß  sein  eigener  Minister  den
schmählichen  Auftritt  in  München  mit  veranlaßt  hatte,  und  erst  weit  später
ward  ihm  kund,  wie  der  heilige  Vater  selbst  darüber  dachte.  Dem  alten  Kamaldulensermönche
  hatte  die  Verhöhnung  der  protestantischen  Königin  eine
rechte  Herzensfreude  bereitet.  In  solcher  Stimmung  richtete  Gregor  an  den
Augsburger  Ketzerfreund  ein  strenges,  doch  nicht  ganz  ungnädiges  Breve;  er
tadelte  ihn,  weil  er  sich  nicht  gescheut  hätte,  die  Tote  sogar  den  frommen
Bitten  der  Gläubigen  zu  empfehlen,  und  schloß  mit  der  väterlichen  Mahnung:
  der  Bischof  möge  sein  Unrecht  sühnen,  seine  treuen  Schafe  beschützen
„gegen  den  eitlen  Trug  jener  Ohrenschmeichler,  welche  lügnerisch  ausbreiten,
  ein  dem  katholischen  Glauben  und  der  katholischen  Kirche  fremder
Mensch  könne,  wenn  auch  so  gestorben,  zum  ewigen  Leben  gelangen.“  Um
auch  für  die  Zukunft  vorzubauen,  sendete  der  Papst  bald  nachher  ein  zweites
Breve  an  den  Propst  des  Benediktinerklosters  Scheyern,  das  der  König  soeben
  wiederhergestellt  hatte;  da  hieß  es:  der  heilige  Stuhl  könne  diese
Klosterstiftung  nur  dann  bestätigen,  wenn  die  vom  Stifter  ausbedungenen
Trauerfeiern  für  das  königliche  Haus  ausschließlich  auf  die  Sterbetage  der
katholischen  Wittelsbacher  beschränkt  würden.)  So  wagte  die  Kurie  schon
dem  Fürstengeschlechte  zu  begegnen,  das  ihr  unter  allen  in  Deutschland
stets  die  größte  Hingebung  gezeigt  hatte.  König  Ludwig  empfand  diese
Kränkungen  sehr  tief,  obgleich  er  seine  Stiefmutter  nie  geliebt  hatte.  Die
ihm  näher  standen,  merkten  bald,  daß  er  fortan  seinen  Minister  mit  stillem
Argwohn  betrachtete.

Für  jetzt  konnte  er  freilich  den  kräftigen  Diener  nicht  entbehren,  der
ihm  so  viele  Erübrigungen  für  seine  Bauten  verschaffte  und  die  Landstände
so  scharf  im  Zaum  hielt.  Im  Auslande  fragte  man  wohl  spottend,  warum
doch  der  Segen  der  Überschüsse,  den  man  sich  in  anderen  Ländern  sehnlich
  wünschte,  dem  Münchener  Landtage  so  viel  Kummer  bereitete.  Die
Bayern  hatten  jedoch  guten  Grund  zur  Klage;  denn  ihre  Erübrigungen,
die  man  für  die  letzten  Jahre  bis  1841  auf  29  Mill.  Gulden  schältzte,
wurden  nur  ermöglicht  durch  die  Verwahrlosung  wichtiger  Verwaltungs- 



*)  Bischof  Richarz  an  König  Ludwig,  24.  Nov.  1841.
*7*)  Gregor  XVI.,  Breven  an  Bischof  Peter  von  Augsburg,  13.  Febr.,  an  Propst
Rupert  von  Scheyern,  9.  Juli  1842.
        <pb n="321" />
        Abel  und  der  Landtag.  313

zweige.  Das  Heer  verkam,  die  schlecht  unterhaltenen  bayrischen  Landstraßen
standen  bei  den  süddeutschen  Nachbarn  in  bösem  Rufe;  und  wie  das  Unterrichtswesen
  daniederlag,  das  erfuhr  der  Landtag  staunend,  als  die  Vertreter
  der  drei  Universitäten,  der  konservative  Lutheraner  Stahl  und  die
Klerikalen  Moy  und  Ringseis  völlig  übereinstimmend  die  Dürftigkeit  ihrer
Hochschulen  schilderten.  Am  tapfersten  sprach  Stahl;  der  Verfassung  gemäß
  bestritt  er  dem  Ministerium  rundweg  das  Recht,  über  die  Erübrigungen
nach  Belieben  zu  verfügen.  Zur  Strafe  befahl  ihm  Abel,  das  Fach  des
Staatsrechts  aufzugeben  und  fortan  Vorlesungen  über  Zivilprozeß  zu  halten.
Diese  höhnische  Mißhandlung  erleichterte  ihm  die  Annahme  des  Rufs  nach
Preußen;  sie  hinderte  freilich  nicht,  daß  der  freimütige  Gelehrte  von  den
aufgeklärten  Berlinern  sofort  als  ein  Serviler  beschimpft  wurde.  Die
Universitäten  aber  sanken  bald  noch  tiefer,  weil  Abel  ihnen  eine  neue
Studienordnung  auferlegte  mit  übel  ausgewählten  Zwangskollegien  und
zahlreichen  Zwischenprüfungen,  die  alle  akademische  Freiheit  vernichten
mußten;  er  wiegte  sich  in  dem  Wahne,  daß  die  Künste  ohne  die  freie
Wissenschaft  auf  die  Dauer  blühen  könnten.

Der  neue  Landtag,  der  um  Neujahr  1840  zusammentrat,  verlief  anfangs
  still,  da  der  König  kein  Bedenken  trug,  viele  Abgeordnete  persönlich
unter  Androhung  seiner  Ungnade  zum  Gehorsam  zu  ermahnen,  andere
durch  Abels  Barschheit  eingeschüchtert  wurden.)  Wieder  wie  so  oft  schon
hatte  die  Regierung  einer  langen  Reihe  von  Staats=  und  Gemeindebeamten
  den  Urlaub  für  den  Landtag  verweigert;  sie  beanspruchte  jetzt
sogar  das  Recht,  auch  die  Rechtsanwälte  nach  Belieben  von  der  Kammer  auszuschließen.
  Selbst  darüber  kam  es  nicht  zum  Bruch,  und  die  heikle  Streitfrage
  wegen  der  willkürlichen  Verwendung  der  Erübrigungen  wurde  durch
den  plötzlichen  Schluß  des  Landtags  einfach  abgeschnitten.  Die  evangelischen
Abgeordneten,  die  fast  ein  Drittel  der  Kammer  ausmachten,  zeigten  sich
sehr  versöhnlich;  sie  wollten  den  Landtag  nicht  zum  Tummelplatze  konfessionellen
  Zankes  machen  und  beschlossen  unter  sich,  ihre  kirchlichen  Beschwerden
  in  einer  besonderen  Denkschrift  dem  Könige  selbst  vorzutragen.)
Die  Beschwerdeschrift  klagte  über  die  parteiische  Behandlung  der  gemischten
Ehen;  wurde  doch  sogar  das  erzwungene  Versprechen  katholischer  Kindererziehung
  durch  Abel  für  rechtsgültig  erklärt.  Sie  wies  ferner  nach,  wie
die  Regierung  in  Neuburg,  Landshut,  Perlach  und  anderen  Orten  die
Bildung  evangelischer  Gemeinden  verboten,  auch  Betsäle,  die  mit  amtlicher
  Erlaubnis  schon  eröffnet  waren,  wieder  geschlossen  hatte;  in  Ingolstadt
  versuchte  die  vom  Klerus  aufgewiegelte  katholische  Bürgerschaft  selbst
den  Bau  einer  evangelischen  Kirche  zu  hintertreiben.  Sogar  den  Namen
„evangelisch“  bezeichnete  der  Minister  als  unzulässig,  als  eine  Beleidigung

*)  Dönhoffs  Bericht,  6.  Jan.  1840.

**)  Dönhoffs  Bericht,  28.  Febr.,  Vorstellung  der  unterzeichneten  Mitglieder  der
protestantischen  Kirche,  Febr.  1840.
        <pb n="322" />
        314  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

der  Katholiken;  dies  Wetzlarer  Kind  schien  gar  nicht  mehr  zu  wissen,  daß
der  Name  „katholisch“  noch  vor  vierzig  Jahren  durch  die  alten  Reichsgesetze
  verboten  gewesen  war,  während  der  Name  des  Corpus  Evangelicorum
  amtliche  Geltung  hatte.  Und  diese  kleinlichen  Bedrückungen
der  Protestanten  währten  noch  jahrelang  fort  unter  demselben  Könige,
der  eben  jetzt,  nach  dem  Vorbilde  seines  preußischen  Schwagers,  den  Verkehr
  der  Bischöfe  mit  dem  römischen  Stuhle  freigab.

Die  heftigsten  Beschwerden  richteten  sich  aber  gegen  die  den  evangelischen
  Soldaten  aufgezwungene  Kniebeugung,  eine  unbegreiflich  gehässige
  Neuerung,  die  sich  wohl  nur  aus  einer  phantastischen  Schrulle  des
Königs  erklärte;  Ludwig  hatte  einen  begeisterten  Zeitungsbericht  über  eine
prächtige  Kirchenfeier  der  französischen  Truppen  in  Algier  gelesen  und
meinte  nichts  Arges  zu  tun,  wenn  er  ähnliche  Zeremonien  auch  in  seinem
Heere  einführte.  Er  bedachte  nicht,  welche  widerwärtigen  Erinnerungen  der
Wittelsbachischen  Geschichte  er  damit  wieder  aufrührte;  durch  denselben
Kniebeugungszwang  hatte  ja  vor  hundertundzwanzig  Jahren  Pfalzgraf
Johann  Philipp  seine  treuen  Heidelberger  dermaßen  erbittert,  daß  er  sich
gezwungen  sah,  nach  Mannheim  überzusiedeln.  Auch  jetzt  war  der  Unwille
in  der  evangelischen  Welt  allgemein.  Die  Protestanten  im  Herzogtum
Berg  gedachten  wieder  der  pfalzbayrischen  Zeiten  und  des  wirksamen
Schutzes,  den  ihre  Vorfahren  stets  bei  Kurbrandenburg  gefunden  hatten.
Ihre  Kreissynoden,  voran  die  Düsseldorfer,  baten  schon  1839  den  König
von  Preußen  um  seine  Vermittlung  beim  Münchener  Hofe,  was  der  alte
Herr  als  gänzlich  nutzlos  ablehnte.  In  mehreren  bayrischen  Garnisonen
kam  es  zu  bedenklichen  Auftritten;  viele  protestantische  Offiziere  und
Soldaten  erklärten,  sie  würden  die  schwere  Sünde  der  Anbetung  der  Kreatur
  auf  sich  laden,  wenn  sie  vor  dem  Allerheiligsten  niederknieten.  Selbst
Diepenbrock  und  manche  andere  wohlmeinende  katholische  Priester  gestanden
zu,  daß  die  Protestanten  hier  das  klare  Recht  für  sich  hätten.

Unterdessen  verwendete  sich  auch  Graf  Karl  Giech,  der  einzige  Protestant
unter  den  Regierungspräsidenten,  nachdrücklich  für  seine  Glaubensgenossen,
und  da  ihn  Abel  schnöde  abfertigte,  nahm  er  seinen  Abschied.  Vor  dem
Könige  rechtfertigte  er  sich  durch  eine  ehrerbietige  Denkschrift,  die  unumwunden
  alle  Sünden  des  Abelschen  Regimentes  aufzählte:  wie  die  Protestanten
schon  anfingen  an  der  Gerechtigkeit  der  Krone  zu  zweifeln,  die  Kreisregierungen,
  dank  dem  Erübrigungssysteme,  mit  ihren  ungenügenden  Arbeitskräften
  die  wachsende  Geschäftslast  nicht  mehr  bewältigen  könnten,  die  Beamten
  und  die  Lehrer  bei  übervollen  Staatskassen  darben  müßten..)  Des
Staatsdienstes  entledigt  ließ  Giech  sodann  in  Württemberg  ein  Büchlein  über

 

*)  Gf.  K.  Giech,  Darlegung  der  Motive  meines  Austritts  aus  dem  Staatsdienste,
Nürnberg,  12.  Sept.  1840,  lithographiert;  späterhin  abgedruckt  in  General  v.  Asters
Betrachtungen  und  Urteilen  (herausgegeben  v.  Eilers,  Saarbrücken  1858)  I.  251.
        <pb n="323" />
        Beschwerden  der  Protestanten.  Abel  und  Wallerstein.  315

die  Kniebeugung  der  Protestanten  erscheinen,  das  in  Bayern  sofort  verboten,
  aber  eifrig  gelesen  wurde.  Nachher  erbte  er  von  seinem  Bruder,
dem  Schwiegersohne  Steins  die  Standesherrschaft  Thurnau  und  blieb
fortan  viele  Jahre  lang  eine  Zierde  des  fränkischen  Adels,  vornehm  zugleich
und  leutselig,  feingebildet  und  lebenskundig,  königstreu  und  freimütig.

Der  König  nahm  die  Beschwerden  der  protestantischen  Abgeordneten
freundlich  auf;  doch  merkte  man  ihm  an,  daß  er  nicht  recht  daran  glaubte.
Er  meinte,  die  Katholiken  könnten  sich  freuen,  wenn  sie  in  protestantischen
Ländern  ebenso  gut  behandelt  würden,  wie  die  Protestanten  in  Bayern.
Sein  Adel  hatte  ihm  vorgespiegelt,  hinter  allen  diesen  Klagen  verstecke  sich
nur  die  liberale  Opposition.)  Während  die  zweite  Kammer  fast  jedem
Streite  behutsam  auswich,  begann  sich  unter  den  Reichsräten  ein  unerwarteter
  Widerstand  zu  regen.  In  einem  Vierteljahrhundert  parlamentarischen
  Lebens  waren  manche  konstitutionelle  Rechtsgrundsätze  selbst  diesem
hochkonservativen  Adel  in  Fleisch  und  Blut  gedrungen;  die  Reichsräte
klagten,  jede  Prüfung  des  Staatshaushalts  würde  zum  leeren  Schein,  solange
  die  Regierung  mit  den  Erübrigungen  nach  Gutdünken  schalte.  Zudem
  pflegte  Abel  mit  herausforderndem  Übermut  doktrinäre  politische
Sätze  aufzustellen,  die  das  süddeutsche  Gefühl  verletzten;  er  donnerte  wider
den  modernen  Staatsbegriff,  er  wollte  den  Namen  Staatsministerium
nicht  hören,  da  man  hierzulande  nur  königliche  Minister  kenne;  er  behauptete,
  die  bayrische  Verfassung  sei  ständisch,  nicht  repräsentativ,  obwohl
ihre  Urheber  von  diesem  neuerfundenen  Unterschiede  noch  gar  nichts  gewußt
  hatten.

Bei  den  Streitigkeiten.  die  sich  aus  solchen  Anlässen  ergaben,  hielt
Abels  Amtsvorgänger  immer  die  Hand  im  Spiele,  Fürst  Oettingen-Wallerstein,
  der  einst  als  Abels  Vorgesetzter  von  diesem  tief  untertänige  Briefe
empfangen  hatte  27),  jetzt  aber,  seit  des  Königs  Ungnade  auf  ihm  lastete,
um  so  gröber  behandelt  wurde.  In  der  Schlußsitzung  der  zweiten  Kammer
(10.  April  1840)  ließ  sich  Abel  endlich  zu  einem  Wutausbruche  hinreißen,
dessengleichen  die  deutschen  Ständesäle  noch  nicht  erlebt  hatten.  Die  Abwesenheit
  Wallersteins  unritterlich  mißbrauchend,  sprach  er  von  den  Schandtaten
  dieses  tief  gesunkenen  Individuums  und  schmähte  so  unbändig,  daß
die  Reichsräte  sofort  ihre  Entrüstung  über  die  unwürdige  Beschimpfung
ihres  Mitgliedes  feierlich  aussprachen.  Der  preußische  Gesandte  meinte:
nach  einem  solchen  Vorfall  müsse  Abel  unfehlbar  zurücktreten;  denn  „die
wahren  monarchischen  Grundsätze  können  nicht  gewinnen,  wenn  sie  verteidigt
  werden  durch  die  religiöse  und  politische  Heuchelei,  ohne  Redlichkeit
und  Gradsinn,  ohne  Anstand  und  Würde.““““)  Es  kam  anders.  Derweil
der  Landtag  sich  auflöste,  traten  der  frühere  und  der  gegenwärtige  Minister

*)  Dönhoffs  Bericht,  10.  März  1840.

**)  Abel  an  Wallerstein,  1.  Jan.  1837.
*"*)  Dönhoffs  Bericht,  12.  April  1840.
        <pb n="324" />
        316  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

der  kirchlichen  Angelegenheiten  einander  mit  der  Pistole  in  der  Hand  gegenüber;
  der  Kriegsminister  Gumppenberg  und  Präsident  Graf  Rechberg  sekundierten.
  Nachdem  jeder  der  beiden  Gegner  einmal  gefeuert  hatte,  nahm
Abel  noch  auf  dem  Kampfplatze  seine  Beleidigungen  zurück.  Nachträglich
behauptete  er  jedoch,  diese  Zurücknahme  wäre  nur  mit  Einschränkungen
erfolgt.  Nun  entspann  sich  zwischen  den  vier  hochgestellten  Männern  ein
höchst  unanständiger  Briefwechsel;  alle  Zeitungen  besprachen  die  Vorgänge
bei  dem  Ministerduell  auf  das  gründlichste.  Und  dies  in  einem  Lande,
dessen  Presse  von  dem  leitenden  Minister  öffentlich  als  Buhldirne  gebrandmarkt
  und  durch  eine  eiserne  Zensur  niedergehalten  wurde.  Es  war  einer
jener  häßlichen  Skandalfälle,  welche  gemeinhin  dem  Sturze  eines  vermorschten
  politischen  Systems  voranzugehen  pflegen.  König  Ludwig  begnügte
  sich  indes,  dem  Fürsten  Wallerstein  vor  Zeugen  sein  Bedauern
auszusprechen.  Abel  blieb  im  Amte,  als  wäre  nichts  geschehen.

Entsetzlich,  wie  nunmehr  die  kirchliche  Feindschaft  in  alles  eindrang
und  dem  Könige  selbst  seine  besten  Unternehmungen  verdarb.  Wohl  erlebte
  er  selige  Stunden,  als  im  Oktober  1842  die  Walhalla  eröffnet
wurde,  der  gewaltige,  aus  dem  Dunkel  deutscher  Eichen  weithin  über  das
Donautal  schimmernde  griechische  Tempel;  im  Giebelfelde  prangte  die
Hermansschlacht,  Schwanthalers  schönstes  Werk,  bei  dem  sich  der  schnellfertige
  Meister  doch  einmal  Zeit  gelassen  hatte,  in  dem  majestätischen  Innenraume
  Rauchs  herrliche  Viktorien  inmitten  der  Büsten  der  großen  Deutschen.
Aber  Luther  und  Melanchthon  fehlten;  sie  zuzulassen  konnte  der  katholische
König  sich  jetzt  nicht  überwinden,  obgleich  Ernst  Rietschel  die  Büste  Luthers,
auf  Ludwigs  eigene  Bestellung,  schon  vor  Jahren  vollendet  hatte.  Deshalb
begann  sofort  ein  wüster  Zank  in  Zeitungen  und  Flugschriften.  Zu  allem
Unglück  geriet  Ludwig  auch  noch  auf  den  Einfall,  das  köstliche  Geschenk,  das
er  der  Nation  darbot,  mit  einer  Erläuterungsschrift  zu  begleiten.  Nicht  vergeblich
  waren  seinen  Gedichten  von  so  vielen  bedeutenden  Männern  überschwengliche
  Lobsprüche  gespendet  worden;  selbst  Rückert,  der  niemals  schmeichelnde,
  hatte  ihm  zugesungen,  das  sei  recht,  daß  der  Schutzherr  aller
Künste  die  Poesie  im  eigenen  Herzen  pflege:

Die  Poesie  ist  aller  Künste  Mund.
Ihr  ist  des  Menschen  Sprache  vorbehalten,

Und  sie  allein  tut  dem  Bewußtsein  kund,
Was  unbewußt  die  andern  schön  gestalten.

Ludwig  glaubte  jetzt  wirklich  ein  großer  Schriftsteller  zu  sein  und  schrieb
das  Büchlein  „Walhallas  Genossen“,  kurze  Lebensbeschreibungen  der  Helden
Deutschlands,  in  dem  geschraubten  Lapidarstile  seines  Lieblingshistorikers
Johannes  Müller,  mit  einer  starken  Zutat  königlicher  Partizipialkonstruktionen.
  Im  Vorworte  erzählte  er,  wie  er  schon  in  den  Tagen  der  tiefsten
Schmach  des  Vaterlandes  den  Gedanken  gefaßt  hatte,  „der  fünfzig  rühmlichst
  ausgezeichneten  Teutschen  Bildnisse  in  Marmor  verfertigen  zu  lassen.
        <pb n="325" />
        Die  Walhalla.  317

Später  —  so  fuhr  er  fort  —  wurde  die  Zahl  vermehrt,  dann  auf  keine
beschränkt  und  nur  rühmlich  ausgezeichneter  Teutscher,  fühlend,  daß  sagen
zu  wollen,  welche  die  rühmlichsten,  Anmaßung  wäre,  wie  denn  auch  zu
behaupten,  daß  es  keine  gäbe,  die  ebenso  verdienten  in  Walhalla  auf—
genommen  zu  sein,  und  mehr  noch  als  manche,  die  es  sind.  Rühmlich
ausgezeichneten  Teutschen  steht  als  Denkmal  und  darum  Walhalla,  auf
daß  teutscher  der  Teutsche  aus  ihr  trete,  besser,  als  er  gekommen.“  Solche
Stilproben  genügten  um  in  der  Presse,  die  überall  gierig  nach  den  Schwächen
der  Mächtigen  ausspähte,  ein  unauslöschliches  Hohngelächter  zu  erwecken.
Die  Deutschen  vergaßen  undankbar  über  dem  abgeschmackten  Beiwerk  das
Wesentliche  und  Große,  sie  fragten  nicht  mehr,  wo  denn  sonst  noch  in  der
Welt  ein  solcher  Kunstfreund  lebte,  so  vaterlandsfroh,  so  hochherzig,  so
tatkräftig.

Von  der  Walhalla  fuhr  der  König  nach  Kehlheim,  um  dort  auf
einem  anderen  Felsen  des  Donautals  den  Grundstein  zu  legen  für
einen  grandiosen  Kuppelbau,  der  an  die  Schlachten  der  Befreiungskriege
erinnern  sollte,  Deutschtum  und  bayrischer  Partikularismus  lagen  aber
in  diesem  wunderlichen  Geiste  dicht  beieinander.  Kaum  hatte  er  dem
großen  Vaterlande  seinen  Zoll  abgetragen,  so  ließ  er  in  München  den
Bau  einer  bayrischen  Spezial-Walhalla  beginnen,  mit  der  Kolossalstatue  der
Bavaria  davor.  Da  wurden  denn  alle  die  großen  Franken  Hutten,  Dürer,
Vischer,  die  sich  bei  Lebzeiten  von  solcher  Ehre  nichts  hatten  träumen  lassen,
noch  im  Grabe  unnachsichtlich  zu  Bayern  ernannt  und  mit  der  deutschen
Geschichte  ein  so  tolles  Spiel  getrieben,  wie  wenn  man  heute  von  dem
Preußen  Goethe  reden  wollte.  Also  fand  die  liberale  Welt  stets  neuen
Stoff  für  wohlfeile  Spötterei.  Tieferen  Mißmut  erregten  die  unbedachten
Reden,  mit  denen  in  München  die  Denkmäler  des  Kurfürsten  Max  und
seines  Tilly  enthüllt  wurden;  in  solchem  Tone  durfte  man  ein  paritätisches
Volk  nicht  an  die  düsteren  Zeiten  der  Glaubenskriege  erinnern.

Noch  immer  täuschte  sich  der  König  über  die  Stimmung  seines  Landes
wie  über  sein  eignes  Herz.  Nicht  im  entferntesten  war  er  gemeint,  die
milden  Grundsätze  seines  geliebten  Lehrers  Bischof  Sailer  zu  verlassen;
vielmehr  schärfte  er  dem  neuen  Bischof  von  Regensburg  nachdrücklich  ein:
„daß  Sie  vorzüglich  Sailer  nachahmen,  wünsche  ich.“  Und  doch  hielt  er
den  grausamen  Kniebeugungszwang  hartnäckig  fest,  mit  einigen  kleinen
Erleichterungen,  die  ihm  niemand  dankte.  Schon  kam  es  so  weit,  daß
ein  Dekan  Redtenbacher  sich  in  einer  gedruckten  Ansprache  geradeswegs
an  die  Gewissen  der  protestantischen  Soldaten  wendete,  um  sie  über  die
Sündhaftigkeit  der  papistischen  Zeremonien  zu  belehren.  Der  unerschrockene
Geistliche  wurde  gerichtlich  verurteilt,  der  König  aber  mußte  ihn  begnadigen,
aus  Furcht  vor  dem  Unwillen  der  Protestanten.  Mittlerweile  betrieben
die  Mönche  und  Nonnen,  die  jetzt  überall  in  die  Schulen  und  Wohltätigkeitsanstalten
  eindrangen,  das  Rettungswerk  an  den  jungen  Seelen,
        <pb n="326" />
        318  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

und  mit  solchem  Erfolge,  daß  viele  Schulkinder,  auch  mehrere  Zöglinge
des  Münchener  Blindenhauses  in  die  römische  Kirche  einzutreten  verlangten.
Der  Klerus  nahm  die  minderjährigen  Proselyten  allesamt  unbedenklich
an,  obgleich  das  der  Verfassung  angehängte  Religionsedikt  den  Übertritt
Unmündiger  ausdrücklich  verbot.  Abel  indes  erklärte  dreist,  dies  Verbot
widerspreche  der  natürlichen  Gewissensfreiheit  und  dem  Konkordate.  Also
erweckte  er  mutwillig,  bei  einer  höchst  gehässigen  Veranlassung,  die  alte
noch  niemals  klar  entschiedene  Streitfrage:  ob  die  Verfassung  vorgehe  oder
das  Konkordat?  Drang  seine  Ansicht  durch,  dann  verlor  die  protestantische
Kirche  Bayerns  den  Rechtsboden  unter  ihren  Füßen.

Ebenso  roh  zeigte  sich  die  Parteilichkeit  der  Regierung,  als  der  neue
Gustav-Adolf-Verein  sich  in  Bayern  auszubreiten  versuchte.  Diese  Stiftung
war  schon  vor  Jahren,  nach  der  großen  Erinnerungsfeier  auf  dem  Lützener
Schlachtfelde  gegründet,  aber  erst  seit  1841,  infolge  eines  Aufrufs  des
Darmstädter  Prälaten  Zimmermann,  reicher  ausgestaltet  worden.  Sie
sollte  vornehmlich  den  Protestanten  in  der  Diaspora  beistehen,  ihnen  die
Gründung  neuer  Kirchen  und  Gemeinden  erleichtern,  also,  gemäß  dem
Geiste  des  Protestantismus,  in  voller  Freiheit  und  bescheidener  Form  den
riesigen  Machtmitteln  der  römischen  Propaganda  entgegenwirken.  Da  jener
Aufruf  aus  den  Kreisen  der  liberalen  Theologen  kam  und  der  gleichgesinnte
Leipziger  Superintendent  Großmann  bald  an  die  Spitze  trat,  so  betrachteten
die  Orthodoxen  den  Verein  anfangs  mit  Mißtrauen.  Hengstenberg  nannte
ihn  mit  gewohntem  Fanatismus  eine  große  Lüge;  denn  allerdings  waren
in  den  letzten  Jahrzehnten  die  Unternehmungen  evangelischer  Werktätigkeit
allesamt  von  den  strengen  Bibelgläubigen  ausgegangen,  und  diese  erste
Regung  kirchlicher  Tatkraft  unter  den  milder  gesinnten  Theologen  eine
ganz  unerhörte  Erscheinung.  Auch  König  Friedrich  Wilhelm  blieb  lange
argwöhnisch,  bis  er  endlich  einsah,  daß  der  Gustav-Adolf-Verein  wirklich
alle  Parteien  der  evangelischen  Kirche  zum  gemeinsamen  Liebeswerke  heranrufen
  wollte.  Da  übernahm  er  selbst  für  Preußen  das  Protektorat  der
Stiftung.  Freilich  versicherte  er  zugleich  seinen  katholischen  Landesbischöfen,
daß  damit  keine  Feindseligkeit  gegen  die  römische  Kirche  gemeint  sei  —
was  viele  gute  Protestanten,  selbst  der  getreue  Anton  Stolberg  als  unkönigliche
  Schwäche  beklagten.  Seitdem  nahm  der  Verein  einen  erfreulichen
  Aufschwung;  das  Vaterland  der  Reformation  gab  durch  kräftige
Unterstützung  der  bedrängten  Glaubensgenossen  die  würdige  Antwort  auf
die  Übergriffe  des  römischen  Stuhls.

Leider  war  der  Name  der  Gustav-Adolf-Stiftung  unglücklich  gewählt.
Zerteilte  Völker,  die  sich  ihrer  Einheit  entgegensehnen,  zeigen  oft  ein
krankhaft  reizbares  Nationalgefühl;  sie  urteilen  ungerecht  über  die  Zeiten,
da  sie  ausheimischen  Gewalten  unterlagen,  und  verkennen  die  Tatsache,
daß  jedes  Kulturvolk  Europas,  selbst  das  englische  Inselvolk,  irgend  einmal
durch  das  Eingreifen  großer  Fremdlinge  in  seiner  Entwicklung  gefördert
        <pb n="327" />
        Die  fränkischen  Protestanten.  319

worden  ist.  So  war  auch  damals  weit  verbreitet  eine  ganz  unhistorische
Anschauung  vom  dreißigjährigen  Kriege,  die  in  den  Geschichtswerken  von
Gfrörer  und  Barthold  ihren  wissenschaftlichen  Ausdruck  fand;  man  über—
trug  den  Gegensatz  der  Welfen  und  der  Ghibellinen  in  das  Zeitalter  der
Religionskriege  und  verurteilte  die  Verteidiger  des  evangelischen  Glaubens
kurzweg  als  Rebellen  gegen  Kaiser  und  Reich.  Begreiflich  genug,  daß
diese  pseudo-ghibellinische  Geschichtsansicht  dem  glühenden  Verehrer  des
Kurfürsten  Max  wohl  gefiel.  König  Ludwig  betrachtete  die  Gustav-Adolf-Stiftung
  schon  um  ihres  Namens  willen  als  offenbaren  Landesverrat,
die  Ultramontanen  nannten  sie  „die  wahre  Spottgeburt  der  Aufklärung
und  der  deutschen  Mißeinheit“.  Der  Verein  wurde  in  Bayern  streng
verboten,  die  evangelischen  Gemeinden  durften  nicht  einmal  Unterstützungen
von  ihm  annehmen,  derweil  den  römischen  Proselytenwerbern  Tür  und
Tor  offen  blieb.

Nur  so  grobe  und  hartnäckige  Ungerechtigkeit  konnte  bewirken,  daß
die  alten  Parteien  sich  zersetzten  und  die  an  konservativen  Kräften  so
reichen  fränkischen  Protestanten  allesamt  in  das  Lager  der  ergrimmten
Opposition  hinüberzogen.  In  Erlangen  war  der  alte  Rationalismus  zuerst
durch  die  erweckenden  Kanzelreden  und  die  praktische  Frömmigkeit  des
Predigers  Krafft  bekämpft,  nachher  durch  Lehmus,  Harleß,  Höfling,  Thomasius
  und  andere  neuberufene  Theologen  völlig  überwunden  worden.
Jetzt  herrschte  in  der  theologischen  Fakultät  eine  strenge  konfessionell-lutherische
  Gesinnung;  die  Erlanger  stritten  wider  die  evangelische  Union  so
beharrlich,  daß  der  Vorwurf  preußischer  Gesinnung,  den  der  Minister
gegen  die  Protestanten  zu  schleudern  liebte,  gerade  hier  am  wenigsten  zutraf.
Dabei  zeigten  sie  ernsten  wissenschaftlichen  Sinn  und  hielten  sich  ganz  frei
von  pietistischer  Kopfhängerei;  das  frische,  anspruchslos  fröhliche  Burschenleben,
  das  diese  kleine  Hochschule  jederzeit  ausgezeichnet  hatte,  blieb  ihr
noch  immer  erhalten.  Den  leidsamen  Lutheranern  lag  die  Ehrfurcht  vor
der  Obrigkeit  tief  im  Blute;  erst  durch  Abels  offenbare  Verfassungsverletzungen
  gerieten  sie  in  Harnisch,  und  fortan  fühlten  sie  sich  in  statu
confessionis.  Wie  einst  in  den  Tagen  des  Augsburger  Interims  die  hartgläubigen
  Jenenser  mehr  Widerstandskraft  gezeigt  hatten  als  die  Schüler
des  milden  Melanchthon,  so  fanden  jetzt  die  bayrischen  Protestanten  ihre
beste  Stütze  an  dem  einseitigen,  charakterfesten  Konfessionalismus  der  Erlanger
  Theologen.  An  sie  schlossen  sich  die  ebenso  konservativ  gesinnten
Edelleute,  voran  Graf  Giech  und  Freiherr  v.  Rotenhan,  dann  die  Nürnberger,
  die  sich  der  reichsstädtischen  Zeiten  und  der  Kämpfe  gegen  die
katholischen  bayrischen  Nachbarn  wieder  zu  erinnern  begannen,  endlich  das
gesamte  protestantische  Frankenland.

Seit  Stahls  Abgange  vertrat  Harleß  die  Erlanger  Universität  im
Landtage,  der  Herausgeber  der  streng  lutherischen  Zeitschrift  für  Protestantismus
  und  Kirche,  ein  tapferer  und  weltkluger  Gelehrter,  sehr  wirksam
        <pb n="328" />
        320  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

als  Redner  auf  der  Kanzel  wie  im  Ständesaale.  Er  hatte  schon  1839,
sehr  zur  rechten  Zeit,  den  Jesuitenspiegel  herausgegeben,  eine  gemeinverständliche
  Darstellung  der  moralischen  Kasuistik  der  Gesellschaft  Jesu,  und
damit  die  Ultramontanen  schwer  gereizt,  weil  sein  Büchlein  durchweg  aus
unanfechtbaren  Quellen  geschöpft  war.  Nun  versuchten  die  beiden  protestantischen
  Generalsynoden  von  Ansbach-Baireuth  mehrmals,  die  Beschwerden
  ihrer  Kirche  vor  den  Thron  zu  bringen.  Abel  bestritt  ihnen  das
Recht  dazu  und  ließ,  wieder  ganz  willkürlich,  durch  die  königlichen  Kommissäre
  solche  Verhandlungen  verbieten.  Da  traten  die  Synodalen  als
einzelne  zusammen  —  keiner  von  allen  schloß  sich  aus  —  und  sendeten  ihre
Bittschriften  unmittelbar  an  den  Monarchen.

Unterdessen  währte  der  literarische  Streit  fort.  Harleß,  Thiersch  und
die  anderen  Vorkämpfer  der  Protestanten  bewahrten,  im  Bewußtsein  ihres
guten  Rechts,  noch  einige  Mäßigung.  Die  Klerikalen  dagegen  schlugen  bald
einen  Ton  an,  wie  er  in  den  schwülen  Zeiten  vor  dem  dreißigjährigen  Kriege
üblich  gewesen;  sie  behaupteten  —  was  aus  dem  Munde  gläubiger  Katholiken
wie  Hohn  klang  —  die  Kniebeugung  sei  ja  nur  ein  Gruß,  eine  Körperbewegung,
  ohne  Sinn,  solange  der  Kniende  sich  nichts  dabei  denke.  Durch
pfäffische  Gehässigkeit  tat  sich  namentlich  J.  Döllinger  hervor,  der  erste  Gelehrte
  der  Münchener  theologischen  Fakultät  seit  Möhlers  Tode,  ein  scharfsinniger
  und  doch  unfreier  Geist,  dessen  mannigfache  Häutungen  damals  noch
niemand  ahnen  konnte.  Er  sagte  in  seinen  Streitschriften  gegen  Harleß:
auch  er  hätte  sich  mit  den  Werken  der  Wittenberger  Reformatoren  beschäftigt,
„doch  niemals  ohne  jene  geistigen  Verwahrungs=  und  Absperrungsmittel
vorzukehren,  wie  wir  sie  körperlich  anzuwenden  pflegen,  wenn  wir  unsern
Weg  durch  einen  unsauberen  Ort  oder  eine  stinkende  Pfütze  nehmen
müssen.“  Die  evangelische  Freiheit  der  Protestanten  war  ihm  eitel  Torheit;
  geringschätzig  verspottete  er  ihre  „arme  Kirche“,  die  sich  vor  dem  Übertritt
  der  Minderjährigen  fürchte,  die  nichts  Festes  anerkenne  als  Gottes
Wort  und,  in  unzählige  Parteien  zerspalten,  das  Ja  und  das  Nein  mit
gleicher  Zuversicht  zu  behaupten  wisse.  Nach  diesem  Federkriege  und
einigen  heftigen  Auftritten  in  der  Kammer  wurde  Harleß  plötzlich  als
Konsistorialrat  nach  Baireuth  versetzt,  damit  er  sein  Erlangen  nicht  mehr
im  Landtage  vertreten  könnte.  Da  man  seine  Vorstellungen  nicht  beachtete,
  so  verlangte  er  den  Abschied  und  folgte  einem  Rufe  nach  Leipzig.
Wohin  sollte  diese  Parteiregierung  noch  geraten,  wenn  sie  Gegner  wie
Stahl  und  Harleß  nicht  mehr  zu  ertragen  vermochte?

Der  wachsende  Unmut  der  Franken  zwang  schließlich  auch  den  konservativsten
  aller  bayrischen  Lutheraner,  den  Präsidenten  des  Münchener
Oberkonsistoriums  K.  Roth,  auf  den  Kampfplatz  hinauszutreten.  Dieser
geistvolle,  tief  gelehrte,  ganz  von  der  klassischen  Bildung  seines  Heimatlandes
  durchdrungene  Schwabe  hatte  sich  um  die  neue  Blüte  der  Erlanger
  Universität  große  Verdienste  erworben  und  im  fränkischen  Schul-
        <pb n="329" />
        Roth  und  die  bayrischen  Protestanten.  321

wesen,  nach  Beseitigung  des  grob  rationalistischen  Schulrats  Stephani,
wieder  ein  kräftiges  religiöses  Leben  erweckt.  Neuerdings  bemühte  er
sich  eifrig,  die  pfälzische  Unionskirche,  deren  Vereinigungsurkunde  allein
die  heilige  Schrift  als  Glaubensgrund  und  Lehrnorm  gelten  ließ,  auch
zur  förmlichen  Anerkennung  der  symbolischen  Bücher  zu  bewegen;  dies
Unternehmen  verwickelte  ihn  von  neuem  in  Streit  mit  seinem  alten
Gegner  Paulus  und  konnte  ohne  Gewissenszwang  unmöglich  gelingen,
da  der  Rationalismus  in  den  Gemeinden  der  Pfalz  noch  vorherrschte.*)
Also  in  beständiger  Reibung  mit  den  Epigonen  der  Aufklärung  gelangte
er  zu  einem  verhängnisvollen  Irrtum,  der  im  Norden  häufiger  vor—
kommt  als  in  dem  besser  erfahrenen  Süden;  er  betrachtete  die  Ultramon—
tanen  als  seine  natürlichen  Bundesgenossen  im  Kampfe  gegen  den  Un—
glauben.  Der  König  zeichnete  den  hochverdienten  Beamten  geflissentlich
aus,  Abel  wußte  ihn  stets  zu  beschwichtigen,  und  mit  Schmerz  bemerkte
der  preußische  Gesandte,  wie  viel  Unbill  das  Oberkonsistorium  von  den
Klerikalen  hinnahm.**)  Endlich  gingen  dem  glaubensstarken  Präsidenten
doch  die  Augen  auf,  und  seit  er  die  Bedrängnis  seiner  Kirche  erkannt
hatte,  verteidigte  er  ihre  Rechte  mit  kluger  Entschlossenheit.  Er  war  es,
der  das  schlimmste  kirchliche  Ärgernis  beseitigte;  durch  einen  freimütigen
Brief  an  den  König  erreichte  er,  daß  der  schon  mehrmals  gemilderte
Kniebeugungsbefehl  im  Dez.  1845  gänzlich  aufgehoben  wurde.  Sieben
Jahre  hindurch  waren  also,  ohne  Sinn  und  Zweck,  die  Gewissen  der  Protestanten
  geängstigt  und  gequält  worden.  Am  letzten  Ende  gereichten  diese
Händel  der  protestantischen  Kirche  des  Landes  zum  Segen.  Sie  hatte
durch  tapfere  Bekenntnistreue  ihr  Gemeingefühl  gekräftigt,  viele  Gleichgültige
  wiedergewonnen,  selbst  die  Gegner  zur  Achtung  gezwungen;  sobald
die  ultramontane  Sturmflut  verrauschte,  gestaltete  sich  das  Verhältnis
der  beiden  Kirchen  gerade  in  Bayern  sehr  friedlich.

Mittlerweile  war  der  Landtag  von  1842  noch  ohne  heftige  Stürme
vorübergegangen.  Die  Abgeordneten  klagten  über  die  teueren  Prachtbauten,
  andererseits  über  die  Verwahrlosung  der  Schulen  und  die  Knauserei
  dieser  Regierung,  die  so  viele  wichtige  Amter  unbesetzt  ließ,  alte
Beamte  stets  vor  Ablauf  des  fünfzigsten  Dienstjahres  verabschiedete,  um
ihnen  die  volle  Pension  vorzuenthalten.  Doch  der  böse  Streit  wegen  der
Erübrigungen  wurde  wieder  durch  das  persönliche  Einschreiten  des  Königs
beseitigt.  Ludwig  glaubte  nur  sein  Kronrecht  auszuüben,  wenn  er  über
die  Ersparnisse  frei  verfügte,  und  nachdem  er  mehrere  Landstände  mündlich
  ermahnt,  schrieb  er  einem  Getreuen  kurzab:  „Da  untunlich,  alle
gutgesinnten,  mir  ergebenen  Abgeordneten  kommen  zu  lassen,  schreib'  ich
Ihnen,  dem  mir  sehr  ergebenen  Auerweck,  daß  Sie  können  den  anderen

 

*)  Vgl.  o.  II.  242.
**)  Dönhoffs  Berichte,  2.  Jan.  1840  ff.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  21
        <pb n="330" />
        322  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

lesen  lassen,  als  wenn  ich  selbst  mit  ihnen  gesprochen  hätte,  daß  sie  wirken
sollen.  Es  gilt.“*)  Dies  genügte,  der  Landtag  trennte  sich  in  Frieden.
Einige  wüste  Straßenaufläufe,  die  in  der  nächsten  Zeit  die  Hauptstadt
beunruhigten,  hatten  ihren  Grund  lediglich  in  den  hohen  Bierpreisen;
bedenklich  war  nur,  daß  die  Truppen  den  angestammten  Durst  auch  nicht
verleugnen  konnten  und  dem  Pöbel  gegenüber  schlechte  Manneszucht  hielten.

Auch  ernstere  Anzeichen  verrieten  schon,  daß  die  Regierung  nicht
mehr  ganz  fest  stand.  Die  Liebe  der  Massen  besaß  der  König  längst  nicht
mehr;  die  kleinen  Bürger  schalten  auf  seine  Baulust,  auf  seine  wiederholten
italienischen  Reisen,  auf  die  knappe  Verwaltung  und  den  ewigen  kirchlichen
Zank.  An  der  Türe  der  Ludwigskirche  fand  man  mehrmals  ein  freches
Vater  Unser  angeschlagen,  das  den  Vater  des  Bayerlandes  bat:  erlöse  uns
von  dem  Übel  deiner  Person.  Als  Abel  im  Staatsrate  vorschlug,  der
König  möge  den  protestantischen  Synoden  sein  Mißfallen  öffentlich  aussprechen,
  da  konnte  der  bisher  Allmächtige  schon  nicht  mehr  durchdringen.
Sein  alter  Freund  von  Griechenland  her,  der  gelehrte  Maurer,  trat  ihm
entschieden  entgegen;  desgleichen  der  Kronprinz,  den  die  Ultramontanen
insgeheim  wegen  seiner  preußischen  Heirat  und  wegen  seines  Verkehrs  mit
norddeutschen  Gelehrten  haßten;  ja  selbst  der  streng  katholische  junge  Prinz
Luitpold  verlangte,  daß  man  den  Protestanten  ihr  gutes  Recht  nicht  verkümmere.)
  Da  erschrak  der  König;  Gerechtigkeit  war  ja  sein  Stolz  und
man  hörte  ihn  einmal  ausrufen:  „mit  Abel  geht  es  nicht  mehr.“

Noch  im  selben  Jahre,  Dez.  1845,  trat  der  neu  gewählte  Landtag
zusammen  und  er  zeigte  sich  von  Haus  aus  weit  streitbarer  als  sein  Vorgänger.
  Wohl  beteuerte  die  Adresse  der  zweiten  Kammer  inbrünstig:
„Untertanen  eines  solchen  Königs  zu  sein,  ist  der  Bayern  Stolz;“  der
ludovizianische  Lapidarstil  wirkte  ansteckend,  ihn  nachzuahmen  gehörte  zum
Hofbrauch.  Zum  Präsidenten  wurde  jedoch  Frhr.  v.  Rotenhan  gewählt,
der  tapfere  protestantische  Franke,  und  da  Abel  sieben  protestantischen
Abgeordneten  den  Urlaub  verweigert  hatte,  so  kam  es  gleich  anfangs  zu
heftigen  Auftritten.  Zwei  liberale  Aristokraten  Frhr.  v.  Thon-Dittmer
und  Max  v.  Lerchenfeld  standen  an  der  Spitze  der  Opposition,  entschlossene
Männer  von  ungewöhnlicher  Beredsamkeit.  Die  schärfsten  Angriffe  widerfuhren
  dem  Minister  jedoch  abermals  im  Hause  der  Reichsräte.  Die
unmäßige  Begünstigung  des  Klosterwesens  hatte  selbst  in  dieser  fast  durchaus
  katholischen  Kammer  Besorgnisse  erweckt.  Man  zählte  bereits  9  männliche,
  14  weibliche  Orden  im  Lande  mit  mindestens  132  Klöstern;  Genaues
  wußte  niemand.  Die  Nonnen  gaben  wenig  Argernis;  nur  die
Lehrschwestern  machten  sich  oft  unnütz  durch  seelenrettende  Betriebsamkeit.
Von  den  Mönchen  genossen  die  Benediktiner  hohes  Ansehen;  sie  hatten  sich

 

*)  K.  Ludwig  an  den  Abg.  Auerweck,  v.  D.  (Ende  März  1842).
**)  Bericht  des  Ministerresidenten  v.  Küster,  28.  Febr.  1845.
        <pb n="331" />
        Wrede  und  Wallerstein  gegen  Abel.  323

vor  Zeiten  den  Schottenmönchen  des  heiligen  Kolumban  angeschlossen  und
gleich  diesen  auf  deutschem  Boden  immer  deutsche  Gesinnung  gezeigt;  ihre
jetzt  aus  Österreich  neu  berufenen  Brüder  bemühten  sich  redlich,  ihre
dürftige  klassische  Bildung  zu  vervollständigen  und  erteilten  auf  den
Gymnasien,  die  man  ihnen  anvertraute,  leidlichen  Unterricht.  Bedenklicher
  erschienen  die  Mönche  von  dem  rätselhaften  „dritten  Orden“  des
heiligen  Franz  und  vornehmlich  die  der  Gesellschaft  Jesu  affiliierten  Redemptoristen,
  die  ungestört  ihre  Missionen  halten  durften,  obgleich  der
König  den  Jesuiten  selbst,  trotz  der  wiederholten  Bitten  der  Klerikalen,
die  Zulassung  hartnäckig  verweigerte.

Fürst  Wrede,  des  Feldmarschalls  Sohn,  ein  stark  verschuldeter,  übelbeleumdeter
  Herr  stellte  nun  diese  und  viele  andere  Beschwerden  gegen  die
Regierung  in  einer  förmlichen  Anklageschrift  zusammen,  die  er  den  Reichsräten
  übergab;  dem  König  aber  schrieb  er:  Abel  sei  nahe  daran,  ihn  um
die  Liebe  eines  großen  Teiles  seines  Volks  zu  bringen.  Da  glaubte  Fürst
Wallerstein,  jetzt  könne  er  sich  wieder  in  den  Sattel  schwingen.  In  einer
schlau  berechneten  hochpathetischen  Rede  nannte  er  sich  selbst  den  Ultramontansten
  der  Ultramontanen,  den  ergebensten  aller  Untertanen  und
stellte  dann  einen  vorgeblichen  Vermittelungsantrag,  der  doch  auf  Abels
Sturz  abzielte;  er  beantragte,  die  Regierung  möge  keinen  geistlichen  Orden
zulassen,  der  den  religiösen  Frieden  stören  könne.  In  einem  Briefe  an  den
Vertrauten  des  Königs  Frhrn.  v.  d.  Tann  warnte  er  zugleich  die  Krone
vor  der  „nahen  europäischen  Krisis“;  es  gehe  nicht  mehr  an,  jeden
Andersdenkenden  als  Feind  anzusehen.)  Wallersteins  Antrag  wurde
von  den  Reichsräten  mit  allen  gegen  sechs  Stimmen  angenommen;  der
Kronprinz  selbst  sprach  und  stimmte  dafür.

In  solcher  Not  griff  Abel  zu  demagogischen  Mitteln.  Er  ließ  durch
seine  Beamten  das  katholische  Volk  aufwiegeln,  und  bald  liefen  aus  allen
Winkeln  des  Landes  Adressen  ein,  die  der  gerechten  Regierung  Dank  und
Vertrauen  aussprachen.  Der  König,  der  von  seinem  Minister  noch  immer
nicht  ganz  lassen  wollte,  fühlte  sich  anfangs  durch  solche  Vertrauensbeweise
beglückt  und  schrieb  den  Augsburgern:  „Großen  Undank  nicht  selten  erfahrend,
  ist  mir  der  Dank  von  Augsburgs  katholischen  Bürgern  um  so
erfreulicher,  der  ich  Katholiken  und  Protestanten  in  ihren  verfassungsmäßigen
  Rechten  beschütze.“  Doch  die  Adressen  mehrten  und  mehrten  sich,
und  ihre  pfäffische  Frechheit  überschritt  alles  Maß.  Eine  Eingabe  aus
München  behauptete  frischweg:  „jeder  Bayer“  verlange  Freiheit  für  seine
katholische  Kirche,  der  schon  seine  Voreltern  Gut  und  Blut  geopfert  hätten.
Die  Protestanten  wurden  also  schon  gar  nicht  mehr  zu  den  Bayern  gerechnet.
Noch  gröber  redeten  die  ungezählten  Flugschriften,  die  jetzt  mit  einem
Male  „gegen  die  neuen  Kirchenfeinde  und  Klosterstürmer“  hervortraten:

 

*)  Fürst  Ludwig  v.  Wallerstein  an  Frhrn.  v.  d.  Tann,  19.  Jan.  1846.
217
        <pb n="332" />
        324  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

aus  dem  bayrischen  Walde,  von  einem  bayrischen  Katholiken,  von  einem
Pfarrer  der  Diözese  Eichstädt,  und  wie  die  Verfasser  sich  sonst  nannten.
Da  hieß  es:  die  katholische  Kirche  ist  in  Bayern  um  ein  halb  Jahrtausend
älter  als  das  Haus  Wittelsbach  —  oder  auch:  vergesset  nicht,  daß  der
größte  und  der  körperlich  kräftigste  Teil  des  bayrischen  Volkes  für  die
römische  Kirche  zu  kämpfen  bereit  ist!  Höfler  aber,  bei  weitem  noch  nicht
der  Wildeste  unter  den  Klerikalen,  sagte  in  einer  Schrift  über  Wredes
Anträge:  wenn  manche  der  hochgeborenen  Reichsräte  glaubten,  die  Mönche
wären  nicht  im  Geiste  der  Zeit,  so  meine  das  Volk  vielmehr,  der  Adel
sei  nicht  mehr  im  Geiste  der  Zeit;  auf  den  Vorwurf,  die  Redemptoristen
störten  den  kirchlichen  Frieden,  erwiderte  er  höhnisch:  dieser  Friede  ist  längst
zerstört,  seit  Luthers  Auftreten.  Also  suchte  die  Partei,  da  sie  ihren  Sturz
nahe  sah,  sich  durch  terroristische  Drohungen  noch  krampfhaft  zu  halten.
Dem  Könige  indessen  drängte  sich  nun  doch  die  Frage  auf,  ob  sein  Haus
sich  auf  solche  geistliche  Jakobiner  stützen  könne,  und  er  verbat  sich  zunächst
weitere  Adressen.

Hierauf  gingen  die  Klerikalen  im  Landtage  selbst  zum  Angriff  vor.
Es  genügte  ihnen  nicht  mehr,  daß  der  Klerus  das  gesetzliche  Verbot  des
Übertrittes  Unmündiger  beharrlich  umging;  sie  verlangten  jetzt  Aufhebung
des  Verbots.  Zur  Unterstützung  dieses  Antrags  wurde  der  greise  Münchener
Erzbischof  Gebsattel  von  seinem  streitbaren  Kanonikus  Windischmann  aufgestiftet.
  Der  gutmütige  Herr  veröffentlichte  noch  kurz  vor  seinem  Tode
einen  feierlichen  Protest,  der  sich  auf  die  Großtaten  der  heiligen  Kinder
Vitus  und  Agnes  berief  und  dann  zu  dem  bündigen  Schlusse  gelangte:
da  das  Konkordat  die  vigens  ecclesiae  disciplina  anerkenne,  so  müsse
auch  der  Übertritt  der  Kinder  gestattet  werden.  Dieser  dreiste  Versuch,
das  Konkordat  über  die  Verfassung  zu  stellen,  beunruhigte  den  König  von
neuem.  In  der  Kammer  drangen  die  Ultramontanen  nicht  durch.  Die  Liberalen
  ließen  sich  auch  nicht  schrecken,  als  Döllinger,  jetzt  der  feurigste  Redner
der  Regierungspartei,  ihnen  revolutionäre  Absichten  vorwarfs;  sie  witterten
Morgenluft  und  wagten  schon  wieder  Anträge  auf  Preßfreiheit  und  öffentliches
  Gerichtsverfahren  einzubringen.  Die  aufgeregten  Verhandlungen
wurden  zwar  im  Mai  1846  durch  das  erprobte  Mittel  der  plötzlichen
Landtagsschließung  abgeschnitten.  Doch  die  Unruhe  im  Lande  hielt  an,
Graf  Bernstorff  berichtete  traurig:  es  geht  nicht  mehr  weiter.)  Ahnlich
empfand  der  König  selbst,  er  bereitete  schon  einen  Systemwechsel  vor.  Gise
und  Schrenck,  die  unfähigen  Minister  des  Auswärtigen  und  der  Justiz
wurden  entlassen;  der  Kriegsminister  Gumppenberg  blieb  freilich  zunächst
noch  im  Amte,  obwohl  die  wüste  Zuchtlosigkeit  in  den  überfüllten  Münchener
Kasernen  täglich  zeigte,  wie  gewissenlos  die  Militärverwaltung  ihre
Pflichten  verabsäumte.

 

*)  Bernstorffs  Bericht,  13.  Juni  1846.
        <pb n="333" />
        Rohmer.  Beginnender  Systemwechsel.  325

Ein  Zeichen  der  Zeit  war  es  auch,  daß  Friedrich  Rohmer,  den  man
bisher  oft  in  den  Zirkeln  der  österreichischen  Gesandtschaft  gesehen  hatte,
den  Ultramontanen  den  Handschuh  hinwarf.  Dieser  seltsame  Grübler,  der
halb  Philosoph  halb  Abenteurer,  halb  vernünftig  halb  wahnsinnig,  sich
selber  kurzweg  für  die  größte  Persönlichkeit  der  Menschengeschichte  erklärte,
irrte  zur  Zeit  in  Süddeutschland  und  der  Schweiz  umher,  immer  um—
geben  von  einem  kleinen  Kreise  jugendlicher  Bewunderer,  die  seinem  despo—
tischen  Wesen,  dem  diabolischen  Reize  seines  Aztekenkopfes  nicht  widerstehen
konnten  und  hingebend  für  seinen  kostspieligen  Unterhalt  sorgten.  Er  brütete
über  den  Bilder=  und  Zahlenspielen  einer  traumhaften  Psychologie  und
über  einer  politischen  Doktrin,  die  den  Staat,  nach  der  alten  Unart  der
Naturphilosophen,  als  den  vergrößerten  menschlichen  Körper  betrachtete.
Seine  Schrift  über  die  vier  Parteien  enthielt  unter  krausem  Unsinn  nur
vereinzelte  gute  Gedanken;  sie  wurde  wenig  beachtet  und  bewirkte  lediglich,
daß  Rohmers  namhaftester  Schüler,  der  Schweizer  J.  C.  Bluntschli  eine  Zeitlang
  auf  phantastische  Abwege  geriet.  Zuweilen  vermochte  Rohmer  doch,  aus
dem  geilen  Dickicht  seiner  Theorien  in  das  Tageslicht  hinauszutreten,  und
dann  zeigte  er  —  wunderbar  genug  —  sicheren  politischen  Instinkt,  eine
glückliche  Gabe,  die  Dinge  im  Großen  zu  sehen  und  lebendig  darzustellen.
Die  „Materialien  zur  Geschichte  der  neuesten  Politik“,  die  er  jetzt  erscheinen
ließ,  unterwarfen  das  Treiben  der  bayrischen  Ultramontanen  einer  unbarmherzigen,
  treffenden  Kritik  und  wirkten  um  so  stärker,  da  ihr  Verfasser
  sich  selbst  als  einen  Konservativen  bekannte.

Als  das  Jahr  1846  zu  Ende  ging,  hatte  König  Ludwig  endlich  eingesehen,
  daß  auf  die  anderen  Minister  wenig  ankam  und  allein  Abels
Kirchenpolitik  den  allgemeinen  Unfrieden  verschuldete.  Im  Dezember  wurde
die  Verwaltung  der  Kirchenangelegenheiten  dem  Minister  des  Innern  abgenommen
  und  dem  gemäßigt  konservativen  neuen  Justizminister,  dem  Sohne
und  Nachfolger  des  alten  Frhrn.  v.  Schrenck,  übertragen.  Es  war  der
Anfang  des  Endes.  Wenn  der  König  auf  diesem  Wege  fortschritt  und  aus
freiem  politischem  Entschlusse  das  völlig  verbrauchte,  grenzenlos  verhaßte
Ministerium  ganz  beseitigte,  dann  konnte  die  selbstverschuldete  Niederlage
der  ultramontanen  Parteiherrschaft  dem  ganzen  Deutschland  zum  Heile
gereichen.  Da  griffen  unsaubere  Hände  ein,  und  dieser  schuldbelasteten
Regierung  wurde  noch  das  unverdiente  Glück,  daß  sie  umstrahlt  von  dem
Heiligenscheine  erhabener  sittlicher  Entrüstung,  würdevoll  von  der  Bühne
abtreten  konnte.  —

Derweil  die  Klerikalen  in  Bayern  herrschten,  begann  in  Baden  ein
weltlich  reaktionäres  Regiment,  das  ihnen  mindestens  befreundet  war
und  unmittelbar  ihre  Zwecke  förderte.  Eine  geschlossene  ultramontane
Partei  hatte  sich  hierzulande  noch  nicht  bilden  können,  obwohl  die  Klerisei
des  gesamten  Südwestens  im  Stifte  Neuburg  bei  Heidelberg,  unter  dem
gastlichen  Dache  der  Frau  Rat  Schlosser  ihre  geheimen  Zusammen-
        <pb n="334" />
        326  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

künfte  zu  halten  pflegte,  und  auch  im  Landtage,  zumal  in  der  ersten  Kammer
immer  einzelne  Männer  von  streng  römischer  Gesinnung  saßen.  Die
Mehrzahl  der  Beamten  und  der  gebildeten  Laien  war  noch  ganz  erfüllt
von  den  Grundsätzen  der  josephinischen  Kirchenpolitik;  unter  den  älteren
Geistlichen  fanden  nicht  nur  Wessenbergs  Ideen,  sondern  auch  kühnere  kirch—
liche  Reformgedanken  starken  Anhang.  Nicht  weniger  als  160  geistliche
Herren  hatten  i.  J.  1831  die  Petition  um  Abschaffung  des  Zölibats  unterzeichnet;
  noch  neuerdings  war  im  Oberlande  der  von  dem  liberalen  Dekan
Kuenzer  geleitete  Schaffhauser  Verein  entstanden,  der  alle  kirchlichen  Fragen
mit  ungebundenem  Freimut  besprach  und,  nach  dem  Vorbilde  der  Protestanten
  gemischte  Synoden  von  Geistlichen  und  Laien  auch  für  die  katholische
Kirche  verlangte.  Doch  mittlerweile  begann  ein  neuer,  gut  römisch  gesinnter
Klerus  aufzuwachsen.  Die  Regierungen  Badens  und  Württembergs  unterlagen
  beide  dem  tragischen  Schicksal,  daß  sie  sich  durch  ihre  treue  Fürsorge
für  die  katholischen  Fakultäten  der  Landesuniversitäten  selbst  ihre  Feinde
heranzogen.  Die  jungen,  in  Freiburg  unter  Hirscher  und  anderen  keineswegs
  ultramontanen  Gelehrten  gebildeten  Kleriker  besaßen  mehr  theologisches
Wissen,  mehr  kirchlichen  Sinn  als  das  ältere  Geschlecht,  darum  auch  mehr
priesterliches  Selbstgefühl;  die  bureaukratische  Kirchenhoheit  der  guten  alten
Zeit  erschien  ihnen  unerträglich,  und  hier  wie  überall  in  Deutschland
wurde  der  Klerus  durch  die  Kölner  Wirren  zu  neuen  Ansprüchen  ermutigt.

Im  Landtage  brachte  Frhr.  v.  Andlaw  den  Notstand  der  römischen
Kirche  schon  mehrmals  zur  Sprache,  und  1841  erschien  als  erstes  kräftiges
Lebenszeichen  der  werdenden  ultramontanen  Partei  die  anonyme  Flugschrift
  „die  katholischen  Zustände  in  Baden“.  Ihr  Verfasser  war,  wie  sich
erst  nach  seinem  Tode  herausstellte,  der  Archivdirektor  Mone,  ein  den  Historikern
  durch  seine  voreiligen  Hypothesen  wohlbekannter  gelehrter  Vielschreiber.
  Er  redete,  als  ob  die  katholische  Mehrheit  des  badischen  Volkes  durch
die  protestantischen  Beamten  der  protestantischen  Dynastie  bedrückt  würde.
Allerdings  waren  die  Durlacher  —  wie  man  die  Beamtenfamilien  der
alten  protestantischen  Markgrafschaft  Baden-Durlach  noch  zu  nennen  pflegte
—  in  den  höhern  Staatsämtern  stark  vertreten,  weil  der  katholische  Adel
des  Oberlandes  seine  Söhne  häufig  in  österreichischen  Dienst  schickte.  An
eine  Bevorzugung  der  Protestanten  aber  dachte  der  gutmütige  Großherzog
nicht  von  fern;  und  wenn  seine  Behörden  die  Katechismen,  die  Gesangbücher,
  die  Fastengebote  der  katholischen  Kirche  argwöhnisch  überwachten,  so
mußten  doch  die  Evangelischen  die  gleiche  Aufsicht  ertragen.  Der  allwissende
Bevormundungseifer  lag  im  Wesen  des  Polizeistaats;  die  alte  Doktrin,
die  in  den  Geistlichen  nur  Staatsdiener  sah,  wirkte  noch  überall  nach.  Im
Einverständnis  mit  dem  greisen  Minister  Reizenstein  widerlegte  Nebenius
die  Anklagen  Mones  durch  eine  würdige  Gegenschrift;  aber  die  Saat  des
Unfriedens  war  ausgestreut,  die  Kirche  begann  sich  in  die  ihr  allezeit  vorteilhafte
  Rolle  der  klagenden  Dulderin  einzuleben.
        <pb n="335" />
        Ministerium  Blittersdorff.  Rottecks  Tod.  327

Als  Anhänger  Österreichs  und  geschworener  Feind  Preußens  stand
Minister  Blittersdorff  den  ultramontanen  Bestrebungen  nahe,  wie  er  denn
auch  mit  Abel  immer  vertrauten  Verkehr  unterhielt.  Für  seine  nächsten
Zwecke  aber  bedurfte  er  anderer  Machtmittel.  Er  hoffte  durch  rücksichts—
losen  Gebrauch  seiner  bureaukratischen  Amtsgewalt  wiederherzustellen,  was
er  das  monarchische  System  nannte,  das  Beamtentum  zu  schweigendem
Gehorsam  zu  zwingen  und  die  Opposition  im  Landtage  zu  vernichten.
„Ich  werde  es“,  sagte  er  kurzab,  „so  weit  treiben,  als  ich  vermag.“  Weder
der  Großherzog  noch  die  übrigen  Minister  schenkten  dem  Hoffärtigen  volles
Vertrauen;  doch  seine  dreiste  Zuversicht  schüchterte  sie  ein,  und  nach  der
korrekten  Wiener  Doktrin  war  jeder  deutsche  Hof  dem  Bunde  für  das
Wohlverhalten  seiner  Kammern  verantwortlich,  der  Minister  des  Aus—
wärtigen  also  befugt,  die  gesamte  Haltung  der  Regierung  zu  beaufsichtigen.

Gehässig,  mit  einem  junkerhaften  Übermut,  der  von  Winters  bürgerlicher
  Gemütlichkeit  widerlich  abstach,  trat  Blittersdorff  den  Abgeordneten
entgegen  und  verhehlte  ihnen  nicht,  daß  er,  gewöhnt  an  die  erhabenen
Geschäfte  des  Bundestages,  die  badischen  Kammerhändel  als  armselige
Kleinmeisterei  verachtete.  Dies  kränkte  am  tiefsten;  denn  nirgends  in
Deutschland  war  die  Verfassung  so  fest  mit  dem  Volke  verwachsen,  nirgends
das  Selbstgefühl  der  Abgeordneten  so  überkräftig.  Da  das  Beamtentum
und  die  Landstände  im  Drange  der  Volksbeglückung  miteinander  wetteiferten,
  so  wurden  hier  die  Landtage  sehr  häufig,  fast  alljährlich  einberufen
und  währten  sehr  lange;  das  Wahlrecht  war  wenig  beschränkt,  selbst  die
Masse  des  Volks  verfolgte  die  Verhandlungen  mit  Spannung.  Nach  den
Debatten  über  die  Gründung  des  Zollvereins  verkaufte  man  auf  den
Jahrmärkten  des  Schwarzwalds  Pfeifenköpfe,  worauf  die  Abstimmungen
der  Volksvertreter  verzeichnet  standen.  Rottecks  Hinscheiden  wurde  landauf
  landab  als  ein  nationales  Unglück  beklagt;  die  liberalen  Zeitungen
nannten  ihn  einmütig  den  ersten  Volksmann  des  Jahrhunderts,  auf
seinem  Grabsteine  prangten  die  Schillerschen  Verse:  „Er  ist  hin,  und
alle  Lust  des  Lebens  wimmert  hin  in  ein  verlornes  Ach!“  Maßlos  wie
die  Bewunderung  der  Getreuen  zeigte  sich  auch  der  Haß  der  Gegner.  Als
die  Oberländer  ihrem  tapferen  Landsmann  ein  Standbild  errichten  wollten,
verbot  König  Ludwig  von  Bayern  seinem  Schwanthaler  die  Ausführung
des  Kunstwerks,  weil  „Rotteck  nichtein  Ehrendenkmal,  sondern  eine  Schandsäule
  verdient“  hätte.  Also  ward  durch  Freund  und  Feind  die  von  Welcker
verkündigte  „große  badische  Idee“  genährt,  die  Vorstellung,  daß  hier  am
Oberrhein  der  liberale  Musterstaat  Deutschlands  bestände.

Der  Stolz  dieser  Volksvertretung,  die  wirklich  auf  der  Höhe  der
Weltgeschichte  zu  stehen  glaubte,  schien  der  Regierung  schon  darum  unerträglich,
  weil  fast  die  Hälfte  der  zweiten  Kammer  aus  Staatsdienern  bestand
  und  das  ohnehin  sehr  unabhängig  gestellte  Beamtentum  leicht  dahin
gelangen  konnte,  sich  durch  parlamentarischen  Druck  seine  eigenen  Vor-
        <pb n="336" />
        328  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

gesetzten  zu  unterwerfen.  Blittersdorff  beschloß  daher,  den  Stier  bei  den
Hörnern  zu  packen,  und  als  die  Kammern  1841  sich  wieder  versammelten,
ließ  er  zweien  der  neugewählten  Beamten  den  Urlaub  versagen.  Das  war
kein  Rechtsbruch;  denn  die  Verfassung  sagte  nirgends,  daß  Staatsdiener
zum  Eintritt  in  die  Kammer  keines  Urlaubs  bedürften,  und  die  Regierung
hatte  zwar  vor  zwanzig  Jahren  um  des  Friedens  willen  einige  Urlaubs—
verweigerungen  wieder  zurückgenommen,  auch  seitdem  dies  kleinliche  Macht—
mittel  nicht  mehr  angewendet,  aber  niemals  förmlich  darauf  verzichtet.)
So  leichthin  ließ  sich  gleichwohl  die  langjährige  Übung  nicht  beseitigen.  Die
zweite  Kammer  fühlte  sich  in  den  Grundfesten  ihrer  Macht  bedroht,  da  sie
der  sachkundigen  liberalen  Beamten  nicht  entbehren  konnte,  und  erklärte
die  Urlaubsverweigerungen  kurzerhand  für  verfassungswidrig.  Da  bewog
Blittersdorff  den  Großherzog,  persönlich  einzugreifen.  Die  Kammern  wurden
vertagt,  und  in  einem  Manifeste  sagte  Leopold  seinem  Volke,  daß  er  die
Verirrungen  seiner  zweiten  Kammer  beklage,  jedoch  auf  bessere  Einsicht
hoffe.  Zu  einer  solchen  landesherrlichen  Botschaft,  die  doch  keine  gesetz—
liche  Anordnung  enthielt,  war  der  Großherzog  unzweifelhaft  berechtigt,
wenn  nicht  der  letzte  Schatten  monarchischer  Gewalt  verschwinden  sollte.
Indes  nach  der  herrschenden  vernunftrechtlichen  Theorie  galt  es  für  aus—
gemacht,  daß  der  Souverän  niemals  ohne  die  Unterschrift  seiner  Minister
irgend  eine  Willensäußerung  wagen  dürfte.  Alsbald  erhob  sich  ein  mäch—
tiges  Wehegeschrei,  und  als  der  Landtag  um  Neujahr  1842  nochmals  zu—
sammentrat,  führten  der  alte  Itzstein  und  der  grimmig  polternde  Welcker
sofort  ihr  grobes  Geschütz  auf.  Unter  brausendem  Jubel  der  Galerien
wurde  auch  das  Manifest  des  Großherzogs  für  verfassungswidrig  erklärt.

Die  Auflösung  des  Landtags  war  die  einzig  mögliche  Antwort,  und
nunmehr  glaubte  Blittersdorff  sein  Spiel  gewonnen.  Einen  Wahlkampf,
wie  er  jetzt  über  Baden  hereinbrach,  hatte  Deutschland  noch  nicht  erlebt.
Seine  lang  nachwirkenden  Folgen  zeigten  sich  in  der  krankhaften  Ver—
bitterung  des  Parteilebens  und  vornehmlich  in  der  Gesinnungslosigkeit
des  Beamtentums,  das  sich  diesmal  in  seiner  großen  Mehrzahl  knechtisch
  den  Winken  des  verhaßten  Ministers  fügte,  also  für  die  Zukunft  die
Kraft  verlor,  den  Mächten  des  Umsturzes  zu  widerstehen.  Alles  ward
aufgeboten,  was  sich  an  schlechten  Künsten  amtlicher  Bedrohungen,  Einschüchterungen
  und  Verheißungen  nur  irgend  ersinnen  ließ,  und  die  Opposition
  antwortete  mit  gleichen  Waffen.  Mannheim  und  Konstanz  waren
ihre  festen  Burgen.  Von  dort  erteilte  Vater  Itzstein  seine  Weisungen
an  die  Wahlredner,  von  hier  bearbeitete  Jos.  Fickler  die  oberländischen
Bauern  durch  die  demagogischen  Artikel  seiner  Seeblätter.  Und  das  alles,
weil  der  Großherzog  zwei  Beamten  den  Urlaub  versagt  und  nachher  eine
landesväterliche  Ansprache  an  seine  Badener  gerichtet  hatte!  Indes  lag

 

*))  S.  o.  III.  50;  W.  628.
        <pb n="337" />
        Neue  Blütezeit  des  badischen  Liberalismus.  329

der  Grund  des  allgemeinen  Hasses  tiefer:  das  Volk  empfand  dunkel,  daß
Blittersdorff  in  der  Tat  darauf  ausging,  die  Landesverfassung,  nötigen—
falls  mit  Hilfe  des  Bundestages,  umzugestalten.  Wer  die  wüste  Hetzerei
dieser  Wahlkämpfe  nüchtern  beobachtete,  mußte  schon  ahnen,  daß  eine
Revolution  herannahte.

Die  Liberalen  siegten  vollständig,  sie  erlangten  zum  ersten  Male  seit
langer  Zeit  wieder  eine  sichere  Mehrheit  in  der  zweiten  Kammer,  eine
Mehrheit  freilich,  die  mit  den  Gegnern  auf  Tod  und  Leben  verfeindet  war.
Vater  Itzstein  machte  seinem  volkstümlichen  Beinamen  Ehre:  er  hatte
trefflich  verstanden,  seiner  Partei  einen  Nachwuchs  heranzuziehen.  Zu  den
alten  Kämpen  des  Liberalismus  gesellten  sich  jetzt  der  feurige,  herrschsüchtige,
von  seinen  Freunden  Marat  genannte  Jurist  Sander;  dann  der  Mann—
heimer  Buchhändler  Bassermann,  ein  warmherziger  Vertreter  des  gebil—
deten,  besitzenden  Bürgertums,  der  nur  durch  die  rückhaltlose  Offenheit
seiner  Reden  in  den  Ruf  radikaler  Gesinnung  kam;  endlich,  alle  anderen
überragend,  Karl  Mathy.  Nach  langen  Jahren  schließlich  freigesprochen,
hatte  Mathy  sein  stilles  Schulmeisteramt  in  der  Schweiz  verlassen  und
die  alte  Heimat  wieder  aufgesucht.  In  den  Kreisen  der  Regierung  galt
er  fast  für  den  schlimmsten  aller  Demagogen;  wenn  er  sich  langsam  erhob,
mit  seinen  großen,  ruhigen  blauen  Augen  den  Ministern  gerade  ins  Ge—
sicht  sah  und  dann  kalt  in  wohlerwogenen  ironischen  Sätzen  ihnen  seine
Vorwürfe  zuschleuderte,  so  verwundete  er  tiefer  als  Welckers  pathetische
Entrüstung.  Und  doch  war  er  der  einzige  staatsmännische  Kopf  in  den
Reihen  der  Opposition;  er  besaß  die  Mäßigung,  die  der  gründlichen  Kenntnis
  entspringt,  er  verschmähte  die  Phrase,  sprach  immer  zur  Sache,  am
liebsten  über  Finanzfragen  und  nur  wenn  ein  Erfolg  möglich  schien.

Dank  dem  wilden  Ansturm  Blittersdorffs  erlebte  der  badische  Liberalismus
  jetzt  nochmals  eine  Zeit  der  Blüte  wie  einst  auf  dem  großen  Landtage
  von  1831.  Was  nützte  es,  daß  die  Minister  beschlossen,  den  Verhandlungen
  des  neuen  Landtags  zunächst  fern  zu  bleiben,  damit  die  Opposition
sich  durch  ihre  Zornreden  wider  die  leeren  Regierungsbänke  lächerlich  machen
sollte?  Alle  Welt  sah  darin  nur  ein  Zeichen  der  Schwäche.  Mathys
vielgelesene  Landtagszeitung  verbreitete  ausführliche,  klug  berechnete  Mitteilungen
  aus  dem  Ständesaale  bis  in  die  entlegensten  Walddörfer.  Weither,
selbst  aus  Württemberg  und  der  bayrischen  Pfalz  kamen  die  Neugierigen
herbei;  die  Kammer  ward  zum  Theater,  und  die  Zuschauer  spielten  mit.
Welch  ein  Fest,  wenn  der  Präsident  die  überfüllten  Galerien  wegen  grober
Ruhestörung  räumen  ließ  und  bald  nachher  auf  den  Antrag  eines  liberalen
  Abgeordneten  das  souveräne  Volk  wieder  eingelassen  wurde,  um  den
Lärm  von  neuem  zu  beginnen.  Damen  saßen  auf  den  Stufen  des  Präsidentenstuhls,
  andere  Gäste  mitten  im  Saale,  als  Bassermann  die  abwesenden
  Minister,  „die  Beamten  des  Volks“  zur  schuldigen  Rechenschaft
vorforderte,  als  ergrimmte  Redner  die  schmutzige  Wäsche  des  jüngsten  Wahl-
        <pb n="338" />
        330  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

kampfs  sorgsam  ausbreiteten,  die  Verteidiger  der  Regierung  selbst  nur
verlegene  Worte  der  Entschuldigung  vorzubringen  wußten,  und  die  Mehr—
heit  schließlich,  auf  Itzsteins  Antrag,  dem  Ministerium  ihre  wohlverdiente
Mißbilligung  aussprach.  Der  Beschluß  bedeutete  rechtlich  gar  nichts,  da
die  erste  Kammer  ihm  nicht  zustimmte;  gleichwohl  fühlte  sich  Großherzog
Leopold  schwer  betroffen.  Er  merkte  wohl,  fast  das  ganze  Land  war  einig
in  dem  Rufe:  fort  mit  Blittersdorff;  und  doch  ging  es  ihm  gegen  seine
fürstliche  Ehre,  dem  Drängen  der  Stände  nachzugeben.  Blittersdorff  blieb
im  Amte,  ohne  den  Landtag  eines  Besuchs  zu  würdigen,  und  in  begreif—
lichem  Unmut  hielten  die  Liberalen  noch  manche  zornige  Rede  über  die
großen  Wünsche  der  Zeit:  Preßfreiheit,  Schwurgericht,  Beschränkung  der
Polizeigewalt.  Auch  einzelne  radikale  Heißsporne  ließen  sich  schon  ver—
nehmen,  die  offenbar  weit  über  die  Ziele  der  liberalen  Führer  hinaus—
strebten,  aber  durch  Itzsteins  diplomatische  Väterlichkeit  noch  bei  der  Stange
gehalten  wurden:  so  der  unaufhaltsame  burschikose  Großsprecher  Friedrich
Hecker,  so  Bürgermeister  Baum,  der  kurzab  verlangte:  wenn  der  Edelmann
im  Zuchthause  den  Adel  verliere,  dann  müsse  folgerecht  der  bürgerliche
Verbrecher  in  den  Adelstand  degradiert  werden.  Als  die  Stände  im  September
  auseinandergingen,  mochte  die  grollende  Opposition  nicht  zu  der
feierlichen  Schlußsitzung  erscheinen,  und  der  preußische  Gesandte  Radowitz
berichtete  traurig:  „So  wurde  dieser  Landtag  geschlossen  unter  dem  Lebehoch
  weniger,  dem  Schweigen  vieler,  der  peinlichen  Stimmung  der  Mehrzahl.“*)


Trotzdem  erweckten  die  großen  Reden  dieses  unfruchtbaren  Landtags
weithin  in  der  liberalen  Welt  begeisterte  Freude.  Robert  Prutz  sendete
„Badens  zweiter  Kammer“  drei  Jubellieder:

Der  Itzstein  und  der  Welcker

Die  gehen  kühn  voran.

Schon  tummeln  sich  die  Völker,

Schon  bricht  der  Morgen  an.
Im  Lande  selbst  war  der  Zweckessen  und  Versammlungen  kein  Ende;  die
Opposition  wußte  sich  aller  öffentlichen  Lustbarkeiten  so  geschickt  zu  bemäch—
tigen,  daß  selbst  die  Kirchenfeste  des  Oberlandes  daneben  fast  zurücktraten.
Welcker,  der  vor  kurzem  erst  seine  Freiburger  Professur  wieder  erhalten
hatte,  wurde  nunmehr,  zu  Metternichs  absonderlichem  Wohlgefallen**),  zum
zweiten  Male  willkürlich  abgesetzt  und  siedelte  nach  Heidelberg  über.  Dort
in  seiner  Villa,  jenseits  des  Neckars,  über  dem  roten  Steinbruche,  wo  einst
der  Mithrastempel  der  Römer  gestanden  hatte,  pflegten  sich  die  Liberalen  zu
ernsten  Beratungen  zu  versammeln.  Lustiger  ging  es  in  Hallgarten  zu,
wo  Itzstein  seine  Sommerrast  hielt;  hier  und  in  den  weinseligen  Nachbar—

 

*)  Radowitzs  Bericht,  10.  Sept.  1842.
**)  Metternich,  Weisung  an  Trauttmansdorff,  19.  Okt.;  Otterstedts  Bericht,
6.  Nov.  1841.
        <pb n="339" />
        Itzstein.  Welcker.  Haber.  331

orten  begrüßten  sich  die  Badener  mit  den  Gesinnungsgenossen  aus  Nassau
und  Hessen.  Auf  einem  dieser  Rheingaufeste  stimmte  Hoffmann  von  Fallers—
leben,  der  Unvermeidliche  sein  „Willkommen  Vater  Itzstein“  an  —  ein
Lied,  das  rasch  die  Runde  durch  Süddeutschland  machte,  weil  es  die  red—
selige  Gesinnungstüchtigkeit  der  Zeit  so  gar  unschuldig  wiedergab:

Laßt  uns  öffentlich  besprechen

Voller  Männermut

Unsre  Leiden  und  Gebrechen,

So  wie  Er  es  tut!

Vaterland,  freue  dich!

Deine  Nacht  wird  immer  heller.

Itzstein  unser  Stern
Leuchtet  nah  und  fern!

Bei  dem  Jubelfeste  der  badischen  Verfassung  1843  beging  die  Regierung
die  unbegreifliche  Torheit,  sich  aller  amtlichen  Teilnahme  zu  enthalten,
und  die  Feier  gestaltete  sich  zu  einem  lärmenden  Triumphe  der  Opposition.
Vater  Itzstein  verteilte  seine  Festredner  über  alle  Städte  des  Landes;  er
selbst  ging  nach  Griesbach,  wo  vor  fünfundzwanzig  Jahren  das  Grund—
gesetz  unterschrieben  worden  war,  und  die  Bauern  begrüßten  ihn  überall
festlich  als  den  Schirmherrn  des  Landesrechts.  Alle  die  Weihereden,  die
nachher  Mathy  in  einem  umfänglichen  Bande  gesammelt  herausgab,  alle
die  Hochrufe  auf  die  geliebte  Verfassung  klangen  wie  ein  drohendes
Schlachtgeschrei  gegen  Blittersdorff.

Zu  allem  Unheil  wurde  der  politische  Streit  auch  noch  durch  einen
widerwärtigen  Hofskandal  vergiftet.  Der  berüchtigte  karlistische  Agent  Moritz
v.  Haber,  ein  verlorener  Sohn  des  Hofbankhauses  Salomon  Haber,  war
kürzlich  heimgekehrt,  nachdem  er  sich  lange  im  Auslande,  bald  als  Jude
bald  als  Katholik  bald  als  Protestant  umhergetrieben,  und  hatte  zum  all—
gemeinen  Erstaunen  rasch  das  Vertrauen  der  stolzen,  geistvollen  Großherzogin
  Sophie  gewonnen;  er  half  ihr  die  zerrütteten  Vermögensverhältnisse
  ihres  unglücklichen  Bruders,  des  Prinzen  von  Wasa  zu  ordnen.  Er
stand  in  Verbindung  mit  dem  Hause  Rothschild  und  mit  Benazet,  dem
verrufenen  Pächter  der  Spielbank  von  Baden-Baden;  auch  mit  Blittersdorff
  verkehrte  er  vertraulich,  da  der  Minister  gewagte  Geldgeschäfte  liebte.
Der  Großherzog  aber  und  seine  Brüder  betrachteten  den  verschmitzten
Abenteurer  mit  erklärlichem  Mißtrauen;  das  Zerwürfnis  am  Hofe  ward
bald  offenkundig,  die  klatschsüchtige  Residenz  erzählte  sich  Wunder  von
Habers  Verworfenheit  und  seinen  reaktionären  Plänen.  Man  nannte
ihn  die  Geißel  des  Landes.  Die  Gesellschaft  in  Baden-Baden  schloß  ihn
von  ihren  Festlichkeiten  aus,  und  als  Haber  deshalb  einen  Leutnant  v.  Göler
forderte,  entschied  das  Ehrengericht,  mit  einem  solchen  Manne  könne  ein
Offizier  sich  nicht  schlagen.  Da  trat  ein  vornehmer  Russe  für  Haber  ein,
und  in  dem  Duelle,  das  nun  folgte,  fanden  Göler  und  sein  russischer
Gegner  beide  den  Tod.  Diese  Nachricht  entflammte  die  Wut  des  Volkes,
        <pb n="340" />
        332  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

auch  der  alte  Judenhaß  mochte  wohl  mitwirken.  Der  Pöbel  in  Karlsruhe
rottete  sich  zusammen  und  zerstörte  das  Habersche  Haus;  die  Polizei
tat  wenig,  die  Truppen  erschienen  zu  spät,  und  es  ließ  sich  leicht  er—
kennen,  daß  eine  mächtige  Partei  am  Hofe  dem  Vertrauten  der  Groß—
herzogin  die  Züchtigung  gönnte.“)  Die  Regierung  wußte  sich  nicht  zu
helfen.  In  ihrer  Herzensangst  verbot  sie  den  Zeitungen,  irgend  etwas
über  die  schmählichen  Vorfälle  zu  drucken;  und  mit  vernichtendem  Hohne
hielt  ihr  nachher  Mathy  im  Landtage  vor,  wie  gröblich  sie  erst  durch
Schwäche,  dann  durch  Härte  gesündigt  hätte;  er  weissagte,  auf  den  Karne—
val  dieser  Staatsweisheit  würde  ein  Aschermittwoch  folgen.  Noch  nicht
genug.  Ein  Offizier  außer  Dienst,  Uria-Sarachaja  beschloß  den  gefallenen
Kameraden  zu  rächen  und  beschimpfte  Haber  in  einem  veröffentlichten
Briefe  dermaßen,  daß  ein  zweites  Duell  unvermeidlich  wurde.  Haber  erschoß
  seinen  Feind  und  entzog  sich  dann  durch  die  Flucht  einem  dritten
ihm  noch  angedrohten  Zweikampfe.  Nun  brauste  die  Entrüstung  von  neuem
auf,  selbst  die  Bänkelsänger  auf  den  Jahrmärkten  besangen  die  gräßliche
Mordgeschichte  von  den  drei  Blutopfern;  in  der  rheinischen  Presse  fand
der  Günstling  des  Hauses  Rothschild  freilich  auch  manche  tugendhafte
Verteidiger.

Während  diese  Händel  noch  schwebten,  hatte  Blittersdorff  endlich  eingesehen,
  daß  seines  Bleibens  in  dem  feindseligen  Lande  nicht  mehr  sei.
Im  November  1843  ging  er  wieder  als  Bundesgesandter  nach  Frankfurt,
um  dort  abermals  auf  eigene  Faust  österreichische  Politik  zu  treiben.
Aus  seinem  und  aus  Abels  Regiment  entnahmen  die  Süddeutschen  die
heilsame  Erkenntnis,  was  von  klerikaler  oder  halbklerikaler  Parteiherrschaft
  zu  erwarten  sei.  Sein  Rücktritt  kam  aber  zu  spät;  der  Mißmut
hatte  sich  schon  zu  weit  verbreitet.  Der  Finanzminister  Böckh,  der  fortan
die  Leitung  übernahm,  vermochte  trotz  seiner  fachmännischen  Tüchtigkeit
das  Ansehen  der  Regierung  nicht  wiederherzustellen.  Alles  ging  aus  Rand
und  Band.

Bei  dem  preußischen  Hofe  fand  der  Großherzog,  der  in  seiner  Hilflosigkeit
  überall  Rat  suchte,  keine  wirksame  Unterstützung.  Der  König
hatte  den  alten,  in  Süddeutschland  wohl  bewanderten  Gesandten  Otterstedt
  abberufen  und  seinen  Freund  Radowitz  beauftragt,  neben  dem  Frankfurter
  Posten  auch  die  Karlsruher  Gesandtschaftsstelle  zu  verwalten.
Wieder  ein  unbegreiflicher  Mißgriff.  Radowitz  kannte  die  Zustände  des
Südens  gar  nicht  und  vermochte  sie  auch  nicht  unbefangen  zu  beobachten,
da  er  damals  noch  streng  klerikale  Ansichten  hegte,  mit  Mone  und  dessen
Hintermännern  auf  gutem  Fuße  stand.  Durch  seine  überlegene  Persönlichkeit
gewann  er  am  Hofe  bald  festen  Boden.  Der  Großherzog  besuchte  ihn
oft  heimlich,  und  war  der  Preuße  in  Frankfurt,  so  schrieb  Leopold  ihm

 

*)  Radowißs  Berichte,  6.  11.  Sept.  1843.
        <pb n="341" />
        Blittersdorffs  Sturz.  333

Briefe  oder  ließ  ihn  durch  seinen  Flügeladjutanten  Krieg  mündlich  be—
fragen.  Die  Erwiderungen  lauteten  immer  mild  und  ruhig.  Radowitz
warnte  vor  Staatsstreichen,  er  ermutigte  den  gequälten  Fürsten  zum
Ausharren,  wenn  dieser  unterweilen  an  Abdankung  dachte,  und  ver—
hehlte  auch  nicht,  daß  er  Blittersdorff  für  einen  unheilvollen  Mann  an—
sah.  Doch  niemals  begriff  er,  was  die  Verfassung  für  dies  Land  be—
deutete.  Das  ganze  bureaukratisch-konstitutionelle  Staatsleben  des  Südens
ekelte  ihn  an;  „die  Umwandlung  deutsch-fürstlicher  Herrschaften  in  moderne
Souveränitäten“  blieb  ihm  der  Urgrund  alles  Übels.  Darum  hielt  er  für
ratsam,  die  Verfassung  in  wesentlichen  Punkten  umzugestalten,  freilich
nur  mit  gesetzlichen  Mitteln  —  was  doch  bei  der  Stimmung  des  badischen
Landes  rein  unmöglich  war.  Lebhaft  empfahl  er  ein  politisches  Bündnis
  zwischen  dem  Hof  und  dem  Erzbischof,  damit  eine  konservative  Partei
„mit  spezifisch  katholischem  Charakter“  sich  bilden  könne.  Daß  eine  solche
Partei  der  Krone  Preußen  feind  sein  mußte,  ahnte  er  nicht.)

Den  Ultramontanen  zerstörte  Blittersdorffs  Sturz  manche  stille
Hoffnungen.  Indes  zeigte  sich  die  Regierung  so  zerfahren  und  ratlos,  daß
man  wohl  noch  einen  Vorstoß  wagen  konnte.  Vicari,  der  Nachfolger  des
friedfertigen  Demeter  auf  dem  erzbischöflichen  Stuhle,  war  ein  schwacher,
freundlicher,  leicht  zu  beherrschender  Greis,  und  bald  genug  ließ  sich  die
Wirksamkeit  jener  geheimnisvollen  weltlichen  und  geistlichen  Gäste  erkennen,
welche  sich  am  Freiburger  Münsterplatze  zur  wohlbesetzten  Prälatentafel
einzufinden  pflegten.  Von  Rom  her  ermutigt,  auch  durch  mehrere  Petitionen
  der  Seeschwaben  aufgestachelt,  befahl  der  Erzbischof  plötzlich  (1845),
daß  bei  der  Einsegnung  gemischter  Ehen  fortan  wie  in  Preußen  die  katholische
  Erziehung  der  Kinder  gefordert  werden  müsse;  und  er  setzte  seinen
Willen  durch,  obgleich  die  Regierung  lebhaft  widersprach,  auch  ein  Teil
des  Klerus  selbst  bei  dem  milderen  alten  Brauche  verharren  wollte.  So
begann  ein  kirchenpolitischer  Kampf,  der  sich  durch  ein  Vierteljahrhundert
hinziehen  sollte.  —

Überall  in  der  Welt  nahm  der  römische  Stuhl  seine  alten  Ansprüche
wieder  auf,  seit  er  in  dem  Kölnischen  Handel  so  unerwartet  gesiegt  hatte.
Auch  Württemberg,  das  alle  paritätischen  Staaten  Deutschlands  bisher  um
seinen  kirchlichen  Frieden  beneidet  hatten,  erlebte  jetzt  den  ersten  Ansturm
der  Ultramontanen.  Hier  wurde  das  alte  staatskirchliche  System,  das  in
sämtlichen  Staaten  der  oberrheinischen  Kirchenprovinz  herrschte,  mit  besonderer
  Strenge  gehandhabt.  Die  königliche  Oberaufsichtsbehörde,  der  katholische
  Kirchenrat  behütete  alle  Rechte  der  Kirchenhoheit  so  wachsam,  daß
König  Wilhelm  nach  seinen  Erfahrungen  wohl  berechtigt  war,  der  Krone
Preußen  die  Nachbildung  dieser  Behörde  zu  empfehlen.  Selbst  in  das  innere

 

*)  Radowitzs  Berichte,  26.  Mai,  18.  Juli,  10.  Sept.  1842.  Dessen  Denkschrift
über  Baden,  10.  Dez.  1846.
        <pb n="342" />
        334  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

kirchliche  Leben  griff  der  Kirchenrat  handfest  ein;  er  ordnete  Gottesdienst
und  Gebete  an,  er  bestimmte  die  Länge  der  Predigten  und  der  Homilien,
er  erteilte  den  geistlichen  Weihen  seine  Zustimmung.  Der  Landesbischof,
der  in  Rottenburg,  absichtlich  in  der  Nähe  der  strengprotestantischen  alt—
württembergischen  Gebiete  und  der  paritätischen  Landesuniversität,  seine
sehr  bescheidene  Residenz  angewiesen  erhielt,  besaß  gar  keine  selbständige
Disziplinargewalt  über  seinen  Klerus  und  durfte  keine  einzige  Pfründe  im
Lande  vergeben,  da  die  Krone  kraft  zweifelhafter  Rechtstitel  ein  landesherrliches
  Patronat  beanspruchte;  alle  Erlasse  seines  Ordinariats  bedurften
  der  Genehmigung  des  königlichen  Kommissars.  Der  König  zeigte  sich  in
diesen  Jahren  höchst  mißtrauisch  gegen  die  römische  Kirche.  Evangelische
Gesinnung  lag  dem  sarkastischen  Weltmanne  fern,  doch  eine  starke  Staatsgewalt
  erschien  ihm  als  der  einzige  Halt  und  Hort  in  der  gärenden  Zeit;
darum  sah  er  in  den  Klerikalen  jeder  Farbe  nur  geistliche  Demagogen.  Offen
sprach  er  aus,  daß  er  die  Tübinger  katholische  Fakultät  von  den  Schülern
Möhlers  reinigen  wolle,  und  in  der  Tat  ward  ein  ultramontaner  Eiferer,
Professor  Mackauf  eine  stille  Landpfarre  versetzt.')  Die  nachgiebige  Kirchenpolitik
  Preußens  erfüllte  den  König  mit  schwerer  Besorgnis,  dagegen  begrüßte
er  freudig  den  Gustav-Adolf-Verein,  dem  er  sogleich  durch  ein  veröffentlichtes
  Handschreiben  seine  Unterstützung  zusagte.  Wegen  der  kirchenpolitischen
  Streitfragen  verlangte  er  mehrmals  den  Rat  Wessenbergs.  Dieser
ehrwürdige  alte  Herr  lebte  freilich  in  Zeiten,  die  gewesen;  er  träumte  noch
immer  den  unmöglichen  Traum  einer  deutschen  Nationalkirche,  deren  Primat
zwischen  den  Erzbischöfen  von  Köln,  Freiburg,  München  wechseln  sollte,  und
mahnte  vornehmlich,  das  Plazet  festzuhalten,  auch  in  Sachen  der  gemischten
Ehen  nichts  zu  ändern  —  zwei  Forderungen,  die  doch  jetzt,  nachdem
die  Krone  Preußen  nachgegeben,  schon  allen  Boden  verloren  hatten.)

Lange  Jahre  hindurch  hatte  der  schlaffe  greise  Bischof  Keller  von  Rottenburg
  die  gestrenge,  aber  fürsorglich  wohlmeinende  Vormundschaft  des  Staats
geduldig  ertragen;  er  gehörte  noch  zu  der  leidsamen  alten  Schule  und  war
vor  Jahren  selbst  Mitglied  des  Kirchenrats  gewesen.  Nach  und  nach  begann
die  neue  klerikale  Partei  ihm  doch  über  den  Kopf  zu  wachsen.  Die  dem
Könige  besonders  verhaßten  Repetenten  des  Tübinger  Wilhelmsstifts)
die  katholischen  Edelleute  Oberschwabens  und  die  jungen  Kleriker,  die  sich
hier  wie  zu  Freiburg  in  die  bischöfliche  Kurie  eindrängten,  bestürmten  ihn
mit  Forderungen.  Er  wurde  in  Rom  angeschwärzt,  erhielt  drohende  Mahnungen
  aus  dem  Vatikan,  und  um  dem  Schicksal  Sedlnitzkys  zu  entgehen,
  entschloß  er  sich  endlich,  dem  Landtage  von  1841/42  eine  lange

*)  Rochows  Berichte,  8.  Jan.,  9.  14.  Febr.  1840.

*“)  Wessenberg,  gutächtliche  Ansichten  über  die  katholischen  Kirchenzustände  in  Deutschland,
  21.  Mai  1840;  neuer  Versuch  zur  Ausgleichung  des  Streites  über  die  Einsegnung
gemischter  Ehen,  Jan.  1841.

*##)  Rochows  Bericht,  11.  Jan.  1842.
        <pb n="343" />
        Klerikale  Bewegung  in  Württemberg.  335

Reihe  von  Beschwerden  über  die  Bedrängnis  der  katholischen  Kirche  vor—
zulegen.  Die  begleitende  Denkschrift  lautete  so  ungeschlacht,  daß  ihm
Minister  Schlayer  auf  den  Kopf  zusagte,  dergleichen  könnten  nur  junge
Hitzköpfe  geschrieben  haben.

Der  Schlag  war  von  langer  Hand  her  vorbereitet;  Graf  Zeil  hatte
sich  deswegen  in  München  mit  Abel  und  dem  Nuntius  verabredet.“)
Aber  auch  die  Gegner  gerieten  in  Aufregung.  Die  tapferen  Evangelischen
in  der  Exulantenstadt  Freudenstadt,  die  pietistischen  Stundenleute  von
Calw  und  Kornthal,  alle  guten  Altwürttemberger  riefen  erschrocken:  jetzt
wollen  die  Jesuiten  die  feste  Burg  des  süddeutschen  Protestantismus
erstürmen.  Nach  leidenschaftlicher  Beratung  wurden  die  Beschwerden  des
Bischofs  von  der  Kammer  allesamt  abgewiesen  und  nur  eine  angenommen:
  die  Klage  über  die  Beschränkung  der  Presse,  eine  Klage,  die
sich  freilich  in  Kellers  Munde  seltsam  ausnahm,  da  er  früherhin  immer
gegen  die  gottlose  Preßfreiheit  geeifert  hatte.  Hier  zeigte  sich,  wo  die  Stärke
der  Ultramontanen  lag.  Wenn  sie  das  Zauberwort  der  Freiheit  gegen
die  unleugbaren  Härten  des  alten  Polizeistaates  geschickt  ausspielten,  dann
konnte  ihnen  die  Hilfe  der  Liberalen  nicht  fehlen.  Trotz  ihres  Sieges
fühlte  sich  die  Regierung  unsicher  und  suchte  ihr  Verhalten  durch  eine
Denkschrift  vor  dem  römischen  Stuhle  zu  rechtfertigen.  Bald  darauf  (1844)
gewährte  sie  aus  freien  Stücken  zwei  kleine  Erleichterungen.  Der  Bischof
erhielt  eine  etwas  erweiterte  Disziplinargewalt  und  die  Besetzung  von  fünfzehn
  Pfarreien.  Der  alte  Territorialismus  hatte  noch  einen  letzten  Erfolg
  davon  getragen,  aber  seine  Tage  waren  gezählt.  —

 

Nicht  bloß  den  Staatsgewalten  hatte  die  römische  Kirche  große  Zugeständnisse
  entrungen;  sie  bewährte  ihre  gewaltige  Widerstandskraft  auch
gegen  den  Versuch  einer  Sektenbildung,  die  freilich  von  Haus  aus  hohl  und
geistlos,  doch  an  dem  unklaren  politischen  Freiheitsdrange  der  Zeit  eine
Stütze  fand.  Arnoldi,  der  einst  von  dem  alten  Könige  zurückgewiesene,  nunmehr
  von  dem  Nachfolger  begünstigte  neue  Bischof  von  Trier,  geriet  bald  in
die  Hände  der  klerikalen  Partei  und  veranstaltete  im  Sommer  1844  die
Ausstellung  des  ungenähten  heiligen  Rocks  —  ein  Schauspiel,  das  seit  mehr
als  einem  Menschenalter  unterblieben  war  und  jetzt,  wie  der  alte  Görres
öffentlich  aussprach,  lediglich  dazu  dienen  sollte,  den  Triumph  der  Kirche
über  den  paritätischen  Staat  feierlich  zu  bekunden.  Und  dies  pfäffische
Blendwerk  wurde  gewagt,  obwohl  Papst  Gregor  erst  vor  einem  Jahre  den
Benediktinern  von  Argenteuil  in  einem  Breve  bezeugt  hatte,  daß  sie  den  heiligen
  Rock  des  Herrn  in  ihrem  Altar  verwahrten.  Zum  Überfluß  bewiesen

*)  Dönhoffs  Bericht,  München  28.  März  1842.
        <pb n="344" />
        336  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

noch  zwei  junge  Bonner  Professoren,  der  Orientalist  J.  Gildemeister  und
der  Historiker  H.  v.  Sybel  in  einer  streitbaren,  aber  ernsten,  streng  wissen—
schaftlichen  Schrift  über  „den  heiligen  Rock  zu  Trier  und  die  zwanzig
anderen  heiligen  ungenähten  Röcke“,  welch  ein  Unfug  die  Jahrhunderte
hindurch  mit  dieser  gefälschten  Reliquie  getrieben  worden  war.  Doch  was
vermochten  Gründe  wider  den  frommen  Wahn?  Was  galt  es  den  römischen
Priestern,  daß  Nitzsch  zu  Bonn  in  einer  herrlichen  Predigt  die  Protestanten
ermahnte,  statt  der  toten  Reliquie  die  Heilkraft  des  lebendigen  Christus
zu  verehren,  und  mitleidig  ausrief:  o  der  Armen,  denen  das  Evangelium
nicht  gepredigt  wird!  Binnen  sieben  Wochen  strömten  eine  Million  und
hunderttausend  Pilger  nach  Trier;  in  allen  Städten  und  Dörfern  des
schönen  Mosellandes  läuteten  die  Glocken,  so  oft  ein  Zug  von  Wall—
fahrern  mit  wehenden  Kirchenfahnen  herankam;  die  Gastwirte,  die  Bil—
derkrämer,  die  Paramentenhändler  der  Bischofsstadt  hielten  eine  goldene
Ernte,  und  inbrünstig  erklang  im  Dome  das  Stoßgebet:  heiliger  Rock,
bitt'  für  uns!  Auch  die  Mirakel  blieben  nicht  aus.  Eine  Verwandte
des  alten  Erzbischofs  Droste-Vischering  wähnte  durch  den  Anblick  des
Rocks  von  einer  Lähmung  geheilt  zu  sein;  und  das  Bänkelsängerlied
spottete  ihr  nach:  Du  Rock  bist  ganz  unnätig,  drum  bist  du  auch  so
gnädig!  Ernste  Protestanten  konnten  nur  mit  Besorgnis  wahrnehmen,
wie  verblendet  der  Klerus  gerade  die  alten  Mißbräuche  neu  belebte,  welche
einst  die  Reformation  unmittelbar  veranlaßt  hatten.

Da  erklang  plötzlich  ein  gellender  Widerspruch  aus  der  Mitte  der
Priesterschaft  selbst.  Ein  junger,  vor  kurzem  wegen  eines  freigeistigen
Zeitungsartikels  suspendierter  Kaplan  zu  Laurahütte  in  Oberschlesien,  Johannes
  Ronge,  veröffentlichte  in  den  radikalen  Sächsischen  Vaterlandsblättern
  ein  Schreiben  an  Arnoldi,  das  den  Bischof  wegen  seines  „Götzenfestes“
  scharf  angriff  und  in  dem  Satze  gipfelte:  „Schon  ergreift  der  Geschichtsschreiber
  den  Griffel  und  übergibt  Ihren  Namen,  Arnoldi,  der
Verachtung  bei  Mit=  und  Nachwelt  und  bezeichnet  Sie  als  den  Tetzel
des  neunzehnten  Jahrhunderts.“  Diese  Worte  bewiesen  schon  genugsam,
daß  der  eitle  Mann,  der  sich  so  deutlich  selber  für  einen  neuen  Luther  ausgab,
  nicht  aus  dem  Holze  der  Reformatoren  geschnitzt  war.  Ihn  entflammte
ein  achtungswertes  Gefühl  jugendlicher  Entrüstung  wider  das  Schaugepränge
  römischer  Werkheiligkeit;  doch  von  dem  Ernste,  dem  Tiefsinn,  der
Selbstverleugnung  des  Glaubenshelden  lag  nichts  in  ihm.  Sein  Brief
wiederholte  lediglich  alte  Wahrheiten,  die  der  Protestantismus  längst
kühner  und  würdiger  ausgesprochen  hatte;  neu  war  daran  nur  der  moderne
journalistische  Stil  und  das  patriotische  Pathos.  „Erzürnen  Sie  nicht  die
Manen  Ihrer  Väter,  welche  das  Kapitol  zerbrachen,  indem  Sie  die  Engelsburg
  in  Deutschland  dulden“  —  so  rief  er  dem  Bischof  zu,  und  man
konnte  leicht  erraten,  daß  er  seine  Weltanschauung  gutenteils  der  Rotteckschen
  Weltgeschichte  verdankte.
        <pb n="345" />
        Ronge  und  der  heilige  Rock.  337

Trotzdem  rief  Ronges  Schreiben  eine  starke,  freilich  nicht  nachhaltige
Erregung  hervor.  Das  Trierer  Schauspiel  erschien  weiten  Kreisen  wie  eine
mutwillige  Verhöhnung  aller  modernen  Bildung;  denn  die  Zeit  wähnte
sehr  frei  zu  denken,  und  nur  wenige  helle  Köpfe  bemerkten  schon,  daß  in
diesem  durch  so  mannigfache  Gegensätze  zerklüfteten  Jahrhundert  auch  der
rohe  Autoritätsglaube  hüben  und  drüben  eine  gewaltige  Macht  besaß,
da  die  einen  ebenso  blind  auf  die  Zeitungen  und  die  Schlagworte  der
Tagespolitik  schwuren,  wie  die  anderen  auf  Heiligenbilder  und  Reliquien.
In  Schlesien  zeigten  die  Ultramontanen  seit  Sedlnitzkys  Sturz  einen  herausfordernden
  Hochmut,  der  das  ohnehin  unzufriedene  Volk  reizte;  der
Breslauer  Pöbel  verhöhnte  nicht  selten  die  geistlichen  Herren  auf  der
Straße,  selbst  Fürstbischof  Diepenbrock  ward  einmal  von  Studenten  öffentlich
  beschimpft.  Auch  die  unklaren  reformatorischen  Gedanken  regten  sich
wieder,  die  aus  der  katholischen  Kirche  Schlesiens  niemals  ganz  verschwunden
  waren,)  gutmütige  Vorstellungen  von  einer  geläuterten  Kirche,
welche  nicht  römisch  und  doch  katholisch  sein  sollte.  Nach  wenigen  Wochen
schon  gründete  Ronge  eine  Gemeinde,  die  sich  von  Rom  förmlich  lossagte.
Sie  bestand  zumeist  aus  kleinen  Leuten  der  Mittelklassen;  aber  auch  zwei
Männer  von  geachtetem  wissenschaftlichem  Namen  schlossen  sich  an,  erst
der  Kirchenrechtslehrer  Professor  Regenbrecht,  dann  der  gelehrte,  grundehrliche
  Pater  Anton  Theiner,  beide  den  Klerikalen  längst  verhaßt  als
unerschrockene  Kämpfer  wider  den  Zölibat  und  andere  römische  Mißbräuche.
  Unterdessen  hatte  auch  Kaplan  Czerski  in  Schneidemühl,  ein
wegen  heimlicher  Ehe  verurteilter  Priester,  mit  starkem  Anhang  die
römische  Kirche  verlassen,  und  bald  bildeten  sich  in  zweiundzwanzig  norddeutschen
  Städten  Dissidentengemeinden,  die  den  widerspruchsvollen  Namen
der  Deutschkatholiken  annahmen.  Im  Süden  war  der  Zulauf  schwächer,
da  Osterreich  und  Bayern  die  neue  Sekte  mit  äußerster  Härte  verfolgten.
Das  gläubige  Landvolk  hielt  sich  überall  fern.  Mehr  als  60000  Bekenner
  zählte  der  Deutschkatholizismus  niemals,  und  die  volle  Hälfte
gehörte  Ronges  schlesischer  Heimat  an.

Im  Vatikan  war  anfangs  der  Schrecken  groß;  denn  wer  mochte
wissen,  wohin  ein  Schisma  auf  diesem  heißen  Boden,  in  dem  Vaterlande
der  einzigen  siegreichen  Ketzerei  noch  führen  konnte?  Der  Klerus  erhielt
Befehl,  mit  weltkluger  Mäßigung  zu  verfahren,  und  nur  die  abtrünnigen
Priester  wurden  exkommuniziert.  Die  Evangelischen  hingegen  hießen  Ronges
Unternehmen  willkommen;  ihrer  viele  sahen  ja  das  Wesen  des  Protestantismus
  allein  in  der  Bekämpfung  des  Papsttums,  und  auch  die  Gläubigen
lebten  der  Überzeugung,  daß  die  evangelische  Lehre  die  dem  deutschen  Gemüte
  entsprechende  Form  des  Christentums  ist,  sie  hofften  auf  die  kirchliche
Wiedervereinigung  der  Nation.  Fast  in  allen  Städten,  wo  deutschkatholische
Gemeinden  entstanden,  beeilten  sich  die  Protestanten,  ihnen  die  Rathaussäle

*)  S.  o.  III.  416  f.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  22
        <pb n="346" />
        338  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

oder  auch  ihre  Gotteshäuser  einzuräumen.  Im  März  1845  trat  zu  Leipzig
ein  Konzil  zusammen,  um  Bekenntnis  und  Verfassung  der  neuen  Sekte
festzustellen,  und  hier  zeigte  sich  alsbald  die  religiöse  Schwäche  der  Be—
wegung.  Der  Deutschkatholizismus  krankte  nicht  nur  an  einem  logischen
Widerspruche,  da  er  zugleich  allgemeines  und  nationales  Christentum  sein
wollte,  sondern  auch  an  einer  schweren  sittlichen  Unwahrheit,  denn  er  gab
vor,  zwischen  den  Katholiken  und  Protestanten  mitteninne  zu  stehen,  wäh—
rend  er  in  Wirklichkeit  weit  über  den  evangelischen  Glauben  hinausging
und  nur  den  extremen  Sekten  der  Protestanten  verwandt  war.  Erschienen
doch  in  Königsberg  zur  Eröffnung  des  deutschkatholischen  Gottesdienstes,
freundlich  eingeladen,  sogar  die  Führer  der  liberalen  Judenschaft,  Jacoby,
Falkson,  Korsch.  Auf  dem  Leipziger  Konzile  errang  Ronge  mit  seinem
radikalen  Anhange  den  Sieg.  Das  Dogma  wurde  im  Geiste  des  platten
Rationalismus  dermaßen  vereinfacht,  daß  von  christlichem  Inhalt  wenig
übrig  blieb;  die  Gemeinden  erhielten  eine  fast  unbeschränkte  Selbständigkeit,
ihrer  viele  gewährten,  allem  kirchlichen  Brauche  zuwider,  sogar  den  Frauen
das  Stimmrecht.  So  weit  wollte  der  immerhin  etwas  ernster  gestimmte
Czerski  doch  nicht  gehen,  den  Glauben  an  die  Göttlichkeit  Christi  gab  er
nicht  auf;  auch  der  wackere  Pater  Theiner  zog  sich  bald  zurück,  entsetzt
über  Ronges  windige  Phrasen;  und  es  ließ  sich  jetzt  schon  vorhersehen,
daß  diese  gedankenlose  Sektiererei  an  der  gewaltigen  Konsequenz  der  katho—
lischen  Kirche  notwendig  zerschellen  mußte.

Aber  die  fieberische  politische  Freiheitssehnsucht  des  Zeitalters  klam—
merte  sich  an  jeden  Strohhalm;  alles  hieß  sie  willkommen,  was  den  alten
Gewalten  in  Staat  und  Kirche  irgend  widerstrebte.  Ulrich  von  Hutten  war
den  Liberalen  dieser  Tage  die  Lieblingsgestalt  der  deutschen  Geschichte;
in  seinem  kühnen  Freimut,  seinem  rhetorischen  Pathos,  seiner  ungebundenen
Lebensweise,  seinen  gestaltlosen  vaterländischen  Träumen  meinten  sie  sich
selber  wiederzuerkennen.  Und  wie  er  einst  von  der  Reformation  die  Auf—
erstehung  deutscher  Macht  und  Herrlichkeit  erhofft  hatte,  so  wähnten  jetzt
Unzählige,  dieser  schlesische  Kaplan  würde  der  nahenden  politischen  Revo—
lution  eine  Gasse  brechen.  Der  philosophische  Radikalismus  trat  für  einige
Zeit  ganz  in  den  Hintergrund,  da  sich  mit  einem  Male  die  Aussicht  auf
große  praktische  Erfolge  der  geistigen  Freiheit  zu  eröffnen  schien.  Viele
liberale  Zeitungen  verherrlichten  den  Führer  der  Deutschkatholiken  mit
einer  Inbrunst,  die  sich  neben  der  Nichtigkeit  des  Mannes  und  der  Dürftigleit
  seiner  Erfolge  hochkomisch  ausnahm.  Ein  Rebus,  der  an  allen
Schaufenstern  hing,  sagte:

Ronge,  zweiter  Luther  du,

Streite,  streite  wacker  zul

Nicht  durch  Rock  und  Narrenglocken
Sollen  uns  die  Pfaffen  locken.

Aberglaube,  fliehe  fort!
Gleich  dem  Blitz  trifft  Ronges  Wort.
        <pb n="347" />
        Deutschkatholische  Bewegung.  339

Wie  hätte  der  Eitle  solches  Lob  ertragen  sollen?  In  neuen  Send—
schreiben,  die  er  nunmehr  an  seine  Glaubensgenossen,  an  die  Geistlichen,
an  die  Lehrer  richtete,  schlug  er  ganz  den  Ton  des  radikalen  journalistischen
Großsprechers  an.  Er  prahlte,  die  Schlacht  gegen  das  Römertum  würde
nicht  mehr  im  Dunkel  des  Teutoburger  Waldes,  sondern  auf  den  Höhen
des  germanischen  Geistes  geschlagen;  er  weissagte,  die  in  der  ersten  Refor—
mation  verlorene  Weltherrschaft  Deutschlands  solle  jetzt  durch  die  zweite
Reformation  wiedergewonnen  werden,  und  verhieß  seinen  Genossen:  „der  un—
austilgbare  Dank  der  Geschichte  wird  Sie  durch  die  Jahrhunderte  tragen.“

Mit  seinem  getreuen  Dowiat,  einem  feurigen  radikalen  Kraftredner
bereiste  er  sodann  die  süddeutschen  Städte,  um  überall  auf  Banketten  und
Zweckessen  die  Huldigungen  der  Opposition  entgegenzunehmen.  Ein  ekel—
hafter  Anblick,  wie  der  neue  Luther  im  vierspännigen  Wagen  mit  Ruge
und  Fröbel,  den  ungläubigen  Demagogen,  und  mit  Fickler,  dem  Volks—
manne  der  liberalen  Seeschwaben,  aus  Konstanz  hinausfuhr  zur  Kirchen—
feier  auf  dem  nahen  sichern  Schweizerboden,  und  der  dicke  Fickler  schmun—
zelnd  sagte:  das  hätt'  ich  nicht  gedacht,  daß  ich  noch  einmal  Apostel  werden
sollte.  Nachher  beim  Festmahl  rief  Dowiat  ein  schmetterndes  Pereat  auf
die  Petersburg  im  Süden  und  die  Petersburg  im  Norden;  währenddem
meldeten  sich  einige  harmlose  Konstanzer  zum  Eintritt  in  die  neue  Ge—
meinde;  Dowiat  ging  hinaus,  um  nach  weihevoller  Ansprache  ihre  Namen
in  sein  Kirchenbuch  einzutragen,  und  kehrte  dann,  sarkastisch  lächelnd,  zum
Champagner  zurück.  Darum  erklärte  der  fromme,  von  Rom  so  schwer  ge—
kränkte  Wessenberg  sehr  nachdrücklich,  daß  er  mit  diesem  frivolen  Treiben
nichts  gemein  haben  wolle.  Viele  andere  tüchtige  Männer  überschätzten  die
Bewegung;  der  alte  Protestantenhaß  gegen  den  römischen  Antichrist  wallte
hoch  auf,  alles  strebte  hinaus  aus  der  Stickluft  dieser  Tage  der  Erwartung.
Sogar  der  scharfblickende  Karl  Mathy  ließ  sich,  allerdings  nicht  lange,  über
die  Bedeutung  der  kirchlichen  Demagogen  täuschen;  war  er  doch  selbst
der  Sohn  eines  römischen  Priesters,  der  sich  einst  nach  schweren  Seelenkämpfen
  in  die  evangelische  Freiheit  hinübergerettet  hatte.

Von  selbst  verstand  sich,  daß  der  unaufhaltsame  alte  Paulus  „zur
Rechtfertigung  der  Deutschkatholiken“  schrieb;  er  glaubte  ihnen  treuherzig,
sie  würden  den  Westfälischen  Frieden  ausführen,  den  Gegensatz  der  Bekenntnisse
  in  Deutschland  versöhnen.  Ebenso  zuversichtlich  begrüßte  sein
rationalistischer  Gesinnungsgenosse  Röhr  in  Weimar  den  neuen  Kampf
wider  Rom.  Aber  auch  Gervinus,  der  weltlichste  unter  den  jüngeren
Historikern  wähnte  sich  berufen,  von  „der  Mission  der  Deutschkatholiken“
Großes  zu  weissagen  und  in  einer  zweiten  Streitschrift  die  protestantischen
Geistlichen  wegen  ihrer  besonnenen  Zurückhaltung  hart  anzulassen.  Er  hielt
es  für  ein  Naturgesetz,  daß  Deutschland  nach  einer  religiösen  und  einer
literarischen  Epoche  jetzt  eine  politische  Zeit  erleben  müsse;  solcher  Hoffnung
voll  begrüßte  er  die  neue  Sekte  als  den  Keim  einer  großen  nationalkirch-22
        <pb n="348" />
        340  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

lichen  Union,  die  über  das  Dogma  hinwegsehend,  allein  der  Moral,  der
Duldsamkeit,  der  Abwehr  ausheimischer  Mächte  leben  sollte.  Von  der
beseligenden  Kraft  der  göttlichen  Verheißung,  von  dem  gemeindebildenden
Drange  des  lebendigen  Glaubens  hatte  er  gar  keine  Ahnung.  Zugleich
zeichnete  er  hier  zuerst  die  Umrisse  einer  neuen  demokratischen  Geschichts—
philosophie,  die  noch  viel  Unheil  in  den  Köpfen  der  Halbdenker  anzurichten
bestimmt  war.  Während  die  Weltgeschichte  sich  bisher  immer  durch  die
Wechselwirkung  großer  Persönlichkeiten  und  der  allgemeinen  Zustände  fort—
gebildet  hatte,  durch  Männer,  die  aus  den  Trümmern  alter  Welten
eine  neue  zu  formen  verstanden,  sollte  sie  im  neunzehnten  Jahrhundert
plötzlich  ihren  Charakter  verändert  haben  und  sich  fortan  ohne  die  Macht
des  Genius,  allein  durch  die  Meinungen  und  Leidenschaften  der  Massen
weiter  bewegen.  So  lautete  die  neueste  Geschichtsoffenbarung;  Otto  v.
Bismarck  war  gerade  dreißig  Jahre  alt.  Gervinus  stand  nicht  an,  weiter
zu  schließen:  die  Deutschkatholiken  könnten  eben  darum  auf  die  Zukunft
zählen,  weil  sie  so  blutarm  seien  an  bedeutenden  Männern;  und  an  diesem
Satze  hielt  er  eigenrichtig  fest,  obgleich  doch  gerade  in  der  Kirchengeschichte
die  Macht  der  Persönlichkeit  ganz  überwältigend  wirkt;  denn  noch  nie  und
nirgends  ist  eine  kräftige  Religion  oder  Sekte  anders  entstanden  als  durch
die  erweckende  Kraft  gottbegeisterter  Apostel  und  Propheten.

Diese  trocken  politische  Beurteilung  kirchlicher  Dinge  war  so  undeutsch,
daß  selbst  Gervinus'  nächste  Freunde  darüber  erschraken.  Vor  allen  Dahlmann.
  Er  hegte,  durchweg  tiefsinniger  und  darum  bescheidener  als  sein
jüngerer  Freund,  von  frühauf  ein  starkes  religiöses  Gefühl  und  empfand  so
schmerzlich  wie  einst  Niebuhr,  daß  sein  ganzer  Bildungsgang  ihn  dem  kirchlichen
  Leben  entfremdet  hatte.  Demütig  sprach  er  aus:  „Auf  der  Sittenlehre
läßt  sich  keine  Kirche  gründen.  Mir  kommt  es  vor,  daß  diejenigen,  welche
sich  an  Christus  selbst  halten,  die  Kirche  ausmachen.  Wenn  wir  andern
ein=  und  ausgehen,  wir  bringen  Zug,  aber  keine  Wärme  hinein.“  Und
der  liberale  Theolog  Thudichum  in  Büdingen  sagte  in  einer  Gegenschrift
ruhig:  wo  sei  denn  die  aufbauende  Kraft  der  neuen  Sekte,  da  doch  die
römische  wie  die  evangelische  Kirche  trotz  allem  Zeitungsgeschrei  ganz  unerschüttert
  dastünde?  Ahnlich  äußerte  sich  der  Führer  der  Vermittlungstheologen,
  Ullmann  in  Heidelberg,  ein  feiner,  sinniger,  künstlerisch  angelegter
  Geist.  In  seinem  „Bedenken  über  die  deutsch-katholische  Bewegung“
fragte  er  zweifelnd:  wie  könne  eine  dauernde  religiöse  Gemeinschaft  bestehen,
wenn  sie  nicht  wie  aus  einem  Keime  herauswüchse  aus  dem  ursprünglichen,
  vollen  Leben  eines  hervorragenden,  geistig  gewaltigen  Einzelnen?—

Die  Zweifler  behielten  recht.  Schon  nach  Jahresfrist  war  der  Deutschkatholizismus
  ganz  verweltlicht,  ganz  in  den  Wirrwarr  der  radikalen  Politik
hinabgesunken.  Die  Ironie  des  Schicksals  fügte,  daß  er  nur  im  Königreich
  Sachsen  tiefe  Spuren  seines  Wirkens  hinterlassen  sollte,  in  dem  einzigen
  der  größeren  deutschen  Staaten,  der  fast  gar  keine  Katholiken  ent-
        <pb n="349" />
        Sachsen.  Lindenaus  Rücktritt.  341

hielt  und  mithin  für  eine  ernsthafte  katholische  Reformbewegung  den  denkbar
  ungünstigsten  Boden  bildete.  Die  glücklichen  ersten  Jahre  des  sächsischen
  Verfassungslebens  gingen  zu  Ende.  Minister  Lindenau,  der  Schöpfer
  des  Grundgesetzes  fühlte  sich  nicht  mehr  sicher.  In  Wien  war  er  sehr
schlecht  angeschrieben;  denn  er  verhehlte  nicht,  daß  er  die  Beschlüsse  der
Ministerkonferenzen  von  1834  für  bedenklich  hielt;  er  wurde  in  den
deutschen,  den  französischen,  den  englischen  Zeitungen  beständig  als  Gegner
  Metternichs  gefeiert  und  hatte  einmal  eine  sehr  peinliche  diplomatische
  Auseinandersetzung  mit  den  beiden  deutschen  Großmächten  wegen
ultraliberaler  Außerungen,  die  ihm  die  Presse  andichtete.)  Am  Hofe  verzieh
  man  ihm  nie,  daß  er  dem  Könige  geraten  hatte,  die  Einkünfte  des
Kammergutes  gegen  eine  Zivilliste  hinzugeben,  was  nach  der  strengen
Hallerschen  Doktrin  für  eine  Entwürdigung  des  Königtums  galt.*)  Die
erste  Kammer  zeigte  sich  dem  Minister  feindlich;  der  Grundadel  wollte
weder  in  die  Aufhebung  der  Patrimonialgerichte  willigen,  noch  in  ein
billiges  Wildschadengesetz,  dessen  die  kunstvolle  Landwirtschaft  des  dichtbevölkerten
  Landes  doch  gar  nicht  entraten  konnte.  Auf  der  anderen  Seite
begann  der  Radikalismus,  der  hier  seit  Jahren  unter  dem  Boden  arbeitete,)
  sichtlich  zu  erstarken,  zuerst  im  Vogtlande.  Neue  Abgeordnete
zogen  in  die  Kammer  ein,  zunächst  die  Vogtländer  Todt,  Dieskau,  Watzdorf,
  wohlmeinende  Liberale,  die  sich  doch  gedankenlos  von  der  Strömung
des  Tages  forttreiben  ließen  und  bald  zu  der  Forderung  des  Einkammersystems
  gelangten.  Zwischen  diesen  feindlichen  Mächten  wußte  Lindenaus
zarte  Gelehrtennatur  sich  nicht  zu  behaupten;  zum  Bedauern  aller  Einsichtigen
  im  Lande  nahm  er  1843  seinen  Abschied.

An  die  Spitze  des  Ministeriums  trat  nunmehr  der  Justizminister
v.  Könneritz,  ein  tüchtiger  Jurist  von  hartkonservativer  Gesinnung.  Die
neue  Regierung  war  nicht  geradezu  reaktionär,  aber  dem  Liberalismus
feindlich,  da  jetzt  ein  anderer  Wind  von  Berlin  her  wehte;  und  man  merkte
ihr  rasch  jene  Ratlosigkeit  an,  welche  gemeinhin  revolutionären  Bewegungen
  vorangeht.  Die  Behörden  verfuhren  bald  schwach,  bald  hart.
Schwere  Not  brach  herein,  mehrere  Städte  wurden  von  großen  Bränden
heimgesucht;  die  Dürre  des  Jahres  1842,  die  Kartoffelkrankheit,  die  Geschäftsstockung
  in  vielen  großen  Gewerbsbetrieben  des  Erzgebirges  nährten
die  allgemein  schleichende  Unzufriedenheit.  Auf  dem  Landtage  verteidigte
Minister  Könneritz  tapfer  und  beredt  die  völlig  verlorene  Sache  des  alten
geheimen  schriftlichen  Strafprozesses;  er  stand  fast  allein,  die  Liberalen
aber  veranstalteten  eine  Sammlung,  damit  einer  ihrer  juristischen  Führer,
Braun  die  Länder  des  öffentlichen  Verfahrens  bereisen  und  sich  über  die

*)  Minister  v.  Minckwitz,  Verbalnote  für  die  Gesandten  in  Berlin  und  Wien,
9.  Dez.  1831.
*“)  Jordans  Bericht,  25.  Aug.  1843.
*  #)  S.  o.  IV.  153.
        <pb n="350" />
        342  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Schwurgerichte  belehren  konnte.  So  erwachte  plötzlich  der  politische  Sinn
in  dem  vordem  so  stillen  Lande.  Inzwischen  verstärkte  sich  die  Opposition
durch  neue  Wahlen;  Schaffrath,  Joseph  und  einige  andere  Radikale  er—
schienen  im  Landtage,  noch  eine  kleine  Schar,  maßlos  in  den  Grund—
sätzen,  formlos  im  Auftreten.  Selbst  die  allzeit  getreue  freie  Bergstadt
Freiberg  begann  zu  grollen,  als  zwischen  den  Bergstudenten  und  der
Garnison  Zwistigkeiten  entstanden,  die  durch  rechtzeitige  Strenge  der  Behörden
  leicht  beigelegt  werden  konnten,)  und  die  Regierung  dann,  nach
einem  unglücklichen  Duell,  volle  zwei  Drittel  der  Studentenschaft  relegierte;
  das  Land  war  eine  Zeitlang  nahe  daran,  seinen  Stolz,  die  berühmte
  Bergakademie  ganz  zu  verlieren.

Und  nun  bewährte  sich  wieder,  wie  noch  in  allen  unruhigen  Zeiten  der
neueren  sächsischen  Geschichte,  der  alte  Fluch  des  albertinischen  Hauses:
selber  schuldlos  mußten  die  Nachkommen  noch  immer  unter  dem  unseligen
Glaubenswechsel  Augusts  des  Starken  leiden.  In  dem  wohlwollenden
Charakter  des  Königs  lag  gar  kein  Zug  konfessioneller  Engherzigkeit,  und
im  Vatikan  kannte  man  den  hartprotestantischen  Boden  Kursachsens  zu
gut,  um  die  Hebel  gerade  hier  einzusetzen.  Trotzdem  fühlte  sich  das  Volk
schwer  beunruhigt  durch  den  Übermut,  den  die  ultramontane  Partei
im  benachbarten  Preußen  und  Bayern  zur  Schau  trug;  man  glaubte
allgemein,  auch  in  Sachsen  trieben  die  Klerikalen  ihr  Wesen,  und  bald
hieß  es,  die  Jesuiten  seien  im  Lande.  Ernsthafte  Beschwerden  lagen  nicht
vor.  Die  Erzbrüderschaft  vom  Herzen  Jesu  hatte  in  einer  Ortschaft  der
Lausitz  eine  kleine  Niederlassung  gegründet,  aber  ohne  Vorwissen  der  Regierung;
  dann  fand  man  in  der  neuen  katholischen  Kirche  zu  Annaberg
am  Hochaltar  den  Namen  des  heiligen  Ignatius  und  schloß  daraus,  ganz
willkürlich,  diese  Kirche  gehöre  der  Gesellschaft  Jesu.  Das  war  nahezu
alles.  Doch  das  Mißtrauen  im  Volke  ließ  sich  nicht  beschwichtigen  und
wendete  sich  mit  unbegreiflicher  Verblendung  gegen  den  Prinzen  Johann,
der  allerdings  ein  strengerer  Katholik  war  als  sein  königlicher  Bruder,  aber
in  allen  kirchenpolitischen  Fragen  stets  eine  untadelhafte  Mäßigung  gezeigt
  und  soeben  erst  durchgesetzt  hatte,  daß  die  Kniebeugung  der  protestantischen
  Soldaten  in  der  Dresdener  Hofkirche  abgestellt  wurde.  Der
schändlich  verleumdete  Prinz  sollte  durchaus  ein  Jesuit  sein,  das  glaubte
jedermann  bis  zu  den  Schulkindern  herunter,  und  jedermann  nahm
es  für  ein  Zeichen  des  göttlichen  Zornes  wider  den  katholischen  Hof,  daß
bei  dem  schweren  Eisgange  des  Frühjahres  1845  das  große  goldene
Kruzifix  auf  der  Dresdener  Brücke,  für  immer  unauffindbar,  in  den  Wellen
versank.

Nur  diese  krankhafte  Jesuitenfurcht  und  die  politische  Verstimmung
des  Landes  bewirkten,  daß  in  dem  kleinen  Häuflein  der  sächsischen  Katho- 



*)  Jordans  Bericht  19.  Febr.  1845.
        <pb n="351" />
        Robert  Blum.  343

liken  mehrere  deutsch-katholische  Gemeinden  entstanden,  die  sich  bald  durch
radikale  Protestanten  verstärkten  und  mit  den  freien  Gemeinden  der  benachbarten
  preußischen  Provinz  in  Verbindung  traten.  In  Dresden  übernahm
  ein  gewöhnlicher  Schwätzer,  der  Stenograph  Wigard,  die  Führung,
  in  Leipzig  aber  Robert  Blum,  neben  Friedrich  List  das  größte
demagogische  Talent  dieser  Tage.

In  Köln  geboren,  kleiner  Leute  Kind,  hatte  Blum  vor  Jahren  als
Chorknabe  den  Altardienst  verrichtet  und  sich  dann  aus  tiefer  Armut  tapfer
in  die  Höhe  gearbeitet,  auch  eine  leidliche  Bildung  erlangt,  die  doch
niemals  weit  über  den  Gesichtskreis  des  Kleinbürgertums  hinausging,
also  dem  schlichten  Volke  immer  verständlich  blieb.  Die  natürliche  Beredsamkeit
  der  Rheinländer  besaß  er  im  höchsten  Maße  und  dazu  eine
dämonische  Gabe,  die  Menschen  zu  beherrschen.  Wenn  der  breitschulterige,
behagliche  Bürger  mit  dem  unschönen,  aber  klugen  und  gutmütigen  Gesicht
  und  den  strahlenden  braunen  Augen  zu  sprechen  anhob,  immer  aus
tiefster  Brust,  meist  hochpathetisch,  zur  rechten  Zeit  auch  sentimental,  dann
fühlten  die  Handwerker  und  die  Ladengehilfen:  das  ist  unser  Mann.  Jetzt
bekleidete  er  in  Leipzig  die  bescheidene  Stelle  des  Theaterkassierers  und
war  doch  schon  eine  Macht.  Auf  den  jährlich  wiederkehrenden  Schillerfesten,
  die  er  eingerichtet  hatte,  feierte  er  den  Dichter  der  Freiheit;  mit
den  Führern  der  süddeutschen  Oppositionsparteien  stand  er  in  regem  Verkehr;
  die  polnischen  Flüchtlinge  nahmen  in  seinem  Hause  Herberge,  und
in  stiller  Nacht  feilte  er  selbst  an  dem  Schlüssel,  der  den  Aufständischen
das  Tor  der  Krakauer  Zitadelle  öffnen  sollte.  Bei  allen  Wahlen  entfaltete
  er  eine  rastlose  Tätigkeit,  die  er  selbst  ehrlich  als  Wühlerei  bezeichnete.
  Auch  mit  gewandter  Feder  vertrat  er  die  demokratischen  Grundsätze
  in  seinem  Volkstaschenbuche  „Vorwärts“  und  in  den  Sachsischen
Vaterlandsblättern,  einem  sehr  wirksamen  Blättchen,  das  namentlich  die
Abderitenstreiche  der  Kleinstaaterei  köstlich  verhöhnte.  An  Stoff  konnte
es  ja  hier  in  der  Mitte  Deutschlands  niemals  fehlen.  Da  war  in  Altenburg
  der  hochmütige,  verschwenderische  Hof,  in  Reuß  jüngerer  Linie  der
halbtolle  Fürst  Heinrich  LXXII.  Die  Erlasse  dieses  volksbeglückenden
Patriarchen  brauchte  man  nur  nachzudrucken,  um  den  Radikalen  ein  Fest
zu  bereiten.  Seinen  Garten  in  Osterstein  öffnete  er  allen  anständigen
Fremden,  aber  „mit  der  Dunkelheit  hört  der  Besuch  auf.  Warum?  Weil
dann  die  Begriffe  Anständig  und  Unanständig  sich  verwirren.“  Und  nach
einem  Feuer  in  Lobenstein  ließ  sich  der  zweiundsiebzigste  Heinrich  also  vernehmen:
  „Mein  Grundsatz  ist:  erst  löschen  und  dann  einpacken.  Nämlich
  so:  wenn  ein  kleines  Feuer  schnell  gelöscht  wird,  so  schlafen  dann  die
Leute  ruhiger,  als  wenn  durch  Vernachlässigung  desselben  eine  schlecht
gebaute  Stadt  vielleicht  drauf  geht.“

Also  unermüdlich  in  der  Verbreitung  demokratischer  Ideen,  begrüßte
Blum  es  als  einen  willkommenen  Zufall,  daß  er  selbst  katholisch  getauft
        <pb n="352" />
        344  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

war,  und  bemächtigte  sich  sofort  der  Leipziger  Deutschkatholiken;  vor
Freunden  gestand  er  aufrichtig,  diese  kirchlichen  Wirren  dienten  ihm  nur
zum  Mittel  für  seine  politischen  Zwecke.  Auf  dem  Leipziger  Konzil  hielt
er,  hinter  einem  verhängten  Tische  stehend,  zündende  Reden.  Kam  eine
schwierige  kanonische  Frage  vor,  dann  langte  ihm  der  Historiker  Wuttke,
ein  giftiger  kleiner  radikaler  Molch,  der  nebenan  hinter  einem  Haufen
Bücher  saß,  unter  dem  Tischtuch  einen  Zettel  herüber;  ein  Blick  darauf
genügte,  und  der  Kirchenstifter  sprach  alsbald  mit  bewunderungswürdiger
Geläufigkeit  über  das  tridentinische  Konzil,  dessen  Dasein  er  vordem  wohl
kaum  gekannt  hatte.

Inzwischen  ward  die  Regierung  besorgt,  da  die  freien  Gemeinden
Preußens  ihre  Sendboten  nach  Sachsen  schickten  und  sich  mit  den  Deutschkatholiken
  verbrüderten.  Am  17.  Juni  1845  erklärten  die  mit  der  Wahrung
des  lutherischen  Kirchenregiments  beauftragten  Minister,  daß  sie,  eingedenk
ihres  Eides,  Versammlungen  oder  Vereine,  welche  das  Augsburgische  Bekenntnis
  in  Frage  stellten,  nicht  dulden  könnten.  Der  Erlaß  war  schwerlich
  bös  gemeint,  aber  höchst  ungeschickt,  wie  fast  alles,  was  von  Könneritz
und  dem  neuen  Minister  des  Innern  Falkenstein  ausging;  verstand  man
ihn  buchstäblich,  so  schien  er  in  der  Tat  die  Gewissensfreiheit  zu  beschränken,
  den  Austritt  aus  der  lutherischen  Landeskirche  zu  verbieten.
Ganz  deutlich  sagte  er  aber,  daß  die  sächsische  Regierung,  wie  die  preußische,
  mit  dem  alten  Rationalismus  brechen  wollte.  Und  diese  behagliche,
  bis  zur  Gleichgültigkeit  duldsame  Aufklärung  herrschte  im  Volke,  zumal
  in  den  Städten  noch  überall  vor;  ihr  gefeierter  Vertreter,  der  greise
Ammon  war  noch  immer  Oberhofprediger.  Darum  erregte  die  Bekanntmachung
  der  Minister  allgemeinen  Unwillen,  und  wieder  schob  man  alle
Schuld  auf  den  gänzlich  unbeteiligten  Prinzen  Johann.

Die  Gemüter  waren  erhitzt,  die  Behörden  hatten  schon  mehrfache
Warnungen  erhalten;  da  kam  der  Prinz  am  12.  August  nach  Leipzig,  um
die  Kommunalgarde  zu  mustern.  Schon  während  der  Truppenschau  erlaubten
  sich  die  Zuschauer  manche  Frechheit;  und  als  der  Prinz  nachher
spät  abends  mit  den  Spitzen  der  Behörden  bei  Tafel  saß,  im  Gartenhause
  des  Preußischen  Hofs  am  Roßplatze,  da  sammelte  sich  eine  tobende
Volksmasse  auf  dem  weiten  Platze.  Die  Menge  sang  „Eine  feste  Burg  ist
unser  Gott“;  dann  ertönten  Hochrufe  auf  Ronge  und  Czerski,  wilde  Lieder,
Flüche  und  Schimpfreden,  ein  Hagel  von  Steinen  schlug  an  die  Fenster
des  Gasthofs.  Niemand  von  den  Behörden  fand  den  Mut,  dem  Haufen
mit  einer  kräftigen  Ansprache  entgegenzutreten.  Erst  als  der  Unfug  sich  bedrohlich
  steigerte,  sendete  man  nach  der  Wachtmannschaft  der  Kommunal-=garde.
  Gleich  darauf  ließ  der  Stadtkommandant  Oberst  v.  Buttlar,  ein
sehr  tüchtiger  Offizier,  auf  Verlangen  der  Zivilbehörde  ein  Bataillon  seiner
Truppen  herbeirufen;  die  noch  von  den  Dresdener  Straßenkämpfen  her
beim  Pöbel  verhaßten  schwarzen  Schützen  waren  früher  zur  Stelle  als
        <pb n="353" />
        Straßenkampf  in  Leipzig.  345

die  behagliche  Bürgerwehr.  Um  seine  Furchtlosigkeit  zu  beweisen,  kam
der  Prinz  selbst  einen  Augenblick  heraus  und  verlangte,  daß  man  für  die
Räumung  des  Platzes  sorgte,  dann  kehrte  er  zu  seinen  Gästen  in  den
Gartensaal  zurück,  ohne  zu  ahnen,  was  sich  nun  begeben  sollte.“)  Unter—
dessen  hatten  die  Schützen  ohne  Gewalttätigkeit  den  Haufen  von  dem  Platze
größtenteils  hinweggedrängt.  Jetzt  staute  sich  die  Menge  in  den  Baum—
gängen  der  Promenaden,  die  den  Roßplatz  umsäumten.  Abermals  Stein—
würfe,  abermals  Geschrei  und  Toben;  wiederholte  Aufforderungen  zum
Auseinandergehen  verhallten  ungehört  oder  unbeachtet;  da  feuern  zwei
Pelotons  der  Schützen  in  die  dichtgedrängte  Menge  hinein,  sieben  aus  der
Menge  werden  getötet,  mehrere  verwundet.  Es  war  eine  unglückselige
Übereilung,  ganz  gewiß  nicht  planvoll  vorbereitet;  aber  auch  nicht  entschuldigt
  durch  drängende  Not;  allem  Anschein  nach  hatten  zwei  Offiziere  inmitten
  der  wüsten  Verwirrung,  im  abendlichen  Dunkel  den  Überblick  verloren
  und  die  augenblickliche  Gefahr  zu  hoch  angeschlagen.  Als  die  Kommunalgarde
  endlich  durch  Generalmarsch  aufgeboten  wurde,  da  verliefen
sich  die  Massen,  aber  ein  tiefer  Groll  blieb  in  den  Herzen  der  Bürgerschaft
  zurück.  Der  durch  den  blutigen  Vorfall  schmerzlich  überraschte  Prinz
Johann  sollte  wieder  an  allem  die  Schuld  tragen,  und  als  er  am  Frühmorgen
  abreiste,  wurde  sein  Wagen  mit  Flüchen  und  Steinwürfen  verfolgt.
Alle  Parteien  überschätzten  das  traurige  Ereignis,  denn  das  Vorgefühl

  einer  großen  Entscheidung  zitterte  durch  die  Welt.  Freiligrath  sang
die  volltönende  Ode  auf  Leipzigs  Tote:

Ich  bin  die  Nacht,  die  Bartholomäusnacht,

Mein  Fuß  ist  blutig  und  mein  Haupt  verschleiert.

Es  hat  in  Deutschland  eine  Fürstenmacht

Zwölf  Tage  heuer  mich  zu  früh  gefeiert  —
prächtige  Verse,  die  sich  neben  der  nüchternen  Wirklichkeit  doch  fast  lächerlich
  ausnahmen.  Ebenso  aufgeregt  betrachtete  man  in  Wien  diese  Pöbelunruhen,
  denen  die  wackere  Bürgerschaft  der  Meßstadt  ganz  fern  geblieben
  war.  Metternich  sah  die  seit  einem  Menschenalter  befürchtete
Revolution  jetzt  mit  Riesenschritten  herannahen  und  hatte  schon  im  April
seinen  Diplomaten  geschrieben:  „Tritt  das  Übel  einmal  deutlich  aus  dem
Verstecke,  in  dem  es  sich  hält,  hervor,  dann  werden  die  Regierungen  sich
zu  erheben  bemüßigt  sein,  aber  Freischaren  gegenüberstehen,  denen  die
geregelte  Macht  in  die  Länge  nur  schwer  zu  widerstehen  vermag.“*)
Ganz  im  Sinne  des  Meisters  berichtete  nunmehr  der  k.  k.  Generalkonsul
Hübner  in  Leipzig,  ein  kluger,  ehrgeiziger  Reaktionär,  der  in  der  Gesell-*)

  So  berichtet  der  Prinz  selbst  (Falkenstein,  König  Johann  von  Sachsen  S.  160).
Seine  Erzählung  ist,  wie  sich  von  selbst  versteht,  in  allem  Wesentlichen  zuverlässig;  doch
stammt  sie  unverkennbar  erst  aus  späterer  Zeit  und  enthält  daher  einige  leicht  erklärliche

kleine  Ungenauigkeiten.
**)  Metternichs  Denkschrift,  30.  April  1845.
        <pb n="354" />
        346  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

schaft  Jesu  eine  hohe  Stellung  einnahm:  diese  durch  die  Schwäche  der  Behörden
  verwöhnte  „sogenannte  Hauptstadt  der  Intelligenz“  sei  neben
Königsberg  der  Hauptsitz  des  deutschen  Demagogentums;  den  Tumult
hätten  die  Literaten  veranlaßt  und  die  Studenten  als  Werkzeuge  gebraucht;
  „hier  ist  alles  zur  Revolution  reif,  versöhnt  wird  hier  niemand.“
Seine  Schilderung  war  so  grell,  daß  selbst  das  preußische  Ministerium
meinte,  der  Österreicher  scheine  doch  nicht  unbefangen.“)

Am  Morgen  nach  dem  Blutvergießen  zeigten  sich  die  königlichen  Behörden
  ganz  gelähmt  vom  Schrecken,  kein  Soldat  erschien  in  den  Straßen.
Die  Studenten,  die  noch  in  der  Nacht  den  Fechtboden  erbrochen  hatten,
versahen  im  Verein  mit  der  Kommunalgarde  allein  den  Sicherheitsdienst.
Nachmittags  drängten  sich  Scharen  von  Bürgern  und  Studenten  in  das
Schützenhaus,  alles  verwünschte  den  Prinzen,  dem  man  eine  berechnete
Untat  andichtete,  und  forderte  Rache  für  das  vergossene  Blut.  Da  trat
plötzlich  Robert  Blum  in  die  furchtbar  aufgeregte  Versammlung.  Er  war
am  Tage  zuvor  verreist  gewesen  —  was  ihm  jetzt  sehr  zum  Vorteil
gereichte  —  und  geradeswegs  vom  Bahnhofe  herbeigeeilt.  Augenblicklich
übersah  er  die  Lage  und  begriff,  daß  die  Zeit  für  neue  Gewalttätigkeiten
noch  nicht  gekommen  war;  in  mächtiger,  tief  ergreifender  Rede  sprach
er  den  Versammelten  aus,  eine  Sühne  müsse  der  Stadt  werden,  aber
nur  auf  gesetzlichem  Wege.  Dann  führte  er  diese  erbitterten  Tausende
in  ruhiger  Ordnung  nach  dem  Markte;  kein  Unfug  befleckte,  so  rühmte
Blum,  „die  wahrhafte  Majestät  dieser  Volksversammlung“.  Nach  kurzer
Frist  verkündete  er  vom  Altane  des  Rathauses  herab,  daß  der  Stadtrat
  sich  den  Beschlüssen  des  Volks  unterworfen  habe,  Abzug  der  Garnison
und  strenge  Untersuchung  vom  Könige  verlangen  wolle.  Vier  Tage  hindurch
  beherrschte  er  die  Stadt  wie  ein  Diktator,  die  Behörden  schienen
verschwunden.  Beim  Begräbnis  der  Erschossenen  erklangen  wieder  stürmische
  Reden,  doch  die  Ordnung  blieb  völlig  ungestört;  die  Kommunalgarde
  hielt  strenge  Wacht,  nach  den  Weisungen  des  Demagogen.

Am  Dresdener  Hofe  wußte  man  sich  anfangs  nicht  zu  helfen.  Die
Minister  schöpften  erst  wieder  Mut,  als  durch  Blums  Entschlossenheit  die
nächste  Gefahr  beseitigt  war,  und  nun  endlich  griffen  sie  sehr  scharf  ein.
In  stiller  Nacht  wurden  Truppen  mit  Geschützen  nach  Leipzig  gesendet,  und
gedeckt  durch  diese  bewaffnete  Macht  erschien  am  17.  als  königlicher  Kommissär
  der  Geh.  Rat  v.  Langenn,  ein  gelehrter  Jurist,  der  sich  in  allen  politischen
  Kämpfen  als  hochreaktionärer  Parteimann  benahm.  Parteiisch  verfuhr
er  auch  hier.  Er  kündigte,  wie  billig,  eine  strenge  Untersuchung  gegen  die
Aufrührer  an,  erklärte  aber  zugleich,  daß  die  Regierung  die  doch  keineswegs
  tadelfreien  Maßregeln  ihrer  Organe  vertreten  würde.  Die  Stadt,

 

*)  Hübners  Bericht  an  Metternich  27.  Aug.  Schreiben  des  preuß.  Minist.  des
Innern  an  Canitz,  11.  Okt.  1845.
        <pb n="355" />
        Leipzig  und  die  Regierung.  347

sagte  er  kurzab,  hat  eine  Sühne  nur  zu  geben,  nicht  zu  fordern;  und
noch  hochmütiger  ermahnte  nachher  im  Landtage  Minister  Falkenstein
die  Leipziger,  sie  sollten  in  sich  gehen  und  sich  wiederfinden.  Die  Be—
kanntmachung  über  die  Ergebnisse  der  kommissarischen  Voruntersuchung
erschien  erst  nach  sechs  Wochen  und  enthielt  offenbare  Unwahrheiten.
Sie  begnügte  sich  nicht  mit  der  ganz  unbestreitbaren  Versicherung,  daß
Prinz  Johann  das  Schießen  nicht  befohlen  hatte,  sondern  leugnete  sogar
feierlich  ab,  daß  er  vor  dem  Feuern  einmal  auf  den  Platz  hinausgekommen
war  —  was  doch  gar  nichts  zur  Sache  tat  und  von  dem  Prinzen  selber
unbefangen  eingestanden  wurde.  Solche  liebedienerische  Unaufrichtigkeiten
mußten  den  Verdacht  erwecken,  daß  die  Regierung  nicht  mit  gleichem  Maße
messe.  Auch  über  das  gerichtliche  Verfahren  nachher  verlautete  nur  wenig
Bestimmtes.  Die  radikalen  Agenten,  die  wohl  sicherlich  insgeheim  mitgewirkt
  und  den  blinden  Papistenhaß  der  Massen  mißbraucht  hatten,  hielten
  ihr  Spiel  wohl  verdeckt;  die  zunächst  beteiligten  Offiziere  aber  wurden
in  der  Stille  aus  Leipzig  versetzt.

So  ließ  die  bureaukratische  Seelenangst  alles  im  Dunkel,  wiewohl  sie
eigentlich  nichts  Fürchterliches  zu  verstecken  hatte.  Um  so  eifriger  zeigte
sie  sich  in  kleinen  polizeilichen  Bosheiten.  Mehrere  der  auswärtigen
Schriftsteller  wurden  ausgewiesen,  sogar  der  Königsberger  Wilhelm  Jordan,
der  schon  das  sächsische  Staatsbürgerrecht  besaß.  Unablässig  bestürmte
der  Dresdener  Hof  den  Berliner  um  strenge  Maßregeln  gegen  die  angeblich
  mitschuldigen  Radikalen  der  Provinz  Sachsen,  namentlich  gegen
die  Hallenser  Studenten  —  obgleich  ein  sofort  hinübergesendeter  Pedell
keinen  einzigen  Hallenser  in  Leipzig  auffinden  konnte.')  Vornehmlich
die  Presse  bereitete  dem  sächsischen  Hofe  schweren  Kummer.  Die  Kölnische,
  die  Schlesische,  die  Magdeburgische  Zeitung  beeilten  sich,  ihren
Lesern  die  Leipziger  Mordnacht  in  greller  Beleuchtung,  nicht  selten  mit
groben  Entstellungen,  vorzuführen.  Der  sächsische  Gesandte  Minckwitz
brachte  dem  Minister  in  Berlin  ganze  Stöße  ruchloser  preußischer  Zeitungsartikel
  und  bat  flehentlich,  die  Besprechung  der  Leipziger  Ereignisse
ganz  zu  verbieten  oder  doch  mindestens  die  Namen  der  frevelnden  Korrespondenten
  zu  erforschen.  Beides  war  unzulässig,  nach  den  wahrlich  nicht
milden  neuen  Zensurverordnungen  Preußens;  auch  merkte  man  in  Berlin,
daß  die  sächsischen  Minister  Rache  nehmen  wollten  an  einigen  verdächtigen
  Schriftstellern  in  Leipzig.  Vier  Monate  währte  dies  klägliche  Jammergeschrei;
  dann  endete  es  ohne  jedes  Ergebnis.)

In  solcher  Lage  begann  der  neue  sächsische  Landtag,  lärmend  und
friedlos.  Die  Opposition  erhob  sogleich  heftige  Anklagen,  ihr  radikaler

*)  Min.  v.  Zeschau  an  den  Geschäftsträger  v.  Bose  in  Berlin,  14.  17.  Aug.;
Kurator  Pernice  in  Halle  an  Eichhorn,  16.  20.  Aug.  1845.

**)  Verbalnoten  an  Canitz:  von  Bose,  20.  26.  Aug.,  von  Minckwitz,  10.  27.  Sept.
1845  usw.  Canitz  an  Bodelschwingh,  20.  Okt.  14.  Dez.  1845.
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        348  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Flügel  verlangte  sogar  schon,  infolge  einer  Petition  Robert  Blums  Ver—
minderung  des  Heeres  und  Vereidigung  der  Truppen  auf  die  Verfassung.
Für  diesmal  ward  sie  noch  geschlagen;  der  Hof  fühlte  jedoch,  wie  die
Zuversicht  der  Gegner  unaufhaltsam  anwuchs,  und  ließ  den  Nachbarhöfen
  aussprechen,  nur  feste  Eintracht  aller  Kronen  könne  noch  retten.
Darauf  versprach  ihm  Metternich  die  moralische  Unterstützung  Osterreichs;
der  preußische  Gesandte  aber,  der  alte  Jordan,  der  doch  sonst  den  Herrgott
  gern  einen  guten  Mann  sein  ließ,  sagte  sorgenvoll:  „Ich  fürchte,  es
dürfte  die  Zeit  kommen,  wo  das  appui  moral  nicht  mehr  ausreichen
wird.““

In  der  Tat  hatte  Robert  Blum  seit  jenen  stürmischen  Augusttagen
eine  gefährliche  Macht  erlangt.  Es  erfüllte  sich,  was  der  Osterreicher
Hübner  damals  voraussagte:  Blum  hält  die  Ordnung  aufrecht,  und
„diesen  Dienst  wird  er  sich  teuer  bezahlen  lassen“.  Die  Regierung  konnte
ihm  nichts  anhaben,  sie  war  dem  klugen  Demagogen  sogar  Dank  schuldig.
Das  Volk  betete  ihn  an,  bei  keinem  Zweckessen,  keiner  politischen  Versammlung
  durfte  er  fehlen;  seine  Freunde  schürten  überall  die  Mißstimmung,
und  es  war  wesentlich  sein  Werk,  daß  beim  Ausbruch  der  Revolution
Sachsen  neben  Baden  als  das  radikalste  aller  deutschen  Länder  erschien.
Seltsamerweise  —  so  wenig  kannten  die  Minister  ihr  eigenes  Land  —
fand  Blum  in  den  kleinen  Industriestädten  mehr  Anhänger  als  in  Leipzig
selbst.  Zwar  umgab  ihn  auch  hier  eine  starke  Partei,  die  er  durch  die
Schillerfeste  und  seinen  neugegründeten  Redeübungsverein  stets  in  Atem
hielt;  der  Kern  der  reichen,  gebildeten  Bürgerschaft  aber  gehörte  dem  gemäßigten
  Liberalismus  an,  und  als  die  Tage  der  Prüfung  kamen,  da  hielt
sich  keine  Stadt  des  Landes  so  ruhig,  so  gesetzlich,  wie  dies  von  der  Regierung
  so  schnöde  behandelte  Leipzig.

Also  blieb  die  deutschkatholische  Bewegung  für  das  religiöse  Leben
gänzlich  unfruchtbar  und  bewirkte  nur,  daß  die  römische  Kirche  unangreifbarer
  denn  je  erschien.  In  den  Landtagen  wurde  natürlich  um  die  Duldung
  der  neuen  Sekte  lebhaft  gestritten;  je  liberaler  eine  Regierung  war,
um  so  freundlicher  kam  sie  den  Anhängern  Ronges  entgegen,  so  vornehmlich
  der  Braunschweiger  Hof.  Im  badischen  Landtage  verlangte  Pfarrer
Zittel  die  völlige  Religionsfreiheit  und  Rechtsgleichheit  für  alle  christlichen
Sekten.  Ein  echter  Sohn  des  badischen  Pfarrhauses,  vielseitig  gebildet,
mild,  fromm,  ganz  von  Hebels  menschenfreundlicher  Weisheit  erfüllt,  hätte
Zittel  gern  auch  für  die  Juden  alle  bürgerlichen  Rechte  gefordert  und  stand
davon  nur  ab,  weil  er  den  tiefen  Abscheu  seiner  Bauern  gegen  die  Güterschlächter
  und  Roßtäuscher  kannte.  Aber  selbst  mit  seinem  beschränkten  Antrage
  vermochte  er  noch  nicht  durchzudringen,  da  die  Ultramontanen  im
Oberlande  Lärm  schlugen  und  die  Regierung  bedenklich  wurde.

 

*)  Jordans  Bericht,  3.  Nov.  1845.
        <pb n="357" />
        Preußen  und  die  Deutschkatholiken.  349

Sehr  unsicher  verfuhr  die  Krone  Preußen  gegen  die  neue  Sekte.
Zu  Anfang  begrüßte  der  König  den  Abfall  Ronges  geradezu  mit  Freude.
Nach  seiner  Doktrin  konnten  ja  beide  Kirchen  nur  an  innerer  Kraft  ge—
winnen,  wenn  die  Ungläubigen  ausschieden.  Ganz  in  seinem  Sinne
riet  General  Thile,  die  kleine,  von  Rom  ausgestoßene  Schneidemühler
Gemeinde  Czerskis  so  günstig  als  möglich  zu  stellen;  das  würde  hof—
fentlich  auch  die  evangelischen  Sektierer  zum  Austritt  aus  der  Landeskirche
ermutigen,  „und  der  Weg  zu  einer  Reinigung  unserer  Kirche  kann  sich
dadurch  vielleicht  mit  anbahnen“.  Da  die  Schneidemühler  sich  ernst  und
ehrbar  hielten,  so  war  Friedrich  Wilhelm  sogar  geneigt,  sie  als  Augsburger
Konfessionsverwandte  anzuerkennen  und  ihnen  sein  Wohlgefallen  auszusprechen.)
  Erst  nach  einem  Gespräche  mit  dem  Erzbischof  Geissel  auf
Stolzenfels  ward  er  mißtrauischer;  er  begann  jetzt  zu  bemerken,  wie  der
politische  Radikalismus  sich  der  Sekte  bemächtigte,  und  als  er  gar  erfuhr,
daß  Ronge  in  der  evangelischen  Kirche  zu  Jerschendorf  erschienen  war,  um
die  Gemeinde  zum  Abfall  zu  verführen,  da  schrieb  er  zornig:  „Heute
hört  man  noch  nichts  von  ernstlicher  Untersuchung,  viel  weniger  aber  von

Zukunft  unserer  Kirche  derselbe  Rechtsschutz  gegen  die  neukatholischen  Eingriffe
  geleistet  werde,  dessen  sich  die  römische  Kirche  bei  uns  erfreut.“)
Nach  vielfachen  Erwägungen  beschloß  er  endlich,  die  rechtliche  Stellung
der  Deutschkatholiken  und  der  protestantischen  Dissidenten  zugleich  durch
ein  umfassendes  Toleranz-Edikt  zu  regeln.  —

 

Dieser  Entschluß  rechtfertigte  sich  von  selbst,  denn  auch  die  evangelische
Kirche  ward  durch  sektiererische  Bewegungen  erschüttert.  Der  ältesten  und
ehrwürdigsten  dieser  protestantischen  Sekten,  den  Altlutheranern,  suchte
Friedrich  Wilhelm  von  Haus  aus  durch  milde  Nachsicht  gerecht  zu  werden,
wie  er  ja  schon  als  Kronprinz  die  harte  Behandlung  dieser  Frommen
stets  verurteilt  hatte.**#*)  Er  gestattete  ihnen  stillschweigend  ungestörten
Gottesdienst  und  die  Heimkehr  der  ausgewanderten  Prediger.  Die  gesetzliche
  Anerkennung  der  Sekte  wagte  er  jedoch  erst  nach  Jahren  auszusprechen,
weil  der  Prinz  von  Preußen  ernst  und  beharrlich  widerstand.  Immer
voll  Pietät  für  den  Vater,  verlangte  der  Thronfolger,  daß  man  die  Anordnungen
  der  früheren  Regierung  nicht  förmlich  zurücknehmen,  sondern
die  Behörden  lediglich  zur  Duldung  der  Altlutheraner  anweisen  solle.
So  in  allem  und  jedem  zeigte  sich  der  Gegensatz  der  beiden  Brüder.

 

*)  Thiles  Denkschrift  über  Schneidemühl,  11.  Jan.;  Thile  an  Uhden  und  Eichhorn
  und  Bericht  an  den  König,  6.  Sept.  1845.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  4.  Juli  1846.
**)  S.  o.  IV.  565  ff.
        <pb n="358" />
        350  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Der  getreue  Thile  fürchtete  schon,  daß  der  Thronfolger  durch  die  Kraft
seines  Charakters  die  Herrschaft  im  Ministerrate  erlangen  könnte,  und
warnte:  „Der  Prinz  hat  in  hohem  Grade  die  Gabe  der  Ausdauer  und
Energie  in  dem,  was  er  will  und  verfolgt,  und  jede  Erfahrung,  daß  er  auf
dem  Wege  des  beharrlichen  Widerspruchs  seinen  Zweck  erreicht,  wird  ihn
darin  nur  bestärken.“*)

Schließlich  erlangte  der  Thronfolger  doch  so  viel,  daß,  statt  eines  Gesetzes,
  am  23.  Juli  1845  nur  eine  „General-Konzession“  veröffentlicht
wurde.**)  Sie  sicherte  den  Altlutheranern  alle  bürgerlichen  Rechte  zu,  gestattete
  ihnen  die  Bildung  von  Kirchengemeinden  unter  einem  gemeinsamen
Vorstande,  erklärte  ihre  Taufen  und  Trauungen  für  rechtsgültig,  sobald
sie  den  Gerichten  angezeigt  würden;  nur  der  Name  Kirche  sollte  den  Bet—
häusern  versagt  bleiben.  Welch  ein  Widerspruch,  daß  also  eine  Kirche,
die  doch  älter  war  als  die  unierte  Landeskirche  selbst,  jetzt  nachträglich  eine
bedingte  Anerkennung  erhielt!  Immerhin  ward  den  Bedrängten  endlich
eine  Sühne  alten  Unrechts;  sie  bildeten,  etwa  50  000  Köpfe  stark,  nunmehr
  eine  Kirchengemeinschaft  mit  dem  Mittelpunkte  Breslau,  die  sich  in
ihrem  frommen  Stillleben  sehr  engherzig  zeigte  und  sogar  die  „gemischten
Ehen“  von  Lutheranern  und  unierten  Evangelischen  zwar  nicht  geradezu
verbot,  doch  für  seelengefährlich  erklärte.  Alles  was  einst  Thomasius  vor
anderthalb  Jahrhunderten  über  diese  Ehefragen  geschrieben,  und  der  ganze
große  Wandel  der  Zeiten  seitdem  war  für  den  konfessionellen  Starrsinn
nicht  vorhanden.  Bald  darauf  erwachte  der  lutherische  Sondergeist  auch
in  der  unierten  Kirche  selbst;  Superintendent  Otto  und  andere  streng
lutherische  Geistliche  von  den  Odermündungen  unternahmen,  innerhalb
der  Union  eine  geschlossene  altpommersche  Landeskirche  zu  bilden.

Weit  gefährlicher  erschienen  dem  Könige  die  radikalen  Protestanten,
die  jetzt  in  der  alten  Heimat  der  Aufklärung,  der  Provinz  Sachsen  ihre
Stimmen  erhoben.  Hier  begann  das  kirchliche  Zerwürfnis  schon  in  den
letzten  Tagen  des  Ministeriums  Altenstein.  Bischof  Dräseke,  der  gewaltige
Kirchenredner,  geriet  in  einen  heftigen  Kanzelstreit  mit  dem  Prediger  Sintenis,
  der  die  Anbetung  Christi  feierlich  verdammt  hatte.  Wie  ein  Mann
traten  die  Berliner  Orthodoxen  für  den  Bischof  ein,  obgleich  er  keineswegs
  zu  ihrer  Partei  gehörte.  In  der  Provinz  dagegen  mindestens  unter
den  älteren  Geistlichen  und  im  Kleinbürgertum,  herrschte  noch  durchaus
die  Schule  der  rationalistischen  Hallenser  Wegscheider  und  Gesenius;  der
vor  kurzem  noch  hochgefeierte  Bischof  sah  sich  plötzlich  in  Zeitungen  und
Flugschriften  schonungslos  angegriffen.  Da  suchte  Eichhorn  den  Frieden
herzustellen,  indem  er  beiden  Gegnern  Stillschweigen  gebot.  Eine  solche
Demütigung  wollte  der  stolze  Prälat  nicht  ertragen;  er  fühlte,  daß  er

 

*)  Thiles  Bericht  an  den  König,  17.  März  1845.
**)  Thile  an  Bodelschwingh,  14.  Juli  1845.
        <pb n="359" />
        Altlutheraner.  Lichtfreunde.  351

die  Herrschaft  über  seine  Herde  verloren  hatte,  legte  sein  Amt  nieder  und
zog  sich,  ein  gebeugter  Mann,  nach  Potsdam  zurück,  wo  ihn  des  Königs
Gnade  doch  nicht  über  den  tiefen  Fall  zu  trösten  vermochte.  Seitdem
schwoll  das  Selbstgefühl  der  Rationalisten  mächtig  an,  und  wie  einst  Alten—
steins  harte  Unionspolitik  den  Sektengeist  der  Altlutheraner  gestachelt
hatte,  so  wurde  jetzt  der  Radikalismus  aufgereizt  durch  die  streng  kirchliche
Haltung  Eichhorns  und  des  neuen  Magdeburgischen  Konsistorialpräsidenten
  Göschel.  Seit  1841  vereinigte  sich  eine  starke  Anzahl  von  rationalistischen
  Geistlichen  zu  regelmäßigen  Versammlungen,  um  die  Neugestaltung
  der  Kirche  im  Sinne  eines  einfachen,  vernunftgemäßen  evangelischen
Christentums  zu  besprechen;  sie  nannten  sich  selbst  die  protestantischen
Freunde,  von  den  Gegnern  wurden  sie  als  Lichtfreunde  verspottet.  Bald
traten  auch  Laien  hinzu,  der  Zulauf  wuchs  von  Jahr  zu  Jahr.  Die  Eisenbahnen
  bewährten  sich  hier  zum  ersten  Male  als  eine  demokratische  Macht,
die  neuen  Bahnlinien  zwischen  Saale,  Elbe  und  Mulde  führten  Tausende
herbei;  auf  dem  weiten  Köthener  Bahnhofe  tagten  mehrmals  große  Volksversammlungen
  der  Lichtfreunde,  die  bei  Bier  und  Tabak  über  die  Zukunft
des  Christentums  verhandelten.

Die  Führer  dieser  Bewegung  zeichneten  sich  durch  ehrliche  Rechtschaffenheit
  und  religiösen  Ernst  sehr  vorteilhaft  aus  vor  den  windigen
Helden  des  Deutschkatholizismus.  Leberecht  Uhlich  hatte  einst  als  Köthener
  Landprediger  seine  protestantische  Gesinnung,  dem  katholischen  Hofe
gegenüber,  freimütig  behauptet  und  dann  in  einem  Magdeburgischen
Dorfe  sein  Pfarramt  mit  solchem  Eifer  verwaltet,  daß  er  eine  Zeitlang
gar  in  den  Ruf  des  Pietismus  geriet,  weil  die  meisten  anderen  Rationalisten
  sich  um  die  Pflichten  der  Seelsorge  wenig  zu  bekümmern  pflegten.
Als  er  jetzt  eine  Predigerstelle  in  der  Stadt  Magdeburg  erhielt,  strömten
ihm  die  kleinen  Bürger  freudig  zu.  Sie  glaubten  ihm,  denn  er  redete
ihre  Sprache  und  lebte  mit  ihnen,  wie  er  auch  seine  Söhne  zu  schlichten
Handwerkern  erzog;  die  lärmenden  Volksversammlungen  schwiegen  sofort,
wenn  der  derbe  grobknochige  Mann  mit  den  ernsten  treuherzigen  Augen
seine  starke  Stimme  erhob.  Daß  er  selber  noch  fest  auf  dem  Boden  seiner
geliebten  evangelischen  Kirche  stände,  war  dem  ehrlichen  Rationalisten  ganz
unzweifelhaft;  er  predigte  ja  noch  immer  dieselben  Grundsätze,  die  er  einst
bei  Wegscheider  auf  der  königlichen  Universität  gelernt  hatte,  und  konnte
gar  nicht  begreifen,  warum  ihm  das  jetzt  zum  Vorwurfe  gereichen  sollte.
Ebenso  grundehrlich  war  der  Hallenser  Pfarrer  Wislicenus,  ein  hartverständiger
  Kopf,  der  sich  mit  den  Kämpfen  der  neuen  Theologie  doch
etwas  ernstlicher  als  Uhlich  beschäftigt  und  darum  auch  einige  Gedanken
der  Junghegelianer  aufgenommen  hatte.

Diesen  beiden  Führern  folgten  viele  hilflose,  einfältig  fromme  Menschen,
  denen  das  Herz  schwer  ward,  weil  sich  der  Widerspruch  zwischen  der
christlichen  Offenbarung  und  den  landläufigen  Lehrsätzen  moderner  Natur-
        <pb n="360" />
        352  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche

und  Geschichtsforschung  doch  gar  nicht  wegleugnen  ließ.  Sehr  tief  wurzelte
in  den  Massen  jener  alte  gutmütige  Rationalismus,  der,  nach  der  Weise
des  bekannten  „vergnügten“  Katechismus  der  Holsten,  die  sittliche  Aufgabe
der  Menschheit  in  einem  vergnügten,  bürgerlich  achtbaren  Leben  suchte.
Den  frommen  westpreußischen  Dichter  Bogumil  Goltz  faßte  geradezu  ein
Schauder,  wenn  er  dies  so  ganz  im  Diesseits  aufgehende,  aller  Heiligung
entfremdete  Geschlecht  betrachtete,  und  er  verkündete  seine  Warnungen  in
einer  geistvollen,  leider  formlosen  Schrift:  Deutschlands  Entartung  in
der  lichtfreundlichen  und  modernen  Lebensart.  Hinter  den  Rationalisten
stand  die  breite  Masse  der  Unzufriedenen.  Irgendwie  mußte  sich  der
Groll  über  die  Stockung  des  öffentlichen  Lebens  doch  Luft  machen.  Hier
in  den  alten  Lutherlanden  warf  er  sich  zunächst  auf  die  kirchlichen  Fragen.
Dies  Land  alter  Kultur  und  starker  geistiger  Regsamkeit  trat  später
als  alle  andern  preußischen  Provinzen  in  die  Kämpfe  des  Staatslebens
ein.  Als  aber  die  politische  Leidenschaft  dann  endlich  erwachte,  da
verschwand  die  religiöse  Parteiung  ebenso  schnell,  wie  sie  gekommen  war,
weil  sie  doch  mehr  in  dem  unbestimmten  Gefühle  allgemeinen  Mißmuts
als  in  der  Empörung  des  Gewissens  ihre  Wurzeln  hatte.  Zur  selben
Zeit  entbrannte  auch  in  Königsberg  der  kirchliche  Streit:  der  Divisions—
prediger  Rupp  bekämpfte  vor  seinen  Soldaten  das  athanasianische  Glau—
bensbekenntnis  und  wurde  dafür  von  Jacobys  Judenkreise  mit  schaden—
frohem  Lobe  überschüttet,  von  dem  Konsistorium  aber,  auf  Andringen  des
frommen  Generals  Dohna,  zur  Rechenschaft  gezogen.  Auch  Rupp  war  ein
sehr  achtungswerter,  im  Grunde  des  Herzens  christlich  gesinnter  Geistlicher,
höher  gebildet  als  die  beiden  Sachsen;  der  rücksichtslose  Wahrheitsdrang,
der  so  tief  im  Wesen  des  Protestantismus  liegt,  verleitete  ihn,  die  Kanzel
mit  dem  Katheder  zu  verwechseln  und  seiner  Herde  statt  des  Brotes  der
Erbauung  den  Stein  theologischer  Kritik  zu  bieten.

Der  Kampf  ward  heftiger,  als  Wislicenus  auf  einer  Köthener  Ver—
sammlung  (1844)  die  Frage  stellte:  ob  Schrift,  ob  Geist?  —  und  rund—
weg  antwortete:  unsere  Lehre  ist  nicht  schriftgemäß.  Da  erhoben  sich  die
Hallenser  Orthodoxen,  die  dort  in  der  theologischen  Fakultät  den  altersschwachen
  Rationalismus  schon  fast  ganz  überwunden  hatten:  voran  Guericke,
  der  einst  verfolgte,  erst  kürzlich  wieder  eingesetzte  strenge  Lutheraner,
ein  Mann  ohne  alle  Menschenfurcht,  in  der  Politik  fast  radikal,  in  seinem
religiösen  Wunderglauben  so  folgerecht,  daß  ihm  selbst  Bileams  redender
Esel  keine  Bedenken  erregte.  Nachher  hielt  Tholuck  Zeitpredigten  wider
den  Unglauben,  tapfer  und  beredt,  aus  der  Fülle  seines  frommen  Gemütes
  heraus,  aber  auch  hart  und  ungerecht  gegen  die  Weltanschauung  des
friderizianischen  Zeitalters.  Unterdessen  begann  Hengstenbergs  Kirchenzeitung
  Lärm  zu  schlagen;  Hunderte  von  Geistlichen,  Pastor  Büchsel  voran,
erklärten  in  ihren  Spalten,  daß  sie  dem  ungläubigen  Wislicenus  die
Pastoralgemeinschaft  aufsagen  müßten.  So  wunderlich  hatten  die  Zeiten
        <pb n="361" />
        Friedrich  Wilhelm  und  die  Lichtfreunde.  353

sich  verändert,  der  feierliche  Kirchenbann  erschien  jetzt  in  der  leichtfertigen
Gestalt  von  Zeitungsartikeln.  Gegenerklärungen  blieben  nicht  aus,  sie
trugen  weit  mehr  Unterschriften,  aber  meist  von  Laien;  auch  manche  er—
klärte  Feinde  des  Christentums  nahmen  teil,  um  der  Kirche  doch  einmal
einen  Schlag  zu  versetzen.

Zu  früheren  Zeiten  hatte  Deutschlands  evangelische  Kirche  unter  der
milden  Leitung  ihrer  Landesherren  solche  sektiererische  Bewegungen  fast
immer  niederzuhalten  vermocht.  Es  war  ihr  Ruhm,  daß  sie  die  notwendigen
  radikalen  Elemente  des  Protestantismus  nicht,  wie  Englands
pharisäische  Staatskirche,  als  Dissenters  ausgestoßen,  sondern  meist  langmütig
  ertragen  und  dadurch  immer  wieder  besänftigt  hatte.  Jetzt  am
wenigsten  war  die  Zeit,  mit  solchen  schönen  Traditionen  zu  brechen.  Der
Rationalismus  hatte  hundert  Jahre  lang  die  Kanzeln  beherrscht,  er  besaß
unbestritten  ein  historisches  Recht;  nun  da  er  alterte  und  vermorschte,
konnten  seine  an  Geist  und  Glaubenskraft  armen  Epigonen  der  Kirche
nicht  mehr  gefährlich  werden.  Das  deutsche  Gewissen  rang  danach,  die
neue  wissenschaftliche  Weltanschauung  mit  der  ewigen  Wahrheit  des
Christentums  zu  versöhnen;  selbst  der  fromme  Twesten  gestand  traurig
seinem  gleichgesinnten  Freunde  Perthes:  wir  Gläubigen  haben  eigentlich
mehr  Sehnsucht  nach  Glauben  als  wirklichen  Glauben.  In  solchen  Tagen
des  Zweifels  und  der  Gärung,  in  diesem  unverkennbar  weltlichen  Zeitalter
  mußte  die  Kirche  sich  vor  jedem  unbedachten  Eingriff  hüten,  werdende
Gedanken  und  Parteibildungen  in  Freiheit  ausreifen  lassen.

Ganz  anders  empfand  König  Friedrich  Wilhelm.  Mit  Unrecht  warfen
ihm  die  Gegner  vor,  daß  er  sich  betören  ließe  durch  das  Vorbild  der
anglikanischen  Kirche,  deren  Schwächen  er  sehr  wohl  erkannte.  Aus  seinen
eigensten  Gemütserfahrungen,  aus  seinem  ganzen  Sein  und  Denken  vielmehr
  ergab  sich  ihm  die  Überzeugung,  daß  die  lebendige  Kirche  nur  aus
Gläubigen  bestehen  dürfe  —  ein  hohes  Ideal,  das  sich  freilich  in  der
Gebrechlichkeit  dieser  Welt  noch  nie  und  nirgends  verwirklicht  hatte.  Solange
  die  gegenwärtige  Kirchenverfassung  bestand,  wollte  er,  wie  sein  getreuer
  Thile  sich  ausdrückte,  zwar  nicht  das  centrum  auctoritatis,  wohl
aber  das  centrum  unitatis  für  die  evangelische  Landeskirche  bleiben;  und
diese  Pflicht  des  Kirchenhauptes  —  oft  genug  sprach  er  es  gegen  Eichhorn
aus  —  stand  ihm  unendlich  höher  als  etwa  die  Sorge  für  die  auswärtige
Politik  seines  Staates.  Er  meinte  im  Geiste  evangelischer  Freiheit  zu
handeln  und  seinen  irrenden  Brüdern  selbst  einen  christlichen  Liebesdienst
zu  erweisen,  wenn  er  ihnen,  um  sie  vor  Heuchelei  zu  bewahren,  die  Pforte
der  Kirche  zum  Austritt  weit  auftat.  Ihn  quälte  dabei  nur  das  eine
Bedenken,  ob  man  nicht  die  Versuchung  zum  Abfall  befördere,  wenn  man
das  Ausscheiden  allzu  sehr  erleichtere.  Daher  erklärte  Eichhorn  den
Magdeburger  Lichtfreunden  von  vornherein:  sie  hätten  nur  die  Wahl,
entweder  auszutreten  oder  ihre  kirchlichen  Reformpläne  aufzugeben.  In

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  23
        <pb n="362" />
        354  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

einer  langen  Denkschrift,  die  des  Königs  vollen  Beifall  fand,  führte  Thile
aus:  das  Bekenntnis  bilde  den  einzigen  Boden  für  das  staatsrechtliche
Dasein  der  evangelischen  Kirche;  träte  selbst  die  Hälfte  ihrer  Mitglieder
aus,  so  würde  die  andere  Hälfte  um  so  fester  zusammenhalten,  wie  das
Beispiel  der  Altlutheraner  bewiese.  Nicht  wir,  so  schloß  er,  wollen  richten,
wer  noch  evangelisch  sei,  sondern  nur  denen  die  Tür  öffnen,  die  sich
selbst  für  abgefallen  bekennen.“)

Von  solchem  Bekenntnis  waren  die  Lichtfreunde  jedoch  weit  entfernt;
sie  behaupteten  vielmehr  gute  evangelische  Christen  zu  sein.  Freiheit  in
der  Kirche,  nicht  außer  der  Kirche!  —  so  lautete  ihr  Feldgeschrei.  Die
katholische  Kirche  begnügte  sich  neuerdings,  gleich  der  weltlichen  Staatsgewalt,
  meist  mit  dem  äußerlichen  Gehorsam,  mit  der  Befolgung  ihrer
Satzungen  und  Formen,  und  erwies  durch  diese  mehr  politische  als  kirchliche
  Behandlung  des  religiösen  Lebens  doch  den  Zweifelnden  und  Schwankenden
  einige  Schonung.  Der  Protestantismus  hingegen,  der  den  Glauben
so  viel  tiefsinniger  und  innerlicher  auffaßte,  mußte  eben  deshalb  sofort  zu
den  Machtmitteln  des  Gewissensdrucks  greifen,  wenn  er  versuchte,  die
Treuen  von  den  Ungetreuen  zu  scheiden.  Also  geschah  es,  daß  dieser  König,
der  die  Gewissensfreiheit  so  hoch  hielt,  gehässige  Lehrprozesse  gegen  die
Lichtfreunde  einleiten  ließ,  damit  sie  selbst  ihren  Unglauben  eingestünden
und  dann  der  Freiheit  des  Unglaubens  preisgegeben  würden.  Nach  dem
bestehenden  Kirchenrechte  war  er  dazu  unzweifelhaft  befugt.  Er  verkannte
jedoch,  daß  solche  Religionsgespräche  niemals  ein  überzeugendes  Ergebnis
haben,  weil  die  Gemütswahrheiten  des  Glaubens  nur  erlebt,  nicht  bewiesen
  werden  können;  er  verkannte,  daß  nicht  jedem  Menschen  der  gleiche
Drang  und  die  gleiche  Kraft  des  Glaubens  verliehen  ist;  und  wie  er  alles
persönlich  nahm,  so  betrachtete  er  die  Geistlichen,  die  ihm  „der  Apostasie
vom  christlichen  Glauben“  schuldig  schienen,  kurzweg  als  Eidvergessene.)
So  mußten  denn  der  ehrwürdige  strenglutherische  Superintendent  Heubner,
Twesten  und  andere  Theologen  in  Wittenberg,  ganz  nach  der  Weise  des
siebzehnten  Jahrhunderts,  ein  Kolloquium  mit  Wislicenus  abhalten;  auch
Rupp  in  Königsberg  und  Archidiakonus  Krause  in  Breslau  wurden  solchen
Verhören  unterworfen.  Alle  Angeschuldigten  behaupteten,  daß  sie  durch
ihre  Auslegung  der  Dogmen  nur  das  gute  Recht  evangelischer  Freiheit
betätigt  hätten.)

Mittlerweile  tobte  der  Kampf  zwischen  Hengstenberg  und  den  Lichtfreunden
  weiter,  und  zum  Kummer  des  Königs  erklärte  sich  jetzt  auch  eine
unbestreitbar  kirchlich  gesinnte  Mittelpartei  wider  die  Verfolgungssucht  der
Orthodoxen.  Bischof  Dräseke,  der  soeben  erst  durch  die  sächsischen  Rationa-*)

  Thiles  Denkschrift  über  Lichtfreunde,  16.  Aug.  1845.

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  29.  Nov.  1845.

*“*)  Snethlage  und  Twesten,  Bericht  über  das  Wittenberger  Kolloquium,  16.  Mai
1845.
        <pb n="363" />
        Die  Stadträte  gegen  die  Orthodoxen.  355

listen  so  schwer  verunglimpfte,  und  der  allezeit  untertänige  greise  Bischof
Eylert  unterzeichneten  (Aug.  1845)  eine  von  den  Schülern  Schleiermachers
in  Berlin  entworfene  Adresse  an  den  Monarchen,  welche  zwar  die  Verirrungen
  der  Lichtfreunde  beklagte,  aber  auch  vor  willkürlichen  Ausschließungen
  dringend  warnte:  nur  unter  lebendiger  Teilnahme  der  Gemeinden
  solle  die  Kirche  sich  selbst  gestalten  und  ihre  Lehrformeln!e  in  christlichem
  Sinne  frei  entwickeln.  Weit  gröber  lautete  eine  bald  nachher  vom
Berliner  Magistrat  beschlossene  Adresse.  Alle  diese  Jahre  hindurch  hatte  die
Stadt  Nicolais  lediglich  durch  Witze  und  Klatschereien  in  die  Kämpfe  des
öffentlichen  Lebens  eingegriffen;  erst  als  sie  die  Grundsätze  der  Aufklärung
bedroht  glaubte,  geriet  sie  in  Aufregung.  Mit  begreiflicher  Verwunderung
  berichteten  die  ausländischen  Zeitungen,  wie  dieser  Magistrat,  der
doch  nur  als  Patron  an  kirchlichen  Dingen  teilnahm  und  die  Pflichten
des  Kirchenpatronats  immer  sehr  leicht  genommen  hatte,  jetzt  plötzlich  in  die
theologische  Polemik  hineingeriet  und  die  Zeitungen  Hengstenbergs  wegen
ihres  „katholischen  Prinzips“  vor  dem  Monarchen  feierlich  verklagte.
Einen  solchen  theologisierenden  Stadtrat  hatte  die  Welt  seit  den  Zeiten  der
Puritaner  nicht  mehr  gesehen,  und  wahrlich  kein  Hauch  von  dem  Glaubensernste
  jener  Gottseligen  wehte  im  Berliner  Rathause;  es  war  allein  die
werdende  politische  Opposition,  die  sich  hinter  der  theologischen  Hülle
verbarg.  Als  der  König  auf  einer  Reise  durch  Pommern  von  dieser
„frechen  Adresse“  erfuhr,  geriet  er  in  heftigen  Zorn  und  bestand  darauf,
ihre  Urheber  müßten  sie  ihm  persönlich  überreichen.)  Nach  seiner  Heimkehr,
  am  2.  Okt.  fuhren  die  Stadtbehörden  Berlins  in  einem  langen  Zuge
von  Staatswagen  zum  Schlosse,  wo  ihnen  ein  sehr  ungnädiger  Empfang
wurde.  Der  König  verwies  ihnen,  daß  ihre  Eingabe  nur  die  Treuen  tadle,
nicht  auch  die  Eidbrecher,  und  schloß  mit  der  Versicherung,  er  würde  den
Tag  segnen,  wo  er  „das  Kirchenregiment  in  die  rechten  Hände  zurückgeben“
könne.  Wen  er  unter  diesen  rechten  Händen  meinte,  das  blieb  den  Berlinern
  vorderhand  noch  dunkel.  Ebenso  streng  wurden  zwei  Adressen  der
Städte  Breslau  und  Königsberg  abgefertigt,  und  tief  besorgt  meinte  Bodelschwingh:
  „Lieber  wäre  es  mir  freilich,  Se.  Majestät  überließe  in  ähnlichen
  Fällen  den  Ministern  die  Bescheidung.““)

Indem  der  König  so  ganz  persönlich  in  die  kirchlichen  Parteikämpfe
eingriff,  setzte  er  sich  den  ärgsten  Verdächtigungen  aus,  da  der  beschränkte
Hochmut  der  modernen  Aufklärung  an  die  Ehrlichkeit  der  Gegner  niemals
glauben  will.  Er  ahnte  das  selbst  und  sagte  in  diesen  Tagen  bitter  —  so
erzählte  man  überall  und  wohl  mit  gutem  Grunde:  —  bei  der  Huldigung
wollten  mich  die  Berliner  vor  Liebe  aufessen,  heute  tut  es  ihnen  leid,  daß
sie  es  nicht  getan  haben.  Die  Sache  der  Lichtfreunde  erschien  jetzt  schon

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bodelschwingh,  10.  11.  13.  Sept.  1845.
**)  Bodelschwingh  an  Thile,  29.  Jan.  1846.
23*
        <pb n="364" />
        356  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche

vielen  als  die  Sache  der  evangelischen  Freiheit;  in  solchem  Sinne  redete
ein  Aufruf  aus  Halle,  der  die  Unterschriften  Max  Dunckers,  des  Philo—
sophen  Hinrichs  und  vieler  anderen  gemäßigten  Männer  trug.  Selbst  der
alte  Marheineke  —  so  seltsam  verwirrten  sich  die  Parteien  —  hieß  jetzt
ein  Liberaler,  weil  er  Eichhorns  Kirchenpolitik  literarisch  bekämpfte,  auch
als  Hegelianer  den  Rationalisten  nahe  stand;  und  er  hatte  doch  einst  im
Namen  der  allmächtigen  Staatsgewalt  die  liturgischen  Schriften  Schleier—
machers  ebenso  lebhaft  befehdet.  Neue  Verfolgungen  schärften  den  Un—
willen.  In  Breslau  wurde  Konsistorialrat  David  Schulz  entlassen,  weil
er  die  Adresse  der  Stadt  mit  unterschrieben  hatte;  in  Magdeburg  konnte
Erler,  ein  weit  milderer  Rationalist,  die  Bestätigung  als  Superintendent
nicht  erlangen,  weil  er  an  Versammlungen  der  Lichtfreunde  teilgenommen
und  dadurch  das  Vertrauen  des  Königs  verloren  hatte;*)  in  Halle
mußte  Karl  Schwarz,  ein  gelehrter,  keineswegs  unkirchlicher  junger  Theolog,
  seine  Vorlesungen  einstweilen,  bis  auf  bessere  Erkenntnis,  einstellen;
in  Königsberg  schloß  die  reformierte  Gemeinde  selbst  ihre  Kirche,  nachdem
  das  Konsistorium  statt  des  Pfarrers  Detroit,  der  die  Symbole  nicht
verlesen  wollte,  einen  anderen  Geistlichen  berufen  hatte,  und  als  der  Berliner
  Michelet  den  Vorfall  in  einem  parteiischen  Zeitungsartikel  besprach,
da  wurde  selbst  dieser  schon  längst  unschädliche,  ganz  in  seinen  dialektischen
Formeln  eingerostete  Hegelianer  mit  Absetzung  bedroht.  Das  alles  geschah
auf  ausdrücklichen  Befehl  des  Königs,  der  eigenhändig  verfügte:  „Die
Frechheit  der  Feinde  des  Evangelii  wird  nachgerade  zu  arg.  Esmuß  und
es  soll  aufs  würdigste  und  aller-entschiedenste  gegen  sie  eingeschritten
werden,  sowohl  in  Königsberg,  als  in  Halle,  Magdeburg,  Nordhausen,
Berlin  oder  wo  immer  der  Abfall  von  Gott  vorbereitet  wird,  um  bald  vom
König  abfallen  zu  können.“  *“)  Der  Partei  Hengstenbergs  genügten  diese
kleinen  Quälereien  noch  nicht,  und  auf  der  weiten  Welt  fand  Friedrich
Wilhelms  Kirchenpolitik  nur  einen  einzigen  namhaften  Verteidiger:
Thomas  Carlyle,  den  Namensvetter  des  Historikers,  einen  der  zwölf  Apostel
der  schottischen  Irvingianer,  der  in  seiner  Schrift  „Deutschlands  moralische
  Phänomene“  den  christlichen  Monarchen  nicht  ohne  Geist,  aber  ohne
Sachkenntnis  verherrlichte.

Die  krankhafte,  unsern  Tagen  fast  unbegreifliche  Reizbarkeit  der  Zeit
zeigte  sich  grell,  als  Friedrich  v.  Raumer  im  Jan.  1847  in  Gegenwart
des  Königs  eine  akademische  Gedächtnisrede  auf  Friedrich  II.  hielt.  Der
nach  Form  und  Inhalt  gleich  wertlose  Vortrag  war  ersichtlich  veranlaßt
durch  Tholucks  Predigt  über  den  großen  König  und  sollte  wohl  auch  der
gegenwärtigen  Regierung  einige  leise  Mahnungen  andeuten;  diese  polemische
Absicht  ließ  sich  aber  kaum  bemerken,  da  der  Redner  in  platter  Behaglich- 



*)  Zwei  Kabinettsordres  an  Eichhorn,  Ende  Dez.  1845.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  4.  Jan.  1847.
        <pb n="365" />
        Verhandlungen  über  das  Toleranzedikt.  357

keit  immer  nur  den  einen  Gedanken,  daß  jeder  nach  seiner  Fasson  selig
werden  müsse,  hin  und  her  wendete.  Gleichwohl  suchten  die  erregten
Hörer  in  jedem  unschuldigen  Worte  eine  Anzüglichkeit;  auf  den  Bänken
hinter  dem  Monarchen  wurde  laut  gelacht,  als  Raumer  von  den  gutmütigen
  eigensinnigen  Fürsten  sprach,  die  in  allem  nach  ihrer  Überzeugung
  regieren  wollten,  und  von  den  größeren,  welche  den  Wert  der
Persönlichkeit  anerkännten.  Voll  Unwillens  verließ  der  Hof  den  Saal.
Die  Akademie  benahm  sich  wieder  ebenso  klein,  wie  vor  Jahren,  als  sie
Hegel  den  Einlaß  verweigerte;  wie  damals  durch  persönliche  Bosheit  so
ward  sie  jetzt  durch  klägliche  Angst  betört  und  richtete  ein  höchst  untertäniges,
  würdeloses  Entschuldigungsschreiben  an  den  Monarchen.  Selbst
Humboldt  war  Hofmann  genug,  die  langweilige  Rede  „maßlos“  zu  nennen.
Darauf  erklärte  Raumer  seinen  Austritt,  obgleich  Friedrich  Wilhelm  sich
bald  wieder  besänftigt  hatte  und  über  die  „Excusen“  seiner  Akademiker
mutwillig  scherzte.")

So  von  allen  Seiten  her  angefeindet,  beschäftigte  sich  der  König  nur
um  so  eifriger  mit  dem  Toleranzedikte,  das  die  Welt  über  die  beiden
Grundgedanken  seiner  Kirchenpolitik  aufklären  sollte:  er  dachte  im  Staate
jedem  die  altpreußische  Gewissensfreiheit  zu  sichern,  aber  zugleich  die  evangelische
  Kirche  von  allen  erklärten  Ungläubigen  zu  reinigen.  Fast  zwei
Jahre  lang,  seit  dem  Juli  1845,  wurde  darüber  beraten,  im  Staatsministerium,
  im  Staatsrate,  auch  mit  mehreren  Theologen.  Von  vornherein
  stellte  der  König  die  Regel  auf,  das  Kirchenvermögen  gehöre  der  gesamten
  Kirche,  nicht  der  einzelnen  Gemeinde,  und  dürfe  daher  niemals  von
den  Dissidenten  beansprucht  werden:  —  einen  rechtlich  unhaltbaren,  hochgefährlichen
  Grundsatz,  der  den  alten  Anmaßungen  der  römischen  Kurie  entgegenkam
  und,  bis  in  seine  letzten  Forderungen  durchgeführt,  die  Ordensherrschaft
  im  Herzogtum  Preußen  hätte  wiederherstellen  müssen.*)  Besondere
  Schwierigkeiten  bot  die  Frage  der  Hürgerlichen  Eheschließung.  Der  im
Kölnischen  Bischofsstreite  bewährte  Starrsinn  der  katholischen  Priester,  die
neuen  Sektenbildungen,  die  mit  der  Freizügigkeit  anwachsende  konfessionelle
Mischung  der  Bevölkerung,  die  kirchliche  Gleichgültigkeit  breiter  Volksschichten
  —  kurz,  alle  Erfahrungen  der  jüngsten  Jahre  zwangen  den  Staat
geradezu,  die  Zivilehe  in  irgendwelcher  Form  einzuführen.  Griff  die  Krone
rechtzeitig  durch,  dann  konnte  die  unabweisbare  Reform  noch  sehr  wohl  ohne
Verletzung  der  frommen  kirchlichen  Gefühle  dergestalt  erfolgen,  daß  die
bürgerliche  Eheschließung  nur  aushilfsweise  eintrat,  falls  die  kirchliche  Trauung
  durch  anerkannte  Geistliche  entweder  verweigert  oder  verschmäht  wurde.

Dem  Könige  wurden  solche  Gedanken  aufgedrängt  durch  einen  häß-))

  König  Friedrich  Wilhelm,  Entwurf  für  die  Antwort  an  die  Akademie,  7.  März
1847.
**)  Thile  an  Eichhorn,  Savigny,  Bodelschwingh,  Uhden,  13.  Juni  1845.
        <pb n="366" />
        358  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

lichen  Vorfall,  der  ihn  in  seinen  heiligsten  Gefühlen  verletzte.  Der  junge
Dr.  Falkson  in  Königsberg,  ein  achtungswerter,  gemäßigt  liberaler  Mann
aus  Jakobys  Freundeskreise  wollte  ein  Christenmädchen  heiraten  und
doch  Jude  bleiben,  obgleich  er  dem  positiven  Glauben  seiner  Stamm—
genossen  fern  stand.  Eine  solche  Ehe  war  verboten,  durch  eine  ganz  un—
zweideutige,  von  allen  Gerichten  stets  übereinstimmend  ausgelegte  Vorschrift
  des  Allgemeinen  Landrechts  (Tl.  2.  Tit.  1.  8  36).  Selbst  Rupp,  der
Prediger  der  freien  Gemeinde,  verweigerte  die  Trauung;  alle  guten  Protestanten
  nannten  es  eine  Unverschämtheit,  daß  dieser  Jude,  aus  rein  persönlichen
  Gründen,  sich  den  Segen  der  evangelischen  Kirche  zu  erschleichen
suchte.  Da  die  Krone  trotz  wiederholter  Eingaben  das  Recht  nicht  beugen
wollte,  so  ließ  sich  Falkson  in  Hull  durch  einen  anglikanischen  Geistlichen
trauen.  Darin  sah  der  König,  mit  gutem  Grunde,  „eine  freche  Verhöhnung
der  Landesgesetze“,  und  verfügte:  „Die  Ehe  kann  nur  bestehen,  wenn  sie
sich  gerichtlich  verpflichten,  ihre  Kinder  christlich  taufen  und  erziehen  zu
lassen;  wollen  sie  das  nicht,  so  muß  man  sie  engagieren,  dahin  auszuwandern,
  wo  sie  sich  haben  trauen  lassen.  Hier  im  Lande  jedoch
dürfen  sie  dann  nicht  vierundzwanzig  Stunden  zusammenbleiben,  oder  vielmehr,
  ihre  Progenitur  muß  im  voraus  als  Bastarde  erklärt  werden.“
Bunsen  erhielt  darauf  Befehl,  in  England  nachzuforschen,  auch  vielleicht
von  dem  Primas  eine  Nichtigkeitserklärung  zu  erlangen.  Dort  ließ  sich
nichts  erreichen;  denn  die  anglikanische  Kirche  fühlte  sich  von  jeher  dem
Judentum  näher  verwandt  als  der  deutsche  Protestantismus.  Nun  endlich
mußten  die  preußischen  Gerichte  einschreiten  ),  obwohl  der  König  ihrem
Liberalismus  wenig  traute.  „Unsere  Gerichte“,  schrieb  er  an  Bunsen,  „sind
in  allen  kirchlichen  Dingen  mehr  wie  schlecht,  d.  h.  zugleich  ignorant  und
entschlossen,  alle  Gesetzesstellen  auf  das  möglichst  Unkirchlichste  zu  interpretieren.“
  Sein  Mißtrauen  rechtfertigte  sich  nicht.  Falksons  Ehe  wurde,
dem  Gesetze  gemäß,  in  zwei  Instanzen  für  nichtig  erklärt,  und  das  gerichtliche
  Verfahren  erst  eingestellt,  als  die  Verfassung  von  1848  den
Rechtsboden  verändert  hatte.

Mitten  in  seiner  zornigen  Aufregung  fühlte  der  König  doch,  daß  die
bestehenden  Gesetze  der  verwandelten  Zeit  nicht  mehr  genügten.  Seinem
Bunsen  gestand  er:  „Ich  gehe  mit  dem  Projekte  (aber  nur  in  gremio)
schwanger,  dergleichen  gemischte,  säuische  und  apostatische  Ehen  nicht  zu
verbieten  für  die  Zukunft...  dagegen  den  Christen  das  Getrautwerden
in  der  Synagoge,  den  Juden  dasselbe  in  der  Kirche  streng  zu  verbieten;
die  Schließung  solcher  Ehen  aber  vor  den  Richter  zu  verweisen,  wie  das
geschehen  soll  mit  den  Ehen  aller  derer,  die  aus  der  Landeskirche  austreten.
  Ich  bin  überhaupt  ein  großer  Freund,  nicht  der  Zivilehe  im  fran- 



*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  27.  Aug.  1846,  10.  Febr.  1847.  Bunsens
Berichte,  25.  Jan.  1847  ff.
        <pb n="367" />
        Das  Religions-Patent.  359

zösischen  Sinne,  wohl  aber  der  Erklärung  einer  legitimen  Ehe  vor  dem
Richter.“  Eifrig  kam  er  auf  diese  Idee  einer  „Quasi-Zivilehe“  zurück,  nur
sollte  sie  mit  den  Institutionen  des  „revolutionären  Frankreichs“  schlech—
terdings  nichts  gemein  haben.*)  Bald  zeigte  sich  aber,  daß  er  über  solche
Dinge  weit  freier  dachte  als  die  Mehrzahl  seiner  Räte;  darum  beschloß
er,  die  große  Prinzipienfrage  der  bürgerlichen  Eheschließung  vorläufig
ruhen  zu  lassen  und  zunächst  nur  für  die  Trauungen  der  Dissidenten
mildere  Vorschriften  zu  geben.  Auch  dabei  stieß  er  auf  lebhaften  Widerspruch.
  Mehrere  der  Minister  fanden  die  Pläne  des  Monarchen  von
Haus  aus  viel  zu  weitherzig;  Hofprediger  Snethlage,  ein  gläubiger,  keineswegs
  fanatischer  Westfale,  der  sich  bald  des  Königs  persönliches  Vertrauen
  gewann,  verlangte  zum  mindesten,  daß  die  bürgerliche  Eheschließung
der  kirchlichen  Einsegnung  der  Dissidenten  immer  vorangehen  müßte,
damit  der  christliche  Staat  nicht  in  die  Lage  käme,  die  Zeremonien  der
Sektierer  mittelbar  anzuerkennen.

Nach  sehr  weitläufigen  Verhandlungen  einigte  man  sich  dahin,  daß
die  Brautleute  der  geduldeten  Sekten  zunächst  gerichtlich  aufgeboten,  dann
nach  dem  Brauche  ihrer  Sekte  eingesegnet  werden  und  schließlich  durch  die
Eintragung  in  die  Register  der  Gerichte  die  bürgerliche  Anerkennung  ihrer
Ehe  erlangen  sollten.  *“)  Im  übrigen  schloß  sich  der  von  Eichhorn  vorgelegte
  Entwurf  des  Religionspatentes  eng  an  die  Vorschriften  des  Allgemeinen
  Landrechts  an..““)  Gleichwohl  erschien  er  manchen  Orthodoxen
wie  eine  gefährliche  Neuerung.  Präsident  Gerlach  widersprach  im  Staatsrate
  entschieden  —  denn  „man  darf  nicht  alles,  was  sich  Kirche  und  Trauung
  nennt,  auch  als  solche  unbesehens  gelten  lassen“  —  und  beschwor  noch
im  letzten  Augenblicke  seinen  königlichen  Freund  flehentlich,  dies  unselige,
die  Abtrünnigkeit  fördernde  Gesetz  nicht  zu  veröffentlichen.X)  Der  König
blieb  standhaft.  Am  30.  März  1847  wurde  das  Patent  über  die  Bildung
neuer  Religionsgesellschaften  unterzeichnet,  das  allen  Ausgetretenen  den
Genuß  der  bürgerlichen  Rechte  und  Ehren  zusicherte,  sobald  ihre  neue
Religionsgemeinschaft  vom  Staate  genehmigt  würde.  Solche  Sekten,  welche
sich  mit  einer  der  beiden  großen  Religionsparteien  des  Westfälischen
Friedens  „in  wesentlicher  ÜUbereinstimmung  befänden“,  sollten,  gleich  den
Altlutheranern,  befugt  sein,  ihre  Amtshandlungen  mit  voller  rechtlicher
Wirkung  vorzunehmen;  andere  Sekten  wurden  nur  geduldet  und  mußten
sich  den  neuen  Vorschriften  über  die  Quasi-Zivilehe  unterwerfen.

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  16.  Jan.,  10.  12.  Febr.  1847.
er)  Thiles  Bericht,  15.  Juli  1845.  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  13.  Dez.;
Protokoll  der  Ministerkonferenz,  13.  Dez.;  Snethlage  an  Thile,  14.  16.  Dez.;  Thiles
Antwort,  16.  Dez.  1846.
###)  Eichhorn,  Motive  und  Denkschrift  zum  Religionspatente,  15.  Juli,  14.  Dez.  1845.
)Ludwig  v.  Gerlach  an  König  Friedrich  Wilhelm,  14.  Dez.  1846,  23.  Febr.,
30.  März  1847.  Ministerialprotokoll,  20.  Dez.  1846.
        <pb n="368" />
        360  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Das  Patent  brachte  endlich  Klarheit  in  verdunkelte  Rechtsverhält—
nisse.  Gleichwohl  erntete  der  König  keinen  Dank  dafür;  denn  man
fürchtete  allgemein,  daß  die  den  Dissidenten  so  großmütig  gewährte  Frei—
heit  zugleich  als  ein  Mittel  dienen  sollte,  um  das  doktrinäre  Ideal  einer
sichtbaren  Kirche  von  Gläubigen  zu  verwirklichen  und  die  Zweifelnden  aus
der  Landeskirche  zu  verdrängen.  So  geschah  es  auch.  Rupp,  Uhlich,  Wislicenus
  hatten  sich  inzwischen  mit  ihren  Anhängern  zu  freien  Gemeinden
zusammengetan;  gleich  ihnen  der  Prediger  Baltzer  in  Nordhausen,  auch
er  ein  grundguter,  herzensfrommer  Mann,  bekannt  durch  sein  phrasenreiches
  Gedicht:

Luthers  Geist  er  macht  euch  frei

Von  des  Wahnes  Tyranneil
Sie  alle  sahen  sich  nunmehr  gezwungen,  die  Landeskirche  zu  verlassen;
Rupp  ward  auch  aus  dem  Gustav  Adolf-Vereine  ausgeschlossen,  weil  ihn  die
Mehrheit  nicht  mehr  für  einen  Christen  gelten  ließ.  Gegen  Uhlich  war
der  König  besonders  aufgebracht;  er  nannte  ihn  undankbar,  da  er  ihm  doch
„unerhörte  Schonung“  erwiesen,  seine  Berufung  nach  Magdeburg  nicht
gehindert  hätte.)

Die  Magdeburgische  Gemeinschaft  schien  anfangs  kräftig  zu  gedeihen,
sie  zählte  5000  Köpfe  und  war  nicht  arm  an  Werken  christlicher  Liebe.
Bald  aber  erfüllte  sich  auch  an  ihr  wie  an  allen  anderen  freien  Gemeinden
  die  alte  Wahrheit,  daß  sich  eine  Kirche  nicht  auf  Verneinungen
aufbauen  läßt.  Zumal  im  deutschen  Volke,  das  für  die  Sektiererei
niemals  viel  Sinn  gehegt  hat,  konnten  sich  kleine  Sonderkirchen  immer
nur  dann  behaupten,  wenn  sie  durch  die  Kraft  mystischer  Verzückung,  begeisterter
  Glaubensinbrunst  getragen  wurden.  Von  alledem  zeigte  sich
hier  keine  Spur.  Die  rohe  Kritik  des  ungeschulten  Verstandes  drängte  die
freien  Gemeinden  von  einem  Nein  zum  andern.  Manche  verzichteten
bald  auf  jedes  Bekenntnis,  andere  auf  die  Sakramente;  in  Magdeburg
wirkte  eine  Zeitlang  ein  ungetaufter  Jude  mit;  Wislicenus'  Hallische  Gemeinde
  gab  selbst  den  Namen  einer  kirchlichen  Gemeinschaft  auf  und  hielt
ihre  Versammlungen  unter  den  heiteren  Klängen  der  Pickelflöte.

Da  die  Volksversammlungen  der  Lichtfreunde  schon  im  August  1845,
nach  dem  Vorgange  Sachsens,  verboten  wurden,  soverschwand  die  neugierige
Teilnahme  des  großen  Publikums  schnell,  und  als  nunmehr  die  Politik
alle  Leidenschaften  der  Zeit  in  Anspruch  nahm,  da  wurden  auch  die  freien
Gemeinden  in  die  Wirbel  der  politischen  Organisation  hineingerissen.  Das
Strohfeuer  der  religiösen  Erregung  verflackerte,  die  Mehrzahl  der  Genossen
ging  in  das  demokratische  Lager  über.  Uhlichs  Freund,  der  nach  Bremen
übergesiedelte  Prediger  Dulon  ward  ein  Apostel  des  wilden  Radikalismus,
während  Uhlich  selbst  auch  in  der  Politik  seine  kleinbürgerliche  Ehrbarkeit

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Eichhorn,  3.  Juni  1846,  an  Thile,  19.  April  1847.
        <pb n="369" />
        Kirchenverfassungspläne  des  Königs.  361

nicht  ganz  verleugnete.  Nach  wenigen  Jahren  blieb  von  den  Lichtfreunden
nichts  übrig  als  ein  Häuflein  von  kleinen  deistischen  oder  atheistischen
Vereinen,  die  für  das  religiöse  Leben  der  Nation  nicht  das  geringste
leisteten.  Also  bereiteten  diese  Dissidenten,  ganz  wie  die  Deutschkatholiken,
zuletzt  nur  ihren  unbedingten  Gegnern  einen  Triumph.  Hengstenberg  schien
recht  zu  behalten,  wenn  er  voraussagte,  daß  jeder  Abfall  vom  strengen
Bekenntnis  notwendig  zur  Anarchie  führe.  Wer  freier  und  milder  urteilte,
  wie  der  tief  fromme  Bethmann-Hollweg,  mußte  freilich  zugestehen,
daß  auch  der  König  und  sein  Kirchenregiment  an  diesem  Jammer  eine
Mitschuld  trugen.  Mit  etwas  mehr  Weisheit  und  christlicher  Geduld
hätte  man  „den  armen,  unglücklichen  uhlich“  so  wie  viele  andere  seiner
gleich  redlichen  Gesinnungsgenossen  wohl  in  der  Landeskirche  festhalten
und  also  vielkeicht  vor  radikalen  Verirrungen  bewahren  können.  —

 

Wer  „die  rechten  Hände“  waren,  denen  der  König  dereinst  seine
Kirchengewalt  anvertrauen  wollte,  das  wußten  seine  Vertrauten  längst.
Schon  vor  seiner  Thronbesteigung  hatte  er  in  einem  ausführlichen  Briefe
an  Bunsen  dargestellt,  wie  Preußens  evangelische  Kirche  sich  aus  sich
selbst  heraus,  nach  dem  Vorbilde  der  christlichen  Urkirche,  neu  gestalten
sollte.  Er  wollte  Bischöfe,  die  nach  altchristlichem  Brauche  sich  unmittelbar
  an  der  Seelsorge  beteiligten,  mithin  bescheidene  kleine  Bistümer,
„Kirchen“,  etwa  so  groß  wie  die  bestehenden  Sprengel  der  Superintendenten,
  für  ganz  Preußen  ungefähr  350.  Die  Bischöfe  sollten  allesamt
durch  Handauflegung  eine  ganz  unanfechtbare  apostolische  Weihe  empfangen,
  die  ersten  also  durch  englische  oder  schwedische  Bischöfe  eingesegnet
werden  und  dann  den  empfangenen  Segen  weiter  spenden;  von  dieser  katholischen
  Vorstellung  kam  Friedrich  Wilhelm  nicht  los,  und  schlechterdings
nicht  wollte  er  zugestehen,  daß  sie  den  Grundgedanken  des  Protestantismus
widersprach.  Darunter  Presbyterien  von  Pfarrern  und  Laien,  die  aber
auch  Kirchendiener,  nicht  Repräsentanten  sein  sollten;  dann  noch  altardienende,
  armenpflegende  Diakonen,  zu  unterst  die  Gemeinden  der  Gläubigen,
  der  am  Wort  und  Sakrament  wirklich  Teilnehmenden.  Über  den
Bischöfen  etwa  dreizehn  Metropolitane  in  den  althistorischen  Bischofssitzen
des  evangelischen  Preußens,  mit  Kapiteln,  denen  die  Befugnisse  der  bisherigen
  Konsistorien  übertragen  würden.  An  höchster  Stelle  endlich  der
Fürst  Erzbischof  von  Magdeburg,  der  Primas  Germaniens,  mit  einem
Primatialkapitel,  das  an  die  Stelle  des  Kultusministers  treten  sollte.
Dem  Monarchen  verbliebe  dann  nur  noch  die  äußere  Schirmherrschaft
und  das  Recht,  die  Beschlüsse  der  großen  Landessynoden  zu  bestätigen.

Die  Unausführbarkeit  dieses  Planes  sprang  in  die  Augen;  Friedrich
Wilhelm  selbst  rechnete  ihn  zu  seinen  zahlreichen  Sommernachtsträumen.
        <pb n="370" />
        362  .V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Eichhorn  hingegen  erkannte  als  erfahrener  Geschäftsmann  den  Weg,  der
allein  zur  Aufhebung  des  alten  harten  Territorialsystems  führen  konnte.
Es  gelang  ihm  zwar  nicht,  den  Monarchen  von  seinen  geheimen  Lieblingsgedanken
  abzubringen  —  denn  wer  hätte  das  je  vermocht?  —  wohl
aber  bewog  er  ihn,  die  Selbständigkeit  der  Landeskirche  zunächst  durch
freiere  Ausbildung  ihrer  bestehenden  Institutionen  vorzubereiten.  So
wurden  denn  seit  1841  die  im  Osten  fast  verschwundenen  Kreissynoden
neu  belebt,  1844  die  Provinzialsynoden  einberufen.  Im  folgenden  Jahre
erhielten  die  Konsistorien  erweiterte  Befugnisse  und  eigene  Präsidenten,
während  sie  bisher  fast  nur  die  Prüfung  der  Kandidaten  selbständig  besorgt,
  die  Regierungen  aber  die  eigentlich  kirchliche  Verwaltung  geleitet
hatten.

Das  alles  geschah  unter  dem  stillen  Widerstande  der  Mehrzahl  der
Minister;  Graf  Arnim  und  die  anderen  unter  seinen  Amtsgenossen,  welche
gleich  ihm  früher  an  der  Spitze  einer  Regierung  gestanden  hatten,  konnten
sich,  nach  der  alten  bureaukratischen  Überlieferung,  unabhängige  kirchliche
  Behörden  gar  nicht  vorstellen.  Bedenklicher  war,  daß  der  Monarch
selbst  die  gesunde,  freie  kirchliche  Selbstverwaltung,  die  in  Rheinland
und  Westfalen  aufzublühen  begann,  sehr  mißtrauisch  betrachtete.“)  Diese
Presbyterien  waren  ihm  zu  modern,  sie  erinnerten  ihn  zu  sehr  an  das
gottlose  Repräsentativsystem.  Nicht  ihnen  wollte  er  die  Kirchenzucht  anvertrauen,
  sondern  allein  der  gläubigen  Gemeinde,  der  „Kirche"“.  Vergeblich
  wendete  Thile  ein,  solche  ganz  im  Glauben  einige  Gemeinden  bestünden
  heute  nur  noch  selten.*)  Friedrich  Wilhelm  blieb  dabei,  die  große
Idee  des  evangelischen  Priestertums  würde  geschändet,  wenn  auch  Gleichgültige
  und  Ungläubige  an  den  Wahlen  und  den  Amtern  teilnähmen;
niemals  begriff  er,  daß  diese  idealistische  Doktrin  nicht  ohne  Heuchelei  und
unevangelischen  Zwang  verwirklicht  werden  konnte.  Andererseits  wollte
er,  aus  Scheu  vor  der  römischen  Kirche,  den  Presbyterien  des  Westens
nicht  einmal  eine  berechtigte  kirchliche  Notwehr  gestatten;  er  untersagte
ihnen,  pflichtvergessene  Hausväter,  die  ihre  Kinder  allesamt  katholisch
erziehen  ließen,  von  den  kirchlichen  Amtern  auszuschließen.

Doch  die  Zeit  drängte.  Angesichts  der  überhandnehmenden  Sektiererei
und  des  gewaltigen  Aufschwungs  der  ultramontanen  Partei  mußten  die
evangelischen  Landeskirchen  Deutschlands  versuchen,  sich  innerlich  zu  kräftigen
  und  sich  untereinander  fester  zusammenzuschließen.  Niemand  empfand
dies  früher  als  der  ganz  unkirchlich  gesinnte,  aber  politisch  kluge  König  von
Württemberg.  Die  klerikalen  Umtriebe  in  seinem  eigenen  Lande  und  die
ultramontane  Politik  des  verhaßten  bayrischen  Nachbarhofes  beunruhigten
ihn  schwer.  Schon  am  28.  April  1843  übersendete  er  dem  Gesandten

 

*)  S.  o.  III.  403.
*7)  Thile  an  Eichhorn,  15.  Juni  1844.
        <pb n="371" />
        Evangelische  Konferenz  in  Berlin.  363

Rochow  mit  einem  eigenhändigen  Briefe  eine  Denkschrift,  welche  der  preu—
ßischen  Regierung  vorschlug,  ein  neues  Corpus  Evangelicorum  am  Bundestage
  zu  bilden:  die  evangelischen  Höfe  sollten  sich  vereinbaren  über  eine
gemeinsame  Kirchenpolitik,  insbesondere  über  die  Abwehr  römischer  Übergriffe.
  In  solcher  Gestalt  schien  der  württembergische  Antrag  unannehmbar.
  Das  Corpus  Evangelicorum  hatte  den  Protestanten  einst  als
Schutzwehr  gegen  die  katholische  Mehrheit  der  alten  Reichstage  gedient;
jetzt  da  nur  noch  sechs  der  regierenden  Fürsten  katholisch  waren,  drohte
ein  solcher  Bund  im  Bunde  nur  Unfrieden  zu  erregen;  und  wie  konnten
die  evangelischen  Höfe  unbedingt  füreinander  einstehen,  da  ihre  Kirchenpolitik
  sich  doch  auf  so  verschiedenen  Bahnen  bewegte?  Daher  gab  der
König  durch  das  Auswärtige  Amt  eine  vorsichtig  ablehnende  Antwort;  zu
Verhandlungen  über  das  evangelische  Kirchenwesen  erklärte  er  sich  jedoch
bereit.*)  So  leicht  ließ  sich  der  besorgte  Schwabenkönig  nicht  abweisen.
Er  war  über  die  Umtriebe  der  Ultramontanen  gut  unterrichtet;  er  wußte,
daß  die  Getreuen  der  Münchener  Kongregation  überall  in  der  Welt,  selbst
in  Irland  geschäftig  arbeiteten;  er  mußte  erleben,  daß  eine  Verfügung
seines  eigenen  Konsistoriums,  welche  die  evangelischen  Geistlichen  zur  kirchlichen
  Treue,  aber  auch  zur  Sanftmut  gegen  die  Andersgläubigen  ermahnte,
  von  den  bayrischen  klerikalen  Blättern  höhnisch  angegriffen  wurde.
Solchen  Feinden  gegenüber  hielt  er  für  nötig,  daß  die  evangelischen  Kronen
am  Bundestage  gemeinsam  die  bedrängte  Lage  der  Protestanten  in  Österreich
  und  Bayern,  die  bedrohlichen  Anmaßungen  der  römischen  Kirche  zur
Sprache  brächten.  In  Berlin  aber  suchte  man  alles  zu  vermeiden,  was  den
Vatikan  reizen  konnte;  einen  Antrag  beim  Bunde  wollte  König  Friedrich
Wilhelm  höchstens  als  „.ultima  ratio“  zulassen..“)  Also  nochmals  abgewiesen,
  ermäßigte  der  König  von  Württemberg  seine  Wünsche  und  verlangte
nur  noch,  auf  den  Rat  seines  Oberhofpredigers  Grüneisen,  daß  Preußen
die  evangelischen  Regierungen  zu  Beratungen  über  die  Kirchenverfassung
einladen  sollte.  Diese  Idee  der  „inneren  Unierung"  der  deutschen  Landeskirchen
  hatte  Eichhorn  schon  im  Anfang  der  langwierigen  Verhandlungen
ausgesprochen;  jetzt  wurde  sie  von  Ullmann  auch  vor  der  Lesewelt  vertreten
  in  dem  Büchlein  „für  die  Zukunft  der  evangelischen  Kirche  Deutschlands“,
  das  der  König  von  Preußen  mit  großer  Befriedigung  las.)

So  ward  denn  das  alte,  niemals  ganz  verschwundene  Idealbild  der
deutschen  evangelischen  Nationalkirche  wieder  lebendig,  leider  in  Tagen,  die
es  unmöglich  ausgestalten  konnten.  Auf  Preußens  Einladung  versammelten
  sich  nunmehr,  um  Neujahr  1846  die  Abgesandten  der  sämtlichen
protestantischen  Regierungen  Deutschlands  zu  einer  freien  „Evangelischen

*)  Berichte  an  den  König,  von  Bülow,  von  Thile,  27.  Mai  1843.
**)  Rochows  Berichte,  Stuttgart,  14.  Juni,  17.  Nov.  1844.
5#½*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  20.  Febr.,  11.  Nov.  1845.  Vgl.  den  trefflichen
  Aufsatz  von  O.  Mejer  über  Minister  Eichhorn  (Biographisches.  S.  319  ff.).
        <pb n="372" />
        364  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

Konferenz“  in  Berlin.  Durch  persönliche  Würde,  tiefen  Glaubensernst
und  umfassende  juristische  Sachkenntnis  erlangte  Bethmann-Hollweg  bald
die  Stellung  des  Führers  unter  den  Tagenden.  Gleichwohl  ließ  sich  an
einen  augenblicklichen  Erfolg  gar  nicht  denken,  da  die  kirchlichen  Zustände
der  einzelnen  Lande  sich  durch  eine  wirrenreiche  Geschichte  so  grundver—
schieden  gestaltet  hatten  und  auch  der  partikularistische  Eigensinn  kräftig
heraustrat.  Die  bischöflichen  „Kirchen“  Friedrich  Wilhelms  mit  ihren
Presbytern  und  Diakonen  fanden  in  der  Versammlung  gar  keinen  Anklang,
  während  er  wiederum  den  von  Württemberg  vorgelegten  Verfassungsentwurf
  nicht  billigen  mochte.“)  Nach  sechs  Wochen  endeten  die  Beratungen
  ohne  ein  bestimmtes  Ergebnis.  Ganz  ohne  Folgen  blieb  der
verfrühte  Versuch  doch  nicht.  Aus  dieser  Versammlung  gingen  die
Eisenacher  Konferenzen  hervor,  die  sich  in  späteren  Jahren  regelmäßig
unter  Bethmann-Hollwegs  Leitung  vereinigten  und  zur  Klärung  des
wieder  erstarkten  kirchlichen  Lebens  manches  beitrugen.

Nach  solchem  Mißerfolge  schien  es  um  so  ratsamer,  zunächst  die
Verfassung  der  preußischen  Landeskirche  unter  Dach  zu  bringen.  Auf
Pfingsten  1846  berief  der  König  die  erste  evangelische  Generalsynode.
Sie  bestand  aus  37  Geistlichen  und  38  Laien  —  aus  den  Generalsuperintendenten,
  aus  Vertretern  der  theologischen  und  juristischen  Fakultäten
  und  einigen  durch  die  Kirchenbehörden  der  Provinzen  vorgeschlagenen
Mitgliedern  geistlichen  und  weltlichen  Standes;  sie  erschien  mithin  als  eine
Notabelnversammlung,  welche  zwar  nicht  den  Willen  der  Kirche  förmlich
aussprechen  konnte,  aber  durch  Ansehen,  Einsicht,  Erfahrung  wohl  befähigt
  war,  die  künftige  Kirchenverfassung  vorzubereiten.  Mehr  verlangte
Friedrich  Wilhelm  auch  nicht;  er  ließ  noch  keinen  Verfassungsplan  ausarbeiten,
  sondern  erwartete  zunächst  nur,  daß  die  Berufenen  „sich  aussprächen“.
  Aber  wie  gehässig  wurden  seine  edlen  Absichten  wieder  mißdeutet.
  Das  Bürgertum  der  großen  Städte  des  Ostens  war  durch  den
lichtfreundlichen  Adressensturm  stark  erregt;  um  Ronge  zu  ehren,  hatten
die  Berliner  sogar  Volksversammlungen  unter  den  Zelten  abzuhalten
gewagt.  Nach  all  dem  wirren  freigeisterischen  Gerede  dieser  Jahre  hatte
man  für  die  kirchlichen  Pläne  des  Monarchen  nur  noch  Hohn  und  freche
Witze.  Als  die  Erzbilder  der  Rossebändiger  auf  der  neuen  Schloßterrasse
aufgestellt  wurden,  da  hieß  es  überall,  der  König  könne  seinen  Hengstenberg
  gar  nicht  nahe  genug  bei  sich  haben;  Varnhagen  aber  und  sein  Kreis
verurteilten  die  Generalsynode  schon  im  voraus  als  eine  geistliche  Spielerei
  der  Weltlichen.  Zehn  Städte  sendeten  ihren  zur  Generalsynode  einberufenen
  Mitbürgern  Weisungen  im  Sinne  der  modischen  Aufklärung;
die  Magdeburger  erklärten  ihrem  Stadtrat  Grubitz,  sie  könnten  diese  Versammlung
  nicht  als  eine  Vertretung  der  Landeskirche  anerkennen,  und

 

*2D)  Snethlage  an  Thile,  5.  Febr.;  Thiles  Bericht  an  den  König,  5.  Febr.  1846.
        <pb n="373" />
        Die  Evangelische  Generalsynode.  365

legten  ihm  auf,  eine  „aus  freien  Wahlen  von  unten“  hervorgehende  Pres—
byterial-  und  Synodalverfassung  zu  fordern.  Dem  Könige  schnitt  es  tief
ins  Herz,  daß  gerade  diese  ehrwürdige  Märtyrerstadt  des  Protestantismus,
die  er  sich  als  Sitz  des  Fürsten  Primas  dachte,  so  reich  an  „Heiden“  war;
er  fand  in  dem  Schreiben  „modernes  Mißverständnis  oder  wissentliche
Unwissenheit,  ja  Aufforderung  zum  Ungehorsam“  und  drohte  im  ersten
Zorn,  er  würde  sich  „über  das  Gesetz  stellen“,  die  städtischen  Freiheiten
suspendieren  müssen.“)  Schwer  ließ  er  sich  besänftigen;  doch  bald  wurde
die  maßlose  Tadelsucht  der  Opposition  durch  die  Haltung  der  General—
synode  selbst  tief  beschämt.

Eichhorn  sagte  in  seiner  würdevollen  Eröffnungsrede:  noch  niemals
seit  den  Zeiten  der  Reformation  habe  Deutschland  eine  solche  Versamm—
lung  gesehen  und  noch  niemals  einen  landesfürstlichen  Schirmherrn,  der
die  freie  Entwicklung  der  Kirche  so  vertrauensvoll  ermuntert  hätte.  In
der  Tat  durften  die  deutschen  Protestanten  nach  so  vielen  Erfolgen
des  Papsttums  jetzt  wieder  einmal  aufatmen  und  sich  der  überlegenen
geistigen  Kräfte  dieser  Kirchenversammlung  erfreuen.  Sie  war  die  erste
gemeinsame  Vertretung  aller  preußischen  Provinzen,  gleichsam  das  kirch—
liche  Vorspiel  des  geplanten  Vereinigten  Landtags;  und  jener  Zug  vom
Westen  her,  der  die  ganze  Zeit  durchwehte,  mußte  gerade  hier  seine  volle
Kraft  zeigen,  weil  die  rheinisch-westfälischen  Protestanten  in  der  Ausbildung
  ihrer  Kirchenverfassung  dem  Osten  unzweifelhaft  vorausgeeilt
waren.  Der  alte  Rationalismus  war  auf  der  Synode  nur  durch  einen
Mann  vertreten,  den  Kanzler  des  Königreichs  Preußen  v.  Wegnern,  der
mit  bescheidenem  Freimut  sagte:  von  einem  alten  Ostpreußen  könne  man
doch  keine  andere  Gesinnung  erwarten.  Auch  die  streng  Konfessionellen  geboten
  nur  über  ein  gutes  Fünftel  der  Stimmen.  Die  große  Mehrzahl  gehörte
  zu  den  verschiedenen  Parteien  der  Vermittlungstheologie,  die  sich
allesamt  auf  Schleiermacher  beriefen;  darum  wurde  die  Versammlung  von
Haus  aus  durch  die  Lichtfreunde  ebenso  heftig  angefeindet  wie  durch  Hengstenbergs
  Kirchenzeitung,  ein  lutherischer  Pastor  des  Wuppertals  schimpfte
sie  kurzab  eine  Räubersynode.  Das  hochverehrte  Haupt  der  Mehrheit  war
Nitzsch,  der  Wittenberger,  der  sich  seit  so  vielen  Jahren  schon  in  die  kirchliche
  Selbstverwaltung  des  Westens  eingelebt  hatte  und  wie  niemand  sonst
befähigt  schien,  die  lutherischen  Lande  des  Ostens  mit  den  Grundgedanken
der  calvinischen  Kirchenverfassung  zu  befreunden.  Seine  tiefe  Gelehrsamkeit
  wurde  ebenso  allgemein  anerkannt,  wie  sein  frommer  christlicher
Sinn,  der  die  Einheit  der  Lehre  stets  in  der  Person  des  Erlösers  suchte.
Der  edle  Mann  erlebte  jetzt  die  Tage  seines  höchsten  Ruhmes,  aber  auch

 

*)  Schreiben  der  Magdeburger  Stadtverordneten  und  Kirchenvorsteher  an  Stadtrat
  Grubitz  (mit  Randbemerkungen  des  Königs),  16.  Mai;  König  Friedrich  Wilhelm  an
Thile,  29.  Mai;  Thiles  Bericht,  18.  Juni  1846.
        <pb n="374" />
        366  V.  4.  Die  Parteiung  in  der  Kirche.

den  tragischen  Wendepunkt  seiner  Wirksamkeit;  denn  es  zeigte  sich  bald,
daß  wohl  Eichhorn  mit  ihm  übereinstimmte,  doch  nicht  der  König  selbst.

Friedrich  Wilhelm  begrüßte  die  Synode  mit  einer  überschwenglichen
Ansprache;  er  forderte  sie  auf,  ihre  Blicke  über  die  Grenzen  der  Landeskirche,
  ja  selbst  des  evangelischen  Bekenntnisses  hinaus  zu  richten;  im  Geiste
des  ursprünglichen,  apostolischen,  allgemeinen  Christentums  sollte  sie  allen
Christen  sagen,  daß  Preußens  evangelische  Kirche  die  Gläubigen  aller  Bekenntnisse
  zu  ihrem  heiligen  Tische  zulasse  und  nur  der  Unglaube  von  ihr
scheide.  Eine  so  scharfe  Trennung  der  Gläubigen  von  den  Ungläubigen
konnten  Nitzsch  und  seine  Freunde  unmöglich  billigen;  man  bemerkte  auch
sogleich,  wie  sorgsam  der  König  und  sein  General  Thile  jedes  eingehende
Gespräch  mit  dem  verdächtigen  Bonner  Professor  vermieden.

Dies  Mißtrauen  des  Monarchen  steigerte  sich  noch,  als  nunmehr
über  die  Lehrverpflichtung  der  Geistlichen  beraten  wurde.  Die  Union
war  einst  nur  darum  durchgedrungen,  weil  sie  lediglich  eine  Gemeinschaft
des  Kultus  und  der  Sakramente,  nicht  eine  vollständige  Glaubensgemeinschaft
  darstellen  wollte.  Trotzdem  versuchte  die  Generalsynode,  eine  Bekenntnisformel
  für  alle  Geistlichen  der  Landeskirche  aufzustellen;  daneben
sollte  den  einzelnen  Gemeinden  noch  freistehen,  ihre  Prediger  auf  besondere
Symbole  zu  verpflichten.  Nitzsch  wollte  die  Formel  so  weit  fassen,  daß
jeder  evangelische  Christ  sie  annehmen,  auch  die  lebendige  Wissenschaft
der  Gegenwart  nichts  dawider  einwenden  könnte;  selbst  das  apostolische
Glaubensbekenntnis  erschien  ihm  zu  eng,  und  er  entwarf,  nach  seiner
subjektiven  wissenschaftlichen  Uberzeugung,  eine  noch  einfachere  Formel,
welche  freilich  nur  aus  Bibelworten  bestand,  aber  auch  noch  mannigfache
Auslegungen  zuließ.  Das  wohlgemeinte  Unternehmen  mußte  mißlingen,
weil  sein  gelehrter  Urheber,  trotz  seiner  reichen  Erfahrungen  im  praktischen
  Kirchenleben,  diesmal  doch  die  Kraft  des  Volksglaubens  doktrinär
verkannte;  die  deutsche  Theologie  war  ja  die  gelehrteste  von  allen  und
fühlte  sich  leicht  versucht,  die  Macht  der  Wissenschaft  in  der  Kirche  zu
überschätzen.  Wagte  man  das  Apostolicum  zu  vereinfachen,  das  älteste
und  ehrwürdigste  Bekenntnis  der  gesamten  Christenheit  auch  nur  in  der
Form  zu  verändern,  so  wurden  vielleicht  einige  hundert  gebildete  Männer
befriedigt,  die  Radikalen  aber  nicht  entwaffnet  und  Millionen  schlicht  gläubiger
  Menschen,  die  doch  für  die  Kirche  genau  so  viel  bedeuten  wie  die  Gelehrten,
  in  ihren  frommen  Gewissen  beirrt.  Nur  ein  glaubensstarker
durch  die  freudige  Zustimmung  des  gesamten  evangelischen  Volks  getragener
  und  gehobener  Reformator,  doch  wahrlich  nicht  dies  zweifelnde
und  suchende  Geschlecht  durfte  zu  solchem  Wagnis  sich  erkühnen.

Sehr  lebhaft  traten  die  Konfessionellen  wider  den  Antrag  auf.  Der
pommersche  Lutheraner  v.  Thadden-Trieglaff  —  ein  konservativer  Heißsporn,
  der  bald  nachher  aus  der  Landeskirche  ausschied  —  hatte  keineswegs
unrecht,  als  er  die  paradoxe  Behauptung  aufstellte,  dieser  Weg  führe  zur
        <pb n="375" />
        Das  apostolische  Glaubensbekenntnis.  367

Hierarchie.  Es  war  doch  wirklich  das  von  den  Pietisten  so  oft  bekämpfte
„Papsttum  der  Wissenden“,  das  sich  jetzt,  in  bester  Absicht  freilich,  herausnahm,
  seinen  kritisch  geläuterten  Glauben  den  protestantischen  Gemeinden
aufzuerlegen;  wie  die  Bourgeoisie  im  französischen  Staate,  so  suchte  in
der  deutschen  evangelischen  Kirche  die  Intelligenz  alle  Herrschaft  an  sich
zu  reißen  und  verwechselte  unbefangen  sich  selber  mit  dem  gesamten
Volke.  Auch  Stahl,  der  damals  noch  die  Union  als  eine  vollendete  Tatsache
  anerkannte,  mahnte  ernst:  in  Zeiten  der  Not  dürfe  die  Kirche  wohl
schweigen,  doch  nicht  zweideutig  reden;  ja  selbst  der  mit  Nitzsch  persönlich
und  wissenschaftlich  befreundete  Twesten  warnte,  man  solle  das  christliche
Volk  nicht  durch  die  theologische  Wissenschaft  vergewaltigen.  Für  die  Anträge
  sprachen  beredt  und  geistvoll  der  Hallenser  Julius  Müller  und  der
Königsberger  Dorner.  Die  Anhänger  der  Schleiermacherschen  Linken,
Graf  Schwerin  und  der  Berliner  Prediger  Sydow  erklärten  sich  anfangs
im  Namen  der  evangelischen  Freiheit  gegen  jede  bindende  Lehrverpflichtung;
  im  Verlaufe  der  langen,  höchst  lebendigen  und  gedankenreichen  Verhandlungen
  traten  sie  jedoch  den  Ansichten  Nitzschs  näher.  Schließlich
wurde  mit  starker  Mehrheit  eine  vereinfachte  Ordinationsformel  angenommen,
  die  mit  dem  Geiste  der  Union  doch  nicht  im  Einklange  stand,
wie  weitherzig  man  sie  auch  auslegen  mochte.  Mehrheitsbeschlüsse  haben
aber  nur  da  Sinn  und  Wert,  wo  ein  Entschluß  für  das  handelnde  Leben
gefaßt  werden  muß  und  die  Abstimmung  erweisen  soll,  auf  welcher  Seite
die  stärkere  Macht  steht.  In  Glaubenssachen  bedeutet  die  Mehrzahl  so
wenig  wie  in  der  Wissenschaft.  Die  konfessionelle  Minderheit  fühlte  sich
mit  nichten  überwunden,  denn  mit  geistigen  Waffen  war  sie  nicht  geschlagen;
  und  wie  konnte  man  gar  hoffen,  daß  der  König  einer  Abschwächung
  der  alten  Symbole  jemals  zustimmen  würde?  Hofprediger
Strauß,  ein  gefühlvoller,  allezeit  begeisterter  Pietist,  der  den  Monarchen
genau  kannte,  gab  schon  während  der  Beratungen  deutlich  zu  verstehen,
das  alles  sei  verlorene  Arbeit.

Der  unselige  Streit  um  die  Lehrverpflichtung  wurde  leider  auch  dem
Hauptwerke  der  Generalsynode,  dem  Kirchenverfassungs-Entwurfe  verderblich.
  Wie  planlos  und  hilflos  stand  die  Krone  doch  dieser  großen  Aufgabe
  gegenüber.  Von  den  kleinen  bischöflichen  „Kirchen“,  die  der  König
wünschte,  war  kaum  die  Rede.  Eichhorn  überließ  vielmehr  der  Versammlung,
ihre  eigenen  Vorschläge  auszusprechen,  und  ganz  von  selbst  vereinigte  sich
die  große  Mehrheit  in  dem  Gedanken,  die  bestehende  Ordnung  weiter  auszubauen:
  das  Konsistorialsystem  des  Ostens  wollte  man  nicht  aufheben,  sondern
durch  die  presbyterialen  und  synodalen  Institutionen  des  Westens  ergänzen
und  beleben.  Hier  zeigte  Nitzsch  seine  große  organisatorische  Begabung;
Bethmann-Hollweg,  der  jetzt  auch  dem  Rheinland  angehörte,  ging  ihm
zur  Hand  mit  seiner  gründlichen  Rechtskenntnis,  Landfermann  mit
seiner  reichen,  im  Westen  angesammelten  Erfahrung.  So  entstand  ein
        <pb n="376" />
        368  V.  1.  Die  Parteiung  in  der  Kirche

tief  durchdachter,  wohl  ausführbarer  Entwurf.  Die  Konsistorien  sollten
fortbestehen  und  über  ihnen  noch  ein  Oberkonsistorium  errichtet  werden
als  höchste  Kirchenbehörde  zur  Wahrung  der  Disziplin  und  Beratung.  des
Landesherrn.  In  jeder  Gemeinde  ein  Presbyterium,  das  von  allen  christlichen
  Hausvätern,  nach  unmaßgeblichen  Vorschlägen  der  Kirchenvorstände,
frei  gewählt  würde.  Darüber  Kreis=  und  Provinzialsynoden,  dann  endlich
  die  Generalsynode,  sie  alle  aus  geistlichen  und  weltlichen  Mitgliedern
gemischt,  aber  keineswegs  nach  den  Grundsätzen  des  politischen  Repräsentativsystems
  eingerichtet,  sondern  also  gebildet,  daß  der  Regel  nach  nur
sachkundige,  im  Kirchendienst  erprobte  Männer  ihnen  angehören  konnten.
Dergestalt  suchte  man  den  Gemeinden  ihr  gutes  Recht  zu  geben  und
doch  die  völlig  Gleichgültigen  oder  Unerfahrenen  von  den  Synoden  fern
zu  halten.  Die  Grundgedanken  dieser  Reform  erwiesen  sich  so  dauerhaft,
so  lebenskräftig,  daß  Emil  Herrmann  sie  mit  geringen  Anderungen  wieder
aufnahm,  als  er  ein  Menschenalter  später  den  Neubau  der  Kirchenverfassung
  endlich  zum  Abschluß  brachte.“)

Für  jetzt  stand  freilich  nichts  zu  hoffen.  Drei  Monate  hindurch
waren  die  Synodalen  fast  Tag  für  Tag  die  hundert  Stufen  hinaufgeklommen,
  um  droben  in  der  alten  Schloßkapelle,  unbekümmert  um  die
glühende  Sommerhitze  dieses  gesegneten  Weinjahres,  ihre  langen  mühseligen
  Sitzungen  zu  halten;  da  wurde  die  Versammlung  am  29.  August
ohne  einen  Bescheid  vertagt.  Friedrich  Wilhelm  scherzte  zuweilen  selbst
über  seine  oberstbischöfliche  Gewalt,  die  er  so  gern  den  „rechten  Händen“
übergeben  wollte.  Als  er,  von  Staatsgeschäften  überhäuft,  die  Synode
mit  jener  unvorbereiteten  Ansprache  begrüßt  hatte,  die  ihn  selber  nicht
befriedigte,  da  schrieb  er  spöttisch:  ein  neuer  Beweis,  daß  unser  sumhielt

  er  sich  verpflichtet,  diese  Gewale  solange  sie  ihm  noch  zustand,
rücksichtslos  auszuüben,  und  nach  seiner  Überzeugung  gereichten  die  Beschlüsse
  der  Generalsynode  wahrlich  nicht  zum  Heile  der  Kirche:  die  neue
Ordinationsformel  schien  ihm  unchristlich,  und  darum  betrachtete  er  auch
den  Verfassungsentwurf  mit  Argwohn.  Nur  ungern  erlaubte  er  einige
Monate  später,  auf  Eichhorns  dringende  Bitten,  daß  Nitzsch  als  Probst
nach  Berlin  berufen  wurde;  nach  wie  vor  vermied  er  jede  nähere  Berührung
  mit  dem  Manne,  den  er  für  den  Führer  der  kirchlichen  Opposition
  ansah,  und  niemals  konnte  Nitzsch  in  Berlin  wieder  eine  so  fruchtbare
  Wirksamkeit  erlangen  wie  einst  am  Rhein.  Ganz  vergeblich  bemühte
sich  der  Minister  um  die  Bestätigung  der  Synodalbeschlüsse.  Inzwischen
fuhr  Hengstenberg  mit  seinen  Anklagen  fort,  und  der  ehrwürdige  alte

 

*)  Dies  ergibt  sich  von  selbst  aus  einer  Vergleichung  und  ist  mir  auch  von  meinem
verstorbenen  Freunde  E.  Herrmann  in  manchen  Gesprächen  versichert  worden.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  13.  Juni  1846.  v
        <pb n="377" />
        Verfassungsentwurf  der  Generalsynode.  369

Goßner  jammerte:  die  neue  Lehrverpflichtung  reiße  die  Mauern  der  Kirche
nieder,  so  daß  die  Ungläubigen  in  Haufen  eindringen  könnten.  Die
liberale  Presse  andererseits  zeigte  sich  gleichgültig  oder  hämisch,  und  im
deutschen  Auslande,  wo  die  preußische  Union  längst  in  schlimmem  Rufe
stand,  war  der  Göttinger  Lücke  fast  der  einzige  namhafte  Theolog,  der  sich
warm  für  das  Werk  der  Synode  aussprach.  Zuletzt  blieb  alles  liegen;
der  König  wollte  die  vertagte  Generalsynode  weder  abermals  einberufen
noch  mit  einem  abweisenden  Bescheide  auflösen.

Von  allen  Institutionen  des  Verfassungsentwurfs  trat  nur  eine  einzige
ins  Leben:  das  Oberkonsistorium;  denn  dies  sollte  ja,  nach  den  gehei—
men  Absichten  des  Monarchen,  das  Seitenstück  werden  zu  der  geplanten
Konferenz  der  katholischen  Bischöfe.  So  vereinzelt,  so  losgelöst  von  den
synodalen  Institutionen,  erschien  die  neue  oberste  Kirchenbehörde  nur  wie
eine  Verstärkung  des  alten  Konsistorialsystems,  von  dem  man  sich  doch
gerade  befreien  wollte,  und  wurde  daher  selbst  von  den  gemäßigten  Parteien
sogleich  als  eine  hierarchische  Macht  angefeindet.  Im  Februar  1848  trat  sie
zusammen,  und  nachdem  sie  eine  einzige  Sitzung  abgehalten,  war  sie  schon
von  den  Wellen  der  Revolution  hinweggespült.  Also  mißriet  dem  Könige
alles;  auch  die  Ruhigen  konnten  sich  der  bangen  Ahnung  nicht  mehr  erwehren,
  daß  ein  Gewitter  die  schwüle  Luft  dieser  Tage  reinigen  müsse.  —

 

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte  V.  24
        <pb n="378" />
        Fünfter  Abschnitt.

 

Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

Treuer  als  die  so  oft  durch  politische  Hintergedanken  verdunkelten
und  verfälschten  kirchlichen  Kämpfe  spiegelte  die  Literatur  den  Geist
dieser  weltlichen  Tage  wieder.  Unverloren  blieb  ihr  das  beste  Vermächtnis
des  Jungen  Deutschlands,  der  Drang  nach  dem  Wirklichen,  nach  dem
modernen  Leben;  die  politische  Leidenschaft,  die  Ahnung  eines  nahenden
großen  Umschwungs  zwang  sich  jedem  ernsten  Geiste  so  mächtig  auf,  daß
selbst  die  strenge  Wissenschaft  sich  der  Tendenz  nur  selten  ganz  zu  erwehren
vermochte.  Künstlerische  Andacht  konnte  einem  so  friedlosen,  aufgeregten
Geschlechte  nicht  leicht  fallen;  gleichwohl  begann  der  Formensinn  unverkennbar
  wieder  zu  erstarken  nach  der  wüsten  ästhetischen  Verwilderung
der  dreißiger  Jahre.  Die  Herrschaft  des  souveränen  Feuilletons  war  gebrochen;
  all  der  Wulst  von  eilfertigen  Kritiken,  Zeitbildern,  Capriccios
und  Halbnovellen,  die  ganze  trübe  Vermischung  von  Poesie  und  Prosa,
die  im  letzten  Jahrzehnt  für  geistreich  gegolten  hatte,  erschien  jetzt  schal
und  abgestanden.  Wieder  einmal  bewährte  sich  die  alte  Erfahrung,  daß  die
Zeit  nichts  verschont,  was  ohne  sie  geschaffen  ist.  Auch  die  witzelnde
Frechheit  des  Judentums  behauptete  nicht  mehr  ihre  Macht  über  die
Leserwelt.  Wohl  hatte  sich  die  Schar  der  jüdischen  Journalisten  gewaltig
  vermehrt,  und  wenn  ein  junger  Schriftsteller  auf  Zeitungsruhm
ausging,  so  mußte  er  sich  vor  jeder  Kränkung  der  orientalischen  Eitelkeit
sorgsam  hüten;  aber  die  alten  literarischen  Chorführer,  Börne,  Gans,
die  Rahel  waren  gestorben,  Heine  hatte  seine  Blütezeit  längst  hinter  sich.
Neue  Talente  kamen  empor,  fast  alle  deutschen  Blutes,  fast  alle  beseelt  von
einer  jugendlichen  lyrischen  Begeisterung,  welche  dem  Jungen  Deutschland
immer  gefehlt  hatte.  Gleich  ihren  Vorgängern  fühlten  sie  sich  als  Kämpfer
der  Freiheit  und  panzerten  ihre  Muse  mit  dem  Waffenschmuck  der  politischen
  Tendenz;  doch  zugleich  erwachte  wieder  die  Freude  an  Bild  und
Reim;  Kritik  und  Witz  genügten  nicht  mehr,  die  neuen  Zeitpoeten  schwelgten
im  Wohllaut  des  Verses  und  zeigten  sich  schon  durch  den  Adel  der  Kunstform
  dem  Feuilletongeplauder  des  letzten  Jahrzehntes  überlegen.
        <pb n="379" />
        Neue  Wendung  in  der  Literatur.  371

Die  kräftigeren  Geister  des  Jungen  Deutschlands  selbst  hatten  sich
längst  aus  dem  verzettelnden  Eintagsschaffen  hinausgesehnt,  sie  wendeten
jetzt  ihre  gereifte  und  gesammelte  Kraft  der  Bühne  zu  und  mit  ihnen
viele  von  dem  jüngeren  Nachwuchs.  Bühnengerechte,  künstlerisch  durch—
dachte  Dramen,  manche  wohl  angekränkelt  von  der  nervösen  Unruhe  der
Zeit,  aber  manche  auch  lebendig,  aus  dem  Herzen  der  Gegenwart  heraus
empfunden,  brachten  dem  verfallenen  Theater  ein  frischeres  Leben,  das
leider  durch  die  Stürme  der  Revolution  nur  zu  bald  zerstört  werden
sollte.  Auch  auf  die  Dichtung  hatte  die  nationale  Begeisterung  des  Jahres
1840  erstaunlich  tief  eingewirkt.  Ganz  so  gekräftigt  war  der  deutsche
Nationalstolz  freilich  noch  nicht,  wie  König  Ludwig  meinte,  als  er  in  einem
wunderlichen  Gedichte  den  „Teutschen  seit  dem  Jahre  40“  nachrühmte:
„daß  vorüber  nun  ist  die  Verblendung“.  In  einem  Volke,  das  noch  kaum
die  Anfänge  einer  ernsthaften  Parteibildung  besaß,  konnte  der  wüste,  ziel—
lose  Radikalismus  nicht  völlig  aussterben.  So  schamlos  aber  wie  vor
zehn  Jahren  wagten  sich  das  vaterlandlose  Weltbürgertum  und  die
knechtische  Vergötterung  Frankreichs  nur  noch  selten  heraus;  die  meisten
der  jungen  Zeitpoeten  schwärmten  für  ein  mächtiges  Vaterland,  sie  ahnten
seine  große  Zukunft,  und  auch  darum  erschienen  sie  achtungswerter  als
die  Schildknappen  Börnes.

An  Geist  und  Empfindung  war  die  Zeit  nicht  arm;  eine  heitere
Sinnlichkeit  belebte  und  erwärmte  den  geselligen  Verkehr.  Lieblichere
Trachten  als  damals  haben  die  Frauen  in  diesem  geschmacklosen  Jahr—
hundert  nie  getragen:  die  Taille  saß  endlich  einmal  an  der  rechten  Stelle;
aus  dem  faltigen,  nicht  allzu  stark  aufgebauschten  Rock  hob  sich  die  Ge—
stalt  schlank  und  leicht  empor;  das  schlicht  gescheitelte  Haar,  die  nackten
Arme,  der  frei,  nicht  frech  entblößte  Busen  ließen  die  natürliche  Schönheit
  auch  schön  erscheinen.  Von  dem  berückenden  Liebreiz  der  genialen
Sängerin  Wilhelmine  Schröder-Devrient  und  der  Herzogin  von  Sagan,
von  den  galanten  Abenteuern  des  Fürsten  Lichnowsky  und  des  „Landsknechts“
  Schwarzenberg  erzählte  jedermann.  Wenn  die  Münchener  und
die  Düsseldorfer  ihre  farbenreichen  Künstlerfeste  hielten,  wenn  die  jungen
lyrischen  Dichter  in  Unkel  oder  St.  Goar  oder  im  Bonner  Maikäferbunde
zusammentrafen,  um  das  niemals  ausgesungene  Lob  des  Rheines  zu  singen,
dann  wallte  die  herzhafte  Lebenslust  fröhlich  auf;  selbst  auf  den  ungezählten
  Zweckessen  und  politischen  Festbanketten  erklangen  mitten  im  Phrasenschwall
  zeitgemäßer  Stichwörter  oftmals  die  herzbewegenden  Reden  einer
tiefen,  ursprünglichen  Begeisterung.  Die  deutsche  Welt  glaubte  noch  an
Ideale.  Aber  auch  die  dämonischen  Mächte  der  frechen  Unzucht  und  die
Krankheit  des  Jahrhunderts,  der  Größenwahnsinn  der  halben  Talente
fanden  freies  Spiel  in  der  allgemeinen  Anarchie  der  Geister.  Keine  Partei
blieb  von  ihnen  verschont.  In  der  Vermessenheit  geistigen  Hochmuts

standen  die  liederlichen  Schlemmgesellen  des  konservativ-liberalen  kleinen
24
        <pb n="380" />
        372  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

bayrischen  Catilina  Friedrich  Rohmer  nicht  zurück  hinter  den  Brüdern
Bauer  und  den  Berliner  Freien,  die  einmal  beim  Saufgelage  ein  kräftiges
Pereat  Gott!  gröhlten.  Einer  aus  Rohmers  Kreise,  A.  Widmann,  schilderte
seine  Erlebnisse,  sobald  er  aus  dem  Taumel  erwacht  war,  in  einem
Romane  „der  Tannhäuser“;  und  als  er  drei  Jahre  später,  1850  in  der
Zeit  der  politischen  Enttäuschung,  sein  geistreiches  Buch  herausgab,  da
konnten  die  ernüchterten  Leser  schon  kaum  mehr  begreifen,  daß  man  „dies
neue  Titanentum,  das  unserer  Revolution  vorausging“,  jemals  bewundert
  hätte.

In  solchen  Tagen  besaß  das  halb  poetische,  halb  patriotische  Pathos
der  politischen  Lyrik  seine  volle  Berechtigung.  Wenn  die  neuen  Zeitpoeten
in  wohlgereimten  Versen  die  Nation  beschworen,  fortan  das  Verseschweißen
zu  lassen,  so  bekundeten  sie  durch  den  wunderlichen  Widerspruch  nur,  was
dies  tatenarme  und  tatendurstige  Geschlecht  wirklich  empfand.  Sie  glaubten
  den  Deutschen  etwas  völlig  Neues  zu  bringen  und  betrachteten
geringschätzig  die  von  Heine  so  oft  verhöhnte  Jünglingspoesie  des  Befreiungskriegs.
  Dennoch  sind  von  ihren  feiner  und  glätter  durchgebildeten
Gedichten  nur  sehr  wenige  so  lebenskräftig  bis  zur  Nachwelt  durchgedrungen
wie  die  kunstlosen  Lieder  Arndts  und  Körners,  Schenkendorfs  und  Fouqués.
  Die  Dichter  des  großen  Völkerkampfes  besangen  den  Krieg,  die
einzige  der  künstlerischen  Anschauung  sofort  vertraute  politische  Tätigkeit;
sie  erweckten  durch  ihre  patriotische  Begeisterung  ewige,  rein  menschliche
Gefühle,  Waffenlust  und  Schlachtenzorn,  Siegeshoffnung  und  Siegesfreude;
  sie  verfolgten  ein  bestimmtes,  dem  schlichten  Sinne  verständliches
Ziel,  die  Befreiung  des  Vaterlandes  von  den  fremden  Unterdrückern;  sie
dichteten  mit  dramatischer  Wahrheit,  oft  recht  eigentlich  aus  dem  Stegreife,
  fast  im  Angesichte  des  Feindes,  und  blieben  bescheiden,  weil  in  großer
Zeit  die  Tat  das  Wort  beschämt.  Die  modernen  friedlichen  Ideale  konstitutioneller
  Freiheit,  bürgerlicher  Gleichberechtigung,  nationaler  Einheit
boten  hingegen  einen  weit  spröderen  Stoff,  der  nur  durch  mächtige  Leidenschaft,
  durch  ungewöhnliche  Größe  des  Urteils  künstlerisch  bezwungen  und
gestaltet  werden  konnte;  das  leichtere  Talent  lief  hier  immer  Gefahr,
in  die  Leere  der  phrasenhaften  Allgemeinheit  oder  in  den  Kleinsinn
des  Parteihasses  oder  in  die  Prosa  der  rohen  Satire  zu  verfallen.

Und  begreiflich  genug,  daß  die  neuen  politischen  Dichter  sich  selbst  überschätzten,
  denn  vor  glorreichen  Taten  brauchten  ihre  großen  Wortenicht  zu
erröten;  sie  hielten  sich  für  die  gottbegnadeten  Führer  der  Zeit,  weil  selbst
die  Männerwelt  ihren  Liedern  freudig  lauschte.  So  stürmische  Huldigungen,
wie  sie  Herwegh  auf  seiner  Triumphreise  erlebte,  waren  einem  deutschen
Dichter  von  ernsten  Männern  kaum  je  bereitet  worden,  und  fast  schien  es,
als  sollte  die  Dichtung  wieder  stolz  und  breit  in  die  Mitte  unseres  Volkslebens
  treten.  In  Wahrheit  war  diese  Begeisterung  rein  politisch.  Die
politischen  Lieder  klangen  den  Hörern  wie  verhaltene  Parlamentsreden  und
        <pb n="381" />
        Politische  Lyrik.  Herwegh.  373

verfielen  darum,  wie  die  Worte  des  Staatsmannes  und  des  Publizisten,
dem  Lose  der  Vergänglichkeit.  Sobald  die  Politik  in  neue  Bahnen  ein—
lenkte,  erschienen  sie  überwunden  und  abgetan,  während  das  reine  Kunst—
werk,  eine  Welt  für  sich  selber,  der  Zeit  zu  trotzen  vermag;  und  schon
heute  verstehen  die  Rückschauenden  schwer,  daß  in  der  flüchtigen,  doch  nicht
hohlen  Erscheinung  dieser  Zeitgedichte  die  nationale  Sehnsucht  eines
langsam  zum  politischen  Wollen  erstarkenden  Geschlechtes  ihren  natür—
lichen  Ausdruck  fand.

Im  Grunde  war  keiner  der  jungen  Zeitpoeten  an  eigenen  Gedanken
und  ursprünglicher  Empfindung  so  arm  wie  der  berühmteste  von  allen,
Georg  Herwegh.  Man  nannte  ihn  die  Lerche  des  deutschen  Völkerfrühlings,
  weil  die  Gedichte  eines  Lebendigen,  zum  ersten  Male  nach  Anastasius
  Grüns  Wiener  Spaziergängen,  die  politische  Begeisterung  vom  Auslande
  hinweg  wieder  zu  den  vaterländischen  Kämpfen  zurücklenkten.
Schmetternd,  sinnverwirrend  erklangen  diese  ungestümen  Weckrufe;  prahlerische,
  unmögliche  Hyperbeln,  die  in  den  wohlgeglätteten  Versen  nur  um  so
drastischer  wirkten,  verstärkten  noch  den  Eindruck,  als  wollte  ein  rasender
Titane  ein  versinkendes  Volk  zum  letzten  Verzweiflungskampfe  aufbieten:

Reißt  die  Kreuze  aus  der  Erden!

Alle  sollen  Schwerter  werden,

Gott  im  Himmel  wird's  verzeih'n!
Doch  der  tiefe,  ernste  Inhalt  fehlte.  Fast  überall  nur  eine  fieberische  Ungeduld,
  die  aus  der  Langeweile  der  Gegenwart  hinausdrängte  und  zornig
drohend  irgend  eine  unbestimmte  Herrlichkeit,  bald  den  Aufruhr  schlechthin,
bald  den  Krieg  mit  Russen  und  Franzosen,  bald  auch  die  Verbrüderung
aller  freien  Völker  forderte.  Am  glücklichsten  zeigte  sich  die  lyrische  Begabung
  des  Poeten  in  den  eingestreuten  unpolitischen  Gedichten:  wenn  er
die  Todesahnung  der  ins  Morgengrauen  hinaussprengenden  Reiter  aussprach
  oder  in  einem  sentimentalen,  aber  stimmungsvollen  Klageliede  sich
wünschte,  hinzugehen  wie  das  Abendrot  und  wie  der  Tag  in  seinen  letzten
Gluten.  Seine  politischen  Ideen  hatte  er  fast  durchweg  aus  Börnes  Schriften
  geschöpft,  und  unter  den  Kämpfern  der  deutschen  Vorzeit  stand  ihm
keiner  höher  als  „unser  Heiland“  Ulrich  von  Hutten.  Das  trotzige
„Ich  hab's  gewagt“  des  fahrenden  Ritters  hallte  in  unzähligen  Gedichten
und  Zeitungsaufsätzen  nach,  der  feurige,  unklare  politische  Idealismus
des  sechzehnten  Jahrhunderts  sagte  dieser  unkirchlichen  Zeit  zu,  während
Luthers  religiöse  Gewissenskämpfe  ihr  fremd  blieben.  Mit  dem  gedankenreichen
  Tiefsinn  der  Schwaben  hatte  Herweghs  oberflächliche,  schnellfertige
  Keckheit  nichts  gemein;  darum  galt  er  auch  in  seiner  Heimat
weniger  als  im  Norden,  und  der  erste  Kunstkenner  Schwabens,  Friedrich
Vischer  urteilte,  selbst  ein  Radikaler,  in  seinen  geistvollen  „Kritischen
Gängen“  sehr  hart  über  die  dürftige  Gestaltungskraft  dieses  Dichters  der
hohen  Worte.  Herwegh  gab  sich  früh  aus;  er  zählte  zu  den  Blendern,
        <pb n="382" />
        374  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

die  sich  in  absteigender  Linie  entwickeln,  der  unmäßige  Beifall  war  Gift
für  diese  kleine  eitle  Seele.  Die  Radikalen  hatten  ihm  nicht  verargt,  daß
er,  der  Deserteur,  in  prahlenden  Liedern  nach  „eines  Streithengsts  Bügeln“
  verlangte;  aber  seine  herzbrechende  Klage  „mein  ganzer  Reichtum
ist  mein  Lied“  vergaßen  sie  nicht,  und  als  er  jetzt,  durch  eine  Heirat
reich  geworden,  in  ein  träges,  nichtsnutziges  Wohlleben  versank,  da  wendeten
  sie  sich  doch  erschrocken  ab,  denn  der  ekelhafte  Anblick  prassender
Demagogen  war  den  Deutschen  noch  neu.

Von  dichterischer  Kraft  blieb  ihm  bald  nichts  mehr  als  die  Formgewandtheit.
  Seine  radikale  Gesinnung  erhitzte  sich  bis  zur  lästernden
Frechheit,  weil  er  zu  faul,  zu  selbstisch  war,  um  von  der  Zeit  zu  lernen.
Schon  vier  Jahre  vor  der  Revolution  sang  er  die  wüsten  Verse:

Keine  Steuern,  keine  Zölle,

Des  Gedankens  Freiverkehr!

Keinen  Teufel  in  der  Hölle,

Keinen  Gott  im  Himmel  mehr!

Nieder  mit  dem  Blutpokale,

Drin  der  Kirche  Wahnwitz  kreist!

Ein  Kolumb  zerbricht  die  Schale,

Wenn  er  eine  Welt  beweist.
Und  während  des  polnischen  Aufstandes  von  1846  schrieb  er  wütend:

Ich  rufe  den  Empörern  Sieg
Und  jede  Schmach  auf  deutsche  Fahnen!

Als  ihm  dann  endlich,  nach  kläglichen  Heldentaten  im  Revolutionsjahre,
ein  gütiges  Geschick  beschied,  die  Tage  deutschen  Ruhmes  zu  erleben,  da  ist
er  noch  lange  keifend,  schimpfend,  höhnend  hinter  dem  Siegeswagen  des
neuen  deutschen  Reiches  dahergetaumelt,  ein  Trunkenbold  der  Phrase,  verachtet
  von  den  Einsichtigen,  vergessen  von  der  Mehrheit  der  Nation.  Neben
Herweghs  neuen  Gedichten  erschienen  die  losen  Spottverse  Hoffmanns
v.  Fallersleben,  mit  aller  ihrer  burschikosen  Torheit,  doch  ehrlich  und
harmlos;  und  wie  konnte  man  denn  mit  ihm  rechten,  der  in  guten  Stunden
seinem  Volke  so  tief  ins  treue  Herz  blickte,  der,  selber  ohne  Haus  und
Herd,  in  seinen  Kinderliedern  das  holde  Dämmerglück  der  deutschen
Kinderwelt  so  warm,  so  wahr,  so  einfältig,  ohne  einen  einzigen  falschen
Ton  moderner  Niedlichkeit,  besang?

Aus  feinerem  Tone  geformt  war  der  dritte  der  beliebten  Zeitpoeten,
der  kosmopolitische  Nachtwächter  Franz  Dingelstedt.  Man  feierte  ihn
weniger  laut  als  jene  beiden,  weil  die  jüdischen  Zeitungskritiker  ihm  grollten
  und  seine  oft  an  Platens  Formenstrenge  erinnernden  Gedichte  sich
nicht  singen  ließen.  Dennoch  übertraf  er  sie  durch  Geist  und  Witz,  durch  die
scharfe  Welt=  und  Menschenkenntnis,  die  dem  politischen  Dichter  so  unentbehrlich
  ist  wie  dem  Historiker.  Die  leeren  Allgemeinheiten  verschmähend
suchte  er  die  grellen  Widersprüche  des  deutschen  Lebens  zu  anschaulichen
Bildern  zu  gestalten  und  schilderte  bald  mit  übermütigem  Spott  die
        <pb n="383" />
        Dingelstedt.  375

bayrische  Pfaffenherrschaft  oder  die  närrischen  Despotenlaunen  der  Dutzendfürsten
  und  Taschenhöflein,  bald  in  finsterer  Ahnung  das  unheimliche
Schicksal,  das  über  den  alten  Welfen  und  seinen  blinden  Knaben  heraufzog.
  Sein  bitterster  Hohn  galt  „der  Stadt  der  Bildung  und  des  Tees,
der  Künste  und  der  Nücken“,  die  eitle  geistreiche  Unfruchtbarkeit  der
Berliner  Politik  und  Kunst  ekelte  ihn  an.  Ganz  unbekümmert  um  die
Judenschwärmerei  seiner  liberalen  Freunde  wagte  der  Nachtwächter  frank
herauszusagen,  daß  „Er,  der  Einzle,  Einz'ge,  Eine“,  Rothschild  schon  in
der  Bundesstadt  allmächtig  schalte;  er  warnte  die  Deutschen,  das  ewig
klagende  Juda  hätte  schon  längst  zu  Haufen  sich  gesammelt,
Und  halb  um  Gold,  und  halb  mit  Sklavenwitze
Kauft  es  dem  Zeitgeist  ab  sein  Losungswort.
Rücksichtslos  war  seine  Muse,  wie  der  Mann  selber,  aber  niemals  frech.
In  dankbarer  Ehrfurcht  beugte  er  sich  vor  Goethe,  Platen,  Chamisso;  ein
tiefes  Heimweh  klang  durch  seine  Lieder,  wenn  er  von  dem  stillen  Liebreiz
seines  Wesertals  oder  von  dem  Freiheitstrotze  seiner  tapferen  hessischen
Landsleute  sang;  und  den  Frevlern,  die  in  ihrem  rasenden  Parteihaß  das
Vaterland  selber  lästerten,  erwiderte  er  einfach:
Nein,  wer  mit  deutscher  Zunge  spricht
Ruft  Deutschland  niemals  Wehe.

Seine  Dichterkraft  völlig  auszubilden,  gelang  diesem  edel  angelegten
Geiste  doch  niemals.  Ein  Mensch  von  Fleisch  und  Blut,  schön,  schlank
und  liebenswert,  sprudelnd  von  Lebenslust  und  Lebensmut,  sehnte  er  sich
hinaus  aus  der  kleinbürgerlichen  Enge  seiner  Jugend,  er  wollte  die  Welt
sehen,  in  ihr  herrschen,  an  ihrem  Glanze  sich  sonnen.  Als  er  dann,
ohne  seine  liberale  Gesinnung  je  zu  verleugnen,  eine  Bibliothekarstelle  am
Stuttgarter  Hofe  erhielt,  da  mußte  er  wegen  solcher  Verhofräterei,  wie
Heine  spottete,  von  den  Uberzeugungsterroristen  der  liberalen  Presse
groben  Unglimpf  hören,  wie  auch  Anastasius  Grün  ein  Abtrünniger  gescholten
  wurde,  weil  er  nach  dem  Brauche  seines  Hauses  den  österreichischen
  Kämmerertitel  annahm.  Nachher  gewann  Dingelstedt  als  Leiter
großer  Hofbühnen  eine  Mittelstellung  zwischen  der  Kunst  und  der  vornehmen
  Gesellschaft,  wie  sie  seiner  Neigung  zusagte;  er  erwarb  sich  hohe
Verdienste  um  die  Bühne,  doch  zu  eigenem  Schaffen  konnte  er  sich  in
dem  weltmännischen  Treiben  nur  noch  selten  sammeln.

Diesen  Bannerträgern  folgte  ein  ganzes  Heer  von  Zeitpoeten.  Die
Oyrik,  die  so  lange  in  den  Taschenbüchern  der  Damenwelt  ein  stilles  tränenseliges
  Dasein  geführt  hatte,  drängte  sich  lärmend  auf  den  Markt  hinaus;
fast  keine  Zeitung,  die  nicht  manchmal  einen  gereimten  Leitartikel  brachte.
Meist  wurde  die  Poesie  durch  die  Tendenz  gänzlich  übertäubt;  das  Vaterland,
  so  hieß  es  kurzab,  „das  will  von  der  Dichterinnung  statt  dem  verbrauchten
  Leiertand  nur  Mut  und  biedre  Gesinnung.“  Der  Ton  war
fast  überall  radikal,  da  die  Kunst  keine  Vermittlung  verträgt.  Einer
        <pb n="384" />
        376  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

aus  der  rasch  anwachsenden  Schar  unzufriedener  Leutnants,  die  aus
dem  langweiligen  Garnisonsdienste  zur  Schriftstellerei  übergingen,  der
hochherzige  Enthusiast  Friedrich  von  Sallet,  dem  leider  das  Pathos  statt
der  Schönheit  galt,  nahm  der  großen  Mehrzahl  der  jungen  Stürmer  das

Wort  von  den  Lippen,  als  er,  noch  immer  im  barschen  Tone  des  militärischen
  Kommandos,  kurzab  fragte:

Für  Fürstenmacht?  Für  Volkesrecht?
Für  Geisteslicht?  Für  Pfaffendunkel?
Republikaner  oder  Knecht?

Ja  oder  nein!  Nur  kein  Gemunkel!  -
Entweder  oder!

Ganz  unwillkürlich  ward  auch  Ferdinand  Freiligrath  in  die  Wirbel  der
Tendenzpoesie  hineingerissen,  ein  westfälischer  Seelenmensch  mit  treu—
herzigen  Kinderaugen,  der  zuerst  durch  die  virtuose  Behandlung  fremd—
ländischer  Stoffe  Aufsehen  erregt  hatte.  Seine  Jugendgedichte  vom  Ritt
des  Löwen  auf  der  Giraffe,  vom  Mohrenfürsten,  vom  Banditenbegräbnis
schilderten  fast  durchweg  fertige  Situationen  ohne  dramatische  Bewegung,
aber  mit  glühender  Farbenpracht,  in  markiger,  packender  Sprache;  und
wie  sonderbar  sich  auch  der  Baobab,  das  Gnu,  die  Karroo  und  all  der
andere  ausländische  Flitter  in  den  deutschen  Versen  ausnahmen,  so  fühlte
der  Hörer  doch,  daß  alles  selbsterlebt  war,  erlebt  von  einem  tiefen  deut—
schen  Gemüte.  Wenn  der  junge  Poet  in  seinem  weltabgeschiedenen  hei—
mischen  Städtchen  hinter  dem  Ladentische  stand  oder  nachher  als  Kauf—
mannsdiener  in  Amsterdam  die  mächtigen  Ostindienfahrer  an  der  Buiten—
kant  landen  sah,  da  ergriff  ihn  die  Sehnsucht  nach  der  Märchenwelt  der
weiten  Ferne;  die  glänzenden  Gemälde,  die  ihm  dann  im  Augenblicke  aufstiegen,
  mußten  auch  augenblicklich  von  fröhlichen  Freunden  bestaunt  werden,
und  er  selbst  freute  sich  so  herzlich  daran  wie  ein  Knabe  an  den  Wundern
des  Orbis  pictus  oder  des  Guckkastens.  Das  Ferne  und  Fremde  trat  ihm
menschlich  nahe,  sobald  es  sich  ihm  zum  Bilde  gestaltete.  Als  ihm  einmal
in  heller  Sommernacht  im  Schlafzimmer  ein  Landsmann  die  alte  Sage
erzählte,  daß  westfälische  Legionäre  beim  Kreuze  Christi  Wache  gehalten
und  um  des  Heilands  Kleid  gewürfelt  hätten,  da  stand  ihm  mit  einem
Male  vor  Augen,  wie  dort  auf  Golgatha  die  alte  und  die  neue  Weltgeschichte
  sich  berührten;  er  sprang  auf,  schlug  sich  das  Betttuch  in  malerischen
  Falten  um  das  Hemde  und  rief:  „In  Christi  Mantel  der  Germane!“
  —  den  Schlußvers  seines  poetischen  Gemäldes  „die  Kreuzigung“.

Derselbe  Drang  nach  dem  Hohen,  Großen,  Wunderbaren  führte  ihn
dann  in  die  Reihen  des  allerwildesten  Radikalismus,  als  die  politische
Begeisterung  ihn  ergriff;  die  wildschöne  Siegerin  mit  roter  Mütze  und
flatterndem  Haar,  die  Revolution  ward  seine  Göttin.  Ehrlich  im  Hassen
wie  im  Lieben,  harmlos  unerfahren  in  der  Welt  der  Geschichte,  konnte  er
nichts  begreifen,  was  ihm  Halbheit  schien.  Mit  starker  Leidenschaft,  die
        <pb n="385" />
        Freiligrath.  Lenau.  377

auch  den  rohen  Cynismus  nicht  verschmähte,  trat  er  für  diese  Ideale  ein;
in  seinem  wuchtigen  „trotz  alledem  und  alledem“  hallten  die  Schlachtrufe
Ulrichs  von  Hutten:  Perrumpendum  tandeml  lacta  est  alea!  ganz  anders
nach  als  in  Herweghs  zierlicheren  Versen.  Wenn  er  sich  in  seine  radikalen
Träume  verlor,  dann  spielte  seine  erhitzte  Phantasie  selbst  mit  dem
Bilde  des  Königsmords;  er  schilderte  den  „Proletarier-Maschinisten“,
der  den  König  von  Preußen  rheinauf  zum  Stolzenfels  fährt  und  sich
schon  überlegt,  ob  er  nicht  das  Dampfschiff  mitsamt  seiner  erlauchten
Last  in  die  Luft  sprengen  solle:  „der  Dampf  rumort,  er  aber  sagt:
heut,  zornig  Element,  noch  nicht!“  Dabei  blieb  er  doch  allezeit  ein  freundlicher
  frohmutiger  Gesell  und  dichtete  mitten  unter  den  revolutionären
Drohungen  auch  unschuldige  Lieder  vom  Rhein  und  Wein  und  das
tief  empfundene  „O  lieb',  solang  du  lieben  kannst“,  so  daß  er  niemals
bloß  für  einen  Tendenzdichter  gelten  konnte.  Sein  gutes  Herz  bewahrte
  ihn  auch,  trotz  so  manchem  politischen  Torenstreiche,  vor  der  Verzweiflung
  am  Vaterlande.  „Herr  Gott  im  Himmel,  welche  Wunderblume
wird  einst  vor  allen  dieses  Deutschland  sein“,  so  sprach  er  ahnungsvoll,
da  er  die  Blüten  am  Baume  der  Menschheit  betrachtete;  und  wenn
er  sein  Deutschland  einen  Hamlet  nannte  —  eine  Vergleichung,  die  nun—
mehr  in  Vers  und  Prosa  unendlich  oft  wiederholt  wurde  —  so  fügte  er
doch  bescheiden  hinzu:

Bin  ich  ja  selbst  ein  Stück  von  dir,

Du  ew'ger  Zauderer  und  Säumer!
So  konnte  er  leben  mit  den  Lebendigen,  und  als  nach  Jahren  alle  seine
republikanischen  Ideale  zertrümmert  am  Boden  lagen,  der  Traum  seiner
Jugend  durch  monarchische  Gewalten  in  Erfüllung  ging,  da  jubelte  er  dank—
bar,  ohne  Kleinsinn,  der  neuen  Größe  Deutschlands  zu,  und  sein  heller
Dichtergruß  antwortete  der  Trompete  von  Gravelotte.

Nicht  eigentlich  durch  die  politische  Leidenschaft,  sondern  durch  die
Sehnsucht  nach  geistiger  Freiheit  wurde  auch  der  Deutsch-Ungar  Nikolaus
Lenau  in  das  Heerlager  der  lyrischen  Streiter  geführt.  Dem  edlen,  wahrhaftigen,
  liebevollen  Träumer  hing  die  Schwermut  nachtend  über  der
krausen  Stirn  und  den  feurig  dunklen  Augen;  er  versenkte  sich  in  die
Schauer  der  „ernsten,  milden,  träumerischen,  unergründlich  süßen  Nacht“,
er  hörte  das  Schiff  am  See  gespenstisch  flüstern,  er  brütete  finster  über
der  Nichtigkeit  des  Lebens,  „wie  man's  verraucht,  verschläft,  vergeigt  und
es  dreimal  verachtet“.  Die  Jugendgedichte,  in  denen  er  die  öde  schweigende
Heide,  das  unendliche  Meer,  das  Leid  der  jungen  Liebe,  die  süße  Todesmüdigkeit
  des  Unglücks  besang,  waren  zuweilen  unklar  und  formlos,
aber  immer  belebt  durch  eine  tief  und  wahr  empfundene  elegische  Stimmung;
  sie  klangen,  als  ob  die  Zigeuner  seiner  heimischen  Pußten  auf
ihren  Geigen  eine  traurige  Weise  spielten.  In  jungen  Jahren  ging
er,  die  Freiheit  suchend,  nach  Amerika,  und  als  er  dann  schmerzlich  ent-
        <pb n="386" />
        378  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

täuscht  aus  dem  „Land  voll  träumerischem  Trug“  heimgekehrt  war,  versuchte
  er  sich  an  größeren  Werken.

In  der  lockeren,  echt  modernen  Kunstform  des  lyrischen  Epos,  die  in
England  seit  Scott  und  Byron  heimisch,  den  Deutschen  noch  wenig  vertraut
  war,  konnte  Lenaus  allezeit  schwärmerisch  erregter  und  doch  nach
Gestaltung  drängender  Geist  sich  am  freiesten  entfalten.  Die  harmonische
Schönheit  der  Goethischen  Dichtung  war  ihm  so  unheimlich  wie  des  Altmeisters
  heitere  Lebensweisheit;  er  wollte  der  Menschheit  durch  richtende
und  befreiende  Worte  das  Bewußtsein  ihrer  Ewigkeit  erwecken.  Doch  der
Drang  der  Erkenntnis  gereichte  dem  Grübler  zum  Fluche;  furchtbare
Zweifel  zerrissen  und  zermarterten  sein  krankes  Herz,  sein  Weltschmerz
war  ehrlich  und  endete  im  Wahnsinn.  So  ward  auch  der  Zweifel,  wie
Lenau  selbst  gestand,  der  eigentliche  Held  seiner  wirksamsten  Dichtung,
der  Albigenser.  Manche  Auftritte  des  gräßlichen  Glaubenskrieges  führte
er  den  Lesern  mit  erschütternder  Gewalt  vor  die  Seele;  der  Wechsel  der
bewegten  Versmaße,  gefährlich  für  die  Einheit  des  Ganzen,  gab  den  einzelnen
  Szenen  lebendige  Stimmung.  Der  schlichte  evangelische  Bibelglaube
  aber,  in  dem  doch  gerade  die  ahnungsvolle  Größe,  der  geistige
Gehalt  jenes  ehrwürdigen  mittelalterlichen  Ketzertums  enthalten  ist,  blieb
dem  katholischen  Zweifler  unverständlich;  der  Dichter  strich  von  seinen
Albigensern  alle  frische  historische  Farbe  ab  und  zeichnete  sie  als  die
Vorkämpfer  einer  ziellosen  Freigeisterei,  einer  modernen,  schlechthin  verneinenden
  Gesinnung.  Und  ganz  nach  dem  Herzen  seiner  aufgeregten  Leser,
ein  rechtes  Zeichen  der  Zeit  war  denn  auch  die  prächtige  Schlußvision  des
Gedichts,  welche  die  gesamte  Weltgeschichte  wie  einen  unendlichen  Kampf
der  Freiheit  wider  dumpfen  Zwang  darstellte:

Den  Albigensern  folgen  die  Hussiten

Und  zahlen  blutig  heim,  was  jene  litten.
Nach  Huß  und  Ziska  kommen  Luther,  Hutten,
Die  dreißig  Jahre,  die  Cevennenstreiter,

Die  Stürme  der  Bastille  —  und  so  weiter!

Mit  wohlbegreiflichem  Arger  betrachtete  Heinrich  Heine  diese  Wandlungen
  unseres  geistigen  Lebens.  Das  hohe  Pathos  der  lyrischen  Demagogen
  mußte  dem  ästhetischen  Gefühle  des  geistreichen  Schalks  lächerlich
erscheinen,  und  unmöglich  konnte  er  der  Weltgeschichte  verzeihen,  daß  sie
so  ganz  andere  Wege  ging,  als  er  geweissagt.  Die  Deutschen,  die  hundertmal
  beschimpften,  wagten  gegen  „das  aufrichtige  und  großmütige,  bis  zur
Fanfaronade  großmütige  Frankreich“  ihren  Willen  zu  behaupten  und
durchzusetzen,  sie  erdreisteten  sich  sogar,  eine  Nation  zu  werden  —  was
ihnen  Heine  doch  ein  für  allemal  grinsend  verboten  hatte;  und  das
ärgste  von  allem,  das  tödlich  gehaßte  Preußen  stand  jetzt  im  Vordergrunde
  der  deutschen  Politik.  Noch  immer  jammerte  Heine  in  seinen
Schriften  kläglich  über  die  schlaflosen  Nächte  des  Exils,  das  er  sich  durch
seine  deutsche  Vaterlandsliebe  verdient  haben  wollte.  Dabei  bezog  er
        <pb n="387" />
        Heine  im  Exil.  379

wohlgemut  seine  Pension  von  König  Ludwig  Philipp,  und  da  er  sich  von
Frankreich  bezahlen  ließ,  so  bewarb  er  sich,  ganz  folgerichtig,  auch  um  das
französische  Staatsbürgerrecht.  Der  ängstliche  Guizot  erschrak;  denn  nach
den  herzbrechenden  Klagen  des  Dichters  mußte  er  annehmen,  daß  Heine
in  Deutschland  als  ein  fürchterlicher  Hochverräter  verfolgt  würde.  Um
den  Berliner  Hof  nicht  zu  beleidigen,  ließ  er  zunächst  durch  den  Ge—
sandten  Bresson  vorsichtig  anfragen:  wie  Heine  zur  preußischen  Regierung
stehe?  und  was  man  tun  wolle,  wenn  er  französischer  Untertan  würde?
Darauf  erfolgte  (17.  Febr.  1843)  die  kühle  Antwort:  unsere  Behörden
wissen  gar  nicht,  ob  Heine  noch  preußischer  Untertan  ist;  sie  haben  vor
Jahren  seine  Schriften  verboten,  aber  gegen  seine  Person  niemals  irgend
eine  polizeiliche  Maßregel  angeordnet;  will  er  sich  in  Frankreich  natura—
lisieren  lassen,  so  finden  wir  nichts  dawider  einzuwenden,  dann  hat  er
gegen  uns  die  Rechte  eines  Franzosen.“)  Das  war  der  Unglückliche,
dessen  gräßliches  Martyrium  den  deutschen  Zeitungsschreibern  so  viele
blutige  Tränen  erpreßte!  Da  mithin  Guizots  einziges  Bedenken  aufs
gründlichste  beseitigt  war,  so  läßt  sich  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  annehmen,
  daß  Heine  nunmehr  wirklich  ein  Franzose  wurde,  obgleich  er  dies
späterhin  ableugnete;  das  Bürgerrecht  des  so  unsäglich  verabscheuten  preußischen
  Staates  aufzugeben,  konnte  ihn  doch  keine  Überwindung  kosten,
nachdem  er  längst  schon  französischen  Sold  empfing.  Als  Guizot  kaum  zwei
Jahre  darauf  (Jan.  1845)  sich  entschloß,  die  sämtlichen  Mitarbeiter  der
radikalen  deutschen  Zeitschrift  Vorwärts  auszuweisen,  da  wurde  Heine,  der
auch  zu  den  Mitarbeitern  gehörte,  ausdrücklich  ausgenommen,  weil  er  als
naturalisierter  Franzose  nicht  ausgewiesen  werden  konnte;  und  wer  mag
glauben,  daß  die  französische  Regierung,  nach  allem,  was  geschehen,  die
Staatsangehörigkeit  eines  ihr  so  nahe  stehenden  Mannes  nicht  gekannt
haben  sollte?

Auf  die  Dauer  konnte  das  leere  Geplauder  des  Feuilletons  dem
Künstlersinne  Heines  doch  nicht  genügen;  er  sammelte  sich  wieder  zu
poetischer  Arbeit,  und  manche  seiner  neuen  Gedichte  standen  den  älteren
gleich.  Selbst  in  dem  Liederstrauße,  den  er  unbefangen  neun  Pariser
Straßendirnen  zugleich  darbot,  dufteten  einzelne  frische  Blüten.  So  dreist,
so  lebendig  hatte  er  sein  Evangelium  von  der  Verklärung  des  Fleisches  noch
nie  verkündigt,  wie  jetzt  in  den  Versen:

Vernichtet  ist  das  Zweierlei,

Das  uns  so  lang  betöret.

Die  dumme  Leiberquälerei

Hat  endlich  aufgehöret.
Die  Gesinnungstüchtigkeit  der  neuen  politischen  Lyrik,  die  ihn  so  widerwärtig
  an  die  verhaßten  teutonischen  Gesänge  des  Befreiungskrieges  er- 



*)  Schreiben  des  Ministeriums  der  auswärtigen  Angelegenheiten  an  Graf  Bresson,
Berlin  17.  Febr.  1843.  Vgl.  Beilage  31.
        <pb n="388" />
        380  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

innerte,  dachte  er  zu  überwinden  durch  den  Atta  Troll,  einen  Sommernachtstraum,
  der  phantastisch  sein  sollte,  zwecklos  wie  die  Liebe,  wie  das
Leben.  Er  überwand  sie  nicht,  obwohl  er  zu  ihrer  Verhöhnung  das  glückliche
  Schlagwort  erfand  „kein  Genie,  doch  ein  Charakter“;  denn  sein
eigenes  Gemüt  empfand  längst  nicht  mehr  frei  genug,  um  sich  unbefangen
im  Spiele  des  Humors  zu  ergehen.  Der  Atta  Troll  wurde  keineswegs,
wie  der  Dichter  meinte,  das  letzte  freie  Waldlied  der  Romantik,  sondern
gerade  durch  den  bewußten  Kampf  wider  die  Tendenz  selbst  ein  Tendenzgedicht;
  ihm  fehlte  nicht  nur,  wie  allen  größeren  Versuchen  Heines,  die
geschlossene  künstlerische  Komposition,  sondern  auch  die  Einheit  der  Stimmung.
  An  dem  dünnen  Faden  einer  albernen,  nicht  einmal  drolligen
Bärengeschichte  war  allerhand  feuilletonistischer  Kleinkram  aufgereiht:
Landschaftsschilderungen  aus  den  Pyrenäen,  Zauberbilder  von  der  Hexenküche
  und  der  wilden  Jagd,  vornehmlich  aber  politische  und  literarische
Bosheiten  jeder  Art.  Reich  an  schönen  Bildern  und  bestechenden  übermütigen
  Witzen  wirkte  das  Ganze  doch  nicht  heiter,  nicht  befreiend.
Der  Waldesduft  der  unschuldigen  Märchenwelt  vertrug  sich  nicht  mit  dem
Schwefeläther  journalistischer  Polemik;  die  vierfüßigen  Trochäen,  die  nur
durch  das  heroische  Pathos  spanischer  Grandezza  Kraft  und  Feuer  gewinnen
  können,  klangen  hier,  wo  sie  einem  komischen  Stoffe  aufgezwängt
wurden,  eintönig,  einschläfernd,  wie  das  Geplätscher  aus  dem  Brunnenrohre.


Weit  freier  und  ehrlicher,  aber  auch  noch  schmutziger  und  frecher  gab
sich  Heine  in  dem  Wintermärchen:  Deutschland  (1844);  er  schrieb  es  nieder,
nachdem  er,  völlig  unbelästigt  durch  die  Behörden,  sein  Vaterland  noch
einmal  besucht  hatte.  Hier  war  alles  Tendenzz  hier  zeigte  sich,  daß  der
Atta  Troll  durchaus  nicht  die  prosaische  Herabwürdigung  der  freien  Kunst
bekämpft  hatte,  sondern  lediglich  die  politische  Richtung  der  neuen  Zeitlyriker.
  Diese  jungen  Propheten  fühlten  sich  zumeist  doch  stolz  als  Söhne
eines  großen  Vaterlandes;  Heines  Tendenz  aber  blieb  nach  wie  vor,
alles  deutsche  Wesen  zu  verhöhnen,  obgleich  ihn  dann  und  wann  einmal
ein  leises  Heimweh  beschlich.  Er  hatte  sich  seiner  Nation  entfremdet
und  stand  den  neuen  Ideen,  welche  Deutschland  jetzt  durchrauschten,
ebenso  verständnislos,  ebenso  reaktionär  gegenüber,  wie  einst  Nicolai
und  die  Berliner  Aufklärer  unserer  jugendlichen  klassischen  Dichtung.
Was  ihm  auch  im  neuen  Deutschland  begegnen  mochte,  alles  und  jedes
riß  er  in  den  Staub;  auf  jeder  Seite  des  Wintermärchens  kicherte  er
schadenfroh:  es  wird  nichts  daraus,  es  kann  nichts  daraus  werden;  und
den  Siegern  von  Dennewitz  und  Belle  Alliance,  die  in  ihrem  neuen
Helmschmucke  so  bald  wieder  zum  dritten  Male  den  alten  Siegesweg  nach
Paris  ziehen  sollten,  sang  er  weissagend  die  Warnung  zu:  „Des  Mittelalters
  schwerer  Helm  könnt'  euch  genieren  im  Laufen!“  Aber  all  dieser
Hohn  und  Haß  kam  unzweifelhaft  aus  den  Tiefen  des  Herzens.  Auch
        <pb n="389" />
        Abtta  Troll.  Wintermärchen.  Zeitgedichte.  381

das  leichte  gereimte  Versmaß  mit  seinen  scheinbar  kunstlosen  und  doch  dem
Genius  unserer  Sprache  fein  abgelauschten  Hebungen  und  Senkungen
gab  dem  Wintermärchen  einen  frechen  Schwung,  der  den  Künsteleien  des
Atta  Troll  fehlte;  die  alte  Sprachgewalt  war  dem  Dichter  auch  jetzt  noch
geblieben,  und  in  Paris  wollte  man  sein  Französisch  nie  recht  gelten  lassen,
denn  wer  einer  Sprache  gänzlich  Meister  ist,  kann  eine  zweite  fast  niemals
völlig  beherrschen.  Um  den  Besuch  des  alten  Vaterlandes  würdig  abzuschließen,
  fragte  Heine  zum  Abschied  nach  der  Zukunft  Deutschlands  und
erblickte  ihr  Bild  —  im  Nachtstuhle  Karls  des  Großen:  „es  war,  als  fegte
man  den  Mist  aus  sechsunddreißig  Gruben!“  Gerade  dies  Gedicht,  eines
der  geistreichsten  und  eigentümlichsten  aus  Heines  Feder,  mußte  den
Deutschen  zeigen,  was  sie  von  diesem  Juden  trennte.  Die  arischen  Völker
haben  ihren  Thersites,  ihren  Loki;  einen  Ham,  der  seines  Vaters  Scham
entblößt,  kennen  nur  die  Sagen  der  Orientalen.

Daß  ein  englischer,  ein  französischer  oder  italienischer  Jude  sich  je
erfrecht  hätte,  sein  Geburtsland  dermaßen  mit  Unflat  zu  bewerfen,  war
schlechthin  undenkbar.  Der  deutsche  Nationalstolz  aber,  unfertig  wie  er
war,  bald  überreizbar,  bald  stumpf,  ertrug  auch  dies.  Derweil  die  ernsten
Männer  sich  angeekelt  abwendeten,  behielt  Heine  unter  der  radikalen
Jugend  noch  immer  Verehrer,  und  bald  wagte  er  in  seinen  „Zeitgedichten“
jene  Schmutzereien  noch  zu  überbieten.  Über  dem  stinkenden  Sumpfe  der
„Lobgesänge  auf  König  Ludwig  von  Bayern“  erglänzte  noch  dann  und
wann  das  Frrlicht  eines  schlechten  Witzes;  doch  den  Spottliedern  auf
Preußen  und  sein  Herrscherhaus  fehlte  jeder  Hauch  künstlerischer  Anmut,
  feinen  Scherzes;  hier  erklang  nur  noch  das  „steiniget  ihn,  kreuziget
  ihn“,  das  blödsinnige  Wutgeheul  jüdischen  Hasses.  „Ihr  sollt  es
ersäufen  oder  verbrennen“,  so  sprach  er  über  Preußen,  den  Wechselbalg,
  das  Ungetüm,  unter  einem  Aufwande  sodomitischer  Bilder,  wie  sie
nur  seiner  unreinen  Phantasie  entsteigen  konnten.  Und  wieder  unter
sodomitischen  Schmutzreden  schilderte  er  die  Hohenzollern,  das  Geschlecht
Friedrichs  des  Großen,  also:

Das  Brutale  in  der  Rede;

Das  Gelächter  ein  Gewiehrr;

Stallgedanken,  und  das  öde

Fressen  —  jeder  Zoll  ein  Tier!
Nicht  lange  nachher  verfiel  er  einer  schrecklichen  Krankheit,  die  ihn  bis  zum
Tode  an  das  Bett  fesselte.  Er  ertrug  sie  standhaft  —  allerdings  nicht
ohne  der  Welt  die  Qualen  seiner  „Matratzengruft“  mit  orientalischem
Marktgeschrei  zu  verkündigen  —  und  blieb  der  Alte,  ein  Dichter,  der  Schönheit
  ebenso  mächtig  wie  der  Niedertracht.  Sein  letzter  Ausgang,  bevor
er  für  immer  der  freien  Luft  entsagen  mußte,  führte  ihn  in  den  Louvre,
zu  der  Stelle,  wo  das  Standbild  der  Venus  von  Melos  leuchtend  aus
der  roten  Wand  heraustritt.  Dort  vor  dem  Bilde  der  Göttin,  die  ihm
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        382  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

so  viel  Lust  und  so  viel  Leid  geschenkt,  brach  er  weinend  zusammen  —
ein  erschütternder  Anblick  für  jeden,  der  Menschenschuld  und  Menschen—
ruhm  menschlich  zu  verstehen  vermag.

So  klirrte  und  schwirrte  es  überall  von  streitbaren  politischen  Versen.
Selbst  Adolf  Glaßbrenner,  der  Liebling  und  Erzieher  des  zungenfertigen
demokratischen  Berliner  Kleinbürgertums,  bestieg  jetzt  einmal  das  Flügel—
roß.  Sein  neuer  Reineke  Fuchs  spiegelte  den  Jesuitenhaß  der  nord—
deutschen  Lichtfreunde  in  burlesken  Bildern  und  ausgelassenen  Späßen
wieder;  doch  über  die  feine  Grenze,  welche  die  Prosa  von  der  Poesie,  die
grobe  direkte  Satire  vom  verklärenden  Humor  trennt,  kam  er  nur  selten
hinaus.

Unter  den  jungen  Lyrikern  war  nur  einer,  der  sich  herausnahm,
stolz,  im  Gefühle  eines  hohen  künstlerischen  Berufes,  dem  Radikalismus
der  Zeitpoeten  und  der  Heinischen  Frivolität  zugleich  entgegenzutreten:
der  Lübecker  Emanuel  Geibel.  Aufgewachsen  in  der  gesunden  Luft  eines
frommen,  hochgebildeten  evangelischen  Pfarrhauses,  unter  dem  kräftigen
Bürgertum  und  den  großen  historischen  Erinnerungen  seiner  alten  Hanse—
stadt,  stand  er  von  frühan  fest  auf  dem  Boden  des  christlichen  Glaubens:

Mir  quillt  der  Dichtung  heil'ger  Bronneng
Am  Felsen,  der  die  Kirche  trägt.
Er  hatte  Italien  durchwandert,  mit  seinem  Freunde,  dem  Philologen
Ernst  Curtius  auf  den  Inseln  des  Agäischen  Meeres  eine  selige  Zeit  der
Dichterwonne  durchlebt,  und  noch  lange  nachher  fiel  es  ihm  schwer,  die
Flammenstrahlen  der  südlichen  Sonne  zu  entbehren.  Die  reine  Schönheit,
  die  er  dort  geatmet,  den  Formenadel  seines  Lieblings  Platen
wollte  er  der  deutschen  Lyrik  durch  ernste,  keusche  Dichtungen  wieder
bringen,  im  bewußten  Gegensatze  zu  Heines  spielender  Formlosigkeit  und
zu  der  handgreiflichen  Tendenz  der  politischen  Dichter.  Die  Kritik  wußte
mit  ihm  zuerst  nichts  anzufangen;  sie  fällte  das  Urteil,  das  er  selbst
vorhergesagt:  „und  wer  nicht  mitschreit,  heißt  ein  Knecht.“  Man  nannte
ihn  den  Poeten  der  Backfische,  weil  die  Liebesgedichte  seiner  Jugend,  obwohl
  allesamt  erlebt  in  tiefem  Seelenglück  und  Seelenleid,  von  sentimentaler
  Weichheit  nicht  frei  waren.  Nachher  kam  doch  die  Zeit,  da  auch
reise  Männer  sich  an  der  getragenen  Würde  seiner  gedankenreichen,  formvollendeten
  Terzinen  und  Sonette  erfreuten.  Die  fortreißende  Macht
dramatischer  Leidenschaft  blieb  ihm  freilich  ebenso  versagt  wie  der  Einblick
in  die  tiefsten  Abgründe  des  Seelenwesens.  Fast  zu  gleicher  Zeit  versuchten
sich  Geibel  und  Heine  an  der  Fabel  vom  Tannhäuser.  Geibels  Gedicht
ward  ein  wohlabgerundetes  kleines  Kunstwerk,  vom  Anfang  bis  zum  Ende
durchklungen  von  demselben  Tone  warnender  Wehmut,  während  Heine
nach  einem  glücklichen  Anfang  sich  den  letzten  Eindruck  durch  feuilletonistische
  Witzeleien  selbst  verdarb.  Aber  die  Schauer  der  Wollust,  die
geheimnisvolle  Macht  der  Weiberschönheit,  die  schon  Vater  Homer  schreck-
        <pb n="391" />
        Geibel.  Tieck.  383

haft  nannte,  die  sinnberückenden  Zauberkünste  der  Teufelin  des  Venus—
bergs,  diese  ganze  dämonische,  mit  der  Askese  des  Mittelalters  so  wirk—
sam  kontrastierende  Welt  der  Sinnenglut,  die  der  alten  Sage  doch  allein
Farbe  und  Leben  gibt,  verstand  der  lose  Pariser  Spötter  unvergleichlich
anschaulicher,  feuriger,  schöner  auszugestalten  als  sein  sittsamerer  Gegner.

Geibel  haßte  den  Pöbel,  den  Gleichheitswahn  des  Radikalismus,
„denn  Sünde  ward  es,  aus  dem  Schwarm  zu  ragen“,  und  mit  einem
ehrlichen  „Gott  helfe  mir,  ich  kann  nicht  anders“  sagte  er  Herwegh
ins  Gesicht:  daß  deine  Lieder  Aufruhr  läuten!  „Zu  baurn,  zu  bilden,
zu  versöhnen“  dünkte  ihm  ein  besseres  Amt  als  die  Fackel  Herostrats
zu  schwingen.  Und  doch  glühte  auch  sein  Herz  für  die  Größe  des  Vaterlandes,
  für  ein  freies  Volk,  das  fest  halten  sollte  an  seinem  Gott  und
seinem  Recht.  Aus  den  verworrenen  Träumen  der  Zeit  fand  sein  edler
Sinn  sicher  die  lebendigen  Ideale  heraus;  den  alten  Kaisertraum  seines
Volkes  bewahrte  er  sich  in  aller  Enttäuschung  so  treu  wie  die  Hoffnung
auf  den  Staat  Friedrichs  des  Großen;  für  die  Rechte  Schleswig-Holsteins
  trat  er  zuerst  unter  allen  deutschen  Dichtern  in  die  Schranken;  der
Konservative  scheute  sich  nicht,  auch  den  Italienern  einen  rettenden
Odysseus,  den  Griechen  die  Befreiung  des  Bosporus  zu  weissagen,  und
nachdem  seine  ersten  Zeitgedichte  in  dem  wüsten  Toben  des  Radikalismus
fast  verklungen  waren,  sollte  er  dereinst  noch  der  glückliche  Sängerherold
des  neuen  Reiches  werden.  Damals  freilich  konnte  selbst  dieser  milde,
sinnige  Dichtergeist  sich  der  Ahnung  furchtbarer  Kämpfe  nicht  erwehren;
er  sah,  wie  der  Hader  der  Parteien  uns  das  Mark  im  Gebeine  versengte,
wie  viel  tausend  Hungergesichter  sich  vor  den  Häusern  der  Reichen  drängten,
und  sagte  warnend:  Deutschland  ist  todkrank,  schlagt  ihm  eine  Ader!  —

 

Wie  eine  Stimme  aus  dem  Grabe  erklang  in  diese  modernen  Kämpfe
hinein  der  Roman  Vittoria  Accorombona,  Ludwig  Tiecks  letzte  Dichtung,
kurz  vor  der  Übersiedelung  nach  Berlin  vollendet,  wohl  das  reifste,  das
bestdurchdachte  Kunstwerk  des  alten  Meisters,  eine  in  strengem  historischem
Stile  gehaltene,  selten  durch  Betrachtungen  unterbrochene  Erzählung  von
den  Greueln  des  ausgehenden  Cinquecento,  von  den  Untaten  jenes  hochgebildeten
  Geschlechts,  das  jeden  starken  Menschen  in  die  Wirbel  der  allgemeinen
  politischen  und  sittlichen  Zuchtlosigkeit  hineinriß  und  sich  so  lange
selbst  zerfleischte,  bis  der  bleischwere  Schlummer  der  Fremdherrschaft  über
Italien  hereinsank.  Die  Sinnlichkeit  erschien  hier  immer  heidnisch  nackt,
das  Verbrechen  berechnet,  sicher,  unbedenklich,  die  Schuld  des  einzelnen
als  die  notwendige  Schuld  des  Ganzen;  das  Gewissen  schwieg,  jeder
Frevler  sagte  zu  seinen  Opfern  kalt:  cosa  katta  capo  ha.  Die  Kritiker,
die  den  alten  Gegner  des  Jungen  Deutschlands  längst  haßten,  beeilten
        <pb n="392" />
        384  V.  5  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

sich,  dies  ganz  aus  der  Fülle  geschichtlichen  Lebens  heraus  empfundene,
in  seiner  Art  meisterhafte  Gedicht  mit  einigen  schnöden  Bemerkungen  über
altromantischen  Höllenspuk  abzutun.

Ganz  grundlos  war  dieser  ungerechte  Tadel  nicht.  Die  Gegenwart
besaß  doch  schon  zu  viel  eigenes  Leben,  sie  verlangte  mit  Recht,  ihre  eigenen
Empfindungen  auch  in  der  Schilderung  einer  fremden  abenteuerlichen  Welt
wiederzufinden.  Darum  vornehmlich  hatten  Walter  Scotts  historische
Romane,  die  allen  verständlichen,  in  Deutschland  eine  so  ungeheuere  Ver—
breitung  gefunden,  obgleich  Tieck  und  die  anderen  Romantiker  den  größten
Erzähler  des  Jahrhunderts  kaum  zu  den  Dichtern  rechnen  wollten.  Unter
Scotts  zahlreichen  Nachahmern  waren  manche  Unterhaltungsschriftsteller
gewöhnlichen  Schlages,  aber  auch  der  geistreiche  Schwabe  Rehfues,  dessen
Roman  Scipio  Scicala  den  dumpfen  Druck  der  spanischen  Herrschaft  in
Neapel,  das  wilde  Renegatentum  der  spanisch-türkischen  Seekriege,  die
gräßliche  Entartung  des  südländischen  Priesterlebens  so  treu  und  lebendig
schilderte,  daß  die  Klerisei  des  Rheinlands  für  nötig  hielt,  den  freimütigen
Dichter  aus  Bonn  zu  entfernen.“)

Sie  alle  überragte  Willibald  Alexis,  ein  in  Berlin  längst  heimischer
Schlesier  aus  hugenottischem  Stamme.  Er  faßte  sich  das  Herz,  mit
Scott  selbst  zu  wetteifern,  den  historischen  Roman,  so  wie  es  dem
Schotten  in  seiner  Heimat  gelungen  war,  zum  modernen  Nationalepos
  zu  erheben.  Die  Freude  am  Erzählen  hatte  er  von  den  schlesischen
  und  französischen  Altvordern  geerbt;  einem  bewegten  Geschäftsleben
verdankte  er  eine  reiche  Menschenkenntnis.  Schon  1832,  lange  bevor  die
Historiker  sich  des  gewaltigen  Stoffes  ernstlich  bemächtigt  hatten,  wagte
er  sich  in  dem  Roman  Cabanis  an  das  friderizianische  Zeitalter;  und
nicht  bloß  der  schon  von  Lessing  geschilderte  Gegensatz  kursächsischer  Feinheit
  und  preußischer  Schroffheit,  auch  die  vielen  anderen  tragischen  Gegensätze
  jener  großen  Tage,  die  engherzige  Haustyrannei  des  Berliner  Kleinbürgertums
  und  die  freie  Heldengröße  des  Königs,  die  eiserne  Mannszucht
  des  Heeres  und  die  windigen  Ränke  abenteuernder  Diplomaten
erschienen  hier  lebendig  ausgestaltet  in  Menschen  von  kräftiger  Eigenart.
Dann  folgten  Romane  aus  den  askanischen  und  den  ersten  hohenzollernschen
  Zeiten,  aus  den  Tagen,  da  die  Reformation  in  die  Marken  einzog,
  endlich  aus  dem  Zeitalter  der  Fremdherrschaft.  Überall  echt  märkische
Charaktere,  knapp  und  scharf,  treu  und  tapfer,  nicht  ganz  so  übermäßig  sittsam
  wie  die  meisten  Helden  Scotts,  Kerneichengewächs,  aus  dem  sich  wohl
das  Holz  zu  einer  Großmacht  schnitzen  ließ.  Und  wie  köstlich  war  die  seit  den
Kräutersalat-Versen  des  guten  Schmidt  von  Werneuchen  und  dem  Spotte
Goethes  so  viel  verhöhnte  märkische  Landschaft  verklärt:  die  im  Abendlichte
  glühenden  roten  Kiefernstämme,  das  mittägliche  Schweigen  der

 

*)  S.  o.  V.  296.
        <pb n="393" />
        Alexis.  Auerbach.  385

schwülen  öden  Heide,  die  blauen  Seen  mit  dem  einsam  kreisenden  Reiher
darüber.  Was  im  alten  Berlin  lebendig  und  naturwüchsig  war,  ist  niemals
treuer  dargestellt  worden,  als  von  den  beiden  Halbfranzosen  Chamisso  und
Häring.  Ein  fleißiger  Künstler,  bedachtsam  sinnend  und  feilend,  vermochte
Alexis  doch  nicht  jederzeit  in  so  heiterer  Sicherheit  wie  Scott  über  der  Fülle
seiner  Gestalten  zu  stehen;  und  die  große  Schlußwirkung,  gerade  die  Stärke
des  Schotten,  fehlte  bei  ihm  fast  immer,  da  er  die  Einwirkung  der  Tieckschen
Romantik  nie  ganz  überwand  und  zuletzt  oft  wie  im  Traum  die  Zügel
aus  den  Händen  gleiten  ließ.

Gleichwohl  blieben  dies  e  vaterländischen  Romane  echte  Perlen  erzählen—
der  Dichtung,  sie  konnten  in  jedem  guten  deutschen  Bürgerhause  zugleich
künstlerische  und  patriotische  Freude  erregen.  Da  zeigte  sich  aber,  was
es  auf  sich  hat,  ob  eine  Nation  sich  noch  eins  fühlt  mit  ihrer  Geschichte.
Die  Schotten  lebten  und  dachten  allesamt  mit  ihrem  nationalen  Roman—
dichter,  sie  hoben  ihn  frohlockend  auf  den  Schild.  Jeder  Graham,  Scott,
Campbell,  Douglas  fühlte  sich  geehrt,  wenn  er  die  Genossen  seines  Clans
in  Sir  Walters  Romanen  wiederfand.  Dem  deutschen  Dichter,  der
allerdings  nicht  ganz  so  hoch  stand,  wurde  von  solchem  Flammenmeere
nationaler  Begeisterung  nicht  einmal  ein  kümmerlicher  Lichtstrahl  zu  teil.
Die  Deutschen  außerhalb  Brandenburgs  wußten  von  der  märkischen  Vor—
zeit  noch  schlechthin  gar  nichts;  sie  fanden  es  mühsam,  sich  auch  nur  hin—
einzulesen  in  diese  fremde  Provinzialgeschichte.  Die  Brandenburger  selbst
wurden  geistig  beherrscht  von  dem  durchaus  lieblosen  und  geschichtslosen
Berlinertum,  sie  haben  sich  um  den  eigentlich  märkischen  Dichter  nie  viel
gekümmert.  Und  auch  die  Undankbarkeit  der  Hohenzollern  sollte  er  gründ—
lich  kennen  lernen,  den  unschönen  Erbfehler  des  Herrscherhauses,  von  dem
unter  allen  preußischen  Königen  allein  Friedrich  der  Große  und  Kaiser
Wilhelm  I.  ganz  frei  geblieben  sind;  soviel  man  weiß,  hat  der  Dichter
des  Rolands  von  Berlin  und  der  Hosen  des  Herrn  v.  Bredow  in  diesen
Jahren  von  seinem  kunstsinnigen  Könige  nie  ein  anderes  Zeichen  der  Teilnahme
  empfangen  als  jenen  ungerechten  Brief,  der  ihm  die  liberalen
Harmlosigkeiten  seiner  Vossischen  Zeitung  strafend  vorhielt.)

Weit  reicheren  Beifall  ernteten  die  Dorfgeschichten  Berthold  Auerbachs,
  ein  Buch,  das  den  realistischen  Zug,  die  demokratische  Weltanschauung
  des  neuen  Geschlechts  kräftig  förderte  und  dadurch  Bedeutung  für
die  Zeitgeschichte  gewann.  Auerbach  stammte  aus  einem  jener  jüdischen
und  halbjüdischen  Dörfer,  welche,  eine  seltene  Ausnahme  auf  deutschem
Boden,  da  und  dort  am  oberen  Neckar  liegen.  An  Spinoza  gebildet,
hatte  er  sich  als  Dichter  anfangs  nur  an  jüdischen  Stoffen  versucht  und
trat  nun  plötzlich  mit  einem  weiten  Schritte  aus  dem  Ghetto  in  das  deutsche
Volksleben  hinüber.  Seine  kleinen  Geschichten  waren  mit  niederländischem

—

*)  S.  v.  V.  208.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  25
        <pb n="394" />
        386  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

Fleiße  sauber  ausgemalt,  gewissenhaft  der  Natur  nachgebildet,  frisch  und
kräftig,  frei  von  gefühlsseliger  Schönfärberei,  so  realistisch  gehalten,  daß
selbst  die  Sprache  beständig  wechselte:  der  schwäbische  Dialekt  der  Bauerngespräche
  und  sogar  der  Bauernbriefe  hob  sich  grell,  oft  häßlich  ab  von
dem  Hochdeutsch  der  Erzählung  und  der  allzu  reichlich  eingestreuten  Reflexionen.
  Auerbach  hatte  sein  Manuskript  der  liberalen  Bassermannschen
Buchhandlung  in  Mannheim,  der  jetzt  auch  Karl  Mathy  angehörte,  zugesendet,
  und  Mathys  treffliche  Hausfrau  fühlte  sich  glückselig,  da  sie  die
Blätter  zuerst  durchmusterte  und  dies  neue  Kleinod  deutscher  Dichtung
gleichsam  entdeckte.  Auch  Freiligrath,  der  allezeit  neidlos  empfängliche,
rief  begeistert:  „das  ist  ein  Buchl  ich  kann  es  dir  nicht  sagen,  wie  mich's
gepackt  hat  recht  in  tiefster  Seele“;  und  den  Brüdern  Grimm  diente  diese
Fülle  oberländischer,  dem  Volksmunde  sorgsam  abgelauschter  Wörter  und
Redewendungen  als  eine  willkommene  Fundgrube  sprachlicher  Forschung.

Der  erste  Erfolg  der  Dorfgeschichten  war  groß  und  wohlverdient.
Übersättigt  von  den  süßen  Salonnovellen  der  Taschenbücher  stürzten  sich
die  Leser  mit  Behagen  auf  diese  derbe  Hausmannskost,  und  selbst  die  blasierte
vornehme  Welt  fand  eine  Zeitlang  den  Tolpatsch  originell,  den  Ivo  pikant,
das  Vefele  allerliebst.  In  der  Gesellschaft  wurde  der  junge  Dichter  wie
ein  fröhlicher  Salon-Tiroler  betrachtet;  er  erzählte  auch  im  Gespräche
meisterhaft,  redete  mit  erstaunlicher  Offenherzigkeit  über  seine  Entwürfe
und  nahm  jeden  Beifall  begierig  auf;  ein  guter  treuer  Kamerad,  ein  warmherziger
  liberaler  Patriot,  erwarb  er  sich  viele  Freunde  und  selbst  sein
stark  jüdisch  gefärbter  Spinozismus  schien,  nach  der  Meinung  jener  Tage,
von  der  vorherrschenden  christlichen  Aufklärung  nicht  sehr  weit  abzuweichen.
  Zahlreiche  Nachahmer,  die  sehr  bald  in  Manier  verfielen,  bemächtigten
  sich  sogleich  der  neu  entdeckten  Dorfwelt;  aus  allen  dunklen  Winkeln
deutscher  Erde,  aus  Oberschlesien  und  aus  dem  Ries,  stieg  in  den  nächsten
  zehn  Jahren  ein  Geschlecht  von  Tölpeln  und  Rüpeln  empor,  und  je
roher,  je  plumper  die  Bauern  es  trieben,  desto  lauter  wurden  sie  bewundert
  als  aus  dem  Leben  gegriffene  Gestalten,  desto  lebhafter  reizten
sie  das  stoffliche,  ethnographische  Interesse  der  Leserwelt.  Unleugbar  lag
eine  erziehende  Kraft  in  solchen  einfachen  Stoffen,  die  jeder  Leser  bis  ins
einzelne  nachprüfen  konnte;  wer  sich  daran  wagte,  mußte  der  Natur  treu
bleiben.  Seit  die  Dorfgeschichten  aufkamen,  wurden  auch  die  nach  schöneren
Kränzen  strebenden  Dichter  gezwungen  zu  einer  genauen,  andächtigen  Beobachtung
  des  wirklichen  Lebens,  welche  der  deutschen  Poesie  nur  zu  oft  fehlte.

Als  der  Reiz  der  Neuheit  verflog,  da  bemerkte  man  freilich,  daß
Auerbach  selbst  nicht  gänzlich  in  und  mit  seinen  Menschen  lebte;  eine  so
mächtige,  so  unvergeßliche  Gestalt  wie  der  Hofschulze  im  Münchhausen  gelang
  ihm  nie,  obgleich  er  viel  mehr  berechnete  Kunstmittel  aufwendete
als  Immermann.  Er  spottete  gern  über  die  theoretisierenden  Künstler,  die
das  Ei  hart  sieden  und  hernach  noch  ausbrüten  wollten.  Im  Grunde  be-
        <pb n="395" />
        Dichtende  Frauen.  387

saß  er  selbst  wenig  naive  Dichterkraft.  Oft  verfuhr  er  wie  ein  Gelehrter
oder  ein  gebildeter  Althändler,  der  die  Prachtexemplare  aus  seiner  Samm—
lung  vorwies  und  dann  die  Eigentümlichkeiten  dieser  merkwürdigen  Stücke
des  Menschengeschlechts  sinnig  betrachtend  erläuterte;  ja  einzelne  Bauern
waren,  wenn  man  sie  näher  ansah,  doch  nur  verkleidete  Juden,  denn  wo
das  dämmernde  Gemütsleben  des  Volks  geschildert  werden  soll,  da  läßt
sich  die  Stimme  der  Natur  durch  alle  Kunstfertigkeit  niemals  ganz  ersetzen.
Dies  fühlte  man  zuerst  in  der  schönheitskundigen  Heimat  des  Dichters
selbst;  Auerbach  ist  den  württembergischen  Schwaben,  so  herzensgut  er  es
auch  mit  ihnen  meinte,  doch  niemals  so  lieb  geworden,  wie  den  badischen
ihr  Hebel,  der  kein  bewußter  Künstler  war,  aber  alschristlicher  Landpfarrer
mit  dem  christlichen  Volke  gelebt  hatte.  Nach  und  nach  begann  man  auch
wieder  zu  fühlen,  daß  die  große  Leidenschaft,  um  künstlerisch  groß  zu  erscheinen,
  eines  weiten  Hintergrundes  bedarf,  tragische  Kämpfe  in  der  Enge
des  Dorflebens  meist  quälend  und  bedrückend  wirken,  weil  die  scheußliche
Prosa  des  Zuchthauses  oder  der  rohen  Mißhandlung  immer  dahinter  lauert.
Man  erkannte  allmählich,  daß  die  bewunderten  Naturkinder  aus  dem  niederen
  Volke,  gebunden  wie  sie  sind  durch  starre  Sitten  und  Ehrbegriffe,  oft
weniger  frei,  weniger  menschlich  empfinden  als  die  Gebildeten,  und  der
Dorfgeschichte  mithin  in  der  Romandichtung  nur  die  Stelle  gebührt,  die
ihr  Immermann  von  Haus  aus  angewiesen  hatte,  die  Stelle  einer  bescheidenen
  Episode.  Auerbach  selbst  blieb  nur  auf  diesem  seinem  eigensten
kleinen  Gebiete  schöpferisch;  was  er  darüber  hinaus  versuchte,  mißriet.

Iln  der  beständig  wachsenden  Schar  der  Poeten  gelangten  auch  einige
Frauen  zu  Ansehen.  Ganz  im  Geiste  der  demokratischen  Aufklärung  schrieb
Fanny  Lewald,  eine  vielseitig  gebildete  ostpreußische  Jüdin  von  klarem,
gradem  Verstande,  arm  an  Phantasie,  mehr  zur  Kritik  befähigt  und  zum
sicheren  Beobachten  als  zum  künstlerischen  Gestalten,  dabei  menschenfreundlich,
  treu  bemüht  um  die  geistige  und  wirtschaftliche  Hebung  des  weiblichen
  Geschlechts,  bürgerlich  achtbar  und  wohlanständig.  Nur  zuweilen
verriet  sich  bei  ihr  eine  dem  deutschen  Gemüte  unverständliche  Empfindungsweise:
  ganz  unbefangen  erzählte  sie,  wie  ihr  hochverehrter  Vater  nach
dem  Rückzuge  der  Franzosen  aus  Moskau  den  elenden  Flüchtlingen  das  in
Rußland  geraubte  Kirchensilber  abgekauft  und  in  seiner  Silberschmelze  verjüngt
  hatte.  In  dem  Tendenzromane  Jenny  verfocht  sie  die  Emanzipation
ihrer  Stammgenossen,  nicht  ohne  Geschick,  aber  auch  nicht  ohne  gemachten
und  gezierten  Judenschmerz;  sie  besaß  das  Talent,  alle  Dinge  nur  von  einer
Seite  zu  sehen,  —  jene  gefährliche  Gabe,  welche  die  Juden  zu  so  brauchbaren
Rechtsanwälten  macht.  Wenn  die  Verlobung  ihrer  freigeisterischen,  ohne
Erfolg  getauften  Heldin  mit  einem  gläubigen  evangelischen  Theologen  noch
zur  rechten  Zeit  wieder  auseinander  ging,  so  war  dies  doch  sittlich  notwendig,
heilsam  für  beide  Teile,  durchaus  kein  Beweis  christlicher  Unduldsamkeit;
und  wenn  dieselbe  reiche  Jüdin  schmelzend  klagte:  o  Vaterland  süß,  Vater-25*
        <pb n="396" />
        388  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

land  mein,  könnt'  ich  nur  im  Tode  vereinet  dir  sein  —  so  hatten  die
christlichen  Deutschen  auch  dies  Herzeleid  nicht  verschuldet,  sie  verwehrten
ihr  ja  keinswegs,  nach  Palästina  heimzukehren.

Zarter,  reizender,  weiblich  liebenswürdiger  erschien  Fanny  Lewalds
Todfeindin,  die  Gräfin  Ida  Hahn-Hahn  in  ihren  nachlässig  hingeworfenen,
mangelhaft  durchgebildeten  Salonromanen.  Die  anmutige  Tochter  des
allbekannten  mecklenburgischen  Theatergrafen,  der  sein  ganzes  Leben  und
ein  großes  Vermögen  an  die  Abenteuer  wandernder  Schauspielerbanden
verschwendete,  hatte  von  ihrem  Vater  die  Wunderlichkeit  und  die  schwärmerische
  Empfindung  geerbt.  Ihre  „immense  Seele“  sehnte  sich  ewig
unbefriedigt  nach  „dem  Rechten“;  und  es  war  Weiberlos,  daß  dies  liebebedürftige
  Gemüt  nach  manchen  holden  Verirrungen  endlich  von  Babylon
nach  Jerusalem  pilgerte,  in  der  Strenge  des  Klosters  seinen  Frieden  suchte.
Ihre  Welt  war  der  Adel,  aber  nicht  die  tüchtigen,  auf  der  väterlichen
Scholle  hausenden  oder  unter  den  Fahnen  ihres  Fürsten  kämpfenden  Edelleute,
  wie  Alexis  sie  schilderte,  sondern  die  eleganten  Weltmänner  der  Residenzen
  und  der  Bäder,  fast  alle  geistreich,  galant,  eifrig  beschäftigt  mit
der  Erforschung  großer  Frauenseelen,  so  völlig  unbekümmert  um  die  Prosa
des  Lebens,  daß  sie  von  einem  ihrer  Helden  bezeichnend  sagen  konnte:
der  ganze  gestrige  Abend  war  ihm  wie  Geld  unter  den  Händen  weggekommen.
  Aus  manchen  Liebesszenen  sprach  ein  reines  Gefühl  süßer  weiblicher
  Hingebung;  zuletzt  hinterließ  das  gesamte  Treiben  dieser  vornehmen
Gesellschaft  doch  den  Eindruck  zweckloser,  eitler  Müßigkeit.  Von  der  Kritik
unbarmherzig  mißhandelt,  wirkten  die  Romane  der  Gräfin  fast  wie  Satiren,
  sie  stärkten  den  Adelshaß  in  dem  demokratischen  jungen  Geschlechte.

Hoch  über  diesen  beiden  vielgenannten  Gegnerinnen  stand,  noch  wenig
beachtet,  Annette  Droste-Hülfshoff,  unter  Deutschlands  schriftstellernden
Frauen  das  stärkste  Dichtertalent,  dem  nur  leider  die  künstlerische  Durchbildung
  fehlte.  Unier  den  Vorkiekern  des  Münsterlandes  war  sie  geboren,
unter  den  schweigsamen,  blaßblonden,  träumerisch  blickenden  Niedersachsen,
denen  die  Gabe  des  zweiten  Gesichts  beschieden  ist;  dann  verbrachte  sie
fast  ihr  ganzes  Leben  in  romantischer  Einsamkeit  auf  dem  Rüschhaus  und
anderen  stillen  Heideschlössern  der  Heimat,  zuletzt  auf  der  alten  Mersburg
  am  Bodensee,  bei  ihrem  Schwager,  dem  letzten  Ritter  des  heiligen
römischen  Reichs,  dem  sagenkundigen  Freiherrn  v.  Laßberg')  —  eine  jener
hohen,  edlen  Frauen,  die  überall  Liebe  und  Verehrung  finden,  ohne  die
Leidenschaft  eines  Mannes  zu  reizen.  Von  nonnenhafter  Zartheit  lag
gar  nichts  in  ihrem  freien,  starken  Geiste;  sie  scheute  den  derben  Humor  so
wenig  wie  den  Ernst  der  Forschung  oder  die  Pein  des  Zweifels  und  kehrte
erst  nach  schweren  innern  Kämpfen  zurück  zu  der  katholischen  Gesinnung,
die  ihr  in  die  Wiege  gebunden  war.  Mit  ihrem  Landsmann  Freiligrath

 

*)  S.  o.  III.  699.
        <pb n="397" />
        Aufschwung  der  Dramatik.  389

teilte  sie  die  kindliche  Freude  am  Großen,  Herrlichen,  Wunderbaren,  und
ganz  westfälisch,  kräftige  Kinder  der  roten  Erde  waren  auch  ihre  Ge—
dichte  und  Erzählungen  —  meist  einfache  Stoffe,  aus  Gebirg  und  Moor,
aus  dem  Alltagsleben,  aus  dem  Kirchenjahre  und  der  Geschichte  der  Heimat,
aber  alles  verklärt  durch  die  leidenschaftliche  Macht  einer  immer  selb—
ständigen,  ursprünglichen  Empfindung.  Das  geheimnisvolle  Traumleben
der  Natur,  in  der  Landschaft  wie  in  der  fiebernden,  bangenden  Menschen—
seele,  war  der  Tochter  der  Heide  von  Kindesbeinen  an  vertraut  und  ihre
männliche  Sprachgewalt  fand  auch  für  das  Geisterhafte  stets  den  packenden,
den  entscheidenden  Ausdruck.  Leider  verdarb  sie  den  Eindruck  ihrer  Dich—
tungen  oft  durch  die  ungelenke,  ja  rohe  und  inkorrekte  Form;  das  Ge—
heimnis  der  künstlerischen  Komposition  blieb  ihr  wie  fast  allen  Weibern
unfaßbar.  Dem  Streite  des  Tages  stand  Annette  fern;  nur  selten  wagte
sie  ein  Wort  der  Warnung  an  den  Vorwitz  der  Weltverbesserer  oder  an
die  friedlose  Hast  des  neuen  Geschlechts,  das  kaum  noch  fähig  schien,  Freud
und  Leid  der  vierundzwanzig  Tagesstunden  rein  auszukosten:

Vor  uns  die  Hoffnung,  hinter  uns  das  Glück,

Und  unsre  Morgen  morden  unsre  Heute!  —

Frischere  Blüten  als  die  anderen  Zweige  der  Dichtung  trieb  in  diesen
Jahren  die  dramatische  Kunst.  Zu  lange  schon  kränkelte  unser  Theater
an  den  Schultheorien  der  Romantiker.  Feine  Kennerkreise  erlabten  sich  an
Tiecks  Shakespeare-Vorlesungen  oder  an  gelehrten  Lesedramen.  Die  miß—
achtete  Bühne  aber,  die  doch  leben,  doch  die  Schaulust  der  Menge  be—
friedigen  mußte,  verfiel  mehr  und  mehr  dem  Handwerkerfleiße  schlechter
Übersetzer.“)  In  solcher  Lage  erwarben  sich  die  beiden  kräftigsten  Talente
des  eigentlichen  Jungen  Deutschlands,  Laube  und  Gutzkow,  ein  großes  Verdienst,
  als  sie  versuchten,  dem  deutschen  Theater  durch  deutsche,  streng
bühnengerechte  und  doch  nicht  gehaltlose  Werke  wieder  aufzuhelfen.  Ihre
Vorbilder  konnten  sie  nur  bei  den  Franzosen  finden,  bei  dem  einzigen  Volke,
dessen  Theater  damals  wirklich  lebte.  Zum  Glück  besaß  Frankreich  keinen
überlegenen  dramatischen  Genius,  der  die  deutschen  Schüler,  wie  Walter
Scott  unsere  Romandichter,  zu  unfreier  Nachahmung  verführen  konnte.
Wohl  aber  ließ  sich  von  Seribes  vollendeter  Technik  vieles  lernen;  seine
feinberechneten  Intrigen  vermochten  allein  dem  deutschen  Gemüte  so  wenig
zu  genügen  wie  die  mageren,  schablonenhaften,  ganz  durch  die  Handlung
beherrschten,  ja  fast  erdrückten  Charaktere.  Es  galt,  Dramen  zu  schaffen,
deren  Handlung  ebenso  spannend  und  erregend  wirkte,  aber  aus  dem  Zusammenstoße
  der  Charaktere  notwendig  hervorging.  Und  wie  schwer  war
diese  Aufgabe.  Welch  einen  Schatz  besaß  Frankreich  an  seiner  rein  nationalen
  Bühne;  seine  Schauspieler  hatten  immer  nur  Franzosen  darzustellen,
  Menschen,  deren  Art  und  Unart  jedem  Hörer  verständlich  war.

 

*)  S.  o.  IV.  451.
        <pb n="398" />
        390  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

Unsere  Dichter  und  Übersetzer  waren  in  ihrem  weltbürgerlichen  Drange  so
weit  auf  der  Erde  umhergefahren,  daß  sie  den  Schauspielern  fast  unmögliche
Aufgaben  stellten  und  ein  nationaler  Bühnenstil  sich  niemals  bilden  konnte.
Uns  fehlte  die  Hauptstadt,  uns  fehlten  die  allen  gemeinsamen  nationalen
Gefühle;  uns  fehlte  selbst  die  lebendige  historische  Erinnerung,  denn  den
alten  Fritz  oder  die  Helden  des  Befreiungskriegs  kannte  man  in  Bayern
fast  ebenso  wenig  wie  in  Pommern  die  Kaiser  unseres  Mittelalters.

Laubes  gesunde,  derbe,  praktische  Natur  hatte  die  jungdeutsche  Ziererei,
die  ihm  nur  von  außen  her  angeflogen  war,  bald  wieder  abgeschüttelt.  Er
lebte  sich  mit  gewissenhaftem  Fleiße  in  die  Theaterwelt  ein,  was  seit  langen
Jahren  außer  Immermann  kein  ernster  Dichter  mehr  für  nötig  gehalten
hatte,  und  verkehrte  freundschaftlich  mit  Schauspielern,  denen  er  dankbar
seine  Stücke  zu  widmen  pflegte.  Ihm  entging  nicht,  daß  die  Hörer  wie  die
Schauspieler  fast  nur  noch  dem  bürgerlichen  Drama  willige  Empfänglichkeit
  entgegenbrachten;  durch  gemeinverständliche,  jedem  naheliegende  Stoffe,
grobe  Züge,  einfache  Exposition  hoffte  er  den  verwilderten  Geschmack  des
Publikums  wieder  an  den  Genuß  dramatischer  Kunstwerke  zu  gewöhnen.
Seine  Dramen  waren  mehr  gemacht  als  gedichtet,  da  ihm  der  hohe  poetische
  Schwung  versagt  blieb,  aber  wohl  gebaut,  lebendig,  von  einer  kecken
Frische,  die  den  fröhlichen  Weidmann  verriet;  ihr  Gehalt  niemals  tiefsinnig,
  doch  bedeutsam  genug  für  gebildete  Hörer.  Die  beiden  beliebtesten,
Gottsched  und  Gellert  und  die  Karlsschüler,  verdankten  ihren  Erfolg  freilich
einem  ästhetischen  Fehler,  den  erst  ein  späteres,  tatenfrohes  Geschlecht
ganz  durchschauen  sollte.  Der  Dichter  suchte  nach  volkstümlichen  historischen
  Stoffen,  er  pries  sich  glücklich,  in  Schiller  einen  Mann  zu  finden,
den  die  Deutschen  allesamt  besser  kannten  als  irgend  einen  politischen
Helden,  und  übersah  nur,  daß  die  rein  geistige  Größe  sich  nicht  in  dramatischer
  Handlung  ausgestalten  läßt.  So  entstand  ihm  ein  Literaturdrama,
  eine  Zwitterform,  die  den  Stimmungen  dieser  Übergangszeit  entsprach,
  aber  minder  berechtigt  war  als  vormals  die  ganz  von  der  Bühne
absehenden  dramatischen  Satiren  Platens.  Die  Literaturgeschichte  diente
hier  der  Bühnenkunst  nur  als  Krücke,  als  ein  unkünstlerisches  Mittel  für
wohlfeile  Effekte;  der  junge  Schiller,  der  sich  aus  dem  Zwange  der
Karlsschule  losriß,  entzückte  die  Hörer  nicht  durch  die  Macht  der  dramatischen
  Tat,  sondern  weil  sie  von  der  Schulbank  her  wußten,  daß  dieser
Jüngling  dereinst  noch  den  Wallenstein  und  den  Tell  schreiben  würde.

Mehr  Geist  und  mehr  Unruhe  brachte  Gutzkow  dem  Theater.  Auch
er  war  den  Verirrungen  seiner  Jugend  längst  entwachsen  und,  scharf  beobachtend,
  auf  der  Bühne  ganz  heimisch  geworden;  er  hegte  den  Ehrgeiz,
daß  seine  Dramen  zugleich  als  Waffen  dienen  sollten  für  den  Kampf  der
Aufklärung  gegen  die  Lüge,  während  Laube  die  Tendenz  nur  gelegentlich
als  ein  Zugmittel  benutzte.  Und  doch  gerieten  ihm  gerade  die  Dramen
am  glücklichsten,  in  denen  die  Tendenz  ganz  zurücktrat;  seinem  skeptischen
        <pb n="399" />
        Laubes  und  Gutzkows  Dramen.  391

Verstande  lag  die  feine  Pointe  des  Lustspiels  näher  als  das  tragische
Pathos.  Im  Urbild  des  Tartuffe  schilderte  er  geistreich,  mit  allem  Auf—
wande  bühnengerechter  heiterer  Überraschungen,  das  Los  des  komischen
Dichters,  den  alle  loben,  solange  sie  sich  nicht  selbst  von  den  Pfeilen  seines
Witzes  getroffen  fühlen;  in  Zopf  und  Schwert  ebenso  lebendig,  mit  dick
aufgetragenen  Farben,  den  Gegensatz  altpreußischer  Soldatenderbheit  und
feiner  moderner  Weltbildung.  In  diesem  vaterländischen  Drama  klang
sogar  zuweilen  ein  gemütlicher  Ton  warmer  Berlinischer  Heimatliebe
durch;  die  grob  gezeichnete  Gestalt  Friedrich  Wilhelms  J.  war  doch  lebendig
genug,  um  in  preußischen  Herzen  ein  Gefühl  launigen  Behagens  zu  er—
wecken,  und  selbst  die  ängstliche  Berliner  Theaterzensur  mußte  endlich  ein—
sehen,  daß  die  alte  engherzige  Vorschrift,  welche  die  Person  des  Fürsten—
hauses  von  den  Brettern  ausschloß,  nur  der  Sache  des  Königtums  selber
schadete:  wenn  die  großen  Hohenzollern  auf  der  Bühne  erschienen,  so
wurden  sie  dem  Volke  doch  ungleich  verständlicher  als  durch  Denkmäler
oder  Gemälde.

Gutzkows  Trauerspiele  dagegen  verrieten  überall,  daß  der  nervöse,
friedlose,  unruhig  grübelnde  Dichter  zur  inneren  Freiheit  noch  nicht  ge—
langt  war.  Im  Richard  Savage  wurde  ein  tiefsinniger  Stoff,  der  Widerspruch
  zwischen  dem  natürlichen  Gefühle  und  der  gesellschaftlichen  Heuchelei,
  unter  allerhand  geistreichen  Einfällen  und  gezierten  Gesprächen
so  leichthin  abgetan,  daß  der  sittliche  Gehalt  der  Fabel  ganz  verloren
ging;  im  Patkul  mußte  die  abstrakte  Freiheitsrhetorik,  im  Wullenweber
gar  das  Zeitungsschlagwort  die  tragische  Leidenschaft  ersetzen.  In  seinem
hastigen  Schaffen  ließ  er  sich  nicht  Zeit  zu  der  umständlichen  Ausführung
der  Charaktere,  die  er  doch  selbst  an  Schiller  bewunderte,  und  vermochte
darum  auch  nicht  so  fest  an  seine  Menschen  zu  glauben  wie  Schiller  an
den  Max  oder  den  Tell.  Fast  noch  unsicherer  sprach  sein  sittliches  Gefühl
im  Uriel  Acosta,  der  vielbewunderten  Tragödie  der  freien  Forschung:  der
Held  war  kein  Denker,  sondern  ein  Zweifler,  kein  Bekenner,  sondern  ein
Schwächling,  der  nur  durch  die  Verkettung  der  Umstände,  nicht  durch
freien  Entschluß  vor  schimpflichem  Widerrufe  bewahrt  wurde.  Aber  in
diesen  Tagen  der  freien  Gemeinden  und  des  Deutschkatholizismus  klang
der  Vers  „die  Überzeugung  ist  des  Mannes  Ehre“  ganz  unwiderstehlich.
Die  Hörer  vergaßen  willig  die  Erbärmlichkeit  des  Helden,  da  das  Stück
doch  in  sehr  wirksamen  Szenen  den  Kampf  des  freien  Gedankens  wider
das  verknöcherte  Dogma  vorführte;  und  obschon  die  mächtige  Judenschaft
dem  Dichter  grollte,  weil  er  nicht  die  landesüblichen  christlichen  Priester,
sondern  Rabbiner  als  Vorkämpfer  des  Gewissenszwanges  auftreten  ließ,
so  blieb  das  Stück  gleichwohl  ein  Liebling  der  aufgeklärten  Freigeister,  und
noch  viele  Jahre  später  pflegte  die  kirchliche  Reaktion  überall,  wo  sie
siegte,  mit  Verboten  gegen  den  Uriel  einzuschreiten.

Wie  viel  Verfehltes  auch  mit  unterlief,  das  deutsche  Theater  besann
        <pb n="400" />
        392  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

sich  doch  wieder  auf  sich  selber  und  wollte  nicht  mehr  bloß  vom  Abhub
fremder  Tische  zehren.  Die  jungen  Dramatiker  glaubten  wieder  an  die
Zukunft  unserer  Bühne;  die  Stücke  Gutzkows  und  Laubes  spiegelten
das  Leben  der  Zeit  immerhin  treuer  wieder  als  die  weit  zierlicher  ausgefeilten
  Dramen  des  Osterreichers  Halm,  der,  ganz  undeutsch,  an  spanischen
  Vorbildern  geschult,  die  erkünstelte  Unnatur  seiner  Gestalten  nur
durch  technisches  Geschick  und  eine  melodische,  klangvolle  Sprache  erträglich
  machte.  Für  den  täglichen  Hausbedarf  sorgte  außer  den  Wiener  Lustspieldichtern
  jetzt  auch  der  Leipziger  Benedix,  ein  lustiger  Naturbursch  mit
sehr  leichtem  Gepäck,  höchst  erfinderisch  in  derb  komischen  Situationen.
Wenige  Monate  vor  dem  Ausbruch  der  Revolution  erschien  auch  schon,
in  Kalischs  erster  Posse,  die  volkstümliche  Gestalt  Zwickauers  auf  der
Berliner  Bühne.  Damit  begannen  die  Blütezeiten  der  Berliner  Posse,  die,
begünstigt  durch  die  neue  Redefreiheit,  durch  die  politische  Erregung,  durch
die  unaufhaltsame  Demokratisierung  der  Sitte,  etwa  anderthalb  Jahrzehnte
  währen  sollten.  Alle  die  lustigen  Figuren  aus  dem  niederen  Berliner
  Volksleben,  die  bisher  in  Glaßbrenners  Flugblättern  ihr  Wesen
getrieben,  traten  jetzt  auf  die  Bretter,  alle  schnippisch,  vorlaut,  witzig,
selbstbewußt,  nicht  ohne  derbe  Gutmütigkeit,  und  wurden  nicht  müde,  einander
  zu  schrauben,  zu  uzen,  zu  verhöhnen;  unerbittlich  fegte  die  freche
Satire  über  die  Höhen  und  Tiefen  des  sozialen  Lebens  dahin;  leichte  Musik
und  kecke  Couplets  erhöhten  noch  die  komische  Wirkung,  und  es  war
sicherlich  ein  Glück,  daß  diese  überkluge  Großstadt  wieder  lernte,  so
herzlich  über  sich  selbst  zu  lachen.  Freilich  blieb  die  Berliner  Posse,  da
sie  so  ganz  naturwüchsig  aus  dem  märkischen  Sande  aufstieg,  auch  allezeit
grundprosaisch;  für  den  romantischen  Zauber,  der  einst  die  Possen  Raimunds
  verklärte,  wehte  die  Luft  an  der  Spree  zu  scharf.

Der  wieder  erwachende  Schaffensdrang  der  dramatischen  Dichter  belebte
  auch  die  Schauspielkunst.  Einige  Theater  spielten  sehr  wacker.  Die
Dresdener  Bühne,  die  eine  Zeitlang  durch  Eduard  Devrient  einsichtsvoll
geleitet  wurde,  besaß  für  das  Drama  an  Emil  Devrient  und  Marie
Baier-Bürck,  für  die  Oper  an  Tichatschek  und  Wilhelmine  Schröder-Devrient
  zwei  unvergleichliche  Heldenpaare.  Dort  wirkte  auch  schon  im
Orchester  der  junge  Richard  Wagner;  er  errang  soeben  mit  seinem  Rienzi
den  ersten  großen  Erfolg  und  trug  sich  schon  mit  dem  Plane,  die  Oper  zu
überbieten  durch  musikalische  Tragödien,  in  denen  Musik  und  Dichtung
völlig  verschmolzen  und  namentlich  die  dem  rezitierenden  Drama  versagten
  großartigen  Massenwirkungen  erreicht  werden  sollten.

Eine  ganz  eigene  Stelle,  halb  in  der  Zeit,  halb  außer  ihr,  wählte
sich  der  Ditmarsche  Friedrich  Hebbel,  ein  ernster,  gedankenschwerer,  grübtrische
  Nordländer,  der  in  rauher  Lebensschule  eine  düstere,  fast  hoffnungslose

  Ansicht  von  der  Menschheit,  von  den  Widersprüchen  der  modernen  Gesellschaft,
  von  der  Geschichte  Deutschlands  gewonnen  hatte.  Er  setzte  sich
        <pb n="401" />
        Hebbel.  393

die  höchsten  Ziele,  suchte  stets  große  sittliche  Probleme  dramatisch  zu  ge—
stalten  und  entsprach  dem  realistischen  Zuge  des  Zeitalters  durch  die  un—
erbittlich  strenge,  folgerechte,  alle  Phrase  vers  chmähende  Durchbildung  seiner
Charaktere.  Aber  sein  Schaffen  war  zu  bewußt,  seine  Gestalten  selbst  wußten
sich  zu  viel  mit  ihrer  Eigenart,  jedes  ihrer  Worte  klang  so  scharf  berechnet,
daß  ihnen  die  naive  Freiheit,  der  Reiz  des  Unmittelbaren  verloren  ging;
und  obwohl  die  gedrungene  Komposition,  die  mächtig  aufsteigende  Handlung,
der  erschütternde  Schluß  einen  starken  theatralischen  Erfolg  zu  erzwingen
schienen,  so  fehlte  ihm  doch  der  Sinn  für  das  Gemeinverständliche,  der
alle  Bühnenwirkung  bedingt;  die  krankhaften,  verschlungenen,  bis  zur  Ungeheuerlichkeit
  seltsamen  Seelenkämpfe,  die  er  darzustellen  liebte,  konnten
schlichte  Hörer  nur  befremden.  Verwirrend  und  berauschend  wirkte  sein
erstes  Drama  Judith.  Hebbel  fühlte  scharf  heraus,  daß  diese  von  dem  naiven
Gattungsgefühle  des  Altertums  schlechthin  bewunderte  epische  Heldin  uns
Modernen  als  eine  tragische  Gestalt  erscheinen  muß,  weil  unser  freies
christliches  Gewissen  die  blinde  Hingebung  des  einzelnen  an  das  Volksganze
  nicht  mehr  für  eine  unbedingte  Pflicht  ansieht,  und  erregte  nun  in
der  Seele  des  gräßlichen  Weibes  einen  Sturm  widersprechender  Empfindungen,
  aus  denen  die  nervöse  Sinnlichkeit  des  Zeitalters  zuletzt  so  übermächtig
  hervortrat,  daß  ein  reines  tragisches  Mitleid  nicht  mehr  aufkam.

Sein  wirksamstes  Drama  war  Maria  Magdalena,  ein  bürgerliches
Trauerspiel,  das  durch  die  Wucht  der  Leidenschaft,  die  gewaltsame  Spannung
  lebhaft  an  Kabale  und  Liebe  erinnerte.  Hier  wagte  Hebbel  aus  der
Not  eine  Tugend  zu  machen;  er  wagte  „die  schreckliche  Gebundenheit  in  der
Einseitigkeit“",  —  jene  Klippe,  woran  so  viele  bürgerliche  Dramen  und
Dorfgeschichten  scheiterten  —  selber  zum  Mittelpunkt  des  tragischen  Kampfes
  zu  erheben.  An  der  Grausamkeit  der  kleinbürgerlichen  Ehrbegriffe  ließ
er  seine  Heldin  untergehen,  und  in  dem  harten,  borstigen  Meister  Anton
schuf  er  eine  Gestalt,  die  sich  dem  alten  Miller  vergleichen  durfte.  Aber
auch  hier  blieb  zuletzt  kein  reiner  Eindruck  zurück,  weil  die  Schuld  der
Heldin  so  unnatürlich,  so  seltsam  erklügelt  war.  Nachher  zog  sich  Hebbel
verstimmt  von  der  Bühne  zurück,  in  eine  bewußte  und  gewollte  Vereinsamung,
  die  dem  Dramatiker  stets  verderblich  wird.  Umgeben  von  einer
kleinen  Schar  fanatischer  Verehrer,  die  seinen  Hochmut  bis  zum  Übermaße
  steigerten,  brütete  er  lange  über  einer  neuen,  unmöglichen  Kunstform,
der  Tragikomödie.  Erst  nach  vielen  Jahren  qualvollen  Ringens  fand
er  den  Glauben  an  einfachere  Ideale  wieder  und  die  Kraft  zu  dauernden
Werken  —  ein  großangelegter,  tiefsinniger  Dichtergeist,  ein  echter  Sohn
dieser  Hohes  suchenden,  wenig  vollendenden  Tage.

Die  rechte  Herzensfreudigkeit  des  glücklich  schaffenden  Dichters  besaß
unter  allen  den  neuen  Dramatikern  nur  einer,  der  Schlesier  Gustav  Freytag.
Wie  tapfer  und  bewußt  er  auch  teilnahm  an  allen  den  geistigen  und  politischen
  Kämpfen  seiner  hoch  erregten  Zeit,  immer  bewahrte  er  sich  doch  jene
        <pb n="402" />
        394  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

„gutmütige  ins  Reale  verliebte  Beschränktheit“,  welche  Goethe  so  oft  das
wahre  Glück  des  Dichters  nannte.  Er  liebte  seine  Menschen  und  lebte
mit  ihnen,  er  schien  sie  an  sein  Herz  zu  drücken,  so  daß  sie  ihm  selbst  und
den  Hörern  unvergeßlich  blieben,  während  man  den  dramatischen  Gestalten
  der  anderen  oft  die  Berechnung,  die  Reflexion  anmerkte.  Darin  lag
schon  der  Reiz  seines  Erstlingsdramas,  des  Kunz  von  der  Rosen;  die
noch  lose  aneinander  gereihten  Szenen  bezauberten  den  Leser,  weil  die
goldene  Laune  des  Helden  alles  verklärte  und  der  treuherzige  Frohmut
unseres  sechzehnten  Jahrhunderts  jeden  anheimelte.  Vor  den  Brettern
erkannte  Freytag  selbst,  daß  dies  Stück  noch  kein  Drama  war,  und  nachdem
er  das  Theater  gründlich  kennen  gelernt,  schenkte  er  ihm  zwei  bühnengerechte
  Schauspiele  aus  der  modernen  vornehmen  Welt,  Valentine  und
Graf  Waldemar.  Beide  behandelten  ein  einfaches,  aber  schönes  und  gehaltreiches
  Problem;  sie  zeigten,  wie  die  wahre  Liebe  eine  edle  Natur
von  der  Verbildung  der  großen  Gesellschaft  zur  sittlichen  Freiheit  zurückführt.
  Er  erlaubte  sich  viel,  weil  seine  heitere  Anmut  viel  wagen  durfte,
doch  niemals  einen  groben  theatralischen  Effekt.  Stärker  noch  als  der  festgegliederte
  Aufbau  seiner  Dramen  wirkten  die  Charaktere,  diese  so  fest  mit
dem  Gemüte  des  Dichters  verwachsenen,  so  ganz  in  heimlicher  Stille
ausgereiften  Gestalten,  und  der  freie  optimistische  Humor,  der  selbst
in  den  Spitzbuben  noch  das  Menschliche  zu  finden  wußte.

An  der  Grenze,  dicht  neben  den  Slawen  war  er  aufgewachsen,  im
sicheren  Gefühle  deutscher  Überlegenheit,  ein  stolzer  Preuße,  ein  rechter
Markmanne;  auf  der  Universität  wendete  er  sich  der  germanistischen  Wissenschaft
  zu,  und  so  grunddeutsch  blieb  seine  Empfindung,  daß  ihn  die  fremdbrüderliche
  Schwärmerei  jener  Jahre  nur  anwidern  konnte.  Wohl  lernte
er  dankbar  aus  englischen  Romanen  und  französischen  Dramen,  doch  seine
eigenen  Stoffe  fand  er  unwillkürlich  nur  im  Vaterlande.  Hier  war  seine
Welt,  selbst  der  Wunsch,  fremde  Länder  zu  bereisen,  regte  sich  ihm  kaum
jemals.  Amerika,  das  in  den  engen  Verhältnissen  der  Dorfgeschichten  immer
als  das  Eldorado  der  Freiheit  erschien,  spielte  auch  in  seine  Dichtungen  zuweilen
  hinein,  doch  nur  wenn  er  einen  seiner  Helden  durch  einen  romantischen
  Zug  abenteuerlicher  Keckheit  von  dem  deutschen  Stillleben  dieser
Friedensjahre  wirksam  abheben  wollte.  Die  Tendenz  verschmähte  er  grundsätzlich;
  endlichen  Zwecken,  so  sagte  er  stolz,  sollten  seine  Kunstwerke  niemals
  dienen.  Und  zu  seinem  Glücke  besaß  er  auch  die  journalistische  Federgewandtheit;
  er  konnte  seine  literarischen  und  politischen  Gedanken  als
Kritiker  und  Publizist  in  angemessener  Form  aussprechen,  darum  durfte
das  Schifflein  seiner  Dichtung,  unbeschwert  vom  prosaischen  Ballast,  frei
dahin  segeln.  Schon  diese  ersten  Dramen  verrieten,  obwohl  sie  sich  auf  den
Höhen  der  Gesellschaft  bewegten,  deutlich  die  bürgerlich-demokratische  Gesinnung
  des  Dichters;  Bürgerliche  vertraten  die  einfache  sittliche  Wahrheit,
während  der  Adel  fast  nur  seine  Schattenseiten  zeigte.  Noch  stand  Freytag
        <pb n="403" />
        Freytag.  395

mitten  in  seiner  Entwicklung,  seine  Helden  spielten  noch  übermütig  mit
dem  Leben,  ohne  es  handelnd  zu  beherrschen;  die  Zeit  sollte  noch  kommen,
da  er  der  Lieblingsdichter  des  deutschen  gebildeten  Bürgertums  wurde.
Auffällig  unterschied  sich  Freytag  von  den  anderen  Dramatikern  auch

durch  den  Adel  seiner  einfachen,  reinen,  seelenvollen  Sprache.  Wer  diese
Dramen  las  oder  die  Gedichte  Geibels  und  Dingelstedts,  oder  die  Prosa
der  Brüder  Grimm,  Rankes,  Dahlmanns,  Schellings,  der  mußte  freudig
erkennen,  daß  die  frische  Lebenskraft  der  jüngsten  und  bild  samsten  Kultursprache
  weder  unter  der  Jätelust  der  urteutonischen  Sprachreiniger,  noch
unter  der  fremdbrüderlichen  Ziergärtnerei  der  Jungdeutschen  ernstlich  gelitten
  hatte.  Alle  diese  Schriftsteller  schrieben  gut  deutsch,  keiner  dem
andern  gleich,  und  in  der  Freiheit  des  individuellen  Stils  lag  unsere
Stärke.  Die  straffen  Saiten  der  alten  herrlichen  Goldharfe  gaben  noch
vollen  Klang,  sie  harrten  immer  nur  des  Meisters,  der  sie  spielen  konnte.
Mit  gerechtem  Stolze  rief  Rückert  unserer  Sprache  zu:

Durch  der  Eichenwälder  Bogen

Bist  du  brausend  hingezogen,

Bis  der  letzte  Wipfel  barst.

Durch  der  Fürstenschlösser  Prangen

Bist  du  klingend  hergegangen,

Und  noch  bist  du,  die  du  warst.  —

 

Die  Poesie  bleibt  allezeit  die  eigentlich  nationale  Kunst.  Wie  ihre
Sprache  nur  von  den  Volksgenossen  ganz  verstanden  wird,  so  schöpft  auch
der  Dichter  die  Ideale  für  sein  bewußtes  Wirken  geradeswegs  aus  dem
Leben  seines  eigenen  Volks;  alle  großen  christlichen  Nationen,  wie  vieles
sie  auch  dem  Gedankenaustausche  mit  dem  Auslande  verdanken  mochten,
haben  sich  ihre  klassische  Dichtung  wesentlich  aus  eigener  Kraft  geschaffen,
auf  sehr  verschiedenen  Altersstufen,  manche  in  Zeiten,  da  die  anderen
Völker  sämtlich  brach  lagen,  aber  alle  dann,  wenn  ihnen  die  eigene  Seele
frei  und  reich  ward.  Das  Gemüt  ist  national,  Ohr  und  Auge  sind
Weltbürger.  Die  großen  Epochen  der  Musik  und  der  bildenden  Künste,
Gotik,  Renaissance,  Barock  und  Zopf  gehören,  trotz  der  Mannigfaltigkeit
  der  nationalen  Stile,  allen  Kulturvölkern  an;  aus  der  Gemeinsamkeit
  der  Sitten  und  Trachten,  des  Verkehres  und  der  Weltverhältnisse
bildete  sich  jedes  Jahrhundert  bestimmte  Tonempfindungen  und  Formentypen
  aus,  denen  sich  keine  Nation  ganz  entziehen  konnte.  Und  dieser
weltbürgerliche  Zug  der  bildenden  Künste  verleugnete  sich  auch  nicht  in
dem  neunzehnten  Jahrhundert,  das  unstet  suchend,  hastig  schaffend  seinen
eigenen  Stil  niemals  recht  zu  finden  vermochte.  Der  erhabene  Idealismus,
der  einst  unter  den  deutschen  Malern  in  Rom  zuerst  erwacht  war,  hatte
auch  die  französische  Kunst  nicht  unberührt  gelassen;  doch  schon  nach  zwei
        <pb n="404" />
        396  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft

Jahrzehnten  —  so  schnell,  daß  die  Kunststile  dieses  unruhigen  Zeitalters
fast  wie  Moden  erschienen  —  begann  von  Frankreich  her  der  Rückschlag.

Cornelius  und  seine  Schüler  hegten  einen  hocharistokratischen  Stolz,
der  sich  in  diesem  demokratisierten  Jahrhundert  nicht  auf  die  Dauer  behaupten
  konnte,  sie  betrachteten  die  Kunst  als  eine  vom  gemeinen  Alltagsleben
ganz  abgetrennte  Welt  der  Ideale,  als  einen  Tempel,  den  niemand  mit  unheiligen
  Sohlen,  niemand  ohne  stille  Sammlung  betreten  sollte;  und  wie
sie  in  ihrem  eigenen  Schaffen  die  Technik  gering  schätzten  neben  der  poetischen
  Erfindung,  so  fühlten  sie  sich  auch  hoch  erhaben  über  allem  Kunsthandwerk,
  während  doch  in  wahrhaft  schönheitsfrohen  Zeiten  die  Kunst  allgegenwärtig
  wirkt,  durch  Schmuck  und  Gerät  das  Leben  jedes  Hauses  verklärt.
  In  Frankreich  war  das  Kunstgewerbe  nie  so  gänzlich  zerstört  worden
wie  in  dem  verarmten  Deutschland,  und  nicht  zufällig  geschah  es,  daß
dort  die  Malerei  zuerst  wieder  versuchte,  die  Natur  in  jedem  Zuge  sorgsam
nachzubilden,  durch  Farbenreiz  das  Auge  zu  entzücken.  Auch  in  der
Literatur  aller  Länder  bekundete  sich  dieser  der  Grundstimmung  der  neuen
Zeit  entsprechende  realistische  Drang  mächtig,  nur  daß  ihn  die  Dichter  nach
ihrer  nationalen  Eigenart,  in  sehr  verschiedenen  Formen  ausgestalteten.
Der  Malerei  aber  dienten  die  französischen  Koloristen  unmittelbar  zum
Vorbilde.  Schon  die  Düsseldorfer  Malerschule,  die  zuerst  dem  Idealismus
der  Cornelianer  schüchtern  entgegentrat,  lernte  viel  von  den  Franzosen,
und  noch  mehr  verdankten  ihnen  die  Belgier.  Dort  an  der  Schelde  begann
  die  bildende  Kunst  in  derselben  Zeit  wieder  aufzublühen,  als  das  Land
sich  von  der  holländischen  Herrschaft  losriß;  und  da  das  zweisprachige  Volk
eine  nationale  Dichtung  nie  erlangen  konnte,  der  flamische  Dichter  Hendrik
Conscience  doch  nur  für  die  Flamen  schrieb,  so  hegten  und  pflegten  alle  Belgier
  im  schönen  Wetteifer  ihre  junge  farbenreiche  Malerei  als  die  nationale
Kunst:  sie  sollte  die  neu  gewonnene  Unabhängigkeit  des  Landes  gleichsam
geistig  vor  Europa  rechtfertigen.  Im  Jahre  1843  machten  zwei  wirksam
gemalte  belgische  Historienbilder,  von  Gallait  und  de  Biefve,  die  Runde
durch  Deutschlands  Städte  und  wurden  überall  unmäßig  bewundert;  an
dieser  Kraft  der  Farbe,  an  dieser  naturgetreuen  Charakteristik,  so  hieß  ßes
allgemein,  sollte  die  deutsche  Kunst  sich  ein  Beispiel  nehmen.  Um  dieselbe
Zeit  ward  auch  der  größte  der  neufranzösischen  Maler,  Paul  Delaroche
den  Deutschen  näher  bekannt  durch  sein  lebensvolles  Bild  Napoleon  in
Fontainebleau.  Die  deutschen  Kunstgelehrten,  denen  die  spröde  Strenge
des  alten  Idealismus  noch  im  Blute  lag,  stritten  sich  ernsthaft  über  die
Frage,  ob  es  auch  ästhetisch  erlaubt  sei,  daß  dieser  Cäsar,  der  nach  langem
Fluchtritt  erschöpft  und  verzweifelnd  auf  dem  Stuhle  saß,  wirklichen
Schmutz  an  seinen  Reitstiefeln  trug.  Die  unbefangenen  Beschauer  aber
dankten  dem  fremden  Künstler,  daß  er  ihnen  das  Große  und  Furchtbare
so  menschlich  nahe  brachte.  Es  war  nicht  anders,  die  Augen  der  Menschen
begannen  sich  zu  verwandeln,  sie  verlangten  nach  sinnlicher  Wahrheit,
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        Cornelius'  letzte  Werke  397

nach  natürlicher  Kraft,  nach  lebendigem  Können  und  fühlten  sich  beleidigt,
wenn  ihnen  die  künstlerische  Idee  formlos  entgegentrat.

Zu  so  ungünstiger  Zeit  betrat  Cornelius  den  feindlichen  Boden
Berlins.  Sein  Abgang  war  für  München  ein  unersetzlicher  Verlust.
Mochte  auch  der  grollende  Wittelsbacher  trotzig  sagen:  „ich,  ich  der
König  bin  die  Kunst  in  München“  —  es  ergab  sich  doch  bald,  daß  fast
allein  die  herrische  Persönlichkeit  des  großen  Malers  die  Künstlergemeinde
zusammengehalten  hatte.  Bald  nach  ihm  verließen  mehrere  andere  namhafte
  Künstler  die  Isarstadt;  Zersplitterung  und  Mißmut  zeigten  sich
überall;  und  es  währte  sehr  lange,  bis  die  Münchener  Künstler  das  stolze
Gefühl  einer  großen  historischen  Bestimmung,  das  Cornelius  ihnen  erweckt
  hatte,  einigermaßen  wiederfanden.  Aber  auch  der  Meister  selbst
erlebte  schmerzliche  Enttäuschungen,  bald  nachdem  er  beim  Scheiden  den
Gegnern  stolz  zugerufen  hatte:

Ich  eile  auf  dem  Hippogryph  davon.
Melkt  nur  die  Kuh!  Ich  gönn'  euch  das  Vergnügen.

Gleich  das  erste  Werk,  mit  dem  er  sich  in  seinem  neuen  Wohnsitz
einführte,  das  abscheulich  gemalte  Olbild:  Christus  in  der  Vorhölle  befremdete
  die  Berliner,  die  an  monumentale  Malerei  noch  nicht  gewöhnt
waren  und  sich  eben  jetzt  für  die  neuen  belgischen  Koloristen  begeisterten.
Als  sodann  jüngere  Künstler  unter  seiner  Oberleitung  die  Schinkelschen
Fresken  in  der  Vorhalle  des  Museums  ausmalten,  da  konnten  auch  Unbefangene
  die  Schwächen  dieser  in  Ideen  und  theoretischen  Programmen  schwelgenden
  Kunstweise  nicht  mehr  ableugnen.  Die  hochpoetischen  Bilder  der  aus
dem  Chaos  aufsteigenden  Weltkräfte,  der  dem  Himmelslichte  zustrebenden
hellenischen  Kultur,  wie  entstellt  erschienen  sie  hier  durch  grobe  Verzeichnungen
  und  falsche  Farben;  wo  war  hier  jener  entsagende  Künstlerfleiß,
den  einst  der  ungestüme  Michelangelo  betätigt  hatte,  als  er  die  gewaltige
Decke  der  sixtinischen  Kapelle  geduldig  mit  eigenen  Händen  malte?  Wahre
Freude  konnte  das  tiefsinnige  Werk  nur  dann  erregen,  wenn  einmal  abends
bei  festlicher  Beleuchtung  der  prächtige  Farbenteppich  zwischen  den  hohen
Säulen  phantastisch  herausstrahlte  und  die  Mängel  der  einzelnen  Gestalten
  in  dem  unsicheren  Lichte  verschwanden.  Unterdessen  zeichnete  Cornelius
  an  den  Kartons  für  den  nie  vollendeten  Campo  Santo  und  beschämte
  seine  Neider,  indem  er  rastlos  wie  ein  Jüngling  an  sich  selber
arbeitend,  auch  die  Formen  immer  sicherer  zu  beherrschen  lernte.  So
mächtig  hatte  sich  sein  Genius  noch  nie  offenbart  wie  jetzt  in  der  dämonischen,
  zermalmenden  Furchtbarkeit  der  apokalyptischen  Reiter  oder  in  der
Mojestät  des  strafenden  Erzengels  auf  den  Trümmern  Babels.

Die  alten  Getreuen  in  Rom  und  München  jauchzten  ihm  zu,  so  oft
er  ein  Bruchstück  seines  großen  Werks  vor  ihnen  ausstellte.  In  Berlin
blieben  die  Meinungen  immer  geteilt;  und  allerdings  verstieg  sich  der
Miister,  als  jede  Hoffnung  auf  die  malerische  Vollendung  seiner  Entwürfe
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        398  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

verschwand,  zuletzt  in  eine  erhabene  Gedankenkunst,  die,  überreich  an
poetischer  Erfindung,  doch  nur  ihm  selber  angehörte.  Ganz  aus  seinem  per—
sönlichen  Gefühle  heraus  schuf  er  ein  Epos  mit  eingeflochtenen  Chorge—
sängen,  das  über  die  Grenzen  aller  überlieferten  Kunstgattungen  verwegen
hinwegschritt.  Seine  warmen  Bewunderer  Rauch  und  Rietschel  verlangten
beide,  er  sollte  die  schönen  Gruppenbilder  von  den  Seligsprechungen  nicht  in
Farben  ausführen  lassen,  sondern  als  Reliefs  in  weißem  Marmor;  und
die  beiden  großen  Bildhauer  wußten  doch  genau,  daß  gerade  das  Relief
der  strengsten  plastischen  Formen  bedarf  und  allen  malerischen  Reiz  verschmähen
  muß.  So  stand  Cornelius  bald  einsam  in  der  verwandelten  Welt;
das  Publikum,  „das  mit  gleichem  Appetit  Häcksel  und  Ananas  frißt“,
hatte  er  von  jeher  verachtet  und  zu  einem  der  neuen  Koloristen  sagte  er
kurzab:  Sie  haben  vollkommen  erreicht,  was  ich  mich  mein  Lebenlang
sorgfältig  zu  vermeiden  bemüht  habe.  Als  der  Freund  zweier  Könige  war
er  durch  das  Leben  geschritten,  und  unbefangen,  wahrlich  nicht  um  zu
schmeicheln,  setzte  er  die  Bildnisse  der  preußischen  Königsfamilie  in  sein
Gemälde  von  der  Erwartung  des  jüngsten  Gerichts;  die  Gesalbten  des
Herrn  sollten  das  Leben  der  Menschheit  leiten,  bis  dereinst  der  letzte  aller
Könige  seine  Krone  in  die  Hände  des  Gekreuzigten  niederlegte.  Er  wollte
es  nicht  anders  wissen,  und  ganz  unbegreiflich  blieben  ihm  die  Ideen  der
Volksherrschaft,  die  jetzt  über  die  Welt  hereinbrachen.

Wie  viel  leichter  verstand  Kaulbach,  sich  in  die  neue  Zeit  zu  finden,
der  Vielgewandte,  der  kurz  vor  der  Revolution  nach  Berlin  berufen  wurde,
um  für  das  Treppenhaus  des  neuen  Museums  Kolossalbilder  aus  der
Geschichte  der  Menschheit  zu  malen.  Seiner  virtuosen  Gewandtheit  gelang
  es,  die  schon  erkaltende  Teilnahme  für  das  Kolossale  noch  einmal
zu  beleben  und  ein  volles  Jahrzehnt  hindurch  blieb  er,  den  Meister
ganz  verdunkelnd,  der  Lieblingskünstler  der  Berliner.  Der  unbefangene
Tiefsinn  der  alten  italienischen  Historienmalerei,  die  den  Geist  der  Vergangenheit
  einfach  in  den  großen  Taten  großer  Menschen  künstlerisch
auszugestalten  suchte,  erschien  dem  vielbelesenen  Monarchen  zu  schlicht.
Nicht  der  Wille  und  die  Tat,  sondern  die  Idee  war  ihm  der  Inhalt
des  historischen  Lebens;  er  erging  sich  gern  in  geschichtsphilosophischen
Betrachtungen,  die  er,  ohne  es  selbst  zu  ahnen,  doch  dem  gescholtenen
Hegel  verdankte,  und  in  diesem  Sinne.  sollte  auch  Kaulbach  den  Ideengehalt
  der  Geschichte  durch  große  symbolische  Bilder  darstellen.  Die  beiden
ersten  und  schönsten  dieser  mächtigen  Entwürfe,  die  Hunnenschlacht  und
die  Zerstörung  Babylons,  zeigten  noch  die  geschlossene  Einheit  einer  dramatischen
  Handlung,  die  späteren  nur  ein  verwirrendes  Durcheinander
geistreicher  Einfälle,  bei  denen  sich  der  grübelnde  Verstand  allerhand  denken
mochte.  Es  war  eine  gelehrte  Kunst,  so  alegandrinisch  wie  der  unglückselige
  Bau  des  Neuen  Museums  selber,  ganz  begreiflich  nur  mit  Hilfe
wissenschaftlicher  Kommentare,  und  doch  dem  Durchschnittsmenschen  ver-
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        Kaulbachs  Wandgemälde.  399

ständlicher  als  Cornelius'  Kartons;  denn  hier  fühlte  sich  niemand  bedrückt
durch  die  Übermacht  religiöser  Begeisterung,  hier  redete  überall  ein  ganz
moderner,  liberal  aufgeklärter  Geist,  der,  kühl  bis  ans  Herz  hinan,  die
Gestalten  des  Altertums,  des  Mittelalters,  der  Renaissance  mit  der
gleichen  Leichtigkeit  aus  dem  Ärmel  schüttelte  und  in  den  Bildern  der
erlösten,  aus  Babels  Zwingburg  fröhlich  ausziehenden  Völker  auch  den
Freiheitsdrang  der  neuen  Zeit  unmittelbar  zu  befriedigen  wußte.

Besonders  glücklich  gelangen  ihm  erhabene  allegorische  Einzelfiguren,
wie  die  Sage;  die  Gestalten  der  historischen  Gruppenbilder  dagegen  wurden
allmählich,  da  sie  ja  allesamt  kein  persönliches  Leben  führten,  sondern
nur  Ideen  darstellten,  so  schablonenhaft,  daß  man  jedes  Geschöpf  der  Kaul—
bachschen  Muse  an  dem  süßlich  verzogenen  Munde,  der  immer  einem
liegenden  Paragraphenzeichen  glich,  sofort  erkennen  konnte.  Das  alles
aber  war  flott,  frisch,  wirksam  gemalt;  die  Fruchtbarkeit  des  Künstlers
schien  unerschöpflich,  die  elegante  gedämpfte  Färbung  der  Wasserglas—
malerei  behagte  dem  modernen  Geschmacke  mehr  als  die  Strenge  des  Fresko.
Die  Fülle  der  feinen  Beziehungen  und  Anspielungen  in  diesen  geschichts—
philosophischen  Gemälden  gab  reichen  Stoff  für  das  überbildete  Geschwätz,
das  an  der  Spree  geistreich  hieß;  der  Berliner  fühlte  sich  so  grund—
gescheit,  wenn  er  in  der  unmöglichen  Gruppe  der  friedlich  aus  dem
brennenden  Jerusalem  hinwegflüchtenden  Christen  eine  große  Idee  ent—
deckte  oder  in  dem  Shakespeare  auf  dem  Bilde  des  Reformationszeitalters
das  Gesicht  eines  bekannten  Kunstkritikers  wiedererkannte.

Mancher  Zug  in  Kaulbachs  Charakter  erinnerte  an  Heine  oder  Vol—
taire.  Den  deutschen  Dichter  überragte  er  freilich  weit  durch  seine  mächtige
Gestaltungskraft;  hinter  dem  Franzosen  stand  er  zurück,  weil  er  nicht  wie
dieser  die  nationale  Bildung  eines  reichen  Jahrhunderts  in  sich  ver—
körperte,  sondern  nur  eine  flüchtige  Erscheinungsform  unserer  liberalen
Aufklärung.  Der  Schelm  aber  saß  ihm  stets  im  Nacken,  er  blieb  immer
der  Künstler  des  Reineke  Fuchs,  der  lebenskluge  Menschenkenner  und  Men—
schenverächter.  Auch  in  diesen  Jahren,  da  alle  Welt  seine  idealen  Ge—
schichtsbilder  anstaunte,  bekundete  sich  sein  Talent  immer  am  stärksten  und
eigentümlichsten,  wenn  er  in  kleinen  übermütigen  humoristischen  Zeich—
nungen,  die  sich  oft  kaum  vor  das  Vaterauge  der  Sittenpolizei  hinauswagen
durften,  die  Sinnlichkeit  und  die  Narrheit  der  Welt  verhöhnte.  Leider  hielt
sich  dieser  satirische  Drang  nicht  immer  in  seinen  natürlichen  Schranken.  Als
König  Ludwig  ihm  die  Außenwände  der  Neuen  Pinakothek  zur  Bemalung
übergab,  da  konnte  Kaulbach  der  Versuchung  nicht  widerstehen,  die  gesamte
neue  Münchener  Kunst,  die  doch  seine  eigene  Mutter  war,  grausam  zu
verspotten,  und  beleidigte  das  künstlerische,  wie  das  sittliche  Feingefühl
durch  die  widerliche  Geschmacklosigkeit  kolossaler  Karikaturen.

Mit  wachsendem  Widerwillen  verfolgte  Cornelius  das  ganze  moderne
Schaffen  dieses  abtrünnigen  Schülers,  und  tief  mußte  es  ihn  wurmen,
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        400  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

daß  die  monumentale  Malerei,  die  er  immer  für  die  wahrhaft  deutsche
Kunst  erklärt  hatte,  in  allen  diesen  Jahren  nur  noch  einen  hochbegabten
Jünger  fand:  den  Rheinländer  Alfred  Rethel,  der  sich  ganz  unabhängig,
mehr  durch  Dürer  und  Holbein  als  durch  moderne  Meister  belehrt,  zum
Historienmaler  hohen  Stils  herangebildet  hatte  und  in  seinen  Kartons
zur  Geschichte  Karls  des  Großen,  tiefsinnig  wie  Cornelius,  aber  ohne  jede
symbolische  Zutat,  einfach  die  Männer  und  die  Waffen  selber  reden  ließ.
Die  Majestät  ruhiger  Männerschönheit  verstand  Rethel  ebenso  lebendig
darzustellen  wie  den  teuflischen  Reiz  der  Sünde.  Nur  der  ausdrückliche
Befehl  des  Königs  ermöglichte  ihm,  diese  herrlichen  Bilder  im  Aachener
Rathaussaale  auszuführen;  der  Stadtrat  der  alten  Karolingerstadt  —
zu  solchem  Wahnsinn  hatte  sich  der  kirchliche  Haß  seit  dem  rheinischen
Bischofsstreite  schon  gesteigert  —  wollte  die  gegebene  Zusage  zurücknehmen,
weil  der  mitten  im  alten  „Reiche  von  Aachen“  geborene  Künstler  zufällig
Protestant  war,  was  man  seinen  Gemälden  doch  nirgends  anmerkte.
Mittlerweile  zog  einer  der  treuesten  Schüler  von  Cornelius,  Julius
Schnorr  von  Carolsfeld  aus  München  hinweg,  nachdem  er  noch  den  Zyklus
seiner  Nibelungenbilder  vollendet  hatte  —  dann  immer  glücklich,  wenn
ihm  der  ewig  drängende  König  Ludwig  einmal  erlaubte,  die  üblichen  Gewohnheiten
  der  verrufenen  Münchener  Eilkunst  zu  verlassen  und  seine  großgedachten
  Entwürfe  gründlich  durchzubilden.  Da  ihm  jetzt,  in  der  sächsischen
Heimat  kein  monumentales  Gemälde  mehr  aufgetragen  wurde,  so  begann
er  an  dem  lang  vorbereiteten  Unternehmen  zu  arbeiten,  das  allein  unter
allen  Werken  der  Cornelianer  sich  die  Gunst  des  Volks  erwerben,  diese
hocharistokratische  Kunst  dem  Verständnis  der  Massen  näher  bringen  sollte:
an  seiner  „Bibel  in  Bildern“.  Ganz  durchdrungen  von  dem  Schillerschen
Gedanken  der  ästhetischen  Erziehung  des  Menschengeschlechts  wollte  er  in
kräftigen  frischen  Zügen  dem  Volke  die  heilige  Weltgeschichte  vor  das  Auge
führen;  der  Holzschnitt  galt  ihm  als  ein  Freskobild  im  kleinen,  als  eine
Kunstform,  die  dem  Zeichner  erlaubte,  sich  an  die  großen  Grundzüge  der
Handlung  zu  halten,  und  nach  der  Weise  der  alten  Italiener  gab  er  seinen
heiligen  Gestalten,  den  Realismus  der  malerischen  Reisebeschreiber  verschmähend,
  in  Gewand  und  Gesicht  den  idealen,  „urweltlichen“  Charakter,
der  sie  nicht  als  Semiten,  sondern  als  Träger  allgemeingültiger,  menschlicher
  Empfindungen  erscheinen  ließ.  So  entstand  in  langen  Jahren  ein
echtes  Volksbuch,  erhaben  zugleich  und  gemeinverständlich,  unverkennbar
protestantisch  und  doch  nach  deutscher  Art  im  Geiste  des  allgemeinen
Christentums  gehalten,  das  schönste  Vermächtnis,  das  die  alte  idealistische
Kunst  in  ihrem  Niedergange  noch  unseren  Mittelständen  hinterlassen  hat.
Schwind,  der  dem  alten  Meister  immer  die  Treue  bewahrte,  wußte
doch  als  begeisterter  Musiker  sehr  wohl,  daß  jeder  nur  singen  kann,  wie
ihm  der  Schnabel  gewachsen  ist,  und  gestaltete  sich  aus  den  deutschen
Märchen  und  Sagen  seine  eigene  klassisch-romantische  Bilderwelt.  Auch
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        Spaltung  der  Düsseldorfer  Schule.  401

Friedrich  Preller  in  Weimar,  des  alten  Goethe  jüngster  Schüler,  war  ein
abgesagter  Feind  der  neuen  realistischen  französischen  Kunst,  die  von  außen
nach  innen  gehe,  während  der  rechte  Deutsche  von  innen  nach  außen
wirken  müsse.  Auch  er  ging  seine  eigene  Bahn;  ihn  entzückte  die  ideale
Landschaft,  die  er  stets  als  ein  Ganzes,  durch  den  Aufbau  und  den  Fluß
der  Linien  wirken  ließ;  zugleich  verstand  er  der  nackten  menschlichen  Gestalt
  so  einfach  kräftige,  klassische  Formen  zu  geben,  wie  nur  sein  Freund,
der  große  Zeichner  Genelli.  Als  er  in  Unteritalien  die  Stätten  der  Wanderfahrt
  des  Odysseus  durchzog,  da  bevölkerte  seine  Phantasie  ganz  von  selbst
Felsen,  Wald  und  Meer  mit  den  Bildern  des  homerischen  Helden,  die  er
sich  nur  in  der  feierlichen  Größe  dieser  Natur  denken  konnte,  und  in
mannigfachen  Entwürfen  bereitete  er  schon  sein  Lebenswerk  vor,  den  Zyklus
der  erhabenen  odysseischen  Landschaften.

Selbst  an  dem  Stillleben  der  Düsseldorfer  gingen  die  Kämpfe  der  Zeit
nicht  spurlos  vorüber.  Wie  schnell  war  doch  Wilhelm  Schadow  zum  kirchlichen
Parteimanne  geworden,  der  Liebenswürdige,  der  früherhin  so  vielen  grund—
verschiedenen  Talenten  als  verständnisvoller  Lehrer  die  Wege  geebnet  hatte.
Jetzt  vergiftete  pfäffischer  Haß  alles  Leben  am  Rhein.  Da  der  tapfere  Lessing
unbeirrt  fortfuhr,  die  Helden  der  Reformationszeit  in  kräftigen  historischen
Bildern  zu  verherrlichen  —  immer  lebendig  und  feurig,  aber  niemals  mit  be—
wußter  Parteilichkeit  —  so  entstanden  bald  häßliche  Zerwürfnisse  in  der  fröhlichen
  Kumpanei  des  Düsseldorfer  Malkastens.  Die  neuen  Nazarener  scharten
sich  um  Schadows  Panier.  Zu  ihnen  zählte  Deger  und  manche  andere  begabte
  Künstler,  die  in  den  Fresken  der  Remagener  Apollinariskirche  viel
Gefühl  und  viel  technisches  Geschick  bekundeten;  aber  in  allen  ihren  Werken
verriet  sich  die  beschränkte  Einseitigkeit  eines  Sektengeistes,  der  dem  freien
deutschen  Gemüte  niemals  zugesagt  hat,  und  der  neue  Düsseldorfer  Verein
zur  Verbreitung  religiöser  Bilder  bemühte  sich  grundsätzlich,  eine  katholische,
  den  Ketzern  unverständliche  Kunst  zu  fördern.  Bei  allem  Zwist  ging
dem  munteren  Düsselvölkchen  der  Humor  nicht  aus;  das  zeigten  Hasenclevers
  derblustige  Bilder  von  den  Weinproben  der  rheinischen  Schoppenstecher.
  Am  letzten  Ende  gereichte  der  notwendige  Streit  der  Düsseldorfer
  Schule  zum  Heile,  er  bewahrte  sie  vor  Erstarrung.  Außerhalb  der
Akademie  Schadows  entstanden  fortan  selbständige  Malerwerkstätten.  In
ihnen  wuchs  nach  und  nach  ein  neues  Geschlecht  heran:  Genremaler,  die
nicht  ewig  die  taubenrunden  und  taubenfrommen  altdüsseldorfischen  Jungfrauengesichter
  malen,  Landschafter,  die  nicht  allezeit  denselben  Mondschein
über  denselben  rheinischen  Burgen  erglänzen  lassen  wollten;  sie  freuten
sich  alle  an  der  Farbenkraft  und  der  lebendigen  Charakteristik  der  belgischfranzösischen
  Nachbarn.  Die  Jugend  glaubte  nicht  mehr  an  den  Kernspruch
  Genellis:  „der  Fisch  gehört  ins  Wasser,  der  Künstler  nach  Rom.“
Hatte  doch  Lessing  selbst  den  Boden  Italiens  nie  betreten.  Man  begann
zu  ahnen,  daß  die  Formenwelt  des  Südens  jetzt  nach  so  langem  innigem

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  26
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        402  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

Verkehre  jedem  ernstlich  gebildeten  deutschen  Maler  in  Fleisch  und  Blut
gedrungen  sein  mußte  und  nunmehr  eine  ganz  selbständige  nordische  Kunst
möglich  war.

Unterdessen  bewies  ein  bescheidener,  lange  kaum  beachteter  Meister,
daß  auch  in  dieser  bildungsstolzen  Zeit  die  volkstümliche  Kunst  mit  einfachen
  Mitteln  große  Erfolge  erringen  konnte.  Ludwig  Richter  war  in
dem  stillvergnügten  Philistertum  einer  armen  Vorstadt  Dresdens  aufgewachsen,
  in  einer  Welt  von  kleinbürgerlichen  Originalen;  die  engen  Verhältnisse
  bedrückten  den  kindlich  frommen,  genügsamen  Jüngling  wenig;
war  doch  die  Natur  so  reich  und  mild  im  heiteren  Tale  der  Elbe,  und  wie
wonnig  ließ  es  sich  träumen  unter  den  Zweigen  des  alten  Birnbaums  im
Garten,  vor  den  üppigen  Rosenbeeten.  Nachher  zu  Rom  schloß  er  Freundschaft
  mit  Koch  und  seinem  Landsmanne  Schnorr  und  versuchte  sich  in
dieser  strengen  Schule  an  dem  hohen  Stile  historischer  Landschaften;
als  er  aber  dort  einmal  gedrängt  wurde,  rasch  aus  dem  Kopfe  ein  Bild
zu  entwerfen,  da  zeichnete  er  unwillkürlich  eine  Schar  sächsischer  Landleute,
  die  mit  ihren  Kindern  am  Sonntag  durchs  hohe  Korn  zur  Kirche
zogen.  Es  war  die  Stimme  des  Herzens,  die  Ahnung  seines  Lebensberufes.
  6
Als  er  dann  wieder  daheim  im  bescheidenen  glücklichen  Hause  saß,
da  fühlte  er  bald,  daß  ihm  das  schlichte  Bürgerkind,  die  deutsche  Landschaft
  doch  viel  traulicher  zum  Gemüte  redete  als  die  stolze  Königstochter
  des  Südens,  und  er  begriff,  warum  der  Welsche  im  Walde  auf
dem  Bauche  liegt,  der  Deutsche  auf  dem  Rücken.  Die  Heimat  mit  ihrem
Kleinleben  ward  ihm  immer  lieber,  und  er  begann  nunmehr  für  den
Holzschnitt  zu  zeichnen  —  eine  echt  deutsche  Kunstweise,  die  einst  in
Dürers  Tagen  weit  tiefer  als  die  Malerei  auf  unser  Volk  eingewirkt  hatte,
dann  lange  ganz  vergessen  und  endlich  in  England  zuerst  wiederbelebt,
neuerdings  auch  in  Deutschland  wieder  tüchtige  Vertreter  fand.  Naiv,
wie  er  immer  blieb,  wendete  er  sich  also  von  der  großen  zur  kleinen  Kunst,
vom  Erhabenen  zum  Schlichten,  ohne  sich's  träumen  zu  lassen,  daß  diese
Wendung  doch  durch  die  veränderte  Zeitstimmung  mitbedingt  war.  Ihm
war  die  Kunst  „ein  wunderschöner  Engel,  der  die  Menschen,  die  eines
guten  Herzens  sind,  auf  sonnige  und  blumige  Stellen  führt“,  und  mit
seliger  Freude  schilderte  er  nun  auf  unzähligen  Blättern  das  Treiben  seines
Volks:  Studenten  und  Handwerksburschen,  das  Lebkuchenhäuschen  des
Volksmärchens  und  die  frierenden  Kinder,  die  auf  dem  Dresdener  Striezelmarkte
  ihre  aus  Backpflaumen  geformten  Schornsteinfeger  verkaufen,  vor
allem  doch  das  Glück  des  Hauses:  den  Weihnachtsbaum,  die  Punschbowle
des  Silvesterabends  und  die  dampfende  Kartoffelschüssel  —  was  jeder
kennt  und  jeder  erlebt  hat.

Überall  Glück  und  Frieden,  auch  ein  Zug  von  jenem  warmherzigen
Spenerschen  Pietismus,  der  unter  den  Stillen  im  kursächsischen  Lande
        <pb n="411" />
        Ludwig  Richter.  403

noch  fortlebte;  niemand  hätte  erraten,  daß  Richter  katholisch  erzogen  war
und  erst  als  Mann,  dann  freilich  mit  andächtigem  Entzücken,  die  unver—
fälschte  Bibel  kennen  gelernt  hatte.  Die  drolligen  Philister  seiner  Heimat
gelangen  ihm  immer,  auch  die  Weiber  und  Kinder,  die  Engel  und  die
Gnomen,  seltener  die  kräftigen  Männer,  nun  gar  an  die  Heldengestalten
unserer  erhabenen  Dichtung  durfte  er  sich  nicht  heranwagen;  das  Kostüm
beachtete  er  wenig,  aber  gern  stellte  er  seine  unschuldigen  Menschen  mitten
hinein  in  eine  anmutige  Landschaft  oder  ließ  den  Rauch  aus  dem  Schorn—
stein  des  befriedeten  Hauses  sich  hell  abheben  vom  dunklen  Tannenwalde
dahinter.  Der  Beifall  wuchs;  in  den  fünfziger  Jahren  lagen  Richters
Holzschnitte  fast  auf  jedem  deutschen  Familientische,  strenge  Kunstgelehrte
schrieben  Abhandlungen  über  seine  Entwicklung,  die  Sammler  drängten  sich
um  jedes  Blatt,  das  er  irgend  einmal  für  ein  Kommersbuch,  einen  Volks—
kalender,  eine  Märchensammlung  gezeichnet  hatte.  So  lebte  er  von  Haß
und  Neid  ganz  unberührt,  ein  geliebter  Hausfreund  seines  Volks,  und
noch  im  hohen  Alter  schritt  er  täglich,  froh  bewegt,  seines  Gottes  voll,
hinauf  nach  dem  Waldrande  über  seinem  Loschwitzer  Weinbergshäuschen,
um  sich  der  lieblichen  Landschaft  zu  erfreuen.  Er  bemerkte  nicht  mehr,
daß  noch  bei  seinen  Lebzeiten  der  Kunstgeschmack  dieses  rastlosen  Jahr—
hunderts  sich  schon  wieder  veränderte.  Das  Geschlecht,  das  sich  an  Richters
frommer  Einfalt  erbaute,  war  reich  an  literarischen  und  politischen  Ge—
danken,  doch  in  seinen  Lebensgewohnheiten  noch  sehr  bescheiden;  nachher
wuchsen  mit  dem  Wohlstande  die  Genußsucht,  die  Ansprüche  an  das  Leben,
der  Drang  nach  sinnlicher  Fülle  des  Daseins,  und  die  verwandelte  Zeit
begann  den  unschuldig  gemütlichen  Idealismus  langweilig  und  leer  zu
finden.  Die  Freude  an  Richters  Holzschnitten  verschwand  zusehends  —
für  lange,  vielleicht  für  immer;  denn  in  dem  launischen  Geschmackswechsel
eines  übersättigten  Zeitalters  können  wohl  elegante  Kunstwerke,  wie  die
so  lange  mißachteten  Gemälde  Watteaus  wieder  zu  Ehren  kommen;  die
genügsamen  Menschen  aber,  die  sich  an  den  Kinderbildern  des  Dresdener
Zeichners  ergötzten,  kehren  so  leicht  nicht  wieder.

Über  die  idealistischen  Anfänge  unserer  neuen  Malerei  sagte  Schnorr
einst:  Wir  hatten  damals  vollauf  zu  tun,  um  nach  den  Grundanschauungen
  der  alten  großen  Meister  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  wieder  arbeiten
  zu  lernen;  „es  war  uns  unmöglich,  alles  auf  einmal  zu  leisten,
und  wir  glaubten  die  Weiterführung,  namentlich  die  Ausbildung  der  Technik
  in  demselben  Geiste,  den  Nachkommenden  überlassen  zu  können.“  Aber
alle  Kunst  ist  Können,  sie  darf  die  Technik  nicht  als  ein  Beiwerk  ansehen,
das  auch  wegbleiben  kann.  Unsere  Malerei  bedurfte  eines  Künstlers,  der,
kräftiger  als  die  Düsseldorfer,  mit  unerbittlichem  Ernst,  mit  der  Hand
und  dem  Herzen  zugleich  die  Wahrheit,  nichts  als  die  Wahrheit  suchte
und  doch  durch  poetische  Erfindsamkeit  so  hoch  stand,  daß  ihn  niemand
wie  einen  Handwerker  geringschätzen  durfte.  So,  als  ein  Bahnbrecher

26*
        <pb n="412" />
        404  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

des  starken,  mannhaften  Realismus  trat  plötzlich  Adolf  Menzel  auf,  ein
Schlesier,  der  schon  seit  seinen  Jugendtagen,  von  wenigen  gewürdigt,  in
Berlin  einen  harten  Lebenskampf  bestanden  hatte.  Italien  kannte  er  nicht,
und  von  den  lebenden  deutschen  Meistern  hatte  keiner  tief  auf  ihn  eingewirkt,
  nicht  einmal  der  preußische  Soldatenmaler  Franz  Krüger.  Ganz
selbständig  schritt  er  seines  Wegs,  scharf  um  sich  schauend  in  die  wirkliche
Welt,  und  sagte  „den  Schönheitsschwärmern“  ruhig:  „Man  muß  gar  nichts
verlangen,  dann  wird  man  in  allerwege  überrascht.“

Als  im  Jahre  1839  die  Geschichte  Friedrichs  des  Großen  von  dem
Kunsthistoriker  Franz  Kugler  mit  Menzels  Zeichnungen  erschien,  da  mochte
die  deutsche  Wissenschaft  wohl  beschämt  die  Augen  niederschlagen.  Seit  dem
alten  Archenholtz  hatte  sich  kein  namhafter  Historiker  mehr  an  den  reichen
Stoff  herangewagt.  Kugler  selbst  bot  im  Text  nur  eine  muntere,  wenig
durchgeistigte  Erzählung.  Wie  unwiderstehlich  hingegen  sprach  aus  diesen
Holzschnitten  das  innerste  Wesen  einer  großen  Zeit.  Schlachten  und  Hoffeste,
  Heldenzorn  und  Heldennot,  Zerstörung  und  Siegesfreude,  die  ganze
gewaltige  Entwicklung  des  Königs  selbst  von  den  stürmischen  Jugendtagen
an  bis  zu  der  Zeit,  da  er  beim  Ende  des  sechsten  Kriegsjahres  noch  am
Rande  des  Abgrunds  als  kühner  Fechter  stand  und  wieder  bis  zu  den
letzten  finsteren  Jahren  der  einsamen  Größe  —  das  alles  erschien  hier
in  so  überwältigender  Wahrheit,  daß  Alexis'’  patriotische  Romane  daneben
doch  ganz  verschwanden.  Mit  einem  Male  war  das  Werk  da,  und  jeder
treue  Preuße,  der  sich  darein  versenkte,  fragte  unwillkürlich:  warum  ist  es
nicht  immer  da  gewesen?  Kein  anderes  Volk  besaß  ein  solches  nationales
Erinnerungsbuch,  das  in  seiner  bescheidenen  Gestalt  in  jedermanns  Hände
gelangen  konnte  und  doch  an  tiefem  historischem  Gehalt  so  reich  war
wie  die  großen  Doelen=  und  Regentenstücke  der  alten  Niederländer.  Und
welch  ein  ungeheurer  Fleiß  verbarg  sich  hinter  diesen  kleinen  Blättern.  In
sorgsamen  Studien  war  der  Abstand  der  Uniformknöpfe  wie  die  Länge  des
Metallbeschlags  an  den  Offiziersstöcken  bis  auf  den  Zoll  vorher  ausgemessen,
  und  nachher  erschien  das  peinlich  Erforschte  doch  in  voller  künstlerischer
  Lebendigkeit.  Der  Künstler  wußte,  daß  alle  wahrhaftige  Geschichte
grelle  Farben  trägt;  er  ließ  sich's  nicht  verdrießen,  selbst  den  Regimentsprofoßen
  durch  sein  hartes  Tagewerk  hindurch  zu  verfolgen,  und  bildete  ihn
ab,  wie  er  die  Spießruten  schneidet  für  die  Strafen  des  nächsten  Morgens.

Vier  Jahre  nachher  wurde  die  akademische  Prachtausgabe  der  Werke
Friedrichs  vorbereitet;  da  verstand  es  sich  schon  von  selbst,  daß  nur
Menzel  den  Auftrag  zur  Ausführung  der  zweihundert  Vignetten  erhalten
konnte.  Dem  Monarchen  aber  war  offenbar  nicht  recht  geheuer  bei  dem
Realismus  und  der  kriegerischen  Kraft  dieser  friderizianischen  Bilder;  er
besprach  sich  niemals  mit  dem  Künstler,  ließ  sich  niemals  einen  Entwurf
vorlegen,  obgleich  er  doch  sonst  so  gern  in  der  Kunst  dilettierte.  Während
der  sechsjährigen  Arbeit  erhielt  Menzel  vom  Hofe  nur  die  einzige  Weisung,
        <pb n="413" />
        Adolf  Menzel.  405

daß  keine  Vignette  die  Höhe  von  12  Zentimetern  überschreiten  dürfe.)
So  konnte  er,  gleich  den  Meistern  unseres  sechzehnten  Jahrhunderts,  die
glückliche  Freiheit  des  Holzschnittes  ausgiebig  benutzen  und,  wie  jene,  auf
losen  Blättern  den  ganzen  Reichtum  seiner  Gedanken  und  Erfindungen
entfalten;  die  dem  entschlossenen  Realismus  immer  drohende  Gefahr  der
Überschreitung  der  Kunstgrenzen  war  ja  in  dieser  fast  schrankenlosen
Darstellungsform  nicht  zu  fürchten,  und  die  Holzschneider  Unzelmann,
Vogel,  Müller  beherrschten  die  Technik  schon  so  sicher,  daß  sie  jeder  Kühnheit
  des  Zeichners  zu  folgen  vermochten.  Die  Bilder,  mit  denen  er
Friedrichs  philosophische  Aufsätze  schmückte,  verrieten  deutlich,  daß  er  selbst
dem  königlichen  Freigeiste  weit  näher  stand  als  dem  romantischen  Nachfahren.
  Weibliche  Anmut  und  gemütliche  Beschaulichkeit  lockten  ihn  nicht;
sein  Gebiet  war  das  Denken  und  Schaffen  der  Männer.  Durch  seinen
Stoff  ward  er  tief  in  die  Formenwelt  des  Barock=  und  Rokokostils  eingeführt;
  er  liebte  sie,  ohne  je  in  ihr  unterzugehen;  und  wenn  er  an  den
Eingang  der  Geschichte  Friedrichs  das  Bild  des  Schlüterschen  Kurfürstendenkmals
  mit  dem  alten  Schlosse  dahinter  setzte,  so  war  damit  ebenso  sehr
ein  ästhetischer  wie  ein  historischer  Gedanke  ausgesprochen.  Auch  die  reiche
Kleinkunst  dieser  allzu  hart  gescholtenen  Zeit  brachte  er  durch  seine  Zeichnungen
  zuerst  wieder  zu  Ansehen.

Eine  Schule  zu  bilden,  liegt  nicht  in  der  Neigung  solcher  starken,
stolzen,  durchaus  eigenartigen  Naturen;  aber  Menzels  stille,  mittelbare
Wirksamkeit  war  ungeheuer,  wenngleich  sie  sich  erst  langsam  offenbarte.
Als  er  nachher  mit  der  Tafelrunde  von  Sanssouci  die  Reihe  seiner
großen  Gemälde  begann  und  darauf  wieder,  wie  in  seinen  frühesten
Jugendarbeiten,  mitten  hineingriff  in  das  Leben  der  nächsten  Gegenwart,
  da  konnte  niemand  mehr  an  seinen  Werken  vorübergehen;  jeder
Künstler  sah  sich  gezwungen,  einmal  in  diesen  scharfen  Spiegel  zu  schauen
und  sich  zu  fragen,  ob  er  auch  selbst  noch  wahr  sei.  Also  brach  für
die  deutsche  Malerei  eine  neue  Zeit  an,  reich  an  Erfolgen,  späterhin
auch  reich  an  Verirrungen.  Ganz  deutsch  in  seinen  Stoffen  wie  in  seinen
Empfindungen  errang  sich  Menzel  weit  mehr,  als  es  einem  der  alten
Idealisten  je  gelungen  war,  die  Bewunderung  auch  des  Auslands;  denn
der  Drang  nach  Lebenswahrheit,  dem  er  einen  so  mächtigen  Ausdruck  gab,
beherrschte  die  Gefühle  des  ganzen  Zeitalters.

Dasselbe  Jahr,  das  Menzels  Friedrichsbuch  erscheinen  sah,  brachte
auch  der  Bildnerkunst  eine  folgenreiche  Entscheidung.  Schon  seit  zwei
Menschenaltern  wurde  in  Berlin  der  Plan  eines  Denkmals  für  den  großen
König  hin  und  her  erwogen.  Tassaert  und  Schadow,  Schinkel  und  Rauch
hatten  in  Vorschlägen  gewetteifert,  in  der  Mannigfaltigkeit  dieser  Pläne
spiegelte  sich  der  Wandel  der  Kunstempfindungen  eines  suchenden  Jahr- 



*)  Nach  einer  freundlichen  Mitteilung  von  A.  Menzel.
        <pb n="414" />
        406  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

hunderts  treulich  wieder.  Als  Rauch  endlich  mit  der  Ausführung  beauftragt
  wurde,  da  sah  er  alsbald,  daß  Friedrichs  stolze  Wahrhaftigkeit  sich
mit  klassischem  Pomp  sogar  noch  weniger  vertrug  als  die  schlichte  Größe
der  Feldherren  des  Befreiungskrieges.  Den  alten  Fritz,  dessen  Gestalt
noch  in  aller  Gedächtnis  lebte,  auf  eine  Trajanssäule  stellen  oder  in  einen
Tempel  oder  als  Triumphator  auf  eine  Quadriga,  wie  noch  Schinkel  vorgeschlagen
  hatte,  das  hieß  das  Volksgefühl  beleidigen;  und  von  der  volkstümlichen
  Wirksamkeit  der  Kunst  war  Rauch  ebenso  tief  überzeugt  wie
sein  Liebling  Rietschel,  der  dem  Meister  ermutigend  schrieb:  vom  Volke
begriffen  werden,  es  erheben,  begeistern,  hierdurch  erhält  ein  Kunstwerk
die  wahre  Autorität.  Auf  Rauchs  Antrag  genehmigte  der  alte  König  ein
halbes  Jahr  vor  seinem  Abscheiden  die  Errichtung  eines  großen  Reiterstandbilds;
  es  war  die  letzte  gute  Tat,  die  der  anspruchslose  und  doch  so
still  sinnige  Mäcenas  der  deutschen  Kunst  erwies.  Enthusiastisch  ging  der
Nachfolger  auf  den  Gedanken  ein;  er  erlaubte,  den  Plan  zu  erweitern,
am  Sockel  des  Königsstandbilds  den  ganzen  Heldenkreis  der  friderizianischen
Zeiten  in  mächtigen  Erzgestalten  darzustellen  und  suchte  dem  Meister  selbst
bei  der  Komposition  zu  helfen.  Künstler,  Gelehrte,  Offiziere  wurden  befragt,
  wer  einen  Platz  auf  dem  Sockel  verdiene.  Die  langwierigen  Verhandlungen
  erschienen  fast  wie  ein  historischer  Familienrat  des  preußischen
  Volks;  man  empfand  die  Macht  einer  noch  in  der  Gegenwart  fortwirkenden
  großen  Geschichte,  alle  die  alten  Soldatengeschlechter  setzten  ihren
Stolz  darein,  daß  ihre  Ahnen  auf  dem  nationalen  Ehrendenkmal  nicht
fehlen  sollten.

Das  geistvolle,  dem  Maler  so  willkommene  Gesicht  des  großen  Königs
ließ  sich  unbeschattet  vom  Bildhauer  kaum  darstellen,  da  der  Ausdruck
ganz  in  den  mächtigen  Augen  lag  und  das  Profil  nur  zwei  scharfe  Linien
zeigte.  Darum  mußte  Rauch  den  Kopf  Friedrichs  mit  dem  Hute  bedecken,
wie  die  Hellenen  den  Zwiebelkopf  ihres  Perikles  unter  dem  Helme  verbargen.
  Als  eine  Erinnerung  gleichsam  an  die  früheren  antikisierenden
Entwürfe  blieb  nur  der  schwere  Krönungsmantel,  der  dem  Herrscher  um
die  Schultern  geschlagen  zu  dem  Dreispitz,  dem  Krückstock,  der  Uniform
wenig  stimmte.  Streng  in  der  Tracht  der  Zeit  wurden  die  Bildwerke
des  Sockels  gehalten:  die  vier  Reitergestalten  der  ersten  Heerführer  des
Königs  aus  den  Ecken  hervorsprengend,  dazwischen  die  dichte  Schar  der
Generale,  auf  der  Rückseite  auch  die  Staatsmänner  und  Denker.  Welch'
eine  Zumutung  an  den  greisen  Künstler,  der  soeben  noch  in  der  hellen
Schönheit  seiner  Walhalla-Viktorien  geschwelgt  hatte,  „diese  sämtlich  von
einem  Friseur  mit  gleicher  Lockenzahl  über  dem  Ohr  frisierten  Menschen“
mit  ihrer  häßlichen  Tracht  zu  bekleiden;  er  fühlte  sich  zuweilen  „geistig
fertig“.  Doch  sein  eiserner  Wille  hielt  stand  bei  der  ungeheueren  Arbeit.
Jedem  der  Köpfe,  die  er  zumeist  nur  aus  schlechten  Bildnissen  kannte,
verstand  er  ein  kräftiges  persönliches  Leben  einzuhauchen;  die  bald  ganz
        <pb n="415" />
        Rauchs  Friedrichsdenkmal.  Rietschel.  407

frei,  bald  halbrund,  bald  flach  aus  dem  Sockel  heraustretenden  Gestalten
ordnete  er  so  glücklich  hinter=  und  nebeneinander,  daß  die  Überzahl  der
Arme  und  Beine  verdeckt  blieb;  die  ruhige  Gruppe  der  Männer  des
Friedens  hob  sich  wirksam  ab  von  den  bewegteren  der  Kriegshelden.  Das
Werk  reichte  an  die  Majestät  des  Schlüterschen  Kurfürstenstandbildes  nicht
ganz  heran  und  erschien  etwas  steif  durch  den  allzu  hohen  Aufbau;  aber
in  diesem  Jahrhundert  war  der  deutschen  Bildnerkunst  noch  nie  eine  so
großartige  Schöpfung  gelungen.  Leider  konnte  das  Denkmal  erst  nach  der
Revolution  enthüllt  werden,  vor  einem  verstimmten  Geschlechte,  das  dem
unglücklichen  Könige  für  nichts  mehr  danken  wollte.

Gleich  dem  Meister  wendete  sich  auch  sein  liebevoller  Johannes,  Ernst
Rietschel,  ohne  die  klassische  Formenstrenge  aufzugeben,  einer  schärfer
charalterisierenden,  realistischen  Kunstweise  zu.  Der  milde,  fromme,  kindlich
  bescheidene  Künstler  ähnelte  in  manchen  Charakterzügen  seinem  Freunde
und  Landsmanne  Ludwig  Richter.  Nur  war  sein  Geist  weit  freier,  größer
angelegt  und  durch  eine  harte  Lebensschule  gestählt.  Wie  ahnungsvoll
hatte  der  blutarme  Knabe  einst  von  den  Bergen  seiner  Lausitz  hinübergeschaut
  nach  den  fernen  Türmen  Dresdens;  und  als  er  dann  in  die  ersehnte
  Stadt  des  Glanzes  und  der  Künste  einzog,  da  kümmerte  er  wieder
jahrelang  hin,  ratlos,  führerlos,  unter  unfähigen  Lehrern,  in  einer  weichen
romantischen  Luft,  oft  ganz  zerknirscht  durch  den  Gedanken,  daß  der  Bildhauer
  für  die  Ewigkeit  schaffen  soll  —  bis  ihm  endlich  Rauch  eine  neue
Welt  kraftvoller  Schönheit  aufschloß.  Jetzt  errang  er  zuerst  einen  durchschlagenden
  Erfolg,  als  er  in  der  Gruppe  der  Pieta  einen  tausendmal
behandelten  Stoff  völlig  neu  und  eigentümlich  gestaltete,  ebenso  gemütvoll
  wie  die  alten  Nürnberger  Meister,  aber  mit  unvergleichlich  reinerem
Formensinne.

Dann  übertrugen  ihm  die  Braunschweiger  die  Ausführung  ihres
Lessingstandbildes,  und  sofort  machte  er  dieselbe  Erfahrung  wie  Rauch
beim  Friedrichsdenkmal.  Der  Todfeind  des  gespreizten  Römertums  der
französischen  Tragödie  konnte  doch  unmöglich  in  der  Toga  erscheinen,
der  stolze  Verächter  alles  falschen  Scheines  unmöglich  im  Theatermantel.
Rietschel  entschloß  sich  also  noch  einen  Schritt  über  den  Meister  hinaus
zu  wagen  und  den  Helden  selbst,  so  wie  einst  Schadow  den  alten  Zieten,
stark,  schlicht  und  ehrlich,  ohne  jede  schmückende  Zutat,  in  der  Tracht
der  Zeit  hinzustellen,  ein  köstliches  Bild  deutschen  Wahrheitstrotzes.  Schadows
  Zieten  war  im  Grunde  nur  eine  akademische,  zufällig  in  die  Husarenuniform
  gekleidete  Gestalt;  Rietschel  ging  darauf  aus,  daß  Form  und
Inhalt  seines  Bildwerks  vollkommen  übereinstimmen  sollten.  Aus  jeder
Not  ward  ihm  eine  Tugend,  den  Haarbeutel  benutzte  er,  um  die  freien
Linien  des  wallenden  Haares  zu  zeichnen,  das  enge  kurze  Beinkleid,  um
die  gedrungene  Kraft  der  Glieder  zu  zeigen.  Auch  dies  lang  und  schwer
durchdachte  Werk  gelangte  erst  nach  den  Stürmen  der  Revolution  zum
        <pb n="416" />
        408  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

Abschluß.  Also  begann  die  Bildnerkunst  auf  die  Höhe  eines  klassisch
geschulten,  dem  Idealen  nicht  entfremdeten  Realismus  aufzusteigen;  erst
die  Zukunft  sollte  erfahren,  daß  von  diesem  steilen  Gipfel  manche  lockende
Abwege  niederwärts  führten  zur  naturalistischen  Roheit  und  malerischen
Unruhe.

An  wahrhaft  genialen  Baumeistern  besaß  diese  Zeit  nur  einen,  Gottfried
  Semper,  und  ihn  versuchte  König  Friedrich  Wilhelm  seltsamerweise
  niemals  für  sich  zu  gewinnen.  Semper  blieb  in  Dresden,  und  nachdem
  der  schöne  Halbrundbau  des  Theaters  mit  dem  reichen  Bildnerschmucke
Rietschels  und  Hähnels  vollendet  war,  begann  er  den  Bau  des  Neuen
Museums,  ein  Werk,  das  alle  architektonischen  Unternehmungen  des  kunstsinnigen
  Preußenkönigs  leuchtend  überstrahlte.  Es  war  ein  tollkühnes
Unternehmen,  die  vierte,  noch  offene  Seite  des  Zwingervierecks  durch
einen  römischen  Renaissancepalast  auszufüllen;  und  doch  fügte  sich  die
reine,  ruhige,  an  Bramante  gemahnende  Schönheit  dieses  Langbaues
glücklich  ein  in  die  malerische  Umgebung,  sie  hielt  kräftig  stand  vor  der
überladenen  Pracht  der  Rokoko-Pavillons  gegenüber.  Die  heitere,  warme
Anmut  der  Innenräume  stimmte  jeden,  der  die  schönste  Galerie  des
Nordens  betrat,  sofort  festlich  und  empfänglich.  Auch  dieser  Bau  und
die  verdiente  Bewunderung,  die  er  nach  seiner  späten  Vollendung  fand,
bewiesen,  wie  unaufhaltsam  dies  erregte  Geschlecht  aus  der  klassischen  Einfachheit
  der  Schinkelschen  Zeiten  hinausstrebte.  —

 

Der  frische  politische  Zug,  der  seit  der  Vertreibung  der  Göttinger
Sieben  die  deutschen  Hochschulen  durchwehte,  verstärkte  sich  noch  von  Jahr
zu  Jahr  in  diesem  Zeitalter  der  ungeduldigen  Erwartung;  und  es  konnte
nicht  fehlen,  daß  die  Gelehrten  jetzt  häufiger  denn  je  zuvor  mit  den  Waffen
der  Wissenschaft  in  den  Kampf  des  Tages  eintraten.  Wie  einst  Fichte  durch
die  Philosophie  das  Leben  der  Tat  beherrschen  wollte,  ebenso,  und  mit
demselben  Pathos  eines  hohen  sittlichen  Berufes,  faßte  Dahlmann  von
jeher  sein  politisch-historisches  Lehramt  auf;  er  wollte  aus  den  Tatsachen
entwickeln,  „wie  man  praktisch  die  Aufgaben  der  Staatskunst  mehr  oder
minder  glücklich  gelöst“  habe,  und  also  seinen  Hörern  den  Weg  zum  eigenen
Handeln  weisen.  Auf  die  Bitten  seiner  Freunde  entschloß  er  sich  jetzt,
zwei  seiner  Kollegien,  die  Geschichte  der  englischen  und  der  französischen
Revolution  in  Buchform  herauszugeben.  In  gedrungener  Kürze,  wie  einst
Micgnet,  in  einer  markigen,  das  Gewissen  erschütternden  Sprache  und  mit
erstaunlicher  Kraft  der  Charakterzeichnung  schilderte  er  hier  die  beiden
großen  Umwälzungen.  Mignet  freilich  war  so  glücklich,  die  Geschichte  seines
Vaterlandes  zu  erzählen,  und  seine  Schrift  vermochte,  auch  nachdem  sie
wissenschaftlich  überwunden  war,  als  ein  Erinnerungsbuch  des  nationalen
        <pb n="417" />
        Semper.  Dahlmanns  zwei  Revolutionen.  409

Ruhmes  noch  lange  unter  den  Franzosen  fortzuleben.  Dahlmann  sollte  —
so  mühselig  war  noch  der  Entwicklungsgang  deutscher  Historiker  —  nie—
mals  dazu  gelangen,  die  Geschichte  des  Volkes  zu  schreiben,  dem  doch  all
sein  Denken  galt,  und  die  Darstellung  der  beiden  ausländischen  Revolu—
tionen,  die  er  jetzt  seiner  Nation  vorhielt,  damit  sie  die  herbe  Frucht  der
Selbsterkenntnis  pflückte,  konnte  nur  so  lange  das  Herz  der  Deutschen
fesseln,  als  sie  selber  noch  glaubten,  daß  fremde  Nationen  ihnen  einfach
zum  Vorbilde  dienen  müßten.  In  dieser  kurzen  Zeit  aber,  etwa  ein  Jahr—
zehnt  hindurch,  wirkten  die  beiden  Büchlein  sehr  stark  und  heilsam.  Sie
wurden  die  Sturmvögel  der  deutschen  Revolution.

Zum  ersten  Male  gelang  es  dem  ernsten,  wortkargen  Manne,  auch
die  breiten  Massen  des  gebildeten  Mittelstandes  hinzureißen.  In  unzähligen
Landtags-Anträgen  und  -Reden  der  nächsten  Jahre  klangen  Dahlmanns
Kernworte  wieder;  und  wie  einstmals  die  Damen  der  Pariser  Salons  arglos
gespielt  hatten  mit  den  Ideen  Voltaires  und  Rousseaus,  welche  bald  die
alte  französische  Gesellschaft  in  ihren  Flammen  verzehren  sollten,  so  wurden
jetzt  die  zwei  Revolutionen  Dahlmanns  nicht  bloß  von  der  liberalen  Prinzessin
  von  Preußen,  sondern  auch  an  hochkonservativen  deutschen  Fürstenhöfen
  eifrig  gelesen.  Furchtbar  ernst  klang  aus  beiden  Büchern  das  porro
unum  est  necessarium  heraus,  die  Forderung,  daß  Preußen  zu  konstitutionellen
  Einrichtungen  übergehen  müsse.  „Unverrückt“,  so  hieß  es
kurzab,  „weist  der  große  Zuchtmeister  der  Welt  immerfort  auf  dieselbe
Aufgabe  hin.“  Obgleich  Dahlmann,  ganz  frei  von  Schlossers  moralisierender
  Strenge,  auch  die  Gegner  mit  menschenfreundlichem  Humor  zu
würdigen  wußte,  so  sprach  er  doch  seine  politischen  Ideen  mit  einem  solchen
Nachdruck  aus,  daß  die  Zweifelnden  sich  sittlich  beschämt  und  entmutigt
fühlen  mußten.

In  der  bewußten  und  gewollten  Einseitigkeit  dieser  Grundgedanken  lag
gerade  die  Stärke  der  beiden  Bücher;  denn  wer  in  den  Zeiten  großer  vater—
ländischer  Kämpfe  ganz  unbefangen  und  leidenschaftslos  zu  bleiben  vermag,
der  verdient  nicht,  sie  zu  erleben.  Niebuhrs  Vorlesungen  über  das  Revo—
lutionszeitalter,  die  fast  zur  selben  Zeit  gedruckt  erschienen,  ließen  die
Leserwelt  kalt,  denn  aus  ihnen  redete  die  fast  verschollene  Gesinnung  der
Restaurationsjahre  Dahlmann  verkündete,  was  die  Gegenwart  stürmisch
forderte.  Den  Zunftgelehrten  bot  er  der  Blößen  genug.  Wenn  der  Histo—
riker  immer  nur  einen  Ausschnitt  aus  der  Fülle  des  Geschehenen  zu  geben
vermag,  so  war  hier  die  Grenze  doch  sehr  willkürlich  gezogen:  die  aus—
wärtige  Politik  und  die  sozialen  Verhältnisse  traten  ganz  zurück;  beide
Revolutionen  erschienen  nur  wie  Kämpfe  um  Verfassungsfragen.  Die
wenig  selbständige  Forschung  entlehnte  viel,  hier  von  Guizot,  dort  von
Droz;  den  Vorkämpfern  der  konstitutionell-monarchischen  Gedanken  ward
übermäßige  Bewunderung  gezollt,  Hampden  erhielt  die  Stelle  zugewiesen,
die  allein  dem  Protektor  Cromwell  gehört,  und  Mirabeau  erschien  auf
        <pb n="418" />
        410  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

einer  Höhe,  welche  wohl  seinem  dämonischen  Genie,  doch  nicht  seiner
politischen  Tätigkeit  gebührt.  Trotz  alledem  bewiesen  beide  Schriften
durch  ihre  mächtige  Wirksamkeit,  wie  hoch  das  politische  Denken  und
Wollen  über  der  gelehrten  Forschung  steht;  sie  sprachen  das  rechte  Wort
zur  rechten  Zeit,  sie  zwangen  auch  die  kleinmütigen  deutschen  Historiker,
fortan  mit  ihrem  politischen  Urteil  nicht  mehr  ängstlich  hinter  dem  Berge
zu  halten,  und  erhoben  den  tapferen  Verfasser  für  einige  Jahre  zum  verehrten
  politischen  Führer  unserer  Gelehrtenwelt.  Wie  eine  Weissagung
klang  sein  Ausspruch,  daß  „die  monarchische  Unumschränktheit  ihre  unvergeßliche
  Zeit  gehabt  hat,  gegenwärtig  aber,  verlassen  von  dem  Glauben
der  Völker,  ein  so  eitles  Geräusch  treibt,  wie  die  klappernden  Speichen
eines  Rades,  dessen  Nabe  zerbrochen  ist.“

Noch  schärfer  und  kühner  verkündete  J.  G.  Droysen  die  Forderungen
der  Gegenwart  in  seiner  Geschichte  der  Freiheitskriege.  Aufgewachsen  in
einem  stillen  pommerschen  Pfarrhause  war  Droysen  früh  in  die  Kreise
der  höchsten  künstlerischen  und  wissenschaftlichen  Bildung  Berlins  eingetreten
  und  hatte  seine  vielseitige  Begabung  schon  durch  die  geistvolle  Übersetzung
  des  Aschylus  und  Aristophanes  bewährt,  nachher  durch  die  Geschichte
  Alexanders,  ein  Buch  voll  schöner  jugendlicher  Begeisterung,  das
freilich  nach  Hegels  Weise  den  unterliegenden  Parteien  meist  unrecht  gab.
Unter  Freiheitskriegen  verstand  er  die  gesamte  große  Bewegung,  welche
seit  der  Erhebung  Nordamerikas  bis  zu  den  Pariser  Friedensschlüssen  die
gesittete  Welt  erschüttert  hatte.  Das  Buch  konnte  und  wollte  nur  ein
erster  Versuch  sein,  den  Deutschen  ein  Bewußtsein  von  dem  Ideengehalte
dieser  reichen  Zeit  zu  erwecken.  Die  Darstellung  der  Tatsachen  mußte
mangelhaft  bleiben,  da  die  deutschen  Archive  noch  verschlossen  lagen;  die
Erzählung  ward  durch  die  Reflexion  noch  stark  überwogen,  die  Geschichte
erschien  mehr  als  ein  dialektischer  Prozeß,  denn  als  ein  Kampf  wollender
Männer.  Aber  klar  und  lebendig  trat  das  letzte  Ziel  der  langen  Entwicklung
  heraus:  das  nationale  Preußen,  das  seinem  Sondergeist  entwachsend
  mehr  und  mehr  im  deutschen  Namen  untergehen  müsse.  Vollständig,
  erschöpfend  wie  in  keinem  anderen  Buche  dieser  Jahre  ward  das
ganze  Programm  des  gemäßigten  Liberalismus  dahin  zusammengefaßt:
nationale  Selbständigkeit  und  Einheit;  grundgesetzliche  Rechtssicherheit;  ein
wahrhaftes  Staatsbürgertum,  gegründet  auf  kommunaler  und  reichsständischer
  Freiheit;  gerechte  Autonomie  in  allen  Lebenskreisen,  deren  Zweck
nicht  der  Staat  ist.  In  der  Summe  dieser  Forderungen  sah  Droysen,  da
er  von  der  Doktrin  der  Menschenrechte  doch  noch  nicht  ganz  loskam,  die
königliche  Vollfreiheit  des  sittlichen  Menschen,  und  in  dieser  —  nach  Schöns
bekanntem  Ausspruch  —  den  unerschütterlichen  Pfeiler  jedes  Thrones.  König
Friedrich  Wilhelm  hatte  sich  in  die  Welt  seiner  ständischen  Gliederung  schon
so  tief  eingesponnen,  daß  er  selbst  diese  maßvoll  und  edel  vorgetragenen
Gedanken  nicht  mehr  verwinden  konnte.  Den  ersten  Band  des  Buchs
        <pb n="419" />
        Droysen.  Historische  Satiren.  411

nahm  er  mit  kühlem  Danke  an,  den  zweiten  ließ  er  ungnädig  dem  Verfasser
  zurücksenden.“)

Dahlmann  und  Droysen  gebrauchten  nur  das  gute  Recht  des  Historikers,
  wenn  sie  aus  den  Erfahrungen  der  Vergangenheit  ernste  Lehren
für  die  Gegenwart  zu  gewinnen  suchten.  Aber  neben  dieser  berechtigten
Tendenz  wagte  sich  auch  die  unberechtigte  des  boshaften  Anspielens  und
des  versteckten  Anwinkens  hervor,  ein  schlechtes  Handwerk,  das  sich  mit
der  Würde  der  Geschichte  nie  verträgt.  David  Fr.  Strauß  hatte  die
letzten  Jahre,  tief  daniedergedrückt  durch  seine  unglückliche  Ehe  mit  der
schönen  Sängerin  Agnese  Schebest,  ganz  untätig  verbracht;  und  recht
genesen  war  er  auch  noch  nicht,  als  er,  der  ehelichen  Fesseln  endlich  ledig,
seine  streitbare  Feder  wieder  ergriff  und  den  lange  verhaltenen  Groll  wider
König  Friedrich  Wilhelm  in  der  Flugschrift  „der  Romantiker  auf  dem
Throne  der  Cäsaren“  entlud.  Das  Beste  daran  war  der  witzige  Titel,
der  denn  auch  genügte,  der  sehr  wenig  gelesenen  Schrift  einen  in  Zeitungen
  und  Büchern  dauernden  Ruhm  zu  verschaffen.  Julianus,  der  gewaltige
  Feldherr,  der  ernste,  prosaische,  ganz  in  politischen  Sorgen  aufgehende
  Staatsmann  wurde  hier  mit  dem  romantischen  Preußenkönige
verglichen,  weil  der  gestrenge  Römer  die  alte  mit  dem  römischen  Staate  unzertrennlich
  verwachsene  Staatsreligion  wiederherzustellen  versucht  hatte
und  das  Christentum,  nach  Straußens  Ansicht,  heutzutage  ebenso  verlebt
sein  sollte  wie  damals  das  Heidentum.  Nur  der  verblendete  Haß  konnte
zwei  in  Art  und  Unart  so  grundverschiedene  Charaktere  nebeneinander
stellen,  und  die  frostigen  Witze  über  den  romantischen  Dombau  des  Tempels
von  Jerusalem  oder  über  Julians  altgläubige  Kabinettsordres  ließen  den
abgeschmackten  Einfall  nur  noch  widerlicher  erscheinen.

Geistreicher,  kräftiger  als  Strauß  schwang  einige  Jahre  nach  der
Revolution  sein  Landsmann,  der  Bonner  Historiker  Otto  Abel  die  Geißel
der  Satire,  indem  er  einen  —  dem  preußischen  Monarchen  unverkenn—
bar  verwandten  —  Charakter  schilderte,  Theodat,  den  König  der  Ostgoten,
den  gelehrten  Schwächling,  der  durch  friedensselige  Tatenscheu  das  glor—
reiche  Erbe  großer  Vorfahren  zerstörte.  Abel  schrieb  nicht  mit  der
Bosheit  des  Parteihasses,  sondern  mit  tiefem  patriotischem  Schmerze,
er  störte  seine  Erzählung  durch  kein  einziges  Wort  unmittelbarer  An—
spielung,  und  noch  heute,  da  die  Halbwahrheit  aller  solcher  historischen
Vergleichungen  von  der  ruhigeren  Nachwelt  längst  durchschaut  ist,  kann
seine  Schrift  als  ein  kleines  Meisterstück  historischer  Charakteristik  mit
unbefangener  Freude  genossen  werden.  Was  Strauß  nur  in  einem  übel—
launigen  Capriccio  flüchtig  andeutete,  das  führte  der  Berliner  Historiker
Adolf  Schmidt  in  der  ganzen  Breite  gelehrter  Pedanterei  schwerfällig
aus.  Seine  „Geschichte  der  Denk-  und  Glaubensfreiheit“  unter  den  ersten

 

*;  Nach  einer  brieflichen  Mitteilung  von  J.  G.  Droysen.
        <pb n="420" />
        412  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

Cäsaren  behandelte  „das  Verhältnis  der  Monarchie  zu  den  Wirkungen  der
Aufklärung,  Monarchie  und  Kultus  im  Bunde  gegen  die  Glaubensfreiheit“
—  und  was  der  plumpen  Andeutungen  mehr  war.  Friedrich  Wilhelm  und
Tiberius,  Eichhorn  und  Sejan  erschienen  hier  wie  nahe  Gesinnungsverwandte;
  die  auf  beiden  Füßen  hinkenden  Vergleichungen,  die  hämischen
Sticheleien  und  Nutzanwendungen  verzerrten  das  Bild  der  Vergangenheit
gänzlich,  aber  die  von  Parteihaß  zerwühlte  Zeit  bewunderte  selbst  ein  so
giftiges  Buch.

Für  das  starke  Selbstgefühl  dieser  konstitutionellen  Gelehrten  war  es
ein  harter  Schlag,  daß  der  größte  deutsche  Historiker  ihren  Bestrebungen
fast  ebenso  kühl  gegenüberstand  wie  einst  Erasmus  den  Kämpfen  Luthers.
Ranke  genoß  der  persönlichen  Freundschaft  König  Friedrich  Wilhelms  und
folgte  der  neuen  Regierung  mit  hoffnungsvollem  Vertrauen.  Jeder  Tendenz,
  zu  allermeist  der  liberalen,  abhold,  vollendete  er  jetzt  mit  staunenswerter
  Fruchtbarkeit  die  deutsche  Geschichte  im  Zeitalter  der  Reformation,
  das  wissenschaftlich  wertvollste  unter  allen  seinen  bisherigen  Werken.
Wunderbar,  wie  wenig  die  Deutschen  von  dem  folgenreichsten  Jahrhundert
ihrer  Vorzeit  noch  kannten.  Die  Schriftsteller  der  Aufklärung  hatten  die
Zeit  der  Reformation  wenig  beachtet  oder  sie  wohl  gar,  wie  König  Friedrich
tat,  ins  Platt-Alltägliche  hinabgezogen;  Schiller,  dessen  genialer  Instinkt
  die  einzige  Größe  jenes  Zeitalters  sofort  durchschaute,  konnte  die
Tage  Luthers  nur  mit  einigen  beiläufigen  geistvollen  Bemerkungen  streifen,
weil  es  der  Stoff  seiner  beiden  Geschichtswerke  so  verlangte.  Seitdem
blieb  die  Geschichte  unseres  sechzehnten  Jahrhunderts  vornehmlich  den  theologischen
  Kirchenhistorikern  überlassen,  die  sich  denn  nach  ihrer  Weise  die
weltumgestaltende  Bewegung  als  einen  Kampf  dogmatischer  Systeme  zurechtlegten.
  Ranke  zuerst  wagte  die  politische  Geschichte  des  Zeitraums
zu  schreiben,  auf  Grund  der  Reichstagsakten  sowie  zahlreicher  anderer
archivalischer  Fünde,  und  er  hob  die  entscheidenden  Männer,  die  bestimmenden
  Tatsachen  aus  der  Flucht  der  Erscheinungen  so  sicher  heraus,  daß
er  mit  gerechtem  Selbstgefühle  sagen  durfte,  „spätere  Entdeckungen  würden
zwar  wohl  das  einzelne  näher  bestimmen,  aber  die  Grundwahrnehmungen
doch  zuletzt  bestätigen  müssen.“

Die  Mehrzahl  der  Leser  kannte  nur  die  den  Aufklärern  wie  den
Jesuiten  gleich  geläufige  Behauptung,  daß  die  Gier  nach  dem  Kirchengute
die  Politik  der  deutschen  Fürsten  wesentlich  bestimmt  haben  sollte;  eine
neue  Welt  ging  ihnen  auf,  als  ihnen  hier  das  feine  Geäder  der  diplomatischen
  Verhandlungen  bloßgelegt  und  im  einzelnen  nachgewiesen  wurde,  wie
die  politischen  und  die  kirchlichen  Gegensätze  einander  fort  und  fort  bald
bedingt,  bald  durchkreuzt  hatten.  Noch  stärker  fast  als  die  Fülle  der  neuen
Mitteilungen  überraschte  das  selbständige  Urteil,  das  längst  bekannten,
unverstandenen  Tatsachen  sofort  ihre  historische  Stellung  sicherte;  wer
hatte  vordem  je  bemerkt,  daß  die  eigentliche  Kirchenspaltung,  die  Bildung
        <pb n="421" />
        Rankes  Reformationsgeschichte.  413

selbständiger  Landeskirchen  im  Reiche,  zuerst  von  den  Altgläubigen  aus—
gegangen  und  die  Evangelischen  dem  verhängnisvollen  Beispiele  der  Gegner
nur  gefolgt  waren?  Auch  hier  behielt  Ranke  die  Universalgeschichte  stets
im  Auge;  doch  da  zu  Luthers  Zeiten  die  den  Weltteil  beherrschende
religiöse  Bewegung  in  Deutschland  entsprang  „und  zwar  in  der  echten
reinen  Tiefe  und  eingeborenen  Macht  des  deutschen  Geistes“,  so  konnte
er  diesmal  bei  den  Zuständen  des  Vaterlandes  behaglich  verweilen.  Daß
sein  neues  Werk  in  künstlerischer  Abrundung  der  Geschichte  der  Päpste
nicht  ganz  gleich  kam,  gestand  er  selbst;  denn  unter  allen  historischen
Stoffen  ist  keiner  so  tiefsinnig,  aber  auch  keiner  so  formlos  wie  die  deutsche
Geschichte.  Auch  fühlte  sich  Rankes  aristokratische  Natur  an  den  feinge—
bildeten  Höfen  Italiens  offenbar  heimischer  als  in  dem  vollsaftigen,  derb
humoristischen,  bis  zur  Unfläterei  männischen  Volksleben  unseres  sech—
zehnten  Jahrhunderts.  Die  Massenbewegungen  blieben  ihm  unheimlich;
der  Vernunft,  die  in  den  wilden  sozialen  Leidenschaften  des  Bauernkrieges
lag,  wurde  er  nicht  ganz  gerecht.

Er  äußerte  zuweilen:  ich  möchte  mein  Selbst  auslöschen,  wenn  ich
die  Dinge  genau  so  sehen  könnte,  wie  sie  waren;  und  geistlose  Schüler,
die  kein  Selbst  zu  verlieren  hatten,  beeiferten  sich  dies  Wort,  das  eben
nur  den  tiefen  Wahrheitsdrang  des  Meisters  drastisch  aussprach,  wohlge—
fällig  umherzutragen,  gleich  als  ob  sie  damit  ihre  eigene  Blöße  verdecken
könnten.  Doch  unzweifelhaft  wollte  er  nicht  im  Ernst  behaupten,  das
physisch  Unmögliche  und  sittlich  Verwerfliche  sei  ein  wissenschaftliches  Ideal.
In  der  Reformationsgeschichte  war  sein  Selbst  mit  nichten  ausgelöscht;
seine  warme  und  tiefe  evangelische  Überzeugung  verleugnete  sich  nirgends,
und  obschon  ihm  der  konservative  alte  Luther  unverkennbar  teuerer  war
als  der  radikale  Himmelsstürmer  der  ersten  Wittenberger  Zeiten,  so  zeichnete
  er  doch  die  sittliche  Größe  der  deutschen  Reformatoren  mit  so  sicherem
Verständnis,  daß  die  Ultramontanen  ihn  seitdem  immer  als  einen  gefährlichen
  Feind  gehaßt  haben.  Eine  einfache  Stufenfolge  menschlicher  Entwicklung
  schien  ihm,  wie  seinem  königlichen  Freunde,  unvereinbar  mit  der  Gerechtigkeit
  Gottes,  und  wiewohl  er  zugab,  daß  die  unerforschliche  Schöpferkraft
  der  Geschichte  edle  und  unedle  Völker,  hoch  und  niedrig  begabte  Generationen,
  darum  auch  große  und  kleine  Zeiten  hervorbringt,  so  blieb  es
doch  sein  Lebensglück,  in  jeder  Zeit  einen  Strahl  der  göttlichen  Vernunft
aufzufinden.  Diese  recht  eigentlich  fromme  Überzeugung  gab  allen  seinen
Werken  einen  Zug  ruhiger  Weisheit.

Die  Ausländer  fanden  es  fast  unbegreiflich,  daß  gerade  ein  deutscher
Gelehrter  unternahm,  eine  bisher  ganz  der  Gottesgelahrtheit  anheimgegebene
Epoche  politisch  zu  beurteilen.  Daheim  erlangte  Ranke  erst  durch  dies  Werk
die  Stellung,  welche  ihm  in  der  Weltliteratur  schon  durch  die  Geschichte
der  Päpste  gesichert  war.  Allgemein  war  die  Bewunderung  freilich  auch
jetzt  noch  nicht.  Wenn  ein  Buch  erscheint,  das  nur  einer  schreiben  konnte,
        <pb n="422" />
        414  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

dann  regt  sich  überall  die  Scheelsucht  gemeiner  Seelen.  In  Völkern  von
altbefestigtem  Stolze  wird  solcher  Kleinsinn  gebändigt  durch  den  nationalen
Instinkt,  der  sich  den  einen  doch  nicht  rauben  lassen  will.  In  Deutschland
bestand  diese  Schranke  des  Neides  nicht.  Mit  philosophischem  Selbstge—
fühle  blickten  die  Kritiker  der  Deutschen  Jahrbücher  auf  Rankes  „Halb—
gedanken“  hernieder  und  belehrten  ihn  herablassend  über  historische  Tat—
sachen,  deren  Dasein  sie  selber  erst  aus  seinem  Werke  erfahren  hatten.
Auch  reichgebildete  Männer  konnten  den  liberalen  Parteihaß  nicht  über—
winden;  in  den  Kreisen  Humboldts  und  Varnhagens  stellte  man  F.  v.
Raumer,  ja  sogar  den  treufleißigen,  harmlosen  Sammler  Preuß  weit
über  den  Verfasser  der  Reformationsgeschichte.

Die  abgünstigen  Urteile  äußerten  sich  noch  dreister,  als  darauf  die
Neun  Bücher  preußischer  Geschichte  erschienen.  Nachdem  Stenzel,  der  gründ—
liche  Kenner  deutsch-slawischen  Grenzerlebens,  zuerst  versucht  hatte,  die  Geschichte
  des  preußischen  Staates  von  den  ältesten  Zeiten  an  gemeinverständlich,
  im  Geiste  des  gemäßigten  Liberalismus  darzustellen,  wagte  sich  Ranke
an  einen  ihrer  bedeutsamsten  Abschnitte,  an  die  Zeiten,  da  das  absolute
Königtum  den  Staat  erst  im  Innern  neu  gestaltete,  dann  durch  die  beiden
ersten  schlesischen  Kriege  zur  Großmacht  emporhob,  und  wieder  erschloß  er
dem  historischen  Urteil  einen  neuen  Gesichtskreis.  Zur  Verwunderung
seines  königlichen  Gönners  bewies  er  zuerst,  daß  Friedrich  Wilhelm  I.  der
schöpferische  Organisator  unserer  Verwaltung  war,  und  sagte  schon  voraus,
welch  ein  Schatz  politischer  Belehrung  noch  zu  heben  sei,  wenn  dereinst
die  Geschichte  der  preußischen  Verwaltung  im  Zusammenhange,  auf  Grund
umfassender  Aktenforschung  geschildert  würde.  Dies  Urteil  berührte  sich
zwar  mit  der  Ansicht  Schöns,  der  dem  Wiederhersteller  Litauens  immer
dankbare  Verehrung  bewahrte;  die  liberale  Durchschnittsmeinung  jedoch
ließ  sich  das  altüberlieferte  Zerrbild  des  rohen,  bildungslosen  „Naturmenschen“
  Friedrich  Wilhelm  so  schnell  nicht  nehmen.  Ohnehin  zeigte
die  nach  konstitutionellen  Formen  drängende  Zeit  wenig  Sinn  für  die
großen  Tage  königlicher  Machtvollkommenheit.  Das  Buch  erwärmte  niemand;
  die  elegante,  kühl  diplomatische  Erzählung,  die  über  Friedrichs  I.
auswärtige  Politik  und  andere  schwache  Stellen  unserer  Geschichte  leicht
hinwegglitt,  stand  in  auffälligem  Gegensatze  zu  der  grellen  Lebenswahrheit
der  Menzelschen  Zeichnungen.  So  ward  denn  dies  Werk  anfangs  sehr
undankbar  ausgenommen;  an  ihm  bewährte  sich  noch  mehr  als  an  den
meisten  anderen  Schriften  Rankes,  daß  seine  neuen  Ideen  immer  erst
einer  Reihe  von  Jahren  bedurften,  bis  sie  von  der  Nation  ganz  verstanden
  wurden.  i"«

Rankes  friedfertigen  Geist  wähnte  man  mit  spöttischer  Geringschätzung
abfertigen  zu  können.  Den  überschwenglichen  Haß  der  liberalen  öffentlichen
Meinung  aber  bekam  Stahl  zu  empfinden,  der  tapfere  Staatsrechtslehrer
der  strengkonservativen  Richtung,  der  einzige  große  politische  Kopf  unter  allen
        <pb n="423" />
        Stahls  Rechtsphilosophie.  415

Denkern  jüdischen  Blutes.  Einem  Volke,  das  seit  Jahrhunderten  seinen  nationalen
  Staat  verloren  hatte,  mußte  die  lebendige  Staatsgesinnung  fremd  bleiben;
  selbst  die  zwei  politischen  Schriften  Spinozas  verdankten  ihren  Ruhm
nur  ihrer  mächtigen  dialektischen  Kraft,  nicht  der  politischen  Einsicht.  Stahl
dagegen  wurde  so  ganz  zum  Christen  und  zum  Preußen,  daß  seine  Stammgenossen
  ihn  bald  nicht  mehr  zu  den  Ihrigen  zählen  wollten.  Er  hatte
sich,  durchaus  selbständig,  an  den  Ideen  der  historischen  Rechtsschule  gebildet.
  In  seiner  Rechtsphilosophie  widerlegte  er  zunächst  die  unlebendigen
Abstraktionen  der  Naturrechtslehre  und  erwies  schlagend,  daß  es  überall
nur  ein  positives,  historisch  gewordenes  Recht  geben  kann.  Nachdem  er
also  die  Gegner  überwunden,  unternahm  er  sodann,  „auf  der  Grundlage
christlicher  Weltanschauung“  ein  System  der  Staats=  und  Rechtslehre  aufzubauen,
  und  hier  verirrte  sich  sein  scharfer  und  tiefer  Geist  doch  in  die
Irrwege  jener  phantastischen  Schellingschen  Methode,  welche  dem  Denker,
sobald  er  sich  zur  Idee  des  Universums  erhoben  hätte,  das  Recht  zusprach,
die  höchsten  Probleme  ohne  Beweise,  allein  aus  der  Anschauung  jener  Idee
heraus,  zu  erklären.  Stahl  erkannte,  daß  alles  Recht  seinen  Inhalt  aus
dem  nationalen  Bewußtsein,  sein  Ansehen  durch  sich  selbst  empfängt,  seinen
letzten  Grund  jedoch  nur  in  dem  Gebote  des  lebendigen,  persönlichen,  das
persönliche  Leben  der  Geschichte  beherrschenden  Gottes  haben  kann,  ganz
wie  das  Gewissen  der  Völker  und  der  einzelnen,  das  je  nach  Zeit  und
Ort  so  Verschiedenes  aussagt,  doch  die  allen  gemeinsame  Vorstellung  von
einem  höchsten  sittlichen  Gute,  vom  Willen  Gottes  enthält.  Allein  er  glaubte
von  diesem  Ethos,  diesem  Gebote  Gottes  mehr  zu  wissen,  als  Sterblichen
zu  erkennen  bestimmt  ist;  er  schrieb  dem  menschlich  notwendigen  Staate
zugleich  einen  göttlichen  Charakter  zu  und  wollte  in  den  Geschicken  des
Staates  eine  mittelbare  Einwirkung  des  göttlichen  Willens  erkennen,  dergestalt
  daß  überall  selbst  die  bestimmten  Personen  der  Obrigkeit  göttlicher
Weihe  teilhaftig  sein  sollten.  So  geriet  er  in  das  Gebiet  des  Unbeweisbaren
  und  stellte  gerade  bei  der  Erörterung  der  politischen  Grundbegriffe
statt  wissenschaftlicher  Sätze  oftmals  nur  willkürliche  subjektive  Behauptungen
  auf,  die  er  freilich  mit  dem  ganzen  Nachdruck  einer  innerlich  erlebten
  religiösen  Überzeugung  vortrug.

Aber  wie  gröblich  verkannte  man  ihn  doch,  wenn  man  ihn  darum
einen  Mystiker  schalt.  Wie  er  einst  als  bayrischer  Abgeordneter  die  Rechte
des  Landtags  tapfer  verteidigt  hatte,  so  blieb  er  sein  Lebelang  ein  abgesagter
  Feind  aller  Staatsstreiche,  aller  polizeilichen  Willkür.  Ein  ganz
moderner  Mensch  bekämpfte  er  Adam  Müllers  theokratische  Ideen  ebenso
entschieden  wie  Hallers  altständische  Staatslehre  und  erklärte  geradehin,
der  innerste  Lebenstrieb  des  Zeitalters  bekunde  sich  überall  in  dem  Drange,
den  Partikularismus  der  Stände  durch  die  nationale  Einheit,  die  patrimoniale
  Staatsanschauung  durch  die  staatliche,  konstitutionelle  zu  überwinden.
  Obwohl  er  den  Traum  eines  Staatsideals  verwarf,  so  hielt  er
        <pb n="424" />
        416  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

doch  die  konstitutionelle  Monarchie  für  die  tiefsinnigste  der  bestehenden
Staatsformen,  wenn  sie  nur  christlich  sei,  und  mit  ihr  allein  befaßten  sich
die  Hauptabschnitte  seiner  Staatslehre;  denn  sein  praktischer,  ganz  auf
das  Wirkliche  gerichteter  Geist  verlangte  nach  den  Kämpfen  der  Gegenwart.
Gelehrte  Untersuchungen  über  die  Verfassungsformen  der  Vergangenheit
reizten  ihn  nicht,  auch  hätte  sein  mäßiges  historisches  Wissen  dazu  schwerlich
ausgereicht.  Die  Idee  des  christlichen  Staates  verstand  er  in  einem  großen
und  freien  Sinne;  er  wollte  keineswegs  eine  Staatskirche,  sondern  forderte
nur,  daß  der  Staat  in  Verfassung,  Rechtspflege  und  Verwaltung  die  christliche
  Wahrheit  befolgen,  die  Kirchen  beschützen,  in  seinen  öffentlichen  Handlungen
  sich  selbst  zum  Christentum  bekennen  und  demnach  den  Nichtchristen
  zwar  alle  bürgerlichen,  doch  nicht  die  politischen  Rechte  und  Amter
einräumen  solle.

Als  die  Entscheidung  der  preußischen  Verfassungskämpfe  herannahte,
verlangte  Stahl  (1845)  in  dem  meisterhaft  geschriebenen  Büchlein  über
„das  monarchische  Prinzip“  beschließende,  regelmäßig  wiederkehrende
Reichsstände,  damit  die  Krone  nicht  durch  die  Macht  der  Ereignisse  überholt
  würde.  Doch  zugleich  erwies  er,  welche  Schranken  der  konstitutionellen
  Ideen  durch  Deutschlands  monarchische  Geschichte  gesetzt  sind,  und
mochte  er  auch  über  einzelne  Fragen  allzu  ängstlich  urteilen,  so  verdiente
  er  doch  wahrlich  nicht,  daß  Dahlmann  ihn  verspottete;  denn  weltkundiger
  als  Dahlmann  selbst  erkannte  er  gerade  die  gefährlichsten  Irrtümer
  der  herrschenden  liberalen  Doktrin,  Irrtümer,  von  denen  sich  erst
ein  späteres  Geschlecht  nach  schweren  Erfahrungen  befreit  hat.  Er  zeigte
den  Aberwitz  des  unbeschränkten  Widerstandsrechts,  die  Unmöglichkeit  einer
allgemeinen  Steuerverweigerung  und  erwies  siegreich,  daß  Preußens  demokratisierte
  Gesellschaft  weder  die  Herrschaftder  Parlamentsmehrheit  ertragen,
noch  des  persönlichen  Willens  der  Krone  entbehren  kann;  was  er  sodann
über  die  Gefahren  der  reinen  Kopfzahlwahlen  sagte,  beginnt  erst  heute
ganz  verstanden  zu  werden.  Er  wünschte  einen  ständisch  gegliederten  Reichstag,
  der  alle  die  großen  sozialen  Gegensätze  der  modernen  Gesellschaft  in
sich  enthalten,  insgesamt  aber  nicht  die  Interessen  der  einzelnen  Stände,
sondern  die  einige  Nation  vertreten  sollte,  und  war  also  berechtigt,  diese
ständische  Monarchie  konstitutionell  zu  nennen.  Unter  den  systematischen
Theoretikern  der  hochkonservativen  Parteien  stand  Stahl  ebenso  unvergleichlich
  da  wie  Gentz  unter  ihren  Publizisten.  Die  Zeit  war  jedoch  nicht
in  der  Stimmung,  ihm  gerecht  zu  werden.  Schon  der  Name  des  christlichen
Staates  genügte,  um  die  vom  Judentum  beherrschte  Presse  wider  ihn
aufzuregen;  und  allerdings  beurteilte  er  die  inner-kirchlichen  Fragen  von
Haus  aus  weit  weniger  unbefangen  als  die  politischen.  Wohl  infolge
seiner  bayrischen  Erfahrungen  verlangte  er  für  den  Lehrstand  der  evangelischen
  Kirche  eine  Macht,  die  sich  mit  der  evangelischen  Freiheit  nicht
mehr  vertrug.  Also  beständig  ankämpfend  wider  die  öffentliche  Meinung,
        <pb n="425" />
        Gervinus.  417

nachher  wider  die  Unzucht  der  Revolution  wurde  der  gemäßigte  Mann,
der  in  der  Polemik  auch  gehässige  Feinde  stets  würdig  behandelte,  mehr
und  mehr  in  das  Lager  der  Reaktion  hinübergedrängt  und  gelangte  schließ—
lich  so  weit,  daß  ihm  der  Gegensatz  von  Legitimität  und  Revolution,  von
Glauben  und  Unglauben  als  der  einzige  Inhalt  der  wandelreichen  Men—
schengeschichte  erschien  —  eine  unlebendige  Abstraktion,  die  er  in  solcher
Härte  früherhin  nie  ausgesprochen  hatte.

Wie  durch  eines  Himmels  Weite  getrennt,  stand  diesem  Denker  G.  G.
Gervinus  gegenüber,  der  jüngste  der  Göttinger  Sieben,  dessen  Schriften  die
liberale  Welt  fast  noch  stärker  ergriffen  als  Dahlmanns  Zwei  Revolutionen.
Gervinus  hatte  seine  Jugend  als  Kaufmann  zu  Darmstadt  verlebt  und  sich
nachher  in  Heidelberg,  mächtig  angeregt  durch  Schlossers  moralisierende
Geschichtsbehandlung,  mit  eisernem  Fleiße  zum  Gelehrten  herangebildet  —
ein  reicher,  vielseitiger,  aber  unharmonischer  Geist,  voll  sittlichen  Ernstes
und  doch  lieblos,  launenhaft,  rechthaberisch;  sprudelnd  von  Einfällen  und
doch  ohne  spekulativen  Tiefsinn,  voll  künstlerischer  Neigungen  und  doch
ohne  jedes  Stilgefühl;  voll  patriotischer  Leidenschaft  und  doch  ohne  politisches
  Talent.  Frei  von  Eigennutz  und  kleiner  gesellschaftlicher  Eitelkeit
behandelte  er  weiche,  anschmiegende  junge  Männer  mit  väterlichem  Wohlwollen;
  stärkere  Naturen,  die  schon  eigene  Gedanken  hegten,  fühlten  sich  oft
niedergedrückt  in  seiner  Nähe.  Er  selbst  erkannte  die  seltsamen  Widersprüche
seiner  Begabung  niemals;  denn  sein  von  Haus  aus  unbändiges  Selbstgefühl
  wurde  noch  verstärkt  durch  zwei  Empfindungen,  die  einander  gemeinhin
auszuschließen  pflegen:  durch  den  Stolz  des  Autodidakten  und  den  Zunftdünkel
  des  Professors.  Als  er  sich  dann  durch  sein  tapferes  Verhalten  unter
den  Göttinger  Sieben  frühen  Ruhm  erworben  hatte  und  nachher  jahrelang
fast  ohne  amtliche  Tätigkeit  dahinlebte,  ohne  Kinder,  vergöttert  von  einer
liebevollen  Frau,  verwöhnt  durch  die  Freundschaft  weit  älterer  und  größerer
  Männer,  Dahlmanns  und  der  Brüder  Grimm,  da  spanner  sich  immer
tiefer  ein  in  sein  erhabenes  sittliches  Ich  und  gelangte  zu  einer  doktrinären
Unfehlbarkeit,  die  in  einer  Zeit  weltverwandelnder  Geschicke  zuletzt  notwendig
  durch  eine  tragische  Demütigung  gezüchtigt  werden  mußte.

Von  früh  auf  hegte  er  den  Ehrgeiz,  durch  wissenschaftliche  Werke
praktische  Zwecke  zu  erreichen,  die  Nation  zum  sittlich-politischen  Handeln
anzuregen,  und  als  er  zuerst  den  Plan  eines  größeren  Werkes  faßte,  da
ließ  er  dem  Verleger  die  Wahl  zwischen  einer  Geschichte  der  neuesten  Zeit,
einer  Politik  und  einer  Literaturgeschichte.  Der  Buchhändler  wählte  das
letzte,  und  so  entstand  das  beste  von  Gervinus'  Werken,  die  Geschichte  der
deutschen  Dichtung,  ein  Buch  von  bleibendem  Werte,  das  die  Wissenschaft
der  deutschen  Literaturgeschichte  im  Grunde  erst  geschaffen  hat.  Bisher
hatte  nur  Goethe  in  Wahrheit  und  Dichtung  von  den  Anfängen  unserer
klassischen  Literatur  ein  wahrhaft  historisches  Bild  gegeben.  Sonst  war
die  Geschichte  deutscher  Dichtung  nur  ästhetisch  oder  in  lexikographischer

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  27
        <pb n="426" />
        418  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

Aufzählung  behandelt  worden,  selbst  Schlosser  ließ  die  literarische  Bewegung
  und  die  politischen  Machtkämpfe  noch  ganz  unvermittelt  nebeneinander
hergehen.  Erst  Gervinus  versuchte  die  Wechselwirkung  beider  zu  begreifen,
den  Stammbaum  unserer  literarischen  Ideen  nachzuweisen,  das  Werden
der  Dichtung  im  Zusammenhange  mit  den  Schicksalen,  den  Taten,  den
Empfindungen  der  Nation,  mithin  in  seiner  Notwendigkeit  aufzufassen.
Indem  er  also  Goethes  Spuren  folgte,  zeigte  er  einen  Weg,  den  keiner
seiner  zahlreichen  Nachfolger  ganz  verlassen  konnte,  und  gab  auch  verwandten
  Fächern  eine  heilsame  Anregung.  Um  dieselbe  Zeit  unternahmen
  Schnaase  und  Kugler,  beide  noch  suchend  und  mit  stark  subjektivem
  Urteil,  die  Kunstgeschichte  als  ein  Ganzes  darzustellen.  Unausbleiblich
  mußten  bei  der  ersten  Bewältigung  eines  so  massenhaften
Stoffes  viele  Irrtümer  mit  unterlaufen,  und  ebenso  unvermeidlich  war
der  zweischneidige  Erfolg  dieser  jungen  Wissenschaft:  den  einen  erweckte
sie  ein  denkendes  Bewußtsein  unseres  ästhetischen  Werdeganges,  die  anderen
bestärkte  sie  in  der  Modetorheit  des  Jahrhunderts  der  Konversationslexika,
  in  der  Neigung,  über  ungelesene  Bücher  vorlaut  abzusprechen.
Leider  krankte  dies  grundlegende  Werk  an  barbarischer  Formlosigkeit.
Der  Kritiker,  der  alle  deutschen  Schriftsteller,  sogar  einen  Goethe,  wegen
ihres  Stiles  meisterte,  konnte  selber  nicht  deutsch  schreiben:  keuchend,
zerzaust  und  zerfetzt  kam  der  Leser  wieder  ins  Freie,  wenn  er  sich  eine
Weile  durch  das  Dorngestrüpp  der  verfitzten  Gervinusschen  Sätze  hindurchgearbeitet
  hatte.  Und  welch  ein  unleidlicher  griesgrämischer  Ton  klang
durch  das  Werk.  Die  alte  norddeutsche  Todsünde  der  Tadelsucht  fand  in
diesem  Süddeutschen  ihren  nie  übertroffenen  Meister.

Wessen  er  fähig  war  im  Zanken  und  Schelten,  das  hatte  er  schon
vor  Jahren  bewiesen  durch  sein  abscheuliches  Büchlein  „über  den  Goethischen
Briefwechsel“.  Damals,  wenige  Jahre  nach  des  Dichters  Tode,  meinte  sich
der  dreißigjährige  junge  Mann  berechtigt,  „gegen  die  wunderliche  Goethomanie
  unserer  Tage“,  die  doch  nur  in  sehr  engen  Kreisen  herrschte,  zu
Felde  zu  ziehen,  und  er  wagte  dem  wahrhaftigsten  aller  Menschen  vorzuwerfen,
  Goethes  letzte  Schriften  und  Briefe  seien  nur  geschrieben,  „um
das  Publikum  zu  mystifizieren“,  gleich  den  Memoiren  von  St.  Helena!
Wenn  der  erste  unserer  Dichter  also  verleumdet  wurde,  was  konnten  die
übrigen  erwarten?  Warmen  Dank  empfing  eigentlich  nur  Lessing,  der  als  ein
Held  der  Aufklärung  bei  Gervinus  ebenso  hoch  in  Gunst  stand  wie  bei  seinem
Lehrer  Schlosser.  Fast  alle  anderen  Dichter  mußten  einen  solchen  Schwall
von  Ermahnungen  und  Ausstellungen  über  sich  ergehen  lassen,  daß  dem
Leser  die  Freude  an  der  oft  treffenden,  geistreichen  Charakteristik  ganz  vergällt
  wurde;  nun  gar  auf  die  Poeten  der  neuesten  Zeit  hagelten  die  Keulenschläge
  hernieder.  Alles  malte  er  grau  in  grau.  Er  konnte  keinen  historischen
  Charakter  sich  frei  ausleben  lassen;  immer  mußte  er  sich  selber  reden
hören,  immer  die  Dattel  vom  Feigenbaume  fordern,  immer  wuchtig  aus-
        <pb n="427" />
        Die  Literaturgeschichte.  419

sprechen,  was  dieser  Mann  eigentlich  hätte  tun  oder  werden  sollen.  Der
ritterlichen  Kampflust  eines  Hutten  oder  Lessing  verzeiht  der  Leser  alles,
selbst  wo  sie  unrecht  haben;  Gervinus'  schulmeisternder  Hochmut  aber  ver—
letzte  sogar  noch  tiefer  als  Schlossers  sittenrichterlicher  Eifer,  der  doch  immer
ein  warmes  Herz  erkennen  ließ.  Klassische  Werke  befreien  die  Seele,
das  ist  ihr  sicherer  Prüfstein;  sie  erheben  den  Leser,  so  daß  er  mit  hellerem
Kopfe  oder  mit  frischerem  Mute  in  diese  schöne  Welt  hineinschaut.  Ger—
vinus'  Buch  weckte  Verdruß  und  Ärger;  das  Beispiel  seiner  grausamen
Härte  wirkte  schädlich  auf  ein  Volk,  das  ohnehin  starke  Talente  nur
ungern  anerkannte.  Gerade  die  jungen,  schaffensfrohen  Dichter,  die  doch
für  ästhetische  und  literarische  Werke  den  natürlichen  Leserkreis  bilden,  ver—
abscheuten  Gervinus  wie  einen  persönlichen  Feind,  wie  einen  Wüterich,  der
ihnen  die  zarten  Kinder  der  Muse  schon  im  Mutterleibe  vergiften  wollte.
Wie  anders  verstand  der  junge  Friedrich  Vischer  in  seiner  Asthetik  produktive
  Kritik  zu  üben  und  durch  neue  Anschauungen,  aus  der  Fülle  des
Lebens  heraus,  zumeist  die  Künstler  zu  erfreuen.

Das  wissenschaftliche  Gebrechen  der  Literaturgeschichte  lag  in  ihren
leichtfertigen  Geschichtskonstruktionen.  Gervinus  stand  der  Philosophie
ebenso  fern  wie  dem  religiösen  Glauben;  gleichwohl  vermaß  er  sich,  so  recht
im  Gegensatz  zu  Rankes  weiser  Zurückhaltung,  eine  Geschichtsphilosophie
aus  dem  Armel  zu  schütteln,  welche  den  Lebensnerv  der  historischen  Welt,
die  persönliche  Freiheit  zerstörte.  Aus  der  Beobachtung  wiederkehrender
Ereignisse,  die  doch  auch  nicht  wiederkehren  konnten,  aus  geistreichen  Parallelen
  und  halbrichtigen  Vergleichungen  leitete  er  kurzweg  historische  Gesetze
  ab.  Und  gerade  das  wichtigste  dieser  Gesetze,  das  dem  ganzen  Buche
zu  Grunde  lag,  war  unzweifelhaft  falsch.  Gervinus  behauptete,  die  Blütezeiten
  der  Religion,  der  Literatur,  der  Politik  folgten  aufeinander  im  Laufe
der  Geschichte,  während  doch  der  Augenschein  lehrt,  daß  Kunst  und  Dichtung
  ihr  eigenes,  ursprüngliches  Leben  führen,  das  durch  die  politischen
Schicksale  wohl  beeinflußt,  aber  nicht  bedingt  wird.  Jedes  Volk  gestaltet
sich  seine  ästhetischen  Ideale  unfehlbar  aus,  sobald  ihm  neue  mächtige
Gedanken  Herz  und  Phantasie  bewegen;  die  Engländer  verdankten  ihrer
ungestörten  nationalen  Entwicklung  das  beneidenswerte  Glück,  daß  sie
sich  immer  in  den  Tagen  ihres  kriegerischen  Ruhmes  auch  zu  den  höchsten
Dichtertaten  aufschwangen;  Deutsche  und  Italiener  dagegen  vollendeten
ihre  klassischen  Kunstwerke  unter  schweren  politischen  Mißgeschicken;  andere
Nationen  wiederum  fühlten  sich  nach  großen  kirchlichen  oder  politischen
Kämpfen  so  erschöpft,  daß  ihre  literarische  Kraft  eine  Zeitlang  erlahmte;
und  schließlich  sind  doch  Kunst  und  Dichtung,  wenngleich  nicht  jede  Zeit
das  Größte  schaffen  konnte,  allen  Kulturvölkern  immer  so  unentbehrlich
geblieben  wie  das  liebe  Brot.  Für  diese  freie  und  doch  nicht  gesetzlose
Mannigfaltigkeit  des  historischen  Lebens  besaß  Gervinus  kein  Verständnis;
er  wollte  durchaus  dem  Seidenwurm  zu  spinnen  verbieten  und  erklärte

27*
        <pb n="428" />
        420  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

rundweg,  daß  die  deutsche  Dichtung  seit  den  klassischen  Tagen  von  Weimar
ihre  Lebenskraft  verloren  hätte.  Darum  behandelte  er  fast  alle,  die  nach
Schiller  und  Goethe  noch  zu  dichten  gewagt  hatten,  mit  schnöder  Un—
gerechtigkeit;  darum  nannte  er  unsere  gesamte  neueste  schöne  Literatur
einen  giftigen,  stagnierenden  Sumpf  —  ein  Jahr  etwa,  nachdem  Immer—
manns  Münchhausen  erschienen  war  —  und  faßte  das  Ergebnis  seiner
Forschungen  dahin  zusammen:  „Unsere  Dichtung  hat  ihre  Zeit  gehabt;
und  wenn  nicht  das  deutsche  Leben  stillstehen  soll,  so  müssen  wir  die  Talente,
  dic  nun  kein  Ziel  haben,  auf  die  wirkliche  Welt  und  den  Staat
locken,  wo  in  neue  Materie  neuer  Geist  zu  gießen  ist.“  So  seltsame
Paradoxen  trieb  diese  Epoche  der  Erwartungen  hervor:  während  die  Zeitpoeten
  unser  Volk  singend  vor  dem  Singen  warnten,  schrieb  dieser
gestrenge  Gelehrte  fünf  starke  Bände  historisch-literarischer  Erörterungen,
um  schließlich  zu  beweisen,  daß  unsere  alten  ästhetischen  Ideale  heute
nichts  mehr  bedeuteten.  Unwissentlich  bestärkte  er  also  die  jungen  Lyriker,
die  er  doch  tief  verachtete,  in  ihren  politischen  Tendenzen.

Überhaupt  galt  sein  Werk  für  eine  politische  Tat,  ganz  wie  Schlosser
der  Moralist  von  der  Masse  der  Lesewelt  wesentlich  als  ein  Prediger  des
demokratischen  Despotenhasses  gepriesen  wurde.  Gervinus'  Geschichtskonstruktionen
  enthielten,  trotz  so  mancher  Übertreibung  und  Gewaltsamkeit,
doch  den  wahren,  zeitgemäßen  Gedanken,  daß  dem  neuen  Geschlechte  politische
  Leidenschaft  und  Tatkraft  nötiger  war  als  ästhetische  Beschaulichkeit,
  und  indem  er  diesen  Gedanken  unablässig  nach  allen  Seiten  hin  und
her  wendete,  half  er  an  seinem  Teile  mit,  unser  Volk  für  den  nationalen
Staat  zu  erziehen.  Von  politischer  Voraussicht  besaß  er  freilich  gar  nichts;
seine  zahlreichen  Weissagungen  gingen  fast  niemals  in  Erfüllung.  Die
Verfassungsformen  des  inneren  Staatslebens  galten  ihm  mehr  als  die
großen  Machtverhältnisse  der  Staatengesellschaft,  denen  Ranke  sich  mit  Vorliebe
  zuwendete;  und  in  Wahrheit  kam  er  nie  weit  hinaus  über  den  Gedankenkreis
  der  süddeutschen  liberalen  Kammerredner.  Daher  hielt  er  es
auch  nie  der  Mühe  wert,  die  beiden  politischen  Mächte,  welche  unsere  Zukunft
  trugen,  den  preußischen  Staat  und  den  Zollverein  gründlich  kennen  zu
lernen,  obgleich  er  für  Preußen  die  bündische  Hegemonie  forderte.  Doch
wie  durfte  man  auch  eingehende,  sachkundige  Belehrungen  verlangen  von  den
unzähligen  politischen  Betrachtungen,  die  er  nebenbei  in  seine  Literaturgeschichte
  einwob?  Hier  genügte  zunächst  das  starke  patriotische  Pathos.
Schonungslos,  mit  dem  ganzen  Nachdruck  seiner  Selbstgewißheit  hielt  er
den  Deutschen  beständig  die  Unhaltbarkeit  ihrer  politischen  Zustände  vor.
Radikale  Wahrheiten  wirken  aber  am  stärksten  von  den  Lippen  der  Gemäßigten.
  Wenn  dieser  Mann,  der  tapfere  Gegner  Börnes  und  der
jungdeutschen  Radikalen,  so  grell,  so  unerbittlich  die  Schande  unserer  Zerrissenheit
  schilderte,  dann  mußten  die  Leser  sich  an  die  Brust  schlagen.
Also  wurde  die  Literaturgeschichte  eine  Macht  in  den  politischen  Kämpfen
        <pb n="429" />
        Grimms  Geschichte  der  deutschen  Sprache.  421

des  Tages,  ein  Schrecken  für  alle  Reaktionäre;  in  der  Entwicklung  der  deut—
schen  Wissenschaft  behauptet  sie  eine  noch  höhere  Stelle.

Mit  dem  Zartsinne  des  liebevollen  Freundes  und  doch  sehr  deutlich
äußerte  Jakob  Grimm  seine  Bedenken  gegen  diese  moralisch-politische  Härte,
die  sogar  in  unserer  alten  Tierfabel  mehr  das  sittliche  Beispiel  oder  auch
die  Satire  suchte  als  das  weichere  epische  Leben;  am  wenigsten  verzieh  er
dem  Freunde  die  Ungerechtigkeit  gegen  Goethe,  „der  doch  so  gesungen  hat,
daß  ohne  ihn  wir  uns  nicht  einmal  recht  als  Deutsche  fühlen  könnten.“
Grimm  selbst  gehörte  einem  anderen  Geschlechte  an.  Er  hatte  einst  als  Marburger
  Student  niemals  eine  Zeitung  zu  Gesicht  bekommen  und  dann  die  politische
  Begeisterung  des  Befreiungskampfes  in  warmem  Herzen  mitempfunden,
  doch  sogleich  nach  den  Kriegswirren  sich  zurückgewendet  zur  „stillen
Förderung  des  Volks“,  zur  friedlichen  gelehrten  Forschung.  So  taten  die
Brüder  auch  jetzt  wieder  in  ihrer  neuen  Berliner  Freistätte;  daß  man  sie
wegen  der  Tat  der  Göttinger  Sieben  als  politische  Helden  feierte,  war  ihnen
selber  lästig,  sie  hatten  ja  mur  nach  ihrem  Gewissen,  als  eidestreue  Männer
gehandelt.  Wo  auf  deutscher  Erde  hätten  die  beiden  sich  auch  nicht  heimisch
fühlen  sollen?  Kinderhand  ist  leicht  gefüllt;  ihnen  beiden  blieb  bis  zum
Grabe  neben  der  Kraft  reichen  Schaffens  die  schlichte  Einfalt,  die  frohe
Dankbarkeit  für  jedes  Glück  des  Lebens.  Die  roten  Berge  der  hessischen
Heimat  vermißten  sie  freilich  mit  Schmerzen;  aber  dicht  vor  ihrem  Hause
rauschten  die  Wipfel  der  alten  Bäume  des  Tiergartens;  selbst  an  dem
Goldfischteiche  des  Parks  hatte  Wilhelm  seine  kindliche  Freude,  und  als
er  seiner  Bettina  das  Märchenbuch  von  neuem  zueignete,  das  er  in  jeder
Auflage  reicher  und  sinniger  ausgestaltete,  da  lobte  er  die  alte  Freundin
treuherzig,  weil  sie  noch  mit  der  Lust  der  ersten  Jugend  in  den  Kelch
einer  einfachen  Blume  schauen  konnte.  An  beiden  erfüllte  sich,  was  Jakob
seinem  Neffen  schrieb:  „die,  welche  als  Studenten  toll  und  wild  sind,  pflegen
später  im  Leben  zahm  und  matt  zu  werden,  während  denen,  die  eifrig
studieren,  hernach  auch  die  Kraft  und  die  Freude  nicht  ausgeht.“  7)

Gerade  bevor  die  Revolution  begann,  brachte  Jakob  das  vierte  seiner
großen  Werke  noch  unter  Dach:  die  Geschichte  der  deutschen  Sprache.
Hier  suchte  er  sich  zu  verständigen  mit  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft,
  die  einst  durch  ihn  selber  mitbegründet,  im  Laufe  der  Jahre  stark
und  selbständig  aufgewachsen  war.  Er  betrachtete  das  Verhältnis  zwischen
den  Sprachen  der  zehn  Urvölker,  die  er  in  Europa  annahm,  sodann  die
engere  Verwandtschaft  von  Goten,  Hochdeutschen,  Niederdeutschen,  Skandinaviern,
  „die  sich,  je  höher  man  zurücksteigt,  desto  ähnlicher  werden
und  alle  gleichen  Ursprungs  sind.“  Mit  tiefem  Ernst,  wie  der  Wächter
eines  nationalen  Schatzes,  hielt  er  seinen  Landsleuten  vor,  was  die
Sprache  auch  für  die  Macht  der  Bölker  bedeutet,  denn  wie  unvergleichlich

 

*)  Jakob  Grimm  an  Rudolf  Grimm,  18.  Nov.  1848.
        <pb n="430" />
        422  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

stünde  heute  das  Germanentum  in  der  Geschichte,  wenn  Goten,  Bur—
gunden,  Franken,  Langobarden  in  den  eroberten  Römerlanden  sich  ihre
Muttersprache  bewahrt  hätten;  den  Deutschen  aber,  die  an  diesem  Kleinod
festhielten,  blieb  in  allem  Wandel  der  politischen  Zerwürfnisse  das  Gefühl
des  gemeinsamen  Volkstums  unverloren,  sonst  hätten  die  Nachbarn  der
Donaukelten  doch  nicht  Markmannen  heißen  können.  In  einzelnen  Zügen
poetischer  Willkür  verriet  sich  freilich  der  alte  Romantiker.  Die  ferne
Urzeit  bezauberte  sein  Gemüt  so  mächtig,  daß  er  die  Welteroberung
der  wandernden  Germanen  fast  höher  schätzte  als  alles,  was  sie  nachher
im  seßhaften  Staatsleben  noch  geschaffen  hatten;  und  aus  dem  Gemüte
entsprang  doch  auch  seine  unerweisliche  Behauptung,  daß  die  getischen
Völker  des  Altertums  Goten  gewesen  wären,  er  konnte  sich  die  Anfänge
der  germanischen  Welt  gar  nicht  groß  und  mächtig  genug  vorstellen.  Unter—
dessen  arbeiteten  die  Brüder  schon  an  einem  neuen  Werke,  dem  neuhoch—
deutschen  Wörterbuche.  Die  wackeren  „Weidmänner“  Salomon  Hirzel  und
Karl  Reimer,  die  Besitzer  der  Weidmannschen  Buchhandlung  in  Leipzig
übernahmen  den  Verlag,  zunächst  um  den  Vertriebenen  über  die  Sorgen
der  amtlosen  Jahre  hinwegzuhelfen,  und  bald  waren  mehr  als  achtzig
sammelnde  Mitarbeiter  gewonnen.  Was  einst  in  Frankreich  nur  durch
die  Akademie,  unter  dem  Schutze  und  Zwange  einer  allmächtigen  Staats—
gewalt  gelungen  war,  wurde  in  Deutschland  vorbereitet  durch  die  freie
Tätigkeit  der  Gelehrtenwelt;  und  im  Geiste  der  Freiheit,  ganz  anders
als  die  französische  Akademie,  entwarfen  auch  die  Brüder  den  Plan  für
ihr  Wörterbuch:  sie  wollten  nicht  die  Sprache  an  starre  Regeln  binden,
sondern  sie  durch  Selbsterkenntnis  zu  freiem  Leben  kräftigen.

Neben  dem  kühnen  Finder  Jakob  Grimm  wirkte  in  Berlin  der  scharfe
Kritiker  Karl  Lachmann.  Er  bildete  die  lebendige  Brücke  zwischen  der
germanistischen  und  der  klassischen  Philologie,  er  erzog  die  jüngere  Wissen—
schaft  in  wenigen  Jahrzehnten  zu  der  strengen  sicheren  Methode,  die  sich
die  ältere  erst  durch  die  Arbeit  von  Jahrhunderten  erworben  hatte.  Es
war  ein  schönes  Geben  und  Empfangen:  die  klassischen  Philologen  ihrer—
seits  lernten  von  den  Germanisten,  den  antiken  Volksdialekten,  die  man
erst  seit  dem  Erscheinen  der  Böckhschen  Inschriftensammlung  recht  zu  be—
achten  anfing,  in  eindringender  Forschung  nachzuspüren.  Lachmann  war
durchaus  wissenschaftlicher  Parteimann,  treu,  gemütlich,  heiter  unter  den
Freunden,  unerbittlich  gegen  die  Feinde;  er  verlangte  unbedingte  Zustim—
mung,  auch  wenn  er  mit  überscharfer  Kritik  die  Ilias  oder  die  Nibelungen
gewaltsam  in  einzelne  Lieder  zerstückelte,  und  wie  er  an  sich  selber  die
strengsten  Anforderungen  stellte,  so  verdammte  er  die  wissenschaftlichen
Irrtümer  anderer  als  unsittliche  Schwächen.  Das  junge  Philologen—
geschlecht,  das  unter  seiner  Einwirkung  emporkam,  trat  schroffer,  unduld—
samer,  hochmütiger  auf  als  die  ältere,  noch  in  dem  Jahrhundert  der
Humanität  erwachsene  Generation  —  und  dies  in  einer  Zeit,  da  die
        <pb n="431" />
        Lachmanns  Schule.  423

mit  realistischen  Notizen  überlasteten  Gymnasien  schon  nicht  mehr  ver—
mochten,  den  klassischen  Unterricht  ganz  auf  seiner  alten  Höhe  zu  halten.
Gleichwohl  hat  Lachmann  der  Gestrenge  auch  als  Vermittler  gewirkt.  Er
erreichte,  daß  der  alte  Gegensatz  der  Sach-Philologen  und  der  Gramma—
tiker  sich  auszugleichen  begann;  seine  genaue  Textkritik  ruhte  stets  auf
einem  breiten  Unterbau  gründlicher  historischer  Untersuchungen,  und  unwillkürlich
  traten  seine  Schüler  den  philologischen  Historikern  näher  als
vordem  die  Schüler  Gottfried  Hermanns.

Kaum  siebzig  Jahre  waren  vergangen,  seit  F.  A.  Wolf  einst  in
Göttingen  zuerst  gewagt  hatte,  sich  einen  Studenten  der  Philologie  zu
nennen,  und  zu  welch  einem  mächtigen,  vielastigen  Baume  hatte  sich  der
junge  Setzling  der  Theologie  seitdem  ausgewachsen.  Im  Zeitalter  der  Renaissance
  suchte  man  die  moderne  Welt  unmittelbar  durch  die  antike  neu
zu  beleben.  Palladio  baute  sein  Olympisches  Theater  genau  nach  den
Vorschriften  des  Vitruv,  Machiavellis  Bücher  von  der  Kriegskunst  hielten
den  Florentinern  die  römischen  Kohorten  als  Musterbilder  vor.  Die  deutsche
Philologie  hingegen  strebte  seit  Niebuhr,  das  Altertum  dem  neuen  Geschlechte
  lebendig  zu  vergegenwärtigen,  sie  suchte  die  antike  Welt  durch  die
moderne  zu  beleben  und  zu  beleuchten,  das  Ferne  und  Fremde  dem  historischen
  Verständnis  der  Gegenwart  zu  erschließen,  indem  sie  die  politischen,
die  wirtschaftlichen,  die  literarischen  Verhältnisse  der  neuen  Zeit  zur
Erklärung  heranzog.  Zu  den  beiden  alten  Heimstätten  der  Sprachwissenschaft
  Berlin  und  Leipzig  trat  jetzt  Bonn  als  dritte  hinzu;  in  der  rheinischen
  Hochschule  lebte  der  einst  durch  Niebuhr  geweckte  philologische  Geist
kräftig  wieder  auf,  seit  dort  neben  dem  geistvollen  Asthetiker  Welcker  der
Thüringer  Friedrich  Ritschl  seine  reiche  Lehrtätigkeit  begann,  ein  strenger
Kritiker  und  Hermeneutiker,  der  beste  Kenner  altlateinischer  Dichtung.  —

 

Neben  dem  andauernden  Glanze  der  historischen  Wissenschaften  verblich
  nach  und  nach  das  Gestirn  der  Spekulation.  Die  antike  Philosophie
stand  hoch  über  dem  Volksglauben,  die  christliche  steht  unter  ihm;  sie  bildet
Denker,  nicht  Weise,  sie  gelangt  nicht  hinaus  über  die  erhabene  Sittlichkeit
  der  Evangelien.  Darum  verfiel  sie  fast  immer,  nach  einer  Zeit  der
Blüte,  in  einen  trügerischen  Hochmut,  dem  dann  unausbleiblich  ein
Rückschlag  folgen  mußte.  Übermütiger  als  in  Deutschland  hatte  sie  sich
noch  nirgends  gezeigt;  dahin  war  es  mit  ihr  gekommen,  daß  sie  auf  dem
eingeschlagenen  Wege  nichts  mehr  beweisen,  sondern  nur  noch  sich  selber
aufheben  konnte.  Derweil  die  letzten  Hegelianer  noch  mit  der  alten  Zuversicht,
  aber  von  der  Nation  kaum  beachtet,  die  Formeln  des  Systems
wiederholten,  stellte  Feuerbach  schon  die  Sätze  auf:  keine  Philosophie,  meine
Philosophie;  keine  sinnliche  Existenz  ist  keine  Existenz  —  bis  er  endlich
        <pb n="432" />
        424  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

gar  zu  dem  trostlosen  Unsinn  gelangte:  der  Mensch  ist,  was  er  ißt.  Feuerbachs
  edle  Natur  konnte  einen  idealistischen  Zug  niemals  ganz  verleugnen;
er  glaubte  noch  an  eine  Sittlichkeit,  die  den  fremden  Glückseligkeitstrieb
mit  dem  eigenen  vereinbaren  sollte.  Im  Norden  aber  trieben  allerlei
Starkgeister  ihre  Marktschreierei,  zuchtlose  junge  Leute,  die  nur  den  einen
Ehrgeiz  hegten,  immer  noch  „weiter  zu  gehen“.  Max  Stirners  Schrift
„der  einzige  und  sein  Eigentum“  zertrümmerte  Geist  und  Menschheit,
Recht  und  Staat,  Wahrheit  und  Tugend  als  Götzenbilder  der  Gedankenknechtschaft
  und  bekannte  frei:  „Mir  geht  nichts  über  Mich.“  Eine  Sekte
von  Egoisten  tat  sich  auf,  die  den  Berliner  Freien  nahe  stand;  sie  feierte
ihre  Gelage  in  der  Kellergesellschaft  zu  Köthen  und  sandte,  als  die  Revolution
  ausbrach,  ihre  Getreuen  auf  die  Barrikaden.  Angesichts  dieser
allgemeinen  Anarchie  und  Zersetzung  erkannten  die  ernsten  wissenschaftlichen
  Köpfe  unter  den  Philosophen,  daß  die  Zeit  für  neue  Systeme  noch
nicht  gekommen  war;  Ritter,  Zeller  und  andere  tüchtige  Gelehrte  begannen
die  Geschichte  der  Philosophie  gründlich  auszubauen,  denn  die  verwilderte
Spekulation  bedurfte  zunächst  der  Selbstbesinnung.

Die  Nation  war  der  Philosophie  bis  zum  Ekel  satt.  Ihre  gesamte
Weltanschauung  begann  sich  zu  ändern,  seit  auch  Deutschland  mit  der
ganzen  Kraft  seines  Genius  eintrat  in  die  große  Bewegung,  welche  mit
einem  Male  die  Naturwissenschaften  von  Sieg  zu  Sieg  führte.  Wie  weit
waren  sie  doch,  alle  die  Jahrtausende  hindurch,  zurückgeblieben  hinter  dem
Reichtum  der  Geisteswissenschaften;  wie  kindlich  unwissend  standen  die  Alten
vor  der  Natur,  sie,  die  in  Dichtung,  Beredsamkeit,  Philosophie,  Geschichtschreibung
  Unerreichbares  schufen.  Ein  Grund  dieser  auffälligen  Erscheinung
  liegt  in  äußeren  Verhältnissen.  Wissenschaftlich  genaue  Beobachtung
der  Natur  setzt  einen  hohen  Stand  der  Technik  voraus,  der  wieder  nur
das  Ergebnis  einer  langen  Geschichte  sein  kann;  wie  viele  Jahrhunderte
lang  mußte  die  menschliche  Kunstfertigkeit  arbeiten,  bis  auch  nur  das
einfache  Instrument  möglich  wurde,  mit  dem  wir  die  Wärme  der  Luft
messen.  Ein  anderer  Grund  liegt  tiefer,  er  liegt  in  der  idealistischen  Begabung
  des  Menschengeschlechts.  Alle  Wissenschaften  entstehen  ursprünglich
  um  des  Nutzens  willen,  Erfahrungen  und  Geheimlehren  werden  von
den  Barbaren  aufbewahrt,  um  den  Zwecken  des  praktischen  Lebens  zu  dienen;
in  bildsamen  Völkern  erwacht  jedoch  sehr  früh  der  von  Aristoteles  verherrlichte
  selbständige  theoretische  Trieb,  der  das  Erkennen  um  des  Erkennens
willen  sucht,  und  sobald  er  erwacht,  wendet  er  sich  immer  zunächst  der
idealen  Welt  der  Geisteswissenschaften  zu.  Wie  alle  edlen  Völker  früher
Tempel  bauen  als  stattliche  Wohnhäuser,  früher  die  hohe  Kunst  pflegen
als  die  Kleinkunst  für  das  tägliche  Behagen,  so  verlangen  sie  auch  immer
zuerst,  sich  Rechenschaft  zu  geben  über  ihre  Geschichte,  ihr  Recht,  ihre
Sprache,  über  die  letzten  Gründe  alles  Erkennens,  bevor  sie  sich  ernstlich
an  die  Erforschung  der  Naturgesetze  wagen.  Diesen  idealistischen  Zug  des
        <pb n="433" />
        Die  neue  Naturwissenschaft.  425

Menschengeistes  erkannte  Goethe,  der  Pfleger  und  Verehrer  der  Natur—
wissenschaften,  unbefangen  an,  als  er  sagte:  „das  eigentliche  Studium
des  Menschen  ist  der  Mensch;  und  der  Lehrer,  der  das  Gefühl  an  einer
einzigen  guten  Tat,  an  einem  einzigen  guten  Gedicht  erwecken  kann,  leistet
mehr  als  einer,  der  uns  ganze  Reihen  untergeordneter  Naturbildungen  der
Gestalt  und  dem  Namen  nach  überliefert.“  Die  Naturwissenschaft  kann
sich  nur  dann  in  ihrer  ganzen  Kraft  zeigen,  wenn  ihr  die  Geisteswissen—
schaften  von  langer  Hand  her  vorgearbeitet  haben,  wie  auch  die  Sprache
schon  zur  vollen  Verstandesreife  gelangt  sein  muß,  um  die  Sätze  der
Naturerkenntnis  bündig  auszudrücken.  Jetzt  war  ein  solcher  Zeitpunkt  eingetreten.


Die  Philosophie  begann  zu  sinken,  aber  die  Kraft  und  Geschmeidigkeit
des  Denkens,  die  sie  der  Nation  einst  geschenkt  hatte,  blieb  auch  den  Gegnern
unverloren,  und  die  neue  Bahn  der  empirischen,  voraussetzungslosen  Forschung
  war  durch  die  Historiker  schon  gewiesen.  Der  wachsende  Reichtum
und  die  nicht  minder  schnell  wachsende  wirtschaftliche  Not  der  Kulturvölker,
  die  Fortschritte  der  Technik,  die  Bedürfnisse  des  regeren  Verkehrs,
die  Verbindung  mit  den  neuen  Kolonialländern,  die  wie  alle  Kolonien  der
Vorzeit  nur  die  materiellen  Güter  der  alten  Kultur  gelten  ließen,  das  alles
im  Verein  weckte  und  schärfte  den  Drang,  die  Naturkräfte  zu  erkennen
und  zu  benutzen,  und  wie  immer  in  Zeiten  großer  Wandlungen  rief  die
schöpferische  Kraft  der  Geschichte  zur  rechten  Zeit  die  rechten  Männer  hervor.
So  geschah  es,  daß  die  Naturwissenschaften  in  einem  raschen  Anlaufe,
dessengleichen  die  Geschichte  der  menschlichen  Erkenntnis  kaum  je  gesehen
  hat,  den  weiten  Vorsprung  der  Geisteswissenschaften  plötzlich  einholten.
  Die  Nachbarvölker  gingen  bei  dieser  Umwandlung  anfangs  den
Deutschen  voran,  denn  unser  Wohlstand  und  Verkehr  erholte  sich  nur
langsam  von  schweren  Mißgeschicken,  und  die  alte  ästhetisch-philosophische
Bildung,  die  auf  deutschem  Boden  ihre  größten  Erfolge  errungen  hatte,
sträubte  sich  noch  lange  gegen  die  neue  Erfahrungswissenschaft.

Als  nun  endlich  auch  die  Deutschen  zum  Wettkampfe  vortraten  und
sogleich  durch  einige  Meisterwerke  den  alten  wissenschaftlichen  Ruhm  der
Nation  bewährten,  da  bemächtigte  sich  vieler  Köpfe  ein  materialistischer
Rausch;  die  Halbgebildeten  und  manche  der  Gebildeten  überschätzten  die
große  Umwälzung,  wie  denn  jede  neue  Idee,  damit  sie  durchdringt,  zuerst
überschätzt  werden  muß.  Die  Naturwissenschaften  erfüllen  unmittelbar,
was  Baco  von  aller  Erkenntnis  forderte,  sie  geben  Macht,  ihre  Ergebnisse
fallen  in  die  Sinne,  verwandeln  die  Sitten  und  Lebensgewohnheiten.  Und
gerade  in  diesen  vierziger  Jahren,  da  die  Deutschen  ihre  neuen  Eisenbahnen
  noch  wie  Wunderwerke  bestaunten,  verbreitete  sich  in  weiten  Kreisen
der  Wahn,  daß  die  Weltgeschichte  ihren  alten  Inhalt  verloren  hätte,
die  historische  Größe  der  Nationen  sich  nicht  mehr  in  Politik  und  Krieg,
sondern  in  Maschinen  und  Dungmitteln  offenbare  —  bis  dann  plötzlich
        <pb n="434" />
        426  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

in  den  Revolutionsjahren  die  Majestät  des  Staatsgedankens  sich  jedem
wieder  unwiderstehlich  aufdrängte.  Man  redete  leichthin  von  der  Beherrschung
  der  Natur  durch  den  Menschen,  während  doch  der  schwache
Sterbliche  sich  begnügen  muß,  einzelne  Kräfte  der  Natur,  indem  er  sich
ihren  erkannten  Gesetzen  fügt,  für  seine  Zwecke  zu  benutzen.  Man  rühmte
sich,  den  Raum  besiegt  zu  haben,  obgleich  dieser  Sieg  noch  recht  bescheiden
  blieb:  die  Schnelligkeit  des  Rosses  hatte  der  Mensch  endlich
übertroffen,  allein  jeder  Hecht  und  jede  Schwalbe  beschämte  ihn  noch.
Man  sprach  von  den  Fortschritten  der  Technik  und  der  Erleichterung  des
Verkehrs,  als  ob  sie  selber  die  Kultur  ausmachten,  während  sie  doch  nur
die  Mittel  darbieten  zur  Förderung  der  Kultur;  denn  die  unbestechliche
Nachwelt  wird  dereinst  nicht  fragen,  wie  schnell  wir  uns  Briefe  senden
konnten,  sie  wird  fragen,  ob  wir  uns  große  menschliche  Gedanken  mitzuteilen
  wußten;  sie  wird  auch  nicht  aufhören,  neben  dem  Maßstabe  der
Nützlichkeit  auch  den  Maßstab  des  Schönen  und  des  Guten  an  die  vielgestaltige
  Geschichte  anzulegen,  und  darum  gewiß  nicht  das  törichte  Urteil
fällen,  daß  eine  hell  leuchtende,  aber  geschmacklose  moderne  Gaskrone  ein
edleres  Menschenwerk  sei  als  eine  schlecht  brennende,  aber  schöne  pompejanische
  Lampe.

Die  Naturwissenschaft  errang  in  der  Forschung  so  große  Erfolge
und  griff  so  mächtig  in  das  praktische  Leben  ein,  daß  sie  jetzt  schon
mit  gutem  Fug  vom  Staate  eine  gleichberechtigte  Stellung  neben  den
Geisteswissenschaften  verlangen  konnte;  noch  war  ja  alles  erst  im  Werden,
  ein  öffentliches  physikalisches  Laboratorium  bestand  noch  nirgends,
nur  in  Berlin  hatte  Magnus  aus  eigenen  Mitteln  schon  eine  solche  Anstalt
  errichtet,  die  er  den  jungen  Leuten  hochherzig  zur  Benutzung  einräumte.
  Doch  in  dem  emsigen  Getriebe  der  neuen  Volkswirtschaft  wuchs
auch  rasch  ein  Geschlecht  von  Nützlichkeitsfanatikern  und  Allerwelts-Fortschrittsmännern
  empor,  ein  dem  stillen  alten  Deutschland  ganz  unbekannter
Menschenschlag,  den  die  Münchener  Künstler  in  ihren  Maskenzügen  und
Witzblättern  unter  dem  Bilde  des  Mister  Vorwärts  verspotteten.  Diese
Leute  kannten  England  oder  Amerika,  sie  beteiligten  sich  an  allen  den
neuen,  oft  noch  sehr  schwindelhaften  Eisenbahngesellschaften  und  Fabrikunternehmungen,
  sie  schätzten  nur,  was  sich  zählen,  messen  und  wägen
ließ.  In  diesen  Kreisen  zuerst  ward  der  Ruf  erhoben,  den  die  unwissenden
  Zeitungsschreiber  gefällig  wiederholten:  die  naturwissenschaftliche  Bildung
  müsse  zur  allgemeinen  Bildung  werden  und  die  sprachlich-historische
Bildung,  von  der  sich  seit  Jahrtausenden  alle  Kulturvölker  ohne  Ausnahme
  genährt  hatten,  kurzerhand  entthronen.  Ahnliche  Forderungen
waren  schon  mehrmals  in  der  Geschichte  ausgesprochen  worden:  immer
in  Zeiten,  da  Staat  und  Sitte  verfielen,  im  Altertum  vornehmlich  von
den  Epikureern,  den  Vertretern  der  politischen  und  sittlichen  Ruheseligkeit,
dann  wieder  im  siebzehnten  Jahrhundert;  immer  mit  geringem  Erfolge,
        <pb n="435" />
        Humboldts  Kosmos.  427

weil  die  Naturwissenschaften  stets  Fachwissenschaften  sind  und  bleiben,  ihre
Schriften  niemals  so  vollständig  zum  Gemeingut  aller  Gebildeten  werden
können  wie  die  Werke  der  Geisteswissenschaften.

Jetzt  erhob  Jakob  Grimm  seine  warnende  Stimme  dawider  in  einer
Versammlung  der  Germanisten.  Er  erwies  kurz  und  schlagend,  daß  die
Geisteswissenschaften  darum  die  Grundlage  der  allgemeinen  Bildung
bleiben  müssen,  weil  sie  allein  das  ganze  Menschenleben,  auch  die  Welt  der
Phantasie  und  des  Herzens  umfassen;  er  zeigte,  daß  sie  weltbürgerlich  und
national  zugleich  sind,  die  Naturwissenschaften  weltbürgerlich  schlechthin;
und  nur  wo  volkstümliche  und  allgemein  menschliche  Bildung  einander
durchdringen,  entfaltet  sich  der  ganze  Reichtum  der  Weltgeschichte.  Er  er—
kannte  freudig  an,  was  unser  gesamtes  Volksleben,  und  insonderheit  seine
geliebte  Sprache,  der  exakten  Forschung  verdankte.  Die  jungen  Natur—
forscher  schrieben  meistens  vortrefflich;  ihre  klare,  bestimmte,  einfache
Prosa  nahm  den  deutschen  Geist,  der  sich  so  gern  zu  träumerischen
Ahnungen  versteigt,  in  eine  strenge,  heilsame  Zucht;  doch  sie  beherrschte
nur  einen  kleinen  Teil  des  unermeßlichen  Sprachschatzes.  Der  Stil  des
Naturforschers,  der  immer  von  Gesetzen,  Begriffen,  Gattungen  und  Arten
handelt,  legt  den  Ton  auf  das  starre  Hauptwort  und  kann,  in  seiner  Art
vollendet,  schließlich  doch  nicht  wetteifern  mit  dem  reicheren  Stile  des
Historikers,  der  sich  frei  in  der  Welt  des  Werdens,  der  freien  Taten
umschaut  und  darum  den  Ton  auf  das  erregende,  Leben  spendende  Zeit—
wort  legt.  Es  blieb  auch  fernerhin  bei  dem  alten  Gesetze,  daß  die  Kultur—
sprachen  fortgebildet  werden  zuvörderst  durch  den  Volksmund  und  die
Dichtung,  sodann  durch  Redner,  Historiker,  Philosophen;  die  neuen  von
den  exakten  Wissenschaften  geschaffenen  Kunstausdrücke  waren  in  ihrer
Mehrzahl  international  und  zeigten  schon  durch  ihre  willkürliche  Form,
daß  sie  nicht  der  Naturgewalt  des  Sprachgeistes,  sondern  verständiger
Berechnung  entsprangen.

Vorderhand  blieb  die  Überhebung,  die  sich  unter  den  Lobrednern
der  realistischen  Bildung  schon  hie  und  da  kundgab,  noch  ganz  ungefährlich.
  Mit  gerechtem  Stolze  freute  sich  die  Nation  an  den  kühnen  Entdeckungen
  ihrer  Naturforscher,  und  der  greise  Humboldt  pries  sich  glücklich,
  diesen  neuen  Tag  noch  zu  erleben.  Er  hatte  sein  Lebelang,  anfangs
fast  allein,  festgehalten  an  der  Methode  der  gewissenhaften  Induktion;
nun  sah  er  befriedigt,  daß  die  junge  Generation  schon  gar  nicht  mehr
anders  atmen  konnte  als  in  der  reinen  Luft  der  bewußten  Empirie.
In  dem  Kosmos  zog  er  jetzt  die  große  Summe  seines  Lebens.  Schon
vor  mehr  als  einem  halben  Jahrhundert,  auf  seiner  Reise  mit  Georg
Forster,  hatte  er  sich  zuerst  die  Frage  vorgelegt,  ob  es  wohl  möglich  sei,
die  gesamte  Natur  als  ein  geordnetes  Ganzes  zu  begreifen  und  darzustellen.
  Als  er  dann  Südamerika  für  die  Wissenschaft  entdeckte,  den
Teil  der  Erde,  der  unter  allen  dem  Forscher  die  mannigfaltigsten  Natur-
        <pb n="436" />
        428  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

bilder  darbietet,  und  nachher  noch  auf  neuen  Reisen  eine  unvergleichliche
Erfahrung  sammelte,  da  reifte  der  Gedanke  seiner  Jugend  langsam  aus.
In  seinen  ersten  Berliner  Vorlesungen  zeichnete  er  schon  die  Umrisse
für  den  Entwurf  einer  physischen  Weltbeschreibung.)  Dann  verging
wieder  eine  lange  Zeit  in  umsichtiger  Vorbereitung,  und  als  endlich
(1844),  nach  zehnjähriger  Drucker-Arbeit,  der  erste  Band  des  Kosmos
erschien,  da  begrüßte  ihn  der  König  mit  den  Goethischen  Versen:  so
halt'  ich's  endlich  denn  in  meinen  Händen  und  nenn'  es  in  gewissem
Sinne  mein.

Diesmal  sprach  Friedrich  Wilhelm  allen  Deutschen  aus  der  Seele,  denn
alle  fühlten,  daß  nur  ein  Deutscher  sich  zu  einer  solchen  Universalität  des
Wissens  und  des  Denkens  aufschwingen  konnte.  Humboldt  sagte  selbst  von
seinem  Werke:  „es  muß  eine  Epoche  der  geistigen  Entwicklung  der  Menschheit,
  in  ihrem  Wissen  von  der  Natur  darstellen.“  Er  gab  zuerst  einen  Überblick
  über  das  Ganze  der  geschaffenen  Welt,  von  den  Himmelsräumen
und  ihren  Nebelsternen  an  bis  herab  zu  der  Geographie  der  Felsenmoose.
In  dem  zweiten,  noch  reicheren  Bande  entwarf  er  sodann,  was  noch  niemand
  gewagt  hatte,  eine  Geschichte  der  Weltanschauung.  Er  zeigte,  wie
das  Bild  der  Welt  die  Jahrhunderte  entlang  sich  im  Verstande  und  im
Gemüte  der  Menschheit  widergespiegelt,  wie  Himmel  und  Erde  sich  nach
und  nach  der  Wissenschaft,  dem  Unternehmungsgeiste,  dem  künstlerischen
Gefühle  aufgeschlossen  hatten.  Da  der  Fortschritt  des  Menschengeschlechts
sich  allein  im  Bereiche  der  expansiven  Zivilisation  unzweifelhaft  erweisen
läßt,  so  behauptete  hier  der  hoffnungsvolle  Optimismus  des  alten  Jahrhunderts,
  dem  Humboldts  eigene  Bildung  entstammte,  sein  gutes  Recht.
Er  schilderte  mit  wohltuender  Wärme,  wie  es  auf  Erden,  trotz  „dem  lästigen
  Kampfe  des  Wissens  und  des  Glaubens“  doch  immer  heller  geworden
war,  wie  der  Gesichtskreis  der  Menschheit  sich  beständig  erweitert  hatte
und  darum  auch  noch  der  Tag  kommen  müsse,  da  sie  in  vollem  Ernst
das  kühne  Seherwort  der  Renaissancezeit  wiederholen  dürfte:  il  mondo
6  poco.

Als  er  dann  im  dritten  Bande  sein  Weltenbild  im  einzelnen  auszumalen
  begann,  da  schwoll  ihm  der  Stoff  unter  den  Händen  an,  weil  das  junge
Geschlecht  rastlos  von  Entdeckung  zu  Entdeckung  aufstieg,  und  er  sollte  den
Abschluß  des  Werkes  nicht  mehr  erleben.  Der  Kosmos  bezeichnete  in  der
Tat  eine  Epoche  unseres  geistigen  Lebens  —  in  anderem  Sinne  allerdings,
  als  Humboldt  selbst  glaubte  —  er  stand  vor=  und  rückschauend  auf
der  Grenze  zweier  Zeitalter.  Er  war,  noch  ganz  im  Geiste  unserer  klassischen
  Dichtungszeiten,  als  ein  großes  Kunstwerk  gedacht,  das  durch  die
Pracht  seiner  reichen  Schilderungen  den  Geist  anregen,  das  ästhetische
Gefühl  befriedigen,  „das  Gemüt  ergötzen  sollte“;  er  war  erfüllt  von  dem

 

*)  S.  o.  III.  432.
        <pb n="437" />
        Liebigs  Agrikulturchemie.  129

Drange  nach  allseitiger  Bildung,  der  das  alte  Jahrhundert  beseelt  hatte,
und  von  den  Gefühlen  einer  milden  Humanität,  deren  liebenswürdigen
Selbsttäuschungen  die  neue  Zeit  schon  zu  entwachsen  begann.  Die  hand—
festen  jungen  Historiker  konnten  dem  freundlichen  Greise  doch  unmöglich
beistimmen,  wenn  er  die  Rousseausche  Behauptung  aufstellte:  „die  Natur
ist  das  Reich  der  Freiheit“  —  oder  wenn  er  aus  der  scharfsinnig  erwie—
senen  Einheit  des  Menschengeschlechts  sanft  den  Schluß  zog:  „es  gibt
bildsamere,  höher  gebildete,  durch  geistige  Kultur  veredelte,  aber  keine
edleren  Volksstämme;  alle  sind  gleichmäßig  zur  Freiheit  bestimmt.“  Und
doch  war  dies  Buch,  das  so  lebhaft  an  die  Zeiten  Herders  und  Goethes
gemahnte,  zugleich  ein  ganz  modernes  Werk,  eine  tief  durchdachte,  umfassende
  Enzyklopädie  alles  dessen,  was  die  empirische  Naturerkenntnis  bisher
  erforscht  hatte.  Begeisterte  Verehrer  nannten  den  Kosmos  das  hohe  Lied
der  neuen  Wissenschaft  und  sprachen  kurzab  von  dem  Zeitalter  Alexander
Humboldts.  Die  vereinzelten  Stimmen  besorgter  Theologen,  die  vor  dem
unheiligen  Geiste  des  Buches  warnten,  beirrten  selbst  den  frommen  König
nicht  und  verstummten  bald  vor  der  allgemeinen  Bewunderung.  Das
gesamte  Europa  fühlte,  daß  ein  solches  Buch  nur  einmal,  und  nur  von
einem  Manne  gewagt  werden  konnte.  ·

Doch  derweil  Humboldt  schrieb,  verwandelte  sich  die  Welt  bereits
wieder,  und  das  so  lange  geplante  Werk  stand,  als  es  endlich  erschien,
schon  nicht  mehr  ganz  im  Einklange  mit  dem  Geiste  der  Zeit.  Die  jungen
Naturforscher  raunten  einander  schon  oft  abschätzige,  ungerechte  Urteile  über
den  Kosmos  zu,  zumal  die  Mathematiker,  die  dem  Alten  nicht  verziehen,
daß  er  für  ihre  Wissenschaft  so  wenig  Sinn  zeigte.  Diese  jugendlichen
Stürmer  und  Dränger  fragten  nichts  nach  Beschreibungen  noch  nach
historischen  Rückblicken;  sie  verlangten  Taten,  Entdeckungen,  Fünde,  immer
neue  Fünde.  Und  wahrlich  an  großen  Fünden  war  die  Zeit  nicht  arm.
Im  Jahre  1840  ging  aus  dem  kleinen  Gießener  Laboratorium  eine  Ent—
deckung  hervor,  welche  die  Landwirtschaft  aller  Kulturvölker  umgestalten
sollte,  und  ihr  Urheber  war  niemals  hinter  einem  Pfluge  dahergegangen.
Liebig  begründete  die  Lehre  vom  organischen  Stoffwechsel  und  wendete  sie
an  auf  den  Ackerbau;  er  wies  nach,  welche  Stoffe  die  wachsende  Pflanze
der  Luft  entnimmt,  welche  dem  Boden,  und  zeigte,  daß  es  möglich  sein
müsse,  durch  natürlichen  oder  künstlichen  Dünger  dem  Boden  die  entzogenen
Stoffe  vollständig  zurückzugeben.  Wie  furchtbar  hatte  einst  der  Raubbau
der  alten  Völker  die  schönsten  Länder  der  Erde  verwüstet;  jetzt  eröffnete
sich  die  tröstliche  Aussicht,  daß  die  Bodenkraft  der  modernen  Kulturländer
bei  rationellem  Ackerbau  allezeit  unerschöpflich  bleiben  würde.  Nach  langjährigen
  heißen  Kämpfen  errang  die  Lehre  vom  Kreislauf  des  Lebens  einen
vollständigen  Sieg.  Stöckhardts  chemische  Feldpredigten  und  andere  populärc
  Schriften  verbreiteten  sie  in  weiten  Kreisen;  der  künstliche  Dünger,
den  noch  der  alte  Thaer  mit  Mißtrauen  betrachtet  hatte,  wurde  den  deut-
        <pb n="438" />
        430  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

schen  Landwirten  unentbehrlich.  Und  wie  immer  in  der  Wissenschaft  ein
Fund  den  anderen  hervorruft,  so  gab  Liebig  bald  neue,  für  Theorie  und
Praxis  gleich  wertvolle  Aufschlüsse  über  Verbesserung  und  Erhaltung  der
Nahrungsmittel.  Seine  Schuld  war  es  nicht,  daß  die  neue  Erkenntnis
auch  gröblich  mißbraucht  wurde.  Bald  nahm  eine  in  aller  Geschichte  beispiellose
  Verfälschung  der  Lebensmittel  überhand  und  schädigte  die  Gesundheit
  wie  die  Sittlichkeit  des  Volkes  so  schwer,  daß  man  ernstlich  bezweifeln
konnte,  ob  der  Fortschritt  der  Chemie  der  Menschheit  mehr  Segen  oder
mehr  Unsegen  gebracht  hatte.  Der  Gießener  Chemiker  erschien  den  fremden
Nationen  wie  der  Herold  der  deutschen  Naturwissenschaft,  und  die  Zeit
kam,  da  der  stolze  leidenschaftliche  Mann  zuversichtlich  sagen  durfte:  „ich
werde  meinen  Gegnern  durch  neue  wunderbare  Dinge  antworten.“

Zur  selben  Zeit,  da  Liebig  über  den  organischen  Stoffwechsel  schrieb,
begründete  ein  Schüler  Johannes  Müllers,  der  Rheinländer  Schwann
eine  neue  Theorie  der  organischen  Entfaltung  durch  seine  Zellenlehre.
Er  wies  nach,  daß  Struktur  und  Wachstum  der  Tiere  und  der  Pflanzen
übereinstimmen,  daß  sämtliche  Gewebe  und  Organe  des  tierischen  Körpers
aus  Zellen  hervorgehen.  Der  stille,  bescheidene,  kleine  Mann,  der  bald
nachher  im  katholischen  Belgien  eine  neue  Heimat  fand  und  Tag  für
Tag  inmitten  der  Marktweiber  andächtig  der  Frühmesse  beiwohnte,  ließ
seit  jenem  großen  Wurfe  wenig  mehr  von  sich  hören;  aber  durch  den  einen
fruchtbaren  Gedanken  hatte  er  der  gesamten  Pathologie  und  den  verwandten
  Wissenschaften  neue  Bahnen  gewiesen.

Auch  der  Ideenkreis  der  Physiker  erweiterte  sich  inzwischen  mächtig,
als  Dove  das  Gesetz  der  Winde  fand,  die  Grundlage  für  die  neue  Wissenschaft
  der  Meteorologie.  Der  heitere,  geistreiche  Schlesier  hatte  sich  in
allen  Kreisen  der  Berliner  Gelehrtenwelt  längst  eingebürgert,  und  an  der
Universität  durch  seine  lebensvollen  Vorträge  eine  angesehene  Stellung  errungen;
  eine  Zeitlang  stand  er  den  Hegelianern  nahe  und  schrieb  auch
unterweilen  in  ihre  wissenschaftlichen  Jahrbücher;  doch  mit  freier  Sicherheit
  trat  er  dem  Hochmut  der  Philosophen  entgegen,  die  ihm  das  Experiment
  als  Handwerkerarbeit  verbieten  wollten,  und  je  näher  er  Humboldt
kennen  lernte,  um  so  mehr  befestigte  er  sich  in  der  Methode  empirischer  Forschung.
  Nun  ward  ihm  die  Freude,  daß  seine  große  Entdeckung  fast  ebenso
stark  wie  Liebigs  Erfindungen  auf  die  Volkswirtschaft  einwirkte.  Auf  Humboldts
  Verwendung  entstand  im  Norden  eine  Anzahl  meteorologische  Institute,
  und  man  durfte  hoffen,  den  Landwirten  einen  Anhalt  für  ihre
Wetterberechnungen  zu  geben,  die  Schiffer  auf  hoher  See  vor  drohenden
Stürmen  zu  warnen.

Der  physikalischen  Theorie  gelang  im  Jahre  1847  eine  entscheidende
Tat.  Hermann  Helmholtz  aus  der  Mark,  ein  junger  Militärarzt,  den
die  hochmütigen  Offiziere  des  Gardehusarenregiments  sehr  geringschätzig
behandelten,  veröffentlichte  die  kleine  Schrift  „die  Erhaltung  der  Kraft“",
        <pb n="439" />
        Schwann.  Dove.  Helmholtz.  431

die  den  kühnen  Versuch  wagte,  den  Zusammenhang  der  gesamten  Natur—
kräfte  nachzuweisen,  die  Physik  als  Bewegungslehre  aufzufassen.  Ähnliche
Ideen  hatte  kurz  zuvor,  ohne  daß  Helmholtz  darum  wußte,  der  Heilbronner
Arzt  Robert  Mayer  ausgesprochen,  einer  jener  unseligen,  zwischen  Genie
und  Wahnsinn  schwankenden  Geister,  die  unter  den  Erfindern  und  Ent—
deckern  nicht  selten  erscheinen.  Ermutigt  durch  Humboldts  Beifall,  un—
geschreckt  durch  den  Spott  und  den  Zweifel  vieler  anderen  Fachgenossen,
verfolgte  Helmholtz  den  Gedanken  weiter,  und  es  gelang  ihm,  die  noch
vorherrschende  halbmystische  Vorstellung  von  einem  Spiele  verschiedener
Naturkräfte  zu  verdrängen  durch  die  klare  Erkenntnis  eines  Kreislaufs
der  Bewegungen.  Er  erwies,  daß  die  Natur  einen  unzerstörbaren  und
unverlierbaren  Vorrat  von  Energie  oder  wirkungsfähiger  Triebkraft  ent—
hält,  die  in  mannigfachen  Formen  erscheinen  kann,  bald  als  gehobenes
Gewicht,  bald  im  Schwunge  bewegter  Massen,  bald  als  Wärme  oder
chemische  Verwandtschaft.  Damit  war  der  eigentliche  Hauptgedanke  der
modernen  Naturwissenschaft  ausgesprochen,  ein  Gedanke  ebenso  folgenreich
wie  einst  Newtons  Gesetz  der  Schwere,  und  es  ergab  sich  die  Mög—
lichkeit  eines  neuen,  auf  streng  erweisbare  Beobachtung  gegründeten  natur—
philosophischen  Systems,  das  freilich  erst  in  einer  unabsehbaren  Zukunft
sich  runden  konnte.  Ein  philosophischer  Kopf,  an  Kant  gebildet,  hielt
Helmholtz  die  Grundsätze  des  bewußten  Empirismus  immer  fest,  bis  er
schließlich  zu  der  Erkenntnis  gelangte,  daß  selbst  die  Axiome  der  Geo—
metrie  nur  Erfahrungstatsachen  sind,  und  Räume,  in  denen  andere
Gesetze  gelten,  sich  wohl  denken  lassen.  In  allen  diesen  bahnbrechenden
Köpfen  der  neuen  Naturforschung  blieb  der  alte  schöne  deutsche  Idealismus
noch  lebendig;  sie  forschten  im  Bereiche  der  Erfahrung  zu  kühn  zugleich  und
zu  gewissenhaft,  als  daß  sie  sich  je  hätten  vermessen  sollen,  die  Schranken
der  Erfahrung  zu  leugnen.  Erst  ihre  kleineren  Nachfolger  verfielen  in
materialistische  Plattheit.

Die  Medizin  wurde  von  dem  Aufschwung  der  Naturwissenschaft  vor—
erst  noch  wenig  berührt.  Die  große  Mehrzahl  der  Hausärzte  befolgte  noch
die  alte  rohe  Praxis,  die  durch  Brech=  und  Abführungsmittel,  durch  Brunnen—
kuren,  durch  Haarseile  und  Fontanelle  die  gefürchteten  bösen  Säfte  und
Krankheitsstoffe  aus  dem  Leibe  hinauszutreiben  suchte;  kein  Wunder,  daß
manche  der  mißhandelten  Kranken  sich  zu  den  sanften  Mittelchen  Hahnemanns
  und  seiner  neuen  homöopathischen  Schule  flüchteten.  Und  wie
beschämend  dürftig  war  doch  noch  die  Kenntnis  des  menschlichen  Körpers.
Wie  viele  tausend  Kadaver  hatte  man  nun  schon  zerschnitten,  und  noch
wußte  niemand,  zu  welchen  Funktionen  eigentlich  die  Milz  oder  der
Blinddarm  bestimmt  seien.  Selbst  Auge  und  Ohr  blieben  noch  fast  unbekannt;
  die  Arzte  mußten  erst  abwarten,  ob  ihnen  die  Physiker  vielleicht
die  Instrumente  zur  genauen  Beobachtung  dieser  edlen  Organe  erfinden
würden.  Nur  die  Chirurgie  hielt  gleichen  Schritt  mit  den  Naturforschern:
        <pb n="440" />
        432  V.  5.  Realismus  in  Kunst  und  Wissenschaft.

man  bewunderte  allgemein  die  Muskeldurchschneidungen  Stromeyers,  und
die  Berliner  Studenten  berichteten  stolz,  wie  glücklich  ihr  geliebter  Lehrer
Dieffenbach  durch  die  neue  Kunst  der  plastischen  Chirurgie  verstümmelte
Glieder  zu  ergänzen  wußte.

Also  begannen  Kunst  und  Wissenschaft  sich  überall  auf  die  Wirklichkeit
  des  Lebens  zu  richten;  doch  nur  zu  bald  sollte  sich  zeigen,  daß  die
politische  Bildung  der  Zeit  noch  sehr  weit  hinter  der  geistigen  Bildung
zurückstand.  —
        <pb n="441" />
        Sechster  Abschnitt.

————  —  —

Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Die  neue  Weltanschauung,  die  sich  in  Kunst  und  Wissenschaft  so
lebhaft  bekundete,  wurde,  bewußt  oder  unbewußt,  durch  die  großen  Wandlungen
  des  wirtschaftlichen  Lebens  mit  bedingt.  Kein  Zeitraum  der
deutschen  Geschichte  bietet  dem  Nationalökonomen  ein  so  wechselreiches  Bild
wie  dies  neunzehnte  Jahrhundert,  das  in  beispiellos  rascher  Folge  zwei
gewaltige  Umwälzungen  der  volkswirtschaftlichen  Zustände  und  Parteigegensätze
  erlebte.  Vor  einem  Menschenalter  erst  hatte  in  Preußen  eine
friedliche  Revolution  von  oben  her  die  feudalen  Fesseln  der  alten  Gesellschaft
  zersprengt;  damals  glaubten  fast  alle  hellen  Köpfe  der  Nation,  mit
dem  freien  Wettbewerb  der  wirtschaftlichen  Kräfte,  mit  dem  unbeschränkten
Eigentum  und  der  ungestörten  Arbeit  jedes  einzelnen  sei  der  soziale
Frieden  und  Fortschritt  für  alle  Zukunft  gesichert.  Noch  war  die  neuc
wirtschaftliche  Freiheit  bei  weitem  nicht  überall  in  Deutschland  zum
Siege  gelangt;  Gewerbsbetrieb,  Heirat,  Niederlassung  unterlagen  in  den
meisten  Kleinstaaten  noch  ängstlichen  Beschränkungen,  welche  Preußen  nicht
mehr  kannte.  Da  begann  schon  in  den  vierziger  Jahren  eine  Gegenbewegung;
  sie  wuchs  langsam  an,  unter  starken  Rückschlägen,  und  erst  nach
langen  Jahren,  als  die  Deutschen  sich  ihren  nationalen  Staat  geschaffen
hatten,  errang  sie  Erfolge.  Wenn  die  Urheber  des  preußischen  Zollgesetzes
  unschuldig  gehofft  hatten,  der  mäßige  deutsche  Zollschutz  und  das
ehrliche  Anerbieten  der  Gegenseitigkeit  würden  genügen,  um  nach  und  nach
den  ganzen  Weltteil  der  allgemeinen  Handelsfreiheit  anzunähern,  so  erwies
  sich  diese  Erwartung  jetzt  schon  als  irrig;  der  Zollverein  geriet  bald
in  schwere  wirtschaftliche  Machtkämpfe  mit  Völkern  von  älterem  Reichtum
  und  stärkerem  Selbstgefühl,  und  aus  dem  Lager  seines  jungen  Gewerbfleißes
  erklang,  hier  mit  Recht,  dort  mit  Unrecht  der  Ruf  nach  Schutz
der  nationalen  Arbeit.  Im  Innern  aber  rief  der  freie  Wettbewerb  nicht
die  erhoffte  gerechte  Gesellschaftsordnung  hervor,  sondern  neue  gehässige
Klassenkämpfe;  das  bewegliche  Großkapital  begann  eine  gefährliche  Übermacht
  zu  erlangen,  breite  Massen  des  rechtlich  befreiten  Volks  versanken

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  28
        <pb n="442" />
        434  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

in  eine  wirtschaftliche  Abhängigkeit,  die  oft  schwerer  empfunden  wurde,
als  vormals  die  patriarchalische  Unfreiheit  der  alten  Gesellschaft,  und  bald
von  tobenden  Anarchisten,  bald  von  menschenfreundlichen  Denkern  wurde
der  Staat  gemahnt,  daß  er  mit  seiner  zwingenden  Gerechtigkeit  die
Schwachen  gegen  die  Starken  beschützen  müsse.

Die  riesigen  Kapitalansammlungen,  die  völlig  neuen  wirtschaftlichen
Mächte,  die  in  diesem  Zeitalter  der  Erfindungen  jählings  aufschossen,
stellten  an  den  Staat  Anforderungen,  von  denen  die  Gesetzgeber  der
großen  Reformzeit  nichts  geahnt  hatten.  Die  alte  Losung  hieß:  freie
Selbsttätigkeit;  jetzt  erhob  sich  der  Ruf  nach  erweiterter  Wirksamkeit  der
Staatsgewalt.  Beuth,  Hoffmann,  Kühne,  alle  die  alten  wohlverdienten
Beamten,  die  einst  dem  Staatskanzler  Hardenberg  zur  Hand  gegangen
waren,  fühlten  sich  jetzt  wie  in  einer  fremden  Welt,  da  ihnen  fast  alles
bezweifelt  und  bestritten  wurde,  was  sie  für  den  idealen  Inhalt  ihres
Lebens  ansahen.  Der  König  aber,  der  sich  über  die  Umwälzung  der
wirtschaftlichen  Verhältnisse  keineswegs  täuschte  und  in  seinem  weichen
Herzen  die  Leiden  der  arbeitenden  Klassen  lebhaft  mitempfand,  besaß  doch
weder  die  Willenskraft  noch  die  Sachkenntnis,  um  den  Ansprüchen  der
verwandelten  Zeit  gerecht  zu  werden.  So  geschah  es,  daß  in  diesen  Jahren
der  allgemeinen  Enttäuschung  auch  die  preußisch-deutsche  Wirtschaftspolitik,
  die  in  den  beiden  letzten  Jahrzehnten  des  alten  Königs  stolz  von
Sieg  zu  Sieg  vorgeschritten  war,  ihre  feste  Haltung  verlor  und,  obgleich  sie
die  großen  Errungenschaften  der  vorigen  Regierung  nicht  preisgab,  doch
aus  Wirren  und  Kämpfen,  aus  Versuchen,  Mißgriffen  und  Plänen  selten
herauskam.

Die  Fortdauer  des  Zollvereins  war  schon  zur  Zeit  des  Thronwechsels
so  gut  wie  gesichert,  nachdem  Kühne  die  Bedenken  der  sparsam  rechnenden
Finanzpartei  widerlegt  und  der  neue  König  noch  als  Kronprinz  dieser
Widerlegung  freudig  zugestimmt  hatte.)  Nun  beseitigte  Eichhorn,  kurz
bevor  er  sein  altes  Amt  verließ,  noch  die  letzten  Einwendungen  und  nahm
also  einen  würdigen  Abschied  von  dem  Vereine,  dem  er  die  besten  Jahre
seines  Lebens  gewidmet  hatte.  Am  8.  Mai  1841  wurden  die  Zollvereinsverträge,
  mit  unwesentlichen  Anderungen,  für  zwölf  Jahre  erneuert,  und
alle  die  verbündeten  kleinen  Höfe  sprachen  lebhaft  ihre  Befriedigung  aus.
Keinem  von  ihnen  war  je  der  Wunsch  aufgestiegen,  den  geschlossenen  Bund
zu  lösen;  die  gute  Sache  hatte  überall  den  guten  Geist  bündischer  Eintracht
  erweckt,  die  Zollverwaltung  zeigte  sich  in  allen  Vereinsstaaten  gleich
zuverlässig.  Die  wirtschaftlichen  Segnungen  des  Zollvereins  konnte  niemand
  mehr  verkennen.  Rasch  wie  eine  australische  Ansiedlung  blühte
auf  der  öden  RNheinschanze  Mannheim  gegenüber  die  junge  Fabrilstadt
Ludwigshafen  empor,  und  die  vormals  so  stillen  Täler  Westfalens

 

*)  S.  o.  IV.  578.
        <pb n="443" />
        Der  Zollverein  ohne  Küste.  435

hallten  jetzt  wider  vom  Klange  der  Eisenhämmer.  Mit  vollem  Recht
rühmten  sich  die  Deutschen,  daß  ihre  junge  Zolleinheit  ungleich  mehr
bedeutete  als  die  längst  gesicherte  der  benachbarten  Einheitsstaaten;  denn
sie  war  errungen  in  schweren  Kämpfen,  sie  mußte  durch  neue  Kämpfe  noch
gesichert  und  erweitert  werden,  sie  sollte  den  Eckstein  bilden  für  unsere
politische  Einheit.  Doch  je  klarer  man  endlich  die  vaterländische  Bedeutung
  des  Werkes  erkannte,  um  so  lebhafter  forderte  der  seit  der  jüngsten
Kriegsgefahr  neuerstarkte  Nationalstolz,  der  junge  Handelsbund  müsse  sich
auch  die  Gleichberechtigung  neben  den  fremden  Mächten  erzwingen.

Und  wie  unfertig  und  unförmlich  erschien  der  Zollverein  noch  gegenüber
  dem  Auslande.  In  Wahrheit  blieb  er  noch  immer  ein  Binnenland.
Von  seinen  1089  Grenzmeilen  waren  nur  129  Seegrenze;  und  diese  pommerisch-preußischen
  Küsten  bildeten  bloß  für  einen  Teil  der  östlichen  Provinzen
  Preußens,  nicht  einmal  für  Berlin  die  natürliche  Einfuhrstelle;  sie
besaßen  im  Jahre  1843  insgesamt  erst  790  Schiffe  mit  einer  Tragfähigkeit
von  106.0000  Last,  während  der  Zollverein  im  selben  Jahre  allein  an  Kolonialwaren
  132000  Last  einführte.  Die  große  Mehrzahl  der  Zollvereinsschiffe
  eignete  sich  nur  für  die  kurze  Fahrt  auf  der  Ostsee,  die  seit  der
Entdeckung  Amerikas  mehr  und  mehr  ein  Binnensee  geworden  war.  Zudem
  wurde  die  lange  Fahrt  auch  noch  durch  den  Sundzoll  erschwert,  und
selbst  das  kräftig  aufstrebende  Stettin  beschäftigte  im  außereuropäischen
Handel  erst  24  Schiffe  mit  3773  Last.  So  sah  sich  denn  der  mächtige
Handelsbund  mit  seinen  25  Mill.  Einwohnern  fast  allein  auf  die  Schifffahrt
  des  Auslandes  angewiesen,  vornehmlich  auf  das  deutsche  Ausland
an  der  Nordsee,  das  man  mit  zarter  Höflichkeit  als  Vorland  des  Zollvereins
  zu  bezeichnen  pflegte.  Trotzdem  wußten  die  europäischen  Nachbarn
  sehr  wohl,  was  sie  von  dieser  unfertigen  Macht  zu  fürchten  hatten.
Palmerston  nahm,  wie  gewöhnlich,  allen  Engländern  das  Wort  vom
Munde,  als  er  im  Parlament  die  freundnachbarliche  Hoffnung  aussprach:
der  erste  Festlandskrieg  wird  den  Zollverein  wieder  auflösen.  Der  geistreiche
  französische  Nationalökonom  Richelot  weissagte  traurig,  die  Deutschen
  würden,  wenn  sie  sich  erst  einigten,  bald  das  erste  Handelsvolk  des
Festlands  werden;  und  bei  allen  seinen  handelspolitischen  Verhandlungen
mit  den  Nachbarvölkern  hatte  Preußen  eine  feindselige  Eifersucht  zu  bekämpfen,
  deren  Stärke  unsere  tadelsüchtigen  Zeitungsschreiber  nicht  ahnten.
In  Amerika  dagegen,  in  Rio  wie  in  Neuyork,  fragte  man  höhnisch:  wo  ist
euer  Deutschland?  wir  wissen  nur  von  einer  preußischen,  einer  kniphausener
  und  noch  sieben  anderen  Flaggen,  die  sich  für  deutsch  ausgeben,  aber
alle  verschiedenen  Gesetzen  gehorchen;  wir  kennen  weder  eine  deutsche
Flagge  noch  einen  Konsul,  der  sie  vertritt,  noch  ein  Kriegsschiff,  das  sie  verteidigt,
  und  wenn  die  sogenannten  deutschen  Schiffe  löschen,  so  tragen
ihre  Waren  fast  allesamt  englische  oder  französische  Etiketten.

Der  treffende  Spott  verwundete  tief;  denn  traten  die  Vorhäfen  am

28“
        <pb n="444" />
        436  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

deutschen  Meere  dem  vaterländischen  Handelsbunde  bei,  dann  gebot  das
geeinte  Deutschland,  ohne  Osterreich,  über  die  zweite  Handelsmarine  der
Welt;  Bremen  allein  besaß  zur  Zeit  mehr  große  Schiffe  von  500  Last
und  darüber,  als  das  gesamte  Frankreich,  und  eine  Nation  von  solcher
Stärke  galt  jenseits  des  Ozeans  gar  nichts.  Die  stärkste  Handelsader
des  Zollvereins,  der  Rhein,  war  ihm  ja  längst  unterbunden,  da  Holland,
auf  unabsehbare  Zeit  hinaus,  sich  von  dem  alten  Vaterlande  getrennt
hatte.  Um  so  heftiger  ward  also  verlangt,  daß  mindestens  die  Nordsee—
küsten  von  der  Ems  bis  zur  Elbe,  Hannover  und  die  Hansestädte  sich
endlich  dem  nationalen  Handelsbunde  einfügen  müßten.  Am  lautesten
erklang  diese  wohlbegründete  Forderung  in  Süddeutschland,  das  soeben
erst  den  Segen  großer  Verhältnisse  kennen  gelernt  hatte  und  sich  nun
doch  vom  Weltmeer  gänzlich  abgetrennt  sah.  Jetzt  zeigte  sich  aber,  wie
schon  so  oft  in  der  Geschichte  des  Zollvereins,  daß  der  norddeutsche  Partikularismus
  noch  weit  schwerer  zu  überwinden  ist  als  der  süddeutsche.  Die
Finanznot  allein  hatte  einst  den  Trotz  der  süddeutschen  Höfe  besiegt;  diese
Küstenlande  der  Nordsee  hingegen  wähnten  sich  in  ihrem  Sonderleben  sehr
glücklich  zu  befinden.  Mit  begreiflichem  Stolze  rechneten  die  Hanseaten
den  Binnenländern  vor,  wie  mächtig  ihre  Städte  ohne  Deutschlands  Hilfe
aufgestiegen  waren.  Ohne  den  heilsamen  Zwang  einer  gebietenden  Reichsgewalt
  ließ  sich  diesem  selbstgefälligen  Hansetrotze  schwerlich  die  einfache
Wahrheit  beibringen,  daß  die  deutschen  Häsen  im  Bunde  mit  dem  großen
Vaterlande  unzweifelhaft  noch  viel  rascher  aufblühen  mußten.

Die  nächste  Aufgabe  des  Zollvereins,  die  Abrundung  seiner  Grenzen  bis
zur  See,  schien  zur  Zeit  fast  unmöglich,  und  fast  ebenso  hoffnungslos  war  auch
für  jetzt  das  Verlangen  nach  einer  Verfassungsänderung  des  Handelsbundes.
Es  ist  die  Größe  der  absoluten  Monarchie,  daß  sie  zuweilen  eine  Politik  der
Ideen  durchzuführen  vermag,  während  der  Parlamentarismus  immer  und
überall  durch  die  Klasseninteressen  der  Gesellschaft  beherrscht  wird.  Nur  die
absolute  preußische  Krone  hatte  die  Idee  der  deutschen  Handelseinheit  verwirklichen,
  alle  die  weitverzweigten  geheimen  Verhandlungen,  welche  den
Zollverein  begründeten,  zum  glücklichen  Ende  führen  können.  Doch  kaum
bestand  diese  neue  Einheit,  so  regten  sich  sofort  die  sozialen  Interessen  und
wirtschaftlichen  Gegensätze.  Man  verlangte  stürmisch  Offentlichkeit  der
Zollkonferenzen  oder  auch  ein  Zollparlament  oder  Notabelnversammlungen,
damit  jeder  Gewerbszweig  seine  Anliegen  vor  der  Nation  vertreten  könne.
Aber  wie  sollten  diese  durchaus  berechtigten  und  erklärlichen  parlamentarischen
  Wünsche  befriedigt  werden,  da  der  Zollverein  doch  kein  Staat  war?

Also  sah  die  führende  Macht  des  Zollvereins  eine  Menge  neuer,
überaus  schwieriger  Pflichten  vor  sich.  Zunächst  gelang  ihr  eine  kleine  Erweiterung
  des  Zollgebiets.  Nach  neunjähriger  Anarchie  wurde  das  Großherzogtum
  Luxemburg  jetzt  endlich  als  ein  souveräner  deutscher  Bundesstaat
  eingerichtet;  es  erhielt  eine  selbständige  Regierung,  am  12.  Okt.  1841
        <pb n="445" />
        Verhandlung  mit  Luxemburg.  437

auch  eine  bescheidene  landständische  Verfassung,  an  deren  Entwürfen  Hassen—
pflug  noch  mitgearbeitet  hatte*),  und  da  die  Landschaft  nunmehr  von  dem
verkleinerten  Königreiche  der  Niederlande  weit  abgetrennt  lag,  so  beantragte
der  König-Großherzog  ihre  Aufnahme  in  den  Zollverein  —  zur  Freude
einiger  klugen  Fabrikanten,  zum  Entsetzen  der  mächtigen  belgisch-franzö—
sischen  Partei,  die  sich  noch  immer  mit  dem  wallonischen  Luxemburg  wieder
zu  vereinigen  hoffte.  Preußens  Finanzen  und  Volkswirtschaft  konnten
durch  den  Anschluß  des  feindlichen  Ländchens  durchaus  nichts  gewinnen;
zumal  die  Gerber  in  den  Grenzstädten  Malmedy  und  St.  Veith  fühlten
sich  bedroht  und  klagten  so  lange,  bis  ihnen  ihr  gütiger  König  eine  Geldentschädigung
  zahlen  ließ.  Nur  das  deutsche  Pflichtgefühl  und  die  politische
Berechnung  zwangen  den  Berliner  Hof,  sich  auf  die  Verhandlungen  einzulassen;
  denn  wies  er  die  luxemburgischen  Anträge  ab,  so  schloß  sich  das
Ländchen  entweder  dem  belgischen  Zollwesen  an,  oder  es  entstand  dicht
vor  den  Toren  des  Zollvereins  eine  gefährliche  Schmugglerfreistatt.  Die
Unterhandlungen  zogen  sich  mehr  als  zwei  Jahre  hin.  Die  preußische
Regierung  wahrte  eifersüchtig  die  nationale  Unabhängigkeit  des  Zollvereins,
sie  wollte  einem  fremden  Fürsten  schlechterdings  kein  Stimmrecht  im  Rate
des  deutschen  Handelsbundes  einräumen.  Sie  bestand  darauf,  daß  Luxemburg
  auf  den  Zollkonferenzen  durch  Preußen  vertreten  würde;  die  Zolldirektion
  des  Großherzogtums  sollte  dem  preußischen  Finanzministerium
unterstellt,  auch  ein  Teil  der  Zollämter  unter  Mitwirkung  der  Zollvereinsstaaten
  besetzt  werden,  da  die  Deutschen  den  gänzlich  verwilderten  luxemburgischen
  Beamten  nicht  trauten.  Auf  diese  Bedingungen  hin  ward  am
8.  Aug.  1841  der  Anschlußvertrag  abgeschlossen,  und  verabredetermaßen
kamen  sogleich  preußische  Beamte  nach  Luxemburg,  um  das  neue  Zollwesen,
zur  Verhinderung  von  Unterschleifen,  plötzlich  einzuführen.

Da  erhob  sich  ein  völlig  unerwarteter  Widerstand.  Ganz  ungleich
seinem  nüchternen  Vater,  war  der  neue  König  der  Niederlande,  Wilhelm  II.
ein  unruhiger  Kopf,  phantastisch,  erregbar,  wetterwendisch,  immer  mit
hohen  Plänen  beschäftigt,  zugänglich  allen  Einflüsterungen.  Er  hatte  einst
als  Prinz  von  Oranien  in  dem  zehntägigen  Feldzuge  die  belgischen  Rebellen
  zu  Paaren  getrieben  und  hoffte  noch  immer,  ihnen  dereinst  ihren
Raub  wieder  zu  entreißen;  darum  begünstigte  er  die  Katholiken  und  verkehrte
  gern  mit  belgischen  Unzufriedenen;  von  dem  glorreichen  achtzigjährigen
  Kriege,  der  doch  die  Größe  des  Hauses  Oranien  begründet  hatte,
wollte  er  gar  nicht  reden  hören.  Mit  seinem  fast  gleichalterigen  königlichen
  Vetter  in  Berlin  war  er  von  Kindesbeinen  an  innig  befreundet.
Friedrich  Wilhelm  aber  behandelte  die  Oranier  nach  der  alten  Überlieferung
  wie  preußische  Prinzen;  er  sah  in  der  Teilung  der  Niederlande
eine  den  Hohenzollern  selber  angetane  Schmach,  und  noch  in  den  wirren

 

")  S.  o.  318  f.;  V.  54.
        <pb n="446" />
        438  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Träumen  seiner  Todeskrankheit  hat  ihn  das  Mißgeschick  der  oranischen
Verwandten  oft  beschäftigt.  Im  Vertrauen  auf  die  Herzensgüte  seines
preußischen  Vetters  wagte  nun  der  niederländische  König  eine  Tat  unerhörter
  Treulosigkeit;  er  hatte  unterdessen  einige  Luxemburger  von  der
preußenfeindlichen  Partei  insgeheim  zu  Rate  gezogen  und  erklärte  plötzlich,
  ohne  einen  Grund  anzugeben,  daß  er  den  Vertrag  nicht  ratifizieren
könne.  Vielleicht  stand  dabei  noch  ein  abenteuerlicher  Plan  im  Hintergrunde.
  Eben  in  diesen  Septembertagen  wurde  in  belgischen  Garnisonen
eine  orangistische  Verschwörung  entdeckt,  an  deren  Spitze  zwei  Generale
standen,  und  man  argwöhnte  in  Brüssel  wie  im  Haag,  daß  der  König  geglaubt
  hätte,  jetzt  sei  die  Zeit  für  eine  Gegenrevolution  gekommen.)  Genug,
  der  Oranier  versagte  seine  Genehmigung  einem  Vertrage,  den  seine
Bevollmächtigten  genau  nach  seinen  eigenen  Weisungen  abgeschlossen
hatten.  Es  war  nicht  geradehin  ein  Bruch  des  Völkerrechts,  aber  eine  so
unehrenhafte  Verletzung  des  internationalen  Anstandes,  daß  der  alte  Minister
  des  Auswärtigen,  Verstolk  van  Soelen,  sofort  entrüstet  seinen  Abschied
  nahm  und  mehrere  andere  erfahrene  Diplomaten  dem  Monarchen  erklärten,
  unter  solchen  Umständen  könnten  sie  das  Auswärtige  Amt  nicht
übernehmen.

Geschäftssachen  unter  Freunden  geschäftlich  nüchtern  zu  erledigen,
widerstrebte  dem  weichen  Gemüte  König  Friedrich  Wilhelms  immer.  In
einem  brüderlichen  Briefe  hielt  er  „seinem  lieben  Wilhelm“  die  Torheit  und
das  Unrecht  der  plötzlichen  Sinnesänderung  vor  und  schloß  treuherzig:
„In  Summa,  die  Nicht-Ratifikation  wird  uns  sehr  angenehm  sein,  aber  sie
wird  ein  Unglück  für  Luxemburg  sein  und  eine  unerschöpfliche  Quelle  von
Katzenjammer  (déboires)  für  dich!“  Diesen  gemütlichen  Ton  suchte  der
Oranier  schlau  auszunutzen;  er  erwiderte  „seinem  lieben  Fritz“  am
15.  Sept.:  „ich  sehe  also  mit  wahrer  Freude,  daß  du  mir  nicht  nur  nicht
die  Zunge  herausstrecken  wirst,  sondern  daß  meine  Nicht-Genehmigung
dir  sogar  sehr  angenehm  sein  wird,  da  sie  deinen  Untertanen  Vorteil
bringt.“  Darauf  versicherte  er,  die  Luxemburger  würden  erst  nach  langer
Zeit  zu  Deutschen  werden,  und  dann  nur  aus  Interesse,  wenn  Deutschland
  ihre  Unabhängigkeit  nicht  störte,  sondern  beschützte.  7)  Gleich  nachher
erschien  schon  der  niederländische  Bundesgesandte  v.  Scherff  in  Berlin
und  erbat,  daß  Preußen  und  der  Zollverein  den  Abfall  König  Wilhelms
von  dem  geschlossenen  Vertrage  förmlich  genehmigen  möchten.  Die  durchweg
  belgisch  gesinnten  Zeitungen  Luxemburgs  frohlockten  schon:  die  unnatürliche
  Trennung  der  beiden  Hälften  des  Landes  würde  jetzt  endlich
aufhören.

*)  Diese  Frage  ist  noch  nicht  aufgeklärt.  Selbst  der  immer  gründlich  unterrichtete
de  Bosch  Kemper  wagt  darüber  nur  Vermutungen  (Geschiedenis  van  Nederland  na
1830.  IV.  50).

*“*)  König  Wilhelm  II.  an  König  Friedrich  Wilhelm,  15.  Sept.  1841.
        <pb n="447" />
        Treulosigkeit  König  Wilhelms  II.  439

Da  regte  sich  doch  der  preußische  Stolz.  General  Dumoulin,  der
alte  treue  Grenzenhüter  der  Westmark  beschwor  das  Auswärtige  Amt,
fest  zu  bleiben;  der  Anschlag  gehe  aus  von  jener  Partei,  welche  seit  Jahren
danach  trachte,  „das  Land  systematisch  ganz  von  Deutschland  zu  trennen
und  den  letzten  Keim  deutscher  Sitte  darin  zu  vernichten“.*)  Die  Mah—
nung  wirkte.  Minister  Werther  sprach  dem  Könige  nachdrücklich  aus:  jede
Nachgiebigkeit  sei  unmöglich,  es  handle  sich  um  die  hochpolitische  Frage,
ob  Luxemburg  sich  an  Deutschland  oder  an  Frankreich  und  Belgien  an—
schließen  solle.  Nunmehr  schrieb  Friedrich  Wilhelm  wieder,  diesmal  sehr
ernst,  an  den  Oranier:  „Ich  muß  also,  teurer  und  vortrefflicher  Wilhelm,
jede  Verantwortlichkeit  für  die  von  dir  beabsichtigte  Nichtgenehmigung
gegenüber  den  anderen  Regierungen  des  Zollvereins  hier  auf  die  feier—
lichste  Weise  von  mir  ablehnen.“  Dann  erinnerte  er  ihn  an  die  feind—
selige  Politik  der  Niederlande,  die  schon  seit  Jahren  so  viel  Mißtrauen
in  Deutschland  erweckt  hätte:  „Ach,  teurer  Wilhelm,  könntest  du  die
große  und  schöne  Rolle  des  Versöhners  spielen!“?)  Immer  und  immer
schwankte  Friedrich  Wilhelm  zwischen  königlichem  Pflichtgefühl  und  gutmütiger
  Schwäche.  Es  tat  ihm  wehe,  mit  dem  alten  Freunde  so  ganz
persönlich  aneinander  zu  geraten.  Darum  wollte  er  jetzt  den  Streitfall,
unter  OÖsterreichs  Vermittlung,  dem  Bundestage  zur  Entscheidung  vorlegen,
  und  erst  durch  die  dringenden  Vorstellungen  des  Auswärtigen  Amts
ließ  er  sich  von  diesem  unglücklichen  Gedanken,  der  unfehlbar  alles  verdorben
  hätte,  wieder  abbringen.“)

Als  der  niederländische  König  einsah,  daß  die  Preußen  ihn  nicht  frei-Fgaben,

  versuchte  er  neue  Winkelzüge  und  sendete  zur  Unterstützung  Scherffs
zwei  luxemburgische  Bevollmächtigte.  Die  beiden  Luxemburger,  Simons
und  Pescatore  waren  in  Berlin  als  belgische  Parteigänger  und  Feinde
Deutschlands  übel  berüchtigt;  sie  erklärten,  ihr  König-Großherzog  wolle
den  Vertrag  genehmigen,  doch  nur  auf  ein  Jahr  und  mit  sechsmonatlicher
  Kündigung.  Ein  solcher  Vorschlag  aus  solchem  Munde  war  offenbar
frivol.  Nur  Friedrich  Wilhelm  bemerkte  die  Arglist  nicht;  er  dachte  schon
einzuwilligen,  falls  Luxemburg  sich  verpflichtete,  in  den  nächsten  vier  Jahren
weder  mit  Belgien  noch  mit  Frankreich  einen  Handelsvertrag  zu  schließen.
Seine  Minister  urteilten  anders.  Nachdem  der  widerliche  Streit  einige
Wochen  gewährt  hatte,  entwarfen  Thile,  Alvensleben,  Maltzan  einen  gemeinsamen
  Bericht  und  zeigten  dem  Monarchen,  was  auf  flacher  Hand
lag:  im  ersten  Jahre  bringe  eine  Zollvereinigung  immer  mannigfache  Verluste;
  der  belgischen  Partei  in  Luxemburg  würde  es  also  nicht  an  Vor-*)

  Dumoulin  an  Werther,  23.  Sept.  1841.

*“*)  Werthers  Bericht  an  den  König,  29.  Sept.,  König  Friedrich  Wilhelm  an  König

Wilhelm  II.,  30.  Sept.  1841.

***)  Stolberg  an  Thile,  1.  Okt.;  Schreiben  des  Auswärtigen  Amts  an  Thile,  6.  Okt.
1841.
        <pb n="448" />
        440  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

wänden  fehlen,  um  den  Vertrag  nach  sechs  Monaten  zu  kündigen  und
das  ganze  Werk  über  den  Haufen  zu  werfen.  Für  Preußen  aber  stehe
Großes  auf  dem  Spiele.  Ließe  sich  die  Krone  von  einem  schwachen  Nachbarn
  also  verhöhnen,  dann  müßten  die  Zollverbündeten  alles  Vertrauen  zu
Preußen  verlieren,  „und  auf  diesem  Vertrauen  allein  —  so  schrieb  Thile  —
ruht  das  ganze  Gebäude  des  Zollvereins.““)  Diese  Gründe  überzeugten
den  König.  Er  sendete  die  beiden  Luxemburger  heim  und  schrieb  nochmals
  sehr  eindringlich  an  den  Freund  im  Haag  (12.  Jan.  1842):  „Der
gegenwärtige  Zustand  ist  und  muß  sein  das  physische  und  moralische  Verdeutschen

  Seite  hin,  so  werden  deine  Feinde  über  Unbeständigkeit  schreien;
wendest  du  dich  nach  der  anderen,  der  schlechten  Seite,  so  wirst  du
ganz  Deutschland  gegen  dich  haben.  Und  das  will  etwas  sagen,  teuerer
Wilhelm,  seit  dem  Jahre  1840.“  77)

Nunmehr  gab  der  Oranier  sein  Spiel  verloren;  er  wußte,  wie  verächtlich
  alle  deutschen  Höfe  über  ihn  redeten,  und  er  war  klug  genug,
den  unehrenhaften  Handel  jetzt  rasch  aus  der  Welt  zu  schaffen.  Darum  antwortete
  er  freundlich  und  sendete  seinem  königlichen  Vetter,  der  soeben  die
Taufreise  nach  England  angetreten  hatte,  alsbald  zwei  neue  Unterhändler
nach  London,  die  angesehenen  niederländischen  Diplomaten  Rochussen  und
van  Heekeren.“)  Mit  diesen  beiden  verhandelte  der  König  persönlich  in
Bunsens  Hause  und  genehmigte  am  29.  Jan.  1842  ein  Protokoll,  das  den
Augustvertrag  wiederherstellte:  Luxemburg  trat,  zunächst  auf  vier  Jahre,
dem  Zollvereine  bei,  die  Zahl  der  anzustellenden  preußischen  Beamten
sollte  so  gering  wie  irgend  möglich  bemessen  werden.  Hocherfreut  meldete
er  dies  Ergebnis  dem  reuigen  Vetter,  und  da  bei  dem  Versöhnungsfeste
auch  das  Opferlamm  nicht  fehlen  durfte,  so  verhieß  er  zugleich  in  tiefem
Geheimnis:  sein  Gesandter  Graf  Lottum,  der  sich  mit  preußischer  Deutlichkeit
  über  den  oranischen  Biedersinn  ausgesprochen  hatte,  würde  nicht
wieder  in  den  Haag  zurückkehren.],

Nach  solchen  Wirren  wurde  die  kleine  Westmark  dem  Zollverein  einverleibt,
  und  kaum  ein  anderes  deutsches  Land  hat  aus  der  nationalen
Handelseinheit  größeren  wirtschaftlichen  Vorteil  gezogen.  Der  lange
Belagerungszustand  in  der  Hauptstadt  und  die  fast  gesetzlose  Verwaltung
der  provisorischen  belgischen  Behörden  draußen  hatte  das  Ländchen  von
Grund  aus  verwüstet;  Handel  und  Wandel  lagen  danieder,  nur  der

 

*)  Berichte  an  den  König,  von  Maltzan  28.  Dez.  1841;  von  Maltzan,  Alvensleben
  und  Thile,  3.  Jan.;  von  Thile,  3.  Jan.  1842.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  König  Wilhelm  II.,  12.  Jan.  1842.
***)  König  Wilhelm  II.  an  König  Friedrich  Wilhelm,  25.  Jan.  1842.
)  Protokoll,  London,  29.  Jan.  1842,  gez.  von  Rochussen  und  Heekeren,  genehmigt
von  König  Friedrich  Wilhelm.  Bunsen  an  Thile,  29.  Jan.;  König  Friedrich  Wilhelm
an  König  Wilhelm  II.,  29.  Jan.  1842.
        <pb n="449" />
        Anschluß  Luxemburgs.  441

Schmuggel  blühte.  Nun  entstand  wieder  ein  geordneter  Verkehr,  das
fleißige  betriebsame  Völkchen  begann  wieder  zu  hoffen  und  knüpfte  bald
einen  Geschäftsverkehr  mit  den  östlichen  Nachbarn  an,  der  sich  zum  Er—
staunen  der  Luxemburger  selbst  als  gesund  und  einträglich  erwies.  Nicht
lange,  so  empfing  das  Großherzogtum  mehr  als  eine  halbe  Million  Franken
jährlich  aus  den  Kassen  des  Zollvereins,  eine  Summe,  die  über  die  be—
scheidene  Konsumtion  des  Ländchens  sehr  weit  hinausging.  Gleichwohl
dankte  niemand  den  Deutschen  für  solche  Wohltaten.  Die  Luxemburger
wollten  nicht  vergessen,  wie  kläglich  der  Deutsche  Bund  sie  während  der
Revolutionsjahre  preisgegeben  hatte,  sie  haßten  die  Preußen,  die  Be—
schirmer  der  Bundesfestung,  als  ihre  natürlichen  Feinde.  Der  Großherzog
tat  auch  gar  nichts,  um  das  Land  dem  deutschen  Leben  zu  befreunden.
Rechtspflege,  Verwaltung,  Geldwesen  blieben  belgisch-französisch,  sogar  die
Amtssprache  blieb  französisch  in  dem  grunddeutschen  Lande  —  lediglich  zur
Bequemlichkeit  der  verwelschten  Beamten,  die  sämtlich  auf  französischen
oder  belgischen  Hochschulen  ihre  Lehrzeit  verlebt  hatten  und  dann  daheim
alles  aufboten,  um  die  alten  ehrlichen  Ortsnamen  Klerf  und  Siebenbrunn
in  Clervaux  und  Septfontaines  zu  verwandeln.  Also  mästete  sich  fortan
an  Deutschlands  mächtigem  Stamme  die  ekelhafte  Schmarotzerpflanze  der
Nation  luxembourgeoise,  ein  Blendlingsvolk  ohne  Vaterland  und  darum
ohne  Ehre.  —

Mittlerweile  eröffnete  sich  dem  Zollvereine  ganz  unerwartet  eine
glänzende  Aussicht.  Der  hannoversche  Steuerverein,  der  ihn  bisher  vom
Deutschen  Meere  absperrte,  drohte  zu  zerfallen.  Der  Steuerverein  hatte
anfangs  dem  großen  Zollvereine  mancherlei  Feindseligkeit  erwiesen  und
namentlich  seine  preußischen  Enklaven  sehr  gehässig  behandelt.  Doch  seit
man  sich  im  Jahre  1837  über  ein  Zollkartell  geeinigt,  lebten  die  beiden
Vereine  in  leidlicher  Freundschaft,  wenngleich  Hannover  die  Grenzbewachung
ziemlich  saumselig  durchführte;  und  Preußen  beschloß  zunächst  ruhig  abzuwarten,
  ob  nicht  das  beinahe  ringsum  von  Zollvereinslanden  umklammerte
  Welfenreich  freiwillig  die  Vereinigung  beantragen  würde.  Darauf
war  freilich  kaum  zu  hoffen.  Die  mäßigen  Finanzzölle  des  Steuervereins
brachten  reichlichen  Ertrag,  wohlfeile  englische  Fabrikwaren  überschwemmten
das  Land.  Daß  dieser  übermächtige  fremde  Wettbewerb  die  hannoversche
Industrie  ganz  daniederhielt,  war  dem  alten  Welfenkönige  nur  willkommen;
er  liebte  die  Fabriken  nicht,  und  wie  er  selbst  zum  Frühstück  sein  englisches
Mutton-Chop  verspeiste,  so  fand  er  es  auch  hoch  erfreulich,  wenn  seine  Hannoveraner
  sich  bemühten,  die  Lebensweise  künstlicher  Engländer  zu  führen.
Sein  Volk  huldigte  derselben  Meinung  und  pflegte  den  armen  Hungerleidern
  im  Zollvereine  mitleidig  vorzuwerfen,  wie  viel  mehr  Bordeauxwein,
Zigarren  und  Kaffee  man,  dank  den  niedrigen  Zöllen,  im  Steuervereine
verzehre.  Diese  stolze  Behauptung  beruhte  freilich  auf  zweifelhaften
Schätzungen  —  denn  nachdem  Braunschweig  späterhin  dem  Zollvereine
        <pb n="450" />
        442  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

beigetreten  war,  verminderte  sich  dort  der  Verbrauch  der  Kolonialwaren
keineswegs  —  doch  sie  wurde  allgemein  geglaubt,  und  als  die  Binnenländer
  den  Anschluß  des  Steuervereins  laut  verlangten,  da  erschien  in
einer  hannoverschen  Zeitung  ein  trutziges  Lied,  das  den  ganzen  Gedankenreichtum
  des  welfischen  Nationalstolzes  treu  wiedergab:

Wir  wollen  ihn  nicht  haben,

Den  preußischen  Zollverein

Wir  wollen  ferner  brauchen

Zum  Punsch  den  echten  Rak,

Wir  woll'n  auch  ferner  schmauchen

Ein  gutes  Blatt  Tabak!

Zu  Anfang  1841  verhandelten  die  verbündeten  Staaten  in  guter  Eintracht
  über  die  Verlängerung  der  Steuervereins-Verträge.  Da  verlangte
Braunschweig  zuletzt  noch,  Hannover  solle  den  mit  Preußen  gemeinsam
begonnenen  Bau  der  neuen  Straße  von  Salzwedel  nach  Ülzen  einstellen,
weil  dies  Unternehmen  die  alte  von  Magdeburg  über  Braunschweig  nach
Lüneburg  führende  Straße  zu  schädigen  drohte.  Damit  muteten  die
Braunschweiger  dem  welfischen  Königshofe  einen  offenbaren  Treubruch  zu,
denn  jener  Straßenbau  war  auf  Hannovers  eigenen  Wunsch  mit  Preußen
verabredet  worden.  Gleichwohl  nahm  der  hannoversche  Bevollmächtigte
den  Vorschlag  an,  seine  Regierung  genehmigte  diesen  Schritt  ausdrücklich,
  der  Vertrag  ward  abgeschlossen,  und  es  fehlte  nur  noch  der  Austausch
der  Ratifikationen.  Bei  näherer  Erwägung  fand  der  alte  Welfe  diese
Klausel  doch  unanständig  und  verlangte  nachträglich  noch  Anderungen.
Er  verfuhr  also  ähnlich  wie  der  König-Großherzog  von  Luxemburg,  nur
konnte  er  für  seinen  verspäteten  Gesinnungswechsel  mindestens  einen
achtungswerten  Grund  anführen.  Darob  entbrannte  nun  der  Herzog  von
Braunschweig  in  hellem  Zorne.  Ihm  war  der  hoffärtige  Ton,  den  die  Hannoveraner
  gegen  die  kleineren  Höfe  anzuschlagen  liebten,  längst  zuwider;
jetzt  meinte  er  durch  die  Wortbrüchigkeit  der  Nachbarn  „seine  Würde,  sein
Ansehen,  sein  Recht“  gefährdet,  und  in  einem  eigenhändigen  Briefe  kündigte
er  dem  Welfenkönige  an,  daß  er  aus  dem  Steuervereine  austrete.  Hierauf
  suchte  er  Hilfe  bei  Preußen  —  weil  ihm  ein  gegen  Preußen  gerichteter
feindseliger  Anschlag  mißlungen  war!  Eine  so  verwegene  Schenkung  war
neu,  selbst  in  der  Geschichte  des  Zollvereins,  die  von  kleinstaatlicher  Dreistigkeit
  und  preußischer  Langmut  gar  viel  zu  erzählen  wußte.  In  den  letzten
Märztagen  erschien  der  Finanzdirektor  v.  Amsberg  in  Berlin,  ein  fähiger,
in  der  Volkswirtschaftspolitik  wohl  bewanderter  Staatsmann,  der,  freier
gesinnt  als  sein  Herzog,  schon  die  Zollvereinigung  des  gesamten  Vaterlands
  ins  Auge  faßte.  Er  überbrachte  eine  Zuschrift  des  braunschweigischen
  Staatsministeriums,  welche  trocken  anzeigte,  „daß  plötzlich  eingetretene
  Hindernisse  die  Erneuerung  unserer  Steuervereinigungs-Berträge
mit  dem  Königreich  Hannover  und  dem  Großherzogtum  Oldenburg  un-
        <pb n="451" />
        Braunschweigs  Austritt  aus  dem  Steuervereine.  443

tunlich  gemacht  haben.“  Daraufhin  erbat  er  sich  die  Aufnahme  seines
Herzogtums  in  den  Zollverein.“)

Der  preußische  Hof  fühlte  sich  nicht  berufen,  den  Sittenrichter  zu
spielen  in  diesem  unerquicklichen  Zwiste  des  Welfenhauses.  Er  befand  sich
vielmehr  in  der  tragikomischen  Lage,  daß  er  das  unwillkommene  Anerbieten
seines  so  rasch  bekehrten  neuen  Freundes  nicht  von  der  Hand  weisen
durfte.  Das  braunschweigische  Ländchen  allein  mit  seinen  verfitzten  Grenzen
  war  durchaus  kein  Gewinn  für  den  Zollverein.  Minister  Alvensleben
  äußerte  sich  darüber  zu  dem  hannoverschen  Gesandten  General
Berger  mit  einer  freundschaftlichen  Offenheit,  die  der  alte  Soldat  dankbar
anerkannte,  und  bemühte  sich  sogar,  die  beiden  Welfenhöfe  miteinander  zu
versöhnen.)  Vergeblich.  Der  erboste  Braunschweiger  erklärte:  wenn
man  ihn  nicht  in  den  Zollverein  aufnehme,  dann  bleibe  er  allein.  Also
drohte  mitten  im  Zollvereine  nochmals  ein  großes  Nest  des  Schleichhandels
  zu  entstehen,  die  Krämer  in  den  kleinen  Harzstädten  sprachen  schon
frohlockend  von  der  Wiederkehr  der  alten  goldenen  Zeit  des  Schmuggels.
Diese  Befürchtung  zwang  die  Minister,  dem  Könige  die  Aufnahme  Braunschweigs
  zu  empfehlen,  aber  unter  der  Voraussetzung,  daß  Hannover,  „das
wic  Braunschweig  dem  Anschluß  an  den  Zollverein  entgegenreife“,  sich  mindestens
  zu  Verhandlungen  bereit  erkläre.*)  Hannover  gab  diese  vorläufige
Zusage,  alle  Staaten  des  Zollvereins  stimmten  freudig  bei,  alle  erwarteten,
die  Kugel  komme  endlich  ins  Rollen.  In  der  Tat  schien  es  möglich,  daß  der
Zollverein  jetzt  mit  einem  Male  bis  zu  den  Mündungen  der  Elbe,  Weser
und  Ems  vordrang  und  danach  auch  die  Hansestädte  zum  Beitritt  bewog.
Das  braunschweigische  Land  erstreckte  sich  nämlich  in  einem  schmalen
Streifen  weit  nach  Westen,  vom  Harze  bis  zur  Weser;  trat  also  das  gesamte
  Herzogtum  dem  Zollvereine  bei,  dann  wurden  die  Landschaften
Göttingen  und  Grubenhagen,  die  man  in  Hannover  mit  dem  erhabenen
Namen  der  südlichen  Provinzen  schmückte,  von  der  Hauptmasse  des  Welfen-Königreichs
  abgeschnitten,  und  der  ohnehin  lockere  Steuerverein  zerstückelt.

Doch  was  fragte  der  alte  Welfe  nach  der  Volkswirtschaft?  König
Ernst  August  verfuhr  bei  diesen  Verhandlungen  von  Haus  aus  unredlich:
er  knüpfte  sie  nur  darum  an,  weil  er  hoffte,  sich  noch  freien  Verkehr  mit
seinen  südlichen  Provinzen  zu  sichern.  Seinem  Gesandten  Kielmansegge
in  London  schrieb  er  eigenhändig:  ich  bin  gegen  den  Zollverein  und  werde
selbst  im  äußersten  Falle  immer  vermeiden,  Englands  Interessen  zu  schädigen,
  „was  man  einem  englischen  Prinzen  nicht  übel  nehmen  kann“.
Bei  seinen  wiederholten  Besuchen  in  England  versicherte  er  den  Ministern

*7)  Berichte  von  Canitz,  Hannover  2.  April  1841,  Wien  4.  März  1844.  Schreiben
des  braunschw.  Staatsministeriums  an  das  preußische  Min.  d.  A.  A.,  28.  März  1841.
**)  Bergers  Berichte,  4.  7.  30.  April  1841.
*  7)  Werthers  Bericht  an  den  König,  8.  April,  Kabinettsordre  an  Werther  und  Alvensleben,
  21.  April  1841.
        <pb n="452" />
        444  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

beständig  —  das  erfuhr  der  preußische  Gesandte  von  Lord  Aberdeen
selbst  —:  keine  Macht  der  Welt  soll  mich  je  zum  Eintritt  in  den  preu—
ßischen  Verein  bewegen!  Nun  gar  jetzt  sich  durch  das  verhaßte  Braun—
schweig  gleichsam  zwingen  zu  lassen  —  das  ging  ihm  wider  die  Ehre.  Die
Briten  bestärkten  ihn,  wie  sich  von  selbst  verstand,  in  solchen  Vorsätzen,
obgleich  Aberdeen  dem  leichtgläubigen  Bunsen  treuherzig  beteuerte:  der
Beitritt  Hannovers  würde  die  Partei  des  Freihandels  im  Zollvereine  kräf—
tigen  und  uns  darum  willkommen  sein.*)  Auf  seine  Hannoveraner  konnte
der  Welfe  sich  verlassen.  In  der  Presse  des  Landes  polterte  widerwärtig  der
breite  niedersächsische  Bauernhochmut,  der  ohne  nach  dem  großen  Vaterlande
  auch  nur  zu  fragen,  sich  wohlgefällig  seines  gefüllten  Magens
rühmte,  und  die  Hansen  suchten  diesen  Trotz  nach  Kräften  zu  nähren.

In  Bremen,  das  allezeit  mehr  vaterländische  Gesinnung  zeigte  als
Hamburg,  ward  die  Verbindung  mit  dem  Zollvereine  allerdings  schon
zuweilen  erwogen;  doch  allein  konnte  die  Weserstadt  nichts  wagen,  sie
mußte  sonst  fürchten,  ihren  gesamten  Zwischenhandel  an  das  reichere  Hamburg
  zu  verlieren.  Dort  an  der  Elbe  hatte  sich  in  dem  langen  hansischen
Sonderleben  eine  Gesinnung  herausgebildet,  die  man  ebenso  wohl  allzu
weitherzig  wie  allzu  engherzig  nennen  konnte,  eine  rein  kaufmännische
Auffassung  des  politischen  Lebens,  die  in  dem  Staate  nur  den  unbequemen
Dränger,  den  natürlichen  Feind  des  freien  Handels  sah  und  überdies
mit  republikanischem  Dünkel  auf  die  angebliche  Unfreiheit  der  preußischen
Monarchie  herabblickte.  Der  hansische  Handel  hatte  die  Stellung  einer
Weltmacht  behauptet  in  Zeiten,  da  das  Vaterland  tief  daniederlag.  Kein
Wunder,  daß  man  anfing,  das  eigene  Verdienst  zu  überschätzen,  und  die
doch  leicht  begreifliche  Blüte  dieser  Emporien  eines  gewerbfleißigen,  dichtbevölkerten
  Hinterlandes  allein  aus  der  tiefen  Weisheit  ihrer  Handelspolitik
  herleitete.  Man  legte  sich  die  Frage  kaum  noch  vor,  warum  denn
London  und  Liverpool,  Neuyork  und  Marseille  unter  dem  Schutze  ihrer
nationalen  Zolllinien  gediehen?  warum  an  den  Mündungen  von  Rhein,
Maas  und  Schelde,  ebenfalls  hinter  nationalen  Zollschranken,  eine  ganze
Reihe  blühender  Handelsstädte  bestand?  Die  Natur  selbst  —  das  galt
in  Hamburg  als  ein  Glaubenssatz  —  hatte  Deutschland  zu  einer  ewigen
handelspolitischen  Selbstverstümmelung  bestimmt,  sie  hatte  die  Mündungen
der  Elbe,  der  Weser,  der  Trave  so  ganz  absonderlich  gestaltet,  daß  sie
immerdar  „eine  Freiküste“  bleiben  mußten.  Eine  Erklärung  dieses  Naturwunders
  wußte  freilich  niemand  zu  geben.

Der  tiefste  Grund  des  hamburgischen  Partikularismus  lag  in  der
Schwerfälligkeit  der  Kaufleute,  die  sich  nicht  entschließen  konnten,  eine  altgewohnte
  und  meisterhaft  betriebene  Geschäftsweise  rechtzeitig  zu  ändern.
Sie  betrachteten  noch  immer,  wie  in  althansischer  Zeit,  den  Zwischen- 



*)  Bunsens  Berichte,  28.  Okt.,  10.  Dez.  1842,  26.  März  1844.
        <pb n="453" />
        Hannover  und  die  Hansestädte.  445

handel  als  ihre  wichtigste  Erwerbsquelle,  sie  hatten  ihre  Vaterstadt  zu
einem  großen  freien  Markte  für  alle  skandinavischen  Völker  erhoben,  und
wollten  nicht  sehen,  daß  ihnen  jetzt  eine  noch  reichere  Zukunft  offen  stand,
wenn  sie  mit  der  neuerdings  so  mächtig  angewachsenen  Industrie  des
Hinterlandes  in  freien  Verkehr  traten;  ihr  nordischer  Zwischenhandel
konnte  ja  daneben,  in  einem  wohlgeordneten  Freihafen,  ungestört  fort—
dauern.  Eigensinnig  wie  vormals  die  Kaufleute  von  Leipzig  und  Frank—
furt  sträubten  sie  sich  wider  ihr  eigenes  Glück,  ganz  wie  jene  rühmten
sie  die  Trennung  vom  Vaterlande  als  Handelsfreiheit  und  verachteten
das  weiter  blickende  preußische  Beamtentum.  Ihre  Schriftsteller  —  nicht
bloß  die  blinden  Partikularisten  des  Hamburger  Korrespondenten,  sondern
auch  der  gelehrte  Patriot  Wurm  —  hatten  für  die  Idee  der  praktischen
deutschen  Einheit  nur  leere  Worte.  Wenn  sie  zuweilen  sehnsuchtsvoll  von
der  Zolleinigung  des  Vaterlandes  sprachen,  dann  fügten  sie  stets  den  un—
möglichen  Vorbehalt  hinzu:  erst  müsse  Österreich  beitreten;  und  wenn  sie
Preußens  Bemühungen  um  die  Einheit  der  Münzen  und  Maße  herab—
lassend  lobten,  dann  fiel  es  ihnen  doch  gar  nicht  ein,  daß  Hamburg  mit
gutem  Beispiele  vorangehen,  sein  lächerliches  zweifaches  Münzwesen  mit
der  erprobten  Talerwährung  vertauschen  sollte.  Es  war  nicht  anders,  die
große  Mehrheit  des  Volks  an  der  Nordseeküste  wollte  ihr  Sonderleben  nicht
aufgeben.  Klefeker  in  Hamburg,  Berg  in  Oldenburg,  v.  d.  Horst  in  Han—
nover  und  die  wenigen  anderen  einsichtigen  Publizisten,  die  zum  Anschluß
mahnten,  richteten  nichts  aus  gegen  das  allgemeine  Vorurteil.

König  Friedrich  Wilhelm  hielt  in  diesen  Jahren  Hannover  und  Kur—
hessen  für  die  beiden  nächsten  Freunde  Preußens  im  Deutschen  Bunde,
denn  von  Bayern  her  wurde  seine  Regierung  heftig  befehdet,  und  den
übrigen  Mittelstaaten  traute  er  wenig  Widerstandskraft  gegen  die  Libe—
ralen  zu.  Darum  behandelte  er  seinen  welfischen  Oheim  mit  zarter
Schonung  und  setzte  sogar  bei  den  widerstrebenden  Braunschweigern  durch,
daß  jener  Harz-  und  Weserkreis,  der  das  Welfenkönigreich  durchschnitt,
vorläufig  noch  zwei  Jahre  lang  im  Steuervereine  verblieb,  damit  der
hannoversche  Hof  Zeit  gewönne,  sich  auf  den  Zollanschluß  vorzubereiten.
Die  Hannoveraner  zeigten  sich  für  solche  Freundlichkeit  wenig  dankbar;
sie  ließen  viele  Monate  verstreichen,  bis  sie  nach  wiederholten  Mahnungen
die  zugesagten  Verhandlungen  endlich  begannen,  und  dann  stellten  sie
alsbald  zwei  gleich  unannehmbare  Bedingungen.  Sie  verlangten,  daß  der
Zollverein  seine  Zölle  auf  mehrere  der  einträglichsten  Kolonialwaren  be—
trächtlich  herabsetzte  und  außerdem  noch  dem  Königreiche  ein  Präzipuum
gewährte,  einen  erhöhten  Anteil  an  den  gemeinsamen  Einnahmen,  zur
Entschädigung  für  die  angeblich  größere  Konsumtion  im  Welfenlande.
Den  2  Millionen  Deutschen  des  Steuervereins  zulieb'  sollten  also  die
28  Millionen  des  Zollvereins  sich  ihre  ergiebigsten  Finanzzölle  verderben.
Die  zweite  Forderung  aber  verstieß  gegen  den  Grundgedanken  des  Zoll-
        <pb n="454" />
        446  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

vereins,  die  gleiche  Verteilung  der  Einnahmen  nach  der  Kopfzahl.  Um
dieses  Grundsatzes  willen  hatte  die  preußische  Regierung  erst  vor  drei
Jahren  den  unglücklichen  Plan,  für  sich  selber  ein  mäßiges  Präzipuum  zu
beanspruchen,  schleunig  wieder  aufgegeben.  Wie  durfte  sie  jetzt  von  ihren
Zollverbündeten  eine  noch  weit  größere  Vergünstigung  für  Hannover  verlangen,
  nachdem  Braunschweig  soeben,  ohne  ein  Präzipuum  zu  fordern,
eingetreten  war?

Den  süddeutschen  Höfen,  die  sich  so  eifrig  bemühten,  ihrer  jungen
Industrie  verstärkten  Zollschutz  zu  schaffen,  mußten  die  hannoverschen
Denkschriften  wie  Stimmen  aus  der  verkehrten  Welt  klingen.  Die  Welfenkrone
  suchte  den  Nerv  der  Volkswirtschaft  in  der  üppigen  Konsumtion,
sie  rühmte  stolz:  der  Anschluß  des  Steuervereins  bringt  dem  Zollverein
zwei  Millionen  so  starker  Konsumenten  und  so  wenig  bedeutender  Fabrikanten
  zu,  wie  sie  bis  jetzt  im  Zollvereine  nicht  vorhanden  sind.  Daß  diese
zwei  Millionen  durch  den  Zollverein  erst  freien  Verkehr  und  die  Möglichkeit
  einer  eigenen  Industrie  erhalten  sollten,  kam  daneben  nicht  in  Betracht.
  Wohl  mochte  die  Konsumtion  von  Kolonialwaren  mindestens  in
den  eigentlichen  Küstenlanden  Hannovers  etwas  höher  stehen  als  in  manchen
  Teilen  des  Zollvereins;  doch  über  die  Geldfrage  des  Präzipuums
ließ  sich  noch  gar  nicht  verhandeln,  solange  die  volkswirtschaftlichen  Ansichten
  hüben  und  drüben  so  weit  auseinander  gingen.  Zudem  bewies
die  Welfenkrone  überall  ihren  bösen  Willen  durch  gehässige  Anmaßung.
Im  Sommer  1843  überbrachte  der  hannoversche  Finanzrat  Witte  Vorschläge
  seines  Hofes  nach  Berlin;  er  stellte  dem  preußischen  Ministerium
ohne  weiteres  die  Wahl,  anzunehmen  oder  abzulehnen,  er  behauptete
ungescheut,  der  Zollverein  wolle  im  Harz-  und  Weserkreise  „ein  Schmuggeldepot“
  gegen  Hannover  einrichten  und  drohte  mit  empfindlichen  Repressalien.
  Eine  solche  Sprache  war  in  den  stürmischen  deutschen  Zollverhandlungen
  doch  nicht  mehr  gehört  worden  seit  jenen  fernen  Tagen,  da  der
Herzog  von  Köthen  einst  einen  streitbaren  Leutnant  mit  seinem  Ultimatum
nach  Berlin  geschickt  hatte.  Bülow  erwiderte  kurz,  Wittes  Zuschrift  gestatte
  ihm  keine  Antwort,  und  stellte  dem  Hannoveraner  anheim,  sofort
abzureisen.

Währenddem  erhitzte  sich  auch  der  braunschweigische  Hof  mehr  und
mehr,  der  alte  Haß  der  beiden  Welfenlinien  brach  wieder  durch.  Der
Landtag  stand  dem  Herzog  treu  zur  Seite;  die  Mehrzahl  der  Abgeordneten
hatte  doch  endlich  die  nationale  Bedeutung  des  Zollvereins  begriffen,  ihr
wackerer  Führer  K.  Steinacker  sagte  in  seiner  Streitschrift  wider  die  Hannoveraner
  hoffnungsvoll:  „Vaterland!  der  Namc  war  lange  ein  leeres
Wort  für  uns.  Jetzt  aber  wissen  wir,  daß  wir  ein  Vaterland  haben,
ein  Vaterland,  welches  im  kräftigsten  gesundesten  Verjüngungsprozesse  sich
befindet.“  Wie  würdig  nahmen  sich  solche  Worte  aus  neben  den  wüsten
Schimpfreden  des  Gothaers  Zimmermann,  der  einst  schon  den  hannover-
        <pb n="455" />
        Anschluß  Braunschweigs.  447

schen  Staatsstreich  verteidigt  hatte  und  jetzt  wieder  unter  dem  Namen
eines  Dr.  Faber  „Politische  Dachpredigten“  zur  Verteidigung  Ernst
Augusts  schrieb.  Der  verhehlte  gar  nicht,  daß  der  Welfenhof  die  Ge—
sinnungen,  aus  denen  einst  der  Mitteldeutsche  Handelsverein  entsprungen
war,  noch  keineswegs  aufgegeben  hatte  und  den  Zollverein  selbst  bekämpfte;
er  mahnte  die  Deutschen,  Rücksicht  zu  nehmen  auf  das  „mächtige  Aus—
land“,  zumal  auf  England,  und  sagte  plump:  „Ich  halte  sämtliche  Ver—
teidiger  einer  zweiten  Einheit  Deutschlands,  neben  oder  außer  der  im
Bunde,  entweder  für  gutmütige  Häute  oder  schlaue  Füchse.“  Diese  groben
Angriffe  nötigten  auch  den  Berliner  Hof,  sich  noch  offener  als  bisher  über
den  nationalen  Zweck  seiner  Handelspolitik  auszusprechen.  Die  amtliche
Preußische  Allgemeine  Zeitung  erklärte  rund  heraus:  Preußens  Aufgabe
im  Zollvereine  wird  dann  erfüllt  sein,  wenn  der  Zollverein  das  ganze
Bundesgebiet  umfaßt  und  also  die  im  Art.  19  der  Bundesakte  verheißene
Handelseinheit  vollendet  ist.  Dabei  ward  freilich  vorsichtig  verschwiegen,
daß  Osterreich  dem  Zollvereine  nicht  beitreten  sollte.  An  dieser  unerläß—
lichen  Bedingung  hielt  auch  König  Friedrich  Wilhelm  für  jetzt  noch
fest.  Als  sein  Gesandter  in  Wien  mit  Metternich  über  den  schwebenden
Streit  gesprochen  hatte,  erging  aus  Berlin  sofort  die  gemessene  Weisung:
ein  freundliches  Wort  Osterreichs  in  Hannover  kann  nichts  schaden;  doch
irgend  eine  Vermittlung  in  Zollvereinssachen  werden  wir  dem  kaiserlichen
Hofe  nie  erlauben.“)

Nach  fast  drei  Jahren,  zu  Anfang  1844  wurden  die  widerwärtigen
Verhandlungen  abgebrochen.  Braunschweig  trat  nunmehr  mit  seinen  sämtlichen
  Kreisen  dem  Zollvereine  bei,  und  der  Steuerverein  blieb  bestehen,
obgleich  sein  Gebiet  zerrissen  war.  Abermals  nach  häßlichem  Streite
erneuerte  man  dann  auch  das  Zollkartell.  Die  drei  nächstbeteiligten
Kabinette  suchten  ihr  Verhalten  durch  veröffentlichte  Staatsschriften  zu
rechtfertigen,  und  erbaulich  war  es  nicht,  wie  die  beiden  ergrimmten
Welfenhöfe  ihre  schwarze  Wäsche  vor  aller  Welt  wuschen.  Ruhiger  redete
die  preußische  Staatsschrift;  ihre  streng  sachliche  Darstellung  überzeugte
ganz  Deutschland,  nur  nicht  die  unbelehrbaren  Hannoveraner  und  Hansen.
Ernst  August  aber  hatte  mittlerweile  sein  altes  Vaterland  wieder  besucht
und  sogar,  nach  Ableistung  des  üblichen  Eides,  seinen  Sitz  im  Oberhause
wieder  eingenommen,  obgleich  Aberdeen  selbst  ihm  vorstellte,  dazu  hätte
sich  weder  König  Leopold  noch  Prinz  Albert  je  herabgelassen.  Sein  Verhältnis
  zu  dem  englischen  Hofe  blieb  sehr  kühl,  weil  die  Königin  argwöhnte,
ihr  feindseliger  Oheim  würde  die  Lords  gegen  sie  aufwiegeln.  Indes
verabredete  er  mit  den  Ministern  insgeheim  einen  Schachzug  gegen
Preußen.)  Am  22.  Juli  1844  schloß  er  mit  England  einen  Schiffahrts- 



*)  Bülow,  Weisung  an  Canitz,  17.  März  1844.
*##r)  Bunsens  Bericht,  10.  Juni,  10.  August  1843.
        <pb n="456" />
        448  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

vertrag,  der  ihm  den  Anschluß  an  den  Zollverein  auf  Jahre  hinaus  un—
möglich  machte.  Großbritannien  gewährte  der  hannoverschen  Flagge  einige
Begünstigungen,  auch  für  die  indirekte  Fahrt,  und  erlangte  für  seine
Schiffe  eine  Ermäßigung  des  berüchtigten  Stader  Elbzolles,  den  die  Han—
noveraner  soeben  wieder,  auf  den  Dresdener  Elbschiffahrtskonferenzen  von
1842,  hartnäckig  als  einen  Seezoll  gegen  ihre  deutschen  Landsleute  be—
hauptet  hatten.  Also  blieb  das  deutsche  Welfenkönigreich,  auch  nachdem
es  sich  von  der  englischen  Krone  getrennt  hatte,  noch  immer  ein  Brücken—
kopf  der  britischen  Handelspolitik  auf  dem  Festlande.  —

 

Den  dürftigen  Erfolg  dieser  Verhandlungen  mit  den  Welfenhöfen
empfand  man  in  Berlin  sehr  peinlich;  denn  Preußens  Ansehen  im  Zoll—
vereine  war  ohnehin  schon  erschüttert  durch  einen  wirtschaftlichen  Partei—
kampf,  der  1841  durch  Lists  Buch  „das  nationale  System  der  politischen
Okonomie“  eingeleitet  wurde.  Die  einfache,  damals  noch  viel  verkannte
Wahrheit,  daß  die  Volkswirtschaftslehre  eine  historische  Erfahrungswissen—
schaft  ist  und  folglich  auch  mit  den  praktischen  Erfahrungen  der  Gegen—
wart  in  beständiger  Wechselwirkung  steht,  ließ  sich  gerade  in  dem  Deutschland
  dieser  Tage  mit  Händen  greifen.  In  allen  anderen  Wissenschaften
hatten  wir  uns  längst  unsere  eigene  Bahn  gebrochen;  nur  die  Nationalökonomie
  verharrte  noch  in  einem  seltsamen  Anachronismus,  sie  folgte  noch
fast  blindlings  den  Lehren  des  Auslands,  weil  unser  Wohlstand  noch  so
jung,  selbst  die  Einheit  des  nationalen  Marktes  noch  nicht  ganz  errungen
war,  große  wirtschaftliche  Parteien  sich  erst  zu  bilden  begannen.

Die  sensualistische  Philosophie  der  Schotten  war  in  Deutschland  nie  zu
allgemeinem  Ansehen  gelangt  und  schon  durch  Kant  wissenschaftlich  überwunden.
  Gleichwohl  herrschte  in  der  deutschen  Volkswirtschaftslehre  noch
die  Lehre  Adam  Smiths,  die  doch  mit  dem  Sensualismus  stand  und
fiel;  sie  war  seitdem  durch  Ricardo  und  Say  mit  einseitiger  Härte  weitergebildet
  worden  und  durch  Bastiats  lebendige  populäre  Schriften  auch
in  weitere  Kreise  eingedrungen.  Sie  hatte  einst,  da  es  galt,  die  alte
feudale  Gesellschaftsordnung  zu  zerstören,  als  eine  zeitgemäße,  befreiende
Macht  gewirkt;z  jetzt  lebte  sie  auf  den  deutschen  Kathedern  nur  noch  fort
als  einc  gedankenlose  Tradition.  Ganz  nach  der  unlebendigen  Methode
des  alten  Naturrechts,  die  doch  längst  kein  tüchtiger  Jurist  mehr  gelten
ließ,  pflegte  der  Nationalökonom  seine  Sätze  in  logischer  Folge  abzuleiten
aus  der  Abstraktion  des  billig  kaufenden  und  teuer  verkaufenden  Einzelmenschen.
  Aus  dem  Kampfe  der  Selbstsucht  dieser  Einzelwesen,  aus  dem
freien  Spiele  der  sozialen  Kräfte  sollte  dann  ganz  von  selbst  die  Harmonie
  aller  Interessen,  die  gerechte  und  vernünftige  Ordnung  der  Gesellschaft
  hervorgehen;  der  tierische  Trieb  des  Eigennutzes  vollbrachte  mithin
        <pb n="457" />
        Lists  Nationales  System.  449

das  Wunder,  die  Menschen  über  den  Zustand  der  Tierheit  zu  erheben.
Feinere  Naturen,  die  das  Undeutsche  dieser  Lehre  empfanden,  wollten
mindestens  der  weitblickenden  Selbstsucht  eine  solche  Wunderkraft  zu—
schreiben,  ohne  zu  bedenken,  daß  die  Selbstsucht  nicht  weit  blicken  kann,
von  ihren  Niederungen  aus  das  Ganze  des  Volkslebens  nicht  zu  übersehen
vermag.  Die  Theorie  beruhte  auf  einem  unhistorischen  Optimismus,
der  zwei  Großmächte  der  Weltgeschichte,  die  Mächte  der  Dummheit  und
der  Sünde  ganz  verkannte  und  folgerecht  zu  dem  Schlusse  gelangen  mußte,
durch  die  zunehmende  Erkenntnis  des  eigenen  Interesses  würde  das  Verbrechen
  von  selbst  aus  der  Menschheit  verschwinden.  Wohl  lehrten  auf
den  deutschen  Universitäten  Schmitthenner,  Eiselen  sowie  einige  andere
wenig  hervorragende  Anhänger  des  Schutzzollsystems,  und  C.  H.  Rau
in  Heidelberg,  ein  besonnener  Anhänger  der  Lehre  Smiths,  speicherte  in
seinen  gründlichen  Lehrbüchern  ein  reiches  statistisches  Material  auf,  um
also  aus  der  Fülle  der  Erfahrung  heraus  die  einzelnen  Sätze  des  Systems
zu  ergänzen  oder  einzuschränken.  Vorherrschend  blieb  doch  die  Meinung,
daß  die  Güterwelt  überall  und  jederzeit  unwandelbaren  Naturgesetzen
unterworfen  sei.

In  dies  Traumleben  der  theoretischen  Abstraktion  brach  nun  Lists
Buch  wie  ein  Wetterschlag  herein.  Mit  dem  ganzen  Pathos  seiner  vaterländischen
  Leidenschaft  bekämpfte  er  den  Individualismus  und,  was  im
Grunde  dasselbe  sagte,  das  Weltbürgertum  der  herrschenden  Schule.
Er  zeigte,  daß  die  Volkswirtschaft  jeder  Nation  ein  lebendiges  Ganzes
bildet,  alle  ihre  Glieder  aufeinander  angewiesen  sind  und  „die  Individuen
den  größten  Teil  ihrer  produktiven  Kräfte  von  der  politischen  Organisation
  der  Regierung  und  der  Macht  der  Nation  empfangen“.  Mit  mäßigen
historischen  Kenntnissen,  aber  mit  einem  glücklichen  historischen  Bllicke,
der  trotzdem  meistens  das  Wesentliche  herausfand,  schilderte  er  den  wirtschaftlichen
  Entwicklungsgang  der  großen  Nationen,  wie  sie  sich  allesamt
in  harten  Machtkämpfen  mit  dem  Wettbewerb  anderer  Völker  behauptet,
ihren  heimischen  Gewerbfleiß  durch  Zölle  und  Monopole  geschützt  hatten.

Auf  dem  Grunde  dieser  historischen  Erfahrungen  baute  er  nun  sein
eigenes  Schutzzollsystem  auf,  das  sich  von  dem  alten  Merkantilsystem  wesentlich
  unterschied:  er  suchte  den  Reichtum  der  Völker  keineswegs  in  den  edlen
Metallen,  aber  er  erkannte  die  von  den  Freihändlern  abgeleugnete  Bedeutung
  der  Handelsbilanz  wieder  an,  da  sich  an  dem  Werte  und  der
Art  der  ein=  und  ausgeführten  Waren  allerdings  die  Höhe  der  wirtschaftlichen
  Kultur  eines  Volks  annähernd  abschätzen  läßt;  er  verlangte
Schutzzölle  als  Mittel  der  Ermunterung  und  Erziehung,  damit  neue  produktive
  Kräfte,  immerhin  gegen  die  Aufopferung  von  Tauschwerten,  geweckt
  würden,  die  Nationen  des  Festlands  sich  von  dem  Drucke  der  englischen
  Handelsübermacht  befreiten  und  schließlich  dahin  gelangten,  „nur
von  denen  zu  kaufen,  die  von  uns  kaufen.“  Berauscht  von  dem  Anblick

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  29
        <pb n="458" />
        450  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

der  jugendlich  aufstrebenden  nordamerikanischen  Welt,  sah  er  in  dem  Wohlstande
  zumal  im  industriellen  Vermögen  schlechthin  alles  und  behauptete
keck,  in  gleichem  Verhältnis  mit  dem  Reichtum  wüchsen  überall  die
Tätigkeit,  die  Bildung,  ja  sogar  die  Sittlichkeit  der  Nationen.  Durch
Wohlstand  wollte  er  sein  heißgeliebtes  Volk  zur  Freiheit  erziehen,  ihm  die
Duckmäuserei,  das  Philistertum,  die  Wolkenkuckucksheimer  Träume  austreiben.
  „Auf  der  Ausbildung  des  deutschen  Schutzsystems  —  das  blieb
der  Grundgedanke  —  ruht  die  Unabhängigkeit  und  Zukunft  der  deutschen
Nationalität.“

Diesmal  täuschte  sich  sein  Seherblick,  der  sonst  selten  irrte:  Deutschland
  sollte  ohne  hohe  Schutzzölle  sich  sein  neues  Reich  erbauen  und  erst
weit  später,  als  seine  politische  Macht  längst  gesichert  war,  bei  gänzlich
veränderter  Lage  des  Weltmarkts  sich  dem  Schutzsollsysteme  zuwenden.
Dennoch  war  seine  Schrift  ein  Markstein  in  der  Geschichte  unserer  politischen
  Bildung.  Zum  dritten  Male  regte  der  kühne  Mann,  wie  einst
bei  der  Begründung  der  Handelseinheit  und  des  Eisenbahnwesens,  durch
einen  weckenden  Ruf  sein  Volk  kräftig  auf.  Er  zuerst  in  Deutschland  erschloß
  die  Nationalökonomie,  die  man  bisher  fast  wie  eine  Geheimlehre
mathematischer  Formeln  gescheut  hatte,  durch  lebendige,  lichtvolle  Darstellung
  dem  Verständnis  und  der  Teilnahme  aller  Gebildeten;  er  betrachtete
  sie,  grundsätzlich  absehend  von  allen  fertigen  Doktrinen,  allein
von  dem  Standpunkte  historischer  Erkenntnis  und  praktischer  Geschäftserfahrung;
  er  erwies  mit  flammender  Beredsamkeit  und  oft  stark  übertreibend,
  daß  alle  großen  volkswirtschaftlichen  Fragen  nationale  Machtfragen
  sind,  ihre  Lösung  über  die  Selbstbehauptung  der  Völker  entscheidet.
Dies  letzte  Verdienst  war  das  größte;  solche  Wahrheiten  konnten  einem
Volke,  das  gerade  im  Handel  und  Wandel  seine  fremdbrüderliche  Schwachheit
  zeigte,  ausländische  Waren  würdelos  bevorzugte,  nicht  laut,  nicht
scharf  genug  gesagt  werden.  Darum  entsetzten  sich  auch  alle  Ausländer,
die  auf  Deutschlands  Schwäche  rechneten,  über  Lists  Werk.  Die  englische
  Presse  jammerte  scheinheilig:  wie  sei  es  nur  möglich,  daß  unter  den
humanen,  gebildeten  Deutschen  eine  so  barbarische  Gesinnung  volkstümlicher
  Ausschließlichkeit  auftauche;  und  selbst  Graf  Camillo  Cavour  nannte,
da  er  die  Freihandelslehren  noch  kurzweg  als  die  rette  dottrine  bewunderte,
  das  Buch  des  Schwaben  eine  krankhafte  Ausgeburt  des  überspannten
Nationalstolzes.

Die  Fachwissenschaft  wurde  von  Lists  Ideen  zunächst  nur  wenig  berührt;
  ihm  selbst  lag  ja  auch  nichts  ferner  als  der  Ehrgeiz  des  Gelehrten.
Es  geschieht  aber  nicht  selten,  daß  die  schöpferische  Kraft  der  Geschichte  die
notwendigen,  der  Zeit  gemäßen  Gedanken  gleichzeitig  aus  ganz  verschiedenen
  Quellen  hervorspringen  läßt.  Unabhängig  von  List,  allein  durch
wissenschaftliches  Nachdenken  hatte  sich  mittlerweile  der  junge  Hannoveraner
  Wilhelm  Roscher,  der  bald  in  Leipzig  heimisch  wurde,  den  Plan  ge-
        <pb n="459" />
        W.  Roscher.  Das  Zollvereinsblatt.  451

bildet  für  seine  reiche  Gelehrtentätigkeit.  Er  wollte  der  Nationalökonomie
das  historische  Verständnis  erwecken,  das  die  Rechtswissenschaft  den  Werken
Savignys,  Eichhorns,  Niebuhrs  verdankte.  In  einem  kleinen  Grundriß
für  Vorlesungen  (1843)  zeichnete  er  zuerst  die  Umrisse  seiner  historischen
Methode;  er  faßte  die  Volkswirtschaft  als  eine  Welt  des  Werdens  auf
und  suchte  überall  zu  zeigen,  daß  die  Theorie  nur  relative  Wahrheiten
finden  kann,  daß  dieselben  Institutionen,  die  das  jugendliche  Volk  erheben,
dem  gereiften  zur  Fessel  werden.  Ein  Gelehrter  von  ausgebreitetem  Wissen,
ebenso  bescheiden,  gerecht,  friedfertig,  wie  List  trotzig,  parteiisch,  kampflustig
war,  stimmte  Roscher  auch  in  dem  Streite  des  Tages  keineswegs  mit  dem
schwäbischen  Agitator  überein,  da  er  den  freihändlerischen  Gedanken  weit
näher  stand.  Gemeinsam  war  den  beiden  nur  der  historische  Sinn  und
die  Erkenntnis  der  sittlichen  Mächte  des  wirtschaftlichen  Lebens.  Wäh—
rend  Lists  Buch  einen  leidenschaftlichen  Parteikampf  entzündete,  machte
Roschers  Grundriß  langsam,  ganz  in  der  Stille  seinen  Weg;  aus  den
Anregungen,  die  hier  zuerst  gegeben  wurden,  ging  nach  und  nach  eine
neue,  realistisch-historische  Auffassung  der  Volkswirtschaft  hervor,  und  es
entstand  im  Laufe  der  Jahre  eine  deutsche  nationalökonomische  Schule,
die  fest  auf  eigenen  Füßen  stehend  sich  dem  Auslande  bald  überlegen
zeigte.

List  säumte  nicht,  die  Silberbarren  seines  „Nationalen  Systems“  in
kleine  Münzen  umzuprägen.  Er  gründete  (1843)  das  Zollvereinsblatt,
und  um  das  Banner  dieser  streitbaren  Zeitschrift  scharte  sich  bald  die
gesamte  Schutzzoll-Partei  des  Südens,  vornehmlich  der  junge  Stand  der
Fabrikanten  und  Techniker,  der  viele  auf  den  neuen  Gewerbschulen  gut
gebildete,  tüchtige  und  rührige  Männer  in  seinen  Reihen  zählte.  In
Baden  drang  die  Bewegung  tief  ins  Volk,  weil  dort  die  neuen  Fabriken
meist  durch  Aktiengesellschaften  gegründet  waren,  viele  Bauern  und  kleine
Bürger  sich  am  Aktienkaufe  beteiligt  hatten.  Manche  Forderungen  der
Partei  waren  sachlich  wohl  begründet,  doch  unverkennbar  wirkte  auch  die
kleinstädtische  Weltanschauung  mit.  Preußens  soziale  Freiheit  blieb  den
Süddeutschen  noch  versagt,  und  wie  sie  gewohnt  waren,  für  Heirat  und
Niederlassung  stets  die  Genehmigung  der  Obrigkeit  einzuholen,  so  erwar—
teten  sie  auch  in  der  Handelspolitik  alles  Heil  von  oben.  In  Württem—
berg  zeichnete  sich  der  Eßlinger  Fabrikant  Deffner  durch  seinen  Eifer  aus,
in  der  badischen  Kammer  der  feurige  Redner  Sander,  am  Rhein  Berg—
rat  Böcking  zu  Saarbrücken.  Das  mächtige  Bankhaus  Haber  in  Karls—
ruhe  versorgte  einen  großen  Teil  der  süddeutschen  Zeitungen  mit  schutzzöllnerischen
  Korrespondenzen,  auch  Cotta  stellte  die  Allgemeine  Zeitung
und  die  Deutsche  Vierteljahrsschrift  der  Schutzzoll-Partei  zur  Verfügung.
Nicht  lange,  so  galt  es  im  Süden  für  ausgemacht,  daß  jeder  Liberale
ein  Schutzzöllner,  jeder  Freihändler  ein  Reaktionär  sein  müsse.  Wieder
einmal  zeigte  sich,  daß  List  wohl  aufregen  und  beleben,  doch  nicht  Maß

29  *
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        452  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

halten,  nicht  gestalten  konnte.  Wie  er  einst  gegen  das  preußische  Zollgesetz
  getobt  hatte,  das  doch  seine  eigenen  Ideale  verwirklichte,  so  schalt
er  jetzt  ungestüm  auf  die  preußische  Handelspolitik  und  untergrub  das
Vertrauen  zu  der  führenden  Macht  des  Zollvereins,  obgleich  er  die  Notwendigkeit
  der  preußischen  Hegemonie  wohl  begriff.  In  seinem  blinden
Zorne  bemerkte  der  edle  Enthusiast  nicht  mehr,  welche  dämonischen  Kräfte
der  Zwietracht  und  des  Bruderhasses  er  entfesselte.  Abel  und  die  ganze
Heerschar  der  bayrischen  Ultramontanen  stimmten  ihm  schadenfroh  zu,
und  bald  ließ  sich  auch  schon  der  Ruf  hören:  statt  des  unfähigen  Preußens
müsse  Österreich  die  Führung  des  Zollvereins  übernehmen  —  eine  Forderung,
  die  von  List  selbst  allerdings  nie  gebilligt  wurde.

Mißtrauen  zwischen  Nord  und  Süd  war  unter  allen  Gefahren,  welche
den  Zollverein  bedrohen  konnten,  die  schwerste;  denn  das  vertrauensvolle
Einverständnis  von  Preußen-Hessen  und  Bayern-Württemberg  hatte  ihn
einst  begründet;  zerriß  dies  Band,  so  ging  der  erste  Anfang  praktischer
deutscher  Einheit  verloren.  Es  war  die  tragische  Schuld  in  Lists  stürmischem
  Leben,  daß  dieser  begeisterte  Patriot,  der  das  ganze  Vaterland
mit  glühender  Liebe  umfaßte,  doch  die  Kluft  zwischen  dem  Süden  und
dem  Norden  gewaltsam  erweiterte.  Er  betrieb  die  schutzzöllnerische  Agitation,
  die  ja  ihre  guten  Gründe  hatte,  mit  einer  solchen  Erbitterung,
daß  der  im  Süden  schon  halb  verblaßte  Preußenhaß  mächtig  wieder  aufbrauste.
  Der  Same  des  Unfriedens,  der  damals  ausgestreut  wurde,  trug
noch  nach  vielen  Jahren  arge  Früchte;  noch  bis  zum  Jahre  1866  ließen
sich  in  der  süddeutschen  Presse,  zumal  in  den  Blättern  des  Hauses  Cotta
die  Nachklänge  dieses  rohen  Schutzzöllnerhasses  vernehmen.  Nachdem
Preußen  nachweislich  so  große  finanzielle  Opfer  für  den  Zollverein  gebracht
  hatte,  verbreitete  man  im  Süden  ein  Witzbild,  das  die  Dinge
geradezu  auf  den  Kopf  stellte:  die  Kuh  des  Zollvereins  wurde  von  dem
geduldigen  süddeutschen  Michel  festgehalten  und  von  Preußen  gemolken.
List  selbst  scheute  sich  nicht,  der  preußischen  Regierung  vorzuwerfen,  daß
sie  den  Zollverein  zu  ihrem  Vorteil  ausbeute.  Er  erging  sich  —  und
mehr  noch  sein  Anhang  —  in  wüsten,  demagogischen  Anklagen.  Er  jammerte,
  das  wehrlose  Deutschland  würde  von  der  Handelspolitik  des  Auslands
  ausgeplündert,  und  vergaß  undankbar,  daß  der  Zollverein  die  wirtschaftliche
  Fremdherrschaft  im  wesentlichen  doch  schon  gebrochen  hatte,
und  jetzt  nur  noch  in  Frage  stand,  ob  nicht  einzelne  Gewerbszweige  eines
stärkeren  Schutzes  bedürften.

Diese  trockene  Geschäftsfrage,  wie  viel  Zoll  eine  Ware  zu  ertragen
vermöge,  wurde  mit  einer  Wut  behandelt,  als  ob  nur  Landesverräter
anderer  Meinung  sein  könnten.  Geborene  Kämpfer  lieben,  sich  ihre  Feinde
als  Zerrgestalten  vor  die  Augen  zu  halten.  Wie  Luther  aus  dem  Cochläus
  einen  Rotzlöffel,  aus  dem  Herzog  von  Braunschweig  einen  Hans
Worscht  machte,  um  dann  diese  Fratzen  nach  Herzenslust  zu  zerzausen,  so
        <pb n="461" />
        Die  süddeutschen  Schutzzöllner.  453

bekämpfte  List  in  seinem  „Nationalen  Systeme“  neben  der  „Rechtspest“  der
Pandekten  ein  mythologisches  Ungeheuer,  das  er  „die  Schule“  nannte  und
jeder  erdenklichen  Sünde  zieh.  Neuerdings  war  sein  Popanz  die  preußische
„Bureaukratie“,  dieser  halborientalische  Auswuchs,  dies  schlingpflanzen—
artige  „Unkraut“  des  deutschen  Staates;  statt  der  Aktenweisheit  des  grünen
Tisches  sollte  fortan  die  lebendige  Erfahrung  der  Gewerbsleute  den  deut—
schen  Zollbund  beherrschen.  Gewiß  bedurfte  die  einseitig  bureaukratische
Leitung  des  Zollvereins  dringend  der  Ergänzung  durch  populare  Kräfte;
so  einfach,  wie  List  meinte,  lagen  die  Dinge  dennoch  nicht.  Wer  hatte  einst
den  Zollverein  gegründet?  Das  deutsche  Beamtentum  im  Kampfe  mit
der  Torheit  der  Kaufleute  und  Fabrikanten.  Und  wer  hinderte  jetzt,  daß
er  sich  bis  zu  seinen  natürlichen  Grenzen  ausbreitete?  Nicht  das  Beamtentum,
  sondern  die  geschäftskundigen  Kaufleute  der  Hansestädte.

List  verschmähte,  was  doch  die  nächste  Aufgabe  jeder  fruchtbaren
Publizistik  ist,  sich  hineinzudenken  in  die  Lage  des  von  ihm  so  grausam
gescholtenen  Staates.  Die  preußische  Regierung  sollte  einen  Verein  leiten,
der  —  was  Süddeutschland  selbst  einst  dringend  verlangt  hatte  —  seinen
Tarif  nur  durch  einstimmige  Beschlüsse  verändern  durfte;  sie  konnte  sich
mithin  keiner  der  wirtschaftlichen  Parteien,  die  einander  bekämpften,
willenlos  unterwerfen,  sondern  mußte  zwischen  ihnen  zu  vermitteln  suchen,
damit  das  Ganze  nicht  auseinander  fiel.  Da  List  sich  um  die  preußischen
Zustände  leider  nie  recht  bekümmert  hatte,  so  kannte  er  auch  die  entscheidenden
  Männer  nicht  und  wiederholte  zuversichtlich,  allein  die  Rücksicht
auf  England  bestimme  Preußens  Handelspolitik.  Der  Vorwurf  lag  nahe;
man  wußte  ja,  wie  schwärmerisch  der  neue  Hof  alles  englische  Wesen  bewunderte.
  Dennoch  entbehrte  der  Verdacht  jedes  Grundes;  denn  die  drei
eifrigsten  Anglomanen  in  den  preußischen  Regierungskreisen  waren  der
König  selbst,  Bülow  und  Bunsen,  und  gerade  diese  drei  hegten  lebhafte
Vorliebe  für  die  Gedanken  der  Schutzzöllner.  Kühne  hingegen,  Beuth
und  die  anderen  bureaukratischen  Gegner  der  Zollerhöhung  waren  stramme
Preußen,  ganz  frei  von  englischen  Neigungen;  wenn  sie  die  Pläne  Lists
bekämpften,  so  geschah  es  nur,  weil  sie  tief  überzeugt  an  den  Ideen  der
Hardenbergischen  Zeiten  festhielten  und  nicht  einsehen  konnten,  daß  ihr
durch  ein  Vierteljahrhundert  erprobtes  Zollgesetz  jetzt  doch  an  vielen
Stellen  schadhaft  wurde.

Wer  sollte  es  nicht  menschlich  finden,  daß  die  unbändigen  Schmähungen
der  süddeutschen  Schutzzöllner  auch  auf  der  anderen  Seite  höchst  ungerechten
  Verdacht  hervorriefen?  Man  konnte  in  Berlin  nicht  begreifen,
warum  der  feurige  Liberale  List  jetzt  mit  den  Spießgesellen  Metternichs
und  Abels  zusammen  ging;  die  preußischen  Gesandten  an  den  süddeutschen
  Höfen  glaubten  allesamt,  der  makellos  rechtschaffene  Mann  lasse
sich  von  Österreich  und  Bayern  bezahlen.  Sogar  der  feine,  geistreiche
Canitz  schrieb:  „Verkaufen  wird  er  seine  Überzeugung  wohl  nicht,  aber
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        454  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

sie  jedem  leihen,  der  gut  zahlt.  Man  gebe  ihm  Geld  und  zwar  viel,  so
wird  es  ihm  ziemlich  gleichgültig  sein,  ob  er  Eisenbahnen  oder  Kolonien
in  Osterreich  oder  Preußen  zu  verwalten  habe.“*)  Kühne  selbst  wahrte
seine  Amtswürde  und  antwortete  in  der  Staatszeitung  nur  auf  die  sachlichen,
  nie  auf  die  persönlichen  Angriffe  des  süddeutschen  Agitators.  Um
so  heftiger  äußerte  er  sich  mündlich  über  „die  Absurdität  und  Schlechtigkeit“
  des  Schwaben,  über  das  tolle  Treiben  der  „völlig  verrückten  Listschen
Sünder“.  Er  begriff  nicht,  daß  Lists  Buch  ganz  neue,  fruchtbare  Gedanken
  enthielt,  er  sah  darin  nur  die  Wiederholung  alter  Irrtümer  und
fand  es  „rätselhaft,  wie  dies  so  ganz  hohle  und  verbrauchte  Merkantilsystem
  wieder  aufleben  konnte.“7)

In  Norddeutschland  stimmte  wohl  die  große  Mehrzahl  diesem  verständnislosen
  Urteile  zu.  Hier  wurde  Lists  Lehre  fast  allein  von  den  Eisenwerksbesitzern
  Westfalens  und  einem  Teile  der  schlesischen  Fabrikanten
willkommen  geheißen.  Die  meisten  der  altbefestigten  Fabriken  sahen  sich
durch  die  bestehenden  Zölle  genugsam  geschützt;  die  Handelsplätze  vollends
und  die  ackerbauenden  Provinzen  verlangten  nach  Freihandel.  Während
im  Süden  die  schutzzöllnerische  Gesinnung  für  freisinnig  galt,  herrschte
im  Nordosten,  zumal  in  Altpreußen,  die  genau  entgegengesetzte  Meinung:
wer  ein  fester  Liberaler  war  und  die  befreiende  soziale  Gesetzgebung  der
Stein-Hardenbergischen  Tage  hochhielt,  mußte  auch  den  freien  Handel
fordern.  Selbst  der  Landadel  stimmte  in  der  Wirtschaftspolitik  mit  seinen
alten  Gegnern,  den  Geheimen  Räten  überein;  für  seine  Bodenfrüchte
hatte  er  ja  keinen  erdrückenden  fremden  Wettbewerb  zu  fürchten,  darum
wünschte  er  Erleichterung  der  Konsumtion,  vor  allem  wohlfeile  Maschinen,
um  dic  noch  tief  daniederliegende  landwirtschaftliche  Technik  zu  verbessern.
  Der  halbwahre,  in  vielen  Fällen  falsche  Satz,  daß  der  Konsument
  allein  den  ganzen  Schutzzoll  bezahlen  müsse,  wurde  noch  allgemein
geglaubt,  und  niemand  fragte,  warum  denn  die  englischen  Produzenten
so  gar  ängstlich  vor  jeder  Erhöhung  der  deutschen  Garn=  und  Eisenzölle
warnten.  Vergeblich  rechnete  Fritz  Harkort,  der  Volksmann  Westfalens,
den  Grundbesitzern  vor:  der  Pächter  einer  westfälischen  Domäne  von
1000  Morgen  brauche  im  Jahre  etwa  24  Ztr.  Stabeisen  und  1  Ztr.  Stahl,
er  zahle  mithin  für  jeden  Morgen  schlimmsten  Falles  1  Sgr.  Zoll  und
könne  folglich  durch  eine  mäßige  Erhöhung  der  Eisenzölle  nicht  schwer  getroffen
  werden.  Erst  in  einer  weit  späteren  Zeit,  als  der  Ackerbau  sich
selbst  durch  die  Getreideeinfuhr  anderer  Völker  bedroht  sah,  begannen  die
Landwirte  zu  erkennen,  daß  in  der  Tat  alle  Zweige  der  nationalen  Erwerbstätigkeit,
  trotz  der  Reibungen  daheim,  dem  Auslande  gegenüber  eine
lebendige  Interessengemeinschaft  bilden,  wie  List  immer  behauptet  hatte.

 

*)  Canitz,  Bemerkungen  zu  Bunsens  Bericht  vom  31.  Juli  1846.
**)  Nach  Kühnes  Denkwürdigkeiten.
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        Norddeutsche  Freihändler.  Prince  Smith.  455

Nach  deutscher  Weise  wurde  die  Lehre  der  freien  Konkurrenz  bald
zu  einem  geschlossenen  Systeme  ausgestaltet,  und  es  bildete  sich  eine
Schule  radikaler  Freihändler,  die  mit  Richard  Cobden  und  den  Manchestermännern
  in  Verbindung  trat.  An  ihrer  Spitze  stand  John  Prince  Smith,
ein  vornehmer  Engländer,  der  von  lange  her  in  Preußen  eingebürgert,
zu  Elbing  mit  dem  handfesten  Liberalen  van  Riesen  Freundschaft  geschlossen
  hatte  und  trotzdem  alle  rein  politischen  Fragen  mit  großer  Gleichgültigkeit
  betrachtete.  Er  wollte  nichts  sein  als  Freihändler  und  hielt  sich
zu  den  Liberalen  nur,  weil  er  durch  sie  seine  wirtschaftlichen  Ideale  zu  erreichen
  hoffte.  Beschränkt  und  sicher,  ein  echter  Brite,  sah  er  auf  der
weiten  Welt  nichts  andres  als  Handel  und  Wandel;  technische  Entwürfe
und  Verbesserungen  beschäftigten  ihn  unablässig;  der  Staat  war  ihm  nicht
mehr  als  der  Produzent  der  wirtschaftlichen  Sicherheit,  und  als  solchen
hatte  er  sein  Preußen  aufrichtig  schätzen  gelernt.  Die  allgemeine  Handelsfreiheit
  mußte  —  daran  blieb  ihm  kein  Zweifel  —  die  Glückseligkeit  aller
Nationen  und  zuletzt  den  dauernden  Völkerfrieden  begründen;  denn  waren
nur  erst  überall  die  Maschinen  im  Gange,  dann  konnte  ja,  wegen  der
Gefahr  einer  großen  Handelskrisis,  kein  Staat  mehr  einen  Krieg  zu  führen
wagen.  Solche  Gedanken  verbreitete  er  —  in  der  persönlichen  Polemik
immer  maßvoll,  in  seinen  Lehrsätzen  ganz  unfehlbar  —  durch  zahlreiche
Flugschriften.  Als  er  sodann  nach  Berlin  übersiedelte,  stiftete  er  einen
freihändlerischen  Verein,  dem  sich  manche  begeisterte  junge  Männer  anschlossen.


In  dieser  Schwärmerei  des  trockenen  Geschäftsverstandes  lag  ein
eigentümlicher  Reiz,  der  gerade  deutsche  Idealisten  leicht  bestricken  konnte.
Die  Lehre  von  der  ungehemmten  Entfaltung  aller  wirtschaftlichen  Kräfte
berührte  sich,  freilich  nur  scheinbar,  mit  dem  ästhetischen  Idealismus
Wilhelm  Humboldts,  der  einst  in  seiner  Jugendschrift  das  Recht  der
freien  Persönlichkeit  so  warm  gegen  die  zwingende  Staatsgewalt  verteidigt
hatte;  und  wie  verführerisch  klang  doch  für  edle  Naturen  der  erhabene
Satz,  daß  der  gerechte  Staat  sich  niemals  durch  die  Klasseninteressen
selbstsüchtiger  Fabrikanten  beirren  lassen  dürfe.  Nur  zu  bald  sollte  sich
zeigen,  wie  stark  die  Klasseninteressen  der  Kaufmannschaft  und  der  Börse
bei  den  Lehren  der  Freihändler  selbst  mitwirkten.  Das  abstrakte,  vaterlandslose
  Weltbürgertum  ward  in  dem  Vereine  immer  mächtiger;  das
radikale  Gerede  der  Berliner  Nichts-als-Freihändler  bestätigte  nachträglich
alles,  was  List  einst  stark  übertreibend  „der  Schule“  Adam  Smiths
vorgeworfen  hatte.

Der  feste,  sichere  Wille,  der  allein  so  scharfe  Parteigegensätze  niederhalten
  konnte,  fehlte  in  Berlin  leider  gänzlich.  Der  König  empfand  dunkel,
daß  die  Hilferufe  der  Schutzzöllner  aus  dem  Süden  doch  nicht  ganz  unberechtigt
  waren.  Er  hatte  von  jeher,  zum  Erstaunen  seiner  romantischen
Freunde,  viel  Verständnis  für  volkswirtschaftliche  Fragen  gezeigt  und,  da
        <pb n="464" />
        456  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

er  dem  Beamtentum  stets  mißtraute,  schon  als  Kronprinz  oft  beklagt,
„daß  die  Masse  der  Erfahrung,  die  in  dem  Handel  und  Gewerbe  treiben—
den  Publikum  vorhanden  ist,  in  den  obersten  Behörden  gar  keine  Ver—
tretung  fand“.*)  Darum  gründete  er,  nach  den  Plänen  seines  Vaters,
am  16.  Januar  1842  das  Landes-Okonomiekollegium,  eine  beratende  technische
  Behörde,  die  mit  den  landwirtschaftlichen  Vereinen  in  Verbindung
trat,  in  allen  Provinzen  namhafte  Grundbesitzer  als  außerordentliche  Mitglieder
  anstellte  und  also  wohlunterrichtet  über  die  Lage  des  Landbaues
ihre  Gutachten  abgab.  Von  ganzem  Herzen  erfreute  er  sich  an  der  ersten,
durch  Beuth  veranstalteten  großen  Gewerbeausstellung,  die  im  Berliner
Zeughause  1844  eröffnet  wurde;  zum  Andenken  ließ  er  eine  schöne  Schaumünze
  prägen  mit  dem  Bilde  der  Germania  und  der  Inschrift:  Seid
einig!  Die  wiederholten  Bitten  der  Provinziallandtage  um  Wiedereinsetzung
  eines  Handelsministeriums  hatten  ihm  längst  gezeigt,  daß  er  die
Gewerbs=  und  Handelssachen  nicht  mehr  allein  dem  Finanzminister  und
der  oft  rein  fiskalischen  Gesinnung  seiner  Räte  überlassen  durfte.

Als  ihm  nun  der  aus  London  heimgekehrte  Minister  Bülow  vorschlug,
  ein  Handelsamt  nach  dem  Vorbilde  des  englischen  Board  of  Trade
zu  gründen,  da  ging  der  König  freudig  auf  den  Gedanken  ein.  Den
rechten  Mann  für  die  Leitung  des  neuen  Amts  glaubte  er  schon  gefunden
zu  haben  in  dem  Ministerresidenten  zu  Washington,  dem  Holsten  Friedrich
Ludwig  von  Rönne,  der  schon  seit  längerer  Zeit  auf  Urlaub  in  Berlin
weilte  und  hier,  von  Savigny,  Bunsen  und  dem  allezeit  still  tätigen  Senfft
v.  Pilsach  warm  empfohlen,  dem  Monarchen  bald  näher  trat.  Rönne  hatte
in  seinen  diplomatischen  Berichten  die  volkswirtschaftlichen  Verhältnisse
immer  ausführlich  besprochen  und  sich  auch  viele  deutsche  Fabrikanten  durch
wertvolle  Geschäfts-Mitteilungen  zu  Dank  verpflichtet;  die  Amerikaner  behielten
  die  stattliche  Erscheinung  des  liebenswürdigen  preußischen  Residenten
  noch  lange  in  gutem  Andenken.  Er  schwärmte  für  den  neuen  König,
aber  auch  für  das  freie  Polen  und  für  die  Vereinigten  Staaten,  deren  Bundesverfassung
  er  in  Deutschland  nachzubilden  wünschte;  und  zu  verwundern
  war  es  nicht,  daß  der  leicht  erregbare  Enthusiast  sich  späterhin  in  die
Irrwege  einer  unfruchtbaren  liberalen  Opposition  verlor.  Den  Schutzzoll-Theorien
  Lists  stimmte  er  begeistert  zu,  und  mit  dem  wahlverwandten  Bunsen
  verhandelte  er  gern  über  deutsche  Kolonien  und  gesamtdeutsche  Schifffahrt
  —  hochsinnige  Pläne,  denen  nur  leider  für  jetzt  jeder  Boden  fehlte.
Geistreich  und  vielseitig  unterrichtet  durfte  er  sich  mit  Kühnes  reicher  Erfahrung
  und  Geschäftskenntnis  doch  nicht  von  fern  vergleichen.

Da  dem  Könige  das  Einfache  stets  am  fernsten  lag,  so  konnte  er  sich
nicht  entschließen,  nach  den  Wünschen  der  Provinziallandtage,  das  untergegangene
  Handelsministerium  wieder  ins  Leben  zu  rufen;  er  fürchtete,

 

*)  So  erzählt  er  selbst  in  einer  Notiz  für  das  Staatsministerium,  März  1846.
        <pb n="465" />
        Das  Handelsamt.  Rönne.  457

seltsam  genug,  dies  würde  „eine  Erschwerung  in  den  Gang  der  Staats—
verwaltung  bringen“.“*)  Angeregt  durch  eine  Denkschrift  Rönnes  entschied
er  sich  für  eine  unglückliche  Halbheit.  Er  wollte  ein  Handelsamt  unter
Rönnes  Vorsitz  bilden,  das  gleich  dem  Landes-Okonomiekollegium  nur
technische  Gutachten  erstatten,  sachverständige  Kaufleute  und  Gewerbtrei—
bende  zur  Beratung  zuziehen,  auch  mit  den  Handelskammern  sich  ver—
ständigen  sollte.  Über  die  also  begutachteten  handelspolitischen  Fragen
entschied  dann  der  Handelsrat,  der  aus  fünf  Ministern  und  dem  Präsi—
denten  des  Handelsamtes  bestand  und  von  Zeit  zu  Zeit  unter  dem  Vor—
sitze  des  Monarchen  selbst  zusammentrat.  Das  hohe  Beamtentum  er—
kannte  sogleich,  daß  damit  eine  Annäherung  an  das  Schutzzollsystem  be—
zweckt  wurde;  auch  fürchtete  man,  das  Handelsamt  könnte,  wie  vormals
die  Generalkontrolle,  den  Ministerien  über  den  Kopf  wachsen.**)  Bodel—
schwingh  sah  sogar  in  den  wirtschaftlichen  Notabeln  den  gefährlichen  Keim
einer  „konstitutionellen  Repräsentation“.  Alle  Minister  widersprachen
dem  Plane  lebhaft;  nur  Bülow  trat  für  Rönne  ein.  **)  Dem  ungeachtet
wurden  am  7.  Juni  1844  Handelsrat  und  Handelsamt  gesetzlich  ein—
geführt.  Die  Schutzzollpartei  begrüßte  das  neue  Amt  mit  frohen  Hoff—
nungen  x);  doch  bald  mußte  sie  erfahren,  welch  ein  Mißgriff  der  König
in  bester  Meinung  getan  hatte.  Da  jetzt  ein  ernster  sachlicher  Gegensatz
  vorlag  und  das  begutachtende  Handelsamt  zudem  keine  gesicherte
Stellung  neben  den  entscheidenden  Behörden  einnahm,  so  brach  die  alte
Krankheit  des  preußischen  Beamtentums,  der  Krieg  der  Departements
wieder  heftig  aus;  die  Feindschaft  zwischen  dem  Finanzministerium  und
dem  Handelsamte  wurde  landkundig,  Rönne  scheute  sich  nicht,  sogar  die
Zeitungen  gegen  Kühne  aufzuwiegeln,  und  man  spottete  laut,  Preußens
Handelspolitik  sei  zweiköpfig.  —

Weil  der  erste  Handelsvertrag  des  Zollvereins  mit  dem  Auslande,  der
niederländische,  entschieden  mißlungen  und  nach  kurzer  Zeit  wieder  aufgekündigt
  worden  war  ##),  so  betrachteten  die  Süddeutschen  fortan  alle
handelspolitischen  Verhandlungen  Preußens  mit  begreiflichem  Mißtrauen.
Ihr  Argwohn  stieg  aufs  höchste,  als  Preußen  am  2.  März  1841  einen
Schiffahrtsvertrag  mit  England  abgeschlossen  hatte  —  mit  diesem  England,
  das  in  unserem  Süden,  wahrlich  mit  Recht,  als  der  Todfeind  der
deutschen  Handelseinheit  verwünscht  wurde.  Da  hieß  es  überall:  das  sei
der  erste  Versuch,  Deutschland  ganz  den  Briten  zu  unterwerfen  und  unsere
Schutzzölle  le  aufzuheben.  Die  Allgemeine  Zeitung  und  fast  alle  Blätter  des

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  27.  Aug.  1843.
**)  Nach  Kühnes  Denkwürdigkeiten.
*““)  Thiles  erster  Plan,  Aug.  1843.  Thiles  Bericht  an  den  König,  19.  Nov.  1843.
Bülows  Berichte  an  den  König,  17.  Mai  1844.
t)  Rönne  an  König  Friedrich  Wilhelm,  16.  Febr  1850.
##  )  S.  o.  IV.  573.
        <pb n="466" />
        458  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Südens  tobten;  List  meinte  zornig,  jeder  durch  Preußen  abgeschlossene
Handelsvertrag  sei  ein  öffentliches  Unglück  für  den  Zollverein.  In  Wahr—
heit  war  dieser  vielgeschmähte  Vertrag  sehr  unschuldig,  ja  sogar  vorteil—
haft  für  Deutschland.  England  versprach,  den  Zollvereinsschiffen  die  Ver—
günstigungen,  welche  ihnen  bisher  nur  für  die  direkte  Fahrt  zustanden,
künftighin  auch  für  die  indirekte  Fahrt  aus  den  sogenannten  Vorhäfen
des  Zollvereins,  aus  den  Nordseehäfen  zwischen  Elbe  und  Rhein,  zu  ge—
währen.  Die  preußische  Regierung  hatte  mithin  einen  kleinen  Schritt
vorwärts  getan  auf  der  Bahn  der  nationalen  Handelseinheit;  sie  hatte
erreicht,  daß  England  anfing,  das  gesamte  Deutschland  in  Sachen  der
Schiffahrt  als  ein  handelspolitisches  Ganzes  zu  behandeln.  Dafür  gab
sie  nur  das  selbstverständliche  Versprechen,  daß  sie  auch  ihrerseits  für
die  Dauer  des  Vertrags  nichts  ändern  würde  an  ihrer  Schiffahrtsgesetzgebung,
  die  allerdings  weit  liberaler  war  als  die  englische  Navigationsakte
  und  zwischen  direkter  und  indirekter  Fahrt  keinen  Unterschied  kannte.
Der  wüste,  ziellose  Lärm  bewies  lediglich,  wie  viel  schroffe  Parteigegensätze
  der  Zollverein  in  sich  barg.  König  Friedrich  Wilhelm  schwankte
einen  Augenblick,  dann  fragte  er  Kühne  um  Rat  und  ließ  sich  überzeugen.)
Darauf  rechtfertigte  der  streitbare  General-Steuerdirektor  den  englischen
Vertrag  in  der  Staatszeitung  durch  einen  lichtvollen  Aufsatz,  der  die
Gegner  zum  Schweigen  brachte.  —

Weit  wichtiger  wurden  die  langwierigen  Zollverhandlungen  mit  Belgien.
Hier  galt  es,  nötigenfalls  selbst  durch  wirtschaftliche  Opfer,  eine  ernste
politische  Gefahr  abzuwenden.  Schon  vor  längerer  Zeit  hatte  König  Leopold
  in  Berlin  leise  anfragen  lassen,  ob  Belgien  nicht  in  den  Zollverein
eintreten  könne,  und  darauf  die  Antwort  erhalten,  der  Zollverein  solle  ein
ausschließlich  deutscher  Handelsbund  bleiben.*)  Es  stellte  sich  bald  heraus,
daß  jene  Anfrage  eine  diplomatische  Falle  war;  denn  wäre  die  preußische
Regierung  auf  das  keineswegs  ernstlich  gemeinte  Anerbieten  irgendwie  eingegangen,
  so  hätte  sie  das  Recht  verloren,  künftighin  gegen  einen  französisch-belgischen
  Zollverein  Einspruch  zu  erheben.  Und  dies  für  Deutschland
bedrohliche  Unternehmen  wurde  im  Sommer  1841  wirklich  in  Angriff  genommen;
  man  erfuhr  in  London,  daß  der  Brüsseler  Hof  in  Paris  die
Bildung  eines  Zollvereins,  nach  dem  Vorbilde  des  deutschen,  vorgeschlagen
hatte.  *“*“)  Der  Antrag  ging,  wie  der  König  von  Württemberg  bald  aus
sicherster  Quelle  vernahm#),  von  Leopold  persönlich  aus,  und  Guizot  konnte
ihn  nicht  von  der  Hand  weisen,  da  die  Einverleibung  Belgiens  noch  immer
der  Traum  jedes  Franzosen  war  und  alle  Nachbarmächte  die  Erfolge  der
preußischen  Zollvereinspolitik  mit  Eifersucht  betrachteten;  ein  Glück  nur,

*)  Nach  Kühnes  Denkwürdigkeiten.

**)  Dieses  Vorfalls  gedenkt  Bunsen  in  seinem  Berichte  vom  28.  Febr.  1843.
*"“)  Schleinitzs  Bericht,  London  27.  Juli  1841.
)  Rochows  Bericht,  Stuttgart  19.  Jan.  1843.
        <pb n="467" />
        Plan  eines  belgisch-französischen  Zollvereins.  459

daß  viele  französische  Fabrikanten  den  Wettbewerb  Belgiens  fürchteten  und
durch  ihren  Einspruch  die  Verhandlungen  erschwerten.

Wollte  der  Brüsseler  Hof  die  ihm  von  allen  Mächten  verbürgte  Neu—
tralität  gewissenhaft  einhalten,  so  durfte  er  mit  keiner  Großmacht  einen
Zollverein  schließen,  am  allerwenigsten  mit  Frankreich;  denn  was  die
Anwesenheit  französischer  Zollbeamten  im  Auslande  bedeutete,  das  hatte
Europa  im  Zeitalter  der  Kontinentalsperre  zur  Genüge  erfahren.  Sicher—
lich  konnte  der  kluge  Koburger  diese  handgreifliche  Wahrheit  nicht  ver—
kennen.  Wenn  er  den  unmöglichen  Gedanken  eines  belgisch-französischen
Zollvereins  aufwarf,  so  hegte  er  offenbar  nur  die  Absicht,  nach  langem
Schaukeln  schließlich  von  beiden  Nachbarn  günstige  Handelsverträge  zu
erlangen;  war  doch  das  belgische  Zwischenland  mit  seinem  umfänglichsten
Verkehre  auf  Frankreich,  mit  seinen  wertvollsten  Erzeugnissen  auf  Deutschland
  angewiesen.  Das  abgefeimte  kaufmännische  Spiel  währte  drei  volle
Jahre  hindurch,  so  daß  Bunsen  fast  die  Hälfte  seiner  Berichte  diesen
Nachrichten  widmen  mußte.  Zuweilen  verstieg  sich  der  Koburger  bis  zu
Drohungen;  einmal  sagte  er  gar:  ich  scheue  nicht  den  Krieg  mit  den  Ostmächten,
  die  mich  gar  zu  schlecht  behandelt  haben,  dann  würde  ich  mich
ganz  in  Frankreichs  Arme  werfen.“)

Die  preußische  Regierung,  als  die  zunächst  beteiligte  Macht,  bot  wider
diese  Zettelungen  alles  auf;  sie  verlangte,  da  der  König  sich  in  schwieriger
Lage  immer  gern  an  das  gesamte  Europa  wendete,  daß  die  Bürgen  der
belgischen  Neutralität  auf  einer  Konferenz  gemeinsam  erklären  sollten,  ein
neutraler  Staat  dürfe  keinen  Zollverein  mit  dem  Auslande  schließen.
Sie  erfuhr  jedoch  wieder  einmal,  wie  wenig  eine  europäische  Gesamtbürgschaft
  bedeutet.  Jede  der  Mächte  suchte  sich  hinter  den  anderen  zu
verstecken;  jede  fürchtete  durch  eine  förmliche  Erklärung  dem  Ministerium
Guizot  Verlegenheiten  zu  bereiten  und  also  den  so  mühsam  gesicherten
europäischen  Frieden  wieder  zu  gefährden.  Den  Grundsätzen  Preußens
stimmten  sie  wohl  zu;  doch  von  einer  Konferenz  wollten  sie  alle  nichts
wissen,  und  selbst  Nesselrode  sprach  nur  lau.*“)  Metternich  sendete  einmal
  eine  scharfe  Depesche  an  den  Botschafter  in  Paris  und  rühmte  sich
mit  gewohntem  Selbstgefühl  gegen  den  preußischen  Gesandten:  „ich  habe
diesen  Plan  getötet;“.)  nachher  tat  er  nichts  mehr,  obwohl  der  Plan
noch  lange  am  Leben  blieb.  Aberdeen  floß  von  freundschaftlichen  Versicherungen
  über,  er  beteuerte,  daß  er  den  König  der  Belgier  mehrmals
schriftlich  und  mündlich  gewarnt  hätte;  im  Notfalle  wollte  er  sogar  die
Hand  bieten  zu  einer  gemeinsamen  Erklärung  der  vier  Mächte  am  Tuilerienhofe;
  für  jetzt  schien  ihm  aber  ein  solcher  Schritt  nicht  recht  zeit- 



*)  Bunsens  Bericht,  11.  Nov.  1842.
*“)  Liebermanns  Berichte,  27.  Dez.  1842,  11.  Jan.  1843  ff.
*###)  Canitzs  Bericht,  8.  Dez.  1842.
        <pb n="468" />
        460  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

gemäß  (less  obvious).))  Überdies  war  der  Lord  mit  Guizot  persönlich
befreundet;  ein  minder  befangener  Beobachter  als  Bunsen  hätte  auch  leicht
einsehen  müssen,  daß  weder  England  noch  Osterreich  ernstlich  beabsichtigen
konnte,  die  Politik  des  deutschen  Zollvereins  zu  unterstützen.  Das  Erstarken
  der  Mitte  Europas  schien  allen  Mächten  gleich  bedrohlich.

Der  preußische  Staat  sah  sich  mithin  auf  seine  eigene  Kraft  angewiesen,
  und  er  besaß,  wie  die  Dinge  lagen,  nur  eine  Waffe,  um  den  belgisch-französischen
  Zollverein  zu  verhindern:  er  mußte  den  Belgiern  einen
Handelsvertrag  anbieten,  der  ihnen  die  Annahme  des  französischen  Zollsystems
  unmöglich  machte.  Zu  diesem  Zwecke  wurden  in  Brüssel  langwierige
  Unterhandlungen  eingeleitet.  Ihr  Verlauf  bewies,  daß  König  Leopold
  und  sein  gewandter  Minister  Nothomb  das  Schreckbild  des  französischen
  Zollvereins  wesentlich  als  ein  Mittel  benutzten,  um  auf  Deutschland
zu  drücken.  Als  die  Verhandlung  begann,  versicherte  Leopold  seinem
Neffen  zu  Windsor  inbrünstig,  der  französische  Plan  sei  jetzt  gänzlich  aufgegeben;
  als  sie  nachher  ins  Stocken  kam  und  Preußen  sich  sogar  genötigt
sah,  die  Zollbelästigungen  des  kleinen  Nachbarlandes  durch  kräftige  Retorsionen
  zu  beantworten,  da  tauchte  der  französische  Zollvereinsgedanke  plötzlich
  wieder  auf.*)  Dem  Koburgischen  Voltenschläger  konnte  niemand  so
leicht  in  die  Karten  sehen,  und  da  er  auch  auf  Frankreichs  Hilfe  sicher  rechnen
  durfte,  so  befand  sich  Preußen  in  einer  schwierigen  diplomatischen  Lage.

Gesandter  in  Brüssel  war  Frhr.  Heinrich  v.  Arnim,  einer  von  den
romantischen  Jugendfreunden  des  Königs.  Er  hatte  einst  die  Salons  der
Wilhelmstraße  durch  Geist  und  Witz,  durch  beredte  Verteidigung  der  Hallerschen
  Staatslehre  entzückt,  neuerdings  aber,  belehrt  durch  die  Erfahrung,
sich  liberaleren  Anschauungen  zugewendet.  Von  Deutschlands  künftiger
Macht  und  Herrlichkeit  dachte  er  immer  groß.  Ebenso  ehrgeizig  als  talentvoll
  verstand  er  in  der  vornehmen  Welt  scharf  zu  beobachten,  auch  mit  Gelehrten
  gut  auszukommen;  begabte  junge  Männer  fühlten  sich  von  seiner
anregenden  Liebenswürdigkeit  unwiderstehlich  angezogen.  Leider  lag  in
seiner  Natur  ein  phantastischer,  halb  närrischer  Zug,  der  sich  gemeinhin  nur
in  sonderbaren  naturphilosophischen  Liebhabereien  und  in  einem  strengen
Pietismus  bekundete,  zuweilen  aber  auch  politisch  gefährlich  wurde.  Arnim
liebte  die  Häfen  und  die  Fabriken  zu  bereisen  und  sagte  stolz:  „Nationalökonomie
  ist  meine  Spezialität,“  )  obwohl  seine  volkswirtschaftliche  Sachkenntnis
  nicht  weit  über  das  Wissen  eines  vornehmen  Dilettanten  hinausging;
  er  stand  den  Ideen  Rönnes  nahe  und  verkehrte  auch  mit  List,  der  einmal
  selbst  nach  Brüssel  hinüberkam,  um  bei  den  Verhandlungen  mitzuwirken.
  Dem  Minister  Nothomb  erklärte  Arnim  offen,  aus  politischen  Gründen

*)  Bunsens  Berichte,  12.  Juli,  6.  Dez.  1842.  Aberdeen  an  Bunsen,  24.  Mai  1842.

**)  Berichte  aus  London,  von  Bunsen  17.  Juli  1843,  von  Thile  d.  J.  19.  Aprik
1847.
**)  Arnim  an  Canitz,  9.  Juni  1847.
        <pb n="469" />
        H.  v.  Arnim.  Preußisch-belgischer  Handelsvertrag.  461

müsse  Preußen  die  Verständigung  durchsetzen,  und  nach  langen  Mühen
schloß  er  am  1.  Sept.  1844  eigenmächtig  den  Handelsvertrag  ab.  Belgien
erlangte  die  Herabsetzung  der  deutschen  Eisenzölle,  also  eine  wichtige  Begünstigung
  gerade  für  seine  wallonischen,  den  deutschen  Nachbarn  bisher
feindlichen  Provinzen;  der  Zollverein  aber  erhielt  die  beruhigende  Gewißheit,
  daß  der  kleine  Nachbarstaat  für  die  Dauer  des  Vertrags  keinem
Zollvereine  beitreten  konnte,  außerdem  wurde  die  schon  früher  zugestandene
freie  Durchfuhr  für  die  Bahnlinie  Aachen-Antwerpen  abermals  anerkannt.
Einen  wirtschaftlichen  Vorteil  errang  Deutschland  mithin  durchaus  nicht;
die  Begünstigung  des  belgischen  Eisens  widersprach  nicht  nur  den  Grundsätzen
  des  Zollvereins,  der  sonst  keine  Differentialzölle  gewährte,  sie  schädigte
  auch  den  deutschen  Bergbau,  der  dem  Wettbewerbe  der  älteren  und
reicheren  belgischen  Eisenwerke  noch  nicht  gewachsen  war.  König  Leopold
hatte  abermals  seine  kaufmännische  Gewandtheit  bewährt,  und  als  er  dann
(1845)  auch  mit  Frankreich  einen  günstigen  Handelsvertrag  schloß,  da
durfte  er  sich  wohl  rühmen,  daß  seine  Schaukelpolitik  reiche  Zinsen  trug.

Die  großen  Erwartungen,  welche  Arnim  von  dem  freien  Antwerpener
Durchfuhrhandel  hegte,  erfüllten  sich  nicht.  Er  hoffte,  der  Verkehr  auf
der  Schelde  würde  sich  wieder  so  reich  gestalten,  wie  einst  in  den  fernen
Tagen,  da  die  Hansen  sich  ihr  mächtiges  Deutsches  Haus  am  Hafen  erbaut
  hatten;  Antwerpen  sollte  das  Emporium  des  deutschen  Westens
werden,  den  Rheinhandel  von  Holland  ablenken  und  also  schließlich  auch
die  Hansestädte  zwingen,  dem  Zollvereine  beizutreten.  Er  entwickelte  diese
Gedanken  in  einer  geistreichen  Denkschrift,  welche  unter  dem  Titel  „Ein
handelspolitisches  Testament“  in  zwölf  Exemplaren  gedruckt  und,  obwohl
die  Zeitungen  sie  gar  nicht  kannten,  von  allen  Blättern  der  Schutzzoll-Partei
  höchlich  gerühmt  wurde.  Arnims  letzte  Hoffnung  war  ein  deutsches
  Differentialzoll-System,  das  doch  ohne  eine  zwingende  Reichsgewalt
und  ohne  die  Mitwirkung  der  Hansestädte  rein  unmöglich  blieb;  und
wieder,  solange  Deutschland  den  holländischen  Handel  nicht  durch  harte
Unterscheidungszölle,  zum  Schaden  unserer  Rheinlande  selbst,  belästigte,
konnte  sich  auch  der  große  Verkehr  nicht  vom  Rheine  nach  der  Schelde
hinüberziehen.  Genug,  der  belgische  Vertrag  brachte  dem  Zollvereine  unmittelbar
  keinen  Gewinn;  gleichwohl  empfing  der  Gesandte  für  sein  eigenmächtiges
  Verfahren  das  warme  Lob  seines  Hofes.  Mit  gutem  Grunde;
die  politische  Notwendigkeit  entschuldigte  viel,  die  Vereinigung  Belgiens
mit  dem  französischen  Zollsysteme  mußte  durchaus  verhindert  werden.
Dies  leuchtete  auch  den  zollverbündeten  Höfen  ein;  sie  waren  schon  im
voraus  von  der  preußischen  Regierung  darauf  hingewiesen  worden,  daß
der  Handelsvertrag  nur  durch  Begünstigung  des  belgischen  Eisens  zu  erlangen
  sei,  und  billigten  nachträglich  alles.  König  Ludwig  vornehmlich
freute  sich,  seinen  geliebten  Zollverein  aus  einer  schweren  Gefahr  errettet
zu  sehen.  Zum  Glück  zeigten  sich  selbst  die  süddeutschen  Schutzzöllner
        <pb n="470" />
        462  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

versöhnlich;  sie  lobten  den  Vertrag,  der  doch  ihren  Grundsätzen  zuwiderlief
  —  weil  List  dabei  mitgeholfen  hatte.  —

Wenn  Preußens  Handelspolitik  schon  diesem  kleinen  westlichen  Nachbarn
  gegenüber  sich  nicht  frei  bewegen  konnte,  so  war  sie  vollends  im  Osten
schwer  bedrängt.  Seit  dem  Jahre  1836,  seit  der  alte  König  sich  geweigert
hatte,  mit  der  vertragsbrüchigen  Nachbarmacht  einen  neuen  Handelsvertrag
  abzuschließen,  verfuhren  Preußen  und  Rußland  an  ihrer  Grenze
beide  ganz  nach  Willkür;  es  bildete  sich  dort,  wie  König  Friedrich  Wilhelm
selbst  sagte,  „ein  unter  benachbarten  und  befreundeten  Völkern  ganz  ungewöhnlicher
  Zustand.“)  In  seinen  ersten  Regierungsjahren  hatte  Zar
Nikolaus  die  nationalen  Gedanken  der  Moskowiter  fast  ebenso  mißtrauisch
betrachtet  wie  die  liberalen  Ideen,  weil  die  Führer  der  gegen  seinen  Thron
verschworenen  Dekabristen  ja  allesamt  altrussischen  Adelsgeschlechtern
angehörten;  nach  der  Zerschmetterung  des  polnischen  Aufruhrs  näherte
er  sich  jedoch  mehr  und  mehr  den  Bestrebungen  der  moskowitischen  Partei,
die  ohnehin  seinem  rohen  Bildungshasse  zusagten.  Er  wollte  sein  heiliges
Rußland  absperren  von  den  Ideen  wie  von  den  Waren  des  verderbten
Westens;  seinem  preußischen  Vertrauten  Rauch  gestand  er  offen:  ich  muß
die  Grenze  geschlossen  halten,  damit  die  polnischen  Flüchtlinge  nicht  ihr
revolutionäres  Gift  ins  Land  bringen.“)  Das  unterjochte  Polen  wurde
im  wesentlichen  als  eine  russische  Provinz  behandelt,  und  schon  begannen
auch  die  ersten  Angriffe  auf  die  alten  Landesprivilegien  der  treuen  baltischen
  Provinzen.  Hier  in  dieser  halborientalischen  Welt,  wo  die  Religion
die  Menschen  noch  fester  als  der  Staat  aneinander  bindet,  war  es  ein
furchtbarer  Schlag  für  das  lutherische  Deutschtum  der  Ostseelande,  daß
jetzt  Tausende  von  esthischen  und  lettischen  Bauern  durch  gleißende  Versprechungen
  zur  orthodoxen  Kirche  hinübergelockt,  binnen  wenigen  Jahren
zwanzig  griechische  Gotteshäuser  auf  den  Krondomänen  erbaut  wurden.
Die  neuen,  durch  Cancrins  Prohibitivsystem  künstlich  geförderten  Fabriken
siedelten  sich  meist  um  Moskau  an,  der  Schwerpunkt  des  Reiches  verschob
sich  nach  dem  Süden  hin;  eine  neue  Zeit  kündigte  sich  an,  die  das  Kulturwerk
  Peters  des  Großen  zu  zerstören  drohte.  Einheit  der  Sprache,  des
Rechtes,  des  Glaubens  überall  unter  dem  Zepter  des  weißen  Zaren
—  so  lautete  jetzt  die  Losung,  und  sie  entsprach  unzweifelhaft  der  Gesinnung
  der  herrschenden  Klassen.

In  dem  Jahrhundert  der  nationalen  Ideen  und  Grundsätze  mußte
das  grausame  Gesetz  des  historischen  Undanks,  das  fast  alle  Kulturvölker
an  sich  erprobt  haben,  sehr  wirksam  hervortreten,  zumeist  zu  Deutschlands
Schaden.  Wie  die  Deutschen  einst  selber,  kaum  herangereift,  ihre  Lehrer
und  Kulturbringer,  die  Römer  aus  dem  Lande  vertrieben  hatten,  so  waren

 

*)  Kabinettsordre  an  Bülow,  7.  Juni  1842.
**)  Rauchs  Bericht  an  den  König,  8.  Dez.  1842.
        <pb n="471" />
        Moskowitischer  Deutschenhaß.  463

ihnen  im  sechzehnten  Jahrhundert  ihre  eigenen  Schüler,  die  skandinavischen
Völker  trotzig  entgegengetreten,  um  sich  selbst  für  mündig  zu  erklären  und
ein  unabhängiges  nationales  Leben  zu  beginnen.  Jetzt  kam  die  Zeit,  da
auch  die  gesamte  subgermanische  Welt  des  Ostens,  die  ihre  Gesittung  fast
ausschließlich  den  Deutschen  verdankte,  ihren  germanischen  Lehrmeistern
zu  entwachsen  versuchte.  Der  erstarkende  Nationalstolz  der  Magyaren
und  der  Tschechen,  der  Russen  und  der  Südslawen  bekundete  sich  —  das
war  der  notwendige  Lauf  der  Welt  —  in  einem  wütenden  Deutschen—
hasse.  In  Rußland  nahmen  auch  schon  die  panslawistischen  Ideen  über—
hand,  phantastische  Träume  von  einer  Vereinigung  aller  slawischen  Völker,
die  sich  sämtlich  dem  weißen  Zaren  unterordnen  sollten.  Darum  be—
geisterte  sich  der  russische  Adel  jetzt  für  ein  Bündnis  mit  Frankreich,  und
dieser  Gedanke,  der  schon  unter  Alexander  I.  mehrmals  aufgetaucht  war,
fand  nunmehr  auch  in  Frankreich  manche  schwärmerische  Anhänger.  Man
entsann  sich  wieder  der  Zeiten,  da  einst  Pozzo  di  Borgo  als  russischer
Gesandter  und  französischer  Patriot  dem  Tuilerienhofe  seine  Ratschläge
erteilt  hatte.  Lamartine,  der  in  seinen  überschwenglichen  Reden  doch  zuweilen
  ein  Herzensgeheimnis  seines  Volkes  prophetisch  herausfühlte,
nannte  das  französisch-russische  Bündnis  „den  Schrei  der  Natur“,  eine
geographische  Notwendigkeit.

Die  Nationen  gleichen  in  ihrem  Gemütsleben  den  einzelnen  Menschen
weit  mehr,  als  die  demokratische  Volksschmeichelei  zugeben  will;  die  einen
wie  die  anderen  lassen  sich  oft  auf  lange  hinaus  durch  fixe  Ideen,  durch
unklare  Wahnvorstellungen  bezaubern.  Rußland  und  Frankreich  waren
durch  keinerlei  Gemeinschaft  der  Interessen  aufeinander  angewiesen;  nur
ein  einziges  Mal,  im  siebenjährigen  Kriege,  hatten  sie  gemeinsam  gegen
Deutschland  gefochten,  und  wahrhaftig  nicht  zu  ihrem  Ruhme.  Was  gleichwohl
  den  Gedanken  eines  französisch-russischen  Bündnisses  jetzt  wieder  belebte,
  war  allein  der  Haß  gegen  das  erstarkende  Mitteleuropa;  und  da
diese  Empfindung  im  Westen  wie  im  Osten  die  Gemüter  wirklich  beherrschte,
  so  konnte  vielleicht  dereinst  noch  eine  Zeit  kommen,  wo  der  krankhafte
  politische  Plan  sich  verwirklichte.  Bis  zu  diesem  Außersten  freilich
wollte  Nikolaus  den  Moskowitern  nicht  folgen.  An  dem  Bunde  der  Ostmächte
  hielt  er  noch  immer  ebenso  fest  wie  seine  vertrauten  Ratgeber  Nesselrode
  und  Orlow;  den  Haß  gegen  das  Julikönigtum  und  die  alte  Vorliebe
für  das  preußische  Heer  gab  er  auch  niemals  auf.  Deshalb  verhöhnten
ihn  die  Panslawisten  als  einen  deutschen  Gottorper  und  benamsten  ihn  Karl
Iwanowitsch  —  was  ihnen  nebenbei  den  Vorteil  bot,  auf  ihren  Zaren
ebenso  ungestraft  zu  schimpfen  wie  die  radikale  Jugend  Preußens  über
ihren  „Lehmann“  zu  spotten  pflegte.  In  der  inneren  Politik  aber  waltete
unumschränkt  das  Moskowitertum  mit  seinem  barbarischen  Fremdenhasse.

Mit  den  Jahren  wurde  die  Unordnung  an  der  Grenze  doch  den  Russen
selbst  lästig.  Cancrin  zeigte  sich,  als  er  zur  Zeit  des  Thronwechsels  durch
        <pb n="472" />
        464  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Berlin  kam,  und  nachher  auch  gegen  den  preußischen  Gesandten  sehr  verbindlich,
  er  wünschte  einen  neuen  Handelsvertrag  abzuschließen.  Die
Gelegenheit  zu  einem  solchen  Abkommen  bot  sich  bald,  da  der  Kartellvertrag
  über  die  Auslieferung  der  Flüchtlinge  im  Jahre  1842  ablief.  Dies
Kartell  war  für  Rußland  unschätzbar,  weil  die  leibeigenen  Soldaten  sehr
oft  nach  Preußen  zu  desertieren  versuchten.  Preußen  dagegen  empfand
es  nur  als  eine  Belästigung;  denn  preußische  Flüchtlinge  gab  es  kaum,
und  die  russischen  wurden,  sobald  sie  der  Wachsamkeit  der  Grenzbehörden
entgingen,  als  kräftige  Feldarbeiter  von  den  Grundbesitzern  in  Posen
und  Ostpreußen  nicht  ungern  ausgenommen.  Wenn  der  Berliner  Hof
gleichwohl  die  Erneuerung  des  Kartells  nicht  von  der  Hand  wies,  so  durfte
er  sich  für  einen  solchen  Beweis  freundnachbarlicher  Gefälligkeit  wohl  die
Erleichterung  des  Grenzverkehrs,  die  in  den  Ostprovinzen  überall  stürmisch
gefordert  wurde,  und  einige  Zollermäßigungen  ausbedingen.  Deshalb
wurden  im  Frühjahr  1842  Unterhandlungen  eingeleitet  und  das  Kartell
noch  vorläufig  auf  ein  halbes  Jahr  verlängert.5)

Als  der  König  darauf  im  Juni  selbst  nach  Petersburg  kam??),  da
bereitete  der  Zar  dem  Gaste  seines  Hauses  eine  orientalische  Überraschung,
derengleichen  im  Abendlande  kaum  möglich  war.  Er  erklärte,  aus  reiner
Freundschaft  für  den  König  wolle  er  sofort  den  Grenzverkehr,  wie  Preußen
wünschte,  etwas  erleichtern,  auch  mehrere  neue  Grenzämter  einrichten  und
die  Zölle  auf  einige  preußische  Waren,  Seide,  Baumwolle,  Eisen  erniedrigen.
  Diese  Gewährungen  sollten  sogleich  durch  einen  Ukas  eingeführt
werden  Gegenleistungen  verlangte  er  nicht;  vielmehr  überließ  er  die
Erneuerungen  des  Kartells  und  die  Herabsetzung  der  Durchfuhrzölle  für
russisches  Getreide  vertrauensvoll  „der  Billigkeit  und  den  freundschaftlichen
  Gefühlen  des  Königs“.  Die  plumpe  List  konnte  bei  Friedrich  Wilhelms
  argloser  Hochherzigkeit  vielleicht  gelingen;  doch  zum  Glück  begleiteten
ihn  zwei  nüchterne,  geschäftskundige  Unterhändler,  die  Kabinettsräte  Uhden
und  Müller.  Beide  warnten  dringend,  und  in  Berlin  erriet  man  sofort,
wo  der  Zar  hinaus  wollte.  Er  rechnete  —  so  schrieb  General  Thile  —
„daß  es  ihm  durch  die  Form  einer  zuvorkommenden  Generosität  am  sichersten
  gelingen  würde,  jede  weitere  Verhandlung  zu  umgehen  und  die  Bedingungen
  der  Vereinigung  einseitig  zu  normieren.“)

Die  preußische  Regierung  behandelte  mithin  die  Gewährungen  des
Zaren,  wie  es  sich  zwischen  zivilisierten  Staaten  ganz  von  selbst  versteht,
nur  als  Vorschläge  und  verlangte  noch  einige  andere  Zugeständnisse.-)
Darüber  geriet  Nikolaus  in  Wut;  es  wurmte  ihn  gar  zu  tief,  daß  man
ihn  durchschaut  hatte,  grimmig  schalt  er  auf  den  schnöden  Undank  der

*)  Boyen,  Bülow,  Rochow  und  Werther,  Bericht  an  den  König,  8.  März  1842.
**)  S.  o.  V.  170.
***)  Thiles  Bericht  an  den  König,  22.  Sept.  1842.

)Bülow,  Weisung  an  Rauch,  20.  Aug.  1842.
        <pb n="473" />
        Die  Petersburger  Überraschung.  465

Preußen.  Nach  wenigen  Wochen  lernte  der  Berliner  Hof  den  Wert  der
russischen  Großmut  noch  näher  kennen;  denn  als  der  versprochene  Ukas
erschien,  da  ergab  sich,  daß  die  Zollerleichterungen  ausdrücklich  nur  für
preußische  Waren,  nicht  für  Waren  des  Zollvereins  gelten  sollten  und
folglich  von  Preußen  nicht  angenommen  werden  konnten.  Allerdings  hatte
der  Zollverein  bisher  alle  russischen  Zollverhandlungen  allein  durch
Preußen  als  den  einzigen  Grenzstaat  führen  lassen.  Da  er  aber  den  inneren
Verkehr  ganz  frei  ließ,  so  mußten  alle  der  preußischen  Ausfuhr  gewährten
Vorteile  notwendig  dem  gesamten  Zollvereine  zu  gute  kommen,  wie  ja
auch  der  russischen  Einfuhr  nach  überschreitung  der  preußischen  Grenze
sofort  das  ganze  deutsche  Zollgebiet  offen  stand;  die  Behörden  waren
ohnehin  nicht  mehr  in  der  Lage,  mit  Sicherheit  preußische  Ursprungsscheine
auszufertigen.  Unmöglich  konnte  sich  ein  Staatsmann  von  Cancrins
Sachkenntnis  über  diese  Verhältnisse  täuschen;  er  beabsichtigte  freundnach—
barlich,  neue  Vergünstigungen  von  Preußen  zu  erpressen,  auch  wohl  Un
frieden  im  Innern  des  Zollvereins  zu  erregen.

In  der  Tat  erhoben  die  süddeutschen  Zeitungen,  sobald  der  Ukas
bekannt  wurde,  ein  heftiges  Geschrei  gegen  Preußens  treulose  Selbstsucht.
Wieder  einmal  ein  ganz  ungerechter  Vorwurf  gegen  die  Vormacht  des
Zollvereins.  Der  preußische  Hof  dachte  keinen  Augenblick  an  eine  Preisgebung
  seiner  Zollverbündeten;  er  ließ  vielmehr  alsbald  erwidern,  daß  er
die  russischen  Gewährungen  ablehne,  wenn  sie  nicht  dem  ganzen  Zollvereine
  zu  teil  würden.  Cancrin  aber  empfing  diese  Antwort,  die  doch  gar
nicht  anders  lauten  konnte,  mit  so  wohl  gespielter  entrüsteter  Verwunderung,
  daß  König  Friedrich  Wilhelm  sich  über  die  Heuchelei  des  Deutsch-Russen
  entsetzte  und  in  hellem  Zorne  schrieb:  „Ich  möchte  ihn  anreden  mit
dem  Schluß  der  Rede  des  Götz  von  Berlichingen  an  den  Reichstrompeter!!!
Die  russische  Verpuppung  ist  bei  diesem  Deutschen  vollendet.“)
  Nunmehr  erklärte  Nesselrode  erhaben,  sein  Kaiser  „zögere
nicht,  auf  das  Kartell  zu  verzichten  und  also  ein  neues  Opfer  allen  denen,
die  er  sich  schon  freiwillig  auferlegt,  hinzuzufügen.“)  Mehrere  Monate
lang  lebten  hierauf  die  beiden  Nachbarstaaten  ohne  jedes  Vertragsverhältnis;
  Preußen  beschränkte  sich  auf  die  Auslieferung  gemeiner  Verbrecher.)
Auch  der  Prinz  von  Preußen  richtete  nichts  aus,  als  er  im  Dezember
den  russischen  Schwager  besuchte.  Der  Zar  wetterte  und  tobte,  er  verfiel
  in  seinem  Grimm  auf  ungeheuerliche  Verteidigungspläne,  befahl  alle
Juden  50  Werst  weit  von  der  Grenze  wegzuschaffen  und  dachte  sogar,
der  Westgrenze  entlang  einen  Landstreifen  von  der  Breite  eines  Kilometers
ganz  wüst  legen  zu  lassen,  um  also  jede  Flucht  und  jeden  Schmuggel  zu

*)  Randbemerkungen  zu  Bülows  Schreiben  an  Thile  vom  9.  März  1843.

**)  Nesselrode  an  den  stellvertretenden  Gesandten  v.  Fonton  in  Berlin,  31.  Aug.  1842.

*  *#)  Weisung  des  Ministers  des  Innern  an  den  Oberpräsidenten  Bötticher,  16.  Nov.;
Kabinettsordre  an  Boyen,  Bülow,  Arnim,  23.  Nov.  1842.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte  V.  30
        <pb n="474" />
        466  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

verhindern.“)  Dem  Gesandten  Liebermann,  der  freilich  mit  seiner  rechthaberischen
  Taktlosigkeit  den  Erbosten  nicht  zu  beschwichtigen  verstand,
zeigte  er  deutlich  seine  üble  Laune;  dem  getreuen  Rauch  aber  sagte  er
bitter:  der  wilde  Russenhaß,  der  sich  überall  in  Deutschland  bekundet,  macht
mir  jede  Freundlichkeit  gegen  den  Zollverein  unmöglich.“)

Endlich  fühlte  er,  daß  er  mit  solchem  Trotze  nicht  weiter  kam.  Die
Verhandlungen  begannen  von  neuem,  und  die  preußische  Regierung  ent—
deckte  einen  Ausweg,  der  dem  Zaren  erlaubte,  sich  ohne  förmlichen  Wider—
ruf  zurückzuziehen.  Liebermann  mußte  vorschlagen,  der  Kaiser  brauche
seinen  Ukas  nicht  aufzuheben,  er  brauche  nur  zu  befehlen,  die  preußischen
Ursprungsscheine  sollten  genügen,  wenn  sie  die  einfache  Versicherung  ent—
hielten,  daß  die  eingeführten  Waren  aus  dem  freien  Verkehre  des  In—
lands  —  und  dies  bedeutete:  aus  dem  Zollvereine  —  herstammten.
Darauf  erwiderte  Cancrin  mit  einem  Tugendstolze,  der  aus  russischem
Munde  hoch  ergötzlich  klang:  dieser  Vorschlag  ist  etwas  jesuitisch.  )  Jedoch
  begann  er  bald  einzusehen,  daß  dieser  unsittliche  Vorschlag  ihm  eine
goldene  Brücke  baute.  Im  September  1843  kam  Nikolaus  selbst  nach
Preußen  und  fühlte  sich  ganz  entzückt,  als  bei  den  Manövern  zwei  Armeekorps
  und  17  Reiterregimenter  in  den  schönen  neuen  Helmen  und  Waffenröcken
  vor  ihm  erschienen.  Hier  wurde  nochmals  wegen  des  Grenzverkehrs
mit  ihm  verhandelt  ),  und  nun  endlich,  im  Januar  1844,  bewilligte  er
die  von  Preußen  geforderte  freiere  Fassung  der  Ursprungsscheine;  die
Waren  aus  dem  Zollvereine  wurden  mithin,  ohne  daß  man  es  förmlich
aussprach,  den  preußischen  gleich  gestellt.  Nachdem  Preußen  also  den
nächsten  Zweck  erreicht  hatte,  schrieb  der  König  seinem  Schwager  zärtlich:
„Du  hast  eine  gute  und  große  Tat  vollbracht,  indem  Du  die  neue  Form
der  Zollscheine  anordnetest  für  die  Waren,  welche,  nach  Deinen  Wohltaten
vom  vorigen  Jahre,  Deine  Grenzen  zu  überschreiten  wagen.  Darum  bin
ich  nicht  mehr  gezwungen,  auf  diese  Wohltaten  für  meine  Untertanen
zu  verzichten.  Auch  Deine  Stellung,  teuerster  Freund,  ist  Deutschland
gegenüber  jetzt  eine  andere  geworden,  sie  ist  jetzt  gut,  sie  ist,  was  sie  sein
soll;  und  viele  Dinge,  die  ich  im  vergangenen  Jahre  nicht  zu  tun  wagte,
weil  eine  achtungswerte  öffentliche  Meinung  sich  ihnen  widersetzte,  sind
heute  tunlich,  denn  der  Widerspruch  des  Publikums  würde  jetzt  nicht
mehr  achtungswert  sein  und  folglich  von  mir  nicht  beachtet  werden.“##)
Nunmehr  kam  man  rascher  vorwärts.  Preußen  setzte  die  Durchfuhrzölle
für  den  Flußverkehr  des  russischen  Getreides  etwas  herab  und  erneuerte
am  20.  Mai  1844  den  Kartellvertrag.

*)  Berichte  des  Ministers  Graf  Arnim  an  den  König,  19.  Juli,  10.  Aug.  1843.
**)  Berichte  von  Liebermann,  14.  Nov.,  20.  Dez.;  von  Rauch,  30.  Dez.  1842.
***)  Liebermanns  Bericht,  21.  April  1843.

f)  Bülow,  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften,  20.  Sept.  1843.

)König  Friedrich  Wilhelm  an  Kaiser  Nikolaus,  4.  Febr.  1844.
        <pb n="475" />
        Abschluß  mit  Rußland.  467

Auch  bei  diesen  Schlußverhandlungen  ließen  es  die  Moskowiter  nicht
an  anmutigen  Überraschungen  fehlen.  Der  Zar  hatte  soeben  befohlen,
daß  alle  russischen  Juden,  wenn  sie  das  Reich  ohne  Paß  verließen,  dadurch
  von  Rechts  wegen  alsbald  ihre  Staatsangehörigkeit  verlieren  sollten,
und  verlangte  nun  unschuldig,  Preußen  möge  im  Kartellvertrage  diese
Verordnung  als  rechtsverbindlich  anerkennen.  So  konnte  Rußland,  nach
seinen  bewährten  Verwaltungsgrundsätzen,  den  minder  liebenswerten  Teil
seiner  Judenschaft  einfach  nach  Preußen  abschieben.  Die  Preußen  verbaten
sich  jedoch  diesen  neuen  Freundschaftsbeweis  und  setzten  durch,  daß  die
Juden  in  dem  Kartellvertrage  gar  nicht  erwähnt  wurden.

Das  Gesamt-Ergebnis  war  für  Preußen  wenig  erfreulich.  Die  russischen
  Gewährungen  bedeuteten  nicht  viel,  und  dafür  übernahm  man  wieder
die  lästigen  Kartellpflichten  zu  Gunsten  einer  halbasiatischen  Nachbarmacht.
Der  König  brachte  dies  schwere  Opfer,  das  den  preußischen  Staat  allein
traf,  lediglich  um  Deutschlands  willen,  um  seinen  Zollverbündeten  die
Gleichberechtigung  zu  sichern;  und  doch  ward  ihm  dieser  schöne  Beweis
deutscher  Treue  von  den  beharrlich  schmähenden  schutzzöllnerischen  Blättern
des  Südens  niemals  angerechnet.  Indessen  gestaltete  sich  der  Grenzverkehr
in  den  nächsten  Jahren  etwas  menschlicher.  Noch  bessere  Aussichten  schienen
sich  zu  erschließen,  als  Cancrin  den  Abschied  nahm  und  bald  darauf  (1845)
starb.  Mit  seinem  gewaltigen  Urheber  —  so  hoffte  alle  Welt  —  mußte
auch  das  verhaßte  Prohibitivsystem  fallen.  Der  beste  Kenner  der  russischen
  Volkswirtschaft,  Tengoborski,  verlangte  entschieden  die  Herabsetzung
der  drückenden  Zölle  und  wurde  jetzt  häufig  zu  Nesselrode  berufen.  Nikolaus
  selbst  äußerte  sich  zuweilen  in  ähnlichem  Sinne,  wenn  er  mit  General
  Rochow  zur  Parade  ritt,  dem  neuen  Gesandten,  der  ihm  als  hochkonservativer
  alter  Soldat  weit  besser  gefiel  als  vordem  Liebermann.  Aber
alle  diese  guten  Absichten,  die  immerhin  etwas  mehr  waren  als  leere  Vorspiegelungen,
  trugen  keine  Frucht.  Das  alte  System  blieb  aufrecht;  denn
der  Zar  konnte  sich  nicht  entschließen,  einen  fähigen  Finanzmann  in  Cancrins
  Stelle  zu  berufen,  und  die  mächtigen,  bei  den  neuen  Fabriken  stark
beteiligten  Hoffamilien  widerstrebten  jeder  Reform.“*)  Darum  kam  Geh.
Rat  v.  Patow,  nach  langen  Beratungen  mit  Kühne,  zu  dem  Schlusse:
wir  können  keinen  Vertrag  mit  dem  Nachbar  schließen,  weil  Rußland
  doch  nichts  gewährt  oder  nichts  hält;  „die  Zeit  der  Handelsverträge
  ist  überhaupt  vorüber,  wie  Sir  Robert  Peel  sagt  und  zum  Teil,
weil  er  es  sagt.“)

Auch  sonst  im  Auslande  war  Preußens  Handelspolitik  nicht  glücklich.
Ein  mit  den  Vereinigten  Staaten  verabredeter  Handelsvertrag  wurde  durch
den  amerikanischen  Kongreß  verworfen.  Lange,  widerwärtige  Verhandlungen
mit  Dänemark  bewirkten  schließlich  nur  eine  geringe  Ermäßigung  des  Sund-*)

  Rochows  Berichte,  11.  Nov.  1845,  24.  Sept.,  4.  Nov.  1846.

**)  Patow  an  Canitz,  21.  Jan.  1847.

 

30“
        <pb n="476" />
        468  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

zolls,  da  weder  England  noch  Rußland  noch  Schweden  den  preußischen
Hof  ernstlich  unterstützte,  und  mit  wiehernder  Schadenfreude  begrüßten
die  stammverwandten  Hansen  das  Mißgeschick  ihrer  Konkurrenten  an  der
Ostsee.  —

Angesichts  dieser  geringen  Erfolge  der  auswärtigen  Verhandlungen
verschärfte  sich  unausbleiblich  der  wirtschaftliche  Parteikampf  im  Innern.
Der  Zollverein  mußte  jetzt  seine  Feuerprobe  bestehen.  Alle  Krisen,  die
er  späterhin  noch  überdauern  sollte,  wurden  veranlaßt  oder  doch  gefördert
durch  die  politischen  Hintergedanken  der  nach  Österreich  hinüberschauenden
Mittelstaaten.  Die  erste  und  schwerste  Krisis  aber  kam  aus  dem  Volke.
Abel  mitsamt  seinen  ultramontanen  Genossen  hätte  sicherlich  den  nationalen
  Handelsbund  gern  zerstört,  es  gelang  ihm  auch,  den  trefflichen,  in
Preußen  beliebten  Generalzolldirektor  Bever  zu  beseitigen;  König  Ludwig
jedoch  gebot  ihm  Halt.  Der  Wittelsbacher  blieb  selbst  in  diesen  Tagen
seiner  klerikalen  Träume  immer  gut  deutsch  gesinnt,  er  zeigte  sich  durchaus
versöhnlich  und  sagte  zu  dem  preußischen  Gesandtschaftsvertreter:  der  Zollverein
  ist  unzerstörbar,  viel  wichtiger  als  der  Deutsche  Bund.“)  Auch  die
anderen  Höfe  hegten  keine  feindseligen  Pläne,  sie  wurden  nur  fortgerissen
durch  die  ungestümen  Wünsche  ihrer  Fabrikanten.  Nord  und  Süd  drohten
sich  zu  trennen.  Zu  Preußen  hielten  alle  norddeutschen  Zollverbündeten
und  Darmstadt,  zur  Partei  des  Schutzzolls  Baden,  Württemberg,  Nassau
und  —  besonnener  als  die  andern  —  Bayern.

Leider  lagen  die  Dinge  so  einfach  nicht,  wie  Bodelschwingh  annahm,
da  er  zuversichtlich  sagte:  das  Geschrei  nach  hohen  Schutzzöllen  ist  künstlich
  erzeugt;  bei  niedrigen  Zöllen  und  blühenden  Finanzen  befindet  sich
die  Mehrzahl  des  Volkes  wohl.*)  Der  alte  Tarif,  der  im  ganzen  noch
genügte,  schädigte  unleugbar  einzelne  wichtige  Gewerbszweige.  Am  schwersten
  litt  die  einst  so  blühende  Leinenindustrie  Schlesiens.  Früherhin  hatten
die  fronenden  Bauern  den  Flachs  der  Rittergüter  zu  Leinengarn  versponnen.
  Seit  der  Aufhebung  der  Fronden  verfiel  der  Flachsbau,  man
suchte  sparsam  Leinsamen  und  Flachs  zugleich  auf  demselben  Felde  zu  erzeugen,
  was  doch  kaum  möglich  war,  und  als  die  unglücklichen  Weber  nun
diesen  schlechteren  Flachs  auf  ihren  altväterischen  Webstühlen  mühsam
verarbeiteten,  sahen  sie  sich  plötzlich  bedroht  durch  den  überlegenen  Wettbewerb
  der  mechanischen  Spinnerei  Englands,  die  im  napoleonischen  Zeitalter,
  unter  dem  Schutze  hoher  Zölle,  mächtig  angewachsen  war  und  alle
neuen  Erfindungen  des  Maschinenwesens  findig  ausnutzte.  Zur  Zeit,  da
das  preußische  Zollgesetz  erschien,  beherrschte  die  deutsche  Leinenindustrie
den  inländischen  Markt  noch  ganz  und  die  neuen  Zölle  reichten  aus.  Bald
wendete  sich  das  Blatt;  während  die  deutsche  Ausfuhr  sich  um  volle

 

*)  Küsters  Bericht,  18.  Dez.  1843.
**)  Bodelschwinghs  Votum,  19.  Nov.  1843.
        <pb n="477" />
        Forderungen  der  Schutzzollpartei.  469

zwei  Drittel  verminderte,  stieg  die  englische  Einfuhr  beständig,  die  des
Leinengarns  allein  wuchs  in  fünf  Jahren  (1840—44)  auf  mehr  als
das  Dreifache  an,  von  19000  auf  62000  Zitr.

Die  Regierung  verhielt  sich  bei  alledem  fast  ganz  untätig;  sie  glaubte
noch  lange  an  die  alte  Unüberwindlichkeit  der  schlesischen  Leinenwaren,
und  als  sie  von  diesem  Irrtum  endlich  zurückkam,  da  meinten  die  Geheimen
Räte  gleichmütig,  gegen  die  Naturgesetze  der  Volkswirtschaft  könne  man
nichts  ausrichten.  Und  doch  war  gerade  hier,  inmitten  eines  blutarmen,
bis  zur  Willenlosigkeit  ermatteten  Volkes  friderizianische  Bevormundung,
durchgreifende  Staatshilfe  ganz  am  Platze:  der  Staat  mußte  Schutzzölle
gewähren,  Maschinen  ankaufen,  Spinnschulen  und  große  mechanische  Spinnereien
  errichten,  wenn  diese  halbverhungerten  Menschen  dem  englischen
Kapital  nicht  erliegen  sollten.  Merckel  aber,  der  tüchtige,  um  das  Wohl
Schlesiens  unablässig  besorgte  Oberpräsident,  bemühte  sich  seit  Jahren,  die
neuen  Agrargesetze  gegen  den  Widerstand  der  Grundherren  durchzuführen,
er  lebte  und  webte  in  den  Emanzipationsgedanken  der  Hardenbergischen
Zeiten,  Freiheit  des  Eigentums  und  der  Arbeitskräfte  blieb  ihm  das
Höchste.  Die  schlesische  Hausindustrie  war  längst  frei,  sie  hatte  einen  Zunftzwang
  nie  gekannt;  Merckel  begriff  nicht,  was  der  Staat  dort  noch  helfen
solle,  und  wollte  von  dem  Jammer  im  Riesengebirge  nichts  hören.  Festgebannt
  in  seiner  volkswirtschaftlichen  Theorie  verabsäumte  er  also  seine
staatsmännische  Pflicht  und  verfiel,  gleich  vielen  seiner  besten  Amtsgenossen,
in  eine  tragische  Schuld,  weil  er  nicht  rechtzeitig  einsah,  daß  die  befreiende
Staatsgewalt  in  diesem  Jahrhundert  der  wirtschaftlichen  Wandlungen  auch
zu  zwingen  und  zu  schützen  verstehen  mußte.  Die  Ungunst  der  Verhältnisse
des  Weltmarktes  und  die  langjährigen  Unterlassungssünden  der  Regierung
hatten  jetzt  das  Elend  der  schlesischen  Leinwandindustrie  schon  so  hoch  gesteigert,
  daß  Schutzzölle  allein  kaum  noch  viel  helfen  konnten.

Luch  die  neuen,  zum  Teil  sehr  leichtfertig  gegründeten  Baumwollspinnereien
  des  Südens  verlangten  heftig  nach  stärkerem  Schutz,  während
die  Baumwollwebereien  den  bestehenden  Twistzoll,  der  etwa  6  Prozent  vom
Werte  betrug,  schon  viel  zu  hoch  fanden.  So  entbrannte  der  lange,  leidenschaftliche
  Kampf  zwischen  Spinnern  und  Webern.  Jeder  der  verbündeten
Höfe  suchte,  wie  billig,  das  in  seinem  Lande  überwiegende  Interesse
zu  begünstigen;  die  sächsische  Regierung  trat  an  die  Spitze  der  Freihandelspartei,
  weil  die  großen  Baumwollfabriken  des  Erzgebirges  fast  ausschließlich
  englisches  Baumwollengarn  verarbeiteten.  Im  preußischen  Finanzministerium
  bemühte  man  sich  redlich,  die  beiden  feindlichen  Interessen
gegeneinander  abzuwägen  und  entschied  sich  endlich  gegen  die  Erhöhung
der  Garnzölle,  da  Kühne  berechnete,  daß  die  Weberei  im  gesamten  Zollvereine
  unvergleichlich  mehr  Arbeitskräfte  beschäftigte  als  die  Spinnerei.
Aber  so  mechanisch,  nach  Zahlen  allein,  lassen  sich  die  lebendigen  Kräfte
der  nationalen  Wirtschaft  nicht  abschätzen.  Die  stark  übertriebenen
        <pb n="478" />
        470  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Forderungen  der  Spinner  waren  durchaus  nicht  ganz  unberechtigt;  wurde
der  Garnzoll  erhöht,  so  erlitten  die  Weber  zunächst  wohl  einige  Einbuße,
auf  die  Dauer  gewannen  sie  doch  selbst,  wenn  sie  ihr  Garn  von  der  er—
starkten  vaterländischen  Spinnerei  beziehen  konnten.

Fast  ebenso  laut  erschollen  die  Klagen  aus  den  Reihen  der  Eisen—
industrie.  Die  Nachfrage  hatte  sich  seit  dem  beginnenden  Eisenbahnbau
ungeheuer  gesteigert,  und  da  die  deutschen  Werke,  die  noch  gar  nicht  mit
Koks  zu  arbeiten  verstanden,  ihr  unmöglich  entsprechen  konnten,  so  verzehnfachte
  sich  die  Einfuhr  von  Roheisen,  Schienen  und  geschmiedetem  Eisen,
sie  stieg  in  dem  Jahrzehnte  1834—43  von  0,367  auf  3,698  Mill.  Ztr.
Der  Wettbewerb  Englands,  dessen  Eisen-  und  Kohlenwerke  ja  allesamt
dicht  nebeneinander  lagen,  zeigte  seine  ganze  Macht  zu  Anfang  der  vierziger
  Jahre,  als  die  englische  Eisenindustrie,  durch  eine  Krisis  heimgesucht,
ihre  Erzeugnisse  massenhaft  auf  das  Festland  warf;  oft  kam  das  englische
Eisen  als  Ballast  in  Stettin  oder  Hamburg  an  und  wurde  dann  wohlfeil
  auf  den  Flüssen  landeinwärts  versendet.  Begreiflich  also,  daß  die
schlesischen  und  einige  der  westfälischen  Bergwerke  den  König  dringend
um  Zollschutz  baten.*)  Doch  auch  hier  zeigte  sich  derselbe  Gegensatz  der
Interessen  wie  in  dem  Kampfe  zwischen  Spinnern  und  Webern.  Von
ausländischem  Roheisen  wurden  im  Jahre  1843  schon  2,675  Mill.  Ztr.  —
im  Zollvereine  verarbeitet  —  sechs  Jahre  vorher  nur  0,40  Mill.  Ztr.  —
und  die  großen  Werke  an  der  Ruhr,  die  an  dieser  kräftig  aufblühenden
Gewerbstätigkeit  zumeist  beteiligt  waren,  verbaten  sich  jeden  Roheisenzoll
ebenso  entschieden,  wie  die  zahllosen  kleinen  Scherenschleifer  und  Schwertfeger
  des  bergischen  Landes.

Gegen  diese  drei  schwachen  Stellen  des  Zolltarifs  richtete  die  Schutzzoll-Partei
  zunächst  ihre  Angriffe.  Siegte  sie  hier,  so  wollte  sie  weiter
gehen;  einer  ihrer  Heißsporne,  Moritz  Mohl,  derselbe,  der  einst  bei  der
Begründung  des  Zollvereins  seinen  wütenden  Haß  gegen  Preußen  gezeigt
  hatte  **),  schrieb  in  diesen  Jahren  ein  gelehrtes  Buch  über  Frankreichs
Gewerbszustände,  zur  Verherrlichung  des  strengen  Prohibitivsystems.  Die
Stimmung  im  Süden  war  tief  erregt;  selbst  Nebenius,  der  allezeit  behutsame,
  verlangte  in  einer  Flugschrift  über  die  Eisenzölle  ganz  unmäßige
Zollsätze.  Als  die  Zollkonferenz  im  Sommer  1842  zu  Stuttgart  zusammentrat,
  forderten  Württemberg  und  Baden  sogleich  mehrere  Zollerhöhungen,
  ein  einstimmiger  Beschluß  ließ  sich  jedoch  nicht  erreichen.  Der
bisherige  Tarif  blieb  also  bestehen,  man  trennte  sich  im  Unmut,  die  alte
schöne  Eintracht  des  Handelsbundes  schien  ganz  zerstört.  Nunmehr  brach
der  Zorn  in  Süddeutschland  so  heftig  aus,  daß  die  Berliner  Finanzpartei
selbst  für  den  Bestand  des  Zollvereins  zu  fürchten  begann  und  darum

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  20.  Febr.  1812.
**)  S.  o.  IV.  365.
        <pb n="479" />
        Die  Krisis  des  Zollvereins.  471

sich  zu  einiger  Nachgiebigkeit  entschloß.“)  Nach  neuen,  überaus  schwierigen
Verhandlungen  beschloß  der  Zollverein  (1844),  seinen  Tarif  etwas  abzuändern:
  das  bisher  zollfreie  Roheisen  zahlte  fortan  10  Sgr.  vom  Zentner,
auch  die  Zölle  auf  Stab-,  Schienen-,  Schmiedeeisen,  sowie  auf  Leinenzwirn
wurden  erhöht.  Alsbald  begann  die  Eiseneinfuhr  zu  sinken,  doch  war
die  Wirkung  der  neuen  Zölle  nicht  ganz  so  stark,  wie  die  Grubenbesitzer
hofften,  da  Deutschland  gleich  nachher  den  Belgiern  durch  jenen  notgedrungenen
  Handelsvertrag  Begünstigungen  zugestehen  mußte.

Durch  diesen  halben  Sieg  wurde  die  Schutzzoll-Partei  zu  neuen  Angriffen
  ermutigt,  ihre  Blätter  sprachen  täglich  heftiger,  selbst  vor  revolutionären
  Drohungen  scheute  sie  sich  nicht  mehr.  In  einer  Versammlung
badischer  Fabrikanten  zu  Karlsruhe  sagte  der  radikale  Schopfheimer  Abgeordnete
  Gottschalck:  wenn  der  Zollverein  keinen  Zollschutz  gewähre,  dann
sollten  die  Fabrikanten  nur  ihre  Arbeiter  verabschieden  und  diesen  überlassen,
  ihre  Wünsche  wirksamer  vorzutragen!  ?*)  Kündigung  des  Zollvereins,
  Anschluß  an  Österreich!  —  so  riefen  die  Verblendeten  überall,
sie  wußten  nicht  mehr,  was  sie  sagten.  Cottas  Allgemeine  Zeitung  veröffentlichte
  als  gräßliche  Enthüllung  einige  irgendwie  verratene  Berichte
des  englischen  Gesandten  Lord  Westmoreland  in  Berlin;  und  obwohl  der
Lord  eigentlich  nur  erzählte,  daß  die  preußischen  Minister  ihm  ihre  gemäßigten
  handelspolitischen  Grundsätze  mit  etwas  überschwenglicher
Freundlichkeit  auseinandergesetzt  hatten,  so  wurden  doch  diese  nichtssagenden,
  im  diplomatischen  Verkehre  unvermeidlichen  Höflichkeiten  von  List
und  seinen  Leuten  so  gehässig  ausgelegt,  als  wäre  nunmehr  klar  erwiesen,
daß  Preußen  den  Befehlen  Englands  folgte.  Alle  Sünden  deutscher  Zanksucht
  brachen  wieder  aus.

Mittlerweile  war  das  preußische  Handelsamt  gegründet  worden,  und
Rönne  kündigte,  da  er  auf  die  Gunst  des  Monarchen  baute,  der  Finanzpartei
  sofort  offene  Fehde  an.  Ohne  bei  dem  Finanzministerium  auch
nur  anzufragen??*),  berief  er  im  Frühjahr  1845  eine  Versammlung  von
wirtschaftlichen  Notabeln,  die  fast  allesamt  der  Schutzzoll-Partei  angehörten
  und  mithin  eifrig  für  Zollerhöhungen  stimmten.  Auch  die  radikalen
Gegner  rüsteten  sich.  Prince  Smith  widmete  der  nahenden  Zoll-Konferenz
ein  Schriftchen,  das  kurz  und  gut  alle  Schutzzölle  als  „Teuerungszölle“
verdammte.  In  ähnlichem  Sinne  sprachen  die  ostpreußischen  Stände;
sie  wurden  jedoch  im  Landtagsabschiede  sehr  ernst  dahin  bedeutet,  daß  die
Krone  durch  das  alte  Zollgesetz  selbst  verpflichtet  sei,  den  Gewerbfleiß  des
Inlands  zu  schützen.  Wie  gern  wäre  Friedrich  Wilhelm  allen  Interessen
gerecht  geworden,  er  quälte  sich  ab  in  gewissenhaften  Erwägungen,  doch

7)  Denkschrift  des  Finanzministeriums,  5.  Jan.;  Küsters  Bericht,  München,  21.  Jan.
1844.—

*)  Radowitzs  Bericht,  28.  Juni  1845.
**)  So  versichert  Kühne  in  seinen  Denkwürdigkeiten.
        <pb n="480" />
        472  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

wo  bot  sich  ein  Ausweg  aus  diesem  Gewoge  der  Parteien?  Sein  neuer
Finanzminister  Flottwell  dachte  im  Herzen,  wie  damals  fast  alle  Ostpreußen,
  streng  freihändlerisch;  Kühne  wollte  von  dem  bestehenden  mäßigen
Tarife  nur  im  Notfall  einige  Sätze  erhöhen;  und  neben  den  beiden  stand
der  radikale  Schutzzöllner  Rönne.

Unter  so  trüben  Aussichten  begann  im  Juli  1845  die  Karlsruher
Zollkonferenz,  die  unfriedlichste  der  gesamten  Zollvereinsgeschichte.  Sie
währte  unter  wachsender  Aufregung  fast  vier  Monate.  Eine  Menge  ausländischer
  Agenten  war  zur  Stelle;  die  Engländer  vornehmlich  drängten
sich  so  roh  an  die  Bevollmächtigten  heran,  daß  giftige  Nachreden  nicht
ausbleiben  konnten.  Um  des  Friedens  willen  erklärte  sich  Preußen  bereit,
die  Zölle  auf  Leinen-,  Baumwoll-  und  Kammgarn  etwa  zu  verdoppeln;
noch  in  den  letzten  Tagen  hatte  der  König  seinen  neuen  Handelsrat  nach
Stettin  berufen  und  ihm  selber  die  Frage  vorgelegt,  „bis  wohin  wir  den
süddeutschen  Begehren  nachgeben  können“.)  Baden  und  Württemberg
aber  ließen  sich  fortreißen  von  dem  wilden  Ungestüm  ihrer  Schutzzoll-Partei,
  obgleich  sie  wußten,  daß  Sachsen  und  die  meisten  anderen  der  norddeutschen
  Verbündeten  die  Nachgiebigkeit  Preußens  schon  zu  groß  fanden;
sie  verlangten  noch  mehr  und  schließlich:  alles  oder  nichts!  Sie  allein
verschuldeten  also,  daß  wieder  kein  Beschluß  zu  stande  kam  und  die  Konferenz
  in  arger  Zwietracht  auseinander  ging.  Die  besonnenen  Anhänger
  der  nationalen  Handelseinheit  fühlten  sich  tief  niedergeschlagen;  die
radikalen  Freihändler  und  die  Fremden  triumphierten,  ja  der  englische
Gesandte  Sir  A.  Malet  erfrechte  sich  sogar,  die  Mitglieder  der  Konferenz
  zu  einem  großen  Siegesmahle  einzuladen.  Dies  ward  freilich  durch
Radowitz  hintertrieben  und  nachher  vom  preußischen  Hofe  als  eine  Anmaßung
  scharf  zurückgewiesen.)

Von  neuem,  und  noch  lauter  denn  zuvor,  erhoben  jetzt  die  entrüsteten
Schutzzöllner  ihren  Schlachtruf.  Im  Stuttgarter  Ständesaale  wurden
Metternichs  Mautbeamte  als  Deutschlands  natürliche  Beschützer  verherrlicht,
  die  Preußen  als  Schleppträger  Englands  gebrandmarkt,  obgleich  Aberdeen
  gegen  Bunsen  beständig  klagte:  die  Handelsbeziehungen  sind  das  einzige,
  was  uns  von  Preußen  trennt  ??*)  —  und  gerade  in  diesen  Tagen  eine
Depesche  des  Lords  an  Westmoreland  bekannt  wurde,  die  sich  sehr  gereizt
über  Preußens  feindselige  Handelspolitik  aussprach.  Dem  Münchener
Landtage  schilderte  der  Abgeordnete  Neuffer  die  alte  Handelsknechtschaft  der
Deutschen,  die  jetzt  durch  Preußens  Schuld  wiederkehre.  Lists  Genossen
in  der  Presse  fanden  kaum  mehr  Worte  genug  für  die  Dummheit,  die
Schlechtigkeit  der  deutschen  „Bureaukratie“.  Aber  gerade  dies  Übermaß
sinnloser  Schmähungen  zwang  die  Bureaukraten,  die  den  Zollverein  doch

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  8.  Juli  1845.

*?)  Canitz,  Weisung  an  Radowitz,  10.  Okt.  1844.
*#„)  Bunsens  Berichte,  26.  März  1844  ff.
        <pb n="481" />
        Karlsruher  Zollkonferenz.  Versöhnung.  173

regierten,  sich  einander  wieder  zu  nähern.  Auf  eine  ernste  Anfrage  Preuhens,
  ob  der  Zollverein  fortbestehen  solle,  antworteten  alle  Regierungen
versöhnlich.  Eine  treffliche  Schrift  Kühnes  über  die  Entwicklung  des  Zollvereins
  seit  1834  zeigte  auch  dem  großen  Publikum  anschaulich,  was
Deutschland  an  seinem  Handelsbunde  besaß.  Man  begann  sich  zu  verständigen,
  und  als  im  Sommer  1846  die  Zollkonferenz  zu  Berlin  wieder
zusammentrat,  da  meinte  Canitz  sarkastisch:  „der  Karlsruher  Rausch  scheint
ausgeschlafen.“  Die  Schutzzöllner  freilich  mußten  für  ihren  lärmenden
übermut  büßen.  Rönne,  der  das  Getobe  sogar  durch  Indiskretionen
gefördert  hatte,  sah  sich  jetzt  überall  zurückgesetzt,  er  verlangte  seine  Entlassung,
  die  der  König  jedoch  nicht  annehmen  wollte;  und  die  neuen
Vermittlungsanträge,  welche  Geh.  Rat  v.  Patow  auf  der  Konferenz
glücklich  verteidigte,  boten  der  Schutzzoll-Partei  etwas  weniger  als  vordem
  die  Karlsruher  Vorschläge.  Es  war  die  Fabel  von  den  sibyllinischen
  Büchern.  Man  einigte  sich  über  eine  Erhöhung  der  Garnzölle,
die  hinter  den  Wünschen  der  Schutzzoll-Partei  weit  zurückblieb.  Die  Regierungen
  aber  atmeten  auf;  gleich  ihnen  die  große  Mehrheit  der  Nation;
  denn  nachdem  der  Zollverein  diese  Gefahr  überstanden  hatte,  war
sein  Bestand  auf  lange  hinaus  gesichert.  Überdies  wurden  die  Augen  der
Welt  bald  durch  ernstere  politische  Kämpfe  von  den  Tarifstreitigkeiten  abgelenkt.
  —

Zu  der  Wiederversöhnung  der  Zollverbündeten  hatte  die  Unfähigkeit
der  Hofburg  wider  Willen  mitgeholfen.  Wenn  die  Fanatiker  des  Schutzzolls
  in  Süddeutschland  beständig  einen  österreichischen  Zollverein  verlangten,
  so  mochten  manche  nur  prahlen,  viele  meinten  die  Drohung  ernst.
Denn  seit  dem  Kölnischen  Bischofsstreite  entstand  im  Süden  ganz  in  der
Stille  eine  österreichisch-großdeutsche  Partei.*)  Ihren  Stamm  bildeten  die
Klerikalen,  dann  die  preußenfeindlichen  Schutzzöllner,  endlich  die  alten
Domherrengeschlechter,  die  der  fürstbischöflichen  Herrlichkeit  noch  nicht  vergessen
  konnten  und  ihre  Söhne  meist  im  österreichischen  Dienste  unterbrachten;
  erst  späterhin  schlossen  sich  auch  demokratische  Genossen  an.  List
selber  wollte  so  weit  nicht  gehen;  unerschöpflich  in  Einfällen  und  Plänen
stellte  er  jedoch  die  gefährliche  Forderung  auf,  daß  Bayern  die  Führung  der
deutschen  Handelspolitik,  dem  Oriente  und  den  Donauländern  gegenüber,
übernehmen  müsse.  Solcher  Stimmungen  konnte  sich  die  österreichische
Politik,  wenn  sie  klug  und  kühn  verfuhr,  leicht  bemächtigen.  Im  Kaiserstaate
  selbst  wurde  das  harte,  durch  frechen  Schmuggel  überall  durchbrochene
Prohibitivsystem  gründlich  verabscheut.  Einzelne  Unzufriedene  verlangten
Anschluß  an  den  deutschen  Zollverein,  am  eifrigsten  Graf  Chotek,  der
Oberstburggraf  von  Böhmen;  *“)  der  Graf  fand  jedoch  in  seiner  eigenen

 

*)  S.  o.  IV.  721.
*“)  Canitzs  Bericht,  2.  Sept.  1812.
        <pb n="482" />
        474  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Heimat,  dem  wichtigsten  Industrielande  der  Monarchie,  wenig  Zustim—
mung,  die  böhmischen  Fabrikanten  fürchteten  alle  den  deutschen  Wettbewerb.

Sogar  der  alternde  Metternich  empfand  dunkel,  daß  man  das  ver—
morschte  Zollwesen  zerbrechen  mußte.  Er  hatte  einst  den  werdenden  Zoll—
verein,  als  es  schon  viel  zu  spät  war,  zu  vernichten  gesucht.  Jetzt  gingen
ihm  die  Augen  auf.  Als  er  im  Sommer  1841  seinen  Johannisberg  wieder
besuchte,  da  fiel  ihm  auf,  wie  überall  in  Deutschland  unter  dem  Schutze
der  Handelseinheit  Verkehr  und  Wohlstand  emporwuchsen;  er  ahnte,  dieser
Zollverein  würde  bald  unaufhaltsam  um  sich  greifend  das  ganze  Deutsch—
land  verschlingen,  und  nun  endlich  verfiel  er  auf  die  Frage,  ob  nicht  Oster—
reich  selbst  beitreten  solle,  um  Preußen  zu  überflügeln.  Abel  und  die
anderen  klerikalen  Freunde  in  München  hatten  ihn  ja  so  inbrünstig  ver—
sichert,  ganz  Süddeutschland  wünsche  diesen  Beitritt,  damit  Preußens  Hege—
monie  ein  Gegengewicht  erhielte.  Doch  zu  Deutschlands  Glück  war  Met—
ternich  in  allen  volkswirtschaftlichen  Dingen  noch  immer  ebenso  unwis—
send,  wie  vor  Jahren,  da  Motz  über  seine  handelspolitische  Weisheit  spottete.

Alles  Ernstes  behauptete  er:  im  alten  deutschen  Reiche  „galten  gleiche
Handelsberechtigungen  für  alle  Mitglieder  desselben“;  und  ebenso  gründ—
lich  wie  die  deutsche  Handelsgeschichte  kannte  er  auch  die  Verfassung  des
Zollvereins.  Er  verlangte  lediglich  eine  Ermäßigung  der  erdrückenden  Prohibitivzölle
  als  „Anfang  einer  Einlenkung  in  das  deutsche  Zollsystem“  und
begriff  nicht,  daß  Osterreich  sich  durch  diese  armselige  Reform  dem  Zollvereine
  kaum  ebenso  weit  genähert  hätte  wie  England  oder  Frankreich.  Hell
vor  Augen  stand  ihm  nur  die  Hoffnung,  Preußen  zu  bekämpfen;  alles
andere  war  unklarer  Dilettantismus.  In  solchem  Sinne  schrieb  er  an  den
neuen  Leiter  des  Finanzwesens,  den  Hof-Kammerpräsidenten  Kübeck,  einen
tätigen,  brauchbaren  Beamten,  der  als  Plebejer  von  der  öffentlichen  Meinung
  anfangs  mit  großen  Erwartungen  empfangen  wurde,  doch  bald  genug
zeigte,  daß  er  weder  das  unsterbliche  Defizit  beseitigen  noch  einen  schöpferischen
  Gedanken  finden  konnte.  Im  November  1841  berieten  die  Minister
  über  eine  mögliche  Annäherung  an  Deutschland;  aber  die  Entscheidung
  wurde  vertagt,  denn  der  alte  Todfeind  jeder  Reform,  Erzherzog  Ludwig
  führte  den  Vorsitz,  und  im  stillen  sagte  sich  jeder,  daß  die  nicht
deutschen  Kronländer  solchen  Plänen  unmöglich  folgen  konnten.  Als  Kübeck
  zwei  Jahre  darauf  den  Entwurf  eines  milderen  Zollgesetzes  vorlegte,
da  scheiterte  alles  an  dem  Widerspruche  der  böhmischen  Fabrikanten.  Das
alte  „taubstumme  System“  —  so  nannte  es  Canitz  —  blieb  unwandelbar
im  Zollwesen  wie  in  der  gesamten  Verwaltung.*)  Kamen  unterweilen
noch  einzelne  deutsche  Verehrer  OÖsterreichs  nach  Wien,  um  wegen  möglicher
  Handelserleichterungen  anzufragen,  dann  empfing  sie  Metternich
freundlich;  zuletzt  fand  er  doch  immer,  das  sei  Ideologie,  und  Canitz  be- 



*)  Canitzs  Bericht,  13.  Dez.  1843.
        <pb n="483" />
        Osterreichische  Zollvereinspläne.  475

merkte:  „dies  Wort  ist  dem  Fürsten  recht  geläufig,  er  gebraucht  es  manchmal
  statt  jeder  anderen  Widerlegung  oder  Erklärung.“  )

Wie  hilflos  stand  doch  dies  unförmliche  Reich  mit  seinem  Bölkergemisch
  zwischen  den  beiden  großen  schicksalsverwandten  Nationen,  die  sich
in  jugendlichem  Selbstgefühl  zu  erheben  begannen.  Schon  längst  betrachteten
  die  Italiener  den  deutschen  Zollverein  mit  schmerzlicher  Bewunderung;
und  noch  gab  es  einzelne  gutmütige  Patrioten,  die  nicht  ganz  an  Österreich
  verzweifelten.  Die  Annali  universali  di  statistica  veröffentlichten
(1843)  einen  Artikel  Serristoris,  der  den  italienischen  Staaten  riet,  sich
nach  und  nach  ebenso  an  das  österreichische  Zollsystem  anzuschließen,  wie
die  deutschen  Staaten  das  preußische  Zollgesetz  angenommen  hätten.  Und
so  wunderbar  war  die  Welt  schon  verwandelt:  dieser  Aufsatz,  der  vor  einem
Vierteljahrhundert  seinen  Verfasser  unfehlbar  in  den  Kerker  gebracht  hätte,
wurde  jetzt  im  Osterreichischen  Beobachter  belobt  und  übersetzt.  Aber  wie
klein,  wie  unfruchtbar,  wie  ängstlich  zeigte  sich  Metternich  auch  hier.  Er
sah  in  der  wirtschaftlichen  Einigung  Italiens  nur  ein  Mittel,  um  die
gefürchteten  „Sekten“  zu  bekämpfen,  ganz  wie  vor  zwanzig  Jahren  viele
deutsche  Kleinminister  den  Zollverein  als  einen  Schutzwall  gegen  die  nationale
  Einheit  gepriesen  hatten.  Ein  wirklicher  Zollverband  erschien  ihm
auch  zu  kühn;  und  allerdings  konnte  die  berüchtigte  k.  k.  Maut  mit  ihren
bestechlichen  Beamten  und  den  riesigen  venetianischen  Schmuggelniederlagen
  unmöglich  die  Bewunderung  der  weltklugen  Italiener  erwecken.  Die
Hofburg  begnügte  sich  also,  den  italienischen  Staaten  in  tiefem  Geheimnis
einige  Handelserleichterungen  vorzuschlagen.  Allein  selbst  der  getreueste
Hof  der  Halbinsel,  der  Hof  von  Neapel  hegte  gegen  die  k.  k.  Handelspolitik,
die  ihm  schon  manche  ärgerliche  Zollstreitigkeiten  bereitet  hatte,  ein  starkes
Mißtrauen,  und  die  Turiner  Regierung  lehnte  sogar  rundweg  ab.  Dort
in  Piemont  regte  sich  schon  mit  Macht  der  nationale  Gedanke.  Wenn
dort  ein  Zollverein  zwischen  Sardinien,  Toskana  und  dem  Kirchenstaate
erwogen  wurde,  wenn  die  Grafen  Petitti  und  Cavour  ein  italienisches
Eisenbahnnetz  empfahlen,  so  richteten  alle  diese  Pläne  ihre  Spitze  gegen
Österreich.  Was  in  Italien  stark  und  edel  war,  bekämpfte  den  Wiener
Hof.  Jenseits  der  Alpen  wie  jenseits  des  Riesengebirges  konnte  der
Kaiserstaat  nur  noch  hemmen  und  stören,  nichts  mehr  schaffen.  —

Von  der  nächsten  Zukunft  durfte  die  enttäuschte  deutsche  Schutzzoll-Partei
  überhaupt  nur  wenig  erwarten.  Der  ganze  Zug  der  Zeit  war
ihr  ungünstig.  Die  unter  dem  Schirm  ihrer  Zölle  und  Schiffahrtsgesetze
erstarkte  erste  Handelsmacht  der  Welt  lenkte  eben  jetzt  in  die  Bahnen
des  Freihandels  ein.  Englands  Volkswirtschaft  war,  wie  List  bitter  sagte,
nunmehr  so  hoch  gestiegen,  daß  sie  die  Leiter,  die  ihr  emporgeholfen,  getrost
  abbrechen  konnte.  Die  Lehre  von  dem  größten  Wohlsein  der  größten

 

*)  Canitzs  Bericht,  20.  März  1843.
        <pb n="484" />
        476  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Zahl,  diese  einst  durch  den  Vater  des  englischen  Radikalismus  Jeremias
Bentham  zuerst  verkündigte  Doktrin  gewann  im  britischen  Volke  immer
breiteren  Boden;  aus  ihr  ergab  sich  das  Verlangen  nach  freiem  Handel
und  wohlfeiler  Konsumtion.  Die  Mittelklassen,  die  seit  der  Reformbill
in  das  Parlament  eingedrungen  war,  richteten  ihre  Angriffe  zunächst
gegen  die  Kornzölle,  weil  sie  fühlten,  daß  die  dem  alten  Adel  noch  gebliebene
  Macht  zum  Teil  auf  den  Korngesetzen  ruhte.  Die  breiten  Massen
der  Arbeiter  dagegen  betrachteten  diese  zugleich  politische  und  wirtschaftliche
  Bewegung  mit  Argwohn;  sie  trauten  dem  Bürgertum  noch  weniger
als  den  Grundherren  und  sie  befürchteten  von  der  Abschaffung  der  Kornzölle
  ein  Sinken  der  Arbeitslöhne,  das  allerdings  von  vielen  Gegnern  der
Korngesetze  insgeheim  erhofft  wurde.  Seit  dem  Jahre  1839  begann  die
von  Richard  Cobden  gestiftete  Anti-Korngesetz-Liga  durch  Versammlungen,
Zeitungen  und  Flugschriften,  durch  Reiseprediger  und  Massenpetitionen,
durch  Aufzüge  und  Gewerbeausstellungen  das  Bürgertum  zu  bearbeiten,
die  Fabrikanten  versorgten  sie  mit  gewaltigen  Geldmitteln.  Nach  sechs
Jahren  rastloser  Agitation  hatte  sie  die  große  Mehrheit  der  Mittelklassen,
zumal  in  Manchester  und  dem  gewerbreichen  Nordwesten  für  sich  gewonnen,
  weithin  durch  das  Land  scholl  der  Ruf  nach  freiem  Handel.
In  den  Schriften  der  neuen  Manchesterschule  lebte  das  alte  hierzulande
  noch  niemals  wissenschaftlich  überwundene  Naturrecht  wieder  auf,  dessen
Sätze,  gleich  allen  unlebendigen  Abstraktionen,  von  der  materialistischen
Plattheit  ebenso  leicht  ausgebeutet  werden  konnten  wie  von  dem  überspannten
Idealismus.  Darum  vermochte  John  Stuart  Mill  sich  gleichzeitig  für  Wilhelm
  Humboldt  und  für  den  englischen  Radikalismus  zu  begeistern.  In  den
Formeln  mit  Humboldt  übereinstimmend,  und  doch  im  denkbar  schärfsten
Gegensatz  zu  ihm,  betrachtete  Cobden  den  Staat  als  eine  durch  die  Willkür
der  Einzelmenschen  gegründete  Versicherungsanstalt,  die  lediglich  Geschäft
und  Arbeit  vor  gewaltsamen  Störungen  behüten  und  von  den  Versicherten
möglichst  niedrige  Prämien  verlangen  sollte.  Die  Volkswirtschaft  blieb
ihm  der  einzige  Inhalt  des  Menschenlebens,  rasches  Reisen  der  Musterreiter
  und  wohlfeile  Kattunerzeugung  der  höchste  Zweck  jeder  Kultur.  In
vollem  Ernst  sprach  er  aus,  daß  Stephenson  und  Watt  für  die  Weltgeschichte
unvergleichlich  mehr  bedeuteten  als  Cäsar  oder  Napoleon.  Wurden  nur  erst
überall  Handel  und  Wandel  ihrer  natürlichen  Freiheit  überlassen,  dann
mußte  sich  jede  Nation  unfehlbar  den  Erwerbszweigen  widmen,  welche  sie
mit  dem  größten  Gewinn  betreiben  konnte,  jede  arbeitete  also  allen  anderen
in  die  Hände  durch  eine  Ausfuhr,  die  der  Einfuhr  immer  genau  entsprach;
die  Harmonie  der  Interessen  stellte  sich  von  selber  her,  der  ruchlose  Luxus
der  stehenden  Heere  hörte  auf,  die  Schwerter  verwandelten  sich  in  Pflugscharen
  nach  der  Weissagung  des  alten  Propheten,  und  der  ewige  Friede
brach  an.  Cobden  liebte  die  Arbeiter  aufrichtig,  er  wollte  ihnen  durch  das
billigere  Brot  eine  Wohltat  erweisen;  er  verteidigte  sogar  den  Schulzwang,
        <pb n="485" />
        Die  Manchesterschule.  477

weil  die  arbeitenden  „Hände“  in  den  Fabriken,  nur  wenn  die  Köpfe  leidlich
erleuchtet  waren,  die  größte  Gütermasse  erzeugen  konnten;  Fabrikgesetze
hingegen  verwarf  er  als  einen  Eingriff  in  die  persönliche  Freiheit.

Ein  solches  Evangelium  des  Mammonzsdienstes  drohte  die  Menschheit
zu  verstümmeln,  alles  Heldentum,  alles  Schöne  und  Erhabene,  alle  Ideale
des  Gemüts  zu  vertilgen;  dennoch  zeigte  die  Lehre  des  Voluntarismus,
des  unbeschränkten,  jeden  Staatszwang  ersetzenden  sozialen  Wettbewerbs
einen  Zug  kühner  Selbstgewißheit,  der  kräftige,  unternehmende  Männer
bestechen  mußte.  War  doch  die  ganze  Gedankenbewegung  des  Revolutionszeitalters
  von  dem  Kampfe  der  freien  Persönlichkeit  wider  die  Staatsgewalt
  ausgegangen.  Auch  Cobden  empfand  eine  fast  schwärmerische  Begeisterung
  für  den  nüchternen  Gedanken  des  improvement,  des  materiellen
Fortschritts,  er  hielt  sich  für  den  auserwählten  Apostel  des  allgemeinen
Völkerglücks.  Freilich  konnten  seiner  weltbürgerlichen  Lehre,  da  sie  von
diesem  selbstgefälligen,  alle  Ausländer  verachtenden  Inselvolke  herkam,  arglistige
  kaufmännische  Hintergedanken  unmöglich  fehlen.  Er  selbst  zeigte  für
fremde  Völker  mehr  Verständnis  als  die  meisten  seiner  Landsleute,  er  bewunderte
  Preußen,  sogar  die  Einheit  Deutschlands  und  Italiens  war  ihm
nicht  schreckhaft.  Doch  schon  beim  Beginn  seiner  öffentlichen  Wirksamkeit
  sagte  er  trocken:  „unser  einziges  Ziel  sind  die  gerechten  Interessen
Englands,  ohne  Rücksicht  auf  die  Zwecke  anderer  Nationen.“  Seine
Doktrin  vom  allgemeinen  freien  Warenaustausch  beruhte  auf  der  stillschweigenden
  Voraussetzung,  daß  England  die  Großindustrie  der  weiten
Welt  beherrschen,  anderen  Völkern  nur  die  Urproduktion  sowie  einzelne
schwer  zu  verpflanzende  Gewerbszweige  überlassen  müßte.  Wie  Canning
und  Palmerston  einst  die  konstitutionelle  Phrase,  so  schätzte  Cobden  die
freihändlerische  Phrase  als  einen  einträglichen  Ausfuhrartikel,  der  die
Runde  um  den  Erdkreis  machen,  alle  Nationen  für  die  Interessen  der
britischen  Handelsherrschaft  gewinnen  sollte.  Da  die  klugen  Fabrikanten
diesen  geheimen  Zweck  der  Freihandelslehren  alsbald  durchschauten,  so
schwoll  die  Bewegung  unwiderstehlich  an,  bis  der  leitende  Staatsmann
Robert  Peel  sie  nicht  mehr  aufhalten  konnte.

Obschon  Peel  als  Sohn  eines  reichen,  durch  Fleiß  und  Klugheit
emporgekommenen  Baumwollspinners  selbst  dem  Bürgertum  angehörte,
hatte  er  doch  mit  Cobdens  Weltanschauung  nicht  das  mindeste  gemein.
Gleich  seinem  Vater,  dem  die  Arbeiter  für  unzählige  Beweise  werktätiger
Menschenliebe  immer  dankbar  blieben,  stand  er  von  jeher  hoch  über  der
Klassenselbstsucht  der  Fabrikanten.  Er  wuchs  auf  in  den  Gesinnungen  der
Torypartei,  der  Hochkirche,  der  altüberlieferten  gediegenen  klassischen  Bildung,
  und  sah  in  Pitt  das  Ideal  des  Staatsmannes;  der  ruhige,  erwägsame,
  vorsichtige  Mann  erschien  wie  ein  geborener  Konservativer.
Und  doch  beschied  ihm  das  Schicksal  die  Rolle  des  Reformers.  Die  rasch
schreitende  Zeit  zwang  ihn  wieder  und  wieder  die  Ansichten  seiner  Partei
        <pb n="486" />
        478  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

sorgsam  zu  prüfen,  und  sobald  er  einsah,  daß  sie  dem  Wohle  des  Landes
nicht  mehr  entsprachen,  dann  trat  er  stets  mit  hoher  sittlicher  Kühnheit
für  die  erkannte  neue  Wahrheit  ein,  unbekümmert  um  den  Widerspruch
alter  Freunde,  unbekümmert  um  das  engherzige  Parteiherkommen,  das  sich
Ethics  of  party  nannte.  Selten  hat  ein  Staatsmann  seine  Meinung
über  große  politische  Fragen  so  oft  verändert,  ohne  doch  je  sich  selber  untreu
  zu  werden.  Schon  als  junger  Mann  wagte  Peel  im  Parlamente,
„der  Autorität,  der  er  immer  gefolgt  war“,  seinem  eigenen  Vater  zu
widersprechen,  die  Wiederaufnahme  der  Barzahlungen  von  der  Bank
von  England  zu  verlangen.  Dann  erkannte  er,  wie  Wellington,  die  Notwendigkeit
  der  bisher  von  allen  Torys  bekämpften  Emanzipation  der
Katholiken  und  verteidigte  diese  Reform,  die  für  alle  demokratischen
Neuerungen  der  nächsten  Jahrzehnte  den  Weg  öffnete.  Der  Reformbill
selbst  widersetzte  er  sich  gleichwohl  hartnäckig,  bis  zum  Ende;  als  aber  die
Entscheidung  gefallen,  die  Mittelklasse  in  das  Unterhaus  eingezogen  war,
da  konnte  er  sich  nicht  mehr  verhehlen,  daß  der  Schwerpunkt  des  alten
aristokratischen  Staatsbaues  sich  verschoben  hatte.  Jetzt  als  Minister  entschloß
  er  sich,  der  unaufhaltsamen  Freihandelsbewegung  nachzugeben  und
also  die  Politik  der  Reformbill  weiterzuführen.

Die  Mehrzahl  seiner  Toryfreunde  versagte  sich  ihm.  Im  Bunde  mit
den  alten  Gegnern,  mit  den  Whigs  und  den  Radikalen  schritt  er  vorwärts,
umbraust  von  den  jubelnden  Zurufen  der  Mittelklassen,  ein  Staatsmann,
der  die  Zeit  nicht  mit  schöpferischen  Gedanken  beherrschte,  sondern  gewissenhaft
  von  ihr  lernte,  auch  als  Redner  nicht  glänzend,  aber  stark  durch
Rechtschaffenheit,  Offenheit  und  durch  den  Mut,  das  Notwendige  zu
wollen.  Die  stolzen  Herren  vom  alten  Tory-Adel  verwünschten  den  Baumwollspinner,
  der  trotz  seines  fürstlichen  Reichtums  doch  immer  ein  Plebejer
  bliebe  und  seine  Partei  ehrlos  verriete  7),  und  der  junge  Heißsporn
der  Torys  Benjamin  Disraeli  sagte:  eine  solche  konservative  Regierung  ist
nur  eine  große  Heuchelei.  Aber  schon  begannen  die  Arbeiter  sich  den  sozialistischen
  Gedanken  des  Chartismus  zuzuwenden,  Riesenpetitionen  um
Erweiterung  der  Volksrechte  bestürmten  das  Parlament.  Der  dumpfe
Groll  der  Massen  und  der  Notstand  der  Gewerbe  im  Nordwesten  zwangen
die  Regierung  zur  Tat.

Im  Jahre  1842  wurden  fast  zwei  Drittel  aller  Zollsätze  des  alten
Tarifs  aufgehoben  oder  herabgesetzt.  Andere  Zollermäßigungen  folgten
bald.  Dann  brachte  (1845)  eine  schwere  Mißernte  unsägliches  Elend  über
das  Inselreich,  zumal  über  Irland.  Jedermann  sah,  Großbritannien  war
zu  einem  Industrielande  geworden,  der  heimische  Ackerbau  reichte  nicht
mehr  aus,  um  die  mächtig  angewachsene  städtische  Bevölkerung  zu  ernähren.
  Nach  solchen  Erfahrungen  wagte  Peel  den  entscheidenden  Schritt;

 

*)  Bunsens  Bericht,  30.  Jan.  1846.
        <pb n="487" />
        Aufhebung  der  englischen  Kornzölle.  479

im  Mai  1846  wurden  die  Kornzölle  aufgehoben.  Die  Lords  stimmten
zu,  denn  der  eiserne  Herzog  warnte:  fügen  wir  uns  jetzt  nicht  freiwillig,
dann  wird  das  Oberhaus  späterhin  gezwungen  oder  vernichtet  werden.
So  aussichtslos  erschien  jetzt  schon  jeder  Widerstand  gegen  die  aufstrebenden
  Mittelstände.  Wenige  Wochen  nachher  mußte  Peel  zurücktreten.  Die
alten  Gegner  hatten  ihm  zum  Siege  verholfen,  nun  rächten  sich  die
geschlagenen  Freunde.  Löste  er  das  Parlament  auf,  dann  konnte  er
sicher  einc  starke  Mehrheit  erlangen,  aber  —  so  sagte  er  zu  Bunsen  —
nur  durch  den  Beistand  der  Radikalen,  „und  mit  den  Radikalen  gehe  ich
nicht.“*).  So  schied  er  aus,  ein  Opfer  des  Parteigeistes,  und  noch  lange
feierte  ihn  das  Bürgertum  als  den  volkstümlichsten  aller  britischen  Staatsmänner.
  Er  wußte,  daß  er,  im  Geiste  seines  edlen  Vaters,  den  arbeitenden
Klassen  eine  große  Wohltat  erwiesen,  aber  auch  die  Handelsmacht  seines
Landes  befestigt  hatte;  denn  die  rücksichtslose  nationale  Selbstbehauptung
war  ihm  ebenso  heilig  wie  allen  seinen  Landsleuten.  Für  die  Zwecke  der
Handelspolitik  verschmähte  auch  er  die  kleinen  Künste  leerer  Vorspiegelungen
  nicht;  sagte  er  doch  einmal  dem  preußischen  Gesandten:  Ihr  müßt
euch  mit  uns  über  die  Zollfragen  verständigen,  denn  sonst  könnte  leicht  ein
französisch-amerikanisches  Seebündnis  die  wirtschaftliche  und  politische
Unabhängigkeit  des  Festlandes  bedrohen!)

Seine  Erbschaft  übernahmen  die  Whigs,  und  sie  mußten  fortan  oft
mit  den  Radikalen  zusammengehen,  obgleich  ihre  eigenen  Führer  fast  allesamt
  den  stolzesten  und  vornehmsten  Adelsgeschlechtern  angehörten.  Lord
Palmerston,  der  wieder  in  das  Auswärtige  Amt  eintrat,  konnte  also  nunmehr
  die  alte  Politik  der  heimlichen  Friedensstörung  mit  verdoppelter
Kraft  fortsetzen,  er  konnte  die  Bären  des  Kontinents  bald  nach  der  liberalen,
  bald  nach  der  freihändlerischen  Pfeife  tanzen  lassen.  Die  Sieger
gefielen  sich  in  maßloser  Selbstberäucherung.  Cobden  rief  freudetrunken:
„Freihandel  ist  das  internationale  Gesetz  des  Allmächtigen;  nicht  bloß
England,  sondern  die  ganze  Welt  ist  für  jetzt  und  für  immer  an  dem
Kampfe  der  Kornliga  beteiligt.“  Seine  Anhänger  verglichen  das  Jahr
1846  mit  der  Revolution  von  1688.  Und  allerdings  griff  die  Aufhebung
der  Korngesetze  sehr  tief  in  alle  sozialen  Verhältnisse  ein,  sie  demokratisierte
  die  Gesellschaft,  wie  einst  die  Reformbill  den  Staat.

Wenn  Cobden  in  Reden  und  Schriften  den  Grundherren  stets  versichert
hatte,  sie  würden  unter  der  Reform  nicht  leiden,  so  erwiesen  sich  diese  Beschwichtigungsversuche
  alsbald  als  Irrtum  oder  als  berechnete  Täuschung.
Die  Grundrente  sank  beträchtlich,  und  wie  der  englische  Adel  sich  immer  der
Zeit  zu  fügen  verstand,  so  erkannte  er  auch  jetzt  schnell,  daß  er  seine  Stellung
über  dem  Bürgertum  nur  noch  durch  die  Machtmittel  des  Bürgertums

 

*)  Bunsens  Bericht,  10.  Juli  1846.
**)  Bunsens  Bericht,  26.  Aug.  1844.
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        480  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

selber  einigermaßen  behaupten  konnte.  Er  begann,  da  der  Grundbesitz
nicht  mehr  genug  abwarf,  an  Eisenbahnen,  Banken,  industriellen  Unternehmungen
  aller  Art  teilzunehmen,  und  nicht  lange,  so  betrieb  der  Sohn
des  Herzogs  von  Argyll,  ohne  Argernis  zu  erregen,  eine  einträgliche
Weinhandlung.  Die  alten  Ehrbegriffe  und  Vorurteile  des  Standes  zerstoben
  vor  der  Übermacht  des  Geldes,  derweil  der  deutsche  Adel  arm,  aber
ritterlich  blieb.  Kaufmännische  Luft  durchwehte  das  gesamte  Leben  der
Nation.  Das  unentbehrliche  letzte  Notmittel  gegen  die  Verwilderung  der
Gesellschaft,  das  Duell  kam  außer  Brauch  und  verschwand  bald  gänzlich;
die  Reitpeitsche  verdrängte  Degen  und  Pistole,  und  dieser  Sieg  der
Roheit  ward  als  ein  Triumph  der  Aufklärung  gefeiert.  Bei  aristokratischen
Hochzeiten  zählten  die  Zeitungen  in  einem  genauen  Konto  sorgfältig  auf,
wic  viel  jeder  Hochzeitsgast  an  Geschenken  oder  barem  Gelde  gespendet
hatte;  selbst  die  Jugend  betrieb  ihren  Sport  als  Geschäft  und  lämpfte
um  wertvolle  Preise,  während  die  deutschen  Studenten  sich  um  der  wirklichen
  oder  vermeintlichen  Ehre  willen  ihre  Gesichter  zerfetzten.  Die  Kluft
zwischen  den  deutschen  und  den  britischen  Sitten  erweiterte  sich  mehr  und
mehr.  Was  die  Puritaner  von  Shakespeares  fröhlichem  altem  England
noch  übrig  gelassen  hatten,  ging  nunmehr  völlig  unter  in  der  Prosa  des
Geschäftslebens.  Demgemäß  wurde  fortan  auch  die  Haltung  des  Inselreichs
  in  der  Staatengesellschaft  noch  mehr  als  bisher  durch  die  Berechnungen
  der  Handelspolitik  bestimmt.

Der  Umschwung  in  England  erfüllte  die  Freihändler  aller  Länder
mit  Siegeszuversicht,  ihre  Lehren  behaupteten  während  der  nächsten  zwei
Jahrzehnte  fast  überall  in  der  gesitteten  Welt  die  Oberhand.  Alle  die
neuen  Erfindungen,  deren  das  Jahrhundert  sich  rühmte,  wirkten  als  völkerverbindende
  Mächte;  sie  durch  Zollschranken  zu  hemmen,  schien  fast  unvernünftig.
  Es  begann  eine  lange  Zeit  wechselseitiger  Handelserleichterungen
  und  sie  förderte  den  Wohlstand.  Nachher  zeigte  sich  doch  wieder,
wie  viel  mehr  der  innere  Markt  bedeutet  als  der  Weltverkehr;  die  Völker
des  Kontinents  erfuhren,  daß  der  freie  Wettbewerb  die  Übermacht  des
Starken  nicht  ausgleicht,  sondern  erhöht,  und  die  halbverschollenen  Ideen
Lists  gewannen  neues  Ansehen.  Zunächst  folgte  Nordamerika  dem  Beispiel
  Englands  und  erniedrigte  einen  Teil  seiner  Zölle.

Deutschland  hatte  einst,  als  unsere  Industrie  noch  in  den  Windeln  lag,
aus  den  britischen  Kornzöllen  Vorteil  gezogen,  denn  sie  verhinderten  uns
damals,  mit  dem  übermächtigen  Inselreiche  gefährliche  Verträge  zu  schließen;
jetzt  lasteten  sie  längst  schon  schwer  auf  dem  deutschen  Ackerbau  und  Getreidehandel.
  Ihre  Aufhebung  wurde  also  überall  in  Norddeutschland  freudig
begrüßt.  Die  Berliner  Finanzpartei  vernahm  mit  begreiflicher  Genugtuung,
  daß  England  endlich  nachholte,  was  Preußen  schon  vor  achtundzwanzig
  Jahren  gewagt  hatte.  Und  wie  liebenswert  erschien  den  Deutschen
Peels  bürgerlich  ehrenfestes  Wesen;  gerade  seine  stolze  Selbständigkeit,  die
        <pb n="489" />
        Triumph  der  Freihändler.  481

ihn  den  Torys  verdächtig  machte,  gefiel  unserem  noch  nicht  ganz  vom
Parteigeist  beherrschten  Volke.  In  Elbing,  wo  Prince  Smith  so  lange
gewirkt  hatte,  beschloß  die  Kaufmannschaft,  dem  Reformer  einen  Glück—
wunsch  zu  senden.  Peels  Antwort  zeigte,  daß  auch  ehrliche  Engländer,
wenn  sie  mit  Ausländern  reden,  ihren  heimatlichen  cant  schwer  aufgeben;
er  schrieb:  „so  finden  wir  im  Handel  das  Mittel,  die  Zivilisation  zu  be—
fördern,  Eifersucht  und  nationale  Vorurteile  zu  beschwichtigen  und  einen
allgemeinen  Frieden  herbeizuführen,  aus  nationalem  Interesse  sowohl  wie
aus  christlicher  Pflicht.“  Inzwischen  löste  Cobden  seine  Liga  auf  und
unternahm  eine  Triumphreise  durch  das  Festland,  um  überall  den  Stamm
einer  internationalen  Freihandelspartei  anzusammeln.  In  Deutschland
wurde  der  schlichte  freundliche  Mann  sehr  herzlich  empfangen,  am  wärmsten
in  Hamburg.  Dort  feierte,  dem  großen  Briten  zu  Ehren,  der  vaterlands—
lose  radikale  Freihandel  seine  Saturnalien.  Der  Präsident  der  Kommerz—
deputation  Ruperti  ließ  „die  Erzeugerin  jeder  anderen  Freiheit,  die  Han—
delsfreiheit“  hoch  leben.  Cobden  pries  die  unvergleichliche  Handelspolitik
der  Hansen,  dann  schloß  er  weihevoll:  „lehret  eure  Nachbarn  eurem  Bei—
spiel  zu  folgen“  —  und  gewiß  konnte  England  sich  Glück  wünschen,  wenn
der  Zollverein  die  Bahn  hamburgischer  Erbweisheit  eingeschlagen  hätte.

Tief  schmerzlich  wurde  Friedrich  List  durch  die  englischen  Nachrichten
berührt.  Er  hatte  zwar  selber,  da  er  ja  nur  Schutz  für  die  Industrie  ver—
langte,  die  Kornzölle  stets  bekämpft;  dennoch  fürchtete  er  —  mit  Unrecht,
wie  sich  bald  zeigte  —  die  freihändlerische  Wendung  der  britischen  Politik
würde  der  deutschen  Volkswirtschaft  Verderben  bringen.  Während  die
Kornliga  ihren  Cobden  durch  eine  glänzende  Dotation  ehrte,  belohnten
die  süddeutschen  Fabrikanten  ihren  unermüdlichen  Vorkämpfer  nur  sehr
kärglich  —  nicht  eigentlich  aus  Geiz,  sondern  aus  kleinstädtischer  Unerfahrenheit,
  weil  man  in  Deutschland  eine  solche  Agitation  kaum  erst  kannte,
ihren  Wert  nicht  zu  schätzen  wußte.  Der  edle  Mann,  den  alle  Gegner
für  bestochen  hielten,  kämpfte  beständig  mit  Nahrungssorgen,  und  es
war  einer  der  vielen  tragischen  Widersprüche  seines  stürmischen  Lebens,  daß
der  Todfeind  der  Bureaukratie  jetzt  selbst  versuchte,  eine  Stellung  im  Beamtentum
  zu  erlangen.  Doch  in  der  schwäbischen  Heimat  wie  in  Bayern
speiste  man  ihn  mit  schmeichelhaften  Worten  ab;  sein  Feuergeist  hätte
sich  in  der  geregelten  Beamtentätigkeit  auch  schwerlich  zurechtgefunden.
So  trieb  er  sich  rastlos  umher.  Einmal  kam  er  auch  nach  Österreich  und
suchte  dann  in  einem  Aufsatze  zu  erweisen,  daß  die  reichen,  dünn  bevölkerten
  Länder  der  ungarischen  Krone  das  natürliche  Gebiet  für  die
deutsche  Auswanderung  bildeten  —  lockende  Gedanken,  denen  nur  leider
jeder  historische  Boden  fehlte;  denn  die  Zeit  der  großen  Ostlandsfahrten
war  längst  vorüber,  den  modernen  Menschen  trieb  der  Drang  in  die
Ferne  nach  dem  amerikanischen  Westen.

Als  die  Entscheidung  in  England  herannahte,  eilte  List  nach  London,
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  31
        <pb n="490" />
        482  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

und  es  gelang  ihm  leicht,  den  sanguinischen,  für  neue  Gedanken  immer
empfänglichen  Bunsen  ganz  zu  bezaubern.)  Dort  verfaßte  er  einen  langen
Aufsatz  über  die  Allianz  zwischen  Großbritannien  und  Deutschland  —  eine
seltsame  Denkschrift,  die  sich  nur  aus  seiner  leidenschaftlichen  patriotischen
Besorgnis  erklären  ließ.  Wer  hatte  schärfer  als  List  die  großartige  Selbstsucht
  der  britischen  Handelspolitik  durchschaut?  wer  klarer  erkannt,  daß
die  Engländer  in  Deutschland  ihren  gefährlichsten  Nebenbuhler  sahen?  Und
dieser  selbe  Mann  suchte  jetzt  die  Briten  zu  gewinnen  durch  Lobreden,
die  der  Insulaner  als  pflichtschuldigen  Tribut  der  verachteten  Foreigners
stets  kaltblütig  hinnimmt;  er  zeigte  ihnen,  daß  sie  ihre  Überlegenheit  gegen
Nordamerika  und  gegen  eine  drohende  russisch-französische  Allianz  nur
dann  behaupten  könnten,  wenn  sie  sich  fest  mit  Deutschland  verbündeten;
darum  müßten  sie,  selber  beim  Freihandel  verharrend,  darein  willigen,
daß  Deutschland  durch  hohe  Schutzzölle  des  Zollvereins  allmählich  erstarkte.
In  dem  Augenblick  also,  da  die  englische  Regierung  zum  Freihandel
überging,  mutete  er  ihr  zu,  in  Deutschland  ein  strenges  Schutzzollsystem
zu  begünstigen,  das  seine  Spitze  doch  nur  gegen  Großbritannien  richten
konnte.  Wunderlicher  hat  ein  genialer  politischer  Kopf  kaum  jemals  geirrt.
Diese  Abhandlung  sendete  List  an  Peel  und  Palmerston,  unbekümmert
um  das  Kopfschütteln  des  preußischen  Gesandten.  Beide  Staatsmänner  antworteten,
  wie  sich  von  selbst  verstand,  höflich  ablehnend.  Peel  erinnerte  an
den  Glaubenssatz  der  Freihändler,  daß  jede  Nation  die  Waren  erzeugen
solle,  die  sie  am  billigsten  hervorbringe;  Palmerston  aber  sagte  mit  einer
frommen  Salbung,  die  dem  alten  Schalk  ergötzlich  anstand:  „der  Freihandel
wie  die  Wohltätigkeit  beginnt  zu  Hause.“  Zugleich  wurde  die  Denkschrift
nach  Berlin  geschickt,  und  List  wagte,  in  einem  begleitenden  Briefe  dem
Könige  seine  Dienste  anzubieten,  obgleich  seine  Partei  alle  diese  Jahre  hindurch
  die  preußische  Politik  bis  aufs  Blut  bekämpft  hatte.  „Es  ist  falsch“,  so
schrieb  er,  „wenn  man  mich  für  einen  Gegner  Preußens  hält.“  Er  glaube
aber,  „daß  der  Geist  des  erleuchteten  Herrschers  von  Preußen  nicht  immer
der  Geist  der  preußischen  Bureaukratie  sei.“  Und  „deshalb“,  fuhr  er  fort,
„bestehe  ich  getrost  das  Wagnis,  in  einer  Sache,  die  das  höchste  Wohl  des
Vaterlandes  in  Frage  stellt,  von  einer  befangenen  Bureaukratie  an  die
glückliche  Geistesfreiheit  und  Geistesstärke  Ew.  K.  Majestät  zu  appellieren.“
Er  schloß  mit  der  Erklärung,  „daß  ich  bereit  sei,  mit  Freuden  jede  Bürde
zu  tragen,  die  Ew.  K.  Majestät  in  Ihrer  Weisheit  und  zum  Besten  des
Vaterlandes  meinen  Schultern  aufzulasten  für  gut  finden  sollten.“)
Brief  und  Denkschrift  mußten  dem  Monarchen  gefallen.  Die  Ausfälle
  auf  die  Bureaukratie  taten  ihm  wohl,  und  im  Grunde  des  Herzens
war  er  noch  immer  schutzzöllnerisch  gesinnt,  gleich  dem  Prinzen  von

 

*  BuMunsens  Berichte,  26.  Juni,  31.  Juli  1846.
**)  List  an  König  Friedrich  Wilhelm,  31.  Juli  1846.  S.  Beilage  32.
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        Lists  Tod.  483

Preußen.  Nun  wies  ihm  List  nach,  daß  der  Zollverein  mit  dem  geliebten
England  auch  dann  in  guter  Freundschaft  leben  könnte,  wenn  er  strenge
Schutzzölle  einführte.  Was  konnte  ihm  willkommener  sein?  Friedrich
Wilhelmwünschte  lebhaft,  den  durch  Bunsen  und  Rönne  warm  empfohlenen
Verfasser  der  Denkschrift  im  preußischen  Dienste  anzustellen,  etwa  als
General--Inspektor  der  Eisenbahnen  und  Fabriken  des  Zollvereins  oder
als  Leiter  der  deutschen  Kolonisation  in  Posen,  wie  Bunsen  vorschlug.
Freilich  konnte  eine  solche  Ernennung  nicht  sogleich  erfolgen,  weil  der  Zwiespalt
  im  hohen  Beamtentum  noch  fortwährte.  Als  Kühne  eben  in  diesen
Tagen  für  die  nochmals  erledigte  Stelle  des  Finanzministers  vorgeschlagen
wurde,  da  verlangte  der  König,  Kühne  müsse  sich  erst  mit  List,  der  nach
Berlin  berufen  werden  sollte,  über  die  Grundsätze  der  Handelspolitik  verständigen.
  Hierauf  konnte  sich  Lists  alter  Gegner  nicht  einlassen,  und
diese  Weigerung  diente  als  Grund  oder  als  Vorwand,  um  den  liberalen
Kandidaten,  der  sich  ohnehin  nicht  der  königlichen  Gunst  erfreute,  vom
Ministerrate  fern  zu  halten.)

Von  allen  diesen  Plänen  erfuhr  List  kein  Wort.  Er  erhielt  vorläufig
  nur  ein  einfaches  Dankschreiben  aus  Berlin  und  kehrte  fast  mutlos
  in  die  Heimat  zurück.  Hier  übermannte  ihn  gänzlich  die  schreckliche
Hypochondrie,  die  seinen  fröhlichen  Sinn  schon  so  oft  gemartert  hatte.
Er  wähnte  sich  verfolgt  von  aller  Welt,  da  ihm  die  Gegner  seine  groben
Angriffe  durch  schmähliche  Verleumdungen  heimzahlten;  er  fühlte  sich  unfähig
  zu  jeder  Arbeit  und  obwohl  für  seine  nächste  Zukunft  noch  hinreichend
  gesorgt  war,  so  meinte  er  doch  die  Zeit  nahen  zu  sehen,  da  seine
Feder  ihn  und  seine  heißgeliebte  Familie  nicht  mehr  ernähren  könnte.
Völlig  krank,  von  fieberhafter  Unruhe  gepackt  unternahm  er  noch  eine
zwecklose  Reise,  und  im  November  1846  gab  er  sich  in  Kufstein  selbst  den
Tod.  Dies  schauerliche  Ende  eines  reichen  Lebens  erschütterte  die  gesamte
  Nation.  Auf  dem  Kufsteiner  Kirchhofe,  dicht  an  der  deutschen
Grenze,  wurde  „Deutschlands  Friedrich  List“  unter  einem  großen  Grabsteine
  gebettet,  Sammlungen  der  Parteifreunde  sicherten  den  Unterhalt
der  Hinterlassenen,  und  manche  klagende  Stimme  nannte  ihn  ein  Opfer
deutscher  Undankbarkeit.  In  Wahrheit  war  sein  Tod  nur  die  Folge
einer  unheimlichen  Krankheit,  die  ihm  zuletzt  die  Freiheit  des  Willens
benahm.  Wer  darf  sagen,  ob  diese  Prophetennatur,  die  nur  wecken,  erregen,
  entflammen,  nicht  leiten  konnte,  in  einem  mächtigen  Parlamente
glücklicher  gewirkt  hätte?  Das  aber  ist  sicher:  das  Elend  unserer  Kleinstaaterei,
  die  einen  großen  politischen  Charakter  so  gar  nicht  zu  ertragen  vermochte,
  hat  ihm  sein  ganzes  Leben  vergällt  und  getrübt.  Erst  die  Nachwelt
würdigt  ganz,  was  unvergänglich  war  in  seinem  Schaffen.  —

In  allen  diesen  Zollvereinshändeln  sprachen  die  beiden  streitenden

 

*)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
31*
        <pb n="492" />
        484  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Parteien  das  Verlangen  nach  nationaler  Macht  so  stürmisch  aus,  daß
sogar  die  selbstgenügsamen  Hansen  nicht  umhin  konnten,  ihre  patriotische
Gesinnung  irgendwie  zu  betätigen.  Schon  im  Jahre  1841  entwarf
Bürgermeister  Smidt  von  Bremen  den  Plan  eines  deutschen  Schiffahrtsbundes,
  der  allen  deutschen  und  österreichischen  Schiffen,  dem  Auslande
gegenüber,  eine  gemeinsame  Heimat  (country)  sichern  sollte.  Smidt
legte  seine  Entwürfe  dem  preußischen  Hofe  und  dem  Fürsten  Metternich
persönlich  vor.  Um  sie  zu  verteidigen,  bereiste  sodann  der  hamburgische
Bundesgesandte  Karl  Sieveking  die  deutschen  Hauptstädte,  ein  treuer  Patriot
von  hoher  Bildung  und  ernster  Frömmigkeit,  der,  mit  Neander  und  General
  Gerlach  nahe  befreundet,  als  Mitbegründer  des  Rauhen  Hauses  allen
Kirchlichgesinnten  teuer  war.

Leider  bewies  Smidts  Denkschrift  nur,  wie  doktrinär  auch  ein  kluger
Staatsmann  künsteln  kann,  sobald  er  sich  scheut,  das  Notwendige  zu  wollen.
Daß  der  Bundestag  die  nationale  Schiffahrt  nicht  zu  beschützen  vermochte,
stand  längst  außer  allem  Zweifel;  ward  aber  neben  dem  Deutschen  Bunde
und  neben  dem  Zollvereine  noch  ein  Schiffahrtsbund  errichtet,  so  verwirrte
  sich  die  deutsche  Politik,  die  dem  Auslande  jetzt  schon  kaum  verständlich
  war,  bis  zum  Unerträglichen.  Und  war  es  nicht  eine  naive
Zumutung,  daß  der  Zollverein,  der  mit  der  einzigen  Ausnahme  Preußens
nur  aus  Binnenstaaten  bestand,  durch  seine  Gesamtmacht  der  hansischen
  Schiffahrt  Begünstigungen  verschaffen  sollte  —  ohne  jede  handelspolitische
  Gegenleistung?  Nun  gar  der  Vorschlag,  auch  Österreich  in  den
Schiffahrtsbund  aufzunehmen,  erschien  fast  wie  eine  Bedrohung  des  Zollvereins
  selbst.  Kurz  und  schlagend  bemerkte  Canitz:  das  einfache  Mittel
zur  Begründung  des  Schiffahrtsbundes  wäre  der  Eintritt  der  Hansestädte
  in  den  Zollverein;  aber  dieser  Unannehmlichkeit  will  man  entgehen!?)
Auch  das  preußische  Auswärtige  Amt  wollte  sich  auf  nichts  einlassen,  da
Bülow  noch  auf  den  Anschluß  der  Nordseeküste  hoffte;  überdies,  schrieb
der  Minister  (28.  März  1843),  hat  Preußen  schon  durchgesetzt,  daß  England
  die  Vorhäfen  im  wesentlichen  wie  die  Zollvereinshäfen  behandelt,
„es  ist  hierdurch  ein  Teil  gewonnen  (und  wir  glauben  so  viel  als  das
Bedürfnis  erfordert)  von  demjenigen,  was  der  vorgeschlagene  deutsche
Schiffahrtsbund  bezweckt.““*)

Einige  Jahre  nachher  (1845)  nahm  Rönne,  der  in  immer  neuen
Entwürfen  schwelgte,  den  also  gescheiterten  Plan  wieder  auf  und  verband
damit  den  Vorschlag  eines  Differenzialzoll-Systems,  wie  es  Arnim  in  seinem
Testamente  empfohlen  hatte.  Eine  Denkschrift  des  preußischen  Handelsamts
  verlangte,  daß  die  deutschen  Küstenstaaten  zu  einem  Schiffahrtsbunde
  zusammenträten,  um  die  deutsche  Schiffahrt  zu  begünstigen,  das

 

*)  Canitzs  Berichte,  März  1843.
*“)  Bülow,  Weisung  an  Canitz,  28.  März  1843.
        <pb n="493" />
        Deutscher  Schiffahrtsbund.  485

Ausland  durch  kräftige  Retorsionen  zur  Milderung  seiner  Schiffahrts—
gesetze  zu  nötigen  und  also  die  allgemeine  Handelsfreiheit  vorzubereiten.
Freudig  ging  König  Friedrich  Wilhelm  auf  Rönnes  Vorschläge  ein;  sein
allezeit  begeisterter  Bunsen  meinte  schon,  dieser  Schiffahrtsbund  würde  die
Briten  zur  Aufhebung  der  Navigations-Akte  zwingen.)  Inden  Hansestädten
vertrat  der  Bremische  Senator  Duckwitz  die  patriotischen  Gedanken  mit
schönem  Eifer;  auch  durch  eine  veröffentlichte  Denkschrift  verteidigte  er
Rönnes  Pläne.  Obgleich  er  selbst  weiter  blickte  als  seine  Mitbürger,  so
konnte  er  sich  doch  nicht  verbergen,  daß  die  Hansen  dem  Zollvereine  so
bald  nicht  beitreten  würden,  und  schrieb  also  an  List  beschwichtigend:
die  Schiffahrtssache  sei  viel  wichtiger  als  „der  elende  Hader  über  Zollanschluß“.
  Auf  diesen  elenden  Zollanschluß  kam  aber  schlechterdings  alles
an;  denn  solange  die  Nordseeküste  sich  der  nationalen  Zollgemeinschaft
versagte,  schwebte  der  Schiffahrtsbund  in  der  Luft.  Mit  vollem  Rechte
erwiderten  Kühne,  Beuth  und  die  anderen  erfahrenen  Geschäftsmänner
des  Finanzministeriums:  ein  solcher  Bund  könnte  höchstens  die  deutschen
Schiffe  einander  gleichstellen,  nicht  aber  ihre  Ladungen,  und  dies  sei  doch
das  Wesentliche.  Zudem  hatte  der  Zollverein  bisher  alle  Unterscheidungszölle
  verschmäht;  der  Gefahr  feindseliger  Retorsionen,  welche  ein  Differenzialzoll--System
  immer  in  sich  birgt,  konnte  er  sich  doch  nur  aussetzen,
wenn  die  Vorhäfen  ihm  wirklich  gehorchten.

Trotz  dieser  augenfälligen  Bedenken  verfolgte  Rönne  seine  Pläne  weiter;
der  Zwiespalt  in  der  Leitung  der  preußischen  Handelspolitik  zeigte  sich  grell.
Im  Jahre  1847  verhandelte  Geh.  Rat  v.  Patow  deshalb  zu  Bremen  mit
Duckwitz  und  jenem  Hannoveraner  Witte,  den  man  erst  kürzlich  wegen  grober
Feindseligkeit  aus  Berlin  hatte  ausweisen  müssen.  Er  versicherte  mit  warmen
Worten,  sein  König  wünschte  durch  den  Schiffahrtsbund  „das  Prinzip
der  deutschen  Einheit  “  zu  sichern.  Doch  mit  löblicher  Gesinnung  allein
ließ  sich  die  harte  Geschäftssache  nicht  bewältigen,  schließlich  scheiterte  alles
an  dem  entschiedenen  Widerspruche  Hamburgs.  Die  Senatoren  Kirchenpauer
  und  Geffcken  entwarfen  eine  gründliche  Denkschrift  über  „das  Differenzialzoll-System“,
  die  alsbald  gedruckt  und  von  der  Freihandelspartei  mit
Jubel  begrüßt  wurde.  Siegreich  in  der  Kritik,  wies  sie  nach,  daß  Hamburgs
  Zwischenhandel,  wie  er  war,  Unterscheidungszölle  in  der  Tat  nicht
ertragen  konnte.  Irgend  einen  Gegenvorschlag  zum  Schutze  der  deutschen
Schiffahrt  boten  die  Hamburger  freilich  nicht,  denn  nach  ihrer  Meinung
war  die  schimpfliche  Anarchie  an  unserer  Nordseeküste  ein  beneidenswerter
Zustand  des  „Freihandels“;  und  frohlockend  verkündete  Prince  Smith  im
Berliner  Freihandelsvereine,  daß  wieder  einmal  nichts  zu  stande  gekommen
  war.

Mittlerweile  hatte  die  preußische  Regierung  in  London  sehr  nachdrück- 



*)  Bunsens  Berichte,  31.  Juli  1846,  11.  Aug.  1847  ff.
        <pb n="494" />
        486  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

lich  ähnliche  Vergünstigungen,  wie  sie  Hannover  durch  seinen  Sonder—
vertrag  erlangt,  auch  für  den  Zollverein  gefordert;  sie  verlangte,  daß
England  alle  Fahrten  deutscher  Schiffe  in  der  gesamten  Nord-  und
Ostsee  als  direkte  Fahrten  behandeln  solle.  Die  Briten  weigerten  sich,
denn  inzwischen  war  Gladstone,  der  geschworene  Feind  Deutschlands  in
das  Kabinett  eingetreten.  Da  kündigte  der  Berliner  Hof  (1847)  den  Ver—
trag  von  1841,  der  einst  die  Süddeutschen  so  sehr  erbittert  hatte,  und
bewies  damit  abermals,  daß  er  wirklich  nicht  gemeint  war,  sich  von
England  ins  Schlepptau  nehmen  zu  lassen.  Diese  Kündigung  erregte
in  Downingstreet  heftigen  Unwillen,  und  doch  trug  sie  dazu  bei,  daß
endlich  ein  Entschluß  zur  Reife  kam,  der  ohnehin  schon  längst  in  dem
neuen  Whig-Kabinett  erwogen  wurde.  Seit  dem  Beginne  der  Freihandelspolitik
  ließ  sich  Cromwells  Werk,  die  Navigationsakte  kaum  noch  halten;
die  übermächtige  englische  Handelsflotte  bedurfte  auch  nicht  mehr  dieser
Stütze,  die  ihr  volle  zweihundert  Jahre  hindurch  so  große  Dienste  erwiesen
  hatte.  Um  Weihnachten  1847  ward  der  Ministerrat  einig;  die
Thronrede  kündigte  dem  Parlamente  an,  daß  die  Navigationsakte  demnächst
fallen  solle.  Die  deutsche  Schiffahrt  durfte  also  in  naher  Zukunft  eine
lange  gewünschte  Erleichterung  erwarten.

Ungeschreckt  durch  das  Mißlingen  seines  Schiffahrtsbundes,  brachte
der  unermüdliche  Duckwitz  doch  noch  ein  für  die  deutsche  Schiffahrt  folgenreiches
  Unternehmen  zu  stande.  Wie  kläglich  lag  unsere  Ausfuhr  noch
danieder:  als  der  unternehmende  Fritz  Harkort  seinen  Dampfer  „Rhein“
geradeswegs  von  Köln  nach  London  zu  senden  wagte  (1837),  da  mußte  er
das  Schiff,  damit  es  nur  die  See  halten  konnte,  mit  Pflastersteinen  füllen.
Und  was  für  lächerliche  Kämpfe  hatte  Duckwitz  vor  wenigen  Jahren  erst
gegen  die  bösen  Welfischen  Nachbarn  führen  müssen.  Damals  beabsichtigte
er,  auf  der  oberen  Weser  bis  nach  Hameln  hinauf  eine  Dampfschiffahrt
einzurichten;  daß  dies  möglich  war,  hatte  Harkort  durch  eine  kühne  Probefahrt
  schon  bewiesen.  Alle  die  landesüblichen  kleinen  Bedenken  und  Hindernisse
  waren  endlich  beseitigt;  bei  Liebenau  aber,  auf  hannoverschem  Gebiete
  lagen  mitten  im  Strombett  einige  Felsblöcke,  die  den  Fluß  für  die
gewöhnliche  Fahrt  der  Dampfschiffe  sperrten.  Diese  Liebenauer  Steine  zu
sprengen,  hielt  die  hannoversche  Regierung  für  unmöglich;  sie  wollte  auch
an  das  aussichtslose  Wagnis  kein  Geld  verschwenden,  weil  der  Flußverkehr
  der  Zollkasse  weniger  einbrachte  als  die  Frachtfuhren  auf  den  Landstraßen.
  Da  erschien  eines  Tages  bei  Duckwitz  einer  von  Harkorts  Fahrtgenossen,
  der  Schiffer  Rolff  aus  Preußisch-Minden  und  erklärte  dreist:
„wenn  Sie  mir  250  Taler  versprechen,  so  schaffe  ich  die  Liebenauer
Steine  weg.“  Er  empfing  die  Zusage  und  erwirkte  sich  auch  die  Erlaubnis
des  hannoverschen  Amtmannes,  der  den  tapferen  Preußen  für  einen  tolldreisten
  Narren  hielt.  Nach  einigen  Wochen  kam  er  wieder  nach  Bremen
und  meldete:  „die  Liebenauer  Steine  liegen  hier  im  Hafen!“  So  ward
        <pb n="495" />
        Transatlantische  Dampfschiffahrt.  487

die  obere  Weser  befreit  —  für  250  Taler  —  und  die  Dampfschiffahrt
konnte  beginnen.  Der  welfische  Hof  aber  verwand  es  nicht,  daß  ihm  die
Berechnungen  seiner  Handelspolitik  so  freventlich  gestört  wurden,  und  ließ
gegen  Rolff  wegen  verbotener  Steine-Ausfuhr  ein  Strafverfahren  einleiten,
  das  erst  nach  längerer  Zeit  wieder  eingestellt  wurde.

Diese  Händel  waren  kaum  beendet,  da  wagte  Duckwitz  schon,  an  eine
transatlantische  Dampfschiffahrt  zu  denken.  Bisher  war  erst  eine  Dampferlinie
  nach  Nordamerika  in  regelmäßigem  Betriebe,  die  von  der  englischen
Regierung  reichlich  unterstützte  Cunard-Linie  zwischen  Liverpool  und  Neuhyork.
  Die  schwachen  Maschinen  der  Dampfer  arbeiteten  freilich  noch
so  unsicher,  daß  viele  Postverwaltungen  vorzogen,  bei  günstigem  Passatwinde
  rasche  Segler  zu  benutzen;  denn  gerade  in  diesen  Jahren  erreichte
die  Segelschiffahrt  ihren  Höhepunkt,  es  war  die  Zeit  der  gerühmten  amerikanischen
  Klipper.  Als  nunmehr  die  Vereinigten  Staaten  den  Plan  faßten,
eine  Dampferlinie  nach  dem  Festlande  Europas  einzurichten  und  zu  unterstützen,
  da  bewirkte  der  Konsul  Man,  angeregt  durch  Duckwitz  und  andere
Bremer  Kaufßfherren,  daß  die  Weserstadt  zum  Zielpunkte  dieser  Linie  gewählt
  wurde.  Die  Union  verständigte  sich  darauf  mit  den  deutschen
Staaten,  obgleich  England  kräftig  entgegenzuwirken  suchte.  Zwei  Dampfer,
Washington  und  Hermann  wurden  ausgerüstet;  Amerika  zahlte  100  000
Dollars  Unterstützung  für  jedes  Schiff,  Deutschland  insgesamt  286  000,
davon  Preußen  und  Bremen  je  100  000  Dollars.  Und  wie  reiche  Zinsen
trug  dies  Opfer,  das  die  radikalen  Freihändler  für  Verschwendung  erklärten.
  Der  regelmäßige  Verkehr  rief  ganz  von  selbst  neue  Geschäftsverbindungen
  hervor;  alle  deutschen  Postverwaltungen  bedienten  sich  der  Bremischen
  Dampfer,  so  daß  sich  hier  zuerst  der  Keim  eines  gesamtdeutschen
Postwesens  zeigte;  und  binnen  acht  Jahren  stieg  der  Wert,  der  über
Bremen  nach  Nordamerika  ausgeführten  Industriewaren  von  3,3  auf
16  Mill.  Tlr.  Es  war  der  bescheidene  Anfang  einer  gewaltigen  Entwickelung,
  die  schließlich  dahin  führte,  daß  Deutschlands  überseeischer
Handel  größer  wurde  als  sein  Handel  mit  dem  europäischen  Ausland.

Und  wie  viele  andere  Unterlassungssünden  noch,  die  man  in  der
langen  Zeit  binnenländischer  Verstockung  kaum  bemerkt  hatte,  erschienen
jetzt  als  eine  nationale  Schmach;  die  Deutschen  besannen  sich  wieder  auf
sich  selber  und  gedachten  ihrer  alten  Seeherrschaft.  Die  Publizisten,  List
voran,  forderten  ungeduldig  eine  deutsche  Flagge;  mit  vollem  Rechte,  denn
die  Ausländer  wußten  kaum,  daß  es  ein  Deutschland  gebe,  und  sogar
unsere  Seeleute,  die  sich  mit  den  besten  der  Welt  kühnlich  messen  durften,
standen  draußen  doch  in  geringem  Ansehen,  zumal  da  sie,  nach  dem  bescheidenen
  alten  deutschen  Brauche,  nur  halb  so  hohen  Lohn  empfingen
wie  dic  englischen.  Ebenso  lebhaft  wurde  die  Einsetzung  deutscher  Konsuln
verlangt;  Preußen  besaß  ihrer  zwar  schon  230,  doch  fast  durchweg  nur  kaufmännische
  Wahl-Konsuln,  und  sie  durften  andere  Deutsche  nicht  vertreten.
        <pb n="496" />
        488  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschast.

Am  lautesten  aber  erklang  der  Ruf  nach  einer  deutschen  Kriegs—
flotte.  Vor  einem  Menschenalter  noch  hatte  es  jedermann  ganz  in  der
Ordnung  gefunden,  daß  Preußen  die  in  Antwerpen  erbeuteten  französischen
Kriegsschiffe,  als  unnütz  für  Deutschland,  einfach  den  Engländern  schenkte;
dann  waren  am  Bundestage  einmal  einige  verlorene  Worte  gefallen  über
die  Ausrüstung  deutscher  Kriegsschiffe  gegen  die  Barbaresken.“)  Jetzt  end—
lich,  seit  der  Zollverein  das  nationale  Selbstgefühl  gekräftigt  hatte,  er—
kannten  die  Deutschen  mit  Scham,  welche  lächerliche  Rolle  ihre  waffen—
gewaltige  Landmacht  auf  den  Meeren  spielte.  Leider  waren  die  Verhält—
nisse  den  patriotischen  Flottenplänen  sehr  ungünstig.  Die  Hansen,  die  auch
in  ihren  überseeischen  Kommanditen  mit  den  Zollvereinsfirmen  sehr
schlechte  Nachbarschaft  hielten,  hatten  sich  durch  kaufmännisches  Geschick
eine  leidliche  Stellung  in  den  meisten  Staaten  des  Auslands  gesichert,  und
da  sie  noch  ganz  in  den  überlieferungen  der  alten  unwürdigen  Neutra—
litätspolitik  befangen  waren,  so  fühlten  sie  gar  nicht,  daß  sie  doch  nur
von  der  Gnade  der  Fremden  lebten.  Der  Kaufmannsgeist  ertötete  den
nationalen  Stolz;  an  der  Hamburger  Börse  bezweifelte  niemand,  daß  eine
deutsche  Kriegsflotte  den  friedsamen  Handel  der  Hansen  nur  stören  könne.
Dem  preußischen  Staate  aber  war  der  Sinn  für  den  Wert  der  Seemacht
allmählich  ganz  abhanden  gekommen,  da  er  seine  kriegerische  Kraft  zu
Lande,  um  Deutschlands  willen,  so  übermäßig  anspannen  mußte.

Das  Wasser  ist  bekanntlich  nicht  unser  Element  —  so  sagte  ein  tüch—
tiger  Offizier  in  einer  Denkschrift  über  die  Flottenfrage.  Mit  Neuvor—
pommern  hatte  Preußen  auch  einige  schwedische  Ruderschaluppen  im
Strelasunde  übernommen;  dazu  noch  zwei  leibhaftige  Seeoffiziere,  die  auf
der  Berliner  Parade  manchmal  als  ergötzliche  Wundertiere  Aufsehen  er—
regten.  Unter  dem  alten  Könige  wurde  der  Plan  einer  Küstenflotte  oft  und
gründlich  erwogen,  die  Sparsamkeit  der  Minister  vereitelte  jedoch  alle
Hoffnungen.  Der  neue  Monarch  hatte  als  Kronprinz  lange  das  pommersche
Armeekorps  befehligt  und  in  Stettin  den  alten  Oberpräsidenten  Sack  oft
beweisen  hören,  daß  sein  Pommern  nicht  bloß  des  Küstenschutzes,  sondern
einer  starken,  die  Ostsee  beherrschenden  preußischen  Flotte  bedürfe.  Sacks
Lehren  fielen  auf  fruchtbaren  Boden;  Friedrich  Wilhelm  wurde  seit  dem
großen  Kurfürsten  der  erste  Hohenzollersche  Herrscher,  der  wieder  ein
Verständnis  für  die  See  zeigte.  Freilich  bloß  das  Verständnis  des  geistreichen
  Dilettanten.

Zur  Zeit  lebte  in  Preußen  nur  ein  einziger  vornehmer  Mann,
der  das  Seewesen  in  großem  Sinne  und  mit  dem  Ernst  des  Fachmanns
betrachtete:  Prinz  Adalbert,  der  General-Inspekteur  der  Artillerie.  Wie
oft  entscheiden  Jugendeindrücke  über  ein  ganzes  Leben.  Als  Prinz  Adalbert
  zu  Fischbach  am  Fuße  des  Riesengebirges,  unter  den  Augen  seiner

 

*)  S.  v.  II.  175.
        <pb n="497" />
        Prinz  Adalbert.  Amazone.  489

Eltern,  des  Prinzen  Wilhelm  und  der  frommen  Prinzessin  Marianne
heranwuchs,  da  erzählte  ihm  ein  Spielgefährte,  Graf  v.  d.  Gröben  oft—
mals  von  den  Taten  seines  Ahnherrn,  des  afrikanischen  Helden  der
Kurbrandenburger;  auch  der  befreundete  Nachbar  Feldmarschall  Gneisenau
sprach  gern  von  seinen  amerikanischen  Wanderfahrten.  Seitdem  träumte
der  feurige  wagelustige  Prinz  von  der  weiten  Ferne.  Dann  unternahm  er
große  Seereisen,  als  Gast  an  Bord  englischer,  russischer,  sardinischer  Kriegs—
schiffe,  und  lebte  sich  in  den  Beruf  des  Seemanns  ein.  Er  lernte  die  Welt
kennen  und  begriff,  wie  eng  das  binnenländische  Leben  seiner  Heimat  war.
Für  ein  wachsendes  Volk  —  so  wiederholte  er  oft  —  kein  Wohlstand  ohne
Ausbreitung,  keine  Ausbreitung  ohne  überseeische  Politik,  keine  überseeische
Politik  ohne  Flotte.  Von  Halbheiten  wollte  er  jedoch  nichts  wissen;  viel—
mehr  sagte  er  voraus,  daß  eine  kleine  Flotte  den  großen  Seestaaten  wie
eine  aufreizende  Anmaßung  erscheinen  würde;  wolle  man  den  kühnen
Wurf  wagen,  dann  müsse  Deutschlands  Seemacht  bald  stark  genug  werden,
um  sich  zur  Schlacht  auf  die  hohe  See  hinauszuwagen.  Solchen  Plänen
seines  jugendlichen  Vetters  hörte  der  König  gern  zu,  aber  die  Bedenken
der  Minister  vermochte  er  nicht  zu  besiegen.  Zunächst  befahl  er  nur  (1842)
den  Bau  des  ersten  königlich  preußischen  Kriegsschiffs,  der  Korvette  Ama—
zone,  die  befehligt  von  dem  dänischen  Kapitän  Dirckinck-Holmfeld,  zur  Ein—
übung  der  Navigationsschüler  häufig  die  Ostsee,  zuweilen  auch  den  Ozean
befuhr.  Dies  war,  außer  einigen  königlichen  Postdampfern  in  der  Ostsee,
vorläufig  alles,  was  den  Namen  einer  deutschen  Marine  verdiente;  denn
jedermann  wußte,  daß  Osterreichs  Flotte,  die  Erbin  Venedigs  den  Zwecken
deutscher  Politik  niemals  dienen  konnte.  Sehnsüchtig  wiederholten  die
Patrioten  die  Klage  aus  Freiligraths  „Flottenträumen“:

Sprach  irgendwo  in  Deutschland  eine  Tanne:

O  könnt'  ich  hoch  als  deutscher  Kriegsmast  ragen!

O  könnt'  ich  stolz  die  junge  Flotte  tragen

Des  ein'gen  Deutschlands  in  der  Nordsee  Banne!  —

Wie  dringend  Deutschland  einer  Seemacht  bedurfte,  das  ward  gerade
jetzt  sehr  schmerzlich  empfunden,  da  die  anhaltende  Auswanderung,  die
dem  Vaterlande  so  ganz  verloren  ging,  in  weiten  Kreisen  das  Verlangen
nach  deutschen  Kolonien  erweckte.  Bunsen  sprach  darüber  oft  mit  seinen
englischen  Freunden.  Unermüdlich  ließ  er  seine  politischen  Seifenblasen
in  die  geduldige  Luft  steigen,  Peel  und  Aberdeen  standen  freundlich  lächelnd
dabei,  hielten  ihm  das  Seifenbecken  und  schlugen  den  Schaum.  Sobald
sich  das  Gerücht  von  einer  deutschen  Nationalflagge  verbreitete,  sagte  Aber—
deen  zärtlich:  das  ist  ein  ausgezeichneter  Gedanke;  Englands  Interesse
verlangt,  daß  sich  zwischen  der  britischen  und  der  französischen  Marine
einige  Zwischen-Seemächte  (des  marines  intermédiaires)  bilden.*)  Als
Bunsen  aber  den  leitenden  Minister  unschuldig  fragte,  ob  England  eine

*)  Bunsens  Bericht,  20.  Juni  1843.
        <pb n="498" />
        490  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

seiner  Kolonien  an  Deutschland  abtreten  könne,  um  den  Gefahren  unserer
Übervölkerung  abzuhelfen,  da  erwiderte  Peel:  das  ließe  sich  schwer  ausführen;
  warum  wolle  Deutschland  nicht  lieber  Puerto  Rico  erwerben?
Diese  Insel  war  freilich  viel  zu  klein,  ihr  tropisches  Klima  auch  für  starke
europäische  Ansiedlungen  ganz  ungeeignet;  sie  besaß  jedoch  den  großen
Vorzug,  daß  sie  der  Krone  Spanien  gehörte,  die  englische  Großmut  konnte
sie  mithin  ohne  schmerzliche  Unkosten  den  Deutschen  anbieten.

Aus  diesem  Gewoge  nebelhafter  Entwürfe  tauchte  doch  einmal  ein  Plan
auf,  der  nicht  völlig  aussichtslos  schien.  Kalifornien,  das  wüste  Land  an
der  Südsee,  dessen  Goldschätze  damals  noch  niemand  ahnte,  war  zur  Zeit
fast  herrenlos,  die  bankrotte  Republik  Mexiko  schien  nicht  abgeneigt,  das
wertlose  Besitztum  für  mäßigen  Preis  zu  veräußern.  Was  konnte  den
ideenreichen  Köpfen  Rönnes  und  Bunsens  willkommener  sein?  Beide  hofften
  dies  kalifornische  Land  für  Preußen  zu  erwerben  und  in  der  Bai  von
San  Francisco  einen  großen  Freihafen  zu  gründen.  Aberdeen  zeigte  sich
wieder  sehr  großmütig;  er  stimmte  fröhlich  zu  und  fragte,  ob  Preußen
nicht  gleich  weiter  nördlich  ausgreifen  und  das  Gebiet  von  Oregon  dazu  erwerben
  wolle.  Allerdings  mußte  Bunsen  wissen,  daß  die  Vereinigten
Staaten,  nach  der  Monroe-Doktrin,  eine  europäische  Kolonie  auf  ihrem
Kontinente  nicht  dulden  würden;  er  erfuhr  sogar  aus  dem  eigenen  Munde
des  amerikanischen  Staatssekretärs  Mac  Lane,  daß  die  Unions-Regierung
ernstlich  beabsichtigte,  die  Wirren  in  Mittelamerika  zu  benutzen,  um  ihr
eigenes  Gebiet  bis  zur  Meerenge  von  Panama  auszudehnen.  Trotzdem  war
die  Erwerbung  Kaliforniens  nicht  ganz  undenkbar,  wenn  Preußen  sich  insgeheim
  mit  Mexiko  verständigte  und  —  seine  Kolonie  durch  eine  Seemacht
beschützte!  Auch  dafür  wußte  Bunsen  Rat;  wann  wäre  er  je  um  einen  Einfall
  verlegen  gewesen?  Dänemark,  der  Todfeind  der  alten  Hansa,  der  Unterdrücker
  des  Deutschtums  in  Schleswig,  war  doch  Mitglied  des  Deutschen
Bundes  und  konnte  die  Kosten  seiner  Flotte  nur  schwer  erschwingen.  Weshalb
  sollte  also  der  Dänenkönig  nicht  Großadmiral  der  neuen  Hansa,  des
Zollvereins  werden  und  als  solcher  die  preußische  Kolonie  Kalifornien  mit
seinem  Danebrog  verteidigen?  Dann  genügten  ein  oder  zwei  preußische
Bataillone,  um  das  Land  im  Innern  zu  sichern.  Diese  Vorschläge  entwickelte
  der  preußische  Gesandte  seinem  Amtsgenossen,  dem  Grafen  Reventlow,
  einem  eifrigen  Dänen,  der  insgeheim  den  englischen  Hof  für  die  Vernichtung
  der  Selbständigkeit  Schleswigholsteins  zu  gewinnen  suchte,  doch
mit  Bunsen  nahe  befreundet  war  und  auch  jetzt  die  zärtlichen  Worte  nicht
sparte.  Das  Auswärtige  Amt  aber  konnte  nicht  umhin,  die  Berichte  des
erfindungsreichen  Diplomaten  am  Rande  mit  einigen  großen  Fragezeichen
zu  schmücken,  und  Bunsen  fühlte  sich  tief  bekümmert,  als  seine  Ideen
von  dem  natürlichen  Tode  aller  Seifenblasen  ereilt  wurden.“)

 

*)  Bunsens  Berichte,  25.  Aug.  1842,  30.  Juli  1844,  5.  März  1845,  18.  Aug.  1846.
        <pb n="499" />
        Kolonien.  Auswanderung.  491

Auf  solche  Torheiten  verfielen  deutsche  Diplomaten,  weil  sie  ohne
Flotte  überseeische  Politik  treiben  wollten;  die  Warnungen  des  Prinzen
Adalbert  bestätigten  sich  nur  zu  sehr.  Auch  der  Hamburger  Sieveking
konnte  gegen  Englands  Widerspruch  nichts  ausrichten,  als  er  die  neusee—
ländischen  Chatham-Inseln  für  Deutschland  zu  erwerben  suchte.  Zudem
hatte  sich  das  öffentliche  Urteil  über  die  Bedeutung  kolonialen  Besitzes
noch  keineswegs  geklärt.  Sehr  tüchtige  deutsche  Männer  hielten  das  Zeit—
alter  der  Kolonialpolitik  für  überwunden  und  abgetan,  derweil  England
fortfuhr,  Jahr  für  Jahr  neue  zukunftsreiche  Pflanzungsländer  in  allen
Weltteilen  zu  erwerben;  sie  machten  aus  der  Not  eine  Tugend  und  priesen
Deutschland  glücklich  wegen  der  binnenländischen  Beschränktheit  seines  po—
litischen  Lebens.  Selbst  der  beredte  Verteidiger  der  nationalen  Handels—
politik  Heinrich  v.  Arnim  behauptete:  der  Zollverein  könne  eben  deswegen
günstige  Handelsverträge  schließen,  weil  er  glücklicherweise  keine  Kolonien
besitze.  Seit  dem  Abfall  der  Union  und  des  spanischen  Amerikas  galt
es  im  Lager  der  radikalen  Freihändler  für  ausgemacht,  daß  jede  zur  Reife
gelangte  Kolonie  sich  unfehlbar  von  dem  Mutterlande  losreißen  müsse.
Man  bemerkte  nicht,  daß  jene  beiden  großen  Revolutionen  durch  ganz  eigenartige
  historische  Verhältnisse  bedingt  waren  und  sich  nicht  notwendig
überall  wiederholen  mußten;  man  bemerkte  noch  weniger,  wie  Großes
England  und  Spanien,  trotz  des  politischen  Abfalls  ihrer  Kolonien,  durch
die  weite  Verbreitung  ihrer  Nationalität,  ihrer  Sprache  und  Sitte  in
der  Welt  gewonnen  hatten.  Der  Erdkreis  war  jetzt  aufgedeckt,  eine  neue  barbarische
  Völkerwanderung  nicht  mehr  zu  befürchten;  die  Massenaristokratie
der  Europäer  begann  sich  in  die  Herrschaft  der  überseeischen  Welt  zu  teilen,
und  an  diesem  ungeheueren  Kampfe,  welcher  die  zweite  Hälfte  des  Jahrhunderts
  füllte,  nahmen  die  Deutschen  nur  einen  sehr  bescheidenen  Anteil.

Die  Auswanderung,  die  ihren  Weg  noch  immer  fast  ausschließlich  nach
Nordamerika  nahm,  verdreifachte  sich  in  kurzer  Zeit,  sie  wuchs  in  den  Jahren
1840—47  von  34  000  auf  110  000  Köpfe.  Auch  Preußen,  das  sich  bisher
durch  seine  freie  soziale  Gesetzgebung  leidlich  geschützt  hatte,  blieb  von  der
Bewegung  nicht  mehr  unberührt;  im  Jahre  1846  wanderten  mehr  denn
16  000  Preußen  aus,  die  Mehrzahl  aus  den  winzigen  Landgütern  des
dichtbevölkerten  Regierungsbezirks  Trier.  Da  die  Demagogenverfolgung
vorläufig  aufgehört  hatte,  so  befanden  sich  jetzt  unter  den  Ausziehenden  nur
wenige  gebildete  Männer;  alle  anderen  überragte  der  Thüringer  J.  A.  Röbling,
  ein  genialer  Ingenieur,  der  durch  seine  Drahtseilbahnen  und  Hängebrücken
  bekannt,  nachher  durch  die  Überbrückung  des  Niagara  und  des
East  River  weltberühmt  wurde.  Die  kleinen  Leute  aus  den  süddeutschen
Dörfern,  die  den  Stamm  der  Auswanderer  bildeten,  mußten  schon  auf
der  Überfahrt  viel  leiden,  weil  die  elenden  Segelschiffe  in  den  Hansestädten
  keiner  strengen  Aufsicht  unterlagen.  Drüben  verschwanden  sie
meist  sehr  schnell  in  dem  übermächtigen  fremden  Volkstum;  die  Turn-
        <pb n="500" />
        192  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

und  Gesangvereine,  in  denen  sie  noch  ihre  vaterländischen  Erinnerungen
pflegten,  bedeuteten  für  die  Politik  gar  nichts.  Gerade  in  diesen  Jahren
zeigten  die  Yankees  den  deutschen  Einwanderern  fast  nur  Hohn  und
Verachtung.

In  Deutschland  war  man  noch  fast  ratlos.  Einige  Redner  in  den
süddeutschen  Kammern  empfahlen  zwar  die  Auswanderung  als  letztes
Heilmittel  wider  die  angeblich  drohende  Übervölkerung.  Mehrere  bedrängte
  Gemeinden  in  Sachsen,  Hessen,  Baden  gaben  ihren  Armen  sogar
Reisegeld  und  Wegzehrung  für  die  Fahrt  nach  dem  gelobten  Westen.  Die
Regierungen  aber  erkannten,  welchen  unersetzlichen  Verlust  das  Vaterland
durch  die  Auswanderung  erlitt,  und  Minister  Bodelschwingh  sagte  geradezu:
  wir  dürfen  dies  nationale  Unglück  mindestens  nicht  fördern.
Andererseits  fühlten  sie  alle,  daß  sie  den  unbändigen  Wandertrieb  nicht
hemmen,  höchstens  die  Agenten,  deren  verlockende  Anzeigen  schon  in  jedem
Dorfwirtshause  Süd=  und  Mitteldeutschlands  aushingen,  schärfer  beaufsichtigen
  konnten.  Was  sollte  nun  geschehen,  um  die  Auswanderer  zu
beschützen  und  dem  alten  Volkstum  zu  erhalten?  Eichhorn  suchte  die
Frage  in  einer  geistvollen  Denkschrift  zu  beantworten  (Febr.  1845).  Der
gewiegte  Zollvereinspolitiker  sah  wohl  ein,  daß  Deutschland  ohne  Seemacht
  keine  eigenen  Kolonien  erwerben  konnte;  trotzdem  hoffte  er,  „die
Auswanderung  dem  Vaterlande  wieder  nutzbar  zu  machen“,  wenn  sie,
durch  die  preußischen  Konsuln  geleitet,  sich  in  zusammenhängenden  Massen
ansiedelte  und  dann  Kirche  und  Schule,  unter  Beihilfe  des  Mutterlandes,
für  die  Erhaltung  deutscher  Sprache  und  Sitte  wirkten.  Selbst  diese
anspruchslosen  Vorschläge  schienen  dem  Auswärtigen  Amte  gefährlich,  und
leider  waren  seine  Bedenken  nicht  ohne  Grund.  Niemand  kann  zwei
Vaterländer  haben,  und  es  frommte  wahrlich  nicht,  den  Deutschen,  die
schon  daheim  in  so  unklaren  politischen  Verhältnissen  lebten,  den  Ernst
des  Staatsgedankens  noch  mehr  zu  verdunkeln.  Jede  Nationalität  wird
zum  Zwitter,  wenn  sie  sich  von  ihrem  Staate  löst;  über  die  abtrünnigen
Söhne  des  Vaterlandes,  die  freiwillig  amerikanische  Bürger  wurden,
durfte  Preußen  keinerlei  Schutzrecht  ausüben,  sobald  die  Unionsregierung,
wie  sich  leicht  voraussehen  ließ,  Einspruch  erhob.

Verwandte  Gedanken  regten  sich  unter  den  Auswanderern  selbst.
In  Texas  entstand  ein  freimaurerischer  Orden  Teutonia,  der  seine  Mitglieder
  zur  Wahrung  der  nationalen  Eigenart  verpflichtete.  Ein  höheres
Ziel  setzte  sich  der  „Verein  zum  Schutze  der  deutschen  Einwanderung  in
Texas“;  er  hoffte  eine  selbständige  Kolonie,  vielleicht  gar  einen  deutschen
Staat  zu  gründen,  weil  Texas,  von  Mexiko  losgerissen,  noch  nicht  zu
fester  politischer  Ordnung  gelangt  war.  Die  Herzoge  von  Nassau,  Koburg,
  Meiningen,  der  Fürst  von  Rudolstadt,  der  Landgraf  von  Homburg
  sowie  neunzehn  Fürsten  und  Grafen  vom  mediatisierten  Reichsadel
gehörten  ihm  an;  Fürst  Leiningen,  der  vielgeschäftige  Stiefbruder  der
        <pb n="501" />
        Deutsche  Einwanderer  in  Texas.  493

Königin  Victoria  führte  den  Vorsitz.  Das  Vorbild  des  mildtätigen
Friedrich  Wilhelm  hatte  überall  im  hohen  Adel  philanthropischen  Eifer  er—
weckt;  man  schwärmte  für  die  Rettung  der  Notleidenden  und  suchte,  vor—
erst  noch  ohne  Erfolg,  die  Hilfe  des  frommen  Königs  zu  gewinnen.“)  Leider
ward  das  wohlgemeinte  Unternehmen  mit  der  ganzen  Leichtfertigkeit  geschäftsunkundiger
  vornehmer  Herren  eingeleitet;  das  Kapital  von  80  000
Dollars  genügte  nicht  von  ferne;  auch  die  politische  Berechnung  erwies
sich  als  falsch,  da  Texas  schon  1845  in  die  Union  eintrat.  Prinz  Karl
von  Solms-Braunfels,  ein  phantastischer,  gutmütig  prahlerischer  junger
Mann  zog  selbst  hinüber,  er  gründete  die  Stadt  Neu-Braunfels  und  eine
Ortschaft  Sophienburg,  nach  dem  Namen  einer  deutschen  Fürstin,  die  er
glühend  verehrte;  doch  lange  hielt  er  nicht  bei  der  Stange  aus.  Von
den  5000  Auswanderern,  die  der  Fürstenverein  in  den  Jahren  1845  und
1846  nach  Texas  führte,  gingen  mehr  denn  zwei  Drittel  elend  zu  Grunde;
die  1500,  welche  endlich,  unter  der  kräftigen  Führung  des  Generalkommissärs
  v.  Meusebach,  sich  selber  zu  helfen  lernten,  wurden  zu  deutsch-englischen
  Amerikanern,  wie  alle  die  anderen  deutschen  Einwanderer  in  der
Union.  Der  klägliche  Untergang  dieses  im  Jahre  1847  aufgelösten  Fürstenvereins
  war  ein  Unglück  auch  für  die  deutsche  Politik;  denn  die  Radikalen,
  die  im  stillen  überall  mit  wachsendem  Erfolge  arbeiteten,  bemächtigten
  sich  schadenfroh  der  traurigen  Vorfälle,  und  noch  in  den  Volksversammlungen
  des  Revolutionsjahres  sprachen  die  Demagogen  gern  von
den  Tausenden  wackerer  Plebejer,  die  an  der  Fieberküste  von  Texas  als
Opfer  fürstlichen  Leichtsinns  gefallen  waren.  Es  stand  nicht  anders:  solange
  Deutschland  keine  Reichsgewalt  besaß,  gingen  alle  seine  Auswanderer
dem  Staate,  die  meisten  auch  dem  Volkstum  der  Heimat  verloren.  —

 

Gewaltig  veränderte  sich  mittlerweile  das  volkswirtschaftliche  Leben
durch  den  fortschreitenden  Eisenbahnbau.  Die  Notwendigkeit  der  neuen
Erfindung  zeigte  sich  schon  jetzt  so  deutlich,  daß  der  Widerspruch  mehr
und  mehr  verstummte.  Unter  den  namhaften  Politikern  Europas  blieben
nur  noch  zwei  unversöhnliche  Widersacher:  der  Restaurator  der  Staatswissenschaft
  K.  L.  v.  Haller  und  der  Deutschrusse  Cancrin,  der  doch  nicht
hindern  konnte,  daß  schon  bei  seinen  Lebzeiten  einige  Bahnbauten  in  dem
Zarenreiche  begonnen  wurden.  Im  preußischen  Heere  fanden  die  skeptischen
Ansichten  des  Generals  Aster  nur  noch  wenig  Anklang.  H.  v.  Moltke,  der
jetzt  heimgekehrt  als  Major  im  Generalstabe  stand,  trat  sogar  in  den  Verwaltungsrat
  der  Berlin-Hamburger  Eisenbahn  und  beantwortete  in  einem
lichtvollen  Artikel  der  Deutschen  Vierteljahrsschrift  die  Frage:  „welche
Rücksichten  kommen  bei  der  Wahl  der  Richtung  von  Eisenbahnen  in  Be- 



*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  5.  Dez.  1843.
        <pb n="502" />
        494  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

tracht?“  Auch  andere  tüchtige  Offiziere  verlangten,  daß  die  Regierung
den  Bau  der  Eisenbahnen  nach  einem  durchdachten  Plane  leiten  müsse.“)
Da  der  König  schon  als  Kronprinz  ähnliche  Meinungen  gehegt  hatte,  so
wurden  im  Staatsministerium  (1842)  die  Grundzüge  eines  die  gesamte
Monarchie  umfassenden  Eisenbahnnetzes  festgestellt;  und  immer  wieder
drängte  sich  die  Erwägung  auf,  ob  man  nicht  kurzweg  Staatseisenbahnen
bauen  solle.

Die  Finanzen  erfreuten  sich  einer  beneidenswerten  Blüte;  das  blieb
immer  die  starke  Seite  der  Regierung  Friedrich  Wilhelms.  Die  Staatsschuld
  sank  bis  zum  Jahre  1847  auf  137  Mill.  Tlr.,  die  Staatsschuldscheine
  standen  sehr  hoch  im  Kurse.  Nach  der  glücklich  vollendeten  Einzichung
  der  fünfprozentigen  Papiere  wagte  man  jetzt  schon,  die  Verzinsung
von  4  auf  3½  Proz.,  noch  unter  den  landesüblichen  Zinsfuß,  herabzusetzen,
  obwohl  Graf  Alvensleben  in  gerechter  Besorgnis  warnte,  diese  Politik
  der  peinlichen  Zinsenersparnis  würde  die  Staatsgläubiger  sehr  hart
reffen  und  das  Privatkapital  vielleicht  zu  schwindelhaften  Unternehmungen
  verführen.“)  Zugleich  hob  sich  der  Ertrag  der  Domänen  in  den
Jahren  1833—48  von  4,2  auf  5,25  Mill.  Tlr.;  nach  der  knappsten  Berechnung
  empfing  der  Staat  aus  seinem  gesamten  Vermögen  eine  Rente
von  6,25  Mill.  jährlich,  während  er  nur  noch  eine  Zinsenlast  von  5  Mill.
trug.  Trotz  des  Steuererlasses  wuchs  auch  das  Einkommen  aus  den
Abgaben  beständig,  und  im  Jahre  1847  bezog  die  Monarchie  schon  eine
regelmäßige  Gesamteinnahme  von  mehr  denn  67  Mill.  Tlr.  Darum
wurden  Staatseisenbahnen,  wie  die  Beratungen  der  Vereinigten  Ausschüsse
  deutlich  erkennen  ließen,*)  in  weiten  Kreisen  für  unbedenklich
und  notwendig  gehalten.  Unmöglich  konnte  man  doch  behaupten,  daß
Privatbeamte  den  Eisenbahndienst,  der  nur  strenge  Ordnung  und  Ehrlichkeit
  verlangt,  besser  besorgen  sollten  als  das  bewährte  Staatsbeamtentum;
der  Stachel  des  freien  Wettbewerbs,  der  sonst  die  Privatunternehmungen
zu  großen  Leistungen  anspornt,  fiel  hier  hinweg,  da  die  Eisenbahnen
tatsächlich  ein  Monopol  besaßen.

Nach  alledem  begann  selbst  der  alte  Minister  Rother  sich  mit  dem
Gedanken  des  Staatsbaues  zu  befreunden.  Als  er  einige  Monate  nach
der  Entlassung  der  Vereinigten  Ausschüsse  dem  Ministerium  (21.  Febr.
1843)  eine  große  Denkschrift  „zur  Förderung  des  Eisenbahnbaues“  einreichte,
  da  sprach  er  offen  aus:  an  sich  sei  der  Staatsbau  wohl  vorzuziehen,
weil  der  Staat  ohnehin  schon  Herr  der  Straßen  sei,  weil  er  besser  verwalte
als  Aktiengesellschaften  und  bei  dem  günstigen  Stand  der  Staatsschuld
das  Wagnis  wohl  auf  sich  nehmen  könne.  Dem  gegenüber  aber  stand

*)  Generalmaior  v.  Röder  an  Thile,  12.  Mai  1841,  nebst  Denkschrift  des  Majors
Fischer  über  die  Eisenbahnlinien.
**)  Alvensleben  an  Thile  12.  März;  Voß  an  Thile,  13.  März  1842.
*?7)  S.  o.  V.  184  ff.
        <pb n="503" />
        Preußische  Eisenbahnpolitik.  Das  Aktiengesetz.  495

das  alte  unüberwindliche  staatsrechtliche  Bedenken:  ohne  Reichsstände
durfte  die  Krone  keine  Anleihen  aufnehmen,  auch  hatte  sie  den  Provinzialständen
  bereits  angekündigt,  daß  sie  für  jetzt  auf  Staatsbahnen  verzichte.
Deshalb  allein  empfahl  Rother  ein  vermittelndes  System,  das  offenbar
den  Übergang  zu  dem  Staatsbahnsystem  der  Zukunft  bilden  sollte.  Er
verlangte,  der  Staat  müsse  die  Hauptlinien  unter  seiner  Leitung  und  Aufsicht
  durch  Aktiengesellschaften  bauen  lassen,  und  ihnen  aus  seinen  regelmäßigen
  Einnahmen  2  Mill.  Tlr.  jährlich  zuschießen,  auch  nötigenfalls
eine  Verzinsung  von  3⅛½  Prozent  verbürgen,  die  Zinsen  seiner  eigenen
Aktien  aber  nebst  neuen  Überschüssen  in  einem  besonderen  Eisenbahnfonds
ansammeln,  um  späterhin,  nach  zwanzig  Jahren  etwa,  die  Bahnen  selbst
anzukaufen.  Also  erscheine  der  Staat  immer  nur  als  Gläubiger,  nie  als
Schuldner,  und  das  Staatsschuldengesetz  von  1820  bleibe  unverletzt.)  Obwohl
  diese  letzten  Sätze  sich  mit  guten  Rechtsgründen  anfechten  ließen,
und  mehrere  der  andern  Minister,  zumal  der  sparsame  Thile,  die  Pläne
des  klugen  alten  Herrn  allzu  kühn  fanden,  so  drang  er  doch  bei  dem  Monarchen
  durch.  Im  wesentlichen  nach  seinen  Vorschlägen  wurde  die  Eisenbahnpolitik
  während  der  nächsten  Jahre  gehandhabt.

Das  Privatkapital  in  den  mittleren  und  den  westlichen  Provinzen
zeigte  sich  gewagten  Unternehmungen  nur  zu  sehr  geneigt.  Jetzt  zum
ersten  Male  wurde  Berlin  von  dem  Fieber  wüsten  Aktienschwindels  ergriffen,
  das  seitdem  noch  so  oft  wiederkehren  sollte.  Das  böse  Beispiel  gab
England.  Da  die  Geschäftswelt  von  der  Überlegenheit  großer  Eisenbahnen
noch  nichts  ahnte,  so  drängten  sich  in  Großbritannien  die  Gründungen.
In  den  zwölf  Jahren  bis  1844  waren  dort  44  Eisenbahngesellschaften
entstanden,  in  dem  einen  Jahre  1845  bildeten  sich  118  neue;  geplant  waren
ihrer  noch  1263  mit  einem  angeblichen  Kapitale  von  562  Mill.  Lstrl.-)
und  es  bedurfte  noch  vieljähriger  schlimmer  Erfahrungen,  bis  sich  endlich
die  große  Nordostbahngesellschaft  aus  der  Verschmelzung  von  37  kleinen
Bahnen  bildete.  Vor  diesem  Übermaße  des  Schwindels  blieb  Preußen
freilich  bewahrt,  dank  seiner  Armut  und  der  strengeren  Staatsaufsicht.
Immerhin  ward  der  Tanz  um  das  goldene  Kalb  ganz  schamlos.  Männer
aus  allen  Ständen,  selbst  Offiziere  in  Uniform,  berühmte  Künstler  und
Gelehrte  drängten  sich  täglich  in  das  winklige  Börsengebäude  neben  dem
Dom,  um  mit  den  Aktien  aller  Länder  zu  schachern.  Da  wurden  durch
das  Gesetz  vom  24.  März  1844  alle  Zeitkäufe  über  inländische,  alle  Geschäfte
  über  ausländische  Aktienpromessen  plötzlich  verboten.  Das  von
Bodelschwingh  entworfene,  strenge,  aber  notwendige  Gesetz  wirkte  furchtbar,
weil  es  ganz  unvermutet  von  der  absoluten  Krone  ausging,  und  keinerlei
  ständische  Verhandlungen  die  Geschäftswelt  darauf  vorbereitet  hatten.

*)  Rother,  Promemoria  zur  Förderung  des  Eisenbahnbaues,  an  Thile  übersandt,
21.  Febr.  1843.
**)  Bunsens  Bericht,  18.  Nov.  1845.
        <pb n="504" />
        496  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Die  Folge  war,  daß  nach  schweren  Verlusten  das  Privatkapital  sich  scheu
zurückzog  und  alle  Börsen  über  Geldmangel  klagten.

Trotzdem  schritt  der  Bahnbau  vorwärts.  Bis  zum  Jahre  1847
wurden  in  Preußen  280  Meilen  Eisenbahnen  eröffnet  und  der  Staat  übernahm
  eine  Zinsbürgschaft  für  29  Mill.  Tlr.  Es  wurden  vollendet  oder
der  Vollendung  nahe  gebracht  die  großen  Linien  nach  Stettin,  nach  der
schlesisch-österreichischen  Grenze,  nach  Sachsen  und  weiter  westlich  durch
Thüringen.  Nachdem  Mecklenburg  und  Hamburg  einen  beträchtlichen  Teil
des  Anlagekapitals  —  weit  mehr  als  Preußen  selbst  —  übernommen  hatten
und  der  kleinliche  Widerspruch  der  Krone  Dänemark  endlich  überwunden
war,  kam  auch  die  Berlin-Hamburger  Bahn  zu  stande.  Besondere  Schwierigkeiten
  bereitete  die  wichtige  Verbindung  Berlins  mit  den  westlichen
Provinzen.  Ein  Glück  nur,  daß  im  braunschweigischen  Finanzwesen  der
rührige  Direktor  v.  Amsberg  fast  unumschränkt  schaltete.  Der  hatte  schon
seit  den  zwanziger  Jahren,  weit  vorausschauend,  große  Pläne  für  ein
nordwestdeutsches  Eisenbahnsystem  begonnen  und  dann,  als  er  bei  dem
welfischen  Königshofe  nichts  durchsetzen  konnte,  im  Jahre  1838  die  erste
deutsche  Staatsbahn,  Braunschweig-Wolfenbüttel-Harzburg,  gegründet.
Die  Bahn  blühte  schnell  auf  in  dem  verkehrsreichen  Ländchen  und  bildete
  den  Stamm  der  großen  Straße  zwischen  Spree  und  Rhein.  Im
Osten  schlossen  sich  preußische  Linien  an;  es  waren,  nach  der  Weise  dieser
Zeit,  mehrere  kleine  Gesellschaften,  die  sich  erst  mühsam  untereinander
verständigen  mußten:  die  Magdeburg-Halberstädter  und  die  bis  nach  Magdeburg
  ausgedehnte  Berlin-Potsdamer  Bahn.  Im  Westen  trat  Hannover
hinzu.  König  Ernst  August  sträubte  sich  lange,  doch  sobald  er  die  Notwendigkeit
  erkannte,  betrieb  er  den  Bahnbau  mit  gewohnter  Tatkraft  und
bestand  nur  noch  darauf,  daß  die  Linie  recht  viel  hannoversches  Land  durchschneiden
  müsse.  Preußen  forderte  eine  Bahn  von  Hannover  nordwestwärts
über  Neustadt,  damit  von  Nienburg  aus  eine  Zweigbahn  nach  Bremen  erbaut
  und  Westfalen  also  auf  dem  kürzesten  Wege  mit  dem  Weserplatze
verbunden  würde.  Dem  widersprach  der  Welfe;  er  verlangte  die  südliche
Linie  Hannover-Minden,  um  nachher  von  irgend  einer  hannoverschen  Station
  aus  eine  sehr  unbequeme,  aber  sehr  lange  und  rein-welfische  Bahn
nach  Bremen  bauen  zu  können.  Da  man  den  störrischen  Alten  weder
zwingen  noch  überzeugen  konnte,  so  gab  Preußen  schließlich  nach  und  bewilligte
  die  Linie  Braunschweig-Hannover-Minden.*)  Daran  schloß  sich
endlich  die  große  Bahn  von  Minden  nach  Köln.  So  geschah  es,  daß  die
gewerbreiche  Provinz  Westfalen,  deren  Volksmann  Harkort  schon  vor
langen  Jahren  für  den  Bahnbau  gekämpft  hatte,  erst  sehr  spät,  seit  1847
in  den  großen  Eisenbahnverkehr  eintrat.  Ihre  Fabriken  und  Bergwerke
hatten  unter  der  langen  Säumnis  schwer  gelitten.

*)  Berichte  an  den  König,  von  Thile,  3.  März  1842,  von  Bodelschwingh,  29.  März
1843,  von  Flottwell  und  Canitz,  30.  Okt.  1845.
        <pb n="505" />
        Anfänge  des  preußischen  Staatsbahnwesens.  497

Unterdessen  mußte  die  preußische  Regierung  erfahren,  daß  sie  mit
der  behutsamen  Politik  der  Unterstützungen  und  Zinsgarantien  nicht  zum
Ziele  gelangte.  Die  neue  französische  Ostbahn  begann  eine  große  Linie  bis
zur  preußischen  Grenze  bei  Forbach;  von  der  andern  Seite  her  baute  die
pfälzische  Ludwigsbahngesellschaft  eine  Bahn  durch  die  Berge  des  West—
richs  bis  gegen  Neunkirchen  hin.  Kamen  diese  Bauten  zum  Abschluß,
dann  war  eine  Schienenverbindung  zwischen  Frankreich  und  Deutschland
—  die  einzige  unmittelbare,  die  damals  möglich  schien  —  fast  vollständig
hergestellt.  Nur  ein  kleiner  Streifen  preußischen  Gebietes  trennte  noch  die
beiden  Endpunkte,  und  in  ihm  lagen  die  großen,  zumeist  dem  Staate  gehörigen
  Kohlengruben  des  Saarbrückener  Beckens.  Da  war  kein  Zaudern
möglich;  die  Krone  entschloß  sich  (1847)  zum  Bau  der  ersten  preußischen
Staatsbahn,  der  kurzen,  für  die  Volkswirtschaft  hochwichtigen  Saarbrückener
  Bahn.

Diese  kleine  Strecke  konnte  zur  Not  noch  ohne  Anleihe,  durch  die
reichen  Überschüsse  der  Staatseinnahmen  gebaut  werden;  doch  mittlerweile
trat  eine  neue,  ungleich  schwerere  Aufgabe  an  den  Staat  heran.  In  dem
geplanten  Eisenbahnnetze  fehlte  noch  ein  wichtiges  Glied,  die  große  Ostbahn
  nach  Königsberg;  und  der  König  hielt  es  mit  Recht  für  eine  Ehrenpflicht,
  sein  geliebtes,  durch  die  Ungunst  der  geographischen  Lage  so  schwer
bedrängtes  Altpreußen  baldigst  mit  der  Hauptstadt  und  dem  großen  mitteleuropäischen
  Verkehre  zu  verbinden.  Über  die  Richtung  der  Bahn  wurde
lange  gestritten.  Rönne,  der  immer  seine  absonderlichen  Gedanken  hegte,
empfahl  „wegen  des  Seeverkehrs“  die  Linie  von  Stettin  durch  Hinterpommern;
  er  kannte  unseren  Osten  wenig,  er  wußte  nicht,  daß  Hinterpommern
  wesentlich  ein  Binnenland  ist,  weil  die  Ostsee  minder  tief  als
andere  Meere  in  das  Leben  ihrer  Uferländer  einwirkt.  Der  König  schien
anfangs  den  Vorschlägen  dieses  vertrauten  Ratgebers  geneigt.  Seine
Minister  aber  hatten  von  den  Erfahrungen  der  jüngsten  Jahre  gelernt
und  sahen  ein,  daß  die  Eisenbahnen  wo  möglich  dem  Zuge  der  alten  verkehrsreichen
  Handelswege  folgen  mußten;  sie  rieten  daher,  die  Ostbahn
über  Landsberg  die  Warthe  entlang  nach  Bromberg  und  alsdann  abwärts
  am  Weichseltale  hin  zu  führen.  Diese  Meinung  siegte,  weil  auch
die  ostpreußischen  Landstände  den  König  beschworen,  seiner  alten  stolzen
Weichselstädte  nicht  zu  vergessen.*)  Da  versagte  sich  das  Privatkapital.
Die  Eisenbahngesellschaft,  der  das  große  Bankhaus  J.  Mendelssohn  und
mehrere  der  angesehensten  Männer  Ostpreußens  angehörten,  erklärte  plötzlich:
  bei  dem  Geldmangel,  der  seit  dem  neuen  Aktiengesetze  die  Börsen
heimsuche,  vermöchte  sie  die  32  oder  40  Mill.  Tlr.  für  das  gewaltige

*)  Rönnes  Denkschrift  über  die  Ostbahn,  14.  Jan.  1845.  Berichte  an  den  König,
von  Rother  9.  Dez.  1844,  von  Flottwell  16  Jan.  1845.  König  Friedrich  Wilhelm  an
Flottwell  18.  März,  17.  Okt.  1845.  Eingabe  des  preußischen  Provinziallandtages  an
den  König,  1.  Febr.  1845.  Protokoll  des  Staatsministers,  13.  Nov.  1845.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  32
        <pb n="506" />
        498  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Unternehmen  unmöglich  aufzubringen.  Jetzt  blieb  nichts  übrig  als  ein
verzweifelter  Entschluß;  nach  so  vielen  Verheißungen  und  Vorarbeiten
konnte  die  Krone  nicht  mehr  zurück.  Am  16.  März  1847  beschloß  das
Staatsministerium:  der  Staat  müsse  nunmehr  selber  die  Ostbahn  bauen
und  von  dem  demnächst  zusammentretenden  Vereinigten  Landtage  sogleich
eine  große  Anleihe  verlangen.  Der  König  genehmigte  den  Antrag;  er
ahnte  nicht,  wie  seltsam  das  Schicksal  seiner  Ostbahn  sich  noch  mit  dem
Verfassungskampfe  verschlingen  sollte.)

Derweil  Preußens  Handelspolitik  also  beständig  durch  staatsrechtliche
  Bedenken  gehemmt  wurde,  brauchten  die  kleineren  Bundesstaaten,  dank
ihren  Verfassungen,  solche  Schwierigkeiten  nicht  zu  überwinden.  Sie  erfreuten
  sich  zudem  blühender  Finanzen,  denn  für  die  Verteidigung  des
Vaterlandes  hatten  sie  allesamt  Preußen  allein  sorgen  lassen,  Baden
verwendete  nur  ein  Fünftel  seiner  Staatsausgaben  auf  das  Heerwesen.
Darum  konnten  sie  früher  als  Preußen  den  Staatseisenbahnbau  wagen;
die  meisten  von  ihnen  sahen  sich  sogar  dazu  gezwungen,  weil  das  Privatkapital
  in  Süddeutschland  und  in  Hannover  weniger  Unternehmungslust
zeigte  als  in  Preußen  oder  Sachsen.  Nur  Braunschweig  und  Baden  erkannten
  von  Haus  aus  grundsätzlich  die  Vorzüge  des  Staatsbahnwesens.

In  Braunschweig  spürte  man  überall  die  starke  Hand  Amsbergs,  der  in
diesen  Geschäften  alle  anderen  deutschen  Staatsmänner  überragte.  In  Baden
hatte  Nebenius  den  Staatsbau  durchgesetzt;  die  Ausführung  entsprach
jedoch  dem  frei  gedachten  Plane  wenig.  Obgleich  dies  Land  seine  handelspolitische
  Bedeutung  wesentlich  dem  Durchfuhrhandel  verdankte,  so  drängten
sich  doch  bald  die  kleinen  örtlichen  Interessen  anspruchsvoll  vor,  und  man
gab  den  Schienen  sogar  eine  von  dem  deutschen  Normalmaße  abweichende
Spurweite,  damit  ja  kein  fremder  Eisenbahnwagen  in  das  Ländle  hinüber
  käme.  Die  Schwäche  des  Staatseisenbahnsystems,  die  Parteilichkeit
zeigte  sich  hier,  in  dem  so  lange  durch  politische  Kämpfe  zerrütteten  konstitutionellen
  Musterstaate  sehr  häßlich.  Lassen  Sie  sich  Ihre  Bahn  durch
Ihren  liberalen  Abgeordneten  bauen!  —  so  antwortete  Blittersdorff  den
klagenden  Gemeinderäten  der  verkehrsreichen  Fabrikstadt  Lahr,  die  seitab
von  der  Staatsbahn  liegen  blieb.  Die  mit  dem  Großherzogtum  Hessen
verabredete  Main-Neckar-Bahn  wurde  nicht  geradeswegs  an  den  dichtbevölkerten
  Ortschaften  der  oberen  Bergstraße  vorbei  nach  Heidelberg  geführt,
aber  auch  nicht  westwärts  nach  Mannheim,  denn  beide  Städte  standen
in  Ungnade  wegen  ihrer  liberalen  Gesinnung;  man  gründete  vielmehr
mitten  zwischen  beiden  Orten  in  der  sandigen  Rheinebene  den  lächerlichen
Knotenpunkt  Friedrichsfelde.  In  Württemberg  begann  die  Regierung  seit
1841  den  Staatsbau,  weil  sie  umgangen  zu  werden  fürchtete  und  das

*)  Berichte  an  den  König,  von  Rother  3.  Jan.  1845,  vom  Staatsministerium
16.  März  1847.
        <pb n="507" />
        Eisenbahnen  in  den  kleinen  Staaten.  499

Privatkapital  sich  mutlos  zeigte.  Sie  verfuhr  fortan  mit  großem  Eifer,
erklärte  sich  entschieden  gegen  „die  Korruption,  die  neue  Feudalität“  der
Privateisenbahnen  und  wagte  sogar,  wenige  Meilen  von  der  Linie  Augs—
burg-Lindau  eine  Parallelbahn  Ulm-Friedrichshafen  zu  bauen,  damit
Bayern  den  Verkehr  des  Bodensees  nicht  an  sich  risse.  Auch  in  Bayern
vermochten  die  kleinen  Gesellschaften,  welche  die  Teilstrecken  der  Linie
Augsburg-Hof  übernommen  hatten,  sich  nicht  zu  halten,  und  der  Staat
mußte  selbst  eintreten;  nur  die  wohlhabenden,  unternehmenden  Pfälzer
bauten  sich  ihre  Bahnen  durch  Privatgesellschaften.

Die  sächsische  Regierung,  die  auf  diesem  Gebiete  die  reichsten  Erfahrungen
  besaß,  wollte  sich  zunächst  die  Vorteile  des  Durchfuhrverkehrs
sichern  und  entwarf  einen  wohldurchdachten  Plan  für  Bahnverbindungen
mit  Schlesien,  Böhmen,  Bayern;  doch  selbst  in  diesem  gewerbreichen  Lande
konnte  das  Privatkapital  nur  die  einträgliche  Leipzig-Dresdner  Linie,  nicht
die  anderen  minder  ergiebigen  Bahnen  festhalten,  und  nach  einigen  Jahren
sah  sich  der  Staat  auch  hier  gezwungen,  die  Neubauten  zu  übernehmen.
Hannover  dagegen  besaß,  dank  seiner  erleuchteten  Handelspolitik,  noch  gar
keine  großen  industriellen  Kapitalien  und  mußte  daher  von  Haus  aus  den
Staatsbau  wagen.  Er  wurde  eifrig,  aber  planlos  betrieben;  die  beiden
wichtigen  Bahnen  von  Hamburg  und  Bremen  mündeten  nicht  in  der  Hauptstadt,
  sondern  einige  Stunden  entfernt  in  Lehrte  und  Wunstorf.  Man
wußte  noch  nicht  und  konnte  nur  durch  die  Erfahrung  lernen,  was  ein
Knotenpunkt  im  Bahnverkehr  bedeutet.  Die  Kurhessen  trugen  sich  schon  seit
vielen  Jahren  mit  großen  Bauplänen,  sie  hofften,  daß  Kassel  den  Mittelpunkt
  des  deutschen  Eisenbahnnetzes  bilden  sollte.  Der  Prinzregent  aber
verzögerte  alles  durch  Trägheit  und  bösen  Willen.  Endlich  durfte  eine
Aktiengesellschaft  zur  Verbindung  von  Thüringen  und  Westfalen  zusammentreten;
  sie  gewann  die  Gnade  des  Landesherrn,  weil  sie  den  stolzen
Namen  der  Friedrich-Wilhelms-Nordbahn  annahm.  Die  Main-Weserbahn
zwischen  Kassel  und  Frankfurt  sollte  auf  Staatskosten,  gemeinsam  mit
Hessen-Darmstadt,  gebaut  werden;  der  Landtag  bewilligte  dazu  eine  Anleihe
  von  6  Mill.  Tlr.  Das  Haus  Rothschild,  das  diese  Anleihe  aufzulegen
  hatte,  überschritt  die  vereinbarte  Summe  um  750  000  Tlr.  und
beanspruchte  diesen  Überschuß  von  12½  Prozent  für  sich  selbst  als  sauer
verdiente  Provision.  Es  war  ein  öffentliches  Geheimnis,  wie  der  preußische
  Gesandte  Graf  Galen  sagte,  daß  der  getreue  Hofbankier  sich  mit  dem
Kurprinzen  in  den  Gewinn  teilte,  „daß  auf  Kosten  des  Landes  der  Regent
in  jüdischer  Gemeinschaft  gute  Geldgeschäfte  machte.““)  Darum  richtete
der  ehrliche  Abgeordnete  Wippermann  nichts  aus,  als  er  in  der  Kammer
den  Gaunerstreich  Rothschilds  zur  Sprache  brachte.

Von  Kiel  nach  Altona  beförderte  die  königlich  dänische  Post  auf  der

 

*)  Galens  Bericht,  1.  Juli  1846.
        <pb n="508" />
        500  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

soeben  erst  vollendeten  neuen  Steinstraße  täglich  vier  bis  sechs  Personen
in  dreizehn  Stunden,  und  die  schlichten  Leute  fragten  ganz  verwundert:
was  man  denn  noch  mehr  verlangen  könne?  —  als  in  beiden  Städten
Vereine  zur  Begründung  einer  Eisenbahn  zusammentraten.  Der  Plan
schien  anfangs  fast  aussichtslos;  die  Unternehmer  baten  sogar  den  Zaren
Nikolaus,  als  dieser  durch  Holstein  kam,  um  die  Zeichnung  einiger  Aktien,
damit  das  Werk  durch  den  Zauber  seines  mächtigen  Namens  gefördert
würde.  Im  Auftrage  der  Stadt  Kiel  ging  dann  Franz  Hegewisch  (1842)
nach  Kopenhagen  und  er  behandelte  seinen  Gönner,  den  gescheiten,  eitlen
König  Christian  VIII.  mit  ärztlicher  Klugheit;  er  legte  ihm  genaue  Rechnungen
  vor  und  dazu  den  Antrag,  daß  die  Bahn  den  Namen  „König
Christian  VIII.  Ostseebahn“  führen  solle.  *  Eine  solche  Lockung  wirkte
in  Kopenhagen  ebenso  unwiderstehlich  wie  in  Kassel.  Die  Bahn  wurde
genehmigt  und  schon  nach  zwei  Jahren  dem  Verkehr  übergeben.  Freilich
ahnte  der  König  nicht,  was  sich  seine  treuen  Holsten  bei  dem  Unternehmen
dachten;  er  zeigte  sich  sehr  aufgebracht,  als  Hegewisch  bald  nachher  auf
dem  Kieler  ärztetage  furchtlos  sagte,  dieser  Schienenweg  solle  das  ungeteilte
  Schleswig-Holstein  fest  mit  dem  deutschen  Vaterlande  verbinden.
Um  so  mehr  war  er  darauf  bedacht,  Lübeck  niederzuhalten,  die  alte  Feindin
Dänemarks,  die  jetzt  auch  mit  dem  aufstrebenden  Kiel  einen  scharfen  Konkurrenzkampf
  führte.  Weder  eine  Hamburg-Lübecker  Bahn,  noch  eine
Zweigbahn  zum  Anschluß  an  die  Berlin-Hamburger  Linie  wollte  er  der
verhaßten  Stadt  erlauben,  und  da  auch  Mecklenburg,  ängstlich  besorgt  um
seine  eigenen  Seeplätze  Wismar  und  Rostock,  einen  Schienenweg  nach
Schwerin  nicht  gestattete,  so  blieb  Lübeck,  allein  unter  den  Hansestädten,
noch  viele  Jahre  lang  ohne  Eisenbahnverbindung.

Bald  fühlten  die  Verwaltungen  selbst,  daß  die  naturwüchsige  Anarchie
dieser  kleinen  Linien  doch  einiger  Ordnung  bedurfte;  es  entstanden  vier
große  Eisenbahnverbände:  eine  norddeutsche  Gruppe  mit  Berlin,  eine  niederrheinische
  mit  Köln,  eine  südwestliche  mit  Frankfurt,  eine  bayrische  mit
Augsburg  als  Mittelpunkt.  Die  Verbände  verständigten  sich  über  einige  gemeinsame
  Betriebsgrundsätze,  vornehmlich  über  die  Warenbeförderung;
denn  man  begann  jetzt  schon  zu  begreifen,  daß  der  Güterverkehr  mehr  bedeutete
  als  der  Personenverkehr,  und  die  Tarifsätze  der  Eisenbahnen  für
viele  Gewerbszweige  wichtiger  waren  als  die  Schutzzölle.  Trotz  so  mancher
Mißgriffe  und  Torheiten  blieb  es  doch  ein  erhebendes  Schauspiel,  wie
tapfer  dies  Land  ohne  Hauptstadt  dem  zentralisierten,  reicheren  Frankreich
vorausschritt.  Was  auch  die  Welschen  prahlen  mochten,  die  Sonne  ging
über  Europa  noch  immer  nicht  im  Westen  auf.  Im  Volke  regte  sich  zwar
da  und  dort  ein  Widerstand.  Viele  bayrische  Städtchen  baten  ihren  König

 

*)  Hegewisch,  Entwurf  eines  königl.  Patents  über  die  König  Christian  VIII.  Ostseebahn.
  März  1842.
        <pb n="509" />
        Telegraphie.  Preußische  Bank.  501

dringend,  sie  mit  der  Eisenbahn  zu  verschonen;  sie  ahnten  dunkel,  daß
die  neue  Erfindung  mancher  kleinen  für  Fabrikanlagen  ungeeigneten  Ortschaft
  mehr  Schaden  als  Nutzen  bringen  mußte.  In  der  Presse  wurden
diese  vereinzelten  Gegner  als  törichte  Schildbürger  verspottet;  denn  fast
überall  sah  man  der  neuen  Zeit  mit  überschwenglichen  Hoffnungen  entgegen.
  Die  Wünschelrute  schien  gefunden.  Die  Bürger  des  hannoverschen
Pferdemarktes  Peina  sangen,  als  ihre  Eisenbahn  eröffnet  wurde,  beim  Festmahle
  feierlich  nach  der  Melodie  des  Landesvaters:  „Peina  bricht  sich,
Peina  bricht  sich  eine  neue  Lebensbahn!“

Unterdessen  hatten  der  Amerikaner  Morse  und  der  Engländer  Wheatstone
  die  deutsche  Erfindung  der  elektrischen  Telegraphie  weiter  gebildet
und  für  den  täglichen  Verkehr  nutzbar  gemacht.  Es  ward  hohe  Zeit.
Der  alte  optische  Telegraph  arbeitete  gar  zu  unsicher;  in  nebliger  Winterszeit
  geschah  es  wohl,  daß  ein  Telegramm  von  London  nach  Berlin  fünf
Tage  brauchte.  Nun  fand  sich  wieder  ein  deutsches  technisches  Genie,
das  die  Arbeit  der  Fremden  fortführte.  Der  preußische  Artillerieleutnant
Werner  Siemens  benutzte  einen  elastischen  Pflanzenstoff,  der  jetzt  zuerst
in  den  Handel  kam,  die  Guttapercha,  um  die  Drähte  der  Telegraphenleitungen
  zu  umhüllen  und  zu  isolieren;  zwischen  Berlin  und  Großbeeren
unternahm  er  den  ersten  Versuch  (1847)  und  legte  also  den  Grund  für
das  deutsche  Telegraphennetz.  Die  neue  Firma  Siemens  und  Halske
arbeitete  bald  für  den  Weltmarkt.  —

Unmöglich  konnte  die  preußische  Bank  von  diesem  gewaltigen  Umschwunge
  des  Verkehrslebens  unberührt  bleiben.  Sie  hatte  sich  im  letzten
Jahrzehnt,  seit  1837,  unter  Rothers  umsichtiger  Leitung  kräftig  entwickelt,
den  gefährlichen  Effektenhandel  eingeschränkt,  ihren  Wechselverkehr  strenger
geordnet  und  das  leidige  Defizit,  das  ihr  noch  von  den  napoleonischen
Zeiten  her  anhing,  wieder  um  3,4  Mill.  Tlr.  vermindert.)  Ihr  gesamter
Umsatz  stieg  von  264,7  auf  etwa  373,6  Mill.  Tlr.  Berlin  war  mit
seinen  408  000  Einwohnern  und  712  Großkaufleuten  jetzt  wirklich  eine
Großstadt,  als  Knotenpunkt  der  neuen  Bahnen,  als  Handels=  und  Industrieplatz
  mächtig,  sogar  als  Geldmarkt  nicht  mehr  weit  hinter  Frankfurt
  zurück.  Der  Aktienschwindel,  den  der  Staat  leider  durch  die  voreilige
  Herabsetzung  seiner  Schuldzinsen  selbst  genährt  hatte,  wirkte  freilich
mit;  doch  im  wesentlichen  waren  die  wachsenden  Ansprüche  an  die  Bank
lediglich  die  natürliche  Folge  des  erwachten  Unternehmungsgeistes.  Seit
1838  hatte  das  Privatkapital  über  100  Mill.  Tlr.  für  die  preußischen
Eisenbahnen  aufgebracht,  sicherlich  mehr,  als  der  Staat  selbst  in  so  kurzer
Zeit  aufgewendet  hätte.

Wie  sollte  die  Bank  den  Anforderungen  ihres  jetzt  fast  vervierfachten
Lombard=  und  Wechselverkehrs  auf  die  Dauer  genügen  mit  6  Mill.  Kassen- 



*)  S.  O.  III.  80  f.
        <pb n="510" />
        502  V  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

anweisungen  und  den  2  Mill.  bar,  die  ihr  der  Staatsschatz  überwiesen
hatte?  Rother  verlangte  darum,  daß  die  Bank  einen  um  10  Mill.  Tlr.
vergrößerten  Betriebsfonds  erhalten  und  dafür  Noten  bis  zu  demselben
Betrage  ausgeben  müsse.  Praktiker  durch  und  durch,  war  er  vom  Regimentsschreiber
  zum  Minister  aufgestiegen  und  mit  der  Geschäftswelt
immer  in  Fühlung  geblieben.  Wie  er  einst,  zum  Entsetzen  des  zünftigen
Beamtentums,  den  Bankier  Schickler  in  die  Staatsschuldenverwaltung
berufen  hatte,  so  erklärte  er  jetzt:  die  Bankverwaltung  bedürfe  für  ihre
Noten  des  allgemeinen  Vertrauens,  für  ihre  erweiterte  Tätigkeit  einer
genauen  Kenntnis  der  augenblicklichen  Marktverhältnisse;  darum  müßten
die  10  Mill.  durch  das  Privatkapital  aufgebracht  und  den  Inhabern  der
Bank-Anteilscheine  eine  stimmberechtigte  Vertretung  eingeräumt  werden.
Die  Bank  sollte  mithin  eine  durch  einen  königlichen  Präsidenten  geleitete
Staatsanstalt  bleiben  —  denn  einer  Privatbank  wollte  Rother  die  Depositen
  der  Gerichte  nimmermehr  anvertrauen  —  doch  zugleich  so  unabhängig
  gestellt  werden,  daß  sie  durch  den  Ausschuß  ihrer  kaufmännischen
Teilhaber  gefährliche  Zumutungen  eines  leichtsinnigen  Finanzministers
jederzeit  abweisen  konnte.

Rothers  Vorschläge  erschienen  schüchtern,  fast  ängstlich  gegenüber  den
Bedürfnissen  des  so  mächtig  angeschwollenen  Verkehres.  Doch  ihr  Grundgedanke
  war  gesund,  er  entsprach  dem  volkstümlichen  Geiste  dieser  Monarchie,
  die  ja  immer  ihr  Bestes  geleistet  hatte,  wenn  ihre  starke  Staatsgewalt
mit  den  freien  Kräften  der  Nation  zusammenwirkte.  Gleichwohl  erhob  sich
von  allen  Seiten  her  leidenschaftlicher  Widerspruch  gegen  die  Pläne  des
Bankpräsidenten.  Schön  polterte  in  Briefen,  die  fast  nur  noch  aus
Schimpfwörtern  bestanden,  wider  die  Unwissenheit,  die  Anmaßung,  die
durch  Tollheit  grandiose  Verrücktheit  des  Kommis  Rother  und  seiner
Juden.  Der  Grimmige  lebte  immer  noch  in  den  traurigen  Erinnerungen
des  Jahres  1806;  er  fürchtete,  ein  Bataillon  Franzosen  in  Trier  würde  genügen,
  um  die  10  Mill.  Banknoten  sofort  zu  entwerten.  Andererseits  hatte
der  erfindungsreiche  Bülow-Cummerow  den  Gedanken  einer  großen  privilegierten,
  aber  vom  Staate  unabhängigen  Nationalbank  aufgebracht,  die
mit  25  Mill.  Kapital  ausgerüstet,  Hypotheken-,  Giro-,  Zettelbank,  alles
in  allem  sein  sollte.  Er  verteidigte  seinen  Plan  in  zahlreichen  Schriften,
die  er  alle  durch  die  gewandte  Feder  seines  Neffen  Killisch  v.  Horn  ausarbeiten
  ließ,  und  erlangte  die  freudige  Zustimmung  Rönnes,  dem  niemals
  ein  Plan  zu  nebelhaft  war.  Auch  der  Finanzminister  Flottwell  ließ
sich  überzeugen,  er  war  Neuling  im  Bankwesen,  wollte  für  den  Staatshaushalt
  keine  gefährlichen  Verpflichtungen  übernehmen  und  hörte  gläubig
zu,  wenn  ihm  einige  Berliner  Börsenmänner  Wunderdinge  von  der  geplanten
  Nationalbank  erzählten.  Der  König  selbst  schien  anfangs,  wie  so
oft  schon,  ganz  durch  Rönnes  feurige  Beredsamkeit  gewonnen  zu  sein.

Dem  alten  Rother  ward  unheimlich  zu  Mute.  Er  fühlte  längst,
        <pb n="511" />
        Rothers  Bankreform.  503

daß  sein  trocken  geschäftliches  Wesen  den  geistreichen  Monarchen  lang—
weilte,  und  fragte  sogar  einmal  ehrlich  an,  ob  er  das  Vertrauen  Sr.  Maje—
stät  noch  besitze.  Darauf  antwortete  der  König  sofort  sehr  gnädig  —  denn
er  wußte  wohl,  daß  er  keinen  treueren  Diener  besaß  —:  „schlagen  Sie  sich
die  Grillen  aus  dem  Kopf  und  freuen  Sie  sich  vielmehr  des  großen
Vertrauens  Ihres  herzlich  wohlgeneigten  F.  W.“  Zugleich  schrieb  er,  soeben
  aus  dem  Theater  heimgekehrt,  an  Thile:  „Hier,  teuerster  Thile,  ein
Brieflein  des  alten  Rother,  welcher  raset.  Beruhigen  Sie  ihn  einstweilen
und  beweisen  Sie  ihm,  daß  er,  chose  incro  vable,  mit  seiner
Einbildungskraft  durchgeht.  Ich  komme  ganz  durchbebt  von  klassisch-hellenischem
  Weh,  von  des  alten  schuldlosen  Frevlers  Odipus  Laios'
Sohnes  donnerumhallt  geheimnisvollem  Ende.“  )  Trotzdem  fühlte  sich  der
Minister  bedroht.  Als  im  Dezember  1845  der  Handelsrat  versammelt
wurde,  um  unter  dem  Vorsitze  des  Monarchen  die  Vorschläge  Bülow-Cummerows
  zu  vernehmen  und  alsdann  zu  entscheiden:  ob  Staatsbank
oder  Nationalbank?  —  da  sagte  Rother  zu  seinen  Freunden  bitter:  ich
werde  nur  mitberufen,  weil  ich  ein  alter  Esel  bin.“)  Er  sollte  sehr  angenehm
  enttäuscht  werden.  Es  war  doch  ein  gar  zu  ungeheuerlicher  Gedanke,
  daß  man  diese  Preußische  Bank,  die  sich  zum  Ruhme  der  Monarchie
aus  hoffnungsloser  Zerrüttung  so  ehrenhaft  wieder  emporgearbeitet  hatte,
mitsamt  ihren  erprobten  Beamten  und  ihren  alten  Geschäftsbeziehungen
jetzt  plötzlich  aufgeben  wollte,  um  eine  ganz  neue  Schöpfung  zu  wagen.
Und  welche  Sicherheit  bot  das  neue  Unternehmen?  Bülow  selbst,  der
reiche,  unabhängige  Grundherr,  hegte  unzweifelhaft  die  besten  Absichten,
obgleich  ihn  die  Berliner  Geheimen  Räte  als  einen  gefährlichen  Streber
verleumdeten;  er  lebte  nach  dem  guten  Wahlspruche  des  zahlreichsten  deutschen
  Adelsgeschlechts:  „alle  Bülows  ehrlich.“  Aber  die  von  ihm  gegründete
Ritterschaftliche  Privatbank  in  Stettin,  welcher  die  Anfänge  des  pommerschen
  Chausseebaus  zu  danken  waren,  stand  niemals  ganz  fest;  ihre  Geschäftsführung
  zeichnete  sich  weder  durch  Klugheit  noch  durch  Ordnung  aus.

Solche  Erwägungen  machten  auf  Friedrich  Wilhelm  tiefen  Eindruck.
An  seinen  übrigen  Herrschergaben  begann  er  jetzt  schon  oft  zu  zweifeln,  doch
als  ein  getreuer  Haushalter  wollte  er  immer  erfunden  werden;  seine  Pflichten
  gegen  die  Staatsfinanzen  nahm  er  sehr  ernst,  und  in  diesen  Geschäften
  ging  auch  sein  Urteil  selten  fehl.  Bülow-Cummerows  Vorschläge
wurden  also  verworfen,  der  Bankpräsident  schlug  den  Finanzminister.
Die  peinliche  Frage,  ob  die  10  Mill.  Banknoten  nicht  eine  ungesetzliche
Vermehrung  der  Staatsschuld  bedeuteten,  blieb  vorerst  unerledigt.  Sie
ließ  sich  jetzt,  da  der  Staat  ja  nicht  alleiniger  Eigentümer  der  Bank
bleiben  sollte,  fast  mit  gleich  guten  Gründen  bejahen  oder  verneinen;

*)  Rother  an  den  König,  31.  Okt.;  König  Friedrich  Wilhelm  an  Rother  1.  Nov.,
an  Thile  1.  Nov.  1845.

**)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
        <pb n="512" />
        504  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

der  Wirrwarr  des  Verfassungsrechts  —  jedermann  erfuhr  es  auf  Schritt
und  Tritt  —  bedurfte  endlich  einer  unzweideutigen  Regelung.  Am  11.  April
1846  befahl  eine  Kabinettsordre  die  Neugestaltung  der  Preußischen  Bank,
im  wesentlichen  nach  Rothers  Vorschlägen;  am  5.  Okt.  erschien  dem—
gemäß  die  neue  Bankordnung.  Rother  erlebte  noch  die  Freude,  daß  seine
Noten,  die  er  mit  der  äußersten  Vorsicht  bankmäßig  gedeckt  hatte,  überall,
auch  im  Auslande,  unbedenklich  wie  bares  Geld  angenommen  wurden  und
selbst  in  den  Stürmen  des  Jahres  1848  ruhig  ihre  Geltung  behaupteten.

Nach  einer  solchen  Niederlage  konnte  Flottwell  sich  nicht  mehr  im
Amte  halten.  Wie  grausam  wurde  doch  diesem  ausgezeichneten  Beamten
durch  die  Wechselfälle  der  neuen  Regierung  mitgespielt.  Der  König  hatte
ihn  erst,  zum  Dank  für  seine  musterhafte  Verwaltung,  von  Posen  hinweg
nach  Magdeburg  versetzt;  er  hatte  ihn  sodann  zum  Finanzminister  ernannt,
obgleich  Flottwell  sich  selbst  als  Nicht-Fachmann  bekannte,  und  nachher
noch  den  Zweifelnden  oftmals  seines  ungeschwächten  Vertrauens  versichert.')
  Nun  zeigte  sich  doch,  wie  berechtigt  Flottwells  eigner  Zweifel
gewesen.  Er  glaubte,  trotzdem  sich  durch  einen  kühnen  Schritt  retten  zu
können.  In  einer  langen  Denkschrift  (Juni  1846)  schlug  er  dem  Monarchen
  eine  Umgestaltung  des  Ministeriums  vor,  dergestalt,  daß  die  Bank
sowie  alle  Geldinstitute  des  Staates  dem  Finanzminister  untergeordnet,
Handel  und  Gewerbe,  Bergwerke  und  Posten  hingegen  einem  neuen  Handelsministerium
  überwiesen  würden;  denn  in  seiner  gegenwärtigen  Stellung
  sei  der  Finanzminister  „vernichtet“.  Dies  war  eine  offene  Kriegserklärung
  gegen  Rother,  dessen  Pläne  der  König  soeben  erst  angenommen
hatte.  Friedrich  Wilhelm  brauste  auf;  er  sah  in  dem  Vorgehen  des  Ministers
  strafbaren  Ungehorsam.  Im  Juli  wurde  Flottwell  ungnädig  entlassen
  und  mußte  noch  froh  sein,  als  er  nachher  die  Stelle  des  Oberpräsidenten
  in  Westfalen  erhielt.)

Also  war  die  Stelle  des  Finanzministers,  zum  dritten  Male  seit  dem
Thronwechsel  erledigt;  und  da  der  einzige,  der  vielleicht  als  vierter  erfolgreich
  eintreten  konnte,  Kühne,  dem  Monarchen  mißfiel,  so  wurde  nach
langen  Erwägungen  der  erst  vorm  Jahre  entlassene  Graf  Arnim-Beoitzen
burg  zur  Übernahme  des  Amtes  aufgefordert.  Der  Graf  erwiderte,
wie  vormals  Flottwell:  vom  Finanzwesen  verstehe  er  nichts.  Nachdem  er
dies  Bedenken,  auf  das  Zureden  des  Königs,  endlich  aufgegeben  hatte,
erklärte  er  freimütig:  seinen  Widerspruch  gegen  die  königlichen  Verfassungspläne
  könne  er  nicht  fallen  lassen  und  sie  darum  auch  nicht  vor  dem
bevorstehenden  Landtage  verteidigen.*““)  Seitdem  war  er  unmöglich.  Nun

––  —  —  —  —  ·

*)  Bodelschwingh  an  Flottwell,  26.  Jan.  1845.
**)  Flottwell  an  Thile,  6.  Juli;  Thile,  Bericht  an  den  König  6.  Juli,  Denkschrift
über  das  Promemoria  des  Finanzministers  22.  Juli  1846.
*“)  Graf  Arnim  an  Thile,  14.  25.  30  Juli;  an  den  König,  30.  Juli,  8.  Aug.;  Kabinettsordre
  an  Arnim,  3.  Aug.  1846.
        <pb n="513" />
        Die  Bank-Ordnung.  Flottwells  Entlassung.  505

wurde  Geh.  Rat  v.  Düesberg  berufen,  derselbe,  der  zuerst  die  Leitung
der  Katholischen  Abteilung  übernommen  hatte,  ein  tüchtiger  Jurist,  aber
auch  kein  Finanzmann.
Die  Reform  der  Preußischen  Bank  allein  befriedigte  die  Masse  der
Kaufleute  und  Fabrikanten  schon  darum  nicht,  weil  die  Bank  in  den
Provinzen  nur  erst  wenige  Kontore  und  Kommanditen  besaß.  Für  West—
falen  berechnete  Fritz  Harkort  den  jährlichen  Umschlag  der  fünf  wichtig—
tigsten  Gewerbszweige  —  sicherlich  noch  zu  niedrig  —  auf  16  Mill.  Tlr.;
und  diese  Provinz  mit  fast  1½  Mill.  Einwohnern  besaß  erst  drei  kleine
Bankiers,  in  Münster  und  Schwelm,  sie  mußte  ihre  Kreditgeschäfte  durch
Kölner  Bankhäuser  besorgen  lassen.  In  Wort  und  Schrift  verlangte  nun
Harkort  eine  Privatbank  für  seine  Heimat;  dann  traf  er  (1845)  in  Berlin
mit  Industriellen  aus  Schlesien,  Posen  und  dem  Rheinlande  zusammen,
die  Regierung  schlug  jedoch  alle  Bitten  ab,  weil  sie  zunächst  ihre  eigene
Bank  neu  ordnen  wollte.  Ein  neuer  Stand  von  Kapitalisten  und  Staatsgläubigern
  wuchs  heran;  deshalb  forderte  der  geistvolle  Nationalökonom
Rodbertus-Jagetzow  eine  große  Hauptbank  in  Berlin  mit  vielen  Filialen,
deren  Kapital  zur  einen  Hälfte  durch  freie  Zeichnung,  zur  anderen  durch
die  Provinzen  aufgebracht  werden  sollte.  Auch  ein  ungeheures  Schwindelunternehmen
  zeigte,  daß  die  alte  übervorsichtige  Bankpolitik  sich  nicht  mehr
halten  ließ.  In  Dessau  versuchte  der  Kölner  Schulte  eine  Riesenbank  zu
gründen  mit  100,  späterhin  gar  200  Mill.  Tlr.  Kapital,  wofür  ebenso
viel  Banknoten  ausgegeben  werden  sollten.  Da  das  Anhaltische  Streitländchen
  noch  von  den  Zeiten  des  Köthener  Zollkrieges  her  an  freundnachbarliche
  Ausbeutung  der  preußischen  Umlande  gewöhnt  war,  so  willfahrte
der  Dessauer  Hof  dem  Gesuch  und  zeigte  sich  tief  gekränkt,  als  Preußen
keine  Filialen  dieses  Unternehmens  dulden  wollte.  Späterhin  schrumpfte
diese  wundersame  Dessauer  Bank  zusammen  zu  einer  Landesbank  mit
2½  Mill.  Kapital.  Für  solche  Zeichen  der  Zeit  war  der  König  nicht
blind.  Als  er  die  neue  Bankordnung  genehmigte,  beauftragte  er  zugleich
Rother,  einen  Gesetzentwurf  über  die  Privatbanken  auszuarbeiten.  Hier
aber  versagte  die  Kraft  des  Alten.  Rother  vermochte  sich  in  den  neuen
Verkehr  nicht  recht  zu  finden  und  hegte,  obwohl  ihn  Schön  schändlicherweise
  einen  Judengenossen  schimpfte,  unüberwindliche  Scheu  vor  den
Gefahren  des  Bankschwindels.  Privat-Zettelbanken  wollte  er  überhaupt
nicht  dulden;  und  wenn  ja  eine  Bankgesellschaft  für  Wechsel-,  Lombardund
  Depositenverkehr  erlaubt  würde,  dann  sollte  fünf  Meilen  im  Umkreise
  keine  zweite  sich  bilden  dürfen.  So  ängstliche  Vorschläge  konnten
unmöglich  ausreichen,  die  Revolution  schritt  bald  über  sie  hinweg.
Auch  in  der  Verwaltung  der  Seehandlung,  die  er  einst  selbst  aus  tiefem
Verfalle  gerettet  hatte,  wollte  Rother  jetzt  nichts  mehr  ändern.  Die  Bank
war  für  den  Verkehr  der  kaufmännischen  Welt  bestimmt,  die  Seehandlung
für  die  Geldgeschäfte  des  Staates,  und  sie  leistete  ihm  treffliche  Dienste,
        <pb n="514" />
        506  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

da  sie  ihn  vor  der  kostspieligen  unmittelbaren  Mitwirkung  der  großen
Bankhäuser  bewahrte.  Es  war  Rothers  Verdienst,  daß  die  Gebrüder
Rothschild  den  preußischen  Staat  als  einen  fast  unnahbaren  Kunden  immer
mit  scheelen  Augen  ansahen.  Neben  den  Geschäften  eines  großen  Staatsbankierhauses
  betrieb  die  Seehandlung,  gemäß  der  friderizianischen  Überlieferung,
  auch  einen  ausgebreiteten  Seehandel,  und  Rother  freute  sich
seiner  schönen  fünf  Schiffe,  die  in  allen  Häfen  der  Welt  bewundert  wurden;
außerdem  besaß  sie  noch  mehrere  Landgüter  und  Fabriken.  Die  also  festgelegten
  Kapitalien  brachten  aber  wenig  ein  und  beeinträchtigten  das
Bankgeschäft,  das  jederzeit  über  leicht  kündbares  Kapital  verfügen  wollte.
Sollte  die  Seehandlung  ihren  neuen  Aufgaben  als  Staatsbankhaus  ganz
genügen,  so  mußte  sie  unbekümmert  um  ihren  alten  Namen,  die  Seehandels=
  und  Fabrikgeschäfte  aufgeben,  und  zu  dieser  radikalen  Reform  konnte
sich  Rother  nicht  entschließen.  Der  letzte  Vertreter  der  alten  Hardenbergischen
  Beamtenschule,  stand  er  dicht  vor  der  Schwelle  einer  neuen  Zeit,  die
er  nicht  zu  betreten  wagte.  Ihr  Tor  jedoch  hatte  er  selbst  aufgeschlossen
durch  seine  Bankordnung.  Die  Preußische  Bank  brauchte  noch  zehn  Jahre,
bis  sie,  nach  abermaliger  Verstärkung  ihres  Betriebskapitals,  in  die  Reihe
der  großen  Banken  Europas  eintrat;  die  Grundlagen  ihrer  neuen  Verfassung
  hingegen  veränderten  sich  nicht.  Auf  dem  Zusammenwirken  der
Staatsgewalt  und  des  Privatkapitals  beruht  noch  heute  die  deutsche
Reichsbank.  Und  so  bleibt  dem  wackeren  Alten,  der  kein  schöpferischer
Geist  wie  Motz,  aber  ein  großer  Geschäftsmann  war,  eine  ehrenvolle
Stelle  in  der  Geschichte  des  deutschen  Beamtentums  gesichert.  —

Die  Wunden  der  Kriegsjahre  waren  endlich  ausgeheilt,  überall  schritt
die  Industrie  jetzt  rascher  vorwärts  als  in  den  letzten  zwei  Jahrzehnten.
Seit  dem  Erscheinen  des  neuen  Zollgesetzes  bis  zum  Tode  des  alten  Königs
hatte  sich  in  Preußen  die  Zahl  der  Grob-,  Nagel=  und  Messerschmiede
von  59  000  auf  79000,  die  der  Webstühle  für  Baumwoll=  und  Halbbaumwollwaren
  von  14  000  auf  49  000  gehoben.  Unter  der  neuen  Regierung
  vermehrten  sich  binnen  neun  Jahren  die  Dampfmaschinen  der
Berliner  Fabriken  von  29  mit  392  Pferdekräften  auf  193  mit  1265
Pferdekräften,  und  die  Kopfzahl  der  Berliner  Metallarbeiter  hob  sich  in
13  Jahren  von  3000  auf  4500.  Schritt  für  Schritt  suchte  der  deutsche
Gewerbfleiß  den  weiten  Vorsprung  des  Auslandes  einzuholen.  Als  die
Berlin-Anhaltische  Eisenbahn  gegründet  wurde,  bestellte  sie  in  England
15  Lokomotiven  und  nur  6  bei  Borsig;  der  aber  tat  sein  Bestes  mitsamt
seinen  wohlgeschulten  Leuten,  die  sich  stolz  als  eine  Aristokratie  in  der
Berliner  Arbeiterschaft  fühlten,  und  in  dem  Jahrzehnt  nach  1842  lieferte
er  der  Bahn  schon  19  Lokomotiven,  England  und  Belgien  zusammen  nur
noch  16.  Zugleich  begannen  die  Deutschen  auch  für  den  übrigen  Eisenbahnbedarf
  selbst  zu  sorgen,  seit  Caspar  Harkort  bei  Hagen  zuerst  Eisenbahnwagenräder
  gefertigt  hatte.
        <pb n="515" />
        Veränderung  der  Lebensgewohnheiten.  507

Allein  sehr  bald  zeigte  sich  auch  die  Schattenseite  des  gewaltigen
neuen  Verkehrs.  Unser  Stolz  war  der  starke  wehrhafte  Bauernstand.
Deutschland  besaß  nach  Verhältnis  fast  dreimal  mehr  Ackerland  und
sechsmal  weniger  unproduktiven  Boden  als  Großbritannien,  wo  der  Adel
die  Bauern  großenteils  ausgekauft  hatte.  Die  Bevölkerung  war  in  leid—
lichem  Gleichmaß  über  Stadt  und  Land  verteilt;  darum  bewahrte  sich
das  deutsche  Leben  noch  immer  einen  Zug  ursprünglicher  Kraft  und  un—
schuldiger  Frische,  dessen  die  urbane  Kultur  der  südlichen  und  westlichen
Nachbarvölker  fast  ganz  entbehrte.  Jetzt  aber  begann  auch  in  Deutschland,
erst  langsam,  dann  unaufhaltsam  anschwellend,  der  Zudrang  zu  den
Städten.  In  Breslau  entstand  neben  den  Bahnhöfen  nach  kurzer  Zeit  ein
neuer  Stadtteil;  in  Hamburg,  in  Stettin,  in  Leipzig,  selbst  in  dem  stillen
Dresden,  wo  man  der  Fremden  halber  die  rauchenden  Schlote  ungern
sah,  wuchsen  die  Fabriken  heran.  Die  Hast,  die  Genußsucht,  die  Un—
zufriedenheit  des  großstädtischen  Lebens  verbreiteten  sich  weithin  in  die
kleinen  Ortschaften  und  über  das  flache  Land.  Und  wie  gründlich  wurden
alle  Lebensgewohnheiten  durch  die  Massenproduktion  der  jungen  Groß—
industrie  verändert.  Viele  der  gerühmten  neuen  Erfindungen,  zumal  in
der  Textilindustrie,  waren  ganz  unnütz;  sie  förderten  lediglich  die  Überproduktion,
  den  wilden  Kampf  der  Konkurrenz,  den  rastlosen  Wechsel  der
Moden.  Die  derben  alten  Tuche,  die  sich  der  sparsame  Bürgersmann
nach  vier  Jahren  noch  einmal  wenden  ließ,  kamen  allmählich  ab;  die  eleganten
  und  wohlfeilen  modernen  Stoffe  aber  überdauerten  selten  einen
Sommer.  Der  Düsseldorfer  Maler  wußte  längst  nicht  mehr,  womit  er
malte,  und  wenn  er  nachher  die  herrlich  leuchtenden  Farben  seines  Fabrikanten
  unbegreiflich  schnell  verbleichen  oder  gar  den  Firnis  abbröckeln
sah,  dann  beneidete  er  die  schlichten  alten  Meister,  die  ihre  Farben  noch
selber  rieben  und  sich's  darum  auch  zutrauten,  für  die  Zukunft  zu  malen.
Der  Schriftsteller  desgleichen  konnte  sich  der  angenehmen  Erwartung  hingeben,
  daß  seine  auf  dem  dünnen,  glatten  Maschinenpapiere  wohlfeil  und
schnell  gedruckten  Werke  in  hundert  Jahren  buchstäblich  unlesbar  sein
würden.

Kurzlebig,  vergänglich  war  alles,  was  die  neue  Industrie  hervorbrachte,
und  es  konnte  nicht  ausbleiben,  daß  diese  Flüchtigkeit  der  wirtschaftlichen
Arbeit  auf  die  ganze  Weltanschauung  des  Zeitalters  zurückwirkte.  Der
große  Ehrgeiz,  der  für  die  Dauer  schaffen  will,  wird  immer  nur  einzelne
starke  Geister  beseelen;  doch  kaum  jemals  in  der  Geschichte  ist  die  Lehre,
daß  der  Mensch  am  Tage  den  Tag  lebe,  mit  solcher  Selbstgefälligkeit  verkündigt
  worden,  wie  in  der  zweiten  Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts.
Die  gesamte  radikale  Literatur  der  Zeit  predigte  in  mannigfachen  Wendungen:
  mit  der  schweren  alten  Wissenschaft  sei  es  vorbei,  nur  in  der
leichten  Form  der  Publizistik  könne  das  freie  moderne  Bewußtsein  seinen
Ausdruck  finden,  nur  wer  den  Duft  des  frisch  bedruckten  Zeitungspapieres
        <pb n="516" />
        508  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

wie  Morgenluft  einatme,  stehe  auf  der  Höhe  des  Jahrhunderts.  Ein  neues
Geschlecht  begann  heranzuwachsen,  das  von  Ort  zu  Ort,  von  einem  Eindruck
  zum  anderen  hastete,  schnell  lernend  und  schneller  vergessend,  immer
genießend,  immer  erwerbend,  ganz  in  sich  selbst  und  in  das  Diesseits  verliebt,
  friedlos  und  freudlos.  In  Deutschland  verrieten  zunächst  nur
einzelne  Anzeichen  diese  beginnende  Umwandlung  des  sozialen  Lebens.
Die  Macht  der  materiellen  Interessen  fand  noch  ein  starkes  Gegengewicht
an  dem  hohen  Idealismus  der  politischen  Einheitskämpfe;  und  erst  weit
später,  als  die  nationale  Sehnsucht  ihr  Ziel  erreicht  hatte,  sollte  auch
über  Mitteleuropa  ein  Zeitalter  des  vorherrschenden  Erwerbes  und  Genusses
  hereinbrechen.

Sehr  schwer  litt  unter  den  veränderten  Verkehrsverhältnissen  das
deutsche  Haus  und  seine  Hüterin,  die  Frau.  Unsere  wechselreiche  Geschichte
hatte  nach  dem  dreißigjährigen  Kriege  und  sonst  noch  mehrmals  Zeiten
gesehen,  da  die  Frau  höher  stand  als  der  Mann  und  das  verwilderte
Männervolk  an  der  guten  Sitte  des  Hauses  wieder  gesundete;  jetzt  kamen
Tage,  da  die  Frau  sich  in  der  verwandelten  Welt  schwerer  zurecht  fand
als  der  Mann  und  an  ihrem  natürlichen  Berufe  irr  wurde.  Die  alte
vorsorgliche  Wirtschaftsweise,  die  das  ehrenfeste  Bürgerhaus  für  die
Winterszeit  mit  reichen  Vorräten  auszustatten  pflegte,  verbot  sich  jetzt
von  selbst;  die  weibliche  Handarbeit  im  Hause  verlor  Sinn  und  Wert,  seit
man  Wäsche  und  Kleider  im  Laden  fertig  kaufte.  Das  patriarchalische
Verhältnis  zwischen  Herrschaft  und  Gesinde  ging  zu  Grunde,  der  Wandertrieb
  der  Zeit  ergriff  auch  die  Dienstboten.  Also  kam  den  Frauen  ein
guter  Teil  ihrer  gewohnten  stillen  Wirksamkeit  abhanden,  sie  fühlten
sich  unglücklich  in  einem  halb  zwecklosen  Leben.  Da  überdies  die  Eheschließung
  in  den  höheren  Ständen  durch  den  sinkenden  Geldwert  und
die  verwickelten  Erwerbsverhältnisse  erschwert  wurde,  so  wuchs  die  Zahl
der  unbefriedigten,  der  kranken  und  nervösen  Frauen  beständig  an.  Ratlos
  stand  die  Welt  vor  einer  „Frauenfrage“,  welche  die  einfache  Vorzeit
nicht  gekannt  hatte.  Frauen  drängten  sich  mit  dilettierender  Geschäftigkeit
in  männliche  Berufe,  und  ganz  wie  einst  in  den  Zeiten  der  Sittenverderbnis
  des  klassischen  Altertums  stiegen  aus  dem  Schlamme  der  üÜberbildung
  die  Lehren  der  Weiber-Emanzipation  empor.

Unnatürlich  früh  entstanden,  obgleich  der  allgemeine  Wohlstand  noch
recht  bescheiden  blieb,  schon  einzelne  riesige  Vermögen.  Der  Reichtum
des  Hauses  Rothschild  überbot  bei  weitem  alles,  was  die  römische  Kaiserzeit
  an  ungesunden  Kapitalanhäufungen  gesehen  hatte.  Es  lag  im  Wesen
der  neuen  Großindustrie,  daß  sie,  um  nur  zu  bestehen,  beständig  nach
Erweiterung  trachten  mußte.  Diesen  Wandlungen  des  sozialen  Lebens
vermochte  der  Staat,  der  ja  immer  langsamer  lebt  als  die  Gesellschaft,
längst  nicht  mehr  zu  folgen.  Von  solchen  Vermögen,  wie  sie  jetzt  über
Nacht  aufwuchsen,  hatten  sich  Hardenberg  und  Hoffmann  nichts  träumen
        <pb n="517" />
        Die  neuen  Kapitalmächte.  509

lassen,  als  sie  vor  einem  Vierteljahrhundert  mit  hausväterlicher  Sorgsam—
keit  ihrem  verarmten  Volke  die  neuen  Steuern  auferlegten.  In  dem  reichen
Köln  entrichteten  um  1845  nur  fünf  Firmen  die  höchste  Gewerbesteuer
mit  260  Tlr.,  und  darunter  waren  die  weltbekannten  Bankhäuser  Sal.
Oppenheim  und  Schaaffhausen;  die  größte  der  beiden  Rhein-Dampfschiffsgesellschaften
  zahlte  nur  91  Tlr.  Nun  gar  die  bescheidenen  höchsten  Sätze
der  Klassensteuer  erschienen  diesen  Vermögen  gegenüber  wie  Hohn,  und  mit
gerechtem  Groll  sah  der  kleine  Mann,  wie  unbillig  der  Reichtum  bevorzugt
wurde.  Dic  neuen  Kapitalmächte  zeigten  gar  nichts  von  jener  großartigen,
gemeinnützigen,  ganze  Städte  schmückenden  und  darum  versöhnenden  Freigebigkeit,
  welche  den  reichen  Leuten  des  klassischen  Altertums  durch  die
Volkssitte  aufgezwungen  wurde.  Sie  benutzten  nicht  nur  rücksichtslos  ihre
Uberlegenheit  auf  dem  Markte,  sie  begannen  auch  schon,  dem  Gesetze
trotzend,  sich  gegen  die  Arbeitskräfte  zu  verschwören;  es  kam  an  den  Tag,
daß  die  Bonn-Kölner  und  die  Leipzig-Dresdner  Eisenbahngesellschaft  sich
zur  Aussperrung  mißliebiger  Arbeiter  verabredet  hatten.

Man  bemerkte  auch  bereits  die  ersten  Anfänge  einer  internationalen
Verbindung  zwischen  den  großen  Geldmächten.  Im  Mittelalter  hatten
zuweilen  deutsche  und  französische  Ritter  gemeinsam  gegen  das  Bürgertum
  gefochten,  im  sechzehnten  Jahrhundert  die  Religionsparteien  aller
Länder  unbedenklich  die  Hilfe  der  fremden  Glaubensgenossen  angerufen
wider  die  andersgläubigen  Landsleute.  Es  war  der  Ruhm  der  neuesten
Geschichte,  daß  die  Eigenart  des  Volkstums  sich  überall  stark  und  bewußt
  ausbildete,  daß  die  nationalen  Gegensätze  allmählich  gewichtiger
wurden  als  die  Gegensätze  der  politischen,  der  ständischen,  der  kirchlichen
Parteiung;  die  eigentümliche  Größe  der  modernen  Kultur  lag  in  der
Mannigfaltigkeit  ihrer  nationalen  Gebilde.  In  dieser  gesunden,  natürlichen
  Entwicklung  trat  nun  plötzlich  ein  unheilvoller  Rückschlag  ein.  Die
Börsenmächte  aller  Kulturländer  begannen  sich  in  der  Stille  über  das
gemeinsame  Geldinteresse  zu  verständigen,  und  die  neue  internationale
Partei  des  Großkapitals  fand  ihre  natürliche  Stütze  an  dem  vaterlandslosen
  Judentum.  Einer  der  Führer  der  europäischen  Judenschaft,  der
radikale  Abgeordnete  Cremieux  in  Paris  verkündete  bereits  triumphierend,
welche  Riesenschritte  Israel  getan  habe;  und  der  französische  Ultramontane
A.  Toussenel  veröffentlichte  schon  1847  sein  warnendes  Buch  Les  Juifs
rois  de  l’époque.  Die  wertlose,  an  törichten  Behauptungen  überreiche
Schrift  zeigte  immerhin,  daß  ihr  fanatischer  Verfasser  ein  scharfes  Witterungsvermögen
  besaß.

Diesen  Kapitalmächten  stand  die  Masse  der  Arbeiter  fast  hilflos  gegenüber.
  Wohl  erschienen  die  sozialen  Mißstände  in  der  noch  unfertigen  deutschen
  Großindustrie  bei  weitem  nicht  so  entsetzlich  wie  in  Frankreich  oder
England  der  verzweifelte  Schlachtruf  der  französischen  Arbeiter:  „kämpfend
sterben  oder  arbeitend  leben“  fand  in  Deutschland  noch  keinen  Widerhall.
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        510  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

Doch  über  Hungerlöhne,  Kinderarbeit,  Mißhandlung  und  Ausbeutung  der
Leute  wurde  schon  laut  geklagt,  viele  deutsche  Fabrikanten  hatten  schon
das  schändliche  englische  Trucksystem,  die  Ablöhnung  der  Arbeiter  durch
Waren  eingeführt;  und  als  der  wackere  Breslauer  Wolff  (1843)  das
grauenhafte  Elend  in  den  Arbeiterwohnungen  der  „Kasematten“  seiner
Vaterstadt  schilderte,  da  erkannte  man  mit  Schrecken,  daß  auch  Deutschland
  schon  Höhlen  des  Jammers  besaß,  die  sich  mit  der  Pariser  Rue  de
la  misère  oder  dem  Impasse  des  cloaques  vergleichen  konnten.  Den  besitzenden
  Ständen  fehlte  noch  fast  jedes  Verständnis  für  die  Empfindungen
der  Masse.  Mancher  Fabrikant  im  Erzgebirge  erzählte  unbefangen,  ohne
sich  etwas  Schlimmes  dabei  zu  denken:  sein  Arbeiterstamm  vermehre  sich
durch  Inzucht  in  den  neuerbauten  Arbeiterkasernen;  dort  mochten  die  Leute
nach  Belieben  in  wilder  Ehe  beisammen  leben,  die  nachsichtigen  Behörden
kümmerten  sich  nicht  darum.  Welche  Kluft  die  Höhen  und  die  Tiefen
der  Gesellschaft  trennte,  das  zeigte  sich  grell  an  dem  Schicksal  der  Dorfgeschichten.
  Die  Verfasser  dieser  so  volksfreundlich  gemeinten  Dichtungen
machten  allesamt  die  tragikomische  Erfahrung,  daß  ihre  Werke  dem  niederen
  Volke  ganz  unverständlich  blieben,  weil  der  kleine  Mann  nur  Schriftdeutsch
  lesen  kann.  Not  und  Trägheit  setzten  den  Erziehungsversuchen
der  Staatsgewalt  einen  ungeheueren  Widerstand  entgegen.  Nach  so  langen
Jahren  eifriger  Arbeit  war  die  preußische  Unterrichtsverwaltung  doch  erst
dahin  gelangt,  daß  in  Posen  61,  in  der  Rheinprovinz  80  Prozent  der
schulpflichtigen  Kinder  die  Schule  besuchten,  nur  in  der  Provinz  Sachsen
schon  93  Prozent;  und  gerade  die  großen  Fabrikstädte  zeichneten  sich  durch
die  Verwahrlosung  der  Jugend  bedenklich  aus:  in  Elberfeld  gingen  nur
79,  in  Aachen  gar  nur  37  Prozent  der  Kinder  zur  Schule.

Der  König  betrachtete  die  Beschützung  der  kleinen  Leute  als  heilige
Christenpflicht;  Parteilichkeit  für  das  Großkapital  lag  seiner  politischen
Gesinnung  fern,  wieder  und  wieder  beschäftigte  ihn  die  Frage,  ob  er  nicht
in  seinem  geplanten  Vereinigten  Landtage  den  Arbeitern  eine  besondere
ständische  Vertretung  gewähren  solle.  Er  freute  sich  herzlich  und  bewilligte
  reiche  Unterstützungen,  als  in  Berlin  nach  der  Gewerbeausstellung
von  1844  ein  „Verein  für  das  Wohl  der  arbeitenden  Klassen“  zusammentrat,
  der  durch  Volks-Sparkassen,  Schulen,  gemeinnützige  Schriften  zu
wirken  suchte.  In  vielen  großen  Städten  entstanden  dann  ähnliche  Vereine;
  Barmherzigkeit  gegen  die  Armen  war  die  Losung,  die  von  dem
frommen  Hofe  ausging.  Doch  leider  fehlte  dem  Monarchen  alle  Kenntnis
des  praktischen  Lebens;  seine  Beamten  aber  hielten  fast  allesamt  noch
das  Anwachsen  der  neuen  Großindustrie  für  einen  Kulturfortschritt  schlechthin
  und  scheuten  sich,  die  Unternehmer  zu  belästigen.  An  eine  irgend  ernsthafte
  Beaufsichtigung  der  Fabriken  wagte  man  noch  kaum  zu  denken.
Als  die  Provinzialstände  von  Rheinland  und  Westfalen  (1843)  ein  Gesetz
  gegen  das  Trucksystem  verlangten,  da  erwiderte  die  Krone:  im  Not-
        <pb n="519" />
        Arbeiternot.  Ländliches  Proletariat.  511

fall  sei  sie  dazu  bereit;  es  erschien  ihr  jedoch  sehr  „zweifelhaft“,  ob  der
Gesetzgeber  hier  schützen  könne,  „ohne  durch  zu  tiefes  Eingreifen  in  die
privatrechtlichen  Verhältnisse  der  Existenz  der  Arbeiter,  besonders  in  Zeiten
gedrückten  Fabrikbetriebs,  zu  gefährden“;  sie  gab  sich  vielmehr  der  unschuldigen
  Hoffnung  hin,  „das  wucherische  Benehmen  einzelner  Fabrikherren
würde,  gebrandmarkt  durch  die  öffentliche  Meinung,  endlich  ganz  aufhören.“

Die  in  England  längst  gewährte  Freiheit  der  Assoziation  war  in
Deutschland,  dank  der  Angstlichkeit  der  Bureaukratie,  den  Arbeitern  überall
versagt.  Aus  aller  Welt  zusammengeschneit,  heimatlos  und  doch  streng
an  Ort  und  Zeit  gebunden,  vereinzelt,  ohne  jede  ständische  Ordnung,
ohne  kameradschaftlichen  Gemeinsinn,  ohne  Freude  an  dem  Erzeugnis  ihres
Fleißes,  das  sie  nicht,  wie  jeder  schlichte  Handwerker,  stolz  als  ihrer  Hände
Werk  betrachten  konnten,  gedankenlose  Sklaven  der  Maschinen,  nur  mangelhaft
  geschützt  durch  die  hie  und  da  neu  gebildeten  Fabrikgerichte,
blieben  die  Arbeiter  also  ganz  in  der  Hand  der  mächtigen  Unternehmer,
die  ihnen  nur  den  ausbedungenen  Lohn  zu  zahlen  brauchten  und  auch
diesen,  auf  Grund  der  willkürlich  auferlegten  Kontrakte,  nur  zu  oft
schmälerten.  Dem  Gesetze  zuwider  versuchten  die  Bedrängten  sich  zuweilen
schon  durch  Arbeitseinstellungen  zu  helfen,  so  die  Kattunweber  in  Berlin,
die  Eisenbahnarbeiter  bei  Brandenburg  und  Vohwinkel.

Auchauf  dem  flachen  Lande  des  Nordostens  zeigten  sich  krankhafte  soziale
Verhältnisse,  seit  man  die  zweischneidige  Wirkung  der  Stein-Hardenbergischen
Gesetzgebung  zu  fühlen  begann.  Wie  zuversichtlich  stellte  Hardenberg  einst
an  die  Spitze  seines  Verfassungsplanes  den  Grundsatz:  wir  haben  lauter
freic  Eigentümer;  wie  hoffnungsvoll  sprach  Sack  von  „dem  zweiten  und
dem  dritten  Pommern“,  das  durch  die  Ansiedlung  freier  Bauern  entstehen
sollte.  Und  doch  wie  anders  war  alles  gekommen.  Der  ländliche  Mittelstand
  freilich  hatte  durch  die  agrarischen  Reformgesetze  erheblich  gewonnen;
die  Bauern  waren  jetzt  persönlich  frei,  der  grundherrlichen  Abgaben  entlastet
  und,  nach  Abtretung  eines  Teiles  ihrer  Besitzungen,  unbeschränkte
Eigentümer.  Sobald  der  Preis  des  Getreides  wieder  stieg,  gelangten  ihrer
viele  zum  Wohlstand,  zumal  die  besonders  günstig  gestellten  alten  Domänenbauern;
  manche  wurden  reicher  als  die  benachbarten  Rittergutsbesitzer
und  begannen  gleich  diesen,  ihren  Boden  nach  den  Grundsätzen  des  neuen
rationellen  Ackerbaues  zu  bewirtschaften.  Die  Besitzer  der  kleinen  nicht
spannfähigen  Stellen  hingegen  sahen  sich  durch  die  Deklaration  vom
29.  Mai  1816  von  der  Regulierung  ausgeschlossen,  weil  die  Krone  damals
Bedenken  trug,  die  im  Kriege  so  hart  mitgenommenen  Grundherren  durch
Entziehung  der  gewohnten  Handdienste  ganz  zu  Grunde  zu  richten.)  Seit
die  Landgüter  frei  veräußert  werden  durften,  fiel  aber  auch  der  alte  wohltätige
  Bauernschutz  hinweg,  und  die  Gesetzgeber  konnten  kaum  vorhersehen,

 

)  S.  o.  II.  189  (4.  Aufl.),  III.  381,  IV.  559.
        <pb n="520" />
        512  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

wie  furchtbar  die  Freiheit  des  Auskaufens  gerade  unter  den  armen  Leuten  aufräumen
  sollte.  Die  Mehrzahl  der  kleinen  Bauernstellen  wurde  nach  und  nach
eingezogen,  und  während  früherhin  die  Bauern,  Kossäten,  Häusler,  Einlieger
insgesamt  dem  einen  Stande  der  bäuerlichen  Gutsuntertanen  angehört
hatten,  trennte  sich  jetzt  die  ländliche  Bevölkerung  allmählich  in  zwei  Klassen.

Tief  unter  den  Bauern  stand  fortan  ein  ländliches  Proletariat  von
freien,  wirtschaftlich  ganz  ungesicherten  Tagelöhnern.  Der  halbfreie  kleine
Gutsuntertan  der  alten  Zeit  war  zwar  an  die  Scholle  gebunden,  aber
auch  berechtigt,  diese  Scholle  zu  bebauen;  er  nahm  auch  teil  an  der  Gemeindenutzung
  und  der  Gutsherr  half  ihm  zuweilen  durch.  Die  neuen
Tagelöhner  besaßen  an  Boden  wenig  oder  nichts.  Selbst  bei  der  Gemeinheitsteilung
  gingen  die  Armen  leer  aus,  weil  ihnen  die  Auftrift  nur  kraft
alter  Gewohnheit,  nicht  von  Rechts  wegen  zustand,  und  sie  llagten  bitterlich:
  jetzt  werden  die  Bauern  zu  Edelleuten,  wir  zu  Bettlern.  Zudem
waltete  auch  im  Landvolke  der  Drang  nach  persönlicher  Unabhängigkeit,
der  das  ganze  Jahrhundert  wie  eine  unwiderstehliche  Naturgewalt  beherrschte.
  Die  Masse  der  Häusler  und  die  der  ganz  besitzlosen  Einlieger
wuchs  weit  schneller  an  als  die  Zahl  der  neben  dem  Herrenhofe  angesiedelten,
  oft  besser  versorgten  Gutstagelöhner;  man  band  sich  nicht  mehr  gern
für  längere  Zeit.  Inzwischen  nahmen  die  Kartoffelbrennerei  und  die  Runkelrübenwirtschaft
  überhand,  die  Schlempe  wurde  der  großen  Wirtschaft
auf  dürrem  Sandboden  bald  unentbehrlich;  die  Arbeiter  hatten  in  diesen
neuen  landwirtschaftlichen  Industriezweigen  oft  noch  schwerer  zu  leiden
als  ihre  Genossen  in  den  städtischen  Fabriken.  In  der  neuen  Gesellschaft
  fühlten  sich  die  Tagelöhner  haltlos,  vereinzelt;  die  patriarchalische
Gutsherrschaft  bestand  nicht  mehr,  und  an  den  Beratungen  der  Dorfgemeinde
  hatten  sie  keinen  Anteil.  Das  Landvolk  besitzt  aber  ein  zähes
Gedächtnis.  Die  längst  entschwundenen  Zeiten,  da  jedermann  sich  im
reichen  Walde  mit  Holz  laden  durfte,  blieben  noch  überall  in  Deutschland
  unvergessen,  und  nirgends  wollte  der  Landmann  recht  einsehen,  daß
Waldfrevel  wie  andere  Vergehen  bestraft  werden  sollten.  So  wußte  auch
der  neue  Stand  der  freien  Tagelöhner  sehr  wohl,  daß  seine  Vorfahren
einst  ein  Stück  Land  für  sich  selber  bebaut  hatten.  Er  fühlte  dunkel,
daß  er  unrecht  erlitten  hatte,  und  allerdings  war  er  das  Opfer  einer
mittlerweile  veralteten  sozialpolitischen  Denkweise;  denn  niemand  kann
gänzlich  aus  seiner  Zeit  heraus,  die  segensreichen  Reformen  Steins  und
Hardenbergs  wurzelten  doch  in  der  Weltanschauung  des  achtzehnten  Jahrhunderts,
  das  unter  dem  Volke  immer  nur  die  Mittelklassen  verstand  und
von  den  arbeitenden  Massen  wenig  wußte.  Da  auf  dem  Lande  der  Grundbesitz
  eines  und  alles  ist,  so  war  den  Wünschen  der  grollenden  Tagelöhner
ein  bestimmtes  Ziel  gewiesen,  und  als  die  Revolution  hereinbrach,  klang
aus  aller  Munde  wie  ein  Naturlaut  die  Forderung:  der  König  muß
uns  Land  verschreiben.  —
        <pb n="521" />
        Deutsche  Kommunisten  in  der  Schweiz.  513

In  so  bedrohlichen  wirtschaftlichen  Verhältnissen  gediehen  die  Lehren
der  sozialen  Zerstörung  wie  die  Würmer  im  Aase.  Die  kommunistische
Partei,  die  im  Auslande  ihren  Herd,  in  Deutschland  schon  überall  ihre
geheimen  Sendboten  besaß,  bekannte  sich  jetzt  offen  zu  kosmopolitischen
Plänen,  sie  verlangte  den  sozialen  Umsturz  überall  in  der  Welt,  wie  ja
auch  die  großen  Geldmächte  schon  von  Land  zu  Land  ihre  Fäden  spannen.
Die  goldene  und  die  rote  Internationale,  wie  eine  spätere  Zeit  sie
nannte,  begannen  sich  zu  organisieren.  Die  Kommunisten  sagten  sich  förmlich
  los  von  dem  politischen  Radikalismus,  aus  dem  sie  einst  selber  hervorgegangen
  waren;  sie  verhöhnten  „den  Samen  Hambachs“,  sie  belachten
„das  konstitutionelle  Eldorado“  und  die  deutsche  Einheit,  sie  warfen  selbst
den  cynischen  Demagogen  Fein,  der  soeben  Schöns  Woher  und  Wohin?
  herausgegeben  hatte,  geringschätzig  zu  den  „liberalen  Amphibien“.
Unter  den  deutschen  Handwerkern  in  der  Schweiz  führte  der  Schneider
Weitling  das  große  Wort,  neben  ihm  ein  sehr  gewandter  Agitator,  der
schwäbische  Gerber  Schmidt.  Beide  standen  in  Verbindung  mit  dem  Franzosen
  Cabet,  der  das  gelobte  Land  der  Gütergemeinschaft,  Ikarien  mitsamt
  seinem  Limonadenmeere  so  gar  rührsam  geschildert  hatte.  Sie
gründeten  überall  radikale  Arbeitervereine  und  berechneten  schon  hoffnungsvoll,
  daß  fortan  alljährlich  600  Handwerksburschen  aus  der  Schweiz
heimkehren  würden,  um  die  Lehren  des  Kommunismus  in  Deutschland  zu
verbreiten.  Auch  Bakunin  tauchte  in  diesen  Kreisen  zuerst  auf,  ein  vornehmer
  Russe,  der  durch  gewissenlose  revolutionäre  Tatkraft  alle  die
anderen  Demagogen  übertraf.

Weitling  setzte  seine  schriftstellerische  Tätigkeit  fort  und  veröffentlichte
neben  anderen  Brandschriften  das  Evangelium  des  armen  Sünders,  ein
blasphemisches,  an  die  Wiedertäufer  erinnerndes  Buch,  das  wieder  einmal
  zeigte,  wie  nahe  sich  in  den  kommunistischen  Träumen  der  weltverachtende
  Idealismus  und  die  gemeine  Sinnlichkeit  berühren.  Da  wurde
die  Gütergemeinschaft  der  Apostel  zur  Rechtfertigung  der  sozialen  Revolution,
  ja  sogar  des  gemeinen  Diebstahls  verwertet,  Jesus  galt  für  einen
fröhlichen  Lebemann,  und  die  göttliche  Macht  der  Liebe,  die  der  Sünderin
Magdalena  verzieh,  erschien  als  ein  Freibrief  für  jegliche  Unzucht.  Das
fanatische  Schneiderlein  hoffte  alles  Ernstes  auf  die  Zustimmung  Lamennais',
  der  seit  Jahren  schon  im  Namen  Gottes  die  bestehende  Gesellschaft
  als  ein  Werk  Satans  bekämpfte,  und  sah  sich  schmerzlich  enttäuscht,
als  der  katholische  Sozialist  entrüstet  erwiderte,  mit  dieser  fratzenhaften
Verzerrung  der  evangelischen  Wahrheit  wolle  er  nichts  gemein  haben.
Die  Schweizer  selbst  wurden  bald  besorgt.  Die  Brandreden  der  Flüchtlinge
  wider  die  Fürsten  hatten  sie  gern  ertragen,  doch  der  Kampf  gegen
das  Eigentum  widerstrebte  ihrem  haushälterischen  Ordnungssinne,  ihre
Zeitungen  schalten  heftig  auf  „diese  deutschen  Lausbuben“,  und  im  Jahre
1843  wurde  Weitling  aus  der  Eidgenossenschaft  ausgewiesen.  Im  Aufv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  33
        <pb n="522" />
        514  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

trage  des  Kantons  Zürich  schrieb  dann  der  konservativ-liberale  Bluntschli
einen  verständigen  Bericht  über  die  Kommunisten  in  der  Schweiz.  Die
Veröffentlichung  dieser  Denkschrift  bewirkte  freilich,  daß  die  Bestrebungen
der  Anarchisten  erst  jetzt  in  weiten  Kreisen  bekannt  wurden  und  in  den
nächsten  Monaten  an  dreihundert  deutsche  Handwerker  der  Pariser  Kom—
munistengesellschaft  beitraten;  einer  ihrer  Führer,  Moses  Heß  dankte  dem
Züricher  Juristen  sogar  in  einer  höhnischen  Adresse,  weil  er  der  guten
Sache  so  viele  neue  Anhänger  gewonnen  hätte.)

Mittlerweile  war  in  der  Schweiz  nochmals  ein  „Junges  Deutschland“
zusammengetreten,  und  zum  dritten  Male  erlangte  dieser  Name  eine  flüchtige
  Bedeutung.  Der  neue  Arbeiterbund  hatte  aber  mit  den  Genossen
Mazzinis  kaum  mehr  gemein  als  mit  der  gleichnamigen  deutschen  Literatenschule;
  er  verschmähte  alle  nationalen  Ideen  und  ging  grundsätzlich  darauf
aus,  den  Massen  den  Glauben  an  das  Bestehende,  zumal  den  religiösen
Glauben  zu  rauben.  Von  den  älteren  Verschwörern  trat  nur  der  Poet
Harro  Harring  bei;  der  ging  jetzt,  gleich  allen  Genossen,  in  der  Arbeiterbluse
  einher  und  sang:

Stürzet  den  Mammon,  dann  werden  versinken
Bald  auch  die  Throne  mitsamt  ihrer  Pracht!

Die  neuen  Führer  waren  durchweg  unbedeutende  Menschen:  ein
philosophischer  Schüler  Ruges  Döleke,  ein  Schlosser  Standau,  ein  langbärtiger
  feierlich  blickender  Prophet  Kuhlmann,  ein  windiger  Hamburger
Kaufmannsdiener  W.  Marr,  der  nachher,  ausgewiesen,  seine  schweizerischen
Heldentaten  in  einem  umfänglichen  Buche  selbst  verherrlichte.  Gleichwohl
  fanden  die  Demagogen  starken  Anhang.  Der  genossenschaftliche  Sinn,
der  so  tief  im  deutschen  Wesen  wurzelt  und  weder  in  den  verfallenden
alten  Zünften  noch  in  den  neuen  Fabriken  Befriedigung  fand,  konnte
sich  in  den  kommunistischen  Vereinen  betätigen.  Auf  ihren  Rede=  und
Leseabenden  zeigten  die  Arbeiter  viel  achtungswerten  Bildungsdrang,
aber  wie  schändlich  ward  er  mißleitet  durch  die  Apostel  eines  den  Staat
und  jede  gesellschaftliche  Ordnung  leugnenden  „Anarchismus“.  So  nannte
Marr  selber  seine  Doktrin.  Ihre  atheistischen  Grundsätze  schöpften  die
Genossen  aus  „Feuerbachs  Religion  der  Zukunft“,  einem  Buche,  das  durch
seine  schöne  Sprache  und  durch  den  idealistischen  Schwung  eines  nicht
unedlen  Gemüts  gerade  die  Halbgebildeten  bezaubern  mußte.

Die  Häuptlinge  der  schweizerischen  Anarchisten  empfingen  geheime
Weisungen  aus  Paris  durch  den  Dr.  Ewerbeck.*)  Dort  an  der  Seine  bestand
  ein  ganzes  Nest  von  kommunistischen  Geheimbünden,  die  sich  zumeist
von  der  alten  Gesellschaft  der  Menschenrechte  abgezweigt  hatten.  Längst

 

*)  Graf  Arnims  Bericht,  Paris  26.  Sept.  1843.
*)  Schreiben  des  Pariser  Polizeipräfekten  Delessart  an  den  preußischen  Gesandten
Graf  Arnim,  16.  Mai  1845.
        <pb n="523" />
        Deutsche  Kommunisten  in  Paris.  515

verflogen  war  die  religiöse  Begeisterung  der  alten  St.  Simonisten,  längst
überwunden  ihre  idealistische  Forderung:  jedem  nach  seiner  Fähigkeit,
jeder  Fähigkeit  nach  ihren  Leistungen.  Das  junge  Geschlecht  sagte  kurz—
ab:  jedem  nach  seinen  Bedürfnissen;  nur  die  Milderen  begnügten  sich  mit
der  vieldeutigen  „Organisation  der  Arbeit“.  Da  der  Geldbeutel  unter  dem
Bürgerkönigtum  alles  war  und  die  Charte  jedes  politische  Recht  an  einen
hohen  Zensus  knüpfte,  so  mußte  die  radikale  Opposition  unausbleiblich
ihre  Angriffe  wider  das  Eigentum  selber  richten.  Ein  wütender  Haß
gegen  die  besitzenden  Klassen  beseelte  alle  diese  Parteien,  mochten  sie  sich
nun  Cabetisten,  Egalitäre  oder  Reformisten  nennen;  und  auch  darin  zeigte
sich  der  französische  Charakter  der  Bewegung,  daß  der  Name  Bourgeoisie
längst  zum  Schimpfwort  geworden  war,  während  der  Name  des  deutschen
Bürgertums,  trotz  allen  Schmähungen  der  Radikalen,  noch  immer  in
Ehren  blieb.  In  wunderbarer  doktrinärer  Verblendung  wollte  Guizot
von  allen  den  Anzeichen  einer  furchtbaren  sozialen  Revolution  nichts  bemerken;
  er  wähnte  das  Volk  zufrieden,  weil  er  jederzeit  auf  die  Zustimmung
  der  ergebenen  Kammermehrheit,  des  pays  légal  sicher  zählen
konnte;  er  bestritt  sogar,  daß  ein  vierter  Stand  bestände,  da  ja  sein  geliebter
  Tiers-état  nach  unten  hin  rechtlich  nicht  abgeschlossen  war.  Ganz  so
selbstgefällig  wie  der  leitende  Staatsmann  selbst  versicherte  das  Ministerium
des  Innern  dem  preußischen  Gesandten:  bei  „dem  lichten  und  positiven
Geiste  der  Franzosen“  fänden  die  Lehren  Proudhons,  Cabets,  Constants
wenig  Anklang;  die  deutschen  Arbeiter  zeigten  sich  empfänglicher,  denn  sie
liebten  humane  und  philosophische  Träumerei,  auch  die  Lehren  der  Wiedertäufer
  und  der  Illuminaten  wirkten  unter  ihnen  noch  nach.  Was  die  französische
  Polizei  im  einzelnen  über  den  deutschen  Kommunistenbund  zu  berichten
  wußte,  bedeutete  nicht  viel:  sie  gab  nur  an,  daß  der  Verein  Hunderte  von
Mitgliedern  zählte,  darunter  viele  Juden  und  namentlich  Arbeiter  der  feineren
  Berufszweige,  Setzer,  Mechaniker,  Elfenbeindreher;  unter  den  deutschen
Landschaften  waren  Kursachsen,  Thüringen  und  die  Pfalz  stark  vertreten.)
Einige  der  in  Paris  zusammengeströmten  deutschen  Literaten,  Ruge,
Marx,  Börnstein,  Bernays,  Heß,  Heine  begannen  eine  Zeitschrift  des  internationalen
  Radikalismus,  den  Vorwärts;  es  waren,  bezeichnend  genug,
lauter  Juden,  mit  der  einzigen  Ausnahme  Ruges.  Der  Vorwärts  brachte
mehrere  der  schmutzigsten  Zeitgedichte  Heines,  er  verherrlichte  in  Vers  und
Prosa  den  Königsmörder  Tschech  und  erfand  für  den  König  von  Preußen
den  Namen:  Knäs  von  Rußland  —  einen  Titel,  der  wegen  seiner  Albernheit
von  der  gesamten  radikalen  Welt  alsbald  freudig  nachgesprochen  wurde.
Kaum  ins  Leben  getreten,  ward  die  Zeitschrift  schon  durch  Guizot  unterdrückt.
Auch  ihre  Mitarbeiter  hielten  nicht  lange  bei  einander  aus.  Als  Heine
*)  Renseignements  sur  le  Communisme  Allemand,  ausgearbeitet  in  der  Polizeiabteilung
  des  französischen  Ministeriums  des  Innern,  17.  Juni  1845  durch  Graf  Arnim
nach  Berlin  gesendet.

203  *
05
        <pb n="524" />
        516  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

einmal  mit  Weitling  zufällig  zusammentraf  und  von  dem  Schneider  wie  ein
biderber  Kamerad  angeredet  wurde,  da  fühlte  er  sich  tief  gedemütigt  „beim
Handwerksgruße  des  ungläubigen  Gnotentums“.  In  Wahrheit  war  der
Gnote  gläubiger  als  der  Dichter,  der  mit  allen  seinen  Überzeugungen
nur  geistreich  spielte;  aber  Heines  künstlerische  Empfindung  konnte  den
Verkehr  mit  der  Hefe  der  Gesellschaft  nicht  ertragen,  und  bald  zog  er
sich  vorsichtig  zurück.  Auch  Ruge  erschrak,  als  er  die  letzten  Ziele  seiner
Pariser  Kumpanei  endlich  erkannte.  Wie  viele  Standpunkte  hatte  der
Hohepriester  der  Junghegelianer  mit  seiner  behenden  Dialektik  nun  schon
überwunden;  über  den  Standpunkt  der  selbständigen  Persönlichkeit  und
ihres  Eigentums  kam  er  doch  nicht  hinaus,  obgleich  er  selber  arm  blieb.
Sein  derber  pommerscher  Menschenverstand  und  das  reizbare  Ehrgefühl  des
alten  Burschenschafters  bewahrten  ihn  vor  dem  Alleräußersten,  und  sobald
  er  seine  Leute  durchschaut  hatte,  schrieb  er  mit  gewohnter  Kampflust
  gegen  „die  Verrücktheit  der  Theorie  und  den  Schmutz  der  Gesinnung
des  Rabbi  Moses  Heß".  Sogar  Heinzen,  das  große  Schimpftalent  der
Demagogen  wollte  den  Kommunisten  nicht  mehr  folgen,  als  sie  den  logischen
  Schluß  aus  seinen  eigenen  Lehren  zogen.  Der  politische  und  der
soziale  Radikalismus  begannen  sich  zu  scheiden.

Die  kräftigste  Hilfe  kam  den  Kommunisten  aus  England.  Dort  hatten
die  schändlich  bedrückten  Arbeiter  schon  1835  den  mächtigen  Chartistenbund
  gebildet.  Die  große  Volkscharte  forderte  zunächst  nur  politische
Rechte:  das  allgemeine  Stimmrecht  mit  allem,  was  dazu  gehört.  Doch
jedermann  wußte,  daß  die  gerühmten  sechs  Punkte  der  Charte  nur  die
Mittel  bieten  sollten,  um  das  wirtschaftliche  Leben  gänzlich  umzugestalten;
und  schon  nach  drei  Jahren  sprach  der  Methodistenprediger  Stephens  das
entscheidende  Wort:  der  Chartismus  ist  eine  Messer=  und  Gabelfrage.  In
der  Arbeiter-Marseillaise  der  Chartisten  wurde  König  Dampf  verflucht,
„ein  Tyrann,  den  der  weiße  Sklave  kennt.“  Um  die  Macht  und  die
Niedertracht  der  modernen  Großindustrie  an  der  Quelle  kennen  zu  lernen,
ging  der  junge  Rheinländer  Fr.  Engels,  neben  Marx  der  beste  Kopf  der
deutschen  Kommunisten,  nach  London  und  schrieb  sodann,  im  einzelnen
parteiisch  übertreibend,  im  wesentlichen  wahrheitsgetreu,  ein  geistreiches,
gründliches  Buch  über  „die  Lage  der  arbeitenden  Klassen  in  England“
(1843).  Die  drastische  Schilderung  namenlosen  Elends  wirkte  tief  ergreisend;
  sie  schloß  mit  der  Weissagung  einer  nahen  sozialen  Revolution,
  die  in  England  allerdings  drohte,  jedoch  durch  den  starken  Selbsterhaltungstrieb
  des  altbefestigten  Staatswesens  noch  glücklich  abgewendet
wurde.  Späterhin  traten  Engels  und  Marx  in  den  großen  internationalen
  Arbeiterbund,  der  einst  durch  den  Deutschen  Schapper  in  London
gestiftet  und  mittlerweile  stark  angewachsen  war.*)  Marx  war  jetzt  schon

 

*)  S.  o.  IV.  607.
        <pb n="525" />
        Engels.  Marx.  Heß.  517

so  weit,  daß  er  Religion,  Staat,  Recht,  jede  göttliche  und  menschliche  Ord—
nung  verwarf.  Zu  Anfang  1848  entwarfen  die  beiden  Freunde  gemein—
sam  das  Manifest  der  kommunistischen  Partei,  das  den  Umsturz  der  Ge—
sellschaft,  Enteignung  der  Grundeigentümer,  Abschaffung  des  Erbrechts
forderte  und  rundweg  aussprach:  wir  unterstützen  jede  revolutionäre  Be—
wegung!  Das  Kernwort  lautete:  „Proletarier  aller  Länder,  vereinigt
euch!“  Das  Programm  des  internationalen  Umsturzes  war  aufgestellt,
und  seine  Urheber  waren  zwei  vaterlandslose  Deutsche.

Die  deutsche  gelehrte  Welt  wurde  auf  diese  Bewegung  zuerst  aufmerk—
sam,  als  der  Schleswigholsteiner  Lorenz  Stein  (1842)  sein  gedankenreiches
historisch-kritisches  Werk  über  den  Sozialismus  und  Kommunismus  er—
scheinen  ließ.  Der  große  Haufe  der  Leserwelt  wußte  freilich  mit  dem  schwer—
fälligen,  scholastisch  gehaltenen  Buche  nichts  anzufangen.  Er  verlangte  nach
leichterer  Kost  und  er  fand  sie  in  dem  Gesellschaftsspiegel,  den  der  aus
Paris  entwichene  rheinische  Jude  Moses  Heß  eine  Zeitlang  in  dem  frommen
Wuppertale  erscheinen  ließ.  Dies  „Organ  für  Vertretung  der  besitzlosen
Volksklassen“  fand  „die  einzige  Ursache  unserer  gesamten  Leiden  in  der
freien  Konkurrenz“  und  brachte  neben  törichten  radikalen  Brandreden  auch
manche  nur  allzu  wahre  Schilderung  aus  dem  Fabrikleben  der  westlichen
Provinzen.  Ahnlich  redete  O.  Lüning  in  seinem  Westfälischen  Dampfboot
und  Karl  Grün,  der  aus  Baden  Vertriebene,  in  der  Trierschen  Zeitung.
Überall  in  den  Heimatlanden  von  Marx  und  Engels  wurden  die  Gedanken
  der  sozialen  Revolution  umhergetragen;  in  Köln  besaß  die  Partei
allem  Anschein  nach  eine  geheime  Presse.  Die  Zensoren  aber  erwiesen  den
Organen  des  westdeutschen  Sozialismus  mehr  Nachsicht  als  den  Blättern
der  politischen  Opposition;  sie  ahnten  nicht,  was  der  kleine  Mann  bei  den
leicht  verhüllten  Anpreisungen  der  Gütergemeinschaft  empfand.

Selbst  in  dem  reichen  rheinischen  Bürgertum,  das  im  Volke  noch
immer  der  kölnische  Klüngel  hieß,  bekundete  sich  zuweilen  eine  schwächliche,
freilich  nur  theoretische  Vorliebe  für  den  sozialen  Radikalismus.  Als  in  Köln
ein  Verein  für  das  Wohl  der  arbeitenden  Klassen,  nach  dem  Muster  Berlins,
gebildet  werden  sollte,  da  erklärte  Assessor  Jung,  der  Mitarbeiter  der  untergegangenen
  Rheinischen  Zeitung:  dieser  Name  ist  beleidigend,  denn  wir
alle  sind  Arbeiter  —  eine  Behauptung,  die  aus  dem  Munde  des  verwöhnten
  Lebemanns  allerdings  seltsam  klang.  Er  verlangte  den  Namen:
Allgemeiner  Hilfs=  und  Bildungsverein;  bei  der  Verhandlung  darüber
wurden  die  Schlagwörter  der  kommunistischen  Zeitschriften  so  häufig  wiederholt,
  daß  Ludolf  Camphausen  und  einige  andere  gemäßigte  Liberale  sofort
zurücktraten.  In  Berlin,  in  Hamburg,  Kiel,  Magdeburg  entstanden  Arbeitervereine,
  in  denen  das  Selbstgefühl  des  jungen  vierten  Standes  kräftig
redete;  daneben  wirkten  überall  in  den  größeren  Städten  tiefgeheime  Vereine,
  wo  man  kommunistische  Schriften  vorlas,  überall  kleine  Meister
und  Gesellen,  die  sich  den  Vertrauten  als  Sendboten  der  Pariser  Marianne
        <pb n="526" />
        518  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

oder  anderer  ausländischer  Geheimbünde  zu  erkennen  gaben.  Der  ganze
Umfang  dieser  weitverzweigten  unterirdischen  Wühlerei  wird  wohl  immer
im  Dunkel  bleiben;  wie  erfolgreich  sie  aber  arbeitete,  das  erwiesen  die
Barrikadenkämpfe  des  Revolutionsjahres.  Auch  die  Zeitpoeten  Freiligrath,
Wilhelm  Jordan,  Karl  Beck  besangen  jetzt  schon  öfter  das  soziale  Elend
als  den  politischen  Freiheitskampf;  der  Deutschböhme  Alfred  Meißner
klagte:
"6  Denn  alle  wollen  Gold  und  Metzen,
Paläste,  Tafeln,  Pferd'’  und  Hetzen,
Das  arme  Volk  will  schwarzes  Brot!

Weit  größere  Verbreitung  fanden  die  schlechten  Übersetzungen  der
neuesten  aus  Schmutz  und  Blut  gemischten  französischen  Poesie.  Die
Weltweisheit  dieser  sozialen  Dichtung  ließ  sich  mit  dem  denkbar  geringsten
geistigen  Aufwande  verstehen,  man  brauchte  nur  alle  Begriffe  einfach  auf
den  Kopf  zu  stellen:  Gott  ist  die  Sünde,  die  Ehe  ist  Unzucht,  Eigentum
ist  Diebstahl.  Eugen  Sues  Ewiger  Jude  und  die  Geheimnisse  von
Paris  wurden  in  Deutschland  massenhaft  gelesen;  die  ekelhaften  Bilder
des  weichherzigen  Gurgelabschneiders,  der  tugendhaften  Bordelldirne,  des
ehrlichen  Spitzbuben  und  des  grausamen  Wucherers  vergifteten  Unzähligen
die  Phantasie.  Fast  der  gleiche  romanhafte  Reiz  lockte  die  Deutschen  auch
zu  Louis  Blancs  Geschichte  der  zehn  Jahre,  die  in  einem  Jahre  dreimal
übersetzt  wurde.  Ein  mittelmäßiger,  gedankenarmer  Kopf,  aber  ein  gewandter
  Erzähler,  wußte  L.  Blanc  die  Geldherrschaft  der  Bourgeoisie  mit
allen  Sünden  ihrer  Hartherzigkeit  anschaulich  darzustellen  und  die  empörten
  Leser  dann  zu  trösten  durch  das  unbestimmte  Idealbild  einer  zukünftigen
  Organisation  der  Arbeit,  bei  dem  sich  jeder  jedes  denken  konnte.
Auch  ein  Gegner  der  Radikalen,  Lamartine  förderte  arglos  die  Bestrebungen
  der  Umsturzpartei.  Seine  Geschichte  der  Girondisten  verklärte  die
häßliche  Prosa  der  Revolutionskämpfe  durch  den  Zauber  hochpoctischer
Schilderungen  und  trieb  mit  dem  politischen  Verbrechen  einen  sentimen:
talen  Götzendienst,  der  den  deutschen  Halbgebildeten  besser  zusagte  als  der
historische  Ernst  Niebuhrs,  Carlyles  oder  Dahlmanns.

Derweil  also  der  soziale  Unfriede  durch  unzählige  Agenten  und
Schriften  geschürt  wurde,  erlebte  Deutschland  auch  schon  einzelne  Fälle
gräßlicher  Massennot.  In  Berlin  lebten  um  1847  etwa  10  000  Almosen
empfänger  und  30  000  polizeilich  überwachte  Personen,  während  die  Zahl
der  wirklich  leistungsfähigen  Bürger  nur  auf  20  000  geschätzt  wurde.  Ostpreußen
  kam  seit  den  großen  Überschwemmungen  des  Jahres  1845  und
wiederholten  Mißernten  gar  nicht  mehr  aus  dem  Notstande  heraus.
Minister  Flottwell  bemühte  sich  zwar  redlich,  das  Elend  in  seiner  geliebten
Heimat  zu  lindern;  mehr  als  eine  Mill.  Tlr.  wurde  nach  und  nach
zur  Unterstützung  dieser  einen  Provinz  aufgewendet,  leider  planlos  und
mit  geringem  Erfolge.
        <pb n="527" />
        Die  schlesischen  Weber.  519

Im  schlesischen  Gebirge  wagten  die  verzweifelten  Weber  offenen  Aufruhr.
  Die  Gewerbefreiheit  hatte  dies  zunftfreie  Gewerbe  zwar  nicht  unmittelbar
  geschädigt,  wohl  aber  mittelbar;  denn  die  Zahl  der  freien
Hausweber  war  seit  den  neuen  Reformgesetzen  stark  angewachsen,  desgleichen
  die  Zahl  der  Kaufleute  und  Fabrikanten,  und  der  scharfe  Konkurrenzkampf
  verführte  die  Unternehmer  zu  einer  grausamen  Hartherzigkeit,
  die  unter  einem  so  gutmütigen  Menschenschlage  teuflisch  schien.
Ungeheuer  war  die  Macht  der  Trägheit  in  diesem  entkräfteten,  hoffnungslosen
  Völkchen;  die  Weber  widersetzten  sich  oft  der  Einführung  verbesserter
Arbeitsmethoden,  sie  entschlossen  sich  schwer  zu  anderen,  lohnenden  Beschäftigungen
  überzugehen,  sie  trieben  in  den  Rüben=  und  Kartoffelfeldern
der  benachbarten  Grundherren  unglaubliche  Dieberei,  und  aus  ihren
überschuldeten  Häuschen  mochten  sie  nicht  heraus,  auch  wenn  sie  anderswo
  besser  und  billiger  wohnen  konnten.  Die  habgierigen  Kaufleute  aber
wollten  ihre  Waren  lieber  zu  Spottpreisen  von  halbverhungerten  Hausarbeitern
  beziehen  als  aus  wohlgeordneten  Fabriken.  Dem  Könige  zitterte
das  Herz,  als  er  bei  seinen  Besuchen  in  Erdmannsdorf  etwas  —  leider
nur  zu  wenig  —  von  diesem  Elend  kennen  lernte;  er  ließ  dort  und  in
einigen  anderen  Orten  des  Gebirges  durch  die  Seehandlung  große  Spinnereien
  errichten,  bei  denen  mancher  Unglückliche  unterkam.  In  Breslau
bildeten  die  Grafen  Dyhrn,  York,  Zieten  und  der  Dichter  Gustav  Freytag
einen  Hilfsverein,  der  sich  bald  in  zahlreichen  Ortsvereinen  über  die
Provinz  verzweigte.  Das  alles  vermochte  nichts  gegen  den  gräßlichen
Jammer.  Oberpräsident  Merckel  aber  und  seine  Regierungsräte  wollten
das  Dasein  eines  Notstandes  gar  nicht  eingestehen;  sie  glaubten  felsenfest
  an  die  Heilkraft  der  volkswirtschaftlichen  Naturgesetze,  die  durch
Angebot  und  Nachfrage  alles  Leid  von  selber  aufheben  müßten,  und  witterten
  sogar  in  dem  Breslauer  Hilfsvereine  gemeinschädliche  Absichten.
Ihr  Mißtrauen  ward  erst  beschwichtigt,  als  der  Verein  vorsorglich  militärische
  Hilfe  anrief  und  den  kommandierenden  General,  den  wackeren
Grafen  Brandenburg  in  seinen  Vorstand  erwählte.  Erstaunlich  doch,  wie
diese  alten  in  der  Schule  des  Allgemeinen  Landrechts  aufgewachsenen  Beamten
  so  ganz  vergaßen,  daß  der  friderizianische  Staat  auf  einer  monarchischen
  Organisation  der  Arbeit  beruht  hatte  und  das  Landrecht  selbst
ein  Recht  auf  Arbeit  ausdrücklich  anerkannte.

Im  Frühling  1844  hörte  man  in  den  großen  Weberdörfern  des
Gebirges  überall  ein  neues  Volkslied,  das  Blutgericht  singen:

Ihr  Schurken  all,  ihr  Satansbrut,

Ihr  höllischen  Dämone,

Ihr  freßt  den  Armen  Hab  und  Gut,

Und  Fluch  wird  euch  zum  Lohne!
An  einem  Junitage  wurde  das  Haus  der  Firma  Zwanziger  in  Peterswaldau
  von  den  Webern  zerstört,  und  noch  zwei  Tage  lang  hauste  das
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        520  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

ergrimmte  Volk,  alles  zertrümmernd,  selten  raubend,  in  den  Fabriken
der  Nachbarorte.  Und  es  war  wirklich  nur  die  Raserei  der  Not,  was
diese  Tobenden  verblendete;  von  den  Schriften  der  Kommunisten  hatten  die
Armen,  die  sich  abends  ihre  kalte  Stube  mit  einem  Kienspan  erleuchteten,
  nie  ein  Wort  gelesen.  Zu  spät  erkannte  Merckel,  wie  gründlich  er
sich  über  die  Lage  getäuscht  hatte.  Er  eilte  selbst  herbei;  Truppen  stellten,
nicht  ohne  Blutvergießen,  die  Ordnung  her,  83  Gefangene  wurden  abgeführt,
  die  Hauptschuldigen  zu  schweren  Strafen  verurteilt.  Nun  sendete
  die  Krone  einen  Generalbevollmächtigten,  Geh.  Rat  v.  Minutoli,
zur  Untersuchung  des  Notstandes,  ließ  durch  die  Seehandlung  neue
Spinnereien  errichten,  die  Erwerblosen  bei  großen  Straßenbauten  beschäftigen,
  daneben  auch  mannigfache  bare  Unterstützungen  verteilen.

Doch  die  Überlegenheit  des  englischen  Wettbewerbs  war  nach  so
vielen  Unterlassungssünden  nicht  mehr  zu  besiegen,  auf  die  Selbsthilfe  der
Arbeiter  konnte  man  ebenso  wenig  zählen,  wie  auf  die  Einsicht  der  Unternehmer;
  die  Lage  der  Weber  blieb  fast  so  elend  wie  zuvor.  So  war  den
Angriffen  des  Radikalismus  Tür  und  Tor  geöffnet,  und  der  König  befahl
strenge  Wachsamkeit  wider  die  schlesischen  Blätter,  „in  welchen  das  Bestreben,
  die  unteren  gegen  die  höheren  Stände,  die  Armen  gegen  die
Wohlhabenden  aufzuregen,  nicht  zu  verkennen  ist.““)  In  Breslau  erschien
ein  halbkommunistisches  Blatt,  der  Volksspiegel;  der  anrüchige  Literat
Pelz  verfaßte  unter  dem  Namen  Treumund  Welp  aufregende  Schriften,
und  der  Düsseldorfer  Maler  Karl  Hübner  aus  Ostpreußen  ließ  in  Berlin
ein  Tendenzgemälde  „die  schlesischen  Weber“  ausstellen,  dem  nachher  ähnliche,
  grob  handgreifliche  Bilder  von  Auspfändungen  und  Wilddieben
folgten.  Heine  aber  benutzte  die  Gelegenheit,  um  wieder  einmal  seinen
Groll  an  dem  Monarchen  auszulassen,  der  sich  doch  während  dieser
traurigen  Wirren  weit  volksfreundlicher  gezeigt  hatte  als  sein  Beamtentum.
  Er  sang  das  Weberlied:

Ein  Fluch  dem  König,  dem  König  der  Reichen,
Den  unser  Elend  nicht  konnte  erweichen,
Der  den  letzten  Groschen  von  uns  erpreßt
Und  uns  wie  Hunde  erschießen  läßt.
Wir  weben,  wir  weben!

Einige  Monate  nachher,  im  Frühjahr  1845  wurde  im  Hirschberger  Tale
eine  Eidgenossenschaft  entdeckt,  die  auf  den  Umsturz  von  Staat  und  Gesellschaft
  hinarbeitete.  An  ihrer  Spitze  stand  ein  Tischler  Wurm  zu  Warmbrunn.
Auch  er  gehörte  keinem  der  auswärtigen  Geheimbünde  an;  er  kannte  jedoch
  ihre  Schriften  und  hatte  ganz  in  ihrem  Sinne  eine  Proklamation  entworfen,
  um  die  Gebirgsbewohner  aufzurufen  gegen  „die  Unterdrücker  der
arbeitenden  Klassen  —  jene  verächtliche  Klasse  von  Menschen,  die  man
den  Adel  nennt,  deren  Ursprung  in  den  finstersten  Zeiten  der  Barbarei

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  o.  D.
        <pb n="529" />
        Merckels  Entlassung.  Die  Notjahre.  521

ist,  deren  Vorfahren  die  Rolle  der  Straßenräuber,  der  Mordbrenner  so
schön  spielten.  .  .  Wenn  die  Statuen  der  Könige  in  Trümmer  stürzen,  wird
euer  Name  sich  mischen  in  den  Sturm  der  Elemente  und  wie  Donnergebrüll
den  letzten  Tyrannen  erschrecken,  in  der  Mitte  seiner  gezwungenen  Schar—
wächter,  vom  Lager,  daß  er  zittere  vor  der  erwachten  Menschheit  und
fliehe  wie  ein  Knabe.“  Der  König  sendete  sofort  den  Geh.  Rat  Mathis
als  Kommissar  hinüber;  in  dessen  Gefolge  befand  sich  der  junge  schlaue
Referendar  Stieber,  der  hier  zum  ersten  Male  seinen  polizeilichen  Spür—
sinn  bewährte.  Im  Verdachte  der  Mitwissenschaft  stand  außer  dem  un—
ermüdlichen  demagogischen  Schulmeister  Wander  7)  vornehmlich  der  Fabri—
kant  Schlöffel  in  Eichberg,  ein  grimmiger  Radikaler,  der  mit  den  Schweizer
Flüchtlingen  viel  verkehrte.  Der  greise  Oberpräsident  aber  wollte  dem  angesehenen
  Fabrikanten  eine  solche  Torheit  doch  nicht  zutrauen;  er  behandelte
Schlöffel  gütig,  hielt  ihn  nur  kurze  Zeit  in  Haft.  Deshalb  entspann  sich
zwischen  Merckel  und  Mathis  ein  heftiger  Streit,  und  der  König,  der  schon
über  die  saumselige  Behandlung  der  Webernöte  aufgebracht  war,  verfügte
nunmehr  die  Entlassung  des  Oberpräsidenten.  Merckel  hatte  ihn  früher  gebeten,
  er  möge  es  ihm  selber  sagen,  wenn  er  zu  seiner  physischen  oder
moralischen  Kraft  kein  Vertrauen  mehr  hege.  Nun  mußte  der  Minister  des
Innern  kurzweg  schreiben:  dieser  Zeitpunkt  ist  jetzt  eingetreten,  Se.
Majestät  sind  von  der  Unzulässigkeit  der  bisherigen  Verwaltung  des  Oberpräsidiums
  ganz  überzeugt.7)  So  trat  der  Mann  zurück,  der  seit  mehr
denn  einem  Menschenalter  allen  Schlesiern  für  das  natürliche  Haupt  der
Provinz  galt  und  namentlich  während  seiner  zweiten  Amtsführung  sich
das  allgemeine  Vertrauen  erworben  hatte.  Jetzt  feierte  man  ihn,  begreiflich
  genug,  als  ein  Opfer  der  Reaktion.  In  einem  gerührten  Abschiedsschreiben
  dankte  er  für  die  zahllosen  Beweise  der  Liebe  seiner  schlesischen
„Vaterlandsgenossen“.  Der  Erfolg  der  Untersuchung  schien  ihm  recht  zu
geben.  Schlöffel  wurde  freigesprochen,  da  sich  nichts  Sicheres  erweisen
ließ;  nur  Wurm  mußte,  zum  Tode  verurteilt,  ins  Zuchthaus  gehen.
Dann  brach  über  ganz  Deutschland  eine  jener  schweren  Teuerungszeiten
  herein,  welche  in  der  Geschichte  fast  regelmäßig  den  Revolutionen  vorangehen.
  Die  Ernte  der  Jahre  1846  und  47  mißriet  so  gänzlich,  daß
der  Zollverein,  dessen  Getreidehandel  sonst  immer  eine  starke  Mehrausfuhr
aufwies,  im  ersten  Jahre  fast  2,9  Mill.,  im  zweiten  5  Mill.  Scheffel  Roggen
mehr,  als  die  Ausfuhr  betrug,  einführen  mußte.  Am  durchschnittlichen
Ertrage  der  Roggenernte  fehlte  in  Mitteldeutschland  fast  ein  Viertel.  Und
was  für  unnatürliche  Zustände  in  den  einzelnen  Landesteilen!  Die  halbverhungerten
  Ostpreußen  mußten,  weil  sie  selber  nicht  zahlen  konnten,  den

*)  S.  o.  V.  241.

**)  Kabinettsordre  an  Geh.  Rat  Mathis,  18.  März;  Schlöffel  an  Merckel,  18.  März,
Antwort  19.  März;  Berichte  an  den  König,  vom  Minister  Graf  Arnim  24.  März,  von
Mathis  9.  April;  Thile,  Weisung  an  Graf  Arnim,  26.  April  1845.
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        522  V.  6.  Wachstum  und  Siechtum  der  Volkswirtschaft.

größten  Teil  ihrer  dürftigen  Ernte  in  das  Ausland  verkaufen.  Bei  dem
allgemeinen  Elend  zeigte  sich  der  Bundestag  wieder  ebenso  nichtig  wie
vor  dreißig  Jahren,  und  wieder  wie  damals  verbot  Osterreich  bundesfreundlich
  sofort  die  Getreide-Ausfuhr  nach  den  deutschen  Nachbarländern.

Aber  auch  der  Zollverein  einigte  sich  nicht  rechtzeitig  über  gemeinsame
Maßregeln;  man  fühlte  nur  zu  schmerzlich,  daß  der  alte  König,  Motz  und
Eichhorn  nicht  mehr  umsichtig  den  nationalen  Handelsbund  behüteten.
Jeder  Bundesstaat  handelte  auf  eigene  Faust,  am  klügsten  das  Königreich
Sachsen,  das  die  Ausfuhrverbote  des  österreichischen  Nachbarn  nicht  erwiderte,
  sondern  mit  mäßigen  Getreide-Einkäufen  und  einer  sehr  milden
Beaufsichtigung  des  Bäckergewerbes  leidlich  auskam.  Hier  allein  blieb  die
Ruhe  ganz  ungestört.  Fast  überall  sonst  in  den  größeren  Städten,  selbst
in  dem  stillen  Stettin  mußten  Zusammenrottungen  der  hungernden  kleinen
Leute  mehr  oder  minder  gewaltsam  auseinander  getrieben  werden.  Viel
zu  denken  gaben  die  Unruhen,  welche  Berlin  im  April  1847  drei  Tage
hintereinander  heimsuchten.  Sie  wurden  durch  die  Schlaffheit  des  greisen
(Gouverneurs  Müffling  genährt,  dann  durch  das  entschlossene  Eingreifen
des  Generals  Prittwitz  und  seiner  Kürassiere  gestillt.  Es  fiel  doch  auf,
wie  viele  wohlgekleidete  Männer  sich  unter  dem  hungernden  Pöbel  umhertrieben;
  die  zahlreichen  Verwundeten  hielten  sich  allesamt  versteckt,
kein  einziger  meldete  sich  in  den  öffentlichen  Krankenhäusern.  Man  konnte
sich  des  Verdachtes  kaum  erwehren,  daß  eine  verschworene  Umsturzpartei
die  gute  Stunde  benutzt  hatte,  um  die  Widerstandskraft  der  Staatsgewalt
einmal  auf  die  Probe  zu  stellen.  Erschreckt  durch  diese  Unruhen,  ließ  der
König,  um  den  Armen  das  unentbehrlichste  Nahrungsmittel  zu  erhalten,
für  einige  Zeit  die  Ausfuhr  der  Kartoffeln  und  die  Branntweinbrennerei
untersagen  —  ein  Verbot,  das  nichts  nützte,  sondern,  wie  Kühne  vorhersagte,
  die  allgemeine  Besorgnis  nur  steigerte.  Der  hessische  Minister  du
Thil  ließ  in  Holland  Getreide  einkaufen  und  verschaffte  sich  dazu  Kreditbriefe
  vom  Hause  Rothschild.  Als  aber  die  Mehrzahl  der  holländischen
Verkäufer  vorzog,  sich  in  Mainz  bar  bezahlen  zu  lassen,  da  wollte  der
menschenfreundliche  Rothschild  aus  der  ungewöhnlichen  Landesnot  auch
noch  einen  ungewöhnlichen  Gewinn  ziehen  und  verlangte  Entschädigung
für  die  unbenutzten  Kreditbriefe  —  was  du  Thil  als  „eine  Unverschämtheit“
  rundweg  zurückwies.)  Also  half  sich  jeder  Landesherr,  wie  er  konnte;
im  Volke  blieb  viel  dumpfer  Mißmut  zurück.

Nur  an  einer  Stelle  Deutschlands  wütete  verheerend  die  Hungersnot:
  unter  den  Wasserpolen  Oberschlesiens.  Diese  blutarmen  Bergarbeiter
  hatten  drei  Jahre  nacheinander  die  Kartoffelernte  mißraten  sehen,
sie  hatten  „die  Bergmannskuh“,  die  Ziege  längst  geschlachtet,  sie  waren
entnerot  durch  die  Branntweinspest.  Nun  da  sie  schon  alle  Hoffnung

S  –.#  —

*)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.
        <pb n="531" />
        Hungersnot  in  Oberschlesien.  523

fahren  ließen,  wurde  zugleich  von  Galizien  her  der  Typhus  eingeschleppt.
Der  Schnitter  Tod  heimste  seine  furchtbare  Ernte  ein,  die  unwissenden
ratlosen  Menschen  verschlossen  sich  stumm  verzweifelnd  in  ihren  Häuschen.
Alles  war  wie  gelähmt,  kein  einziger  Pfarrer  berichtete  dem  edlen  Fürstbischof
  Diepenbrock  von  dem  entsetzlichen  Jammer.  Als  endlich  doch  die
Schreckenskunde  nach  Breslau  gelangte,  da  kam  Hilfe,  aber  sie  kam  zu
spät.  Die  Barmherzigen  Brüder  und  Schwestern  durchzogen  die  Dörfer,
an  freiwilligen  Beiträgen  liefen  360  000  Tlr.  ein,  weit  mehr  als  die
Weber  des  Gebirges  erhalten  hatten.  Doch  in  den  Kreisen  Pleß,  Rybnik,
Ratibor  mußten  Staat  und  Gemeinden  während  der  nächsten  Jahre  4000
hilflose  Waisenkinder  versorgen;  im  Kreise  Pleß  allein  waren  im  Jahre
1847  über  6800  Menschen  gestorben,  fast  dreimal  mehr  als  sonst  in
Jahresfrist,  und  darunter  wohl  900  vor  Hunger.  Die  neue  Zeit  und  ihr
König  Dampf  hielten  auch  in  Deutschland  ihren  Einzug  über  Leichen-Wenn
  der-politische  Unmut  der  Gebildeten  und  der  soziale  Groll  der
Armen  sich  dereinst  zu  gemeinsamem  Kampfe  zusammenfanden,  dann
war  die  alte  Ordnung  der  Dinge  verloren.  —
        <pb n="532" />
        Siebenter  Abschnitt.

 

Polen  und  Schleswigholstein.

Seit  der  Meerengen-Vertrag  den  Weltfrieden  notdürftig  hergestellt
und  zugleich  alle  die  alten  Allianzen  gelockert  hatte,  blieb  die  diplomatische
Welt  mehrere  Jahre  hindurch  fast  unbeweglich.  In  den  Kolonien  betrieb
England,  in  Innerasien  Rußland  unausgesetzt  die  alte  Eroberungspolitik;
in  Europa  aber  suchten  alle  Mächte  behutsam  den  Frieden  zu  wahren.
Die  einen  lähmte  die  Ahnung  der  nahenden  Revolution,  die  anderen  die
Angst  vor  den  Kriegswirren,  welche  der  Tod  des  alternden  Bürgerkönigs
heraufzuführen  drohte.  Wie  unberechenbar  die  Zukunft  dieser  geraubten
Krone  war,  das  fühlten  alle  tief  erschreckt,  als  der  Herzog  von  Orleans
im  Juli  1842  aus  dem  Wagen  stürzte  und  starb.  Aufrichtig  beweinten  die
Franzosen  ihren  Thronfolger.  In  seinem  Testamente  ermahnte  er  seinen
Erben,  allezeit  ein  Katholik,  ein  ergebener  Sohn  Frankreichs  und  der  Re—
volution  zu  bleiben,  auch  wenn  er  nie  die  Krone  tragen  sollte;  und  so  als
ein  echter  Vertreter  des  modernen  militärisch-liberalen  französischen  Geistes
hatte  er  sich  selber  immer  gehalten.  Eine  Welt  von  ehrgeizigen  Hoffnungen
ging  mit  ihm  zu  Grabe,  und  Alfred  de  Musset  sang:  „doch  eine  Seite  bleibt
in  der  Geschichte  leer,  ein  ganz  Jahrhundert,  ach,  voll  Ruhmes  kommt
nicht  mehr!“  Nach  heftigen  parlamentarischen  Kämpfen  wurde  die  Regentschaft
  für  den  Fall  der  Thronbesteigung  des  minderjährigen  Grafen  von
Paris  dem  ältesten  Oheim,  dem  Herzog  von  Nemours  übertragen.  Diesem
Lieblingssohne  Ludwig  Philipps  konnte  niemand,  wie  dem  Verstorbenen,
kühne  kriegerische  Pläne  zutrauen;  das  Volk  aber  liebte  den  ernsten,  steifen,
konservativen  Prinzen  wenig,  und  wer  durfte  hoffen,  daß  eine  solche  Regentschaft
  sich  halten  oder  die  nationalen  Leidenschaften  bändigen  würde?

Je  dunkler  also  die  Aussichten  des  Julikönigtums  erschienen,  um  so
ängstlicher  vermieden  die  Mächte  alles,  was  den  Bestand  dieser  gebrechlichen
  Dynastie  irgend  gefährden  konnte.  Darum  wurde  König  Friedrich
Wilhelm  von  den  verbündeten  Höfen  nur  mit  leeren  Worten  unterstützt,
als  er  das  rechtswidrige  Unternehmen  des  belgisch-französischen  Zollvereins
  bekämpfte  und  schließlich  vernichtete.  Ebenso  vereinsamt  stand  er
        <pb n="533" />
        Verfall  des  Julikönigtums.  Belgische  Festungen.  525

auch,  als  er  die  Mächte  aufforderte,  die  seit  zwölf  Jahren  vertragsmäßig
ausbedungene  Schleifung  der  südbelgischen  Festungen,  die  das  kleine  Königreich
  gar  nicht  verteidigen  konnte,  nunmehr  endlich  durchzusetzen.  )  Diesen
„infamen  Festungsvertrag“  hatte  die  Pariser  Presse  seit  Jahren  immer
wieder  für  null  und  nichtig  erklärt.  Die  Franzosen  betrachteten  es  als
ihr  gutes  Recht,  daß  ihnen  im  Kriegsfalle  die  festen  Plätze  des  neutralen
Belgiens  ohne  Widerstand  geöffnet  würden;  und  —  so  friedensselig  war
die  Welt  —  als  Preußen  jetzt  an  die  alte  unbestreitbare  Vertragspflicht
erinnerte,  da  zeigten  sich  Aberdeen,  Metternich,  Nesselrode  allesamt  sehr
unlustig.  Um  Preußens  willen  wollten  sie  den  Tuilerienhof  nicht
kränken..)  König  Leopold  aber  beschwor  die  Mächte  (31.  März  1845),
sie  möchten  ihn  nur  jetzt  nicht  an  die  Verträge  mahnen,  ihm  nur  jetzt
nicht  aus  lauter  Freundschaft  Händel  bereiten  mit  den  französischen  Nachbarn
  und  den  Parteien  daheim.  „Bisher“,  so  schloß  er,  „hat  man  mir
freundlich  gestattet,  selber  zu  entscheiden,  wann  die  Ausführung  der  Maßregel
  zeitgemäß  wäre,  und  ich  wünsche  sehr,  daß  man  auch  diesmal
ebenso  verfahren  möge.“  ***)  Die  Mächte  erhörten  seine  Bitte,  und  der
kluge  Koburger  wußte  dafür  zu  sorgen,  daß  der  rechte  Zeitpunkt  für  die
Erfüllung  der  Verträge  niemals  eintrat.

In  solchen  Zeiten,  da  die  großen  politischen  Gegensätze  ruhen  und
kein  fruchtbarer  neuer  Gedanke  eine  entschiedene  Parteistellung  erzwingt,
pflegt  das  kleine  diplomatische  Ränkespiel  zu  blühen.  Trotz  der  Legende
von  dem  Bunde  des  freien  Westens  und  trotz  der  persönlichen  Vertraulichkeit
  der  beiden  Königshöfe  stellte  sich  das  belobte  herzliche  Einvernehmen
zwischen  England  und  Frankreich  nie  wieder  vollständig  her.  Diesseits  wie
jenseits  des  Kanals  hatten  die  letzten  Kämpfe  ihren  Stachel  zurückgelassen,
die  natürliche  Eifersucht  brach  überall  hervor.  Sie  zeigte  sich,  als  England
  das  Recht,  verdächtige  Sklavenschiffe  zu  durchsuchen,  verlangte,  und
wieder  als  die  Missionäre  der  beiden  Nationen  auf  den  Inseln  der  Südsee
  sich  befehdeten,  und  nochmals,  als  Frankreich  einen  Streit  mit  den
bösen  marokkanischen  Nachbarn,  um  nur  Englands  Einmischung  zu  verhindern,
  durch  einen  milden  Friedensschluß  schleunig  beilegte.  Alle  diese
kleinen  Händel  wurden  durch  den  Parteihaß  der  Franzosen  mit  maßloser
  Übertreibung  ausgebeutet;  die  Pariser  Presse  blieb  dabei,  dies  Ministerium
  des  Auslands  wage  nirgends  den  Fremden  die  Zähne  zu  zeigen.
Und  allerdings  pflegte  Guizot  die  berechtigten  wie  die  unberechtigten  Aufwallungen
  der  nationalen  Empfindlichkeit  mit  wegwerfender  Verachtung
abzufertigen;  seinen  Hörern  war  dabei  zu  Mute,  als  ob  er  selbst  die
Fragen  der  auswärtigen  Politik  nur  mit  kalter  Hundsnase  obenhin  be-*)

  S.  o.  IV.  80.
**)  Berichte  von  Liebermann,  27.  März  1844;  von  Bunsen,  18.  31.  März  1845.
Brunnow  an  Nesselrode,  8  April  1845.
*77*)  König  Leopold  von  Belgien  an  v.  d.  Weyer  in  London,  31.  März  1845.
        <pb n="534" />
        526  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

schnoberte.  Auch  in  England  bekundete  sich  eine  gereizte,  mißtrauische
Stimmung,  seit  Palmerston  (1846)  wieder  in  das  Auswärtige  Amt  ein—
getreten  war.  Der  Lord  konnte  seine  Streitigkeiten  mit  Talleyrand  nie
vergessen,  überall  in  der  Welt  witterte  er  Pariser  Ränke,  sogar  das  lang—
same  Anwachsen  der  französischen  Seemacht  schien  ihm  bedrohlich.  Wie
zornig  klagte  Bunsen,  als  die  Mittelmeermacht  Frankreich  sich  in  ihrem
Hafen  Toulon  einige  neue  Kriegsschiffe  erbaute;  er  meinte,  „es  wäre  eine
Wohltat  für  Europa,  wenn  England  die  Anmaßung  der  Bourbonen  im
Mittelmeere  demütigte!“  An  der  mediterranischen  Fremdherrschaft  der
Briten  fand  dieser  Deutsch-Engländer  nichts  auszusetzen.)

Das  Bündnis  der  Westmächte  wankte;  um  so  lebhafter  bewarb  sich
Guizot  daher  um  das  Wohlwollen  des  Wiener  Hofes.  Eifrig,  und  nicht
immer  würdevoll  beteuerte  er  der  Hofburg  seine  konservative  Gesinnung:
er  wollte  mit  allen  Mächten  gemeinsam  die  Anarchie  bekämpfen,  in  Italien
die  Revolution  niederhalten,  in  Spanien  die  Monarchie  wiederaufrichten;
er  bat  dringend,  man  möge  in  Wien  die  Bedeutung  der  entente  cordiale
der  Westmächte  nicht  mißverstehen,  nicht  die  „reinen  Monarchien“  den
konstitutionellen  feindlich  gegenüberstellen.  Nicht  ohne  Schadenfreude  empfing
  Metternich  solche  beflissene  Versicherungen,  unter  Freunden  spottete
er  wohl:  diese  Westmächte  nennen  sich  also  selber  unreine  Monarchien!)
Gleichwohl  fühlte  er  sich  durch  eine  geheime  Wahlverwandtschaft  zu  dem
bekehrten  französischen  Doktrinär  hingezogen,  das  alternde  Julikönigtum
wurde  dem  österreichischen  Regierungssysteme  immer  ähnlicher.  Ganz  so
tugendstolz  wie  Metternich  nannte  Guizot  seine  Politik  des  Widerstandes
unc  politique  un  peu  grande  seulement,  und  ganz  so  starr  wie  dieser
behauptete  er  seine  pensée  immuable.  Erhaltung  des  Bestehenden  —
so  lautete  der  Wahlspruch  in  den  Tuilerien  wie  in  der  Hofburg,  und  bald
wußte  jedermann  in  der  diplomatischen  Welt,  daß  Metternich  das  einst
vcrabscheute  Bürgerkönigtum  jetzt  als  eine  Stütze  der  europäischen  Ordnung
  behutsam  zu  schonen  suchte.

Derweil  Österreich  und  Frankreich  also  einander  näher  traten,  bemühte
  sich  Zar  Nikolaus,  die  neue  Freundschaft  mit  England  zu  befestigen.
Wohl  war  er  entschlossen,  das  sogenannte  legitime  Recht  auch  in  Österreich
zu  verteidigen;  und  niemals  beirrte  ihn  die  naheliegende  Frage,  ob  er  nicht
die  nationalen  Gegensätze  des  Nachbarreichs  für  panslawistische  Zwecke  ausbeuten
  solle.  Als  ihm  Metternich  (1837)  die  Möglichkeit  einer  ungarischen
Revolution  vertraulich  vorstellen  ließ,  da  befahl  er  seinem  Kanzler:
„Danken  Sie  dem  Grafen  Ficquelmont  für  diese  wichtige  Mitteilung.  Ich
bitte  Gott,  daß  er  Österreich  die  Prüfung,  die  sich  vorbereitet,  ersparen
möge.  Ich  hoffe,  die  Maßregeln  sind  gut  getroffen,  aber  in  jedem  Falle

*)  Bunsens  Bericht,  18.  Febr.  1847.

**)  Guizot  an  Flahault,  April  1844.  Canitzs  Bericht,  20.  April  1844.
        <pb n="535" />
        Verschiebung  der  alten  Allianzen.  527

kann  Österreich  auf  Rußland  zählen“  —“*)  ein  Versprechen,  das  er  zwölf
Jahre  später  ritterlich  einlöste.  Doch  ein  rückhaltloses  Vertrauen  zu  Metternich
  hatte  er  nie  gehegt,  weil  er  ihm,  sicherlich  mit  Unrecht,  eine  geheime
  Mitschuld  an  dem  Dekabristenaufstande  und  der  polnischen  Revolution
  beimaß.  Neuerdings  fühlte  er  sich  auch  persönlich  verletzt.  Er
wünschte,  seine  schöne  Tochter  Olga  mit  dem  geistreichen  jungen  Erzherzog
Stephan  zu  verheiraten,  und  sendete  deshalb  sogar  seinen  Vertrauten
Orlow  an  die  Donau  (1844);  der  österreichische  Hof  aber  verlangte,
stolzer  als  die  deutschen  protestantischen  Fürsten,  daß  die  Großfürstin
zur  katholischen  Kirche  übertreten  müsse.  Daran  scheiterte  alles,  und
Nikolaus  sah  sich,  da  das  Geheimnis  schlecht  gewahrt  wurde,  ärgerlichen
hämischen  Nachreden  ausgesetzt.  *)  Gegen  Frankreich  bewahrte  er  noch
den  alten  Groll,  und  seinem  preußischen  Schwager  traute  er  wenig,  schon
wegen  der  reichsständischen  Pläne;  überhaupt  hatte  Preußen  das  hohe
Ansehen,  das  ihm  der  alte  König  in  den  letzten  Jahren  verschafft,  längst
eingebüßt,  keine  der  großen  Mächte  bemühte  sich  ernstlich  um  die  Freundschaft
  des  unberechenbaren  neuen  Monarchen.

Für  die  orientalischen  Entwürfe,  die  den  Zaren  noch  immer  unausgesetzt
  beschäftigten,  erschien  ihm  England  als  der  einzige  wertvolle  Bundesgenosse;
  war  diese  Macht  gewonnen,  dann  folgten  die  beiden  Ostmächte
von  selbst  und  Frankreich  blieb  wieder  zur  Seite  liegen.  Schon  zweimal,
in  den  Tagen  der  Navariner  Schlacht  und  soeben  wieder  durch  Brunnows
Sendung,  hatte  er  die  Briten  zur  Mitwirkung  bei  seiner  orientalischen
Politik  verführt;  er  traute  sichs  zu,  nunmehr  auch  eine  Verständigung
über  die  Zukunft  des  osmanischen  Reiches  zu  bewirken.  Bald  nach  dem
Meerengen-Vertrage  überraschte  er  die  Hofburg  durch  die  Anfrage,  ob  man
nicht  wohl  tue,  dem  englischen  Hofe  einen  Beweis  rückhaltlosen  Vertrauens
  zu  geben:  der  geheime  Münchengrätzer  Vertrag,  der  die  beiden
Kaisermächte  verpflichtete,  beim  Untergange  der  Türkei  nach  gemeinsamem
Plane  zu  handeln,  sollte  dem  Londoner  Kabinett  mitgeteilt  werden.)
Metternich  aber  widersprach;  er  fürchtete  offenbar,  eine  solche  unerwartete
Aufrichtigkeit  würde  den  Argwohn  der  Briten  nur  verschärfen,  und  überdies
  hatte  er  ja  selbst  jenem  Vertrage  nur  zugestimmt,  um  Rußland  im
Oriente  zu  überwachen.  Darauf  entschloß  sich  Nikolaus,  durch  den  Zauber
seiner  persönlichen  Erscheinung  zu  wirken.  Im  Mai  1844  verbreitete  sich
zu  Petersburg  das  Gerücht,  der  Zar  beabsichtige  eine  große  Reise.  Ehe
man  noch  etwas  über  das  Ziel  der  Fahrt  vernahm,  erschien  er  schon

 

*)  Brunnow,  Aperçu  général  de  nos  relations  avec  les  puissances  de  P’Europe
Ich  kenne  aus  diesem  Apercu  nur  einige  Zitate,  welche  V.  Hehn  in  seiner  Denkschrift
„Einblick  in  die  Auswärtige  Politik  des  Kaisers  Nikolaus“  (Petersburg,  März  1857)  mitteilt.

**“)  Liebermanns  Berichte  über  Orlows  Sendung,  6.  Febr.  1844  ff.
***)  S.  o.  IV.  330.
        <pb n="536" />
        528  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

selber  bei  den  königlichen  Verwandten  in  Potsdam,  nach  seiner  Gewohnheit
alle  überraschend,  und  fuhr  am  nächsten  Morgen  weiter,  um  die  Königin
Victoria  zu  besuchen.

In  England  wurde  der  unerwartete  Gast  mit  Ehrenbezeigungen  über—
schüttet.  Man  erlaubte  ihm  sogar,  allem  britischen  Hofbrauche  zuwider,
in  Uniform  zu  erscheinen;  denn  in  bürgerlicher  Kleidung  fühlte  er  sich
unbehaglich,  als  ob  man  ihm  die  Haut  abgezogen  hätte.  Die  Damen
der  vornehmen  Welt  wollten  gerade  in  diesen  Tagen,  wie  alljährlich,  einen
großen  Polenball  abhalten  mit  einer  Sammlung  zum  Besten  der  Flücht—
linge;  nun  fragten  sie  sich  ängstlich,  ob  man  unter  den  Augen  des  Zaren
eine  solche  Feindseligkeit  wagen  dürfe.  Da  richtete  Brunnow  ein  sanftes
Brieflein  an  die  Lady  Patroneß,  die  Herzogin  von  Somerset:  „ich  bin
von  Sr.  Majestät  beauftragt,  mich  mit  jeder  Summe  zu  unterschreiben,
deren  Sie  für  Ihren  wohltätigen  Zweck  etwa  noch  zu  bedürfen  glauben.“*)
So  ward  die  politische  Absicht  des  Festes  vereitelt,  in  aller  Höflichkeit  und
zur  großen  Entrüstung  der  polnischen  Flüchtlinge.  Nikolaus  erwies  der
jungen  Königin  ritterliche  Ehrfurcht,  ihren  Kindern  väterliche  Zärtlichkeit,
er  pries  begeistert  die  Reize  Windsors  und  des  englischen  Landlebens.
Immer  sprach  er  im  Tone  des  offenherzigen  Biedermannes:  ich  weiß  es
wohl,  man  nennt  mich  einen  Schauspieler,  ich  sage  aber  meine  Meinung
stets  gerade  heraus.  Dem  Lord  Aberdeen  beteuerte  er  gemütlich:  ich
habe  den  Bund  der  Westmächte  niemals  beargwöhnt,  sondern  ihn  immer
für  eine  Bürgschaft  des  Weltfriedens  gehalten.

Wie  konnte  er  hoffen,  die  nüchternen  englischen  Rechner  durch  solche
Künste  zu  täuschen?  Und  was  sollten  sie  gar  denken,  wenn  er  ihnen  sagte:
ihr  haltet  die  Türkei  für  todkrank;  ich  glaube,  sie  ist  schon  tot,  also  müssen
wir  uns  über  das  Schicksal  ihrer  Trümmer  verständigen.  Ich  will  keine  Eroberungen;
  der  Besitz  Konstantinopels  würde  leicht  die  Einheit  Rußlands,
die  Zukunft  der  russischen  Nation  gefährden.  Aber  ein  byzantinisches  Reich,
wie  es  König  Otto  und  die  Griechen  zu  erhoffen  scheinen,  kann  ich  nicht
dulden.  Das  hieße  mich  selbst  vernichten  vor  meinem  Volke  und  meiner
Kirche.  Zu  irgend  einem  anderen  Abkommen  bin  ich  bereit,  und  ich  hoffe,
daß  England  mich  dabei  gegen  Frankreich  unterstützen  wird.  Der  gradsinnige
Peel  und  der  gutmütig  beschränkte  Aberdeen  glaubten  wirklich,  der  Zar
sage  die  Wahrheit;  doch  auch  sie  fühlten,  wie  Prinz  Albert  und  Wellington,
den  eigentlichen  Sinn  seiner  Worte  heraus.  Sie  erkannten,  daß  Rußland
unter  keinen  Umständen  eine  selbständige  Macht  auf  der  Balkanhalbinsel
zu  dulden  gewillt  sei;  und  da  England  stillschweigend  entschlossen  war,  die
Bosporuslande  nötigenfalls  mittelbar  oder  unmittelbar  sich  selber  anzueignen,
  so  führten  die  höfischen  Gespräche  nur  zum  Austausch  nichtssagender
  Artigkeiten.  *)  H.  v.  Moltke  schrieb  in  diesen  Jahren:  die  Teilung

*)  Brunnow  an  die  Herzogin  v.  Somerset,  5.  Juli  1844.

**)  Berichte  von  Thile,  London  7.  10.  Juni,  von  Bunsen,  2.  Sept.  1844.
        <pb n="537" />
        Fürstenbesuche  in  England.  529

der  Türkei  sei  wie  die  Teilung  eines  Diamantrings;  es  frage  sich  allein,
wer  den  Diamanten  Stambul  erhalten  solle.  Ebenso  dachten  die  bri—
tischen  Staatsmänner.  Ein  Versprechen  für  die  Zukunft  wollten  sie
schlechterdings  nicht  geben,  was  der  Zar  bei  besserer  Kenntnis  der  englischen
  Politik  wohl  hätte  voraussehen  müssen.  Seine  Reise  verfehlte
ihren  Zweck,  und  wenn  ein  russisches  Rundschreiben  nachher  von  dem
glücklich  erzielten  Einvernehmen  sprach,  so  sollten  die  vieldeutigen  Worte
nur  die  erlittene  Niederlage  verhüllen.

Und  nicht  bloß  in  den  orientalischen  Verhandlungen  verriet  sich  der
Gegensatz,  der  beide  Höfe  trennte.  Ganz  so  schroff  wie  vormals  redete
Nikolaus  allerdings  nicht  mehr  über  das  Recht  der  Legitimität;  Don  Carlos
  und  Heinrich  V.  waren  ihm  ja  beide  widerwärtig  wegen  ihrer  persönlichen
  Nichtigkeit  und  ihrer  klerikalen  Gesinnung.  Doch  trotz  der  deutlichen
  Winke  der  Königin  Victoria  wollte  er  sich  auch  jetzt  noch  nicht  entschließen,
  mit  ihrem  belgischen  Oheim  einen  regelmäßigen  diplomatischen
Verkehr  anzuknüpfen;  denn  König  Leopold  hatte  ihn  erst  kürzlich  wieder
scharf  gereizt  durch  die  Aufnahme  polnischer  Offiziere  in  das  belgische
Heer.  Nach  der  Heimkehr  versicherte  Nesselrode  den  fremden  Gesandten
stolz:  nunmehr  sei  die  entente  cordiale  für  immer  ein  leeres  Wort.“)
In  Wahrheit  wurde  die  längst  schon  unsichere  Freundschaft  der  Westmächte
durch  die  Reise  des  Zaren  weder  erschüttert  noch  gestärkt.  Ludwig  Philipp
witterte  gleichwohl  Unrat  und  nach  seiner  plebejischen  Weise  beeilte  er
sich  ebenfalls  zu  „seiner  Victoria“  hinüberzufahren.  Nachdem  mittlerweile
der  Prinz  von  Preußen  dem  englischen  Hofe  einen  anspruchslos  freundschaftlichen,
  ganz  unpolitischen  Besuch  abgestattet  hatte,  erschien  im  Oktober
auch  der  Bürgerkönig.  Auch  er  wurde  hochgeehrt,  sogar  mit  dem  Hosenband-Orden
  geschmückt;  der  Lordmayor  und  die  Aldermen  von  London
erfreuten  sich  seiner  biderben  Ansprachen  und  seiner  kräftigen  Handschüttelungen.
  Dem  stolzen  Adel  aber  gefiel  er  weniger  als  der  Zar,  dessen
Reise  doch  schon  durch  ihre  soldatische  Keckheit  Bewunderung  erregt  hatte.
Die  parlamentarischen  Staatsmänner  überlief  es  kalt,  wenn  der  redselige
Orleans  ihnen  selbstgefällig  erzählte,  wie  viele  Minister  er  nun  schon  erhoben
  und  wieder  zu  Falle  gebracht  hätte.  Robert  Peel  meinte:  er  ist
ein  sehr  schlauer  und  gewandter  König,  sein  System  mag  gut  sein  für
Frankreich,  nicht  für  England.)

Nach  Frauenart  fühlte  sich  Königin  Victoria  durch  alle  diese  Huldigungsreisen
  lebhaft  geschmeichelt;  sie  meinte  gerührt,  so  viele  Freunde
verdanke  sie  ihrem  geliebten  Gatten  und  dem  guten  Rufe  ihrer  glücklichen
Ehe.  Wie  wenig  indes  die  Höflichkeit  der  Fürsten  für  die  Politik  bedeutete,
das  lehrte  der  rastlose  diplomatische  Kampf  im  Osten,  auf  den  alten

 

*)  Liebermanns  Bericht,  26.  Okt.  1844.
*#*)  Bunsens  Bericht,  16.  Okt.  1844.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  34
        <pb n="538" />
        530  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

Tummelplätzen  des  internationalen  Ränkespiels.  Was  mußte  das  unglückliche
  Griechenland  leiden  unter  dem  ewigen  Gezänk  der  drei  Mächte,  die
sich  wie  zum  Hohne  die  puissances  créatrices,  die  Erzeuger  des  jungen
Königreichs  nannten.  Dem  Zaren  war  die  Selbständigkeit  des  Rebellenstaates
  und  seines  katholischen  Herrscherhauses  von  vornherein  widerwärtig.
  Dem  König  Otto  hatte  er  selbst  durch  die  Zusendung  eines  kaiserlichen
  Generaladjutanten,  die  doch  sonst  überall  im  Oriente  als  unfehlbares
  Überredungsmittel  wirkte,  nicht  für  die  orthodoxe  Kirche  zu  gewinnen
  vermocht;  und  seit  der  Kronprinz  von  Bayern  gar  die  Hand
seiner  Tochter  Olga  verschmäht  hatte  7),  hegte  er  einen  tiefen  Groll  gegen
alle  Wittelsbacher.

Auch  wußte  die  wohl  erfahrene  russische  Diplomatie  genau,  daß  ein
großer  nationaler  Staat  auf  der  Balkanhalbinsel,  wenn  er  überhaupt
möglich  war,  nur  durch  das  hellenische  Volkstum  geschaffen  werden  konnte.
Welche  Lebenskraft  bewährte  doch  immer  noch,  trotz  der  starken  Blutvermischung
  und  trotz  der  politischen  Ohnmacht  dies  unverwüstliche  Hellenentum,
  das  einst  sogar  gegen  die  weltherrschende  Roma  seine  Kultur  im  Ostbecken
  des  Mittelmeeres  behauptet  hatte.  Die  meisten  der  großen  Kaufleute
in  den  Hafenplätzen  des  Osmanenreiches  waren  Griechen;  sie  arbeiteten,
wagten  und  sparten,  derweil  die  Türken  in  Trägheit  verkamen;  sie  bildeten
eine  große  stille  Verschwörung  mit  den  Landsleuten  im  kleinen  Mutterlande,
  die  beständig  eine  Erweiterung  ihrer  unerträglich  engen  Grenzen  verlangten.
  Selbst  die  zäheste  Nationalität  des  Abendlandes,  die  italienische,
widerstand  ihnen  nicht,  alle  die  alten  venetianischen  Geschlechter  auf  den
ionischen  und  den  kykladischen  Inseln  wurden  nach  und  nach  zu  Byzantinern.
Da  der  Zar  sich  selber  als  den  rechtmäßigen  Erben  des  Doppeladlers  von
Byzanz  betrachtete,  so  sah  er  sich  demnach  gezwungen  zu  einer  arglistigen
Politik,  welche,  sobald  sie  durchschaut  war,  die  Hellenen  mit  unauslöschlichem
  Groll  erfüllen  mußte.  Er  ließ  einerseits,  um  die  Türkei  zu  schwächen,
die  ohnmächtige  Ländergier  der  Griechen  insgeheim  aufstacheln  und  suchte
andererseits  die  Macht  des  jungen  Königtums  zu  untergraben.  Dies
Doppelspiel  betrieb  mit  unheimlicher  Gewandtheit  der  russische  Gesandte
Katakazi,  ein  Grieche,  der  sich  der  besonderen  Gunst  Nesselrodes  erfreute.?)
Katakazi  unterhielt  geheimen  Verkehr  mit  der  orthodoxen  Partei  der  Nappisten,
  die  ihre  begehrlichen  Blicke  zunächst  auf  Thessalien  warf;  seine
Berichte  sprachen  mit  äußerster  Geringschätzung  von  König  Otto,  von
dessen  Umgebung,  von  dem  gesamten  griechischen  Staatswesen.)

Ebenso  feindselig  zeigte  sich  England,  freilich  aus  ganz  verschiedenen
Gründen.  Sämtliche  Parteien  des  Inselreichs,  vor  allen  die  Whigs,
glaubten  jetzt  wieder  an  die  Unantastbarkeit  der  Osmanenherrschaft;  die

*)  S.  o.  IV.  536.

**)  Liebermanns  Bericht,  21.  Nov.  1843.
*7#)  Katakazis  Berichte,  26.  April,  27.  Mai  1842  ff.
        <pb n="539" />
        Griechenland  und  die  Schutzmächte.  531

philhellenischen  Träume  waren  verflogen,  das  junge,  durch  England  selbst
mitgeschaffene  Königreich  wurde  als  ein  Pfahl  im  Fleische  der  heiligen
Türkei  tödlich  gehaßt.  Als  ein  getreuer  Vertreter  dieses  eingefleischten
Nationalhasses  erschien  in  Athen,  durch  Palmerston  gesendet,  Sir  E.  Lyons.
Der  rohe  Seemann  begegnete  dem  Hofe  mit  einer  Anmaßung,  die  sogar
über  das  Maß  englischer  Anmut  weit  hinausging,  er  blieb  selbst  der
Geburtstagsfeier  des  Königs  fern?),  er  verlangte  hartnäckig  die  pünktliche
  Verzinsung  der  Anleihe,  welche  die  drei  Schutzmächte  bei  Rothschild
aufgenommen  hatten,  obgleich  er  wußte,  daß  dies  blutarme  Land  solchen
Forderungen  unmöglich  genügen  konnte,  und  bald  erzählte  sich  alle  Welt,
daß  er  insgeheim  die  konstitutionelle  Partei  der  Griechen  aufwiegelte.
Palmerston  scheute  sich  längst  nicht  mehr,  offen  auszusprechen,  England
habe  den  Beruf,  überall,  namentlich  in  dem  absolutistischen  Südeuropa,
die  konstitutionellen  Bestrebungen  zu  fördern;  dann  wird  —  so  sagte  er
mit  gewohnter  Selbstgefälligkeit,  „die  nationale  Partei  überall  von  selbst
die  englische  Partei  sein“.)  In  dieser  unziemlichen  Stellung  eines  geheimen
  griechischen  Parteihauptes  verblieb  Lyons  selbst  während  der  fünfjährigen
  Tory-Regierung.  Aberdeen  wollte  den  gefährlichen  Zänker  nicht
abrufen;  ihm  war  es  willkommen,  wenn  Griechenland  sich  durch  inneren
Hader  schwächte.  Auch  der  französische  Gesandte  Piscatori  nahm  an  den
Umtrieben  der  konstitutionellen  Partei  eifrig  teil,  schon  weil  er  dem
Briten  nicht  den  Vortritt  überlassen  durfte;  immerhin  bewies  Frankreich
allein  unter  den  drei  Schutzmächten  dem  mißhandelten  Schützling  noch
einiges  Wohlwollen  und  suchte  ihm  namentlich  die  Finanznot  großmütig
zu  erleichtern.

Bei  solchem  Gewirr  heimischer  und  ausländischer  Ränke  fühlte  sich
König  Otto  völlig  haltlos.  Herrschergaben  fehlten  ihm  so  gänzlich,  daß
schon  vor  Jahren  Armansperg  und  die  englische  Partei  ernstlich  daran
gedacht  hatten,  ihn  auf  Grund  eines  ärztlichen  Gutachtens  für  regierungsunfähig
  zu  erklären.  Nirgends  besaß  er  persönliche  Anhänger;  die  Hellenen
schalten  noch  immer  auf  die  Bavaresi,  obgleich  alle  Bayern,  bis  auf  einige
Vertraute  und  Diener  des  Königs,  längst  heimgezogen  waren.  Auch  seine
Gemahlin,  die  schöne,  geistvolle,  ehrgeizige  Amalie  von  Oldenburg  wurde
dem  demokratischen  Volke  bald  unleidlich,  weil  sie  ihre  königliche  Würde
sehr  hoch  hielt.  Wie  aussichtslos  hatte  sich  doch  die  Lage  dieses  einst  von
ganz  Europa  verherrlichten  und  jetzt  überall  mißachteten  Staates  gestaltet.
Seine  Hauptstadt  blühte  auf,  ihre  junge  Universität  wurde  von  den  Söhnen
des  lernbegierigen  Volkes  fast  allzu  eifrig  besucht,  die  reichen  Griechen  im
Auslande  schmückten  wetteifernd  das  wiedererstandene  Athen  mit  Prachtgebäuden.
  Aber  je  rascher  hier  ein  neuer  Mittelpunkt  hellenischer  Kultur

*  Liebermanns  Bericht,  18.  Juli  1842.

*“  Bunsens  Bericht,  6.  April  1847.
34*
        <pb n="540" />
        532  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

emporwuchs,  um  so  widersinniger  erschien  das  Verlangen  nach  einer
anderen  Metropole,  und  doch  konnte  das  erhoffte  Byzantinerreich  seine
Hauptstadt  nur  am  Bosporus  finden,  alle  Griechen  in  der  großen  Polis
blickten  verächtlich  auf  das  kleine  Athen  hernieder.  Der  kriegerische  Geist
war  völlig  erloschen;  für  die  Verstärkung  des  erbärmlichen  Heeres  hatten
jene  großen  Kaufherren,  welche  für  Akademien  und  Bibliotheken  Mil—
lionen  spendeten,  keine  Drachme  übrig.  Ohne  Geld  und  Waffen  konnte
der  König,  wie  lebhaft  er  es  auch  selber  wünschte,  dem  nationalen  Ehrgeiz
unmöglich  entsprechen.

An  dem  österreichischen  Gesandten,  dem  eitlen,  federgewandten  Prokesch
v.  Osten  fand  er  auch  keine  feste  Stütze;  denn  Metternich  wollte  von  dem
verabscheuten  Staate  der  Revolution  noch  immer  nichts  hören,  er  sagte
scharf:  „ich  preise  mich  glücklich,  weil  ich  an  der  Schöpfung  dieser  politischen
  Mißgeburt  gar  keinen  Anteil  genommen  habe.“*7)  Der  einzige
zuverlässige  diplomatische  Ratgeber  Ottos  blieb  der  preußische  Gesandte
Brassier  de  St.  Simon,  ein  leichtlebiger,  feingebildeter  Weltmann,  der  einst
den  Berliner  Hof  durch  seine  geistreichen  Gespräche  entzückt  hatte,  als
Dichter  der  Barkarole  „Das  Schiff  streicht  durch  die  Wellen“  auch  in  weiteren
  Kreisen  bekannt  war.  Nebenbei  trieb  er  somnambüle  Zauberei,  wie  ja
fast  alle  preußischen  Diplomaten  dieser  politischen  Dilettantenzeit,  Bunsen,
H.  v.  Arnim  und  andere,  sich  mit  Homöopathie,  Magnetismus  und  ähnlichen
  brotlosen  Künsten  vergnügten.  Schon  der  alte  König  hatte  die  griechische
  Politik  der  Wittelsbacher  immer  unterstützt  und  vor  Jahren  seinem
Neffen  Adalbert  die  Annahme  der  hellenischen  Krone  untersagt,  weil  er  den
bayrischen  Verwandten  ihre  Zirkel  nicht  stören  wollte.  Der  Nachfolger  war
der  philhellenischen  Jugendträume  noch  immer  eingedenk:  er  freute  sich,  daß
sein  Gesandter  dem  geliebten  Neffen  treu  zur  Seite  stand"*),  und  vernahm
es  gern,  wenn  König  Ludwig  immer  wieder  dankbar  aussprach:  Preußen
allein  zeigt  sich  in  diesen  schweren  Tagen  als  Bayerns  ehrlicher  Freund.*7)

Freilich  galt  der  preußische  Staat,  da  er  nicht  einmal  ein  Kriegsschiff
in  den  Piräus  senden  konnte,  bei  den  Griechen  sehr  wenig.  Brassier
erwarb  sich  durch  sein  vertrautes  Verhältnis  zum  Hofe  nur  den  Haß
der  Parteihäupter,  und  leider  zeichneten  sich  auch  die  Ratschläge,  die
aus  Potsdam  kamen,  keineswegs  durch  Weisheit  aus.  Wie  die  Dinge
lagen,  durfte  König  Otto,  der  doch  nur  von  Volkes  Gnaden  regierte,  den
Hellenen  die  ersehnte  Verfassung  nicht  länger  vorenthalten;  je  früher  er
den  notwendigen  Schritt  freiwillig  wagte,  um  so  sicherer  konnte  er  hoffen,
die  monarchische  Macht  notdürftig  aufrecht  zu  halten.  Der  Vater  in
München  aber  und  der  Oheim  in  Sanssouci  beschworen  ihn  beide,  der
konstitutionellen  Partei  nichts  zuzugestehen.
„)Canitzs  Bericht,  18.  Okt.  1843.

*“#)  König  Friedrich  Wilhelm,  Marginalnote  für  Thile,  6.  Dez.  1845.
*7*)  Küsters  Berichte,  München,  21.  Jan.,  30.  März  1844.
        <pb n="541" />
        Revolution  in  Athen.  533

So  ging  eine  köstliche  Zeit  verloren,  die  Gesandten  der  drei  Schutzmächte
  hetzten  und  wühlten  ungestört.  Am  15.  Sept.  1843  brach  endlich
eine  Soldatenmeuterei  aus.  Oberst  Kalergis,  ein  erklärter  Anhänger  der
russischen  Partei,  führte  seine  Truppe  gegen  das  Schloß,  und  der  erschreckte
  König  ließ  sich  das  Versprechen  einer  Verfassung  abtrotzen.  Alsbald
  ward  die  Verheißung  vom  Altane  des  Palastes  herab  verkündigt,
unter  donnernden  Zitorufen,  in  Gegenwart  der  fremden  Gesandten.  Beamte
  und  Heer  beschworen  im  voraus  das  Syntagma,  dann  trat  eine
Nationalversammlung  zusammen,  um  die  beschworene  Verfassung  nachträglich
  zu  schaffen.  Gewiß  stand  Katakazi  hinter  der  Verschwörung,  auch
Lyons  und  Piscatori  hatten  nachgeholfen;  und  ebenso  gewiß  wollten  die
Empörer  den  katholischen  König  entthronen,  eine  Absicht,  die  nur  durch  die
rasche  Zusage  der  Verfassung  vereitelt  wurde.  Da  der  Aufruhr  mithin
seinen  eigentlichen  Zweck  verfehlt  hatte,  und  der  Zar  vor  der  Welt  doch
unmöglich  als  Beschützer  einer  Konstitution  erscheinen  durfte,  so  wurde
Katakazi  unter  lauten  Kundgebungen  des  kaiserlichen  Zornes  abberufen,
nachher  aber  in  Rußland  ganz  unbehelligt  gelassen.  Der  Petersburger  Hof
gab  sich  fortan  den  Anschein,  als  ob  er  mit  diesen  verworfenen  Hellenen
nichts  mehr  zu  tun  haben  wollte;  er  ließ  sich  in  Athen  nur  noch  durch
einen  Residenten  vertreten,  und  Nesselrode  sagte  sardonisch  lächelnd:  die
griechische  Verfassung  wird  ganz  abscheulich,  aber  eine,  die  norwegische,  ist
doch  noch  schlechter.)  Inzwischen  brachen  über  das  unselige  Land  alle
Plagen  der  parlamentarischen  Korruption  herein.  Die  natürliche  Beredsamkeit
  der  Hellenen  entlud  sich  in  endlosen  Wortkämpfen;  eine  Schar
von  Palikaren  mußte  das  Haus  der  Nationalversammlung  bewachen,  um
die  Masse  der  Gunstjäger  und  Stellensucher,  die  sich  schreiend  und  marktend
  an  die  Volksvertreter  herandrängten,  in  Ordnung  zu  halten.

Wie  zu  erwarten  stand,  geriet  das  neue  Syntagma  ganz  nach  dem
Sinne  des  unerfahrenen  Radikalismus,  nach  der  doktrinären  Pariser
Schablone.  Der  russische  Ursprung  dieser  unsauberen  Revolution  verriet
sich  jedoch  sehr  deutlich  in  dem  einstimmig  angenommenen  Artikel,  der  von
den  künftigen  Königen  das  griechische  Glaubensbekenntnis  verlangte.  Allerdings
  konnte  hier  in  den  Heimatlanden  des  Cäsaropapismus  nur  ein
orthodoxer  König  als  ein  wahrhaft  nationaler  Fürst  gelten;  dem  Hause
Wittelsbach  war  aber  das  Thronfolgerecht  schon  ohne  konfessionelle  Beschränkungen
  übertragen,  durch  die  Verträge  der  Schutzmächte  und  durch
die  Zustimmung  des  hellenischen  Volks.  Wie  durfte  man  solche  Verträge
jetzt  einseitig  ändern?  König  Ottos  Ehe  blieb  kinderlos;  der  ersehnte
Konstantinos  kam  nie  zur  Welt.  Prinz  Luitpold,  der  nächstberechtigte
Bruder,  erklärte  als  treuer  Katholik  entschieden,  daß  er  weder  selbst  übertreten,
  noch  seinen  Söhnen  einen  Glaubenswechsel  gestatten  würde;

*)  Liebermanns  Bericht,  16.  April  1844.

**)  Küsters  Bericht,  München,  30.  März  1844.
        <pb n="542" />
        534  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

und  der  bekümmerte  Vater  König  Ludwig  sendete  den  Fürsten  Wallerstein
nach  London  und  Paris,  um  irgend  eine  Bürgschaft  für  das  Erbfolge—
recht  der  Wittelsbacher,  sowie  für  die  monarchische  Gewalt  der  griechischen
Krone  zu  erlangen.  Beide  Westmächte  gaben  nur  unbestimmte  Zusiche—
rungen,  und  die  Fortsetzung  der  diplomatischen  Reise  bis  nach  Athen  unter—
blieb  schließlich,  weil  Wallerstein  selbst  einsah,  daß  die  Anwesenheit  eines
Bavaresen  die  erhitzten  Hellenen  noch  mehr  reizen  würde.“)  Unterdessen
waren  die  drei  Schutzmächte  zu  einer  Konferenz  zusammengetreten;  und
hier  sagte  Brunnow  unschuldig:  durch  den  nachträglichen  Beschluß  über
das  orthodoxe  Bekenntnis  der  Hellenenkönige  würde  das  Erbfolgerecht  der
Wittelsbacher  doch  nicht  beeinträchtigt.  Er  begriff  gar  nicht,  wie  man  der
griechischen  Nationalversammlung  das  Recht  zu  solchen  Beschlüssen  be—
streiten  könne.  Ebenso  unschuldig  schrieb  Nesselrode  nach  München:
„Haben  nicht  alle  unsere  Verhandlungen  den  Zweck  gehabt,  den  Thron
Griechenlands  den  Nachkommen  des  Königs  von  Bayern  zu  sichern?
Und  würde  dieser  Gedanke  nicht  eine  neue  Verbürgung  erhalten,  wenn  man
bestimmte,  daß  der  künftige  Souverän  sich  mit  seinem  Volke  durch  die
Bande  des  gleichen  Glaubens  vereinigen  muß?  An  dem  Kaiser  von  Rußland
  ist  es  sicherlich  nicht,  eine  Notwendigkeit  zu  bestreiten,  worüber  alle
Griechen  einstimmig  sind.“?)

Die  Konferenz  wußte  sich  nicht  zu  helfen,  und  schließlich  riet  ihr
der  König  von  Preußen,  der  jeden  Eingriff  in  die  Rechte  des  bayrischen
Hauses  verhindern  wollte,  die  Schutzmächte  möchten  die  förmliche  Entscheidung
  der  konfessionellen  Frage  vorläufig  vertagen.*)  So  geschah  es
auch.  Die  Schutzmächte  begnügten  sich,  einige  fromme  Münsche  für  die
Wiederherstellung  der  Ordnung  in  Hellas  kundzugeben;  um  so  nachdrücklicher
  sprachen  sie  die  Erwartung  aus,  daß  ihr  Schützling  seine  Geldverpflichtungen
  erfüllen  und  auf  alle  Gebietserweiterungen  verzichten  müsse.
Ihr  gemeinsames  Kind  sollte  in  seiner  Nichtigkeit  verharren  —  in  diesem
Gedanken  fanden  sich  die  drei  liebevollen  Erzeugermächte  zusammen;  und
salbungsvoll  schrieb  Aberdeen  seinem  russischen  Freunde:  wichtig  ist  nur,
jeden  Angriff  der  Griechen  auf  die  Türkei  zu  verhindern,  darum  wollen
wir  uns  beiderseits  dem  hellenischen  Parteitreiben  fern  halten  „und  wahr
gegeneinander  bleiben,  mein  teuerer  Brunnow“.T)  England  und  Rußland
  forderten  nunmehr  die  Abtragung  der  Schulden  so  ungestüm,  daß
der  griechische  Finanzminister  der  Nationalversammlung  erklären  mußte,
ein  Budget  könne  er  überhaupt  nicht  vorlegen,  und  König  Otto  sich  schließlich
genötigt  sah,  sein  Heer  auf  5000  Mann  herabzusetzen.  Mehr  —  meinte

*)  Liebermanns  Berichte,  26.  Dez.  1843,  23.  Jan.,  13.  Juli  1844.
**)  Bunsens  Bericht,  23.  Febr.  Nesselrode,  Weisung  an  Viollier  in  München,
22.  Febr.  (a.  St.)  1844.
***)  Thiles  Bericht,  London,  18.  April  1844.
I7)  Aberdeen  an  Brunnow,  18.  Okt.  1844.
        <pb n="543" />
        Griechenland  und  die  Wittelsbacher.  535

Aberdeen  —  brauchen  die  Hellenen  nicht,  als  eine  Schutztruppe  für  den
inneren  Sicherheitsdienst;  und  noch  deutlicher  sagte  nachher  Palmerston:
wir  wollen  diesem  Volke  seine  byzantinischen  Gelüste  für  immer  aus—
treiben!*)  Die  neue  Verfassung,  mitsamt  dem  Artikel  über  die  orthodoxe
Thronfolge  blieb  unverändert,  stillschweigend  anerkannt  von  den  Schutzmächten.
  Also  hatte  Rußland  die  verschmähte  Olga  gerächt  und  sein  Spiel
mindestens  halb  gewonnen.  Die  Wittelsbacher  waren  zwar  nicht  entthront,
doch  jedermann  mußte  voraussehen,  daß  König  Otto  besten  Falls  nur
noch  auf  Lebenszeit  regieren  und  sein  Bruder  Luitpold  niemals  die  Krone
der  Hellenen  tragen  würde.  Mit  vollem  Rechte  lärmten  daher  die  bayrischen
  Zeitungen,  am  lautesten  die  ultramontanen,  wider  die  Feindseligkeit
der  Moskowiter.  Nesselrode  zählte  aber  zu  jenen  ehrlichen  Leuten,  denen
sich  nichts  beweisen  läßt;  er  forderte  Genugtuung,  drohte  mit  Abbruch
des  diplomatischen  Verkehrs.  Endlich  ließ  sich  der  Münchener  Hof  zu
einigen  Entschuldigungen  herbei  und  verbot  seinen  Zeitungen,  auf  Rußland
  zu  schelten.)

In  Griechenland  kämpften  die  Anhänger  der  drei  Schutzmächte  noch
lange  miteinander.  Brassier  de  St.  Simon  wurde  abberufen,  weil  die  Uhr
des  Absolutismus  abgelaufen  war.  England  suchte  seine  Schuldforderungen
mit  der  äußersten  Gehässigkeit,  einmal  sogar  durch  die  Absendung  von
Kriegsschiffen  einzutreiben.  Die  Russen  sahen  diesen  rohen  Mahnungen
mit  stiller  Schadenfreude  zu;  König  Friedrich  Wilhelm  aber,  der  freilich
nicht  helfen  konnte,  beklagte  bitterlich,  wie  die  Mächte  das  unselige  Land
also  durch  die  britische  Habgier  zu  Grunde  richten  ließen.*“)  Zuletzt  errang
  Kolettis,  der  Führer  der  französischen  Partei  einen  vollständigen
Sieg.  Palmerston  schäumte  vor  Zorn,  als  er  diesen  Triumph  Guizots  erfuhr.
  Er  überhäufte  die  griechische  wie  die  bayrische  Regierung  mit  groben
Schmähungen  und  suchte  auch  Preußen  gegen  die  beiden  Wittelsbachischen
Höfe  aufzuregen.  „Das  Königreich  Griechenland“,  schrieb  er  nach  Berlin,
„ist  von  den  drei  Mächten  nicht  geschaffen  worden  für  die  persönlichen  Vorteile
  und  Vergnügungen  eines  bayrischen  Prinzen,  sondern  ein  bayrischer
Prinz  ist  von  den  drei  Mächten  zum  König  von  Griechenland  erwählt
worden,  um  die  griechische  Nation  zu  beglücken  und  ihr  zu  nützen“.  Es
wird  noch  dahin  kommen,  daß  König  Otto  „durch  unfähige,  bestechliche  und
tyrannische  Minister  den  Griechen  ein  System  der  Mißregierung  und
Unterdrückung  auferlegt,  das  die  Stellung  eines  Untertanen  des  Königs
von  Griechenland  weniger  erträglich  macht,  als  die  Stellung  eines  Rajahs
des  Sultans.“  xF)  Canitz  erwiderte  trocken:  „uns  liegt  nur  an  der  Unabhängigkeit
  Griechenlands,  darum  wollen  wir  seine  Regierung  nicht  stören;

*)  Bunsens  Berichte,  11.  März  1845,  5.  März  1847.

**)  Gise  an  Viollier,  7.  Dez.  Weisung  an  Graf  Bray  in  Petersburg  7.  Dez.  1843.
*“*)  Canitz,  Weisung  an  Rochow,  3.  Sept.  1846.
#)  Palmerston  an  Westmoreland,  18.  Mai  1847.
        <pb n="544" />
        536  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

ehe  man  so  heftige  Vorwürfe  erhebt,  müßte  man  wenigstens  die  Stimme
der  griechischen  Nation  hören.“*)  In  Athen  erregten  Palmerstons  Wut—
ausbrüche  und  die  wachsende  Anmaßung  seines  Gesandten  Lyons  nur
Widerwillen.

Kolettis  behauptete  sich,  und  unter  seiner  mehrjährigen  Regierung
drang  die  französische  Gesinnung  den  Hellenen  in  Fleisch  und  Blut.  Den
deutschen  Philologen,  zumal  dem  geistvollen  Otfried  Müller,  der  auf  dem
Hügel  von  Kolonos  sein  frühes  Grab  fand,  widmeten  sie  wohl  einige  Hoch—
achtung;  ihre  Liebe  aber  schenkten  sie,  wie  alle  Orientalen,  den  Pariser
Sitten.  Der  Tuilerienhof  beeiferte  sich  auch,  durch  seine  freundliche  Hal—
tung  solche  Empfindung  zu  bestärken,  und  ganz  unwiderstehlich  erschien
diesem  halbgesitteten  Volke  die  Macht  der  französischen  liberalen  Phrase.
Die  beiden  Hauptplätze  Athens  hießen  nach  dem  Pariser  Muster  der  Ein—
trachtsplatz  und  der  Verfassungsplatz,  man  lustwandelte  abends  von  der
Homonoia  zum  Syntagma.  Doch  die  Eintracht  stand  auf  ebenso  schwachen
Füßen  wie  das  Grundgesetz.  Die  politische  Kraft  der  Hellenen  war  durch
die  berechnete  Grausamkeit  der  Schutzmächte,  durch  inneren  Zwist  und
kaufmännische  Waffenscheu  auf  lange  hinaus  geschwächt,  und  die  sanfte
Schirmherrschaft,  welche  der  französische  Gesandte  fortan  im  Schatten  der
Akropolis  ausübte,  bedeutete  für  Europa  sehr  wenig.

In  Athen  konnten  England  und  Rußland  den  Schein  der  Freundschaft
  wahren,  weil  beide  das  Verderben  ihres  Schützlings  planten.  Sonst
ließ  sich  die  natürliche  Nebenbuhlerschaft  der  beiden  Mächte  nirgends  mehr
im  Oriente  ganz  verhüllen.  Nesselrode  wiederholte  beständig  die  friedfertigen
  Beteuerungen,  die  er  schon  vor  Jahren  dem  britischen  Kabinett  gegeben
  hatte:  „die  Politik  des  Kaisers  im  Oriente  wird  von  denselben
Grundsätzen  beherrscht,  welche  sie  in  Europa  leiten.  Entfernt  von  jedem  Eroberungsplane
  hat  diese  Politik  zum  einzigen  Zweck  die  Aufrechterhaltung
der  Rechte  Rußlands  und  die  Achtung  vor  den  durch  andere  Mächte  erworbenen
  legitimen  Rechten.  Der  Gedanke,  die  Ruhe  der  englischen  Besitzungen
  in  Indien  auch  nur  zu  stören,  ist  dem  Geiste  unseres  erhabenen
Herrn  niemals  nahe  getreten.“**)  Wenn  solche  Versicherungen  in  London
eintrafen,  dann  sagte  Robert  Peel  schwermütig:  man  darf  im  öffentlichen
Interesse  nicht  annehmen,  daß  Rußland  seine  Versprechungen  nicht  halten
wird.  Mittlerweile  eroberten  die  Heere  des  Zaren  nach  und  nach  den
Kaukasus,  und  seit  das  Waffenglück  ihnen  günstig  wurde,  zeigte  die  Nation
lebhafte  Freude  an  dem  Kriege.  Das  Kaspische  Meer  war  bereits  ein
moskowitischer  Binnensee;  russische  Dampfer,  mit  persischen  Kohlen  geheizt,
befuhren  seine  Gewässer,  und  also  im  Rücken  gedeckt,  drangen  die  nordischen
Eroberer  weiter  und  weiter  in  die  transkaspischen  Gebiete.  Die  wieder- 



*)  Canitz  an  Westmoreland,  30.  Mai  1877.
**)  Nesselrode  an  Pozzo  di  Borgo,  20.  Okt.  1838.
        <pb n="545" />
        Die  Türkei  und  die  Mächte.  Stratford  Canning.  537

holte  Anfrage  des  Petersburger  Hofes,  ob  man  sich  über  die  Abgrenzung
der  beiden  asiatischen  Machtbereiche  friedlich  verständigen  könne,  wurde  in
London  stets  zürückgewiesen,  weil  die  Briten  dort  im  Osten  ebenso  uner—
sättlich  um  sich  griffen  wie  ihre  Nebenbuhler.

In  der  Türkei  ließ  sich  dem  russischen  Hofe  sein  vertragsmäßiges
Schutzrecht  über  die  christlichen  Vasallenstaaten  nicht  mehr  bestreiten,  und
Nikolaus  gebrauchte  es  mit  hartem  Übermute.  Als  die  Serben  (1842)
ihren  Fürsten  Michael  Obrenowitsch  abgesetzt  und  den  Alexander  Karageorgewitsch
  auf  den  Thron  erhoben  hatten,  da  schrieb  der  Zar  dem  Sultan
eigenhändig:  „Es  ist  mir  sehr  schmerzlich  zu  sehen,  wie  die  Hohe  Pforte
von  dem  Wege,  welchen  die  bestimmtesten  Satzungen  unserer  Verträge  ihr
vorzeichnen,  sich  entfernt,  wie  sie  der  billigen  Rücksichten  vergißt,  die  eine
Macht  mit  Recht  erwarten  konnte,  welche  soeben  erst  dem  Osmanischen
Reiche  inmitten  der  es  umringenden  Gefahren  so  glänzende  Dienste  geleistet
  hat  —  und  dies  um  den  Triumph  der  Revolution  anzuerkennen,
um  die  Wahl  eines  Fürsten  zu  genehmigen,  welchen  aufrührerische  Untertanen
  die  Frechheit  gehabt  haben  mit  den  Waffen  in  der  Hand  auszurufen,
  endlich  um  dem  gefährlichsten  Beispiel  bie  verhängnisvollste  Ermutigung
  zu  geben!“  Der  ganze  Wortschwall  bezweckte  lediglich,  die  Pforte
nachdrücklich  an  ihre  Abhängigkeit  zu  erinnern;  der  serbische  Thronwechsel
selbst  war  dem  russischen  Hofe  gleichgültig.  Der  geängstigte  Padischah
mußte  nunmehr  den  entthronten  Fürsten  feierlich  absetzen;  dann  wurde
der  neue  Fürst,  der  inzwischen  abgedankt  hatte,  abermals  gewählt.  Österreich
  aber  wagte  so  wenig  wie  die  Westmächte  dies  höhnische  Possenspiel
zu  verhindern.)

Am  Bosporus  selbst  war  die  russische  Diplomatie  weniger  glücklich.
Als  Gönner  der  Agypter  und  der  Griechen  mußte  Frankreich  der  Pforte
immer  verdächtig  bleiben.  Österreich  und  Preußen  vermochten  in  Pera  nicht
viel;  Metternich  war  ganz  zufrieden,  wenn  sein  geliebter  Großtürke  nur  unbehelligt
  blieb,  er  sagte  beruhigt:  „der  Fall  der  Türkei  ist  nicht  so  nahe,  wie
man  glaubt.“““*)  Die  aufdringlichen  russischen  Beschützer  aber  wurden  aus
der  Gunst  des  Sultans  bald  ganz  verdrängt  durch  den  neuen  britischen  Gesandten
  Stratford  Canning,  den  tüchtigsten  Mann,  welcher  England  je  im
Oriente  vertreten  hat.  Ein  geborener  Herrscher,  menschenkundig,  fest,  willenskräftig
  und  doch  nicht  so  ungestüm  wie  sein  Vorgänger  Ponsonby,  hieß
Stratford  bei  den  Osmanen  der  große  Elchi,  der  erste  aller  Gesandten,  und
bemächtigte  sich  gänzlich  des  nichtigen  jungen  Padischah,  von  dem  er  aufrichtig
  sagte:  ein  Mündel  ist  mir  lieber  als  ein  Nebenbuhler;  die  Pforte
vermag  ihren  eigenen  Vorteil  nicht  zu  beurteilen.  Gleich  vielen  seiner
Landsleute  hatte  er  einst  philhellenische  Träume  gehegt  und  dann  enttäuscht

*)  Zar  Nikolaus  an  Sultan  Abdul  Mod#schid,  19.  Okt.  (a.  St.)  1842.  Canitzs  Bericht,
  Wien,  7.  Aug.  1843.

*“*)  Canitzs  Bericht,  13.  Dez.  1843.
        <pb n="546" />
        538  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

sich  die  Meinung  gebildet,  daß  die  Türkei  von  innen  heraus  verjüngt,  der
christlichen  Kultur  angenähert  werden  müsse.  Mit  Hilfe  seines  Freundes
Reschid  Pascha  erreichte  er  auch  einzelne  kleine  Milderungen  der  barbari—
schen  Gesetze:  die  Folter  ward  abgeschafft,  und  der  Großherr  versprach  mindestens,
  daß  der  Übertritt  zum  Christentum  nicht  mehr  mit  dem  Tode  bestraft,
  Christenkinder  nicht  mehr  gewaltsam  dem  Islam  zugeführt  werden
sollten.  Das  alles  änderte  freilich  gar  nichts  an  dem  Wesen  dieser  orientalischen
  Theokratie,  an  der  hoffnungslosen  Knechtschaft  der  Rajah-Völker.
Die  russenfeindliche  liberale  Presse  Europas  aber  verherrlichte  mit  treufleißiger
  Begeisterung  alle  die  Wundertaten  der  türkisch-englischen  Reformpolitik.
  Unermeßlich  war  der  Jubel,  als  ein  diplomatisches  Prunkmahl  abgehalten
  wurde  im  Palaste  Beglerbeg,  in  jenen  üppigen  Kuppelsälen,  wo
der  Harem  des  Padischahs  sich  morgens  in  Gegenwart  seines  erhabenen
Gebieters  zu  baden  pflegte,  und  der  große  Elchi  den  Trinkspruch  ausbrachte:
  die  Zivilisation  und  der  Fortschritt  in  der  Türkei,  die  entente
cordiale  überall,  vornehmlich  zwischen  Abendland  und  Morgenland!  Nach
langen  Jahren  erst  sollte  Stratford  selbst  erkennen,  daß  er  edle  Kraft  an
ein  unmögliches  Unternehmen  verschwendet  hatte,  daß  die  Sitten  des
Harems  sich  mit  der  christlichen  Kultur  doch  nicht  so  leicht  vereinigen  ließen.
Vorläufig  behauptete  der  englische  Gesandte  am  Goldenen  Horn  eine  Herrschaft,
  die  nur  selten  durch  das  Erscheinen  eines  russischen  Generaladjutanten
  unliebsam  gestört  wurde.  Zar  Nikolaus  wartete  seiner  Stunde,  da  er
wohl  einsah,  daß  seine  Diplomaten  es  mit  Stratfords  überlegener  Persönlichkeit
  nicht  aufnehmen  konnten.  Er  sagte  grimmig:  ich  tue  nichts  gegen
den  Bosporus,  solange  England  und  Frankreich  sich  ruhig  halten;  wagen
sie  aber  etwas,  „dann  werde  ich  gewiß  der  erste  in  Konstantinopel  sein  und
nicht  loslassen.“7?)

In  Deutschland  ward  das  öffentliche  Urteil  zugleich  berichtigt  und  verwirrt
  durch  die  Fragmente  aus  dem  Orient  von  dem  Tiroler  Jakob  Fallmerayer,
  ein  geistreiches  Buch,  das  den  allgemeinen  Russenhaß  noch  stärker
aufreizte  als  vordem  Urquharts  Portfolio.  „Der  Kampf  zwischen  Licht
und  Finsternis,  zwischen  persönlicher  Freiheit  und  schmachvollem  Russentum,
  zwischen  pfäffisch-demütiger  Niederträchtigkeit  und  freier  sittlicher
Würde“  erschien  dem  Fragmentisten  als  der  Inhalt  der  neuen  Geschichte.
Fallmerayer  war  auf  seinen  weiten  orientalischen  Reisen  und  durch  gründliche
  Erforschung  der  byzantinischen  Geschichte  zu  der  Überzeugung  gelangt,
  daß  geistliche  Allmacht  und  menschliche  Erniedrigung  überall  zusammengehen
  =  einer  Ansicht,  die  sich  dort  in  den  Landen  des  Islams
und  des  Cäsaropapismus  allerdings  jedem  freien  Geiste  von  selber  aufdrängt;
  er  bewunderte  Konstantinopel  als  „die  Metropolis  des  Erdbodens,
wo  die  Lose  für  Europas  Zukunft  geschrieben  würden.“  Der  phantastische

—  —  —

*)  Rochows  Bericht,  30.  Dez.  1846.
        <pb n="547" />
        Fallmerayers  Fragmente.  539

Rausch,  der  die  Gesandten  in  Pera  so  oft  ergreift,  überwältigte  auch  ihn:
er  wollte  auf  der  weiten  Welt  nichts  mehr  sehen  als  die  orientalische  Frage.

Da  nun  das  dem  Fragmentisten  ganz  unbekannte  Preußen  der  prosaischen
  Meinung  war,  daß  die  Lose  Europas  schon  seit  vierzehnhundert
Jahren  nicht  mehr  am  Bosporus  geschrieben  würden  und  sich  demnach  an
dem  diplomatischen  Ränkespiele  der  Metropolis  nur  wenig  beteiligte,  so
glaubte  er,  Deutschland  sei  in  schmähliche  Ohnmacht  versunken.  Ebenso
hoffnungslos  urteilte  er  über  die  Neugriechen.  Mit  einem  großen  Aufwande
  historischer  Gelehrsamkeit  erklärte  er  sie  für  ein  elendes  flawischschkypetarisches
  Mischvolk.  Ihm  entging  ganz,  daß  die  Nationalität  durchaus
  nicht  allein  durch  die  Reinheit  des  Blutes  bedingt  ist.  Fast  überall
in  Europa  hatte  nach  den  großen  Völkerwanderungen  die  überlegene  Kultur
der  Besiegten  ihre  Rache  genommen  an  den  barbarischen  Siegern;  die  Slawen
  waren  auf  hellenischem  Boden  ganz  ebenso  zu  Byzantinern  geworden,
wie  die  Goten,  Langobarden  und  Burgunden  aufs  Römerboden  zu  Romanen
  wurden.  Die  Hellenen  haßten  ihren  Lästerer  tödlich,  und  König
Ludwig  fand  es  ruchlos,  daß  ein  in  Bayern  längst  eingebürgerter  Gelehrter
  in  der  bayrischen  Allgemeinen  Zeitung  das  Lieblingsvolk  der
Wittelsbacher  also  um  allen  Kredit  brachte.  Russenhaß,  Griechenhaß,  Zorn
über  Deutschlands  Schwäche,  Entrüstung  wider  den  Vibius  Egnatius
Tartuffius  des  Priestertums  —  das  waren  die  vorherrschenden  Empfindungen
  des  Fragmentisten.  Er  nannte  sich  gern  einen  Mann  von  Welt,
weil  er  in  Frankreich,  in  Rußland,  in  Pera  viel  in  vornehmen  Kreisen  verkehrt
  hatte,  und  spottete  über  die  doktrinäre  philhellenische  Schwärmerei
der  deutschen  Philologen.  In  Wahrheit  war  er  selbst  ein  ganz  unpolitischer
Kopf,  der  die  Wirkung  seiner  Worte  nicht  zu  berechnen  verstand.  Wenn
er  die  Hellenen  schonungslos  verunglimpfte,  so  arbeitete  er  doch  den  verhaßten
  Russen  in  die  Hände;  auch  seine  Spöttereien  über  Egnatius  Tartuffius
  konnten  dem  Zaren,  der  ja  überall,  namentlich  in  Bayern  die  Ultramontanen
  bekämpfte,  nur  Freude  bereiten.  Aber  er  war  zugleich  ein  Stück
Poet,  und  darin  lag  seine  Stärke.  Der  funkelnde,  etwas  überladene  Stil
der  Fragmente  sprühte  von  Geist  und  Leben.  Die  herrlichen  hochromantischen
  Schilderungen  des  Komnenenschlosses  von  Trapezunt,  der  Waldeinsamkeit
  am  Pontus,  der  lorbeerumrauschten  Klöster  auf  dem  heiligen
Berge  Athos  blieben  dem  Leser  unvergeßlich,  und  mit  der  Süßigkeit  dieser
Landschaftsdichtungen  schlürfte  er  auch  das  geistreiche  politische  Kauderwelsch
  des  Fragmentisten  begierig  ein,  das  im  Grunde  doch  nur  sagte:  der
Tod  ist  von  den  Sünden  des  Lebens  frei,  folglich  steht  der  Türke  hoch  über
den  Rajah-Völkern.  Da  das  freie  England  in  Pera  herrschte,  so  gaben  sich
die  deutschen  Liberalen  der  tröstlichen  Hoffnung  hin,  die  Stadt  Konstantins
sei  vorläufig  noch  wohl  geborgen  in  den  Händen  des  Großtürken  und
seiner  aufgeklärten  Eunuchen.  —
        <pb n="548" />
        540  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

Aus  diesem  ziellosen  Gewoge  diplomatischer  Kämpfe  erhob  sich  endlich
wieder  eine  festere  Parteibildung,  seit  die  geheime  Arbeit  der  polnischen
Verschwörer  die  drei  Ostmächte  zu  gemeinsamem  Handeln  zwang.  Die
gastfreundliche  Unterstützung,  welche  dieser  erklärten  Umsturzpartei  in
England,  Belgien  und  der  Schweiz,  vornehmlich  in  Frankreich  gewährt
wurde,  sprach  allem  Völkerrechte  Hohn.  Mit  erstaunlicher  Dreistigkeit
pflegte  der  Tuilerienhof  von  den  Berliner  Ministerien  Mitteilungen  zu
erbitten  über  preußische  Untertanen,  die  in  Paris  als  polnische  Märtyrer
Unterstützung  aus  den  geheimen  Fonds  verlangten.  Canitz  meinte  zornig:
„Es  ist  eine  eigene  Forderung,  die  jetzt  so  oft  wiederholt  wird,  daß  die
preußische  Regierung  Anweisungen  und  Legitimationen  für  Verräter  erteilen
  soll.“  Gleichwohl  wurde  die  gewünschte  Auskunft  selten  verweigert,
weil  man  auf  solche  Weise  genaue  Nachrichten  über  die  Personen  der  Verräter
  erhielt.*)  Viele  der  sogenannten  Geächteten  lebten,  gänzlich  unverfolgt,
  aus  freiem  Willen  in  der  Verbannung,  um  die  jedem  polnischen
Herzen  unwiderstehlichen  Reize  der  Pariser  Geselligkeit  zu  genießen  oder
um  das  schlechte  Handwerk  der  Verschwörung  unter  französischem  Schutze
sicherer  zu  treiben.  Die  drei  namhaftesten  polnischen  Dichter  der  Zeit,
Mickiewicz,  Krasinski,  Stowaski  spielten  allesamt,  gefühlvoll  wie  Heinrich
Heine,  die  Rolle  freiwilliger  Flüchtlinge.

In  den  Kreisen  solcher  Ausgewanderten  erlangen  aber  die  extremen
Parteien  stets  die  Oberhand.  Die  aristokratische  Fraktion,  die  Gesellschaft
vom  3.  Mai  verehrte  noch  immer  den  greisen  Fürsten  Czartoryski  als  ihren
König  Adam  I.  Czartoryski  selbst  hielt  sich  behutsam  zurück.  Er  empfing
im  Palaste  Lambert  die  polnischen  Flüchtlinge  mit  fürstlicher  Gastfreundschaft
  und  nahm  auch  zuweilen  die  Huldigungen  der  Pariser  Studenten
und  Journalisten  entgegen.  Alljährlich  am  29.  Nov.  zur  Feier  der  großen
Woche  hielt  er  seinen  Landsleuten  eine  wohlgesetzte  Rede,  um  sie  auf  den
dereinstigen  allgemeinen  nationalen  Aufstand  zu  vertrösten,  aber  auch  vor
radikaler  Überstürzung  zu  warnen.  Seine  Partei  besaß  an  den  Grafen
Zamoyski  und  Walewski  zwei  rührige,  beharrlich  umherreisende  Agenten,
an  dem  schlauen,  reichen  Grafen  Titus  Dzialynski  in  Posen  einen  mächtigen
  geheimen  Verbündeten.  Sie  unterhielt  Verkehr  mit  dem  internationalen
Priesterkreise  zu  München?*),  auch  mit  dem  Posener  hohen  Klerus,  der  seit
den  wohlfeilen  Triumphen  des  Erzbischofs  Dunin  seine  revolutionäre  Gesinnung

  kaum  noch  verbarg  und  unter  den  Bauern  das  Lied  verbreiten  ließ:
Sammelt  scharenweis  euch  alle!
Unser  Feind,  der  Deutsche  falle!

Ich  der  Propst  verspreche  euch
Fest  dafür  das  Himmelreich!

*)  Canitz,  Bemerkung  zu  der  Note  des  Marquis  de  Dalmatie,  24.  Nov.;  Bodelschwingh
  an  Canitz,  21.  Dez.  1846.

")  Notice  sur  I’émigration  polonaise,  aus  dem  Departement  des  Grafen  Orlow,

durch  Rochow  nach  Berlin  übersendet  26.  Dez.  1846  —  nur  mit  Vorsicht  zu  benutzen.
        <pb n="549" />
        Mieroslaweki  und  die  polnische  Emigration.  541

Die  Masse  der  Schlachtizen  aber  und  die  kleinen  Pfarrer  wollten
sich  zu  den  vornehmen  Magnaten  kein  Herz  fassen.  Nach  wüsten  Kämpfen
zwischen  sechs  verschiedenen  Parteien  blieb  die  Demokratische  Gesellschaft
obenauf,  das  Organ  der  Versailler  Zentralisation.  Sie  bekannte  sich  zu
„rein  demokratisch-philosophischen  Grundsätzen“,  radikalen  Lehren  der
Junghegelianer,  die  dem  Kommunismus  nahe  kamen,  und  schrieb  nicht
bloß  den  Aufruhr,  sondern  die  soziale  Revolution  auf  ihr  Banner.  In
dem  wiederhergestellten  Polenreiche  von  1772  sollten  alle  sozialen  Unterschiede
  verschwinden,  alle  Polen  wollten  Brüder  sein,  Kinder  eines  Vaters,
Gottes,  einer  Mutter,  des  Vaterlandes.  Die  alte  natürliche  Wahlverwandtschaft
  zwischen  der  polnischen  Adelslibertät  und  dem  modernen  Radikalismus
  trat  wieder  zu  Tage.  Gelehrig  ging  der  Posener  adlige  Pan
auf  diese  demagogischen  Schlagwörter  ein;  wenn  er  in  den  Agronomischen,
den  Unterstützungs-,  den  Lese-Vereinen  mit  den  Bauern,  die  ihm  sonst
die  Kniee  zu  küssen  pflegten,  kameradschaftlich  zusammensaß,  dann  verlangte
  er  liebreich,  daß  man  ihn  fortan  nicht  mehr  Graf,  sondern  Bruder
nennen  solle.  Auch  den  kirchlichen  Fanatismus  verschmähten  die  Demokraten
  nicht.  Da  der  Bischofsstreit  beigelegt  war,  so  schalt  man  auf  die
Duldung,  welche  der  König  den  Deutschkatholiken  in  Schneidemühl  gewährte.
  Es  kam  dort  sogar  zu  blutigen  Händeln,  und  immer  wieder
warnten  die  Kapläne  das  Bauernvolk:  der  Preuße  will  uns  die  Religion
rauben!

Die  Seele  der  Demokratischen  Gesellschaft  war  Ludwig  von  Mieroslawski,
  ein  echter  Vertreter  des  vornehmen  internationalen  Demagogentums,
  in  Frankreich  geboren  und  der  französischen  Sprache  mächtiger  als
der  polnischen,  nachher  im  Kriege  gegen  Rußland  geschult;  ein  leichtes  Talent,
  nicht  ganz  ohne  mathematisch-militärische  Kenntnisse,  aber  noch  mehr
bewundert  als  Redner  und  Improvisator,  ritterlich,  eitel,  geschwätzig,  liebenswürdig,
  nach  Sarmatenart  bald  sanft,  bald  gewalttätig,  ein  Freund  der
Weiber,  des  Tanzes,  der  Toilettenkünste,  so  durch  und  durch  frivol,  daß  er
in  einem  Atem  die  Jungfrau  Maria,  das  polnische  Vaterland  und  seine
eigene  Geliebte  hoch  leben  ließ.  Daneben  bestand  noch  eine  eigentliche  kommunistische
  Partei,  die  in  Posen  durch  die  Schriftsteller  der  Stefanskischen
BuMchhandlung  vertreten  wurde.  Kommunismus  konnte  dort  im  Osten,  wo
das  bewegliche  Kapital  so  selten  war,  nichts  anders  bedeuten  als  Ackerverteilung.
  Dies  Zauberwort  zündete  in  Posen  nur  selten;  denn  hier
waren  die  bäuerlichen  Verhältnisse  durch  die  Gerechtigkeit  einer  wohlwollenden
  Regierung  leidlich  geordnet  und  der  Bauer  vernahm  die  freundlichen
Reden  der  vordem  so  hochmütigen  Edelleute  mit  Argwohn,  schon  weil
er  im  Verkehre  mit  den  Schacherjuden  die  Lebensregel  gelernt  hatte:  wer
mir  schmeichelt,  will  mich  betrügen.  Furchtbar  aber,  und  ganz  anders  als
die  kurzsichtigen  Demagogen  wähnten,  wirkte  die  kommunistische  Propaganda
  in  Galizien,  wo  das  Landvolk  längst  über  die  schweren  Roboten
        <pb n="550" />
        542  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

und  Grundlasten  murrte  und  nunmehr  an  den  grausamen  adligen  Herren
blutige  Rache  zu  nehmen  hoffte.

Diese  rastlosen,  von  dem  gutmütigen  Statthalter,  dem  Erzherzog  Ferdinand
  kaum  bemerkten  Umtriebe,  die  geheimen  Sendboten,  die  in  der
letzten  Freistätte  des  Polentums,  in  Krakau  beständig  aus=  und  eingingen,
und  zu  allermeist  die  freche  Sprache  des  Posener  Landtags  beunruhigten
den  Wiener  Hof  lebhaft.  Schon  im  Sommer  1842  fragte  Metternich  bei
den  anderen  Teilungsmächten  vertraulich  an,  ob  es  nicht  ratsam  sei,  jetzt
auf  den  geheimen  Vertrag  vom  14.  Okt.  1835  zurückzukommen  und  das
Krakauer  Gebiet  mindestens  in  die  Zolllinie  OÖsterreichs  aufzunehmen.“
Ehrlich  verfuhr  er  dabei  nicht;  die  vollständige  Ausführung  jenes  Vertrags,
die  gänzliche  Einverleibung  der  Republik  in  den  Kaiserstaat,  erklärte
er  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  für  „eine  Narrheit“,  der  preußische
  Gesandte  Canitz  merkte  aber  bald,  daß  diese  Narrheit  gerade  Osterreichs
  Wunsch  war.*)  Mit  Entsetzen  wies  König  Friedrich  Wilhelm  solche
Anschläge  wider  sein  geliebtes  Polen  zurück,  und  da  er  als  Kronprinz  von
diplomatischen  Geheimnissen  wenig  erfahren  hatte,  so  wollte  er  nicht  einmal
  glauben,  daß  jemals  ein  so  schändlicher  Vertrag  förmlich  abgeschlossen
worden  sei.  Sein  Petersburger  Gesandter  Liebermann,  der  einst  bei
jenen  Geschäften  mitgeholfen  hatte,  belehrte  ihn  freilich  eines  Besseren;
gleichwohl  hielt  er  seinen  Widerspruch  aufrecht  und  forderte  entschieden,
die  alte  Verabredung  müsse  für  immer  vergessen,  die  Unabhängigkeit
Krakaus  gewissenhaft  geachtet  werden.  Zar  Nikolaus,  der  mit  Metternich
ganz  übereinstimmte,  wollte  doch  den  Schwager  augenblicklich  nicht  drängen;
  so  vertagte  denn  der  Wiener  Hof  vorläufig  die  Ausführung  seines
Vorhabens  ***),  und  Canitz  berichtete  in  heller  Freude:  „Der  Schlag  ist
abgewehrt.  Die  Stimme  eines  seiner  erlauchten  Beschützer  hat  das  bedrohte
Dasein  des  armen  Schützlings  gerettet,  die  Teilung  Polens  wird  nicht
kleinlich  wiederholt  werden  durch  die  Erdrückung  seiner  letzten  Trümmer.
Dieser  Plan  ist  verdientermaßen  getötet  und  begraben.“)

Nur  zu  bald  sollte  diesen  gutmütigen  Hoffnungen  die  Enttäuschung
folgen.  Die  Russen  versäumten  keine  Gelegenheit,  die  ruchlosen  Pläne
der  Polen  anzuschwärzen.  Als  Nikolaus  im  Oktober  1843  durch  Posen
kam,  da  wurde,  so  hieß  es,  ein  Flintenschuß  auf  einen  Wagen  des  kaiserlichen
  Gefolges  abgefeuert.  Der  Zar  glaubte  wirklich  einer  Lebensgefahr
entgangen  zu  sein,  und  sein  Hof  bejammerte  laut  I’horrible  attentat  de
Posen.  Die  Schandtat  blieb  trotz  eifriger  Nachforschungen  unentdeckt,
sie  bestand  wohl  nur  in  der  Phantasie  der  Moskowiter.s)  Schon  im

*)  S.  o.  IV.  528.
*)  Canitzs  Bericht,  8.  Dez.  1812.
**)  Liebermanns  Bericht,  14.  Nov.  1843.
)  Canitzs  Bericht,  Jan.  1843.
f.)  Liebermanns  Berichte,  10.  14.  23.  Okt.  1813.
        <pb n="551" />
        Aufruhr  in  Posen.  543

Januar  des  nächsten  Jahres  aber  wurden  in  Posen  einige  Rädelsführer
der  großen  Pariser  Verschwörung  verhaftet,  und  seit  sie  die  Wachsamkeit
der  Behörden  erkannten,  verlangten  die  anderen  Eingeweihten  stürmisch
den  sofortigen  Beginn  des  Kampfes.  Um  die  Ungeduldigen  zu  beschwich—
tigen,  eilte  Mieroslawski  selbst  im  März  1845  aus  Paris  herbei;  er  sah
jedoch  bald,  daß  er  die  Leidenschaft  nicht  mehr  bändigen  konnte,  und  als  er
im  Dezember  nach  Posen  zurückkehrte,  da  beschloß  er,  nach  einer  geheimen
Beratung  in  Krakau,  das  tolle,  so  lange  geplante  Unternehmen  alsbald  ins
Werk  zu  setzen.  Da  das  Königreich  Polen  unter  den  eisernen  Griffen
seines  Statthalters  Paskiewitsch  wie  erwürgt  da  lag,  so  sollte  diesmal  der
Aufstand  in  Posen  und  Galizien  beginnen,  dann  aber  gleich  der  Lawine
wachsend  über  das  Königreich,  über  Litauen  und  Kleinrußland,  bis  zur
Düna  und  zum  Dniepr  sich  ausbreiten  —  denn  wo  war  eine  Schranke
für  Mieroslawskis  Einbildungskraft?

In  Krakau  wurden  die  Rollen  verteilt,  die  Befehlshaber  für  jede
der  aufständischen  Landschaften  ernannt;  um  Mitte  Februar  1846  wollte
man  überall  gleichzeitig  losschlagen.  Sogar  Czartoryskis  aristokratische
Partei  wagte  jetzt  dem  Sturme  der  nationalen  Begeisterung  nicht  mehr
zu  widerstehen.  Auf  ihre  Bitte  erklärte  König  Adam,  er  wolle  nur  das
Haupt  der  Emigration  sein  und  überlasse  der  Nation,  über  ihre  künftige
Verfassung  selbst  zu  entscheiden.  Mehr  als  schöne  Worte  wußte  der  müde,
ganz  in  Entsagung  versunkene  alte  Fürst  seinem  Volke  freilich  nicht  zu
bieten.

Indessen  war  Oberpräsident  Beurmann  durch  einige  neue  Verhaftungen
  den  Umtrieben  auf  die  Spur  gekommen.  Als  die  Posener  Verschworenen
  am  14.  Febr.  sich  in  ihren  Bazar  begaben,  um  bei  einem
großen  Mittagsmahle  die  letzten  Verabredungen  zu  treffen,  da  erfuhren
sie  schon,  daß  alles  entdeckt  war.  Der  entschlossene  Kommandant  General
Steinäcker  hatte  soeben  die  Festung  schließen,  einige  verdächtige  Unteroffiziere
  verhaften  lassen;  inzwischen  wurde  Mieroslawski  selbst  in  einem
Städtchen  der  Provinz  aufgegriffen  und  gefesselt  nach  Posen  abgeführt.
In  der  folgenden  Woche  zog  ein  Haufe  Bauern,  den  ein  Karmelitermönch
  zum  Glaubenskriege  aufgestachelt  hatte,  bei  Nacht  gegen  Preußisch-Stargard;
  sobald  die  Leute  jedoch  merkten,  daß  sie  wider  die  Obrigkeit
kämpfen  sollten,  liefen  sie  auseinander.  Als  am  3.  März  aufregende
Nachrichten  aus  Krakau  eingelaufen  waren,  flammte  das  Kriegsfeuer
noch  einmal  empor.  Der  junge  Hitzkopf  Dr.  v.  Niegolewski  und  ein  Oberförster
  des  Grafen  Dzialynski  unternahmen  einen  nächtlichen  Handstreich
gegen  die  Posener  Zitadelle,  das  Fort  Winiary,  aber  schon  an  der  Brücke
der  Wallischei  wurde  die  Bande  angehalten  und  großenteils  gefangen.
Das  war  das  lächerliche  Ende  einer  weitverzweigten  Verschwörung,  wobei
  die  Demagogen  in  Paris,  London,  Brüssel,  Leipzig  mitgewirkt  und
die  Gesandtschaften  der  Westmächte  schmähliche  Botendienste  geleistet
        <pb n="552" />
        544  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

hatten.  Die  Behörden  verfuhren  überall  wachsam,  fest  und  ohne  unnütze
Härte,  so  daß  der  König  nachher  dem  Oberpräsidenten  Beurmann  wohl—
verdienten  Dank  aussprach*),  die  Truppen  blieben  unverbrüchlich  treu,  bis
auf  eine  Handvoll  Leutnants  und  Unteroffiziere.  Eine  schon  im  Januar
eingesetzte  Untersuchungskommission  ließ  zahlreiche  Verhaftungen  vor—
nehmen,  und  nachdem  der  Belagerungszustand  verkündet  war,  schien  die
Provinz  sich  schnell  zu  beruhigen.  Dem  leichten,  fast  unblutigen  Siege
entsprangen  aber  sofort  neue  Gefahren.  Die  Verschwörung  war  sehr  weit
verbreitet,  der  Demokratische  Verein  zählte  mindestens  3000  Mitglieder,
dazu  in  der  Provinz  noch  eine  Menge  halbeingeweihter  Genossen,  und  da
die  Verräter  die  Schärfe  der  preußischen  Waffen  nicht  ernstlich  gefühlt
hatten,  so  glomm  das  Feuer  unter  der  Asche  fort.  Auch  im  russischen
Polen  wurden  nur  einige  kleine  Aufstandsversuche  gewagt  und  alsbald
grausam  niedergeschlagen.

Weit  gewaltsamer  verlief  der  Aufruhr  in  Galizien.  Am  18.  Febr.
rückte  General  Collin  mit  1000  Mann  Osterreichern  in  Krakau  ein,  weil
die  republikanischen  Behörden  selbst  erklärt  hatten,  sie  vermöchten  sich  nicht
zu  verteidigen.  Als  der  Aufruhr  drei  Tage  später  wirklich  ausbrach,  da
verlor  der  kaiserliche  General  die  Besinnung  und  räumte  die  Stadt,  die
er  mit  einigem  Mute  wohl  halten  konnte;  mit  ihm  flohen  auch  die  rechtmäßige
  Regierung  und  die  Residenten  der  drei  Schutzmächte.  Die  elende
Republil  gab  sich  selber  auf,  in  ihrem  Gebiete  schaltete  einige  Tage  lang
der  Diktator  Tyssowski  mit  seinen  Banden.  Der  Diktator  verkündete  sofort
allen  Polen  in  einem  Manifeste:  die  Stunde  der  Empörung  hat  geschlagen,
und  forderte  alle  auf,  der  nationalen  Regierung  der  polnischen  Republik
unbedingten  Gehorsam  zu  schwören.  Krakau  sollte  den  Mittelpunkt  des
wiederauferstehenden  Polenreichs  bilden.  Da  kamen  die  österreichischen
Truppen  nochmals  heran,  diesmal  in  größerer  Anzahl  und  verstärkt  durch
Bauernscharen;  bald  wurden  die  Aufständischen  geworfen.  Oberst  Benedek,
der  Falke  von  der  Weichsel  legte  in  diesen  Gefechten  den  Grund  für  seinen
militärischen  Ruhm.  Am  3.  März  war  die  Stadt  wieder  in  den  Händen
der  Österreicher;  alsbald  ließen  auch  die  beiden  anderen  Schutzmächte
Truppen  einrücken,  die  letzten  Flüchtlinge  der  aufständischen  Scharen  ergaben
  sich  den  Preußen,  eine  von  den  drei  Residenten  beaufsichtigte  Regierung
  stellte  die  Ordnung  her.  In  den  benachbarten  Strichen  Galiziens
tobte  unterdessen  ein  gräßlicher  Bauernkrieg.  Hier  hatten  sich  die  Agenten
der  polnischen  Revolution  selber  die  Rute  gebunden.  Nicht  umsonst  war
den  Bauern  seit  Jahren  das  Traumbild  kommunistischer  Glückseligkeit  vorgespiegelt
  worden.  Jetzt  kochte  die  Wut  der  mißhandelten  Fröner  auf,
sie  ergoß  sich  aber  nicht  gegen  die  kaiserlichen  Behörden,  die  der  Bauer
wenig  kannte,  sondern  gegen  die  nächsten  Bedrücker,  die  Grundherren  und

 

*)  Kabinettsordre  an  Beurmann,  8.  Okt.  1846.
        <pb n="553" />
        Aufruhr  in  Krakau  und  Galizien.  545

ihre  hartherzigen  Verwalter,  die  Mandatare.  Im  östlichen  Galizien,  wo
nur  die  Edelleute  Polen  waren,  die  Bauern  aber  dem  orthodoxen  rotrussischen
  Volksstamme  angehörten,  wurde  der  Adelshaß  noch  durch  kirchliche
  und  nationale  Feindseligkeit  verschärft;  „ins  Verderben  soll  der
stolze  Pole  stürzen“,  sagte  ein  Volkslied  der  Ruthenen.  So  brausten  denn
Mordbrand  und  Plünderung  über  die  Edelhöfe  dahin;  ein  ausgedienter
Soldat  Szela  führte  die  wütenden  Haufen  an.

Es  war  ein  echt  sarmatisches  Schauspiel.  Wie  einst  in  den  alten
polnischen  Reichstagen  die  Anarchie  des  Liberum  Veto  an  der  ärgeren
Anarchie  der  bewaffneten  Konföderationen  ihre  Schranke  gefunden  hatte,
so  wurde  jetzt  die  Verschwörung  der  Edelleute  durch  die  Raserei  der  Robotpflichtigen
  gebändigt.  In  der  Hofburg  war  alles  vom  Schrecken  gelähmt.
  Selbst  die  Regimenter  zeigten  sich  nicht  durchweg  zuverlässig,  bis
in  die  Kreise  der  Offiziere  war  der  Verrat  eingedrungen.  Die  Behörden
wußten  sich  nicht  zu  helfen  und  ließen  die  Mordbanden  gewähren;  der
Kreishauptmann  in  Tarnow  zahlte  den  Bauern  sogar  Geldpreise  für  jeden
Edelmann,  den  sie  gefangen  einbrachten.  Gewiß  hatte  der  Wiener  Hof
die  Zahlung  dieser  Blutgelder  nicht  selber  anbefohlen,  schon  weil  ihm  der
Mut  fehlte;  doch  die  Schande  blieb  an  ihm  haften,  daß  er  die  politische
Revolution  nur  durch  stillschweigende  Duldung  der  sozialen  Revolution
bezwungen  hatte.  Nach  einigen  entsetzlichen  Tagen  verrauchte  der  Blutdurst;
  die  Bauern  kehrten  heim,  zufrieden  in  dem  Gedanken,  daß  der  rote
Hahn  so  vielen  Edelleuten  aufs  Dach  geflogen  war.  Das  alte  System
war  mit  seiner  Weisheit  am  Ende.  Metternich  schrieb  erleichtert:  „der
größte,  der  dickste  und  durch  eine  Anzahl  von  Umständen  am  meisten  begünstigte
  Versuch  der  Umsturzpartei  hat  gescheitert;““7)  aber  nach  solchen
Greueln  wußte  er  dem  zerrütteten  Kronlande  keine  andere  Sühne  zu
bieten  als  die  Entlassung  des  kopflosen  Statthalters  und  ein  ganz  ungenügendes
  Gesetz  über  die  freiwillige  Ablösung  der  Roboten.

Der  Aufruhr  war  besiegt,  die  Ruheseligen  atmeten  auf.  Wer  weiter
sah,  mußte  ahnen,  daß  eine  schwierige  diplomatische  Verwicklung  bevorstand.
Selbst  der  alte  Welfenkönig  bemerkte  zu  einem  siegesfrohen  Berichte  seines
Berliner  Gesandten:  „Ich  bin  nicht  der  Meinung,  daß  alles  vorbei  ist.
Nun  ist  erst  die  politische  Frage:  was  soll  mit  diese  Republik  werden  ?“7)
In  der  Tat  kam  der  Wiener  Hos,  sobald  die  erste  Angst  überstanden  war,
unverzüglich  auf  seine  alten  Pläne  zurück;  das  Brutnest  aller  polnischen
  Aufstände,  die  Republik  Krakau  sollte  verschwinden,  und  gewiß
ließ  sich  den  Ostmächten  jetzt  nicht  mehr  zumuten,  daß  sie  diesen  traurigen
Staat,  nachdem  er  tatsächlich  zerstört  war,  künstlich  wieder  aufrichten
sollten.  Schon  am  25.  Februar  teilte  Metternich  seinen  Vorschlag  dem

 

*)  Metternich  an  Canitz,  20.  März  1846.
**)  König  Ernst  August,  Marginalnote  zu  Knyphausens  Bericht  vom  8.  März  1846.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  35
        <pb n="554" />
        546  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

russischen  Gesandten  Medem  mit  und  fügte  hochmütig  hinzu:  wenn  Preußen
widerspricht,  so  gehen  wir  darüber  hinweg  (nous  nous  passerons  de  la
Prusse).  So  rücksichtslos  wollte  der  Zar  doch  nicht  verfahren.  Er  schrieb
seinem  Schwager:  nach  allem,  was  geschehen,  müsse  man  sich  freundschaft—
lich  über  die  unumgängliche  Vernichtung  Krakaus  verständigen,  „um  ein—
mal  für  allemal  die  verbrecherischen  Anschläge  zu  vernichten;“  darum  solle
sein  General  Graf  Berg,  ein  ehrenhafter,  in  Preußen  wohlbekannter  Deut—
scher  demnächst  nach  Berlin  kommen.)  Auf  Nikolaus'  Wunsch  kündigte
auch  Kaiser  Ferdinand  an,  daß  er  seinen  erprobten  Unterhändler,  den
General  Ficquelmont  in  die  preußische  Hauptstadt  absenden  wolle,  und  zugleich
  suchte  Metternich  das  weiche  Gemüt  seines  königlichen  Freundes
durch  einen  lehrhaften  Brief  zu  bearbeiten:  „Zu  meiner  moralischen
Gestaltung  gehört  nebst  manch  anderen  Hin=  und  Abneigungen  die  Hinneigung
  zu  den  Sachen  und  die  Scheue  vor  schalen  oder  gediegen  scheinenden,
  aber  in  der  Tat  leeren  Worten.  Zu  den  letzteren  gehört  heute
der  Nationalismus  und  dessen  direkte  Anwendung  auf  den  Polonismus.
Mit  den  beiden  Worten  kann  der  gesamte  Stand  aller  Weltreiche  bis
zu  den  kleinsten  politischen  Körpern  nicht  nur  in  Frage  gestellt,  sondern
aus  doktrinellen  Gründen  über  den  Haufen  geworfen  werden.“  )

Als  die  beiden  Bevollmächtigten  im  April  zu  Berlin  eintrafen,  fanden
sie  das  Auswärtige  Amt  schon  wieder  in  anderen  Händen.  Minister
Bülow  war  an  einem  Gehirnleiden  unheilbar  erkrankt,  und  General  Canitz,
  der  bereits  seit  Monaten  in  Berlin  weilte,  um  bei  den  reichsständischen
Plänen  des  Königs  Rat  zu  erteilen,  hatte  ganz  unvermutet  die  erledigte
Stelle  erhalten.  Welche  boshafte  Tücke  des  Schicksals!  Vor  kurzem  erst
hatte  Canitz  als  Gesandter  in  Wien  eine  neue  Teilung  Polens  für  unzulässig
  erklärt,  und  nun  mußte  er  selbst  dabei  mitwirken.  Die  Lehren
Metternichs  von  der  revolutionären  Wirksamkeit  des  „Nationalismus“  erkannte
  er  ebenso  wenig  an  wie  sein  König;  doch  mußte  er  zugeben,  daß
die  Radikalen  das  Polentum  mißbraucht  und  gefälscht  hatten,  *)  und  da
die  Wiederherstellung  eines  Kleinstaates,  der  seit  einem  Menschenalter  die
Pflichten  seiner  Neutralität  schmählich  verletzt  hatte,  offenbar  unmöglich
war,  so  genehmigte  Preußen  in  einem  geheimen  Protokoll  vom  15.  April
die  Vorschläge  der  beiden  Kaiserhöfe.  Die  Republik  Krakau  sollte  dem
österreichischen  Staate  einverleibt  werden,  weil  sie  sich  selbst  vernichtet  habe.

Diesen  Rechtsgrund  hatte  Canitz  angegeben,  denn  er  wollte  jede  Erwähnung
  des  geheimen  Vertrags  von  1835  vermeiden.  In  welchem  Lichte,
so  sagte  er  späterhin,  ständen  wir  vor  der  Welt  da,  wenn  man  erführe,  daß
wir  die  Vernichtung  Krakaus  schon  vor  elf  Jahren  beschlossen  und  diesen

*)  Zar  Nikolaus  an  König  Friedrich  Wilhelm,  5.  März  1846.

**)  Schreiben  an  König  Friedrich  Wilhelm  von  Kaiser  Ferdinand  29.  März,  von
Metternich  29.  März  1846.

***)  Canitz,  Observations  confidentielles,  April  1846.
        <pb n="555" />
        Das  Berliner  Protokoll  über  Krakau.  547

Beschluß  immer  feierlich  abgeleugnet  haben?*)  Auf  Canitzs  Antrag  wurde
in  das  Protokoll  der  Art.  2  ausgenommen:  „Diese  Einverleibung  wird
erst  ausgeführt  werden,  nachdem  alles,  was  damit  zusammenhängt,  geregelt
ist,  hinsichtlich  der  Beziehungen  der  drei  hohen  vertragschließenden  Parteien
unter  sich  und  zu  den  anderen  Mächten.  Dies  wird  geschehen  durch  eine
Beratung  der  nach  Wien  berufenen  Konferenz.“  General  Berg  erklärte
aber  bestimmt  und  ohne  Widerspruch:  das  solle  keineswegs  bedeuten,  daß
„die  anderen  Mächte“  förmlich  zustimmen  müßten;  vielmehr  verwahrten
sich  die  drei  Schutzmächte  ausdrücklich  ihr  Recht,  das  Beschlossene  unbedingt
  auszuführen.“)  So  schien  man  einig,  und  frohen  Muts  sahen  die
beiden  Kaisermächte  der  Wiener  Konferenz  entgegen,  die  in  kürzester  Frist
zusammentreten  sollte.  Nesselrode  dankte  der  preußischen  Regierung  lebhaft,
  weil  sie  jede  „peinliche  Verhandlung“  vermieden  hätte.  Er  schrieb  so
ungemein  herzlich,  daß  Canitz  verwundert  sagte:  Die  Russen  scheinen  ja
ganz  überrascht,  uns  so  nachgiebig  gefunden  zu  haben.)
Allerdings  hatte  der  Zar  guten  Grund  zu  freudiger  Überraschung.
Der  Aprilvertrag,  den  der  königliche  Gönner  des  Polentums  doch  nur
widerstrebend  genehmigt  hatte,  mußte  nicht  bloß  die  liberale  öffentliche
Meinung  gegen  den  Berliner  Hof  aufbringen,  er  bedrohte  auch  die
Volkswirtschaft  Preußens  mit  schweren  Verlusten.  Die  Krakauer.  Republik
  war  auf  Grund  der  Wiener  Verträge  ein  Freihandelsgebiet,  und
die  Breslauer  Kaufleute  wußten  diesen  Vorteil  gründlich  auszunutzen.
Sie  unterhielten  in  der  Republik  ihre  Kommanditen  und  sendeten  dahin
außer  deutschen  Erzeugnissen  auch  Massen  von  Kolonialwaren,  die  von
den  Seeplätzen  her,  nur  mit  den  leichten  Durchfuhrzöllen  des  Zollvereins
beschwert,  geradeswegs  nach  der  Weichselstadt  durchgingen.  In  Krakau  selbst
verblieb  nur  ein  kleiner  Teil  dieser  Einfuhr;  alles  übrige  wurde  von  den
Juden,  welche  den  zuchtlosen  Kleinstaat  wie  ein  anderes  Land  Gosen  verehrten,
  nach  dem  österreichischen  und  dem  russischen  Polen  hinübergeschmuggelt.
  Das  Geschäft  blühte.  Von  92000  Zentnern  Durchfuhrgut,
welche  im  Jahre  1844  die  schlesische  Grenze  überschritten,  gingen  fast
78000  über  Neu-Berun  nach  Krakau,  von  der  gesamten  schlesischen  Ausfuhr
  etwa  die  Hälfte;  ein  einziges  großes  Breslauer  Haus  berechnete
seinen  jährlichen  Umsatz  in  der  Republik  auf  0,9  Mill.  Tlr.  Der  Zollverein,
  der  weder  mit  Rußland  noch  mit  Österreich  in  Zoll-Kartell  stand,
fand  sich  nicht  bewogen,  diesen  Handel  zu  stören;  er  gewann  ja  nur  an
den  Durchfuhrzöllen,  und  daß  die  Waren  aus  den  Krakauer  Freilagern
wieder  über  die  wohlbewachte  deutsche  Zollgrenze  zurückgepascht  wurden,

geschah  doch  ziemlich  selten.

*)  Canitz,  Weisung  an  Rochow,  24.  Jan.  1847.
*7y)  Proces  verbal  zum  Berliner  Protokoll  vom  15.  April  1846.,
*““)  Nesselrode,  Weisung  an  Meyendorff,  20.  April;  Canitz,  Weisung  an  Rochow,
3.  Mai  1846.

 

357
        <pb n="556" />
        548  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

Sobald  aber  das  Gebiet  der  Republik  in  die  österreichische  Zolllinie
eingeschlossen  wurde,  konnte  dieser  altgewohnte  Geschäftsbetrieb  unmöglich
fortdauern.  Die  preußische  Regierung  durfte  also  der  Einverleibung  erst
dann  endgültig  zustimmen,  wenn  dem  deutschen  Handel  vorher  mindestens
einige  Entschädigung  für  die  drohenden  Verluste  unzweideutig  zugesichert
wurde;  sie  mußte  ihre  Bedingungen  schnell  und  entschieden  aufstellen,  weil
der  gefährdete  Verkehr  doch  großenteils  Schmuggelhandel  war,  nachträg—
liche  Beschwerden  also  gewiß  nichts  erreichen  konnten.  Canitz  fühlte  dies
auch  und  ließ  alsbald  von  den  sachverständigen  Handelspolitikern  eine
Denkschrift  ausarbeiten,  die  zu  dem  Schlusse  gelangte,  drei  Zusicherungen
mindestens  müsse  Preußen  fordern:  zum  ersten  einen  Packhof  in  Krakau
mit  milder  Kontrolle,  zum  zweiten  Fortdauer  der  bisherigen  niedrigen
Durchfuhrzölle  im  Krakauer  Gebiete,  zum  dritten  schleunige  Vollendung
der  längst  verheißenen  Krakau-Breslauer  Eisenbahn  nebst  Erleichterungen
für  den  Durchfuhrverkehr.“)  Diese  überaus  bescheidenen  Bedingungen
genügten  durchaus  nicht,  um  die  schlesischen  Geschäftsleute,  die  seit  einem
Menschenalter  große  Kapitalien  in  dem  Krakauer  Freihandelsgebiete  an—
gelegt  hatten,  für  ihre  Einbuße  schadlos  zu  halten,  und  die  Denkschrift
selbst  gestand,  man  könne  auch  noch  weit  mehr  verlangen.  Sollte  Preußen
einen  für  Krieg  und  Handel  gleich  wichtigen  Straßenknotenpunkt  dicht  an
seiner  Grenze  ohne  jeden  Rechtsgrund  den  Osterreichern  übergeben  und
dafür  zum  Danke  sich  den  altgewohnten  schlesischen  Handelszug  zerstören
lassen?

Da  die  Einverleibung  Krakaus  ohne  Preußens  endgültige  Zustim—
mung  unmöglich  war,  so  konnte  der  Berliner  Hof  jetzt  einige  der  Forde—
rungen  durchsetzen,  welche  die  bedrängte,  zwischen  dem  Auslande  einge—
klemmte  schlesische  Provinz  schon  seit  Jahren  aufstellte:  freien  Verkehr  für
die  alltäglichen  Unterhaltungsmittel  in  den  Grenzorten,  freie  Einfuhr  der
schlesischen  Leinengarne,  die  in  Böhmen  verwebt  und  dann  zurückgesendet
wurden,  vor  allem  aber  Herabsetzung  einiger  Prohibitivzölle,  namentlich
für  Gewebe.  Doch  dazu  gehörte  volkswirtschaftliche  Sachkenntnis,  und
jetzt  rächte  sich's  wieder,  daß  der  erste  Diplomat  des  Zollvereins,  Eichhorn
  in  das  Kultusministerium  versetzt  war.  Von  den  obersten  Räten
des  Auswärtigen  Amts  vermochte  keiner  die  handelspolitischen  Folgen  der
Einverleibung  sicher  zu  beurteilen.  Die  Kaufmannschaften  oder  die  zunächst
  beteiligten  Gewerbetreibenden  wollte  man  auch  nicht  befragen,  weil
der  Aprilvertrag  ja  zunächst  tief  geheim  bleiben  sollte.  So  geschah  es,
daß  Canitz  die  handelspolitische  Frage,  die  er  durch  rechtzeitiges  Drängen
sicher  entscheiden  konnte,  vorläufig  in  der  Schwebe  hielt.

An  Zeit  fehlte  es  wahrlich  nicht;  denn  der  Wiener  Hof,  der  anfangs

*)  Promemoria  über  die  Wichtigkeit  der  dermaligen  politischen  Verhältnisse  der
freien  Stadt  Krakau  für  den  schlesischen  Handel.  30.  April  1846.  (Vermutlich  aus  dem
Handelsamte.)
        <pb n="557" />
        Krakauer  Freihandel.  Graf  Arnim  in  Wien.  549

so  eifrig  vorgegangen  war,  zeigte  sich  jetzt  sehr  bedachtsam,  weil  er  den  Einspruch
  der  Westmächte  fürchtete.  Preußen  und  Rußland  zogen  ihre  Truppen
aus  Krakau  zurück,  auch  die  drei  Residenten  kehrten  heim,  die  Stadt  wurde
vorläufig  von  österreichischen  Regimentern  bewacht;  denn  die  drei  Mächte,
die  sich,  etwa  mit  dem  gleichen  Rechte  wie  die  Schutzmächte  Griechenlands,
les  puissances  créatrices  et  protectrices  de  Cracovie  nannten,  wollten
der  Welt  unzweifelhaft  beweisen,  daß  ihr  Schützling  augenblicklich  gar  keine
Regierung  mehr  besäße.“)  Gleichwohl  ließ  Metternich  den  ganzen  Sommer
verstreichen,  ohne  die  Gesandten  Preußens  und  Rußlands  zu  der  verabredeten
  Konferenz  zu  berufen;  er  sagte  weise:  zum  Bekennen  der  Grundsätze
  bin  ich  immer  rasch  bereit,  aber  zum  Handeln  warte  ich  die  rechte
Zeit  ab.)

Im  Juli  besuchte  König  Friedrich  Wilhelm  den  österreichischen
Staatskanzler  auf  der  Durchreise  in  Königswart,  und  hier  bot  sich  ganz
von  selbst  die  Gelegenheit,  Preußens  handelspolitische  Forderungen  unbedingt
  und  nachdrücklich  auszusprechen.  Sie  blieb  unbenutzt;  das  politische
Gespräch  bewegte  sich  nur  um  die  preußische  Verfassungsfrage.  Erst  nachher,
am  28.  August,  sendete  der  König  an  Metternich  einen  jener  unglücklichen,
  gemütvollen  Briefe,  wodurch  er  schon  so  oft  klare  diplomatische
Geschäftssachen  verdunkelt  hatte.  Er  wünsche,  so  schrieb  er,  in  Krakan
den  bestehenden  Zustand,  also  auch  die  Handelsfreiheit  bis  zu  einer  neuen
Übereinkunft  zu  erhalten,  er  wolle  jedoch  „im  Vertrage  bleiben  und  nicht
abspringen“  und  überlasse  dem  Wiener  Hofe  vertrauensvoll,  den  rechten
Zeitpunkt  für  die  Einverleibung  zu  bestimmen.  Metternich  antwortete
(27.  Sept.)  mit  einigen  nichtssagenden  Beteuerungen:  „Heute  ist  der
Moment  der  Handlung  noch  nicht  gekommen.  Ich  habe  die  Herren  noch
nicht  einmal  um  mich  versammelt  und  bitte  Ew.  Maj.,  Sich  auf  jeden  Fall
auf  mich  zu  verlassen,  denn  ich  gehöre  nicht  zu  denjenigen,  welche  Vertrauen
  zu  mißbrauchen  die  Gefahr  laufen.“)

Zu  allem  Unglück  war  Preußen  augenblicklich  in  Wien  wieder  so
schlecht  vertreten  wie  einst  in  den  bösen  Tagen  des  Fürsten  Hatzfeldt.  Unter
einer  schwachen  Regierung  pflegt  die  Diplomatie  Nationalstolz  und  Selbstvertrauen
  schnell  zu  verlieren,  nirgends  schneller  als  im  fremdbrüderlichen
Deutschland.  Canitzs  Nachfolger,  Graf  Arnim,  ein  behaglicher  Lebemann
und  Feinschmecker,  bekannt  unter  dem  Namen  des  Kuchen-Arnims,  hatte
als  Gesandter  in  Paris  viele  Freundlichkeit  erfahren,  weil  er  dem  Bürgerkönige
  immer  nach  dem  Munde  sprach;  jetzt  an  der  Donau  befreundete
er  sich  ebenso  rasch  mit  der  k.  k.  Politik.  Alltäglich  erschien  er  morgens  und
abends  in  der  Staatskanzlei,  jeder  Ausspruch  Metternichs  war  ihm  heilig.
Arnim  wurde  angewiesen,  zunächst  die  drei  Punkte  jener  Denkschrift  —

*)  Canitz,  Weisung  an  Rochow,  24.  Juni  1846.
**)  Graf  Arnims  Bericht,  21.  Sept.  1846.
7'  )  Metternich  an  König  Friedrich  Wilhelm,  27.  Sept.  1846.
        <pb n="558" />
        550  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

den  Krakauer  Packhof,  die  freie  Durchfuhr,  die  Eisenbahn  —  durchzusetzen,
sodann  in  gründlicher  Verhandlung  noch  andere  Entschädigungen  für  den
preußischen  Verkehr  auszubedingen;  der  endgültigen  Einverleibung  sollte
er  keinesfalls  eher  zustimmen,  als  wenn  die  handelspolitische  Frage  zu
Preußens  Befriedigung  geordnet  sei.  Er  verstand  aber  von  volkswirt—
schaftlichen  Dingen  nicht  das  mindeste  und  tat  auch  gar  nichts,  um  sich
zu  belehren.

Zu  Ende  Oktobers  erklärte  Metternich  plötzlich,  nachdem  er  dem  drän—
genden  russischen  Gesandten  so  lange  widerstanden  hatte:  jetzt  sei  der  rechte
Augenblick  für  die  Einverleibung  gekommen.  Die  Zeit  war  gut  gewählt,
denn  die  Westmächte  hatten  sich  eben  in  diesen  Tagen  wegen  der  spanischen
Thronfolgefrage  dermaßen  entzweit,  daß  ein  gemeinsamer  tatkräftiger
Widerspruch  von  ihnen  nicht  zu  erwarten  stand;  überdies  meldete  der  kom—
mandierende  k.  k.  General  aus  Krakau  in  einem  kläglichen  Berichte,  der  na—
türlich  bestellte  Arbeit  war:  die  Ordnung  lasse  sich  schlechterdings  nicht  mehr
aufrecht  halten,  die  förmliche  Einverleibung  nicht  länger  mehr  hinausschieben.
Je  ängstlicher  der  Wiener  Hof  bisher  gezögert  hatte,  um  so  rascher  schritt
er  nunmehr  ans  Werk:  er  hoffte,  durch  die  vollendete  Tatsache  zugleich  die
Westmächte  zu  überraschen  und  das  arglose  Preußen  zu  betrügen.  Was  war
die  Geschichte  des  Zollvereins  anders  als  eine  Kette  österreichischer  Nieder—
lagen?  Jetzt  galt  es,  Rache  zu  nehmen  für  so  viele  Schmach  und  dem
preußischen  Nebenbuhler  gerade  auf  dem  handelspolitischen  Gebiete,  wo  er
bisher  immer  siegreich  gewesen,  eine  empfindliche  Beschämung  zu  bereiten.

Durch  diese  fröhliche  Hoffnung  fühlte  sich  Metternich  wie  verjüngt;
mit  ungewohnter  Entschlossenheit  bereitete  er  Schlag  auf  Schlag  die  Entscheidung
  vor.  In  den  ersten  Novembertagen  berief  er  Arnim  und  Medem
zur  Konferenz.  Am  6.  Nov.  gab  er  dem  Preußen  die  schriftliche  Zusicherung,
daß  Osterreich  die  drei  Punkte  jener  Denkschrift  annehme.  )  Über  alles
Weitere  —  so  sagte  er  gemütlich,  und  der  Russe  stimmte  zu  —  könnten
Osterreich  und  Preußen  sich  ja  späterhin  noch  verständigen.  Arnim  ließ
sich  durch  dies  sanfte  Gerede  gewinnen,  obgleich  er  soeben  noch  aus  Berlin
die  erneute  Weisung  erhalten  hatte,  er  solle  die  Einverleibung  ablehnen,
solange  nicht  die  Zusagen  des  April-Protokolls  erfüllt  und  die  Handelsfragen
  geordnet  wären.')  Noch  am  selben  Tage  unterzeichneten  die  drei
Bevollmächtigten  ein  Protokoll,  das  nochmals  aussprach,  die  Schutzmächte
befänden  sich  in  „der  Notwendigkeit,  eine  Schöpfung  nicht  wieder  ins  Leben
zu  rufen  und  nicht  wieder  herzustellen,  welche,  nachdem  sie  die  Langmut
ihrer  Begründer  erschöpft,  sich  selber  aufgelöst  hat.“  Daraufhin  wurde
der  Vertrag  vom  3.  Mai  1815,  der  die  Republik  begründet  hatte,  zurückgenommen
  und  förmlich  verfügt,  daß  ihr  Gebiet,  wie  vor  dem  Jahre  1809,

 

*)  Metternich  an  Arnim,  6.  Nov.  1846.
**)  Canitz,  Weisung  an  Arnim,  31.  Okt.  1846.
        <pb n="559" />
        Wiener  Vertrag.  Einverleibung  Krakaus.  551

wieder  mit  der  österreichischen  Monarchie  vereinigt  werden  sollte.)
Wenige  Tage  nachher  verkündigte  Kaiser  Ferdinand  öffentlich  die  Besitzergreifung
  und  im  Januar  wurde  das  k.  k.  Mautsystem  im  Krakauer  Gebiete
  eingeführt.  Die  preußische  Regierung  war  plump  überlistet  und  sah
sich  zudem  dem  gerechten  Vorwurfe  ausgesetzt,  daß  sie  die  Interessen  ihres
Landes  töricht  preisgegeben  hätte.

Die  einzig  mögliche  Antwort  auf  ein  so  unerhörtes  Verfahren  war
die  Abberufung  des  pflichtvergessenen  Gesandten.  An  Arnims  nichtige
Unterschrift  brauchte  sich  die  Krone  nicht  zu  binden;  freilich  hatte  sie  ihre
schärfste  Waffe  schon  selbst  aus  der  Hand  gegeben,  da  ihre  Truppen  im
Sommer  aus  Krakau  abgezogen  waren.  Der  König  fand  es  unritterlich,
  die  Zwietracht  im  Lager  der  Ostmächte  vor  aller  Welt  zu  bekunden,
eben  jetzt,  da  die  gesamte  öffentliche  Meinung  Westeuropas  über  die  neue
Teilung  Polens  zürnte.  Graf  Arnim  blieb,  streng  getadelt,  auf  seinem
Posten;  er  bat  flehentlich  um  Verzeihung  und  suchte  sich  zu  entschuldigen,
indem  er  alle  die  Märchen  über  den  Krakauer  Handel,  die  ihm  die  Osterreicher
  vortrugen,  gedankenlos  nachsprach.  Man  sagt  mir  nach,  so  schrieb
er  gemütsruhig,  daß  Metternich  mich  in  der  Tasche  hätte;  das  hat  man
aber  auch  von  allen  früheren  preußischen  Gesandten  hier  behauptet.  *)  Er
erhielt  Befehl,  sofort  Verwahrung  einzulegen  und  sich  weitere  Anträge  vorzubehalten.
  Aber  die  Unterschrift  wurde  nicht  zurückgezogen,  das  Wiener
Protokoll  bestand  mithin  zu  Recht.  Das  Spiel  war  verloren;  verspätete
Beschwerden  konnten  nur  zu  neuen  Beschämungen  führen.  Als  bewährter
Diplomat  war  Canitz  anfangs  mit  großen  Hoffnungen  begrüßt  worden;
jetzt  zeigte  sich  doch,  daß  der  König  auch  diesmal  nicht  den  rechten  Mann
gefunden  hatte.  Der  geistreiche  Minister  begann  seine  neue  Laufbahn  mit
einer  schimpflichen  Niederlage,  und  während  seiner  gesamten  Tätigkeit
im  Auswärtigen  Amte  sollte  ihn  das  Unglück  unablässig  verfolgen.

Der  Zar  stand  in  diesem  Streite  von  vornherein  auf  seiten  Österreichs.
  Ihm  lag  allein  an  der  Bändigung  des  Polentums;  was  kümmerten
  ihn  die  Interessen  der  Volkswirtschaft?  Ich  weiß  es  wohl,  sagte  er
zu  Rauch,  die  preußischen  wie  die  russischen  Untertanen  müssen  unter  der
Einverleibung  leiden,  aber  Geldrücksichten  gelten  nichts  neben  der  politischen
Notwendigkeit.  „Bei  seiner  Freundschaft“  beschwor  er  den  König,  diesen
Zank  nicht  weiter  zu  treiben,  die  Eintracht  der  Ostmächte  nicht  zu  stören.
Wie  zum  Hohne  fügte  er  hinzu,  Preußen  hätte  seine  Forderungen  früher
durchsetzen  sollen  —  obgleich  sein  eigener  Gesandter  auf  der  Wiener  Konferenz
  soeben  geraten  hatte,  die  deutschen  Mächte  möchten  sich  über  die
Handelsfrage  nachträglich  verständigen  !?)  Also  von  beiden  Kaisermächten

*)  Protokoll  der  Wiener  Konferenz  vom  6.  Nov.  1846.

**)  Graf  Arnim,  Bericht  an  den  König,  7.  Nov.  1846,  an  Canitz,  10.  Jan.  1847.

*“*)  Rauchs  Bericht  an  den  König,  8.  Jan.  1847.  Nesselrode,  Weisung  an  Meyendorff,
  31.  Dez.  a.  St.  1846.
        <pb n="560" />
        552  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

mißhandelt,  erging  sich  Canitz  in  leeren  Drohungen:  Sollte  die  Grenzsperre
  wirklich  eintreten,  „so  würde  nichts  übrig  bleiben  als  ein  Appell  an
die  Mit-  und  Nachwelt  durch  offene  Darlegung  der  Verhandlungen“.
Und  als  das  Gefürchtete  doch  geschah,  da  jammerte  er  wie  ein  unschuldig
bestrafter  Musterschüler:  „Trotz  diesem  Verfahren,  welches  wir  uns  gegen
keinen  mediatisierten  Fürsten  erlauben  würden,  haben  wir  den  Fremden
gegenüber  treulich  festgehalten,  weil  wir  Europa  nicht  den  Skandal  und
unseren  Feinden  nicht  den  Triumph  geben  wollten,  daß  man  uns  so  schmäh—
lich  behandelt  hätte.“*)  Metternich  konnte  seine  Schadenfreude  kaum  ver—
bergen.  Er  schrieb  an  den  Gesandten  in  Berlin  scheinbar  verwundert
(7.  Jan.  1847):  was  denn  die  Preußen  eigentlich  noch  wollten?  Österreich
  hätte  ja  die  drei  Punkte  jener  preußischen  Denkschrift  angenommen
und  damit  alles  erledigt.  Wir  sind,  meinte  er  trocken,  zu  gar  keiner  Entschädigung
  verpflichtet,  da  die  Handelsverluste  sich  notwendig  aus  der  Einverleibung
  ergeben.  Darauf  erwiderte  Canitz:  „man  kann  uns  den  Vorwurf
  der  Unvorsichtigkeit  machen;  wir  hätten  die  königlichen  Truppen  nicht
zu  früh  zurückziehen,  wir  hätten  in  die  Besitznahme  nicht  einwilligen
sollen;“  jedoch  wir  haben  uns  auf  die  Ehrenhaftigkeit  des  Staatskanzlers
verlassen,  der  unserem  Monarchen  versprochen  hatte,  sein  Vertrauen  nicht
mißbrauchen  zu  wollen.)

Im  diplomatischen  Verkehre  ist  aber  Unklugheit  nicht  bloß  ein  Verstandesfehler,
  sondern  ein  sittliches  Verbrechen.  Metternich  konnte  diese
unwürdigen  Klagen  nur  mit  geringschätzigem  Hohne  vernehmen.  Unterdessen
  brach  in  Preußen,  seit  die  Einverleibung  bekannt  wurde,  ein  Sturm
der  Entrüstung  aus.  Die  Berliner  Kaufmannschaft,  die  Breslauer  Bürger,
auch  die  großen  Hüttenbesitzer  Schlesiens,  die  Grafen  Hochberg  und  Renard,
beschworen  den  Minister,  für  den  zerstörten  Krakauer  Handel  mindestens
einige  Zoll-Erleichterungen  zu  verlangen.  Das  Handelsamt  stimmte  ihnen
bei;  die  Zollvereinsregierungen  sprachen  ebenfalls  ihre  Besorgnisse  aus.
Der  Oberbürgermeister  von  Breslau,  Pinder  eilte  sogar  nach  Wien,  um  die
Interessen  seiner  Bürgerschaft  zu  vertreten.  Dort  war  im  Dezember  auch
ein  Unterhändler  des  Auswärtigen  Amtes  eingetroffen,  Legationsrat  von
Kamptz,  der  ganz  aus  der  Art  geschlagene  Neffe  des  alten  Demagogenverfolgers,
  ein  junger  Beamter  von  gründlicher  handelspolitischer  Sachkenntnis
  und  freier  nationaler  Gesinnung.  Der  Unglückliche  sollte  nachträglich
  erlangen,  was  leider  schon  verloren  war;  er  wurde  von  vornherein
mit  einer  Ungezogenheit  behandelt,  wie  man  sie  unter  dem  alten  Könige
nie  gewagt  hatte,  und  bald  sogar  als  Demagog  verdächtigt.  Zur  Unterhandlung
  verwendete  Metternich  erst  den  aller  Handelspolitik  unkundigen
Bundesgesandten  Münch,  den  geschworenen  Preußenfeind,  der,  ohne  sich

*)  Canitz  an  Arnim,  24.  Nov.,  an  Rochow,  26.  Dez.  1846.

**)  Metternich,  Weisung  an  Trauttmansdorff,  7.  Jan.;  Canitz,  Weisung  an  Arnim,
13.  Jan.  1847.
        <pb n="561" />
        Streit  um  die  Krakauer  Maut  553

auf  irgend  eine  sachliche  Erörterung  einzulassen,  immer  beteuerte:  „Oster-—
reich  und  Preußen  gespannt,  das  heißt  die  Welt  aus  ihren  Fugen  treiben“
—  nachher  den  Dr.  Hock,  einen  tüchtigen  Nationalökonomen,  der  aber  im
Staatsdienste  noch  eine  so  untergeordnete  Stellung  einnahm,  daß  er  wich—
tige  Geschäfte  unmöglich  abschließen  konnte.  Kamptz  merkte  bald:  man
wollte  ihn  nur  hinhalten.  Er  fragte  bitter:  „ob  es  Preußens  Aufgabe  ist,
sich  mit  den  Ansichten  an  der  Donau  und  Newa,  selbst  auf  Kosten  des
inneren  häuslichen  Friedens  und  des  Vertrauens  der  übrigen  deutschen
Staaten,  unter  allen  Umständen  konform  zu  halten  ..  Wahrlich,  wir
haben  noch  viel  zu  tun,  wenn  wir  das  wieder  werden  wollen,  was  wir
gewesen  sind.“  Nach  fast  zwei  Monaten,  zu  Ende  Januar  1847,  reiste
Kamptz  unverrichteter  Dinge  heim;  er  fürchtete  geradezu,  bei  längerem
Verweilen  ausgewiesen  zu  werden.)  Im  Auswärtigen  Amte  wurde  nochmals
  erwogen,  ob  man  nicht  Arnim  abberufen,  den  diplomatischen  Verkehr
mit  dem  Wiener  Hofe  abbrechen  solle;  )  aber  was  konnte  das  alles  noch
fruchten,  nachdem  das  Wiener  Protokoll  unterzeichnet,  die  Einverleibung
Krakaus  vollzogen  war?

Nach  einigen  Wochen  peinlicher  Spannung  fand  Metternich  das  rechte
Mittel,  um  die  erzürnten  Preußen  zu  beschwichtigen.  Seit  langem  schon
plagte  ihn  der  Berliner  Hof  mit  Plänen  für  deutsche  Bundesreform,  für
deutsches  Post-,  Maß=  und  Münzwesen  —  lauter  Gedanken,  die  der
Staatskanzler  als  Utopien  des  „Nationalismus“  still  belächelte,  aber  auch
nicht  geradehin  ablehnen  wollte.  Nun  schickte  er  im  März  1847  seinen  vertrauten
  Hofrat  v.  Werner  nach  Berlin,  um  eine  ganz  allgemein  gehaltene
Denkschrift  über  eine  mögliche  deutsch-österreichische  Handelseinigung  vorzulegen.
  Das  Auswärtige  Amt  war  angenehm  überrascht.  Selbst  Kamptz
der  tiefgekränkte  riet:  jetzt  müsse  man  zuerst  diese  wichtige  nationale
Frage  erledigen;  gelinge  das,  dann  falle  die  Krakauer  Sache  von  selbst
hinweg.  Canitz  aber  schrieb  glückselig  an  Werner:  „senden  Sie  uns  bald
einen  Mann  hierher,  mit  dem  wir  über  die  Verkehrsverhältnisse  im  allgemeinen
  verhandeln  können,  so  soll  er  von  Krakau  gar  nichts  zu  hören
bekommen.““  )  Die  große  Handelseinigung  ging,  wie  Metternich  vorausgesehen,
  den  Weg  aller  Bundesreformen,  sie  löste  sich  bald  in  Rauch  auf;
aber  der  Krakauer  Streit  war  begraben.

Der  Wiener  Hof  hielt  sein  Mautwesen,  das  einer  Grenzsperre  nahe
kam,  aufrecht,  er  erfüllte  sogar  die  drei  bescheidenen  der  preußischen  Regierung
  gewährten  Bedingungen  unredlich:  da  fortan  alle  für  Osterreich
bestimmten  Waren  sofort  an  der  Grenze  verzollt  wurden,  so  verlor  das

 

*)  Kamptz,  Promemoria  für  Münch,  26.  Dez.  1846;  Berichte  an  Canitz,  10.  25.  Jan.
1847.
**)  Geh.  Rat  v.  Patow,  Berichte  an  Canitz,  13.  25.  Jan.  1847.
**)  Metternich,  Weisung  an  Werner,  29.  März;  Kamptzs  Denkschrift,  3.  April;  Canitz
an  Werner,  8.  April  1847.
        <pb n="562" />
        554  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

Krakauer  Freilager  jeden  Wert  für  den  schlesischen  Handel.  Die  deutschen
Kaufleute  schlossen  zumeist  ihre  Kommanditen,  und  die  alte  Krönungsstadt,
diese  herrliche  Schöpfung  des  deutschen  Bürgertums,  die  mit  ihren  Erkerbauten
  so  lebhaft  an  die  ostdeutschen  Städte  Leipzig,  Eger,  Breslau  erinnerte,
  in  ihren  Kirchen  noch  die  Königsgräber  von  Veit  Stoß  und  so
viele  andere  Denkmäler  deutscher  Kunst  bewahrte,  verfiel  jetzt  ganz  den
Polen  und  den  Juden.  Die  Vernichtung  der  letzten  Heimstädte  sarmatischer
  Unabhängigkeit  beförderte  also  am  letzten  Ende  das  Erstarken  des
polnischen  Volkstums.  Schlesien  aber  berechnete  seinen  Verlust  auf  Millionen,
  und  der  Unmut  hallte  noch  in  den  Bewegungen  des  Revolutionsjahres
  nach.  Ebenso  schwach  zeigte  sich  der  Berliner  Hof  auch  gegen
Rußland.  Paskiewitsch,  der  brutale  Statthalter  in  Warschau  verlangte
1846,  daß  ihm  künftighin  polnische  Staatsverbrecher  kurzerhand  auf  das
Gesuch  der  russischen  Gesandtschaft  hin  ausgeliefert  werden  sollten.  Die
preußische  Regierung  verweigerte  die  vertragsmäßige  Auslieferung  nicht,
sie  forderte  nur  für  jeden  einzelnen  Fall  ein  rechtskräftiges  Urteil  oder
eine  gerichtliche  Anklageschrift.  Nach  langem  Sträuben  gewährte  sie  jedoch
selbst  dies  letzte  Zugeständnis,  das  einem  solchen  Nachbarn  gegenüber  mehr
als  leichtsinnig  war.  Und  das  alles  geschah  unter  einem  Monarchen,  der
die  Polen  bis  zur  Schwärmerei  liebte.  —

Gegen  das  Ausland  hielten  die  drei  Teilungsmächte  einträchtig  zusammen,
  weil  sie  wohl  fühlten,  daß  sie  nicht  auf  unantastbarem  Rechtsboden
standen.  Allerdings  war  das  Krakauer  Gebiet  während  des  Befreiungskrieges
  durch  Rußland  erobert  und  dann,  weil  man  sich  nicht  anders  zu
einigen  wußte,  durch  die  drei  Teilungsmächte  allein  als  eine  neutrale  Republik
  neu  gestaltet  worden;  aber  die  Haupt-Artikel  des  Vertrages  über  die
Neutralität  und  Unabhängigkeit  Krakaus  hatten  nachträglich  auch  Aufnahme
in  die  Schlußakte  des  Wiener  Kongresses  (Art.  6  ff.)  gefunden.  Was  bedeutete
  dies  für  das  Völkerrecht?  Die  Ostmächte  behaupteten,  der  von
ihnen  geschaffene  Freistaat  könne  auch  durch  sie  allein  vernichtet  werden;
die  anderen  Unterzeichner  der  Kongreßakte  dürften  nur  verlangen,  über
solche  Anderungen  amtliche  Nachricht  zu  erhalten.  Diese  auch  von  dem
konservativen  Bonner  Juristen  Perthes  in  einer  verständigen  Druckschrift
verteidigte  Ansicht  entsprach  dem  Völkerrechte;  denn  die  Kongreßakte  enthielt
  auch  noch  eine  Menge  anderer  Einzelverträge,  von  denen  mehrere
schon  durch  freiwillige  Übereinkunft  der  Vertragschließenden  anstandslos
abgeändert  worden  waren;  überdies  stand  der  Krone  Frankreich  gewiß
kein  Einspruchsrecht  zu,  weil  die  Sieger  sich  im  Pariser  Frieden  ausdrücklich
  vorbehalten  hatten,  über  die  Verteilung  der  eroberten  Gebiete  allein
ohne  Frankreichs  Mitwirkung  zu  entscheiden.  Immerhin  ließen  sich  mit
einigem  Scheine  Rechtsbedenken  erheben,  da  die  Unabhängigkeit  Krakaus
doch  in  den  Wiener  Verträgen  verbürgt  war.  Um  so  unanfechtbarer
waren  die  politischen  Gründe,  welche  die  Ostmächte  zwangen,  einer  diplo-
        <pb n="563" />
        Krakau  und  die  Westmächte.  555

matischen  Mißgeburt,  die  man  niemals  hätte  schaffen  sollen,  endlich  den
Garaus  zu  machen;  und  mit  gutem  Grunde  wiederholte  Metternich  be—
ständig:  stat  pro  voluntate  necessitas.

Wenn  die  Westmächte  gegen  solche  Notwendigkeit  die  Heiligkeit  der
Wiener  Verträge  anriefen,  so  handelten  sie  von  Haus  aus  unredlich;  denn
diese  Verträge  hatte  Frankreich  durch  die  Juli-Revolution,  England  durch
die  Anerkennung  Belgiens  gröblich  verletzt,  und  kein  denkender  Kopf  durfte
jetzt  noch  verkennen,  daß  die  Weltgeschichte  vor  dieser  papierenen  Schranke
nicht  ewig  still  halten  konnte.  Und  wie  frech  hatten  beide  Westmächte  gegen
das  Völkerrecht  gesündigt  durch  die  langjährige  Begünstigung  der  polnischen
Verschwörer.  Dafür  gab  es  gar  keine  Entschuldigung.  Die  Versailler  Zen—
tralisation  trieb  ihr  Unwesen  ungescheut  dicht  vor  der  Tür  der  Tuilerien  —
was  die  konservativen  Pariser  Blätter  selbst  rügten  —  und  vor  kurzem  erst
hatte  der  ehrliche  Radikale  Duncombe  im  Parlamente  enthüllt,  daß  die  eng—
lische  Regierung  das  Recht  der  Brieferbrechung  nicht  nur  besaß,  sondern
auch  handfest  ausübte  7);  es  lag  also  allein  an  ihrem  bösen  Willen,  wenn
die  polnischen  Rebellen  unbehelligt  blieben.  Schon  im  März  1846,  gleich
nach  der  Besetzung  Krakaus  mahnte  Guizot  die  drei  Höfe  salbungsvoll  an
„die  Achtung  vor  den  Verträgen,  eine  der  festesten  Grundlagen  der  konservativen
  Politik.“  *)  Nach  der  Einverleibung  legte  er  (4.  Dez.)  im
Namen  Frankreichs  feierliche  Verwahrung  ein:  „Frankreich  könnte  sich
einer  Tat  freuen,  welche  ihm  nach  dem  Rechte  der  Gegenseitigkeit  erlauben
würde,  künftighin  nur  noch  der  weitsichtigen  Berechnung  seiner  Interessen
zu  folgen.  Und  doch  ist  es  Frankreich,  das  an  die  treue  Beobachtung  der
Verträge  die  Mächte  erinnert,  welche  daraus  die  größten  Vorteile  gezogen
haben“  —  und  so  weiter  noch  ein  langer  Wortschwall.**)  Mit  vollem
Rechte  spottete  Canitz  über  diese  „rauhe  Rechtschaffenheit“.  Er  wußte,
welche  unsauberen  Ränke  der  tugendstolze  französische  Minister  soeben  in
Madrid  trieb;  er  wußte  auch,  wie  Ludwig  Philipp  selbst  über  Guizots
Sittenpredigten  dachte.  Eifriger  denn  je  bewarb  sich  der  Bürgerkönig
jetzt  um  die  Gunst  des  Wiener  Hofes,  da  er  in  Spanien  mit  Englands
Feindschaft  zu  ringen  hatte.  Mit  seiner  gewohnten  plebejischen  Derbheit
sagte  er  zu  Apponyi:  Ich  habe  nie  etwas  Dümmeres  gesehen  als  die
Republik  Krakau.  Sie  war  das  Seitenstück  zu  jener  lächerlichen  Phrase
von  der  polnischen  Nationalität  in  unserer  Kammer,  welche  meine  Minister
  trotz  meinem  Drängen  nie  zu  bekämpfen  den  Mut  hatten.  )

Auch  dem  englischen  Kabinett  lagen  die  spanischen  Händel  weit  näher
als  der  Krakauer  Streit,  der  ja  gar  kein  britisches  Interesse  berührte.

*)  Bunsens  Berichte,  17.  Juni,  14.  Dez.  1844.
**)  Guizot,  Weisung  an  Rayneval  in  Petersburg,  24.  März  1846.
*#)  Guizot,  Weisung  an  den  Marquis  de  Dalmatie,  4.  Dez.,  nebst  Begleitschreiben
vom  5.  Dez.  1846.
)  Apponyis  Bericht,  23.  Nov.  1846.
        <pb n="564" />
        556  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

Als  ergebener  Diener  der  öffentlichen  Meinung  mußte  Palmerston  freilich,
da  die  Polen  und  die  Juden  zur  Zeit  die  verwöhnten  Lieblinge  der  Londoner
  Presse  waren,  sich  an  dem  nationalen  Sport  beteiligen  und  sagte
im  Parlamente  schon  im  August:  wenn  die  Wiener  Verträge  an  der
Weichsel  nichts  mehr  gelten  sollen,  dann  gelten  sie  auch  nichts  am  Rhein
und  am  Po!  Aber  zu  gleicher  Zeit  besprach  er  „als  guter  Freund“  mit
Brunnow:  was  denn  aus  dieser  Krakauer  „Fliege“  werden  solle.  Man
kam  gemütlich  dahin  überein,  England  müsse  protestieren,  sobald  die  Ein—
verleibung  erfolgt  sei,  und  der  Russe  schloß  verbindlich:  Sie  brauchen  eine
parlamentarische  Deckung;  wir  werden  Ihnen  seiner  Zeit  genügendes  Ma—
terial  liefern.“)  Tief  erbittert  durch  Guizots  spanische  Umtriebe,  wollte
der  Lord  die  zärtliche  Freundschaft  der  Russen  jetzt  am  wenigsten  zurück—
weisen.  Auch  der  König  von  Preußen  bemühte  sich  wieder  eifrig,  sein
England  zu  den  konservativen  Mächten  hinüberzuziehen,  und  ließ  deshalb
durch  Leopold  Ranke  eine  Denkschrift  ausarbeiten;  sein  Wunsch  war,  man
sollte  sich  mit  dem  Londoner  Hofe  noch  vor  der  Einverleibung  glatt  ver—
ständigen.  Ganz  so  weit  kam  man  doch  nicht.  Als  die  Wiener  Konferenz
ihre  Beschlüsse  gefaßt  hatte,  sprach  Palmerston  (23.  Nov.)  den  Ostmächten
sein  Bedauern  aus  über  eine  Verletzung  der  Verträge,  „die  durch  keine  ge—
nügende  Notwendigkeit  gerechtfertigt  wäre.“  Die  Sanftmut  dieser  Vor—
würfe  stach  wunderlich  ab  von  dem  groben  Tone,  welchen  der  Lord  sonst
in  seinen  Protestnoten  anzuschlagen  liebte.  Mit  Frankreich  zusammen—
zugehen,  kam  ihm  nicht  in  den  Sinn.  Vielmehr  rühmte  er  sich  vor  Bunsen:
„die  drei  Mächte  werden  sehen,  wie  freundschaftlich  ich  in  der  Krakauer
Sache  gehandelt  und  wie  ernst  ich  die  heimtückischen  Vorschläge  des
französischen  Kabinetts  beantwortet  habe.“**)

Sogar  der  alte  grimmige  Russenfeind  Lord  Ponsonby  sagte  zu  Met—
ternich:  man  möge  nur  schnell  handeln,  durch  die  vollendete  Tatsache
der  Einverleibung  alles  erledigen  —  und  König  Friedrich  Wilhelm  schrieb
vergnügt  an  den  Rand  des  Berichts:  Noël!  Nosl!  Ouf!***)  Nach  alle—
dem  konnte  das  unvermeidliche  parlamentarische  Wehgeschrei  die  Ostmächte
nicht  mehr  beunruhigen.  Als  die  beiden  Häuser  im  Januar  1847  wieder
zusammentraten,  zeigte  Palmerston  „seinem  teueren  Brunnow“  den  Satz
der  Thronrede,  der  von  Krakau  handelte,  und  änderte  auf  Wunsch  des
Russen  einige  Worte.  Die  drei  Gesandten  fanden  jedoch  die  Stelle,  trotz
der  Milderung  noch  ziemlich  scharf,  und  Brunnow  schrieb  dem  Lord  in
Freundschaft:  wir  drei  wollen  lieber  nicht  (rather  not)  zur  Eröffnung
des  Parlaments  erscheinen,  so  vermeiden  wir  einen  peinlichen  Depeschenwechsel.#)



*)  Brunnows  Bericht,  28.  Aug.  1846.

**)  Palmerston,  Weisung  an  Westmoreland,  23.  Nov.  Bunsens  Bericht,  26.  Nov.
***)  Arnims  Bericht,  Wien,  9.  Nov.  1846.

4)  Palmerston  an  Brunnow,  18.  Jan.  Brunnows  Antwort,  19.  Jan.  1847.
        <pb n="565" />
        Schwäche  der  Westmächte.  557

Englischer  als  die  englischen  Minister  zeigte  sich  Bunsen.  Der  glaubte
alles,  was  die  Londoner  Presse  sagte,  und  versicherte  im  Ernst,  seit
Napoleons  Gewalttaten  hätte  nichts  mehr  die  britische  Nation  so  furchtbar
  erbittert;  er  wußte  nicht,  daß  Österreich  die  Krakauer  Frage  zuerst
angeregt  hatte,  und  klagte  entrüstet,  dieser  vergiftete  Bissen  sei  durch  Rußland
  dem  Wiener  Hofe  dargereicht.)  Statt  die  reiflich  erwogene  Rechtsanschauung
  seiner  Regierung  gegen  das  Ausland  treu  zu  verteidigen,
schickte  er  nach  Berlin  eine  lange  Denkschrift,  welche  sich  ganz  dem  oberflächlichen
  Gerede  der  englischen  Zeitungen  anschloß  und  den  Beweis  zu
führen  suchte,  daß  alle  Unterzeichner  der  Kongreßakte  über  Krakaus  Zukunft
  zu  entscheiden  hätten.')  Dem  Vertrauten  des  Königs  mußte  man
viel  nachsehen.  Die  Fülle  dieser  freiwilligen  Bunsenschen  Denkschriften,
die  sich  nicht  bloß  über  England**),  sondern  über  ganz  Europa  mit  lehrhafter
  Sicherheit  aussprachen,  wurde  jedoch  auf  die  Dauer  dem  langmütigen
  Minister  furchtbar.  Als  praktischer  Diplomat  war  er  diesem
Gesandten  doch  immer  noch  weit  überlegen,  und  er  schrieb  endlich  sanft:
„Zuweilen  wandelt  mich  der  Gedanke  an:  ob  nicht  einstens  einmal  ein
Historiker,  wie  z.  B.  Ranke,  über  unsere  Akten  kommen  und  nachsehen
könnte,  wie  diese  mit  den  Zeitungen  übereinstimmen  oder  was  noch  außerdem
  über  die  Geschichte  unserer  Tage  zu  finden  wäre?  Kämen  nun  einem
solchen  Manne  die  von  Ew.  Exz.  über  die  englischen,  französischen,  spanischen
  und  polnischen  Fragen  eingereichten  Denkschriften  in  die  Hände,  so  würde
er,  nachdem  er  sich  des  Fundes  erfreut  und  ihn  exploitiert  hätte,  vielleicht
doch  auch  danach  fragen,  was  der  damalige  Minister  der  Ausw.  A.  dazu
gesagt  habe?  Scheint  es  nicht  zuweilen,  als  ob  es  not  getan  habe,  den  Verblendeten
  zu  warnen,  daß  er  nicht  alles  verderbe  und  Preußen  aus  einer
glänzende  Aussichten  gewährenden  Stellung  in  eine  verzweiflungsvolle
bringe,  als  ob  er  inmitten  aller  Gefahren,  welche  französische  Eroberung,
russische  Unterdrückung,  österreichische  Hemmnisse  und  allseitiges  Mißtrauen
  dem  Vaterlande  drohen,  taubstumm  und  lahm  da  gestanden  hätte  /T)

In  solcher  Lage  konnten  die  Ostmächte  stolz  und  sicher  auftreten.
Canitz  entwickelte  in  einem  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften  (29.  Nov.),
was  den  König  zu  seinem  Verfahren  bewogen  habe.  Er  schloß  mit  der  zuversichtlichen
  Behauptung,  daß  in  Posen  gar  kein  Stoff  zu  einem  Aufstande
vorhanden,  alle  Unruhe  nur  von  außen  hereingetragen  sei,  und  „daß
es  folglich  für  uns  von  der  größten  Wichtigkeit  ist,  einen  Herd  dieser
Umtriebe  an  den  Grenzen  der  preußischen  Lande  nicht  zu  dulden  oder
vollends  ihn  als  Schutz=  und  Pflegebefohlenen  neu  wieder  aufzubauen,

*)  Bunsens  Berichte,  24.  Nov.,  15.  Dez.  1846.
**)  Bunsen,  Untersuchung  über  die  Krakauer  Frage  vom  materiellen  Standpunkte.
1846.
*#V)  Bunsen,  Die  Verwicklung  inden  inneren  Zuständen  Großbritanniens,  13.Juli  1843.
))  Canitz  an  Bunsen,  13.  Jan.  1847.
        <pb n="566" />
        558  V  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

nachdem  er  sich  im  Übermaß  rebellischer  Frechheit  selbst  zerstört  hatte“.)
Ahnlich  sagte  Metternich  in  mehreren  Rundschreiben,  diese  Republik  habe
ihre  Begründer  gezwungen,  nur  noch  zu  bedenken,  was  sie  sich  selbst  und
ihren  Völkern  schuldig  seien;  er  stellte  sogar  die  kühne  Behauptung  auf:
„Die  Kongreß-Akte  wird  infolge  des  Krakauer  Ereignisses  nur  zu  gewinnen
  vermögen!“)  Nesselrode  betonte  namentlich,  daß  die  polnischen
Flüchtlinge  den  Freistaat  von  vornherein  verfälscht  und  darauf  mit  eigenen
Händen  zerstört  hätten.**“)  Als  die  drei  Mächte  dann  nochmals  (4.  Jan.
1847)  in  gleichlautenden  Depeschen  ihre  Ansicht  verteidigt  hatten,  war
der  diplomatische  Kampf  zu  Ende.  Die  Redeschlachten,  die  nunmehr  noch
in  Paris  und  London  entbrannten,  bedeuteten  nichts  mehr.  Die  Welt
begann  des  polnischen  Rührstücks  satt  zu  werden;  Lord  Bentinck,  Disraeli
und  einige  andere  beherzte  Torys  wagten  auch  schon  einzugestehen,  daß
ihnen  die  politische  Notwendigkeit  des  Gewaltstreiches  einleuchtete.

Trotz  dieses  leichten  diplomatischen  Erfolges  fühlten  sich  die  beiden
deutschen  Großmächte  beunruhigt.  Was  sie  auch  sagen  mochten  —  durch
die  gewaltsame  Vernichtung  eines  allgemein  anerkannten  europäischen
Staates  wurde  das  unwandelbare  legitime  Recht,  zu  dem  sie  sich  selber  so
oft  feierlich  bekannt  hatten,  gröber  verletzt  als  durch  irgend  eine  der  Revolutionen
  und  Gebietsveränderungen  des  letzten  Menschenalters.  Daher  bemächtigte
  sich  der  kleinen  deutschen  Höfe  eine  wohl  begreifliche  Angst.  Auf
festerem  Rechtsboden  als  weiland  Krakau  standen  Meiningen  und  Sondershausen
  nicht,  und  die  Macht,  sich  selber  zu  behaupten,  besaßen  sie  eben
so  wenig.  Einige  der  kleinen  Bundesgesandten  befragten  in  ihrer  Herzensangst
  schon  den  Vertreter  Frankreichs  Chasseloup-Laubat.])  Metternich
empfand  selbst,  in  welche  Widersprüche  er  geraten  war.  Um  die  erschreckten
  Kleinen  zu  beschwichtigen  und  zugleich  sich  selber  vor  aller  Welt
das  Zeugnis  unwandelbarer  Überzeugungstreue  auszustellen,  entwarf  er
nun  einen  Plan,  den  ihm  nur  die  starre  Selbstgerechtigkeit  seines  Greisenalters
  eingeben  konnte.  Er  verabredete  mit  Canitz  nach  langen  Verhandlungen
  eine  Erklärung  folgenden  Inhalts:  „Jeder  rechtsgültig  geschlossene
Vertrag  hat  den  Wert  gegenseitig  gelobter  Treue.  Ihre  Mazjestäten
können  jedoch  keineswegs  einräumen,  daß  ein  Vertrag  bestehen  könne  ohne
jene  Verknüpfung  gegenseitiger  Rechte  und  Verbindlichkeiten,  noch  daß
die  Grenzen  dieser  Rechte  und  Verpflichtungen  willkürlich  über  den  Bereich
  der  Beteiligten  hinaus  erweitert  oder  durch  Einmischung  Nichtbeteiligter
  beschränkt  oder  verschoben  werden  dürfen.“  )

*)  Canitz,  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften,  29.  Nov.  1846.
**)  Metternich,  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften,  18.  29.  Nov.  1846,  nebst
Denkschrift:  die  Beschlüsse  der  drei  Mächte  in  Beziehung  auf  Krakau.
####)  Nesselrode,  Rundschreiben  an  die  Gesandtschaften,  20.  Nov.  a.  St.  1846.
)Dönhoffs  Bericht,  Frankfurt,  12.  Dez.  1846.
4)  Metternich,  Weisungen  an  Trauttmansdorff,  7.  März,  8.  April  1847.
        <pb n="567" />
        Der  Bundestag  und  Krakau.  559

Diese  Erklärung  sollte  der  Bundestag  billigen,  wie  einst  die  Beschlüsse
des  Kongresses  von  Verona,  obgleich  der  Deutsche  Bund  an  den  Krakauer
Händeln  unmittelbar  gar  nicht  beteiligt  war.  Aber  die  Zeiten  von  Troppau
und  Verona  waren  vorüber.  Mochte  Canitz  immerhin  versichern,  die  Er—
klärung  erscheine  nötig,  weil  „der  Deutsche  Bund  für  die  Bewahrung  des
Völkerrechts  eine  sichere  Stätte  darbiete““*)  —  die  deutschen  Höfe  fühlten
doch  richtig  heraus,  wie  pharisäisch  eine  solche  Verherrlichung  gelobter
Treue  klang  eben  in  dem  Augenblicke,  da  die  Wiener  Verträge  unzweifelhaft
geändert  wurden,  und  alle  zitterten  für  ihr  eigenes  Dasein.  Die  bayrische
Regierung  wollte  schließlich  zustimmen,  „da  das  Wesentliche  des  Deutschen
Bundes  vorzugsweise  in  der  Gegenseitigkeit  der  Vertragsrechte  begründet
sei,“  aber  sie  fügte  zugleich  den  unzweideutigen  Wunsch  hinzu:  „daß  eine
spezielle  Billigung  dessen,  was  hinsichtlich  des  Freistaats  Krakau  geschehen,
ausgeschlossen  bleibe,  und  daß  daher  die  Anerkennung  der  von  Osterreich
und  Preußen  aufgestellten  Grundsätze  nur  in  ihrer  Anwendung  auf  dic
Verhältnisse  des  Deutschen  Bundes  ausgesprochen  werde.“##)Auch  der
sächsische  Minister  Zeschau  sagte  dem  k.  k.  Gesandten  Kuefstein  aufrichtig:
ich  verkenne  die  Notwendigkeit  des  Geschehenen  nicht;  ich  erwarte  aber
„die  gegen  Krakau  angewendete  Maßregel  wird  gegen  keinen  anderen  Staat
angewendet  werden,  und  wäre  er  auch  der  kleinste.“  Darauf  beteuerte
ihm  Metternich  heilig,  „die  tiefe  Ehrfurcht  des  Kaisers  vor  jedem  urkundlich
  verbrieften  Rechte“  und  sprach  die  Hoffnung  aus,  der  Deutsche  Bund
würde  „sich  mit  Osterreich  und  Preußen  in  der  lauten  Huldigung  für  die
ewigen  Grundsätze  des  Völkerrechts  vereinigen“  —  leere  Worte,  die  dem
ehrlichen  Sachsen  in  solchem  Augenblicke  wie  freche  Heuchelei  klingen
mußten.  ***)  «

Eanitz  selbst  schämte  sich  im  stillen;  er  sagte  traurig:  wir  können
den  Zollvereinsregierungen  nicht  von  Vertragstreue  sprechen,  solange  der
Wiener  Hof  das  Krakauer  Zollwesen  ganz  nach  Willkür  handhabt.)  Aus
allen  deutschen  Landen  meldeten  die  Gesandten  übereinstimmend,  wie
schwierig  die  Stimmung  sei;  die  Konservativen  klagten  überall  noch  lauter
als  die  liberalen  Polenfreunde,  das  alte  System  der  unwandelbaren  Legitimität
  sprach  sich  ja  selbst  das  Todesurteil.)Ganz  einverstanden  waren
von  allen  Regierungen  der  Mittelstaaten  nur  vier:  Hannover,  die  beiden
Hessen  und  der  König  von  Württemberg,  der  jetzt  nur  noch  an  die  Bekämpfung
  der  Revolution  dachte.F)  Es  bedurfte  noch  mannigfacher  ver-*)

  Canitz,  Rundschreiben  an  die  deutschen  Gesandtschaften,  7.  April  1847.
*“)  Minister  v.  Maurer,  Verbalnote  an  Bernstorff,  20.  April;  Weisung  an  den
stellvertretenden  Bundesgesandten  Blittersdorff,  19.  April  1847.
*#)  Metternich,  Weisung  an  Kuefstein,  26.  April  1847.
Canitz  an  Graf  Arnim,  12.  März  1847.
)  Berichte  von  Radowitz,  Karlsruhe  10.  Dez.,  von  Seckendorff,  Hannover  14.Dez.
1846,  von  Bernstorff,  München  1.  Febr.,  von  Dönhoff,  Frankfurt  24.  April  1847.
f##f)  Thuns  Bericht,  Stuttgart  2.  Mai  1847.
        <pb n="568" />
        560  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

traulicher  Zureden,  bis  der  Präsidialgesandte  am  17.  Juni  1847  endlich
wagen  konnte,  die  Erklärung  der  beiden  Großmächte  dem  Bundestage  förm—
lich  vorzulegen.  Den  Abstimmungen  ließ  sich  zumeist  deutlich  anmerken,
wie  ungern  sie  gegeben  wurden;  der  Beschluß  lautete  ganz  unbestimmt  da—
hin,  daß  der  Bund  „die  Darlegung  der  Grundsätze  gewissenhafter  Heilig—
haltung  der  Verträge“  mit  Dank  und  voller  Zustimmung  vernommen  habe.
Die  gereizte  Stimmung  der  Tagenden  verschärfte  sich  noch,  als  der  Vorsitzende
  zum  Schluß  eine  Zuschrift  des  russischen  Gesandten  verlas,  welche
die  Zustimmung  des  Zaren  zu  den  Grundsätzen  der  deutschen  Großmächte
erklärte.  So  ganz  im  Veroneser  Stile  wollte  sich  der  Bundestag  doch
nicht  mehr  mißhandeln  lassen.  Er  begnügte  sich,  ohne  Dank  „die  volle
Würdigung“  der  Grundsätze  des  russischen  Kaisers  „auszudrücken“,  und
beschloß  schließlich  gar,  diese  Jdanze  Verhandlung  in  einem  geheimen  Protokolle
  zu  vergraben.*)  Die  Veröffentlichung  des  Protokolls  wurde  den
beiden  Großmächten  anheimgestellt.  Sie  erfolgte  zwar,  aber  man  beachtete
sie  kaum.  Die  Absichten  des  Wiener  Hofes  waren  fast  ganz  vereitelt;
statt  einer  feierlichen  Zustimmung  des  gesamten  Deutschlands  hatte  er
nichts  erreicht  als  eine  fast  ironisch  klingende  Erklärung  über  die  Heilighaltung
  der  Verträge.  Es  ging  abwärts;  Metternichs  Künste  verfingen
nicht  mehr,  nicht  einmal  am  Bundestage.  Bald  nachher  wurde  das  Königreich
  Polen  in  die  russischen  Zolllinien  aufgenommen  —  eine  Gewalttat,
die  sich  aus  den  früheren  Ereignissen  notwendig  ergab  und  der  polnischen
Volkswirtschaft  sogar  Vorteil  brachte,  aber  auch  von  neuem  bewies,  was
von  der  Vertragstreue  der  Ostmächte  zu  halten  war.  —

Im  ganzen  Verlaufe  dieser  polnischen  Unruhen  hatten  die  drei  Teilungsmächte
  ihren  politischen  Charakter  unzweideutig  offenbart.  Im  russischen
  Polen  regierte  die  Faust;  die  wenigen,  die  sich  einer  Schilderhebung
erdreisteten,  wurden  gehenkt  oder  sie  verschwanden  —  vielleicht  in  Sibirien.
In  Österreich  sah  die  Regierung  stumpfsinnig  mit  an,  wie  das  wütende
Landvolk  die  polnischen  Rebellen  totschlug.  In  Posen  wurde  der  Aufstand
  fast  ohne  Blutvergießen  unterdrückt,  und  die  Masse  des  Volkes  blieb
still.  Auf  Besitz  und  Bildung  gestützt,  schritt  das  Deutschtum,  trotz  allen
polnischen  Umtrieben  noch  immer  unaufhaltsam  vorwärts.  Erst  weit  später,
etwa  seit  1861,  trat  der  tragische  Rückschlag  ein.  Durch  Preußens  Schulen,
  Preußens  Gewerbefreiheit,  Preußens  Agrargesetze  erzogen,  wuchs  allmählich
  in  Stadt  und  Land  ein  polnischer  Mittelstand  empor,  der  seine
Wohltäter  mit  dem  unvermeidlichen  historischen  Undank  belohnen  sollte.
Vorderhand  schien  das  Deutschtum  noch  einer  großen  Zukunft  sicher.

Merkwürdig  nun,  wie  die  polnischen  Wirren  jetzt  zum  zweiten  Male
in  die  Geschichte  der  preußischen  Justizgesetzgebung  entscheidend  eingriffen.
Unter  Friedrich  Wilhelm  II.  war  einst  das  längst  zurückgelegte  frideri- 



*)  Dönhoffs  Bericht,  17.  Juni  1847.
        <pb n="569" />
        Offentliches  Verfahren.  Der  Polenprozeß.  561

zianische  Allgemeine  Landrecht  schließlich  nur  darum  veröffentlicht  worden,
weil  die  neuen,  durch  die  Teilung  Polens  erworbenen  Provinzen  schlechter—
dings  sofort  einer  geordneten  Rechtspflege  bedurften.  Dem  jetzigen  Könige
lag  das  Schicksal  der  254  angeklagten  Polen,  welche  die  Untersuchungs—
kommission  aus  der  Masse  der  Verhafteten  ausgesondert  hatte,  schwer  auf
dem  Herzen;  er  wollte  ihnen  die  Wohltat  einer  öffentlichen  und  münd—
lichen  Verhandlung  gewähren,  um  das  Verfahren  abzukürzen  und  vor
aller  Welt  zu  zeigen,  daß  in  Preußen  allein  das  Recht  entscheide.  Be—
ratungen  über  die  Einführung  des  öffentlichen  Strafverfahrens  schwebten
in  den  beiden  Justizministerien  schon  seit  Jahren;  aber  erst  der  polnische
Aufruhr  erzwang  die  längst  als  notwendig  erkannte  Reform.  Auf  Wunsch
des  Monarchen  ließ  der  zweite  Justizminister  Uhden,  während  Savigny
in  seinen  gelehrten  Forschungen  versunken  war,  einen  Gesetzentwurf  aus—
arbeiten,  kraft  dessen  das  öffentliche  Verfahren  zunächst  bei  den  Berliner
Gerichten  eingeführt  werden  sollte.  Unzweifelhaft  war  es  freilich  nicht,
ob  dies  geplante  Gesetz  auf  den  Polenprozeß,  der  vor  das  Kammergericht
gehörte,  alsbald  angewendet  werden  konnte;  er  war  ja  schon  vor  Monaten
in  Posen  eingeleitet,  und  durfte  man  Gesetze  mit  rückwirkender  Kraft  er—
lassen?  Der  Prinz  von  Preußen,  dem  jede  Verdunkelung  des  Rechts
entsetzlich  war,  sprach  denn  auch  seine  Bedenken  lebhaft  aus:  „Dergleichen
übereilte  Schritte,  die  sogar  nach  Willkür  aussehen,  haben  in  unseren
Tagen  unberechenbaren  Einfluß  und  sind  aufs  sorgfältigste  zu  vermeiden.“
In  gleichem  Sinne  äußerte  sich  der  alte  Kammergerichts-Präsident  Kleist.)
Der  König  aber  ward  in  seinen  großmütigen  Absichten  nicht  beirrt  und
unterzeichnete  das  Gesetz  am  17.  Juli  1846.  Er  wünschte  die  Entschei—
dung  zu  beschleunigen,  und  seine  Minister  sahen  voraus,  daß  die  pol—
nischen  Verschwörer  in  der  Achtung  der  Welt  nur  verlieren  konnten,  wenn
sie  sich  öffentlich  verantworten  mußten.)

Im  März  1847  wurden  die  Ergebnisse  der  schwierigen  Untersuchung
dem  Staatsanwalt  des  Kammergerichts  mitgeteilt,  und  am  2.  August  begann
  im  Saale  des  neuen  Moabiter  Zellengefängnisses  der  große  Polenprozeß,
  die  erste  öffentliche  Gerichtsverhandlung  in  Preußens  alten  Provinzen,
  ein  Ereignis  von  „besonderer  Bedeutung  für  uns,  für  Europa,
für  die  Welt“,  wie  der  Verteidiger  Deycks  pathetisch  sagte.  Die  Zuhörer
drängten  sich  in  Massen  schon  zur  frühen  Morgenstunde  herbei  und  erwiesen
  nach  Kräften  den  Angeklagten  ihre  Huld,  da  jeder  aufgeklärte  Berliner
  verpflichtet  war,  die  polnischen  Rebellen  zu  lieben.  Der  Hauptschuldige
  Mieroslawski  hatte  sich  schon  in  der  Untersuchungshaft  durch  den
klugen  Polizeidirektor  Duncker,  den  Schrecken  der  Berliner  Spitzbuben,
umfassende  Geständnisse  entlocken  lassen  und  mußte  nun  vor  dem  Gerichte

*)  Prinz  von  Preußen  an  König  Friedrich  Wilhelm,  23.  Mai;  Kleists  Promemoria,
April  1846.

**)  Uhden,  Denkschrift  über  den  Polenprozeß,  8.  Okt.  1847.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  36
        <pb n="570" />
        562  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

ziemlich  aufrichtig  reden,  was  ihm  die  Mitangeklagten  sehr  verargten.  Der
langmütige  Gerichtshof  erlaubte  ihm  sogar  —  gegen  das  Gesetz  —  französisch
  zu  sprechen;  denn  dieser  Führer  der  polnischen  Nation  war  der
polnischen  Sprache  wirklich  nicht  ganz  mächtig  und  er  berechnete  schlau,
daß  eine  französische  Rede  doch  von  einem  Teile  der  beifallslustigen  Zuhörer
  verstanden  würde,  während  ein  polnischer  Vortrag,  satzweise  verdolmetscht,
  alle  langweilen  mußte.  Die  prachtvollen  Schlagworte,  die  er
nunmehr  mit  hochtheatralischen  Armbewegungen  in  fließendem  Französisch
vorbrachte,  waren  freilich  mehr  für  polnische  Schlachtizen  geeignet,  als
für  überkluge  Berliner,  die  das  alles  schon  aus  den  Zeitungen  kannten.
Da  fehlte  weder  der  verfluchte  Mutterschoß,  der  der  Unterdrückung  ein
Opfer  gebar,  noch  der  Rabe  der  Verleumdung  auf  dem  polnischen  Kreuze,
noch  die  Nation,  die  ein  ganzes  Jahrhundert  hindurch  mit  Galle  und
Essig  getränkt  am  Kreuze  schmachten  mußte.  Gegen  Preußen  hatte  Mieroslawski
  gar  nichts  Arges  im  Schilde  geführt;  die  Einnahme  der  Festung
Posen  sollte  ihm  ja  nur  als  Mittel  dienen,  um  das  russische  Polen  zu
erobern.  Sehr  rührsam  führte  er  aus,  welche  schöne  Rolle  die  Preußen
spielen  könnten,  wenn  sie  sich  entschlössen,  zur  Entschädigung  für  die  ihnen
zugefallenen  polnischen  Länder,  die  übrigen  den  Polen  zurückzuerobern:
„Preußens  Zukunft  muß  sich  befreunden  mit  der  Auferstehung  einer
Macht,  welche  einzig  im  stande  ist,  das  drohende  Ungeheuer  des  Panslawismus
  aufzuhalten.“

So  stimmte  dieser  Todfeind  Preußens  das  Sirenenlied  an,  das  seitdem
  bis  zum  heutigen  Tage  nach  mannigfachen  Weisen  den  gutmütigen
Deutschen  immer  wieder  vorgesungen  wurde.  Zum  Glück  richtete  der
Marquis  Wielopolski  eben  jetzt  an  Metternich  einen  offenen  Brief,  der
das  genaue  Gegenteil  aussprach  und,  nach  heftigen  Anklagen  gegen  die
elende  österreichische  Regierung,  zu  dem  Schlusse  gelangte:  die  Polen  hätten
nur  dann  noch  eine  Zukunft,  wenn  sie  sich  der  großen  Familie  des  Panslawismus
  anschlössen,  wenn  sie,  statt  ihr  Land  durch  eine  törichte  Emigration
  zu  schwächen,  friedlich  arbeitend  daheim  blieben,  um  sich  zur
rechten  Zeit  unter  die  Führung  ihrer  großmütigsten  Feinde,  der  Romanows,
  unter  das  gemeinsame  Banner  des  slawischen  Volkstums  zu
stellen.  Dieser  offene  Brief  kam  den  demokratischen  Posener  Schlachtizen
sehr  ungelegen,  aber  bei  den  Magnaten  des  russischen  Polens  galt  der  reiche
Marquis  weit  mehr  als  Mieroslawski,  und  auch  unter  dem  Warschauer
Kleinadel  besaß  der  Panslawismus  viele  Anhänger.  Welchem  der  beiden
polnischen  Apostel  sollten  die  Deutschen  nun  Glauben  schenken?  Gegen
solche  Nachbarn  war  wachsame  Strenge  die  einzig  mögliche  Politik.

Mieroslawskis  Schicksalsgenossen  verscherzten  sich  das  Mitleid,  das
politischen  Verbrechern  immer  entgegenkommt,  selber  durch  würdelose  Verlogenheit.
  Offenbar  nach  Verabredung  leugneten  sie  fast  alles  ab,  und  die
anfangs  überfüllten  Zuhörerbänke  leerten  sich  gegen  das  Ende  der  Verhand-
        <pb n="571" />
        Verurteilung  der  Posener  Aufständischen.  563

lungen,  die  bis  zum  17.  Nov.  währten,  gänzlich.  Das  eintönige  Schauspiel
halsstarriger  dummdreister  Verneinung  und  gründlicher  Überführung
mußte  deutsche  Zuhörer  zuletzt  anwidern.  Persönliche  Teilnahme  erregten
nur  Dr.  Libelt,  ein  gescheiter,  bleicher,  kleiner  Mann,  den  die  Polen  ihren
Patriarchen  nannten,  und  der  feurige  junge  Niegolewski;  sonst  zeigten
alle  die  gleiche  flache  Leichtfertigkeit.  Bei  manchen,  die  schon  von  dem
alten  Könige  Begnadigung  erbettelt  und  erhalten  hatten,  erschien  die  Untreue
  schlechthin  ekelhaft.  Der  Sachverhalt  stellte  sich  klar  heraus:  unzweifelhaft
  hatte  eine  weitverzweigte,  ganz  törichte,  aber  auch  ganz  gewissenlose
  Verschwörung  den  Plan  verfolgt,  Posen  und  Westpreußen  von
der  Monarchie  loszureißen.  Der  Präsident  Koch  und  die  übrigen  Richter
bewahrten  eine  ruhige  Würde,  die  sich  von  dem  leidenschaftlichen  Tone
der  politischen  Prozesse  Frankreichs  auffällig  unterschied.  Auch  die  Staatsanwaltschaft
  wurde  durch  den  liberalen  Geh.  Rat  Wentzel  sehr  stattlich
vertreten.  Unter  den  Verteidigern  zeichnete  sich  Anwalt  Deycks  durch
seine  maßlose  Sprache  aus,  er  sagte  geradezu,  der  preußische  Staat  hätte
die  Verbrecher  wie  das  Verbrechen  erst  geschaffen.  Ruhiger  redeten  Anwalt
  Lewald,  ein  erklärter  Gegner  der  „Germanisierungspolitik“,  und  der
kluge  Crelinger  aus  dem  Jacobyschen  Freundeskreise;  sie  alle  suchten  zu
beweisen,  daß  die  Polen  nur  dem  Beispiele  der  Preußen  selbst  gefolgt  seien,
denn  dank  der  liberalen  Mythenbildung  war  die  Tatsache  schon  halb
vergessen,  daß  der  deutsche  Befreiungskrieg  nicht  ein  Aufstand,  sondern  ein
regelmäßiger  Krieg  gewesen  war.  Am  2.  Dez.  verkündete  der  Gerichtshof
das  Urteil.  Er  gab  den  Vorschriften  des  Allgemeinen  Landrechts  eine  sehr
milde,  durchaus  nicht  unbestreitbare  Auslegung  und  wollte  keinen  Hochverrat
  annehmen,  weil  die  gewaltsame  Abreißung  einiger  Landesteile  doch
nicht  geradehin  als  Umwälzung  der  Staatsverfassung  zu  betrachten  sei;
darum  erkannte  er  nur  auf  schweren  Landesverrat.  Acht  der  Angeklagten
wurden  zum  Tode,  109  zu  Zuchthaus=  und  Festungsstrafen  verurteilt,
116  wegen  mangelhafter  Beweise  von  der  Untersuchung  entbunden  und
nur  18  gänzlich  freigesprochen.

Wenn  der  König  jetzt  der  Gerechtigkeit  freien  Lauf  und  mindestens
dem  frivolen  Führer  der  Rebellen  den  Kopf  vor  die  Füße  legen  ließ,  so
konnte  er  dem  Lande  Posen  vielleicht  Ströme  unschuldigen  Blutes  ersparen.
Mieroslawski  selbst  erwartete  auch  nichts  anderes.  Er  bat  nicht  um  Gnade,
wie  man  bei  Hofe  hoffte,  sondern  sagte  rund  heraus:  der  König  muß  mich
hinrichten  lassen,  ich  habe  mich  zu  schwer  gegen  ihn  vergangen;  läßt  man
uns  frei,  so  fangen  wir  wieder  an,  ich  wenigstens  ganz  gewiß!  Zu  solcher
Strenge  wollte  der  weichherzige  Monarch  sich  nicht  entschließen;  er  ahnte
auch  nicht,  wie  es  in  Posen  stand,  er  wußte  nicht,  daß  die  durch  die  unblutige
  Niederlage  keineswegs  entmutigten  Polen  sich  die  Hände  rieben
und  zuversichtlich  sagten:  Blut  läßt  der  gute  König  doch  nicht  fließen!
Die  Verurteilten  blieben  vorläufig  in  Haft,  und  schon  nach  wenigen

36*
        <pb n="572" />
        564  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

Monaten  sollte  Preußen  abermals  erfahren,  wie  die  Polen  der  deutschen
Großmut  dankten.  —

 

Über  die  polnischen  Händel  hatte  sich  Deutschlands  öffentliche  Meinung
  noch  kein  sicheres  Urteil  gebildet;  nationaler  Stolz  und  fremdbrüderlicher
  Schwachsinn  hielten  einander  noch  die  Wage.  Als  aber  jetzt  auch
unsere  Nordmark  durch  die  Gewaltstreiche  des  Auslandes  bedroht  wurde,
da  regte  sich  das  jugendliche  Selbstgefühl  der  Nation  in  schönem  Einmut.
  Im  Dezember  1839,  kurz  vor  dem  König  von  Preußen,  war  der
greise  Friedrich  VI.  von  Dänemark  gestorben,  und  hier  wie  dort  begann
mit  dem  Thronwechsel  eine  neue  Zeit.  Der  Verstorbene  war  der  erste
rein  dänisch  gesinnte  König  des  Inselreichs  gewesen,  aber  ein  ruheseliger
Herr,  dem  die  Parteien  den  Frieden  seiner  alten  Tage  nicht  gern  stören
mochten.  Unter  seinem  Nachfolger  Christian  VIII.  brausten  die  mühsam
verhaltenen  nationalen  Wünsche  sofort  kräftig  auf.

Auch  König  Christian,  der  Zögling  Hoegh-Guldbergs,  fühlte  sich  ganz
als  Däne,  obgleich  er  den  Wert  deutscher  Bildung  wohl  zu  schätzen  wußte.
Ein  schöner  Welt=  und  Lebemann,  Freund  des  Prunkes,  der  Tafel,  des
witzigen  Gesprächs,  bezauberte  er  alles  durch  seine  einschmeichelnde  Liebenswürdigkeit,
  wenn  ihn  nicht  einmal  das  hitzige  Blut  übermannte.
Als  langjähriger  Präsident  der  Akademie  hatte  er  sich  große  Verdienste
um  die  Pflege  der  Künste  erworben,  die  Naturforscher  schätzten  seine  mineralogischen
  Schriften  über  den  Vesuv;  mit  vielen  Gelehrten  wechselte  er
Briefe,  Freiherr  v.  Rumohr,  der  Gastronom  und  Kunstkenner,  behagte
ihm  am  besten.  Manche  Züge  dieses  beweglichen,  vielseitig  empfänglichen
Geistes  erinnerten  an  Friedrich  Wilhelm  IV.,  der  ihm  auch  persönlich
teuer  und  durch  den  gemeinsamen  Freund  Rumohr  nahe  verbunden  war.
In  den  ersten  Tagen  der  Hoffnung  sagte  Humboldt  froh,  zwei  solche  Könige
seien  würdig,  sich  gegenseitig  zu  schätzen.  Aber  an  die  umfassende  Bildung
  und  die  Gedankenfülle  Friedrich  Wilhelms  reichte  der  geistreiche
Däne  doch  nicht  heran;  Dilettant  in  allem,  besaß  er  auch  die  Herzensgüte
des  Deutschen  nicht,  und  während  dieser  nur  zuweilen  durch  die  phantastische
  Uberschwenglichkeit  seiner  Reden  den  Eindruck  der  Schauspielerei
erweckte,  suchte  König  Christian  wirklich  durch  berechnete  Bühnenkünste
zu  blenden  und  zu  berücken.  Wenn  er  alljährlich  in  rotsamtener  Phantasie-Uniform,
  bedeckt  mit  glitzernden  Ordenssternen,  zur  Eröffnung  der
Sitzungen  des  obersten  Gerichtshofes  fuhr,  dann  erschien  er  ganz  wie  ein
Theaterkönig.  Die  wohlfeilsten  Effekte  verschmähte  er  nicht:  zu  dem  Studenten
  Rudolf  Schleiden,  der  in  Nyborg  wegen  eines  harmlosen,  unpolitischen
  Duells  auf  der  Festung  saß,  trat  er  plötzlich  ins  Zimmer,  wie
der  Gott  aus  der  Maschine,  um  feierlich  die  Begnadigung  zu  verkünden.
        <pb n="573" />
        Christian  VIII.  565

Niemand  beherrschte  ihn,  denn  er  glaubte,  etwas  von  der  geheimnisvollen
Königskunst,  der  Kingscraft  der  Stuarts  zu  besitzen,  und  sah  mit  stillem
Hochmut  auf  die  kleinen  Sterblichen  hernieder.  Der  Kabinettssekretär
Adler,  der  ihn  von  Jugend  an  auf  allen  Irrwegen  skandinavischer  Politik
begleitet  hatte,  blieb  sein  einziger  Vertrauter.  Vor  kühnem  Wagen  und
raschen  Entschlüssen  schrak  er  zurück,  aber  mit  zäher  Geduld  hielt  er  seine
geheimen  Pläne  fest,  um  sie,  listig  die  Schwäche  der  Menschen  benutzend,
nach  und  nach  zu  verwirklichen.  Ihm  fehlte  die  Ehrfurcht  vor  dem  Rechte,
der  Glaube  an  die  sittlichen  Mächte  der  Geschichte  und  darum  auch  das
Verständnis  für  die  nationalen  Empfindungen  seiner  Völker.

So  war  er  trotz  seiner  diplomatischen  Verschlagenheit  doch  kein
Staatsmann;  er  dachte  ein  anderer  Waldemar  Attertag  zu  werden,  und
sein  achtjähriges  Regiment  bereitete  die  Kämpfe  vor,  welche  den  dänischen
Gesamtstaat  zerschlagen  sollten.  Er  hatte  sich  einst  durch  feines  Spiel  die
norwegische  Königskrone  für  wenige  Monate  errungen  und  damals,  allerdings
  nicht  ganz  freiwillig,  die  Verfassung  unterzeichnet,  welche  fortan  das
Ideal  aller  liberalen  Skandinavier  blieb.  Auch  nachher  stand  er  noch  lange
im  Rufe  radikaler  Gesinnung,  weil  er  auf  einer  Reise  zufällig  in  die
neapolitanische  Revolution  hineingeraten  und  dort  den  Verhandlungen  der
Carbonari  nicht  ohne  Freude  gefolgt  war.)  In  reiferen  Jahren  gelangte  er
zu  einer  Weltanschauung,  die  sich  mit  den  Ideen  König  Friedrich  Wilhelms
  nahe  berührte.  Die  Hegelsche  Philosophie  hielt  er  für  gemeingefährlich,
  obgleich  er  selbst  wenig  religiöse  Empfindung  besaß;  unschädlicher
schienen  ihm  die  frommen  naturphilosophischen  Träumereien  seines  Landsmanns
  Steffens.  Als  Erbe  der  dänischen  Alleingewaltsherrscher  wünschte
er  eine  freie  starke  Krone,  die  durch  ständischen  Beirat  nur  wenig,  nur  so
weit  es  die  Stimme  der  Zeit  durchaus  verlangte,  beschränkt  werden  durfte;
und  da  die  dänischen  Provinzialstände  den  preußischen  nachgebildet  waren,
so  entschloß  er  sich  auch,  den  ständischen  Reformplänen  seines  preußischen
Freundes  Schritt  für  Schritt  zu  folgen.  Wie  dieser  dachte  er  erst  Vereinigte
  Ausschüsse  zu  bilden,  nachher  einen  Vereinigten  Landtag  für  die
gesamte  Monarchie.  In  einem  solchen  Reichstage  konnte  der  König  teilend
herrschen,  er  konnte  die  Parteien  und  die  Nationen  wider  einander  ausspielen,
  den  Radikalismus  seiner  Dänen  durch  die  konservative  Gesinnung
der  Schleswigholsteiner,  das  Deutschtum  der  Herzogtümer  durch  das
Dänentum  der  Inseln  niederhalten.

Alle  diese  Entwürfe  schwebten  aber  in  der  Luft,  solange  der  Bestand
des  Gesamtstaates  selber  nicht  gesichert  war;  die  Sorge  um  die  Thronfolge
  drängte  sich  dem  König  gebieterisch  auf,  seit  die  Augustenburger  ihre
Erbansprüche  auf  Schleswigholstein  öffentlich  angekündigt  hatten.“)  Chri- 



*)  S.  o.  I.  665;  III.  156.
"“)  S.  o.  W.  177.
        <pb n="574" />
        566  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

stians  einziger  Sohn  Friedrich  blieb  kinderlos;  auch  die  zweite  Ehe  des
Kronprinzen  mußte,  gleich  der  ersten,  nach  wenigen  Jahren  getrennt  werden,
weil  die  Gemahlin  die  Roheit  des  Gatten  nicht  zu  ertragen  vermochte,  und
er  weigerte  sich,  zum  dritten  Male  eine  fürstliche  Heirat  zu  wagen.)  Außer
ihm  lebte  nur  noch  ein  königlicher  Prinz,  der  bejahrte  kinderlose  Bruder
Christians.  Starb  Kronprinz  Friedrich  dereinst,  dann  erlosch  nach  menschlichem
  Ermessen  die  königliche  Linie  und  der  dänische  Gesamtstaat  barst
auseinander;  denn  in  den  Herzogtümern  gebührte  die  Thronfolge  nach
altem  Landesrecht  dem  Mannesstamme,  den  Augustenburgern,  in  Dänemark
  nach  dem  Königsgesetze  dem  Weiberstamme.  Wenn  der  König  diese
Gefahr  von  seinem  Reiche  abwenden  wollte,  so  mußte  er  die  eine  der
beiden  erbberechtigten  Linien  zu  freiwilligem  Verzicht  bewegen,  und  nach
den  Überlieferungen  seines  Hauses  wie  nach  allen  Berechnungen  der  Staatsklugheit
  konnte  er  eine  solche  Zumutung  nur  dem  Weiberstamme  stellen.  Im
vergangenen  Jahrhundert  hatte  der  gesamte  Norden,  Rußland  wie  die  drei
Kronen  Skandinaviens,  dem  Hause  Holstein-Oldenburg  angehört;z  jetzt
waren  Schweden  und  Norwegen  verloren,  und  es  erschien  wie  ein  dynastischer
  Selbstmord,  wenn  ein  oldenburgischer  König  auch  noch  versuchte,  ein
dem  Norden  fremdes  Fürstengeschlecht  auf  den  dänischen  Thron  zu  erheben.

Nächster  Erbe  aus  dem  Weiberstamme  war  —  möglicherweise,  aber
nicht  gewiß,  da  die  kognatische  Erbfolge  immer  unsicherer  bleibt  als  die
agnatische  —  des  Königs  Schwager,  der  Gemahl  der  Prinzessin  Charlotte,
Landgraf  Wilhelm  und,  nach  dessen  Ableben,  sein  Sohn,  Landgraf  Friedrich
  von  Hessen,  ein  eitler,  leerer  junger  Mensch,  der,  ernsten  Männern
und  ernsten  Gesprächen  abhold,  seine  Zeit  in  schalen  Vergnügungen  vergeudete
  und  in  Kopenhagen  gar  nichts  galt.  Uberdies  war  Landgraf
Friedrich  auch  rechtmäßiger  Thronfolger  in  Hessen-Kassel,  und  wie  konnte
ein  dänischer  König  wünschen,  die  schwierigen  Verhältnisse  seines  Gesamtstaats
  durch  eine  Personal-Union  mit  Kurhessen  noch  mehr  zu  verwirren?
Bei  dem  sprichwörtlichen  Geize  des  Hauses  Brabant  schien  es  leineswegs
unmöglich,  den  Hessen  ihre  noch  nicht  unzweifelhaften  Erbansprüche  mit
einem  guten  Stück  Geldes  abzukaufen  und  also  alle  Länder  der  dänischen
Monarchie  unter  dem  Mannesstamme  des  Hauses  Oldenburg  zusammenzuhalten.
  Verschaffte  man  dem  Landgrafen  durch  die  Gnade  der  deutschen
Großmächte  gar  noch  den  Titel  eines  Königs  von  Hessen,  die  heiß  ersehnte
Kattenkrone,  dann  war  nahezu  sicher,  daß  er  auf  Dänemark  verzichtete,
während  die  Augustenburger  wieder  und  wieder  erklärt  hatten,  daß  sie  ihre
Ansprüche  auf  Schleswigholstein  niemals  aufgeben  würden.)

So  einfach  lagen  die  Dinge,  wenn  der  König  unbefangen  rechnete.

—  —„  —  —  —

*)  Schoultz-Ascheradens  Bericht,  10.  Mai  1846.

**)  Ich  benutze  hier  u.  a.  eine  Denkschrift  des  klugen  und  wohl  unterrichteten  Legationsrats
  Grafen  v.  Bülow  (Notizen  für  Kopenhagen,  für  General  von  Gerlach,  Berlin,
Febr.  1848).
        <pb n="575" />
        Die  dänische  Erbfolge.  567

Hier  aber  zeigte  sich  wieder,  wie  stark  die  leitenden  Männer  und  ihre  per—
sönlichen  Empfindungen  in  das  Schicksal  der  Völker  eingreifen.  Christian
hegte  gegen  den  Herzog  von  Augustenburg  einen  tiefen,  menschlich  wohl
entschuldbaren  Haß  und  liebte  ebenso  herzlich  seine  ehrgeizige,  ränkesüchtige
  Schwester,  die  abgesagte  Feindin  Schleswigholsteins,  Landgräfin
Charlotte.  Ihr  zu  Liebe  beschloß  er,  den  Gesamtstaat  unter  dem  Hause
Hessen  aufrecht  zu  halten.  Was  galt  ihm  das  Recht?  er  traute  sich's  zu,
das  unmögliche  Ziel  auf  krummen  Wegen  zu  erreichen.  Um  den  hessischen
Verwandten  einen  mächtigen  Schutz  zu  sichern,  bewirkte  er,  daß  Landgraf
Friedrich  eine  Tochter  des  Zaren,  Großfürstin  Alexandrine  heiratete.
Der  feine  Plan  wurde  freilich  durch  das  Schicksal  vereitelt.  Die  Großfürstin
  starb  nach  kurzer  Ehe,  gleich  nach  dem  Tode  ihres  einzigen  Kindes
und  der  Landgraf  ließ  alsbald  die  Versteigerung  ihres  Nachlasses  ankündigen;
  Nikolaus  aber  konnte  den  öffentlichen  Skandal  nur  durch  geheime
Abkaufung  verhindern,  er  vergaß  dem  Hessen  dies  Probestück  unfürstlichen
Geizes  niemals  und  zeigte  seitdem  nur  wenig  Teilnahme  für  die  Ansprüche
  des  kinderlosen  Schwiegersohnes.

In  der  inneren  Politik  verfuhr  der  neue  König  zunächst  sehr  behutsam:
  er  wollte  es  mit  keiner  Partei  ganz  verderben  und  doch  immer  die
Entscheidung  in  der  eigenen  Hand  behalten.  Die  Bitten  um  Preßfreiheit
und  Erweiterung  der  ständischen  Rechte,  die  ihm  gleich  nach  der  Thronbesteigung
  aus  dem  Königreiche  wie  aus  den  Herzogtümern  zukamen,  wies
er  gnädig  zurück.  Die  alten  Privilegien  Schleswigholsteins  wurden  jedoch
ausdrücklich  bestätigt,  und  zum  allgemeinen  Erstaunen  erhielt  sogar  der
Bruder  des  Herzogs  von  Augustenburg,  Prinz  Friedrich  v.  Noer  den  Ehrenposten
  des  Statthalters  der  Herzogtümer,  der  gut  deutsch  gesinnte  Graf
Joseph  Reventlow-Criminil  den  Vorsitz  in  der  schleswigholsteinischen  Kanzlei.
  Aber  gleichzeitig  bewiesen  andere,  wichtigere  Maßregeln,  daß  Christian
seine  deutschen  Lande  Schritt  für  Schritt  danisieren  wollte.  Die  alten
Regimenter  wurden  in  Bataillone  aufgelöst,  die  historischen  Fahnen  mit
den  herzoglichen  Wappen  überall  durch  den  Danebrog  verdrängt,  ein  Teil
der  schleswigholsteinischen  Truppen  nach  Jütland  und  den  Inseln  verlegt.
Die  Offiziere  sollten  fortan  nicht  mehr  in  ihrem  Regimente,  sondern  in
der  ganzen  Armee  aufrücken,  und  da  die  Deutschen  ohnehin  das  Kopenhagener
  Kadettenhaus  nur  selten  besuchen  wollten,  so  bestand  binnen  kurzem
die  große  Mehrheit  des  Offizierkorps  aus  Dänen,  wie  auch  die  Marine
durchweg  dänische  Offiziere  besaß.  Statt  der  dringend  erbetenen  Landesbank
  erhielten  die  Herzogtümer  nur  eine  Filiale  der  dänischen  Reichsbank
  in  Flensburg;  mehr  wagte  man  nicht.  Zugleich  wurde  das  dänische
Reichsbankgeld  eingeführt,  der  König  scheute  sich  jedoch,  einen  zwingenden
Befehl  auszusprechen;  darum  hielten  die  Schleswigholsteiner  hartnäckig  an
ihren  lübischen  Schillingen  fest  und  sendeten  die  dänischen  Kupfermünzen
in  solchen  Massen  nach  dem  Teutoburger  Walde,  daß  Bandel  seinem  Her-
        <pb n="576" />
        568  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

mann  einen  Arm  anschmieden  konnte.  Während  Preußen  den  Eintritt
Schleswigholsteins  in  den  Zollverein  wünschte  und  deshalb  mehrmals
vertraulich  anfragte,  dachte  Christian  vielmehr  die  uralte  Zollgrenze
zwischen  Jütland  und  den  Herzogtümern  aufzuheben,  um  also  die  wirt—
schaftliche  Einheit  seines  Gesamtstaats  zu  begründen;  doch  auch  dieser
Versuch  gelangte  nicht  über  Vorarbeiten  hinaus.  Ebenso  wurde  die  ge—
plante  Errichtung  einer  gemeinsamen  obersten  Kirchen-  und  Schulbehörde
bald  wieder  aufgegeben,  weil  die  Deutschen  widerstrebten.

Wie  wenig  kannte  der  König  seine  Dänen,  wenn  er  sie  durch  solches
Tasten  zu  befriedigen  wähnte.  Gleich  der  Windsbraut  raste  die  entfesselte
nationale  Leidenschaft  über  das  Inselreich  dahin.  Es  war,  als  ob  das
stolze,  von  seiner  alten  Macht  schon  so  tief  herabgesunkene  kleine  Volk
den  nahen  letzten  Sturz  ahnte  und  sich  mit  krampfhafter  Anstrengung  auf
der  Höhe  zu  halten  suchte.  Wunderbar,  wie  diese  im  bürgerlichen  Leben
so  achtbare  dänische  Nation  jetzt  in  ihrem  wilden  Deutschenhasse  alle
Scham,  allen  Anstand  verleugnete:  als  die  Holsten  (1840)  ihren  Volks—
helden  Gerhard  den  Großen,  ein  halb  Jahrtausend  nach  seinem  Tode,  durch
ein  Standbild  ehren  wollten,  da  trat  in  Dänemark  ein  Verein  zu—
sammen,  der  alles  Ernstes  vorschlug,  dem  Mörder  Gerhards  dem  Dänen
Niels  Ebbesen  in  Randers  ein  Denkmal  zu  setzen.  Die  junge  Partei  der
Eiderdänen  verbreitete  sich  bald  über  das  ganze  Land.  Ein  Dänemark  von
der  Eider  bis  zum  Sund,  einig  in  Sprache,  Sitte,  Recht  —  so  hieß  die
Losung.  An  Holstein  wollten  sich  die  Eiferer  vorerst  noch  nicht  heranwagen,
weil  sie  den  Widerspruch  des  deutschen  Bundes  fürchteten;  vielleicht  daß
späterhin  auch  dies  deutsche  Land  noch  in  den  erstarkten  dänischen  Einheits—
staat  eintreten  konnte.  Schleswig  aber  sollte  sofort  einverleibt,  gänzlich  da—
nisiert  und  als  „Morgengabe“  Gammel  Dannemarks  dem  Bunde  der  drei
Kronen  Skandinaviens  dargebracht  werden.  Der  alte  Gedanke  der  Kal—
marischen  Union,  der  doch  immer  wieder  an  dem  starken  Nationalhasse  der
drei  „Brudervölker“,  an  der  Eifersucht  ihrer  Hauptstädte  gescheitert  war,
erwachte  aufs  neue;  mancher  der  jungen  Schwärmer  dachte  insgeheim,
das  Haus  Bernadotte  des  volksbeliebten,  liberalen  Königs  Oskar  von
Schweden  würde  die  Oberherrschaft  in  der  skandinavischen  Union  erlangen.

In  dem  Entschlusse,  das  Deutschtum  Schleswigs  auszurotten,  die
Verbindung  der  beiden  deutschen  Herzogtümer  zu  zerreißen,  war  die  ganze
Partei  einig;  und  drohend  rief  Orla  Lehmann:  „Wir  sind  bereit,  unser
altes  Dänemark  sowohl  gegen  das  hochverräterische  Geschrei  der  Nordalbingier
  als  gegen  die  seekranke  Eroberungslust  aller  deutschen  Vogelfänger
  zu  verteidigen.  Und  sollte  es  nötig  sein,  so  wollen  wir  mit  dem
Schwerte  den  blutigen  Beweis  auf  ihren  Rücken  schreiben:  Dänemark  will
nicht!“  Aus  Lehmanns  Worten  sprach  die  wilde  Wut  des  Renegaten;
er  selbst  war  ein  Schleswiger,  der  Sohn  eines  angesehenen  schleswigholsteinischen
  Beamten.  Doch  um  ihn  scharte  sich  bald  alles,  was  Dänemarks
        <pb n="577" />
        Orla  Lehmann  und  die  Eiderdänen.  569

Bürgertum  an  aufstrebenden  Talenten  besaß:  die  unruhige  Studenten—
schaft  der  Hauptstadt,  die  verschwiegerten  und  vervetterten  Professoren—
familien,  die  sich  auch  in  ihrem  Erwerbe  beeinträchtigt  sahen,  weil  die
alte  Nebenbuhlerin  Kiel  allein  berechtigt  war,  die  jungen  Leute  für  die
Ämter  Schleswigholsteins  vorzubilden,  dann  die  Kaufleute  und  Reeder,
denen  die  Zeitung  Fädrelandet  als  beredtes  Organ  diente,  endlich  fast
alle  guten  Köpfe  aus  den  Kreisen  der  jüngeren  Beamten  und  Offiziere.
Der  gelehrte  Philolog  Madvig,  der  Hauptmann  Tscherning,  die  Theologen
Clausen  und  Monrad  zeichneten  sich  durch  ihren  Fanatismus  aus;  sie  alle
sprachen  aus  tiefer  Überzeugung  und  mit  dem  frohen  Bewußtsein,  auf
der  Höhe  der  Zeit  zu  stehen.

Wie  die  Eiderdänen  über  das  historische  Recht  der  deutschen  Herzogtümer
  dreist  hinwegstürmten,  so  verlangten  sie  auch  für  ihren  dänischen
Einheitsstaat  eine  radikale  Neugestaltung.  Dieselben  demokratischen  Kräfte,
welche  vor  hundertundachtzig  Jahren  durch  die  Kopenhagener  Revolution
das  Königsgesetz  geschaffen,  den  Adel  der  Krone  unterworfen  hatten,
trachteten  jetzt  die  Alleingewaltherrschaft  des  Königsgesetzes  durch  einen
schrankenlosen  Parlamentarismus  zu  verdrängen.  Das  Vorbild  Norwegens
und  die  Schriften  der  altbefreundeten  Franzosen  wirkten  auf  die  Ideen
dieser  jungen  skandinavischen  Demokratie  kräftig  ein;  mancher  hoffte  auch
wohl  im  Herzen,  einen  Teil  der  Deutschen  Schleswigholsteins  durch
den  Zauber  liberaler  Glückseligkeit  zu  gewinnen.  Da  der  Adelshaß  im
dänischen  Landvolk  tief  eingewurzelt  und  der  Name  des  königlichen  „Volksfreundes“
  Christians  II.  noch  unvergessen  war,  so  spendeten  auch  zahlreiche
  Bauernversammlungen  den  Freiheitslehren  der  radikalen  Hauptstadt
  ihren  Beifall.  Die  ganze  Bewegung  zeigte  von  Haus  aus  das  lärmende,
  rauschende  Wesen,  das  der  lebenslustigsten  Stadt  Nordeuropas
zusagte.  Zweckessen  und  Bankette,  Versammlungen  und  Festgelage,  Erinnerungsfeiern
  und  Aufzüge  drängten  sich  in  rascher  Folge;  sogar  die
Totenfeier  für  Thorwaldsen  wurde  so  ganz  im  Geiste  des  streitbaren
Dänentums  gehalten,  daß  die  Schleswigholsteiner  sich  unmöglich  beteiligen
konnten.  In  Scharen  zogen  die  Studenten  über  den  Sund,  um  sich  mit
den  schwedischen  Kommilitonen  zu  verbrüdern;  dann  erwiderten  die
Schweden  den  Besuch,  festlich  begrüßt  von  Orla  Lehmanns  neuer  Skandinavischer
  Gesellschaft.  Auf  der  großen  skandinavischen  Naturforscherversammlung
  feierte  der  Prinz  von  Canino,  ein  Napoleonide,  der  sich  der
internationalen  Demokratie  in  die  Arme  geworfen  hatte,  die  Union  der
drei  Kronen  des  freien  Nordens;  und  gewaltig  brauste  der  Jubel  auf,  als
einmal  König  Oskar  selbst  auf  einige  Tage  herüberkam.

Als  Orla  Lehmann  seine  öffentliche  Tätigkeit  begann  (1837),  da  trat
ihm  der  verdiente  alte  dänische  Historiker  Baden  offen  entgegen  und  mahnte
den  jungen  Mann,  er  möge  sich  bei  seinem  gelehrten  Vater  unterrichten,
um  also  zu  lernen,  daß  es  „eine  Sünde“  sei,  Schleswig  von  Holstein  zu
        <pb n="578" />
        570  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

trennen.  Solche  Stimmen  der  Gerechtigkeit  wagten  sich  nach  wenigen
Jahren  schon  kaum  mehr  zu  äußern.  Wohl  bestand  noch  eine  konservative
Gesamtstaats-Partei,  welche  die  Monarchie,  gleichviel  unter  welchem  Herr—
scherhause,  ungeschmälert  erhalten  und  die  Sonderrechte  der  Herzog—
tümer  wenn  auch  beschränken,  so  doch  nicht  zerstören  wollte.  Zu  ihr
gehörten  fast  alle  die  erfahrenen  hohen  Beamten,  Dänen  wie  Deutsche;
im  Volke  aber  hatte  sie  keine  Wurzeln.  Führer  ohne  Heer,  konnten  diese
Gesamtstaats-Männer  sich  nur  auf  den  unberechenbaren  König  stützen,
der  einmal  den  Aufwiegler  Orla  Lehmann  vor  das  sehr  mild  urteilende
oberste  Gericht  stellen  ließ  und  gleichzeitig  anderen  Wortführern  der
dänischen  Propaganda  sein  Wohlgefallen  aussprach.

Das  nächste  Ziel  der  Eiderdänen  war  Nordschleswig.  Um  in  diesem
stillen  Lande  dänische  Sprachen  und  Gesittung  zu  verbreiten,  wurden  in
wenigen  Jahren  sechs  verschiedene  Vereine  gegründet.  Ein  redefertiger
Bauer  Laurids  Skau  leitete  die  Umtriebe,  er  reiste  rastlos  zwischen  Flens—
burg  und  Kopenhagen  hin  und  her,  ward  auch  von  dem  Monarchen  selbst
gnädig  empfangen;  sieben  Kopenhagener  Demagogen,  die  man  in  Schleswig
  das  Siebengestirn  nannte,  standen  ihm  treu  zur  Seite.  Der  Erfolg
blieb  lange  aus;  die  schwerfälligen,  gutmütigen  Bauern  Nordschleswigs
hatten  ja  gar  keinen  Grund,  wider  die  Deutschen  zu  klagen,  und  ihr
schwunghafter  Viehhandel  verband  sie  mit  Hamburg.  Nach  und  nach  begann
  der  Same  des  Unfriedens  doch  aufzusprießen.  In  der  äußersten
Nordostecke  Schleswigs,  auf  der  Skamlingsbank,  einer  schönen  Waldhöhe
am  kleinen  Belt,  die  von  Jütland  und  den  Inseln  zu  Schiff  leicht  erreicht
werden  konnte,  pflegte  Laurids  Skau  seine  großen  Volksfeste  abzuhalten;
und  mancher  harmlose  Bauersmann  fühlte  sich  bezaubert,  wenn  dort  die
dänischen  Nationallieder  erklangen  oder  der  dreieinige  Norden  in  feurigen
Reden  verherrlicht  oder  ein  großer  dänischer  Patriot  mit  einem  silbernen
Trinkhorn  beschenkt  wurde.  Die  dänische  Partei  unter  dem  nordschleswigschen
  Landvolke  vermochte  noch  wenig,  da  dort  alle  Bildung  deutsch
war,  aber  sie  wuchs  langsam  an.

Unmöglich  konnten  die  Landtage  von  dieser  stürmischen  nationalen
Bewegung  unberührt  bleiben;  schon  bisher  hatten  sie,  da  sie  aus  direkten
Wahlen  hervorgingen,  trotz  ihrer  beschränkten  Befugnisse  jeden  Volkswunsch
  treulich  ausgesprochen.  Wenn  Preußen  selbst,  das  so  viel  fester
stand,  mit  seinen  Provinziallandtagen  kaum  noch  auskam,  wie  heillos
mußte  sich  vollends  die  Lage  dieses  Mischreichs  gestalten,  seit  seine  beiden
dänischen  Landtage  gegen  die  beiden  deutschen  ankämpften  und  der  Welt
abermals  bewiesen,  daß  in  nationalen  Streitigkeiten  die  Völker  stets
unduldsamer  sind  als  die  Kabinette.  Die  Jüten  begannen  den  Angriff.
Als  im  Schleswiger  Landtage  (1842)  ein  dänisch  gesinnter  Abgeordneter,
der  schon  oft  gut  deutsch  gesprochen  hatte,  plötzlich  dänisch  zu  reden  begann
  und  dafür  zur  Ordnung  gerufen  wurde,  da  legte  der  jütische
        <pb n="579" />
        Laurids  Skau.  Allgreen  Ussings  Antrag.  571

Landtag  zu  Viborg  eine  feierliche  Verwahrung  ein,  die  ihm  gar  nicht
zustand.  Der  Streit  währte  lange,  schließlich  befahl  der  König,  daß  die
schleswigschen  Landstände,  nur  wenn  sie  des  Deutschen  nicht  mächtig  wären,
dänisch  reden  dürften,  aber  die  Jüten  wurden  für  ihren  verfassungs—
widrigen  übergriff  belobt,  die  Schleswiger  wegen  ihrer  gesetzmäßigen
Abwehr  scharf  getadelt.  Nach  mehrfachen  ähnlichen  Häkeleien  unterstand
sich  der  Kopenhagener  Bürgermeister  Allgreen  Ussing  (Okt.  1844)  auf
dem  seeländischen  Landtage  in  Rotschild  zu  beantragen:  der  König  möge
die  erbliche  Unzertrennlichkeit  des  dänischen  Staats  öffentlich  aussprechen
und  jeden  Angriff  dawider  verbieten.  Der  Vorschlag  wurde  mit  allen
gegen  eine  Stimme  angenommen;  auch  Minister  Oersted,  Dänemarks
erster  Jurist,  äußerte  sich  im  wesentlichen  zustimmend,  obwohl  der  An—
trag  offenbar  weit  über  die  Befugnis  beratender  Provinzialstände  hin—
ausschritt.  Damit  kündigten  die  Dänen  dem  alten  Landesrechte  Schles—
wigholsteins  offene  Fehde  an;  der  Beschluß  war  um  so  bedenklicher,  da
er  von  einem  gemäßigten  Gesamtstaatsmanne,  nicht  von  einem  eider—
dänischen  Demokraten  ausging.

Diese  Übergriffe  der  Nachbarn  weckten  mit  einem  Male  die  schlummernde
  politische  Kraft  Schleswigholsteins,  die  selbst  durch  Lornsens
Kühnheit  nur  leise  erregt  worden  war.  Wie  ruhig  hatte  man  hier  in
dem  Lande  der  glücklichen  Ehen  bisher  dahingelebt,  jeder  zufrieden  im
eng  bezirkten  Kreise  des  Amtes  und  der  Familie,  jeder  dem  anderen  bekannt,
  jeder  noch  im  hohen  Alter  glücklich,  wenn  man  ihm  nachsagen
konnte,  daß  er  einstmals  im  Examen  „den  zweiten  Charakter  mit  rühmlicher
  Auszeichnung“  erlangt  hatte.  Als  aber  das  „up  ewig  ungedeelt“
der  alten  Freiheitsbriefe  frech  bedroht  wurde,  da  fuhr  es  wie  ein  Wetterschlag
  in  diese  stille  Welt,  und  Deutschland  erfuhr  staunend,  wie  viel
starke  Leidenschaft,  wie  viel  Stolz  und  Talent  in  dem  tapferen  Grenzvolke
lebte.  Früherhin  hatten  die  Schleswigholsteiner  die  Erbfolgefrage,  die  ja
noch  ganz  fernab  zu  liegen  schien,  wenig  beachtet;  selbst  Dahlmann  und
Falck  lebten  lange  des  Glaubens,  daß  Schleswig  der  Thronfolgeordnung
des  Königsgesetzes  unterliege.  Jetzt  begann  man  einzusehen,  daß  gerade
die  Verschiedenheit  der  Thronfolge  das  rechtliche  Mittel  darbot,  um  das
Deutschtum  vor  dänischer  Tyrannei  zu  bewahren.  Ganz  zur  rechten
Zeit  (1841)  gab  Georg  Beseler  das  nachgelassene  Werk  Lornsens  über
die  Unionsverfassung  heraus,  und  mächtig  mußte  die  große  Weise  des
unvergeßlichen  Mannes  jedes  deutsche  Herz  ergreifen:  er  verlangte  ein
selbständiges,  nur  durch  Personalunion  mit  Dänemark  verbundenes
Schleswigholstein  und  dann,  sobald  die  königliche  Linie  ausstürbe,  den  Eintritt
  der  befreiten  Nordmark  in  den  Deutschen  Bund.  Nachher  veröffentlichte
  der  junge  Jurist  K.  Samwer  eine  gründliche  Untersuchung
über  „das  Staatserbfolgerecht  der  Herzogtümer  Schleswigholstein“.

Seitdem  vereinigten  sich  alle  Deutschen  in  der  Meinung,  daß  allein
        <pb n="580" />
        572  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

der  Mannesstamm  in  den  unzertrennlichen  Herzogtümern  erbberechtigt
sei.  Theodor  Olshausen  und  seine  radikalen  Freunde  hatten  lange,  ohne
viel  Anklang  zu  finden,  im  Kieler  Korrespondenzblatte  die  seltsame,  ganz
unhistorische  Ansicht  vertreten,  man  müsse  Schleswig  opfern,  um  Holstein
desto  fester  mit  dem  liberalen  Deutschland  zu  verbinden;  doch  sobald  die
Angriffe  der  Dänen  bedrohlich  wurden,  gaben  diese  „Neuholsteiner“  ehrenhaft
  ihre  Sondermeinung  auf  und  scharten  sich  um  das  Banner  des
Landesrechts.  Das  ganze  Volk  war  einig,  bis  auf  einzelne  Striche  Nordschleswigs;
  erstaunlich  schnell  drang  die  Bewegung  bis  in  die  Massen
hinab.  Schon  im  Juli  1844,  noch  bevor  Allgreen  Ussing  auftrat,  erklang
auf  dem  schleswigschen  Sängerfeste  zum  ersten  Male  das  Lied  von  Chemnitz:
  Schleswigholstein  meerumschlungen,  deutscher  Sitte  hohe  Wacht!
Aus  den  vier  Farben  Schleswigs  und  Holsteins  wurde,  mit  Weglassung
der  gelben,  die  neue  blauweißrote  Farbe  des  einen  meerumschlungenen
Landes  zusammengesetzt  —  denn  drei  Farben  mußten  es  sein,  ohne  eine
Trikolore  konnte  sich  diese  Zeit  einen  Freiheitskampf  nicht  vorstellen  —
und  sie  tauchte  trotz  der  Verbote  immer  wieder  auf.

Das  Land  glaubte  fest  und  ehrlich  an  seine  Selbständigkeit  und
Unzertrennlichkeit,  wie  an  das  Thronfolgerecht  des  Mannesstammes  und
in  der  Tat  standen  die  Erbansprüche  der  Augustenburger  auf  so  sicherem
Rechtsgrunde,  als  dies  irgend  möglich  war  bei  Rechten,  die  in  die  verworrene
  Geschichte  entlegener  Jahrhunderte  zurückreichten  denn  die  alte
Unteilbarkeit  der  Lande  war  von  der  Krone  Dänemark  unzählige  Male
feierlich  bestätigt,  das  Königsgesetz  dagegen  und  seine  neue  Erbfolgeordnung
niemals  in  den  Herzogtümern  als  Gesetz  verkündet  worden.  Ernsthafte
Rechtsbedenken  ließen  sich  eigentlich  nur  wegen  der  Herrschaft  Pinneberg
und  der  Grafsschaft  Rantzau  erheben.  Dieser  Landstrich  Holsteins,  die
Umgegend  Altonas  hatte  an  der  verhängnisvollen  Herzogswahl  des  Jahres
1460  nicht  mit  teilgenommen;  er  hatte  damals  als  freies  Allod  einer
Seitenlinie  der  alten  schauenburgischen  Grafen  angehört,  war  dann,  bei
deren  Aussterben  (1640),  von  der  königlichen  und  der  Gottorper  Linie  gemeinsam
  angekauft  worden,  späterhin,  nach  mannigfachen  Schicksalswechseln,
  ganz  unter  die  Herrschaft  der  königlichen  Linie  gekommen  und
schließlich,  1806,  dem  Herzogtum  Holstein  einverleibt  worden.  Hier  hausten
  noch  von  altersher  der  Landdrost  von  Pinneberg  und  der  Administrator
  der  Grafschaft  Rantzau,  die  reichsten  unter  dem  reichen  Beamtentum
  des  Landes,  die  man  neben  dem  Amtmann  von  Reinbeck  die  drei
Fürsten  Holsteins  nannte.  Hier  bot  sich  allerdings  ein  ergiebiges  Feld
für  staatsrechtliche  Doktordissertationen,  hier  ließ  sich  in  gutem  Glauben
der  beliebte  Juristenbeweis  führen,  daß  zwei  ganz  gleiche  Dinge  doch  wieder
  ganz  verschieden  sind.  Es  war  aber  nur  menschlich,  daß  die  Schleswigholsteiner
  sich  um  den  zweifelhaften  verfitzten  Rechtszustand  dieses  Ländchens
  nicht  kümmerten.  In  allem  Wesentlichen  hatten  sie  recht.  Nur  einzelne
        <pb n="581" />
        Widerstand  der  Herzogtümer.  Die  Augustenburger.  573

ihrer  Heißsporne  schossen  über  das  Ziel  hinaus,  indem  sie  gar  noch  be—
haupteten,  auch  in  Lauenburg  erbe  der  Mannesstamm.  Davon  konnte
im  Ernst  nicht  die  Rede  sein,  denn  Lauenburg  war  als  Entschädigung  für
Norwegen  an  Dänemark  gekommen  und  stand  mithin  unzweifelhaft  unter
dem  Thronfolgerechte  der  dänischen  Krone.  Die  Lauenburger  wußten  dies
selbst;  sie  waren  in  ihrem  altständischen  Stillleben  niemals  durch  dänische
Willkür  gestört  worden  und  ließen  sich  von  den  deutschen  Nachbarn  willig
der  Schwäche  zeihen,  weil  sie  sich  an  einem  Kampfe,  der  ihr  Landesrecht
nicht  berührte,  nur  wenig  beteiligten.

Der  Zorn  der  Schleswigholsteiner  entsprang  dem  gekränkten  Rechts—
sinne,  er  ward  gestärkt  und  geadelt  durch  eine  schöne  vaterländische  Empfin—
dung,  durch  das  stolze  Gefühl,  daß  dies  alte  Landesrecht  zugleich  die  Sache
Deutschlands  war.  Dynastische  Nebengedanken  blieben  der  Volksbewegung
fremd.  Nichts  konnte  falscher  sein,  als  die  in  der  Kopenhagener  Presse
übliche  Beschuldigung,  das  Haus  Augustenburg  hätte  die  Unruhen  in  den
Herzogtümern  angezettelt.  Im  Jahre  1786  hatte  der  jüngere  Bernstorff,
da  die  Zukunft  des  königlichen  Hauses  gefährdet  schien,  die  Heirat  zwischen
Herzog  Friedrich  Christian  von  Augustenburg,  dem  Gönner  Schillers,
und  einer  Tochter  Christians  VII.  zu  stande  gebracht;  der  kluge  Staats—
mann  hoffte  dadurch  die  beiden  Linien  zu  vereinigen  und  also  jeden  Erb—
folgestreit  abzuschneiden.  Die  Besorgnisse,  welche  man  damals  hegte,  verschwanden
  wieder,  als  bald  nachher  ein  Thronfolger,  der  spätere  König
Christian  VIII.  geboren  wurde.  Doch  seitdem  galten  die  Augustenburger
am  Kopenhagener  Hofe  als  heimliche  Prätendenten  und  hatten  unter  der
Feindseligkeit  der  Krone  viel  zu  leiden.  Sie  wachten  auch  sehr  mißtrauisch
über  ihren  Rechten,  sie  verwahrten  sich,  als  Holstein  aus  dem  Verbande
des  heiligen  Reichs  ausschied  —  ein  Schritt  dynastischer  Vorsicht,  der
späterhin  über  Gebühr  gepriesen  wurde;?)  sie  dachten  sogar  ernstlich  daran,
ihre  Erbansprüche  auf  Oldenburg  geltend  zu  machen,  als  Napoleon  das
Fürstenhaus  dort  entthront  hatte.*)  Aus  jener  dänischen  Ehe  stammten
der  gegenwärtige  Herzog  Christian  August  und  sein  Bruder  Prinz  Friedrich
v.  Noer.  Söhne  einer  Dänin,  Enkel  einer  Engländerin  hatten  sie  beide
einen  Teil  ihrer  Jugend  im  Auslande  verlebt  und  sich  jene  vaterlandslose
  Gesinnung,  welche  so  viele  Mitglieder  der  großen  europäischen  Fürstengemeinschaft
  betört,  von  Grund  aus  angeeignet.  Deutschland  blieb
ihnen  immer  gleichgültig,  und  den  liberalen  Zug  der  Zeit  betrachteten  sie
mit  Abscheu.  Das  Recht  ihres  Hauses  war  ihnen  eines  und  alles.  Darum
blieben  sie  den  dänischen  Verwandten  stets  verdächtig,  obgleich  Christian  VIII.
aus  aufrichtiger  Neigung  ihre  Schwester  geheiratet  hatte  und  die  gütige
Königin  Karoline  Amalie  zwischen  den  Schwägern  immer  zu  vermitteln

*)  S.  Beilage  33.

**)  Herzog  Friedrich  Christian  v.  Augustenburg  an  den  Historiker  D.  H.  Hegewisch,
24.  Dez.  1811.
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        574  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

suchte.  In  vertrauten  Briefen  äußerte  sich  der  Prinz  von  Noer  aufs
gröbste  über  „unser  schwägerliches  Schöpsgenie  und  die  übrige  Bagage,
die  meinetwegen  zur  Hölle  fahren  mag“.

Der  Herzog  besaß  eine  gute  Bildung,  und  die  Gäste,  die  er  auf
Gravenstein  oder  Augustenburg  empfing,  rühmten  die  Liebenswürdigkeit
seines  ehrbaren  Hauses;  aber  hinter  gemessenen,  weltmännischen  Formen
verbarg  er  eine  hoffärtige  Selbstgerechtigkeit,  die  in  der  langjährigen  Einsamkeit
  des  Landlebens  schließlich  so  mächtig  anschwoll,  daß  er  jede  abweichende
  Meinung  kurzweg  für  „blühenden  Unsinn“  ansah.  Vertrauen
und  Liebe  fand  er  nirgends,  obgleich  er  im  Schleswiger  Landtage  taktvoll
und  verständig  auftrat.  Seine  Gutsuntertanen  im  Sundewitt  und  auf
Alsen  haßten  den  strengen  Grundherrn  herzlich,  sie  waren  die  eifrigsten
Dänen  in  ganz  Nordschleswig.  An  die  sittlichen  Mächte  des  Völkerlebens
glaubte  er  nicht  fester  als  sein  königlicher  Schwager;  der  Zufall  erschien
seinem  dürren  Verstande  als  die  bewegende  Macht  der  Geschichte.

Ebenso  selbstgefällig  dachte  der  Prinz  von  Noer;  der  trug  seinen  maßlosen
  Dünkel  herausfordernd  zur  Schau,  er  ließ  an  niemand,  nicht  einmal
  an  seinem  Bruder,  ein  gutes  Haar,  und  verletzte  jedermann  durch
sein  absprechendes,  junkerhaftes  Wesen.  Noch  nach  dem  Kriege  rühmte  er
sich  kurzab,  „der  einzigste  konsequente  Mensch  in  der  schleswigholsteinischen
Sache“  zu  sein.*)  Er  prahlte  mit  seiner  kriegerischen  Tüchtigkeit  und  doch
fehlte  ihm  jedes  militärische  Urteil,  auf  das  preußische  Heer  sah  er  aus
Himmelshöhen  mitleidig  hernieder.  An  unruhigem  Ehrgeiz  gebrach  es  ihm
nicht.  Die  Statthalterwürde  hatte  er  seit  Jahren  für  sein  Haus  erstrebt;
nachher  wußte  er  freilich  mit  dem  mehr  glänzenden  als  einflußreichen
Amte  wenig  anzufangen.  Außer  einigen  persönlichen  Freunden  besaßen
die  Augustenburger  durchaus  keine  Partei  im  Lande.  Selbst  K.  Samwer
war,  als  er  seine  erste  Schrift  über  die  Erbfolgefrage  herausgab,  dem
Herzoge  noch  ganz  unbekannt;  ?*)  er  schrieb  nach  seiner  ehrlichen  juristischen
  Überzeugung  und  trat  erst  späterhin  mit  dem  Augustenburgischen
Hofe  in  Verkehr.  Zwar  verfaßte  der  Herzog  selbst  seit  dem  Ende  der
dreißiger  Jahre  eine  Menge  anonymer  Schriften  und  Zeitungsartikel
zur  Verteidigung  seiner  Rechte,  und  noch  manche  andere  Feder  stand  ihm
zu  Diensten.  Aber  diese  emsige  Schriftstellerei  allein  konnte  nur  wenig
ausrichten.  Auf  die  Massen  der  schlichten  Bürger  und  Bauern  wirkte
der  Name  Augustenburg  damals  eher  abschreckend  als  anspornend;  sie
waren,  ohne  viel  nach  den  dynastischen  Folgen  zu  fragen,  schlechtweg
begeistert  für  das  alte  deutsche  Recht  ihres  Landes.

Soeben  erst,  im  Sommer  1844,  hatte  König  Christian  gewohntermaßen
  das  Seebad  auf  Föhr  besucht  und  unterwegs  aus  dem  herzlichen
*5)  Prinz  v.  Noer  an  Franz  Hegewisch,  25.  Dez.  1853.

**)  Dies  ergebt  sich  unzweifelhaft  aus  den  Briefen  des  Herzogs  v.  Augustenburg
an  Franz  Hegewisch,  14.  März,  3.  April  1844.
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        Das  Kommissionsbedenken.  Der  offene  Brief.  575

Empfange,  den  ihm  die  Schleswigholsteiner  überall  bereiteten,  zur  Genüge
lernen  können,  wie  wenig  dies  treue  Volk  gemeint  war,  sich  von  seinem
angestammten  Herzog  leichtfertig  loszusagen.  Da  brachte  Allgreen  Ussings
Antrag  alles  in  Bewegung.  Der  Itzehoer  Landtag  war  gerade  versammelt.
Graf  Friedrich  Reventlow,  der  Klosterpropst  von  Preetz,  übernahm  die
Führung,  ein  hochgebildeter  Aristokrat  von  der  guten  alten  Holstenart,
konservativ  nach  Erziehung  und  Neigung,  aber  unbefangen  genug,  um  die
Berechtigung  des  anwachsenden  liberalen  Bürgertums  zu  würdigen,  eine
stattliche  Erscheinung,  stolz  und  mild  zugleich,  ganz  und  gar  ein  Mann  des
Rechts.  Auf  seinen  Vorschlag  beschloß  der  Landtag  eine  Rechtsverwahrung,
welche  die  drei  Hauptsätze  des  schleswigholsteinischen  Staatsrechts  feierlich
aussprach:  die  Selbständigkeit,  die  Unteilbarkeit  der  Herzogtümer  und
das  Erbfolgerecht  des  Mannesstammes.  Entrüstet  wiesen  die  Stände  die
terroristische  Anmaßung  des  seeländischen  Landtags  zurück,  der  selber  ganz
unbefugt  über  die  Thronfolge  der  Herzogtümer  Beschlüsse  faßte,  den
Deutschen  aber  verbieten  wollte,  auch  nur  mitzusprechen;  sie  erinnerten
warnend  an  Spanien,  wo  die  leichtfertige  Anderung  der  Erbfolgeordnung
den  Bürgerkrieg  hervorgerufen  hatte.  Da  der  schleswigsche  Landtag  nicht
versammelt  war,  so  trat  die  Ritterschaft  beider  Herzogtümer  unter  der
Führung  des  Grafen  Reventlow-Preetz  zusammen  und  bat  den  Monarchen
in  einer  würdig  gehaltenen  Adresse  um  Wahrung  des  Landesrechts.  Alles
vergeblich.  Zweimal  versuchte  der  König  in  diesen  Jahren,  seinen  Schwager
  zu  freiwilliger  Entsagung  zu  bewegen.  Der  Herzog  aber  erwiderte,
ein  Verzicht  könne  nur  der  weiblichen  Linie  zugemutet  werden;  weiter
ging  er  nicht,  denn  den  Boden  des  urkundlichen  Rechts  wollte  er  nicht
verlassen,  auch  fühlte  er  wohl,  daß  er  eine  Hoffnung  auf  die  Königskrone
mindestens  nicht  offen  aussprechen  durfte,  weil  die  Dänen  ihn  allesamt
tödlich  haßten.

Ermutigt  durch  den  Antrag  des  Rotschilder  Landtags  glaubte  Christian
  nunmehr  etwas  wagen  zu  können  und  berief  eine  Kommission  zur
Erörterung  der  schleswigholsteinischen  Erbfolgefrage.  Drei  Deutsche  gehörten
  ihr  an:  der  hochkonservative  Bundesgesandte  Pechlin,  aus  dem  Auswärtigen
  Amte  der  Minister  Graf  Heinrich  Reventlow-Criminil  und
sein  Rat  Dankwart,  dazu  als  Vierter  der  vertraute  Kabinettssekretär
Adler.  Keiner  von  ihnen  war  Fachmann  im  Staatsrechte.  Nach  langen
Beratungen  brachten  die  Vier  ein  „Kommissionsbedenken“  zu  stande,
das  keinen  bündigen  Schluß  enthielt.  Sie  meinten  zwar,  der  weiblichen
Linie  gebühre  das  Erbfolgerecht  in  einem  Teile  der  Herzogtümer,  widerrieten
  jedoch  eine  öffentliche  Erklärung,  solange  nicht  mit  den  Agnaten
und  den  Großmächten  verhandelt  sei.  Der  König  aber  wollte  vorwärts,
in  einer  feurigen  Rede  sprach  er  dem  Staatsrate  diese  Willensmeinung
aus.  Am  8.  Juli  1846  verkündigte  er  sodann,  um  „unklaren  und  unrichtigen
  Vorstellungen  entgegenzutreten“,  durch  einen  Offenen  Brief,  daß
        <pb n="584" />
        576  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

er  auf  Grund  des  Kommissionsbedenkens  das  Erbrecht  seiner  königlichen
Thronnachfolger  in  Schleswig  aufrecht  halten  werde;  in  einzelnen  Teilen
Holsteins  sei  dies  Erbrecht  zweifelhaft,  er  hoffe  jedoch,  die  Hindernisse  zu
beseitigen  und  „die  vollständige  Anerkennung  der  Integrität  des  dänischen
Gesamtstaates  zu  Wege  zu  bringen“;  im  übrigen  sollten  die  Rechte  der
Herzogtümer  unangetastet  bleiben.  Das  Kommissionsbedenken  selbst  wurde
niemals  vollständig  veröffentlicht,  weil  es  noch  unbestimmter  lautete  als
der  Offenc  Brief  selbst.  Was  davon  bekannt  ward,  ließ  sich  leicht  widerlegen.
  Die  Kommission  berief  sich  vornehmlich  auf  die  Tatsache,  daß
die  Ritter  und  Beamten  des  gottorpischen  Anteils  von  Schleswig,  als
dieser  1721  mit  dem  königlichen  vereinigt  wurde,  dem  Könige  Friedrich  IV.
geschworen  hatten,  „ihm  und  seinen  Erbsuccessoren  in  der  Regierung
secundum  tenorem  legis  regiac  treu,  hold  und  gewärtig  zu  sein“;
es  lag  aber  auf  der  Hand,  daß  dieser  schon  nach  seinem  Wortlaute  vieldeutige
  „gewöhnliche  Erbhuldigungseid“,  der  noch  dazu  nur  einmal  im
gottorpischen,  niemals  im  königlichen  Schleswig  geleistet  wurde,  ohne  die
Zustimmung  der  Agnaten  und  der  Landstände  an  dem  Thronfolgerechte
des  Landes  gar  nichts  hatte  ändern  können.)

Der  Offene  Brief  entsprach  dem  Charakter  König  Christians.  Er
war  das  Werk  einer  überfeinen  Berechnung  und  eben  deshalb  eine  unkluge
  Halbheit;  er  sollte  die  Schleswigholsteiner  freundlich  zum  Vertrauen
auf  die  landesväterlichen  Absichten  ihres  König-Herzogs  ermahnen,  aber
er  vergewaltigte  das  Recht  Schleswigs,  er  drohte  auch  das  Recht  Holsteins
  zu  vergewaltigen  und  wirkte  darum  ebenso  aufregend  wie  ein  vollendeter
  Staatsstreich.  Bei  den  Dänen,  die  den  geistreichen  Epikureer  bisher
  wenig  geliebt  hatten,  errang  sich  der  König  jetzt  mit  einem  Male  die
allgemeine  Volksgunst.  Seinen  Rotschilder  Landständen  dankte  er  für  ihre
patriotische  Gesinnung  und  fügte  nur  einen  sanften  Tadel  hinzu  wegen
der  offenbaren  Überschreitung  ihrer  Befugnisse.  Unter  den  Deutschen  dagegen
  war  die  Entrüstung  allgemein.  Der  Statthalter  Prinz  v.  Noer
legte  sein  Amt  nieder,  desgleichen  der  Präsident  der  deutschen  Kanzlei
Graf  Joseph  Reventlow,  der  Gesandte  Reventlow-Altenhof  und  mehrere
andere  hohe  Beamte;  auch  der  Herzog  von  Glücksburg  verzichtete  auf  seine
Offiziersstelle.  An  die  Spitze  der  Deutschen  Kanzlei  wurde  nunmehr  Graf
Carl  Moltke  gestellt,  ein  gescheiter,  strenger  Absolutist,  der  sich  grundsätzlich
verpflichtet  hielt,  den  Willen  des  Monarchen  auszuführen.  Der  Statthalterposten
  blieb  unbesetzt,  und  ganz  ohne  Einrede  schaltete  also  fortan  der
neue  Präsident  der  schleswigholsteinischen  Landesregierung  v.  Scheel,  ein
gemeiner  Ehrgeiziger  von  niederer  Abkunft,  der  sich  zu  allem  hergab  und
überdies  durch  seine  gallige  Unfreundlichkeit  die  Deutschen  abstieß.  Den
holsteinischen  Ständen  wurde  sofort,  noch  im  Juli,  eröffnet,  daß  der

 

*)  S.  o.  III.  591.
        <pb n="585" />
        Schleswigholstein  und  der  Offene  Brief.  577

König  ihre  letzten  Beschlüsse  mit  gerechtem  Befremden  vernommen  habe.
Auf  den  Antrag  des  Grafen  Reventlow-Preetz  beschlossen  sie  sodann  eine
scharfe  Adresse,  und  als  Scheel  diese  Eingabe  kurzerhand  zurückwies,  rich—
teten  sie  zur  Verwahrung  des  Landrechts  eine  Beschwerdeschrift  an  den
Deutschen  Bund.  Nunmehr  wollte  ihnen  Scheel  alle  weiteren  Vorstel—
lungen  verbieten;  da  erklärten  sämtliche  Abgeordnete,  bis  auf  sechs,  ihren
Austritt.  Die  Einberufung  der  Stellvertreter  fruchtete  nichts,  der  Land—
tag  war  tatsächlich  aufgelöst.

Im  Oktober  versammelte  sich  auch  der  Landtag  Schleswigs,  und  hier
scharte  sich  alles  um  den  Präsidenten  Wilhelm  Beseler  wie  in  Itzehoe  um
Reventlow-Preetz.  Wie  immer  in  Zeiten  ernster  Volksbewegung  fanden
sich  rasch  die  geborenen  Führer.  Beseler  war  Rechtsanwalt,  ein  stattlicher
Mann  von  starkem  Selbstgefühl  und  würdiger  Haltung,  zäh  und  tapfer,
in  seinen  politischen  Grundsätzen  ebenso  gemäßigt  wie  Reventlow,  nur  daß
er  dem  bürgerlichen  Liberalismus  näher  stand.  Mehr  als  hundert  Adressen
aus  dem  Herzogtum  liefen  ein.  Die  meisten  wurden  persönlich  überreicht,
fast  alle  sprachen  scharf  gegen  den  Offenen  Brief.  Die  Beratungen  verliefen
  stürmisch,  der  Koogbesitzer  Tiedemann  und  der  Jurist  Gülich  bekämpften
  freimütig  das  ganze  System  der  Regierung.  Dann  beantragte
der  Herzog  von  Augustenburg  eine  Adresse,  welche  den  König  um  die  Gewährung
  einer  gemeinsamen  schleswigholsteinischen  Verfassung  bitten
sollte.  Rechtzeitig  überwand  er  also  seinen  Widerwillen  gegen  die  liberalen
Ideen;  denn  nach  allem,  was  geschehen,  ließ  sich  die  Selbständigkeit  der
Herzogtümer  unter  beratenden  Provinzialständen  nicht  mehr  aufrecht
halten.  Der  Antrag  wurde  mit  allen  gegen  zwei  Stimmen  angenommen.
Scheel  aber  erklärte,  vor  allen  anderen  Vorschlägen  müßten  zuerst  die
königlichen  Propositionen  beraten  werden;  offenbar  beabsichtigte  er,  durch
plötzliche  Schließung  des  Landtags  den  Ständen  ihr  verfassungsmäßiges
Petitionsrecht  ganz  zu  verderben.  Da  er  nicht  nachgab,  so  verließ  endlich
der  Herzog,  unter  feierlicher  Verwahrung,  den  Saal,  und  ihm  folgte  die
große  Mehrheit  der  Versammlung.  Damit  war  auch  dieser  Landtag  aufgelöst,
  die  alte  Provinzialstände-Verfassung  brach  von  selbst  zusammen.
Das  Land  war  ohne  Vertretung;  darum  sendete  die  Ritterschaft,  auf
Reventlows  Betrieb,  nochmals  eine  Rechtsverwahrung  an  den  König.

Unterdessen  hatte  Christian  wieder  seine  gewohnte  Sommerreise  durch
die  Herzogtümer  unternommen,  aber  er  fand  ein  verwandeltes  Volk.
Eisige  Kälte  überall,  zu  den  Empfängen  erschien  fast  niemand  außer  den
Beamten;  als  er  die  Truppen  musterte,  da  sangen  die  Volksmassen  dicht
neben  ihm:  Schleswigholstein  meerumschlungen!  Das  wurmte  ihn  doch.
An  seinem  Geburtstage,  am  18.  Septbr.  erließ  er  einen  zweiten  Offenen
Brief,  der  den  Deutschen  in  gemütlich  patriarchalischem  Tone  beteuerte,
die  Selbständigkeit  Holsteins  solle  nicht  im  mindesten  gefährdet,  sondern
durch  die  Unzertrennlichkeit  der  Monarchie  nur  gesichert  werden.  Was

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  37
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        578  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

konnten  diese  leeren  Worte  wirken,  da  sie  doch  nichts  zurücknahmen?  Graf
Reventlow-Preetz  wurde  im  Schlosse  Plön  nicht  vorgelassen,  als  er  noch
einmal  herbeikam,  um  dem  Monarchen  die  Augen  zu  öffnen;  mit  den  aufsässigen
  Landständen  Holsteins  wollte  Christian  nichts  mehr  zu  schaffen
haben.  So  hielt  denn  die  Bewegung  im  Volke  an.  Schon  im  Juli  beschloß
eine  große  Volksversammlung  in  Neumünster,  auf  Antrag  des  Anwalts
Lorentzen:  das  Land  müsse  festhalten  an  den  drei  Kernsätzen  seines  alten
Rechts  und  nötigenfalls  sich  an  Deutschland  anschließen.  Als  Th.  Olshausen
  eine  zweite  große  Volkskundgebung  bei  Nortorf  veranstalten  wollte,
wurde  er  gefangen  nach  Rendsburg  abgeführt,  die  Nortorfer  Versammlung
  ging  vor  der  herannahenden  bewaffneten  Macht  ruhig  auseinander;
Olshausen  aber  mußte  wieder  frei  gegeben  werden,  und  die  Kieler  begrüßten
  ihn  bei  der  Heimkehr  wie  einen  Triumphator.

Der  Herzog  von  Augustenburg  hatte  unmittelbar  vor  dem  Erscheinen
des  Offenen  Briefes  den  Kopenhagener  Hof  besucht,  um  seine  Söhne  vorzustellen,
  und  dort  eine  überraschend  freundliche  Aufnahme  gefunden;  der
gnädige  König  ernannte  sogar  die  beiden  jungen  Prinzen  zu  Oberstleutnants,
  was  die  Dänen  verstimmte  und  die  deutsche  Königin  bösen  Nachreden
aussetzte.)  In  denselben  Tagen  aber  bereitete  Christian  den  Gewaltstreich
gegen  die  Rechte  seiner  Agnaten  heimlich  vor.  Als  der  unerwartete  Schlag
erfolgt  war,  legte  der  Herzog  alsbald  Verwahrung  ein  und  sendete  sodann
eine  Beschwerde  an  den  Bundestag.  Alle  Prinzen  der  augustenburgischen
und  der  glücksburgischen  Linie  schlossen  sich  ihm  an.  Nur  der  junge
Prinz  Christian  von  Glücksburg  stellte  sich  auf  die  Seite  des  Königs;  der
hatte  vor  kurzem  eine  Tochter  der  Landgräfin  Charlotte  geheiratet  und
baute  auf  die  Zukunft  der  hessischen  Linie.  Der  Großherzog  von  Oldenburg
  behielt  sich  ebenfalls  feierlich  seine  Erbansprüche  vor.

Auch  die  Kieler  Universität  trat  sofort  wieder  auf  den  Kampfplatz.
Sie  besaß  zwar  in  ihren  Lehrkörpern  noch  zwei  fanatische  Dänen,  Flor  und
Paulsen,  während  in  Kopenhagen  längst  kein  Gelehrter  mehr  ein  Wort  zu
Gunsten  der  Herzogtümer  wagte;  aber  die  deutsche  Gesinnung  überwog
durchaus.  Dahlmann  selbst,  der  nach  seiner  gewissenhaften  Weise  die  schwierige
  Erbfolgefrage  lieber  noch  vertagt  und  erst  genauer  geprüft  hätte,  konnte
nun  nicht  mehr  verkennen,  daß  der  Offene  Brief  mit  der  Unteilbarkeit
der  Lande  zugleich  die  gesamte  Verfassung  bedrohte,  und  erklärte  sich  offen
für  seine  Landsleute.  In  seinem  Sinne  lehrten  jetzt  die  jungen  Historiker
Waitz  und  Droysen;  für  das  deutsche  Recht  im  Norden  einzustehen,  galt
als  Ehrenpflicht  unter  den  Kieler  Gelehrten.  Neun  Professoren  der  Universität,
  voran  der  alte  Falck,  veröffentlichten  eine  scharfe,  in  allem  Wesentlichen
  siegreiche  Widerlegung  des  Kommissionsbedenkens,  und  der  König
fühlte  sich  so  unsicher,  daß  er  ihnen  nur  einen  sanften  Verweis  erteilen

 

*)  Schoultz  v.  Ascheradens  Bericht,  28.  Juni  1846.
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        Die  deutsche  Nation  und  der  Offene  Brief.  579

ließ.  Zugleich  setzte  Samwer  wieder  seine  scharfe  Feder  ein.  Dirckinck-Holmfeld,
  der  Historiograph  Wegener  und  die  anderen  dänischen  Publizisten
  sahen  sich  bald  in  die  Enge  getrieben;  sie  merkten  selbst,  wie  wenig
die  Erbhuldigung  des  Jahres  1721  bedeutete,  und  suchten  andere  Ausflüchte.
  Mit  Maulwurfs-Eifer  gruben  diese  Demokraten  die  unterlassenen
Lehensmutungen  der  Sonderburger  Linie  aus,  ja  sie  wollten  den  jungen
augustenburgischen  Prinzen  sogar  die  Ebenbürtigkeit  bestreiten,  weil  der
Herzog  und  sein  Bruder  zwei  Gräfinnen  Danneskiold  geehelicht  hatten;
und  doch  wußte  jedermann,  daß  die  Frage  der  Mißheirat  allein  nach  den
Hausgesetzen  und  dem  Hausbrauche  jeder  einzelnen  Dynastie  beurteilt  werden
  darf,  und  gerade  im  Hause  Holstein-Oldenburg  waren  Ehen  mit
Frauen  vom  niederen  Adel  von  jeher  häufig  vorgekommen.  In  Schleswigholstein
  ließ  sich  niemand  durch  solche  Fechterkünste  beirren.  Das  Land
hielt  zusammen  wie  eine  große  Familie,  die  ihr  Hausrecht  wahrt,  der  gemeinsame
  Kampf  führte  alle  Stände  in  ungewohnter  Herzlichkeit  einander
näher;  und  wenn  die  deutschen  Nachbarn  früherhin  manchmal  gutmütig
über  den  Hahnenschritt  der  holsteinischen  Normalmenschen  gespottet  hatten,
so  freuten  sich  jetzt  alle  an  dem  schönen  Einmut  ihrer  Nordmark.
Der  Offene  Brief  regte  die  öffentliche  Meinung  in  ganz  Deutschland

so  mächtig  auf  wie  vor  sechs  Jahren  das  Kriegsgeschrei  der  Franzosen.
Damals  aber  hatte  die  Nation  einem  ebenbürtigen  Feinde  die  stolze  Stirn
geboten;  jetzt  fühlte  sie  sich  bitterlich  beschämt,  da  ein  winziger  Nachbar
deutsches  Recht  mit  Füßen  trat,  ohne  nach  Deutschland  auch  nur  zu
fragen,  und  Geibel  nahm  allen  das  Wort  vom  Munde,  als  er  sang:

Mich  will's  bedünken  fast  gleich  eimem  Schwanke,

Daß  dieses  Inselreich,  das  kleine,  schwache,

Aufbäumend  wie  ein  zorn'ger  Meeresdrache

Sich  wider  uns  erhebt  zu  grimmem  Zanke.

In  einer  Masse  von  Flugschriften  und  Gedichten,  von  Versammlungen
und  Reden  entlud  sich  der  Sturm.  Die  Heidelberger  Gelehrten  gingen
voran,  sic  sendeten  schon  im  Juli  an  W.  Beseler  eine  von  Gervinus
verfaßte  Adresse:  „es  gibt  keine  größere  politische  und  nationale  Sünde
als  die  Selbstversäumnis.“  Da  der  ernste  nationale  Machtkampf  zunächst
in  der  Gestalt  einer  staatsrechtlich-historischen  Streitfrage  erschien,  so  trat
das  Professorentum  wieder  für  einige  Zeit  in  den  Vordergrund  des  deutschen
  Lebens.  Hälschner  in  Bonn  und  viele  andere  Historiker  und  Juristen
erörterten  den  Erbfolgekampf  in  gelehrten  Streitschriften;  der  Berliner
Helwing  verteidigte  sogar  die  wohlgemeinte,  aber  ganz  haltlose  Behauptung,
  daß  die  Erbfolge  in  den  Herzogtümern  dem  Hause  Brandenburg
gebühre.  Großes  Aufsehen  erregte  General  Radowitz  durch  sein  Schriftchen:
Wer  erbt  in  Schleswig?  Er  verfocht  ohne  jeden  Vorbehalt  die  Rechtsanschauung
  der  Schleswigholsteiner,  da  er  durch  seine  Verwandten,  die
Reventlows,  die  transalbingischen  Verhältnisse  gründlich  kennen  gelernt
37“
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        580  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

hatte,  und  zeigte  hier  zum  ersten  Male  öffentlich,  wie  viel  bildsamer  er
war  als  die  anderen  Vertrauten  König  Friedrich  Wilhelms.  Unter  allen
namhaften  deutschen  Rechtsgelehrten  wagte  nur  einer  den  Dänenkönig
zu  verteidigen:  Minister  Kamptz,  der  alte  Demagogenverfolger,  dessen
Name  schon  abschreckend  wirken  mußte.  Der  entfaltete  in  seinen  „Be—
merkungen  über  den  Offenen  Brief“  eine  reiche,  aber  ganz  verworrene
Gelehrsamkeit;  die  Schleswigholsteiner  erklärte  er  kurzweg  für  Rebellen,
und  daß  Schleswig  die  Deutschen  gar  nichts  anging,  ergab  sich  ja  schon
aus  der  Bundesakte.

Nach  diesem  Juristenstreit  und  den  alten  Pergamenten  fragte  die
Nation  wenig,  sie  kannte  die  Augustenburger  gar  nicht.  Was  die  Deutschen
entflammte,  war  das  nationale  Selbstgefühl.  Geibel  fand  wieder  das
rechte  Wort,  als  er  den  hohen  Sinn  des  Kampfes  dahin  zusammenfaßte:

Wir  wollen  keine  Dänen  sein,
Wir  wollen  Deutsche  bleiben.

Und  dies  Gefühl  bekundete  sich  in  den  leidenschaftlichen  Beratungen  der
kleinen  deutschen  Landtage  so  übermächtig,  daß  selbst  die  Fürsten  sich  ihm
nicht  ganz  entziehen  konnten;  ihr  eigenes  Heiligtum,  das  legitime  Dynastenrecht
  wurde  ja  durch  Dänemarks  Gewaltstreiche  nicht  weniger  bedroht  als
die  nationale  Ehre.  Zudem  reisten  die  holsteinischen  Prinzen  an  den
Höfen  geschäftig  umher;  auch  die  Stände  der  Herzogtümer  sendeten  Tiedemann
  und  andere  Vertrauensmänner  zu  den  kleinen  Regierungen,  um
ihnen  das  Landesrecht  der  Nordmark  ans  Herz  zu  legen.  Besonders
freundlich  zeigte  sich,  seltsam  genug,  der  alte  Welfe.  Der  hatte  bei  den
Lüneburger  Manövern  des  zehnten  Bundesarmeekorps  selbst  mit  angehört,
wie  die  holsteinischen  Soldaten,  wenn  man  sie  Dänen  nannte,  heftig  erwiderten:
  wir  sind  gute  Deutsche;  er  schätzte  den  Augustenburger  persönlich
hoch  und  wurde  durch  seinen  Berliner  Gesandten,  den  Grafen  Platen,
dessen  Verwandtschaft  dem  holsteinischen  Adel  angehörte,  in  seiner  guten
Gesinnung  bestärkt.')  Nach  alledem  schien  den  Beschwerden  beim  Bundestage
  ein  günstiger  Erfolg  sicher  zu  sein.

Ganz  anders  dachten  die  großen  Mächte.  Sie  bekannten  sich  alle
zu  dem  unverbrüchlichen  Glaubenssatze,  die  Integrität  der  dänischen  Monarchie
  sei  notwendig  für  die  Erhaltung  des  europäischen  Gleichgewichts.
Unschuldige  Leute  mochten  wohl  verwundert  fragen:  warum  denn  Europas
Gleichgewicht  erschüttert  werden  sollte,  wenn  der  kleine  Staat  am  Sund
und  Belt  von  drittehalb  auf  anderthalb  Millionen  herabsänke?  Wer  tiefer
blickte,  konnte  jedoch  nicht  verkennen,  daß  die  Meinung  der  großen  Höfe
ernste  Gründe  hatte;  sie  wurzelte  nicht  bloß  in  der  Ruheseligkeit  der  Zeit,
sondern  in  der  allgemeinen  Angst  vor  Deutschlands  Erstarken.  Das  von
Dänemark  losgerissene  Schleswigholstein  mußte  —  niemand  bezweifelte

 

*)  Platens  Berichte,  6.  Juli  1847  ff.
        <pb n="589" />
        Dänemark  und  die  Großmächte.  581

es  —  sich  fest  an  Deutschland  anschließen,  zu  seiner  Sicherung  preußische
  Truppen  herbeirufen,  vielleicht  gar  der  preußischen  Flotte,  deren
erstes  Schiff  soeben  vom  Stapel  gelaufen  war,  den  schönsten  Hafen  der
Ostsee  einräumen.  Ein  deutscher  Kriegshafen  in  Kiel  I—  dieser  eine
Gedanke  genügte,  um  jedes  englische  Herz  zu  empören.  Aus  Haß  gegen
Deutschland  wurden  Dänemarks  Erbfeinde,  die  Briten  jetzt  freundliche
Gönner  des  Kopenhagener  Hofes.  Gleich  nach  dem  Erscheinen  des  Offenen
Briefs  schrieb  die  Times,  damals  noch  das  mächtige  Organ  der  nationalen
Meinung:  „Die  preußischen  Staatsmänner  können  nicht  freigesprochen
werden  von  dem  Vorwurfe,  daß  sie  mit  einer  gewissen  Bereitwilligkeit
eine  fieberische,  der  Ruhe  eines  Nachbarlandes  gefährliche  Aufregung  lebendig
  erhalten  haben,  weil  es  ihnen  einfiel,  die  deutsche  Nation  angenehm
  zu  unterhalten  (to  amuse),  und  weil  sie  vielleicht  deren  Aufmerksamkeit
  von  anderen,  weit  mehr  praktischen  und  der  Heimat  viel  näher  liegenden
  Fragen  ablenken  wollten.“  Dann  wurde  Deutschland  gewarnt  vor  der
Ländergier,  die  schon  in  der  neuen  Welt  gefährlich,  im  Herzen  Europas
verderblich  wirke.  Mit  solcher  Heuchelei  wagte  ein  Volk,  das  sich  Jahr
für  Jahr  neue  Kolonien  aneignete,  die  Deutschen  zu  beschimpfen,  weil  sie
bescheiden  das  Erbe  ihrer  Väter  behaupten  wollten!  Die  Regierung  hielt
sich  noch  zurück:  sie  wünschte  zunächst  nur,  daß  der  dänische  Gesamtstaat
zusammenbliebe,  gleichviel  unter  welchem  Herrscherhause;  denn  sie  betrachtete
  ihn,  wunderlich  genug,  als  ein  Bollwerk  gegen  Rußland!

Etwas  dreister  wagte  sich  Frankreich,  der  alte  treue  Bundesgenosse
Dänemarks  hervor.  Das  Verhältnis  zwischen  den  beiden  Höfen  war  sehr
herzlich.  Ludwig  Philipp  sendete  einmal  den  halbverschollenen  alten
Herzog  Decazes,  bourbonischen  Andenkens,  der  zugleich  dänischer  Vasall
war,  als  außerordentlichen  Botschafter  hinüber;  der  Dänenkönig  fühlte
sich  sehr  geschmeichelt  und  ernannte  Guizot  zum  ersten  bürgerlichen
Ritter  seines  Elefantenordens.  Unterdessen  reiste  der  französische  Gesandte
  Baron  Billing  zwischen  Kopenhagen,  Paris  und  London  geheimnisvoll
  hin  und  her,  um  die  Pläne  König  Christians  zu  befördern;
er  witterte  heraus,  sein  Beobachtungsposten  müsse  jetzt  zu  einem  Aktionsposten
  werden,  und  erhielt  von  Guizot  Befehl,  den  Bestrebungen  Preußens
und  Rußlands  entgegenzuarbeiten,  obgleich  die  beiden  Ostseemächte  hier
am  Sunde  keineswegs  zusammengingen.)  Alle  diese  kleinen  diplomatischen
Zettelungen  blieben  zunächst  ohne  Folgen.  Der  Tuilerienhof  betrachtete
den  dänischen  Gesamtstaat  als  ein  europäisches  Heiligtum;  von  näheren
Sorgen  bedrängt,  hatte  er  sich  jedoch  eine  feste  Ansicht  über  die  Erbfolgefrage
  bisher  noch  nicht  gebildet.

Die  Westmächte  konnten  in  Schleswigholstein  für  sich  selbst  nichts
verlangen.  Der  Petersburger  Hof  dagegen  verriet  schon  deutlich,  daß

 

*)  Schoultz  v.  Ascheradens  Berichte,  16.  Jan.,  25.  30.  Mai,  25.  Juni  1846.
        <pb n="590" />
        582  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

er  nicht  abgeneigt  war,  bei  einer  Teilung  der  deutschen  Herzogtümer
herzhaft  zuzugreifen.  Die  russischen  Gottorper  hatten  zwar  durch  die
Verträge  von  1767  und  73  auf  das  längst  verlorene  Schleswig  förmlich
verzichtet  und  ihren  Anteil  an  Holstein  ausgetauscht  gegen  die  Grafschaften
Delmenhorst  und  Oldenburg,  die  nachher  der  jüngsten  gottorpischen
Linie  überwiesen  wurden.  Doch  wann  war  jemals  ein  russischer  Vertrag
zu  stande  gekommen,  der  nicht  nachher  irgendwo  einen  Haken  zeigte?
Jener  Verzicht  war  erfolgt  zu  Gunsten  des  damaligen  Königs  von  Dänemark
  „und  seiner  Kronerben“.  Wer  diese  Kronerben  seien,  wurde  jetzt
streitig.  Folglich,  so  schlossen  die  Moskowiter  mit  ihrer  eigentümlichen
Logik,  konnten  Rußlands  Ansprüche  auf  den  gottorpischen  Anteil  an  Holstein
  vielleicht  wieder  aufleben,  und  zu  diesem  Anteile  gehörte  erfreulicherweise
  auch  der  Kieler  Hafen!  Dem  preußischen  Gesandten  sagte  Nesselrode
mehrmals:  wir  glauben,  auf  Holstein  Ansprüche  zu  haben;  ich  habe  dem
Kaiser  abgeraten,  sie  aufzugeben,  weil  er  die  Rechte  seiner  Nachkommen
nicht  aufopfern  darf  und  sich  jedenfalls  ein  Kompensationsobjekt  sichern
muß.)  Noch  aufrichtiger  redete  eine  Weisung  des  russischen  Kanzlers  an
den  Geschäftsträger  in  Kopenhagen.  Hier  belobte  er  den  Offenen  Brief
als  eine  weise  Maßregel  und  billigte  durchaus  die  Rechtsanschauung  des
Dänenkönigs.  Schleswig  unterliege,  nachdem  das  Haus  Gottorp  darauf
verzichtet,  dem  dänischen  Thronfolgerechte  —  so  schrieb  er  zuversichtlich,  obgleich
  die  Gottorper  ein  Recht,  das  ihnen  selber  nicht  zustand,  doch  sicherlich
  auch  nicht  hatten  abtreten  können.  Über  Holstein  müsse  man  allerdings
noch  verhandeln;  indes  würde  der  Zar  sich  aufrichtig  freuen,  die  Ansprüche
des  Hauses  Gottorp  in  Einklang  zu  bringen  „mit  den  Lebensinteressen
einer  Monarchie,  deren  Aufrechterhaltung  und  Unteilbarkeit  der  König
mit  einer  gerechten  Besorgnis  betrachtet,  welche  Se.  Kais.  Majestät  in
hohem  Grade  teilt“.  5)  Auf  Rußlands  Beistand  konnte  sich  Christian
mithin  verlassen,  wenn  er  nötigenfalls  dem  Hause  Gottorp  irgend  eine
Entschädigung  gewährte.  Über  die  Ansprüche  der  Augustenburger  äußerte
sich  der  Zar  vorläufig  noch  nicht  abschließend,  aber  die  Haltung  der
Schleswigholsteiner  fand  er  revolutionär.

Der  Wiener  Hofburg  kam  der  transalbingische  Streit  sehr  ungelegen;
nach  der  Eigenart  ihres  Reiches  hatte  sie  ja  selbst  nichts  mehr  zu  fürchten
als  die  Macht  der  nationalen  Ideen.  Von  Deutschtum,  Dänentum  und
anderen  solchen  „Tümern“  wollte  Metternich  gar  nichts  hören.  Er  war
empört  über  das  Gelichter  der  deutschen  liberalen  Partei  und  ihr  Halli-Halloh,
  er  fand  die  ganze  schamlose  Agitation  künstlich,  gemacht,  revolutionär
  und  wünschte  vornehmlich  Bestrafung  der  frechen  Heidelberger
Professoren.  Aber  auch  der  Krone  Dänemark  warf  er  vor,  daß  sie  das

 

*)  Rochows  Berichte,  6.  19.  27.  Aug.,  25.  Sept.  1846.
*7)  Nesselrode,  Weisung  an  den  Geschäftsträger  v.  Ewers,  3./15.  Aug.  1846.
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        Preußens  Haltung.  Schoultz  v.  Ascheraden.  583

liberale  Ungeziefer  seit  Jahren  karessiert  und  jetzt  vor  der  Zeit  unreife
Pläne  verlautbart  habe,  während  man  doch  sonst  die  Gäste  nicht  in  die
Küche  führe,  sondern  ihnen  die  Speisen  fertig  vorsetze.  Von  Berlin  her  gewarnt,
  sah  er  jedoch  ein,  daß  man  die  ungeheure  Aufregung  in  Deutschland
  irgendwie  beschwichtigen  mußte;  und  da  er,  schon  wegen  der  möglichen
  Verstärkung  Preußens,  den  Zerfall  des  dänischen  Gesamtstaats
durchaus  verhindern  wollte,  so  gelangte  er  zu  der  Ansicht,  das  beste  sei
die  Aufhebung  des  Königsgesetzes  und  die  Thronfolge  der  Augustenburger
in  allen  Kronlanden.  Es  war  sicher  der  freundlichste  Rat,  der  sich  dem
Dänenkönige  geben  ließ.  Wenn  nur  die  Menschen  nicht  Menschen  wären!
Wenn  nur  nicht  der  wilde  Deutschenhaß  der  Dänen  gerade  diesen  sichersten
Ausweg  ganz  versperrt  hätte!

Wunderlich,  fast  tragikomisch  erschien  unter  solchen  Umständen  die
Haltung  des  Berliner  Hofes.  Alle  Ausländer  trauten  ihm  einen  Ehrgeiz
zu,  der  ihm  durch  die  Geschichte  des  preußischen  Staates  geradezu  aufgezwungen
  wurde  und  gleichwohl  dem  sanften  Gemüte  dieses  Königs  ganz
fern  lag.  Niemals  hat  Friedrich  Wilhelm  die  Frage  erwogen,  ob  die  transalbingischen
  Händel  nicht  benutzt  werden  sollten,  um  Preußens  Machtstellung
  an  der  Ostsee  zu  verstärken;  er  hielt  für  unmöglich,  daß  man  ihm
so  verruchte  Pläne  auch  nur  andichten  könnte.  Wie  er  den  leidlichen
Ausgang  des  Kölnischen  Bischofsstreites  lediglich  dem  Trotze  Droste-Vischerings
  verdankte,  so  wurden  auch  die  notwendigen  Kämpfe,  welche  schließlich
  unsere  Nordmark  unter  die  Krone  der  Hohenzollern  bringen  sollten,
nicht  durch  preußische  Berechnung,  sondern  einzig  und  allein  durch  die
Verblendung  Christians  VIII.  und  seiner  Dänen  herbeigeführt.  Eine  Regierung
  ohne  Stolz  und  Tatkraft,  welche  grundsätzlich  nie  das  Schwert
ziehen  will,  kann  sich  vielleicht,  durch  die  Macht  alter  Traditionen,  noch  eine
Zeit  lang  ein  tüchtiges  Heer  bewahren,  ihr  Auswärtiges  Amt  aber  muß
schnell  entsittlicht  werden.  Welch  einen  jämmerlichen  Anblick  bot  doch  das
diplomatische  Korps  des  vierten  Friedrich  Wilhelm  neben  jenen  kühnen,
kriegerischen  Gesandten,  die  einst  die  Befehle  des  großen  Königs  handfest
vollstreckt  hatten.  General  Rauch  war  ein  guter  Russe,  obwohl  ihm  das
preußische  Gefühl  nicht  gänzlich  fehlte,  Bunsen  war  ein  guter  Engländer,
Graf  Arnim  ein  guter  Osterreicher,  aber  sie  alle  überbot  noch  bei  weitem
Freiherr  Schoultz  von  Ascheraden  in  Kopenhagen.  Einen  besseren  Patrioten
als  diesen  fremdbrüderlichen  preußischen  Gesandten  hat  Gammel  Dannemark
  unter  seinen  eigenen  Landeskindern  nie  besessen.  Schoultz  war  vor
langen  Jahren  auf  dem  gleichgültigen  Kopenhagener  Gesandtschaftsposten
versorgt  worden,  wo  alle  Höfe  ihre  diplomatischen  Nullen  unterzubringen
pflegten,  und  behielt  die  Stelle  leider  auch,  als  sie  plötzlich  hochwichtig
wurde.  Er  fühlte  sich  am  Sunde  ganz  heimisch,  glaubte  den  dänischen
Ministern,  die  fast  durchweg  gebildete,  liebenswürdige  Männer  waren,
treulich  aufs  Wort  und  berichtete  in  seinem  schauderhaften  Französisch,  das
        <pb n="592" />
        584  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

den  König  zuweilen  zu  sarkastischen  Randbemerkungen  veranlaßte,  höchst
gewissenhaft,  was  der  Hof  während  des  größten  Teiles  des  Sommers,
pendant  la  pluralité  de  l’éé,  alles  vorzunehmen  gedenke.*)  Als  die
schleswigholsteinischen  Wirren  begannen,  zeigte  er  sich  ungehalten  über
die  Unbotmäßigkeit  der  Deutschen;  von  der  unersättlichen  Begehrlichkeit,
der  List,  der  berechneten  Zurückhaltung  des  augustenburgischen  „Prätendenten“
  sprach  er  ganz  so  entrüstet  wie  seine  dänischen  Freunde;  "7)  und
wenngleich  er  zuweilen  auch  die  Gehässigkeit  der  Dänen  bitter  beklagte,  so
hatte  er  doch  von  dem  Sinne  des  nationalen  Kampfes  gar  keine  Ahnung.

Diese  lächerlichen  Gesandtschaftsberichte  konnten  das  Urteil  König
Friedrich  Wilhelms  nicht  beirren.  Er  bedauerte  zwar  den  Haß  zwischen
Deutschen  und  Dänen,  wie  Canitz  sagte,  als  „eine  der  ärgsten  Tollheiten
unseres  erleuchteten  Jahrhunderts“;  ***)  er  wünschte  von  ganzem  Herzen
die  Fortdauer  des  dänischen  Gesamtstaates  und  wollte  auch  seinen  königlichen
  Freund,  der  ihn  soeben,  bei  einem  Besuche  in  Kopenhagen,  mit
Zärtlichkeit  überschüttet  hatte,  durchaus  nicht  kränken.  Aber  das  Recht
blieb  ihm  heilig.  Schon  im  Jahre  1845  ließ  er  sich  von  den  Juristen
Eichhorn  und  Lancizolle  ein  Gutachten  über  die  Erbfolgefrage  erstatten,
und  obwohl  diese  Denkschrift  sehr  unsicher  lautete,  so  überzeugte  er  sich
doch  nach  und  nach  selber  von  dem  besseren  Rechte  der  Augustenburger.
Wie  Metternich  hoffte  er  den  Streit  durch  einen  Verzicht  der  hessischen
Linie  und  durch  die  Thronfolge  der  Agnaten  im  Gesamtstaate  friedlich
beizulegen:  dann  konnten  die  befreundeten  Dänen  unter  Augustenburgischen
  Königen  bis  an  das  Ende  aller  Dinge  in  Kiel  und  Altona  hausen.
Freilich  war  die  Übereinstimmung  nicht  vollständig,  denn  der  Wiener
Hof  betrachtete  die  Integrität  Dänemarks  als  das  Wesentliche,  der  Berliner
  das  deutsche  Recht  der  Herzogtümer  und  der  Agnaten.  Im  Notfalle
  —  das  deutete  schon  jenes  Rechtsgutachten  an  —  wollte  Preußen
selbst  ein  souveränes  Schleswigholstein  unter  deutschem  Fürstenhause  anerkennen.
  Die  dänischen,  nicht  die  holsteinischen  Landstände,  so  meinte
Canitz,  haben  den  Streit  angefangen.  Die  Dänen  sind  die  Revolutionäre
und  zudem  erfüllt  von  absurdem  Hasse  gegen  Deutschland.  Sie  mißbrauchen
  unehrlich  den  Gedanken  der  Nationalität,  um  den  politischen
Frieden  von  oben  her  zu  stören,  wie  die  Polen  von  unten  her.  Wir  wünschen
  die  Integrität  der  dänischen  Monarchie,  aber  ohne  Schädigung
deutscher  Rechte.#

Zunächst  hatte  der  Bundestag  auf  die  holsteinischen  Beschwerden  zu
antworten.  Metternich  behauptete  zwar  anfangs,  diese  Sache  gehe  den
Bund  gar  nichts  an,  jedoch  auf  Canitzs  lebhaftes  Andrängen  gab  er  nach

*)  Schoultz  v.  Ascheradens  Bericht,  10.  April  1847.
**)  Schoultz  v.  Ascheradens  Bericht,  11.  Dez.  1846.
*)  Canitz  an  Rochow,  9.  Nov.  1845.

#)  Canitz  an  Rochow,  2.  21.  Okt.  1847.
        <pb n="593" />
        Bundesbeschluß  über  den  Offenen  Brief.  585

und  genehmigte,  daß  ein  Bundesbeschluß  die  Rechte  Deutschlands  in  milder
  Form  verwahren,  aber  zugleich  dem  unleidlichen  Halli-Halloh  der
Liberalen  scharf  entgegentreten  solle.  Sein  getreuer  Münch,  der  ganz
dänisch  gesinnt  war,  mußte  also,  wie  Canitz  spottete,  „diesmal  aus  dem
magischen  Kreise  der  Inkompetenz-Erklärungen  hinaustreten“  und  das  Geschäft
  mit  einer  in  Frankfurt  ganz  unerhörten  Eile  betreiben.*)  Man  konnte
nicht  anders.  Die  Landtage,  die  Presse,  zahllose  Eingaben  aller  Art  bestürmten
  den  Bundestag.  Als  „ein  ernstes  Zeichen  der  Zeit“  erwähnte  der
preußische  Bundesgesandte  auch  die  Zuschrift  eines  begeisterten  Berliner
Studenten,  der  sich  späterhin  noch  einen  guten  Namen  machen  sollte.
Dieser  junge  Mann  riet  dem  Bundestage,  schleunigst  einen  Bundeskommissär
  nach  Kopenhagen  zu  senden,  und  entschuldigte  seine  Vermessenheit
„mit  dem  Beispiel  der  Jungfrau  von  Orleans,  die  auch  nur  eine  arme
Schäferin  gewesen  sei,  aber  ihr  Vaterland  doch  gerettet  habe.“  )

Frhr.  v.  Pechlin,  der  dänische  Bevollmächtigte,  der  im  Herzensgrunde
doch  deutsch  empfand  und  dem  Offenen  Briefe  nur  sehr  ungern  zugestimmt
hatte,  gab  die  versöhnlichsten  Erklärungen:  er  beteuerte  heilig,  seinem  Könige
  sei  nie  in  den  Sinn  gekommen,  die  Rechte  des  Deutschen  Bundes  zu
verletzen;  er  gestand  sogar  zu,  daß  die  beiden  Herzogtümer  alle  öffentlichen
Rechtsverhältnisse  —  bis  auf  die  Provinzialstände  und  wenige  andere  Institutionen
  —  miteinander  gemein  hätten.  Da  nun  auch  der  Offene  Brief
selbst  noch  nichts  anordnete,  sondern  nur  die  persönlichen  Ansichten  des
Königs  kundgab,  so  sprach  der  Bundestag  am  17.  Sept.  die  vertrauensvolle
Erwartung  aus:  der  König  würde  bei  endgültiger  Feststellung  dieser  Verhältnisse
  die  Rechte  aller  und  jeder,  insbesondere  die  Rechte  des  Bundes,
der  Agnaten  und  der  holsteinischen  Landstände  beachten.  Zugleich  forderte
er  die  Regierungen  auf,  den  leidenschaftlichen  Ausbrüchen  einer  anerkennenswerten
  patriotischen  Gesinnung  „gehörige  Schranken  zu  setzen“.  Alle
stimmten  zu,  auch  Pechlin  selber.  Nur  Kurhessen  wollte  die  Verwarnung
der  deutschen  Patrioten  schärfer  gefaßt  sehen;  der  Luxemburger  endlich
behauptete  keine  Weisungen  zu  haben,  offenbar  weil  er  fürchtete,  bald
könnte  auch  Luxemburg  an  die  Reihe  kommen.  Wie  matt  und  schüchtern
der  Beschluß  auch  klang,  ganz  leer  war  er  nicht.  Der  Bundestag  hatte  sich,
allen  seinen  Gewohnheiten  entgegen,  doch  nicht  wieder  für  unzuständig
erklärt,  er  behielt  sich  doch  ausdrücklich  seine  Rechte  vor  und  erlangte  also
zum  ersten  Male  einiges  Lob  bei  den  gemäßigten  Parteien.

König  Christian  merkte  auch  selbst,  daß  er  mit  der  Politik  des  Offenen
Briefes  nicht  mehr  weiter  kam;  er  fühlte  sich  tief  unglücklich  und  konnte
seine  Stimmung  sogar  vor  Schoultz-Ascheradens  blöden  Augen  nicht  ganz
verbergen.***)  Gegen  den  preußischen  General  Wrangel  beklagte  er  sich

*)  Canitz  an  Rochow,  7.  Sept.  Dönhoffs  Berichte,  Frankfurt,  22.  Aug.,  2.  Sept.  1846.
77)  Dönhoffs  Bericht,  17.  Sept.  1846.
*““)  Schoultz  v.  Ascheradens  Bericht,  4.  Nov.  1846.
        <pb n="594" />
        586  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

bitterlich:  wie  ihn  die  Deutschen  so  ganz  verkennen  könnten;  niemals  hätte
er  daran  gedacht,  Schleswigholstein  von  Deutschland  loszureißen.  Im
Juni  1847  sendete  er  einen  alten  Freund,  den  Grafen  Löwenstern,  der
seinem  Könige  diesen  letzten  Ritterdienst  nicht  verweigern  mochte,  nach
Berlin,  um  wegen  der  Erbfolgefrage  Rat  einzuholen.  Canitz  erwiderte:
das  einzige  Mittel,  den  Gesamtstaat  zu  erhalten,  sei  die  Aufhebung  des
Königsgesetzes  und  das  Königtum  der  Augustenburger.  Das  wies  der
alte  Däne  weit  von  sich;  am  Wiener  Hofe  aber  wurde  ihm,  offenbar  nach
Verabredung,  gleich  nachher  dieselbe  Antwort  erteilt.“')  Nunmehr  hoffte
König  Christian  sein  Ziel  auf  einem  neuen,  noch  seltsameren  Umwege  zu
erreichen;  er  wollte  seinem  Gesamtstaate  —  nach  dem  Vorbilde  des
Preußischen  Vereinigten  Landtags,  dessen  Verhandlungen  er  mit  gespannter
  Aufmerksamkeit  verfolgte  —  einen  gemeinsamen  Reichstag  gewähren.
Mit  Hilfe  der  dänisch  gesinnten  Mehrheit  dieses  Reichstags  dachte  er  dann
späterhin  die  Thronfolge  der  weiblichen  Linie  im  ganzen  Reiche  durchzusetzen.
  In  was  für  Künsteleien  verlor  sich  wieder  die  Überklugheit  des
Monarchen.  Nach  allem,  was  geschehen,  mußte  die  Thronfolgefrage  jetzt
vor  der  Verfassungsfrage  entschieden  werden;  denn  solange  noch  nicht  fest
stand,  ob  der  Gesamtstaat  selber  fortdauern  würde,  konnten  die  Schleswigholsteiner
  einer  Gesamtstaatsverfassung  doch  schwerlich  zustimmen.
Während  der  nächsten  Monate  ließ  der  König  seinen  Verfassungsplan
durch  Carl  Moltke  und  den  unentbehrlichen  Adler  ausarbeiten.  Da
starb  er  plötzlich  nach  kurzer  Krankheit  am  20.  Januar  1848,  wohl  der
geistreichste  aus  der  langen  eintönigen  Reihe  der  Oldenburgischen  Könige,
und  doch  ein  Mann  des  Unheils,  ein  Herrscher,  der  die  Macht  seines
Hauses  selbst  zerstörte,  weil  er  das  Recht  seiner  Völker  mißachtete.
Die  Todesnachricht  erschütterte  das  Land  im  Innersten.  Die  Dänen
hofften,  die  Deutschen  fürchteten  alles  von  dem  Thronfolger.  Nach  aller
Wahrscheinlichkeit  war  Friedrich  VII.  der  letzte  König  seines  Stammes;
denn  er  hatte  damals  schon  ein  Liebesverhältnis  mit  der  Putzmacherin
Rasmussen  angeknüpft,  und  dies  gemeine  Weib,  die  natürliche  Bundesgenossin
  der  Kopenhagener  Demokratie,  hielt  ihn  so  fest  umstrickt,  daß  eine
dritte  fürstliche  Heirat  fast  unmöglich  schien.  Mit  albernem,  läppischem
Zeitvertreib  brachte  er  seine  Tage  dahin  und  fühlte  sich  wohl  in  schlechter
Gesellschaft,  die  freilich  nicht  murren  durfte,  wenn  es  ihm  plötzlich  einfiel,
den  Fürsten  herauszukehren.  Roh,  ungebildet,  grob  sinnlich,  jähzornig,
nicht  ohne  Verstand  und  derben  Humor,  lernte  er  niemals  ernsthaft  zu
arbeiten.  Als  eingefleischter  Däne  haßte  er  alles  Fremde;  die  ausgelassene
Lustigkeit  der  Matrosen,  die  in  der  C4°8s  Halle  und  in  den  anderen  Spelunken
  an  der  Kopenhagener  Knüppelbrücke  ihre  Späße  trieben,  behagte

 

*)  Berichte  von  Graf  Platen,  Berlin,  11.  Juni;  von  Graf  Arnim,  Wien,  14.  Juni
1847.
        <pb n="595" />
        Gesamtstaats-Pläne.  Friedrich  VII.  587

ihm  besser  als  das  gemessene  Wesen  der  Schleswigholsteiner.  Den  libe—
ralen  Ideen  war  er  nicht  feind,  obgleich  er  eigentlich  gar  keine  politischen
Grundsätze  besaß.  Von  seinem  Vater  hatte  er  nichts  geerbt  als  die
Furchtsamkeit  und  die  unkriegerischen  bequemen  Gewohnheiten.  Frisch  und
männlich  erschien  der  Schwerfällige  nur,  sobald  er  an  Bord  eines  Schiffes
trat;  wenn  ihn  irgend  etwas  begeistern  konnte,  so  waren  es  die  Erinne—
rungen  an  die  Seekönige  des  Nordens,  und  das  alte  Volkslied:  König
Christian  stand  am  hohen  Mast!

Der  alte  König  hatte  noch  während  seiner  letzten  Krankheit  in  einem
langen  Briefe  seine  Ratschläge  für  die  neue  Regierung  niedergelegt.  Der
Nachfolger  zeigte  sich  zuerst  ganz  als  guter  Sohn;  er  ernannte,  nach  des
Vaters  Wunsche,  den  Grafen  Carl  Moltke  zum  Staatsminister  und  ver—
kündete  durch  ein  Manifest  alsbald  den  Entschluß,  die  von  seinem  Vor—
gänger  „beabsichtigte  Ordnung  der  öffentlichen  Verhältnisse  zu  Ende  zu
bringen“.  Die  den  politischen  Verbrechern  gewährte  Amnestie  mußte  den
Herzogtümern  freilich  wie  Hohn  klingen,  weil  dort  keiner  der  zahlreichen
Prozesse  zu  einer  Verurteilung  geführt  hatte.  Aber  schon  am  28.  Jan.  berief
  ein  königliches  Kanzlei-Patent  52  erfahrene  Männer,  je  26  aus  dem
Königreiche  und  aus  Schleswigholstein,  nach  der  Hauptstadt,  um  ihr  Gut—
achten  abzugeben  über  die  Gesamtstaatsverfassung  des  verstorbenen  Mon—
archen.  Sechzehn  davon  ernannte  der  König  selbst,  die  übrigen  wurden  vom
Lande  erwählt.  Auch  die  Form  war  klug  berechnet;  das  Patent  sprach
immer  nur  von  „Unserem  Königreich  Dänemark  und  Unseren  Herzog—
tümern  Schleswig  und  Holstein“,  es  schien  also  die  staatsrechtliche  Ver—
bindung  der  beiden  deutschen  Lande  stillschweigend  anzuerkennen.  Der  Ver—
fassungsplan  schloß  sich  eng  an  das  Vorbild  Preußens  an;  die  Provinziallandtage
  blieben  erhalten,  doch  über  ihnen  stand  künftighin  ein  Gesamtstaats-Reichstag,
  der,  bald  im  Königreiche,  bald  in  den  Herzogtümern  tagend,
  über  gemeinsame  Gesetze  und  neue  Steuern  frei  beschließen  sollte.
Es  war  das  letzte  Meisterstück  des  listigen  alten  Königs.  Die  scheinbare
Gleichstellung  der  beiden  ungleichen  Hälften  des  Gesamtstaats  sollte  den
Deutschen  schmeicheln;  und  doch  konnte  die  Krone  hoffen,  durch  ihre  sechzehn
  Vertrauensmänner  sowohl  die  Schleswigholsteiner  wie  die  radikalen
Eiderdänen  niederzuhalten.  Hätte  König  Christian  noch  gelebt,  so  war
ein  Erfolg,  freilich  nur  für  den  Augenblick,  vielleicht  denkbar.  Doch
was  ließ  sich  jetzt  erwarten,  unter  einem  Monarchen,  dem  die  Dänen
niemals  Achtung,  die  Deutschen  niemals  Vertrauen  schenken  konnten?

Sowie  der  alte  König  die  Augen  geschlossen  hatte,  trat  die  Kopenhagener
  Demokratie  höchst  ungebärdig  auf.  Eine  Schrift  der  Professoren  Clausen
  und  Schouw  verkündete  sofort  in  ungestümer,  drohender  Sprache  das
eiderdänische  Programm:  Danisierung  Schleswigs,  Abtrennung  Holsteins.
Eine  Versammlung  von  Stadtvertretern,  die  der  alte  Heißsporn  Etatsrat
Hvidt  berufen  hatte,  sendete  dem  neuen  Herrscher  eine  Deputation  ins
        <pb n="596" />
        588  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

Schloß,  um  sofortige  Anderung  der  Verfassung  zu  verlangen.  König  Friedrich
  ließ  die  Abgesandten  nicht  vor,  aber  zugleich  berief  er  seinen  Freund
Bardenfleth,  einen  fanatischen  Dänen,  in  das  Ministerium.  Die  Eiderdänen
  witterten  Morgenluft;  sie  verlangten  stürmisch,  die  erfahrenen
Männer  müßten  nach  der  Kopfzahl  erwählt  werden,  also  je  fünf  Dänen  auf
drei  Deutsche.  Die  Schleswigholsteiner  hingegen  bemühten  sich  bis  zum
letzten  Augenblicke,  in  den  Schranken  der  Mäßigung  zu  verbleiben;  sie
wollten  die  dargebotene  Hand  des  neuen  König-Herzogs  nicht  von  sich
stoßen.  Auf  einer  Zusammenkunft  in  Kiel,  wo  sich  die  Landtagsabgeordneten
  beider  Herzogtümer  vollzählig  einfanden,  sprachen  Reventlow  und
Beseler  sehr  besonnen;  man  beschloß  (17.  Febr.),  die  Wahl  der  erfahrenen
Männer  vorzunehmen.  Aber  jedem  der  Gewählten  wurde  anheimgegeben,
das  deutsche  Recht  nach  Gewissenspflicht  zu  verwahren.  An  eine  friedliche
Verständigung  glaubten  nur  noch  wenige;  Reventlow  und  Beseler  hatten
bereits  im  letzten  Herbst  die  Möglichkeit  eines  offenen  Kampfes  zusammen
erwogen.  Schon  die  Einberufung  dieser  Versammlung  selber,  die  doch
nichts  anderes  war  als  ein  Vereinigter  Landtag  Schleswigholsteins,  zeigte
deutlich,  wie  der  alte  Gesamtstaat  aus  den  Fugen  ging.  Die  Augustenburger
  begannen  alsbald  die  Brücken  hinter  sich  abzubrechen.  Bei
Christians  pomphaftem  Begräbnis  war  keiner  aus  ihrer  Linie  zugegen;
und  als  ihnen  der  neue  Herrscher,  allerdings  gegen  den  Hausbrauch  der
letzten  Jahrzehnte,  die  Erneuerung  ihres  Huldigungseides  zumutete,  da
weigerte  sich  der  Herzog  sowohl  wie  der  Prinz  von  Noer.  König  Friedrich
sah  in  alledem  berechnete  Auflehnung.“)

So  gespannt  war  die  Lage.  Jeden  Augenblick  konnte  die  nationale
Leidenschaft  hüben  oder  drüben  losbrechen  und  das  blutige  Spiel  um
Deutschlands  Nordmark  beginnen.  Der  König  von  Preußen  bemerkte  dies
wohl.  Er  sendete  bald  nach  dem  Thronwechsel  seinen  vertrauten  General
Gerlach  nach  Kopenhagen,  angeblich  um  sein  Beileid  auszusprechen,  in
Wahrheit  um  zu  beobachten  und  nötigenfalls  zu  raten.  Canitz  ließ  den  General
  durch  den  gescheiten  Legationsrat  Grafen  Hans  v.  Bülow  über  die
dänischen  Verhältnisse  genau  unterrichten  und  erteilte  ihm  selbst  (4.  Febr.)
ausführliche  Weisungen,  die  nur  von  neuem  bewiesen,  wie  harmlos  ehrlich
  die  preußische  Regierung  verfuhr,  aber  auch,  wie  wenig  sie  den  Ernst
der  Zeit  und  die  Macht  der  nationalen  Gegensätze  verstand.  Noch  immer
betrachtete  Canitz  den  Streit  zwischen  Dänen  und  Deutschen  als  bare
Torheit;  er  hielt  Dänemark  für  Deutschlands  natürlichen  Verbündeten,
da  seine  Flotte  ja  bei  uns  keinen  Nebenbuhler  zu  fürchten  hätte.  Diesen
Verbündeten  wollte  er  nicht  schwächen;  darum  verwarf  er  sowohl  die  Politik
der  Eiderdänen,  die  in  blindem  Deutschenhaß  ihren  eigenen  Vorteil  verkännten,
  wie  den  Plan  Schleswig  für  Deutschland  zu  erobern,  einen  Plan,

 

*)  Schoultz  v.  Ascheradens  Berichte,  19.  28.  Febr.  1848.
        <pb n="597" />
        Erfahrene  Männer.  Gerlach  von  Kopenhagen.  589

der  „aus  einer  unrichtigen,  wenigstens  unklaren  Auffassung  des  Begriffes
der  Nationalität  entspringe“.  Er  wünschte  nach  wie  vor  die  Integrität
der  dänischen  Monarchie,  womöglich  unter  dem  augustenburgischen  Herr—
scherhause.  Aber  an  den  althistorischen  Rechten  der  Herzogtümer  hielt
er  fest:  „wir  müssen  vorangehen;  es  ist  eine  von  den  seltenen  Sachen,
wo  wir  auf  die  Zustimmung  der  deutschen  Bundesregierungen  rechnen
können.“7)

Durch  Unwetter  aufgehalten,  konnte  Gerlach  erst  am  15.  Febr.  in  der
dänischen  Hauptstadt  eintreffen.  Unterwegs  hatte  er  Falck,  Reventlow  sowie
  andere  deutsche  Patrioten  gesprochen  und  fühlte  sich  angenehm  überrascht,
  in  diesen  Schleswigholsteinern,  die  doch  mit  allen  deutschen  „Wühlern“
  verbündet  waren,  so  konservative  Männer  kennen  zu  lernen.  Diese
unschuldigen  Gespräche,  bei  denen  er  streng  die  Rolle  des  vorsichtigen  Beobachters
  einhielt,  wurden  ihm  freilich  von  den  Dänen  als  verräterische
Umtriebe  angerechnet.  In  Kopenhagen  bemerkte  er  sogleich,  wie  alles  aus
Rand  und  Band  ging.  Er  durchschaute  die  vollendete  Nichtigkeit  Friedrichs
  VII.  und  die  Zwietracht  seiner  Räte,  die  Schwäche  des  einzigen
deutschgesinnten  Ministers  Heinrich  Reventlow;  er  begriff,  daß  die  Verfassung
  unmöglich  gelingen  konnte,  solange  die  Erbfolgefrage  in  der  Schwebe
blieb;  er  erkannte  sogar,  daß  weder  die  Dänen  noch  die  Deutschen  mehr
an  die  Integrität  des  alten  Gesamtstaats  glaubten.  Aber  wie  scharfsinnig
er  auch  im  einzelnen  urteilte,  eine  kühne  nationale  Politik  hielt  er  für
eine  Träumerei  der  „Germanomanen“;  an  die  Möglichkeit  einer  Machterweiterung
  Preußens  dachte  er  niemals.  Sein  letzter  Rat  ging  dahin:
Preußen  sollte  sich  zunächst  mit  Rußland  und  Österreich  verständigen,  damit
  nachher  die  dänische  Thronfolge,  wie  einst  die  badische,  durch  eine  europäische
  Entscheidung  friedlich  geregelt  würde.  Als  Graf  Reventlow-Preetz
ihn  bestimmt  fragte:  wird  der  Deutsche  Bund  uns  Holsten  schützen,  falls
Dänemark  uns  eine  Verfassung  aufzuzwingen  oder  Schleswig  von  uns  loszureißen
  wagt?  —  da  antwortete  der  General  ausweichend,  Schleswig  gehöre
  ja  nicht  zum  Bunde,  und  rechtfertigte  sich  vor  seinem  Monarchen  also:
„Ich  glaube  nicht,  da  der  Fall  mir  wenigstens  nicht  klar  ist,  durch  die
Autorität  des  Abgesandten  Ew.  Maj.  die  Opposition  der  Herzogtümer
verstärken  zu  dürfen.“)  Wahrlich,  Preußen  durfte  wie  der  Sohn  des
Laios  sagen:  so,  gar  nichts  ahnend  kam  ich  nun,  wohin  ich  kam!  Währenddem
  tobte  die  gesamte  Presse  Westeuropas  wider  la  politique  envahissante
de  IAllemagne;  und  über  König  Friedrich  Wilhelm,  den  man  aus  seinen
Reden  doch  endlich  kennen  mußte,  urteilte  Lamartine:  das  sei  ein  fürchterlicher
  Kraftmensch,  „fähig,  alles  zu  verstehen,  alles  zu  versuchen,  alles
zu  wagen!“

*)  Canitz,  Weisung  an  Gerlach,  4.  Febr.  1848.

**)  Gerlachs  Berichte  an  den  König,  16.  19.  28.  Febr.,  1.  März,  an  Canitz,  24.  Febr.
1848.
        <pb n="598" />
        590.  V.  7.  Polen  und  Schleswigholstein.

Der  preußische  Abgesandte  weilte  schon  seit  zwei  Wochen  am  Sunde
und  dachte  noch  länger  zu  bleiben;  da  kam  am  2.  März  die  Nachricht
von  dem  Sturze  des  Juli-Königtums  und  zwang  ihn  zu  schleuniger  Heimkehr.
  Kaum  hatte  er  die  Insel  verlassen,  so  fand  die  Pariser  Revolution
in  Kopenhagen  einen  donnernden  Widerhall.  Eine  stürmische  Volkserhebung
  warf  die  Gesamtstaatspläne  über  den  Haufen,  führte  die  eiderdänische
  Partei  ans  Ruder  und  zwang  den  König  Friedrich  zu  einer  Gewalttat,
  die  seinen  stillen  Herzensmeinungen  wohl  entsprechen  mochte.
Mit  einem  Federzuge  wurde  die  vierhundertjährige  Einheit  Schleswigholsteins
  vernichtet.  Jetzt  blieb  keine  Wahl  mehr.  Vor  dem  ehrlichen  Radikalismus
  des  Krieges  mußte  jede  Halbheit  verschwinden.  Unsere  Nordmark
  stand  vor  der  Frage:  dänisch  oder  deutsch?  —
        <pb n="599" />
        Achter  Abschnitt.

 

Der  Vereinigte  Landtag.

Nach  so  vielen  Enttäuschungen  und  Niederlagen  blickte  König  Friedrich
  Wilhelm  noch  immer  sorglos,  heiter  in  das  Leben.  Wie  ein  humoristischer
  Künstler  verstand  er,  sobald  der  erste  Zorn  verraucht  war,  jedes
Argernis  mit  einem  guten  oder  schlechten  Witze  von  sich  abzuschütteln;
und  wenn  er  sich  zuweilen  selber  anklagte,  so  erhob  er  sich  stets  wieder
an  dem  Glauben,  daß  er  kraft  der  göttlichen  Weihe  seiner  Krone  den
Lauf  der  Welt  besser  übersähe  als  alle  anderen  Sterblichen.  So  schritt
er  über  den  Wolken  dahin,  im  Wahne  seiner  königlichen  Unfehlbarkeit.  Und
wie  einsam  war  es  um  ihn  geworden  in  kurzen  fünf  Jahren.  An  seine
staatsmännische  Weisheit  glaubten  nur  noch  wenige,  bei  jedem  Schritte
stieß  er  auf  ein  unüberwindliches  Mißtrauen;  Eichhorn  und  Bodelschwingh
vernutzten  ihre  edle  Kraft  im  aussichtslosen  Kampfe  wider  eine  öffentliche
Meinung,  die  mit  all  ihrer  Torheit  doch  eine  lebendige  Macht  war.

Der  Volksgunst  erfreute  sich  unter  allen  Ministern  nur  einer,  General
  Boyen.  Der  Organisator  der  Landwehr  galt  nach  der  volkstümlichen
Legende  zugleich  für  einen  Märtyrer  liberaler  Überzeugungstreue,  und
sein  tapferes  Landwehrlied:  „Recht,  Licht  und  Schwert“,  das  der  König
doch  selbst  mit  herzlicher  Freude  aufgenommen  hatte,  wurde  von  den  Unzufriedenen
  sogar  zur  Verhöhnung  der  Regierung  mißbraucht.  Als  Eichhorn
  bei  einem  Berliner  städtischen  Feste  einen  Trinkspruch  ausbrachte
und  auch  auf  kirchliche  Dinge  zu  reden  kam,  da  unterbrachen  ihn  die
Hörer  stürmisch;  sie  verlangten,  daß  Boyens  Nationallied  gespielt  würde,
und  sangen  dem  Minister  unter  spöttischem  Jubel  die  Verse  zu:

Erfülle  treu  die  Bürgerpflicht,

Dann  kümmert  mich  dein  Glaube  nicht!
Solche  Auftritte  kränkten  den  alten  Helden  tief,  denn  immer  hatte  er  hoch
über  den  Parteien  gestanden.  Je  schmerzlicher  er  fühlte,  daß  seine  rationalistische
  Frömmigkeit  von  der  kirchlichen  Romantik  des  Königs  weit  abstand,
um  so  ernster  betätigte  er  überall  seine  streng  monarchische  Gesinnung.
Vom  Herde  des  Radikalismus  flogen  dann  und  wann  schon  einige  Funken
        <pb n="600" />
        592  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

in  die  Armee  hinüber;  die  Leutnants  Anneke,  Willich  und  einige  andere
junge  Offiziere  wurden  entlassen,  weil  sie  republikanische  oder  auch  kommunistische
  Lehren  mit  dreister  Unbefangenheit  verbreiteten.  Sie  fanden
in  der  Presse  begeisterte  Fürsprecher,  mehrere  von  ihnen  tauchten  nachher
als  Barrikadenkämpfer  wieder  auf.  Bei  diesen  Untersuchungen  zeigte  sich
Boyen  stets  unerbittlich,  zum  Erstaunen  seiner  liberalen  Bewunderer;  er
wußte,  was  die  Treue  im  Heere  bedeutet.

Seine  zweite  Amtsführung  brachte  der  Armee  —  außer  der  neuen
Uniformierung,  die  wesentlich  des  Königs  eigenes  Werk  war  —  noch  eine
folgenreiche  Reform:  nach  langjährigen  Versuchen  und  Beratungen  wurde
(1847)  beschlossen,  das  leichte  Perkussionsgewehr,  den  Dreyseschen  Zündnadel-Hinterlader
  nach  und  nach  bei  der  gesamten  Infanterie  einzuführen.
  Leicht  war  der  Entschluß  nicht.  Zwar  Boyen  selbst,  der  alles
in  großem  Stile  trieb  und  die  Gegenwart  gern  in  ihrem  historischen  Zusammenhange
  auffaßte,  erklärte  zuversichtlich,  diese  Reform  entspreche  den
alten  Traditionen  des  preußischen  Fußvolks,  das  ja  immer,  schon  in  den
Tagen  des  Großen  Kurfürsten  und  des  alten  Dessauers,  durch  rasches
Feuern  seine  Überlegenheit  gezeigt  hatte;  auch  der  leicht  begeisterte  König
weissagte  der  neuen  Waffe  glänzende  Erfolge  für  das  Vaterland.  Aber
viele  tüchtige  Offiziere  hegten  ernste  Bedenken;  sie  hielten  für  unzweifelhaft,
  daß  eine  mit  so  rasch  feuernden  Gewehren  bewaffnete  Truppe  sich
schon  beim  Beginn  des  Gefechts  verschießen  und  bald  wehrlos  dastehen
müsse,  denn  kein  Führer  sei  im  stande,  die  Mannschaft  ganz  in  seiner
Hand  zu  halten,  ihre  Blutleckerei  oder  auch  ihre  Furcht  sicher  zu  bändigen.
  Glücklicherweise  wurde  diese  Meinung  überall  im  Auslande  geteilt.
  Niemand  mochte  dem  preußischen  Beispiele  folgen,  am  wenigsten
die  kleinen  deutschen  Heere,  denn  die  einen  hemmte  die  Bequemlichkeit,
die  anderen  das  Mißtrauen  gegen  alles,  was  aus  Preußen  kam.  So  blieb
dem  preußischen  Heere  genügende  Zeit,  die  neue  Bewaffnung  vollständig
einzuführen  und  zugleich  die  Mannszucht  des  Fußvolks  so  streng  und
sicher  durchzubilden,  daß  jeder  Gemeine  sein  Gewehr  mit  ÜUberlegung  handhabte.
  Nach  neunzehn  Jahren  sollte  die  Welt  erfahren,  welch  ein  Vermächtnis
  Boyen  seinem  Volke  mit  dieser  Waffe  hinterlassen  hatte.

Aus  seiner  altväterischen  Höflichkeit  klang  noch  der  gefühlvolle  Ton
des  Zeitalters  der  Befreiungskriege  heraus.  Überkluge  Leute  meinten
wohl,  der  Alte  hätte  sich  überlebt,  und  den  raschen  Wagemut  seiner
Jugend  besaß  er  allerdings  nicht  mehr  ganz,  aber  auf  neue  Ideen  ging  er
noch  immer  freudig  ein.  Oberstleutnant  Griesheim  und  andere  Offiziere
seines  Ministeriums  dienten  ihm  als  einsichtige  Gehilfen,  und  in  den
zahlreichen  Kommissionsberatungen  dieser  Jahre  erwarb  er  sich  auch,  trotz
mancher  Meinungsverschiedenheit,  die  Freundschaft  und  Bewunderung  des
Prinzen  von  Preußen.  Unter  des  Prinzen  entscheidender  Mitwirkung
ward  ein  vereinfachtes  Exerzierreglement  für  die  Infanterie  vollendet;
        <pb n="601" />
        Boyens  zweite  Amtsführung.  593

auch  der  fröhliche  friderizianische  Reitergeist  belebte  sich  wieder  und  die
steifen  Paradekünste  der  langen  Friedenszeit  gerieten  in  Verruf,  seit
General  Wrangel  auf  den  Kavalleriemanövern  von  1843  gezeigt  hatte,
was  der  weit  ausholende  Angriff  großer  Reitermassen  zu  leisten  vermag.
Inzwischen  erhielt  die  Armee  neue  Kriegsartikel  und  ein  wohl  durchdachtes
  Militärstrafgesetzbuch,  woran  die  Räte  des  Justizministeriums
und  die  Offiziere  gemeinsam  gearbeitet  hatten.

Die  Organisation  des  Heeres  aber,  deren  Mängel  doch  mit  jedem
Jahre  greller  hervortraten,  blieb  leider  unverändert.  Je  stärker  die  Bevölkerung
  anwuchs,  um  so  weiter  entfernte  man  sich  unwillkürlich  von  dem
großen  Grundsatze  der  allgemeinen  Wehrpflicht.  Die  Masse  der  Reklamationen,
  welche  bei  den  Mobilmachungen  der  dreißiger  Jahre  und  nachher
noch  bei  jeder  Landwehrübung  einliefen,  bewies  keineswegs,  wie  die
Schwarzseher  behaupteten,  daß  der  opferfreudige  Sinn  im  preußischen
Volke  erstorben  war,  sie  war  vielmehr  nur  die  natürliche  Folge  der  fehlerhaften
  Heeresverfassung.  Mußte  der  Landwehrmann  nicht  über  Ungerechtigkeit
  klagen,  wenn  er  von  Weib  und  Kind,  von  den  dringenden  Arbeiten
seines  Geschäfts  hinweggerufen  wurde,  während  Tausende  jüngerer,  wehrkräftiger
  Männer  dienstfrei  blieben?  Boyen  entwickelte  die  Gedanken,  die
ihn  bei  seinem  Wehrgesetze  geleitet  hatten,  kurz  vor  seinem  Rücktritt  (1847)
noch  einmal  in  einer  großen  Denkschrift  „Überblick  der  preußischen  Heerverfassung
  und  ihrer  Kosten  seit  dem  Großen  Kurfürsten“.  Er  wollte  „ein
von  der  übrigen  Landesbewaffnung  getrennt  zu  bewegendes  stehendes
Heer“,  denn  eine  reine  Linien-Armee  sei,  wegen  der  Masse  der  Beurlaubten,
  „vor  erklärtem  Kriege  das  unbeweglichste  Ding  von  der  Welt“.  Er
verlangte,  dies  stehende  Heer  müsse  zu  einem  Viertel  aus  altgedienten  Kapitulanten
  bestehen  und  so  stark  sein,  daß  bei  dreijähriger  Dienstzeit  die
gesamte  Mannschaft  der  Landwehr  in  seinen  Reihen  ausgebildet  würde.
Aber  wie  wenig  entsprach  die  Wirklichkeit  diesen  wohlberechtigten  Grundsätzen!
  Die  stehende  Armee  war  so  schwach,  daß  sie  getrennt  von  der
Landwehr  nicht  wirksam  bewegt  werden  konnte.  Nicht  zum  Kriege,  sondern
  lediglich  zur  Bewachung  seiner  Grenzen  hatte  der  Staat  nach  1830,
unter  schwerer  Schädigung  der  Volkswirtschaft,  den  größten  Teil  des  ersten
Aufgebots  der  Landwehr  unter  die  Fahnen  rufen  müssen.  Die  Zahl  der
Kapitulanten  wurde  stark  herabgesetzt,  da  bei  dem  steigenden  Arbeitslohn
der  bürgerlichen  Gewerbe  der  Soldatendienst  so  wenig  lockend  erschien;
man  verlangte  ihrer  nur  noch  720  für  die  vier  Linien-Infanterieregimenter
jedes  Armeekorps.  Doch  selbst  diesen  verringerten  Anforderungen  wurde
nicht  von  fern  genügt;  das  arme  Ostpreußen,  das  noch  die  meisten  schlecht
gelohnten  Arbeiter  besaß,  stellte  für  sein  erstes  Armeekorps  (1847)  nur
449  Kapitulanten,  das  rheinische  Armeekorps  zählte  ihrer  gar  nur  150.

Zudem  diente  die  Masse  der  Mannschaft  jetzt  nur  noch  zwei  Jahre.  Sehr
ungern,  „allein  dem  Drange  der  Umstände“  weichend,  hatte  der  alte  König

v.  Treltschke,  deutsche  Geschichte.  V.  38
        <pb n="602" />
        594  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

einst  dies  leidige  Auskunftsmittel  falscher  Sparsamkeit  genehmigt  und  nachher
  (1837)  ausdrücklich  verfügt,  die  Neuerung  müsse  aufhören,  sobald  „die
Verhältnisse  die  allgemeine  Verlängerung  der  Dienstzeit  bei  der  Infanterie
gestatteten“.  Seine  Befürchtungen  rechtfertigten  sich  nur  zu  sehr.  Die
zweijährige  Dienstzeit  brachte  zwar  den  doppelten  Vorteil,  daß  nunmehr
eine  stärkere  Anzahl  von  Wehrpflichtigen  eingestellt  und  alle  Landwehrmänner
  im  stehenden  Heere  ausgebildet  werden  konnten,  während  im  Jahre
1831  noch  die  größere  Hälfte  der  Landwehr  aus  mangelhaft  oder  gar  nicht
geschulten  Landwehr-Rekruten  bestanden  hatte.  Dafür  sank  die  Kriegstüchtigkeit
  der  Linie  selbst;  die  faulen  und  unlustigen  Leute  ließen  sich
gehen,  da  sie  wußten,  daß  sie  doch  allesamt  nach  zwei  Jahren  entlassen
würden,  die  Offiziere  erlagen  fast  der  Last  der  Arbeit,  seit  sie  Jahr  für
Jahr  die  Hälfte  ihrer  Kompagnie  neu  ausbilden  mußten,  und  immer  wieder
  mahnte  der  Prinz  von  Preußen:  die  Erfahrung  lehre,  daß  diese  unmäßig
  verkürzte  Dienstzeit  die  Armee  verderbe.

Wohl  stand  das  preußische  Heer  noch  immer  unter  allen  deutschen
Kontingenten  obenan;  doch  dies  wollte  leider  nicht  viel  sagen.  Sollte
Preußen  seiner  großen  Zukunft  sicher  entgegengehen,  so  mußte  endlich  einmal
  eine  starke  Ausgabe  für  das  so  lange  kümmerlich  behandelte  Heer  gewagt
  werden.  Die  Finanzen  blühten,  die  wirtschaftliche  Kraft  des  Volks
war  jetzt  genugsam  erstarkt.  Solches  vermochte  freilich  nur  ein  starker
Wille,  denn  in  diesem  Staate  hing  das  Heerwesen  mit  der  gesamten  Verfassung
  innig  zusammen.  Wenn  die  Krone  den  unseligen  Verfassungsstreit
rechtzeitig  abschloß,  so  daß  sie  fortan  den  Eisenbahnbau  durch  unanfechtbare
  Anleihen  sichern  konnte,  dann  boten  ihr  die  reichen  üÜberschüsse
des  Staatshaushalts  und  vielleicht  noch  ein  mäßiger  Steuerzuschlag  vollauf
  genügende  Mittel,  um  die  gesetzlich  dreijährige  Dienstzeit  wieder  einzuführen
  und  das  stehende  Heer  durch  einige  Jahrgänge  der  jüngsten  Wehrmänner
  also  zu  verstärken,  daß  die  Masse  der  Landwehr,  ihrem  ursprünglichen
  Berufe  gemäß,  der  Regel  nach  nur  in  der  Heimat  zu  dienen  brauchte.
An  so  kühne  Reformgedanken  wollte  aber  Boyen  jetzt  im  hohen  Alter
nicht  mehr  herantreten.  Ihm  verdankte  Preußen  das  Wehrgesetz,  und  zweimal
  im  Leben  einen  so  großen  Wurf  zu  wagen,  übersteigt  fast  die  Kräfte
eines  Mannes.  Der  friedfertige  König  vollends  war  für  verwegene  militärische
  Pläne  ganz  unzugänglich,  er  hatte  sich  heilig  vorgenommen,
die  Steuern  bei  seinen  Lebzeiten  nie  zu  erhöhen;  und  nun  gar  die  öffentliche
  Meinung,  die  beständig  über  die  schwere  Militärlast  klagte,  hätte
damals  eine  Verstärkung  des  Heeres  geradezu  als  Wahnsinn  betrachtet,
sie  bedurfte  noch  langer,  wirrenreicher  Jahre,  bis  sie  das  Notwendige
endlich  einsah.  So  blieb  es  denn  bei  der  alten  Ordnung,  das  stehende
Heer  vermehrte  sich,  trotz  der  stärkeren  Einstellung,  nicht  um  einen  Mann.
Die  Ausgaben  für  das  Heer  stiegen  in  diesen  acht  Jahren  von  25  auf
mehr  als  28  Mill.  Tlr.,  weil  die  Neubewaffnung  des  Fußvolkes,  die  Um-
        <pb n="603" />
        Zweijährige  Dienstzeit.  Linie  und  Landwehr.  595

arbeitung  der  Feldgeschütze,  die  dringend  nötigen  Soldzulagen  für  ältere
Unteroffiziere  großen  Aufwand  forderten.  Dafür  suchte  man  im  einzelnen
ängstlich,  oft  zum  Schaden  des  Dienstes  zu  sparen.  Sogar  die  Übungen
der  Linientruppen  wurden  verkürzt,  und  selbst  für  den  Kriegsfall  versprach
man  sich  beträchtliche  Ersparungen  von  einem  neu  ausgearbeiteten  Mo—
bilmachungsplane.7)  Als  der  Kriegsminister  zum  zweiten  Male  zurücktrat,
da  war  das  Heer  treu  wie  Gold  und  nach  wie  vor  sehr  tüchtig,  aber  in
seiner  Organisation  so  mangelhaft,  daß  ihm  in  unruhiger  Zeit  peinliche
Erfahrungen  nicht  erspart  bleiben  konnten.

Weil  er  seine  Landwehr  überschätzte,  hatte  Boyen  einst  zum  ersten
Male  sein  Amt  aufgeben  müssen,  und  seltsamerweise  war  er  in  zwanzig
Friedensjahren  von  diesem  alten  Lieblingsgedanken  noch  nicht  ganz  losgekommen.
  Nichts  lag  dem  genialen  Manne  ferner  als  die  laienhafte
Schwärmerei  für  ein  ungeschultes  Volksheer.  Wenn  man  ihn  fragte,
warum  er  nicht  einfach  die  improvisierte  Landwehr  des  Jahres  1813  beibehalten
  habe,  dann  antwortete  er  scharf:  „weil  ich  etwas  Besseres  wollte,
als  was  die  Not  geboren  hatte.“  Gleichwohl  verlangte  er,  daß  die  Landwehr,
  die  doch  jetzt  nur  aus  gedienten  Soldaten  bestand,  unabhängig  neben
der  Linie  stehen  müsse.  „Es  liegt  im  Geiste  der  Landwehr,“  so  sagte  er
noch  in  seiner  letzten  Denkschrift,  „daß  ihre  Offiziere  bis  zum  Hauptmann
aus  ihr  selbst  hervorgehen;“  jungen  Leutnants  von  der  Linie  wollte  er
die  Führung  alter  Wehrmänner  nicht  anvertrauen.  Unter  den  fast  durchweg
  patriotisch  und  wissenschaftlich  gebildeten  Landwehroffizieren  befanden
sich  aber  nach  so  langer  Friedenszeit  nur  noch  wenige  streng  militärisch
geschulte,  und  unter  diesen  wieder  nur  wenige,  die  sich  jederzeit  von  den
Pflichten  ihres  bürgerlichen  Berufes  befreien  konnten,  um  der  Fahne  zu
folgen.  Da  die  Landwehr  auch  an  brauchbaren  Unteroffizieren  Mangel  litt,
so  bedurfte  sie  durchaus  einer  großen  Zahl  abkommandierter  Linienoffiziere,
zumal  für  die  verantwortlichen  Stellen  der  Kompagnieführer.  Darum
hatte  der  alte  König  immer,  gegen  Boyens  Widerspruch,  die  geschlossene
Einheit  des  Heeres,  die  feste  Verbindung  zwischen  Linie  und  Landwehr
zu  wahren  gesucht.  Diese  Meinung  vertraten  auch  jetzt  noch  nachdrücklich
der  Prinz  von  Preußen  und  der  vertraute  General  à  la  sSuite  v.  Forstner.
Der  neue  König  aber  ließ  den  Kriegsminister  gewähren,  und  Boyen  ernannte,
  im  festen  Vertrauen  auf  die  bürgerliche  „Intelligenz“,  nach  und
nach  eine  große  Anzahl  von  Landwehrhauptleuten  —  bis  sich  dann  in  den
Revolutionsjahren  herausstellte,  daß  gerade  in  den  westlichen  Provinzen,
die  sich  so  gern  ihrer  überlegenen  Bildung  rühmten,  die  Menge  der  unabkömmlichen
  oder  unverwendbaren  Landwehroffiziere  besonders  groß  war.

Erstaunlich  doch,  wie  der  preußische  Organisator  auf  diesem  Gebiete

 

*)  General  v.  Reyher,  Denkschrift  über  den  Mobilmachungsplan  (an  Thile),  9.  April
1847.

38“
        <pb n="604" />
        596  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

so  ganz  anders  verfuhr  als  sein  Vorbild  Carnot.  Der  Franzose  hatte  einst
das  Heer  gekräftigt  durch  die  Vereinigung  der  Linie  mit  dem  Volksaufgebote,
  der  Deutsche  suchte  beide  streng  auseinander  zu  halten.  Er  erwirkte
sogar  (1847)  einen  königlichen  Befehl,  kraft  dessen  auch  die  Landwehrschwadronen
  künftighin  nur  im  Notfalle  durch  Linienoffiziere  befehligt
werden  sollten;  und  doch  ließen  sich  rüstige  Landwehrrittmeister  noch  weit
schwerer  auffinden  als  tüchtige  Landwehrhauptleute.  Er  beförderte  selbst
einzelne  Landwehroffiziere  in  die  Stabsoffiziersstellen,  was  seit  1820  fast
nie  mehr  geschehen  war.  Auch  das  übertriebene  Lob,  das  er  nach  jedem
Manöver  den  Landwehren  spenden  ließ,  wirkte  schädlich.  In  dieser  Begünstigung
  der  Landwehr  lag  die  Schwäche  seiner  zweiten  Amtsführung,
und  es  konnte  nicht  fehlen,  daß  die  Linienoffiziere  oft  über  ihn  klagten;
selbst  General  Canitz  sprach  von  dem  alten  Kriegsminister  mit  der  ärgsten
Ungerechtigkeit.  Ohnehin  hatte  der  langweilige  Frieden  in  der  Armee  viel
böses  Blut  aufgeregt.  Das  Avancement  stockte  gänzlich;  die  Hauptleute
waren  im  Durchschnitt  älter  als  vor  der  Schlacht  von  Jena,  zudem  schlechter
  bezahlt  und  unvergleichlich  stärker  beschäftigt.  Die  Linienregimenter
murrten,  weil  die  Garde  ihnen  die  von  ihr  selbst  schlecht  ausgebildeten
Offiziere  zusendete.  Über  den  unmilitärischen  Monarchen  erlaubten  sich
selbst  die  jüngeren  königlichen  Prinzen  zuweilen  rücksichtslose  Urteile.)
Seit  dem  Tode  Grolmans  (1843)  war  der  Prinz  von  Preußen  die  Hoffnung
  der  Armee,  und  von  ihm  wußte  man  doch  auch,  daß  er  mit  dem
königlichen  Bruder  wenig  übereinstimmte,  obschon  er  im  Kreise  der
Offiziere  stets  eine  gemessene  Haltung  bewahrte.

Anhaltende  Streitigkeiten  zwischen  dem  Heere  und  dem  Volke  sind
in  einem  Staate  der  allgemeinen  Wehrpflicht  stets  ein  Zeichen  verschrobener
  politischer  Zustände,  und  in  der  Tat  ließ  es  sich  nur  aus  der
krankhaften  Verstimmung  der  Zeit  erklären,  daß  unter  der  Verwaltung
eines  für  liberal  gehaltenen  Kriegsministers  Bürger  und  Soldaten  häufiger
als  je  zuvor  miteinander  in  Händel  gerieten.  Einige  Schuld  trugen  die
Offiziere  selbst.  Der  hochmütige  Ton  von  1806  wurde  oft  wieder  laut,
in  Berlin  gab  der  Gouverneur  General  Müßffling  durch  schnöde  Behandlung
  der  Gemeindebehörden  ein  schlechtes  Beispiel.  Die  größere  Schuld
trugen  jedoch  die  Parteimänner  der  Opposition,  die  in  selbstmörderischer
Verblendung  das  Heer  reizten  und  beschimpften,  während  die  französischen
Demagogen  den  Truppen  klug  zu  schmeicheln  wußten.  Den  Flugschriften
der  Flüchtlinge  schien  kein  Schmähwort  zu  gemein  für  die  Hundetreue
der  vertierten  Söldlinge,  aber  auch  die  Blätter  der  gemäßigten  Liberalen
redeten  vom  Heere  mit  einer  verständnislosen  Gehässigkeit,  die  wir  heute
kaum  noch  begreifen.  Da  hießen  die  Kadettenhäuser  „Mißgeburten  einer

 

*)  General  v.  Thile  II.,  Denkschrift  über  die  Mißstimmung  in  der  Armee,  o.  D.
(etwa  1847).
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        Streitigkeiten  zwischen  Heer  und  Bürgertum.  597

fernen  Zeit“,  die  Kasernen  Freistätten  des  Lasters  und  der  Menschenquälerei,
  die  Offiziere  anmaßende  Müßiggänger,  das  ganze  Heerwesen  ein
leeres  Spiel,  das  durch  Bürgerwehren  oder  Milizen  ersetzt  werden  müßte.
Das  alt  hergebrachte  Duzen,  ja  selbst  der  urgermanische  Name  der  „Gemeinen“
  wurde  als  ehrenrührig  und  kränkend  gebrandmarkt.  Die  preußische
  Armee  galt  schon  darum  für  besonders  volksfeindlich,  weil  hier  der
von  den  Liberalen  verlangte  Verfassungseid  der  Truppen  noch  unmöglich
  war.  Zu  dieser  alten  Forderung  der  Gesinnungstüchtigen  traten
jetzt  neue  hinzu:  außer  Reih  und  Glied  sollten  die  Offiziere  keine  Uniform,
  die  Soldaten  keine  Waffe  tragen,  und  —  das  war  das  beliebteste
  Schlagwort  des  Tages  —  außer  Dienst  mußte  überhaupt  vollkommene
  Gleichheit  bestehen,  wie  angeblich  in  Frankreich,  nur  im  Dienste
durfte  der  Offizier  Gehorsam  und  Gruß  verlangen.  Wenn  manche  Radikale
  hofften,  durch  solches  Gerede  die  Mannschaft  wider  ihre  Führer  aufzuwiegeln,
  so  sahen  sie  sich  bald  enttäuscht:  das  Band  der  Kameradschaft
hielt  fest,  das  ganze  Heer  fühlte  sich  beleidigt  durch  so  mannigfache
Zeichen  einer  Geringschätzung,  welche  gegenüber  den  verwahrlosten  Truppen
  vieler  Kleinstaaten  wohl  begreiflich,  in  Preußen  aber  nichts  als
grober  Undank  war.

In  Königsberg  überwarf  sich  General  Dohna  mit  der  liberalen  Bürgerschaft
  noch  schneller  als  sein  Vorgänger  Wrangel.  Als  einer  seiner
Leutnants  einen  Referendar  wegen  Majestätsbeleidigung  in  einem  öffentlichen
  Bürgergarten  forderte  und  dann  im  Zweikampf  erschoß,  da  nahm
die  gesamte  Bürgerschaft  für  den  Erschossenen  Partei.  Sie  verlangte,
daß  den  Offizieren  der  Besuch  des  Gartens  verboten  würde;  der  kommandierende
  General,  der  seine  Verachtung  gegen  die  Anhänger  Jacobys  allerdings
  sehr  schroff  aussprach,  wechselte  mit  den  Gemeindebehörden  gereizte
Erklärungen.  Seit  die  Konservativen  Königsbergs  sich  zur  Bekämpfung
der  herrschenden  „Jakobyner“  ein  schlagfertiges  Blatt,  den  „Freimütigen“
geschaffen  hatten,  wurde  der  allezeit  harte  Parteihaß  der  Ostpreußen  maßlos
  heftig.  Ahnliche  Auftritte  spielten  in  anderen  Garnisonen;  in  Mainz,
in  Koblenz,  in  Köln  versuchte  man  mißliebige  Offiziere  aus  den  Kasinos
auszuschließen;  es  schien  fast,  als  könnten  des  Königs  Rock  und  das
Bürgerkleid  nicht  mehr  friedlich  in  einem  Saale  beisammen  weilen.
Auf  der  Kölnischen  Kirmes  (1847)  mußten  die  Truppen  den  lärmenden
  Pöbel  mit  der  blanken  Waffe  auseinander  treiben,  wobei  ein  Faßbinder
  erstochen  wurde;  ein  prächtiger  Leichenzug  verherrlichte  den  Gefallenen,
  die  Bürger  traten  in  Sektionen  zusammen,  um  Zeugen  zu
vernehmen  und  die  Ruhe  zu  sichern,  was  den  ängstlichen  Behörden  schon
als  eine  Erinnerung  an  die  Pariser  Revolutionszeit  ganz  ungehörig  erschien.
  Leider  verschärfte  der  König  selbst  die  Mißstimmung,  indem  er
persönlich  in  diese  armseligen  Händel  eingriff.  Die  Königsberger  Stadtvertreter
  berief  er  bei  einem  neuen  Besuche  Altpreußens  (1845)  selber  zu
        <pb n="606" />
        598  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

sich  und  vermahnte  sie  scharf  wegen  jenes  Duells:  „sonst  wird  von  dem,
was  man  Gnade  nennt,  nicht  mehr  die  Rede  sein.“  Als  sie  sich  vertei—
digten,  belehrte  er  sie  durch  den  Oberpräsidenten  also:  „daß  die  ritterliche
Treue  gegen  den  Landesherrn  auch  in  ihrer  Übertreibung  schön  und  herzerwärmend
  sein  kann,  daß  hingegen  die  auch  noch  so  indirekte  Schonung
entgegengesetzter  Tendenzen  und  die  Verweigerung,  die  Hand  zu  einem
edlen  Werke  des  Friedens  zu  bieten,  unschön  und  herzerkältend  ist.“
Der  „skandalöse  Koblenzer  Kasinobeschluß“  erbitterte  ihn  tief,  und  über
die  Kölner  Zwistigkeiten  schrieb  er  gar:  „Sollte  das  Kanaillen-Pack  die
Oberhand  im  Kasino  behalten,  so  müssen  die  Zivil=  und  Justizbehörden
„alle“  auf  dem  Fleck  ausscheiden.  Wer  etwa  nicht  will,  zeigt  dadurch  eine
so  qualifizierte  Gesinnung,  daß  die  Erklärung  im  voraus  gerechtfertigt  ist:
es  werde  ihr  Verharren  in  einer  solchen  Gemeinschaft
als  ihr  Abschiedsgesuch  betrachtet  werden.  Hier  gilt's  Charakter
und  Energie  zeigen.“  *)

Für  das  Heer  hatte  Friedrich  Wilhelm  niemals  eine  große  Umgestaltung
  beabsichtigt.  Die  so  lange  vorbereitete  Justizreform  hingegen  lag  ihm
nahe  am  Herzen,  und  wie  wenig  entsprach  der  große  Gelehrte,  dem  er
diese  Aufgabe  anvertraut  hatte,  seinen  Erwartungen.  Von  der  lebendigen
Legislation,  welche  Savignys  Freunde  erwarteten,  ließ  sich  wenig  spüren:
das  Preßgesetz  kam  nicht  zu  stande,  das  Ehescheidungsgesetz  blieb  ein
Bruchstück.  Glänzende  wissenschaftliche  Namen,  wie  sie  in  solcher  Fülle
noch  keinem  modernen  Gesetzgeber  zu  Gebote  gestanden  hatten,  wurden  nach
und  nach  zur  Mitarbeit  herbeigerufen:  C.  F.  Eichhorn,  Puchta,  Homeyer,
Stahl,  Heffter,  Bethmann-Hollweg  und  andere;  und  doch  wollte  nichts
gelingen.  Niemals  hat  sich  so  unwiderleglich  die  Wahrheit  erwiesen,  daß
alle  Rechtspflege  eine  politische  Tätigkeit  ist  und  die  Gelehrsamkeit  allein
für  sie  nicht  ausreicht.  Vor  langen  Jahren  schon,  alsbald  nach  dem  Erscheinen
  von  Savignys  klassischer  Schrift  über  den  Beruf  zur  Gesetzgebung,
  war  ihm  sein  Schwager  Achim  Arnim  entgegengetreten,  um  das
Recht  der  Gegenwart  wider  den  Historiker  zu  verteidigen.  Selber  ganz
von  der  romantischen  Weltanschauung  erfüllt,  kannte  Arnim  doch  als
märkischer  Edelmann  und  Gerichtsherr  das  Leben  der  kleinen  Leute  aus
der  Nähe  und  bat  den  gelehrten  Schwager,  er  möge  den  praktischen  Segen
einer  gemeinverständlichen,  deutschen,  modernen  Gesetzgebung  nicht  unterschätzen;
  im  Preußischen  halte  selbst  der  Bauer  das  Rechtswesen  nicht  wie
in  den  Ländern  des  gemeinen  Rechts  „für  eine  geheimnisvolle  Geisterbeschwörung
  und  Glücksspielerei,  sondern  für  etwas  Treues,  Ehrliches  und
sehr  Würdiges“;  gleich  der  lutherischen  Bibel  würde  das  Preußische  Landrecht
  im  Volke  nicht  eigentlich  gelesen,  wohl  aber  oft  und  mit  gutem  Erfolge
nachgeschlagen.  Solche  Laien-Erfahrungen  beirrten  den  genialen  Juristen

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  22.  Febr.  1847,  23.  Febr.  1847.
        <pb n="607" />
        Die  Disziplinargesetze.  599

nicht.  Er  lebte  sich  immer  tiefer  ein  in  die  Vorstellung,  daß  auf  die  gründliche
wissenschaftliche  Durchbildung  des  Richterstandes  alles  ankomme;  er  ver—
kannte,  daß  es  Zeiten  gibt,  wo  die  Gesetzfabrikation,  die  er  so  tief  ver—
achtete,  zum  notwendigen  Übel  wird,  wo  der  rasche  Wechsel  aller  sozialen
Verhältnisse  eine  schlagfertige,  ja  seltst  überhastete  Tätigkeit  der  Gesetzgebung
  geradezu  erzwingt.  Ihm  fehlte  die  starke,  das  Leben  gestaltende
Willenskraft,  die  den  Juristen  zum  Gesetzgeber  macht,  der  praktische  Ehrgeiz
eines  Schwarzenberg  oder  Svarez.  Die  mannigfachen  Entwürfe,  die  er  sich
durch  seine  Räte  ausarbeiten  ließ,  stießen  stets  auf  seine  Bedenken,  weil
das  Vollkommene  doch  nicht  erreicht  war,  und  als  er  nach  einigen  Jahren
selbst  zu  seinen  geliebten  wissenschaftlichen  Untersuchungen  zurückkehrte,  da
stockte  die  Arbeit  in  seinem  Ministerium  so  gänzlich,  daß  der  König  sogar
an  der  staatsmännischen  Kraft  des  verehrten  Lehrers  zu  verzweifeln  begann.

Zum  Unglück  wurde  auch  Savigny  von  der  liberalen  öffentlichen
Meinung  mit  verunglimpft,  als  im  Jahre  1844  die  in  Mühlers  Ministerium
  ausgearbeiteten  neuen  Disziplinargesetze  für  das  Beamtentum
erschienen.  Das  preußische  Landrecht  sprach  nur  von  der  Unabsetzbarkeit
der  Richter,  da  in  den  friderizianischen  Zeiten  jeder  Beamte  nur  für  ein
bestimmtes  Amt  ernannt  wurde;  auch  die  Charte  der  Franzosen  verlangte
nicht  mehr;  erst  der  Art.  100  der  belgischen  Verfassung  stellte  die  Regel
auf,  daß  der  Richter  nur  mit  seiner  Einwilligung  auf  eine  andere  Stelle
versetzt  werden  dürfe.  Dieser  völlig  neue  Grundsatz  wurde  aber,  wie  alles,
was  aus  Belgien  kam,  von  dem  rheinischen  Richterstande  mit  Frohlocken
aufgenommen,  dann  durch  den  scharfen  Westwind  dieser  Jahre  auch  in
die  alten  Provinzen  hinübergetragen.  Da  nun  die  neuen  Disziplinargesetze
  dem  Justizminister  die  Versetzung  der  Richter,  im  Interesse  des
Dienstes  oder  auch  zur  Strafe,  erlaubten,  so  erhob  der  Stadtgerichtsrat
Heinrich  Simon  in  Breslau,  ein  Fanatiker  des  juristischen  Formalismus,
seine  donnernde  Stimme,  um  mit  dialektischer  Kunst  und  zeitgemäßem
Pathos  zu  erweisen,  diese  Neuerung  zerstöre  einen  Grundpfeiler  preußischer
Freiheit.  Er  nahm  deshalb  seinen  Abschied  und  führte  noch  einen  groben
Federkrieg  mit  dem  alten  Kamptz,  der,  begreiflich  genug,  für  das  Ministerium
  auftrat.  Ebenso  begreiflich,  daß  die  liberale  Presse  sich  für  Simon
begeisterte.  Unbekümmert  um  das  preußische  Landrecht,  erklärte  sie  ihre
vernunftrechtlichen  Schlagwörter  kurzerhand  für  geltendes  Recht,  und  weil
das  Mißtrauen  gegen  jede  Regierung  für  freisinnig  galt,  so  ward  dem
unglücklichen  Könige  auch  noch  angedichtet,  daß  er  die  Rechtspflege  verfälschen
  wolle.  In  Wahrheit  blieb  die  Selbständigkeit  des  preußischen
Richterstandes  nach  wie  vor  ganz  unangetastet,  ja  sie  wurde  nicht.  selten
schon  zu  Parteizwecken  mißbraucht,  seit  der  Geist  der  Opposition  in  alle
Kreise  des  Beamtentums  unaufhaltsam  eindrang.  Als  das  Paderborner
Oberlandesgericht  den  wegen  eines  radikalen  Gedichtes  angeklagten  Publizisten
  Lüning  freisprach,  da  fügten  die  pflichtvergessenen  Richter  ihrem
        <pb n="608" />
        600  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

höchst  anfechtbaren  Spruche  Entscheidungsgründe  hinzu,  welche  selbst  eine
boshafte  Verhöhnung  des  Deutschen  Bundes  und  der  monarchischen  Ordnung
  enthielten;  der  König  aber  stieß  das  Urteil  nicht  um,  weil  er  die
oberstrichterliche  Gewalt  seiner  Krone  nicht  mehr  gebrauchen  wollte,  sondern
  begnügte  sich  mit  einem  strengen  Verweise.  Indes  blieb  der  ärgerliche
  Streit  um  die  Disziplinargesetze  nicht  unfruchtbar  für  die  Zukunft.
Wie  maßlos  Simon  auch  übertrieb,  alle  Unbefangenen  mußten  doch
einsehen,  daß  die  Versetzbarkeit  der  Richter  in  Zeiten  politischer  Kämpfe
leicht  zur  Willkür  führen  konnte;  der  belgische  Verfassungssatz,  der  die
Richter  gegen  unfreiwillige  Versetzungen  sicherte,  wurde  zu  einem  Gemeingute
  der  öffentlichen  Meinung  und  bald  nachher  in  die  preußische  Verfassung
  aufgenommen.

Mittlerweile  hatte  Uhden  das  Ministerium  der  Justizverwaltung
übernommen,  ein  Jurist  von  mäßiger  Gelehrsamkeit,  in  der  Politik  ganz
ebenso  konservativ  wie  sein  Lehrer  Savigny,  aber  ein  nüchterner  Geschäftsmann,
  der  immer  auf  das  Nächste,  das  Erreichbare  ausging,  auch
seine  Leute  klug  zu  wählen  verstand  und,  seit  er  das  handelspolitische
Ränkespiel  des  Zaren  so  entschlossen  durchkreuzt  hatte,  auf  das  Vertrauen
des  Königs  sicher  zählen  konnte.  Uhden  berief  sogleich  in  die  erste  Stelle
des  Departements  den  liberalen  Bornemann,  der  im  Frondienste  des
verhaßten  Ober-Zensurgerichts  seinen  alten  Überzeugungen  treu  geblieben
war.  Auch  dieser  gescheite,  entschlossene  Praktiker  hatte  einst,  wie  die
Mehrzahl  der  preußischen  Richter,  zu  Savignys  Füßen  gesessen,  doch  die
tiefgründige  Gelehrsamkeit  des  Meisters  genügte  ihm  nicht.  Nach  so  vielen
Anläufen  und  Versuchen  wollte  er  endlich  Taten  sehen;  er  gewann  sich
die  Zustimmung  seines  Ministers  und  an  dem  liberalen  jungen  Assessor
Friedberg  einen  rüstigen  Helfer  für  die  Ausarbeitung  seiner  Entwürfe.
Bald  begann  zwischen  den  beiden  Justizministern  ein  heftiger  Streit,  wie
zwischen  dem  Handelsamte  und  dem  Finanzministerium  —  eine  Beamten-Anarchie,
  die  nur  unter  einem  so  steuerlosen  Regimente  möglich  war.
Die  handfesten  Geschäftsmänner  der  Justizverwaltung  bereiteten  dem
Minister  der  Gesetzgebung  eine  Niederlage  nach  der  andern;  denn  der
König  drängte  vorwärts,  er  entschied  fast  immer  zu  Ungunsten  seines  gelehrten
  Freundes.  Wenige  Tage  nach  jenem  folgenreichen  Gesetze  über
das  Strafverfahren,  das  die  Offentlichkeit  des  Polenprozesses  ermöglichte,
am  21.  Juli  1846  unterzeichnete  Friedrich  Wilhelm  auch  eine  Verordnung
über  die  Vereinfachung  des  Zivilprozesses;  sie  war  im  gleichen  Geiste  gehalten
  und  ebenfalls  ohne  die  Zustimmung  des  Ministers  der  Gesetzgebung
  vollendet  worden.  Im  April  des  nächsten  Jahres  folgte  ein  Gesetz
  über  die  Kompetenzkonflikte,  das  den  Ansichten  Savignys  geradezu
widersprach.  Die  Justizreform  kam  langsam  in  Gang,  die  altländischen
Juristen  näherten  sich  mehr  und  mehr  den  Gedanken  des  Rheinischen
Rechts.  —
        <pb n="609" />
        Savigny  und  Uhden.  Ständische  Bewegung.  601

Unterdessen  schwoll  die  konstitutionelle  Bewegung  im  Lande  beständig
an.  Der  König  hatte  im  Jahre  1843  den  Posener  Landständen  rundweg
erwidert,  daß  er  die  Verordnung  vom  22.  Mai  1815  nicht  als  rechtsverbindlich
  ansehe,  und  dadurch  wie  durch  sein  rätselhaftes  Zaudern  die
allgemeine  Besorgnis  nur  gesteigert.  Auf  den  Provinziallandtagen  von
1845  zeigte  sich  schon  fast  überall  eine  ungeduldige,  gereizte  Stimmung.
In  Münster  sagte  der  junge  Freiherr  Georg  v.  Vincke,  ein  Sohn  des
alten  Oberpräsidenten:  Preußen  müsse  sich,  wie  im  Zollvereine,  so  auch
durch  eine  freie  Verfassung  „an  die  Spitze  der  deutschen  Staaten  stellen“;
er  sprach  damit  nur  aus,  was  die  Jugend  überall  dunkel  erhoffte,  der  preußische
  Ehrgeiz  und  der  Liberalismus  begannen  sich  zu  verbünden.  Sein
Antrag,  die  Krone  um  Verleihung  einer  reichsständischen  Verfassung  zu
bitten,  erlangte  zwar  bei  den  konservativen  Westfalen  noch  nicht  die  gesetzliche
  Zweidrittelmehrheit,  doch  seine  mächtige  Rede  hallte  weit  im  Lande
wider.  Stärkere  Zustimmung  fand  der  gleiche  Antrag  bei  den  Ständen
des  Rheinlands;  Beckerath,  Camphausen,  fast  alle  Führer  des  rheinischen
Bürgertums  traten  lebhaft  dafür  ein,  und  vornehmlich  sprach  aus  ihren
Reden  die  stolze  Zuversicht,  daß  die  Institutionen  des  freien  Rheinlands
unter  dem  Schutze  der  Verfassung  dem  gesamten  preußischen  Staate  zu  teil
werden  müßten.  Dem  preußischen  Landtage  überreichten  die  radikalen
Elbinger  eine  Petition,  welche  noch  weit  über  die  königlichen  Verheißungen
hinausging  und  in  starkem,  fast  drohendem  Tone  eine  alle  Klassen  umfassende
  Landesrepräsentation  forderte.  Wie  unwiderstehlich  waren  doch
die  Verfassungsgedanken  in  kurzen  vier  Jahren  erstarkt.  Alle  Provinziallandtage
  —  nur  Brandenburg  und  Pommern  ausgenommen  —  berieten
den  Antrag  auf  Verleihung  einer  Gesamtstaats-Verfassung,  und  in  allen
sechs  —  mit  der  einzigen  Ausnahme  Sachsens  —  erlangte  er  die  Mehrheit,
die  Zweidrittelmehrheit  freilich  nur  in  Preußen  und  Posen.  Als  man  im
Ministerium  die  Summe  zog,  da  ergab  sich,  daß  schon  die  große  Mehrzahl
  aller  Provinzialabgeordneten  für  die  reichsständische  Idee  gewonnen
war,  und  man  war  ehrlich  genug  einzugestehen,  daß  viele  aus  der  Minderheit
  lediglich  aus  Ehrfurcht  vor  der  Krone  ihre  wahre  Meinung  zurückgehalten
  hatten.)  Gleichwohl  ließ  der  König,  da  niemand  ihm  vorgreifen
durfte,  alle  solche  Wünsche  abermals  kurz  abweisen,  desgleichen  die  Bitte
der  Schlesier  um  Preßfreiheit  und  die  wiederholten  Anträge  auf  Offentlichkeit
  der  Landtagsverhandlungen.  Er  rühmte  oft,  kein  Land  der  Welt  besitze
  so  ganz  unabhängige  Landstände,  und  in  der  Tat  war  alle  Korruption,
  alle  Wahlverfälschung  in  Preußen  noch  ganz  unbekannt;  doch
wenn  er  von  seinen  Ständen  so  hoch  dachte,  wie  konnte  er  dann  hoffen,
daß  sie  sich  auf  die  Dauer  bei  seinem  beharrlich  wiederholten  achtfachen
Nein  beruhigen  würden?

—  —

 

—.—  —

*)  Denkschrift  des  Ministeriums  des  Innern,  13.  Mai  1845.
        <pb n="610" />
        602  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

Auch  die  Presse  befaßte  sich  wieder  lebhaft  mit  der  Verfassungsfrage,
seit  Johann  Jacoby  dem  jüngsten  preußischen  Provinziallandtage  seine
alten  Forderungen  in  einer  neuen  Druckschrift  vorgehalten  hatte.  Die
Sprache  des  Königsberger  Demagogen  ward  immer  gehässiger.  Wie  ein
zeternder  Wucherer  hielt  er  der  Krone  seinen  Schuldschein  vor;  er  behauptete,
  die  Verordnung  vom  22.  Mai,  die  bekanntlich  erst  nach  der
Schlacht  von  Belle-Alliance  erschienen  war,  sei  dem  preußischen  Volke  gegeben
  worden  als  „Aufforderung  zu  neuem  Kampfe“  und  als  Preis  für
frühere  Opfer;  er  erdreistete  sich  sogar  zu  versichern,  der  alte  König  hätte,
seiner  Zusage  ungeachtet,  die  provinzialständische  Verfassung  niemals  den
Eingesessenen  der  Provinzen  zur  Beratung  vorgelegt.  Die  Notabeln-Versammlungen
  der  Jahre  1822  und  23  waren  diesem  gefeierten  Publizisten
  mithin  ganz  unbekannt.  Überall  in  der  Presse  zeigte  sich  eine
erschreckende  Unkenntnis  der  preußischen  Verfassungsgeschichte,  so  tief  hatte
das  öffentliche  Leben  in  den  letzten  Jahrzehnten  geschlummert.  Ein  liberaler
  Buchhändler  veranstaltete  eine  Übersetzung  der  Schrift  Benjamin
Constants  über  den  Triumph  des  konstitutionellen  Prinzips  in  Preußen;
weder  der  Verleger  noch  der  Übersetzer  noch  die  Leser  wußten,  daß  dies
Büchlein  Constants  selber  nichts  anderes  war  als  eine  Übersetzung  der
einst  so  viel  genannten  Benzenbergischen  Schrift  über  Hardenbergs  Staatsverwaltung.“)


In  solcher  Lage  erwarben  sich  die  schlesischen  Historiker  Röpell  und
Wuttke  immerhin  ein  Verdienst,  als  sie  einige  Aktenstücke  zur  Geschichte
des  verschollenen  ersten  preußischen  Verfassungskampfes  veröffentlichten.
Daraus  ließ  sich  für  die  Gegenwart  doch  mehr  lernen  als  aus  der  Sammelschrift
  des  radikalen  Nauwerk,  der  in  wunderbarer  politischer  Unschuld
alle  die  alten  Freiheitsbriefe  der  Hochmeister  und  der  Herzoge  Preußens
herausgab,  um  daraufhin  die  Notwendigkeit  des  Repräsentativsystems
zu  erweisen.  Den  Grundgedanken  der  liberalen  Opposition  sprach  der
Kammergerichtsrat  W.  v.  Merckel  drastisch  aus,  ein  gemäßigter  Mann,
der  in  den  späteren  parlamentarischen  Kämpfen  stets  den  Mittelparteien
angehörte.  Er  sagte  in  seiner  Flugschrift  „das  Gerücht  von  einer  Kon—
stitution  in  Preußen“  (1845)  kurzab:  „bis  jetzt  gehören  wir  der  Tat
nach  bloß  der  Gnade  anderer,  also  dem  Sachenrecht  an.“  Wie  ungeheuerlich
  auch  dieser  Satz  erscheinen  mochte,  so  dachte  die  liberale  Jugend
wirklich;  sie  empfand  es  als  eine  Beleidigung  der  Würde,  der  Freiheit,
der  Kultur  des  preußischen  Volks,  daß  die  Verfassung  noch  ausblieb,
und  in  dieser  sittlichen  Entrüstung  lag  die  Stärke  der  Opposition.

Die  Anhänger  der  ständischen  Monarchie,  die  sich  gegen  Jacobys
Genossen  wendeten,  der  allezeit  kampflustige  Heinrich  Leo,  der  Althegelianer
  Henning,  der  geistreiche  Bonner  Geograph  Mendelssohn  befanden

 

*)  S.  o.  III.  227.
        <pb n="611" />
        Liberale  Schriften  und  Versammlungen.  603

sich  von  vornherein  in  einer  ungünstigen  Defensive;  siegreich  in  der  Kritik
glaubten  sie  doch  selbst  nicht  recht  an  die  Lebenskraft  der  halbfertigen
ständischen  Institutionen.  Nun  gar  die  gelehrten  Bücher  des  ehrlichen
Lancizolle  über  Preußens  Königtum  und  Landstände  klangen  schon  fast
wie  eine  Stimme  aus  dem  Grabe;  der  treue  Hallerianer  sprach  wie  vor
Zeiten  Schmalz  und  Marwitz,  von  den  verschiedenen  „Staaten“  des  königlichen
  Hauses,  den  modernen  Staat  und  seine  Rechtseinheit  hielt  er  für
eine  leere  Abstraktion.  Schwereren  Schaden  brachte  der  Sache  des  Königs
der  alte  Todfeind  der  Liberalen  Kamptz,  der  jetzt  im  Ruhestande  seiner
schreibseligen  Feder  freien  Lauf  ließ  und  in  einer  ganzen  Reihe  staatsrechtlicher
  Abhandlungen,  auch  in  einer  wohlfeilen,  für  die  Masse  bestimmten
Flugschrift  „das  wahre  königliche  Wort  Friedrich  Wilhelms  III.“  immer
wieder  bewies:  nichts,  gar  nichts  hätte  der  alte  König  seinem  Volke  versprochen.
  Wußte  der  ergraute  Minister  wirklich  nicht  mehr,  daß  Hardenberg,
  der  Urheber  der  Verordnung  vom  22.  Mai,  auf  das  bestimmteste
erklärt  hatte,  diese  Verordnung  enthalte  eine  feierliche  königliche  Zusage?5)
Möglich  immerhin,  daß  er  in  seinem  wilden  Fanatismus  die  Wahrheit
zu  sagen  glaubte;  noch  gewisser  aber,  daß  die  unsäglich  groben  Schriften
des  verwünschten  Demagogenjägers,  der  sich  eigenmächtig  zum  Verteidiger
der  Krone  aufwarf,  die  Liberalen  gegen  den  Monarchen  selbst  erbitterten.

Zugleich  bekundete  sich  der  ungeduldige  politische  Tatendrang  in  unzähligen
  Versammlungen.  In  Königsberg  entstand  ein  großer  Bürgerverein,
der  zum  ersten  Male  die  Handwerker  mit  den  Gelehrten  zusammenführte.
Als  er  aufgelöst  wurde,  da  zogen  die  Genossen,  6000  Köpfe  oder  mehr,  allwöchentlich
  nach  dem  Böttchershöschen  draußen  vor  den  Toren,  und  jeder,
den  der  Geist  trieb,  hielt  unter  freiem  Himmel  eine  europäische  Rede.
Als  die  Polizei  auch  dawider  einschritt,  ließ  Jacoby  eine  grimmige  „Provokation
  auf  rechtliches  Gehör“  drucken.  In  Breslau  versammelten  sich
die  Liberalen  auf  den  neuen  Bahnhöfen,  nachher  in  einer  städtischen  Ressource;
  auch  hier  fehlte  es  nicht  an  Auflösungen  und  Protesten,  aber  hinter
diesen  harmlosen  Kundgebungen  stand  schon  eine  radikale  Partei,  die  einmal,
  zur  Feier  des  königlichen  Geburtstags,  durch  zuchtlose  Frechheit  ihr
Dasein  bekundete.  In  Halle  pflegte  die  ehrenfeste  Bürgerschaft  auf  der
Giebichensteiner  Weintraube  nationale  Erinnerungstage  zu  feiern;  die  lichtfreundliche
  Bewegung  begann  schon  zu  ebben,  das  politische  Pathos  aber
erklang  mächtig  aus  den  begeisternden  Reden  Max  Dunckers.  In  Stralsund
  hielt  der  geistreiche  Arzt  v.  Haselberg  Vorträge  über  die  Zustände
  der  Gegenwart.  Der  Kölnische  Karneval  von  1844  war  nichts  als
eine  politische  Satire  auf  die  Regierung,  die  Zensur,  die  Gesetzbücher,  und
selbst  der  furchtlose,  liberale  General  Friedrich  Gagern  fand,  eine  solche
Anarchie  der  Geister  und  der  Tendenzen  könne  nicht  lange  dauern.  Und  so

 

*)  S.  o.  III.  236.
        <pb n="612" />
        604  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

überall.  Es  ward  hohe  Zeit,  dem  erwachenden  Bürgertum  eine  Bühne
verantwortlicher  politischer  Tätigkeit  zu  eröffnen.  —

König  Friedrich  Wilhelm  fühlte  dies  selbst,  die  Grundgedanken  seines
Verfassungsplanes  standen  auch  schon  seit  langem  fest,  und  gleichwohl  vermochte
  er  es  noch  immer  nicht  über  sich,  endlich  einmal  abzuschließen.
Nachdem  er  im  Sommer  1845  den  widersprechenden  Grafen  Arnim  entlassen
  und  eine  neue  Verfassungskommission  gebildet  hatte,  wollte  er  doch
noch  einmal  Metternichs  Meinung  hören.  Sehr  ungern  folgte  der  Osterreicher
  dieser  Einladung;  er  wußte  jetzt  längst,  wie  wenig  die  Ratschläge
dritter  über  den  König  vermochten,  und  sah  richtig  voraus,  daß  die  öffentliche
  Meinung  gleichwohl  ihn  selbst  als  Preußens  bösen  Genius  verlästern
würde.  Im  August  trafen  sich  die  beiden  am  Rhein,  wo  der  König  den
Gegenbesuch  der  Königin  Victoria  empfing  und  seine  Freude  durch  ein  unerhörtes
  Gepränge  bekundete.  Der  große  Zapfenstreich  im  Brühler  Schloßhofe,
  das  prächtige  Feuerwerk  in  Köln,  die  Enthüllung  des  Beethoven-Denkmals
  in  Bonn  und  die  tausend  Salutschüsse,  die  von  den  Wällen
des  Ehrenbreitsteins  und  den  Koblenzer  Bergfesten  herabdröhnten,  erregten
auch  bei  den  verwöhnten  britischen  Gästen  Verwunderung,  und  bis  zu
Tränen  fühlte  sich  die  Königin  gerührt,  als  der  erlauchte  Schloßherr  zu
Brühl  in  einem  begeisterten  Trinkspruche  das  Wort  feierte,  das  in  britischen
  und  deutschen  Herzen  hell  erklinge,  wie  einst  auf  dem  Siegesfelde
von  Waterloo,  so  jetzt  unter  den  Segnungen  des  Friedens  am  schönen
Gestade  des  Rheins:  Victorial  Den  Deutschen,  natürlich  mit  Ausnahme
des  koburg-gothaischen  Volkes,  gefiel  die  also  Verherrlichte  wenig;  die
Rheinländer  fanden  sie  „sehr  englisch“,  und  dies  war  im  Volksmunde
keineswegs,  wie  am  Berliner  Hofe,  ein  Lobspruch.  Auch  Friedrich  Wilhelm
  selber  fühlte  sich  nachher  etwas  enttäuscht;  er  wünschte  so  sehnlich,
sein  geliebtes  England  fest  mit  den  konservativen  Ostmächten  zu  verbinden,
und  nun  mußte  er  erleben,  daß  Victoria,  nachdem  sie  noch  die  thüringische
  Heimat  ihres  Albert  gesehen,  auf  der  Heimreise  plötzlich  vom  Wege
abbog,  um  den  Bürgerkönig  zum  zweiten  Male  in  Eu  zu  besuchen.

Während  der  rheinischen  Feste  hatte  er  mit  Metternich,  ja  sogar  mit
Aberdeen  mehrmals  über  seine  Verfassungspläne  geredet.  Sein  Herz
drängte  ihn,  er  mußte  sich  aussprechen;  einen  Rat  konnte  er  von  dem
wohlmeinenden,  geistlosen,  aller  deutschen  Dinge  unkundigen  Lord  doch
unmöglich  erwarten.  Der  Engländer  gestand  auch  aufrichtig:  ich  bin  aus
den  Worten  des  preußischen  Monarchen  nicht  klug  geworden.  Metternich
aber  erkannte  wieder,  was  er  schon  längst  wußte,  daß  der  König  von  dem
Plane  seines  Vereinigten  Landtags  nicht  mehr  abzubringen  war;  er  sah  das
alte  Preußen  schon  vernichtet,  das  neue  noch  nicht  gegründet;  ihm  war
zu  Mute,  als  erblicke  er  den  Holbeinschen  Totentanz,  und  zum  Abschied
weissagte  er,  was  sich  bald  erfüllen  sollte:  „daß  Ew.  Majestät  Ihre  sechshundert
  Provinzialabgeordneten  als  solche  einberufen  und  daß  dieselben
        <pb n="613" />
        Letzte  Beratungen  der  Verfassungskommission.  605

als  Reichsstände  auseinander  gehen  werden.“  Vor  einigen  Diplomaten
äußerte  er  zwar  mit  gewohnter  Ruhmredigkeit:  ich  habe  den  preußischen
Verfassungsplan  getötet.  In  Wahrheit  fühlte  er  sich  beklommen.  Die
Nachrichten  von  den  Leipziger  Unruhen,  die  gerade  während  der  Festlich—
keiten  auf  Stolzenfels  einliefen,  bekümmerten  ihn  schwer;  er  sah  darin  „ein
Vorpostengefecht“  der  Revolution,  eine  neue  Bestätigung  seiner  alten  Be—
hauptung,  „daß  das  Feuer  brennt  und  das  Scheidewasser  ätzt,“  und  im
November  schrieb  er  warnend  an  Canitz:  „Bei  Ihnen  ist  schrecklich  viel
auf  einmal  in  Angriff  genommen,  und  wo  dies  stattfindet,  besteht  Gefahr.
Die  Dinge  wachsen  dem  kräftigsten  Menschen  leicht  über  den  Kopf.  Ich
weiß  nun,  daß  man  mir  hierauf  antworten  wird:  das  preußische  Volk
ist  ein  anhängliches,  überlegendes,  nicht  leicht  verführbares;  und  dies  eben
ist  es,  was  ich  weder  für  das  preußische  noch  für  kein  Volk  der  Erde  —
die  Beduinenstämme  etwa  ausgenommen  —  als  vollkommen  richtig  an—
nehme,  denn  nur  die  Wüste  und  das  freie  Leben  in  ihr  kann  keinen  Er—
satz  finden.“  Ich  bin,  so  fuhr  er  fort,  in  meinem  langen  Leben  „nie
stehen  geblieben,  ich  bin  stets  mit  der  Zeit  gegangen“,  aber  noch  niemals
habe  ich  schwerere  Gefahren  erlebt,  denn  „heute  steht  die  Revolution  entkörpert
  und  durch  die  Zeit  geglättet  vor  einer  Generation  wieder  da,  welche
sie  in  der  Periode  der  lebendigen  Kämpfe  nicht  gekannt  hat.“7)

Die  Verfassungskommission  hielt  unterdessen,  im  Juli,  dann  nochmals
seit  Ende  Septembers,  langwierige  Beratungen.  Fünf  Minister,  der  Fürst
v.  Solms-Lich  und  der  hochkonservative  brandenburgische  Landtagsmarschall
  Rochow--Stülpe  gehörten  ihr  an.  Sie  alle  erklärten,  Rochow  allein
ausgenommen,")  allgemeine  Landstände  für  notwendig;  sie  wünschten
aber,  der  König  möge  statt  einen  unförmlichen  Vereinigten  Landtag  zu
berufen,  vielmehr  die  schon  vorhandenen  Vereinigten  Ausschüsse  verstärken
und  mit  reichsständischen  Rechten  ausstatten;  so  hätte  sich  alles  weit  einfacher
  gestaltet.  Besonders  lebhaft  warnte  der  alte  Rother,  „selbst  bei  zu
besorgender  Ungnade'“.  Einstimmig  verwahrte  sich  die  Kommission  gegen  die
Bildung  eines  gesonderten  Herrenstandes,  die  der  bisherigen  Verfassung
widerspreche.**)  Doch  was  vermochten  Kommissionsbedenken  gegen  Friedrich
  Wilhelms  selbstherrlichen  Willen?  Er  hielt  alle  seine  Pläne  standhaft
fest:  den  Vereinigten  Landtag  mitsamt  der  Herrenkurie,  deren  förmliche
Einrichtung  er  sich  für  die  Zukunft  vorbehielt,  sodann  die  ständische  Genehmigung
  aller  Anleihen  in  Friedenszeiten,  endlich  das  Recht  der  Bewilligung
  neuer  Steuern.  Dies  alte  Recht  deutscher  Landstände  schien  ihm
ganz  ungefährlich,  denn  an  eine  Erhöhung  der  direkten  Steuern  war,  so
meinte  er,  in  einer  absehbaren  Zukunft  niemals  zu  denken,  die  Zölle  aber

*)  Metternich  an  Canitz,  25.  Aug.,  6.  Nov.  1845.
**)  Rochow-Stülpe,  Denkschrift  an  den  König,  13.  Juli  1845
)  Bericht  der  Immediatkommission  an  den  König,  13.  Okt.;  Rother  an  Thile
6.  Nov.  1845.
        <pb n="614" />
        606  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

und  die  meisten  indirekten  Steuern  waren  durch  die  Zollvereinsverträge
festgelegt.  Nur  in  einem  einzigen  Punkte  gab  er  seinen  Räten  nach:
die  Berufung  der  Reichsstände  nach  Brandenburg  ließ  er  fallen;  sie  hätte
Furcht  verraten  und  zudem  die  Geschäfte  unleidlich  erschwert.

Da  erhob  der  Prinz  von  Preußen  zum  zweiten  Male  Einspruch.  Der
Thronfolger  war  den  Beratungen  der  letzten  Monate  fern  gehalten  worden,
aber  genugsam  darüber  unterrichtet  und  fühlte  sich  nun  durch  sein  Gewissen
  gedrängt,  dem  Könige  in  einem  brüderlichen  Briefe  zu  gestehen,
„daß  er  sich  seinen  Plänen  nicht  anschließen  könne“  (20.  Nov.).  Unerschütterlich
  in  den  Grundsätzen  übertraf  er  den  Bruder  bei  weitem  durch  eine
geistige  Beweglichkeit,  die  immer  mit  den  Tatsachen  zu  rechnen  wußte.
Da  er  einsah,  der  Monarch  würde  die  Dreiheit  des  Gesamtlandtags,
der  Vereinigten  Ausschüsse  und  der  Provinziallandtage  doch  nicht  aufgeben,
so  stellte  er  sich  entschlossen  auf  diesen  neuen  Boden  und  faßte  nur  noch
die  Frage  ins  Auge:  wie  das  eine,  was  ihm  das  Wesen  des  preußischen
Staates  war,  die  lebendige  Macht  der  Krone  neben  dieser  ungefügen  dreifachen
  Gliederung  ständischer  Körperschaften  noch  bestehen  solle?  Seine
beigelegte  Denkschrift  ging  aus  von  der  schwierigen  Weltstellung,  welche
der  Staat  als  Großmacht  und  als  deutsches  Bundesglied  behaupten  müsse;
„alle  Institutionen,  die  den  konstitutionellen  sich  nähern  oder  in  diese  überzugehen
  drohen,  sind  daher  für  Preußen  unannehmbar.“  Um  solcher  Gefahr
  vorzubeugen,  schlug  er  vor:  der  aus  etwa  150  Abgeordneten  der
Provinziallandtage  gebildete  Allgemeine  Landtag  solle  ausschließlich  über
den  Staatshaushalt  beraten,  die  Vereinigten  Ausschüsse  ebenso  ausschließlich
  über  Gesetzentwürfe;  dann  könne  die  Beratung  des  Staatshaushalts
  nicht  zur  Erzwingung  neuer  Gesetze  mißbraucht  werden  oder
umgekehrt.  Die  doktrinäre  Angst  vor  ständischer  Verbürgung  der  Kriegsanleihen
  fand  er  ganz  unbegreiflich,  weil  er  die  Treue  seiner  Preußen
kannte.  Er  sagte  einfach:  für  den  Beginn  eines  Krieges  besitzt  der  Staat  genügende
  Mittel;  „wird  aber  im  Laufe  des  Krieges  eine  Anleihe  notwendig,
  so  hat  es  nicht  das  geringste  Bedenken,  die  Reichsstände  zu  berufen.“
  Unverbrüchlich  hielt  er  an  den  Gedanken  seines  Vaters  fest,  der
jederzeit  nur  beratende  Stände  gewollt  hatte.  „Alle  Beratungen  aller
drei  ständischen  Versammlungen“  —  so  schloß  er  —  „sind  durchaus
konsultativ,  von  einem  Bewilligungsrecht  irgend  einer  Art  darf  nie
die  Rede  sein.“)  Dem  Wunsche  des  Bruders  willfahrend  ließ  der  König
diese  Denkschrift  durch  die  Kommission  prüfen  und  ihm  dann  deren  ablehnendes
  Gutachten  zugehen.)

Also  sah  sich  der  Thronfolger  abermals  zurückgewiesen.  Gleichwohl
kam  das  Verfassungswerk,  das  im  Geiste  des  Königs  schon  so  lange  fest- 



*)  Prinz  v.  Preußen  an  den  König,  20.  Nov.  1845,  nebst  Denkschrift.
**)  Bericht  der  Immediatkommission  an  den  König,  8.  Dez.  1845.
        <pb n="615" />
        Neuer  Einspruch  des  Prinzen  von  Preußen.  607

stand,  noch  immer  nicht  zum  Abschluß.  War  es  Unentschlossenheit,  was
den  Monarchen  hemmte?  oder  wollte  er  sein  Volk  absichtlich  an  die  ge—
priesene  organische  Entwicklung  gewöhnen?  Genug,  erst  im  März  1846
ließ  er  die  Immediatkommission  mit  sämtlichen  Staatsministern  zu  ge—
meinsamen  Sitzungen  zusammentreten,  und  diese  Beratungen  währten,
mehrfach  unterbrochen,  noch  dreiviertel  Jahre.  Sogleich  zum  Beginn,
am  11.  März,  stellte  der  Prinz  als  Vorsitzender  die  Frage,  ob  eine  stän—
dische  Zentralvertretung  notwendig  sei,  und  gestand  aufrichtig,  er  selber
hätte  sich  von  diesem  Bedürfnis  noch  nicht  ganz  überzeugt.  Nachdem  so—
dann  alle  Anwesenden  bis  auf  zwei  die  Frage  bejaht  hatten,  sprach  er
am  Schlusse  dieser  entscheidenden  Sitzung  ebenso  offen  aus:  nunmehr
wolle  er  die  Notwendigkeit  anerkennen.  Auch  die  Bildung  eines  Ver—
einigten  Landtags,  die  im  vorigen  Jahre  nur  von  einem  einzigen  Minister,
von  Uhden  gebilligt  worden  war,  fand  jetzt  eine  Mehrheit  von  9  Stimmen.
  Der  Prinz  und  noch  sechs  andere  widersprachen.)  Er  blieb  auch
fernerhin  fast  mit  allen  seinen  Anträgen  in  der  Minderheit.  Die  meisten
der  übrigen  Mitglieder  unterdrückten  ihre  schweren  Bedenken.  Sie  betrachteten
  sich,  nach  den  Uberlieferungen  des  alten  Absolutismus,  nicht  als  selbständige,
  verantwortliche  Ratgeber,  sondern  hielten  jeden  grundsätzlichen
Widerspruch  für  aussichtslos,  nachdem  der  Monarch  seine  Willensmeinung
ausgesprochen  hatte.  Am  17.  Dez.  1846  waren  die  Beratungen  nahezu
beendigt,  die  Entwürfe  des  Königs  im  wesentlichen  angenommen.

Do  zeigte  der  Prinz  an,  daß  er  dem  Monarchen  ein  Sondergutachten
einreichen  würde.  Er  hatte  im  vergangenen  Sommer  den  Petersburger
Hof  wieder  besucht  und  dort  Kaiser  und  Kaiserin  aufs  äußerste  erschreckt
durch  die  ruhige  Erklärung,  daß  er  die  Fortbildung  der  ständischen  Institutionen
  für  notwendig  hielte.  )  Aber  in  den  Mitteln,  welche  sein
Bruder  wählte,  konnte  er,  zu  seinem  tiefen  Schmerze,  „nicht  das  Heil  des
Thrones  und  des  Vaterlandes  erblicken“.  Noch  am  17.  Dez.  beendete  er
eine  umfängliche  Denkschrift,  welche  zunächst  nochmals  auf  die  unlenksame
Schwerfälligkeit  einer  Versammlung  aller  acht  Provinziallandtage  hinwies.
Zugleich  zeigte  er  scharfsinnig,  was  noch  niemand  bemerkt  hatte,  daß  dieser
Vereinigte  Landtag  unauflöslich  sei;  denn  da  der  König  allgemeine  Wahlen,
das  Fieber  der  „Urwahlen“,  wie  man  damals  sagte,  unter  allen  Umständen
vermeiden  wollte,  so  konnte  er  auch  einen  Vereinigten  Landtag,  der  aus
der  Gesamtheit  der  acht  Provinziallandtage  bestand,  unmöglich  auflösen.
„Somit  stehet  diese  neue  beratende  preußische  Ständeversammlung  weit
mächtiger  da  als  die  konstitutionellen  Kammern  anderer  Staaten,  welche
alle  sich  für  extreme  Fälle  die  Auflösung  und  Neuwahlen  vorbehalten
haben.“  Darum  verlangte  der  Prinz  als  starkes  Gegengewicht  zum  mindesten

*)  Hauptbericht  des  Staatsministeriums  und  der  Immediatkommission,  28.  April
1846.

*“)  Rochows  Berichte,  1.  2.  Juli,  25.  Aug.  1846.
        <pb n="616" />
        608  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

ein  aus  den  gesündesten  aristokratischen  Kräften  des  Landes  gebildetes
Oberhaus;  sein  Soldatenverstand  konnte  nicht  begreifen,  warum  der  König
jetzt,  da  „eine  ganz  neue  ständische  Ara  geschaffen  wird“,  sich  immer  noch
zaudernd  vorbehielt,  über  die  Einrichtung  der  Herrenkurie  Weiteres  zu  bestimmen.
  Nur  in  einer  gesondert  tagenden  Ersten  Kammer  —  so  schrieb
er,  sein  eigenes  Schicksal  ahnend  —  würden  die  königlichen  Prinzen  einen
angemessenen  Platz  finden;  den  Stürmen  einer  großen  Versammlung,  wo
„alle  Wirren  der  politischen  Leidenschaft  sich  zügellos  Luft  machen,“  dürfe
man  sie  nicht  aussetzen.

Zum  zweiten  warnte  er  nochmals  vor  dem  Steuerbewilligungsrechte
der  Landstände;  das  heiße  ein  Majestätsrecht  aufgeben,  das  seit  dem
Großen  Kurfürsten  dem  preußischen  Throne  seine  Selbständigkeit,  dem
Staate  seine  Macht  gesichert  habe.  Zum  dritten  verlangte  er  wiederum,
daß  alle  Finanzsachen  ausschließlich  dem  Vereinigten  Landtage  zugewiesen
würden.  Zum  vierten  endlich  warnte  er  vor  den  Gefahren  des  unbeschränkten
  ständischen  Petitionsrechts,  das  so  leicht  die  europäische  Machtstellung
  des  Staates  und  den  Bestand  seines  Heeres  schädigen  könne.
Hier  erinnerte  sich  der  Prinz  offenbar  des  Streites,  den  er  seit  so  vielen
Jahren  mit  seinem  Freunde  Boyen  führte,  und  lebhaft  schilderte  er  nun,
wie  die  Bewegungspartei  in  allen  Ländern  nach  Abschaffung  der  stehenden
Heere  strebe,  wie  sie  ihr  Ziel  auf  Umwegen  zu  erreichen  suche,  zunächst
Schwächung  der  Armee,  kürzere  Dienstzeit  für  die  Linie,  seltenere  übungen
für  die  Landwehr  verlange.  „Daher  ist  die  Neigung  unverkennbar,  die
Landwehr  auf  Kosten  der  Linie  zu  erheben  und  ihre  Trennung  von  der
Linie  immer  greller  zu  machen,  und  zu  beweisen,  daß  die  strenge  militärische
  Form  und  Disziplin  ihr  nicht  nötig  sei  und  sie  vielmehr  die  Stellung
  einer  Nationalgarde  einzunehmen  habe  ..  Wenn  Diskussionen  und
Petitionen  gedachter  Natur  dem  Vereinigten  Landtage  preisgegeben  werden
und  die  Presse  noch  mehr  als  bisher  schon  geschehen  entfesselt  wird,  ist
das  Bestehen  der  preußischen  Landwehr,  wie  sie  zur  wahren  Ehre,  zur
Wohlfahrt  und  zum  Ruhme  des  Vaterlandes  vor  zweiunddreißig  Jahren
geschaffen  wurde,  eine  völlige  Unmöglichkeit!!“  Kann  aber  der  Staat
nicht  mehr  seine  Armee  im  Kriege  verdoppeln  oder  verdreifachen,  „so  tritt
Preußen  auch  von  der  Stelle,  auf  welche  seine  Armee  es  gestellt  hat,
herab.“  —  So  lebendig  stand  dem  Prinzen  schon  vor  Augen,  was  er
nach  fünfzehn  Jahren  selbst  erleben  und  erkämpfen  sollte.  An  die  Möglichkeit
  seiner  eigenen  Thronbesteigung  dachte  er  jedoch  in  jenen  Tagen
niemals.  Vielmehr  fuhr  er  fort:  es  sei  seine  Pflicht  abzuraten,  nicht
von  der  Erfüllung  der  alten  Verheißungen  selbst,  wohl  aber  von  dem  eingeschlagenen
  Wege,  der  leicht  dazu  führen  könne,  daß  demnächst  eine  Konstitution
  ertrotzt  würde,  und  der  König  selbst  hätte  doch  „oft  ausgesprochen,
daß  eine  Konstitution  für  Preußen  unmöglich  sei,  weil  es  mit  derselben
aufhören  würde  Preußen  zu  sein  ...  Aber  noch  eine  andere  Pflicht  nötigt
        <pb n="617" />
        Das  Patent.  609

mich  dazu,  es  ist  der  Blick  auf  meinen  Sohn!  Nach  dem  unerforschlichen
Ratschluß  Gottes  scheint  es  bestimmt  zu  sein,  daß  die  Krone  sich  in  meiner
Linie  vererben  soll!  Da  ist  es  denn  meine  heilige  Pflicht,  darüber  zu
wachen,  daß  der  Nachfolger  auf  dem  Throne  die  Krone  mit  ungeschmälerten
Rechten  und  mit  der  Würde  und  der  Macht  überkomme,  wie  ich  sie  heute
vor  mir  sehe.“  Indem  er  abermals  um  die  Befragung  aller  volljährigen
Prinzen  bat,  schloß  er  „mit  tiefbewegtem  Herzen,  Gottes  gnädigen  Beistand
  wünschend.“7)

Der  König  aber  war  mit  nichten  gesonnen,  sein  Schiff  so  dicht  vor
dem  Hafen  noch  zu  wenden.  Die  vielfach  übertriebenen  Befürchtungen
des  Prinzen  überzeugten  ihn  ebenso  wenig  wie  die  tiefen  und  wahren
Gedanken,  welche  die  Denkschrift  enthielt;  er  glaubte  ja  den  Bruder  weit
zu  übersehen.  Er  verweigerte  die  förmliche  Befragung  der  Agnaten,  wie
es  sein  gutes  Recht  war,  und  genehmigte  endgültig  die  Entwürfe  nach  den
Beschlüssen  der  Kommission.  Sobald  die  Entscheidung  des  Monarchen  gefallen
  war,  gab  der  Prinz  von  Preußen  gehorsam  seinen  Widerspruch  auf.
Entschlossen  blickte  er  der  Zukunft  ins  Gesicht  und  sagte  in  der  Kommission:
  „Ein  neues  Preußen  wird  sich  bilden.  Das  alte  geht  mit  Publizierung
dieses  Gesetzes  zu  Grabe.  Möge  das  neue  ebenso  erhaben  und  groß
werden,  wie  es  das  alte  mit  Ruhm  und  Ehre  geworden  ist!“  Um  dem
Testamentsentwurfe  des  Vaters  und  den  Bitten  des  Bruders  doch  einigermaßen
  zu  genügen,  berief  der  König  dann  noch  die  sämtlichen  großjährigen
  Prinzen  seines  Hauses,  um  ihnen  das  Patent,  lediglich  zur  Kenntnisnahme,
  mitzuteilen.  Alle  fügten  sich  gehorsam.

Am  3.  Februar  1847,  am  Jahrestage  des  ersten  Aufrufs  von  1813,
ließ  Friedrich  Wilhelm  ein  kurzes  „Patent“  veröffentlichen,  das  die  neuen,
zum  Ausbau  des  Staatsschuldengesetzes  von  1820  und  des  Provinzialständegesetzes
  von  1823  beschlossenen  „ständischen  Einrichtungen“  ankündigte.
  Der  Verordnung  vom  22.  Mai  war  absichtlich  nicht  gedacht,  weil
der  König  sie  für  aufgehoben  ansah.  Dies  Patent  unterzeichnete  der
Monarch  allein,  denn  er  suchte  auch  in  der  Form  „jede  Ahnlichkeit  mit
einem  Staatsgrundgesetze  zu  vermeiden“““*):  er  wollte  sogar  den  Zeitungen
verbieten,  die  Namen:  Kammern,  Volksvertreter,  Pairs  für  die  neuen
Institutionen  zu  gebrauchen.  Sein  Landtag  sollte  durchaus  etwas  anderes
sein  als  „eine  Volksvertretung  in  dem  modernen  Wortsinne“,  und  nur
mit  Mühe  erlangten  die  Minister,  daß  dies  aufregende  Verbot  unterblieb.
  *")

Gleichzeitig  mit  dem  Patente  erschienen  drei  von  dem  Prinzen  von

*)  Prinz  von  Preußen,  Denkschrift  vom  17.  Dez.  1846  mit  Nachschrift  vom  4.  Jan.
1847.  S.  Beilage  34.
*  )  Kabinettsordre  an  das  Staatsministerium  und  die  Kommission,  7.  Nov.  1846.
*““)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  6.  März,  an  Bodelschwingh  und  Uhden,
13.  März;  Berichte  von  Thile,  8.  März,  von  Bodelschwingh  und  Uhden,  20.  März  1847.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  39
        <pb n="618" />
        610  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

Preußen  und  dem  gesamten  Staatsministerium  gegengezeichnete  königliche
Verordnungen  über  den  Vereinigten  Landtag,  den  Vereinigten  Ausschuß
und  die  Staatsschuldendeputation.  Danach  sollten  die  gesamten  Pro—
vinzialstände  künftighin  zu  einem  Vereinigten  Landtage  zusammentreten,
so  oft  der  König  sie  in  Friedenszeiten  zur  Genehmigung  von  Staats—
anleihen  oder  zur  Erhöhung  der  Steuern  oder  auch  aus  anderen  Grün—
den  einberiefe.  Der  Vereinigte  Landtag  erhielt  das  Recht  der  freien  Be—
willigung  neuer  oder  erhöhter  Steuern  und  das  Petitionsrecht  in  allen
inneren  Angelegenheiten;  er  hatte  auch,  wenn  es  dem  Könige  gefiel,  über
Gesetzentwürfe  zu  beraten.  Innerhalb  des  Vereinigten  Landtags  ward
ein  Herrenstand  eingerichtet,  der  vorläufig  aus  den  königlichen  Prinzen
und  den  72  vornehmsten  Mitgliedern  der  Provinzialstände  bestehen  und
späterhin,  nach  königlichem  Ermessen,  noch  verstärkt  werden  sollte;  er  be—
riet  und  beschloß  über  Finanzsachen  mit  den  drei  anderen  Ständen  gemein—
sam,  über  alle  anderen  Angelegenheiten  für  sich  allein.  Daneben  aber
blieben  die  Vereinigten  Ausschüsse  fortbestehen;  sie  wurden  fortan  perio—
disch,  aller  vier  Jahre,  versammelt  und  erhielten  der  Regel  nach  die
neuen  Gesetze  zur  Beratung  vorgelegt,  konnten  auch  in  einzelnen  Finanz—
sachen  den  Vereinigten  Landtag  vertreten;  und  zudem  behielt  die  Krone
sich  noch  vor,  allgemeine  Gesetze  nach  Gutdünken  den  Provinziallandtagen
vorzulegen.  Die  Genehmigung  der  Kriegsanleihen  endlich  und  die  regel—
mäßige  Prüfung  der  Staatsschulden-Rechnungen  wurde  einer  ständi—
schen  Staatsschuldendeputation  zugewiesen,  die  aus  acht  Mitgliedern  —  je
einem  für  jeden  Provinziallandtag  —  bestehen  und  jährlich  mindestens
einmal  tagen  sollte.

Also  traten  des  Königs  ursprüngliche  Entwürfe  fast  Wort  für  Wort
ins  Leben,  die  langen  Verhandlungen  seiner  Räte  hatten  an  diesem
seinem  eigensten  Werke  nichts  Wesentliches  geändert.  Es  war  ein  großer
Schritt,  größer  als  der  König  selbst  glaubte.  Friedrich  Wilhelm  wähnte
die  Zukunft  seines  Verfassungswerkes  noch  ganz  in  seiner  Herrscherhand
zu  halten.  Jedoch  eine  so  starke  ständische  Vertretung  mußte,  einmal
berufen,  kraft  ihrer  eigenen  Schwere  fortbestehen,  und  sie  besaß  schon
zwei  verbriefte  wirksame  Rechte;  denn  ohne  Eisenbahn-Anleihen  konnte  der
Staat  nicht  mehr  auskommen,  und  nach  der  gewaltigen  Änderung  aller
sozialen  Verhältnisse  wurde  auch  eine  Umgestaltung  des  Steuersystems,
obgleich  der  König  davon  noch  nichts  ahnte,  in  naher  Zukunft  unvermeidlich.
  Wider  Wissen  und  Willen  führte  Friedrich  Wilhelm  seinen  Staat
in  die  Bahnen  des  konstitutionellen  Lebens  hinüber.

Aber  wie  eigensinnig  verdarb  sich  der  Gesetzgeber  sein  edel  gedachtes
Werk  durch  Künstelei  und  Willkür!  Schien  es  doch  fast,  als  wollte  er
absichtlich  Rechtsbedenken  und  Proteste  hervorrufen.  Weshalb  wurde  die
Verordnung  vom  Mai  1815,  die  doch  unzweifelhaft  noch  zu  Recht  bestand
und  den  späteren  ständischen  Gesetzen  keineswegs  widersprach,  fast  mutwillig
        <pb n="619" />
        Wirkung  des  Patents.  611

beseitigt?  War  der  Ausdruck  „Landesrepräsentation“,  der  in  ihr  vorkam
und  doch  auch  auf  den  Vereinigten  Landtag  paßte,  wirklich  so  entsetzlich,
daß  man  um  dieses  einen  Wortes  willen  ein  Gesetz  stillschweigend  umstoßen
durfte?  Und  mußte  nicht  der  Vereinigte  Landtag,  solange  er  seiner  regel—
mäßigen  Wiederberufung  nicht  sicher  war,  selber  bezweifeln,  ob  er  sich  für
die  gesetzmäßige  Landesvertretung  halten  sollte?  Und  warum  nicht  ein
klares  Zweikammersystem  statt  eines  Herrenstandes,  der  bald  mit  der  Kurie
der  drei  Stände,  bald  neben  ihr  tagen  sollte?  Diese  Herrenkurie,  an  sich
gewiß  einer  der  glücklichsten  politischen  Gedanken  des  Königs,  war  doch
leider  nicht  zum  Abschluß  gekommen  und  konnte,  wie  sie  war,  unmöglich  für
eine  gerechte  Vertretung  der  aristokratischen  Kräfte  des  Landes  gelten.  Von
ihren  72  Stimmen  entfiel  die  größere  Hälfte  auf  Schlesien  und  Rheinland
allein;  die  große  Provinz  Preußen  erhielt  nur  fünf  Stimmen,  Pommern
gar  nur  eine  einzige.  Mit  vollem  Rechte  fühlte  sich  also  die  treue  Ritterschaft
  der  alten  Provinzen  zurückgesetzt  und  gekränkt.  Vergeblich  mahnte
der  Prinz  von  Preußen  in  seiner  Denkschrift,  man  müsse  die  Aristokratie
ganz  gewinnen,  indem  man  sie  ehre;  vergeblich  bat  Graf  Arnim-Boitzenburg
  noch  in  letzter  Stunde  um  die  Verstärkung  des  Herrenstandes  7);  der
König  behielt  sich  geheimnisvoll  seine  Pläne  für  die  Zukunft  vor.  Und  wozu
  dann  die  wunderliche  Bestimmung,  daß  die  Gesetzentwürfe  nach  Belieben
bald  dem  Vereinigten  Landtage,  bald  dem  Vereinigten  Ausschusse,  bald  den
Provinziallandtagen  vorgelegt  werden  sollten?  Offenbar  wollte  der  König
durch  diese  künstliche  Verteilung  der  ständischen  Rechte  verhindern,  daß
eine  der  drei  landständischen  Körperschaften  übermächtig  würde.  Er  übersah
  nur,  daß  die  natürliche  Gewissenlosigkeit  jeder  vielköpfigen  ständischen
Vertretung  allein  durch  das  Bewußtsein  ernster  Verantwortlichkeit  gebändigt
  werden  kann;  dies  Gefühl  ward  aber  den  Landtagen  und  Ausschüssen
geradezu  genommen,  wenn  sie  den  Umfang  ihrer  eigenen  Rechte  nicht
mit  Sicherheit  kannten.  Und  warum  endlich  noch  die  rechtswidrige  und
in  Wahrheit  nutzlose  Verkümmerung  des  Rechtes  der  Anleihebewilligung?

Alle  diese  Abweichungen  von  den  alten  Gesetzen  erschienen  so  bedenklich,
  daß  der  hochherzige  Entschluß  des  Monarchen  und  selbst  die  wichtige
Gewährung  des  Steuerbewilligungsrechts  nicht  recht  gewürdigt  wurde.
Obgleich  das  Patent  jetzt  nach  dem  langen  Zaudern  fast  allen  unerwartet
kam,  so  zeigte  sich  doch  nur  selten  die  dankbare  Freude,  die  der  König  erhofft
hatte;  die  Stimmung  blieb  gedrückt  und  unsicher.  Wohl  sendete  Max
Duncker  mit  seinen  getreuen  Hallensern  eine  Dankadresse  an  den  Thron,
auch  die  Elbinger  und  die  Thorner  bekundeten  ihre  Freude  und  selbst  der
radikale  Ruge  meinte,  die  Preußen  dürften  diese  erste  Möglichkeit  praktischen
  politischen  Wirkens  nicht  aus  der  Hand  geben.  Am  Rhein  aber,
in  Schlesien  und  vornehmlich  in  Altpreußen  verlangten  viele  Stimmen

 

*)  Graf  Arnim-Boitzenburg  an  den  König,  3.  Jan.  1847.
39  *
        <pb n="620" />
        612  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

Zurückweisung  des  ungenügenden  königlichen  Gnadengeschenks.  Der  Nei—
denburger  Kreistag  faßte  sogar  den  Beschluß,  die  Abgeordneten  sollten
sich  für  inkompetent  erklären,  solange  ihnen  nicht  ihr  Recht  würde,  und
im  Kreise  Strasburg  begann  der  zungenfertige  junge  Gutsbesitzer  v.  Hennig
  seine  liberale  Laufbahn  mit  einem  ähnlichen  Versuche.“)

Das  Lärmzeichen  für  diese  Unversöhnlichen  gab  Heinrich  Simon  mit
seiner  Flugschrift:  Annehmen  oder  Ablehnen?  Er  hatte  bei  dem  Kampfe
gegen  die  Disziplinargesetze  Mut  und  Festigkeit,  aber  auch  viel  spitzfindige
Advokatenkünste  gezeigt;  die  Juristen  schätzten  seine  brauchbaren,  mehr
durch  Fülle  als  durch  Vergeistigung  des  Stoffes  ausgezeichneten  Handbücher
  über  preußisches  Staatsrecht.  Als  Neffe  des  alten  um  die  rheinische
  Rechtspflege  hochverdienten  Gerichtsrats  Simon  konnte  er  bei  den
Liberalen  des  Westens  von  vornherein  freundliches  Gehör  erwarten;  und
da  ihn  die  Juden,  trotz  der  Taufe,  noch  immer  zu  ihren  Leuten  rechneten,
so  erfreute  er  sich  in  allen  Zeitungen  einer  beflissenen  Verherrlichung,
welche  selbst  seinem  hohen  Selbstgefühle  genügte.  Doch  muß  auch  in
seiner  Persönlichkeit  ein  eigentümlicher  Reiz  gelegen  haben,  der  sich  aus
seinen  trockenen  juristischen  Schriften  nicht  erraten  läßt.  Zwei  feindliche
Dichterinnen,  Ida  Hahn-Hahn  die  geliebte  und  Fanny  Lewald  die  verschmähte,
  beteten  ihn  mit  gleicher  Inbrunst  an,  und  selbst  seinem  Gegner
Radowitz  erschien  er  bei  flüchtiger  Reisebekanntschaft  sofort  als  ein  ungewöhnlicher
  Mann.  Seine  neueste  Schrift  verdiente  freilich  ihren  Eintagsruhm
  in  keiner  Weise,  sie  brachte  nichts  vor  als  das  leere  Entweder  —
Oder  des  Radikalismus.  „Wir  baten  dich  um  Brot  und  du  gibst  uns
einen  Stein“  —  so  begann  er  gleich,  und  entwickelte  dann  die  längst
überwundene  privatrechtliche  Theorie,  wonach  die  ständische  Verfassung
ein  Vertrag  zwischen  Krone  und  Volk  sein  sollte.  Er  behauptete,  was
einem  gewiegten  Juristen  doch  kaum  zu  verzeihen  war:  das  Patent  „nehme
dem  Volke  seine  wenigen  staatlichen  Rechte“;  er  lobte  sogar  das  suspensive
  Veto  Norwegens,  da  „ein  einzelner“  doch  nicht  mehr  gelten  dürfe
als  der  Wille  der  Millionen,  und  mahnte  den  König,  er  möge  brechen
mit  der  Ansicht,  daß  ihm  die  Krone  von  Gott  gegeben  sei,  und  sich  vielmehr
  halten  an  den  Wahlspruch:  Volkes  Stimme  ist  Gottes  Stimme!

Friedrich  Wilhelm  war  empört,  er  verlangte  im  ersten  Zorne  Absetzung
der  Zensoren,  die  das  „Verbrechen“  begangen  hätten  „solch  Buch  nicht
konfiszieren  zu  lassen“  —  bis  sich  dann  herausstellte,  daß  die  Schrift  als
zensurfreies  Zwanzigbogenbuch  in  Leipzig  erschienen  war.*)  Die  grobe
Handgreiflichkeit  der  Simonschen  Vertragstheorie  mußte  viele  Halbgebildete
  überzeugen.  Zu  weiterer  Belehrung  ließ  dann  Simons  Verleger
noch  eine  „Parallele  der  preußischen  Verfassung  mit  den  Verfassungen

*)  Berichte  des  Reg.-Präsidenten  Wallach,  29.  April,  und  v.  Nordenflycht,  7.  April

1847  an  Bodelschwingh.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  15.  März  1847.
        <pb n="621" />
        Simon,  Annehmen  oder  Ablehnen.  Gervinus.  613

von  Kurhessen,  Norwegen  und  Belgien“  drucken.  Diese  drei  Staaten  hatten
bekanntlich  dem  „Zeitgeiste  die  ihm  gebührenden  Zugeständnisse  gemacht“,
und  da  der  Zeitgeist  alles,  die  Geschichte  nichts  galt,  so  konnte  hier  jeder
gesinnungstüchtige  Leser  lernen,  wie  viel  glücklicher  der  freie  Kurhesse  war
als  der  geknechtete  Preuße.  Auch  die  Flüchtlinge  warfen  ein  Libell  „das
Patent“  über  die  Grenze,  das  einfach  erklärte:  „Alle  Hoffnungen  sind
betrogen,  alle  Täuschungen  sind  zu  Ende.  Keine  Volksgeltung  ohne  Volks—
herrschaft,  keine  Volksherrschaft  ohne  Republik!  Recht  oder  —  Blut!“

Bei  der  besonnenen  Mehrheit  des  preußischen  Volks  konnte  ein  so
törichter,  so  undankbarer  Radikalismus  doch  nicht  durchdringen.  Auf
einer  Versammlung  rheinischer  Abgeordneten  zu  Köln  wurde,  wenn  auch
unter  mannigfachen  Bedenken,  endlich  beschlossen  den  Versuch  einer  Ver—
ständigung  zu  wagen,  und  es  zeigte  sich  bald,  daß  die  Gesamtheit  der
Provinzialvertreter  entschlossen  war,  in  alter  Treue  dem  Rufe  des  Königs
zu  folgen.  Die  süddeutschen  Liberalen  meinten  ebenfalls,  mit  dem  starren
Verneinen  sei  nichts  getan.  Welcker  sogar,  der  alte  grimmige  Feind
Preußens,  gelangte  in  einer  unförmlichen,  mit  allen  Schlagwörtern  des
verendenden  Vernunftsrechts  ausgeschmückten  Abhandlung  „Grundgesetz
und  Grundvertrag“  doch  zu  dem  Schlusse,  das  preußische  Volk  müsse  diese
große  Gelegenheit  mit  Freuden  benutzen:  „gründet  die  ganze  Freiheit,  wie
auch  die  anderen  freien  Völker  sie  haben.“  Auch  Gervinus  fühlte  sich
wieder  verpflichtet  mitzureden,  obgleich  er  von  preußischen  Dingen  noch
weniger  als  Welcker  verstand.  Ihm  fehlte  sogar,  was  der  ehrlich  polternde
Welcker  doch  einigermaßen  besaß,  die  erste  Tugend  des  Publizisten:  die
Freiheit  des  Gemüts,  die  Sicherheit  des  fest  dem  Ziele  zugewandten
Willens.  Schwelgend  im  Genusse  seiner  eigenen  Vollkommenheit  redete  er
immer  nur  über  Dinge  hin  und  sagte  nicht,  was  er  eigentlich  wollte.
In  seinem  übellaunigen  Büchlein  „das  Patent  vom  3.  Februar“  über—
schüttete  er  Preußen  mit  einem  solchen  Gallenergusse,  daß  sein  unschuldiger
Freund  Jakob  Grimm  ganz  erschrocken  antwortete:  wenn  das  alles  wahr
wäre,  wenn  bei  uns  wirklich  nur  Lug  und  Trug  herrschten,  dann  müßte
ich  „um  jeden  Preis  aus  einem  solchen  Lande  weichen“!  Im  Grunde  lief
der  ganze  Tadel  darauf  hinaus,  daß  Preußen  unglücklicherweise  Preußen
war  und  nicht  Hessen-Darmstadt  oder  Sachsen-Meiningen;  und  dabei
glaubte  Gervinus  doch  Preußens  treuester  Freund  zu  sein.  So  viel  ließ
sich  aus  der  Masse  der  Scheltworte  immerhin  erraten,  daß  der  Ge—
strenge  nicht  geradezu  das  kahle  Ablehnen  empfehlen  wollte;  aber  was
er  tun  konnte,  um  die  Aussöhnung  der  Parteien  zu  hintertreiben,  das
tat  er  durch  sein  Zanken  redlich.  Neben  diesen  vielgelesenen  Schriften
wurde  der  alte  Restaurator  Haller  kaum  beachtet,  als  er  in  einer  Flug—
schrift  tief  besorgt  die  Krone  vor  allzu  freigebigen  Gewährungen  warnte.

Also  war  die  Partei  der  unbedingten  Verneinung  vorläufig  über—
wunden,  doch  wirkliche  Eintracht  mit  nichten  hergestellt.  Diese  Regierung
        <pb n="622" />
        614  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

der  Mißverständnisse  blieb  ihrem  Charakter  treu:  der  König  wähnte  mit
dem  Patente  für  lange  Zeit  sein  letztes  Wort  gesprochen  zu  haben,  die
öffentliche  Meinung  sah  darin  nur  den  ersten  Anfang  eines  freieren
politischen  Lebens,  und  schon  jetzt  zeigte  sich,  daß  der  Gegensatz  sich  zu—
spitzen  mußte  zu  der  einen  Frage  der  periodischen  Landtagsberufung.  War
der  Vereinigte  Landtag  erst  seiner  regelmäßigen  Wiederkehr  sicher,  dann
konnte  er  sich  mit  Fug  und  Recht  für  die  gesetzliche  Landesvertretung  an—
sehen;  die  Vereinigten  Ausschüsse  verloren  dann  jede  Bedeutung,  und  auch
der  Nebenstreit  um  die  Kriegsanleihen  und  die  Schuldendeputation  ließ  sich
leichter  erledigen.  In  der  Forderung  periodischer  Reichsstände  fanden  sich
drei  ganz  verschiedene  Parteien  zusammen:  zunächst  alle  die  besonnenen
Männer,  die  der  Unsicherheit  des  öffentlichen  Rechts  ein  Ende  machen
wollten;  sodann  die  entschiedenen  Liberalen,  die  von  einem  vielköpfigen
Parlamente  für  ihre  Parteizwecke  mehr  erwarteten  als  von  einem  kleinen
Ausschuß;  dazu  endlich  die  hohe  Aristokratie,  denn  durch  den  Herrenstand
des  Vereinigten  Landtags  hoffte  sie  politische  Macht  zu  gewinnen,  während
sie  in  den  Vereinigten  Ausschüssen  nur  durch  wenige  Stimmen  vertreten
war.  Dies  erkannte  Kühne,  er  befürchtete  eine  Coalition  monstreuse
zwischen  den  extremen  Liberalen  und  Aristokraten.  Mündlich  und  brief—
lich  stellte  er  seinem  alten  Freunde  Bodelschwingh  vor:  diese  große  Ver—
sammlung  würde  nur  dann  in  Frieden  zu  Ende  gehen,  wenn  der  König
rechtzeitig,  bevor  man  ihn  zwänge,  in  der  einen  entscheidenden  Frage
nachgäbe  und  dem  Vereinigten  Landtage,  ebenso  wie  schon  den  Vereinigten
Ausschüssen,  die  periodische  Einberufung  zusagte.)

Welch  eine  Last  lag  jetzt  auf  Bodelschwingh.  Einst  im  Befreiungskriege
  hatte  eine  französische  Kugel  dem  tapferen  Kriegsmanne  die  Lunge
durchbohrt,  und  gerade  jetzt  packte  ihn  wieder  eine  jener  schweren  Lungenentzündungen,
  die  ihn  seitdem  schon  mehrmals  heimgesucht  hatten.  Er
rang  mit  dem  Tode;  den  ganzen  März  hindurch  blieb  er  unfähig  zur
Arbeit.  Kaum  halb  genesen,  raffte  er  sich  dann  auf,  um  heldenhaft,  fast
allein,  selber  ein  parlamentarischer  Neuling,  dieser  stürmischen  Versammlung
  die  Stirne  zu  bieten.  Als  Minister  des  Innern  und  Kabinettsminister
  zugleich,  mußte  er  die  Sache  der  Krone  zunächst  vertreten,  und
es  ergab  sich  auch  bald,  daß  er  allein  unter  allen  Ministern  ein  ungewöhnliches
  Rednertalent  besaß.  Er  war  ein  Neffe  jenes  stolzen  Freiherrn
Bodelschwingh-Plettenberg,  der  einst  so  hartnäckig  die  ständischen  Rechte
der  Grafschaft  Mark  verteidigt  hatte,  ein  Liebling  Steins  und  des  alten
Vincke,  Westfale  durch  und  durch,  und  hatte  sich  doch  in  den  mannigfachen
  Stellungen  einer  beispiellos  raschen  Beamtenlaufbahn  überall  Liebe,
selbst  in  der  bösen  Zeit  des  Kölnischen  Bischofsstreites  die  Achtung  der
Rheinländer  gewonnen.  Die  älteren  westfälischen  Landsleute  erinnerte

 

*)  Kühne  an  Bodelschwingh,  3.  April  1847.  S.  Beilage  35.
        <pb n="623" />
        Bodelschwingh.  615

sein  ganzes  Wesen  an  Justus  Möser.  Höchst  unscheinbar  gekleidet,  fiel
er  sogleich  auf  durch  seine  hohe  kriegerische  Gestalt  und  durch  den  treu—
herzigen  Blick  seiner  offenen,  großen  Augen.  Ursprüngliche  Kraft,  un—
schuldige  Frische  sprach  aus  seinem  ganzen  Wesen,  und  General  Gerlach,
der  den  „liberalen  Minister  durchaus  nicht  liebte,  sagte  wohl:  so  un—
gefähr  muß  Adam  ausgesehen  haben.  Der  letzte  hervorragende  Vertreter
des  alten  absolutistischen  Beamtentums,  hielt  er  sich  im  Gewissen  ver—
pflichtet,  die  Willensmeinung  des  Königs,  sofern  sie  nur  dem  Rechte  nicht
offenbar  widersprach,  mit  der  ganzen  Selbstverleugnung  eines  altgermani—
schen  Vasallen  zu  verteidigen.  Er  hatte  bei  der  Beratung  des  Patents
wieder  und  wieder  die  Bedenken  hervorgehoben,  die  ihm  sein  schlichter
Geschäftsverstand  aufdrängte;  und  auch  jetzt  erkannte  er,  nachdem  der
Unwille  der  ersten  Überraschung  überstanden  war,  im  stillen  sehr  wohl,
wie  richtig  Kühne  urteilte.  Aber  der  Monarch  hatte  gesprochen,  an  seinem
Willen  ließ  sich  nichts  mehr  ändern.  Bei  der  Eröffnung  des  Vereinigten
Landtags  drückte  Bodelschwingh  dem  treuen  Freunde  die  Hand  und  sagte
bewegt  in  seinem  heimischen  Platt:  es  geht  nicht  anders;  wir  sind  davör,
wir  möt  dadör.)  “  —

 

Als  die  Mitglieder  des  Vereinigten  Landtags  zu  Anfang  Aprils  in
Berlin  eintrafen,  da  begann  der  erste  große  parlamentarische  Kampf  der
deutschen  Geschichte,  ein  Schauspiel,  das  alle  die  Händel  der  kleinen  Landtage
  ganz  in  den  Schatten  stellte,  und  zum  allgemeinen  Erstaunen  ward
offenbar,  welche  gewaltigen  staatsbildenden  Kräfte  Deutschland  in  diesem
Preußen  besaß.  Die  Männer,  die  hier  von  der  belgischen  und  der  russischen
  Grenze,  von  der  Ostsee  und  den  thüringischen  Bergen  her  zusammenkamen,
  fühlten  sich  allesamt  als  Söhne  eines  Volkes,  allein  das
kleine  Häuflein  der  Polen  ausgenommen,  und  trugen  mit  Stolz  den
Namen  der  Preußen.  In  der  langen  wohltätigen  Stille  der  Herrschaft
des  verstorbenen  Königs  hatten  der  alte  Stammeshaß  und  die  landschaftlichen
  Sonder-Erinnerungen  viel  von  ihrer  Schärfe  verloren  —  ein  Ergebnis,
  das  sich  bei  freierem  öffentlichen  Leben  schwerlich  so  bald  hätte
erreichen  lassen;  dann  waren,  unter  dem  aufregenden  Regimente  des
Nachfolgers,  überall  im  Osten  wie  im  Westen  neue  politische  Ideen  erwacht,
aus  denen  leicht  große  gesamt-preußische  Parteien  hervorgehen  konnten.
Gleich  bei  den  ersten  Vorbesprechungen  ward  man  inne,  daß  diese  neuen
Parteigegensätze  zwar  trennend,  aber  noch  mehr  verbindend  wirkten;
denn  der  Riß  der  Parteiung  ging  mitten  durch  alle  Provinzen,  die  Mehrheit
  der  Rheinländer  und  der  Ostpreußen  bildeten  den  Kern  der  Opposition,
  gerade  die  entlegensten  Landesteile  fanden  sich  in  guter  Freund- 



*)  Nach  Kühnes  Aufzeichnungen.
        <pb n="624" />
        616  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

schaft  zusammen.  Die  Provinzen  wie  die  Stände  des  Vereinigten  Land—
tags  besaßen  das  Recht,  die  Sonderung  in  Teile  zu  verlangen;  aber
von  dieser  gefährlichen  Befugnis  versuchten  nur  zweimal,  ganz  zu  An—
fang  der  Tagung,  einzelne  Heißsporne  Gebrauch  zu  machen.  Beide  Male
vergeblich.  Der  Landtag  wollte  ein  untrennbares  Ganzes  bleiben;  die
Naturgewalt  der  nationalen  Einheit,  der  Ernst  des  preußischen  Staats—
gedankens  hielt  alle  Sondergelüste  danieder.  Das  war  es,  was  Metter—
nich  vor  allem  fürchtete.  Er  wußte  wohl,  daß  Österreich  und  Frankreich
die  geborenen  Feinde  der  deutschen  Einheit  waren,  und  warnte  Guizot
vor  den  großen  Gefahren,  welche  dieser  Landtag  den  beiden  Höfen  zu
bereiten  drohe;  er  stachelte  die  partikularistische  Angst  des  Königs  von
Württemberg  gegen  das  Deutschtum  und  den  „alles  oder  nichts  sagenden
Begriff“  der  Nationalität.  Als  festes  Bollwerk  wider  das  werdende
Deutschland  dort  im  Norden  empfahl  er  den  Deutschen  Bund,  die  natürliche
  Stütze  des  Partikularismus.

Zum  ersten  Male,  seit  es  ein  Königreich  Preußen  gab,  traten  die
Stände  als  eine  selbständige  Macht  der  Krone  gegenüber;  und  wie  stark
und  mannigfaltig  erschien  das  nationale  Leben,  das  hier  plötzlich  Sprache
gewann,  wie  wenig  hatte  man  draußen  im  Reich  von  den  großen  Verhältnissen
  des  wirklichen  deutschen  Staates  gewußt.  „Preußen  hat  wieder
einen  Adel“  —  so  sagte  eine  ehrliche  liberale  Zeitung  ganz  verwundert;
denn  das  landläufige  Zerrbild  vom  preußischen  Junkertum  paßte  wahrhaftig
  nicht  auf  die  tapferen,  gebildeten,  patriotischen  Edelleute,  die  im  Vereinigten
  Landtage,  manche  als  Wortführer  des  Liberalismus,  alle  gleich
freimütig  auftraten;  viele  von  ihnen  erklärten  sich  sogar  bereit  —  freisinniger
  als  der  bayrische  Adel  —  auf  ihre  Patrimonialgerichtsbarkeit  zu
verzichten.  Fast  noch  mehr  überraschte  die  Deutschen  der  Kleinstaaten  das
stolze  Selbstgefühl  des  preußischen  Bürgertums,  das  in  der  älteren  Geschichte
  der  Monarchie  fast  immer  nur  eine  bescheidene  Rolle  gespielt  hatte,
jetzt  aber,  rasch  erstarkt  unter  dem  Schutze  des  Zollvereins,  seine  großen
wirtschaftlichen  Interessen  nachdrücklich  vertrat.  Auch  das  alte  streng
protestantische  Preußen  war  nicht  mehr;  die  Parität  der  Bekenntnisse
ward  in  den  Formen  überall  sorgsam  gewahrt,  und  die  aufgeklärten  Berliner
  Katholikenhasser  wollten  nicht  begreifen,  warum  der  Landtag  das
Fronleichnamsfest  als  einen  Feiertag  ehrte.

Überhaupt  kam  ein  neuer,  freierer,  großstädtischer  Zug  in  das
Berliner  Leben,  seit  die  Fürsten  und  Grafen  des  Westens,  die  schlesischen
  Granden  und  der  ostpreußische  Adel,  der  bisher  immer  still  daheim
  geblieben  war,  alle  bei  Hofe  erschienen  und  der  König  auch  die
Vertreter  der  Städte  und  der  Landgemeinden  zu  seinen  Festen  lud;  erst
seit  diesen  Anfängen  der  parlamentarischen  Kämpfe  begann  Berlin  zur
wirklichen  Hauptstadt  zu  werden.  Und  wie  reich  war  dieser  erste  Landtag
  an  rednerischen  Talenten,  an  mutigen,  erfahrenen,  ehrenhaften
        <pb n="625" />
        Charakter  des  Vereinigten  Landtags.  617

Männern.  Metternich  selbst  war  erstaunt  über  die  „parlamentarische  Gediegenheit“
  dieser  jungen  Versammlung;  man  wußte  im  Auslande  nicht,
daß  die  meisten  der  Abgeordneten  keine  Neulinge  waren,  sondern  schon
seit  Jahren  in  der  bescheidenen  Schule  der  Provinziallandtage  die  Kunst
der  Rede  und  der  parlamentarischen  Taktik  gelernt  hatten  und  jetzt  die
Fülle  der  dort  gesammelten  Erfahrungen  zur  gemeinsamen  Arbeit  herbeitrugen.
  Noch  überwog  die  schöne  Beredsamkeit  des  Herzens,  wie  es  in
einer  Zeit  der  Erwartung  nicht  anders  sein  konnte;  aber  auch  die  Leidenschaft
  hielt  sich  fast  immer  in  den  Schranken  der  guten  Sitte,  und  niemals
  wieder  hat  Preußen  ein  so  würdevolles  Parlament  gesehen.  Von
dem  Monarchen  sprachen  alle  mit  tiefer  Ehrfurcht,  manche  mit  überschwenglicher
  Bewunderung,  ein  Redner  der  Opposition  nannte  Friedrich
  II.  den  größten  König,  welcher  Preußen  vor  dem  Jahre  1847  beherrscht
  hätte;  bei  Hofe  galt  der  Name  Friedrich  der  Große  fast  für  unschicklich,
  die  neue  Zeit  friedlicher  Weisheit  sollte  ja  alle  Kriegstaten  der
heldenhaften  Altvordern  verdunkeln.

Von  vornherein  zeigten  die  Männer  der  Oppositionsparteien  das  Gefühl
  entschiedener  Überlegenheit;  sie  trugen  in  sich  das  Bewußtsein  einer
großen  Bestimmung,  sie  hofften  den  preußischen  Staat  durch  die  Ausbildung
  der  ständischen  Institutionen  mit  dem  übrigen  Deutschland  zu  befreunden
  und  ihm  also  die  Führung  der  Nation  zu  sichern.  In  den  Sälen
des  Russischen  und  des  Französischen  Hofes,  wo  die  Opposition,  noch  ganz
ohne  Fraktionszwang,  ihre  freien  Vorbesprechungen  zu  halten  pflegte,
fanden  sich  auch  manche  Liberale  von  auswärts  ein:  Jacoby  aus  Königsberg,
  Graf  Reichenbach,  H.  Simon  und  Stein  aus  Schlesien,  Biedermann
aus  Leipzig,  Beseler  und  andere  Schleswigholsteiner.  Sie  alle  erwarteten
von  Preußens  erstem  Reichstage  eine  Wendung  der  deutschen  Geschicke,
auch  der  junge  Julian  Schmidt  wurde  durch  die  Bewegung  dieser  Tage
von  der  Literatur  zur  Politik  hinübergeführt.  Zu  den  Sitzungen  des
Landtags  selbst  ließ  der  König  keine  Hörer  zu,  aber  die  Verhandlungen
wurden  vollständig  gedruckt,  jetzt  endlich  mit  Nennung  der  Redner,  und
obgleich  die  noch  unbeholfenen  Stenographen  ihren  Bericht  meistens  erst
nach  acht  Tagen  fertig  stellten,  so  folgten  doch  alle  Gebildeten  dem  parlamentarischen
  Kampfe  mit  reger  Teilnahme.  Die  Kölnische  Zeitung  ließ
sich  ihre  Berliner  Zeitungspakete  von  Minden  an  durch  eigene  Stafetten
zusenden,  nur  um  den  Rheinländern  den  Landtagsbericht  einen  Tag  vor
den  anderen  Blättern  darzubieten.

Neben  der  Zuversicht  der  Opposition  erschien  die  Haltung  der  Regierung
  von  Haus  aus  schwächlich  und  unsicher;  die  Minister  befolgten
getreulich  die  Befehle  ihres  königlichen  Herrn,  obgleich  kein  einziger  unter
ihnen  mit  den  wunderlichen  Plänen  des  Monarchen  ganz  einverstanden
war.  Und  so  fühlten  sich  auch  die  konservativen  Abgeordneten,  die  im
Englischen  Hofe  zusammenkamen,  beim  besten  Willen  die  Krone  zu  unter-
        <pb n="626" />
        618  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

stützen,  doch  völlig  ratlos.  Wo  war  ein  Ausweg  aus  diesem  durch  den
Monarchen  allein  verschuldeten  Rechtsgewirre?  Der  König  hatte,  den
Rat  des  Grafen  Arnim  verschmähend,  sich  nicht  auf  den  unangreifbaren
Rechtsboden  der  Gesetze  seines  Vaters  gestellt,  sondern  den  Ständen
einerseits  alte  Rechte  genommen,  andererseits  neue,  größere  Rechte  ge—
schenkt;  er  hatte  —  daran  hing  alles  —  die  Wiederberufung  des  Ver—
einigten  Landtags  durchaus  seinem  eigenen  Ermessen  vorbehalten  und
also  das  ganze  Verfassungswerk,  das  doch  gerade  abgeschlossen  werden
sollte,  noch  in  der  Schwebe  gelassen.  Und  unmöglich  konnte  der  absolute
König,  nach  so  großen  freiwilligen  Gewährungen,  seine  neue  Gesetzgebung
  auf  den  Wunsch  der  Stände  sofort  wieder  ändern;  das  Ansehen
der  Krone  und  der  persönliche  Stolz  Friedrich  Wilhelms  hätten  unter
solcher  Nachgiebigkeit  zu  schwer  gelitten.

So  stand  denn  dieser  durch  und  durch  königstreue,  gemäßigte,  besonnene
  Landtag  vor  einer  fast  unlösbaren  Rechtsfrage.  Die  Abgeordneten
  sagten  sich:  entweder  sind  wir  die  von  dem  alten  Könige  verheißene
Landesrepräsentation,  dann  müssen  wir  auch  alle  ihre  Rechte  für  uns
verlangen;  oder  wir  sind  ein  nach  dem  Belieben  des  neuen  Herrschers
berufener  Ständetag,  dann  dürfen  wir  die  Rechte  der  Landesrepräsentation
nicht  ausüben.  Kühne  Realpolitiker,  wie  der  junge  Deichhauptmann  Otto
v.  Bismarck,  der  hier  zuerst  in  das  öffentliche  Leben  eintrat,  mochten  wohl
über  solche  Skrupel  lachen,  denn  mit  voller  Sicherheit  ließ  sich  vorhersehen,
  daß  der  Vereinigte  Landtag  zu  einer  dauernden  Institution  des
Staates  werden  mußte;  für  den  streng  gesetzlichen  Sinn  der  Mehrheit
aber  waren  die  Rechtsbedenken  fast  unüberwindlich.  Und  leider  ward  die
Haltung  der  Opposition  auch  durch  eine  geheime  Unwahrheit  verdorben.
Die  Männer,  die  sich  so  streng  auf  den  Rechtsboden  beriefen,  wollten  in
Wahrheit  weit  mehr,  als  die  alten  Gesetze  verhießen.  Sie  trugen  durchaus
  kein  Bedenken,  das  neue  Steuerbewilligungsrecht,  das  ihnen  der  König,
den  alten  Gesetzen  zuwider,  geschenkt  hatte,  gleichsam  als  gute  Prise  anzunehmen,
  denn  sie  hofften  insgeheim  den  Monarchen  Schritt  für  Schritt
auf  neue  Bahnen  zu  drängen.  Die  Mehrzahl  der  Rheinländer  und  viele
Vertreter  der  großen  Städte  des  Ostens  dachten  an  eine  Verfassung
belgischen  Stiles,  die  liberalen  Edelleute  an  eine  mächtige  ständische  Versammlung.


Allen  diesen  Bestrebungen  hatte  der  König  durch  die  willkürlich  dilettantische
  Behandlung  der  Rechtsfragen  selber  Tür  und  Tor  geöffnet.
Das  Wagnis  seiner  Politik  war  um  so  gefährlicher,  da  hinter  den  Ständen
noch  andere  Mächte  der  Bewegung  standen,  welche  weit  über  die  Ziele
des  Landtags  hinaus  strebten.  Die  radikale  Partei,  deren  Macht  im
Lande  sich  doch  nicht  mehr  verkennen  ließ,  fand  auf  dem  Landtage
keinen  einzigen  Wortführer;  nur  dann  und  wann  verriet  sich  in  einzelnen
  Außerungen  der  bäuerlichen  Abgeordneten  ein  tiefer,  verhaltener
        <pb n="627" />
        Die  Thronrede.  619

sozialer  Groll,  der  schlesische  Erbschulze  Krause  meinte  einmal,  er  und
seine  Standesgenossen  hätten  dreißig  Jahre  lang  geschlafen,  jetzt  aber
wären  sie  endlich  zum  Bewußtsein  ihrer  Rechte  erwacht.  Unvertreten
war  auch,  nach  dem  Wahlgesetze,  die  breite  Masse  der  städtischen  Arbeiter,
unvertreten  endlich  der  mächtige  Stand  der  eigentlichen  Schriftgelehrten.
Wenn  die  Krone  mit  einem  Landtage,  der  ausschließlich  die  seßhaften,
vermögenden,  konservativen  Elemente  der  Gesellschaft  vertrat,  sich  nicht  zu
verständigen  vermochte,  dann  war  eine  friedliche  Entwicklung  des  politischen
  Lebens  kaum  noch  zu  erwarten.  —

Mit  königlichem  Pomp,  die  Reichs-Insignien  voran,  betrat  Friedrich
Wilhelm  am  11.  April  den  prachtvoll  wiederhergestellten  Weißen  Saal
des  Schlosses,  um  den  Landtag  mit  feierlicher  Ansprache  zu  eröffnen.  Alle
königlichen  Prinzen  scharten  sich  um  ihn;  selbst  der  getreue  Gesinnungsgenosse
  des  russischen  Schwagers,  Prinz  Karl,  der,  grollend  über  die
„chambre  monstre“,  lange  in  Italien  verweilt  hatte,  war  im  letzten
Augenblicke  auf  Befehl  des  Monarchen  noch  herbeigeeilt.)  Zum  letzten
Male  —  wie  wenig  konnte  er  das  ahnen  —  redete  der  König  hier  mit
der  vollen  Freiheit  des  unbeschränkten  Herrschers  zu  seinem  Volke,  aus
der  Tiefe  des  Herzens  heraus,  aufrichtig,  wie  kaum  je  ein  gekröntes  Haupt
gesprochen  hat;  es  war,  als  wollte  er  sich  selber  an  dem  Schwung  und
dem  Glanze  seines  reichen  und  doch  so  ganz  unpolitischen  Geistes  weiden.
Er  erklärte,  wie  es  die  Kundigen  nicht  anders  erwarten  konnten,  das  Verfassungswerk
  seines  Vaters  nunmehr  für  vollendet  und  warnte  die  Stände,
dies  Werk  „nicht  gleich  durch  ungenügsame  Neuerungslust  in  Frage  zu
stellen“;  er  legte  ihnen,  wie  einst  schon  den  Vereinigten  Ausschüssen,  ans
Herz,  daß  sie  nicht  „Meinungen  zu  repräsentieren“,  sondern  nach  altem
deutschen  Brauche  ihre  eigenen  Rechte  zu  wahren  hätten.  Er  erinnerte  sie
an  die  „Erbweisheit  ohnegleichen“,  welche  die  englische  Verfassung,  ohne
ein  Stück  Papier  geschaffen  habe,  und  obgleich  er  soeben  selbst  das  beschriebene
Blatt  des  Patents  hatte  hinausgehen  lassen,  gab  er  das  feierliche  Gelöbnis:
  „daß  es  keiner  Macht  der  Erde  je  gelingen  soll,  mich  zu  bewegen,
das  natürliche,  gerade  bei  uns  durch  seine  innere  Wahrheit  so  mächtig
machende  Verhältnis  zwischen  Fürst  und  Volk  in  ein  konventionelles,  konstitutionelles
  zu  wandeln,  und  daß  ich  es  nie  und  nimmermehr  zugeben
werde,  daß  sich  zwischen  unseren  Herrgott  im  Himmel  und  dieses  Land
ein  beschriebenes  Blatt  gleichsam  als  eine  zweite  Vorsehung  eindränge,
um  uns  mit  seinen  Paragraphen  zu  regieren  und  durch  sie  die  alte  Treue
zu  ersetzen.“  Sichtlich  erregt  sprach  er  von  den  Angriffen  der  Presse,
die  doch  so  tief  unter  ihm  stand:  „von  allen  Unwürdigkeiten,  denen  ich
und  mein  Regiment  seit  sieben  Jahren  ausgesetzt  gewesen,  appellier'  ich  an
mein  Volk.“  Und  indem  er  seine  getreuen  Stände  aufforderte  zum  ge- 



*)  Knyphausens  Bericht,  11.  April  1847.
        <pb n="628" />
        620  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

meinsamen  Kampfe  gegen  die  Untreue,  die  bösen  Gelüste  der  Zeit,  legte
er  das  Bekenntnis  ab:  „Ich  und  mein  Haus  wir  wollen  dem  Herrn  dienen.
Ja  wahrhaftig!“  Für  die  Zukunft  erhielten  die  Stände  nur  die  väter—
lich  mahnende  Zusage,  daß  der  König  sie  zur  Bewilligung  neuer  Steuern
und  Anleihen  wieder  berufen  werde,  und  auch  sonst  noch,  „wenn  ich  es
für  gut  und  nützlich  halte,  und  ich  werde  es  gern  und  öfter  tun,  wenn
dieser  Landtag  mir  den  Beweis  gibt,  daß  ich  es  könne,  ohne  höhere  Re—
gentenpflichten  zu  verletzen.“

Die  Thronrede  erschreckte  und  verwirrte  die  Hörer.  Wohl  empfand
jedermann  die  Macht  einer  ungewöhnlichen  Persönlichkeit;  der  politische
Inhalt  der  hochtönenden,  vielfach  unklaren  Sätze  lief  jedoch  darauf  hinaus,
  daß  der  König  seine  deutschrechtlichen  Stände  vor  jeder  Annäherung
an  das  konstitutionelle  Kammerwesen  der  kleinen  Nachbarstaaten  streng
bewahren  und  die  Ausbildung  dieser  ganz  eigenartigen  Institutionen  allein
seiner  eigenen  Weisheit  und  Gnade  vorbehalten  wollte.  Die  Liberalen,
die  in  dem  Patente  nur  die  Grundlage  für  weitere  Verhandlungen  sahen,
fühlten  sich  tief  niedergeschlagen.  Manche  der  heißblütigen  Ostpreußen
wollten  sofort  abreisen,  da  doch  keine  Verständigung  möglich  sei,  und  nur
durch  das  Zureden  ihrer  weltklugen  rheinischen  Freunde  ließen  sie  sich
zum  Bleiben  bewegen.  Beim  Beginn  der  ersten  Sitzung  erhob  sich  nun
Graf  Schwerin,  ein  Pommer  aus  dem  altberühmten  Soldatengeschlechte,
eine  breite,  gedrungene  Gestalt  von  ungezwungener  Haltung,  mit  einem
kräftigen  biederen  Gesichte,  das  durch  die  herabhängenden  dunklen  Haare
den  Ausdruck  eines  fast  pietistischen  Ernstes  erhielt;  er  hatte  sich  als
Schleiermachers  Schwiegersohn  mit  Arndt  und  anderen  patriotischen  Gelehrten
  befreundet  und  schon  auf  der  Generalsynode  die  Ideen  eines  milden
kirchlichen  Liberalismus  freimütig  vertreten.  Er  stellte  den  Antrag,  die
Stände  sollten  dem  Monarchen  in  einer  Adresse  ihren  Dank,  aber  auch
ihre  Rechtsbedenken  aussprechen.  Den  Adreßentwurf  verfaßte  der  gefeierte
Redner  des  rheinischen  Provinziallandtags,  F.  v.  Beckerath  aus  Krefeld.
Seine  Wiege  hatte,  wie  er  gern  erzählte,  neben  dem  Webstuhle  seines
Vaters  gestanden;  ganz  durch  eigene  Kraft  war  er  zum  reichen  Kaufherrn
geworden.  Mennonit  und  nicht  ohne  einen  Zug  quäkerischer  Salbung,
der  ihm  trotz  der  politischen  Meinungsverschiedenheit  doch  immer  das
Wohlwollen  des  frommen  Königs  sicherte,  trug  er  seine  gemäßigt  liberalen
Ansichten  mit  einem  eigentümlichen  lyrischen  Pathos  vor.  Die  Begeisterung
  stand  ihm  wohl  an,  sie  kam  aus  tiefer  Brust  und  verirrte  sich  nie
gänzlich  in  Phrasen.  „Hier,  rief  er  aus,  sei  der  Pulsschlag  eines  neuen
verjüngten  Preußens,  eines  Preußens,  das  umgeben  von  den  Sympathien
der  deutschen  Brüderstaaten,  das  deutsche  Volk  zu  der  Stelle  hinan  führen
wird,  die  ihm  unter  den  Kulturvölkern  der  Erde  gebührt.“

Mit  Besorgnis  sah  Graf  Arnim,  wie  die  rechtliche  Unklarheit,  deren
Gefahren  er  selbst  dem  Könige  so  oft  vorgestellt  hatte,  jetzt  schon  ihre
        <pb n="629" />
        Schwerin.  Beckerath.  Hansemann.  Vincke.  621

schlimmen  Früchte  trug.  Beckeraths  Adresse  enthielt  sehr  ernste  Rechts—
verwahrungen.  Wenn  der  König  sie  zurückwies,  dann  ging  der  Landtag,
noch  ehe  er  recht  begonnen  hatte,  schon  zu  Ende;  denn  diese  Versammlung
war  unauflösbar  —  das  hatte  der  Prinz  von  Preußen  seinem  Bruder
vorher  gesagt,  und  alle  fühlten  bereits,  wie  wahr  er  gesprochen.  Kam  es
zum  Bruche  zwischen  der  Krone  und  den  Ständen,  so  fiel  das  Patent
selbst,  und  der  Staat  trieb  vielleicht  gewaltsamen  Erschütterungen  ent—
gegen.  Darum  hielt  sich  Arnim  verpflichtet,  ritterlich  für  die  vergeblich
gewarnte  Krone  einzutreten.  Er  brachte  einen  Gegenentwurf  ein,  der  die
Rechtsbedenken  nur  leise  und  schüchtern  andeutete.  In  der  langen  Verhandlung,
  die  sich  nunmehr  entspann,  traten  schon  die  beiden  Redner
auf,  welche  die  Regierung  fortan  als  ihre  gefährlichsten  Feinde  fürchtete:
der  bürgerlich  Liberale  Hansemann  und  Vincke  der  liberale  Aristokrat.
Hansemann  hatte  seine  große  geschäftliche  Begabung  neuerdings  wieder  in
mannigfachen  Eisenbahn-Unternehmungen  bewährt;  sein  Ziel  war  die
konstitutionelle  Herrschaft  der  wohlhabenden  Bourgeoisie,  wie  in  Belgien.
In  ihm  verkörperte  sich  die  echt  moderne  kaufmännische  Staatsansicht,  die
alle  politischen  Begriffe  auf  den  Kopf  stellte  und  eben  deshalb  in  einer
Zeit  wachsenden  Erwerbes  und  Genusses  unaufhaltsam  um  sich  griff:  er
betrachtete  Heer  und  Beamtentum  als  lästige  Kostgänger  der  Kaufleute  und
Fabrikanten,  während  doch  Handel  und  Wandel,  Geld  und  Tausch  ohne
den  Staat,  sein  Recht  und  seine  Waffen  gar  nicht  auf  der  Welt  wären
und  man  also  mit  gleich  guten  Gründen  behaupten  konnte,  daß  die  reichen
Börsenmänner  zum  Teil  durch  die  Arbeit  der  schlecht  bezahlten  Staatsdiener
  ernährt  würden.  Im  Landtage  redete  er  sehr  scharf,  oft  mit  plebejischer
  Plumpheit,  er  stellte  den  Ständen  kurzab  die  Wahl:  „ob  das
Gefühl  des  Rechts  in  Ihnen  lebt  oder  ob  Sie  nur  von  Vertrauen,  von
Gnade  leben  wollen.“

Ungleich  mächtiger  sprach  Vincke,  ein  wohlbeleibter,  stiernackiger  junger
Mann,  dessen  nachlässige  Haltung  und  Kleidung  doch  den  Edelmann  nicht
verkennen  ließen;  sein  schwerer,  von  dichtem  rotem  Backenbart  umrahmter
Kopf  zeigte  eine  imposante  Häßlichkeit,  wie  sie  so  oft  schon  bedeutenden
Rednern  als  Schild  und  Waffe  gedient  hat.  Er  war  der  größte  aller
Parlamentsredner  der  preußischen  Geschichte,  ganz  unvergleichlich  in  der
Kunst  rascher,  schlagfertiger  Debatte,  und  dennoch  kein  schöpferischer  staatsmännischer
  Geist,  ja  nicht  einmal  ein  gewandter  Parteiführer.  Im  Kampfe,
im  Angriff  allein  lag  seine  Kraft.  Wie  ward  ihm  wohl,  wenn  er  einen
Redner  der  Gegenpartei  lange  mit  den  spöttischen  Blicken  seiner  scharf
hinter  der  Brille  hervorlugenden  Augen,  mit  höhnischen  Gebärden  und
Zwischenrufen  verfolgt  hatte  und  dann  aufsprang,  beide  Hände  in  den
Hosentaschen,  um  den  Unglücklichen  mit  scharfer  Dialektik,  mit  grausamen
Witzen  und,  tat  es  not,  mit  stürmischer  Entrüstung  zu  zermalmen.  Dem
Könige  blieb  er  stets  verhaßt;  denn  Friedrich  Wilhelm  nahm  alles  per-
        <pb n="630" />
        622  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

sönlich  und  konnte  sich  nicht  darein  finden,  den  Sohn  des  getreuesten
aller  Westfalen  in  den  Vorderreihen  der  Opposition  zu  sehen.  Auch  der
Vater  hatte  in  seinen  letzten  Lebensjahren  die  liberale  Gesinnung  des
jungen  Landrats  und  Landstands  nicht  ohne  Sorgen  betrachtet.  Im
Grunde  des  Herzens  hegte  der  Sohn  jedoch  weit  mehr  aristokratischen
Stolz  als  der  schlichte  volksfreundliche  alte  Oberpräsident.  Er  freute  sich
seines  alten  Geschlechtes  und  wollte  gleich  der  langen  Reihe  seiner  Ahnen
allezeit  „den  Acker  des  Rechtes  pflügen“.  Freilich  hatte  er  sich  von  seinem
unantastbaren  Rechtsboden  ein  ziemlich  willkürliches  Bild  entworfen.  Er
betrachtete  die  ständischen  Rechte  als  ein  von  den  Vätern  überkommenes
Fideikommiß,  als  „ein  eisernes  Inventar,  das  wohl  vermehrt,  doch  nicht
vermindert“  werden  dürfe.  Darum  nahm  er  das  neu  geschenkte  Steuer—
bewilligungsrecht  kurzweg  an  und  verlangte  trotzdem  die  Erfüllung  aller
früheren  Zusagen  bis  auf  den  letzten  Buchstaben.  Einen  Dank  wollte
er  in  der  Adresse  überhaupt  nicht  aussprechen,  sondern  nur  eine  Rechts—
verwahrung,  da  beides  einander  ausschlösse.  Noch  mehrere  andere  un—
gewöhnlich  begabte  Redner  erhoben  ihre  Stimme.  So  Mevissen,  der  Mit—
begründer  der  Rheinischen  Zeitung,  der  unterdessen  viel  gelernt  hatte  und
ganz  in  Beckeraths  Sinne  ausführte:  wenn  nur  erst  der  Vereinigte  Land—
tag  alljährlich  den  gesamten  Staatshaushalt  prüfe,  dann  würden  die
Preußen  nicht  mehr  mit  Neid  auf  ihre  kleinen  Nachbarn  schauen,  sondern
die  Führung  Deutschlands  erlangen.  So  auf  der  anderen  Seite  Fürst  Felix
Lichnowsky,  der  kecke  übermütige  karlistische  Abenteurer,  der  zum  allgemeinen
  Erstaunen  zwar  für  die  Krone,  aber  durchaus  nicht  in  reaktionärem
Geiste  sprach  und  wenn  er  auch  hinter  seinem  Vorbilde  Mirabeau  weit
zurückblieb,  doch  unverkennbar  Talent,  Mut,  Tatkraft  zeigte.

Großen  Eindruck  machte  eine  kurze  Ansprache  des  Prinzen  von
Preußen.  Herausgefordert  durch  einen  Vorwurf  Hansemanns  gab  er  als
erster  Untertan  und  erster  Ratgeber  des  Königs  die  feierliche  Versicherung:
bei  der  Beratung  der  Verordnungen  vom  3.  Febr.  hätten  er  und  die
anderen  Räte  der  Krone  durchaus  kein  Mißtrauen  gehegt,  wohl  aber  die
Erwartung,  daß  „Freiheiten  und  Rechte  der  Stände  niemals  auf  Unkosten
der  Rechte  und  Freiheiten  der  Krone“  gewährt  werden  sollten.  Der  Sinn
seiner  Rede  war  versöhnlich,  aber  ihr  Ton  klang  diktatorisch;  der  Prinz
sprach  wie  ein  des  Befehlens  gewohnter  General,  und  da  der  unwissende
Haufe  nicht  einsah,  daß  der  Thronfolger  doch  gar  nicht  anders  auftreten
durfte,  so  bemächtigte  sich  der  niederträchtige  Berliner  Klatsch  dieser  einfachen
  Worte.  Der  Prinz  war  der  Liebling  des  Heeres  und  darum  schon
allen  Unzufriedenen  verdächtig.  Die  längst  verbreiteten  Gerüchte  von  seiner
reaktionären  Gesinnung  wurden  durch  Varnhagen  in  den  Salons,  durch
allerhand  Unbekannte  beim  Pöbel  umhergetragen;  er  galt  überall  für  den
bösen  Dämon  seines  Bruders,  obgleich  er  zur  Zeit  gar  keinen  Einfluß
besaß,  sondern  nur  als  ehrenhafter  Soldat  die  Sache  seines  königlichen
        <pb n="631" />
        Die  Adresse.  Erklärung  der  Rechte.  623

Herrn  verteidigte.  Bei  den  Straßenaufläufen  dieser  Apriltage  warf  ihm
der  Pöbel  die  Fenster  ein;  es  war  ein  Schatten  kommender  Ereignisse,  die
liberalen  Zeitungen  entschuldigten  die  Heldentat  mit  der  fragwürdigen
Versicherung,  der  Anblick  der  Spiegelscheiben  des  bescheidenen  prinzlichen
Palastes  hätte  die  armen  Hungerleider  gar  zu  schmerzlich  an  ihr  eigenes
Elend  erinnert.

Um  die  Parteien  zu  versöhnen,  beantragte  endlich  Alfred  v.  Auerswald
  eine  neue,  etwas  schärfere  Fassung  des  Arnimschen  Adreßentwurfs.
Der  treue  Mann,  der  dem  Monarchen  in  jungen  Jahren  so  nahe  gestanden
hatte,  wollte  einen  Bruch  mit  der  Krone  durchaus  vermeiden,  jedoch  auch
seine  Rechtsüberzeugung  nicht  aufgeben.  In  der  also  umgestalteten  Adresse
erklärten  die  Stände  nach  warmen  Dankesworten:  sie  würden  die  Ehre
und  Kraft  der  Krone,  aber  auch  die  ständischen  Rechte  „beide  als  unschätzbare
  Kleinode  bewahren  und  pflegen“;  demnach  behielten  sie  sich  vor,
die  Abweichungen  des  Patents  von  den  früheren  Gesetzen  noch  näher  zu
erörtern,  und  baten  den  Monarchen  solche  Widersprüche  demnächst  auszugleichen.
  Der  Antrag  wurde  mit  großer  Mehrheit  angenommen;  er
gab  den  Verhandlungen  des  Landtags  von  vornherein  ihr  Gepräge:  den
Charakter  einer  ehrfurchtsvollen  und  besonnenen,  aber  festen  und  entschlossenen
  Oppositionspolitik.  In  gnädigem  Tone  ließ  der  König
(22.  April)  antworten:  „Die  Gesetzgebung  vom  3.  Febr.  ist  in  ihren
Grundlagen  unantastbar,  wir  betrachten  sie  aber  deshalb  nicht  als  abgeschlossen,
  vielmehr  als  bildungsfähig.“  Darum  gab  er  den  Ständen  anheim,
  weitere  Anträge  zu  stellen,  und  verhieß  sogar  von  freien  Stücken,
den  Vereinigten  Landtag  spätestens  in  vier  Jahren  wieder  zu  versammeln.
Also  wich  er  schon  selbst  einen  Schritt  zurück,  was  ihm  schwer  genug
fallen  mußte,  da  er  doch  soeben  erst  seine  Stände  vor  ungenügsamer  Neulingshast
  gewarnt  hatte.  Zu  dem  Versprechen  periodischer  Einberufung
konnte  er  sich  gleichwohl  nicht  entschließen,  und  doch  fühlten  jetzt  schon  alle
Unbefangenen,  auch  die  auswärtigen  Diplomaten,  daß  diese  Zusage  allein
den  unseligen  Streit  abzuschneiden  vermochte.  Sogar  der  hannoversche
Gesandte  Graf  Knyphausen  wagte  in  solchem  Sinne  zu  berichten,  was
der  alte  Welfe  freilich  durch  die  Randbemerkung  rügte:  „Gelesen,  bin
aber  gar  nicht  verständen  mit  die  angeführten  Wegen.“  7)

Die  Rechtsfrage  blieb  also  noch  immer  ungelöst,  und  Vincke  hielt  in
seinem  ungestümen  Rechtstrotze  nunmehr  für  geboten,  daß  der  Landtag  dem
Könige  eine  feierliche  „Erklärung  der  Rechte“  übergäbe.  Offenbar  schwebte
ihm  das  Beispiel  der  Bill  of  rights  vor  Augen;  Dahlmanns  Geschichte  der
englischen  Revolution  war  ja  zur  Zeit  in  jedermanns  Händen.  Aber  wie
wenig  hatten  die  Zustände  Preußens  mit  der  englischen  Geschichte  gemein.
Die  englische  Erklärung  der  Rechte  wurde  einem  fremden  Usurpator  auf- 



*)  Knyphausens  Bericht,  19.  April  1847.
        <pb n="632" />
        624  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

erlegt,  der  seine  Krone  der  Revolution,  dem  Willen  des  britischen  Volkes
verdankte,  während  die  Preußen  einem  legitimen,  absoluten  Könige  gegen—
überstanden,  der  sich  soeben  erst  freiwillig  großer  Machtbefugnisse  ent—
äußert  hatte.  Die  Briten  verteidigten  uralte,  oft  ausgeübte,  durch  Bür—
gerkrieg  und  schweren  parlamentarischen  Kampf  immer  wieder  errungene
Rechte;  Vincke  vermochte  sich  nur  auf  die  dürftigen,  unzusammenhängen—
den,  noch  niemals  ausgeführten  Verheißungen  der  leichtfertigen  Harden—
bergischen  Gesetzgebung  zu  berufen.  Darum  war  die  englische  Erklärung
der  Rechte  eine  weltgeschichtliche  Tat,  der  Versuch,  sie  in  Preußen  nachzubilden,
  fiel  platt  zur  Erde.  Wer  unparteiisch  draußen  stand,  konnte  sich
für  diesen  zweifelhaften  Rechtsboden  nicht  leicht  begeistern.  Sogar  Stüve,
der  zähe  Verteidiger  des  strengen  Rechts,  fand  in  den  Reden  und  Schriften
  der  unbedingten  preußischen  Opposition  viel  „Wortklauberei  und
Advokaten-Hokuspokus“,  er  spottete  über  „die  eminenten  Rechte,  die
man  zu  besitzen  sich  einbilde“.  )  Im  Landtage  verweigerten  selbst  Beckerath
  und  Schwerin  ihre  Unterschrift  zu  dem  seltsamen  Aktenstücke,  das  in
langer  Reihe  abgerissene  Stellen  der  älteren  Gesetze  aufzählte.  Nur
138  Abgeordnete  unterzeichneten,  fast  drei  Viertel  davon  waren  Rheinländer
  oder  Ostpreußen.  Der  Einmut  also,  der  solchen  Gewissensverwahrungen
  doch  allein  Nachdruck  gibt,  fehlte  gänzlich;  und  als  die  Herrenkurie
  sich  weigerte,  in  die  Beratung  einzutreten,  da  mußte  die  Erklärung
  der  Rechte  stillschweigend  zurückgezogen  werden.  Vincke  hatte
zum  ersten  Male  bewiesen,  wie  wenig  er  eine  Partei  zu  leiten  verstand.

Sobald  der  Landtag  nunmehr  in  die  Geschäfte  eintrat,  fühlte  er  sich
auf  jedem  Schritt  durch  juristische  Bedenken  gehemmt,  da  er  nicht  wußte,
ob  er  sich  selbst  als  die  verheißene  Landesrepräsentation  ansehen  sollte,
und  der  offene  Kampf  brach  aus,  als  die  Regierung  den  Ständen  zweimal
  die  Übernahme  finanzieller  Verpflichtungen  zumutete.  Sie  verlangte
  zunächst  die  ständische  Garantie  für  die  neuen  Landrentenbanken,
welche  die  Ablösung  der  grundherrlichen  Lasten  erleichtern  sollten.  Sachliche
  Bedenken  gegen  dies  verständige  Gesetz  hegte  nur  ein  kleiner  Kreis
konservativer  Grundbesitzer,  der  die  Berechtigten  durch  die  Ablösung  zu
schädigen  fürchtete;  den  Finanzen  drohte  auch  keine  Gefahr,  da  die  Landrentenbriefe
  ja  der  Sicherheit  erster  Hypotheken  genossen.  Unlösbar  aber
schien  wieder  die  Rechtsfrage.  Vincke  eiferte:  wie  dürfen  wir  das  Land
mit  neuen  Verpflichtungen  belasten,  solange  der  Vereinigte  Landtag  nicht
regelmäßig  die  Lage  des  Staatshaushalts  prüft,  und  die  Regierung  ohne
unser  Wissen  Schulden  aufnehmen  kann?  Zum  Unglück  wagte  Bodelschwingh,
  der  fast  allein,  kaum  unterstützt  von  den  schweigsamen  anderen
Ministern,  mit  bewunderungswürdiger  Geduld  die  Sache  der  Krone  vertrat,
  jetzt  die  unhaltbare  Behauptung  aufzustellen:  eine  Bürgschaft  dürfe

 

*)  Nach  der  früher  erwähnten  handschriftlichen  Biographie  Stüves.
        <pb n="633" />
        Landrentenbanken.  Ostbahn.  625

man  doch  nicht  wie  eine  Schuld  ansehen.  Dasselbe  hatte  er  schon  vor
vier  Jahren  den  Vereinigten  Ausschüssen  gesagt,  damals  noch  ohne  leb—
haften  Widerspruch.*)  Seitdem  aber  waren  die  staatsrechtlichen  Fragen
mannigfach  erwogen  und  durchdacht  worden;  man  erkannte  allgemein,  das
Anleihebewilligungsrecht  der  Stände  verliere  jeden  Wert,  wenn  es  nicht
ganz  unzweideutig  anerkannt  würde.  Der  Minister  sah  sich  also  heftig
angegriffen,  manche  der  Abgeordneten  gerieten  in  eine  Aufregung,  als  ob
die  Krone  sie  böslich  betrügen  wollte,  und  der  Gesetzentwurf  ward  verworfen.


Ahnliche  Kämpfe,  aber  ungleich  heftiger  und  bedeutsamer,  erneuerten
sich,  als  die  Regierung  den  soeben  erst  vollendeten  Gesetzentwurf  über  die
Ostbahn  nach  Königsberg  vorlegte.  Da  das  Privatkapital  sich  versagt
hatte,  so  wollte  die  Krone  selbst  den  gewaltigen  Bau  in  die  Hand  nehmen?)
und  verlangte  darum  die  ständische  Bürgschaft  für  eine  Anleihe  von
22—25½  Mill.  Tlr.  Die  Notwendigkeit  des  großen  Unternehmens
konnte  niemand  bezweifeln.  Es  war  für  die  Volkswirtschaft  des  bedrängten
alten  Ordenslandes,  für  die  politische  Einigung  und  die  militärische
Sicherheit  der  Monarchie  geradezu  eine  Lebensfrage,  daß  der  wilde
Weichselstrom,  der  bisher  nur  bei  Thorn  eine  elende,  dem  Verfalle  nahe
Pfahlbrücke  trug,  endlich  bezwungen  wurde  und  Ostpreußen  zu  jeder  Jahreszeit
  eine  gesicherte  Verbindung  mit  der  Hauptmasse  des  Staates  erhielt.
Die  Vorarbeiten  waren  längst  im  Gange;  ein  genialer  Ingenieur,  Baurat
  Lentze  hatte  schon  seit  Jahren  die  Pläne  entworfen  für  die  Überbrückung
  der  Weichsel  und  der  Nogat  bei  Dirschau  und  Marienburg.
Brücken  von  so  riesiger  Spannweite  kannte  man  in  Europa,  selbst  in
England  noch  nicht;  die  Bahn  mußte  auf  weiter  Strecke  durch  die  Werder
acht  Fuß  unter  dem  Wasserspiegel  der  beiden  Ströme  geführt  werden,  und
schon  waren  an  8000  Arbeiter  tätig,  um  die  ungeheueren  Deichbauten
auszuführen.  Und  dies  großartige,  dem  preußischen  Staate  zu  hohem
Ruhme  gereichende  Werk  konnte  vollendet  werden,  ohne  die  Steuerzahler
irgend  zu  belasten;  die  2  Mill.  Tlr.,  die  bereits  als  jährlicher  Staatszuschuß
  für  den  Eisenbahnbau  angewiesen  waren,  genügten  allein  schon,
um  die  Anleihe  zu  verzinsen  und  zu  tilgen.  Trotzdem  schien  die  Bewilligung,
  wegen  der  leidlichen  Verfassungsfrage,  den  Ständen  ganz  unmöglich.

Die  große  Mehrheit  der  Ostpreußen  setzte  ihren  Stolz  darein,  dem
Lande  zu  beweisen,  daß  sie  nicht  um  ihres  Vorteils  willen  die  ständischen
Rechte  preisgeben  wollten.  Einer  ihrer  angesehensten  Edelleute,  Saucken-Tarputschen,
  ein  alter  Kämpfer  aus  den  Befreiungskriegen,  dessen  unverbrüchliche
  Treue  der  König  selbst  wohl  kannte,  erklärte  feierlich:  „Wenn
ich  auch  alle  Hütten  meines  Landes  durch  die  Bewilligung  des  Anlehens

 

*)  S.  o.  V.  185.
*)  S.  o.  V.  497.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  40
        <pb n="634" />
        626  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

zu  Schlössern  verwandeln  könnte,  so  würde  ich  in  dem  Glauben,  daß
mit  leichtem  und  ruhigem  Gewissen  es  sich  glücklicher  und  behaglicher  in
einer  Hütte,  als  mit  einem  beschwerten  im  Palaste  selbst  wohnen  läßt,
dagegen  stimmen.“  Und  wieder  verteidigte  Vincke  in  einer  hinreißenden
  Rede  das,  was  er  Recht  nannte:  „Es  gibt  Lagen  in  dem  Leben
der  Staaten,  wo  der  Patriot  sein  Haupt  verhüllt,  in  sein  Inneres  zurückgeht
  und  den  festen  Entschluß  faßt,  nur  der  inneren  Stimme  zu  folgen,
welche  ihm  zuruft:  tue  recht  und  scheue  niemand!“  Hansemann  aber
benutzte  die  Gelegenheit,  um  auch  den  Kriegsschatz  anzugreifen,  der,  nach
seiner  kaufmännischen  Weltanschauung,  dem  Staate  in  Zeiten  der  Bedrängnis
  viel  weniger  nützte  als  eine  gute  Nationalbank,  und  beantragte,
die  Krone  möge  vorläufig  10  Mill.  aus  dem  Staatsschatze  für  diesen  Eisenbahnbau
  verwenden.  Dabei  tat  er  den  kühnen  Ausspruch,  der  in  der
zartbesaiteten  Geschäftswelt  überall  Widerhall  fand  und  alsbald  zum  geflügelten
  Worte  wurde:  „in  Geldsachen  hört  die  Gemütlichkeit  auf.“

Und  war  denn  das  Recht,  um  dessentwillen  so  viel  Pathos  verschwendet
  wurde,  wirklich  so  unzweifelhaft  und  so  wertvoll?  Konnten  die
Ostpreußen  nach  Vollendung  der  Ostbahn  wirklich  nicht  mehr  in  ihren
Hütten  und  Palästen  mit  ruhigem  Gewissen  schlafen  —  bloß  weil  der
Vereinigte  Landtag  seine  periodische  Berufung  zwar  mit  Gewißheit  erwarten
  durfte,  aber  noch  nicht  förmlich  zugesichert  erhalten  hatte  und  das
Recht  der  Bewilligung  von  Kriegsanleihen  noch  nicht  besaß?  Durften
die  Stände  wegen  solcher  Spitzfindigkeiten  das  Wohl  des  Landes  mit
Füßen  treten  und  ein  Gesetz,  das  sie  selber  vollkommen  billigten,  zurückweisen?
  Otto  v.  Bismarck  wenigstens  vermochte  diesem  Rechtsfanatismus
nicht  zu  folgen.  Unter  dem  lauten  Murren  der  Versammlung  warf  er
den  Gegnern  vor,  sie  wollten  „gleichsam  ein  Retentionsrecht  an  dem
Rechte  der  Anleihebewilligung  ausüben“;  er  fragte,  ob  sie  es  nicht  selber
„mit  dem  Namen  der  Erpressung  brandmarken“  würden,  wenn  die
Regierung  ihre  administrativen  Wohltaten  von  dem  politischen  Verhalten
der  Provinzen  abhängig  machte?  Die  Warnung  des  jungen  Feudalen,  den
man  überall  nur  für  einen  Heißsporn  der  Reaktion  ansah,  fruchtete  nichts.
Die  Anleihe  wurde  mit  Zweidrittel-Mehrheit  verworfen,  obgleich  der
gesamte  Herrenstand  mit  einer  einzigen  Ausnahme  dafür  stimmte.  Da
die  Stände  jedoch  den  Unsinn  dieser  Ablehnung  selber  fühlten,  so  fügten
sie  noch  die  völlig  widersprechende  Bitte  hinzu:  der  König  möge  dem
nächsten  Landtage  eine  neue  Proposition  über  die  Ostbahn  vorlegen
und  bis  dahin  die  begonnenen  Arbeiten  fortsetzen  lassen.

Diese  unselige  Verhandlung  entschied  über  das  Schicksal  des  Landtags.
  Sie  brachte  den  König,  der  die  ganze  Verwirrung  freilich  selbst
verschuldet  hatte,  Zzu  der  Einsicht,  daß  er  sich  mit  seinen  Ständen  nicht
verständigen  könne.  Wie  hoffnungsvoll  war  er  in  die  neue  Laufbahn
eingetreten.  Soeben  erst  hatte  er  sich  von  Cornelius  die  Zeichnung  für

*
        <pb n="635" />
        Verwerfung  der  Ostbahn-Anleihe.  627

eine  schöne  Denkmünze  vorlegen  lassen:  da  stand,  umgeben  von  den  vier
Ständen,  der  Genius  Preußens,  mit  der  Gesetztafel  des  Patentes  hoch  in
der  Hand,  und  der  Dämon  der  Empörung  floh  hinweg.  Und  jetzt  lohnte
ihm  seine  Lieblingsprovinz  eine  große  königliche  Wohltat  mit  schnöder  Ver—
neinung  und  verführte  auch  die  anderen  Provinzen  zur  Unbotmäßigkeit!
Den  Ehrennamen  der  „Preußen“  wollte  er  diesen  Undankbaren  in  Schrift
und  Rede  kaum  noch  gönnen.  In  höchstem  Zorne  schrieb  er  sofort  (8.  Juni)
an  Thile:  „Es  ist  gut,  daß  den  „Preußen  die  Strafe  ihres  wahnsinnigen
Votierens  gewaltiglich  vors  Angesicht  gestellt  werde.  Es  ist  mein  Wille,
daß  augenblicklich  alle  Arbeitenander  Weichselbrücke  und  Eisenbahn
  eingestellt  werden.  Mich  macht  das  Verwerfen  der  Anleihe  nicht
kalt  und  nicht  warm.  Es  soll  aber  die  Preußen“  kalt  und  warm  machen.“
Auch  General  Boyen  war  über  das  Verhalten  seiner  Landsleute  entsetzt
und  stimmte  mit  dem  Monarchen  dahin  überein:  besser  „eine  Tat  des
Ernstes,  welche  den  Ständen  andere  Taten  des  Ernstes  und
der  Strenge  ahnden  läßt  als  eine  Antwort  ohne  Tat  auf  eine  Petition
  viele  Tage  nach  demgegebenen  Skandal.“  Als  einige  der
anderen  Minister  dem  Monarchen  vorstellten,  Vertrauen  erwecke  Vertrauen,
Gereiztheit  erwecke  Gereiztheit,  da  erwiderte  er  heftig:  „Keiner  der  angeführten
  Gründe  faßt.  Ernstes  Handeln  (nicht  Reden)  war  nach  meiner
tiefsten  überzeugung  hier  geboten.  Es  mußte  dem  erkrankenden  Landtag
und  den  in  Ungesetzlichkeit  ersoffenen  „Preußen  in  specie  ein  Eimer  kaltes
Wasser  über  den  Kopf  gegossen  werden.  Trotz  ihres  Soffs  wissen  sie
meisterlich  das  à  propos  zu  treffen.  Man  muß  mit  derselben  Waffe  des
à  propos  und  zwar  in  der  Realität  der  Staatsmacht  sie  bekämpfen.“)

Der  König  beharrte  bei  seinem  Willen.  Lentze  und  seine  Leute  waren
gerade  in  ihrem  Maschinenhause  feierlich  versammelt,  um  zuzuschauen,  wie
das  erste  Eisenstück  mit  dem  eingeformten  Bergmannsgruße  Glückauf!
gegossen  wurde;  in  diesem  Augenblicke  kam  der  königliche  Befehl,  alle
Arbeiten  sofort  einzustellen.  Welch  ein  Eindruck!  Drei  Jahre  lang  blieb
der  Brückenbau  unterbrochen,  nur  die  Deicharbeiten  wurden  fortgeführt.
Die  Provinz,  die  ja  vor  kurzem  erst  so  dringend  um  den  Bau  der  Ostbahn
  gebeten,  empfand  den  Schlag  sehr  schwer,  und  es  zeigte  sich  unzweideutig,
  daß  die  18  Abgeordneten,  welche  für  die  Anleihe  gestimmt
hatten,  mindestens  unter  den  schlichten  Leuten  des  flachen  Landes  mehr
Anhänger  besaßen  als  die  65  Verneinenden.  Wer  konnte  auch  die  überfeinen
  Rechtsbedenken  begreifen,  die  das  Ordensland  um  eine  solche  Wohltat
  gebracht  hatten?  Volkstümlich,  gemeinverständlich  war  die  Haltung
der  Landtagsmehrheit  nicht.  Friedrich  Wilhelm  hatte  jetzt  alles  Vertrauen
zu  seinen  Ständen  verloren,  er  mochte  ihre  Verhandlungen  gar  nicht  mehr

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  8.  10.  Juni;  Randbemerkung  zu  Thiles
Denkschrift  vom  10.  Juni  1847.
407
        <pb n="636" />
        628  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

lesen  und  auf  den  Hoffesten  gab  er  den  Mitgliedern  der  Opposition  sehr
deutlich  seine  Ungnade  zu  erkennen.  Er  wünschte  nur  noch  raschen  Ab—
schluß  der  Beratungen,  aber  die  Ehre  einer  persönlichen  Ansprache  wollte
er  den  Undankbaren  nicht  mehr  gönnen.  —

Noch  viele  andere  hochwichtige  Verhandlungen  drängten  sich  in  diesen
elf  kurzen  Landtags-Wochen  zusammen.  Wenn  der  König  gehofft  hatte,
bei  seinen  Lebzeiten  würden  die  Stände  ihr  Steuerbewilligungsrecht  nie—
mals  ausüben,  so  erwies  sich  diese  Erwartung  jetzt  schon  als  irrig.  Eine
Erhöhung  der  Steuern  war  allerdings  nicht  nötig,  wohl  aber  schien  eine
Veränderung  des  Steuersystems  wünschenswert,  und  auch  sie  bedurfte
jetzt  der  ständischen  Zustimmung.  Die  Mahl=  und  Schlachtsteuer,  die  in
den  größeren  Städten  als  Ersatz  für  die  Klassensteuer  diente,  wurde  in
der  Presse  als  eine  Bedrückung  der  Armen  schon  von  langeher  heftig  angefeindet;
  man  verlangte  statt  ihrer  die  Besteuerung  des  Einkommens  der
höheren  Stände,  und  dieser  alte  Lieblingsgedanke  des  rheinischen  Liberalismus
  gewann  neue  Kraft,  seit  die  Lehren  der  Sozialisten  sich  zu  verbreiten
begannen.  Allerdings  waren  die  übelstände,  welche  die  Mahl=  und
Schlachtsteuer  bewirkte,  im  ganzen  Lande  bekannt;  die  Belästigung  des
kleinen  Verkehrs  an  den  Stadttoren  forderte  den  Unterschleif  geradezu
heraus,  in  manchen  Städten  kam  jährlich  schon  auf  300,  in  einzelnen  gar
auf  200  Einwohner  ein  entdeckter  Übertretungsfall.  Gleichwohl  hatte
sich  auch  hier  wieder  die  alte  Erfahrung  bewährt,  daß  eine  theoretisch  sehr
anfechtbare  Abgabe,  wenn  sie  lange  besteht  und  die  Abwälzung  sich  vollzogen
  hat,  im  praktischen  Leben  ohne  sonderliche  Beschwerde  ertragen
wird.  Die  kleinen  Leute  litten  unter  dieser  verrufenen  Steuer  wenig  oder
gar  nicht;  vielmehr  drängten  sich  die  Arbeiter  massenhaft  gerade  in  die
mahl=  und  schlachtsteuerpflichtigen  Städte,  weil  ihnen  die  Steuer  durch
den  höheren  Arbeitslohn  reichlich  ersetzt  wurde.  Und  war  es  denn  so  sicher,
daß  die  Preise  von  Brot  und  Fleisch  nach  Aufhebung  der  Steuer  beträchtlich
  sinken  mußten?  Unbeschränkter  Wettbewerb  bestand  wohl  im
großen  Verkehr,  doch  nicht  im  Kleinhandel  mit  Lebensmitteln,  welche  der
Regel  nach  in  der  Nachbarschaft  der  Kunden  hergestellt  wurden;  fiel  die
Steuer  hinweg,  so  war  es  für  die  geringe  Zahl  der  städtischen  Bäcker  und
Metzger  offenbar  vorteilhaft,  wenn  sie  einander  nicht  gegenseitig  unterboten,
  sondern  gemeinsam  die  Preise  auf  der  alten  Höhe  zu  halten  suchten.

Die  Frage  war  sehr  schwierig.  Der  erfahrene  General-Steuerdirektor
Kühne  konnte  sich  von  der  unbedingten  Notwendigkeit  der  Reform  durchaus
  nicht  überzeugen.  Aus  politischen  Gründen  hielt  er  jedoch  für  ratsam,
daß  die  Regierung  aufregenden  Anträgen  der  Stände  selbst  zuvorkäme
durch  einen  Vorschlag,  der  als  ein  Zugeständnis  an  die  liberale  öffentliche
Meinung  freundlicher  Aufnahme  sicher  war  und,  wenn  er  doch  scheiterte,
die  bestehende  Ordnung  des  Staatshaushalts  nicht  gefährden  konnte.  )

*)  So  gesteht  Kühne  in  seinen  Denkwürdigkeiten.
        <pb n="637" />
        Die  Einkommensteuer.  629

Der  Versuch  war  ehrlich  gemeint  und  fand  die  königliche  Genehmigung.
Die  Regierung  schlug  dem  Landtage  die  Aufhebung  der  Mahl=  und  Schlachtsteuer
  vor;  zum  Ersatze  sollte  die  Klassensteuer  für  die  ärmeren  Stände
auch  in  den  Städten  eingeführt,  jedes  Einkommen  über  400  Tlr.  aber
mit  einer  sehr  mäßigen  Steuer  —  das  fundierte  mit  3,  alles  andere
Einkommen  mit  2  Proz.  —  belastet  werden.  Doch  alsbald  ergab  sich,
daß  der  zukunftsreiche  Gedanke  der  Einkommensteuer,  obwohl  ihn  die
Presse  so  oft  besprochen  hatte,  noch  keineswegs  zur  allgemeinen  Anerkennung
  gelangt  war.  Vincke,  Beckerath,  Schwerin  und  mehrere  andere
Liberale  erklärten  sich  dawider.  Viele  der  Grundherren  scheuten  eine  neue
Belastung,  die  ihnen  ohne  jeden  Entgelt  zugemutet  wurde;  sie  klagten
nicht  mit  Unrecht,  die  Gesetzgebung  der  letzten  Jahrzehnte  sei  zumeist  dem
beweglichen  Kapital  zu  gute  gekommen.  Vornehmlich  aber  fürchtete  man
den  fiskalischen  Spürsinn,  die  Aufdeckung  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse
jedes  Haushalts;  war  doch  auch  in  England  die  Einkommensteuer  höchst
unbeliebt,  weil  niemand  gern  die  Behörden  in  seine  Rechnungsbücher
blicken  ließ.  Der  beste  politische  Kopf  der  rheinischen  Liberalen,  Ludolf
Camphausen,  ein  hoch  aufgerichteter  hagerer  Mann  mit  scharfen  Zügen
und  strengen  großen  Augen,  verteidigte  zwar  die  Vorschläge  der  Regierung
in  einer  gedankenvollen  Rede,  und  es  war  ein  Zeichen  der  Zeit,  wie
unbefangen  dieser  reiche  kölnische  Kaufherr,  der  in  der  Zollpolitik  ganz
freihändlerisch  dachte,  den  gesunden  Kern  der  neuen  sozialistischen  Lehren
würdigte.  Er  gestand  —  was  die  englische  Manchesterschule  durchaus
nicht  zugab  —  daß  der  Mensch,  der  lebe,  auch  das  Recht  habe  zu  leben,
und  die  Gesellschaft  dies  Recht  in  weiterem  Umfange  als  bisher  anerkennen
  müsse;  er  verlangte  die  Einkommensteuer,  damit  die  kleinen  Leute
entlastet,  die  Wohlhabenden  durch  die  Selbsteinschätzung  fühlbar  an  ihre
sozialen  und  politischen  Pflichten  erinnert  würden.  Die  Mehrheit  ließ
sich  jedoch  nicht  überzeugen;  der  Landtag  begnügte  sich  mit  der  unbestimmten
  Bitte,  die  Regierung  möge  auf  eine  Erleichterung  der  Abgaben
der  ärmsten  Klassen  hinwirken.

Heftigeren  Streit  erregte  das  neue  Judengesetz.  Obgleich  Friedrich
Wilhelm  die  Juden  so  wenig  liebte  und  durch  Jacobys  Königsberger  Genossen
  unaufhörlich  gereizt  wurde,  so  hielt  er  doch  für  Königspflicht,  auch
ihnen  gerecht  zu  werden.  Er  beschloß,  das  milde  Hardenbergische  Judengesetzvom
  Jahre  1812,  das  bisher  nur  in  den  alten  Provinzen  bestand,  von
den  übrigen  Provinziallandtagen  aber  als  allzu  liberal  zurückgewiesen
worden  war,')  mit  einigen  Abänderungen  in  dem  gesamten  Staatsgebiete
  einzuführen.  Leider  verleitete  ihn  seine  Vorliebe  für  ständische  Gliederung
  dabei  zu  einem  Mißgriff:  er  dachte  die  Judenschaften  als  Korporationen
  abzuschließen,  was  doch  rein  unmöglich  war,  da  gerade  die

 

*)  S.  o.  III.  378.
        <pb n="638" />
        630  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

gebildeten,  germanisierten  Juden  nicht  wünschen  konnten,  als  eine  selb—
ständige  Nation  neben  ihren  deutschen  Mitbürgern  aufzutreten.  Wurde
dieser  Fehler  noch  ausgemerzt,  so  bot  der  Gesetzentwurf  den  Juden  in
der  Mehrzahl  der  neuen  Provinzen  unleugbar  eine  dankenswerte  Er—
leichterung.  Sie  erlangten  fortan  vollständige  Gleichheit  der  bürgerlichen
Rechte  und  Pflichten;  nur  die  landständischen  Rechte,  die  eigentlich
obrigkeitlichen  Ämter  und  ein  Teil  der  Lehrerstellen  blieben  ihnen  noch
versagt.
Preußens  Judenschaft  bestand  aus  sehr  ungleichen  Schichten.  Zu  ihr
zählten  die  großen  und  kleinen  Geschäftsleute,  darunter  viele  hochgeachtete;
sodann  die  buntgemischte  Schar  der  Gelehrten,  Ärzte  und  Literaten,  die
zum  Teil  durch  ihre  radikale  Gesinnung  den  Behörden  lästig,  aber  bürger—
lich  achtbar  waren.  Dazu  endlich  ein  entsetzlicher  Pöbel,  der  außer  einigen
ehrlichen  armen  Leuten  eine  Unzahl  von  Wucherern  und  Güterschlächtern,
Trödlern  und  Roßtäuschern,  Schnaps-  und  Bordellwirten,  Faktoren  und
Schadchen,  Hausierern  und  Schnorrern,  Hehlern  und  Stehlern  umfaßte;
die  deutsche  Gaunersprache  war  ja  mit  hebräischen  Worten  überladen.
Diese  Hefe  des  Judentums  saß  vornehmlich  im  Großherzogtum  Posen,
in  ihr  hatte  sich  aller  Schmutz  der  polnischen  Geschichte  abgelagert;  deutsch
war  an  diesen  Leuten  mit  dem  stinkenden  Kaftan  und  den  Locken  des
Gesetzes  noch  nichts  als  ihre  abscheulich  verhunzte  Sprache.  Darum  hatte
der  preußische  Staat  die  Judenschaft  Posens  von  jeher  nach  besonderen
Gesetzen  behandelt  und  sie  neuerdings  (1833)  förmlich  in  naturalisierte
Juden  und  Schutzjuden  eingeteilt.  Der  Schutzjude  durfte  weder  das  Bürgerrecht
  in  den  Gemeinden  erwerben  noch  in  eine  andere  Provinz  übersiedeln;
  wenn  er  aber  ein  ehrbares  bürgerliches  Gewerbe  trieb  oder  ein
kleines  Landgut  bewirtschaftete  oder  seine  Wehrpflicht  untadelhaft  erfüllte
  oder  auch  nur  von  den  Ortsbehörden  ein  Zeugnis  der  Würdigkeit
erhielt,  dann  erlangte  er  leicht  die  Naturalisation  und  damit  alle  Rechte
der  Juden  in  den  alten  Provinzen.  Diese  auf  Betrieb  des  liberalen  Oberpräsidenten
  Flottwell  ergangene  Verordnung  wirkte  sehr  wohltätig;  die
besseren  der  kleinen  Posenschen  Juden  suchten  sich  an  deutsche  Sitte  und
geregelte  Arbeit  zu  gewöhnen,  um  dadurch  zur  Naturalisation  zu  gelangen.
Währte  diese  heilsame  Beschränkung  noch  eine  Reihe  von  Jahren  hindurch,
dann  konnte  man  vielleicht  hoffen,  die  jüdische  Einwanderung  nach  Berlin
und  den  Nachbarprovinzen,  die  sich  auf  die  Dauer  doch  nicht  abwenden  ließ,
einigermaßen  zu  regeln,  so  daß  sie  nicht  zur  offenbaren  Landplage  wurde.
Die  Schranke  plötzlich  hinwegzunehmen,  war  schon  darum  unratsam,  weil
die  Juden  aus  dem  russischen  Polen,  die  noch  viel  tiefer  standen  als
ihre  Posener  Stammgenossen,  bereits  gierig  nachdrängten  und  ihr
Einbruch  schwer  zu  hindern  war.  Auch  die  Ausschließung  der  Juden
von  den  Staatsämtern  entsprach  unzweifelhaft  der  im  Volke  vorherrschen—
den  Gesinnung,  denn  alle  Obrigkeit  bedarf  des  Ansehens  und  des  Ver—
        <pb n="639" />
        Beratung  über  das  Judengesetz.  631

trauens,  an  die  Gerechtigkeit  eines  jüdischen  Richters  aber  wollten  die
Bauern  schlechterdings  nicht  glauben.

In  den  höheren  Ständen  dagegen  war  die  Meinung  neuerdings  stark
umgeschlagen.  Vor  zwanzig  Jahren  noch  hatten  nicht  bloß  die  christlich—
germanischen  Burschenschafter  und  die  konservativen  preußischen  Provin—
zialstände,  sondern  auch  die  süddeutschen  Liberalen  die  Gleichberechtigung
der  Juden  entschieden  bekämpft.  Noch  nach  der  Juli-Revolution  (1831)
veröffentlichte  Paulus,  das  Haupt  der  liberalen  Rationalisten,  eine  sehr
scharfe  Schrift  gegen  die  „jüdische  National-Absonderung“.  Auch  Rotteck,
Welcker  und  ihre  Freunde  in  der  badischen  Kammer  verwarfen  damals  noch
die  völlige  Gleichstellung  —  manche  wohl  nur,  weil  sie  sich  vor  der  entschie—
denen  Abneigung  ihrer  Wähler  fürchteten.  Aber  nach  und  nach  drang
die  abstrakte  französische  Lehre  von  dem  gleichen  Staatsbürgertum  aller
Einwohner  auch  in  Deutschland  vor;  die  jüdischen  Zeitungsschreiber  ver—
breiteten  sie  geschäftig  und  wußten  das  klug  ersonnene  neue  Schlagwort
„Juden-Emanzipation“  geschickt  zu  verwerten,  obgleich  mindestens  in  den
alten  preußischen  Provinzen  eine  Sklaverei  der  Israeliten  nicht  bestand.
Kurhessen  war  das  erste  deutsche  Land,  das  den  Juden  (1833)  die  un—
bedingte  Gleichberechtigung  gewährte;  der  mit  Amschel  Rothschild  so  nahe
befreundete  Prinzregent  wagte  den  Anträgen  des  liberalen  Landtags  nicht
zu  widersprechen.  Dieser  erste  Versuch  bewährte  sich  sehr  schlecht.  Gerade
hier  kam  an  den  Tag,  daß  die  Sünden  des  Wuchers  und  des  Truges
durchaus  nicht  bloß  Folgen  der  Unfreiheit,  sondern  tief  eingewurzelte,
so  leicht  nicht  zu  überwindende  jüdische  Nationallaster  waren;  gerade
hier,  wo  die  Juden  nach  Belieben  jeden  Beruf  ergreifen  konnten,  zeigten
sie  sich  als  grausame  Blutsauger  des  armen  Landvolks,  und  so  wurde
diese  Wiege  der  deutschen  Judenbefreiung  sehr  bald  zur  Heimstätte  eines
ganz  fanatischen  Judenhasses.  Trotzdem  hielt  der  Luftzug  aus  dem  Westen
an,  das  französische  Recht  wurde  in  weiten  Kreisen  als  die  geschriebene
Vernunft  angesehen;  der  reiche  Breslauer  Fabrikherr  Milde,  ein  in  Frank—
reich  und  England  gebildeter  ehrlicher  Vorkämpfer  des  neuen  liberalen
Bürgertums,  verlangte  im  Vereinigten  Landtage  schon  kurzweg,  man  solle
nur  einfach  die  napoleonischen  Gesetzbücher  mit  geringen  Änderungen  in
dem  gesamten  preußischen  Staate  einführen.

Auch  die  Kirchenfeindschaft  der  radikalen  Dichter  und  Philosophen
kam  den  Wünschen  der  Juden  entgegen.  Geringschätzung  aller  religiösen
Gefühle  galt  schon  für  das  Kennzeichen  starker  Geister,  und  der  ungeheuerlichen
  Behauptung,  daß  der  Protestantismus  dem  Judentum  näher  stehe
als  der  katholischen  Kirche,  stimmten  viele  der  liberalen  Protestanten  zu,
welche  das  Wesen  ihres  Glaubens  nur  im  Kampfe  gegen  Rom  suchten.
Argen  Mißbrauch  trieben  die  Verteidiger  der  Juden-Emanzipation  mit  dem
großen  Namen  Lessings.  Das  herrliche  Märchen  von  den  drei  Ringen,
dessen  tiefsinnige  Ironie  sich  doch  leicht  erkennen  läßt,  da  ja  nur  einer
        <pb n="640" />
        832  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

der  Ringe  echt  ist,  wurde  ganz  gedankenlos  ausgelegt,  als  wäre  Lessing
selber  ebenso  stumpfsinnig  gewesen  wie  seine  Erklärer,  als  hätte  er  den
gewalttätigen  Islam  oder  das  längst  zur  Mumie  erstarrte  Judentum  wirk—
lich  der  Religion  der  Liebe  und  der  Freiheit  gleich  stellen  wollen.  In  der
Hauptstadt  herrschte  seit  dem  Adressensturme  der  Lichtfreunde  wieder  fast
unumschränkt  jene  selbstgefällige  Aufklärung,  welche  einst,  zu  Nicolais
Zeiten,  ihren  Ausdruck  gefunden  hatte  in  den  echt  berlinischen  Versen:
„Daß  Gott  sei,  lehrte  Moses  schon;  doch  den  Beweis  gab  Moses  Men—
delssohn.“  Humboldt  und  sein  Kreis  wollten  als  unbedingte  Verehrer
der  französischen  Revolution  in  jeder  Beschränkung  der  politischen  Rechte
der  Israeliten  nichts  sehen  als  Glaubensdruck  und  finstere  Barbarei.  Leider
kannte  der  große  Reisende  sein  eigenes  Vaterland  weit  weniger  als  Mexiko
oder  Sibirien.  Er  übersah,  daß  in  Preußen  nach  Verhältnis  mindestens
achtmal  mehr  Juden  lebten  als  in  Frankreich,  und  daß  diese  Israeliten
dem  polnischen  Stamme  angehörten,  nicht,  wie  damals  noch  die  Mehrzahl
der  französischen  Juden,  dem  bildsameren,  den  Abendländern  näher  stehen—
den  spanischen  Judenstamme.  Da  er  selbst  mehr  Weltbürger  als  Deutscher
war,  so  entging  ihm  auch  das  allerwichtigste  Bedenken:  daß  die  Deutschen
leider  nicht  jenen  schönen  instinktiven  Nationalstolz  besaßen,  der  in  Frank—
reich  jedes  fremde  Volkstum  zwang,  sich  der  nationalen  Sitte  unbedingt  zu
unterwerfen.

Unterdessen  hatte  das  deutsche  Judentum  einen  tapferen,  beredten
Vorkämpfer  gefunden  an  dem  Hamburgischen  Juristen  Gabriel  Riesser,
einem  edlen,  vaterländisch  gesinnten  Manne,  dem  seine  Freunde  nachrühmten,
  in  ihm  sei  das  Recht  Gemüt  geworden.  Die  Gleichberechtigung  seiner
Stammgenossen  war  ihm  Herzenssache;  seit  dem  Anfange  der  dreißiger
  Jahre  vertrat  er  sie,  oft  heftig,  aber  immer  ehrenhaft,  in  seiner
Zeitschrift  „der  Jude“  und  in  zahlreichen  Flugschriften.  Selber  ein  gemäßigter
  Liberaler,  faßte  er  mutig  den  Stier  bei  den  Hörnern  und  bekämpfte
  namentlich  die  badischen  Liberalen.  Er  wußte  wohl,  daß  seine
Stammgenossen,  nur  wenn  sie  durchaus  zu  Deutschen  wurden,  das  gleiche
Recht  verlangen  durften;  doch  da  er  selbst  so  grunddeutsch  empfand  wie
sein  wackerer  Freund  M.  Veit  in  Berlin  und  die  anderen  gebildeten  Juden
seines  näheren  Umgangs,  so  behauptete  er  kurzweg,  die  deutschen  Juden
hätten  ihrer  alten  Nationalität  schon  längst  entsagt.  Hier  lag  die  Schwäche
seiner  Ausführungen;  er  setzte  voraus,  was  zu  beweisen  war.  Wären  alle
deutschen  Juden  wirklich  so  gesinnt  gewesen  wie  dieser  begeisterte  Patriot,
dann  hätte  ihre  Gleichberechtigung  in  unserem  weitherzigen  Volke  keinen
Widerstand  gefunden.

Die  Landtagsverhandlungen  litten,  wie  noch  heute  jeder  Streit  um
die  Judenfrage,  unter  einer  rechtlichen  Unklarheit.  Jude  im  Sinne  des
Rechts  war  nur  der  Bekenner  der  mosaischen  Religion;  wer  die  vollständige
  Gleichberechtigung  der  Juden  bekämpfte,  geriet  also  leicht  in  den
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        G.  Riesser.  Der  christliche  Staat.  633

falschen  Schein,  als  ob  er  die  religiöse  Duldung,  den  alten  Ruhm  Preußens
beeinträchtigen  wollte.  Und  doch  wurde  die  preußische  Gesetzgebung  den
Juden  gegenüber  schon  seit  anderthalb  Jahrhunderten  allein  durch  weltlich—
politische  Gedanken  bestimmt.  Religiöse  Skrupel  waren  es  doch  wahrhaftig
nicht,  welche  den  königlichen  Freigeist  Friedrich  bewogen,  den  Namen  Moses
Mendelssohn  von  der  Kandidatenliste  der  Akademie  zu  streichen;  und  wenn
der  Staat  gegenwärtig  die  Posener  Schutzjuden  nur  unter  gewissen  Be—
dingungen  naturalisierte,  so  verlangte  er  von  ihnen  doch  durchaus  keine
Verleugnung  religiöser  Gesinnungen,  er  forderte  nur,  daß  sie  sich  durch
ehrliche  Arbeit  ernähren  und  die  schwierige  Kunst  des  Waschens  und  des
Kämmens  nicht  gänzlich  verabsäumen  sollten.  Die  Staatsgewalt  nahm  an,
und  in  der  Regel  mit  Recht,  daß  ein  Jude,  sobald  er  sich  taufen  ließe,
damit  auch  die  Absicht  bekundete,  ganz  zum  Deutschen  zu  werden;  sie
glaubte,  dies  fremde,  der  Masse  der  deutschen  Nation  unzweifelhaft  verhaßte
  Volkstum  sei  bisher  in  seiner  Gesittung  noch  nicht  genugsam  germanisiert,
  und  man  könne  darum  noch  nicht  wagen,  christliche  Deutsche  unter
den  Befehl  jüdischer  Beamten  zu  stellen.  Um  diese  rein  politische  Frage
bewegte  sich  in  Wahrheit  der  ganze  Streit.  Das  Gesetz  aber  durfte  die  Juden
nur  als  eine  religiöse  Gemeinschaft  ansehen,  weil  eine  andere  rechtliche
Grenze  zwischen  Deutschen  und  Juden  sich  ohne  Willkür  nicht  feststellen
ließ.  Darum  stützten  sich  die  Verteidiger  des  bestehenden  Rechts  auf  die
Lehre  vom  christlichen  Staate,  die,  wie  geistvoll  sie  auch  neuerdings  in
Stahls  Schriften  vertreten  wurde,  doch  die  Rechtsbegriffe  nur  noch  mehr
verwirren  konnte.  Denn  so  gewiß  die  Deutschen  ein  christliches  Volk,  ihr
ganzes  Leben  und  mithin  auch  ihre  Gesetze  von  christlichem  Geiste  durchdrungen
  waren,  ebenso  gewiß  war  der  deutsche  Staat  eine  weltliche  Ordnung,
  die  ihren  eigenen  Rechts=  und  Machtzwecken  lebte  und  alle  religiöse
Tätigkeit  grundsätzlich  den  Kirchen  überließ.  Überdies  bestand  das  Christentum
  rechtlich  nur  in  der  Form  bestimmter  Konfessionen,  geschlossener
Kirchen,  und  da  das  paritätische  Preußen  keine  Staatskirche  kannte,  so  verloren
  sich  die  Verteidiger  des  christlichen  Staates  in  unbestimmte,  allgemeine
  Behauptungen,  denen  die  Gegner  mit  ebenso  allgemeinen  Sätzen  über
Menschenrecht  und  Menschenwürde  antworteten.  Auch  allerhand  häßliche
Nebenrücksichten  spielten  bei  der  Verhandlung  mit;  das  Judentum  hatte  sich
in  die  moderne  Gesellschaft  schon  so  tief  eingefilzt,  daß  eine  rein  sachliche
Behandlung  der  Frage  längst  nicht  mehr  möglich  war.  In  der  vornehmen
Welt  wußte  jedermann,  daß  manche  der  Grundherren  im  Landtage  jüdische
Schuldknechte  waren  und  ihre  Abhängigkeit  von  den  Berliner  Bankiers,  die
hinter  den  Kulissen  geschäftig  arbeiteten,  doch  nicht  gern  verraten  wollten.)

So  kam  es,  daß  die  lange  Beratung  über  das  Judengesetz  nur  wenig
fruchtbare  Gedanken  zu  Tage  förderte.  Im  Namen  des  Christentums

 

*7)  Berichte  von  Knyphausen,  21.  Mai,  von  Platen,  13.  Juni  1847.
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        634  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

mahnte  Beckerath  salbungsvoll:  „Lassen  Sie  uns  keinen,  dem  Gott  das
unvergängliche  Siegel  seines  Ebenbildes  auf  die  Stirn  gedrückt  hat,  aus—
schließen  aus  dem  Kreise  menschlicher  Berechtigung!“  Aber  das  Menschen—
recht  bestritt  den  Juden  niemand,  sondern  nur  das  Recht,  Staatsämter
in  einem  christlichen  Volke  zu  bekleiden.  Ebenso  unglücklich  sprach  Minister
Thile,  als  er  endlich  seine  schweigsamen  Lippen  zu  einer  Rede,  die  einer
Predigt  glich,  öffnete.  Er  meinte,  der  Jude  könne  niemals  ein  Deutscher,
ein  Preuße  werden,  sein  Vaterland  sei  Zion  —  eine  Behauptung,  die
doch  nur  auf  die  kleine  Zahl  der  streng  gläubigen  Israeliten  zutraf.  Auch
Eichhorn  zeigte  sich  nicht  als  wirksamer  Redner,  als  er  die  Idee  deschrist—
lichen  Staates  verteidigte.  Diese  christlichen  Doktrinen  überschüttete  dann
Vincke  mit  der  Lauge  seines  Hohnes,  in  einer  blendenden,  aber  höchst
unklugen  Rede,  die  geradezu  darauf  auszugehen  schien,  den  frommen  König
in  seinen  heiligsten  Gefühlen  zu  verletzen,  und  im  Grunde  nur  flaches
Gespött  enthielt.  Unter  schallendem  Gelächter  führte  er  aus:  ein  christ—
licher  Staat  sei  doch  unmöglich,  da  die  Bibel  sage:  du  sollst  nicht  töten
—  und  was  der  Witze  mehr  war;  daß  dieselbe  Bibel  tief  ernst  von  der
Notwendigkeit  des  Krieges  und  der  Hinrichtungen  spricht,  schien  er  gar
nicht  zu  wissen.  Mit  der  ganzen  Dreistigkeit  der  Sarmaten  empfahl  nachher
  der  Pole  Jaraczewski  die  Emanzipation  der  Juden,  damit  seine  Heimat
Posen  von  der  üÜberzahl  ihrer  Israeliten  entlastet  würde;  um  die  geduldigen
  deutschen  Nachbarn  zu  beschwichtigen,  sagte  er  tröstend:  die  Juden
glichen  dem  Wasser,  das  aufgestaut  leicht  versumpfe  und  das  Land  verpeste,
  aber  frei  durch  die  Gefilde  dahinströmend  alle  seine  wohltätigen
Eigenschaften  zeige.

Der  liberalen  Mehrheit  behagten  die  fröhlichen  Weissagungen  des
Polen  weit  mehr  als  die  Warnungen  des  Pommern  v.  Thadden--Trieglaff,
  der,  im  schärfsten  Gegensatze,  „die  Emanzipierung  der  Christen  von
den  Juden“  verlangte  und  namentlich  die  Wirksamkeit  jüdischer  Lehrer
in  christlichen  Schulen  gefährlich  fand.  Thadden  war  eines  jener  Originale,
  wie  sie  in  dem  erregten  Gemütsleben  der  Erweckten,  der  Stillen
im  Lande  sich  zuweilen  ausbilden,  ein  gottseliger  Kriegsmann  aus  den  Befreiungskämpfen,
  tief  fromm,  von  kindlicher  Sittenreinheit,  mildtätig  bis
zur  Verschwendung,  aber  ganz  und  gar  kein  Kopfhänger,  vielmehr  heiter,
überaus  witzig,  vielbelesen,  frei  von  Menschenfurcht  und  darum  gern  bereit,
den  Gegnern  seiner  hochlegitimistischen  Gesinnung  jeden  Freimut  zu  gestatten.
  Wer  ihm  näher  trat,  mußte  den  Patriarchen  Hinterpommerns
lieb  gewinnen;  die  Liberalen  aber  hielten  ihn  kurzweg  für  einen  Narren.

Nicht  viel  höher  schätzten  sie  seinen  jungen  Liebling  Bismarck,  der
jetzt  ebenfalls  die  Lehre  vom  christlichen  Staate  verteidigte.  Naiv  wie
der  Genius  ist,  bekannte  sich  Bismarck  zu  der  naturwüchsigen  Empfindung,
die  in  der  Masse  des  deutschen  Landvolks  unleugbar  vorherrschte:  „ich
würde  mich  tief  niedergedrückt  und  gebeugt  fühlen,  wenn  ich  mir  als  Re-
        <pb n="643" />
        Bismarck.  Das  neue  Judengesetz.  635

präsentanten  der  geheiligten  Majestät  des  Königs  einen  Juden  denke.“
Dann  schlug  er  die  tiefen  Töne  deutschen  Stolzes  an.  Beckerath  hatte
nach  seiner  elegischen  Weise  von  einem  jüdischen  Jüngling  gesprochen,  der
im  Befreiungskriege  gefallen  war  und  sich  also,  da  die  Juden  noch  immer
nicht  Minister  werden  konnten,  umsonst  aufgeopfert  hatte.  Gegen  diese
dünne  Gefühlsseligkeit  brach  nun  Bismarck  gewaltig  los:  „Ich  kann  nicht
glauben,  daß  ein  Blut  vergebens  geflossen  ist,  welches  für  die  deutsche
Freiheit  floß,  und  bisher  steht  die  deutsche  Freiheit  nicht  so  niedrig  im
Preise,  daß  es  nicht  der  Mühe  lohnte  dafür  zu  sterben,  auch  wenn  man
keine  Emanzipation  der  Juden  damit  erreicht.“  Ein  großes  Opfer  wollte
er  in  einem  solchen  Tode  überhaupt  nicht  sehen;  vielmehr  wünschte  er
den  Deutschen  „das  stolze  Gefühl  der  National-Ehre“,  das  den  Engländern
und  Franzosen  verbiete,  ihre  Gesetze  dem  Auslande  nachzubilden.

Auf  diese  Gedanken  kam  er  auch  in  anderen  Reden  beharrlich  zurück.
Nichts  empörte  ihn  tiefer  als  das  liberale  Märchen,  daß  die  Preußen  um
der  erhofften  Verfassung  willen  den  Freiheitskrieg  geführt  hätten.  Für
diesen  Krieg,  erwiderte  er  heftig,  brauchte  unser  Volk  keinen  „anderen
Grund  als  die  Schmach,  daß  Fremde  unserem  Lande  geboten“;  wer  das
leugnet,  „erweist  der  National-Ehre  einen  schlechten  Dienst.“  Und  als  die
Liberalen  den  jungen  Mann,  der  ja  die  Befreiungskriege  nicht  mit  erlebt
hatte,  von  oben  herunter  abfertigten,  da  erwiderte  er  mit  jenem  mächtigen
Selbstgefühle,  dessen  Berechtigung  erst  die  Taten  der  Zukunft  erweisen
sollten:  „Ich  habe  immer  geglaubt,  daß  die  Knechtschaft,  die  damals  bekämpft
  wurde,  im  Auslande  gelegen  habe;  soeben  bin  ich  aber  belehrt
worden,  daß  sie  im  Inland  gelegen  hat,  und  ich  bin  nicht  sehr  dankbar
für  diese  Aufklärung.“  Über  die  Macht  und  Einheit  des  Vaterlandes
hatte  schon  mancher  Redner  dieser  reichbegabten  Versammlung  edel  und
warn  gesprochen;  aber  so  kühn,  so  sicher,  mit  einem  solchen  Teutonentrotze
wie  dieser  verrufene  märkische  Junker  sagte  doch  niemand  sonst:  Deutschland
  über  alles!  Es  war  die  Stimme  des  Mannes,  der  einst  das  Werk
der  Staufer  und  der  Hohenzollern  vollenden  sollte.

Die  Kurie  der  drei  Stände  verlangte  noch  einige  Erweiterung  der  jüdischen
  Rechte,  sie  wollte  sogar  die  Juden  Posens  den  übrigen  sofort  gleich
stellen.  Da  die  Herrenkurie  jedoch  diesem  leichtsinnigen  Beschlusse  widersprach,
  so  blieb  die  für  alle  Teile  heilsame  Sonderstellung  der  Posener
Juden  bestehen,  und  am  23.  Juli  1847  wurde  das  neue  Judengesetz  veröffentlicht,
  das  im  wesentlichen  dem  Entwurfe  der  Regierung  entsprach;
nur  der  unglückliche  Gedanke  der  Einrichtung  inkorporierter  Judenschaften
war  aufgegeben.  Der  milde  und  gerechte  Geist  des  Gesetzes  ließ  sich  gar
nicht  verkennen,  wenn  man  die  Zustände  der  deutschen  Nachbarstaaten
verglich:  die  sächsischen  Juden  durften  ja  nur  in  zwei  Städten  des  Landes
wohnen,  die  mecklenburgischen  an  manchen  Orten  nicht  einmal  übernachten.
Aber  der  Dank  blieb  aus,  die  hochherzige  Gewährung  weckte  nur  neue
        <pb n="644" />
        636  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

Begehren.  Die  liberale  Presse  lärmte,  sie  forderte  die  Freiheit  wie  in
Kurhessen,  und  schon  ließ  sich  vorhersehen,  daß  die  Gedanken  des  na—
poleonischen  Rechts  über  lang  oder  kurz  den  Sieg  erringen  würden.
Auch  die  Polen  verlangten  von  den  Ständen  „Erhaltung  ihrer  Na—
tionalität  und  Sprache.“  Aber  im  Vereinigten  Landtage  zeigten  dieselben
Männer,  die  auf  ihrem  Provinziallandtage  so  oft  zuchtlos  getobt  hatten,
eine  auffällige  Bescheidenheit,  Fürst  Radziwill  galt  in  der  Herrenkurie  so—
gar  für  einen  warmen  Anhänger  der  Regierung.  Die  Mäßigung  war  schlau
berechnet;  denn  der  große  Polenprozeß  stand  gerade  vor  der  Tür,  und  die
polnischen  Abgeordneten  fürchteten  durch  Kundgebung  ihrer  wahren  Gesinnung
  das  Schicksal  ihrer  angeklagten  Landsleute  zu  erschweren.  Die  Liberalen
  erwiesen  den  Polen,  trotz  der  frechen  Empörung  des  vergangenen
Jahres,  eine  schwächliche,  sentimentale  Teilnahme.  Vincke  sprach  wieder
sehr  schön  und  wieder  sehr  unklug,  ohne  jede  Sachkenntnis;  er  empfahl
Nachgiebigkeit,  damit  die  Polen  „sich  ganz  deutsch  und  preußisch  fühlten“  —
woran  sie  doch  selber  gar  nicht  dachten.  Wie  tief  ward  diese  deutsche  Fremdbrüderlichkeit
  beschämt,  als  der  oberschlesische  Pole  Wodiczka  jede  Gesinnungsgemeinschaft
  mit  den  Posener  Unzufriedenen  feierlich  zurückwies.
Die  Polen,  rief  er  aus,  sehen  uns  nicht  als  polnische  Brüder  an;  und  in
der  Tat  waren  die  schlesischen  Wasserpolaken  von  ihren  sarmatischen  Nachbarn
  durch  die  Verschiedenheit  der  Geschichte,  der  Sitten,  des  Dialekts
scharf  getrennt  und  der  Krone  Preußen  dankbar  ergeben.  „Wir  Oberschlesier“,
  so  schloß  Wodiczka,  „wollen  nur  als  deutsche  Brüder,  als  Preußen
angesehen  und  behandelt  werden.“  Der  Landtag  nahm  die  Petition  der  Posener
  an,  obgleich  er  sich,  nach  dem  Patente,  mit  Provinzialbeschwerden
nicht  befassen  durfte.  Der  sechsjährige  gemeinsame  Kampf  gegen  die  Regierung
  hatte  die  Provinziallandtage  einander  genähert,  der  Parteigeist  überwucherte
  den  alten  deutschen  Markmannenstolz,  die  liberalen  Polen  zu  begünstigen
  galt  jetzt  selbst  in  Ostpreußen  schon  als  eine  liberale  Ehrenpflicht.
Der  König  aber,  der  seinen  Polen  auch  nichts  übel  nahm,  ließ  die  Bittsteller
gnädig  bedeuten,  sie  sollten  ihren  Antrag  gehörigen  Orts,  bei  ihrem  Provinziallandtage
  oder  unmittelbar  vor  dem  Throne  einbringen,  dann  könnten
sie  wohlwollender  Prüfung  sicher  sein.  Nachher  wurde  die  Mehrheit  durch
ihre  Polenschwärmerei  noch  zu  einem  höchst  unziemlichen  Beschlusse  verleitet:
  sie  bat  den  König  schon  im  voraus,  gegen  die  gefangenen  polnischen
Verschwörer  „nach  Möglichkeit  Gnade  walten  zu  lassen“,  obgleich  doch  erst
der  bevorstehende  Polenprozeß  erweisen  konnte,  wie  schwer  diese  Rebellen
sich  gegen  ihre  milde  Regierung  vergangen  hatten.  Eine  Besprechung  ward
absichtlich  unterlassen,  weil  man  die  Gefühle  der  polnischen  Abgeordneten,
deren  Freunde  und  Verwandte  im  Kerker  saßen,  zartsinnig  schonen  wollte.
Wie  hier,  so  wurden  auch  in  vielen  anderen  Fällen  die  kleinlichen
Vorschriften  der  Geschäftsordnung  übertreten.  Der  König  stand  schon
längst  auf  der  schiefen  Fläche,  vor  der  ihn  Metternich  so  oft  gewarnt  hatte.
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        Polnische  Klagen.  Auswärtige  Politik.  637

Ein  solcher  Landtag,  so  zahlreich,  so  stark  an  Talenten,  so  tief  bewegt  von
den  Ideen  einer  unruhigen  Zeit,  mußte  geradezu  übergreifen,  er  mußte
alles,  was  des  Vaterlandes  Wohl  und  Wehe  berührte,  zu  besprechen  suchen.
Nach  dem  Patente  sollte  er  sich  nur  mit  inneren  Angelegenheiten  befassen;
die  Einverleibung  Krakaus  aber  und  die  langjährige  Unterbrechung  des
Handelsverkehres  mit  dem  revolutionären  Spanien  hatten  in  mehreren
Provinzen,  zumal  in  Schlesien,  Handel  und  Wandel  schwer  geschädigt,  und
wie  konnte  man  diese  Landesbeschwerden  erörtern,  ohne  die  europätische
Politik  zu  berühren?  Minister  Canitz  erkannte  das  selbst  und  versicherte
den  Ständen,  eine  taktvolle  Besprechung  der  auswärtigen  Angelegenheiten
solle  ihnen  nicht  verboten  werden.  Wie  wenig  ahnte  er  die  Wirkung  seiner
leichthin  gesprochenen  Worte!  Alles  jubelte;  man  nahm  an,  die  Krone
wolle  den  Ständen  freiwillig  ein  neues  Recht  gewähren.  Auch  der  Marschall
  der  Kurie  der  drei  Stände,  Rochow-Stülpe  teilte  diese  Meinung.  Er
hatte  vor  kurzem  noch  in  der  Verfassungskommission  alle  reichsständischen
Pläne  des  Königs  hartnäckig  bekämpft,  er  war  nachher  gleichwohl  zum
Landtagsmarschall  ernannt  worden  und  bemühte  sich  mit  großer  Selbstverleugnung,
  sein  schwieriges  Amt  unparteiisch  zu  handhaben.  Jetzt  erklärte
  er  einfach:  bisher  hätte  er  alle  Petitionen  über  auswärtige  Politik
als  unstatthaft  zurückgewiesen,  nunmehr  würde  er  sie  zulassen.

Darüber  gerieten  nun  der  Hof  und  das  gesamte  konservative  Lager
in  begreifliche  Aufregung.  Der  Prinz  von  Preußen  bestürmte  seinen  königlichen
  Bruder  mit  ernsten  Vorstel  lungen.  Ohnehin  kein  Freund  des  sarkastischen
  Canitz,  lebte  er  ganz  in  den  Gedanken  preußischer  Großmachtspolitikl;
  und  wohin  trieb  man,  wenn  dieser  Landtag,  der  nur  zu  beraten
hatte,  also  keinerlei  Verantwortlichkeit  trug,  die  europäische  Politik  der
Krone  jederzeit  durch  leichtfertige  Petitionen  stören  durfte?  Der  alte  Welfe,
der  dem  preußischen  Minister  als  einem  Gegner  des  hannoverschen  Staatsstreichs
  noch  von  seiner  Gesandtschaftszeit  her  grollte,  schrieb  hämisch:
„Habe  mich  nicht  geirrt  auf  Dummheit  des  Canitz.“*)  Am  Berliner  Hofe
sagte  man  laut:  Canitz  verdiene  an  demselben  Stricke  gehenkt  zu  werden,  den
er  sich  selber  durch  seine  Rede  gedreht  hätte.  König  Friedrich  Wilhelm
wollte  diesen  Minister,  der  ihm  besonders  wert  war,  nicht  fallen  lassen;  er
fühlte  auch,  daß  man  dem  Landtage  die  auswärtige  Politik  nicht  gänzlich
verschließen  konnte.  Aber  solange  er  selbst  in  königlicher  Weisheit  noch
nichts  geändert  hatte,  sollten  ihm  die  Stände  keinen  Schritt  weit  über
die  gewährten  Rechte  hinausgehen.  Darum  nannte  er  (20.  Mai)  die  Rede
des  Landtagsmarschalls  „funest“  und  sagte:  „Das  ist  gegen  mein  Gesetz
vom  3.  Febr.  und  muß  coute  que  coute  repariert  werden.““*)  Nach
einem  großen  Ministerrate  sah  sich  Canitz  genötigt,  vor  dem  Landtage

*)  Knyphausens  Bericht,  22.  Mai  1847,  mit  Randbemerkung  König  Ennst
Augusts.

**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  20.  Mai  1847.
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        638  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

seiner  ersten  Rede  eine  stark  einschränkende  Auslegung  zu  geben.  Aber
die  Schleußen  waren  geöffnet.  Heftige  Ausfälle  gegen  den  Deutschen  Bund,
leidenschaftliche  Klagen  über  die  Zerrissenheit  des  Vaterlandes  ließen  sich
nicht  mehr  verbieten.  Eine  Petition  um  Wahrung  des  deutschen  Rechts
in  Schleswigholstein  wurde  sogar  förmlich  an  eine  Kommission  verwiesen.
Deren  Bericht  kam  erst  spät  zu  stande,  erst  in  dem  Augenblicke,  da  der  Land—
tag  geschlossen  werden  sollte.  Da  erhob  sich  plötzlich  Graf  Schwerin  und
verlas  eigenmächtig  vor  dem  gesamten  Landtage  den  Kommissionsbericht,
der  sich  sehr  warm  für  die  Rechte  Nordalbingiens  aussprach.  Die  Ver—
sammlung  stimmte  mit  brausendem  Zurufe  bei,  und  obwohl  der  Landtagsmarschall
  das  ungesetzliche  Verfahren  nachträglich  rügte,  so  vermochte  er
doch  an  der  geschehenen  Kundgebung  nichts  mehr  zu  ändern.

Niemand  konnte  es  hindern,  alle  die  lange  verhaltenen  Wünsche  der
ungeduldigen  Zeit  wurden  im  Landtage  laut.  Die  Stände  verlangten
Offentlichkeit  der  Beratungen  der  Stadtverordneten,  und  die  Krone
konnte  nicht  umhin,  durch  eine  Kabinettsordre  vom  23.  Juli  1847  der
Forderung  zu  entsprechen.  Sie  beschlossen  einstimmig,  auf  Auerswalds
Antrag,  eine  Bitte  um  Preßfreiheit;  eine  Debatte  hielten  sie  für  über—
flüssig,  denn  über  die  Unmöglichkeit  der  Zensur  waren  schon  alle  Parteien
  einig.  Thadden-Trieglaff  veröffentlichte  bei  dieser  Gelegenheit  eine
ungehaltene  Rede,  die  in  dem  Satze  gipfelte:  „die  Preßfreiheit,  aber
der  Galgen  daneben!“  Die  Rede  enthielt  in  paradoxer  Form  manche
gesunde  Gedanken  und  fand  den  Beifall  des  Prinzen  von  Preußen.
Der  freimütige  Sonderling  sah  die  Zeit  kommen,  da  die  Menschen
nicht  mehr  an  Gott,  wohl  aber  an  ihre  Zeitung  glauben  würden;
er  erkannte  die  allen  demokratischen  Epochen  gemeinsame  Gefahr  der
moralischen  Feigheit,  die  sich  in  der  Scheu  vor  jeder  persönlichen  Verantwortlichkeit,
  in  dem  Verlangen  nach  geheimen  Wahlen  und  Anonymität
  der  Presse  bekundet.  Darum  forderte  er  Aufhebung  der  Zensur,
strenge  Bestrafung  der  Preßvergehen,  Unterzeichnung  aller  Artikel.  Aber
die  Anonymität  der  Zeitungen  war  längst  mit  allen  modernen  Lebensgewohnheiten
  verwachsen;  die  Rede  wurde  nur  verhöhnt  und  erlangte
schon  wegen  ihres  herausfordernden  Hauptsatzes  ganz  unverdientermaßen
einen  sprichwörtlichen  Ruf  als  Probstück  reaktionärer  Narrheit.  Auf
diese  Forderung  der  Preßfreiheit  wußten  die  Vertreter  der  Krone  nichts
zu  antworten,  als  daß  der  Bundestag  zunächst  sein  Preßgesetz  ändern
würde.

Sichtlich  in  Verlegenheit  gerieten  sie  auch,  als  Hansemann  mit  komischem
  Pathos  von  der  Rednerbühne  herab  dem  Landtage  erst  das  dünne
Heft  der  preußischen  Staatshaushalts-Übersicht,  dann  die  dicken  Bände
des  belgischen,  des  französischen,  des  dänischen  Budgets  vorzeigte.  Wohl
erwiderte  Bodelschwingh  der  Wahrheit  gemäß:  wir  haben  nichts  zu  verbergen;
  die  geheimen  Fonds  beziffern  sich  bei  uns  nicht,  wie  im  konstitu-
        <pb n="647" />
        Schlußverhandlungen  über  das  Patent.  639

tionellen  Frankreich  auf  Millionen,  sondern  auf  17000  Tlr.  Aber  diese
im  ganzen  so  sparsame,  so  peinlich  rechtschaffene  Finanzverwaltung  hatte
doch  auf  Befehl  des  alten  Königs  473000  Tlr.  an  Don  Carlos  gezahlt,
und  was  hinderte,  daß  Ahnliches  oder  Schlimmeres  wieder  geschah?  Eine
gründliche  und  genaue  Prüfung  des  Staatshaushalts  ließ  sich  den  Ständen
gar  nicht  mehr  vorenthalten;  das  war  ihr  gutes  Recht,  wenn  sie  Steuern
und  Anleihen  bewilligen  sollten.  Während  also  Wünsche,  Beschwerden,
Anträge  jeder  Art  auf  den  Landtag  einstürmten,  verstand  die  Opposition
doch  sehr  klug,  alles  zu  vermeiden,  was  sie  selber  zerspalten  konnte.  Über
die  Dissidenten  wurde  sehr  heftig  geredet,  jedoch  über  das  Verhältnis  des
Staates  zur  römischen  Kirche  sprach  niemand,  weil  die  Liberalen  aus
dem  Osten  ihre  rheinischen  Genossen  nicht  reizen  wollten.  Das  Elend
der  schlesischen  Weber  kam  zur  Sprache,  der  Prinz  von  Preußen,  Fürst
Lichnowsky  und  andere  Mitglieder  der  Herrenkurie  verwendeten  sich  lebhaft
für  die  Erhöhung  der  Garnzölle;  aber  eine  grundsätzliche  Erörterung  der
Zollpolitik  wurde  behutsam  vermieden,  weil  die  schlesischen  und  die  rheinischen
  Liberalen  zum  Teil  Schutzzöllner  waren,  ihre  Freunde  aus  den
Küstenlanden  allesamt  Freihändler.

Während  der  letzten  Wochen  der  Tagung  bewegten  sich  die  Verhandlungen
  wesentlich  um  die  längst  vorbereiteten  Anträge  auf  Abänderung
der  Gesetze  vom  3.  Februar.  In  dieser  Erweiterung  der  ständischen  Rechte
sahen  viele  Liberale  die  eigentliche  Aufgabe  des  Landtags;  die  Unterzeichner
der  verunglückten  Erklärung  der  Rechte  suchten  jetzt  ihr  Ziel  auf  einem
anderen  Wege  zu  erreichen.  Die  Stellung  der  Regierung  war  wieder  sehr
schwierig,  ihr  fehlte  der  sichere  Rechtsboden.  Savigny  selbst  mußte  die  Erfahrung
  machen,  daß  der  große  akademische  Redner  parlamentarischer  Erfolge
  nicht  sicher  ist;  er  überzeugte  niemand,  als  er  zu  beweisen  suchte,
die  früheren  Gesetze  verpflichteten  den  König  nicht  zur  regelmäßigen  Berufung
  der  Reichsstände.  Als  die  Minister  dann  gar  behaupteten,  die
Krone  hätte  keine  Garantie  für  die  preußische  Bank  übernommen,  da  verwickelten
  sie  sich  in  beschämende  Widersprüche;  auf  der  Banknote,  die  ein
Abgeordneter  entrüstet  vorwies,  stand  doch  deutlich  zu  lesen,  daß  sie  von
allen  Behörden  statt  baren  Geldes  angenommen  werden  mußte,  und  der
König  selbst  sah  sich  genötigt,  dies  zur  Beruhigung  seiner  getreuen  Stände
nochmals  zu  bestätigen.  Jedoch  auch  die  Opposition  bewegte  sich  im  Kreise,
wenn  sie  immer  wieder  die  unklaren  Verheißungen  der  Hardenbergischen
Gesetze  für  unzweifelhaftes  Recht  erklärte.  „So  hoch  der  Himmel  über
der  Erde“  —  sagte  Vincke  —  „so  hoch  steht  das  Recht  über  den  Nützlichkeitsgründen.
  Möge  die  unparteiische  Geschichte  sagen:  der  erste  Landtag
  der  Krone  Preußen,  insbesondere  die  Mitglieder  der  Kurie  der  Ritterschaft,
  der  Städte  und  der  Landgemeinden,  sie  wurden  als  treue  und
fleißige  Ackerer  erfunden  auf  dem  Bo#en  des  Rechts,  sie  sind  von  diesem
Boden  nicht  um  einen  Fuß  breit  abgewichen;  nicht  um  eines  Nagels  Dicke
        <pb n="648" />
        640  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

haben  sie  nachgegeben  von  ihrem  guten  Rechte;  sie  haben  stets  unabänderlich
  beharrt  bei  dem  alten  deutschen  Grundsatze  unserer  Väter:  Recht  muß
doch  Recht  bleiben!“  Stürmischer  Beifall  folgte  seinen  Worten,  aber  die
Gegner  gewann  er  nicht.

Es  war  ein  trostloses  Silbenstechen,  treue  Patrioten  standen  hüben
und  drüben;  und  dies  ganz  erbitterte  und  erbitternde  Gezänk  hätte  der
König  durch  eine  klare,  rechtlich  unangreifbare  Fassung  seines  Patents  so
leicht  verhindern  können.  Die  Notwendigkeit  der  periodischen  Einberufung
des  Landtags  stellte  auch  Bismarck  nicht  in  Abrede.  Ohne  sie  fehlte  dem
Landtage  das  gesicherte  Dasein,  und  den  böswilligen  Gerüchten,  die  überall
umliefen,  blieb  Tür  und  Tor  geöffnet:  die  allwissenden  Berliner  behaupteten
  ja  schon  längst,  der  Landtag  sei  nur  eine  „Pump-Anstalt“  für
die  geldbedürftige  Krone  und  würde  erst  wiederkehren,  wenn  die  Finanzen
wieder  Not  litten.  Aber  der  König  hatte  schon  versprochen,  die  Vereinigten
  Landstände  in  spätestens  vier  Jahren  wieder  zu  berufen;  jedermann
  sah  voraus,  daß  diese  Frist  sich  tatsächlich  stark  verkürzen  würde,
und  unterdessen  sollten  ja  auch  noch  die  periodischen  Vereinigten  Ausschüsse
  zusammentreten.  War  es  klug,  in  solcher  Lage  den  König  zu
drängen,  ihn  jetzt  schon  zur  förmlichen  Anderung  seiner  soeben  verkündigten
  Gesetze  zu  nötigen?  Darüber  durften  einsichtige  Männer  wohl  verschiedene
  Meinungen  hegen.  Bismarck  erklärte  den  Liberalen  zu  ihrem
heftigen  Unwillen,  er  könne  die  Meinung  des  preußischen  Volks  nicht  in
den  Versammlungen  des  Königsberger  Böttchershöfchens  vertreten  finden;
er  riet,  man  möge  mindestens  das  Gras  dieses  Sommers  über  den  Streit
wachsen  lassen,  ehe  man  neue  Forderungen  stelle.  Auch  die  Herrenkurie
wollte  sich,  da  die  Rechtsfrage  so  dunkel  war,  nicht  zu  einer  Rechtsverwahrung
  verstehen,  sondern  nur  zu  Bitten  an  den  König.  Sie  zeigten  sich
keineswegs  engherzig;  die  Fürsten  Wied,  Lichnowsky,  Lynar,  die  Grafen
Dyhrn,  Vork,  Zieten  sprachen  entschieden  aus,  Preußens  Herrenstand  dürfe
nimmermehr  dem  Beispiel  des  verblendeten  bourbonischen  Adels  folgen.
Bei  der  Mehrheit  aber  gab  den  Ausschlag  das  Ansehen  des  Prinzen  von
Preußen,  der  nochmals,  unbekümmert  um  die  Verleumdungen  draußen,  für
seinen  königlichen  Bruder  eintrat.  Immer  wieder  mahnte  er  zum  Vertrauen:
  wenn  es  je  einen  König  von  Preußen  geben  könnte,  der  die  ständischen
  Rechte  willkürlich  ändern  wollte,  „so  glaube  ich  mit  Stolz  sagen
zu  können,  daß  ein  solcher  König  nicht  seiner  Ahnen  würdig  dastehen  würde.
Daß  ich  diese  Gesinnungen  meinem  Sohne  einprägen  und  sie  auf  ihn  vererben
  werde,  diese  Versicherung  glaube  ich  geben  zu  können,  und  so  Gott
will,  wird  es  so  weiter  gehen.“  So  dachte  er  stets  nur  an  seinen  Sohn;
seine  eigene  Zukunft  ahnte  er  nicht.

Nach  langwierigen  Verhandlungen  kamen  alle  schärferen  Anträge  zu
Falle,  und  die  vier  Kurien  einigten  sich  über  eine  sehr  bescheidene  Petition:
sie  baten  den  König  um  periodische  Einberufung  des  Landtags  und  dem-
        <pb n="649" />
        Wahl  der  Vereinigten  Ausschüsse.  641

gemäß  um  Beschränkung  des  Wirkungskreises  der  Vereinigten  Ausschüsse;
sie  baten  ihn  endlich,  „mit  Beziehung  auf  die  frühere  Gesetzgebung  und
aus  Gründen  der  Nützlichkeit  und  inneren  Notwendigkeit“  die  Wahl  der
Ausschüsse  für  jetzt  auszusetzen.  Eine  schwüle  Stimmung  herrschte  im
Hause,  und  bei  dem  letzten  Hoffeste  auf  Sanssouci  gedachte  Thadden—
Trieglaff  ahnungsvoll  des  Liedes:  O  Richard,  o  mon  roi,  tout  l'univers
t'abandonnel  Des  Königs  Antwort  lautete  abschlägig,  aber  nicht  ganz
ungnädig,  obgleich  die  Stände  den  Monarchen  mittlerweile  durch  den  un—
glücklichen  Beschluß  über  die  Ostbahn  bitter  gereizt  hatten.  Im  Stillen
fühlte  Friedrich  Wilhelm  längst,  daß  die  periodische  Berufung  der  Ver—
einigten  Stände  nunmehr  unvermeidlich  war;  vorher  aber  mußte  alles,
was  er  in  den  Verordnungen  vom  3.  Februar  anbefohlen  hatte,  gehorsam
ausgeführt  werden,  dann  erst  wollte  er  frei,  ungedrängt,  nach  seiner  könig—
lichen  Weisheit  entscheiden.  Deshalb  versprach  er,  die  Anträge  auf  perio—
dische  Einberufung  des  Landtags  und  auf  Beschränkung  der  Ausschüsse
„in  sorgsame  Erwägung  zu  ziehen“;  dagegen  sollten  die  Ausschüsse  jetzt
sogleich  neu  gewählt  werden,  da  er  ihnen  demnächst  den  lange  vorbereiteten
Entwurf  des  neuen  Strafgesetzbuchs  zur  Begutachtung  vorlegen  wollte.

Diese  königliche  Botschaft  erschien  am  24.  Juni.  Schon  zwei  Tage
darauf  sollte  der  Landtag  geschlossen  werden,  der  König  selbst  war  in—
zwischen  bereits  in  tiefem  Unmut  abgereist.  Da  galt  es  denn  rasch  zu
entscheiden,  ob  man  die  Wahl  vornehmen  dürfe,  und  der  Landtag  endete,
wie  er  begonnen,  mit  einem  unfruchtbaren  Rechtsstreite.  Die  Vereinigten
Ausschüsse  waren  eine  gänzlich  verfehlte  Künstelei  —  daran  zweifelte  eigent—
lich  niemand  mehr  —  aber  vor  sechs  Jahren  durch  die  absolute  Krone
geschaffen,  bestanden  sie  unzweifelhaft  noch  zu  Recht;  der  Landtag  selbst
hatte  das  nicht  bestritten  und  folglich  war  er  auch  zu  der  gesetzlichen  Neu—
wahl  verpflichtet.  Daß  die  Rechte  des  Landtags  beeinträchtigt  würden,
wenn  ein  von  ihm  selbst  erwählter  Ausschuß  ein  unmaßgebliches  Gutachten
über  das  Strafgesetzbuch  erstattete  —  diese  spitzfindige  Behauptung  konnte
sich  nur  auf  gewaltsam  herbeigezogene,  dem  Volke  unverständliche  Rechts—
bedenken  stützen.  Da  jedermann  wußte,  daß  der  König  geneigt  war,  die
periodische  Einberufung  des  Landtags  in  einer  nahen  Zukunft  zu  bewilli—
gen,  so  gebot  schon  die  monarchische  Ehrfurcht,  daß  man  ihn  nicht  durch
störrischen  Eigensinn  erbitterte;  und  wenn  die  Opposition  nicht  wählte,
dann  schloß  sie  sich  ja  selbst  von  den  Vereinigten  Ausschüssen  aus.

Alle  diese  handgreiflichen  politischen  Bedenken  galten  dem  unaufhalt—
samen  „Abgeordneten  der  Grafschaft  Mark“  gar  nichts.  In  den  stürmischen
Vorberatungen  verlangte  Vincke  kurzweg,  man  müsse  sich  der  Wahl  ent—
halten.  Das  nannte  er  Recht.  Der  Ruhm  der  unbedingten  Folgerichtigkeit,
der  von  praktischen,  dem  Vaterlande  dienenden  Staatsmännern  immer  ge—
ring  geschätzt  wird,  war  ihm  eines  und  alles.  Diesmal  aber  versagten
sich  seine  ostpreußischen  Freunde,  die  ihre  strenge  Rechtsgesinnung  doch

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  41
        <pb n="650" />
        642  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

genugsam  bewiesen  hatten.  Einstimmig  erklärten  sie,  daß  sie  wählen  würden,
wenn  auch  unter  Vorbehalt  der  Rechte  des  Landtags.  Das  Ergebnis  war,
daß  nur  58  Abgeordnete  sich  der  Wahl  enthielten;  darunter  waren
28  Rheinländer,  Hansemann,  Mevissen  und  ihre  Anhänger,  aber  kein
einziges  Mitglied  der  Herrenkurie.  157  Mitglieder  wählten  unter  ver—
schiedenen  Vorbehalten,  die  allesamt  gesetzlich  nichts  bedeuteten;  284  wählten
  unbedingt.  Der  Versuch,  die  Erklärung  der  Rechte  zu  wiederholen,
war  also  kläglich  gescheitert;  Vincke  hatte  abermals  seiner  eigenen  Partei
eine  Niederlage  bereitet.  Gleichwohl  hinterließ  diese  vielbestrittene  Wahl
peinliche  Eindrücke.  Man  trennte  sich  nicht  gerade  in  Feindschaft,  aber
mit  dem  schmerzlichen  Gefühle,  daß  köstliche  Kräfte  fast  nutzlos  vergeudet
waren.  Bodelschwingh  selbst  sprach,  als  er  die  Sitzungen  schloß,  tief  bewegt
  aus:  „daß  die  Ergebnisse  des  Vereinigten  Landtags  weniger  fruchtbringend
  für  das  Land  gewesen  sind,  als  sie  es  hätten  sein  können.“  Im
Volke  hatten  die  glänzenden  Redner  des  Landtags  viel  Bewunderung  gefunden;
  ihnen  gegenüber  war  das  gefürchtete  Beamtentum,  da  es  eigentlich
  nur  durch  Bodelschwingh  und  einige  tüchtige  Regierungskommissäre,
wie  Kühne,  würdig  vertreten  wurde,  sehr  schwach  erschienen,  viel  schwächer,
als  es  wirklich  war.  Jedoch  ein  starkes,  sicheres  Gefühl,  sei  es  des  Hasses,
sei  es  der  Freude,  konnten  diese  so  geistreichen  und  doch  so  wunderlich
verworrenen  Verhandlungen  nirgends  erregen.  Auch  die  Treuen  wußten
nicht  mehr,  woran  sie  sich  halten  sollten,  und  solcher  ratloser  Mißmut  war
zu  allen  Zeiten  der  fruchtbare  Nährboden  der  Revolution.  An  dieser  gefährlichen
  Verstimmung  trug  aber  niemand  größere  Schuld  als  der  König,
der  die  Nation  so  ganz  väterlich  nach  seinen  unerforschlichen  Ratschlüssen
gängeln  wollte.

Die  Schlußverhandlungen  des  Landtags  steigerten  den  Unwillen
Friedrich  Wilhelms  aufs  Höchste.  Er  dachte  alles  Ernstes,  die  Abgeordneten,
  welche  die  Wahl  verweigert  hatten,  aus  dem  Landtage  auszuschließen
oder  sie  wegen  Ungehorsams  zu  bestrafen.  Die  Oberpräsidenten  der  unzufriedenen
  Provinzen  aber  stellten  ihm  allesamt  dringend  vor,  solche  Maßregeln
  würden  die  Mißstimmung  verschärfen,  und  so  ward  der  Plan  aufgegeben.*)
  Besser  begründet  war  der  Zorn  des  Königs  wider  die  Landräte
Vincke,  Bockum-Dolffs,  Bardeleben,  Platen,  die  sich  unter  den  Liberalen
hervorgetan  hatten.  Sobald  es  ernst  ward  mit  dem  ständischen  Leben,
mußte  die  Stellung  der  Regierungsbeamten  im  Landtage  irgendwie  geordnet
  werden.  Daß  der  Landrat  Vincke,  der  Untergebene  Bodelschwinghs
als  Führer  einer  unversöhnlichen,  die  gesamte  Rechtsanschauung  der  Minister
  bestreitenden  Opposition  aufgetreten  war,  ließ  sich  mit  der  Mannszucht
  einer  geordneten  Verwaltung  kaum  noch  vereinbaren.  Auf  königlichen

 

*)  Berichte  an  Bodelschwingh  von  den  Oberpräsidenten  Wedell,  17.  Juli,  Eichmann,
  8.  Juli,  Bötticher,  5.  Aug.  1847.
        <pb n="651" />
        Ausgang  des  Landtags.  643

Befehl  wurden  die  vier  Landräte  also  befragt,  ob  sie  die  Gesetze  vom
3.  Februar  als  rechtsverbindlich  ansähen  und  ihnen  in  ihrer  Amtstätigkeit
nachleben  wollten.  Alle  vier  versprachen,  die  ständischen  Gesetze  auszu—
führen,  solange  es  ihr  Gewissen  erlaube;  Vincke  fügte  hinzu,  nötigen—
falls  würde  er  rechtzeitig  seine  Entlassung  nehmen.  Schon  diese  Zusage
bewies,  daß  der  Rechtsboden,  um  den  man  stritt,  seinen  eigenen  Verteidigern
  nicht  so  ganz  fest  erschien.  Nunmehr  rieten  die  Minister,  von
weiteren  Maßregeln  abzusehen,  da  weder  das  Verhalten  der  Landräte
auf  dem  Landtage  noch  ihre  Gesinnung  bestraft  werden  könnten.  Der
König  ließ  es  dabei  bewenden;  doch  befahl  er  Vincke  zu  bedeuten:  „wie
mir  bei  seinen  sonstigen  guten  Eigenschaften  und  bei  meinem  besonderen
Wohlwollen  für  seinen  verstorbenen  Vater  eine  Umkehr  von  seinen  irrigen
Ansichten  doppelt  erfreulich  sein  würde.“  Auch  Bardeleben,  dessen  Antwort
  etwas  unbestimmt  gelautet  hatte,  erhielt  noch  eine  besondere  Verwarnung:
  „ich  will  ihm  Gelegenheit  geben,  meine  wankend  gewordene
Achtung  und  mein  völlig  verlorenes  Vertrauen  wieder  zu  gewinnen.“  7)
So  milde  —  weit  milder  als  eine  konstitutionelle  Regierung  verfahren
darf  —  behandelte  die  absolute  Krone  ihre  Verwaltungsbeamten;  doch
die  wohlweise  Väterlichkeit  solcher  Vermahnungen  mußte  stolze  Männer
fast  noch  schwerer  kränken  als  eine  Strafe.

Bei  allem  Unmut  hatte  Friedrich  Wilhelm  keineswegs  das  Gefühl
einer  erlittenen  Niederlage:  Untertanen  konnten  ihn  doch  nicht  besiegen.
Vielmehr  glaubte  er  noch  immer,  die  Zukunft  seines  Verfassungswerkes
fest  in  seiner  königlichen  Hand  zu  halten.  In  seiner  Thronrede  meinte
er  sich  ganz  unmißverständlich  ausgesprochen  zu  haben.  Daher  schrieb
er  an  Bunsen:  „der  sehr  kurze  Sinn  der  sehr  langen  Rede  (die  ich  gesprochen,
  aber  nicht  gelesen  habe)  ist  der:  man  wäre  ein  siebenfaches  Rindvieh,
  1)  eine  Verfassung  zu  fordern,  2)  ein  noch  viel  größeres,  eine  Verfassung
  zu  geben  —  wenn  man  schon  eine  hat.  Darum  die  kurze  Hindeutung
  auf  England.  #lon  chancellier  vous  dira  le  reste.“**“)  Um  den
augenblicklichen  Arger  zu  vergessen,  überließ  er  sich  ganz  seiner  unruhigen
Reiselust.  Er  ging  nach  Breslau,  wo  das  Reiterstandbild  des  großen  Königs
von  Kiß  enthüllt  wurde,  dann  nach  Pillnitz  zu  dem  geliebten  Schwager,  dem
Prinzen  Johann  von  Sachsen.  Freilich,  die  lustigen  Zeiten  kehrten  nicht
wieder,  da  Kronprinz  „Dicky“  einst  mit  seinem  Carissimo  Sasso  di  Dante
hier  am  Strande  der  Elbe  „Urküche  gegessen“  hatte.“**“)  Indes  der  König
fühlte  sich  wohlauf,  und  recht  von  Herzen  freute  er  sich,  als  ihm  hier  eine
Dankadresse  von  etwa  vierzig  Mitgliedern  der  märkischen  Ritterschaft  zukam,

 

*)  Kabinettsordre  an  das  Staatsministerium,  24.  Juli;  Bericht  des  Staats-Min.,
10.  Dez.  1847;  Kabinettsordre  an  das  Staats-Min.,  4.  Jan.  1848.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  13.  April  1847.
*)  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  an  Prinz  Johann  von  Sachsen,  Dresden,  29.  April
1833.
41*
        <pb n="652" />
        644  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

die  er  sogleich  veröffentlichen  ließ.  )  Nun  reiste  er  nach  Ischl  zu  seiner

leidenden  Gemahlin,  darauf  nach  Triest  und  Venedig,  dann  zurück  an
den  Rhein.  Dort  verlebte  er  wieder  einen  seligen  Tag,  als  er  im  stillen
Waldtale  von  Altenberg  den  wiederhergestellten  herrlichen  Bergischen  Dom
dem  Gottesdienste  übergab  und  damit  einen  alten  Herzenswunsch  der  Nation,
  den  einst  Goethe,  Schinkel,  Arndt,  Harkort  und  so  viele  andere  ausgezeichnete
  Männer  ausgesprochen  hatten,  hochherzig  erfüllte.

Derweil  der  König  also  seinen  Mißmut  zu  vergessen  suchte,  empfanden
  seine  näheren  Freunde  sehr  schmerzlich  das  Mißlingen  des  reichsständischen
  Unternehmens.  Niemand  schmerzlicher  als  der  treue  Radowitz.
Der  war  den  Verhandlungen  des  Landtags  mit  Spannung  gefolgt  und
hatte  dann  und  wann  aus  der  Ferne  ein  Heft  „nicht  gehaltener  Reden“
in  die  Debatten  hineingeworfen.  Noch  vor  dem  Schlusse  der  Tagung
sah  er  ein,  dies  „verstimmte  und  mißtrauische  Geschlecht  sei  unfähig,  das
Wort  seines  Königs  zu  verstehen“,  und  er  schrieb  ehrlich  (13.  Juni):  „Ich
habe  mein  Leben  in  historischen  Studien  zugebracht,  aber  keinen  Regenten
gefunden,  der  mit  solcher  Zusammensetzung  des  Herzens  und  Geistes,  so
unbefleckt  von  dem  Unrate  der  politischen  Irrlehre,  so  ernst  und  so  freudig
in  seinem  mühsamen  Berufe,  einen  mächtigen  Thron  bestiegen  hätte.  Ew.
Königl.  Majestät  wären  der  Mann  Ihres  Volks  und  der  deutschen  Nation
geworden  ...  dann  war  der  Boden  fest  gegründet,  auf  welchem  das  Gebäude
  der  rechten  ständischen  Monarchie  errichtet  werden  konnte.  Es
ist  nicht  geschehen.  Sieben  Jahre  sind  verflossen,  die  nicht  wiederkehren.
Im  tiefsten  Schmerze  sorge  ich,  daß,  weil  das  Mögliche  nicht  versucht
worden,  jetzt  das  Unmögliche  unternommen  werde.“?7)  Er  ahnte  den  Zusammenbruch,
  und  die  Stimmung  im  Lande  ward  allerdings  bedrohlich.
Der  Landtag  selbst  ging  ziemlich  still  auseinander.  Die  Opposition  versammelte
  sich  noch  einmal  zu  einem  Bankett.  Da  wurden  denn  Adressen
der  liberalen  Schwaben  und  der  gesinnungstüchtigen  Danziger  verlesen,
und  die  138  Deklaranten  gefeiert,  die  der  König  zu  seinen  letzten  Hoffesten
nicht  mehr  eingeladen  hatte;  Fürst  Lichnowsky  verherrlichte  mit  gellender
  Stimme  die  Eintracht  der  vier  Kurien,  Vincke  trank  auf  das  Wohl
der  Ostpreußen,  die  er  für  die  Zukunft  doch  nicht  missen  konnte,  obwohl
sie  ihn  bei  den  Ausschußwahlen  allesamt  verlassen  hatten.  In  der  Heimat
  wurde  nur  einigen  der  Abgeordneten  ein  festlicher  Empfang  bereitet,
weil  das  Volk  sich  über  den  gerühmten  Rechtsboden  dieses  Landtags  kein
sicheres  Urteil  bilden  konnte.

Indessen  verrieten  viele  Anzeichen,  wie  der  innere  Unfrieden  zunahm.
In  der  Presse  redeten  die  enttäuschten  Juden  täglich  frecher.  Auf  die
Dankadresse  der  brandenburgischen  Ritterschaft  folgte  alsbald  eine  sehr

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile,  Pillnitz,  17.  Juli  1847.
**)  Radowitz  an  König  Friedrich  Wilhelm,  13.  Juni  1847.
        <pb n="653" />
        Mißstimmung  im  Lande.  645

grobe,  durch  den  ukermärkischen  Liberalen  v.  Holtzendorff  veranlaßte  Ein—
gabe  märkischer  Landleute,  welche  die  Erfüllung  der  alten  königlichen  Ver—
heißungen  ungestüm  forderte.  Besonders  gefährlich  erschien  die  Mißstim—
mung  im  Westen.  Einer  der  rheinischen  Landtagsabgeordneten,  Sted—
mann  ließ  als  Manuskript  ein  Büchlein  über  das  Staatsrecht  der  rheini—
schen  Herzogtümer  drucken,  das  historisch  nachweisen  sollte,  die  Rhein—
länder  hätten  früherhin  „niemals  ein  geringeres  Maß  von  persönlicher
Freiheit  und  bürgerlicher  Berechtigung  genossen“  als  unter  der  preußischen
Herrschaft.  Die  Undankbarkeit  dieser  Westländer,  denen  der  alte  König
das  eiserne  Joch  Bonapartes  vom  Halse  genommen  hatte,  wurde  nach—
gerade  schamlos.  In  Mainz  entstand  ein  großer  „Rheinischer  Verein“,  der
von  Krefeld  bis  nach  Karlsruhe  hinauf  seine  Zweigverbände  einrichtete
und  die  unbedingte  Aufrechterhaltung  des  französischen  Rechts  erstrebte.
Ein  „rheinischer  Ausschuß  zur  Gründung  der  deutschen  Republik“  ver—
breitete  massenhaft  einen  Aufruf  „zur  Vorbereitung“.  Das  Machwerk
konnte,  nach  der  Fülle  der  Schimpfwörter  zu  schließen,  nur  von  Heinzen
herrühren  und  schloß  mit  der  Anrede  an  die  Rheinländer:  „die  Preußen
hinaus,  oder  nieder  mit  dem  Berlinertum.“

Friedrich  Wilhelm  merkte  von  der  dumpfen  Luft  im  Lande  sehr  wenig.
Auf  Augenblicke  beunruhigten  ihn  wohl  die  einlaufenden  Berichte  über
demagogische  Umtriebe,  und  zuweilen  geschah  es  auch,  daß  lächerliche  Klei—
nigkeiten  sein  Gemüt  tief  aufregten.  Als  der  Fürstbischof  Diepenbrock  ihn
auf  einen  Königsmörder-Verein  der  Primaner  des  Neissischen  Gymnasiums
aufmerksam  gemacht  hatte,  da  schrieb  er  zerknirscht:  „Ich  fühle  mich  schul—
dig,  denn  vor  Gott  bin  ich  für  die  Bevollmächtigten  meiner  Autorität
verantwortlich.  Ich  steh'  dem  Diepenbrock  wie  ein  dummer  Junge  gegen—
über,  der  das  nicht  weiß,  was  er  wissen  soll,  wenn  er  ein  rechter  König
ist.  Gott  besser's!“*)  Allein  solche  Stimmungen  verflogen  schnell.  Noch
immer  glaubte  er  seiner  Selbstherrlichkeit  völlig  sicher  zu  sein.  Das  zeigte
sich  deutlich,  als  General  Boyen  gleich  nach  dem  Schlusse  des  Landtags
seinen  Abschied  verlangte.  Der  alte  Held  erhielt  als  Feldmarschall  das
Kommando  des  Invalidenhauses  und  lebte  nur  noch  wenige  Monate  (bis  zum
Febr.  1848);  ein  gütiges  Geschick  ersparte  ihm  die  Niedertracht  der  Berliner
Revolution  noch  zu  erleben.  Das  durch  Boyens  Rücktritt  erledigte  Präsidium
  des  Staatsministeriums  konnte,  nach  der  Meinung  von  Freund
und  Feind,  niemand  sonst  erhalten  als  Bodelschwingh;  als  Kabinettsminister
  und  Minister  des  Innern  zugleich  besaß  er  ja  schon  die  wichtigste
Stellung  im  Ministerrate,  und  vor  den  Landständen  hatte  er  fast  allein
tapfer  den  König  vertreten.  Aber  für  einen  wirklichen  Ministerpräsidenten
war  unter  diesem  Regimente  kein  Raum;  Bodelschwingh  selbst  hätte  sich
solchen  Ehrgeizes  wohl  kaum  erdreistet.  Savigny  erhielt,  nach  dem  Dienst- 



*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Thile  und  Bodelschwingh,  24.  Jan.  1848.
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        646  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

alter,  das  Amt,  das  in  seinen  Händen  nur  ein  Ehrenamt  sein  konnte  und
sollte.

So  regierte  der  König  in  seiner  Unumschränktheit  weiter,  und  ganz
unmöglich  war  es,  ihn  in  dem  Gange  zu  stören,  den  er  sich  für  seine
ständische  Gesetzgebung  vorgezeichnet  hatte.  Seine  Umgebungen  unterstanden
  sich  kaum  noch  zu  widersprechen.  Höchstens  der  freimütige  General
  v.  Forsiner  wagte  zuweilen,  den  angebeteten  Monarchen  über  „seine
Polen“  oder  ähnliche  Phantasiebilder  aufzuklären*);  und  wenn  der  liberale
  Leibarzt,  der  große  Kliniker  Schönlein  sich  mit  seiner  durch  den  langen
Schweizer  Aufenthalt  noch  gestärkten  fränkischen  Derbheit  einmal  ein  burschikoses
  Kraftwort  erlaubte,  dann  lachte  Friedrich  Wilhelm  gemütlich;  er
kannte  das  süddeutsche  Sprichwort:  die  Bamberger  rauchen  keinen  feinen!
Der  ostpreußische  Graf  Dohna-Lauck,  wahrhaftig  kein  Liberaler,  bat  ihn  im
Nov.  1847  flehentlich,  die  periodische  Einberufung  des  Landtags  alsbald
auszusprechen,  noch  bevor  eine  der  vielen  ständischen  Körperschaften  wieder
zusammenträte,  und  zugleich  ein  einfaches  Zweikammersystem  einzuführen,
so  daß  die  Herrenkurie  aus  ihrer  unerträglichen  Mittelstellung  herauskäme.
  Dann  würde  die  ständische  Gesetzgebung  endlich  ihren  Abschluß
erhalten.“)  Es  waren  dieselben  einfachen  Gedanken,  welche  Graf  Arnim
als  Minister  so  oft  verteidigt  hatte.  Die  geheimnisvollen  Pläne  des  Königs
standen  aber  schon  fest:  zunächst  sollten  die  Stände  alles,  was  er  anbefohlen,
  buchstäblich  ausführen,  dann  erst  wollte  er  den  gehorsamen  Kindern
  das  letzte  Geschenk  seiner  väterlichen  Huld,  die  periodische  Berufung
des  Landtags  ankündigen.

So  geschah  es  auch.  Die  ständische  Staatsschuldenkommission  begann
  befohlenermaßen  ihre  Tätigkeit,  und  im  Januar  1848  traten  die
Vereinigten  Ausschüsse  zur  Beratung  des  Strafgesetzbuchs  zusammen.
Beckerath  erklärte  noch  im  letzten  Augenblicke,  daß  er  wegen  seiner  Rechtsbedenken
  fern  bleiben  müsse.  Ludolf  Camphausen  aber  erschien,  versöhnlicher
  als  die  Mehrzahl  seiner  rheinischen  Landsleute;  und  es  machte  tiefen
Eindruck,  als  dieser  königstreue,  durch  und  durch  preußtsch  gesinnte  Patriot
  den  Verlauf  der  letzten  Kämpfe  in  bewegter  Rede,  nicht  unparteiisch,
  aber  auch  nicht  ungerecht,  also  schilderte:  „Als  die  Stände  bis  auf
die  äußerste  Grenze  vorrückten  und,  weit  hinübergebogen,  die  Hand  zur
Ausgleichung  darboten,  ist  diese  Hand  im  Zorne  zurückgestoßen  worden.
Ein  Wort  hätte  hingereicht,  den  Verfassungsstreit  in  Preußen  auf  immer
zu  beendigen.  Es  ist  nicht  gesprochen  worden.  Die  Folgen  müssen  getragen
  werden.  Die  Geschichte  aber  wird  richten  zwischen  uns  und  der
Regierung!“  Im  ganzen  zeigte  der  Vereinigte  Ausschuß  große  Mäßigung,
er  hielt  sich  streng  an  seine  nächste  Aufgabe.  Der  Entwurf  des  Straf-*7)

  Forstner  an  Oberstleutnant  v.  d.  Goltz,  15.  April  1846.

*“)  Graf  Dohna-Lauck  an  Bodelschwingh,  28.  Juli;  dessen  Denkschrift  über  „die
gegenwärtige  Lage  der  ständischen  Verfassungsverhältnisse“,  Nov.  1847.
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        Verhandlungen  der  Vereinigten  Ausschüsse.  647

gesetzbuchs  war  ein  ernstes,  wohldurchdachtes  Werk;  nur  einzelne  seiner
Bestimmungen  mußten  der  Empfindung  der  Zeit  allzu  hart  erscheinen,
so  die  Vorschrift,  daß  die  Todesstrafe  in  gewissen  Fällen  durch  das  Abhauen
  der  rechten  Hand  und  die  Aufspießung  des  Kopfes  verschärft  werden
sollte.  Die  Rheinländer  aber  hielten  an  ihrem  Code  Napoleon,  der  im
Grunde  weit  strenger  war,  eigensinnig  fest;  ihr  „Rheinischer  Verein“
und  ihre  kleinen  ultramontanen  Blätter  warnten  einträchtig  vor  „der
Schimäre  der  Verbrüderung,  der  Zentralisation.“  Sie  wollten  nicht  sehen,
daß  es  eine  Schande  war,  wenn  im  Namen  desselben  Königs  von  Preußen
hier  eine  Tat  für  straflos,  dort  für  verbrecherisch  erklärt  wurde;  der
sittliche  Wert  eines  gemeinsamen  Strafgesetzbuchs  blieb  ihrem  verbissenen
Provinzialtrotze  ganz  unfaßbar.  In  der  Kölnischen  Zeitung  veröffentlichte
der  geistreiche  Bonner  Jurist  Ed.  Böcking  eine  scharfe  Kritik  des  Entwurfs,
  eine  Arbeit,  die  gewiß  nicht  partikularistisch  gemeint  war,  aber  die
Rheinländer  in  ihrem  Widerstande  bestärkte.  Genug,  das  Gesetz  wurde  von
der  liberalen  Presse,  die  den  Rheinländern  immer  nach  dem  Munde  redete,
schon  im  voraus  verlästert.  Savigny  hatte  im  Landtage  nur  sehr  wenig  gesprochen,
  jetzt  führte  er  die  Sache  der  Krone  fast  allein  und  verteidigte
mit  überlegener  Ruhe  Punkt  für  Punkt  des  verrufenen  Gesetzes.  Er
zeigte,  daß  nur  eine  „mißverstandene  Humanität“  die  Todesstrafe  oder
die  Prügelstrafe  für  Ehrlose  bekämpfen  könne;  er  erwies,  daß  Preußen  als
ein  Glied  der  großen  christlichen  Staatengesellschaft  verpflichtet  sei,  auch
die  im  Auslande  begangenen  Verbrechen  zu  bestrafen  —  was  die  liberale
Sanftmut  noch  bestritt.

Als  die  Beratungen  sich  schon  zum  Ende  neigten,  kam  plötzlich  die
Nachricht  von  dem  Ausbruch  der  Pariser  Februar-Revolution.  Mit  einem
Schlage  verwandelte  sich  die  Welt,  alle  stillen  Wünsche  der  letzten  Jahre
gewannen  augenblicklich  Sprache,  und  es  war  nur  menschlich,  daß  der  Ausschuß
  nunmehr  beschloß,  das  Strafgesetzbuch  solle  nicht  eher  verkündigt
werden,  als  bis  der  Vereinigte  Landtag  auch  über  die  beabsichtigte  Reform
des  Strafprozesses  beraten  hätte.  Schon  der  letzte  Landtag  hatte  mit
gutem  Grunde  verlangt,  das  in  Berlin  bereits  eingeführte  öffentlich-mündliche
  Verfahren  müßte  der  gesamten  Monarchie  zu  teil  werden.  Jetzt
schien  auch  diese  Forderung  schon  überwunden.  Das  Schwurgericht,  das
so  oft  als  Bollwerk  der  Volksfreiheit  gefeierte,  war  in  aller  Munde,  nur
durch  Geschworene  glaubte  man  die  gerechte  Handhabung  des  Strafgesetzes
sichern  zu  können.  Savigny  aber,  der  von  dem  nahenden  Sturme  noch
nichts  bemerkte,  mahnte  bedachtsam:  über  den  Wert  der  Schwurgerichte
gingen  die  Meinungen  doch  weit  auseinander.

Auch  der  König  ahnte  noch  nicht,  daß  eine  neue  Zeit  gekommen  war.
Er  war  zufrieden  mit  dem  ruhigen  Verhalten  seiner  Ausschüsse  und  schloß
sie  am  6.  März  persönlich  mit  einer  gnädigen  Ansprache.  Freudig  kündigte
  er  ihnen  an:  nachdem  nunmehr  allen  seinen  Befehlen  genügt  sei,
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        648  V.  8.  Der  Vereinigte  Landtag.

wolle  er,  die  Wünsche  seiner  getreuen  Stände  genehmigend,  die  periodische
Einberufung  des  Vereinigten  Landtags  und  demgemäß  die  Beschränkung
der  Wirksamkeit  der  Ausschüsse  hiermit  anordnen.  So  war  das  erlösende
Wort  endlich  ausgesprochen  —  aber  zu  spät  und  darum  vergeblich.  Ein
Jahr  früher  verkündigt,  hätte  diese  königliche  Entschließung  den  ganzen
heillosen  Verfassungskampf  abgeschnitten  und  vielleicht  sogar  bewirkt,  daß
Preußen  mit  einem  wohlgeordneten,  rechtlich  gesicherten  Ständewesen  der
Anarchie  Trotz  bieten  konnte.  Jetzt  erschien  die  verspätete  Zusage,  obwohl
sie  längst  beschlossen  war,  nur  wie  ein  abgedrungenes  Zugeständnis.  Nach
wenigen  Tagen  schritt  die  Revolution  auch  über  sie  hinweg,  und  der  stolze
Herrscher,  der  seinem  Volke  Schritt  für  Schritt  den  Weg  hatte  vor—
schreiben  wollen,  lag  gedemütigt  am  Boden.  —
        <pb n="657" />
        Neunter  Abschnitt.

.——–..—

Der  Uiedergang  des  Deutschen  Gundes.

Die  großen  Wandlungen  der  Geschichte  kann  der  Denker  wohl  aus
ihren  Vorbedingungen  und  Nachwirkungen  als  notwendig  begreifen.  Doch
niemals  vermag  er  zu  erweisen,  warum  der  Umschwung  so  und  nicht
anders  erfolgen,  warum  im  entscheidenden  Augenblicke  diese  und  nicht
andere  Männer  an  entscheidender  Stelle  stehen  mußten.  Über  der  Welt
der  persönlichen  Freiheit,  über  dem  Kommen  und  Gehen  der  historischen
Personen  walten  Gesetze,  deren  göttliche  Vernunft  wir  zuweilen  ahnen,
aber  nie  ergründen.  In  Deutschland  war  die  alte  fürstliche  Selbstherrschaft
  längst  zur  Vernichtung  reif,  und  der  Übergang  zu  der  notwendigen
  neuen  Ordnung  der  Dinge  konnte  noch  immer  auf  friedlichen.
Wegen  erfolgen.  Da  fügte  das  Geschick,  daß  die  beiden  mächtigsten  und
geistvollsten  Vertreter  der  monarchischen  Vollgewalt,  die  beiden  Herrscher,
welche  im  Hochgenusse  ihres  königlichen  Ichs  wie  trunken  schwelgten,  eben
zu  der  Zeit,  da  eine  Versöhnung  möglich  schien,  sich  ihrem  Volke  entfremdeten.
  Gewiß  war  es  eine  furchtbare,  eine  unausbleibliche  Ironie  des
Schicksals,  daß  gerade  die  zwei  ersten  Männer  des  deutschen  Fürstenstandes
die  Unzulänglichkeit  des  alten  persönlichen  Regiments  gleichsam  am  eigenen
Leibe  erfahren  mußten;  die  einzelnen  Auftritte  dieser  Tragödie  des  deutschen
  Absolutismus  lassen  sich  jedoch  nur  aus  persönlichen  Erlebnissen
und  Empfindungen  erklären.

In  Preußen  hatte  der  König  mit  der  Einberufung  der  Vereinigten
Stände  eine  Bahn  beschritten,  welche  fast  unzweifelhaft  zur  geordneten
ständischen  Monarchie  zu  führen  schien;  doch  ein  rätselhafter  Eigensinn
verbot  ihm,  seinen  hochsinnigen  Zugeständnissen  zur  rechten  Zeit  die  Gewähr
  zu  geben,  die  ihren  Bestand  allein  sichern  konnte;  erst  als  es  zu
spät  war,  versprach  er  die  periodische  Einberufung  des  Landtags.  In
Bayern  schienen  sich  zur  nämlichen  Zeit,  um  Neujahr  1847  die  Verhältnisse
  ebenso  hoffnungsvoll  zu  gestalten.  König  Ludwig  war  aus  seinen
klerikalen  Träumen  erwacht.  Er  hatte  während  der  letzten  Monate  aus
dem  demagogischen  Getobe  der  Ultramontanen  gelernt,  daß  diese  Partei
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        650  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

die  Krone  nicht  stützen,  sondern  beherrschen  und  mißbrauchen  wollte.)
Schon  waren  zwei  Mitglieder  des  verhaßten  Ministeriums  Abel  entlassen;
  Abel  selbst  mußte  die  Verwaltung  der  kirchlichen  Angelegenheiten
abtreten  und  sagte  schmerzlich:  ich  besitze  das  Vertrauen  des  Königs  nicht
mehr.  Nicht  umsonst  hatte  der  Präsident  der  Reichsräte,  Fürst  Leiningen
schon  im  Frühjahr  den  Monarchen  gewarnt:  beim  Andauern  der  klerikalen
Parteiherrschaft  würde  die  Revolution  in  Bayern  „ein  gepflügtes  Feld
finden.“*)  Verliefen  die  Dinge  ruhig,  so  ließ  sich  mit  Sicherheit  hoffen,
daß  König  Ludwig  binnen  kurzem  auch  Abel  entlassen  und  die  Staatsgewalt
  wieder  in  paritätischem  Geiste  handhaben  würde.  Der  Haß  gegen
das  rohe  Parteiregiment  der  Ultramontanen  war  sehr  hoch  gestiegen.  Geschah
  es  doch,  daß  das  Münchener  Appellationsgericht  einen  wegen  Duells
zum  Tode  verurteilten  jungen  Polytechniker  in  zweiter  Instanz  nur  mit
kurzer  Haft  bestrafte  und  dabei  ausdrücklich  erklärte:  größere  Strenge  erscheine
  unbillig,  nachdem  man  die  beiden  Duellanten  Minister  Abel  und
Wallerstein  straflos  gelassen  hätte.

Doch  mittlerweile  war  ein  Ereignis  eingetreten,  das  die  Stimmungen
im  Lande  plötzlich  verwandelte.  Im  Oktober  1846  erschien  die  Tänzerin
Lola  Montez  auf  dem  Münchener  Theater,  ein  verrufenes  Weib,  das  schon
in  Ostindien,  in  England,  in  Paris,  in  Berlin,  in  Baden,  überall  seltsame
  Abenteuer  erlebt  hatte.  Tochter  eines  schottischen  oder  irischen  Vaters
und  einer  kreolischen  Mutter,  besaß  sie  den  Zauber  nordischer  und  südländischer
  Schönheit  zugleich  und  verdiente  es  wohl,  daß  Stieler  ihr  Bild
für  die  Schönheitsgalerie  des  Wittelsbachers  malte.  Eine  Künstlerin  war
sie  nicht;  aber  wenn  sie  in  dem  leidenschaftlichen  Tanze  El  Ole  allen
Liebreiz  ihrer  üppigen  und  doch  schlanken  Glieder  zeigte,  dann  widerstanden
die  Männer  nicht  leicht  dem  Glutblick  dieser  wundersamen  Augen.  Frech,
schamlos,  unersättlich  in  der  Wollust,  wie  die  Sempronia  der  katilinarischen
  Verschwörung,  verstand  sie  unter  Freunden  auch  anmutig,  ja  geistreich
  zu  plaudern;  sie  tummelte  sich  gewandt  auf  feurigen  Rossen,  sang
seelenvoll  zur  Zither,  trug  spanische  Gedichte  lebendig  und  mit  wohltönender
  Stimme  vor;  ihren  Feinden  ging  sie  herzhaft  zu  Leibe,  mit  der
Reitpeitsche  oder  auch  mit  Ohrfeigen.  Den  schönheitsfrohen  König  bezauberte
  sie  auf  den  ersten  Blick  vollständig;  es  war  wirklich,  so  gestand
  er  später  selbst,  als  ob  sie  ihm  einen  Minnetrank  gereicht  hätte.
Über  ihr  vergaß  er  die  Welt,  sich  selber  und  seine  königliche  Würde;  und
da  die  wittelsbachische  Muse  niemals  schweigen  konnte,  so  gingen  in  der
klatschsüchtigen  Hauptstadt  bald  erstaunliche  Dichtungen  von  Hand  zu
Hand,  so  ein  Vers  „auf  Lolita“,  der  einen  Pentameter  vorstellen  sollte:

In  der  Spanierin  sand  Liebe  im  Leben  ich  nur;

so  ein  anderes  Kunstwerk:  „Der  Dichter,  L.  M.  betreffend.  Das  Gewölke

*)  S.  o.  V.  323  ff.
*)  Fürst  Leiningen,  zwei  Denkschriften  über  die  Reichsräte,  April  1846.
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        Lola  Montez.  651

ist  vergangen,  und  die  Luft  ist  wieder  blau;“  so  noch  ein  Stück:  „L.  M.
Wonnemeer  die  Seelen  trinken,  tönt  zur  Zither  dein  Gesang.“

Und  seltsam,  während  eine  Schar  junger  Wüstlinge  die  gefällige
Schöne  begehrlich  umschwärmte,  hielt  sich  die  Neigung  des  Königs  immer
noch  in  gewissen  Schranken.  Sein  alter  Verehrer  Fürstbischof  Diepenbrock
  in  Breslau  hatte  mit  tiefem  Schmerz  von  dem  großen  Münchener
Argernis  gehört  und  wagte  den  geliebten  Monarchen  geistlich  zu  ermahnen;
der  schöne  priesterliche  Freimut  gegen  die  Gewaltigen  dieser  Welt  ist  ja
unter  den  katholischen  Prälaten,  weil  sie  sich  selbst  für  die  Häupter  des
ersten  aller  Stände  halten,  weit  häufiger  als  in  der  protestantischen  Geistlichkeit.
  Ludwig  nahm  die  warnenden  Worte,  da  er  die  edle  Gesinnung
des  Schreibers  kannte,  ganz  unbefangen  auf  und  beteuerte  auf  sein
Ehrenwort,  daß  er  die  letzte  Liebesgunst  von  Lola  nie  verlangt  hätte;  eine
Abschrift  dieser  Antwort  ließ  er  sogar  allen  bayrischen  Bischöfen  zusenden.
Dadurch  erschien  freilich  die  Macht  des  dämonischen  Weibes  nur  um  so
rätselhafter,  und  Minister  Canitz  sagte,  als  ihm  der  bayrische  Gesandte
versicherte,  diese  Liebe  sei  platonisch,  mit  der  Ruhe  des  erfahrenen  Weltmannes:
  „das  wäre  vollends  Narrheit!“

Auffällig  früh,  schon  wenige  Tage  nach  Lolas  Ankunft,  verbreitete
sich  in  München  das  unsinnige  Gerücht,  sie  sei  von  den  englischen  Freimaurern
  abgesendet,  um  die  Jesuiten  zu  bekämpfen.  Grundsätze,  gute  wie
schlechte,  waren  ihr  völlig  unbekannt;  aber  sie  wollte  herrschen,  sie  wollte
durch  die  Liebe  des  Königs  auch  politische  Macht  erlangen;  und  da  sie
mit  ihrer  Weiberschlauheit  alsbald  erkannte,  das  Ministerium  Abel  sei
verloren,  so  mochte  sie  ihre  Flagge  nicht  auf  einem  sinkenden  Schiffe  hissen.
Auch  war  es  ihr,  nach  ihren  Lebensgewohnheiten,  sicherlich  unbequem,
mit  einer  Priesterpartei  zusammenzugehen,  die  doch  einige  Wahrung  des
äußeren  Anstandes  verlangen  mußte.  Ernste  sittliche  Bedenken  hegten  die
ultramontanen  Minister  gewiß  nicht.  So  viele  Jahre  hindurch  hatten  sie
die  mannigfachen  galanten  Abenteuer  ihres  liebebedürftigen  Herrschers  mit
großer  Gelassenheit  ertragen;  im  feindlichen  Lager  behauptete  man  sogar
  —  freilich  ohne  sicheren  Beweis  —  daß  sie  vergeblich  unter  der  Hand
versucht  hätten,  sich  auch  diesmal  mit  der  neuen  königlichen  Geliebten
zu  verständigen.  Gleichviel;  schon  nach  kurzer  Zeit  gebärdete  sich  Lola
als  erklärte  Feindin  der  Klerikalen,  sie  wollte  die  neue  Esther  sein,  die
das  geknechtete  Volk  der  Liberalen  vom  Druck  erlöste,  und  schenkte  sogar
den  nationalen  Bestrebungen  des  deutschen  Liberalismus  ihre  Gunst.  Als
Tiedemann  und  die  anderen  Abgesandten  der  schleswigholsteinischen  Patrioten
  in  diesen  Herbsttagen  von  König  Ludwig  empfangen  wurden,  da
bemerkten  sie  wohl,  wie  Lolas  zierliche  Füßchen  unter  dem  Ofenschirm
hervorragten.“)

 

*7)  Nach  Tiedemanns  Erzählung.
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        652  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

So  geschah  das  Argste,  was  geschehen  konnte:  der  längst  schon
in  ernstem  Nachdenken  gereifte  Entschluß  des  Königs,  mit  dem  ultramontanen
  Parteiregimente  zu  brechen,  wurde  durch  ein  gemeines  Weib
gefördert  und  erschien,  da  er  endlich  zur  Ausführung  kam,  als  ein  Werk
unsauberer  persönlicher  Ränke.  Sobald  Lolas  Parteistellung  entschieden
war,  brachte  die  gesamte  klerikale  Presse  Deutschlands,  soweit  es  die
Zensur  irgend  erlaubte,  Tag  für  Tag  Schmutzgeschichten  vom  Münchener
Hofe;  die  Radikalen  stimmten  mit  wiehernder  Schadenfreude  ein,  wie
glücklich  fühlten  sie  sich,  das  Königtum  so  persönlich  entwürdigen  zu
können,  und  bald  redete  alle  Welt,  als  ob  der  bayrische  Staat  ganz  aus  den
Fugen  ginge.  Die  bayrische  Presse  freilich  mußte  unverbrüchlich  schweigen.
In  Wahrheit  lag  noch  gar  keine  politische  Missetat  vor,  sondern  nur  die
phantastische  Herzensverirrung  eines  Fürsten,  der  nach  allem,  was  er  für
Deutschlands  Kunst,  für  den  Zollverein,  für  das  bayrische  Land  getan,
doch  gewiß  ein  menschliches  Urteil  verlangen  durfte  und  gerade  jetzt  im
Begriffe  stand,  sein  Volk  von  einer  gehässigen  Parteiherrschaft  zu  befreien.
Eben  diese  Gewißheit  ihres  nahen  Sturzes  erbitterte  die  Ultramontanen
aufs  äußerste.  Sie  ließen  über  Lolas  tolle  Streiche  von  Aufpassern
genau  Buch  führen  und  versuchten  noch  einmal  den  König  zu  warnen
durch  den  Minister  Graf  Seinsheim,  der  als  alter  Freund  mit  Ludwigs
früheren  Liebeshändeln  sehr  genau  bekannt  war.  Seinsheim  empfing
darauf  die  scharfe  Weisung,  sich  jeder  Einmischung  in  die  Privat-Angelegenheiten
  des  Hofes  zu  enthalten,  und  seitdem  ward  die  Sprache  der
versinkenden  Partei  mit  jedem  Tage  trotziger.)  Im  Januar  1847  übernahm
  der  Eichstädter  Graf  Reisach  das  Münchener  Erzbistum.  Sein  erster
Hirtenbrief  war  ein  Meisterstück  pfäffischer  Gleisnerei  und  Herrschsucht;
er  mahnte  die  Gläubigen  „euer  Prüfstein  in  allen  Dingen  sei  das  Urteil
der  Kirche“,  und  sprach  zugleich  von  den  Tagen  Max  Josephs,  von  „den
traurigen  Zeiten  der  Zerstörung  der  Kirche  Bayerns“,  mit  einer  berechneten
  Bosheit,  welche  den  König  tief  verletzte.

Unterdessen  konnte  die  mit  Geschenken  überhäufte  Lola  ihre  Begehrlichkeit
  nicht  mehr  bändigen,  sie  erbat  sich  von  ihrem  hohen  Beschützer
die  Erhebung  in  den  Grafenstand,  und  er  war  verblendet  genug,  ihr  diese
Gnade  zu  versprechen.  Wie  töricht  immer,  ungesetzlich  war  seine  Zusage
nicht.  Standeserhöhungen  gehörten  zu  den  unbestrittenen  Prärogativen
der  Krone;  auch  galt  der  Grafentitel  in  Bayern  nicht  gar  viel,  seit  Karl
Theodor  in  den  Zeiten  seines  Reichsvikariats  so  viele  arme  Ritter  gegraft
hatte.  Als  Ausländerin  bedurfte  Lola  aber  zugleich  der  Verleihung  des
Indigenats,  und  für  diese  unbedeutende  Förmlichkeit,  die  gemeinhin  ganz
glatt  ablief,  verlangte  das  Gesetz  zunächst  die  Befragung  des  Staatsrats,
sodann  die  Unterschrift  eines  Ministers.  Der  Staatsrat  wagte  abzu- 



*)  Bernstorffs  Berichte,  14.  Dez.  1846,  2.  Febr.  1847.
        <pb n="661" />
        Memorandum  des  Ministeriums  Abel.  653

raten;  an  dies  unmaßgebliche  Gutachten  war  der  König  jedoch  nicht  gebunden,
  und  der  Hausminister  Graf  Bray,  dessen  Unterschrift  erfordert
wurde,  hatte  gerade  einen  langen  Urlaub  angetreten.  Da  traten  die  anderen
vier  Minister,  Abel,  Seinsheim,  Gumppenberg,  Schrenck,  die  an  der
Sache  amtlich  gar  nicht  beteiligt  waren,  zur  Beratung  zusammen,  und  Abel
erkannte  mit  dem  Scharfblick  des  erfahrenen  Parteimannes,  jetzt  sei  für
ihn  die  rechte  Stunde  gekommen,  um  mit  feierlicher  Salbung,  mit  dem
ganzen  Schmerze  tief  gekränkter  Tugend  den  längst  gebotenen  Abschied  zu
fordern.

Statt  dem  Könige,  wie  ihr  gutes  Recht  war,  bescheiden  vorzustellen,
eine  solche  Standeserhöhung  sei  ein  Argernis  und  müsse  auch  den  Ruf
der  nicht  unmittelbar  beteiligten  Minister  schädigen,  überreichten  sie  ihm
am  11.  Febr.  1847  ein  langes,  von  Abel  verfaßtes  Memorandum,  das
in  der  Geschichte  deutscher  Monarchien  ohne  Beispiel  dastand.  Unter
einem  Schwall  untertänigster  Ergebenheitsversicherungen  tadelten  sie  sein
Verhältnis  zu  Lola  mit  einer  Roheit,  die  der  sechzigjährige  Monarch  von
seinen  Dienern  nicht  hinnehmen  durfte.  Sie  behaupteten:  „das  Nationalgefühl
  ist  auf  das  tiefste  verletzt,  weil  Bayern  sich  von  einer  Fremden,
deren  Ruf  in  der  öffentlichen  Meinung  gebrandmarkt  ist,  regiert  glaubt“
—  und  doch  hatte  Lola  bisher  ihren  Übermut  wohl  an  einzelnen  Polizeibeamten
  ausgelassen,  aber  auf  den  Gang  der  großen  Staatsgeschäfte
noch  nirgends  eingewirkt.  Sie  versicherten  mit  ungeheuerlicher  Übertreibung:
  „Eine  gleiche  Stimmung  besteht  in  Berchtesgaden  und  Passau,  in
Aschaffenburg  und  Zweibrücken,  ja  sie  ist  über  ganz  Europa  verbreitet,  ja
sie  ist  ganz  die  gleiche  in  der  Hütte  des  Armen  wie  in  dem  Palaste  des
Reichen.  Es  ist  nicht  bloß  der  Ruhm  und  das  Glück  der  Regierung  Ew.
K.  Majestät,  es  ist  die  Sache  des  Königtums,  die  auf  dem  Spiele  steht.“
Sie  wagten  ihrem  Könige  sogar  die  offenbare  Unwahrheit  zu  sagen:  „auf
die  Länge  würde  auch  die  bewaffnete  Macht“  dem  allgemeinen  Unwillen
nicht  widerstehen,  „und  wo  soll  noch  eine  Hilfe  gefunden  werden,  wenn
auch  dieses  ungeheure  Übel  einträte,  wenn  auch  dieses  Bollwerk  schwankte.“
Allerdings  herrschte  in  den  Münchener  Kasernen,  dank  der  erbärmlichen
Verwaltung  des  mitunterzeichneten  Kriegsministers  Gumppenberg,  zur
Zeit  greuliche  Unordnung;  doch  wer  sollte  glauben,  daß  diese  lebenslustigen,
  königstreuen  bayrischen  Soldaten  ihrem  noch  immer  geliebten
„Ludwigel“  wegen  einer  anstößigen  Liebesgeschichte  den  Fahneneid  brechen
könnten  —  wenn  sie  nicht  etwa  durch  die  Priester  künstlich  aufgewiegelt
wurden?  Dann  drohten  die  Minister  dem  Monarchen  auch  noch  mit  den
„unberechenbaren  Folgen“  der  Verhandlungen  des  „unter  solchen  Eindrücken“
  einzuberufenden  nächsten  Landtags,  der  in  Wahrheit  ziemlich
still  verlaufen  sollte.  Zum  Schluß  baten  sie  den  König,  falls  er  „ihr
heißes  Flehen  nicht  erhören“  wolle.  um  ihre  Entlassung.

Einige  der  Unterzeichner  mochten  vielleicht  die  Wirkung  ihrer  Worte
        <pb n="662" />
        654  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

nicht  ganz  übersehen.  Abel  jedoch,  der  seinen  königlichen  Herrn  genau
kannte,  mußte  wissen,  daß  eine  so  unehrerbietige,  fast  drohende  Sprache
den  Selbstherrscher  nur  reizen  konnte.  Er  wollte  brechen  und,  wie  Canitz
sarkastisch  bemerkte,  den  unvermeidlichen  Rückzug  mit  allen  kriegerischen
Ehren  antreten.  Das  Memorandum  konnte  ebenso  wenig  geheim  bleiben
wie  vordem  Schöns  Büchlein  Woher  und  Wohin;  nach  wenigen  Tagen
war  es  auch  schon  in  jedermanns  Händen,  obgleich  alle  vier  Minister
heilig  ihre  Unschuld  beteuerten,  und  wirkte  nunmehr  verderblicher  als
jemals  eine  demagogische  Brandschrift.  Auch  mancher  Unbefangene  ließ
sich  durch  den  Biedermannston  der  hochpathetischen  Tugendpredigt  gewinnen;
  ihre  ganze  Fassung  war  offenbar  von  Haus  aus  auf  das  große
Publikum  berechnet.  Am  Münchener  Hofe  aber  blieb  den  Klerikalen  dieser
Beweis  monarchischer  Gesinnung  unvergessen;  keiner  der  wittelsbachischen
Herrscher  seitdem,  wie  weit  auch  sonst  ihre  Neigungen  auseinander  gingen,
hat  der  ultramontanen  Partei  je  wieder  volles  Vertrauen  gezeigt.  Am
16.  Febr.  wurden  die  Minister  sämtlich  entlassen;  mit  ihnen  zugleich
mußte  auch  Hörmann  ausscheiden,  der  Regierungspräsident  von  Oberbayern,
  der  sich  schon  vor  Jahren  in  der  Mainzer  schwarzen  Kommission
und  nachher  wieder  in  München  als  unerbittlicher  Demagogenverfolger
ausgezeichnet  hatte.  Erst  seit  Abels  Memorandum  gewann  Lola  wirkliche
politische  Macht;  war  doch  nunmehr  alles  bestätigt,  was  sie  ihrem  erlauchten
  Gönner  über  die  Herrschsucht  der  Ultramontanen  gesagt.  In
ihrem  törichten  Übermute  schrieb  sie  sogar  an  die  Times:  obgleich  sie
selber  bei  dem  Ministerwechsel  nicht  mitgewirkt  hätte,  so  glaube  sie  doch,
daß  der  König  durch  gerechte  Gründe  dazu  bestimmt  worden  sei!  Mit
Ingrimm  wendete  sich  Ludwig  von  der  Partei  hinweg,  die  ihn  so  lange
beherrscht  hatte,  und  sagte  in  einem  alsbald  veröffentlichten  Sonette:

Ihr,  die  ihr  knechten  mich  gewollt,  erzittert!

Ich  preis’  es,  das  entscheidende  Ereignis,

Das  eure  Macht  auf  ewig  hat  zernichtet.

Sein  Zorn  ward  ganz  unbändig,  als  jetzt  auch  die  ultramontanen
Gelehrten  ihm  entgegentraten.  Einer  ihrer  Heißsporne,  der  ehrenhafte,
tapfere,  freimütige  Lasaulx  beantragte  im  Senate,  die  Universität  möge
den  Ministern,  die  für  die  Sittlichkeit  eingetreten  wären,  Dank  und  Anerkennung
  aussprechen,  denn  sie  sei  „die  erste  sittliche  Korporation  des
Staates“  —  ein  Ehrenname,  der  nach  katholischer  Anschauung  sicherlich
allein  der  Kirche  gebührte.  Der  Antrag  war  offenbar  ungehörig,  da  die
Universität  mit  dem  politischen  Streite  nichts  zu  schaffen  hatte,  auch  dem
harten  Bureaukraten  Abel  durchaus  keinen  Dank  schuldete.  Einige  der  Professoren
  stimmten  zu,  andere  suchten  zu  vermitteln;  ein  Beschluß  war  noch
nicht  gefaßt,  da  wurden  die  Abstimmungen  schon  durch  den  untertänigen
Rektor  Weißbrod  dem  Hofe  mitgeteilt,  und  nun  ließ  sich  der  König  sogar
durch  Lolas  Fürbitten  nicht  mehr  halten.  Sofort  am  1.  März  wurde
        <pb n="663" />
        Abels  Sturz.  Mißhandlung  der  Universität.  655

Lasaulx  entlassen.  Die  Studenten,  die  den  phantastischen  Philologen  doch
als  anregenden,  beredten  Lehrer  liebten,  eilten  in  Scharen  hinaus,  um
von  ihm  Abschied  zu  nehmen,  dann  zogen  sie  vor  das  Haus  Lolas,  die
den  lärmenden  Haufen  drunten  von  ihrem  Fenster  her  verhöhnte.  Mitten
im  Getümmel  erschien  plötzlich  der  König,  alles  machte  ihm  ehrfurchtsvoll
Platz;  doch  als  er  nach  langer  Frist  von  der  Geliebten  zurückkehrte,  da
brach  die  Frechheit  des  Pöbels  los,  und  der  Schöpfer  des  neuen  Münchens
wurde  in  dieser  Stadt,  die  ihm  alles  verdankte,  persönlich  beschimpft.
Kalt  und  ruhig,  in  königlicher  Haltung,  schritt  er  durch  den  johlenden
Haufen.  Nun  fielen  Schlag  auf  Schlag  Gewaltstreiche  gegen  die  Universität,
  die  an  die  Vertreibung  der  Göttinger  Sieben  erinnerten.  Rasch
nacheinander  wurden  die  beiden  Juristen  Phillips  und  Moy  beseitigt,
dann  der  Historiker  Höfler,  dann  Döllinger,  Deutinger,  Sepp,  alle  die
klerikalen  Gelehrten,  welche  Ludwig  einst  selber  berufen  hatte,  um  sein
München  zu  einem  katholischen  Berlin  zu  erheben.  So  zertrümmerte
er  in  blindem  Unmut  sein  eigenes  Werk.  Unter  den  berühmten  ultramontanen
  Professoren  blieben  nur  zwei  verschont:  der  greise  Görres  —
denn  Ludwig  befahl:  den  alten  Mann  laßt  mir  in  Ruh'  —  und  der  getreue
Nepomuk  Ringseis.  Der  hatte  sich  entschieden  für  Lasaulxs  Antrag  ausgesprochen;
  sein  alter  Freund  aber  meinte:  „der  Muckerl  meint  es  gut,  er
hat  mir  schon  oft  bittere  Wahrheiten  gesagt.“

Im  Sommer  ging  Ludwig  nach  seinem  geliebten  altfuldischen  Schlosse
Brückenau.  Es  bezeichnete  seinen  künstlerischen  Sinn,  daß  er  unter  den
vielen  schönen  Stellen  seines  Landes  nicht  die  übermächtige,  das  Gemüt  so
leicht  erdrückende  Pracht  der  Alpenlandschaften  bevorzugte,  sondern  die
sanfte  Anmut  dieses  stillen  vom  Waldgebirge  der  Rhön  umschlossenen  Wiesengrundes:
  hier  ließ  sich's  träumen  und  dichten.  Seine  Lola  folgte  ihm
bald  nach;  Kürassiere  ritten  neben  ihrem  Wagen,  um  den  katholischen  Pöbel
fern  zu  halten.  Er  selbst  wurde,  als  er  nachher  in  die  Pfalz  reiste,  überall
  mit  der  alten  treuen  Herzlichkeit  aufgenommen.  Unterwegs  besuchte
ihn  der  Bundesgesandte  Graf  Dönhoff,  und  wie  erstaunte  der  Preuße,  den
König  so  verwandelt,  so  ganz  umgetauscht  zu  finden:  über  alle  die  Männer,
welche  Ludwig  einst  in  München  gegen  Dönhoff  verteidigt  hatte,  sprach
er  jetzt  mit  der  äußersten  Heftigkeit.')  Deem  Würzburger  Bischof  Stahl
hielt  er  eine  ungnädige  Rede,  die  er  von  zwei  Flügeladjutanten  niederschreiben
  ließ:  „Der  Beschützer  der  Kirche  —  als  solcher  bewies  ich
mich  —  ihr  Wohltäter  —  keiner  meiner  Vorfahren  machte  aus  eigenen
Mitteln  so  viele  Stiftungen  —  der  wird  von  der  ultrakirchlichen  Partei
so  schändlich  behandelt,  daß  sie  den  Jakobinern  nichts  übrig  läßt.  Die
dem  Papste  feindliche  Partei  ist's  auch  mir.  Seit  Jahren  gingen  mir  die
Augen  auf,  immer  mehr  und  mehr,  und  sollten  auch  alle  hell  sehenden

 

*)  Dönhoffs  Bericht,  Aschaffenburg,  20.  Aug.  1847.
        <pb n="664" />
        656  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

um  mich  sich  schließen,  bleiben  meine  offen,  solange  ich  lebe.  Wenn
irgend  jemand  mir  Teueren  ein  Haar  gekrümmt  wird,  werde  ich  keine
Schonung  mehr  kennen.  Daß  in  Würzburg  Umtriebe  stattfinden,  ist  mir
bekannt.  Ich  sage  nicht,  daß  Sie  teilgenommen,  aber  damit  Sie's  sagen.
Vor  zwei  Zeugen  rede  ich.  Wüßte  ich,  daß  Sie  schuldig,  ich  würde  es
Ihnen  sagen.  Offen  und  gerad  ist  meine  Art,  und  so  hoffe  ich  zu  sterben.
Ich  spreche  nicht  von  Dankbarkeit  und  Pflichten  gegen  den  Landesherrn,
aber  dumm,  dumm  ist's,  sich  so  zu  benehmen.“7)

Die  Leitung  des  neuen  Ministeriums  übernahm  der  Pfälzer  Maurer,
der  einst  in  der  griechischen  Regentschaft  mit  Abel  zusammengewirkt,  daheim
  aber  den  zur  ultramontanen  Partei  übergegangenen  alten  Freund
gänzlich  aufgegeben  hatte.  Er  war,  zum  Entsetzen  der  Klerikalen,  der  erste
protestantische  Minister  Bayerns:  so  lange  wirkten,  trotz  der  rechtlich  anerkannten
  Gleichheit,  die  alten  konfessionellen  Erinnerungen  noch  in  den
meisten  deutschen  Staaten  nach,  in  Preußen  ward  erst  nach  der  Revolution
  der  erste  katholische  Minister  möglich.  Mit  dem  Könige  hatte
Maurer  schon  als  Kind  in  dem  Rohrbacher  Schlößchen  bei  Heidelberg  oft
zusammen  gespielt.  Mehr  Gelehrter  als  Staatsmann,  aber  geschäftstüchtig,
  erfahren,  arbeitsam,  übernahm  er  das  peinliche  Amt  nur  aus
Pflichtgefühl  und  mit  der  redlichen  Absicht,  die  durch  eine  rohe  Parteiherrschaft
  dem  Lande  geschlagenen  Wunden  zu  heilen.  Die  Indigenats-Urkunde
  für  Gräfin  Lola  Landsfeld  mußte  er  freilich  unterzeichnen,  obgleich
  er  eine  solche  Standeserhöhung  erst  kürzlich  im  Staatsrate  selber
für  eine  große  „Kalamität“  erklärt  hatte;  doch  jeden  persönlichen  Verkehr
  mit  der  neuen  Gräfin  verbat  er  sich  ernstlich.  Mit  gesetzgeberischem
Feuereifer,  wie  einst  in  Griechenland,  arbeitete  er  nun  an  der  lange  geplanten
  Justizreform  und  gewann  den  König  für  das  öffentlich-mündliche
Verfahren;  nur  von  Geschworenen  wollte  Ludwig  nichts  hören.  Die  beiden
so  schwer  mißhandelten  Liberalen  Behr  und  Eisenmann  erlangten  endlich
ihre  Freiheit  wieder;  die  Universitäten  erhielten  eine  neue,  etwas  verständigere
  Studienordnung,  die  Studenten  erweiterte  Rechte  für  ihre  Verbindungen.
  Andererseits  wurde  die  Missionstätigkeit  der  Redemtoristen
beschränkt  und  den  Nonnen  die  Ablegung  der  ewigen  Gelübde  erst  in
reiferem  Lebensalter  gestattet.  Ergebene  Anhänger  nannten  die  neue,
offenbar  ehrliche  Regierung  schon  das  Ministerium  der  Morgenröte.

Der  Wiener  Hof  zeigte  sich  über  das  Unglück  seiner  bayrischen  Freunde
tief  bekümmert.  Sein  Gesandter  Graf  Senfft,  der  so  lange  mit  den
Münchener  Ultramontanen  Hand  in  Hand  gegangen  war,  gab  Feste  zu
Ehren  der  gestürzten  Minister,  er  bekam  die  Ungnade  König  Ludwigs  stark
zu  fühlen  und  sah  sich  schließlich  gezwungen,  ohne  Abschied  zu  verschwinden.
Nachher  ließ  sich  die  Hofburg,  da  sie  ihre  üble  Laune  nicht  bemeistern

 

*)  König  Ludwig,  Anrede  an  den  Bischof  von  Würzburg,  Aschaffenburg,  Aug.  1847.
        <pb n="665" />
        Ministerium  Maurer.  657

konnte,  eine  Zeitlang  nur  durch  Geschäftsträger  vertreten.“)  Den  pro—
testantischen  deutschen  Höfen  ließ  Ludwig  die  Gründe  des  Ministerwechsels
vertraulich  mitteilen  und  zugleich  die  Hoffnung  aussprechen,  nunmehr
würde  sich  das  Verhältnis  zwischen  den  Bundesgenossen  wieder  freundlicher
  gestalten.  Es  ward  hohe  Zeit.  Der  Münchener  Hof  stand  augenblicklich
  ganz  vereinsamt;  alle  mieden  und  beargwöhnten  ihn,  seit  Abel
sich  erdreistet  hatte,  die  Bischöfe  geradeswegs  zum  Kampfe  gegen  die
Kirchenpolitik  der  deutschen  Regierungen  aufzuwiegeln.*)  Über  ihre  Vorgänger
  sprachen  die  neuen  Minister  mit  der  größten  Schärfe.  In  einer,
dem  preußischen  Auswärtigen  Amte  mitgeteilten  Weisung  an  den  Gesandten
  Lerchenfeld  schilderte  Maurer  die  Politik  Abels  und  fuhr  fort:
„das  unsinnige  und  strafbare  Treiben  möchte  ganz  unbegreiflich  erscheinen,
wenn  man  nicht  wüßte,  daß  S.  Maj.  der  König  schon  seit  längerer
Zeit  an  eine  Anderung  des  bisher  befolgten  Systems  gedacht  haben,  welche
nicht  bloß  den  bayrischen  Interessen,  sondern  auch  denen  des  gesamten
deutschen  Vaterlandes  mehr  zusagen  dürfte.“  )  Die  meisten  der  kleinen
Höfe  antworteten  sehr  erfreut,  auch  die  Westmächte  und  der  den  Ultramontanen
  allezeit  feindliche  Zar  bekundeten  ihre  Zufriedenheit;  selbst
der  neue  Papst  äußerte  sich  wohlwollend,  denn  er  wünschte  kirchlichen
Frieden.  Der  württembergische  Resident  Graf  Degenfeld  aber  schrieb
frohlockend  an  Thile,  jetzt  könne  Preußen  die  diplomatische  Herrschaft  in
München  erlangen,  und  warf  dem  Grafen  Bernstorff  vor,  daß  er  die
Gunst  der  Stunde  noch  nicht  benutzt  hätte.#)

Bernstorffs  Zurückhaltung  hatte  gute  Gründe,  denn  rücksichtslos  zuzugreifen,
  moralische  Bedenken  über  politischen  Zwecken  zu  vergessen,  war
Friedrich  Wilhelms  Weise  nicht.  Nirgends  erregten  die  seltsamen  Münchener
Liebeswirren  so  viel  Herzeleid  wie  bei  dem  bis  zur  Peinlichkeit  sittenstrengen
preußischen  Königspaare.  Dem  Könige  war  überdies  die  neu  emporkommende
  liberalere  Richtung  fast  ebenso  zuwider  wie  die  geschlagene  ultramontane
  Partei,  und  seine  Gemahlin  empfand  tiefes  Mitleid  mit  ihrer
armen  Schwägerin  der  Königin  Therese,  die  ihr  hartes  Los  mit  einer
fast  übermenschlichen  Geduld  ertrug.  Auch  Canitz  konnte  nicht  umhin,  mit
dem  eigentümlichen  Tugendstolze  dieses  Hofes  auszusprechen:  sein  eigener
allergnädigster  Herr  hätte  durch  sein  Verhalten  gegen  die  römische  Kirche
das  alte  Wort  bekräftigt:  sui  victoria  indicat  regem.  Er  freute  sich  des
angekündigten  Systemwechsels  und  der  „Bekräftigung  eines  alten  Bündnisses“",
  aber  —  so  sagte  er  bedenklich  —  „die  Veranlassung  erscheint
uns  nicht  geeignet,  darin  einen  Sieg  der  Sache,  die  wir  für  die  unserige
halten,  zu  erkennen“.  Noch  deutlicher  sprach  er  in  einem  Begleitschreiben

*7)  Berichte  von  Graf  Arnim,  1.  März,  von  Bernstorff,  4.  Juni  1847.
**)  S.  o.  V.  287.
*  *)  Maurer,  Weisung  an  Graf  Lerchenfeld,  1.  März  1847.
)Degenfeld  an  Thile,  15.  Febr.  1847.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  42
        <pb n="666" />
        658  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

an  Bernstorff  (9.  März):  „Man  bietet  uns  eine  entente  cordiale  an,
ohne  uns  Bedingungen  zu  machen;  man  gesteht,  daß  das  bisherige  Benehmen
  einer  Anderung  bedürfe,  die  uns  nur  erwünscht  sein  kann
Ist  aber  das  Verhältnis  nicht  einigermaßen  dem  zu  vergleichen,  wo  ein
in  den  Kot  gefallener  Freund  seine  Hand  ausstreckt?“  Darum  riet  er,
„die  angebotene  Gelegenheit  zu  benutzen,  ohne  uns  jedoch  in  den  Skandal
verflechten  zu  lassen,  damit  jeder  Schein  vermieden  werde,  als  wäre  Lola
Montez  unsere  Alliierte  oder  als  drückten  wir  beide  Augen  zu,  um  gegen
Herrn  v.  Abel  &amp;amp;  Co.  Vorteile  zu  gewinnen“.')  Und  als  nun  der  unglückliche
  Wittelsbacher  tief  und  tiefer  in  die  Netze  seiner  Geliebten  hinein
geriet,  auch  ihre  politische  Macht  beständig  zunahm,  da  schrieb  Canitz
(17.  Aug.):  „Es  haben  mehrere  Könige  mit  Tänzerinnen  gelebt;  das  ist
nicht  lobenswert,  doch  ist  es  möglich  dabei  zu  bestehen,  wenn  die  Geschichte
  in  gehörigen  Schranken  bleibt.  Aber  diese  Verknüpfung  von  Regierungssystem
  und  Verliebtheit  in  eine  vagabundierende  Grazie,  das  ist
eine  neue  Erscheinung;  und  damit  zu  bestehen,  ist  ebenso  unmöglich,  wie
mit  Sonetten  in  heutiger  Zeit  zu  regieren.  Der  Würde  des  Königtums
geschieht  unberechenbar  größerer  Schaden  durch  solchen  Unfug  als  durch
allen  den,  welchen  die  Demagogen  anzetteln.“)

Das  Urteil  war  sehr  hart,  aber  nicht  ungerecht.  Das  dämonische  Weib
verpestete  allmählich  das  ganze  Land,  unter  solchem  Schutze  erschienen
auch  die  wohlmeinenden  Minister  Maurer,  Zu  Rhein,  Zenetti  in  falschem
Lichte.  Die  beiden  Parteien  der  Ultramontanen  und  der  „Lolamontanen“
bekämpften  einander  mit  niederträchtigen  Schmähungen.  Lola  selbst  schrieb
in  die  Allgemeine  Zeitung:  „Müde,  die  Zielscheibe  so  vieler  heimlichen  und
öffentlichen,  mündlichen,  brieflichen  und  gedruckten  Bosheiten  zu  sein,  erkläre
  ich  jeden  für  einen  ehrlosen  Verleumder,  der  sich  auf  irgend  eine  Weise
eine  üble  Nachrede  gegen  mich  erlaubt,  ohne  sie  beweisen  zu  können.“  Bei
Hoffmann  und  Campe  in  Hamburg,  den  Verlegern  der  jungdeutschen  Radikalen,
  ließ  P.  Erdmann  eine  Verherrlichung  der  freien  Liebe  erscheinen:
Lola  Montez  und  die  Jesuiten.  Das  Buch  begann  mit  dem  Satze:  „die
Welt  ist  noch  keineswegs  darüber  im  reinen,  was  denn  eigentlich  Sittlichkeit
  sei.“  und  schloß  mit  einer  Betrachtung  über  den  Ausspruch  aus
Heinses  Ardinghello:  „wir  können  uns  von  dem  Krebsschaden  der  Vorurteile
  vieler  Jahrtausende  noch  nicht  heilen.“  Von  der  anderen  Seite
her  kamen  Brandschriften  wie:  „Lola  Montez,  oder  das  Mensch  gehört
dem  Könige;"“  Ludwigs  Sonett  auf  „das  entscheidende  Ereignis“  wurde
unzähligemal  parodiert,  eines  der  Spottgedichte  schloß:  „die  schlechtste  Metze
hat  dich  nun  gerichtet.“  Die  Schmutzerei  ward  unsagbar  ekelhaft.  Welche
Verwirrung  diese  tollen  bayrischen  Händel  überall  in  den  Köpfen  an- 



*)  Canitz,  Weisung  an  Bernstorff,  nebst  Begleitschreiben,  9.  März  1847.
**)  Canitz  an  Bernstorff,  17.  Aug.  1847.
        <pb n="667" />
        Lolamontane  und  Ultramontane.  659

richteten,  das  mußte  der  einfältig  ehrliche  Polterer  Jacob  Venedey  in  Paris
erfahren.  Er  schrieb  als  germanischer  Tugendbold  und  Keuschheitswächter
einen  flegelhaften  Aufsatz  „die  spanische  Tänzerin  und  die  deutsche  Frei—
heit.“  Da  die  deutschen  Zeitungen,  der  Zensur  halber,  sein  Machwerk
nicht  aufnehmen  konnten,  so  wendete  er  sich  an  Marrast,  den  Heraus—
geber  des  National.  Der  aber  meinte  trocken:  die  Freundin  der  Liberalen
können  wir  nicht  bekämpfen.  Nun  ging  Venedey  zu  den  Fourieristen  Con—
siderant  und  Cantagrel;  sie  lachten  ihn  aus:  die  deutschen  Liberalen  wären
„absurd“,  wenn  sie  sich  an  „die  alte  Moral“  hielten  und  nach  dem  Lebens—
wandel  ihrer  Beschützerin  fragten!  Als  der  deutsche  Demagog  darauf  mit
dem  ganzen  Pathos  des  alten  Burschenschafters  ausrief:  aus  besudelten
Händen  nehme  ich  die  Freiheit  nicht  an  —  da  erwiderte  ihm  Cantagrel,
der  die  Dame  noch  von  ihren  Pariser  Zeiten  her  gründlich  kannte,  sieg—
reich:  o  nein,  Lolas  Hände  sind  sehr  rein  und  schön!  Das  alles  ließ
Venedey  drucken;  er  ahnte  nicht,  wie  lächerlich  er  sich  machte.  Und  doch
war  es  ein  unheimliches  Zeichen  der  Zeit,  daß  ein  deutscher  König,  der
Schirmherr  der  Kirche,  also  von  den  Predigern  der  „neuen  Moral“  des
Kommunismus  in  Schutz  genommen  wurde.

Der  Landtag,  der  im  Oktober  1847  für  kurze  Zeit  zusammentrat,  um
über  eine  neue  Eisenbahn-Anleihe  zu  beschließen,  hielt  sich  ruhig:  denn
über  den  Skandal,  der  alle  Welt  beschäftigte,  durfte  man  auf  der  Redner—
bühne  nichts  sagen.  Auch  waren  die  Liberalen  aus  den  Provinzen,  zumal
die  Pfälzer,  herzlich  froh,  der  verhaßten  klerikalen  Herrschaft  endlich  ent—
ledigt  zu  sein,  sie  freuten  sich  des  überall  umhergetragenen  königlichen
Wortes:  das  Jesuiten-Regiment  hat  aufgehört  in  Bayern.  Der  Haß
gegen  die  gestürzte  Partei  entlud  sich  nur  in  einigen  stürmischen  Auftritten.
Von  den  Reichsräten  verlangte  Fürst  Wrede  kurzweg  die  Ausschließung
des  neuen  Münchener  Erzbischofs,  der  im  Germanikum  den  Jesuiteneid
geleistet  hätte;  Graf  Reisach  versicherte  darauf,  mit  einer  alle  Sachkundigen
erschreckenden  Unschuld:  daß  er  der  Gesellschaft  Jesu  nicht  angehöre.  In  der
Adresse  sprach  die  zweite  Kammer  den  neuen  Räten  der  Krone  ihr  Ver—
trauen  aus  und  zugleich  die  Hoffnung,  daß  „die  großartige  Schöpfung  des
Zollvereins  zu  einer  noch  vollständigeren  Vereinigung  aller  deutschen
Volksstämme  führen  möge“.  Der  also  angeschlagene  liberale  Ton  klang
mächtig  wieder,  als  ein  Antrag  auf  Preßfreiheit  beraten  und  schließlich
selbst  von  den  Reichsräten  beinah  einstimmig  angenommen  wurde.  Der
König  willfahrte  dem  Wunsche,  da  die  so  oft  besprochene  Revision  des
Bundespreßgesetzes  doch  noch  in  weitem  Felde  lag,  und  verfügte  am
17.  Dez.  —  dem  Bundesrechte  zuwider  —  daß  fortan  nur  noch  die
Artikel  über  auswärtige  Politik  der  Zensur  unterliegen  sollten.

Aber  ehe  das  Land  noch  dieses  Geschenkes  froh  werden  konnte,  brach
das  Ministerium  Maurer  schon  zusammen.  Es  war  Ludwigs  tragisches
Verhängnis,  daß  ihm  seine  törichte  Liebe  jetzt  auch  seine  wohldurchdachten

42*
        <pb n="668" />
        660  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

Reformen  verderben  mußte.  Seit  der  Heimkehr  aus  Brückenau  gebärdete
sich  Lola  frech  als  Herrscherin;  sie  hielt  in  der  lieblichen  Villa,  die  ihr
der  König  auf  der  Barerstraße  erbaut  hatte,  üppige  Gelage,  fuhr  in  präch—
tigem  Gespann  durch  die  Straßen,  und  überall,  wo  sie  sich  zeigte,  gab  es
Händel,  die  durch  ergebene  Geheimpolizisten  und  Gendarmen  mühsam  bei—
gelegt  wurden.  Zunächst  wünschte  sie  Aufnahme  zu  finden  in  der  vor—
nehmen  Gesellschaft,  doch  alle  Türen  blieben  ihr  verschlossen;  selbst  ein
Flügeladjutant  des  Königs,  ein  Sohn  seines  alten  Jugendfreundes  v.  d.
Tann  weigerte  sich,  die  Gräfin  zu  besuchen.  Ludwig  fluchte  auf  die  Pfaffen
und  die  alten  Weiber,  die  seiner  Geliebten  das  Leben  vergällten,  und  da
auch  Maurer  den  geselligen  Verkehr  standhaft  verweigerte,  so  mußte  der
Minister  vor  der  Tänzerin  weichen.  Am  1.  Dezember,  alsbald  nach
Schluß  des  Landtags,  trat  eine  neue  Regierung  zusammen,  die  sogleich
den  wohlverdienten  Namen  des  Lola-Ministeriums  erhielt.  Fürst  Oettingen-Wallerstein,
  der  Unberechenbare,  der  in  den  letzten  Jahren,  über  und
über  verschuldet,  immer  mehr  zum  Abenteurer  geworden  war,  nahm
keinen  Anstand,  an  die  Spitze  dieses  Kabinetts  zu  treten,  der  Leichtsinnige
traute  sich's  zu,  jede  nähere  Berührung  mit  der  Tänzerin  vermeiden  zu
können.  Allgemeinen  Abscheu  erweckte  sein  neuer  Amtsgenosse  Berks,
ein  gemeiner  Gesell  und  dreister  Schwätzer,  der  sich  bisher  nur  als  Lolas
Reisebegleiter  Verdienste  erworben  hatte.  Von  nun  an  zeigte  die  bisher
wesentlich  durch  die  Ultramontanen  geschürte  Münchener  Volksbewegung
ein  verändertes  Wesen.  Wohl  schwoll  die  Wut  der  Klerikalen  noch  immer
an,  zumal  da  jetzt  zwei  ihrer  schärfsten  Gegner,  Hormayr  und  Fallmerayer
an  das  Archiv  und  die  Universität  berufen  wurden;  aber  der  Parteihaß
war  fortan  schwächer  als  das  Gefühl  menschlichen  Ekels.  Die  tolle
Fremde  trieb  es  zu  arg,  ihre  dummdreiste  spanische  Hofart  empörte
schließlich  jedermann  ohne  Unterschied  der  Partei,  nur  nicht  das  Gesindel
  ihrer  Schmarotzer  und  den  noch  immer  verblendeten  König.  Das
Weib  muß  fort!  —  so  sagte  alle  Welt,  und  es  begann  ein  echt  bayrisches
  Haberfeldtreiben,  wobei  die  Erbosten  ganz  vergaßen,  daß  ihre
Entrüstung  auch  den  König  traf,  den  sie  doch  nicht  treffen  sollte.

An  die  Spitze  dieser  nunmehr  ganz  unpolitischen  Opposition  trat
wieder  die  Universität.  Froh  der  neugewährten  Verbindungsfreiheit,
hatten  die  Studenten  die  Austreibung  so  vieler  beliebter  Lehrer  schon
vergessen;  da  bemerkten  eines  Tages  einige  Korpsburschen  der  Palatia
beim  Durchwandeln  der  Barerstraße,  daß  zwei  ihrer  Leute  vergnügt  in
der  verrufenen  Villa  saßen  und  Lola  sich  die  Pfälzermütze  auf  ihr  schönes
schwarzes  Haar  gestülpt  hatte.  Das  ging  den  jungen  Männern  gegen
die  Ehre,  denn  ein  ritterliches  Gefühl  für  den  makellosen  Ruf  ihrer
Farben  haben  die  deutschen  Studentenverbindungen  sich  allezeit  bewahrt.
Die  beiden  Sünder  wurden  von  ihrem  Korps  ausgeschlossen  und  traten
alsbald  mit  einigen  Geistesverwandten  zu  einem  neuen  Korps  Alemannia
        <pb n="669" />
        Alemannia.  Görres'  Tod.  661

zusammen,  das  seine  Kneipe  im  Hinterhause  der  gräflichen  Villa  aufschlug.
Es  waren  durchweg  schöne  Leute,  auf  Kosten  ihrer  Freundin  elegant  ge—
kleidet,  im  übrigen  ein  nichtsnutziges,  sittenloses  Volk;  und  dieser  Auswurf
der  Universität  bildete  fortan  Lolas  Leibwache,  wenn  sie  die  Straßen  und
die  Kaffeehäuser  durchzog.  Die  Alemannen  zeigten  sich  jetzt  prahlerisch,
herausfordernd  in  den  Hörsälen,  wo  man  sie  früher  nie  gesehen,  aber  so—
bald  eine  rote  Alemannenmütze  auftauchte,  begannen  die  Kommilitonen
zu  lärmen,  zu  zischen,  zu  pfeifen  und  verließen  dann  allesamt  den  Saal.
Die  Studentenschaft  war  Mann  für  Mann  entschlossen,  eine  solche  Rotte
nicht  mehr  unter  sich  zu  dulden;  und  nun  erfrechte  sich  Minister  Berks
gar  noch,  auf  einem  Kommerse  die  Alemannen  als  Pfleger  der  Studien,
der  Humanität,  der  Sittlichkeit  zu  feiern,  die  Gefolgschaft  Lolas  der  ver—
dorbenen  Jugend  als  Musterbild  vorzuhalten.  Das  war  mehr,  als  deutsche
Burschen  vertragen  konnten;  selbst  Thiersch,  der  allbeliebte  neue  Rektor,
vermochte  durch  seine  väterlichen  Anreden  den  Grimm  der  Jugend  nicht
mehr  auf  die  Dauer  zu  bändigen.

Mitten  in  diesen  akademischen  Wirren  starb  Görres  (29.  Jan.  1848).
Glücklicher  konnte  er  nicht  enden,  denn  gerade  jetzt  ward  er  als  unbeug—
samer,  freimütiger  Feind  einer  verachteten  Regierung  überall  gepriesen.
Noch  auf  dem  Sterbebette  sagte  er:  „der  Staat  regiert,  die  Kirche  pro—
testiert.“  Auch  die  ehrlichen  Gegner  fühlten,  daß  dieser  phantastische  Geist
auf  seinen  weiten  Irrfahrten  vom  Jakobinertum  bis  zur  klerikalen  Partei
doch  eigentlich  sich  selber  niemals  untreu  geworden  war;  für  die  Nation
blieb  er  der  gewaltige  Redner  des  Rheinischen  Merkurs.  Sein  Begräbnis
gestaltete  sich  zu  einer  drohenden  Kundgebung  gegen  das  neue  Regiment,
und  die  ganz  von  Lola  abhängige  Polizei  reizte  Bürger  und  Studenten
noch  mehr  auf  durch  allerhand  plumpe  Eingriffe.  Am  7.  Febr.  1848
erfüllten  lärmende  Massen  den  stillen  Platz  vor  dem  neuen  Universitätsgebäude
  am  Siegestore,  die  Alemannen  traten  ihren  Feinden  mit  erstaunlicher
  Frechheit  entgegen.  Am  9.  wiederholten  sich  die  unruhigen  Auftritte,
  diesmal  heftiger;  auf  der  langen  Ludwigsstraße  vom  Siegestore
bis  zum  Hofgarten  tummelten  sich  tobende  Volkshaufen,  ein  Alemanne
zückte  den  Dolch  gegen  einen  Kommilitonen  und  floh  dann  noch  rechtzeitig
mit  seinen  Gesellen.  Da  erschien  plötzlich  Lola  selbst  in  den  Arkaden  des
Hofgartens,  wildes  Geheul  empfing  sie,  mit  Kot  und  Steinen  beworfen
mußte  sie  in  der  nahen  Theatinerkirche  Schutz  suchen.

Nun  hielt  sich  Ludwig  nicht  mehr.  Noch  am  nämlichen  Tage  befahl
er,  die  Universität  sofort  bis  zum  Winter  zu  schließen.  Dieselbe  Strafe
hatte  er  schon  vor  siebzehn  Jahren  einmal  über  seine  unruhigen  Studenten
  verhängt.))  Damals  war  die  UÜbereilung  in  der  Stille  wieder
zurückgenommen  worden;  jetzt  aber  durchflog  die  Nachricht  wie  ein  Lauf- 



*)  S.  o.  IV.  241.
        <pb n="670" />
        662  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

feuer  die  erregte  Stadt.  Die  Bürger  murrten  laut,  viele  lebten  ja  von
den  Professoren  und  Studenten;  auf  ihre  dringenden  Bitten  wich  der  König
einen  Schritt  zurück  und  versprach,  die  Universität  bereits  im  Sommer
wieder  eröffnen  zu  lassen.  Das  genügte  schon  nicht  mehr.  Am  11.  Febr.
tagte  eine  große  Bürgerversammlung  auf  dem  Rathause,  drunten  auf
dem  Schrannenplatze  stand  das  Volk  Kopf  an  Kopf.  Nach  heftigen  Reden
wurde  beschlossen,  sofort  eine  neue  Bitte  dem  Monarchen  vorzutragen,
die  Masse  drängte  den  Abgesandten  zum  Schlosse  nach.  Man  fürchtete
das  Argste,  da  der  Pöbel  durch  die  Bierkrawalle  der  jüngsten  Zeit  schon
an  Unfug  gewöhnt,  auch  über  manche  Roheit  der  Gendarmen  erbittert
war.  Endlich  trat  Fürst  Wallerstein  in  das  Portal  des  Schlosses  und
verkündete,  die  Bitte  sei  genehmigt,  die  Vorlesungen  an  der  Universität
sollten  sofort  wieder  beginnen.  Zugleich  erzählte  er  den  Umstehenden,
die  Gräfin  Landsfeld  würde  noch  heute  die  Stadt  verlassen.  Unter  wildem
Freudengeschrei  eilte  nun  die  Masse  nach  der  Barerstraße,  um  Lolas  Ab—
reise  abzuwarten.  Plötzlich  ging  der  Torweg  auf,  und  der  Wagen  der
Gräfin  jagte  in  rasendem  Laufe  davon.  Der  enttäuschte  Pöbel  stürmte
sodann  in  die  Villa  und  begann  alles  zu  zerschlagen.  Mit  einem  Male
kam  der  König  und  befahl  kurz  mit  lauter  Stimme:  schonet  mein  Eigen—
tum!  Augenblicklich  ward  alles  still,  die  Häupter  entblößten  sich,  einer
aus  dem  Haufen  hub  an:  „Heil  unserm  König,  Heil“,  und  die  Masse
sang  das  Lied  nach,  derweil  Ludwig  schweigend  hinwegschritt.

So  schien  der  Spuk  verflogen,  der  wüste  Zigeunertanz  beendigt.
Fromme  Zeichendeuter  erkannten  schon  den  Finger  Gottes,  denn  genau
am  Jahrestage  des  Abelschen  Memorandums  hatte  die  Unholdin  das
Feld  räumen  müssen.  Alle  Verständigen  rechneten  jetzt  sicher  auf  inneren
Frieden;  sie  wußten  im  voraus,  daß  die  leichtlebigen  Münchener  ihrem
Ludwig  seine  Wanderungen  im  Irrgarten  der  Liebe  nicht  splitterrichterlich
nachtragen  würden;  leicht  und  ohne  Kleinsinn  zu  verzeihen,  war  ja  von
jeher  gut  bayrische  Art.  Ludwig  selbst  dachte  anders.  Er  hatte  sich  im
Herzen  von  seiner  Lola  noch  nicht  losgesagt  und  hoffte  noch  immer  auf
ihre  Wiederkehr;  er  empfand  die  gehässige  Undankbarkeit  seiner  Mün—
chener  sehr  bitter  und  fühlte  sich  durch  die  abgezwungenen  Zugeständnisse
so  tief  gedemütigt,  daß  er  schon  ernstlich  die  Frage  erwog,  ob  er  nicht
die  Krone  seinem  in  jeder  Hinsicht  kleineren  Thronfolger  überlassen
solle.  Derweil  er  also  noch  mit  sich  selber  kämpfte,  kamen  die  Nachrichten
von  der  Pariser  Revolution.  München  geriet  abermals  in  Bewegung,  das
schon  erschütterte  Ansehen  des  Thrones  ward  abermals  bedroht,  und  in
blindem  Unmut  entschloß  sich  Ludwig  ganz  ohne  Not  zu  der  Abdankung,
die  ein  Unglück  werden  sollte  für  Deutschland  und  für  Bayern.  —

Von  diesen  doch  fast  zufälligen  Verirrungen  und  Parteikämpfen  konnten
  sich  die  volksbeliebten  Wittelsbacher  immerhin  bald  wieder  erholen.
Weit  tiefer  und  nachhaltiger  wurde  das  Ansehen  des  deutschen  Fürsten-
        <pb n="671" />
        Lolas  Flucht.  Der  alte  Kurfürst.  663

standes  geschädigt  durch  die  fortschreitende  Entartung  des  hessischen  Kur—
hauses.  Wie  viele  Diplomaten  ganz  verschiedenen  Schlages  hatten  nun
schon  den  preußischen  Hof  in  Kassel  vertreten:  erst  Hänlein,  der  schwer—
fällige  Regensburger  Reichsjurist,  dann  dessen  lebenslustiger  Sohn,  darauf
der  sarkastische  Canitz,  der  über  seine  geliebte  hessische  Heimat  doch  so  mild
wie  möglich  urteilte,  dann  Stach  v.  Goltzheim,  ein  beschränkter  Kopf,  jetzt
endlich  der  streng  klerikale  westfälische  Graf  Galen,  der  einst  wegen  des
Kölnischen  Bischofsstreites  aus  dem  diplomatischen  Dienste  ausgeschieden,
unter  dem  neuen  Könige  jedoch  wieder  eingetreten  war.  In  einem  aber
stimmten  alle  preußischen  Gesandtschaftsberichte  vollständig  überein:  in  der
Entrüstung  über  dies  gewissenlose  Fürstengeschlecht,  das  am  Berliner  Hofe
doch  stets  als  treuer  Bundesgenosse  betrachtet  wurde.  Der  Kurprinz-Mitregent
  schien  selbst  zu  ahnen,  wie  die  Nachwelt  dereinst  über  ihn  richten
würde;  er  ließ  alle  wichtigen  Akten  über  sein  Regiment  so  sorgfältig  beseitigen,
  daß  sich  heute  im  Marburger  Archiv  schlechterdings  nichts  über
diese  Zeiten  vorfindet.  Mit  gewaltsamer  Selbstüberwindung  bewahrte
sich  das  hessische  Volk  seine  dynastische  Treue;  zum  höchsten  Geburtstage
  sang  ein  patriotischer  Dichter:  „ein  Lebehoch  erschall'“  im  Jubeltone
dem  teuren  Vater  und  dem  teuren  Sohne!“  Der  teuere  Sohn  war  aber
dermaßen  verhaßt,  daß  Stach  v.  Goltzheim  tief  betrübt  gestehen  mußte:
ich  kenne  keinen  einzigen  aufrichtigen  Anhänger  und  Verehrer  des  Kurprinzen.“)
  Das  Volk  begann  schon,  sich  nach  dem  Vater  zurückzusehnen,
der  immer  noch  grollend  außer  Landes  weilte.

Als  die  unglückliche  Kurfürstin  Auguste  starb  und  der  alte  Herr  nunmehr
  sofort  seine  Reichenbach  heiratete  (1841),  da  bat  ihn  der  Kasseler
Magistrat  durch  eine  streng  geheim  gehaltene  Adresse,  er  möge  mit  seiner
ehelichen  Gemahlin  in  seine  Hauptstadt  zurückkehren.“)  Nicht  lange  darauf
starb  auch  die  Gräfin  Reichenbach,  und  nun  schloß  der  Kurfürst  eine  dritte
Ehe  mit  einer  Tochter  des  Landes,  einer  Freiin  von  Berlepsch,  die  zur
Gräfin  Bergen  erhoben  wurde.  Da  er  mit  dieser  achtungswerten  liebenswürdigen
  Frau  fortan  ganz  ehrbar  zu  Frankfurt  in  seiner  schönen  Villa
am  Mainufer  lebte  und  nur  noch  zuweilen  einmal  zu  der  nahen  Homburger
Spielbank  hinüberfuhr,  so  waren  die  Kurhessen  jetzt  bereit,  ihren  gebesserten
  Landesvater  mit  offenen  Armen  aufzunehmen.  Der  Sohn  aber  zitterte
vor  der  Rückkehr  des  Vaters,  er  bat  die  beiden  Großmächte  flehentlich
um  Schutz  und  reiste  einmal  selbst  nach  Schlesien  zu  König  Friedrich
Wilhelm,  um  sich  der  preußischen  Hilfe  zu  versichern.  Unnötige  Angst.
Der  alte  Kurfürst  war  mit  nichten  gemeint,  sein  Stillleben  aufzugeben;
die  vielen  Liebesbeweise  aber,  die  ihm  jetzt  aus  der  Heimat  zukamen,
taten  ihm  wohl,  in  seinen  letzten  Jahren  söhnte  er  sich  mit  den  Land- 



*)  Stachs  Bericht,  4.  Nov.  1841.
**)  Stachs  Bericht,  21.  Aug.  1841.
        <pb n="672" />
        664  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

ständen  und  der  meuterischen  Hauptstadt  wieder  leidlich  aus.  Unterdessen
tat  der  Sohn  das  Menschenmögliche,  um  die  Sehnsucht  nach  dem  Vater
wach  zu  halten.  Die  dem  Lande  geraubte  Rotenburger  Quart  behielt  er
für  sich,“)  und  nachdem  der  Bundestag  sich  für  inkompetent  erklärt  hatte,
fruchteten  alle  Klagen  der  Stände  nichts  mehr.

Dem  Landtage,  der  allerdings  mehrmals  wieder  aussichtslose  Ministeranklagen
  versuchte,  trat  Minister  Scheffer  mit  Geringschätzung,  noch  höhnischer
  fast  als  vordem  Hassenpflug,  entgegen.  Er  verlangte  die  Schlüssel
des  Ständehauses  und  ließ,  als  sie  ihm  verweigert  wurden,  die  Türen
erbrechen,  die  Schlösser  verändern;  er  verjagte  die  neu  angestellten  Stenographen,
  obgleich  die  Verfassung  öffentliche  Beratungen  verlangte;  einmal
  löste  er  den  Landtag  mitten  während  einer  Sitzung  auf,  mit  den
barschen  Worten:  meine  Herren,  Sie  sind  entlassen!  Es  war,  als  ob  er
Händel  suchte  und  geflissentlich  immer  neue  Streitfragen  aufspürte.  Ganz
unerwartet  stellte  er  die  Forderung  auf,  daß  jeder  Abgeordnete  der  drei
in  der  einen  Kammer  vereinigten  Stände  seinem  Stande  wirklich  angehören
  müsse.  Dies  war  in  der  Verfassung  nicht  vorgeschrieben  und  bisher
  auch  nicht  befolgt  worden.  Doch  die  neue  Berliner  Lehre  von  der
ständischen  Gliederung  hatte  jetzt  auch  in  Kassel  ihre  Gläubigen  gefunden.
Die  Regierung  behauptete  hartnäckig,  jeder  Abgeordnete  vertrete  nur  die
Rechte  seines  Standes,  und  nach  langem  widerwärtigem  Streit  erreichte
sie  in  der  Tat,  daß  zwei  Mißliebige  dem  Landtage  fern  bleiben  mußten.

Den  Klerikalen  war  der  Mitregent  nicht  hold;  er  selbst  glaubte  freilich
nur  an  einen  Gott,  den  Mammon,  und  liebte  die  reaktionären  Pietisten,
die  sich  an  ihn  herandrängten,  sehr  wenig,  noch  weniger  aber  die  römische
Kirche,  die  so  leicht  einen  Staat  im  Staate  bilden  konnte.  Darum  hatte
der  Bischof  von  Fulda  beständig,  und  meist  mit  Recht,  über  kleinliche  bureaukratische
  Quälerei  zu  klagen.  Am  allerwenigsten  jedoch  wollte  Friedrich
Wilhelm  von  den  neuen  freigeisterischen  Kirchen  wissen.  Metternich,  um
dessen  Gunst  er  sich  eifrig  bemühte,  weil  er  seiner  Gemahlin  den  österreichischen
  Fürstenhut  zu  verschaffen  hoffte,  hatte  ihn  bei  einem  Besuche
auf  dem  Johannisberge  über  die  staatsgefährlichen  Pläne  der  Deutschkatholiken
  gründlich  belehrt;  und  es  war  nur  ein  lächerlicher  Zufall,  daß
eben  jetzt  die  Bonner  Gelehrten  Sybel  und  Gildemeister,  die  das  Märchen
vom  heiligen  Rock  so  gründlich  beleuchtet  hatten,  an  die  Marburger  Universität
  berufen  wurden.  Die  literarischen  Sünden  der  beiden  waren  ihm
von  seinen  Räten  sorgfältig  verborgen  worden.**)  Der  Kurprinz  verfolgte
die  deutschkatholische  Sekte  streng,  unbekümmert  um  die  Vorstellungen
des  Landtags,  verwehrte  ihr  durchaus  Gemeinden  zu  bilden,  obgleich  sie
im  ganzen  Lande  kaum  hundert  Anhänger  zählte;  er  ließ  sogar  auf  dem

 

*)  S.  v.  IV.  623.
1*8)  Nach  einer  freundlichen  Mitteilung  von  H.  v.  Sybel.
        <pb n="673" />
        Ministerium  Scheffer.  Prozeß  Jordan.  665

Hanauer  Kirchhofe  die  Leiche  eines  unbescholtenen  deutschkatholischen  Bür—
gers  wieder  ausgraben  und  dann  an  der  Mauer  verscharren.  Die  Narren—
streiche  der  hessischen  Zensur  fanden  jetzt,  da  man  überall  milder  ward,
nur  noch  in  Osterreich  ihresgleichen.  Über  die  Geschenke,  welche  die
Mutter  des  Kurprinzen  der  Stadt  Kassel  vermacht  hatte,  durften  die  längst
gezähmten  Zeitungen  kein  Wort  sagen.  Ein  liberaler  Marburger  Buchhändler
  konnte  von  der  Regierung  nicht  erlangen,  daß  sie  ihm  für  eine
geplante  statistische  Zeitschrift  einen  Zensor  gab,  und  mußte  schließlich,  zum
allgemeinen  Ergötzen,  eine  „Klage  auf  Bestellung  eines  Zensors“  einreichen,
  denn  ohne  Zensur  durfte  das  Blatt  nicht  erscheinen.  Besonders
aufreizend  erschien  der  Polizei  das  alberne  bei  den  jungdeutschen  Radikalen
  beliebte  Zerrbild  des  deutschen  Michels.  Wo  immer  dies  Bild  sich
zeigte,  in  Zeitungen  oder  Flugschriften,  da  ward  es  unnachsichtlich  konfisziert,
  und  der  witzige  liberale  Rechtsanwalt  Friedrich  Oetker  sah  sich
genötigt,  einmal  im  Auftrage  mehrerer  Buchhändler  eine  Beschwerdeschrift
„wegen  sieben  deutscher  Michel“  auszuarbeiten.

Doch  was  wollten  solche  Lächerlichkeiten  bedeuten  neben  dem  furchtbaren,
  das  ganze  Land  erregenden  Schicksale  Silvester  Jordans.  Viele
Jahre  lang  hatten  die  Polizeibehörden  insgeheim  Stoff  gesammelt,  um  dem
Vater  der  hessischen  Verfassung  nachzuweisen,  daß  er  bei  dem  Frankfurter
  Wachensturme  und  den  anderen  Verschwörungen  jener  längst  verschollenen
  Tage  mitgewirkt  hätte;  als  sie  endlich  der  Beweise  genug  zu
haben  glaubten,  wurde  Jordan  (Aug.  1839)  unter  der  Anklage  des  Hochverrats
  auf  das  Marburger  Bergschloß  abgeführt.  Da  saß  er  nun  in
langer,  schwerer  Haft  und  blickte  hernieder  auf  die  Stadt,  die  ihn  einst
mit  fürstlichen  Ehren  empfangen  hatte.  Noch  einmal  fiel  er  in  eine  Grube,
die  er  sich  mit  eigenen  Händen  gegraben.  Er  selber  hatte  einst,  um  verfassungsfeindliche
  Minister  sicher  zu  knebeln,  in  die  Verfassung  den  Art.
126  hineingebracht,  der  bei  Anklagen  auf  Verfassungsverletzung  sowohl
die  Niederschlagung  wie  die  Begnadigung  untersagte;  folglich  konnte  das
Verfahren  gegen  ihn  selbst,  einmal  begonnen,  nicht  mehr  aufgehalten
werden.  Da  seine  Gesundheit  in  dem  Turme  droben  schwer  gelitten
hatte,  so  erlaubte  man  ihm  endlich,  unter  strenger  Bewachung  in  der
Stadt  zu  leben,  doch  erst  im  Jahre  1843  erfolgte  der  Richterspruch,  der
ihn  „wegen  Nichthinderung  hochverräterischer  Unternehmungen“  verurteilte.
  Er  appellierte,  und  das  allezeit  nach  oben  wie  nach  unten  furchtlose
  Oberappellationsgericht  sprach  ihn  im  Oktober  1845  gänzlich  frei.

Die  Belastungszeugen  waren  meist  verdächtige  Leute,  und  ganz  unzweifelhaft
  ergab  sich,  daß  die  windigen  deutschen  und  polnischen  Demagogen,
  die  zu  jener  Zeit  bei  ihm  eingekehrt  waren,  seinen  sowie  viele  andere
geachtete  Namen  mißbraucht  hatten,  um  neue  Genossen  zu  werben.  Von
einigen  törichten  Anschlägen  mochte  er  damals  wohl  gehört  haben;  doch  wie
durfte  man  ihn  tadeln,  wenn  er  diese  hirnverbrannte  Rederei  keiner  Be-
        <pb n="674" />
        666  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

achtung  wert  gehalten  hatte?  Und  welch  ein  Ergebnis!  Sieben  Jahre  nach
dem  angeblichen  Verbrechen  ward  er  gefangen  gesetzt;  darauf  sechs  Jahre
schwerer  Untersuchungshaft,  und  dann  vollständige  Freisprechung.  Die
Unhaltbarkeit  des  alten  geheimen  Verfahrens  wurde  durch  diesen  Prozeß,
eben  weil  keine  Gewalttätigkeit,  keine  Verletzung  des  formalen  Rechts
nachzuweisen  war,  noch  deutlicher  erwiesen  als  einst  durch  Weidigs  un—
heimliches  Geschick.  Eine  ganze  Schar  liberaler  Schriftsteller,  voran  der
unaufhaltsame  Welcker,  bemächtigte  sich  auch  alsbald  des  Hergangs,  um
die  geheime  Justiz  zu  brandmarken.  Die  „Wanderungen  aus  meinem
Gefängnisse“,  welche  Jordan  in  seinem  Bergschlosse  schrieb,  redeten  noch
in  dem  alten  burschikos  liberalen  Tone  gegen  die  stehenden  Heere,  gegen
die  Barbarei  der  Todesstrafe,  gegen  alle  Halben  und  Vermittler.  Doch
als  der  Unglückliche  endlich  frei  kam,  da  war  er  gebrochen  an  Leib  und
Seele,  seine  weiche  Natur  hatte  so  vielem  Jammer  doch  nicht  stand  ge—
halten,  er  zeigte  sich  fortan  sehr  friedfertig,  fast  bis  zum  Übermaße.
Im  November  1847  starb  der  alte  Kurfürst,  und  unter  gesunden
Verhältnissen  hätte  der  Kurhut  ganz  ebenso  unmerklich  auf  den  Sohn
übergehen  müssen,  wie  in  Sachsen  die  Königskrone  auf  den  ehrenhaften
Mitregenten,  den  Prinzen  Friedrich  August  übergegangen  war.  Der  Kur—
prinz  hatte  ja  schon  vor  sechzehn  Jahren  die  Regierungsgeschäfte  über—
nommen  und  damals  eidlich  gelobt,  „die  Staatsverfassung  des  Kurstaats
aufrechtzuhalten“.  Aber  nach  der  neuen  höfischen  Doktrin,  die  im  Welfenreiche
  so  glänzend  gesiegt  hatte,  stand  es  jedem  Fürsten  frei,  sobald  er  die
Regierung  kraft  eigenen  Rechtes  antrat,  die  Landesverfassung  anzuerkennen
oder  nicht.  Niemand  bekannte  sich  zu  dieser  Lehre  freudiger  als  der  neue
Kurfürst;  an  den  Verfassungseid,  den  er  einst  als  Regent  geleistet,  fühlte
er  sich  nicht  mehr  gebunden,  ein  Gewissen  kannte  er  so  wenig  wie  Falstaff
  die  Ehre.  Seit  Jahren  schon  plante  er,  bei  seiner  Thronbesteigung
das  verabscheute  Staatsgrundgesetz  über  den  Haufen  zu  werfen;  wenn  er
sich  nur  nicht  gar  so  sehr  gefürchtet  hätte!  Diese  Neigungen  des  Sohnes
mochte  der  Vater  wohl  kennen.  Schon  im  Jahre  1841,  als  er  eben  anfing,
sich  mit  seinem  Lande  auszusöhnen,  hinterlegte  der  Alte  bei  einem  Frankfurter
  Anwalt  ein  testamentarisches  Schreiben  an  seine  Landstände,  das
„den  Unwürdigen“  Verzeihung  zusagte  für  „die  Ausbrüche  roher  Leidenschaft“
  und  zugleich  den  Landtag  ermahnte,  „den  Geist  des  Widerspruchs,
mit  der  Bezeichnung  Opposition  beschönigt,  zu  verbannen  .  und  so
die  Aufrechthaltung  der  von  Uns  gegebenen  Verfassung  zu  sichern.“
Der  Wink  war  deutlich,  und  die  Stände  beeilten  sich,  den  nachgelassenen
  Brief,  sobald  er  ihnen  kund  geworden,  dem  Nachfolger  nebst  einer
Beileids-Adresse  zu  überreichen.  Sie  wurden  jedoch  nicht  vorgelassen.  Der
neue  Herr  schwankte  noch.  Er  forderte  soeben  von  seinen  Truppen  einen
neuen  Fahneneid,  für  seine  Person  allein;  da  zeigte  sich's,  wie  schwer  die
unsinnige  liberale  Erfindung  des  zweifachen  Eides  die  Gewissen  ehrenhafter
        <pb n="675" />
        Kurfürst  Friedrich  Wilhelm.  Verfassungseid.  667

Soldaten  bedrücken  mußte.  Viele  der  Offiziere  hatten  vor  Jahren  den
Verfassungseid  nur  mit  Widerstreben  geleistet;  nun  da  er  längst  geschworen
war,  fühlten  sie  sich  wieder  von  der  anderen  Seite  her  bedroht.  Einige
gingen  zu  den  Obersten  Urff  und  Gerland,  den  Kommandanten  der  Leib—
garde  und  der  Artillerie,  um  sich  Rates  zu  erholen,  und  als  diese  beiden
tapferen  Männer  dem  Kurfürsten  darauf  die  Bedenken  ihrer  Kameraden
aussprachen,  da  empfingen  sie  den  mürrischen  Bescheid:  natürlich  bleibe
der  alte  Verfassungseid  in  Kraft,  die  neue  Verpflichtung  bedeute  ja  nur,
daß  die  Person  des  Landesherrn  sich  geändert  hätte.  )  Nunmehr  leisteten
die  Truppen  den  Eid;  der  Kurfürst  aber  zeigte  sich  noch  übellauniger,  als
sonst  seine  Art  war,  und  ließ  einige  der  Offiziere,  die  ihre  Zweifel  geäußert
hatten,  zur  Strafe  versetzen.  Unterdessen  begannen  wieder  jene  häuslichen
  Zänkereien,  welche  jeden  Schicksalswechsel  der  hessischen  Landesgeschichte
  unfehlbar  begleiteten.  Der  alte  Kurfürst  hatte  sein  großes  Vermögen
  außer  Landes  untergebracht,  teils  in  Osterreich,  teils  bei  Amschel
Rothschild  oder  sonstwo  in  Frankfurt.  Sein  Sohn  argwöhnte  sofort,  man
könne  ihm  etwas  vorenthalten,  und  sendete  Gendarmen  nach  Frankfurt
hinüber,  worauf  der  Senat  der  freien  Stadt  entrüstet  seine  Souveränität
verteidigte.  Dann  suchte  Friedrich  Wilhelm  gegen  Deines,  den  Vertrauensmann
  seines  Vaters,  vorzugehen,  der  war  aber  schon  längst  österreichischer
Untertan  geworden;  auch  die  Rechnungen  über  das  Vermögen  der  Reichenbachschen
  Kinder  hatte  der  Alte  vorsichtig  verbrennen  lassen,  und  da  der
Hausfideikommißfonds  nicht  angetastet  war,  so  konnte  der  liebevolle  Sohn
nichts  ausrichten.  Nun  schickte  er  Kommissäre  in  die  Villa  am  Main,
um  die  Gräfin  Bergen  daraus  zu  vertreiben,  und  befahl  seinem  Bundesgesandten,
  schleunigst  dort  Wohnung  zu  nehmen,  weil  dieser,  nach  dem
Rechte  der  Exterritorialität,  so  leicht  nicht  wieder  verdrängt  werden  konnte;
die  tapfere  Gräfin  aber  jagte  die  Eindringlinge  hinaus  und  erwies  ihnen
durch  ein  vorgezeigtes  Aktenstück,  daß  sie  die  rechtmäßige  Erbin  des  Hauses
war.  So  ging  es  weiter,  immer  im  gewohnten  kurhessischen  Familienstile.
  .)  Kaiser  Ferdinand,  dem  der  alte  Kurfürst  die  Oberaufsicht  über
die  Ausführung  des  Testaments  übertragen  hatte,  lehnte  den  Auftrag  ab;
denn  Metternich  fand  es  bedenklich,  daß  sich  sein  Herrscherhaus  mit  diesem
kurhessischen  Schmutze  befassen  sollte.**)  Am  Bundestage  stand  der  neue
Kurfürst  in  schlimmem  Rufe,  da  er  soeben  einen  widerlichen  Streit  mit
Waldeck  wegen  angeblicher  lehnsherrlicher  Rechte  begonnen  hatte;  die
Bundesgesandten  nahmen  sämtlich  an,  daß  er  lediglich  bezweckte,  sich
seine  Ansprüche  abkaufen  zu  lassen.  ,

Die  Entscheidung  über  die  hessische  Verfassung  lag  in  Wien  und

*)  Galens  Berichte,  8.  11.  Dez.  1847.

*7*)  Dönhoffs  Berichte,  Frankfurt,  20.  Nov.  1847  ff.
*##“)  Berichte  von  Dönhoff  31.  Dez.,  von  Galen,  22.  Dez.  1847.
4)  Dönhoffs  Bericht,  22.  April  1847.
        <pb n="676" />
        668  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

Berlin;  denn  ohne  die  sichere  Hilfe  der  beiden  Großmächte  wollte  der
Kurfürst  nichts  wagen,  von  Metternich  hatte  er  sich  auch  sogleich,  wie  schon
oftmals  früher,  brieflich  Rat  erbeten.  König  Friedrich  Wilhelm  schwankte
keinen  Augenblick,  er  nannte  den  Hessen  kurzweg  einen  bösen  Mann  und
wollte  mit  diesen  Umsturzplänen  nichts  zu  schaffen  haben.  Einer  Wiederholung
  des  welfischen  Staatsstreichs  war  die  aufgeregte  Zeit  wahrlich  nicht
günstig.  Demgemäß  sendete  Canitz  schon  am  30.  Nov.  eine  Weisung  an
Galen,  die  dem  hessischen  Hofe  mitgeteilt  wurde.  Sie  warnte  dringend
vor  ungesetzlichen  Schritten:  fände  der  neue  Herr  einzelne  Sätze  der  radikalen
  Verfassung  ganz  unerträglich,  so  möge  er  den  Bundestag  um  die
Verbürgung  des  Grundgesetzes  bitten;  dann  böte  sich  von  selbst  die  Gelegenheit,
  mit  den  Landständen  über  einige  Veränderungen  friedlich  zu  verhandeln.
  Canitzs  Rat  war  ebenso  wohlgemeint,  wie  seine  gleichzeitigen
Mahnungen  an  den  dänischen  Hof;  er  konnte,  rechtzeitig  befolgt,  dem
hessischen  Lande  traurige  Kämpfe  ersparen.  Doch  in  Kassel  wie  in  Kopenhagen
  waren  die  Menschen  stärker  als  die  Vernunftgründe.  Einen  brutalen
  Staatsstreich  mit  Beihilfe  der  beiden  Großmächte  hätte  der  Kurfürst
wohl  gewagt,  aber  zu  schwierigen  Verhandlungen  mit  dem  Bundestage
und  den  Landständen  zugleich  besaß  er  weder  den  Mut,  noch  den  Verstand,
noch  den  guten  Willen.  In  Canitzs  Sinne  sprach  auch  General  Gerlach,
der  die  Beileidsbezeigung  des  Königs  überbrachte;  der  gewann  einen  sehr
traurigen  Eindruck  vom  Kasseler  Hofe,  er  fürchtete,  dieser  Fürst  hätte  „ein
böses  Herz,  absolutistische  Gesinnung,  Habsucht  und  Mangel  an  Liebe  zu
seinem  Lande“.  Noch  während  er  in  Kassel  weilte,  erschien,  am  11.  Dez.,
Hofrat  Philippsberg  aus  Wien  mit  der  Antwort  Metternichs  und  einem
begleitenden  Gutachten.  Diese  österreichische  Denkschrift  stimmte  fast  wörtlich
  mit  Canitzs  Depesche  überein  und  war  also  vermutlich  mit  dem
Berliner  Hofe  verabredet.  )  Welch  ein  Wandel  der  Zeiten!  Im  Jahre
1831  hatte  Metternich  eine  Bundesgarantie  für  diese  radikale  Verfassung
entschieden  zurückgewiesen),  und  ein  an  den  Höfen  allgemein  geglaubtes
Gerücht  behauptete,  daß  er  auch  später  noch  mit  dem  Prinzregenten  wegen
eines  Staatsstreiches  verhandelt  hätte.  Und  jetzt  riet  er  dem  neuen
Kurfürsten  selbst,  die  Bürgschaft  des  Bundes  für  das  Grundgesetz  nachzusuchen,
  allerdings  unter  Bedingungen,  die  sich  noch  nicht  absehen  ließen.
Von  einem  gewaltsamen  Umsturz  wollte  er  nichts  mehr  hören.  Durch
diese  Erklärungen  der  beiden  Großmächte  war  der  hessische  Staatsstreich
vorläufig  abgewendet;  ein  mahnender  Brief,  den  der  Prinzgemahl  Albert
am  12.  Dez.  an  den  König  von  Preußen  sendete,  traf  erst  lange  nach  der
Entscheidung  ein.

Sichtlich  enttäuscht  beschied  der  Kurfürst  wenige  Stunden  nach  Ein- 



*)  Galens  Berichte,  4.  8.  11.  12.  Dez.  1847.
124)  S.  o.  IV.  137.
        <pb n="677" />
        Hessische  Staatsstreichspläne.  Hannover.  669

gang  der  österreichischen  Antwort  die  Vertreter  des  Landtags  zu  sich,  um
ihre  Beileidsadresse  endlich  entgegenzunehmen.  Er  empfing  sie  freundlich,
und  die  Stände  nahmen  stillschweigend  an,  daß  er  den  beim  Antritt  der
Regentschaft  geschworenen  Eid  auch  jetzt  noch  als  bindend  ansähe.  Darüber
  sprach  sich  der  neue  Herr  nicht  offen  aus,  doch  gab  er  zu  verstehen,
die  Verfassung  bedürfe  einerseits  der  Sicherung,  andererseits  mehrerer
Verbesserungen.')  Seine  Absicht  war  also,  den  Rat  der  Großmächte
zu  befolgen  und  die  Bürgschaft  des  Bundestags  nachzusuchen;  er  berief
auch  alsbald  eine  Kommission  von  drei  Beamten,  welche  die  notwendigen
Abänderungen  der  Verfassung  vorschlagen  sollte.  Aber  die  Arbeit  stockte
bald,  es  fehlten  Einsicht  und  Ehrlichkeit.  In  diesem  sonderbaren  Zustande,
  unter  einem  verabscheuten  Fürsten,  den  allein  die  Warnungen  der
Großmächte  vom  Eidbruche  zurückgehalten  hatten,  wurde  das  unglückliche
Land  von  den  Stürmen  der  Revolution  getroffen.  —

Der  alte  Welfe  konnte  unterdessen  seines  gelungenen  Staatsstreichs
nicht  recht  froh  werden.  Das  neue  Landesverfassungsgesetz  war  durch  Lug
und  Trug  endlich  zu  stande  gekommen,  und  der  gefährlichste  Mann  der  Opposition,
  Stüve  mußte  dem  Landtage  fern  bleiben,  da  er  in  einem  gehässigen
  politischen  Prozesse  wegen  Verjährung  des  Vergehens  zwar  nicht  verurteilt,
  aber  auch  nicht  förmlich  freigesprochen  worden  war.  Folglich,  so
entschied  die  Regierung,  war  Stüve  nicht  mehr  unbescholten.  Dantons
Grundsatz,  daß  jeder  Verdächtige  als  schuldig  zu  behandeln  sei,  fand  nirgends
  treuere  Schüler  als  an  diesem  reaktionären  Hofe;  auch  nach  seinem
Siege  verschmähte  Ernst  August  die  Geschlagenen  durch  eine  Amnestie  zu
versöhnen.  Sein  Verhältnis  zu  dem  neuen  Landtage  blieb  immer  unfreundlich,
  schon  weil  der  Staatsstreich  sich  sehr  bald  auch  als  eine  staatswirtschaftliche
  Torheit  erwies.  Die  gewaltsam  wiederhergestellte  Kronkasse
kam  mit  ihren  Einkünften  nicht  aus  und  mußte  immer  wieder  ständische
Beihilfe  erbitten,  die  nur  unter  heftigen  Klagen  gewährt  wurde.  Die
liberalen  Ideen  der  Zeit  drangen  unaufhaltsam  selbst  in  diesen  verstümmelten
  Landtag  ein;  sogar  einige  Mitglieder  der  Lüneburgischen  Ritterschaft
verlangten  jetzt  —  wer  hätte  das  früher  gedacht?  —  eine  Vertretung  des
Bauernstandes.  Das  Volk  schwieg  mürrisch  und  war  im  Grunde  nur
mit  einer  Tat  des  Königs  ganz  zufrieden:  mit  seinem  Kampfe  wider  den
Zollverein.  Im  Partikularismus  fanden  sich  der  welfische  und  der  hannoversche
  Eigensinn  zusammen.  „Man  will  eben  nicht“  —  so  erklärte
Stüve  einfach  die  Stimmung  des  Landes  —  Hannover,  Hildesheim,  Celle
fürchten  sich  vor  Braunschweig,  die  Osteroder  Tuchmacher  vor  Quedlinburg,
  die  Bremer  und  Lüneburger  Bauern  vor  der  Trennung  von  Hamburg
  und  Bremen.)  Auch  in  anderen  Fällen  zeigte  sich  der  Welfe  höchst

 

*)  Galens  Bericht,  16.  Dez.  1847.
**)  Nach  Stüves  Biographie.
        <pb n="678" />
        670  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

ungebärdig  gegen  den  preußischen  Nachbarn.  Ich  empfange  keinen  katho—
lischen  Diplomaten  aus  Preußen  —  so  sagte  er  trotzig,  als  ihm  die  Ernennung
  des  Grafen  Westphalen  zum  preußischen  Gesandten  angekündigt
wurde.  Der  eingefleischte  Papistenhaß  des  alten  Orangemannes  mochte
dabei  wohl  mitwirken;  entscheidend  blieb  doch,  daß  Westphalen  der  Schwiegersohn
  des  verabscheuten  Canitz  war.  Da  König  Friedrich  Wilhelm  nach
preußischer  Überlieferung  sich  diese  grundsätzliche  Verschmähung  eines
Katholiken  nicht  bieten  lassen  durfte,  so  mußte  der  Gesandtschaftsposten  in
Hannover  längere  Zeit  unbesetzt  bleiben.')  Noch  hochmütiger  verfuhr
Ernst  August  gegen  die  kleinen  Nachbarfürsten.  Wie  tobte  er,  als  der
Kabinettsrat  des  Großherzogs  von  Oldenburg  Starklof  in  einem  Romane
den  Gedanken  ausgeführt  hatte:  ein  blinder  Bauernsohn  dürfe  nirgends
den  väterlichen  Hof  erben,  noch  viel  weniger  also  ein  blinder  Königssohn
die  Krone.  Er  ließ  nicht  ab,  bis  Starklof  entlassen  war.

Dieser  Roman  verletzte  ihn  in  seinen  teuersten  Gefühlen;  denn  das
blieb  sein  besonderer  Stolz,  daß  er,  gegen  die  Gesetze  der  Natur,  gegen
das  Reichsrecht,  gegen  den  alten  Hausbrauch  der  Welfen  selbst,  seinem
Sohne  die  Krone  gesichert  hatte.  So  oft  er  verreiste,  übertrug  er  dem
Blinden  die  Regierungsgeschäfte;  die  Welt  sollte  wissen,  im  Welfenlande
sei  auch  das  Unmögliche  möglich.  Der  Kronprinz  zeigte  sich  jetzt  schon
als  würdiger  Abkomme  der  Stuarts,  er  sprach  mit  unheimlicher  Selbstüberhebung
  von  dem  Lehen  Gottes,  das  ihm  dereinst  zufallen  würde,  von
der  ewigen  Dauer  des  Welfenreichs.  Mit  derselben  lästerlichen  Zuversicht,
  nur  ohne  Salbung  redete  der  Vater.  Im  April  1847  wagten  ihn
seine  getreuen  Stände  um  Offentlichkeit  der  Landtagsverhandlungen  anzugehen;
  sogar  die  erste  Kammer  hatte  beinahe  einstimmig  beigepflichtet,
so  weit  war  der  Wind  schon  umgeschlagen.  Da  erschien  am  21.  April
eine  von  Falcke  gegengezeichnete  königliche  Antwort.  Der  alte  Minister
Scheele  war  mittlerweile  gestorben,  aber  der  allen  welfischen  Schriftstücken
eigentümliche  brutale  Ton  hatte  sich  nicht  verändert.  Mit  einem  Schwall
ungnädiger  Worte  hielt  der  König  seinen  Ständen  vor:  die  Offentlichkeit
des  Landtags  würde  nur  unerreichbare  Wünsche  erwecken,  eine  erkünstelte
öffentliche  Meinung  bilden,  die  Massen  aufregen  und  verblenden.  Dann
schloß  er:  „Wir  haben  demnach  unabänderlich  beschlossen,  eine  Offentlichkeit
  der  Sitzungen  der  Kammern  niemals  zu  gestatten.“  So  sprach
der  Welfe  sein  Niemals  —  wenige  Tage,  nachdem  König  Friedrich  Wilhelm
  dem  Vereinigten  Landtage  sein  Nie  und  nimmermehr!  zugerufen
hatte.  Nur  ein  Jahr,  und  der  Oheim  wie  der  Neffe  sollte  erfahren,  daß
auch  Könige  dem  lebendigen  Gott  seine  Wege  nicht  vorschreiben  können.

Selbst  das  stille  Mecklenburg  blieb  von  der  liberalen  Zeitströmung
nicht  mehr  unberührt.  Die  bürgerlichen  Grundherren  verlangten,  mit

 

*)  Knyphausens  Bericht,  7.  Okt.  1847.
        <pb n="679" />
        Mecklenburg.  Sachsen.  671

guten  Gründen,  aber  noch  ganz  vergeblich  die  vollständige  Teilnahme  an
allen  landständischen  Rechten,  die  ihnen  vom  Adel  bestritten  wurde;  und
tief  bekümmert  klagte  der  alte  Großherzog  Georg  von  Strelitz  seinem
preußischen  Neffen:  „Sie  wissen,  daß  unsere  bürgerlichen  Gutsbesitzer
leider  —  wenigstens  die  bedeutende  Mehrzahl  derselben  —  zu  der  libe—
ralen  Partei  gehören,  welche  immer  mehr  und  mehr  und  um  so  schmerz—
licher  hervortritt,  als  die  Fortschritte,  die  wir  in  wünschenswerten  Dingen
machen,  keineswegs  gleichen  Schritt  mit  diesem  sogenannten  Fortschritt
halten.“*)  Die  Sache  der  Bürgerlichen  führte  sehr  würdig  der  Rostocker
Germanist  Georg  Beseler,  der  Bruder  des  Schleswigholsteiners,  für  den
Adel  schrieb  mit  gewohnter  Derbheit  der  alte  Minister  Kamptz,  der  den
mecklenburgischen  Edelmann  nie  vergessen  konnte.  Was  dieser  Adel  unter
wünschenswertem  Fortschritt  verstand,  das  zeigte  ein  Landtagsbeschluß,
der  die  beiden  Serenissimi  um  Preßfreiheit  bat,  weil  die  Frechheit  der
liberalen  Zeitungen  nicht  durch  schlaffe  Zensur,  sondern  nur  durch  empfindliche
  Strafen  bekämpft  werden  könne.

Ein  ganz  anderes  und  doch  auch  ein  unheimliches  Bild  boten  die
sächsischen  Zustände.  Der  gute  König  Friedrich  August  bemühte  sich  redlich,
  den  inneren  Frieden  wiederherzustellen,  und  von  schwerem  Druck  ließ
sich,  einige  Zeitungsverbote  abgerechnet,  auch  nichts  spüren.  Aber  der  unselige
  Leipziger  Straßenkampf  hatte  im  Volke  sehr  viel  Groll  zurückgelassen.
  Die  Opposition  im  Landtage,  die  von  der  nationalen  Gesinnung
des  süddeutschen  Liberalismus  wenig  besaß,  bemühte  sich,  was  ihr  an  Talent
  fehlte,  durch  ungeschliffene  Grobheit  zu  ersetzen;  sie  hintertrieb  die
dringend  nötige,  durch  das  Bundesgesetz  gebotene  Organisation  der  Armeereserve,
  sie  verlangte  wiederholt,  daß  die  Truppen  auf  die  Verfassung  vereidigt
  werden  müßten,  und  suchte  durch  kleinliche,  oft  lächerliche  Beschwerden
  die  Soldaten  gegen  ihre  Vorgesetzten  aufzuwiegeln.  Ihrer  besonderen
Gunst  erfreuten  sich  die  Turnvereine,  die  in  Sachsen  bald  ganz  dem  Radikalismus
  anheimfielen  und  zu  einer  Pflanzschule  des  Barrikadenkampfes
wurden.  Der  Vorschlag,  die  militärische  Volkserziehung  durch  die  Turnerei
zu  ersetzen  —  ein  Gedanke,  dem  der  Prinz  von  Preußen  sogar  im  preußischen
  Staatsministerium  hatte  entgegentreten  müssen  —  war  hierzulande
gang  und  gäbe.  Einmal  ließ  der  Kriegsminister  Nostitz-Wallwitz,  ein  kurz
angebundener  Soldat,  ein  Kommißbrot  geradeswegs  aus  der  Kaserne  in  die
Kammersitzung  bringen  und  zwang  die  Liberalen,  sich  persönlich  von  der
Schmackhaftigkeit  dieses  unmäßig  gescholtenen  Leckerbissens  zu  überzeugen.

Das  war  ein  Lichtblick  in  dem  unerquicklichen  Einerlei  dieser  aufgeregten
  und  doch  inhaltlosen  Landtagsverhandlungen.  Unterdessen  wuchs
im  Volke,  gefördert  durch  Robert  Blum  und  die  Unzahl  der  Advokaten,
eine  unklare  radikale  Verstimmung,  und  auch  in  dem  stillen  Thüringen

 

*)  Großherzog  Georg  v.  Strelitz  an  König  Friedrich  Wilhelm,  23.  Sept.  1844.
        <pb n="680" />
        672  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

blühte  die  republikanische  Phrase,  ohne  die  dynastische  Gesinnung  im
mindesten  zu  beeinträchtigen.  In  Weimar  führten  der  wenig  begabte,
aber  rechtschaffene  Großherzog  Karl  Friedrich  und  seine  edle  wohltätige
Gemahlin,  die  einst  von  Schiller  besungene  Maria  Paulowna  eine  harm—
lose  patriarchalische  Herrschaft,  desgleichen  in  Meiningen  Herzog  Bern—
hard  Erich  Freund,  und  in  Gotha  begann  der  junge  Herzog  Ernst  II.  mit
großem  Geräusch  ein  liberales  Regiment,  das  dem  Landadel  schon  viel  zu
weit  ging.  Wildschäden  gab  es  freilich  in  Menge,  und  der  Unterhalt  so
vieler  Höfe  verschlang  ganz  unverhältnismäßige  Summen,  doch  dafür  war
auch  das  ganze  Waldgebirge  ein  wohlgepflegter  schöner  Wildpark  zur
Freude  des  Volks,  und  von  den  Ausgaben  der  Höfe  wurde  doch  ein  großer
Teil  väterlich  zum  Wohle  des  Landes  verwendet.  Die  Lächerlichkeit  ihrer
machtlosen  Scheinstaaten  empfanden  die  Thüringer  durchaus  nicht;  was
die  Gemüter  erregte,  war  ein  unbestimmter,  durch  die  Eintönigkeit  der
langen  Friedenszeit  genährter  Tatendrang  und  eine  vorlaute  Zuchtlosigkeit,
  welche  die  schwachen  Regierungen  nicht  zu  bemeistern  verstanden.  —

Weit  reicher  erschien  das  öffentliche  Leben  im  Südwesten;  dieser
Winkel  Deutschlands  wurde  für  einige  Jahre  zum  Herde  der  nationalen
Idee.  In  Mürttemberg  feierte  König  Wilhelm  (1841)  den  fünfundzwanzigsten
  Jahrestag  seiner  Thronbesteigung,  und  als  er  am  Festtage
allein  durch  die  Straßen  seiner  Hauptstadt  ritt,  da  umringte  ihn  das
Volk  mit  donnerndem  Jubel.  Das  ganze  Land  wetteiferte  in  freudigen
Huldigungen,  fast  in  jeder  größeren  Ortschaft  ward  eine  Wilhelmslinde,
  eine  Königseiche  gepflanzt,  in  Stuttgart  sollte  zur  Erinnerung  eine
hohe  Trajanssäule  vor  dem  Schlosse  errichtet  werden.  Seitdem  rechnete
Wilhelm  sicher  auf  die  Dankbarkeit  seines  Volkes,  die  er  sich  auch  durch
die  Wohltaten  einer  geordneten,  sorgsamen  Verwaltung  verdient  hatte;
er  wußte  jetzt  alles  am  besten,  da  kein  anderer  Fürst  eine  so  reiche  konstitutionelle
  Erfahrung  besaß,  und  nannte  seine  Minister  selbst  zuweilen  geringschätzig
  „meine  Doktrinäre“.  Die  deutschen  Höfe  schätzten  ihn  als
einen  klugen,  der  Herrschaft  kundigen  Fürsten,  Vertrauen  und  Liebe
fand  er  wenig.  Mit  dem  preußischen  Gesandten  General  Rochow,  der
hier  im  Süden  weit  nützlicher  wirkte  als  späterhin  in  Rußland,  verkehrte  er
sehr  viel;  er  freute  sich,  daß  sein  Neffe  Prinz  August  in  der  Berliner
Garde  so  ganz  zum  Preußen  geworden  war,  und  wünschte  lebhaft,  Preuhen
  möge  statt  des  morschen  Österreichs  die  Führung  des  Deutschen  Bundes
übernehmen.  Rochow  wußte  jedoch,  daß  der  Schwabenkönig  dem  österreichischen
  Gesandten  gegenüber  ganz  ebenso  gehässig  über  Preußen  sprach,
und  berichtete  freimütig:  „in  seinem  Wesen  ist  die  bekannte  württembergische
  Hausphysiognomie  stets  ausgeprägt.“?)

Preßfreiheit,  Volksbewaffnung,  öffentliche  Rechtspflege  —  so  lautete

 

*)  Rochows  Berichte,  12.  Jan.  1840,  25.  Sept.  1843  ff.
        <pb n="681" />
        Wilhelm  von  Württemberg  und  die  Volkswünsche.  673

das  neue  liberale  Programm,  das  jetzt  in  Süddeutschland  die  Runde
machte.  König  Wilhelm  aber  hatte  mit  den  Gedanken  seiner  Jugend  längst
gebrochen  und  urteilte  über  diese  Volkswünsche  scharf:  „ich  bin  durch
eine  lange  Erfahrung  von  der  Unausführbarkeit  überzeugt.“  Zumal  die
Preßfreiheit  war  ihm  ein  Greuel;  und  allerdings  sah  er  sich  auch  per—
sönlich  in  den  Brandschriften,  die  aus  der  Schweiz  herüberflogen,  schänd—
lich  angegriffen.  Er  unterhielt  um  jene  Zeit  ein  zartes  Verhältnis  mit
einer  Schauspielerin  Stubenrauch;  die  Sache  war  nicht  der  Rede  wert,
denn  wie  hätten  Weiber  diesen  kalten,  trockenen,  selbstischen  Mann  je  be—
herrschen  können?  —  die  demagogischen  Pamphletisten  aber  stimmten  ein
Wutgeschrei  an,  als  ob  auch  Württemberg  von  einer  Lola  regiert  würde.
In  den  allerheftigsten  Worten  äußerte  sich  der  König  über  diese  feile  Dirne,
die  Presse,  die  gleich  dem  Branntwein  trinkenden  Matrosen  sich  zuletzt  nur
noch  beim  Scheidewasser  wohl  fühle.  „Nie  und  nimmer“,  so  sagte  er  im
Nov.  1842  zu  Rochow,  könne  man  auf  die  Zensur  verzichten,  am  wenigsten
in  den  konstitutionellen  Staaten;  und  als  der  Preuße  einwarf,  sachliche
Besprechungen  seien  doch  notwendig,  da  ward  ihm  die  Antwort:  nein,
die  Politik  der  Bundesstaaten  kann  nur  in  den  Behörden  der  Regierungen
liegen,  wer  den  Zusammenhang  nicht  kennt,  hat  kein  Urteil.  So  ward
auch  in  Stuttgart  ein  Niemals!  ausgesprochen,  glücklicherweise  nicht  öffent—
lich,  und  es  sollte  hier  noch  schneller  als  in  Berlin  und  Hannover  durch
die  Macht  der  Tatsachen  widerlegt  werden.  Ganz  in  der  kleinlichen  Weise
des  Ministeriums  Abel,  das  er  doch  selbst  verabscheute,  behandelte  der
König  seine  Zeitungen.  Über  württembergische  Zustände  durften  sie  kein
freies  Wort  wagen,  auf  die  Großmächte  mochten  sie  ungestraft  schelten,
während  die  preußische  Zensur  angewiesen  war,  die  Besprechungen  auswärtiger
  Verhältnisse  strenger  zu  behandeln  als  die  Artikel  über  das  Inland.
  Und  dabei  beklagte  er  sich  beständig,  wenn  die  schwäbischen  Liberalen,
die  daheim  nicht  reden  konnten,  in  der  Kölnischen  Zeitung  oder  in  anderen
preußischen  Blättern  ihre  Empfindungen  kundgaben.  Rochow  meinte:
„man  wünscht  geschont  zu  werden,  schont  aber  andere  nicht;  man  klagt
über  andere  und  vergißt,  daß  man  selbst  zu  Beschwerden  Anlaß  gibt.“)

Des  Königs  einziger  Vertrauter  blieb  sein  alter  Freund  Frhr.  v.
Maucler,  der  als  tatsächlich  unverantwortlicher  Präsident  des  bloß  beratenden
  Geheimen  Rates  bei  den  meisten  Beamten-Ernennungen  das  entscheidende
  Wort  sprach.  Die  Verwaltung  des  Innern  führte,  umgeben  von
einem  Stabe  klug  ausgewählter  tüchtiger  junger  Räte,  Minister  Schlayer,
noch  immer  in  seiner  alten  streng  bureaukratischen  Weise,  aber  geschickt  und
sorgsam;  an  der  Spitze  des  Justizwesens  stand  der  gestrenge  Prieser,  der
gleich  manchen  anderen  verhaßten  Beamten  Süddeutschlands  seine  Schule
in  der  Mainzer  schwarzen  Kommission  durchgemacht  hatte.  Gehorsam

 

*)  Rochows  Berichte,  30.  Nov.  1842,  20.  Febr.  1843.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  43
        <pb n="682" />
        674  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

und  Ruhe  ward  unbedingt  gefordert.  Darum  blieb  der  ungläubige,  den
Klerikalen  so  feindselige  König  auch  den  Tübinger  Hegelianern  immer
gram;  er  hielt  sie  für  Friedensstörer  und  verbot  dem  Asthetiker  Vischer
für  einige  Zeit  die  Vorlesungen,  als  die  Geistlichkeit  wegen  der  panthe—
istischen  Antrittsrede  des  neuen  Professors  Lärm  schlug.  Noch  kleinlicher
verfuhr  er  gegen  Vischers  Amtsgenossen  Robert  Mohl,  der  sich  doch  durch
sein  Württembergisches  Staatsrecht  als  ein  würdiger  Nachkomme  des  alten
J.  J.  Moser  bewährt  hatte.  Mohl  bewarb  sich  um  einen  Sitz  in  der
Kammer  und  richtete  an  einen  seiner  Wähler  ein  nicht  einmal  für  die
große  Offentlichkeit  bestimmtes  Schreiben,  das  die  Gebrechen  des  Re—
gierungssystems  scharf  beleuchtete;  daraufhin  wurde  er  an  eine  kleine
Verwaltungsstelle  versetzt,  er  forderte  seinen  Abschied  und  die  Schwaben
mußten  ihren  ersten  Staatsrechtslehrer  nach  Heidelberg  ziehen  sehen.
In  den  Landtagsverhandlungen  hallten  die  hannoverschen  Gewalttaten
  noch  lange  nach.  Der  welfische  Staatsstreich  hatte  die  süddeutschen
Konstitutionellen  unbeschreiblich  erbittert,  und  selbst  Rochow,  der  mit
Wolfgang  Menzel  vertraulich  umging,  konnte  sich  dieser  Stimmung  seiner
Umgebungen  nicht  entziehen;  er  meinte,  „es  heiße  mit  dem  deutschen
Fürstenworte  Hohn  treiben“,  wenn  der  Bund  in  einer  solchen  Sache
gar  nichts  täte.')  Der  Bundestag  blieb  freilich  unbelehrbar.  Die  schwäbische
  Oppositionspartei  bemerkte  bald,  welch  einen  Fehler  sie  durch  ihren
Rückzug  aus  der  Kammer  begangen  hatte.  Seit  dem  Jahre  1845  traten
mehrere  ihrer  Mitglieder  wieder  ein,  voran  Römer,  der  erste  Redner
des  Landtags.  Er  bekämpfte  vornehmlich  die  Härte  der  Zensur  und  gelangte
  bei  diesen  berechtigten  Angriffen  immer  wieder  zu  dem  unhaltbaren
Schlusse,  daß  die  Landesverfassung  den  Bundesgesetzen  vorgehen  müsse.
Partikularist  war  er  darum  doch  nicht;  vielmehr  unterhielt  er  mit  den
badischen  und  rheinischen  Freunden  lebhaften  Verkehr  und  erwog  mit
ihnen,  wie  dem  Jammer  des  Bundestags  endlich  abzuhelfen  sei.  Großen
Unmut  erregte  im  Lande  die  Verlobung  des  Kronprinzen  Karl  mit  der
bildschönen,  in  Bayern  wie  in  Österreich  verschmähten  Großfürstin  Olga.
Der  leere,  nichtige,  dem  klugen  Vater  ganz  ungleiche  Thronfolger  stand
ohnehin  in  schlechtem  Rufe;  als  die  Großfürstin  in  mädchenhafter  Überschwenglichkeit
  ihm  schrieb,  sie  hoffe  seiner  wert  zu  sein,  da  meinte  Rochow,
der  die  beiden  Brautleute  gründlich  kannte:  „Das  ist  zu  viel!  Ich  kann
ihr  nicht  Glück  wünschen.“  Der  König,  der  doch  vor  Jahren  selbst  eine
Großfürstin  heimgeführt  hatte,  gab  jetzt,  unter  ganz  veränderten  Verhältnissen,
  nur  zögernd  seine  Einwilligung,  und  im  Volke  äußerte  sich  überall
der  Widerwille  gegen  diese  russische  Familienverbindung.  Der  Zar  selber
ließ  sich  durch  den  herkömmlichen  Einzugsjubel  keineswegs  täuschen.  Oft
äußerte  er  ingrimmig  zu  Rochow:  wir  gelten  in  Deutschland  heute  gar

 

—

*)  Rochow,  Promemoria  über  die  hannoversche  Verfassung,  März  1842.
        <pb n="683" />
        Römer.  Stuttgarter  Hungerkrawall.  675

nichts,  der  Haß  ist  zu  groß;  ich  werde  mich  in  Stuttgart  jedes  politischen
Ratschlages  enthalten,  das  könnte  nur  schaden.  Er  urteilte  richtig.
Die  von  der  Presse  beständig  gebrandmarkte  moskowitische  Oberherrschaft
bestand  zur  Zeit  nur  in  der  Einbildung  der  Liberalen:  weder  König
Friedrich  Wilhelm  noch  der  Bundestag  noch  die  Höfe  der  Mittelstaaten
ließen  sich  in  ihrer  inneren  Politik  durch  Petersburger  Machtsprüche  leiten.
Nikolaus  tröstete  sich  über  solche  unliebsame  Wahrnehmungen,  indem  er
drohend  sagte:  „wenn  man  mich  aber  brauchen  sollte,  dann  bin  ich  da
und  werde  gern  helfen!“*)  In  der  Tat  sollte  nur  zu  bald,  nach  der
Revolution,  eine  Zeit  erscheinen,  da  der  von  den  Liberalen  so  oft  an
die  Wand  gemalte  moskowitische  Teufel  plötzlich  lebendig  wurde.

Nun  kamen  die  Hungerjahre,  sie  brachten  dem  zerstückelten,  überschuldeten
  Kleingrundbesitze  Württembergs  zahllose  Zwangsversteigerungen  und
entsetzliches  Elend.  Im  Mai  1847  rottete  sich  der  Stuttgarter  Pöbel  zu
einem  Hungerkrawall  zusammen.  Der  König  ritt  hinaus,  allein,  wie  einst
an  seinem  Jubeltage,  er  dachte  durch  sein  Erscheinen  die  Tobenden  zu  beschwichtigen.
  Wie  ward  ihm  aber,  als  ihn  die  Massen  mit  Verwünschungen
und  Steinwürfen  empfingen.  Rasch  entschlossen  führte  er  selbst  seine
Truppen  zum  Angriff  vor,  und  der  Auflauf  wurde  nicht  ohne  Blutvergießen
  unterdrückt.  Diese  Stunde  blieb  dem  Könige  unvergeßlich;  seit  er
die  Launen  der  Volksgunst  also  durch  persönlichen  Schimpf  erfahren  hatte,
befestigte  er  sich  mehr  und  mehr  in  seiner  harten  Menschenverachtung.  Tief
empört  sagte  er  nachher  zu  Radowitz:  „Ein  solcher  Undank  nach  einer
dreißigjährigen  Regierung!“  Er  glaubte  fest  —  so  blind  war  sein  Zorn
—  daß  Römer,  Murschel  und  andere  Liberale  einen  großen  Aufstand
beabsichtigt  hätten,  und  bedauerte  nur  die  Verräter  nicht  überführen  zu
können.*)  Als  Römer  im  Febr.  1848  diese  Vorfälle  im  Landtage  zur
Sprache  brachte  und  die  Frage  stellte,  wann  die  Anwendung  von  Waffengewalt
  erlaubt  sei,  da  wollten  selbst  viele  seiner  Freunde  dem  Führer  der
Opposition  nicht  mehr  folgen,  und  Minister  Schlayer  erwiderte:  das
heiße  sich  gleichsam  auf  die  Seite  der  Umsturzpartei  stellen.  Alle  zitterten
vor  der  Revolution.  Nur  wenige  Tage,  und  sie  brach  auch  über  das
Schwabenland  herein.  —

In  Baden  hatte  die  Regierung  seit  Blittersdorffs  Sturz  für  längere
Zeit  allen  Halt  verloren.  Weder  Böckh  noch  der  gelehrte  Nebenius,  der
wieder  in  das  Ministerium  zurückgerufen  wurde,  vermochte  mit  dem  Landtag
  auszukommen.  Hinter  und  neben  ihnen  wirkten  im  hohen  Beamtentum
Männer  von  entschieden  reaktionärer  Gesinnung  wie  Rüdt  v.  Collenbach
und  Rettig;  und  dazu  währten  am  Hofe  die  geheimen  Zwistigkeiten  fort,  da
Großherzog  Leopold  in  seiner  unentschlossenen  Schwäche  überall  um  Rat

 

*)  Rochows  Berichte,  Petersburg,  28.  Jan.,  4.  Febr.,  12.  Aug.,  14.  Sept.  1846.
**)  Radowitzs  Bericht,  27.  Mai  1847.

43“
        <pb n="684" />
        676  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

anfragte.  Hier  zuerst  in  Deutschland  tauchte  das  Schreckwort  „Kama—
rilla“  auf,  das  nachher  in  den  Zeiten  der  Revolution  eine  so  große  Rolle
spielen  sollte.  Die  Schwarzwälder  Bauern  dachten  sich  darunter  irgend
ein  bösartiges  Frauenzimmer.  Was  diese  verrufene  Kamarilla  eigentlich
trieb,  das  ließ  sich  aus  der  Masse  der  umlaufenden  Klatschereien  aller—
dings  nicht  erkennen;  gewiß  war  nur,  daß  die  Großherzogin  Sophie  und
der  kommandierende  General  Markgraf  Wilhelm  einander  bekämpften,
desgleichen  daß  auch  ultramontane  Ränke  sich  zuweilen  an  diesen  pro—
testantischen  Hof  heranwagten.  Mehrere  der  hohen  Hofbeamten  waren
alte  Emigranten.  Als  die  beiden  ältesten,  noch  sehr  jugendlichen  Söhne
des  Großherzogs  1843  den  Wiener  Hof  besuchten,  da  sollte  Jarcke  als  politischer
  Lehrer  für  sie  angeworben  werden;  so  hatte  Blittersdorff  ge—
raten.  Ihr  Begleiter,  Oberst  Roggenbach  aber  erkundigte  sich  zunächst
bei  dem  preußischen  Gesandten  Canitz;  der  Preuße  schenkte  ihm  reinen
Wein  ein  und  erklärte  es  für  durchaus  unziemlich,  die  Erziehung  protestan—
tischer  Prinzen  diesem  fanatischen  Konvertiten  anzuvertrauen,  der  schon
den  jungen  Herzog  von  Nassau  ganz  in  österreichisch-klerikalem  Geiste
unterrichtet  hatte.  So  unterblieb  der  Versuch.“)

Die  Kammern  zeigten,  nachdem  sie  über  Blittersdorff  triumphiert,  ein
unermeßliches  Selbstgefühl,  sie  glaubten  an  der  Spitze  der  deutschen  Nation
zu  stehen  und  nährten  die  Überhebung  im  Volke  dermaßen,  daß  bald  nachher
  die  badischen  Demagogen  alles  Ernstes  hoffen  konnten,  die  deutsche  Re—
publik  von  dieser  Ecke  des  Vaterlandes  her  dem  übrigen  Volke  aufzuer—
legen.  Radowitz  meinte:  „Baden  wird  von  der  gesamten  subversiven  Partei
Deutschlands  als  das  Terrain  betrachtet,  auf  welchem  die  Hauptschläge
geschehen.“**)  In  diesen  Tagen  wurde  das  geheime  Schlußprotokoll
der  Wiener  Konferenzen  von  1834  zuerst  in  einer  deutsch-amerikanischen
Zeitung  veröffentlicht  und,  obgleich  jene  Beschlüsse  fast  ganz  wirkungs—
los  geblieben  waren,  doch  von  der  gesamten  liberalen  Welt  mit  Ab—
scheu  begrüßt.  Welcker  druckte  sodann  das  unheimliche  Aktenstück  nochmals
ab  und  dazu  die  vollständigen  Protokolle  der  Karlsbader  Konferenzen,  die
er  aus  Klübers  Nachlaß  erhalten  hatte.  Diese  „Wichtigen  Urkunden  für
den  Rechtszustand  der  deutschen  Nation“  (1844)  blieben  jahrelang  die
große  Fundgrube  für  die  liberale  Zeitungspolemik  und  halfen  vollends  zer—
stören,  was  von  dem  Ansehen  des  Bundestags  noch  übrig  war.  In  einer
donnernden  Kammerrede  übergab  Welcker  die  Wiener  Konferenzbeschlüsse
feierlich  „dem  Gottesgerichte  der  öffentlichen  Meinung“.  Auch  über  die
Mißhandlung  Weidigs  und  Jordans,  über  die  Zensur,  über  die  geheimen
Bundesprotokolle,  über  alles,  was  sonst  noch  faul  war  im  Deutschen
Bunde,  erging  er  sich  strafend  in  Schrift  und  Rede;  es  schien  zuweilen,

 

*7)  Canitzs  Bericht,  15.  Jan.  1843.
*“)  Radowitzs  Bericht,  19.  April  1844.
        <pb n="685" />
        Ultramontane  und  Liberale  in  Baden.  677

als  ob  der  höchste  Gerichtshof  der  deutschen  Nation  in  der  Karlsruher
Kammer  tagte.  Mit  demselben  erhabenen  Pathos,  wie  die  großen  Anliegen
des  deutschen  Volkes,  besprach  man  aber  auch  die  kleinlichsten  badischen
Ortsbeschwerden,  so  die  polizeiliche  Abwandlung  zweier  Bürger,  die  im
Wirtshause  einen  Polizeibeamten  „scharf  angeschaut  und  sich  anzügliche
Bemerkungen  über  seine  Nase  erlaubt  hatten“.  Der  wohlmeinende  liberale
Minister  v.  Dusch  erwiderte  zwar  auf  die  Warnungen  des  konservativen
Nachbarn  du  Thil:  „wir  regieren  mit  der  öffentlichen  Meinung  und  durch
sie.“)  In  Wahrheit  hatte  sich  Blittersdorffs  hartes  bureaukratisches
Regiment  auch  jetzt  noch  kaum  geändert.  Der  Muster-Zensor  Uria-Sarachaja
erlaubte  sich  gerade  damals,  unter  dem  schwachen  Ministerium  Nebenius,
die  frechste  Willkür.  Mannigfache  Roheiten  der  Polizeibehörden  reizten
  das  Volk,  zumal  in  Mannheim;  dort  war  der  Pöbel  der  Neckarvorstadt,
  „der  Neckarschleim“  ohnehin  zu  Unruhen  geneigt,  und  einmal
wurde  sogar  der  Gemeinderat,  als  er  einen  keineswegs  ungesetzlichen
politischen  Beschluß  fassen  wollte,  durch  die  Truppen  auseinander  gejagt.
Die  Regierung  schwankte  zwischen  halb  liberalen  Neigungen  und  polizeilicher
  Seelenangst;  in  den  langen  stürmischen  Kammerverhandlungen
kam  schließlich  nichts  zu  stande  als  das  neue  Strafgesetzbuch,  ein  tüchtiges
  Werk  des  Staatsrats  Jolly.

Da  stellte  Zittel  (Dez.  1845),  angeregt  durch  die  deutschkatholische
Bewegung,  seinen  Antrag  auf  Gleichberechtigung  der  christlichen  Religionsparteien.)
  Dieser  unverfängliche  Antrag,  der  kaum  mehr  verlangte,  als
was  König  Friedrich  Wilhelm  bald  nachher  den  Dissidenten  gewährte,  bot
nun  der  jungen  klerikalen  Partei  den  Vorwand,  um  ihre  Kraft  zu  erproben
und  nach  bayrischer  Art  eine  mächtige  Kundgebung  des  katholischen  Volkszornes
  zu  veranstalten.  Der  vormals  radikale  Freiburger  Professor  Buß,
der  als  Gelehrter  gar  nichts  galt,  aber  durch  seine  freche  Stirn  schwache
Leute  zu  erschrecken  vermochte,  leitete  die  pfäffische  Wühlerarbeit  im  Oberlande.
  Auch  Major  Hennenhofer,  der  verrufene  Günstling  des  alten
Großherzogs  Ludwig,  tauchte  wieder  aus  der  Vergessenheit  auf,  um  den
Klerikalen  im  Breisgau  beizuspringen.  Die  Religion  ist  in  Gefahr  —
oder:  wollt  ihr  katholisch  bleiben?  —  so  erklang  es  in  zahllosen  Flugschriften
  und  Volksversammlungen.  Die  Schwarzwälder  Bauern,  die  noch
kaum  aufatmeten  von  den  wütenden  Wahlkämpfen  der  Blittersdorffischen
Zeit,  sahen  sich  plötzlich  in  eine  wilde  kirchliche  Aufregung  hineingehetzt;
es  war,  als  ob  alle  Parteien  des  Landes  sich  verschworen  hätten,  dies  erregbare,
  aber  gutherzige  und  keineswegs  zuchtlose  Volk  nie  mehr  zur  Besinnung
  kommen  zu  lassen.  Auf  der  anderen  Seite  lärmten  die  Juden,
die  Deutschkatholiken,  die  werdende  radikale  Partei.  Als  der  klerikale

 

*)  du  Thils  Aufzeichnungen,  Wildbad,  Mai  1846.
**)  S.  o.  V.  348.
        <pb n="686" />
        678  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

neue  Erzbischof  Vicari  um  diese  Zeit  zuerst  nach  Konstanz  kam,  da  ge—
rieten  seine  Anhänger  mit  den  Gegnern  in  wüste  Raufhändel.

Erstaunt  über  den  Sturm  der  klerikalen  Petitionen  aus  dem  Ober—
lande,  entschloß  sich  der  Großherzog  nunmehr  zu  einem  unbegreiflichen
Mißgriff.  Er  löste  im  Febr.  1846  die  Kammer  auf,  ohne  jeden  genügen—
den  Grund,  wohl  in  der  Hoffnung  die  liberale  Opposition  zu  schwächen.
Die  Rechnung  trog  gänzlich.  Nach  einem  abermaligen  heftigen  Wahl—
kampfe  gewannen  die  Klerikalen  nur  einen  einzigen  neuen  Abgeordneten,
den  unglücklichen  Buß;  der  aber  wurde  durch  Mathy  an  seine  radikale
Vergangenheit  so  nachdrücklich  erinnert,  und  als  er  dreist  ableugnete,
so  schmählich  überführt,  daß  ihn  die  Kammer  fortan  kaum  noch  anhören
mochte.  Stärker  denn  je  zuvor  kehrten  die  Liberalen  in  den  Landtag
zurück,  und  sie  traten,  wie  billig,  der  ratlosen  Regierung  sehr  scharf
entgegen.  Mit  der  nahenden  Revolution  zu  drohen,  war  in  dieser  Kammer
schon  von  langeher  üblich,  Welcker  vornehmlich  pflegte  solche  Schreckbilder
fast  in  jeder  Rede  vorzuführen.  Jetzt  aber  warnte  auch  Mathy,  der  nie  ein
unbedachtes  Wort  sprach,  als  der  Antrag  auf  Preßfreiheit  zum  neunten
Male  gestellt  wurde:  „Ich  kann  mich  der  Ahnung  nicht  entschlagen,  daß
diesem  neunten  Antrage  nicht  eine  gleiche  Anzahl  folgen,  daß  die  Zeit
nicht  mehr  fern  sein  werde,  wo  über  Tag  oder  Nacht,  über  Leben  oder
Tod  die  Entscheidung  fällt.“  Mochte  auch  Nebenius  diesen  „unwürdigen
Ton“  entrüstet  zurückweisen,  am  Hofe  selbst  ahnte  man  doch  endlich,
daß  die  unverkennbar  liberale  Gesinnung  des  Landes  nur  durch  ein
liberales  Ministerium  befriedigt  werden  konnte.  Das  wohlhabende  Land
blieb  von  den  Hungerkrawallen  dieser  Teuerungsjahre  fast  ganz  verschont,
gleichwohl  fühlte  jedermann  die  allgemeine  Aufregung.  Sogar  Blittersdorff
  äußerte  sich  von  Frankfurt  her  in  diesem  Sinne;  seine  Hoffnung
war  freilich,  die  Liberalen  würden  ihre  Unfähigkeit  zum  Regieren  bald
zeigen  und  dann,  rasch  vernutzt,  einem  reaktionären  Ministerium  weichen
müssen.  Auch  Radowitz,  dessen  Rat  der  Großherzog  immer  wieder  einholte,
  widersprach  nicht  geradezu,  obgleich  er  auch  jetzt  noch  in  dem  Wahne
lebte,  man  könnte  auf  gesetzlichem  Wege  zu  einer  Verfassungsänderung
gelangen.*)  Entscheidend  jedoch  war,  daß  Nebenius  selbst  wünschte,  das
Ruder  des  Staates  an  kräftigere  Hände  abzugeben.

So  wurde  denn  endlich  (Dez.  1846)  Staatsrat  Bekk,  der  schon  seit
einiger  Zeit  dem  Ministerium  angehörte,  an  die  Spitze  der  Regierung
gestellt,  ein  tüchtiger  Jurist  und  wirksamer  Kammerredner  von  gemäßigt
liberaler,  aufrichtig  katholischer  Gesinnung;  er  gehörte  zu  der  alten  guten
Winterschen  Beamtenschule  und  hatte  sich  durch  Gerechtigkeit  und  Milde
allgemeine  Achtung  erworben.  Die  gröbste  Willkür  der  Zensoren  und  der
Polizeibehörden  hörte  nunmehr  auf;  es  war  Bekks  Verdienst,  daß  die  Ge- 



*)  Radowitzs  Bericht,  10.  Dez.  1846.
        <pb n="687" />
        Bekk.  Trennung  der  Liberalen  und  Radikalen.  679

bildeten  endlich  wieder  einiges  Vertrauen  zu  der  Staatsgewalt  gewannen
—  so  weit  dies  in  dem  tief  zerwühlten  und  zerklüfteten  Lande  noch  mög—
lich  war.  Ohne  dies  kurze  versöhnende  Regiment,  das  nur  leider  allzu
spät  eintrat,  wäre  Baden  nach  menschlichem  Ermessen  wohl  schon  im  Früh—
jahr  1848  ganz  der  Anarchie  anheimgefallen.

Bekks  Regierung  bewirkte,  daß  hier  zuerst  in  Deutschland  die  liberale
Partei  sich  von  der  radikalen  abzulösen  begann.  überall  sonst  hatte  man
bisher  alle,  die  dem  herrschenden  Systeme  widerstrebten,  ohne  Unterschied
zur  Opposition  gezählt.  In  Preußen  wurden  Dahlmann  und  Jacoby,
Vincke  und  H.  Simon  noch  allgemein  als  Gesinnungsgenossen  angesehen,
da  die  radikale  Partei  im  Vereinigten  Landtage  gar  nicht  vertreten  war,
also  noch  nie  Farbe  bekannt  hatte.  Auch  in  Baden  hatte  der  Liberalismus
während  der  wilden  Wahlkämpfe  seine  Bundesgenossen  genommen,  wo  sie
sich  fanden:  neben  den  erfahrenen  Führern  saßen  jetzt  im  Landtage  einige
junge  Demokraten,  der  gewandte  Rabulist  Brentano,  der  feurige  Volks—
redner  Hecker,  der  noch  von  seinen  Burschentagen  her  den  Namen  des
Krassen  führte,  und  andere.  Sobald  aber  die  Regierung  selbst  treu  im
Geiste  der  Verfassung  zu  handeln  begann,  da  zeigte  sich  sofort,  daß  viele
der  gefürchteten  älteren  Kammerredner,  die  in  Radowitzs  Gesandtschafts—
berichten  fast  allesamt  als  Demagogen  erschienen,  in  Wahrheit  sehr  ge—
mäßigte  Ansichten  hegten.  Solange  die  Liberalen  in  einer  aussichts—
losen  Opposition  standen,  hatten  sie,  begreiflich  genug,  oft  über  den  Strang
geschlagen.  Jetzt  gestand  Bassermann,  er  sei  des  unfruchtbaren  Wider—
sprechens  müde  und  würde  sich  freuen,  eine  ehrlich  konstitutionelle  Regie—
rung  zu  unterstützen.  Mathy  aber  sagte  schon  wenige  Wochen  nach  dem
Wahlkampfe  von  1846:  „das  Volk  ist  bescheidener  als  jene  Koterien,  welche
den  Ausdruck  seiner  Gesinnungen  bei  den  Wahlen  zu  fälschen  bemüht
waren.“  Auch  Welcker  war  der  Wüterich  nicht,  den  die  tiefbeleidigten
Bundesgesandten  verlästerten.  Über  die  Gemeinplätze  parlamentarischer
Redner  urteilt  der  ruhig  Zurückschauende  leicht  ungerecht;  Trivialität
bleibt  doch  das  sicherste  Mittel,  um  einen  politischen  Gedanken  zum  Gemeingute
  aller  zu  machen.  Ohne  die  ewigen  Wiederholungen  der  Kraftreden
Welckers  wäre  die  Überzeugung  von  der  Unhaltbarkeit  der  alten  Bundesverfassung
  nicht  so  tief  ins  Volk  gedrungen;  über  ein  deutsches  Parlament  aber
gingen  die  Wünsche  des  grimmigen  Polterers  selber  nicht  hinaus.  Von
den  Neugewählten  schloß  sich  vornehmlich  der  Mannheimer  Anwalt  v.  Soiron,
  ein  fähiger,  beredter  Jurist,  diesem  bürgerlichen  Liberalismus  an.

Von  der  anderen  Seite  her  eröffnete  Struve  den  Streit,  der  bald
mit  der  ganzen  Gehässigkeit  verfeindeter  Brüder  geführt  wurde.  Verbittert
durch  seinen  langen  Kampf  gegen  den  Muster-Zensor  hatte  Struve  sich
dem  wilden  Radikalismus  angeschlossen  und  donnerte  nunmehr  in  seiner
neuen  Zeitschrift,  dem  Deutschen  Zuschauer  wider  „die  Halben“,
die  Paradehelden,  die  Kammermandarinen.  Seine  „Ganzen“  fanden
        <pb n="688" />
        680  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

Bundesgenossen  an  dem  jungen  Demagogen  Karl  Blind  und  vielen
fremden  Agenten,  deren  das  Grenzland  sich  schwer  erwehren  konnte.  Zu—
gleich  ward  der  Abhub  der  Schweizer  und  der  Pariser  Presse  Tag  für
Tag  über  den  Rhein  gefahren.  Das  französische  Kommunistenschimpfwort
Bourgeois  klang  auch  in  Baden  wieder,  wo  es  doch  gar  keinen  Sinn  hatte,
und  auf  einer  radikalen  Volksversammlung  zu  Offenburg  (Sept.  1847)
wurde  außer  den  längst  landesüblichen  Volkswünschen  auch  schon  die  For—
derung  aufgestellt:  Ausgleichung  zwischen  Kapital  und  Arbeit.  Eine  soziale
Bewegung  kündigte  sich  an.  Völlig  hoffnungslos  sprach  Radowitz  über
„die  ganz  infizierte  Atmosphäre“  dieses  Landes.  Unheil  erwartete  er  auch
von  den  soeben  wieder  zugelassenen  Freimaurerlogen,  die  allerdings  in
Baden,  wie  in  allen  katholischen  Ländern,  dem  kirchlich-politischen  Libera—
lismus  weit  näher  traten  als  im  protestantischen  Norden;  dies  konnte  der
König,  nach  den  Traditionen  seines  Hauses,  freilich  nicht  ruhig  hinnehmen,
und  er  rügte  scharf:  „Welche  krasse  Unkenntnis  der  wahren  Tendenz  der
Maurerei!!  Wer  sie  kennen  lernen  will,  trete  in  sie  ein  !“*)  Nach  mannigfachen
  Händeln  und  Versöhnungsversuchen  maßen  sich  die  beiden  Parteien
endlich  im  offenen  Kampfe,  bei  den  Ergänzungswahlen  im  Herbst  1847.
Struve  unterlag,  mit  ihm  einige  seiner  radikalen  Freunde.

So  begann  die  längst  schon  gebotene  Klärung  des  Parteiwesens,  auch
sie  leider  viel  zu  spät,  um  die  deutsche  Nation  noch  rechtzeitig  zu  belehren.
Niemand  litt  unter  dem  Windzuge  dieser  neuen  Zeit  schwerer  als  der  alte
Adam  v.  Itzstein,  der  so  lange  alle  Kräfte  der  Opposition  mit  diplomatischer
  Kunst  zusammengehalten  hatte.  Jetzt  mußte  er  die  tüchtigsten
Männer  seiner  Gefolgschaft  rechts  abschwenken  sehen,  während  ihn  selber
die  Wucht  der  tausendmal  wiederholten  radikalen  Phrase  nach  links  hinüberzog.
  Fortan  war  er  ein  toter  Mann.  Die  Schärfe  der  neuen  Parteigegensätze
  zeigte  sich  noch  einmal  grell  in  den  ersten  Wochen  des  Jahres
1848,  als  die  drei  größten  Fabriken  des  Landes  in  Waghäusel,  Ettlingen,
Karlsruhe  durch  den  Sturz  des  großen  Bankhauses  Haber  und  andere
Unglücksfälle  schwer  gefährdet  wurden  und  die  Regierung  vorschlug,  ihnen
durch  eine  Staatsunterstützung  zu  Hilfe  zu  kommen.  Da  verwendete  sich
Mathy,  der  vor  kurzem  noch  so  gefürchtete  Demagog,  lebhaft  für  den
Antrag  der  Minister;  Hecker  aber  überreichte  eine  Petition  von  63  Arbeitern,
  welche  Macht  gegen  Macht  den  63  Abgeordneten  entgegentraten
und  sich  jede  Begünstigung  des  Großkapitals  trutzig  verbaten.  Unterdessen
berieten  die  Liberalen  über  die  Zukunft  des  Deutschen  Bundes.  An  dem
nahen  Zusammenbruche  zweifelte  niemand  mehr,  aber  niemand  wußte
auch  einen  sicheren  Weg  der  Rettung.  Nur  der  eine  Gedanke,  den  Welcker
schon  vor  anderthalb  Jahrzehnten  in  dieser  Kammer  ausgesprochen  hatte,
schien  allen  unzweifelhaft:  ohne  die  Mitwirkung  populärer  Kräfte  konnte

 

*)  Radowitzs  Berichte,  4.  Jan.,  6.  Aug.  1847.
        <pb n="689" />
        Bassermanns  Antrag.  du  Thil.  681

der  Bundestag  nicht  mehr  bestehen.  Noch  war  die  Revolution  nicht  aus—
gebrochen,  da  begründete  am  12.  Febr.  1848  Bassermann  mit  einer  tief
ergreifenden  Rede  seinen  Antrag  auf  Berufung  des  deutschen  Parlaments:
„Der  Weltfriede  steht  auf  zwei  Augen.  An  der  Seine  und  an  der  Donau
neigen  sich  die  Tage,  und  nur  das  Gute  und  das  Rechte  sind  die  Träger
aller  Herrschaft.“  —

Mit  freundnachbarlichem  Groll  betrachtete  der  dauerhafteste  aller
deutschen  Minister,  du  Thil,  diese  Badener,  die  ihm  namentlich  durch
die  freche  Mannheimer  Presse  sein  stilleres  Hessenland  beständig  aufwiegelten.
  Seit  die  Demagogenverfolgung  endlich  abgeschlossen  war,  regierte  er
ruhig  in  seiner  alten  Weise,  verständig,  ehrlich,  sorgsam,  aber  im  strengsten
  bureaukratischen  Geiste.  Es  war  ihm  gelungen,  das  dem  Südwesten
eigentümliche  System  des  Beamten-Parlamentarismus  zur  denkbar  höchsten
  Ausbildung  zu  vervollkommnen.  Im  Jahre  1845  befanden  sich  unter
den  50  Abgeordneten  der  zweiten  Kammer  34  Staats=  und  8  Gemeinde-Beamte;
  und  da  die  Amtsdisziplin  in  Hessen  weit  kräftiger  gehandhabt
wurde  als  in  Baden,  so  konnten  die  unglücklichen  acht  titellosen  Volksvertreter
  wenig  ausrichten.  In  der  deutschen  Politik,  zumal  in  den  Zollvereinshändeln
  hielt  sich  du  Thil  immer  treu  auf  Preußens  Seite.  Selbst
der  liberale  Hofprediger  Zimmermann  gewann  sich  den  Beifall  des  Königs
von  Preußen,  da  er  im  Gustav-Adolf-Vereine  für  die  Ausschließung  des
Freidenkers  Rupp  stimmte;  und  als  dem  Prälaten  darauf  „von  einigen
Lichtscheuen“  durch  die  Post  eine  tote  Fledermaus  zugesendet  wurde,
da  befahl  Friedrich  Wilhelm:  „Diese  Anekdote  muß  in  die  Zeitung
kommen,  mit  einem  kurzen  Wort  über  die  Würdigkeit  des  Handelns  und
der  Gesinnung  der  Pro-Ruppianer.“  ?)

Leicht  wurde  dem  klugen  Minister  seine  preußische  Haltung  nicht.
Denn  Prinz  Emil,  der  ungleich  begabtere  Bruder  des  wohlmeinenden  Großherzogs
  Ludwigs  II.  hegte  als  alter  napoleonischer  General  einen  natürlichen
  Widerwillen  gegen  das  preußische  Heer,  zumal  gegen  dessen  ersten
Mann,  den  Prinz  von  Preußen.  Mußte  es  sein,  so  wollte  der  hochkonservative
  Prinz  sein  Rheinbundsland  immer  noch  lieber  in  Österreichs  Obhut
geben.  Auch  russische  Ränke  ließen  sich  spüren,  seit  die  Prinzessin  Marie
den  Großfürsten-Thronfolger  geheiratet  hatte.  Der  erklärte  Günstling  des
Prinzen  Emil,  der  rohe,  ungebildete,  im  Stalle  aufgewachsene,  aber  energische
  und  gescheite  Prinz  August  Wittgenstein,  der  selber  einem  halbrussischen
  Geschlechte  angehörte,  vertrat  bei  Hofe  mit  Eifer  die  moskowitischreaktionären
  Gedanken.  Hier  allein  und  im  nahen  Nassau,  dessen  junger
Herzog  Adolf  kürzlich  eine  Großfürstin  heimgeführt  hatte,  behauptete  Zar
Nikolaus  einige  Macht,  während  der  preußische  Schwager  allen  Warnungen
  taub  blieb  und  die  anderen  deutschen  Höfe  allesamt  dem  Petersburger

 

*)  Bockelbergs  Bericht,  2.  Nov.  1845,  mit  Randbemerkung.
        <pb n="690" />
        682  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

Kabinett  ein  ängstliches  Mißtrauen  zeigten.  Unterdessen  begann  auch  die
ultramontane  Partei  ihre  Netze  im  Großherzogtum  auszuwerfen.  du
Thil  hielt  seine  Augen  offen;  er  freute  sich  aufrichtig,  als  ihm  eines
Tags  aus  Schaffhausen  ohne  Namen  eine  Flugschrift  zugesendet  wurde:
„die  Operationen  der  ultramontanen  und  absolutistischen  Partei  in  Süd—
deutschland  “—  ein  Büchlein,  das  offenbar  aus  den  Kreisen  der  liberalen
Priesterschaft  hervorgegangen  war  und  mit  gründlicher  Sachkenntnis  nach—
wies,  wie  tief  sich  die  klerikale  Partei  schon  an  den  Höfen  des  Südens
eingenistet  hatte.  In  Hessen  war  der  Kanzler  Linde  ihre  beste  Stütze.
Der  hatte,  aus  dem  kurkölnischen  Herzogtum  Westfalen  gebürtig,  sein
neues  Vaterland  Preußen  bald  unmutig  verlassen  und  nach  einer  kurzen
erfolgreichen  juristischen  Lehrtätigkeit  das  Kanzleramt  der  Universität
Gießen  sowie  einige  andere  hohe  Staatsämter  erlangt.  Er  gründete  die
Gießener  katholische  Fakultät,  die  mit  Freiburg  und  Tübingen  wetteifernd
sich  um  die  wissenschaftliche  Bildung  des  südwestdeutschen  Klerus  große
Verdienste  erwarb.  Den  strengen  Ultramontanen  blieb  er  stets  verdächtig,
weil  er  die  Verehrung  für  seinen  alten  Lehrer  Hermes  nie  ganz  verleugnete;
  und  doch  wirkte  er  mit  ihnen  zusammen,  weil  er  sie  als  unversöhnliche
Widersacher  Preußens  schätzte.  Jeder  starke  Charakter  zieht  an  und  stößt
ab,  das  gilt  von  den  Staaten  wie  von  dem  einzelnen.  Wie  der  preußische
  Staat  von  jeher  große  Talente  aus  dem  übrigen  Deutschland  an
sich  gezogen  und  mit  seinem  Geiste  erfüllt  hatte,  so  mußte  er  jetzt  auch
erleben,  daß  die  klerikale  Partei  des  Südens  ihre  wildesten  Preußenfeinde
allesamt  aus  Preußen  selbst  erhielt:  Görres,  Jarcke,  Phillips,  Linde.
Als  Erzherzog  Max  von  Osterreich-Este,  der  reiche,  im  stillen  mächtige
Gönner  der  Jesuiten,  den  Südwesten  bereiste,  da  war  in  Hessen  sein  erster
Gang  zu  Linde,  und  du  Thil  meinte  bitter:  „er  wußte,  an  wen  er  sich  zu
wenden  hatte.“  Auch  in  Biebrich,  wo  Jarcke  schon  vorgearbeitet  hatte,
scharte  sich  um  den  Freiherrn  v.  Loé  eine  klerikale  Hofpartei,  die  dem
sogenannten  „nassauischen  Rattenkönige“,  der  Vetterschaft  der  mächtigen
Familie  Dungern,  die  Herrschaft  zu  entreißen  trachtete.

Zwischen  so  mannigfachen  höfischen  Parteien  wußte  du  Thil  sich
tapfer  zu  behaupten;  er  besaß  das  volle  Vertrauen  des  Großherzogs  und
verteidigte  nach  außen  hin  die  Würde  seines  Fürstenhauses  noch  immer
mit  der  alten  Eifersucht.  Welche  Freude,  als  er  nach  vieljährigen  Kämpfen
endlich  durchgesetzt  hatte,  daß  Hessen-Homburg  nicht  einen  Anteil  an  der
Bundestagsstimme  der  Darmstädtischen  Vettern  enthielt,  sondern  mit  einem
Platze  unter  den  Kleinen  der  sechzehnten  Kurie  vorlieb  nehmen  mußte;
sonst  wäre  ja  die  großherzogliche  Virilstimme  zu  einer  Kuriatstimme  „degradiert“
  worden!  Als  den  gefährlichsten  Mann  der  liberalen  Opposition
fürchtete  man  den  alten  Präsidenten  Jaup,  der  einst  bei  der  Entstehung
der  Verfassung  mitgeholfen  hatte  und  jetzt  schon  längst  als  verdächtig
zur  Ruhe  gesetzt  war.  Er  galt  bei  Hofe,  schon  wegen  der  cynischen  Ein-
        <pb n="691" />
        Hessische  Ultramontane.  Linde.  Gagern.  683

fachheit  seiner  Erscheinung,  für  einen  argen  Demagogen,  obgleich  seine
Wünsche  nicht  über  die  Grenzen  eines  sehr  bescheidenen  Liberalismus  hin—
ausgingen,  und  es  gelang,  den  Gefürchteten  jahrelang  der  Kammer  fern  zu
halten.  Als  er  im  Jahre  1847  doch  gewählt  wurde,  da  verweigerte  die
Regierung  dem  längst  Verabschiedeten  den  Urlaub,  und  er  sah  sich  vom
Landtage  wiederum  ausgeschlossen.  „Herr  Jaup“,  so  sagte  der  Großher—
zog  einst  zu  du  Thil,  „wird  mir  nie  als  Minister  aufgedrungen  werden;
kommt  es  dahin,  so  habe  ich  vorher  abgedankt.“*)  Er  ahnte  nicht,  wie
bald  sich  diese  Weissagung  buchstäblich  erfüllen  sollte.  Durch  die  deutsch—
katholische  Bewegung  kam  der  geheime  höfische  Parteikampf  an  den  Tag.
Prinz  Emil  und  Linde  verlangten  scharfe  Unterdrückung,  Linde  bekämpfte
die  neue  Sekte  auch  in  geharnischten  Schriften.  du  Thil  aber  verfuhr
milder,  nach  Preußens  Vorbilde.  Infolge  dieser  Zerwürfnisse  nahm  Linde
endlich,  im  Dezember  1847  seinen  Abschied  —  um  bald  nachher  den  Kampf
gegen  Preußen  auf  einer  größeren  Bühne  von  neuem  zu  beginnen.
In  dem  stillen  Landtage  ward  es  erst  wieder  lebendiger,  als  die  Re—
gierung  ein  neues  bürgerliches  Gesetzbuch  vorlegte,  das  großenteils,  aber
nicht  vollständig  dem  Code  Napoleon  nachgebildet  war.  Grundes  genug
für  die  Rheinhessen,  um  den  alten  Haß  gegen  die  rechtsrheinischen  Starken—
burger  wieder  einmal  zu  bekunden;  nicht  einen  Buchstaben  von  dem  hei—
ligen  Kodex  des  fremden  Eroberers  wollten  sie  missen.  Gefördert  durch  den
neuen  Rheinischen  Verein,  begann  eine  starke  politische  Bewegung  auf  dem
linken  Ufer.  Der  Mainzer  Gemeinderat  schämte  sich  nicht,  dem  Groß—
herzog  in  einer  Petition  zu  sagen:  der  Code  Napoleon  verbinde  die  Rhein—
hessen  mit  50  Mill.  Belgiern  und  Franzosen  und  müsse  also  auch  auf
dem  rechten  Ufer  eingeführt  werden.  Da  der  Landtag  gleichwohl  den  Ge—
setzentwurf  annahm,  so  fühlten  sich  die  Rheinhessen  tief  beleidigt.  Mainz
zeigte  sich  wieder  einmal  als  die  Stadt  der  Klubisten,  in  allen  Weinhäusern
erklangen  Hochrufe  auf  die  Franzosen,  und  mit  den  Preußen  der  Bundes—
garnison,  die  man  als  Feinde  Frankreichs  verabscheute,  suchten  die  radi—
kalen  Schoppenstecher  beständig  Händel.  Durch  diesen  rheinhessischen  Streit
wurde  auch  Heinrich  v.  Gagern  in  das  öffentliche  Leben  zurückgeführt.
Seit  jenem  Tage,  da  er  die  feierliche  Frage  gestellt  hatte:  „wo  ist  bei
uns,  was  der  Freiheit  gleicht?“  —  seit  vollen  zehn  Jahren  war  er  den
Kammern  fern  geblieben.  Jetzt  trat  er  zunächst  mit  einer  Druckschrift
für  „die  Rechtsverfassung  Rheinhessens“  ein.  Es  war  doch  ein  Zeichen
grundverderbter  Zustände,  daß  dieser  redliche  deutsche  Patriot  das  fremde
Recht  verteidigte.  War  die  französische  Rechtseinheit  des  linken  Rheinufers
  vorzuziehen  oder  die  halbfranzösische  Rechtseinheit  des  hessen-darmstädtischen
  Reichs?  —  über  diese  Frage  konnte  man  wohl  streiten;  in  dem
Chaos  unserer  Kleinstaaterei  ward  alles  unklar.  Nachher  ließ  sich  Gagern

 

*)  Nach  du  Thils  Aufzeichnungen.
        <pb n="692" />
        684  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

(1846)  auch  in  den  Landtag  wählen,  und  da  er  sogleich  mit  dem  Unter—
suchungsrichter  des  Weidigschen  Prozesses,  dem  allgemein  verachteten
Georgi  in  einen  leidenschaftlichen  persönlichen  Zwist  geriet,  so  scharte  sich
die  schwache  Opposition  alsbald  um  den  schönen  ritterlichen  Mann  als
um  ihren  natürlichen  Führer.  Er  aber  hatte  nie  verhehlt,  daß  er  zuerst
ein  Deutscher  sei,  dann  erst  ein  Hesse.  Gleich  seinem  Freunde,  dem  Nier—
steiner  Wernher  sah  er  den  Zusammenbruch  des  Bundestags  voraus  und
suchte  sich  mit  den  Gesinnungsgenossen  der  Nachbarlande  über  die  Zukunft
des  großen  Vaterlandes  zu  verständigen.  —

 

Derweil  es  also  überall  gärte  und  eigentlich  niemand  mehr  an  die
Dauer  der  bestehenden  Ordnung  glaubte,  sank  der  Bundestag  tiefer  und
tiefer;  es  schien,  als  wollte  er  noch  zuletzt  beweisen,  wie  reif  er  zum  Unter—
gange  sei.  Seit  die  Kriegsgefahr  verschwunden  war,  zeigten  alle  Bundes—
staaten,  mit  der  einzigen  Ausnahme  Preußens,  wieder  die  alte  frevelhafte
Gleichgültigkeit  gegen  die  Wehrbarkeit  des  Vaterlandes.  Die  zweite  Bun—
des-Inspektion  im  Jahre  1846  bewies  nur,  daß  die  erste  wenig  geholfen
hatte;  das  luxemburgische  Kontingent  war  noch  immer  „sehr  weit  davon
entfernt,  formiert  zu  sein“.  Im  übrigen  gebar  die  neue  Einrichtung  nur
neue  unwürdige  Zänkerei.  Jeder  Souverän,  auch  wenn  er  gar  keinen
General  in  seinem  Vermögen  hatte,  verlangte  nach  dem  Hochgenusse,  an—
dere  Staaten  zu  inspizieren;  selbst  die  Senate  von  Hamburg  und  Lübeck
erklärten  nachdrücklich:  wir  bilden  mit  Oldenburg  eine  Brigade  und  zahlen
Zuschuß  für  den  Brigadegeneral,  folglich  müssen  wir  „als  an  der  Aktiv—
Inspektion  beteiligt,  sei  es  auch  nur  durch  ein  et  caetera  hinter  Olden—
burg  aufgeführt  werden.“  Aber  gegen  dies  et  caetera  verwahrte  sich
Oldenburg  mit  dem  ganzen  Stolze  des  Hauses  Gottorp.)

Auf  den  Toren  und  den  Geschützen  der  neuen  Bundesfestungen  wollte
König  Friedrich  Wilhelm  Bundesfahnen  und  Bundeswappen  anbringen
lassen,  und  der  Wiener  Hof  fand  begreiflicherweise  nichts  dawider  einzuwenden,
  wenn  das  althistorische  gelbschwarze  Reichsbanner  auf  den  Wällen
von  Ulm  und  Rastatt  prangte.  Ebenso  begreiflich,  daß  König  Ludwig  von
Bayern  davon  nichts  hören  wollte.  Er  schlug  die  schwarzrotgoldenen  Farben
der  Burschenschaft  vor,  um  also  „der  revolutionären  Partei  eine  Waffe  zu
entreißen“““*);  doch  wußte  er  sicherlich  im  voraus,  daß  nunmehr  gar  nichts
beschlossen  wurde.  Etwas  günstiger  verliefen  die  Beratungen  über  das
Bundeswappen.  Einige  der  Kleinen  wünschten  alle  Schilder  der  achtunddreißig
  Souveräne  in  einem  schönen  Kranze  zu  vereinigen  mit  der  Um- 



*)  Dönhoffs  Berichte,  25.  Juni,  6.  Juli  1846.
**)  Dönhoffs  Bericht,  24.  Juni  1846.
        <pb n="693" />
        Bundeswappen.  Spielbanken.  685

schrift:  „Eintracht  tragt  ein“;  alsbald  erwies  sich  aber,  wie  wenig  dieser
sinnige  Wahlspruch  zutraf.  Die  Reihenfolge  der  Wappenschilder  war  ja
seit  langem  streitig,  und  die  Einstimmigkeit,  die  für  einen  solchen  „orga—
nischen  Beschluß“  verlangt  wurde,  mithin  ganz  undenkbar.  So  mußte  man
denn  auf  den  Doppeladler  zurückkommen,  der  in  den  Jahrhunderten  des
Verfalles  dem  alten  Reiche  als  Wappen  gedient  hatte.  Der  bayrische
Bundesgesandte  Obercamp  aber  meinte:  „der  Adler  war  nie  ein  Zeichen
deutscher  Nationalität,  sondern  ein  dem  Heidentum  entstammendes  Symbol
römischer  Imperatorenwürde  und  Weltherrschaft.“  Nach  langen  Verhand—
lungen  gab  Bayern  endlich  nach.  Der  Adler  durfte  jedoch  weder  Krone  noch
Zepter  noch  Schwert  tragen,  das  hätte  die  Souveränität  der  Bundes—
staaten  zu  schwer  beeinträchtigt;  und  König  Friedrich  Wilhelm  ließ  dem
Bundestage  durch  seinen  Gesandten  sagen:  „auf  den  Schutzwällen  des
Bundes  würde  der  entwaffnete  Reichsadler  den  Franzosen  zu  vieler  Kurz—
weil  Veranlassung  geben;  ich  sei  wahrhaft  glücklich,  daran  unschuldig  zu
sein.“*)  Als  Preußen  sich  sodann  erbot,  die  1450  Mann,  welche  Waldeck
und  die  beiden  Lippe  zur  Kriegsbesatzung  von  Luxemburg  zu  senden  hatten,
selber  zu  stellen  und  dafür  die  drei  Heere  in  die  Festungen  Wesel  und
Minden  aufzunehmen,  wo  sie  viel  sicherer  waren,  auch  durch  ihre  Un—
zucht  weniger  Schaden  anrichten  konnten,  da  erklärten  die  drei  Fürsten
übereinstimmend:  dieser  Vorschlag  sei  „unangemessen“,  denn  in  Luxem—
burg  ständen  ihre  Truppen  unter  einem  Bundesgeneral  —  der  freilich
auch  ein  Preuße  war  —  in  Wesel  und  Minden  dagegen  „zur  Disposition
eines  Nachbarstaats“.*

Noch  tiefer  fühlten  sich  die  Kleinen  beleidigt,  als  König  Friedrich
Wilhelm  sich  bereit  erklärte,  die  einzige  preußische  Spielbank,  die  Aachener
aufzuheben  und  vom  Bundestage  für  die  Zukunft  ein  Verbot  aller  öffentlichen
  Spielbanken  verlangte.  In  allen  den  Badeorten  der  Frankfurter
Umgegend  blühten  die  Spielhöllen;  die  vornehmen  Gauner  Europas
gaben  sich  hier  ein  Stelldichein,  der  Pariser  Boulevardier  rechnete  Hombourg
  und  Bade-Bade  einfach  zu  Frankreich,  und  die  östlichen  Nachbarn
spotteten  nicht  mit  Unrecht,  in  diesen  Spielbädern  könne  man  die  vielgerühmte
  deutsche  Sittlichkeit  kennen  lernen.  Das  Unwesen  wurzelte  sehr
tief.  Die  Spielpächter  Benazet  in  Baden  und  Blanc  in  Homburg  zählten
mit  Rothschild,  Cotta  und  Taxis  zu  den  mächtigen  Kaufhäusern,  welche
sich  in  der  Eschenheimer  Gasse  besonderer  Gunst  erfreuten,  sie  waren  mit
Blittersdorff  und  anderen  Bundesgenossen  nahe  befreundet,  den  kleinen
Landesvätern  brachten  sie  erkleckliche  Einnahmen  und  von  den  Bewohnern
der  Badestädte  wurden  sie  als  Wohltäter  der  ganzen  Umgegend  wie
Heilige  verehrt.  Der  Gesandte  Graf  Dönhoff  mußte  also  bald  erfahren,  in

*)  Dönhoffs  Bericht,  7.  Mai;  Gise,  Weisung  an  die  Gesandtschaft  in  Berlin,  5.  Juni
1846.

*7)  Dönhoffs  Bericht,  3.  April  1847.
        <pb n="694" />
        686  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

welches  Wespennest  er  gestochen  hatte.  Nassau  wollte  wohl  die  kleinen
Spielhöllen  in  Schlangenbad  und  Schwalbach  preisgeben,  die  große  in
Ems  aber  sollte  fortbestehen,  solange  die  Homburger  dauere.  Baden
und  Homburg  wiesen  das  Ansinnen  entrüstet  zurück;  vorher  müßten  erst
alle  Lottos  und  Staatslotterien  vom  deutschen  Boden  getilgt  werden.“)
Das  Ende  des  mehrjährigen  Zankes  war,  daß  eine  einzige  der  größeren
deutschen  Spielbanken  unterging,  die  Köthener;  und  sie  starb  eines  na—
türlichen  Todes,  da  das  Land  nach  dem  Erlöschen  der  Köthener  Linie
(1847)  mit  Dessau  vereinigt  wurde.  Also  verschwand  das  historisch  merk—
würdigste  der  deutschen  Fürstentümer,  das  in  seltener  Vollständigkeit  sämt—
liche  Reize  germanischer  Kleinstaaterei  entfaltet  hatte.  Was  war  hier  nicht
alles  binnen  vierzig  Jahren  geleistet  worden:  erst  der  Moniteur  de  l'Em-—
pire  Anhaltin-Coethien,  dann  der  große  Schmuggelkrieg  gegen  Preußen,
dann  die  Jesuitenstation  mitten  im  altprotestantischen  Lande,  dann  endlich
die  Spielbank;  mehr  konnten  die  Lobredner  deutscher  Vielherrschaft  un—
möglich  verlangen.

In  solcher  Nichtigkeit  schleppten  sich  die  Frankfurter  Dinge  dahin.
Der  Bundestag  ist  eine  Leiche,  ein  Gaukelspiel,  er  ist  der  Indifferenzpunkt
der  deutschen  Politik  —  so  hieß  es  übereinstimmend  in  den  Berichten  der
großen  wie  der  kleinen  Gesandten.  Metternich  aber,  dem  doch  dieser  Bund
ganz  unschätzbar  sein  mußte,  fuhr  fort,  die  Versammlung  in  der  Eschen—
heimer  Gasse  mit  der  äußersten  Geringschätzung  zu  behandeln.  Dem
Grafen  Münch  rechneten  seine  Amtsgenossen  nach,  daß  er  von  den  23
Jahren  seiner  Präsidentschaft  13  in  Wien,  nur  10  in  Frankfurt  verbracht
hatte,  und  für  die  jüngste  Zeit  stellte  sich  die  Rechnung  sogar  noch  un—
günstiger.  Allerorten  in  Deutschland  —  so  gestanden  die  Bundesgesandten
selber  —  ward  über  die  Zukunft  des  Vaterlandes  gesprochen,  nur  nicht
in  Frankfurt.  Ein  Rausch  der  Feste  ging  durch  das  deutsche  Land,  das
doch  zu  jubeln  so  wenig  Ursach  hatte.  Wie  zur  selben  Zeit  die  schicksals—
verwandten  Italiener,  so  suchten  die  Deutschen  in  unzähligen  brüderlichen
Zusammenkünften  ihrer  nationalen  Einheit  froh  zu  werden.  Den  Naturforschertagen
  folgten  die  Zusammenkünfte  der  Philologen,  der  Landwirte,
der  Anwälte,  der  Sänger,  der  Schriftsteller.  Uberall  wurde  die  neue  Trikolore
  Schleswigholsteins  mit  Frohlocken  begrüßt;  und  auch  die  vom  Bundestage
  verschmähte  schwarzrotgoldene  Fahne  tauchte  trotz  der  Verbote
immer  wieder  auf,  sie  galt  schon  allgemein  als  das  nationale  Banner.

Von  lang  nachwirkender  Bedeutung  waren  unter  diesen  Versammlungen
nur  die  beiden,  zuerst  durch  den  Schwaben  L.  Reyscher  angeregten  Germanistentage,
  die  in  Frankfurt  1846,  ein  Jahr  darauf  in  Lübeck  zusammentraten.
  Sie  wurden  als  „geistiger  Landtag  des  deutschen  Volks“  gepriesen,
denn  hier  vereinigte  sich  die  Blüte  des  Professorentums,  das  neuerdings

 

*)  Dönhoffs  Berichte,  7.  Jan.  1845  ff.
        <pb n="695" />
        Germanistentage.  Heppenheimer  Versammlung.  687

durch  den  welfischen  Staatsstreich  und  den  schleswigholsteinischen  Streit
wieder  ein  hohes  politisches  Ansehen  errungen  hatte  und  nunmehr  in
gründlicher  wissenschaftlicher  Erörterung  die  großen  politischen  Lebens—
fragen  der  Nation  besprach.  Eine  andere  Bühne  stand  den  Deutschen  noch
nicht  offen,  und  es  war  nur  der  Lauf  der  Welt,  daß  die  Männer  dieses
geistigen  Landtags  nachher  in  allzu  großer  Zahl  für  das  wirkliche  Par—
lament  gewählt  wurden.  In  Frankfurt  ward  die  schleswigholsteinische  Frage
von  Dahlmann,  Waitz,  Droysen  so  ernst  und  umsichtig  beleuchtet,  daß  seit—
dem  ein  Zweifel  an  dem  guten  Rechte  unserer  Nordmark  kaum  noch  mög—
lich  schien.  In  Lübeck  sodann  gelangte  der  alte  Streit  um  die  Neugestaltung
des  Strafverfahrens  zu  einem  vorläufigen  theoretischen  Abschluß;  auch
Georg  Beseler,  der  kürzlich  in  seiner  Schrift  „Volksrecht  und  Juristenrecht“
die  Ruheseligkeit  der  historischen  Schule  bekämpft  und  das  altdeutsche
Schöffengericht  verteidigt  hatte,  bekehrte  sich  jetzt  zu  der  sehr  bestreit—
baren,  aber  von  der  Mehrzahl  gebilligten  Ansicht  Dahlmanns:  das
Schwurgericht  sei  das  gediegenste  politische  Bildungsmittel  für  das  Volk.
So  stimmten  die  Gelehrten  mit  den  volkstümlichen  Wünschen  überein.
Es  waren  doch  glückliche  Tage;  eine  schwärmerische,  hoffnungsfrohe  Begeisterung
  verjüngte  auch  die  Alten.  Uhland  meinte,  die  alten  Kaiser
sprängen  leibhaftig  aus  ihren  Rahmen  heraus,  als  er  im  alten  Römersaale
die  vaterländische  Beredsamkeit  der  Tagenden  anhörte;  und  im  Lübecker
Rathause  fiel  der  greise  Jakob  Grimm  dem  Freunde  Dahlmann  überwältigt
in  die  Arme  mit  dem  Ausruf:  er  habe  nie  etwas  so  sehr  geliebt  wie  sein
Vaterland.  Nur  zu  bald  sollte  die  Zeit  mit  ehernen  Sohlen  über  solche  unschuldige
  Gefühle  hinwegschreiten.  Die  Gelehrten  empfanden  das  selbst;
sie  verabredeten  miteinander  ein  gemeinsames  Werk  über  die  neueste
deutsche  Geschichte,  ein  Unternehmen,  das  bestimmt  war,  der  Nation  das
Bewußtsein  ihrer  jüngsten  Entwicklung  zu  erwecken,  ihr  die  Einsicht  zu
schärfen  für  kommende  Taten.  Auch  dieser  Plan  ward  nachher  durch  die
Revolution  vereitelt;  nur  einige  Bruchstücke,  das  Leben  Steins  von  Pertz
und  Wippermanns  kurhessische  Geschichte,  kamen  zu  stande.

Solche  Versammlungen  konnten  nur  vorbereiten;  unmittelbar  der
Politik  des  Tages  galten  aber  die  vertraulichen  Beratungen,  welche  alle
diese  Jahre  hindurch  zwischen  den  liberalen  Abgeordneten  Westdeutschlands
gehalten  wurden.  Die  Ratlosigkeit  und  die  Zwietracht  der  Kronen  zwangen
die  Nation,  den  Anstoß  zu  einer  Bundesreform  nur  noch  von  unten
her  zu  erwarten.  Im  Oktober  1847  versammelten  sich  zu  Heppenheim
mehrere  der  angesehensten  Liberalen  des  Westens:  Mathy,  Bassermann,
Soiron  aus  Baden,  Römer  aus  Württemberg,  Hergenhahn  aus  Nassau,
Heinrich  v.  Gagern  aus  Hessen,  Hansemann  und  Mevissen  aus  dem  preuhßischen
  Rheinlande;  auch  der  alte  Itzstein  war  erschienen,  doch  merkte
er  bald,  daß  seine  Stimme  unter  diesen  gemäßigten  Liberalen  nichts
mehr  galt.  Hier  wurde  nun  der  Gedanke  des  deutschen  Parlaments,  der
        <pb n="696" />
        688  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

jetzt  schon  überall  als  Volkswunsch  galt,  ernstlich  erwogen,  und  sobald  man
den  Dingen  näher  trat,  drängte  sich  auch  schon  gebieterisch  die  Frage  der
Zukunft  hervor,  die  Frage:  Preußen  oder  Osterreich?  Mathy  erwies  mit
seinem  überlegenen  Verstande:  ein  Reichstag  ohne  eine  wirkliche  Staats—
gewalt  sei  ein  Unding,  ja  er  würde  neben  dem  Bundestage  die  deutsche
Anarchie  nur  vollenden;  der  Zollverein  hingegen  besitze  schon  eine  gemeinsame
  Verwaltung,  eine  leidliche  Organisation,  also  müsse  den  Zollkonferenzen
  ein  Zollparlament  beigeordnet  werden,  das  ernsthafte  nationale
Geschäfte  ernsthaft  beriete,  ohne  in  leeren  Phrasen  unterzugehen.  Es
war  ein  befreiendes  Wort.  Verfolgte  man  diesen  Weg  weiter,  so  gelangte
man  unfehlbar  zu  der  Erkenntnis,  daß  die  deutsche  Einheit  nur  unter
Preußens  Führung  und  mit  Ausschluß  Österreichs  möglich  war.  Gagern
stimmte  dem  Badener  zu,  desgleichen  Hansemann,  der  schon  den  Rheinischen
  Provinzialständen  und  dem  Vereinigten  Landtage  die  Berufung  eines
Zollparlaments  empfohlen  hatte,  und  man  trennte  sich  in  Eintracht.  Als
die  Tagenden  heimkehrten,  da  bemerkten  sie  freilich  bald,  daß  der  nüchterne
  Gedanke  des  Zollparlaments  den  leidenschaftlich  erregten,  nach  einem
unbestimmten  Glücke  verlangenden  Gemütern  der  Patrioten  nicht  genügte.
Das  deutsche  Parlament  blieb  das  einzige  Schlagwort  der  Einheitspartei,
das  die  Massen  begeistern  konnte.  Darum  stellte  Bassermann  im  Karlsruher
  Landtage  seinen  Antrag  auf  Berufung  einer  gesamtdeutschen  Volksvertretung,
  obgleich  der  einsichtige  Mann  wohl  wußte,  wie  wenig  dieser
nebelhafte  Vorschlag  den  Kern  der  Sache  traf.

Schon  vorher,  im  Juli  1847,  war  ein  Unternehmen  begonnen  worden,
das  den  gemäßigten  Liberalen  für  die  nationale  Politik  die  geistige  Führung
sichern  sollte.  Der  Plan  einer  großen,  für  die  gesamte  Nation  bestimmten
Zeitung  beschäftigte  den  König  von  Preußen  seit  seiner  Thronbesteigung
und  wurde  auch  jetzt  noch  durch  Professor  Lohbauer  wieder  aufgenommen,
doch  er  konnte  unmöglich  gelingen;  denn  wo  ließen  sich  die  Publizisten
finden,  die,  wie  Friedrich  Wilhelm  wünschte,  zugleich  ganz  freimütig
und  ganz  im  Geiste  des  Berliner  Hofes  schrieben?  Diesen  alten  Lieblingsgedanken
  rissen  die  badischen  Liberalen  dem  Könige  aus  den  Händen,
sie  beschlossen  auf  einer  Durlacher  Versammlung  (1846)  die  Gründung
einer  großen  „Deutschen  Zeitung“.  Bassermanns  Buchhandlung  in  Mannheim
  übernahm  den  Verlag,  Gervinus  die  Leitung,  und  seinem  unermüdlichen
  Eifer  gelang  es  bald,  nicht  nur  beträchtliche,  nach  deutschen  Verhältnissen
  ganz  unerhörte  Geldzeichnungen  zu  erlangen,  sondern  auch  fast
alle  guten  Namen  des  gemäßigten  Liberalismus  im  Süden  und  Westen
für  die  Mitarbeit  anzuwerben.  Nur  Dahlmann  hegte  von  Haus  aus
Bedenken;  er  blieb  dabei,  „daß  auf  preußischem  Boden  erscheinen  muß,
was  in  Preußen  Wurzeln  fassen  soll,“  während  Gervinus  in  seinem  kleinstaatlichen
  Dünkel  glaubte,  der  Süden  solle  seinen  konstitutionellen  Geist
von  außen  her  in  Preußen  einpflanzen  und,  den  Preußen  nur  die  Aus-
        <pb n="697" />
        Deutsche  Zeitung.  689

führung  überlassend,  in  der  deutschen  Politik  stets  vorangehen.  Von  den
Radikalen  schon  im  voraus  als  Professorenblatt  verhöhnt,  brachte  die
Deutsche  Zeitung  eine  überraschende  Fülle  von  ernsten,  wohldurchdachten
Leitartikeln;  selbst  ihre  Korrespondenzen  glichen  oft  mehr  doktrinären  Ab—
handlungen  als  tatsächlichen  Berichten,  obgleich  die  Redaktion  klagte:
unsere  Korrespondenz  ist  noch  nicht  überall  ganz  im  Systeme.  Von  un—
zähligen  Staatsmännern,  Abgeordneten,  Gelehrten  liefen  treffliche  Bei—
träge  ein.  Unter  den  ersten  Mitarbeitern  bewährte  sich  namentlich  Mathy
als  rühriges  journalistisches  Talent,  neben  ihm  der  Heidelberger  Historiker
Ludwig  Häusser,  ein  junger  Elsasser,  in  dem  sich  alle  schönen  Charakter—
züge  des  süddeutschen  Volkstums  vereinigten:  gesunder  Menschenverstand,
fröhliche  Tatkraft,  warme  Begeisterung  und  eine  selbst  die  Gegner  zu—
weilen  gewinnende  Liebenswürdigkeit.  Nachher  sind  noch  viele  andere
tüchtige  Publizisten  durch  die  Deutsche  Zeitung  für  das  journalistische
Handwerk  erzogen  worden:  Kruse,  Aegidi,  Heller,  Marggraff.

Die  Deutsche  Zeitung  wirkte  —  so  erfolgreich,  wie  späterhin  nur
noch  die  Kreuzzeitung  —  für  die  Durchbildung  einer  ganz  bestimmten
Parteigesinnung,  aber  freilich  nur  in  einem  engen  Kreise.  Fast  alle  die
wackeren  Gelehrten,  welche  nachher  im  Frankfurter  Parlamente  den  Ausschlag
  gaben,  die  Anhänger  der  konstitutionellen  Monarchie  und  der  preußischen
  Hegemonie,  verdankten  den  Artikeln  dieses  Blattes  einen  Teil  ihrer
politischen  Bildung.  Allein  in  die  Masse  der  Lesewelt  drang  die  Deutsche
Zeitung  niemals  ein.  Sie  schwebte  von  vorn  herein  in  der  Luft,  da
sie  weder  einen  landschaftlichen  Boden  unter  den  Füßen  hatte  noch  die
Klasseninteressen  eines  mächtigen  Standes  vertrat;  der  Ton  ihrer  Aufsätze
war  gewöhnlichen  Lesern  zu  hoch,  und  den  wirksamen  Wucher  mit  aufregenden
  Neuigkeiten  verschmähte  sie  stolz.  Das  Schlimmste  blieb  doch,
daß  sie  in  Preußen  selbst  so  wenig  Mitarbeiter  und  Leser  fand;  sogar
der  alte  Schön  schrieb  gar  nichts,  obgleich  er  seinen  gefeierten  Namen  unter
die  Ankündigung  des  Blattes  gesetzt  hatte.  Zu  dem  Heidelberger  leitenden
  Ausschuß  gehörte  auch  Geh.  Rat  Fallenstein,  ein  alter  Lützower  Jäger,
der  nach  einer  entbehrungsreichen  Jugend  im  preußischen  Staatsdienste
emporgestiegen  und  kürzlich  unmutig  ausgeschieden  war,  weil  er  sich  mit
Kühnes  diktatorischem  Wesen  nicht  vertragen  konnte  —  einer  jener  seltenen
Männer,  welche  mehr  durch  die  Macht  einer  ursprünglichen  Persönlichkeit
  als  durch  ihre  Taten  wirken,  ein  urkräftiger  Teutone,  fest,
freimütig,  bedürfnislos  wie  alle  die  Recken  der  Blücherschen  Tage.  Er
blieb  seinem  Gervinus  in  treuer  Freundschaft  zugetan,  und  doch  ward
dem  tapferen  Preußen  oft  schwül  zu  Mute,  wenn  die  Deutsche  Zeitung
das  theoretisch  geliebte  Preußen  Tag  für  Tag  praktisch  mißhandelte  und
ihm  immer  von  außen  her,  meist  ohne  jede  Sachkenntnis,  Lehren  der
Weisheit  und  Tugend  gab.  Gervinus  selbst  entschuldigte  sich  cinmal:
unser  wärmerer  Tadel  gegen  Preußen  ist  nur  ein  Zeichen  unserer  wärmeren

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  4
        <pb n="698" />
        690  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

Liebe;  aber  Liebe  zu  erweisen,  verstand  der  ewig  Ungnädige  wenig.  Auf
die  Dauer  ging  es  nicht  an,  also  außerhalb  Preußens  preußische  Politik
zu  predigen,  und  es  war  doch  nur  menschlich,  daß  König  Friedrich  Wilhelm,
  der  ohnehin  den  liberalen  Ideen  so  fern  stand,  die  allezeit  tadelnden
„Mannheimer  und  Heppenheimer“  als  seine  geschworenen  Feinde  betrachtete.
  Preußen  ist  ein  ganz  deutscher  Staat  geworden  —  in  diesem  beständig
  wiederholten  Satze  lag  das  bleibende  Verdienst  der  Deutschen  Zeitung,
  jedoch  außerhalb  der  Gelehrtenwelt  fand  die  neue  Erkenntnis  vorerst
  nur  wenig  Anklang.

Die  Nichtigkeit  des  Bundestags  erschien  so  hoffnungslos,  daß  selbst
Blittersdorff  jetzt  auf  Reformgedanken  geriet.  Reiner  Partikularist  war  er
ja  nie  gewesen,  er  wünschte  eine  starke  Bundespolitik.  In  seinem  ungeduldigen
  Ehrgeiz  unternahm  er  einmal  sogar  mit  dem  Grafen  Dönhoff
anzuknüpfen  und  gab  ihm  zu  verstehen,  bei  der  vollendeten  Gleichgültigkeit
OÖsterreichs  bleibe  nichts  mehr  übrig  als  der  Anschluß  der  kleinen  Staaten
an  Preußen.  Diese  Schwenkung  des  alten  Gegners  war  doch  zu  verdächtig;
  selbst  der  allezeit  arglose  König  warnte  seinen  Gesandten:  „das
kann  eine  Falle  sein,  deren  H.  v.  B.  wohl  fähig  ist.“)  Also  von  Preußen
abgewiesen,  wandte  sich  Blittersdorff  wieder  dem  geliebten  Osterreich  zu
und  bestürmte  seit  dem  Herbst  1847  den  Grafen  Münch  mit  einer  langen
Reihe  von  Denkschriften,  die  allesamt  unfreiwillig  und  eben  deshalb  unwiderleglich
  erwiesen,  daß  die  Hofburg  ihre  Herrschaft  in  Deutschland
nur  noch  durch  Betrug  und  Rechtsverdrehung  zu  erweitern  vermochte.  Mit
dürren  Worten  gestand  Blittersdorff  ein,  Österreich  könne  weder  „ein
nationales  Deutschland  mit  zentraler  Aktion“  dulden,  noch  selber  in  den
Zollverein  eintreten;  folglich,  so  schloß  er,  müsse  der  Wiener  Hof,  mit
gewandter  Benutzung  des  nichtssagenden  Art.  64  der  Wiener  Schlußakte,
alle  die  zwischen  den  Bundesstaaten  abgeschlossenen  Sonderverträge  über
Zoll-,  Münz-,  Postwesen  usw.  „unter  den  Schutz  des  Bundestags“  stellen
und  dergestalt  „die  politische  Leitung“  aller  gemeinnützigen  deutschen  Bestrebungen,
  insbesondere  des  Zollvereins  selber  in  die  Hand  nehmen.  Welch
ein  naives  Geständnis!  Von  den  Pflichten  des  deutschen  Zollverbandes
sollte  dic  Hofburg  frei  bleiben,  aber  das  Recht  der  Herrschaft  gebührte
ihr,  damit  nur  ja  niemals  ,ein  nationales  Deutschland“  entstände!  Anschaulicher
  ließ  sich  der  Löwenvertrag,  der  zwischen  Österreich  und  Deutschland
  bestand,  nicht  schildern.  Zum  Glück  blieb  das  alles  verlorene  Arbeit.
  Zu  irgend  einem  kräftigen  Entschlusse  konnten  sich  weder  Metternich
selbst  noch  seine  ebenso  altersmüden  Genossen  aufraffen.  Als  du  Thil
dem  Grafen  Münch  Bundesreformen  oder  mindestens  strengere  Handhabung
  der  bestehenden  Bundesgesetze  empfahl,  da  erwiderte  der  Österreicher:
  „Warum  soll  ich  mich,  nachdem  ich  mich  so  lange  abgeplagt  habe,

 

*)  Dönhoffs  Bericht,  8.  April  1845  mit  Randbemerkung.
        <pb n="699" />
        Bundesreformpläne.  Blittersdorff.  Leiningen.  691

zu  guter  Letzt  vollends  ganz  unpopulär  und  verschrien  machen?“  Der
Hesse  aber  dachte  ahnungsvoll:  Après  nous  le  déluge!7)

Ehrlicher  gemeint  waren  einige  Reformvorschläge  des  Fürsten  Karl
v.  Leiningen.  Ein  Halbbruder  der  Königin  Victoria  hatte  er  einen  Teil
seiner  Jugend  in  England  verlebt,  mannigfache  Erfahrungen  und  Kenntnisse
  gesammelt  und  den  Segen  einer  starken  nationalen  Einheit  aus  der
Nähe  kennen  gelernt;  ohnehin  betrachtete  er,  gleich  der  Mehrzahl  der  mediatisierten
  Fürsten,  die  deutschen  Dynastien  mit  skeptischen  Blicken,  denn
warum  sollten  die  Häuser  Lippe  oder  Reuß  unantastbarer  sein  als  Leiningen
  oder  Fürstenberg?  Seit  er  den  Vorsitz  im  bayrischen  Reichsrate
mit  gutem  Anstande  führte,  glaubte  er  sich  auch  an  die  großen  Aufgaben
der  nationalen  Politik  wagen  zu  können.  Leider  fehlten  dem  warmherzigen
  Patrioten  Ruhe,  Stetigkeit,  ausdauernder  Fleiß;  alle  seine  Arbeiten
waren  formlos,  halb  ausgereift,  sie  verrieten  die  lässige  Hand  des  vornehmen
  Dilettanten.  In  einer  schwungvollen  Denkschrift  mahnte  er  seine
mediatisierten  Standesgenossen,  auf  die  verhaßten  Abgaben  und  obrigkeitlichen
  Rechte,  die  ihnen  noch  geblieben,  rechtzeitig  zu  verzichten  und  sich
dafür  in  den  Landtagen  eine  politische  Machtstellung  zu  sichern.*)  In
zwei  anderen  Aufsätzen  betrachtete  er  sodann  die  deutsche  Frage  und  erklärte
  sich  offen  für  Preußens  Hegemonie;  die  Hofburg  dachte  er,  soviel
sich  erraten  ließ,  mit  einer  Ehrenstellung  abzufinden.  Die  einst  so  heiß
erstrebte  Souveränität  der  deutschen  Dynastien  —  so  führte  er  aus  —  sei
einerseits  durch  den  Zollverein,  andererseits  durch  die  Landstände  und  das
Beamtentum,  kurz  durch  die  wachsende  Macht  des  Mittelstandes  schon
so  gründlich  beeinträchtigt,  daß  sie  auch  noch  stärkere  Einschränkungen  wohl
ertragen  könne;  darum  müßten  die  Fürsten  sich  der  beiden  bewegenden
Elemente  der  Zeit,  der  Ideen  der  konstitutionellen  Freiheit  und  der  Nationalität
  bemächtigen,  die  Nation  nach  diesen  Zielen  hinführen,  das  Übergewicht
  Preußens  zugleich  anerkennen  und  fest  begrenzen.  „Wie  aber“,
fuhr  er  nachdenklich  fort,  „wenn  sich  Preußen  auch  in  politischer  Beziehung
an  die  Spitze  der  Ideen  und  Bestrebungen  jenes  schon  so  mächtigen
Mittelstandes  stellt  und  die  Erreichung  jenes  Zieles,  nach  dem  die  deutsche
Nation  so  mühselig  strebte,  ihr  plötzlich  als  ganz  nahe  zeigt?“

Die  eine  dieser  Denkschriften,  die  auch  am  Bundestage  und  an  den
kleinen  Höfen  bald  bekannt  wurden,  sendete  der  Fürst  seinem  Schwager,  dem
Prinzen  Albert,  und  der  Prinz-Gemahl  entschloß  sich  alsbald  mit  der  ganzen
  Dreistigkeit  des  künstlichen  Engländers,  den  König  Friedrich  Wilhelm
über  deutsche  Politik  zu  unterrichten.  Wunderbar  doch,  in  welchen  holden
Selbsttäuschungen  diese  glückhaften  Koburger  dahinlebten!  Die  lächerliche,

*)  du  Thils  Aufzeichnungen,  Juni  1846.

**7)  Fürst  von  Leiningen,  Denkschrift  über  die  Mediatisierten,  Frühjahr  1846.

***)  Fürst  v.  Leiningen,  zwei  Denkschriften  über  Deutschlands  Lage,  o.  D.,  etwa  im

Januar  und  im  Juli  1846  geschrieben.

 

447
        <pb n="700" />
        692  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

nur  durch  eine  heuchlerische  Hof-Etikette  notdürftig  verdeckte  Ohnmacht
des  englischen  Königtums  blieb  ihnen  ganz  verborgen,  und  Herzog  Ernst
von  Koburg  meinte  alles  Ernstes,  die  Stellung  seines  Bruders  sei  „dem
Könige  von  Preußen  wohl  gewachsen“!  Die  deutsche  Fremdbrüderlichkeit
aber  ertrug  willig  eine  Anmaßung,  welche  jedes  andere  Volk  den  ver—
lorenen  Söhnen  des  Vaterlandes  stolz  verbietet.  Wie  unsere  Liberalen
sich  von  den  Deutsch-Amerikanern  dankbar  belehren  ließen,  so  fanden  es
auch  unsere  Höfe  nicht  unwürdig,  daß  dieser  Koburger,  der  seinem  Vater—
lande  gleichmütig  den  Rücken  gewendet  hatte,  immer  noch  in  deutschen
Dingen  mitreden  wollte.  Was  würde  Königin  Victoria  gesagt  haben,
wenn  König  Friedrich  Wilhelm  ihr  im  Tone  des  Lehrers  Anweisungen
für  die  innere  Politik  Englands  gegeben  hätte?  —  diese  einfache  Frage
legten  sich  die  bescheidenen  Deutschen  noch  nicht  vor.  Prinz  Albert  stand
der  partikularistischen  Dynastengesinnung  viel  näher  als  sein  deutscher
Schwager,  und  namentlich  der  Gedanke  der  preußischen  Hegemonie  blieb
ihm  unheimlich.  Darum  eignete  er  sich  einige  gute  Gedanken  der  Lei—
ningenschen  Denkschrift  an,  um  ihnen  sogleich  behutsam  die  Spitze  ab—
zubrechen.  Er  verlangte,  wie  sein  Schwager,  das  konstitutionelle  Regi—
ment  und  die  deutsche  Einheit,  aber  obgleich  er  selber  zugab,  daß  Oster—
reich  jede  Reform  grundsätzlich  hindere,  so  forderte  er  doch,  Preußen  müsse
im  Einverständnis  mit  Osterreich  vorgehen  und  den  Bundestag  dermaßen
stärken,  daß  alle  die  Zoll-  und  Post-  und  Münzwvereine  in  Frankfurt  unter
dem  Schutze  des  Bundes  vereinigt  würden,  allerdings  mit  Zuziehung
gewählter  Abgeordneten  und  mit  voller  Offentlichkeit.  Seine  Ratschläge
stimmten  also  am  letzten  Ende  mit  Blittersdorffs  österreichischen  Denk—
schriften  überein;  nur  stellte  er,  in  seltsamem  Widerspruche,  immer  wieder
die  Bedingung,  daß  Preußen  die  Leitung  der  Frankfurter  Reformpolitik
allein  in  seiner  Hand  behalten  müsse.  Wie  aber  dies  Wunder  möglich
werden,  wie  Preußen  in  Frankfurt  jemals  eine  sichere  Mehrheit  erlangen
sollte?  —  darauf  gab  der  Prinz  keine  Antwort.  Es  war  doch  eine  recht
schwache  Arbeit,  diese  im  Vetternkreise  vielgerühmte  Denkschrift  von  Ard—
verikie  vom  11.  Sept.  1847;  sie  bewies  nur  von  neuem,  daß  ein  vater—
landsloser  Mann  vaterländische  Politik  nicht  verstehen  kann.

Mit  massiver  Offenheit,  da  er  ja  hier  am  heimischen  Hofe  kein  Blatt
vor  den  Mund  zu  nehmen  brauchte,  erklärte  sich  Lord  Palmerston  wider
die  Pläne  des  Prinz-Gemahls.  Er  wünschte  zwar  den  Deutschen  alles
Gute  und  wiederholte  geläufig  die  zeitgemäßen  Redensarten  von  dem  na—
türlichen  Bunde  zwischen  England  und  Deutschland.  Aber  von  deutscher
Zolleinheit  wollte  er  nichts  hören;  kein  englischer  Minister,  so  sagte  er
feierlich,  könne  jemals  zugeben,  daß  Hannover  und  die  Hansestädte  dem
Zollvereine  beiträten,  diese  westdeutsche  Freihandelsküste  biete  ja  den
Briten  das  einzige  Mittel,  um  ihre  Fabrikwaren  nach  Deutschland  hinüber—
zuschmuggeln.  Schade  nur,  daß  dies  herzinnige  englische  Geständnis  in
        <pb n="701" />
        Prinz  Alberts  Denkschrift.  Preußens  Absichten.  693

Deutschland  nicht  bekannt  wurde.  Aber  auch  der  getreue  Stockmar,  der
zur  Zeit  in  Koburg  weilte,  war  unzufrieden;  sein  deutscher  Stolz,  den  er
trotz  seiner  seltsamen  internationalen  Stellung  doch  nie  verleugnete,  lehnte
sich  wider  die  Zudringlichkeit  des  Prinz-Gemahls  auf,  und  er  schrieb
freimütig:  wer  sich  so  lange  dem  Vaterlande  entfremdet  hätte,  der  verliere
das  Recht  mitzuraten.  Dann  redete  er  dem  geliebten  Zögling,  dessen
starren  Dynastendünkel  er  wohl  kannte,  kräftig  ins  Gewissen:  die  deut—
schen  Fürstenhäuser  bedürften  heute  vor  allem  ernster  Selbsterkenntnis,
denn  sie  hätten  durch  Verrat  und  Ungehorsam  das  alte  Reich  zerstört,
das  Vaterland  zerrissen;  sie  würden  von  einem  großen  Teile  der  Nation
als  Feinde  der  deutschen  Einheit  gehaßt,  sie  müßten  endlich  einsehen,  daß
die  anti-dynastische  Gesinnung  sich  in  immer  weiteren  Kreisen  verbreite.
Goldene  Worte.  Doch  der  Prinz  ließ  sich  nicht  beirren;  er  sendete  seine
und  seines  Schwagers  Denkschriften  durch  Bunsens  Vermittlung  dem
Berliner  Hofe.

Da  ergab  sich  denn  alsbald,  daß  der  allein  rettende  Ruf:  los  von
Österreich,  daß  die  Rückkehr  zur  friderizianischen  Politik  von  niemand
tiefer  verabscheut  wurde  als  von  König  Friedrich  Wilhelm  selbst.  Durch
Leiningens  Vorschläge  wurde  er,  wie  er  an  Bunsen  schrieb,  „fast  empört.
Der  Schwager  will  Osterreich  aus  dem  Bunde  sachte  entfernen,  einen
Bund  im  Bunde  gegen  den  Bund  (also  Treubruchl),  und  dieser  Wirtschaft
  soll  ich  guasi  gezwungen  werden  mich  anzunehmen  und  den  Wünschen
  dieser  Esel  von  Liberalen  vorauseilend,  das  Banner  des  Fortschrittes
erheben.“  Dies  blieb  seine  heilige  Überzeugung,  und  sie  sollte  für  den
Verlauf  der  deutschen  Revolution  verhängnisvoll  werden.  Durchaus  nur
als  der  Zweite,  als  kaiserlicher  Feldhauptmann  und  Erzkämmerer  wollte
er  in  dem  kaiserlosen  Deutschen  Bunde  auftreten;  was  der  große  König
einst  darüber  hinaus  geplant  hatte,  war  dem  Nachkommen  eitel  Verrat;
  „ich  will  Österreich  den  Steigbügel  halten,“  sagte  er  oft.  Besser
gefielen  dem  Könige  die  friedfertigen  und  unbestimmten  Gedanken  des
Prinz-Gemahls,  obgleich  er  eine  scharfe  Bemerkung  über  das  Sitzen  am
Tische  fern  von  Deutschland  nicht  unterdrücken  konnte.  Nur  gegen  zwei
Vorschläge  verwahrte  er  sich  ernstlich.  Auch  er  wollte  die  deutsche  Freiheit,
doch  nimmermehr  im  Sinne  der  Liberalen.  „Eine  einzige  wunderbare  Kunst
versteht  der  vulgäre  Liberalismus  à  la  Hansemann  und  Konsorten,  die
nämlich,  ein  Volk  dumm  und  böse  zu  machen.  Darin  hat  er,  wie  überhaupt
  in  so  vielem,  von  den  Jesuiten  gelernt  und  übertrifft  sie  bei  weitem.
Der  Liberalismus,  der  namentlich  jetzt  Deutschland  verstänkert,  ist  eine
Gattungs-Religion,  eine  Durchgangs-Religion,  die  sich  auf  das  Christentum
  aufsetzt,  wie  man  einst  Ludwig  XVI.  die  Galeerensklaven-Mütze  aufsetzte,
  um  seine  Salbung  zu  verwischen;  und  sie  ist  ein  Aberglaube  veröchtlichster
  Art,  da  sie  eine  Volkswillens-Anbetung  als  ihr  Wesen  predigt,
ein  Götzendienst  hundertmal  ärger  als  der  des  Baal  und  der  Astarte,  denn
        <pb n="702" />
        694  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

bei  der  Verehrung  dieser  war  das  Volk  doch  durch  falsche  Wunder  und
Gaukeleien  verführt.  Der  Volksanbetung  aber  widersagt  brüllend  die
Geschichte  der  Menschheit  seit  6000  Jahren!!!“  Zum  zweiten  erklärte
der  König  für  unmöglich,  daß  Deutschlands  Fürsten  und  Fürstchen  je—
mals  etwas  von  ihren  Souveränitätsrechten  aufgeben  könnten:  „Das
tun  nun  einmal  die  Herren  nicht.  Für  den  Bund  sollten  sie  es  aller—
dings,  für  Preußen  sollen  sie  es  so  wenig  und  noch  weniger  als  für
Osterreich.“*)  Er  glaubte  also,  seine  Bundesreformpläne,  die  doch  alle—
samt  eine  starke  Beschränkung  der  Territorialgewalten  voraussetzten,
würden  sich  ganz  von  selbst  verwirklichen,  durch  die  freie  Übereinstimmung
aller  38  Souveräne.

In  gleichem  Sinne  antwortete  Canitz.  Er  spottete  über  „den  Aufsatz,
  welcher  als  das  beste  Mittel  zur  Kräftigung  des  Deutschen  Bundes
die  Amputation  seines  mächtigsten  Gliedes  anrät;  diese  Kur  würde,  wie
manche  allopathische  Mixtur,  viel  schlimmer  sein  als  das  zu  heilende
Ubel.“  Dann  gab  er  dem  Vermittler  Bunsen  den  deutlichen  Wink:  „daß
unter  allen  jetzt  lebenden  Regenten  keiner  weniger  fremder  Ideenlieferanten
  bedarf  als  der  König  unser  allergnädigster  Herr.“*)  Die  Berechtigung
  der  durch  den  Vereinigten  Landtag  so  mächtig  angeregten  Ideen
der  Nationalität  und  der  ständischen  Verfassung  stellte  er  nicht  in  Abrede;
  doch  leider  seien  sie  durch  Deutschlands  innere  Feinde  zu  einem
Losungsworte  der  Umwälzung  geworden;  darum  hoffe  sein  König,  „daß
die  deutschen  Fürsten  im  festen  Zusammenhalten  und  Anschließen  an  die
mächtige  Stütze  des  Bundes  keine  Gefahr,  sondern  vielmehr  die  Gewähr
für  ihre  eigenen  Rechte  erkennen  mögen.“)

So  unsicher  stand  der  preußische  Hof  der  anschwellenden  nationalen
Bewegung  gegenüber:  voll  guten  Willens  freilich,  aber  ohne  Verständnis
für  die  Macht  der  liberalen  Ideen,  und  —  was  in  der  Politik  aller  Schande
Anfang  ist  —  ohne  hohen  Ehrgeiz.  Mit  der  freien  Zustimmung  Osterreichs
  und  aller  Souveräne  hoffte  der  König  „die  teure  Institution  des
Deutschen  Bundes,  die  letzte  Stütze  der  Zukunft“  —  wie  sein  Radowitz
sich  ausdrückte  —  zur  Erfüllung  „ihrer  welthistorischen  Aufgabe“  in  den
Stand  zu  setzen.  )  Unablässig  brütete  er  über  diesen  Entwürfen;  es  lag
aber  in  der  Natur  der  Dinge,  daß  sie  noch  viel  langsamer  reiften  als
seine  ständischen  Pläne.  Seit  langem  schon  verhandelte  Canitz  mit  Metternich
  über  die  Bundespolitik,  bald  brieflich,  bald  mündlich  durch  den  Baron
v.  Werner,  den  die  k.  k.  Staatskanzlei  jetzt  „wie  das  liebe  Brot  brauchte.
Er  gehört“,  so  schrieb  sein  greiser  Gönner,  „zu  den  Treuen,  aber  zugleich

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  11.  Nov.  1847.
**)  Canitz  an  Bunsen,  9.  Nov.  1847.
*)  Canitz  an  Radowitz,  16.  Aug.  1847.

)Radowitzs  Bericht,  5.  Jan.  1847.
        <pb n="703" />
        Preußens  Verhandlungen  mit  Osterreich.  695

zu  den  Intellektuellen.  Er  versteht  mich  und  wird  Sie  also  auch  ver—
stehen,  und  heute  kommt  es  wohl  mehr  als  nie  auf  Verständigung  unter
denen  an,  welche  noch  Kopf  und  Arme  haben  und  nicht  zu  den  Acephalen
und  den  Paralytikern  gehören.“*)  In  Wahrheit  war  Werner  nur  ein
brauchbarer  Bureaukrat  des  gewöhnlichen  Schlages,  ohne  Ideen,  ohne
Tatkraft,  und  selbst  ein  größerer  Mann  konnte  die  breite  Kluft,  welche
die  beiden  Staaten  trennte,  nicht  mehr  überbrücken.  Noch  immer  geängstigt
durch  die  Leipziger  Unruhen,  verlangte  Metternich  scharfe  Maßregeln  gegen
die  neuen  Sekten.  Canitz  aber  berief  sich  standhaft  auf  die  bewährten
Traditionen  seiner  Monarchie:  „Die  Glaubensfreiheit,  wie  sie  in  Preußen
besteht,  ist  ein  Produkt  unserer  Geschichte,  in  der  die  sechsundvierzigjährige
Regierung  Friedrichs  II.  ausradiert  werden  müßte,  wenn  wir  ihren  Begriff
so  interpretieren  wollten,  wie  Kaiser  Joseph  II.  ihn,  von  seinem  Standpunkt
  aus  mit  vollem  Rechte,  feststellte.“  5

Ebenso  wenig  konnte  man  sich  über  die  Presse  einigen.  Der  Osterreicher
  forderte,  um  das  tief  erkrankte  Deutschland  zu  heilen,  unnachsichtliche
  Durchführung  des  Karlsbader  Preßgesetzes,  das  sich  doch  so
unwirksam  gezeigt  hatte.  Der  Preuße  erwiderte,  indem  er  auf  Metternichs
  „Lieblingsgleichnis“  ironisch  einging:  „Der  Kranke  wird  nicht  dadurch
  gesund,  daß  er  an  die  Vorschriften  erinnert  wird,  deren  Befolgung
ihn  vor  dem  Fieber,  das  ihn  schüttelt,  hätte  bewahren  können.“)  Canitz
verlangte  jetzt  Preßfreiheit  mit  einem  strengen  Repressivsysteme,  denn  durch
die  kläglichen  Erfahrungen  des  neuen  Ober-Zensurgerichts  hatten  der  König
und  Savigny  endlich  gelernt,  daß  man  mit  der  Zensur  nicht  mehr  auskam.)
  Auf  das  heftigste  widersprach  Metternich:  In  England  und  Frankreich
  kenne  ich  keinen  Staatsmann,  der  die  Preßfreiheit  nicht  für  ein  Übel
hält,  „da  sie  ihrer  Natur  gemäß  nur  deren  Lizenz  zu  sein  vermag.  Alle
Maßregeln,  welche  dem  Juste  Milien  zwischen  dem  Leben  und  dem  Tode,
welche  also  dem  Siechtum  angehören,  bieten  keinen  Stoff  zu  Normalgesetzen.“
  Sein  preußischer  Freund  aber  antwortete:  Unser  Vorschlag  ist
ein  Juste  Milieu  zwischen  Leben  und  Tod  nur  in  demselben  Sinne,  „wie  es
das  menschliche  Leben  in  dieser  gebrechlichen  Welt  überhaupt  ist.  Es  wäre
ein  allzu  strenges  Urteil  über  unser  Vaterland,  wenn  man  behaupten
wollte,  in  Deutschland  könne  die  Gewalt  der  Presse  nur  verderblich  wirken,
wenn  eine  strenge  ängstliche  Zensur  sie  nicht  lähmte.“)-#Der  greise,  in
seinen  Gedanken  jetzt  ganz  fest  eingerostete  Staatskanzler  konnte  den  Widerspruch
  der  Preußen  gar  nicht  begreifen.  Nach  erneutem  Schriftenwechsel
sendete  er  im  Frühjahr  1847  seinen  Hofrat  Werner  nach  Berlin,  um  mit

*)  Metternich  an  Canitz,  25.  Aug.  1845.

**)  Canitz  an  Metternich,  29.  Aug.  1845,  14.  Febr.  1846.
*“  )  Canitz  an  Metternich,  1.  Nov.  1845.

7)  Savigny  an  Thile,  28.  März  1845.

)  Metternich  an  Canitz,  16.  April,  Antwort  26.  April  1846.
        <pb n="704" />
        696  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

den  bewährten  Künsten  österreichischer  Anbiederung  die  preußischen  Bun—
desreformpläne  und  zugleich  den  Krakauer  Streit  zu  beseitigen.*)

Aber  noch  während  Werner  am  preußischen  Hofe  verweilte,  ließ  Canitz
durch  ein  Rundschreiben  vom  4.  April  1847  allen  deutschen  Regierungen
den  längst  vorbereiteten  Entwurf  für  ein  Bundespreßgesetz  zugehen.  Da
er  die  bundesgesetzliche  Zensur  in  Preußen  schlechterdings  nicht  mehr  auf—
rechthalten  wollte  und  doch  einsah,  daß  Österreich,  Hannover,  Kurhessen
sich  zu  einer  solchen  Reform  nie  freiwillig  entschließen  würden,  so  lautete
der  §  1  seines  Entwurfs  ganz  bescheiden:  „Jedem  deutschen  Bundesstaate
wird  freigestellt,  die  Zensur  aufzuheben  und  Preßfreiheit  einzuführen.“
Dann  wurden  die  „Garantien“  aufgezählt,  welche  die  zur  Preßfreiheit
entschlossenen  Staaten  ihren  Bundesgenossen  zu  geben  hätten:  ein  strenges
Konzessionswesen  für  Buchdrucker  und  Zeitungsherausgeber,  harte  Strafen
für  Preßvergehen,  endlich  noch  ein  rechtsgelehrtes  Bundessyndikat,  das
nach  freiem  Ermessen  gemeingefährliche  Schriften  für  ganz  Deutschland
verbieten  sollte.  Wie  ängstlich  auch  diese  Beschränkungen  erscheinen  mochten,
  die  Aufhebung  der  Zensur  war  doch,  wenn  sie  gelang,  eine  entscheidende
Tat;  denn  daß  die  übrigen  Staaten,  außer  OÖsterreich,  dem  guten  Beispiel
  Preußens  bald  folgen  mußten,  lag  auf  der  Hand.  Am  Bundestage
zeigten  sich  Sachsen,  Baden,  Weimar,  selbst  das  konservative  Darmstadt
günstig  gestimmt.  Mit  besonderem  Eifer  ging  Württemberg  auf  die  preußischen
  Vorschläge  ein.  König  Wilhelm  hatte  sich,  wie  er  dem  Grafen
Dönhoff  gestand,  durch  die  leidenschaftlichen  Klagen  seines  Landtags  von
der  Unmöglichkeit  der  Zensur  endlich  überzeugen  lassen;  als  erfahrener
Soldat  räumte  er  den  verlorenen  Posten  und  nahm  das  zornige  Niemals!
  das  er  vor  kurzem  erst  der  Preßfreiheit  entgegengeschleudert  hatte,
entschlossen  zurück.')  Er  forderte  nunmehr  Aufhebung  der  Zensur  und
Einführung  des  Repressivsystems  in  ganz  Deutschland.

Aber  wieder  scheiterte  alles  an  dem  bösen  Willen  der  Hofburg.  Seltsam,
  wie  die  Gedanken  in  dem  Kopfe  des  alternden  Staatskanzlers  sich
mehr  und  mehr  verwirrten.  Metternich  pflegte  gerade  in  diesen  Tagen,
da  ihn  die  italienischen  Unruhen  lebhaft  beschäftigten  und  die  Franzosen
sein  Kaiserreich  als  eine  italienische  Macht  bezeichneten,  nachdrücklich  und
nicht  ohne  Gereiztheit  zu  versichern:  „OÖsterreich  ist  ein  Reich,  das  unter
seiner  Herrschaft  Völker  von  verschiedener  Nationalität  umfaßt,  aber  als
Reich  hat  es  nur  eine  Nationalität.  OÖsterreich  ist  deutsch“,  so  sagte  er
zum  Grafen  Arnim,  „deutsch  durch  die  Geschichte,  durch  den  Kern  seiner
Provinzen,  durch  seine  Zivilisation.““)  Gleichwohl  wähnte  er,  diese
deutsche  Macht  erfülle  ihre  Pflichten  gegen  Deutschland  am  sichersten  durch
vollkommene  Untätigkeit.  Sein  getreuer  Münch  schob  die  Verhandlung  über

7)  S.  o.  V.  553.

**)  Dönhoffs  Bericht,  15.  Aug.  1847.
“)  Graf  Arnims  Bericht,  20.  Juli  1847.
        <pb n="705" />
        Reformversuche  am  Bundestage.  697

den  preußischen  Antrag  von  Monat  zu  Monat  hinaus,  und  als  sie  im
September  endlich  doch  stattfand,  da  beantragte  er,  wie  üblich,  die  Einholung
  von  Instruktionen.*)  Darüber  mußten  wieder  viele  Monate  vergehen,
  und  die  vereinzelten  Abstimmungen,  welche  nach  und  nach  einliefen,
bewiesen  genugsam,  daß  man  sich  nicht  einigen  konnte.  Bayern  erklärte
(Jan.  1848),  ein  Bundesgesetz  scheine  überflüssig,  für  Bayerns  Presse
genüge  die  freie  bayrische  Verfassung  vollkommen.  Also  ward  auch  dies
vaterländische  Unternehmen  in  den  großen  Schiffbruch  des  Bundes  hineingerissen.


Nicht  minder  vergeblich  arbeiteten  Württemberg  und  Preußen  selbander
  für  eine  andere  nötige  Verbesserung.  König  Wilhelm  hatte  während
der  Teuerung  des  letzten  Winters  erfahren,  wie  beklommen  sich  die  stolze
Hofburg  vor  der  Offentlichkeit  fühlte.  Damals  war  dem  nach  Württemberg
  bestimmten  österreichischen  Getreide  der  Ausgang  auf  der  Donau
plötzlich  gesperrt,  aber  nach  langem  Streite  augenblicklich  frei  gegeben
worden,  sobald  Württemberg  drohte  den  Hergang  zu  veröffentlichen.  Auf
Grund  dieser  Erfahrung  entschloß  sich  der  kluge  Schwabenkönig,  in  Frankfurt
  (26.  März  1847)  die  Veröffentlichung  der  wichtigsten  Bundesprotokolle
  zu  beantragen.  Wieder  suchte  Münch  die  Beratung  hinzuhalten;
Dönhoff  aber  erstattete  im  September  einen  Ausschußbericht,  der  noch
über  Württembergs  bescheidenen  Antrag  hinausging.  Der  Preuße  erwähnte,
  daß  selbst  der  Regensburger  Reichstag  seine  Sitzungsberichte
stets  herausgegeben  hatte,  und  verlangte  kurzweg  Rückkehr  zu  der  alten
Ordnung,  wie  sie  vor  dem  Jahre  1824  bestanden:  also  die  Offentlichkeit
als  Regel,  mit  Vorbehalt  einzelner  Ausnahmen.  Der  gesamte  Ausschuß
stimmte  ihm  zu  —  so  mächtig  drang  der  Luftzug  der  öffentlichen  Meinung
  schon  in  den  Bundestag  ein.  Nur  Österreich  widersprach.  Münch  gehörte
  dem  Ausschuß  selber  an,  hatte  aber  keiner  einzigen  Sitzung  beigewohnt.
  Jetzt  erklärte  er  im  Namen  seines  Hofes:  die  Geheimhaltung  sei
entschieden  vorzuziehen,  allerhöchstens  könne  man  zugeben,  daß  die  Protokolle
  nach  sorgfältiger  Auswahl  am  Ende  jeder  Sitzungsperiode  veröffentlicht
  würden,  aber  nicht  in  den  Zeitungen,  sondern  in  einer  besonderen
Sammlung.  Nun  wurde  wieder  die  Einholung  von  Instruktionen  beschlossen,
  und  der  Antrag  blieb  liegen  —  bis  zum  Zusammenbruch.  Die
Könige  von  Preußen  und  Württemberg  aber  erfuhren  handgreiflich  den
Unsegen  des  Bundesgeheimnisses;  über  alle  ihre  ehrlichen  Reformbestrebungen
  verlauteten  in  der  Nation  nur  unbestimmte  Gerüchte.)

Auch  außerhalb  des  Bundestags  bemühte  sich  der  Berliner  Hof  um  gesamtdeutsche
  Reformen.  Auf  seinen  Betrieb  versammelte  sich  zu  Dresden
im  Spätjahr  1847  eine  deutsche  Postkonferenz,  die  aber  wenig  zu  stande

 

*)  Dönhoffs  Berichte,  23.  Juli,  9.  Sept.  1847.
**)  Dönhoffs  Bericht,  13.  Sept.  1847.
        <pb n="706" />
        698  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

brachte,  weil  die  partikularistische  Eifersucht  sich  noch  nicht  überzeugen  ließ.
Man  blieb  im  wesentlichen  bei  den  Sonder-Postverträgen,  welche  zu  Anfang
  der  vierziger  Jahre  zwischen  Preußen,  Bayern,  Sachsen,  Baden,
Taxis  abgeschlossen  waren.  Ungleich  günstiger  verlief  die  zur  nämlichen
Zeit,  ebenfalls  auf  Preußens  Aufforderung,  berufene  Wechselrechts-Konferenz.
  Der  Gedanke  war  schon  seit  einem  Jahrzehnt  von  Württemberg
auf  den  Zollkonferenzen  angeregt,  damals  aber  noch  als  unmöglich  abgewiesen
  worden.  Jetzt  konnte  man  die  Bedürfnisse  des  so  mächtig  angewachsenen
  Handelsverkehrs  doch  nicht  mehr  ableugnen,  und  da  diese  Rechtseinheit
  das  Heiligtum  der  Souveränität  durchaus  nicht  antastete,  so  wagte  die
preußische  Regierung,  nicht  bloß  die  Zollverbündeten,  sondern  alle  Bundesstaaten
  zu  den  Verhandlungen  einzuladen.  Zum  Versammlungsort  konnte
nur  Leipzig  gewählt  werden;  denn  hier  in  dem  großen  Meßplatze  ließen
sich  die  Mißstände  der  bestehenden  Rechtszersplitterung  an  der  Quelle
kennen  lernen;  hier  war  auch  neuerdings  durch  Einert,  Treitschke  und
andere  tüchtige  Juristen  eine  neue  Wechselrechtslehre  ausgebildet  worden,
die  sich  vom  römischen  Rechte  lossagte  und  den  Anforderungen  des  modernen
  Handels  gerecht  zu  werden  suchte.  Ein  preußischer  Entwurf,  bei
dem  Savigny  selbst  mitgewirkt  hatte,  wurde  den  Beratungen  zu  Grunde
gelegt.  Geh.  Rat  Bischoff,  ein  Harzer,  der  den  alten  Juristenruhm  der
Heimatlande  Eicke  von  Repgows  wieder  einmal  bewährte,  verteidigte  den
Entwurf  mit  siegreichem  Scharfsinn  und  gewandter  Liebenswürdigkeit;
auch  der  sächsische  Bevollmächtigte,  der  geistreiche  alte  Präsident  Einert
half  treulich  mit,  obgleich  die  Konferenz  sich  die  Grundgedanken  seiner
Theorie  nicht  aneignen  wollte.  Schon  am  9.  Dez.,  nach  einer  Beratung
von  fünfzig  Tagen,  wurde  die  Deutsche  Wechselordnung  vollendet,  ein  Werk
aus  einem  Gusse,  wie  es  unter  parlamentarischer  Mitwirkung  sicherlich
nie  gelungen  wäre,  ein  Gesetz,  das  kurz  und  scharf,  so  wie  es  einst  Savigny
  in  seiner  Jugendschrift  verlangte,  nur  die  leitenden  Rechtsgrundsätze
  aufstellte,  ohne  sich  in  weitläufige  Kasuistik  zu  verlieren.  Es  war  ein
juristisches  Meisterwerk;  wohl  nur  eine  seiner  Vorschriften,  die  ganz
unbeschränkte  allgemeine  Wechselfähigkeit,  ließ  sich  ernstlich  anfechten.
Eine  boshafte  Tücke  des  Schicksals  fügte  aber,  daß  dies  einzige  gute
gesamtdeutsche  Gesetz,  das  unter  der  Herrschaft  des  Bundestags  je  zu
stande  kam,  nicht  durch  ihn  verkündet  wurde.  Die  Unruhen  der  nächsten
Monate  verhinderten  den  Abschluß,  und  erst  im  Herbst  1848  wurde  die
Wechselordnung  durch  die  neuen  Reichsgewalten  bekannt  gemacht,  so  daß
sie  den  Uneingeweihten  als  ein  Geschenk  der  Revolution  erscheinen  mußte.
Der  Bundestag  hatte  wieder  seinen  Lohn  dahin.

Das  alles  war  in  Friedrich  Wilhelms  Augen  nur  Vorarbeit  für
den  umfassenden  Bundesreformplan,  den  er  zu  Ende  Novembers  1847
durch  General  Radowitz  dem  Wiener  Hofe  überreichen  ließ.  Radowitz
blieb  in  diesen  deutschen  Geschäften  sein  nächster  Ratgeber,  da  die  Minister
        <pb n="707" />
        Wechselrecht.  Radowitzs  Reformdenkschrift.  699

ihre  nüchternen  Geschäftsbedenken,  einige  auch  ihre  Furcht  nicht  überwinden
konnten,  General  Gerlach  aber  alle  „Germanomanie“  bekämpfte.  In  einer
großen  Denkschrift  vom  20.  Nov.  stellte  Radowitz  die  Gedanken  seines
königlichen  Herrn  zusammen.  Sie  verurteilte  in  scharfen  Worten  das
bisherige  Bundessystem.  Da  hieß  es  rundweg:  „Auf  die  Frage:  was
hat  der  Bund  seit  den  32  Jahren  seines  Bestehens,  während  eines  beispiellosen
  Friedens  getan  für  Deutschlands  Kräftigung  und  Förderung?  —  ist
keine  Antwort  möglich.  Die  gewaltige  Kraft  der  Gegenwart,  die  Nationalität
  ist  die  gefährlichste  Waffe  in  den  Händen  der  Feinde  der  öffentlichen
  Ordnung  geworden.“  Darum  verlangte  Preußen  Kräftigung  der
Bundesgewalt  nach  drei  Seiten  hin.  Zum  ersten  Sicherung  der  Wehrhaftigkeit
  des  Bundes  durch  Inspektionen,  gemeinsame  Übungen,  Vereinbarung
  über  die  Reglements,  das  Kaliber  usw.  —  aber  ohne  Umsturz
der  bestehenden  Heeresverfassung.  Zum  zweiten  gesicherten  Rechtsschutz,
also  ein  Bundesgericht  für  staatsrechtliche  Streitigkeiten,  Einheit  des
Strafrechts,  des  Handelsrechts,  des  Heimatsrechts  mit  voller  Freizügigkeit.
Zum  dritten  Förderung  der  materiellen  Interessen  durch  Einheit  der
Münzen  und  Maße,  durch  eine  Post=  und  Eisenbahn-Ordnung,  durch
Bundeskonsulate,  endlich  durch  „Ausdehnung  des  Zollvereins  auf  den
Bund“.

Hochsinnig,  gedankenreich,  formvollendet  wie  alles,  was  aus  Radowitzs
  Feder  floß,  litt  die  Denkschrift  doch  an  der  traumhaften  Unklarheit,
welche  die  ganze  Nation,  mit  sehr  vereinzelten  Ausnahmen,  noch  befangen
hielt;  sie  lief  doch  hinaus  auf  die  unmögliche  Hoffnung,  daß  ein  Bund
von  souveränen  Staaten,  zu  denen  drei  undeutsche  Mächte  gehörten,  die
Macht  einer  nationalen  Staatsgewalt  ausüben  sollte.  Und  konnte  der
König,  der  bisher  der  Hofburg  jede  Einmischung  in  seine  Zollpolitik  standhaft
  verweigert  hatte,  jetzt  im  Ernst  beabsichtigen,  das  größte  Werk  seines
Vaters  zu  zerstören  und  den  Zollverein,  wie  Metternich  längst  wünschte,
dem  Bundestage  unterzuordnen?  Und  dies  in  einem  Augenblicke,  da  die
Hofburg  sich  soeben  anschickte,  die  alten  Zollschranken  zwischen  Ungarn  und
den  deutsch-böhmischen  Kronländern  aufzuheben  und  mithin  unzweideutig
bekundete,  daß  Osterreich  selbst  dem  Zollvereine  nicht  beitreten  wollte?
Friedrich  Wilhelm  ahnte  auch  dunkel,  in  welche  Widersprüche  er  sich  verwickelte.
  Darum  ließ  er  in  der  Radowitzschen  Denkschrift  aussprechen,  daß
er  zunächst  eine  Verständigung  mit  dem  Wiener  Hofe  versuchen,  und  wenn
sie  gelänge,  die  genauere  Verabredung  über  die  geplanten  Reformen  entweder
  einem  Fürstenkongresse  oder  dem  Bundestage  unter  Österreichs  Führung
  überlassen  wollte.  Käme  er  in  Wien  nicht  zum  Ziele,  dann  dachte  er
sich,  schweren  Herzens  freilich,  allein  an  den  Bundestag  zu  wenden.  Mißlänge
  auch  dieser  Versuch,  dann  sollte  Preußen  „den  Geist  der  Nation“
anrufen,  die  öffentliche  Meinung  über  seine  nationalen  Pläne  aufklären
und  mit  den  gleichgesinnten  Bundesstaaten  gemeinnützige  Sonderverträge,
        <pb n="708" />
        700  V.  9.  Der  Niedergang  des  Deutschen  Bundes.

nach  dem  Vorbilde  des  Zollvereins  abschließen,  Verträge,  welche  späterhin
dem  gesamten  Vaterlande  zu  gute  kommen  müßten.  Also  schien  der
König  endlich  zu  begreifen,  daß  die  Erfüllung  der  nationalen  Einheitswünsche
  jetzt  die  erste  Pflicht  konservativer  Politik  war;  er  schien  sich
den  kühnen  Gedanken  zu  nähern,  welche  zur  selben  Zeit  Mathy  in  Heppenheim
  aussprach.  Aber  es  schien  auch  nur  so.  Friedrich  Wilhelm  wußte
nichts,  er  wollte  nichts  wissen  von  der  radikalen  Schärfe  der  großen
Gegensätze  deutscher  Politik,  er  wollte  in  tiefem  Frieden,  ohne  mit  OÖsterreich
  zu  brechen,  sein  Ziel  erreichen;  er  ahnte  nicht,  daß  der  Zollverein
dem  partikularistischen  Grundgedanken  der  Bundesakte  ebenso  vollständig
widersprach,  wie  einst  der  Schmalkaldener  Bund  dem  Wesen  des  heiligen
römischen  Reichs,  und  die  Hofburg  folglich  ein  System  preußisch-deutscher
Sonderverträge  unmöglich  gelassen  hinnehmen  konnte.  Die  Schlacht  von
Pharsalus,  die  einst  König  Friedrich  den  Deutschen  geweissagt  hatte,  mußte
geschlagen  werden,  und  niemand  glaubte  an  diese  Notwendigkeit  weniger
als  Friedrichs  Erbe.

Mit  solchen  Aufträgen  ging  Radowitz  nach  Wien,  wo  man  ihn  mit
der  gewohnten  nichtssagenden  Höflichkeit  aufnahm.  Kaum  begonnen  wurden
die  Verhandlungen  schon  abgebrochen,  da  die  italienischen  Unruhen  die
Hofburg  in  Verlegenheit  brachten.  Als  abgesagter  Feind  der  friderizianischen
  Politik  verabscheute  Friedrich  Wilhelm  den  „heidnischen“  Grundsatz
des  großen  Königs,  daß  man  die  Bedrängnis  des  Gegners  zum  entscheidenden
  Schlage  benutzen  müsse;  auch  hielt  er  das  Haus  Osterreich  nicht  für
einen  Gegner,  sondern  für  einen  treuen,  nur  leider  etwas  schwerfälligen
Freund.  Metternichs  peinliche  Lage  zu  mißbrauchen,  schien  ihm  unchristlich.
  Außerdem  hatte  er  Radowitz  beauftragt,  sich  mit  dem  Staatskanzler
über  die  gemeinsame  Bekämpfung  des  schweizerischen  Radikalismus  zu
verständigen;  und  diesen  unseligen  Interventionsgedanken  hielten  beide
Mächte  für  so  wichtig,  daß  die  deutsche  Politik  dahinter  zurückstehen  mußte.
Um  die  Schweizer  Frage  zuerst  ins  reine  zu  bringen,  mußte  der  General
im  Dezember  nach  Berlin  heimkehren  und  nachher  noch  nach  Paris  reisen.
So  ging  für  die  deutsche  Bundesreform  wieder  eine  unschätzbare  Zeit
verloren.  Erst  im  Februar  1848  nahm  der  König  seine  Bundespläne
wieder  auf.  Am  1.  März  erhielt  Radowitz  die  Weisung,  nochmals  nach
Wien  zu  gehen  und  dort  die  sofortige  Einberufung  eines  deutschen  Fürstenkongresses
  zu  beantragen,  der  über  die  Bundesreform  so  wie  über  die
Kriegsgefahr  des  Augenblicks  beraten  sollte.  Da  inzwischen  die  Nachrichten
  von  der  Pariser  Revolution  eingetroffen  waren,  so  genehmigte
Metternich  am  10.  März  den  preußischen  Vorschlag.  Aber  schon  nach
wenigen  Tagen  stürzte  das  alte  System  in  Wien  wie  in  Berlin  zusammen.
Die  letzte  Möglichkeit  einer  friedlichen  Bundesreform  war  versäumt,  und
da  die  Welt  von  den  tiefgeheimen  Verhandlungen  dieses  Winters  kein
Wort  erfahren  hatte,  so  erschien  der  längst  geplante  Fürstenkongreß  wieder
        <pb n="709" />
        Radowitz  in  Wien.  701

nur  wie  ein  abgedrungenes  Zugeständnis  an  die  Revolution.  Wie  einst
der  dritte  Friedrich  Wilhelm  durch  alle  die  löblichen  Pläne  seiner  ersten
Regierungsjahre  den  Tag  von  Jena  nicht  hatte  abwenden  können,  so
mußte  auch  sein  Sohn  erfahren,  daß  Vorsätze  und  Entwürfe  in  dem
harten  Handwerk  der  Politik  gar  nichts  bedeuten.  Belastet  mit  einem

nur  halb  verdienten  schlimmen  Rufe  trat  der  König  in  die  Zeit  des  Auf—
ruhrs  ein.  —
        <pb n="710" />
        Zehnter  Abschnitt.

 

Vorboten  der  europäischen  Nevolution.

Wenn  eine  vermorschte  politische  Gewalt  dem  Untergange  entgegenreift,
  dann  wird  sie  durch  ein  gerechtes  Schicksal  immer  gezwungen,  am
Rande  des  Grabes  ihre  sittlichen  Gebrechen  noch  einmal  handgreiflich,
sinnenfällig  vor  aller  Welt  zu  offenbaren.  Schwer  hatte  Europa  seit  den
Länderverkäufen  des  napoleonischen  Zeitalters  und  des  Wiener  Kongresses
unter  der  Willkür  dynastischer  Politik  gelitten,  so  schwer,  daß  die  republikanischen
  Parteien,  trotz  der  uralten  monarchischen  Uberlieferungen  unseres
Weltteils,  einiges  Recht  gewannen.  Nun  sollte  sich,  kurz  bevor  das  alte
System  stürzte,  noch  einmal  zeigen,  welcher  Nichtswürdigkeiten  die  dynastische
  Staatskunst  fähig  war,  und  dies  ekelhafte  Schauspiel  wurde  aufgeführt
  von  den  beiden  Fürstengeschlechtern,  die  sich  selber  für  besonders
freisinnig  und  volksfreundlich  erklärten,  von  den  Häusern  Koburg  und
Orleans.  Zufrieden  in  dem  Wahne,  daß  die  wachsende  Verstandesbildung
jeden  Fortschritt  der  Menschheit  in  sich  schließe,  wähnte  die  neue  Zeit
allen  früheren  Jahrhunderten  auch  sittlich  überlegen  zu  sein.  Die  Historiker
  redeten  von  jenem  berüchtigten  cynischen  Briefwechsel,  welchen  einst
Ferdinand  der  Katholische  und  der  Tudor  Heinrich  VII.  wegen  der  Verheiratung
  ihrer  Kinder  geführt  hatten,  mit  einer  Verwunderung,  als  wäre
eine  solche  hochfürstliche  Gaunerei  nur  unter  den  Zeitgenossen  Machiavellis
möglich  gewesen.  Jetzt  mußten  sie  lernen,  daß  die  Zivilisation  wohl  die
Sitten  verfeinert,  aber  an  der  Sündhaftigkeit  der  menschlichen  Natur  gar
nichts  ändert;  sie  mußten  zugestehen,  daß  jene  beiden  gewaltigen  alten
Tyrannen  neben  den  modernen  konstitutionellen  Höfen  von  London,  Paris
und  Madrid  nur  wie  zwei  unschuldige,  kreiselspielende  Knaben  erschienen.

Die  Tage  waren  dahin,  da  die  Welt  sich  an  der  glorreichen  Quadrupelallianz
  der  freien  Völker  des  Westens  erbaut  hatte.  Jetzt  da  das
unglückliche  Spanien  vom  Bürgerkriege  zerfleischt  danieder  lag,  begann
man  überall  zu  fühlen,  daß  die  mutwillige  Zerstörung  der  monarchischen
Thronfolge  ein  Verbrechen  ist,  weil  sie  den  Grund  alles  Rechts  vernichtet;
und  die  Frage,  wie  das  zerrüttete  Land  wieder  eine  gesicherte  Dynastie
        <pb n="711" />
        Die  Frage  der  spanischen  Heiraten.  703

erlangen  sollte,  beschäftigte  alle  Höfe.  Metternich  ergriff  nun  den  nahe
liegenden  Gedanken,  durch  die  Verheiratung  der  jugendlichen  Königin
Isabella  mit  Don  Carlos'  Sohne,  dem  Grafen  Montemolin  die  beiden
feindlichen  bourbonischen  Linien  zu  versöhnen  und  also  die  gestörte  Legi—
timität  auf  einem  Umwege  wiederherzustellen.  Der  greise  Staatskanzler
hegte  und  pflegte  diesen  Einfall  mit  Zärtlichkeit,  er  nannte  ihn  mon
idée*)  und  König  Friedrich  Wilhelm  erklärte  als  begeisterter  Legitimist
seine  freudige  Zustimmung.  Der  Plan  war  theoretisch  ebenso  vortreff—
lich,  wie  der  Vorschlag,  den  deutsch-dänischen  Streit  durch  ein  augusten—
burgisches  Königtum  abzuschneiden,  doch  leider  auch  ebenso  unausführ—
bar;  die  beiden  Parteien  haßten  einander  zu  ingrimmig,  unmöglich
konnte  Don  Carlos,  obgleich  er  zu  Gunsten  seines  Sohnes  soeben  ab—
gedankt  hatte,  das  Thronfolgerecht  seiner  Nichte  förmlich  anerkennen.
Also  mußte  man  nach  einem  anderen  Stammhalter  für  Spanien
suchen.  Nach  koburgischer  Weltanschauung  gebührte  aber  jede  auf  dem
Erdkreise  erledigte  Krone  von  Rechts  wegen  den  Genossen  des  großen
Brüsseler  Heiratsgeschäfts,  und  längst  schon  hielt  König  Leopold  seinen
Neffen,  den  Prinzen  Leopold  von  Koburg-Kohary  für  den  spanischen  Thron
bereit.  Der  wurde  schon  1841,  als  Königin  Isabella  kaum  elf  Jahre  alt
war,  den  preußischen  Gästen  am  Londoner  Hofe  allgemein  als  künftiger
König  von  Spanien  bezeichnet.“*)  Ganz  aussichtslos  schienen  diese  An—
schläge  nicht;  denn  da  das  Haus  Koburg  nach  so  vielen  glückhaften  Hei—
raten  dem  französischen  Hofe  ebenso  nahe  stand  wie  dem  englischen,  so
konnte  man  wohl  auf  die  Zustimmung  Ludwig  Philipps  hoffen.  Nur
unter  dieser  Voraussetzung  wollte  der  belgische  König,  der  mit  beiden  West—
mächten  in  Freundschaft  leben  mußte,  diesen  Heiratsentwürfen  beipflichten.
Am  Tuilerienhofe  erwachten  dennoch  bald  Bedenken.  Portugal  wurde
bereits  von  einem  Koburger  regiert  und  von  der  englischen  Handelspolitik
mit  der  äußersten  Roheit  mißhandelt;  unwillkürlich  regte  sich  die  Befürchtung,
  daß  ein  koburgisches  Königtum  in  Madrid  die  gesamte  pyrendische
  Halbinsel  der  englischen  Herrschaft  überantworten  müßte.
Trotz  ihrer  liberalen  Redensarten  blieben  die  Höfe  der  Westmächte
ganz  befangen  in  den  Gedanken  der  alten  Kabinettspolitik.  Im  spanischen
Erbfolgekriege  hatte  Europa  einst  Ströme  von  Blut  nutzlos  vergeudet,
weil  die  Höfe  glaubten,  daß  Spanien  unter  bourbonischen  Königen  zu
einer  französischen  Provinz  werden  müsse  —  eine  Annahme,  die  doch
nachher  keineswegs  zutraf.  So  rechnete  auch  Ludwig  Philipp,  obgleich
er  Spanien  kannte,  durchaus  nicht  mit  dem  furchtbaren  Fremdenhasse  dieser
Nation,  der  eine  ausländische  Herrschaft  auf  die  Dauer  rein  unmöglich
machte.  Nach  den  Gefühlen  des  Volkes,  dessen  Schicksal  entschieden  werden

 

*)  Canitzs  Bericht,  12.  April  1845.
*“)  S.  o.  V.  132.
        <pb n="712" />
        704  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

sollte,  fragte  er  so  wenig  wie  der  englische  Hof;  ihm  genügte  die  Befürch—
tung,  daß  ein  Koburger  in  Madrid  der  französischen  Diplomatie  vielleicht
lästig  werden  könnte.  Andererseits  verlockte  ihn  die  Hoffnung,  seiner  ge—
raubten  Krone  durch  eine  große  bourbonische  Familienverbindung  Glanz
und  Herrlichkeit  zu  verschaffen.  Feierlich  berief  er  sich  auf  den  Utrechter
Frieden,  kraft  dessen  nur  ein  Nachkomme  Philipps  V.  die  spanische  Krone
tragen  durfte,  und  verlangte  die  Hand  Isabellas  für  einen  Bourbon  aus
dem  spanischen  oder  dem  neapolitanischen  Königshause;  die  Schwester  der
Königin,  Luise  wünschte  er  mit  seinem  jüngsten  Sohne,  dem  Herzog
von  Montpensier  zu  vermählen.  Dawider  verwahrte  sich  ebenso  ent—
schieden  der  englische  Hof,  denn  nach  dem  Utrechter  Vertrage  hätten  alle
Bourbonen,  die  nicht  zum  Stamme  Philipps  V.  gehörten,  insbesondere
die  Orleans  jedem  Erbanspruche  auf  die  spanische  Krone  entsagt!  Welch
ein  Übermaß  politischer  Heuchelei!  Der  Utrechter  Vertrag  war  ja  längst
in  Fetzen  gerissen,  und  durch  wen?  Durch  die  beiden  Westmächte  selbst!
Sie  hatten  durch  ihre  Quadrupelallianz  das  auf  dem  Utrechter  Vertrage
ruhende  salische  Gesetz  vernichtet,  das  den  direkten  Nachkommen  Philipps  V.
ausschließlich  die  Thronfolge  zuerkannte,  und  nun  beriefen  sich  beide  wetteifernd
  auf  diesen  Vertrag,  den  sie  selber  zerstört  hatten.  Wahrlich,
Metternich  hatte  guten  Grund,  über  die  vollendete  Verlogenheit  dieser
konstitutionellen  Musterhöfe  zu  spotten.

So  lagen  die  Dinge,  als  Königin  Victoria  nach  ihrer  deutschen  Reise
(1845)  nochmals  in  dem  gastlichen  Schlosse  Eu  vorsprach.  Sie  hegte  den
weiblichen  Wunsch,  mit  jedermann  freundlich  zu  stehen,  und  wurde  von
dem  Bürgerkönige  mit  väterlicher  Zärtlichkeit  behandelt.  Da  ließen  sich
denn  die  Königin  und  der  Prinzgemahl  —  so  gestand  Prinz  Albert  selbst
im  tiefsten  Vertrauen  seinem  Bruder  dem  Herzog  Ernst  —  das  unbedachte
  Versprechen  abschmeicheln,  daß  sie  allen  ihren  Einfluß  gebrauchen
würden,  um  eine  Heirat  zwischen  Isabella  und  einem  Bourbonen  zu
stande  zu  bringen.*)  Dafür  verhieß  Ludwig  Philipp,  sein  Sohn  Montpensier
  solle  mit  der  Infantin  Luise  erst  später  Hochzeit  halten,  nicht  eher
als  bis  Königin  Isabella  Kinder  hätte  —  offenbar  eine  ganz  sinnlose
Zusage,  die  nur  von  neuem  bewies,  wie  wenig  diese  liberalen  Höfe  von  den
Empfindungen  der  Völker  verstanden;  denn  das  ließ  sich  doch  mit  Sicherheit
  erwarten,  daß  die  Spanier,  wenn  die  Ehe  ihrer  Königin  kinderlos
blieb,  einstimmig  und  stürmisch  die  Verheiratung  der  jüngeren  Schwester
fordern  mußten.  Beide  Teile  hielten  ihre  sonderbaren  Versprechungen
unredlich.  Prinz  Albert  hoffte,  die  bourbonische  Heirat  würde  sich  noch

*)  Diese  Dinge  hat  erst  Herzog  Ernst  von  Koburg  (Aus  meinem  Leben  I.  151  f.)
mit  deutscher  Ehrlichkeit  aufgeklärt.  Er  gesteht,  wie  begreiflich,  nicht  die  ganze  Wahrheit;
  aber  er  gesteht  viel  mehr  als  Stockmar,  Bulwer,  Martin  und  andere  englisch-koburgische
  Berichterstatter,  und  er  sagt  genug,  um  unbefangenen  Deutschen  ein  gerechtes  Urteil
zu  ermöglichen.
        <pb n="713" />
        Französische  und  englische  Heiratskandidaten.  705

irgendwie  zerschlagen,  und  arbeitete  insgeheim  für  seinen  Vetter.  Im
Frühjahr  1846  erschien  der  koburgische  Freier  Leopold  —  ganz  zufällig
—  am  Londoner  Hofe  und  besuchte  sodann  —  wieder  ganz  zufällig  —
mit  seinem  Vater  die  koburgischen  Verwandten  in  Lissabon;  zur  selben
Zeit  unternahm  Herzog  Ernst  von  Koburg  —  wieder  zufällig  —  eine  Reise
nach  Spanien.  Dem  Bürgerkönige  war  es  doch  nicht  zu  verargen,  daß
er,  ohnehin  keine  gläubige  Seele,  an  so  viele  koburgische  Zufälle  nicht  recht
glauben  wollte  und  sich  nun  auch  seinerseits  aller  Zusagen  entbunden  hielt.

Die  gehoffte  bourbonische  Heirat  ward  aber  durch  die  spanischen
Parteihändel  sehr  erschwert.  Seit  dem  Sturze  der  Karlisten  war  das
Land  in  die  beiden  Heerlager  der  Progressisten  und  der  Moderados  zer—
teilt.  Espartero,  der  Führer  der  Progressisten,  bekannte  seine  englische
Gesinnung  unverhohlen;  er  hatte  die  Garden  aufgelöst  —  was  der  Ober—
präsident  Schön  seinem  Freunde  Boyen  als  leuchtendes  Vorbild  liberaler
Gesinnungstüchtigkeit  anpries  —  er  hatte  die  Königin  Mutter  Marie
Christine  persönlich  gedemütigt,  sie  der  Regentschaft  beraubt  und  eine
Zeitlang  nach  Frankreich  vertrieben.  Als  Marie  Christine  dann  aus
dem  Exile  heimkehrte,  blieb  sie  den  Progressisten  feind  und  hielt  sich
wenn  auch  nicht  unbedingt,  zu  der  französisch  gesinnten  Partei,  dem  Ge—
neral  Narvaez  und  seinen  Moderados.  Unter  den  drei  bourbonischen
Prinzen  aber,  welche  allein  auf  die  Hand  Isabellas  hoffen  konnten,
wurde  der  eine,  ein  neapolitanischer  Bruder  der  Königin  Mutter,  bald
als  unmöglich  aufgegeben.  So  blieben  nur  noch  zwei  spanische  Infanten:
der  ältere,  der  beschränkt  bigotte  Herzog  Franz  von  Cadix  war  ein  fa—
natischer  Moderado,  der  jüngere  Bruder,  Herzog  Heinrich  von  Sevilla,
hatte  sich  sehr  tief  in  progressistische  Umtriebe  eingelassen  und  sich  durch
seine  radikale  Frechheit  mit  beiden  Königinnen  gänzlich  überworfen.  Be—
greiflich  also,  daß  der  Bürgerkönig  den  französisch  gesinnten  Moderado
Franz  begünstigte.*)

So  begann  denn  am  Madrider  Hofe  ein  wilder  Parteikampf;  die
beiden  Gesandten  Bresson  und  Bulwer,  beide  gleich  hitzig  und  gleich  zank—
süchtig,  befehdeten  einander  mit  allen  erdenklichen  schlechten  Künsten.  Und
nun  ward  plötzlich  noch  ein  dritter  Faden  in  diesen  verfitzten  diploma—
tischen  Knäuel  eingeflochten  —  durch  Lord  Palmerston,  der  soeben  in  das
Kabinett  eingetreten  war.  Wenn  der  Lord  ruhig  rechnete,  so  mußte  er
die  koburgische  Kandidatur  unterstützen,  die  für  England  doch  vielleicht
vorteilhaft  werden  konnte.  Körperlich  war  der  frische,  kräftige  Koburger
den  beiden  traurigen  spanischen  Infanten  weit  überlegen.  Darum  entschloß
sich  Marie  Christine  in  einem  Anfall  mütterlicher  Zärtlichkeit,  ihre  fran—
zösischen  Neigungen  zu  überwinden;  sie  schrieb  selbst  an  den  Herzog  von

*)  Die  Erzählung  des  Herzogs  Ernst  stimmt  hier  ganz  überein  mit  einem  offenbar
  zuverlässigen  Berichte,  welcher  dem  preußischen  Auswärtigen  Amte  am  25.  Nov.  1846
von  einem  Madrider  Agenten  erstattet  wurde.

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  45
        <pb n="714" />
        706  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

Koburg,  um  seinem  Neffen  die  Hand  ihrer  Tochter  förmlich  anzubieten.
Trat  der  junge  Koburger  nunmehr  rasch  entschlossen  als  Freiwerber  auf,
so  konnte  ihm  der  Sieg  nicht  fehlen.  Palmerston  aber  hegte  noch  von
den  orientalischen  Händeln  her  einen  unversöhnlichen  Haß  gegen  Ludwig
Philipp  und  Guizot.  Auf  das  Haus  Koburg  gab  er  nichts;  der  Prinz—
gemahl  war  ihm  eher  widerwärtig,  weil  dessen  höfischer  Einfluß  doch  zu—
weilen  die  Allmacht  des  Kabinetts  zu  beeinträchtigen  drohte,  und  so  schien
ihm  auch  der  koburgische  Heiratskandidat  als  naher  Verwandter  Ludwig
Philipps  hochverdächtig.  Er  wollte  Frankreich  bekämpfen,  um  jeden  Preis,
und,  gewohnt  wie  er  war,  nur  mit  dem  nächsten  Augenblicke  zu  rechnen,
sprach  er  sich  entschieden  für  den  Herzog  Heinrich  von  Sevilla  aus,  weil
dieser  zur  Zeit  von  der  englisch-progressistischen  Partei  unterstützt  wurde.
Dergestalt  ward  Englands  Diplomatie  gelähmt,  das  königliche  Haus  und
das  Auswärtige  Amt  verfolgten  verschiedene  Ziele;  und  alsbald  zeigte  sich,
wie  wenig  die  britische  Krone  für  sich  allein  noch  vermochte.  Gegen  Pal—
merston  und  Ludwig  Philipp  zugleich  wagten  die  Koburger  nicht  vorzu—
gehen;  nach  langen  Familienberatungen  wurde  Herzog  Ernst  bevollmäch—
tigt,  der  Königin  Mutter  zu  erwidern,  daß  die  koburgische  Heirat  ange—
sichts  der  französischen  Feindschaft  nicht  ratsam  scheine.  Also  war  Prinz
Leopold  beseitigt,  der  doch  vielleicht  vermocht  hätte,  ein  äußerlich  an—
ständiges  Hauswesen  am  Madrider  Hofe  zu  begründen  und  das  tief  ge—
sunkene  Ansehen  des  spanischen  Königtums  etwas  zu  heben.

Zum  ersten  Male  seit  die  Koburger  die  Politik  der  gesegneten  Hy—
menäen  trieben,  mußten  sie  einen  fein  eingefädelten  Hochzeitsplan  aufgeben;
  entscheidend  war,  daß  der  altbewährte  Ehestifter  des  Hauses,  König
Leopold,  im  Wettstreite  mit  Frankreich  seine  untrüglichen  Vermittlungskünste
  nicht  frei  entfalten  durfte.  Aber  auch  Palmerston  erlitt  fast  im
selben  Augenblick  eine  Niederlage.  Mit  brutaler  Rücksichtslosigkeit  hatte
er  der  jungen  Isabella  einen  Gatten  seiner  Wahl  aufzuzwingen  gedacht;
doch  beide  Königinnen  erklärten  wie  aus  einem  Munde,  von  dem  Rebellen
Heinrich  von  Sevilla  wollten  sie  nichts  hören.  Mithin  blieb  nur  noch
der  lächerlichste  der  drei  Freier  übrig,  Ludwig  Philipps  Kandidat,  Franz
von  Cadix;  und  nun  enthüllte  sich  erst  das  allerschmutzigste  Geheimnis
dieser  schmutzigen  Händel.  Der  Jämmerling  Franz,  wie  Isabella  ihn
nannte,  konnte  niemals  auf  Nachkommenschaft  hoffen,  schon  der  schrille
Klang  seiner  Fistelstimme  war  der  jungen  Königin  unerträglich.  Ebendeshalb
  hatte  ihn  Ludwig  Philipp  auserkoren.  Isabellas  Ehe  sollte  kinderlos
bleiben,  damit  nachher  ihre  Schwester  Luise  und  die  Nachkommen  Montpensiers
  die  Krone  erhielten.  Dies  üppige,  von  Sinnenlust  glühende,  blutjunge
  Weib,  die  Tochter  einer  Marie  Christine,  an  einen  Mann,  der  kein
Mann  war,  anzuschmieden  —  zu  einer  solchen  Teufelei  hatten  sich  der
ehrbare  Bürgerkönig  und  sein  tugendhafter  Minister  Guizot  entschlossen.

Sie  siegten.  Im  Oktober  1846  wurde  Isabella  dem  Infanten  Franz
        <pb n="715" />
        Doppelhochzeit  in  Madrid.  707

vermählt,  der  zur  Verherrlichung  des  Possenspiels  auch  noch  den  Königs—
titel  erhielt.  Noch  am  selben  Tage,  aber  ein  wenig  später  ließ  sich  die  In—
fantin  Luise  mit  dem  Herzog  von  Montpensier  trauen,  so  daß  der  Tugend—
held  Guizot  unschuldig  versichern  konnte,  die  beiden  Hochzeiten  hätten
nicht  gleichzeitig  stattgefunden!  Nun  kam,  was  jeder  Menschenkenner  vor—
aussehen  mußte.  Die  junge  Königin  jagte  ihren  elenden  Gatten  schon
nach  wenigen  Wochen  aus  dem  Palaste  und  entschädigte  sich  sodann  reich—
lich  mit  verschiedenen  Günstlingen;  die  Kinder  blieben  nicht  aus,  und  da
diese  Sprößlinge  ihr  Thronfolgerecht  doch  nur  von  der  Mutter  herleiten
konnten,  so  kam  auf  die  Väter  wenig  an.  Spaniens  französische  Gönner
bewirkten  also,  daß  diese  Krone,  die  nach  so  vielen  Freveln  vornehmlich
der  sittlichen  Kräftigung  bedurfte,  ganz  in  den  Kot  sank  und  das  Ma—
drider  Schloß  als  eine  Stätte  geschmackloser  Ausschweifungen  allgemein
verhöhnt  wurde.  Von  einem  politischen  Einfluß  des  französisch  gesinnten
sogenannten  Königs  war  keine  Rede,  Isabella  schwankte  haltlos  zwischen
den  beiden  hadernden  Parteien:  Montpensier  aber  und  seine  Söhne
konnten  als  Fremdlinge  niemals  irgend  ein  Ansehen  erlangen.  Der
nächste  politische  Zweck  der  mit  so  schnöden  Mitteln  erstrebten  Doppel—
heirat  war  mithin  ganz  verfehlt,  und  für  den  eitlen  Glanz  der  großen
bourbonischen  Familienverbindung  zeigte  das  konstitutionelle  Frankreich
auch  nur  wenig  Sinn.

Gewaltig  wirkte  die  Komödie  der  spanischen  Irrungen  auf  Europas
gesamte  Politik  zurück.  Die  gerühmte  Entente  cordiale,  die  auch  nach
den  orientalischen  Wirren  noch  notdürftig  zusammengehalten  hatte,  ging
plötzlich  ganz  aus  den  Fugen.  In  offener  Feindschaft  standen  die  beiden
Westmächte  einander  fortan  gegenüber.  Ludwig  Philipp  schloß  sich  noch
enger  als  bisher  der  reaktionären  Politik  der  Hofburg  an;  Palmerston
aber  zeigte  sich  jetzt  erst  ganz  als  Lord  Feuerbrand,  überall  in  der  Welt
suchte  er  den  Aufruhr  gegen  die  konservativen  Mächte  anzuschüren.  Der
heiligste  politische  Grundsatz  aller  Briten,  der  Satz,  daß  nur  England
berechtigt  ist,  andere  Mächte  zu  belügen,  war  durch  die  abgefeimten  Pariser
  Spieler  gar  zu  gröblich  verletzt  worden,  und  mit  der  ganzen  Entrüstung
  des  betrogenen  Betrügers  ließ  Palmerston  nunmehr  seine  Presse
wider  die  französische  Treulosigkeit  losfahren.  Im  Grunde  hatten  sich
beide  Höfe  bei  der  gemeinsamen  Mißhandlung  ihres  spanischen  Schützlings
gleich  würdelos  betragen,  Frankreich  allerdings  noch  etwas  unsäuberlicher
  als  England.  Da  der  Tuilerienhof  jedoch  den  Preis  davon  getragen
  hatte,  so  erschien  er  den  Unkundigen  als  der  allein  schuldige  Teil;
die  wütenden  Anklagen  der  englischen  Zeitungen  hinterließen  selbst  in
Frankreich  einen  so  starken  Eindruck,  daß  der  längst  geschädigte  Ruf  des
Juli-Königtums  nun  vollends  zu  Grunde  ging,  und  das  Selbstlob  der
Guizotschen  Blätter  „überall  ist  Frankreich  geliebt  und  gefürchtet“  auch
den  Franzosen  wie  Hohn  klang.

45  *
        <pb n="716" />
        708  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

In  seinem  blinden  Zorne  verfiel  Palmerston  sogar  auf  den  unge—
heuerlichen  Gedanken,  die  Ostmächte  zur  Verteidigung  des  Utrechter  Ver—
trages,  den  er  selber  einst  frevelhaft  zerrissen  hatte,  aufzufordern;  sie
sollten  gemeinsam  mit  England  erklären,  das  Haus  Montpensier  dürfe
nie  die  spanische  Krone  tragen,  die  sich  vielmehr  fortan  wieder  nach  dem
salischen  Gesetze  im  Mannesstamme  des  neuen  Scheinkönigs  vererben
müsse!*)  Das  salische  Gesetz  erst  unter  allen  Greueln  des  Bürgerkrieges
aufheben  und  es  dann  für  die  unberechtigte  Weiberlinie  wieder  einführen
—  das  nannte  man  im  frommen  England  Recht!  Nicht  ohne  Ironie
nahmen  die  Höfe  des  Ostens  diese  wundersame  Einladung  auf.  Sie  waren
dem  Utrechter  Frieden  nur  allzu  treu  geblieben  und  hatten  das  Thronfolgerecht
  Isabellas  noch  immer  nicht  anerkannt.  Wenn  aber  Palmerston
jetzt  behauptete,  die  spanische  Doppelheirat  sei  das  Frechste,  was  Frankreichs
  Ländergier  seit  dem  ersten  Napoleon  je  gewagt,  so  konnten  solche
Übertreibungen  doch  nur  Lächeln  erregen;  denn  der  Herzog  von  Montpensier
  war  der  jüngste  von  fünf  Brüdern,  die  zum  Teil  schon  Söhne
besaßen,  also  lag  die  Möglichkeit,  daß  die  Kronen  Frankreichs  und  Spaniens
  jemals  auf  einem  Haupte  vereinigt  würden,  noch  ganz  außerhalb
aller  menschlichen  Berechnung.

Der  Zar,  der  von  jeher  die  spanischen  Wirren  gering  schätzte,  meinte
hochmütig:  dieser  Hochzeitszwist  biete  doch  keinen  Anlaß,  um  jetzt  die
illegitime  Isabella  anzuerkennen,  und  sein  Nesselrode  witterte  sogleich
heraus,  daß  der  befremdliche  Annäherungsversuch  des  englischen  Hofes
seinen  Grund  allein  in  Palmerstons  augenblicklicher  Gereiztheit  hätte.?)
Fast  noch  kühler  hielt  sich  Metternich.  Der  wollte,  wie  Canitz  bald  erriet,
  in  Krakau  als  Löwe,  in  Spanien  als  Lamm  auftreten,  um  den
Bürgerkönig  nur  desto  fester  an  sich  zu  ketten  und  in  Italien  wie  in  der
Schweiz  gemeinsam  mit  Frankreich  zu  handeln;  er  bewahrte  also,  wie
er  sich  selbst  rühmte,  eine  verständig  abwartende  Haltung.“")

Etwas  bereitwilliger  zeigte  sich  der  Berliner  Hof,  dem  der  getreue
Bunsen  andächtig  berichtete:  in  Spanien  mächtig,  würde  Frankreich  auch
am  Po  und  am  Rhein  anmaßend  auftreten,  so  versicherten  alle  englischen
Minister.)  Die  Hoffnung  auf  die  traumhafte  englische  Allianz  war  gerade
jetzt  in  Berlin  sehr  lebendig;  immer  wieder  sprach  Canitz  in  seinen  Weisungen
  von  der  Erneuerung  des  alten  Vierbundes.#)  Der  König  erklärte  sehr
lebhaft:  „Montpensiers  Kinder  werden  Orleans  und  Montpensiers
und  keine  Infanten  von  Spanien  sein;  folglich  können  sie  rechtlich
nie  in  Spanien  folgen;“  er  ließ  sich  sodann  noch  durch  Leopold  Ranke

*)  Bunsens  Bericht,  26.  Okt.  1846.
**“)  Rochows  Berichte,  22.  Sept.,  14.  Dez.  1846.
*"*“)  Canitz  an  Rochow,  6.  Dez  1846.
)  Bunsens  Bericht,  11.  Sept.  1846.
f)  Canitz  an  Rochow,  6.  Dez.,  an  H.  v.  Arnim  in  Paris,  13.  Dez.  1846.

 

"1
        <pb n="717" />
        Zerfall  des  Bundes  der  Westmächte.  709

ein  historisches  Gutachten  ausarbeiten,  das  dieser  wohlbegründeten  Rechtsansicht
  durchaus  zustimmte.  )  Schließlich  drang  doch  Canitz  durch  mit
seinem  nüchternen  Rate:  wir  wollen  nicht  Frankreichs  Vorgehen  billigen,
„aber  auch  uns  nicht  von  Palmerston  ins  Schlepptau  nehmen  lassen“
in  einer  Sache,  die  England  unter  aller  Kritik  behandelt  hat.“)  Die
Unsauberkeit  dieser  spanischen  Händel  mußte  den  stolzen  Höfen  des  Ostens,
die  den  politischen  Anstand  doch  immer  gewahrt  hatten,  durchaus  ekelhaft
erscheinen,  und  Canitz  schrieb  verächtlich:  „Der  Ehrenkönigstitel  für  den,
wie  man  sagt,  schlechten  Beschäler  der  Königin  von  Spanien  ist  auch  eine
Geburt  der  Jetztzeit.“*

Also  ward  Palmerston  von  den  Ostmächten  kalt  abgewiesen,  und  nunmehr
  entschloß  er  sich,  wie  er  dem  allezeit  gläubigen  Bunsen  sagte,  den
diplomatischen  Krieg  gegen  Frankreich  auf  einer  breiteren  Basis  zu  führen,
auf  der  Basis  der  bürgerlichen  und  religiösen  Freiheit,  welche  Canning  vor
zwanzig  Jahren  auf  sein  Banner  geschrieben  hätte.#)Seine  Wut  gegen
Guizot  zeigte  sich  in  der  Krakauer  Zwistigkeit,  wo  er  jeden  gemeinsamen
Protest  der  Westmächte  hintertrieb,  sie  zeigte  sich  in  Pera  und  Athen,  wo
die  Gesandten  der  beiden  Mächte  beständig  miteinander  rangen,  sie  zeigte
sich  am  deutlichsten  in  Portugal,  wo  Palmerston  einen  neuen  Aufstand
gegen  die  gute  Königin  Maria  sogar  mit  den  Waffen  unterstützte  und
schließlich  die  grausame  Handelsherrschaft  Englands  fester  denn  jemals
aufrichtete.  —

Aber  auch  Mitteleuropa  bot  der  Stellen  genug,  wo  der  Lord  Feuerbrand
  die  Minen  der  Revolution  legen  konnte.  Gerade  die  Macht,  die
bisher  in  der  Staatengesellschaft  ein  unnatürliches  Übergewicht  behauptet
hatte,  zeigte  sich  jetzt  unter  allen  am  schwächsten;  in  den  anderen  Großmächten
  bekämpften  sich  nur  Parteien,  in  Österreich  schien  der  Bestand
des  Gemeinwesens  selber  bedroht.  Die  alte  Wahrheit,  daß  ein  lebendiges
Nationalgefühl  die  sicherste  Grundlage  aller  politischen  Freiheit  bleibt,
mußte  sich  an  dem  Völkergemisch  des  Donaureichs  noch  viel  greller  offenbaren
  als  an  dem  dänischen  Gesamtstaate;  sobald  der  alte  Absolutismus
erschlaffte  und  die  konstitutionellen  Ideen  sich  regten,  erwachten  auch  notwendig
  die  zentrifugalen  Kräfte  in  diesem  Gemeinwesen,  von  dem  die  Lombarden
  sagten:  es  ist  kein  Staat,  sondern  nur  eine  Familie.  Unter  allen
den  Nationalitäten,  welche  dem  Kaisertum  angehörten,  gebot  keine,  nicht
einmal  die  Gesamtheit  der  Slawenstämme,  auch  nur  über  die  Mehrheit
der  Kopfzahl,  und  unter  allen  waren  nur  zwei  gut  österreichisch  gesinnt:
die  Deutschen,  die  doch  kaum  ein  Viertel  der  Gesamtheit  ausmachten,

*)  König  Friedrich  Wilhelm,  Marginalnote  für  Thile,  25.  Sept.;  L.  Ranke,  Denkschrift
  über  den  Utrechter  Frieden,  Nov.  1846.
**)  Canitz  an  Rochow,  21.  Okt.  1846.
*?"*)  Canitz  an  Rochow,  31.  Okt.  1846.
)  Bunsens  Bericht,  6.  April  1847.
        <pb n="718" />
        710  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

und  das  kleine  Ruthenenvolk  in  Galizien.  Während  die  subgermanischen
Stämme  der  Magyaren,  der  Slawen,  der  Walachen,  die  ihre  ganze  Kultur
  den  Deutschen  verdankten,  jetzt,  zu  jugendlichem  Selbstgefühl  erwacht,
ihre  alten  Lehrer  mit  dem  unvermeidlichen  historischen  Undank  belohnten,
besaßen  die  italienischen  Provinzen  längst  ihre  selbständige,  der  deutschen
ebenbürtige  Kultur,  sie  blieben  dem  Gesamtstaate  ganz  fremd  und  waren
nicht  einmal,  wie  die  Donaulande,  durch  eine  geographische  Notwendigkeit
  auf  die  anderen  Kronländer  angewiesen.

In  Preußen  hatte  der  kurze  Vereinigte  Landtag  das  Bewußtsein  der
Staatseinheit  wunderbar  gekräftigt;  in  Osterreich  konnten  dieselben  Gedanken,
  welche  den  nationalen  Staat  Preußen  stärkten,  dem  Bestande  des
Reichs  nur  gefährlich  werden.  Diesen  einfachen  Unterschied  verkannte
Metternich  ganz,  da  er  von  nationalen  Empfindungen  nichts  wissen  wollte;
er  betrachtete  Preußen,  OÖsterreich-Ungarn,  Schweden-Norwegen,  Dänemark-Holstein
  als  wesentlich  gleichartig  zusammengesetzte  Staaten,  deren
Einheit  nur  durch  die  Gesamtregierung  dargestellt  würde.  Freiherr
v.  Andrian  aber,  ein  Tiroler  Edelmann  von  gemäßigt-liberaler  Gesinnung,
der  „die  Hervorrufung  einer  österreichischen  Nationalität“  dringend
wünschte,  sprach  in  seinem  vielgelesenen  Buche  „Osterreich  und  dessen  Zukunft“
  (1841)  ehrlich  aus:  was  in  Osterreich  Macht  hat,  ist  nicht  das  Volk
und  die  öffentliche  Meinung,  nicht  der  Adel,  auch  nicht  die  Bureaukratie,
am  wenigsten  von  allen  der  Kaiser,  sondern  die  Gewohnheit.  So  stand  es
wirklich.  Das  greisenhafte  Triumvirat  der  Staatskonferenz,  das  im  Namen
des  blödsinnigen  Kaisers  regierte,  gab  kaum  noch  ein  Lebenszeichen  von
sich.  Der  bequeme  Erzherzog  Ludwig  fand  Metternichs  lange  lehrhafte
Vorträge  sehr  lästig,  Graf  Kolowrat  aber  begegnete  dem  Staatskanzler
mit  einem  Hasse,  der  sich  kaum  noch  in  den  Schranken  gesellschaftlicher
Höflichkeit  hielt.  Nach  stillschweigender  Übereinkunft  der  Triumvirn
wurden  die  Beratungen  der  Staatskonferenz  immer  seltener,  die  Dinge
schleppten  sich  weiter  ohne  eine  wirkliche  Regierung.  Die  Nichtigkeit  der
Zentralgewalt  war  so  unheilbar,  daß  der  Statthalter  des  Küstenlandes,
der  geistreiche  Graf  Franz  Stadion  sich  endlich  entschloß,  seinem  Kronlande
  auf  eigene  Faust  die  dringend  nötige  neue  Gemeindeordnung  zu
verleihen,  weil  aus  Wien  doch  keine  Antwort  kam.  Zugleich  wuchs  am
Hofe  die  Macht  der  streng  ultramontan  gesinnten  Damen.  Die  beiden
bayrischen  Schwestern,  die  Kaiserin  Witwe  und  die  Erzherzogin  Sophie
gewannen  auch  die  bescheidene  Gemahlin  des  regierenden  Kaisers  für  sich;
sie  bewirkten,  daß  die  Verlobung  des  Erzherzogs  Stephan  mit  der  Großfürstin
  Olga  nicht  zu  stande  kam,  weil  sie  keine  akatholische  Erzherzogin
dulden  wollten?);  sie  erzwangen,  daß  Metternich,  ganz  gegen  seine  früheren

 

*7)  Diese  an  den  Höfen  allgemein  verbreitete  Ansicht  wird  auch  in  du  Thils  Denkwürdigkeiten
  ausgesprochen.
        <pb n="719" />
        Osterreichs  Nöte.  711

Grundsätze,  die  Jesuiten  in  Innsbruck  und  anderen  Städten  zuließ;  sie
übergaben  die  Erziehung  des  jungen  Thronfolgers,  des  Erzherzogs  Franz
Joseph,  den  klerikalen  Grafen  Bombelles  und  Grünne.

Die  althergebrachte  Finanznot  verschlimmerte  sich  beständig,  da  die
geheime  Polizei  und  die  militärische  Bewachung  der  Lombardei,  Venedigs,
Galiziens  ungeheuere  Summen  verschlang  und  niemand  die  Steuerkraft  der
fruchtbaren  Kronländer  zu  wecken  verstand.  Schon  in  den  ersten  fünfundzwanzig
  Jahren  seit  dem  Wiener  Kongresse  vermehrte  sich  die  Staatsschuld,
  nach  Abzug  der  Tilgungen,  um  441  Mill.  Gulden  —  ohne  einen
Krieg,  ohne  irgend  welche  produktive  Staatsausgaben.  Und  so  ging  es
weiter.  Der  getreue  Wiener  Rothschild,  das  große,  durch  die  Getreideaufkäufe
  der  Teuerungsjahre  unermeßlich  bereicherte  Bankhaus  Sina  und
andere  Börsenfürsten  brachten  den  Staat  in  eine  schimpfliche  Knechtschaft,
und  die  lachlustigen  Wiener  sprachen  gern  das  neue  Pariser  Witzwort
nach:  die  Börse  hält  den  Staat,  so  wie  der  Strick  den  Gehenkten  hält.
Als  die  bedrängte  Staatskonferenz  den  Aufkauf  der  Privateisenbahn-Aktien
einzustellen  beschloß,  da  erschien  Rothschild  mit  einigen  Genossen  persönlich
beim  Erzherzog  Ludwig  und  beteuerte,  sie  könnten  die  ausbedungenen
Einzahlungen  auf  die  letzte  Anleihe  nicht  mehr  leisten,  ja  sie  müßten
Hungers  halber  alle  ihre  k.  k.  Staatspapiere  an  der  Börse  verkaufen  —
worauf  dann  sofort  der  Beschluß  gehorsam  zurückgenommen  wurde.“)

Währenddem  begann  selbst  der  adlige  niederösterreichische  Landtag,
in  dem  die  Städte  gar  kein  Stimmrecht  besaßen,  eigene  Gedanken  zu
äußern.  Die  Zeit  war  nicht  mehr,  da  jedermann  behaglich  das  große
Wort  Bäuerles  wiederholt  hatte:  's  gibt  nur  a  Kaiserstadt,  's  gibt  nur
a  Wien.  Die  liberalen  Ideen  aus  Deutschland  drangen  unaußhaltsam  ein,
obschon  eine  wirkliche  Kenntnis  deutscher  Zustände  den  Österreichern
noch  immer  gänzlich  fehlte;  die  Zollbehörden  selber  hatten  ihre  stille  Freude
daran,  wenn  die  Grenzboten  und  der  Rotteck-Welcker  über  die  Grenze
gepascht  wurden.  In  den  wissenschaftlich  verwahrlosten  Gelehrtenschulen
herrschte  ein  ganz  oppositioneller  Geist,  die  Schüler  wurden  für  die  Studentenpolitik
  der  Revolutionszeit  geradezu  erzogen.  Diesen  volkstümlichen
Stimmungen  und  zumal  der  zungenfertigen  großstädtischen  Kritik  der
Wiener  konnten  sich  die  Stände  Niederösterreichs  auf  die  Dauer  nicht
mehr  entziehen.  Seit  1845  etwa  unterstanden  sie  sich  zuweilen  zu  reden,
was  sice  seit  zweihundert  Jahren  nicht  mehr  gewagt  hatten,  sie  verlangten
eine  landwirtschaftliche  Kreditanstalt,  dann  eine  angemessene  Vertretung
der  Städte,  endlich  gar  ein  Recht  des  Beirats  bei  neuen  Gesetzen.  Das
alles  ward  doch  bekannt,  obgleich  die  Zeitungen  nichts  melden  durften,
Metternich  und  seine  Beamten  sich  in  tiefes  Schweigen  hüllten.

Canitz  selbst,  damals  noch  Gesandter,  konnte  sich  nicht  enthalten,  dem

 

*)  Graf  Arnims  Bericht,  25.  Sept.  1847.
        <pb n="720" />
        712  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

Fürsten  vorzustellen:  Müßiggang  ist  aller  Laster  Anfang,  dies  war  bisher
das  Los  der  Landtage  Osterreichs;  diese  ersten  Regungen  ständischen
Willens  sind  ein  Zeichen  politischer  Gesundung;  eine  konservative  Politik
muß  die  Rechte  der  Stände  anerkennen  und  gesetzlich  regeln,  damit  sie  als
Stütze,  nicht  als  Hemmnis  dienen.)  Auf  Augenblicke  fühlte  auch  Metternich,
  daß  man  mit  dem  alten  Systeme  der  Totenstille  nicht  mehr  weiter
kam.  Durch  Preußens  Vorgang  ermutigt,  veranstaltete  die  Regierung
(1845)  die  erste  österreichische  Gewerbeausstellung;  in  der  kläglichen  Eröffnungsrede
  des  armen  Kaisers  war  freilich  weder  von  Osterreich  noch  von
einer  Staatsgesinnung  die  Rede.  Gleich  nachher  erschien  ein  Folioband
„Statistische  Tabellen  der  österreichischen  Monarchie“,  natürlich  nur  in
wenigen  Exemplaren  für  die  hohen  Beamten;  doch  da  die  fremden  Gesandten
  sich  sehr  wißbegierig  zeigten,  so  verfiel  Metternich  schon  auf  die
verwegene  Frage,  ob  man  den  Band  nicht  dem  Buchhandel  anvertrauen
solle.*)  Es  war  vorbei  mit  der  alten  patriarchalischen  Gemütlichkeit.
Selbst  der  Tiroler  Landtag  hallte  von  lebhaften  Reden  wider,  seit  die
Klerikalen  sich  zu  einer  geschlossenen  Partei  geschart  hatten.  Galizien  blieb
seit  der  Einverleibung  Krakaus  in  allen  Tiefen  aufgewühlt;  drohender
denn  je  erklang  das  altnationale  Sprichwort:  solange  die  Welt  Welt
bleibt,  wird  der  Pole  nie  des  Deutschen  Bruder.

Weit  folgenreicher  noch  wurde  die  zugleich  nationale  und  liberale
Bewegung  in  Böhmen.  Die  Tschechen  waren  aus  ihrem  Schlummer  längst
erwacht.  Sie  wendeten,  wie  alle  wiedererstehenden  Völker,  ihre  phantastische
Sehnsucht  der  ältesten  Vorzeit  zu  und  schwärmten,  froh  ihrer  neu  entdeckten,
  echten  und  gefälschten  Geschichtsquellen,  für  ihre  Königin  Libussa,  für
die  siegreichen  Bauernschlachten  der  Hussitenkriege,  für  König  Podiebrad
und  alle  die  anderen  Helden  des  vormals  ruhmreichsten  aller  Slawenvölker;
  sie  fanden  in  dem  evangelischen  Pfarrer  Johann  Kollar  ihren  ersten
Apostel,  dann  in  Schaffarik,  Hanka,  Palacky  begeisterte  patriotische  Gelehrte,
  in  Havlicek  einen  gewandten  Publizisten,  der  durch  herzzerreißende
Schilderungen  des  irischen  Elends  die  Zensur  zu  täuschen  verstand,  obgleich
alle  seine  Leser  wußten,  daß  er  unter  Irland  immer  das  Tschechenland
meinte.  Viele  der  mächtigen  Kondottierengeschlechter,  welche  Kaiser  Ferdinand
  II.  einst  in  das  unterworfene  Böhmen  verpflanzt  hatte,  wendeten
sich  dem  Tschechentum  zu,  desgleichen  ein  großer  Teil  des  Klerus,  der  ja
immer,  von  seinem  sicheren  Machtgefühle  geleitet,  für  das  minder  gebildete
Volkstum  eintritt.  Den  Deutschen  aber  gereichte  zum  Unheil,  daß  die
Juden  sich  meist  zu  ihnen  hielten  und  nun  der  wütende  Judenhaß  des
ausgewucherten  tschechischen  Landvolks  den  Deutschenhaß  noch  verschärfte.
Auf  ihrer  weit  in  das  deutsche  Land  hineingeschobenen  Vorpostenstellung

 

*)  Canitzs  Bericht,  15.  Mai  1845.
**)  Canitzs  Bericht,  31.  Mai  1845.
        <pb n="721" />
        Die  Tschechen.  713

fühlten  sich  die  Tschechen  nicht  sicher,  und  da  der  Zar  mit  dem  Papste  die
Eigentümlichkeit  teilte,  daß  die  Nationen  ihn  um  so  mehr  verehrten,  je
weiter  sie  von  ihm  entfernt  lebten,  so  wurde  Böhmen  die  Pflanzstätte  des
Panslawismus.  Mit  der  Begeisterung  für  die  Wenzelskrone  und  den
weißen  Löwen  verbanden  sich  unklare  Träume  von  der  unermeßlichen  Zu—
kunft  der  großen  slawischen  Völkerfamilie,  die  jetzt  erst  ihren  Morgen  er—
lebe,  während  die  Deutschen  schon  in  das  Mittagslicht,  die  Romanen  schon
in  die  Abenddämmerung  ihrer  Geschichte  eingetreten  seien.  Derweil  dieser
nationale  Kampf  den  Landfrieden  bedrohte,  fanden  sich  die  beiden  feind—
lichen  Völker  in  den  liberalen  Zeitwünschen  doch  immer  wieder  zusammen.
Der  Prager  Landtag  forderte  Reform  des  Hypothekenwesens,  Ablösung  der
Roboten,  Aufhebung  des  Lottos,  ja  sogar  eine  sehr  bescheidene  Preßfreiheit,
er  wagte  mehrmals  seine  Beschwerden  durch  Abgesandte  dem  Kaiser  selbst
zu  überreichen,  was  seit  einem  halben  Jahrhundert  nicht  mehr  geschehen
war.  Solche  Lebenszeichen  der  alten,  schon  ganz  tot  geglaubten  Postulatenlandtage
  erschreckten  den  Staatskanzler,  und  er  beschäftigte  sich  wieder
mit  der  Frage,  die  er  schon  vor  dreißig  Jahren  aufgeworfen  hatte,  ob
man  nicht  den  Ständen  aller  Kronländer  in  einem  kleinen  Ausschusse
eine  unschädliche  gemeinsame  Vertretung  schaffen  müsse.  Doch  auch  jetzt
wagte  er  nicht,  den  alten  Gedanken  zu  verwirklichen.

Das  alles  bedeutete  noch  wenig  neben  dem  Sturme  der  nationalen
Leidenschaften,  der  die  Länder  der  Stephanskrone  durchtoste  und  die  waffengewaltigere
  Hälfte  der  Monarchie  von  dem  Kaiserstaate  loszureißen
drohte.  Obgleich  Metternich  seit  seiner  Ehe  mit  Melanie  Zichy  den  ungarischen
  Magnaten  etwas  näher  getreten  war,  so  hielt  er  doch  nie  für  nötig,
die  Nationalitäten  des  Kaiserreichs  in  ihrer  Eigenart  kennen  zu  lernen;  er
urteilte  über  die  subgermanischen  „Bedientenvölker“  mit  demselben  verständnislosen
  Hochmut  wie  die  Wiener  Possendichter,  die  jeden  Ungarn  als
einen  Tölpel,  jeden  Tschechen  als  einen  kriechenden  Schuft  verhöhnten.
Dem  preußischen  Gesandten  sagte  Metternich  oft:  eingefleischte  Dummheit
ist  der  eigentliche  Nationalcharakter  der  Ungarn.  Und  doch  verstand  der
in  langen  Kämpfen  parlamentarisch  geschulte  magyarische  Adel  sein  Übergewicht
  über  die  anderen  Völker  der  Stephanskrone  mit  maßlosem  nationalem
  Hochmute  und  zugleich  mit  der  erfahrenen  Klugheit  eines  Herrenvolkes
  zu  behaupten.  Weder  die  Südslawen  in  den  Nebenlanden,  die  schon
von  einem  dreieinigen  Königreich  Illyrien  träumten,  noch  die  Slowaken  in
den  Karpathen  noch  die  Deutschen  zeigten  sich  der  magyarischen  Herrscherkunst
  gewachsen.  Nur  die  treuen  protestantischen  Sachsen  Siebenbürgens
und  die  Kolonisten  im  Banat  hielten  fest  an  ihrem  deutschen  Volkstum,  die
Schwaben  des  westlichen  Ungarns  hatten  sich  allezeit  durch  fremdbrüderlichen
  Schwachsinn  ausgezeichnet.  Die  Juden  aber,  die  hier  im  Lande
der  wirtschaftlichen  Sorglosigkeit  für  unentbehrlich  galten,  witterten  schon,
woher  der  Wind  wehte,  und  drängten  sich  an  die  Magyaren  heran.
        <pb n="722" />
        714  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

Noch  im  Jahre  1833  hatte  der  Reichstag  die  Frage  aufgeworfen,  ob
nicht  zur  Besprechung  der  großen  gemeinsamen  wirtschaftlichen  Interessen
eine  Notabelnversammlung  aus  Ungarn  und  den  deutsch-böhmischen  Kron—
ländern  einberufen  werden  sollte;  die  Staatskonferenz  war  jedoch  über
diesen  Vorschlag,  der  für  die  Einheit  des  Kaiserstaates  vielleicht  folgen—
reich  werden  konnte,  mit  gewohntem  Stumpfsinn  hinweggegangen,  und
seitdem  zog  Ungarn  ganz  seines  eigenen  Weges.  Ungarn  war  nicht,  son—
dern  wird  erst,  so  sagte  der  gefeierte  „größte  der  Ungarn“,  Graf  Stephan
Szechenyi.  Mit  bestimmter  politischer  Absicht  und  mit  bewunderungs—
würdiger  Tatkraft,  so  wie  einst  die  Holländer  ihren  Seemannsdialekt
zur  Schriftsprache  ausgebildet  hatten,  suchten  die  Magyaren  durch  eine
rührige  Literatur,  durch  Schulen,  Theater,  Zeitungen,  durch  zahllose  ge—
meinnützige  Unternehmungen  ihr  unfertiges  Volkstum  zu  der  Höhe  der
Kulturvölker  emporzuheben,  das  deutsche  Ofen  ward  bald  von  dem  magyarisch-jüdischen
  Pest  weit  überflügelt.  Der  ungarische  Parlamentarismus
  erlebte  seine  Blütezeit.  Große  Rednertalente  traten  auf:  neben
Szechenyi  der  geistreiche  politische  Schriftsteller  Graf  Eötvös,  dann  der
schlichte  kleine  Landedelmann  Franz  Deak,  der  bald  allgemein  als  das
gute  Gewissen  der  Nation  verehrt  wurde,  und,  alle  übertobend,  der  feurige
Demagog  Ludwig  Kossuth.  Drei  Ziele  standen  der  nationalen  Partei
mehr  oder  minder  deutlich  vor  Augen:  Herrschaft  des  Magyarentums,
Selbständigkeit  der  Stephanskrone  neben  den  westlichen  Kronländern,  endlich
  Umwandlung  der  schwerfälligen  avitischen  Ständeverfassung  in  ein
modernes  Repräsentativsystem.  Auf  dem  Reichstage  von  1843  errang  sie,
wesentlich  durch  Kossuths  Verdienst,  den  entscheidenden  Erfolg:  die  neutrale
  lateinische  Staatssprache,  die  seit  Jahrhunderten  die  Völkerschaften
der  Stephanskrone  in  erträglichem  Frieden  beisammen  gehalten  hatte,
wurde  beseitigt  und  durch  die  Sprache  des  magyarischen  Herrenvolkes  ersetzt.
  Die  gute  Zeit  war  dahin,  da  der  Bauer  den  Edelmann  mit  dem  altgewohnten:
  bonum  matutinum  domine!  begrüßte.  Obgleich  das  Deutsche
sich  nach  dem  unzerstörbaren  Rechte  der  überlegenen  Bildung  noch  immer
als  die  allgemeine  Verkehrssprache  behauptete,  so  sollten  doch  die  Deutschen,
  die  Slawen,  die  Rumänier  sich  fortan  einer  ihnen  ganz  unbekannten,
erst  halb  entwickelten  Amtssprache  bedienen,  und  im  Reichstage  konnte
die  wort=  und  bilderreiche  nationale  Beredsamkeit,  die  bisher  durch  das
schwerfällige  Latein  doch  einigermaßen  gedämpft  worden  war,  sich  fortan  in
der  eigentümlich  rollenden,  polternden  Heftigkeit  magyarischer  Sprechweise
  ganz  ungezügelt  ergehen.

Ein  Krater  nationaler  Zwietracht  tat  sich  auf,  die  nichtmagyarische
Mehrheit  des  Königreichs  fühlte  sich  tödlich  beleidigt,  der  Agramer  Sonderlandtag
  verlangte  für  sich  sofort  die  kroatische  Sprache.  Die  siegestrunkenen
Magyaren  aber  eilten  vorwärts,  von  einer  nationalen  Forderung  zur
anderen.  In  dem  streng  calvinischen  Kleinadel  ward  der  alte  Haß  gegen
        <pb n="723" />
        Magyarische  Bewegung.  715

das  katholische  Herrscherhaus  nochmals  lebendig;  man  entsann  sich  wieder
der  schrecklichen  Zeiten,  da  halb  Ungarn  gerufen  hatte:  lieber  türkisch
als  österreichisch.  Gut  kaiserlich  dachte  nur  noch  ein  Teil  der  Magnaten
und  des  hohen  Klerus;  dazu  noch  mit  halbem  Herzen  die  Kroaten  und
die  siebenbürgischen  Sachsen.  Zu  allem  Unglück  starb  im  Januar  1847
der  greise  Palatinus  Erzherzog  Joseph,  den  die  Hofburg  von  langeher  wie
einen  anderen  Rebellen  Rakoczy  beargwöhnte;  er  hatte,  seit  einem  halben
Jahrhundert  in  Ungarn  heimisch,  mit  bescheidenem  Talent,  aber  ehrlichem
Wohlwollen  die  nationalen  Gegensätze  doch  noch  leidlich  unter  der  Glocke
gehalten.  Als  Nachfolger  war  nur  sein  Sohn  Erzherzog  Stephan  möglich,
ein  liebenswürdiger,  gutherziger,  in  allen  erdenklichen  Wissenschaften  als
Dilettant  bewanderter  junger  Herr.  Viele  hielten  ihn,  da  das  kaiser—
liche  Haus  an  Talenten  so  arm  war,  für  einen  großen  Staatsmann  und
dachten  ihm  dereinst  die  Stelle  des  kläglichen  Triumvirn  Erzherzogs  Lud—
wig  zu;  doch  er  geizte  nach  Volksgunst,  es  war  kein  fester  Kern  in  ihm,
und  nicht  ohne  schwere  Besorgnis  ließ  Metternich  den  Unerfahrenen  in
dies  Chaos  nationaler  Leidenschaften  hinüberziehen.  Im  November  1847
wurde  der  Reichstag  durch  den  traurigen  Kaiser-König  zum  ersten  Male
in  magyarischer  Sprache  eröffnet;  aber  obwohl  der  König  sich  zu  mehreren
  verständigen  Reformen  erbot,  so  begann  doch  Kossuth  sofort  einen
wütenden  Kampf  gegen  das  bettelhafte  Privilegium  der  adligen  Steuerfreiheit,
  und  die  Mehrheit  des  Hauses  zeigte  sich  der  Krone  entschieden
feindlich.  In  halbbarbarischen  Ländern  verbreiten  sich  die  Gedanken  des
Widerstandes  mit  geheimnisvoller  Schnelligkeit;  Ungarn  war,  ohne  daß
man  es  zu  Wien  noch  ahnte,  im  Frühjahr  1848  schon  ebenso  reif  für
einen  großen  Aufstand,  wie  späterhin  im  Sommer  1866.

Was  vermochte  der  Hofden  gewaltigen  zentrifugalen  Kräften  aller  dieser
Nationen  entgegenzustellen,  die  noch  dazu,  mit  einziger  Ausnahme  der  Magyaren,
  sämtlich  sehnsuchtsvoll  nach  den  Stammgenossen  jenseits  der
Reichsgrenzen  hinüberschauten?  Wahrhaftig  nicht  die  deutsche  Bildung,
die,  im  geselligen  Leben  allezeit  unentbehrlich,  doch  unter  dieser  Regierung
ihre  eigenste  Kraft  niemals  frei  entfalten  durfte.  Noch  weniger  die  Bureaukratie.
  Sie  wurde  von  Metternich  belobt,  weil  sie  keinen  solchen  „Überfluß
  an  schoflen  Elementen“  enthielte  wie  das  preußische  Beamtentum;  und
allerdings  konnten  die  k.  k.  Hof=  und  Gubernialräte  unmöglich  irgend  eines
eigenen  Gedankens  verdächtigt  werden,  doch  wer  durfte  sich  in  Tagen
der  Gefahr  auf  dies  seelenlose,  nachlässige,  bestechliche  Schreibervolk  verlassen?
  Die  kräftigste  Stütze  des  Reichs  blieb  das  Heer,  das  sich  auch
unter  Metternichs  unmilitärischem  Regimente  den  alten  Stolz  bewahrte.
Zumal  die  deutschen  Offiziere,  die  aus  den  Kleinstaaten  und  aus  Preußens
katholischen  Provinzen  noch  immer  herbeikamen,  kannten  keine  andere  Heimat
  als  die  schwarzgelben  Fahnen;  nur  auf  die  magyarischen  und  einige
der  polnischen  Regimenter  ließ  sich  nicht  mehr  mit  Sicherheit  rechnen.
        <pb n="724" />
        716  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

Auf  diesem  Heere  ruhte  für  jetzt  Osterreichs  ganze  Zukunft.  Das
zeigte  sich  nirgends  greller  als  in  Italien,  das  schon  seit  Jahren  tat—
sächlich  nur  durch  einen  beständigen  Belagerungszustand  im  Zaume  ge—
halten  werden  konnte.  Ein  erhebender  Anblick,  wie  nunmehr  die  beiden
großen  Nationen  Mitteleuropas  zu  gleicher  Zeit  der  Erfüllung  ihrer  Ge—
schicke,  dem  leuchtenden  Ziele  der  nationalen  Einheit  zustrebten,  beide
durchdrungen  von  dem  stolzen  Gefühle,  daß  sie  den  Idealismus  in  der
Menschheit  vertraten.  Diesseits  wie  jenseits  der  Alpen  zeigte  die  natio—
nale  Bewegung  manche  verwandte  Züge:  die  gleiche  jugendliche  Be—
geisterung  und  die  gleiche  phantastische  Unklarheit.  Die  Macht  und  die
Berechtigung  der  republikanischen  Erinnerungen  in  diesem  klassischen  Lande
der  Städte  erschwerte  den  Italienern  mehr  als  den  Deutschen,  die  Wahn—
gebilde  des  Radikalismus  zu  durchschauen,  der  hier  noch  immer  in  Mazzini
einen  unvergleichlich  kühnen  und  geistvollen  Apostel  besaß.  Andererseits
konnten  sie  schneller  als  die  Deutschen  den  letzten  Grund  ihrer  Leiden  er—
kennen.  Deutschland  litt  unter  einer  verhüllten  Fremdherrschaft,  deren  tiefe
Unwahrheit  erst  von  wenigen  hellen  Köpfen  ganz  gewürdigt  wurde.  Italien
schmachtete  unter  dem  Drucke  einer  auswärtigen  Macht,  welche  der  alten
Kultur  der  Halbinsel  immer  fremd  bleiben  mußte;  unter  allen  seinen
Fürstengeschlechtern  war  nur  eines,  das  Haus  Savoyen  italienisch.  Jeder
Patriot  hörte  mit  brennender  Scham  die  Mahnung  Cäsar  Balbos:  die  Unabhängigkeit
  ist  für  eine  Nation,  was  die  Schamhaftigkeit  für  ein  Weib  —
bis  endlich  Giusti  allen  aus  dem  Herzen  sang:  Delenda  Carthago!  Wir
wollen  keine  Osterreicher!

Seit  die  Trikolore  des  Königreichs  Italien  die  Parteifarben  der  Carbonari
  ganz  verdrängt  und  die  ernsten,  tatkräftigen  Stämme  des  Nordens,
Piemontesen  und  Lombarden,  den  hitzköpfigen  Südländern  die  Leitung
der  nationalen  Politik  aus  der  Hand  genommen  hatten,  begannen  die
Köpfe  sich  zu  ernüchtern.  Piemont,  das  geschmähte  Böotien  der  Halbinsel
  war  endlich  erwacht  und  schenkte  den  Italienern  ihre  wirksamsten
politischen  Schriftsteller.  Der  Abbate  Gioberti  predigte  in  seinem  Buche
vom  Primat  Italiens  eine  neue  welfische  Lehre:  er  feierte  das  von  allen
Patrioten  seit  Dantes  und  Machiavells  Zeiten  verwünschte  Papsttum
als  eine  gloria  italiana,  genau  so  wie  viele  deutsche  Enthusiasten,  König
Friedrich  Wilhelm  voran,  den  natürlichen  Feind  der  nationalen  Einheit,
das  Haus  Osterreich  noch  immer  als  das  heilige  Erzhaus  verehrten.
Dennoch  förderten  diese  traumhaften  neoguelfischen  Doktrinen  die  politische
Erziehung  der  Nation:  sie  zeigten  doch  zum  ersten  Male  die  Möglichkeit,
daß  Italien  auf  gesetzlichem  Wege,  ohne  gewaltsamen  Umsturz,  durch  einen
Fürstenbund  unter  dem  Primat  des  Papstes,  wieder  erstarken  könne.  Darum
  mochten  auch  die  beiden  tapferen  piemontesischen  Edelleute,  die  jetzt
über  Italiens  Hoffnungen  schrieben,  den  Gedanken  des  phantastischen
Abbate  nicht  geradehin  widersprechen:  Graf  Cäsar  Balbo  mahnte  mit  alt-
        <pb n="725" />
        Italiens  Erhebung.  Pius  IX.  717

römischer  Strenge  seine  Landsleute  zu  sittlicher  Ermannung,  zu  kriegeririscher
  Abhärtung,  Massimo  d'Azeglio  verlangte  angesichts  der  Unruhen  in
der  päpstlichen  Romagna  verständige  Reformen  in  Rechtspflege  und  Polizeiverwaltung.


Nun  fügte  es  ein  ironisches  Spiel  des  Schicksals,  daß  alle  die  seltsamen
Träume  der  Neoguelfen  sich  plötzlich  zu  erfüllen  schienen.  Nach  dem  Tode
Gregors  XVI.,  im  Sommer  1846  bestieg  Kardinal  Mastai  Ferretti  als
Pius  IX.  den  römischen  Stuhl,  ein  weichmütiger,  wohlwollender,  eitler,
gedankenarmer  Mann  von  schwachem  politischem  Verstande,  italienisch  gesinnt,
  soweit  ein  Papst  es  durfte,  ehrlich  gemeint,  mit  aller  Welt  in  Frieden
zu  leben.  Er  begann  seine  Regierung  mit  einer  hochherzigen  Amnestie,
und  da  die  Erscheinung  eines  Papstes,  der  seine  Feinde  nicht  auf  die  Galeeren
  schickte,  seit  langem  unerhört  war,  so  entwarf  sich  die  ungeduldige
Nation  alsbald  ein  Idealbild  von  dem  liberalen  und  nationalen  Papste,
ganz  so  wie  die  Deutschen  sich  den  alten  Erzherzog  Johann  wegen  eines
halbmythischen  Trinkspruchs  idealisiert  hatten.  Seit  jenem  Tage,  da  die
Amnestierten  mit  Palmenzweigen  in  den  Händen  den  Wagen  des  „Engels
der  Freiheit“  durch  den  festlich  geschmückten  Korso  geleiteten,  lebte  Rom
anderthalb  Jahre  hindurch  wie  in  einem  ewigen  Rausche.  Immer  wieder
führte  der  Pöbelkönig,  der  Vetturin  Ciceruacchio  mit  der  dreifarbigen
Fahne  sein  Römervolk  dem  vergötterten  Pontifex  vor.  Auch  die  Fremden
widerstanden  dem  allgemeinen  Taumel  nicht;  einmal  trug  der  Sohn  des
Historikers,  Marcus  Niebuhr,  der  bei  König  Friedrich  Wilhelm  in  besonderer
  Gnade  stand,  an  der  Spitze  der  deutschen  Kolonie  die  schwarzrotgoldene
  Fahne  feierlich  auf  das  Kapitol.  Der  Ruf  Evviva  Pio  Nono  wurde
bald  zum  Losungsworte  aller  Patrioten.  Metternich  klagte,  dieser  Hohepriester
  würfe  den  Pechkranz  in  das  Gebäude  der  sozialen  Ordnung,  und
nicht  lange,  so  erschien  sogar  ein  Gesandter  des  liberalen  Sultans,  um
dem  liberalen  Papste  die  Verehrung  des  Großtürken  auszusprechen.

Bisher  hatte  Pius  nur  einmal  die  Gelegenheit  gehabt,  einen  politischen
Entschluß  zu  fassen:  vor  langen  Jahren  schon,  da  er  als  Bischof  in  der  Romagna
  den  Umsturzplänen  der  jungen  Prinzen  Napoleon  tapfer  entgegengetreten
  war.  Jetzt  stand  er,  obwohl  ihm  die  Kundgebungen  der  Volksgunst
in  tiefster  Seele  schmeichelten,  ängstlich  und  ratlos  vor  schweren  Aufgaben,
welche  weit  über  das  Maß  seiner  Begabung  hinausgingen.  Wer  hätte  damals
  geahnt,  daß  aus  diesem  guten  Manne  dereinst  noch  der  hochmütigste
aller  Päpste  werden  sollte?  Er  ahnte  dunkel,  daß  einige  Reformen  unvermeidlich
  waren,  etwa  im  Sinne  des  Bunsenschen  Memorandums  vom  Jahre
1831,  das  die  großen  Mächte  dem  römischen  Stuhle  so  oft  zur  Beherzigung
vorgehalten  hatten);  doch  er  war  Papst  und  durfte  den  Laien  niemals
in  vollem  Ernst  die  Gleichberechtigung  mit  den  Priestern  gewähren.  Noch

 

*)  S.  o.  IV.  68.
        <pb n="726" />
        718  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

weniger  wollte  er  sich  an  die  Spitze  eines  italienischen  Bundes  stellen.
Solche  nationale  Ideen  hatten  wohl  einst,  als  die  römische  Kirche  noch
die  allgemeine  Kirche  des  Abendlandes  war,  einen  Alexander  III.,  einen
Julius  II.  begeistert;  nunmehr  aber  seit  der  ganze  Norden  Europas  längst
der  Ketzerei  verfallen  war,  mußte  der  Gedanke  der  kirchlichen  Selbstbe—
hauptung  allen  nationalen  Rücksichten  vorgehen.  Am  allerwenigsten  dachte
Pius  den  Aufklärern  und  Freigeistern  in  der  Kirche  entgegenzukommen.
Er  lebte  und  webte  in  streng  klerikalen  Anschauungen,  wenngleich  er  die
Härte  der  Partei  Lambruschinis  tadelte,  und  zum  ersten  Male  ward  er
mißtrauisch  gegen  die  römische  Volksgunst,  als  seine  Verehrer  den  Ruf:
nieder  mit  den  Jesuiten!  anstimmten.  Seitdem,  seit  dem  Herbst  1847
klagte  er  oft,  man  mißbrauche  seinen  Namen,  und  mahnte  eindringlich
zum  Gehorsam  gegen  jede  bestehende  Obrigkeit.

In  seiner  Verlegenheit  erbat  sich  Pius  den  vertraulichen  Rat  der
großen  Mächte,  und  Metternich  säumte  nicht,  schon  im  Juli  1846  vor  allen
„Konzessionen“  zu  warnen;  zwischen  den  Zeilen  seiner  Denkschriften  ließ
sich  herauslesen,  daß  die  Hofburg  nicht  einmal  die  Ausführung  des  Bunsen—
schen  Memorandunms  ernstlich  wünschte.“)  Dem  ungarischen  Landtage  be—
gegnete  der  Staatskanzler  sehr  nachgiebig,  in  Frankfurt  suchte  er  alles
gemächlich  hinzuhalten;  denn  er  rechnete,  daß  Osterreichs  Herrschaft  in
Ungarn  durch  die  geographische  Lage,  in  Deutschland  durch  die  Macht  alter
Erinnerungen  und  die  heillose  Wirrnis  des  Parteilebens  doch  einigermaßen
gesichert  war.  In  den  Italienern  hingegen  sah  er  schlechtweg  Feinde,  und
wie  er  1820  und  1831  auf  dieser  verwundbarsten  Stelle  des  österreichi—
schen  Machtgebietes  sofort  mit  den  Waffen  eingeschritten  war,  so  hielt  er
sich  auch  jetzt  bereit,  die  drohende  neue  Erhebung  Italiens  alsbald  nieder—
zuschlagen.  Haß  gegen  OÖsterreich  —  das  witterte  er  sogleich  —  war  das
gemeinsame  Feldgeschrei  aller  Patrioten  der  Halbinsel,  und  da  er  wußte,
daß  sein  Kaiserstaat  einem  nationalen  italienischen  Fürstenbunde  niemals
beitreten  konnte,  so  erklärte  er  kurzab,  die  einzig  mögliche  Form  der  Einheit
Italiens  sei  die  eine  und  unteilbare  Republik.  Immer  wieder  ließ  er  die
Höfe  warnen:  kein  italienischer  Fürst  könne  jemals  hoffen,  die  Krone  der
Halbinsel  zu  tragen;  die  Bewegung  müsse  notwendig  im  allgemeinen  sozialen
  Umsturz  ausmünden,  da  die  begnadigten  Flüchtlinge  allesamt  als
vollendete  Revolutionäre  heimkehrten;  Gioberti,  Balbo,  Azeglio,  Petitti
und  die  anderen  sogenannten  Gemäßigten  unterschieden  sich  von  Mazzini
nur  wie  der  Giftmischer  von  den  Totschlägern.  Von  der  Klärung  der
Geister,  die  sich  in  dem  edlen  Volke  nach  und  nach  vollzog,  wollte  er
nichts  bemerken.  Wie  zum  Spott  wiederholte  er  jetzt  (Aug.  1847)  in
einer  allen  Großmächten  mitgeteilten  Depesche  das  frevelhafte  Wort  vom
Wiener  Kongresse:  Italien  ist  nur  ein  geographischer  Begriff.

 

*)  Graf  Arnims  Bericht,  14.  Juli  1846.
        <pb n="727" />
        Osterreich  und  Italien.  719

Als  ob  er  jede  friedliche  Verständigung  abschneiden  wollte,  ließ  er  sich
an  dem  wichtigsten  Hofe  der  Halbinsel,  in  Turin,  erst  durch  den  unerträglich
anmaßenden  Fürsten  Felix  Schwarzenberg  vertreten,  der  sich  nachher  auch
in  Neapel  allgemein  verhaßt  machte,  dann  gar  durch  den  Grafen  Buol,  der
an  Übermut  seinem  Vorgänger  nichts  nachgab  und  außerdem  noch  mit
einer  ganz  ungewöhnlichen  Geistlosigkeit  behaftet  war.  Über  den  Turiner
Hof,  der  zwischen  zwei  Großmächten  eingepreßt  doch  wahrlich  keinen  leichten
Stand  hatte,  urteilte  Metternich  ganz  ebenso  hochmütig  und  verständnislos
  wie  über  das  schicksalsverwandte  Preußen;  und  als  die  Piushymne
zu  Ehren  des  neuen  Pontifex  gar  nicht  verstummen  wollte,  da  sagte  er
ingrimmig:  „ein  liberaler  Papst  ist  ein  unmögliches  Wesen.“  Da  er  den
Wandel  der  Zeiten  nicht  zu  erkennen  vermochte,  so  verschanzte  er  sich,  nach
seiner  Gewohnheit,  hinter  großen  Grundsätzen.  „Nichts  in  dieser  Welt
ist  bleibend“,  schrieb  er  dem  Gesandten  Lützow  in  Rom;  „nur  die  Grundsätze
  bleiben,  sie  sind  dem  Wechsel  nicht  unterworfen,  weil  die  Wahrheit
immer  dieselbe  ist  und  bleiben  wird.“  Die  eine,  unwandelbare  Wahrheit
lautete  aber  dahin,  daß  Italien  zum  Vorteil  der  Hofburg  in  alle  Ewigkeit
zerrissen,  unfrei,  verachtet  bleiben  mußte;  und  für  diese  Gedanken  geistund
  herzloser  Völkerbedrückung  fand  Metternich  eine  kräftige  Stütze  in
der  deutschen  Presse,  die  sich  doch  sonst  seiner  Herrschaft  schon  zu  entziehen
begann.  Das  Haus  Cotta  stellte  seine  Allgemeine  Zeitung  der  italienischen
Politik  der  Hofburg  unbedingt  zur  Verfügung,  vielleicht  um  sich  dadurch
für  die  Besprechung  deutscher  Dinge  etwas  mehr  Freiheit  zu  sichern,  und
mit  schimpflicher  Emsigkeit  brachte  das  Augsburger  Blatt  fortan  ungezählte
k.  k.  Lügen  über  das  verworfene  italienische  Sklavenvolk.  Diese  feilen
Federn  beschworen  die  Erinnerung  an  die  Romfahrten  unserer  Kaiser
gewaltsam  wieder  herauf  und  prahlten,  als  ob  der  Schatten  Barbarossas
durch  die  Raizen,  Jazygen  und  Hannaken  der  österreichischen  Regimenter
schritte,  als  ob  der  „besiegelte“  Stock  der  kaiserlichen  Profose  die  Kultur
nach  Italien  brächte.  Viele  deutsche  Zeitungen,  denen  die  Mittel  fehlten,
eigene  Verbindungen  in  Italien  zu  unterhalten,  druckten  alle  diese  Unsauberkeiten
  getreulich  nach;  selbst  in  den  Kreisen  der  preußischen  Offiziere
  wiederholte  man  oft  den  sinnlosen,  auf  die  deutsche  Ritterlichkeit  wohl
berechneten  Lieblingssatz  der  k.  k.  Kameraden:  am  Po  verteidigen  wir
den  Rhein!  Der  Name  der  Tedeschi,  der  ohnehin  schon  für  jede  Prügelei
der  kroatischen  Soldaten,  für  jeden  Verrat  der  welschtirolischen  Spione
des  Hauses  Osterreich  geduldig  herhalten  mußte,  geriet  durch  diese  ungerechte,
  erst  spät  gefühnte  Gehässigkeit  der  deutschen  Presse  bei  allen
Italienern,  zumal  bei  den  Lombarden  gänzlich  in  Verruf.  Die  Lüge  der
verhüllten  Fremdherrschaft  vergiftete  auch  unser  Verhältnis  zu  dem  Volke,
das  uns  unter  allen  am  nächsten  stand.

Auf  unbedingte  Zustimmung  konnte  Metternich  in  Deutschland  gleichwohl
  nicht  zählen.  Ein  großer  Teil  der  Liberalen  schwärmte,  wie  billig,
        <pb n="728" />
        720  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

für  den  freisinnigen  neuen  Papst,  und  in  allen  Parteien  fanden  sich  doch
viele  geistreiche  Männer,  welche  die  Wahlverwandtschaft  des  deutschen  und
des  italienischen  Genius  erkannten.  Die  Zeit  lag  ja  noch  nicht  weit  zurück,
da  alle  hochgebildeten  Deutschen  zwei  absolute  ästhetische  Ideale  schlechthin
verehrt  hatten:  Italien  und  Shakespeare.  Niemand  vielleicht  empfand
diese  ästhetische  Bewunderung  für  Italiens  Land  und  Leute  so  lebhaft  wie
König  Friedrich  Wilhelm.  Gleich  den  romantischen  Malern  der  Corne—
lianischen  Schule  dachte  er  sich  unter  den  Römern  ein  „Königsvolk“  von
angeborenem  Adel.  Alles  dort  im  schönen  Süden  erschien  ihm  edler,  vor—
nehmer,  als  die  grobe  nordische  Welt,  sogar  der  italienische  Liberalismus,
der  doch,  nach  romanischer  Weise,  weit  tiefer  als  die  deutschen  Liberalen
in  den  Banden  der  gefürchteten  „Ideen  von  89“  befangen  war.  Der  König
liebte  „den  herrlichen  Pontifex“  und  pries  Pius  glücklich,  weil  er  nicht  wie
Deutschlands  Fürsten  mit  der  Macht  der  Gemeinheit  zu  ringen  habe.
Seinem  Bunsen  schrieb  er:  „Was  sich  dort  Liberalismus  nennt,  wie  es
nach  Azeglios  Werkchen  erscheint,  das  ist  allerdings  mein  eigenes  Glaubensbekenntnis,
  und  ich  bin  ein  warmer  Anhänger  der  italienischen  Bewegung.
Aber  die  Azeglioschen  Liberalen  wären  in  Deutschland  auf  der  äußersten
Rechten  der  vernünftigen,  vorwärts  wollenden  Konservativen.“  Darum
ließ  er  durch  seinen  Gesandten  Usedom,  der  gleich  ihm  selber  für  den
Papst  und  die  Italiener  begeistert  war,  den  römischen  Stuhl  zu  bedacht—
samen  Reformen  ermuntern;  als  die  Hofburg  gegen  den  liberalen  Papst
schärfer  auftrat  und  sogar,  kraft  zweifelhafter  Rechtstitel,  die  Grenzstadt
Ferrara  besetzen  ließ,  da  bemühte  sich  Friedrich  Wilhelm  redlich,  in  dem
Streite  zu  vermitteln.  Von  der  Glut  des  nationalen  Hasses,  von  der
Notwendigkeit  des  nahenden  Unabhängigkeitskrieges  ahnte  er  nichts,  und
daß  Preußen  je  mit  Piemont  gemeinsam  gegen  Osterreich  vorgehen  könnte,
lag  gänzlich  außerhalb  seines  Gedankenkreises.  Wie  er  den  mit  Osterreich
verketteten  Deutschen  Bund  für  eine  hocherfreuliche  Institution  hielt,  so
wollte  er  auch  durchaus  nicht  begreifen,  warum  die  Italiener  nicht  eben—
falls  mit  dem  weisen  Hause  Osterreich  in  Frieden  leben  sollten.  über  die
geheiligten  Wiener  Verträge  durften  seine  geliebten  Welschen  nimmer
hinausgehen.  Als  die  revolutionäre  Leidenschaft  nun  doch  unaufhaltsam
anschwoll,  da  klagte  er  schmerzlich:  „Schon  regt  sich  der  gemeine,  der
schmeißfliegliche  Liberalismus,  und  wir  erleben  dort  Trauriges,  und
bald!“*)  Indessen  blieb  er  in  der  Rolle  des  wehmütigen  Beobachters.

Weit  näher  ward  Frankreich  durch  die  italienischen  Unruhen  bedrängt.
Seit  die  Entente  cordiale  zersprengt  war  und  Palmerston  Rache  schnob
wegen  der  spanischen  Heiraten,  bewarb  sich  Ludwig  Philipp  noch  zudring—
licher  denn  zuvor  um  Osterreichs  Gunst.  Zweimal  während  dieser  letzten
bangen  Monate  sendete  er  den  von  Braunschweig  her  berüchtigten  geheimen

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  11.  Nov.  1847.
        <pb n="729" />
        Italien  und  die  Westmächte.  721

Agenten  Klindworth  nach  Wien  um  ein  vollständiges  Einverständnis  vor—
zubereiten,  und  im  Kampfe  gegen  Italiens  Einheit  waren  die  beiden  Höfe
allerdings  einig.  Wie  die  Hofburg  ihr  lombardo-venetianisches  Königreich
nur  bei  fortdauernder  Unmündigkeit  der  Italiener  behaupten  konnte,  so
hielten  die  Tuilerien  fest  an  dem  altfranzösischen  Grundsatze,  daß  Frank—
reichs  Macht  auf  der  Nichtigkeit  seiner  Nachbarvölker  beruhe;  und  zu
Metternichs  Wohlgefallen  beschwor  Guizot  die  Reformpartei  der  Halb—
insel,  der  Bewegung  einen  römischen,  toskanischen,  piemontesischen  Charak—
ter  zu  bewahren,  denn  eine  italienische  Frage  wäre  die  Revolution!  Gleich—
wohl  konnte  die  Staatskunst  des  französischen  Neides  mit  der  Politik  der
österreichischen  Herrschsucht  nicht  vollkommen  übereinstimmen;  der  begehr—
liche  Wetteifer  der  beiden  Nachbarmächte  um  die  Vergewaltigung  der  Halb—
insel  wurzelte  zu  tief  in  einer  alten  Geschichte.  Auch  vermochte  Ludwig
Philipp,  obgleich  er  jetzt  immer  „die  Politik  des  Niederhaltens“  im  Munde
führte,  den  revolutionären  Ursprung  seines  Regiments  doch  nicht  ganz
zu  verleugnen.  „Diese  Regierung,“  so  sagte  Metternich  zu  Canitz,  „kann
nicht  stark  sein,  wenn  es  die  Revolution  zu  bekämpfen  gilt;  sie  kann  sich
nicht  mit  uns  auf  eine  Linie  stellen,  das  wäre  wider  die  Natur.“*)  Und
diesen  Argwohn  gab  er  trotz  der  zur  Schau  getragenen  hochkonservativen
Gesinnungen  des  Tuilerienhofs  niemals  ganz  auf;  noch  im  Herbst  1847
nannte  er  den  Bürgerkönig  und  seinen  Minister  beide  „Utopisten“.  In
der  Tat  blieb  Ludwig  Philipps  Haltung  gegenüber  den  Italienern  immer
zweideutig.  Er  versammelte  zum  Schutze  der  westlichen  Herrschaft  des
Papsttums  insgeheim  an  der  piemontesischen  Grenze  das  kleine  Heer,  das
zwei  Jahre  darauf  wirklich  in  Rom  einrücken  sollte,  und  ließ  den  König
Karl  Albert  von  Sardinien,  den  er  als  geborenen  Träger  des  italienischen
Einheitsgedankens  fürchtete,  an  den  kleinen  Höfen  gründlich  verdächtigen.
Zugleich  sendete  er  Flinten  für  die  römische  Nationalgarde  und  empfahl
den  Kabinetten  der  Halbinsel  konstitutionelle  Reformen.  In  Rom  vertrat
ihn  Graf  Rossi,  ein  hochsinniger  Carrarese,  der  in  der  Schweiz  und  in
Paris  als  Staatsmann  und  Gelehrter  im  Sinne  der  französischen  Dok—
trinäre  gewirkt  hatte  und  jetzt  die  sonderbare  Rolle  eines  Gesandten  im
eigenen  Vaterlande  spielte.  Rossi  hoffte  auf  den  italienischen  Fürstenbund
unter  päpstlichem  Primat  und  mochte  dem  geliebten  Pius  wohl  zuweilen
mehr  sagen,  als  sein  Minister  billigen  konnte.  In  Wien  galt  er  für
einen  nichtswürdigen  Jakobiner,  und  schon  dieser  eine  Mann  machte  ein
festes  Einverständnis  zwischen  den  beiden  Höfen  unmöKglich.

So  konnte  denn  Palmerston  prahlerisch  als  großmütiger  Beschützer
Italiens  auftreten.  Auch  er  wurde  von  dem  hilflosen  Pius  um  Rat
angegangen,  und  der  große  katholische  Kanzelredner  Londons,  Bischof
Wiseman,  der  die  Anfrage  überbrachte,  deutete  leise  an,  daß  der  Papst

 

*)  Canitzs  Bericht,  5.  März  1845.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  46
        <pb n="730" />
        722  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

weder  dem  Wiener  noch  dem  Pariser  Hofe  ganz  trauen  könne.  Sofort
schickte  der  Lord  seinen  Freund,  den  radikalen  Querkopf  Earl  Minto  als
Gesandten  nach  Turin,  dann  auch  mit  geheimen  Aufträgen  nach  Rom,
wo  Großbritannien  sich  auf  Grund  seiner  alten  Gesetze  nicht  amtlich  ver—
treten  lassen  durfte,  und  sagte  höhnisch  zu  Bunsen:  das  wird  Metternich
nicht  gefallen,  aber  eine  englische  Flotte  in  der  Adria  wird  ihm  noch  we—
niger  gefallen.s)  In  Mintos  Gefolge  befand  sich  eine  ganze  Schar
amtloser  junger  Leute,  die  mit  erstaunlicher  Unbescheidenheit  überall  an
den  Höfen  die  nahende  Revolution  ankündigten.  Nichts  lag  diesen  vor—
nehmen  Demagogen  ferner  als  eine  ehrliche  Teilnahme  für  Italiens
Unglück;  sie  wollten  nur  Palmerstons  Feinden  Metternich  und  Guizot
entgegenwirken  und  den  für  Englands  Handelspolitik  so  einträglichen  Un—
frieden  auf  dem  Festlande  nähren.  Bunsen  freilich,  dem  niemals  eine
englische  Arglist  zu  plump  war,  ließ  sich  auch  diesmal  täuschen,  und  schrieb
begeistert:  der  Kampf  um  Verfassungen  werde  zu  „einer  politischen  Reli—
gionsfrage,  wobei  England  hohenpriesterliche  Stellung  einnehme.“**)  Pal—
merston  als  Hoherpriester!  —  dieser  spaßhafte  Gedanke  konnte  allerdings
nur  in  dem  fremdbrüderlich  begeisterten  Haupte  des  preußischen  Gesandten
entstehen,  und  Canitz  wollte  nicht  glauben,  daß  in  einem  Volke,  das  bisher
  auf  seinen  gesunden  praktischen  Verstand  stolz  gewesen,  „ein  politischer
Fanatismus  zu  einem  dauernden  System  gemacht  werden  sollte.)  Sein
König  aber  meinte,  als  er  die  unleidliche  Zänkerei  der  westmächtlichen
Diplomaten  kennen  lernte:  „die  englischen  Gesandten  in  Piemont  und
Hellas  scheinen  mir,  um  recht  höflich  zu  sein,  zum  Tollhaus  reif,  überreis.“y)Mit
  gutem  Grunde  klagte  Metternich:  der  Lord  Feuerbrand
nehme  die  alte  „Canningsche  Aolus-Politik“  wieder  auf;  der  Staatsmann,
  der  am  lautesten  wider  die  Interventionspolitik  gescholten,  mische
sich  überall  ein,  er  sei  le  plus  intervenant  de  tous.  Was  der  englische
Hof  tun  konnte,  um  den  allgemeinen  Weltbrand  zu  schüren,  das  tat  er
nach  Kräften.

Also  zwischen  den  großen  Mächten  hin  und  her  geschleudert  brachte  der
gequälte  Papst  in  anderthalb  Jahren  nur  eine  wichtige  Reform  zu  stande
—  die  gefährlichste  von  allen:  er  schuf  die  Nationalgarde,  die  sich  so  leicht
gegen  den  heiligen  Stuhl  selber  wenden  konnte.  Auch  eine  weltliche  Consulta
  trat  zusammen,  aber  wie  war  es  möglich,  daß  Kardinäle  sich  der
Aufsicht  der  Laien  wirklich  unterwerfen  sollten?  Nun  gar  der  weltliche
Ministerrat,  der  auf  Rossis  Bitten  endlich  berufen  wurde,  krankte  von
Haus  aus  an  einem  unheilbaren  Übelstande.  Alle  große  Politik  der
Kurie  war  kirchlich,  die  armseligen  Interessen  des  Kirchenstaates  fielen

 

*)  Bunsens  Bericht,  28.  Sept.  1847.
**)  Bunsen  an  Canitz,  16.  April  1847.
7"*)  Canitz  an  Bunsen,  25.  Sept.  1847.
f)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  8.  Okt.  1847.
        <pb n="731" />
        Reformen  in  Piemont.  723

daneben  kaum  ins  Gewicht,  folglich  mußte  der  Kardinal-Staatssekretär,  der
entschlossene,  scharf  verständige,  klerikale  Antonelli  für  sich  allein  mehr
bedeuten  als  alle  Laien-Minister  insgesamt.  Auch  ein  schwacher  Anlauf
bündischer  Politik  wurde  gewagt.  Im  Oktober  1847  vereinbarten  sich  die
Höfe  von  Rom,  Turin  und  Florenz  —  die  drei  Reformstaaten,  wie  man
sie  hoffnungsselig  nannte  —  vorläufig  über  die  Bildung  eines  Zollvereins,
  und  Palmerston,  der  alte  Feind  des  deutschen  Zollvereins  ließ  diese
Verhandlungen  durch  Minto  kräftig  fördern  —  immer  unter  der  Voraussetzung,
  daß  die  Verbündeten  die  allein  wahren  Grundsätze  des  Freihandels
  annähmen.  Er  sah  in  dem  Plane  zunächst  nur  einen  Schachzug
gegen  Frankreich  und  Osterreich,  er  hoffte  sodann,  dem  englischen  Handel
ein  neues  Absatzgebiet  zu  gewinnen,  da  die  Großindustrie  Italiens  noch
weit  hinter  der  deutschen  zurückstand.  Der  Zollverein  konnte  aber  nur
dann  ins  Leben  treten,  wenn  auch  das  mitteninne  liegende  Modena  sich
anschloß.  Metternich  gab  alsbald  eine  deutliche  Antwort;  er  schloß  im
Dezember  mit  Modena,  dann  auch  mit  Parma  einen  Vertrag,  kraft  dessen
OÖsterreich  jederzeit  bei  drohender  Gefahr  die  beiden  Herzogtümer  besetzen
durfte.  Befriedigt  schrieb  er  nach  Berlin:  „wir  haben  die  Form  eines
Verteidigungsbündnisses  gewählt,  um  das  von  den  Kabinetten  so  streng
verdammte  Wort  Intervention  zu  vermeiden.“  Zudem  blieb  der  Großherzog
  von  Toskana  trotz  seiner  liberalen  Anwandlungen  doch  immer  ein
unschädlicher  Erzherzog,  die  Bourbonen  von  Neapel  waren  durch  den  geheimen
  Vertrag  von  1815  verpflichtet,  an  dem  absoluten  Königtum  nichts
zu  ändern,  und  auch  Karl  Albert  von  Piemont  hatte  einst  in  den  Tagen  der
Bedrängnis  gelobt,  seinem  Lande  niemals  eine  Verfassung  zu  gewähren.

Wie  leicht  konnten  diese  künstlichen  Stützen  der  Fremdherrschaft  zusammenbrechen.
  Die  nationale  und  die  liberale  Idee  begannen  sich  zu
verbünden,  und  wie  stark  dies  junge  Bündnis  schon  war,  das  erfuhr  der
Staat,  der  Italiens  Zukunft  trug,  der  einzige,  den  die  Hofburg  fürchtete,
Piemont.  Halb  Mönch  halb  Soldat,  nach  seiner  Herzensneigung  hochkirchlicher
  Legitimist  und  doch  begeistert  für  Italiens  Einheit,  bedroht  von
der  Schokolade  der  Jesuiten  und  dem  Dolche  der  Demagogen,  schwankte
der  König  Zauderer  Karl  Albert  lange,  bis  er  sich  entschloß,  den  Namen
des  Königs  von  Italien,  den  ihm  einst  die  österreichischen  Offiziere  höhnend
zugerufen  hatten,  zu  Ehren  zu  bringen.  In  vielem  dem  ungleich  geistvolleren
  Friedrich  Wilhelm  ähnlich,  besaß  er  doch,  was  dem  Hohenzollern
fehlte,  starken  dynastischen  Ehrgeiz,  und  angesichts  der  drohenden  Weißröcke
  dicht  an  seiner  Grenze,  konnte  er  sich  nicht  wie  jener  in  holdem
Wahne  über  Österreichs  Gesinnung  täuschen.  Im  Oktober  1847  entließ  er
den  hochkonservativen  Minister  Solaro,  gewährte  den  Kommunen  die  Wahl
ihrer  Gemeinderäte  und  der  Presse,  nach  preußischem  Muster,  freiere  Bewegung.
  Unermeßlicher  Jubel  begrüßte  diese  „albertinischen  Reformen“,
denn  jede  Reform  in  Piemont  war  ein  Schlag  gegen  Österreich.

46
        <pb n="732" />
        724  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

Nirgends  wußte  man  das  besser  als  im  Hauptquartiere  des  Feld—
marschalls  Radetzky.  Der  greise,  im  menschlichen  Verkehre  stets  liebens—
würdige  Kriegsmann  behandelte  das  schöne  Doppelkönigreich,  das  er  für
seinen  Kaiser  behüten  sollte,  schlechthin  als  Feindesland;  weder  er  noch
seine  Offiziere  wollten  in  den  Italienern  jemals  Mitbürger  und  Lands—
leute  sehen,  und  auch  General  Ficquelmont,  der  im  Sommer  1847  zur
Unterstützung  des  schwachen  Vizekönigs,  des  Erzherzogs  Rainer  nach  Mailand
  gesendet  wurde,  stimmte  mit  dem  Feldmarschall  dahin  überein,  daß
hierzulande  nur  Waffen  und  wieder  Waffen  helfen  könnten.  Trotz  der
Umtriebe  der  Agenten  Mazzinis  begannen  sich  selbst  in  diesem  geknechteten
Volke  gemäßigte  Parteien  zu  bilden,  und  Giusti  sagte,  so  oft  er  die  Glocken
des  Mailänder  Doms  zum  Begräbnis  oder  zur  Taufe  läuten  hörte:  gein
Brigant  stirbt,  ein  Liberaler  wird  geboren.“  Alle  diese  Selbstbesinnung,
all  das  tiefe  patriotische  Leid  der  Lombarden  war  den  heimatlosen  Landsknechten
  des  k.  k.  Heeres  nur  lächerlich,  selbst  der  feingebildete  General
Schönhals  beschimpfte  die  Welschen  als  Verräter  und  Feiglinge.  „Nicht
die  Stärke  der  Nationen  —  so  schrieb  Radetzky  in  diesen  Tagen  dem
preußischen  General  Wrangel  —  sondern  die  Schwäche  der  Fürsten  erzeugt
  die  Revolution.  Der  hochgefeierte  Pius  ist  ein  schwacher,  eitler
Pfaffe,  vielleicht  ein  guter  Mensch,  sonst  nichts.“

Die  Masse  des  Volks  fühlte  von  dem  Drucke  der  Fremdherrschaft
wenig.  Was  sollten  aber  die  Signoren  empfinden?  Ein  scheußliches
Spionenwesen  vergiftete  jedes  Haus,  die  gefangenen  Verschwörer  wurden
grausam  mißhandelt,  die  Presse  geknebelt,  die  Brutalität  der  stockprügelseligen
  Beamten  erschien  eben  so  unleidlich  wie  der  hochmütige  Wachstubenton
  der  Truppen,  jedes  nationale  Gefühl  ward  grundsätzlich  verhöhnt.
  Versöhnung  war  unmöglich.  „DO  ihr  geliebten  Brüder,  auch  euer
Tag  wird  tagen“  —  so  sangen  die  Florentiner  und  die  Romagnolen  den
Brüdern  im  Norden  zu.  Nur  auf  den  Kongressen  der  Landwirte  und
der  gelehrten  Welt,  die  hier  wie  in  Deutschland  das  Erwachen  des  Einheitsgedankens
  ankündigten,  durften  Lombarden  und  Venetianer  sich  ungestört
  ihres  Volkstums  erfreuen.  Wo  aber  die  Piushymne  erklang,  da
schritten  die  k.  k.  Truppen  ein,  schon  floß  Blut  in  kleinen  Straßenkämpfen,
schon  wurden  die  Universitäten  von  Padua  und  Pavia  geschlossen,  weil
man  die  Studenten  nicht  mehr  bändigen  konnte.  Die  Stunde  der  Abrechnung
  kam  heran.  Am  12.  Jan.  1848  wehte  die  Trikolore  auf  den
Türmen  von  Palermo,  Sizilien  sagte  sich  los  vom  Hause  Bourbon.  Noch
glaubte  man  in  der  Hofburg  wie  in  den  Tuilerien  das  Bestehende  halten
zu  können.  Guizot  erklärte,  die  Bourbonen  hätten  gar  nicht  das  Recht
auf  die  Insel  zu  verzichten;  auf  Metternichs  Wunsch  war  er  bereit,  „den
ehrgeizigen,  ränkesüchtigen,  furchtsamen“  König  Karl  Albert  zu  überwachen
und  nötigenfalls  Rom  zu  besetzen.  Er  wollte,  daß  die  vier  Großmächte
des  Festlands  sich  gemeinsam  für  den  Besitzstand  in  Italien  verbürgen
        <pb n="733" />
        Revolution  in  Italien.  725

und  nachträglich  auch  England  zuziehen  sollten.  Keine  Zugeständnisse!  —
so  lautete  auch  jetzt  noch  sein  letztes  Wort.“)  Doch  fast  im  selben  Augen—
blicke  siegten  die  Konstitutionellen  auch  in  Neapel,  in  Florenz,  und  wenige
Tage  bevor  sie  in  Frankreich  ruhmlos  unterging,  wurde  die  Charte  des
Juli-Königtums  in  Turin  als  Statut  des  Königreichs  Sardinien  ausge—
rufen.  Die  Fremdherrschaft  auf  der  Halbinsel  war  der  Vernichtung  nahe.  —

 

In  Italien  mußte  Osterreich  jede  nationale  und  liberale  Regung
niederdrücken,  um  seinen  alten,  längst  schon  unhaltbaren  Besitzstand  zu
verteidigen.  Wenn  die  Hofburg  und  die  anderen  Großmächte  des  Fest—
lands  aber  auch  in  der  Schweiz  dieselben  Gedanken  nationaler  Reform
mit  der  äußersten  Heftigkeit  bekämpften,  so  konnten  sie  sich  nicht  mehr  auf
irgendeine  Rücksicht  politischer  Zweckmäßigkeit  berufen,  sondern  lediglich
auf  die  starre  Doktrin  eines  unbelehrbaren  Legitimismus.  Die  inneren
Verhältnisse  des  kleinen  republikanischen  Staatenbundes,  der  seit  Jahr—
hunderten  eine  Anomalie  in  dem  monarchischen  Europa  bildete,  bedeuteten
für  den  Weltteil  sehr  wenig;  eine  nüchterne  Politik  durfte  der  Klugheits—
regel  nicht  vergessen,  die  sich  die  Monsignoren  des  Vatikans  nach  so
manchen  Proben  eidgenössischen  Trotzes  gebildet  hatten:  man  muß  die
Schweizer  bei  ihren  Bräuchen  und  Mißbräuchen  lassen.  In  der  Wiener
Kongreßakte  (Art.  74)  war  ausdrücklich  nur  „die  Integrität“  der  verbün—
deten  Kantone  „als  Grundlage  des  helvetischen  Systems  anerkannt“  und
der  Eidgenossenschaft  die  Neutralität  verbürgt  worden.  Die  Mächte  hatten
damals  die  noch  widerstrebenden  Kantone  aufgefordert,  um  des  gemeinen
Wohles  willen  sich  der  Bundesverfassung  anzuschließen,  und  dafür  den
Dank  „der  schweizerischen  Nation“  entgegengenommen.  Folglich  konnte
dieser  schweizerischen  Nation  auch  nicht  verwehrt  werden,  ihre  Bundesverfassung
  umzugestalten  und  die  Grenzen  zwischen  Bundesgewalt  und
Kantonalgewalt  gesetzlich  zu  verändern,  wenn  nur  die  Integrität  der  Kantone,
  die  in  Wahrheit  niemand  anzutasten  dachte,  gewahrt  blieb.  Die
Frage,  wie  weit  die  Souveränität  der  Kantone  durch  die  Bundesgewalt
beschränkt  werden  solle,  war  eine  rein  schweizerische  Angelegenheit,  und
die  Mächte  hatten  dabei  ebenso  wenig  mitzusprechen,  wie  bei  der  deutschen
Bundesreform,  die  ja  auch  nur  durch  Einschränkung  der  Territorialgewalten
  möglich  war.  Gleichwohl  bestand  an  den  großen  Höfen  der
Glaubenssatz,  daß  die  traurige  schweizerische  Bundesverfassung  mit  ihrer
schrankenlosen  Kantönli-Souveränität  eine  unabänderliche  Ordnung  sei,
so  unzerstörbar  wie  der  Contract  social  der  radikalen  Doktrinäre.

Unverkennbar  waltete  über  den  scheinbar  so  verworrenen  Parteikämpfen

 

*)  Arnims  Bericht,  Paris,  8.  Febr.  1848.
        <pb n="734" />
        726  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

dieses  klassischen  Landes  föderativer  Staatsbildung  eine  historische  Notwendigkeit:
  die  Natur  der  Dinge  drängte  dahin,  daß  die  Schweiz  jede
Verbindung  mit  dem  Auslande  auflöste  und  den  alten  Unterschied  von
Stadt  und  Land,  von  Herrenlanden  und  Untertanenlanden  beseitigte.
Dies  zweifache  Ziel  war  im  Jahre  1815  nahezu  erreicht:  die  Eidgenossenschaft
  bestand  nur  noch  aus  zweiundzwanzig  gleichberechtigten  Kantonen.
Nunmehr  begann  eine  ebenso  notwendige  demokratische  Bewegung;  die  tüchtigen,
  um  die  alte  Schweiz  so  hochverdienten  Patriziergeschlechter  vermochten
nur  noch  in  Basel,  in  Neuenburg  und  wenigen  anderen  Kantonen  ihre
geistige  und  wirtschaftliche  Uberlegenheit  zu  behaupten,  der  Mittelstand
drängte  sich  überall  kräftig  empor.  Seit  der  Juli-Revolution  ließ  sich  schon
deutlich  erkennen,  daß  die  Schweiz  der  repräsentativen  Demokratie  zustrebte;
der  aristokratische  Kleine  Rat  verlor  fast  allerorten  an  Ansehen,  die  Kantonalgewalt
  geriet  mehr  und  mehr  in  die  Hände  der  Volksvertretung,  des
demokratischen  Großen  Rates.  Die  aufstrebende  Demokratie  verlangte
zugleich  eine  stärkere  Bundesgewalt,  wie  sie  schon  einmal,  unter  der  napoleonischen
  Mediationsakte,  zum  Heile  des  Landes  bestanden  hatte.
Aber  diese  im  wesentlichen  notwendige  Veränderung  des  schweizerischen
  Lebens  betrachteten  die  großen  Mächte  von  vornherein  ungerecht,  mit
legitimistischer  Verblendung.  Sie  waren  sämtlich,  nicht  mit  Unrecht,
erbittert  über  die  unzuverlässige,  bald  harte,  bald  schlaffe  Haltung,  welche
die  Eidgenossen  gegenüber  den  Flüchtlingen  gezeigt  hatten.  Sie  nahmen
kurzweg  an,  daß  der  schweizerische  Radikalismus,  der  in  seinem  Kerne
ganz  national  war  und  alles  ausländische  Wesen  fast  unduldsam  abwies,
mit  den  Umsturzparteien  des  gesamten  Weltteils  zusammen  arbeitete.
Überdies  standen  die  alten  Herrengeschlechter  der  Schweiz,  deren  große
Zeit  jetzt  zu  Ende  ging,  allesamt  mit  den  großen  Höfen  in  persönlicher
Verbindung.  Die  katholischen  Konservativen  unterhielten  durch  Haller,
Hurter,  Bernhard  Meyer  und  andere  fanatische  Ultramontane  vertrauten
Verkehr  mit  Metternich;  die  Genfer  Patrizier  waren  Guizots  und  Broglies
alte  Freunde,  die  Neuenburger  Aristokraten  das  getreue  Lehensvolk  der
Krone  Preußen.  Schon  der  Name  der  Radikalen,  der  in  der  Schweiz
doch  etwas  ganz  anderes  bedeutete  als  in  den  benachbarten  Monarchien,
schreckte  die  Diplomaten  ab;  die  fremden  Gesandten  verkehrten  ausschließlich
mit  schweizerischen  Konservativen,  weil  ihnen  der  Wirtshauston  der  radikalen
Gesellschaft  nicht  zusagte,  und  erstatteten  ihren  Höfen  stets  parteiisch  gefärbte
  Berichte.  Was  die  Höfe  von  Paris  und  Wien  so  gehässig  gegen
die  Schweizer  stimmte,  war  doch  vornehmlich  die  Angst  vor  Deutschlands
Erstarken.  Metternich  zitterte  bei  dem  Gedanken,  daß  die  deutschen
Patrioten  sich  an  den  schweizerischen  Radikalen  ein  Beispiel  nehmen  könnten;
Guizot  sprach  mit  Entsetzen  von  „dem  Großstaats-Ehrgeiz“  der  Schweizer,
von  der  Möglichkeit  einer  furchtbaren  helvetischen  Einheitsrepublik,  gleich
als  ob  Frankreich  vor  der  Schweiz  zittern  müßte;  und  König  Friedrich
        <pb n="735" />
        Der  Sonderbund.  727

Wilhelm  ließ  sich  durch  die  legitimistische  Seelenangst  der  befreundeten
Höfe  dermaßen  betören,  daß  er  gar  nicht  mehr  bemerkte,  wie  nahe  seine
eigenen  deutschen  Bundesreformpläne  sich  mit  den  allerdings  derberen
Gedanken  der  schweizerischen  Radikalen  berührten.

Zu  allem  Unheil  ward  der  politische  Parteikampf  noch  vergiftet  durch
die  konfessionelle  Feindschaft,  die  hier,  in  dem  Lande  althistorischer  Parität,
nur  Verderben  stiften  konnte.  Da  der  klerikalen  Partei  seit  dem  Kölnischen
Bischofsstreite  überall  in  der  Welt  die  Schwingen  gewachsen  waren,  so
wagten  die  katholischen  Freiämter  des  überwiegend  protestantischen  Kantons
Aargau  einen  Aufruhr.  Der  Aufstand  mißlang,  und  zur  Strafe  wurden
die  mit  den  Rebellen  eng  verbündeten  Mannsklöster  des  Kantons  ge—
schlossen.  Damit  verletzten  die  Radikalen  zuerst  die  Bundesverfassung,
welche  den  Bestand  der  Klöster  ausdrücklich  gewährleistete.  Der  ganz  von
der  klerikalen  Demokratie  beherrschte  Kanton  Luzern  antwortete  alsbald
durch  eine  mutwillige  Herausforderung:  er  berief  die  Jesuiten,  die  aller—
dings  schon  in  Freiburg  und  anderen  Kantonen  angesiedelt;  aber  in  der  protestantischen
  Schweiz  unbeschreiblich  verhaßt  waren.  Diese  Tat  gab  das
Signal  zum  Bürgerkriege,  obgleich  sie  dem  Buchstaben  der  Bundesverfassung
nicht  widersprach.  Während  der  nächsten  Jahre  begann  sich  die  Eidgenossenschaft
  in  zwei  Feldlager  zu  scheiden.  In  Genf,  in  der  Waadt,  in  Bern,  in
Solothurn,  in  Zürich  gelangte  die  radikale  Partei  zur  Herrschaft,  während  in
Wallis,  die  Klerikalen  mit  Luzerns  Beihilfe  einen  blutigen  Sieg  errangen.
Von  den  benachbarten  radikalen  Kantonen  unterstützt  versuchte  die  unzufriedene
  Luzerner  Minderheit  durch  zwei  Freischarenzüge  das  Priesterregiment
  zu  stürzen  (1844/45),  und  nachher  wurde  der  Führer  der  Luzerner
klerikalen  Volkspartei,  der  Bauer  Leu  durch  einen  gedungenen  Mörder
umgebracht.  Den  zweiten  dieser  Freischarenzüge  führte  Anwalt  Ochsenbein
  von  Bern,  ein  radikaler  vom  rohesten  Schlage,  der  sich  allem  Anschein
  nach  in  das  Treiben  der  demagogischen  Flüchtlinge  sehr  tief  eingelassen
  hatte.  Er  entblödete  sich  nicht,  in  einer  Druckschrift  den  Bundesfriedensbruch
  zu  verherrlichen  als  „eine  so  großartige  Erscheinung,  wie
sich  einer  ähnlichen  keine  andere  Nation  rühmen  könne“;  er  sah  in  allen
diesen  Bürgerkämpfen  nur  den  ewigen  „Widerstreit  zwischen  dem  geschichtlichen
  und  dem  Vernunftrecht,  den  Kampf  zwischen  geistiger  Knechtschaft
und  freiem  geistigem  Aufschwung.“  Ochsenbein  wurde  von  dem  eidgenössischen
  Generalstabe,  dem  er  als  Hauptmann  angehörte,  verdientermaßen
  aus  den  Listen  gestrichen,  doch  gleich  darauf  (1846)  war  er  erwählter
Stadtschultheiß  von  Bern  und  als  solcher  Vorsitzender  der  Eidgenossenschaft,
da  Bern  für  die  nächsten  zwei  Jahre  Vorort  der  Schweiz  wurde.

Unterdessen  hatten  die  sieben  katholischen  Kantone  der  inneren  Schweiz
einen  Sonderbund  geschlossen,  angeblich  nur  zum  Schutze  der  Bundesverfassung
  und  der  Kantonalsouveränität.  In  Wahrheit  widersprach  der
Sonderbund  dem  Bundesrechte,  das  alle  der  Eidgenossenschaft  oder  ein-
        <pb n="736" />
        728  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

zelnen  Kantonen  feindlichen  Bünde  ausdrücklich  verbot,  und  noch  mehr
der  durch  so  viele  bürgerliche  Kriege  teuer  errungenen  kirchlichen  Parität.
Dieselben  Kantone,  welche  einst  den  Kampf  gegen  Zwingli  geführt  und  nachher
  unter  Osterreichs  Schutze  den  Borromäischen  Bund  gestiftet  hatten,
bildeten  den  Kern  des  neuen  Sonderbundes,  und  un  ihrer  Spitze  standen
die  fanatischen  Luzerner  Klerikalen  Siegwart  Müller  und  Bernhard  Meyer.
Es  zeigte  sich  wieder,  daß  die  Schweiz  in  manchem  Sinne  das  konservativste
Land  Europas  ist;  der  Eidgenossenschaft  drohte  ein  Religionskrieg,  wie  er
bei  anderen  Völkern  des  Weltteils  längst  nicht  mehr  möglich  war.  Wider
den  Sonderbund  bot  nun  die  radikale  Partei  jedes  Mittel  auf;  Bluntschli
und  seine  Züricher  Konservativ-Liberalen  unterlagen,  für  Vermittler  war
kein  Raum  mehr,  Ochsenbein  und  die  radikalen  Berner  behaupteten  die
Führung,  und  nach  einer  Staatsumwälzung  im  Kanton  St.  Gallen  ward
endlich  die  knappe  Mehrheit  der  Tagsatzung  für  die  Gegner  des  Sonderbundes
  gewonnen.  Douze  voix  font  loi,  jubelten  die  Radikalen.

Die  zwölf  Stimmen  der  Mehrheit  waren  entschlossen,  die  Jesuiten  als
Störer  des  konfessionellen  Friedens  aus  der  Eidgenossenschaft  zu  vertreiben,
den  Sonderbund  aufzulösen,  die  Bundesgewalt  zu  verstärken.  Zu  so  durchgreifenden
  Beschlüssen  verlangte  aber  das  Bundesrecht  Einstimmigkeit  oder
Dreiviertelmehrheit  der  Tagsatzung;  hier  wie  im  Deutschen  Bunde  ward
jede  ernste  gesetzliche  Reform  durch  ein  unvernünftiges  Grundgesetz  verhindert.
  Auf  den  Buchstaben  des  Bundesrechts  konnte  sich  mithin  keine
der  beiden  Parteien  berufen;  die  Radikalen  kämpften  jedoch,  was  sie  auch
durch  Parteihaß  gesündigt  haben  mochten,  für  den  berechtigten,  konservativen
Gedanken  der  schweizerischen  Bundeseinheit,  die  durch  den  Sonderbund
unfehlbar  zerstört  werden  mußte.  Darum  boten  auch,  als  der  Bürgerkrieg
  nahte,  der  konservative  General  Dufour  von  Genf  und  die  gleichgesinnten
  Obersten  Burckhardt,  Ziegler,  Donats  der  radikalen  Zwölfermehrheit
  sofort  ihre  Dienste  an;  und  zu  den  erklärten  Radikalen,  Ochsenbein
  von  Bern,  Druey  vom  Waadtlande  gesellten  sich  republikanische
Staatsmänner  von  gemäßigter  bürgerlich-demokratischer  Gesinnung,  wie
Munzinger  von  Solothurn,  Furrer  von  Zürich,  Näff  von  St.  Gallen,
Kern  und  andere.  Einheit  oder  Zerfall?  —  so  stand  die  Frage.  Der
Ausgang  des  Krieges  konnte  kaum  zweifelhaft  sein,  da  die  Kantone  der
Zwölfermehrheit  den  Sonderbund  von  allen  Seiten  her  umklammert
hielten,  an  Geldmitteln  und  Kopfzahl  ihn  fast  um  das  Vierfache  übertrafen;
  die  Zeit  war  auch  längst  dahin,  da  die  vier  Waldstädte  in  den
Scharen  ihrer  kampferfahrenen  alten  Reisläufer  die  beste  kriegerische
Kraft  der  Schweiz  besessen  hatten.

Mit  einer  blinden  Gehässigkeit,  die  an  die  Tage  der  Karlsbader
Beschlüsse  erinnerte,  beurteilten  die  Höfe  von  Wien,  Berlin  und  Paris
diese  für  Ausländer  wahrlich  schwer  verständlichen  schweizerischen  Wirren.
Der  Zar  hielt  sich  etwas  zurück,  er  wollte  mit  England  nicht  brechen,
        <pb n="737" />
        Vorbereitungen  zum  Sonderbundskriege.  729

solange  der  ersehnte  allgemeine  Vernichtungskrieg  gegen  die  Revolution
noch  unmöglich  schien.  Palmerston  aber  harrte  ungeduldig  des  Augenblicks,
  da  er  der  Verblendung  Metternichs  und  Guizots  eine  lächerliche
Beschämung  bereiten  konnte.  Am  Wiener  Hofe  wurde  die  Möglichkeit
einer  bewaffneten  Einmischung  schon  seit  dem  Jahre  1845  ernstlich  erwogen.
  Metternich  verdammte  die  Aufhebung  der  Aargauer  Klöster  kurzweg
  als  einen  Raub,  er  wünschte  seinen  Luzerner  Getreuen  feierlich  Glück
zur  Vertreibung  der  Freischaren,  und  obgleich  er  die  Berufung  der  Jesuiten
nach  Luzern  bedenklich  fand,  so  behauptete  er  doch  von  vornherein:  der
kirchliche  Streit  sei  nur  Vorwand,  die  wirkliche  Absicht  dieser  schamlosen
Radikalen  gehe  dahin,  die  Schweiz  unter  dem  Schutze  ihrer  Neutralität
zu  einem  Herde  der  europäischen  Anarchie  zu  machen,  die  eine  und  unteilbare
  helvetische  Republik  der  jakobinischen  Zeiten  mit  einer  revolutionären
„Zentralregierung“  wiederherzustellen.  Diesem  „unterwühlenden  und
brandstiftenden  Systeme“  traute  er  jede  Nichtswürdigkeit  zu,  zumal  seit  der
verrufene  Ochsenbein  an  die  Spitze  der  Eidgenossenschaft  getreten  war.“)

In  Wahrheit  wurde  der  unmögliche  Gedanke  eines  helvetischen  Einheitsstaates
  nur  von  einzelnen  Heißspornen  der  Jungschweizer  gehegt;  die
Masse  der  Radikalen  lebte  in  den  föderalistischen  Ideen,  die  hierzulande  in
der  Luft  lagen,  sie  wollte  die  Integrität  der  Kantone  nicht  gefährden  und
auch  die  Souveränität  der  Kantonalgewalten  nicht  zerstören,  sondern,  wie
nachher  der  Erfolg  zeigte,  nur  ernstlich  beschränken.  Aber  auch  diese  gemäßigten
  Pläne  mußten  —  wie  Metternich  die  Dinge  ansah  —  den
Deutschen  ein  gefährliches  Beispiel  geben.  Darum  war  in  den  Wiener
Hofkreisen  jedermann  für  den  Sonderbund  begeistert.  Der  karlistische
Landsknecht  Fürst  Friedrich  Schwarzenberg  stellte  den  Urkantonen  seinen
Degen  zur  Verfügung,  und  selbst  der  alte  Erzherzog  Johann,  den  die
deutschen  Liberalen  wegen  seines  sagenhaften  Trinkspruchs  als  Gesinnungsgenossen
  bewunderten,  verlangte  heftig  bewaffnetes  Einschreiten  gegen  ein
Prinzip,  das  alles  umstürze.  Die  Sonderbundskantone  schämten  sich  nicht,
die  Nachbarmächte  um  Geld  und  Waffen  gegen  ihre  eigenen  Landsleute
zu  bitten.  Bernhard  Meyer  —  der  Blut-Bäni,  wie  die  Schweizer  ihn
nannten  —  erlangte  im  Herbst  1846  glücklich  eine  Flintensendung  von
König  Karl  Albert  —  kaum  ein  Jahr,  bevor  der  Piemontese  umschwenkte
und  mit  den  albertinischen  Reformen  die  italienische  Revolution  einleitete.
Zwei  andere  Waffensendungen  des  Wiener  und  des  Pariser  Hofes  wurden
aufgefangen,  auch  die  dem  Sonderbunde  durch  den  Vizekönig  Erzherzog
Rainer  übermittelten  50  000  Fr.  trafen  nicht  mehr  zur  rechten  Zeit  ein.
Zugleich  ließ  der  Wiener  Hof  eine  Brigade  an  der  Vorarlbergischen  Grenze
zusammenziehen,  in  der  ausgesprochenen  Absicht,  die  Zwölfermehrheit  entweder
  einzuschüchtern  oder  sie  zur  Teilung  ihrer  Streitkräfte  zu  nötigen.)

*)  Berichte  von  Canitz,  19.  Jan.,  12.  24.  April;  von  Bunsen  15.  März  1845.
**)  Graf  Arnims  Bericht,  29.  Sept.  1847.
        <pb n="738" />
        730  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

Feldmarschall  Radetzky  erhielt  Befehl,  sich  jederzeit  zum  Einmarsch  in
den  Kanton  Tessin  bereit  zu  halten,  und  als  die  Bevollmächtigten  der
Kantone  im  April  1847  in  Wien  zu  einer  Postkonferenz  zusammenkamen,
da  scheute  Metternich  sich  nicht,  die  Sonderbundskantone  in  feierlicher
Ansprache  zur  Ausdauer  aufzufordern.

Also  verletzten  die  Mächte,  noch  bevor  der  Bürgerkrieg  begonnen
hatte,  gröblich  die  der  Eidgenossenschaft  zugesicherte  Neutralität;  sie  er—
klärten  sich  von  Haus  aus  für  die  eine  der  streitenden  Parteien,  deren
Recht  doch  mindestens  zweifelhaft  blieb;  sie  merkten  nicht,  daß  sie  gerade
durch  ihre  ungerechte  Feindseligkeit  den  Haß  der  gesamten  liberalen  Welt
Europas  herausforderten  und  dem  nationalen  Verfassungskampfe  ein
weltbürgerlich-radikales  Gepräge  gaben,  das  ihm  eigentlich  fremd  war.
Der  alte  Metternich  gebärdete  sich  zuweilen  wie  ein  Unsinniger;  er  meinte,
als  der  Krieg  herankam:  die  Geschichte  kenne  kein  Beispiel  einer  so  voll—
kommenen  Negation  der  Grundlagen  der  sozialen  Ordnung  1—  und  doch,
was  verlor  Europa,  wenn  der  Stier  von  Uri  gezwungen  wurde,  seine
scharfen  Hörner  vor  dem  historisch  ebenso  ehrwürdigen  Kreuzbanner  der
Eidgenossen  etwas  einzuziehen?  Zum  Glück  war  alles,  was  Metternich
jetzt  noch  unternahm,  greisenhaft,  halb,  schwächlich;  über  geheime  Aufreizungen
  und  klägliche  Almosen  ging  er  nicht  mehr  hinaus.  So  viele
Jahre  daher  hatten  die  Mächte  in  unzähligen  Noten  den  Eidgenossen  Eintracht,
  Ruhe,  Mäßigung  gepredigt.  Da  kündigten  im  Oktober  1847  die
Gesandten  des  Sonderbundes  der  Tagsatzung  den  Frieden  auf;  der
Bürgerkrieg  war  erklärt.

Sofort  entwarf  Guizot  eine  Vermittlungsnote  im  Namen  der  fünf
Mächte,  deren  Gesandte  mehrenteils  den  Vorort  Bern  schon  verlassen
hatten,  weil  sie  mit  Ochsenbeins  radikaler  Plumpheit  nicht  in  Berührung
kommen  wollten.  Guizot  selbst  dachte  über  die  Schweizer  Wirren  ganz
wie  Metternich,  desgleichen  der  streng  klerikale  Gesandte  Graf  Bois  le
Comte.  König  Ludwig  Philipp  aber,  der  in  Frankreichs  auswärtiger  Politik
  doch  stets  den  Ausschlag  gab,  zeigte  sich  bedenklicher,  er  hoffte  das
freundliche  Einvernehmen  mit  England  womöglich  wiederherzustellen  und
wünschte  jedenfalls  eine  bewaffnete  Einmischung  in  der  Schweiz  zu  vermeiden.
  Guizots  Note  verlangte,  daß  die  Ausweisung  der  Jesuiten  der
Entscheidung  des  Papstes  unterbreitet  werden  sollte,  der,  den  Vätern  der
Gesellschaft  Jesu  wenig  günstig,  doch  nur  ungern  in  diese  heiklen  Händel
sich  einließ;  sie  forderte  ferner  sofortige  Entwaffnung  beider  Teile  und
Anerkennung  der  Souveränität  der  Sonderbundskantone.  Sie  sollte
mithin  den  Ausbruch  des  Bürgerkriegs  verhindern  und  konnte  nur  dann
etwas  wirken,  wenn  sie  der  Tagsatzung  noch  vor  Beginn  der  Feindseligkeiten
  eingehändigt  wurde.

Welch  eine  köstliche  Gelegenheit  für  Palmerston,  endlich  Rache  zu
nehmen  für  die  spanischen  Heiraten!  Er  brauchte  nur  die  diplomatische
        <pb n="739" />
        Niederlage  des  Sonderbunds.  731

Entscheidung,  die  bei  der  weiten  Entfernung  der  fünf  Höfe  ohnehin  viel
Zeit  erforderte,  noch  ein  wenig  hinzuhalten,  bis  der  Sonderbund  durch
die  Waffen  der  Zwölfermehrheit  vernichtet  war.  Schon  im  September
hatte  sein  getreuer  Lord  Minto,  auf  der  Reise  nach  Turin,  sich  mit
Ochsenbein  besprochen  und  mit  Freuden  erfahren,  daß  der  radikale  Freischarenführer
  zu  raschen  Schlägen  entschlossen  war.)  Auch  der  preußische
  Gesandte  Sydow  beurteilte  die  Lage  richtig;  er  berichtete  heim:  jeder
Tag  Zeitverlust  beschleunige  den  Untergang  des  Sonderbundes.  Als
nun  der  Herzog  von  Broglie  den  Notenentwurf  Guizots  vorlegte,  da
vermochte  Palmerston  im  ersten  Augenblicke  seine  Schadenfreude  nicht  mehr
zu  bemeistern,  und  in  einem  höhnischen  Brieflein  gab  er  zur  Antwort:  er  bewundere
  die  Fassung  des  Aktenstückes;  er  sehe  wohl,  es  handle  sich  um  eine
zweite  Auflage  der  Krakauer  Sache,  und  könne  nie  seine  Hand  dazu  bieten,
daß  die  Schweiz  polonisiert  würde.  Darob  allgemeine  Entrüstung  an  den
großen  Höfen;  König  Friedrich  Wilhelm  schrieb  an  Bunsen:  „Dieser
Witz  Ihres  whiggistischen  Freundes  schmeckt  nach  Ubergenuß  von  Austern
und  Champagner.  Er  ist  das  Kind  des  Guizot-Metternich-Hasses,  d.  h.
der  schlechtesten  Erscheinung  auf  dem  diplomatischen  Horizonte  seit  den
Juli-Tagen.“*)Indes  lenkte  der  schlaue  Lord  alsbald  scheinbar  ein  und
erklärte  sich  bereit,  über  eine  gemeinsame  Note  zu  verhandeln.  Darüber
mußten  wieder  viele  Tage  vergehen,  und  währenddem  ließ  der  englische
Gesandte  in  der  Schweiz,  der  junge  mit  Ochsenbein  persönlich  befreundete
Sohn  Robert  Peels,  den  General  Dufour  vertraulich  auffordern,  er
möge  so  schnell  wie  möglich  losschlagen.  Abermals  hohe  Entrüstung  an
den  großen  Höfen,  als  diese  neue  Treulosigkeit  ruchbar  wurde;  Friedrich
Wilhelm  wollte  gar  nicht  begreifen,  daß  dieser  „Peelbube“  der  Sohn  des
Mannes  sei,  der  den  Sinn  eines  Herzogs  und  das  Herz  eines  Bürgers
habe.*“)  Aber  hatten  Österreich  und  Frankreich  redlicher  gehandelt,
als  sie  den  Sonderbund  mit  Geld  und  Waffen  unterstützten?  Das  alte
System  der  bevormundenden  Kongresse  zeigte  sich  noch  einmal  in  seiner
ganzen  Unwahrheit.  Die  Staaten  Europas  waren  durch  zu  mannigfache
Interessen  miteinander  verkettet,  der  hohe  Gerichtshof  der  Pentarchie
konnte  in  irgend  ernsten  Streitfällen  niemals  ganz  unparteiisch  verfahren.

General  Dufour  bedurfte  der  englischen  Mahnungen  nicht.  Er  sah
mit  sicherem  Soldatenblick,  daß  er  seine  große  Übermacht  sofort  ganz
einsetzen  mußte,  um  den  Sonderbund  in  raschem  Anlaufe  niederzurennen.
So  ward  der  Sieg  gesichert,  eidgenössisches  Blut  gespart,  die  Einmischung
der  Fremden  abgewendet.  Die  Truppen  der  Tagsatzung  entwaffneten  zunächst
  den  Kanton  Freiburg,  sie  zogen  sodann  gegen  die  Hauptstadt  des

 

*)  Bunsens  Bericht,  28.  Sept.  1847.
**)  Graf  Arnims  Bericht,  22.  Nov.;  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  8.  Dez.
1847.
*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  4.  Dez.  1847.
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        732  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

Sonderbundes  und  erzwangen  sich  den  Einmarsch  in  Luzern  durch  ein
kurzes  Gefecht  an  der  Reußbrücke  bei  Gislikon  (23.  Nov.);  darauf  wurden
die  Urkantone  besetzt,  endlich  auch  das  Wallis  unterworfen.  Das  alles
war  das  Werk  weniger  Tage.  über  alle  Erwartung  schwach  zeigte  sich
die  Widerstandskraft  des  Sonderbundes,  nach  so  mächtigem  Parteigetöse;
er  verlor  in  den  sämtlichen  kleinen  Gefechten  dieses  kurzen  Krieges  nur
50  Tote  und  175  Verwundete,  die  Sieger  nahezu  das  Doppelte.  Die
unbeschränkte  Kantonalsouveränität  hatte  keine  Wurzeln  mehr  im  Volke;
in  den  großen  Verhältnissen  des  modernen  Verkehrs  erschien  der  heimische
Kanton  selbst  den  Urner  und  Schwyzer  Bauern  klein  und  eng,  sie  wollten
für  diese  versinkende  Gewalt  nichts  mehr  opfern.  Die  nationale  Idee
siegte  auch  mit  geistigen  Waffen;  die  sittliche  Ohnmacht  des  Partikularismus
wurde  hier  so  unwiderleglich  erwiesen,  wie  späterhin  im  Mainfeldzuge  des
Jahres  1866.  Einige  der  alten  ruhmreichen  Herrengeschlechter  der  Schweiz,
die  Salis,  Kalbermatten,  Courten  versuchten  im  Heere  des  Sonderbundes
noch  einmal  eine  Rolle  zu  spielen.  Doch  ihre  Zeit  war  vorüber;  das
Kriegsglück  war  ihnen  nicht  mehr  hold.  Am  wenigsten  dem  unfähigen
Oberbefehlshaber,  dem  Protestanten  Salis-Soglio  und  seinem  Adjutanten,
dem  Landsknecht  Friedrich  Schwarzenberg.

Nach  dem  Siege  konnte  der  wackere  Dufour  den  wilden  kirchlichen
Haß,  der  in  dem  politischen  Kampfe  mitwirkte,  doch  nicht  überall  bändigen;
in  Freiburg  zumal  wurden  Kirchen  und  Klöster  mit  bilderstürmerischer
Wut  geschändet  und  geplündert.  Manchen  der  siegreichen  protestantischen
Kantone  erschien  dieser  Krieg  wie  eine  Vergeltung  für  die  Niederlage,
welche  die  Sonderbundskantone  vormals  dem  Reformator  Zwingli  bereitet
hatten;  so  zäh  wurden  hier  dreihundertjährige  Erinnerungen  bewahrt.
Darun  ließen  sich  die  Züricher  von  den  geschlagenen  Luzernern  die  einst  auf
dem  Schlachtfelde  von  Kappel  erbeuteten  Waffen  Zwinglis  wieder  ausliefern
Im  Vergleich  mit  anderen  Bürgerkriegen  erschien  die  gewalttätige  Roheit
der  Sieger  doch  nicht  unerträglich  und  nach  kurzer  Zeit  war  die  Ordnung
überall  wieder  gesichert.  Unter  dem  Schutze  der  eidgenössischen  Bajonette
wurden  nunmehr  in  allen  Kantonen  des  Sonderbundes  neue  Wahlen
vollzogen.  Die  also  wiederhergestellte  Tagsatzung  bestand  fast  durchweg
aus  Radikalen,  sie  beschloß  sofort,  ohne  daß  der  Papst  zu  widersprechen
wagte,  die  274  schweizerischen  Jesuiten  aus  dem  Lande  zu  weisen,  und
begann  sodann  an  der  Reform  der  Bundesverfassung  zu  arbeiten.

Wie  lächerlich  erschien  jetzt,  nachdem  die  Entscheidung  längst  gefallen
war,  dic  endlich  vereinbarte  Vermittlungsnote  der  großen  Mächte,  die  am
7.  Dez.  überreicht  wurde.  Palmerston  hatte  seinen  Zweck  erreicht  und
erlaubte  sich  zuletzt  noch  einen  seiner  boshaften  Scherze.  Der  große  Elchi
aus  Pera,  Lord  Stratford  Canning  war  mittlerweile  als  außerordentlicher
Bevollmächtigter  in  der  Schweiz  erschienen  und  bemühte  sich  mit  englischer
Sittsamkeit,  einerseits  die  Gesandten  der  Großmächte  milder  zu  stimmen,
        <pb n="741" />
        Verspätete  Vermittlung  der  Großmächte.  733

andererseits  die  Tagsatzung  vor  der  Propaganda  des  europäischen  Radi—
kalismus  zu  warnen.  Er  erhielt  den  geheimen  Befehl,  die  von  Palmer—
ston  mit  unterzeichnete  Vermittlungsnote  nicht  zu  überreichen,  falls  der
Sonderbund  unterdessen  vernichtet  wäre.  So  blieb  England  fern,  und
Palmerston  erlebte  die  Freude,  daß  die  vier  anderen  Mächte  allein  durch
eine  höflich  ablehnende  Note  der  Tagsatzung  dahin  belehrt  wurden:  eine
Vermittlung  sei  überflüssig,  da  die  zwei  Parteien  der  Eidgenossenschaft
nicht  mehr  beständen.  Mit  lautem  Hohne  begrüßte  der  Liberalismus
überall  diese  Abfertigung  der  großen  Mächte;  sie  hatten  es  durch  ihre
Parteilichkeit  dahin  gebracht,  daß  der  Untergang  des  Sonderbundes  wie
eine  Niederlage  der  alten  europäischen  Ordnung  erschien.  Thiers  sagte
in  der  Kammer,  die  Haltung  Guizots  sei  die  lebendige  Kontrerevolution.
Aus  Frankreich,  aus  Süddeutschland,  aus  Sachsen  erhielt  die  Tagsatzung
Glückwunsch-Adressen;  auch  Jacoby  mit  seinen  Königsbergern  sprach  den
Schweizern  feierlich  seinen  Dank  aus;  und  Freiligrath  sang:

Im  Hochland  fiel  der  erste  Schuß,

Im  Hochland  wider  die  Pfaffen.

Da  kam,  die  fallen  wird  und  muß,

Ja  die  Lawine  kam  in  Schuß.

Drei  Länder  in  den  Waffen!

Die  Freiheit  dort,  die  Freiheit  hier,

Die  Freiheit  jetzt  und  für  und  für,

Die  Freiheit  rings  auf  Erden!

Spott  und  Hohn  brachten  die  schweizerischen  Händel  allen  Mächten  des
Festlands,  dem  Könige  von  Preußen  aber  auch  noch  eine  schwere  persönliche
und  politische  Demütigung.  An  geheimen  Waffen-  und  Geldsendungen
sich  zu  beteiligen,  war  Friedrich  Wilhelm  zu  stolz  und  zu  ehrlich.  Um  so
eifriger  verlangte  er  das  offene  Eintreten  des  gesamten  Europas  für  das
bedrohte  Bundesrecht  der  Eidgenossenschaft.  Der  schweizerische  Radikalis—
mus,  der  im  Grunde  den  Anschlägen  der  weltbürgerlichen  Propaganda  wenig
geneigt  war,  erschien  ihm  wie  der  unheilschwangere  Mutterschoß  der  euro—
päischen  Anarchie.  Schon  im  Sommer  1846  ließ  er  nach  London  schreiben:
„Die  Kantonalsouveränität,  wie  sie  die  bestehenden  Verträge  schützen,  auf—
recht  zu  halten,  ist  für  Preußen  wegen  Neuenburgs  durchaus  notwendig.“
Als  sich  sodann  die  zweizüngige  englische  Politik  enthüllte,  da  beschwerte
er  sich  bitter,  daß  Großbritannien  seinen  besten  und  treuesten  Alliierten,
Preußen  preisgäbe,  und  Canitz  klagte:  „Teils  leidenschaftlicher  Haß  gegen
Guizot  und  Metternich,  teils  grundsätzliches  Interesse  für  jeden  Kampf
gegen  die  bestehende  Ordnung  unter  dem  Vorwande  des  Fortschritts  ist
das  Prinzip  des  britischen  Kabinetts,  und  Bankrott  der  Legitimität  seine
Firma.““)  Wunderbar  wie  der  geistreiche  König  sich  selber  ins  Gesicht
schlug.  In  Wien  und  Frankfurt  vertrat  er  ehrenhaft  die  deutsche  Bun- 



*)  Canitz  an  Bunsen,  27.  Juli  1846,  25.  Sept.  1847.
        <pb n="742" />
        734  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

desreform,  und  in  der  Schweiz  bekämpfte  er  leidenschaftlich  politische  Ge—
danken,  die  doch  schließlich  auf  dasselbe  Ziel  hinausgingen.  Wie  oft  hatte
sein  Vater  einst  jeden  Eingriff  der  Westmächte  in  die  deutsche  Bundespolitik
tapfer  zurückgewiesen,  obgleich  die  Hauptartikel  der  Deutschen  Bundesverfassung
  doch  auch  in  der  Wiener  Kongreßakte  verzeichnet  standen;  und  nun
verlangte  der  Sohn  gemeinsamen  Kampf  der  Großmächte  für  die  unbeschränkte
  Souveränität  von  Uri,  Schwyz  und  Unterwalden!  Selbst  General
Gerlach,  der  die  „germanomanischen“  Bundesreformpläne  seines  königlichen
Herrn  schon  viel  zu  kühn  fand,  konnte  die  unabweisbare  Frage  nicht
unterdrücken:  mit  welchem  Rechte  dürfen  wir  die  Westmächte  der  deutschen
Bundesreform  fern  halten,  wenn  wir  sie  selbst  zur  Einmischung  in  die
schweizerischen  Bundeshändel  auffordern?

Während  der  König  also  von  einem  großen  Kreuzzuge  der  europäischen
Legitimität  wider  die  radikalen  Eidgenossen  träumte,  verabsäumte  er  seine
nächsten  landesherrlichen  Pflichten  gegen  das  Juraländchen,  das  seinem
Herzen  am  teuersten  war  und  seine  schweizerische  Politik  doch  wesentlich
bestimmte.  Mit  überschwenglichen  Worten  lobte  er  „das  wahrhaft  erbauliche
  Betragen,  die  herrliche  reine  christliche  Gesinnung,  die  verehrungswürdigste
  Haltung  meines  teueren  geliebten  Neuenburger  Landes.“)  Und
er  hatte  Grund,  sich  dieser  Getreuen  zu  freuen.  Das  kleine  Fürstentum
lebte  glücklich  dahin,  eine  Aristokratie  mit  demokratischen  Formen,  gleich
dem  alten  Rom,  musterhaft  verwaltet,  mit  allgemeinem  Stimmrecht  für
den  gesetzgebenden  Körper,  aber  mit  unentgeltlichen  ÄAmtern,  die  demnach
  ganz  in  den  Händen  der  reichen  Herrengeschlechter  blieben.  Die
Freiheit  der  Niederlassung  und  des  Gewerbebetriebs  war  so  unbeschränkt
wie  nirgends  sonst  in  der  Schweiz;  eine  Menge  von  Fremden,  zumeist
Schweizer,  hatten  sich  in  den  Fabrikstädten  Locle  und  La  Chaux  de  Fonds
angesiedelt;  ein  volles  Drittel  der  Bevölkerung,  mehr  als  in  irgend  einem
anderen  Kanton  bestand  aus  Ausländern.  Die  alten,  durch  Talent  und
überlieferte  Herrscherkunst  ausgezeichneten  Familien  verdienten  sich  ihre
Machtstellung  täglich  durch  neue  Opfer;  Armenhäuser,  Irrenanstalten,
gemeinnützige  Stiftungen  jeder  Art  bezeugten  den  Bürgersinn  der  Pourtales,
  Meuron,  Rougemont.  Der  Führer  der  Aristokratie,  Baron  Chambrier,
  der  langjährige  Gesandte  des  Fürstentums  bei  der  Tagsatzung,  galt
bei  Freund  und  Feind  für  einen  der  ersten  politischen  Redner  der  Schweiz.
Mit  rührender  Liebe  hingen  diese  ehrenfesten  Royalisten  an  ihrem  Herrscherhause;
  sie  brachten  den  Namen  des  Legitimismus,  der  in  Frankreich
und  Spanien  durch  so  mannigfache  Sünden  entwürdigt  war,  wieder  zu
Ansehen,  und  selbst  als  sie  nachher  von  ihrem  Fürsten  preisgegeben  wurden,
haben  sie  kaum  jemals  öffentlich  ein  Wort  des  Vorwurfs  gegen  die  Hohenzollern
  geäußert.  Aber  jene  so  gastfrei  aufgenommenen  Fremden  bildeten

 

*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  11.  Nov.  1847.
        <pb n="743" />
        Neutralität  Neuenburgs.  735

den  natürlichen  Kern  einer  im  stillen  wachsenden  demokratischen  Opposition,
  die  den  dynastischen  Sinn  der  Eingeborenen  als  unschweizerisch,
den  aristokratischen  Staatsrat  als  reaktionär  verhöhnte.

Als  der  neue  König  nach  dem  Dombaufeste  das  Fürstentum  besuchte,
da  jubelte  ihm  das  freie  Volk  überall  so  herzlich  entgegen,  daß  jeder  Unbefangenc
  fühlen  mußte,  eine  Republik  Neuenburg  wäre  eine  ebensolche
historische  Ungeheuerlichkeit  wie  etwa  ein  Herzogtum  Bern  oder  ein  Fürstentum
  Luzern;  auch  die  Gesandten  Muralt  und  Ruchet,  welche  dem  Könige
die  Grüße  der  Tagsatzung  überbrachten,  nahmen  aus  dem  wohlgeordneten
und  zufriedenen  Ländchen  sehr  günstige  Eindrücke  mit  hinweg.  Nachdem
der  staatsmännische  Plan,  dem  Fürstentum  wieder  die  althistorische  Stellung
eines  zugewandten  Ortes  zuzuweisen,  durch  Metternichs  Gedankenlosigkeit
leider  vereitelt  worden  war'),  geriet  der  fürstliche  Kanton  auf  der  Tagsatzung
  bald  in  eine  tragische  Lage.  Er  stimmte  stets  untadelhaft  nach
dem  Buchstaben  des  Bundesrechts  und  hielt  treulich  das  alte  Versprechen,
das  die  Vertreter  der  Eidgenossenschaft  alljährlich  neu  beschwören  mußten:
„mit  allen  Kantonen  als  gute  Verbündete  und  Freunde  zu  leben.“  Strenge
Gerechtigkeit  bleibt  immer  ehrwürdig;  doch  in  Zeiten,  die  nach  der  Neugestaltung
  eines  verlebten  Rechts  verlangen,  wird  sie  politisch  unfruchtbar,
ja  sie  ward  hier  schlechthin  unmöglich,  seit  der  kirchliche  Streit  sich  so
verhängnisvoll  mit  dem  politischen  verkettete.  Für  die  rechtswidrige  Vergewaltigung
  der  Sonderbundskantone  durften  die  Neuenburger  Konservativen
  nicht  eintreten,  schon  weil  die  radikale  Mehrheit  die  hohenzollernsche
Fürstengewalt  offen  oder  heimlich  bekämpfte;  doch  ebenso  wenig  konnte  dieser
altprotestantische  Kanton,  dies  Land  wo  einst  der  Reformator  Farel  gelehrt
hatte,  die  Partei  der  Jesuiten  ergreifen.  So  blieb  nichts  übrig  als  eine
gefährliche  Neutralität,  die  auch  vom  Berliner  Hofe  gebilligt  wurde.  Als
nun  in  der  Tagsatzung  der  Krieg  verlangt  ward,  da  sagte  Chambrier  in
feuriger  Rede  (29.  Okt.  1847):  in  diesem  gottlosen  Kampfe  handelt  es
sich  weniger  um  eine  Kriegsfrage  als  um  Vernichtung  (d'une  question
de  meurtre);  und  doch  wollte  er  sich  auch  nicht  für  den  katholischen
Sonderbund  erklären,  sondern  forderte  für  seinen  Kanton  Neutralität,
Befreiung  von  der  Pflicht  eidgenössischer  Heeresfolge.  Die  Bitte  ward
natürlich  abgeschlagen;  vor  den  Waffen  schwiegen  die  Gesetze.

Auf  diesen  entscheidenden  Wendepunkt  der  Geschicke  Neuenburgs  mußte
man  in  Berlin  bei  einiger  Voraussicht  längst  vorbereitet  sein.  Dort
wurden  aber  die  Angelegenheiten  des  kleinen  Fürstentums  mit  sündlicher
Sorglosigkeit  behandelt.  Das  neuenburgische  Departement  des  Auswärtigen
Amts,  dem  auch  der  tüchtige  Friedrich  Chambrier  der  Jüngere  angehörte,
erledigte  die  laufenden  Geschäfte  des  Kantons  mit  der  gewohnten  preußhischen
  Beamten-Pünktlichkeit.  Der  einzige  Preuße  im  Kanton,  der  Gou- 



*)  S.  o.  IV.  519.
        <pb n="744" />
        736  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

verneur  General  Pfuel  bekleidete  sein  jetzt  so  wichtig  gewordenes  Amt
noch  immer  nur  als  ein  Nebenamt  neben  seinem  westfälischen  Kommando
  und  kam  nur  von  Zeit  zu  Zeit  herüber.  Er  sah  seit  Jahren
richtig  voraus,  daß  eine  Versöhnung  mit  den  fanatischen  Luzerner  Ultramontanen
  unmöglich,  eine  Katastrophe  unvermeidlich  war  7),  und  konnte
sich  doch  als  Liberaler  kein  Herz  fassen  zu  den  konservativen  Royalisten.
Canitz  aber  lebte,  wie  sein  König,  ganz  in  den  Berechnungen  einer  großen
europäischen  Restaurationspolitik,  und  über  solchen  erhabenen  Plänen  vergaß
  er  das  Nächste,  die  militärische  Sicherung  des  gefährdeten  Landes.
Schon  seit  Jahren  hatten  die  beiden  deutschen  Großmächte  über  einen
möglichen  Einmarsch  preußischer  Truppen  hin  und  her  verhandelt;  Metternich
  aber  kam  immer  wieder  zurück  auf  den  überklugen  Satz:  eines  großen
Krieges  sind  diese  80000  Neuenburger  nicht  wert,  und  ein  kleines  Korps
hilft  doch  nichts.*)  So  unterblieb  denn  jede  Rüstung;  für  die  friedensselige
  Politik  dieses  Königs  war  das  Wort  nicht  geschrieben,  daß  um  der
Ehre  willen  selbst  eines  Strohhalms  Breite  verfochten  werden  muß.
Die  Neutralität  des  Kantons  ließ  sich  von  Rechts  wegen  gar  nicht
anfechten;  sie  ward  auch  von  den  altehrwürdigen  Kommunalverbänden
des  Landes,  den  vier  Bourgeoisien  gut  geheißen  mit  der  feierlichen  Erklärung,
  daß  man  sich  von  dem  angestammten  Fürstenhause  niemals
trennen  wolle.  Zur  Teilnahme  an  einem  Bürgerkriege,  bei  dem  beide
Teile  das  Recht  offenbar  verletzten,  durfte  der  Fürst  von  Neuenburg
rechtlich  nie  gezwungen  werden;  jetzt  hieß  es  einfach:  Not  kennt  kein  Gebot.
Eine  Neutralität  aber,  die  nicht  durch  die  Waffen  geschützt  wird,  ist  lächerlich,
  völkerrechtswidrig,  eines  Königs  unwürdig.  Und  wie  leicht  konnte
Friedrich  Wilhelm,  falls  er  nur  die  Augen  offen  hielt,  seine  Fürstenpflicht
erfüllen!  Wenn  er  seine  Neuchateller  Gardeschützen  mit  noch  einigen  anderen
  Bataillonen  rechtzeitig  bereit  hielt  und  im  Augenblicke  der  Neutralitäts-Erklärung
  alsbald  einrücken  ließ,  dann  war  er  seines  unbestreitbaren
Rechtes  vollkommen  sicher;  er  konnte  dann  je  nach  Umständen  entweder  sein
Fürstentum  wieder  in  die  freiere  Stellung  eines  zugewandten  Orts  zurücktreten
  lassen  oder  sich  der  neuen  demokratisierten  Bundesverfassung  der  Eidgenossen
  anschließen  —  was  unter  einigen  Vorbehalten  wohl  möglich  war,
da  der  Fürst  in  Neuenburg  ja  nur  sehr  bescheidene  Rechte  ausübte.  Die
befreundeten  Höfe  von  Darmstadt  und  Karlsruhe  mußten  seinen  Truppen,
wenn  er  es  ernstlich  verlangte,  den  Durchzug  unweigerlich  gestatten;  nur
weil  Preußen  nicht  kräftig  auftrat,  zeigte  sich  auch  Baden  ängstlich.  Selbst
Frankreich,  das  unter  anderen  Umständen  die  Anwesenheit  preußischer
Truppen  dicht  vor  seiner  Grenze  wohl  ungern  gesehen  hätte,  war  als  erklärter
  Feind  der  Zwölfermehrheit  jetzt  nicht  im  stande,  zu  widersprechen.

 

*)  Pfuels  Bericht  an  den  König,  25.  Juni  1845.
**)  Canitzs  Berichte,  5.  März  1845  ff.
        <pb n="745" />
        Neuenburgs  Unterwerfung.  737

Der  alte  König  hatte  nach  der  Juli-Revolution  fast  sein  ganzes  Heer  auf
Kriegsfuß  gesetzt,  um  Deutschlands  Neutralität  zu  schützen;  der  Sohn  wagte
für  die  Neuenburger  Royalisten  nicht  einmal  eine  Brigade  aufzubieten
und  jammerte  dann  noch  über  seine  Ohnmacht.  Daß  die  große  Mehrheit
der  Neuenburger  die  schützenden  Truppen  ihres  Fürsten  mit  offenen  Armen
aufgenommen  hätte,  verstand  sich  von  selbst;  die  Tagsatzung  aber  konnte
nimmermehr  wagen,  zugleich  gegen  den  Sonderbund  und  gegen  Preußen
zu  kämpfen.  Solange  die  Eidgenossen  noch  nicht  wußten,  was  man  diesem
Könige  bieten  durfte,  hüteten  sie  sich  sorgfältig,  seine  mächtige  Krone
zu  beleidigen.  General  Dufour  weigerte  sich  entschieden,  das  Fürstentum
zu  besetzen,  obgleich  der  König  es  unbeschützt  ließ,  und  selbst  der  grobe
Ochsenbein  wagte  nicht  offen  zu  widersprechen,  als  der  preußische  Gesandte
Sydow  zu  Anfang  Novembers  mündlich  die  tatsächliche  Schonung  der
Neutralität  Neuenburgs  verlangte.“)  Die  beiden  Schweizer  wollten  er—
sichtlich  abwarten,  was  das  Kriegsglück  bringen  würde;  vor  Waffen
konnten  aber  nur  Waffen  sichern.

Als  nun  die  Eidgenossen  siegten,  da  war  der  König  tief  beschämt.
Nichts,  gar  nichts  hatte  er  getan,  um  die  Neutralität  seines  Landes  zu
beschirmen  —  was  doch  in  ähnlichen  Fällen  selbst  schwache  Staaten  wie
Belgien  nie  verabsäumten.  Auch  seine  Diplomatie  verfuhr  unbegreiflich
langsam.  Erst  am  26.  Nov.  überreichte  Sydow  eine  Note,  welche  der
Tagsatzung  ankündigte,  daß  der  König  jede  Verletzung  der  Neutralität  als
Friedensbruch  und  Feindseligkeit  gegen  sich  selbst  betrachten  müsse;  zugleich
erbot  sich  Friedrich  Wilhelm  zur  Vermittlung  und  lud  die  Eidgenossen
ein,  auf  einem  europäischen  Kongresse,  der  in  der  neutralen  Stadt  Neuen—
burg  abgehalten  werden  sollte,  ihre  Klagen  und  Gegenklagen  vorzulegen.
Was  konnte  ein  solcher  Vorschlag  fruchten  —  zwei  Tage,  nachdem  Luzern
gefallen  und  der  Sonderbund  so  gut  wie  vernichtet  war?  Die  Tagsatzung
lehnte  die  Vermittlung  ab  und  bestritt  dem  Könige  das  Recht  in  den
inneren  Angelegenheiten  der  Schweiz  mitzureden.  Nunmehr  mußte  auch
der  Kanton  für  die  Schlaffheit  seines  Fürsten  büßen;  er  wurde  von  der
Tagsatzung  verurteilt,  etwa  440  000  Fr.  Strafe  für  die  unterlassene
Heeresfolge  zu  zahlen,  und  schutzlos,  wie  er  war,  konnte  er  sich  den  völlig
widerrechtlichen  Forderungen  der  Sieger  nicht  widersetzen.  Dabei  verfuhr
die  Tagsatzung  noch  immer  mit  einiger  Schonung,  weil  sie  den  König  nicht
zu  sehr  verletzen  wollte  und  weil  die  rechtschaffene  Haltung  der  Neuenburger
Royalisten  doch  selbst  die  radikalen  Gegner  zur  Achtung  zwang.  Der  Kanton
  blieb  von  eidgenössischer  Einquartierung  verschont;  die  Strafsumme
wurde  niedrig  bemessen,  weit  niedriger  als  die  schweren,  den  Sonderbundskantonen
  auferlegten  Brandschatzungen,  und  überdies,  um  die  Form  zu
wahren,  nur  zu  Unterstützung  der  Verwundeten  und  Hinterbliebenen

 

*)  So  erzählte  Canitz  an  Kunyphausen  (dessen  Bericht,  12.  Nov.  1847).
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  47
        <pb n="746" />
        738  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

aus  dem  Sonderbundskriege  bestimmt.  Aber  indem  der  König  die
Zahlung  dieser  Buße  genehmigte,  hob  er  doch  selbst  seine  Neutralität
tatsächlich  auf  und  stellte  seinen  fürstlichen  Kanton  wieder  unter  die
Obergewalt  der  Tagsatzung.  Gleich  darauf,  zu  Weihnachten  1847,  reiste
der  Gouverneur  Pfuel  heim;  der  letzte  Preuße  verließ  das  Land,  und
sogar  der  hannoversche  Gesandte  Knyphausen,  der  ganz  auf  Seiten  der
preußischen  Krone  stand,  fand  eine  solche  freiwillige  Unterwerfung  „wenig
ruhmvoll“.*)

Leider  entsprach  auch  die  Haltung  des  preußischen  Volkes  während
dieser  Wirren  seinem  alten  Rufe  nicht.  In  einer  monarchischen  Nation
muß  jeder  fühlen:  meines  Königs  Ehre  ist  die  meine;  sonst  bricht  der
Thron  in  Stücke.  Von  diesem  Schweizerländchen  aber  wußte  die  große
Mehrzahl  der  Preußen  gar  nichts.  Die  liberale  Presse  beeiferte  sich,  die
einfache  Sachlage  durch  staatsrechtliche  Bedenken  zu  verwirren,  da  der
Kanton  ja  nur  dem  Königshause,  nicht  dem  preußischen  Staate  angehörte;
und  nachdem  der  Monarch  so  blindlings  für  den  Sonderbund  Partei  ge—
nommen,  verbreitete  sich  überall  die  törichte  Meinung,  die  treuen  prote—
stantischen  Neuenburger  seien  Jesuitenknechte.  Nicht  bloß  die  Königsberger
Radikalen  jubelten  den  Siegern  von  Gislikon  zu;  auch  in  Berlin  spotteten
Varnhagen  und  alle  Aufgeklärten  über  den  pfaffenfreundlichen  König,  ein
Witzbild  stellte  ihn  mit  einem  Jesuiten  zusammengebunden  dar.  Daß
Republikaner  einem  Fürsten  gegenüber  immer  recht  haben  müßten,  galt
in  diesen  ruhigen  Tagen  für  ausgemacht.  Ein  ritterlicher  Zorn  über
die  dem  Hause  Hohenzollern  und  mithin  auch  dem  preußischen  Volke  be—
reitete  Demütigung  zeigte  sich  nur  in  engen  Kreisen.

Derweil  der  König  also  an  Ort  und  Stelle  gar  nichts  tat,  um  seine
fürstlichen  Rechte  zu  verteidigen,  träumte  er  noch  immer  von  der  Ein—
mischung  aller  legitimen  Mächte.  Der  große  europäische  Kongreß  in  Neuen—
burg,  der  die  Eidgenossen  friedlich  zu  ihrer  alten  Bundesverfassung  zurück—
führen  sollte,  erschien  ihm  als  der  Anker  der  Rettung;  und  wie  sollten
solche  Pläne  jetzt  noch  gelingen,  nachdem  die  Sonderbundskantone  sich
bereits  ergeben  und  der  radikalen  Mehrheit  gehorsam  angeschlossen  hatten?
In  leidenschaftlichen  Briefen  an  Bunsen  verlangte  er  den  Beistand  der
großen  Mächte,  zumal  des  geliebten  Englands,  damit  ihm  sein  Neuenburg
erhalten  bliebe;  sonst  würde  er  „kompromittiert“.  Daß  er  schon  längst
kompromittiert  war,  fühlte  er  nicht.  Auch  durch  höchst  unvorsichtige  ver—
trauliche  Briefe  suchte  er  die  Königin  Victoria  und  den  Prinzen  Albert
zu  gewinnen.  „J°7  joue  cartes  sur  table“,  sagte  er  einmal,  „das  tut
aber  nicht  gut  außer  mit  seinesgleichen;“*)  und  doch  konnten  fürstliche
Schreiben  solchen  Inhalts  nach  englischem  Hofbrauche  dem  feindseligen

 

*)  Knyphausens  Bericht,  26.  Dez.  1847.
*7*)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  13.  April  1847.
        <pb n="747" />
        Neuer  Versuch  einer  europäischen  Intervention.  739

Whigministerium  unmöglich  verborgen  bleiben.  Bunsen  selbst  war  jetzt
ganz  begeistert  für  die  liberalisierende  Politik  Palmerstons,  den  er  doch
früherhin  wenig  geliebt  hatte;  er  fühlte  sich  glückselig  in  den  fürstlichen
Schlössern  der  großen  Whigfamilien,  er  merkte  nicht,  wie  derb  diese  gütigen
Gastgeber  ihn  wegen  seines  ägyptischen,  kirchlichen,  philologischen,  politi—
schen  Allerweltsdilettantismus  verspotteten,  und  sprach  von  der  unauflöslichen
  englisch-preußischen  Allianz  mit  einem  solchen  Feuereifer,  daß
Canitz  ihn  schließlich  sehr  ernst  zurechtweisen  mußte:  „Wenn  man  in  Paris,
in  Wien,  in  St.  Petersburg  glaubt,  daß  wir  dem  Einverständnis  mit
England  zu  Liebe  gemeinschaftliche  Sache  mit  dem  dermaligen  britischen
Minister  in  den  schweizerischen,  italienischen,  überhaupt  in  allen  den
Händeln  machen,  wo  der  Radikalismus  seine  Fahnen  aufpflanzt,  so  ist  es
meine  unzweideutige  Schuldigkeit,  dafür  zu  sorgen,  daß  man  wisse:  das
sei  nicht  die  Politik  des  Königs  und  Seines  Kabinetts,  folglich  solle  und
könne  es  auch  nicht  die  Seiner  Gesandten  sein.“)

Währenddem  war  Radowitz,  als  es  längst  zu  spät  war,  in  Wien
eingetroffen,  um  die  Berufung  der  Neuenburger  europäischen  Konferenz
durchzusetzen  und  zugleich  die  deutschen  Bundesreform-Vorschläge  seines
königlichen  Herrn  zu  überreichen.  Die  deutschen  Pläne  blieben  schließlich
liegen,  um  der  schweizerischen  Händel  willen.  Über  diese  aber  verständigte
man  sich  leicht:  nötigenfalls  sollte  die  Einmischung  der  Großmächte  durch
eine  Handelssperre,  ja  durch  die  Besetzung  der  Grenzkantone  Tessin,  Genf,
Basel  unterstützt  werden.  Nach  solchen  Abreden  kehrte  Radowitz  um  Mitte
Dezembers  mit  dem  Grafen  Colloredo  zurück,  um  nochmals  die  Willensmeinung
  des  Königs  entgegenzunehmen.  Friedrich  Wilhelm  war  Feuer
und  Flamme.  Er  hatte  soeben  den  verdienten  Historiker  Monnard  sowie
andere  durch  die  Radikalen  des  Waadtlandes  Vertriebene  gastlich  in  Preußen
aufgenommen  und  urteilte  über  sie:  „alle  sind  sie  liberale  Schweizer;
was  allerdings  etwas  anderes  wie  liberale  Deutsche  heißt,  da  erstere
freisinnige  Ehrenmänner,  letztere  meistens  ohne  Ausnahme  konstitutionsund
  majoritäts-anbetende  Schöpse  oder  Intrigants  sind.“**)  Maßlos,
bis  zur  Wut  erregt,  sah  er  in  Bern  das  Zentrum  des  europäischen
Radikalismus,  der  durch  seine  Genossen  in  ununterbrochener  Kette  bis
nach  Königsberg  wirke;  im  schlimmsten  Falle,  so  sagte  er  zu  Colloredo,
müßten  Osterreich  und  Preußen  allein  das  Brutnest  der  Revolution
ausnehmen.  Zu  Weihnachten  erschienen  die  beiden  Bevollmächtigten  sodann
  in  Paris,  um  den  Boden  zu  erkunden;  Radowitz  überbrachte
ein  Schreiben  seines  Herrschers,  das  den  Bürgerkönig  als  den  erhobenen
Arm  der  europäischen  Monarchien  verherrlichte.

Mit  diesem  überschwenglichen  Gruße  stimmten  die  unheimlichen

 

*7)  Canitz  an  Bunsen,  16.  Jan.  1848.
**)  König  Friedrich  Wilhelm  an  Bunsen,  8.  Dez.  1847.
        <pb n="748" />
        740  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

Eindrücke,  welche  Radowitz  in  Paris  empfing  freilich  nicht  überein.  Die
preußische  Gesandtschaft,  Heinrich  Arnim  so  gut  wie  sein  erster  Rat  Graf
Hatzfeldt,  beobachtete  mit  Entsetzen,  wie  verblendet  dies  tugendstolze  und
tugendlose  Regiment  alle  Zeichen  der  Zeit  mißachtete.  Die  lärmenden
Reformbankette  der  Radikalen  bekundeten  laut  den  Groll  der  unvertretenen
Volksklassen  gegen  das  allein  herrschende  pays  légal;  der  schmähliche
Fall  des  Ministers  Teste,  die  Ermordung  der  Herzogin  von  Praslin  und
so  viele  andere  Skandäle  in  der  vornehmen  Welt  bezeugten,  wie  tief  diese
Herrschaft  des  Geldbeutels  schon  in  ihren  sittlichen  Grundlagen  zerfressen
war.  In  der  Kammer  sprach  Alexis  v.  Tocqueville  das  Kassandra-Wort:
Sehen  Sie  denn  nicht,  daß  die  politischen  Leidenschaften  sozial  geworden
sind?  wir  schlafen  auf  einem  Vulkane!  Angesichts  solcher  Anzeichen  sagte
Guizot  erhaben:  Es  gibt  hier  nur  zwei  wichtige  Dinge:  freie  Vollmacht
von  seiten  des  Königs  und  die  Stimmkugeln  der  Kammer.  Ich  habe
beides,  und  wenn  man  sich  draußen  den  Kugeln  der  Kammer  nicht  unter—
wirft,  so  habe  ich  Kartätschen,  um  ihren  Entscheidungen  Achtung  zu  ver—
schaffen.  Und  im  Tone  vollendeter  Selbstgewißheit  gab  er  den  Preußen
die  gute  Lehre:  sie  müßten,  nachdem  sie  den  Vereinigten  Landtag  ge—
schaffen,  nunmehr  als  Gegengewicht  das  Präfektursystem  einführen;  ihre
kollegialischen  Regierungsbehörden  seien  zu  langsam  und  zu  unabhängig.“)
Ebenso  verblendet  zeigte  sich  der  Bürgerkönig  selbst.  Eines  Tages  wies
er  dem  preußischen  Gesandten  wohlgefällig  den  Plan  von  Paris  vor:  wie
die  Stadt  von  den  neuen  Forts  so  gänzlich  eingeschlossen  sei;  beim
Straßenkampfe  müsse  die  Nationalgarde  vorangehen;  zeige  sie  sich  unzuverlässig,
  so  würde  sie  von  den  nachfolgenden  Linientruppen  niedergeschossen.
  Arnim  dachte  im  stillen:  wenn  diese  ruchlos  zuversichtliche
Regierung  dauert,  dann  lebt  kein  Gott  im  Himmel  mehr!  Er  verglich
dies  ideenlose,  allein  auf  die  scheinbare  Gesetzlichkeit  des  Jahres  1830
und  auf  die  bewaffnete  Macht  gestützte  Regiment  einer  verdorbenen
Uhr,  deren  Schlüssel  verloren  gegangen  sei.)

Ahnlicher  Befürchtungen  konnte  auch  Radowitz  sich  nicht  enthalten.
Indessen  wurde  am  18.  Jan.  1848  von  Frankreich,  Preußen  und  Osterreich
  eine  gemeinsame  Note  unterzeichnet,  welche  die  Eidgenossen  aufforderte,
  die  Sonderbundskantone  zu  räumen  und  deren  Unabhängigkeit  anzuerkennen
  —  was  im  wesentlichen  schon  geschehen  war.  Sodann  verlangten
  die  Mächte,  eine  Veränderung  der  Bundesverfassung  dürfe  nur
durch  einstimmigen  Beschluß  erfolgen.  Was  wollte  diese  Forderung  jetzt
noch  bedeuten?  Der  Radikalismus  herrschte  ja  schon  in  der  Tagsatzung,
und  außer  Neuenburg  besaß  nur  noch  der  konservative  Halbkanton  Basel-Stadt
  den  Mut,  der  siegreichen  Partei  zu  widersprechen.  Das  ver- 



*)  Hatzfelds  Berichte  an  Canitz,  21.  Juli  1847.
**)  H.  v.  Arnims  Bericht,  13.  Febr.  1848.
        <pb n="749" />
        Revolution  in  Neuenburg.  741

legene  Schriftstück  bekundete  nur  die  Ratlosigkeit  des  alten  Systems.
Etwas  kräftiger  redete  nachher  eine  russische  Note  vom  13.  Febr.;  sie  schloß
sich  den  Erklärungen  der  anderen  Festlandsmächte  an  und  drohte,  bei
längerem  Widerstande  würde  der  Zar  die  Neutralität  der  Eidgenossen  nicht
mehr  anerkennen.  Die  Tagsatzung  antwortete  wiederum  ablehnend,  sie
berief  sich  auf  ihr  Recht,  die  schweizerischen  Angelegenheiten  allein  zu  ordnen.
Durch  diesen  Notenkrieg  wurde  Friedrich  Wilhelms  Lieblingsplan,  der
europäische  Kongreß  in  Neuenburg,  rein  unmöglich,  und  nun  blieb  nichts
mehr  übrig  als  die  angedrohte  Besetzung  der  Grenzkantone;  doch  ehe
man  darüber  einig  werden  konnte,  brach  die  Revolution  herein.

Furchtbar  mußte  König  Friedrich  Wilhelm  für  die  Fehler  dieser
törichten  Interventionspolitik  büßen.  Seine  Neuenburger  Royalisten  erwarteten
  das  Beste  von  der  Einmischung  Europas,  sie  hofften  nunmehr,
bald  friedlich  aus  der  Eidgenossenschaft  ausscheiden  zu  können,  weil  sie  in
ritterlicher  Begeisterung  ihren  Monarchen  für  unüberwindlich  hielten.  Wie
gänzlich  verkannten  diese  Getreuen  doch  die  Lage!  Die  Tagsatzung  selber
wünschte  freilich  den  gefährlichen  Streit  mit  dem  Könige  von  Preußen  zu
vermeiden.  Aber  hinter  ihr  standen  die  siegestrunkenen  Radikalen.  Sie
brannten  darauf,  die  verunglückten  Luzerner  Freischarenzüge  glücklicher  zu
erneuern;  sie  kannten  jetzt  Friedrich  Wilhelms  Mut;  sie  ersehnten  den
Augenblick,  da  sie  über  den  unverteidigten  fürstlichen  Kanton  herfallen  und
dieletzte  fremde  Gewalt,  die  noch  dazu  monarchischwar,  aus  der  Eidgenossenschaft
  hinausfegen  konnten.  Und  dieser  Augenblick  kam,  als  die  Kunde
von  der  Pariser  Februar-Revolution  eintraf.  Am  29.  Februar  bildete  sich
in  La  Chaux  de  Fonds,  dem  Mittelpunkte  der  ausländischen  Bevölkerung,
eine  provisorische  Regierung.  Durch  Zuzüge  aus  den  Nachbarkantonen  verstärkt,
  rückte  ein  Haufe  von  Freischärlern  gegen  die  Hauptstadt  heran;  der
alte  Verschwörer  Courvoisier,  ein  Adjutant  Ochsenbeins,  führte  den  Haufen.
Königliche  Truppen,  die  den  Aufruhr  mit  leichter  Mühe  niederschlagen
konnten,  waren  nicht  zur  Stelle,  das  kleine  Schutzbataillon  des  Kantons
vermochte  nichts  auszurichten  und  ward  aufgelöst.  Am  1.  März  war  das
Neuenburger  Schloß  in  den  Händen  der  Rebellen.  Der  radikale  Vorort
Bern  aber  trat  die  alten  Verträge  der  Eidgenossen  mit  Füßen;  er  verweigerte
  dem  Baron  Chambrier  den  nachgesuchten  pflichtschuldigen  Beistand
  und  nahm  schamlos  Partei  für  den  schlechthin  frevelhaften  Bundesbruch.
  Mit  seiner  Hilfe  wurde  die  Fürstenherrschaft  und  ihr  Staatsrat
  gestürzt,  die  ehrwürdigen  vier  Bourgeoisien  zerstört,  die  uralte  Gemeindefreiheit
  vernichtet  und  durch  ein  hartes  Präfektensystem  ersetzt;  auch
die  Akademie  mußte  fallen,  denn  sie  vertrat  die  Wissenschaft  und  war
mithin  aristokratisch.  Eine  rohe  Demokratie  verdrängte  das  alte  etwas
steife,  aber  gerechte,  ehrliche,  gebildete  aristokratische  Regiment.

Und  diesem  häßlichen  Rechtsbruche  mußte  der  unglückliche  Fürst,
der  alles  selbst  verschuldet  hatte,  jetzt  mit  gefalteten  Händen  zuschauen,
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        742  V.  10.  Vorboten  der  europäischen  Revolution.

da  die  Wogen  der  Revolution  nunmehr  auch  über  ihm  zusammen—
schlugen!  Länderverluste  und  Ländervertauschungen  hatte  Preußen,  wie
jeder  große  Staat,  in  den  Wirren  schwerer  Kriegszeiten  schon  mehrmals
ertragen  müssen.  Das  aber  war  neu,  daß  ein  Hohenzoller  sich  mitten
im  Frieden  ein  schönes  Land  von  meineidigen  Eidgenossen  und  einem
Haufen  Aufrührer  ungestraft  rauben  ließ,  daß  er  sich  und  seine  Krone
einer  verdienten  Verachtung  aussetzte,  die  noch  heute  in  den  Hohnreden
der  sieglosen  Sieger  fortlebt.  Wie  oft  hatte  dieser  König  in  überschwenglichen,
  fast  lästerlichen  Worten  seinen  Untertanen  die  angestammte  Treue
gepredigt!  Und  was  bot  er  selbst  den  Treuesten  seiner  Treuen  in  ihrer
Todesnot?  Bitten  und  Klagen,  zerknirschte  Briefe,  unfruchtbare  Verwahrungen,
  phantastische  Träume  europäischer  Reaktionspolitik  —  doch
wahrlich  nicht  die  schlichte  Treue  des  deutschen  Mannes,  nicht  die  Treue
des  Königs,  der  den  Degen  des  großen  Friedrichs  führte.  Aus  Schwäche
hatte  er  den  Neuenburgern  die  Treue  nicht  gehalten;  und  alsbald  beschied
ihm  ein  grausames  Geschick,  daß  er  selber  die  Untreue  des  Berliner
Pöbels  erfahren  mußte.  Der  Sturm  brach  los;  und  wie  viele  Leiden
und  Kämpfe  noch,  bis  sich  die  Königsmacht  der  Hohenzollern  nach  tiefem
Fall  wieder  frei  aufrichtete.  —
        <pb n="751" />
        Beilagen.
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        <pb n="753" />
        XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenschaft.

Zu  Bd.  II.  535  ff.

Aus  den  Akten  des  großh.  sächs.  Geh.  Staatsarchivs  in  Weimar,  die  ich  für  die
vierte  Auflage  des  2.  Bds.  benutzen  durfte,  berichte  ich  hier  noch  einige  Einzelheiten  zur
Geschichte  des  Jahres  1819.

Da  die  Höfe  sich  schon  seit  Stourdzas  Schrift  und  dem  Aachener  Kongreß  sehr
besorgt  wegen  der  Universitäten  zeigten,  so  benutzte  Großherzog  Karl  August,  um  sein
geliebtes  Jena  vor  Argerem  zu  bewahren,  einen  von  Hannover  beim  Bundestage  angeregten
  Gedanken  und  ließ  am  11.  März  1819,  noch  vor  Kotzebues  Ermordung,  durch
seinen  Bundesgesandten  v.  Hendrich  den  Antrag  stellen:  der  Bund  möge  Vorschriften
über  die  Disziplin  der  Universitäten  erlassen,  aber  ohne  Beeinträchtigung  der  uralten
akademischen  Freiheit  Deutschlands.  Im  Mai  sendete  er  sodann  noch  den  Geh.  Rat
Conta  nach  Frankfurt,  um  diesen  Antrag  nachdrücklich  zu  befürworten.  Nach  Sands
Tat  ließ  er  durch  den  Staatsminister  Graf  Edling  dem  Bundesgesandten  schreiben:  „Alle
Vorfälle,  die  seit  einigen  Jahren  den  unter  den  Studierenden  zu  Jena  herrschenden  Geist
im  Auslande  verdächtig  gemacht  haben,  sind  durch  Ausländer  bewirkt  worden.“  Sand
sei  mur  ein  neuer  Beleg  dafür.  (Edling  an  Hendrich,  28.  März  1819.)  Demgemäß  erließen
  der  Großherzog  und  Herzog  August  von  Gotha  am  30.  März  ein  Reskript  an  die
Universität,  worin  sie  aussprachen,  in  den  Jahren  1816  und  17  hätte  die  Jugend  das
Vertrauen  der  Nutritoren  nicht  getäuscht.  Aber  seitdem  nehme  der  Geist  der  Studierenden
  „zu  Unserem  großen  Mißfallen  hier  und  da  eine  verderbliche  Richtung.“  Diese
Gesinnung  „drohe  sich  täglich  mehr  auszubreiten.  Von  ausländischen  Universitäten  und
fremden  Schulen  komme  viel  dieses  Giftes  nach  Jena“;  darum  sollten  bis  auf  Weiteres
Ausländer  nur  mit  besonderer  Erlaubnis  ihrer  Regierung  zugelassen  werden.

„Da  die  bei  der  Akademie  hierauf  angestellte  Untersuchung  unter  der  Leitung  des
Senats  Schwierigkeiten  zu  unterliegen  scheint“,  so  ernannte  der  Großherzog  am  29.  März
eine  besondere  Kommission  zur  Nachforschung  nach  Sands  möglichen  Mitschuldigen.  Sie
bestand  aus  dem  Kammerherrn  v.  Könneritz  und  dem  Regierungsassessor  Emminghaus.
Beide  Beamte  verfuhren  als  gebildete,  der  akademischen  Bräuche  kundige  Männer,  gewissenhaft
  und  wohlwollend,  aber  auch  sehr  gemütlich  nach  der  behaglichen  thüringischen
Weise;z  es  ließ  sich  nicht  verkennen,  daß  die  Regierung  die  großsprecherischen  jungen  Leute
nach  Möglichkeit  schonen  wollte,  und  mancher  von  ihnen  mag  wohl  auf  einen  leisen  Wink
rechtzeitig  abgereist  sein.  Von  vornherein  wurde  die  Untersuchung  verdorben  durch  die
Zersplitterung  der  deutschen  Rechtspflege;  denn  zur  selben  Zeit  war  auch  in  Mannheim
eine  Kommission  zusammengetreten,  um  den  Mörder  selbst  sowie  dessen  vermutliche
Mitwisser  zu  verhören.  Beide  Kommissionen  handelten  ganz  selbständig,  sie  verkehrten
miteinander  nur  durch  einen  umständlichen  Briefwechsel,  und  die  Weimarische  Kommission
  beschwerte  sich  (12.  Mai),  daß  sie  die  badischen  Protokolle  nicht  erhielte,  während
sie  selbst  ihre  Protokolle  nach  Mannheim  sendete.

Der  Verdacht  richtete  sich  zunächst  gegen  Sands  besten  Freund,  den  stud.  theol.
Gottlieb  Asmis  aus  Mecklenburg.  Der  war  schon  am  27.  März,  sobald  die  Schreckens-
        <pb n="754" />
        746  XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenschaft.

nachricht  in  Jena  eingetroffen  war,  nach  Wunsiedel  abgereist,  um  Sands  unglückliche
Eltern  zu  unterrichten,  und  man  begnügte  sich  vorläufig,  ohne  jeden  Erfolg,  eine  Haussuchung
  bei  ihm  vorzunehmen.  Erst  am  7.  April,  mehrere  Tage  nach  seiner  Rückkehr,
stellte  sich  Asmis  der  Kommission  —  so  gemütlich  ging  alles  zu.  Er  erklärte  unschuldig,
das  Verfahren  gegen  ihn  hätte  ihn  „frappiert“,  darum  komme  er  so  spät.  Die  Kommission
  nannte  ihn  ganz  richtig  einen  gutmütigen,  unbedeutenden,  sehr  unbeholfenen,
treuherzigen  Menschen,  der  den  Mörder  herzlich  liebe  und  als  politischer  Schwärmer
wohl  zu  mancher  Tollheit  fähig  sei.  Für  einige  Zeit  wurde  er  zur  Untersuchungshaft
in  das  Karzer  abgeführt.  Bei  den  späteren  Verhören  stellte  sich  aber  ganz  unzweifelhaft
heraus,  daß  der  junge  Mann  von  den  Mordplänen  seines  Freundes  nicht  das  mindeste
geahnt  hatte,  sonst  hätte  er  sie  sicherlich  vereitelt;  „Mord  bleibt  Mord“  sagte  er
ehrlich.

Ganz  anders  verlief  die  Untersuchung  gegen  Dr  Karl  Follen  (oder  Follenius,  wie
er  sich  damals  noch  nannte).  Follen  trat  fest  und  trotzig  auf,  mit  der  Sicherheit  eines
gewandten  Advokaten;  bei  heiklen  Fragen  zeigte  er  stets  eine  erstaunliche  Gedächtnisschwäche,
  die  dem  berechnenden,  willensstarken  Manne  wunderlich  anstand;  er  spielte  mit
der  Kommission  wie  die  Katze  mit  der  Maus.  In  diesem  kleinen  Robespierre  lag  eine
starke  terroristische  Kraft.  Die  Briefe  der  Freunde  nannten  ihn  oft  „einen  überwiegenden
Menschen“,  der  jeden  anderen  sittlich  zermalmen  und  zerknirschen  könne;  einmal  baten
sie  ihn,  einen  hitzköpfigen  jungen  Genossen  von  unvorsichtigen  politischen  Außerungen
abzuhalten,  er  allein  vermöge  das.  Da  Follen  im  ersten  Verhöre  (2.  April)  sich  an  nichts
mehr  recht  erinnern  konnte,  so  wurde  sofort  Haussuchung  bei  ihm  gehalten.  Er  sah
ruhig  mit  an,  wie  der  Universitätssekretär  und  ein  Registrator  seine  Papiere  zusammensuchten.
  Plötzlich  nahm  er  ein  Papier  aus  dem  Haufen  —  ein  an  ihn  selbst  adressiertes
Schreiben  aus  Eisenach  vom  Februar  —  steckte  das  Schriftstück  in  die  Tasche  und  erklärte:
  dieser  Brief  gehöre  seinem  Bruder  —  was  sich  späterhin  als  unwahr  erwies.  Dann
eilte  er  aus  dem  Zimmer  und  kehrte  erst  nach  einigen  Minuten  zurück.  Nunmehr
führten  ihn  die  erschrockenen  Beamten  alsbald  wieder  vor  die  Kommission.  Hier  versprach
er,  seinen  Bruder  um  die  Erlaubnis  zur  Herausgabe  des  Briefes  zu  bitten,  er  ging  hinweg
  und  überbrachte  nach  längerer  Frist  die  Meldung:  sein  Bruder  verweigere  die
Auslieferung.  Jetzt  endlich  gelangte  die  Kommission  zu  dem  weisen  Schlusse:  der  Brief
sei  wohl  schon  vernichtet,  und  man  müsse  in  Eisenach  dem  wahrscheinlichen  Absender
nachforschen.  Follen  blieb  auf  freiem  Fuße  und  benutzte  die  Zeit,  um  mit  Asmis  zu  verhandeln.
  Einige  Leute  auf  der  Gasse  sahen  ihn,  wie  er  aus  einem  dichtbenachbarten
Hause,  aus  dem  Fenster  des  stud.  v.  Wintzingerode  mit  dem  gefangenen  Asmis  im  Karzer
sprach;  ein  Student  stand  mit  am  Fenster,  mehrere  der  Zeugen  glaubten,  das  wäre
Wintzingerode  selbst  gewesen.  Selbst  die  Kommission  konnte  sich  jetzt  der  Vermutung
  nicht  erwehren,  daß  dort  Kollusion  getrieben  worden  sei.  Follen  aber  behauptete,
er  hätte  den  Gefangenen  nur  freundschaftlich  begrüßt,  und  als  man  ihn  sodann
nach  jenem  Studenten,  dem  einzigen  Ohrenzeugen  des  Zwiegesprächs  befragte,  da  wurde
er  wieder  von  seiner  krankhaften  Gedächtnisschwäche  befallen  (Protokoll  vom  3.  Mai).
Er  konnte  sich  auf  den  jungen  Mann  schlechterdings  nicht  besinnen,  und  das  Gespräch
war  doch  erst  vor  wenigen  Tagen  abgehalten  worden.  Tags  darauf  am  4.  Mai  wurde
er  von  dem  Universitätssekretär  nochmals  vernommen;  wieder  konnte  er  sich  an  nichts
mehr  erinnern,  indes  versprach  er,  bis  zum  Ende  der  Woche  mitzuteilen,  ob  ihm  der  Name
inzwischen  eingefallen  wäre.  Am  7.  Mai  schrieb  er  in  der  Tat  an  die  Kommission:  er
wisse  nichts;  „die  Sache  war  mir  damals  so  unbedeutend,  und  mein  Gedächtnis  ist  für
solche  mir  unbedeutende  Dinge  so  schwach.“  Der  geniale  Gedanke,  nunmehr  Wintzingerode
  selbst  zu  befragen,  scheint  der  Kommission  nicht  aufgestiegen  zu  sein;  die  Protokolle
wenigstens  sagen  nichts  darüber.

Bei  einem  so  urgemütlichen  Verfahren  hatte  die  grundsätzliche  Verlogenheit  der
Unbedingten  leichtes  Spiel.  Aus  verschiedenen  Anzeichen  und  Aussagen  ergab  sich  mit
höchster  Wahrscheinlichkeit,  daß  Follen,  obgleich  er  selbst  in  beschränkten  Verhältnissen
        <pb n="755" />
        XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenschaft.  747

lebte,  dem  Mörder  das  Geld  für  die  letzte  Reise  gegeben,  auch  ein  Paket  mit  Papieren,
die  nachher  zum  Teil  in  den  Zeitungen  erschienen,  von  Sand  zur  Aufbewahrung  erhalten
  hatte.  Besonders  auffällig  war  dabei  der  Umstand,  daß  Sand,  der  sonst  alle
seine  kleinen  Schulden  peinlich  genau  in  ein  besonderes  Schuldbüchlein  eintrug,  diesen
letzten  und  größten  Schuldposten  nicht  verzeichnet  hatte.  Follen  wußte  wieder,  dank
seinem  schwachen  Gedächtnis,  nichts  Sicheres  anzugeben.  Sand  aber  versicherte  in  den
Mannheimer  Verhören,  daß  er  das  Reisegeld  von  Asmis  empfangen  und  diesem  auch
das  Paket  übergeben  hätte.  Das  war  dem  armen  A#mis  doch  zu  arg.  In  höchster  Erregung,
  unter  strömenden  Tränen  beteuerte  er  wieder  und  wieder:  ich  kann  das  nicht
zugeben,  „selbst  wenn  ich  Sand  einen  Gefallen  damit  täte.“  Die  Verzweiflung
des  ehrlichen  Jungen  war  offenbar  ungeheuchelt,  und  die  Kommission  geriet  jetzt  endlich
auf  die  Mutmaßung,  welche  minder  gemütliche  Leute  wohl  schon  früher  gefaßt  hätten:
daß  die  Eingeweihten  mit  ihrem  Lügenspiele  nur  bezweckten,  den  Kopf  ihres  Häuptlings
Follen  um  jeden  Preis  aus  der  Schlinge  zu  ziehen.  Am  28.  Mai  schrieb  sie  daher  an  die
Mannheimer  Kommission:  „Könnte  Sand  nicht  vielleicht  den  Verdacht  von  anderen,
die  nach  seiner  Ansicht  als  kluge  umsichtige  Männer  bei  wichtigen  Gelegenheiten  für
Deutschland  brauchbar  und  von  Bedeutung  werden  könnten,  abwenden  wollen  und
vorziehen,  einen  gewöhnlichen  unbedeutenden  Menschen,  von  dem  er  künftig  nichts  Großes
erwartet,  vorzuschieben?"  Oder  Sand  hoffe  vielleicht,  Asmis  würde  die  Schuld  freiwillig
auf  sich  nehmen  —  was  bei  dessen  Schwärmerei  nicht  unmöglich  sei  —  und  Asmis  hätte
die  Absicht  nur  nicht  verstanden?!

Unterdessen  wurde  Follen,  da  sein  hartnäckiges  Lügen  und  seine  beispiellose  Gedächtnisschwäche
  doch  verdächtig  schienen,  am  Morgen  des  11.  Mai  endlich  verhaftet  und
nach  Weimar  abgeführt,  wo  die  Kommission  jetzt  tagte.  Bei  einer  zweiten  Haussuchung
fand  man  einen  langen,  überschwenglichen  Brief  von  Sands  Mutter  an  Follen.  Die
unglückliche,  verblendete  Frau  verglich  „unseren  reinen,  großen  Märtyrer“  mit  Martin
Luther  und  schrieb:  „In  vieler  Hinsicht  hat  er  auch  gewiß  mit  diesem  ehrwürdigen  Reformator
  in  gleichem  Schritt,  aber  nur  verschieden  gewirkt.“  Das  Grab  in  Mannheim
wollte  sie  mit  Blumen  schmücken  lassen,  „bis  vielleicht  einst  Deutschland  dankbar  eine
Säule  setzt“  [was  bekanntlich  seitdem  geschehen  ist).  Zu  Follen  sagte  sie:  „Gott  segne
es  Ihnen,  der  Sie  sein  Leben  mit  starker  Hand  schützen.“  Diese  Worte  bezogen  sich  auf
den  im  Kreise  der  Unbedingten  oft  erwogenen  törichten  Plan  der  gewaltsamen  Befreiung
des  Mörders.  Follen  aber  erklärte  zu  Protokoll:  das  geht  auf  meine  Absicht,  für  die  Tat
zu  schreiben,  „eine  Verteidigung  dadurch,  daß  sie  in  subjektiver  Hinsicht,  nach  Sands
dabei  gehabter  Meinung  dargestellt  würde.“  In  dem  Verhöre  vom  11.  Mai  wiederholte
  sich  das  alte  Spiel;  Follens  Gedächtnis  blieb  unverbesserlich  schwach.  Als
ihm  Könneritz  endlich  vorhielt,  es  spreche  nicht  zu  seinen  Gunsten,  wenn  er  auch  jetzt  noch
beständig  versichere,  „daß  er  sich  dieses  nicht  erinnern  könne,“  da  erwiderte  Follen  frech:
„das  sei  ihm  ein  ganz  neuer  kriminalrechtlicher  Grundsatz,“  und  protestierte  gegen
die  gesamte  Untersuchung.  Der  ganze  Hergang  beweist  schlagend  die  Vorzüge  des
öffentlich-mündlichen  Verfahrens;  vor  einem  heutigen  Gerichte  hätte  sich  ein  Mann  von
Follens  Ruf  und  Bildung  ein  solches  Spiel  auf  die  Dauer  nicht  erlauben  können.  Schon
Tags  darauf,  12.  Mai,  verlangte  Follen  durch  ein  Schreiben  an  die  Kommission  seine
sofortige  Freilassung,  da  er  seine  Kollegien  nicht  versäumen  wolle,  und  setzte  mit
kasuistischer  Geschicklichkeit  auseinander,  man  könne  ihm  doch  höchstens  Unterlassung  der
Anzeige  vorwerfen,  und  diese  sei  straflos.  Infolge  dieses  Schreibens  wurde  er  noch  am
selben  Tage  mit  Asmis  konfrontiert,  doch  wieder  ließ  ihn  sein  Gedächtnis  im  Stiche.
Nun  ward  er  freigegeben.  In  den  späteren  Verhören  (23  Mai,  8.  10.  Juni)  nochmals
das  gleiche  Possenspiel;  immer  wieder  hieß  es,  „eine  genaue  Erinnerung  ginge  ihm  nicht
bei.“  Als  Sand  endlich  einiges  von  seinen  Lügen  zurücknahm,  da  meinte  Follen,
Sand  müsse  wohl  nicht  bei  Sinnen  gewesen  sein,  und  erbot  sich  zu  beschwören,  daß  er
jenes  Paket  von  Sand  nie  erhalten  hätte  —  —  ein  Eid,  der  ihm  nach  dem  Grundsatze
der  Unbedingten  nicht  schwer  fallen  konnte.  Über  die  Unbedingten  sagte  er  harmlos,
        <pb n="756" />
        748  XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenschaft.

wie  um  die  Kommission  zu  verhöhnen:  „ein  Unbedingter  ist  ein  Mensch,  der  unbedingt
nach  Ausbildung  strebt  und  unbedingt  nach  seiner  Überzeugung  handelt.“

Auch  der  Philosoph  Fries  wurde  verhört  (3.  April  ff.).  Er  hatte  von  der  radikalen
Partei  in  der  Burschenschaft  keine  Ahnung  und  wollte  nicht  einmal  glauben,  daß  ein
engerer  Bund  bestanden  hätte.  Aber  seltsam,  wie  stark  die  Moral  der  subjektiven  Empfindung,
  welche  die  Köpfe  der  Jugend  verwirrte,  auch  diesen  Lehrer  betörte.  Er  meinte
ganz  unbefangen:  Sand  war  von  vielen  Kommilitonen  überzeugt,  daß  sie  zu  allem,  was
sie  für  ebenso  gut  und  heilsam  erkännten,  ebenso  wie  er,  stündlich  und  mit  Aufopferung
ihres  Lebens  bereit  seien.  Die  Verwirrung  der  Begriffe  war  allgemein,  und  nur  wenige
dachten  so  nüchtern,  wie  der  alte  Frommann,  der  (28.  März)  seinem  Sohne,  dem  Burschenschafter
  schriebö:  „Und  nun  unsere  jungen  Solone  und  Aristarche!  Wie  sind  sie  so  selig
in  einer  Reihe  von  Trugschlüssen  und  Inkonsequenzen;  wie  verirren  sie  sich  in  halb=  und
mißverstandenen  Kollegiensätzen;  wie  fertig  sind  sie  über  alle  Verhältnisse  des  Lebens
und  des  Staates.  Es  betrübt  mich  aufs  innigste,  es  schmerzt  mich  tief,  denn  wahrlich,
so  gehen  wir  einer  besseren  Zeit  nicht  entgegen.“  Der  turnfreundliche  Mediziner  Kieser
wußte  auch  nichts  auszusagen  und  erging  sich  schon  in  jener  sinnigen  Theorie,  welche
seitdem  zum  medizinischen  Sport  geworden  ist;  er  vermutete,  Sand  wäre  wohl  geisteskrank,
  vielleicht  gar  erblich  belastet.  (Kieser  an  den  Akad.  Senat,  4.  April.)  Ebenso
fruchtlos  blieb  ein  mit  dem  jungen  Heinrich  Leo  angestelltes  Verhör  (3.  April).  Auch
der  Vorstand  der  Burschenschaft  wurde,  auf  Befehl  Karl  Augusts,  vernommen,  und  da
die  Burschenschaft  als  solche  mit  den  Unbedingten  nichts  zu  schaffen  hatte,  viele  ihrer
Mitglieder  nicht  einmal  das  Dasein  des  Geheimbundes  kannten,  so  berichtete  die  Kommission
  schon  am  28.  April  dem  Großherzog:  „Wir  können  jetzt  mit  voller  Überzeugung
aussprechen,  daß  die  Burschenschafts-Verbindung  und  ihre  Grundsätze  gewiß  auch  nicht
den  entferntesten  Einfluß  auf  die  Sandsche  Tat  gehabt  haben,  daß  die  Burschenschaft
noch  in  ihrer  ursprünglichen  Reinheit  besteht,  ja  daß  dieselbe  selbst  vielleicht  in  der  letzten
Zeit,  wo  sie  einen  größeren  Umfang,  der  Zahl  der  Mitglieder  nach,  bekam,  einen  mehr
heiteren,  der  Jugend  und  der  Beziehung,  in  welcher  sie  zum  Staate  steht,  angemesseneren
Charakter  annahm.“  Diese  wohlwollenden  Worte  standen  allerdings  nicht  recht  im  Einklang
  mit  dem  Urteil  des  edlen  Fürsten  selbst,  der  erst  fünf  Wochen  früher  öffentlich  ausgesprochen
  hatte,  der  Geist  der  Studierenden  nehme  in  der  neuesten  Zeit  hie  und  da
eine  verderbliche  Richtung.  Schließlich  wurde  dem  Dr.  Follen  mit  Sicherheit  nur  das
eine  nachgewiesen,  daß  er  dem  Mörder  das  Reisegeld  gegeben  hatte;  und  damit  ließ
sich  juristisch  nichts  anfangen.  Zur  weiteren  Kennzeichnung  der  damaligen  Zustände
deutscher  Rechtspflege  diene  dann  noch  die  Tatsache,  daß  Geh.  Rat  Conta,  nachdem  er
von  Frankfurt  aus  die  Mannheimer  Kommission  besucht  hatte,  die  dorthin  gesendeten
Weimarischen  Akten  in  seinem  Wagen  wieder  heimbrachte,  weil  man  solche  Papiere  der
Turn-  und  Taxisschen  Post  doch  nicht  gut  anvertrauen  konnte.  (Contas  Bericht  an  den
Großherzog,  4.  Mai  1819.)  Es  kann  nicht  die  Aufgabe  des  Histomkers  sein,  nachträglich
die  Rolle  des  Staatsanwalts  zu  spielen.  Das  Urteil  aber,  das  ich  früherhin  über  Follens
Charakter  und  politische  Wirksamkeit  ausgesprochen  habe,  muß  ich  bis  auf  das  letzte  Wort
noch  aufrecht  halten,  seit  ich  die  Weimarischen  Protokolle  kenne.  —  —

Aus  mannigfachen  Briefen  und  Erzählungen  ist  bekannt,  wie  früh  schon  der  unglückliche
  Sand  sich  mit  unbestimmten  Träumen  von  einem  heroischen  Opfertode  getragen
  hat.  Als  weiterer  Beleg  folgt  hier  ein  Stammbuchblatt,  dessen  Original  mir  ein
befreundeter  Leser  mitteilt:

Unser  Tod  ist  Heldenlauf,  kurzer  Sieg,  früher  Tod!  Tut  nichts,  wenn  wir  nur
wirklich  Helden  sind.  Wenn  wir  nur  ringen  im  steten  Aufschwung  und  Gebet  zum  heil'gen
Vater  und  in  frischer  Begeisterung  leben  für  das,  was  sein  Wille  ist.  Siegen
werden  wir  immer,  wenn  wir  nur  selbst  tüchtig  und  frisch  sind.  Früher  Tod  bricht  nicht
die  Siegesbahn,  wenn  wir  nur  auf  ihr  als  Helden  sterben.  So  sei  denn  unser  Wahlspruch:
  Frommen  Glauben  an  Gott  demütig  bewahren  im  Herzen  undtätig
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        XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenschaft.  749

lieben  seine  Sache  hier  auf  Erden,  tätig  lieben  unser  Volk  und  Vaterland.
Frei  müssen  wir  leben  oder  frei  zu  den  glücklichen  Vätern  gehen.  Walte  Gott  mit  uns!

Wenn  du  einst  fest  Fuß  fassest  im  Voigtlande,  so  gedenke  deines  in  gleichem
Streben  begriffenen  Nachbars  im  Fichtelgebirge  und  halte  deutsche  Freundschaft
zum  Frommen  des  Vaterlandes  mit  deinem

Jena,  d.  21.  Juni  1818.  Karl  Ludwig  Sand,
der  G.  G.  Beflissenen  aus  Wunsiedel.  —  —

Die  unschuldigen  patriotischen  Hoffnungen,  welche  die  Jugend  zur  Zeit  des  Wartburgfestes
  bewegten,  finden  sich  treulich  ausgesprochen  in  einer  Weisung,  die  der  Kieler
Franz  Hegewisch  seinem  jungen  Freunde,  dem  Kieler  Studenten  Justus  Olshausen  —
dem  späterhin  berühmten  Orientalisten  und  langjährigen  Referenten  für  die  preußischen.
Universitäten  —  auf  die  Wartburgsfahrt  mitgab.  Hegewisch  war  damals  34  Jahre  alt,
ein  gescheiter,  menschenkundiger  Arzt.  Seine  Grundsätze  erinnern  an  das  bekannte  „Glaubensbekenntnis“
  des  Philosophen  Fries;  nur  sind  sie  weit  klüger,  besonnener,  politischer.
Immerhin  beweisen  sie,  in  was  für  verschwommenen  hochsinnigen  Träumen  die  ganze
Zeit  noch  lebte.

Vorschlag

zu  einigen  Beschlüssen,  welche  am  18.  Oktober  auf  der  Wartburg  gefaßt  und
ausgesprochen  werden  mögen.

(Gerechtigkeit  muß  werden  auf  Erdenl!)

Gegen  den  gefährlichsten,  gehässigsten  Feind  ward  gekämpft  von  den  Deutschen,  mit
Anstrengung,  mit  Glück,  mit  Segen.  Aber  wofür  ward  gekämpft?  für  eine  bessere  Zeit.
Die  Zeit  der  Gerechtigkeit  soll  werden.  Nicht  vergebens  sei  das  Blut  der  deutschen  Jünglinge
  geflossen;  willig  und  freudig  ward  es  gegeben,  damit  das  Recht  sicher  sei  vor  Gewalt,
  nicht  nur  von  außen,  sondern  auch  von  innen.  Wir  dürsten  nach  Gerechtigkeit  und
Ordnung;  wir  wollen,  daß  gute  Gesetze  herrschen.

Deutschland  ist  fruchtbar  an  heldenmütigen  Jünglingen,  welche  froh  in  den  Kampf
gingen  mit  dem  Feinde  der  Deutschen,  dem  Feinde  aller  Tugend  und  Wahrheit.  Aber
nimmer  wäre  der  Sieg  gelungen,  wenn  nicht  die  kampfbegierigen  Jünglinge  geordnet
worden,  und  die  gesammelten  Kräfte  ordnungsmäßig  zur  rechten  Stunde  und  am  rechten
Orte  gewirkt  hätten.

Deutschland  ist  voll  von  wohlgesinnten  und  wohlunterrichteten  Jünglingen,  deren
Herz  schwellt  von  Wünschen  für  das  Wohl  des  Ganzen,  deren  Ungeduld  zu  wirken  im
Guten  von  Tag  zu  Tage  wächst.  Soll  aber  nicht  unfruchtbar  und  ohnmächtig  sein  der
reine  Wille  und  die  tüchtige  Kraft,  so  müssen  diese  nicht  ins  unbestimmte  Allgemeine
streben,  sondern  sie  müssen  geordnet  und  auf  bestimmte  Ziele  gerichtet  sein.  Künftig
müssen  und  werden  gesetzliche  Wege  sein,  auf  welchen  die  Wünsche  braver  unterrichteter
Männer  des  Landes  zum  Fürsten,  zur  Offentlichkeit  gelangen.  Das  wird  künftig  sein.
Da  es  jetzt  noch  in  dem  allergrößten  Teile  Deutschlands  an  den  gesetzlichen  Wegen  fehlt,
da  der  13te  Artikel  der  Bundesakte  in  dem  größten  Teile  Deutschlands  noch  nicht  zur
Ausführung  gebracht  wird,  so  geschehe  das  Nützliche  durch  freie  Vereinigung  der
Gesinnungen  und  Kräfte  an  gewissen  Übergangspunkten  aus  der  alten  in  die  neue  Zeit,
so  geschehe  das  Notwendige  auf  ungewöhnlichem  Wege  durch  freie  Beschlüsse  der
versammelten  deutschen  Jugend  am  frei  gewählten  heiligen  Orte.  Unsere  Wünsche  und
Begehren  laßt  in  bestimmte  Sätze  gefaßt  werden,  denen  die  abwesenden  Gutgesinnten.
sich  nach  und  nach  anschließen  mögen.  Dieser  unvollständige  Versuch,  von  dem  der  Verfasser
  glaubt,  daß  er  nichts  enthält,  was  mit  dem  guten  Geist  der  deutschen  Bundesakte
in  Widerspruch  steht,  wird  als  Vorarbeit  bekannt  gemacht,  damit  durch  Beratung  und
Beiträge  vieler  ein  vollständiges  Glaubensbekenntnis  der  gegen  weltliche  Tyrannen  Protestierenden
  zum  künftigen  18.  Oktober  zu  stande  komme.
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        750  XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenschaft.

Grundsätze  vom  18.  Oktober.

Die  Gelegenheit  ist  flüchtig,  das  Leben  voll  Schwierigkeit;  der  Geist  verduftet;  darum
lasset  in  guter  Stunde  gute  Entschlüsse  gefaßt  und  als  gemeinschaftliche  Beschlüsse
bekannt  gemacht  werden.

Wir  an  der  Wartburg  versammelten  Jünglinge  aus  vielfachen  Gegenden  Deutschlands
  (hier  werden  die  hauptsächlichsten  Flüsse  und  Berge  benannt,  aber  keine  politischen
Bezeichnungen)  haben  wohl  überlegt,  sind  überzeugt,  stimmen  überein  und  haben  beschlossen,
  wie  folgt:

1.  Ein  Deutschland  ist;  soll  sein  und  bleiben.  Wir  können  nicht  glauben,  daß
Deutschland  aus  38  Inseln  bestehe.  Wir  Deutsche  sind  Brüder,  wir  wollen  Freunde  sein.
Wenn  auf  dem  Schlachtfelde  Deutsche  gegen  Deutsche  kämpfen,  so  ist's  Brudermord.
  Wer  deutsche  Krieger  gegen  deutsche  Krieger  führt,  der  ist  des  Brudermords
schuldig.

Wir  versprechen  uns  gegenseitig,  daß  wir  uns  nie  mit  den  Waffen  im  Felde  gegenüberstehen
  wollen;  wir  versprechen,  daß  wir  nie  gegen  unsere  deutschen  Brüder  im  Felde
fechten  wollen;  und  machen  uns  anheischig,  allenthalben,  soweit  wir  vermögen,  die  Lehre
zu  verbreiten  und  zu  verstärken,  daß  Kampf  deutscher  Krieger  gegen  deutsche  Krieger  fluchwürdiger
  Brudermord  sei.

2.  Wir  vergessen  der  für  deutsche  Freiheit  gefallenen  Kämpfer  nicht.  Wir  sind
überzeugt,  daß,  wenn  je  in  Deutschland  die  Dankbarkeit  gegen  diejenigen,  durch  welche
Gott  uns  errettete  vom  Joch  des  fremden  Tyrannen,  erlöschen  würde,  die  Deutschen
wiederum  reif  sein  würden,  in  fremde  Knechtschaft  zu  sinken.  Die  Pflicht,  den  18.  Oktober
  zu  feiern,  ist  Pflicht  jedes  ehrlichen  und  frommen  deutschen  Mannes,  jedes  ehrlichen
und  frommen  deutschen  Fürsten.

3.  Die  Lehre  von  der  Spaltung  Deutschlands  in  Norddeutschland  und  Süddeutschland
  ist  irrig  und  falsch,  ist  Lehre  aus  dem  Munde  eines  bösen  Feindes.  Wir  versprechen
uns  gegenseitig,  diese  Lehre  zu  bekämpfen,  und  das  unsrige  zu  tun,  um  diese  falsche  Lehre
und  alles,  was  künstlicherweise  die  Teilung  Deutschlands  noch  mehr  befördern  könnte,
zu  bekämpfen  und  zu  unterdrücken.

4.  Wir,  des  heiligen  ungeschriebenen  und  des  geschriebenen  deutschen  Bundes,
welchen  die  hohen  Fürsten  und  die  freien  Städte  Deutschlands  abgeschlossen  haben,  teilhaftige
  Jünglinge  bekennen,  von  der  Wahrheit  dieses  Satzes  und  dieser  Schlußfolge
überzeugt  zu  sein:  Wird  ein  Teil  des  deutschen  Landes  angegriffen,  von  West  oder  Ost,
von  Süd  oder  Nord,  so  wird  Deutschland  angegriffen,  so  müßte  der  Krieg  ein  Krieg  aller
Deutschen  sein.  Wir  sehen  ein,  daß,  wenn  Oder  und  Rhein  nicht  sicher  sind,  keine  Sicherheit
  um  Elbe  und  Donau  sein  kann.

5.  Soviel  uns  Gelegenheit  gegeben  wird,  wollen  wir,  jeder  in  seinem  Kreise,  dahin
wirken,  daß  Landwehr  und  Landsturm  in  Ehren  gehalten,  ihrer  Pflicht  immer  lebhafter
bewußt  und  in  den  Waffenübungen  tüchtig  werden.

6.  Wir  wollen,  soviel  an  uns  liegt,  ehren  die  Könige  und  Fürsten  und  Oberhäupter
der  monarchischen  Staaten,  als  dem  Ehre  gebührt,  als  welche  das  Beste  ihres  Landes
wollen  und  nichts  anderes  wollen  können,  als  von  welchen  kein  Unrecht  kommen  kann.
Wir  bekennen  uns  zu  der  Lehre,  daß,  wenn  nichts  destoweniger  Unrecht  im  Namen  des
Jürsten  geschieht,  die  Schuld  davon  auf  die  obersten  Beamten  fällt,  welchen  Haft  und
Strafe,  dem  Unrecht  angemessen,  gebührt.

7.  Dem  gerechten,  dem  edlen  Großherzog  von  Weimar  bringen  wir  unsere  Huldigung
  dar.  Möge  das  Lob  der  Jugend,  welche  noch  nicht  verlernt  hat,  das  Gute  und
Schöne  zu  lieben,  das  Hassenswerte  zu  hassen,  ihm  eine  Vorbedeutung  sein  für  das  Lob,
welches  die  aller  Furcht  vor  den  jetzt  lebenden  Feinden  des  Guten  entbundene  Nachwelt
ihm  geben  wird.  Er  zuerst  hat  aus  tiefer  Erkenntnis  und  Wertschätzung  des  deutschen
Volkes,  ohne  Zwang,  ohne  Widerwillen,  ohne  unedle  Rücksichten  und  ngstlichkeiten  das
in  Wien,  zur  Zeit  der  Gefahr,  gegebene  Wort  der  deutschen  Fürsten  gelöst,  und  in  seinem
        <pb n="759" />
        XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenschaft.  751

Lande  eine  verbesserte  Verfassung  gestiftet,  welche  das  meiste  Musterhafte  für  alle  deutschen
Lande  enthält.  Wir  Jetztlebenden  wollen  täglich  rufen  den  Spruch:  Gott  segne  Blücher
und  Weimar!

8.  Wenn  in  fast  allen  andern  deutschen  Landen  noch  gezögert  wird,  das  heilige
Versprechen  des  13ten  Artikels  der  deutschen  Bundesakte  in  Ausführung  zu  bringen,  so
wollen  wir  doch  nimmermehr  verzweifeln  an  dem  feierlich  gegebenen  Worte  der  Fürsten
und  Herrscher.  Wir  wollen  vertrauen  und  eben  deswegen  mahnen.  Das  Unheil  der
unabsehlichen  Verzögerung  werde  nicht  den  Fürsten  zur  Last  gelegt,  sondern  die  Schuld
davon  müssen  die  Minister  tragen.  Welcher  Minister  dem  Fürsten  anraten  möchte,  Eid
und  Wort,  schnell  oder  langsam,  zu  brechen,  der  wäre  Hochverräter.  Das  Volk  hat  das
Recht  und  die  Pflicht,  zu  bitten,  daß  der  Fürst  solchen  Minister,  der  sich  des  Hochverrats
schuldig  macht,  entferne.

9.  Wir  wollen  gehorchen  dem  Gesetz,  dem  vom  Oberhaupt  des  Staates  sanktionierten
  und  ausgeübten,  zuvor  von  erwählten  Abgeordneten  des  Volks  öffentlich  geprüften
und  beratenen  Gesetze;  im  provisorischen  Zustande  der  ohne  Zuziehung  der  Volksvertreter
  ausgeübten  Gesetzgebung  wollen  wir  uns  alles  sträflichen  Ungehorsams  enthalten.

10.  Wir  erklären,  daß  wir  mit  dem  Worte  „Souveränität“,  das  vom  Rheinbunde
herstammt,  nicht  den  Begriff  von  Despotie  verbinden  können,  noch  wollen.  Wir  erklären
auch,  daß  wir  keine  andere  wünschenswerte  Gleichheit  kennen,  als  die  Gleichheit  vor
dem  Gesetz,  wie  sie  in  England  längst  bestanden,  und  für  Frankreich  in  der  konstitutionellen
Charte  von  Ludwig  XVIII.  wirklich  ausgesprochen  ist.

11.  Wir  bekennen,  daß  wir  von  der  Wahrheit  des  in  der  Vorzeit  Deutschlands
begründeten  Satzes:  nicht  Auflagen,  sondern  Abgabenl!  überzeugt  sind;
so  wie  auch  von  der  Wahrheit,  daß  die  Bewilligung  der  Abgaben  nur  von  erwählten
Abgeordneten  des  Volks  geschehen  könne,  und  zwar  nur  für  ein  Jahr.  Wir  bekennen,  daß
wir  überzeugt  sind  von  der  Richtigkeit  dieser  Schlußfolge:  Was  jemand  besitzt,  ist  sein
Eigentum,  weil  es  sein  ausschließliches  Eigentum  ist;  Schutz  des  Eigentumsrechtes  ist
der  Hauptzweck  des  Staates;  dieser  Zweck  würde  vernichtet,  wenn  dem  Oberhaupt  des
Staates  das  Recht  zustände,  nach  Willkür  Steuern  zu  fordern;  also  kann  dem  Staatsoberhaupt
  nicht  das  Recht  zustehen,  nach  Willkür  jedem  Bürger  jedweden  Teil
seines  Vermögens  abzufordern.  Was  kann  derjenige  sein  nennen,  dem  ein  anderer  abfordern
  kann,  wie  viel,  wann,  wie  oft  er  will?

12.  Wir  erkennen,  daß  den  Besitzern  größerer  Güter  eine  ganz  vorzügliche  Stimme
gebührt  in  Beratung  über  Landesangelegenheiten,  entweder  nach  dem  Muster  der  Weimarschen
  Verfassung,  oder  in  eignem  Senate,  worin  jedoch  nicht  Deputierte  aller  größern
Gutsherrn  sein  dürfen.

13.  Wir  sprechen  laut  unseren  Abscheu  aus  vor  den  Banden  der  Leibeigenschaft,  welche
noch  jetzt  auf  deutschem  Boden  unter  dem  Schein  des  Rechts  besteht.  Wir  sind  überzeugt,
daß  kein  Segen  über  unser  Vaterland  kommen  kann,  solange  solcher  Schandfleck  besteht.

14.  Wir  erkennen,  daß  die  Gerechtigkeit  nicht  gebannt  ist,  noch  gebannt  werden
kann  in  ein  anderes  deutsches  Buch;  aber  auch,  daß  sie  nicht  gebannt  ist  in  ein  älteres
Buch,  welches  entsprang  bei  einem  Volk,  daß  in  den  besseren  Zeiten,  der  Mehrzahl  nach,
aus  Sklaven  bestand,  und  in  der  späteren  Zeit  gänzlich.  Wir  bekennen  die  Meinung,
das  sicherste  Mittel  zur  Förderung  des  einheimischen  Rechts  möchte  ein  Verbot  sein,  das
Römische  Recht  vor  Gericht  zu  zitieren.  Wir  bekennen,  daß  wir  als  wesentliche  Verbesserungen
  betrachten  und  hoffen:  die  Einrichtung  von  Geschworenengerichten,  die  öffentliche
  Gerichtspflege,  die  Aufhebung  der  privilegierten  Gerichtsstände  (mit  Ausnahme  der
etwaigen  Senatoren).

15.  Wir  versprechen,  daß  wir  den  geistlichen  Stand  ehren  wollen  und  das  unfrige
tun  wollen,  damit  dieser  Stand  wieder  zu  der  ihm  gebührenden  Achtung  gelange.  Wir
wollen  den  arbeitenden  Bürger  ehren.  Wir  wollen  dem  Stolz  müßiger  Gelehrsamkeit,
wenn  sie  nicht  mit  Tatkraft  verbunden  ist,  keine  Nahrung  geben  durch  übertriebene
        <pb n="760" />
        752  XXVI.  Zur  Geschichte  der  Burschenschaft.

Wertschätzung.  Wir  begreifen,  daß  die  gegenwärtige  Zeit  mehr  das  Studium  der  Moral
und  Politik  erfordere  als  das  der  Metaphysik.

16.  Wir  gestehen,  nicht  zu  begreifen,  warum  noch  jetzt  in  manchen  Teilen  Deutschlands
  die  Abgaben  ebenso  hoch  sind,  als  die  Abgaben  an  den  siegreichen  Fremden  waren,
zur  Zeit  unserer  Knechtschaft.

17.  Wir  versprechen,  daß,  wenn  einige  von  uns  künftig  Staatsämter  bekleiden
werden,  kein  einziger  von  uns  jemals  irgend  ein  Amt  annehmen  wolle,  welches  einer
geheimen  Polizei  diene,  noch  eine  Stelle  bei  der  Gendarmerie,  noch  eine  Stelle  in  einer
außerordentlichen,  widergesetzlichen,  richterlichen  Kommission,  noch  das  Amt  eines  Bücherzensors,
  noch  jemals  sich  dazu  brauchen  lassen  wolle,  das  Siegel  fremder  Briefe  zu  erbrechen,
  den  Fall  des  Krieges  ausgenommen.

18.  Wir  versprechen,  wenn  wir  künftig  in  Amter  gelangen,  das  Unfrige  zu  tun,
um  freiere  Gemeindeverwaltungen  einzuführen,  um  sichere  Polizei,  ohne  Gendarmerie,
einzurichten,  um  gleiche  Münze  und  Gewicht  und  bessere  Wege  und  Postordnung  in
Deutschland  zu  schaffen.

19.  Wir  erklären,  daß  wir  uns  gänzlich  enthalten  wollen  der  Titel:  Edelgeboren,
Hochedelgeboren,  Wohlgeboren,  sowie  auch,  daß  wir  die  Namen  Mamsell  und  Madame
nicht  gebrauchen  wollen  von  Frauenzimmern,  die  unbescholtenen  Rufes  sind.

20.  Wir  erkennen,  daß  die  Deutschen  berechtigt  sind,  anderen  Völkern  das,  was
sie  uns  tun,  zu  vergelten,  und  daß  für  das  Verhältnis  der  Völker  der  oberste  Grundsatz
  ist:  Maß  für  Maß,  so  im  Krieg,  so  in  diplomatischen  Verhandlungen,  so  in  Handelsverhältnissen.


21.  Ebendeswegen  erkennen  und  erklären  wir,  daß  es  nicht  mit  der  Gerechtigkeit
übereinstimmt,  wenn  eine  äußere  fremde  Gewalt  die  Regierungsform  eines  Volkes  bestimmen
  will.

22.  Wir  erkennen,  daß  Deutschland  als  Wahlreich  unglücklich  geworden,  daß  Erbreich
  große  Übel  entfernt.  Aber  so  wie  die  Krone  das  Eigentum  einer  Familie  sei,  so
sei  jedes  Eigentum  heilig.  Die  Krone  gibt  das  höchste  Recht,  weil  sie  die  höchste  Pflicht
auferlegt.  Recht  und  Pflicht  müssen  immer  gleichen  Schritt  gehen.  Wo  Recht  behauptet
wird,  ohne  Pflicht,  da  ist  Vorrecht,  das  ist,  Unrecht.  Wo  Bevorrechtete  sind,  da  sind  auch
Beeinträchtigte.  Der  Fürst  hat  aber  das  Recht  der  Krone,  weil  er  die  Pflicht  hat,  zu  sorgen,
daß  kein  Bürger  durch  den  andern  beeinträchtigt  werde.  Wenn  alle  Bürger  die
Pflicht  haben,  die  Waffen  für  das  Vaterland  zu  tragen  und  diese  Pflicht  erfüllen,
so  gebührt  auch  allen  das  Recht,  welches  mit  Erfüllung  dieser  Pflicht  verbunden
sein  soll.

23.  Wir  wollen  uns  eines  friedfertigen  Wandels  befleißigen  und  die  Streitigkeiten
untereinander  soviel  wie  möglich  schiedsrichterlich  entscheiden  lassen.  Wir  erkennen,  daß
weder  ernstlicher  Zweikampf  um  kleinlicher  Ursachen  willen,  noch  spielender  Zweikampf
wegen  schwerer  Kränkungen  rühmlich  ist.  Wir  versichern,  daß  wir  keiner  geheimen  Gesellschaft
  irgend  einer  Art  angehören  wollen,  noch  die  Errichtung  einer  geheimen  Gesellschaft
  auf  einer  hohen  Schule  dulden  wollen.

24.  Wir  erkennen  es  für  eine  der  hauptsächlichsten  Pflichten  jedes  deutschen  Mannes
und  Jünglings,  die  eben  jetzt  dringender  ist  als  je:  die  Wahrheit  zu  sagen  und  laut  zu
sagen,  weil  und  solange  die  versprochenen  regelmäßigen  Wege,  auf  welchen  die  Fürsten
die  Wahrheit  über  den  Zustand  der  Völker  erfahren  können,  noch  nicht  eröffnet  sind,
und  weil  wir  keine  geheimen  Gesellschaften  eingehen  wollen.

25.  Wir  empfehlen  der  Weisheit  der  Regierungen  die  Betrachtung  der  Frage:  ob
nicht  die  größten  Schwierigkeiten  und  Gefahren  vermindert  würden,  wenn  der  Adel
wiederum  begrenzt  würde  auf  den  ältesten  des  Geschlechts.  Ein  Edelmann  zeugt  einen
Edelmann.  Wir  beschwören  die  Fürsten,  sich  nicht  allein  mit  solchen  Ratgebern  zu  umringen,
  welche  vom  Kastengeist  beherrscht,  und  dadurch  unwillig  und  unfähig  werden,
über  die  billigen  Wünsche  und  Verlangen  des  Volkes  die  Wahrheit  zu  melden.
        <pb n="761" />
        XXVII.  Denkwürdigkeiten  des  Prinzen  Emil  von  Hessen.  753

26.  Wir  bekennen,  überzeugt  zu  sein,  daß  ein  großer  Teil  der  Greuel  der  französischen
  Revolution  den  Jakobinern  zur  Last  fällt,  daß  aber  ein  vielleicht  nicht  geringerer
Teil  der  Schuld  auf  denen  ruht,  welche  sich  bemühten,  die  politischen  Veränderungen
und  Verbesserungen,  welche  die  Zeit  forderte,  zu  hindern.  Wir  bekennen  auch  die  Meinung
und  Überzeugung,  daß  ein  sehr  großer  Teil  des  Unrechts  und  des  Übels  in  der  Welt  aus
der  geduldigen  und  trägen  Schwäche  derer  entspringt,  welche  unrecht  leiden  ohne  die
gerechten  Mittel,  welche  ihnen  zu  Gebote  stehen,  zu  ihrem  Schutz  zu  gebrauchen.

27.  Wenn  ein  gemeinschaftlicher  Kampf  der  Deutschen  gegen  den  Feind  bevorstände,
so  wäre  gewiß  ein  gemeinschaftliches  Zeichen  zu  wünschen;  welche  Farben  können  passender
sein  als  die  Farben  des  Ernstes  und  der  Reinheit,  welche  Blücher  trägt?

 

XXVII.  Denkwürdigkeiten  des  Prinzen  Emil  von  Hesen.

Zu  Bd.  III.  63.  V.  561.

Prinz  Emil  von  Hessen  begann  im  Jahre  1823  Aufzeichnungen  aus  seinem  Leben
niederzuschreiben,  ließ  das  Unternehmen  jedoch  leider  nach  wenigen  Bogen  wieder  liegen,
Einige  mir  daraus  gütig  mitgeteilte  Bruchstücke  scheinen  lehrreich  zur  Charakteristik  des
Prinzen  selbst  und  der  rheinbündischen  Höfe.

 

—  —  —  die  Unzuverlässigkeit  dieses  Erben  ldes  Kronprinzen  Ludwig  von  Bayern],
eine  Seite,  welche  nicht  leicht  jemand  mehr  wie  ich  zu  erkennen  Gelegenheit  hatte.  Enthusiasmiert,
  oder  wenigstens  anscheinend,  für  die  Franzosen,  hatte  er  verlangt,  mit  den  Bayern
den  Feldzug  gegen  Preußen  im  Jahre  6  mitzumachen.  Im  Jahre  9  marschierte  er  ebenso
gegen  die  OÖsterreicher  im  Tirol.  In  diesem  Jahre  sah  ich  ihn  in  das  Hauptquartier  des
Kaisers  Napoléon  nach  Schönbrunn  kommen,  wo  ich  mich  auch  befand.  Letztern  im
Vorzimmer  mit  Hunderten  von  Marschällen,  Generalen  und  anderen  Offizieren  erwartend,
  erschien  der  Kaiser  nicht  sobald,  als  der  Kronprinz  auf  ihn  losging  und  ihm
die  Hand  küßte.  JNapoléon  umarmte  ihn  hierauf  und  sagte:  „Ah,  bonjour  Louis,
comment  cela  va-t-il?“  Worauf  er  weiter  zur  Parade  ging.  —  Dieses  Benehmen  war
nun  gerade  nicht  im  vollkommensten  Einklang  mit  dem  anno  14  gehaltenen.  Da  war
Frankreich  und  Napoléon  eine  Abscheulichkeit,  der  Kronprinz  ein  deutscher  Mann  und
alle  diejenigen,  welche,  sich  selbst  achtend,  das  gefallene  IJdol  nicht  mit  Füßen  treten
wollten,  Verräter  oder  verdächtige  Menschen.  So  erzeigte  dieser  enthusiasmierte  Held
auch  mir  die  Ehre,  sich  im  Jahre  15  über  mich  zu  äußern,  er  wundere  sich,  wie  man  mir
ein  Kommando  anvertrauen  könne,  da  ich  doch  ein  bekannter  Franzosenfreund  sei.  —
Und  dies  am  Tisch  gehaltene  propos  fiel  in  die  Zeit,  wo  der  Kronprinz  mich  mit  Freundschaftsversicherungen
  überhäufte,  bei  mir  zu  Mittag  aß  usw.  Als  man  mir  dies  propos
hinterbrachte,  konnte  ich  mir  nicht  versagen,  obige  Anekdote  dem  Erzähler,  einem  Anhänger
  des  Kronprinzen,  mitzuteilen,  hinzufügend:  „Zwar  bin  ich  der  bekannte  Franzosenfreund,
  aber  mich  so  zu  erniedrigen,  wäre  ich  nicht  fähig  gewesen.“  —  Nach  geendigter
  Campagne,  wo  ich  den  Theresen=  und  St.  Georgsorden  erhalten  hatte,  sah  ich
den  Kronprinzen  zu  Paris.  Eines  Morgens  kam  er  zu  mir  mit  gewöhnlicher  Freundschaft,
  mich  in  seinem  stotternden  zischenden  Organ  versichernd,  wie  sehr  ihn  meine  Successe
freuten.  Ich  erwiderte  ihm:  „Ihre  Wünsche  sind  mir  um  so  werter,  als  ich  Sie  versichern
  kann,  daß  es  Menschen  gab,  die  niederträchtig  genug  waren,  das  mir  erteilte  Kommando
  als  gefährlichen  Händen  anvertraut  zu  behaupten.“  Se.  K.  H.  bekam  einen  roten
Kopf  und  replizierte:  „In  Ihre  militärischen  Eigenschaften  hat  gewiß  niemals  jemand
Zweifel  gesetzt.“  „Nein,  aber  in  meine  Ehre,  und  das  war  desto  schlechter“  war  meine
Antwort.

 

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  48
        <pb n="762" />
        754  XXVII.  Denkwürdigkeiten  des  Prinzen  Emil  von  Hessen.

—  —  —  Hierbei  erneuert  sich  in  mir  das  Andenken  an  meinen  Aufenthalt  zu  Aachen,
der  von  nicht  unbedeutenden  Folgen  für  mich  war.  Nach  dem  Fall  Napoléons  war  ich
in  dem  delirierenden  Deutschland  eine  von  den  Personen,  welche  als  bestimmte  Anhänger
  des  Kaisers  und  Frankreichs  angesehen  und  angefeindet  wurden.  Es  läßt  sich
dieses  zum  Teil  durch  das  Wohlwollen  Napoléons  gegen  mich  erklären,  welcher  gern
sah,  daß  iunge  Leute,  namentlich  Prinzen,  mit  Eifer  ihre  Pflichten  als  Soldat  zu  erfüllen
  suchten,  teils  aber  auch  durch  die  vom  Enthusiasmus  verworrenen  Begriffe.  Fast
allgemein  nämlich  sah  man  Verrat  gegen  Napoléon  als  etwas  sehr  Verdienstvolles  an.
Da  ich  nun  vom  Großherzog,  meinem  Vater,  dem  ich,  und  nicht  den  Franzosen  diente,
keinen  Befehl  zum  Ubergehen  in  die  feindlichen  Reihen  hatte,  so  konnte  mir  natürlich
ein  solcher  Gedanke  nur  als  verächtlich  und  meiner  Ehre  vollkommen  unwürdig  erscheinen.
Und  doch  war  es  wegen  dieser  Unterlassungssünde,  und  daß  ich  vorzog,  meine  Pflicht
erfüllend,  als  Soldat  mich  fechtend  in  Leipzig  gefangen  nehmen  zu  lassen,  daß  man  mich
anfeindete.  Nun  hatte  ich  mich  späterhin  gegen  den  Kaiser  Alexander  über  mein  Benehmen
  erklärt  und  war  so  glücklich,  seinen  vollkommenen  Beifall  deshalb  zu  erlangen.
Auch  der  Kaiser  von  Osterreich  und  die  Osterreicher  überhaupt  hatten  mich  mit  viel  Auszeichnung
  behandelt.  In  den  zwei  mit  den  Aliierten  gegen  Frankreich  gemachten  Feldzügen
  hatte  ich  das  Großkreuz  des  Leopolds-,  das  kleine  M.  Theresien=  und  das  Cor
Kreuz  des  St.  Georgen  Ordens  erhalten.  Demohngeachtet  waren  noch  eine  Menge
bedeutende  Personen  sehr  gegen  mich  eingenommen.  Ich  hielt  daher  die  Vereinigung  zu
Nachen  für  sehr  geeignet,  zu  beweisen,  daß  ich  fest  auftreten  könnte,  ohne  irgend  jemand
scheuen  zu  müssen.  Ich  entschloß  mich  rasch,  gegen  die  Mitte  des  Kongreß  nach  Aachen
zu  reisen:  —  —  —  —  —  —  —

Den  andern  Morgen  machte  ich  sogleich  die  nötigen  demarchen,  dem  Kaiser  von
Osterreich  und  dem  König  von  Preußen  aufzuwarten.  Ersterer  empfing  mich  mit  besonderer
  Gnade,  die  sich  auch  während  meinem  ganzen  Aufenthalt  erhielt  und  selbst
steigerte,  so  daß  ich  alle  Woche  gewiß  zweimal  zur  Tafel  geladen  wurde  und  überhaupt
von  dem  K.  sowohl  wie  von  allen  seinen  Umgebungen  mit  einer  vorzüglichen  Auszeichnung
  und  der  Herzlichkeit  behandelt  wurde,  die  den  Osterreichern  eigen  ist.  —  Der
König  von  Preußen,  von  Natur  wenig  demonstrativ,  konnte  noch  immer  nicht  ganz
von  der  früher  gegen  mich  gefaßten  prevention  zurückkommen  und  blieb  ziemlich  steif.
Vielleicht  gelang  es  mir,  während  meines  Aufenthaltes  durch  meine  Unbefangenheit  sowohl
  als  durch  Erläuterungen,  die  ich  mehrern  von  seinen  Umgebungen  über  meine
frühern  Verhältnisse  gab,  diesen  Einbildungen  zu  begegnen.  Wenigstens  war  bei  jeder
spätern  Gelegenheit  der  Empfang  herzlicher  und  wohlwollender.  Es  ist  unglaublich,  wie
Leute  von  Verstand  verbreiteten  Gerüchten  Glauben  beimessen  können,  welche  nur  in
Pamphlets  Platz  greifen  können  und  den  Stempel  der  Unrichtigkeit  mit  sich  tragen.
Dahin  gehört  die  Erzählung,  Napoléon  habe  mir  in  der  Schlacht  von  Lützen  zugerufen:
„En  avant,  roi  de  Prusse!“  So  ungereimt  und  lächerlich  diese  Angabe  war,  fand  sie
doch  Glauben  und  wurzelte,  wie  es  scheint,  im  Gemüt  des  Königs,  welches  sich  mir,  und
vorzüglich  nach  meiner  Gefangennehmung  zu  Leipzig,  stets  abgeneigt  bewies.  —  Kaum
war  ich  8  Tage  in  Aachen,  als  in  der  Antwerpner  Zeitung  dieses  Märchen  neu  aufgetischt
  wurde.  Ich  nahm  indes  von  diesem  unangenehmen,  vielleicht  durch  Bosheit  herbeigeführten
  Ereignis  Gelegenheit,  F.  Metternich,  Fürst  Hardenberg  und  vielen  andern
ganz  natürlich  über  die  Wahrheit  meiner  Verhältnisse  zu  den  Franzosen  zu  sprechen  über
mein  eingehaltenes  Benehmen  und  hatte  den  großen  Triumph,  nicht  nur  die  Zustimmung
aller  dieser  Männer  zu  erlangen,  sondern  von  dieser  Zeit  eine  Art  von  Geneigtheit  zu
beobachten  und,  was  mehr  war,  eine  Achtung,  die  zu  erlangen  mein  Bestreben  von  Anfang
  an  sein  mußte.
        <pb n="763" />
        XXVIII.  Die  Ermordung  des  Studenten  Lessing.  75

□

XXVIII.  Die  Ermordung  des  Studenten  Lessing.

Zu  Bd.  V.  606.

Über  die  rätselhafte  Ermordung  des  angeblichen  Spions  Lessing  (1835)  konnte
ich  im  4.  Bande  nur  ein  Non  liquet  aussprechen,  da  mir  die  dürftigen  Ergebnisse  der
überaus  nachlässig  geführten  gerichtlichen  Untersuchung  ebenso  unzuverlässig  schienen  wie
die  leidenschaftlichen  Behauptungen  der  zahlreichen  infolge  der  Bluttat  erschienenen
Parteischriften.  Neuerdings  habe  ich  jedoch  im  Berliner  Geh.  Staatsarchiv  eine  Reihe  von
Aktenstücken  aufgefunden,  welche  mindestens  über  Lessings  Persönlichkeit  und  politische
Haltung  sichere  Auskunft  geben.  Hier  der  wesentliche  Inhalt.

Von  dem  Frankfurter  Attentate  war  der  preußische  Polizeiminister  schon  mehrere
Monate  vorher  unterrichtet;  er  machte  darüber  dem  Auswärtigen  Amte  ausführliche  Mittejlungen,
  die  nach  Frankfurt  weitergegeben  wurden.  „Bei  aufmerksamer  Beobachtung“
hätte  alles  entdeckt  werden  können;  so  sagten  die  Minister  Kamptz,  Mühler,  Rochow  in
ihrem  nachträglichen  Berichte  an  den  König  vom  26.  Mai  1834.  Sie  erwarteten,  „daß
die  Frankfurter  Behörden  Sicherheitsmaßregeln  treffen  würden.  Dies  war  aber  keineswegs
der  Fall.  Selbst  nach  den  bestimmten  und  ausführlichen  Anzeigen,  welche  dem  Magistrat
in  Frankfurt  a.  M  am  Tage  der  Meuterei  zugingen,  konnte  derselbe  zu  keinen  angemessenen
  Maßregeln  bewogen  werden.“  Hier  wird  also  die  von  mir  (IV.  300)  ausgesprochene
  Vermutung  bestätigt,  daß  der  Wachensturm  vom  3.  April  1833  nicht  durch
die  arglistige  Berechnung  der  Bundesgesandten  gefördert,  sondern  einfach  durch  die  Schlaffheit
  der  Frankfurter  Behörden  ermöglicht  wurde.  Angesichts  dieser  Schwäche  der  süddeutschen
  Polizei,  meinte  die  preußische  Regierung  sich  umso  mehr  zur  Wachsamkeit  verpflichtet.
  Schon  am  14.  April  1833  wurden  die  Minister  Wittgenstein,  Lottum,  Brenn
durch  Kabinettsordre  beauftragt,  wegen  des  Frankfurter  Attentats  „in  fortlaufende  vertrauliche
  Besprechungen  zu  treten.“

Nachdem  verschiedene  polizeiliche  Maßregeln  getroffen  waren,  berichtete  Minister
Brenn:  der  wegen  politischer  Umtriebe  verhaftete  stud.  Ludwig  Lessing,  jüdischer  Religion,
aus  Freienwalde  a.  O.  hätte  sich  am  6.  Nov.  gegen  den  Polizeipräsidenten  zu  Protokoll
erboten,  „Entdeckungen“  zu  machen.  Der  König  verfügte  darauf  (Kabinettsordre  an
Brenn,  9.  Nov.  1833):  bewahrheiten  sich  die  Mitteilungen  des  Lessing,  „so  will  Ich  demselben
  Befreiung  von  aller  Strafe  und  Unterstützung  zur  Fortsetzung  seiner  Studien
zusichern.“  Nun  folgten  lange  Vernehmungen.  Am  11.  Jan.  1834  wurde  berichtet,
daß  Lessing  die  gewünschten,  zuveclässigen  Anzeigen  erstattet  hätte.  Alsbald  befahl  der
König  (Kabinettsordre  vom  18.  Jan.  1834  an  Brenn,  Kamptz,  Mühler),  200  Tlr.  für
das  laufende  Studienjahr  Lessings  zu  zahlen,  und  genehmigte  zugleich,  daß  er  „in  der
von  Ihnen  vorgeschlagenen  Art  verwendet  werde“.  Lessing  wurde  dann  am  11.  Febr.
aus  der  Untersuchungshaft  entlassen  (Schlußprotokoll  vom  11.  Febr.)  Der  Polizeipräsident
  Gerlach  vermahnte  ihn,  über  die  Untersuchung  zu  schweigen  und  sich  von  Umtrieben
  fernzuhalten;  er  gab  ihm  einen  Ministerialpaß  nach  Karlsruhe  und  bemerkte
dazu  kurz,  daß  Lessing  später  vielleicht  nach  der  Schweiz,  nach  Italien  oder  Frankreich
reisen  würde.  (Gerlachs  Bericht  an  Brenn,  10.  März  1834.)

Demnach  steht  außer  Zweifel,  daß  Lessing  ein  preußischer  Spion  war,  wie  der  berüchtigte
  Conseil  ein  Spion  Ludwig  Philipps,  und  die  Versammlungen  des  jungen
Deutschlands  in  der  Schweiz  nur  besuchte,  um  auszuhorchen  und  Bericht  zu  erstatten.
Mit  großer  Wahrscheinlichkeit  läßt  sich  ferner  schließen,  daß  Lessings  Ermordung  wirklich
—  wie  man  sogleich  in  weiten  Kreisen  annahm  —  eine  Tat  politischer  Rache  des  jungen
Deutschlands  gewesen  ist.  Allerdings  wurde  die  Leiche  beraubt  aufgefunden.  Aber  unter
den  Genossen  des  jungen  Deutschlands  in  Zürich  befanden  sich  mehrere  ganz  verkommene
Leute;  unmöglich  ist  es  also  nicht,  daß  der  oder  die  Mörder,  indem  sie  einen  politischen

48
        <pb n="764" />
        756  XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Nikolaus.

Feind  vernichteten,  nebenbei  die  Gelegenheit  zu  einem  kleinen  Raube  benutzt  haben.  Des
Mordes  angeklagt  wurde  der  württembergische  Jude  Aldinger,  ein  verworfener  Mensch,
der  sich  unter  dem  Namen  eines  Barons  v.  Eyb  in  Zürich  umhertrieb  und  zu  den
eifrigsten  Mitgliedern  des  jungen  Deutschlands  gehörte.  Trotz  starker  Verdachtsgründe
konnte  jedoch  kein  zwingender  Beweis  erbracht  werden.

Das  Erstaunl'chste  bei  diesen  widerwärtigen  Vorfällen  ist  aber  die  Tatsache,  daß
die  preußische  Gesandtschaft  in  der  Schweiz  kein  Wort  von  Lessings  polizeilicher  Tätigkeit
wußte.  Am  2.  Nov.  1834  übersendete  Legationsrat  v.  Olfers  aus  Bern  dem  Auswärtigen
  Amte  eine  Liste  der  bei  den  schweizerischen  Umtrieben  beteiligten  Deutschen.
Darin  stand  als  Nr.  9  der  stud.  L.  Lessing,  Hauptleiter  der  Handwerksvereine;  und  dazu
die  unschuldige  Bemerkung:  „einige  der  Handwerker  sehen  ihn  für  einen  Polizei-Spion
an.“  Nach  Lessings  Ermordung  berichtete  der  Gesandte  Rochow  (Zürich,  6.  Nov.  1835)
ganz  unbefangen  über  die  unheimliche  Tat  und  sagte:  man  behaupte,  der  Ermordete  sei
ein  Preuße,  die  Gesandtschaft  wisse  aber  nichts  darüber,  da  er  sich  nie  bei  ihr  gemeldet
hätte.  Lessing  muß  also  seine  Berichte  hinter  dem  Rücken  der  Gesandtschaft  gradeswegs
nach  Berlin  gesendet  haben,  vielleicht  an  den  bekannten  Geh.  Rat  v.  Täschoppe,  dessen
Name  auch  in  diesen  Akten  —  allerdings  nur  bei  Gelegenheit  formaler  Geschäftssachen
—  mehrfach  vorkommt.  Auch  nachher  verblieb  Rochow  noch  lange  in  seiner  glücklichen  Unwissenheit.
  Als  sich  herausstellte,  daß  Lessing  ein  Preuße  war,  und  die  Berliner  Regierung,
  aus  guten  Gründen,  diesen  Mord  alsbald  für  eine  politische  Rachetat  erklärte,
da  wurde  der  Gesandte  beauftragt,  die  Verfolgung  des  Verbrechens  nachdrücklich  zu  betreiben
  (Schreiben  der  drei  Minister  an  Ancillon,  31.  Jan.  1836).  Er  beklagte  sich  bitter
über  die  unglaublich  schlechte,  fast  unehrliche  Untersuchung;  er  meinte,  der  Untersuchungsrichter
  bemühe  sich  mehr,  zu  erfahren,  wer  Lessing  gewesen  sei,  als  wer  ihn  ermordet
  hätte.  Erst  ganz  zuletzt,  als  der  Prozeß  mit  der  bedingten  Freisprechung  des  Angeklagten
  Aldinger  geendet  hatte,  scheint  Rochow,  der  sonst  über  schweizerisches  und  süddeutsches
  Parteileben  gut  Bescheid  wußte,  endlich  einen  leisen  amtlichen  Wink  erhalten
zu  haben.  Jetzt  schrieb  er:  die  radikalen  Schweizer  hielten  den  Ermordeten  für  einen  Spion
und  Agent  provocateur  Preußens,  „indessen  wird  das  Publikum  keine  Beweise  gegen
Lessing,  sondern  nur  Verdachtsgründe  finden.  Besondere  Gründe  —  politische  Verbindungen
  einflußreicher  Männer  mit  politischen  Sekten“  —  haben  den  schlechten  Gang  der
Untersuchung  verschuldet.  (Rochows  Bericht,  13.  Aug.  1837.)  Der  ganze  Briefwechsel
zeigt  anschaulich,  daß  die  Regierung  eines  ehrenhaften  Staates  ihre  eigenen  Beamten
hintergehen  muß,  wenn  sie  das  immer  zweischneidige  Mittel  der  geheimen  politischen
Polizei  anwendet.  —

 

XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Uikolaus.

Zu  Bd.  V.  S.  118.

Meinem  Freunde,  Th.  Schiemann,  verdanke  ich  die  Kenntnis  des  merkwürdigen
Rechenschaftsberichtes  über  Rußlands  auswärtige  Politik,  welchen  Graf  Nesselrode  zum
fünfund  zwanzigsten  Jahrestage  der  Thronbesteigung  des  Zaren  Nikolaus  erstattete.  Soeben
  ist  zwar,  wie  ich  höre,  in  der  „Russkaja  Starina“  eine  russische  Übersetzung  des
Aktenstückes  erschienen;  da  die  Denkschrift  jedoch  in  solcher  Gestalt  den  Deutschen  so  gut
wie  verborgen  bleibt,  so  wird  die  Mitteilung  des  noch  ganz  unbekannten  französischen
Originals  meinen  Lesern  willkommen  sein.

1825—1850.

Sire,  Vingt-cing  années  viennent  de  s'écouler  depuis  due  V.  M.  a  pris  en
main  le  timon  de  ’Empire.
        <pb n="765" />
        XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Nikolaus.  757

Elles  ont  é#é  riches  et  fécondes  en  évé  nemens  politiques  importans  pour
le  monde  et  pour  la  Russie.

Ouvert  au  dedans  sous  les  auspices  de  la  fermeté  et  du  courage  personnel,
Votre  regne  s'annonçait  non  moins  digne  au  dehors.

Le  premier  acte  politique  de  V.  M.  I.  fut  dicté  par  la  religion  et  Phumanité.

Vos  correligionnaires  de  Grece  allaient  succomber  à  la  ruine  inévitable
dont  les  menaçait  le  glaive  Egyptien.  Un  protocole  mémorable  est  venu  les
sauner  Tune  guerre  Textermination,  leur  assurer  une  administration  indépendante,
  et  preéparer  les  transactions  successives  qui,  depuis,  ont  apellé  la  Grece
au  rang  des  nations.

La  Perse  qui,  deès  Votre  avenement  au  tröne,  avait  rompu  sans  aucun
motif  les  noeuds  du  traité  de  Gulistan,  forcée  par  une  suite  Texploits  rapides,
à  signer  la  paix  de  Tourkmantchay;  la  Turquie  chätike  également,  apres  deux
campagnes  victorieuses,  de  ses  injustes  provocations,  la  bataille  de  Koulewtcha,
le  passage  hardi  des  Balkans,  Pentrée  de  nos  troupes  à  Adrinople,  suivi  presque
immédiatement  du  traité  dui  porte  ce  nom,  ce  sont  Ià  des  faits  dont  Thistoire
ne  perdra  point  le  scuvenir.  Elle  proclamera  plus  haut  encore  la  modération
avec  laquelle  V.  M.  I.  voulut  bien  user  de  Ses  succès.  Bientöt  les  bouleversemens
  amenés  en  1830  par  la  chüte  de  la  branche  ainée  des  Bourbons  ont  ouvert
une  Période  nouvelle  à  la  politigue  de  V.  M.  II8s  ont  imprimé  à  Son  rèégne  le
Véritable  caractère  dui  le  distinguera  dans  Pavenir.  A  la  suite  de  ces  révolutions,
  Elle  est  devenue  pour  le  monde  le  représentant  de  Pidée  Monarchique,
le  soutien  des  principes  d’ordre  et  le  défenseur  impartial  de  I’équilibre  Européen.
Mais  de  laborieux  efforts,  une  lutte  sans  cesse  renaissante  étaient  attachés  à
ce  noble  röle.  V.  M.  I.  a  su  accepter  avec  constance  les  travaux  du'’il  Lui  imbosait.
  Entrainé  par  Iexemple  contagieux  de  la  France  et  de  la  Belgique,  le
Royaume  de  Pologne  s'était  révolté  contre  Pautorité  lEGgitime.  II  a  été  réduit
à  PTobéissance  et  rattaché  au  corps  de  PEmpire  par  un  lien  désormais  moins
Drécaire  et  plus  solide.  La  Hollande  était  sacrifiéce,  dans  son  conflit  avec  les
Belges,  à  Textréme  partialité  de  la  France  et  de  PAngleterre.  Si  notre  éGloignement
  géographique  et  la  timidité  de  nos  alliécs  n’ont  malheureusement  pas  permis
dwelle  conservät  la  possession  intacte  des  provinces  qui  formaient  jadis  avec
elle  cle  Royaume  des  Pays-Bas,  au  moins  I’appui  de  V.  M.  et  Son  insistance
CGnergique  ont-ils  servi  à  obtenir  au  Roi  de  meilleures  conditions  territoriales,
allégé  le  poids  de  ses  sacrifices  pécuniaires,  modifi  ce  qdue  les  clauses  qu'’on
voulait  lui  imposer  présentaient  de  trop  onéreux  pour  ses  intéréts  financiers  et
commerciaux.  Partout  o#  chancelaient  les  trönes,  ou  la  société  minée  fléchissait
sous  Peffort  des  doctrines  subversives,  le  bras  puissant  de  V.  M.  se  fait  deviner
ou  sentir.  Dans  les  qduestions  révolutionnaires  dui  tant  de  fois  ont  agité  Es-Pagne,
  le  Portugal,  I’Italie,  la  Suisse,  I’Allemagne,  Elle  a  Ccombattu  pour  la  méme
cause,  prenant  tour  à  tour  PFiniative  ou  Pabandonnant  à  Ses  alliés,  selon  les
lieux  et  la  distance,  suivant  les  plus  ou  moins  d’extension  que  comportait  Son
action  matérielle.  Neutraliser  autant  due  possible  Halliance  funeste  dui  s’était
C(  tablie  entre  la  France  de  Juillet  et  I’Angleterre  libérale:  S'opposer  à  la  mise  en
pratique  de  ce  principe  de  non  intervention,  que,  tout  en  le  violant  elles-mémes
les  premières,  les  deux  puissances  prétendaient  imposer  aux  Cabinets  conservateurs,
  toutes  les  fois  qu’une  insurrection  éclatait  dans  leur  voisinage:  soutenir
le  courage  vacillant  des  deux  grandes  Cours  monarchiques;  arréter  de  concert
avec  eux  un  système  d'’action  Commune,  en  y  ralliant  sous  leur  influence  les  Etats
du  second  rang,  telle  a  été  la  täche  constante  du'a  poursuivi  V.  M.  Gest  dans
ce  but  qu'’ont  é6té  conçues  les  mémorables  transactions  de  München-Graetz  et
de  Toeplitz  —  transactions  qui,  plusieurs  années  de  suite,  ont  opposé  une  digue
        <pb n="766" />
        758  XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Nikolaus.

aux  flots  de  la  démocratie  toujours  croissante,  é6erasé  insurrection  polonaise  à
Cracovie,  en  Galicie,  à  Posen,  chaque  fois  qu’'elle  se  réveillait,  et  maintenu  le
repos  intérieur  des  Btats  Plus  immédiatement  placés  dans  le  rayon  Dinfluence
morale  de  la  triple  alliance  monarchique.

Mais,  à  coté  des  questions  sociales,  s'élevaient  vers  le  méme  temps  de
graves  affaires  politiques  et  dans  ces  dernières  le  röle  de  V.  M.  I.  n’a  ét#é  ni
moins  actif  ni  moins  Cminent.  Elle  achevait  Preuvre  importante  de  la  création.
de  la  Gréce,  lui  donnait  un  gouvernement  monarchique,  un  roi,  une  dynastie
héréditaire,  des  frontières,  des  moyens  d’existence,  qu'Elle  augmentait  par  une
Cmission  successive  des  diverses  séries  de  Sa  quote  part  de  Pemprunt.  Elle
sioccupait  des  mesures  à  prendre  pour  régler  Fordre  de  succession  au  tröne  et
Pour  mettre  en  harmonie  le  culte  religien  du  Monarque  avec  celui  de  ses  sujets.
Elle  défendait  le  nouvel  état  contre  les  exigences,  fondées  quelquefois,  plus
Ssouvent  rigoureuses,  du  Cabinet  Britannique;  réprimait  les  velléités  envahissantes
de  la  Gréce  et  cherchait  à  la  maintenir  en  bonne  intelligence  avec  sa  voisine,
la  Turquie.  Cest  à  cette  période  également  due  se  rattachent  de  pénibles  et
äpres  discussions  avec  DAngleterre,  au  sujet  des  affaires  de  l’Affghanistan,  et
les  efforts  heureux  de  V.  M.  I.  pour  reconcilier  cette  puissance  avec  la  Perse,
comme  aussi  pour  empécher  celle-ci  de  rompre  avec  le  Sultan.  Mais  de  toutes
les  duestions  Orientales  due  cette  6poque  a  fait  surgir,  soit  en  Asie,  soit  en
Europe,  celles  qui  concernent  PEmpire  Ottoman  ont  néecessairement  occupé,
Sire,  Vos  plus  vives  sollicitudes.  Evitant  avec  soin  de  se  lier  par  une  garantie
territoriale  vis-à-vis  un  Etat  en  décadence,  pour  ne  point  enchainer  d’avance
Tavenir  de  la  Russie,  le  Principe  de  V.  M.  a  toujours  été  de  maintenir  dans  le
présent  Pintégrité  de  possessions  Ottomanes,  —  le  voisinage  de  cet  Etat,  dans  la
Situation  Tinfériorité  comparative  on  nos  conqustes  antérieures  Tont  laissé,
offrant,  dans  les  circonstances  actuelles,  la  combinaison  la  plus  favorable  à  nos
intéréts  commerciaux  et  politiques.  Etrange  effet  des  reviremens  amenés  par  la
fortune  dans  les  positions  respectives.  La  Puissance  du'on  regardait  jadis  comme
Tennemi  naturel  de  la  Turquie  en  est  devenu  le  plus  ferme  soutien  et  Tallié  le
plus  fidele.

Deux  fois  à  six  ans  d’intervalle,  assailli  par  Fambition  d’un  vassal  révolté,
TEmpire  Ottoman  s'est  vu  menacé  d’une  dissolution  presque  inévitable.  Deuxz
fois  il  a  dũ  son  salut  à  Tintervention  décisive  de  V.  M.  La  premiéère  de  ces
deux  crises  a  donnd  au  monde  un  spectacle  inouf  dans  ’histoire:  elle  a  montré
nos  guerriers  Russes  campant  en  libérateurs  sur  les  rives  du  Bosphore,  en  face
de  cette  méme  capitale,  que  tant  de  fois,  et  naguère  encore,  ils  avaient  fait
trembler  dans  ses  murs.  La  seconde,  moins  brillante  peut-étre,  a  produit  des
résultats  plus  solides.  Elle  a  expulsé  de  la  Syrie,  pour  la  confinir  désormais
dans  les  limites  restreintes  de  IEgypte,  cette  nouvelle  puissance  Arabe  que  les
ennemis  de  la  Russie  avaient  un  moment  songé  à  substituer  sur  le  Bosphore
au  pouvoir  déchu  de  la  Porte  Ottomane,  pour  en  faire  dans  ’avenir  une  téte
de  pont  contre  nous.  Le  traité  d  Unkiar-Skelessi,  Contre  lequel  avaient  en  vain
protesté  la  France  et  I’Angleterre,  annulé  en  apparence,  a  été6  perpétué  réellement
  sous  une  autre  forme.  En  interdisant  Pentrée  des  Dardanelles  aux  vaisseaux
de  guerre  étrangers,  le  nouvel  acte  dui  la  remplacé,  reconnu  par  toutes  les
Puissances,  nous  assure  dorénavant  contre  toute  attaque  maritime.  Enfin,  un
résultat  des  plus  importants  pour  nous  à  cette  6poque  est  sorti  de  cette  complication
  d’Orient.  C’est  la  dissolution  de  cette  Alliance  Anglo-Française,  si
hostile  à  nos  intéréts  politiques,  si  fatale  pour  la  situation  des  gouvernements
conservateurs.  Rompue  sous  les  Whigs  en  1840,  renouée  plus  tard  avec  effort
par  le  Ministère  Tory,  elle  n’a  plus  trainé  dèes  lors  qu’une  vie  précaire  et  in-
        <pb n="767" />
        XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Nikolaus.  759

offensive  et  n’a  végété  quelqdue  temps  sous  le  nom  specieux  d’entente  cordiale,
que  pour  se  briser  de  nouveau  avec  plus  d’éclat  encore,  contre  la  duestion  des
mariages  Espagnols.

De  cette  6poque  à  1847  un  état  de  calme  comparatif  a  regné  sur  la  société
Européenne,  et  V.  M.  avait  puissamment  à  ’affermir,  en  supprimant,  de  concert
avec  Ses  Alliés  de  Prusse  et  d’Autriche,  la  république  de  Cracovie,  ce  perpétuel
foyer  des  conspirations  polonaises.

Mais  le  feu  révolutionnaire,  un  moment  dérobé  aux  Fyeux  par  la  question
d’Orient  et  ses  suites,  n’était  du’endormi  sous  la  cendre.  Les  instances  de  V.  M.
ne  purent  engager  les  Puissances  à  le  réprimer  par  la  force  en  Suisse,  et  en
1847,  Cvoqué  tout-à-Ccoup  en  Italie  par  un  imprudent  Pontife,  on  I’a  vu,  P’année
suivante,  eéclater  avec  une  telle  force  que  non  seulement  le  tröne  de  Juillet  a
disparu  dans  cette  explosion  soudaine,  mais  due  les  Monarchies  les  plus  vieilles
et  en  apparence  les  mieux  assises  en  ont  été  bouleversées  jusque  dans  leurs
fondements.

Et  pourtant,  Sire,  de  cette  crise  devastatrice  qui  menacait  notre  tranquillité
interieure,  qui  nous  laissait  sans  Alliès  en  Europe  parmi  les  peuples  et  les
Gouvernements,  datera  pour  V.  M.  I.  une  position  plus  grande  et  plus  forte  due
celle  méme  qu'’Elle  occupait  jusqu'alors.  Cette  mission  conservatrice,  ce  röle
de  sauveur  de  Pordre  due  deès  H’année  1830  la  Providence  Vous  avait  assigné.
les  Cvé  nements  de  1848  n’auront  servi  qu’à  ägrandir.  Ce  résultat  est  dü  au
coup  d'’ceil  calme  avec  lequel  V.  M.,  sans  précipitation,  cromme  sans  faiblesse,
Ga  laissé  Passer  les  Premiers  effets  de  la  tempéte  Européenne,  attendant  Pour
entrer  en  scône  le  jour  et  Uheure  due  Sa  haute  sagesse  Lui  avait  marqués.
Restée  seule  debout  sur  les  ruines  des  vienx  Etats  du  continent,  Elle  receuillait
Ses  forces  en  silence,  pour  les  employer,  S'il  le  fallait,  à  déefendre  d’abord  vigoureusement
  TPintégrité  de  Son  territoire  et  les  faire  servir  plus  tard  au  salut  des
autres  Gouvernements.  Tandis  qdue  la  Grande  Bretagne,  é6garée  par  une  politique
égoiste,  profitait  du  chaos  général  pour  y  semer  de  nouveaux  germesde  désordre
et  ne  signalait  Sa.  Eaissanes  qdue  par  Foppression  des  petits  Etats,  V.  M.  nw’employait
  la  Sienne  qu'à  calmer  et  à  tempérer,  interposant  Sa  voix  en
faveur  du  droit  et  de  la  faiblesse,  et  quand  Elle  ne  pouvait  les  soutenir  par  Ses
armes,  leur  prétant  Son  appui  moral;  proclamant  le  respect  des  traités  et  de
Tétat  de  possession  qw’ils  consacrent;  évitant  sagement  d’ajouter,  par  des
provocations  gratuites,  à  Peffervescence  des  passions;  mais  aussi  agissant  avec
Promptitude  du  moment  qu’'elle  pouvait  agir,  et  frappant  Tanarchie  là  c#  elle
pouvait  étre  frappée.  Gest  ainsi  qusen  dépit  de  I’Angleterre,  en  dépit  de  la
Porte  elle-méme,  aveuglée  sur  ses  propres  intéréts,  Elle  a  réprimé  en  Valachie
par  la  force  des  armes  une  insurrection  qdui,  dirigée  en  apparence  contre  nousmémes,
  menacait  en  réalité  la  sécurité  de  PFEmpire  Ottoman.  C'’st  ainsi  que
par  la  seule  puissance  de  Sa  parole,  Elle  a  maintenu,  en  ltalie,  P’intégritée  du
Royaume  des  Deuzx-Siciles  contre  le  mauvais  vouloir  du  Gouvernement  Britannique,
  et  dans  le  Jutland  et  les  Duchés  celle  de  la  monarchie  Danoise,  contre
les  prétentions  arrogantes  de  la  démocratie  Allemande,  et  lambition  moins  ouverte
du  Gouvernement  Prussien.  C’est  encore  ainsi  que  récemment  Elle  plaidait
hautement  la  cause  de  Pindépendance  de  la  Grece,  comme  celle  de  Naples,  et
de  la  Toscane,  attaqguées  par  les  procédés  arbitraires  du  chef  de  la  politique
Anglaise,  et  faisait  rentrer  I'Angleterre  en  elle-méme,  en  lui  adressant  à  la  face
de  I’Europe  un  language  réprobateur.  Par  sa  simple  et  seule  attitude  envers
la  France  et  la  Grande-Bretagne,  Elle  mettaijt  IAutriche  en  état  de  reconquérir
Sans  entraves  le  royaume  Lombardo-Vénitien,  la  sauvant  de  sa  propre  faiblesse
en  refusant  de  prendre  part  à  tout  projet  de  médiation  qui  Veüt  dépouillée  d’une
        <pb n="768" />
        760  XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Nikolaus.

partie  de  ses  possessions  Italiennes,  assurait  d’abord  ses  derrières  dans  sa  lutte
contre  DPinsurrection  Madjare,  jusqu’à  ce  qu'’enfin  apparaissant  armée  sur  les
champs  de  bataille  de  Hongrie,  Elle  a  relevé  sur  sa  base  Punité  de  la  Monarchie
Autrichienne,  rétabli  de  ce  cöté  D’équilibre  qui  chancelait  et  rendu  au  cabinet
de  Vienne  sa  pleine  liberté  d’action  pour  revendiquer  sa  part  Egitime  dans  le
travail  de  réorganisation  qdui  agite  en  ce  moment  Pancienne  Confédération  Germanique.


Enfin,  Sire,  par  les  négociations  entamées  sous  Vos  yeux  à  Varsovie,  V.  M.
vient  de  mettre  le  sceau  à  ce  caractère  de  modérateur  due  les  éCvénements  Lui
défèrent,  et  que  PEurope  se  Sent  contrainte  ou  empressée  à  Lui  reconnaitre.
Elle  y  a  vu  les  deux  grandes  puissances  de  PAllemagne  La  prendre  pour  juge
de  leurs  différends  et  pour  arbitre  de  leur  cause.  Ses  conseils,  ses  exhortations,
les  conditions  du  VEElle  a  mises  à  Son  concours  ont  eu  presque  immédiatement
pour  effet  d’opérer  un  rapprochement  entre  des  droits  ou  des  prétentions  jusque--IA
  restés  inconciliables;  et  si  les  passions  populaires  ne  viennent  point  troubler
’accord  prét  à  s’établir  entre  les  Gouvernements,  V.  M.  aura  eu  Phonneur  d’avoir
préservé  tout  à  la  fois  I’Allemagne  d’une  nouvelle  guerre  de  trente  ans  et  l'Europe
  Tune  conflagration  générale.

Tose  donc  ici  le  répéter:  depuis  1814  la  position  de  la  Russie  et  de  son
Souverain  n'a  66  ni  plus  belle  ni  plus  grande.

Associé  par  les  fonctions  du'a  daigné  me  continuer  V.  M.  en  succédant  à
Son  Auguste  Frère  à  Phistoire  des  vingt-cinq  années,  dont  je  viens  d’esquisser
les  principaux  traits:  humble  instrument  de  Ses  desseins  et  organe  de  Ses
pensées  politiques,  j’aurais  désiré,  Sire,  en  Vous  scumettant  ce  tableau  rapide
et  succinct,  lui  donner  T’étendue,  et  tous  les  détails  qdu’il  exige.  Absorbé  par
les  négociations  dui  en  dernier  lieu  ont  déplacé  le  sisge  ordinaire  du  Cabinet
de  V.  M.  I.,  je  n'ai  pu  à  mon  grand  regret  y  vouer  Pattention  et  le  temps  nécessaires.
  A  défaut  d’un  historique  plus  long  et  plus  circonstancié  du  passé,
qu’il  me  soit  du  moins  permis  d’appuyer  ici  principalement  sur  le  résultat  satisfaisant
  de  ces  mémes  négociations  et  d’en  offrir  à  V.  M.  mes  félicitations
respectueuses.  Elle  ne  pouvait  clöre  plus  dignement  le  cycle  des  vingt-cind  ans
dqdue  célèbre  aujourd’hui  P’Empire  tout  entier,  s'unissant  de  tous  les  points  de
sa  vaste  étendue  à  la  joie  de  IAuguste  Famille  Impériale.

Dans  le  cours  de  ces  vingt-cing  ans,  V.  M.  aura  acquis  plus  un  titre  à
la  reconnaissance  de  PEurope.  Mais,  je  ne  crains  pas  de  le  dire,  dans  la
carrière  du'Elle  a  fournie,  Fannée  méme  de  Son  jubilé  aura  été  la  plus  glorieuse,
si  la  Véritable  glorie  des  Souverains  est  principalement  fondée  sur  la  bienfaisante
influence  du'’ils  exercent  dans  ’intérét  du  repos  et  de  Phumanité  sur  les  destinées
du  monde.

Que  la  Providence,  dui  jusqu’ici  Vous  a  si  visiblement  protégé,  continue,
Sire,  à  répandre  ses  bénédictions  sur  Votre  regne  et  daigne  ajouter  à  Votre
Passé  de  nombreuses  années  encore  pour  le  bien  des  peuples  qu'’elle  Vous  a
confiés.  Cest  le  vc#eu  qu’ose  humblement  déposer  aux  pieds  du  tröne  de  V.  M.  1.
un  vieux  serviteur,  dont  la  vie  entière  s’est  usée  au  service  de  sa  Patrie  et  de
Ses  maitres.

Je  suis  avec  le  plus  profond  respect,
Sire,
de  Votre  M.  I.

le  plus  soumis  et  fideèle  sujet
St.  Péôtersbourg,  Nesselrocde.
lIe  20.  Novembre  1850.
        <pb n="769" />
        XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Nikolaus.  761

Diesen  Bericht  übersendete  der  Kaiser  dem  Großfürsten-Thronfolger  und  schrieb
darunter:  „Hier  hast  Du  meinen  Rechenschaftsbericht  für  25  Dienstjahre.  Gebe  Gott,
es  möchte  mir  gelingen,  Dir  Rußland  so  zu  übergeben,  wie  ich  bestrebt  war,  es  hinzu—
stellen:  stark,  selbständig,  wohltätig  —  uns  zum  Heil  —  niemand  zum  Übel.“  —  Der
Ausdruck  „Dienstjahre“  war  ein  Lieblingswort  des  Zaren,  nach  dem  Vorbilde  König
Friedrich  Wilhelms  I.  Mit  den  Worten  „ich  habe  Dienst“  pflegte  er  fremde  Besucher
zu  entlassen.  —  Beiläufig  ergibt  sich  aus  dieser  Denkschrift  auch,  daß  die  deutschen
Patrioten  vollkommen  im  Rechte  waren,  wenn  sie  die  Tage  von  Warschau  und
Olmütz  als  einen  Triumph  Rußlands  und  eine  Demütigung  Preußens  betrachteten.
  —  —

Minder  wichtig,  aber  auch  bedeutsam  für  russische  Weltanschauung  ist  eine  Denkschrift
  Brunnows  für  den  Zaren  v.  J.  1838,  woraus  ich  hier  noch  einige  Stellen  abdrucke.
(Sie  ist  nicht  identisch  mit  dem  V.  S.  527  erwähnten  Apereu  général.)

Considérations  générales  sur  les  principes  dui  servent  de  base  à  notre  politique
  1838.

1.  La  politique  de  IEmpereur  peut  se  résumer  en  trois  mots:  „noli  me
tangere!“

7.  Le  ministère  Whig,  parvenu  au  pouvoir,  a  cru  qdue  pour  se  maintenir
il  w’avait  Tautre  parti  à  prendre  qdue  de  s'unir  au  Gouvernement  Francais.

Gest  cette  grande  erreur  du  ministre  Anglais  qui  a  doublé  le  mal  causé
par  la  révolution  de  Juillet.  Par  1à,  tout  le  systéme  politique  de  I’Europe  s’'est
trouvé  complétement  dérangé.  Les  relations  des  états  ne  se  règlent  plus  d’aprés
leurs  vrais  int  Eréts,  mais  d’après  les  Smpathies  de  l’oepinion  publique.
Ainsi,  IEurope  s'est  diviséce  en  deux  camps.

D’aprés  cela,  VEmpereur,  au  lieu  de  fonder  ses  espérances  sur  LPAngleterre
dui  nous  échappe  a  pensé  du’'il  fallait  avant  tout  sauver  ce  qdui  nous  reste  de
I1  Alliance.

II  a  reconnu,  du’'en  retirant  son  appui  à  I  Autriche  et  à  la  Prusse,  il  avait
fait  précisément  ce  due  desirent  nos  adversaires.  Maintenir  entre  nous  et  la
France  cette  barrière  morale,  formée  par  des  puissances  amies  et  par  des  monarchies
  solidement  fondées  sur  des  principes  analogues  aux  nötres,  voild  quel  est
Tintérét  véritable,  Pintérét  permanent  de  la  Russie.

11.  On  dirait  qu'’Elles  nous  aimeraient  davantage,  si  elles  sentaient  moins
vivement  combien  nous  influons  sur  leur  position.

IIs  nous  croient  toujours  disposés  à  les  précipiter  dans  une  guerre,  dont
ils  seraient  exposés  à  ressentir  les  premiers  effets  et  dont  üs  redoutent  les  conséduences.
  Cette  crainte  s'est  manifestée  surtout  à  Berlin.

En  1833,  I’attitude  passive  de  la  Prusse  dans  les  affaires  de  Hollande  faisait
Tobjet  de  mes  entretiens  avec  M.  Ancillon.

„  Que  voulez-vous,  me  dit-il,  nous  ne  pouvons  pas  changer  de  conduite,
nous  ne  pouvons  pas  risquer  de  nous  mettre  en  guerre  avec  la  France,  à  moins
due  cette  guerre  ne  devienne  une  affaire  nationale  pour  nous.  Nous  ne  pouvons
pas  Pentreprendre  tant  qdue  Topinion  publique  ne  la  soutiendra  point.“

13.  Les  trois  Cabinets  alliés,  dans  leurs  réunions  successives  de  1833  et
835  ont  résolu  de  ne  pas  s'ingérer  dans  les  affaires  intérieures  de  la  France
duelque  regrettables  qu’elles  puissent  étre,  mais  de  ne  point  tolérer  non  plus
due  celle-ci  dépasse  par  une  aggression  duelconque  les  limites  qui  lui  sont  préscrites,
  ni  qu’elle  protege  en  dehors  les  doctrines  subversives  dwelle  renferme
dans  son  sein.

15.  S'’il  survient  une  difficulte  en  Italie,  en  Suisse,  en  Allemagne,  notre
cabinet  ne  se  trouve  pas  dans  PTobligation  de  se  prononcer  le  premier.  II  laisse
aux  cours  de  Vienne  et  de  Berlin  le  soin  de  prendre  T’initiative.
        <pb n="770" />
        762  XXIX.  Europäische  Politik  des  Zaren  Nikolaus.

II  en  est  autrement  des  questions  qui  concernent  directement  la  Russie.

Tel  est  nommément  le  cas  des  affaires  de  la  Pologne  et  de  la  Turquie.

Assurément,  l'attitude  adoptée  alors  par  nos  alliés  leur  a  été  fortement
conseillé  par  leur  propre  intérèôt,  car  leur  causs  se  trouvait  liée  à  la  notre  et
le  triomphe  de  l'insurrection  à  Varsovie  aurait  porté  un  coup  sensible  à  l'autorité
  de  la  Prusse  en  Posnanie  comme  à  celle  de  l'Autriche  dans  la  Gallicie.

Mais  cette  considération  quelque  juste  qu'elle  soit  ne  doit  pas  nous  faire
perdre  de  vue  les  obligations  réelles  que  nous  devons  à  nos  Alliés.  Car  eux,
de  leur  cõté  avaient  des  risques  à  courir  en  nous  soutenant  dans  notre  lutte,  le
Secours  du’ils  nous  prétaient  les  compromettait  C6videmment  envers  nos  adversaires
politiques  en  Angleterre  et  en  France.

La  fidélité  que  les  cours  de  Vienne  et  de  Berlin  nous  ont  prouyée  à  cette
é6poque  mérite  d’autant  plus  d’étre  appréciéce  que  nous  possédons  le  secret  de
leur  faiblesse!

16.  Premièrement;  „ne  comptons-nous  pas  la  force  de  nos  Alliés  pour
moins  qu'elle  ne  peèese  réellement  dans  la  balance  de  nos  intérsts  7“  —

En  effet,  pour  étre  Ccompletement  dans  le  vrai  convenons  due  depuis  huit
ans  la  Russie,  au  milieu  de  circonstances  trés-difficiles,  n#’est  parvenu  à  maintenir
  la  paix  générale  due  parce  qu’f’elle  a  réussi  à  opposer  le  systeme  cConservateur
  de  la  triple  alliance  aux  efforts  réunis  des  deux  cours  maritimes.  Tant
due  I’Autriche  et  la  Prusse  seront  pour  nous,  ce  simple  fait  arrétera  les  projets
ambitieux  de  la  France  et  déconcertera  les  dessins  malveillants  de  DAngleterre.

Toutes  les  deux,  il  faut  le  dire,  croient  Funion  des  puissances  continentales
plus  forte  qu'’elle  ne  PTest  en  réalité,  et  ce  prestige  a  sauv?é  Europe  Tune
commotion  générale.

La  Prusse,  de  son  Ccöté  renferme  en  elle  des  dangers  de  discorde  et
Tagitation  intérieure.  Les  questions  religieuses  dui  se  rattachent  à  la  destitution
recente  de  Parchevéque  de  Cologne  contribuent  à  donner  à  ces  germes  de  désunion
  civile  et  morale  un  fächeux  développement.

Le  triomphe  des  idées  révolutionnaires  sur  les  bords  du  Danube  et  de  POder
nous  regarderait  de  bien  plus  prèés  due  le  bill  de  reforme  et  les  barricades  de
Juillet.  Voild  pourquoi  nous  devons  considérer  la  cause  de  la  royaufé  en  Prusse
et  en  Autriche  comme  une  cause  qui  ne  nous  est  pas  étrangère,  mais  comme
une  question  qui  concerne  directement  la  Russie.  Cest  là  ce  qdui  explique  le
pri  x  #réel  due  nous  devons  attacher  à  nos  Alliances,  parceque  leur  intérét  et
le  nötre  ne  font  moralement  du’'un.

Secondement:  Ne  demandons  pas  à  nos  Alliés  plus  que
leur  amitié  n'est  en  état  de  tenir.

II  ya  deux  ehoses  surtout  que  nous  ne  devons  pas  attendre  de  nos  Alliés.
le  Nous  ne  devons  pas  leur  demander,  dans  leurs  relations  directes  avec  la
France  un  degré  de  courage  moral  qui  est  toujours  ’effet  de  la  force  et  qui
conséquemment  ne  saurait  résider  ni  à  Berlin,  ni  à  Vienne.

20  Une  autre  régle  de  conduite  due  nous  devons  observer  dans  nos  relations
avec  nos  Alliés  pour  ne  pas  nous  exposer  à  un  mécompte  regrettable,  c'est  qdu’il
ne  faut  attendre  d’eux  aucune  coopération  active  F’'il  survenait  quelque  complication
  entre  nous  et  les  puissances  maritimes  à  T’égard  des  affaires  d’Orient.

Sous  ce  rapport  les  intentions  de  la  Cour  de  Berlin  nous  sont  connues.
Aussi  IEmpereur  ne  lui  demande  rien  au  dels  de  ce  qu’'il  est  équitable  Ten
attendre.
        <pb n="771" />
        XXX.  Römische  Verhandlungen  des  Grafen  Brühl.  763

XXX.  Römische  Verhandlungen  des  Grafen  Brühl.

Zu  Bd.  V.  S.  278  ff.

In  E.  Friedbergs  lehrreicher  Schrift:  Die  Grundlagen  der  preußischen  Kirchenpolitik
  unter  König  Friedrich  Wilhelm  IV.,  Leipzig  1882,  sind  die  preußisch-römischen
Verhandlungen  der  Jahre  1840  und  41  zum  ersten  Male  auf  Grund  authentischer  Aktenstücke
  dargestellt  worden.  Der  Verfasser  kannte  aber  nur  einen  Teil  der  Quellen.  Durch
ein  hochherziges  Vertrauen,  das  mich  zu  warmem  Danke  verpflichtet,  habe  ich  nun  den
gesamten  politischen  Nachlaß  des  Grafen  Brühl,  soweit  er  sich  auf  die  drei  römischen
Sendungen  bezieht,  kennen  gelernt;  demnach  konnte  ich  die  Erzählung  Friedbergs  in
mancher  Hinsicht  ergänzen.  Alles  Wesentliche  ist  im  Texte  schon  gesagt;  nur  einige  kleine
Züge,  welche  die  Darstellung  zu  sehr  belastet  hätten,  gebe  ich  hier  noch  an

Graf  Brühl  gewann  im  Vatikan  sofort  einen  sehr  ungünstigen  Eindruck  von  der
Stellung  seiner  Krone  und  sagte  schon  am  Schlusse  seines  ersten  Berichtes  (20.  Aug.
1840):  „Rom  hat  offenbar  gewonnen,  hat  sich  durch  die  Meinungen  erkräftigt  und  will
das  Erlangte  nicht  verletzen;  Preußen  hat  verloren,  will  aber  den  Schein  retten.“  Er
bemerkte  alsbald,  daß  der  leidenschaftliche  Lambruschini  vor  allen  anderen  die  feindseligen
  Kleriker  in  Deutschland  haßte:  so  die  Hermesianer,  die  doch  bei  der  preußischen
Krone  gar  nichts  mehr  galten,  so  das  ruchlose,  „infame“  Kölner  Domkapitel,  das  seinen-Oberhirten
  verraten  hätte,  so  den  milden  Sedlnitzky,  der  von  jeher  ein  schlechter  Katholik
gewesen  sei.  Für  die  willkürliche  Behandlung  des  Breslauer  Fürstbischofs  sollte  Brühl
sofort  kategorisch  eine  Genugtuung  verlangen;  er  wagte  es  aber  nicht,  weil  er,  leider
mit  Recht,  fürchtete,  dann  die  ganze  Verhandlung  zu  verderben  (Bericht  v.  21.  Aug.
1840),  und  weil  einem  Prälaten,  der  sich  selber  aufgab,  von  Staats  wegen  nicht  mehr
zu  helfen  war.  Von  dem  neuen  Könige  sprachen  die  Monsignoren  alle  mit  vertrauensvoller
  Verehrung;  Lambruschini  sagte  feierlich:  sollte  Frankreich  je  die  Revolution  an
den  Rhein  tragen,  dann  wird  Rom  seine  Schuldigkeit  tun,  und  ich  selbst  werde  mit  dem
Kreuze  in  der  Hand  erscheinen  (Bericht  v.  4.  Sept.  1840).  Gegen  „die  sogenannten
Ratgeber“  Friedrich  Wilhelms  aber  hegten  die  Kardinäle  ein  tiefes  Mißtrauen,  Eichhorn
  galt  ihnen  offenbar  nicht  mehr  als  Altenstein.  Wie  seltsam  die  Zeiten  sich  geändert
hatten,  das  zeigte  namentlich  Lambruschinis  glühender  Haß  gegen  Niebuhr,  der  doch
einst  mit  Papst  Pius  und  Consalvi  so  friedlich  ausgekommen  war.  Dem  großen  Historiker
  konnte  man  im  neuen  Rom  gar  nicht  verzeihen,  daß  er  einst  die  Listenwahl  für  die
Bistümer  abgelehnt  und  seiner  Krone  das  Recht  der  Exclusiva  gesichert  hatte.  Leider
hatte  die  Krone  dies  wertvolle  Recht  mit  unbegreiflicher  Torheit  gehandhabt,  ihren  Todfeind
  selbst  auf  den  Kölnischen  Stuhl  berufen;  und  Brühl  konnte  nur  wenig  einwenden,
als  Lambruschini  ihm  später  höhnisch  vorhielt:  „Droste  war  eine  Kreatur  der  königlichen
  Regierung“  und  hätte  bei  freier  kanonischer  Wahl  die  erzbischöfliche  Würde  nie
erlangt!  (Bericht  vom  30.  Dez.  1840.)

Sehr  deutlich  verriet  Lambruschini  gleich  in  den  ersten  Gesprächen  den  Wunsch
der  Kurie,  daß  Preußen  einen  katholischen  Gesandten  nach  Rom  schicken  möge.  Dem
konnte  der  treue  Freund  des  Königs  unmöglich  beipflichten.  Brühl  meinte,  ein  Klerikaler
  würde  an  solcher  Stelle  ganz  für  den  Vatikan  gewonnen,  ein  freisinniger  Katholik
bald  unhaltbar  werden  (Brühls  Notizen  zum  Bericht  v.  21.  Aug.  1840).  Noch  weit  lebhafter,
  in  mannigfachen  Wendungen,  befürworteten  die  Kardinäle  den  Vorschlag,
Preußen  möge  in  Berlin  einen  beglaubigten  päpstlichen  Residenten  zulassen,  der  natürlich
nur  der  Vorläufer  eines  Nuntius  sein  sollte.  Die  Gründe,  welche  der  milde  Kardinal
Capaccini  dafür  anführte,  ließen  sich  wohl  hören.  Er  sagte  ganz  richtig:  was  wir  heute
hier  über  Preußen  erfahren,  stammt  nur  aus  Zeitungsartikeln  oder  aus  gehässigen,  oft
schmutzigen  Denunziationen  (Nachtrag  zum  Bericht  v.  3.  Sept.  1840).  Die  großen  Bedenken
  aber,  welche  sich  aus  Preußens  verwickelten  Parteiverhältnissen  ergaben,  waren
        <pb n="772" />
        764  XXXI.  Das  Märchen  vom  Flüchtling  Heine.

so  leicht  nicht  zu  beseitigen.  Am  auffälligsten  war  dem  Preußen,  wie  eifersüchtig  man
den  Supremat  des  Papstes  gegenüber  „der  sogenannten  Emanzipation  der  Bischöfe“  zu
behaupten  suchte  (Bericht  v.  27.  April  1841).  Daß  Droste  so  gleichmütig  preisgegeben
wurde,  hatte  seinen  Grund  zum  Teil  in  dem  Amtswürden-Gefühle  des  Papstes,  der  sich
durch  den  Eigensinn  des  deutschen  Freiherrn  beleidigt  fühlte.

Dem  gegenüber  erscheint  die  Nachgiebigkeit  der  Krone  Preußen  grenzenlos.  Schon
bei  der  ersten  Verhandlung  (1.  Sept.  1840)  wurde  die  unglaubliche  Zusage  gegeben:
der  König  wolle,  wenn  man  sich  vertrüge,  nur  Männer,  welche  das  Vertrauen  des
Papstes  besäßen,  in  die  Katholische  Abteilung  berufen.  So  ging  es  fort,  bis  zu  den  geringsten
  Angelegenheiten  herunter.  Der  König  erbot  sich  von  freien  Stücken,  Garnisonskirchen
  zur  abwechselnden  Benutzung  für  beide  Konfessionen  zu  erbauen,  in  Berlin.
eine  besonders  schöne.  Da  dies  dem  Vatikan  noch  immer  nicht  genügte,  so  wurde  endlich
die  Michaeliskirche  für  die  katholischen  Soldaten  allein  errichtet.

Wenn  man  unbefangen  betrachtet,  wie  die  Krone  Preußen  dem  Vatikan  die  Ausgleichung
  des  Streites  über  die  gemischten  Ehen,  die  Aufhebung  des  Plazets,  die  Katholische
  Abteilung,  den  freien  Verkehr  der  Bischöfe  und  noch  viele  andere,  bisher  ganz  unerhörte
  Zugeständnisse  freiwillig  entgegenbrachte  und  gleichwohl  erst  nach  dreizehn  Monaten
  widerwärtiger  Verhandlungen  eine  notdürftige  Verständigung  mit  dem  römischen
Stuhle  erlangte  —  dann  kann  man  nur  mit  der  äußersten  Verwunderung  die  zuversichtliche
  Behauptung  A.  v.  Reumonts  lesen:  „Diesen  guten  Willen  hat  man  römischerseits
  in  vollem  Maße  an  den  Tag  gelegt.  Momentane  Schwierigkeiten  sind  viel  mehr
als  von  Rom  von  Berlin  ausgegangen,  wo  man  verschiedene  Kombinationen  ventilierte,
bevor  man  zu  derjenigen  kam,  welche  glücklicherweise  angenommen  wurde.  Daß  in  Rom
allerlei  Einflüsse  sich  geltend  machten,  vielleicht  Intrigen  gesponnen  wurden,  um  dem
beiderseitigen  Verständnis  Hindernisse  zu  bereiten,  darf  nicht  wunder  nehmen.  Aber
sie  sind  völlig  untergeordneter  Natur  gewesen.“  Diese  Versicherung  schlägt  den  Tatsachen
  ins  Gesicht.  Wie  ist  sie  zu  begreifen?  Ich  finde  nur  zwei  mögliche  Erklärungen.
Entweder  Reumont  dachte  selbst  so  fanatisch,  daß  ihm  die  unerschöpfliche  Nachgiebigkeit
der  Krone  noch  immer  nicht  genügte.  Das  glaube  ich  nicht;  denn  Reumont  war,  obwohl
  streng  klerikal  gesinnt,  doch  auf  seine  Weise  ein  guter  Preuße  und  namentlich  ein
glühender  Verehrer  des  königlichen  Hauses.  Oder  Reumont  hat  von  den  Einzelheiten
dieser  Verhandlungen  viel  weniger  erfahren,  als  er  in  seiner  bekanntlich  sehr  starken
Eitelkeit  sich  einbildete.  Dies  scheint  mir  die  richtige  Erklärung.  In  den  sämtlichen
Papieren  Brühls,  auch  in  den  Privatbriefen,  wird  Reumont  nicht  ein  einziges  Mal
genannt,  während  der  Name  des  Residenten  v.  Buch  häufig  vorkommt  Wenn  Reumont
  also,  wie  er  angibt,  „dem  Grafen  Brühl  während  seiner  Mission  beigegeben  war",
so  hat  sich  seine  Tätigkeit  wahrscheinlich  auf  formale  Geschäfte  beschränkt,  wie  dies  auch
seiner  damaligen  bescheidenen  Amtsstellung  entsprach.

 

XXXI.  Das  Märchen  vom  lüchtling  Heine.

Zu  Bd.  V.  S.  379.

Der  Götzendienst,  welcher  heute  in  vielen  deutschen  Zeitungen  mit  H.  Heine  getrieben
  wird,  hat  weder  mit  der  Wissenschaft,  noch  mit  dem  künstlerischen  Gefühle  irgend
etwas  gemein;  er  ist  einfach  Geschäft.  Leider  lassen  sich  auch  manche  ernste  Gelehrte
durch  diese  lärmende  Betriebsamkeit  einschüchtern;  sie  begnügen  sich  nicht,  dem  Dichter
den  Künstlerruhm  zu  spenden,  der  ihm  für  einen  Teil  seiner  Gedichte  gebührt;  sie
wagen  auch,  ihn,  der  in  allem  das  Gegenteil  eines  Helden  war,  als  einen  politischen  Märtyrer
  darzustellen,  und  verleumden  —  ohne  je  einen  Beweis  auch  nur  zu  versuchen
        <pb n="773" />
        XXXI.  Das  Märchen  vom  Flüchtling  Heine.  765

—  den  preußischen  Staat  wegen  grausamer  Verfolgung  des  Poeten.  Die  einfache  Wahrheit
  ist:  nicht  Heine  hat  sich  über  Preußen  zu  beklagen,  das  ihn  persönlich  nie  verfolgte,
sondern  Preußen  hat  sich  über  Heine  zu  beklagen,  der  sein  Vaterland  unablässig  mit  Kot
bewarf.

Heine  war  ein  freiwilliger  Flüchtling,  ganz  so  wie  die  polnischen  Dichter  Mickiewicz,
  Krasinski,  Stowaski  und  noch  viele  andere  Revolutionäre  aus  Deutschland,  Polen,
Italien,  die  sich  jahrelang  gänzlich  unverfolgt  in  Paris  aufhielten.  Einige  von  ihnen
lebten  in  Frankreich  aus  Furcht  vor  möglicher  Verfolgung,  andere,  um  unter  französischem
  Schutze  ihre  Verschwörungspläne  sicherer  zu  betreiben,  andere  wieder,  um  die
Reize  der  Weltstadt  zu  genießen;  sie  alle  spielten  mit  hochtragischem  Pathos  die  Rolle
politischer  Dulder,  und  an  diesem  frivolen  Sport  der  radikalen  Partei  beteiligte  sich  auch
Heine.  Die  einzige  Unbill,  die  ihm  von  seiten  der  preußischen  Behörden  je  widerfuhr,
war  das  törrichte  Verbot  seiner  Schriften.  Dies  Schicksal  teilte  er  mit  vielen  anderen
Schriftstellern,  und  er  konnte  es,  wie  er  selbst  erzählt,  sehr  leicht  nehmen,  da  der  Absatz
seiner  Werke  durch  das  Verbot  eher  gefördert,  als  erschwert  wurde.  Für  seine  persönliche
  Sicherheit  hatte  er  nichts  zu  besorgen,  noch  weniger  sogar  als  A.  Ruge,  der  trotz
seiner  Kämpfe  mit  der  Preßpolizei  doch  in  seinem  Hause  unangefochten  blieb.  Die  Regierung
  beurteilte  Heine  richtig;  sie  fürchtete  nur  seine  Feder,  als  Demagog  schien  er
ungefährlich.

Daß  er  niemals  polizeilich  verfolgt  wurde,  läßt  sich  jetzt  auch  durch  ein  amtliches
Zeugnis  erweisen.  Als  der  französische  Gesandte  Graf  Bresson  in  Guizots  Auftrag  bei
dem  Berliner  Hofe  vertraulich  anfragte,  was  die  Folge  sein  würde,  wenn  Heine  sich  in
Frankreich  naturalisieren  ließe,  da  erkundigte  sich  das  Auswärtige  Amt  zunächst  beim
Ministerium  des  Innern  und  erwiderte  dann  (17.  Febr.  1843)  in  trockenem,  geringschätzigem
  Tone:  Von  Amts  wegen  wisse  man  gar  nicht,  ob  Heine  noch  preußischer  Untertan
  sei;  aucune  mesure  de  police  n’a  été  prise  contre  sa  personne.  Wolle  er  Franzose
werden,  so  habe  die  preußische  Regierung  nichts  dawider  und  würde  ihm  dann  die  Rechte
eines  Franzosen  einräumen.  Darauf  erörtert  das  Schreiben  noch  das  Verbot  der
Heinischen  Werke  und  kommt  zu  dem  Schlusse:  Da  Heine  im  Auslande  lebe  und  selber
keinen  Schritt  getan  habe,  um  eine  Milderung  zu  erlangen,  so  könnten  die  bestehenden
Anordnungen  nur  im  Gnadenwege  geändert  werden,  et  ll  wexsste  pour  les  autoritcs
  du  Roi  aucun  motif  de  faire  Toffice  des  démarches  dans  ce  büt.  Beiläufig
  scheint  das  Ministerium  nicht  gewußt  zu  haben,  daß  Heines  Schriften  fast  sämtlich
  dem  Verlage  von  Hoffmann  und  Campe  angehörten;  dieser  Verlag  war  aber  schon
nach  dem  Hamburger  Brande  durch  königlichen  Gnadenerlaß  wieder  freigegeben  worden
(s.  o.  V.  181).

Wie  bisher,  so  blieb  Heine  auch  ganz  unbehelligt  von  den  preußischen  Behörden,
als  er  i.  J.  1844  sein  Vaterland  wieder  besuchte.  Nachher  änderte  sich  die  Lage  etwas,
als  seine  „Zeitgedichte“  erschienen,  deren  unflätige  Majestätsbeleidigungen  in  einem
monarchischen  Staate  unmöglich  straflos  bleiben  konnten.  Obgleich  auch  jetzt  keine  Verfolgung
  eingeleitet  wurde,  so  mußte  Heine  doch  nunmehr  befürchten,  beim  Betreten  des
preußischen  Bodens  unter  schwerer  Anklage  vor  Gericht  gestellt  zu  werden.  Er  fühlte
das  selbst,  und  da  er  im  Jahre  1846  nach  Berlin  reisen  wollte,  um  Freunde  wiederzusehen
  und  Dieffenbach  zu  konsultieren,  so  erbat  er  sich  Humboldts  Verwendung,  damit
der  Monarch  die  Vergangenheit  in  der  alten  Registratur  begrübe.  Diese  Vergangenheit
war  freilich  allerjüngste  Gegenwart.  Der  so  roh  beleidigte  König  zeigte  sich  nicht  abgeneigt,
  das  Buch  der  Lieder  ließ  ihn  alles  vergessen.  Die  Polizeibehörde  aber  erklärte
nach  ihrer  Amtspflicht,  es  stehe  nicht  in  ihrer  Macht,  die  Straflosigkeit  schwerer  Majestätsbeleidigungen
  im  voraus  zuzusichern.  Der  König  allein  konnte  die  Sache  niederschlagen;
  doch  bevor  noch  eine  Entscheidung  erfolgte,  hatte  Heine  schon  aus  anderen
Gründen  seine  Pläne  geändert  und  die  Berliner  Reise  aufgegeben.  Auch  damals  also
geschah  ihm  von  Preußen  her  kein  Leid,  und  dabei  blieb  es  bis  zu  seinem  Tode.  Die
        <pb n="774" />
        766  XXXII.  List  an  König  Friedrich  Wilhelm.

weinerliche  Erzählung  von  Heines  „Exil“  ist  weiter  nichts  als  eine  häßliche  Lüge,  deren
jeder  gewissenhafte  Historiker  sich  schämen  sollte.

Jene  Anfrage  des  Grafen  Bresson  konnte  natürlich  nur  den  einen  Grund  haben,
daß  Heine  sich  vorher  in  Paris  um  die  Naturalisation  beworben  hatte.  Ist  diese  Naturalisation
  dann  wirklich  erfolgt?  Allem  Anschein  nach,  jal  Das  einzige  rechtliche
Hindernis,  das  ihr  entgegenstehen  konnte,  war  durch  die  bündige  Erklärung  des  preußischen
  Auswärtigen  Amtes  beseitigt,  und  die  französische  Regierung  behandelte  Heine
sortan  amtlich  als  Franzosen.  Als  im  Januar  1845  Guizot  die  Mitarbeiter  der  unterdrückten
  radikalen  Zeitschrift  Vorwärts,  sämtlich  Ausländer,  auszuweisen  beschloß,  da
wurde  nur  der  Franzose  Heine  ausgenommen.  A.  Ruge,  der  damals  beständig  mit
ihm  verkehrte,  schrieb  in  einem  Briefe  v.  26.  Jan.  1845:  „Heine  ist  naturalisiert,  also
nicht  auszuweisen,“  und  das  nämliche  sagt  er  in  seinen  „Studien  und  Erinnerungen
aus  den  Jahren  1843—45“  (Sämtliche  Werke  V.  401).  Ist  es  wahrscheinlich,  daß  Heines
nächste  Freunde  über  eine  solche  Frage,  die  im  Augenblicke  geradezu  eine  Lebensfrage
war,  nicht  Bescheid  gewußt  hätten?  Ist  es  glaubhaft,  daß  die  französische  Regierung,
die  vor  kurzem  wegen  Heines  Naturalisation  einen  diplomatischen  Schriftwechsel  geführt
  hatte,  sich  über  die  Staatsangehörigkeit  dieses  Mannes,  dessen  Name  in  den  Listen
ihrer  geheimen  Pensionäre  stand,  gröblich  geirrt  haben  sollte?  Diesen  handgreiflichen
Anzeichen  steht  schlechterdings  nichts  entgegen  als  die  Behauptung  Heines  selbst,  der
im  Jahre  1854  öffentlich  erklärte:  er  hätte  zwar  alle  Vorbereitungen  zur  Naturalisation
  getroffen,  aber,  gehindert  durch  „den  närrischen  Hochmut  des  deutschen  Dichters",
sie  niemals  ausgeführt.  Wie  viel  das  Wort  Heines  gelten  soll?  —  darüber  mag  jeder
nach  seiner  Empfindung  entscheiden.  Meinerseits  glaube  ich:  die  Versicherung  Heines,
daß  er  niemals  Franzose  geworden  sei,  hat  für  die  historische  Wissenschaft  genau  denselben
  Wert,  wie  seine  ebenso  inbrünstige  Beteuerung,  daß  er  „wegen  seiner  Liebe  zu
Deutschland  dreißig  Jahre  im  Exile  verlebt“  hätte.

 

XXXII.  List  an  König  Friedrich  Withelm.

Zu  Bd.  V.  S.  482.

Euerer  Kön.  Majestät
Gesandter  am  hiesigen  Hofe,  Chevalier  Bunsen,  versichert  mich,  Allerhöchstdieselben  würden
  es  nicht  ungnädig  aufnehmen,  wenn  ich  Ihnen  schriftlich  die  Gefühle  jener  tiefen
Verehrung  aussprechen  würde,  von  welchen  ich  gegen  Allerhöchstd’eselben  längst  durchdrungen
  bin.

Schon  im  Sommer  1835  stand  mir  das  Glück  bevor,  Ew.  K.  Majestät  nahe  zu
kommen.  Damals  in  Berlin  anwesend  in  der  Absicht,  eine  große  Kompagnie  zur  Unternehmung
  sämtlicher  preußischer  Eisenbahnen  zu  stiften,  war  ich  mit  dem  damaligen
Major  Willisen,  Ew.  K.  Maj  Adjutant,  bekannt,  und  durch  ihn  ward  Einleitung  getroffen,
  daß  mir  die  Gnade  einer  Audienz  bei  Allerhöchstdemselben  zu  teil  werden  sollte.
Leider  aber  wurden  Höchstdieselben  am  Abend  vor  dem  hierzu  anberaumten  Tage  durch
Dienstverhältnisse  nach  Pommern  gerufen,  und  damit  habe  ich  einen  Unstern  erfahren,
  der  mir  von  den  vielen,  die  mich  in  meinem  bewegten  Leben  betroffen
haben,  nachher  oft  als  der  unglücklichste  erschienen  ist,  weil  ich  dadurch  wahrscheinlich
des  Privilegiums  beraubt  worden  bin,  mein  seitheriges  Tun  und  Lassen  bei  Ew.  Königl.
Majestät  unmittelbar  zu  rechtfertigen.

Es  ist  falsch,  wenn  man  mich  für  einen  Gegner  Preußens  hält.  Gibt  es  in
Deutschland  Patrioten,  und  ich  glaube  ihre  Zahl  ist  nicht  gering,  die  von  der  Überzeugung
  durchdrungen  sind,  Preußen  habe  die  hohe  Bestimmung,  durch  Reaktion  gegen
        <pb n="775" />
        XXXIII.  Graf  Christian  Bernstorff  und  Schleswigholstein.  767

die  stationären  und  retrograden  Tendenzen  altersschwacher  Mächte  dem  Vaterlande  die
Konvulsionen  einer  Revolution  oder  die  Schmach  einer  abermaligen  Unterjochung  zu
ersparen  —  gibt  es  in  Deutschland  Patrioten,  die  der  festen  Meinung  sind,  nur  durch
Preußen  könne  das  Vaterland  zur  Wiedergeburt  gelangen,  so  gehöre  gewiß  auch  ich  in
diese  Klasse.  Opponieren  aber  Männer  solcher  Art  gegen  Preußen,  so  kann  es  nur  ge—
schehen,  weil  sie  der  Meinung  sind,  daß  der  preußischen  Bureaukratie  nicht  immer  jenes
hohe  Ziel  vor  Augen  schwebe  und  daß  der  Geist  des  erleuchteten  Herrschers  von  Preußen
nicht  auch  immer  der  Geist  der  preußischen  Bureaukratie  sei.

Ich  weiß  sehr  wohl  daß  meine  weit  mehr  auf  Erfahrung  und  Selbstdenken  als
auf  blinden  Glauben  an  fremde  Theorien  gegründeten  nationalökonomischen  Ideen  nicht
minder  als  meine  amtlose  Persönlichkeit  gelehrten  Pedanten  und  eingebildeten  Bureaukraten
  von  jeher  ein  Gegenstand  des  vornehmen  Absprechens  und  der  metaphysischen
Verdammung  gewesen  sind.  Ich  weiß  aber  auch,  daß  Ew.  Majestät  vermöge  der  Ihnen
angeborenen  Genialität  von  jeher  Sich  von  allen  jenen,  einer  solchen  Aburteilung  zu
Grunde  liegenden  Vorurteilen  Ihrer  Diener  freizuhalten  gewußt  haben,  und  bestehe
deshalb  getrost  das  Wagnis,  in  einer  Sache,  die  das  höchste  Wohl  des  deutschen  Vaterlandes
  in  Frage  stellt,  von  einer  befangenen  Bureaukratie  an  die  glückliche  Geistesfreiheit
und  Geistesstärke  Ew.  Majestät  zu  appellieren.

Ich  überlasse  mich  somit  der  schmeichelhaften  Hoffnung,  Ew.  Majestät  werde  die
Tendenz  in  Gnaden  beurteilen,  die  meinem  Streben  zu  Grunde  liegt,  Allerhöchstdieselbe
werde  die  Erklärung  in  Gnaden  aufnehmen,  daß  ich  bereit  sei,  mit  Freuden  jede  Bürde
zu  tragen,  die  Ew.  Königl.  Majestät  in  Ihrer  Weisheit  und  zum  Besten  des  Vaterlandes
meinen  Schultern  aufzulasten  für  gut  finden  sollte.

Indem  ich  mich  Ew.  Königl.  Majestät  zu  Gnaden  empfehle,  beharre  ich  in  tiefster
Ehrfurcht  und  Untertänigkeit

Ew.  Königl.  Majestät
alleruntertänigster
London,  31.  Juli  1846.  F.  List.

 

XXXIII.  Graf  Christian  Bernstorff  und  Schleswigholstein.

Zu  Bd.  V.  S.  573.

Durch  das  bekannte  Werk  von  Droysen  und  Samwer  über  die  Herzogtümer  Schleswigholstein
  ist  zuerst  die  Erzählung  verbreitet  worden,  daß  Graf  Christian  Bernstorff
nach  dem  Untergange  des  heiligen  Reichs  beabsichtigt  hätte,  Holstein  gänzlich  in  Dänemark
einzuverleiben,  auch  das  Erbfolgerecht  des  Königsgesetzes  dort  einzuführen,  und  nur
der  Herzog  von  Augustenburg  diesen  Plänen  siegreich  entgegengetreten  sei.  Dem  gegenüber
  habe  ich  schon  im  3.  Bande  (S.  592  der  3.  Aufl.)  kurz  nachgewiesen,  daß  Christian
Bernstorff  sich  in  dieser  Krisis  durchaus  ehrenhaft,  als  ein  Vertreter  des  guten  deutschen
Rechts  gehalten  hat.  Da  jene  patriotisch  gemeinte  Legende  aber  noch  immer,  selbst  in
gediegenen  historischen  Werken  wiederholt  wird,  so  halte  ich  mich  verpflichtet  hier  an
einige  authentische  Aktenstücke  zu  erinnern,  welche  E.  F.  Wegener  in  seinem  längst  verschollenen
  Buche  „Beiträge  zur  Geschichte  Dänemarks  im  19.  Jahrhundert“  (Kopenhagen
  1851.  I.  332  ff.)  mitgeteilt  hat.  Nachdem  Holstein  aufgehört  hatte,  ein  deutsches
Reichslehen  zu  sein,  mußte  das  staatsrechtliche  Verhältnis  des  Landes  durch  ein  königliches
  Patent  neu  geordnet  werden;  und  die  national-dänische  Partei  am  Kopenhagener
Hofe  wollte  die  Gelegenheit  benutzen,  um  unter  der  Hand  die  Erbfolge  des  Königsgesetzes
  in  Holstein  einzuführen.  Christian  Bernstorff  aber,  der  Minister  des  Auswärtigen,
schrieb  seinem  Bruder  Joachim  (Kiel  26.  Aug.  1806):;
        <pb n="776" />
        768  XXXIII.  Graf  Christian  Bernstorff  und  Schleswigholstein.

„In  diesem  Patent  wird  meines  Dafürhaltens,  dem  wesentlichen  Inhalt  nach  gesagt
werden  müssen:  Daß,  nachdem  durch  die  Losreißung  eines  großen  Teiles  der  Stände  vom
Reiche  und  durch  die  Niederlegung  der  Kaiserkrone  der  Reichsverband  aufgelöst  und  die
Verfassung  Deutschlands  erloschen  sei,  auch  das  Band,  welches  Holstein  bisher  an  das
Reich  gebunden  habe,  gelöst  sei,  und  diese  Provinz  von  allen  Beziehungen  und  Verpflichtungen,
  welche  sie  bisher  gegen  das  Reich  gehabt,  entbunden,  dagegen  aber  auf  das
engste  mit  dem  Staatskörper  der  der  dänischen  Königskrone  unterworfenen  Lande,  von
welchem  selbige  hinfort  einen  in  allen  Verhältnissen  und  Beziehungen  völlig  ungetrennten
  Teil  ausmachen  werde,  vereinigt  werde.

Mich  deucht,  daß  man  nicht  mehr,  als  durchaus  nötig  ist,  weder  in  der  bisherigen
Verfassung  ändern,  noch  in  dem  Patente  sagen  müsse.  —  Der  Kronprinz  wünscht  noch
immer  das  Königsgesetz  ausdrücklich  eingeführt  und  dadurch  das  Erbrecht  an  Holstein
auch  der  weiblichen  Deszendenz  zugewandt  zu  sehen.  Mir  scheint  solches  nicht  nur  bedenklich,
  sondern  auch  in  Beziehung  auf  den  vorliegenden  Zweck  völlig  überflüssig
zu  sein.

Nachschrift.  Was  die  Einführung  des  Königsgesetzes  betrifft,  so  hat  der  Kronprinz
seine  Meinung  darüber  aufgegeben.“

Bernstorff  stimmte  mithin  vollständig  überein  mit  dem  Herzog  von  Augustenburg,
der  sich  im  Staatsrate,  am  3.  Sept.  1806  also  aussprach:

„Nach  allem  bisher  Angeführten  bin  ich  also  des  untertänigen  Dafürhaltens,  daß
Holstein  nach  jetzt  aufgelöstem  Reichsverbande  zum  souveränen  Herzogtum  erklärt  werde,
dessen  politische  Verhältnisse  und  Beziehungen  mit  denen  der  Krone  Dänemark  aufs
genaueste  vereinigt  und  folglich  nur  von  letzterer  abhängig  wären,  jedoch  unbeschadet
der  in  Holstein  bestehenden  Successionsordnung.“

Wenn  dem  Herzog  demnach  das  Verdienst  bleibt,  daß  er  die  Erbfolgerechte  seines
Hauses  rechtzeitig  wahrte,  so  war  die  Gefahr  doch  nicht  groß,  da  der  leitende  Minister
Dänemarks  selbst  auf  seiner  Seite  stand.  Das  Patent  erhielt  nunmehr  die  von  C.  Bernstorff
  verlangte  unverfängliche  Fassung,  und  Joachim  Bernstorff  schrieb  nachher  (1.  Nov.
1806)  dem  schwedischen  Gesandten  Oxenstierna:

Qu'on  feroit  tort  à  Sa  Majesté  en  supposant  du'en  fixant  les  rapports  futurs  de
Holstein  avec  le  Dannemarc  Elle  ait  voulu  aller  au  dela  de  ce  que  des  événemens  imprévus
  et  indépendans  de  Sa  volonté  avaient  rendu  nécessalre.

Demnach  leuchtet  ein,  daß  C.  Bernstorff  ganz  schuldlos  verleumdet  worden  ist.  —

Beiläufig  hier  noch  ein  Wort  über  eine  andere  augustenburgische  Legende.  In  den
Aufzeichnungen  des  Prinzen  von  Noer,  deren  Unzuverlässigkeit  freilich  von  Freund  und
Feind  anerkannt  ist,  wird  S.  16  f.  geschildert,  wie  sehr  der  Prinz  im  Jahre  1842  durch
seine  Ernennung  zum  Statthalter  überrascht  worden  sei.  An  diese  Überraschung  kann
ich  nicht  recht  glauben.  Daß  die  Augustenburger  schon  von  langeher  die  Statthalterwürde
  für  ihr  Haus  wünschten,  versteht  sich  von  selbst  und  ist  auch  durch  verschiedene
Aktenstücke  längst  erwiesen.  Da  der  Herzog  sich  durch  seine  Opposition  im  Landtage
unmöglich  gemacht  hatte,  so  war  der  Prinz  v.  Noer  zur  Zeit  der  einzige  Kandidat  des
Hauses.  Eine  harmlose  Erzählung  aus  den  Tagebüchern  von  Franz  Hegewisch  beleuchtet
den  Sachverhalt  genauer.  Hegewisch  reiste  im  März  1842  von  Kiel  nach  Kopenhagen,
um  von  König  Christian  die  Genehmigung  der  Altona-Kieler  Eisenbahn  zu  erbitten  —
ein  Unternehmen,  das  schließlich  nur  durch  eine  kleine  Kriegslist  gelang  (s.  o.  V.  500).
Am  Bord  des  Dampfers  traf  er  den  Prinzen  v.  Noer,  mit  dem  er  seit  Jahren  wohl  bekannt
  war.  Unterwegs  erzählte  ihm  der  Prinz  vertraulich,  er  denke  den  König  um  den
erledigten  Statthalterposten  zu  bitten.  Da  fuhr  Hegewisch  erschrocken  zurück  und  sagte:
„Dann  bin  ich  verloren;  wenn  der  König  Ew.  Durchlaucht  zuerst  empfangen  hat,  dann
wird  er  verstimmt  sein  und  meine  Bitte  um  die  Eisenbahn  entweder  gar  nicht  oder  un-Knädig
  anhören.“  Der  Prinz  sah  das  ein  und  zeigte  sich  sehr  liebenswürdig.  Die  beiden
verabredeten,  daß  Hegewisch  zuerst  um  eine  Audienz  bitten  und  der  Prinz  erst
        <pb n="777" />
        XXXIV.  Der  Prinz  von  Preußen  und  die  Verfassungspläne.  769

nachher  bei  Hofe  erscheinen  solle.  So  ging  alles  glatt  ab.  Diese  ganz  unbefangene,  lange
vor  den  Aufzeichnungen  des  Prinzen  niedergeschriebene  Erzählung  eines  treuen  Anhängers
  der  Augustenburger  beweist  doch  wohl,  daß  der  Prinz  sich  schon  auf  jener  Kopenhagener
  Reise  mit  ehrgeizigen  Plänen  trug.  Als  er  dann  die  Statthalterwürde  erlangt
hatte,  verstand  er  freilich  nicht,  sie  zu  gebrauchen.  —

 

XXXIV.  Der  Prinz  von  Preußen  und  die  Verfassungspläne.

Zu  Bd.  V.  S.  606  ff.

Der  Prinz  von  Preußen  trat  zur  Zeit  der  Königsberger  Huldigung  allen  Verfassungsplänen,
  welche  dem  Testamentsentwurfe  seines  königlichen  Vaters  widersprachen,
nachdrücklich  entgegen.  Er  verlangte  sodann,  als  der  König  die  Vereinigten  Ausschüsse
bildete,  daß  diese  Institution  sogleich  völlig  ausgestaltet  und  mit  ihr  das  ständische  Reformwerk
  abgeschlossen  werde.  Er  erhob  endlich,  im  Januar  1845,  lebhaften  Einspruch,
als  der  Plan  des  Vereinigten  Landtags  sich  enthüllte,  und  wurde  deshalb  von  seinem
königlichen  Bruder  sehr  hart  angelassen.

Die  natürliche  Folge  von  alledem  war,  daß  der  Prinz  in  die  neue  Immediatkommission,
  welche  im  Sommer  und  Herbst  1845  über  die  Entwürfe  des  Monarchen
beriet,  nicht  berufen  wurde.  Als  diese  Verhandlungen  geschlossen  waren,  fühlte  er  sich
aber  verpflichtet,  nunmehr  seine  Ansicht  über  die  künftige  Gestaltung  des  ständischen  Wesens
ausführlicher  darzustellen.  Am  20.  November  1845  schrieb  er  dem  Könige:  „Du  wirst
es  natürlich  finden,  daß  ich  in  Erfahrung  gebracht  habe,  wie  du  in  diesem  Sommer  eine
Kommission  ernannt  hast,  welche  deine  ständischen  Pläne  ausarbeiten  mußte.“  Dann
erinnerte  er  an  seinen  Brief  vom  Januar  und  fuhr  fort:  „Mehr  als  ich  darin  gesagt,
erlaubt  mir  mein  Gewissen  nicht  nachzugeben.  Ich  glaube  es  in  meiner  Stellung  verlangen
  zu  können,  daß  mein  Plan  geprüft  werde.  Er  gibt  kein  Recht  der  Krone  aus  den
Händen;  er  bezeichnet  jeder  Korporation  ihre  Rechte,  und  vermeidet,  die  Finanzfrage,
die  gefährlichste  von  allen,  in  regelmäßiger  Wiederkehr  zu  agitieren.  Zugleich  gewährt  er,
unter  Beibehaltung  des  jetzigen  ständischen  Fundaments,  die  Provinzialstände,  gewährt
in  den  Ausschüssen  die  verheißene  Generalberatung  des  Gesetzes  von  1823  und  löset  die
Schwierigkeit  des  Gesetzes  der  Staatsschulden  von  1820.  Brüderlichst  lege  ich  diese  große
Angelegenheit  dir  ans  Herz,  das  tief  ergriffen  davon  ist,  daß  es  sich  deinen  Plänen  nicht
anschließen  kann.“

Die  beigelegte  Denkschrift  zeigt  schon  jene  glückliche  Mischung  von  Festigkeit  und
Beweglichkeit,  welcher  der  Prinz  dereinst  als  König  so  große  Erfolge  verdanken  sollte.
Ohne  die  leitenden  politischen  Grundsätze  seines  Lebens  je  aufzugeben,  stellte  er  sich  doch
immer  rasch  auf  den  Boden  der  veränderten  Verhältnisse.  Er  hatte  einst  gehofft,  die
letztwillige  Verfügung  feines  Vaters  über  die  Reichsstände  würde  ausreichen.  Als  dann
die  Vereinigten  Ausschüsse  geschaffen  wurden,  nahm  er  das  Geschehene  alsbald  an  und
riet,  diese  neue  Versammlung  zu  einem  ständischen  Reichstage  auszugestalten.  Jetzt  verkündigte
  der  König  seine  Absicht,  neben  den  Vereinigten  Ausschüssen  und  den  Provinziallandtagen
  noch  eine  Zentralvertretung  zu  schaffen.  Der  Prinz  erkannte,  sein  königlicher
Bruder  werde  sich  von  diesem  verwickelten  Plane  nicht  mehr  abbringen  lassen;  er  ging
daher  auf  den  Grundgedanken  der  neuen  Entwürfe  sofort  ein,  obgleich  er  ihn  schwerlich
ganz  billigen  mochte,  und  faßte  nur  die  praktische  Frage  ins  Auge:  wie  das  eine,  was
ihm  das  Wesen  des  preußischen  Staates  war,  die  lebendige  Macht  der  Krone  neben  dieser
ungefügen  dreifachen  Gliederung  ständischer  Körperschaften  noch  bestehen  solle?

Die  Denkschrift  begann:  „Preußens  politische  und  geographische  Lage  als  Großmacht
im  europäischen  Staatenbunde  und  zugleich  als  Teil  des  deutschen  Bundes  erlaubt  nicht,

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  V.  49
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        770  XXXIV.  Der  Prinz  von  Preußen  und  die  Verfassungspläne.

daß  dessen  Monarch  durch  konstitutionelle  Institutionen  in  seinem  freien  Bewegen  behindert
  werde.  Aber  auch  alle  Institutionen,  die  den  konstitutionellen  sich  nähern  oder
in  diese  überzugehen  drohen,  sind  daher  für  Preußen  nicht  annehmbar.“  Um  dieser  Gefahr
vorzubeugen  und  zugleich  die  Verheißungen  der  Jahre  1820—23  zu  erfüllen,  hält  der
Prinz  für  nötig,  daß  die  gesetzgeberische  Tätigkeit  der  Stände  und  die  Beratung  der
Finanzfragen  streng  voneinander  getrennt  und  verschiedenen  ständischen  Körperschaften
zugewiesen  werden.  Der  Allgemeine  Landtag  soll  mithin  ausschließlich  über  den  Staatshaushalt,
  die  Vereinigten  Ausschüsse  ebenso  ausschließlich  über  die  Entwürfe  neuer  Gesetze
beraten.  Werden  also  „die  Attributionen  scharf  auseinander  gehalten“,  dann  kann  die
Beratung  der  Steuervorlagen  nicht  zum  Erzwingen  neuer  Gesetze  mißbraucht  werden
oder  umgekehrt.  Demnach  sollen  bestehen:  eine  reichsständische  Versammlung,  aus  etwa
150  Abgeordneten  der  Provinzialstände  gebildet,  mit  der  Befugnis,  über  neue  Steuern
und  Anleihen  zu  beraten;  ferner  die  bisherigen  Vereinigten  Ausschüsse  mit  dem  Rechte
der  Gesetzesberatung,  das  weiterer  Ausdehnung  fähig  ist  und  doch  unschädlich  bleibt,  „da
die  gefährliche  Geldfrage  ihnen  entzogen  ist“;  endlich  als  Fundament  der  ständischen
Verfassung  die  Provinziallandtage.

Dann  erörtert  die  Denkschrift  noch,  wie  es  in  Kriegszeiten  mit  den  Anleihen  zu
halten  sei.  Diese  Frage  erschien  bekanntlich  den  Räten  des  Königs  sehr  schwierig.  Der
Prinz  fand  sie  ganz  einfach,  weil  er  seine  Preußen  kannte.  Er  meinte:  bei  einem  bevorstehenden
  Kriege  kann  man  allerdings,  des  notwendigen  Geheimnisses  wegen,  die
Reichsstände  nicht  um  eine  Anleihe  angehen;  für  diesen  Fall  genügen  der  Staatsschatz  und
Revirements  mit  den  großen  Geldinstituten  des  Staates.  „Wird  aber  im  Laufe  des
Krieges  eine  Anleihe  notwendig,  so  hat  es  nicht  das  geringste  Bedenken,  die  Reichsstände
zu  berufen.“  In  Friedenszeiten  dürfen  Anleihen  nur  im  äußersten  Notfalle  abgeschlossen
werden,  so  daß  jeder  die  Notwendigkeit  einsieht  und  die  Schande  auf  den  Verneinenden
fällt.  Kostspielige,  große  Unternehmungen,  wie  die  Eisenbahnen,  überlasse  man  den  Privaten.
  Unverbrüchlich  hält  die  Denkschrift  daran  fest,  daß  der  verstorbene  König  jederzeit
nur  beratende  Stände  in  Aussicht  gestellt  hatte.  Sie  schließt  mit  den  Worten:  „Alle
Beratungen  aller  drei  ständischen  Versammlungen  sind  durchaus  konsultativ,
von  einem  Bewilligungsrecht  irgendeiner  Art  darf  nie  die  Rede  sein.“

Dem  Wunsche  des  Bruders  willfahrend  ließ  der  König  diese  Denkschrift  durch  die
Immediatkommission  begutachten  (Dezbr.  1845).  Ihre  Mitglieder,  voran  Thile,  Savigny,
  Uhden,  Canitz,  sprachen  sich  gegen  den  Thronfolger  aus:  denn  die  Vereinigung
aller  Provinziallandtage  sei  bereits  durch  Se.  Majestät  beschlossen,  und  ein  beschränktes
Steuerbewilligungsrecht  lasse  sich  den  Ständen  nicht  versagen,  wenn  sie  die  Bürgschaft
für  Anleihen  übernehmen  sollten.

Im  Frühjahr  1846  wurde  der  Prinz  endlich  von  Amts  wegen  zur  Mitwirkung  berusen.
  Der  König  verordnete,  daß  die  Immediatkommission  mit  sämtlichen  Staatsministern
  zu  gemeinsamen  Sitzungen  zusammentreten  solle,  um  die  Entwürfe  endlich
abzuschließen.  Als  Vorsitzender  des  Staatsministeriums  hatte  der  Prinz  diese  Verhandlungen
  zu  leiten.  Sogleich  zum  Beginn,  am  11.  März,  stellte  er  die  Frage,  ob  eine
ständische  Zentralversammlung  notwendig  sei,  und  gestand  aufrichtig,  er  selber  habe  sich
von  diesem  Bedürfnis  noch  nicht  ganz  überzeugt.  Nachdem  sodann  alle  Anwesenden  ausführlich
  ihre  Meinung  begründet  hatten,  sprach  er  am  Schlusse  dieser  entscheidenden
Sitzung  ebenso  offen  aus:  nunmehr  werde  er  die  Frage  bejahen.  Hierauf  ward  mit  allen
gegen  zwei  Stimmen  beschlossen,  daß  eine  reichsständische  Versammlung  berufen  werden
solle.  Die  späteren  Verhandlungen  zogen  sich  sehr  in  die  Länge.  Der  Prinz  blieb  fast  mit
allen  seinen  Anträgen  in  der  Minderheit;  die  übrigen  Mitglieder  hielten  jetzt  jeden  Widerspruch
  für  aussichtslos,  obgleich  die  meisten  im  stillen  schwere  Bedenken  hegten.  Am
17.  Dezember  1846  war  die  Beratung  nahezu  abgeschlossen,  und  der  Prinz  zeigte  an,
daß  er  seinem  königlichen  Bruder  ein  Sondergutachten  einreichen  werde.

Noch  am  selben  Tage  beendete  er  eine  neue  Denkschrift  für  den  König.  Er  hob
        <pb n="779" />
        XXXIV.  Der  Prinz  von  Preußen  und  die  Verfassungspläne.  771

an  mit  dem  schmerzlichen  Geständnis,  daß  er  in  den  beschlossenen  Institutionen  „nicht
das  Heil  des  Thrones  und  des  Vaterlandes  erblicken  könne“,  und  faßte  alsdann  seine
Bedenken  in  vier  Hauptpunkten  zusammen.  Zum  ersten  wendete  er  sich  gegen  die  ver—
fehlte  Zusammensetzung  des  Vereinigten  Landtages;  und  wer  mag  heute  noch  bezweifeln,
daß  diese  unförmliche  Versammlung  von  mehr  als  600  Köpfen  als  dauernde  Institution
unmöglich  fortbestehen  konnte?  Der  Prinz  erhob  dawider  einen  gewichtigen  Einwand,
der,  so  nahe  er  lag,  seltsamerweise  noch  von  keinem  der  vielen  Mitratenden  bemerkt  worden
war;  er  sagte  einfach:  „Diese  ständische  Versammlung  ist  teils  unlenksam,  teils  unauflöslich.“
  Allgemeine  Wahlen  im  ganzen  Königreiche  —  Urwahlen,  wie  man  damals
sagte  —  wollte  der  König  unter  allen  Umständen  vermeiden.  Er  hielt  sie  —  hierin  mit
dem  Bruder  ganz  übereinstimmend  —  für  einen  Fieberzustand,  wovor  man  das  Volk
bewahren  müsse,  und  rühmte  als  einen  Vorzug  seines  Vereinigten  Landtages,  daß  dieser
nicht  aus  allgemeinen  Wahlen,  sondern  aus  den  Provinzialständen  hervorgehe.  Nun
wies  der  Prinz  schlagend  nach:  der  Vereinigte  Landtag  solle  ja  nicht  aus  gewählten
Deputierten  der  Provinzialstände  bestehen,  dann  könnte  „aufgelöst  und  in  den  Provinziallandtagen
  neu  gewählt  werden“;  er  solle  vielmehr  die  Gesamtheit  der  acht  Provinziallandtage
  selber  umfassen  und  könne  folglich  nie  aufgelöst  werden,  wenn  man  nicht  in
allen  acht  Provinzen  zugleich  Neuwahlen  ausschreiben  wolle.  „Somit  stehet  diese  neue
beratende  preußische  Ständeversammlung  weit  mächtiger  da  als  die  konstitutionellen
Kammern  anderer  Staaten,  welche  alle  sich  für  extreme  Fälle  die  Auflösung  und  Neuwahlen
  vorbehalten  haben.“

Eine  solche  Versammlung,  so  fuhr  die  Denkschrift  fort,  lasse  sich  nur  dann  in
Schranken  halten,  wenn  ihr  ein  Herrenstand  als  selbständige,  gleichberechtigte  Macht
gegenüberstehe.  Der  Plan,  die  Spitzen  der  Aristokratie  zu  einer  besonderen  ständischen
Bank  zu  vereinigen  —  unzweifelhaft  einer  der  glücklichsten  politischen  Gedanken  Friedrich
Wilhelms  IV.  —  war  leider  nicht  zur  vollen  Reife  gelangt;  der  König  hatte  bisher,  zum
lebhaften  Unwillen  der  Ritterschaft  des  Ostens,  nur  eine  kleine  Anzahl  erblicher
Herren  berufen  und  behielt  sich  noch  vor,  über  die  Organisation  des  Herrenstandes
Weiteres  zu  bestimmen.  Dem  praktischen  Sinne  des  Prinzen  war  dies  Zaudern  unbegreiflich.
  Er  sagte:  „Es  will  nicht  einleuchten,  wie  es  in  irgend  einer  Weise  zu  rechtfertigen
  wäre,  wenn  eine  ganz  neue  ständische  Ara  geschaffen  wird,  man  diese  Institutionen
  nicht  gleich  ganz  und  komplett  schafft,  sondern  in  einem  Paragraphen  sich  die
wichtigste  Einrichtung  zu  kreieren  noch  vorbehält.“  Auch  fand  er  es  ungerecht,  den  treuen
Adel  der  alten  Provinzen  durch  Zurücksetzung  zu  kränken.  Sein  Rat  war,  der  König  möge
sogleich  ein  geordnetes  Zweikammersystem  einführen,  etwa  82  Fürsten  und  Grundherren
in  das  Oberhaus  berufen  und  diese  nach  freiem  Ermessen  durch  Virilstimmen  verstärken:
ein  solcher  Herrenstand  würde  ein  starkes  Gegengewicht  bilden  gegen  die  zweite  Bank.

Zum  zweiten  wendet  sich  die  Denkschrift  gegen  das  Recht  des  Vereinigten  Landtags,
  neue  Steuern  zu  bewilligen.  Das  Steuerbewilligungsrecht  der  alten  Stände  ist
nach  und  nach  untergegangen,  „weil  es  die  Notwendigkeit  so  mit  sich  brachte.  Preußen
wäre  seit  dem  Großen  Kurfürsten  nie  das  geworden,  was  es  ist,  wenn  es  von  diesem
Rechte  abhängig  geblieben  wäre.“  Darum  erklärt  das  Allgemeine  Landrecht  das  Besteuerungsrecht
  für  ein  Majestätsrecht;  auch  die  Gesetze  von  1815  und  1823  verheißen
den  Landständen  nur  die  Beratung,  nicht  die  Bewilligung  der  Steuergesetze.  „Ich  halte
die  Aufgabe  des  Steuererhebungsrechts  durch  die  Krone  für  eine  solche  Beeinträchtigung
der  Selbständigkeit  und  Unabhängigkeit  des  Thrones,  daß  ich  mich  nicht  für  ermächtigt
halte,  allein  in  die  Aufgabe  dieses  Majestätsrechtes  zu  willigen."

Zum  dritten  mißbilligt  die  Denkschrift,  daß  der  Staatshaushaltsplan  auch  den
Vereinigten  Ausschüssen  vorgelegt  werden  solle.  Dies  kann  nur  zum  Mißbrauch  des
Petitionsrechtes  führen;  „daher  werden  Konzessionen  des  Gouvernements  unerläßlich
werden,  selbst  gegen  die  bessere  ÜUberzeugung  desselben.“  Alle  Finanzsachen  gehören  vielmehr
  ausschließlich  vor  den  Vereinigten  Landtag.

49
        <pb n="780" />
        772  XXXIV.  Der  Prinz  von  Preußen  und  die  Verfassungspläne.

Zum  vierten  wird  das  dem  Landtage  wie  den  Ausschüssen  gewährte  unbeschränkte
Petitionsrecht  angefochten.  Petitionen  über  Finanzfragen  erregen  nur  Unzufriedenheit;
„niemand  räumt  ein,  daß  er  zu  viel  des  Geldes  besitzt;  jeder  räumt  ein,  daß  er  dessen
zu  wenig  habe.“  Auch  höhere  Politik,  die  innere  wie  die  auswärtige,  eignet  sich  nicht
für  ständische  Petitionen.  Sie  wird  ohnehin  erschwert  durch  Preußens  Doppelstellung
als  europäische  und  als  deutsche  Macht.  Schon  mehren  sich  in  der  Presse  die  Ausfälle
gegen  die  anderen  deutschen  Staaten.  Wie  bald  kann  auch  „das  enge  Band  zwischen
Preußen,  Rußland  und  Osterreich,  welches  durch  seine  Macht  bisher  den  Frieden  aufrecht
  hielt",  durch  Angriffe  der  Stände  gefährdet  werden!

Am  allerwenigsten  darf  sich  das  Petitionsrecht  der  Stände  auf  das  Heerwesen  erstrecken.
  In  allen  Ländern  strebt  die  Bewegungspartei  nach  Abschaffung  der  stehenden
Heere;  sie  sucht  ihr  Ziel  auf  Umwegen  zu  erreichen,  verlangt  Schwächung  der  Armeen,
Kommunalgarden  statt  der  Truppen.  Für  Preußen  sind  diese  Bestrebungen  besonders
gefährlich  wegen  unserer  Landwehr.  „Daher  ist  die  Neigung  unverkennbar,  die  Landwehr
  auf  Kosten  der  Linie  zu  erheben  und  ihre  Trennung  von  der  Linie  immer  greller
zu  machen,  und  zu  beweisen,  daß  die  strenge  militärische  Form  und  Disziplin  ihr  nicht
nötig  sei  und  sie  vielmehr  die  Stelle  einer  Nationalgarde  einzunehmen  habe.“  Die  Bewegungspartei
  wird  also  versuchen,  die  Dienstzeit  der  Linie  zu  verkürzen  und
leicht  eine  Mehrheit  finden,  da  alle  Welt  Ersparnisse  verlangt;  selbst  die  Konservativen
werden  den  versteckten  Plan  nicht  erkennen.  Dieser  Plan  geht  dahin,  daß  der  Soldat
die  strenge  Subordination  sich  nicht  mehr  fest  einprägen,  die  Ubungen  der  Landwehr
möglichst  selten  stattfinden  sollen.  Dazu  die  Feindseligkeit  gegen  die  Offiziere,  die  Auflockerung
  der  Standesehre,  namentlich  bei  den  Offizieren  der  Landwehr.  „Wenn  Diskussionen
  und  Petitionen  gedachter  Natur  dem  Vereinigten  Landtage  preisgegeben  werden
und  die  Presse  noch  mehr  als  bisher  schon  geschehen  entfesselt  wird,  ist  das  Bestehen  der
preußischen  Landwehr,  wie  sie  zur  wahren  Ehre,  zur  Wohlfahrt  und  zum  Ruhme  des
Vaterlandes  vor  32  Jahren  geschaffen  wurde,  eine  völlige  Unmöglichkeit!!“  Kann  aber
Preußen  nicht  mehr  seine  Armee  im  Kriege  verdoppeln  oder  verdreifachen,  „so  tritt  Preußen
auch  von  der  Stufe,  auf'welche  seine  Armee  es  gestellt  hat,  herab.“  —  So  lebendig  stand
dem  Prinzen  schon  vor  Augen,  was  er  nach  fünfzehn  Jahren  selbst  erleben  und  durchkämpfen
  sollte.

Auch  das  Petitionsrecht  über  ständische  Verhältnisse  wollte  er  den  Landständen  versagen:
  zu  nahe  liege  die  Gefahr,  daß  sie  dieses  Recht  mißbrauchten,  um  beständig  überzugreifen
  und,  von  der  Presse  unterstützt,  die  Erweiterung  ihrer  Befugnisse  zu  verlangen.
Werde  die  Regierung  dann  widerstehen  können?  „Somit  steht  das  ganze  Gebäude  der
ständischen  Verfassung  in  Frage  —  eine  Lage,  die  gewiß  niemand  wollen  kann,  und  der
zu  entgehen  man  heute  noch  vollkommen  die  Macht  hat.“  Im  wesentlichen  wollte  die
Denkschrift  also  die  Tätigkeit  der  Stände  auf  die  Beratung  der  vorzulegenden  Gesetzentwürfe
  beschränken.

Nach  alledem  erklärt  sich  der  Prinz  „zu  seiner  tiefsten  Betrübnis“  außer  stande,
das  Patent  über  die  Berufung  des  Vereinigten  Landtages  zu  unterzeichnen.  Er  sei  nicht
gegen  die  Fortentwicklung  der  ständischen  Gesetzgebung,  denn  die  alten  Verheißungen
müßten  erfüllt  werden;  er  sei  auch  nicht  gegen  den  gewählten  Augenblick,  nur  gegen  die
Art  und  Weise  der  Erfüllung.  Er  sehe  „die  Rechte,  die  Würde  und  die  Macht  der  Krone
gefährdet“,  er  ahne  die  Gefahr,  daß  demnächst  eine  Konstitution  ertrotzt  werde.  „Da
Ew.  Majestät  es  oft  ausgesprochen  haben,  daß  eine  Konstitution  für  Preußen  unmöglich
  sei,  weil  es  mit  derselben  aufhören  würde,  Preußen  zu  sein,  so  müssen  auch  alle
Mittel  und  Wege  vermieden  werden,  welche  unfehlbar  zu  diesem  Ziele  führen  müßten.“

Dann  fuhr  er  fort  —  denn  an  die  Möglichkeit  seiner  eigenen  glorreichen  Regierung
hat  er  in  jenen  Tagen  nie  gedacht:  —  Es  ist  meine  Pflicht,  auf  die  Gefahren  aufmerksam
  zu  machen.  „Aber  noch  eine  andere  Pflicht  nötigt  mich  dazu,  es  ist  der  Blick  auf
meinen  Sohn!  Nach  dem  unerforschlichen  Ratschluß  Gottes  scheint  es  bestimmt  zu  sein,
daß  die  Krone  sich  in  meiner  Linie  vererben  soll!  Da  ist  es  denn  meine  heilige  Pflicht,
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        XXXV.  Kühne  an  Bodelschwingh.  773

darüber  zu  wachen,  daß  der  Nachfolger  auf  dem  Throne  die  Krone  mit  ungeschmälerten
Rechten  und  mit  der  Würde  und  mit  der  Macht  überkomme,  wie  ich  sie  heute  vor  mir
sehe.“  Endlich  bittet  er  den  Bruder,  die  volljährigen  Prinzen  zu  einer  Beratung  zu
berufen,  wie  sie  durch  das  Testament  des  Vaters  vorgeschrieben  und  vom  Könige  selbst
im  Jahre  1840  beabsichtigt  worden  sei.  Sollten  die  Agnaten  seine  Bedenken  nicht  teilen,
so  behalte  er  sich  weitere  Überlegung  vor.  So  schließt  er  „mit  tiefbewegtem  Herzen,
Gottes  gnädigen  Beistand  wünschend.“

Am  4.  Januar  1847  fügte  er  eine  Nachschrift  hinzu,  da  die  Entwürfe  mittlerweile
noch  einige  Anderungen  erlitten  hatten.  Auf  Befebl  des  Königs  hatte  die  Kommission
den  Zusatz  angenommen,  daß  auch  die  königlichen  Prinzen  in  den  Vereinigten  Landtag
eintreten  sollten.  Der  Thronfolger  fand  dies  nur  dann  unbedenklich,  wenn  man  den
Herrenstand  selbständig,  für  sich  allein  tagen  ließe;  den  Stürmen  einer  großen  Versammlung,
  wo  „alle  Wirren  der  politischen  Leidenschaften  sich  zügellos  Luft  machen“
würden,  dürfe  man  die  Prinzen  nicht  aussetzen.  Auch  die  inzwischen  beschlossene  Verstärkung
  der  Herrenkurie  genügte  ihm  nicht:  Man  muß  die  Aristokratie  ganz  gewinnen,
intem  man  sie  ehrt;  „denn  nur  wenn  bei  ständischen  Institutionen,  wie  sie  jetzt  geschaffen
werden  sollen,  das  Zweikammersystem  angenommen  wird,  ist  Heil  und  Segen  noch  für
die  Zukunft  des  Vaterlandes  zu  erwarten.“  —

Als  der  Vereinigte  Landtag  versammelt  war,  stand  der  Prinz  nicht  an,  sich  selber
jenem  Sturme  politischer  Leidenschaften,  wovor  er  kürzlich  noch  gewarnt,  auszusetzen  und
verteidigte  ritterlich  die  Regierung  seines  königlichen  Bruders.  Mit  der  gleichen  Selbstverleugnung
  fügte  er  sich  ein  Jahr  nachher  in  die  konstitutionelle  Staatsform;  und  die
Welt  weiß,  wie  er  dann  als  Herrscher  verstanden  hat,  das  neue  Preußen  noch  höher  zu
erheben,  als  das  alte,  Geist  und  Macht  des  alten  preußischen  Königtums  auch  unter  der
neuen  Verfassung  lebendig  zu  erhalten.  —

 

XXXV.  RKühne  an  Bodelschwingh.

Zu  Bd.  V.  S.  614.

Verehrteste  Exzellenz.

Ich  möchte  gar  zu  gern  Sie  in  diesen  wichtigen  Tagen  nur  auf  eine  Viertelstunde
—  denn  die  wird's  wohl  kosten  —  sprechen  dürfen  wahrhaftig  nicht  meinetwegen,  sondern
Ihretwegen  und  der  Sache  wegen.  —

Ich  bin  keiner,  der  bange  machen  will  oder  leicht  bange  wird,  das  müssen  Sie  mir
zutrauen,  sonst  zerreißen  Sie  diesen  Brief,  dann  werde  ich  zu  Hause  bleiben,  d.  h.  nicht
zu  Ihnen  kommen,  aber  doch  mitfahren,  wo  es  befohlen  wird;  aber  mit  welcher  Hoffnung
auf  Erfolg?  Das  hängt  viel  von  der  Unterredung  ab,  die  ich  mir  erbitte.

Ob  der  König  das  Recht  hat  zu  sagen  „so  hab'  ich’s  befohlen  und  so  soll's  sein
oder  nicht  sein“  darüber  streite  ich  niemals,  das  sind  Ideologien,  um  die  ich  mich  nicht
kümmere.  Aber  was  ist  gut,  was  zweckmäßig,  was  gegenüber  einer  von  Grund  auf  durchwühlten
  und  unterwaschenen  Masse  durchzuführen?

Da  bin  ich  denn  so  frei,  den  Unterschied  zwischen  der  Periodizität  des  vereinigten
Landtags  und  der  vereinigten  Ausschüsse  auch  für  kaum  etwas  mehr  als  für  eine  Ideologie
  zu  halten.  Sie  sind  gut  und  edel  und  wollen  Ihre  Zwecke  nur  mit  entsprechenden
Mitteln  (entsprechend  dieser  Ihrer  Gesinnung)  durchführen.  —  Wie  aber  sind  Ihre  Gegner?
Sie  sind  im  Vertrauen  auf  die  gute  Sache,  der  Sie  sich  geweiht  haben,  tapfer  und  unerschrocken
  in  der  Verteidigung  der  Stellung,  die  Sie  einmal  eingenommen  haben  (oder
haben  einnehmen  müssen)  und  in  den  Angriffen  gegen  die,  die  Sie  daraus  vertreiben  wollen.
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        774  XXXV.  Kühne  an  Bodelschwingh.

Wie  aber  sind  die  Leute  beschaffen,  auf  deren  Unterstützung  Sie  dabei  rechnen?

Wenn  Ihnen  die  Folgen  deutlich  vor  Augen  stehen,  die  aus  der  monströsen  Allianz
erwachsen  würden;  mögen  Sie  voraussetzen,  daß  die  Leidenschaftlichkeit  der  in  sich  entgegengesetzten
  Parteien  gleiche  Voraussicht  bewahren  würde?  —  Preußens  Zukunft,  die
Frage  über  das  Sein  oder  Nichtsein  des  Staates,  dem  wir  beide  mit  gleicher  Innigkeit
zugetan  sind,  beruht  darauf,  daß  diese  Versammlung  der  vereinigten  Landtage  mit  Ruhe
und  Ordnung  in  Frieden  und  Einigkeit  mit  der  Regierung  zu  Ende  geführt  werde  und
daß  die  Versammlung,  wenn  nicht  mit  dem  Erfolge,  doch  mit  der  sichern  Hoffnung  auseinandergeht,
  daß  mit  ihr  und  durch  sie  ein  gedeihlicher  Grund  zum  Besserwerden
  gelegt  sei.  —  Mißlingt  dies,  dann  haben  wir  —  das  spreche  ich  nochmals  als  meine
innerste  Überzeugung  aus,  kein  Mittel  mehr,  um  zu  regieren.  —

Ich  bin  wie  der  Jude  Lipke,  der  von  Ihnen  lieber  eine  Ohrfeige  als  von  andern
einen  Händedruck  hinnimmtl  aber  selbst  wenn  es  zu  solchem  Extreme  käme,  so  zerreißen
Sie  doch  lieber  diesen  Brief  nicht,  damit  er  ein  Beweis  bleibe,  daß  ich  vielleicht  noch
zu  rechter  Zeit  gewarnt  habe.

In  treuester  Anhänglichkeit  und

ehrerbietigst
Kühne.

B.  d.  3.  April  47.

 

Druck  von  August  Pries  in  Leipzig.
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